Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Leſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. CQaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 er. 50 Pf. 5 3„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. 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Samuel und Lothario gaben einen Ausruf des Er⸗ ſtaunens von ſich, als ſie Friedrike erblickten. „Sie hier!“ rief Samuel. „Fräulein Friedrike!“ ſagte zu gleicher Zeit Lo⸗ thario. „Ja,“ ſprach Julius,„Fräulein Friedrike, welche, von ihrem edlen Herzen angetrieben, ſich die Mühe ge⸗ macht hat, hierher zu kommen, um mir einen großen, wahren Dienſt zu leiſten.“ „Einen Dienſt?“ wiederholte Samuel, indem er Friedrike ganz zitternd anſchaute.„Welchen Dienſt 2 darf ich die Veranlaſſung dieſes Beſuches nicht erfahren? Ich glaubte nicht, daß Friedrike den Grafen von Eber⸗ bach kenne.“ „Wir kennen uns erſt ſeit einer Stunde,“ erwiederte Julius;„doch wir haben Bekanntſchaft gemacht, und nun ſind wir alte Freunde.“ „Das iſt eine ſehr raſch angeknüpfte Freundſchaft,“ ſagte Samuel, ſeinen tiefen Blick auf Julius heftend. „Die ſich aber in meinem Herzen wenigſtens nicht ſo leicht löſen und mich verpflichtet halten wird, ſo lange mein Leben vauert Es iſt wahr, das wird ohne Zweifel nicht lange ſein.“ Ein ſeltſamer Blitz zuckte in den Augen von Sa⸗ muel. Dieſer Improvifator des Böſen faßte raſch einen Gedanken. Cott lenkt. m. 1 Er begann ſeine Frage wieder. „Im ganzen bin ich begierig, zu erfahren, welcher ſo bedeutende Grund Friedrike hat hierher führen können, ohne daß ſie mich davon benachrichtigen zu müſſen ge⸗ glaubt hat.“ „Du kannſt und Du ſollſt Alles wiſſen,“ erwiederte Julius,„und ich werde es Dir ſagen, ſobald wir allein ſind. Oh! ſeien Sie unbeſorgt, mein Fräulein,“ fuhr er fort, indem er durch einen Wink das beängſtigte Mädchen zu beruhigen ſuchte,„Sie haben nichts gethan, was nicht edel und rein wäre, und ich verpfände Ihnen mein Ehren⸗ wort, daß Samuel nur Glückwünſche und Dankſagungen für Sie haben wird. Worüber ſollte er verletzt ſein? Ich wiederhole Dir, mein lieber Samuel, ich kannte das Fräulein ebenſo wenig, als das Fränlein mich kannte. Ahl ich begreife nun vie Begeiſterung von Lothario, der ſie nur einmal erblickt hatte, und ich begreife auch die ei⸗ ferfüchtige Sorgfalt, mit der Du ſie vor uns verbargſt, böſer Geiziger! Doch nun wirſt Du ſie uns nicht mehr entziehen. Ich werde Deine Thüren eintreten und die Mauern Deines Gartens erklettern, wenn es ſein muß, und da ſie, ohne es Dir zu ſagen, zu mir zu kommen gewußt hat, ſo werde ich im Nothfall gegen Deinen Wil⸗ len zu ihr zu gehen wiſſen. Die Dankbarkeit varf nicht minder ſtark ſein, als die Wohlthat.“ „Dankbarkeit, wofür?“ fragte abermals Samuel. „Hartnäckig Neugieriger!“ ſagte Julius.„Nun! es ſei! Du ſollſt es ſogleich erfahren, wenn Du einige Mi⸗ nuten mit mir in das Cabinet nebenan kommen willſt.“ „Warum nicht hier?“ „Weil bei dieſer Sache ein Geheimniß iſt, und ich weder vor Fräulein Friedrike, noch vor Lothario ſpre⸗ chen kann.“ Samuel zoͤgerte einen Augenblick, Friedrike und Lothario allein beiſammen zu laſſen. Doch eine Betrach⸗ fung beruhigte ihn. Er war ſicher genug in Beziehung her en, e⸗ rte ein en cht en⸗ en 12 as ke der ei⸗ ſt, die ß, en il⸗ cht ti⸗ . ich e⸗ nb h⸗ ng 3 auf Friedrike, um zu wiſſen, daß nach dem, was er ihr dieſen Morgen geſagt, ſie die Erſte wäre, welche Lothario in ſeinen Hoffnungen entmuthigen würde. Friedrike ließ ſicherlich Niemand ein vermeſſenes Wort zu der Braut von Samuel ſprechen. Und ſomit wäre es im Gegen⸗ theil beſſer, wenn auf der Stelle die Sache zu Ende ge⸗ bracht würde und ſie ſelbſt Lothario erklärte, er habe nicht mehr an ſie zu denken. Die Antwort auf den Brief, den Lothario am Morgen geſchrieben, wäre bezeichnender und entſchiedener von Friedrike, als von Samuel ge⸗ geben. Eine Vermehrung der Vorſicht ſchien indeſſen Sa⸗ muel nicht unnütz. Er ging auf die Thüre des Salon 1 durch welche er mit Lothario eingetreten war, und rief: „Frau Trichter!“ Die alte Haushälterin erſchien. „Frau Trichter,“ ſagte Samuel zu ihr,„Sie wer⸗ den ſogleich mit Fräulein Friedrike nach Menilmontant zurückkehren. Warten Sie hier mit ihr, bis ich zurück⸗ gekehrt bin.“ „Kommſt Du?“ fragte Julius. „Hier bin ich.“ Julius und Samuel traten in das Cabinet ein und ließen Friedrike und Lothario unter vier Augen. Ach! unter vier Augen zu Drei! Die Gegenwart von Frau Trichter beengte Lothario ſichtbar. In dieſem Augenblick, ſo nahe dem Briefe, den er geſchrieben, fühlte er nicht den Muth in ſich, von alltäglichen Dingen zu reden; und wie ſollte er vom Gegenſtande ſeines Briefes vor einem Zeugen ſprechen! Wann würde er jedoch die Gelegenheit wiederfin⸗ den? War er, wenn er ſie entſchlüpfen ließ, ſicher, Friedrike je außer der Gegenwart von Herrn Samuel Gelb wiederzuſehen? War er ſogar ſicher, ſie wiederzu⸗ ſehen? Und vann trug die entſetzliche Angſt, die ihm die Bruſt zuſammenpreßte bei dem Gevanken, zu erfahren, welchen Eindruck ſein Brief auf ſie hervorgebracht, den Sieg über jede Rückſicht und jede Furcht davon. Er entſchloß ſich, zu ſprechen. „Mein Fräulein,“ ſagte er mit zitternder Stimme, „es iſt für mich eine große Ueberraſchung und eine große Freude geweſen, Sie hier zu finden; doch Sie würden meine Freude noch größer machen, wollten Sie mir er⸗ lauben, dieſes unverhoffte Zuſammentreffen zu benützen und mit Ihnen über den einzigen Gegenſtand zu reden, der mein Herz beſchäftigt.“ „Welchen Gegenſtand meinen Sie, mein Herr?“ fragte Friedrike ein wenig zurückhaltend und kalt. „Ich hoffe, mein Fräulein, daß Sie es vermuthen,“ erwiederte Lothario beinahe ſtammeind. „Ich verſichere Sie, mein Herr, daß ich es durchaus nicht vermuthe.“ „Sie haben alſo den Brief nicht empfangen, den ich an Sie zu ſchreiben mir die Freiheit genommen?“ „Ich habe von Ihnen einen Brief erhalten, in wel⸗ chem Sie mich um mein Wohlwollen für irgend einen Gegenſtand baten, über den mich Herr Samuel Gelb zu Rathe ziehen ſollte.“ „Und er hat Sie zu Rathe gezogen?“ „Er hat es nicht für nöthig erachtet, mich über eine Mittheilung zu Rathe zu ziehen, worin nicht von mir die Rede war.“ „Worin nicht von Ihnen die Rede war!“ rief der junge Mann erſtaunt. „Herr Samuel Gelb hat es mir geſagt.“ „Und er hat Ihnen den Brief gezeigt, den ich ihm geſchrieben?“ „Das war nicht der Mühe werth, da er nicht von mir ſprach.“ „Er ſprach nicht von Ihnen?!“ verſetzte Lothario. „Ich erſuchte Herrn Samuel Gelb um die Erlaubniß, ren, den me, oße den er⸗ tzen den, n aus el⸗ nen zu ine die der bon io. iß, 5 mich bei ihm einfinden zu dürfen, und dies geſchah„ Nun! es geſchah, um ihn um Ihre Hand zu bitten.“ Friedrike erbleichte. Samuel hatte ſie alſo hintergan⸗ gen! Die Ahnungen ihres Herzens hatten Recht ge⸗ habt. Eine Woge der Freude überſtrömte ihre Seele. Doch alsbald erinnerte ſie ſich, und das, was ſie verſprochen hatte, kam ihr wieder ins Gedächtniß. Sie erinnerte ſich, daß ſie nicht mehr frei, und daß ſie verpflichtet war gegen den Mann, dem ſie in der Welt zu ſein verdankte. „Ich danke Ihnen, Herr Lothario,“ ſprach ſie, gegen ihre Gemüthsbewegung kämpfend,„ich danke Ihnen, daß Sie an ein armes Mädchen ohne Namen und Vermoͤgen gedacht haben, Sie, der Sie adelig und reich ſind, Sie, der Sie nur unter den Reichſten und Schönſten zu wäh⸗ len brauchen. Ich bin tief gerührt von Ihrer Abſicht, das verſichere ich Sie. Die Abgeſchiedenheit, in der ich bis jetzt gelebt habe, macht mir noch koſtbarer, noch fühlbarer als einer Andern dieſes Zeichen der Achtung, das Sie mir geben.“ „Nun denn?“ „Welches Gefühl aber auch Ihr Schritt in mir er⸗ regen mag, ich muß Sie ſogleich in einer Illuſion zu⸗ e welche zu verwirklichen nicht in meiner Gewalt eg 6 „Wie!“ rief Lothario. „Ich bin nicht mehr frei, Herr Lothario. Ich werde nie Ihnen angehören können, aus dem einfachen Grunde, weil ich nicht mir gehöre.“ „Ich erwartete das!“ rief Lothario troſtlos. Eine ſchwere Thräne bildete ſich an ſeinem Au⸗ genlide. Friedrike wandte die Blicke ab, als befürchtete ſie, die Rührung konnte ſich ihrer auch bemächtigen. „Grollen Sie mir darum nicht,“ ſagte ſie. —— „Wie ſollte ich Ihnen grollen?“ verſetzte Lothariv. „Es hängt nicht von Ihnen ab, mich zu lieben.“ „Es handelt ſich nicht darum, zu lieben,“ entgeg⸗ nete Friedrike.„Würde ich Sie lieben, ſo wäre ich doch nicht freier.“ „Oh! ich,“ rief Lothario,„ich glaube an die All⸗ macht von denjenigen, welche ſich lieben. Es gibt keine Siſ die man nicht überwindet, wenn man feſt will. „Es gibt,“ erwiederte ſie.„Es gibt die Pflicht, die Dankbarkeit, die Bezahlung einer heiligen Schuld. Aber glauben Sie mir, ich werde nie vergeſſen, was Sie für mich haben thun wollen. Fern oder nahe, ich werde immer Ihre Schweſter ſein.“ „Und die Frau eines Andern,“ ſagte Lothario. Friedrike neigte das Haupt, denn ſie fand keine Worte, um eine Traurigkeit zu widerlegen, die ſie viel⸗ leicht ſelbſt theilte. „Ah! das mußte ſein,“ ſprach Lothario,„ich habe nie Glück gehabt. Mein Vater war todt, als ich geboren wurde; meine Mutter ſtarb, ehe ich ſie kennen lernen konnte. Der Verluſt meer Mutter wäre nicht vollſtän⸗ dig geweſen, wenn ich Sie nicht auch verloren hätte.“ „Herr Lothario!.. rief Friedrike, wie zu ihm hinge⸗ zogen durch eine Bewegung, die ſie für Mitleid hielt, während es Gleichgefühl ſein mußte. Sie war vielleicht im Begriff, mehr zu ſagen. Doch in dieſem Augenblick traten Samuel und Julius ein. Samuel warf einen raſchen Blick auf Friedrike und auf Lothario. „Gut!“ dachte er, als er die niedergeſchlagene Miene von Lothario ſah,„ich täuſchte mich nicht; ſie hat ihm jede Hoffnung benommen. Uebrigens werde ich durch Frau Trichter erfahren, was ſie ſich geſagt haben.“ Während der kurzen Unterredung der zwei jungen Leute hatte Julius ſeinerſeits Samuel Alles enthüllt. S= ſ Sca6% riv. geg⸗ doch All⸗ eine feſt die Aber für mer eine viel⸗ habe oren rnen tän⸗ nge⸗ ielt, . „Aber wie konnte Friedrike dies wiſſen?“ hatte Samuel gefragt.„Ich war allein in meinem Cabinet mit dem Abgeſandten der Carbonari. Das Zimmer von Friedrike iſt durch den Ruheplatz getrennt. Sollte ſie an der Thüre gehorcht haben? Doch in welcher Abſicht? Sie hätte vorher wiſſen müſſen, wir werden von wich⸗ tigen Dingen reden. Gleichviel! Thatſache iſt, daß ſie Alles gehört hat!“ „Zu meinem Glück!“ ſagte Julius. „Ja, gewiß! denn ich wäre ſehr in Verlegenheit geweſen, Dich zu retten. Ich hätte wohl Alles gethan, was ich hiefür hätte thun können; ich habe ſchon ange⸗ fangen, und auf die Gefahr, mich zu compromittiren, ſte ich für Dich geſprochen und mich für Dich ver⸗ „Ich weiß es,“ unterbrach ihn Julius,„Friedrike hat es mir geſagt; doch würdeſt Du mich benachrichtigt haben?“ Samuel kannte ſeinen Julius und der Ton, mit dem die Frage gemacht wurde, dictirte ihm ſeine Antwort. „Würde ich einen ſolchen Verrath auf mich genom⸗ men haben? ich bezweifle es. Nach meinen Anſichten iſt die Menſchheit mehr werth als ein Menſch, wer er auch ſein mag. Ich hätte wohl mein Blut gewagt, aber nicht den Carbonarismus. Für ſo beherzt, für ſo bieder, für ſo ſtark ich Dich auch halte, ich hätte befürchtet, Dich, indem ich Dir die Gefahr vffenbarte, in Verſuchung zu führen, ſie um jeden Preis zu vermeiden.“ „Du hätteſt als Mann gehandelt,“ ſprach Julius; „und ich wäre der Erſte geweſen, der Dein Benehmen ge⸗ billigt haben würde. Doch ſei unbeſorgt und grolle Fried⸗ rike nicht, daß ſie mich gewarnt hat, ſie, die kein Eid band. Ihr Schritt hat den Bund nicht gefährdet, davon ſei überzeugt, und ich werde Niemand anzuzeigen brau⸗ chen, um mich aus der Sache herauszuziehen. Ich habe ein Mittel, mich zu beſchützen, das nicht ein Haar einen Einzigen von Deinen Brüdern koſten wird. Du kannſt Friedrike in voller Sicherheit danken.“ „Das iſt mir lieb!“ ſagte Samuel nachdenkend. „Sprechen wir nun von Olympia. Iſt ſie abgereiſt 2 Haſt Du ſie wiedergeſehen2“ Julius that, als hätte er die Frage nicht gehört. „Aber welch einen Engel verbargſt Du uns!“ rief er.„Wenn Du wüßteſt, wie Deine Friedrike reizend und gut geweſen iſt! Welch ein Schatz von Unſchuld, von Schoͤnheit und Anmuth iſt dieſes Mädchen!“ „Du findeſt?“ verſetzte Samuel mit ſeltſamem Tone, „Dämon, in welchem Himmel haſt Du ein ſolches Geſchöpf gefunden?“ fuhr Julius fort.„Ich habe nie ſo ſehr an die Verwandtſchaft der Seelen geglaubt, als ſeit einer Stunde. Mir ſcheint, Friedrike iſt nicht für mich eine Bekanntſchaft von heute. Iſt das Erinnerung, iſt das Ahnung? Ihre Phyſiognomie, der Ton ihrer Stimme, Alles in ihr hat plötzlich in meinem Herzen Fibern in Bewegung geſetzt, die ich für todt hielt.“ „Wie Du entbrennſt!“ ſagte Samuel, welcher horchte und zugleich nachdachte;„Du ſprichſt von ihr wie ein Verliebter.“ „Verliebt!“ erwiederte Julius, den Kopf ſchüttelnd. „Du weißt wohl, daß dies weder dem Alter, noch dem Charakter mehr angemeſſen iſt, wie mir Beides das Le⸗ ben gemacht hat. Die Zeit iſt vorüber. Doch es gibt etwas Anderes als die Liebe: es gibt die tiefe, innige, ergebene Sympathie. Von allen Frauen, die ich kenne, iſt Friedrike ſicherlich diejenige, welche am beſten hei mir jenem Bedürfniſſe„ wie ſoll ich ſagen? väter⸗ licher Zuneigung! entſpricht, die in der Seele die er⸗ loſchene Liebe überlebt.“ „Neulich war es Olympia,“ ſagte Samuel.„Oh! die veränderliche Natur! Die Wetterfahne Deines Her⸗ zens dreht ſich bei jedem leichten Winde.“ „Nein,“ erwiederte Julius,„Olympia das war nicht — nnſt end. iſt 2 rief und von one. ches nie als für ung⸗ hrer rzen chte ein elnd. gibt äter⸗ er⸗ Oh! Her⸗ nicht „ 9 daſſelbe„ Vor Allem habe ich bei Olympia nur die Erinnerung an eine Todte, einen Schatten, ein Geſpenſt geliebt.“ „Und die Prinzeſſin, iſt es auch eine Aehnlichkeit, die Du in ihr liebteſt?“ „Oh! ſprich mir nicht von dieſen falſchen Launen, welche erwachen, wenn die wahre Leidenſchaft ſchläft. Ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich ſeit Chriſtiane Niemand geliebt. Was die Prinzeſſin betrifft, mit ihr habe ich dieſen Morgen gebrochen. Olympia aber iſt nicht mehr in Paris.“ „Abgereiſt! Du haſt ſie abreiſen laſſen?“ ſagte Samuel. „Genug über dieſen Gegenſtand, ich bitte Dich,“ antwortete Julius, welcher erbleichte.„In dieſem Au⸗ genblick fährt Olympia nach Venedig. Nun! ich werde ihr nicht nachlaufen! Doch woran denkſt Du, Samuel? Du ſiehſt aus wie ein Verſchwörer, der auf den Tod des Tyrannen ſinnt.“ „Kehren wir zu Friedrike zurück,“ ſagte Samuel, ohne aus ſeiner Befangenheit herauszutreten. „Warte,“ ſprach Julius. Der Graf von Eberbach trat an ein Meuble von Ebenholz, ciſelirt in reizenden Zeichnungen, öffnete es und nahm aus einer verborgenen Schublade ein bewunderungs⸗ würdiges Halsband von edlen Perlen. „Komm nun,“ ſagte er. Sie kehrten in den Salon zurück. Julius ging auf Friedrike zu und ſprach zu ihr: „Mein Fräulein, hier iſt ein Halsband, deſſen ein⸗ ziger Werth für mich darin beſteht, daß es meiner Mut⸗ ter gehört hat und daß es von meiner Frau getragen worden iſt. Ich würde es meiner Tochter geſchenkt ha⸗ ben, hätte mir der Himmel eine bewilligt. Sie ſind gegen mich ſo ergeben und ſo kindlich geweſen, daß ich —— 10 um Erlaubniß bitte, es Ihnen anzubieten. Das wird für Ihren Hochzeitſchmuck ſein.“ Dieſes letzte Wort machte Friedrike erröthen und brachte ein trauriges Lächeln in ihre Augen. Sie wollte es Anfangs ausſchlagen. „Ich fühle mich durchdrungen von Ihrer Güte, Herr Graf,“ ſagte ſie;„doch ich bin zu arm, um Juwelen von dieſem Werthe zu tragen.“ Julius ſuchte liebreich ſie zu bewegen. „Auf, Samuel, bitte mit mir und ſage Fräulein Friedrike, mit ihrem Geſichte verglichen werde dieſes Halsband arm ſein.“ „Friedrike hätte Unrecht, es auszuſchlagen, nach dem, was Du ihr geſagt haſt,“ vermittelte Samuel.„Es wäre nicht ein Halsband, was ſie ausſchlagen würde, ſon⸗ dern ein Vater.“ „Wollen Sie meine Tochter ſein?“ wiederholte Julius. „Oh! meinen Dank, ich nehme es an,“ ſagte Friedrike, während ſie das Halsband nahm. „An mir iſt es, Dank zu ſagen,“ rief Julius ent⸗ zückt.„Doch da Sie im Zuge ſind, mir zu bewilligen, was ich von Ihnen verlange: ich habe Sie noch um Et⸗ was zu erſuchen. Ich bitte Sie, verlaſſen wir uns heute nicht. Ich habe dieſen Morgen grauſam gelitten, endigen wir wenigſtens mit einander und in der Freude dieſen in der Einſamkeit und im Schmerz begonnenen Tag.“ „Bewilligt,“ ſprach Samuel. „Du biſt ein Freund!“ ſagte Julius.„Ohne Euch weiß ich nicht, wie es mir ergangen wäre. Als Fräu⸗ lein Friedrike kam, fühlte ich mich in einem Zuſtande der Erſchlaffung und Niedergeſchlagenheit, in den ich noch nie verfallen war. Es iſt wahrhaftig ein Bedürfniß für mich, heute nicht allein zu bleiben. Die Stunde des Mittagsmahles ſchlägt. Sie werden mit mir in Familie ſpeiſen.“ ird und err elen lein eſes em, „Es ſon⸗ olte rike, ent⸗ gen, Et⸗ eute igen eſen uch äu⸗ der noch für des rilie 11 „Alles, was Du willſt,“ antwortete Samuel. „Ich danke.“ Julius klingelte und gab Befehl. Eine Viertel⸗ ſtunde nachher meldete ein Diener Seiner Excellenz, es ſei aufgetragen, und man ging in den Speiſeſaal. Julius war munter, doch er aß wenig; die in der Venta zugebrachte Nacht, die Abreiſe von Olympia, der. Bruch mit der Prinzeſſin, die plötzliche Erſcheinung von Friedrike in ſeinem Leben, das waren mehr Erſchütterun⸗ gen, als an einem einzigen Tage ſeine erſchöpfte Natur ertragen konnte. Er war müde und ſchwach. Friedrike trug Sorge für ihn, nöthigte ihn, zu eſſen und zu ſpre⸗ chen, und Julius, um ihr zu gefallen, ſuchte ſich zur Hei⸗ terkeit und zum Lächeln zu zwingen. Doch alle Anſtrengungen, die er machte, ermüdeten ihn noch mehr, und er fiel immer mehr gebrochen und erloſchen zurück. Lothario war nicht im Stande, Schwung in das Mittagsmahl zu bringen. Von Allem, was man ſagte, hörte er nur das, was ihm Friedrike in dem Augenblick geſagt hatte, wo ſie allein geblieben waren. Sie konnte nicht ihm gehören! Sie war an einen Andern gebunden! An wen? Alle dieſe Gedanken wehklagten in ſeinem Kopfe, und er heftete auf ſeinen Teller, den er nicht anrührte, düſtere, verzweifelte Augen. Samuel allein ſprach, aß, lebte. Doch unter ſeinem ſprudelnden Weſen hätte ein aufmerkſamer Zuſchauer eine Art von ſeltſamem, düſterem Entſchluß bemerkt. Von Zeit zu Zeit ſchaute er Friedrike und Julius mit einer halb ſchmerzlichen, halb drohenden Miene an. Am Ende des Mahles belebte ſich Julius ein wenig mit Hülfe ſeines Willens und des Weing. Das Blut ſtieg zu ſeinen bleichen Wangen empor. Seine Augen ent⸗ zundeten ſich. Er plauderte von Allem, von der Diplo⸗ —— 12 matie, vom Wiener Hofe, von ſeiner Jugend mit Samuel und ihren Heldenthaten auf der Univerſität. Er ſprach mit einer fieberhaften Lebhaftigkeit, welche Samuel mehr als ſeine vorhergehende Unempfinvlichkeit zu ängſtigen ſchien. Zum Glück endigte das Mahl. Man ſtand vom Tiſche auf, und der Graf von Eber⸗ bach bot Friedrike den Arm, um in den Salon zurückzu⸗ kehren. Doch in dem Angenblick, wo ſie durch die Thüre gingen, fühlte Friedrike, wie der Arm des Grafen er⸗ ſtarrte und ſich von dem ihrigen losriß. Julius fuhr mit der Hand nach ſeiner Stirne und murmelte: „Oh! ich fühle mich unwohl, ſehr unwohl!“ Und ehe man ihn hatte aufhalten koͤnnen, fiel er rücklings zu Boden. Samuel und Lothario ſtürzten auf ihn zu. Auf das Geräuſch liefen die Bedienten herbei. „Geſchwinde!“ rief Samuel,„das iſt eine Hirn⸗ congeſtion. Es iſt nicht ein Augenblick zu verlieren, tra⸗ gen wir ihn auf ſein Bett.“ Samuel und Lothario nahmen Julius ſelbſt und trugen ihn in ſein Zimmer. Samuel ſagte, was man thun mußte, verordnete, und vervielfältigte ſich. Ehe ein Arzt gerufen werden konnte, nahm er es auf ſich, die heftigſten Reactiva zur Anwendung zu bringen, und nach Verlauf einer Stunde gelangte Julius wieder ein wenig zum Be⸗ wußtſein. Als er die Augen öffnete, war ſeine erſte Geberde, daß er Jemand ſuchte, der ſich nicht im Zimmer befand. Samuel begriff ſeinen Blick. „Du verlangſit nach Friedrike, nicht wahr?“ fragte er. Ein unmerkliches Zeichen von Julius antwortete: ja. „Holt ſie aus dem Salon,“ ſagte Samuel zu einem Bedienten. — — he it r⸗ u⸗ re r⸗ nd en er 13 Friedrike lief herbei. „Gerettet!“ ſprach Samuel zu ihr. „Ah! Gott hat mich gehört!“ rief Friedrike. „Sie haben alſo für mich gebetet?“ fragte Julius langſam und mit ſchwacher Stimme. „Oh! ja, ich habe gebetet, und zwar von ganzem Herzen!“ „Nun! Ihr habt mich Alle gerettet, Sie durch Ihr Gebet, Du durch Deine Wiſſenſchaft, Samuel, und Du, Lothario, durch Deine Sorgſamkeit. Ich danke Euch Allen.“ „Sprich nicht ſo viel!“ ſagte Samuel. „Doch! noch ein Wort. Gelobt mir Beide, Fried⸗ rike und Samuel, daß Ihr mich ebenſo wenig als Lo⸗ thario verlaſſen werdet. Ihr ſeht, wäret Ihr nicht da geweſen, ſo wäre ich todt. Ihr ſeid nothwendig für mein Leben; geht nicht, wenn Ihr wollt, daß ich lebe.“ „Du erſchöpfſt Deine Kräfte mit allen dieſen Wor⸗ ten,“ erwiederte Samuel. „Ich werde nur ſchweigen, wenn Ihr mir nicht zu gehen verſprochen habt.“ „Gut, wir verſprechen es Dir,“ antwortete Samuel, „beruhige Dich. Wir werden Dich nur verlaſſen, wenn Du geheilt und wieder auf den Beinen biſt.“ „Ich danke!“ ſagte Inlius. Und er ließ auf ſein Kiſſen ſeinen bleichen, abgemagerten Kopf, an dem aber ein Lächeln hervortrat, zurückfallen. Petter und Muhme. In demſelben Monat Avril, einige Tage nach den Vorfällen, die wir erzählt haben, war die Landſchaft von Eberbach und Landeck reizend anzuſchauen. Die Heiterkeit des Frühlings herrſchte überall. Eine laue und belebende Luft beſchleunigte das Erſchließen der lachte dem Grün zu, das ſich am Abhange hinzog. Mitten unter den Felſen, deren Strenge ſich nach den Launen des Mooſes und des Epheus milderte, war eine Geſtalt, ſelbſt Fels, unbeweglich und ſtumm, den Kopf in ihren Händen, gekauert. Um dieſe Frau liefen, tanzten und ſprangen Ziegen. Das war Gretchen. Plötzlich bebte die Ziegenhirtin und hob den Kopf in die Höhe. Auf der Straße, die ſich unter ihren Füßen hinzog, hatte ſie eine Stimme ſingen horen. Ungebildet und naiv, ſang dieſe Stimme ein Zigeunerlied, das ungeſtüm zum Her⸗ zen von Gretchen emporſtieg, wie eine Erinnerung aus ihrer Kindheit. Sie hatte ſicherlich dieſes Lied gehört, als ſie noch ganz klein war. In einem Augenblick fah ſie die ganze Vergangenheit wieder; ihr umherſchweifen⸗ ves Leben kehrte zu ihr in einem Geſange zurück. Ja, vas war die Melodie, mit der man ſie gewiegt hatte; dreißig Jahre hatten ſeitdem verlaufen können, ohne eine Note in ihrer Seele zu verwiſchen⸗ Sie fand ſie ganz darin. Oh!l man vergißt in hundert Jahren die Lieder icht, die uns unſere Mutter geſungen hat. Gretchen ſtand auf und neigte ſich zur Straße hinab. Uite denjenigen ſehen, welcher ihr ſo ihre ganze in einer Strophe zurückbrachte. erſten Blätter, und die klare, wiederverjüngte Sonne en on ne er ne ch ar en en, pf tte ng er⸗ us rt, ſah en⸗ Ja, ine der ab. nze 1⁵ Sie erblickte einen Fremden, der der nalven Bäuerin mit viel Geſchmack und mit einem hoheren Lurus gekleidet zu ſein ſchien. Er hatte in der That eine hochrothe Weſte, eine blaue Hoſe mit weißen Zierathen geſtickt und eine gelbe Halsbinde mit goldenen Flittern. Der Fremde kam gerade auf ſie zu. Als er ſie ge⸗ wahrte, machte er eine Bewegung der Freude, wie ein Menſch, der findet, was er ſucht. Doch er vrängte ſogleich dieſe Bewegung zurück. „Oh! Ziegen!“ rief er in einem ſchlechten Deutſch verwälſcht mit Italieniſch und Franzöſiſch;„welch ein Glück, Zie en zu treffen!“ Er ſchwang ſich mit einer unerhoͤrten Behendigkeit auf die Spitze der Felſen und ſprang bis zu Gretchen, die er grüßte. Dann ftreichelte er diejenigen von den Ziegen, welche bei ſeinem Anblick nicht die Flucht er⸗ griffen hatten. „Ihr liebt die Ziegen?“ ſagte Gretchen ſeltſam in⸗ tereſſirt durch dieſen ſonderbaren Menſchen. „Die Ziegen und die Felſen,“ antwortete der Un⸗ bekannte,„das iſt der ganze Reiz des Lebens. Was die Ziegen betrifft, ſo liebe ich ſie aus zwei Gründen: Ein⸗ mal wegen ihrer Leichtigkeit und ihrer Sprünge. Seht, Frau, dieſe Ziegen, die man Thiere nennt, verwirklichen von ihrer Geburt an und ohne alle Mühe das Ideal der Kraft⸗ und Behendigkeitsſtücke, welches die ehrenwertheſten Menſchen nicht immer in einem ganzen Leben des Schweißes und der Studien erreichen. Mein ganzer Ehrgeiz, ſeit⸗ dem ich auf der Welt bin, iſt geweſen, es dahin zu bringen, daß ich ihnen gleiche. Vermöge der Kenntniſſe d ich mich ihrem Inſtinete genähert. Ich bin eine Ziege.“ Um eine Probe von ſeinem Wiſſen nach Ziegenart zu geben, ſagte er auf eine Ziege deutend, die auf dem äußerſten Rande des Abſturzes hüpfte; 16 „Seht dort.“ Und er ſtellte ſich auf alle Viere gerade an dem Platze der reizenden Ziege und fing an um ſich ſelbſt zu wirbeln. „Haltet ein!“ rief Gretchen erſchrocken. „Ihr ſeht,“ ſprach der Fremde zurückkehrend,„Ihr ſeht, wie die Ziegen über den Menſchen ſtehen: als es Eure Ziege war, hattet Ihr keine Angſt. Ihr ſchätzt ſie mehr als mich.“ Die ſcheue Hirtin war ein wenig verwundert und verblüfft über dieſe heftigen Manieren. Dennoch gefiel der geſchmeidige, lebhafte Menſch dem geduldigen und ſtrengen Mädchen. „Ich ſagte Euch, ich liebe die Ziegen aus zwei Gründen,“ ſprach der Fremde:„der zweite iſt ihr um⸗ herſchweifendes Weſen. Sie können es nicht am Platze aushalten. Auch darin gleichen wir uns. Die Ziegen find die Zigeunerinnen der Thiere.“ „Ihr ſeid Zigeuner?“ fragte Gretchen, raſch angezogen. „Bis an die Nagelſpitzen.“. „Meine Mutter war auch Zigeunerin.“ „Wahrhaftig? Dann ſind wir von derſelben Race.“ Dieſe Beziehung gründete ſchnell unter ihnen eine Art von Vertraulichkeit. „Ohl es war für mich ein Bedürfniß, Jemand hier zu finden, der mich begriff!“ rief der Zigeuner. Sie plauderten lange von der Zigeunerei, vom Leben in der freien Luft, vom Glück, nicht in den Häuſern der Städte auf einander geſchichtet zu ſein, von der Freude, frei mit den Pflanzen und Bäumen zu wachſen, und we⸗ nigſtens an der Seele die Flügel zu haben, welche die Vögel allein am Rücken haben. Plötzlich bemerkte der Fremde, daß er die Stunde vergeſſen hatte. „Man erwartet mich„ ſagte er.„Aber ich hoffe, unſere Bekanntſchaft wird nicht hiemit endigen. Wir hr es ſe nd er en vei m⸗ tze gen en eine hier ben der ude, we⸗ die unde offe, Wir 3 17 find nun alte Freunde. Wo werde ich Euch morgen wiederſehen?“ „Hier, zur ſelben Stunde,“ antwortete Gretchen. „Zur ſelben Stunde. Ich werde nicht fehlen. Doch ich laufe, denn man wird mich ſchelten, daß ich ſo lange geblieben bin.“ Und er grüßte Gretchen und fing an von Felſen zu Felſen zu ſpringen, zum großen Schrecken der Hirtin, welche glaubte, er würde in Stücken ankommen. Aber er ſiel leicht auß die Füße, grüßte noch einmal und lief auf der Straße fort, bei deren Wendung er einen Augenblick nachher verſchwand. Am andern Tag waren der Fremde und Gretchen pünktlich beim Rendez⸗vous. Sie plauderten wie am Tage vorher von gemein⸗ ſchaftlichen Dingen und gemeinſchaftlichen Inſtincten, die fie in ihrer Vergangenhelt und in ihrem Herzen hatien⸗ In dem Augenblick, wo ſie ſich verließen, verlangte der Fremde Gretchen am andern Tage wiederzuſehen. „Ihr wohnt alſo in Landeck?“ fragte Gretchen. „Ja, wir ſind noch auf einige Tage vort.“ „Ihr ſeid nicht allein 2“ „Nein, ich bin mit meiner Schweſter. Wir kommen von Paris und gehen nach Venedig. Meine Schweſier iſt eine ſehr berühmte Sängerin, die aus ihrer Kehle ſo viel Geld zieht, als ſie will. Deshalb ſeht Ihr an mir die ſchöne rothe Weſte, welche geſtern Eure Auf⸗ merkſamkeit ſo ſehr erregt hat. Ich kann mir ſo viele rothe Weſten kaufen, äls ich will. Man erwartet ſie bei ihrem Theater. Aber ſie wollte durch die Rhein⸗ gegenden und die Schweiz reiſen. Als ſie nach Landeck kam, gefiel ihr die Landſchaft, ſie beſchloß einen Halt zu machen und eröffnete mir, daß wir einige Tage hier bleiben würden.“ „Was kann ſie hier zurückhalten?“ ſagte Gretchen. Gott lenkt. m. 2 18 „Dieſes Schloß,“ erwiederte der Fremde auf das teuf Schloß Eberbach deutend, deſſen Silhouette ſich links vom Eng leuchtenden Himmel abhob.„Meine Schweſter iſt eine Gelehrte, die es intereſſirt, zu ſehen, wie die Steine ge⸗ Ga hauen find. Sie behauptet, dieſes Schloß ſei ſo voll von dur ſeltenen und geſchichtlichen Meubles, daß man zwanzig woh Jahre brauchen würde, um ſie einzeln zu bewundern. Sie Kin ergötzt ſich an einem Haufen von Decorationen, von Chr Tiſchlerarbeiten und Architecturen, während ich die Migräne bekommen habe, weil ich es nur einmal verſuchte, mit ihr ſot dahin zu gehen. Bei meiner Treue, jetzt laſſe ich ſie allen daß gehen. Die Luft und die Wälder ſind mir lieber. Ich und habe keinen Magen, um Steine zu verdauen.“ Tief Gretchen ſchüttelte den Kopf. „Ach! ja,“ ſagte ſie,„gegenwärtig zeigen die Dienſt⸗ lebt boten das Haus um Geld Jedem, der es ſehen will. wird Das Schloß gehört den Vorüberziehenden. Im Ganzen im thun ſie wohl daran. Der Herr verläßt ſie. Da er nichts nicht mehr davon will, ſo iſt das Haus dem, der davon zu nehmen Luſt hat. Ohl! dieſes ſo leere Haus iſt doch Aug voller Freude geweſen.“ „Was iſt denn in dem Schloſſe vorgefallen?“ fragte in Le der Zigeuner. San „Sehr heitere und ſehr traurige Dinge,“ erwiederte und Gretchen. ſprec Und ſie erzählte die in ihrem Herzen immer lebendige Geſchichte von allen den Ereigniſſen der Liebe und des Abho Todes. Die Zeit und die ihren Ideen natürliche Eraltatior beſän hatten dieſen freudigen und düſteren Ereigniſſen eine At von myſtiſcher Poeſie beigefügt. Die ganze Geſchichte von Julius und Chriſtiane war für ſie wie eine Legende ſie. Die Rolle von Samuel war darin furchtbar und denket ſeltſam. Samuel hatte Satans Verhältniſſe. Das war wir der Geiſt des Böſen, der ein Vergnügen daran fand, der Rede menſchlichen Wohlfahrt entgegen zu treten, und mit ſeinen herirr f das 3 vom t eine ne ge⸗ ll von vanzig . Sie „ von igräne rit ihr allein Ich Dienſt⸗ will. anzen nichts n z t doch fragte iederte bendige d des ltativn ne Art ſchicht egendt. und us war nd, der ſeinem 19 teufliſchen Hohngelächter die Geſänge und die Küſſe ber Engel verſtummen machte. Doch dieſer Dämon erſchien in ihrer Erzählung im Ganzen ſchlimmer durch den Haß der Erzählerin, als durch ſeine eigenen Handlungen, denn Gretchen hütete ſich wohl, von den Gewaltthaten von Samuel und vom Kinde, und von den Urſachen des Selbſtmords von Chriſtiane zu reden. Kam ihr der Name von Chriſtiane auf die Lippen, ſo traten ihr die Thränen in die Augen. Man fühlte, daß ihre Zärtlichkeit die arme Todte völlig überlebt hatte, und daß ihre zwei Herzen unauflöslich vereinigt durch die Tiefe des Abgrunds geblieben waren. „Nein,“ rief ſie,„Chriſtiane iſt nicht todt. Sie lebt in mir und anderswo. Und was von ihr überlebt, wird das rächen, was von ihr todt iſt. Sie ſchlummert im Frieden, wir find für ſie da, und der Böſe wird uns nicht entgehen.“ Ein fahler Blitz ſprang bei dieſen Worten aus ihrem Augenſtern hervor. „Gott befohlen,“ ſagte ſie.„Morgen, wenn Ihr noch in Landeck ſeid. Genug für heute. Wenn ich an dieſen Samuel denke, verjüngt ſich mein Haß um ſiebzehn Jahre, und ich kann einen ganzen Tag von nichts Anderem ſprechen. Morgen alſo!“ Und ſie ſtand auf und vertiefte ſich in die Felſen des Abhangs, wohin ihr ihre Ziegen folgten. Am andern Tag fand ſie der Zigeuner lächelnd und beſänftigt. Sie ging zuerſt auf ihn zu. „Ich habe Euch geſtern ungeſtüm verlaſſen,“ ſagte ſie.„Es gibt Dinge, an die ich nicht mit kaltem Blute denken kann. Sprechen wir nicht mehr hievon. Vergeſſen wir dieſes Schloß und Alles, was hier geſchehen iſt. Reden wir von Eurer Vergangenheit, von Eurem um⸗ herirrenden Vaterlande, von dem freien Reiſeleben, das ich ganz klein auch geführt habe. Kopfe viele verworrene Altäre Gottes. Welche iſt vo Oh! ich habe in meinem Erinnerungen an ſchöne Städte voll Sonne, an Wälder, welche wie Kirchen waren, wobei die Baumſtämme die Orgeln bildeten, an Berge, wahre n allen Städten, die Ihr geſehen diejenige, die Ihr am meiſten liebt2“ „Venedig,“ antwortete der Fremde. „Und warum?“ „Weil es eine Stadt iſt, die den andern nicht gleicht, eine Inſel, ganz allein in der Unermeßlichkeit der Ge⸗ wäſſer. Man iſt dort mitten im Meere.“ „Eine Stadt, wo es Waſſer in den Straßen gibt, nicht wahr?“ fragte Gretchen, als ſuchte ſie ein Bild feſtzuſtellen, das ihr wieder in's Gedächtniß kam. „Ja,“ erwiederte der Zigeuner,„eine Stadt, gebaut von den Fiſchen.“ „Oh! ich erinnere mich,“ Plätze! und große Paläſte! Meine dig auch.“ „Hat Eure Mutter in V hieß ſie?“ „Sie hieß nach ihrem Fami a rief der Zigeune 4 „Ihr heißt Gamba?“ „Mit allen Buchſtaben. ſagte ſie.„Und große Mutter liebte Vene⸗ enedig gewohnt? Wie liennamen Gamba.“ r.„Das iſt auch mein Doch wartet. Sprach Eure Mutter nie von einem Bruder, den ſie hatte?“ „Sehr oft,“ antwortete Gretchen.„Doch ſie hatte ſich mit ihrem Vater überworfen, weil ſie gegen ſeinen Willen Einen geliebt. Dann hatte ſie die Flucht ergriffn und weder ihrem Vater, noch ihrem Bruder mehr Nach⸗ richt von ſich gegeben. ſie liebte, geſtorben und hat ihr welche ich bin. Sie trug mich verdiente ihren Lebensunterha ein frommer Mann, der Pfarr Und hernach iſt der Mann, den eine Tochter hinterlaſſen, von Stadt zu Dorf und it auf eine elende Weiſe, als er von Landeck, ſie auf⸗ nah Tor lafſe liebt eine viel war als Hoff ich Loch Nac mein Geb mein Euck teref ſo if nicht Schr So Die nem ädte obei ahre Ihr icht, Ge⸗ Bild ebaut große Vene⸗ Wie 7. mein prach hatte ſeinen griffen Nach⸗ n, den rlaſſen, orf und iſe, als ie auf⸗ 2¹ nahm, in ſeiner Religion unterrichtete und bis zu ihrem — ernährte. Sie hat dieſe Gegend nicht mehr ver⸗ laſſen.“ haben wir ſie vergebens überall geſucht.“ „Wie?“ Ebenſo erſtaunt, als entzückt über dieſes providentielle Zuſammentreffen, ſprach Gamba ganz bewegt: .„Gretchen, der Bruder Eurer Mutter war mein ater.“ „Iſt das möglich?“ rief Gretchen. „Es iſt gewiß. Ihr werdet es ſehen. Mein Vater liebte ſehr herzlich ſeine Schweſter, deren Flucht ihm einen lebhaften Kummer verurſachte. Er wagte es nicht, viel davon zu ſprechen, ſo lange ſein Vater auf der Welt war. Aber der Alte war nicht ſo bald unter der Erde, als mein Vater aller Herren Länder durchlief, in der Hoffnung, ſeine Schweſter zu finden. Bei meinem Wort, ich glaube, wir haben ganz Europa beſucht, nur dieſes Loch Landeck nicht. Als er ſtarb, empfahl er mir, meine Nachforſchungen fortzuſetzen. Ich komme zu ſpät für meine Tante, aber ich finde wenigſtens ihre Tochter. Gebt mir einen guten Händebruck, Gretchen, Ihr ſeid mein Geſchwiſterkind.“ „Iſt das wirklich wahr?“ fragte Gretchen mißtrauiſch. „Ich werde Euch morgen meinen Paß zeigen, der Euch beweiſen ſoll, daß ich Gamba heiße. Welches In⸗ tereſſe hätte ich übrigens, Euch zu täuſchen?“ „Das iſt richtig,“ fagte die Ziegenhirtin. Und ſie reichte ihm die Hand, die er brüderlich drückte. „Nun!“ ſprach ſie,„da wir Geſchwiſterkinder ſind, ſo iſt Eure Schweſter meine Muhme. Werde ich ſie nicht ſehen?“ „Unmöglich,“ erwiederte Gamba verlegen.„Meine Schweſter iſt eine phantaſtiſche Perſon und ziemlich ſtolz. So wie Ihr mich hier ſeht, verleugnet ſie mich ſehr oft. Die Triumphe, die ihr auf dem Theater zu Theil ge⸗ ——— worden ſind, haben ſie hoffärtig gemacht, und ſie muß meine Schweſter ſein, daß ich ihr die Art vergebe, wie ſie ſich zuweilen gegen mich benimmt. Sie iſt bei einem Wirthe abgeſtiegen, der ſich kürzlich erſt in Landeck etablirt hat, und alle Zeit, die ſie nicht darauf verwendet, daß ſie im Schloſſe die Grimaſſen der guten Leute bon Holz oder Stein ſtudirt, welche an den Meubles oder an den Mauern geſchnitzt oder ausgehauen find, bringt ſie, in ihr Zimmer eingeſchloſſen, damit zu, daß ſie eine neue Partie lernt, die ihr Director ihr zugeſchickt hat. Doch Ihr werdet mich fragen; Was iſt das, ein Director und eine Partie? Es wäre zu lang, es Euch zu erklären. Laſſen wir alſo meine Schweſter in Ruhe und ſprechen wir von Euch: mir ſcheint, ich habe Euch Dinge zu ſagen.“ In dieſem Augenblick erhob Gretchen raſch den Kopf. Sie hatte auf einem Fußpfad, der durch die Felſen führte, ein Geräuſch von Tritten gehört. Sie beugte ſich ein wenig vor und ſah eine ver⸗ ſchleierte Frau kommen, die ſich nach dem Schloſſe wandte. Der Schleier verbarg völlig das ganze Geſicht der Frau, deren Leib in einen dichten Shawl gehüllt war. „Das iſt Eure Schweſter?“ ſagte Greichen zu Gamba, ohne ihn zu fragen und wie durch einen unfehlbaren In⸗ ſtinet benachrichtigt. „Ja,“ erwiederte Gamba. Slympia näherte ſich, ernſt und ſtumm, ohne Gamba oder Gretchen zu ſehen, welche Beide durch eine Felſen⸗ höhle verborgen waren. Plötzlich ſtand ſie vor ihnen. Als ſie Gretchen erblickte, ſchien ſie wie von einem elektriſchen Schlage berührt. Gretchen war tief bewegt. Sie gab ſich keine Re⸗ chenſchaft mehr, ſie widerſtand nicht mehr. Ergriffen von einem gebieteriſchen Bedürfniß, dieſe verſchleierte Frau auf⸗ zuhalten und mit ihr zu ſprechen, ſprang ſie auf und rieft „Madame!“ Arm Fuß 1 nicht und ein! Euch ſich weni nur t von( Schle die ei nicht ſtiane ihre herbe einem ne Re⸗ fen von u auf⸗ d rief; 23 Aber die kräftige Hand von Gamba packte ſie beim Arm. „Das würde meine Schweſter beleidigen!“ ſagte er. Und er hielt die Ziegenhirtin zurück. Olympia ging weiter und ſtieg bis an das Ende des Fußpfades hinab, ohne ſich nur umzudrehen. Gretchen erholte ſich ein wenig. „Verzeiht mir, Gamba, das iſt ſtärker geweſen, als ich!“ ſagte ſie.„Ich weiß nicht, was ich empfand, als ich Eure Schweſier ſah; doch ich glaube, wenn Ihr mich nicht zurückgehalten hättet, ich wäre auf ſie zugelaufen und hätte ihren Schleier aufgehoben. Es war für mich ein Bedürfniß, ihr Geſicht zu ſehen.“ „Zum Glück war ich da,“ ſagte Gamba.„Sie hätte Euch ſtolz abfahren laſſen.“ „Was hatte ich denn?“ verſetzte Gretchen.„Es hat ſich Etwas in mir umgekehrt. Gegenwärtig kommen ſo wenig Leute ins Schloß! Herr Lothario erſcheint dort nur dann und wann, und das iſt Alles. Der Herr Graf von Eberbach nie. Und dann dieſe Frau in ſchwarzem Schleier, in Trauer, nichts ſprechend, wie eine Bilvſäule, die einherſchreitet!. Mir war, als ſähe ich die noch nicht zur Ruhe eingegangene Seele meiner theuren Chri⸗ ſtiane, welche käme, um das Schloß zu beſuchen, das ihre Liebe, ihr ganzes Glück und ihr ganzes Unglück be⸗ herbergt hat.“ Eine unvorhergeſehene Erbſchakt. Am andern Tage kam Gamba ganz traurig an den Ort, wo er ſich wieder mit Gretchen zuſammenbeſchieden Was habt Ihr denn 7 fragte ihn die Ziegenhirtin. „Wir reiſen ab,“ etwiederte er. „In einer Stunde.“ „Schon!“ rief ſie. „Ah!“ verſetzte er, Thränen in den Augen,„das iſt ein Wort, wofür ich Euch danke. ſchon für mich, als für Euch. Ach! meine Schweſter nimmt mich mit ſich fort. Aber ehe ich gehe, habe ich Euch zwei Dinge zu ſagen.“ „Erſtens habe ich eine Rechnung mit Euch in Ord⸗ nung zu bringen.“ „Eine Rechnung?“ „Eine Geldrechnung.“ Gretchen machte eine Geberde. „Wartet doch,“ ſprach Gamba. der auch Euer Großvater war, hatte ziemlich gute Ein⸗ nahmen, und da er nicht übel geizig war, ſo erfolgte, daß er einige Beutel voll in ſeinem Strohſack hinterließ Seine Erbſchaft iſt nicht weit von zehntauſend Gulden entfernt geweſen.“ „Zehntauſend Gulden!“ rief Gretchen. „Zehntauſend Gulden, von denen natürlich di Eurer Mutter zukam. Da ſie nicht anweſend war, als ſo machte mein Vater zwei Theile aus ine Taſche und fünſtauſend Doch es iſt viel mehr „Mein Großvater, der Alte verſchied, der Summe; fünftauſend in e den zerh Mei anve iſt n alſo er. ich! Zieg es n ich k will, das ßer Ich Mau werf verlo endli Dipl von in den hieden hirtin. das iſt lmehr weſter be ich Ord⸗ ßvater, e Ein⸗ rfolgte, terließ. Gulden Hälfte r, als ile aus tauſend 25 in die andere. Was er mit ſeinem Theil gethan hat, das wiſſen die Götter und die Schenkwirthe, doch was den Eurer Mutter betrifft, ſo hätte er ſich lieber in Stücke zerhacken laſſen, als daß er ihn angerührt haben würde. Mein Vater iſt dem ſeinigen gefolgt, und ich bin mit dem anvertrauten Gute allein zurückgeblieben. Eure Mutter iſt nicht da, daß ich es ihr übergeben kann; es kommt alſo Euch zu. Nehmt.“ Gamba zog aus ſeiner Taſche einen ledernen Beutel. „Die Fünftauſend find in gutem Gold darin,“ ſagte er.„Sie gehoͤren Euch... Rehmt ſie.“ Und er reichte ihr die Börſe. Gretchen ſchob ſie zurück. „Nein,“ ſagte ſie,„behaltet dieſes Geld. Was würde ich damit machen in dieſen Felſen, wo ich nur meine Ziegen kenne? Ihr, der Ihr in die Städte geht, braucht es mehr als ich.“ „Es gehört Euch,“ entgegnete Gamba. „Ich ſchenke es Euch,“ wiederholte ſie. „Ich nehme es nicht an. Ich habe mehr Geld, als ich brauche. Meine Schweſier verdient ſo viel, als ſie will, und es ſind nicht die Gulden, woran es uns fehlt, das ſage ich Euch. Hätte ich blaue Beinkleider mit wei⸗ ßer Stickerei, wie dieſe, wenn es mir an Geld mangelte? Ich könnte mich mit Gold beſchlagen laſſen, wie das Maulthier des Papſtes. Nehmt dieſen Beutel, oder ich werfe ihn in eines dieſer Löcher, wo er für alle Welt wird.“ „Wohl denn, ich nehme ihn an,“ ſagte Greichen, envlich entſchloſſen⸗ ie Und ſie nahm den Beutel. Gamba gab den Seufzer tiefer Befriedigung eines Diplomaten, dem ſeine erſte Sendung gelungen iſt, von ſich. Gretchen aber ſprach: „Ihr ſeid ein ehrlicher Junge, daß Ihr mir meinen 26 Theil aufbewahrt und mich geſucht habt. Im Ganzen wird mir dieſes Geld nützlich ſein. Ich bin, Gott ſei Dank! nicht geizig, aber ſeit einiger Zeit mache ich alle Jahre eine Reiſe nach Paris, und ſo wenig ich aus⸗ wei derf tet gebe, ſo habe ich doch Mühe, die kleine Summe zurück⸗ zulegen, die ich nothwendig brauche, um nicht Hungers zu ſterben. Ich will dieſen Beutel, den Ihr mir gebt, beim Pfarrer von Landeck niederlegen, und mit Eurer Hülfe werde ich nicht mehr nöthig haben, mich, um Geld zu verdienen, gewiſſen Dienſten und gewiſſen Verpflich⸗ tungen zu unterziehen, die mir in meiner Unabhängigkeit und in meinem leuteſcheuen Weſen läſtig waren. Ich danke.“ „Ihr geht alle Jahre nach Paris?“ fragte Gamba. 4 „Jd. „Das iſt ein drolliger Geſchmack. Ich bin nur ein⸗ mal dort geweſen, und ich verſichere Euch, daß ich keine Luſt mehr habe, je wieder einen Fuß dahin zu ſetzen. Es iſt eine ſchöne Stadt, aber es iſt eine Stadt.“ „Nicht zum Vergnügen gehe ich dahin,“ erwiederte die Ziegenhirtin. „Warum denn?“ „Aus Pflicht. Doch fragt mich nicht mehr. Das iſt mein Geheimniß. Ich kann es Niemand ſagen.“ „Nicht einmal Eurem Vetter?“ „Nicht einmal meinem Vetter. Ich ſpreche davon nur mit den Todten.“ „Nicht einmal Eurem.. begann Gamba. Doch er hielt plotzlich inne. „Meinem?“ fragte Gretchen. „Nichts,“ erwiederte Gamba ſtammelnd. Es trat ein kurzes Stillſchweigen ein. „Ihr wolltet noch von einer zweiten Sache mit mir reden?“ ſagte Gretchen. „Das iſt es gerade,“ verſetzte Gamba bewegt und verlegen,„das iſt es gerade. Ich möchte gern Worte finden, um Euch zu ſagen, was ich empfinde, aber ich Ich ſeher zu li d liebe das wir ſen. das ßes grunt nie g gekan gerüh varan nicht komm wieder wünſe ( ſagte ſchwer nzen t ſei alle aus⸗ rück⸗ ngers gebt, Furer Geld flich⸗ igkeit nke.“ mba. ein⸗ keine Es ederte Das davon it mir t und Worte er ich 27 weiß nicht wie. Es iſt das erſte Mal, daß mir das wi⸗ derfährt. Ich bin ganz, ich weiß nicht was. Ihr müß⸗ tet mir helfen.“ „Wobei?“ „Euch zu ſagen, daß„„ich Euch liebe.“ „Daß Ihr mich liebt?“ „Bei meiner Treue, ja, das Wort iſt losgeſchoſſen. Ich habe mich daran gewöhnt... Euch alle Tage zu ſehen, Euch hier, Eure Ziegen dort, ſie fingen an mich zu lieben; ſeht, hier iſt eine, die mir die Hände leckt; liebe Kleine! Wie ein Dummkopf ſtellte ich mir vor, das ſei für das ganze Leben, das werde nie endigen, und wir werden alle Tage ſo plaudern. Nun muß ich abrei⸗ ſen. Ah! der Teufel hole die Theater, die Directoren, das Orcheſter und die ganze Muſik! Ich wollte, ein gro⸗ ßes Erdbeben ſchleuderte alle Städte in den tiefſten Ab⸗ grund! Wahrhaftig, ich liebe Euch ſo ſehr, daß ich Euch nie gekannt haben möchte. Oder nein, ich will lieber Euch gekannt haben und traurig ſein. „Armer Junge!“ ſagte die Ziegenhirtin unwillkürlich gerührt. „Ihr beklagt mich,“ ſprach Gambaz„Ihr thut wohl baran. Ihr ſeid gut. So verſprecht mir, daß Ihr mich nicht vergeſſen werdet.“* „Ich verſpreche es Euch.“ „Und daß Ihr wünſchen werdet, daß ich wieder⸗ komme?“ „Ich verſpreche es Euch auch.“ „Vor Allem, wenn Ihr es wünſcht, ſo werde ich wiederkommen. Und dann ſelbſt wenn Ihr es nicht wünſchen ſolltet, käme ich dennoch wieder.“ Gretchen lächelte. „Wenn es Euch ſo viel Kummer macht, abzureiſen,“ ſagte ſie,„warum bleibt Ihr nicht?“ „Ich verdanke meiner Schweſter Alles,“ erwiederte ſchwermüthig Gamba;„ſie berlangt von mir, daß ich ſie 28 begleite und ſagt, es ſei nicht ſchicklich fuͤr ſie, daß ſie allein auf der Landſtraße herumfahre. Sie iſt reich ge⸗ nug, um Räuber aller Art in Verſuchung zu führen. Doch ſeid unbeſorgt, ich werde mich dort ungemein lang⸗ weilen; ſie wird ſehen, daß ich traurig bin, und da ſfie im Grunde gut iſt, ſo wird ſie mir erlauben, zurückzu⸗ kehren, und bin ich einmal losgelaſſen und Ihr geſtattet mir, hier zu bleiben, ſo werdet Ihr ſehen, daß ich nie mehr von hier weggehe. Dieſe Gegend gefällt mir, ich liebe die Ziegen und werde mich gern hier niederlaſſen.“ „Auf baldiges Wiederſehen alſo,“ ſprach die Ziegen⸗ hirtin, indem ſie ihm die Hand reichte. „Auf baldiges Wiederſehen, Gretchen. Oh! das Jahr wird nicht vergehen, ohne daß ich Euch um Etwas bitte. „Um was?“ „Ihr ſollt es erfahren. Ihr ſeid ſchon meine Muhmez doch doch„„ „Wir werden von Allem dem reden, wenn Ihr wie⸗ derkommt,“ unterbrach ihn Gretchen.„Doch geht zu⸗ frieden und ſeid überzengt, daß ich oft an Euch denken werde.“ „Gott befohlen,“ ſprach Gamba. Doch er ſah verlegen aus, was Greichen bemerkte. „Was habt Ihr?“ fragte ſie. „Ich habe...“ verſetzte der arme Junge,„es iſt der Augenblick gekommen, wo ich Euch verlaſſen muß, und ich möchte gern ein Andenken von Euch mitnehmen.“ „Was für ein Andenken?“ „Oh! nichts; was Ihr wollt: einen Grashalm, den Ihr gepflückt habt.“ „Nein!“ rief Gretchen verdüſtert.„Weder Kräuter, noch Pflanzen. Das würde uns Unglück bringen. Die Blumen haſſen mich und ich haſſe ſie.“ „Ihr werdet mir alſo nichts geben?“ ſagte Gamba ganz traurig. die er, eine ihr gege den iſt n Auf reich wied zähle Toch ß ſie ich ge⸗ ühren. lang⸗ da ſie ückzu⸗ ſtattet ich nie r, ich aſſen.“ iegen⸗ l das Etwas uhme; r wie⸗ ht zu⸗ denken rkte. „es iſt muß, men.“ n, den äuter, Die amba 29 „Doch! ich werde Euch etwas geben.“ „Wahrhaftig?“ „Küßt mich, mein Vetter.“ Gamba drückte kräftig ſeine entzückten Lippen auf die braunen Wangen der Ziegenhirtin. „Donner und Teufel! ich bin ſehr vergnügt!“ rief er, mit einer Thräne in den Augen. Und er ſtürzte ſich auf die Ziegen und umarmte alle, eine nach der andern. „Gott befohlen ihr auch,“ ſagte er.„Ihr ſeid gut, ihr habt eurer Gebieterin das Beiſpiel, mich zu lieben, gegeben.“ Und er wandte ſich gegen Gretchen um und ſprach: „Auf Wiederſehen! Endigen wir hiemit. Wir wür⸗ den nichts Beſſeres finden. Ich nehme das mit. Das iſt mir noch lieber als ein Grashalm. Gott befohlen... Auf baldiges Wiederſehen!“ Und er lief aus Leibeskräften, bis er außer dem Be⸗ reiche der Augen von Gretchen war. Gretchen blieb nachdenkend. „Das iſt ein ehrlicher Junge,“ ſagte ſie.„Er wird wiederkommen. Von ihm geliebt! Wollte ich und könnte ich es ſein! Gleichviel, ich konnte im Nothfall auf ihn zählen, und ich wäre nun nicht mehr allein, wenn die Tochter meiner theuren Chriſttane des Schutzes bedürfte.“ Daß die Liebe ungemein dem Haſſe gleicht. Samuel hielt vas Verſprechen, das er Julius gelei⸗ ſtet: er quartierte Friedrike und Frau Trichter in einem Zimmer des Geſandtſchaftshotels ein und ſchlief ſelbſt in einem an das Zimmer des Kranken anſtoßenden Cabinet. Beide verließen Julius nicht. Der Graf von Eberbach machte alle Wechſelfälle der Verſchlimmerung und der Beſſerung durch. Samuel ver⸗ zweifelte mehrere Male an ſeinem Leben, dann ſchien die Krankheit beſiegt, dann gewann ſie wieder die Oberhand. Acht Tage lang blieb Julius im Bette, gerettet am Morgen, verloren am Abend. Am achten Tage trat eine merkliche Beſſerung ein. An dieſem Tage ſollte zum dritten Mal eine Con⸗ ſultation der vier bis fünf großen Aerzte, welche Paris immer zählt, ſtattfinden. Es war ein wenig über Mittag Im Zimmer des Kranken, ließ dieſen Friedrike, über ſein Kopfkiſſen ge⸗ neigt, eine Taſſe Tiſane trinken. Samuel ſaß am Fuße des Bettes und beobachtete. Beobachtete er nur die Krankheit? Julius gab die Taſſe Friedrike zurück und dankte ihr mit einem gerührten Blick. „Nun,“ fragte ſie ihn,„ſinden Sie das gut? Thut Ihnen das wohl? Fühlen Sie ſich beſſer?“ „Ja,“ antwortete der Graf von Cberbach,„das iſt iſt gut, wie Alles, was von Ihnen kommt. Was mir aber am meiſten wohl thut, iſt nicht Ihre Tiſane, ſon⸗ dern Ihre Gegenwart. Seien Sie unbeſorgt, Sie werden mich herausreißen. Bei Ihrem Eintritt hier haben Sie das Mittel gefunden, mir zweimal das Leben zu retten⸗ t. geloi⸗ inem ſt in binet. le der lver⸗ n die hand. t am ein. Con⸗ Paris r des n ge⸗ htete. ankte Thut as iſt mir ſon⸗ erden Sie etten. 31 Ich werde leben, und geſchähe es nur, damit nicht ſo viel reizende Fürſorge rein ohne allen Nutzen wäre, und ich fühle auch mich genöthigt, aus Danköarkeit wieder auf⸗ zuerſtehen.“ „Sprechen Sie nicht ſo viel,“ erwiederte Friedrike, „beſonders nicht, um ſo übertriebene Dinge zu ſagen.“ Samuel beobachtete immer mit jenem tiefen, uner⸗ forſchlichen Blick, der ihm eigenthümlich war. In dieſer Minute trat Lothario ein. Er grüßte ernſt und falt Friedrike, die ſeinen Gruß mit einer nicht minder ceremoniöſen Verneigung erwie⸗ derte. Er drückte ſeinem Oheim die Hand und ſprach dann ein leiſes Wort zu Samuel. „Ah!“ ſagte Samuel laut,„die Aerzte erwarten uns.“ „Warum haſt Du ſie noch einmal kommen laſſen? um uns zu ſtören?“ fragte Julius.„Ich habe nur Ver⸗ trauen zu Dir, und Du würdeſt mir allein genügen. Ue⸗ berdies kommen ſie zu ſpät. Ich bin geheilt.“ uß„Damit ſie mir das ſagen, habe ich ſie kommen aſſen.“ „Da ſie einmal hier ſind, führe ſie ein, und hiemit ſei es vorbei,“ erwiederte Julius. „Ich gehe,“ ſprach Friedrike. Und ſie machte einen Schritt nach der Thüre. „Nein, bleiben Sie,“ verſetzte Julius.„Ich will, daß Sie bleiben. Wäre meine Geſundheit nicht gegen⸗ wärtig, wenn ſie mich unterſuchen, ſo würden ſie mich krank finden und mir die verdrießlichſten Mittel ver⸗ ordnen.“ „Nun, ſo will ich hier verweilen,“ erwiederte Friederike. ie kniete an einem Betpulte nieder, das halb durch das Bett verborgen war. Samuel öffnete die Thüre und ließ die Aerzte ein⸗ treten. Er erzählte ihnen die neuen Phaſen der Krankheit 32 von Ju lius ſeit ihrer letzten Anweſenheit. Dann befrag⸗ ten und unterſuchten ſie den Kranken ſelbſt. Nach einer halben Stunde zogen ſich die Aerzte und Sa⸗ muel wieder in den Salon zurück, um ſich zu berathen. Friedrike und Lothario blieben allein bei Julius. Es herrſchte einen Augenblick tiefes Stillſchweigen, und der Blick von Julius ging nachdenkend von dem jun⸗ gen Mann zu dem Mädchen über. „Friedrike!“ rief er. Sie ſtand vom Betpulte auf, lief herbei und fragte: „Nun! haben ſie zufrieden ausgeſehen?“ „Oh! es handelt ſich nicht um dieſes!“ erwiederte Julius.„Wir haben den ganzen Tag Zeit, von meiner Krankheit und von mir zu reden. Doch da wir uns eine Minute alle Drei beiſammen finden, ohne daß uns Je⸗ mand hört, ſo muß ich Euch etwas ſagen, was ich auf dem Herzen habe. „Was iſt das?“ verſetzte Friedrike. „Ich will Euch Beide, meine Kinder, fragen, was Ihr gegen einander habt.“ „Was ich gegen Herrn Lothario habe?“ rief Fried⸗ rike verwirrt. „Ich habe nichts gegen Fräulein Friedrike,“ ant⸗ wortete Lothario ſehr kalt. „Ich erinnere mich einer Zeit, und das iſt keine zehn Jahre her, wo, nachdem er Friedrike nur ein einziges Mal erſchaut, Lothario von ihr mit einer enthuſiaſtiſchen Bewunderung ſprach. Sich ihr nähern, mit ihr reden ſie nur ſehen, war ein Streben nach etwas Unerreichbarem Nun! mein lieber Lothario, ſie iſt gekommen, Du fiehl ſie, Du ſprichſt mit ihr, und, ſtatt entzückt und ſtrahlen zu ſein, biſt Du düſter geworden, Du gehſt hinaus, wen ſie eintritt, Du beobachteſt eine feindliche Zurückhaltung Was hat ſie Dir zu Leide gethan? Sie hat mich gepf mic Loth reize nich alle aber zur Dis ſchen iſt. beha wart Ihr, Zwa ruhig Ihr! geger die z muß mir was „da dürfen nicht gezien ſein: Got befrag⸗ d Sa⸗ then. . veigen, m jun⸗ und iederte meiner ns eine 16 Je⸗ ch auf , was Fried⸗ ant⸗ ne zehn inziges iſche reden, barem fiehſ ahlen „wen altung mich 33 gepflegt und geheilt! Lohnſt Du ihr ſo? liebſt Du mich ſo?“ „Sie täuſchen ſich, mein lieber Oheim,“ erwiederte Lothario;„ich finde Fräulein Friedrike immer von einer reizenden Schönheit und Anmuth, und es iſt ſicherlich nicht der Dienſt, den ſie uns geleiſtet hat, den ſie uns alle Tage leiſtet, was mich gegen ſie kalt machen würde; aber das iſt kein Grund, um ſie mit meiner Bewunderung zur Unzeit zu beläſtigen.“ „Es liegt in der Zurückhaltung etwas Anderes, als Discretion,“ entgegnete Julius,„und es muß etwas zwi⸗ ſchen Euch vorgefallen ſein.“ „Ich ſchwöre Ihnen, es iſt nichts vorgefallen.“ „Durchaus nichts,“ wiederholte Friedrike. „Friedrike iſt nicht gegen Dich, wie ſie gegen Jedermanu iſt. Ihr, die ſo gut, ſo freundlich, ſo herzlich, ſcheint es un⸗ behaglich in Deiner Gegenwart, wie Du in ihrer Gegen⸗ wart beengt biſt. In dieſem Augenblick ſogar, glaubt Ihr, Ihr ſehet Beide natürlich aus? Ihr thut Euch Zwang an und Ihr überdeckt das mit einem würdigen und ruhigen Anſchein. Doch im Grunde iſt irgend Etwas, was Ihr vor mir verbergt. Höret, meine Kinder, es iſt nicht gut gegen mich, der ich krank bin und Euch Beide liebe, ſo die zwei Hälften meines Herzens zu trennen. Dahinter muß ein Mißverſtändniß ſtecken. Ihr werdet Euch vor mir erklären und Euch ausſöhnen. Auf, ſagt mir ſogleich, was Ihr habt.“ „Wir haben nichts,“ erwiederte Friedrike. „Wir können uns nicht verſöhnen,“ ſprach Lothario, „da wir nicht auf einander erzürnt ſein können und dürfen.“ „Wenn Ihr nicht erzürnt ſeid, warum ſehe ich Euch nicht freundlich und heiter, wie es fich für Euer Alter geziemt? Ihr habt alſo keinen Grund, verdrießlich zu ſein und lange Geſichter zu ſchneiden. Die Geſundheit, Gott lenkt. M. 3 die bei mir wiederkehrt, iſt kein genügendes Motiv, um Eure Traurigkeit auszudrücken. Oder ſoll ich glauben, daß man mir meinen wahren Zuſtand verbirgt, und daß ich mehr in Gefahr bin, als man mir ſagt und als ich mir einbilde?“ 6„O51 Sie ſind gerettet, mein Oheim!“ rief Lo⸗ ariv. „Nun! wenn die Traurigkeit bei Euch Beiden nicht von mir kommt, ſo kommt ſie von Euch. Ich fordere Euch alſo zum letzten Mal auf, Euch zu verſöhnen und Euch vor mir einen ewigen Händedruck zu geben. Das⸗ jenige von Euch, welches mich am meiſten liebt, biete zuerſt die Hand. Friedrike, Sie ſind die Beſte; werden Sie anfangen?“ Friedrike machte eine Bewegung, als wollte ſie ihre Hand reichen, und hielt ſich dann wieder zurück. Welches Gefühl ſie auch im Grunde ihres Herzens hegte, es be⸗ ſtand ſeit der Unterredung, die ſie mit Samuel gehabt, eine unüberſteigbare Schranke zwiſchen ihr und Lothario. Wozu, und wäre es auch nur mit einer Geberde, einen Traum ermuthigen, der ſich nicht verwirklichen ſollte 2 Es war beſſer, ſogleich damit ein Ende zu machen, es war vernünftiger, und auch mildherziger, ihn von Anfang an nicht entſtehen zu laſſen, als ihn ſpäter zu tödten. Si wollte weder Lothario, noch ſich ſelbſt Hoffnung geſtatten. „Ich bitte Sie darum, Friedrike,“ wiederholte der Graf von Eberbach. „Herr Lothario hatte ſo eben Recht,“ antwortete ſie, „man verſöhnt ſich nur, wenn man entzweit iſt.“ „Sie will nicht anfangen,“ ſprach Julius, ſich gegen Lothario umwendend,„und ſie thut wohl daran. Es iſt offenbar an Dir, ſie um Verzeihung zu bitten und zuerſt zurückzukommen. Auf, Lothario, beweiſe, daß Du etwas für mich zu thun weißt.“ fint Lot mit ſie rike war Fre gew er i das er ſ chen Gei nicht was und ſehen es ül um uben, daß s ich Le⸗ nicht rdere un Das⸗ biete erden e ihre elches s be⸗ habt, hariv. einen Ulte 2 n, es nfang ödten. fnung te der te ſie, gegen Es iſt zuerſt etwas 35 Lothario wagte es nicht, die Augen zu ſeinem Oheim aufzuſchlagen, aus Furcht, einem Blick nicht widerſtehen zu können. „Mein lieber Oheim,“ ſagte er,„die Aerzte bleiben lange aus; erlauben Sie mir, zu ihnen zu gehen. Sie werden mir nicht böſe ſein, wenn mich dieſe Conſultation mehr als die ganze Welt intereſſirt.“ Und er durchſchritt das Zimmer und ging haſtig hinaus. Julius ſiel entmuthigt auf ſein Bett zurück und kehrte den Kopf gegen die Wand⸗ Was konnte zwiſchen Lothario und Friebrike ſtatt⸗ finden? was konnte vorgegangen ſein in der Seele von Lothario, der nun ſo kalt gegen diejenige, von welcher er einſt mit ſo viel Wärme und Begeiſterung ſprach? Liebte er ſie und war er eiferſüchtig? Mißfiel ihm die von Fried⸗ rike einem Kranken geſpendete Pflege? Sah er ſeinen Oheim wie einen Andern an? Oder war es nicht der Verliebte, der in ihm litt, war es etwa der Erbe? Der ploͤtzliche Eintritt einer Fremden in die Zuneigung des Oheims, deſſen Vermögen gewiſſer Maßen ihm gehorte, beunruhigte und erſchreckte er ihn in ſeinen Hoffnungen? Wurde er, der bis jetzt das einzige Kind von Julius geweſen, nicht gepeinigt, da er ſah, wie plötzlich ein beinahe unbekanntes junges Mäd⸗ chen zu ihm ſagte: theilen wir? Lothario hatte jedoch nie Hang zur Habgier und zum Geiz gezeigt. Doch das war kein Grund. Julius hatte zu viel mit den Menſchen und dem Leben verkehrt, um nicht zu wiſſen, daß es am häufigſten die Gelegenheit iſt, was den Charakter macht, und daß die Inſtinkte, Allen und ſelbſt denjenigen, welche ſie haben, unbekannt, unber⸗ ſehens auftauchen, wenn ihre Intereſſen bedroht ſind. Gibt es übrigens wirklich, fragte er ſich, Herzen, welche edel und feſt genug ſind, um den Reichthum wohlfeil zu über⸗ laſſen? Die ſtärkſten Naturen zerſchmelzen wie der Schnee 36 in den Strahlen der Louis d'or. Alle Menſchen ſind gleich vor dem Geld. Ohne Zweifel kam Alles hievon her. Lothario hatte Friedrike in Menilmontant erblickt, er hatte ſie ſchoͤn ge⸗ funden, er hatte mit Bewunderung von ihr geſprochen, wie ein junger Menſch mit Bewunderung von jeder hüb⸗ ſchen Frau ſpricht, die er getroffen, und dann hatte er nicht mehr an ſie gedacht. Und dieſer flüchtige, augen⸗ blickliche Eindruck hatte nicht Stand gehalten gegen die Sorge, Friedrike bei ſeinem Oheim eingeführt, feſtgeſtellt und bereit zu ſehen, ihm die Hälfte ſeiner Erbſchaft ſtrei⸗ tig zu machen. Und die arme Friedrike hatte dieſen Umſchlag zu er⸗ dulden gehabt. Der Anſtrengung, den Oheim zu pflegen, fügte ſich die üble Laune des Neffen bei. Julius war ihr zu neuem Danke verpflichtet. Er wandte ſich gegen ſie um und ſagte: „Meine gute Friedrike, verzeihen Sie mir das ver⸗ drießliche Weſen von Lothario. Seien Sie gegen ihn, wie es Ihnen beliebt, Sie ſind hier zu Hauſe, und Sie ſollen ſich in keiner Hinſicht Zwang anthun. Allerdings hätte ich gewünſcht, daß alle diejenigen, welche ich liebe, ſich lieben könnten, doch es ſoll nur das ſein, was Sie wünſchen. Und in jedem Fall dürfen Sie ſich überzeugt halten, daß ich Ihnen deshalb nicht grollen werde, und daß ich Ihnen Niemand vorziehe.“ „Legen Sie kein Gewicht, mein Herr, auf die Art, wie ſich Herr Lothario mir gegenüber benehmen mag,“ erwiederte ſie ein wenig traurig, aber ruhig.„Ich ver⸗ lange von ihm nur das, was er mir gibt, und ich weiß ihm Dank, daß er gegen mich in den Grenzen der Artig⸗ keit und Zurückhaltung bleibt; er iſt mir nicht mehr ſchul⸗ dig. Wenn ich hier bin, ſo iſt es nicht ſeinetwegen, das weiß er wohl, ſondern Ihretwegen;z und für die Pflege⸗ die Sie mir Ihnen zu geben erlauben, bin ich genug zur den mit kan atte ge⸗ hen, hüb⸗ te er gen⸗ die ſtellt ſtrei⸗ uer⸗ egen, r ihr ver⸗ ihn, Sie dings liebe, Sie rzeugt , und e Art, mag,“ h ver⸗ weiß Artig⸗ ſchul⸗ n, das Pflege⸗ genug 37 durch das Vergnügen bezahlt, mit dem ich ſie Ihnen ebe.“ „Theures Mädchen!“ rief Julius. „Glauben Sie mir, was ich Ihnen ſage,“ fuhr Fried⸗ rike fort;„ich habe mich gleich von Anfang auf eine natürliche Weiſe zu Ihnen von einer tiefen Zuneigung, die ſich ſelbſt belohnt, hingezogen gefühlt. Ich bin nie ſo glücklich geweſen, als ſeitdem ich das Glück gehabt habe, Ihnen zu dienen und Ihnen ein wenig nützlich zu ſein.“ Worten wie dieſe, Friedrike, haben Sie mich geheilt.“ „Herr Lothariv hat mir weder zu danken, noch mich zu lieben. Ich habe nicht für ihn gehandelt; ich habe nur für Sie und für mich gehandelt.“ „Ah!“ dachte Julius,„ſie lieben ſich nicht, und es iſt nicht die Eiferſucht von Lothario, was leidet. Es iſt alſo ſeine Habgier. O elende menſchliche Natur!“ Und dennoch zweifelte Julius; er wollte noch zweifeln. Die Thüre öffnete ſich; Samuel und Lothario kehrten zurück. Samuel war ganz freudig. „Gerettet,“ ſagte er.„Die Aerzte ſind ſehr zufrie⸗ den geweſen.“ „Sehr zufrieden mit dem Kranken und ſehr zufrieden mit dem Arzt,“ fügte Lothario bei.„Herr Samuel Gelb kann Ihnen nicht fagen, welche Complimente ſie ihm über die Art, wie er Sie behandelt hat, machten; aber ich ſage es Ihnen.“ „Ich bedurfte nicht der Anſicht der Aerzte, um zu wiſſen, was ich Alles der aufopfernden Ergebenheit und der Wſenſcht von Samuel zu verdanken hatte,“ verſetzte Julius. „Wir ſtehen für Dein Leben,“ ſagte Samuel, der dem Geſpräch eine andere Wendung geben wollte.„Es iſt jetzt nur noch eine Sache der Geduld. Die Aerzte haben geäußert, die Geneſung werde wahrſcheinlich ſehr 38 lange dauern. Man wird ſehr viel Schonung, ſehr viel Zeit und ſehr viel Sorgfalt brauchen, um Dich wieder zu erneuern und dieſe durch Deine zügelloſe Gleichgültigkeit in Betreff Deines Lebens erſchöpfte Geſundheit wieverher⸗ zuſtellen.“ „Oh! nun kann ich warten,“ ſagte Julius.„Ich werde Euch Alle haben, um mir leben zu helfen.“ „Sie werden Herrn Samuel und Fräulein Friedrike haben,“ verſetzte Lothario. „Und Dich auch, Lothario! ich zähle Dich, glaube mir.“ muel und Fräulein Friedrike im Hotel zu wohnen ein⸗ gewilligt haben, bin ich Ihnen viel weniger nothwendig.“ „Was willſt Du vamit ſagen?“ fragte der Graf von Eberbach.„Ah! es iſt ſicher,“ dachte er;„ich hatte Recht mit meinem traurigen Verdacht.“ 3 „Mein lieber Oheim,“ fuhr Lothario nicht ohne eine ſichtbare Verlegenheit fort,„ich bin nun, Gott ſei Dank, über Ihr theures Leben völlig beruhigt. Wir müſſen ein wenig an die Angelegenheiten denken, die wir ſeit acht Ta⸗ gen bedeutend vernachläßigt haben. Nichtsdeſtoweniger habe ich, wie Sie ſich vielleicht erinnern, vorgeſtern mit einem Worte die Nothwendigkeit berührt, eine ſichere Per⸗ ſon nach Berlin zu ſchicken.“ „Vollende,“ ſagte Julius. „Nun, mein Oheim, Sie find wiederhergeſtellt. Sie ſind nicht allein; wenn ich nicht da hin, werden Sie noch mehr umgeben ſein, als Sie es ſeit vielen Jahren geweſen ſind„ „Du willſt reiſen?“ unterbrach ihn Julius. „Ich bin Ihnen nicht unentbehrlich hier, und ich werde Ihnen dort nützlich ſein.“ „Ich mache mir viel aus Berlin!“ erwiederte Ju⸗ i „Aber die Angelegenheiten gebieten es!“ „Oh! ich,“ erwiederte Lothario,„ſeitdem Herr Sa⸗ lius.„Du ſollſt mich nicht verlaſſen!“ — S 8 e% ſa D S es ich mi ein auf füh rio von der unr Ber füh ande chen bleib wart viel er zu igkeit rher⸗ „Ich edrike laube Sa⸗ ein⸗ dig.“ Graf hatte eine ank, nein Ta⸗ niger mit Per⸗ tellt. Sie hren 39 „Es gibt keine Angelegenheit, die uns gebieten ſoll,“ entgegnete Julius.„Auch gedenke ich, leidend, wie ich bin, meine Entlaſſung zu nehmen. Ich liebe Dich mehr als meinen Botſchafterpoſten.“ „Mein guter Oheim, ich bin tief gerührt von all Ihrer Güte, doch ich kann dieſes Opfer nicht annehmen. Erlauben Sie mir, Ihnen zu wiederholen, daß dieſe Ab⸗ reiſe durchaus weſentlich iſt. Uebrigens werde ich nicht länger als vierzehn Tage abweſend ſein.“ „Ich bedarf aber Deiner hier. Wie wird die Ge⸗ ſandtſchaft, da Du hievon ſprichſt, ohne Dich gehen?“ „Herr Samuel, der uns ſeit drei Monaten ſo viele Dienſte geleiſtet hat, iſt nun vertraut genug mit der ache, um meine Stelle nützlicher zu verſehen, als ich es ſelbſt thun würde.“ „Sprich mit ihm, Samuel,“ fagte Julius;„denn ich, ich habe nicht die Kraft, zu kämpfen; und ich bin mit meinen Bitten zu Ende.“ Samuel hatte dieſen ganzen Streit angehoört, ohne ein Wort zu ſprechen; aber ein unmerkliches Lächeln, das auf ſeinen Lippen ſchwebte, ſagte genug, daß er das Ge⸗ fühl von Lothario begreife. Bei dem erſten Worte von einer Abreiſe, das Lotha⸗ rio fallen ließ, hatte ein Blitz der Freude in den Augen von Samuel gezuckt. Ohne Zweifel war er glücklich, daß der junge Mann, der Friedrike liebte, ihn von einer be⸗ unruhigenden Nebenbuhlerſchaft befreite. Mehr noch, das Bedürfniß, ſich von Frievrike zu entfernen, das Lothario fühlte, war der beſte Beweis, daß er mit ihr uneinig. Vielleicht diente die Abweſenheit von Lothario auch andern Plänen, von denen Samuel mit Niemand geſpro⸗ chen hatte. Samuel drang alſo durchaus nicht in Lothario, zu eiben. „Herr Lothario weiß beſſer als wir, wo ſeine Gegen⸗ wart am Nothwendigſten iſt,“ ſagte er.„Es iſt gewiß, daß, wenn ſeine Reiſe Deine Entlaſſung von der Geſandt⸗ ſchaft verhindern ſoll, eine Trennung von vierzehn Tagen nicht von einer ſo großen Bedeutung iſt, daß Du deßhalb auf die Dienſte verzichteſt, die Du Deinem Lande leiſten kannſt. Friedrike und ich, wir machen uns verbindlich, unſere Sorgfalt, ich als Seeretaire, ſie als Krankenwärterin, zu verdoppeln und Alles, was von uns abhängt, zu thun⸗ vamit Dir Niemand fehlt.“ „Du beharrſt dabei, daß Du mich verlaſſen willſt, Lothario?“ ſagte Julius. „Es muß ſein, mein Oheim.“ „Sage, Du wolleſt es, das wird mehr der Wahr⸗ heit entſprechen. Es iſt alſo nichts vollſtändig, jede Freude verunglückt, und Du verdirbſt mir meine Gene⸗ ſung. Doch handle nach Deinem Willen.“ „Ich danke, lieber Oheim.“ „Er dankt mir für meinen Kummer! Und wann willſt Du abreiſen?“ „Ze ſchneller ich abreiſe, deſio ſchneller werde ich zurückgekehrt ſein.“ „Du reiſeſt heute?“ „Ich reiſe auf der Stelle!“ „Bott vefohlen!“ ſprach Julius betrübt und unfähig, länger zu widerſtehen. In dieſem Augenblick fuhr ein Wagen in den Hof und man hörte ein Klatſchen mit der Peitſche. „Da find die Pferde,“ ſagte Lothariv. „Schon!“ rief Julius.„Du warſt alſo zum Vor⸗ aus entſchloſſen?“. „Es iſt das Intereſſe von Jedermann hier, daß ich reiſe,“ erwiederte Lothario.„Als die Aerzte vorhin er⸗ ne Sie ſeien außer Gefahr, ließ ich die Pferde be⸗ ellen.“ „Lebe wohl alſo, Lothario,“ ſagte Julius. „Gott befohlen, mein Oheim,“ ſprach Lothario. Und er umarmte ſeinen Oheim voll Innigkeit — ab aut die der indt⸗ agen halb iſten nſere , zu hun, illſt, zahr⸗ jede ene⸗ wann e ich ähig, Hof Vor⸗ ß ich n er⸗ e be⸗ 41 Dann grüßte er Frſebrike kalt. Aber ſie ſah wohl, daß er ganz bleich war. „Leben Sie wohl, mein Fräulein,“ ſagte er. Die Stimme fehlte ihm; er reichte Samuel die Hand. „Oh! ich,“ ſprach Samuel,„ich begleite Sie bis zum Wagen.“ Und ſie gingen Beide ab und ließen Julius düſter und Friedrike mehr bewegt, als ſie es hätte geſtehen mögen, zurück. Schwierigkeit, zu geben. Drei Monate nach der Scene, die wir ſo eben er⸗ zählt haben, im Anfang des Monats Auguſt 1829, plau⸗ derte der Graf von Eberbach, halb auf einer Chaiſe⸗ longue ausgeſtreckt, mit Friederike, welche in dieſem Augenblick allein in ſeinem Zimmer war. Die dichten, geſchloſſenen Vorhänge ließen nur ſtellen⸗ weiſe dünne Fädchen von der Auguſtſonne eindringen, welche man außen heiß und brennend fühlte. Wie es Samuel Gelh und die zur Conſultation be⸗ rufenen Aerzte vorhergeſagt haiten, währte die Geneſung von Julius lange, ſo lange, daß ſie nach Verlauf von drei Monaten noch nicht vollſtändig war. Julius fing indeſſen an wieder aufzuſtehen; er war aber ſo ſchwach, ſo kraftlos, daß er erſt zweimal hatte ausfahren können, und daß man ſogar genöthigt geweſen war, ihn beinahe ſogleich wieder zurückzubringen, da er die Erſchütterungen durch das Pflaſter und das Geräuſch der Straße nicht hatte aushalten konnen. Er vermochte kaum einige Augenblicke zu ſtehen und hatte nicht ſo bald ſein Bett verloſſen, als er ſich wieder nach demſelben zu⸗ rückſehnte. Samuel verbot ihm ſtrenge alle Reizmittel, die ihm, um ihm eine ſcheinbare Kraft zu verleihen, die wirkliche Kraft benommen hätten. Julius gehorchte den Vorſchrif⸗ ten von Samuel, denn nun, mochte er, da er den Tod von Nahem geſehen, dieſen zu fürchten angefangen haben, oder hatte ihn irgend eine Zuneigung, ſeine Seele er⸗ neuernd, wieder an das Daſein gefeſſelt; nun hing er in der That am Leben, und er that Alles, um zu leben. Er, der vorher ſo ſehr nach dem Grabe verlangt, hatte Augenblicke der Ungeduld und des Zornes gegen die unüberwindliche Ohnmacht, die ihn an einen Krankenſtuhl feſſelte und aus ſeinem Zimmer, ſo zu ſagen, eine Anlage des Grabes machte. Und weder er, noch Samuel konnten den Augenblick vorherſehen, wo er dieſe ſeltſame Schwäche zu überwinden im Stande wäre! Eines gab ihm Muth: die Gegenwart von Friedrike. Denn Lothario war leider noch abweſend, und ſeine Briefe rt ſeit drei Monaten ſeine Rückkehr von Woche zu Woche. Doch während der abgelaufenen drei Monate hatten ſich die rührende Sorgfalt und die kindliche Ergebenheit des blonden Mädchens nicht einen Augenblick verleugnet. Um Lothario zu erſetzen, hatte ſich Friedrike verdoppelt. Es war etwas Reizendes, dieſes friſche, lebendige Weſen, das ſich an den bleichen, ſterbenden jungen Greis ver⸗ ſchwendete, dieſe Lebensquelle, die ſich im Ueberfluß auf eine mehr als zur Hälfte vertrocknete Organiſation ergoß, dieſe Jugend, welche in das Zimmer mehr Leben und Ge⸗ ſundheit ausſtrömte, als die Krankheit daraus nehmen konnte. Jeden Tag offenbarten ſich noch nicht enthüllte Sei⸗ ten der Seele von Friedrike vor den entzückten Augen bei a zu⸗ hm, iche rif⸗ Tod en, er⸗ in ngt, die tuhl age lick den ike. iefe zu tten heit net. elt. ſen, ver⸗ auf oß, Ge⸗ men Sei⸗ gen 43 von Julius. Bis jetzt niedergehalten durch die bittere und ſtrenge Ironie von Samuel, erſchloß ſich das unſchul⸗ dige, gläubige Geſchoͤpf beſſer bei der zarten und ein we⸗ nig ſchwachen Güte des Grafen von Eberbach. Sie konnte in ihre Zuneigung für ihn die Protection legen, welche die Frauen ſo ſehr lieben. Sie lieh ihm ihren Arm beim Gehen, ſie las ihm vor; er aß nur mit Appetit, was ſie ihm vorlegte. Ste fühlte ſich nothwendig, ein Vorrecht, das ſchlechte Herzen mißbrauchen, um ſich theurer zu ver⸗ kaufen, während es gute Herzen benützen, um ſich mehr hinzugeben. An dieſem Tag, wie an den andern, war Friedrike beim Grafen von Eberbach, aufmerkſam auf ſeine gering⸗ ſten Wünſche, ſeine Kiſſen ordnend, ſeine Bedürfniſſe in ſeinen Augen beſpähend. „Werden Sie heute ausfahren, Herr Graf?“ fragte das Mäbchen. „Wenn ich die Kraft dazu habe,“ antwortete Julius; „ich werde aber warten, bis ſich die Hitze des Tages ein wenig gemildert hat, denn dieſe Sonne iſt ſchwer zu er⸗ tragen. Doch ſeien Sie unbeſorgt, meine liebe Friedrike, ich fühle, daß ich mich im Grunde wieder erhole. Ihre Mühewaltungen werden ein Ziel haben. Sie ſind ſo freundlich und gut gegen mich, daß ich undankbar wäre, wenn ich nicht völlig und bald geneſen würde.“ ich Ihnen etwas vorleſen? Sie langweilen „Ich langweile mich nie, wenn Sie da find, Fried⸗ rike. Ich wundere mich nicht mehr, daß ich mich ſo lange gelangweilt habe; ich kannte Sie nicht. Doch wenn Sie dieſe Gefälligkeit haben wollten, ſo fahren Sie in der Leſung fort, die Sie geſtern begonnen. Ich habe immer Geſchmack für die Dichter gehabt, doch mir ſcheint, ich e dieſelben erſt vollſtändig, ſeitdem Sie mir dieſel⸗ en leſen.“ Friederike nahm einen Band von Göthe, der auf 44„ einem Tiſche lag, und ſetzte ſich dann wieder zum Grafen von Eberbach. Sie öffnete das Buch und wollte eben zu leſen an⸗ fangen, als Samuel eintrat. Er hatte in der Hand eine kleine Phiole, die er auf den Kamin ſtellte. „Ah! Du hier,“ ſagte Julius. „Ja,“ erwiederte Samuel.„Und ich bringe Dir eine Neuigkeit.“ „Eine Neuigkeit, die mich betrifft?“ „Eine Neuigkeit, die alle Welt betrifft.“ „Was iſt es?“ „Das Miniſterium Martignae iſt entſchieden gefallen. Das Miniſterium Polignae erſetzt es. Die Ernennung wird morgen im Moniteur erſcheinen.“ „Das iſt Deine ganze Neuigkeit?“ verſetzte Julius, ſcheinbar gleichgültig. „Teufel! wenn Du andere brauchſt, biſt Du ſehr ſchwierig. Das iſt ganz einfach der Anfang des Kriegs. Die Herausforderung von Seiten des Königs iſt ſchlimm für ihn! Siehſt Du, dieſe Ernennung wird vom 8. Au⸗ guſt 1829 datirt ſein; nun! ohne daß ich ein großer Zauberer bin, wette ich mit Dir, daß am 8. Auguſt 1830 Carl X. nicht mehr auf dem Throne ſitzt. Die Abdan⸗ kung des Miniſteriums Martignac iſt die Entlaſſung des Königthums.“ „Was geht das mich an?“ erwiederte Julius.„Ich bekümmere mich nicht mehr um die Politik und habe über viel ernſtere Dinge mit Dir zu reden.“ Friedrike ſtand auf. „Ich laſſe Sie allein,“ ſagte ſie. „Ja, erlauben Sie mir, daß ich Sie wegſchicke, meine theure Tochter,“ ſprach Julius lächelnd.„Ich habe mit Samuel über Dinge zu ſprechen, welche zu ſehr Sie betreffen, als daß Sie dieſelben hören dürften. Doch Sie können ohne Bedauern weggehen, denn glauben Sie —— — =„„——— eine llen. ung ius, ſehr egs. imm Au⸗ oßer 830 dan⸗ des „Ich über icke, „Ich ſehr Doch Sie 4⁵ mir, Sie werden nicht aus unſerer Unterredung ab⸗ weſend ſein.“ Als Friedrike teggegangen war, öffnete Samuel die Phiole, die er gebracht hatte, leerte ſie in ein Glas, ging auf Julius zu und ſagte: „Trink.“ Julius nahm das Glas. „Was iſt denn das,“ fragte er,„dieſes ſeltſame Elirir, das Du mich ſeit einigen Tagen nehmen läſſeſt, und das, wie mir ſcheint, in meinen Adern das Wenige von Wärme, was mein Bluk noch darin bewahrt, ge⸗ frieren macht?“ „Trink, ſage ich Dir, Kind, das ſich vor einer Arznei ſträubt, die es nehmen ſoll. Dein verbranntes Blut hat nöthig, daß ich es abkühle, es kann ein wenig Belebung nur in ber Erſtarrung erlangen, wie man ſich nach einer Nacht der Orgie im Schlafe wiederherſtellt. Es iſt der Saft von einer Pflanze, die ich in Indien entdeckt habe: er beſitzt eine unglaubliche wiedererſetzende Macht. Der Trank, den ich Dir hier reiche, erhält das Blut in einer Art von eiſigen Kälte. Doch, was Teufels! Du haſt nicht nöthig, muthwillig und jung zu ſein! Wenn Du nur lebſt! Du verlangſt nicht von mir, daß ich Dir Deine zwanzig Jahre wiedergebe; ich verſpreche Dir, ein Dutzend beizufügen.“ „Ein Duzend Jahre?“ verſetzte Julius.„Das iſt mehr als ich fordere und als ich hoffe, und gerade hier⸗ über will ich an Dich eine für mich feierliche Frage ſtellen.“ Er trank und fuhr dann fort: „Höre, Freund, ich bin ein Mann und wir find allein. Du kennſt mich genug, um zu wiſſen, daß ich fähig bin, Alles zu horen. Ich wünſche und will alſo, daß Du mir meinen wahren Zuſtand ſagſt.“ „Du kennſt ihn ja.“ „Nein. Deine Freundſchaft für mich hat Dich bis jetzt immer angetrieben, mir die Zukunft ſchön zu zeigen, 46 mir nur von guten Ausſichten zu reden, mir Alles zu 2 verſprechen. Doch ſiehſt Du, 3 fürchte nur Eines: un⸗ 2 verſehens gepackt zu werden, plötzlich hinzuſcheiden, ohne das Bewußtſein davon zu haben. Du biſt ein zu großer W Arzt, um nicht ungefähr auf eine Woche die Augenblicke 2 zu kennen, die mir gezählt ſind. Nun denn, ich frage ſi Dich, ich verlange es als einen Dienſt von Dir, daß Du⸗ de mir die ganze Wahrheit offenbarſt.“ „Du willſt es?“ verſetzte Samuel zögernd. Lo „Ich will es und ich bitte Dich darum. Und Eines, de was Dir jedes Bedenken nehmen wird, iſt, daß, was Du 3 mir auch ſagen magſt, Du mir nichis Schlimmeres ſagen tr wirſt, als ich mir ſelbſt ſage. Dieſe Ohnmacht, die ich ge nicht beſiegen kann, ſetzt mich hinreichend in Kennitniß. ſa Ich verſuche es von Zeit zu Zeit, von meinem Bett und ha von meinem Lehnſtuhl aufzuſtehen und mich gerade zu halten, doch ich falle ſehr ſchnell wieder zurück. Die erſ horizontale Lage iſt ſchon eine Gewohnheit für mich. N Von da bis zum Grabe iſt es nicht mehr fern. Laß hören, mein alter Kamerad, im Namen unſerer Kindheit 6 und unſerer Jugend, wie viel bleiben mir noch Minuten?“ 33 „Verlangſt Du die volle Wahrheit?“ wiederholte Samuel. „Die volle Wahrheit,“ erwiederte Julius. 1 „Nun denn, das Wahrſcheinliche, doch bedenke, daß 3 häuſig das unwahrſcheinliche geſchieht, das Wahrſchein⸗ Zei liche iſt, daß Dein Leben in der That erſchöpft iſt. Ich hoffe noch. Ich wende, wie Du ſiehſt, herviſche Mittel an. Du pprichſt von Minuten, ich ſtehe Dir dafür, daß Du noch Wi vielleicht Jahre leben wirſt. Doch, da Du mich in dieſen Ausdrücken fragſt, ich glaube nicht, daß Du die lange Reihe von Tagen vor Dir haſt, welche, ſoll ſo oft vergebens, die kräftigſten und am beſten con⸗ jun ſtituirten Menſchen träumen.“ teſs „Ich danke Dir, Samuel,“ ſagte Julius.„Ich bin Hal Dir erkenntlich, daß Du ſo mit mir geſprochen haſt. zu un⸗ hne ßer icke age Du es, Du gen ich iß. und zu Die ich. Laß heit 124 olte daß in⸗ Ich ttel daß da ht, che, on⸗ bin aſt. 47 Du haſt mich übrigens beruhigt. Du verſprichſt mir Monate, und ich hoffte nicht einmal auf Wochen.“ „Uebrigens hängt Deine Lebensdauer noch viel mehr von Dir, als von meinen Mitteln ab,“ ſagte Samuel. „Das Weſentliche iſt, jede Aufregung zu vermeiden, welche ſtärker als Du. Eine Unvorſichtigkeit würde Dich auf der Stelle tödten.“ „Wenn es ſich ſo verhält, ſo iſt es dringend, daß Lothario zurückkehrt. Ich will ihm einen Brief ſchreiben, in dem ich ihn noch kräftiger ermahne, als in den anderen. Ich begreife nicht, was ihn in Berlin zurückhalten kann, trotz der zwanzig Briefe, die ich ihm ſeit drei Monaten geſchrieben. Er kann nicht mehr ſagen, es ſei der Ge⸗ ſandtſchaft wegen, da ich meine Entlaſſung genommen habe und meinen Nachfolger jeden Augenblick erwarte.“ „Du haſt ihm geſchrieben, daß er dort Deine Wieder⸗ erſetzung beſchleunigen ſoll. Er erfüllt Deinen Willen.“ „Nein, ich weiß, daß mein Nachfolger beſtimmt iſt. Nun iſt alſo Alles beendigt, und Lothario wäre uns hier nothwendiger als anderswo. Wenn mein Nachfolger an⸗ kommt, würde ihn Lothario auf das Laufende ſetzen, und ich wünſche ſogar und würde es wohl auch dahin bringen, daß er ganz bei ihm bliebe: Lothario iſt zu jung, um mir in meine Einſamkeit zu folgen. Er iſt auf vierzehn Tage abgereiſt, und dieſe vierzehn Tage haben ſchon drei Monate gedauert, und er ſpricht von keiner Rückkehr. Er hat eine Reiſe nach Wien gemacht. Er ſchreibt nur unbeſtimmte und kurze Antworten und hat ſicherlich irgend Etwas.“ „Ei! er hat eine Geliebte.“ „Was weißt Du davon 2“ fragte Julius, der ſich an dieſer Erklärung hätte anhalten mögen. „Ich kenne ſein Alter,“ antwortete Samuel.„Was ſoll einen ſchönen, reizenden, geiſtvollen und reichen jungen Mann zurückhalten? Erinnerſt Du Dich nicht deſſen, was Wien iſt? Alle Frauen werden ihm an den Hals geſprungen ſein. Wir, wir ſind ernſt, verdrießlich, herbe. Bei Dir kommt noch dazu, daß Du krank biſt. Ich möchte Deinen Neffen nicht gern verleumden, doch es iſt ein junger Menſch. Es wäre unfinnig, einen Jungen von ſeinem Ausſehen in ein Krankenzimmer ein⸗ ſchließen zu wollen. Das iſt gut für Friedrike, welche noch nicht zu leben angefangen hat, und für mich, der ich geendigt habe. Doch Lothario beluſtigt ſich, und er thut' wohl daran. Du biſt nicht ſelbſtſüchtig genug, um ihm darum zu grollen. Kümmere Dich nicht mehr um ihn, wenn Du ihn liebſt. Du beklagſt Einen, der ſich nicht beklagt, davon ſei überzeugt.“ „Gleichviel!“ ſagte Julius,„ich will ihm einen letzten Brief ſchreiben, und ich bin ſicher, daß er mich nicht wird ſterben laſſen, ohne daß ich ihn wiedergeſehen habe.“ „Oh!“ erwiederte Samuel,„wenn Du nur das willſt: er wird hoffentlich die Zeit haben, um ſich mit allen ſeinen Geliebtinnen zu entzweien und zurückzukommen, ehe für Dich die Stunde geſchlagen hat, Dein Teſtament zu machen.“ 3 ken. „Die Stunde kann früher ſchlagen, als wir den Es iſt Zeit, daß er ſeine Anſtalten zur Rückkehr trifft und daß ich meine Anſtalten zur Abreiſe treffe.“ „Was willſt Du damit ſagen 34 „Ich will ſagen, daß ich in der That, nach Deinen Worten, mein Teſtament dietiren werde.“ „Gut! ich ſage Dir noch einmal, Du biſt nicht ſo weit!“ rief Samuel. „Was iſt daran gelegen, ob ich es eine Woche früher oder ſpäter dictire? Wozu eine nothwendige Sache ver⸗ ſchieben? Ich werde ruhiger ſein, wenn dieſe Pflicht er⸗ füllt iſt. Ich werde eine Beſorgniß weniger im Geiſte hegen, ich werde nicht befürchten, hinzugehen, ohne den⸗ jenigen, welche mir Dienſte geleiſtet, gedankt zu haben, und mich nur um ſo beſſer befinden. Uebrigens denke ich nicht erſt ſeit heute hieran, und ich habe ſchon in meinem 49 Geiſte feſtgeſtellt, was ich thun will. Ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß ich Dich nicht vergeſſen habe.“ Samuel machte eine Geberde der Weigerung. „Oh! ich weiß wohl,“ fuhr Julius fort,„Dein Trachten ſteht höher, als nach Geld. Ich wollte nur, daß Du nie mehr eines Menſchen bedürfen ſollteſt. Die materiellen Nothwendigkeiten ſind die Gitter des Käſichs, in das die Geſellſchaft die großen Herzen und die großen Ideen einſchließt. Du wirſt die Unabhängigkeit und die freie Luft nicht ausſchlagen. Uebrigens iſt es nicht ein Geſchenk, das ich Dir gebe, es iſt eine Schuld, die ich bezahle, und Du wirſt nicht wollen, daß mein Grab Dich bankerott mache. Gehen wir auf Lothario über.“ Samuel horchte, ſcheinbar unempfindlich, im Grunde aber bewegt. „Lothario iſt mein einziger Verwandter,“ fuhr der Graf von Eberbach fort,„und er iſt nur mein Verwandter durch Heirath. Ich mache ſeinen Theil. Ich gebe ihm das Schloß Eberbach und was er braucht, um ſtandes⸗ mäßig darin zu leben. Er wird dort die Erinnerung an ſeine Tante Chriſtiane finden, die ihn geliebt hat, wie ſie zu lieben wußte. Mir iſt es angenehmer, wenn er bei dieſer Erinnerung wohnt, als ein Anderer. Es bleibt nun Frievrike.“ Pier trat ein kurzes Stillſchweigen ein. Julius wußte nicht, wie er fortfahren ſollte. Sa⸗ muel betrachtete Julius aufmerkſam und tief, dem dra⸗ matiſchen Dichter ähnlich, welcher der Bewegung und der Betonung folgt, die er dem mit der Verdolmetſchung ſeines Gedankens beauftragten Schauſpieler bezeichnet hat. Samuel nahm das Wort und ſprach: „Das ſetzt mehr in Verlegenheit. Du biſt im Ganzen erſt vierzig Jahre alt. Es iſt ſchwierig für einen noch jungen und durch alle Arten von Liebesverhältniſſen be⸗ kannten Mann, eine bedeutende Summe einem jungen Mädchen zu vermachen, ohne ihm zu gleicher Zeit.. Gott lenkt. m. 4 „Die Schande zu vermachen, nicht wahr?“ fiel Ju⸗ lius ſeufzend ein.„Das iſt richtig, und ich ſagees mir auch. Doch was iſt ezu thun!“ „Das frage ich Dich,“ erwiederte Samuel, der ihn nöthigen wollte, ſein letztes Wort zu ſprechen. „Ich hatte wohl den Gedanken, die Schwierigkeit dadurch abzuwenden, daß ich Friedrike an Einen verhei⸗ rathen würde, welchen zu bereichern ich berechtigt gewe⸗ ſen wäre. Zum Beiſpiel Lothario.“ „Lothario!“ unterbrach Samuel mit einem Tone der Drohung. „Alles wäre einfach geweſen, wenn Lothario und Friedrike ſich geliebt hätten. Ich hätte mein ganzes Vermögen Lothario hinterlaſſen, der ihr daſſelbe, indem er ſie geheirathet, natürlich zugebracht haben würde. Ich glaubte einen Augenblick, Lothario liebe ſie, nach dem Tone zu ſchließen, mit dem er von ihr das erſte Mal, als er ſie geſehen, ſprach. Seitdem habe ich aber er⸗ kannt, daß ich mich getäuſcht. Wenn er ſie liebte, würde er nicht hartnäckig vom Hauſe entfernt bleiben, während ſie hier wohnt... Wenn ſie ihn nicht etwa auf eine entſchiedene Art zurückgewieſen und entmuthig hat! In jedem Fall, mag er ſie nicht lieben, oder wird er dort durch eine Andere zurückgehalten, oder iſt es Friedrike, welche nichts von ihm will: es iſt nicht daran zu denken, ſie mit einander zu verheirathen. Und ich ſehe doch kein anderes Mittel als eine Heirath.“ „Ich auch nicht,“ ſagte Samuel, beſtändig ſeinen durchdringenden, unergründlichen Blick auf Julius heftend. „Doch welchen Mann nehmen, den ich reich zu machen das Recht habe? Ich kann eine bedeutende Summe nur Lothario oder Dir vermachen. Und Du biſt für Friedrike ein noch viel mehr unmöglicher Gatte als Lothariv.“ „Ah! Du findeſt?“ verſetzte Samuel. „Allerdings, es ſteht das Mißverhältniß des Alters „ Ju⸗ mir gkeit rhei⸗ 8 ewe⸗ der und inzes dem irde. dem Mal, er⸗ ürde ren eine dort rike, nken, kein inen tend. mme für als ters 51 entgegen, und dann Dein Character. Offenherzig ge⸗ ſtanden,“ fuhr Julius lachend fort,„ich bezweifle, daß Deine Natur geeignet iſt, um eine Frau ſehr glücklich zu machen.“ „Aber,“ erwiederle Samuel mit einiger Bitterkeit, „aber es iſt möglich, daß Friedrike hierüber nicht ganz denkt wie Du.“ „Wenn ſie anders dächte,“ entgegnete Julius ernſt, „ſo geſtehe ich, daß ich der Erſte wäre, der ihr von einer Handlung abrathen würde, welche, meiner Anſicht nach, bei ihr nur die Unüberlegtheit des Dankgefühls ſein könnte.“ „Ich ſcherzte,“ ſprach Samuel eifig.„Doch Du haſt ohne Zweifel ein beſſeres Mittel gefunden, um Friedrike zu bereichern, ohne ihren Ruf zu gefährden?“ „Ich habe in der That eines gefunden.“ „Sprich.“ „Es iſt peinlich und betrübend zu ſagen,“ erwiederte Julius.„Höre mit zwei Worten: ich habe folgender Maßen geſchloſſen. Die Heirath iſt nur der Vorwand und die Nebenſache; der legitimſte Grund aber, der mir Friedrike einen beträchtlichen Theil meines Vermögens zu vermachen geſtattet, iſt, daß ſie meine Frau wird.“ „Nun! ich dachte auch hieran,“ ſprach Samuel ruhig. „Du dachteſt auch hieran?“ perſetzte Julius nicht ohne eine gewiſſe Schwermuth.„Das iſt in der That das Einfachſte, und hierdurch ordnet ſich Alles. und für dieſe Uebergangsheirath, wo unter beſſerern und ſicherern Bedingungen einen Geiten finden, der keiner iſt? Ich werde keine lange Laſt in ihrem Leben ſein. In einigen Monaten bin ich todt, und ſie iſt reich. Bei jedem Anderen iſt ihre Heirath eine Feſſel; bei mir iſt es die Freiheit.“ „Nichts kann richtiger ſein.“ „Du mißbilligſt alſo meinen Gedanken nicht, Samuel?“ „Ich billige ihn vollkommen.“ „Du liebſt Friedrike wahrhaft! Ich werde ſie nicht 82 lange beläſtigen. Sie wird ihr ganzes Leben haben, um unabhängig zu ſein. Und für mich find dann die Tage, die mir noch bleiben, troſtvoll und durch ſie aufgehellt. Ihre ſo reizende kindliche Fürſorge wird fortan ihre Pflicht und mein Recht werden. Nun denn, da Du meiner Anſicht biſt, willſt Du es übernehmen, ſie zu ſondiren? Du begrefſt: von meiner Seite iſt die Eroͤffnung ein⸗ wenig zarter Art, und ſie ſoll weder erſchrecken, noch ſich in der Abſicht täuſchen.“ „Ich werde Alles thun, was Dir beliebt,“ ſprach Samuel. „Sie iſt in ihrem Zimmer,“ ſagte Julius,„es wäre vortrefflich von Dir, wenn Du ſogleich mit ihr reden wollteſt.“ „Ich gehe.“ „Ich danke Dir. Du haſt ihr,“ fügte Julius mit einem traurigen Lächeln bei,„Du haſt ihr nur folgende zwei Dinge zu ſagen: einmal, daß ich bald ſterben werde, daß ich ihr das verſpreche, daß ſie ſehr ruhig ſein könne. Und dann, daß bis dahin meine Zärtlichkeit nur eine väterliche ſein wolle, könne und müſſe. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Du mich nicht wie einen Gatten, ſondern wie einen Vater darſtellſt.“ „Sei unbeſorgt. Ich werde ſie überzeugen.“ „Gehe. Ihr, nicht mir leiſteſt Du einen Dienſt.“ Samuel entfernte ſich.* Während er in das Zimmer von Friedrike ging murmelte er zwiſchen ſeinen Zähnen: „Wenn ich ihm geſagt hätte, daß ihn eine Unvor⸗ ſichtigkeit auf der Stelle tödten kann! Und dieſe kann für eine zählen! Eine väterliche Zärtlichkeit! Ich möchte wohl ſehen, daß er eine andere hätte. Doch wenn er glaubt, ich habe im Sinne, mich auf ſein Wort zu ver⸗ ſaſſen! Ah! ob Du willſt oder nicht, ich werde meine Vorkehrungen treffen! Der Dummkopf, er konnte ſich retten, indem er ſie mir gab! Dieſen Ausweg hat er — ing or ann hte er er ine ſich 53 verfehlt, deſto ſchlimmer für ihn! Friedrike muß ihn heirathen, da dies nun das einzige Mittel iſt. Aber ich ſtehe dafür, daß die kalten Schüſſeln von der Hochzeit für eine andere Ceremonie werden dienen können. Schließen wir vor Allem die Heirath, und wir haben uns dann nur noch des Mannes zu entledigen.“ Er war vor der Thüre von Friedrike. „Es handelt ſich nun darum, den. andern Theil der tragiſchen Komodie vorzubereiten.“ Er klopfte an die Thüre, und Friedrike öffnete ihm. Vie Hpinne macht wieder ihr Gewebe. Als er in das Zimmer von Friedrike eintrat, nahm Samuel eine finſtere Miene an. uf Der Plan des Betrugs, den er beabſichtigte, war einfach: „Sie peiß, daß ich ſie liebe,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „und ich bin im Begriffe, ihre Hand von ihr für einen Andern zu verlangen. Das iſt kein großes Zeichen von Liebe für ſie, welche nicht weiß, in welchem Grade ich dieſen kaum geknüpften Knoten zu durchſchneiden entſchloſſen bin. Ich muß zum Schein für den Augenblick verzichten. Ich werde dieſen Augenblick benützen, um mich groß und edel in ihren Augen zu machen, und ihr das Bei⸗ ſpiel einer heldenmüthigen Entſagung geben. Ich ſehe, daß man auf dieſe Art ſiegt, und daß man lügen muß, damit uns eine Frau glaubt und uns lieht. Ich liebe Friebrike, ich werde lügen,“ Friedrike war betroffen von dem düſteren Geſichte von Samuel. Sie ſchaute ihn ganz unruhig an. „Was gibt es denn?“ fragte ſie.„Sollte es beim Herrn Grafen von Eberbach ſchlimmer gehen, ſeitdem ich ihn verlaſſen habe?2“ „Nein, beruhigen Sie ſich, Friedrike. Er iſt nicht der Krankſte hier.“ „Wer iſt denn krank?“ „Setzen Sie ſich,“ ſagte Samuel;„ich habe mit Ih⸗ nen zu ſprechen.“ Friedrike ſetzte ſich; Samuel nahm einen Stuhl in ihrer Nähe. „Ich höre Sie,“ ſprach das Mädchen. „Ja, in dieſem Hauſe, in dieſem Zimmer iſt Einer, der zur Stunde mehr leidet, als der Graf von Eberbach.“ „Wer denn?“ „Ich.“ „Sie, mein Freund!“ rief Friedrike.„Was haben Sie denn?“ „Als Sie vorhin den Grafen von Eberbach und mich allein ließen, ſagte Ihnen Julius, Sie werden nicht aus unſerer Unterhaltung abweſend ſein. Er hat in der That mit mir von Ihnen geſprochen. Der Graf hat in Be⸗ ziehung auf Sie einen Traum gebildet, der mich in die grauſamſte Verlegenheit ſetzt.“ „Einen Traum, in welchen ich gemiſcht bin 2“ „Einen Traum, der alle meine Träume verrückt. Ich liebe Sie, Friedrike, Sie wiſſen es, und ich glaube, daß Sie es fühlen. Ich habe für Sie etwas Anderes, als väterliche Zuneigung; ich liebe Sie mit Eiferſucht. So⸗ mit werden Sie den erſten Augenblick des Schmerzes, den mir die Abſicht von Julius verurſacht hat, begreifen und ihn mir vergeben. Er hat mich um Ihre Hand gebeten.“. „Um meine Hand? Für wen?“ ſtammelte vas tra na un ſei zen wo mö ſein und lieb ichte beim mich nicht ner, ch.“ ben nich aus hat Be⸗ die ch aß s v. 6, en d 55 Mädchen, das in den Augen einen Blitz der Hoffnung atte. Für wen konnte in der That der Graf von Eberbach die Hand von Friedrike verlangen, wenn nicht für ſeinen Neffen, für Lothario, deſſen Abreiſe er endlich begriffen, oder der ihm in einem Briefe ſein Geſtändniß gemacht atte? Doch das erſte Wort von Samuel löſchte im Herzen des armen Kindes dieſe Morgenröthe der Hoffnung und der Freude aus. „Der Graf von Eberhach hat mich um Ihre Hand für ſich gebeten,“ ſagte er. „Iſt das möglich?“ rief Friederike niedergeſchmettert. „Das mußte ſo kommen. Wie hätte er, da er Sie ſo ſanft, ſo aufopfernd, ſo ſchön alle Tage, jeden Augen⸗ blick ſah, Sie nicht lieben ſollen? Der Gedanke, ſich von Ihnen zu trennen, trübt ſeine Wiedergeneſung. Er möchte Sie gern verhindern, ihn je zu verlaſſen, und wel⸗ ches beſſere Mittel, Sie bei ſich zurückzuhalten, konnte er finden, als das, Sie zu heirathen?“ „Es gäbe ein anderes,“ dachte Friedrike. Doch ſie ſagte kein Wort. „Sie hierüber zu fragen hat er mich nun beauf⸗ tragt,“ fuhr Samuel fort;„er glaubt, ſein Tod ſtehe nahe bevor, und ich befürchte, er hat nur zu ſehr Recht, und er wünſchte, ehe er ſtirbt, die Freude zu haben, Sie ſeine Frau zu nennen.“ „Seine Frau!“ murmelte Friedrike. „Ja, begreifen Sie dieſe ſeltſame Laune eines Her⸗ zens, das demnächſt zu ſchlagen aufhören ſoll? Ich weiß wohl, er verlangt vurchaus nichts von Ihnen, als Sie mögen die kindliche Zuneigung fortſetzen, die der Troſt ſeiner letzten Stunden iſt. Ich weiß, daß er Sie achten und ehren wird wie ſein Kind. Doch ich, der ich Sie liebe, ich, der ich vor Julius den Wunſch, der mein Leben iſt, gefaßt und ausgedrückt habe, ich kann nicht ruhig er⸗ 56 tragen, daß ein Anderer, und wäre es ein ſterbender Freund, vor mir ſeinen Namen derjenigen gibt, welche den mei⸗ nigen zu führen verſprochen hat.“ „Ich habe in der That ein Verſprechen geleiſtet,“ erwiederte langſam Friedrike,„und Sie können auch darauf zählen, daß ich es halten werde. Ich gehöre Jh⸗ nen, und Sie haben nicht nothig, mich zu fragen, um dem Grafen von Eberbach zu antworten. Ich ſchlage ſeinen Antrag aus.“ „Ja, Sie ſind ein Engel,“ ſagte Samuel;„doch ich, hahe ich das Recht, Ihre Großmuth zu mißbrauchen, und darf ich Ihre Ergebenheit durch meine Selbſtſucht erwiedern? Müſſen, um mich glücklich zu machen, zwei Weſen leiden? beſonders wenn dieſe zwei Weſen der Mann, den ich wie einen Bruder liebe, und die Frau, die ich mehr als eine Schweſter liebe, find? Bin ich nicht verpflichtet, wenn ich nicht ein Elender ſein ſoll, auf eine Freude zu verzichten, aus der für ihn der Tod, für Sie die Armuth entſpringen würde.“ Er hielt inne, als ob er kämpfte und wieder Kräfte für ein Opfer ſammelte. Dann fuhr er fort: „Mein Freund ſtirbt. Er lebt nur noch durch dieſe äußerſte Hoffnung. Sie zerſtören heißt ſein Daſein zer⸗ ſtören. Das iſt wahrhaftig ein Mord. Ihm von dieſem Gedanken abrathen? unmoglich. Er hält daran feſt mit jener leidenſchaftlichen Hartnäckigkeit, welche den Kindern und den Sterbenden eigenthümlich iſt. Meine Freund⸗ ſchaft kämpft ſchmerzlich mit meiner Liebe. Ich fühle, daß es beinahe ein Verbrechen iſt, einer erlöſchenden ar⸗ men Seele dieſe äußerſte Freude zu verweigern, welche Niemand in dieſer Welt Eintrag thut und ihn in die andere ein Lächeln würde mitnehmen laſſen.“ „Sie ſind gut,“ ſagte Friedrike, gerührt von dem herzlichen Ausdruck, mit dem Samuel dieſe edelmüthigen Worte ſprach. ———— ———— —————— 1—„— ieſe zer⸗ ſem mit ern nd⸗ hle, ar⸗ lche die dem igen 57 „Doch nicht an Julius denke ich hauptſächlich,“ fuhr Samuel fort,„ich denke an Sie. Dieſe Heirath macht Sie auf der Stelle Millionen reich und gibt Ihrer Schön⸗ heit, Ihrem Geiſte, Ihrem ſo reizenden Herzen den präch⸗ tigſten, den blendendſten Rahmen, den Sie je in dem vermeſſenſten Ihrer Träume erſchauen konnten. Habe ich das Recht, Sie dieſer Zukunft voll Glanz und Herrlichkeit zu berauben? Kann ich das wollen, wenn ich Sie liebe? Das wäre, um die Liebe zu verfluchen, wenn ſie darin beſtünde, daß man eine Frau, die man liebt, arm machte! Ich will nicht, daß Sie mich ver⸗ fluchen.“ „Seien Sie unbeſorgt, mein Freund,“ antwortete Frievrike gerührt,„Sie kennen mich zu genau, um zu glauben, ich lege ein ſo großes Gewicht auf das Geld. Ich weiß nicht, was man damit machen kann. In der Einſamkeit aufgezogen, habe ich nie Bedürfniſſe gehabt, und es iſt mir nicht bekannt, wozu der Luxus dienen mag. Befürchten Sie alſo nicht, ich werde Ihnen je vorwer⸗ fen, Sie haben mich eine Gelegenheit, reich zu werden, verſäumen laſſen. Wäre der Herr Graf von Eberbach arm, und wäre nur den letzten Tagen eines edlen Da⸗ ſeins Troſt zu verleihen, ſo hätte ich bedauern koͤnnen, daß ich nicht frei hin. Sobald es ſich aber um Geld handelt, bin ich glücklich, Ihnen beweiſen zu dürfen, daß ich bei der Wahl zwiſchen dem Reichthum und Ihnen nie den Reichthum vorziehen werde.“ „Teufel! ich bin zu rührend geweſen,“ dachte Sa⸗ muel.„Mäßigen wir die Empfindſamkeit.“ Und er drückte Friedrike die Hand und ſprach: „Empfangen Sie meinen Dank; ich werde nie ver⸗ geſſen, was Sie mir ſo eben geſagt haben; doch ich nehme es nicht an. Auch muß man nichts übertrei⸗ ben, Ich werde mich durch die Vernunft zu bezwingen ſuchen. Dieſe Heirath, ich weiß es wohl, wird keine von denjenigen ſein, welche die argwöhniſchſte Eiferſucht er⸗ 55 ſchrecken kann. Das iſt ein Augenblick, der abgewar⸗ tet werden muß. Und dieſer Augenblick wird kurz ſein, dafür ſtehe ich Ihnen.“ Er ſprach dieſe Worte mit einem entſchloſſenen, ſelt⸗ ſamen Ton, der Friedrike ſchauern machte. „Er iſt alſo ſehr krank?“ fragte ſie. „Oh! er hat nicht ſechs Monate mehr zu leben, wenn man, träge und verſcheidend, in einem Lehnſtuhle hinſchmachten, leben nennen darf. Er iſt es auch nicht, den ich fürchte.“ „Wen fürchten Sie denn?“ fragte Friederike. „Sie,“ antwortete er nach einem Stillſchweigen. „Wie?“ verſetzte das Mädchen, das nicht begriff, was er ſagen wollte. „Eine Waiſe und arm, konnten Sie mir wohl er⸗ lauben, Sie zu lieben, und mir verſprechen, Sie würden mir gehören. Wenn Sie aber Gräfin von Eberbach und reich ſein werden. 3 „Vollenden Sie nicht,“ unterhrach ihn Friedrike. „Meine Gegenwart, meine Zukunft, wie ſie auch ſein mö⸗ gen, können nicht verhindern, daß meine Vergangenheit ii Und es iſt meine Vergangenheit, was mich an Sie bindet.“ „Ah! ja wohl!“ dachte Samuel. „Ich wiederhole Ihnen hier, was ich Ihnen in Me⸗ nilmontant geſagt habe. Ich gehöre Ihnen. Wenn Sie mir verbieten, dem letzten Wunſche des Grafen von Eber⸗ bach nachzugeben, ſo werde ich gehorchen. Glauben Sie, wir müſſen ihm dieſe äußerſte Freude bereiten, ſo werde ich mich nicht weigern, einem Sterbenden den rauhen Uebergang von dieſem Leben in das andere zu mildern. Doch meine Verbindlichkeit Ihnen gegenüber wird darum nicht gebrochen ſein. Das wird eine Vertagung ſein und nicht mehr. Was können der Reichthum und der Rang dem Gefühle und der Pflicht thun? Werde ich nicht immer diejenige ſein, welche Sie aufgenommen und erzo⸗ — ——— ar⸗ in, t⸗ en, hle ht, er⸗ en nd ö⸗ eit ie e⸗ ie e, de en n. nd 8 ht N —, 59 gen haben? Werde ich es nicht immer Ihnen verdanken, daß ich auf der Welt bin? Meine Schickſalsveränderung wird nur ein Grund mehr ſein, Ihnen zu gehören. Ich werde nicht aufhören, Ihre Schuldnerin zu ſein, gerade in dem Augenblick, wo ich Sie bezahlen könnte. Als ich arm war, kamen Sie zu mir; ich bin reich, ich werde zu Ihnen gehen.“ „Ich vanke!“ rief Samuel, diesmal aufrichtig und ohne Beimiſchung erfreut.„Dieſe Gewißheit wird mir die Kraft geben, mich dem Glücke von Julius zu opfern. Sie nehmen es alſo an?“ „Ermächtigen Sie mich dazu?“ „Ich bin es nun, der Sie darum bittet,“ erwiederte Samuel. „Dann nehme ich den Antrag an.“ „Ich will dieſe gute Kunde ſogleich Julius bringen, denn er muß in einer grauſamen Ungeduld warten. Auf baldiges Wiederſehen, und noch einmal meinen Dank.“ Er ging weg und ließ Friedrike einer unbeſchreib⸗ lichen Gemüthsbewegung preisgegeben zurück. Sie, die Frau des Grafen von Eberbach! Dieſer plötzliche Wechſel in ihrem Geſchick brachte eine tiefe Erſchütterung in ihr hervor. Nicht als ob ſie ſich trau⸗ rig gefühlt hätte. Sie hegte für den Grafen eine wahre und aufrichtige Zärtlichkeit. Eine ſolche Heirath entſprach allerdings nicht der Idee, die ſie ſich vom Glück und von der Liebe gemacht hatte. Nicht dieſe Vertraulichkeit einerſeits, dieſe Ehrfurcht andererſeits hatte ſie fich, an den Mann denkend, deſſen Frau ſie wäre, vorgeſtellt. Doch nicht zwiſchen dem Grafen von Eberbach und Lothario hatte ſie die Wahl, ſondern zwiſchen dem Grafen von Eberbach und Samuel Gelb. Und im Ganzen genommen machte ihr die brüder⸗ liche und leichte Natur von Julius weniger bange, als der ſtrenge und herrſchſüchtige Charakter von Samuel. Als Samuel das Zimmer von Friedrike verließ 60 kehrte er nicht ſogleich in das von Julius zurück, ſondern er blieb in dem vemſelben vorangehenden Cabinet ſtehen, lehnte ſeine Stirne an das Fenſter an, ließ ſeine Finger auf den Scheiben ſpazieren gehen, ſchaute maſchinenmäßig in den Hof, athmete und dachte nach. So ſtark er war, ſo hatte er es doch nöthig, einen Augenblick von der har⸗ ten Arbeit, die er begonnen, und die er nun verfolgen ſollte, auszuruhen. Die Freude war immer nur ein Blitz in dieſer dü⸗ ſteren, tiefen Seele. Als er zu Julius zurückkam, war das Vergnügen, welches es ihm gemacht hatte, Friedrike ihre Einwilligung zu entreißen und ſich von ihr verſpre⸗ chen zu laſſen, ſie werde nach wie vor dem Reichthum ihm gehören, ſchon vollig verfinſtert und hatte einer Wolke bitterer Verdrießlichkeit Platz gemacht. „So weit bin ich alſo mit aller Gewandtheit, mit allen Combinationen und mit aller Anſtrengung gekom⸗ men,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Ich bin dahin gekommen, daß ich nur noch auf die menſchliche Tugend zähle. Ich zähle auf vas Wort von Friedrike und auf den Edelſinn von Julius! „Mein ganzer Plan iſt darauf gegründet, daß Fried⸗ rike, einmal reich, einmal Gräſin, einmal frei von Allem dem, was ſie in meiner Gewalt hält, ſich des Eides erinnern wird, den ſie mir arm und gebeugt geleiſtet hat, daß die Gräfin ſich des Baſtards, daß ſich die Beſitzerin von Millionen des Armen erinnert! WMeine ganze Zukunft, alle meine Berechnungen, meine ganze Größe, meine gunze Feſtigkeit beruhen auf dem Flugſande: die Treue eines Weibes. „Was Julius und ſein Verſprechen, Friedrike als ſeine Tochter und nicht anders zu behandeln, betrifft, ſo werde ich es ſo einrichten, daß er nicht die Zeit hat, ſchwach zu werden. Er hat es gewollt, ſchlimm für ihni Ich konnte es nicht anders machen. Die Väter ſterben vor den Kindern. Dies iſt das Geſetz der Natur. Er wird 3 61 vor Friedrike ſterben, er wird an ſeinem Hochzeittage ſter⸗ ben. Das iſt entſchieden. „Alles geht auf das Beſte. Iſt Julius todt, ſo werde ich Friedrike nach Menilmontant zurückführen. Ich bin ihr Vormund. Das Geringſte, was Julius thun kann, iſt, daß er mich zu ſeinem Teſtamentsvollſtrecker ernennt. Ich werde Friedrike von Lothariv entfernt halten. „Mittlerweile verfolgen die politiſchen Ereigniſſe ihren Lauf. Das Miniſterium Polignac iſt eine Herausforde⸗ rung, welche Frankreich durch eine Revolution erwiedern wird. Dieſe Reyolution eines großen Volks wird offen⸗ bar den Händen entſchlüpfen, die ſie zu leiten meinen. Sie wird über ihren Willen hinaus gehen und ſie in ih⸗ rem Laufe ertränken. Ich werde mächtig, ich werde reich ſein, ich werde ſein, was ich will. Ich werde dieſes Chaos beherrſchen, das aus einer Welt, die ſich auflöſt, und aus einer Welt, die ſich conſtituirt, entſpringen muß. Ich werde Frledrike durch die Bewunderung feſthalten. Was wird dieſer knabenhafte Lothario neben dem Napo⸗ leon der Demokratie ſein! „Die Zukunft gehört mir. Alle werden mich lieben, Alle werden mich ſegnen. „Mit Julius ſelbſt anzufangen. He! hel es iſt wahr! er wird mir zu verdanken haben, daß er mitten im Glück ſtirbt, er, der in der Apathie und in der Ueberſättigung vegetirte. „Doch beeilen wir uns, Alles zum Ende zu führen, denn es iſt zu befürchten, daß Lothario zu früh zurück⸗ kehrt und uns Prügel zwiſchen die Räder wirft,“ ſchloß Samuel. Und er trat in das Zimmer von Julius ein. Die Porſehung verrichtet ihr Werk. An einem Abend des September 1829, die Sonne war ſo eben hinter den Hügeln verſchwunden, welche das Schloß Eberbach beherrſchten, hielt ein Wagen vor dem Gitter an. Vom Poſtillon gerufen, kam der Portier heraus, ſah die Perſon, welche in der Chaiſe ſaß, und öffnete das Gitter in aller Eile. Der Wagen fuhr in den Hof und bis an die Freitreppe. Lothario ſtieg aus. Der Neffe des Grafen von Eberbach kam von Ber⸗ lin und kehrte nach Paris zurück. Die Bedienten liefen mit einer Art von verdrießlichem Eifer herbei. „Kommt Herr Lothario auf einige Tage?“ fragte der Kühnſte der Bande. „Vielleicht,“ amwortete Lothario, in Gedanken ver⸗ t eft. 3 Die Bedienten machten eine Grimaſſe. Dadurch, daß ſie immer allein im Schloſſe waren, hatten ſie es am Ende als ihnen gehörig betrachtet, und Lothario, wenn er kam, machte auf ſie den Eindruck eines Fremden, der ſich in ihr Eigenthum drängte. Man brachte den Wagen in die Remiſe, und Lotha⸗ rio trat in das Schloß ein. „Wenn Herr Lothario hier über Nacht bleibt, ſo wird man ihm ſein Bett machen müſſen,“ ſagte der Be⸗ diente, der ſchon geſprochen hatte. „Offenbar,“ erwiederte Lothario. diente. „Speiſt Herr Lothario zu Nacht?“ fragte der Be⸗ Ta der Mu nne das dem ſah das und Ber⸗ hem der ver⸗ daß nde am, in tha⸗ ſo Be⸗ Be⸗ 63 „Nein, ich habe keinen Hunger; ich habe unter We⸗ ges gegeſſen.“ Der Bediente entfernte ſich, zufrieden mit dieſer Conceſſion. Fünf Minuten nachher kam man, um Lothario zu melden, ſein Zimmer ſei bereit. Die Bedienten hatten ſich ſo viel als möglich beeilt, da ſie ſich ſogleich dieſes Eindringlings entledigen wollten, der die Frechheit hatte, in ſein Haus zu kommen. Lothario war nicht in der Laune, den Empfang zu bemerken, den man ihm bereitete. Sein Geiſt war mit etwas Anderem beſchäftigt, als mit der Geſinnung der Diener gegen ihn. Er ging zu Bette, um zu ſchlafen und zu vergeſſen. Aber, mochte die Erſchütterung der Reiſe ſein Blut zu ſehr in Bewegung gebracht haben, oder wollte ihm die Sorge, die er in der Seele hatte, nicht eine Stunde Ruhe gönnen, er konnte nicht entſchlummern. Die ganze Nacht verging in dieſer peinlichen, geſchäftigen Unruhe, welche tauſendmal ermüdender iſt, als das Wachen. Gegen Mor⸗ gen aber gewann der Körper die Oberhand, und er ver⸗ it in den ſchweren Schlaf, der auf fieberhafte Nächte olgt. Als er die Augen wieder öffnete, war die Sonne ſchon lange aufgegangen. Er klingelte einem Diener, kleidete ſich an und verließ ſein Zimmer. Che er hinabging, trat er jn den kleinen Salon ein, den einſt Chriſtiane bewohnte. Er pflegte, wenn er jn dieſem Schloſſe war, alle Tage niederzuknieen und an dem theuren Orte zu beten, der noch voll von derjenigen war, welche für ihn ſeine Mutter erſetzt hatte. Er machte die Thüre auf und trat ein. Plötzlich ſtieß er einen Schrei aus. In dieſem Salon war das Portrait ſeiner Mutter. Chriſtiane hatte immer dieſes fromme Andenken an ihre 64 todte Schweſter aufbewahrt. Oft im Pfarrhauſe von Landeck, als Lothario noch ein Kind, hatte ihn Chriſtiane vor das Portrait geführt, damit er ſeine Mutter kennen lerne, und damit die arme Begrabene wenigſtens im Her⸗ zen ihres Sohnes lebendig bleibe. Nun, dieſes Portrait ſeiner Mutter war das auffal⸗ lende Portrait von Friedrike. Cs war dieſelbe Reinheit im Blick, dieſelbe Durch⸗ ſichtigkeit, es waren dieſelben blonden Haare. Man hatte die Mutter von Lothario in dem Alter gemalt, in dem nun Friedrike ſtand. Lothario konnte die Augen nicht von dieſem Bilde abwenden, das ſeine zwei lebhafteſten Zärtlichkeiten enthielt; ſeine ganze Frömmigkeit und ſeine ganze Liebe. Friedrike glich ſeiner Mutter! Darum hatte er ſich, als er ſie zum erſten Male erblickt, eingebildet, er habe ſie ſchon gekannt, ſchon geliebt. Darum hatte er ſich zu ihr durch eine ſo plötzliche und unwiderſtehliche Sympa⸗ thie hingeriſſen gefühlt. Woher konnte aber eine ſo erſtaunliche Aehnlichkeit kommen? Da erinnerte er ſich deſſen, was Friedrike und ihm die geheimnißvolle Frau geſagt hatte, die ihn in das kleine Haus in Menilmontant eingeführt. Sie ſeien einander nicht fremd, hatte ſie geſagt; er habe das Recht, über Friedrike zu wachen, ſie zu beſchützen, zu verthei⸗ digen. Seltſame Worte, welche dieſe ſeltſame Aehnlich⸗ keit heute beſtätigte. Es beſtand alſo wirklich eine Ver⸗ wandtſchaſt zwiſchen Friedrike und ihm! Sie gehoͤrten alſo derſelben Familie an! Ach! wozu nützte das, da ſie auf immer durch ein feindliches Geſchick getrennt waren? Woiu halfen die Blutsbande, welche das Leben zerriſſen hatte? Er brachte den ganzen Tag vor dem Portrait zu. † Am Abend nahm er es in ſein Zimmer mit und hing es am Fuße ſeines Bettes auf. Lothario wollte, das Por⸗ trait anſchauend, entſchlummern; es gewährte ihm einen — von iane nnen Her⸗ ffal⸗ urch⸗ hatte dem nicht teſten ſeine ſich, habe h zu mpa⸗ hkeit drike n in ſeien thei⸗ lich⸗ Ver⸗ alſo auf ren? riſſen hing Por⸗ einen ſchwermüthigen Reiz, unter ſeinen Augen in dieſem engen Raume ſeine Vergangenheit und ſeine Zukunft zu haben Welche von beiden war trauriger? die Vergangegheit ohne Leben oder die Zukunft ohne Liebe? Am andern Tage entſchloß er ſich, abzureiſen. Vom Morgen an war er beſchäftigt, die Ausgaben und Rech⸗ nungen der Diener in Ordnung zu bringen, die nothwen⸗ digen Reparaturen zu beſtellen und Alles für das folgende Jahr feſtzuſetzen. Er frühſtückte, als ein Diener mit ziemlich verlegenem Geſichte eintrat. „Herr. ℳ ſagte der Diener; und er unterbrach ſich, da er nicht fortzufahren wagte. „Nun, was gibt es, Hans?“ fragte Lothario. „Es iſt.. ſtammelte Hans. „Was iſt denn?“ „Es iſt eine Dome da.“ „Welche Dame?“ „Oh! Sie müſſen nicht ärgerlich werden,“ fuhr Hans mit etwas mehr Sicherheit fort.„Es iſt eine ſehr reiche und ſehr ſchöne Dame, die das Schloß bewundert. Nicht um etwas zu Grunde zu richten, kommt ſie hieher; im Gegentheil, ſie würde eher vor einem guten ſteinernen Burſchen niederknieen, als ihn anrühren.“ „Mit einem Wort, was will dieſe Dame?“ fragte Lothario ungeduldig. „Ich ſage das, Herr Lothario,“ erwiederte Hans, „weil Sie uns verboten hatten, Jemand während Ihrer Abweſenheit ins Schloß einzulaſſen. Wir begreifen Ihre Idee ganz wohl. Es ſind hier, wie es ſcheint, nicht ſehr heitere Dinge vorgefallen; überall finden ſich Familien⸗ erinnerungen, und Sie wollen nicht, daß die Reiſenden da⸗ rauf treten. Doch nicht ves Geldes wegen, das dieſe Dame uns gegeben, haben wir ſie eingelaſſen. Sie hat uns viel geſchenkt, ich muß es anerkennen; hätte ſie uns aber auch zwanzigmal mehr gegeben, wir würden ihr dennoch den Gott lenkt. M. 5 . 66 Eintritt verweigert haben. Nicht aus dieſem Grunde alſo haben wir eingewilligt. Die Dame iſt eine Künſtlerin, 1 welche für das Gewerbe, das ſie treibt, ſchöne Meubles ſehen muß. So kam ſie im Frühjahr, und ſie ſagte, ſie würde wiederkommen.“ th „Es iſt eine Dame, welche das Schloß zu beſuchen fül wünſcht?“. 6 „Es wieder zu beſuchen, denn ich verſichere Sie, ſie jed hat es das letzte Mal gehörig beſucht. Da Sie unglück⸗ 3 licher Weiſe hier ſind, ſo können wir es nicht auf uns Lie nehmen, ihr die Erlaubniß zu geben. Und ſo ſagte ſie die mir, ich möge Sie darum erſuchen und Sie bitten, ſie Ol nicht zurückzuweiſen.“ mu „Gut,“ ſprach Lothario.„Hole die Dame.“ Einen Augenblick nachher kam Hans mit einer ſchwarz den gekleideten Dame zurück. Ol Dieſe winkte dem Bedienten, und er trat ab. Dann ſie hob ſie den Schleier auf. ſah Es war Olymplia. ie „Sie hier, Madame!“ rief Lothario, Anfangs erſtaunt. Bald aber lächelte er bei einem Gedanken, der ihm kam. als „Wahrſcheinlich bin ich es nicht, den Sie hier zu fin⸗ ma den erwarteten?“ ſagte er, vermuthend, ſie käme wegen Julius. „Ich erwartete Niemand hier zu finden,“ erwiederte Olympia;„als ich aber erfuhr, Sie ſeien hier, hatte ich ben keinen Grund, Sie zu fliehen.“ was „Nun, wenn das einzige Intereſſe, das Sie zum Grafen von Eberbach führt, die Liebe für die Kunſt iſt, kein ſo erlauben Sie, daß ich mir zu dem Zufall Glück wünſche, nich der mir geſtattet, Ihr Führer für die Architertur unt. Abn das Moblliar zu ſein.“ „Ich habe dieſes Schloß ſchon geſehen,“ erwiederte Kra die Sängerin,„doch ich wäre glücklich, es mit Ihnen noch einmal zu ſehen.“ e alſo lerin, ubles e, ſie uchen e, ſie lück⸗ uns te ſie ſie warz ann unt. kam. ſin⸗ egen erte zum iſt, che, und erte nen 67 Olympia ſchien ſich anzuſtrengen, um eine unwillkür⸗ liche Erſchütterung zu überwinden. „Ich bin zu Ihren Befehlen, Madame,“ ſagte Lo⸗ thario. Und er ſchickte ſich an, ſie von Saal zu Saal zu führen. Bei jedem Gegenſtand, den ihr Lothario zeigte, bei jedem Zimmer, das er ihr öffnete, bei jedem Schritte, den ſie in dieſem Hauſe machten, welches die Freude und die Liebe enthalten hatte, und jetzt nur noch die Trauer und die Leere enthielt, ſchien ſich die Gemüthsbewegung von Olympia zu verdoppeln. Eine Art von bitterer Schwer⸗ muth verdüſterte ihr Auge und ihre Stirne. Lothario erklärte ſich dieſe Bewegung durch das An⸗ denken an ſeinen Oheim, an den dieſes Schloß natürlich Olympia erinnerte. Aber da ſie ſo bewegt war, indem ſie das Haus und den Neffen des Grafen von Eberbach ſah, ſo mußte ſie ihn im Grunde lieben, und warum hatte ſie ihn dann verlaſſen? Er ſprach mit ihr hierüber nach einigen Augenblicken, als ihre Vertraulichkeit wiederhergeſtellt war, und er machte ihr liebevolle Vorwürfe. „Ich müßte Ihnen grollen,“ ſagte er. „Und worüber?“ fragte ſie. „Daß Sie meinen Oheim gepeinigt haben. Sie ha⸗ ben ihn plötzlich verlaſſen, ohne ſich darum zu bekümmern, was aus ihm werden würde.“ „Oh! das iſt wahr; ich hatte in der That durchaus keine Beſorgniß, denn ich wußte wohl, er würde mich nicht lange beweinen, und er würde nicht unter meiner Abweſenheit leiden.“ „Das iſt jevoch eines von den Leiden, welche ſeine Krankheit verurſacht haben.“ „Seine Krankheit 2“ rief die Sängerin. „An dem Tage Ihrer Abreiſe hat ihn eine Hirncon⸗ 68„ geſtion befallen, welche ihn ins Bett brachte, und noch zu dieſer Stunde hat er ſich nicht wieder erhoben.“ „Iſt das möglich!“ rief Olympia erbleichend;„und dies meinetwegen? Oh! ich bitte Sie, ſagen Sie mir, ich habe keinen Theil daran.“ „Er hat ſich wenigſtens am Tage Ihrer Abreiſe zu Bette gelegt.“ „Und warum hat man mir nichts davon geſchrieben? Wenn ich es gewußt hätte! Doch Sie, wenn Ihr Oheim ernſtlich krank iſt, warum ſind Sie nicht bei ihm? warum ſind Sie in Eberbach?“ „Ich habe ihn erſt verloſſen, als er außer Gefahr war,“ antwortete Lothario.„Ich hatte weſentliche Gründe, mich von Paris zu entfernen.“ „Welche Gründe?“ „Gründe, die Sie wenig intereſſiren würden.“. „Wie können Sie das wiſſen? Ihre Leiden und Ihre Freuden berühren mich mehr, als Sie denfen. Sie haben eine Traurigkeit in Ihrem Innerſten, das iſt in Ihren Zügen ſichtbar. Iſt es kein Geheimniß, das die Ehre von irgend Jemand gefährdet, ſo ſagen Sie es mir. Sie ken⸗ nen mich nicht, aber ich kenne Sie. Ich kann vielleicht mehr für Sie ſein, als Sie glauben.“ „Oh! Mavame,“ rief Lothario,„Sie haben nicht nöthig, ſo zu mir zu reden; es iſt in mir eine Neigung, die mich zu Ihnen hinzieht. Als ich Sie zum erſten Mal ſah, ſprachen Sie zu mir mit einer Stimme, welche in mir alle Fibern der Sympathie bewegte.“„ „Nun denn! was haben Sie zu leiden, Sie, der Se ſo jung, ſo reich, Sie, dem alle Herrlichkeiten der Welt verheißen ſind, was fehlt Ihnen?“ „Es fehlt mir ein Ding, ohne das alles Uebrige Nichts iſt. Ich liebe eine Frau, die mich nicht liebt.“ „Ach!“ murmelte Olympia. „Das iſt es, was ich habe,“ fuhr Lothario fort.„Es iſt ſo einfach und ſo alltäglich. Ich erblickte eine junge 6 —— 8„——— zu „und mir, ezu ben2 heim rum fahr inde, Ihre aben hren von ken⸗ eicht nicht ung⸗ Mal e in Sie Welt ichts „Es unge 69 Perſon, die ich reizend fand; ich beſpähte ſie, ich ging ihr nach, ich erfüllte mit ihr mein Herz und meinen Geiſt, ich dachte an ſie alle Tage und träumte von ihr alle Nächte. Und dann, als ich meine Hand gegen ſie aus⸗ ſtrecken wollte, als ich die leuchtende Erſcheinung, die mir die Zukunft erhellte, ergreifen wollte, verſchwand Alles! Es blieb mir nichts mehr, ich hotte, wenn meine Blicke den ihrigen begegneten, in ihren Augen eine Ermuthigung zu ſehen geglaubt; ich hatte geglaubt, etwas von meiner Seele wiederhole ſich in der ihrigen, und die Schläge meines Herzens haben ein Echo in ihr; Täuſchung, Al⸗ bernheit, Tollheit! Sie gehörte einem Andern! Sie hatte verſprochen, einen Andern zu helrathen! Dann iſt das ſtärker geweſen als ich. Bei ihr bleiben, ſie alle Tage ſehen, während ich nicht mehr auf ſie hoffen konnte, meine Verzweiflung reizen durch dieſen täglichen Hohn einer ſchweſterlichen Vertraulichkeit... ich konnte dieſes Mär⸗ tyrthum nicht länger ertragen. Von Paris nach Wien, von Wien nach Berlin, von Berlin hieher, überall floh ich vor dieſer Liebe, die mich überallhin verfolgte. Ich kann es nicht am Platze aushalten. Sie haben Recht, ich bin undankbar gegen den Grafen von Eberbach gewe⸗ ſen. Ihn, der ſo gut, ſo zärtlich, ſo väterlich gegen mich war, habe ich durch Fremde pflegen laſſen. Sehen Sie, ich wäre vort geſtorben, oder ich wäre ausgebrochen. Beſſer war es, zu reiſen. Ich wartete, bis die Aerzte keine ernſtlichen Beſorgniſſe mehr hatten, und dann entfloh ich. In ein paar Tagen wird er Alles erfahren, und ich bin feſt überzeugt, vaß er mich entſchuldigt. Ich habe ihm von Berlin aus am Tage meiner Abreiſe geſchrieben. Er wird erfahren, ob ich es anders machen konnte. Ich habe ihm Alles geſagt. Er wird ſehen, daß ich weder aus Undank, noch aus Gleichgültigkeit abgereiſt bin. Nun, da ich ihm mein Bekenntniß abgelegt habe, fühle ich mich ein wenig erleichtert, und ich will es S üchen, zu ihm zurückzukehren. Ich hoffe, er wird allein ii Häuſe 70 ſein, und ich werde diejenige, welche mich daraus vertrie⸗ ben hat, nicht mehr dort finden.“ „Armes Kind!“ ſagte Olympia.„Wir kehren nach Paris zurück, und wir ſprechen über die Sache. Es gibt vielleicht ein Mittel, Alles in Ordnung zu bringen.“ Man war in dieſem Augenblick in dem kleinen Sa⸗ lon von Chriſtiane. Olympia wollte dem Geſpräche eine andere Wendung geben, um Lothario zu zerſtreuen.„ „Ah!“ ſagte ſie, auf die Stelle deutend, wo Lotha⸗ rio das Portrait ſeiner Mutter weggenommen hatte,„mir ſcheint, hier war ein Portrait.“ „Ja,“ erwiederte Lothario,„ich habe es wegge⸗ nommen.“ „Nicht wahr, es war das Portrait einer Frau? Ich hatte es bemerkt. Wo iſt es denn jetzt?“ „Bei mir. Oh! nicht der Malerei wegen, die keinen Kunſtwerth hat; ſondern es iſt das Portrait meiner Mutter, und man hat mir geſagt, es ſei äußerſt ähnlich. Und nun, ich bitte meine Mutter deshalb um Verzeihung, nun iſt es nicht mehr ihretwegen allein, warum es mir ſo ſehr am Herzen liegt. Dieſes Portrait, Madame, gleicht nicht nur meiner Mutter. Es findet eine ſeltene Aehnlichkeit zwiſchen der, welche ich ſo ſehr geliebt hätte, und der, welche ich ſo ſehr liebe, ſtatt.“ „Wahrhaftig?“ verſetzte Olympia erſtaunt. In dieſem Augenblick klopfte man an die Thüre. „Wer iſt da?“ fragte Lothariv. „Ich bin es,“ antwortete die Stimme von Hans. „Was willſt Du?“ „Ich habe einen Brief.“ „Herein.“ Hans trat ein. „Dieſer Brief hat Sie in Berlin aufgeſucht und iſt Ihnen bieher gefolgt,“ ſagte er. „Gib.“ di la Jt un trie⸗ nach gibt Sa⸗ ung tha⸗ mir ge⸗ Ich inen ter, Und nun ehr icht keit der, iſt 74 Häns übergab den Brief und trat ab. „Ein Brief von meinem Oheim,“ ſprach Lothario, die Adreſſe leſend.„Und zwar ſehr dringend. Sie er⸗ lauben, Madame?“ fragte er, ſich an Olympia wendend. „Oh! leſen Sie geſchwinde!“ Lothario erbrach das Siegel und las. Grtrennte Liebe. Lothario hatte kaum einen Blick auf den Brief von Julius geworfen, als er entſetzlich erbleichte. Er durch⸗ lief indeſſen raſch die Unglückszeilen. Als er damit zu Ende war, mußte er ſich ſetzen, um nicht zu fallen, und nahm ſeinen Kopf in ſeine Hände. „Was geht denn wieder vor?“ rief Olympia. „Sie können es leſen,“ erwiederte Lothario. Und er reichte ihr den Brief. Olympia las: „Mein lieber Reffe, oder vielmehr mein lieber Sohn, „Du willſt alſo nicht zurückkehren? Wie kannſt Du uns drei Monate trennen, während ich vielleicht nicht ſo viel zu leben habe? Aber ich habe ein Mittel gefunden, Deine Rückkehr zu erzwingen. Du wirſt lachen, Lothariv, Du wirſt nicht trauriger lachen als ich. Ich hetrathe. Du begreiſſt, das iſt eine Art, mein Teſtament zu ma⸗ chen. Beeile Dich alſo, denn bei meinem Zuſtande habe ich nicht Zeit, zu warten, und wenn Du Dich nicht beeilſt, wirſt Du zu ſpät kommen. „Deine Rückkehr iſt um ſo nothwendiger, als die⸗ jenige, welche ich in einigen Tagen heirathe, eine Perſon iſt, von der ich vermuthe, Du grolleſt ihr ein wenig, ich weiß nicht aus welchem Mißverſtändniß. Spude Dich 72 alſo; denn wenn Du nicht kämeſt, ſo würde ich glauben, Du vergebeſt weder mir, noch Friedrike. Paris, den 28. Auguſt 1829. „Dein Oheim, der Dein Vater iſt „Julius von Eberbach.“ Selbſt niedergeſchmettert, ließ Olympia den Brief aus ihren Händen fallen. „Dieſer Brief iſt vor zwei Wochen geſchrieben,“ ſprach ſie ebenſo düſter als Lothario,„und der Graf von Eberbach ſagt, er heirathe in einigen Tagen.“ „Mein Brief hat ſich mit dem ſeinigen gekreuzt!“ rief Lothario troßtlos. „Diejenige, welche Sie lieben, iſt alſo Friedrike 2“ fragte Olympia. „Ja, Madame.“ „Iſt es nicht das Mädchen, von dem man bei Lord Drummond geſprochen, die Mündel von Herrn Samuel Gelb?“ „Sie ſelbſt, Mabame.“ „Samuel mußte hier die Hände im Spiele haben!“ rief ſie. Und ſie faßte plötzlich einen Entſchuß und fügte bei: „Verzweifeln Sie nicht, Lothario; laſſen Sie uns auf der Stelle nach Paris abreiſen. Wir können noch zu rechter Zeit ankommen. Ueberdies haben Sie dem Grafen von Eberbach bei Ihrer Abreiſe von Berlin ge⸗ ſchrieben; er hat nun Ihren Brief. Seien Sie alſo un⸗ beſorgt. Ihr Oheim liebt Sie. Vertrauen Sie mir. Wenn es noch Zeit iſt, und Gott wird geſtatten, daß es Zeit iſt, ſo verſpreche ich Ihnen, Alles in Ordnung zu bringen.“ „Gott höre Sie, Madame!“ „Meine Poſichaiſe iſt in Landeck. Wir holen bort meinen Bruder und reiſen auf der Stelle ab. Kommen Sie, kommen Sie geſchwinde.“ Lothario nahm nur ſeinen Hut und ſeinen Mantel, n!“ bei: uns noch dem ge⸗ un⸗ nir. zu ort nen tel, v blendet. 73 gab im Vorübergehen den erſtaunten und über ſeine plötzliche Abreiſe entzückten Bedienten einige Befehle, und Dlympia und er liefen mehr, als ſie gingen, auf der Straße nach Landeck fort. In weniger als einer Viertelſtunde kamen ſie beim Wirthshauſe an. Der Wirth ſtand vor ſeiner Thüre. „Ich reiſe,“ rief Olympia.„Raſch Pferde! Wo iſt mein Bruder?“ „Ihr Bruder iſt ausgegangen, Madame,“ antwortete der Wirth, beſtürzt, ſo bald Reiſende abgehen zu ſehen, die er länger zu beherbergen hoffte. „Oh! welch ein Mißgeſchic! Er hat nicht geſagt, wohin er giag?“ „Er hat gar nichts geſagt. Kaum hatte er das Gepäcke ins Zimmer tragen laſſen und in Ordnung ge⸗ bracht, als er in der Richtung des Schloſſes Eberbach weglief.“ 2 „Des Schloſſes Eberbach?“ verſetzte Olym ia.„Und wir kommen davon her! Fünf Friedrich d'or demjenigen, welcher ihn vor einer halben Stunde findet.“ „Fünf Friedrich d'or!“ wlederholte der Wirth ge⸗ Er rief drei bis vier Kindern, welche auf der Thär⸗ ſchwelle ſpielten. „Hel Ihr Burſche,“ ſagte er,„Ihr waret da, als dieſe Dame ankam. Ihr habt ihren Bruder geſehen?“ „Den ſchonen Herrn mit einer grünen Weſte?“ ver⸗ ſetzte einer der Straßenjungen. „Und mit einer weißen Halsbinde?“ ſagte ein Anderer. „Ganz richtig.“ „Oh! ja, ich habe ihn geſehen!“ rief ein Dritter,„mit ſeinem Roth und ſeinem Grün war er glänzender als ein Papagei.“ „Ihr würdet ihn alſo wiedererkennen?“ „Oh ja.“ „Gut! zwei Gulden demjenigen von Euch, der ihn vor einer halben Stunde zurückbringt.“ Sie waren ſchon auf dem Wege. „Wartet,“ rief Olympia.„Es muß in der Gegend eine Ziegenhirtin ſein, Namens. „Gretchen!“ „Gretchen, ſo iſt es. Ihr wervet meinen Bruder bei den Ziegen finden. Sagt ihm, er ſoll auf ver Stelle kommen.“ Die drei kleinen Knaben liefen im Galopp weg, denn ſie hörten die verſprochenen zwei Gulden in ihren Ohren klingeln wie alle Glockenſpiele aller Maulthiere Spaniens. „Wenn mein Bruder kommt, muß der Wagen an⸗ geſpannt ſein,“ ſagte Olympia zum Wirth.„Geben Sie mir Ihre Rechnung, ich will ſie bezahlen, damit wir nur noch abzureiſen haben.“ Olympia hatte ſich nicht in dem Orte getäuſcht, wo man Gamba finden konnte. Für Gamba war Landeck nur von einer einzigen Perſon bewohnt, von Gretchen. Kaum angekommen, war er weggelaufen, um die⸗ jenige aufzuſuchen, welche ſein Herz gerührt hatte. Der Wirth hatte ihm geſchmeichelt, als er ſagte, er habe ſich die Mühe genommen, die Koffer im Zimmer in Ordnung zu bringen. Er hatte Alles durcheinander ge⸗ worfen, ſein Gepäcke und das von Olhmpia, denn er dachte, es werde ihm am Abend Zeit genug bleiben, um Alles zu beſorgen, und er habe in dieſer Viertelſtunde etwas Beſſeres zu thun. Er war, wie geſagt, in aller Haſt weggelaufen, und Olympia hatte ihm nicht ſobald den Rücken zugewendet, als er ſich ſchon in den Bergen befand. Er ſuchte Gretchen bei der Stelle, wo er ſie ſonſt gefun⸗ den. Doch ſie war nicht hier. Das Gras, das man im ganzen Frühjahr auf dieſer Seite des Hügels abgeſchnit⸗ ten, genügte nicht mehr für die Ziegen, und Gretchen führte ſie nun an einen andern Ort, hn nd er le in s. n⸗ ie r 0 r 8 8 8 8 75 Gamba verlor eine Viertelſtunde damit, daß er von Fels zu Fels ſprang, hinauf, herab und wieder hinauf ſtieg. Plzuch, als er einen abſchüſſigen Felſen erkletterte, um die Krümmung eines Fußpfades abzukürzen, in dem Augenblick, wo er die Hand auf den Rand des Steines ſetzte, um ſich hinaufzuſchwingen, fand er ſich Naſe an Naſe mit einer Ziege zuſammen. „Ah!“ rief er mit einem Freudenausbruch,„du biſt da, Graue!“ Er hatte eine von den Ziegen von Gretchen erkannt. Er ſprang auf den Felſen, nahm die Ziege beim Kopf und umarmte ſie brüderlich. „Wo iſt deine Herrin?“ fragte er ſie. Die Ziege hatte nicht nöthig, zu antworten. Als Gamba die Augen aufſchlug, erblickte er Gretchen. „Ha! endlich,“ ſagte er. Und mit einem Sprunge war er bei ihr. Gretchen reichte ihm die Hand, die er zuerſt drückte und dann mit einigen ſchweren Küſſen bedeckte. „Ihr erkennt mich wieder?“ fragte er ganz freudig. „Gewiß, mein Freund,“ antwortete ſie. „Ich, ich erkannte Eure Ziege. Oh! wie glücklich bin ich! Ich habe tächtig geſucht, das iſt wahr. Ihr ſeid nicht mehr an demſelben Platze. Ei! ich glaube wohl! es ſind drei Monate her. Ich, ich könnte nicht zwei Minuten an einem Platze bleiben.“ Und als wollte er ſeine Worte durch die Handlung beſtätigen, hüpfte er und machte Luftſprünge, ging er von Gretchen zu den Ziegen, und von einer Ziege zur andern, lachend, ausgelaſſen, glücklich. Gretchen war auch glücklich, ihn wiederzuſehen. Doch ihr Glück war ernſt und geſammelt, wie die Na⸗ tur, mit der ſie immer gelebt. „Wißt Ihr Eines, Gretchen 2“ ſagte Gamba:„ich habe mich dort ungeheuer gelangweilt. Und Ihr, wie iſt 76 es Euch ohne mich ergangen? Ihr hattet mir verſpro⸗ chen, an mich zu denken: habt Ihr wenigſtens Wort ge⸗ halten?“ „Ja,“ erwiederte Gretchen,„wie hätte ich nicht an Euch denken ſollen? Ihr ſeid nun der einzige Freund, den ich auf der Welt habe.“ „Ah! gleichviel!“ rief Gamba.„Ihr braucht keine andere, wenn ich Euch für hundert liebe. Und ſo liebe ich Euch, höret Ihr? Ich habe zu meiner Schweſter geſagt: Komm nach Landeck, oder guten Abend. So lange ihre Saiſon, man nennt das eine Saiſon, ſo lange ihre Saiſon gedauert hat, und die Kunſt, der Maeſtro, der Director, die für ſie gemachte Oper und das Beifallklat⸗ ſchen meine Schweſter zu ſingen veranlaßten, habe ich nicht viel ſagen können. Ah! man hat ihr viel Beifall. geſpendet, man hat gewaltig geklatſcht und geſchrleen, bei meinem Ehrenwort! Paris, das iſt nichts! Ich möchte wohl ihre Sängerinnen in Paris ſehen, wenn man ihr erlaubte, neben ihnen zu ſingen. Nicht eine wäre im Stande, eine Note zu miauen. Erbärmliches Zeug! Doch ſeht, wenn das Engagement beendigt iſt, mache ich mir den Teufel aus der Muſik! Ich ſagte zu meiner Schweſter:„Man hat Dir Beifall geklatſcht, Du haſt Deinen Theil. Ich muß den meinigen haben. Lan⸗ deck iſt eine reizende Gegend, und dieſer bezaubernde Au⸗ fenthalt wird noch verſchönert durch eine Frau, die ich liebe““ Denn ich habe meiner Schweſter geſagt, daß ich Euch liebe, Gretchen, und ſie iſt ſehr damit zufrieden ge⸗ weſen und hat mich außerordentlich gelobt. Ueberdies rühmte ich ihr geſchickt die Gebirgsluft zur Unterhaltung der Stimme. Ich ſchwur ihr, es würde ihr im hoͤchſten Maaße wohl thun, wenn ſie den Herbſt hier zubrächte.“ „Und was hat ſie geantwortet?“ fragte Gretchen. „Sie hat geantwortet:„„Das iſt mir recht, und ich hätte es Dir vorgeſchlagen.““ Sie iſt zſ ich 3 der Bruder eines Engels.“ —— — ro⸗ ge⸗ 77 Gamba fing wieder an zu tanzen und zu ſingen. „Und das iſt noch nicht Alles,“ fuhr er fort.„Nach dieſem Monat werden wir allerdings nach Paris zurück⸗ kehren, wo meine Schweſter noch etwas zu thun hat; doch hernach werde ich zurückkehren, und zwar für immer, wenn Ihr wollt. Ihr habt vielleicht vergeſſen, Gretchen, doß ich Euch vor meiner Abreiſe ſagte, ich müſſe Euch, wenn ich zurückkomme, um Etwas bitten. Ich will Euch nun ganz offenherzig erklären, was es iſt... „Holla! Herr!“ rlef eine Stimme. Gamba wandte ſich um und ſah einen kleinen Jun⸗ gen, der athemlos herbeilief und ihm von fern winkte. Es war einer von den kleinen Knaben mit den zwei Gulden. „Nun! was gibt es?“ fragte Gamba, ſichtbar ver⸗ drießlich. „Herr,“ erwiederte der kleine Junge,„Ihre Schwe⸗ ſier, welche unten iſt, will, daß Sie ſogleich zurückkom⸗ men, auf der Stelle zurückkommen. „Warum?“ „Weil ich zwei Gulden erhalte, wenn Sie in einer Viertelſtunde im Wirthshauſe find.“ „Was geht es mich an, wenn Du zwei Gulden er⸗ hältſt!“ erwiederte Gamba ſehr ärgerlich, daß man ihn i Eingange einer ſo wichtigen und ſo zarten Erklärung örte. „Ihre Schweſter reiſt auf der Stelle nach Paris ab,“ ſagte der Abgeſandte. „Nach Paris!“ rief Gamba, im Herzen getroffen. „Ja, man ſpannt in dieſem Augenblick die Pferde an. Ihre Schweſter ſieht aus, als wäre ſie ſehr unruhig und als hätte ſie große Eile, und ſie hat geſagt; „„Welch ein Mißgeſchick!““ als ſie erfuhr, Sie ſeien nicht da.“ Gamba ſtützte ſich auf eine Ziege. „Ah! ja wohl!„wenn wir ſo den Herbſt hier 78 zubringen!... Bei meiner Treue! das wäre ſchlimm! Olympia mag reiſen, wenn ſie will; ich, ich bleibe.“ Aber Gretchen ſprach ernſt, nachdem ſie einen Au⸗ genblick geſchwiegen: „Nein, Gamba; Ihr könnt Eure Schweſter nicht allein reiſen laſſen. Ihr habt es mir einmak geſagt, und Ihr hattet Recht. Sie hat ohne Zweifel ſehr gewichtige Beweggründe, um früher abzureiſen, als ſie dies zu thun gedachte. Begleitet ſie, Gamba; Ihr werdet wieder⸗ kommen.“ „Ja, aber wann?“ rief Gamba.„Man weiß, wann man geht, weiß man, wann man wiederkommt? Wer ſteht mir dafür, daß die traurigen Angelegenheiten, bei denen Olympia betheiligt iſt, uns nicht den ganzen Win⸗ ter in Paris zurückhalten werden?“ „Wohl!“ verſetzte Gretchen,„ich mache alle Früh⸗ jahre eine Reiſe nach Paris, und wir werden uns dort wiederfinden.“ „Iſt das gewiß? Ihr werdet kommen2“ ſagte Gamba ganz traurig. „Ganz gewiß.“ „Aber wie erfahre ich Eure Ankunft?“ h ſchreibe Euch.“ „Ei! weiß ich nur, wo wir wohnen werden? Schreibt alſo an Gamha, poste restante. Ich gehe dann alle Tage auf die Poſt, das wird mich zerſtreuen und ein wenig tröſten.“ „Abgemacht. Auf Wiederſehen, Gamba.“ „Ach! Ihr ſeid ſehr ſchnell gefaßt. Auf Wiederſe⸗ hen, Gretchen. Auf Wiederſehen, in Paris vielleicht. Gleichviel, ich würde Euch viel lieber hier wiederſehen, in der freien Luft, als in den abſcheulichen Städten, wo es Plafonds gibt, die Alles erdrücken. Wer verſichert mich, daß Ihr mich werdet in der Stadt noch ein wenig lieben wollen? Ich kenne Euch hier, ich weiß nicht, wie Ihr dort ſein werdet.“ „+ c2. m 1 Au⸗ cht ind ige n er⸗ nn er ei rt te ⸗ t. t e 79 „Immer dieſelbe für Euch, mein Freund, mein Vetter, mein Bruder. Doch lebet wohl. Man erwartet Euch.“ Der kleine Junge zog in der That Gamba an ſeinem Rock und ſagte mit halb ärgerlichem, halb bittendem Tone u ihm: Herr!„Sie werden machen, daß ich meine zwei Gulden verliere, mein guter Herr.“ „Gott befohlen alſo, Gretchen,“ ſprach Gamba mit einem kläglichen Ausdruck. Er hätte Gretchen gerne daran erinnern mögen, daß ſie ihn das erſte Mal umarmt, aber die Gegenwart des kleinen Jungen hielt den ſchüchternen Gamba davon ab. „Gott befohlen,“ wiederholte er. Gretchen reichte ihm die Hand. Er begnügte ſich mit einem guten Druck, in den er ſeine ganze Zärtlichkeit und ſeinen ganzen Schmerz legte. Dann ſchlug er, nicht ohne ſich wiederholt umzu⸗ drehen, den Weg nach Landeck ein, wobei ihn der kleine Junge, der ihm voranlief, fortwährend zur Eile antrieb. Als ſie an Ort und Stelle kamen, waren die Pferde am Wagen. Der großmüthige Gaſtwirth ſchenkte fünf Gulden dem Jungen, der Gamba gefunden, vier Gulden den zwei andern, und behielt vier Friedrich d'or für ſich. Olympia und Lothario ſtiegen in den Wagen. Es war noch ein Platz für Gamba da, aber er wollte durchaus auf den Bock ſitzen. Er bedurfte der Luft. Der Kummer erſtickte ihn. Doch von dieſen zwei Männern, von denen der eine eine geliebte Frau verließ, der andere zu einer geliebten Frau zurückkehrte, war der Unglücklichſte nicht derjenige, welcher ſie verließ. Eeſtamentariſche Heirath. Es ließ ſich nichts ſo Liebliches, ſo Poetiſches, ſo Reizendes ſehen, als Friedrike in ihrem Hochzeitkleide. Man konnte ſich nichts Reineres und Keuſcheres denken, als dieſes weiße Antlitz unter dieſem weißen Schleier. Am Morgen der ſeltſamen Heirath war Friedrike ein wenig erſtaunt, ein wenig unruhig, ein wenig traurigz doch ihr ſanftes Geſicht gewann nur bei dieſer Gemüths⸗ bewegung. Samuel und Julius ſchauten ſie an, dieſer mit allen Ergüſſen einer freudigen Zärtlichkeit, jener mit einer ge⸗ drängten Bitterkeit. Die ruhige Schönheit dieſer Mädchenſtirne brachte in die Stirne von Samuel finſtere, erſchreckliche Gedan⸗ ken. Sein ſchmerzlicher Zorn vervoppelte ſich, als er ſie ſo bezaubernd einerſeits und andererſeits ſo ergeben ſah. Samuel hätte gewünſcht, daß Friedrike häßlich wäre, da ſie nicht ſür ihn ſchön war. Oder er hätte wenigſtens gewünſcht, daß ſie nicht ſo ruhig eine Heirath annähme, die er ihr gerathen. Er war aufgebracht gegen ſie darüber, daß ſie nicht wider⸗ ſtanden, darüber, daß ſie ihm gehorchend nicht das Aus⸗ ſehen gehabt, als litte ſie, darüber, daß ſie es nicht mit Widerwillen zu thun und nicht Thränen zurückzuhalten chien. Friedrike liebte ihn alſo gar nicht! Sie hatte ihm verſprochen, ihm zu gehören, er hatte ihr ihr Wort zuxück⸗ gegeben, aber ſie hätte es nicht zurücknehmen ſollen. Er verzieh ihr nicht, daß ſie gethan, um was er ſie gebeten. An ihr war es, den Vorſchlag, den man ihr machte, einen Kranken, einen Sterbenden zu helrathen, zurückzu⸗ —— 8¹ weiſen, zu verwerfen. In dieſem Augenblick bilvete ſich Sa⸗ muel beinahe ein, wenn fie ſich geweigert hätte, in ſeinen Plan einzugehen, ſo wäre er glücklich darüber geweſen. Er hätte das Vermogen von Julius verloren; doch gleich viel! Er würde dabei gewonnen haben, daß er ſich geliebt gewußt hätte. Zu dieſer Stunde, wo Friedrike ihm ent⸗ ging, zog er ſie allen Milllonen des Grafen von Eber⸗ bach vor. Er bereute es, ſie zu dieſer Heirath er⸗ mächtigt, ihr den Antrag von Julius eröffnet zu haben. Er ſagte ſich in dieſem Augenblick, er würde ihr den⸗ ſelben nicht eröffnet haben, hätte er gewußt, daß ſir ihn annehme. Und ſie bewegte ſich ebenſo wenig, als wenn es ſich um die Zukunft einer Andern handelte! Je ſanfter und durchſichtiger ſie war, deſto ſorgenvoller und bekümmerter war er. Dieſe Seelenheiterkeit thürmte in ihm Stürme auf. Dieſe Miene himmliſcher Unſchuld trieb ihn zum hölliſchen Verbrechen an. Der Engel ſtachelte den Teufel zum Böſen auf. Während die Dienerinnen von Friedrike die letzte Hand an den Putz der Braut legten, betrachtete Samuel, der, um ſie zu holen, mit Julius gekommen war, mit einem wüthenden Auge den gerührten Blick, mit dem dieſer alle Bewegungen des Mädchens begleitete. „Du haſt Rechi,“ dachte er,„berauſche Dich in ihrer Anſchauung. Benütze den Augenblick, wo Du es noch kannſt. Häufe in dieſer Minute die wenigen Gemüths⸗ erſchütterungen an, die es braucht, um Dich zu tödten. Es gibt hier zwei Erſchütterungen, welche für Dich tödt⸗ lich ſind: die Deinige und die meinige. Wenn Du der einen entgehſt, ſo wirſt Du doch der andern nicht ent⸗ gehen. Die MNatur richtet die Leidenſchaft vielleicht nach Maßgabe der Stärke ein. Wenn Dich aber Deine Vater⸗ liebe verfehlt, ſo wird Dich doch meine Eiferſucht des Verliebten nicht verfehlen.“ Gott lenkt. m. 6 8² „Sind Sie bereit, Frievrike?“ fragte Julius das Mädchen. „Du haſt große Eile!“ ſagte Samuel.„Die Stunde hat noch nicht geſchlagen. Es iſt noch nicht die Zeit.“ „Doch,“ erwiederte Julius.„Um Mittag müſſen wir in der Kirche ſein, und ſchon iſt es eilf Uhr.“ „Ich bin bereit, Herr Graf,“ ſprach Friedrike. Julius, Samuel und Friedrike traten in den Empfangs⸗ ſaal ein. Die bürgerliche Trauung ſollte hier ſtatthaben. Es finden ſich indeſſen hier nur die vier Zeugen, worunter Samuel und der öſterreichiſche Botſchafter, der, nach dem Gebrauche der diplomatiſchen Welt, ſeinen Collegen trauen ſollte. Die Ceremonie war raſch beendigt. Nach einer Viertelſtunde war Friedrike nach dem Geſetze Gräfin von Eberbach. Hierauf ſtiegen Alle in den Wagen, und man fuhr nach der Kirche der Billettes, wo einige Monate vorher Lothario ſo ſüße und ſo ſchierzliche Sonntage Friedrike anſchauend, ohne daß er mit ihr zu ſprechen gewagt, zu⸗ gebracht hatte. Die Erinnerung an dieſe bewegten Stunden tauchte ohne Zweifel wieder im Herzen des Mädchens auf, denn beim Eintritt in die Kirche verdüſterte ſich das leuchtende Geſicht von Friedrike durch einen Schatten von Schwer⸗ muth. In dieſer Kirche, hatte ſie wohl geträumt, würde ſie heirathen, aber dies war nicht der Mann, den ſie geträumt, gewünſcht vielleicht. Gewiß bereute ſie es nicht, ſich entſchloſſen zu haben, die letzten Stunden dieſes edlen Kranken zu erheitern, zu dem ſie ſich von Anfang an wie zu einem Vater hingezogen gefühlt hatte. Sie hegte für den Grafen von Eberbach nur Gefühle der Dankbar⸗ keit und der Ergebenheit. Doch die Dankbarkeit und die Ergebenheit ſind nicht das ganze Leben; das Mädchen iſt nicht die ganze Frau. (5(5 ngs⸗ Es nter dem auen iner von fuhr rher drike zu⸗ uchte denn tende wer⸗ e ſie — umt, edlen an hegte kbar⸗ die n iſt 83³ Das war der Fehler von Lothariv. Er hatte keine Beharrlichkeit gehabt. Er hatte nicht einmal gekämpft. Er konnte Friedrike keinen Vorwurf machen, an ihr war es vielmehr, ihm böſe zu ſein. Was vermochte ſie, das arme Mädchen, ohne Vater und Mutter, von der Barm⸗ herzigkeit aufgenommen, ohne Stärke und ohne Recht? Während er, ein Mann, ſich rühren, verſuchen, mit Herrn Samuel ſprechen, mit ſeinem Oheim ſprechen konnte. Statt deſſen war er abgereiſt. Es war ſehr naiv, noch an ihn zu denken, der ge⸗ wiß nicht mehr an ſie dachte. In dieſem Augenblick, wo ſie die Schwäche hatte, ſich den EFrinnerungen hinzu⸗ geben, die ſie bei der Thüre wiedergefunden, machte er ſicherlich den ſchönen Damen von Wien den Hof, und er hatte das Mädchen vergeſſen, mit dem er eine kleine Lieb⸗ ſchaft zum Zeitvertreib und im 2 küßigang gleichſam an⸗ gelegt hatte. Ob ſie heirathete oder nicht heirathete, das war ihm gleichgültig. Zum Beweiſe, wie er ſich nichts varum bekümmerte, dfente, daß ihm der Graf von Eberbach, auf ihre Bitte, geſchrieben hatte, er heirathe, und daß er es nicht der Mühe werth erachtet, zurückzu⸗ kommen. Friedrike warf alles Unrecht auf Lothario. Und dann, man muß es ſagen, war ſie noch nicht in dem Alter, wo die Leidenſchaften ſehr tief ihre Furche in dem Herzen einer Frau eingraben. Der Bruch des Traumes, den ſie kurze Zeit an die Blicke von Lothario ange⸗ knüpft hatte, verurſachte bei ihr eher ein unbeſtimmtes Bedauern, als ein wirkliches Leiden. Ueberdies ließ ſie ihre mehr zarte und weiche, als energiſche und perſönliche Natur eine Art von genügendem Glück in dem Gedanken finden, ſie vpfre ſich dem Glücke eines Andern, und die Freude des Grafen von Eberbach troſtete ſie in ihrer Traurigkeit. Das Bedauern, das ihr der Anblick dieſer Kirche einflößte, in der ihre Augen oft denen von Lothario 84 „ begegnet waren, erſchien nur einen Moment in ihrem ſchönen, anmuthigen Geſichte und wurde von den zahl⸗ reichen Freunden und der vornehmen Menge, welche zur Hochzeitfeier des preußiſchen Geſandten herbeigeeilt war, nicht bemerkt. Man fand ſie nur ein wenig ernſt; doch wann ſollte eine Frau ernſt ſein, wenn nicht, da ſie heirathet! und man fand Julius ein wenig bleich; doch man wußte, daß er von einer Krankheit aufſtand, und für dieſe Gleich⸗ gültigen war das, was Niedergeſchlagenheit und Schwäche, nur Diſtinction und Eleganz. Julius hatte ſich angeſtrengt, um die Ceremonie zu Ende zu bringen. Friedrike, die ihn noch nicht genug erholt fand, hatte die Hochzeit wollen verſchieben laſſen; Julius hatte ſie aber beſchworen, ihn nicht durch einen neuen Verzug zu betrüben. Gerade wegen ſeines Geſundheitszuſtandes war er nicht ſicher genug des andern Tages, um etwas zu verſchieben. Samuel hatte ſich Julius angeſchloſſen, befürchtend, die plötzliche Rückkehr von Lothario könnte Alles um⸗ ſtürzen. Der Graf von Eberbach war glücklich. Eines nur fehlte zu ſeiner Freude: die Gegenwart von Lothariv. Bis zu dem Augenblick, wo er in den Wagen ge⸗ ſtiegen, hatte er ihn erwartet. Noch jetzt glaubte er jede Secunde ihn erſcheinen zu ſehen. Warum war er nicht gekommen? Warum hatte er ſeinem Oheim nicht vieſen Beweis von Zuneigung bei einem ſo entſcheidenden Umſtand gegeben? Sein Groll konnte unmöglich bis auf dieſen Grad Beſtand gehabt haben. Offenbar hatte er ſich auf den Weg begeben. Sein Verzug erklärte ſich durch einen Unfall, vurch einen gebrochenen Wagen, durch ein von ſeinem Willen unab⸗ hängiges Motiv. Doch er würde von einer Minute zur andern ankommen. 5 Und von Zeit zu Zeit wandte Julius ven Kopf nach ———— ———— SS„— atte zug des was end, um⸗ nur ge⸗ jede e er roll habt ben. inen nab⸗ zur nach bei der Menge um, in der Hoffnung, den Augen von Lothario zu begegnen. Aber die religiöſe Ceremonie ging zu Ende wie die bürgerliche Ceremonie, ohne daß Lothario erſchien. Man kehrte nach dem Hotel zurück. Julius hoffte immer noch. Angenommen, ein Unfall habe die Ankunft von Lothario um eine Stunde verzögert, ſo konnte er zu ſpät eingetroffen ſein, um ſich anzukleiden und in die Kirche zu kommen. Doch er war ohne Zweifel in dieſem Augenblick im Hotel, und Julius würde ihn aus dem Wagen ſieigend finden. In dieſer Hoffnung wurde er abermals getäuſcht. Ein Schatten zog vor den Augen von Julius vorüber; als er aber Friedrike mit Samuel aus dem Wagen ſteigen ſah, der vor dem ſeinigen kam, vergaß er Lothariv, um nur noch an Friedrike zu denken. Verſchiedene Freunde kamen von der Kirche in das Hotel, um den Neuvermählten Glück zu wünſchen. Der Salon war raſch gefüllt. Julius empfing die Glück⸗ wünſche und antwortete auf die Dankſagungen. Aber dieſe ganze Bewegung und all dieſer Lärmen waren zu viel für die Schwäche des Geſandten. Plötzlich ſah ihn Samuel, der ihn nicht mit den Augen verließ, erbleichen. Er lief auf ihn zu. „Was haſt Du denn?“ „Nichts,“ erwiederte Julius, der ſich wanken fühlte. „Eine Ohnmacht. Doch vas iſt vorbei.“ „Komm,“ ſagte Samuel Und er wandte ſich an die Anweſenden und ſprach: „Nicht wahr, Sie erlauben? Die Frau Gräfin von Eberbach bleibt, um Ihnen die Honneurs zu machen. Der Herr Graf hat das Bebürfnß, ein wenig allein zu ſein; doch er wird ſoglrich wieder kommen.“ „Sogleich,“ wiederholte Julius. 86 nnd er ſtützte ſich auf den Arm von Samuel und ging mit ihm in ſein Cabinet. In der Secunde, wo ſie aus der Thüre traten, wandte ſich Samuel Gelb um und heftete einen ſeltſamen Blick auf Friedrike. Es lag in dieſem Blick eine wilde Miſchung von Leidenſchaft und Zorn. Es war, als bedürfte er es, in ſeinen Augen die lebendige Spur dieſer göttlichen Schönheit mitzunehmen, um ſich in einem gräßlichen Vorhaben zu befeſtigen. Rach dieſem letzten Blicke zog er Julius raſch fort. Diejenigen, welche ihn in dieſem Moment be⸗ trachteten, waren betroffen vom Ausdruck ſeiner Phyſio⸗ gnomie. Der Bleichere von Beiden, dem Kranken und dem Arzte, war nicht der Kranke. Sobald er in ſeinem Cabinet war, fiel Julius in einen Lehnſtuhl. „Du haſt es gewollt!“ ſprach Samuel mit einer düſteren Miene. „Was habe ich gewollt?“ fragte Julius mit ſterben⸗ der Stimme. „Ich ſagte Dir vorher, jede Gemüthserſchütterung ſei höchſt ſchävlich für Dich; Du haſt nicht auf mich ge⸗ hört; ſchlimm für Dich!“ „Worin bin ich Dir ungehorſam geweſen?“ fragte Julius.. „In Allem,“ rief Samuel.„Du machteſt Friedrike zu Deiner Frau, um das Recht zu haben, ſie zu Deiner Erbin zu ernennen. Es handelte ſich um eine Förmlich⸗ keit, Du verwandelſt es in eine Gemüthsſache. Nun denn, ſo ſtirb! Du haſt es gewollt.“ Während er dies gleichſam abgeſtoßen und wie in einem Fieberanfall ſagte, goß Samuel Woſſer in ein Glas. Dann nahm er aus ſeiner Taſche eine ganz kleine Phiole, ließ daraus zwei bis drei Tropfen in das Waſſer — 55 —— — — und ten, men von inen heit nzu fort. be⸗ ſio⸗ und in iner ben⸗ rung 8 agte drike einer lich⸗ Nun e in ein leine aſſer 1 87 fallen und rührte das Ganze mit einem Löffel von Ver⸗ meil um. „Betrachte Dich in dieſem Spiegel,“ ſagte er zu Julius,„ſieh, wie bleich Du biſt.“ „Du biſt auch nicht roſenroth, Du, der Du ſprichſt,“ erwiederte Julius, die entſetzliche Bläſſe von Samuel ge⸗ wahrend.„Doch ſtatt mich zu ſchelten, würdeſt Du beſſer daran thun, mich zu heilen. Gib mir dieſes Glas, das Du durch Dein gewaltiges Rütteln zerbrechen wirſt.“ Die Hand von Samuel zitterte in der That, und der von ihm bewegte Löffel ſtieß heftig an die Wände des Glaſes. „Noch nicht,“ erwiederte Samuel.„Dieſer Trank muß vier bis fünf Minuten ruhen.“ Und er ſlellte das Glas auf den Tiſch. „Dich heilen,“ fuhr er mit einer heiſeren, gepreßten timme fort,„das iſt ſehr leicht zu ſagen. Du konnteſt Dich ſelbſt heilen, das hing von Dir ab, ich hatte Dir das Mittel bezeichnet; die Beſänftigung der Seele für das Heil des Körpers. Du mußteſt auf mich hören, und würdeſt leben.“ „Ich habe Dich nie ſo geſehen,“ ſagte Julius, ſeinen Freund hetrachtend. Samuel wiſchte die Stirne ab. Tropfen kalten Schweißes ſtanden darauf. Er zuckte die Achſeln mit einer Geberde, welche beſagen wollte: „Ei! was für ein Kind bin ich!“ Aber er mochte ſich immerhin ſchmähen, er mochte ſich immerhin verachten: er hatte nicht mehr ſeine ge⸗ wöhnliche Kaſtblütigkeit.. Er machte indeſſen eine heftige Anſtrengung gegen ſich ſe bſt und ſchien einen feſten Entſchluß zu faſſen. „Der Trank muß nun bereit ſein,“ ſagte er. Und er nahm das Glas vom Tiſche. Jultus ſtreckte die Hand aus. „Gib, obgleich ich mich zu erholen anfange.“ 88 Doch in dem Augenblick, wo er von ſeinem Lehn⸗ ſtuhle aufſtand, erblickte er auf dem Boden einen Brief, den er beim Niederſitzen vom Tiſche geſtreift und nicht bemerkt hatte. Ein Blitz glänzte in ſeinen Augen. „Was für ein Brief iſt das?“ fragte er. Er hatte auf dem Umſchlag die Handſchrift von Lothario zu erkennen geglaubt. Samuel ſtellte das Glas wieder auf den Tiſch, trotz ſeiner ſcheinbaren Feſtigkeit erfreut über dieſen unfrei⸗ willigen Verzug. Julius hob den Brief auf. Es war in der That die Schrift von Lothario. „Er wird gekommen ſein, während wir in ver Kirche waren,“ ſagte er, den Brief entſiegelnd.„Man wird ihn heraufgebracht und mich im Lärmen der Ceremonie zu benachrichtigen vergeſſen haben.“ Er öffnete gierig den Brief und fing an zu leſen. Wie es Lothario in Eberbach gethan, hatte Julius nicht ſobald einen Blick auf die Zeilen geworfen, als er einen Schrei von ſich gab. „Was haſt Du denn?“ fragte Samuel. Julius winkte nur mit der Hand und las bis zum Schluſſe. Als er geendigt hatte, legte er ſeine Hand auf ſein Herz, das um ſeine Bruſt zu zerſprengen ſchlug, und ſagte mit ſtockender Stimme: „Oh! mein armer Samuel, ich glaube, ich werde Dein herzſtärkendes Mittel mehr nöthig haben, als wir dachten Das iſt eine zweite Erſchütterung ſo ſtark als die erſte.„Aber bei dieſer,“ ſetzte er mit einem trauri⸗ gen Lächeln hinzu,„bei dieſer wirſt Du mich nicht beſchul⸗ digen, ich habe ſie mir abſichtlich gegeben.“ „Was ſchreibt Dir denn Lothario?“ wiederholte Samuel. „Lies,“ erwiederte Julius. ehn⸗ rief, nicht von trotz frei⸗ rche wird onie eſen. icht inen 89 Samuel nahm den Brief. „Noch ein Wort,“ ſagte Julius.„Du haſt mir, und ich danke Dir dafür, geſtanden, mein Leiden müſſe den Tod herbeiführen, und es gebe für mich keine Hoffnung mehr für die Zukunft. Du haſt mir auf meine dringen⸗ den Fragen geſagt, ich werde nicht davon kommen, mein Uebel werde mich tödten, und ich könne nicht mehr gene⸗ ſen. Samuel, glaubſt Du es immer noch?“ „Du denkſt wohl nicht, Deine heutigen Unklugheiten können machen, daß ich meine Anſicht ändere?“ „Gut,“ ſprach Julius.„Deiner Meinung nach bin ich alſo verurtheilt.“ „Wenn nicht ein Wunder geſchieht.“ „Gott ſei gelobt!“ „Warum dieſe Freude?“ fragte Samuel erſtaunt. „Lies dieſen Brief,“ antwortete Julius. Samuel las. Berlin, d. 28. Auguſt 1829. „Mein theurer, geliebter Oheim, „Es iſt zu viel! zu viel Güte in Ihrem Herzen, zu viel Schmerz in dem meinigen. Meine Seele muß end⸗ lich vor Ihnen zerſpringen, und Sie müſſen mein Geheim⸗ niß darin ſehen. „Sie mußten mich und müſſen mich ſehr undankbar finden. Der Anſchein iſt gegen mich, ich erkenne es, und alle Ihre Nachſicht kann nicht gegen denſelben gehen. Mein Benehmen kommt Ihnen gewiß unerklärlich vor. Sie, der Sie immer von einer ſo verſchwenderiſchen Güte gegen mich geweſen ſind, Sie, mein Vater, habe ich ver⸗ laſſen, und in welchem Augenblick? In dem Augenblick, wo Sie noch krank waren. Ich, deſſen Pflicht und, glau⸗ ben Sie mir, deſſen Glück es war, Sie zu pflegen, die Nacht an Ihrem Bette zuzubringen, Ihnen mein Leben zu geben oder vielmehr wiederzugeben, ich habe Sie ver⸗ laſſen, und Sie haben nicht begreifen können, welcher 90 Grund mich bewogen, aus ihrem Hauſe gerade in dem Augenblick wegzugehen, wo meine Gegenwart ſo nothwen⸗ dig war. „Mein Oheim, Sie würden mir verzeihen, deſſen bin ich ſicher, wenn Sie wüßten, was ich gelitten habe, ehe ich mich zu dieſer Abreiſe entſchloß, welche nicht das ge⸗ ringſte von meinen Leiden war. Sie haben die Erklärung meiner Traurigkeit und meiner Flucht in meiner Kälte einem vor Kurzem in Ihrem Hauſe eingeführten Mädchen gegenüber geſucht. Sie glaubten, aus Zartgefühl haben Sie es mir nicht geſagt, doch ich habe es errathen, Sie glaubten, ich könnte beunruhigt in meinen Intereſſen und in meinen Hoffnungen durch den Theil von Ihrer Freundſchaft ſein, den dieſes Mädchen mir entziehen dürfte. Sie glaub⸗ ten, es ſei der Erbe, der in mir leide, ich ſei eiferſüchtig auf Ihre Zuneigung oder gierig auf Ihr Geld, ich haſſe Fräulein Friedrike. „Mein theurer Oheim, ich haſſe Fräulein Friederike nicht: ich liebe ſie. „Ich liebe ſie und ſie liebt mich nicht! Mein gan⸗ zes Geheimniß liegt in dieſen zwei Worten. „Begreifen Sie nun, welches Leben ich drei Wochen lang im Hotel geführt habe, ich, der ich wußte, daß ſie mich nicht liebte, der ich es aus ihrem Munde hörte, und der ich ſie immer vor mir hatte, wie das lebendige Bild meiner Verzweiflung, ohne meine Augen von dieſer reizenden und zugleich marternden Erſcheinung abwenden zu können. Hatte ich Unrecht, als ich ſagte, Sie werden mir ver⸗ zeihen, wenn Sie wiſſen, was ich gelitten? „Sie waren in Gefahr, ich konnte Paris nicht ver⸗ laſſen. Doch eines Tages ſagten die Aerzte, ſie ſtehen für Sie. Da gebrach es mir an Kraft, um dieſe Qual aller Minuten auszuhalten. Ich entfloh. Ihr uner⸗ 3 ſchöpfliches Wohlwollen wird mich entſchuldigen. „Ach! mein Oheim, ſeien Sie mir nicht böſe. Meine Fluchi hat mich nicht ſo viel genützt, und ich bin hier 5%) — er⸗ ual er⸗ ine ier 91 kaum weniger unglücklich, als dort. Ich war unglücklich, Fräulein Friedrike zu ſehen; ich bin unglücklich, ſie nicht zu ſehen. Das iſt der ganze Unterſchied. Ich mochte immerhin die Entfernung zwiſchen mich und ſie ſtellen, von Stadt zu Stadt gehen, ihr Bild und mein Schmerz folgten mir überallhin. Ich bin in Berlin, was ich vor drei Monaten in Paris war, was ich vor drei Wochen in Wien war, was ich immer und überall ſein werde. „Ich liebe mit Verzweiflung. Gehoͤrt Fräulein Fried⸗ rike einem Andern, gehört ſie nicht mir, ſo werde ich ſterben. „Ihr troſtloſer Sohn „Lothario.“ Samuel ſchob den Brief ruhig wieder in ſeinen Um⸗ ſchlag und gab ihn Julius zurück. „Du haſt ihn geleſen?“ ſagte Julius. „Was gedenkſt Du zu thun?“ fragte Samuel kalt. „Ich gedenke zu ſterben.“ Und auf eine Geberde von Samuel fügte er bei: „Du haſt es mir verſprochen.“ „Run! hernach?“ ſogte Samuel. „Hernach? Das iſt richtig. Warte,“ erwiederte Julius. Er öffnete ein Bureau in der Nähe ſeines Lehnſtuh⸗ les, nahm aus einer Schuvlade ein ſchwarz, geſiegeltes Paquet, erbrach das Siegel, zog aus den Papieren ein weißes Blatt, ſchrieb ein paar Zeilen und unterzeichnete. „Was haſt Du gethan?“ fragte Samuel, der mit Bangigkeit den Bewegungen von Julius folgte. Julius ſchloß und ſiegelte das Paquet und legte es wieder in das Bureau. „Was ich gethan habe?“ antwortete er auf die Frage von Samuel,„ich habe nur mein Teſtament abgeändert.“ Samuel bebte. „Ich habe Lothario zu meinem Univerſalerben ge⸗ macht,“ fuhr Julius fort,„unter einer Bevingung.“ 92 „Unter welcher?“ „Unter der Bedingung, daß er Friedrike heirathe. Samuel war ſtärker als dieſer Schlag, der ihn mit⸗ ten auf die Bruſt traf. Nicht eine Muskel ſeines Ge⸗ ſichtes bewegte ſich. 3„Du begreifſt?“ ſprach Julius.„Ich werde bald ſterben. Dann wird Friedrike Lothario heirathen. Selbſt wenn ſie ihn nicht lieben würde, wird ſie, haßt ſie ihn nur nicht gerade, meinem letzten Willen gehorchen. Und dann, da Lothario nur erbt, wenn ſie ihn zum Gat⸗ ten annimmt, wird es von ihr abhängen, ihn zu berei⸗ chern oder zu Grunde zu richten, und Du kennſt ihr treff⸗ liches Herz: ſie wird einwilligen, wenn nicht aus Liebe, doch wenigſtens aus Großmuth. Biſt Du zufrieden?“ „Womit?“ fragte Samuel mit düſterer Miene. „»Mit der Ruhe, die in mein Herz niederſinkt. Friedrike wird mir nun doppelt heilig ſein, und ſie wird doppelt meine Tochter, da ſie die Braut von Lothario iſt.“ Samuel dachte nach. „Gib mir nun den Trank,“ ſprach Julius;„denn ich muß wenigſtens ſo lange leben, bis vieſe Angelegenheit mit Friedrike in Ordnung gebracht iſt.“ Samuel nahm das Glas, ging auf den Kamin zu und goß den Trank in die Aſche. „Was machſt Du denn?“ fragte Julius erſtaunt. „Dieſer Trank hat zu lange gewartet und taugt nichts mehr,“ antwortete Samuel, in tiefes Nachſinnen verſunken. Als er vom Kamin zurückkam, ging er an einem Fenſter vorüber. Ein Geränſch von Rädern und Pferden erſcholl im Hofe. Samuel ſchaute maſchinenmäßig hin⸗ aus und ſchrie auf. Julius lief ans Fenſter. Eine Poſtchaiſe hielt vor der Freitreppe. Lothario ſtieg aus. „Lothario!“ rief Julius. „ Beängſtigt durch die verlängerte Abweſenheit von — — e. nit⸗ Se⸗ ald lbſt ihn en a⸗ rei⸗ eff⸗ be, kt. ird ſt.“ enn eit gt en — 93 Julius trat in dieſem Augenblick Friedrike in das Ca⸗ binet ein. Sie hoͤrte den Namen, den Ausruf: Lothario! Sie ſah die Bewegung von Julius und von Samuel, und wie von einem Donnerſchlage gerührt, wankte ſie und fiel leblos zu Boden. Drei Mebenbuhler. Julius und Samuel hatten nur Lothario allein aus⸗ ſteigen ſehen. Hlympia hatte ſich geweigert, Lothario zum Grafen von Eberbach zu begleiten, ehe ſie genau wüßte, wie es mit dem Drama ſtünde, das ſie entwickeln oder vielleicht ſchürzen ſollte. Sie hatte den Wagen bei der Barriere verlaſſen und mit Gamba einen Fiacre genommen, um in die Stadt hineinzufahren. Zu einem entſcheidenden Schritte entſchloſſen, deſſen Geheimniß ſie Lothario nicht anvertraut hatte, wollte ſie nichts vergebens und ohne die Sicherheit, daß es noch Zeit ſei, thun. Es war alſo verabredet worden, daß ſich Lothario zuerſt allein nach dem Hotel des Grafen von Eberbach begeben ſollte. War die Heirath noch nicht vollzogen, ſo ſollte er Julius ſagen, Olympia müſſe ihn in einer äußerſt wich⸗ tigen Angelegenheit ſehen. Würde der Graf von Eber⸗ bach wegen ſeiner nahen Hochzeit nicht zu der Sängerin gehen wollen, oder konnte er es nicht wegen ſeiner Krank⸗ heit, ſo hätte Lothario eine Zeile an Olympia zu ſchicken, welche ſchleunigſt nach dem Hotel eilen würde und wohl zu Julius zu gelangen vermöchte. Für den Fall aber, daß es zu ſpät war, hatte ſich Lothario gegen Olympia verbindlich machen müſſen, ihren Namen nicht auszuſprechen. Samuel, Julius und alle Welt müßten durchaus nichts von ihrer Rückkehr und ihrer Gegenwart in Paris erfahren. Verborgen und insgeheim würde ſie ſicherer und wirkſamer handeln. Darum war Lothario allein gekommen. Als er in den Hof einfuhr, erfüllten ihn die Wagen, die ungewöhnliche Bewegung und vas feierliche Ausſehen mit einer düſteren Ahnung. Er eilte die Treppe hinauf. In dieſem Augenblick trugen Samuel und Julius Friedrike ohnmächtig auf ein Canapé. Der forſchende Blick von Julius ging von Friedrike auf Samuel über. „Liebt ſie ihn denn?“ fragte er. Samuel zuckte die Achſeln, ohne zu antworten, und klingelte. Frau Trichter lief herbel. „Aether!“ ſagte Samuel. Als Frau Trichter mit dem Flacon zurückkam, trat Lothario bleich, verſtört ein. Er hatte nicht zwei Schritte in dieſem feſtlich geſchmückten Hauſe gemacht, ohne Alles vom erſten dem beſten Gleichgültigen zu erfahren. Julius eilte ihm entgegen und öffnete ihm ſeine Arme. Lothario warf ſich darein, ohne die Thränen zurück⸗ halten zu können, welche wider ſeinen Willen unter ſeinen Augenlidern hervorſchoſſen. „Verzeihen Sie, mein Oheim,“ ſtammelte er;„ſelen Sie glücklich; ich werde ſterben.“ „Kind!“ erwiederte Julius;„ſchau' doch mich an, und ſieh, wer von uns Beiden dem Tode am nächſten iſt.“ Nun erſt erblickte Lothario Friedrike, welche bewußt⸗ 3 „—— ohl ſich ren alle hrer eim rat itte les ine ck⸗ en un, t.“ ßt⸗ 95 los auf dem Canapé lag; Samuel und Frau Trichter hatten ſie für ihn maskirt, indem ſie ſich über fie geneigt, um ſie an dem Flacon riechen zu laſſen. „Fräulein Friedrike krank!“ rief er bebend. „Es iſt nichts,“ ſprach Julius.„Die Anſtrengung eines ſolchen Tages, die unvermeivliche Gemüthsbewegung, und dann Deine ſo plotzliche Rückkehr, Alles dies hat ſie ein wenig angegriffen. Als ſie Samuel Deinen Namen ausſprechen horte, iſt es ihr unwohl geworden.“ „Sie kommt wieder zum Leben,“ ſagte Samuel. Ganz verwirrt und ſelbſt ohnmächtig, fiel Lothario an dem Canapé auf die Kniee. Er ſchaute flarr dieſes ſchöne Geſicht an, das weißer war als ſein Kranz. Er nahm inſtinctartig die marmorkalte Hand von Friedrike. Doch ploͤtzlich fühlte er an dieſer Hand den Trau⸗ ring. Er ließ ſie fallen und ſtieß ſie beinahe mit einer Bewegung der Bitterkeit und des Zornes zurück. Der Graf von Eberbach, der ihn beobachtete, be⸗ merkte wohl dieſe Geberde. „Auf, ſei ein Mann, Lothario,“ ſagte er.„Es iſt aber auch Deine Schuld,“ fügte er ſanft bei.„Warum haſt Du nicht mit mir geſprochen 2 Konnte ich das Böſe errathen, das ich Dir anthun würde? Warum biſt Du nicht, als Du den Brief erhieltſt, in welchem ich Dir meine baldige Verheirathung mit Friedrike ankündigte, in aller Eile gekommen?“ „Sie haben mir nach Berlin geſchrieben, während ich in Eberbach war,“ antwortete Lothario.„Ihr Brief iſt mir nachgefolgt, und ſobald ich ihn empfangen, eilte ich hierher! Schon zu ſpät! Aber ich habe Ihnen, der Sie hier geblieben ſind, vor acht Tagen einen Brief ge⸗ ſchrieben, in welchem ich Ihnen Alles ſagte; Sie müſſen meinen Brief zu rechter Zeit empfangen haben.“ „Deinen Brief? er kommt in dieſem Augenblick an, und ich hatte ihn kaum zu Ende geleſen, als der Wagen in den Hof fuhr.“ 96 „Er kann nicht acht Tage gebraucht haben, um hier⸗ her zu kommen,“ verſetzte Lothario. „Frage Samuel,“ erwiederte Julius.„Und hier, ſieh ſelbſt.“ Der Graf nahm den Brief vom Tiſche und reichte ihn ſeinem Neffen. Scheinbar ganz mit Friedrike beſchäftigt, folgte Samuel ihren Bewegungen mit unruhigem Auge⸗ „Ganz richtig, Sie ſehen!“ rief Lothario im Tone des Vorwurfs. „Es iſt heute der 7. September, und der Stempel von Paris iſt vom 5. Sie haben aſo dieſen Brief ſeit zwei Tagen.“ „Das iſt in der That ſeltſam,“ ſprach Julius, den Umſchlag des Briefes betrachtend.„Durch welches Miß⸗ geſchick hat man es verſäumen können, mir dieſen Brief am Tage ſeiner Ankunft zu übergeben? Doch ich denke, Du glaubſt meinem Worte, Lothario. Bei meiner Ehre, ich habe erſt vor zehn Minuten Kenntniß davon bekommen. Der Brief hat auch eine niederſchmetternde Wirkung auf mich hervorgebracht, das ſchwoͤre ich Dir; Samuel kann es Dir ſagen.“ „Stille! Friedrike kommt zu ſich!“ ſprach Samuel. Julius und Lothario ſahen nur nach Friedrike. Der erſte Blick der Neuvermählten, ein unſicherer, unruhiger Blick, fiel auf Lothariv. „Lothariv,“ murmelte ſie ſchwach in jenem Helldunkel der. Vernunft, wo die Seele erſt halb erwacht iſt,„Lo⸗ thario! ich erwartete Sie. Ich wußte es wohl„ es war nur ein Traum. Ein grauſamer Traum. Aber wir werden hernach um ſo glücklicher ſein... Nun ſind wir wiedervereinigt. Gott ſei gelobt!„ Lothario, Sie werden mich nicht mehr verlaſſen?“ Julius horchte mit tiefer Aufmerkſamkeit. Samnel hatte auf den Lippen eine Falte des Hohns und der Drohung. — 97 Zugleich erſchrocken und entzückt hatte Lothario die Hände von Friedrike wieder ergriffen, als ob das, was ſie ſagte, ein wenig das, was ſie am Morgen gethan, ſühnte. Doch ploͤtzlich wurden die Gedanken lichter im Ge⸗ hirne der jungen Frau. Ihr Blick heftete ſich klarer auf alle diejenigen, welche anweſend waren. „Oh! ich erinnere mich,“ ſagte ſie ganz verwirrt. Sie zog raſch ihre Hände aus der von Lothario zurück, erhob ſich auf dem Canapé, ſchüttelte ihre ſchon minder bleiche ſchöne Stirne, als wollte ſie heraustreiben, was von Verwirrung und Unordnung darin blieb, und flüſterte: „Was habe ich denn geſagt? Ich ſprach, glaube ich, im Wahnwitz des Fiebers. Verzeihen Sie mir, Herr Graf.“ „Es iſt an Ihnen, mir zu verzeihen, mein Kind,“ erwiederte Julius ernſt, traurig, aber ruhig.„Sie haben nichts geſagt, worüber Sie erröthen müßten. Ihr einzi⸗ ges Unrecht beſteht darin, daß Sie nicht offenherzig ge⸗ „find und nicht genug Vertrauen zu mir gehabt aben. „Aber was habe ich denn geſagt?“ fragte Frievrike ängſtlich. „Frau Trichter,“ unterbrach Samuel,„wenn die Frau Gräfin Ihrer bedarf, wird man Ihnen klingeln.“ Frau Trichter ging ab. Es trat eine ewige Minute eines für Alle ſchmerz⸗ lichen Stillſchweigens ein. In der That, eine ſeltſame Lage zwiſchen den drei Männern, denen dieſe arme und jungfräuliche Friedrike zu gleicher Zeit angehörte: Julius durch ihren Namen, Samuel durch ihren Schwur, Lothario durch ihr Herz. Wer ſollte das Wort nehmen, wer ſollte auf die Frage von Friedrike, die dieſe ſelbſt nicht zu wiederholen wagte, auf die Frage:„Was habe ich denn geſagt?“ antworten 2 Gott lenkt. m. 7 98 Schwermüthig lächelnd und mit einer ganz väter⸗ lichen Geberde ſeine Hand auf den Kopf von Friedrike legend, ſagte endlich Julius: „Mein Kind, Sie lieben Lothario.“ Friedrike bebte. Doch ſie erhob ſtolz ihre Stirne und ſprach: „Herr Graf, nie hat Herr Lothario oder ſonſt Je⸗ mand, als ich noch nicht Ihren Namen führte, das Recht gehabt, zu ſagen, er habe in mir irgend ein Merkmal von dieſer Liebe entdeckt. Ich vermuthe nicht,“ fügte ſie Lothario mit ihrem klaren, durchſichtigen Blicke heraus⸗ fordernd bei,„ich vermuthe nicht, daß ſich irgend Jemand hat befugt glauben können, in meinem Namen zu ſpre⸗ chen und mir Gefühle zu leihen, die ich nie an den Tag gelegt habe.“ Lothario machte eine traurige Geberde, als wollte er dieſen Verdacht zurückweiſen. „Ich weiß nicht,“ fuhr Friedrike fort,„ich weiß nicht, welche leere Worte mir vorhin entſchlüpfen konnten, als ich nicht beim Bewußtſein war, aber man merkt nicht auf Worte, die eine Frau im Fieber zu ſagen im Stande iſt, und Niemand hat das Recht, mich anzuſchuldigen, ich liebe Herrn Lothario.“ „Niemand, mich ausgenommen, meine Tochter; doch ich ſchuldige Sie nicht an. Ich ſchuldige nur bei dieſer ganzen Sache Ihr Stillſchweigen und meine Blindheit an. Ich hätte denken ſollen, daß in einem Hauſe, wo es einen jungen Mann und einen Sterbenden gab, es nicht der Sterbende war, der Sie zur Frau erhalten mußte. Die Art, wie Ihr gegen einander geweſen ſeid, Eure Kälte und ſeine Abreiſe, welche vielleicht meine Au⸗ gen hätten öffnen müſſen, haben ſie mir getrübt. Es iſt zu ſpät, dem Uebel vorzubeugen; doch es iſt vielleicht noch Zeit, es wieder gut zu machen!“ Samuel ſchaute Julius mit Bangigkeit an. „Was wollen Sie damit ſagen?“ rief Lothario. 7 5 99 Julius wandte ſich an Friedrike und ſprach: „Mein liebes Kind, auf dieſem Tiſche liegt ein Brief, den mir Lothario von Berlin geſchrieben hatte, und in welchem er mir ſagte, er liebe Sie, und ich möge Sa⸗ muel um Ihre Hand bitten.“ Lothario machte eine Geberde. „Du wirſt ſogleich ſprechen,“ ſagte der Graf. Und er fuhr fort. „Durch ein Mißverſtändniß, das ſich vielleicht ſpäter aufklären wird, habe ich dieſen Brief erſt empfangen, als es nicht mehr Zeit war, zu thun, was er verlangte. Gleichviel! Friedrike, Sie hängen nun nicht mehr von Samuel ab, ſondern von mir; mir kommt es zu, über Sie zu verfügen. Ich wiederhole Ihnen, nach dem, was ich Ihnen vorher erklärt habe: vieſe Heirath macht aus mir Ihren Vater. An mir iſt, Lothario zu antworten, der die Hand meiner Tochter verlangt, und ich antworte, daß ich ſie ihm bewillige.“ Lothario und Friedrike hielten einen Schrei zurück und warteten, bis ſich der Graf von Eberbach vollſtändig erklärt hatte. 2 Was Samuel betrifft, ſo rührte ſich keine Muskel ſeines ehernen Geſichts. „Ich bewillige Lothario die Hand von Friedrike,“ wiederholte Julius,„weil ich ſie nur geheirathet habe, um ſie glücklich zu machen, und weil meine gute Abſicht nicht ihr Unglück zur Folge haben ſoll.“ „Oh! Herr Graf!“ rief Friedrike. „Sagen Sie nicht nein,“ unterbrach Sie der Graf, „Sie lieben Lothariv.“ „Ich habe das nicht geſagt.“ „Darum bin ich um fo ſicherer. Sie haben es nicht geſagt, aber Ihre Ohnmacht bei ſeinem Namen, Ihre Freude, als Sie ihn wiederſahen, und Ihr Delirium ha⸗ ben es für Sie geſagt. Widerſtehen Sie nicht; als 100 Tochter und als Frau find Sie mir doppelt Gehorſam ſchuldig, und ich befehle Ihnen, glücklich zu ſein. „Leider waltet ein Hinderniß ob, das wir nicht mehr brechen können; Sie müſſen einige Wochen warten, doch ſeien Sie ruhig. Als ich Sie anflehte, mir die letzten Tage meines Todeskampfes leben zu helfen, verſprach ich Ihnen, mit dem Sterben nicht zu zögern. Ich werde mein Verſprechen halten.“ „Mein guter Oheim!“ rief Lothario,„Sie ſollen leben.“ „Wenn ich im Grabe bin, werdet Ihr Euch heira⸗ then,“ fuhr Julius fort.„Ich habe ſo eben mein Te⸗ ſtament ſo abgeändert, daß Ihr genöthigt ſeid, einander zu gehören. In dieſem Augenblick, meine Kinder, verlobt Euch Euer Vater. Friedrike, ich gebe Ihnen Lothario zum Mannez Lothario, ich gebe Dir Friedrike zur Frau. In Erwartung des Tages, wo Ihr Euch heirathen koͤnnt, werdet Ihr ſein wie zwei Verlobte, die ſich lieben und es ſich ſagen. Der Zukunft ſicher, wird Euch die Gegen⸗ wart gevuldig finden. Ihr werdet Euch alle Tage ſehen und jeden Augenblick Eures Daſeins ſegnen, da Ihr wißt, daß er Euch der erwünſchten Zeit näher bringt. Sprecht, iſt das gut geordnet? Seid Ihr zufrieden?“ „Ohl mein theurer Oheim!“ rief Lothario mit Thränen in den Augen. Aber Friedrike ſchwieg. Sie ſchaute Samuel an, der immer unbeweglich war. nichts?“ „Und Sie, Friedrike,“ fragte Julius,„Sie ſagen „Herr Graf,“ erwiederte langſam die junge Frau, „glauben Sie mir, ich bin tief durchdrungen von Ihrer ſo edlen und ſo zarten Großmuth; doch es hängt nicht von mir ab, ſie anzunehmen.“ Lothario erbleichte.„ „Warum nicht?“ fragte der Graf von Eberbach. „Hätte ich auch für Herrn Lothario die Gefühle, SS 8 — — G) rſam mehr doch etzten verde ollen eira⸗ Te⸗ nder rlobt hario rau. nnt, und gen⸗ ehen vißt, echt, mit an, agen rau, hrer nicht 101 die Sie vorausſetzen,“ ſprach Friedrike,„ſo bin ich doch nicht frei.“ „Da Sie meine Einwilligung haben!“ verſetzte Julius. „Es fehlt eine,“ ſagte ſie. „Welche?“ „Die meines anderen Vaters, die von Herrn Sa⸗ muel Gelb.“ „Nun gehören Sie mir,“ entgegnete Julius. „Ihnen heute, ihm geſtern. Nicht allein wegen der Vergangenheit, für die Sorge, die er für mich getragen hat, für mich, das arme, verlaſſene Kind, ohne Vater und Mutter, das arme unwiſſende Mädchen ohne Obdach und Kleidung, ſondern ich gehöre Herrn Samuel Gelb auch durch das Wort, das ich ihm gegeben.“ „Welches Wort?“ fragte der Graf von Eberbach. „Ich habe verſprochen, wenn ich das Unglück hätte, Sie zu überleben, ſo würde ich ihn heirathen.“ „Ihn!“ rief Julius. Ein ſeltſamer Verdacht regte ſich in ſeinem Geiſte. Samuel Friedrike heirathen! Wenn er, Julius, dieſe ungleiche Heirath gewünſcht hatte, ſo war es nur geſchehen, um dem Mädchen ſein Vermögen zu ſichern. AQber Samuel, der kein Vermögen zu übertragen hatte, konnte eines empfangen. Die Witwe des Gra⸗ fen von Eberbach beſaß genug Millionen, um die leiden⸗ ſchaftlichſte Habgier in Verſuchung zu führen. Hatte ihm alſo, um ihn zu beerben, Samuel Friedrike gegeben? Begriff Friedrike den argwöhniſchen Blick, den Ju⸗ lius auf Samuel warf? Sie antwortete auf den Gedanken von Julius. „Herr Samuel Gelb iſt bei dieſer ganzen Sache nur vollkommen edelmüthig und uneigennützig geweſen. Er hatte von mirverlangt, daß ich ſeine Frau werde, ehe ich je Ehre gehabt, den Herrn Grafen von Eberbach zu ſehen.“ 10 „Gut,“ verſetzte Julius,„doch nun „Als er wußte, der Herr Graf denke an mich, hatte er die Zartheit, mir mein Wort zurückzugeben und ſein Recht zu vertagen. Und er hat dies ſo edelmüthig ge⸗ than, daß der Herr Graf ſelbſt nichts von ſeinem Opfer erfuhr.“ 4 „Ich danke Dir, Samuel,“ rief Julius.„Du ſag⸗ teſt mir nichts von dieſem Dienſte. Vergib mir, daß ich es nicht wahrgenommen habe. Da Du aber ſo gut gegen mich geweſen biſt, ſo wirſt Du nicht ſchlimm gegen dieſe Kinder ſein. Es handelt ſich diesmal um ein ganz anderes Glück, welches Du machen kannſt. In dem Aiter, das Friedrike und Lothario haben, zählen die Liebe und die Heirath, und es iſt der Mühe werth, eine Wolke von der aufgehenden Sonne zweier ſolcher Herzen zurückzu⸗ ziehen. Du haſt Dich für ein geringeres Intereſſe, als dieſes, vergeſſen und in den Hintergrund geſtellt. Du haſt ſchon einmal Friedrike ihr Wort zurückgegeben; nicht wahr, Du gibſt es ihr wieder zurück?“ Friedrike ſchlug die Augen nieder: ſie wollte ohne Zweifel nicht, daß man den Eindruck ſehe, der ſich darin ſpiegelte. Julius und Lothario ſchauten Samuel ins Geſicht und beſpähten auf dieſer unempfindlichen Stirne den Ge⸗ danken, der über das Glück von zwei Menſchen entſchei⸗ den ſollte. Aber kein menſchlicher Blick wäre im Stande ge⸗ weſen, die Maske zu durchdringen, mit der dieſer gewal⸗ tige Mann ſeine Seele bedeckte. „Nun?“ ſagte Julius. Der Zweifel bemächtigte ſich ſeiner abermals. Um Samuel zu beargwohnen und zu verachten, wartete er nur auf ein zweideutiges Wort. Samuel erhob das Haupt wie Einer, der ſeinen Ent⸗ ſchluß gefaßt hat. — „ — — atte ſein ge⸗ pfer ſag⸗ daß gut gen anz ter, und von kzu⸗ als haſt icht hne arin icht Ge⸗ hei⸗ ge⸗ al⸗ Um er nt⸗ 103 „Friedrike,“ ſprach er,„ich gebe Ihnen in Gegenwart von Julius und Lothario Ihr Wort zurück.“ Ein Blitz der Freude zuckte in den Augen von Friedrike. „Dank! Dank!“ riefen gleichzeitig Julius und Lo⸗ thario. „Ich habe einen, nur einen Wunſch in Beziehung auf Sie, Friedrike, gehabt,“ fügte Samuel das Mädchen anſchauend bei:„den, Sie glücklich zu machen. Sollen Sie glücklicher mit einem Andern ſein, als mit mir, ſo ſind Sie frei.“ „Du biſt ein wackeres Herz,“ ſprach der Graf von Eberbach.„Und Du machſt mir zu einem Gewiſſensbiß einen ſchlimmen Gedanken, den ich vorhin in Betreff Deiner gehegt habe.“ „Welchen ſchlimmen Gedanken?“ fragte Samuel. „Sprich nicht davon, ich habe ihn vergeſſen,“ er⸗ wiederte Julius.„Im Grunde biſt Du unter Deinem ſkeptiſchen Aeußeren eine edle Natur. Für Dich, wie für mich, iſt das größte Glück, das man haben kann, das, welches man gibt. Nun, Friedrike, hoffe ich, daß Sie nichts mehr einwenden werden. Sie haben meine Ein⸗ willigung und die von Samuel. Nach der von Gett, welche nicht wird auf ſich warten laſſen, fehlt nur die Ihrige.“ Lothario fing wieder an zu zittern. „Herr Graf,“ erwiederte Friedrike,„Ihre Tochter iſt bereit, Ihnen in Allem zu gehorchen, was Sie ihr be⸗ fehlen werden.“ „Oh! wie glücklich bin ich!“ rief Lothario. „Iſt es nicht gut,“ ſprach Julius zu Samuel, indem er ihm die Freude und die Liebe der zwei jungen Leute bezeichnete,„iſt es nicht gut, ſich in dieſer Sonne wieder zu erwärmen?“ Samuel beſaß die Stärke, zu lächeln. Julius hatte 104 aber nicht ſobald die Augen abgewendet, als eine Wolke des Zorns und der Drohung dieſes Lächeln vertilgte. „Und ich, ich bin auch glücklich,“ ſagte Julius. „Ich werde meine beiden Kinder bis zu meiner letzten Stunde bei mir haben, und indem ich Euch durch mich glücklich ſehe, werde ich etwas von Eurem Glücke be⸗ halten. Seht Ihr, ich mochte es immerhin verbergen, ich hatte in meinem Innerſten einen wahren Gewiſſens⸗ biß, daß ich für mich ſo viel Liebreiz, Jugend und Gemüth zu nehmen ſchien. Ich gebe Friedrike demjenigen zurück, welchen ſie verdient. Ich gebe ſie ihr ſelbſt zurüͤck. Nun habe ich ſie nur noch als anvertrautes Gut, ich nehme ſie nicht, ich verwahre ſie.“ Und während Julius, Lothario und Friedrike ſich die Hände drückten und ſich ihren Ergüſſen und Hoffnungen überließen, betrachtete ſie Samuel, an den Kamin ange⸗ „ lehnt, träumte tief und ſprach zu ſich ſelbſt: „Ja, ich habe wohl daran gethan, dieſen Trank in die Aſche zu ſchütten. Es handelt ſich jetzt nicht mehr darum, Julius ſterben zu laſſen, ſondern ihn beim Leben zu erhalten. Ihn tödten heißt zugleich meine Liebe und mein Vermögen verlieren. Die Gefahr iſt fortan nicht auf der Seite von Julius. Seine albernen Bedenklich⸗ keiten werden, wie er mir geſagt hat, die Braut von Lo⸗ thario reſpectiren. Und ich bedarf ſeiner, bis ich mich des Andern entledigt habe. Er muß mich ſelbſt von ihm befreien. Die Agonie des Schwachen, Hinfälligen muß mir dieſes ſtarke, junge Leben tödten.“ olke ius. zten nich be⸗ gen⸗ ns⸗ und igen ück. ich die gen ige⸗ k ein ehr ben und icht ich⸗ Lo⸗ ich muß — — 105 Armer Sünder und Henker. „Genug, Samuel,“ rief Julius mit flehendem Tone. „Mein lieber Samuel, um des Himmels willen, füge kein Wort mehr bei. Theile mir nicht ein Wort von dem mit, was ſie thun. Berichte mir nicht das, was ſie ſagen. Ich will nichts mehr wiſſen.“ Und während er ſprach, ging Julius bewegt, den Schweiß auf der Stirne, mit großen Schritten in ſeinem Cabinet auf und ab. Samuel verbarg ein ſtilles Grinſen und zuckte ſicht⸗ bar die Achſeln. „Du willſt nie etwas wiſſen,“ erwiederte er,„und Du biſt es immer, der mich befragt. Sprechen wir von etwas Anderem, wenn Du willſt. Mir iſt es ganz lieb. Was kann es mir machen, daß Friedrike und Lothario ſich lieben oder nicht leben? Ich bin nicht der Mann von Friedrike. Welches Intereſſe habe ich dabei? Du, was Dich betrifft, Du haſt Recht: bei Deinem jetzt ſo wunderlichen, empfindlichen Charakter iſt im Grunde das Beſte, was Du thun kunnſt, nichts zu wiſſen, und ich werde Dir fortan nicht einmal mehr auf Deine Fragen antworten.“ Julius hörte nicht auf Samuel. Er hörte auf einen Gedanken, der ſehr laut in ihm ſprach. Plötzlich hielt er in ſeinem heftigen Gehen inne und ſagte mit keuchender Stimme: „Samuel, Du biſt alſo ſicher, daß Lothario vor⸗ geſtern Friedrike abermals in Enghien geſehen hat?“ „Ich bin gar keiner Sache ſicher. Laſſen wir dieſen Gegenſtand. Du würdeſt mich bei dem erſten Worte, das mir entſchlüpfte, abermäls ſchweigen heißen. Plaudern 106 wir über Politik, willſt Du? Die Regierung zieht dem Lande die Zügel ſtraffer; deſto heſſer! das iſt das Mittel, es bäumen zu machen. Der Druck iſt der Anfong des Ausbruchs. Die Dinge gehen ſcheinbar für die Freiheit ſchlimm, das heißt, ſie gehen in Wirklichkeit für die Mo⸗ narchie ſchlimm.“ Julius ging wieder mit Geberden der Ungeduld auf und ab. „Man rührt ſich nun viel in den Vente,“ fuhr Sa⸗ muel lächelnd und als wollte er die Ungeduld von Ju⸗ lius reizen fort;„man rührt ſich auch auswärts. Man bereitet die Minen, das Laufpulver iſt angelegt; an dem Morgen, wo man es am Wenigſten erwartet, wird Alles ſpringen Und was die Vente betrifft, weißt Du, daß ich immerhin ſuchen mochte, es iſt mir noch nicht gelungen, mir zu erklären, warum man nie mehr mit mir von Dir geſprochen hat. Man hegte den Verdacht, Du ſeiſt nicht Jules Hermelin. Man hatte dem An⸗ ſcheine nach Recht. Eine furchtbare Drohung ſchwebte über Deinem Haupte. Man benachrichtigte mich davon und dann nichts mehr. Ich weiß wohl, daß ich mich für Dich verbürgt habe. Das hätte aber eher mich in's Verderben ſtürzen, als Dich retten müſſen. Warum läßt man uns ſo ruhig? Weißt Du es?“ „Du willſt mir nicht ſagen,“ fing Julius wieder an, „Du willſt mir nicht ſagen, ob Du ſicher biſt, daß Lo⸗ thario vorgeſtern Friedrike wiedergeſehen hat?“ „Theile mir nicht ein Wort von dem mit, was ſie thun, berichte mir nicht, was ſie ſagen, ich will nichts mehr wiſſen,“ ſprach ſpottiſch Samuel, indem er Julius ſeine eigenen Worte wiederholte. „Nun wohl! ich habe vorhin Unrecht gehabt,“ rief der Graf von Eberbach.„Die Wahrheit iſt mir noch lieber, als die Ungewißheit.“ „Du biſt der Sache nicht überdrüſſig?“ ———— ——— ——-——— 8 8 e 38 8 —„ e—— dem ttel, des heit Ro⸗ an, o⸗ ſie t us ef 107 „Sprich, ich bitte Dich inſtändig. Iſt er nach Enghien gegangen?“ Doch damit unſere Leſer beurtheilen, welchen Ein⸗ druck auf die ſchwache Natur von Julius jedes von dieſen wie Tropfen ſiedenden Waſſers auf ihn fallenden Worten machen mußten, haben wir Alles zu recapituliren, was ſeit ſeiner Verheirathung mit Friedrike bis zum 15. April 1830, dem Tage, wo dieſes Geſpräch mit Samuel ſtatt⸗ fand, vorgefallen war. Es waren acht Monate verlaufen, ſeitdem der Graf von Eberbach, ſicher, er werde bald ſterben, Frievrike mit Lothario, ſo zu ſagen, verlobt, und ihnen erklärt hatte, ſie würden nicht lange zu warten hahen. Er hoffte damals in der That, er werde ihnen binnen Kurzem den Platz frei laſſen. Aber das entſprach nicht der Rechnung von Samuel. Vermöge der von Julius getroffenen Anordnungen und der Aenderung, die dieſer an ſeinen teſtamentariſchen Verfügungen gemacht hatte, war er fortan verſichert, Friedrike werde Lothario heirathen. Einmal liebte ſie ihn. Samuel wußte dies zu genau. Sie hatte ſodann, um dem Teſtamente des Grafen von Eberbach zu gehorchen, außer dem Motive, welches für ſie gewiß von untergeordnetem Intereſſe,— daß ſie ohne dieſes nicht erben würde, das für einen Geiſt wie der ihrige ſo mächtige Motiv der Gutherzigkeit, daß Lothario auch nicht erben würde, wenn ſie ihn nicht heirathete. Die Liebe, das Intereſſe, der Grund vom Herzen des Mannes, und die Güte, der Grund vom Herzen der Frau, Alles kämpfte gegen den Willen von Samuel. Und Samuel hätte ſo lange gewartet, er hätte ſich der Laune von Julius unterzogen und ihm Friedrike ge⸗ geben, er hätte ſich dem Schmerze unterzogen, ſie mit einem Andern vertraulich zu ſehen, um am Ende zu thun, was ſogleich am Anfang zu thun von ihm abhing, wenn 108 er ſie Lothario gegeben haben würde! Seine ganze Arbeit, ſein ganzes Opfer, ſeine ganze Eiferſucht ſollten rein ver⸗ loren geweſen ſein! Nein, das war nicht möglich! Die Dinge konnten nicht auf dieſe Art endigen; man mußte eine andere Ent⸗ wickelung ſuchen und vorbereiten. Es war nicht Zeit, daß Julius ſtarb. Seine Gegenwart war vor der Hand nothwendig. Und Julius lebte. Samuel wurde plötzlich anderen Sinnes. Er, der einen Augenblick zuvor noch ſo entſchloſſen, mit einem Zuge die paar Tropfen Leben zu leeren, welche im Grunde dieſes erſchöpften Körpers blieben, hatte nur noch einen Wunſch, den, das Gefäß zu füllen, und er brachte wieder alles Blut, das er konnte, in die ver⸗ trockneten Adern. Er ſuchte in der Wiſſenſchaft und in der Einbildungskraft herviſche Mittel. Dieſe Heilung mußte beinahe eine Auferſtehung ſein; er that Wunder. Um Julius aus dem Wege zu räumen, war er bis zum Verbrechen gegangen; um ihn zu erhalten, ging er bis 3 zum Genie. Es gelang ihm, zu gut vielleicht. Zu gut für ihn und zu gut für Julius. Zu gut für ihn, denn in demſelben Maaße, in wel⸗ chem die Geſundheit bei Julius zurückkehrte, kehrte auch die Eiferſucht bei Samuel zurück. Er hatte wohl Frievrike mit einem unrettbar Kranken, der bald ſterben ſollte und dem er dazu helfen würde, verheirathen wollen, aber er hatte ſie nicht an einen Geneſenden in der Kraft des Alters, wenn nicht der Organiſation, verheirathen wollen, an einen Mann, deſſen Sinne, wenn ſie ſich nicht zu ent⸗ zünden vermochten, doch noch Funken unter der Aſche finden konnten. Er wartete auch nicht das Frühjahr ab, um zu fin⸗ den, die Geſundheit von Friedrike bedürfe des Aufenthalts auf dem Lande. In der freien Luft im Garten von Me⸗ —— c — eit, ver⸗ ten nt⸗ eit, and en, che ur er er⸗ in ng er. um is hn el⸗ ch ike nd es en, t⸗ he n⸗ t e⸗ — 109 nilmontant aufgezogen, und gewohnt, hier auch den Winter zuzubringen, erflickte und verſchmachtete Friedrike zwiſchen den Mauern. Dabei benützte Samuel die Gelegenheit, ſchon mit Julius darüber zu ſprechen, welche Nachtheile es ohne Zweifel, ſowohl in Beziehung auf die Welt als auf ſie ſelbſt, hätte, wenn man Friedrike ſo nahe bei Lo⸗ thario, die Braut ſo nahe beim Geliebten ließe. „Andererſeits,“ ſagte der tiefe und verſchmitzte Sa⸗ muel zu Julius,„Lothario zurückweiſen und ihn in Paris laſſen, wäre das nicht von Julius eine Grauſamkeit? hieße das nicht Lothario jeden Augenblick mit der Idee quälen, Friedrike ſei nicht allein, ſie ſei mit einem Andern, dieſer Andere ſei ihr Gatte, und vielleicht nicht ohne Abſicht und Hintergedanken führe der Gatte ſeine Frau allein mit ſich fort, aus dem Bereiche aller Ueberwachung und fern von den ängſtlichen Augen von Lothariv.“ Somit, ohne von der Geſundheit von Friedrike zu ſprechen, heiſchte die Eiferſucht von Julius, nach der Be⸗ hauptung von Samuel, daß Friedrike auf das Land ging, und die Eiferſucht von Lothariv heiſchte, daß ſie allein dahin ging. Samuel war drei Monate nach der Hochzeit nach Menilmontant zurückgekehrt. Friedrike konnte alſo nicht dahin gehen. Man ſuchte in der Umgegend von Paris, und man fand in Enghien eine Art von reizendem Schloß⸗ chen von rothen Backſteinen mit grünen Läden, deſſen alle gegen Morgen, auf einen Park und den See gingen. Beim erſten Strahl des Februars quartierte ſich Friedrike dort ein. Nicht ohne Traurigkeit hatte ſich Julius ſo von Friedrike getrennt. Nicht alhel ſeine ganze väterliche Zuneigung den Charakter vercdert gehabt hätte, aber er war gewohnt, ſie jeden Augenblick zu ſehen. Es war für ihn Bedürfniß, ſeine Augen auf dem ſanften, jungen Antlitz ruhen zu laſſen. Die Gegenwart von Friedrike 110 war nothwendig für das Wenige von Exiſtenz, was ihm blieb. Fehlte ſie, ſo war das Haus leer. Die Ge⸗ ſundheit ging mit der Krankenwärterin. Seitdem ſie nicht mehr da war, befand ſich Julius ſchon weniger wohl, und er fühlte ſich ganz nahe daran, zurückzufallen, und diesmal für immer. Er brachte dieſes Opfer der Ruhe von Lothario. Aber wäre es dagegen nicht auch die Pflicht von Lothario geweſen, etwas für Julius zu thun, der ſo viel für ihn that? Er war wohl ſeinem Oheim das Zeichen der Achtung und der Dankbarkeit ſchuldig, daß er Geduld hatte und, um Begegnungen mit Friedrike zu ſuchen, wartete, bis die Augen des Gatten im Grabe geſchloſſen waren. Lothario aber, das glaubte wenigſtens Julius in den Halbgeſtändniſſen von Samuel zu erſchauen, hatte entfernt nicht dieſe Zuruckhaltung und Zartheit. Alles, was er gethan, war, daß er, nachdem ver Graf von Eberbach ſeine Entlaſſung als Geſandter ge⸗ nommen, eingewilligt hatte, Seeretaire ſeines Nachfol⸗ gers zu hleiben. Auf dieſe Art war er fern von Frie⸗ drike beſchäftigt und zurückgehalten geweſen, und er hatte nicht unter demſelben Dache gewohnt. Er hatte be⸗ griffen, daß man den Schein meiden, ſichtbar fern von Friedrike leben und den Verleumdungen und üblen Nach⸗ reden jeden Vorwand entziehen müſſe. Aber die Pflichten ſeiner Stelle nahmen nicht alle ſeine Stunden ein. Die preußiſche Geſandtſchaft war nicht ſehr fern von dem prachtvollen Hotel, das der Graf von Eberbach, nachdem er ſeine Entlaſſung genommen, in der Rue de lUniverſité bezogen hatte. Sobald Lothario einen Augenblick frei hatte, eilte er zu ſeinem Oheim, um ihm einen Beſuch zu machen. Das war ein ganz kindlicher Reffe, und ſo lange der Zärtlichkeit und Pflege entwöhnt, gefiel ſich Julius Anfangs darin, ſeine zwei Verliebten, wie er ſie nannte, anzuſchauen und ihnen zu⸗ zuhören. — c 5„S— — hm He⸗ icht hl, und rio. rio ihn ung nd, bis in tte der ge⸗ ol⸗ ie⸗ er be⸗ on le ar raf rio m, nz ge ei 1¹¹ Und, dann, wenn ein Anſchein von Geſundheit bei ihm wiederkehrte, kam ihm dieſe Sorgfalt von Lothario, welche minder nöthig geworden, nicht mehr ſo uneigen⸗ nützig vor. Da entſchloß ſich Julius, auf den Rath von Samuel, für Friedrike die Villa in Enghien zu miethen. Aber was geſchah? Lothario, der keinen Grund hatte, auf ſeine theuern Gewohnheiten zu verzichten, theilte ſeine Beſuche zwiſchen Julius und Friedrike. Sobald ein wenig Frühlingsſonne am Himmel und in ſeinem Herzen glänzte, ſtieg er zu Pferde und ließ in der freien Luft die Ideen verdunſten, die ihm in ſeinem Kopfe brudelten. Wohin ging er? Nach Enghien, ſagte Samuel. Und ehe es ihm Samuel ſagte, hatte es die Eiferſucht Julius ſchon geſagt. Julius hatte, als er Friedrike heirathete, mit einem letzten Reflere der Freude ſein verſcheidendes Leben zu vergolden geglaubt; er hatte es nur verdüſtert. In einer bittern Jronie litt er gerade durch Alles, was ihn glück⸗ lich machen zu müſſen ſchien. Friedrike ſeine Frau ge⸗ worden, Lothario zurückgekehrt, ſeine Geſundheit wieder erſchienen, dieſes dreifache Glück marterte ihn. Mit welchem Bedauern wandte er ſich zu jenen Wochen um, wo er, im Bette liegend und ſterbend, jeden Tag wähnend, er werde den nächſten Morgen nicht mehr ſehen, von Friedrike, Lothario und Samuel gemeinſchaftlich gepflegt wurdel! Damals waren ſein Haus und ſein Herz vollzählig. Alle ſüße Zuneigungen vereinigten ſich zu ſeinen Häupten! Friedrike war da wie eine Tochter, Lothario wie ein Sohn, Samuel wie ein Bruder. Das war die Familie. Nun war Friedrike abweſend, Lothario war nur noch ein Nebenbuhler, Samuel nur noch ein Gleichgültiger. Das war die Einſamkeit. In ihm litten der Vater und der Freund tief. Was den Gatten betrifft, ſo wollte er das nicht analyſiren. Seine Lage war eine ſeltſame, traurige! Krank und ſterbend, eher ein Mädchen als eine Frau geheirathet 112 haben; ſie von Schwelle des Grabes einem Andern vermacht und 3 dieſem Andern geſagt haben: Sie gehört mehr Dir, als mir, Du biſt von heute an ihr wahrer Gatte; ich, ich bin nur ihr Vater; dies gethan haben und wiederaufleben! Von Tag zu Tag in ſeinen Adern das Leben wieder emporſteigen fühlen; ſich dann ſagen, man ſei an ein reizendes Mädchen, ganz duftend von den Blumen und dem Thau ihres Lenzes, verheirathet; ſich ſagen, man beſitze eine ſchöne und ſanfte Frau, das Geſetz und die Religion geben ſie einem, und man habe ſie verſchenkt! Denken, man habe ihr ihr Wort und ihre Unabhängigkeit zurückgegeben, man habe fie ermächtigt, einen Andern zu lieben, ſie könne ohne Gewiſſenszweifel untreu ſein und, wenn nicht ſich hingeben, doch wenigſtens ſich verſprechen! Denken, man ſei für ſie nur noch eine Be⸗ engung, ein Hinderniß, eine Verzögerung, jeder Tag, den man zu leben hartnäckig fortfahre, ſei ein Tag, den man ihr raube! Lebend und ohne zur Eiferſucht berechtigt zu ſein der Liebe dieſer Frau für einen Nebenbuhler bei⸗ wohnen, den man ſich ſelbſt geſchaffen! Welche unerträg⸗ liche Marter! Oſft kam Julius dazu, daß er ſich den Tod wünſchte, — das einzige Ziel dieſes ſchmerzlichen Märtyrthums. In Augenblicken grollte er Samuel, daß er ihm das Leben erhalten. Er warf ihm vor, er habe ſein Wort gegen ihn gebrochen. „Du hatteſt mir den Tod für früher verſprochen!“ ſagte er eines Tags zu ihm. In Augenblicken dankte er im Gegentheil Samuel, daß er ihn lebend erhalten. Da Friedrike und Lothario nicht gut gegen ihn waren, ſo wollte er auch nicht gut gegen ſie ſein. Er würde nicht ſterben, er würde ihnen dieſes Vergnügen nicht machen. Er würde leiden, doch ſie würden auch leiden. Samuel war nicht viel glücklicher als Julius. Auch et war eiferſüchtig; und zwar doppelt; eiferſüchtig auf dern Sie ihr than inen ann tend het; das habe ihre inen treu Be⸗ den man t zu bei⸗ räg⸗ chte, ums. eben egen en 1 uel, arie gut hnen doch Auch auf 113 Lothario und eiferſüchtig auf Julius. Und in dieſer um⸗ fangreichen, düſteren Seele vergrößertet ſich alle Leiden⸗ ſchaften und nahmen unmäßige, unheilovlle Verhältniſſe an, wie ſie die Gegenſtände in den Dämmerſtunden an⸗ nehmen. 6 Aber was thun? Da Friedrike verheirathet war, ſo beſaß er nur noch eine Macht über ſie durch die Dank⸗ barkeit, die ſie den von ihm in ihrer Kindheit und ihrer Jugend geleiſteten Dienſten gelobt hatte. Zum Unglück für dieſen traurigen Zweifler war das nur eine mittel⸗ mäßige Bürgſchaft. Bei ſeinen Berechnungen zählte er dieſe Hoffnung für Null. Da er nicht auf Friedrike wirken konnte, ſo wirkte er auf Julius. Er ließ Julius unter ſeinen Leiden leiden. An Jullus hielt er ſich zu jeder Stunde, ihn quälte er, ſchüttelte er, ihm goͤnnte er nicht eine Minute Ruhe. In ſeiner Bitterkeit und in ſeinem Neide richtete er es ſo ein, daß alle Träumereien der Tage von Julius, daß alle Träume ſeiner Nächte von der Viſion von Friedrike, in einem Liebesgeſpräche mit Lothario begriffen, erfüllt waren. Indem er ſo peſtändig den kraftloſen Geiſt von Ju⸗ lius beunruhigte, hatte Samuel Gelb zwei Zwecke im Auge. Einmal war Julius, der ſich von ſeiner Krankheit nur ſchlecht erholt hatte, nicht ſtark genug, um dieſe täg⸗ lichen und heftigen Gemüthsbewegungen auszuhalten, und Samuel warf ihn hiedurch in die Schwäche und in die körperliche Entkräftung zurück, welche ſeine Eiferſucht dem Gatten gegenüber beſchwichtigte. Und dann, in moraliſcher Hinſicht, war der Graf von Eberbach, allmälig gegen ſeine Frau und ſeinen Neffen aufgeſtachelt, immer bereit, zwiſchen ſie zu treten, in dem Augenblick, wo ihn Samuel zum Werkzeug ſeiner Eifer⸗ ſucht dem Liebhaber gegenüber machen wollte. Samuel räumte ſich ſo zu gleicher Zeit Julius durch die Schwächung und Lothario durch den Zorn von Ju⸗ lius aus dem Wege. Gott lenkt. m. 8 „ 114 Es verſteht ſich, daß er nicht die plumpe Ungeſchicklich⸗ keit hatte, bei Julius Lothario und Friedrike zu denunciren und ſie ins Geſicht anzugreifen. Im Gegentheil, er ver⸗ theidigte ſie immer. Er ſprach von Anſcheinen, um ſie albern zu finden, von Dienſibotengeſchwätze, um es zu wiverlegen. Er rechtfertigte Lothario und Friedrike über Fehler, deren man ſie nicht bezüchtigte. Er war ſo ge⸗ wandt, die Dinge ſo zu drehen, daß immer Julius arg⸗ wohnte, und daß er immer vertheidigte. Es ſind im Othello von Shakeſpeare zwei bewunde⸗ rungswürdige Scenen, wo Jago dem Mohren alle ſchwarze Gifte der Eiferſucht einflößt. Indem er dieſes ſchändliche Verbrechen begeht und ſich, durch alle Raffinerien der Grauſamkeit, das Herz von Othello unterwürfig macht, benimmt ſich Jago ſo, daß er den Anſchein hat, als lei⸗ ſtete er ihm einen Dienſt, und daß ihm Othello mit Er⸗ guß für die Dolchſtiche dankt, die er ihm gibt. Es ging zwiſchen Samuel und Julius etwas vor, was ſich mit dieſen zwei Scenen des ewigen Meiſterwerks verglei⸗ chen ließ. Nur verwickelte ſich hier die Frage noch dadurch, daß der Jago in die Desdemona verliebt und auch auf den Caſſio eiferſüchtig war. Die Qual, welche Samuel Julius auflegen wollte, er empfand ſie ſelbſt. Die Aengſten, die er mittheilte, ſtand er ſelbſt aus, Jagvo war zugleich Othello. Friedrike befand ſich ſeit zwei und einem halben Monat in Enghien, an dem Morgen, wo Samuel und Julius mit einander das Geſpräch hatten, von dem unſern* Leſern die erſten Worte zu Ohren gekommen ſind. Wir waren bei dem Augenblick, wo Julius Samuel fragte, ob es ſicher, daß Lothario zwei Tage vorher in Enghien geweſen ſei. „Ich bin nicht mehr ſicher, daß er vorgeſtern nach Enghien gegangen iſt, als ich ſicher bin, daß er ſich heute dahin begeben hat,“ ſagte Samuel⸗ ri de lich⸗ ciren ver⸗ ſie s zu über ge⸗ arg⸗ nde⸗ arze liche der acht, lei⸗ Er⸗ ging mit glei⸗ daß den ollte, eilte, alben und nſern muel er in nach heute 115 „Heute?“ fragte Julius.„Iſt er abermals ausge⸗ ritten?“ „Ich bin ihm begegnet, als ich hierher ging,“ erwie⸗ derte Samuel.„Er war in der That zu Pferde.“ „Wo biſt Du ihm begegnet?“ „Ich kam von Hauſe und begegnete ihm auf dem Boulevard, auf der Höhe der Rue du Faubourg Saint⸗ Denis. Was beweiſt das?“ „Das beweiſt,“ erwiederte Julius, indem er ſich ſetzte und ſeine Ellenbogen auf den Tiſch ſtützte,„das beweiſt, daß er gegen Enghien geritten iſt.“ „Man kann gegen Enghien reiten, ohne nach Eng⸗ hien zu reiten,“ ſagte Samuel, Julius mit einem kalten Blicke betrachtend,„und man kann nach Enghien gehen, ohne gerade wegen Friedrike dahin zu gehen.“ „Du denkſt alſo, er ſei dahin gegangen?“ ſagte der Graf von Eberbach. „Und wenn es ſo wäre,“ rief Samuel, wie gereizt; „was kann natürlicher ſein! Wir ſind im April; die Blätter treiben, die Luft iſt lau und mild. Darf man ſich darüber wundern, daß ein junger Mann, der ein Pferd hat, den Frühlingsathem der Wälder mehr liebt, als den verpeſteten Athem der Straßen? Das Thal von Mont⸗ morench iſt berühmt und lieblich. Es ſind viele Men⸗ ſchen im Walde von Boulogne, warum ſollte er nicht dorthin ſpazieren reiten?“ „Er wird Friedrike begegnen,“ ſagte Julius, wie mit ſich ſelbſt ſprechend. „Sollte er ihr begegnen,“ fuhr Samuel fort,„ſo muß ich Dir doch geſtehen, daß ich darin noch nichts Wunderbares und Naturwidriges ſehen würde. Die⸗ ſelbe heitere Aprilluft, welche Lothario den Wald ſuchen läßt, kann ſie nicht auch Friedrike ihn ſuchen laſſen? Er geht aus Paris weg, und er hat Recht, ſie geht aus ihrem Hauſe weg, und ſie hat nicht Unrecht. Warum ſoll ſie weniger empfänglich für die Milde des Wetters ſein, als 116 er Iſt ſie einmal außen, ſo geht ſie nach den reizend⸗ ſten Orten; ſoll er etwa nach den häßlichſten Orten ge⸗ hen? ſie liebt die Ufer des Sees; verlangſt Du, daß er ſie haſſe? Dann ſtich ihm die Augen aus. Während ſie in derſelben Minute ſich von Hauſe entfernen und nach demſelben Orte gehen, findeſt Du es ſonderbar, daß ſie ſich treffen. Das Sonderbare wäre, wenn ſie ſich nicht, treffen würden. Und im Ganzen, hätte er auch der Frau ſeines Oheims einen Beſuch gemacht, wäre das ein gro⸗ ßes Uebel!“ „Nach dem, was ich für ihn gethan!“ rief Julius, von ſeinem Stuhle aufſtehend. „Du hiſt albern geweſen,“ erwiederte Samuel kalt. „Du haſt ihm Deine Frau gegeben, und Du willſt, daß er ſie zurückweiſe.“ „Daß er ſie zurückweiſe!“ rief Julius, die Fäuſte ballend. „Verſtehen wir uns. Ich klage Friedrike nicht an, und Du ebenſo wenig. Wir ſind Beide ſehr ruhig über ihre Reinheit. Ich ſpreche nur von ihrem Herzen. Mit andern Worten, Du haſt ihnen geſagt: Liebet Euch! Und nun willſt Du, daß ſie ſich nicht lieben?“ „Ich will nicht, daß ſie es ſich ſagen.“ „Du haſt es ihnen aber geſagt!“ entgegnete der un⸗ verſöhnliche Samuel. „Iſt es, weil ich großmüthig gegen ihn und gegen ſie geweſen bin, an ihnen, mich dafür zu beſtrafen, und müſſen ſie mir ein Leiden aus dem Glicke machen, das ich ihnen bereitet habe? Ah! Du haſt Recht, es gibt Augenblicke, wo ich, wie Du, finde, daß ich albern geweſen bin, wo ich bereue, was ich gethan. Ich grolle mir, daß ich ihnen ihr Leiden nicht gelaſſen und das meinige für mich ge⸗ nommen habe. Ah! Samuel, ich befürchte, böſe zu werden. Ich erkenne es heute: die Bosheit iſt nur Ohn⸗ macht.“ „ nd⸗ ge⸗ er ſie ach ſie icht rau gro⸗ ius, alt. daß iuſte an, über uch! 117 Samuel unterdrückte ein unmerkliches Zuſammenzie⸗ hen der Lippen. „Habe ich für ſie nicht Alles gethan, was ich thun konnte!“ fuhr Julius fort.„Habe ich nicht Alles gethan, um die arg⸗ wöhniſchſten Befürchtungen von Lothario zu beſchwichtigen? Habe ich mich nicht Friederike gegenüber benommen, wie gegen die Braut meines Sohnes? Ich habe dieſe Ge⸗ wiſſenhaftigkeit ſo weit getrieben, daß ich mir den ganzen Winter die ſtrenge Verbindlichkeit auferlegte, mit Fried⸗ rike nur vor Dir, vor ihm oder vor Frau Trichter zu ſprechen. Nie unter vier Augen, nicht einmal am hellen Tage. Und beim erſten Sonnenſchein habe ich mich von ihr getrennt, habe ich ſie in Enghien einquartiert, und ich bin hier geblieben. Darum habe ich ſie geheirathet: um ſie nicht mehr zu ſehen! Dffenherzig geſprochen: iſt das genug der Selbſtverleugnung?“ „Du haſt nur Deine Fflicht gethan,“ erwiederte Somuel unbarmherzig.„Du haſt Dich den Folgen Dei⸗ nes erſten Fehlers unterzoaen... ſchlimm für Dich. Wer hat Dich gezwungen, Dich in eine ſo ſchwierige Loge zu verſetzen? Du haſt nur das, was Du verdienſt. Du haſt Frievrike Lothario gegeben; ſie gehört ihm. Du mußt, wohl oder übel, verzichten. Indem Du Dich von ihr trennſt, bezahlſt Du nur Deine Schuld.“ „Meine Schuld!“ rief Julius, aufgeſtachelt durch die Ruhe von Samuel.„Und Lothario iſt mir alſo nichts ſchuldig? Hat er das Recht, die aufopfernde Hingebung durch Selbſtſucht, den Dienſt durch Undankbarkeit zu er⸗ wiedern? Ich habe ihm Friedrike nicht geſchenkt, ich habe ſie ihm vermacht; er warte, bis ich todt bin. Ich achte ſeine Eiferſucht, warum achtet er die meinige nicht?“ „Er iſt der Gatte, Du biſt der Vater,“ entgegnete S„Ein Gatte kann eiferſüchtig ſein; ein Vater nicht.“ „Ah! Du bringſt mich in Verzweiflung mit Deinen Raiſonnements, die mich mitleidlos auf gllen zerfleiſchen⸗ den Seiten meiner Unklugheit umdrehen. Mein Geſchick iſt ein falſches, ſchmerzliches Geſchick! Der Hüter eines Mädchens, das meinen Namen führt, und von dem ich weder der Mann, noch der Vater ſein kann, habe ich nicht das Recht, mich zu ärgern über die Liebe eines Andern für meine Frau, und er hat das Recht, die meinige übel aufzunehmen.“ „Ich verberge Dir nicht, daß mir Deine Lage ziem⸗ lich bizarr ſcheint,“ verſetzte Samuel mtt ſeinem ſchlim⸗ men Lächeln. „Samuel,“ ſprach der arme Kranke,„Du haſt eine Manier, mich zu tröſten, die mein Leiden verdoppelt. Du wirſt mich am Ende zum Narren machen. Es gibt Au⸗ genblicke, wo ich Luſt habe, Friedrike, welche im Ganzen meine Frau iſt, zu nehmen und nach Deutſchland, nach Eberbach zu führen. Es gibt auch Augenblicke, wo mich die Verſuchung des Selbſtmords erfaßt.“ „Dich ſelbſt morden?“ wiederholte Samuel mit einem gewiſſen Tone. „Ja, ich verſtehe Dich, ich bin nahe daran, zu ſter⸗ ben, nicht wahr? Das willſt Du ſagen? Aber dieſer ſo oft prophezeite Tod komme endlich! Bin ich denn nicht genug gerüttelt und geſchüttelt und gequält worden, ſeildem ich lebe? Ich habe die Ruhe wohl verdient. Oh! das Grab öffne ſich und die Kälte der Erde ver⸗ wandle in Eis die letzten Flammen, die mein Herz ver⸗ zehren. Mein guter Samuel, Du antworteſt mir wohl immer, ich werde mein Uebel nicht überleben?“ „Beſonders, wenn Du Deinem körperlichen Uebel ein eingebildetes moraliſches Uebel beifügſt. Wozu, des Teu⸗ fels! nützt es Dich, daß Du Dich beunruhigſt, wie Du es thuſt? Vor Allem biſt Du, wie ich, der Tugend von Friedrike ſicher.“ „Ich zweifle nicht an ihr,“ unterbrach ihn Julius, „ich zweifle an mir.“ „Das kommt durchaus auf vaſſelbe heraus,“ erwie⸗ hick nes ich icht en bel em⸗ im⸗ eine Du Au⸗ nzen nach mich nem ſter⸗ ieſer denn den, ient. ver⸗ ver⸗ wohl lein Teu⸗ gend lius, wie⸗ 1¹9 derte Samuel Gelb.„Doch wäre ſie treulos wie die Welle, geht ſie je allein aus? Nimm an, gerade in der Minute, in der wir ſprechen, gehe ſie am Ufer des Sees ſpazieren, und Lothario, nachdem er ſein Pferd im Wirths⸗ hauſe eingeſtellt, habe ſich ganz nach derſelben Seite ge⸗ wendet, wo ſie ſpazieren gehe: iſt nicht Frau Trichter bei ihr, auf welche ich bauen kann, und die ich bei ihr ge⸗ laſſen habe, um Dich zu beruhigen? Begleitet ſie nicht ein Diener, den Du ihr ſelbſt gewählt, in einer Entfer⸗ nung von einigen Schritten? Du biſt gegen Lothario und gegen Friedrike geſchützt. Mache Dir keine Chi⸗ mären. „Es gibt immer zwei Arten, die Dinge zu nehmen. Warum ſchauſt Du hartnäckig nur die ſchlechte Seite Deines Lebens an? Allerdings hängt es von einem übel geſtimmten Geiſte ab, den einfachſten und geradeſten Vor⸗ fällen eine ſchlimme Wendung zu geben. Mit gutem Willen hängt es von Dir ab, zu ſagen, man könne ſich weder auf eine Gouvernante, noch auf einen Bedienten verlaſſen; zwei junge Leute, die ſich lieben, die das Recht haben, ſich zu lieben, ſeien nicht verlegen, ſich zu verſtän⸗ digen; die Augen ſeien oft ſchwatzhafter, als der Mund, und ein Blick ſpreche ausführlicher, als alle Reden der Depu⸗ tirtenkammern. Wenn Dir daran gelegen iſt, Dich zu quälen, kannſt Du Dich freilich überreden, in dieſem Mo⸗ mente ſeien Friedrike und Lothario beiſammen, ſprechen mit den Augen, ſagen ſich.. Aber was haſt Du denn? Du wirſt fallen!“ rief Samuel. Und er hielt Julius auf, der in der That wankte. „Es iſt nichts,“ erwiederte Julius, indem er ſich wieder zu faſſen ſuchte.„Willſt Du die Güte haben, an dieſer Klingelſchnur zu ziehen?“ Samuel klingelte. Ein Diener erſchien. „Laſſen Sie ſogleich anſpannen,“ befahl der Graf von Eberbach. Der Diener trat ab. 120 „Fährſt Du aus?“ fragte Samuel Gelb. „Ja,“ erwiederte Julius. „In dem Zuſtande, in welchem Du Dich beſindeſt? „Was iſt mir daran gelegen!“ „Wohin willſt Du?“ „Nach Enghien.“ „Wozu?“ „Oh! ſei unbeſorgt, nicht, um ſie zu erdolchen,“ ant⸗ wortete er mit einem bittern Lächeln,„einzig und allein, um ſie anzuflehen.“ „Sie anflehen?“ „Ja, ſie anflehen. Sie find nicht böſe. Im Grunde iſt es nicht möglich, daß ſie nicht einige Dankbarkeit für mich hegen. Quälen ſie mich, ſo thun ſie es, ohne ſich deſſen bewußt zu ſein. Ich habe mir zu ſehr die Stel⸗ lung eines Vaters gegeben, und ſie haben mich beim Wort genommen. Ich will ihnen ſagen, was ich Alles lelde, was ich für ſie gethan habe, was ich Alles für ſie zu thun fortfahren werde, und dagegen werde ich ſie be⸗ ſchwören, Mitleid mit mir zu haben, meine Güte nicht zu mißbrauchen, mir ihr Gläck nicht in Verzweiflung zu⸗ rückzubezahlen.“ „Ah! Du willſt ihnen das ſagen?“ verſetzte Sa⸗ muel.„Nun! vas iſt vielleicht kein ſchlechtes Mittel.“ „Ich werde es verſuchen, wenn ich kann, noch ein⸗ mal nachſichtig und väterlich zu ſein,“ ſprach Julius. „Ich ſage: ich werde es verſuchen, denn es iſt auch mög⸗ lich, daß ich ſie dort mit einander, fern von mir, über⸗ raſche, wie ſie mein Vertrauen und meine Zuneigung be⸗ nützen, um mir eine heimliche Zuſammenkunft zu ſtehlen, und darüber würde ich außer mir ſein! Es iſt wohl möglich, daß ich losbreche, nachdem ich ſo lange an mich gehalten habe. Es iſt möglich, daß ich mich plötzlich, in einem Anfalle des Zorns entſchließe, zu zerſtören, was ich gethan, ihnen Beiden die Schlafloſigkeiten zurückzuge⸗ ant⸗ lein, unde für tel⸗ eim lles r ſie be⸗ nicht zu⸗ Sa⸗ ein⸗ lius. nög⸗ ber⸗ be⸗ hlen, wohl mich was uge⸗ —— 12¹ ben, die ſie mir bereitet haben.. Nun! werden denn dieſe Pferde nie angeſpannt ſein!“ Die Thüre des Cabinets öffnete ſich wieder, der Diener erſchien und meldete: „Der Wagen wartet.“ „Kommſt Du mit mir?“ fragte Julius, ſich gegen Samuel umwendend. 4 „Ja, gewiß,“ antwortete dieſer.„Dir, ſowie den armen, unſchuldigen Kindern zu Liebe verlaſſe ich Dich nicht in der Stimmung, in welcher ich Dich ſehe.“ Und er folgte Julius, der ſchon auf der Treppe war. Feidenſchakt hinter dem Buſche. Samuel hatte vielleicht andere Gründe, als ein Zu⸗ ſammentreffen mit Lothario auf dem Boulevard Saint⸗ Denis, um zu glauben, der Neffe des Grafen von Eber⸗ bach habe ſich nach Enghien und zu Friedrike begeben. Wußte es Samuel, oder vermuthete er es nur: Lo⸗ thario hatte in Wirklichkeit dieſen ſchönen, ſtrahlenden Apriltag benützt, um einen von den beglückenden, heim⸗ lichen Spazierritten zu machen, die er häufig wagte, ſeit⸗ dem Friedrike in Enghien wohnte. An dieſem Morgen, nachdem die Angelegenheiten der Geſandtſchaft beſorgt waren, und nie hatte ein Secretaire mehr Complimente für ſeine Pünktlichkeit und ſeine Ge⸗ ſchwindigkeit erhalten, befahl Lothario ſeinem Bedienten, zwei Pferde zu ſatteln. Man führte die Pferde vor, und er verließ das Hotel, ſeinen Bedienten hinter ſich. 122 Lothario ritt indeſſen nicht unmittelbar nach Eng⸗ hien. Wollte er die Wachſamkeit, die ihn bei ſeinem Aus⸗ gang aus dem Hotel beſpähen konnte, von der Fährte abbringen und machen, daß man ſich hinſichtlich des We⸗ ges täuſchte, den er wählte, oder hatte er zuvor etwas zu thun,— ſtatt ſich nach dem Boulevard zu wenden, wandte er ſich nach dem Quai. Er folgte ſodann der Seine bis zum Quai Saint⸗ Paul und hielt vor der Thüre eines Hotels an, von dem man die Ausſicht auf den Jardein⸗des⸗Plantes hatte. Er ſtieg vom Pferde, übergab den Zügel ſeinem Bedienten und trat in den Hof des Hotels ein, wo in dieſem Augen⸗ blick ein Fiacre mit heruntergelaſſenen Vorhängen, ge⸗ heimnißvoll irgend Jemand erwartend oder Etwas verber⸗ gend, ſtille hielt. Doch ohne gerade hierauf zu merken, durchſchritt Lothario den Hof, und er war ſchon ein paar Stufen der Treppe hinaufgeſtiegen, als ein Wirbel, ohne: aufgepaßt! zu rufen, ungeſtüm, blinvlings, unwiderſtehlich, oben von der Stiege herabrollte. Lothario hatte nur Zeit, auf die Seite zu treten, um nicht durch den Anſtoß niedergeſtürzt zu werden. Doch als er in ſeine Nähe kam, hielt der Wirbel plötzlich an. Dieſer Wirbel war nichts Anderes, als unſer Freund Gamba. „Wie! Gamba,“ ſagte Lothario lächelnd,„Sie find es, der mich zermalmen will?“ „Ich, Jemand zermalmen!“ rief Gamba verletzt, „und beſonders einen Freund! Ah! Sie beleidigen mich in meiner Geſchmeidigkeit. Sehen Sie, wie ich kurz ange⸗ halten habe. Ein Schulpferd im Galopp hätte es nicht beſſer gemacht. Eher, als daß ich Sie zermalmt hätte, wäre ich auf das Geländer gehüpft, zum Plafond empor geſprun⸗ gen, ich wäre über Sie weggeſchritten, ohne Sie zu be⸗ rühren, Sie halten ſich alſo für zerbrechlicher als ein g 18⸗ rte e⸗ as dte nt⸗ em te. ten n⸗ ge⸗ er⸗ ritt on 123 Ei, mein lieber Herr, da Sie bange vor dem König des Eiertanzes haben? Wiſſen Sie, daß auf einem Huhn ge⸗ hend meine Füße dieſem nur die Empfindung eines ſanf⸗ ten Streichelns bereiten würden. Sie zermalmen!“ „Verzeihen Sie, mein lieber Gamba,“ erwiederte Lothario.„Ich hatte nicht die Abſicht, Sie in Ihrem edlen Künſtlerſtolze zu demüthigen.“ „Ich verzeihe Ihnen. Nur haben Sie Unrecht ge⸗ habt, auf die Seite zu treten. Es iſt ſchlimm, daß Sie an mir gezweifelt.“ „Ich werde nicht mehr zweifeln, das verſpreche ich Ihnen,“ ſagte Lothario.„Aber was Teufels machten Sie denn da, daß Sie oben von der Treppe herabrumpelten und mit dieſen Stufen fochten? Sie übten ſich?“ „Nein, ich muß geſtehen,“ erwiederte Gamba verle⸗ gen,„es war nicht der uneigennützige Zeitvertreib einer der Kunſt geſchenkten Viertelſtunde; ich wandte die Kunſt auf die Bedürfniſſe des Lebens an. Ich benützte meine Behendigkeit in der egviſtiſchen Abſicht, raſcher in den Hof zu kommen. Ich that.. was man gewöhnlich die Stufen zu vier und vier hinabſteigen heißt. Ich werde unten erwartet.“ „Sollte es zufällig der Fiacre mit heruntergelaſſenen Vorhängen ſein, der Ihretwegen ungeduldig wird?“ fragte Lothario. „Ein Fiacre! Ah! ja.. vielleicht,“ antwortete Gamba verwirrt. „So gehen Sie, Schwärmer!“ verſetzte Lothario mit einem Lächeln, das die Roͤthe von Gamba verdoppelte. „Oh! es iſt nicht, was Sie glauben,“ entgegnete der Bruder von Olympia.„Es findet ſich wohl ein Fiacre hier, aber es iſt Niemand darin.“ „Sie gleichen Ihrem Fiacre, Sie laſſen die Vorhänge Ihrer Discretion herunter.“ „Nein, ich ſchwöre Ihnen,“ fuhr der Zigeuner fort, deſſen Schamhaftigkeit über den Verdacht von Lothario 124 erſchrak. Einmal würde ich nicht eine Frau in den Hof des Hotels meiner Schweſter einführen. Ah! ja wohl, bei ihrem ſtrengen, würdigen Weſen! Sie würde ihr ein ſchönes Geſicht machen und mir! Oh! Sie werden ſie ſehen, und, beiläufig geſagt, ſie erwartet Sie mit, großer Ungeduld! ſetzen Sie ihr wenigſtens nicht Ihre ſeltſamen Muthmaßungen in den Kopf. Nichts kann mehr von der Wahrheit entfernt ſeyn. Hören Sie einfach, wie ſich die Sache verhält. Meine Schweſter will, daß Niemand ihre Rückkehr nach Paris erfährt. Wenn mich einer von ihren Bekannten in den Straßen erblickte, ſo würde der Bru⸗ der alsbald die Schweſter verrathen. Ich entferne mich aus dem Hotel nur im Wagen und hinter den Vorhängen verborgen. Darum find die Vorhänge des Fiacre herun⸗ tergelaſſen. Es ſteckt nichts Anderes dahinter. Ich ver⸗ folge nicht ein Liebesabenteuer, ich will nur eine einfache, ganz unbedeutende Fahrt machen.“ „Und um eine einfache, ganz unbedeutende Fahrt zu machen,“ erwiederte hartnäckig der unbarmherzige Lothario, „fühlten Sie das Bedürfniß, die Treppe durch Sprünge abzukürzen, bei denen eine Katze das Kreuz gebrochen hätte.“ „Nun denn, nein,“ ſprach der tugendhafte Gamba, der ſich ehrlich aus ſeiner Lüge herauszuziehen verzweifelte, „ich wollte im Gegentheil eine Fahrt machen, die mich furchtbar intereſſirt.“ „Ha! alter Burſche!“ „Ich war im Begriffe, mich nach der Brieſpoſt zu begeben. Seit dem Frühjahr, Herr Lothario, erwarte ich alle Tage einen Brief, der mich ſehr glücklich machen kann. Ob Liebe in dem Briefe iſt oder nicht iſt, das geht nur die Ziegen an. Sie ſehen, daß Niemand im Wagen ſitzt. Gott wolle, daß ich etwas auf der Poſt finde! Doch iſt es nicht heute der Fall, ſo werde ich morgen dahin zurück⸗ kehren und übermorgen und immer. Auf baldiges Wie⸗ derſehen, die Stunde hat geſchlagen. Meine Schweſter iſt zu Hauſe. Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen.“ Hof ohl, ein ſie ßer men der die hre ren ru⸗ nich gen un⸗ ver⸗ che, tzu rio, inge e nba, elte, nich zu alle die itzt. iſt Bie⸗ eſter 125 Und mit einem Sprunge war Gamba unten an der Treppe, während Lothario, lachend über dieſes Zuſammen⸗ treffen kaum elnige Stufen erſtiegen hatte. Olympia lebte, wie es Gamba zu Lothario geſagt, in der Einſamkeit und im Incognito. Sie hatte nicht nach ihrer Wohnung auf der Ile Saint⸗Louis zurückteh⸗ ren wollen, wo ſie ihre Pariſer Bewunderer und Freunde ſogleich aufgefunden haben würden. Mit einer Idee zu⸗ rückgekehrt, die ſie Niemand ſagte, lag ihr durchaus da⸗ ran, vor Allen verborgen zu bleiben. Sie hatte von Gamba verlangt, daß er nie das Hotel verlaße, ohne die größten Vorſichtsmaßregeln zu nehmen, um nicht erkannt zu werden, und ſie hatte ihn mit dem Verluſte ihrer Freundſchaft bedroht, wenn er von irgend Jemand, beſon⸗ ders vom Grafen von Eberbach oder von Samuel, er⸗ blickt würde. Sie ſelbſt fuhr nur ſehr ſelten bei Nacht aus, um ein wenig Luft zu ſchöpfen. Sie hatte einen entlehnten Namen angenommen und dem Portier vom Hotel Befehl gegeben, Niemand, unter welchem Vorwand es auch ſein möchte, zu ihr dringen zu laſſen. Lothario allein war vom Verbot ausgenommen. Sie hatte in der That Lothario dringend gebeten, ſie auf dem Laufenden über Alles zu erhalten, was vorgehen würde, und ihr, ohne eine Sekunde zu verlieren, ſelbſt die geringſten Veränderungen zu ſagen, welche in der Lage und in der Geſinnung von Julius eintreten könnten. Lothario hatte ſich Anfangs dieſe Theilnahme durch einen ſchlechten erloſchenen Ueberreſt der alten Freundſchaft der Sängerin für den Grafen von Eberbach erklärt. Ob⸗ gleich er nicht bezweifelte, daß vieſes vertraute Verhältniß rein geweſen, ſo hegte Olympia doch ſicherlich für den preußiſchen Geſandteu eine Sympathie und eine Zunei⸗ gung, welche die Heirath von Julius mit einer Andern hatte reizen und vermehren können. Doch Olympia ſprach von dieſer Heirath mit einer ſo aufrichtigen Uneigennützig⸗ 126 keit und einer ſo offenherzigen Selbſtvergeſſenheit, daßlſie ſich offenbar mehr aus Seelengüte, als aus Eiferſucht damit beſchäftigte, und daß, wenn ſie Julius liebte, dies ſeinetwegen und nicht ihretwegen der Fall war. Nicht allein an das Glück von Julius dachte ſie ſondern auch an das Glück von Lotharivo. Woher rührte bei ihr dieſe herzliche Theilnahme für einen jungen Mann, den ſie kaum erblickt hatte? Dieſer plotzliche Anfall von Zärtlichkeit war auch nicht Liebe, da es der einzige Wunſch von Olympia zu ſein ſchien, Lothario mit Friedrike glück⸗ lich zu ſehen. Von welchem Punkte des Herzens ſie auch kommen mochte, Lothario nahm dieſe Protection an, die ſich ihm bot. Er vertraute ſich der Sängerin und verbarg ihr nichts von dem, was ihm Gutes oder Schlimmes wider⸗ fuhr. Es verging keine Woche, ohne daß er, und zwar mehr als einmal, zu ihr kam, um mit ihr über ſeine Hoffnungen und ſeine Befürchtungen zu ſprechen. Olym⸗ pia ermuthigte ihn in ſeinen Freuden und richtete ihn in ſeinen Ohnmachten auf. Aber diesmal waren es ſechs lange Tage, daß er nicht mehr im Hotel des Quai Saint⸗Paul erſchienen. Olympia war unruhig. Was mochte ihm begegnet ſein? Warum dieſes tödtliche Stillſchweigen? mißtraute er ihr? war er krank? Alle traurige Muthmaßungen hatten ihren Geiſt durchkreuzt. Sie hatte ihn von Tag zu Tag und dann von Stunde zu Stunde erwartet. Endlich, am Abend vorher, hatte ſie ihm einen Brief voll von Bitten zugeſchickt und ihn angefleht, ſie zu beſuchen, wenn er nicht im Bette liege. Ihr Geiſt war noch von dieſen Befürchtungen bewegt, als ein Diener in den Saal, in welchem ſie ſich befand, eintrat und ihr meldete: „Herr Lothariv.“ „Er trete ein!“ rief ſie haſtig. Lothario erſchien. Sie lief ihm entgegen. blſie ſucht dies ſie ihrte ann, von nſch lück⸗ men ihm ihr ider⸗ zwar ſeine lym⸗ nin nicht gnet taute ngen unde hatte ihn ege. vegt, fand, Sie 127 „Ah! endlich find Sie hier!“ ſagte ſie im Tone des Vorwurfs.„Was iſt Ihnen denn begegnet? Ich hoffe, Sie haben wenigſtens gute Gründe gehabt, um Ihre Freunde ſo in der Angſt zu laſſen.“ „Ich bitte Sie tauſendmal um Verzeihung, Madame,“ erwiederte Lothario, ihr die Hand küſſend. „Es handelt ſich nicht darum, mich um Verzeihung zu bitten,“ ſprach ſie.„Sie wiſſen wohl, daß ich Ihnen verzeihe. Doch ſagen Sie mir geſchwinde, was es Neues gibt. Auf! ſetzen Sie ſich und reden Sie. Und ver⸗ heimlichen Sie mir nichts. Sie wiſſen, mein liebes Kind, warum mir ſo viel daran gelegen iſt, alle Ihre Geheim⸗ niſſe zu erfahren. Sagen Sie mir Alles, wie einer Mutter.“ „Ohl wle einer Mutter!“ verſetzte Lothario mit einem Lächeln, das Olympia zu jung und zu ſchön für dieſen Titel fand. „Ihr Lächeln iſt äußerſt galant,“ ſagte ſie.„Doch ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß ich für Sie die Gefühle hege, die ich für meinen Sohn hegen würde. Lothario, glauben Sie mir?“ „Ich glaube Ihnen und danke Ihnen,“ antwortete er ernſt. „Nun wohl! die beſte Art, mir zu danken, iſt, daß Sie gegen mich wie ein Sohn ſind. Laſſen Sie uns plaudern. Was gibt es Neues?“ „Mein Gott! nichts. Es gibt Neues„das Frühjahr.“ „Iſt das Alles?“ „Es iſt Alles, und es iſt beinahe genug. Soll ich es Ihnen ſagen, liebe Madame? es iſt der Frühling, der mich in den letzten Tagen verhindert hat, hierher zu kom⸗ men, weil er mich anderswohin führte.“ „Ah! ich fange an zu begreifen.“ „Oh! hören Sie mich. Wenn es für Sie ein Be⸗ dürfniß iſt, Alles zu erfahren, ſo iſt es für mich ein Be⸗ 128 vürfniß, Ihnen Alles zu ſagen. Seit acht Tagen, Ma⸗ dame, bin ich faſt glücklich. Die Blätter treiben an den Zweigen, die Sonne lacht am Himmel, und Friedrike geht ſpazieren. Es iſt weniger Staub im Thale von Mont⸗ morency als im Walde von Boulogne, und es ſcheint mir ganz einfach, daß ich mein Pferd dahin lenke, wo es weniger Staub gibt. Ich bin alſo häufiger in die Ge⸗ gend geritten, wo Friedrike ſpazieren ging, und ich ſchwöre Ihnen, daß ich mein Pferd nicht dahin anzutreiben brauche, es trägt mich ganz allein an Ort und Stelle. Ich befinde mich plötzlich, meiner unbewußt, unwillkürlich, vor ihr.“ „Sie haben vielleicht Unrecht, Lothario,“ ſprach Olympia. „Warum Unrecht, Madame? Iſt, abgeſehen von ihrer Engelsreinheit, welche Friedrike beſſer beſchützt, als der Cherub mit dem Schwerte das irdiſche Paradies, nicht Frau Trichter da, die uns nie verläßt!.. Madame, Sie werden mich nun entſchuldigen, nicht wahr, wenn ich einige Tage nicht hierher gekommen bin? Doch alle Zeit, die mir die Geſchäfte der Geſandtſchaft ließen, verbrauchte ich auf den Landſtraßen.“ Olympia hörte ihm ernſt und beinahe beſorgt zu. „Und Sie trafen ſo alle Tage mit Friedrike zuſam⸗ men?“ fragte ſie. „Alle Tage? Ohl! nein,“ antwortete Lothario. „In acht Tagen bin ich nur fünfmal in Enghien geweſen. Tadeln Sie mich wirklich?“ ſetzte er hinzu, als er die ernſte Miene von Olympia bemerkte. „Ich tadle Sie nicht, aber ich habe bange.“ „Bange für wen?“ „Für Sie und für einen Andern.“ „Für mich!“ „Ja. Ich befürchte, daß Sie, wenn Sie ſo Fried⸗ rike alle Tage ſehen, und ſich an ſie dergeſtalt gewöhnen, hat rüc ſter gel mi mei wa ein Se als zwe gel n ht t⸗ ir es re e, on als es, ne, eit, hte m⸗ rio. ſen. die ied⸗ nen, 129 daß Sie ihrer nicht mehr entbehren können, ſich zu ſehr zu einer ſo gefährlichen Vertraulichkeit hinreißen laſſen.“ „Oh!“ rief Lothario,„die Ehre und die Güte des Grafen von Eberbach ſind zwiſchen ihr und mir.“ „Sie ſehen dieſe Ehre und dieſe Güte heute noch,“ antwortete Olympia;„werden Sie ſie immer ſehen? Wollen Sie, ein Verliebter von zwanzig Jahren, für Ihre Vernunft ſtehen, wenn Sie ihre Lippe an dem berauſchen⸗ den Becher benetzen?“ „Ich wiederhole Ihnen, Friedrike beruhigt mich und und muß Sie gegen mich beruhigen,“ ſagte Lothario ein wenig erſchüttert. „Ach! ach! Friedrike liebt Sie,“ fuhr Olympia fort. „Aber was ſoll ich denn thun?“ fragte der junge Mann. „Sie ſollen.. Sie ſollen wieder abreiſen, Lo⸗ thariv.“ „Wieder abreiſen!“ rief er. „Ja, derſelbe Grund, der Sie ſchon einmal bewogen hat, nach Deutſchland zu gehen, befiehlt Ihnen, dahin zu⸗ rückzukehren.“ „Nie!“ rief Lothario.„Nun würde ich darüber ſterben.“ „Sie haben es wohl einmal gethan.“ „Oh! damals war es etwas Anderes! Ich war nicht geliebt. Doch nun bin ich es, ich weiß es, ſie hat es mir geſagt. Jetzt kann ich keine andere Luft mehr ath⸗ men als Friedrike. Damals floh ich die Traurigkeit, die Verzweiflung, die Gleichgültigkeit. Wenn Sie wüßten, was ich nun fliehen würde! wenn Sie uns hätten ein einziges Mal neben einander an dem Ufer des reizenden Sees gehen ſehen, der weniger Strahlen wiederſpiegelt, als ihre Augenz wenn Sie wüßten, was es iſt, zugieich zwanzig Jahre, den Monat April und die Liebe, die Vö⸗ gel über ſeinem Haupte und die Freude in ſeinem Herzen Gott lenkt. IMI. 9 130 zu haben! Alle Frühlinge miteinander! das iſt es, was Sie mir gern entreißen möchten.“ „Armes Kind!“ ſprach Olympia gerührt von dieſer Leidenſchaft,„Sie ſehen, ob ich Recht gehabt habe, zu erſchrecken. Wenn Sie auf dieſe Art von ihr ſprechen, wie ſprechen Sie dann mit ihr?“ „Seien Sie unbeſorgt, Madame,“ antwortete Lo⸗ thario mit Würde,„und halten Sie mich nicht für fähig, zu Friedrike ein einziges Wort zu ſagen, das ihr Zart⸗ gefühl und die Empfindlichkeit meines Wohlthäters ver⸗ letzen könnte. Er, der ſo gut gegen uns geweſen iſtl ich wäre ein Clender, wenn mir nur der Gedanke käme, ihn zu hintergehen.“ „Ich glaube an Ihre Revlichkeit, Lothariv. Ich glaube an Ihre edeln Abſichten und an Ihren feſten Wil⸗ len, eine Wohlthat nicht durch eine Falſchheit zu erwie⸗ dern. Doch wie viel braucht es Blicke einer geliebten Frau, um den feſteſten Willen eines Mannes zu ſchmelzen?“ „Ich werde mehr Stärke haben, als Sie glauben, Madame.“ „Gut! ich will davon überzeugt ſein. Doch gibt es eine Reinheit, welche ſo groß iſt, daß ſie nicht wenig⸗ ſtens der Anſchein verleumden kann? Weiß der Graf von Eberbach, daß Sie alle Tage nach Enghien gehen, und daß Sie dort ſeine Frau treffen? Nein, nicht wahr? Nehmen Sie an, man ſage es ihm.“ „Der Graf von Ebersbach iſt zu edel, um einen Ver⸗ rath zu muthmaßen.“ „Ja, wenn er Alles ſehen würde,“ verſetzte Olympia. Doch, Lothario, wenn es ein Anderer iſt, der ihm einen jungen Mann unter den Bäumen mit ſeiner jungen Frau ſpazieren gehend zeigt, wenn dieſer Andere aus Haß, aus Bosheit, aus Eiferſucht, gleichviel aus welchem Grund⸗ dieſen Rendez⸗vous einen Sinn leiht, den Sie nicht haben, Sie mit ſeinen Vermuthungen beſchmutzt, Sie mit dem Kothe der Sarkasmen ſeiner verfluchten Seele beſpritt, as er zu n, 0⸗ ig, rt⸗ er⸗ hn ch il⸗ ie⸗ ten 2 en, ibt ig⸗ raf en, r? er⸗ ia. ten us nd, en, em tzt, 131 glauben Sie, Lothario, der Geiſt des Grafen werde, ge⸗ ſchwächt durch die Krankheit und die Traurigkeit, lange zögern, dieſen Anſchuldigungen zu unterliegen, welche durch das Alter von Euch Beiden und durch die ſeltſame Lage, in der Ihr Euch zu einander befindet, Wahrſcheinlichkeit gewinnen?“ „Niemand,“ antwortete Lothario erſtaunt,„Niemand kann ein Intereſſe haben, meinen Oheim zu guälen und Friedrike zu verleumden.“ „Doch, Lothario,“ rief Olympio,„es kann Jemand ein Intereſſe hierbei haben.“ „Ei! wer denn?“ „Herr Samuel Gelb.“ „Herr Samuel Gelb?“ wiederholte Lothario ungläu⸗ big.„Herr Samuel Gelb, der ſo edelmüthia gegen Friedrike und gegen mich geweſen iſt! Sie vergeſſen alſo, was er gethan hat, Madame! Er, der Friedrike liebte und ſie beim Tode meines Oheims heirathen konnte, da ſich Friedrike feierlich verbindlich gemacht hatte, nie einem Andern als ihm anzugehören, er hat ihr ihr Wort zurückgegeben. Als er ſah, daß wir uns liebten, verzichtete er auf dieſes Paradies. Bedenken Sie doch! Welches Opfer, auf ſie zu verzichten! Das hat Herr Samuel Gelb für mich gethan. Ich bin ihm vielleicht ebenſo viel Dank ſchuldig, als meinem Oheim. Denn er, er hätte Friedrike aus Liebe geheirathet, während ſie der Graf von Eberbach, ſo zu ſagen, nur aus Väterlichkeit heirathete. „Streng genommen hat mir der Graf nichts geopfert; er hat mir Friedrike vermacht; er hat mir nur ſein Erbe gegeben; Herr Samuel Gelb hat mir ſein Leben gegeben. Ja, ganz lebendig, glühend, eiferſüchtig vielleicht, iſt er in den Hintergrund getreten. Als Friedrike noch in Pa⸗ ris wohnte und wir uns Alle beiſammen befanden, war es Herr Samuel Gelb, der bei unſern keuſchen und ge⸗ ſchwiſterlichen Ergüſſen lächelte; er ermuthigte ſie, ſanft 132 und zärtlich gegen mich zu ſein; und wenn mein Oheim, der arme, liebe Kranke! Augenblicke verdrießlicher Laune hatte, ſo war es Herr Samuel Gelb, der uns ver⸗ theidigte! Und deſſen ungeachtet heißen Sie mich ihm mißtrauen?“ „Ich heiße Sie nicht ihm deſſen ungeachtet, ſondern deshalb mißtrauen. Hören Sie mich, Lothario, ich kenne Samuel. Woher? fragen Sie mich das nicht, ich ver⸗ möchte es Ihnen nicht zu ſagen. Doch glauben Sie einer Frau, die für Sie eine mütterliche Zuneigung hegt; die⸗ ſer Menſch gehört zu denjenigen, welche man lieber ſich ⸗ bedrohen, als ſich zulächeln ſehen muß. Seine Freund⸗ ſchaft kann nur eine erſchreckliche Falle ſein, nehmen Sie ſich davor in Acht. Glauben, eine Seele wie die ſeinige, herrſchſüchtig, finſter, eigenwillig, von den heftigſten und und unheilvollſten Leivenſchaften, erfüllt, habe auf eine ge⸗ liebte Frau, die ihm gehörte, ohne Hintergedanken verzich⸗ ten können! glauben, Samuel Gelb könne Sié ungeſtraft ihm Friedrike entziehen laſſen! das wäre Wahnſinn. Ich kenne ihn, ſage ich Ihnen, nehmen Sie ſich vor ihm in Acht. Doch er nehme ſich auch in Acht!“ Dieſes letzte Wort von Slymvia beruhigte ein we⸗ nig den jungen Mann. Der tiefe, durchdrungene Ausdruck von Olympia fing an ihm Zweifel an der Aufrichtigkeit von Samnel einzufloͤßen. Doch der Ton des Haſſes und der Drohung, mit dem die Sängerin ihr letztes Wort geſprochen, benahm ihm ſein Mißtrauen. Olympia hatte offenbar ein perſönliches Motiv, Herrn Samuel Gelb zu grollen. Es war der Wiederſchein einer durch dieſen Mann zugefügten Beleidigung in dem Blitze der Wuth, der die Augen der ſtolzen Künſtlerin entzündet hatte. Ohne Zweifel glaubte fie, Samuel Gelb habe ihr beim Grafen von Eberbach in der Zeit, wo vieſer in ſie verliebt geweſen, Eintrag thun können. Wer weiß, ob Olympia nicht den Grafen liebte, ob ſie in jedem Fall nicht glücklich geweſen wäre, Gräfin von Eberbach zu ——„„ e——1+ 133 werden, und ob ſie nicht eine Art von dumpfem, eiferſüchti⸗ gem Groll gegen den Mann hegte, denn fie beargwohnte, er habe ihr den Titel und das Vermoͤgen, worauf ſie ge⸗ hofft, geraubt, um Beides ſeiner Mündel zu geben? Dieſe Erklärung kam Lothario wahrſcheinlicher vor, als die Annahme von feindſeligen Gefinnungen in der Seele eines Mannes, der die aufopfernde Ergebenheit ſo weit ge⸗ trieben hatte, daß er ihm eine Frau abgetreten, die er liebte. Dieſe Auslegung des Gedankens von Olympia über⸗ ſetzte ſich auf den Lippen von Lothario durch ein unmerk⸗ liches Lächeln. Sah die Sängerin dieſes Lächeln und begriff ſie es2 Sie ſprach: „Vor allen Dingen, Lothario, beſchwöre ich Sie, wohl überzeugt zu ſein, daß in Allem dem, was ich Ihnen ſage, kein Wort iſt, welches an ein anderes Intereſſe denkt, als das Ihrige. Bei dieſer ganzen Angelegenheit ſehe ich nur zwei Perſonen: den Grafen von Eberbach und Sie. Ich, ich zähle nicht. Wären wir zu rechter Zeit eingetroffen, ſo würden Sie geſehen haben, wie ich Ihnen zu dienen beab⸗ ſichtigte. Zu dieſer Stunde wären Sie der Mann von Fried⸗ rike. Doch der Brief iſt Ihnen zu ſpät zugekommen. Durch die Schuld von wem? gleichviel. Dieſe ſeltſame, plötzliche Heirath hat alle meine Pläne gänzlich umgeſtürzt. Statt den Grafen zu beſuchen, vermeide ich ihn nun, ich ver⸗ berge mich vor Aller Augen, ich habe Furcht, daß man mich ſieht. Das rührt von Dingen her, welche zu wiſſen für Sie unnütz iſt. Doch ſehen Sie, wenn es für Sie dienlich ſein könnte, daß ich aus meinem Incognitv her⸗ austräte, ſagen Sie es mir. Ich würde mich zeigen. Ich würde ſprechen. Was es mich auch koſten könnte, für Sie würde ich erſcheinen, hören Sie wohl? Um jeden Preis werde ich Sie behüten und werde ich Friedrike be⸗ hüten. Sie ſollen wohl überzeugt ſein von dieſer Wahr⸗ heit, damit Sie mir nichts verbergen und mich über Alles auf dem Laufenden erhalten.“ 134 Lolhario hörte mit Dankbarkeit und zugleich mit Verwunderung dleſem ſchönen und geheimnißvollen Ge⸗ ſchöpfe zu, das in ſeinen Händen die Geſchicke der Andern zu halten ſchien. „Sie ſind erſtaunt, daß ich ſo mit Ihnen ſpreche?“ fuhr Olympia fort.„Sie begreifen nicht, daß ich aus der Tiefe dieſes einſamen Hauſes, ich, eine arme, aus Ita⸗ lien gekommene Sängerin, welche nur ein paar Monate in Paris zugebracht hat, ſo mächtige Perſonen zu kennen und zu beherrſchen mir anmaße? Nun denn! ſtellen Sie mich auf die Probe. Bedürfen Sie meiner, und Sie wer⸗ den ſehen, ob ich nicht vom Grafen von Eberbach erlange, was Sie wollen. Und Samuel Gelb werfe ſich Ihrer Liebe in die Quere, er wage es, ſich je zwiſchen Friedrike und Sie zu ſtellen,— dann verſpreche ich Ihnen, daß ich, ſo ver⸗ wegen und ſtark er iſt, ein Wort weiß, das ihn unter die Erve kriechen machen wird.“ Indem ſie ſo ſprach, glänzten die Augen von Olym⸗ pia von einer erſchrecklichen, ſtolzen Schönheit. Ihre Stirne haite einen Refler von dem gereizten, ſtrahlenden Glauben des den Dämon beſiegenden Erzengels. „Gehen Sie heute nach Eughien?“ fragte fie plötzlich. Lothario verſuchte es, ihr ausweichend zu antworten, und ſtammelte verlegen: „Ich weiß nicht vielleicht.“ „Fehlt es Ihnen ag Vertrauen, nach dem, was ich Ihnen geſagt habe?“ ſprach Olympia. „Nein, ich gehe dahin,“ erwiederte er ſogleich.„Es war kicht Mangel an Vertrauen, ſondern es war Angſt, ausgeſcholten zu werden.“ „Gehen Sie heute noch nach Enghien, ich erlaube es Ihnen,“ ſagte ſie lächelnd.„Doch unter zwei Be⸗ dingungen.“ „Unter welchen?“ „Erſtens, daß Sie mir bei dem, was Sie Heiligſtes auf der Welt haben, ſchworen, mir fortan Alles zu ſagen, it ze⸗ n 7“ ta⸗ ate en Sie er⸗ ge, Sie er⸗ die m⸗ hre den ich. ten, ſies gen, 135 was Ihnen begegnen mag, Alles bis auf die unbedeu⸗ tendſten Einzelheiten.“ „Ich ſchwöre es Ihnen bei der Seele meiner Mutter, ſprach Lothariv ernſt. „Ich danke. Die zweite Bedingung iſt, daß Sie nicht meine Ermahnung vergeſſen, Samuel und aller Weltzu miß⸗ trauen und, bei Ihren Beſuchen in Enghien hauptſächlich⸗ Alles zu vermeiden, was der Bosheit und den ſchlimmen Auslegungen die geringſte Gewalt geben könnte.“ „Ich werde Ihre Ermahnungen nicht vergeſſen, das verſpreche ich Ihnen,“ erwiederte der junge Mann auf⸗ ſtehend. Olympia geleitete ihn zurück, und während ſie gin⸗ gen, ſagte ſie: „Ah! ich mochte Friedrike kennen und ſehen. Ich bin überzeugt, ſie würde mit mehr Gehorſam auf mich hören, als Sie. Doch das iſt leider unmöglich. Was würde nicht die Welt denken und beſonders ſagen von der Verbindung einer Sängerin, der der Graf von Eberbach im vorigen Jahre den Hof gemacht hat, mit der Frau des Grafen von Eberbach„ Da ich nur mit Ihnen ſpre⸗ chen kann, ſo hoͤren Sie mich wenigſtens für zwei. Gu⸗ ten Tag. Auf baldiges Wiederſehen, nicht wahr?“ „Auf baldiges Wiederſehen,“ erwiederte Lothario. Und nachdem er Olympia die Hand geküßt, ging er die Treppe hinab, durchſchritt den Hof, ſchwang ſich auf ſein Pferd und ritt in ſtarkem Trab weg. Doch in dem Augenblick, wo er vom Boulevard Saint⸗Denis in die Vorſtadt einlenkte, ſah und kreuzte er Samuel Gelb, der zu Fuß von Menilmontant kam und ſich nach dem Hotel des Grafen von Eberbach zu wenden ſchien. Dieſes Begegnen nach dem, was ihm Olympia ge⸗ ſagt hatte, machte einen ſchmerzlichen Eindruck auf ihn. „Er wird muthmaßen, wohin ich reite,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Er wird vielleicht mit meinem Oheim 136 vavon ſprechen. Wenn ich heute nicht nach Enghien ginge? Wenn ich im Gegentheil eine Stunde dem Gra⸗ fen von Eberbach einen Beſuch machen und ſo Samuel irre führen würde? Ja, ja! Ein guter Gedanke!“ Und ſtatt in die Vorſtadt zu reiten, kehrte Lothario ein paar Schritte um und folgte dem Boulevard auf der Seite der Baſtille. „Aber ich habe Friedrike geſtern geſagt, ich werde heute kommen,“ vachte er ganz traurig.„Sie wird un⸗ ruhig ſein. Und überdies konnte ich wohl durch die Rue du Faubourg Saint⸗Denis reiten, ohne nach Enghien zu gehen. Ich konnte einen Bekannten in der Vorſtadt ha⸗ ben. Ich konnte auf den Montmartre reiten. Hat mich Herr Samuel nur geſehen? er drehte nicht einmal den Kopf nach mir um. Er hat mich nicht geſehen. Ich bin deſſen nun ſicher, denn er hat mir meinen Gruß nicht er⸗ wiedert. „Gleichviel,“ unterbrach er kurz ſeine beruhigenden Raiſonnements, es wäre klüger, heute nicht nach Enghien zu gehen.“ Doch während er ſich dieſen Zögerungen und dieſer Ebbe und Fluth überließ, kam Lothario, nachdem er im Schritt bis zum Pont dAuſterlitz geritten war, im ſtar⸗ ken Trab zum Eingang des Faubourg Saint⸗Denis zurück. „Bah!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„beſſer wäre es ge⸗ weſen, raſch zu reiten, und es iſt noch Zeit. Ich werde zurückgekehrt ſein, ehe der Verdacht anfängt. Und er gab ſeinem Pferde den Sporn und ritt wie⸗ ver die Vorſtadt im Galopp hinauf; ſein Diener folgte ihm mit großer Mühe und ſehr erſtaunt über das lannen⸗ hafte Benehmen und die ſeltſamen Zickzacke ſeines Herrn. Er kam in Enghien, in der Villa von Friedrike, in dem Augenblick an, wo in der Rue de vUniverſité Julius und Samuel in den Wagen ſtiegen, um ſie zu überraſchen. — —— 2 rre rio auf rde un⸗ tue ha⸗ ich den bin er⸗ Die Gattin-Praut. Friedrike bewohnte in Enghien, wie geſagt, ein rei⸗ zendes Schlößchen, deſſen Fenſter dem See und der auf⸗ gehenden Sonne zugewandt waren. Die rothen Backſteine, deren Farbe, verbrannt durch die vorhergehenden Sommer, und gewaſchen durch die Win⸗ terregen, verblaßt und mehr roſa geworden war, ſchmieg⸗ ten ſich harmoniſch dem zarten Grün der Läden an. Die Heiterkeit lachte auf der ganzen Fagade. Eine Wein⸗ rebe rankte ſich an den Mauern hin und verſprach für den Herbſt dem Hauſe einen reichen Gürtel von Blätterwerk und Trauben. Das Innere war nicht minder reizend, als das Aeußere. Der Graf hatte Lothario mit der Anordnung und Einrichtung beauſtragt. Seltene Meubles, Tapeten von blauer Seide mit weißen Roſen beſtreut, ſächſiſche Pendeluhr, eingelegte Arbeiten, dicke Teppiche, um bis an die Knöchel einzutreten, koſtbare Gemälde von leben⸗ den Meiſtern, Bücher von modernen Dichtern, nichts von u was das Leben elegant und was es behaglich macht, ehlte. Wenn ſie ihr Fenſter öffnete, war Friedrike auf dem Lande, unter den Hügeln, dem Grün und den Seeen. Wenn ie es ſchloß, war ſie in einem der bequemſten und reizendſten Hotels des Faubourg Saint⸗Honoré. In die⸗ ſem mit allen Schöpfungen der Kunſt und der Induſtrie angefüllten Schloſſe hatte ſie zugleich die Natur und den Lurus. Das war die Schweiz mit Paris gefüttert. Ein hübſcher engliſcher Park blühte vor dem Hauſe und tauchte ſeine letzten Sträuße in den See. Seit einer Stunde becit⸗ Frau Trichter, welche 138 im Salon ſtrickte, eine gewiſſe Unruhe im Weſen von Friedrike. Das Mädchen trat ein, ging hinaus, ſetzte ſich, ſtand auf, ſtieg in den Garten hinab, kam in ihr Zimmer zurück und hielt es nicht an einem Platze aus. Dieſe unſchuldige, redliche Jungfrauennatur war zu vurchſichtig, als daß es ſich ſchwer errathen ließ, ſie er⸗ warte Lothario, und ſie ſei ungeduldig, daß ſie ihn nicht erſcheinen ſehe. Die Stunde, zu der er gewöhnlich ankam, war ſeit zwanzig Minuten vorüber. Zwanzig Minuten Verzug! Wie viel Kataſtrophen, Krankheiten, Fälle mit dem Pferde, Gruben, Einſtürze aller Art kann die Einbildungskraft einer Verliebten im Zeitraum von zwanzig Minuten vor⸗ kommen laſſen! Was konnte Lothario begegnet ſein? Friedrike hatte es ihm noch geſagt, das letzte Mal, als er ſein Pferd zu ſehr antrieb. Wozu ihm alle dieſe Spornſtiche geben, die es bäumen machen? Das iſt das beſte Mittel, daß ſich Unfälle ereignen. Er würde weit kommen, wenn ſein Pſferd ihn abwürfe! Doch nein, hiezu ſaß er zu feſt. Warum kam er denn nicht? Er war alſo krank? Lothario hatte offenbar wohl daran gethan, nicht auf den Gedanken zu hoͤren, den er einen Augenblick gehabt, als ihm Samuel begegnet war. Friedrike fühlte ſich ſchon ſo unruhig, weil er ſpäter kam! wie würde es ge⸗ weſen ſein, wenn er gar nicht gekommen wäre! Unter dieſen Beſorgniſſen war Friedrike auf eine Art von Terraſſe geſtiegen, von der aus man die Straße er⸗ ſchauen konnte. Plötzlich erhob ſich eine Staubwolke auf dem Wege von Paris, und ſie unterſchied unbeſtimmt einen Galopp von Pferden. Doch ſie hatte nicht nöthig, mit den Augen zu ſehen. Ihr Herz erkannte den Reiter. „Er iſt es!“ rief ſie. Und ſie ging raſch hinab. 3 — —— — on ch⸗ ner er⸗ cht ſeit ugl de, raft or⸗ atte zu ben, daß ſein feſt. auf abt, ſich ge⸗ Art er⸗ Lege lopp ehen. ———————— 139 Als ſie auf die Freitreppe kam, war er ſchon von ſeinem Pferde geſprungen und, nachdem er den Zügel ſeinem Bedienten zugeworfen, drei bis vier Stufen hin⸗ aufgeſtiegen. „Guten Morgen, Lothario,“ ſagte das Mädchen mit einem Lächeln, vas nicht mehr an den Verdruß und die Aengſten der Erwartung erinnerte. „Guten Morgen, Friedrike.“ Sie drückten ſich die Hand, und Friedrike führte Lothario in den Salon, wo Frau Trichter arbeitete. „Nun, Lothario, wie geht es dem Herrn Grafen von Eberbach? Sie haben ihn geſehen?“ „Ich habe ihn geſtern Abend geſehen.“ „Warum nicht dieſen Morgen, um mir friſche Nach⸗ richt zu bringen?“ „Oh! mein Oheim war geſtern Abend ſo wohl, daß ich es für unnöthig hielt, mich nach ſo kurzer Zeit wieder zu erkundigen.“ „Seine Beſſerung nimmt alſo ihren Fortgang? Und was ſagt Herr Samuel?“ „Herr Samuel Gelb findet, für den Augenblick könne man ſich nichts Beſſeres wünſchen. Er fürchtet nur für den Herbſt.“ „Wenn er im Herbſtrückfällig wird,“ ſagte Friedrike, „ſo ſind wir da, und wir werden ihn Beide ſo pflegen, daß wir ihn auch diesmal herausrelßen, wie das andere Mal, nicht wahr?“ „Ja, gewiß,“ erwiederte der junge Mann;„wenn er nur der Pflege bedarf, um zu leben, ſo befindet er ſich beſſer, als wir.“ Ja, der Pflege. Doch warum wollte man, daß er mich verließ?“ fragte Friedrike. „Ohl! in dieſer Hinſicht hat man wohl Recht gehabt,“ entſchlüpfte dem Verliebten. „Nein, man hat Unrecht gehabt,“ entgegnete ſie, „und ich habe Unrecht gehabt, daß ich eingewilligt. Ich 6 hätte mich nicht von ihm trennen ſollen, da er meiner bedurfte, um ihn lächeln zu machen, um bei ihm die Heiterkeit rege zu erhalten, welche die Hälfte der Geſundheit iſt. Finden Sie mich ſehr eitel, wenn Sie wollen, aber Ihr Oheim brauchte Jemand, der jung war, der Bewegung hatte, der Alles bei ihm leben machte, und ich bin über⸗ zeugt, daß es ihm wohl that, mich anzuſchauen. Ich habe mich auch nur darein gefügt, hierher zu kommen, unter der Bedingung, daß ich ihn alle Tage ſehen würde. Doch er hat ſein Verſprechen nicht gehalten. Er kommt nicht ein Mal in der Woche. Und mich hält man hier feſt, unter dem Vorwande, ich ſei krank, während ich mich im Gegentheil nie beſſer befunden habe. Doch das kann ſo fortdauern. Ich habe heute meinen Entſchluß gefaßt.“ „Welchen Entſchluß?“ fragte Lothario ängſtlich. „Ich habe meinen Plan organiſirt,“ ſprach Friedrike „und fortan werden der Herr Graf und ich, obgleich wir unter verſchiedenen Dächern wohnen, da es ihm ſo beliebt, keinen Tag vorübergehen laſſen, ohne daß wir uns ſehen. Das iſt ganz einfach: Ich werde zwei Tage hinter einander den Tag in Paris zubringen und dort ſpeiſen, und den dritten Tag wird der Herr Graf hier zubringen und ſpeiſen. Auf dieſe Art werde ich den Weg zweimal machen, indeß er ihn einmal macht, und er wird mich alle Tage ſehen, ohne ſich zu ſehr zu ermüden. Sprechen Sie, iſt das gut geordnet, habe ich an Alles gedacht?“ „Nur an mich nicht,“ erwiederte Lothario ſchmollend. „Ei! ich habe auch an Sie gedacht. Wir werden uns ſo ofter ſehen. Wenn der Herr Graf nach Enghien kommt, begleiten Sie ihn. Wenn ich nach Paris gehe, ſpeiſen Sie bei Ihrem Oheim. So werden Sie mich alle Tage ſthen, und nicht mehr eine Stunde im Fluge, ſondern ſo lange Sie wollen, und Sie werden ſich nicht mehr unabläßig dadurch, daß Sie auf den Straßen rennen, abmatten!“ rike eich ſo uns nter ſen, igen mal alle Sie, end. rden hien ehe, mich uge, nicht nen, 141 „Ja,“ ſagte Lothario immer ſchmollend,„ich werde dabei gewinnen, daß ich ein paar Schritte weniger mache, und Sie nur öffentlich ſehe.“ Lachend erwiederte das Mädchen: „Oh! wenn es Ihnen gleichgültig iſt, daß Sie ſich auf den Landſtraßen entkräften, und wenn es Ihnen nicht gleichgültig iſt, daß wir uns nur vor dem Grafen ſehen, ſo wird es Ihnen zuweilen, nachdem Sie ſich acht Tage vernünftig benommen haben, erlaubt ſein, mich hier ab⸗ zuholen oder mich am Abend zurückzubegleiten, Sie zu Pferde, ich im Wagen. Verſtehen Sie, mein lieber Neffe ² Wird das nicht reizend ſein?“ Und das naive Kind klatſchte in die Hände. „Sie ſehen, abſcheulicher Eiferſüchtiger, daß es Mittel gibt, um Alles zu ordnen, und daß man nicht zum Vor⸗ aus vor Ideen erſchrecken darf, welche Frauen haben. Sind Sie zufrieden?“ „Sie ſind anbetungswürdig,“ erwiederte Lothario entzückt. „Wenn wir einen Gang im Garten machen wür⸗ den?“ ſagte ſie.„Es iſt ſo ſchön und ſo mild außen! Wir find nicht auf dem Lande, um in einem Salon zu erſticken. Kommen Siel“ Sie war ſchon an der Thüre. Lothario folgte ihr. „Kommen Sie mit uns, Frau Trichter,“ rief ſie. Die alte Haushälterin nahm ihre Wolle und ihre Nadeln und ging den jungen Leuten nach. ze Lothario hatte noch eine Regung von Unzufrieden⸗ eit. „Warum nehmen Sie immer Frau Trichter mit?“ ſagte er leiſe zu Friedrike. Das Mädchen wurde ernſt und antwortete: „Mein Freund, man bezeigt uns alles Vertrauen und man läßt uns jede Freiheit. Dadurch verpflichtet man uns zu einem zarten, erfurchtsvollen Benehmen. „Sie haben immer Recht, Friedrike,“ ſagte Lothariv. Frau Trichter, welche wieder zu ihnen gekommen war, hatte einige Worte gehört und das Uebrige er⸗ rathen. „Oh 1“ ſprach die gute Frau,„ich gehe nur in Ihrem Intereſſe mit Ihnen. Es geſchieht, damit Sie im Nothfall beim Herrn Grafen und bei Herrn Samuel Gelb einen Zeugen für Ihre vernünftige Handlungsweiſe haben. Meine Gegenwart iſt ſehr überflüſſig, ich weiß es wohl. Ich bin da, um zu bezeugen, daß Herr Lothario der redlichſte junge Mann iſt und Frau Friedrike die ehrlichſte Frau, die es auf der Welt gibt. Ich weiß nun, woran ich mich zu halten habe, und ich beobachte Sie ſogar nicht mehr. Ich habe den Anſchein, als wäre ich da, doch ich denke an etwas Anderes, als an Sie.“ Dies wurde geſprochen, während man in den Alleen ging, wo die klaren Strahlen des Himmels dem erſten Flieder zulachten. „Setzen wir uns hierher,“ ſagte Friedrike, auf eine Bank deutend, von wo man die Füße hätte in den See tauchen können. Lothario folgte ihr. Frau Trichter ſetzte ſich zu ihnen, ganz ihrem ewigen Geſtricke hingegeben. Die zwei Kinder blieben einen Augenblick ſtumm. Lothario ſchien ein wenig in Gedanken verſunken. „Woran denken Sie?“ fragte ihn Friedrike. „Ich denke,“ erwiederte er,„ich denke an die ſeltſame Lage, die uns die Bosheit des Zufalls und die Güte meines Oheims gemacht hat. Gibt es auf der Welt zwei Weſen, vie ſich unter denſelben Verhältniſſen lieben wie wir? Sich angehören, Mann und Frau ſein, und nicht einmal ſich auf die Stirne küſſen können! Sie ſind die Frau eines Andern, dieſer Andere läßt Ihnen jede Frei⸗ heit, er iſt es, der uns verbunden und verlobt hat; er trennt ſich von Ihnen, um meine Eiferſucht nicht zu beunruhigen, und dabei ſind wir mehr Sklaven, als die 9 1 L 1 e eo † e——„—„——— ten er⸗ im uel iſe eiß rio die un, Sie een ſten eine See gen im. ame züte wei wie icht die rei⸗ e tzu die — —————— — 143 bewachteſten und beengteſten Liebenden. Alles iſt Wider⸗ ſpruch in unſerem Leben. Ich liebe Sie, wie nie eine Frau geliebt wurde; ich lebe nur in der Hoffnung auf den Tag, wo Sie ganz mir gehören werden, und ich varf — dieſen Tag nicht erwünſchen. Hinge es von mir ab, ſogleich dieſe Stunde kommen zu machen, welche mein ganzer Traum und mein ganzes Trachten iſt, ſo würde ich ſie verzögern, denn die Stunde unſerer Heirath wäre die Todesſtunde meines Oheims. Unſer Geſchick iſt ein ſüßes und zugleich bitteres: wir warten, um zu leben, den Tod eines Mannes ab, den wir lieben, und unſere Hochzeit wird mit einer Beerdigung beginnen.“ „Wollen Sie wohl ſchweigen, ſchlimmer Unglücks⸗ vogel!“ rief das Mädchen lachend, um ſich nicht von dieſen düſtern Ideen ergreifen zu laſſen.„Das iſt Alles, was Ihnen der Frühling und meine Gegenwart einflößen? Wenn es Sie traurig macht, mich zu ſehen, ſo können Sie wohl nach Paris zurückkehren. Wiel ſo erkennen Sie das Wunder, das der gute Gott für Sie gethan hat! Die Vorſehung hat Ihrem Oheim den edelmüthigen Gedanken eingegeben, ſich aufzuopfern; in dem Augen⸗ blick, wo Sie mich verloren hatten, haben Sie mich ſchnell wiedergefunden; und Sie ſind nicht zufrieden! Was fehlt Ihnen?“ „Verzeihen Sie, Friederike, es iſt wahr, ich habe Un⸗ recht, mich zu beklagen. Ich habe hundertmal mehr Glück, als ich verdiene, und es müßte mir für die Ewigkeit ge⸗ nügen, Ihre zwei lächelnden Augen anzuſchauen und Ihre reizende Stimme zu hören. Doch es haͤngt nicht von mir ab, daß ich Sie, wenn ich Sie eine Stunde ſehe, nicht alle Stunden zu ſehen wünſche. Es hängt nicht von mir ab, nicht unerſättlich durch Sie zu ſein. Ich habe einen Durſt nach Ihren Blicken, nach Ihrer Seele, den, wie mir ſcheint, das ganze Leben nicht wird ſtillen können. Sie, Sie ſind heiter und ruhig, Sie leben in einem unſtörbaren Frieden über den fieberhaften Aufregun⸗ dert mich zuweilen, genz doch ich, ich bin kein Engel wie Sie, ich habe in Augenblicken Anfälle von Leidenſchaft, die mich erfaſſen, und das Blut, das in meinen Schläfen ſchlägt, verhin⸗ auf die kalte Stimme der Vernunft zu hören.“ „Sie müſſen aber auf ſie hören. Ein ſchönes Ver⸗ dienſt, ſich in ein Schickſal zu fügen, wie das, welches Sie haben; für die Gegenwart, eine Braut, die Sie alle Tage ſehen können, die je zu erlangen Sie verzweifelten, und die Ihnen ein Wunder gegeben hat; und in Ausſicht, eine Frau, die Sie liebt, die durch das Herz, durch den Willen ihres Gatten, durch die Genehmigung Aller ſchon Ihnen gehört! Sie ſind in der That ſehr zu beklagen. Ich gebe zu, daß Ihnen Eines fehlt:; ein wenig Ge⸗ duld.“ „Die Geduld iſt für Sie leichter, als für mich,“ erwiederte Lothariv. Plötzlich ſtand Friedrike auf. „Was haben Sie denn?“ fragte der junge Mann. „Haben Sie nicht gehört?“ „Was?“ „Das Geräuſch eines Wagens, der in den Hof fährt, dort.“ „Nein,“ verſetzte Lothariv.„Wenn Sie mit mir ſpre⸗ chen, höre ich nur Sie.“ „Ich war meiner Sache ſicher, ſehen Sie,“ ſagte Friedrike. Und ſie deutete auf den Grafen von Eberbach, der, auf den Arm von Samuel geſtützt, in den Hof eintrat. Sie eilte zum Grafen, freudig und ohne Furcht, wie Eva, vor dem Sündenfall, auf die Stimme des Herrn im irdiſchen Paradieſe eilen mußte. Lothario lief auch dahin, ebenfalls ohne Furcht, aber vielleicht mit einer minder vollen Freude. Obgleich ihm ſein Gewiſſen keinen Vorwurf machte, und er in ſeinem Gemüthe nur Verehrung und Zärt⸗ —— ——— 8 1— — 5— ht, den on en. He⸗ 4 hrt, pre⸗ agte der, at. wie ern aber chte, 145 lichkeit für ſeinem Oheim hatte, ſo fühkte er ſich doch verlegen, daß er vom Grafen allein mit Friedrike gefun⸗ den wurde. Die Gegenwart von Samuel beunruhigte ihm auch, und er erinnerte ſich unwillkürlich des Ein⸗ drucks, den er, als er ihm auf den Boulevard begegnet war, gehabt, und deſſen, was ihm Olympia auf dem Quai Saint⸗Paul geſagt hatte. War Samuel wirklich, wie es die Sängerin be⸗ hauptet, ein gefährlicher Menſch, dem man mißtrauen mußte? War er es, der den Grafen von Eberbach von dem Beſuche von Lothario bei Friverike benachrichtigt hatte, und kam er, um dieſes Eden zu verderben und zu ſchließen? Doch das herzliche Lächeln, mit dem Samuel einen warmen Händedruck begleitete, verbannte bald jeden Verdacht aus dem Geiſte des jungen Mannes. Friedrike war bei Julius, glücklich, ihn zu ſehen, ohne Verlegenheit, nicht einmal ahnend, daß ſie ſich über die Gegenwart von Lothario zu vertheidigen hatte. „Ahl mein Herr, Sie da! welches Glück!“ rief ſie, indem ſie Samuel den Arm des Grafen von Eber⸗ bach nahm und auf den ihrigen legte.„Wir ſprachen von Ihnen. Ich war ein wenig beſorgt. Wie geht es Ihnen? Es geht Ihnen gut, da Sie gekommen ſind!“ „Guten Morgen, mein Oheim,“ ſagte Lothariv. Julius nickte nur mit dem Kopf, um die Freunvlich⸗ keiten von Friedrike und den Gruß von Lothario zu er⸗ wiedern. Er war ſorgenvoll. Friedrike führte ihn zu der Bank, von der ſie, als ſie ihn erblickt, aufgeſtanden war. Auf ein Zeichen von Samuel kehrte Frau Trichter in das Haus zurück. Gott lenkt. IM. 146 Erſter Rusbruch. Die befangene Miene des Grafen von Eberbach war Friedrife nicht entgangen; doch in ihrer Engelsunſchuld kam ihr nicht einmal der Gedanke, ſie könnte bei der Sorge von Julius betheiligt ſein⸗ „Was haben Sie denn, mein Herr?“ fragte ſie, „Sie ſehen ganz düſter aus. So geht es, weil Sie mich von ſich verbannt haben. Ich ſagte es Ihnen wohl. Doch da Sie ein Staatemann und gewohnt ſind, den Regie⸗ rungen zu rathen, ſo wollen Sie nicht auf die Ideen eines Mädchens meiner Art hören. Sie ſehen nun, daß Sie Unrecht haben. Man entbehrt meiner nicht ſo leicht, wiſſen Sie? Sie bereuen jetzt. Ich müßte Sie dadurch beſtrafen, daß ich Ihnen grollen und Sie gar nicht mehr beſuchen würde. Doch ich bin milde, und ich werde es im Gegentheil ſo einrichten, daß ich Sie alle Tage ſehe. Ich ſprach ſo eben hiervon mit Lothario. Nun verdüſtern Sie ſich abermals! Verletzt und betrübt Sie das, was ich Ihnen ſage? Sie haben offenbar etwas 26 „Ja,“ antwortete Julius ungeſtüm,„ich habe in der That etwas.“ „Was denn?“ fragte Friedrike ein wenig bewegt durch den trockenen Ton, mit dem ihr Julius geantwor⸗ tet hatte. „Ich habe,“ ſagte er, auf Lothario deutend,„daß Sie mich noch: mein Herr, nennen, und daß Sie dieſen Herrn hier ſchon kurz Lothario nennen.“ Friedrike errothete. „Warum erröthen Sie?“ fragte Julius mit einem ziemlich barſchen Ton, an den er ſie nicht gewöhnt hatte. „Ich habe Unrecht gehabt, es iſt wahr,“ erwiederte — z e ec— e„— — G—coc— 8 ſehe. was der wegt wor⸗ „daß ieſen inem atte. derte 147 Friedrike ganz beängſtigt.„Ich muß Ihnen beipflichten. Ich werde in Zukunft darauf Acht geben. Da ich den Herrn immer bei ſeinem Taufnamen nennen hoͤrte, ſo gab ich ihm den Namen, den Sie ihm gaben. Das kam ganz natürlich bei mir, ohne daß ich es überlegt habe, das ſchwöre ich Ihnen.“ „Auf dieſe Weiſe rechtfertigen Sie ſich,“ verſetzte der Graf von Eberbach.„Das kam natürlich bei Ihnen! Ihre Lippen ſprechen den Namen von ſelbſt aus, Fried⸗ rike. Es war Ihr Herz, das ſprach.“ „Das habe ich nicht ſagen wollen,“ verſuchte Fried⸗ rike zu erwiedern.„Doch ſeien Sie ruhig, mein Herr, ich werde nicht mehr thun, was Ihnen anſtößig iſt.“ „Seien Sie ruhig, mein Herr, ich werde Sie nicht mehr mein Herr nennen. Sie werden es nicht mehr thun; mittlerweile thun Sie es. Doch ich bin es nicht, Friedrike, bei dem dieſe Vertraulichkeit einer jungen Frau mit einem jungen Mann anſtoͤßt, es iſt die Ach⸗ tung für das Urtheil der Menſchen, es iſt das gewöhn⸗ liche Gefühl für den Wohlanſtand, was dadurch beleivigt wird. Was ſoll die Welt von einer Frau von ihrem Alter denken, welche ihren Mann verläßt, um unter vier Augen mit dem Neffen Ihres Mannes zu leben?“ „Mein Herr!“ rief Friederike verletzt. Doch Julius hörte nur auf ſeine bittere, grauſame Eiferſucht und fuhr fort: „Was ſoll die Welt von einer Frau von Ihrem Al⸗ ter denken, welche das Vertrauen und die Zärtlichkeit ihres Mannes benützt, um in ihrer ungeſtörten Einſam⸗ keit einen jungen Mann zu empfangen, der ſie liebt, der es ihr ſagt, der es ihr wiederholt Ich ſpreche nicht von mir. Was ich für Euch habe ſein können, vergeſſe ich. Doch warum begreift Ihr in Eurem eigenen In⸗ tereſſe nicht, daß, da Ihr Euch heirathen ſollt, Ihr Euch nicht compromittiren mußtet, und daß, um ſeiner Frau Achtung zu verſchaffen, ein Mann damit anzufangen hat, 148 daß er ſie ſelbſt achtet? Ihr habt alſo große Eile, Ihr ſeid alſo ſehr ungeduldig wegen der paar Wochen, die mir noch bleiben, und Ihr findet, ich ſterbe nicht ſchnell ge⸗ nug. Konntet Ihr nicht einige Minuten warten? Ich ſpreche nicht von mir, ſondern von Euch ſelbſt. Vergeßt, was ich für Euch habe thun können, aber denkt an das, was die Welt von Euch ſagen kann. Seid undankbar, aber ſeid nicht blind. Habt kein Herz, wenn Ihr wollt; aber habt Verſtand.“ Julius gerieth immer mehr in Hitze, während er ſprach, und ein fieberhafter Zorn röthete ſeine Backen⸗ knochen. Lothario hatte bei gewiſſen Worten des Grafen Blitze des Stolzes gehabt, welche das Andenken an die empfange⸗ nen Wohlthaten raſch wieder auslöſchte. Man fühlte indeſſen, daß die Dankbarkeit des Neffen von Julius mit dem Stolze des Bräutigams von Friebrike kämpfte. Er konnte es nicht ertragen einen Menſchen, und war es auch ſein Oheim, mit dieſem hoffärtigen, gebietenden Tone zu der Frau, die er liebte, ſprechen zu horen, Beim letzten Worte des Grafen von Eberbach brach er aus. „Herr Graf,“ ſagte er mit einer Stimme, bei welcher die Ehrfurcht auf der Oberfläche und die Starrheit auf dem Grunde war,„ich verdanke Ihnen Alles, und ich werde Alles von Ihnen ertragen. Doch wenn an meinen Beſuchen hier etwas iſt, was Ihnen mißfällt, ſo bin ich ganz mit meinem Willen, und ohne daß mich Jemand ge⸗ rufen hat, gekommen. An mich müſſen Sie ſich alſo halten, und ich bedauere es, ich wundere mich, daß Sie Ihre Unzufriedenheit auf Jemand laſten laſſen, der nichts gethan hat, um ſie zu verdienen.“ „So iſt es!/ rief Julius immer mehr gereizt.„Sehr gut! Sie ſehen, Madame, wie weit wir ſind! Der Herr ver⸗ theidigt Sie gegen mich! Ich möchte wohl wiſſen, mit „ — we Ihr mir ge⸗ Ich eßt, as, ar, Ut; er ken⸗ litze nge⸗ hlte mit Er es Lone rach lcher auf ich einen ich ge⸗ alſo Sie ichts gut! ver⸗ mit 149 welchem Rechte der Herr eine Frau gegen ihren Mann vertheidigt!“ „Mit dem Rechte, das Sie mir ſelbſt gegeben ha⸗ ben,“ erwiederte Lothario. Friedrike warf ſich ganz zitternd zwiſchen Beide. „Mein Herr,“ ſprach ſie zu Julius,„wenn man mich angriffe, ſo würde ich zu Ihnen meine Zuflucht nehmen; wer konnte alſo daran denken, mich gegen Sie zu verthei⸗ digen? Dies Alles rührt von einem Mißverſtändniß her. Ein Wort ruft ein anderes hervor, und dann kommt es, daß man ſich harte Dinge ſagt, während man nur zärt⸗ liche Dinge im Grunde des Herzens hat... Sie ſind aufgebracht gegen mich, gegen uns. Sie find ſo gut gegen Jedermann und waren ſo vortrefflich gegen mich, daß wir Sie ſicherlich ohne unſer Wiſſen beleidigt haben müſſen. Doch glauben Sie wenigſtens, daß es ohne Ab⸗ ſicht geſchehen iſt, und daß ich herzlich gern eher ſterben würde, als nur eine Sekunde den Gedanken zulaſſen, irgend etwas zu thun, was Ihnen entfernt unangenehm ſein könnte. Ich ſpreche aufrichtig, wie Sie ſehen, glau⸗ ben Sie mir?“ „Phraſen,“ erwiederte Julius;„es bedürfte der That.“ „Was ſollen wir thun?“ fragte das arme Mädchen. „Mir ſcheint, ich habe mich nie gegen das geſträubt, was Ihr Wille war. Sagen Sie mir eine einzige Handlung meines Lebens, wo ich mich nicht Ihrem Wunſche unter⸗ worfen habe. Was habe ich gethan, was Sie nicht ge⸗ wollt oder geſtattet? Sie haben mir eröſſnet, Herr Lo⸗ thario hege für mich etwas Anderes, als Widerwillen. Sie haben mich ihn lieben geheißen. Sie haben uns ver⸗ lobt, Sie haben uns verbunden, Sie haben ihm in mei⸗ ner Gegenwart geſagt: Sie iſt nur meine Tochter, ſie iſt Deine Frau. Indem ich Herrn Lothario erlaubte, mich zu beſuchen, glaubte ich nicht Ihnen ungehorſam zu ſein, ich glaubte im Gegentheil Ihnen zu gehorchen. Wenn 15⁰ es Ihnen mißfiel, daß er hierher kam, warum haben Sie mir nicht geſagt, ich ſollte ihn nicht empfangen?“ „Man muß Ihnen Alles ſagen,“ rief Julius,„und Sie begreifen nichts!“ „Was ſell ich begreifen?“ fragte ſie. „Sie ſollen begreifen, wenn ich das übertriebene Zart⸗ gefühl gehabt habe, mich Ihrer Gegenwart zu berauben, Friedrike, wenn ich dies aus einem Uebermaße von Scho⸗ nung für die Empfindlichkeit von Lothario gethan habe...“ Samuel unterbrach ihn, wie fortgeriſſen durch die Gewalt der Wahrheit: „Ei! mache Dich nicht beſſer, als Du biſt. Du biſt aufopfernd genug geweſen, um Dein Benehmen nicht zu hoch anſchlagen zu müſſen. Haſt Du nur Lothario allein zu Liebe Frieverike entfernt?“ „Wem zu Liebe denn?“ „Ei bei Gott! auch ein wenig Dir zu Liebe. Du wirſt mir zugeſtehen, daß Du ſie wenigſtens ebenſo ſehr, um ſie von Lothario zu trennen, als um Dich von ihr zu trennen, entfernt haſt.“ „Nun denn! wenn dies ſo wäre?“ rief Julius außer ſich.„Iſt das nicht mein Recht? Wenn ich leide, wenn ich krank bin, wenn ich eiferſüchtig bin?... Im Gan⸗ zen iſt Friedrike meine Frau. Ihr vergeßt es ſo oft, daß Ihr am Ende macht, daß ich mich deſſen erinnere.“ Er war in der Hitze ſeiner Aufregung von der Bank aufgeſtanden; doch ganz bleich, zu ſchwach für dieſe Auf⸗ wallungen, ſank er beinahe ohnmächtig wieder zurück. Mit eben ſo viel Mitleid, als Furcht neigte ſich nun Friedrike über ihn, nahm ſeine kalten Hände und ſagte, beinahe weinend: „Mein Herr!. „Immer mein Herr!“ murmelte der Graf von Eberbach. „Mein Freund,“ ſprach ſie,„wenn Sie wirklich lei⸗ den, ſo habe ich Unrecht. Ich bitie Sie um Verzeihung, 1 ein Du hr, ihr ßer enn an⸗ oft, e. ank uf⸗ nun te, von lei⸗ ng, 151 Sie werden einem armen Mädchen, das nichts vom Le⸗ ben weiß, nicht grollen, daß es Sie nicht errathen und in einer Traurigkeit, die ihm unbekannt, nicht getroſtet hat; aber ſagen Sie mir, was Sie wünſchen, damit ich es in Zukunft thue, und ſeien Sie überzeugt, daß ich mich glücklich ſchätze, mich nach Ihrem Willen zu rich⸗ ten, welcher es auch ſein mag. Sprechen Sie, was ſoll ich thun?“ „Sie ſollen aufhören, Lothario zu ſehen,“ erwiederte Julius. Lothario machte eine Bewegung. Doch Friedrike ließ ihm nicht Zeit, zu reden. Sie antwortete haſtig: „Es gibt ein ſehr einfaches Mittel, daß Herr Lo⸗ thario und ich uns nicht mehr ſehen, und daß Sie deſſen ſicher find. Dieſes Mittel iſt, die Entfernung zwiſchen uns zu legen. Am Tage unſerer Hochzeit hat Ihnen. Herr Lothario einen Vorſchlag gemacht, den Sie nicht angenommen. Er bot Ihnen an, wieder nach Deutſch⸗ land zu gehen.“ „Er hätte wohl daran gethan, dahin zurückzukeh⸗ ren,“ ſagte Julius. „Ich bin feſt überzeugt,“ fuhr Friedrike, Lothario mit einem Blicke zurückhaltend und bittend, fort,„Herr Lothario iſt jetzt bereit, zu thun, was er Ihnen damals angeboten, und wenn Sie es von ihm verlangen, ſo wird er ſeine Entlaſſung nehmen und nach Berlin gehen, bis Sie ihn ſelbſt wieder rufen.“ Samuel erachtete es für geeignet, abermals dazwi⸗ ſchen zu treten. Es entſprach nicht ſeinen Plänen, daß Lothario ſich ſo entfernte und ihm entſchlüpfte. „Julius verlangt nicht ſo viel,“ ſagte er,„er ver⸗ langt, daß Lothario nicht hierher komme, und nicht, daß er gehe. Im Alter von Lotharlo zieht man ſich nicht aus dem thätigen Leben zurück, und Julius, obgleich plötzlich Gatte geworden, iſt nicht ſo wenig Oheim, daß 152 er die Laufbahn ſeines Neffen abſchneiden und ihm die Zukunft verſchließen will.“ „Ei! gewiß,“ verſetzte Julius, verdrießlich, ſich zu dieſer gezwungenen Großmuth verurtheilt zu ſehen. Lothario athmete. „Wohl, mein Freund,“ ſprach die muthige Friedrike, „die Trennung kann geſchehen, ohne daß Sie die Zukunft Ihres Neffen gefährden. Wenn Herr Lothario in Frank⸗ reich zurückgehalten wird, was verhindert uns, nach Deutſchland zu gehen? Sie ſind von Ihrer Krankheit beinahe wiederhergeſtellt und haben wieder Kräfte erlangt. Die Reiſe kann Ihnen nur wohlthun. Warum ſollten wir nicht im ſchönen Schloſſe Eberbach wohnen, das Sie mir zu zeigen verſprochen haben?“ Samuel biß ſich auf die Lippen und wartete ebenſo ängſtlich als Lothario auf die Antwort von Julius. Der finſtere Plan, den er im Geiſte hatte, ſtürzte zuſammen, wenn Lothario und ſein Oheim getrennt waren. Doch die Antwort von Julius beruhigte ihn. „Nein,“ ſagte dieſer mit düſterer Miene,„ich will nicht und ich kann nicht abreiſen. Ich habe etwas, ich habe eine Pflicht, die mich in Paris zurückhält.“ Lothario und Samuel machten Beide eine Geberde der Erleichterung. Zornig über alle dieſe Zwangsmittel, fuhr aber der Graf von Eberbach, die Stimme erhe⸗ bend, fort: „Ich weiß nicht, warum wir uns anſtrengen, die Mittel zu ſuchen, eine ſo einfache Sache zu orvnen, eine Sache, die ſich ganz von ſelbſt ordnet. Damit Ihr ver⸗ hindert ſeid, Euch zu ſehen, iſt es nicht nothwendig, daß Hunderte von Meilen zwiſchen Euch liegen: es beſteht mein Wille, und das genügt. Ich will und befehle, daß fortan, und ſo lange ich lebe, meine Frau Lothario nicht mehr empfängt.“ Lothario unterdrückte eine Bewegung des Zornes. ke, nft k⸗ ch eit gt. ten Sie zte int ill ich rde el, he⸗ die ine er⸗ aß eht aß cht 7 153 Samuel ſchien ärgerlich über die Heftigkeit von Julius. „Wie,“ ſagte er,„Du willſt, daß ſie ganz und gar getrennt ſein ſollen? Sie werden ſich nicht mehr ſehen können, nicht einmal in Deiner Gegenwart?“ „In meiner Gegenwart, das mag ſein,“ antwortete Julius.„Doch nur in meiner Gegenwart.“ Lothario erhob das Haupt und ſprach: „Aber ich liebe Friedrike, mein Herr.“ „Und ich auch, ich liebe fie auch!“ rief Julius auf⸗ fahrend, drohend, mit Lothario einen Blick der Eiferſucht und des Haſſes kreuzend. Es trat eine Secunde ein, wo dieſe zwei Menſchen nicht mehr ein junger Mann und ein Greis, der Oheim und der Neffe, der Wohlthäter und der Verbundene, ſondern zwei Nebenbuhler, zwei Gleichgeſtellte, zwei Männer waren. In dieſer Secunde ſank die ganze Vergangenheit in den Abgrund und verſchwand. Erſchrocken gab Friedrike einen Schrei von ſich. Samuel hatte ein ſeltſames Lächeln auf den Lippen. „Lothario!“ rief Friedrike. Durch dieſe theure und flehende Stimme zu ſich zurückgerufen, faßte ſich der junge Mann ein wenig. Doch als hätte er bange, ſich nicht lange beherrſchen zu konnen, ſagte er, ohne ſeinen Oheim anzuſchauen: „Guten Tag, mein Herr. Guten Tag, Friedrike.“ Und er entfernte ſich mit großen Schritten. Eine Minute nachher erſcholl der Galopp von zwei Pferden auf der Straße. Julius war erſchoͤpft wieder auf die Bank gefallen. „Gut,“ ſagte Samuel zu ſich ſelbſt,„der erſte Act hat geſpielt; man muß raſch vorwärts gehen und keinen Zwiſchenact machen.“* 154 Giftdeſtillirung. Dieſer plotzliche, unvorhergeſehene Ausbruch der Eiferſucht von Jullus hatte ſchon am andern Tag eine bedeutende Veränderung in den gegenſeitigen Verhältniſſen der Hauptperſonen dieſer Geſchichte zur Folge. Lothario erſchien, wie es Julius befohlen, nicht mehr in Enghien. Friedrike fing an, wie ſie es Lothario geſagt, Julius alle Tage entweder in Enghien oder in Paris zu ſehen. Nur ging ſie öfter nach Paris, als er auf das Land kam, um ihn nicht zu ermüden, und dann, weil ſie der Bewegung und der materiellen Thätigkeit bedurfte, um die Leere zu täuſchen, die ſie in der Seele hatte. Friedrike that Alles, was ſie konnte, damit der Graf von Eberbach nicht bemerkte, ſie ſei trauria und es fehle ihr Etwas, oder vielmehr Jemand. Auf der Oberfläche war ſie lächelnd, und ſie bemühte ſich, durch Freundlichkeit und Ergebenheit den Grafen in ſeinem bittern Verdruß auf⸗ zuheitern. Der Bruch zwiſchen Julius und Lothario hatte ſich gewiſſer Maßen wieder gehoben. Lothario kam zuweilen in das Hotel; fand er hier Friedrike, ſo bebte er wie von einem innern Leiden, blieb nur kurze Zeit und hatte immer ein dringendes Geſchäft auswärts. Bei ſeiner Zärtlichkeit für Friedrike, wie bei ſeiner Ehrfurcht für ſeinen Oheim, fand eine offenbare Zurückhaltung ſtatt. Er ſchien Beiden faſt gleich ſehr zu grollen; ihm, daß er befohlen, ihr, daß ſie gehorcht hatte. Samuel hatte offen Partei für die zwei jungen Leute gegen die Eiferſucht des Grafen von Eberbach genommen. Er erklärte ſehr hart und unumwunden Julius ins — 1+ „„ er 1⁵5 Geſicht, das ſei nicht verabredet geweſen, er habe als erſte Bedingung ſeiner Einwilligung zur Heirath feſtge⸗ ſtellt, daß Julius ſich immer nur als Vater von Fried⸗ rike betrachte, und er habe ihm ſeine theure Adoptivtochter nicht gegeben, daß er ſie unglücklich mache. Und da Samuel dies Alles ganz laut ſagte, da er keine Gelegenheit verſäumte, um Julius Unrecht zu geben, da er bei jedem Anlaß darauf zurückkam, Lothariv und Friedrike ſeien berechtigt, ſich zu lieben und es ſich zu ſagen, ſo wandten ſich allmälig Friedrike und Lothario ihm als ihrem natürlichen Beſchützer zu. Der Verdacht, den Olympia Lothario einzuflößen verſucht hatte, war nun ſehr fern vom Geiſte des jungen Mannes. Samuel war offenbar der beſte und ſicherſte Freund, den es auf der Welt gab. Ein Verräther hätte ſeine Vertheidigung unter vier Augen übernommen und ihm insgeheim Recht gegeben, aber Samuel vertheidigte ihn beſonders in Gegenwart von Julius. Er handelte am lichten Tage; er hatte nicht zwei Geſichter und ſprach im Hotel von Julius gerade auf dieſelbe Art, wie in dem kleinen Hauſe in Menll⸗ montant. Samuel beſuchte auch Friedrike in Enghien. Er bat ſie um Verzeihung, daß er ihr dieſe Heirath gerathen und ihre Jugend mit dem ſtörrigen, grämlichen Hinſterben des Grafen von Eberbach verbunden habe. Doch er habe an das Wort ſeines Freundes geglaubt. Uebrigens dürfe man Julius nicht zu ſehr böſe ſein, es ſei oft ſeine Krank⸗ heit, welche eher als er ſelbſt ſpreche. Dem Erloͤſchen nahe, werfe die Lampe ſeines Lebens zuckende Scheine aus, welche die Gegenſtände mit einem bizarren und falſchen Lichte beleuchten. Dies Alles ſei weniger die Schuld von Julius, als die Schuld von ihm, Samuel, der ſich hätte ſagen ſollen, die Dinge koͤnnen unter ſol⸗ chen Umſtänden keine andere Wendung nehmen, und er hätte ſeine Einwilligung zur Heirath nicht geben müſſen. 156 Doch er habe es einzig und allein für das Glück von Friedrike gethan. Samuel gewann ſo von Tag zu Tag mehr Boden in der Freundſchaft von Friedrike. Sie bat ihn um Rath und wollte ſich nur nach ſeinen Anſichten verhalten. Sa⸗ muel ſchwur, er werde ihr dienen, und müßte er ſich mit Julius entzweien; und in der That, als er von Enghien zurückkam, ging er zum Grafen von Eberbach, und da mußte man ſehen, wie er ihn auszankte. Mit welchem Rechte wiverſetze ſich Julius einer Liebe, die er ermuthigt, wenn nicht ſelbſt geſchaffen habe? Wenn er das geeignete Mittel, um Lothario von Friedrike zu trennen, anzuwenden glaube, ſo täuſche er ſich ſon⸗ derbar. Die edlen Naturen, wie die des jungen Mannes und des Mädchens, werden mehr in Schranken gehalten durch das Vertrauen, als durch Schloß und Riegel. Seiner Anſicht nach würde das Mißtrauen und die Strenge von Julius Alles auf Seiten von Lothario und Friedrike rechtfertigen. Man thue ihnen genug Zwang an, daß ſie ſich des Zwangs überhoben glauben könnten, und Julius wäre wahrſcheinlich ſehr erſtaunt, wenn er eines Tags erkennen würde, ſeine Hartnäckigkeit habe gerade das Gegentheil von dem hervorgebracht, was er erwartet. Leute von Ehre, Gefangene auf ihr Wort denken nicht daran, einen Schritt außerhalb der vorge⸗ ſchriebenen Gränze zu thun; doch wenn man ſie beſpähe, ſo halten ſie ſich für befugt, Alles zu wagen, um zu ent⸗ kommen. Die Gefangenſchaft ermächtige zur Entweichung. Einmal trat Samuel mit einem ſeltſamen Ausvruck mürriſchen, traurigen Triumphes bei Julius ein. „Was ſagte ich Dir!“ rief er ungeßüm. „Was gibt es? fragte Julius erbleichend. „Habe ich Dich nicht hundertmal darauf aufmerkſam gemacht, wenn Du Lothario und Friedrike verbieteſt, ſich vor Zeugen zu ſehen ſo ſlacheleſt Du ſie an und ermäch⸗ tigeſt ſie, ſich insgeheim zu ſehen.“ 3 „—„——— —— *8* 157 „Sie haben ſich insgeheim geſehen?“ ſagte Julius immer bleicher. „Und ſie haben Recht gehabt!“ „Wo haben ſie ſich geſehen? in Enghien? Lothario hat es gewagt, dahin zurückzukehren?“ „Weder in Enghien, noch in Paris.“ „Wo denn?“ „Sie haben ſich auf der Landſtraße geſehen.“ „Insgeheim?“ rief Julius außer ſich. „Wenn ich ſage, insgeheim, ſo will ich damit ſagen, daß der Tag, an dem ſie ſich zufällig, das iſt offenbar, ge⸗ troffen haben, vorgeſtern, alſo gerade der Tag war, wo, da ſich Frau Trichter unwohl befand, Friedrike allein ausfuhr. Lothario machte einen Spazierritt, ſein Pferd kreuzte ſich mit dem Wagen von Friedrike, und der Kutſcher, als er Lothario erkannte, hielt natürlich ſeine Pferde an.“ „Ich werde ihn wegjagen.“ „Sehr gut! Ziehe nun den Stall und das Vor⸗ zimmer in Dein Vertrauen.“ „Samuel, vollende, was iſt geſchehen?“ „Mein Gott, es iſt geſchehen, daß Lothario vom Pferde ſtieg, und daß ſie ein paar Worte wechſelten, welche Frau Trichter nicht gehört hat. Das iſt bis jetzt das Klarſte von Deinen eiferſüchtigen Velleitäten. Du unterdrückſt die Rendez⸗vous nicht, Du unterdrückſt die Zeugen.“ „Ich will mit Friedrike ſprechen!“ rief Julius. „Fortſetzung deſſelben Syſtems,“ erwiederte der un⸗ ſtörbare Samuel.„Um die ſchlimme Wirkung der Ty⸗ rannei gut zu machen, haſt Du im Sinne, die Tyrannei zu verdoppeln. Friedrike wird Dir antworten, ſie könne Lothario nicht verhindern, auf der Straße nach Enghien ſpazieren zu reiten, und ſelbſt aus dem Standpunkte der Schicklichkeit würde ſie der Welt Stoff zu falſchen Deu⸗ tungen bieten, führe ſie an dem Neffen ihres Mannes vorüber, ohne anzuhalten, um ein Wort mit ihm zu 158 ſprechen, beſonders, da es allgemein bekannt, dieſer Neffe ſei mehr ſein Sohn. Hörſt Du nicht auf ihre Gründe, und appellirſt Du abermals an Deine Gewalt, ſo wirſt Du das fortſetzen, was Du ſchon ſo gut begonnen haſt, und ihr jede Bedenklichkeit benehmen.“ „Aber, Teufel, warum ſagſt Du mir dann dies Alles?“ verſetzte Julius, den kalten Schweiß von ſeiner Stirne abwiſchend,„warum guälſt Du mich wieder mit dieſer Begegnung?“ „Julius,“ erwiederte Samuel ernſt,„ich habe mit Dir von dieſer Begegnung als von einer Warnung und Lection geſprochen. Ich billige vollkommen Friedrike und Lothariv. An ihrer Stelle würde ich nicht anders han⸗ deln. Ich bin überzeugt, daß kein ſchlechter Gedanke je in ihrem Herzen gekeimt hätte und daß Dein Argwohn allein ſolche auszuſtreuen im Stande geweſen iſt, und ich finde, daß ſie ſehr Recht gehabt haben, ſich nicht einer albernen und unerklärlichen Laune zu unterwerfen.“ Julius war wieder, ſtumm, unbeweglich, niederge⸗ ſchmettert, in einen Lehnſtuhl geſunken. Samuel beherrſchte hinter ihm ein ſtilles Lachen und ſprach dann ungeſtüm: „Uebrigens, da Du ſagſt, ich quäle Dich, ſo iſt es gut; Du kannſt ruhig ſein, ich werde nicht mehr hievon ſprechen. Ahl da es ſo iſt, bei Gott! wüßte ich, ſie ſehen ſich alle Tage, der Teufel ſoll mich holen! wenn ich fortan den Mund gegen Dich aufthäte!“ Und hienach ging Samuel ab und ließ ſeine Gifte ihre Wirkung hervorbringen. S———„—— ——„ c——.— U —,— 159 Vonnerſchlag. Julius fühlte wohl im Grunde, daß Samuel Recht hatte, und daß die beſte Art, Friedrike und Lothario zu binden, geweſen wäre, wenn man ſie frei gelaſſen hätte. In dem Augenblick, wo er wieder ein wenig Kalthlütig⸗ keit fand, machte er ſich Vorwürfe. Seine Güte und ſein natürlicher Seelenadel ſchämten ſich der Feſſeln, die er der Liebe dieſer zwei Kinder anlegte. Er entrüſtete ſich gegen ſich ſelbſt, er gelobte ſich, in Zukunft anders zu ſein, es auf ſich zu nehmen, nicht zu verderben, was er ſo gut begonnen, nicht zu ſein, wie jene geizigen Schenker, welche bereuen, was ſie gegeben, und es zurück⸗ verlangen. Doch ſeine ſchwankende Natur hielt alle dieſe ſchonen Entſchlüſſe ſchlecht. Der Wind drehte ſich, und Julius überließ ſich wieder dem Leiden, der böſen Laune, der Unruhe, dem Zorn. Er mochte ſich immerhin die beſten Raiſonnements der Welt machen und ſich beweiſen, die Strenge liege eben ſo wenig in ſeinem Intereſſe, als in ſeinem Rechte, ſeine Eiferſucht war ſtärker als ſein Ge⸗ wiſſen und ſeine Vernunft. Samuel hatte ſeine Taktik verändert, ſeitdem ihm Julius vorgeworfen, daß er ihm das Zuſammentreffen von Lothario mit Friedrike mitgetheilt. Nun ſprach er die Namen der zwei jungen Leute nicht mehr aus. Wenn der Graf von Eberbach mit ihm davon zu reden anfing, ſo war er bemüht, das Geſpräch abzulenken. Julius, der ſich durch Alles beunruhigen ließ, äng⸗ ſtigte ſich auch über dieſes Stillſchweigen. Als er Samuel den Geheimnißvollen ſpielen ſah, ſchloß er daraus, es walte ein Geheimniß ob. Seine Einbildungskraft arbei⸗ 160 tete hierüber und machte ihm Viſionen von Zuſammen⸗ künften auf der Landſtraße, von zufälligen oder geſuchten Begegnungen, von Complotten und Verräthereien. Es war nun Julius, der Samuel befragte. Wenn Samuel etwas wußte, warum ſprach er nicht? Wenn er nichts wußte, warum ſagte er nicht, er wiſſe nichts? Samuel erwiederte unſtörbar, die Art und Weiſe, wie ſeine erſte vertrauliche Mittheilung aufgenommen worden, ſei nicht ſo geweſen, daß man dadurch zu andern ermuthigt werden könnte; Friedrike und Lothario moͤgen ſich fortan begegnen, ſo oft ſie wollen, er werde ſich wohl hüten, es Julius zu ſagen. Wozu dieſe Anzeigen, deren einzige Wirkung es ſei, Julius in ſeiner Ruhe und ſeine Schützlinge in ihrer Liebe zu ſtören? Er ſei weder Gatte, noch Spion, um ein Rendez⸗vous aufzuſpüren. Wenn Lothario und Fried⸗ rike ſich wiederſehen, ſo thun ſie wohl daran. Sie lieben ſich, und Julius habe fie ſelbſt verlobt. Sie ſeien Julius nur ſchuldig, daß ſie ſeinen Namen nicht compromittiren und ſich insgeheim ſehen. Sie ſehen ſich aber ſo insge⸗ heim, wenn ſie ſich überhaupt ſehen, daß Julius nichts vermuthe. „Es iſt wahr,“ fügte Samuel bei,„nach allen Vaudevilles iſt der Mann immer der Letzte, der etwas vermuthet.“ Alle dieſe Antworten von Samuel vermehrten die Aengſten von Julius und ſteigerten ſie auf das Aeußerſte. Samuel wußte offenbar mehr, als er ſagte. Friedrike und Lothario ſahen ſich wie zuvor, nur mit dem erſchwe⸗ renden Umſtand, daß ſie ſich nun ohne Zeugen ſahen. Und das war ihnen leicht bei einem Gatten, den ſeine Schwäche im Zimmer zurückhielt, mit der Beihülfe von Frau Trichter, welche, Samuel und Friedrike ergeben, ſicherlich nichts verrathen hätte, angenommen, es wäre etwas zu verrathen geweſen. len⸗ ten ht? viſſe eiſe, men dern en vohl ſei, hrer ied⸗ eben lius iren sge⸗ chts len was die rſte. rike we⸗ den ülfe ben, väre 164 Julius war alſo auf den ohnmächtigen, trägen Zweifel beſchränkt und Samuel erhielt ihn in einem Leben des Verdachts und der Traurigkeit. Wenn zufällig Friedrike gerade während einer von dieſen Unterredungen ankam, wo Samuel die kranke Eiferſucht von Jullus ſtachelte und ihn, ohne ihm et⸗ was genau anzugeben, Alles vermuthen ließ, ſagte Samuel, da er ſie aus dem Wagen ſteigen ſah, zu Julius: „Auf! Friedrike kommt eben die Treppe herauf. Sprich Deinen Verdacht gegen ſie aus, ſo ſchmeichelhaft er für ſie iſt. Mache Dich verhaßt, lächerlich. Spiele Deine Rolle als Arnelphe und Bartholo. Du weißt, wie die Widerwärtigkeit und Heftigkeit Agnes und Roſine verführen.“ Julius concentrirte dann in ſich ſelbſt ſein ganzes Leiden und zeigte Friedrike nichts davon. Doch er konnte es nicht bis zur guten Laune bringen, und ſein Lächeln war eine Grimaſſe. Sein Hintergedanke entſchlüpfte ihm häufig. Er mochte ſich immerhin zu bezwingen ſuchen, er war nicht Herr über bittere Ausrufungen, welche Friedrike betrübten. Sie fragte ihn, was er habe; er antwortete ihr barſch, er habe nichts. Dann befragte ſie Samuel, der die Achſeln zuckte. So verging ein Monat. Samuel ſchürte die Eifer⸗ ſucht von Julius immer mehr an, und dieſer wurde immer mürriſcher. Stets mit einer eiſigen Zurückhaltung empfangen, war es bei Friedrike ſo weit gekommen, daß ſie vor den Beſuchen, welche ſie dem Grafen von Eberbach machte, bange hatte und nur mit gepreßtem Herzen bei ihm ein⸗ trat. Die Stellung fing an unhaltbar zu werden. Julius bemerfte wohl, daß er gerade auf das Gegen⸗ theil von dem, was er wünſchte, hinarbeitete, und daß er ſich Friedrike jeden Tag mehr entfremde. Er kämpfte Gott lenkt. m. 1¹ 162 gegen ſich ſelbſt und ſagte ſich, es ſei Zeit, ein anderes Mittel zu gebrauchen und die unbeſchränkte, verſchwende⸗ riſche Güte zu verſuchen. Durfte er ſich in ſeinem Alter und in ſeinem Zu⸗ ſtand, ein paar Schritte vom Grabe, für kaum einige Tage mit dieſer Wuth an eine irdiſche Leidenſchaft an⸗ klammern? Mußte er nicht die Eiferſucht den Jungen überlaſſen? Im Ganzen waren Lothario und Friebrike ergeben und edelmüthig. Es taugte mehr, Vertrauen zu haben. Und war es, ſelbſt wenn ſie das Vertrauen nicht zurückhielte, nichts für ihn, geliebt und geſegnet zu ſein während ſeiner letzten Wochen und lächelnde Geſichter um ſich zu ſehen2 Er ſagte ſich dies eines Morgens in einem jener Augenblicke der Müdigkeit, welche die Dauer jedes un⸗ nützen Kampfes hervorbringt, wobei man ſich grücigt fühlt, Alles hinzugeben, um den Frieden und die Ruhe zu haben. Ach! was man die Aufopferung nennt, iſt häufig nichts Anderes, als Schwäche und verkleidete Müdigkeit. Julius war alſo entſchloſſen: er würde vieſe zwei Kinder frei laſſen, die er einander nicht gegeben hatte, um ſich ſodann zwiſchen ſie zu ſtellen. Er würde ſein Werk vervollſtändigen. Er würde ihnen ſagen: Ihr ſeid frei, und Ihr hängt nur von Euren Herzen und Eurer Redlichkeit ab; ich vertraue Euch, und ich erlaube Euch Alles, was Ihr Euch ſelbſt erlauben werdet. Gerade an dieſem Morgen ſollte Friedrike kommen, um mit Julius zu früh⸗ ſtücken. Es war zehn Uhr weniger fünf Minuten. Sie ſollte auf den Schlag zehn Uhr kommen. Sie war ſo pünktlich! Es ſchlug zehn Uhr. Julius wartete fünf Minuten, dann zehn, dann eine Viertelſtunde. Friedrike kam nicht. Um halb elf Uhr war Friedrike nicht gekommen. Um elf Uhr eben ſo wenig. Um Mittag wartete Jullus noch guf ſie. * deres ende⸗ Zu⸗ inige an⸗ ngen drike n zu nicht ſein um jener un⸗ igt Kuhe idete zwei tte, ſein ſeid urer uch ſem rüh⸗ Sie r ſo ten, icht. nen. lius 163 Des Wartens müde, nahm er traurig ſeine Taſſe Chocolade allein zu ſich. Warum kam Friedrike nicht? hatte ſie einen Grund, der ſie zu kommen verhinderte? Sie würde Julius benach⸗ richtigt haben. Was bedeutete das? Abermals durchkreuzten ſchlimme Gedanken den Kopf des Grafen von Eberbach. Er wollte wiſſen, wo Lothario war, den er ſeit drei Tagen nicht geſehen hatte. Er ſchickte zur Geſandtſchaft, um nach ſeinem Nef⸗ fen fragen und ihn, wenn er da wäre, bitten zu laſſen, auf der Stelle zu kommen. Der Bediente, den er zur Geſandtſchaft abgeſchickt, kam mit der Nachricht zurück, Lothario ſei ploͤtzlich am Tage vorher nach dem Havre abgereiſt, wo er der Ein⸗ ſchiffung von deutſchen Auswanderern beiwohnen ſollte. Julius erinnerte ſich, doß ihm Lothario, als er ihn das letzte Mal geſehen, in der That geſagt hatte, er ſei mit der Erfüllung dieſer Pflicht beauftragt, und er könne jeden Augenblick abreiſen müſſen. Julius fiel düſterer und trauriger wieder zurück und ärgerte ſich, daß er ſeine gute Gemüthsbewwegung umſonſt gehabt hatte. Er erklärte ſich nicht, warum vieſes Zuſammentreffen der Abreiſe von Lothario und des Verzugs von Friedrike einen ſo peinlichen Eindruck auf ihn machte. Wos konnte indeſſen einfacher ſein? Hatte Friedrike nicht durch tauſend Gründe, durch eine Unpäßlichkeit, durch ein lahmes Pferd, durch eine Achſe, welche unter Weges ge⸗ brochen, zurückgehalten werden können? Sie konnte ihr Verſprechen vergeſſen haben; oder ſie hatte wohl auch ver⸗ ſtanden, Julius erwarte ſie zum Mittagsmahle. Und was Lotharivo betrifft, ſo riefen ihn ſeine Ge⸗ ſchäfte nach dem Havre; es ſtand ihm nicht frei, nicht dahin zu gehen, und er hatte wohl daran gethan, daß er abgereiſt war. Der Weg nach dem Havre führte nicht durch Enghien. 164 um zwei Uhr war Friedrike noch nicht angekommen. Um drei Uhr hielt es Julius nicht mehr aus. Er ließ anſpannen, um in Enghien zu ſehen, was dort vorging. Doch eine Betrachtung hielt ihn zurück. Wenn er vahin fuhr, lief er Gefahr, ſich mit Friedrike zu kreuzen, ſie nicht zu ſehen, und in Enghien gerade in dem Augenblick anzukommen, wo ſie in Paris eintreffen würde. Friedrike wählte überdies nicht immer denſelben Weg, um zu kommen. Das ſicherſte Mittel, um ſie nicht“ zu verfehlen, war alſo, zu bleiben und Jemand abzuſchicken. Julius ſchickte ſeinen vertrauten Kammerdiener Da⸗ niel mit dem Befehle ab, die Pferde anzutreiben und vor zwei Stunden zurück zu ſein. Der Diener war ungefähr ſeit einer Stunde wegge⸗ fahren, als Samuel ruhig und lächelnd eintrat. Er bemerkte ſogleich das bange Ausſehen von Julius. „Was haſt Du denn?“ fragte er ihn. Julius theilte ihm den unerklärlichen Verzug von Friedrike mit. „Darum,ſind Deine Seele und Dein Geſicht ſo ver⸗ ſtört?“ ſagte Samuel lachend.„Ich wundere mich nicht über die Wirkung, welche ernſtere Dinge auf Dich machen. Beruhige Dich, Friedrike wird durch eine Migräne, durch ein Kleid, das fie anzuprobiren hatte, durch Nichts auf⸗ gehalten worden ſein. Verlangſt Du nun nicht gar mili⸗ täriſche S Spiegel vorübetgegangen ſein und darein ſchauend ſich ver⸗ geſſen haben wird? Ein ſchöner Gegenſtand der Beun⸗ ruhigung! Du würdeſt mich ſehr lachen machen, wenn ich Zeit dazu hätte! Abgeſehen hievon, geht es Dir gut? Dann Adieu!“ „Du verläſſeſt mich?“ ſagte Julius, der wohl gern Jemand hätte haben mögen, um ihm Geſellſchaft zu lei⸗ kelt von einem Mädchen, das an einem Un kör un bit fra men. was ner f blick drike zu war Da⸗ vor ge⸗ lius. von ver⸗ nicht chen. urch auf⸗ mili⸗ inem ver⸗ n⸗ wenn gut? gern lei⸗ 165 ſten und ihn während der Stunde der Ungeduld, die er zu tödten hatte, zu beſchäftigen. „Ja,“ antwortete Samuel.„Ich bin im Vorüber⸗ gehen eingetreten, um zu ſehen, wie Du Dich befindeſt. Doch ich habe ein Geſchäft.“ „Du ſpeiſeſt nicht mit mir zu Mittag?“ „Nein, ich habe ein politiſches Diner, bei dem ich nicht fehlen darf.“ „Warte wenigſtens bis zur Ankunft von Friedrike.“ „Ich kann nicht. Ich ſpeiſe in Maiſons, es iſt drei Viertel auf vier Uhr, und ich habe nur noch Zeit, um dahin zu kommen. Es handelt ſich um eine wichtige Zu⸗ ſammenkunft. Du beſchäftigſt Dich nicht mehr mit der Politik.. ganz nach Deinem Geſchmack. Doch Du gibſt die Partie in einem ſehr intereſſanten Augenblick auf. Ich, was mich betrifft, ich denke ganz und gar nur hier⸗ an und bin bis an die Ohren verſunken. Ich ſpeiſe heute mit Männern, die ſich einbilden, ſie leiten die Bewegung, welche aber, glaude mir auf mein Wort, ihr folgen werden.“ „Sage mir nichts mehr hievon,“ unterbrach ihn Julius. „Das intereſſirt Dich nicht?“ fragte Samuel. „Einmal: denn ich bin gleichgültig gegen die Politik. Und vann habe ich Verbindungen mit dem preußiſchen Hofe unterhalten. Ich ſchreibe zuweilen dahin.“ Samuel heftete auf Julius einen tiefen Blick. Julius fuhr mit einiger Verlegenheltfort: „Das Echo deſſen, was Du mit en möchteſt, könnte wider meinen Willen in meiner Correſponvenz ertonen und, in Berlin anſchlagend, nach Paris zurückſpringen. Ich bitte Dich daher, ſprich nie mit mir von dieſen Dingen.“ „Gut,“ ſagte Samuel.„Doch nun lebe wohl, es iſt vier Uhr.“ „Wirſt Du nicht wieder hier vorüberkommen 2“ fragte Julius. 166 „Ich denke nicht. Ich werde dort bis ziemlich ſpät in der Nacht aufgehalten ſein und dann geraden Weges nach Menilmontant gehen.“ „Morgen alſo.“ „Morgen!“ ſagte Samuel. Und er ging weg und überließ Julius der Einſam⸗ keit und ſeinen Bangigkeiten. Samuel hatte ſich ſeit drei Viertelſtunden entfernt, als der Kammerdiener, den Julius nach Enghien geſchickt, im Galopp der Pferde zurückkam. Beim Geräuſch des in den Hof des Hotels einfah⸗ renden Wagens lief Julius ans Fenſter. Daniel ſtieg all⸗ ein aus. Julius ſtürzte nach der Treppe. „Nun?“ ſagte er. Daniel ſah ſehr beſtürzt aus. „Was haben Sie denn, Daniel?“ fragte Julius. „Haben Sie Friedrike geſehen?“ „Die Frau Gräfin iſt nicht mehr in Enghien,“ ant⸗ wortete Daniel. „Nicht in Enghien! Seit wann?“ „Seit heute Morgen.“ „Seit heute Morgen! Und ſie iſt nicht hier?“ rief Julius. Und er zog Daniel in ſein Zimmer. „Geſchwinde! ſagen Sie mir, was Sie wiſſen.“ „Die Frau Gräfin hat Enghien am frühen Morgen mit Frau verlaſſen,“ antwortete Daniel. „Um hierher zu kommen?“ „Nein, Herr Graf, denn eine Poſtchaiſe hat Beide abgeholt. Sie hatten die Nacht mit Packen zugebracht, und ſie ſind ganz allein abgereiſt, ohne Befehle für die Be⸗ dienten zu hinterlaſſen, welche glauben, die Reiſe ſei mit Eurer Excellenz verabredet.“ Julius fand kein Wort. Es kam ihm ſogleich der gräßliche Gedanke: Friedrike iſt mit Lothario entflohen. . us. nt⸗ rief gen eide cht, Be⸗ mit der . — 167 Ja, darum war Lothario nach dem Havre gegangen. In dieſem Augenblick ſchifften ſie ſich vielleicht ein, um jenſeits des Oceans den Tod des läſtigen Gatten, der ſo hartnäckig fortlebte, abzuwarten und eine Abſchlagszahlung auf ein Glückzu nehmen, das ſich zu langſam realiſirte. Ah! ſo dankten ihm Lothario und Friedrike für Alles, was er für ſie gethan, für den guten Gedanken, den er noch an demſelben Morgen gehabt hatte! In dem Augenblick, wo er den Entſchluß faßte, ſich abermals zu opfern, ihnen zu erlauben, ſich zu lieben und es ſich zu ſagen, beleidigten, verriethen, entehrten ſie ihn! Der Un⸗ dank wartete nicht einmal die Wohlthat ab. „Iſt dies Alles?“ fragte der Graf mit einer furcht⸗ baren Ruhe, als Daniel zu ſprechen aufgehört hatte. „Während ich die Zimmer durchlief,“ erwiederte Da⸗ niel,„fand ich auf dem Kamin der Frau Gräfin einen verſiegelten Brief, jedoch ohne Adreſſe.“ „Geben Sie!“ ſagte Julius mit hartem Tone. „Hier iſt er.“ „Es iſt gut. Gehen Sie.“ Daniel ging ab. Julius ſchaute den Brief an und ſprach: „Geſiegelt mit dem Petſchaft von Friedrike. Und keine Adreſſe. Für wen mag dieſer Brief ſein? Ah! ja wohl, es fehlte mir nichts mehr, als Skrupel zu haben.“ Er zerriß heftig das Siegel und las zitternd, wie folgt; „Mein Freund, „Sie hießen mich ein Wort für Sie in Enghien hinterlaſſen, das Ihnen die Stunde ſagen ſoll, zu der ich abreiſe. Es iſt ſieben Uhr. Wenn Sie um Mittag ab⸗ reiſen, ſo habe ich alſo fünf Stunden voraus. Ich werde Sie an dem verabredeten Orte erwarten. 168 „Sie ſehen, daß ich Ihnen hlindlings gehorche Und dennoch verlaſſe ich dieſes Haus nicht ohne eine ſeltſame je Herzensangſt. Sie haben jedes Recht, nicht nur zu rathen, de ſondern auch zu befehlen, und was Sie wollen, iſt immer b gut. Doch dieſe Art von Flucht erſchreckt mich. Nun, h Gott möge walten. ke „Es iſt gewiß, daß das Leben, welches wir führten, nicht fortdauern konnte, und daß dieſe heftige Kriſe we⸗ ei nigſtens eine Glückschance hat. Alles ging ſo ſchlecht, de daß wir bei dem Wechſel nur gewinnen können. „Beeilen Sie ſich, mich einzuholen, denn ich werde E ganz allein vor Furcht ſterben. Y „Ihre „Friedrike.“ Julius zerknitterte den Brief in ſeinen Händen. a „Lothario! Lothario!“ rief er;„ der Elende!“ fo Und er fiel, Schaum auf den Lippen und bleich wie ke der Tod, rückwärts. ſi re ei ſie Politiſche Pilla. * zu Zwei Stunden nach ſeinem Abgang aus de otel des Grafen von Eberbach fuhr der Wagen von Samuel Gelb in Maiſons durch das Thor eines großen Schloſſes, er deſſen ungeheurer Park, an den Wald angelehnt, auf der andern Seite nur durch den Fluß begrenzt war. In dieſem reichen, geräumigen Schloſſe verſammelte ein beim Bürgerſtande populärer Banquier ein oder zwei⸗ ſi mal in der Woche zum Mittagsmahle die Hauptvertreter m der liberalen Meinung. Ind me en, ner un, en, ve⸗ ht, rde tel el 6, er lte ei⸗ er — 169 Samuel Gelb hatte ſich dem Herrn des Hauſes durch jenen Vermittler vorſtellen laſſen, von dem er erſucht wor⸗ den war, ihn mit den Häuptern des Tugendbundes in Ver⸗ bindung zu bringen, und von dem er dagegen verlangt hatte, daß er ihn mit den Häuptern des Liberalismus be⸗ kannt mache. Zwei Tage nach ſeiner Vorſtellung hatte Samuel eine Einladung zum Mittagsmahle für den darauf folgen⸗ den Tag erhalten. Als Samuel von Julius wegfuhr, holte er ſeinen Einführer ab, und ſie begaben ſich mit einander nach Maiſons. Es fand an dieſem Tage großes Diner ſtatt. Die Gäſte waren theilweiſe ſchon angekommen; die anderen kamen gerade an. Als der Banquier begrüßt war, folgten Samuel und ſein Gefährte in die Alleen des Par⸗ kes den Eingeladenen, welche, in Erwartung der Stunde, ſich zu Tiſche zu ſetzen, in Paaren oder in Gruppen ſpazie⸗ ren gingen. Der Einführer von Samuel trat da und dort auf einige von den Plaudernden zu und nannte ihnen Samuel. Man wechſelte ein paar Alltagsphraſen und drückte ſich die Hand. Doch unter dieſem Anſchein eines brüderlichen Em⸗ pfangs, den die liberalen Häupter dem Gefährten von Samuel zu Theil werden ließen, lag eine merkliche Ge⸗ zwungenheit und Zurückhaltung. Er ſelbſt machte Samuel darauf aufmerkſam. „Ich täuſche mich nicht über ihren Händedruck,“ ſagte er;„ich weiß, daß ſie mich nicht lieben.“ „Warum denn?“ fragte Samuel. „Weil ſie ehrgeizig ſind, und weil ich es nicht bin; weil ich der Sache diene um der Sache willen, und weil ſie ihr dienen um ihretwillen. Somit betrachten ſie mich als eine Art von lebendigem Vorwurf. Meine Selbſt⸗ verleugnung beſchämt ihre Habgier. Ich bin ein Aus⸗ 170 reißer vom Intereſſe, ein Verräther am Egoismus. Ach! ach! wenn Sie wüßten, wie Wenige es unter dieſen Zunft⸗ leuten und Advokaten gibt, welche etwas Anderes wün⸗ ſchen als ihren eigenen Einfluß! Ich habe Umgang mit ihnen gepflogen, und die Röthe iſt mir zu Geſichte geſtie⸗ gen. Sie fürchten mich und ſie vermeiden mich wie ihr Gewiſſen. Aber ich grolle ihnen nicht, daß ſie mich nicht lieben; ich gebe ihnen ihre Gleichgültigkeit zurück. Nicht für ſie arbeite ich.“ „Ich ſicherlich auch nicht,“ ſprach Samuel.„Das Velk auch nicht. Laſſen wir ſie ihre kleinen unterirviſchen Intriguen anſpinnen; laſſen wir die Maulwürfe ihr Loch unter den wankenden Privilegien und unter den hinfälli⸗ gen Inſtitutionen der Vergangenheit machen; der Einſturz wird ſie zermalmen! Die Revolution, welche dieſe Men⸗ ſchen ohne Glauben und ohne Kraft vorbereiten, wird keine Mühe haben, mit ihren erbärmlichen Berechnungen fertig zu werden. Laſſen wir ſie die Schleuſe aufziehen, der Fluß wird ſie mit fortreißen.“ Die Glocke ertönte, und man ging in einen unermeß⸗ lichen Speiſeſaal, der ganz von Lichtern und eiſelirtew Silbergeſchirr funkelte. Das Diner war glänzend. Eine Verſchwendung von ſeltenen Weinen, von un⸗ erhörten Fiſchen und chimäriſchen Früchten, Ungeheuer⸗ blumen in Ungeheuervaſen von Sovres und Japan, ein Volk von Bedienten und in einer Baumgruppe des Gar⸗ tens ein Orcheſter, deſſen Muſik in ungewiſſen Wogen und Stößen ankam, ſo daß ſie das Geſpräch begleitete, ohne es zu bedecken; Alles trug zur völligen Befriedigung der Sinne bei. Mit dem, was dieſes Feſt gekoſtet haben mochte, hätte man drei Familien ein Jahr lang ernährt. „Wer ſollte glauben,“ ſagte Samuel ſeinem Nach⸗ bar ins Ohr,„wer ſollte glauben, daß wir im Begriff ſind, eine Demokratie zu gründen?“ Während des Mahles waren zu viel offene Ohren ft⸗ in⸗ nit ie⸗ vie as en li⸗ rz rd en n, n⸗ T* in r⸗ d ne er en t. ff n 17¹ um die Gäſte her, als daß ſich das Geſpräch nicht in den allgemeinen Ausdrücken halten mußte. Samuel nahm ſeine Genugthuung für dieſes ge⸗ zwungene Stillſchweigen dadurch, daß er auf ihrem Ge⸗ ſichte ſelbſt die Seele dieſer Menſchen ſtudirte, welche die Anmaßung hatten, eine Revolution zu machen und dann beherrſchen zu wollen. Es war in der That an dieſer Tafel eine Samm⸗ lung von Perſonen, welche zu prüfen für den ernſten Beob⸗ achter ſich der Mühe lohnte. Der Herr des Hauſes zuerſt. Das war der wahre Geſchäftsführer einer Revolution, der geſchmeidige, freundliche Unterhändler der zu paaren⸗ den Meinungen, der Verbindungsriemen zwiſchen den Ideen und den Menſchen. Durch die Bank an die Speeulationen gewoͤhnt und immer vom Glücke begünſtigt, war er zu den politiſchen Speculationen bereit, und er brachte dazu die Kühnheit und die umfaſſende Weite, die er bei ſeinen Handelsoperationen gehabt hatte. Er war der Typus des volksthümlichen Bürgers. Er beſaß nicht die leidenſchaftliche Stärke, welche die Maſſen zu den oͤffentlichen Plätzen fortreißt; aber es war unmöglich, ihm in einem Salon zu widerſtehen. Samuel ſondirte mit einem Blick die oberflächliche Macht und die weibiſche Herrſchaft dieſes Mannes, von dem man ſo richtig geſagt hat, er habe nicht conſpirirt, ſondern geplaudert zu Gun⸗ ſten des Herzogs von Orleans. Zur Rechten des Banquier ſaß ein berühmter Lieder⸗ dichter, Academiker, Deputirter, Miniſter vermöge der Weigerung, Genie, Glorie vermöge der Verachtung, ſeit einem Monat im Schloſſe einquartiert, ein Mann, der von ſeiner Manfarde und von ſeinen Holzſchuhen ſprach, wäh⸗ rend er ein Glas Tokayer ſchlürfte. Samuel gegenüber, ein kleiner Advocat⸗Geſchicht⸗ ſchreiber⸗Journaliſt, der unabläßig mit einer dünnen, kreiſchenden Stimme das Ohr ſeiner Nachbarn zerriß. 172 Er ſchwatzte bei jedem Anlaß von ſich, von dem Artikel, den er am Morgen in den National geſchrieben, von der Geſchichte, in welcher auf ſeinen Wuchs die hohen Ge⸗ ſtalten von 1789 reducirt hatte. Das übrige Perſonal beſtand aus Zeitungsſchreibern, Manufacturiſten, Abgeordneten, insgeſammt der liberalen Meinung angehörend, die Einen von der revolutionären Fraction, deren Verwegenheit beinahe ſo weit ging, daß ſie vom Sturze des Königs träumte, um einen andern König an ſeine Stelle zu ſetzen; die Andern von der doctrinären Fraction, welche mit der Politik und nicht mit den Menſchen wechſeln wollte und nichts Anderes verlangte, als Karl X. zu behalten, unter der Bedingung, daß er ſein Princip nicht behielte. Denn unter dieſen wilden Parteigängern der Freiheit war nicht Einer, der die Kühnhelt hatte, über die Charte hinauszu ſehen. Nach dem Mahle ging man in den Garten. Die laue Luft der Maiabende war erfüllt von den reizenden Wohlgerüchen, die der blühende Flieder aus⸗ ſtrömte. Man hatte den Kaffee in einem Cabinet von grünem Laubwerk ſerbirt, wo die Lampen und Kerzen eine Art von Lichtinſel mitten in der Nacht bildeten, welche die Alleen badete. Die Plauderei erhielt ſich noch einige Zeit in dieſen Allgemeinheiten, dann entfernten ſich allmälig die meiſten Gäſte und ſchlugen wieder den Weg nach Paris ein. Als nur noch die Vertrauten und die Hauptführer, ſieben bis acht im Ganzen, blieben, ſchickte man die Be⸗ dienten weg, und das Geſpräch entſpann ſich über die Politik und über das Benehmen, das von der Oppoſition ſi Zeitungen und in den Kammern beobachtet werden ollte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Samuel Gelb ge⸗ blieben war. el, on e⸗ n, len aß rn er nit te, eit te en 6⸗ m rt ie en en r, e⸗ ie on en e⸗ 173 Er war weder wegen der Küche, noch wegen des Kellers des Banquier gekommen. Niemand ſah erſtaunt oder verlegen über ſeine Gegenwart aus. Im Gegentheil, den Häuptern der bürgerlichen Revolution war es nicht unongenehm, ihre Rolle und ihre Wichtigkeit vor einem Fremden, welcher Mitglied des Tugendbundes, auszu⸗ breiten. „Nun, Herr Samuel Gelb,“ ſagte der Banquier, indem er ſich unmittelbar an ihn wandte, als wollte er ihn er⸗ mächtigen, bei dieſem vertrauteren Geſpräche zu bleiben; „nun, wie finden Sie, daß wir uns in Frankreich beneh⸗ men? Ich hoffe, Sie ſind nicht ganz unzufrieden mit unſerer kühnen Adreſſe der Zweihunderteinundzwanzig?“ „Ich habe darin nur ein Wort zu viel gefunden,“ erwiederte Samuel. „Welches Wort, wenn es Ihnen beliebt?“ fragte der kleine Geſchichtſchreiber⸗Jvurnaliſt. „Die Adreſſe der Zweihunderteinundzwanzig,“ ſagte Samuel,„endigte, wenn ich mich recht erinnere, mit dem ziemlich würdigen und ſtolzen Satz:„„Die Charte hat aus dem immerwährenden Zuſammenwirken der politiſchen Abſichten Ihrer Regierung mit den Wünſchen Ihres Volkes die unerläßliche Bedingung des regelmäßigen Ganges der öffentlichen Angelegenheiten gemacht...““ „Sire,“ fuhr der Banquier, gefällig die Phraſe vol⸗ lendend, fort,„unſere Ergebenheit, unſere Redlichkeit nöthigen uns, Ihnen zu ſagen, daß dieſes Zuſammen⸗ wirken nicht mehr beſteht.“ „Ja, der Grund iſt ziemlich feſt; doch ich bin ärger⸗ lich über das Wort: Ihr Volk. Darf man im neun⸗ zehnten Jahrhundert ſagen, ein Volk gehore einem Men⸗ ſchen und ſei ſeine Sache, wie eine Herde Schafe oder ein Sack Thaler, den man nach Belieben verkaufen oder ausgeben kann?“ „Sie haben vielleicht Recht,“ erwiederte der Jour⸗ naliſt,„doch bah! was iſt an einem Worte gelegen?“ 174 „InRevolutionszeiten,“entgegnete Samuel,„iſt ein Wort eine Handlung. Und es iſt nicht an Ihnen, die Allmacht der Worte zu leugnen, während Sie gegen Karl K., ſeine Soldaten und ſeine Prieſter nur ein Wort: die Charte, haben.“ „Karl K. iſt nicht Ihrer Anſicht geweſen,“ erwie⸗ derte einer von den Anweſenden,„und er hat die Adreſſe nicht zu ſanft und zu nachgebend gefunden. Er hat An⸗ fangs dadurch geantworlet, daß er die Kammern vertagte, und da ihm dies nicht genügt, ſo iſt er in dieſem Augen⸗ blick im Begriff, ſie aufzulöſen.“ „Iſt die Auflöſung wirklich beſchloſſen?“ fragte der Banquier. „Sie wird dieſer Tage im Moniteur ſtehen,“ antwortete der kleine Geſchichtſchreiber.„Ich habe ſie heute Abend im National angekündigt. Guernon⸗ Ranville widerſetzte ſich mit Energie, und er ſagte dem König, er gefährde ſich, wenn er den Krieg der Kammer über eine Frage erkläre, bei der die Kammer die öffent⸗ liche Meinung für ſich habe. Doch der Konig ging dar⸗ über weg, und genöthigt, nachzugeben, wagte es Guernon⸗ Ranville nicht einmal, ſeine Entlaſſung zu nehmen, aus Furcht, es könnte ſcheinen, er laſſe den König im Augen⸗ blicke der Gefahr im Stiche.“ „Aber,“ ſprach Samuel zum Geſchichtſchreiber den er re⸗ den machen wollte,„wenn die Kammer aufgelöſt iſt, werden neue Wahlen ſtattfinden. Gedenken Sie nicht, ſich irgend⸗ wo wählen zu laſſen?“ „Ich bin nicht einmal Wähler,“ erwiederte bitter der kleine Advocat. „Bah!“ ſagte Samuel,„es gibt beim Cenſus wohl ein Abkommen. Und Sie haben die Chance, daß ſie kein Pariſer ſind. Paris iſt das Meer, und es verliert ſich Jedermann darin. Doch in einer Provinzſtadt tritt das Verdienſt ſogleich in den Blick. Ein Mann wie Sie muß n, ſie on⸗ em ner nt⸗ ar⸗ on⸗ s n⸗ re⸗ en d⸗ ein in ch as uß —————— nothwendig mit ſeinem Ruhme das Städtchen Aix er⸗ füllen.“ „Sie ſind tauſendmal gut,“ erwiederte der aus der Provence herkommende Advocat, welcher ſich ſanft in ſeiner Eitelkeit gekitzelt fühlte.„Ich glaube in der That, daß ich weder ganz unbekannt, noch ganz unpopulär in meiner Geburtsſtadt bin, und daß meine Bewerbung um eine Deputirtenſtelle in der Provence nicht übel aufge⸗ nommen würde. Doch um in die Kammer einzutreten, muß man den Cenſus durchmachen, und mein ganzes Ver⸗ mögen beſteht in einer Actie des Conſtitutionnel. Und, v armer Conſtitutionnel!“ fügte er bei, indem er ſich an den Banquier wandte,„er iſt ſehr gefallen, ſeitdem mit Ihrem Beiſtand und Ihrer freigebigen Kaſſe wir, Mignet, Carrel und ich, den National zu gründen im Stande geweſen ſind.“ „Beunruhigen Sie ſich deshalb nicht, mein lieber Freund,“ ſagte halblaut der Banquier,„da das Talent nicht genügt, um das Land zu vertreten, und da man vor Allem Geld haben muß, nun! ich habe Geld. Seien Sie unbeſorgt, ich werde es ſo einrichten, daß Sie bei den nächſten Wahlen wählbar ſind. Danken Sie mir nicht, ich werde im Intereſſe von uns Allen, ich werde im Intereſſe der Sache, der wir dienen, handeln, wenn ich darauf hinarbeite, daß zur Tribune einer von den Männern gelangt, welche am meiſten fähig ſind, hier zu kämpfen und zu fiegen. Doch ſagen Sie, wie ſteht es mit den Angelegenheiten des National?“ „Bewunderungswürdig. Wir machen einen Höllen⸗ lärm. Mein geſtriger Artikel, betitelt: Der König herrſcht und regiert nicht, hat die miniſterielle Preſſe zu einem lauten Geſchrei veranlaßt.“ „Und Armand Carrel, was für ein Mann iſt es?“ fragte Samuel, der der Perſönlichkeit des kleinen Mannes ſatt zu werden anfing. „Armand Carrel, ein Raufer mit dem Schwerte, 176 ein Raufer mit der Feder. Er iſt ſehr muthig, ich gebe es zu! er weicht ebenſo wenig vor einer Idee, als vor einem Menſchen zurück. Das iſt ein wenig läſtig für uns. Er compromittirt uns und führt uns tlefer hinein, als wir gehen wollen. Doch im Ganzen, da er nichts Anderes verlangt, als ſich zu ſchlagen und für ſeine Ar⸗ tikel Genugthuung zu geben, ſo laſſen wir ihn gewähren.“ „Sie können ihn ſogar ſich für die Ihrigen ſchlagen laſſen,“ ſagte Samuel. „Das thun wir ein wenig,“ erwiederte naiv der Journaliſt. Samuel hatte auf den Lippen das ihm eigenthümliche bittere Lächeln, indem er die Seele dieſes Führers von einem großen Volke prüfte. „Ich ſchließe mich der Meinung an, die Sie vom National haben,“ ſagte er.„Doch ich muß ihm einen Vorwurf machen, wenn Sie mir erlauben.“ „Sprechen Sie, ſprechen Sie, ich liebe die Dis⸗ cuſſion.“ „Ich leſe den National alle Tage, ſeitdem er er⸗ ſcheint. Aber, trotz meiner Beharrlichkeit und Aufmerk⸗ ſamkeit, wollte es mir noch nicht gelingen, genau einzu⸗ ſehen, was er will. Ich bemerke wohl, daß er die Re⸗ gierung angreift. Doch iſt die Regierung unten, was er an ihre Stelle zu ſetzen? Etwa die Repu⸗ blik?“ 1„Die Republik!“ ſchrie der Journaliſt auf,„die Republik!“ „Warum nicht?“ verſetzte Samuel Gelb trocken.„Sie fallen in dieſem Augenblick über den Thron her: das ge⸗ ſchieht wahrſcheinlich nicht in der Abſicht, ihn zu be⸗ feſtigen?“ „Die Republik!“ wiederholte der Journaliſt er⸗ ſchrocken;„damit die Republik möglich wäre, müßte es ja Republikaner geben. Und wer iſt Republikaner in Frank⸗ reich? Lafayette, etwa! und einige Träumer, einige Eral⸗ nüt De Ge lik Do todt ihre Ver ebe vor für ein, Ar⸗ n.“ gen der iche von 177 tirte. Und dann ſind wir zu nahe bei der Revolution von 89; das Schaffot, der Krieg mit Europa, Danton, Ro⸗ bespierre und Marat würden ihre erſchreckenden Geſpenſter in Bewegung ſetzen, und nicht ein ehrlicher Mann würde demjenigen folgen, welcher es wagte, die blutige Fahne der Republik aufzupflanzen.“ „Aber,“ wandte Samuel ein,„mir ſchien, Sie ſeien min⸗ der ſtreng in Ihrer Geſchichte gegen die entſetzlichen Ge⸗ ſtalten und die furchtbaren Ereigniſſe von 93 geweſen, und Sie haben die Mehrzahl der Ausſchweifungen dieſer großen und unglücklichen Epoche, wenn nicht gelobt, doch ent⸗ ſchulvigt.“ „Ich habe die Leichenrede für die Todten gehalten,“ erwiederte der Geſchichtſchreiber,„doch ſie ſollen nicht auferſtehen.“ „Man erweckt nicht mehr vom Tode ſeit Lazarus,“ entgegnete Samuel„und ich glaube nicht an vie Geiſter. Es iſt gut für die Kinder, bange zu haben, Robespierre und Marat könnten aus ihrem Grabe hervorkommen. Sie ſind dort feſt eingeſchloſſen und werden den Stein nicht vor dem jüngſten Gerichte aufheben. Zittern wir alſo nicht, ſie an jeder Straßenecke erſcheinen zu ſehen. Es handelt ſich nicht um ſie, ſondern um die Principien, die ſie auf ihre Weiſe aufrecht erhalten haben,— eine blu⸗ tige, unbarmherzige Weiſe, ich vertheidige ſie nicht und gebe Ihnen ſogar zu, wenn Sie wollen, vaß ſie der Idee, der ſie zu dienen trachteten, eher geſchadet als ge⸗ nützt hat. Das Blut, das ſie vergoſſen, befleckt noch die Demokratie, und Sie ſehen, daß Sie ſelbſt, ein ſo freier Geiſt, nach vierzig Jahren, ſich noch nicht in die Repnb⸗ lik getrauen, aus Furcht, vieſe Leute darin zu treffen. Doch ich wiederhole Ihnen, ſie ſind todt, und zwar ſehr todt. Möglich in der Hitze des erſten Kampfes, hätten ihre Gewaltthaten heute mehr als das Entſetzliche des Verbrechens, ſie hätten das Lächerliche des Anachronismus. Gott lenkt. M. 12 178 Laſſen wir der Revolution ihre Werke und nehmen wir derſelben ihre Ideen.“ „Keine Republik!“ rief ein Redacteur des Globe, ein Philoſoph bekannt durch ſeine Witzworte, ein Denker beliebt durch ſeine Ungezogenheit, der, während Samuel ſprach, mit dem Redacteur des National verſchiedenes Achſelzucken gewechſelt hatte.„Die Republik, das iſt die Regierung von aller Welt; dus iſt, als ob die Schafe ſich regieren würden.“ „Es iſt beſſer, wenn ein Schlächter ſie regiert, nicht wahr?“ ſagte Samuel. „Man braucht einen Schäfer und ſeine Hunde.“ „Das heißt, einen Koͤnig und eine Ariſtokratie?“ fragte Samuel. „Einen König, ja,“ antwortete der Redacteur des Globe.„Was die Ariſtokratie betrifft, ſo find wir leider nicht in England. Den Grundbeſitz und das Vermögen zerſtückelnd, hat die Revolution die franzöſiſche Ariſtokratie umgebracht. Doch in Ermangelung der Golbſtangen haben wir die Münze. Die Münze der Ariſtokratie, das iſt der Bürgerſtand.“ Samuel konnte ſſch einer Geberde der Verachtung nicht erwehren. „Sie haben Recht gehabt, dies zu ſagen,“ ſprach er. „Der Bürgerſtand, das iſt die Münze. Wenn Sie alſo eine Monarchie von vierzehn Jahrhunderten, ein Recht ſo alt wie Frankreich, eine Regierung, welche beinahe eine Religion iſt, angreifen, ſo geſchieht es, um an ihre Stelle das Königthum des Geldes, die Ariſtokratie des Comp⸗ tvir, die Souveränetät der Bude zu ſetzen?“ „Beſſer die Bude, als die Straße,“ entgegnete der kleine Geſchichtſchreiber.„Wir werden uns nie mit der Regierung des Pöbels verbinden.“ „Sie ſagen noch: der Pöbel!“ murmelte Samuel. Und er fragte laut: wir e ker nel nes die afe cht 2 des der en tie en 179 „Was werden Sie in Ihrer Combination mit dem Volke machen?“ „Was ſollen wir damit machen?“ verſetzte der Banquier. „Wir haben uns nicht mit dem zu beſchäftigen, was Sie das Volk nennen,“ fügte der Advocat aus der Pro⸗ vence bei.„Wir vermögen nichts hiefür. Es iſt die Sache derjenigen, welche Thätigkeit und Verſtand haben, ſich, wenn ſie können, aus den unteren Schichten hervor⸗ zuarbeiten und zum Lichte emporzuſteigen. Die Geſell⸗ ſchaft kann ſich nicht um Jedermann bekümmern, und trotz aller Conſtitutionen wird es immer eine beträchtliche An⸗ zahl von Bürgern geben, welche unglücklich ſind. Das iſt eine Nothwendigkeit, über die man ſeufzen mag, in welche man ſich aber fügen muß. Wozu ſollen wir unſre Augen einer verworrenen, unwiſſenden, gemeinen Menge zuwenden, in deren Grunde wir eine Noth finden, die wir nicht er⸗ leichtern können, oder Verbrechen, die wir beſtrafen müſſen? Wir bekümmern uns nichts um das Volk, und das iſt das Einzige, was wir für daſſelbe thun können.“ „Ich bitte um Verzeihung, daß ich ſo viel frage,“ ſagte Samuel mit einer halbverſchleierten Ironie,„doch ich bin ein Fremder, der ſich zu unterrichten ſucht, und ich muß auf dem Laufenden mit Ihren Abſichten ſein, um damit das, was wir im Tugendbunde thun, in Einklang zu bringen. Ihr einziger Zweck iſt alſo, den Bürgerſtand an die Stelle des Adels bei der Verwaltung der Ange⸗ legenheiten des Landes zu ſetzen?“ „Das iſt wenigſtens unſer Hauptzweck,“ antwortete der Banquier. „Aber durch welches Mittel hoffen Sie, Karl X. zu beſtimmen, dieſe Umwandlung anzunehmen, welche aus ihm, dem Haupte des Adels, was er iſt, den Diener der Mittelklaſſe machen würde?“ „Oh! wenn alle Welt wäre wie ich,“ erwiederte der 180 kleine Journaliſt,„ſo hätte man nicht nöthig, Karl K. zu beſtimmen.“ „Wie würden Sie ſich denn ſeiner Einwilligung überheben?“ „Nichts wird möglich ſein,“ antwortete im Lehrer⸗ tone der Journaliſt,„ſo lange wir zum König einen un⸗ mittelbaren Erben der Rechte und Vorurtheile der alten Geſchlechter haben. Das Unglück iſt, daß auf unſerem Throne nicht ein mit unſern Ideen vermengter König ſitzt, ein Koͤnig halb revolutionär, um dem Volke zu gefallen, und halb Bourbon, um die auswärtigen Mächte zu be⸗ ruhigen, ein König, den wir ſelbſt gemacht hätten und der der Schuldner unſerer Ideen wäre.“ „Dieſer König, er exiſtirt,“ ſprach der Banquier mit einem Seufzer der Erhebung. „Wer iſt es denn?“ fragte Samuel. „Eil! S. K. H. der Herzog von Orleans,“ flüſterte ihm der Wirth des Hauſes mit einer liebenswürdigen Miene zu. „Ah! es iſt alſo wahr, was man mir geſagt hat, der National iſt in dieſer Abſicht gegründet worden?“ „Leider,“ verſetzte der Advocat von Aix, den Redac⸗ teur des Globe anſchauend,„leider ſind unſere Freunde nicht alle mit uns einverſtanden. Sie glauben an die Möglichkeit, die ältere Linie dadurch, daß man ſie zu den Fortſchritten der Zeit biege, beizubehalten; ſie kleben an ihrer vertrockneten alten Dynaſtie, welche weder Blätter noch Blumen mehr hat.“ „Wenn Sie das in Beziehung auf mich ſagen, mein Lieber,“ entgegnete der Redacteur des Globe:„Sie wiſſen wohl, daß ich mich den ganzen Tag mit meinen Mitar⸗ beitern ſtreite. Ich überlaſſe Ihnen dieſelben ſehr gern, von Couſin bis auf Guizot, von Broglie bis auf Royer⸗ Collard. Leute, welche nicht wiſſen, was ſie wollen, am⸗ phibiſche Theoretiker, die den großen Seitenſprung machen, einen Fuß guf die Zukunft und den andern auf ( 8— () SS ie 181 die Vergangenheit, und die zwiſchen den zwei Ich auf den Boden fallen. ich ſchreibe wie dieſe, aber ich denke wie Sie.“ „Oh!“ ſprach der Redacteur des Nationgl,„laſſen wir dieſe Alten ſich abnutzen. Wir ſind die junge Garde.“ „Welche Stellung gevenken Sie mittlerweile, bis Sie angreifen, einzunehmen?“ fragte Samuel. „Wir werden uns unter den Schutz der Fahne des zwiſchen dem König und der Nation abgeſchloſſenen Ver⸗ trags ſtellen. Alles für die Geſetzlichkeit und durch die Geſetzlichkeit.“ „Nichts durch die Revolution?“ fragte Samuel. „Die Revolutionen verzehren ſich ſelbſt,“ antwortete der kleine Journaliſt.„1793 hat 1815 herbeigeführt. Ich haſſe die Revolutionen, weil ich die Reactionen haſſe. Wir werden im Namen der Principien kämpfen. Das wird uns genügen, um zu ſiegen. Der Thron muß weichen oder fallen. Wir werden die Dynaſtie in die Charte, wie in den Thurm von Ugolin, einſchließen.“ Das Geſpräch ging noch einige Zeit auf dieſe Weiſe ort. Samuelſtudirte immer mehr von Nahem dieſe gewandten und verdorbenen Menſchen, mit den Halbüberzeugungen und Halbtalenten, Mittelmäßigkeiten des Herzens und des Geiſtes. Er ſah den Reichthum und das Talent ſich gegen⸗ ſeitig dienen, ſich äußerlich ſchmeicheln und innerlich ver⸗ achten. Der Banquier glaubte den Zeitungsſchreiber zu überliſten, der den Banquier ausbeutete. Samuel beobachtete tief prüfend unter ihrer Maske dieſe Ehrgeizigen von einem Tag zum andern, welche nichts als ihr Intereſſe oder ihre Eitelkeit in der Revolution ſahen, die ſie bereiteten, und die einen Thron von vier⸗ zehnhundert Jahren umſtürzen wollten, um ſich daraus 182 einen Fußtritt zu einem Miniſterium von ſechs Tagen zu machen. Man trennte ſich ſpät. Samuel kehrte allein in ſeinem Wagen nach Menil⸗ montant zurück. „Alles geht gut,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Trotz dieſer kleinen Menſchen, bereiten ſich gewaltige Dinge vor. Das iſt die Größe der Demokratie, daß ſie keiner beſſeren Werkzenge, als dieſe find, bedarf. Der Töpfer von Horaz, als es ihm von einer Amphora träumte, brachte einen Napf hervor. Dieſe, indem ſie von einem Fürſten⸗Chaſſé⸗ crolſé träumen, werden eine geſellſchaftliche Revolution hervorbringen. Ich will mich beluſtigen bei ihrem Er⸗ ſtaunen. „Ich erinnere mich der großen franzöſiſchen Revolu⸗ tion, ich erinnere mich der Baſtille, ich erinnere mich des Volkes vom 10. Auguſt. Ja, in dieſe mächtige Woge ſoll ſich die Zukunft wieder eintauchen. Sie mögen im⸗ merhin das Volk verleumden, ich habe Vertrauen zu ihm. Daß das Volk ſeit der Einnahme der Baſtille die heroi⸗ ſchen Wunder des Kaiſerreichs vollbracht hat, iſt kein Grund, vaß es entartet ſein muß. Wie werden ſie alle dieſe mittelmäßigen und ohnmächtigen Palaſtrevolutionäre fegen, deren hoͤchſter Ehrgeiz es iſt, einen Auszug aus dem Palais⸗Royal nach den Tuilerien zu bewerkſtelligen. „Das Volk, das Mirabeau und Danton nicht haben lenken können, das Napoleon allein durch den Ruhm zu beherrſchen vermocht hat, dieſes coloſſale Volk wird ſich nicht durch ſolche Hände führen laſſen. „Alles gelingt mir in dieſem Augenblick. Die klei⸗ nen Gewandtheiten dieſer Banquiers und dieſer Advocaten arbeiten für meinen rieſigen Ehrgeiz, wie die kleinen Lei⸗ denſchaften von Julius und Lothario zu dieſer Stunde für meine übermenſchliche Liebe arbeiten.“ Und auf ſeine andere Machination zurückkommend, fragte ſich Samuel: 6 zu nil⸗ rotz wr. ren az, nen ſé- ion Fr⸗ lu⸗ des oge m⸗ m. vi⸗ ein lle ire us en. en zu ich ei⸗ en ei⸗ ür 183 „Was iſt dieſen Abend bei Julius vorgefallen? Was hat er gedacht, was hat er gethan, da er das Verſchwin⸗ den von Friedrike erfahren? Sehr wahrſcheinlich iſt er zu mir gekommen, oder er hat zu mir geſchickt. Ich werde ohne Zweifel bei meiner Rückkehr etwas erfahren.“ Samuel war in dieſe Betrachtungen verſunken, als der Wagen anhielt. Er befand ſich vor ſeiner Thüre. Die Veſchimpfung. „Lothario! der Elende!“ hatte Julius ausgerufen. Und er war rückwärts gefallen, nachdem er den un⸗ ſeligen Brief, in welchem Friedrike die Stunde ihrer Ab⸗ reiſe einem Freunde mittheilte, den ſie nicht nannte, zu Ende geleſen hatte. Ein Diener befand ſich in einem an das Zimmer von Julius anſtoßenden Cabinet, eilte auf das Geräuſch her⸗ bei und rief um Hülfe. Ein paar Tropfen Aether brachten Julius wieder zum Bewußtſein. „Will der Herr Graf zu Bette gehen?“ fragte Daniel. „Nein!“ rief Julius, der mit dem Bewußtſein auch ſeine ganze Wuth und ſeine ganze Verzweiflung wieder⸗ gefunden hatte.„Nein! das iſt nicht der Augenblick, um zu ſchlafen! Ich habe, beim Himmel! etwas Anderes zu thun. Iſt der Wagen noch angeſpannt?“ ſch glaube ja,“ antwortete Daniel,„doch die Pferde koͤnnen nicht mehr 4 184 „Dann ſpanne man andere an, raſch!“ Daniel ging ab. „Ich brauche Niemand,“ ſagte Julius zu den andern Dienern. Alle entfernten ſich. Es war für ihn Bedürfniß, allein zu ſein. Alle dieſe 1 h Geſicht gehefteten Augen beläſtigten und beleidig⸗ en ihn. Bis der Wagen bereit war, ging er ungeduldig, be⸗ bend im Zimmer auf und ab, kairſchte mit den Zähnen, ballte die Fäuſte, und es entſchlüpften ihm von Zeit zu Zeit Worte ohne Folge. „Lothario!„ es iſt gut!... Sie werden ſehen! Und ſie mit ihrer jungfräulichen, unſchuldigen Miene!“ Daniel meldete, die Pferde ſeien angeſpannt. Er nahm ſeinen Hut, ging haſtig hinab und rief dem Kutſcher zu: „Nach Enghien! laßt die Pferde laufen!“ Warum fuhr er nach Enghien? Er wußte wohl, er würde Friedrike nicht dort finden. Trotz des Fieber⸗ wahnwitzes, den die heftige Erſchütterung in ſeinen Ideen hervorgebracht hatte, hoffte er nicht, Friedrike werde ſich auf der erſten Station eines Andern beſonnen, ſie werde an den Dolchſtich gedacht haben, den ſie mitten in die Bruſt einem Manne verſetze, der ihr immer nur Gutes gethan, deſſen einziges Unrecht es geweſen, daß er ſie zu ſehr geliebt, ſie werde ſich ihres Undanks geſchämt ha⸗ ben, ſie werde umgekehrt ſein, und ſie werde ihm, demü⸗ thig, verwirrt, bereit, ihn durch das Geſtändniß ihres ſchlimmen Gedankens zu entwaffnen, die Thüre öffnen. Er hoffte nichts hievon, aber er hatte das Bedürf⸗ niß, zu handeln, ſich zu bewegen, zu gehen. Es ſchien ihm, das Rütteln des Wagens und das Geräuſch ver Pferde und der Räder werden ihn verhindern, gleichſtark den inneren Tumult ſeiner Gedanken zu hören. Dieſe 185 harte Wiege werde ein wenig von ſeiner Wuth ein⸗ ſchläfern. ern Und dann, in Ermangelung von Friedrike, fände er vielleicht etwas von ihr, einige Spuren, ein Anzeichen, das ihm die Straße nennen würde, die ſie habe wählen eſe können. Dieſer phlegmatiſche, gleichgültige Daniel müſſe is⸗ nichts geſehen haben. Von Zeit zu Zeit ließ er das vordere Fenſter her⸗ be⸗ unter und ſagte zum Kutſcher, er fahre zu langſam. en, Der Kutſcher fuhr in der That nun im dreifachen Galopp. zu Man kam indeſſen an Ort und Stelle. Als er in den Hof gelangte, fühlte ſich Julius un⸗ n! willkürlich von einer ſeltſamen Herzbeklemmung ergrif⸗ zen fen. Trotz aller Beweisgründe, trotz der Augenſchein⸗ lichkeit, trotz der Gewißheit konnte ſich Julius des aber⸗ gläubiſchen und chimäriſchen Gedankens nicht erwehren, ief Friedrike ſei nicht abgereiſt oder zurückgekehrt, und ſie werde ihm lächelnd oben auf der Freitreppe erſcheinen. Ach! auf der Freitreppe fand er nur einen Diener, hl, den das Geräuſch des Wagens herbeigezogen hatte. er⸗ Julius wagte es nicht, dieſen Diener zu fragen, ob eh Friedrike im Hauſe ſei. ich Er nahm ſeinen Muth in ſeine zwei Hände, trat ein rde und verbot Jedermann, ihm zu folgen. die Dann ging er von Zimmer zu Zimmer, immer in tes der Hoffnung, Friedrike ſei in einem Winkel, ſie habe zu ihn nicht gehört, oder ſie habe ihr Kleid noch nicht ganz a angezogen. E Aber ſeine Hoffnung betrog ihn, das Haus war leer. res Er trat in die Wohnung von Friedrike und ſchloß ſich darin ein. Er durchwühlte Alles: Secretaire, Tiſch, f⸗ Schachteln. Die Schränke waren offen und geleert. Fried⸗ en rike war abgereiſt wie Jemand, der nicht mehr zurück⸗ derkehren ſoll. ark Graf von Eberbach hatte einen Anfall von trau⸗ eſe riger Entmuthigung. In dieſer kahlen, verddeten Woh⸗ 186 nung erinnerte er ſich, daß ihm das, was ihm heute mit Friedrike begegnete, ſchon beinahe unter denſelben Verhält⸗ niſſen mit Olympia begegnet war, und daß er ſich zum zweiten Mal an verlaſſenen Meubles ſließ. „Ja,“ dachte er mit Bitterkeit,„ich bin nur noch gemacht, um leere Zimmer und leere Herzen zu finden!“ Er ließ ſeinen Kopf in ſeine Hände fallen. Einige Thränen befeuchteten ſeine mageren Finger, und ſein Herz ſchwoll ein wenig ab. „Welche Tollheit von mir,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „daß ich dieſes Kind zu lieben angefangen? Ich, der ich ſterbe; ſie, welche geboren wird! Das iſt der in den Frühling verliebte Winter. Ich Dummkopf! ich muß endigen, damit ſie anfängt! Wir werden nicht zuſammen⸗ treffen können.“ Doch plötzlich änderte er ſeine Geſinnung, ſtand un⸗ geſtüm auf und rief wüthend: „Sie iſt eine Elende! Ich habe Alles für ſie gethan, ſie hat Alles gegen mich gethan. Sie hat die ſpärlichen Tage vergiftet, die mir blieben, während ich ihr ein langes Daſein des Reichthums, der Liebe und der Freude vorbereitete. Sie konnte nicht einige Wochen Geduld haben. Sie und ihr Mitſchuldiger haben ſich verbunden, um mich zu ſchlagen, um mich zu ermorden. Aber ſie mögen ſich in Acht nehmen! Ich werde ſie auffinden, ich werde ſie beſtrafen! Sie— ich werde davon Gebrauch machen, daß ſie meine Frau iſt, ich werde ſie einſperren, ich werde ſie leiden laſſen, ich werde ſie lehren, was ein Mann iſt, den man beleidigt hat! Ich werde ohne Mitleid ſein wie ſie! Und der Schändliche, der ſie entführt hat,— ich werde ihn umbringen!“ Er ſtieg wieder die Treppe hinab und ging an ſeinen Wagen. Die Bedienten von Enghien plauderten mit dem Kutſcher. Dieſe ſo unvorhergeſehene Abreiſe von Friedrike und von Frau Trichter, dieſes Hin⸗ und Her⸗ fahren von Daniel und dann vom Grafen, die Bläſſe des ilt⸗ 187 Grafen bei ſeiner Ankunft, Alles hatte ſie eine Eheſtands⸗ revolution muthmaßen laſſen, und fie hatten die zugleich neugierige und gleichgültige Miene, mit der die Dienſt⸗ boten den Kataſtrophen ihrer Herrſchaft beiwohnen. „Nach Paris!“ rief Julius. Als er nach Saint⸗Denis kam, fing es an Nacht zu werden. Ein wenig nach Saint⸗Denis, bei der Brücke, welche über die Seine geht, befahl Julius, plötzlich von einem Gedanken ergriffen, dem Kutſcher, zu halten, und ſtieg aus. „Erwarten Sie mich hier,“ ſagte er zum erſtaunten Kutſcher. Er entfernte ſich und ging einige Zeit längs an dem zu dieſer Stunde und an dieſem Orte ſehr verlaſſenen Fluſſe hin. Der letzte Schimmer des Tages, den der Schatten allmälig auslöſchte, gab dem Waſſer den düſtern Glanz des polirten Stahls. Julius ging ungefähr zehn Minuten. An einer Stelle, wo der Fluß eine Biegung machte, blieb er ſtehen und ſchaute umher. Zu ſeinen Füßen bildete eine Art von kleinem Vor⸗ gebirge, bequem für die Angeler, einen Einſchnitt in den uß. Hinter ihm beſchirmte eine Ausbauchung des Bodens dieſe ſchmale Erdzunge, welche noch zu größerer Vorſicht ein Vorhang von Pappelbäumen verbarg. Kein Haus, ſo weit das Auge reichte. Julius ſchlug ein bitteres Gelächter auf. „Der Ort iſt gut, das Waſſer iſt tief,“ ſagte er. Und nachdem er zum letzten Male mit einer gewiſſen Befriedigung umhergeſchaut hatte, kehrte er ruhig zu ſeinem Wagen zurück. „Geſchwinde!“ rief er. „Nach dem Hotel?“ fragte der Kutſcher. 188 „Nein,“ antwortete der Graf,„nach Menilmontant, zu Herrn Samuel Gelb.“ tre Es war finſtere Nacht, als er in Menilmontant an⸗ kam. Der kleine Diener von Samuel öffnete ihm. He „Dein Herr?“ fragte Julius. „Herr Samuel Gelb iſt nicht hier.“ vie „Wo iſt er denn?“ ihr „Er ſpeiſt auf dem Lande.“ „Wo dies?“ Po „Ich weiß es nicht. Er hat mir geſagt, ich brauche nicht auf ihn zu warten, er werde erſt ſehr ſpät zurück⸗ kommen.“ M „Ahl es iſt wahr,“ ſagte Julius, der ſich des Mahles in Maiſons erinnerte, von dem Samuel geſprochen wr hatte.„Dieſes Gaſtmahl fand alſo nicht geſtern ſtatt?“ „Nein, Herr Graf, heute.“ Es war eine ſo tiefe Umwälzung im Leben von Julius vorgegangen, daß er nicht glauben konnte, dies mi Alles habe ſich an einem einzigen Tage ereignet. Es dünkte ihr ihm unmöglich, daß nur einige Stunden zwiſchen ſeiner Br vergangenen Lage und ſeiner gegenwärtigen Lage ſein im ſollten. gel „Zur preußiſchen Geſandtſchaft,“ ſagte er zum Kut⸗ ver er. Als er im Hofe des Hotels angelangt war, ſtieg er Al aus und ging geraden Wegs nach der Wohnung von Lothariv. unt Er klingelte, Niemand kam, um zu öffnen: Di Ein Diener der Geſandtſchaft ging vorbei. 4 ten „Iſ Niemand bei meinem Neffen?“ fragte Julius. ihn „Der Herr Graf muß wiſſen, daß Herr Lothario Er im Havre iſt.“ ihn „Und ſein Bevienter?“ er „Herr Lothario hat ihn mitgenommen.“ Gl „Wiſſen Sie, wann er zurückkommen ſoll 2 Gi „Ich weiß es nicht.“ er che es en 2 on ies kte ner 189 „Könnte ich nicht in das Zimmer meines Neffen ein⸗ treten?“ „Ich will ſehen, ob der Portier den Schlüſſel hat, Herr Graf.“ Der Diener ging hinab. Julius ſagte ſich, er werde vielleicht im Zimmer von Lothario ein Papier finden, das ihn belehre. Aber der Diener kam zurück und meldete ihm, der Portier habe den Schlüſſel nicht. „Iſt der preußiſche Geſandte hier?“ fragte Julius. „Nein, Herr Graf, er iſt in einer Soirée beim Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten.“ „Es ſteht geſchrieben, daß ich keinen Menſchen irgend⸗ wo finden ſoll,“ ſagte Julius zu ſich ſelbſt. Er ließ ſich wieder nach Hauſe führen und ſchloß ſich in ſeinem Zimmer ein. Julius legte ſich nicht zu Bette. Wozu? Schlafen mit den Gedanken, die in ſeinem Kopfe wirbelten, es fiel ihm nicht einmal ein, es zu verſuchen. Er nahm ein Buch und wollte leſen. Doch er bemerkte bald, daß er immer auf verſelben Zeile war, und daß es ihm nicht gelang, einen Sinn mit den Sätzen zu verbinden, welche verworren unter ſeinen Augen zitterten. Er warf das Buch weg und nahm entſchloſſen das Alleinſein mit ſeinen Gedanken an. Die ganze Nacht ſchüttelten das Fieber, der Schmerz und der Zorn dieſe arme ſchwankende und ſterbende Natur. Die widerſprechendſten Gefühle und Entſchlüſſe durchkreuz⸗ ten ſein verwirrtes, leidendes Gehirn. Zuweilen packte ihn auf eine furchtbare Art das Verlangen nach Rache. Er träumte die äußerſten Gewaltthaten; jede Strafe kam ihm zu mild vor für dieſen ſchändlichen Undank, mit dem er von denjenigen belohnt worden war, denen er ſein Glück und ſeine Freude geopfert hatte. Er ſagte ſich, die Güte ſei ein Trug, weil er edelmüthig geweſen, leide er nun, hätte er Friedrike bei ſich behalten, ſo würde 190 man ſie ihm nicht entführt haben, hätte er nicht die zarte Revlichkeit gehabt, ſie als Tochter zu behandeln, ſo würde ſie ſich daran gewöhnt haben, ſeine Frau zu ſein; er ſei albern und einfältig geweſen; er bemerke es zu ſpät, um dem Uebel vorzubeugen, aber mit der Selbſiverleugnung und der Großmuth habe es ein Ende; er werde fortan für die Anderen ſein, was die Anderen für ihn ſeien; er werde kein Mitleid haben, Wunde durch Wunde erwiedern, böſe, unverſohnlich, ohne Herz ſein. Und dann plötzlich, ohne Uebergang, ſiel ſein Zorn. Er ſagte ſich, Alles ſei ſein Fehler, er hätte Friedrike nicht heirathen ſollen, er hätte die Alter vergleichen, die Traurigkeit und die Abreiſe von Lothario begreifen müſſen, und dann, nachdem er dieſes Kind geheirathet und ihm verſprochen, wie ein Vater für dasſelbe zu ſein, habe er nicht das Recht, eiferſüchtig zu ſein, ein Vater ſei nicht beleidigt, weil ſeine Tochter einen jungen Mann liebe und von ihm geliebt werde, er habe Unrecht gehabt, ſich über eine Liebe zu ärgern, die er geſtattet und ſelbſt er⸗ muthigt, er habe ſein beſchworenes Wort gebrochen, indem er die geſchloſſene Uebereinkunft nicht geachtet, und Friedrike und Lothario haben wohl daran gethan, ſich eines Vertrags entbunden zu erachten, den er ſelbſt zuerſt gebrochen. Bald aber kehrten die Wuth und die Rachgier zurück. Die Thränen trockneten ſich in den Augen von Julius, deſſen Blicke wieder von einem trockenen Feuer glühten⸗ Als die Morgendämmerung ihren erſten weißlichen Schimmer durch die Läden eindringen ließ, hatte Julius kein Auge geſchloſſen, und dennoch fühlte er nicht den ge⸗ ringſten Eindruck von Müdigkeit. Eine fieberhafte Energie überreizte ſeine geſchwächte Organiſation. In dieſem Augenblick der Leidenſchaft exi⸗ ſtirte ſein Körper nicht mehr, und er war ganz Seele. „Ich fühle wohl, daß dieſe Kriſe mich tödten wird,“ rte rde ſei um ng an er rn, rn. ike die er⸗ rſt 194 vachte er;„voch deſto beſſer. Nur, ehe ſie mich getödtet hat, werde ich tödten.“ Als es Morgen geworden war, ſetzte er ſich nieder, um mehrere Briefe zu ſchreiben. Dann öffnete er ſeinen Secretaire, nahm ſein Teſta⸗ ment heraus und verbrannte es. Er ſing an ein anderes zu ſchreiben. Von Zeit zu Zeit unterbrach er ſich mit einem bitteren Gelächter. „Sie werden nicht ſo viel gewonnen haben, als ſie glauben,“ ſagte er.„Sie haben mich unglücklich gemacht, ich habe ſie arm gemacht. Sie haben mein Haus geleert, ich leere ihre Börſe. Sie werden nicht erben, die Diebe!“ Als ſein neues Teſtament beendigt, geſiegelt und an der Stelle des andern eingeſchloſſen war, ſchlug es zehn Uhr. Julius kleidete ſich an und ließ ſich zur Geſandt⸗ ſchaft führen. Er glaubte abermals, er würde Lothario finden. „Ja,“ dachte er,„er wird nicht ſo ungeſchickt geweſen ſein, ſich mit ihr einzuſchiffen und ſie nach Amerika mit⸗ zunehmen. Er wird enterbt zu werden befürchtet haben. Er wird ſie in einen tiefen Winkel, in ein Neſt von einem Dorfe, in eine Entfernung von dreißig Meilen geführt haben, wo er hofft, daß ich ſie nicht entdecken werde. Er wird ſie dort unter einem falſchen Namen einquartiert ha⸗ ben und raſch hierher gekommen ſein, um ſich zu zeigen und allen Verdacht abzuwenden. Wenn ich mit ihm vom Verſchwinden von Friedrike ſpreche, wird er mehr erſtaunt ſein, als ich. Dann, wenn ich ihn geſehen, wenn ich mich durch meine eigenen Augen überzeugt habe, daß er nicht mit ihr iſt, wird er abermals eine Reiſe, die er für die Geſandtſchaft zu machen habe, eine Einſchiffung von Aus⸗ wanderern im Havre vorſchützen, um Paris zu verlaſſen und mit ihr zuſammenzutreffen. Doch zählt er darauf, ich werde die Dinge ſo hingehen laſſen, ſo täuſcht er ſich. Er komme zurück, und ich ſchwöre ihm, daß er nicht wieder abreiſen wird!“ 192 Der Wagen hielt im Hofe der Geſandtſchaft an. Julius ging geraden Wegs zur Wohnung von Lo⸗ thario hinauf. Der Diener öffnete ihm, als er klingelte. „Mein Neffe?“ fragte der Graf von Eberbach. „Er iſt beim Geſandten,“ antwortete der Diener. „Ah!“ dachte Julius, während er wieder hinabging, „meine Vorherſehungen täuſchten mich nicht, er iſt zurück⸗ gekommen!“ Im Vorzimmer des Geſandten fand er einen Huiſſier. „Ich will den Herrn Grafen melden,“ ſagte dieſer. „Es iſt unnöthig,“ verſetzte Julius. Und er durchſchritt das Vorgemach und trat in ein kleines Zimmer ein, das vor dem Cabinet des Geſandten kam. Hier blieb er ſtehen: er hatte durch die ein wenig geoffnete Thüre die Stimme von Lothario gehort. „Darum bin ich zurückgekommen,“ ſagte Lothario. „Ich habe mich beeilt, um über meine Sendung Bericht zu erſtatten. Doch Eure Excellenz ſieht, in welchem Grade es dringend iſt, daß ich ſogleich wieder abreiſe.“ „Das iſt es!“ dachte Julius. „Meine Gegenwart iſt dort morgen nothwendig,“ fuhr Lothario fort. „Ich glaube es wohl!“ brach Julius los. Und er ſtieß ungeſtüm die Thüre auf und trat bleich, finſter, die Zähne zuſammenpreſſend, ein. Lothario und der Geſandte wandten ſich um. „Der Graf von Eberbach,“ ſagte der Geſandte, ſich verbeugend. „Mein Oheim!“ rief Lothario, auf Julius zuſchrei⸗ tend, um ihm die Hand zu drücken. Aber er wich zurück, als er das entſlellte, finſtere, zornige Geſicht des Grafen von Eberbach wahrnahm. „Sie reiſen alſo morgen wieder ab,“ ſagte Julius, indem er glühende Augen auf Lothario heftete. S— — Lo⸗ ück⸗ ier. ein ten io. icht ade g,“ ich, re, us, 193 „Mein Gott! noch dieſen Abend,“ erwiederte Lotha⸗ rio, der ausſah, als begriffe er den Ton dieſer Frage nicht. „Dieſen Abend!“ wiederholte Julius mit gedrängter Wuth, während er den Handſchuh von ſeiner linken Hand zog. „Sehen Sie ein Hinderniß dagegen?“ fragte Lo⸗ thario. „Keines!“ erwiederte Julius,„wenn Sie noch leben!“ Und mit einem furchtbaren Nachdruck: „Sie ſind ein Elender!“ Und er warf Lothario ſeinen Handſchuh ins Geſicht. An die Stirne getroffen, ſprang Lothario auf den Grafen los. Doch durch eine übermenſchliche Anſtrengung hielt er ſich plötzlich wieder zurück. „Sie ſind mein Oheim und mein Vorgeſetzter,“ ſagte er, mit den Zähnen knirſchend. „Ich bin weder mehr das Eine, noch das Andere,“ ſchrie Julius.„Ich hatte allerdings die Schweſter Ihrer Mutter geheirathet: doch ſie iſt geſtorben, und der Tod hat die Verwandtſchaft zerriſſen. Ich habe meine Entlaſ⸗ ſung genommen und bin nicht mehr Ihr Vorgeſetzter. Es ſteht vor Ihnen nur noch ein Edelmann, der Sie in Ge⸗ genwart eines andern Edelmanns beſchimpft hat, abermals beſchimpft und Ihnen wiederholt, daß Sie ein Elender ſind! Hören Sie, ein Elender!“ „Herr Graf!“ ſagte der Geſandte. „Genug!“ rief Lothario drohend. „Ah! Du fängſt an die Schmach zu fühlen!“ ſprach Julius.„Wohl denn! in einer Viertelſtunde werden Sie ein Wort von mir erhalten. Sie werden thun, was Ih⸗ nen dieſes Wort vorſchreibt. Auf Wiederſehen.“ Und ſich an den Geſandten wendend: „Ich bitte Euere Ercellenz um Verzeihung, daß ich Gott lenkt. I. 13 194 Ihr Haus für dieſe nothwendige Scene gewählt habe. Doch es mußte ein Mann von Ehre gegenwärtig ſein, da⸗ mit die Beleidigung vollſtändig wäre, und als ich einen Mann von Ehre ſuchte, fiel mir Ihr Name zuerſt ein.“ Er verbeugte ſich und ging ab. Der Löwe auf ſeine Beute lauernd. Es war halb ein Uhr nach Mitternacht, als Samuel Gelb von ſeinem Gaſtmahle in Maiſons nach ſeiner Höhle in Menilmontant zurückkam. Er klingelte wiederholt, ohne daß ihm ſein Diener öffnete. „Holla! Marcel!“ ſchrie er, das Geräuſch der Glocke mit ſeiner Stimme unterſtützend. Der kleine Diener kam endlich. Er hatte in der Hand eine Blendlaterne, deren Licht er dem Geſichte ſei⸗ nes Herrn zuwandte. „Ich bin es,“ ſagte Samuel.„Vorwärts! ge⸗ ſchwinde!“ Marcel öffnete das Gitter. „Ich glaubte, Du wolleſt mich unter dem freien Himmel ſchlafen laſſen,“ ſagte Samuel, während er den Garten durchſchritt.„Glückliches Alter, wo man keine Gewiſſensbiſſe hat, die einen verhindern, zu ſchlafen wie ein Klotz,“ fügte er ſpöttiſch bei.„Aber wiſſe, daß ein ſolcher bleierner Schlaf mehr den Unſchuldigen als den Bedienten erlaubt iſt. Biſt Du bald vollends aufge⸗ wacht?“ ——— uel hle ner ocke der ſei⸗ ien den ine wie ein en e⸗ 195 Der Knabe mochte immerhin die Augen weit auf⸗ reißen, ſeine Augenlider fielen raſch wieder nieder; er ſchwankte und war nahe daran, zu Boden zu fallen, wie ein Schlaftrunkener. Allmälig befiegte indeſſen die Kühle der Nacht ſeine Schlafſucht. Sie traten in das Haus ein. „Schließe die Thüre,“ ſagte Samuel.„Und nun komm in mein Zimmer, ich habe mit Dir zu ſprechen.“ Sie gingen hinauf, und Samuel zündete eine Kerze an. „Iſt Niemand gekommen, um mich zu beſuchen?“ fragte er. „Oh! ja, es iſt ein Herr da geweſen,“ antwortete Marcel. „Wer?“ „Der Graf von Eberbach. Samuel gab nicht das geringſte Erſtaunen kund. Obgleich er um drei Uhr Julius in Unruhe über Friedrike verlaſſen hatte, und er ſich ſagen mußte, dieſer Beſuch ſo bald, nachdem ihn Julius geſehen, habe noth⸗ wendig Bezug auf ſeine Beſorgniß wegen Friedrike, ſah er doch nicht aus, als ob er ſich im Geringſten darum bekümmerte. „Der Graf hat Dir keinen Auftrag für mich gege⸗ ben?“ fragte er gleichgiltig. „Nein, Herr. Ich habe ihm geſagt, Sie ſpeiſen aus⸗ wärts und Sie werden nicht frühzeitig nach Hauſe kom⸗ men. Er hat ein ärgerliches Geſicht gemacht, daß er Sie nicht gefunden, und iſt dann wieder in ſeinen Wa⸗ gen geſtiegen.“ „Es iſt nur der Graf da geweſen?“ „Ja, Herr.“ „Gut. Höre nun und öffne Deine Ohren ſo weit als möglich. Ich will Dir meine Inſtructionen für morgen geben. Und merke wohl auf: wenn Du in einer einzigen Geberde oder in einem einzigen Worte bei dem, was Du thun oder ſagen ſollſt, fehlſt, ſo jage ich Dich fort. Voll⸗ 196 ziehſt Du dagegen meine Befehle pünktlich und geſchickt, ſo bekommſt Du hundert Franken.“ „Hundert Franken!“ rief Marcel wieder ganz wach. „Hundert Franken, die Du morgen Abend in Empfang nehmen kannſt.“ Hierauf erklärte Samuel dem kleinen Diener, was er zu thun hatte. Die Erklärung hielt in den Geiſt von Marcel einen Triumpheinzug, begleitet von einem freudigen Glocken⸗ ſpiel von Hundertſousſtücken. „Seien Sie unbeſorgt, Herr, ich verſpreche Ihnen, daß Sie gut bedient werden ſollen. Die hundert Fran⸗ ken bürgen Ihnen für mich. Ich werde lügen, ſo viel Sie wollen.“ „Gehe nun ſchlafen.“ — Marcel ſtieg in ſeine Dachkammer hinauf, und Sa⸗ muel legte ſich ruhig zu Bette. Er ſchlief bis zum Tag. Sobald aber der erſte Sonnenſtrahl in ſein Zimmer eindrang, öffnete er die Augen, ſprang aus ſeinem Bette und kleidete ſich an. Er ſtieß ein wenig ſeinen Laden auf, ſo daß er in den Garten ſehen konnte, ohne geſehen zu werden. Er erblickte Marcel, der ſchon aufgeſtanden war und wartete. „Bſt!“ machte er. Marcel ſchaute empor. erinnerſt Dich alles deſſen, was ich Dir geſagt habe?“ „Oh! gewiß,“ rief der kleine Diener. „Es iſt gut.“ Samuel ſchloß den Laden wieder. Dann trat er in ſein Cabinet, nahm daraus Bücher, ein Tintenfaß und Federn. So ausgerüſtet, ging er in eine Manſarde hinauf, wo er ſich mit dem Schlüſſel und dem Riegel einſchloß. . zt C w E w 197 ckt, Die Manſarde hatte eine enge Oeffnung, durch welche ſich der Blick auf den Garten und auf die Straße ſenkte. ch. Durch dieſe unbemerbare Luke konnte Samuel als ang ein unſichtbarer Zeuge allem Kommen und Gehen von Jedem, der ihn beſuchen wollte, beiwohnen. was Er fing an zu leſen und zu ſchreiben und ſich Be⸗ merkungen zu machen. Doch das war offenbar für ihn inen nur eine Zerſtreuung, eine Art, die Zeit zu tödten und ken⸗ die Erwartung zu escamotiren. Was erwartete er? Einer, der ihn geſehen hätte, en, wie er ſeine Aufmerkſamkeit auf das Buch zu heften ſuchte, an⸗ das er las, und ſich von Zeit zu Zeit plötzlich unterbrach, viel um einen düſteren, gierigen Blick auf die Straße zu wer⸗ fen; Einer, der ihn gekannt und hier gleichſam in ſeine Höhle geduckt geſehen hätte, würde unwillkürlich an ein Sa⸗ auf ſeiner Beute lauerndes wildes Sgedacht haben.§ Die Stunden vergingen, und nichts kreignete ſich. Die Ungeduld fing an in Zwiſchenräumfg die marmornen mer Muskeln von Samuel zu bewegen. 1 ette Dieſer erſchreckliche Spieler, der ſo oft ſein Leben oder das der Andern auf die Karte ſeines Ehrgeizes oder den ſeines Stolzes gewagt hatte, ſpielte ſicherlich in dieſem ckte Augenblick eine von den entſetzlichen Partien, wo ſein Geiſt das Schickfal zu betrügen ſuchte. Was aber ſeine Bangigkeit verdoppelte, was ihn in eine Aufregung verſetzte, wie er ſie bis dahin noch nie ſagt empfunden hatte, was das Blut in ſeinen Adern und den Bilick in ſeinem Augapfel entzündete, war der Umſtand, daß er, der vorzugsweiſe Mann der Thätigkeit, ſich auf eine paſſive Rolle angewieſen ſah, daß er nur die Arme in zu kreuzen hatte, daß er, der unermübliche, hartnäckige und Jäger, gewohnt, das Wild über Stock und Stein, durch Geſtruppe und Schluchten zu verfolgen, diesmal genöthigt auf, war, hier unbeweglich in ſeinem Loche zu bleiben, wie die ß. Spinne in Erwartung, daß ſich die Fliegen in ihr Ge⸗ webe werfen. 198 Obgleich er allein war und ihn Niemand ſehen konnte, verriethen ſich übrigens ſeine Ungeduld und ſeine tiefen Bangigkeiten nur von Zeit zu Zeit durch ein unmerk⸗ liches Zuſammenziehen der Lippen und der Augenbrauen. Und dann las er und ſchrieb er wieder. So ging es bis zum Mittag fort. Plötzlich bebte er, wie von einem elektriſchen Schlage berührt. Man hatte am Gitter des Gartens geläutet. Samuel ſchaute durch die Luke. Es ſtand vor dem Gitter ein Wagen, aus dem Lo⸗ thario ausgeſtiegen war. Marcel offnete. Samuel lauſchte, aber er konnte nichts hören. Er ſah nur, daß Lothario eine Geberde der Verzweif⸗ lung machte, und daß er ſehr in den Bedienten zu drin⸗ gen ſchien. Nach einigen Augenblicken traten ſodann Lothario und der Diener in den Garten ein und wandten ſich nach dem Hauſe. Samuel hatte einen Moment bange. „Ah! bringt ihn mir der Dummkopf?“ ſagte er. Er ſchaute, ob ſeine Thüre wohl geſchloſſen ſei, und ſtellte ſich ſo, vaß er nicht durch das Schlüſſelloch geſehen werden konnte. Dann rührte er ſich nicht mehr und machte nicht das geringſte Geräuſch. Niemand kam die Treppe herauf. Fünf Minuten nachher hoͤrte er im Garten die Stimme von Lothario. Marcel führte den Neffen des Grafen von Eberbach zurück, dieſer ſtieg wieder in ſeinen Wagen und fuhr weg. „Alles geht gut,“ dachte Samuel,„Lothario war ganz bleich.“ In demſelben Augenblick klopfte man an der Thüre der Manſarde. „Ich bin es,“ ſagte die Stimme von Marcel. — — 1— —— en—— hen eine erk⸗ uen. lage eif⸗ rin⸗ rio ach und hen und die ach eg. var üre 199 Samuel zog den Riegel. „Nun?“ fragte er. „Herr Lothario iſt da geweſen.“ „Was hat er Dir geſagt?“ „Er wollte Sie ſehen, war ganz verſtört, und ſagte, er müſſe Sie durchaus ſprechen. Da erwiederte ich ihm, wie Sie mir befohlen hatten, Sie ſeien ausgegangen. Er fragte mich, ob Sie geſagt haben, wohin Sie gehen; ich antwortete ihm nein. Er war äußerſt ärgerlich. Ich aber ſagte ihm: Ich kann nichts hiebei thun. Er ſah in der That ſo betrübt aus, daß ich Luſt bekam, zu lachen.“ „Was für ein Papier iſt das?“ fragte Samuel, als er einen Brief in der Hand von Marcel erblickte. „Da er Sie nicht fand, ſo verlangte er Schreibzeug von mir.“ „Gib geſchwinde.“ Er riß den Brief ſeinem Diener aus der Hand. „Gehe auf Deinen Poſten hinab und fahre fort, wie Du angefangen haſt. Du haſt ſchon fünfzig Franken verdient.“ „Oh! Herr!“ Marcel ging ab. Samuel ſchloß die Thüre wieder und öffnete das Billet. Er las: „Mein Herr und theurer Freund, „Ich wollte Sie um Rath und Schutz bitten. Es begegnet mir ein großes Unglück. Sie allein können uns Alle retten. Zwiſchen meinem Oheim und mir waltet irgend ein erſchreckliches Mißverſtändniß ob. Was man ihm gegen mich geſagt hat, weiß ich nicht, aber ich weiß, doß ich nichts gegen ihn gethan habe. Und dennoch, wenn Sie wüßten! öffentlich, ja, vor dem preußiſchen Geſandten, hat mich der Graf von Eberbach auf eine ſolche Art beſchimpft, daß ich, wird mir die Ehre nicht 200 wiedergegeben, nur mich zu ſchlagen oder zu tödten be Samuel konnte ſich hier eines Lächelns nicht er⸗ wehren. Er fuhr fort: „Es iſt unmöglich, daß ich eine ſolche Schmach ruhig ertrage. Hoͤren Sie, ich kann Ihnen Alles ſagen: Der Graf von Eberbach hat mir ſeinen Handſchuh ins Geſicht ge⸗ worfen! und ich wiederhole Ihnen, daß der preußiſche Geſandte dahei war. Sie ſehen! Zum Unglück iſt der Graf von Cberbach mein Oheim. Ein gemeinſchaftlicher Freund müßte in das Mittel treten. Ich habe zuerſt an Sie gedacht. Der preußiſche Geſandte, der Zeuge der Beleidigung, kann ſich wegen ſeines offickellen Cha⸗ rakters nicht in dieſe Familienangelegenheit miſchen. Und dann haben Sie viel mehr Einfluß auf den Geiſt des Grafen von Eberbach. Sie haben mir ſchon ſo viele Beweiſe von Zuneigung gegeben, daß ich auch noch um dieſen bitte. Ich verliere den Kopf. „An wen ſoll ich mich wenden, wenn Sie nicht zu rechter Zeit nach Hauſe zurückkommen? Nach Enghien gehen und Friedrike unterrichten? Das ſind Angelegen⸗ heiten, die ſich nicht durch Frauen in Ordnung bringen laſſen. Sie ſehen, daß ich nur Sie habe. Sie werden mit meinem Oheim ſprechen. Sie werden erfahren, was es iſt, und Sie werden keine Mühe haben, Tag in der Finſterniß zu machen, in der wir ſchweben. Ich ver⸗ mag nichts und ich weiß nichts. Statt jeder Aufklärung hat mir der Graf von Eberbach eine Herausforderung und die Bezeichnung eines Rendez⸗vous geſchickt: zweihun⸗ dert Schritte von der Brücke von Saint⸗Denis. Ich begreife das nicht. Es iſt, um vor Scham und Schmerz raſend zu werden. „Ich beſchwöre Sie, wenn Sie nach Hauſe kommen, herbeizueilen. Sonſt habe ich nur noch die Wahl zwiſchen dem Duell und dem Selbſtmord. „Lothariv.“ en⸗ en en as der er⸗ ng in⸗ wch erz en, en 201 Samuel rieb ſich die Hände. „Der Selbſtmord!“ ſagte er.„Ah! dieſe Löſung fiel mir nicht ein. Doch das wäre nicht die ſchlimmſte.“ Er las wieder in ſeinem Buche. Lothariv war ſeit drei Viertelſtunden weggefahren, als das Gloͤckchen abermals ertönte. Der Blick von Samuel ſenkte ſich wieder durch die uke. ² Diesmal war es ein Bedienter. Samuel Gelb er⸗ kannte die Livrée des Grafen von Eberbach. Marcel oͤffnete. Samuel ſuchte abermals die Stimmen zu behor⸗ chen, doch immer vergebens. Er hatte indeſſen minder lange zu warten. Er ſah beinahe ſogleich den Diener Marcel einen Brief übergeben und wieder abgehen. Marcel ſchlug das Gitter zu und war in einigen Secunden in der Manſarde. Er nannte ſich. Samuel öffnete. „Es war ein Diener des Grafen von Eberbach,“ ſagte Marcel.„Er hatte Befehl, vieſen Brief Ihnen ſelbſt zu übergeben. Da ich ihm aber erwiederte, Sie ſeien ausgegangen, ſo hat er ihn hier gelaſſen und ſich auf der Stelle wieder entfernt.“ „Gib,“ rief Samuel. Marcel ging ab, und Samuel, nachdem er ſich wie⸗ der eingeſchloſſen, ſchob vorſichtig eine Federmeſſerklinge unter das Siegel des Briefes von Julius und war be⸗ ſorgt, das Wachs unverſehrt zu laſſen. Dann hob er den Umſchlag auf und nahm den Brief heraus. Dieſer Brief führte die Thatſachen mit einer zucken⸗ den Entrüſtung auf. Samuel wiſſe, daß am Tage vorher Julius Fried⸗ rike erwartet habe und unruhig geworden ſei, weil ſie nicht gekommen. Sie habe einen vortrefflichen Grund gehabt, um nicht zu kommen, ſie ſei entführt worden! Von wem? Das könne offenbar nur Lothario ſein. 202 Sie entziehen ſich ſo dem Zwange, der ihre Leivenſchaft beenge. Julius war ficher, es ſei Lothario. Er habe ein Billet ohne Adreſſe aufgefangen, worin Friedrike ei⸗ nem Freunde, der nur Lothario ſein könne, ſage, er möge ihr ſo raſch als möglich zum verabredeten Rendez⸗ vous nachfolgen. „Dabei treffe dieſe Flucht von Friedrike mit der Abreiſe von Lothario zuſammen, welcher geſtern auch ver⸗ ſchwunden ſei, unter dem Vorwand, er habe im Havre deutſche Auswanderer einzuſchiffen. Er ſei wohl am Morgen zurückgekommen, nachdem er Friedrike in irgend einem geheimen Dorfe untergebracht habe, aber er ſei nur angekommen, um an demſelben Tag wieder abzureiſen, und Julius habe ihn ertoppt, als er ſich vom Geſandten Urlaub erbeten. „Aber ſo lange er lebe, werde Lothario nicht wieder abreiſen. Dieſer Elende werde ihm nicht ungeſtraft ſein Glück geſtohlen haben. Einmal habe ihn Julius enterbt, ihn und ſeine Mitſchuldige. Und dann habe er ihm ein Rendez⸗vous mit Einbruch der Nacht gegeben. —„In einigen Stunden werde nur Einer von Beiden eben. „Samurl ſei der einzige Freund, den Jullus auf der Welt habe. Er habe einen Augenblick varan gedacht, ihn zu bitten, ſein Zeuge bei dieſem Duell auf Leben und Tod zu ſein. Aber wenn er einen Zeugen hätte, ſo müßte Lothariv auch einen haben. Niemand würde es angenommen haben, Zeuge bei einem Duelle zu ſein, deſ⸗ ſen Grund man ihm nicht geſagt hätte. Man hätte alfo einen Fremden bei dleſen widrigen Geheimniſſen in's Vertrauen ziehen müſſen. Dies wäre unmöglich. Weder er, noch Lothario werden Jemand mitbringen. „Eine einzige geladene Piſtole, Gott zum Zeugen. „Ehe er dieſer Entſcheidung des Schickſals ſich preisgebe, habe Julius noch Einiges dem einzigen Freunde, der ihm bleibe, zu empfehlen. Er flehe alſo Samuel an, ſobald S—— — haft ae ei⸗ S—— —— 203 er dieſen Brief erhalten, in aller Eile zu kommen. Er werde im Hotel bis um fünf Uhr warten. Samuel brach in ein grauenhaftes Gelächter aus. „Alles geht vortrefflich,“ ſagte er.„Aber wie haben doch alle dikſe armen menſchlichen Charaktere wenig Phantaſie und Perſonlichkeit, und wie hat der Zu⸗ fall ſo wenig Einbildungskraft! Alles geht ganz genau, wie ich es berechnet hatte. Meine Schauſpieler fehlen nicht bei einem Punkte ihrer Rollen; nicht einer von die⸗ ſen Marionetten fällt es ein, meinen Plan zu ſtoͤren und ein Theilchen Unvorhergeſehenes darein zu bringen. Wie ich es gewollt habe, handeln ſie, wo ich ſie angebunden habe, freſſen ſie. Und ich ſollte Mitleid mit dieſen Thie⸗ ren haben! und ich ſolite Achtung geben auf den Faden, an dem ich ziehe, aus Angſt, ihnen die Naſe zu zerbre⸗ chen! Oh! ich kann ſie gegen einander ſtoßen und in Stücke zerſchmettern, ohne Furcht, eine Seele zu verwun⸗ den. Es iſt mein Geiſt, der in ihnen arbeitet, und ſie haben keinem anvern Verſtand als den meinigen. Wie weit werde ich dieſen Abend ſein?“ Er verſiegelte den Brief von Julius ſorgfältig wie⸗ der, ſo daß man nicht ſehen konnte, daß er ihn geöffnet hatte; dann hielt er ſeinen Mund an die Luke und pfiff ſogleich eine Melodie aus der Stummen. Das war ohne Zweifel ein verabredetes Signal, denn Marcel kam auf der Stelle herauf. „Nimm wieder dieſen Brief,“ ſagte Samuel.„Und wenn man noch einmal vom Grafen von Eberbach kommt, ſo ſage, ich ſei nicht nach Hauſe zurückgekehrt, und Du habeſt ihn mir folglich nicht geben können.“ Marcel nahm den Brief. „Und nun bringe mir zu frühſtücken herauf. Denn es fängt an die Stunde zu ſein, wo ich Hunger habe.“ Zehn Minuten nachher kam Marcel mit einem Cote⸗ lette, Brod und Wein zurück. Samuel aß und trank gierig. Durch die Aufregung 204 der Ungewißheit zurückgehalten, wollte ſein Appetit die verlorene Zeit wieder einbringen, nun, da Samuel ſich ruhig fühlte, denn er wußte, daß die Herausforderung geſchehen und die Sache im Gange war. Als er gefrühſtückt hatte, las und wartete er wieder. Gegen halb ſechs Uhr kam abermals ein Wagen vor das Gitter. Samuel ſah den Grafen von Eberbach ausſteigen. Marcel öffnete. Beim erften Worte machte Julius eine Bewegung bittern Verdruſſes. Dann trat er in den Garten ein und kam auf das Haus zu. Nach ungefähr einer halben Stunde kam er wieder heraus und ſtieg in ſeinen Wagen. Marcel eilte in die Manſarde von Samuel hinauf. „Es war der Herr Graf von Eberbach!“ meldete er. „Was hat er Dir geſagt?“ fragte Samuel. „Ich habe ihm geſagt, Sie ſeien nicht nach Hauſe gekommen. Er ſah ſehr betrübt aus und wollte Sie er⸗ warten. Ich gab ihm, wie Sie mich beauftragt, den Brlef zurück, den Sie um Mittag empfangen hatten. Er zerknitterte ihn und ſteckte ihn in ſeine Taſche. Und dann ging er auf und ab, wie Einer, der ungeduldig wird, und ſchaute auf die Pendeluhr und zog ſeine Taſchenuhr. Am Ende ſagte er:„„Ich kann nicht länger warten.““ Ich fragte ihn, ob ich Ihnen etwas ſagen ſollte. Er ant⸗ wortete mir:„„Nichts, es iſt zu ſpät, es iſt nicht der Mühe werth.““ Und er fuhr weg. „Hier,“ ſagte Samuel, indem er eine Rolle aus ſeiner Taſche zog,„hier haſt Du fünfzig Franken. Du erhälſt die fünfzig andern übermorgen, wenn Deine Verſchwiegen⸗ heit erwieſen iſt.“ Marcel hatte einen Anfall von Freude, der ihm das Wort abſchnitt. „Kehre an Deinen Poſlen zurück,“ ſprach Samuel, „denn wir müſſen noch eine Stunde fortfahren. Ich glaube, Alles iſt beendigt, und es wird Niemand mehr die ſich rung der. vor lius den eder auf. er. uſe er⸗ den inn ind Um Ich nt⸗ der ter ilſt n⸗ 205 kommen, wache aber noch ein wenig. Ein Uebermaß von Vorſicht iſt nie umütz. Gehe! Ich bin mit Dir zufrieden.“ Marcel ging wieder hinab. Samuel wartete noch eine Stunde. Um halb ſieben Uhr ſagte er: „Sie ſind nun in Saint⸗Denis. Ich kann mich eigen.“ Er ſtieg die Treppe hinab und ſprach zu Marcel: „Wenn man zufällig käme, ſo würdeſt Du antworten, ich ſei zurückgekommen, Du habeſt mir gemeldet, daß der Graf von Eberbach da geweſen, ich habe das Billet geleſen und ſei ſogleich nach dem Hotel des Grafen von Eberbach gefahren.“ Er ging aus, nahm einen Fiacre und ließ ſich wirk⸗ lich zu Julius führen. Daniel lief ihm entgegen⸗ „Oh! wie hat der Herr Graf auf Sie gewartet!“ „Er iſt nicht hier?“ fragte Samuel. „Nein, mein Herr. Er hat bis um fünf Uhr auf Sie gewartet; dann iſt er aber genothigt geweſen, aus⸗ zufahren. Er war ſehr unruhig und ſehr traurig, daß er Sie nicht zuvor geſehen. Der Herr Graf hat durch Menilmontant fahren müſſen.“ „Ich war ausgegangen, als er kam. Sobald ich zu⸗ rückkehrte, ſagte man mir, er ſei da geweſen, und ich bin hierher geeilt. Wiſſen Sie, was er von mir will?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Daniel.„Doch es muß dem Herrn Grafen etwas Außerordentliches begeg⸗ net ſein. Ich habe ihn nie ſo aufgeregt geſehen, wie ſeit geſtern. Sie wiſſen, daß die Frau Gräfin nicht mehr in Enghien iſt.“ „Vielleicht,“ verſetzte Samuel.„Und der Graf weiß, wo ſie iſt?“ „Der Herr Graf hat uns geſagt, er wiſſe es, und auf ſein Geheiß habe ſie ſich nach einem andern Landhauſe be⸗ 206 geben, wo die Luft für ſie zuträglicher ſei. Da aber die Auf⸗ regung des Herrn Grafen geſtern gerade in dem Augenblick angefangen hat, wo ich ihm den Abgang der Frau Grä⸗ fin meldete, ſo glaube ich, daß ihm dieſer Abgang ſchmerz⸗ licher iſt, als er zugeſtehen wollte. Ohne Zweifel war dies die Urſache, warum er Sie zu ſehen wünſchte.“ „Das iſt in der That wahrſcheinlich,“ ſprach Sa⸗ muel.„Nun! da er mich zu ſehen wünſcht, ſo will ich auf ihn warten. Oeffnen Sie mir ſein Cabinet.“ Daniel führte ihn in das Cabinet von Julius ein und ließ ihn hier allein mit den Büchern und ſeinen Ge⸗ danken. „In dieſem Augenblick,“ dachte Samuel, indem er die zunehmende Dunkelheit beobachtete,„in dieſem Au⸗ genblick geht mein Wille in Erfüllung, und dieſe zwei Automaten, die ſich für Männer halten, gehorchen dem Impulſe, den ihnen mein Verlangen gegeben hat. Sie ſchlagen ſich auf Leben und Tod. Ein Einziger von Bei⸗ den wird lebendig zurückkommen. „Wird Julius von Lothario. getödtet, ſo kann dieſer nicht ſchicklicher Weiſe ſeine Witwe heirathen. Was würde die Welt, was würde die fromme Moral von ei⸗ ner Frau ſagen, die den Mörder ihres Mannes heirathete. Es wäre zwiſchen Friedrike und Lothario die unüberſteig⸗ barſte Schranke: ein Leichnam. „Und wollte ſie ihn auch heirathen, ſo würde ich mich doch widerſetzen. Ich würde mein Wort widerrufen. Ich hatte ihr erlaubt, Lothario zum Mann zu nehmen, aus Großmuth, weil dies das Mittel war, ſie reich zu machen, well ihnen Julius unter dieſer Bedingung ſein ganzes Vermögen hinterließ. Doch nun hat Julius Lo⸗ thariv enterbt, er hat es mir geſchrieben. Er hat mir auch geſchrieben, ich ſei der einzige Freund, den er auf der Welt habe. Wem hat er alſo ſein Vermögen ver⸗ machen koönnen, außer mir? zůr der in Auf⸗ blick Frä⸗ erz⸗ war Sa⸗ ich ein Ge⸗ er Au⸗ wei em Sie ei⸗ ſer zas ei⸗ ete. ig⸗ ich en. en, ein Lo⸗ nir uf er⸗ 207 „Ich wette, wenn ich das Teſtament, das in einer von den Schubladen dieſes Secretaire liegen muß, öffnen würde, ich fände meinen Namen darin mit allen Buch⸗ ſtaben. In dieſem Fall, wenn ich Friedrike heirathe, bereichere ich ſie, und meine Großmuth, welche früher darin beſtand, daß ich mich aufopferte, beſteht nunmehr darin, daß ich mich darbiete. Ich nehme meine Ermäch⸗ tigung zurück und erinnere Friedrike an ihre Verpflichtung aus Ergebenheit für ſie. „Der Tod von Julius bringt alſo die zwei Reſultate hervor, die mir beide Friedrike geben: Lothario unmöglich, ich reich. „Geſchieht das Gegentheil, tödtet Julius Lothario, ſo fügt ſich Alles noch beſſer. Wir kommen gerade zu dem Punkte zurück, wo wir am Hochzeittag waren. Ich habe nur noch einen ſchwachen und ſterbenden Nebenbuhler, der bereit iſt, nach einer beſſern Welt abzugehen, und dem ſolche Gemüthserſchütterungen den letzten Schlag beige⸗ bracht haben werden. Ueberdies bin ich da, wenn es ihm zu viel Mühe macht, zu ſterben, um ihn zu unterſtützen. „In dieſem Falle von zwei Dingen eines: entweder hat er, ehe er geſtorben, Zeit gehabt, ſich mit Friedrike auszuföhnen und ſein Teſtament für ſie wiederherzuſtellen, und dann wird mir Friedrike ſein Vermögen zubringen; oder er ſtirbt, ehe er ſich ausgeföhnt hat, und ich bin ſein Erbe, und dann bringe ich Friedrike ſein Vermögen zu. Mag er ſich ausſöhnen oder nicht, Friedrike und die Millionen gehören mir. „Eil ei! dies Alles iſt ziemlich ſtark combinirt. Du biſt nicht geſunken, Samuel.“ Indeß Samuel dieſe Betrachtungen anſtellte, war es Nacht geworden, und es hatte Daniel die Lampen ange⸗ zündet. Die Stunde verging, und Julius erſchien nicht wie⸗ der. Lebendig oder todt, mußte er aber doch nothwendig in ſein Hotel zurückkehren oder zurückgebracht werden. 208 Julius und Lothario hatten, um ſich zu ſchlagen, nicht die völlige Dunkelheit abwarten müſſen. Angenommen, ſie hatten ſich um halb fieben Uhr geſchlagen, ſo dauert ein Duell dieſer Art, wo eine ſolche Erbitterung herrſcht, nur ein paar Secunden. Es war nun beinahe halb acht Uhr. Julius hatte zweimal Zeit gehabt, zu tödten oder getödtet zu werden und zurückgekehrt zu ſein. Einen Augenblick hatte Samuel einen Gedanken, der ihn auf die ihm eigenthümliche Weiſe lächeln machte. Julius und Lothario kamen ohne Zeugen zuſammen; wenn ſie ſich zufällig, weil ſich Lothario geweigert, ſich auf Piſtolen zu ſchlagen, auf Degen geſchlagen hätten; wenn ſie ſich in den Degen gerannt wären und ſich Beide mit demſelben Stoße getöbtet hätten; dann wäre kein Ueberlebender da geweſen, um den Todten in den Wagen zu bringen; der Verzug würde ſich auf eine ganz natürliche Art erklären. Samuel hatte einen Blitz der Freude in den Augen, doch dieſer Blitz erloſch alsbald wieder. Er wagte es nicht, ſo viel zu hoffen. Das wäre zu viel vom Schickſal verlangt geweſen. Er verminderte ſeine Forderungen. Er war mit einem Leichnam zufrieden. Aber daß Julius wenigſtens käme! daß wenigſtens das Reſultat ſeiner Intriguen nicht ſo lange auf ſich warten ließe! daß das Schickſal denjenigen von Beiden wählte, den es lieber auf die Seite ſchaffte, daß es ſich aber raſch entſchiede! Es ſchlug neun Uhr. Samuel fing an unruhig zu werden, er träumte von einem Unfall, der das Duell geſtört oder verſchoben hätte, als ein Wagen in den Hof rollte. Samuel ſtürzte nach dem Fenſter. Aber der Hof war dunkel und der Wagen durch die verborgen, welche die Freitreppe vor dem Regen ützte. un m ſe he nicht men, auert rſcht, acht oder „der chte. wenn auf ten; Beide kein n zu rliche gen, te es ickſal mit ſtens iden ſich von ätte, die egen 209 Er ſah nichts. Er ſetzte ſich, affectirte ein gleichgültiges Geſicht und vertiefte ſich in eine Zeitung. Die Thüre des Cabinets wurde geoffnet. Samuel drehte ruhig den Kopf um. Julius erſchien ihm, bleich und wankend, aufrecht im Schatten, ſelbſt ein Schatten. Erklärung. Als der Graf von Eberbach Samuel erblickte, ver⸗ mehrte ſich ſeine Bläſſe. Ein kalter Schweiß überſtrömte ſeine Stirne. Samuel ſtand auf, ohne daß ſein Geſicht die geringſte Bewegung verrieth. „Du hatteſt mit mir zu ſprechen?“ ſagte er.„Ich habe auf Dich gewartet.“ Julius erwiederte nicht ein Wort. Samuel fuhr fort: „Man hat mir geſagt, Du ſeiſt unruhig. Ich weiß warum, und will Dich beruhigen.“ „Du weißt warum?“ ſtammelte Julius. Und er reichte ihm den Brief, den er am Morgen geſchrieben, und fügte bei: „Lies.“ Samuel gab ſich den Anſchein, als läſe er den Brief, den er ſchon geleſen hatte. Plötzlich ſchien er erſchrocken⸗ „Unglücklicher!“ rief er,„Du hatteſt Lothariv im Verdacht Gott lenkt. M. 14 2¹0 „Samuel,“ ſagte Julius heftig, indem er ihn beim Arm packte,„ich verbiete Dir, je vieſen Namen in meiner Ge⸗ genwart auszuſprechen.“ „Ich will wiſſen, was vorgefallen iſt,“ verſetzte Sa⸗ muel.„Woher kommſt Du, was haſt Du gemacht? Du haſt Lothario herausgefordert? Unglücklicher, Lothario hatte keinen Antheil an der Abreiſe von Friedrike.“ „Friedrike!“ rief Julius,„Du weißt, wo ſie iſt?“ „Allerdings,“ antwortete Samuel. „Wo iſt ſie?“ „Ich werde Dir das erklären. Doch ſieh, was Du mit Deiner Eile gethan haſt! Lothariv war unſchuldig.“ „Es handelt ſich nicht um Lothario,“ entgegnete Julius mit düſterer Miene.„Sprich mir von Friedrike.“ „Die Geſchichte iſt ganz einfach,“ fing Samuel an. „Ich höre.“ Samuel erzählte nun Julius alle Gründe und alle einzelne Umſtände der Abreiſe von Friedrike. Seit der Scene in Enghien, wo der Graf von Eber⸗ bach auf eine ſo ungeſtüme, ſo heftige Art bei dem Allein⸗ ſein der zwei jungen Leute erſchienen war, fühlte Friedrike in ihrem Leben eine beſtändige Beengung, welche noch die von Tag zu Tag zunehmende finſtere Laune von Julius vermehrte. Dieſe ſanfte und ſchüchterne Seele machte es ſich zum Vorwurf, daß ſie unwillkürlich ein ſo liebendes Herz, einen Sterbenden, ihren Wohlthäter betrübte und quälte. Auf die Gefahr, einen Kummer Lothario zu bereiten, der wenigſtens jung und ſtark war und auf die Zukunft als Erſatz für die Gegenwart rechnen durfte, hatte fie ſich das Geſetz auferlegt, ihn nie mehr in Abweſenheit des Grafen zu ſehen. Selbſt ein paar Male, wo ihr Lothar auf der Straße von Enghien nach Paris hegegnet war und ihren Wagen hatte halten laſſen, waren die einzigen Worte, die er von ihr vernommen, inſtändige Bitten geweſen, er möge dieſe lenl nich zu ihre kön er⸗ in⸗ rike ius ſich rz, e. en, nft des ße en on eſe 2¹¹ Begegnungen nicht mehr ſuchen, welche dem Grafen von Eberbach hinterbracht werden und, ſchlecht ausgelegt, die letzten Tage des Mannes trüben konnten, dem fie alle ihre Hoffnungen auf Glück verdankten. Sie hatte ihn an die Pflichten erinnert, welche Beiden gegen Julius oblagen, und ihn beſchworen, Alles zu vermeiden, was ein Miß⸗ trauen in den Geiſt ſeines Oheims bringen könnte. Woher wußte dies Samuel? durch Lothario ſelbſt, deſſen Freund und innigſter Vertrauter er war. Friedrike hatte auch alles Vertrauen zu Samuel und ſagte ihm ihre Beſorgniſſe und Zweifel. Sie frug ihn um Rath über das Benehmen, das ſie beobachten ſollte. Er beſuchte ſie vft in Enghien, und ſie kam oft zu ihm nach Menilmontant. Julius hatte ſich erzürnt, als Samuel einmal mit ihm von Friedrike und Lothario ſprach; Samuel, in ſeinem Zartgefühle, hatte dieſe Namen in Zukunft nie mehr vor Julius ausſprechen zu müſſen geglaubt. Er hatte es in⸗ deſſen, um ſeinen Freund zu beruhigen, ſehr oft verſucht, alle die liebevollen, zärtlichen Dinge zu wiederholen, die ihm von Friedrike in Beziehung auf Julius geſagt worden waren. Das glühendſte Verlangen beſeelte Friedrike in Folge der Dankbarkeit, die ſie dem Grafen ſchuldig war. Was ſollte ſie thun, um ihn zu beruhigen? Wie ſollte ſie ihm einiger Maßen die Wohlthaten vergelten, mit denen er ſie überhäuft hatte? Worauf Samuel erwiederte, ſo lange ſie in Enghien ſei und Lothario in Paris, könne ſie nicht verhindern, daß Lothario ſein Pferd gegen Saint⸗Denis an den Tagen lenke, wo er wiſſe, daß ſie kommen müſſe. Sie könne nicht, wenn ſie nicht zu Commentaren Anlaß geben wolle, zu ihrem Kutſcher ſagen, er ſolle dem Winke des Neffen ihres Mannes, der ihn halten hieß, nicht gehorchen. Sie konne den Kutſcher nicht verhindern, die Begegnung den Leuten des Grafen zu erzählen, einen Vorübergehenden nicht, ſie mit Lothario plaudern zu ſehen, den Grafen 212 nicht, zu erfahren, ſeine Gebote ſeien übertreten worden, und ſich chimäriſchen Argwohn zu ſchaffen. Ce gaß nur ein Mittelt zwiſchen Lotharie und ſe ihr die Entfernung zu ſetzen. Aber wie? Von Lothario fordern, daß er aus Er⸗ ie gebenheit thue, was er aus Verzweiflung gethan hatte, nich daß er Paris verlaſſe und nach Beutſchland zurückehre geh bis ihm der Tod ſeines Oheims wieder die Freiheit gebe 2 Nat Das hieße die Zukunft von Lothario zerſtören. Das Beſte Bei wäre geweſen, daß Friedrike ſich von Paris mit Julius 6 entfernte. So oft ſie aber bei ihrem Gatten davon ge⸗ Die ſprochen, daß ſie mit ihm das Schloß Eberbach zu be⸗ wohnen wünſchte, hatte ihr Julius wiederholt, was er ihr — ſchon in Enghien geſagt: ed könne Paris nicht verlaſſen mu aus einem Grunde, welchen irgend Jemand zu ſagen ihm verboten ſei. Somit Unmöglichkeit, in Paris zu bleiben, und Un⸗ Ful möglichkeit, abzureiſen,— in einer ſo falſchen und ſchmerz⸗ ou lichen Lage befand ſich die arme junge Frau. Bei dieſer Stelle ſeiner Erzählung hielt Julius inne, um die Wirkung zu beobachten, die er auf Julius her⸗ Fri vorbrachte. Er fand ihn unbeweglich, ſtumm und düſter. daß Da er ihn mit aller Gewalt ſprechen machen und ihm laf ſein Geheimniß aus den Zähnen reißen wollte, ſo ver⸗ auj ſuchte es Samuel mit Vorwürfen und unmittelbaren Fre Fragen. „Ihr beklagtet Euch ſehr, Lothario und Du,“ fuhr n Samuel fort:„Ihr dachtet nur an Euch, und Ihr merktet Su nicht darauf, daß Jemand da war, den man noch mehr zu beklagen hatte, als Euch; Friedrike. Sie erduldete wol den Gegenſchlag aller Eurer eiferſüchtigen und heftigen keit Leidenſchaften. Ihr, einer Frau, einem Kinve, einem in armen, ſanften, geſtern geborenen, reinen, tadelloſen Ge⸗ Eir . ſchoͤpfe ſuchtet Ihr, der Eine wie der Andere, das Da⸗ Gr ſein ſo traurig zu machen, als man es ſich nur immer zu vorſtellen kann. geh den, ſie Er⸗ tte, hre, be 2 weſte lius ge⸗ be⸗ ihr ſſen ihm un⸗ erz⸗ nne, her⸗ ſter. ihm ver⸗ ren uhr ktet ehr dete igen nem Ge⸗ Da⸗ mer 2¹3 „Du beſonders! Worüber des Teufels konnteſt Du ihr böſe ſein? Du befürchteteſt, ſie ſehe Lothario! Sie verlangte nicht mehr, als ihn zu verlaſſen und zwiſchen ſich und ihn dreihundert Meilen zu legen. Du wollteſt nicht abreiſen. Und zwar ohne zu ſagen, warum! Eine geheimnißvolle Urſache hielt Dich in Paris zurück. Wenn man geheimnißvolle Urſachen hat, die einen bei einem Nebenbuhler zurückhalten, ſo iſt man nicht ſehr eiferſüchtig. Bei Gott! ich bin nicht neugierig, aber ich gäbe etwas, um zu erfahren, was für ein ſo gebieteriſcher Beweggrund Dich verhindern konnte, nach Eberbach zu gehen?“ Julius antwortete immer kein Wort, er hörte Sa⸗ muel mit einer ſeltſamen, kalten, düſteren Miene zu. Samuel fing an über dieſe ſonderbare Miene von Julius unruhig zu werden. Er ſagte ſich indeſſen auch, es ſei ganz einfach, daß Julius, von dem furchtbaren Aete herkommend, den er vollbracht, ſtill und befangen bleibe. Samuel fuhr in ſeiner Erzählung fort. „Die ganze peinliche Schwierigkeit der Lage von Friedrike entſprang alſo nur dem unerklärlichen Umſtand, daß Du Paris nicht verlaſſen wollteſt oder nicht ver⸗ laſſen konnteſt. Warum ſetzteſt Du Dir Deinen Kopf in Frankreich zu bleiben? Darin lag die ganze Frage. „Da Du Dich weigerteſt, Dein Motiv zu ſagen, ſo mußte man es zu errathen ſuchen. Durch angeſtrengtes Suchen glaubte ich es gefunden zu haben. „Wenn Du Friedrike nicht nach Eberbach führen wollteſt, ſo geſchah es aus Zartgefühl und aus Behutſam⸗ keit. Du wollteſt nicht den Anſchein haben, als entführteſt und unterdrückteſt Du ſie. Du wollteſt ſie nicht in der Einſamkeit mit einem Kranken begraben. Derſelbe Grund, der Dich verhindert hatte, ſie bei Dir in Paris zu behalten, verhinderte Dich, mit ihr nach Eberbach zu gehen. Es widerſtrebte Dir, Dich auf Dein ſtrenges Recht 2¹4 zu berufen, ſie ganz und gar von Lothario zu trennen und ihr aufopferndes Anerbieten zu mißbrauchen, um ſie un⸗ El glücklich zu machen. Es war für mich klar, daß Dich dieſes Bedenken zurückhielt. Was für ein Band hatteſt Du abgeſehen er von dieſem in Frankreich? Du warſt nicht mehr Ge⸗ an ſandter, Du bekümmerteſt Dich nichts mehr um die Politik, Er Du hatteſt ſeit Deiner Krankheit alle Deine Verbindungen abgebrochen. Du hatteſt alſo nichts in Paris zu thun.“ Während er dieſe Hypotheſen aufſtellte, verließ Sa⸗ Ru muel mit den Augen Julius nicht, ohne daß er eine Be⸗ wo wegung, ein Zeichen, einen Eindruck auf dieſem Marmor⸗ geſichte erhaſchen konnte. ger Er fuhr fort: ſei „Da ſchloß ich nothwendig folgender Maßen: Im wie Grunde wäre Julius entzückt, nach Deutſchland zu gehenz aber er iſt zu edelmüthig, um dieſes Opfer von Friedrike ſie zu verlangen oder nur anzunehmen. Er will ihr aus dem ſe Eheſtand keine Verbannung machen. ihre „Warum ſollte er ſonſt, hätte er ein Motiv, in Paris zu bleiben, dieſes Motiv Friedrike nicht geſtehen? Er Ker ſagt es nicht, weil er keines hat. Ple „Hatte ich nicht Recht?“ fragte Samuel, der es noch des einmal verſuchte, Julius antworten zu machen, und ihm zu feſt ins Geſicht ſchaute. Doch der Graf von Eberbach ſchenkte weder der nac Frage, noch dem Blicke eine Aufmerkſamkeit. Em Samuel fuhr fort und erklärte, wie er dazu veran⸗. laßt worden ſei, Friedrike zu rathen, Enghien und Frank⸗ und reich zu verlaſſen. Julius hatte alſo offenbar nur einen möglichen weil Grund, um nicht abreiſen zu wollen: ſein Zartgefühl. Frie Ergriffe aber Friedrike die Initiative, käme der Ent⸗ ruhi ſchluß von ihr, ſo wäre Julius entzückt und dankbar. Friedrike hatte ſomit eine ganz einfache Art, aus ihrer wen nerträglichen Lage herauszukommen; ſie durfte nur Paris„wu 5 und un⸗ nken ehen Ge⸗ litik, gen in.“ Sa⸗ Be⸗ nor⸗ hen; rike dem aris Er och ihm der an⸗ nk⸗ nt⸗ rer ris 215 verlaſſen, ohne Jemand etwas davon zu ſagen, ſich nach Eberbach flüchten und von dort ihrem Gatten ſchreiben, er möge ihr nachfolgen. Julius war nicht ſo krank, daß ihn die Reiſe, wenn er immer nur kürzere Strecken in einem Tage zurücklegte, angreifen konnte. Und dann würden ihm die Freude, die Ergebenheit von Friedrike wahrzunehmen, und auch die Luftveränderung wleder Kräfte und Jugend geben. Dieſer Plan ſicherte das Glück von Julius und die Ruhe von Friedrike, die er nicht mehr mit ſeinem Arg⸗ wohn und ſeinen Scenen plagen würde. Und Samuel geſtand zu, er habe Friedrike energiſch gerathen, ſich hiezu zu entſchließen, da dies das Einzige ſei, was den Frieden in zwei tief beunruhigten Herzen wiederherſtellen könne. Friedrike hatte lange gezögert. Dann, eines Tags, als ſie der Graf noch kälter als gewöhnlich empfangen, hatte ſie ſich ſowohl aus Mitleid mit ihm, als im Intereſſe ihrer eigenen Ruhe entſchloſſen. Es war verabredet worden, daß ſie Lothario nicht in Kenntniß ſetzen ſollte, aus Furcht, er koͤnnte ſie von ihrem Plane abwendig machen, und auch, um ihm die Trübſal des letzten Abſchieds und die Herzenspein der Trennung zu erſparen. Samuel hatte zum Voraus im Namen von Julius nach Eberbach geſchrieben, damit man alle Anſtalten zum Empfang der Gräfin träfe. Ueberdies ſollte er ihr nach Straßburg nachfolgen, und ſie ſodann im Schloße Eberbach einführen. Er war nicht zu gleicher Zeit mit ihr abgereiſt, weil er in dem Augenblick, wo Julius den Abgang von Friedrike bemerken würde, da ſein wollte, um ihn zu be⸗ ruhigen und ihm Alles zu ſagen. „Als ich geſtern hierher kam und Dich ſchon ein wenig beunruhigt fand,“ ſprach Samuel zu Julius, „wußte ich wohl, daß Friedrike abgereiſt war und nicht⸗ 216 hier eintreffen würde. Allein es war noch zu früh, um Dich zu benachrichten. Wir, ſie und ich, hatten miteinander beſtimmt, daß ich Dir ihre Abreiſe ſo ſpät als möglich, erſt wenn ſie fern wäre und Du ihr nicht mehr nachſetzen laſſen könnteſt, um ſie zurückzubringen, mittheilen ſollte. Das Opfer wäre kein wahres und aufrichtiges geweſen, wenn wir Dich zu rechter Zeit benachrichtigt hätten. Du hät⸗ teſt Dich für verpflichtet gehalten, an Großmuth mit Fried⸗ rike zu wetteifern. Du hätteſt verlangt, daß ſie zurück⸗ komme, und Du hätteſt glauben können, ſie habe ſich das Verdienſt einer illuſoriſchen aufopfernden Ergebenheit ma⸗ chen wollen. Du ſollteſt bald erfahren, daß ihr Entſchluß lauter und unwiderruflich war. Unvermuthet, wie Du weißt, genöthigt, in Maiſons zu Mittag zu ſpeiſen, hatte ich mir vorgenommen, Dir geſtern Abend Alles zu ſagen. Ich hoffte bei der Rück⸗ kehr von dieſem Gaſtmahle hier vorüberzukommen. Lei⸗ ver war ich länger aufgehalten, als ich dachte. Ich kehrte erſt ſpät in der Nacht nach Hauſe zurück. „Und dann ſind tauſend kleine erſchreckliche Fatalitaͤ⸗ ten dazwiſchen getreten. „Vor Allem vergaß ich in der Verwirrung, in En⸗ ghien einen Brief abholen zu laſſen, den Friedrike für mich, nach unſerer Verabredung, ohne Adreſſe hatte hinterlaſſen müſſen, um mir die Stunde ihrer Abreiſe anzuzeigen. Dieſer Brief wird, wie ich ſehe, in Deine Hände gefallen ſein, und in Ermangelung meines Namens auf dem Um⸗ ſchlag wirſt Du ihn an Lothario adreſſirt geglaubt haben. „Hätte ich eine Ahnung von dem Irrthum gehabt, der aus dieſem unſeligen Vergeſſen entſprungen iſt, ſo wäre ich, zu welcher Stunde es auch ſein mochte, hierher geeilt und hätte Dich aufgeweckt. Als es mir aber dieſen Morgen einfiel ſtellte ich mir nicht vor, die Sache könnte eine ſo ernſte Folge haben, und ich dachte, es wäre Zeit, 16 Dir Alles zu ſagen, wenn ich Dich ſehen würde. „Dieſen Morgen verließ ich Menilmontant ſehr früh⸗ e— —— 8 2 2¹7 zeitig, um hierher zu kommen. Eine neue Fatalität! Ich traf unter Weges Einen, der bei dem Diner in Maiſons ge⸗ weſen war. Die politiſchen Ereigniſſe find in dieſem Augenblick von einer ſolchen Bedeutung, daß ich einen außerordentlich wichtigen Auftrag, mit deſſen Vollzug er mich betraute, nicht verſchieben konnte. Ich vermochte nicht Deinen Irrthum zu errathen, nur Deine Unruhe. Ich ſchrieb Dir eine Zeile, die Dich beruhigt hätte. Doch es ſcheint, der Commiſſionär, dem ich den Brief gegeben, hat ſich getäuſcht, oder er hat ſich betrunken, oder den Brief verloren, da er Dir nicht zugekommen iſt. „Da mich die politiſche Sache, die mich den ganzen Tag in Anſpruch nahm, in die Nähe von Menilmontant führte, ſo ging ich wieder nach Hauſe, ehe ich hierher kam. Du warſt gerade weggefahren. Marcel ſagte mir, einer von Deinen Bedienten habe einen Brief gebracht gehabt, den Du wieder mitgenommen; Du habeſt ſehr ärgerlich ausgeſehen, daß Du mich nicht gefunden. Ich eilte hierher. Daniel erzählte mir von Deiner Aufregung ſeit geſtern. Das hat mich nicht beängſtigt, da ich wußte, ich würde Dich mit einem Wort beruhigen. Doch Dein Brief, den Du mich haſt leſen laſſen, erſchreckt mich. Ich ahne, ich befürchte, ich ſehe ein entſetzliches Mißverſtänd⸗ niß. Julius, ich frage Dich noch einmal, wie iſt es Lo⸗ thario ergangen?“ „Ich habe Dir ſchon geſagt, Du ſolleſt dieſen Na⸗ men nicht ausſprechen,“ erwiederte Julius mit gepreßter Stimme. Samuel ſchaute Julius feſt ins Geſicht. Dieſer hatte die ganze Erzählung von Samuel mit einer eiſigen, todten Miene angehört. Was ging hinter dieſer ehernen Phyſiognomie vor? War es Beſtürzung nach einem von den blutigen Acten, welche die feſteſten Charaktere brechen und erſchöpfen? War ein Hin⸗ tergedanke, den Samuel nicht durchdrang 2 Samuel mochte immerhin ſpähen, er hatte nicht können. „Friedrike iſt alſo nun in Eberbach?“ fragte Julius alt. „Ja. Soll ich ſie benachrichtigen, zurückrufen, ihr nachfolgen?“ „Nein, ich danke, Samuel. Ich übernehme Alles. Du haſt mir Alles geſagt, was ich wiſſen wollte.“ Er fügte bei: „Ich wäre Dir nun verbunden, wenn Du mich ver⸗ laſſen würdeſt. Ich fühle das Bedürfniß, allein zu ſein.“ „Aber,“ entgegnete Samuel,„nach den Erſchütterun⸗ gen dieſes Tages„ „Bedarf ich der Ruhe und der Einſamkeit,“ unter⸗ brach Julius. „Du haſt mir nichts zu ſagen?“ fragte Samuel. „Nichts heute Abend. Doch bald, ſei unbeſorgt, werden wir mit einander reden.“ Julius ſprach dies mit einem ſeltſamen Ton, der Sa⸗ muel träumen machte. Aber bei der Entſchiedenheit von Julius konnte er nicht umhin, wegzugehen. „Ich entferne mich,“ ſagte er.„Auf baldiges Wie⸗ derſehen.“ „Auf baldiges Wiederſehen,“ wiederholte Julius. Samuel ging hinab. „Er hat ein ſeltſames Ausſehen,“ vachte er, während er die Treppe hinabſtieg und den Hof durchſchritt.„Bah! das begreift ſich. Er kommt vom Tödten her. Wenn man nicht daran gewöhnt iſt! Er war düſter und wie ſtumpf⸗ ſinnig. Vielleicht hatte er einen Hintergedanken. Warum will er allein bleiben in einem Augenblick, wo man es nicht unangenehm ſindet, Jemand zu haben, der einem Geſellſchaft leiſtet? Sollte er zufällig damit umgehen, ſich eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen! Eil das wäre keine ſo ſchl te 2drel Ich würde ihn deshalb für meinen eine Bewegung in dieſem Sphinrgeſichte wahrnehmen ———— 3— r⸗ n⸗ r⸗ t, a⸗ 2¹9 Theil durchaus nicht tadeln. Das würde mir Arbeit er⸗ ſparen. Gut, Samuel, Du haſt einen doppelten Schlag gethan, und die Ereigniſſe ſind offenbar die gehorſamen, unterthänigen Diener des menſchlichen Willens. Mit ein wenig Verſtand entbehrt man ſehr wohl der Vorſehung!“ Wir wollen nun ſehen, wie es dem Willen und dem Verſtande von Samuel Gelb gelungen war, Friedrike in die Nähe von Gretchen zu bringen. Unter Weges. Während ſich Julius und Lothario ſo in der ihnen von Samuel Gelb geſtellten Falle fingen, fuhr Friedrike, in Geſellſchaft von Frau Trichter, Straßburg zu. Friedrike war traurig und beſorgt, traurig wegen Lothario, beſorgt wegen des Grafen. Welchen Eindruck würde auf Beide ihre plötzliche Abreiſe machen* Sie war ſicher, Lothariv würde darun⸗ ter leiden, und war nicht ſicher, Julius würde ſich darüber freuen. Wenn ſich Herr Samuel Gelb getäuſcht hätte! Wenn es nicht Discretion und Behutſamkeit war, ſondern Nothwendigkeit, warum Julius in Paris blieb? Wenn er in Wirklichkeit ein weſentliches Intereſſe hatte, das ihm Frankreich zu verlaſſen verbot? Würde er dann nicht unzufrieden ſein, ſich mit Gewalt aus dem Mittelpunkte ſeines Lebens, trotz ſeines zu wiederholten Malen formlich ausgeſprochenen Willens, geriſſen zu ſehen? Je weiter ſie ſich entfernte, deſto mehr bemächtigte ſich ihrer die Reue, beinahe der Gewiſſensbiß. Dieſe Art von Flucht machte ihr bange. Sie fragte ſich, in welchem 220 Grade die Eigenliebe und die Zärtlichkeit des Grafen von Eberbach befriedigt wären, ſie gewiſſer Maßen gerade vurch die Thatſache ihrer Flucht bekennen zu ſehen, ſie ſei genothigt, ſich von Lothario zu trennen, als ob ſie ſich außer Stande fühlte, ihm in der Nähe zu widerſtehen und ihn nicht fortwährend zu ſehen, trotz des Willens ihres Gatten? Ihre Abreiſe erſchien ihr nun unter einem ganz anderen Geſichte, und was ſie aus Zartgefühl für den Grafen gethan hatte, dünkte ihr eine Beleidigung, über welche ſich zu erzürnen er berechtigt ſei. Und darum hatte ſie das Herz von Lothario betrübt! Sie bedauerte, dem Grafen von Eberbach nicht Alles geſagt, nicht offenherzig mit ihm geſprochen, ihn nicht gefragt zu haben, ob es ihm angenehm wäre, im Schloſſe Eberbach zu leben. „Sie haben ihn dies aber zwanzigmal gefragt,“ ſagte ihr Frau Trichter;„und Herr Samuel Gelb hat Ihnen erklärt, warum Ihnen der Herr Graf ſeinen wahren Wunſch verberge: aus Furcht, Ihre Ergebenheit zu miß⸗ brauchen. Sie müſſen ſich nicht ſo quälen, wie Sie es thun. Nicht aus Laune und Eigenfinn ſind Sie abge⸗ reiſt; es iſt auf den Rath eines Mannes geſchehen, der Sie aufgezogen hat, der immer Ihr beſter Freund ge⸗ weſen iſt, der den Herrn Grafen von Eberbach beſſer kannte, als Sie. Zweifeln Sie an Herrn Gelb?“ „Nein, gewiß nicht!“ antwortete Friedrike.„Ich habe alles Vertrauen zu Herrn Samuel Gelb, der immer gut gegen mich geweſen iſt. Aber was wollen Sie, meine liebe Frau Trichter, ich bin nicht gewohnt, zu reiſen, be⸗ ſonders nicht allein. Ich habe Paris nie verlaſſen, und ich bin ganz erſtaunt, ganz erſchrocken, daß ich mich ſo allein auf den Landſtraßen umherfahren ſehe.“ lieren.“ Die Stationen folgten ſich, und die Beklemmungen „Noch einige Stationen, und das wird ſich ver⸗ ———— — 221 von Friedrike verloren ſich nicht. Frau Trichter that, was ſie konnte, um ſie zu beruhigen. „Sie werden morgen ſehr über Ihre heutigen Aeng⸗ ſien lachen. Herr Samuel Gelb begibt ſich in dieſem Augenblick auf den Weg, um uns nachzufolgen. Sie wer⸗ den ihn morgen ſehen, er wird Ihnen Nachricht vom Herrn Grafen bringen. Dann werden Sie es bereuen, dieſe herrliche Reiſe, in einer ſo guten Poſtchaiſe gemacht, nicht genoſſen zu haben. Wie! Herr Samuel Gelb hat die Dinge ſo gut angeordnet, daß wir uns beinahe um nichts zu bekümmern brauchen, daß wir Alles bereit fin⸗ den, daß die Relais uns erwarten, und daß uns die Poſtillons einander empfehlen, und Sie ſind nicht zufrieden! Herr Samuel Gelb iſt wohl im Stande, vor uns einzutreften! Was würden Sie ſagen, wäre er es, der uns den Wagen⸗ ſchlag bei unſerer Ankunft in Straßburg öffnete? Wenn er ein wenig ſäumt, ſo werden wir Straßburg anſchauen! Das iſt meine Heimath. Ich werde Sie überallhin füh⸗ ren. Sie ſollen die ſchöne Kathedrale ſehen. Aber wahr⸗ haftig Sie haben eine ſo traurige Miene, als ob man Sie in ein Land von Wilden führen würde. Straßburg iſt eine Stadt ſo ſchön wie Paris, hören Sie wohl?“ Doch es gelang Frau Trichter mit ihren Tröſtungen nicht, die Wolke zu zerſtreuen, welche ſich immer dichter auf der ſchönen Stirne von Friedrike zuſammenzog. Bei Nacht ſchlief ſie nicht; ſie ließ die Fenſter her⸗ unter, daß die Luft ein wenig ihre brennende Stirne ab⸗ kühlte, und ſah die ganze Zeit die Geſpenſter der ſchwar⸗ zen Bäume längs dem Wagen hinlaufen. Am andern Tag, gegen ein Viertel auf eilf Uhr, fühlte ſie plötzlich eine gewaltige Herzbeklemmung. Sie bebte wie von einem unerklärlichen Schlage berührt. Das war gerade der Augenblick, wo der Graf von Eberbach, im Hotel der preußiſchen Geſandſchaft, Lothario ſeinen Handſchuh ins Geſicht warf. Seltſame Sympathie! Dieſes unausſprechliche Lel⸗ 222 den dauerte bei Friedrike bis zum Einbruche der Nacht, bis zur Stunde des Duells. Dann kam es ihr vor, als fiele ihr Fieber haſtig, und die Schläge ihres Herzens ſtanden ſtill, als ob Alles zu Ende wäre. Sie verſank in eine Art von Erſtarrung, der ſie plötzlich durch Frau Trichter entzogen wurde, welche fie aufweckte und zu ihr ſagte: „Steigen wir aus. Wir ſind an Ort und Stelle.“ Die Poſtchaiſe war in der That in Straßburg vor der Thüre des Gaſthauſes zur Sonne, das Samuel Fried⸗ hatte, und wo er mit ihr zuſammentreffen wollte. Samuel war noch nicht angekommen. Doch er hatte erſt am Abend oder in der Nacht zu kommen verſprochen, und ſomit war keine Zeit verloren. Friedrike fühlte keinen Hunger, aber das Zureden von Frau Trichter nöthigte ſie, etwas zu ſich zu nehmen. Sie aß kaum und zog ſich ſogleich in ihr Zimmer zurück. Sie wartete bis Mitternacht. Als Samuel um Mitternacht nicht eingetroffen war, legte ſie ſich, ermüdet durch die Fahrt und die Auf⸗ regung, zu Bette und entſchlief. Die Ungeduld weckte ſie ſehr frühzeitig auf. Sie klingelte. Frau Trichter lief herbei. „Iſt Herr Samuel Gelb angekommen?“ fragte Friedrike. „Noch nicht. Doch hier iſt ein Brief von ihm.“ „Ein Brief von ihm?“ rief Friedrike.„Warum ein Brief, da er kommen ſollte? Geben Sie geſchwinde.“ Sie nahm den Brief und las laut: „Mein liebes Kind, „Ich gedachte wohl, wie ich es Ihnen verſprochen, gegen Mittag abzureiſen, um Ihnen nachzufolgen. Doch nun kommt mir eine wichtige Angelegenheit auf den Na⸗ fie vor wer ruh Gel 223 ken, bei der alle meine politiſche Ueberzeugungen im Spiele ſind. Ich werde bis heute Abend ſehr ſpät, vielleicht bis morgen früh zurückgehalten ſein. Erwarten Sie mich alſo nicht in Straßburg. „Bei Empfang meines Briefes ſetzen Sie ſogleich Ihre Reiſe bis Eberbach fort, wo Sie angekündigt ſind, und wo man Sie wie eine Königin aufnehmen wird. „Seien Sie ruhig, was Julius betrifft. In einigen Stunden, und ehe er Ihre Abreiſe bemerkt, werde ich ihm den edelmüthigen Entſchluß mittheilen, den Sie in Ihrer Ergebenheit gefaßt haben. Ich hege eine Hoffnung. Wer weiß, ob er nicht wird mit mir abreiſen und Ihnen ſelbſt ſeine Begnadigung überbringen wollen. Auch aus dieſem Grunde iſt es beſſer, wenn ich noch ein paar Stunden in Paris bleibe. „Bei Ihrer Ankunft in Eberbach oder ſpäteſtens am Tage nach Ihrer Ankunft erhalten Sie einen Brief, der Sie von Allem unterrichten wird, was er gethan, geſagt und beſchloſſen hat. „Pflegen Sie ſich wohl. Sagen Sie Frau Trichter, ich empfehle Sie ihr auf das Dringendſte, und ich mache ſie verantwortlich für den geringſten Unfall und für das geringſte Unbehagen, das Sie fühlen könnten. „Auf baldiges Wiederſehen. „Ihr Freund „Samuel Gelb.“ „Ich kehre nach Paris zurück,“ ſagte Friedrike, als fie den Brief geleſen hatte. „Wie!“ rief Frau Trichter erſtaunt.„Warum denn?“ „Ja,“ erwiederte Friedrike.„Ich habe geſtern und vorgeſtern zwei zu ſchlechte Tage gehabt. Ich hoffte, heute werde wenigſtens Jemand bei mir ſein, um mich zu be⸗ ruhigen und mit mir zu ſprechen; da aber Herr Samuel Gelb nicht gekommen iſt, ſo kehre ich zum Herrn Grafen 224 zurück. Ich will nicht wieder anfangen, mir ganz allein überlaſſen zu ſein. Beſtellen Sie Pferde.“ „Ich gehe, um Pferde zu beſtellen, doch ich hoffe, wir werden ſie nicht benützen, um nach Paris zurückzu⸗ kehren,“ ſagte Frau Trichter. „Ich muß den Grafen ſo bald als moglich wieder⸗ ſehen,“ verſetzte Friedrike. „Sie würden ihn vielleicht nicht, wenn Sie nach Paris zurückkehrten, ſo bald als moglich wiederſehen,“ent⸗ gegnete Frau Trichter. „Wo könnte ich ihn denn früher als in Paris ſehen?“ „Herr Gelb ſchreibt Ihnen vorgeſtern, er werde erſt am andern Morgen abreiſen, und der Herr Graf werde ihn vielleicht begleiten „Er ſagt: Vielleicht,“ unterbrach Friedrike. „Nehmen Sie an, der Herr Graf begleite ihn. Wenn Sie nach Paris zurückkehren, laufen Sie Gefahr, ſich mit ihm auf der Landſtraße zu kreuzen und in Paris Einen zu ſuchen, der Sie in Eberbach ſuchen wird.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Frievrike entmuthigt.„Aber was thun?“ „Zuerſt frühſtücken,“ antwortete Frau Trichter. „Habe ich Hunger?“ „Mich macht Herr Samuel Gelb verantwortlich für Ihre Geſundheit; Sie müſſen mir alſo gehorchen. Und dann, wenn wir gefrühſtückt haben, werden wir thun, was Herr Samuel Gelb ſagt. Wir werden in Eberbach ſeinen Brief und den Herrn Grafen erwarten.“ „Geben Sie doch die Befehle,“ rief die arme Friedrike wie vernichtet. Eine halbe Stunde nachher fuhr die Poſtchaiſe aus Straßburg. Und was inen rike aus 225 Enpfang im Schloſſe. Samuel hatte Friedrike nicht getäuſcht; ſie wurde im Schloſſe Eberbach erwartet. Es hatte ſogar in dieſer Hinſicht eine Berathung unter der Dienerſchaft ſtattgefunden, welche Friedrike in ihrer Faulenzerei ſtören ſollte. Die Dienerſchaft war von der Heirath ihres Herrn unterrichtet worden. Julius hatte ihnen ein Gnadenge⸗ ſchenk geſchickt, damit ſie ihren Theil am Feſte hätten, und es waren hieraus im Schloſſe zwei große Schmaus⸗ und Tanztage erfolgt, zu denen man die angeſehenen Einwohner von Lanveck geladen. Und vann hatte die Dienerſchaft weder mehr an ihren Gebieter, noch an ihre Gebieterin gevacht, bis zu dem Tage, wo ihr der Brief von Samuel eröffnete, die Gräfin und wahrſcheinlich auch der Graf von Eberbach werden während der Saiſon im Eberbacher Schloſſe wohnen. Ein Eindringling, der ohne: Achtung! zu rufen, zur Stunde des Mittagsmahles in das erſte das beſte Haus käme, ſich zu Tiſche ſetzte, die beſten Stücke äße und ſich nach dem Mahle ruhig im beſten Zimmer zu Bette legte, würde den Gebietern des Hauſes nicht unverſchämter und ver⸗ meſſener ſcheinen, als der Dienerſchaft des Schloſſes dieſer Graf und dieſe Gräfin dünkten, welche die Frechheit hatten, in ihrem Hauſe wohnen zu wollen. Der Brief von Samuel war wie der Kieſelſtein, den man in einen ſehr ruhigen Sumpf wirft, und der ſogleich alle Fröſche guaken macht. Es fand ein Aufruhr ſtatt. Doch eine kräftige Rede von Hans, der der gute Kopf war, dämpfte die Revolution und ſtürzte die Barricaden⸗ anfänge wieder um. Gott lenkt, UI. 15 226 Hans ſprach ungefähr in folgenden Worten: „Allerdings iſt es hart, wenn man gewohnt geweſen iſt, in der Einſamkeit und in der Ruhe zu leben, wenn man vielleicht das Recht errungen hat, als das ſeinige ein Schloß zu betrachten, vas ſeine Herrſchaft im Stiche läßt, wenn man dieleichte Gewohnheit angenommen, zu eſſen, was es Beſtes an Gemüſen und Früchten gibt, um das Uebrige zu verkaufen, wenn man endlich aller Annehmlich⸗ keiten des Lebens der Gebieter theilhaftig geweſen iſt, ohne ihre Sorgen und Widerwärtigkeiten zu haben; allerdings iſt es hart, wieder Dienſtbote zu werden, zu gehorchen, aufzuſtehen und zu Bette zu gehen zu der Stunde, wie es den Andern beliebt, die Küche für die Andern zu beſtellen, die Früchte für die Andern zu pflücken, Kleider zu bürſten und Stiefel zu wichſen. Allerdings gibt es andere Ver⸗ gnügungen als dieſe im Leben. Aber, o Wahnſinnige, die Ihr ſeid! werden uns alle Strapazen, die wir auszuhal⸗ ten haben, nicht bezahlt werden? Eine junge Frau, weiche ſich vor Kurzem verheirathet hat, iſt gewoͤhnlich ver⸗ ſchwenderiſch. Das Geld muß ihr durch die Hände ſchlüpfen. Welcher Aufwand, welche Geſchenke, welche Trinkgelder! Wir werden mehr Mühe haben, aber auch mehr Nutzen! Es gibt Früchte und Gemüſe genug, daß wir unſern Theil bekommen, ſelbſt nach der Herrſchaft. Man wird unſern Lohn erhöhen. Und denkt Ihr ohne ein wahnſinniges Ent⸗ zücken an den Tag der Freude, wo der Graf und die Gräfin, wenn der Sommer vorüber iſt, nach der Stadt zurückkehren, nicht ohne uns mit Geſchenken zu überhäufen, und wo wir das doppelte Vergnügen haben werden, die Herrſchaft abreiſen und ihr Geld da bleiben zu ſehen?“ Die Rede von Hans ſiegte vollſtändig, und Alle ent⸗ wickelten fortan den größten Eifer bei den Anſtalten, die man zum Empfang der jungen Gebieterin des Schloſſes traf. Das Gerücht von der nahe bevorſtehenden Ankunft der neuen Gräfin von Eberbach verbreitete ſich bald in Landeck und den umliegenden Ortſchaften. veſen wenn inige tiche eſſen, das lich⸗ ohne ings chen, ie es Uen, rſten Ver⸗ „die hal⸗ elche ver⸗ pfen. der! tzen! —— Cheil nſern Ent⸗ die tadt ufen, die ent⸗ die traf. kunft din 227 An dem Abend, wo der Brief von Samuel ange⸗ kommen, herrſchte in Landeck die ſtürmiſchſte Bewegung, und der Lärmen war ſo groß, daß er auch zu den Ohren von Gretchen drang. Die Ziegenhirtin hatte ſchon einen Anfall von bitterer Traurigkeit gehabt, als ſie erfahren, der Graf von Eber⸗ bach habe ſich wieder verheirathet. Es war in ihrem Innern geweſen, als ſtürbe die theure Chriſtiane ein zweites Mal. Doch ihr Schmerz und ihre Bitterkeit verdoppelten ſich, als ſie erfuhr, die neue Gräfin von Eberbach werde dieſes Schloß beziehen, das noch voll von Chriſtiane. Die Ankunft einer Fremden in dieſem für Chriſtiane gebauten, früher von ihr ſelbſt allein und von ihrem An⸗ denken bewohnten Hauſe machte auf Gretchen den Eindruck einer Ruchloſigkeit. Für ſie war dieſes Schloß wie das Grab der theuren Todten; es ſchien ihr ein geweihter Ort zu ſein, der dem Tode gehörte. Das Leben, den gewoͤhnlichen Gang der Dinge, die alltäglichen Intereſſen, die Feſte vielleicht darein einführen, war für ſie gleichſam die Entheiligung einer Grabſtätte. Sie wollte das nicht ſehen. Es widerſtrebte ihr, dieſer Entwürdigung beizuwohnen. Das war gerade die Zeit, wo ſie alle Jahre nach Paris zu gehen pflegte. Sie beſchloß, an demſeiben Tage abzureiſen, an dem die neue Gräfin ankommen ſollte. Uebrigens war ihre Reiſe nothwendiger, als je. Trotz des Verſprechens, das ihr Friedrike im vorhergehen⸗ den Jahre in Menilmontant geleiſtet, hatte die Ziegenhirtin keine Nachricht von dem Mädchen erhalten. Warum hatte ihr Friedrike nicht geſchrieben? miß⸗ traute ſie dieſer Fremden, die ſie eine Viertelſtunde jedes Jahr erſcheinen ſah, und die ſich hartnäckig nicht zu er⸗ kennen gab? oder hatte ſie Gretchen vergeſſen, oder war ſie am Ende krank* 228 Gretchen mußte ſich alſo verſichern, wie ſich die Sache verhielt. An demſelben Tage, an dem Friedrike Straßburg verließ, ſchrieb Gretchen Gamba, ſie werde in zehn Tagen in Paris ſein, nahm Abſchied von ihren Ziegen, die ſie einer andern Hirtin anvertraute, und begab ſich mit dem Schnappſack auf dem Rücken an einem ſchönen Maimittag auf den Weg. Sie mußte am Abend in Heidelberg ſein. Sie ging in einem Zuge bis Neckarſteinach. Hier hieit ſie an, um Athem zu holen und ein Stück Brod zu eſſen. 62 ſetzte ſich auf die ſteinerne Bank vor dem Poſt⸗ auſe In dem Augenblick, wo ſie in ihr Brod mit dem Appetit biß, den die Wanderung in der freien Luft gibt, machte der Galopp von Pferden, daß ſie emporſchaute. Sie erblickte auf einige hundert Schritte einen Staub⸗ wirbel, durch den ſie bald eine Poſtchaiſe unterſchied. Unwillkürlich wurde ſie in ihrem Geiſte zornig. Dieſe Poſtchaiſe kam von Heivelberg und wandte ſich nach Eberbach. „Wenn es die neue Gräfin wäre!“ dachte ſie. had ſie ließ ihr Stück Brod fallen, denn ſie hatte keinen Hunger mehr. Sie ſtand auf, um zu entfliehen. Der Wagen hielt vor der Thüre des Hauſes an, und der Wirth öffnete den Schlag. Gretchen raffte geſchwinde ihr kleines Gepäck zu⸗„ ſammen. „Wie heißt dieſer Ort?“ fragte eine Frauenſtimme aus dem Innern des Wagens. „Neckarſteinach, Madame,“ antwortete der Wirth. „Sind wir weit von Eberbach?“ „Nur ein paar Meilen.“ „Es iſt ſo,“ dachte Gretchen.„Sie kommt an. Raſch! vorwärts!“ im ſche unt und fern ſam „W Fre nick Eu im vor wif gie die burg agen e ſie dem ittag ſein. Stück Boſt⸗ dem gibt, 6. aub⸗ ſich hatte 229 8 Und ſie begab ſich auf den Wea. „Steigen die Damen nicht aus?“ fragte det Wirth. „Nein, ich danke,“ antwortete eine andere Stimme im Wagen. Bei dieſer Stimme wandte ſich Gretchen, welche ſchon ein paar Schritte gemacht hatte, raſch um. Sie kam an den Wagen, ſah durch den Schlag und rief: „Friedrike!“ Friedrike ſchaute die Frau an, die ihren Namen rief, und erkannte ſie Anfangs nicht. „Und ich,“ ſprach die Ziegenhirtin,„ich wollte Sie ſo fern ſuchen, während der gute Gott Sie mir entgegen⸗ ſandte. Sie erkennen mich nicht?“ fügte ſie bei. „Oh doch lich erkenne Euch nun,“ erwiederte Friedrike. „Wartet, ich werde ausſteigen.“ Gretchen öffnete den Wagenſchlag. Friedrike und Frau Trichter ſtiegen aus. „Verzeiht mir, meine liebe Frau,“ ſagte Friedrike, Gretchen die Hände drückend,„verzeiht mir, daß ich Guch nicht ſogleich erkannt habe. Aber ich erwartete ſo wenig, Euch hier zu treffen, und dann habe ich ſo viele Dinge im Kopf!“ Gretchen erbleichte plötzlich. „Sie werden mir dies Alles erzählen,“ ſagte ſie. „Eines aber muß ich auf der Stelle wiſſen.“ „Was denn?“ „O mein Gott!“ rief die Ziegenhirtin,„ich habe bange vor dem, was ich erfahren werde.“ „Was befürchtet Ihr?“ fragte Friedrike beängſtigt. „Wohin gehen Sie?“ verſetzte Gretchen mit einer ge⸗ wiſſen Anſtrengung. „Nach dem Schloſſe Eberbach.“ „O mein Gott! Doch Sie gehen dohin als Reu⸗ gierige, nicht wahr? oder als Freundin? Der Herr des 230 Schloſſes leiht es ſeinem Freunde Herrn Gelb! Nur ſo kommen Sie dahin!“ „Was wollt Ihr hiemit ſagen?“ „Zu dieſer Stunde erwartet die Dienerſchaft des Schloſſes Eberbach ihre Gebleterin, welche jeven Augen⸗ blick ankommen ſoll. Oh! das ſind Sie nicht!“ „Doch, ich bin es,“ antwortete Friedrike. „Jeſus! Maria!“ murmelte die Ziegenhirtin. Und ſie wankte und ſiel auf die ſteinerne Bank. „Wes habt Ihr?“ fragte Friedrike erſtaunt.„Was habt Ihr denn?“ „Nichts,“ antwortete nach einem langen Stillſchwei⸗ gen Gretchen ganz zitternd.„Ich werde Ihnen ſagen.. und Ihnen erklären.. Doch nicht jetzt. Ich war auf dieſen Schlag nicht gefaßt. Es wäre mir unmöglich, zu ſprechen. Später heute Abendim Schloſſe.“ Die Pferde waren gewechſelt, der Poſtillon wartete und ließ ſeine Peitſche knallen und die Schellen ſeines Geſpanns klingen. „Nun, kommt mit uns zurück,“ ſagte Friedrike zu Greichen.„Es iſt ein Platz im Wagen. Steiget ein, Ihr werdet mir ſagen, woher Euer Schrecken rührt.“ Gretchen machte eine verzweifelte Geberde, welche zu bedeuten ſchien:„Nun kann ich im Ganzen nichts Schlim⸗ meres mehr erfahren.“ Und ſie ſprang in die Poſcchaiſe, wohin ihr Friedrike und Frau Trichter folgten. Der Poſtillon fuhr im Galopp ab. Unter Weges erzählte Friedrike auf die inſtändige Bitte von Gretchen ihre ganze Geſchichte während des letzten Jahres. Jeden Augenblick unterbrach die Ziegenhirtin die Er⸗ zählung durch Ausrufungen des Erſtaunens und des Schreckens. „Sie hatten mir gelobt, mir zu ſchreiben und mich nie ohne Nachricht zu laſſen,“ ſagte ſie.„Warum, als von „U Ebe der im wöl ant dur gez ſetz kon ſo! Hei geſ Kot mel nick her ſein ſein ferr das ſpre Gr Ne ich ſo es n⸗ .. te es et 4 zu n⸗ ſe, 231 . als ich Sie im letzten Frühjahre ſah, ſprachen Sie nicht vom Grafen von Eberbach?“ „Ich kannte ihn damals nicht,“ erwiederte Friedrike. „Unſere Bekanntſchaft hat ſich plötzlich gemacht.“ Sie erzählte Greichen, wie ſie zum Grafen von Eberbach gegangen war, um ihm das Leben zu retten, wie der Graf an demſelben Tage krank geworden, wie er es bei Samuel Gelb vahin gebracht, daß dieſer mit Friedrike im Geſandtſchaftshotel geblieben, wie er ſich daran ge⸗ wöhnt, ſie bei ſich zu ſehen, wie er ihr einen Heiraths⸗ antrag gemacht, und wie ſie ihn angenommen, da ſie ſich durch eine ſeltſame, unerklärliche Sympathie zu ihm hin⸗ gezogen gefühlt habe. „Oh! das iſt nicht unerklärlich und ſeltſam,“ ver⸗ ſetzte Gretchen.„Doch ich frage Sie noch einmal, wie konnten Sie nach Allem, was ich Ihnen geſagt, eine ſo wichtige Handlung vollbringen, obne mich durch ein Wort davon in Kenntniß geſetzt zu haben? Ein nach Heidelberg unter der Adreſſe, die ich Ihnen angegeben, geſchriebener Brief hätte Alles gerettet.“ „Alles dies hat ſich ſo ſchnell gemacht, daß ich den Kopf verlor. Ihr dürft mir nicht böſe ſein, daß ich nicht mehr an Euch gedacht habe; ich dachte an mich ſelbſt nicht mehr. Aus meiner Dunkelheit und meiner Armuth heraustretend, um plötzlich den Grafen von Eberbach mit ſeinem Namen, ſeinem Vermögen, ſeinem Anſehen und ſeinem Alter zu heirathen, war ich auf allen Seiten ſo fern von meinen Träumen des vorhergehenden Tages, daß ich wie in einem Wirbel ging, ohne mir Rechenſchaft über das Ziel zu geben. Ah! Ihr habt Recht, ich hätte ſprechen müſſen, mit Euch und mit aller Welt; mit dem Grafen vor Allem, der gut iſt und das Unglück ſeines Neffen nicht gewollt hätte. Aber ich war in einer ſol⸗ chen Verwirrung, daß ich ſelbſt nicht mehr wußte, was ich wünſchte und ob ich etwas wünſchte.“ 232 Als Friedrike ihre Erzählung beendigt hatte, fing es an Abend zu werden. Die Ziegenhirtin, welche einige Vorfälle dieſer Ge⸗ ſchichte träumeriſch gelaſſen hatten, befragte Friedrike nicht mehr und antwortete nicht mehr auf ihre Fragen. Die Gegenwart von Frau Trichter beengte ſie ohne Zweifel, und die Peitſche des Poſtillon allein plauderte mit den Schellen der Pferde. „Sind wir bald an Ort und Stelle 2“ fragte Fried⸗ rike. „Sogleich,“ erwiederte Gretchen. Zehn Minuten nachher hielt der Wagen vor dem Gitter des Schloſſes. Der Portier öffnete. Es herrſchte finſtere Nacht. Es war kein Licht im Schloſſe bemerkbar, feine Stimme, nichts, was andeutete, die Gräſin werde erwartet. Das Gitterthor drehte ſich auf ſeinen Angeln, und der Wagen fuhr in die ovale Allee, die nach der Frei⸗ treppe mündete. In dem Augenblick, wo die Pferde unter die Bäume gelangten, krachte eine furchtbare Musketenſolve; zwan⸗ zig Fackeln kamen hinter den Mauern und Baumgruppen hervor, und ein mächtiger Chor ließ mit einer Stimme, welche ſüßer für das Gemüth, als für das Ohr, die Worte erſchallen: „Es lebe die Frau Gräfin von Eberbach.“ Dann erſchreckte noch eine zweite Salve Friedrike. Die Bedienten waren in der Reihe an den zwei Ge⸗ ländern der Freitreppe aufgeſtellt. Hans öffnete den Wagenſchlag. „Ich danfe Euch, meine Freunde,“ ſprach Friedrife. „Aber ich beſchwöre Euch, keinen Schuß mehr zu thun.“ Sie hatte noch nicht geendigt, als eine dritte Salve, noch donnernder, als die anderen, die Fenſterſcheiben des Schloſſes beben machte. ne te, nd i⸗ ne n⸗ en e, ie ke. e⸗ e. e, es 233 „Die Frau Gräfin wird uns entſchuldigen,“ ſagte Hans;„das ſind die Leute von Landeck, welche ihr an⸗ genehm zu ſein geglaubt haben, indem ſie ein wenig Puiver ihr zu Ehren verbrannten. Doch man wird ſie aufhoͤren heißen.“ „Ich werde Euch ſehr verbunden ſein,“ erwiederte Friedrike. Und ſie ließ Frau Trichter den Poſtillon bezahlen und trat mit Gretchen ins Schloß ein. „Wird die gnädige Frau zu Nacht ſpeiſen?“ fragte der Koch. „Sogleich,“ antwortete Friedrike.„Doch man führe mich zuerſt in das Zimmer, das man für mich einge⸗ richtet hat.“ Eine Kammerfrau, die Frau von Hans, nahm eine Kerze und führte Friedrike in das früher von Chriſtiane bewohnte Zimmer. Gretchen ging mit ihr hinauf. „Laſſen Sie uns allein,“ ſagte die Gräfin zur Die⸗ nerin. Anſteckende Furcht. Als die Frau von Hans weggegangen war, wandte ſich Friedrike an die Ziegenhirtin und ſagte: „Wir ſind allein. Erklärt mir nun, was Ihr mir im Wagen nicht habt ſagen wollen. Warum ſchien Euch die Nachricht von meiner Heirath mit dem Grafen von Eberbach ſo in Erſtaunen und Traurigkeit zu ſetzen? Sprecht.“ 234 „Nicht hier!“ erwiederte Gretchen.„Es ſind in dieſem Zimmer zu gräßliche Dinge vorgefallenz die Er⸗ innerung an dieſelben würde Unglück bringen. Kommen Sie in das Zimmer nebenan.“ Und ſie zog Friedrike in das Zimmer, wo Chriſtiane ſo viel gelitten hatte. „Sprecht!“ ſagte Friedrike.„Doch wie bleich ſeid Ihr!“ „Oh! ich habe ſehr bange,“ erwiederte die Ziegen⸗ hirtin. „Bange, wovor?“ „Sie, Gräfin von Eberbach!“ rief Gretchen, ohne zu antworten.„Oh! das iſt meine Schuld! es iſt die Strafe für das, was ich gethan habe! Ich hätte ſprechen müſſen. Doch nein, ich konnte es nicht, da ich zu ſchwei⸗ gen geſchworen hatte. Oh! heilige Jungfrau! heilige Jungfrau! iſt es möglich, daß Gott eine ſo ſchwere Laſt dem Gewiſſen eines armen Geſchöpfes aufladet!“ „Was meint Ihr denn damit?“ „Friedrike... Friedrike.. Sie haben mir Eines ge⸗ ſagt, worüber ich ganz beſtürzt geweſen bin, aber Sie haben mir auch etwas geſagt, was mich einen Schimmer von Hoffnung hat erſchauen laſſen. Ich flehe Sie an, fühlen Sie ſich nicht beleidigt durch die Frage, die ich an Sie thun werde.“ „Oh! nur Euer Stillſchweigen würde mich beleidigen.“ „Sie haben mir im Wagen geſagt, als Sie den Grafen von Eberbach geheirathet, ſei er krank und bei⸗ nahe ſterbend geweſenz Sie haben mir geſagt, an Ihrem Hochzeittage ſei Herr Lothario angekommen, der Herr Graf habe Sie mit ſeinem Neffen verlobt, Ihnen erklärt, Sie ſeien ſeine Tochter und nicht ſeine Frau, und Sie auf dem Lande wohnen laſſen, während er in Paris ge⸗ blieben. Gnädige Frau, verzeihen Sie mir, daß ich Sie dies frage, doch es handelt ſich um die Ruhe eines Gewiſſens; Sie wiſſen, ob ich Ihnen ergeben bin; die Reiſe, die 235 Sie im Wagen gemacht, habe ich zehnmal zu Fuße ge⸗ macht, nur um Sie ein paar Minuten zu ſehen und Kunde von Ihnen zu erhalten. Nun denn, zum Lohne für meine Ergebenheit und meine Beſchwerden, bitte ich nur um ein Wort. Ziehen Sie meine Seele aus der Hölle. Sprechen Sie, nicht wahr, der Graf von Eber⸗ bach iſt immer nur ein Vater für Sie geweſen?“ Friedrike erröthete. „Oh! beim Grabe Ihrer Mutter beſchwöre ich Sie, laſſen Sie ſich nicht durch ein armſeliges Bedenken zu⸗ rückhalten, ſehen Sie, die Ereigniſſe ſind zu ſchrecklich für dieſe leeren Empfindlichkeiten über Worte. Nicht wahr, der Graf von Eberbach hat Sie immer nur wie ſeine Tochter behandelt? Antworten Sie mir wie beim jüngſten Gerichte.“ „Ich habe Euch ſchon geſagt,“ antwortete Friedrike mit einer Verlegenheit, welche gleichſam ihre Worte be⸗ ſtätigte,„der Herr Graf von Eberbach war ſterbend, als ihm der Gedanke kam, mich zu heirathen. Ich habe gewußt, daß er in ſeiner väterlichen Güte nur die Abſicht hegte, mir ſeinen Namen zu geben, um berechtigt zu ſein, mir einen Theil ſeines Vermögens zu vermachen. So hat er ſich angetragen und ſo iſt er angenommen worden. Mehr noch, er hat die Liebe ſeines Neffen erfahren, und das iſt für ihn ein neuer Grund geweſen, den mit Herrn Samuel Gelb und ſeinem Gewiſſen abgeſchloſſenen Ver⸗ trag zu reſpectiren. Er hat ihn nie verletzt, und ich be⸗ fürchte nicht, daß er ihn je verletzen wird. Der Graf von Eber⸗ bach iſt ein Mann von zu reiner und zu edler Seele, als vaß ich die geringſte Bangigkeit in dieſer Hinſicht haben ſollte. Ich bin nie etwas Anderes für ihn geweſen und werde nie etwas Anderes für ihn ſein, als die Braut ſeines Neffen.“ „Oh! wie danke ich!“ rief Gretchen.„Sie nehmen mir eine Laſt von der Bruſt. Ich fange an zu athmen.“ Und ſie warf ſich auf die Kniee und ſprach; 236 „Mein Gott, ſei geprieſen! Du haſt eine arme Frau verſchont, welche dieſem letzten Schlage unterlegen wäre.“ Sie ſtand wieder auf, küßte Friedrike die Hände und agte: „Die Barmherzigkeit Gottes hat uns in der Ver⸗ gangenheit bewahrt; doch man muß an die Zukunft denken.“ „Die Zukunft wird ſein wie die Vergangenheit,“ ſprach Friedrike.„Ich werde die Tochter des Grafen von Eberbach ſein bis zu dem Augenblick, wo ich die Frau von Lothario bin. Und was ich auch im Grunde meines Herzens hege, ich wünſche, vaß dieſer Augenblick ſo ſpät als möglich kommen möge. Ich wünſche, vaß der Graf lebe, daß er geneſe 4 „Nein,“ rief Gretchen erſchrocken,„er ſoll nicht ge⸗ neſen! Sie haben ihn geheirathet, weil er krank und ſterbend war; ſeine Geſundheit darf nicht wiederkehren. Meine ganze Sicherheit würde entweichen. Um Sie zu beſtimmen, hat er geſagt, er ſterbe; nun wohl, er hat ſich verurtheilt!“ Gretchen ſagte dies mit einer verwirrten, bizarren Miene. „Halten Sie mich nicht für wahnſinnig,“ ſprach ſie zu Friedrike, die ſie mit Erſtaunen anſchaute,„was im Grunde von allen dieſen Dingen liegt, kann ich Ihnen nicht ſagen. Aber Sie, die Sie keinen Eid geſchworen, und die Sie kein entſctzliches Geheimniß haben, nichts hält Sie ab, Alles zu ſagen. Fangen Sie nicht wieder an, was Sie gethan haben. Ihr Stillſchweigen hätte beinahe das Verderben von drei Seelen herbeigeführt, wiſſen Sie? Aber warum kommen Sie hierher, und warum kommen Sie ganz allein?“ Friedrike erzählte Gretchen den Verdruß, den ihr, ſeit dem Frühling, die Seltſamkeit ihrer Stellung zwiſchen Julius und Lothario bereitet, die Ciferſucht des Grafen von Eberbach, ihre Traurigkeit, als ſie geſehen, daß ſie es mit all ihrem guten Willen nur dahin bringe, Lotharlo —— — 237 und Julius Einen durch den Andern leiden zu machen, und den Rath, den ihr Samuel gegeben, Julius wenigſtens dadurch zu tröſten, daß ſie zweihundert Meilen zwiſchen ſich und die Stadt lege, welche Lothario bewohne. Wäre Lothario in Paris und ſie in Eberbach, ſo würde Julius nicht mehr bange haben, daß ſie ſich ein⸗ ander treffen. Sie ſei gekommen der Ruhe des Grafen von Eber⸗ bach zu Liebe, welcher ohne Zweifel glücklich und dankbar herbeieilen werde. „Sie glauben, er werde Ihnen hierher nachfolgen?“ fragte Gretchen. „Ich erwarte es und hoffe es,“ antwortete Friedrike. „Es iſt gut,“ ſprach die Ziegenhirtin.„Ich werde ihn ſehen und mit ihm ſprechen. Aber, o mein Gott! mein Gott! was werde ich ihm ſagen können?“ „Nun, da ich Eure Fragen beantwortet habe,“ ſagte Friedrike,„iſt es an Euch, auf die meinigen zu antworten.“ Gretchen ſchüttelte den Kopf. „Ich glaube an Eure Zuneigung,“ fuhr Friedrike fort.„Ihr habt bewieſen, daß Ihr Antheil an mir nehmt, und ich will Euch beweiſen, daß ich Vertrauen zu Euch habe. Ich weiß aber nicht, wer Ihr ſeid, und Ihr wolltet mir nicht einmal Euren wahren Namen für die Adreſſe der Briefe angeben, die ich Euch nach Heivelberg, poste restante, ſchicken ſollte., „Mein Name würde Sie nicht viel lehren,“ ſagte die Ziegenhirtin.„Wenn Sie ihn wiſſen wollen; ich heiße Greichen. Ich bin Ziegenhirtin. Dadurch erfahren Sie nicht viel.“ „Wer ſeid Ihr?“ ſagte Friedrike dringlicher.„Ihr fragt mich immer und Ihr wollt mir nie antworten. Ihr bekümmert Euch um mich, als ob ich Eure Tochter wäre. Ihr macht alle Jahre lange Fußreiſen, um mich ein paar Minuten zu ſehen, und die Dinge, die mir be⸗ gegnen, erſchüttern Euch mehr als mich. Ihr habt einen 238 Grund, um ſo zu ſein. Und wenn mich der Zufall weit von der Stadt wegführt, wo ich aufgezogen worden bin, wenn ich in eine Gegend komme, wo ich auf kein be⸗ kanntes Geſicht hoffe, ſeid Ihr die erſte Perſon, die ich treffe! Dies Alles iſt außerordentlich. Es beſteht gewiß unter unſern beiden Erxiſtenzen ein Band, von dem ich nichts weiß. Ohl ich bitte Euch, ſagt mir nur ein Wort: Kennt Ihr meine Mutter?“ „Fragen Sie mich das nicht,“ erwiederte Gretchen. „Hierüber iſt mein Mund verſiegelt. Ich bin eine arme Frau, die Sie liebt und bei Gott und den Todten ge⸗ ſchworen hat, über Ihnen zu wachen. Seien Sie unbe⸗ ſorgt, ich werde dieſen Schwur nicht brechen; ich werde aber auch den andern nicht brechen. Ich habe geſchworen, nichts zu ſagen. Niemand weiß etwas, weder Sie, noch ſelbſt der Herr Graf von Eberbach. Die Todten würden den Stein von ihrem Grabe aufheben und ihre eiskalte Hand auf meine Lippen legen, um ſie zu verhindern, ſich zu öffnen. Und dennoch, wie ſoll ich Sie retten, ohne dem Grafen die Wahrheit zu ſagen? Wie wird er, wenn ich ihm die Vergangenheit nicht erleuchte, den Abgrund ſehen? Leite mich, mein Gott! denn ich befürchte, wahn⸗ finnig zu werden, und das iſt weniger als je der Augen⸗ blick hiezu. Ich habe an meiner ganzen Vernunft nicht zu viel, um dieſes theure, ſüße Kind der Gefahr zu entreißen, in welche es meine Unvorſichtigkeiten geſtürzt haben.“ Plötzlich gab die junge Gräfin einen Ausruf von ſich, der Gretchen ihren düſtern Träumereien entzog. „Was haben Sie denn?“ fragte die Ziegenhirtin. Friedrike deutete auf den Spiegel, der vor ihr war. „Etwas Seltſames,“ ſagte ſie.„So eben, als ich zufällig in dieſen Spiegel ſchaute, ſchien es mir, als ſähe ich mein Geſicht zweimal.“ Und ſie vrehte ſich nach der Wand dem Spiegel ge⸗ genüber um. „Ah! es iſt dieſes Portrait,“ ſprach ſie, das Por⸗ — n—— — weit bin, be⸗ ich teht von nur en me ge⸗ be⸗ rde en, den Ute ſich hne enn ind hn⸗ en⸗ en, ich, ar⸗ ich ihe 239 trait der Schweſter von Chriſtiane bezeichnend„Ich hatte mich doch nicht ganz getäuſcht. meine Augen offneten ſich nicht ohne Grund. Seht, Gretchen, wie dieſes Portrait mir gleicht.“ „Oh! es iſt wahr,“ rief Gretchen.„Ich hatte es noch nicht bemerkt, doch es iſt richtig, ohne die Ver⸗ ſchiedenheit der Kleidung würde man ſagen, Sie ſeien es.“ Sie hielt plötzlich inne. Friedrike heftete einen fra⸗ genden Blick auf fie. „Alles, was mir begegnet, iſt ſeltſam,“ ſagte Fried⸗ rike.„Was bedeutet das? Warum gleicht mir das Por⸗ trait in dieſem Grade? Wißt Ihr, was für ein Portrait das iſt?“ „Ja,“ ſtammelte Gretchen.„Es iſt das Portrait der Schweſter der erſten Frau Gräfin von Eberbach.“ „Die Schweſter von Frau Chriſtiane?“ fragte Fried⸗ rike erbleichend. „Ja,“ antwortete die Ziegenhirtin.„Doch Sie er⸗ bleichen?“ „Ich habe Furcht.. Herr Lothario iſt der Neffe von Frau Chriſtiane. Die Schweſter von Frau Chriſtiane war die Mutter von Herrn Lothario. Und nun gleiche ich dieſer Mutter! Gretchen! war die Mutter von Herrn Lothario auch meine Mutter?“ „Oh! beruhigen Sie ſich, liebe Frau, Sie ſind nicht die Schweſter von Herrn Lothariv.“ Friedrike athmete. „Ihr ſeit deſſen ſicher?“ fragte ſie. „Diejenige, deren Portrait Sie ſehen, iſt viele Jahre vor Ihrer Geburt geſtorben,“ erwiederte Gretchen.„Ich war bei ihrem Tode anweſend.“ „Dank,“ rief Friedrike.„Ich ſehe nun wohl, daß Ihr wahrhaft meine Freundin ſeid. Oh! ich danke Euch.“ „Nun denn! wenn Sie fühlen, daß ich Sie wahrhaft liebe, thun Sie, was ich Ihnen ſage, und laſſen Sie ſich durch mich führen, die ich allein, horen Sie wohl, allein 240 auf der Welt die Gefahren, die Sie laufen, kenne und Sie davor beſchützen kann. Und fragen Sie mich beſon⸗ ders nie; ſuchen Sie nie zu erfahren, was hinter Ihnen, in Ihrer Vergangenheit, in Ihrer Wiege liegt. Aus Ach⸗ tung vor Allem, was Sie lieben und verehren müſſen, erforſchen Sie nicht Geheimniſſe, die Sie nicht kennen dürfen. Bis jetzt hat Sie die Vorſehung wunderbar be⸗ ſchirmt und geführt. Laſſen Sie ſie walten und Sie im⸗ mer leiten.“ „Ich verlange nichts Anderes, Gretchen. Aber es hängt nicht von mir ab, nicht durch Alles, was Ihr mir ſagt, beunruhigt zu ſein. Ihr ſagt mir, eine Gefahr be⸗ drohe mich, und Ihr wollt mir dieſe Gefahr nicht ent⸗ hüllen. Wenn ich Sie nicht keune, wer wird mich da⸗ vor bewahren?“ „Ich. Verſprechen Sie mir diesmal, mir nichts zu verbergen und mich zu rechter Zeit von Allem, was Ihnen begegnen mag, zu unterrichten?“ „Ich verſpreche es Euch.“ „Brechen Sie dieſe Zuſage nicht, im Namen Ihres Glückes und der Seele Ihrer Mutter. Sobald der Herr Graf von Eberbach im Schloſſe ſein wird, oder auch ſo⸗ bald Sie von Paris nur die unbedeutendſte Kunde erhal⸗ ten, laſſen Sie mir Nachricht zukommen.“ „Wohin?“ „Ihre Dienſtboten kennen mich. Sie befehlen ihnen, mich zu holen, ſie werden nicht verlegen ſein, wo ſie mich finden ſollen, und ich eile herbei. Das iſt alſo abgemacht.“ „Abgemacht,“ wiederholte Frievrike. In dieſem Augenblick klopfte man an die Thüre des kleinen Salon. „Das Abendbrod iſt aufgetragen,“ ſagte die Stimme von Frau Trichter. „Werdet Ihr mit uns ſpeiſen, mein gutes Gretchen?“ fragte Frievrike. „Nein, ich danke,“ erwiederte die Ziegenhirtin.„Das und ſon⸗ ſen, nen be⸗ im⸗ es mir be⸗ ent⸗ da⸗ zu was hres derr ſo⸗ hal⸗ nen, 244 entſpricht nicht meinen Gewohnheiten. Ich habe in Neckar⸗ ſteinach gegeſſen, und dann muß ich für meine Ziegen ſorgen. Ich habe ſie einer andern Hirtin anvertraut: aber wie froh werden ſie ſein, wenn ſie mich wiederfin⸗ den! ich will ihre Freude nicht verzögern.“ Sie ging mit Friedrike hinab, ließ dieſe ihr Verſpre⸗ chen, ſie über Alles auf dem Laufenden zu erhalten, wie⸗ derholen, und eilte fort, nachdem ſie der Gräfin die Hände geküßt hatte. Als Feiedrike nach dem Abendbrod in ihr Zimmer zurückkehrte, befragte ſie ſich ſelbſt voll Träumerei und Traurigkeit. Sie empfand einen ſeltſamen Eindruck in dieſer un⸗ bekannten Gegend, in die ſie ſich plötzlich verpflanzt ſah, in dieſem Schloſſe voll wehmüthiger Erinnerungen, wo ſie das Andenken einer Andern verdrängte, und wo ihre Un⸗ kenntniß der Oertlichkeit ſich mit dem Geheimniß ihres Schickſals verwickelte. Was für ein plötzlicher Schrecken war es, der die Ziegenhirtin ergriffen hatte, als ſie erfahren, Friedrike habe den Grafen von Eberbach geheirathet? Warum hatte ſich Gretchen nicht ein wenig beruhigt, ſobald ſie ver⸗ nommen, der Graf von Eberbach ſei für Friedrike ein Vater geblieben?“ Eine unausſprechliche Bangigkeit preßte das Herz von Friedrike zuſammen. Ganz allein in dieſem großen, von erſchrecklichen Er⸗ innerungen bevölkerten Schloſſe, fühlte ſie unbeſtimmt um ſich her unglückliche Begebenheiten, Verbrechen viel⸗ leicht ſich bewegen. Lothario hatte ihr den Selbſtmord von Chriſtiane erzählt; was er ihr geſagt, kam ihr wie⸗ der in den Kopf und erſchreckte ſie, doch weniger vielleicht als das, was ihr Gretchen nicht hatte ſagen wollen. In all dieſem Geräthe, das ſie am Tage vorher noch nicht kannte, in dieſem Bett, das nicht das ihrige Gott lenkt. M. 16 war, in dieſen Tapeten und in dieſen Gemälden, die ſie wie eine Fremde empfingen, fand ſie nur elnen Freund: das Portrait der Mutter von Lothariv. Nun, da ſie nicht mehr davor Angſt hatte, liebte ſie es; nun, da ſie nicht mehr befürchtete, es ſei ihre Mutter, freute ſie ſich, daß es die Mutter von Lothario war. Sie kniete davor nieder und machte ihm Zeichen der Zuneigung und Zärtlichkeit, im Glauben, es ſei die Mutter, der ſie dieſe Zeichen machte. Dieſe Aehnlichkeit war eine Beziehung, ein Zuſam⸗ menhang mehr zwiſchen ihr und Lothario. Sie ſah darin eine Art von Vorherbeſtimmung, von Verwandtſchaft. Sie war ſchon von ſeiner Familie. Sie war zufrieden, ein wenig davon zu ſein, nun, da ſie nicht mehr bange hatte, zu viel davon zu ſein. Sie lächelte dieſem Portrait fortwährend zu, bis die Müdigkeit von der Reiſe ihr die Augen ſchloß und die ſtürmiſchen Gedanken elnſchläferte, welche in ihrem Geiſte die Verſchweigungen der Ziegenhirtin erregt hatten. Vie Erſcheinung. Gretchen ſchlief nicht. Als ſie Friedrike verließ, lief ſie zu der Hirtin, der ſie ihre Ziegen anvertraut hatte; die Hirtin hatte ſie ſo eben nach Hauſe getrieben, und ſie waren ſchon im Stalle eingeſchloſſen. „Es iſt gut,“ ſagte Gretchen,„ich werde ſie morgen früh holen.“ 1 — zur fenk Fre ſag neh war luſt dan Res — 243 Doch in dem Augenblick, wo ſie nach ihrer Hütte zurückkehren wollte, fing eine von den Ziegen, welche of⸗ fenbar die Stimme ihrer Herrin erkannt hatte, an vor Freude zu blöken und weckte die andern auf. „Ihr wollt nicht, daß ich ohne euch weggehe?“ ſagte Gretchen.„Gut, es ſei; ich werde euch mit⸗ nehmen.“ Sie oͤffnete die Thüre des Stalls, wo ſie eingepfercht waren. Die Ziegen kamen haſtig heraus und machten luſtige Sprünge um Gretchen. „Guten Abend,“ ſagte Gretchen zu der Hirtin.„Ich danke Euch für die gute Abſicht, und wir werden unſere Rechnung ins Reine bringen.“ Ihren Ziegen rief ſie zu:„Kommt!“ und dann ſchlug ſie den Weg nach ihrer Hütte ein. Als ſie an Ort und Stelle kam, ließ ſie ihre Zie⸗ gen ihr gewöhnliches Lager im Felſen nehmen. Sie trat nicht in ihre Hütte ein. Sie ging mit großen Schritten durch die Felſen und ſuchte ihre Stirne in der kalten Nachtluft zu er⸗ friſchen. „Was werde ich thun?“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt. „Friedrike wird mich benachrichtigen, wenn der Graf von Eberbach im Schloſſe ankommt. Ueberlegen wir Wozu wird es mich nützen, in Kenntniß geſetzt zu ſein? Kann ich ſprechen? Habe ich nicht der ſterbenden Chri⸗ ſtiane das Geheimniß geſchworen? Und kann ich einen Eid brechen, den ich einer Todten geleiſtet, und vollends dieſer? „Man ſollte nie Jemand einen Eid ſchworen, da man nie weiß, was geſchehen kann. „Ich habe derjenigen, welche in der Schlucht ſchläft, geſchworen, nie einem Menſchen, und beſonders Julius nicht, ihr Geheimniß zu offenbaren. Um dieſes Geheim⸗ niß vor aller Welt, und hauptſächlich vor Julius, zu ver⸗ bergen, hat ſich Chriſtiane ums Leben gebracht. Sie 244 hat das Geheimniß theuer genug bezahlt, daß es ihr ge⸗ hoͤrt. Sie hat genug leiden müſſen, als ſie den Gatten verließ, den ſie liebte, als ſie ſo jung auf das Leben ver⸗ zichtete, als ſie ſich in den Abgrund ſtürzte, wo ihr theu⸗ rer, armer, ſo ſchoner Leib von den Felſen in Stücke zer⸗ riſſen worden iſt. Und all dieſes Elend wäre vergeblich geweſen! Und ſie ſollte Alles umſonſt geopfert, umſonſt gelitten, unſonſt ausgeſtanden haben! Sie ſollte ſich ge⸗ tödtet haben, um ihre Ehre leben zu laſſen, und ſie hätte ihr Ehre auch getöbtet! „Nein, das wird nicht ſein! Ich wenigſtens werde nicht ſo die Hoffnung ihres Selbſtmords Lügen ſtrafen und ſie in dem Rufe, den ſie hinterlaſſen hat, wieder tödten. „Wie kann ich aber das Unglück, das ſich in Bereit⸗ ſchaft ſetzt, in Erfüllung gehen loſſen! Ja, der Herr Graf hat bis jetzt die Braut ſeines Neffen geachtet. Aber er war ſterbend, er war erkaltet durch das Grab, in das er ſchon eintrat; ſein Blut war eiſig in ſeinen Adernz er hatte nichts mehr von den Leidenſchaften eines Men⸗ ſchen. Und dennoch hat er Anfälle von Eiferſucht gehabt, als Friedrike zu vertraulich mit Lothario war. Dies iſt ſogar ſo weit gegangen, daß ſie ſich, für die Ruhe des Grafen und für die ihrige, genöthigt geſehen hat, ſich von Lothario zu trennen und ſich hier zu begraben. „Der Herr Graf wird ihr nachfolgen. „Wer weiß, ob er hier nicht wiever ſeine Geſund⸗ heit und ſeine Kräfte erlangt? „Nein, gewiß, er darf nicht geneſen. Nein, Gott wird ihm ſeine Geſundhelt nicht wiedergeben. Mit der Geſundheit käme die Liebe wieder. Friedrike iſt ſo ſchoͤn, ſo rein, ſo anbetungswürdig. Ein keuſches, frvmmes Kind, das ſich geſchützt glaubt, weil es die Braut von Lothario iſt! Die Männer, die eine Frau haben wollen, kennen keine Bedenken; ich weiß das! Tugend, Verbrechen, Red⸗ lichkeit, Schändlichkeit, nichts exiſtirt dann mehr. ge⸗ tten ver⸗ e⸗ zer⸗ lich onſt ge⸗ ätte erde fen der eit⸗ err ber das rnz en⸗ bt, iſt des ſich tt der ön, nd, rio nen ed⸗ 24⁵ „Oh! ich muß eine andere Bürgſchaft haben, als das Wort eines Mannes, der liebt. Ich halte den Gra⸗ fen von Eberbach für ehrlich, wenn es ſich darum han⸗ delte, eine Börſe nicht zu flehlen; aber ich halte ihn, wie alle Männer, für fähig zu jedem Verrath und zu allen Niederträchtigkeiten, wenn es ſich darum handelt, eine Frau zu nehmen. Ueberdies iſt es ſeine Frau, er hat ſie geheirathet, und Jedermann würde ihm Recht geben. „Alſo habe ich nur ein Mittel: dieſes iſt, Alles zu ſagen. Mit einem Worte kann ich den Grafen von Eber⸗ bach zurückhalten. Ich kann ihn, bleich und erſchrocken, von dem, was er vollbringen wollte, zurückweichen ma⸗ chen. Ich brauche nur ein Wort zu dieſem Ende zu ſagen. „Und dieſes Wort, das Alles retten würde, habe ich nicht zu ſagen geſchworen! „Doch wir wollen ſehen. Für wen ſchweige ich? Für Chriſtiane. Habe ich die Sicherheit, daß ich ihren Wunſch verwirkliche? Wenn ſie zurückkommen könnte, wenn ſie da wäre, wenn ſie die entſetzliche Lage ſähe, in die uns unſer Unglück gebracht hat, würde ſie beharrlich das Geheimniß fordern? Würde ſie es nicht im Gegen⸗ theil brechen wollen? Würde ſie eine Minute länger Friedrike dem gräßlichen Unglück, das ſie bedroht, aus⸗ geſetzt laſſen? „Nein, gewiß nicht. Dann keine Rückſicht mehr auf Ruf und Ehre! Cyriſtiane wäre zu glücklich, ſich ins Verderben zu ſtürzen, um Friedrike zu retten; ſie würde Alles ſagen, ſie würde der ungerechten Verachtung der Welt und, mehr noch, dem Schmerze ihres Gatten Trotz bieten. Sie würde den Flecken ihrer Ehre zeigen, um dem Gewiſſen von Friedrike einen zu erſparen. Sie würde freudig mit ihrer Schande die Reinheit von Fried⸗ rike bezahlen. „Aber was Chriſtiane gewiß thun würde, habe ich 246 das Recht, es zu thun? Hat ſie mich meines feierlichen Verſprechens entbunden? O mein Eidl mein Eid! „Friedrike der Leidenſchaft des Grafen preisgegeben laſſen, unmöglich; das Wort ſagen, das ſie befreien würde, auch unmöglich. „Was beſchließen? „Zwiſchen der Ehre von Chriſtiane und der Unſchuld von Frievrike, zwiſchen dem Verbrechen von Friedrike und meinem Meineid, wie wählen?“ Gretchen irrte die ganze Nacht in dieſer gräulichen Verlegenheit und Unentſchloſſenheit umher. Die Morgen⸗ dämmerung überraſchte ſie, auf der Erde ſitzend, die Stirne auf ihrem Schvoße und die Haare aufgelöſt. Sie öffnete ihren Ziegen und führte ſie an den Abhang. Sie blieb hier den ganzen Tag, wählte vorzugs⸗ weiſe die Stellen, wo ſie nach dem Schloſſe Eberbach ſchauen konnte, und ſpähte, ob Niemand ankam, und ob Friedrike nicht einen Dienſtboten ſchickte, um ſie aufſuchen zu laſſen. ſich diesmal nieder. Ihr Körper konnte allmälig ihre Seele nicht mehr tragen und wollte Ruhe. Am andern Tag ging ſie nicht ins Schloß. Sie wartete, bis Friedrike ſie rufen ließe. Was hätte ſie, bis der Graf angekommen war oder Friedrike Nachricht erhalten hatte, im Schloſſe thun oder ſagen ſollen? Friedrike würde es nicht unterlaſſen, ſie mit Fragen zu bedrängen, und es ſchien ihr unnütz, vaß ſie Verhoͤre aufſuchte, bei welchen ſie nichts zu antworten entſchloſſen war. Sie wartete. Friedrike wartete ihrerſeits auch. Am Tage nach ihrer Ankunft hoffte ſie, bei ihrem Erwachen Samuel oder Julius, oder wenigſtens einen Brief zu finden. Sie fand weder Jemand, noch Etwas. Am Abend kehrte ſie in ihre Hütte zurück und legte. ichen eben reien huld und chen gen⸗ die den g6⸗ bach ob chen egte ihre oder oder ſie ſie rten ach mel 247 Am zweiten und dritten Tag war es daſſelbe. Drei Tage vergingen, ohne daß ſie eine Nachricht erhielt. Sie fragte ſich, was dies bedeute. Warum bekam ſie nicht wenigſtens eine Zeile von Herrn Samuel Gelb? Und welcher Grund konnte das Stillſchweigen des Grafen von Eberbach erklären? Herr Samuel Gelb mußte ihm nothwendig geſagt haben, warum ſie abgereiſt und wo fie war. Warum gab ihr dann ihr Gatte nicht ein Lebens⸗ zeichen? Daß der Graf nicht in aller Eile herbeigekommen war, um ihr zu danken und ſie zu beruhigen, daran konn⸗ ten ihn ſeine Angelegenheiten einige Tage verhindert ha⸗ ben, aber es gibt keine Angelegenheiten, die einen Mann verhindern, ein Wort einer armen jungen Frau zu ſchrei⸗ ben, die ſich ſeinem Glücke geopfert hat und in den Aeng⸗ ſten der Ungewißheit die Wirkung ihrer Ergebenheit und Aufopferung erwartet. War denn, ſtatt durch die Abreiſe von Friedrike glück⸗ lich und dafür dankbar zu ſein, wie es Herr Samuel Gelb der jungen Frau verſprochen hatte, der Graf darüber är⸗ gerlich und aufgebracht? Grollte er Frievrike, daß ſie ohne ſein Wiſſen gehandelt und ihm ein Geheimniß aus einem ſo entſcheidenden Schritte gemacht, daß ſie ihm gleichſam Zwang angethan und ihn ungeſtüm den Ge⸗ ſchäften entriſſen hatte, die ihn, wie er immer geſagt, nö⸗ thigten, in Frankreich zu bleiben? War er unzufrieden über ſie, vaß ſie ihn ſo, ohne ihn nur um Rath zu fragen, zwiſchen ſeine Intereſſen und ſeine Frau geſtellt hatte? „Oh! das iſt ſchlimm!“ ſagte Friedrike zu ſich ſelbſt. „Es iſt mir Alles lieber, als dieſe Ungewißheit. Erhalte ich auch morgen keine Nachricht, ſo reiſe ich nach Paris ab. Ich habe Unrecht gehabt, auf Herrn Samuel Gelb zu hören, der, ſobald er mit dem Grafen geſprochen, kom⸗ —— —— 248 men oder wenigſtens ſchreiben ſollte. Ich werde ſelbſt mit dem Grafen ſprechen. Man erklärt ſich beſſer in der Nähe als von fern, und ich habe ſchon genug gelitten durch ein Mißverſtändniß, um nicht zu wollen, daß die Mißverſtänd⸗ niſſe wiederanfangen.“ Am andern Morgen klingelte ſie. Frau Trichter er⸗ ſchien. „Iſt nichts da?“ fragte ſie. „MNoch nichts.“ „Gut. Sorgen Sie, daß man mir Pferde beſtellt. Ich kehre nach Paris zurück.“ „Nach Paris?“ rief Frau Trichter. „Ja, nach Paris. Nicht ein Wort. Das iſt eine beſchloſſene Sache.“ Frau Trichter ging ab. Doch ſie kam beinahe in demſelben Augenblick zurück. „Frau Gräfin, ein Brief!“ rief ſie eintretend. „Ah! das iſt ein Glück. Geben Sie geſchwinde.“ Es war ein Brief vom Grafen von Eberbach. Friedrike las; „Meine liebe Tochter, „Ich fange damit an, daß ich Dir Friedrike unterbrach ſich, es war das erſte Mal, daß der Graf ſie dutzte. Dieſe Veränderung in der Manier machte einen ſeltſamen Eindruck auf ſie. Sie fuhr fort: „Ich fange damit an, daß ich Dir für die gute Ab⸗ ſicht Deiner Reiſe danke. Du biſt rein und ergeben wie ein Engel. Wenn Du wüßteſt, meine Tochter, wie ſehr ich die Widerwärtigkeiten bereue, die ich Dir bereiten mochte. Ich habe Dir nie geſagt, und ich habe es vor dieſem Augenblick ſelbſt nie gewußt, mit welchem Vater⸗ herzen ich Dich anbetete. Ich möchte Dich wohl wieper⸗ ſehen, um es Dir beſſer, als ich es bis jetzt gethan, aus⸗ . mit ähe ein nd⸗ er⸗ lit. 249 zudrücken. Gott wird mir geſtatten⸗ nicht zu ſterben, ehe ich Dich wievergeſehen. „Ich muß jedoch in Paris bleiben, mein geliebtes Kind, um genau über Dingen zu wachen, die Dich in⸗ tereſſiren. Sei nicht unruhig über mich. Es geht nicht ſchlecht bei mir. Ich wiederhole Dir, ich bleibe nur, um an einer Sache zu arbeiten, die Dein Glück beſchleunigen kann. Verzeih' mir aber, wenn ich wünſche, es möchte nicht mehr ſo viel Entfernung zwiſchen uns ſein. Da ich Dir nicht nachfolgen kann, ſo bitte ich Dich, zu mir zu kommen. „Glaube deshalb nicht, Deine Reiſe ſei unnütz ge⸗ weſen. Nein, ſie wird im Gegentheil Reſultate hervor⸗ gebracht haben, welche Keiner von uns erwarten könnte. „Damit Du nicht zum zweiten Male den Verdruß haſt, dieſe lange Reiſe allein zu machen, ſchicke ich Dir, um Dich zurückzuführen, eine Perſon, welche an demſel⸗ ben Tag wie dieſer Brief ankommen wird. „Friedrike, ich empfehle Dir, dieſe Perſon aufzuneh⸗ men, wie Du mich ſelbſt aufnehmen würdeſt. Obgleich ſie Dir unbekannt iſt, liebt ſie Dich tiefer, als Du glau⸗ ben kannſt. Liebe ſie ſehr. „Und komm raſch mit ihr, denn die Minuten wer⸗ den mir Jahrhunderte ſcheinen bis zu Eurer Rückkehr. „Deln ergebener Vater „Julius von Eberbach.“ Friedrike war betroffen von dem zugleich liebevollen und ernſten Tone, der in dieſem ganzen Briefe herrſchte. Der Graf verbarg ihr offenbar etwas. Es war irgend ein Vorfall dazwiſchen gekommen, der die Verhältniſſe unter ihnen geändert hatte. Die Zärtlichkeit des Gra⸗ fen ſchien eine tiefe Umwandlung erlitten zu haben. Was hatte ihn zugleich ernſter und zärtlicher machen können? 250 Und wer war die unbekannte Perſon, welche Fried⸗ rike abholen ſollte? An wen ſich hei dieſem neuen Umſchlag ihres Ge⸗ ſchickes wenden? Friedrike vachte an Gretchen. Sie hatte der Ziegenhirtin verſprochen, ſie in Kennt⸗ niß zu ſetzen, ſobald ſie Nachricht von Paris bekäme. Sie ſchickte nach ihr. Gretchen lief herbei. Die Ziegenhirtin hörte der Leſung des Brlefes von Julius zu, ohne ein Wort zu ſagen. Als der Brief beendigt war, blieb ſie träumeriſch und in Betrachtungen verſunken. „Ich muß nachdenken, ehe ich Ihnen einen Rath gebe,“ ſagte ſie.„Die Perſon, die Sie zurückführen ſoll, 5 wird ohne Zweifel im Verlaufe des Tages ankommen. Ich bitte Sie nur, erſt morgen früh abzureiſen. Ich will den ganzen Tog anwenden, um an das zu denken, was wir thun müſſen. Heule Abend.“ Und ſie entfernte ſich wieder. Tauſend widerſprechende Gedanken ſummten im Kopfe von Gretchen. Der Graf war ernſt und väterlich; und andererſeits hatte ſie Friedrike auf das ungewohnte Dutzen aufmerkſam gemacht. Warum dieſes Schweigen von Samuel? Ihr alter Argwohn in Bezlehung auf Samuel Gelb kehrte raſch bei ihr zurück. Er hatte die Abreiſe von Friedrike ohne Wiſſen von Julius machinirt; wer weiß, ob vahinter nicht eine Snleit ein Verrath von dieſer ſchlimmen Seele war Er liebte Friedrike; er hatte ſie heirathen wollen. Er hatte ſich ſehr leicht und ſehr gefällig vor Jullus und dann vor Lothario zurückgezogen! Um zu glauben, er habe ſich ohne einen Hintergedanken zurückgezogen, er habe fich aufrichtig geopfert, kannte ihn Greichen zu genau. Er mußte ſich offenbar den Anſchein des Opfers gegeben 6 . 7 — opfe und tzen lter hne icht eele len. und er abe au. ben 251 haben und dahinter wieder zu gewinnen ſuchen, was er abzutreten geſchienen hatte. Ein gräßlicher Gedanke durchzuckte das Gehirn von Gretchen. Der Brief des Grafen nannte nicht einmal den Na⸗ men von Lothario. Dieſe Uebergehung von Lothario einer⸗ ſeits, andererſeits vie ungewohnte Vertraulichkeit, und end⸗ lich der beinahe traurige Ernſt des Briefes, deutete Alles dies nicht an, daß, auf die eine over auf die andere Art, der Graf von Eberbach Friedrike nun als ſeine Frau be⸗ handeln zu können glaubte? Sollte dieſer elende Samuel die geheimnißvolle Flucht von Friedrike ſo angeordnet haben, daß Friedrike den An⸗ ſchein gehabt, als werde ſie von Lothario entführt? Der Gedanke eines Duells zwiſchen dem Oheim und dem Neffen kam Gretchen nicht; aber der Graf von Eber⸗ bach konnte Lothario ſo mißhandelt haben, daß Lothario gethan, was einſt Chriſtiane gethan; vaß er ſich ums Le⸗ ben gebracht. Dann erklärte ſich Alles: die Traurigkeit des Briefes, die Uebergehung des Namens von Lothario, das Dutzen und die Perſon, welche Friedrike zurückbringen und ſie ohne Zweifel unter Weges auf die gräßliche Kunde, die ihrer in Paris harrte, vorbereiten ſollte. Was war zu thun? Vom Fileber durchglüht und wie toll, brachte Gret⸗ chen den ganzen Tag damit hin, daß ſie alle Arten von wahnſinnigen Plänen in ihrem Innern umherwälzte. Als es Abend wurde, faßte ſie einen großen Ent⸗ ſchluß. Sie ſtand haſtig auf, und ohne eine Secunde anzu⸗ halten, denn ſie befürchtete, ihr Muth könnte ſie verlaſſen, ging ſie gerade dahin, wohin ſie ſeit achtzehn Jahren nicht mehr zurückgekehrt war, nach dem Höllenloch. Die Nacht war finſter. 25⁵2 Große, düſtere Wolken zermalmten ſich, vom Winde getrieben, ſchwerfällig auf dem trüben Mond. Die Geſpenſter der Bäume erhoben ſich in traurigen Stellungen. Je näher Gretchen dem erſchrecklichen Abgrunde kam, deſto mehr preßte ſich ihr Herz wie zwiſchen Zangen ge⸗ halten zuſammen. Sie erreichte ihr Ziel. Ihre Tritte machten ein Hundert Raben entfliegen, welche am Rande des Abgrundes niſteten und nun kräch⸗ zend fortwirbelten. Doch die Ziegenhirtin bekümmerte ſich nicht viel um alle dieſe erſchreckenden Aeußerlichkeiten. Es war die Nacht ihres Herzens, was ſie erſchreckte. Sie kniete nieder und rief mit lauter Stimme: „Meine Chriſtiane! meine angebetete Gebieterin! Theure Todte immer in mir lebend, ich komme nach acht⸗ zehn Jahren zu dieſem Abgrunde, der Dein Grab iſt, zu⸗ rück, um Dich zu fragen, was ich thun ſoll, und um den Gedanken, den Du mir ſchicken wirſt, zu befolgen. Chri⸗ ſtiane, wenn etwas von der Todten dieſe überiebt, wenn Deine Seele noch die Traurigkeit von denjenigen, welche Du auf Erden zurückgelaſſen haſt, fühlt, wenn Gott, den ich am Tage Deines Todes auf dieſer Stelle anrief, im⸗ mer die Guten zu beſchützen und die Böſen zu beſtrafen weiß, Chriſtiane! Chriſtiane! Chriſtiane! erleuchte mich, ſprich zu mir!“ „Gretchen!“ ſagte eine Stimme hinter ihr. Und zu gleicher Zeit legte ſich eine Hand auf die Schulter der Ziegenhirtin. Greichen wandte ſich erſchrocken um. Aber was ſie ſah, als ſie ſich umwandte, verdoppelte ihren Schrecken. Chriſtiane, ja, Chriſtiane ſelbſt ſtand neben ihr. Ein Strahl des Mondes beleuchtete ihr bleiches, aber ruhiges Antlitz. den art ſan gel inde igen am, ge⸗ gen, ich⸗ acht in! ht⸗ zu⸗ den ri⸗ enn den m⸗ fen ch, die er 253 Sie war ſchwarz gekleidet und ſchien größer gewor⸗ den und verwandelt zu ſein. Gretchen wollte ſchreien, doch ſie konnte keine Sylbe artikuliren. Die wunderbare Erſcheinung ſprach langſam und mit ſanfter Stimme: „Sei ohne Furcht, mein Gretchen; Gott hat Dich gehört, und ich ſegne Dich. Stehe auf, mein Gretchen, und ſolge mir.“ Und ſie fing an zu gehen. Greichen ſtand auf und folgte ihr. Studien über den Gewiſſensbiß. Samuel fragte ſich indeſſen, ob er ſicher ſei, daß ſeine Machinationen die von ihm gehoffte Wirkung her⸗ vorgebracht haben. Konnte er fortan mit der Gewißheit handeln, daß Lothario todt war? Das war für ihn die Lebensfrage. Schon am Morgen nach dem Tage, wo Samuel hatte Julius bleich und düſter in das Hotel zurück⸗ kommen ſehen, wo dieſer ihn nach dem Aufenthalte von Friedrike gefragt und Samuel gebeten hatte, ihn allein zu laſſen, ging er nach dem Hotel des preußiſchen Ge⸗ ſandten und erkundigte ſich beim Concierge und bei den Bedienten. Man hatte Lothario ſeit dem vorhergehenden Tage nicht geſehen.. Samuel ging zu Jullus und befragte, ehe er die Treppe hinaufſtieg, die Leute ebenfalls. 254 Sie wußten auch nichts von Lothario. Hatt Die ſchauderhafte Hoffnung von Samuel Gelb war von offenbar verwirklicht: Julius hatte Lotharie in einem Duell ohne Zeugen getödtet. Und dennoch mochte Samuel thun, was er wollte, ſand es blieben im Grunde ſeines Geiſtes immer Zweifel und Beſorgniſſe. auf Gab es kein Mittel, dem Grafen von Eberbach etwas zu entlocken? der Samuel verſuchte es noch einmal. Als er aber den nich Namen Lothario nannte, erinnerte ihn Julius mit einem Tone, in welchem zugleich Zorn und Traurigkeit lag, dar⸗ an, daß er ihn gebeten habe, nie mehr dieſen Namen in wen ſeiner Gegenwart auszuſprechen. Samuel fing von etwas Anderem zu reden an; dann allei nach einigen Minuten verſuchte er eine Anſpielung auf Dinge, die in Saint⸗Denis hatten vorfallen müſſen. Doch bar. Julius lenkte ſogleich das Geſpräch ab und ſagte, er ſei leidend und bedürfe der Einſamkeit. wich Samuel mußte, wie am Tage vorher, weggehen, ohne etwas erfahren zu haben. Dies hatte wohl ganz den Anſchein eines Gewiſſens⸗ hieß biſſes. Dieſes Schweigen von Julius, dieſer Schmerz, wenn der Name Lothario ins Geſpräch kam, dieſes Be⸗ ſört dürfniß, ſelbſt vor den Augen ſeines beſten Freundes die eine Aufregung zu verbergen, die bei dieſem Namen in ſeinem Geſichte hervortrat; alle dieſe Symptome zeigten klar eine rühr Kataſtrophe an. Gleichviel, Lothario hätte etwas Beſtimmteres ge⸗ Geſ wollt, und um des Todes ſicher zu ſein, hätte er den Leichnam berühren müſſen. wie Seine leidenſchaftliche Neugierde trieb ihn am an⸗ geth dern Tag zu einer Art von Unterſuchung an, welche nicht ohne Gefahr war. Er durchlief die Umgegend von Saint⸗Denis und Enghien, befragte die Bauern, die Wirthe, die Schiffer. auch dem var ell te, ind r. 255 Hatten ſie nicht von einem Unfall, von einem Ertrunkenen, von Tod, von Duell reden hören? Doch Niemand begriff, was er meinte. Samuel hatte Verbindungen bei der preußiſchen Ge⸗ ſandtſchaft unterhalten. Er ſuchte am andern Tag den zweiten Secretaire auf und fragte ihn, was aus Lothario geworden. Der Secretaire antwortete, er wiſſe es nicht, doch der Geſandte wiſſe es und habe geſagt, man ſolle ſich nicht um ihn bekümmern. Hier war endlich ein Anfang von einer Spur. Samuel beſchloß, ſich an den Geſandten ſelbſt zu wenden. Er wartete den Augenblick ab, wo der Geſandte allein war, und ließ ſich melden. Der Geſandte ließ ihm antworten, er ſei nicht ſicht⸗ bar. Samuel zeigte ſich beharrlich und ſagte, er habe über wichtige Dinge mit Seiner Excellenz zu reden. Hierauf führte ihn der Huiſſier ein. Der Geſandte empfing ihn kalt, blieb ſtehen und hieß ihn nicht ſich ſetzen. „Seine Excellenz wird verzeihen, daß ich ſie ge⸗ ſtört habe,“ ſagte Samuel.„Doch es handelt ſich um eine Angelegenheit, die mich außergewöhnlich berührt, * auch, ich wage es zu hoffen, Seine Ercellenz be⸗ rührt.“ „Erklären Sie ſich, mein Herr,“ antwortete eiſig der Geſandte. „Seit drei Tagen iſt ein junger Mann, den ich liebte wie einen Sohn, und dem Eure Ercellenz auch ſchon zu⸗ gethan zu ſein ſchien— es iſt Lothario verſchwunden.“ „Ich weiß es,“ erwiederte der Geſandte, immer in demſelben Ton.„Sodann?“ „Umſtände, die mir perſoͤnlich bekannt ſind, und die auch Ihnen, wie ich glaube, bekannt ſind, laſſen mich be⸗ 256 fürchten, es ſei dem jungen Mann ein Unglück wiver⸗ fahren. Man hat mir geſagt, Sie wiſſen, was aus ihm geworden, und ſo habe ich mir die Freiheit genommen, mich hierher zu begeben, um mich bei Ihnen zu er⸗ kundigen.„ Der Geſandte unterbrach Samuel beinahe ſtreng und erwiederte: „Herr Samuel Gelb, Lothario war mein Secretaire. Mehr noch, als Geſandter vertrete ich in Frankreich die königliche Würde von Preußen, und ich bin beauftragt, über die Angehörigen unſerer Nation zu wachen. Ich geſtehe Niemand das Recht zu, mehr beunruhigt und wißbegierig, als ich, als ſeine Familie hinſichtlich deſſen zu ſein, was die Intereſſen von Lothario betrifft. Sind Sie ſein Verwandter? Ich weiß, daß er verſchwunden iſt, und dennoch gerathe ich nicht in Bewegung, befrage ich nicht alle Welt, von den Dienſtboten in Paris bis zu den Schiffern in Saint⸗Denis. Das iſt Alles, was ich Ihnen zu ſagen habe. Erinnern Sie ſich jedoch, daß, wenn der Geſandte von Preußen ſchweigt, Herr Samuel Gelb das Recht hat, nicht zu fragen.“ Mit dieſem Nachdruck ausgeſprochen gleicht das Recht ſonderbar dem Worte Pflicht. So entließ der Geſandte mit dem Kopfe nickend Samuel. Der hochmüthige, eiſige Empfang des Geſandten ärgerte Samuel Gelb nicht. Er ſah darin nur die Un⸗ zufriedenheit eines Mannes, der über die Aufmerkſamkeit verlegen iſt, die ein Geheimniß, das er bewahren will, erweckt hat. Dieſe ſtolze Zurückhaltung kam ihm mehr wie ein vortreffliches Anzeichen vor. Sicherlich war der Geſandte Mitwiſſer bei dem Geheimniſſe der Genugthuung, wie er es bei der Beleidigung war. Nur war der Graf von Eberbach zu hoch geſtellt durch ſein Vermögen und durch ſeinen Rang, und er war ſ 257 der⸗ auch dem Tode zu nahe, als daß ſein Nachfolger nicht ihm Namen das Aergerniß und die Schande erſparen nen, wollte. Doch es ließ ſich nicht mehr bezweifeln, Lothario ar todt. nn Denn welche andere Erklärung ſollte man dem trockenen, harten Empfang des Geſandten geben? Wäre aire. Lothario lebend geweſen, was hätte ihn verhindert, es die Samuel zu ſagen? agt, Die Haltung von Julius war offenbar gemacht, um Ich dieſer Ueberzeugung von Samuel Recht zu geben. und Wenn Samuel den Grofen von Eberbach beſuchte, eſſen fand er ihn immer traurig, niedergeſchlagen, in jene un⸗ Sind glückliche, finſtere Gleichgültigkeit von denjenigen ver⸗ nden ſunken, welche zu Allem bereit, in Alles ergeben ſind rage und an nichts mehr hängen. s zu„ Der Graf von Eberbach ging nicht mehr aus ſeinem ich Hotel und empfing Niemand mehr, Samuel ausgenommen. daß, Mit Samuel ſprach er kaum, er hoörte die Rath⸗ nuel ſchläge, die er ihm gab, er machte keine Einwendung und ſchien entſchloſſen, ſich leiten zu laſſen und nicht mehr das zu handeln. Samuel erklärte ſich dieſes Verzichten und dieſe Träg⸗ end heit durch die heftige Erſchütterung, welche in dieſer ſchwachen Organiſation der blutige Act habe hervorbringen dten müſſen, den Julius ohne allen Zweifel begangen. Die Un⸗ Feder des Willens hatte durch den Schlag gebrochen nkeit werden müſſen. Die Seele des Oheims war an der will, Kugel geſtorben, die den Neffen getroffen. Samuel verſuchte es indeſſen, einige Worte dieſem ein Geſpenſte einer Intelligenz zu entziehen. Er machte es ndte wie die Wundärzte, welche, um den Tod zu beſtätigen, je er den Leichnam ſtechen. Am Abend des vierten Tages war er im Cabinet ſtellt von Julius. war. Gott lenkt. m. 17 —— 258 Eine einzige Lampe beleuchtete ſpärlich das hohe Zimmer. Samuel ſtand an einem Secretaire, Julius war nieder⸗ geſchlagen und zugleich ſchlaftrunken halb auf einem Ca⸗ napé ausgeſtreckt. „Nun!“ ſagte Samuel,„was iſt Deine Anſicht über die neueſten politiſchen Ereigniſſe?“ Der Graf von Eberbach zuckte die Achſeln. „An die Politik denkſt Du!“ verſetzte er Samuel ſtarr anſchauend. „Und an die Politik allein! Du willſt Dich nicht mehr damit beſchäftigen. Doch Du wirſt ſehen, ſie zwingt Dich, an ſie zu denken. Haſt Du nun die Zeitungen von dieſem Morgen geleſen? „Leſe ich die Zeitungen?“ erwiederte der Graf von Eberbach. „Oh! ich will Dich aufwecken,“ ſagte Samuel.„ Und er nahm von einem Tiſche den Moniteur unter einem Haufen von Zeitungen, deren Band in der That nicht einmal zerriſſen war. „Du weißt,“ fuhr Samuel fort,„Du weißt, daß die Kammer der Abgeordneten vertagt war; nun iſt es beſſer, ſie iſt aufgelsſt. Hier ſteht die Ordonnanz im Moni⸗ teur.“ „Ah!“ machte Julius gleichgültig. „Ja, dahin find die Dinge gekommen. Der Koͤnig hat auf eine Art geſprochen, die der Kammer nicht ge⸗ fallen, die Kammer hat auf eine Art geantwortet, die dem König nicht gefallen. Nun wendet ſich der König an vas Land, wie ein von ſeinem Kameraden geſchlagener Schüler ſich an den Lehrer wendet. Der arme Karl X., der noch ſo nalv iſt, zu glauben, das Land werde ihm Recht geben. Die Nation iſt feindlicher gegen ihn geſinnt, als die Abgeordneten. In der Kammer hat er gegen ſich zweihunderteinundzwanzig Abſtimmende; in Frankreich hat er gegen ſich alle Welt. Das Volk konnte wohl eine„ uel cht ngt on wn —— — 259 von den Preußen und den Koſaken zurückgebrachte Dy⸗ naſtie ertragen, aber nicht annehmen. Das franzöſiſche Blut iſt eine ſchlechte Taufe für ein königliches Haupt. Die Wähler werden dieſelben Abgeordneten wiederſchicken, wenn nicht heſtigere. Und was wird dann die Regierung thun? Karl K. iſt zu ritterlich und zu blind, um vieſe Ohrfeige hinzunehmen und ſich in den Willen der Nation zu fügen. Die Auflöſung der Kammer, das iſt der er⸗ klärte Krieg. Bravo! vieſe Herausforderungen find im Gange, und wir werden bald ein Duell auf Leben und Tod zwiſchen dem König und dem Lande ſehen.“ Samuel hatte abſichtlich das Wort„auf Leben und Tod“ ausgeſprochen. Er ſchaute Julius an, ohne Zweifel, um zu ſehen, welche Wirkung dieſes Wort auf ihn hervorbrachte. „Ich bitte, laſſe dieſe Lampe ein wenig nieder,“ ſagte Julius,„das Licht iſt zu ſcharf für meine müden Augen.“ „Das iſt es,“ dachte Samuel,„er will nicht, daß ich auf ſeiner Stirne den blutigen Refler ſeines Duells ſehe.“ Er ließ die Lampe nieder und verſuchte es noch ein⸗ mal, Julius in den Anſichten zu verwunden, die er bei ihm vorausſetzte, einen Streit vielleicht zu entzünden. „Das Beluſtigendſte bei Allem dem iſt die erſchrockene, klägliche Miene dieſer Oppoſition, die der Hof für ſo furchtbar hält, es iſt die Angſt, die die Liberalen vor ihrer Kühnheit haben. Das Bürgerthum will wohl den RKönig ein wenig in die Enge treiben, aber es will ihn nicht vom Throne ſtürzen. Offen geſtanden, finde ich es vortrofflich, um uns das Koͤnigthum bekämpfen zu helfen. Im Ganzen hat es Alles: die Kapitalien ſind in ſeinen Händen, und folglich die Regierung, da die Wahl den Reichen zuſteht. Was kann es wünſchen? Wäre es nicht blind und ver⸗ möchte es zu ſehen, wohin es geht, es ließe ſich eher in Stücke zerhauen, als daß es einen Schritt weiter thäte. Denn im Ganzen fürchtet es nur das Volk. Wenn Du pas Untertheil dieſer unbändigen Zunftherren ſehen würdeſt, 260 die einen ſo revolutionären Anſchein haben! Als geſtern in meiner Gegenwart zu Odillon Barrot Jemand ſagte, einen Staatsſtreich müßte man mit einer Revolution er⸗ wiedern, ſchrie er auf und erſchrak bei dem Gedanken, das Volk auf die Straßen zu rufen. Die Geſetzlichkeit, darüber gehen ſie nicht hinaus. Alles gegen die Miniſter, nichts gegen den König. Sie werden übrigens wohl kommen müſſen. Ich werde mich ſehr beluſtigen an dem Tage, wo ſie, nach einem Portefeuille zielend, die Krone zerbrechen.“ Julius ſchien gleichgültig bei allen dieſen NReuigkeiten und antwortete nicht. „Sage voch,“ fragte Samuel, plötzlich den Gegen⸗ ſtand wechſelnd,„haſt Du endlich Friedrike geſchrieben?“ Ein unmerkliches Beben entſchlüpfte Julius. Aber das Licht der Lampe war ſo ſchwach, daß es Samuel nicht wahrnehmen konnte. „Ja,“ antwortete Julius,„ich habe ihr dieſen Morgen geſchrieben.“. „Das iſt ein Glück! Sie mußte anfangen böſe auf mich zu ſein. Doch Du weißt, in welchem Grade ich unſchuldig bin. Ich verſprach Friedrike, ibr nachzufolgen oder ihr wenigſtens zu ſchreiben, ſobald ich Dir ihre Ab⸗ reiſe mitgetheilt hätte. Aber nun ſprichſt Du nicht mehr, und ich wußte nicht, was ich ihr fagen ſollte. Sie muß ſehr beunruhigt ſein. Du kündigſt ihr wohl an, daß Du zu ihr kommen werdeſt?“ „Bei meiner Treue, nein,“ erwiederte Julius.„Was ſoll ich auf den Landſtraßen machen? ich ſchreibe ihr, ſie möge nach Paris zurückkommen, wenn ſie wolle.“ „Es ſcheint, Du haſt keine Eile, ſie wiederzuſehen,“ ſagte Samuel, indem er verſtohlen im Geſichte von Ju⸗ lius forſchte.. „Du täuſcheſt Dich. Ich werde ſehr glücklich ſein, ſie wieder zu umarmen. Doch ſiehſt Du, ich bin in einer Lage des Geiſtes, daß ich mich nicht mehr viel in 264 Bewegung ſetzen laſſe. Ich habe nicht die Kraft, zu wollen. Du weißt, daß ich ſeit langer Zeit nur Eines wünſche:; den Tod. Und dieſer Wunſch hat noch be⸗ deutend zugenommen.“ Er ſetzte ſich auf. „Hore, Samuel, Du mußt es nun wiſſen?“ Julius ſprach dieſe Worte mit einem ſeltſamen Aus⸗ druck und Blick. „Du mußt es nun ſicher wiſſen,“ wiederholte er; „wann werde ich entſchieden ſterben?“ „Eil mein Gott,“ antwortete Samuel beinahe un⸗ geſchlacht,„ich ſagte es Dir ſchon zwanzigmal, Du haſt Wochen vor Dir, Monate, vielleicht, wer weiß? Jahre. Was Dich todtet, iſt nicht eine Krankheit, es iſt die Er⸗ ſchöpfung. Es iſt keine Möglichkeit, etwas für eine be⸗ ſtimmte Stunde vorherzuſehen. Du kannſt Deinen Reſt von Energie an einem Tage verſchwenden, wie Du ihn ſparen und Tropfen für Tropfen dauern laſſen kannſt⸗ Wenn es der Lampe an Oel gebricht, wird ſie erlöſchen, das iſt das Ganze.“ „Das hängt von mir ab?“ fragte der Graf von Eberbach. „Allerdings! Von wem ſollte es abhängen?“ „Oh! ich ſage nicht von Dir, Samuel.“ Und nach einem Stillſchweigen; „Wenn Du etwas hiebei vermöchteſt, Samuel, ſo wäre das, um was ich Dich bitten würde, nicht die Ver⸗ längerung einer elenden, unnützen und unfruchtbaren Exi⸗ ſtenz, wie die meinige. Es bleibe mir nur die Zeit, eine Sache zu vollenden, die ich angefangen habe, und dann bin ich bereit, der Tod kann mich holen.“ „Was haſt Du angefangen?“ fragte Samuel. „Ich bin im Begriffe, Jeden nach ſeinem Verdienſte u belohnen. Sei unbeſorgt, Du wirſt nicht vergeſſen ein.“ Zulius ſagte dies mit einem ſo ſeltſamen Ton, daß —— 262 Samuel nicht begreifen konnte, ob es ein Verſprechen oder eine Drohung war. Aber er war bald beruhigt durch das zutrauliche Lächeln von Julius. „Mein lieber Samuel,“ fuhr Julius mit Hingebung fort,„grolle mir nicht wegen der verdrießlichen Laune, in der Du mich ſeit einigen Tagen finden magſt. Ich bitte Dich, verlaſſe mich deshalb nicht. Ich weiß, was ich Dir Alles ſchuldig bin, davon ſei überzeugt, und glaube mir, daß ich Alles thun werde, was in meiner Macht liegt, um Dich dafür zu belohnen. Sei nachſichtig und geduldig gegen mich. Du weißt, daß ich ſtets einen unentſchloſſenen und weibiſchen Charakter gehabt habe. Als wir jung waren, leiteteſt Du mich, wie Du Dich erinnerſt. Du warſt der Gebieter meiner Handlungen, der Herr meiner Gedanken. Nun denn! ich wünſche, ich will, daß es jetzt ebenſo ſein ſoll, und wo möglich noch vollſtändiger. „Samuel,“ fuhr er beinahe feierlich fort,„ich lege in Deine Hände mein Schickſal, meinen Willen, mein Leben. Ent e für mich, handle für mich. Ich will kaum ſchauti, was Du thuſt. Nimm mein Leben, hoͤrſt Du? Ich ſage das nicht wie ein Wort in die Luft, ich ſpreche mit Dir wie ein müder Menſch, der gern haben möchte, daß ein Freund von ergebenem Herzen und ent⸗ ſchloſſenem Geiſte ihm die Verantwortlichkeit für ſein Leben oder ſeinen Tod erſparen würde.“ „Höre mich wohl, würdeſt Du es für geeignet er⸗ achten, mich zu tödten, um mir den Reſt meiner Lei⸗ den und meiner Widerwärtigkeiten zu erſparen, ſo fände ich, Du thueſt wohl daran, und ich würde Dich gänz⸗ lich von jedem Gewiſſensbiß und jedem Bedenken abſol⸗ viren. Du haſt mich verſtanden.“* Samuel ſchaute Julius ins Geſicht, um zu ſehen, ob das Wort nicht eine blutige Ironie ſei. * 8 S7 S 5 . ⸗ 8 l⸗ n 263 Julius aber ſprach ruhig, gleichſam ſeinen Gedanken erwiedernd: „Samuel, ich bin nie ſo ernſt geweſen.“ Samuel ging an dieſem Tag in ein tiefes Nachdenken über die Worte von Julius verſunken weg. „Ja,“ dachte er, während er durch die Straßen wanderte,„der Gewiſſensbiß über die Ermordung von Lothario hat ihm vollends den Reſt gegeben; er mag nicht mehr leben, und mit ſeiner ſchwächlichen Natur hat er nicht den Muth, ſich zu tödten. Es iſt ſehr möglich, daß er im Ernſle ſpricht. Er möchte gern auf mich die Verantwortlichkeit ſeines Selbſtmords zurückwerfen. Was ſeine Zartheit betrifft und die Abſolution, die er mir gibt, ſo iſt er ſehr gut, daß er mir Gewiſſensbedenken erſparen will. Habe ich Bedenken? „Der wackere Mann, der ſich einbildet, ich bedürfe ſeiner Erlaubniß, um über ihn zu verfügen! Er gehört mir, wie die Niedrigen den Höheren, die Materie dem Geiſt, wie das Thier dem Menſchen. Bedarf der Menſch der Erlaubniß des Ochſen oder des Schafes? Oh! nein, ein Gewiſſensbedenken hält mich nicht zuxück. Ich frage nicht, ob die Sache geſetzlich iſt, ſondern ob ſie nützlich iſt. „Lothario iſt todt, das iſt ſicher. Julius hat auf der Welt nur noch Friedrike und mich. Sein Teſtament muß einen großen Theil ſeines Vermögens Friedrike hinter⸗ laſſen, aber er hat mich, wie er mir ſo eben ſagt, nicht darin vergeſſen. „Uebrigens, wenn er auch Friedrike Alles hinterlaſſen würde, was macht das mir! Da Lothario beſeitigt iſt, ſo kommt Friedrike wieder mir zu. „Sie gehört um ſo mehr mir, als ich die Großmuth gehabt hatte, ſie abzutreten, und ſie iſt durch eine doppelte Dankbarkeit an mich gebunden. Mein doppeltes Opfer vermehrt die Rechte, die ich auf ſie hatte. „Der Tod von Julius gibt mir alſo Friedrike und den Reichthum. ———— ————— „Ich könnte mich ſogleich dieſes Sterbenden ent⸗ ledigen. Andererſeits aber, wenn ich einige Zeit wartete, würde er mir ohne Zweifel die Widerwärtigkeit erſparen, mich darein zu miſchen. So, wie er lebt, wird er bald ganz allein ſterben. „Ah! er mag ſagen, was er will, ich werde nicht Hand anlegen. „Wenn nicht etwa die politiſchen Ereigniſſe ſich be⸗ ſchleunigen. „Denn ich muß zu gleicher Zeit mein doppeltes Ziel erreichen. Die Revolution, welche Frankreich und Europa in Bewegung ſetzen wird, muß mich reich durch die Mil⸗ lionen von Julius finden, damit dieſer alberne Tugend⸗ bund keinen Vorwand hat, mir zu opponiren, und mich zu einem ſeiner Häupter, das heißt zu ſeinem Haupte er⸗ nennt. „Das iſt abgemacht. Mein Plan iſt: mich bereit lten, die Dinge beſpähen, die ſich im trüben Gehirne r Miniſter und in den lichtſcheuen Intriguen der Ver⸗ ſchwörungen vorberelten, und wenn Julius nicht die Ge⸗ fälligkeit hat, raſch genug zu gehen, wenn er mir hart⸗ näckig und ubiic die Füße in den ſchwachen Faden, der dem Zerreißen nahe iſt, verwickelt, dieſem Spinnen⸗ faden, der ihn am Leben feſthält, einen Fußtritt geben und ihn wirklich zerreißen.“ u uv 5 pe