— 7 . — ihbiblivtheł deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Cduurd Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih und Keſebedingungen. ensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme nd Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 3 Wet.— Pf. 1. Wr. 50 Pf. 2 wr.— Pf. „ 5„„*„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene unr defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriffene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ig Aus dem Franzöſiſchen von — Dr. Auguſt Zollet. Fünfzehntes bis ſiebzehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. Was in Saint-Penis um Tage des Yuells vor gefallen war. War Lothario wirklich todt, wie es Samuel vermu⸗ thete? Wie verhielt es ſich mit dem Geheimniß ſeines ſeltſamen, unerklärlichen Verſchwindens? Um auf dieſe Fragen zu antworten, iſt es nothwen⸗ dig, daß wir ein wenig auf unſerem Wege umkehren, und daß unſere Leſer uns erlauben, ſie zu dem Tage des unſeligen Duells zwiſchen Lothario und Julius zurückzu⸗ führen. In dem Augenblick, wo der Graf von Eberbach aus dem Hotel der Geſandtſchaft wegging, nachdem er Lotha⸗ rio in Gegenwart des preußiſchen Geſandten den Hand⸗ ſchuh ins Geſicht geworfen und ihm geſagt hatte, er ſolle auf ein Wort warten, das er ihm ſchreiben werde, war Lothario von einer der ſchmerzlichſten Gemüthsbewegungen ergriffen, die er in ſeinem Leben empfunden hatte. In ſeiner bis dahin ſo leichten und ſo glücklichen Erxiſtenz, wo Vermögen, Stellung, Alles ihn aufgeſucht und angelächelt hatte, wo die Aufopferung ſogar eine Freude und die Liebe Anfangs nur ein Kummer geweſen war, um eine um ſo reizendere Hoffnung zu werden, und wo er von Aengſten und Befürchtungen gerade nur das gehabt hatte, was man braucht, um das Glück beſſer zu fühlen, in dieſer Exiſtenz hatte der Neffe des Grafen von Eberbach, das darf man wohl ſagen, das Leiden beinahe nicht gekannt. Gott lenkt. W. 1 Aber das Unglück ließ ihn dieſen Rückſtand an einem Tag bezahlen. Dieſer harte Gläubiger von aller Welt hatte ihm nur Friſt bewilligt, um ihn mit einem Schlage durch die ie der Schuld und der Intereſſen zu Grunde zu richten. Lothario war in eine erſchreckliche Lage verſetzt. Beſchimpft durch den Mann, den er am meiſten in der Welt liebte und achtete, auf die demüthigendſie Art vor einem Zeugen beleidigt, ohne nur den Beweggrund der Beſchimpfung zu vermuthen! Zwiſchen zwei Feigheiten geſtellt: entweder eine offentliche und unauslöſchliche Beleidigung verſchlucken, oder ſeinen kranken Wohlthäter, ſeinen ſterbenden Vater ſchlagen. Für einen Menſchen ohne Muth oder für einen Verwandten ohne Herz gelten! Zwiſchen der Schande und dem Undank wählen! Ein unſeliges Dilemma ohne Ausweg, aus dem er ſich nur durch den Selbſtmord herausziehen konnte. Ja, ſich das Leben nehmen, das war der erſte Ge⸗ danke, der ihm kam. Doch in ſeinem Alter! während er von Friebrike geliebt wurde! Der Tod war eine grauſame und furcht⸗ bare Extremität. Und his zur letzten Minute war noch eine Ausſicht 1 vorhanden, daß es Licht werden würde. Es konnte nur ein Mißverſtändniß ſein, was den Grafen von Eberbach zu dieſer Handlung der Wuth angetrieben hatte. Der Graf konnte von ſeinem traurigen Irrthum zurückkom⸗ men, ein Zufall konnte ihn aufklären, man mußte bis zum Ende hoffen. Als Jullus heftig und brohend abgegangen war, herrſchte zwiſchen Lothario und dem Geſandten, zwiſchen 3 dem Beleidigten und dem Zeugen dieſer Beleidigung, ein langes und ſchmerzliches Stillſchweigen. Die von uns erwähnten Gedanken und Gefühle 3 drängten ſich und wirbelten im Kopfe und im Herzen von Lothario. Der Geſandte war ganz beklommen und wußte nicht, was er ſagen ſollte. Endlich ſtrengte ſich Lothario an, zu ſprechen. „Excellenz,“ ſagte er,„Sie ſind ein Edelmann, und Sie haben geſehen, was vorgefallen iſt. Die Beſchim⸗ pfung iſt blutig, der Graf von Eberbach iſt wie mein Vater. Was ſoll ich thun?“ „Bei einer ſolchen Extremität,“ erwiederte der Ge⸗ ſandte,„kann und darf kein Menſch einem andern rathen. Die Alternative iſt zu ernſt, als daß es mir erlaubt wäre, eine ſolche Verantwortlichkeit auf mich zu nehmen. Ich ſchätze Sie und liebe Sie, Lothario. Aber wären Sie mein Sohn, ich könnte Ihnen nur ſagen: Verſenken Sie ſich in Ihr Gewiſſen und thun Sie einzig, was dieſes Ihnen rathen wird.“ „Ah!“ rief Lothario,„mein Gewiſſen iſt entzwei getheilt, wie mein Herz. Einerſeits die männliche Ehre, andererſeits die kindliche Dankbarkeit.“ „Wählen Sie,“ ſprach der Geſandte. „Kann ich das? Gibt es eine Wahl zwiſchen dem Undank und der Feigheit?“ „Laſſen Sie uns indeſſen ſehen,“ ſagte der Geſandte. „Der Herr Graf von Eberbach iſt weder ein Wüthender, noch ein Wahnſinniger. Daß er Sie immer geliebt und väterlich behandelt hat, dafür zeugt gerade Ihr Schmerz. Daß er ſo plotzlich ſeinen Charakter und ſein Benehmen gegen Sie geändert hat, dafür muß er einen ſehr gewich⸗ tigen Grund haben.“ „Sie glauben, ich habe die Beſchimpfung verdient?“ fragte Lothario. „Er glaubt es. Er hätte Sie offenbar nicht auf dieſe Art beſchimpft, er, der ſich immer ſo zärtlich gegen Sie gezeigt, wäre er nicht überzeugt geweſen, Sie haben ihm eine Beleidigung zugefügt, welche nicht wieder gut —— zu machen. Das iſt ein Irrthum, ich kann es mir durchaus nicht anders denken.“ „Oh! ja,“ ſagte lebhaft der troſtloſe Lothario. „Nun denn, da Sie mich um Rath fragen, mein Rath iſt, daß Sie Alles thun müſſen, um zur Quelle dieſes Irrthums aufzuſteigen. Finden Sie Jemand, der mit Ihrem Oheim vertraut iſt, und ſuchen Sie zu erfah⸗ ren, was dieſem Zorne zu Grunde liegt. Uebrigens wird er nicht hiebei ſtehen bleiben, er wird Ihnen wahrſchein⸗ lich eine Herausforderung ſchicken; man wird Zeugen haben müſſen. Die Zeugen werden ein Duell nicht geſtatten, ohne den Beweggrund zu kennen. Sie werden alſo Alles erfahren und Ihrem Oheim beweiſen können, daß er ſich täuſcht.“ „Ja, Euere Excellenz hat Recht!“ rief Lothario. „Oh! meinen Dank.“ „Es iſt noch nichts verloren. Die Urſache der Be⸗ leidigung, das iſt es, was man wiſſen muß.“ Lothario verließ den Geſanbten ein wenig ruhiger und ging in ſein Zimmer hinauf. Die Urſache der Beleidigung! Vielleicht würde ſie ihm der Brief des Grafen von Eberbach nennen. In allen Fällen, wie der Geſandte ſo gut geſagt, hätten die Zeugen das Recht, zu fragen, warum das Duell, und es wäre noch Zeit, Alles in Ordnung zu bringen. „Hier iſt ein ſehr preſſanter Brief,“ meldete ein ener. thario warf ſich darauf. „Gehen Sie,“ ſagte er. Als der Diener abgegangen war, öffnete Lothario den Brief voll Angſt. Er las. „Ich habe Sie beſchimpft. Sie können keine Ge⸗ nugthuung von mir verlangen, ich biete ſie Ihnen an. „Seien Sie heute Abend bei der Brücke, welche vor — Saint⸗Denis kommt. Ueberſchreiten Sie dieſelbe, wenden Sie ſich links und gehen Sie ungefähr zehn Minuten am Fluſſe hin. Wenn Sie an eine dicht geſchloſſene Reihe von Pappelbäumen kommen, und Sie ſehen mich nicht, ſo warten Sie. „Kommen Sie allein. Ich werde auch allein kom⸗ men. Ich hringe ein Paar Piſtolen mit. Eine einzige wird geladen ſein. „Sie werden ſelbſt eine wählen. „Toͤdten Sie mich, ſo wird Ihnen dieſer Brief zur Rechtfertigung dienen. Ich erkenne, daß ich Sie heraus⸗ gefordert und geohrfeigt habe, ich habe Sie in die unbe⸗ dingte Nothwendigkeit verſetzt, ſich zu ſchlagen, wonn Sie nicht öffentlich entehrt ſein wollten, und ich habe die Be⸗ vingungen des Zweikampfs feſtgeſtellt und verlangt. „Tödte ich Sie, ſo bekümmern Sie ſich nicht um mich. Ich bin in einer Lage, um keine Furcht zu haben. „Doch Einer von uns muß ſterben. Wenigſtens Einer, vielleicht Beide. Ich bin zu unglücklich, und Sie ſind zu elend. „Julius von Eberbach.“ Dieſer Brief löſchte den letzten Hoffnungsſchimmer im Herzen von Lothario aus. Er ſagte nicht ein Wort von der Beſchwerde, die der Graf von Eberbach gegen ſeinen Neffen zu haben glaubte, und er benahm Lothariv jede Chance, etwas zu erfahren, da er ein Duell ohne Zeugen forderte. Lothario fühlte indeſſen immer mehr im Grunde dieſer gräßlichen Lage einen entſetzlichen Irrthum, den er um jeden Preis aufklären mußte. Er mochte immerhin ſeine Erinnerungen durchwühlen, er hatte nichts gethan, was zur Heftigkeit ſeines Oheims ermächtigte oder ſie nur erklärte. Er hatte ſich vielleicht gegen ſeinen Oheim verfehlt. Von ihm mit Friedrike verlobt, hatte er viel⸗ leicht nicht genug die Empfindlichkeit einer äußerſt zarten und ausnahmsweiſen Lage geſchont. Er hatte nicht genug die Eiferſücht des Grafen ge⸗ achtet, er war nicht genug darauf bedacht geweſen„nicht einmal einen Vorwand zum Argwohn zu geben, er hatte ſeine Gebote dadurch verletzt, daß er Friedrike zwei oder dreimal allein auf der Straße von Enghien wiedergeſehen. Aber zwiſchen dieſem durch ſein Alter, durch ſeine Liebe und durch den Zuſtand, in welchen ihn der Graf ſelbſt Friedrike gegenüber verſetzt hatte, entſchuldbaren Ungehorſam, zwiſchen dieſem hinter die Schule Gehen der Liebe bis zu einem wirklichen Unrecht, bis zu einer ern⸗ ſten Beleidigung, bis zu einer Verletzung, welche die Re⸗ preſſalien des Grafen von Eberbach rechtfertigte, lag eine Kluft. Sicherlich nicht für Fehler dieſer Art konnte ihu ſein Oheim mit dem Worte brandmarken, der ſeinen Brief ſchloß, und ihn einen Elenden nennen. Ohl dahinter ſtak etwas, eine Machination, ein Ver⸗ rath! Aber wer würde ihm die Auflöſung dieſes finſtern Räthſels geben? Geraden Wegs zu ſeinem Oheim gehen, ihn um eine Erklärung bitten und ihn nöthigen, Alles zu ſagen, daran konnte Lothario nicht mehr denken. Dadurch wurde er ſich überdies neuen Heftigkeiten vor denjenigen, welche da ſein könnten, vor den Bedienten„vor aller Welt aus⸗ ſetzen. Und es war ſchon Oeffentlichkeit genug bei dieſem traurigen Abenteuer. Sodann, ſo kindlich Lothario und ſo ſehr er in Ver⸗ zweiflung war, ſich im Kampfe mit demjenigen zu finden, der ſein Wohlthäter, ſo war er doch auch Mann, und all ſein Blut empörte ſich hei dem Gedanken, Erklärungen von einem Manne zu fordern, der ihn zweimal an dem⸗ ſelben Tage— mit ſeinem Handſchuh und mit ſeinem Briefe— beohrfeigt hatte. An wen ſollte er ſich alſo wenden? an Herrn Sa⸗ muel Gelb vielleicht? — te E f — 7 Ja, Herr Samuel Gelb hatte ihm Beweiſe von einer aufrichtigen Freundſchaft gegeben, ihm und Friedrike. Er, der Friedrike geliebt, der Herr ihrer Zukunft war, der ſie durch die Vergangenheit und durch ihren Eid feſtgehalten, er hatte die Großmuth gehabt, auf ſie zu verzichten und ſie Lothariv zu geben. Und ſeitdem hatte ſich ſeine Großmuth nicht einen Augenblick verleugnet. Er hatte unabläſſig die Partei von Friedrike und von Lothario gegen die Mißſtimmungen des Grafen von Eber⸗ bach genommen. Das war ein ſolider Freund, der bei einem ſo entſcheidenden Umſtand nicht ungetreu werden würde. Herr Samuel Gelb war andererſeits der einzige Freund des Grafen von Eberbach; er wußte vielleicht etwas; er konnte zur Noth in's Mittel treten. Er allein war im Stande, Alles aufzuklären und Alles zu beſchützen. Da begab er ſich nach Menilmontant. Da ließ Samuel, in einer ſeiner Manſarden eingeſchloſſen und verborgen, ſagen, er ſei abweſend; und Lothario ſchrieb für ihn ein paar Zeilen, in denen er ihm das Unglück, das ihm widerfahren, mittheilte und ihn beſchwor, zu ſei⸗ nem Oheim zu eilen, oder zur Geſandtſchaft zu kommen, kurz, zu ſehen, was bei dieſem beklagenswerthen Verhält⸗ niſſe zu thun wäre. Als er wieder in ſeinen Wagen geſtiegen war, hatte Lothario einen Anfall tiefer Entmuthigung. Wenn Herr Samuel Gelb nicht nach Hauſe kommen würde? Und er werde nicht nach Hauſe kommen. Wenn er käme, ſo wäre es zur Mittagsmahlzeit, und das wäre zu ſpät. Wen aufſuchen? Friedrike? Dadurch hätte er ſich ver Gefahr ausgeſetzt, dem Grafen von Eberbach zu be⸗ gegnen, und den Anſchein gehabt, als trotzte er ihm abermals. Ohne daß er den geringſten Beweis hiefür hatte, that ihm ſein Inſtinet ganz klar kund, daß ihret⸗ wegen das entſetzliche Duell ſtattfinden ſollte. Sie war es, die es machte, ſie war es nicht, die es verhindern konnte. Dann hatte Lothario Niemand mehr. Ob er noch Jemand hatte. Olhympia! Ja, in der That, warum hatte er nicht früher daran gedacht! Olympia hatte ſich von ihm das Verſprechen geben laſſen, wenn er je irgend eine Gefahr laufe, ſo werde er ſie ſogleich davon benachrichtigen! Hatte ſie ihm nicht geſagt, ſie vermöge Alles über den Grafen von Eberbach, und wenn er ſie nur zu rech⸗ ter Zeit in Kenntniß ſetze, ſo werde ſie ihn vor jeder Ka⸗ taſtrophe bewahren„die ihm durch den Willen ſeines Oheims hereitet werden könnte. Sie täuſchte ſich vielleicht, ſie übertrieb vielleicht den Einfluß, den ſie auf das Herz des Grafen hatte. Aber Lothario war nicht in der Lage, den Schwierigen zu ma⸗ chen mit ſeinen Chancen und Jemand zu verachten. Olympia hatte überdies mit einem ſo innigen und deſſen, was ſie ſagte, ſo ſichern Tone mit ihm geſprochen, daß er ihr im Augenblick geglaubt; um ſo viel mehr glaubte er ihr jetzt, da ſeine Hoffnung nur auf ihr beruhte. Er hielt alſo ſeinen Kutſcher an und hieß ihn nach dem Quai Saint⸗Paul fahren. Es war nach ein Uhr, als er ſich bei der Sängerin melden ließ. Olympia, als ſie ihn eintreten ſah, war betroffen vom Ausdruck ſeiner Phyſiognomie. W haben Sie denn?“ fragte ſie, ihm entgegen⸗ eilend. „Sie haben von mir verlangt, daß ich jedes Zu⸗ trauen zu Ihnen haben ſoll„ „Nun?“ unterbrach ſie ihn. „Es iſt mir ein großes Unglück widerfahren.“ „Geſchwinde! was iſt es?“ rief ſie erbleichend. var n an en ſo er ⸗ — X inieieiii 9 „Hören Sie,“ ſprach Lothario. Und ſtammelnd vor Schmerz und Scham, erzählte er die öffentliche Beleidigung, die ihm ſein Oheim ange⸗ than hatte. Slympia hoͤrte ihm beſtürzt zu, ohne ein Wort zu ſagen. Als er geendigt hatte, fragte ſie: „Und Sie errathen die Urſache des Zornes Ihres Oheims nicht?“ „Ich habe nicht die geringſte Vermuthung,“ erwie⸗ derte Lothariv.„Alles, was ich mir in Beziehung auf ihn vorwerfen muß, iſt, daß ich zwei oder dreimal Frie⸗ drike auf der Straße von Enghien begegnet habe, ſeitdem er uns verboten, uns allein zu ſehen; ich war zu Pferde, ſie im Wagen. Wir plauderten jedes Mal fünf Minuten mit einander. Bei meiner Seele, ich habe keine andere Schuld, als dieſe. Es iſt nicht möglich, daß aus einem ſo leichten Beweggrunde mein Oheim ſich zu einem Ex⸗ ceſſe dieſer Art hat hinreißen laſſen.“ .„Oh!“ murmelte Olympia,„dahinter iſt Samuel elb.“ „Herr Samuel Gelb hat nichts gegen uns zu ſagen gehabt.“ „Desdemona und Caſſio ſind unſchuldig, und dennoch hat ſie Jago mit einem Wort durch Othello tödten ge⸗ macht. Ich ſagte Ihnen, Sie ſollen dieſem Menſchen mißtrauen.“ „Warum ſollte er mir grollen?“ fragte Lothario. „Die Böſen bedürfen keines Grundes, um zu haſſen. Ihre Bosheit genügt. Und dann haben Sie ihm eine Frau genommen, die er liebte.“ „Ich habe ſie ihm nicht genommen, er hat ſie mir gegeben. Iſt er wüthend, vaß die Zukunft von Friedrike mir gehört, ſo hatte er ein ſehr einfaches Mittel, zu ma⸗ chen, daß ſie nicht mein war: er durfte ſie nur behalten.“ „Zuweilen gibt man, und dann bereut man, daß man gegeben hat. ueberdies hatte er vielleicht Gründe, die wir nicht kennen. Ich übernehme es nicht, Ihnen ſeine lichtſcheuen Intriguen aufzuklären. Doch ich kenne ihn, ich kenne den Grafen von Eberbach, und ich ſtehe Ihnen dafür, daß in dem Handſchuh, den man Ihnen ins Geſicht geworfen, die Hand von Samuel Gelb war.“ Lothario zögerte vor einer ſo entſchiedenen Ueber⸗ zeugung. „Glauben Sie mir,“ fuhr ſie beharrlich fort.„Es gibt Dinge, welche Ihnen zu ſagen ich für unnöthig halte, die Sie aber überzeugen würden. In dieſem Augenblick iſt das Weſentliche nicht, zu wiſſen, woher der Schlag kommt, ſondern ihn zu pariren. Haben Sie, ſeitdem Sie den Brief von Ihrem Oheim erhalten, etwas gethan?“ Lothario erzählte ſeinen Beſuch in Menilmontant und erwähnte des Billets„das er dort zurückgelaſſen. „An ihn haben Sie alſo zuerſt gedacht!“ rief fie. „Doch gleichviel. Das iſt nicht die Stunde zu Anſchul⸗ digungen und Vorwürfen. Es iſt noch Zeit. Seien Sie ruhig. Ich vanke Ihnen, daß Sie gekommen ſind. J werde Sie retten, und ich werde den Grafen von Eber⸗ bach retten. Ich liebe Sie wie meinen Sohn, und er wird vielleicht bald erfahren, wie ich ihn liebe.“ „Meinen Dank, Madame.“ „Ah!“ ſprach ſie,„die Rettung von Euch Beiden verſchoben habe, und pas ich nur in der äußerſten Noth hringen wollte, werde ich vollführen, und ſollte ich dar⸗ „Ah! Madame,“ rief Lothario,„meine Rettung ſoll nicht um einen ſolchen Preis erkauft werden.“ „Laſſen Sie mich machen, Kind. Laſſen Sie Gott walten, der in Allem dem iſt. Wir wollen Alles ord⸗ nen. Um welche Stunde, ſagen Sie, hat Ihnen der Graf von Eberbach Rendez⸗vous bei der Brücke von Saint⸗De⸗ nis gegeben?“ H„— —— — —„— ——— 8 11 „Um ſechs Uhr.“ „Gutl wenn Sie um fünf Uhr abgehen, wird das zeitig genug ſein. Das gibt uns drei Stunden Friſt zur Ueberlegung. Machen Sie mit dieſen drei Stunden, was Sie wollen. Sie werden mich verlaſſen, ſpazieren gehen, Ihre Freunde beſuchen, Ihre Geſchäfte beſorgen, ohne Unruhe, ohne Bangigkeit, gerade als ob nichts vorgefallen wäre. Ah! ſeien Sie überzeugt, daß von uns Beiden Sie nicht am meiſten zu zittern, zu zweifeln, zu leiden haben. Doch gleichviel! die Stunde mußte kommen, ſie iſt gekommen.“ „Die Stunde von was?“ fragte Lothario erſtaunt. „Sie werden es erfahren. Gehen Sie alſo in der Sonne ſpazieren. Ich werde während dieſer Zeit denken, überlegen und beſonders beten. Um fünf Uhr kommen Sie hierher, und ich ſage Ihnen, was ich beſchloſſen habe. Doch ſeien Sie vollkommen ruhig, von dieſem Augenblick an iſt keine Gefahr mehr für Sie.“ „Oh! Madame,“ ſagte Lothario, der nicht wußte, was er glauben ſollte. „Ah! ich brauche Ihnen nicht zu bemerken, daß ich unter den Freunden, die Sie beſuchen können, Herrn Sa⸗ muel Gelb ausnehme. Sie haben ſchon eine große Un⸗ vorſichtigkeit begangen, daß Sie in Menilmontant geweſen find. Zum Glück haben Sie ihn nicht gefunden. Kehren Sie nicht zur Geſandtſchaft zurück; Ihr Billet dürfte ihn dahin führen, und er würde Ihnen einen treuloſen Rath geben, der Alles gefährden könnte. Nicht wahr, Sie ſchwören mir, ihn nicht zu ſehen, und Alles zu thun, um ihn zu vermeiden?“ „Ich ſchwöre es Ihnen.“ „Gut. Gehen Sie nun. Um fünf Uhr. Seien Sie pünktlich.“ „Um fünf Uhr.“ Lothario ging, unwillkürlich beruhigt, weg. Dieſe * Sicherheit von Olympia war am Ende in ihn überge⸗ gangen. Es ſchlug fünf Uhr, als er wieder die Treppe von Olympia hinaufſtieg. Er fand ſie ernſt und traurig. Er ſing wieder an unruhig zu werden; ſie bemerkte dieſen Eindruck und lächelte. „Haben Sie keine Furcht,“ ſprach ſie.„Sie ſind gerettet. Nicht Ihre Zukunft iſt es, was mich traurig macht.“ „Es iſt alſo die Ihrige?“ fragte er. Sie antwortete nicht. „Sie haben einen Wagen unten?“ fragte ſie auf⸗ ſtehend. „Ja.“ „Es iſt gut. Laſſen Sie uns gehen.“ „Sie kommen mit mir?“ ſagte er mit Erſtaunen. „Ja, wir gehen mit einander. Was ſehen Sie varin Ungeeignetes 2“ „Ich gehe zum Rendez⸗vous des Grafen,“ erwiederte er „Nun denn! nicht Sie wird der Graf dort finden, ſondern mich.“ „Das iſt unmöglich!“ rief Lothariv. „Warum unmoglich?“ „Weil ich den Anſchein hätte, als flöhe ich, als hätte ich Angſt, als ſchickte ich eine Frau flatt meiner, um einen Gegner zu erweichen, weil der Graf mich verach⸗ ten würde, weil ich entehrt wäre! Das iſt unmoͤglich!“ „Ihre Ehre?“ verſetzte Olympia.„Es iſt mir mehr daran gelegen, als Ihnen. Hören Sie, Lothario. Ich ſpreche im Ernſte. Ich habe Ihre Mutter gekannt.. Nun denn! im Namen Ihrer Mutter ſpreche ich zu Ihnen. Beim Andenken Ihrer Mutter gebe ich Ihnen mein Wort, daß Ihre Ehre keine Gefahr läuft bei dem, was ich Ihnen vorſchlage. Glauben Sie mir nun 2“ —— ð+ — ge⸗ on n. ie er n — 13 „Madame,“ ſagie Lothario mit Zögern und Ban⸗ igkeit. 3„Uebrigens werden Sie da ſein,“ fuhr ſie fort.„Sie bleiben im Wagen, ein paar Schritte von dem Orte, wo ich mit dem Grafen von Eberbach reden werde. Wenn der Graf, nachdem ich mit ihm geſprochen, nicht auf Sie zuläuft und Sie umarmt und Ihnen dankt, ſo ſteht es Ihnen frei, zu erſcheinen und die Angelegenheit zu Ende zu führen, wie es Ihre Ehre heiſchen wird. Auf dieſe Art haben Sie, denke ich, keine Einwendung mehr dage⸗ gen, daß ich mit Ihnen gehe.“ „Madame, Madame, es handelt ſich hier nicht um Frauenvergleiche oder Auswege. Sie täuſchen mich nicht, um mich zu retten? Madame, bei Allem, was Ihnen auf der Welt theuer iſt, Sie ſchwören mir, daß ich, wenn Sie den Grafen nicht beſchwichtigen, immer noch mein Leben ſeinem Zorne darbieten kann?“ „Ja, gewiß, bei Allem, was ich Theures auf der Welt habe, ſchwöre ich es Ihnen, Lothariv.“ Lothario zögerte noch. „Nun, ſo laſſen Sie uns gehen,“ ſagte er wie mit Bedauern.„Die Zweifel wollen Stunden, und wir haben nur Minuten.“ Sie ſtiegen in den Wagen und fuhren raſch nach Saint⸗Denis. Doch unter Weges überſielen die Bedenklichkeiten abermals den ſtolzen jungen Mann. Eine Frau an ſeiner Stelle in einer Angelegenheit ſchicken, die nur unter Männern vor ſich gehen konnte, es lag darin etwas, was unüberwindlich ſeinem Charakter widerſtrebte. „Mein liebes Kind,“ ſagte Olympia,„Sie berück⸗ ſichtigen nicht, daß wir nicht in alltägiichen Umſtänden find. Ach! unſerer Aller Lage iſt eine noch viel mehr ausnahms⸗ weiſe, als Sie ſich vorſtellen. Das iſt nicht der Augen⸗ blick, um bei gewöhnlichen Empfindlichkeiten ſtehen zu bleiben. Es handelt ſich hier um Dinge und Bedräng⸗ niſſe, welche ganz einzig in ihrer Art find, hören Sie wohl? Bedenken Sie, wie oft Sie ſchon der Mangel an Vertrauen Ihr Glück hat verfehlen laſſen. Hätten Sie mit uns, mit dem Grafen oder mit mir, von Ihrer Liebe für Friedrike geſprochen, ſo wären Sie zur Stunde ihr Gatte, und keines von den traurigen Ereigniſſen wäre ge⸗ ſchehen. Verfallen Sie alſo nicht immer wieder in den⸗ ſelben Fehler. Im Namen des Glückes von uns Allen vertrauen Sie mir.“ „Ja, aber es gibt eiwas Stärkeres, als alle dieſe Gründe. Der Graf von Eberbach hat mir ein Rendez⸗ vous gegeben, und er wird glauben, ich ſei nicht gekom⸗ men.“ „Er wird es nicht glauben,“ erwiederte die Sänge⸗ rin.„Ich werde ihm vor Allemn ſagen, daß Sie da und ganz zu ſeinen Befehlen bereit ſind.“ „Nicht wahr, Sie werden damit anfangen, daß Sie ihm das ſagen? Sie wiederholen es mir, Sie ſchwören es mir auch?“ „Ich ſchwöre es Ihnen. O mein Sohn, erfahren Sie es voch, daß Ihre Ehre und Ihr Glück in dieſem Augenblick das einzige Intereſſe meines Lebens ſind.“ Sie kamen zur Brücke. „Hier ſind wir,“ ſagte Olympia.„Wo iſt der Ort des Rendez⸗vous?“ „Links,“ antwortete Lothario vernichtet.„Man muß zehn Minuten gehen, bis zu einer Reihe von Pappelbäu⸗ men.“ „Gut.“ Sie klopfte an das Vorderfenſter, um halten zu laſſen. „Sie bleiben im Wagen.“ ſagte ſie zu Lothariv. „Ich werde zu Fuß gehen.“ Und ohne Lothario Zeit zu laſſen, zu überlegen und ſeine Einwendungen zu wiederholen, ſtieg Olympia aus o. d 6 1⁵ und hieß den Kutſcher rechts, hundert Schritte von der Brücke, fahren und warten. „Gute⸗Hoffnung!“ rief ſie Lothario und ohne Zweifel auch ſich ſelbſt zu.. Lothario fiel ganz niedergebeugt, verwirrt, den Kopf zwiſchen ſeinen Händen, in eine Ecke des Wagens zurück. Olympia aber ging⸗längs der Seine hin. Der Tag neigte ſich. Die untergehende Sonne ver⸗ lieh dem Waſſer jenen glänzenden und zugleich düſtern Schimmer, der in einem letzten Kampfe den Tag und die Nacht vermiſcht. Die laue Luft milderte ſich durch die Kühle des Abends. Bachſtelzen, welche die Annäherung von Olympia ſtörte, ohne ſie zu erſchrecken, entflogen vor ihr und ſetz⸗ ten ſich wieder in einer Entfernung von einigen Schritten. Neſter, welche zu entſchlummern anfingen, ſchwatzten noch ſanft in den Bäumen des ufers. Olympia ging raſch, und als überlegte ſie nicht, bis zur Reihe der Pappelbäume. Sie ſchaute umher. Der Graf von Eberbach war noch nicht angekommen. Sie bemerkte eine, von einigen Weiden beſchattete, kleine Bucht. Hier ſetzte ſie ſich auf das Gras und wartete ſehend, ohne geſehen zu werden. Eine glühende Gemüthsbewegung machte ihr Herz in ihrer Bruſt ſpringen. „Die Stunde iſt gekommen!“ murmelte ſie. Plotzlich bebte ſie. Ein Mann in einen langen Mantel gehüllt ging lang⸗ ſam, mit den Augen umher ſuchend, auf ſie zu. Als dieſer Mann nur noch zwei Schritte von ihr entfernt war, erhob ſie ſich plötzlich. Olympia ſagt ulius, mer fte iſt. „Olympia!“ rief der Graf von Eberbach erſtaunt. „Ich bin es,“ erwiederte Olympia vorſchreitend. „Sie erwarteten nicht, mich hier zu finden.“ „Ich wußte nicht einmal, daß Sie in Frankreich ſind,“ ſagte Julius.„Doch,“ fragte er ſich faſſend,„wie kommen Sie an dieſen Ort? Waßten Sie denn, Sie würden mich hier finden?“ 4 „Ich wußte es.“ „Dann begreife ich,“ ſprach der Graf, deſſen Stirne ſich verdüſterte. „Was begreifen Sie?“ „Ich begreife, daß derjenige, welchen ich hier zu finden erwartete, Sie zum Rendez⸗vouz geſchickt hat, um eine unmögliche Beilegung zu verſuchen, oder um eine Begnadigung zu erbitten, die er nicht erlangen wird. Das thut mir ſehr leid, ich hielt ihn wenigſtens für muthig.“ „Er braucht keine Begnavigung mehr, ſondern Ent⸗ ſchuldigungen,“ entgegnete Olympia ernſt. „Entſchuldigungen, ihm! dem Elenden!“ rief Julius. „Ah! er hat wohl varan gethan, nicht hierher zu kommen, um es mir ſelbſt zu ſagen, ich hätte nicht die Geduld gehabt, ihn vollenden zu laſſen. Doch er hoffe nicht, mir zu entwiſchen, der Feige! ich werde ihn zu finden wiſſen.“ „Sie werden nicht ſehr fern zu ſuchen haben. Er iſt hier.“ „Wo?“ „Fünf Minuten vom Wege. Er wollte kommen, ich habe ihn genöthigt, zu warten. Habe ich mit Ihnen ge⸗ ſprochen, ſo wird er zu Ihren Befehlen ſein, wenn Sie bei Ihrer Abſicht beharren,“ lin der ſich ein bir da 17 „Ob ich dabei beharre!“ „Sie werden nicht dabei beharren, wenn Sie mich geboͤrt haben.“ „Nachher, wie vorher. Madame, jedes Wort iſt unnütz. Das iſt keine Angelegenheit, welche die Weiber betrifft. Ich danke Ihnen für die Mühe, die Sie ſich genommen haben, aber Sie ſelbſi vermögen nichts hier, durchaus nichts, Alles iſt entſchieden. Wenn derjenige, welchen ich erwarte, wirklich da iſt, ſo iſt das Kürzeſte, daß er auf der Stelle kommt, und der einzige Dienſt, den Sie uns Beiden leiſten können, beſteht darin, daß Sie uns vas Warten und den Verdruß eines zweckloſen Ver⸗ zugs erſparen.“ „Sie wollen ſich mit Ihrem Neffen ſchlagen,“ ſprach Olympia„weil Sie glauben, er habe ein Unrecht Ihnen gegenüber begangen? Und wenn er nicht der Schuldige wäre?“ Der Graf zuckte die Achſeln. „Wenn ich Ihnen den Beweis geben würde?“ fuhr die Sängerin fort. . ir er nicht der Schuldige iſt, wer wäre es enn?“ „Wer? Samuel Gelb.“ So wenig er auf dieſe Antwort vorbereitet war, Ju⸗ lius fühlte ſich betroffen von der Schärfe und Sicherheit der Anklage. Doch er dachte nach und erwiederte dann: „Samuel? Gehen Sie! Es iſt leicht, wenn man ſich einen Verdacht zugezogen hat, dieſen Verdacht auf einen Anderen zurückzuwerfen.“ „Nicht Lothario iſt es, der Samuel anklagt, ich bin es.“ „Verzeihen Sie, aber ich glaube Ihnen nicht, Ma⸗ ame.“ „Ich wiederhole, daß ich Beweiſe habe.“ Gott lenkt. IV. 2 „Ich glaube Ihnen nicht. Samuel hat mich ſeit fünfzehn Monaten nicht verlaſſen; er hat mich mit Merk⸗ malen der innigſten Zuneigung, der Selbſtverleugnung und einer aufopfernden Ergebenheit überhäuft. Ehe ich an ihm zweifelte, würde ich an mir ſelbſt zweifeln.“ „Hören Sie, Julius,“ ſprach Olhmpia mit tiefem und beinahe traurigem Tone,„es wird erſt in einer Stunde völlig Nacht ſein. In einer Stunde können Sie ſich eben ſo gut mit Lothario ſchlagen, denn es hleibt hell genug, und überdies genügt für einen Zweikampf in der gering⸗ ſten Entfernung der Schein der Sterne. Schenken Sie mir dieſe Stunde. Wir ſind la 3e getrennt geweſen, länger, als Sie glauben mögen. „Es iſt Gott, das ſchwöre ich Ihun, der ſelbſt vie⸗ ſes Zuſammentreffen, an dieſer Stelle und in dieſem Au⸗ genblick, in dieſer ſchweigſamen Einſamkeit, vor der Natur, mit den Bäumen und dem Fluſſe als einzigen Zeugen herbeigeführt hat. Ja, an einem Orte, wie dieſer hier, mußte ich Ihnen Dinge ſagen, die mir das Herz ſeit ſo vielen Jahren bedrücken. „Julius, ſchenken Sie mir dieſe Stunde. Zwiſchen uns handelt es ſich um einen Zweikampf, um einen er⸗ habenen, furchtbaren Zweikampf, aus dem wir Beide mit todterem Herzen, als wenn Piſtolenkugeln ſie durchbohrt hätten, hervorgehen können. Der Augenblick iſt feierlich für Beide, das ſchwöre ich Ihnen. Julius! Julius! es muß ſein, ſchenken Sie mir vieſe Stunde.“ Sie war tief erſchüttert auf eine Art von natürlicher Bank, welche ein mit Gras bewachſener kleiner Hügel bildete, niedergeſunken. Ihre Haare flatterten um ihr bleiches Geſicht. Sie hatte die Hände von Julius ergriffen und drückte ſie krampfhaft. Und ſie ſprach mit einer ſo vibrirenden Gemüthsbe⸗ wegung, und ſie war ſo ſchön, und in der unbeſtimmten He da liu ſpr ge ſeit Nerk⸗ nung han efem unde eben nug, ing⸗ Sie eſen, die⸗ Au⸗ tur gen ier, t ſo hen er⸗ mit hrt lich es her gel ihr te be⸗ ten 19 Helle der Abenddämmerung glich ſie ſo ſehr Chriſtiane, daß ſich Julius unterjocht und wie bezaubert fühlte. „Nur vieſe Stunde,“ wiederholte ſie,„und dann, Ju⸗ lius, werden Sie thun, was Sie wollen.“ „Eine Stunde, gut,“ ſagte er;„ich willige ein; ſprechen Sie, Madame.“ „Ich danke, mein Freund!“ Kein lebendes Weſen um ſie her. Selbſt die Voögel gaben nur noch ſelten einen Schrei von ſich, denn ſie fühlten ſchon den Schlaf. Die melancholiſche Stille des Abends umhüllte Julius und Olympia. Zu ihren Füßen hatten ſie die Wellen das Ufer mit einer letzten Liebkoſung beſpülend und über ihren Häup⸗ tern den in den Pappelbäumen leicht bebenden Wind. Olympia ſprach mit einer ſchwermüthigen Bitterkeit: „Ja, Samuel Gelb iſt Ihr Freund; er hat Sie ſeit fünfzehn Monaten nicht verlaſſen, er hat ſie gepflegt, ge⸗ heilt, verheirathet, umgeben. Und ich, ich habe Sie plötz⸗ lich verlaſſen, ohne Ihnen Lebewohl zu ſagen; ich habe Sie der Muſik, einer Oper, einer Rolle, was weiß ich? gevpfert. Nun denn, Samuel Gelb verräth Sie, hören Sie wohl, und ich, ich liebe Sie.“ „Sie lieben mich!“ verſetzte Julius erſtaunt und un⸗ gläubig. „Ja, und wie Sie nie ein Weib geliebt hat.“ „Das iſt für mich ſehr neu.“ „Oder ſehr alt. Doch man vergißt ſo viel auf der Welt! Ich grolle Ihnen darum nicht. Es ſind ſo viele Jahre, daß ich Sie geliebt habe.“ „So viele Jahre! Vor achtzehn Monaten hatten wir uns noch nie getroffen.“ „Sie glauben?“ ſagte Olympia.„Armes menſch⸗ liches Geſchick! Man hat immer in ſeiner Vergangenheit Dinge, die man nicht gewußt, und Dinge, die man ver⸗ geſſen. Erlauben Sie mir, daß ich Sie an das erinnere, was Sie vergeſſen, und Sie von dem unterrichte, was Sie nicht gewußt haben. „Ja, wann, und unter welchen Umſtänden ich Sie geſohen, gekannt, geliebt hatte, werden Sie ſogleich er⸗ fahren. Doch ohne ſo weit zurückzugehen, erinnern Sie ſich nur des erſten Jahres, wo Sie an den Hof in Wien gekommen find? „Sie warfen Ihr Leben den Beluſtigungen, den Zer⸗ ſtreuungen, den Verſchwendungen, den Tollheiten aller Art zu. „Sie hatten einen unlöſchbaren Durſt nach Aufregung, nach Leidenſchaft, nach Geräuſch. Sie hatten, wie es ſchien, in Ihnen alle Inſtincte des Vergnügens, welche, eine Zeit lang unterdrückt durch irgend eine ernſte und keuſche Jugend, plötzlich zum Ausbruch kamen und nach den vier Ecken der Stadt Splitter von Ihrem Herzen ſpringen ließen. „In dem ſtürmiſchen Wirbel, der Sie mit Gewalt von einer Ausſchweifung zur andern fortriß, konnten Sie im Schatten, neben Ihrer Eriſtenz voller Blendungen, eine arme, demüthige, traurige Seele nicht ſehen, die Sie Tag und Nacht mit Schmerz anſchaute und beſpähte. „Dieſer vüſtere Zeuge Ihrer ſchlimmen Freuden war „Sie?“ unterbrach Julius.„Das ſind aber ſechzehn bis ſiebzehn Jahre her!“ Ohne unmittelbar auf dieſen Ausruf zu antworten, fuhr Olympia fort: „Sie liebten damals eine italieniſche Tänzerin vom kaiſerlichen Theater, Namens Rosmonda. Ich nenne Ihnen die Namen, damit Sie ſehen, in welchem Grade ich weiß und mich erinnere. „Sie weigerte ſich, Ihnen Gehör zu ſchenken, aber es lag nicht in Ihrem Charakter, hei irgend einem Be⸗ denken, mochte es das eines Andern oder das Ihrige ſein, nachzugeben oder zurückzuweichen. Sie Sie er⸗ Sie Bien Zer⸗ aller ung, es eine ſche den gen valt Sie gen, Sie war ehn ten, om nne ade ber Be⸗ ein, 21 „Eines Abends tanzte Rosmonda im Theater. Sie ſaßen in Ihrer Loge auf der Vorderbühne. In dem Augenblick, wo das Ballet dem Ende nahe war, ſtanden Sie auf und erklärten mit lauter Stimme vor dem ganzen Saale, Sie verbieten Jedem, wer es auch ſein moͤchte, der Rosmonda Blumen oder Kränze zuzuwerfen. „Der junge Graf von Heimburg, der ſich in der Loge der Ihrigen gegenüber befand, glaubte keine Rückſicht auf Ihr Verbot nehmen zu müſſen und ſchleuderte der Tänzerin ein Bouquet zu. „Am andern Tage verwundeten Sie ihn ſchwer im Duell. „Bei der darauf folgenden Vorſtellung warf man Rosmonda keine Sträuße zu; aber das Publikum, welches hegriff, daß unter dieſer Verfolgung die Liebe verborgen war, und daß man Ihnen unangenehm ſein konnte, wenn man Ihnen zu ſehr gehorchte, pfiff die Tänzerin mit aller Macht aus. „Rosmonda kam in ihre Loge zurück und ließ Ihnen ſagen, ſie erwarte Sie. „Am andern Abend gaben Sie das Signal zum Sträußewerfen, und es regnete Blumen. „Ich hatte dem ganzen Abentener beigewohnt. Doch Liebe konnte nur eine Laune ſein, und ich verzweifelte nicht. „Sie machten nichtsdeſtoweniger, während dieſes Scandals, der Herzogin von Roſenthal ſehr hartnäckig den Hof. „Die Herzogin galt für eine gebieteriſche und ſtolze Tugend. Warten, bis der Widerſtand ſich bog, das war nicht in Ihren Gebräuchen. Uebrigens hatte ſie, nach dem Aufſehen, das Sie im Theater erregt, wenig⸗ ſtens einen unwiderſprechlichen Vorwand. In einer Nacht erkletterten Sie ihren Balcon, zerbrachen ihr Fenſter und vrangen mit Gewalt bei der Herzogin ein wie ein Dieb, um erſt am Morgen wie ein Eroberer wegzugehen. „Doch dieſe Liebe konnte nur Eitelkeit ſein. Ich wartete alſo. „Es war damals beim Kärnthnerthor eine Bude, wo man, nach deutſcher Sitte, Kuchen und Kaffee ver⸗ kaufte. Dieſe Bude war im Beſitze einer ganz jungen Frau von kaum zwanzig. Jahren, einer Witwe, welche nur ein blondes Töchterchen von fünfzehn bis cteh Monaten hatte. Die Händlerin war reizend. Sie hieß Bertha, und man nannte ſie, im Gegenſatz zu der Königin der Legende, Bertha mit den kleinen Füßen. Je⸗ dermann ſprach von ihrer Schönheit, Niemand ſprach von ihrer Coquetterie. Sie war zugleich ſehr freundlich und ſehr würdig, heiter und ernſt. „Schon am erſten Tage, wo Sie ſie ſahen, ſagten Sie ſich, ſie werde Ihnen gehoren. „Doch das war weder eine Schauſpielerin, noch eine Herzogin; ſie zeigte Ihnen ihr Töchterchen und erwie⸗ derte: Das iſt meine Liebel Jung, vornehm, mächtig und reich, vermochten Sie nichts über ſie. „Durch das Hinderniß gereizt, nahm Ihr Verlangen bald den Charakter einer wahren Leidenſchaft an. Sie verließen das Kärnthnerthor nicht mehr. Man mag im⸗ merhin aus dem Volke ſein und die feſte Abſicht haben, ſich ehrlich aufzuführen, die keuſcheſte Frau wird ge⸗ rührt von einer beharrlichen Liebe. Allmälig ſchaute Sie Bertha mit minder gleichgültigen Augen an. „Sie waren nicht nur adelig und reich, Sie waren ſchon, und ſie vergaß den vornehmen Herrn, um den jungen Mann zu ſehen. „Doch ihr Stolz rettete ſie. Das Gerücht von Ihren Liebſchaften war bis zu ihr gedrungen, und ſie wollte nicht die Dritte in Ihrem Herzen ſein. Als Sie ihr ſagten, Sie lieben ſie, fragte Sie Bertha mit einem ſchwer⸗ müthigen Lächeln, ob Sie ſie für die Herzogin von Ro⸗ ſenthal oder für die Tänzerin Rosmonda halten.“ „Da thaten Sie Eines; Sie gaben am Tage eines ude, ver⸗ ngen elche zehn hieß igin Je⸗ von und gten eine wie⸗ htig gen Sie im⸗ ben, ge⸗ ute wen gen ren lite ihr er Ro⸗ nes 23 öffentlichen Feſtes der Herzogin und der Tänzerin bei der Bude am Kärnthnerthor Rendez⸗vvus. Dieſe waren die Eine und die Andere ſo weit, daß ſie Ihren Launen nach⸗ gaben, und ſie kamen. „Und dort, vor der Menge der Müßigen und Neugie⸗ rigen, ſtellten Sie Bertha Frau von Roſenthal und Ros⸗ monda vor und erklärten ihnen, das ſei die einzige Frau, die Sie lieben, und Sie wollen keine andere lieben. „Von dieſem Tage an gehoͤrte Bertha Ihnen. „Daß Sie, ein Adeliger, ein phantaſtiſcher Kopf, aber im Grunde ein edles Herz, ſich nicht entblödet hatten, zwei Frauen, die nichts Anderes gegen Sie verſchuldet, als daß ſie ihre Geliebten waren, einen ſolchen Schimpf anzuthun, varaus ging hervor, daß Bertha Sie ſehr ernſt und ganz und gar in Anſpruch nehmen mußte. „Ich verſuchte es noch einen Augenblick, mir Illu⸗ ſion zu machen; doch von dieſem Tage an horte man nichts mehr von Ihnen reden; die Theater und die Sa⸗ lons ſahen Sie nicht mehr; Ihr Name ertoͤnte bei keinem Scandal mehr. Es war nicht mehr zu zweifeln: Sie liebten Bertha. „Nachdem ich einen Monat gewartet, verzweifelte ich und verließ Wien. „Nun, bin ich vertraut mit Ihrer Vergangenheit? Geben Sie zu, daß ich Sie ſeit langer Zeit kenne 2“ „Ich glaube Ihnen, Madame,“ erwiederte der Graf von Eberbach verlegen.„Doch was Sie mir ſagen, iſt kein Beweis. Sie erinnern mich an Ausſchweifungen, denen ganz Wien beigewohnt hat, und die Sie, ſtreng genommen, den Scherzen der Müßigen und den Pamph⸗ leten der Zeitungsſchreiber entnehmen konnten.“ „Ja,“ ſagte Olympia,„doch nun kommt Etwas, was ich nicht in einer Zeitung leſen konnte, und was Niemand in Wien wiſſen konnte. Sie hatten in jener Zeit einen vertrauten Diener Namens Fritz. An jedem der drei Abende, wo Sie ſich zum erſten Mal zu Ros⸗ monda, zu Frau von Roſenthal und zu Bertha begaben, überreichte Ihnen Fritz ein verſiegeltes Billet, das die drei Male denſelben Satz enthielt.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Julius wie vernichtet. „Soll ich Ihnen ſagen, wie dieſer Satz lautete?“ „Sagen Sie es.“ „Jedes von dieſen Billets enthielt nur vdie Worte: Julius, Sie vergeſſen Chriſtiane.“ Julius. „Sie waren es alſo, die mir vas ſchrieb 2“ fragte „Ich war es. Ich hatte Ihren Bedienten beſtochen.“ „Aber wenn Sie es waren, Madame, und wenn Sie mich liebten, wie Sie ſagen,“ rief der Graf von Eberbach, „warum verſuchten Sie es, immer in mir dieſe Erinnerung wiederzuerwecken, welche vielleicht weniger todt, als Sie dachten? Madame, welches Intereſſe hatten Sie, ſich von Nebenbuhlerinnen von einer Stunde zu befreien und zugleich eine wieverzuerwecken, die gefährlichſte und dauerhafteſte von allen.“ Olympia antwortete hierauf nicht. „Ich verließ Wien,“ ſagte ſie,„und kehrte nach Venedig zurück. Ich wollte Sie lieber ganz verlieren, als mlt anderen theilen. Ich liebte Sie, nicht aus Laune oder Eitelkeit; ich liebte Sie mit einer frommen und tie⸗ fen Liebe, mit einer eiferſüchtigen und reinen Liebe, welche Sie ganz wollte, wie ich mich ganz gegeben hätte. „Aber Sie gehörten ſo vielen Frauen, daß Sie Nie⸗ mand mehr gehörten, und wenn Sie Jemand gehörten, ſo war es Bertha. Ich reiſte alſo ab und ſuchte Sie zu vergeſſen. Es lag zwiſchen uns nur der Raum, das war nicht genug. Ich bemühte mich, das Unendliche zwiſchen uns zu ſtellen: die Kunſt. „Bis jetzt hatte ich in der Muſik nur eine ehren⸗ hafte und unabhängige Exiſtenz geſucht. „Ich ſang, um Brod und Kleider zu haben, ohne ſie um den Preis zu kaufen, den man die armen Mädchen dafür be⸗ ben, die 2 rte agte en. 7. Sie ach, ung Sie von eich eſte ach en, une tie⸗ che ie⸗ en, ar en n⸗ m be⸗ „ 25 zahlen läßt. Das Brod und höchſtens das Beifallklat⸗ ſchen, das war für mich das Theater. „Von dieſem Augenblicke an ſuchte ich etwas An⸗ deres darin. „Ich legte mein Leben, mein Herz und meine Seele darein. Dieſe Leidenſchaft, von der Sie nichts wollten, ich gab ſie der Muſik, den großen Werken und den gro⸗ ßen Meiſtern. 5 „In den erſten Monaten war dies kein genügender Erſatz für mich, Doch allmälig erfaßte mich das Ideal und machte mir eine Welt neben und über der wirklichen Welt. Ich vergaß nicht, aber ich hatte für Sie das ſanfte und melancholiſche Gefühl, das man für das Andenken eines theuern Weſens hat. „Es ſchien mir, Sie ſeien todtz ja, durch eine ſelt⸗ ſame Wirkung der Unſterblichkeit der Kunſt, ſchien es mir, Sie, der Sie inmitten der Welt, der Feſte und der Ver⸗ gnügungen lebten, ſeien todt, und ich, die ich nur in der Kunſt eriſtirte, ich, die ich von Allen und von Allem ent⸗ fernt war, die ich nur noch Gemüthsbewegungen und In⸗ tereſſe für chimäriſche Perſonen und eingebilvete Leiden hatte, ich ſchien mir zu leben. „Ich kehrte nicht nach Wien zurück. Nur alle Jahre ſchickte ich, obwohl mit innerem Wiverſtreben, meinen armen Gamba dahin, um zu erfahren, wie es Ihnen er⸗ gehe. Das erſte Mal theilte er mir mit, Ihre Liebe für Bertha ſei zu Ende, und Ihre ärgerlichen Abenteuer haben wieder angefangen. „Dann kam er jedes Jahr mit der Erzählung von Seandalen und Aufſehen erregendem Streichen zurück. Und ich flüchtete mich immer mehr in die Liebe zu Paeſiello und Cimaroſa. Indeſſen vergingen die Jahre. Dieſes immer glü⸗ hende und entflammte Leben hatte Sie nach und nach ab⸗ genutzt. „Als man Sie endlich im vorigen Jahre nach Paris ſandte, konnte ich hoffen, Sie werden mit allen dieſen Leidenſchaften und Vergnügungen brechen. „Ich war vor Ihnen in Paris, diesmal entſchloſſen, Sie zu ſehen, mich Ihnen zu nähern und an Ihnen die Wir⸗ kung dieſer Aehnlichkeit zu erproben, von der ich wußte, ſie beſtehe zwiſchen mir und der Frau, die Sie verloren.“ 4 Sie wußten das auch, Madame!“ ſagte der raf. „Ich dachte Anfangs geſiegt zu haben,“ fuhr Olym⸗ pia fort.„Sie machten mich wenigſtens glauben, ich habe in Ihnen die Erinnerung an die arme Topte wiederbelebt. Ich führte Sie zu Ihrer erſten Liehe zurück, um Ihr Herz wieder zu verjüngen, um es zu reinigen, um, ehe ich da⸗ rein eintreten würde, alle die leichtfertigen und elenden Galanterien herauskommen zu machen, welche ſo lange den Platz der aufrichtigen und tiefen Gefühle uſurpirt hatten. Sie wurden allmälig wieder derjenige, den ich gewünſcht hatte, der Sie vielleicht vor dem glühenden und verderb⸗ lichen Leben von Wien geweſen waren. „Doch in dem Augenblick, wo ich meinen Traum be⸗ rührte, packte Sie das Wiener Leben plötzlich wieder in der Perſon jener Prinzeſſin, deren Liebhaber Sie in Wien geweſen waren. Ahl am Abende der Stummen, in der Oper, als ich Sie in Ihre Loge mit dieſem hoffärtigen, entſittlichten, frechen Weibe eintreten ſah, fühlte ich, daß der Leichtfinn und das Vergnügen nie mehr den Menſchen loslaſſen, deſſen ſie ſich einmal bemächtigt haben. Meine letzte Illuſion ging in Stücke, und ich that in Paris, was ich in Wien unter denſelben Umſtänden gethan hatte: ich floh abermals, und ganz außer mir vor Schmerz reiſte ich an demſelben Tag nach Venedig ab. „Jetzt frage ich Sie ſelbſt, glauben Sie, daß ich Sie liebe, und daß Sie Vertrauen zu mir haben können?“ — —„ en— eſen Sie ir⸗ ßte, n.“ der m⸗ abe erz da⸗ den den en. cht rb⸗ ien der en, aß en ne s, e: ſte 27 Vie Genugthuung. Der Graf von Eberbach nahm vie Hände von Olym⸗ pia und rief: „Ahl empfangen Sie meinen Dank. Ja, ich glaube Ihnen. Es iſt ein Bedürfniß für mich, Ihnen zu glauben. Soviele Zuneigungen und Sympathien haben mich belogen, daß ich, ich ſchwöre es Ihnen, ſehr gerührt bin, eine auf⸗ richtige und dauerhafte zu treffen. „Olympia, ich danke Ihnen herzlich für dieſes Ge⸗ füt von dem Sie mir erſt heute ſchon ſo alte Beweiſe geben. „So iſt ein ergebenes Herz an mir vorübergegangen, ohne daß ich es wahrgenommen. Ich habe Sie nicht gekannt, und ich hätte Sie ohne Zweifel verkannt. „Bereuen Sie nicht, daß Sie vor achtzehn Jahren nicht zu mir gekommen ſind. Ich hätte Sie nicht geliebt, ſo wenig ich eine von den Frauen liebte, die Sie ſo um⸗ ſonſt eiferſüchtig gemacht haben.“ Es war die Reihe an Olympia, ihn mit Erſtaunen anzuſchauen. „Ah!“ fuhr er fort,„wenn Sie geſehen hätten, was in mir vorging, als ich mich dieſen Scandalen überließ, welche Wien beluſtigten oder entrüſteten, Sie hätten, davon ſeien Sie überzeugt, weder Frau von Roſenthal, noch Rosmonda, noch ſogar Bertha mit den kleinen Füßen beneidet. Ich machte Lärmen um mich her, um eine Stimme zu betäuben, die in mir ſchluchzte. „Ich war unfähig zu einer Gemüthsbewegung, die Ihrer würdig geweſen wäre. Mein Herz war geſtorben mit der einzigen Frau, die ich je geliebt— mit Chri⸗ ſtiane.“ erwehren. „Iſt das wahr?“ fragte ſie. „Nie iſt Chriſtiane für mich geſtorben,“ fuhr er fort. „Armer, theurer Engel! Sie wiſſen ohne Zweifel, welchen gräßlichen Tod ſie gehabt hat. „Sehen Sie, das ſind Eindrücke, welche ſich nie in einem menſchlichen Gedächtniß verwiſchen. „Man lebt, weil der Inſtinet des Thieres uns zurück⸗ hilt ind uns führt; man ſucht zu bergeſen, mun ſchleßt die Augen und die Ohren, aber man ſieht immer den gähnenden Schlund, und man hört immer den entſetzlichen Schrei, der allein aufſteigt. Und dieſer armen Frau, die kein Grab gehabt hat, macht man eines aus ſeinem Her⸗ zen. Man trägt ſie überall mit ſich. Man glbt ſich den Anſchein, als lachte, als tränke, als ſänge, als liebte man. Und gerade, wenn man am meiſten leidet, wirft man ſich am tiefſten in die tollen Zerſtreuungen und in die unmäßigen Ausſchweifungen. „Als Sie mir die Billets ſchrieben, Madame, die mich ermahnten, Chriſtiane nicht zu vergeſſen, glaubten Sie mich von Schwelgereien und Orgien zu entfernen; Sie verſenkten mich noch tiefer darein. „Madame, gerade, weil ich mich zu ſehr an Chriſtiane erinnerte, nutzte ich an allen Enden mein fortan uner⸗ traͤgliches Leben ab. „Sie hatte ſich in den Abgrund geſtürzt, ich warf mich blindlings in das Laſter— jedes in ſeinen Abgrund. Ich wollte ſie wieder auffinden.“ „War es ſo?“ rief Olympia ganz bewegt.„Oh! wenn ich das geglaubt hätte.“ „Was hätten Sie thun können?“ ſagte der Graf von Eberbach. „Ich hätte Eines gethan, Julius, was wahrſcheinlich die Exiſtenz von uns Beiden verändert haben würde.“ „Was?“ fragte der Graf ungläubig. Olympia konnte ſich einer Geberde der Freude nicht 1l — 8— ——— 1— „ icht ort hen ück⸗ eßt den hen die er den an. am en die ten n; ine er⸗ 29 „Das Vergangene iſt vergangen,“ erwiederte ſie. „Aber ich glaubte, ich habe Sie nur einmal um Verzei⸗ hung zu bitten, Julius, und ich ſehe, daß ich es doppelt thun muß.“ An den Rand des Horizonts gelangt, ſank die Sonne in dieſem Augenblick plötzlich unter und ließ, in dem im⸗ mer mehr ſich verdunkelnden Halbſchatten, nur in paar von roſigen Refleren beleuchtete Wolken. Julius gewahrte den Untergang des Tags, ſtand auf und ſagte: „Ich verzeihe Ihnen nicht, Olympia, ich danke Ihnen. Doch Sie haben Recht, das Vergangene iſt vergangen, und Ihre Liebe wird für mich nur das Lebewohl des Re⸗ fleres der Sonne an unſere Hemiſphäre geweſen ſein. Nun gehört Alles dem Schatten, der Himmel der Nacht und meine Seele dem Haſſe.“ „Es iſt Einer, den Sie in der That zu haſſen das Recht haben,“ ſprach Olympia ernſt. „Ja, Lothario.“ „Nein, Samuel Gelb.“ „Sie haben Beweiſe?“ fragte er entſchieden. „Ohl ſolche Beweiſe,“ erwiederte Olympia mit Au⸗ gen, die ſich plötzlich mit Thränen füllten,„ſolche Be⸗ weiſe, daß ich, ſelbſt um Ihnen das Leben und die Seele zu retten, einen Moment zögerte, ob ich ſie Ihnen bringen ſollte.“ „Sprechen Sie.“ „Aber Sie ſagten, Sie haben Vertrauen zu mir. Ueberzeugt Sie die Erzählung nicht, die ich Ihnen zu machen habe, ſo wird mir nichts mehr bleiben, als vor Scham und Schmerz zu ſterben. Wiederholen Sie es mir: nicht wahr, Sie glauben an meine Aufrichtigkeit?“ „Wie an den Verrath von Lothariv.“ „Was ich Ihnen zu ſagen habe,“ ſprach Olympia mit einer gewaltigen Anſtrengung gegen ſich ſelbſt,„geht zu einer Zeit zurück, welche noch älter iſt, als Ihr Auf⸗ enthalt in Wien, zur Zeit, wo ich Sie gekannt und ge⸗ liebt habe. „Sie hatten kurz zuvor geheirathet und lebten im Schloſſe Eberbach.“ „Aber es war nur Chriſtiane bei mir: wie konnten Sie mich dort kennen und mich lieben?“ „Ich bitte Sie, unterbrechen Sie mich nicht: ich habe nicht genug an meiner Kaltblütigkeit und an all meiner Stärke, um Ihnen zu ſagen, was ich Ihnen zu erzählen habe. Sie haben Vertrauen zu der Freundſchaft von Samuel Gelb: ich will Ihnen zeigen, welche Freund⸗ ſchaft er für Sie hegt. Sie bezweifeln, daß er es iſt, der Friedrike mißleitet hat: ich will Ihnen beweiſen, vaß er Chriſtiane das Verderben bereitet hat.“ „Chriſtiane das Verderben bereitet!“ rief der Graf von Eberbach. „Ja,“ erwiederte ſie;„Chriſtiane hat ſich wohl in den Abgrund geſtürzt, aber es hat ſie Jemand dazu angetrie⸗ ben. Dieſe Entleibung iſt ein Mord geweſen, und der Mörder iſt Samuel.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ rief Julius plötzlich erbleichend.* „Hören Sie,“ ſprach Olympia,„und Sie werden Alles erfahren.“ Und nun etzählte ſie ihm, oder erinnerte ſie ihn vielmehr an Alles, was zwiſchen Chriſtiane und Samuel vorgefallen war, vom Pfarrhauſe in Landeck bis zum Schloſſe Eberbach; ſie ſprach von der erſten und unwill⸗ kürlichen Bewegung des Widerwillens, die bei der un⸗ ſchuldigen Tochter des Pfarrers die ungeſchlachte Ironie von Samuel hervorgebracht hatte; von der Unvorſichtigkeit, welche Julius dadurch begangen, daß er ſeinem alten Kameraden den Eindruck von Chriſtiane entdeckt hatte, und von dem Groll, der hieraus in der hoffärtigen und herrſchſüchtigen Natur von Samuel entſprungen war; von ſeinen Droh⸗ ungen gegen Chriſtiane; von ſeinen ſchändlichen Erklä⸗ ————— 7„„ — nten ich all zu haft nd⸗ 31 rungen, von denen ſie ihrem Manne nichts zu ſagen ge⸗ wagt hatte, aus Furcht, einen Streit zwiſchen ihm und Samuel herbeizuführen, deſſen unwiderſtehliche Stärke im Degen ſie kannte; endlich, von der Nacht der Abreiſe von Julius nach Amerika, wo ſein Oheim ſtarb, von der plötzlichen Krankheit des kleinen Wilhelm, von dem Dazwi⸗ ſchentritt von Samuel und dem niederträchtigen Handel, wobei er der Mutter das Leben ihres Kindes verkauft atte. Julius hörte dies keuchend, den Blitz in den Augen, das Fieber in den Schläfen, die Zähne aneinander gepreßt. „Oh!“ rief Olympia ſchmerzlich, indem ſie das Ge⸗ ſicht in ihren Händen verbarg,„das war eine abſcheu⸗ liche und entſetzliche Minute, wo die unglückliche Mutter zwiſchen ihrem Gatten und ihrem Kinde wählen mußte. Was vermochte ein unglückliches, in die Schlinge des Teufels gefallenes Weib? Der arme kleine Wilhelm lä⸗ chelte in ſeiner Wiege und flehte um ſein Leben. Kein Arzt vor zwei Stunden; er hatte Zeit, dreißigmal zu ſterben. „Und hier zwiſchen der Wiege des Kindes und dem Bette der Mutter ſtand ein Menſch und ſagte:„„Ich ſchenke Ihnen das ganze Leben Ihres Kindes, wenn Sie mir zehn Minuten von dem Ihrigen ſchenken.““ Ah! das ſind Dinge, zu ſtark für das Herz eines menſchlichen Ge⸗ ſchoͤpfes. Oh! nie müßten die Männer die Frauen ver⸗ laſſen, wenn ſie Kinder haben.“ Sie ſchwieg, als könnte ſie nicht weiter ſprechen. Der Graf von Eberbach wagte es nicht, ſie zu bitten, fortzufahren. Endlich ſagte fie: „Dieſer grauſame Handel wurde vorgeſchlagen, und,“ fügte ſie ungeſtüm bei, wie wenn ſie ſich ſo raſch als möglich entledigen wollte„er wurde ausgeſtanden 1“ rief Julius mit einem Ausdruck der u„ „Das Kind lebte,“ ſagte Olympia.„Doch beben Sie nicht ſo raſch, wir find noch nicht beim Ende. Wir ſind erſt beim Anfang. Hören Sie. „Gott beſtätigte den gräßlichen Vertrag nicht, den die Mutterliebe zum Vortheil des Verbrechens abgeſchloſ⸗ ſen hatte. Er wollte nicht, daß die Zukunft des ſchwachen, unſchuldigen Kindes aus dieſer Schmach und Schande gemacht wäre. „Dieſe Schande ſollte Wilhelm nichts nützen. Wil⸗ helm ſtarb, Chriſtiane hatte ihren Gatten geopfert, und ſie hatte ihren Sohn nicht erhalten! Die Frau hatte ſich dem Verderben überantwortet, ohne daß die Mutter dabei gewann. „Nicht wahr, das iſt erſchrecklich? Nun, das iſt noch nichts. Chriſtiane fühlte noch etwas Gewichtigeres, als den Schmerz, ihr Kind in die Erde zu legen, ſie fühlte ein anderes unter ihrem Herzen.“ „O Gott!“ rief Julius. „Und begreifen Sie, was Alles Furchtbares in dem Worte liegt: ein anderes Kind? das Kind von wem? Die Entſetzensnacht war die Nacht des Tages, an wel⸗ chem Sie Chriſtiane verlaſſen hatten. Von wem war alſo das Kind, das Chriſtiane in ſich fühlte? Von Sa⸗ muel oder von Ihnen?“ Julius ſprach nicht, aber ſeine Geberde ſprach für ihn. „War das nicht eine wahrhaft herzzerreißende Lage? Chriſtiane konnte ſich nicht um's Leben bringen, denn ſie hätte nicht nur ſich getödtet. Sie wartete alſo, düſter, allein, bitter, die Erde und den Himmel verfluchend, in⸗ dem ſie zuweilen dachte, das Kind ſei Ihr Kind, und leben wollte, um es zu lieben, zuweilen aber dachte, es ſei von einem Andern, und ſich tödten wollte, um es zu tödten. „Aber dieſe raſch ſich wiederholenden Schläge waren zu hart für ſie. eben Wir den oſ⸗ des und Wil⸗ und atte tter iſt res, ſie dem wel⸗ war Sa⸗ ge2 ſie ſter, in⸗ eben ſei zu aren 33 „So jung und ſo wenig geſchaffen für gewaltſame Erſchütterungen, machte ſie ein Gadanke in der Nacht aus ihrem Schlafe auffahren, und die Haare ſträubten ſich auf ihrem Haupte; der Gedanke Ihrer Rückkehr, die Idee, Ihnen Alles zu ſagen, oder Ihnen Alles zu verbergen, mit dieſem ſchwarzen Geheimniß unter Ihnen Beiden zu leben, Ihre Lippen mit dieſen Lippen zu berühren, die ein Anderer beſchmutzt hatte, aus eines Andern Armen kommend Ihre Frau zu ſein: vies Alles durchzog ihren Kopf wie ein Sturm, und ſie fühlte ihre Vernunft wie ein dürres Blatt im Herbſtwinde wirbeln. „Sie war toll. „An dem Tage, wo Wilhelm ſtarb, es war am Abend in derſelben Stunde, in der ſich Chriſtiane dem entſetzlichen, unnützen Handel unterworfen hatte, fiel Chri⸗ ſtiane, wahnſinnig, in Eis verwandelt, auf die Kniee⸗ Der Schlag brachte eine ſeltſame Erſchütterung bei ihr hervor. Sie fühlte, daß ſie Mutter werden ſollte. „In demſelben Augenblick eilte Ihr Vater herbei und reichte ihr, um ſie zu tröſten, einen Brief, in dem ſie Ihre Rückkehr aus Amerika und Ihre Ankunft für den zweiten Tag ankündigten. „Das war zu viel auf ein Mal. Wilhelm, der ab⸗ ging, Sie, der Sie ankamen, und, um das Maß voll zu machen, die Niederkunft, die ſich als nahe bevorſtehend offenbarte; kein Geſchöpf von Fleiſch hätte das ertragen. Sie fühlte ſich völlig wahnſinnig werden. „Sie ſagte nichts vor Ihrem Vater, der ſich übri⸗ 30 ihre Aufregung durch den Tod von Wilhelm er⸗ ärte. „Als aber der Baron von Hermelinfeld zu Bette ge⸗ gangen war, entwich ſie aus dem Schloſſe und lief in aller Haſt, kaum angekleidet, nach der Hütte von Gretchen. „Gretchen war nicht minder wahnwitzig als ſie. Was ſich dieſe zwei armen Frauen ſagten, nein, ſelbſt ein Ungeheuer wäre vadurch gerührt worden. Gott lenkt. Iw. 34 Gretchen ſchwur, das, was vorgehen 6 geheim zu halten. „Chriſtiane gebar und fiel in Ohnmacht. „Als Chriſtiane wieder zu ſich kam, war Gretchen 3 nicht mehr da und das Kind auch nicht. Das Kind war Lin todt; Gretchen war weggegangen, um es zu beerdigen. die „Ehriſtiane wollte die Rückkehr von Gretchen nicht abwarten. „Ihr einziger Gedanke war, ſich nie mehr in Ge⸗ ge genwart ihres Mannes zu finden. det „Sie erhob ſich, ſchrieb ein Wort des Abſchiedes, lief aus Leibeskräften nach dem Höllenloch und ire tet ſich, nachdem ſie Gott um Verzeihung gebeten, mit dem Kopfe voran in den Abgrund.“ „Aber woher wiſſn Sie dies Alles?“ fragte Julius. zů „Wenn vies Alles wahr iſt,“ ſagte ie, ohne auf die Frage zu antworten,„iſt Samuel nicht ein Ungeheuer?“ Ce „Oh! es fehlte an Worten, um ihn mit dem N ten Namen zu nennen.“ „Und werden Sie nun glauben, wenn ein Verrath ſa Sie betroffen hat, der Verräther ſei der redliche und er⸗ 8 gebene Lothario oder der Elende, der auch Chriſtiane zu Gt Grunve gerichtet und ermordet hat?“ me 3„Einen Beweis, einen Zeugen!“ rief Julius vol ein Wui,„und nicht Lothario werde ich tödten, ſondern Sr 1 muel die 3„Einen Zeugen?“ verſetzte Olympia.„Welchen wa 3 Zeugen wollen Sie haben?“ nit „Es gibt nur eine Perſon, deren Wort ein Beweis ha wäre, well ſie ihn anklagend auch ſich ſelbſt anklagen un würde. Aber dieſe Perſon— ich habe bis jetzt geglaubt, ſie ſei todt.“ „Vielleicht,“ erwiederte Olympia. 3 „Vielleicht?“ wiederholte Julius mit einer von einem unbeſchreiblichen Zittern bewegten Stimme. 2 „Schauen Sie mich an!“ ſagte ſie. wig chen war n. icht Ge⸗ des, irzte dem ius. die r 24 ech⸗ rath er⸗ e zu voll Sa⸗ chen weis agen ubt, von 35 Sie erhob ſich. Beide ſtanden. Ein letzter Schein des Tages, der auf das halb durch den Schatten unklar gemachte Geſicht von Olympia fiel, beleuchtete„nur das Ganze und die Linie. Der Abend verwiſchte die Veränderungen, welche die Zeit an dieſem edlen und ſchönen Kopf hatte hervor⸗ bringen müſſen. Olympia ſchaute Julius an, nicht mehr mit dem gebieteriſchen Auge der ſtolzen Künſtlerin, ſondern mit der unausſprechlichen Milde des liebenden Weibes.* Der Blick, die Geberde, das Geſicht, Alles erleuch⸗ tete wie ein Blitz das Herz von Jullus, und er rief: „Chriſtiane!“ Zwei Stunden nach der Scene, die wir ſo eben er⸗ zählt, befinden ſich der Graf von Eberbach, Lothario und der preußiſche Geſandte wieder alle Drei' in demſelben Cabinet, ww am Morgen der Graf von Eberbach ſeinem Neffen den Handſchuh in's Geſicht geworfen hatte. Julius wandte ſich an den preußiſchen Geſandten und agte: „Herr Geſandter, ich danke Ihnen, daß Sie die Güte gehabt haben, mit uns in dieſes Zimmer zu kom⸗ men. Seien Sie jedoch unbeſorgt, wir werden Sie nur einen Augenblick aufhalten. „Hier und in Ihrer Gegenwart iſt die Beleidigung dieſen Morgen vorgefallen; hier und in Ihrer Gegen⸗ wart muß die Beleidigung heute Abend wieder gut ge⸗ macht werden. Ich bekenne laut, daß ich Unrecht gehabt habe, und daß ich das Spielzeug eines plumpen Irrthums und eines ſchändlichen Verraths geweſen bin.“ Und ſich an ſeinen Neffen wendend: „Lothario, ich bitte Sie um Verzeihung.“ Er beugte das Knie. Lothario eilte auf ihn zu und hielt ihn zurück. „Mein guter, mein theurer Vater,“ rief der junge Mann mit einer Thräne in den Augen,„umarmen Sie mich, und Alles iſt vorbei.“. Sie fielen einander in die Arme. „Bei meiner Treue,“ ſprach der Geſandte,„ich bin entzückt, daß ſich die Dinge auf dieſe Art entwickelt haben. Ich hege eine ſo aufrichtige Zuneigung und Achtung für Lotha⸗ rio, daß ich wohl hoffte, es walte hier ein entſetzliches Miß⸗ verſtändniß ob, welches man am Ende entdecken werde. Ich bin ſehr glücklich, zu ſehen, daß ich mich nicht getäuſcht.“ Der Graf von Eberbach drückte dem Geſandten die Hand. „Nun!“ ſagte er,„wenn Sie Lothario ein wenig lieben, ich habe Sie um etwas für ihn und für mich zu bitten.“ „Sprechen Sie,“ erwiederte der Geſandte;„ich bin ganz zu Ihren Dienſten.“ „Aus den gewichtigſten Gründen,“ ſagte Julius,„iſt es nothwendig, daß Lothario auf einige Zeit verſchwindet. Er ſolite noch heute Abend oder morgen nach dem Havre zurückkehren, wegen der Abfahrt der deutſchen Auswanderer und um die letzten Inſtructionen dem Abgeordneten zu geben, der ſie begleitet. Nun denn! Lothariv bittet, die Stelle vieſes Abgeordneten einnehmen und die Auswan⸗ derer ſelbſt begleiten zu dürfen.“ „Wenn er es durchaus wünſcht, und wenn es unum⸗ gänglich nothwendig iſt,. erwiederte der Geſandte. „Ja,“ ſprach der Graf von Eberbach;„auf dieſe Art wird er für die Zeit, die ich brauche, verſchwindenz — er hat ſich bei ſeinem Eintritt in das Geſandtſchaftshotel verborgen, und Niemand hat ihn geſehen; er wird ſich beim Weggehen verbergen. Niemand wird ihn ſeit dieſem Morgen geſehen haben⸗ In drei Monaten iſt er wieder zurück, na mir erlaubt hat, zu thun, was ich thun muß.“ „Abgemacht alſo!“ chdem er ſeinem Lande einen Dienſt geleiſtet und . 8— ie bin 37 „Er wird unter einem andern Namen reiſen, nicht wahr? damit ihn Niemand im Havre anzeigen kann.“ „Ich werde ihm einen Paß unter dem Namen, der ihm beliebt, geben.“ „Ich danke, Graf,“ ſprach Julius.„Und nun, Lo⸗ thario, reiſe ſogleich ab. Eine Minute kann Alles gefähr⸗ den. Nimm Abſchied von Seiner Excellenz und umarme mi Und während er Lothario umarmte, ſagte Julius leiſe: „Umarme mich auch für Friedrike, für Deine Frau.“ Rachevorbereitungen von Julius. Chriſtiane war glücklich, und dennoch hatten zwei andere Schmerzen ſich des Platzes ihrer alten Schmerzen bemächtigt. Julius war allerdings ſehr gut und ſehr edelmüthig in ſeiner erſten Freude über die Rückkehr von Chriſtiane geweſen; wie beurtheilte er aber im Grunde die Vergangenheit? Er hatte mit Eifer die Erklärungen von Lothario aufgenommen und ihm eine glänzende Genug⸗ thuung gegeben; was waren aber nun ſeine Abſichten für die Zukunft? Das waren für ſie zwei ſchwarze Wolken an einem reinen Himmel. Am andern Tage nach der Abreiſe von Lothario ver⸗ langte Julius, nachdem er ſich von Samuel unter dem Vorwand, er bedürfe der Ruhe, frei gemacht hatte, ſeinen Wagen und eilte zu derjenigen, welche ſich noch für Alle Olympia nannte, die aber für ihn nur Chriſtiane hieß. Sie erwartete Julius und empfing ihn mit einem — 38 ſanften und ſchwermüthigen Lächeln. Julius bemerkte ſo⸗ gleich ihre Befangenheit: ein anderes Zeichen der Liebe. zu ihr. Sie ſchüttelte den Kopf. „Du ſollſt nicht traurig ſein,“ rief er.„Warum biſt Du traurig? ſprich.“ „Ach! aus vielen Gründen.“ „Nenne ſie.“ „Errathen Sie dieſelben, Julius; denn ich, ich habe nicht den Muth, ſie Ihnen zu ſagen. Doch ſie ſ zu leicht zu errathen.“ „Iſt es abermals wegen der Vergangenheit 2 „Vor Allem wegen der Vergangenheit.“ Julius nahm die Hände ſeiner Frau und ſagte zu ihr; „Chriſtiane, es gibt nur ein Weſen auf der Welt, das berechtigt iſt, Sie zu richten, das bin ich. Wohl denn, ich, Ihr Gatte, ich ſpreche Sie frei, und ich liebe Sie, und ich ſage Ihnen, daß Sie das reinſie und edelſte Geſchöpf ſind, welches ich je getroffen, und ich erkläre, daß Ihr Fehler einer von denjenigen iſt, für welche die Heiligen ihre Tugenden gf würden.“ „Sie ſind gut,“ erwiederte Chriſtiane bewegt und dankbar.„Das iſt es aber nicht allein, was Sie mir zu verzeihen haben.“ „Sie ſprechen davon, daß Sie ſiebzehn Jahre das Geheimniß bewahrt und mich in der Einſamkeit gelaſſen haben. So hören Sie; auch hierin, Chriſtiane, iſt Alles aufs Beſte geweſen. Ja, dieſer Irrthum, der Sie von mir entfernt hat, unter dem Vorwande von falſchen Leiden⸗ ſchaften, auf welche Sie mit Unrecht eiferſüchtig geweſen, und die nichts Anderes waren, als die Verzweiflung mei⸗ ner Liebe für Sie, dieſer Irrthum, ſo grauſam für uns Beide, war vielleicht eine Wohlthat Gottes. „Oh! beweiſen Sie mir das,“ unterhrach ihn öze⸗ ſtlane,„denn mein wahrer Gewiſſensbiß iſt der Gedanke, „Sie ſehen traurig aus, meine Chriſtiane,“ ie er um abe zu ihr: elt, zohl iebe elſte äre, die und r zu das aſſen llles von den⸗ en, mei⸗ 3 4 hri⸗ nke, 39 vaß Sie ſich nach mir zurückſehnten, und daß ich nicht gekommen bin, daß ich Sie den leeren Vergnügungen, den geräuſchvollen Zerſtreuungen, allen Flammen überlaſſen habe, welche ſo viel Aſche im Herzen machen. Ah! war⸗ um habe ich nicht gehört, vaß Sie mich riefen, und war⸗ um bin ich nicht herbeigeeilt?“ „Wären Sie herbeigeeilt, und Sie hätten mir damals geſagt, was Sie mir geſtern enthüllt haben, bedenken Sie, was geſchehen wäre. „Ich hätte mich mit Samuel geſchlagen⸗ Der beſte Fall für mich wäre geweſen, vaß er mich getödtet hätte: vann wäre mir wenigſtens Ruhe geworden; aber Sie, welches Leben hätten Sie, meinen Tod Ihren andern Schmer⸗ zen beifügend, gehabt? Sie hätten ſich angeklagt, Sie hätten es ſich zum Vorwurf gemacht, daß Sie mit mir geſprochen, Sie hätten ſich als die wahre Urſache meines vergoſſenen Blutes betrachtet. Und nehmen Sie an, daß ich, ſtatt zu ſterben, Samuel getödtet hätte! Welche Eriſtenz würden wir dann Beide, unabläßig zwiſchen uns jene unſelige Nacht ſehend, gehabt haben? „Heute ſpreche ich Sie frei, und ich ſegne Sie, weil das Herrannahen des Todes in mir die Leidenſchaft aus⸗ löſcht und meine Seele heiter und rein macht. Ich ur⸗ theile mit kaltem Blute, und es kommt mir ebenſo wenig in den Sinn, Ihnen ein Unglück vorzuwerfen, das Sie ausgeſtanden haben, als ich einem armen Opfer den Pi⸗ ſtolenſchuß vorwerfen würde, den ein Mörder, das Gewehr auf ſeine Bruſt haltend, nach ihm thut. „Aber bedenken Sie, vor achtzehn Jahren, in der ganzen Gluth des Alters und in der ganzen Eiferſucht der Liebe, hätte ich nicht mit dieſer Ruhe geurtheilt, ich hätte nicht beachtet, ob es Ihre Schuld war oder nicht war; das Blut des Zorns wäre mir zu Geſichte geſtiegen, und ich hätte Ihnen gegrollt wegen eines Unglücks, unter dem Sie ohne Zweifel mehr gelitten haben würden, als ich. „Ich wäre unglücklich geweſen, und ich hätte Sie un⸗ 40 glücklich gemacht. Und ſelbſt, wenn ich die Stärke gehabt hätte, vor Ihnen zu verbergen, was ich gefühlt, in wel⸗ cher peinlichen Verlegenheit wären Sie nicht mir gegen⸗ über geweſen? Wie hätten Sie meine unabläßig auf den Flecken Ihrer Ehre gehefteten Augen ertragen— ein allerdings unfreiwilliger Flecken, aber was thut das zur Sache? Welche Liebe wäre die unſere in dieſer falſchen Stellung geweſen?— ich ein bitteres Gefühl verbergend, Sie unſchuldig und befleckt? „Ach! tröſten Sie ſich, Chriſtiane, freuen Sie ſich, daß Sie uns dieſe Holle nicht gemacht... ſtatt daß jetzt die Zeit, das Leiden und die Ausſchweifung in mir die Eitelkeit und die Eiferſucht abgeſtumpft haben. „Und Sie haben der Schmerz, die Aufopferung und die Verklärung durch die Kunſt erſchöpft und geheiligt. „Wir konnten uns alſo einander gegenüber wieder⸗ ſinden, ohne daß ich ungerecht bin, und ohne daß Sie zu erröthen haben. Sie ſehen wohl, daß Sie ſich nicht zu tadeln brauchen, weil Sie unſere Trennung verlängert, und weit entfernt, mich beleidigt zu fühlen, danke ich Ihnen im Gegentheil hiefür.“ „Oh! es iſt an mir, Ihnen zu danken,“ rief Chri⸗ ſtiane, Julius die Hände drückend.„Ich bin tief gerührt von Ihren guten Worten. „Sie koͤnnten mir aus der Vergangenheit einen Ge⸗ wiſſensbiß machen, Sie machen mir ein Verdienſt daraus! Dank! Dank!“ Und dennoch fand Julius Chriſtiane am andern Tag ganz traurig. Da die Vergangenheit bereinigt war, ſo laſtete nun die Zukunft auf ihr mit allen ihren Zweifeln und allen ihren Finſterniſſen. Julius fragte abermals mit Beſorgniß. „Ach! mein Julius,“ antwortete ſie,„ich kann mich nicht enthalten, zu träumen. Sie ſind gut und liebevoll geweſen wie Gott. Aber leider zernichtet man die Ver⸗ gangenheit nicht, indem man ſie von der Schuld frei⸗ abt vel⸗ en⸗ den ein zur chen end, jetzt die und der⸗ zu zu ert, ri⸗ hrt us! Lag feln ich oll er⸗ rei⸗ 41¹ ſpricht. Die Vergangenheit hält uns noch feſt und wird uns nicht loslaſſen. Hätte ich vor achtzehn Jahren ge⸗ ſprochen, ſo würden Sie ſich mit Samuel Gelb geſchlagen haben, und unſer Leben wäre ein unglückliches geweſen. Hätte ich aber vor einem Jahre geſprochen, ſo würden Sie Friedrike nicht geheirathet haben, und wir könnten gluͤcklich ſein.“ Julius neigte das Haupt, ohne zu antworten. „Ja,“ fuhr ſie fort,„das hat mein Stillſchweigen zur Folge gehabt. Dieſe zwei armen Kinder, die ſich lieben, find getrennt...“ „Nicht auf lange Zeit,“ murmelte der Graf von Eberbach. Doch Chriſtiane hörte ihn nicht. „Und Sie,“ fuhr ſie fort,„find der Mann von zwei Frauen.“ „Ich habe nur eine und habe immer nur eine gehabt vor Gott.“ „Ja, aber vor dem Geſetz? Und um uns zu ſehen, find wir genöthigt, uns zu verbergen. Wüßte man, Sie kommen hierher, ſo würde mich Jedermann Ihre Gellebte nennen, und Friedrike würde glauben, ich nehme ihre Stelle ein, während ſie die meinige einnimmt! In dieſe Lage find wir gerathen. Und das iſt eine Lage ohne Aus⸗ gang.“ „Sie täuſchen ſich, Chriſtiane, es gibt einen Ausgang.“ „Es gibt einen Ausgang? Welchen?“ fragte Chri⸗ ſtiane bebend. „Einen nahen Ausgang, den wir Beide mit Feſtig⸗ keit, beinahe mit Freude betrachten müſſen. „Ich habe, ohne Wiſſen von Samuel, die Aerzte befragt. Sie haben mir ſeine Verheißungen beſtätigt. Beruhigen Sie ſich, die Verlegenheit, in der wir uns befinden, wird bald aufhören; es bleibt mir nur noch kurze Zeit zu leben.“ Chriſtiane zitterte an allen Gliedern. „So beruhigen Sie mich!“ ſprach ſie. Und ſie ſchlug zu ihm mit Augen in Thränen geba⸗ vet einen Blick des Vorwurfs und des Schmerzes auf. „Oh!“ rief er,„uun kann ich ſterben, denn ich werde glücklich, beklagt, geliebt ſterben; denn ich werde nicht ſterben, ohne verziehen zu haben, und,“ fügte er leiſer bei,„ohne geſtraft zu haben.“ „Ahl das iſt es, was ich befürchtete; Sie wollen Samuel Gelb beſtrafen, nicht wahr?“ fragte ſie. „Oh! ja,“ antwortete er.„Ich habe das noch auf der Welt zu thun. Ich bin feſt überzeugt, Gott wird mich nicht abberufen, ehe dieſe Sendung vollbracht iſt.“ „Julius,“ rief Chriſtiane,„laſſen Sie ſich nicht mit bieſem Elenden ein. Julius, enifernen Sie ſich von ihm, fliehen Sie ihn und ſtellen Sie der Vorſehung die Sorge, ihn zu züchtigen, anheim. Glauben Sie an die göttliche Gerechtigkeit, der Schändliche wird ſeiner Strafe nicht entgehen. Er wird an ſeinen Verbrechen ſterben, wie die Viper an ihrem Gifte.“ „Dringen Sie nicht in mich, Chriſtiane,“ ſprach Ju⸗ lius ernſt und ruhig.„Mein Entſchluß iſt gefaßt. Ich muß ſterben, und mein Tod ſoll zu etwas nütze ſein.“ „Ich bitte Sie, ſagen Sie das nicht. Sie ſollen nicht ſterben!“ rief Chriſtiane, die Augen voll Thränen. „Betrübe Dich nicht, mein armes, theures, wiederge⸗ fundenes Weib,“ erwiederte Julius gerührt;„ſiehſt Du, vie Aerzte haben mir nicht verborgen, daß es kein Mittel mehr gibt.“ „Doch! es gibt ein Mittel! ich bin es. Sie wuß⸗ ten nicht, daß ich exiſtirte und daß ich wiederkommen würde.“ „Zu ſpät. Mein Leben iſt erſchöpft, und ich fühle wohl, daß mir höchſtens die Zeit und die Kraft bleiben, Euch Alle zu retten. Bin ich entfernt, ſo wird Alles in die Ordnung zurückkehren. Friedrike und Lothario wer⸗ den ſich heirathen.“ 43 „Sie werden nicht mehr da ſein, um ſie gegen Sa⸗ muel zu ſchützen.“ „Samuel wird nichts gegen ſie vermögen, dafür ſtehe ich Dir. „Und für Dich wird die ſeltſame Fatalität Deiner Lage verſchwinden. Du wirſt nicht mehr die Frau eines Mannes von einer Andern ſein. Du ſiehſt wohl, daß dies der einzige Ausweg iſt, der uns Allen bleibt.“ „Es gibt andere,“ entgegnete Chriſtiane. „Zeige mir einen.“ „Wir koͤnnen Beide Paris verlaſſen, verſchwinden, unſere zwei Eriſtenzen in einem Winkel der Neuen Welt verbergen und Friederike und Lothario ihrer Liebe über⸗ laſſen.“ „Und dem Haſſe von Samuel! Was würde aus ihnen, die ſo jung und ſo rein, in den Händen dieſes Eeufels werden? Ueberdies könnten ſie ſich, wenn ich lebte, nicht heirathen. Was würden ſie dabei gewinnen?“ „Es gibt die Scheidung. Die Religion und das Geſetz unſeres Landes geſtatten ſie.“ „Die Scheidung? Ja, ich habe mehr als einmal daran gedacht, als mein Stolz auf Lothario eiferſüchtig war. Aber die Scheidung geſtattend, haben ſie unſer Geſetz und unſere Religion mit Hinderniſſen umgeben. Welchen Grund würde ich anführen? Die Wahrheit ge⸗ ſtehen? Das hieße Dich entehren. „Und dann, was würde man ſagen, ſähe man Lo⸗ thario die geſchiedene Frau ſeines Bheims heirathen 2 Würde man nicht vermuthen, wenn ich mich von ihr ge⸗ trennt, habe ich eine Urſache gehabt, und dieſe Urſache ſei dieſelbe, die Lothario ſie zu heirathen veranlaßt? Würde man nicht ſagen, ehe ſie ſeine Frau geworden, ſei ſie ſeine Geliebte geweſen? Du ſiehſt, daß die Scheidung unmög⸗ lich iſt, und daß wir, unter dem Vorwande, dieſe Kinder eic zu machen, nur ihr Unglück herbeiführen ürden. 44 „Du ſollſt nicht ſterben!“ ſagte ſtatt jeder Antwort Chriſtiane. „Das iſt nicht in Frage,“ erwiederte Julius mit ſanftem Tone.„Meine theure Seele, gewohne Dich an den Gedanken, daß ich verurtheilt bin, und daß nichts in der Welt mein Leben verlängern kann. „Es handelt ſich hier nicht um Selbſtmord, ich töbte mich nicht, ich ſterbe. Verlange alſo nicht etwas von mir, was nicht in meiner Gewalt liegt. Wenn ich mich auch nicht fügen würde, wenn ich mich gegen die Noth⸗ wendigkeit, die mich bedrängt, empörte, wenn ich ſogar ſeig und niederträchtig wäre, das würde nicht eine Stunde denjenigen, welche mir gezählt ſind, beifügen. Es hängt nicht von mir ab, mein Ende hinauszuſchieben. Ich habe den Tod weder anzunehmen, noch auszuſchlagen, ſondern nur anzuwenden. „Nun denn! ſobald es nothwendig und unvermeiblich iſt, daß ich endige, kannſt Du Dich ſelbſt dem nicht wi⸗ derſetzen, daß ich wenigſtens auf diejenige Art endige, welche die nützlichſte ſein wird. Aendere nichts an den Worten der Frage: ich werde ſterben, das iſt ein beſchloſſener Punkt, wie? Alles läuft hierin zuſammen.“ Julius ſprach mit einer ſolchen Entſchiedenheit und Sicherheit, daß Chriſtiane wohl fühlte, jede Einwendung wäre vergebens, und nur noch mit ihren Thränen ant⸗ wortete.* Julius fuhr fort: „Mein Plan iſt in meinem Kopfe feſtgeſtellt. Ich werde Euch Alle retten und dann ohne Bangigkeit ent⸗ ſchlummern. Ich werde Euch mit mir zufrieden zurücklaſ⸗ ſen, das ſollt Ihr ſehen. „Ah! meine wiedererweckte Zärtlichkeit, ich habe ſo lange ein unnützes und leeres Leben hingeſchleppt; wolle mir nicht die ungeheure Freude rauben, es nützlich zu endigen. Mich, der ich immer nur Unglückliche gemacht habe, mit mir anzufangen, laß Glückliche in den paat wort mit h an ts in tödte von mich koth⸗ ogar unde ängt habe dern vlich wi⸗ elche rten ener und ung ant⸗ ent⸗ laſ⸗ ſ olle zu acht aar 45⁵ Minuten machen, die mir bleiben! Wenn Du wüßteſt, wie mein Herz und mein Leben ſeit achtzehn Jahren hohl geklungen haben; laß mich zwei Herzen füllen, in denen ich mich überleben, in denen ich mehr leben werde, als ich je in mir ſelbſt gelebt habe. „Du nennſt das meinen Tod? Als ich in Wien war, als ich mich in unfruchtbaren Zerſtreuungen erſchöpfte, als ich meine Seele mit allen Tumulten meiner Sinne betäubte, als ich unter den Füßen der Vorübergehenden meine Liebſchaften von einer Nacht und meine gemeinen Seandale ausſtreute, damals war ich wirklich begraben und todt im Kothe der Orgie.. während meine Seele in der Reinheit und in der Dankbarkeit der zwei ſchönen Kinder, die ich gerettet und vermählt habe, leben wird! Chriſtiane! ich beſchwöre Dich bei der Liebe, die Du mir bewahrt haſt, mißgönne mir nicht dieſe Auferſtehung unſerer Vergangenheit in ihrer Zukunft.“ „Gut, es ſei!“ ſprach ſie.„Doch laß uns mit ein⸗ ander von hinnen gehen.“ „Nein,“ erwiederte Julius,„Du biſt nicht durch die Aerzte verurtheilt. Du mußt hier bleiben, einmal für Gott, der Dich noch nicht abberuft, und dann für mich, damit ich in einem Herzen mehr lebe.“ Sie ſchwieg entmuthigt in ihrer letzten Hoffnung. Er fuhr fort; „Chriſtiane, es iſt ein Todter, der mit Dir ſpricht, und Du mußt mir gehorchen, als ob Du meinem Teſta⸗ mente gehorchteſt.“ „Was ſoll ich thun?“ fragte ſie. „Chriſtiane,“ erwiederte Julius mit ernſtem, beinahe feierlichem Tone,„Du haſt ſo eben geſagt, weil Du zu lange geſchwiegen, ſeien Friedrike und Lothario nun ge⸗ trennt. Wohl denn! es iſt alſo Deine Aufgabe, an ihrer Wiederbereinigung zu arbeiten, und ſtatt Dich dem, was ich zu dieſem Ende thun will, zu widerſetzen, mußt Du mir in meinem Vorhaben beiſtehen und meinen Plan un⸗ 1 1 terſtützen, welcher es auch ſein mag. Machen wir das Uebel wieder gut, das wir verurſacht haben, und wenn wir hernach leiden, ſo werden wir unſere Pflicht gethan haben.“ „Ich bin bereit,“ ſprach ſie ergeben. „Höre, was Du thun mußt. Frievrike iſt in Eber⸗ bach. Du wirſt dahin gehen, Du wirſt ſie nach Paris insgeheim zurückführen, damit Samuel nichts vermuthet. Sie muß bange haben, Du wirſt ſie beruhigen. Hier wirſt Du ſie bei Dir behalten, ſie beſchützen, Du wirſt ihre Mutter ſein. Niemand wird erfahren, daß Du hier biſt und daß ſie bei Dir iſt. Ich werde mittlerweile mein Werk verfolgen.“ „Welches Werk?“ „Befrage mich nicht.“ „Oh!“ rief ſie,„es iſt alſo etwas Gräßliches, daß— Sie es mir nicht zu fagen wagen, mir, die ich Ihnen ſo entſetzliche Dinge geſagt habe!“ 4 „Die erſte Bevingung, daß es mir gelingt, iſt ein vollkommenes Geheimniß. Wenn die Wände vermutheten, was ich thun will, Alles würde ſcheitern. Samuel muß in eine tiefe Ruhe verſinken, er darf nichts argwöhnen, er muß mich von ihm bethört glauben, wie früher. „Von dem, was ich thun will, ſpreche ich nicht mit mir ſelbſt, ich ſuche nicht daran zu denken, aus Furcht, der Schatten davon konnte auf mein Geſicht treten. Iſt der Augenblick da, ſo wird das plötzlich aus meinem Her⸗ zen hervorkommen, wie ein Löwe aus ſeiner Höhle. Und wehe dem, der ſich an der Gurgel gepackt fühlen wird.“ Der Graf von Eberbach hielt inne, als bereute er, ſchon zu viel geſagt zu haben. „Es genüge Dir, zu wiſſen, daß mein Werk doppelt iſt,“ ſagte er dann.„Ich werde meiner Familie und meinem Vaterlande dienen. Dieſen erhabenen Troſt, ſol⸗ che Ziele mit meinen ſchon kalten Händen zu berühren, 1 würdeſt Du, die mich liebt, mir ihn rauben wollen 2 Sei groß, ſei verſtändig, ſei über den elenden Rückſichten, hie das das wir en.“ ber⸗ zaris thet. Hier wirſt hier veile daß hnen ein eten, muß nen, mit rcht, Her⸗ Und tv. er pelt und ſol⸗ ren, Sei das 47 Leben der Seele vorziehen, gib mir Deine Einwilligung. Sage mir, daß Du mir zu ſterben erlaubſt, und daß Du mir zu leben verſprichſt.“ „Ich verſpreche Ihnen, mich nicht ums Leben zu bringen,erwiederte Chriſtiane,„aber ich verſpreche Ihnen nicht, nicht zu ſterben.“ Wo ſich Gamba ohne Zwang gegen die Geiſter zeigt. Wir haben Gretchen ſtumm von einem religiöſen Schrecken vor der Erſcheinung von Chriſtiane beim Höllen⸗ loch geloſſen. Der Gewohnheit der abergläubiſchen Ideen der Zie⸗ genhirten, die Abenddämmerung, welche eben ſo viel Unbe⸗ ſtimmtes, eben ſo viel Schatten in die Seelen, als in die Dinge bringt, der Ort, wo Chriſtiane ſich in die Tiefe geſtürzt hatte, Alles dies verſetzte den Geiſt der Ziegenhirtin in eine ſeltſame Verwirrung. Sie hatte offenbar vas Geſpenſt von Chriſtiane vor ſich. Sie hatte es heraufbeſchworen, es war gekommen. Gretchen war zugleich erſchrocken und freudig. Unter dem ungeheuren Schrecken, den ihr vieſes plötz⸗ liche Zuſammenſein mit dem Geheimniß des Todes ver⸗ urſachte, empfand ſie ein tiefes Entzücken, da ſie nach einer ſo gewaltſamen, ſo ungeſtümen Trennung das milde, zärtliche Geſchöpf, dem ſie ſich ergeben, ihre theure Gebieterin, ihre höhere Schweſter wiederfand. Die Stimme von Chriſtiane ſprach: „Stehe auf, mein Greichen, und komm zu Deiner Hütte, wo Dir Alles geoffenbart werden wird.“ Die Ziegenhirtin ſtand auf, ohne ein Wort zu er⸗ wiedern. Die Aufregung verhinderte ſie, zu athmen, und um ſo viel mehr, zu ſprechen. Wozu ſollten übrigens Worte nützen? Die Geiſter begreifen ſehr gut, was man in der Seele hat, ohne daß man es ihnen ſagt.„ Sie wandte ſich nach ihrer Hütte, gefolgt von Chri⸗ ſtiane. eit Sie begegneten Niemand auf dem Wege, weder einem tre Holzhauer von Landeck, noch einer Kuhhirtin, die ihr Vieh nach Hauſe trieb, noch einem Diener des Schloſſes, der all von der Beſorgung eines Auftrags im Flecken zurückkam. Ohne Zweifel bediente ſich das Geſpenſt ſeiner über⸗ La natürlichen Macht, um die Augen den Menſchen fern zu S halten. we Aber Gretchen ſah ſich genöthigt, dieſe Deutung zu die ändern, als ſie an ihre Thüre kam. Auf der Schwelle ihrer Hütte war eine Erſcheinung des von einem Menſchen mit gekreuzten Beinen gekauert. zu Gretchen erwartete, wenn er diejenige, welche ihr folgte, erblickte, würde dieſer Menſch voll Schrecken ent⸗ ſtia fliehen. geh Nicht im Geringſten. Als ſie Gretchen und den Schatten von Chriſtiane näher kommen ſah, ſtand die Er⸗ ſcheinung von einem Menſchen auf und ging ihnen ſehr ruhig entgegen. Gretchen erkannte Gamba. kan „Guten Tag, Gretchen,“ ſagte Gamba, Freude im das Geſicht;„guten Tag, meine theure, geliebte Baſe.“ unb Und er reichte ihr die Hand. aus Gretchen zog die ihrige zurück, ganz geärgert durch meh dieſe irdiſche Vertraulichkeit vor derjenigen, welche aus Frer dem Grabe kam. Mit einer ernſten Geberde deutete ſie nich auf Chriſtiane. das Gamba ſchaute nach der Seite, die ihm die Ziegen genl er⸗ um orte nin hri⸗ inem Vieh „der kam. iber⸗ nzu 9 zu nung ihr ent⸗ den Er⸗ ſehr e im urch aus e ſie gen⸗ 49 hirtin bezeichnete, ſah aber durchaus nicht ergriffen aus und wandte ſich wieder zu Gretchen um. „Nun?“ ſagte er. „Sieht er ſie nicht?“ fragte ſich Gretchen. „Im Ganzen iſt das ganz einfach,“ dachte ſie;„ſte wird ſich nur für mich ſichtbar gemacht haben.“ Sie öffnete die Thüre, verneigte ſich, immer ohne ein Wort zu ſagen, und wartete, daß das Geſpenſt ein⸗ trete Chriſtiane trat in die Hütte ein, Gamba ſtürzte ohne alle Umſtände nach. Gretchen trat ebenfalls ein. Sie zündete weder Lampe, noch Licht an, als dächte ſie inſtinktartig, dieſe Scene dürfe nicht durch ein künſtliches Licht beleuchtet werden, und die elende menſchliche Helle beleidige die an die göttlichen Strahlungen gewöhnten Augen der Todten. Sie ließ nur die Thüre offen, um dem letzten Scheine des Tages und dem erſten Schimmer der Nacht Eingang zu gewähren. Gamba hatte ſich auf einen Schemel geſetzt. Chri⸗ ſtiane hieß Gretchen durch ein Zeichen ſitzen. Gretchen gehorchte. Chriſtiane hlieb ſtehen. Es herrſchte einen Augenblick tiefe Stille. Chriſtiane brach ſie. „Sprich, Gamba,“ ſagte ſie. Gretchen war erſtaunt. Daß die Todte Gamba kannte, darüber durfte man ſich nicht wundern, der Tob, das iſt das Unendliche. Daß aber Gamba nicht von dieſer unbekannten Stimme beängſtigt wurde, welche plötzlich aus der Tiefe des Grabes zu ihm aufſtieg, daß er nicht mehr darüber erſtaunt ſchien, als über die Stimme eines reundes, der mit ihm geſprochen haben würde, daß er nicht bis in das Mark ſeiner Knochen geſchauert hatte, das war es, was den armen ſchwankenden Geiſt der Zie⸗ genhirtin verblüffte. Gott lenkt. 1v. 4 50 Doch ſie erklärte ſich dieſe Kaltblütigkeit von Gamba durch den Willen und die Allmacht der Todten. Sie horchte gierig, das Ohr gegen Gamba geſpannt und er⸗ ſchrockene Augen auf Chriſtiane heftend. „Endlich!“ rief Gamba,„ich kann ſprechen! Hal welch ein Glück! Es iſt ſchon ſo lange, daß ich an zu⸗ rückgetretenen Worten ſterbe. Iſt es aber auch wenigſtens völlig Ernſt? Du wirſt mich nicht bei den erſten Sylben zurückhalten?“ fragte er Chriſtiane anſchauend. „Er dutzt fie!“ dachte Gretchen. „Sei unbeſorgt,“ erwiederte Chriſtiane,„der Dag, Alles zu ſagen, iſt gekommen.“ Lie Erzählung von Gawba. Gamba ſprach alſo und er ſprach wie folgt: „O mein liebes Gretchen, ich habe Euch einen Theil meiner Geſchichte erzählt. Ich bin Euer Vetter, was mein Glück iſt; ich bin Zigeuner, was mein Ruhm iſt. Wenn Ihr aber glaubt, es gebe nur dieſes in meiner Eriſtenz, was Euch intereſſire, ſo täuſcht Ihr Euch mäch⸗ tig. Ich habe in meiner Vergangenheit eine Menge von Dingen, die Euch vielfach berühren. Ihr werdet ſehen, daß wir Beide vorherheſtimmt waren, und daß Ihr mir viel mehr Zuneigung als einem Vetter ſchuldig 3 ſeid. Es iſt etwas Großes um einen Vetter! Ich be⸗ bin ſehr damit zufrieden, könnte es aber auch entbehren „Ich habe etwas Anderes, was dieſes Verhältniß auf eine ſehr vortheilhafte Art erſetzen würde. 3 kümmere mich viel darum, daß ich Euer Vetter bin! 5 mba Sie er⸗ Ha! zu⸗ ſtens ben Lag, 5¹ Höret. „Ihr müßt wiſſen, daß ich immer zwei Hauptmanien gehabt habe: die, unmögliche Sprünge zu machen, und die, verbotene Lieder zu ſingen; was ungefähr auf daſſelbe herauskommt; denn die Sprünge führen dazu, daß man ſich den Hals bricht, und die Lieder, daß man ehenkt wird. „Im Jahre 1813 nun, das iſt vor ſiebzehn Jahren, befand ich mich in Mainz. Warum hatte mich die Wuth, die Welt zu durchlaufen, mein theures Italien zu verlaſſen bewogen? „Wenn ich es aber nicht verlaſſen hätte, wäre mir nicht begegnet, was mir begegnet iſt, und da das, was mir begegnet iſt, gemacht hat, daß ich Euch kennen lernte, ſo würde ich Euch nicht kennen. Ich habe folglich Recht gehabt, Italien zu verlaſſen, ein Lied gegen Napoleon zu ſingen und es dahin zu hringen, daß man mich in der Citadelle einſperrte. Ich verzeihe mir. „Ich laſſe es mir alſo einfallen, eine Strophe gegen den Kaiſer von Frankreich zu ſingen. Ich ſage eine Strophe; das Lied hatte fünfundzwanzig, aber ich ſing gerade den Refrain des erſten an, als ich zwei kräftige Hände ſich auf meinen Rockkragen legen und mich raſch nach der Citadelle fortziehen fühlte. „Die Citadelle öffnete ihren Rachen und ſchloß ihn wieder. Ich war verſchlungen. „Uebrigens eine ſchöne Citadelle. Ich liebe die Dinge, welche find, was ſie ſein wollen. Dieſes wollte eine Ci⸗ tadelle ſein, und das gelang vortrefflich. Gitter an den Fenſtern, das verſteht ſich von ſelbſt, und unter den Fen⸗ ſtern ein zwölf Fuß breiter Graben; doch das war nur ein milder Umſtand. „Jenſeits des Grabens fingen die Feſtungswerke an. Drei Reihen ungeheurer mit Raſen bewachſener Erder⸗ höhungen, auf jeder Etage eine Schildwache, und nach der letzten Ethöhung ein weiterer Graben von fünfund⸗ zwanzig Fuß. „Im Ganzen zwei Gräben und drei Etagen. Das heißt; um zu entweichen, brauchte man drei Entwei⸗ chungen. „Weder die Zahl, noch die Höhe der Etagen konnte mich erſchrecken. Die Flucht war unmöglich für Jeden, der keine Flügel hatte. „Aber ich hatte. 3 „Ich habe das ſpecifiſche Gewicht eines Menſchen immer für ein Vorurtheil und ein Ammenmährchen ge⸗ halten. „Sobald ich mir gründlich dargethan hatte, ein Menſch könne nicht an das Entweichen denken, wenn er nicht Angſt habe, ſich die Lenden zu brechen, dachte ich nur noch an meine Flucht. Ich blide mir nämlich ein, kein Menſch zu ſein, wie ich Euch ſchon geſagt habe. Findet mich ſo eitel, als Ihr wollt, ich habe die Eigenliebe, mich für eine Ziege zu halten. „Ich bedaure, geſtehen zu müſſen, daß meine Flucht auf die allergewöhnlichſte und verbrauchteſte Art begann. Ich brachte acht Tage damit zu, daß ich eine Gitterſtange! an meinem Fenſter losmachte. „Bis dahin war nichts, worauf ich ſtolz ſein konnte, ich geſtehe es. Ein Menſch hätte ebenſo viel gethan. „Doch wartet. „Nachdem die Stange losgemacht war, ließ ich den Abend kommen. Als es nicht mehr Tag und noch nicht Nacht war, denn ich brauchte ſelbſt ein wenig zu ſehen, ſagte ich zu mir: „„Auf, mein lieber Gamba! es handelt ſich darum, zu erfahren, ob Du, der Du die Eitelkeit haſt, Dich für eine Intelligenz zu halten, für ein Geſchöpf, das denkt, für einen Geiſt, zu thun im Stande ſein wirſt, was die geringſte Katze thut— ein kleines Thier ohne Geiſt und ohne Studien, wie man behaupten will! Und merke ten wa en Fol an Noe das ſpri fund⸗ Das twei⸗ onnte een, ſchen n ge⸗ ein in er nr kein indet mich lucht zann. ange nnte, den nicht ehen, rum, für enkt, was eiſt erke 53 wohl,““ fügte ich bei, um mich zu ermuthigen,„merke, daß eine Katze, die ſich ganz und gar nicht genirt, von einem vierten Stock auf das Pflaſter zu ſpringen, vier Pfoten hat, während Du nur zwei haſt, was um die Hälfte die Chance, die viere zu brechen, vermindert.““ „Als ich dieſe ernſte und beredte Ermahnung an mich gerichtet hatte, ſtieg ich behende auf den Rand mei⸗ nes Fenſters, riß raſch die Gitterftange heraus, nohm ohne der erſien Schildwache Zeit zu laſſen, mich zu ſehen, einen Anſatz und ſprang über den erſten Graben. „Bei dem Pfeifen, das mein raſcher Flug durch die Luft verurſachte, wandte ſich die Schildwache plötzlich umz aber ich hatte ſchon die erſte Böſchung überſtiegen, und mehr um ihren Kameraden aufmerkſam zu machen, als in der leeren Hoffnung, mich zu treffen, feuerte ſie in der Richtung von mir einen kindiſchen Flintenſchuß ab. „Muß ich Euch ſagen, daß in dem Augenblick, wo ich über die zweite Böſchung ſprang, die Schildwache der zweiten Plattform gerade unter der Stelle, von der ich ſprang, vorüberging, ſo daß ich nur unmerklich die Rich⸗ tung meines Sprunges zu verändern hatte, um ihr un⸗ verſehens auf die Schultern zu fallen. „Ich vrückte dieſen armen Soldaten auf die Erbe, den Kolben ſeiner Flinte am Magen, und umfing ſo wüthend ſein Bajonett, daß die Zeitungen behaupten woll⸗ ten, er habe drei Zähne dabei eingebüßt. „Der Schuß ging los und hätte beinahe die Schild⸗ wache der dritten Plattform getödtet, die in dieſem Au⸗ genblick auf mich zielte und mich fehlte, ohne Zweifel in Folge der unwillkürlichen Erſchütterung, die bei ihr die an ihrem Ohr vorbeiſtreifende Kugel verurſachte. „Ich befand mich am Rande des zweiten Grabens. Noch dieſen Schritt, und ich war frei. Doch dies war das Schwierigſte. „Abgeſehen von den zwanzig Fuß, die ich zu über⸗ ſpringen hatte, war die letzte Schildwache, benachrichtigt 54 durch die Flintenſchüſſe der Andern, da, jenſeits des Gra⸗ bens, mit gefälltem Bajonett und bereit, mich zu ſpießen. Eine Perſpective ohne alle Annehmlichkeit. „Ich geſtehe Ihnen, vaß ich zuweilen Säbel ver⸗ ſchluckt habe, aber nie Bajonette, beſonders wenn die Flinte am Ende iſt. So iſt jede Erziehung unvollſtändig. Man glaubt ſeine Kunſt zu verſtehen, und man entveckt alle Tage, daß man die einfachſten Elemente nicht kennt. Man hat zehn Jahre ſeines Lebens mit Studiren, Arbeiten zu⸗ gebracht, man hat ſich in zahlloſen Uebungen kreuzlahm gemacht, und man bemerkt eines Morgens over eines Abends, daß man nicht im Stande iſt, ein elendes Ba⸗ jonett zu verſchlucken. „Doch damals ſtellte ich nicht alle dieſe Betrach⸗ tungen an. Es war weder zu überlegen, noch zurückzu⸗ weichen. Wenn man mich erwiſcht hätte, man würde mich in einen Kerker, in ein unterirdiſches Loch geſteckt und feſt angebunden haben, und ich wäre auf Lebenszeit verloren geweſen. „Ich ſagte mir:„„Sterben aus Mangel an Luft und Freiheit““, denn ſtellt Euch mich im Gefängniß vor, mich, den zum Menſchen gemachten Sprung, mich, der ich, wenn ich nicht mehr ſpringen und tanzen kann, mich als Thermometer verkaufen werde, ſo viel Queckſilber habe ich in den Adern! Ich ſagte mir alſo:„„Sterben in ewiger Gefangenſchaft oder auf der Stelle an einem Ba⸗ jonettſtich ſterben, der raſche Tod iſt mir lieber, ich werde weniger lange leiden.““ „Ich empfahl mich Gott und meinen Muskeln und ſtrengte alle meine Kräfte an, um über den Schlund zu ſetzen; ich verſuchte es nicht, dem Bajonett auszuweichen, ſondern warf mich im Gegentheil unmittelbar darauf. „Die Schildwache ließ mich kommen und lachte ſchon, daß ſie mich wie einen Ring beim Spiel auf Holz⸗ pferden auffangen werde. Als ich aber an ihr war, ſtreckte ich ungeſtüm die Hand aus, ich hatte das Glück, das Gra⸗ eßen. ver⸗ linte Man alle Man zu⸗ lahm eines Ba⸗ rach⸗ ckzu⸗ ürde ſteckt zeit Luft vor, der mich habe n in Ba⸗* ere und d zu hen, chte ol eckte das 55 Bajonett zu packen, und ſtieß es mit meiner ganzen Energie zurück. „Ich vermied den Stoß nicht ganz. Der Soldat hatte ein feſtes Fauſtgelenke, und ich fühlte das Bajonett in meine Haut eindringen. Aber der Stoß war abge⸗ glitſcht, und ich war ſo gewaltig auf das Bajonett ge⸗ fallen, daß es ſich gebogen hatte, und ſo kam ich mit einer Schramme davon. „Mit einer Geberde raſcher als der Blitz, unterſchiug ich ganz köſtlich der Schildwache ein Bein, daß ſie auf das weiche Gras rollte. „Als ſie wieder aufſtand, war ich hundert Schritte entfernt. Sie that einen traurigen Flintenſchuß, der einen Sperling auf einem Baum ungemein erſchreckte. „Ich, ich ſagte mir nur: das fängt an langweilig zu werden, ich kann keinen Schritt mehr machen, ohne daß man mich mit einer Menge von Salven beehrt. Genug, Soldaten! Ihr verſchwendet das Pulver Eures Kaiſers. „Wohlverſtanden, ich hielt dieſen Monolog, indeß ich behende meine Beine ſpielen ließ. Ich hörte hinter mir, während ich lief, die Schreie, die Appelle der Schildwachen, das Trommeln und den ganzen Lärmen, den eine ge⸗ demüthigte Citadelle machen kann. Doch bah! ich war ſchon fern. „Und ſo iſt ein muthiger und elaſtiſcher Menſch immer Herr ſeiner Freiheit!“ Hier machte Gamba eine Pauſe: er wollte ſich einen Augenblick an der Wirkung weiden, welche ſeine Beherzt⸗ Behendigkeit auf Gretchen hervorgebracht haben mußten. Doch die Ziegenhirtin wandte ihre Augen nicht von Chriſtiane ab. Für ſie lag das ganze Intereſſe in der plötzlichen Wiedererſcheinung von derjenigen, die ſie ſo ſehr geliebt und ſo ſehr heweint hatte. 56 Das Geſpenſt blieb mit geſchloſſenem Munde und leß Gamba ſprechen: ohne Zweifel ſollte dieſer, dem Willen der ſeltſamen Viſion gehorchend, das Geheimniß erklären, das Gretchen in Beſtürzung verſetzt hatte, und Gretchen wartete, um ſich für die Erzählung von Gamba zu in⸗ tereſſiren, daß der Name von Chriſtiane varin ausgeſpro⸗ chen würde. Chriſtiane ihrerſeits ließ Gamba in dieſem Fluſſe von Worten ſich ergießen umd ſeiner ganzen natirlichen Schwatzhaftigkeit ſich hingeben. Sie hatte von ihm ein ſo langes Stillſchweigen gefordert, daß ſie ihm eine Ent⸗ ſchädigung ſchuldig war. Es war das Wenigſte, daß ſie ihm füc fiebzehn Jahre der Stummheit eine Stunde unbeſchränkten Ge⸗ ſchwätzes geſtattete. Gamba fuhr fort: „Ich war aus dem Gefängniß, aber ich war nicht. aus Deutſchland. Ich konnte jeden Augenblick wieder feſtgenommen werden. Meine Gewandtheit und meine Geiſtesgegenwart verließen mich nicht im entſcheidenden Augenblick. „Ich lief aus Leibeskräften bis zum Dörfchen Zahl⸗ bach, wo ich vierzehn Tage vorher, am Morgen deſſelben Tages, an dem ich mich ſo toll in Mainz in den Kerker ge⸗ bracht, meine kleine Carriole und meine alte einäugige Stute, meine gewöhnlichen Transportmittel, eingeſtellt hatte. Ich ließ ſie immer in den Dörfern in der Nähe . — —— — der Städte, in die ich ging, um weniger bezahlen zu müſſen. Es war völlig Nacht, als ich, ziemlich athem⸗ los, an der Thüre meines Wirthshauſes ankam. „Die Diebe haben ihren Reiz. Ich ſage das, weil mein Wirth ein Schuft war; ſobald er meine Einſper⸗ rung erfahren, hatte er geurtheilt, ich bedurfe nicht mehr eines Wagens und eines Pferdes, um in den Gefäng⸗ niſſen zu verfaulen, und hatte ganz einfach meine Car⸗ riole und meine Stute verkauft. S Als ich in ſeinen Hof ni ließ Uen ten, hen in⸗ r⸗ uſſe hen ein nt⸗ ehn Ge⸗ cht eder eine den ahl⸗ lben ge⸗ Zige tellt ähe z em⸗ weil per⸗ nehr ing⸗ kar⸗ Hof 57 eintrat, war er gerade im Begriff, meine Equipage dem Käufer zu übergeben, und der Wagen war ſchon ange⸗ ſpannt. Die Habgier dieſes kläglichen Wirthes wurde mir dienlich. Ich hatte nämlich unter meinen Karpfen⸗ ſprüngen und anderen Querſtreichen fünf bis ſechs Du⸗ blonen gerettet, welche in meinen Kleidern eingenäht wa⸗ ren. Ich zeigte mich dem Wirthe, bezahlte, was ich ſchuldig war, und fuhr— nimm die Peitſche, Kutſcher! — Anfangs im kurzen Trab weg; ich befand mich aber nicht ſobald an der Wendung der Straße, als ich mein Pferd zu dreifachem Galopp antrieb. „In den paar Worten, die ich mit dem Wirthe ge⸗ wechſelt, war ich, um ſeinen Verdacht abzulenken, beſorgt geweſen, ihm zu ſagen, man habe mich in Freiheit geſetzt, unter der Bedingung, daß ich Mainz ſogleich verlaſſe. „Ich hatte ihm auch einige Nahrungsmittel für mich und meine Stute abgekauft, ohne zu befürchten, dies könnte ihm Zweifel einflößen, denn die Wirthe beargwöhnen nie das Geld, das man ihnen gibt. „Ich ließ mein Pferd die ganze Nacht ſo raſch es konnte laufen. Am Morgen hielt ich in einer Wald⸗ ſchlucht an, wo ich aus Vokſicht den ganzen Tag zu⸗ brachte. Vermöge des von mir von Zahlbach mitgebrach⸗ ten Heus und Brods konnten wir uns, meine Stute und ich, der Unannehmlichkeit überheben, unſere Schnauzen in den Dörfern zu zeigen, wo wir ſchlimmen Begegnungen ausgeſetzt geweſen wären. Am Abend begaben wir uns wieder auf den Weg. Wir ſetzten dies nach acht und vierzig Stunden fort, wo⸗ bei wir die Landſtraßen, die Städte und die bewohnten Häuſer vermieden, die Nebenpfade, die Felſen und die Wälder ſuchten und ſo viel als möglich bei Nacht reiſten. „Am dritten Tag, als ich mich allmälig genug von Mainz entfernt fühlte, war ich ein wenig kühner. Die Sonne war längſt aufgegangen, als ich mein Lager noch nicht in einer Schlucht genommen hatte. „Ich mußte dieſe Unvorſichtigkeit theuer bezahlen. Als ich mich um eine Ecke wandte, ſtieß ich plötzlich auf einen indiscreten Bürgermeiſter, der mich nach meinen Papieren fragte. „Ich antwortete ihm italieniſch mit einer Rede voll . worin dieſer Beamte nur Feuer zu ſehen chien. „Da er das Italieniſche nicht verſtand, ſo ſetzte er ſeine Brille auf— „Ich glaubte nicht warten zu müſſen, bis er meine Sprache gelernt hätte; ich gab meiner Stute einen ge⸗ waltigen Peitſchenhieb, und der ehrliche Bürgermeiſter hatte nur noch Zeit, auf die Seite zu ſpringen, um nicht zermalmt zu werden. „Als er ſich von der Gemüthsbewegung, vie ihm die Gefahr verurſacht, welche ſein koſtbares Leben gelaufen, erholt hatte, war ich ſchon fern; jedoch nicht fern genug, um nicht zu hören, daß er mir drohte, er werde mir die Gendarmerie nachſetzen laſſen. „Die Gefahr wurde dringend. Ich trieb mit der Peitſche und mit der Stimme meine arme alte Stute an und ich drang mit Entſchloſſenheit in ein Syſtem von unmöglichen Felſen und Fußpfaden ein, wo nie andere Wagen, als der meinige, hatte durchkommen können, und wo mich aller Wahrſcheinlichkeit nach die Gendarmerie nicht ſuchen würde. „Ich gelangte hiedurch am Ende in eine Gegend, die ich nicht kannte, und die keine andere, als dieſe. Die Aufmerkſamkeit von Gretchen fing an rege zu werden. Gamba erzählte weiter: „Ich fuhr den Tag und die ganze Nacht durch Berge und Schlünde und warf dabei ängſtliche Blicke rückwärts, denn ich glaubte immer den ungeheuerlichen Kopf eines Gendarme hervorſtechen zu ſehen.. „Die Nacht ging zu Ende, ſchon überzogen welßliche — len. auf inen voll hen er eine ge⸗ iſter icht die fen, nug, die der an von dere und nerie end, e zu ere ärts, eines liche 59 Scheine den Himmel, an dem die Sterne erbleichten. Plötzlich bebte ich und hielt meine Stute an. Ich hatte vor mir eine menſchliche Geſtalt erblickt, welche raſch auf mich zulief. „Natürlich glaubte ich Anfangs, es ſei ein Gendarme, und zog mich hinter einen Felſen zurück. „Da ich aber keine Tritte von einem Pferde hoͤrte, ſo ſtreckte ich zart den Kopf vor und ſchaute. „Die menſchliche Geſtalt hatte ſich genähert. Ich erkannte, daß es eine Frau war. „Eine Frau in der größten Unordnung, aufgelöſte Haare, eine Miene der Verzweiflung. Eine Art von weißem Geſpenſt„ „Roſch!“ unterbrach Greichen mit gepreßter Bruft. „Ah! ich ſagte es Euch wohl, meine Erzählung werde Euch intereffiren,“ rief Gamba.„Ihr werdet mich nun hören. ie Frau kam laufend und ohne mich zu ſehen erbei. „Einige Schritte von mir hielt ſie an, ſtreckte mit einer wehmuthsvollen Geberde ihre gefalteten Hände zum Himmel empor, kniete am Rande der Straße nieder, murmelte ein paar Worte, die ich nicht verſtand, ſtieß einen Schrei aus, ſprang auf und verſchwand. 3„Ich ſtieg raſch von meiner Carriole herab und lief ach. „Die Straße war an dem Orte, wo die Frau ver⸗ ſchwunden, durch einen jähen Abſturz zerklüftet, den ich Anfangs nicht geſehen hatte. Ich neigte mich über den ungeheuren gähnenden Schlund und ſtieß auch einen Schrei ans. „Die Unglückliche war nicht bis in die Tiefe gerollt.“ „Raſch! raſch!“ wiederholte Gretchen wie fieberhaft. „Ein kräftiger junger Baum, der aus der Seite des Schlundes hervorſprang, hatte wie durch ein Wunder ihren Fall gehemmt. 3 „Die Füße an einer Wurzel angehakt, den Rücken auf den Stamm des Baumes gelehnt, einen Arm in den Zweigen verwickelt, den Kopf gewaltſam zurückgeworfen, hing ſie mit ihrem geſchmeidigen Leib auf den Tod ohnmächtig da. „Sie retten! wie? Rittlings auf den Baum ſprin⸗ gen, das war nichts für mich; aber aus dem Abgrunde mit dieſer Bürde wieder heraufſteigen? „Zum Glück hatte ich in meiner Carriole ein Seil mit Knoten, das mir zu meiner großen Kletterübung diente. Ich holte es in aller Eile. Ich hatte zugleich eine Art von Schärpe, die ich bei meinen Kunſtſtücken gebrauchte, und ich that Folgendes: „Ich wählte eine ſtarke Wurzel, die ich am Rande des Schlundes fand, befeſtigte daran mein Seil mit den Knoten, deſſen anderes Ende ich in meine rechte Hand nahm, und warf mich muthig hinab.“ „Nun?“ rief Gretchen zitternd. „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich leicht und an⸗ muthig rittlings auf den Baum fiel. Ohne Eitelkeit, ich war zufrieden mit mir, und ich ließ mir die Gerechtigkeit widerfahren, daß meine Erziehung nicht unvollſtändig ge⸗ weſen ſei. Ich troſtete mich ein wenig, daß ich nicht hatte Bajonette und Flinten verſchlucken lernen. „Sobald ich mich auf dem Baume befand, war meine erſte Bewegung, daß ich die Frau mit der Hand ergriff, denn ich befürchtete immer, ſie könnte hinab⸗ gleiten. linke Schulter, wo ich ſie mit Hülfe meiner Schärpe ſtark befeſtigte. „Sie leiſtete keinen Widerſtand, war träge und wie „Dann warf ich ſie auf meinen Arm und meine todt, und ſah mehr aus wie ein Pack, als wie eine Frau. „Bis jetzt war nichts geſchehen. Es handelte ſich darum, wieder aufzuſteigen. „Ich hielt das Seil immer in meiner rechten Hand⸗„ „Ich verſichere Euch, daß es nicht außerordentlich cken den ing da. rin⸗ nde Seil ung eich cken nde den and an⸗ eit ge⸗ icht war n ab⸗ eine irpe wie rau. ſich and tlich 61 leicht war, mit einer Frau auf der Schulter und einer einzigen Hand am Seile hinaufzuklettern. „Alles hing davon ab, daß ich weder das Seil, noch die Frau losließ. „Ich empfahl meine Seele allen Heiligen des Para⸗ dieſes; ich hielt mit meinen beiden Füßen den letzten Knoten des Seiles feſt, ich packte mit meiner Rechten den hochſten Knoten, den ſie erreichen konnte, ließ den Baum los und ſchwebte ganz ſachte in den leeren Raum. „Zum Glück war die arme Frau nicht beim Be⸗ wußtſein, denn ſie hätte ein tüchtiges Loch unter ihren Augen geſehen. „Tauſend Tänzer und Teufel! obgleich ich eine ziem⸗ lich undurchdringliche Herzhaut habe, ich geſtehe zu mei⸗ ner Schande, vaß eine zweite Gemüthsbewegung ſich mei⸗ ner bemächtigte. Die Wurzel, die mich mein Seil hatte anbinden ſehen, war nicht guf dieſe doppelte Laſt gefaßt geweſen; ich fühlte ſie bei der erſten Erſchütterung nach⸗ geben. Aber ſie raffte ſich bald wieder von dieſer feigen Schwäche auf und hielt feſt. „Dann war vie Reihe am Seil. Bei der erſten Anſtrengung, die ich machte, um einen Knoten aufzuſtei⸗ gen, ſpannte es ſich an und krachte, als hätte es mehr zu tragen, als es vermöchte. Ich fühlte, daß es brach, und ſagte zu mir: Arme Frau!“ „Guter Gamba!“ rief Greichen mit Thränen in den Augen. „Doch, bah! das Seil war ſtark wie die Wurzel. Und meine Muskeln waren auch kräftig. „Ich kletterte wie ein Eichhörnchen, ohne Ungeſtüm, lebhaft und markig. „Nach einer Minute, wenn es noch Zeitmaße hei ſol⸗ chen Gelegenheiten gibt, ſetzte ich den Fuß auf die feſte Erde, band mein Seil los und legte meinen Fund in meine Carriole. ——— E „Und ſo habe ich aus dem Abgrunde Frau Chriſtiane aufgefiſcht.“ Greichen erhob ſich mit ſtarrem Auge und irrer Miene, ging auf Chriſtiane zu, berührte ihre Hand, um ſich zu verſichern, daß ſie kein Geſpenſt ſei, und als ſie das Fleiſch und die Wirklichkeit gefühlt hatte, kniete ſie weinend nieder und küßte den Saum des Kleides der Auferſtandenen. Ohne ſich wieder zu erheben, ſprach ſie dann mit einer durch die Erſchütterung erſtickten Stimme: „Fahre fort, Gamba.“ „Ich fange an zu endigen,“ ſagte Gamba.„Chriſtiane war gerettet. „Aber ich, ich war nicht gerettet. Im Gegentheil, meine gute Handlung brachte mich ſehr in die Gefahr⸗ für den Reſt meiner Tage eingekerkert zu werden. Denn was mit derjenigen machen, welche ich aus dem Schlunde gezogen hatte? „Sie ohne Bewußtſein fortführen, ſie kütteln, das war gefährlich; ſie konnte eines Arztes bedürfen. „Andererſeits, ſie an einen bewohnten Ort bringen, um ſie pflegen zu laſſen, hieß mich in den Rachen des Wolfes ſtürzen. Die Gendarmerie hätte mir nur mit⸗ telmäßig für meine Behendigkeit Dank gewußt. „Ich befand mich mehr in Verlegenheit auf der kla⸗ ren Landſtraße, als ich es im Rohrdickicht geweſen war. „Bei meiner Treue, ich hatte die arme Ohnmächtige angeſchaut: ſie war ganz jung und ganz hübſch. Es iſt immer mein Grundſatz geweſen, eine ſchöne Frau ſei mehr werth, als ein häßlicher Mann. Ich ſagte mir alſo: eher alle Gamba ins Gefängniß, als ein ſolches Mädchen ins Grab! und ich machte mich ſpornſtreichs auf, um irgend ein Dorf zu ſuchen. „Während der Fahrt unterſuchte ich die Unbekannte. Ich ſchaute nach, ob ſie nichts gebrochen habe. Bei meinem Gewerbe verſteht man ſich natürlich auf Bein⸗ die 63 brüche und verrenkte Arme. Zu meiner Freude bemerkte ane ich, daß nichts gebrochen war, und daß ſie überhaupt keine bedeutende Verletzung erhalten hatte. Durch den Schrecken ret hatte ſie das Bewußtſein verloren. Ihr Kleid hatte ſich im in den Bäumen gefangen und die Erſchütterung gedämpft. ſie„Wenn man Dörfer emſig ſucht, ſo findet man. ſie ch erblickte bald eines, das, wenn ich mich nicht der täuſche, etwas wie Landeck ſein mußte. „Ich war im Begriffe, hier einzufahren, mit ver kläg⸗ mit lichen Miene eines Menſchen, der in einen Kerker eintritt, als ich plötzlich fühlte, daß das Herz des Mädchens wie⸗ der zu ſchlagen anfing. iane 5 329 geſtehe, ich hatte eine gewiſſe Regung der reude. heil,„Kam ſie dhne Hülfe der Aerzte zu ſich, ſo brauchte ahr, ich mich nicht gutwillig der kaiſerlichen Gendarmerie enn preiszugeben. inde„Ich ertheilte meiner Stute einen Peitſchenhleb und . drang wieder kräftig in mein Gebirge ein. das„Nach einer Stunde war die junge Unbekannte völlig zu nen gen,„Wenn ich ſage völlig, ſo ſage ich nicht ganz die des Wahrheit. Sie ſah wohl, aber nur mit den knn ſie mit⸗ Sench aber ſie ſprach Dinge, welche nicht voll Verſtand aren. kla⸗„Sie brachte einen Haufen von Worten vor„ die ar. zu verſtehen Ihr Euch vergebens abgemüht hättet. tige„„Mein Kindl„ Julius!. Gnade!.. dieſer iſt Samuel.. Ich bin in der Hölle!““ ehr„Und dann ſchaute ſis mich an und ſagte zu mir: lſo: Ja, ich kenne Sie wohl, Sie ſind der Teufel.““ chen„Nun! Ihr könnt mir glauben, wenn Ihr wollt, in um dieſem Augenblick machte mir das durchaus keine Luſt, zu lachen. „Mit einem Wort, die Erſchütterung, welche nichts ein⸗ — an ihrem Leibe gebrochen hatte, hatte Alles in ihrer Ver⸗ nunft gebrochen. „Sie war toll.“ 4 „Toll!“ rief Gretchen. „Ja, toll, wie ein unſchuldiges, armes Thier. Und ſo blieb ſie lange. „In den erſten Tagen war mir das nicht unbequem. „Sie hatte keinen Willen, ſie ließ mit ſich machen, ſie beläſtigte nicht, ſie erkundigte ſich nicht, warum ich eher den Fußpfad, als den breiten Weg wählte. Bei Nacht reiſen, anhalten, abfahren, immer gehen, eſſen, nicht eſſen, Alles war ihr gleichgultig. Ich hieß ſie ſchweigen, und ſie ſchwieg. Ich befahl ihr, zu eſſen, und ſie aß. Sie gehorchte maſchinenmäßig, unbekümmert, ſich hinge⸗ bend. Das war beſſer als ein Kind. „So vermochte ich durch tauſend Gefahren wieder nach Italien zu gelangen. Auch hier herrſchte Napolevn. Doch man hatte meine Spur verloren, und wie in dieſem ungeheuren Reiche einen elenden Waſſertropfen meiner Art auffinden? „Man fragte mich, wer die Frau ſei, die ich bei mir habe. Ich hatte im vorhergehenden Jahre meine Schweſter Olympia verloren, welche ungefähr von dem⸗ ſelben Alter wie Chriſtiane geweſen war. Ich antwortete, es ſei meine Schweſter. „Man fragte mich nicht mehr. Von da an war ich ihr Bruder. „Ich verließ ſie nicht. Um ſie zu ernähren, doch nein, ich prahle, um mich ſelbſt zu ernähren, und um mich zu beluſtigen, machte ich meine Kunſiſtücke auf den öffent⸗ lichen Plätzen. „Ich ſang immer ein wenig. Sie, ohne daß ich es ihr je geſagt hatte, ſang von Zeit zu Zeit ſeltſame Me⸗ lodien, welche ſie ich weiß nicht woher nahm, und die die Vorübergehenden ſich zuſammenſchaaren machten. „Sie ſchien die Menge nicht zu ſehen, und das Bei⸗ —,— Ver⸗ Und 65⁵ fallklatſchen nicht zu hören. Sie ſang für ſich allein. Aber die Vorübergehenden benützten es, und unſere Börſe hatte auch ihren Nutzen davon. Ich war nie ſo reich geweſen. „Was beweiſt, daß ich, indem ich ſie rettete, wie ein gemeiner Egviſt gehandelt habe, und daß ſie mir durchaus keinen Dank ſchuldig iſt. „Es kehrte indeſſen alle Tage ein wenig von ihrem Verſtand zurück. „Sie fing an ſich etwas weniger in der Hölle zu glauben und zu ſehen, daß ich, wenn ich der Teufel, mindeſtens ein guter Teufel ſei. „Dadurch, daß ſie mich beſtändig Bruder nannte, gewann ſie für mich eine ſchweſterliche Freundſchaft. „Ah! ich, ich war glücklich! wir führten das wahre Leben, in freier Luft, auf den Straßen, ſie fingend und ich auf dem Seile tanzend. „Aber in dem Maße, wie die Vernunft bei ihr zu⸗ rückkehrte, kamen ihr auch die Vorurtheile der Erziehung, die man den jungen Mädchen gibt, wieder in den Kopf. Sie fand es nicht mehr vollkommen ſchicklich für ein Mädchen, an den Straßenecken und in den Schenken zu ſingen. Sie fühlte ſich unbehaglich vor den Blicken und Scherzen der Menge. „Und dennoch zögerte ſie, mit dieſem Leben zu bre⸗ chen, deſſen ſie ſich ſchämte. „Eine Neigung, die ſie nicht von ſich kannte, hatte ſich bei ihr entwickelt: die Leidenſchaft für die Muſik.. Ihre Seele in ihre Stimme legen, wie ich ſie in meine Beine lege, ihre Gemüthsbewegung in das Herz der Menge übergehen machen, das war ein Vergnügen, deſſen ſie ſich nicht herauben konnte. Seht, Gretchen, wir Künſtler haſſen das Publikum, wir ſagen Schlimmes von demſelben, wir ſchmähen es, aber wir bedürfen deſſelben, wie Ihr Eurer Ziegen. Unſere Zuſchauer, das ſind Eure Thiere. Goit lenkt. 1v. 5 66 „Sie war in dieſer ungewiſſen Lage, zwiſchen ihren Mäbchenideen und ihren Künſtlerininſtineten, als durch den allerglücklichſten der Zufälle ein vorübergehender Theaterdirector ſtehen blieb und ihr, betroffen von ihrer Stimme, ſogleich ein Engagement antrug. „Nun war nicht mehr zu zögern; es handelte ſich nicht mehr um die Straße und die gemeine Menge; es handelte ſich um Triumphe, um Anbetungen, um Ruhm und Genie. „Und auf dieſe Art wurde ſie eine große Sängerin, was ſo viel werth iſt als eine große Dame. —— e——— „Nun, Gretchen, habe ich Alles geſagt, was ich zu ſagen hatte.“ Die Ziegenhirtin ſchlug zu Chriſtiane von Thränen und Freude berauſchte Augen auf. „Wahrhaftig! Sie find es! lebendig!“ murmelte ſie mit ſtockender Stimme. Sie konnte keine andere Worte finden. „Umarme mich doch, mein gutes Gretchen,“ ſagte Chriſtiane. Gretchen ſtand auf und warf ſich in die Arme von Chriſtiane. „Lebendig!“ wiederholte ſie.„Aber Gott iſt mein Zeuge, daß Sie nie für mich todt geweſen ſind.“ „Ich weiß es,“ ſprach Chriſtiane. Und einen Augenblick umfingen ſie ſich, Herz an Herz, ohne zu ſprechen. „Und ich?“ murmelte der in einer Ecke vergeſſen Gamba. „Der arme Gamba verdient wohl Etwas,“ ſagte Chriſtiane. „Ich verdiene einen Dank von Jungfer Gretchen, vaß ich ihr diejenige erhalten habe, welche ſie ſo ſehr liebt. „Ja, gewiß!“ ſprach Gretchen. 8 ri hren urch nder hrer ſich es uhm erin, zu änen e ſie ſagte von mein z an eſſene ſagte tchen, ſehr 67 Und ſie fiel Gamba um den Hals, worüber er ſo zu⸗ frieden war, daß er zu weinen anfing. „Wir werden wieder von Gamba und mir reden,“ ſagte Gretchen, indem ſie dem Zigeuner ein Zeichen des Einverſtändniſſes und der Vertraulichkeit machte.„Aber beſchäftigen wir uns vor Allem mit Ihnen, meine liebe Gebieterin. Wie kommen Sie hierher? Und der Herr Graf von Eberbach, weiß er, daß Sie leben?“ „Er weiß es, und er hat mich hierher gehen heißen.“ „Wozu?“ „Um ſeine Frau zu holen.“ „Seine Frau,“ murmelte Gretchen, deren Freude bei dieſem Gedanken ſchnell verſchwand., O Gott! Doch mir fällt ein! Oh! wenn Sie wüßten! Das iſt gräßlich!“ „Was willſt Du ſagen?“ fragte Chriſtiane.„Sprich ohne Furcht vor Gamba. Ja, unſere Lage iſt in der That ſehr ſchmerzlich. Du willſt ſagen, Friedrike ſei die Frau meines Mannes.“ „Wenn es nur das wäre!“ rief die Zigeunerin ganz verwirrt. „Was iſt denn noch? Sprich.“ „Friedrite „Nun?“ „Es iſt Ihre Tochter.“ „Meine Tochter! mein Tochter iſt ja todt, Gretchen!“ „Nein, ſie lebt durch mich vieſem Samuel gerettet zum Verderben der Seelen von uns en 4. „Meine Tochter! ich will meine Tochter ſehen!“ rief Chriſtiane. Wo nachgewieſen iſt, daß die Tulpen zuweilen mörderiſcher ſind, als die Tigerinnen. Am 9. Juli 1830 erſchien in allen Zeitungen eine Anzeige, welche verkündigte, die Beerdigung von Lord Drummond finde am andern Tage ſtatt, und die Meſſe werde in der Himmelfahrts-Kirche geleſen werden. Als Julius am folgenden Tage in die Kirche eintrat, war die erſte Perſon, die er ſah, Samuel. Unſere Leſer haben ohne Zweifel Zeit gehabt, Lord Drummond zu vergeſſen,— dieſen ſonderbaren Englän⸗ der, der in die Stimme von Olympia verliebt war, nach⸗ dem er in die Tigerinnen Indiens verliebt geweſen. Sein Tod war nicht minder ſeltſam geweſen, als ſein eben. Er war für eine Tulpe geſtorben! Wir haben Lord Drummond in dem Augenblick aus dem Geſichte verloren, wo er Paris verließ, um Olym⸗ pia nach Venedig zu folgen. Es hatte ihm geſchienen, er würde ſie noch lieber öffentlich ſingen hören, als gar nicht hören, und ihren Geſang mit Anderen theilen, als keine Note davon haben. Aber kaum war er angekommen, kaum hatten die erſten Vorſtellungen ſtattgefunden, als ſich die Eiferſucht wieder ſeiner bemächtigte. Es bereitete ihm ein bitteres Leiden, daß er nur mit der Menge die erhabenen Klänge genoß, die er gern für ſich allein hätte beſitzen mögen. So viele Nebenbuhler bedrückten, peinigten ihn. Sobald Olympia aller Welt gehörte, gehörte ſie auch nicht mehr ihm. Und dann kam ihm ſein Vergnügen entheiligt vor vurch die Vorübergehenden, die es zu gleicher Zeit mit len eine Lord teſſe rat, Lord län⸗ ach⸗ ſein aus ym⸗ eber hren ben. die ucht eres inge gen. ſie vor mit 69 ihm berührten. Die Stimme von Olhmpia war ihm beinahe zuwider, indem ſie ein Alltagsnapf wurde, in den die plumpſten Inſtincte die Hand tauchten, um ihren Löffel voll daraus zu nehmen. Dieſe Gemüthsbewegung, die er gern hätte keuſch, rein, jungfräulich, einem Einzigen vorbehalten haben mögen, war leider nur noch eine Buhlerin, trivial, öffent⸗ lich, allen Halunken gemein, welche drei Franken in der Taſche hatten. Unter dieſen Bedingungen wollte er nichts mehr davon. Eines Abends, mitten in einer Vorſtellung, ſtand er auf, entfernte ſich aus dem Saale, kehrte nach ſeiner Woh⸗ nung zurück, beſtellte Pferde und verließ Venedig, ohne Olympia nur ein Wort zu ſchreiben. Um ſich zu zerſtreuen, fing er wieder an zu reiſen. Wohin er kam, beſuchte er Alles; die Bibliotheken, die Muſeen, die Monumente. In Coniſton zeigte man ihm eine Sammlung von Tulpen. Die Leidenſchaft für die Blumen iſt eine der natür⸗ lichſten für das Herz des Menſchen. Wir ſind von Erde gemacht, und ſobald ein Samenkorn in uns fällt, keimt und wächſt es. Lord Drummond war eine der Organiſationen, wo die Leivenſchaft keine Zwiſchenregierung hat. Bei ihm war der Tod einer Manie die Krönung einer andern. Er ſagte ſich: Die Frauen ſind todt, es leben die Blumen! Er nahm die Blumen, wie er die Tigerinnen und die Fralen genommen hatte: mit Wuth. Er dachte nur noch an ſie. Wie die wahren Liebhaber, concentrirte er ſich in einer Gattung, da er nur die vollſtändigen Dinge liebte und wohl wußte, die Börſe eines Millionärs und das —— Leben eines Hundertjährigen würden nicht für die Samm⸗ lung eines einzigen Geſchlechts hinreichen. Es waren die Tulpen, die ihm den Geſchmack für die Blumen eingefloͤßt hatten, er gab ſich mit Leib und Seele den Tulpen hin. Er hatte bald eine Sammlung, die er ſelbſt ehren⸗ werth fand, und die jeder Andere unerhört gefunden hätte. Er reiſte indeſſen in ganz Europa hin und her, durchlief alle Blumen liebende Städte und ſuchte, ob es nicht zufällig einen von ihm vergeſſenen Typus gebe. Die berühmteſten Liebhaber geriethen bei ſeinem Na⸗ men in Eifer, führten ihn in ihre Gewächshäuſer und ließen ihn ihre Reichthümer bewundern. Aber Lord Drum⸗ mond bewunderte nur kärglich. Man zeigte ihm nichts, was er nicht bei ſich gleich, wenn nicht ſchöner hatte. Eines Abends, es war in Harlem, hatte er alle berühmte Sammlungen beſucht, ohne etwas Beſſeres zu finden, als anderswo, und des Krieges müde, ſchickte er ſich an, nach England zurückzukehren, als ein Diener des Gaſthauſes, wo er wohnte, von einem ſeiner Verwandten ſprach, der Tulpen beſoß. Dieſer Verwandte war ein armer Mann; er hegte den Geſchmack für die Blumen ſeit ſeiner Kindheit und hatte, nach der Ausſage des Dieners, wunderbare Reſul⸗ tate erlangt. Sein Gewächshaus war nicht bekannt, weil er Nie⸗ mand hinein ließ, da er ſeine Tulpen um ihretwillen und nicht aus Eitelkeit liebte. Er hatte ſie in der ganzen Stadt kaum irgend Je⸗ mand außer ſeinem Vetter gezeigt; doch wenn es Lord Drummond wünſchte, ſo würde der Diener ſich bemühen, von ſeinem Vetter die Erlaubniß zu erhalten, den edlen Reiſenden zu ihm bringen zu dürfen. Ein Reiſender würde Tromp weniger abſchrecken, als ein Mitbürger, ür nd en⸗ en ief 7¹ ver immer da und, einmal eingeführt, ſchwer wieder ab⸗ zuweiſen wäre. Lord Drummond zögerte. Eine unbekannte Samm⸗ lung nach ſo vielen glänzenden und europäiſchen Samm⸗ lungen, lohnte ſich das der Mühe, bis zum andern Tag da zu bleiben? Das war ohne Zweifel eine Tulperei würdig, einen Bedienten zu blenden. Er wollte indeſſen keine Chance verſäumen, ſo unbedeutend ſie auch ſein konnte. Er blieb. Am andern Morgen ging der Diener zu ſeinem Vet⸗ ter und kam mit der nicht ohne Mühe erlangten Erlaub⸗ niß zuräck. „Zu welcher Stunde wünſcht Mylord, daß ich ihn zu meinem Vetter Tromp führe?“ fragte der Diener. „Auf der Stelle,“ antwortete Lord Drummond. Und ſie begaben ſich auf den Weg. Sie gingen durch die ganze Stadt. Als ſie die Stadt und den Wall hinter ſich hatten, traten ſie in eine der engſten Gaſſen der Vorſtadt ein. Lord Drummond ſing an zu bereuen, daß er ſo un⸗ ſchuldig geweſen, einem Bedienten auf ſein Wort zu glauben. Welche ſeiner würdige Blume konnte in dieſer ein⸗ gezwängten Gaſſe athmen?2 Vor einem Haufe von ärmlichem Ausſehen blieb der ſtehen, wandte ſich zu Lord Drummond um und agte: „Es iſt hier.“ Der Diener klopfte an. Ein kurzer, kleiner Mann, gebückt durch die Gewohn⸗ heit, die Erde zu bearbeiten, elend gekleidet, öffnete. „Mein Vetter,“ ſagte der Diener des Gaſthauſes, „das iſt der fremde Edelmann, von dem ich dieſen Mor⸗ gen mit Dir geſprochen.“ „Der Herr iſt der Eigenthümer des Gartens, den Sie 72 mir gerühmt haben?“ fragte mit einer Miene ſpöttiſchen Zweifels Lord Drummond, indem er die Kleidung von Tromp anſchaute. „Oh!“ ſagte dieſer, der den Blick von Lord Drum⸗ mond bemerkte, ohne daß er ſich darum zu bekümmern ſchien,„Sie kommen nicht, um mein Kleid, ſondern um meine Sammlung zu ſehen.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte der Engländer.„Treten wir ein.“ „Ehe wir eintreten, eine Frage,“ verſetzte Tromp. „Welche?“ „Iſt es gewiß, daß Sie Harlem heute verlaſſen 2“ „Sobald ich von hier weggehe!“ „Ich moͤchte nämlich meine Blumen nicht gern Je⸗ mand ſehen laſſen, der mich quälen würde, um ſie wieder zu ſehen. Es iſt ſchon viel, daß ich Ihnen geſtatte, ein⸗ mal dieſen Genuß zu haben. Die Blumen gehören mir, ſehen Sie, und ich bin eiferſüchtig auf eine Tulpe, wie Andere es auf eine Frau ſind.“ „Ich wiederhole Ihnen, daß ich heute Abend fern von hier ſein werde.“ „Treten Sie alſo ein.“ Lord Drummond und der Diener traten in einen dunkeln, dumpfigen Gang ein. Tromp ſchloß die Thüre unmittelbar hinter ihnen, was nicht dazu beitrug, die Finſterniß zu ver⸗ mindern. „Gehen Sie ohne Furcht geradeaus, Mylord,“ ſagte der Diener.„Es iſt weder eine Stufe, noch ein Loch da.“ Nach einigen Schritten befand ſich Lord Drummond vor einer Thüre. „Warten Sie,“ ſprach Tromp. Und er trat vor Lord Drummond und öffnete die Thüre, welche dreifach geſchloſſen war. Nachdem er die Thüre geoffnet, ſtroͤmte eine Licht⸗ woge freudig in den Gang. ec— en on m⸗ m E⸗ er n ir, ie rn 73 Das war wie ein plötzlicher Einbruch von Sonnen⸗ ſtrahlen und Vogelgeſängen. Ein weiter, glänzender Gar⸗ ten keimte in freier Erde und wuchs unter freiem Himmel. „Kommen Sie und ſehen Sie,“ ſagte Tromp zum geblendeten Lord Drummond.„Aber laſſen Sie mich dieſe Thüre ſchließen. Er ſchloß die Thüre und fuhr dann fort: „Sie ſehen, daß man weder den Menſchen nach dem Kleide, noch die Gärten nach dem Hauſe beurtheilen muß. Ich habe dieſes ſchlecht gelegene und ſchlecht ge⸗ baute Haus gewählt, weil es auf dieſer Seite auf vas freie Feld geht, und weil meine Blumen hier ſo viel Luft und Sonne haben, als ſie brauchen. Finden Sie beſſer wohnende Blumen. Ich, der ich in einer erbärmlichen Stube und in einem Hundeſtall wohne, was macht vas mir? Ich rechne nicht für mich. „Ich bin wie jene alten Verliebten, welche eine junge Geliebte haben und all ihr Geld ausgeben, um ſie mit Gold, Sammet und Seide zu meubliren, und ſich nichts darum bekümmern, ob ihnen ein Sou bleibt, um ſelbſt eine anſtändige Wohnung zu unterhalten. „Und ich habe mehr als eine Geliebte, ich habe ein ganzes Serail. „Schauen Sie 1“ Und mit einer Geberde und einem Tone, worin ſich der Eigenthümer, der Gärtner und der Verliebte vermiſch⸗ ten, ließ er ſeine Sammlung die Revue paſſiren, erklärte ſie für einzig und behauptete bei jeder Tulpe, welche ſein Gaſt bewundern ſollte, ſie ſei die ſchönſte von allen. „Hier iſt eine,“ ſagte er, zwelche Alles übertrifft, was man ſich Wunderbarſtes vorſtellen kannz der Traum ſelbſt bekennt ſich beſiegt durch eine ſolche verzweifelte Wirklichkeit; nun denn! das iſt nichts, das iſt eine un⸗ bedeutende Blume, das iſt ein verächtlicher Grashalm neben der, welche ich Ihnen nun zeigen werde.“ 74 Und er zeigte eine andere, welche das Wunder, das Meiſterwerk der Natur war bis zu der folgenden. Im Grunde aller dieſer Uebertreibungen einer durch die Einſamkeit exaltirten Leidenſchaft entſprach es der Wahrheit, daß die Sammlung von Tromp bewunderungs⸗ würdig. Es war, ohne Vergleich, die ſchönſte, welche Lord Drummond auf ſeiner ganzen Reiſe getroffen hatte. Die ſeinige kam ihr an Werth gleich. Er hatte den Stolz, auch hier noch keinen Thpus zu finden, den er nicht ſelbſt beſaß. Tromp war ein Nebenbuhler, doch kein Sieger. Lord Drummond fühlte ſich nicht gedemü⸗ thigt und konnte den Kampf aushalten. Sie hatten Beive, wie in der Schule, den Preis ex aequo. „Nun!“ fragte Tromp ruhmgierig,„haben Sie je auf Ihren Reiſen Gärten geſehen, welche dem meinigen an Werth gleichkommen?“ „Ich habe keine werthvollere geſehen,“ antwortete Lord Drummond. „Sie haben alſo geſehen, welche eben ſo viel Werth hatten?“ fragte Tromp, deſſen Stirne ſich ver⸗ düſterte. „Ich habe einen geſehen.“ „Wo?“ „In London.“ „Und der Eigenthümer heißt?“ „Lord Drummond.“ „Das ſind Sie?“ „Das bin ich.“ „Ihr Garten iſt ſo viel werth als der meinige?“ wiederholte Tromp in einem Tone der Herausforderung. „Ja,“ erwiederte Lord Drummond.„Ich laſſe Ihrer Sammlung die Gerechtigkeit widerfahren, daß ſie über allen denjenigen ſteht, welche ich, ſeitdem ich London verlaſſen, geſehen habe, und daß ſie nicht unter der mei⸗ nigen iſt. Doch die meinige iſt nicht unter der Ihrigen⸗ Sie ſind ſich gleich.“ — ———— ——„—„ das urch der gs⸗ ord atte den ch nü⸗ tten e je en tete viel ver⸗ 2 ng. hrer iber don nei⸗ gen. 75 „Nun wohl!“ rief Tromp triumphirend,„es gibt hier Etwas, was die Gleichheit aufheben wird, Sie wer⸗ den es ſehen! Kommen Sie hierher!“. Und er zog Lord Drummond hinter eine Mauer fort, die den Garten zu ſchließen ſchien, und führte ihn raſch in ein Gewächshaus ein, das beinahe ſo groß war, als der Garten ſelbſt. „Das ſind meine wahren Blumen,“ ſagte er;„die andern zählen nicht. Der Garten iſt das Vorzimmer des Gewächshauſes, und die Blumen, welche dort bleiben, ſind die Bedienten; doch hier ſind die Gebieterinnen⸗ Wenn Sie Augen haben, ſo öffnen Sie dieſelben.“ Lord Drummond warf einen raſchen Blick auf das Gewächshaus und war geblendet. Diesmal hatte Tromp Recht in ſeinem ganzen Stolze, das war eine wahre Sammlung von Wundern. Es war ein Muſeum, wo ſich die gelungenſten Werke der der Kunſt verbundenen Natur Rendez⸗vous gegeben atten. Der Engländer blieb unbeweglich, als zögerte er zwi⸗ ſchen ſo vielen Wundern und wüßte nicht, zu welchem er gehen ſollte. Doch plötzlich fiel ſein Auge auf eine ſchwarz, roth und blaue Tulpe. Er erbleichte und ſtürzte auf ſie zu. „Ah! dieſe ziehen Sie vor,“ ſagte Tromp mit einem kleinen Lachen des Triumphes und der Ueberlegenheit. „Ich mache Ihnen mein Compliment. Sie gehen ſo⸗ gleich zu der ſchonſten. Ich ſehe, daß Sie ſich darauf verſtehen, und bedaure es um ſo weniger, Ihnen hier Zu⸗ tritt gewährt zu haben. Ich hatte Anfangs nicht die Abſicht, Sie das Gewächshaus ſehen zu laſſen: der Garten genügte. Aber Sie haben mich herausgefordert, und ich wollte meine Blumen nicht demüthigen laſſen. Nun! haben Sie dieſe auch?“ 76 „Nein,“ antwortete Lord Drummond mit erſtickter Stimme. „Weder Sie, noch irgend Jemand. Sie iſt einzig. Ahl ſehen Sie, das iſt meine Favoritſultanin. Ich habe Löcher an meinen Ellenbogen, voch ich würde ſie nicht um zehntauſend Gulden geben.“ „Und um zwanzigtauſend?“ ſagte Lord Drummond bleich und mit flehenden Augen. „Weder um zwanzigtauſend, noch um irgend eine Summe. Ein Mann, der ſeine Frau liebt, verkauft ſie nicht und theilt ſie nicht. Ich, ich will allein meine Tulpe haben. Sie ſchauen die andern nicht an?“ „Ich habe ſie geſehen,“ ſagte Lord Drummond⸗ „Dieſe genügt für einen Tag. Einen letzten Blick, und ich verlaſſe Sie.“ Er warf auf die ſchwarz, roth und blaue Tulpe“ einen Blick der Liebe und der Troſtloſigkeit und ſchlug, ohne ein Wort zu ſagen, den Weg wieder durch den Garten und das Haus ein⸗ Troinp öffnete ihm die zwei Thüren. Auf der Schwelle der letzten wandte ſich Lord Drum⸗ mond um und ſagte: „Ich danke, mein Herr, und auf Wiederſehen.“ „Nicht auf Wiederſehen,“ erwiederte Tromp,„ſon⸗ dern Gott befohlen. Sie reiſen in einer Stunde von Har⸗ lem ab.“ Lord Drummond antwortete nicht. Er kehrte, gefolgt von dem Diener, in den Gaſthof zurück, ohne ein Wort zu ſprechen. „Um wie viel Uhr will Mylord die Pferde haben?“ fragte der Diener in dem Augenblick, wo Lord Drummond in ſein Zimmer hinaufging. „Ich reiſe heute nicht ab,“ antwortete Lord Drum⸗ mond. Eine Stunde nachher klingelte Lord Drummond und ver hat er Fre ken Lor für ner iſt, zig mi zu an oh r E ne ie d. nd pe 9, en m n⸗ ar⸗ hof 2 ond m⸗ und „ 77 verlangte nach dem Diener, der ihn zu den Tulpen geführt atte. „Gehen Sie zu Ihrem Vetter,“ ſagte er zu ihm;„wenn er mir eine Zwiebel von ſeiner Tulpe um dreißigtauſenb Franken geben will, ſo bekommen Sie fünftauſend Fran⸗ ken für Sie.“ „Ich laufe,“ rief der Diener entzückt. Und er ſprang die Treppe zu vier und vier hinab. Lord Drummond erwartete ſeine Rückkehr mit der Bangigkeit eines einjährigen Studenten, der auf die Ant⸗ wort der erſten Frau, an welche er zu ſchreiben gewagt, wartet. Nach einem Jahrhundert, in welcher Zeit der Zeiger nur fünf Viertelſtunden durchlaufen hatte, erſchien der Diener wieder. Er ſah verdrießlich und kläglich aus. „Nun?“ fragte Lord Drummond. „Er ſchlägt es aus,“ antwortete traurig der Diener. „Sie werden ſich ungeſchickt benommen haben,“ ſagte Lord Drummond. „Ich habe mich benommen wie Einer, dem man fünftauſend Franken verſprochen hat,“ entgegnete der Die⸗ ner.„Glauben Sie mir, wenn es mir nicht gelungen iſt, ſo kommt es davon her, daß es nicht möglich iſt.“ „Kehren Sie zurück,“ ſagte der Engländer.„Vier⸗ zigtanſend für ihn und zehntauſend für Sie.“ Trotz dieſer ungeheuren Summe ging der Diener mit weniger Freudigkeit weg, als das erſte Mal. Aus der Art, wie ſein Vetter das erſte Angebot zurückgewieſen, hatte er geſchloſſen, Tromp werde keines annehmen. Er verſuchte es indeſſen noch einmal. Doch er kam ohne etwas erlangt zu haben zurück. „Das iſt ein Maulthier,“ ſagte er zu Lord Drum⸗ ond. „und Sie ſind ein Eſel,“ erwiederte dieſer, für den 78 es ein Bedürfniß war, ſeine ſchlechte Laune auf Jemand auszugießen. Den ganzen Abend ſuchte er in ſeinem Gehirn ein Mittel, Tromp zu bewegen. Aber wie ſollte er es bei einem Menſchen angreifen, bei dem das Geld keine Wirkung machte? Er ſpeiſte nicht zu Nacht. Er hatte keinen Hunger. Er ſchlief ſchlecht. Die Sonne war kaum aufgegangen, als er an die Thüre von Tromp klopfte. „Wer iſt da?“ rief die ſcharfe Stimme von Tromp. ver einen verdrießlichen Kopf durch eine obere Luke ſtreckte. „Ich bin es2“ antwortete Lord Drummond. „Wer! Sie?“ „Lord Drummond. Derjenige, welchen Sie geſtern zu der Ehre, Ihre Tulpen zu beſichtigen, zugelaſſen haben.“ „Sie täuſchen ſich,“ erwiederte Tromp,„Lord Drum⸗ mond iſt nicht mehr in Harlem, er hat mir ſein Wort gegeben, er werde geſtern abreiſen, und ein Edelmann bricht ſein Wort nicht. Er iſt abgereiſt.“ „Nun denn! mag ich Lord Drummond vder ein Anderer ſein, wollen Sie mir eine Zwiebel von Ihrer ſchwarz, roth und blauen Tulpe verkaufen?“ „Nein,“ antwortete trocken der Vetter des Be⸗ dienten. „Nur eine Zwiebel! ich gebe Ihnen 40,000 Franken dafür.“ „Gäben Sie mir hunderttauſend, ich würde es ebenſo ausſchlagen. Ich behalte meine Blumen für mich. Ich bin ihr Wächter und nicht ihr Kuppler.“ „Mein lieber Tromp, ich gebe Ihnen fünfzigtauſend Franken.“ „Ich kümmere mich den Teufel um Ihre Guineen; ich liebe nur meine Tulpen. Sie würden keine für eine Million bekommen.“ ve n, er. die p. uke ern n. m⸗ ort ann ein hrer nken enſo Ich ſend en; eine 79 „Das iſt entſchieden?“ „Unwiderruflich.“ „Sie ſind doch nicht reich!“ „Das beweiſt Ihnen, daß ich meine Blumen nicht verkaufe.“ „Ich bitte Sie darum.“ „Guten Tag,“ rief Tromp. Und um das Geſpräch kurz abzuſchneiden, ſchloß er ungeſtüm ſeine Luke. Lord Drummond machte eine Geberde der Wuth. Sein Wunſch multiplicirt durch das Hinderniß ſchüttelte ihm die Bruſt. Was thun? wohin gehen? Es kam ihm vor, als wäre fortan ſeine Eriſtenz leer, und als hätte er zum Horizont nichts mehr, als eine ungeheure Unthätigkeit. Er hing nur noch an Einem auf der Welt, an dieſer Tulpe. Für ſie hätte er ſein ganzes Vermögen und alle ſeine andern Tulpen gegeben. Und dieſer elende Tromp wollte ſie um keinen Preis loslaſſen. Geiziger! Lord Drummond fühlte, daß das Brauſen dieſer Ideen in ſeinem Kopfe ihm das Fieber zu machen anfing. „Gut! nun werde ich krank werben!“ Ohne genau zu wiſſen, warum, ſchlug er aus der Straße, wo Tromp wohnte, das erſte Gäßchen ein, das nach dem Felde führte. Dann ſuchte er die Mauern am Garten von Tromp zu erkennen. Die aufgehende Sonne warf ihre vollen Strahlen auf das Fenſterwerk des Gewächshauſes. Auf dieſer Seite war die Mauer ziemlich niedrig. Aber es hätte füglich gar keine Mauer da ſein können. Zwiſchen dem Wege und dem Gewächshauſe war ein fünfzig Fuß breiter Sumpf, einen halben Fuß hoch Waſ⸗ ſer auf einem weichen Boden. Lord Drummond tauchte ſeinen Stock hinein; er vrang zwei Fuß in den Moraſt. 80 Alſo nicht Waſſer genug, um über den Sumpf in einem Nachen zu fahren, und wollte man ihn durchwaten, ſo lief man Gefahr, bis an die Schultern einzufinken. Lord Drummond kehrte in ſein Gaſthaus zurück, düſter, verdrießlich, krank, am Abend vorher nichts ge⸗ geſſen und am Morgen nichts erreicht zu haben. Er legte ſich nieder und wollte es verſuchen, die Schlafloſigkeit der letzten Nacht wieder gut zu machen. Doch er hatte nur ein paar Viertelſtunden eine ſchlaf⸗ artige Betäubung, welche ermüdender als das Wachen und von unzuſammenhängenden Träumen durchſchnitten war, in denen er ſich gegen zehn Männer ſchlug, die ihm eine Tulpenzwiebel ſtreitig machten. Am Abend ſtand er auf, verließ das Gaſthaus, ohne geſehen worden zu ſein, erreichte das Feld und kam an den Rand des Sumpfes. Das erſte Bein, das er aufſetzte, drang bis ans Knie in den Sand ein, das zweite bis an den Schenkel. Trotz ſeiner heftigen Leidenſchaft zögerte er einen Augenblick. Aber die Leidenſchaft war der ſtärkere Theil. Er fuhr in ſeinem Unternehmen fort. Nach einigen Schritten fand er einen etwas feſteren Bo⸗ den. Der Boden erweichte ſich indeſſen wieder, und er hatte Moraſt und Waſſer bis an den Gürtel. Er fühlte, vaß ſein Fieber ſich verdoppelte, doch er ging immer weiter. In dem Augenblick, wo er die Mauer berührte, fehlte der Boden ganz unter ſeinen Füßen, er verſchwand bis an den Hals, und er hatte nur noch Zeit, eine Handvoll am Fuße der Mauer wachſender Schilfrohre zu ergreifen. Sein Leben hing an einem Rohr. Gleichviel, er war an Ort und Stelle. Die Hauptſache war geſchehen. Es blieb ihm nur noch die Mauer zu erſteigen und in das Gewächshaus einzudringen. „— 8— o⸗ tte te bis ol en. nur us 81¹ Die Mauer erſteigen, das war die Sache eines Sprunges;z in das Gewächshaus eindringen, das war die Sache einer ausgebrochenen Scheibe. Aber man mußte ſich auch nicht in der Tulpe täu⸗ ſchen, und bei Nacht war dies nicht leicht. Zum Glück ſchien der Mond. Auch hatte ſich Lord Drummond das einzige Mal, wo er in das Gewächshaus eingetreten, den Platz wohl gemerkt. Mit Hülfe ſeines Gedächtniſſes und des Mondes wählte er eine Tulpe, grub ſie zart aus, legte an ihre Stelle fünfzigtauſend Franken in Billets, die er aus ſeiner Taſche zog, verließ das Gewächshaus und ſtieg wieder über die Mauer. Der Mond, den Lord Byron ſo ſtreng qualiſteirt hat, half dieſem neuen Leander abermals ſich durch ſeinen moraſtigen Helleſpont arbeiten. Er kam ohne Hinderniß an das andere Ufer des Sumpfes. Lord Drummond war ſo vorſichtig geweſen, hier ſeinen Mantel niederzulegen. Er konnte darunter ſeine koſtbare Tulpe und auch den Koth verbergen, mit dem er von den Füßen bis zum Kopf bedeckt war. Er kehrte in das Gaſthaus zurück und erreichte ſeine Wohnung, ohne Verdacht erregt zu haben. Seine Abſicht war, die Kleider zu wechſeln, ſeine Poſichaiſe zu verlangen und auf der Stelle aus der Stadt abzureiſen. Doch zuvor mußte er einen Blick auf ſeine theure Tulpe werfen. Er zündete alle Kerzen und alle Lampen an, die ſich im Zimmer fanden, und als er alles mögliche Licht ge⸗ macht hatte, ſtellte er ſeine Tulpe aus. Er wäre beinahe rücklings zu Boden gefallen. Er hatte ſich in der Tulpe geirrt. Gott lenkt. 1v. 82 Statt der einzigen Blume, hatte er eine alltägliche, in allen Gewächshäuſern bekannte Blume, von der er ſelbſt vier Eremplare beſaß, genommen. Er ſtieß einen Schrei aus. Der Diener, der Vetter von Tromp, lief herbei. Als er Lord Drummond ſo mit Koth überzogen in dieſer Beleuchtung ſah, hielt er ihn für wahnfinnig. „Helfen Sie mir mich auskleiden,“ ſagte Lord Drummond. Er bebte; ein entſetzlicher Schauer durchlief alle ſeine Glieder. Die Näſſe, die er im Kampfe und in der Freude des Triumphes nicht gefühlt hatte, machte ſeine Knochen zu Eis erſtarren. Man ließ einen Arzt kommen. Als Lord Drummond ſich zu Bette gelegt hatte, und während man den Arzt holte, ſprach er zu dem Diener: „Gehen Sie zu Ihrem Vetter Tromp; ſagen Sie ihm, was Sie geſehen habhen, und bringen Sie ihm dieſe Tulpe. Er wird Alles begreifen.“ Der Diener ging in dem Augenblick weg, wo der Arzt eintrat. Der Arzt ſchüttelte den Kopf. Die Sache kam ihm ſehr bedenklich vor. Er befürchtete vor Allem eine Bruſt⸗ entzündung. Das Fieber führte bald ein Delirium herbei. Die ganze Nacht ſprach Lord Drummond nur von ſchwarz, roth und blauen Tulpen. Nur die von dieſer Farbe waren Tulpen. Die anderen exiſtirten nicht. Er hatte andere zu ſehen geglaubt, doch er hatte ſich getäuſcht. Es gab nur pieſe auf der Welt. Es iſt genug mit einer einzigen Tulpe. Dieſe aus⸗ ſne waren alle Blumen, die man für Tulpen hielt, keins.. und er: Sie ieſe der hm uſt⸗ von eſer zu nur us⸗ ielt, 83 6 Und tauſend andere Ausſchweifungen, alle in dieſem nne. Am andern Morgen kam Tromp und erkundigte ſich nach Lord Drummond. Als er erfuhr, es gehe ſchlimmer bei ihm, kehrte er ſogleich zurück, und nach einer Stunde kam er wieder. Er verlangte in das Zimmer des Kranken geführt zu werden. Als er den Beſitzer des Wunders erblickte, deſſen Er⸗ ſtrebung ihn ſo theuer zu ſtehen gekommen war, erlangte Lord Drummond wieder ein wenig das Bewußtſein. Er hatte einen lichten Zwiſchenraum. Tromp erhob zu den Augen des Kranken einen Ge⸗ genſtand, den er in der Hand hielt: „Die Tulpe!“ murmelte Lord Drummond, ohne daß er wußte, ob dies Wirklichkeit war, oder ob ſich die Täu⸗ ſchungen ſeiner geſtörten Vernunft fortſetzten. „Ja, die ſchwarz, roth und blaue Tulpe,“ ſagte Tromp.„Sie verdienen ſie. Es wird zwei geben. Sie ſind würdig, mit mir zu theilen.“ „Ich danke, Bruder!“ erwiederte Lord Drummond, indem er die theure Blume ergriff und ſie mit ſeinen irren Blicken bedeckte;„doch es iſt zu ſpät!“ „Oh! nein, nein!“ unterbrach ihn Tromp. „Gewiß,“ ſprach der Engländer.„Es hat mich tödt⸗ lich befallen. Dieſes Waſſer iſt mir bis in die Bruſt eingedrungen. Gleichviel, ich danke Ihnen, Tromp. Das iſt nicht Ihre Schuld, Sie konnten nicht vorherſehen, was geſchehen iſt. Es hat meine Bruſt gepackt. Hak ha! ſo mußte ich endigen. Von den Tigern und den Weibern verſchont, mußten mich die Tulpen tödten. Hak ha! das iſt drollig! Und der Irrfinn bemächtigte ſich ſeiner wieder. p Lord Drummond ſchleppte ſich noch einige Zeit ſo n. In einem ruhigeren Augenblick benützte er eine Lich⸗ ——— —— 3 3 — 84⁴ tung ſeiner Vernunft, um ſich nach Paris bringen zu laſſen, wo ihm alle Hülfsquellen der Wiſſenſchaft zu Ge⸗ bot ſtehen würden. Doch die Arzneikunde vermochte nichts mehr für ihn. Nach einigen Abwechſelungen von Beſſer und Schlech⸗ ter verſchied er, die Augen ſtarr auf die Tulpe geheftet. Er war Katholik. Am 10. Juli war die Himmel⸗ fahrtskirche, wo das Todtenamt gehalten wurde, gefüllt von einem herrlichen Trauergeleite. Das ganze ariſto⸗ kratiſche Paris hatte ſich eingefunden. Wir haben vben gezeigt, wie Samuel und Julius hiebei zuſammengetroffen waren. Es war eine Meſſe mit Mufik. Die traurigſten Lamentationen der großen Meiſter erklangen in der großen Stimme der Orgel. In einem Augenblick ſchwieg die Orgel, und eine Frauenſtimme erhob ſich. Bei dieſer Stimme bebte Samuel und ſchaute Ju⸗ ius an. Es war eine mächtige, tiefe, gefühlvolle Stimme, welche gerade zum Herzen ging. Der Geſang, den ſie vortrug, war ihrer würdig. So verdolmetſcht, bildete dieſe Muſik etwas Troſtloſes und zugleich Tröſtendes; es war der Schmerz, den todten Körper in die Erde gehen zu ſehen, und zugleich die Hoffnung, die Seele im Him⸗ mel wiederzufinden. Es war das Grab, das ſich ſchloß, und das Paradies, das ſich öffnete. Samuel ſagte ſich, er habe dieſe Stimme ſchon ge⸗ hör t. „Sie iſt hier!“ dachte er.„Und ohne daß ich etwas vavon weiß. Ich glaubte ſie in Venedig. Und Julius, wußte er, daß ſie in Paris war 2“ Er ſchaute den Grafen von Eberbach an. 6 Doch Julius war unbeweglich, und ſein Geſicht ſagte nichts. zu Ge⸗ ihn. ech⸗ ftet. mel⸗ üllt iſto⸗ lius ſten oßen eine Ju⸗ me, ldete es ehen im⸗ loß, ge⸗ twas ſagte 85 „Wie dumm bin ich!“ dachte Samuel.„Was ſoll mir ſein Geſicht ſagen? Er iſt ſchon todt.“ Dennoch näherte er ſich Julius und ſprach zu ihm: „Das iſt ja die Stimme von Olympia.“ „Ohl Du glaubſt?“ erwiederte Julius gleichgültig. „Es iſt möglich.“ „Leichnam!“ murmelte Samuel;„aber warum iſt ſie hierher zurückgekommen, und was macht ſie hier? Warum verbirgt ſie ſich? Darunter ſieckt eine Falle. Ohl ich werde ſie entvecken. Doch verſichern wir uns vor Allem, vaß es gewiß ſie iſt.“ Die Mutter und die Tochter. Der erſte Schrei von Chriſtiane war geweſen: Ich will meine Tochter ſehen! Ihre erſte Bewegung war ge⸗ weſen, nach dem Schloſſe zu laufen. Gretchen folgte Chriſtiane. Gamba folgte Gretchen. Chriſtiane war einer unausſprechlichen Gemüthser⸗ ſchütterung preisgegeben. Dieſes Kind, das ſie für todt gehalten, das ſie nicht einmal gekannt, das geſtorben war, beinahe ehe es geboren worden, dieſes Kind lebte. Während ſie ſich allein auf der Welt glaubte, wäh⸗ rend ſie auf dem Theater ſang und von Stadt zu Stadt ihre Vereinzelung durch die Menge ſchleppte, während ſie ihre Seele Allen hingab, ohne Jemand zu haben, dem ſie ihr Leben geben ſollte, hatte ſie eine Tochter. Sie, welche Sängerin geworden war, weil ſie nicht mehr Frau ſein konnte, hätte Mutter ſein können! 86 Und wie fand ſie dieſe Tochter wieder? In welcher entſetzlichen Lage? Ihre Tochter war mit ihrem Gatten verheirathet. Gleichviel! Sie lief immer nach dem Schloſſe. Doch plötzlich hemmte ſie ihre Schritte. Eine Ueber⸗ legung hielt ſie zurück. Was ſollte ſie Friedrike ſagen? Wenn ſie ihr ſagte: Ich bin Deine Mutter! ſo hieß dies, da Friedrike alsbald erfahren mußte, Olympia ſei Chriſtiane Gräfin von Eber⸗ bach, ihr offenbaren, ſie habe den Gatten einer Andern geheirathet, und, was noch gräßlicher, ſie habe denjenigen geheirathet, welcher ihr Vater ſein konnte. Und dann würde Friedrike gierig ihre wiedergefundene Mutter befragen. Sollte ſie ihr die ganze Vergangenheit enthüllen, ihr die Verbrechen und Unglücksfälle erklären, die ſie in dieſe grauſamen Drangſale verſetzt hatten, dieſe reine, jungfräuliche Seele mit der Erzählung von den un⸗ geheuerlichen Ruchloſigkeiten von Samuel Gelb erſchrecken! Eine gräßliche Erzählung, welche zum Schluſſe das furcht⸗ E hätte:„Dieſer Dämon iſt vielleicht Dein ater!“ Dieſer entſetzliche Zweifel, der ſie beſiegt und in das Höllenloch geſtürzt hatte, ſollte er die keuſche Un⸗ wiſſenheit des Kindes in Aufruhr bringen? In dem düſteren Gemenge von Mißgeſchicken und Frevelthaten, welches das Leben von ſo vielen Weſen, die ſich zu lieben geſchaffen waren, geſtört und getrennt, hatte die Vorſehung, immer ihr Werk verfolgend, wie ein Kry⸗ ſtallfluß unter häßlichen Felſen, wunderbar die unſchul⸗ dige Friedrike bewahrt. Von Samuel erzogen, an Julius verheirathet, von Lothario geliebt, hatte ſie nicht einen Flecken, nicht einen Makel, nicht einen Schatten an ihrer klaren, reizenden Stirne. War es Chriſtiane, welche ihr das Böſe, vas ſie nur dem Namen nach kannte, enthüllen ſollte! Es war das Wenigſte, daß Friedrike, vom Geliebten, vom Gatten und —— S+ S„ — .0— ———— atte ery⸗ hul⸗ von inen nden s ſie das und 87 vom geſchont, auch von ihrer Mutter geſchont wurde „Sie überlegen und Sie leiden,“ ſagte Gretchen zu Chriſtiane. „Nein, ich habe meinen Entſchluß gefaßt,“ erwie⸗ derte Chriſtiane, eben ſo wohl ihren eigenen Gedanken, als die Frage beantwortend.„Man darf Friedrike nichts ſagen.“ Und ſie fing wieder an entſchloſſener zu gehen. Doch ihre Tochter wiederfinden, ſie ſiebzehn Jahre alt, ſchon, groß, rein, die Augen voll Klarheit und das Herz voll Zärtlichkeit wiederfinden; auf den Lippen nur ein Wort haben: meine Tochter! und ſeine Lippen ſchließen, nur die Arme oͤffnen dürfen, um ſeinen Traum damit zu umfangen, und ſeine Arme ſchließen: war das nicht eine übermenſchliche Aufgabe? Würde ſich Chriſtiane be⸗ herrſchen können? GSollte ſelbſt ihr Mund nichts ſagen, würden nicht ihre Geberden, ihre Augen, ihre Thränen ſprechen? Ah! ſie konnte es immerhin verſuchen. Als ſie an das Gitter des Schloſſes kam, blieb ſie abermals ſtehen und wandte ſich gegen Gretchen und Gamba um. „Ihr werdet nicht ſagen, wer ich bin,“ ſprach ſie zu ihnen.„Ich allein werde ſehen, ob ich mich nennen muß, Ihr, nicht ein Wort.“ „Seien Sie unbeſorgt,“ erwiederte Gretchen. „Ich, ich kann ſchweigen,“ fügte der Zigeuner bei. „Uebrigens bedürft Ihr meiner da oben nicht. Ich will Euch hier im Mondſchein erwarten. Ich weiß nicht, war⸗ um ich mir den Kopf mit einem Plafond bedecken ſoll, während ich den Himmel als Hut haben kann.“ Indeß Gamba ſprach, hatte Gretchen geklingelt, und der Pförtner öffnete. Auf die Frage der Ziegenhirtin antwortete er, es — 88 ſei ſpät, und die Gräfin von Eberbach könnte wohl zu Bette gegangen ſein. „Oh!“ ſagte Gretchen,„ſie wird wieder aufſtehen.“ Gretchen und Chriſtiane gingen nach der Freitreppe und ließen Gamba auf der Straße. Die Frau von Hans öffnete ihnen. Friedrike hatte in der That zu Nacht geſpeiſt und war in ihr Zimmer hinaufgegangen. Aber Frau Trichter, nach der Greichen verlangte, übernahm es, ihre Gebieterin zu benachrich⸗ tigen. . Frau Trichter kam wieder herab, und führte Gret⸗ chen in den kleinen, an das Zimmer der Gräfin anſtoßen⸗ den Salon. Es war keine Minute, daß ſie ſich hier befanden und Frau Trichter ſie wieder verlaſſen hatte, als Friedrike, unruhig über das, was man von ihr wollte, und ganz bewegt eintrat. Aber Jemand, der eine ganz andere Bewegung empfand, war Chriſtiane. Sie ſah zum erſten Male ihre Tochter in ihrem ſieb⸗ zehnten Jahre. Gott hatte ihr das Kind entzogen, um ihr die Frau zu ſchenken. Sie hatte ihre Tochter nicht Tag für Tag, nach und nach, Anfangs ganz klein, dann größer, dann immer größer gehabt. Sie hatte ſie mit einem Male ganz gemacht. Wie! dieſes edle und vollkommene Geſchoͤpf war ihre Tochter! Das war eine Idee, das war eine Freude, welche ihr armes Herz auszuhalten nicht die Kraft hatte. Und ſie blieb da, ſtumm, bleich, das Herz ange⸗ ſchwollen von Thränen, auf Friedrike Augen voll Ver⸗ wunderung in Betreff der Gegenwart und voll Verzweif⸗ lung in Betreff der Vergangenheit heftend. Unter der Freude, ſie wiederzufinden, empfand ſie einen ungeheuren Schmerz beim Gedanken an die Ereigniſſe, welche ſie von ihr getrennt hatten. Friedrike fühlte ſich Anfangs unbehaglich unter die⸗ var tte. ge⸗ r eif⸗ der ren von die⸗ 89 ſem ſo freudigen und ſo traurigen Blick. Sie errieth darin ein Geheimniß. Sie verſuchte es, das Stillſchweigen zu brechen. „Madame?“ ſagte ſie mit einem Tone, der eine Er⸗ klärung über dieſen Beſuch zu dieſer Stunde forderte. Chriſtiane antwortete nicht. „Gretchen läßt mir ſagen, Sie haben mit mir zu ſprechen,“ fuhr Friedrike fort. „Oh! ja.“ antwortete Chriſtiane.„Ich habe mit Ihnen zu ſprechen, voch ich habe Sie vor Allem zu ſehen. Laſſen Sie mich Sie anſchauen. Sie ſind ſchoͤn.“ Friedrike ſchwieg einen Augenblick verlegen. „Wer find Sie? Was haben Sie, Madame?“ ver⸗ ſuchte ſie zu fragen.„Sie ſcheinen ganz bewegt zu ſein.“ „Wer ich bin?“ erwiederte Chriſtiane mit einem Ausbruch der Zärtlichkeit. Doch ſie hielt an ſich. „Ich bin,“ ſprach ſie ruhiger,„ich bin die Perſon, ke Ihnen der Brief des Grafen von Eberbach ankün⸗ gt.“ „Ah!“ rief Friedrike,„Sie find es, Madame, Sie holen mich ab, um mich zu ihm zurückzuführen?“ „Ich bin es.“ „Seien Sie willkommen. Der Herr Graf heißt mich in ſeinem Briefe auf Sie hören und Sie achten, wie ihn ſelbſt. Doch wie geht es ihm? Warum iſt er nicht ſelbſt gekommen?“ „Es geht ihm beſſer, und es wird ihm bald ganz gut gehen, wenn Sie wieder bei ihm ſind. Eine wichtige Angelegenheit hat ihn vollends verhindert, zu kommen. Ohl! ſonſt würden ihn weder die Anſtrengung, noch die Krankheit fern von Ihnen zurückgehalten haben. Da er Paris nicht verlaſſen konnte, ſo hat er mich gebeten, hier⸗ her zu reiſen.“ „Verzeihen Sie meine Unbeſcheidenheit, Madame,“ ſagte Friedrike,„doch der Graf hat es unterlaſſen, mir 90 in ſeinem Briefe zu bemerken, wer Sie ſind, und ich nicht einmal, mit wem ich zu ſprechen die Ehre a e.“„ „Ich heiße. Man nennt mich Olympia.“ „Olympia!“ rief Friedrike.„Sie wären die be⸗ rühmte Sängerin, von der Herr Samuel Gelb zuweilen mit mir geſprochen hat?“ „Ich bin es in der That.“ „Ich bitte Sie noch einmal um Verzeihung, Madame; doch dann.. ja, Herr Samuel Gelb hat es mir ge⸗ ſagt.. der Herr Graf von Eberbach hat Sie geliebt.“ „Einſt, es iſt möglich,“ erwiederte Chriſtiane. Ohl doch das iſt ſchon ſo lange her!“ fügte ſie bei, indem ſie einen ſchmerzlich ſchwermüthigen Blick auf die Wände ves kleinen Salon warf, in dem ſie ſich befanden. „Der Herr Graf hat Sie einige Monate vor unſerer Heirath geliebt,“ ſprach Friedrike, deren Geſicht alsbald einen traurigen und gezwungenen Ausdruck annahm. „Was haben Sie?“ fragte Chriſtiane. „Entſchuldigen Sie mich, Madame, ich bin jung und ſehr neu in den Dingen des Lebens, beſonders in den Dingen der Welt. Doch wird es dieſe Welt nicht ſeltſam finden, daß der Herr Graf gerade Sie gewählt hat, um ſeine Frau zu holen und zurückzuführen?“ „Ahl Sie zweifeln an mir!“ rief Chriſtiane im Herzen getroffen. Ein unbeſtimmter Argwohn regte ſich allerdings in der Seele von Friedrike. Sie erinnerte ſich des Ein⸗ drucks, den ſie empfunden, als ſie am Morgen den Brief geleſen, wo ſie der Graf zum erſten Male dutzte. Dieſes Dutzen, in welchem ſie die Vertraulichkeit des Gatten zu erkennen befürchtete, und dieſe Sendung einer Frau, welche der Graf, wenn ſie auch nicht ſeine Geliebte ge⸗ weſen, doch wenigſtens geliebt hatte, und die in jedem Fall eine Schauſpielerin war, vermengten ſich im Geiſte von Friedrike und flößten ihr eine ſeltſame Unruhe ein⸗ ——.— — 88— — „—— —— ief ſes u, ge⸗ em iſte 9⁴ „Sie ſagen nichts?“ fuhr Chriſtiane fort.„Sie mißtrauen mir alſo?“ „Verzeihen Sie mir; doch, ach! wer bürgt mir für Sie, Madame?“ fragte die arme Friedrike. „Ich,“ erwiederte vortretend die Ziegenhirtin, welche bis jetzt ſtillſchweigend dieſer peinlichen Scene beigewohnt atte. „Ihr!“ verſetzte Friedrike mit einer Geberde halb der Hoffnung, halb der Furcht. „Ja, ich,“ fuhr Gretchen fort, welche ihre Befürch⸗ tungen vielleicht begriff;„ich, die ich über Ihnen gewacht habe, ſeitdem Sie auf der Welt ſind, ich, die ich ſo lange Meilen zu Fuß gemacht habe, um Ihr Geſicht ein paar Minuten zu ſehen, ich, die ich weiß, wer Sie ſind, und, wer dieſe Dame iſt.“ „Nun denn,“ ſprach Friedrike,„wenn Ihr es wißt, ſo ſagt es mir, ich bitte Euch, ich flehe Euch an.“ „Ich kann nicht,“ antwortete Gretchen. „Oh! dann wißt Ihr es nicht,“ entgegnete Friedrike, traurig den Kopf ſchütteind.„Oder es liegt Euch wohl nicht viel daran, daß ich Beiden glaube, da Ihr mich mit einem Worte überzeugen könntet und Ihr dieſes Wort nicht ſagt.“ „Es gibt Geheimniſſe, über die man nicht zu ge⸗ bieten hat,“ erwiederte Greichen.„Im Namen Eures Glückes, glaubt mir, ohne daß ich ſpreche.“ „Warum ſollte ich aber Vertrauen zu Euch haben, die Ihr keines zu mir habt?“ „Doch der Brief des Herrn Grafen von Eberbach!“ verſetzte Chriſtiane. „Mein Gott! er ſagt nichts, dieſer Brief,“ ant⸗ wortete Friedrike.„Weiß ich übrigens, welche Herrſchaft Sie über ihn haben moͤgen? Weiß ich, wohin man mich führen will? Oh! ich leide mehr als Sie unter meinem Mißtrauen. Es liegt nicht in meinem Cha⸗ rakter, und es thut mir leid, wenn ich Sie verletze, aber 92 ich bin unwiſſend in Allem. Man ſagt, ich habe Feinde, ich bin allein, verloren, fern von Allem, was mich liebt und beſchützt, und ich ſehe mich genoͤthigt, Acht zu geben auf das, was man mich thun läßt.“ Ganz niedergeſchlagen, ſah Chriſtiane ihre Hoffnung und ihre Freude zuſammenſtürzen. „Oh!“ ſprach ſie mit einem tiefen Tone,„ich hätte nicht geglaubt, daß wir uns auf dieſe Art begegnen wür⸗ den. Ich hätte gedacht, wenn Sie mich nur ſähen, wenn Sie mich nur hörten, würde ſich etwas in Ihnen bewegen, ein Inſtinct würde in Ihrer Bruſt beben, Ihre Arme würden ſich von ſelbſt öffnen. „Ich hätte gehofft, wenn ich uns einander gegenüber ſtellte, wenn ich dieſes doppelte Wunder, uns Beide auf⸗ zuerwecken, bewerkſtelligte, wenn ich, um uns einander nahe zu bringen, den Stein eines Grabes bräche, würde die Vorſehung nicht zwiſchen uns eine Mauer noch härter und unbiegſamer als der Granit der Gräber errichten: das Mißtrauen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Friedrike gerührt durch den Ausdruck, ohne die Worte zu begreifen. „Hören Sie,“ ſprach Chriſtiane, auf Friedrike Augen voll von Zärtlichkeit und voll von Thränen heftend. Das war zu ſtark für ihr armes Herz. Sie hatte ſchon genug gelitten, daß ſie ihr Kind nur mit Blicken bedecken konnte, ohne es umarmen zu dürfen; aber ſich durch dieſes Kind beargwohnen, verachten, haſſen laſſen, das war etwas, was ihre Kräfte überſtieg. „Hören Sie,“ fing ſie wieder an.„Ja, ich will ſprechen. Es iſt ſchlimm! Mein Herz überſtrömt. Ich kann nicht von Ihnen beargwohnt werden, das iſt zu grau⸗ ſam für mich, und dann, wenn ich geſprochen habe, wer⸗ den Sie ſehen, daß das unmoöglich iſt. Friedrike, Sie zweifeln am Wort von Gretchen: ſie muß Ihnen aber geſagt haben, ſie habe Ihre Mutter gekannt, und ſie ſpreche mit Ihnen in ihrem Namen.“ — ——— e5 7— „— er f⸗ er de er n ke n. en tte en ch n, ill ch u⸗ Sie ber ſie 93 „Meine Mutter,“ verſetzte Friedrike,„ſie hat jſt der nie nennen wollen.“ „Und wenn Ihre Mutter felbſt käme „Meine Mutter lebt!“ rief Friedrike bebend. „Wenn ſie lebte,“ fuhr Chriſtiane fort,„und wenn ſie, diesmal ohne Mittelsperſon, zu Ihnen käme, wenn ſie Ihnen ſagte, was Sie zu thun haben, würden Sie auch Ihrer Mutter mißtrauen?“ „Wenn meine Mutter zu mir käme,“ antwortete Friedrike ganz zitternd,„oh! Madame, haben Sie Mit⸗ leid mit mir, geben Sie mir nicht eine falſche Freude; ich bin zu jung, Sie würden mich toͤdten. Wenn meine Mutter zu mir käme, ſie würde aus mir machen, was ſie wollte; ſie brauchte nur zu winken, und ich wäre zu glücklich, ihr vurchaus und blindlings zu gehorchen.“ „Wohl denn!“ rief Chriſtiane,„wohl denn! ſchauen ie Und ſie erhob die Hand gegen die Wand und deu⸗ tete auf das Portrait, das Lothario ſo ſehr ergriffen hatte und auch Friedrike bei ihrer Ankunft aufgefallen war. „Dieſes Portrait..“ ſagte Friedrike. „Dieſes Portrait,“ erwiederte Chriſtiane,„iſt das meiner Schweſter. Haben Sie nicht bemerkt, wie es Ih⸗ nen gleicht? Und hat Ihnen dieſe Aehnlichkeit nicht ge⸗ ſagt, Sie ſeien von der Familie?“ „Oh! Madame, aber dann. „Friedrike, ſchau' mich an, Friedrike, umarme mich, ich bin Deine Mutter.“ Chriſtiane begleitete dieſes Wort mit einem ſolchen Schrei und einer ſolchen Geberde, vaß ſich Friedrike bis in ihr Innerſtes erſchüttert fühlte. „Meine Mutter!“ rief ſie. Und ſie warf ſich weinend und lächelnd in die Arme von Chriſtiane. „Ja,“ ſprach Chriſtiane, indem ſie Friedrike mit Küſſen bedeckte,„ja, meine Tochter, mein Kind, mein 94 ich bit. Ich wollte es Dir nicht ſagen wegen gewiſſer ichinge, die Du erfahren wirſt; doch das iſt ſtärker geweſen als ich. Dich mißtrauend wiederfinden war ſchlimmer, als Dich gar nicht wieverfinden.“ Und Friedrike ſprach ihrerſeits durch ihre Thränen und ihre freudigen Entzückungen: „Theure Mutter! Sie haben ſiebzehn Jahre auf ſich warten laſſen. Aber Etwas ſagte mir immer; Sie wird wiederkommen! Welches Glück! Ich habe meine Mut⸗ ter! Wie ſelig bin ich doch, Sie wiederzuhaben!? O theure Mutter! Chriſtiane antwortete auf Alles dies durch Thränen und Küſſe. Gretchen hatte ſich ein wenig entfernt, um dieſen Ergüſſen jede Freiheit zu laſſen. Sie war in einer Ecke des kleinen Salon niedergekniet und betete. „Dieſes Portrait iſt alſo das meiner Tante?“ fragte Friedrike. „Ja, der Mutter von Lothario, der Dein Vetter iſt.“ „und mein Vater?“ verſetzte Friedrike,„Sie ſagen mir nichts von ihm. Lebt er nicht mehr?“ „Doch! er lebt.“ „Ah! ich werde ihn alſo auch kennen lernen! Wie gut iſt die Vorſehung!“ „Du kennſt ihn ſchon,“ antwortete Chriſtiane. „Ich kenne meinen Vater!“ rief Friedrike. „Ja,“ erwiederte Chriſtiane,„Gott ſei gelobt, ich kann Dir ihn nennen, da der Himmel, in ſeiner Güte für uns, ihm in vas Herz nur die einzige Zärtlichkeit gelegt hat, die er haben konnte, haben durfte, da er Dein Vater geblieben iſt.“ „Von wem ſprechen Sie denn 2 fragte Friedrike unruhig. „Liebes Kind, erſchrecke nicht bei der Kunde, die ich Dir mittheilen will. Gott hat uns in der Vergangenheit gerettet, und d ie Zukunft ordnet ſich in dieſem Augenblick. ——— er er ar en ch rd t⸗ en ſen cke te . en ie für egt ter ig. heit ick. Habe kein Bangen. Dein Vater... Dein Vater iſt der Graf von Eberbach.“ „Der Graf!“ rief Friedrike erbleichend. „Sei unbeſorgt, mein Kind, ich wiederhole Dir, daß ſich Alles für Dein Glück ordnen wird. Wir werden dieſe Ehe löſen, und Du heiratheſt Lothariv. Nun bin ich in Deiner Nähe, es werden weder Sorgen, noch Schmerzen mehr zu Dir gelangen, ich verwehre ihnen den Durchgang.“ „Aber meinem Vater bin ich alſo bis auf dieſen Tag völlig unbekannt geweſen?“ fragte Friedrike. „Er wußte nicht einmal, vaß Du auf der Welt warſt. Oh! dieſe Geſchichte wäre zu lang, um ſie Dir zu erzählen. Du wirſt ſie eines Tages erfahren. Dein Vater und ich, wir ſind ſehr lange getrennt geweſen. Er hat mich todt geglaubt. Wie und warum dies Alles ge⸗ ſchehen iſt, frage mich jetzt nicht. „Rühren wir dieſe ſchmerzliche und furchtbare Ver⸗ gangenheit nicht auf. Wir haben uns wiedergeſehen und wiedererkannt. „Er weiß, vaß ich ſeine Frau bin, und wird erfahren, daß Du ſeine Tochter biſt; Zwei Gründe, von denen einer genügen würde, daß er zu mir zurückkehrt und Dich Lothario gibt.“ „Er wird es wollen,“ entgegnete Friedrike,„doch wird er es können? Für alle Welt, für das Geſetz, für die Religion, bin ich ſeine Frau. Wird er ſagen, ich ſei ſeine Tochter? Ausgenommen für Gott, würde ich auf immer verloren ſein. Wird er ſagen, Sie ſeien ſeine Frau, und er habe ſich zweimal verheirathet? Sie ſehen wohl, meine Mutter, es gibt keinen Ausgang, und das Unglück hält mich feſt! Sie mögen mich immerhin troͤ⸗ ſten, mein Mißgeſchick iſt ſtärker, als Ihre Zuneigung und Ihre Ergebenheit.“ „Die Kriſe iſt allerdings ſchwierig,“ ſagte Chri⸗ 96 ſtiane, doch beruhige Dich, meine Tochter, wir werden aus derſelben herauskommen.“ „Auf welchem Wege?“ „Dein Vater hat ein Mittel.“ „Welches?“ „Ich weiß es nicht, doch er hat eines.“ „Wer hat es Ihnen geſagt 2* „Er. „Er hat es Ihnen geſagt, um Sie zu beruhigen, wie Sie mich in dieſem Augenblick beruhigen. Wenn er ein Rittel hätte, ſo würde er Ihnen mitgetheilt haben, wel⸗ ches. Hat er Ihnen ein Geheimniß daraus gemacht, ſo beſitzt er keines.“ „Er beſitzt eines. Er hat darüber mit mir in einem Tone geſprochen, der, das ſchwöre ich Dir, nicht log.“ „Sie mögen Beide ſagen, was Sie wollen,“ entgeg⸗ nete Friedrike beharrlich,„ich fühle wohl, daß wir in einer Lage ſind, aus der wir nie herauskommen können.“ „Höre,“ ſprach Chriſtiane,„Dein Vater erwartet uns in Paris. Wir müſſen vor Allem dahin gehen, um über ihm zu wachen. Nun denn! Du biſt ſeine Tochter und ich bin ſeine Frau. Wir werden Belde danach trach⸗ ten, ihm ſein Geheimniß zu entreißen, und er wird es uns ſagen.“ Wo Olympia ſingt und wo Chriſtiane nicht ſpricht. Die Stimme, welche bei der Orgel ſang, ergoß in⸗ deſſen fortwährend auf den Sarg von Lord Drummond Noten, welche Thränen glichen, den Todten der gottlichen Gnade empfahlen, von ihm Abſchied nahmen, ihm guf ——— ———— en wie ein vel⸗ ſo nem eg⸗ en.“ tet um chte d es in 97 Wiederſehen ſagten und den Freund zurückführten, der bis an die Schwelle der Ewigkeit ging. „Das iſt gewiß Olympia!“ ſprach Samuel zu ſich. „Ich muß mich bei einem Freunde von Lord Drummond erkundigen.“ Er näherte ſich einem Engländer, der in vertrautem umgang mit dem Todten geſtanden hatte, und fragte ihn, wer dieſe Sängerin ſei, welche zu bewunderungswürdig, um nicht berühmt zu ſein, und die er nicht erkenne. „Das iſt eine Sängerin, deren Stimme Lord Drum⸗ mond leivenſchaftlich geliebt hat,“ antwortete der Eng⸗ länder.„Eine Sängerin aus Italien, die in der That nie in Frankreich geſungen.“ „Dle Sängerin Olympia?“ fragte Samuel. „Ganz richtig. In dem Augenblick, wo er ſterben ſollte, hat ſie Lord Drummond beſchworen, ihm den Lie⸗ besdienſt zu erweiſen, bei ſeinem Todtenamte das Requiem zu ſingen; er ſagte, die Stimme, die ihm ſo theuer ge⸗ weſen, werde ihn noch in ſeinem Leichentuche ergötzen. Madame Olympia hat es ihm verſprochen, und Sie ſe⸗ hen, ſie hält ihr Wort.“ „Lord Drummond wußte alſo, daß ſie hier war?“ „Nein, er hat in Venedig nach ihr verlangen loſſen, ſchon in der erſten Woche ſeiner Krankheit. Er fühlte ſich tövtlich befallen. Man antwortete ihm, die Signora Olympia befinde ſich nicht mehr in Venedig, und man wiſſe nicht, wo ſie ſei.“ „Und Sie wiſſen nicht, wie lange die Signora Olympia in Paris war?“ fragte Samuel. „Ich weiß es durchaus nicht,“ antwortete der Eng⸗ länder, der über das beharrliche Fragen von Samuel erſtaunt zu ſcheinen anfing. Samuel verließ ihn und kehrte zu Julius zurück. „Es iſt in der That Olympia,“ ſagte er zu ihm, indem er ihn feſt anſchaute. Gott lenkt. lV. 7 98 Es rührte ſich nichts im Geſichte von Julius. „Ah!“ verſetzte er, ohne einen Schatten von Bewe⸗ gung,„wer hat es Dir geſagt?“ de Freund von Lord Drummond.“ „Oh 4 „Nicht eine Bewegung, nicht ein Funke in den Au⸗ gen,“ dachte Samuel, die Ruhe von Julius beobachtend. zu „Entweder hat er keinen Blutstropfen in den Adern, oder er verſtellt ſich gut. Bahl warum ſollte er ſich verſtel⸗ eir len? Iſt er fähig, bei ſeinem Zuſtande und in ſeinem Al⸗ un ter eine ſolche Stärke und einen ſolchen beharrlichen S Willen zu haben, er, der in voller Jugend, mit zwanzig Jahren nie Stärke und Willen gehabt hat? Doch wenn re Olympia ſeit einiger Zeit hier iſt, ſo war ſie es nicht für Lord Drummond, da er ſie ſuchen laſſen mußte; ſie pi hat nur wegen Julius Venedig verlaſſen und nach Paris ge kommen können. Sie hat ihm alſo zu wiſſen thun müſ⸗f„ ſen, daß ſie zurückgekommen. Warum hat er nicht mit na mir davon geſprochen? Hat er mir das verborgen, ſo kann er mir auch etwas Anderes verborgen haben. Oh! ich werde erfahren, was er mir verborgen haben kann! Dieſe myſteriöſe Rückkehr von Olympia verbirgt ein Geheim⸗ ſie niß. Sollten ſie mit einander einen Plan gegen mich machiniren? Ich werde Olympia beſuchen. Hat ſie Ju⸗ lius geſehen, ſo weiß ſie Alles, was in Saint⸗Denis am Tage des Duells vorgefallen iſt, und was Julius zu thun he gedenkt. Ich werde ſie ſprechen machen. Ja, das iſt m das Mittel, um Alles zu erfahren. Julius will mir ſc nichts ſagen; doch es müßte mit dem Teufel zugehen, ſch wenn es mir nicht gelänge, ein Weib zum Sprechen zu zu bringen.“ Die Meſſe war beendigt. Samuel ließ alle Welt durch die große Thüre hinausgehen und ſtellte ſich an de die Thüre der Orgel. Dann ſtleg er in einen Fiaere und hieß den Kuiſcher C warten. u⸗ d. der el⸗ Al⸗ en zig enn cht ſie ris üſ⸗. mit ann ich ieſe im⸗ nich Ju⸗ am hun iſt mir hen, zu Lelt an ſcher . 6 * 99 Er ließ die Vorhänge herunter und beobachtete. Nach Verlauf von zehn Minuten kam eine Frau von der Orgel und ſtieg in einen geſchloſſenen Wagen. Es war Olympia. Der Wagen, in den ſie geſtiegen war, fuhr raſch weg. Samuel drückte das Vorderfenſter nieder und ſagte zum Kutſcher: „Folgen Sie dem Wagen, in welchen dieſe Dame eingeſtiegen iſt. Folgen Sie ihm auf fünfzig Schritte, um keinen Verdacht zu erregen. Wenn er anhält, halten Sie auch an.“ Der Wagen von Olympia hielt in der Rue du Lu⸗ rembourg vor einem abgelegenen, ſtillen Hotel an. Samuel ſtieg raſch aus ſeinem Fiacre und ſah Olym⸗ pia ein Veſtibule durchſchreiten und auf eine Treppe zu⸗ gehen. Er durchſchritt den Hof und wandte ſich ebenfalls nach der Treppe. Er ſtieg hinter ihr hinauf, ohne daß ſie ihn bemerkte. Auf dem erſten Stock blieb ſie ſtehen und ſchellte. Das Geräuſch der Tritte von Samuel machte, daß ſie ſich umwandte. Sie ſah Samuel und erbleichte unwillkürlich. „Sie hier?“ ſagte ſie. „Es ſetzt Sie in Erſtaunen, mich bei Ihnen zu ſe⸗ hen, Madame,“ ſprach Samuel.„Nicht mehr, als es mich in Erſtaunen ſetzt, Sie in Paris zu ſehen. Ent⸗ ſchuldigen Sie mich, daß ich ſo plötzlich bei Ihnen er⸗ ſcheine. Ich habe über ziemlich wichtige Dinge mit Ihnen zu reden.“ „Nun, ſo treten Sie ein.“ Man hatte die Thür geöffnet. Samuel ging durch das Vorzimmer und trat in ven Salon mit derjenigen ein, welche er Olympia nannte, während ſie unſere Leſer Chriſtiane nennen. „Ich höre Sie, mein Herr,“ ſagte Chriſtiane. 100 „Vor Allem erlauben Sie mir, Madame, eine Frage an ſie zu richten.“ „Welche?“ „Hahen Sie Julius ſeit Ihrer Rückkehr nach Paris wiedergeſehen?“ „Den Grafen von Eberbach?“ „Ja.“ „Ich habe ihn nicht wiedergeſehen,“ antwortete Chri⸗ ſtiane,„und ich trachte nicht darnach, ihn wiederzuſehen.“ „Ah!“ verſetzte Samuel mit einer Miene des Zwei⸗ fels.„Und dennoch ſind Sie nach Paris zurückgekehrt.“ „Die Saiſon iſt in Venedig zu Ende,“ erwiederte die Sängerin.„Ich glaubte, der arme Lord Drummond ſei in London und zu fern, um mich zu verhindern, in der großen Oper zu ſingen, wie im vorigen Jahre. Bei meiner Ankunft erfuhr ich, er befinde ſich in Paris und ſei gekommen, um ſich hier in einer Bruſtkrankheit be⸗ handeln zu laſſen. Ich giaubte nicht, daß er ſo gefähr⸗ lich krank, ſchloß mich in ein Hotel im Faubourg Saint⸗Germain ein und lebte verborgen, um meine Schritte ohne ſein Wiſſen zu thun, da ich befürchtete, er würde ihnen abermals entgegentreten. Fortan iſt die Muſik meine einzige Leidenſchaft.“ „Es mag ſein,“ ſagte Samuel,„aus Liebe für die Muſik haben Sie ſich verborgen, und der Graf von Eber⸗ bach weiß nichts von Ihrer Rückkehr. Wenn Sie aber nicht mehr für ihn das Gefühl haben, das Sie vergan⸗ genen Winter einen Augenblick gehabt haben, ſo kann er doch nicht ganz und gar ein Fremder für Sie geworden ſein, und ich denke, es iſt Ihnen nicht unangenehm, wenn ich Ihnen Kunde von ihm gebe.“ „Er befindet ſich wohl?“ fragte Chriſtiane gleich⸗ ültig. 8 3 Allem befindet er ſich ſehr ſchlecht. Doch nicht die Geſundheit ſeines Leibes iſt am meiſten gefähr⸗ det. Sie wiſſen nicht, was ihm begegnet iſt?“ — is ri⸗ .“ ei⸗ t.“ rte n in Bei nd be⸗ hr⸗ urg itte rde ufik die ber⸗ ber an⸗ er den ich och ähr⸗ 10¹ „Doch. Er hat, glaube ich, geheirathet, wie man mir geſagt hat.“ „Es iſt ihm etwas Anderes begegnet. Er hat ſei⸗ nen Neffen getoͤdtet.“ „Welchen Neffen?“ fragte die Sängerin. „Lothario.“ „Den jungen Mann, den ich eines Abends beim Souper von Lord Drummond geſehen habe?“ „Eben dieſen. Ein Neffe, den Julius liebte wie einen Sohn.“ „Und wenn er ihn wie einen Sohn liebte, warum hat er ihn getödtet? Aus Eiferſucht ohne Zweifel?“ „Aus Eiferſucht, in der That.“ „Armer junger Mann!“ ſagte Chriſtiane.„Und die neue Gräfin von Eberbach, wie geht es ihr? Sie ſehen, daß nichts mehr bei mir von meiner Leidenſchaft für den Grafen übrig iſt, da ich ſo ruhig mit Ihnen von ſeiner Frau ſpreche.“ „Die Gräfin Friedrike,“ erwiederte Samuel,„war nach dem Schloſſe Eberbach gegangen; das hat das Miß⸗ verſtändniß und das Unglück verurſacht. Julius hat die Unſchuld ſeiner Frau erkannt, aber zu ſpät. Die Gräfin iſt zurückgekehrt und hat ſich wieder in Enghien einquar⸗ tiert. Ich beſuche ſie zuweilen dort. O elende Mädchen⸗ herzen! Sie liebte dieſen Lothariv, ſein Grab iſt kaum ge⸗ ſchloſſen, und ſie hat ihn ſchon vergeſſen! Sie hat ge⸗ rade nur ſo viel Melancholie, als man braucht, um ſei⸗ ner Schönheit ein rührenderes Ausſehen zu geben. Sterbt doch für eine Frau!“ Während er ſo ſprach, beobachtete Samuel das Ge⸗ ſicht von Olympia, in der Hoffnung, darin eine unwill⸗ kürliche und unmerkliche Bewegung zu erlauern, die ihm Etwas entdecken würde. Obgleich, ſtreng genommen, das Geheimniß, in das ſich die Sängerin ſeit ihrer Rückkehr hüllte, durch den Grund, den ſie ihm angegeben, nämlich durch die Furcht, 102 ch abermals in ihren Schritten, um auf einem Pariſer heater zu ſingen, entgegenarbeiten zu ſehen, erklären ließ, ſo war doch Samuel Gelb nicht der Mann, den man ſo leicht zu überzeugen vermochte. Die Muſik konnte ſicht die Urſache ſein, es konnte aber auch ſein, daß es der Vorwand war. „Es gibt kein ſchlimmeres Waſſer, als das ſtill⸗ ſtehende,“ dachte dieſer finſtere, an Verräthereien gewöhnte Geiſt.„Alles dies kann eine zwiſchen ihnen verahredete Fobel ſein. Sie iſt gut angelegt, das geſtehe ich, aber gerade darum muß ich mißtrauen. Das iſt zu wahr⸗ ſcheinlich, um wahr zu ſein.“ Er konnte indeſſen ſeinen Beſuch nicht länger aus⸗ dehnen. Olympia⸗Chriſtiane ließ das Geſpräch bei jedem Satzende fallen. Dieſer Menſch, von dem ihr alles Unglück ihres Lebens zugekommen war, flößte ihr Abſcheu ein. Sie vermied es, ihn anzuſchauen, denn ſo oft ihre Augen auf ihn ſielen, hatte ſie Mühe, eine Geberde der Abſtoßung, wie beim Anblick einer Schlange, zurückzuhalten. und es war weſentlich, daß ſie ſich nicht verrieth⸗ und daß Samuel nichts vermuthete. Dieſer Kampf gab ihrer Haltung ein gezwungenes, geſpanntes Weſen, das Samuel nothwendig bemerken mußte. Er ſtand auf und ſagte zu der Sängerin: „Ich verlaſſe Sie, Madame!“ Und er ſagte zu ſich ſelbſt: „Ich werde wiederkommen.“ Er entfernte ſich und ſchickte ſeinen Fiaere weg. „Oh!“ dachte er, als er auf der Straße ging,„ſie war in einer Verlegenheit, welche nicht nichts bedeuten kann. Sie hatte offenbar bange, ſich ein Wort oder eine Ge⸗ berde entſchlüpfen zu laſſen. Ich werde wieder zu ihr kommen. S 2 e 6 ill⸗ nte ete ber hr⸗ dem hres Sie auf ung, ieth, nes, eren „ſie kann. Ge⸗ ih 103 „Sie mag ſich immerhin beherrſchen, ich werde am Ende eine Minute finden, wo ſie ſich vergißt und ſpricht. Ich muß durchaus wiſſen, was Julius im Geiſte hat, denn er wäre todt und begrabeu, wenn er nicht etwas darin hätte. Das erhält ihn. Er lebt nur hiedurch. „Er hat ſicherlich, darauf ſchwöre ich beim Teufel, irgend einen Plan, der ihn im Daſein zurückhält.“ Er kam wieder zu Chriſtiane. Doch es war ver⸗ geblich. Chriſtiane hatte Zeit gehabt, ſich auf ſeinen Beſuch vorzubereiten. Sie war auf ſeine Fragen und auf ſein Geſicht ge⸗ faßt. Er fand ſie ruhig, lächelnd, gleichgültig gegen Ju⸗ lius, ſie hatte ihn nicht wiedergeſehen und wünſchte ihn auch nicht wiederzuſehen. Nun, da Lord Drummond todt und Niemand mehr da war, um ihren Theaterplänen Hinderniſſe entgegenzu⸗ ſetzen, verbarg ſie ſich auch nicht mehr: ihre Thüre war offen. Samuel erkundigte ſich bei mehreren Journaliſten ſeiner Bekanntſchaft und erfuhr in der That, es ſeien Unterhandlungen für das Engagement der Signora Olym⸗ pia bei der großen Oper angeknüpft worden. Samuel ging ſo von Thüre zu Thüre, vom Hotel von Olympia zum Hotel von Julius, vom Hotel von Julius nach Enghien. Julius war nicht minder unerforſchlich als Olympia, und Friederike, wenn ſie etwas wußte, war nicht minder unerforſchlich als Julius. Samuel fand die Thüren offen, aber er fand die Herzen verſchloſſen. Wie vie unbeſchäftigten Menſchen der Thätigkeit, fand er, wenn er nichts Beſſeres zu thun hatte, ein Vergnü⸗ gen daran, die Andern zu quälen. Das war immer ſo. Er benützte ſeine Thätigkeit, wie er konnte. 104 Er ſprach heſtändig mit Friedrike vom Tode von Lo⸗ thario. Er yhatte die junge Frau verleumdet, als er zu Olym⸗ pia ſagte, ſie habe den Tod von Lothario leicht hinge⸗ nommen. Wenn er in Gegenwart von Friedrike den Namen Lothario ausſprach, wurde ſie ganz traurig, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Doch er hatte bis auf einen gewiſſen Grad Recht, es war, dem Anſcheine nach, nicht die Verzweiflung einer Frau, die ihren Geliebten verloren hat;z es war eine Art von faüfter, ergebener Traurigkeit, welche eher der Trauer einer Frau, die einen Abweſenden beweint, als der ver⸗ zweifelten Bitterkeit einer Frau, die einen Todten beweint, glich.„ Da Lothario nicht mehr da war, ſo nahm ſich Samuel wieder ſeine Rechte auf Friedrike. Er unterließ es nie, ſie an ihre alten Verſprechungen und Verpflichtungen, die ſie an ihn bänden, zu erinnern. Friederike ließ ihn ſprechen, leugnete nichts und ver⸗ weigerte nichts. Mitten durch Alles dies langweilte ſich Samuel: eine fremde Empfindung für ihn. Die furchtbare, rührige Seele ſchmachtete in dieſen Langſamkeiten. Er fühlte ſich müde und dieſes Lebens überdrüſſig. Es war für ihn Bedürfniß, damit ein Ende zu machen. In Augenblicken hatte er Luſt, die Entwickelung ge⸗ waltſam herbeizuführen; und dann ſagte er ſich, es ſei beſſer, zu warten, bis Julius ſeinen Plan zuerſt entlarve. Indem er weit ausſiel, ohne den Stoß zu ſehen, den ihm Julius vorbereitete, lief er Gefahr, in den Degen zu laufen. Er blieb ſo zögernd zwiſchen ſeiner Natur, die ihn handeln hieß, und dem Raiſonnement, das ihm zu war⸗ ten gebot. —— Lo⸗ m⸗ ge⸗ ten hre ht, ner Art uer er int, uel nie, en, er el: ſen ſig. en. ge⸗ ſei hen, gen ihn ar⸗ 105 Ein Ereigniß häite ihn drängen und ſeine Hand an⸗ treiben müſſen. Der Gott hätte aus der Maſchine her⸗ vortreten und gebieteriſch eine unerträgliche Lage bre⸗ chen müſſen. Der Gott, der hervortrat, war das Volk. Um ſeine Ungeduld zu beſchäftigen und um ſich von ſeinen eigenen Angelegenheiten zu zerſtreuen, miſchte ſich Samuel in die öffentlichen Angelegenheiten. Er fand ein wenig Aufregung und Leidenſchäft nur in der Politik. Schläferig in den letzten Monaten, ſchien ſeit einigen Tagen der Kampf zwiſchen dem Parlament und dem Kö⸗ nigthum wiedererwachen zu wollen. Am 26. Juli brachen die Ordonnanzen wie ein Don⸗ nerſchlag los. 48 Die erſte Bewegung war Erſtaunen. Samuel durchlief ſogleich die Straßen und die Vor⸗ ſtädte, in der Hoffnung, Alles werde ſich erheben, und die Nation werde ſogleich die freche Herausforderung des Thrones aufnehmen. Niemand rührte ſich den ganzen Tag. Der Zorn und die Entrüſtung blieben unter den Journaliſten und den Abgeordneten. Das Volk ſah nicht einmal aus, als ob es gehört hätte. „Ah gut!“ dachte Samuel,„wenn ſie das ertragen, ſo kann ich nach Deutſchland zurückkehren: das König⸗ thum iſt ewig hier!“ Er begegnete einem Redacteur des National, der in derſelben Abſicht auf den Gaſſen herumlief. „Nun?“ fragte er ihn. „Nun! Sie ſehen,“ antwortete der Journaliſt,„das Volk rührt ſich nicht. Ah! ich fange an zu glauben, daß der Koͤnig und Polignac Recht haben. Wenn Frank⸗ reich das duldet, ſo verdient es nichts Beſſeres.“ „Wo iſt der Konig?“ „Der König iſt ſo eben auf die Jagd nach Ram⸗ 106 bouillet gefahren. So hoch ſchätzt er uns. Er läßt ſich nicht einmal herab, die geringſte Vorſichtsmaßregel zu nehmen. Dahin iſt es mit uns gekommen: ein Po⸗ lignac verachtet Frankreich und hat Recht.“ „Es iſt noch nicht Alles zu Ende,“ entgegnete Sa⸗ muel.„Man kann zur Menge ſprechen. Ich hoffe, die Journale werden nicht ſchweigen, trotz der Ordonnanz, die ſie knebelt. Gehen wir zum National.“ Als ſie an der Börſe vorbiekamen, boten die Ge⸗ ſichter einen ganz andern Anblick. Der Bürgerſtand war eben ſo beſtürzt, als das Volk gleichgültig war. Er war es in der That, den die Ordonnanzen trafen. Er allein hatte Intereſſe beim Wahlgeſetze das die Ordonnanzen unterdrückten; er allein hatte Organe in den Journalen, denen Karl X. den Mund ſchloß. Was den Widerſtand betrifft, ſo dachte der Bürger⸗ ſtand nicht einmal hieran. Er war im Voraus beſiegt, denn er konnte nicht annehmen, die Monarchie habe dieſe ungeheure Maßregel gewagt, ohne zuvor ihre Anſtal⸗ ten getroffen, ohne ſich bewaffnet zu haben, ohne der Truppen ſicher zu ſein, ohne Paris in einem Kreiſe von Bajonetten und Kanonen zu halten. Ein Wort des Dauphin war in ven Gruppen im Umlauf.* Der Marſchall von Raguſa hatte ihm geſagt, beim erſten Leſen des Moniteur ſei die Rente gefallen. „Um wie viel?“ fragte der Dauphin. „Um drei Franken,“ antwortete der Marſchall. „Sie wird wieder ſteigen.“ Wenn das nicht der hoͤchſte Grad von Einfalt war, ſo war es die Gewißheit der Stärke. Im Bureau des National fand Samuel alle. Hauptjournaliſten von Paris beſchäftigt, die Proteſtation der Peeſſe gegen die Gewalt, die man ihr anthun wollte, abzufaſſen. — „— 1 ßt el ⸗ a⸗ die nz⸗ e⸗ ar zen die in er⸗ egt, eſe tal⸗ der von eim war, alle tion Ute, 107 Als die Proteſtation unterzeichnet war, fragte Herr Coſte, der Redacteur des Temps, ob man hiebei ſtehen bleiben und nicht von den Worten zur That übergehen ſollte. Andere Redacteurs des Temps und die Redacteurs der Tribune verbanden ſich mit Herrn Coſte und woll⸗ ten, man ſolle es ſogleich verſuchen, die Werkſtätten und die Schulen zum Aufruhr zu veranlaſſen. Samuel bemerkte, nie werde ſich eine günſtigere Ge⸗ legenheit zeigen; der König ſei auf der Jagdz Herr von Polignac beſchäftige ſich mit einer Zuerkennung im Kriegs⸗ miniſterium; die Regierung ſei in einer Stunde des Schwindels begriffen, befürchte nichts und nehme keine Maßregel; es ſei alſo ſehr leicht, durchzugreifen, wenn man keine Minute verliere, und der Koͤnig könne, wenn er von Rambouillet zurückkomme, am Abend ſeinen Platz von der Revolution eingenommen finden. Aber Herr Thiers ſprach gegen jedes gewaltſame Verfahren. Man müſſe den Boden der Geſetzlichkeit nicht ver⸗ laſſen. Man habe in dieſem Augenblick eine bewunderungs⸗ würdige Stellung, warum aus ihr hervortreten? Man müſſe dem Volke Zeit laſſen, zwiſchen dem Königthum, das die Charte zerriſſen, und der Oppoſition, welche das Geſetz aufrecht halte, zu richten. Das nationale Bewußtſein werde den Ausſpruch thun. Das Land werde ſich zur Oppoſition halten, und dann werde die Oppoſition ſehr ſtark ſein und koͤnne Alles, was ſie wolle, gegen den Thron unternehmen. Aber was vermöge die Oppoſition ganz allein? Sie könne ſich nur gefährden und mit ſich das einzige Hinderniß für den monarchiſchen und elericalen Abſolu⸗ tismus gefährden. Welche Kanonen habe ſie? Welches Heer? Das Polk miſche ſich nicht in die Frage. Wenn allen Jour⸗ naliſten die Bruſt von den Kugeln der Schweizer durchbohrt wäre, würde ihr Tod die Freiheit wiedererſtehen machen? Ein Tropfen kaltes Waſſer genügt oft, um das Aufwallen des ſiedenden Waſſers fallen zu machen. Das kalte Wort des kleinen Advokaten aus der Pro⸗ vence dämpfte die Exaltation der Hitzigſten. Man beſchloß, bei der Proteſtation ſtehen zu bleiben. Der National, der Globe und der Temps erklärten indeſſen, ſie werden am andern Tage trotz der Ordonnanzen erſcheinen. Das Journal des Debats und der Con⸗ ſtitutionnel wagten es nicht, ihrem Beiſpiele zu fol⸗ gen, und unterwarfen ſich. Samuel Gelb ging wüthend und an Allem verzwei⸗ felnd weg. „Nichts zu thun,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Schlie⸗ ßen wir uns ein. Alle dieſe Feigheiten ekeln mich an. Das nennt man Oppoſition! Ahl Frankreich iſt nicht reif. Die Demokratie hat noch hundert Jahre zu warten.“ Düſter und bitter ſchlug er wieder den Weg nach Menilmontant ein. Als er vor die Barriere kam, hörte er in einer Schenke auf Geigen kratzen⸗ Eine vom Staube heimgeſuchte, von der Straße nur durch einen Zaun getrennte Schenke war voll von Tän⸗ und Trinkern. Ohne Zweifel fand eine Hochzeit att. Samuel trat auf einen Arbeiter im Sonntagsſtaate zu und ſagte zu ihm: „Ihr beluſtigt Euch, Ihr Leute 2 „Warum nicht?“ erwiederte der Arbeiter. „Ihr wißt alſo nicht, was in Paris vorgeht?“ „Es geht etwas vor?“ „Das Miniſterium hat Ordonnanzen erlaſſen, die das Recht der Wähler unterdrücken.“ rt 2 6 n. P er n⸗ ol⸗ ei⸗ ie⸗ an. cht ach ner nur än⸗ ate die 109 „Der Wähler? Was geht das uns an? Sind wir Wähler, wir Leute aus dem Volke?“ „Man hat auch die Journale unterdrückt.“ „Ah wohl! die Journale! Geht das uns an, die Journale? Wir leſen ſie nicht, das iſt zu theuer. Das koſtet achtzig Franken.“ „Die Wahlen und die Journale ſollen Euch aber gerade angehen. Und wenn Ihr wolltet „Ah bah!“ verſetzte der Arbeiter, indem er eine Rauchwolke ausſtieß,„wenn man nur den Preis des Bro⸗ des und des Weines nicht erhöht, dann kann der König machen, was er will.“ In dieſem Augenblicke lief ein kräftiges, munteres Mäbchen herbei und rief, indem es den Arbeiter beim Arm nahm: „Sprich, ſo forderſt Du mich zum Tanze auf und läſſeſt mich dann ſitzen! Man fängt an, komm ge⸗ ſchwinde.“ „Hier bin ich,“ ſagte der Arbeiter, der dem Mädchen olgte. Samuel kehrte nach Hauſe zurück, ohne mehr etwas zu hoffen. Er ſpeiſte und legte ſich zu Bette. Am andern Morgen ging er nicht einmal aus. Er blieb den ganzen Tag in ſeinem Garten, fieberhaft und müde. Die Hitze war erſtickend. „Ah!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„Alles, was ich ge⸗ than habe, iſt rein verloren. Mein Zweck war es, eine gh Volksbewegung zu beherrſchen, die Ideen zu re⸗ gieren. „Aber wenn es keine Bewegung gibt, ſo bin ich zu nichts mehr nütze, und nichts iſt mehr für mich nütze. Ich brauche kein Geld mehr von Julius, was würde ich damit machen? „Julius kann leben. Er mag ewig ſein, wenn er will. Ich werde ihm nicht den Naſenſtüber geben, der 110 ihn ins Grab ſtürzen würde! Ah! er vermuthet nicht, git daß dieſe Gleichgültigkeit des Volkes ihn rettet, und daß we dieſer Tod von Allen ſein Leben iſt.“ B PDer Abend rückte heran. Des Umhergehens müde, hatte ſich Samuel auf einer Bank ausgeſtreckt. ve Plötzlich bebte er. c Er hatte in der Richtung von Paris ein Geräuſch, gi das einem Kleingewehrfeuer glich, zu höreh geglaubt. M Doch nein, er hatte ſich ohne Zweifel getäuſcht. Er horchte. Das Geräuſch fing wieder an. al Diesmal konnte er ſich nicht täuſchnn, es war ein h Gewehrfeuer. Samuel ſprang auf. „Flintenſchüße?“ ſagte er.„Ahl dann iſt es das Volk. 8S Braves Volk, das ich verleumdetel Ahl mein Traum auf⸗ ne erſteht wieder. Es lebe das Volk! und es ſterbe Julius!“ — 4. Ar ge mie diejenigen, welchen die Revolutionen nüzen, nicht immer diejenigen ſind, welche ſie machen. ihr „Nieder mit Karl X. und Julius!“ wiederholte der Samuel Gelb, der ſich ganz wiederaufleben fühlte.„Wir. rei werden jedes unſere Revolution machen, Frankreich und nu ich; und ich werde an der ſeinigen arbeiten, und Frank⸗ der au reich an der meinigen!“ Er ging raſch in ſein Zimmer hinauf, nahm Gold Di aus einer Schublade, ſchrieb ein paar Zeilen, bewaffnete mi ſich und eilte nach Paris hinab. He Er trat nicht durch die erſte Barriere ein, ſondern k. f⸗ 1“. en, olte Dir und nk⸗ l nete ern 11¹ ging längs den äußeren Boulevar hin, da er ſehen wollte, ob die Bewohner der Bannmeile Antheil an der Bewegung nähmen. Die Aufregung fing an die Leute anzuſtecken. Grup⸗ pen bildeten ſich da und dort. Improviſirte Redner ſpra⸗ chen zu den Zuſammenſchaarungen und erklärten mit ener⸗ giſchen Ausdrücken die Artikel der Journale, welche am Morgen zu erſcheinen ſich nicht gefürchtet hatten. Samuel trat durch die Barridre Saint⸗Denis ein. Kaum hatte er ein paar Schritte in Paris gemacht, als er einen gewaltigen Lärmen und wüthende Schreie hörte. „Schlagt ihn todt! Man muß ihn erſchießen!“ Er beſchleunigte ſeine Schritte, und als er in eine Straße einbog, erblickte er eine Bande bewaffneter Män⸗ ner, die einen Wagen angehalten hatten. „Was gibt es denn?“ fragte er. „Es iſt ein Whiſter, der entflieht.“ antwortete ein Arbeiter. „Welcher Miniſter?“ verſetzte Samuel. Doch ein Menſch aus dem Volke hatte den Schlag geöffnet. In dem Wagen befanden ſich eine Frau, zwei Kinder und ein Mann von etwa vierzig Jahren. Dieſer Mann ſprang zu Boden. Samuel erkannte n. „Ja, ich begreife,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Das iſt der Muth der Liberalen! Sie haben den Aufſtand vorbe⸗ reitet, ſie haben das Volk in die Straßen losgelaſſen, und nun, da die Schlacht begonnen hat, machen ſie ſich aus dem Staube. Sie laſſen das Volk, wie es eben kann, ſich aus der Gefahr herausziehen, in die ſie es verſetzt haben. Doch nein, dieſen halte ich, er wird nicht gehen, er wird mit uns kämpfen, ich werde wider ſeinen Willen einen Helden aus ihm machen.“ Und da der Mann vom Wagen ſchwieg, weil er es nicht wagte, ſich dieſen bewaffneten Arbeitern anzuver⸗ trauen, ſo ſprach Samuel. „Was macht Ihr, Freunde?“ rief er⸗„Das iſt im Gegentheil, es iſt ein Vertheidiger des olks!“ „Sein Name?“ fragte die Menge. „Caſimir Périer.“ „Caſimir Pörier!“ rief das Volk. Es lebe die Charie!“. „Ja, meine Kinder, es lebe die Charte!“ rief Cafimir Perier.„Wir werden ſie mit einander vertheidigen, und müßten wir für ſie ſterben! Es lebe die Charte!“ „Im Triumph!“ ſagte Samuel. Und man trug dieſen Flüchtling ſeines Sieges im Triumphe nach dem Schlachtfelde zurück. Woran hängen die Geſchickel In dem Augenblick, wo man ihn mit Gewalt nach Paris zurückbrachte, verließ Caſimir Périer die Stadt, um Karl K. nachzufolgen und ſich ihm zu Dienſten zu ſtellen. Man war indeſſen erſt bei der Vorrede des Aufſtan⸗ des. Es fanden wohl ſtellenweiſe vereinzelte Gefechte ſtattz aber das war die Sache von einigen Flintenſchüſſen, und dann wartete man. Das Scharmützel gab ein Vorſpiel zum Kampfe. Starke Patrouillen von der Linie folgten ſich in den Straßen, auf den Boulevards, auf den Quais. Man ließ ſie ihres Weges ziehen. Man rief: Es lebe die Liniel und: Es lebe die Charte! um gewiſſer Maßen das Heer mit der Sache des Aufruhrs zu verbinden⸗* Das Volk und das Königthum ſchauten ſich an, ehe ſie ſich um den Leib packten. Man fühlte, daß ſich ein furchtbarer, entſcheldender Kampf vorbereitete. ſt es ie ir nd im wo ieß und an⸗ tt; und pfe. den Nan die des ehe nder — 11¹3 Ein unbeſtimmtes Beben durchlief die Luft und ver⸗ kündigte den Sturm. Samuel verſuchte ein energiſches Mittel. Er trat bei dem erſten dem beſten Calicothändler ein, der ſich an der Straße fand, kaufte drei Fetzen Tuch, einen rothen, einen weißen und einen blauen, ließ ſie an einander nähen, befeſtigte das Ganze am Ende eines Stockes und trat dieſe hreifarbige Fahne ſchwingend hinaus. Es herrſche noch ein Schimmer des Tags. Dieſe Fahne, die man ſeit fünfzehn Jahren nicht mehr geſehen, die an ſo viel Ruhm erinnerte, brachte eine ungeheure Wirkung hervor. Es war, als ob die Vergangenheit nach ſo vielen Jahren der Demüthigung und Erniedrigung zu⸗ rückkehrte. Paris ſchien aus der Monarchie wie aus einem böſen Traume zu erwachen In demſelben Augenblick erſcholl eine Kunde in der Stadt, wie der Donnerſchlag, der den Sturm beginnt. Das Commando von Paris war Marmont, Herzog von Raguſa, übergeben worden. Dieſer Name, gleichbedentend mit Invaſion, mit Waterloo, mit dem dem Feinde preisgegebenen Vaterlande, mit galoppirenden Koſaken, die Lanze in der Fauſt, auf unſeren öffentlichen Plätzen, mit Frankreich aus tauſend Wunden blutend, mit unſeren Muſeen der Plünderung überantwortet, mit unſerer beſchimpften Fahne, mit Allem, was uns an Schmach wiverfahren, dieſer Name war wie der der ganzen Größe des Landes ins Geſicht ge⸗ worfene Handſchuh. Von dieſem Augenblick war der Zweikampf nothwendig. Es handelte ſich nicht mehr um das Intereſſe der Wähler und der Journale, es handelte ſich um die Ehre der Nation. Das Volk ſchlug ſich nicht mehr gegen Ordonnanzen, ſondern gegen Waterlov. Gott lenkt. Ww. 8 114 „Nieder mit den Koſaken!“ rief Samuel„und auf die Barricaden!“ Der Ruf von Samuel hallte und wuchs von Echo zu Echo. Die Nacht brach ein. Für den Augenblick war nichts Bedeutendes mehr möglich, aber man bereitete ſich auf den Kampf am andern Tage vor. Die Nacht verging im Aufreißen des Straßenpflaſters und im Befeſtigen der Barricaden. Am andern Tag, am 28., begann die Schlacht mit allem Ernſte. Die polytechniſche Schule kam heraus und vermengte ſich mit dem Volke. Herr Thiers machte beim erſien Flintenſchuß eine Fahrt nach Montmorench in das Landhaus von Frau von Courchamp. Der Kampf war beſonders blutig beim Stadthauſe. Durch die Brüſtungen des linken Ufers geſchützt, ſchoß die Inſurrection auf die Schweizer, welche die Greve behaupteten. Samuel ſtand hier auf der Arcolebrücke, das Feuer lenkend, den Kugeln trotzend, ſein Leben verſchwendend. Der Kampf dauerte bis in die Nacht und endigte nicht mit dem Tage. Durch das Kleingewehrfeuer erblickte Samuel, als er ſich umwandte, eine Gruppe von Perſonen, welche auf die Inſurgenten zukamen⸗ „Es lebe Lafayette!“ rief man alsbald. s war in der That Lafayette, der mit zwei Freun⸗ ven und einem Bedienten vorüberging. Der alte General erinnerte ſich des Antheils, den er an der erſten Revolution gehabt, und er hatte alle Luſt, ſich auch in dieſe zu miſchen. Doch ſeine Umgebung hielt ihn zurück, kühlte ihn ab und ſagte ihm, das ſei keine Revolution, ſondern ein Aufruhr, und das Volk werde ſich nicht vierundzwanzig Stunden gegen die keniglichen Streitkräfte halten. auf cho var ſich ers mit und eine von uſe. itzt, die euer igte als auf eun⸗ ner Luſt, ihn ein nzig 1¹⁵ Der General zögerte. In jedem Fall wollte er die Dinge ſelbſt ſehen, und er ging zu Fuß von Barricade zu Barricade. Samuel war nicht der Mann, der Jemand zögern ließ. Er ſprang von der Brüſtung herab und ſchritt gerade auf Lafayette zu. „General,“ ſagte er zu ihm,„Sie find von den Unſeren? Ich danke!“ Und er wandte ſich gegen die Inſurgenten und rieft „Freunde, der General übernimmt das Commando der Nationalgarde.“ „Was denken Sie, mein Herr,“ ſagte Herr Car⸗ bonnel, der Lafahette begleitete.„Sie wollen alſo machen, daß man den General erſchießt?“ „Ein Freiwilliger!“ rief Samuel. „Ich!“ antworteten zwanzig Stimmen. „Der Erſte der Beſte,“ ſprach Samuel.„Du, zum Beiſpiel, Michel. Sage überall, die Nationalgarde ſei wiederhergeſtellt, und der General Lafayhette befehlige e.“ Michel lief weg. „Es lebe Lafohette!“ rief man von allen Seiten die Quais entlang. Der Greis war bewegt. Seine alte Popularität ſtieg ihm wieder zu Kopfe. „Nun wartet einen Augenblick,“ ſprach Samuel.„Ihr bedürft des Stadthauſes. Wir werden es für Euch neh⸗ men. Das iſt die Sache eines Augenblicks.“ Während dieſer Geſpräche hatte das Kleingewehr⸗ feuer nicht aufgehört.. Die Truppen, welche ihre Kugeln an den Steinen des Quai anprallen ſahen, fingen an entmuthigt zu wer⸗ den. Und dann kommt bei dieſen Bürgerkriegen ſehr ſchnell die Stunde, wo die Armee ſich erinnert, daß ſie „ 116 auch Volk iſt, und wo der Solvat bemerkt, daß er auf ſeine Brüder ſchießt. Das Stadthaus vertheidigte ſich nur noch ſchwach. „Vorwärts!“ rief Samuel„und Feuer!“ Eine Salve krachte. Diesmal ſchoß die Truppe nicht dagegen. Das Volk ſtürmte vorwärts und zog über die Brücke, beim Platze, ohne Widerſtand zu finden. Kaum pfiffen einige vereinzelte Kugeln vergeblich an den Ohren der Sieger vorbei. Das Stadthaus war verlaſſen; die Truppen waren daraus abgezogen. Samuel ſuchte Lafayette. Doch der General war nicht da. Seinen Freunden war es durch dringendes Zureden gelungen, ihn wegzu⸗ führen.+ „Bei Gott!“ rief Samuel,„da uns die bekannten Namen fehlen, ſo werden wir ihrer entbehren koͤnnen. Das Unbekannte hat auch ſeine Macht.“ Und er wandte ſich an den erſten Inſurgenten, der in ſeiner Nähe war, und ſagte zu ihm: „Dubourg, willſt Du der Befehlshaber von Allem ſein?“ „Worum nicht Du?“ verſetzte der Andere. „Oh! ich, die Liberalen kennen mich, und es muß Einer ſein, der das Blendwerk des Geheimnißvollen hat.“ „Gut alſo.“ „Nun, ſo ſetze dich hier feſt und regiere. Wir wen⸗ den die Nacht an, um einige Proclamationen abzufaſſen, die wir unterzeichnen; General Dubourg, Gouverneur von Paris. Morgen ziehſt Du irgend eine Uniform an, und Du machſt eine Runde auf den Quais zu Pferde, um Dich dem Volke zu zeigen. Wir haben noch die Tui⸗ lerien zu nehmen, wir werden ſie nehmen, und morgen, um Mittag, gehört Frankreich uns. Iſt das abgemacht?“ „Abgemacht!“ Das war auch einfach. In revolutionären Augen⸗ blicken iſt die Bewegung, welche nicht weiß, nach welcher — d— — S 8§E„ 8 rut ſpr ſag auf ppe iber an ren den u⸗ nten nen.. der n2“ nuß at.“ ven⸗ ſſen, neur an, rde, ui⸗ gen, t?“ gen⸗ cher 117 Seite ſie gehen ſoll, dankbar gegen Jeden, der ſie zu leiten wagt. Der General Dubourg war wirklich zwölf Stunden lang der Koͤnig von Paris. Er decretirte Alles, was er wollte. Seinen Proclamationen gehorchten Leute, welche ſeinen Namen nie gehoͤrt hatten. Am andern Tag fand die Einnahme der Tuilerien ſtatt. Immer mehr demoraliſirt, leiſteten die Truppen dem Volke nur einen unbedeutenden Widerſtand. Samuel war einer von den Erſten, welche in den Poalaſt eindrangen, den Karl. X am Tage vorher für immer verlaſſen hatte. Das Volk rächte ſich an den Portraits für das Böſe, das ihm die Menſchen gethan hatten. Alle Bilder, welche unvolksbeliebte Prinzen oder Könige vorſtellten, wurden von Bajonettſtichen durchlöchert. Die Poſſenreißerei vermiſchte ſich mit dem Helden⸗ thum. Die Männer aus dem Volke zogen über ihre blutigen Hemden die ſeidenen Kleider der Prinzkſſinnen an. „Ah! der Thron!“ rief ein Inſurgent.„Was ma⸗ chen wir damit?“ „Warte,“ ſagte Samuel. 3 Man hatte die Todten gebracht, die in den paar Minuten, welche die Belagerung des Palaſtes gedauert, gefallen waren. Samuel nahm einen in ſeine Arme und ſetzte ihn auf den Thron. „Kinder,“ rief er,„das iſt unſer Koͤnig: ein Todter! Das Königthum iſt todt. Es lebe die Republik!“ „Es lebe die Republik!“ wiederholten zweitauſend Stimmen. Nachdem dies gethan war, ließ Samuel die Zerſto⸗ rung ohne ihn fortſetzen. „Ich glaube, die Revolution iſt in gutem Zuge,“ 8 er,„und es iſt Zeit, daß ich ein Wort zu Julius age.“ 218 Er verließ die Tuilerien und ſchlug den Weg nach dem Hotel des Grafen von Eberbach ein. Unter Weges kam ihm ein Gedanke. „Ich habe einen Fehler gemacht,“ dachte er,„ich hatte ein ſehr leichtes Mittel, mich von Julius zu be⸗ freien. Ihn, der immer von ſeinem Wunſche, zu ſterben, ſpricht und ſich beklagt, daß er keine Aufregungen mehr habe, ihn hätte ich an irgend eine Barricade führen müſ⸗ ſen, wo eine Kugel die Sache auf eine entſprechende Weiſe abgemacht haben würde. Doch es iſt vielleicht noch Zeit. Man ſchlägt ſich noch da und dort. Ich will mit ihm redeg und in ihm einige demokratiſche Funken aus ſeiner Jugend aufzufinden ſuchen.“ Als er in das Zimmer von Julius eintrat, entbrannte das Auge von dieſem von einem unbeſtimmten Schimmer. Man hätte glauben ſollen, Julius erwarte dieſen Beſuch. Doch es war nur ein unmerklicher Blitz. Samuel hatte nicht einmal Zeit, es wahrzunehmen, und Julius verſank wieder in ſeine Schlafſucht. „Erwache,“ rief Samuel.„Es bietet ſich eine Ge⸗ legenheit. Die alte Welt wankt und iſt im Begriffe, zu⸗ ſammenzuſtürzen. Komm und hilf uns ihr den letzten Artſtreich geben.“ Wie ſiehſt Du aus!“ ſagte Julius ruhig.„Du biſt ganz ſchwarz von Pulver, und Deine Kleider ſind in Fetzen. „Ich glaube wohl, ich komme aus den Tuilerien.“ „Ah! die Tuilerien ſind genommen?“ „Alles iſt genommen. Gehſt Du mit?“ „Nein,“ erwiederte Julius. „Wie!“ ſagte Samuel,„dieſes Erwachen einer Na⸗ tion weckt Dich nicht auf? Haſt Du denn einen ſo har⸗ ten Schlaf, daß er dem Getöſe der Flinten und Kanonen zu widerſtehen vermag?“ „Höre,“ antwortete Julius,„Du biſt ſehr glücklich, daß Du Dich noch für dieſe öffentlichen Kämpfe in einem Grade intereſſiren kannſt, um ſelbſt daran Theil zu neh⸗ la mi kom ich be⸗ en, ehr üſ⸗ iſe eit. hm ner nte er. ch. He⸗ zu⸗ ten biſt zen. A Na⸗ ar⸗ nen ich, tem eh⸗ 119 men. Willſt Du, daß ich, der ich mich nicht mehr für meine eigenen Angelegenheiten intereſſire, mich für die der Andern intereſſiren ſoll! „Und dann, weun ein menſchliches Intereſſe einen Sterbenden meiner Art berühren könnte, ſo geſtehe ich Dir, daß ich bei dieſem Kampfe zwiſchen der geſetzlichen Macht und der Inſurrection mich mit meinen Kräften auf die Seite der erſten ſchlagen würde. Der Sieg dieſer Revolution in Frankreich wäre eine Umwälzung in Deutſch⸗ land. „Ich weiß, ich vermag nichts mehr für mein Vater⸗ land; doch ſollte mich noch etwas verſuchen, ſo wäre es die Gelegenheit, daſſelbe vor der Anarchie zu bewahren und ihm den Frieden zu ſichern. Bemühe Dich alſo nicht, mich zu den Barticaben fortzuziehen: ich wäre dort nicht auf derſelben Seite wie Du.“ „Nun denn! ſei dort, auf welcher Seite Du willſt,“ ſagte Samuel ungeſtüm;„komm.“ „Ah!“ murmelte Julius, der Samuel ſtarr anſchaute, als läſe er im Grunde ſeiner Gedanken. „Davor oder dahinter,“ fuhr Samuel fort;„das wird Dich leben machen!“ „Damit ich lebe, willſt Du wirklich, daß ich dorthin gehe?“ fragte Julius mit demſelben Blicke.. „Warum ſonſt?“ erwiederte Samuel.„Glaubſt Du, ich habe die Abſicht, mich Dir gegenüber zu ſtellen und Dir eine Kugel zuzuſenden?“ „Ich ſcherzte,“ verſetzte Julius. „Ich wußte nicht, daß Du ſo um Dein Leben be⸗ ſorgt biſt. Du wiederholſt unabläßig, Dein Glück wäre, wenn Du ſterben würdeſt.“ „Ich will ſterhen, ja, doch auf eine gewiſſe Art.“ „Das iſt ein Geheimniß?“ „Es iſt ein Geheimniß.“ „Behalte es. Ich frage Dich zum letzten Male: Du kommſt nicht?“ 120 „Nein.“ „Avieu alſo.“ Und er eilte nach dem Stadthauſe. Er hatte hier den General Duhourg als unumſchränk⸗ ten Gebieter der Lage zurückgelaſſen. „Wir Beide,“ ſagte er,„wir werden Frankreich und Europa erneuern. Die Stunde der neuen Menſchen und der neuen Dinge hat endlich geſchlagen.“ Als er in das Stadthaus eintrat, begegnete er dem General Dubourg, der heraus kam. „Wohin gehen Sie?“ fragte er ihn. „Ich gehe nach Hauſe,“ antwortete Dubourg. „Nach Hauſe?“ „Was Teufels ſoll ich hier machen? Ich bin es 5 nicht mehr, der befehligt.“ „Wer denn?“ rief Samuel unruhig. „Lafayette.“ „Wie ſo? Warum haben Sie ihm den Platz abge⸗ treten?“ „Nicht ich habe es gethan, ſondern der Oberſt Du⸗ moulin, dem ich die Bewachung des Stadthauſes anver⸗ traut hatte. Als Lafayette auf ſeinem Schimmel ankam, mit einer Escorte von zehn, bis zwölf Perſonen und etlichen zwanzig Straßenjungen, die ſeinem Pferde Bei⸗ fall klatſchten, verlor Dumoulin den Kopf. Er ſprach: „„Ehre dem Ehre gebühret,““ und trat auf die Seite, um den guten Mann vorüberzulaſſen.“ „Tod und Teufel!“ rief Samuel,„ſie werden uns unſere Revolution escamotiren!“ „Ahl das iſt ſchon geſchehen. Sie haben damit angefangen, daß ſie eine Commiſſion beſtehend aus ich weiß nicht wem einſetzten, und ſie haben ſchon eine Pro⸗ clamation an das Volk erlaſſen, um es einzuſchläfern. Die Abgeordneten miſchen ſich darein. Alles iſt verdorben. Ich will mich bei mir einſchließen. Wenn das Schießen wieder beginnt, komme ich heraus.“ — 8 2= —— nk⸗ ind ind es ge⸗ Du⸗ er⸗ am, und Bei⸗ ch: uns mit ro⸗ Die ben. ßen 12¹ Er drückte Samuel die Hand und entfernte ſich. Der General Dubourg hatte Recht; von dieſem Au⸗ genblick war die Sache der Revolution völlig verlvren. Lafayette, in ſeinem Alter, hatte nicht mehr die Energie, die es brauchte, um eine Volksbewegung zu lei⸗ ten: andererſeits gab ihm ſein liberaler und revolutionärer Ruf einen gefährlichen Einfluß auf die Maſſen. Samuel trat in das Stadthaus ein und verſuchte es, zu Lafayette zu gelangen. Doch eine Schildwache war vor der Thüre ſeines Cabinets aufgepflanzt. „Man paſſirt nicht!“ „Schon!“ ſagte Samuel.„Die Rebolution hat ſchon nicht mehr ihren Eintritt hier. Nun denn! wenn man nicht mehr mit der Regierung ſprechen kann, ſo kann man mit dem Volke ſprechen.“ Und er trat aus dem Stadthaus und ging zu den ſ Gruppen, welche den Platz und die Straßen üllten. Doch er mochte immerhin ſprechen, die Volksbeliebt⸗ heit von Lafayette war ungeheuer. Das war für die Menge die Geſtalt der Revolution von 1789, welche auferſtand. Samuel fand Niemand, der an die Aeußerungen ſei⸗ nes Mißtrauens glauben wollte. Doch er war nicht der Mann, der ſich ſo leicht ent⸗ muthigen ließ. Er ſuchte weiter. Durch unabläßiges Suchen fand er am Ende einen Inſurgenten, der an ſeiner Seite beim Angriff auf das st und bei der Einnahme der Tuilerien gekämpft atte. „Was ſagen Sie zu dem, was vorgeht?“ fragte er ihn. „Ich ſage, daß man uns um unſern Sieg betrügt,“ antwortete der Inſurgent. „So iſt es gut! ich finde einen Mann!“ rief Sa⸗ muel.„Nun! werden wir uns darum betrügen laſſen?“ 122 „Ich wenigſtens nicht.“ „Ich auch nicht! Was gedenken Sie zu thun?“ „Nichts in dieſem Augenblick. Das Volk glaubt an Lafayette. Wir würden machen, daß man uns in Stücke zerhackte, wenn wir dieſes tugendhafte Geſpenſt anrühr⸗ ten.„Wir müſſen uns bereit halten. Die Commiſſion, welche das Stadthaus einnimmt, faßt ohne Zweifel einen Beſchluß, der dem Volke die Augen öffnen wird. Dann können wir unterſtützt werden. Wir werden handeln, und zwar gewaltig.“ „Ich bin dabei,“ ſagte Samuel.„Wo werden wir uns wiederfinden?“ „Rue de la Perle, Nro. 4. Jacques Grenier.“ „Abgemacht.“ Sie drückten ſich die Hand und trennten ſich. Samuel verſuchte es, noch Einige von denjenigen auf⸗ zufinden, welche an ſeiner Seite gekämpft hatten; doch ſelne Nachforſchungen waren fruchtlos. Das Schauſpiel des einhelligen Vertrauens, mit dem Paris den Namen Lafayette empfing, flößte ihm eine tiefe Bitterkeit ein. „Die Hundertſousſtücke haben Unrecht,“ ſagte er, „Gott beſchützt Frankreich nicht, aber. ſollte er Ju⸗ lius beſchützen? Verunglückt die Revolution, ſo fange ich wieder an ſeiner Thaler nicht mehr zu bedürfen. Was würde ich damit machen? Soll ich alſo unwillkürlich tu⸗ gendhaft ſein? Womit werde ich meine Zeit vertreiben* Halt, wenn ich zu Laffitte ginge? Eſſen wir zuerſt einen Biſſen.“ 8 Er trat in den erſten den beſten Reſtaurant ein, den er offen fand, und ſpeiſte zu Mittag, denn er hatte ſeit dem Abend vorher nicht einen Mund voll Brod gegeſſen. Der Tag endigte, als er in das Hotel Laffitte kam. Es fand ſich hier eine Menge von Menſchen. Alle liberale Deputirte waren da. Man wartete auf die Ant⸗ wort des Herzogs von Orleans, zu dem man geſchickt hatte, um ihm die Regentſchaft des Königreichs anzutragen. n ke r⸗ n. en in nd n n. n. le t⸗ kt 1. ——— 123 Schon am Morgen war Herr Thiers nach Neuilly gegangen, aber er hatte den Herzog von Orleans nicht dort gefunden. Am 26, hatte der Herzog das Schloß verlaſſen und ſich nach dem Raincy begeben, um ſich hier zu verbergen. Auf das dringende Zureden von Herrn Thiers hatte die Herzogin von Orleans den Grafen von Montesquiou abgeſchickt und ihrem Gemahle ſagen laſſen, er moge zu⸗ rückkehren. Der Graf hatte große Mühe gehabt, ihn zu beſtimmen; endlich hatte ſich der Herzog von Orleans überreden laſſen, und der Graf von Montesquiou war vorausgeeilt, nachdem er den Herzog hatte in den Wagen ſteigen ſehen. Als ſich aber der Graf nach etwa hundert Schrit⸗ ten Anwandte, ſah er den Wagen von Louis Philipp wieder nach dem Raincy zurückfahren. Er war genöthigt, ſelbſt umzukehren, ſeine Ermahnungen wiederzubeginnen und diesmal den unentſchloſſenen Uſurpator mit ſich fort⸗ zuführen.* Es war verabredet, daß Louis Philipp in Neuilly warten ſollte, bis eine Botſchaft unterzeichnet von zwölf Mitgliedern der Deputirten⸗Kammer ihm die Regentſchaft des Königreichs anböte. Die Botſchaft war ſeit zwei Stunden abgegangen, als Samuel in das Hotel Laffitte kam, und man erwartete den Herzog von Orleans. „Ein Prinz und ein Bourbon!“ ſagte Samuel;„mit dieſen Leuten iſt nichts zu machen.“ Er blieb indeſſen, um allen Entwickelungen beizuwoh⸗ nen und den Augenblick zum Handeln zu erſpähen. Der Herzog von Orleans kam gegen ein Uhr Mor⸗ gens an und ſchlich ſich verſtohlen ins Palais⸗Royal. Die zwölf Abgeordneten, die ihm die Botſchaft ge⸗ ſchrieben hatten, warteten am Morgen, um bei ihm zu erſcheinen und ihm unmittelbar ihren Antrag zu machen. Man kennt das halb verſtellte, halb aufrichtige Zö⸗ gern, mit welchem der Herzog von Orleans die erſten 124 Eröffnungen aufnahm, und endlich ſeine Einwilligung. Eine Proclamation wurde ſogleich abgefaßt, und an die. Deputirten⸗Kammer geſchickt, die ſie mit einem Beifalls⸗ jubel begrüßte. Es war nur noch die Zuſtimmung von Lafayette zweifelhaft. Niemand wußte, ob der alte Republikaner einen Prinzen haben wollte oder die Republik proclamiren würde. Man beſchloß eine Manifeſtation zu verſuchen, und der Herzog von Orleans ſollte in Begleitung der popu⸗ lärſten Abgeordneten nach dem Stadthauſe gehen. „Das iſt der Augenblick,“ ſagte Samuel. Er ging nach der Rue de la Perle, Nrv. 4. Er klopfte bei der Treppe von Jacques Grenier an, und dieſer kam heraus. „Geſchwinde,“ rief Samuel,„wir haben keine Mi⸗ nute zu verlieren.“ Und er unterrichtete ihn von Allem. „Der Herzog von Orleans nach dem Stadthauſe!“ rief Jacques,„das Königthum fängt wieder an. Sei un⸗ beſorgt, er wird nicht dort ankommen. Um welche Zeit geht er dahin?“ „Sogleich,“ „Teufel!“ ſagte Jacques,„ich habe nicht Zeit, meine Freunde zu benachrichtigen; doch zwei entſchloſſene Män⸗ ner genügen.“ „Das dachte ich. Einer von uns Beiden muß ſich auf den Weg ſtellen, und der Andere ans Ende, in das Stadthaus ſelbſt. Wo willſt Du lieber ſein?“ „Auf dem Wege,“ erwiederte Jacques. „Und ich im großen Saale des Stadthauſes, und wenn Du ihn fehlſt, ſo werde ich ihn nicht fehlen.“ „Abgemacht. Du haſt eine Piſtole?“ „Ich habe zwei.“ Sie gingen mit einander bis zum Grove⸗Platze. Hier verließ Samuel Jacques, nachdem er ihm die Hand gedrückt hatte, und trat in das Stadthaus ein. 125 . Sie hatten ſich ſeit einer Viertelſtunde getrennt, als die„ die Menge in eine gewaltige Bewegung gerieth. s⸗ Es war der Herzog von Orleans, der ſich mit ſei⸗ nen Begleitern auf den Quais näherte. tte Der Herzog ritt Herrn Laffitte voran. Savoyarden e trugen dieſen auf einem Stuhl. en Die Freuden⸗ und Triumphſchreie, welche dem Zuge, en, als er aus dem Palais⸗Royal herauskam, gehulvigt hat⸗ ten, wurden immer weniger zahlreich. Die Haltung des Volkes vom Pont⸗Neuf an war ernſt, beinahe drohend. „Wieder ein Bourbon!“ rief ein Arbeiter in der n, Nähe von Jacques.„Es war wohl der Mühe werth, ſich zu ſchlagen.“ i⸗„Sei unbeſorgt, mein Sohn,“ erwiederte Jacgues, „es iſt noch nicht Alles zu Ende.“ Der Zug mündete plötzlich hervor. Der Herzog wandte ſich zum Scheine gegen Herrn Laffitte um, als n⸗ wollte er ſich unter einer Popularität, welche feſter ge⸗ eit gründet, als die ſeinige, ſchirmen. Jacques griff mit der Hand in ſeine Taſche, zog eine Piſtole heraus und zielte. 1 1 ine Doch eine Hand packte ſeinen Arm von hinten und in⸗ entriß ihm die Piſtole. Er drehte ſich um. Es war der Arbeiter, mit dem cer geſprochen hatte. s„Was machſt Du?“ ſagte der Arbeiter. „Was geht es Dich an?“ erwiederte Jacques,„ich will keinen Bourbon.“ nd„Nieder mit den Bourbons!“ verſetzte der Arbeiter. „Warte aber einen andern Augenblick ab, Du hätteſt Laf⸗ fitte tödten können.“ Jacques ſtieß den Arbeiter zurück und hoh die Pi⸗ ſtole auf, welche auf den Boden gefallen war. Aber der die Zug war vorüber und der Herzog von Orleans ins Stadt⸗ haus eingetreten. 126 Jacques verſuchte es, hier einzudringen. Doch die Schildwachen verſperrten ihm den Weg. Als der Herzog in den großen Saal eintrat, fand er hier eine ungeheure Menge: Streiter vom vorherge⸗ henden Tage, Zöglinge der polhtechniſchen Schule, mit bloßem Degen, traurige und ernſte Geſichter. Der Ge⸗ neral Dubourg war dabei. Ein Abgeordneter las die Erklärung der Kammer. Wenige Stimmen ließen Beifallsrufe vernehmen. Der General Dubourg ging auf Louis Philipp zu, ſtreckte die Hand gegen den Platz aus, der noch voll von bewaffnetem Volke, und ſprach: „Sie kennen unſere Rechte; wenn Sie dieſelben ver⸗ geſſen, ſo werden wir Sie daran erinnern.“. „Mein Herr,“ antwortete der Herzog ein wenig ver⸗ blüfft,„ich bin ein ehrlicher Mann.“ „Es gibt keinen ehrlichen Mann auf den Stuſen des Thrones,“ ſprach Samuel. Und er nahm eine Piſtole, zielte und drückte. Der Schuß ging nicht los. Samuel ſchaute ſeine Piſtole an. Es war kein Käp⸗ ſelchen darauf. Er hatte eine andere Piſlole. Er wollte ſie aus ſei⸗ ner Taſche nehmen, doch er fand ſie nicht mehr darin. „Verrath!“ rief er. Die Menge war ſo groß, daß er, von allen Seiten gepreßt, die Hand, die ſich in ſeine Taſche geſchlichen, nicht gefühlt hatte. In dieſem Augenblick ergriff Lafayette eine dreifar⸗ bige Fahne, gab ſie Louis Philipp in die Hand und ſagte zu ihm: „Kommen Sie.“ Und er zog den Herzog mit ſich auf den Balcon des Stadthauſes und umarmte ihn vor der dicht zuſammen⸗ geſchaarten Menge. Das war die Kroͤnung von Louis Philipp. Lafa⸗ pette hatte ihn mit ſeiner Popularität geſalbt. ni ne ſol der get Tr die nd Ze⸗ nit ze⸗ zu, on er⸗ er⸗ es le, ſei⸗ ten en, ar⸗ des en⸗ fa⸗ 127 Die Zurufe erſchollen. „Es iſt vorbei,“ ſagte Samuel.„In acht Tagen wird er König ſein. Alle Träume meines Lebens ſtürzen in dieſem Augenblick zuſammen. Ich muß mich darein fügen. Es iſt nichts zu machen.“ Plötzlich erhob er das Haupt und ſprach: „Doch! Alles iſt hier beendigt, doch Alles kann wie⸗ deranfangen. Bin ich ein Weib oder ein Kind, daß ich bei der erſten Schwierigkeit den Muth verliere? Nein, nichts iſt verloren. Es gibt eine Art, Alles wieder gut zu machen. Auf, denken wir ein wenig nach!“ Und er ſtützte ſeine Stirne auf ſeine Hand und ver⸗ ſank in ein tiefes Nachdenken. Nach einigen Minuten unbeweglichen Nachſinnens lächelte er, und ein Blitz zuckte in ſeinen Augen. „Ich habe gefunden,“ ſagte er.„Ah! ich gehoͤre nicht zu denjenigen, welche ſo leicht verzichten.“ In fünf Minuten hatte er in ſeinem Kopfe einen Plan aufgebaut, der über ſein Loos entſcheiden ollte.— Er ging zu Julius. Frontveränderung. Auch diesmal, als er Samuel ſah, hatte Julius in den Augen einen Blitz, der raſch wieder erloſch, wie ein Hoffnungsſchimmer, den er verbergen wollte. „Nun! mein lieber Samuel,“ ſagte er heiterer als gewöhnlich,„ich bemerke mit Vergnügen, daß Dich Deine Triumphe Deine Freunde nicht vergeſſen laſſen.“ — N 128 „Welche Triumphe?“ verſetzte Samuel. „Wie? ſiegt Ihr nicht auf der ganzen Linie? Ich habe ſo eben die Journale geleſen, nicht meinetwegen, ſondern um zu wiſſen, wie weit Ihr ſeiet, Du und Deine Revolutionäre. Und ich ſehe, daß Ihr raſch vorgerückt ſeid. Der Herzog von Orleans Regent, das iſt Karl K. des Thrones entſetzt.“ „Ja, Regent„des Koͤnigreichs,“ erwiederte Samuel, indem er einen bittern Nachdruck auf das letzte Wort legte.„Das Volk hat den Herrn gewechſelt; das nennt man eine Revolution; und Niemand kann ſagen, ob der neue Herr mehr werth iſt, als der alte, und ob man ihn nicht ebenfalls wird wegjagen müſſen. So habe ich Dummkopf, der ich bin, mein Leben gewagt, um einen Koͤnig an den Platz eines andern zu ſetzen. Aber ich werde mich rächen an dieſer knabenhaften, albernen Op⸗ poſition, die uns unſern Sieg geſtohlen hat und nach der Schlacht gekommen iſt, um die Todten zu plündern.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte Julius. „Ein ſpaniſches Sprüchwort ſagt: Man muß im⸗ mer auf das Schlechteſte ſetenz es hätte ſagen müſſen: auf dvas Kleinſte. Es iſt immer das Kleine, weniger als das Kleine, das Mittelmäßige, was des glück⸗ lichen Erfolges ſicher iſt. Nie, Du wirſt mir dieſe Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, nie habe ich große Illuſio⸗ nen in Beziehung auf das Menſchengeſchlecht gehabt; nun denn! ſo mäßig meine Schätzung deſſelben war, ſie war noch hundertmal zu hoch.“ Samuel fuhr in kurzen, abgeriſſenen Sätzen fort, als wollte er ſich betäuben. „Ja, ja, der Tag des Volkes wird vielleicht kom⸗ menz doch wir ſind noch nicht dabei. Ich erkenne, daß ich zu raſch geweſen bin. Ich bin ein Mann des näch⸗ ſten Jahrhunderts. Die Nationen find nicht veif für die Freiheit. Es braucht vielleicht noch Hunderte von Jah⸗ ren, bis ſie dieſelbe begreifen. Und bis dahin iſt dis Ich en, ine ickt X. erte tzte das en, abe nen om⸗ Fah⸗ die 129 Macht allein im Stande, uns ven Frieden zu geben. Da ich mich aber nicht ſogleich niederlegen kann, um in hun⸗ dert Jahren wieder aufzuwachen, ſo habe ich den Ent⸗ ſchluß gefaßt, mich in die Zeit, in der ich lebe, zu fügen. Und wenn die regierende Macht mich haben will nun wohl, Julius, ich gehe auf ihre Seite über.“ „Ah!“ ſagte Julius, der Samuel mit einer ſeltſamen Miene betrachtete und mit der unempfindlichen Maske ſei⸗ nes Geſichtes ſeine tiefe innere Aufregung bedeckte. „Ich will Dir einen Vorſchlag machen,“ ſprach Sa⸗ mifel.„Als ich vorgeſtern zu Dir kam und Dich fragte, ob Du mit mir zu den Barricaden gehen wolleſt, ant⸗ worteteſt Du mir, wenn Du dahin gingeſt, ſo wäre es nicht auf dieſelbe Seite wie ich, und Du werdeſt der Re⸗ gierung, der Du gedient, ergeben bleiben. Willſt Du ihr Deine Ergebenheit beweiſen?“ „Wie dies?“ „Höre. Die Bewegung der drei Tage, obgleich ſte hier nur eine halbe Revolution hervorgebracht hat, wird dennoch ihren Wiederhall und ihren Gegenſchlag in Deutſchland haben. Ich kann es Dir ſagen, der Tugend⸗ bund iſt nicht todt; er agitirt die Jugend und das Volk. Jeden Augenblick kann Alles zum Ausbruch kommen⸗ Die Könige werden dort ſiegen, wie hier, das will ich wohl glauben, doch es wird nicht ohne bürgerliche Kämpfe und viel vergoſſenes Blut abgehen. Und ßehſt Du, das Königthum hat ſchon genug Flecken an den Händen, ohne noch die Blutflecken beizufügen. „Nun denn! derjenige, welcher den Regierungen Deutſchlands das Mittel, dem Kampfe vorzubeugen, lie⸗ fern würde, derjenige, welcher den Konigen die furchtharen Repreſſalien erſparen würde„ die ihnen in der Zukunft ihre momentanen Siege über die Freiheit vorbereiten, der⸗ jenige, welcher dem Tugendbunde einen Kampf erſparen würde, der, zur gegenwärtigen Stunde, nur mit ſeiner Gott lenkt. 1v. 9 * 130 blutigen Riederlage envigen kann, denkſt Du, dieſer hätte das Recht, Alles zu fordern, und die Macht, Alles zu erlangen?“ „Ohne Zweifel,“ ſprach der Graf von Eberbach. „Wohl! Julius,“ rief Samuel,„Du kannſt dieſer Mann ſein.“ „Ich?“ „Du ſelbſt.“ „Du biſt ein Narr! Schau mich doch an. Was ſoll ich fordern und erlangen? Habe ich die Zeit, ehrgeizig zu ſein?“ „Man hat immer die Zeit, nach dem zu geizen, was man hinterläßt: Ehre und Ruhm.“ „Erkläre Dich.“ „Nichts kann einfacher ſein. Es iſt noch kein Jahr, daß Du in Paris den König von Preußen vertratſt. Du haſt die Erinnerungen an ſeine Huld bewahrt, und Du bleibſt ihm aus Dankbarkeit und Pflicht verbunden— vortreflich! Ich, ich habe nicht dieſelben Gründe, um meiner Partei verbunden zu bleiben. Niemand hat etwas für mich gethan, ich bin frei. Ich habe das Recht er⸗ langt, Undankbare und, was noch ſchlimmer iſt, Schwach⸗ köpfe zu verlaſſen, die ſich ſelbſt verlaſſen. „Ich weiß wohl, was man ſagen kann: ich ſei ein Abtrünniger und ein Verräther. Einmal iſt Dir aber bekannt, was ich mir aus der Meinung Anderer über mich mache. Und dann wird man nicht ſagen können, ich verlaſſe meine Partei hei der Niederlage, denn für alle Welt, mit Ausnahme von drei bis vier Exaltirten vielleicht, ſind wir Sieger, und wenn Du den Liedern glaubteſt, die man auf der Straße fingt, ſo würde das Volk wieder in den vollen Beſitz ſeiner Freiheit gelangen. Der Augenblick iſt alſo günſtig, um das Lager von den⸗ jenigen zu verlaſſen, welche ſich für Sieger halten. Sie werden mir Dank wiſſen, wenn ich ſie verlaſſe, weil ſie dann einen Kameraden weniger haben, mit dem ſie den (— ſer ſoll zig hr, Du Du um vas er⸗ ich⸗ ein ber iber en, für rten ern das gen. den⸗ Sie ſie den 131 Sieg theilen müßten. Julius, ich gehöre zu den Euri⸗ gen, und um meinen Willkommen zu bezahlen, bringe ich Euch Etwas.“ „Was?“ „Ich werde in Deine Hände, in die Hände des Kö⸗ nigs die Häupter des Tugendbundes auf friſcher That der Verſchwörung überliefern.“ Welche Gewalt ſich Julius auch anthat, er konnte ſich einer Bewegung nicht erwehren. Sein Auge klärte ſich plotzlich auf, und er, der ſchon ſo lange Zeit ſter⸗ bend, ſchien wieder lebendig zu werden. „Das wundert Dich?“ ſagte Samuel, der die Be⸗ wegung und den Blick des Grafen von Eberbach bemerkte. „Ich ſchlage einen andern Weg ein, ſage ich Dir. Und Du weißt, daß ich zu venjenigen gehoͤre, welche nichts halb thun. Die Liberalen Frankreichs haben mir einen Ekel gegen alle Liberale der Welt beigebracht. Ich habe mich mit dieſen Leuten verirrt. Ich ſehe, allerbings ſehr ſpät, daß nichts auch nur ein wenig Großes mit ihnen zu machen iſt. „Nun, ich will es mit Anderen verſuchen. Es iſt beſſer, ein Richelien zu ſein, als ein Catilina. Will ſich die Monarchie der Menſchen von kräftigem Schlage und energiſchem Geiſte bedienen, wer weiß, ob es nicht noch Zeit für ſie iſt? Du ſiehſt, daß es noch nicht Zeit für die Revolutionsmacher iſt. Abgemacht alſo: ich biete mich Dir an; willſt Du mich annehmen?“ „Wenn ich annehme, was werde ich zu thun ha⸗ ben 7“ fragte Julius. „Wenn Du annimmſt, ſo reiſen wir Beide nach Deutſchland ab, noch heute Abend oder ſpäteſtens morgen früh. Und ſind wir einmal angekommen, ſo vertraue mir, daß ich Dich in einer Woche mehr thun laſſe, als Du vielleicht in Deinem ganzen Leben gethan haſt. Und ich, ich werde mit einem Schlage die vierzig Jahre wie⸗ der einbringen, die ich verloren habe. 132 „Auf, kein knabenhaftes Zaudern! Du dienſt zugleich Deinem Vaterlande und Deinem Freunde. Was die Häupter des Tugendbundes betrifft, ſo werden wir damit anfangen, daß wir Erhaltung ihres Lebens ausbevingen. Das muß Deinen letzten Zweifel heben. Iſt es ſo abge⸗ macht? ſprich!“ „Die Reiſe iſt aber lang und angreifend,“ wandte der Graf von Eberbach ein.„Werde ich geſchwächt, wie ich bin, am Ziele ankommen?“ „Iſt es nur dieſes?“ verſetzte Samuel.„Ich werde Dir ein herzſtärkendes Mittel bereiten, um Dich wieder⸗ zubeleben und aufrecht zu erhalten.“ „Ah! ein herzſtärkendes Mittel?“ fragte Julius, als ob er ſchon ſeit langer Zeit dieſes Wort erwartete⸗ „Sei unbeſorgt, es iſt ohne irgend eine Art von Gefahr.“ „Nun, dann nehme ich es an,“ ſprach Julius.„Ich habe Dir geſugt, ich überlaſſe mich Dir. Macht mit mir, was Du willſt.“ „Gut alſo! Willſt Du lieber heute Abend abreiſen oder morgen früh2“ „Ich bitte Dich, mich bis morgen früh hier zu laſſen.“ „Es ſei. Nur muß es noch Zeit ſein für den Courier der Geſandtſchaft; es wäre gut, wenn Du noch heute ſchriebeſt, daß man zu Deiner Verfügung einen Theil des in Heidelberg liegenden Militärs ſtellen würde.“ „Ich will auf der Stelle ſchreiben und Dir den Brief geben. Du übernimmſt es, dafür beſorgt zu ſein, daß er abgeht.“ „Während Du ſchreibſt, werde ich das ſtärkende Mit⸗ tel für Dich bereiten; das iſt die Sache von fünf Mi⸗ nuten.“ Samuel ging in das Nebenzimmer, um einen Die⸗ ner zu einem Apotheker zu ſchicken. Nach fünf Minuten kam er wieder zurück. ga we ger bli ſo gen zwe ich die nit en. ge⸗ dte wie rde er⸗ als Ich mit iſen zu rier ute heil den ein, Nit⸗ Mi⸗ ie⸗ 133 „Hier iſt Dein Brief,“ ſagte der Graf von Eberbach u ihm. „Und hier iſt Dein Trank,“ antwortete Samuel. „Ah!“ ſagte Julius,„es iſt mir nicht eingefallen, ehe ich ſchrieb, mit Dir davon zu ſprechen: Du haſt keine Bedingungen zu ſtellen 2“ Mein, ich verlange nur, daß man mir den Fuß in den Steigbügel ſetzt. Bin ich einmal zu Pferde, ſei ruhig, ich werde weit gehen.“ „Das wird geſchehen.“ „Nun wohl! ich eile zur Geſandtſchaft. Morgen früh um neun Uhr werde ich mit einem beſpannten Wagen vor Deiner Thüre ſein. Halte Dich bereit.“ „Ich bin immer bereit.“ Als Samuel weggegangen war, ſagte Julius; „Gut, Du haſt die Partie verloren⸗ Ich ſehe in Dein Spiel, und Du ſiehſt nicht in das meinige.“ Er nahm den Trank und goß einen Theil davon in ein Glas. Dannöffnete er ſeinen Secretaire, zog eine kleine Phiole heraus und ließ einen Tropfen davon in den Trank fallen: dieſer veränderte ſeine Farbe nicht. „Das iſt wirklich ein herzſtärkendes Mittel,“ ſagte Julius.„Es iſt nicht das Andere. Ich vermuthete es. Er bedarf meiner noch.“ Er trank das Stärkungsmittel. Samuel aber, der zur Geſandtſchaft ging, lachte ganz leiſe und ſagte zu ſich ſelbſt: „Das Spiel verlaſſen und die Karten in der Stunde wegwerfen, wo die Partie den gewöhnlichen Spielern gewonnen zu ſein ſcheint; zu den Beſiegten in dem Augen⸗ blick übergehen, wo ſie Alles für eine Wiedervergeltung oder für eine Entkräftung der Nieberlage geben werden; ſo an einem Tage vom ungeduldigen Königthum erlan⸗ gen, was mir die langſame Freiheit vielleicht nicht in zwanzig Jahren geben würdez mir zugleich das Vertrauen 134 von Julius durch meine Deſertion und ſein Vermögen vurch ſeinen Tod ſichern; mit einem und demſelben raſchen Schlage den Reichthum und die Macht, meinen Ehrgeiz und meine Liebe erobern: ah! die Combination iſt ſtark und der Verſuch groß! Samuel Gelb, Du findeſt Dich wieder und Du erhebſt Dich wieder!“ Abſchied ohne Umarmung. Am Abend deſſelben Tages waren in einem kleinen Zimmer eines Hauſes im Marais ein Mann und zwei Frauen verſammelt. Der Mann war Julius; die zwei Frauen waren Chriſtiane und Friedrike. „Sie haben etwas, mein Vater,“ ſagte Friedrike. „Ich verſichere Dich, daß ich nichts habe, mein Kind,“ antwortete Julius. „Doch! Gewöhnlich, wenn wir alle Drei in dieſem kleinen Zimmer, wo wir uns insgeheim ſprechen koͤnnen, beiſammen ſind, haben Sie ein Lächeln in den Augen und die Heiterkeit auf den Lippen: Sie ſcheinen glücklich, uns zu ſehen, meine Mutter und mich. Und heute ſind Sie ernſt, Sie find traurig, und Sie geben uns Beiden feierliche Ermahnungen, als ob Sie uns zu verlaſſen im Begriffe wären. Man ſollte glauben, Sie nehmen von uns Abſchied.“ „Meine theure Tochter, iſt es in meinem Alter und bei meinem Zuſtande nicht klug, ſich, ſo oft man ſich von dem, was man liebt, trennt, Lebewohl zu ſagen?“ „Fühlen Sie ſich ſchlimmer, als das letzte Mal? Haben Sie Beſorgniſſe?“ gen hen eiz ark ich inen zwei aren rike. nein eſem men, ugen klich, ſind eiden nim on und n Ral? 135 „Nein, meine Friedrike. Doch, ſiehſt Du, in einer halben Stunde werden wir uns verlaſſen. Die Klugheit heiſcht, daß wir uns alle Drei nur einmal in der Woche hier Rendez⸗vous geben. Sonſt würde man bald unſern Zufluchtsort entdecken; und was würde die Welt denken, ſähe ſie mich ſo zwiſchen derjenigen, welche man für meine Frau hält, und derjenigen, welche man für meine Geliebte gehalten hat? Und dann gibt es noch andere Gründe, aus denen es nothwendig iſt, daß man nicht weiß, daß wir uns ſehen. Somit werde ich mich acht Tage lang nicht mehr mit Euch zuſammenfinden. Und in acht Tagen können ſo viele Dinge vorfallen!“ „Was kann vorfallen?“ „Was weiß ich? Die Vorſehung hält die Zukunft in ihrer Hand. Doch ſei unbeſorgt, in Deinem Alter iſt die Zukunft das Glück, es iſt ein langes Daſein, es iſt die unendliche Hoffnung. Ich will, daß Du glücklich ſein ſollſt, meine geliebte Tochter, und ich verſpreche Dir, daß Du es bald ſein wirſt.“ „Ich bin es gegenwärtig ſchon, theurer Vater, wenn ich Sie ſehe, und ich wäre es ganz und gar, ſähe ich Sie lächelnd.“ Chriſtiane ſagte nichts. Sie ſchaute ſtumm das Ge⸗ ſicht ihres Gatten an und ſuchte das Vorhaben zu leſen, ⸗ ſein tieferer Ernſt in Haltung und Ton ahnen ieß. Sie errieth wohl, daß Julius einen Entſchluß ge⸗ faßt hatte. Aber welchen? Sie wagte es nicht, ihn zu befragen, denn ſie be⸗ fürchtete, Friedrike zu erſchrecken, und ſie gab ſich den Anſchein, als wäre ſie ruhig, indeß ſie im Grunde des Herzens bebte und litt; ſie dachte an die Unterredung, die ſie mit Julius gehabt, ehe ſie nach Eberbach gegan⸗ gen war, am Tage, wo er ihr geſagt hatte, er könne ſie Alle nur retten, indem er ſterbe. Julius begriff die Bangigkeit von Chriſtiane. 136 „Ihr ſeid nun Beide beunruhigt wegen einer ganz einfachen Sache,“ ſprach er.„Weil ich Euch heute ſage, was ich Euch hätte jedes Mal ſagen müſſen, weil ich mich in einer Zeit, wo die Throne in vier und zwanzig Stunden einſtürzen, erinnere, daß ich, ein armer frühzei⸗ tiger Greis, ein mit dem Tode ringender Kranker, nicht mehr ewig bin, als eine Dynaſtie, ſeid Ihr in Angſt und Schrecken. Sch bin feſt überzeugt, daß Chriſtiane in dieſem Augenblick an eine Sache denkt, die ich ihr vor einem Monat geſagt habe, an einem Tage, wo ich eine Art, unſere Angelegenheiten zu ordnen, ſuchte. Ich habe mit ihr von einem Mittel geſprochen, doch es gibt nicht nur dieſes. Durch angeſtrengtes Suchen habe ich ein anderes gefunden.“ „Welches?“ ſagte Chriſtiane. „Das iſt mein Geheimniß. Ihr werdet es⸗in acht Tagen erfahren.“ „Sie werden es uns ſagen?“ „Oder ich werde es Euch ſchreiben.“ „Schreiben!“ rief Friedrike.„Sie reiſen alſo?“ „Wenn ich ſelbſt eine Reiſe von ein paar Tagen machen würde, in welcher Hinſicht könnte Euch das be⸗ unruhigen?“ „Wenn Sie reiſen, mein Vater,“ ſprach Friedrike, „warum nehmen Sie uns nicht mit?“ „Ich reiſe nicht,“ antwortete Julius.„Wenigſtens iſt es beinahe ſicher, daß ich nicht zu reiſen nöthig haben werde. Sollte ich übrigens reiſen, ſo koͤnnte ich Euch nicht mitnehmen. Was würde man ſagen, ſähe man uns alle Drei beiſammen?“ „Was liegt daran, was man ſagen würde? Und dann, wenn nicht Beide, ſo kann Ihnen doch wenigſtens Eine folgen?“ Die Eine ohne die Andere?“ verſetzte Julius:„Und was würde aus der Mutter ohne die Tochter, oder der Tochter ohne die Mutter?“ 137 „Aber Sie konnen doch nicht allein reiſen,“ beharrte Friedrike. „Ich reiſe nicht allein.“ „Wer wird Sie denn begleiten?“ „Ein ſicherer Freund, der ſich gern meiner annehmen wird.“ Julius ſprach dieſe letzten Worte mit einem ſeltſamen one. „Hören Sie, mein Vater,“ rief Friedrike,„Sie wollen uns beruhigen, aber Sie haben offenbar ein Ge⸗ heimniß. Sie ſind ganz traurig gekommen, Sie, der Sie gewöhnlich ſo heiter waren, wenn Sie hierher kamen. Dann haben Sie in dem Tone eines Vaters geſprochen, der ſeine Tochter zu verlaſſen im Begriffe iſt und Sie nicht wiederzuſehen befürchtet. Sie haben mir geſagt, Sie ſeien alt, ich müſſe darauf gefaßt ſein, Sie nicht mehr lange zu befitzen. Doch meine Mutter werde mir bleiben. Sie haben mich gebeten, Ihnen den Kummer zu verzeihen, den Sie mir unwillkürlich haben verurſachen können, als ob ich Ihnen etwas zu verzeihen hätte, als ob ich Ihnen nicht im Gegentheil für Alles zu danken hätte. Nun denn, wenn Sie heute ſo ſind, ſo gibt es etwas, was Sie mir verbergen, oder Sie halten ſich für ſehr krank, oder Sie wollen abreiſen. Sie ſind am Vor⸗ abend einer großen Gefahr oder einer langen Reiſe, das iſt ſichtbar. Mein Vater, ich beſchwöre Sie, ſagen Sie uns, was Sie haben. Sind Sie krank, ſo iſt unſer Platz an Ihrem Bette. Die Welt mag denken, was ſie willz ich, ich will Sie pflegen.“ „Ich bin nicht krank,“ erwiederte Julius mit einem gerührten Blick.„Schau mich an, Du kannſt an meinem Geſichte ſehen, daß ich mich eher beſſer befinde, als dies ſeit einigen Monaten der Fall geweſen iſt. Meine Frau und meine Tochter wiederfinden, das hat mir die Geſund⸗ heit auf's Neue gegeben.“ „Alſo reiſen Sie?“ ſagte Chriſtian e. ———— 138 „Höret,“ ſprach Julius, der daran verzweifelte, ſich Glauben zu verſchaffen, wenn er völlig leugnete.„Es iſt möglich, daß ich eine Reiſe von kurzer Dauer zu machen habe, aber noch iſt nichts beſchloſſen. In jedem Falle werde ich erſt in drei Tagen abreiſen. Somit wer⸗ den wir Zeit haben, uns wiederzuſehen und wieder da⸗ von zu ſprechen.“ „Sie werden nicht reiſen, ohne uns wiedergeſehen zu haben?“ ſagte Chriſtiane. „Ich verſpreche es!“ „Ich habe ein Mittel, Sie zu zwingen, Ihr Ver⸗ ſprechen zu halten,“ verſetzte Friedrike. „Welches?“ „Ihnen heute nicht Lebewohl zu ſagen.“ „Ah!“ murmelte Julius. „Ich ſehe wohl, was Sie zu thun gedachten,“ fuhr vas reizende Geſchoͤpf fort.„Sie hätten uns gerührt, indem Sie von allen möglichen zärtlichen Dingen geſpro⸗ chen; wir hätten uns einander in die Arme geworfen; wir hätten geweint, und dann wären Sie morgen, ohne etwas zu ſagen, abgereiſt, mit unſerem erliſteten Lebewohl. Aber wir werden uns nicht mehr zu ihrem Plane her⸗ geben, meine Mutter und ich. Wenn Sie wollen, daß wir Ihnen Lebewohl ſagen, ſo müſſen Sie Ihre Abreiſe zugeſtehen. Kein Lebewohl heute. Wollen Sie umarmt ſein, ſo werden wir das nächſte Mal ſehen.“ „Du haſt Recht, mein Kind,“ ſprach Julius mit er⸗ ſtickter Stimme und gegen eine Gemüthsbewegung käm⸗ pfend, welche nicht auf ſeinem Geſichte ſehen zu laſſen er die Stärke beſaß.„Umarme mich nicht. Du wirſt ſo ſicher ſein, daß ich nicht abreiſe, ohne Dich wiederge⸗ ſehen zu haben; denn es wäre etwas zu Gräßliches für einen Vater, eine Reiſe anzutreten, von der er vielleicht nicht wiederkommen wird, ohne nur den Kuß ſeines Kin⸗ des mit ſich fortzunehmen.“ Julius hielt inne, er konnte nicht fortfahren. er⸗ uhr hrt, oro⸗ wir was ohl. her⸗ daß reiſe emt er⸗ äm⸗ ſſen virſt rge⸗ für eicht Kin⸗ 139 Dann ſprach er: „Wir müſſen uns nun trennen. Auf baldiges Wieder⸗ ſehen; in der nächſten Woche, wenn ich nicht reiſe, mor⸗ gen oder übermorgen, wenn ich reiſe. Ich werde Euch von der Stunde, wo Ihr mich hier findet, unterrichten. Erhaltet Ihr keinen Brief von mir in den nächſten drei Tagen, ſo habe ich mich von dieſer Reiſe frei machen können.“ Er that ſich abermals Gewalt an, und es gelang ihm, zu lächeln. „Auf Wiederſehen,“ ſagte er.„Ihr bemerkt, daß ich Euch auf Wiederſehen, und nicht Lebewohl ſage. Ent⸗ fernen wir uns Eines nach dem Andern, damit uns kein Vorübergehender beiſammen ſieht. Chriſtiane zuerſt, Friedrike hernach. Ich werde zuletzt weggehen.“ Chriſtlane drückte Julius die Hand und ging hinaus. Als ihr Friedrike zu folgen im Begriffe war, ſagte der Vater zu ihr: „Du ſiehſt, ich verlange nicht, Dich zu küſſen.“ Er ſagte dies lächelnd. „Sie thun wohl daran,“ erwiederte Friedrike.„Ich würde es verweigern. Dadurch halte ich Sie in Paris zurück. Das nächſte Mal, ſo viel Sie wollen.“ Und ſie ging auch hinaus. Kaum war Julius allein, als er ſchluchzend auf die Kniee ſiel. „Oh! ſo verlaſſe ich ſie!“ rief er mit Verzweiflung; „und wenn ſie wüßten, für welche Reiſe! Das iſt unſer Abſchied! Armer Engel Friedrike! ſie hat mich erra⸗ then; ſie hat gefühlt, daß ich ihre Umarmungen erliſten und ſie zum letzten Male an mein Herz preſſen wollte, ohne ihnen zu ſagen, warum. „Wie ſollte ich ihnen ſagen, was ich zu thun im Be⸗ griffe bin? Sie werden es frühe genug erfahren. Wenn ſie nur wüßten, vaß ich morgen abreiſe, ſo würden ſie 140 mir folgen wollen, und ſie dürfen dem nicht beiwohnen, was dort vorgehen wird. „So werde ich reiſen, ohne nur einen letzten Blick von den zwei Weſen gehabt zu haben, die ich liebe, ohne vaß ihre Augen an den meinigen von der Rührung be⸗ feuchtet worden ſind, ohne eines von den guten Worten mitzunehmen, welche uns ſanft in den Ohren die Ewig⸗ keit hindurch wiedertönen müſſen.„ „In dieſer Stunde iſt das Band, das mich mit ihnen verknüpfte, zerriſſen. Ich werde ſie nicht wiederſehen. Ich bin allein. Nicht ein Wort des Abſchiedes wird mir folgen und mich dahin begleiten, wohin ich gehe. „Gut, es ſei. Das Opfer wird vollſtändig ſein. Aber, mein Gott, gib wenigſtens dieſen zwei ſanften, armen Geſchöpfen als Ueberſchuß an Freude Alles, was ich als Uebermaß des Leidens annehme.“ Er umarmte weinend die zwei Stühle, auf denen ſeine Frau und ſeine Tochter geſeſſen hatten, ſagte dem Zimmer das Lebewohl, das er ihnen ſelbſt nicht ſagen ging hinab und ließ ſich in ſein Hotel zurück⸗ ühren. Die Nacht war ſchon weit vorgerückt. Er legte ſich nicht zu Bette. Wozu? Er hatte keine Luſt, zu ſchlafen. Er fing an Briefe zu ſchreiben. Die Stunden vergingen, und er ſchrieb noch, als Samuel eintrat. „Du biſt bereit?“ fragte er Julius. „Immer, wie ich Dir geſtern geſagt habe,“ antwor⸗ tete der Graf von Eberbach. „Vortrefflich! Nun! der Wagen iſt unten.“ „Gehen wir hinab,“ ſprach Julius, einen Umſchlag verſiegelnd, in welchen er zwei Briefe, einen an Chri⸗ ſtiane, den andern an Friedrike, eingeſchloſſen hatte. Er klingelte, ein Lackei kam. „Ich werde eine Fahrt außerhalb Paris machen,“ ſagte er.„Ich kehre vielleicht erſt morgen oder in en, ick e be⸗ ten ig⸗ en en. nir in. en, as nen em gen ick⸗ ſich fen. als or⸗ ag hri⸗ en,“ in 141 einigen Tagen zurück. Käme die Frau Gräfin von Eng⸗ hien, ſo würden Sie ihr das übergeben. Doch ihr allein, hoͤren Sie?“ Er gab den Brief dem Bedienten. „Und nun gehöre ich Dir,“ ſprach Julius zu Sa⸗ muel. Rlarheit des Herzens. Am Morgen nach dem Tage, wo Julius, Chriſtiane und Friedrike in dem geheimen Hauſe des Marais zu⸗ ſammengetroffen waren, ging Friedrike allein und träu⸗ meriſch in ihrem Garten in Enghien ſpazieren. Ohne zu wiſſen warum, fühlte ſie ſich ganz beklom⸗ men. Die Zuſammenkunft am vorhergehenden Tage ſtellte ſich wieder vor ihren Geiſt. Warum war ihr Vater vor dem einzigen Weſen das er liebte, zum erſten Male ſo ernſt und traurig geweſen? Sie hatte ſich geweigert, ihm Lebewohl zu ſagen, um ihn zu verhindern, abzureiſen, ohne ſie wenigſtens noch ein Mal zu ſehen. Wenn aber ſeine Reiſe eine Nothwen⸗ vigkeit, wenn er genöthigt war, ſogleich zu gehen, ſo hatte ſie ihm nur ein Leiden beigefügt. Als fie ſich geweigert, ihn zu umarmen, hatte Julius fie angelächelt, doch es ſchien ihr nun, es ſei ein gezwunge⸗ nes Lächeln geweſen, und er habe viel mehr Luſt gehabt, zu weinen. Was für eine Reiſe konnte das ſein? Es mußte etwas ſehr Ernſtes ſein, Der Graf mußte —— 142 einen ſehr gebieteriſchen Beweggrund haben, um Paris zu verlaſſen, er, der ſo ſchwach und angegriffen! Wohin ging er? Und warum erfüllte ihn dieſe im Ganzen ſo einfache Sache, eine Reiſe, mit einer ſolchen Traurigkeit? Warum dieſe Feierlichkeit bei den Ermahnungen, die er ſeiner Tochter gegeben hatte? Das war mehr als ein Abſchied, es war beinahe ein Teſtament. Friedrike ging den ganzen Tag umher und träumte ſo den ganzen Tag. Am Abend hielt ſie es nicht mehr aus. Sie ließ anſpannen und fuhr nach Paris. Als ſie im Hotel angekommen war, ſtieg ſie raſch zur Wohnung des Grafen hinauf. „Der Herr Graf?“ fragte ſie den erſten Bedienten, dem ſie begegnete.. „Der Herr Graf iſt nicht hier,“ antwortete der Be⸗ diente. „Wann iſt er weggegangen?“ „Dieſen Morgen, Frau Gräfin.“ „Mein Gott! und er hat nicht geſagt, zu welcher Stunde er zurückkehren werde?“ „Er hat geſagt, er mache eine Fahrt außerhalb Paris und werde vielleicht erſt morgen zurückkommen.“ „Er hat nichts für mich zurückgelaſſen?“ „Der Herr Graf hat für die Frau Gräſin einen Brief zurückgelaſſen, der auf ſeinem Schreibtiſche liegt.“ „Geſchwinde!“ rief Friedrike. Und ſie eilte in das Cabinet ves Grafen. Sie fand auf dem Schreibtiſche ein Papier mit ihrer Adreſſe. Friedrike entſiegelte den Umſchlag, in welchem zwei Briefe waren, einer für ſie und einer für ihre Mutter. Sie öffnete den einen Brief und las: „Verzeihe mir, meine liebe Friedrike, wenn ich ohne Dich zu umarmen abreiſe. Aber es geſchieht für Dich, als un er vor ſch en, Be⸗ her ris nen . rer wei hne ich, 143 mein Kind. In drei Tagen wird ſich nichts mehr Dei⸗ nem Glück widerſetzen. „Lebe wohl, meine geliebte Tochter. Deine Mutter wird Dir mehr ſagen. Sei glücklich. Ich ſegne Dich. „Vergiß mich und denke an Lothario. „Dein ergebener Vater „Julius von Eberbach.“ „Was ſoll das bedeuten?“ rief Friedrike, die Augen voll Thränen.„Oh!“ ſprach ſie, indem ſie einen Satz des Briefes noch einmal las:„„Deine Mutter wird Dir mehr ſagen!““ Meine Mutter weiß ohne Zweifel Alles. Gehen wir zu ihr.“ Und ſie ſtieg haſtig die Treppe hinab und ließ ſich zu Chriſtiane führen, zu der ſie den Brief mit der Adreſſe ihrer Mutter mitnahm. Chriſtiane war ganz erſtannt, als ſie die Gräfin Eberbach melden hörte, denn das Leben dieſer zwei armen Geſchöpfe war ſo, daß es für die Mutter und für die Tochter eine Kühnheit und beinahe ein Fehltritt war, wenn ſie ſich ſahen. Aber die Gemüthsbewegung von Chriſtiane wurde noch viel gewaltiger, als ſie Friedrike eintreten ſah. „Was gibt es denn?“ fragte ſie, betroffen von der im Geſichte ihrer Tochter lesbaren Angſt. „Mein Vater iſt abgereiſt,“ antwortete Friedrike. „Abgereiſt!“ „Leſen Sie,“ ſagte Friedrike. Und ſie reichte ihrer Mutter die zwei Briefe. Der an Chriſtiane adreſſirte Brief ſagte nicht mehr, als der von Friedrike. Julius benachrichtigte nur ſeine Frau, er reiſe ab, und ſobald er am Ziele ſeiner Reiſe angekommen ſei, wolle er Alles ſchreiben, was er zu thun gehabt habe, und was vorgehen werde. 144 Er fordere ſie daher auf, ſich nicht zu ängſtigen, Friedrike zu beruhigen und zu warten. „Alles, das Warten ausgenommen. Meine Tochter, wir reiſen ſogleich ab!“ rief Chriſtiane. „Was haben Sie, meine Mutter? Sie ſind ganz verſtört.“ „Eine große Gefahr ſchwebt über Deinem Vater.“ „Welche Gefahr“ „Oh! ich kann es Dir nicht ſagen. Doch ich er⸗ innere mich deſſen, was er mir einmal geſagt hat. Ge⸗ ſchwinde!“ Sie lief nach der Klingel, ein Bedienter kam. „Iſt mein Bruder da?“ „Ja, Madame.“ „Sagen Sie ihm, ich müſſe ſogleich Poſtpferde haben.“ Der Bediente ging ab. „Oh! mein Gott!“ ſagte Chriſtiane,„aber wohin gehen? Dieſe zwei Briefe belehren uns nicht einmal, wo Dein Vater iſt. Man hat es Dir nicht im Hotel geſagt?“ „Nein, bei ſeiner Abreiſe hat er geäußert, er mache eine Fahrt außerhalb Paris.“ „Oh! er wird weit gegangen ſein. Er wird mehr Entfernung zwiſchen ſeinen Plan und uns gelegt haben. Wohin kann er gegangen ſein? Wir Unglückliche! Wir können es nicht errathen!“ Sie dachte eine Minute nach, dann fuhr ſie energi⸗ ſcher fort: „Gleichviel, wir werden ihn überall ſuchen. In Eber⸗ bach zuerſt. Ja, er hat zur Beſtrafung den Ort wählen müſſen, wo das Verbrechen begangen worden iſt. So iſt es. Er geht nach dem Schloſſe Eberbach, deſſen bin ich nun ſicher. Ich danke Dir, mein Gott! Wenn wir nur nicht zu ſpät kommen!“ en, ter, anz er⸗ He⸗ rde hin nal, otel che ehr en. Pir rgi⸗ ber⸗ hlen iſt ich nur 145 Sie nahm das, was ſie an Geld brauchte, und hüllte Friedrike in Shawls für die Nacht. Sie waren bereit, als Gamba ankündigte, der Wa⸗ gen ſei unten. „Reiſe ich auch?“ fragte er. „Ja. Biſt Du bereit?“ „Immer, wenn es ſich darum handelt, auf den Land⸗ ſtraßen umherzufahren.“. „So komm.“ Eine Minute nachher rollte die Poſtchaiſe im Galopp über das Fflaſter von Paris hin. Auf der erſten Station ſprach Chriſtiane mit dem Poſtmeiſter. „Haben Sie nicht dieſen Morgen zwei Reiſenden, welche von Paris kamen, Pferde gegeben? „Warum zwei?“ fragte Friedrike. „Höre.“ „Ich habe mehr als zweien gegeben,“ antwortete der Poſtmeiſter. „Ja, aber zweien, welche beiſammen waren?“ „Wie ſahen ſie aus?“ „Ungefähr vierzig Jahre. Doch der Eine ſieht älter aus, als der Andere.“ „Ahl warten Sie. Ich glaube, ja. Der Eine be⸗ grub ſich in der Ecke des Wagens, wie wenn er verdrieß⸗ lich und leidend wäre.“ „Und der Andere mußte ein hartes, hochmüthiges Geſicht haben?“ Pmet „Ganz richtig. Dieſer war es, der die Befehle gab. Ich ſagte ſogar zu Jean:„„Das iſt Einer, der keine gute Phyſiognomie hat.““ Jean erwiederte:„Bah! dazu iſt er berechtigt, er bezahlt gut.““ Ja, Madame ich habe ſie geſehen.“ „Ich danke.“ Die Pferde waren gewechſelt. Der Wagen fuhr wieder ab. Gott lenkt. W. 10 146 Friedrike befragte ihre Mutter. „Woher wiſſen Sie, daß mein Vater nicht allein reiſt?“ „Haſt Du vergeſſen, daß er uns geſtern ſagte, ein Freund werde ihn begleiten?“ „Das iſt wahr, dach er hat nicht geſagt, wer dieſer Freund ſei.“ „Oh! ich errathe!“ erwiederte Chriſtiane. „Wer iſt es denn?“ „Es iſt Herr Samuel Gelb.“ Die Reiſe war düſter und flille. Die Nacht verging, und der Tag auch, und noch eine Nacht und noch ein Tag. Die Mutter und die Tochter hielten immer nur die Zeit an, die man brauchte, um die Pferde zu wechſeln. Nur zweimal in den achtundbierzig Stunden ſtiegen ſie aus, um einen Mund voll zu eſſen. Und dann gingen ſie wieder ab, und bezahlten dop⸗ pelt, um die Geſchwindigkeit des Poſtillon zu verdoppeln. Dieſe bei Nacht begonnene Reiſe endigte bei Nacht. Es war gegen eilf Uhr Abends, als die Poſtchaiſe in den Hof des Schloſſes Eberbach fuhr. „Iſt der Herr Graf hier?“ fragte Friedrike den Pförtner, den man wecken mußte. „Ja, Frau Gräfin.“ „Gott ſei gelobt!“ rief Chriſtiane.„Wir kommen zu rechter Zeit an.“ Der Wagen hielt vor der Freitreppe. Gamba klopfte ſo, daß er das ganze Haus auf⸗ weckte. Hans ſtreckte den Kopf aus einer Luke heraus. „Wer iſt da?“ rief er ganz verdrießlich und knur⸗ rend. „„Es iſt die Frau Gräfin,“ antwortete Gamba. „Ich komme hinab,“ brummte Hans. Nach einem Augenblick wurde die Thüre geöffnet. ha lein ein eſer ng, ein die eln. ſe op⸗ eln. aiſe den nen uf⸗ mur⸗ 147 „Der Herr Graf?“ fragte Friedrike. „Er iſt zu Bette gegangen.“ Friedrike ſchaute Speii an. „Oh! es iſt keine Secuſtbk zu Kertteren,“ antwortete Chriſtiane den Blicken ihrer To„Es handelt ſich um zu ernſte Dinge, als daß win ſer Zuſammentreffen einen Augenblick verſchieben kö Gehen wir hinauf und klopfen wir an die Thüre Zimmers.“ Sie gingel ſogleich hinauf und klopften, Anfangs ſachte und dann ſtärker. 2 Aber ſie mochten immerhin klopfen, Niemand ant⸗ wortete. „Warten Sie,“ ſagte Gamba,„Sie klopfen wie Frauen. Ich will Ihnen zeigen, wie man das macht.“ Und er führte an der Thure alle Glockenſpiele von Antwerpen aus. Niemand antwortete, Niemand rührte ſich im Zim⸗ mer. „Das iſt ſonderbar,“ ſagte Chriſtiane, welche zu er⸗ bleichen anfing. Sie wandte ſich gegen Hans um. „Sie wiſſen gewiß, daß der Herr Graf in ſeinem Zimmer iſt?“ „Ganz gewiß, da ich ihn vor zwei Stunden begleitet habe, um ſeine Kerzen anzuzünden.“ „Oh! zwei Stunden!“ wiederholte Chriſtiane er⸗ ſchrocken. „Ueberdies,“ fügte Hans bei,„wenn er nicht da wäre, müßte der Schlüſſel außen ſein, und Sie ſehen, daß er innen iſt.“ „Herr Graf!“ rief Chriſtiane,„öffnen Sie, wir ſind 2 Friedrike und ich! Um des Himmels willen, öffnen ie.“ Abermals keine Antwort. „Was bedeutet Alles dies?“ ſagte Friedrike.„D mein Gott! ich habe bange.“ 145 „Ein Gedanke!“ rief Chriſtiane.„Gerr Samuel Gelb muß im Schloſſe ſein!“ „Ja, Madamg“ antggrtete Hans. „Nun, ſo w w nauf, mein Freund. Er wird vielleicht weniger tief hlafen, als der Herr Graf.“ i as Zimmer von Samuel. Der Schlüſſel ſtä der Thüre. „Oeffne, Gamba, unh geh' hinein,“ ſagte Chriſtiane. Gamba ging hinein.* „Sie können einketen,“ ſagte er,„es iſt Niemand v. 4 Chriſtiane und Friedrike ſtürzten hinein. Das Zimmer war in der That leer und das Bett unberührt. „Sie wiſſen gewiß, daß dieſe Herren nicht ausge⸗ gangen find?“ ſagte Chriſtiane zu Hans. „Ganz gewiß. Um halb zehn Uhr haben die Herren geſagt, ſie wollen ſich ſchlafen legen. Ich habe ſie hinauf⸗ gehen ſehen und die Thüren geſchloſſen. Sie hätten nicht hinabgehen und vas Schloß verlaſſen können, ohne die Schlüſſel von mir zu verlangen.“ S „Dann geſchwinde!“ rief Chriſttane.„Einen Ham⸗ mer, eine eiſerne Stange, gleichviel was. Wir müſſen die Thüre des Herr Grafen erbrechen.“ Gamba und Hans liefen. Sie kamen ſogleich mit einem Brecheiſen verſehen wieder zurück. In einer Minute gab die Thüre nach. Alle Vier ſahen, daß dieſes Zimmer leer war wie das andere. 0 Aber der erſte Gegenſtand, auf den die Augen von Friedrike fielen, war ein auf einem Botpulte, das oben am Bette ſtand, liegender Brief. Lu mel ird me. and Zett ge⸗ ren uf⸗ icht die am⸗ iſſen ehen wie von oben rige. Die Adreſſe war:„An Madame Oiympli⸗ Rüe du Lurembvurg, in Paris.“ „Gib,“ ſagte Chriſtiane. Sie zerriß den Umſchlag Und leN. „Wenn Du dieſen Brief lieſeſt, meine arme Geliebte, werde ich todt ſein Sie ſtieß einen Schrei a durchlief das Ueb⸗ Julius gab keine Einzelheit än. Er ſagte nur, er ſterbe, damit Friedrike Lothario heirathen könne, Friedrike habe nichts mehr von Samuel zu befürchten, ſie ſolle ſich nicht betrüben, er ſei zu glücklich, etwas für ſie thun zu können; ſie ſei ihm nichts ſchuldig, er müſſe ihr vielmehr dankbar ſein, daß er durch ſie, nach einem ſo unnützen Leben, einen aufopfernden Tod habe. Und dann alle mögliche zärtliche, liebreiche Dinge. Doch Cyriſtiane vollendete nicht. „Ahl welcher Jammer!“ rief ſie.„Wir ſind zwei Stunden zu ſpät angekommen. In dieſem Augenblickſtirbt er ohne Zweifel. Und wir wiſſen nicht einmal, wo!“ „Ahl wir wollen wenigſtens überall ſuchen,“ ſagte Friedrike. „Doch da die äußeren Thüren geſchloſſen ſind,“ ver⸗ ſetzte Chriſtiane,„ſo müſſen ſie im Schloſſe ſein: durch⸗ ſuchen wir alle Zimmer.“ Alle Nachforſchungen waren aber fruchtlos. „Sie ſind gewiß nicht hinausgegangen,“ ſagte Hans. „Mein Gott! ich müßte errathen, finden, wiſſen,“ n„doch mir ſcheint, der Wahnſinn erfaßt m 1 Sie preßte ihre Stirne zwiſchen ihren beiden Hän⸗ den, als wollte ſie ihre ganze Vernunft und ihren ganzen Verſtand concentriren. „Ah! wartet,“ rief ſie plötzlich. Und mit ſich ſelbſt ſprechend, ſagte ſie: „Ja, ſo iſt es! Das iſt eine Eingebung des Himmels!“ 150 Sie lief nach dem Zimmer von Julius zurück und ging dann, gefolgt von Friedrike und den zwei Männern, in den kleinen Salon, der das Zimmer des Grafen von dem trennte, welches ſie einſt bewohnt hatte. Sie deutete lebhaft auf die Bibliothek und ſagte zu Gamba und Hans „Meine Freun t geſchwinde dieſen Schrank Gewalt mit der Brechſtange —„ weg, und ſtoßt mi an dieſes Täfelwerk.“ Hans und Gamba rückten die Bibliothek von der Stelle, nahmen ihre eiſerne Stange und fingen an gewiſ⸗ ſenhaft die Füllung zu zerſtören. Die erſten Stoͤße brachten keine große Wirkung ervor. Doch plötzlich, bei einer neuen Anſtrengung von Gamba, ſprang die Füllung auf, als ob eine Feder geſpielt hätte, und fuhr ſo heftig auf die Seite, daß der Wind beinahe die Lichter auslöſchte. Die Füllung maskirkte eine tiefe, düſtere Treppe. „Eine Lampe,“ ſagte Chriſtiane.„Wir wollen hier hinabſteigen.“ Hans zündete eine von den Lampen an, welche auf dem Kamin ſtanden. „Nun vorwärts!“ rief Gamba. Und er trat an die Spitze. Hans, Chriſtiane, Friedrike folgten ihm. „Ja,“ dachte Chriſtiane,„auf dieſem Wege iſt der Elende in jener verhängnißvollen Nacht gekommen.“ Sie ſtiegen ſo zehn Minuten hinab. Plötzlich hielt ſie eine Stimme an. „Wer iſt da?“ „Frauen,“ antwortete Chriſtiane. „Geht nicht weiter,“ rief die Stimme.„Männer oder Frauen, wenn Ihr einen Schritt macht, ſeid Ihr des Todes.“ Und man hörte den Hahn von Flinten ſpannen. die löſ 151 nd„Was bedeutet dies Alles?“ murmelte Friedrike. n„„Stille!“ ſagte Chriſtiane.„Zieht Ihr Drei Euch in on die Vertiefung zurück, wo die Treppe ſich wendet, und löſcht die Lampe aus. Bleibt dort, was auch geſchehen Und ſie ging an Hans und Gamba vorbei und lief nk weiter. ge In demſelben Augenblick krachte eine Salve, und Chriſtiane hörte die Kugeln an ihtem Ohr vorbeipfeifen. der Die Dunkelheit hatte Chriſtiane gerettet. Sie war iſ⸗ nicht getroffen worden. „Ich bin nicht getroffen; rührt Eucht nicht, bei Eurem ng Leben!“ rief ſie gebieteriſch Friedrike und Gamba zu, welche ſchon vorſtürzten. ba, Sie machte ein paar Schritte und befand ſich unter te, einem Dutzend Männer, die ſie unbeſtimmt in der Fin⸗ he ſterniß, beim entfernten Schimmer einer Fackel erblickte. Sie glaubte auch Dolchklingen glänzen zu ſehen. „Im Namen Eurer Frauen und Eurer Töchter.“ rief ſie, indem ſie ſich auf die Kniee warf,„wer Ihr auch ſein möget, habet Mitleid mit zwei armen, unglücklichen uf Geſchöpfen, welche ihren Gatten und ihren Vater verlieren, wenn Ihr ihnen nicht beiſteht.“ Die Dolche waren ſchon erhoben. Doch Einer von dieſen Männern ſprach ein Wort. „Wir ſind zwölf Männer gegen eine Frau,“ ſagte er. der„Sie mag ſich erklären.“ „Ich danke,“ rief die arme Frau.„Sie werden mich begreifen. Hören Sie mich an. In dieſem Augenblick iſt der Graf von Eberbach irgendwo im Begriffe, ſich zu toͤdten. Nun denn, hier iſt die Gräfin von Eberbach, welche es weiß und ihren Gatten ſucht, um ſeine Hand ner zurückzuhalten. Sie begreifen das, nicht wahr, meine Ihr Herren? Sie werden eine Frau nicht abhalten, ihrem Manne das Leben zu retten? Im Gegentheil, Sie werden ihr vielmehr beiſtehen. Wo iſt er? Sie müſſen es wiſſen, ier 152 da Sie da ſind. Ich bitte Sie, führen Sie mich an den Ort, wo er iſt.“ „Wir kennen den Grafen von Eberbach nicht,“ ant⸗ wortete derjenige, welcher die Andern zurückgehalten hatte und ihr Anführer zu ſein ſchien. „Sie ſind aber bei ihm. Sie können nicht hier ſein ohne ſeine Bewilligung,“ „Hören Sie,“ ſprach der Anführer,„wir ſind junge Leute, und es iſt nicht unſere Gewohnheit, zu lügen. Wir ſind hier aus einem Grunde, welchen zu offenbaren uns verboten iſt, und unſere Ehre befiehlt uns, Gewalt gegen alle diejenigen anzuwenden, welche unſer Geheimniß er⸗ lauern könnten. Man ſtreitet nicht mit einem Befehle. Es iſt uns eingeſchärft, auf Jeden zu ſchießen, der es verſucht, ohne das Loſungswort zu paſſiren.“ „Aber es iſt der Graf von Eberbach, der Ihnen die⸗ ſes befohlen hat, nicht wahr?“ „Ob er es iſt oder ein Anderer, was liegt daran, Madame?“ „Oh!l er iſt es. Und wiſſen Sie, warum er Ihnen Niemand eindringen zu laſſen befohlen hat? Damit ihn Niemand verhindern kann, ſich zu tödten. Hören Sie, ich habe hier bei mir einen Brief, in dem er es mir ſagt. Sie können ihn leſen. Man wird Ihnen Licht bringen. Hier, nehmen Sie den Brief. Ich bitte Sie, meine Herren, leſen Sie.“ „Wozu?“ erwiederte der Unbekannte.„Wir haben nicht die Urſache der Befehle, die man uns gibt, zu ſuchen, wir haben nur zu gehorchen.“ „Aber wenn Ihnen bewieſen iſt, daß ſich ein Menſch in dieſer Minute tödtet, hier, unter Ihren Augen.. Sie ſind junge Leute, ſagen Sie, es iſt unmöglich, daß Sie einen Selbſtmord vollbringen laſſen, ohne einen Schritt zu thun, während Sie mit einer Geberde eine Exiſtenz retten können, während ſich eine Frau zu Ihren Füßen G— —„— 153 ſchleppt und Sie anfleht. Denken Sie, es ſei Ihr Vater, der ſich tödte, und Ihre Mutter, die Sie bitte.“ „Wenn Sie aber wahr ſpricht?“ ſagte einer von den jungen Leuten. „In der That,“ fügte ein Anderer bei,„wir wären mitſchuldig am Selbſtmorde des Grafen.“ „Ah! Sie ſind gut!“ rief die arme Frau. „Madame,“ ſprach der Anführer,„Sie ſind wohl die Gräfin von Eberbach?“ „Nein, meine Herren,“ erwiederte Chriſtiane,„ich will Sie nicht täuſchen. Ich bin es nicht; doch ſie iſt da. Sie wird ſogleich kommen. Friedrike! Wir waren mit zwei ſicheren Freunden hier. Aber Männer könnten Ihnen mißfällig ſein. Ich will ſie wieder hinaufſteigen heißen. Nur wir Frauen werden gehen.“ Das muthige Geſchoͤpf holte Friedrike und ſchickte Gamba und Hans weg. Sie kum mit der Lampe zurück, welche ſte Gamba hatte wieder anzünden laſſen. „Hier,“ ſagte ſie,„Sie ſehen, daß ich Sie nicht be⸗ lüge, daß in dieſem Briefe der Graf von ſeinem Selbſt⸗ morde ſpricht, und daß wir zwei Frauen ſind, welche weinen.“ Sie reichte den Brief den Männern. Der Anführer warf einen Blick darauf. „Es iſt wahr,“ ſagte er.„Oh! der Graf von Eber⸗ bach hat uns nur die Hälfte ſeines Planes anvertraut.“ „Nun, meine Herren, wollen wir keine Secunde ver⸗ lieren,“ rief Chriſtiane.„Führen Sie uns.“ „Kommen Sie, Madame,“ ſprach der Anführer. Und er ging raſch voran. Trotz der Racht folgten ihm die zwei Frauen, ohne zu ſtraucheln, auf einer unbekannten Treppe, wie ſie es am hellen Tage auf der Straße gethan hätten. Es war, als leuchtete ihnen ihr Herz. 154 Nachdem er mehrere Thüren geöffnet und viele Stu⸗ fen hinabgeſtiegen war, blieb der junge Mann ſtehen. „Er iſt hier,“ ſagte er. „Oh Gott!“ murmelte Chriſtiane,„wenn es nur noch Zeit iſt!“ Der junge Mann öffnete eine letzte Thüre. Der Toaſt. Es war in dem kreisformigen, runden Saale des doppelten Schloſſes, in dem zwiſchen zwei in der Dicke der Mauern angebrachten Geheimtreppen liegenden Saale, wo wir ſchon Julius, den Dreien durch Samuel vorgeſtellt, mit dieſem einer geheimen Sitzung des Tugendbundes haben beiwohnen ſehen. Auf einem Tiſche, den eine an der Decke hängende Lampe beleuchtete, war Papier und Alles, was man zum Schreiben braucht.* Es war hier auch ein großer Willkommen*) aus dem Mittelalter und daneben eine volle verſiegelte Flaſche. Samuel Gelb und Julius von Eberbach ſaßen un⸗ beweglich und ſtillſchweigend einander gegenüber. Sie waren ſeit zwei Tagen im Schloſſe. Sie befan⸗ den ſich ſeit einet Stunde in der runden Stube. Beide träumten. Julius ſah an dieſem Orte, wo er alles Glück und Unglück ſeines Lebens erfahren hatte, ſeine ganze Ver⸗ gangenheit in ſeinem Geiſte wieder aufſteigen. *) Trinkglas. „ ur des cke le, lit, des nde um u6 he. un⸗ an⸗ und er⸗ 155 Er verfluchte ſeine Verblendung und ſeine Schwäche. Er hatte die Qualen von Chriſtiane nicht errathen. Bei dieſem theuren, ſanften Geſchöpfe, das er hätte beſchützen, vertheidigen, retten müſſen, hatte er gelebt wie ein Frem⸗ der und nicht wie ein Gatte, ohne Wachſamkeit und ohne Zuvorkommenheit. Er hatte die ſchändlichen Fallen nicht bemerkt, welche in ſeinem eigenen Hauſe, unter ſeinen Augen, der Feind ſtellte, der um ſein Glück herumſtrich, wie der boͤſe Engel um das irdiſche Paradies. Alles hatte ihn warnen mögen: der Widerwille von Chriſtiane, ſobald ſie Samuel kennen gelernt, die Bitten ſeines Vaters, der dieſe unheilvolle Freundſchaft hatte brechen wollen, nichts hatte ſeine alberne Illuſion zu nichte gemacht. Und dann, würde er auch den Bangigkeiten ſeiner Frau und den Ermahnungen ſeines Vaters Glauben ge⸗ ſchenkt haben? Samuel hatte eine ſolche Herrſchaft über ihn erlangt und hielt ihn dergeſtalt in der Macht ſeines Blendwerks, daß er vor der Augenſcheinlichkeit die Arme gekreuzt, daß die Gewißheit ihn nicht aufgeweckt hätte. Wie grollte er ſich nun wegen dieſer einfältigen Unterwerfung unter die Gewalt eines Andern! Welche Gewiſſensbiſſe fühlte er über eine Feigheit, die das Un⸗ glück von Allem, was er liebte, herbeigeführt hatte. Oh! das würde ihm jetzt nicht mehr begegnen. Er würde nicht vor einer energiſchen Nothwendigkeit zurückweichen. Er wäre ohne Mitleid. Weder Rückſichten, noch Bedenken würden ihn zurückhalten. Während das doppelte Schloß Julius an ſeine Schwä⸗ chen erinnerte, erinnerte es Samuel an ſeine Verbrechen. Samuel war nicht der Mann, der viel über das, ka 7 gethan und was er verurſacht hatte, in Bewegung gerieth. Was konnten ihm im Ganzen Gretchen und Chri⸗ ſtiane vorwerfen? ſagte er zu ſich ſelbſt. 156 Er hatte ſie nicht einmal gezwungen, ſie hatten ſich ihm hingegeben: die Eine allerdings in der durch einen Trank hervorgebrachten Exaltationz aber was iſt daran gelegen, ob die Eraltation, ohne welche ſich eine Frau nicht hingibt, künſtlich von einem Tranke oder natürlich von den Sinnen herrührt? Ob man eine Frau mit Worten oder mit Wein be⸗ rauſcht, wo iſt der Unterſchied? Was er gethan hatte, thun alle Männer. Eine reine, keuſche, unwiſſende junge Perſon nehmen, ihr Worte ſagen, die ſie verwirren, ſie ihre Hand berührend ſchauern machen, ihr das Blut mit einem Blicke entzünden, ihr die Lippen mit einem Kuſſe verſengen, und ihre Verwirrung und Unwiſſenheit benützen, um ſie zu verderben, das iſt unſchuldig, das iſt untadel⸗ haft, das geſchieht alle Tage; doch daſſelbe Reſultat durch zwei Tropfen Flüſſigkeit hervorbringen, ſtatt es durch Worte, durch Blicke und Küſſe verurſachen, das iſt ſtraf⸗ bar, ungeheuerlich, entſetzlich; die Verführung verwan⸗ delt ſich in Nothzucht. Was Chriſtiane betrifft, wenn er ihr den Hof ge⸗ macht hätte, wie jeder wohlerzogene junge Mann ihn jeder verheiratheten Frau ſeiner Bekanntſchaft macht; wenn er galant, eifrig, beharrlich bei ihr geweſen wäre; wenn es ihm gelungen wäre, ſich durch einiges Augenverdrehen vermiſcht mit Geſchenken Liebe zu erwerben, wenn er ſie für eine Armſpange, oder für einen Fächer oder für eine Elegie bekommen hätte, ſo war dies die allgemeine Ge⸗ ichte. Da ſie ſich aber, ſtatt ſich für ein Kompliment hinzu⸗ geben, für ihr Kind hingegeben hatte, da ihrer Handlung ſtatt der Coquetterie die Mütterlichkeit zu Grunde lag, ſo wurde die Handlung abſcheulich, und Samuel, der ein galanter Mann und ein reizender Lebemenſch geweſen wäre, wurde ein vollkommener Böſewicht, weil er Chri⸗ ſtiane einen Ehebruch, der minder gemein, als die ande⸗ ren, begehen gemacht hatte. S r——„——— ſich nen ran rau lich be⸗ tte, nge mit uſſe en, del⸗ rch rch raf⸗ an⸗ ge⸗ ihn enn enn hen ine He⸗ zu⸗ ung ag, ein ſen hri⸗ de⸗ 157 Chriſtiane hatte ſich um's Leben gebrachtz doch wer zwang ſie dazu? War es Samuel, der ſie in das Höllen⸗ loch geſtoßen? Das war kein Mord, das war eine Selbſt⸗ entleibung. Samuel hatte ſich folglich durchaus nichts vorzu⸗ werfen!.. Doch woher kam es, daß er zum erſten Male in ſeinem Leben das Bedürfniß fühlte, ſich in ſeinen eigenen Augen von der Schuld zu reinigen? Warum verſuchte er es, ſich durch Sophismen zu rechtfertigen? Warum verthei⸗ vigte er ſich ſo, wer klagte ihn denn an? Er hatte nicht die Gewohnheit der Heuchelei; er that das Boͤſe großartig und kühnz er brauchte keine Liſt gegen die Moral, er packte ſie von vorne und ſchmähte ſie ins Geſicht. Er hatte vielleicht etwas von Satan, doch er hatte ſicherlich nichts von Tartuffe. Run! in vieſem Augenblick war es ganz anders bei ihm. Eine gewiſſe, bei ſeiner Natur ſeltſame, Zaghaf⸗ tigkeit bemächtigte ſich ſeiner. Er war einem Vorge⸗ fühle preisgegeben, deſſen Motiv er nicht hätte ſagen können. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf Julius, und dann ſchaute er die verfiegelte Flaſche an. Welche Beziehung fand zwiſchen dieſer Flaſche und Julius ſtatt? Eine Thatſache iſt es, daß, wenn Samuel die Augen von der Flaſche erhob und ſie wieder auf den Grafen von Eberbach richtete, trotz ſeiner wunderbaren Selbſtbeherr⸗ ſchung, ſeine Augen ſich unwillkürlich mit einem ſeltſamen Schimmer erleuchteten. Enthielt denn dieſe Flaſche die Verwirklichung ſeines ſo lange verfolgten Traumes? War es dieſe Flaſche, die ihm das Vermögen von Julius geben ſollte, und durch dieſes Vermögen alle Conſequenzen, auf die er hoffte: die Macht, den erſten Rang im Tugendbunde und die Hand von Friedrike 2 Enthielt dieſe Flaſche Gift? 158 Doch wäre Samuel auch im Begriffe geweſen, Ju⸗ lius zu vergiften, das hätte noch nicht hingereicht, um vieſe eherne Seele beben zu machen. Ein Verbrechen mehr oder weniger in dieſem Leben voller begangener oder geträumter Verbrechen, das war eine Einzelheit. Derjenige, welcher es kalt verſucht hatte, den großen Mann zu vergiften, der ſich Napoleon nannte, würde nicht gezittert haben wegen der Vergiftung dieſes Halbleich⸗ nams, der Jullus hieß. Nein; wenn ſich Samuel Gelb in dem Augenblick, wo er den entſcheidenden Schlag thun wollte, der ihm die Thüre ſeines Ehrgeizes und ſeiner Liebe öffnen ſollte, von einer unerklärlichen Unruhe erfaßt fühlte; wenn ſein, immer feſter, Entſchluß in ſeinem Geiſte ſchwankte; wenn er beinahe zögerte, ſo waren es nicht die Gewiſſensbiſſe wegen der Frevelthat, die er zu vollführen im Begriffe ſtand, es war die Furcht, es könnte ihm mißglücken. Ihm, der ſonſt des Erfolges ſo ſicher, ihm, der die Kühnheit ſelbſt und die Gewißheit in Perſon, flüſterte, ohne daß er ſagen konnte, warum, ganz leiſe ein Inſtinct zu, ſein Werk bereite ihm das Verderben, und er werde durch das ſterben, wodurch er zu leben geglaubt habe. Doch das war weibiſcher Aberglaube, gegen den er ſich empörte. Es iſt gut, den Kindern weiß zu machen, das Böſe bringe demjenigen, der es thue, Unglück. Die Menſchen, welche ein wenig gelebt haben, wiſſen, vaß die Wirklichkeit nicht ganz den Entwickelungen der Melodramen gleich iſt, wo die Tugend immer belohnt und das Verbrechen immer beſtraft wird. Im Gegen⸗ theil, das, was man das Böſe nennt, hat jede Chance, das letzte Wort zu behalten, zu gedeihen und die arme beſcheidene Tugend, welche zu Fuß auf den Straßen trabt, mit Koth zu beſpritzen. Auf, Samuel, ſei ein Mann! ſei Samuel! Nicht im Augenblick der Ernte verzichtet und zweifelt der Säe⸗ mann. Auf, Du haſt dreißig Jahre lang Deinen Geiſt, Ju⸗ um hen der ßen icht ich⸗ lick, die von ein, enn iſſe iffe die rte, inct erde er hen, ück. ſen, der hnt en⸗ nce, rme ßen im äe⸗ eiſt, 159 Deine Ideen, Deine Hoffnungen auf irgend einen Boden ausgeſäet. Die Ernte erhebt ſich nun. Es iſt nicht mehr der Augenblick, zu überlegen, ob es beſſer wäre, auf die⸗ ſen Boden oder auf einen andern zu ſäen. Nimm Deine Sichel und ſchneide! Samuel zog ſeine Uhr. „Wir haben noch mehr als eine halbe Stunde zu warten,“ ſagte er. „Es iſt halb ein Uhr?“ fragte Julius. „Weniger zwei Minuten. Auf den Schlag ein Uhr werden unſere Verſchwörer hier ſein. Sie werden auf der unteren Treppe kommen. Du biſt der Leute ſicher, die Du auf der oberen Treppe aufgeſtellt haſt?“ „Vollkommen ſicher.“ „Du haſt ihnen Alles erklärt?“ „Ich habe ſie ſelbſt aufgeſtellt und Alles mit dem Anführer verabredet. Sei ganz ruhig.“ „Warum ſollte ich nicht dabei ſein, während Du die Inſtructionen gabſt?“ „Die Befehle, die ich von Berlin erhalten habe, ver⸗ boten es,“ erwiederte Julius;„und es war dem Anführer befohlen, nur den Inſtructionen zu gehorchen, die ich ihm insgeheim geben würde.“ „Man mißtraut mir alſo 24 fragte Samuel. „Vielleicht, bis Du Deine Ergebenheit bewieſen haſt.“ „Auch aus Mißtrauen, ohne Zweifel, hat man ver⸗ langt, daß Du bei der Sitzung der Drei gegenwärtig ſein ſollteſt?“ „Vielleicht,“ antwortete Julius. Nach einem Stillſchweigen fuhr er fort: „Doch Du hätteſt Unrecht, wenn Du Dich ärgern oder beunruhigen würdeſt wegen eines Mißtrauens, das Du in einer halben Stunde fallen machen wirſt. Ueber⸗ dies iſt es nicht ſchlimm für Dich ſelbſt, daß ich jetzt gleich da bin.“ „Warum?“ 160 „Weil diejenigen, welche Du uns überliefern willſt, ihrer Drei ſein werden, und weil es Dir, wenn Du allein gegen Drei wäreſt, ſchlimm ergehen könnte, Dieſe Leute men laſſen, ohne ſich zur Wehr zu ſetzen.“ „Und die Soldaten, die Du auf die Treppe geſtellt aſt 2“ „Gerade wenn die Soldaten eintreten, können die Drei, begreifend, daß Du ſie verrathen haſt, ſich auf Dich werfen, um ſich wenigſtens zu rächen, wenn ſie ſich nicht zu retten vermögen. Du ſiehſt wohl, daß es nicht unnütz iſt, wenn Du Jemand bei Dir haſt.“ „Und wenn Du, mich vertheidigend, getroffen wirſt?“ Oh! ich,“ erwiederte Julius mit ſeltſamem Tone, „ich habe, indem ich hier eintrat, mein Leben zum Opfer gebracht.“ Der feſte Ausdruck, mit dem Julius dieſe Worte geſprochen, machte, daß ihn Samuel ſtarr anſchaute. Aber das Geſicht von Julius hatte ſeine ganze ge⸗ woͤhnliche Sorgloſigkeit. Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein. Samuel ſtand auf und ging hin und her. „Wie lange haben wir noch zu warten?“ fragte Julius. „Noch eine Viertelſtunde,“ antwortete Samuel. „Dann iſt es Zeit, daß ich meine Herzſtärkung nehme,“ „Oh!“ machte Samuel, während er ſtehen blieb. „Ich fühle mich müde,“ fuhr Julius fort.„Und ich prauche Kräfte für die Scene, welche hier vorgehen ſoll. Du haſt mir geſagt, die Wirkung dieſes Mittels ſei eine augenblickliche, und es ſei beſſer, es im letzten Momente — nehmen. Wir ſind beim letzten Momente. Gib es m r „Du willſt es?“ fragte Samuel mit bewegter Stimme. gen Tr ſind beherzt und werden ſich ohne Zweifel nicht feſineh⸗ wie ein die daß lafſ ein Ge hab Uel hän gef Zei der Kre Aſt, lein ute eh⸗ ellt die auf icht 12 one, pfer orte 161 „Eil allerdings! ich will es. Es kommt der Au⸗ genblick, wo ich meiner Kraft bedarf. Auf, gieße den Trank in dieſes Glas.“ Und während er ſo ſprach, heftete er die Augen auf Samuel. Dieſer rührte ſich nicht. „Schenke doch ein,“ fing der Graf von Eberbach wieder an. Samuel nahm nun die Flaſche und entkorkte ſie. Seine Hand zitterte leicht. Julius hob das Glas auf und reichte es ruhig dar. Samuel goß ungefähr die Hälfte der Flaſche ein. „Warum ſchenkſt Du nicht Alles ein?“ fragte ihn Julius. „Ohl die Hälfte genügt.“ „Schenke Alles ein, ſage ich Dir,“ erwiederte Julius. „Gut,“ ſprach Samuel, deſſen Hand wieder von einem leichten Zittern ergriffen wurde. „Man ſollte beinahe glauben, Du ſeiſt bewegt. Iſt dieſes Mittel gefährlich?“ Samuel erbleichte. „Gefährlich?“ rief er.„Welche Idee!“ „Oh! beruhige Dich,“ ſagte Julius.„Glaube nicht, daß ich Dich beargwohne. Ich meine nur, ein Trank laſſe uns oft ſpäter die Kraft bezahlen, die er uns für einen Augenblick gebe. Hätteſt Du mir einen Trank die⸗ ſer Art bereitet, ſo wäre ich Dir darum nicht böſe, im Gegentheil. Wenn ich nur eine Stunde lang die Energie habe, die mir nothwendig iſt, was liegt mir dann am Uebrigen? Du weißt, daß ich nicht ungeheuer am Leben hänge. In dieſem Sinne frage ich Dich, ob der Trank gefährlich ſei.“ „Er iſt durchaus harmlos,“ erwiederte Samuel, der Zeit gehabt hatte, ſich zu beherrſchen.„Er hat keine an⸗ dere Wirkung, als daß er denjenigen, welche krank ſind, Kraft gibt und die Stärke der Geſunden vermehrt.“ Gott ſenkt. W. 11 162 „Ah! er vermehrt die Stärke der Geſunden 7?“ wie⸗ verhoite Julius mit einer ſeltſamen Miene. „Ja,“ antwortete Samuel entſchieden. „Gut.“ Julius ſetzte das Glas an die Lippen; doch er be⸗ netzte ſie nur daran. „Dieſer Trank hat nicht denſelben Geſchmack wie der andere.“ „Nein,“ erwiederte Samuel.„Ich habe ihn geän⸗ dert. Dieſer iſt energiſcher.“ „Mein armer Samuel,“ ſprach Julius,„Du haſt offen⸗ bar i Du haſt nicht Deine gewöhnliche Kaltblütigkeit.“ 7. V.* „Ich begreife Dein Unbehagen,“ fuhr der Graf von Eberbach fort.„Es iſt ganz einfach, daß Du in dem Augenblick, wo Du diejenigen, deren Genoſſe Du, ſeitdem Du auf der Welt lebſt, überliefern ſollſt, nicht ganz ruhig bi 1 „In der That,“ ſprach Samuel, glücklich, daß 6 lius ſeine Unruhe auf dieſe Art deutete.„Ich geſtehe, daß mich macht, als ich geglaubt hätte.“ 8 „Entſchuldige Dich nicht, Samuel. Das iſt ganz natürlich. Du haſt nur um ſo mehr Verdienſt dabei, daß Du dieſes Bedenken überwindeſt, und das Opfer, das Du der preußiſchen Regierung und der monarchiſchen Sache hringſt, iſt nur um ſo größer und der Belohnung würdiger. Aber ich gebe Dir mein Ehrenwort, der Lohn wird der Größe der Handlung gleichkommen. Ich werde wenigſtens hiefür thun, was von mir abhängt, Samuel, Du kannſt darauf zählen.“ Samuel vankte nicht. Es ſchien ihm, als enthielten die Worte von Julius eine ironiſche Abſicht. Julius fuhr fort: „Doch Du ſelbſt wirſt ſogleich, wie ich, aller Stärke be⸗ vürfen. Die Gemüthsbewegung, die Dich ergriffen hat, ſo ge⸗ die Ueberlieferung des Tugendbundes mehr Eindruck 3₰ mi 163 wie⸗ recht und ehrenwerth ſie iſt, würde uns Beide beengen, wenn wir uns zu vertheidigen hätten. Für mich, wenn nicht für Dich, iſt es dringend, daß ſie verſchwindet. Dieſes Mittel vermehrt, wie Du mir ſo eben geſagt haſt, be⸗ die Stärke der Geſunden „Nun!“ unterbrach ihn Samuel, der ſich alle Ge⸗ der walt anthat, um ſeine Aufregung zu verbergen. „Nun! mein lieber Samuel, ich glaube, Du thäteſt eän⸗ wohl daran, wenn Du die Hälfte davon trinken würdeſt.“ Samuel ſchaute ihn erſtaunt an. ffen⸗„Wohlan, Samuel, Jeder ſeinen Theil, und laß uns eit.“ mit einander auf eine Geſunvheit trinken, die uns Beiden theuer iſt, auf die Geſundheit von Friedrike!“ von„Aber Du ſagteſt, Du habeſt mit dem Ganzen nicht dem genug?“ wand Samuel ein. tdem„Und Du, Du ſagteſt, ich habe genug mit der Hälfte.“ uhig„Bah! meine augenblickliche Aufregung iſt vorüber. Und dann, wenn die Drei da ſein werden, ſei unbeſorgt, Ju⸗ ich werde nicht etwas zu trinken brauchen, um meine daß ganze Energie zu haben. Die gegenwärtige Gefahr findet auf mich bereit und feſt, dafür ſtehe ich Dir.“ „Du weigerſt Dich?“ ſagte Julius kalt. ganz Samuel ſchaute Julius ſtarr an. abei,„Ah!“ ſagte er,„mißtraueſt Du mir auch?“ pfer,„Vielleicht,“ antwortete Julius zum dritten Male. ſchen Samuel richtete ſich hoch auf. nung Julius erhob ſich, und eine Secunde lang kreuzten Lohn ſich und funkelten ihre Blicke wie zwei Schwerter. verde Dann plötzlich nun hatte, vor dieſers Herausforderung nuel, die finſtere und mächtige Natur von Samuel wieder die Ober⸗ hand gewonnen, oder hatte Julius Unrecht in ſeinem Ver⸗ ielten dacht, oder war Samuel von einer raſenden Ivee ergrif⸗ fen worden: Samuel Gelb faßte ſeinen Entſchluß, nahm den Willkommen und leerte die Hälfte davon. ke be⸗ Und er reichte das Glas Julius. ſo ge⸗„Dir nun,“ ſagte er.„Du ſiehſt, Dein Argwohn!“ 164 Julius nahm das Glas. „Auf die Geſundheit von Frieprike,“ ſprach er,„und 6 ſie moge uns lange überleben.“ Und er trank den Willkommen vollends aus. In dieſem Augenblick ertönte das Geräuſch eines Glockchens. „Das ſind unſere Leute,“ ſagte Samuel.„Sie ſind pünktlich.“ Beinahe in derſelben Secunde öffnete ſi ſi ch die Thüre der unteren Treppe. Zwei Männer traten, den Leib unter Mänteln, das Geſicht unter Larven verborgen, ein. Der Todte packt den Wewinu. Es ſtanden um den Tiſch nur vrei Stühle, von de⸗ nen der eine etwas höher, als die zwei anderen. 5 ½ Die zwei verlarhten Männer ſetzten ſich auf die nie⸗ drigeren Stühle. Sie ſchienen nicht erſtaunt über die Gegenwart von Julius, obgleich ſie Samuel nicht davon in Kenniniß ge⸗ ſetzt hatte, daß er nicht allein ſein werde. Samuel ſchaute mit Beſorgniß nach dem dritten Stuhle. „Sie ſind nur zu zwei gekommen?“ fragte er.„Ich offte⸗ der oberſte Vorſtand würde Sie begleiten. Wird er nicht auch erſcheinen?“ 4 „Eine wichtige Angelegenheit hat ihn verhindert, zu kommen,“ antwortete Einer von den zwei verlarvten Män⸗ nern.„Doch wo wir ſind, iſt er. Sprich, als ob wir unſerer Drei wären. Der oberſte Vorſtand des Bundes, 165 obſchon ich dies nicht bin und es auch mein Gefährte nicht und iſt, wird Deine Worte und Deine Gedanken genau hören.“ „Nun denn!“ ſagte Julius,„da dieſer Stuhl frei iſt, ſo nehme ich ihn.“ ines Und er ſetzte ſich ruhig auf den höheren Stuhl. Samuel ſchaute ihn mit Erſtaunen an. Er erwar⸗ ſind tete, die mächtigen, angeſehenen Perſonen, welche an der Spitze des Bundes ſtanden, würden entrüſtet ſein über üre die Kühnheit dieſes Unbekannten, der es wagte, ſich in ihrer Gegenwart und hoͤher als ſie zu ſetzen. das Aber die Chefs des Bundes bezeigten weder Entrü⸗ ſtung, noch Verwunderung, und ſie wandten ſich, als ob Julius etwas ganz Einfaches gethan hätte, gegen Sa⸗ muel und forderten ihn durch einen Wink auf, zu ſprechen. Samuel zögerte. Einmal war das, was er zu ſagen hatte, nicht we⸗ nig peinlich. Mag man auch von noch ſo feſtem Schlage ſein, der Menſch wird kein Verräther, ohne daß ihn etwas zurückhält, und ohne daß ihm ſeine Schändlichkeit in den Ohren ſummt. Sodann war der oberſte Vorſtand nicht da, und da⸗ de⸗ durch das Wichtigſte der Seche verfehlt. Die Zwei, welche blieben, belohnten ſie die Mühe des Verraths? nie⸗ Samuel hatte das Haupt des Tugendbundes ver⸗ ſprochen; würde ihm der Berliner Hof nur dankbar von ſein, wenn er bloß die zwei Arme überlieferte? ge⸗ WDoch gleichviel, ſobald man einmal dieſe Beiden kennete und feſthielte, würde man durch ſie zum Dritten uhle. aufſteigen können! Angenommen, ſie wären im Stande, Ich Alles auszuhalten und Alles zu erdulden, ohne ihn je zu Wird nennen, ſo würde man wahrſcheinlich bei ihnen und in ihren Wohnungen Papiere finden, die ihn nennen, die „3u Conſtititution und die Stämme des Tugendbundes angeben kän⸗ und die Hand der Regierung auf das Neſt der Verbin⸗ wir vung führen müßten. des, 166 Samuel entſchloß ſich alſo, zu thun, als ob alle Drei gekommen wären. „Nun! Samuel Gelb,“ ſagte der verlarvte Mann, ver ſchon geſprochen hatte,„Du haſt uns zuſammenbe⸗ rufen, um uns eine wichtige Mittheilung zu machen. Wir haben volles Vertrauen zu Dir, und wir ſind gekommen. Wir erwarten nun, daß Du ſprichſt.“ „Sie fragen mich nicht, wer dieſer Mann ſei?“ ſagte Samuel auf den Grafen von Eberbach deutend. „Dieſer Mann iſt von Dir eingeführt worden,“ er⸗ wiederte der Andere.„Wir nehmen an, daß es Einer iſt, deſſen Du ſicher biſt, und der bei der Mittheilung, welche Du uns zu machen haſt, von Nutzen ſein muß. Haſt Du ihn gebracht, ſo kann er offenbar hören, was Du uns ſagen wirſt. Sprich alſo.“ „Gut,“ ſagte Samuel.„Doch erlauben Sie mir vor Allem eine nothwendige Frage: Was ſind Ihre neuen Entwürfe ſeit der letzten franzöſiſchen Revolution?“ Der Verlarvte ſchüttelte verneinend den Kopf. „Wir find hier, um zu hören, nicht, um zu antworten,“ erwiederte er.„Wir haben weder das Recht, noch den Willen. Dich zu unterrichten.“ Samuel biß ſich auf die Lippen. Er ſah, wie in Wirklichkeit das volle Vertrauen war, das die Chefs des Bundes, wie ſie ſo eben geſagt, zu ihm hatten. Nun! deſto beſſer! Dieſe Beleidigung benahm ihm ſein letztes Bedenken. Sie bekräftigte abermals, was er von Leuten zu erwarten hatte, die ihn nach dreißig Jahren der Ergebenheit, der Dienſte und der Anſtrengungen mit Verachtung behandelten. „Sie mißverſtehen meine Frage.“ ſagte er.„Ein elender, demüthiger Diener, wie ich, kann nicht die An⸗ maßung haben, die Abſichten der geheimnißvollen und un⸗ zugänglichen hohen Herren, weiche an unſerer Spitze ſtehen, ergründen zu wollen. Ich frage Sie nicht nach Ihren Plänen, noch nach dem Wege, den Sie zu ver⸗ fol das ſol hal zu der alle ann, nbe⸗ Wir nen. agte er⸗ iner ung, nuß. was mir euen en,“ den e in des ihm s er hren mit „Ein An⸗ un⸗ pitze nach ver⸗ 167 folgen gedenken. Ich möchte nur gern wiſſen, ob Sie das Ziel nicht verändert haben, ob Sie Ihr Werk ver⸗ ſolgen, ob Sie nicht auf die Unabhängigkeit verzichtet haben. Meine Neugierde beſchränkt ſich darauf, erfahren zu wollen, ob der Tugendbund immer noch beſtehe.“ „Warum ſollte er nicht mehr beſtehen?“ verſetzte der Chef im Tone des Erſtaunens. „Sie ſind immer noch für die Freiheit gegen die regierende Macht, für die Völker gegen die Könige?“ „Immer.“ „Und der Ausgang der Julitage, die Belugſung der Demokratie durch die Bourgeviſie, das Mißglücken dieſer ſchmerzlichen und furchtbaren Entbindung einer ganzen Nation, Alles dies hat Sie nicht entmuthigt?“ „Die Zeit iſt der Einſchlag des revolutivnären Wer⸗ kes. Das Volk iſt geduldig, weil es immer des andern Täges ſicher iſt.“ „Das Volk iſt ewig,“ ſprach Samuel Gelb.„Doch Jeder von uns iſt ſterblich und hat folglich das Recht, an die Gegenwart zu denken. Die Entwickelung der Juli⸗ revolution iſt nun ein ziemlich klarer Beweis, daß zu dieſer Stunde die Demokratie nicht das iſt, was Ausſicht hat, die Welt zu beſitzen. Will man daher nicht alle Perſonlichkeit verleugnen und nur in der Menſchheit und in der Zukunft leben, ſo iſt es erlaubt, zu ſuchen, ob es nicht einen andern Weg gäbe, der uns unmittelb ar zur Gewalt führen würde.“ „Erkläre Dich unumwundener, Samuel Gelb,“ ſagte der Verlarvte mit einem Tone, in dem das Erſtaunen ſchon der Entrüſtung Platz machte. Alſo,“ fuhr Samuel fort,„trotz des Reſultates der vrei Pariſer Tage, trotz des Einſturzes der Republik, trotz der Prorlamation von Louis Philipp 1. als König der Franzoſen, bleiben Sie beharrlich?“ „Ja.“ 168 „Nichts hat ſich in Ihren Ideen geändert, nichts wird ſich in Ihren Handlungen ändern?“ „Nichts.“ „Wohl denn! ich, der ich nicht bin wie Sie, der ich nicht die Abgeſchmacktheit habe, der Erfahrung keine Rechnung zu tragen, ich habe Sie kommen laſſen, um Ihnen zu ſagen, und ich ſage Ihnen, daß Sie auf Ihre Ideen verzichten werden, oder ich widerſetze mich Ihren Handlungen.“ „Du?“ „Ja, ich, Samuel Gelb, ein unbedeutendes Mitglied des Bundes, deſſen ſouveräne Gebieter Sie ſind, ein de⸗ müthiger Diener Ihres allerhöchſten Willens, ein verächt⸗ liches Werkzeug, das Sie von der Erde aufzuheben nie ſich herabgelaſſen haben, ich, den Sie nie gezählt, ich er⸗ hebe mich vor Ihnen, meine allmächtigen Fürſten und Herren, und loͤſe kraft meiner Privatautorität den Tugend⸗ bund auf.“ Er ſprach aufrecht ſtehend, ſtolz, hochmüthig, er⸗ ſchrecklich. Die zwei Verlarvten zuckten die Achſeln. „Sie zucken die Achſeln?“ ſagte Samuel.„Sie glau⸗ ben meinen Worten nicht? Sie ſind es nicht gewohnt, Sie, vor denen Alles zittert, daß man es wagt, vor Ihnen ſo zu ſprechen. Sie bemitleiden dieſen armen Narren Samuel Gelb, der allein den Wahnſinn begeht, eine furchtbare Verbindung anzugreifen. Es ſind die Duelle, was ich brauche. Ich fordere den ganzen Tugend⸗ bund heraus. Und um anzufangen, nehme ich ſeine Häupter feſt und werde ſie nicht loslaſſen.“ Und er wandte ſich an den Grafen von Eberbach und ſprach zu dieſem; „Julius, gib das Zeichen.“ Julius ſtand auf und drehte einen an der Mauer befeſtigten eiſernen Ring. Samuel zog aus ſeiner Taſche ein Paar Piſtolen, —— „ 8 ird der eine um hre hen lied de⸗ cht⸗ nie er⸗ und nd⸗ au⸗ hnt, vor nen eht, die nd⸗ eine ach uer len, 169 nahm in jede Hand eine und ſprach zu den Häuptern des Tugendbundes: „Leiſten Sie Widerſtand, wenn Sie wollen, meine Herren. Doch ich mache Sie brüderlich darauf aufmerk⸗ ſam, daß ich ein ziemlich richtiges Auge habe. Eine Be⸗ wegung, und Sie ſind des Todes, ſtatt daß man mir, wenn Sie ſich gutwillig ergeben, Ihr Leben zugeſichert hat. Ich frage Sie zum letzten Male, Sie wollen auf Ihre Ideen nicht verzichten?“ „Wahnfinniger!“ ſagten die zwei Verlarvfen, ohne ſich zu rühren und ohne einen Schritt oder eine Geberde zu machen, um ſich zu vertheidigen. „Dann meſſen Sie ſich nur ſelbſt die Schuld von dem bei, was geſchehen wird.“ „Was kann geſchehen?“ erwiederte Einer von den Verlarvten.„Angenommen, Dein Verſuch würde glücken, ſo könnte uns begegnen, daß wir Märtyrer würden, und Dir, daß Du ein Verräther wäreſt. Doch welchen Scha⸗ den E dies Deiner Anſicht nach der Freiheit zu⸗ fügen?“ „Das wird immerhin Ihrer Freiheit nicht erſprieß⸗ lich ſein,“ erwiederte Samuel,„Sie werden Ihr ganzes Leben hinter den Mauern der Citadelle von Mainz über die Freiheit nachdenken.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre der obern Treppe. Sechs bewaffnete Männer traten ein. Der Letzte ſchloß die Thüre hinter ſich. Die zwei Verlarvten rührten ſich nicht und ſtanden nicht auf. „Meine Freunde,“ rief Samuel auf die zwei Chefs deutend,„bemächtigt Euch dieſer zwei Verſchwörer.“ Nicht Einer von den ſechs Männern machte einen Schritt. Derjenige, welcher ſie anführte, wandte ſich gegen Julius und befragte ihn mit dem Blicke. 170 „Es iſt richtig,“ ſagte Samuel;„der Graf von Eberbach befiehlt, und Ihr ſollt nur ihm gehorchen. Sprich, Julius, und heiße ſie verhaften. Julins ſtand auf, deutete mit dem Finger auf Sa⸗ muel und rief den ſechs Männern zu: „Verhaftet dieſen Elenden.“ Samuel fuhr mit der Hand nach der Stirne und fragte ſich, ob er träume. Julius fügte bei: „Für den Augenblick haltet ihn nur feſt und ver⸗ hindert ihn, zu entweichen. Wir müſſen zuerſt über ſein Schickſal erkennen.“ Er wandte ſich an die zwei Verlarvten und ſagte: „Meine Herreu, wir können laut ſprechen; dieſe ſechs Männer gehören zu den Unſern. Es liegt nichts daran, daß ſie mein Geſicht ſehen und erfahren, daß ich der oberſte Vorſteher bin. „Der oberſte Vorſteher!“ rief Samuel verſteinert. „Bei Gott! ja, ich bin es. Das erklärt Dir den Stuhl, den ich eingenommen habe, und die vollfommene Ruhe dieſer Herren bei Deinen Drohungen. Doch wir werden ſogleich hievon ſprechen. Für den Augenblick war ich im Begriffe, zu ſagen, meine Herren, es genüge, wenn man weder den Einen, noch den Andern von Ihnen zu er⸗ kennen vermöge. Was mich betrifft, ſo kann man ohne Nachtheil erfahren, daß ich heute der oberſte Vorſteher bin, denn morgen werde ich es nicht mehr ſein.“ Die zwei Verlarvten machten eine Geberde des Er⸗ ſtaunens. „Das iſt mein Geheimniß,“ fuhr der Graf von Eber⸗ bach fort.„Nun laſſen Sie uns dieſen Menſchen richten. Er wollte Sie alſo verrathen, uns verrathen. Doch er hat ſich in ſeiner eigenen Falle gefangen. Das Verbrechen iſt durch die friſche That erwieſen. Wir haben nur den Spruch zu fällen. Zu welcher Strafe verurtheilen Sie Samuel Gelb?“ h6 n, er en ne ir ar nn er⸗ ne her 171¹ „Zum Tode,“ antworteten die zwei Verlarbten ein⸗ ſtimmig. „Gut. Ich übernehme den Vollzug des Spruches. Und, ſeien Sie unbeſorgt, die Rache wird nicht auf ſich warten laſſen. Gehen Sie, meine Herren.“ Samuel wohnte Allem dem beſtürzt, niedergeſchmet⸗ tert, zögernd, ob er ſeinen Augen und ſeinen Ohren glau⸗ ben ſollte, wie in einem Traume bei. Die zwei Verlarvten entfernten ſich. Der Graf von Eberbach wandte ſich an die bewaff⸗ neten Männer und ſprach: „Laßt mich allein mit vieſem Verräther. Wie viel ſeid Ihr Eurer auf der oberen Treppe?“ fügte er, den Anführer befragend, bei. „Zwölf im Ganzen.“ „Und auf der unteren Treppe?“ „Auch zwölf.“ „Ihr erinnert Euch genau meiner Inſtructionen?“ „Ja, hoher Herr. Wer es verſucht, ohne das Lo⸗ ſungswort hinauszugehen, wird auf der Stelle erdolcht.“ „Es iſt gut. Geht! und Niemand ſei der Eintritt hier geſtattet, unter welchem Vorwande es auch ſein mag, ſelbſt wenn das Gloͤckchen ertönen würde.“ „Niemand wird eintreten, hoher Herr.“ „Geht.“ Die ſechs Männer gingen hinaus, und Samuel blieb allein mit Julius. 172 Abel und Ruin. Samuel blieb unbeweglich unter dieſem neuen ſturze ſeines Geſchicks. Er ging unter durch das, wa gethan hatte, um ſich zu erheben. Er hatte ſich ſelbſ zu Grunde gerichtet.. Wo er ſeine Größe vorbereitet hatte, fand er ſeinen Ruin. Und dieſer Julius, den er ſo ſehr verachtet, in dem er nichts Anderes geſehen hatte, als ein leidendes, träges Werkzeug, dieſe menſchliche Erſcheinung, dieſe Vegetatlon ohne Seele, dieſer Julius erhob ſich im letzten Augenblick und nahm den Platz ein, den er, Samuel, ſein ganzes Leben geträumt hatte. Julius, oberſter Vorſteher des Tugendbundes! Dieſe Offenbarung zermalmte den Geiſt von Samuel Gelb. Samuel fand kein Wort. Doch ploͤtzlich raffte er ſich aus dieſer Erſtarrung auf. Es handelte ſich nicht darum, in der Unthätigkeit zu erſchlaffen. Er würde ſpäter Zeit haben, nach ſeinem Wohlgefollen ſich zu wundern. Für den Augenblick war vas Weſentliche, nicht in dieſem unterirdiſchen Gewölbe zu ſterben, wie eine Maus in der Mäuſefalle. Er ſchaute Julius an. Julius ſah aus, als hätte er vergeſſen und dächte an etwas Anderes. Eine tiefe Sorgloſigkeit war in ſei⸗ nem Geſichte bemerkbar. Das war entweder das Unvermögen der Schwäche oder die Unempfindlichkeit des gefaßten Entſchluſſes. Doch ſeit der ſeltſamen Offenbarung von kurz zuvor Lai Samuel nicht mehr leicht an die Schwäche von Julius. r be te i⸗ he or n 173 Was konnte indeſſen das Vorhaben von Julius ſeln 2 Er hatte die Männer weggeſchickt, die ihm hätten Bei⸗ ſtand leiſten können. Daß er allein mit einem ſtarken, kräftigen Gegner, wie Samuel, fertig zu werden hoffte, war nicht möglich. Wie gedachte er das Verſprechen zu halten, das er den zwei Chefs geleiſtet, das Verſprechen, die Strafe zu vollziehen? Samuel verſuchte es, ihn zu ſondiren. „Du warſt alſo der oberſte Vorſteher des Tugend⸗ bundes?“ ſagte er zu ihm. „Wie Du ſiehſt,“ antwortete Julius kalt. „Der Verlarbte, der ohne ein Wort zu ſprechen, unſeren Verſammlungen in Paris beiwohnte, warſt Du?“ „Ich war es.“ „Du haſt mich alſo verrathen?“ „Du glaubſt, Verräther?“ „Ah! verzeih', Du haſt auch Deinen König verrathen, der ſo gutmüthig war, Dich für ſeinen Geſandten in Frankreich zu halten.“ „Haſt Du vergeſſen, daß bei ſeinem Eintritt in den Tugendbund jedes Mitglied alle Grade und alle Stel⸗ lungen, die dem Bunde nützen können, anzunehmen ſchwört?“ „Wir werden ſpäter hievon ſprechen. Doch zu dieſer Stunde haſt Du eine Stellung angenommen, wo Du we⸗ niger dem Bunde nützen, als Dir ſelbſt ſchaden könnteſt. Du hätteſt beſſer daran gethan, einen leichteren, wenn nicht ehrenvolleren Platz zu nehmen, als den Grad eines Henkers.“ „Warum?“ „Weil nur wir Beide hier ſind, und weil ich der Stärkere bin.“ „Abgeſehen davon, daß Du ein Paar Piſtolen haſt, und daß ich keine Waffen habe,“ fügte Julius kalt bei. „Du ſagſt es,“ fuhr Samuel fort.„Aus dieſen zwei Gründen, wenn Einer es iſt, der den Andern tövtet, ſo ſind einige Chancen vorhanden, daß ich der Eine bin.“ 174 „8ch ſordere Dich heraus, mich zu tödten,“ erwi⸗ derte Julius, ohne unxuhig zu werden. „Du haſt nicht nöthig, mich hiezu herauszufordern.“ Dir?“ „Ich werde gehen.“ Pinmal haſt Du nicht das Loſungswort.“ „Ich habe ein Paar Piſtolen.“ „Ich glaube doch. Wäre ich todt, was würde aus „Gegen zwölf Männer, welche Flinten und Degen 6 haben? Das iſt wenig. Und dann müßteſt Du damit anfangen, daß Du hier hinausgingeſt, und Du haſt nicht den Schlüſſel.“ „Du vergiſſeſt, Julius, daß ich es bin, der dieſe unterirdiſchen Gewölbe gebaut hat, und daß ich das Ge⸗ heimniß kenne.“ Samuel ging an vie Feder der Thüre, welche nach oben führte, und drückte mit der Hand darauf. Die Feder rührte ſich nicht. Er ging zum Knopf der andern Thüre und drückte diesmal noch energiſcher darauf, denn er fing an unruhig zu werden. Alle ſeine Anſtrengungen waren vergeblich; die Feder ſpielte nicht. „Fluch!“ ſchrie er. „Du ſiehſt, alle Vorſichtsmaßregeln ſind genommen worden. Ich habe die Federn zerbrechen laſſen,“ ſagte Julius.„Du mußt Dich darein fügen, hier zu bleiben.“ „Aber ich werde rufen,“ verſetzte Samuel. „Du weißt, daß die Stimme nicht durch dieſe Mauern vringt. Was die Glocke betrifft, ſo haſt Du mich dem⸗ jenigen, welcher unſere Freunde anführt, befehlen hören, unter keinem Vorwande zu kommen, ſelbſt nicht beim Klange der Glocke.“ „Aber ich werde Feuer anlegen!“ „Feuer an ein Zimmer von Granit legen? Ah! mein armer Samuel, Du wirſt närriſch.“ en it ht e⸗ te ig en te rn n, m in „Nun denn!“ ſagte Samuel ungeſtüm, indem er mit einer Piſtole auf Julius zielte,„ich werde ſterben, doch Du wirſt auch ſterben.“ „Gut,“ ſprach Jullus, ohne eine Miene zu verziehen. „Laß doch hören,“ verſuchte Samuel weiter, die Pi⸗ ſtole ſenkend,„welches Intereſſe haſt Du, mein Leben um den Preis des Deinigen zu kaufen? denn Du biſt nicht ſo unſchuldig, zu hoffen, ich werde Dich, wenn Du mir nicht von hier wegkommen hilfſt, ſelbſt gehen laſſen. Ehe ich ſterbe, tödte ich Dich. Ich bin ſtärker als Du, ich bin bewaffnet; was gedenkſt Du zu thun?“ „Nichts!“ „Auf, Julius, keinen Scherz! Spiele nicht mit dem Tode. Du kannſt nur mit mir von hier weggehen. Wohl, ſo rette Dich, indem Du mich retteſt.“ „Ich habe keine Luſt, mich zu retten.“ Plötzlich kam ein entſetzlicher Gedanke, den er bei dieſem Einſturz ſeines Geſchickes zu vergeſſen Zeit gehabt hatte, Samuel wieder ins Gevächtniß. Er zog ſeine Uhr und ſchaute nach der Stunde. „Geſchwinde,“ ſagte er,„laß uns gehen. Julius, Du weißt nicht, Du glaubſt Zeit zum Zaudern und Ue⸗ berlegen zu haben; aber jede Minute, welche verläuft, iſt ein Jahr, das Du uns abſchneideſt. Geſchwinde! entfer⸗ nen wir uns von hier. In einigen Minuten wird es zu ſpät ſein.“ „Warum denn?“ fragte der Graf von Eberbach. „Ich muß Dir Alles ſagen. Das iſt nicht der Au⸗ genblick zu Bedenklichkeiten! Julius, Du weißt nicht, was das Stärkungsmittel war, das Du getrunken haſt, und das Du mich haſt trinken laſſen?“ „Dieſer Trank?“ „War Gift!“ Julius zuckte die Achſeln. „Gift?“ wiederholte er.„Ah! Du ſcherzeſt 2“ „Ich ſcherze nicht,“ erwiederte Samuel.„Ich be⸗ 175 ſchwöre Dich, laß uns gehen. Ich allein kenne das Ge⸗ gengift. Wir haben gerade noch Zeit. Ich werde Dich retten. Doch eilen wir. Es iſt keine Secunde zu verlieren.“ Julius ſetzte ſich. „Aber hörſt Du denn nicht?“ rief Samuel.„Ich ſage Dir, daß das, was wir getrunken haben, Gift war.“ „Bah!“ erwiederte Julius gleichgültig.„Wenn es Gift geweſen wäre, hätteſt Du davon getrunken?“ „Dieſes Gift wirkt erſt nach anderthalb Stunden. Ich hatte Zeit, die Vorgeſetzten verhaften zü laſſen und das Gegengift zu trinken. Ich lief keine Gefahr. Nun iſt aber mehr als eine Stunde vergangen. Um das zu bereiten, was wir brauchen, haben wir keine Minute zu viel. Ich ſchwöre Dir, daß es Gift war.“ „Gewiß?“ „Bei der Seele von Friedrike!“ „Nun wohl!“ ſprach Julius ruhig,„ich wußte es.“ „Du wußteſt, daß dieſer Trank Gift war?“ „Bei Gott! warum hätte ich Dich ſonſt davon trin⸗ ken laſſen?“ „Er wußte es!“ Dieſes Wort änderte die ganze Haltung von Sa⸗ muel Gelb. Eine Minute Ueberlegung, und es war ein anderer Mann. Da Julius das Gift getrunken, während er wußte, daß es Gift war, ſo mußte er völlig ſein Leben zum Opfer gebracht haben. Es ließ ſich alſo nicht hoffen, ihn durch Drohungen oder Bitten zu beſtimmen. Es war ein zum Voraus gefaßter, ſchon bei der Ab⸗ reiſe von Paris noch früher vielleicht feſtgeſtellter Plan. Wohl denn! da es keine Möglichkeit mehr gab, zu leben, da es nicht mehr von Samuel abhing, nicht zu ſterben, ſo hing es wenigſtens von ihm ab, nicht feige zu ſterben. Sollte er, Samuel Gelb, minder entſchloſſen und + 1— ec—— 1— —— minder muthig ſein, als dieſer ſchwache und uneniſchiedene Julius? Er warf ſeine Piſtolen plötzlich auf die Erde und lächelte. „Es war alſo eine abgemachte Sache?“ ſagte er. „Du haſt mich mit dieſer Idee im Kopfe von Paris hier⸗ her geführt! Wir werden mit einander ſterben? Du haſt das combinirt?“ „In der That.“ „Beim Teufel! ich mache Dir mein Kompliment. Der Gedanke iſt meiner würdig, und ich beneide Dich darum. Er gehe alſo in Erfüllung. Ich wäre troſtlos, wenn durch meine Schuld ein Plan fehlſchlagen würde, den ich bewundere. Du ſiehſt, daß ich meine Piſtolen weggeworfen habe und daß ich mich nicht mehr zu retten ſuche. Nein, gewiß nicht, ich bin entzückt, auf dieſe ſelt⸗ ſame Art zu endigen. „Weißt Du, daß wir hier die Entwickelung der Thebais ſpielen, wo die zwei feinvlichen Brüder ſich das Schwert in den Leib ſtoßen; denn, Du weißt nicht, wir find Brüder. Dein Vater hat es Dir nicht geſagt, aus Klugheit, denn er befürchtete, die Bande des Blutes könn⸗ ten Dich noch enger mit mir verknüpfen, und ich habe es Dir aus Verachtung verborgen, weil ich meine Macht über Dich nicht etwas Anderem als meinem Geiſte zu verdanken haben wollte. „Nun aber kann ich Dir dieſes ſchauervolle Geheim⸗ niß, wie man es in der Tragödie nennt, enthüllen: Ich habe die Ehre, der Baſtard Deines Herrn Vaters zu ſein.“ Eine Wolke zog über die Stirne von Julius; doch er dachte an Friedrike und ſagte: „Gleichviel, es muß ſein!“ „Es muß um ſo mehr ſein!“ rief Samuel.„Das bildet die Hauptannehmlichkeit der Lage. Der Mord hier erhöht ſich durch Brudermord. Eteokles und Polhnikes! Gvott lenkt. W. 12 178 Kain und Abel! Nur iſt es diesmal der fanfte Abel, der den wilden Kain erwürgt! Und ich verachtete Dich. Ver⸗ zeihe mir. Du ermordeſt mich, ich ſchenke Dir meine Achtung.“ Julius antwortete nicht mehr.. „Du biſt ganz ernſt?“ fuhr Samuel fort.„Weißt Du, was Dein Gewiſſen beunruhigt? oder biſt Du des Sterbens überdrüſſig? Ich, ſiehſt Du, ich habe im erſten Augenblick gekämpft, und ich habe Unrecht gehabt. Das Leben iſt nichts an und für fich. Nun aber, ſelbſt wenn ich hundert Jahre lebte, vermöchte ich nichts mehr zu thun. Für den Tugendbund wäre ich ein Verräther, er würde mich wegjagen. Da ich nicht mehr dabei zugelaſſen wäre, ſo könnte ich ihn nicht einmal mehr verkaufen. Alſo nichts mehr zu machen, weder auf der Seite der Mo⸗ narchie, noch auf der Seite der Freiheit. Das Daſein wäre fortan für mich nur eine völlig unnütze Laſt, und Du leiſteſt mir einen Dienſt, indem Du mich davon be⸗ freiſt. Ich danke Dir. Ich habe ſchon einmal den Selbſt⸗ mord bei einem Sturze, der minder ſchrecklich für mich war, verſucht. Ein Wunder hat das Raſirmeſſer in mei⸗ ner ſchon aufgehobenen Hand zurückgehalten. Zum Glück gibt es nicht alle Tage Wunder. Hier wird uns Niemand ſtören, und man wird uns ruhig ſterben laſſen.“ Er ſchaute nach der Lampe. „Wir haben noch eine Stunde zu leben, ungefähr eben ſo viel als die Lampe. Wir werden zu gleicher Zeit mit ihr erlöſchen. Doch ſei unbeſorgt, ich habe ſelbſt dieſes Gift bereitet; Du wirſt damit zufrieden ſein. Bei ihm keine Schmerzen, kein Todeskampf, kein gemeines Erbre⸗ chen. Man hat ſeine ganze Vernunft bis zur letzten Mi⸗ nute. Ein wenig Hitze in den Eingeweiden, ein wenig Eraltation im Gehirn, und dann fällt man plötzlich zu Boden. Und es iſt vorbei. Stelle Dir vor, Du ſter⸗ beſt durch einen Blitzſtreich. Gibt es eine andere Welt jenſeits der unſern, ſo wirſt Du mir danken. Wir haben, 3 e⸗ 179 uns alſo um keine Vorbereitungen zu bekümmern. Unſer Tod wird ſich ganz allein machen. Es bleibt uns eine Stunde. Laß uns plaudern.“ Und er ſetzte ſich, ſtützte die Ellbogen auf den Tiſch und kreuzte die Beine mit der ſorgloſeſten Miene, als ob er in einem Salon in Paris geweſen wäre. „Gut, plaudern wir,“ ſprach Julius. „Ah!“ ſagte Samuel,„Du bringſt uns Beide ums Leben, und ich wünſche Dir aufrichtig Glück dazu. Doch wäre es eine Unbeſcheidenheit, Dich nach der Urſache die⸗ ſer eleganten Schlächterei zu fragen?“ „Ich habe zwei Gründe: ich räche diejenigen, deren Unglück Du gemacht haſt, und ich bewahre diejenigen, deren Glück Du verhinderteſt.“ „Wen rächſt Du?“ „Chriſtiane und mich.“ „Chriſtiane 2“ „Ich weiß Alles. Ich weiß den ſchändlichen Handel, den Du der armen Mutter, welche Dich um die Heilung ihres Sohnes bat, auferlegt haſt. Ich weiß, Elender, daß Du Mittel gefunden, eine Frau gerade mit ihrer Reinheit zu beſchmutzen, und daß Du ihr einen Gewiſſens⸗ biß aus ihrer mütterlichen Liebe gemacht haſt!“ „Wer hat Dir das erzählt?“ „Jemand, den Du nicht Lügen zu ſtrafen wagen würdeſt: Chriſtiane.“ „Chriſtiane lebt!“ rief Samuel aufſpringend. „Es iſt Olympia.“ „Ich hatte ſie nicht wiedererkannt! Ah! Du thuſt wohl daran, Julius, daß Du mich todteſt, ich hätte mit dieſem Gewiſſensbiß nicht leben können.“ „Ja, Chriſtiane lebt, und ſie hat mir Alles geſagt. Und begreifſt Du jetzt, was ich zu rächen habe? Meine Frau gemartert, in ee zum Selbſtmord an⸗ getrieben, und nachdem ein Wunder ſie gerettet hat, ge⸗ zwungen, ſich vor Scham zu verbergen, mich zu vermei⸗ 180 den, ihr Leben in der Einſamkeit und in den Thränen hinzubringen; mein Haus verödet und leerz meine ganze Eriſtenz umgeſtürzt, zu Grunde gerichtet, verloren: das iſt es, was ich beſtrafe; das iſt die Schuld, die Du mir zu bezahlen haſt; das ſind die zwanzig Jahre der Trauer und des Elends, welche, geſtehe es, die ſechzig Minuten, die Du zum Sterben brauchſt, nicht ausgleichen werden „Nicht einmal ſechzig,“ unterbrach Samuel.„Ich bedaure, Dich darauf aufmerkſam machen zu müſſen, daß die Stunde vorwärts ſchreitet, während wir uns unſerem brüderlichen Geſpräche überlaſſen, und daß ich, um Dir meine Schuld zu bezahlen, nur noch vierzig Minuten beſitze. „Doch Du ſagteſt, Du tödteſt mich nicht allein aus Rache, es ſei auch eine Vorſichtsmaßregel. Du haſt mir geſagt, wen Du rächſt; ſage mir auch, wen Du bewahrſt.“ „Wen ich bewahre 2 Friedrike und Lothariv.“ „Lothariv lebt auch!“ rief Samuel, der unwillkürlich auf ſeinem Stuhle bebte. Zwei Todte. Ganz niedergeſchmettert, konnte Samuel Gelb nur die Worte wiederholen:„Lothario lebt! Lothario lebt!“ „Ja,“ ſprach Julius,„und er wird Friedrike hei⸗ rathen. Deshalb ſterbe ich mit Dir. Ich muß ſterben, damit Lothario Friedrike heirathen kann; Du mußt ſter⸗ ben, damit Du ſie ihm nicht ſtreitig zu machen vermagſt.“ „Lothario lebt!“ wiederholte abermals Samuel, der ſich von ſeinem Erſtaunen nicht erholen konnte,„und er wird Friedrike heirathen! Ah! Alles, was ich verſucht habe, jſt mir in den Händen mißglückt. Es iſt mir eben ſo wenig gegen ein Kind gelungen, als gegen den Kaiſer ————*— — . — — M r r r 181 Napolevn! Lothario Friedrike heirathen! Ich elender, ohn⸗ mächtiger Meuſch, der ich bin! Wie, ich, Samuel Gelb, ich habe alle die Mittel meines Verſtandes combinirt, ich habe eine Falle gebaut, über die ich einen Monat lang nachgedacht, ich habe dieſen ſchwächlichen, leichtgläubigen Menſchen zu derſelben vorgeſchoben, und „Und Du biſt ſelbſt hineingefallen,“ unterbrach ihn Julius.„Nein, Samuel, Du biſt nicht ohnmächtig, der Menſch iſt es. Du haſt Dich Gottes überheben wollen. Du haſt Deinen Willen zu Deiner einzigen Vorſehung gemacht. Du haſt nur an Deinen Stolz geglaubt. Dann hat Gott alle Deine Pläne gegen Dich gekehrt. Wo Du den Hafen ſahſt, dahin hat er die Klippe geſtellt. Ich, den Du verachteteſt, weil ich nicht die Anmaßung hatte, meinen Willen den providentiellen Geſetzen zu unterſchieben, weil ich Gott machen ließ, ich habe Alles gefunden, was Du geſucht haſt. Ich bin das Haupt des Tugendbundes geweſen. Und ſogar in dieſem Augenblick, wo wir einan⸗ der gegenüber ſtehen, ich der Schwache und Du der Starke, ſprich, wer hält und beherrſcht den Andern? Glaubſt Du noch an den allmächtigen Menſchen, den Schoͤpfer des Himmels und der Erde? Siehe, wohin Du gekommen biſt nach ſo vielen unerhörten und beharrlichen Anſtrengungen? Die Revolution gegen Karl X. hat den Thron Louis Philipp gegeben; Dein Verrath gegen die Vorgeſetzten des Tugendbundes hat ihnen Dein Leben ge⸗ geben; Deine Machination gegen Lothario hat ihm Fried⸗ rike gegeben.“ „Sprich mir nicht hievon,“ rief Samuel voll Wuth. „Sprich die zwei Namen Friedrike und Lothario nicht aus. Sprich mir von Allem, nur von dieſem nicht.“ „Ah! Du biſt eiferſüchtig?“ „Lothario Friedrike heirathen! Nein, ſage mir, es ſei nicht ſo, er ſei todt, Du habeſt ihn erſchoſſen, er habe ſterbend gelitten, es ſei mir gelungen, ihn unglücklich zu machen.“ „Es iſt Dir gelungen, ihn ein wenig früher glücklich zu machen. Denn das Duell von Saint⸗Denis war die Veranlaſſung des Schrittes von Chriſtiane und meines Entſchluſſes, Dich und mich wegzuſchaffen, um der Sonne dieſer jungen Herzen Platz zu machen. Im Grunde müß⸗ ten Dir Lothario und Friedrike dankbar ſein. Du haſt ſie verheirathet.“ „Sie ſich heirathen!“ ſagte Samuel aufſpringend. „Und nicht ich! Nein, das iſt unmöglich! ich will nicht!“ werden wohl Deiner Einwilligung entbehren können!“ auf und abrannte wie eine Hyäne in ihrem Käſich:„wiſ⸗ ſen, daß die, welche man liebt, heirathet, und im Ge⸗ fängniß ſein, und wiſſen, daß man binnen Kurzem ſtirbt.“ „Du biſt beſtraft,“ ſprach Jullus,„Du ſiehſt nun, A Er vollendete nicht. Plötzlich fuhr er mit der Hand an ſeine Bruſt, als ob er einen heftigen Stich darin ge⸗ fühlt hätte. Sein Geſicht wurde ganz blaß. „Schon!“ ſagte er. Samuel trat hinzu. „Du ſiehſt, daß ich Dich nicht täuſchte, und daß Du vergiftet biſt,“ ſprach Samuel.„Hore, es iſt vielleicht noch Zeit. Willſt Du, daß wir hinausgehen? Wir trin⸗ ken das Gegengift, und ich tödte Lothario.“ Julius antwortete nicht. Er ſtützte ſich nur auf den Tiſch, aus Furcht, zu fallen. „Ich bitte Dich darum,“ fuhr Samuel dringlicher fort.„Ich will wohl ſterben, doch ich will nicht, daß Lothario Friedrike heirathet. Komm, es iſt noch Zeit; ich werde Dich retten, ich verſpreche es Dir.“ „Welch ein Glück!“ verſetzte Julius,„Du hatteſt mir vierzig Minuten geſagt, doch, Gott ſei Dankl meine ge⸗ daß „Ohl das iſt entſetzlich,“ rief Samuel, währem er r ⸗ . d 2 5 t 1. r ß ir N 183 ſchwächte Conſtitution wird nicht ſo weit reichen. Ich fühle, daß ich ſogleich befreit ſein werde.“ „Im Namen des andern Lebens, auf das Du hoffſt,“ flehte Samuel,„laß uns gehen. Laß mich allein gehen, um Lothario zu tödten; ich ſchwöre Dir, daß ich mich nachher tödten werde.“ Julius ſchaute ihn mit ganz großen offenen Augen an, von denen man hätte glauben ſollen, ſie ſähen nicht mehr. Zuweilen überlief eine krampfhafte Verzerrung ſein Geſicht. „Komm, ich werde Dich retten.“ In dem Augenblick, wo Samuel dieſe Worte ſprach, fiel der Kopf von Julius ſchwer auf den Tiſch. Samuel ſtreckte die Hand aus, um ihn aufzuhalten; aber die Erſchütterung hatte das Gleichgewicht des Kör⸗ pers geſtört. Der Kopf ſprang zurück, und Julius rollte, ſchon ſtarr, auf den Boden. „Weibernatur!“ rief Samuel voll Verzweiflung.„Er hat nicht zehn Minuten mehr leben können! Blödſinniger! Es iſt zu ſpät!“ Samuel ſetzte ein Knie auf die Erde und hob den Kopf von Julius auf. Julius ſchien eine ungeheure Anſtrengung zu machen. „Hoͤre,“ ſagte er. „Was?“ fragte Samuel. „Sei nicht eiferſüchtig,“ murmelte Julius mühſam, und indem er einen Zwiſchenraum von einem Wort zum andern machte,„Du biſt genug beſtraft.. Du konnteſt Friedrike nicht heirathen... Es iſt Deine Tochter!“ „Meine Tochter!“ rief Samuel niedergeſchmettert. „Ja, Cyriſtiane iſt ihre Mutter.. Gott befoh⸗ len Ich verzeihe Dir.“ Julius ſchwieg. Der Athem verſchied auf ſeinen Lippen. Er war geſtorben. Samuel ließ den Kopf los, er in ſenin ginen 23 hielt, und ſtand auf. „Meine Tochter!“ dachte er.„Friedrike iſt meine Tochter.“ Und ſeine ganze Seele war in dieſen Gedanken ver⸗ ſunken. Er ging wieder auf und ab, ohne eine beſtimmte Betrachtung und ganz von dieſer ſo unerwarteten Offen⸗ barung eingenommen. „Friedrike! meine Tochter!“ wiederholte er Ich hatte mich alſo über die Nakur meiner Liebe getäuſcht! Meine Tochter! meine Tochter!“ Er ſchaute auf ſeine Uhr. „Noch zehn Minuten,“ ſagte er. Alſo er, die Perſönichteit, die Selbſtſucht, huit ſiebenzehn Jahre lang ein Weſen bei ſich gehabt, geboren von ihm, mehr er, als er ſelbſt, in dem er hätte leben und ſich erneuern können. Wer weiß, welche Veränderung vielleicht in ſein Herz und in ſeinen Geiſt ein ſolches Geheimniß, wäre es ihm bekannt geweſen, gebracht hätte? Wer weiß, welche Milde, welche Tröſtungen ſeine Tochter in ſeinen Charakter, in ſeine Bitterkeiten hätte gießen können? Wer weiß, welche Macht es hätte ſeiner Energie, für eine Andere zu ar⸗ beiten, beifügen koͤnnen, und was ſein Egoismus gewon⸗ nen haben würde, wenn er Ergebenheit geworden wäre? Und dieſe Verſtärkung, die er an ſeiner Seite hatte, dieſe Ermuthigung aller Tage, dieſe Verdoppelung des Eifers, ſeine Tochter, er hatte ſie nicht gekannt. Ach! das war nicht ſeine geringſte Strafe, daß er erfuhr, er habe eine Tochter gehabt, in dem Augenblick, wo er ſie nicht mehr hatte. Und dennoch konnte er nicht umhin, dem ſeltſamen Zufall Dank zu wiſſen, der, nachdem er ſo ſeine Tochter unter ſein Dach gebracht und ihn ſie lieben gemacht, ſich dem widerſetzt, daß er ihr Gatte geworden, und „ 185 zwiſchen ſie Anfangs Lothario und dann Julius geſtellt hatte. Und der Satan ſagte ſich in dieſer feierlichen Stunde: „Sollte es in der That eine höhere Macht und eine hohere Gerechtigkeit als die unſere gehen? Lenkt Gott wirklich?“ In dieſem Augenblick fühlte er ſich wanken. Er blieb ſtehen, ſein Auge wurde ſtarr. Dann fiel er rücklings, den Kopf auf die Füße von Julius, nieder. Er war todt. Da öffnete ſich die Thüre, und Chriſtiane und Fried⸗ rike traten geführt von dem jungen Mann ein. Sie ſahen ſich vor zwei Leichen. „Zu ſpät!“ rief Chriſttane.„Auf die Kniee, meine Tochter, und laß uns zu Gott beten.“ Zwei Heirathen. Sechs Wochen nach der düſtern, traurigen Scene, die wir ſo eben erzählt haben, knieten zwei Frauen auf einem Grabe im Friedhofe von Landeck. Friedrike und Chriſtiane hatten das Schloß Eberbach ſeit dem Tode von Julius nicht verlaſſen. Sie hatten ſich nicht trennen wollen von dem theuren, ergebenen We⸗ ſen, das ſich ſo zärtlich geopfert, von dem Vater, der ſich unter die Erde gemauert hatte, um dem Glücke ſeiner Tochter Platz zu machen. Alle Tage, wenn ſich der Abend herniederſenkte, tra⸗ 186 ten die Mutter und die Tochter aus dem Schloß und wanderten nach dem Friedhofe. Hier, durch die Decke des Bodens, ſtrachen ſie mit demjenigen, welcher hingegangen war, und es ſchien ih⸗ nen, als wäre der Abweſende wieder auf einige Minuten gegenwärtig. Sie ſahen ihn, ſie ſprachen mit ihm, und er ſah ſie auch und ſprach mit ihnen. Auf den Knieen, um ſich ihm mehr zu nähern, war⸗ fen ſie ihm vor, daß er ſie verlaſſen hatte. Das waren traurige und zärtliche Ergüſſe, wo ſie Schmerz, Dankbar⸗ keit, Liebe, ihr ganzes Herz ausſtrömten. Der Todte lebte in ſeinem Grabe. Oh! man iſt nur wirklich todt, wenn man vergeſſen iſt, und nie, in keinem Angenblick ſeines Daſeins, hatte Julius mehr gelebt, als jetzt in ſolchen Erinnerungen und in ſolchen Thränen. Die erſten Zuſammenkünfte der zwei Frauen mit dem theuren Todten waren ſchmerzvoll. Anfangs bringt der Tod von denjenigen, welche man liebt, die Wirkung des Herausreißens hervor. Alle Fibern der Seele zerreißen ſich und bluten. Aber die Vorſehung, nach deren Willen die Menſch⸗ heit vorwärts ſchauen und ſich nicht im Beklagen der Vergangenheit verzehren ſoll, vernarbt immer die tieſſten Wunden. Die Verzweiflung mindert ſich, und da man im Ganzen ſicher iſt, im Grabe wieder mit denjenigen zuſammenzutreffen, welche man darein niedergelegt hat, ſo faßt man Geduld, und man betrachtet den Tod als eine verabredete Zuſammenkunft, wo ſich bald Alle wie⸗ derfinden werden. Und dann gibt es nichts Beruhigenderes, als ein Friedhof, beſonders ein Friedhof auf dem Lande. In den Städten ſind die Friedhöfe nur hei Tage offen. Die Menge ſtrömt dahinz es iſt ein Spaziergang; die Neu⸗ gierde faullenzt und ſchwatzt hier; die Steinhauer und die Maurer verfolgen die Leute, bieten ihnen ihre Dienſte an und verletzen die Heiligkeit des Todes durch Seandal 55— 187 und Speculativn. Keine Stille, keine Ehrfurcht, keine Frömmigkeit! In den Dörfern aber ſchlafen die Todten ruhig. Kein Müßiggänger beläſtigt ſie. Die Einſamkeit läßt ihnen die nach dem Leben ſo wohl verdiente Ruhe. Keine Gitter und Wächter, die das Gebet zu einer gewiſſen Stunde unterbrechen. Der Friedhof iſt nie ge⸗ ſchloſſen. Ihr könnt dort des Nachts weinen, und nur in der Nacht thut es wohl, auf die Gräbef zu gehen. Des Nachts rühren ſich die Todten in ihren Beber und antworten auf das, was man ihnen ſagt. Des Nachts hört man ihre Stimme im ſchwachen Geräuſche der Kräuter. Nur bei Nacht gibt es Gräber. An dieſem Abend war der Himmel vom Mond über⸗ goſſen. Die Kirche von Landeck glänzte wie eine Schnee⸗ wand. Der Herbſtmonat hielt ſeinen Athem zurück. Die Vögel ſchliefen in ihren Neſtern, und es war, als hörte man die Bewegung der Sterne. Es herrſchte eine ſolche Milde in der ganzen Natur, daß Chriſtiane und Friedrike ihr Herz tief gerührt fühlten. Der Gott, der ſo viele ſanfte Dinge geſchaffen, den Himmel ſo lächelnd, die Luft ſo liebkoſend, die Blu⸗ men ſo duftend gemacht hatte, konnte unmoͤglich ſchlimmer ſein, als ſeine Schöpfung und auf ewig dieje⸗ nigen trennen, welche ſich geliebt hatten. Dieſe Ruhe der Natur war ein Verſprechen. Alles dies, Strahl, Athem und Duft, ſagte der Mutter und der Tochter: „Trocknet Eure Thränen, Ihr werdet ihn wieder⸗ ſehen. Er ſchläft, doch er wird erwachen.“ „Und da Friedrike in ſich einen Gedanken hatte, den ſie zu entfernen ſuchte, da ſie auf dieſem Grabe nur an ihren Vater denken wollte, ſo ſagte ihr die heitere, beru⸗ higende Nacht noch leiſe: ₰ „Denke an Lothario, Du kannſt es ohne Gewiſſens⸗ zweifel. Damit Du glücklich ſeiſt, iſt Dein Vater ge⸗ 188 ſtorben. Sei glücklich, er wird Dir von da oben dafür danken.“ In dem Augenblick, wo es Friedrike vorkam, als hörte ihre Seele dieſe Worte von einer unbekannten Stimme flüſtern, machte das Kniſtern zertretenen Graſes hinter ihr, daß ſie unwillkürlich den Kopf umwandte. Sie gewahrte Lothario. Beim Anblick von demjenigen, von welchem ſie ſchon ſo lange getrennt war, fühlte ſie ſich einer Ohnmacht nahe, und ſie bat ihren todten Vater um Verzeihung, daß ſie ſo freudig war. Chriſtiane hatte Lothario auch geſehen. Sie ließ ihm Zeit, niederzuknieen und zu beten. Dann ſtand ſie auf und ſprach: „Kommt, Kinder.“ 3 Alle Drei verließen den ne ein Wort zu ſagen. Als ſie aber auf dem ʒuyfch⸗ waren, der zum Schloſſe führte, ſprach die Mutter: 3 „Umarmen wir uns alle Drei. Und lieben wir uns innig, denn derjenige, welcher uns am meiſten liebte, iſt hingegangen.“ „Sie ſind gut, meine Mutter,“ rief Friedrike, denn ſie begriff, Chriſtiane habe geſagt:„Umatmen wir uns alle Drei,“ damit ſie das Recht hätten, ſ6 alle Zwei zu umarmen. 3 Ein keuſches, reines Umfangen, wobei die Mut die Liebenden heiligte. Sie kamen mit einander nach dem Schloſſezurüch, und das war ein guter Abend nach ſo vielen ie Wochen. Lothario hatte in Amerika einen Brief von ſeitz em Oheim erhalten, der ihn in aller Eile zurückrief. Er wer ſo ſchnell, als es nur immer moöglich, hetheiseti und hatte in Paris einen Brief von Chriſtiane gefunden, 3 r — n t ——— 8* i 189 vurch welchen er die edle und ſchmerzliche Aufopferung des Grafen erfahren. Aber Chriſtiane wollte nicht, daß ihre Tochter in dieſen peinlichen Ideen verharren ſollte. Friedrike war nicht im Alter des Leidens. Ueberdies hatte ſie ſchon mehr als ihren Theil in den letzten Jahren gehabt. Die arme Mutter drängte ſelbſt ihre Trauer zurück und ſuchte zu lächeln, um ihre Tochter lächeln zu machen. Lothario ſollte von ſeiner Reiſe, und von den See⸗ ſtürmen, und von der Sonne Amerikas erzählen. Dann ſprach ſie von der Zukunft und von der Heirath ihrer zwei Kinder, wozu ſie ihre Eilaubniß geben würde, ſobald das Trauerjahr vorüber wäre. Lothario und Friedrike küßten ihr die Hände und entſchlummerten auf dieſer theuren Hoffnung. Von dieſem Tage an klärte ſich der Horizont allmälig wieder für die drei ſo hart geprüften Herzen auf. Das Schloß fing wieder an zu leben und zu hoffen. Gamba war zufrieden, in freier Luft athmen zu dür⸗ fen und eine Wieſe zu haben, wo er von Zeit zu Zeit vas Gefinde durch einen unmöglichen Sprung in Erſtaunen ſetzen konnte. Gretchen war von Paris zurückgekehrt. Chriſtiane und Friedrike hatten verlangt, daß ſie fortan im Schloſſe wohnen ſollte, und ſie hatte eingewilligt, um die Frauen in ihrem Kummer nicht zu verlaſſen. Es war verabredet, daß ſie ſich mit Gamba an dem⸗ ſelben Tage wie Friedrike mit Lothario verheirathen ſollte. So vergingen die Wochen und die Monate zwiſchen dem Beklagen und dem Hoffen, ſich vom Grabe entfer⸗ nend und dem Hochzeitbette nähernd. Gamba fühlte ſich indeſſen, in Augenblicken, ein we⸗ nig dadurch gedemüthigt, daß er ein Brod aß, welches er nicht verdiente. Er, ein Mann, wurde von Frauen ernährt. Seitdem er auf ſein edles Seiltänzergewerbe verzich⸗ 190 tet, hatte er als Eigenthum weder einen Bajacco in Ita⸗ lien, noch einen Kreuzer in Deutſchland, noch einen Sou in Paris mehr beſeſſen. Er mochte ſich immerhin ſagen, Chriſtiane gebe ihm nur das zurück, was er für ſie gethan, und wenn ſie ihm Brod gebe, ſo habe er ihr das Leben gegeben, ſein Akro⸗ batenſtolz empörte ſich bei dem Gedanken, er genüge ſich ſelbſt nicht, er arbeite nicht, er habe keine Induſtrie, und er ſei nur ein großer Faullenzer, dem man den Schnabel voll gebe wie einem Kinde oder einem Breſthaften. Breſthaft! er, der Muskelmann, der einen ſo wun⸗ derbaren Gebrauch von ſeinen Armen und ſeinen Beinen machte! Gamba ſuchte alſo, welche Speculation er unter⸗ nehmen und welches Gewerbe er treiben könnte. Für ihn gab es nach der ehrenwerthen Profeſſion eines Gauklers, die ihm weder durch Chriſtiane, noch durch Gretchen erlaubt worden wäre, nur noch das Ge⸗ werbe eines Ziegenhirten. Die Ziegen ſind auch Gaukler. Er würde wenig⸗ ſtens die Kunſtſtücke, die er ſelbſt nicht mehr machen könnte, ſeine Ziegen machen ſehen. Er würde ſie ſich an den Rand der Abgründe hängen, über Klüfte und Schluch⸗ ten ſpringen ſehen. Sie würden ihn an ſeine Vergangen⸗ heit erinnern. Das wäre immer Etwas. Da er nicht mehr Schauſpieler ſein könnte, ſo würde er Zuſchauer. Sein Entſchluß war bald gefaßt. Er hatte einige Erſparniſſe, die er der Freigebigkeit von Chriſtiane verdankte. Er ging eines Morgens vor Tag aus und kehrte am Abend, begleitet von einem Volke von Ziegen, zurück. Er war ringsumher gelaufen und hatte alle Ziegen der Gegend gekauft. Er fügte ſeinen Einkauf der Herde von Gretchen bei. Und von da an hatte ſeine Eriſtenz wenigſtens einen Grund, zu ſein. Sein Stolz war befriedigt. Die Aus⸗ . 5 d el 194 beutung ſeiner Herde trug ihm mehr ein, als er brauchte, um zu leben, und er konnte ſich das edle Zeugniß geben, daß er Niemand zur Laſt ſei. Nun herrſchte die Freude im Gemüthe von Gamba. Sein Leben war voll. Dachte er an die Vergangenheit, an die Karpfenſprünge auf den öffentlichen Plätzen, an die Geſchmeidigkeit der Gelenke, an die Behendigkeit, an die Lebhaftigkeit, an die Anmuth, ſo hatte er ſeine Zie⸗ gen. Dachte er an die Zukunft, an das Glück, nicht in der Vereinzelung alt zu werden, an das Bedürfniß, Je⸗ mand bei ſich zu haben, der ſich für einen intereſſire, der einem zulächle, ſo hatte er Gretchen. Nichts fehlte alſo ſeinen Inſtincten! Gretchen bildete die Freude ſeines Herzens und ſeine Ziegen bildeten die Freude ſeiner Glieder. Alles kommt, ſogar das, was man wünſcht, hat ein Dichter geſagt. Am 26. Auguſt 1831 erhob ſich der Tag heiter über dem Schloſſe Eberbach. Obgleich es kein Sonntag war, zogen doch das ganze Haus und das ganze Dorf Landeck ihre Feſtkleider an. Die Kirche füllte ſich mit Blumen. Ganz Landeck war zu einem großen Mittagsmahle und zu einem großen Balle eingeladen, die im Hofe des Schloſſes bei Gelegenheit der doppelten Hochzeit von Friedrike mit Lothario und von Gamba mit Gretchen ſtatt⸗ finden ſollten. Alle Welt kleidete ſich vollends an, um in die Kirche zu gehen. Schon lange bereit, irrte Gamba von der Frei⸗ treppe zum Gitter, offenbar in einer gewiſſen Bangigkeit, hin und her. Von Zeit zu Zeit ging er hinaus und ſchaute mit einem unruhigen Blick nach der Straße. Er erwartete Etwas oder Jemand, der nicht kam. Endlich erſchien Friedrike, und man mußte ſich auf den Weg begeben. Welche Freude Gamba auch über die Verwirklichung eines ſo lange geliebkoſten Wunſches em⸗ pfand, er konnte nicht gänzlich von ſeiner Stirne einen 2 Schatten des Aergers verwiſchen. Sein Glück war un⸗ voliſtändig. Der Zug gelangte durch das Gitter. In dieſem Augenblick vernahm man in der Ferne ein unbeſtimmtes Geräuſch.. „Wartet!“ rief Gamba, deſſen Geſicht nun ſtrahlte. „Hier kommen ſie.“ Das Geräuſch näherte ſich raſch, und man unter⸗ ſchied bald eine bizarre Muſik, bei der die Querpfeifen, der Schellentrommeln und die Caſtagnetten von guttura⸗ len Schreien und ſchrillen Ausrufungen begleitet wurden. Beinahe in demſelben Augenblick erſchien ein Wa⸗ gen bei der Wendung der Straße. „Hier!“ rief Gamba, indem er ſich den Pferden an den Kopf warf.* Der Wagen hielt raſch an, und es ſtieg eine Truppe von Zigeunern, Männer und Weiber, buntſcheckig, beflit⸗ tert, mit Gold verbrämt, funkelnd, aus. „Nun vorwärts!“ ſagte Gamba.„Wir ſind voll⸗ Man ſetzte ſich in Marſch beim ſchallenden Lärmen der Querpfeifen und der Cymbeln. Während der eine Theil der Zigeuner die kupfernen Deckel an einander ſchlug und auf den Fiedeln kratzte, tanzte die andere Hälfte, ſchlug das Rad, machte Luftſprünge, wirbelte, lief im Galopp auf den Händen, um zugleich die Augen und die Ohren zu ergötzen. Gamba war entzückt. Dieſe edlen Uebungen, welche das beſtändige Studium ſeiner Kindheit und ſeiner Ju⸗ gend geweſen waren, ergriffen, bezauberten, berauſchten ihn. Die Begeiſterung ſtieg ihm zu Gehirn. Er lachte, er klatſchte Beifall, er jauchzte. Es juckte ihn in den Waden. Alle Augenblicke hielt er ſich zurück, aus Furcht, er könnte der ungeheuern Luſt„ die er hatte, auf dem Kopfe zu laufen, nachgeben. Es bedurfte nicht weniger, r⸗ en, ta⸗ en. a⸗ ppe ſit⸗ oll⸗ men eine nder dere elte, ugen elche Ju⸗ chten ichte, den urcht, dem niger, 193* als der Gegenwart von Chriſtiane und des Blickes von Gretchen, um ihn zu verhindern, ſeine ſchönen Hochzeit⸗ kleider und ſeinen Bräutigamsernſt im Staube zu wälzen. Er kämpfte; aber warum war der Weg ſo lang? Warum waren die ſchönen Kunſtſtücke ſeiner Freunde ſo verlockend 2 Das Verlangen wurde immer ſtärker und unwiderſtehlicher bei jedem Schritte des Zuges und bei jedem Luftſprung der Bande. Ein Umſtand verſchwor ſich gegen Gamba und ſetzte ſeine ſchwankende Majeſtät vollends in Verwirrung. Unter den Zi⸗ geunern war Einer, der, beinahe noch Kind, das Gewerbe erſt anfing und mehr Schüchternheit, als Geſchicklichkeit hatte. Das genügte für den großen Haufen, aber nicht für einen Künſtler wie Gamba, der die Achſeln zuckte und dem kleinen Zigeuner große Augen machte. „Schlecht,“ ſagte er leiſe zu ihm.„Das iſt nichts. Feſtigkeit in den Knieen. Unglücklicher! Mehr mit den Lenden! Vorwärts doch! Und er ärgerte ſich und war auf dem Punkte, vor⸗ juſürhn und das Beiſpiel mit der Lehre zu verbinden. Ber kleine Zigeuner hörte den Tadel von Gamba, und, wie es immer beim Tadel geſchieht, den man hort, er wurde unruhig, er zweifelte, er verlor den Kopf. So daß ein paar Schritte von der Kirche wo ganz Landeck, in doppeltem Spalier aufgeſtellt, die Hochzeit einziehen ſah, der arme Kleine, geblendet von einer ſol⸗ chen Menge und betäubt von ſo vielen Vorwürfen, als er das Allereinfachſte, das Rad, machen wollte, die Hände falſch anſetzte, ſich auf die Seite neigte und ſich der dänge nach, unter dem allgemeinen Gelächter, ahf dem Boden ausſtreckte.* Gamba hielt es nicht mehr aus. Alles vergeſſend, um nur an ſeine öffentlich gedemüthigte Kunſt zu denken, präſentirte er ſich den Kopf auf der Erde, führte be⸗ hinde und leicht aus, was der kleine Zigeuner verfehlt Gott lenkt. W. 13 194 hatte, und ſiel wieder, bei der Schwelle der Kirche, auf⸗ gerichtet auf ſeine Füße. So weihte er die ernſte Ceremyuie ſeiner Heirath ein. Es bleibt uns noch zu erzählen, wie er ſie vollendete, und wie er am Abend in das Zimmer ſeiner Frau ein⸗ üt⸗ Der Tag war voll von Freude und Tumult. Nach dem Mittagsmahle begannen die Tänze. Die Zigeuner bildeten natürlich hiebei die Hauptzierbe. Der kleine Zigeuner nahm zwanzigfache Genugthuung für ſeinen unglücklichen Fall. Gamba geſtand zu, daß er zu dieſem Falle durch ſeinen unzeitigen Tadel beige⸗ tragen habe, und bekannte, daß man vie Künſtler nur durch das Lob beſſere. Er gab ſelbſt eine außerordentliche Vorſtellung von allen ſeinen Stücken, mit denen er einſt die Gondolieri von Venedig und die Lazzaroni von Neapel in Erſtaunen geſetzt hatte. Unſer alter Freund, der Bürgermeiſter Pfaffendorf, der, weil er älter als acht und zwanzig Jahre, darum nicht minder luſtig war und ſeine Aehnlichkeit mit einem Faß benützt hatte, um ſich mit Wein füllen zu laſſen, erklärte, daß ſich hiebei nichts Schweres finde, und daß er, ſo dick er auch ſei, eben viel als Gamba machen werde. Was für ihn eine Gelegenheit war, ſich als Zephyr auf die Lehne des Stuhles zu ſtellen und majeſtätiſch aut den weichen Raſen zu ſtürzen. Gegen zehn Uhr zogen ſich Chriſtiane, Friedrike um Lothario zurück. Gretchen blieb bis um Mitternacht; da führten ſie die Frauen in ihr Zimmer. Als ſie wieder herabkamen, waren die Männer vei⸗* ſchwunden und die Lichter ausgeloſcht. Es herrſchten in Garten nur noch vie Einſamkeit und die Nacht. Nach Verlauf von einer halben Stunde offnete Gret⸗ 8 ß e⸗ r n ri n 8 ne it ts ſo y u n — chen, beſorgt, als ſie Niemand kommen ſah und kein Ge⸗ räuſch hörte, ihr Fenſter. Sie erblickte zu ihrem Erſtaunen ein Seil, das an dem vor dem Fenſter angebrachten eiſernen Balcon be⸗ feſtigt war. Das andere Ende des Seiles war, ſo viel ſie in der Finſterniß unterſcheiden konnte, an einen unge⸗ fähr fünfzig Schritte entfernt ſtehenden Baum gebunden. In dem Augenblick, wo fie ſich fragte, was das Seil bedeute, entzündeten ſich Fackeln im Garten, den ſie tag⸗ hell erleuchteten, und Gretchen ſah plötzlich auf dem Baume Gamba, mit einer Hand ſich an einem Aſte hal⸗ tend und die Füße auf das Seil ſetzend. Beſtürzt, wollte Greichen ſchreien. Doch ſie befürch⸗ tete, ein Schrei könnte Gamba erſchrecken und ihn das verlieren laſſen. Sie hielt bleich vor Angſt an ſich. Gamba ließ den Aſt los und fing an auf dem Seile zu gehen,— ruhig lächelnd, ſo behaglich, als ob es auf dem Sande der Allee geweſen wäre. Nach einer Minute ſprang er leicht in's Zimmer. Wüthendes Beifallsgeſchrei erſcholl im Garten. Gamba neigte ſich über den Balcon und rief: „Es iſt gut; Zigeuner und Landecker, morgen 46 Und er ſchloß das Fenſter. Mittlerweile aber kniete Chriſtiane in ihrem Zimmer und ſprach: „Ahi die göttliche Barmherzigkeit iſt unendlich. Wenigſtens wird meine Tochter glücklich ſein. Mein ar⸗ mer Julius, ich verarge Dir, was Du gethan haſt, aber, ach! an Deiner Stelle hätte ich vielleicht daſſelbe gethan 1* Ende. e c — 2 —— * — ſinn ſſſſſſſſſſſiſmiſſſſſſſſſiiſſſmſmſimi 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16