„ ſ F— 8 e deutſcher, engliſcher franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Si Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für gchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 P 2 M.— Pf * 5. Answürtige onhenten! haben für Hin⸗ und en der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern e.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 2 — Gott lenkt. Von Alerandre Dumas. A us dem Franzö ſiſchen „ von 4 Dr. Auguſt Joller. Fünftes bis zehntes Bändchen. —— — Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1851. Man muß mit dem Verbrechen nicht ſpielen. Bei dem Anblick von Samuel erhob ſich Greichen auf ihre Füße und warf ſich zurück, aber durch einen Inſtinet, der ſtärker war, als ihr Wille, ſtreckte ſie, wäh⸗ rend ſie zurückwich, die Hände gegen Samuel aus. Samuel ſtand, unbeweglich, noch bleicher unter den Strahlen des Mondes vor ihr. Es lag in ſeinem Ge⸗ ſichtsausdruck weder Spott, noch Triumph, noch Haß; er war ernſt und ſogar düſter. Gretchen fand ihn größer als gewöhnlich. Sie wich zwiſchen zwei Impulſen kämpfend, erſchro⸗ cken und bezaubert, die Füße gegen ihre Hütte, den Hals gegen Samuel, immer mehr nach ihrer Thüre zurück. „Nähere Dich mir nicht!“ rief ſie.„Gehe, Dämon! Ich habe einen Abſcheu vor Dir. Ich haſſe und verachte Dich, hörſt Du? Im Namen der Jungfrau, Verworfener, ehe.“ G Und ſie machte das Zeichen des Kreuzes. „Nähere Dich mir nicht!“ wiederholte ſie. „Ich werde mich Dir nicht nähern,“ ſagte Samuel langſam.„Ich werde nicht einen Schritt zu Dir thun. Du wirſt zu mir kommen.“ „Ah!“ ſagte fie in Verzwelflung,„das iſt wohl mög⸗ lich; denn ich weiß nicht, was Du mich haſt trinken laſſen. Du haſt das in Deiner Hölle geholt. Nicht wahr, das iſt Gift?“ Gott lenkt. I. 1 „Es iſt kein Gift. Es iſt der Saft von gewiſſen Blumen, die Du ſehr liebſt, und mit denen Du mich zu beleidigen gewagt haſt. Es iſt ein Elirier, durch das die roncentrirten Mächte der Natur die entſchlummerten Mächte des Lebens erwecken. Die Liebe ſchlief in Dir, ich habe ſie aufgeweckt, das iſt es.“ „Ah! die Blumen haben mich verrathen!“ rief Gret⸗ chen mit ſchmerzlichem Tone. Dann heftete ſie auf Samuel einen mehr ſchwermü⸗ thigen als zornigen Blick, und fügte bei: „Ich ſehe, daß Du wahr ſprichſt, denn meine Mutter ſagte mir, die Liebe ſei das Leiden, und ich leide.“ Und ſie verſuchte es immer, zu fliehen. Samuel näherte ſich nicht. Er war ſo unbeweglich, daß man ihn ohne die Flamme ſeiner in der Dunkelheit glühenden, entzündeten Augen für eine Statue hätte hal⸗ ten können. „Wenn Du leideſt,“ ſagte ex,„warum verlangſt Du nicht von mir, daß ich Dich heile?“ Er ſprach dies mit einer ſanften und zugleich eindring⸗ lichen Stimme, welche alle ſchmerzliche Fibern von Gret⸗ chen in Bewegung ſetzte. Sie machte einen Schritt gegen ihn, dann einen andern, dann einen dritten. Doch plötzlich floh ſie erſchrocken. „Nein! nein! nein! ich will nicht! Du biſt ein ent⸗ ſetzlicher und verfluchter Mann. Du willſt mein Verder⸗ ben, aber Du haſt mich nicht.“ „Ich wiederhole Dir, daß ich nicht einen Schritt zu Dir machen werde. Du ſiehſt wohl, daß ich mich nicht nähere. Wäre ich nicht, wenn ich wollte, mit drei Sprüngen Deiner Meiſter? Aber ich ziehe es vor, Deinen Willen abzuwarten.“ ch habe Durſt,“ ſagte Gretchen. Dann fragte ſie mit demüthigem, ſchmeichelndem Ton: „Iſt es wahr, daß Du mich heilen kannſt?“ „Vielleicht,“ antwortete Samuel. 8 3 Sie zog aus ihrer Toſche ein Meſſer, oͤffnete es und näherte ſich Samuel, bewaffnet und beruhigt. „Berühre mich nicht,“ ſagte ſie,„oder ich ſtoße Dich nieder. Heile mich nur.“* Aber plötzlich warf die Arme das Meſſer fern von ſich. „Bin ich toll!“ rief ſie.„Er ſoll mich heilen und ich bedrohe ihn! Nein, mein Samuel, ich bedrohe Dich nicht mehr! Du ſiehſt, daß ich mein Meſſer weggewor⸗ fen habe. Ich bitte Dich, mein Kopf thut mir ſo wehe. Verzeihe mir. Heile mich, rette mich.“ Sie fiel zu den Füßen von Samuel und umſchlang ſeine Kniee mit ihren Armen. Es war eine bewunderungswürdige Gruppe, beim bleichen Schimmer des Mondes, unter den wilden Felſen, dieſes in Thränen zerfließende junge Mädchen, wie es ſich mit aufgelöſten Haaren an den Beinen dieſes Marmors krümmte und wand. Mit gekreuzten Armen ſchaute Samuel zu, wie der Brand, den er in dieſem jugendlichem Blute entzündet hatte, unheilvoll emporloderte. Eine unausſprech⸗ liche Gluth belebte Gretchen. Funken ſprangen aus ihren Augen hervor und beleuchteten ihre braune Haut. Sie war ſchön ſo. Unwillkürlich fühlte ſich Samuel ergriffen von allen dieſen Flammen des verzehrten Kindes. Das Fieber, das in ihr brannte und außer ihr ſtrahlte, fing an ihn zu durchdringen. „Ohl Du biſt alſo immer noch böſe auf mich?“ ſagte das ſchöne Mädchen.„Warum haſſeſt Du mich?“ „Ich haſſe Dich nicht,“ erwiederte Samuel,„ich liebe Dich, Du haſſeſt mich.“ „Oh! nicht mehr,“ ſprach ſie ſanft, indem ſie ihr reizendes Antlitz gegen ihn erhob. Dann ohne Uebergang den Gedanken wechſelnd, rief ſie mit hartem Tone: „Doch ich haſſe Dich immer.“ Und ſie wollte entfliehen. Doch nach drei Schritten fiel ſie ſtarr nieder und blieb wie eine Todte. Samuel machte keine Geberdez er rief nur: „Gretchen!“ Sie erhob ſich auf ihre Kniee und ſtreckte ihre Arme flehend gegen ihn aus, ohne zu ſprechen. „Nun! komm!“ ſagte er. Sie ſchleppte ſich kriechend bis zu ihm. „Ich habe keine Kraft,“ ſprach ſie,„hebe mich auf.“ „Du verlangſt es von mir?“ z neigte ſich, nahm ſie bei beiden Armen und ſtellte e auf. „Oh! Du biſt ſtark!“ ſagte ſie, wie ſlolz auf ihn; „laß mich Dich anſchauen.“ Sie legte die Hand auf die Schulter von Samuel und trat ein wenig zurück, um ihn bequemer betrachten zu können. „Du biſt ſchön,“ ſprach ſie,„Du haſt das Ausſehen des Königs der Nacht.“ Dies Alles ward mit einer bewunderungswürdigen Anmuth, mit einer unglaublichen Geſchwindigkeit der Be⸗ wegungen, mit einem unwiverſtehlichen Magnetismus in der Stimme geſagt und gethan. Es war bis dahin mehr Angſt als Verſuchung in dem Kampfe dieſer unſchuldigen Seele geweſen. Aber Samuel fühlte ſeine Kaltblütigkeit ſchwinden und ſeine Ruhe an der Gluth dieſes flammenden Herzens ſchmelzen. Plötzlich ſchlang Gretchen ihre beiden Arme um ſeinen Hals, erhob ſich auf die Fußſpitzen und ſtreifte ſeine Wange mit ihrer Stirne. Von der Leidenſchaft erfaßt, die er in ſie gelegt hatte, drückte er ihr einen Kuß auf die Lippen. Als ſie ſich berührt fühlte, ſchauerte Gretchen. So⸗ gleich verwandelte ſich ihr Schmachten in Wuth, ſie biß Samuel heftig in die Wange, machte ſich von ſeinen Armen los und ſprang mit einem rauhen Schrei der Entrüſtung — 5 rückwärts. Doch nicht minder raſch beſänftigt, bebte ſie und ſchaute Samuel zitternd, bereuend, um Gnade fle⸗ hend an. „Ohlich habe Dir wehe gethan, nicht wahr?“ ſagte ſie „Nein,“ erwiederte er, und dieſer Marmor ſchien endlich ſich zu beſeelen und ganz und gar zu leben;„nein! ich danke Dir! dieſer Schmerz iſt ſüß. Das vermiſcht das Entſetzliche und das Schöne, die Gefahr und die Freude, die Liebe und den Haß, die Hölle und den Him⸗ mel. Das iſt das Unendliche. Das iſt es, was ich in Dir liebe.“ „Nun wohl! ja, deſto ſchlimmer, ich liebe Dich auch,“ rief Gretchen. Doch plötzlich: „Ahl ich bin eine Schändliche! ich will mein Gelübde brechen! Nein, ſterben!“ Sie raffte, mit einer Geberde raſcher als der Blitz, ihr Meſſer auf, das im Graſe glänzte, und ſtieß ſich da⸗ mit in die Bruſt. Samuel hatte ſie beim Arm gepackt. Der Stoß drang nicht tief ein, doch das Blut ſpritzte hervor. „Unglückliches Kind!“ ſagte er, indem er ſich des Meſſers bemächtigte.„Zum Glück habe ich Deinen Arm zu rechter Zeit zurückgehalten. Es wird nichts ſein.“ Gretchen ſchien den Stoß nicht gefühlt zu haben. Ihre Augen irrten im Raume umher, als dächte ſie an etwas Anderes. Dann fuhr ſie mit der Hand über die Stirne. „Thut es Dir wehe?“ fragte er. „Nein, im Gegentheil, das thut mir wohl. Ich komme wieder zum Bewußtſein. Ich begreife nun, und ich ſehe, was ich thun muß.“ Sie zerfloß in Thränen, faltete die Hände und ſprach: „Hören Sie, mein Herr, Sie müſſen mich ſchonen. Sehen Sie, Sie müſſen Mitleid mit mir haben. Ich ſchleppe mich zu Ihren Füßen Ich bin beſiegt, Sie find der Stärkere, ich gehöre Ihnen, wenn Sie wollen; oh! ſchonen Sie mich! Es iſt noch mächtiger, zu ſchonen, als zu unterwerfen. Oh! wahrhaftig, ich bitte Sie darum. Wozu würde es Sie nützen, boͤſe gegen mich zu ſein? Einem Augenblick der Eitelkeit zu Liebe würden Sie ein ganzes armes Daſein zu Grunde richten. Was würde dann aus mir werden? Bedenken Sie. Fürchten Sie nicht, einmal außer Gefahr werde ich wieder anfangen Ihnen zu mißtrauen. Oh! vas iſt eine Lehre, die ich nie vergeſſen werde. Ich werde es ſogar Frau Chriſtiane ſagen. Ich werde ſein, wie Sie es mir befehlen. Nicht wahr, ich ſage da vernünftige Dinge, und Sie ſehen wohl, daß Sie nicht mehr noͤthig haben, mich zu quälen, und werden mich begnadigen? Was könnte ich mehr thun, da ich zu Ihren Füßen liege? Sie ſind ein Mann, und ich, ich bin nicht einmal eine Frau, ich bin nur ein Kind. Merkt man auf das, was ein Kind hat ſagen oder denken können? Richtet man es für ein Wort, das es geſagt, zu Grunde? Oh! Gnade, mein Herr!“ Und ihr Ausdruck war ſo ſchmerzlich, ſie war ſo vollig niedergeſchlagen, daß Samuel ſelbſt ſich gerührt fühlte. Zum erſten Mal ſchwankte er in ſeinem Entſchluß. Eine Gemüthsbewegung, der er nicht Meiſter war, ergriff ihn vor der Verzweiflung einer ſchneeweißen Züchtigkeit, der ſein Stolz einen vielleicht tödtlichen Flecken zu machen im Begriffe ſtand. War ſie überdies nicht genug bezähmt, genug erobert, genug beſeſſen? War ſie nicht gänzlich in ſeiner Gewalt? Geſtand ſie nicht ſelbſt, daß ſie durchaus von ſeiner Gewalt abhing? Da konnte er großmüthig ſein. Sobald ſie ſich gab, warum ſie nehmen? Zum Unglück war Gretchen ſehr ſchoͤn, und der Trank wirkte fortwährend. Allmälig ſpannte ſich ihre Ver⸗ zweiflung in ein unbeſtimmtes und pelirirendes Sehnen und Schmachten ab; ſie nahm die Hände von Samuel und bedeckte ſie mit Küſſen, in denen ſchon etwas Anderes —— 7 als die Bitte lag; ſie ſchlug die Augen voll von einer feuchten Flamme zu ihm auf. „Oh!“ ſprach ſie mit einem ſeltſamen Tone,„beeile Dich, mich zu heilen, Du hätteſt ſonſt keine Zeit mehr.“ „Ja,“ erwiederte er, indem er einen glühenden, be⸗ rauſchten Blick auf ſie heftete,„ja, ich will Dich heilen; ich will einen andern Trank holen, der die Ruhe und die Kühle in Dein Blut bringen wird. Ich gehe.“ Und ſtatt zu gehen, betrachtete er ſie, die ſo ſchön, in eine unbeſtimmte Ertaſe verſunken, wollüſtig, ſich an ihn anſchmiegte. „Ja, gehe,“ ſagte ſie. Und ſtatt ihn zurückzudrängen, hielt ſie ihn bei der Hand zurück. Sie ließ ihn nicht los. Ihre Stimme ſagte: Gehe, und ihr Blick ſagte: Bleibe. Samuel ſtrengte ſich gewaltig an. „Bin ich nicht mehr Herr meines Willens? Du biſt unterworfen; Du wirſt es Chriſtiane ſagen. Das genügt. Kein unnützes Verbrechen! Gute Nacht, Gretchen.“ Er entriß ſich den Händen von Gretchen und lief nach dem Felſen⸗ „Du gehſt!“ rief Gretchen traurig und zärtlich. „Ja. Gute Nacht.“ Doch Samuel war kaum am Efngang und im Schatten des Felſen, als zwei nervige Arme ihn zurück⸗ hielten, als ein glühender Mund ſich auf den ſeinigen vrückte, und er ſich ſeinerſeits gefangen, feſtgenommen, durch ſein Verbrechen beherrſcht fühlte. Chriſtinne hat Furcht. Am Nachmittag des andern Tages gegen vier Uhr gingen Julius und Chriſtiane ſpazieren. Sie kamen eben vom Schloß.. „In welcher Richtung gehen wir?“ fragte Julius. „In welcher Du wiliſt,“ erwiederte Chriſtiane. „Oh! das iſt mir gleichgültig,“ verſetzte Julius mit einer gewiſſen Trägheit. „Wohl! ſo laß uns zu Gretchen hinaufgehen. Sie iſt dieſen Morgen nicht gekommen, man mußte ihre Ziege holen, und ich bin ein wenig unruhig.“ Sie kletterten den Berg hinan, wo die Hütte lag. Chriſtiane kehrte ſich gegen das Thal um und ſagte zu Julius, indem ſie auf den Fluß und den Horizont der Hügel deutete: „Welch ein ſchoͤnes Schauſpiel!“ „Ja,“ erwiederte Julius, ohne die Augen dahin zu wenden. Chriſtiane gab ſich den Anſchein, als bemerkte ſie die Gleichgültigkeit und Abgeſpanntheit ihres Mannes nicht. Sie ſchritt auf die Thüre von Gretchen zu. Die Thüre war geſchloſſen. „Ohne Zweifel iſt ſie mit ihren Ziegen in den Ber⸗ gen,“ ſagte Julius. Chriſtiane ging einige Schritte weiter, bis zu der Aushöhlung des Feiſen, wo Gretchen ihre Ziegen einzu⸗ ſtellen pflegte. Die Ziegen waren da. „Das iſt ſonderbar,“ dachte ſie. Und ſie kehrte zur Thüre zurück, und rief: „Gretchen! biſt Du da? Gretchen!“ Niemand antwortete. r n 9 In dieſem Augenblick erhob ſich ein gewaltiger, aber unentſchiedener Lärmen im Thale. Julius und Chriſtiane ſchauten in der Richtung, woher dieſer Lärmen kam. Die Straße von Neckarſteinach war ganz ſchwarz von Menſchen. Eine Staubwolke verhinderte, zu unter⸗ ſcheiden, was das war. Ausrufungen, Schreie, verwor⸗ rene Geſänge durch den Wind abgeſchnitten, das war Alles, was man hörte. Alles, was man ſah, war, daß es wohl fünf bis ſechshundert Perſonen ſein mußten. Dieſer Durcheinander näherte ſich raſch. Plotzlich klatſchte Julius in die Hände. „Ja,“ rief er,„es iſt Samuel, der ſein Wort hält.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte Chriſtiane. „Ich will damit ſagen, daß Heidelberg nach Landeck kommt,“ erwiederte Julius.„Samuel hatte es Dir ver⸗ ſprochen, und Alles, was er verſprochen hat, hält er. Doch wie iſt das ſo ſchnell geſchehen! Ja, es ſind wohl meine Kameraden. Nun, da ſie näher kommen, erkenne ich die Studenten der Univerſität. Hörſt Du das Vivallera? Oh! welch eine ſchone Ueberraſchung.“ Und das Auge von Julius, das kurz zuvor geſchlum⸗ mert hatte, erwachte. Chriſtiane wurde nachvenkend. Die Straße zog ſich unter dem Felſen hin, ungefähr tauſend Schritte von der Stelle, wo Chriſtiane und Julius ſtanden. Der Haufen rückte raſch und behende vor. Bald konnte Julius Samuel an der Spitze der Bande erkennen. Er ſaß zu Pferde, ernſt wie ein Heerführer. Hinter ihm trug man die große academiſche Fahne. Die Studenten kamen herbei und waren bald bel Julius und Chriſtiane. Als er an ihnen vorüberritt, ſchlug Samuel die Angen auf, erkannte ſie und grüßte. Die Studenten erkannten Julius. Alle Mützen grüßten, und aus Aller Mund erſcholl das lärmendſte Lied, das je menſchliche Ohren gemartert hatte. „Gute kleine Chriſtiane,“ ſagte Julius,„meine Kameraden haben mich geſehen, und ich glaube, daß es anſtändig wäre, wenn ich zu ihnen ginge, um ihnen die Honneurs der Gegend zu machen. Du biſt nur zwei Schritte vom Schloſſe entfernt und kannſt ohne mich zu⸗ rückkehren; ich, ich muß es Dir geſtehen, bin ein wenig ungeduldig, wieder Bekanntſchaft mit meinen Kameraden anzuknüpfen und zu erfahren, was das bedeutet.“ „Gehe,“ ſprach Chriſtiane betrübt, ohne zu wiſſen, warum. Julius ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Er küßte Chriſtiane auf die Stirne, ging zum Schein ruhig bis zur Biegung des Fußpfads, und als er hier vorüber war und Chriſtiane ihn nicht mehr ſehen konnte, lief er aus Leibes⸗ kräften und hatte in zwei Minuten die Menge eingeholt. Chriſtiane ſchaute ihm nach. „Sobald Samuel da iſt, läuft er zu ihm,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt. Sie trocknete eine Thräne und wollte ſich eben ent⸗ fernen, als ſie einen Tritt auf dem Sande hinter ſich krachen hörte. Sie wandte ſich um und ſah Gretchen. Die kleine Ziegenhirtin hatte ſich ſeit dem vorherge⸗ henden Tage ſehr verändert. Bleich, niedergeſchlagen, die Haare in Unordnung, einen ſchwarzen Kreis um die Augen, ſchien ſie um zehn Jahre gealtert zu haben. Ihre gewöhn⸗ liche Exaltation hatte einem irren Weſen Platz gemacht. geno Trauriges, Unheilvolles ſchwebte über ihrer ganzen erſon. „Was haſt Du?“ fragte Chriſtiane,„und woher kommſt Du?“ „Ich komme aus meiner Stube.“ „Wir haben Dich gerufen, warum biſt Du nicht er⸗ ſchienen?“ „Weil der Herr Graf da war, und ich mich nicht mehr ſehen laſſen will. Nein, ich werde mich vor Nie⸗ mand mehr zeigen. Ich ſchäme mich. Sie, Sie liebe ich F 5„ 1—— — ——„ — 8„ 11 und Ihnen mußte ich durchaus ſagen; hüten Sie ſich! Sa⸗ muel Gelb lügt nicht. Was er ſagt, thut er. Wenn er gedroht hat, ſchlägt er. Das iſt ſtärker als Sie, und es iſt vielleicht ſtärker als er. Hören Sie, ich leide ſehr, indem ich ſo ſpreche, doch es geſchieht, um Sie zu retten. Wenden Sie die Augen nach einer andern Seite, ſchauen Sie mich nicht an, ich bitte Sie, und ich will Ihnen Alles ſagen. Schauen Sie mich nicht an. So iſt es gut. Nun hören Sie: Samuel Gelb hatte geſagt, ich würde ihm gehoren. Wohl denn! er hat mich einen von ſeiner Hölle und von meinen Blumen gemachten Trank trinken laſſen Kurz, ich gehöre ihm. Nehmen Sie ſich in Acht! Gott beſohlen!“ Und ſie entfloh in ihre Hütte und ſchloß ſich darein ein. Chriſtiane blieb verſteinert und vereiſt. „Gretchen! Gretchen!“ rief ſie; doch ſie mochte im⸗ merhin rufen, Gretchen erſchien nicht. „Oh!“ dachte Chriſtiane ganz zitternd,„es iſt wahr, er thut Alles, was er ſagt. Da iſt Heidelberg in Lanveck! Da iſt Gretchen verloren! Und ſie verläßt mich, und mein Mann verläßt mich auch! Allein! oh! ich habe Furcht! Ich will an den Baron ſchreiben und ihn zu Hülfe rufen.“ Gaudeamus igitur. Die Studenten ſangen aus vollem Halſe: Gaudeamus igitur, Juvenes dum sumus. Ubi sunt qui ante nos In mundo fuere! Plotzlich drehte ſich der Weg, und ein Dorf erſchien. Alle Einwohner, Männer, Weiber und Kinder, ſtanden, durch den Lärmen herbeigezogen, auf ihren Thürſchwellen 12 und riſſen die Augen ganz verdutzt vor dem Einfall dieſer unerklärlichen Caravane weit auf. Samuel war nicht mehr dabei. Er hatte ſich zur Nachhut begeben, um mit Julius zu plaudern. Der Stuvent, der voranmarſchirte, wandte ſich an den erſten Bauern: „Hollah! Bauer, was für ein Dorf iſt das?“ „Es iſt Landeck.“ Alsbald erhob ſich ein Schrei aus Aller Mund: „Hollah! Hurrah! Hopſaſa! Burſche, Füchſe und Finken, halt! hier iſt Landeck!“ Dann waren es tauſend verſchiedene Ausrufungen. „Gegrüßet ſeiſt du, Landeck!“ „Mons Aventinus von unſerem Univerſitäts⸗Rom, gegrüßet ſeiſt du!“ „Abſcheulicher Neſterhaufen, gegrüßet ſeiſt Du!“ „Gegrüßet ſeiſt du! fortan hiſtoriſcher Flecken, herr⸗ liches Dorf, unſterbliches Loch!“ Trichter ſagte zu Freßwanſt: „Ich habe Durſt!“ Ein Fink ging auf einen Ackerknecht zu und rief ihm; „He! Philiſter! Bauer! Eingeborner dieſer Gegend! Schein von einem Menſchen, der Du mich mit Deinen Fiſchaugen anſchauſt, haſt Du, was man an Verſtand braucht, um mir zu erklären, wo das Wirthshaus zum Raben iſt?“ „Es gibt in Landeck kein Wirthshaus zum Raben,“ antwortete der Bauer erſtaunt. „Das Wirthshaus zum goldnen Löwen alſo.“ „Es gibt kein Wirthshaus zum goldenen Löwen in Landeck.“ „Kurz das beſte Wirthshaus Deines Ortes, Simpel.“ „Es gibt in Landeck gar kein Wirthshäus.“ Auf dieſe Antwort erfolgte ein Schrei der Entrüſtung unter den Studenten. 13 „Hört Ihr, was dieſer Mann der Felder ſagt?“ rief ein Fink;„es gibt kein Wirthshaus in Landeck.“ „Wohin werde ich meine Hutſchachteln hringen?“ fragte ſchmerzlich ein Student. „Wohin werde ich meinen Hund bringen?“ ſeufzte ein Fuchs. „Wohin werde ich meine Pfeife thun?“ brüllte ein bemooſtes Haupt. „Und ich,“ rief ein Anderer,„wohin werde ich mei⸗ nen Augapfel, die Roſe meines Frühlings, die Vielgeliebte meines Herzens führen?“ Freßwanſt ſagte zu Trichter: „Ich habe Durſt.“ Alle ſtimmten mit einem traurigen Ton, der ſehr mit dem heiteren Sinn der Worte contraſtirte, die zweite Strophe des bekannten lateiniſchen Liedes an: Vivant omnes virgines, Faciles, formosae. Vivat membrum quodlibet! Vivant membra quaelibet. Einige fingen an übler Laune zu werden. Die Freude beim Auszug nahm eine verdrießliche Wendung. Gruppen voll Bitterkeit vermiſchten ſich, drängten ſich. „Sage doch, Meyer,“ ſprach zu ſeinem Nachbar ein großer kräftiger Burſch,„Du haſt mich mit dem Ellen⸗ bogen an den Rücken geſtoßen, Grober!“ „Dummer Junge!“ rief Meyer. „Dummer Junge? es iſt gut. In einer Viertelſtunde auf dem Kaiſerſtuhl. Ah! doch wo wird hier der Kaiſer⸗ ſtuhl ſein?“ „Das iſt zum Todtſchlagen! man weiß nicht einmal, wo ſich todtſchlagen.“ Ein Bauer ſtieß einen Schrei aus. „He! Herr Student, geben Sie Acht, Ihr Hund...“ 14 Der Student ſchaute ihn mit ſtrengem Auge an und rief ihm zu: „Sage:„„Ihr Herr Hund 4 Thier 1. „Wohl! Ihr Herr Hund hat mich gebiſſen.“ „Ah! Du haſt Dich von meinem Hunde beißen laſſen, Elender! Da, da!“ Er prügelte den Bauern. „Bravo!“ brüllten die Studenten. Und der Chor fuhr fort in der Form einer philoſo⸗ phiſchen Ermunterung: Vita nostra brevis est, Brevi finietur. Venit mors velociter, Bapit nos atrociter. Trichter und Freßwanſt ſagten gleichzeitig „Ich habe Durſt.“„ „Ah!“ fragte ein Student,„werden wir in dieſem lächerlichen Dorfe Wurzel faſſen, und hier eingepflanzt bleiben, wie Pfähle, um den Reiſenden den Weg anzu⸗ zeigen?“ „Samuel ſollte uns einführen.“ „Samuel! Samuel! wo iſt Samuel?“ „Hollahl! hollahl! Samuel, komm doch, man weiß nicht, wo hinaus; die Anarchie regiert ſich nicht, die Em⸗ porung revoltirt, die Unordnung iſt geſtört.“ „Sprich, Coriolan, ißt man, trinkt man, ſchläft man nicht bei den Volskern?“ Samuel kam ruhig mit Julius. „Was gibt es denn?“ fragte er. 3 „Es gibt, daß es nichts gibt,“ antwortete Meyer. „Was fehlt Euch denn?“ „Es fehlt uns, was das Nothwendigſte für den Men⸗ ſchen iſt: ein Wirthshaus.“ „Kinder, ein wenig Einbildungskraft!“ ſprach Sa⸗ —,— n 1 a⸗ 15 muel.„Gebt mir fünf Minuten, und Ihr werdet Alles haben, was Ihr braucht. Ich will mit Julius in das Haus des Bürgermeiſters eintreten und das Programm des Aufruhrs machen. Wo iſt Trichter 2“ „Er hatte ſo eben Durſt.“ „Man ſuche ihn da, wo es Wachholderbranntwein gibt, und ſchicke ihn zu mir, daß er mir als Schriftführer diene. Ich ermahne Euch, nicht zu viel Lärmen zu ma⸗ chen, während Euer Koͤnig arbeitet.“ „Sei unbeſorgt, Samuel!“ donnerte die Bande. Samuel und Julius traten in das Haus ein, das man ihnen als die Wohnung des Bürgermeiſters bezeich⸗ nete, und Trichter folgte ihnen ſogleich dahin nach. Sie waren kaum eingetreten, als, getreu ihrem Ver⸗ ſprechen, ſtille zu ſein, die Auswanderer mit furchtbarer Stimme brüllten: Pereat tristitia! Pereant osores! Pereant diabolus, Quivis antiburschius! Der Pürgermeiſter Pkuffendurt. Als die Thüre des Bürgermeiſters gesffnet war, fanden ſich Samuel, Julius und Trichter vor einer auf⸗ gedunſenen, ungeheuer beſtürzten Perſon. „Sind Sie der Bürgermeiſter?“ fragte Samuel. „Warum wollen Sie das wiſſen?“ ſtammelte der ungeheure Mann. 16 „Um mit ihm zu ſprechen.“ „Nicht um ihm ein Leid anzuthun?“ verſetzie ſchüch⸗ tern der Falſtaff. Im Gegentheil.“ „Ich bin es.“ „Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen,“ ſagte Samuel. „Doch Sie müſſen noch ein anderes Zimmer haben, als die letzte Stufe dieſer Treppe; wollen Sie uns führen?“ Der Bürgermeiſter führte ſie ganz zitternd in ſei Kabinet. Samuel ſetzte ſich.. „Hören Sie,“ ſagte er.„Wir nehmen Beſitz von Landeck. Wir hoffen, Sie werden keinen Wiverſtand leiſten und uns die traurige Nothwendigkeit, die Häuſer zu ſtür⸗ men, erſparen. Die Univerſität will ſich huldreich auf einige Zeit hier niederlaſſen. Sie begreifen, es iſt für uns nöthig, daß wir ein wenig hier die Herren ſind, und wir werden vielleicht Launen haben, denen Sie ſich weislich nicht widerſetzen moͤgen. Ich verſtändige mich mit Ihnen. Sie ſind Bürgermeiſter von Landeck, ich bin König der Univerſität. Die Hierarchie fordert, daß Sie mir Ihre Gewalt abtreten. Ich nehme ſie an und danke Ihnen.“ „Gottes Güte!“ erwiederte mit ſanfter Stimme der dicke Bürgermeiſter;„was wollen Sie denn thun?“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, ehrlicher. Verzeihen Sie, wie heißen Sie?“ „Pfaffendorf.“ „Seien Sie unbeſorgt, ehrlicher Pfaffendorf. Wir wollen nur einfach ſtudiren und uns unterhalten. Wir wer⸗ den das Dorf beluſtigen, wir werden Feſte geben.“ „Werden Sie das Eigenthum und die Individuen reſpectiren?“ „Darauf verpfände ich mein Ehrenwort.“ „Dann iſt es gut!“ ſagte Pfaffendorf athmend. „Iſt das abgemacht?“ „Abgemacht.“ N 8 S— — 8 17 „Schlagen Sie ein, edler Bürgermeiſter und befürch⸗ ten Sie durchaus nicht, ich beabſichtige, Ihre ehrenwerthe Wichtigkeit zu vernichten oder auf irgend eine Weiſe zu ver⸗ mindern. Ich werde Ihnen einen Ihrer würdigen Rang bewahren und verſpreche Ihnen einen Ehrenplatz bei allen Beluſtigungen und allen Ceremonien.“ „Sie ſind ſehr gut,“ erwiederte Pfaffendorf erheitert. „Doch da fällt mir ein, wenn Sie die Miliz des Dorfes brauchen, ſo ſtelle ich ſie zu Ihrer Verfügung.“ „Wie vie! Mann ſind es?“ „Einer.“ „Geben Sie uns denſelben,“ ſprach Samuel lachend; „wir werden ihn beſchützen.“ u„Thun Sie ihm nichts zu Leide. Ich will ihn olen. z Der Bürgermeiſter ging, entzückt von Samuel, naus. Es fand ſich im Cabinet ein Tiſch und Alles, was man zum Schreiben brauchte. „Setze Dich,“ ſagte Samuel zu Trichter. „Ah!“ fragte Julius Samuel,„Wo willſt Du Hei⸗ delberg in Landeck einquartieren? Ich biete Dir wohl das Schloß an, doch es wird nicht genügen.“ „Es wird vor Allem ausdrücklich verboten, ſich dem Schloſſe zu nähern,“ erwiederte Samuel.„Wir ſind hier, um Frau von Hermelinfeld zu gehorchen, und nicht, um ſie zu beläſtigen. Wir werden ſehr glücklich ſein, wenn ſie einigen von den Feſten, die ich zu improviſiren gedenke, beizuwohnen die Güte haben will, und wir hoffen, daß ſie trotz ihrer Schüchternheit ſich dazu wagen wird. Doch ſie mag nur nach ihrer Laune Antheil nehmen, und wir werden ihr unſere Nachbarſchaft nicht auferlegen.“ „Aber wo wirſt denn Du all dieſes Volk einquar⸗ tieren?“ „Ei, bei Gott! bei dem lockendſten Schilde in dieſen Gott lenkt. I. 2 herrlichen Auguſtnächten: Beim ſchönen Stern. Der Wald wird unſer grünes Schlafgemach ſein. Regnet es, ſo habe ich Grotten, um vierhundert Perſonen darin unter⸗ zubringen. Sei unbeſorgt, dieſe Grotten ſind nicht in der Nähe der bewußten. Was die Lebensmittel betrifft, ſo ha⸗ ben Leute von Heidelberg für einen Tag mitgebracht, und morgen wird Landeck davon ſtrotzen; denn die Bewohner werden nicht ſo dumm ſein, den Guldenregen, der ihnen vom Himmel herab zufällt, nicht zu benützen. Sie wer⸗ den ſich heute Nacht verproviantiren und morgen bei Ta⸗ gesanbruch ſchwimmen wir im Ueberfluß.“ Dann wandte er ſich gegen Trichter und ſprach: „Du, ſchreibe die Verordnungen.“ Nach einer Viertelſtunde ſtieg Trichter auf einen Stuhl und verlas den um ihn her wimmelnden Studenten folgendes napoleoniſches Decret: „Wir, Samuel 1., Kaiſer der Füchſe, Tyhrann der Kameele, Protector des academiſchen Bünbniſſes n. ſ. w. „Wir haben verordnet und verordnen, wie folgt: „Allgemeine Verfügungen. „Art. 1. In Betracht, daß es keine Herberge in Landeck gibt, werden alle Häuſer in Landeck in Herbergen verwandelt. „Art. 2. In Betracht nichtsdeſtoweniger, daß die Häuſer von Landeck nicht für unſere Colonie genügen, wird man im Walde, unter dem Himmelsgewölbe ein Lager verſehen mit allen Beqnemlichkeiten des Lebens, Zwilchzellen, Farnkrautbetten, Strohſophas und Heu⸗ divans, bilden. Die Frauen, die Kinder und die Kränklichen allein werden, mit Zeugniß des Medieinalraths, die ge⸗ meinen Häuſer von Gyps und Brettern bewohnen. „Art. 3. Die Miethzinſe und die allgemeinen oder Privateinkäufe werden, je nach dem gegebenen Fall, ent⸗ 19 weder durch die öffentliche Kaſſe oder durch die individuel⸗ len Börſen berichtigt, mit Ausnahme der Waaren, welche die Bewohner von Heidelberg in Landeck gekauft hätten. Alle von der verrufenen Stadt herrührenden Gegenſtände wer⸗ den ohne Nachſicht confiscirt. Jedes Attentat aber gegen das Eigenthum, ſowie gegen die Perſonen ſoll ſtreng ge⸗ ahndet und mit den bei der Burſchenſchaft üblichen Disciplinarſtrafen belegt werden. „Dieſe Regel iſt indeſſen nur für die Studenten ver⸗ bindlich, und um den edlen Bewohnern von Landeck die Freiheit, dieſes höchſte Gut des menſchlichen Geſchöpfes, zu laſſen, ſoll den Männern, Alles, was ihnen beliebt, zu borgen, und den Frauen, Alles zu ſchenken, nicht un⸗ terſagt ſein.“ Beſondere Verfügungen. „Das Ende vieſes Tages ſoll zum Beſuche ber Oert⸗ lichkeiten und zur Einquartierung verwendet werden. Morgen werden zwei Anſchlagzettel, der eine das Programm der Lehreurſe, der andere das Programm der Beluſtigungen und Genüſſe geben, welche in dem gelobten Lande, in dem wir uns nun befinden, organifirt werden ſollen, um unter den Studenten die Melancholie des Le⸗ bens zu verſüßen und zu erheitern. „Für heute Abend bietet Julius von Eberbach ſeinen alten Kameraden einen Rieſenpunſch im Walde an. „Gegeben zu Landeck am 10. Auguſt 1811. „Samnel K.“ Für die wortgetreue Abſchrift: „Trichter.“ Die Verleſung war von vielen Bravos begleitet. Das Verſprechen des Punſches beſonders hatte den größ⸗ ten Succeß. Als Trichter zu ſprechen aufgehört, erſcholl ein Donner von Vivats und Hurrahs. In dieſem Augenblick kam der Bürgermeiſter Pfaf⸗ fendorf mit dem Mann, der die Miliz bildete. Samuel rief: „Alles, was Weib, Pferd oder Gepäcke iſt, folge m r. Von dem Bürgermeiſter und dem Milizer geleitet, welche die Autvrität vertraten und ihn der Nothwendig⸗ keit, Gewalt zu gebrauchen, überhoben, quartierte er ſo⸗ dann, wohl oder übel, in den Häuſern des Dorfes die Frauen, die Hutſchachteln und die Wagen ein. Nachdem dies geſchehen war, kehrte er zu den Män⸗ nern zurück und ſprach: „Und Ihr, die Ihr den Himmel mehr liebt, als eine Stubendecke, und die Sterne mehr, als die Kerzen, folgt mir.“ Punſch im Walde. Samuel Gelb ließ die Studentenſchaar einen reizen⸗ den Weg wählen, der ſich an waldbewachſenen Abhängen hinaufzog. Die Studenten ſtiegen ungefähr eine Viertel⸗ ſtunde; dann wandten ſie ſich links und folgten einem Fußpfad, welcher plötzlich auf eine große Plattform von ungefähr zweihundert Schritten in allen Richtungen und überall umſchloſſen von einem Vorhang großer Bäume ausmündete. — —— ec„e— — n⸗ zen el⸗ on und me 21 Die Sonne war im Begriff, hinter den Bergen un⸗ terzugehen; ſie ſchien ihren Abgang bedauern laſſen zu wollen und verdoppelte ihre roſigen Strahlen in den Zweigen. Eine lebendige Quelle lief über die Kieſelſteine am Saume des Waldes und machte ſo viel als möglich Lärmen mit ihrer kleinen Stimme und ihren kleinen Waſ⸗ ſerfällen. Der Geſang von tauſend Voͤgeln miſchte ſich unter dieſes entzückende Geräuſch und vermählte ſich da⸗ mit ſo harmoniſch, daß der Bach Noten zu rollen und der Geſang in Tropfen zu ſpringen ſchien. „Seid Ihr mit dieſer Wohnung zufrieden?“ fragte Samuel. „Vivallera!“ antworteten die Studenten. Die meiſten fingen an Zelte aufzuſchlagen, Andere ſpannten Hängematten aus. Auf einen Rath, den Trich⸗ ter vor dem Aufbruch gegeben, halte man ſich mit aller Leinwand, die man brauchte, verſehen. Freßwanſt war im Begriff, ſeine Pfähle einzuſchlagen; doch Trichter hielt ihn zurück. „Freßwanſt,“ ſprach er ernſt,„Du verfehlſt Dich gegen die Geſchichte.“ i Wezen welche Geſchichte?“ fragte Freßwanſt er⸗ aunt. „Gegen die Geſchichte von Robinſon.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Lieber Flaſchenfuchs, haſt Du nicht geleſen, daß Robinſon, da es ihm an einem Schlafzimmer auf einer Inſel fehlte, und da er die Thiere fürchtete, wenn er auf der Erde entſchlummern würde, auf einen Baum ſtieg und ſein Bett aus einem Aſte machte? Ich fühle in mir den edlen Ehrgeiz, dieſem großen Beiſpiel nachzuahmen. Heute Nacht werde ich nicht zu Bette gehen, ich werde auffitzen“ „Und wenn ich von oben herunterrumple?“ fragte Freßwanſt ängſilich. „Das wird beweiſen, daß Du nicht von der Stärke 4b 6 eines Papagei biſt! Freßwanſt,“ fügte Trichter leiſe bei, „es handelt ſich beſonders darum, einigen Verleumdungen den Mund zu ſchließen und den jungen Generationen zu beweiſen, daß wir nie betrunken ſind. Sei ruhig, wenn Du zu fallen befürchteſt, ſo werde ich Dich anbinden.“ „Gut! dann verzichte ich auf mein Zelt.“ „Verzichte immerhin varauf, und man ſoll nicht ſa⸗ gen, wir haben nie in einem Reſte übernachtet.“ Während aller dieſer heitern Vorbereitungen war es Nacht geworden. Der Bürgermeiſter, den Samuel zum Punſch eingeladen hatte, lief lange vor der Stunde, ſtrah⸗ lend, ſtolz und gewichtig, herbei und kam gerade in dem Augenblick an, wo ſich die Studenten zum Abendbrod im Graſe niederließen. Pfaffendorf wurde bei ſeiner Erſcheinung mit Rufen begrüßt, welche ebenſo ſüß für ſein Herz⸗ als rauh für ſein Ohr waren. Er bewunderte vie Wahl von Samuel und die Conſtructionen der Studenten. „Sehr gut! ſehr gut!“ ſagte er.„Ah! Sie haben die ſchönſten Aeſte abgeſchnitten und die jungen Bäume ganz friſch ausgeriſſen für das Zimmerwerk! Das iſt ſehr geiſtreich, meine jungen Freunde! das iſt wahrhaftig ſehr geiſtreich!“ Das Abendbrod war voll Heiterkeit, und nie hatte ſich mehr Appetit mit mehr Witz gepaart. Beim Nachtiſch, und als es völlig Nacht geworden, kamen die Bedienten des Schloſſes, nach den von Julius überſandten Befehlen, mit zwei Fäßchen Rum und Brannt⸗ wein und allen Humpen des Bankettſaales. Sie wurden in der Dunkelheit nicht geſehen und konnten auf eine ge⸗ heimnißvolle Weiſe die Gefäße ordnen, ſie füllen und den Branntwein und den Rum anzünden. Plötzlich, mit dem Ungeſtüm des Blitzes, brach im Walde ein bläulicher Brand aus. Die rothen, blauen und roſenfarbenen Flammen tanz⸗ ten in den ungeheuren Bowlen und füllten mit phanta⸗ — ec— — 6 t⸗ n 3 a⸗ 23 ſtiſchen Scheinen die grünen Tiefen des Waldes. Auf⸗ geweckt, erſtaunten die Voͤgel, daß die Morgenröthe in ſt Nacht ſo ſchnell gekommen, und fingen an zu ngen. „Es lebe Shakespeare!“ rief Trichter.„Wir find mitten im fünften Act der Luſtigen Weiber von Windſor! Sieh da, die Kobolde tanzen unter den Bäumen. Herne der Jäger erſcheint ohne Zweifel ſo⸗ gleich. Suchen wir ihn⸗ Ohl meine Freunde! ich werde ihn erkennen: auf ſeiner Stirne ragt ein großes Hirſch⸗ geweihe empor. Ah! ich ſehe, es iſt Pfaffendorf.“ „Ich geſtehe es zu,“ ſagte der ſtarke Bürgermeiſter, entzückt über dieſen zarten Scherz.„Ich hatte es Ihnen verborgen, aus Furcht, Sie zu erſchrecken, voch ich bin genöthigt, das Incognito abzuwerfen.“ „Auf die Geſundheit von Herne dem Jäger!“ brüllte Trichter, während er einen ungeheuren Humpen ergriff. Das war das Signal. Man löſchte den Punſch aus, man goß ihn in die Becher und in die Gläſer, und Vergnügen des Mundes erſetzte das Vergnügen der ugen. Die Libationen, die Toaſts, die Geſänge vervielfäl⸗ tigten ſich. Zwei Stunden nachher kreiſte eine ſanfte Heiterkeit in den Gruppen. Ein am Geiſte geſunder Zu⸗ ſchauer hätte dieſes Phänomen bewundern können: Jederman ſprach, Niemand hörte. Pfaffendorf fing an angenehm zu lallen, und er ſuchte Trichter zu beweiſen, daß er ſelbſt, obgleich nun alt und Bürgermeiſter, auch einſt jung ge⸗ weſen. Doch Trichter weigerte ſich hartnäckig, ihm zu glauben. Pas war die einzige Wolke, welche die Glückſeligkeit von Pfaffendorf an dieſem heiteren Abend trübte. Er gab nichtsdeſtoweniger Trichter, als er ſich entfernen wollte, einen herzlichen Händedruck; dann nahm er ehrerbietig von Samuel Abſchied und begab ſich auf den Weg, um nach Hauſe zurückzukehren. 24 Wir wollen nicht behaupten, daß er ankam. Julius entriß ſich endlich auch der fröhlichen Geſell⸗ ſchaft, die ihm wieder Leben und Bewegung gab. Er ſagte Samuel gute Nacht. „Nun!“ fragte ihn Samuel,„biſt Du zufrieden, daß Du Deine Freunde wiedergeſehen?“ „Mir iſt es, als auferſtünde ich.“ „Morgen, nicht wahr?“ „Morgen.“ „Du wirſt ſehen, ich werde ihnen das glänzendſte, das ausgefüllteſte, das thätigſte Leben bereiten, das ſie ſich je geträumt haben. Ich will die Regierungen leh⸗ ren, man die Völker glücklich macht. Du wirſt ſehen!“ 8 Samuel begleitete Julius einige Schritte zurück. Als ſie ſich trennen wollten, hörten ſie ein Geräuſch über ihren Köpfen in einem Baum. Sie ſchlugen die Augen auf und erblickten beim Scheine der Sterne Trichter; dieſer war gerade beſchäf⸗ tigt, Freßwanſt anzubinden, welcher auf einem Aſte ſaß, ſchon um den Hals an den Stamm angebunden war und ſehr ernſthaft mit ſich ſchalten ließ. „Trichter,“ ſagte Samuel,„was machſt Du das⸗ „Ich mache das Betttuch meines Freundes feſt,“ antwortete Trichter. Julius entfernte ſich aus vollem Halſe lachend. Derjenige aber, welcher dieſe Menge belebt, dieſe Freude geleitet, dieſe Bacchanalien entfeſſelt hatte, Samuel Gelb, als er ſich allein ſah, vertiefte ſich, ftatt ſchlafen zu gehen, in den Wald und wanderte düſter und traurig, die Stirne gefaltet, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, die Aeſte auf ſeinem Wege abbrechend, die dürren Blätter unter ſeinem Fuße zerſtrenend, ein verwundeter Eber, in der finſteren Nacht. Er dachte: „Welche Anſtrengung und welche Langweile! Das 4 ſe el en 8 ie er in as 25 Leben und die Fröhlichkeit um ſich her verbreiten und in ſich den Zweifel und die Sorge fühlen. Wenn ich mich des albernen Bedauerns ſchuldig wüßte, das man Gewiſ⸗ ſensbiſſe nennt, ich glaube, der Himmel erſchlage mich! ich glaube, ich wäre ärgerlich, wenn nicht über das, was in der vergangenen Nacht geſchehen iſt, voch über die Art, wie es geſchehen iſt. Ohl mein Wille! mein Wille! er hat gezögert, er iſt ſchwach geworden; er hat weder das Böſe, noch das Gute zu thun gewußt. Ich bin vor der Vollbringung der That entflohen, und dann habe ich mich wieder von ihr einholen laſſen. Doppelte Feigheit! „Ohl ich habe da mehr als ein Verbrechen, ich habe einen Fehler begangen! Einen Fehler, der mich nun für die Folgen meines Planes beunruhigt! Werde ich aus⸗ harren! wahrhaftig, ich weiß es nicht. Tauſend Furien! Warum wollte ich Gretchen verderben? Um Chriſtiane zu verderben. Und Gretchen ſollte ſie retten! Die Zie⸗ genhirtin war für mich nur ein Weg zur Gräfin, und das Mitiel ſollte mich vom Ziele abbringen! Oh! Samuel, du finkſt! Sondire deine Seele in dieſem Augenblick: du biſt zufrieden, daß du dich verbindlich gemacht haſt, vor Chriſtiane nur von ihr gerufen wieder zu erſcheinen. Du hoffſt, ſie werde dich nicht rufen, und du werdeſt, um ſie hiezu zu zwingen, nichts von dem thun, was du be⸗ ſchloſſen hatteſt. Du gibſt weibiſchen Bedenklichkeiten nach, du tappſt umher, du weichſt zurück. Und, Unglücklicher, du leideſt! „Ich berſte vor Aerger und Ueberdruß! Gibt es alſo etwas über meinen Wunſche? Ich hatte mir geſagt: In einem einzigen Herzen das Entſetzen und das Verlan⸗ gen ſtreiten laſſen iſt ein ſeltſames Experiment, das ſchon jene wilde Neugierde, welche in mir Hunger hat, befrie⸗ digen kann. Nun denn! nein. Die Erinnerung iſt mir im Gegentheil peinlich. In zwei Weſen die Liebe und den Haß ſich vereinigen laſſen, die entrüſtete Chriſtiane dem von Leivenſchaft entbrgnnten Samuel preisgeben, das wäre vielleicht ſtärker und dieſem grauſamen Ideal näher. Aber werde ich nun meine Laune bis zum Ende treiben konnen?“ Samuel dachte ſo und biß ſich dabei bis auf das Blut in die Lippen. Uebrigens bot ſich die Erinnerung an die entehrte und in Verzweifelung geſtürzte Ziegenhir⸗ tin nicht einmal dieſem düſteren Geiſte. Während er aber die abſcheulichen und vermeſſenen Gedanfen in ſeinem Innern umherwälzte, ging er mit großen Schritten immer weiter, und ſeltſamer Weiſe folgte dieſer auf ſeinen Willen ſo ſtolze Mann einer Art von maſchinenmäßigem Inſtinet oder von gebieteriſcher Gewohn⸗ heit, und trat, ohne daran zu denken, ohne darauf Acht zu geben, in ſein unterirdiſches Gewolbe, zündete eine Blend⸗ laterne an, durchſchritt die ſchwarzen Gänge, erſtieg die langen Treppen, gelangte zu der Thüre vom Salon von Ghriſtiane und trat wie in einem Traume ein. Alles ſchlief im Schloſſe, und die dicken Teppiche dämpften das Geräuſch ſeiner Tritte. Er ließ das Licht ſeiner Laterne auf alle Gegenſtände und alle Meubles umherfallen, blieb vor dem Secretaire von Roſenholz ſtehen, öffnete ihn ſachte mit einem Schlüſ⸗ ſelchen, das er aus einer Taſche zog, und ſah auf der ſammetnen Tablette einen ſchon geſiegelten Brief. Er las die Aufſchrift: An den Baron von Her⸗ melinfeld. Er ſchnitt das Siegel des Briefes mit einem Feder⸗ meſſer aus, entfaltete ihn, las ihn, lächelte und verbrannte langſam das Papier an den Flammen ſeiner Laterne. Dann legte er in den Umſchlag ein weißes Blatt, ſetzte das Siegel gewandt und ſorgfältig wieder an ſeine Stelle und ſchloß den Secretaire zu. „Abermals eine Schwäche!“ ſagte er zu ſich ſelbſt. „Warum verhindere ich es, daß dieſer Brief an ſeine Adreſſe kommt? Weiß ich nicht, daß ich mich entwaffne, indem ich ſie entwaffne 2“ al de 8 8 r⸗ en it te 1⸗ e 27 Sein glühender Blick heftete ſich auf die Thüre des Zimmers, wo Chriſtiane ſchlief. „Kann ein Mann wie ich,“ dachte er,„nicht vierzehn Monate lang einen Gedanken bewahren und ausbrüten, ohne daß dieſer Gedanke ihn auch feſtnimmt und beherrſcht? Werde ich dieſe Frau lieben 2 Ha! ha! ha! Samuel Gelb verliebt! Wir müſſen ſehen!“ Und er ging träumeriſch wieder in den Corridor hinaus und kehrte, immer ohne das Bewußtſein davon zu haben, in ſein Zimmer zurück. Programme, welche nicht lügen. Am andern Tag war Chriſtiane noch nicht aufgeſtan⸗ den, als Julius, der gewöhnlich lange nach ihr aufſtand, ſich ſchon im Lager der Studenten befand. Er traf ſie heiter, geräuſchvoll, fingend. Sie hatten dieſe ſchöne Sommernacht, die Einen unter den Zelten liegend, die Andern in den zwiſchen den Bäumen ange⸗ brachten Hängematten, wieder Andere ganz einfach den Rücken auf dem Raſen, das Geſicht unter den Sternen zugebracht. Alle verſicherten, ſie haben vortrefflich geſchlafen. Freßwanſt allein geſtand zu, ſeine Lage ſei ein wenig beſchwerlich geweſen. Das Gewicht ſeines Körpers, ver⸗ mehrt durch den Schlaf, hatten ihm in das Fleiſch die Stricke, die ihn feſthielten, und den Aſt, auf dem er ſaß, eingedrückt, und er fragte, ob ihm Jemand eine Zebra⸗ haut abkaufen wollte, welche bis zum vorhergehenden Tag die ſeinige geweſen. Trichter dagegen war entzückt von ſeiner Nacht. Er behauptete, die Vögel allein verſtehen das Bettweſen, und er bat alle ſeine Freunde, auf ſeinem Rücken zu ſehen, ob ihm nicht Flügel zu wachſen anfangen. Die Quelle hatte die Koſten der allgemeinen Toilelte, unter ſchallendem Gelächter und Scherzen aller Art, ge⸗ tragen. Alles athmete daher Leben, Friſche, Morgen, Jugend. Es war ein Zigeunerlager, nur ohne Schmutz und mit Geld. Samuel hatte vor Tagesanbruch ſeine unterirdiſche Wohnung verlaſſen und faßte, unter ſein königliches Zelt zurückgezogen, wie es dem Haupte einer Revolution ge⸗ ziemt, die zwei angekündigten Programme ab, das Pro⸗ gram der Studien und das Programm der Vergnügungen. Er hatte ſie übrigens aus dem einzigen Geſichts⸗ punkte entworfen: die Neugierde von Chriſtiane in Er⸗ ſtaunen ſetzen, ſie träumen machen, ſich bewundern laſſen, ſie vielleicht zwingen, in das Lager zu kommen, da er nicht in das Schloß gehen konnte. Ueberdies hatte er, als practiſcher Menſch, ſich mit der materiellen Seite und der Ausführung ſeiner Pläne beſchäftigen, nach Darmſtadt und Mannheim Staffetten ſchicken, kurz Alles ſowohl für die Nahrung, als für die Vergnügungen der unvorſichtigen Studenten organiſiren müſſen. Als er alle dieſe ſchwierigen Vorbereitungen beendigt hatte, trat er hinaus, wurde von einſtimmigem Zuruf begrüßt, und ließ ſogleich ſeinen Proſpectus an die Bäume anſchlagen. Das Studentenvolk zeigte ſich gegen die Gewohnheit entzückt über die Art und Weiſe, wie ſein König die ge⸗ meinſchaftliche Exiſtenz geordnet hatte. Eines beſonders machte glückſelig; die Ankündigung, daß an einem der nächſten Abende, auf einem heſonders hiezu im Walde erbauten Theater, eine Vorſtellung von Schillers Räubern gegeben werden ſollte. Samuel ſelbſt würde die Rolle 4 29 von Karl Moor ſpielen. Das war ein für die Vergnü⸗ gungen ſeiner Unterthanen beſorgter Fürſt. Nero allein in der Geſchichte hatte dieſe Zartheit. Was die ariſtokra⸗ tiſchen Hiſtoriker auch ſagen mögen, ſein Name iſt noch zu dieſer Stunde in Rom volksthümlich. Die andern Verſprechungen der Anſchlagzettel von Samuel waren nicht minder verlockend. Doch, im Wider⸗ ſpruch mit dem Gebrauche der Programme, wurden ſie ganz gewiſſenhaft gehalten, oder ſogar überſchritten. Es iſt alſo unnöthig, daß wir ſie zum Voraus nennen; man wird ſie bei der Ausführung fehen. Was den die Studien betreffenden Anſchlagzettel betrifft, ſo folgt hier ein merk⸗ würdiger Auszug; Univerſität Heidelberg. Curſus im Monat Auguſt 1811. „In Betracht, daß das Vergnügen, auf ſich ſelbſt beſchränkt, unmittelbar zur Sättigung und Langweile führt, und daß die Arbeit dem Leben als Grundlage dienen muß, Haben wir Rector der Walduniverſität Landeck beſchloſ⸗ ſen, daß die täglichen Vorleſungen, deren Angabe hier folgt, um auf eine entſprechende Weiſe die Curſe der Profeſſoren von Heidelberg zu erſetzen, gehalten werden ſollen: Nationalökonvmie. Profeſſor: Samuel Gelb. Er wird beweiſen, daß die Nationalökonomie die Wiſſenſchaft des Nichts, die Se der Nullen und nur ökonomiſch für die Oeko⸗ nomie iſt. 30 Theologie. Profeſſor: Samuel Gelb. Er wird heweiſen: daß die Theologie zum Zweifel an Gott führt und haupt⸗ ſächlich die Eriſtenz der Theologen ſichert, Chemie. Profeſſor: Samuel Gelb. Er wird über die große Alchemie der Natur abhandeln, welche ein Abſolutes ſucht, das noch viel unfindbarer iſt, als das Gold; näm⸗ lich den Menſchen. Hebräiſche Sprache. Profeſſor: Samuel Gelb. Er wird die Bibel aus dem Urtert überſetzen, und, durch Nachweiſung der Irrthümer der Ueberſetzer und der Frageſtellungen der Com⸗ mentatoren darthun, daß unter dem Vorwand goöttlicher Offenbarungen die Menſchheit gerade an die Lügen der Menſchen glaubt. Necht. Profeſſor: Samuel Gelb. Er wird gewiſſen⸗ haft die Grundſätze des Rechts, das heißt, die Ungerech⸗ tigkeit, den Ehrgeiz und die Habgier der Menſchen erörtern. In dieſem Tone ging der Zettel fort. Mediein, Literatur, Anatomie, Geſchichte, alle Lehrſtühle ſollten von Samuel Gelb beſetzt ſein. Der ſeltſame, univerſelle Pro⸗ feſſor ſollte die Kehrſeite aller Wiſſenſchaften darthun⸗ — —— 8 31 Der einzige ein wenig bejahende Curſus, den er ankündigte, war die Pſychologie, bei der er ſeinen Lieblingsgegenſtand: die Theorie des Willens, zu behandeln verſprach. Aber man wußte wohl, obgleich ſpöttiſch und wizig, würde er doch gelehrt und tief bleiben, und nicht ein Student hätte gern bei den originellen Vorleſungen dieſes vielſeitigen Meiſters gefehlt, welcher das Kraftſtück, ganz allein ein lehrender Körper zu ſein, vollführen ſollte. Die Studien nahmen den Nachmittag von zwei Uhr bis ſechs Uhr ein. Der Morgen bis zum Mittagsmahle, das man auf ein Uhr beſtimmte, war den Promenaden auf dem Fluß und im Walde gewidmet. Für den Morgen ſelbſt war ſchon eine Spazierfahrt in Böten auf dem Neckar angeordnet. Der dicke, lachende Pfaffendorf hatte, am Abend vorher vom Konig der Stu⸗ denten in Kenntniß geſetzt, alle Barken des Ufers requirirt, und als ſich die Caravane beim verabredeten Sammelplatz einfand, fand ſie hier eine ganze Flotille mit Segeln und Rudern. Pfaffendorf war da in ſeinem ſchönſten Coſtume: kaſtanienhrauner Rock, weiße Halsbinde, viereckiger Hut, Beinkleider, geflammte Strümpfe und Schnallen⸗ chuhe. Am Tage vorher, unberſehens durch den plötzlichen Einbruch der Studenten überfallen, befürchtete Pfaffendorf, ſeine gewöhnliche Kleidung habe keine angemeſſene Idee von ſeiner Perſon gegeben; er wollte ſeine Genugthuung haben, und in der feſten Abſicht, ſeine jungen Freunde zu blenden, hatte er ſich nicht einmal durch die Furcht, ſeinen Staatsrock im Booie zu zerknittern und ſeine ehrwürdigen ſeidenen Strümpfe den Spritzern der Ruder auszuſetzen, abhalten laſſen. Der edle Bürgermeiſter ſtürzte in die Barke von Samuel mit ver Entſchloſſenheit eines Menſchen, der ſchlechter gekleidet geweſen wäre. Er trieb ſogar das Ver⸗ geſſen ſeines Kleides ſo weit, daß er unter dem allgemei⸗ nen Beifallklatſchen der Studenten ſelbſt ruderte. Die Spazierfahrt der Studenten war entzückend. Der Neckar iſt der Rhein im Kleinen: ſchwarze Burgen, wie Adlerneſter am Gipfel der Felſen hängend; heitere Dörfer, unfern von einander in der Tiefe eines blühenden Thales wie in einem grünen Flügel vom Rocke von Cybele liegend, enge, wilde Schlünde, dem Eingange der Hölle ähnlich, welche plötzlich zu üppigen, lachenden Landſchaften führen wie die Schwelle ves Paradieſes; das ſind die wunderbaren und wechſelreichen Bilder, die ſich vor dem Auge und dem Geiſte unſerer Studenten entrollten, wäh⸗ rend ihre Ruder im Takte ins Waſſer ſielen und ihre ver⸗ einigten Stimmen mit dem Refrain patriotiſcher Lieder die ſeit Jahren in ihren Grotten entſchlummerten, ruhigen Echos des Neckars aufweckten. Julius hatte ſich geſagt, er werde in das Schloß zurückkehren, ſobald man gelandet. Als man aber lan⸗ dete, war die Stunde der Vorleſungen nahe, und er war ebenſo begierig, als ſeine alten Kameraden, Profeſſor Sa⸗ muel zu horen. Er blieb alſo beim Mittagsmahle mit der luſtigen Bande und wohnte dann den Vorleſungen bei. Sie waren ſo, wie man ſie von der gelehrten und zugleich ſprudelnden Ironie dieſes Zweiflers erwarten mußte. Ein Schauer durchlief die Zuhörer bei mehr als einem furchtharen Ausfall über dieſes und jenes Leben. Der ſkeptiſche Doctor befragte den Schöpfer in der Schöpfung, Gott in der Menſchheit mit jener Kühnheit der Kritik und jener Macht der Freihelt, welche das abſolutiſtiſche Drutſchland ſchon damals duldete und das demokratiſche Frankreich noch nicht zuläßt. Als die Vorleſungen beendigt waren, ſchlug es ſechs Uhr. Julius fragte ſich, ob es ſich wohl der Mühe lohne, nun vor der Nacht in das Schloß zurückzukehren? Der Abend ſollte würdig dieſen ſchon ſo vollen Tag krönenz das Programm beſagte; — e+— 3—— —) er ie er, es ele lle en ie m h⸗ r er en oß n. ar ⸗ it ei. d n 16 n. er it 6 6 6 e⸗ r 3 33 „Abendbrod bei Fackeln, und Concert im Walde.“ Chriſtiane wußte, wo ihr Gatte war, und ſie konnte keine Beſorgniſſe faſſen. Ueberdies brauchte er ſie nur zu benachrichtigen. Er ſchrieb eine Zeile an ſie, ſagte ihr, er werde frühzeitiger als am Abend vorher zu Hauſe kommen, und bat ſie, ihm ſeine zwei Jäger zu ſchicken. Das Abendbrod unter den mit farbigen Gläſern be⸗ leuchteten Bäumen war äußerſt phantaſtiſch und beluſti⸗ gend. Während des Mahles blieſen die beiden Jäger von Julius, im Dickicht verborgen, die entfernten und träu⸗ meriſchen Har monieen des Horns, indem ſie ſich riefen und einander antworteten, wie ein Echo. Ein reizender Dialog, der die Hirſchkühe in dieſer ungewohnten Stunde erſchreckte und ſie die bleichen Reflere des Mondes den weißen Schimmer der Morgendämmerung halten ieß. Diejenigen Studenten, welche irgend ein Inſtrument beſaßen, und ein Theil vom Orcheſter des Mannheimer Theaters, den Samuel, dramatiſche Ferien benützend, ſchon am Tage vorher zu berufen bemüht geweſen war, im⸗ proviſirten ein vortreffliches Concert und ſpielten unter dem begeiſterten Beifall dieſes auserwählten Parterre die beſten Stücke von Mozart, Gluck und Beethoven.— Man begreift, daß nach dieſen bezaubernden Stunden Julius abermals mit Bedauern den Augenblick ſeiner Heimkehr erſcheinen ſah. „Du weißt, daß morgen große Jagd iſt,“ ſagte Samuel zu ihm. „Ich weiß es,“ erwiederte Julius. Aber im Grunde fing er an verlegen darüber zu werden, daß er Chriſtiane ſo allein ließ. „Sage doch,“ fügte er bei,„es wäre offenbar nicht ſchicklich, wenn Chriſtiane zu einer Waſſerpartie und zu unſern Abendbroden käme. Doch, biſt Du nicht meiner Gott lenkt. n. 3 Meinung, daß ſie, ohne den Anſtand zu verletzen, der Jagd zu Pferde oder im Wagen folgen könnte? Das würde ſie zerſtreuen.“ „Ich habe ihr verſprochen, ihr kein Lebenszeichen von mir zu geben, ſollte ſie nicht etwa mich rufen,“ erwie⸗ derte Samuel kalt.„Sie weiß wohl, daß ſie uns Ehre erweiſen und Vergnügen machen würde, wenn ſie an un⸗ ſern Beluſtigungen Antheil nähme. Sprich mit ihr und führe ſie hierher.“ „Ja,“ erwiederte Julius,„ich will noch heute Abend mit ihr ſprechen, denn ich kann ſie nicht immer ſo allein laſſen; entweder muß ſie mit mir kommen, oder ich muß bei ihr bleiben.“ Als Julius nach Hauſe kam, machte er Chriſtiane eine begeiſterte Beſchreibung von der Schifffahrt am Mor⸗ gen und von der nächtlichen Muſik. Er kündigte ihr die Jagd am andern Morgen an und ſagte, ſie müßte wohl dazu kommen. Sie würde der Jagd im Wagen, wenn ſie wollte, ſo verborgen, als ſie es für gut fände, folgen; ſie würde ſehen, ohne geſehen zu werden. Ernſt und ein wenig traurig, ſchlug es Chriſtiane geradezu aus. Sie trennten ſich unzufrieden mit einander; ſie grollte ihrem Mann, daß er heiter war, er grollte ſeiner Frau, daß ſie traurig war. — 35 Wo Trichter und Freßwanſt zur Epoche gelangen. Bellen der Hunde, Rufe der Studenten, Berathungen der Jäger von Julius, Fanfaren des Horns, Gewieher der Pferde, Flinten, die man ladet, Vorräthe von Pul⸗ ver und Blei, die man vertheilt, alle dieſe Vorbereitungen zur Jagd, welche mehr beluſtigen als die Jagd ſelbſt, belebten mit Hoffnung und Freude die Morgenröthe des dritten Tages. Die Studenten equipirten ſich, ſo gut ſie nur immer konnten. Ein furchtbares Steigen der Curſe in Be⸗ ziehung auf die Flinten der ganzen Umgegend hatte ſich erklärt. Die meiſten waren um das Doppelte des An⸗ kaufspreiſes vermiethet worden. Neugierig wie Weiber und muthig wie Männer, ſaßen einige Studenten zu Pferde und boten, nur mit einer etwas minder ſtrengen Phantaſie, eine Variante von jenem Bild von Van der Meulen. Julius fand Samuel die Jagd wie ein Heerführer ordnend. „Ich hatte vergeſſen, Dir zu ſagen, Julius, daß ich die Jägerei auch ein wenig getrieben habe,“ ſprach Sa⸗ muel lachend.„Deine Jäger ſind übrigens ausgezeich⸗ nete Leute. Sie haben meiſterhaft eingekreiſt und uns die Fährten eines Hirſches und eines Wildſchweines er⸗ kannt. Mit Deiner Meute, welche wahrhaft königlich iſt, mein Lieber, werden wir eine herrliche Jagd machen.“ Das Signal war nicht ſo hald gegeben, als die Studenten und die Hunde, mit einander, durcheinander, ſchreiend und bellend aufbrachen. Denn trotz der An⸗ ſtrengungen von Samuel, war es keine regelmäßige, kunſt⸗ gerechte Jagd, ſondern ein ſtürmiſcher, entfeſſelter Ein⸗ bruch, der auch ſeine Schonheit hatte. Das Schallen der Hörner, das erſchrockene oder frendige Gelächter der Frauen, das Gekläffe der Hunde, die zufälligen Flinten⸗ ſchüſſe unwiſſender oder ungeduldiger Jäger, dies Alles vermengte ſich und lief wie ein menſchlicher Orkan im Walde umher. Die ſchönen ſtrategiſchen Anordnungen von Samuel und den Jägern triumphirten indeſſen über dieſe ganze Zuchtloſigkeit. Der Hirſch wurde zuerſt for⸗ eirt, dann kam die Reihe an das Wildſchwein. Eine un⸗ geheure Fanfare der Hörner erſcholl und bedeckte das Geröchel des Rothwilds; dann, als auch der Eber erlegt war, ſchwiegen die Hörner. In dieſem Augenblick vernahm man eine Tanzmuſik, welche näher kam. Zwei Geigen, die man lebhaft kratzte, begleiteten den Lärmen freudiger Stimmen. In Augenblicken hörte man zwiſchendurch ſchallendes Gelächter. Nach zwei Minuten ſahen die Studenten am Ende der Allee, wo ſie noch verſammelt waren, ungefähr zwanzig Paare ſtrahlend und im Sonntagsſtaate er⸗ ſcheinen. Es war die Hochzeit von Gottlob und Roſe, die ſich am Morgen geheirathet hatten. Als ſie die Studenten erblickte, machte die Hochzeit Miene, ſich, wie erſchrocken, links abzuwenden. Doch Samuel ging auf Roſe zu und ſagte artig zu ihr: Neuvermählte, erlaubt mir, Euch für Euer Hochzeitmahl zwei Schüſſeln Wildpret, einen Eber und einen Hirſch, anzubleten. Habt Ihr die Güte, uns einzu⸗ laden, ſo werden wir Alle freundſchaftlich miteinander zu Macht ſpeiſen und dann bis zum Morgen tanzen. Wollt Ihr mir die Ehre erweiſen, mir den erſten Tanz zu bewilligen?“ Roſe ſchaute Gottlob an, und dieſer bedeutete durch einen Wink, ſie möge annehmen. „„— ——— 37 Das Bündniß der Jagd und der Hochzeit wurde durch ein Duett von Horn und Geige beſiegelt, und man trennte ſich, um ſich am Abend wlederzufinden. „Nun zur Vorleſung über Geſchichte!“ ſagte der unermüdliche Samuel,„und ich will Euch eine Rabe⸗ lais'ſche Diſſertation über die Ehe ſeit Adam bls auf unſere Tage halten.“ „Bravo! das iſt die wahre Wiſſenſchaft!“ rief das Auditorium, zum Voraus entzückt. War es das Leben in freier Luft, war es das Bei⸗ ſpiel dieſes glühenden Samuel, der immer bereit, nie müde? ſo viel iſt gewiß, daß ſich die Fähigkeiten der Siudenten ſeit drei Tagen zu verzehnfachen ſchienen; die materielle Thätigkeit und die moraliſche Thätigkeit ver⸗ vielfältigten ſich die eine durch die andere, und der Korper ruhte in der Arbeit des Geiſtes aus. Am Abend war das Hochzeitmahl großartig. Der Bürgermeiſter Pfaffendorf betrank ſich dabei abermals coloſſal. Als vom Wildpret nur noch die Knochen und vom Wein nur noch die Flaſchen übrig waren, ertönte ein Ritornell, und der Ball begann. Samuel nahm die Hand von Roſe, Lolotte nahm die Hand von Pfaffendorf. Die Studenten luden die ſchoͤnſten Mädchen der Gegend ein, und die Griſetten theilten ſich unter die Päch⸗ ter und Müller. Und es war bis am Morgen ein lei⸗ denſchaftlicher, heftiger Tanz, der die Verſchmelzung von Heivelberg mit Landeck vollendete. Trichter und Freßwanſt tanzten nicht. Sie ver⸗ zehrten. Samuel Gelb, ein huldreicher Tyrann, der im Punkte der Exceſſe und Mißbräuche nur die des Ver⸗ gnügens fürchtete und ächtete, gab um Mitternacht un⸗ barmherzig Befehl zum Rückzug. Das iſt der ſchmerzliche Augenblick!“ ſeufzte Trich⸗ ter.„Ich muß Lolotte nach Landeck zurückführen.. oh! bis zu ihrer Thüre.“ „Nun wohl! ich werde Dich begleiten,“ ſprach Freß⸗ wanſt gerührt. „Ich danke, großes Herz!“ verſetzte Trichter, indem er ihm die Hand drückte. Schweigſam und ernſt, geleiteten die zwei Trinker in Geſellſchaft die ſchwatzhafte Lolotte bis ins Dorf zurück. Als ſie dieſelbe tugendhaft wfeder ihrem Domieil über⸗ geben hatten, ſagte Trichter zu Freßwanſt: „Ich habe Durſt.“ „Ich dachte es,“ erwiederte Freßwanſt. Mit einer beredten Geberde und mit einem glücklichen Lä⸗ cheln deutete Trichter auf eine Thüre, über der die unbeſtimmte Helle dieſer ſchönen, durchſichtigen Nacht einen Kranz von Weinreben zu unterſcheiden geſtattete. Ohne ein Wort beizufügen, klopfte Trichter an die Thüre. Niemand antwortete, und nichts rührte ſich. Trichter klopfte zum zweiten Mal und noch ſtärker. Statt jeder Antwort boll ein Hund. „Hollah! heh!“ ſchrieen Trichter und Freßwanſt, mit dem Fuß an die Thüre ſtoßend. Der Hund kläffte wüthend. „Wir Drei werden doch am Ende Jemand auf⸗ n ſagte Trichter.„Ah! da öffnet ſich ein Fen⸗ er.“ „Was wollen Sie?“ „Branntwein,“ antwortete Trichter.„Wir ſind zwei arme Reiſende, die ſeit fünf Minuten nichts ge⸗ trunken haben.“ „Mein Mann iſt nicht hier,“ erwiederte die Stimme. „Wir verlangen nicht nach Eurem Mann, wir ver⸗ langen Branntwein.“ „Warten Sie.“ Einen Augenblick nachher öffnete ihnen eine alte ————— f⸗ 1. d E. 39 Frau, halb ſchlafend und mit Augen, welche mehr blin⸗ zelten, als das Licht, das ſie in der Hand hielt, die Thüre. Sie ſtellte das Licht auf den Tiſch, ſetzte zwei Gläſer dazu und tappte ganz ſchlaftrunken in einem Schranke umher. e meiner Treue! es ſind gar keine Getränke mehr da,“ ſagte ſie.„Mein Mann iſt gerade nach Neckarſteinach gegangen, um neuen Vorrath zu holen. Ah! ich glaube, da finde ich noch einen Reſt Brannt⸗ wein.“ Sie ſtellte eine zu zwei Dritteln leere Flaſche auf den Tiſch. „Kaum vier Gläschen!“ ſagte Trichter mit einer abſcheulichen Grimaſſe.„Ein Tropfen Waſſer in der Wüſte! Befeuchten wir uns indeſſen immerhin mit die⸗ ſem Nichts.“ Sie tranken mit einem Zug, bezahlten und entfern⸗ ten ſich fluchend. Die alte Frau, ehe ſie wieder zu Bette ging, räumte einiges Geſchirr ab und war noch auf, als eine Viertel⸗ ſiunde nachher ihr Mann nach Hauſe kam. „Wie kommt es denn, daß Du zu dieſer Stunde wach biſt, Alte?“ fragte er. „Ei! zwei Studenten haben mich genöthigt, aufzu⸗ ſtehen, um ihnen Branntwein zu geben.“ „Branntwein? es war keiner mehr da,“ verſetzte der Mann, während er ſeine Päcke niederlegte. „Doch!“ entgegnete die Schenkwirthin.„Es war noch ein Reſt in der Flaſche.“* Das Auge des Mannes heftete ſich auf die leere Flaſche. „Hievon haben ſie getrunken?“ fragte er zitternd. „Ja wohl,“ antwortete die Frau. „Unglückliche!“ rief der Mann, indem er ſich eine Handvoll Haare ausraufte. „Was haſt Du denn?“ gegeben haſt?“ „Weißt Du, was Du dieſen armen jungen Leuten „Branntwein?“ „ Scheidewaſſer 4 Trichter und Freßwanſt gelangen zur Epopüe. Wir haben die Welt in Beſorgniß über das Schick⸗ ſal von Trichter und Freßwanſt gelaſſen. Dieſe zwei Trinker waren wirklich ſehr groß. Die unvorſichtige Schenkwirthin fühlte ſich noch viel heftiger gequält, und das war Gerechtigkeit. Bei dem Ausruf ihres Mannes: Scheidewaſſer! wurde ſie grün. „Mein Gott,“ ſtammelte ſie,„ich ſchlief.„es war Nacht ich habe ſie bedient, ohne hell zu ſehen.“ „Ah ja! da haben wir uns ſchön gebettet!“ ver⸗ ſetzte der Mann.„Dieſe jungen Leute ſind todt oder röcheln auf dem Wege, und wir, wir werden als Gift⸗ miſcher verurtheilt werden.“ Die Frau ſchluchzte und wollte ſich pathetiſch in die ihres Mannes werfen, doch er ſtieß ſie hart zurück. „Ja, ſchluchze! das wird uns viel nützen! was kön⸗ nen wir thun? Durchgehen? Man würde uns wieder einholen! Oh! mein Oheim hatte Recht, als er mir vor einundvierzig Jahren rieth, ich ſollte Dich nicht hei⸗ rathen.“ Wir werden die Nacht voll Angſt und Thränen — 6 1 r — 41 nicht erzählen, welche dieſe weinſchenkenden Philemon und Baueis in gegenſeitigen Schmähungen zubrachten. In der erſten Stunde des Tages war Baucis auf ihrer Thürſchwelle und wartete auf ihr Schickſal. Plötzlich ſtieß ſie einen Schrei aus. Sie hatte auf dem Wege, nach ihrem Hauſe zugehend, zwei Menſchen, nein! zwei Geſpenſter ohne Zweifel, erblickt. „Was gibt es?“ fragte der Mann ganz zitternd. „Sie!“ antwortete die Frau. „Sie! wer, ſie?“ „Die zwei jungen Leute.“ „Ah!“ ſtammelte der Mann, während er auf einen Stuhl fiel. Trichter und Freßwanſt traten voll Ruhe und Ein⸗ fachheit ein und ſetzten ſich an den Tiſch. „Branntwein?“ verlangte Trichter. Er fügte bei: „Von demſelben.“ „Ja, von demſelben, er hatte Kraft,“ ſprach Freß⸗ wanſt.. Ein Runſtfeuerwerk aus verſchiedenen Geſichts- punkten. So vergingen drei bis vier Tage für die ausgewan⸗ derten Studenten unter den immer neuen Zauberelen, welche der ſeltſame, mächtige Geiſt von Samuel Allem, was in ſeinem Bereiche war, dem Walde und dem Fluſſe, dem Dorfe und dem Schloſſe, der Wiſſenſchaft und der Muße, dem Traume und dem Leben, zu entlocken wußte. 42 Man hatte indeſſen Nachrichten von Heidelberg, welche durch den Contraſt die Freudigkeit in Landeck erhöhten. Ein Fuchs, der ſehr wider ſeinen Willen durch eine Un⸗ päßlichkeit zurückgehalten worden war, hatte ſich, ſobald er aufſtehen konnte, beeilt, ſeinen Kameraden nachzufolgen. Er entwarf ein ſehr trauriges Gemälde von Heidelberg. Die Straßen waren verödet, die Buden leer. Das Schweigen des Todes ſchwebte über dieſer verfluchten Stadt. Am Tage kein Geräuſch; am Abend kein Licht. Der Handelsmann ſchloß ſich traurig mit der Handelsfrau und mit den Waaren ein. Die Profeſſoren, da ſie nicht mehr zu lehren hatten, ſtritten ſich unter einander. All dieſe Wiſſenſchaft der Lehrer, alle dieſe Stoffe der Tuchhändler, alle dieſe Weine der Wirthe, gemacht, in den Gehirnen, auf den Schultern und in den Kehlen zu circuliren, häuf⸗ ten ſich an und ſtockten ſchwermüthig in den Buden und auf den ſtagnirenden Kathedern, wie der Schlau in einem ſtinkenden Sumpf. Die Profeſſoren und die Gewerbsleute waren ſo weit, daß ſie ſich ſtritten und einander die Perantnottiichtei für die Auswanderung zuſchoben. Warum hatten die Gewerbsleute Trichter beleidigt? Warum hatten die Profeſſoren Samuel verurtheilt? Der Augenblick war nahe, wo die Academie einen Bürgerkrieg mit dem Comptoir beginnen würde. Dieſe Nachrichten verdoppelten nur die Belebtheit der Caravane, und Samuel feierte ſie durch ein bewunde⸗ rungswürdiges Feuerwerk„zu dem er ſchon ſeit drei Tagen Vorkehrungen traf. Er hatte das Feuerwerk auf dem andern Ufer des Neckars ordnen laſſen. Man konnte nichts Reizenderes ſehen, als die Bomben und die Raketen, wie ſie ſich im Fluſſe ſpiegelten, und das Bouquet, das ſich in der Luft erſchloß und ſich durch einen unterirdiſchen Vulkan ver⸗ doppelte. Es waren in der That zwei Feuerwerke, das des Himmels und das des Waſſers. ——— e——— ——— „ ——„ 8— —— 43 Ganz Landeck befand ſich auf dem Ufer, nur Chriſtiane und Gretchen nicht. Doch Samuel hatte ſeinen Ort mit Rückſicht hierauf gewählt, und er wußte wohl, daß die Widerſpänſtigen unwillkürlich Zuſchauerinnen des Feuer⸗ gemäldes ſein mußten, und daß die rothen Flammen ſie, die Eine in ihrer Hütte, die Andere in ihrem Salon, auf⸗ ſuchen würden. Gretchen ſah ſie in der That, erbleichte und murmelte: „Der Teufel ſpielt mit dem Feuer, das iſt ganz einfach!“ Und ſie entfloh ſcheu in ihre Hütte und verbarg ihren Kopf in ihren Händen, um den glühenden Reflexen zu entgehen, welche ihre Scheiben und ihre Wände färbten. Alles, was an Samuel erinnerte, erregte nun ein Grauen bei ihr. Alles, was an Samuel erinnerte, erregte bis jetzt nur Furcht bei Chriſtiane. Durch das Entzünden des Himmels auf ihren Balcon gelockt, blieb ſie hier nach⸗ denkend; ſie dachte an die unerklärliche Zurückhaltung von an die unwillkürliche Vernachläßigung von Ju⸗ us.* Sie ſah ſich wohl genöthigt, das, was Samuel über die ſchwache, ſchwankende Natur ihres Mannes geſagt hatte, anzuerkennen. Es war viel vom Kinde in dem jungen Mann geblieben, der ohne Zweifel in dieſem Augen⸗ blick ganz geblendet bei dem Feuerwerk von Samuel in die Hände klatſchte. Chriſtiane fühlte, daß Julius ihr entſchlüpfte. Was war zu thun, um ihn zurückzuhalten? Ergriff ſie das gute Mittel, wenn ſie von ſeinen Zerſtreuungen entfernt blieb? Würde ſie ihn nicht, wenn ſie ſich weigerte, ihm zu folgen, wenn ſie ihn daran gewöhnke, ihrer zu entbeh⸗ ren, dazu bringen, auf der einen Seite ſeine Frau, auf der andern die Freude zu ſehen? Wäre es nicht beſſer, wenn er Beides beiſammen ſehen würde? Würde ſie nicht klüger handeln, wenn ſie ſich mit den Beluſtigun⸗ gen und Glückſeligkeiten ihres Mannes vermengte, ſo daß er ſie nicht mehr von ihr trennen könnte? Die arme ſanfte Chriſtiane fragte ſich, was Unge⸗ bührliches dabei wäre, wenn ſie ſich ein wenig in alle dieſe für Julius nothwendigen Freuden miſchte? Sie würde ſich natürlich nur von fern und innerhalb der Grenzen des Wohlanſtands darein miſchen. Was würde daraus hervorgehen? Samuel würde vielleicht darüber triumphiren und ſagen, er habe ſie zum Nachgeben ge⸗ bracht. Nun! Samuel war im Ganzen einer von den Charakteren, die es nur auf die Hinderniſſe gemünzt ha⸗ Sb und je ſtolzer ſie bliebe, deſto mehr würde ſie ihn reizen. Samuel hatte bis jetzt ſein Wort, es nicht zu ver⸗ ſuchen, ſie wiederzuſehen, ſtreng gehalten. Hatte ſie nicht Unrecht gehabt, dem Baron von Hermelinfeld zu ſchreiben? Wenn ſie ihr Syſtem verändern würde? Begleitete ſie ihren Mann, ſo gewann ſie zwei Dinge; ſie entflammte die Liebe von Julius wieder und ſie loͤſchte den Haß von Samuel aus. Am Abend lauerte ſie alſo auf Julius bei ſeiner Rückkehr, ging ihm freundlich entgegen und erſuchte ihn ſelbſt, ihr ſeinen Tag zu erzählen. Er ließ ſich nicht bitten. „Du haſt Dich alſo abermals beluſtigt?“ ſagte ſie. „Ich geſtehe es. Dieſer Samuel verſteht das Leben vortrefflich.“ „Spielt man nicht morgen Abend die Räuber?“ fragte Chriſtiane. „Ja, morgen,“ antwortete Julius.„Ohl wenn Du mit mir kommen wollteſt?“ „Wahrhaftig, ich bin beinahe verſucht, dies zu thun. Du weißt, daß Schiller mein Dichter iſt.“ „Gut alſo!“ rief Julius entzückt.„Das iſt abge⸗ Keine Umſtände mehr! Morgen Abend hole ich ich ab.“ . — e— 4⁵5 Und er küßte Chriſtiane voll Innigkeit. „Es iſt beinahe eine Woche, daß er mir nicht ſo freudig einen Kuß gegeben hat,“ dachte Chriſtiane traurig. Generalprobe. Am Tage der Vorſtellung der Räuber ſtand es jedem Studenten, abgeſehen von den zwei Stunden für die Vorleſungen, frei, nach ſeinem Belieben über ſeine Zeit zu verfügen und ſie entweder ſeinen Verbindungen zu ſchenken oder ſeinen Privatſtudien zu widmen. Samuel Gelb, der große Scenirer, wußte, von welcher Bedeutung beim Vergnügen das Verlangen und die Er⸗ wartung ſind, und daß das Licht ſeinen Werth nur durch den Schatten hat. Samuel Gelb, dieſer große Politiker, dachte, bei jeder Aſſociation, und wäre es auch eine Aſſo⸗ ciation der Beluſtigung und der Freude, müßte ein großer Theil der Freiheit und der Laune des Einzelnen zugeſtan⸗ den werden. Samuel endlich, dieſer große praktiſche Mann, bedurfte ſelbſt des ganzen Tages, um die Vorbe⸗ reitungen zur Aufführung am Abend zu vollenden. Da die Räuber beinahe ganz in den Wäldern ſpielen, ſo fand ſich natürlich die Decoration gemacht, nach der Weiſe der Alten. Statt der Leinwand und des Pappen⸗ deckels, wie in Mannheim, hatte man natürllhes Blätter⸗ werk und einen ächten Wald. Für die geſchloſſenen Scenen ſtellten breit gemalte und zwiſchen den Bäumen befeſtigte Leinwandſtücke die Zimmer vor. Samuel hatte ohne Mühe ſein Theater improviſirt. Es fehlte ihm nicht an Couliſſen und Requiſiten. Er verwandte große Sorgfalt auf die Generalprobe. Doch ſeine Schauſpieler waren ſo gelehrig, ſo begeiſtert und ſo unterrichtet, daß er mit ihnen nicht am Effect des Werkes von Schiller zweifelte. Die Probe war bei der Scene, wo der Pater den Räubern volle Amneſtie anbietet, wenn ſie Karl Moor, ihren Hauptmann, ausliefern würden, als man Samuel meldete, eine Deputation des academiſchen Senats von Heidelberg erſcheine, um den Studenten Vorſchläge zu machen. „Führt ſie hieher,“ ſagte Samuel.„Sie kommen wie gerufen.“ Drei Profeſſoren traten ein. Einer von ihnen nahm das Wort. Der Senat machte das Anerbieten, wenn die Studenten zu ihrer Pflicht zurückkehren wollten, Allen zu verzeihen, Samuel Gelb ausgenommen, der von der Uni⸗ verſität relegirt ſein ſollte. „Meine verehrten Herren Bötſchafter,“ ſprach Samuel, „das iſt eine Scene, welche teufelmäßig der, welche wir probiren, gleicht.“ Und er wandte ſich gegen die Studenten um und rief: „So höret denn Ihr, was die Gerechtigkeit Euch durch mich zu wiſſen thut. Werdet Ihr jetzt gleich dieſen verurtheilten Miſſethäter gebunden überliefern, ſo ſoll Euch die Strafe Eurer Gräuel bis auf das letzte Andenken er⸗ laſſen ſein,— die heilige Academie wird Euch ver⸗ lorene Schafe mit erneuerter Liebe in ihren Muiterſchvoß aufnehmen, und Jedem unter Euch ſoll der Weg zu einem Ehrenamte offen ſtehen.“ Dieſe aus Schiller entlehnte Stelle wurde mit einem einſtimmigen, ſchallenden Gelächter aufgenommen. Einer von den Profeſſoren wandte ſich an die Stu⸗ denten und ſagte: 6 „Mit Ihnen, meine Herren, mit Ihnen allein ſprechen — e— t c c — n el n u n ie zu i⸗ l, ir nd en r⸗ r⸗ oß m — 47 wir, und wir hoffen, daß Sie uns mit etwas Anderem als mit Späſſen antworten werden.“ „Verzeihen Sie, ich bin ſehr ernſt,“ entgegnete Sa⸗ muel,„und ſehr ernſt fordere ich, als würdiger Karl Moor, meine Kameraden auf, Ihre Vorſchläge anzuneh⸗ men, mich preiszugeben und nach Heidelberg zu ihren regelmäßigen Studien zurückzukehren. Hier werden ſie ſicherlich ihre Diplome nicht erhalten und ihre Verwandten nicht zufriedenſtellen.“ „Aber wir,“ ſprach ein bemooſtes Haus,„wir ant⸗ worten als wahre Räuber von Schiller, daß wir unſern Anführer nicht verlaſſen werden. Und wir haben hiebei etwas weniger Verdienſt, als die Gefährten von Karl Moor, denn wir laufen weder körperlich, noch geiſtig Ge⸗ fahr, da wir, ſo viel ich weiß, weder Ihren Vorleſungen, noch Ihren Kugeln ausgeſetzt ſind.“ „So ſprechen Sie,“ erwiederte der Profeſſor,„was verlangen Sie, um zurückzukehren?“ „Es iſt an Samuel, das zu ſagen.“ „Jo, Samuel! Samuel!“ rief die Bande. „Nun wohl! was wären denn die Forderungen von Herrn Samuel Gelb,“ verſetzte mit Bitterkeit der Par⸗ lamentär der Univerfität.„Der Neugierde wegen würde es uns angenehm ſein, ſeine Wünſche zu erfahren.“ Samuel nahm das Wort, und ſprach im Tone eines Coriolan: „Sie haben ſich in der Rolle getäuſcht, meine Herrn Profeſſoren, indem Sie hierher kamen, um uns Bedingun⸗ gen zunſtellen. Wir haben keine zu empfangen, ſondern zu dictiren. Hören Sie unſern Entſchluß und ſagen Sie zu Hauſe, er ſei unwiderruflich. Amneſtie für Alle, für mich wie für die Andern, das verſteht ſich von ſelbſt. Sodann werden die Bürger, welche Trichter zu mißhan⸗ deln verſucht haben, hier öffentliche Abbitte thun. Als Kriegscontribution ſollen die Schulden von Trichter als bereinigt betrachtet werden, und es ſoll ihm noch über⸗ dies eine Entſchädigung von fünftauſend Gulden zufallen. Tauſend Gulden Entſchädigung endlich ſollen jedem von den in der Schlacht verwundeten Studenten ausbezahlt werden. Nur unter dieſen Bedingungen willigen wir ein, nach Heidelberg zurückzukehren. Sagen Sie: Nein, ſo ſagen wir: Großen Dank.“ Er fügte auf der Stelle bei: „Trichter, führe die Abgeordneten der Academie bis an die Grenze von Landeck zurück!“ Die Profeſſoren glaubten es ihrer Würde angemeſſen, nicht ein Wort zu erwiedern, und kehrten ſehr jämmerlich zurück. „Laſſen Sie uns unſere Probe wieder aufnehmen, meine Herren,“ ſprach Samuel ruhig zu ſeinen Schau⸗ ſpielern. Als nach Beendigung der Probe Julius zu Samuel ſagte, er wolle Chriſtiane holen, konnte Samuel trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung einen Blitz der Freude nicht unterdrücken. „Ah! ſie kommt?“ rief er.„Gehe geſchwinde, Ju⸗ lius, denn es wird Abend, und wir wollen anfangen, ſobald es völlig Nacht iſt.“ Julius ging weg und Samuel, der beinahe unruhig geworden war, zog ſein Coſtume an. Nach einer Stunde kam Julius mit Chriſtiane zu⸗ ruͤck; Frau von Eberbach wurde mit Achtung von den Studenten aufgenommen. Ein beſonderer Sitz ſtand für ſie im erſten Range bereit, ſo daß ſie von der Menge ab⸗ geſondert war. Das Herz ſchlug Chriſtiane gewaltig; es war das erſte Mal, daß ſie Samuel, ſeit ſeiner kecken Herausforderung, wieder ſehen ſollte. Das Stück begann unter einem aufmerkſamen, theil⸗ nehmenden Stillſchweigen. — — el ht u⸗ ld 33 en ir b⸗ es en 49 Die Bänber. „ Man weiß, die Räuber von Schiller find einer der brennendſten, kühnſten, furchtbarſten gegen die alte Ge⸗ ſellſchaft ausgeſtoßenen Schreie. Karl Moor, der Sohn eines Grafen, erklärt der regierenden Gerechtigkeit, der feſtſtehenden Ordnung den Krieg, wird Bandit, um ſich auf ſeine Art zum Richter zu machen, das den Bedräng⸗ ten zugefügte Unrecht zu rächen, und bewahrt unter ſeinen Verbrechen ein durch Energie und Stolz ſo erhabenes Ideal, daß das Intereſſe dieſen Räuber nie verläßt, daß das Recht immer auf Seite dieſes Empoͤrers zu ſein ſcheint. In Deutſchland volksthümlich, iſt dieſes Stück beſon⸗ ders der Gegenſtand einer Verehrung für Alles, was jung und glühend iſt, für Alles, was ſich frei nennk. Es gab keinen Heidelberger Studenten, der die Räuber nicht bei⸗ nahe auswendig wußte, doch der Eindruck des Meiſterwerks war immer neu und immer tief für ſie, und ſie hörten an dieſem Abend das Trauerſpiel, als ob ſie es zum erſten Male gehört hätten. Die erſte Scene brachte indeſſen nicht ihre ganze Wirkung hervor. Man erwartete Samuel. Doch in der Secunde, ſobald Karl Moor eintrat, beklomm eine inſtinet⸗ artige Bewegung jede Bruſt. Hohe Geſtalt, breite Stirne, bitterer Blick, Gering⸗ ſchätzung, Leidenſchaft, Verachtung der conventionellen Tugenden, der ganze Karl Moor ſchien in Samuel wie⸗ deraufzuleben. Nichtsveſtoweniger, während in ſeinem Innern Sa⸗ muel Gelb ſich vielleicht größer dünkte, als Karl Moor, Gott lenkt. U. 4 50 well ſein Feind höher war, weil er ſich nicht allein an den Menſchen, ſondern an Gott vergriff, konnte ſich Chri⸗ ſtiane mit Recht zu gleicher Zeit ſagen und ſagte ſich auch, der unwürdige Räuber von Greichen ſtehe weit un⸗ ter dem Mörder in den böhmiſchen Wäldern, denn der ſeiner Seele müſſe der Haß und nicht die Liebe ein. Doch für Jeden, der unter dem Spiele von Samuel nicht ſein Leben entdeckte, war die Illuſion ſchlagend, und als der Vorhang aufgezogen wurde und Kari in das Leſen ſeines Plutarch vertieft erſchien, da war die Hal⸗ tung von Samuel ſo herrlich, ſein Ausſehen ſo großartig, daß ſchon bei ſeinem Anblick ein einſtimmiger Beifallsſturm losbrach. Und mit welch ſarkaſtiſchem Ausdruck ſprach Samuel, mit großen Schritten auf und abgehend, das bekannte Anathem: „Nein! ich mag nicht daran denken! Ich ſoll mei⸗ nen Leib preſſen in eine Schnürbruſt, und meinen Willen ſchnüren in Geſetze. Das Geſetz hat zum Schnecken⸗ gang verdorben, was Adlerflug geworden wäre. Das Geſetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Koloſſe und Ertremitäten aus.— Ah! daß der Geiſt Hermanns noch in der Aſche glimmte! — Stelle mich vor ein Heer Kerle wie ich, und aus Deutſchland ſoll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenkloͤſter ſein ſollen.“ Durch ſeinen Vater zu Gunſten ſeines Bruders ver⸗ ſtoßen, erhebt ſich indeſſen Karl Moor wüthend und wil⸗ ligt ein, der Hauptmann ſeiner Kameraden, welche Räu⸗ ber geworden, zu ſein. Samuel dachte ohne Zweifel an die Ungerechtigkeit ſeines eigenen Vaters, denn nie er⸗ reichte ein großer Schauſpieler die tiefe Wahrheit, mit der er ausrief: „Mörder! Räuber!— mit dieſem Wort war das Geſetz unter meine Füße gerollt— Menſchen haben Men⸗ 5¹ ſchen vor mir berborgen, da ich an die Menſchheit appellirte; weg denn von mir, Sympathie und menſchliche Schonung! Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod ſollen mich vergeſſen lehren, daß mir jemals etwas theuer war!— Kommt, kommt! Oh! ich will mir eine fürchterliche Zerſtreuung machen.“ Samuel ſprach dies mit einer ſo zügelloſen Stärke, doß ein Schauer die Menge durchlief. Ein fahler Blitz ſprang aus ſeinen Augen hervor. Chriſtiane bebte, es kam ihr vor, als wäre der Blick von Samuel auf ſte gefallen; ſie empfand einen electri⸗ ſchen Schlag und bereute es, gekommen zu ſein. Es fanden ſo viele Beziehungen zwiſchen der Rolle und dem Schauſpieler ſtatt, daß ſie in Augenblicken nicht wußte, ob es Samuel war, der Karl Moor ſpielte, oder Karl Moor, der Samuel ſpielte. Dieſer Räuber, der das Verbrechen größer machte, als die Tugend, und der zu weit zu ſein ſchien, um in dieſen engen Vorurtheilen der Welt Raum zu haben, er⸗ ſchreckte Chriſtiane. Dann war es plötzlich ein anderer Menſch. Der Gedanke an diejenigen, welche er geliebt hat und noch liebt, durchſtreift eines Tags das blutige, befleckte Leben von Karl, wie ein Sonnenſtrahl den Ab⸗ grund. Eine unüberwindliche Kraft zieht ihn anz er will ſeine Amalie wiederſehen und führt ſeine gehorſamen Kameraden ſogleich nach Franken. Unter einer Verklei⸗ dung tritt er allein in das väterliche Schloß ein, und von Amalie ſelbſt in die Familiengallerie geführt, ohne von ihr erkannt zu werden, befragt er ſie voll Angſt über das, was ſie gelitten hat. In dieſem Augenblick zerſchmilzt die ganze ſtolze Herbheit von Samuel⸗Karl in eine glühende Leidenſchaft. Eine Thräne befeuchtet den Blitz der bis dahin unver⸗ ſöhnlichen Augen, und da Amalie vor dem Bilde von Karl ihre Gemüthsbewegung durch ihre Thränen verräth und erröthend entflieht, ruft Samnel: * „Sie liebt mich! ſie liebt mich!“ mit einer ſolchen Leidenſchaft des Glücks und des Trium⸗ phes, daß der Beifall von allen Seiten donnerte, und daß Chriſtiane erbleichte und vor Angſt und Aufregung zitterte. Doch die Rührung dauert nur eine Minute. Der Räuber ſchüttelt alsbald den vorübergehenden Eindruck von ſich, drängt in ſeine Augen die Thränen zurück, welche hervorbrechen wollten, ſeine ganze Heftigkeit kehrt bei ihm zurück, und es war die Blasphemie von Samuel Gelb ſelbſt, welche die abſcheuliche Herausforderung ausſprach: „Nein, nein! ein Mann muß nicht ſtraucheln!— Sei wie du willſt, namenloſes Jenſeits, bleibt mir nur vieſes mein Selbſt getreu, ſei wie Du willſt, wenn ich nur mich ſelbſt mit hinübernehme.— Außendinge find nur der Anſtrich des Mannes.— Ich bin mein Himmel und meine Hölle.“ Karl Moor empfindet indeſſen eine Rückkehr zur Zärt⸗ lichkeit, da Amalie, welche weiß, was er iſt, ihn Allem zum Trotze liebt und in ihre Arme ſchließt. „Sie vergibt mir! ſie liebt mich! Rein bin ich, wie der Aether des Himmels, ſie liebt mich! weinenden Dank Dir, Erbarmer im Himmel! Der Friede meiner Seele iſt wiedergekommen, die Qual hat ausgetobt, die Hölle iſt nicht mehr. Sieh, o ſieh, die Kinder des Lichts weinen am Halſe der weinenden Teufel.“ Samuel ſprach dieſe erhabenen Worte mit einem Schmerz und einem Erguß, daß ſich Chriſtiane abermals bewegt fühlte. Einen Augenblick faßte ſie den Gedanken, es wäre vielleicht nicht unmöglich, Samuel zurückzubrin⸗ gen, und im finſteren Grunde dieſes erſchrecklichen Geiſtes fei vielleicht etwas wie ein Herz. Doch nein, das Böſe iſt zäher, es läßt nicht ſo leicht diejenigen los, welche es gepackt hat. Ein großer Schul⸗ diger kann ſeine Bahn nicht wechſeln. Jede Verſöhnung — S— 1„* S„— S* * — S—— 53 iſt unmöglich zwiſchen dem Verbrechen und der Unſchuld. Amalie iſt verurtheilt. Das Verhängniß muß in Erfül⸗ lung gehen. Die Liebe von Karl kann nur unſelig ſein. Seine wilden Kameraden dulden nicht, daß er ſie verläßt. Sie legen zwiſchen ihn und ſeine Geliebte ihre gerötheten Schwerter, ſie zerreißen ihre Kleider, ſie zeigen ihm die Wunden, die ſie für ihn empfangen haben, und erinnern ihn an die boͤhmiſchen Wälder, an ſeine Reden, an die Gemeinſchaft der Verbrechen, die ihn an ſie bindet. Karl iſt ihre Sache. Sie haben ihn mit ihrem Herzblut zum Leibeigenen gekauft. Opfer für Opfer. Amalie für die Bande! Und ſchon legt Einer von ihnen auf Amalie an. Doch Karl entreißt ihm die Flinte und tödtet mit eigener Hand die Geliebte. Chriſtiane ſtieß einen Schrei aus. Es kam ihr vor, als hätte Samuel auf ſie gezielt, und als träfe ſie ſeine Kugel ins Herz. Julius lächelte im Glauben, der Schrecken von Chri⸗ ſtiane ſei nur die Wirkung, welche die Schüſſe gewöhnlich auf die Frauen hervorbringen. Chriſtiane erholte ſich während der letzten Worte des Stückes, und ihre Aufre⸗ gung erklärte ſich natürlich durch die ſo dramatiſche Ent⸗ wickelung des bewunderungswürdigen Meiſterſtückes. Der Vorhang fiel unter einem Donner von Bravos. Samuel wurde herausgerufen und mit wüthendem Bei⸗ fall überſchüttet. „Geſchwinde! laß uns gehen!“ ſagte Chriſtiane zu ihrem Mann. „Sobald wir Samuel beglückwünſcht haben werden,“ erwiederte Julius. 54 Es tehlt der Tugend zuweilen an Geſchicklichkeit. Julius zog Chriſtiane mit ſich hinter das Theater. Als Samurl ſie ſah, ging er auf ſie zu, noch in ſei⸗ nem zugleich glänzenden und düſteren Coſtume, noch bleich von ſeiner wirklichen vder geſpielten Leidenſchaft. Julius drückte ihm mit Begeiſterung die Hand. „Du biſt herrlich geweſen,“ ſagte er.„Du biſt und Du thuſt Alles, was Du wiliſt.“ „Du glaubſt!“ verſetzte Samuel mit ſeinem ſchlim⸗ men Lächeln. Chriſtiane ſagte nichts. Aber ihre Bläſſe, ihre Auf⸗ regung und ihr Stillſchweigen ſprachen für ſie. Julius, der in ſeiner Redlichkeit keinen Verdacht hatte und vieſes Eis brechen wollte, entfernte ſich, ohne daß es den Anſchein von Abſichtlichkeit hatte, um mit den S zu plaudern und ließ Samuel mit Chriſtiane allein. Samuel nahm das Wort mit jener ehrerbietigen Leichtigkeit, welche bei ihm immer den Spott zu verber⸗ gen ſchien. „Empfangen Sie meinen Dank, Madame, daß Sie die Güte gehabt haben, einer unſerer Unterhaltungen bei⸗ zuwohnen. Bis jetzt waren Sie gegen dieſelben aufge⸗ bracht, und für wen iſt doch dies Alles organiſirt worden, wenn nicht für Sie? Haben Sie nicht dieſe Verpflanzung einer Stadt gewünſcht? Habe ich nicht auf Ihren Be⸗ fehl Julius die Bewegung von Heildelberg gebracht?“ „Das beweiſt, daß man zuweilen Wünſche hegt und ausſpricht, die man bereut.“ „Sie bereuen es, daß Sie uns haben kommen laſ⸗ ſen?“ fragte Samuel.„Fängt dieſe lärmende Verſamm⸗ * —e. ⸗ t e e N —— v — N 55 lung an Ihnen langweilig zu werden? Dann ſagen Sie ein Wort, Madame, und wie ich gemacht habe, daß dieſe Leute hierher gekommen ſind, ſo werde ich auch machen, daß ſie dorthin zurückkehren.“ „Würden Sie das thun?“ verſetzte Chriſtiane. „So bald Sie es haben wollen, auf mein Wort! Es iſt auch gut, wenn dergleichen Abenteuer ſich nicht zu ſehr ausdehnen und in der Erinnerung bleiben, wie ein Blitz, der glänzt und vorübergeht. Während dieſer acht Tage hat das Leben für mein Volk nicht eine Minute der Lang⸗ weile gehabt, der blaue warme Himmel nicht eine Wolke. Es iſt Zeit, daß wir gehen; wir werden müde. Ich werde Sie von uns befreien, von mir zuerſt.“ Chriſtiane machte eine Geberde der Hoöflichkeit. „Ich hoffe nur,“ fuhr Samuel fort,„unſere kleine Reiſe wird nicht ganz unnütz für Ihr Glück geweſen ſein. Julius hatte in der That nöthig, wieder in Bewegung geſetzt zu werden. Sehen Sie, Ihr werther Gatte iſt eine Pendeluhr, deren Uhrmacher zu ſein ich die Ehre habe. Ich gebe Ihnen denſelben für wenigſtens drei Mo⸗ nate wieder aufgezogen zurück.“ „Herr Samuel!. unterbrach ihn Chriſtiane mit Würde. „Verzeihen Sie, Madame,“ ſagte Samuel,„ich wollte Sie nicht beieidigen. Ich glaube, ich werde mich nie daran gewoͤhnen, zu denken, die Wahrheit ſei verletzend. Die üblichen Anſichten würden mich aber, wie ſagt man? ungebührlich, nicht wahr? finden, wenn ich es, zum Bei⸗ ſpiel, verſuchte, in Ihrem Geiſte zu leſen, und zu muth⸗ maßen wagte, während dieſer Vorſtellung habe die Lei⸗ denſchaft, welche wirklich in mir überſtrömte, durch ihre Energie Sie erſchüttern können.“ „Ich werde keine Schwierigkeit machen, das zu ge⸗ ſtehen,“ ſagte Chriſtiane. „Wenn ich es wagte, zu vermuthen,“ fuhr Samuel 56 fort,„Sie haben dieſe Gluth und dieſes Ungeſtüm mit der Zartheit und der Bläſſe von Julius verglichen.“ Chriſtiane ſchnitt abermals Samuel das Wort ab, indem ſie mit Feſtigkeit erwiederte: „Herr Samuel, ich liebe auf der Welt nur meinen Mann und mein Kind; ſie haben meine Seele ganz und gar. Dieſe Zärtlichkeiten genügen für das Trachten mei⸗ nes Herzens. Es findet ſich reich genug ſo und hat nie daran gedacht, ſeinen Reichthum mit dem Anderer zu ver⸗ gleichen.“ „O Tugend von Stein,“ rief Samuel bitter.„Dieſe Strenge iſt vielleicht ehrenwerth, Madame, doch ſie iſt nicht geſchickt. Wer weiß, ob Sie nicht mit etwas we⸗ niger Stolz und Härte, mit etwas mehr Geſchmeidigkeit und Feinheit mein Herz, das im Grunde ſchwächer iſt, als es glaubte, erweicht hätten? Warum haben Sie es nicht einmal verſucht, mich zu täuſchen!“ Chriſtiane begriff ihren täktiſchen Fehler einem ſo furchtbaren Feinde gegenüber. „Nun iſt es an mir, zu erklären, daß ich Sie nicht habe beleidigen wollen,“ ſagte ſie. „Sprechen wir nicht mehr hievon,“ erwiederte Sa⸗ muel kalt.„Ich muß nun von Ihnen Abſchied nehmen, Madame. Ich habe mich verbindlich gemacht, nur vor Ihnen zu erſcheinen, wenn der Ton Ihres Glöckchens Ih⸗ ren unterthänigſten Diener rufen würde. Seien Sie un⸗ beſorgt, ich vergeſſe nichts, hören Sie, nichts von dem, was ich verſprochen habe.“ „Wie! nichts?“ ſtammelte Chriſtiane. „Nichts, Madame,“ antwortete Samuel, der wleder drohend wurde.„Im Punkte der Worte und der Schwüre habe ich den Fehler und das Unglück eines unbarmherzi⸗ gen Gretchen hat es Ihnen vielleicht ge⸗ a t ℳ ſ„Gretchen!“ rief Chriſtiane bebend.„Wie können Sie es wagen, dieſen Namen auszuſprechen?“ — 57 „Was geſchehen iſt, Madame, iſt einzig und allein Ihretwegen geſchehen.“ „Meinetwegen! Ah! mein Herr, machen Sie mich nicht zur Mitſchuldigen, ſelbſt unwillkürlich, eines ſo ab⸗ ſcheulichen Verbrechens.“ „Ihretwegen, Madame!“ beharrte Samuel,„um Sie zu überzeugen, daß es, wenn ich liebe und wenn ich will, bis zum Verbrechen geht.“ Zum Glück für die Unruhe und die Angſt von Chrl⸗ ſtiane kam Julius in demſelben Augenblick zurück. „Ich habe den Schauſpielern und unſern Kameraden mein Compliment gemacht,“ ſagte er.„Nun bin ich zu Deinen Dienſten, meine Chriſtiane. Morgen, Samuel.“ „Morgen, Julius, werden wir vielleicht nicht mehr hier ſein.“ „Wiel kehrt Ihr ſchon nach Heidelberg zurück?“ „Es iſt wahrſcheinlich.“ „Aber ich denke, Du wirſt die Bedingungen der Pro⸗ feſſoren nicht annehmen?“ „Ohl nein. Doch morgen werden ſie die unſeren annehmen.“ „Dann iſt es etwas Anderes,“ verſetzte Julius. „Gleichviel! ich werde es ſo einrichten, daß ich vor Eurem Aufbruch zu Euch komme, und nehme daher nur für die⸗ ſen Abend Abſchied.“ nie Nacht, mein Herr,“ ſagte Chriſtiane zu Sa⸗ muel. Samuel antwortete: „Auf Wiederſehen, Madame.“ Samuel war in ſeinen Vorherſehungen nicht zu kühn geweſen. Am andern Tag erſchienen die Abgeordneten des academiſchen Senats wieder, in Begleitung des Schnei⸗ ders, des Fleiſchers und des Schuhmachers, die den eh⸗ renwerthen Trichter geprügelt hatten. Alle Bedingungen der Studenten waren angenommen, die Entſchädigungen * 58 bewilligt. Die drei Gewerbsleute thaten Abbitte in ihrem Namen und im Namen aller Bürger.. Trichter war würdig. Er empfing mit Ernſt die quittirte Rechnung ſeines Schneiders, he die Abbitte ſeiner drei Gegner an und ſprach, als ſie geendigt hat⸗ ten, freundlich zu ihnen: „Ihr ſeid Canaillen, doch ich verzeihe Euch.“ Die Studenten verließen nicht ohne Bedauern dieſen köſtlichen Wald, wo ſie ſo gute Tage zugebracht hatten. Sie begaben ſich nach dem Frühſtück auf den Weg und kamen bei Einbruch der Nacht in Heidelberg an. Die ganze Stadt war beleuchtet. Die Kaufleute ſtanden auf ihren Thürſchwellen, ſchwenkten ihre Mützen in der Luft und ließen die ſchallendſten Vivats während ſie leiſe gegen die ſchlimmen Studenten fluchten, denen ſie immer nachgeben mußten, und Heidelberg hatte in dieſer Nacht das Ausſehen jener nach einer langen Be⸗ lagerung und einer langen Hungersnoth im Sturme er⸗ oberten Städte, in welche der Sieger bei ſeinem Einzug zugleich die Verwirrung und vie Lebensmittel bringt. Wo man der Arbeit des Perhängniſſes kolgt. Zwei Monate vergingen. Der Herbſt breitete ſchon über Wald und Flur ſeinen goldenen Mantel aus, und ein dichter Teppich von dürren Blättern dämpfte das Ge⸗ räuſch der Räder der Poſtchaiſe des Baron von Herme⸗ linfeld, der an einem düſtern Octobertage eilig auf dem Wege von Frankfurt nach Eberbach fuhr. Ohne die ———„— —„— 59 Peitſche des Poſtillon und die Schellen der Pferde wäre der Wagen ſtille wie ein Schwalbenflug hingezogen. Aus dem Wagen heraus ſah ver Baron ſorgenvoll und vüſter, den Kopf auf ſeine Hand geſtützt, die Bäume und Gebüſche längs der Straße hinfliehen. Plötzlich bemerkte er, daß vom Gipfel eines felſigen Hügels ein menſchliches Geſchoͤpf wie ein Pfeil herabſchoß, auf die Pferde ſo haſtig zueilte, daß es beinahe unter die Räder ſiel, und ausrief: „Halt! halt!“ Trotz der Veränderung ihrer Züge und ihrer irren Miene, erkannte der Baron Gretchen. Er ließ den Po⸗ ſtillon halten und fragte unruhig: „Was gibt es denn, Greichen? ſollte ein Unfall im Schloſt geſchehen ſein?“ „Nein,“ antwortete Gretchen mit einem ſeltſamen Ausdruck,„Gott wacht noch über ihnen, aber Satan wacht auch. Sie kommen zur rechten Zeit. Doch wer⸗ den Sie auch mächtig genug für das Gute ſein, wie der Andere für das Böſe? Gleichviel! Es iſt meine Pflicht, Sie zu warnen, ſelbſt um den Preis meiner Röthe und meiner Scham. Und als ich ſie von da oben ſah, lief ich herbei, weil mir der Inſtinct des Guten, den der Dämon nicht in mir hat tödten können, mit Ihnen zu ſprechen befiehlt.“ „Nicht in dieſem Augenblick, mein Kind,“ erwiederte mit ſanftem Tone der Baron von Hermelinfeld.„Das ernſte, traurige Ereigniß, das mich nach Eberbach führt, erlaubt mir nicht den geringſten Verzug. Nur ſage mir, Gretchen, weißt Du, ob ich meinen Sohn zu Hauſe fin⸗ den werde?“ „Zu Hauſe? was nennen Sie zu Hauſe?“ verſetzte Gretchen;„glauben Sie denn, er ſei der Meiſter in der Burg? Nein, er iſt nicht der Schloßherr, und ſeine Frau iſt nicht die Schloßfrau. Sie iſt es aber vielleicht, die Sie hat kommen laſſen?.... Sagen Sie, iſt ſie es, die Sie hat kommen laſſen?“ „Sprichſt Du im Irrfinn oder haſt Du das Fieber, Kleine?“ fragte der Baron,„Ich weiß nicht, was Deine Reden bedeuten. Nein, nicht Chriſtiane hat mich kommen laſſen. Ich bringe meinen Kindern eine ſchmerzliche Kunde, aber ich habe keine von ihnen erhalten.“ „Wenn Ihre Kunde eine Todeskunde wäre, ſo wäre fie nichts gegen das, was ich Ihnen mitzutheilen habe. Denn ein gewiſſer Tod iſt beſſer, als die mögliche Schande!“ „Die Schande! Wie! was willſt Du damit ſagen?“ rief der Baron, unwillkürlich betroffen von dem entſchie⸗ denen, überzeugten Ton der Ziegenhirtin. „Hören Sie,“ ſprach Gretchen:„im Wagen werden Sie nicht vor einer Viertelſtunde ins Schloß kommen. Steigen Sie aus und ſchlagen Sie zu Fuß dieſen Sei⸗ ten weg ein, ich werde Sie in zehn Minuten dahin führen. Und unter Weges ſage ich Ihnen die Geheimniſſe, welche mein Gewiſſen gern vor ſich ſelbſt verſchweigen möchte. Doch das Andenken an den guten Pfarrer, der meine Mutter gerettet hat, beſiehlt mir, ſeine Tochter zu retten. Herr von Eberbach ſoll ſich nicht die Hirnſchale an den Mauern dieſes verfluchten Schloſſes zerſchmettern; Frau Chriſtiane ſoll nicht wahnſinnig werden wie das arme Gretchen; das Kind, der Säugling meiner Ziege, ſoll nicht als Waiſe unter dem Himmel bleiben. Kommen Sie alſo, und ich werde ſprechen.“ „Ich folge Dir, Gretchen,“ ſagte der Baron, unwill⸗ kürlich von Angſt ergriffen. Er ſtieg aus dem Wagen, befahl dem Poſtillon, ihn im Schloſſe zu erwarten, und entfernte ſich mit einem noch jugendlich raſchen Schritte mit Gretchen auf dem Fuß⸗ pfade, den ſie ihm bezeichnete. „Ich werde unter dem Gehen ſprechen,“ ſagte Gret⸗ chen,„einmal, weil Sie Eile haben, und dann, weil ſo kein Baum und keine Hecke meines Waldes ganz die Er⸗ zählung meiner Schande hören wirb.“ Sie zitterte an allen Gliedern. v — 6¹ „Faſſe Dich, mein Kind, und ſprich ohne Furcht mit einem alten Freunde, mit einem Vater,“ ſagte wohlwollend der Baron. „Ja, Sie ſind ein Vater, und Sie werden mir in meiner Verwirrung helfen. Sie wiſſen, glaube ich, Herr Baron, welche entſetzliche Drohungen gegen uns, Frau Chriſtiane und mich, dieſer Verworfene, dieſer Haſſer, dieſer Samuel Gelb, da ich ſeinen Namen nennen muß, ausgeſprochen hatte.“ „Ich wußte es, ja, Gretchen. Mein Goltt! handelt es ſich abermals um Samuel Gelb! Sprich, ſprich, mein Kind!“ „Herr Baron,“ erwiederte Gretchen, indem ſie ihre Stirne in ihren Händen verbarg,„Samuel Gelb hatte, wie Sie wiſſen, geſchworen, wir Beide ſollten ihn lieben, oder wir ſollten wenigſtens Beide ihm gehören. Nun!.. nun! er hat bei mir ſchon Wort gehalten.“ „Wiel Gretchen! Du liebſt ihn?“ „Ohl ich haſſe ihn,“ rief Gretchen mit einer wilden Energie.„Doch es iſt ein Tag, es iſt eine Stunde ge⸗ kommen, wo mich dieſer Helfershelfer der Hölle zu zwin⸗ gen vermocht hat ich weiß nicht, ob ihn zu lie⸗ doch meine Mutter vergebe mir! ich gehoͤre ihm. „Iſt es möglich, Gretchen? Gretchen! biſt Du auch bei voller Vernunft?“ „Oh! daß ich meine Vernunft nicht hätte! doch leider habe ich ſie, mein Herr, gerade wie mein Gewiſſen, gerade wie mein Gedächtniß. Es gibt nur Eines, woran ich zweifle. Sie, Herr Baron, Sie ſind gelehrt. Erleuchten Sie meinen armen dunklen Geiſt. Ich habe das Anſehen, als ſpräche ich nur von mir, aber ich ſpreche für die Frau Ihres Sohnes. Sagen Sie mir alſo die Wahrheit, wie ich ſie Ihnen ſage. Hat der Gott der Milde und Barmher⸗ zigkeit auf dieſer Welt, im Bereiche der Böſen, Waffen und Streitmittel gegen die Guten gelaſſen, denen die Guten nicht ausweichen können? Gibt es yölliſche Kräfte, die eine ehrliche, unſchuldige Seele zum Verbrechen zu zwingen vermoͤgen? Gibt es unüberwinvliche Zauberkünſte, weiche machen, daß man ſogar das befleckt, was rein iſt, daß man ſogar das beſitzt, was man verabſcheut?“ „Erkläre Dich, mein Kind.“ „Herr Baron, unterſuchen Sie dieſe kleine Phiole, vie ich eines Abends in meiner Hütte auf dem Boden gefunden habe.“ Der Baron nahm die Phiole von Platina, die ihm Gretchen reichte, zog den Pfropf heraus und roch daran. „Großer Gott!“ rief er,„haſt Du denn von dieſer Flüſſigkeit getrunken?“ „Herr Baron, als ich Samuel trotz meines Haſſes liebte, hatte ich am Tage vorher und an demſelben Tag in meinem Brode und in meiner Milch den Geruch dieſer Phiole gefunden.“ „Oh! die Unglückliche! Oh! der Elende!“ rief der Baron. „Nun! was ſagen Sie, mein Herr?“ „Armes Kind, ich ſage, Dein Wille ſei gezwungen, berauſcht, geblendet worden. Ich ſage, das Verbrechen ſei doppelt für den Andern und keines für Dich geweſen. Ich ſage, daß Du unſchuldig biſt trotz Deines Fehlers und rein trotz Deiner Befleckung.“ „Oh! ich danke!“ rief Gretchen mit einem Ausdruck ſtrahlender Freude die Hände faltend.„Meine Mutter, ich habe alſo mein Gelübde nicht gebrochen! Sei geprie⸗ ſen, mein Gott im Himmel! und Sie, mein Herr, ſeien Sie geprieſen auf dieſer Erde!“ Doch plötzlich ſagte ſie entmuthigt: „Gleichviel! es gibt entſetzliche Geheimniſſe. Die Seele iſt unverſehrt und der Leib iſt es nicht mehr. Und ich mag immerhin innerlich weiß ſein, ich bin nichtsdeſto⸗ weniger befleckt.“ „Tröſte Dich, beruhige Dich, arme Kleine! Die ne en he n . en n. er es g er 63 Engel ſind nicht reiner als Du. Ich wiederhole, dieſer Schändliche hat Alles gethan, und Du brauchſt Dein trau⸗ riges Geſtändniß nicht zu vollenden, ich errathe das Uebrige. Er hat ſich nächtlicher Weile, wie ein Miſſethäter, bei Dir eingeſchlichen. Er hat Deine Einſamkeit und Dein Ver⸗ trauen mißbraucht, der Ehrloſe! Oh! doch ſei unbeſorgt, wir werden ihn beſtrafen.“ Gretchen erhob traurig und ſtolz ihr Haupt, als wollte ſie den Kummer von ſich ſchütteln. „Denken wir nicht mehr an mich, ſondern an Ihre Tochter,“ ſagte ſie. „Chriſtiane,“ erwiederte der Baron,„iſt, Goit ſei Dank, weniger der Gefahr ausgeſetzt, als Du, armes Kind. Chriſtiane bewohnt nicht ganz allein eine offene Hütte; ſie bewohnt ein von hohen Mauern umgebenes Schloß, ein Schloß, das von treuen Dienern bevölkert iſt, welche ſie rufen kann und die ſie zu vertheidigen im Stande find, wäre ihr Mann abweſend.“ „Sie glauben das?“ verſetzte Gretchen mit einem bitteren Lächeln.„Oeffnet dieſer Samuel Gelb nicht alle Thüren der Burg, die ſich mit Schlüſſeln öffnen laſſen, und ſogar alle Thüren, die ſich ohne Schlöſſer öffnen?“ „Wie! Gretchen, weißt Du, daß Samuel Gelb in das Schloß eingedrungen iſt?“ „Und warum ſollte derjenige, welcher es gebaut hat, nicht hineingekommen ſein?“ „Derjenige, welcher es gebaut hat?“ wiederholte der Baron erſtaunt. „Ich kann Ihnen nun Alles ſagen,“ erwiederte Gret⸗ chen.„Sein Verbrechen hat mich meines Eides entbunden, und mein kleines Hirſchkalb, an dem ſich das Ungeheuer rächen ſollte, iſt im vorigen Monat geſtorben. Wir ſind ſchon im Angeſicht der Burg. Hören ſie wohl, Herr aron.“ Und ſie erzählte, wie Samuel Gelb das doppelte Schloß gebaut hatte. 64 „Oh! welche Frechheit!“ rief der Baron.„Und Chri⸗ ſtiane weiß nichts von Allem?“ „Sie weiß Alles, doch ſie hatte mir die Geheimhal⸗ tung geſchworen.“ „Gleichviel,“ erwiederte der Baron,„warum hat ſie mir in der Gefahr, in der ſie ſchwebt, nicht nach ihrem Verſprechen geſchrieben! Ich danke Dir indeſſen für das Vertrauen, Gretchen! es ſoll nicht verloren ſein. Nicht wahr, Du läſſeſt mir dieſe Phiole? und ich hoffe, ich halle den Elenden feſt.“ „Wenn Sie ihn halten, laſſen Sie ihn nicht los!“ verſetzte Gretchen, deren Augen ſich von Zorn entflammten. „Oh! wie haſſe ich ihn! welch ein Glück, daß ich das Recht habe, ihn zu haſſen! Ich lebe nur noch, um ihn eines Tags beſtrafen zu ſehen, und das wird, wenn nicht durch Sie, durch Goit geſchehen.“ Sie fügte bei: „Wir ſind nun an der Pforte des Schloſſes, Herr Baron, und ich kehre zu meinen Ziegen zurück. Ich habe meine Pflicht gethan, thun Sie Ihr Werk.“ „Lebe wohl, Gretchen,“ ſagte der Baron,„ich glaubte nur durch ein Unglück in das Schloß berufen zu ſein, ich war es auch durch eine Gefahr; ich habe nun zwei Gründe, mich zu beeilen. Gott befohlen!“ Er ging mit raſchem Schritt auf die Burg zu. Der erſte Bediente, den er traf, ſagte ihm, Julius ſei vor zwei Stunden, nach dem Mittagsbrode, mit einer Flinte auf der Schulter weggegangen, und er müſſe bis zum Abend jagen. Doch Frau von Eberbach ſei zu Hauſe. Dem Baron ſchien dies ſehr ärgerlich zu ſein. Er ging weiter bis zur Wohnung von Chriſtiane, ohne daß er es zugab, daß man ihn anmeldete. Als er, nachdem er geklopft hatte, in das Zimmer von Chriſtianen eintrat, fand er ſie vertieft in die große Beſchäftigung der Mütter, welche darin beſteht, daß ſie ihre Kinder lächeln machen. — —— — ſe er te 1 n. as hn ht er be te e, 65 Chriſtiane gab einen Schrei des Erſtaunens von ſich, als ſie ihren Schwiegervater erkannte, und eilte ihm ent⸗ egen. 3 Der Baron umarmte ſie zärtlich. Er überſchüttete auch mit tauſend Liebkoſungen ſeinen Enkel, den er geſund und reizend fand. „Ja, nicht wahr, mein Wilhelm iſt ſchoͤn?“ ſagte Chriſtiane.„Ich glaube, es gibt nicht viele ſo ſchöne Kinder. Konnen Sie ſich vorſtellen, daß er mich ſchon be⸗ greift, wenn ich mit ihm ſpreche? Oh! ich liebe ihn! Auf, lächle doch auch ein wenig Deinem Großvater zu, abſcheuliches, roſiges, friſches Geſichtchen.“ „Er iſt zum Entzücken, liebe Tochter, er gleicht Dir,“ ſagte der Baron.„Doch gib ihn ſeiner Amme. Ich habe ernſthaft mit Dir zu ſprechen und fürchte eine ſolche Zer⸗ ſtreuung. Julius iſt alſo im Walde?“ „Mein Gott, ja, er jagt.“ „Weiß man, wo? Kann man ihn auffinden?“ „Man kann es wenigſtens verſuchen,“ ſagte Chriſtiane. „Nun, ſo verſuche man es ich habe ihm ernſte und dringliche Dinge zu ſagen.“ Chriſtiane rief und gab drei Bedienten den Befehl, jeder ſolle einen Theil des Waldes durchſuchen und Julius zurückbringen. „Aber was gibt es denn?“ fragte ſie unruhig den Baron. „Nichts,“ antwortete der Baron ſorgenvoll.„Ich muß es wenigſtens Jullus ſagen. Wir werden alſo darüber ſprechen, wenn er zurückgekehrt iſt. Reden wir mittler⸗ weile von Dir. Du haſt mir nicht geſchrieben2“ „Doch, lieber Vater,“ erwiederte Chriſtiane. „Ah! ja, Worte freundlicher Zuneigung unten an den Brief von Julius. Aber ich meine Briefe von Dir an mich.“ „Verzeihen Sie, mein Vater, ich habe Ihnen vor zwei Gott lenkt. n. 5 und einem halben Monat ein langes, dringendes Be⸗ kenntniß geſchrieben.“ „Ich habe aber nichts dergleichen erhalten,“ verſetzte der Baron erſtaunt.„Warte, warte, doch! Ja, vor zwei bis drei Monaten iſt mir in der That ein Umſchlag mit„ dem Stempel von Heidelberg zugekommen, der aber nur ein weißes Blatt enthielt. Ich habe ſogar an Julius hierüber geſchrieben; er antwortete aber, er wiſſe nicht, was ich damit ſagen wolle.“ „Oh! ich bin ganz ſicher, daß ich den Brief in den Umſchlag geſteckt habe. Ich ſehe mich noch hier an dieſem Bureau, wie ich ihn ſchrieb und verſiegelte. Mein Goit! konnte er ihn denn auch entwenden?“ 1„Wer?“ fragte lebhaft der Baron. „Derjenige, über welchen ich Ihnen ſchrieb.“*„ „Samuel Gelb?“ 1„Ja, Samuel Gelb, mein Vater.“ Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein. Be⸗ troffen, dachte Chriſtiane an dieſe neue Vermeſſenheit von Samuel. Der Baron beobachtete ſeine Schwiegertochter. „Haſt Du denn dieſen Samuel wiedergeſehen?“ „Ach! ja, zweimal.“ „Hier?“ „Nein, auswärts,“ erwiederte ſie, nach einem kurzen Zögern. 1 Sie erinnerte ſich, daß der Baron ſeinem Sohne 1 ausdrücklich verboten hatte, Samuel zu empfangen, und 1 ſie log, um Julius von der Schuld frei zu machen. „Und was hat Dir Samuel geſagt?“ fragte der* l 3 Baron weiter. „Das erſie Mal hat er mir ſeine frechen Herausfor⸗ 1 derungen wiederholt.“ 0 „Der Elende!“ „Damals habe ich an Sie geſchrieben, mein Vater, um Hülfe von Ihnen zu fordern, um Sie zu rufen. Das Be⸗ tzte vei nit ur us ht, en em t! e⸗ on r. n — 67 zweite Mal ſah ich ihn acht oder zehn Tage nachher bei einer öffentlichen Vorſtellung.“ Chriſtiane erzählte ſodann dem Baron die Auswan⸗ derung der Studenten und vie Aufführung der Räuber. Sie warf alle Schuld auf ihre weibliche Neugierde: ſie war es, welche dieſem Feſte beizuwohnen Lnſt gehabt und Zulius dazu gezogen hatte. Julius habe nur aus Gefäl⸗ ligkeit für ſeine Frau nachgegeben. Samuel, mit dem ſie ein paar Worte nach dem Stücke geſprochen, habe übri⸗ gens geſchworen, er würde nur von ihr gerufen wieder vor ihr erſcheinen. Und ſie, wohlverſtanden, ſie würde ihn nie rufen! Am andern Tag ſeien die Studenten wie⸗ der nach Heidelberg aufgebrochen. „Seit zwei Monaten hatte Herr Samuel ſein Wort gewiſſenhaft gehalten,“ fügte Chriſtiane bei.„Darum habe ich Ihnen, obwohl erſtaunt, keine Antwort von Ihnen zu bekommen, nicht wieder geſchrieben. Seit dieſen zwei Monaten haben weder der Anblick, noch das Andenken, noch der Name dieſes Menſchen mein Glück geſtört. Denn ich bin in der That nie glücklicher und ruhiger ge⸗ weſen, als jetzt. Wilhelm hat nicht mehr den geringſten Anfall von ſeiner Unpäßlichkeit gehabt, und Julius fühlt ſich auch nicht mehr von ſeinem Sehnen heimgeſucht, das die Einſamkeit bei ſeinem an die Bewegung und das Ge⸗ räuſch gewöhnten Leben zur Folge gehabt hatte. Kurz,“ fuhr Chriſtiane lächelnd fort,„der Vater und das Kind find völlig geheilt. Und was mich betrifft, die ich nur in ihnen lebe, und die ich halb Wilhelm, halb Julins bin, die Liebe von Julius und die Geſundheit von Wilhelm machen mein ganzes Glück. Ich danke Gott jeden Tag, und ich wünſchte mir kein anderes Paradies, als die Verewigung meiner Gegenwart.“ „Und Gretchen?“ ſagte plötzlich der Baron. Chriſtiane bebte. „Gretchen,“ erwieberte ſie traurig und nachdenkend, „Gretchen zeigt ſich vor Niemand mehr. Von ungeſellig 68 wie ſie war, iſt ſie menſchenſcheu geworden; von einer Ziege iſt ſie eine Hindin geworden; jede Berührung mit menſchlichen Geſchöpfen kommt ihr ſo unerträglich vor, daß ſie die Ziege, welche Wilhelm ſtilt, um ſie nicht mehr in das Schloß führen zu müſſen, gar nicht mehr mit ihrer Herde nimmt. Die Ziege bleibt im Schloß, und unſere Diener ſorgen für ſie. Die Leute von Landeck, welche ein pgar Worte mit ihr zu ſprechen hatten, ſagen, ihre Vernunſt ſei zerſtört. Ich ſelbſt bin fünf bis ſechs mal zu ihrer Hütte gegangen und habe ſie zu ſehen ge⸗ ſucht. Doch ich mochte immerhin rufen und klopfen, nie hat Gretchen geantwortet. Ich habe ſie oft von ſern geſehen, wenn ich mit Wilhelm ausging. Sobald ſie mich aus der groͤßten Entfernung erblickte, entfloh ſie in die Tiefen des Waldes. „Das iſt ſeltſam,“ verſetzte der Baron.„Ich bin nur ſeit einer halben Stunde in Eberbach, und Gretchen iſt zuerſt auf mich zugekommen und hat lange mit mir geſprochen.“ „Und was hat ſie Ihnen geſagt?“ „Alles; ſein Verbrechen, ſeine Pläne, ſeine Unver⸗ ſchämtheit. Er hat dieſes Schloß gebaut, er kann zu jeder Stunde in daſſelbe eindringen, und nicht auswärts hat er Dich geſehen, ſondern hier, Chriſtiane.“ „Nun, mein Vater?“ „Du haſt mir nicht die volle Wahrheit geſagt.“ Ein Lächeln trauriger Würde ſchwebte über die Lippen von Chriſtiane. Doch ſie rechtfertigte ſich nicht. Der Baron ſtand in einer heftigen Gemüthsbewegung auf, und ging mit großen Schritten im Salon auf und ab. „Ich werde Samuel ſehen,“ ſagte er,„ich werde mit ihm ſprechen. Er nehme ſich in Acht. Diesmal werde ich mich nicht auf Phraſen beſchränken. Sobald ich mit Julius geredet habe, begebe ich mich wieder auf den Weg, und ich werde noch heute Abend in Heidelberg ſein.“ — a 69 „Verzeihen Sie, mein Vater, doch ich bitte Sie, zu überlegen, ehe Sie das thun. Ich habe Ihnen ſchon ge⸗ ſagt, dieſer Menſch laſſe uns ſeit zwei Monaten im Frieden. Iſt es klug, ihn zu reizen und aufzuwecken? Ich geſtehe Ihnen, daß ich bange habe, als ob Sie davon ſprächen, Sie beabſichtigen, einen entſchlummerten Tiger zu ſchlagen.“ „Haſt Du denn beſondere Gründe, Chriſtiane, um dieſen Schritt zu fürchten?“ Chriſtiane erröthete beleidigt. „Die Männer,“ ſagte ſie wie zu ſich ſelbſt,„wiſſen mit ihrem ſeltſamen Argwohn nicht, was die Schamhaf⸗ tigkeit eines Weibes iſt, und daß, je glatter der See ift, deſto leichter ein Hauch ihn kräuſelt. Wollen Sie Samuel Gelb ſehen, ſo haben Sie nicht nöthig, nach Heidelberg zu gehen und zu dieſem Ende bis heute Abend zu warten.“ „Wie?“ verſetzte der Baron. Chriſtiane ging gerade auf die Füllung zu, welche ihr S bezeichnet hatte, und legte den Finger auf den nopf. Alles bezahlt ſich. „Was willſt Du denn thun, Chriſtiane?“ rief der Baron. „Sagte ich Ihnen nicht, mein Vater, Samuel Gelb habe mir geſchworen, nur wieder vor mir zu erſcheinen, wenn ich ihn durch vieſes Signal rufen würde?“ erwiederte Chriſtiane.„Nun! da Sie ihn durchaus ſehen wollen, ſo rufe ich ihn ganz einfach.“ 70 Und ganz ſchauernd zugleich vor Angſt und Stolz, drückte ſie auf den Knopf. Der Knopf ging hinein und ſprang dann plötzlich wieder zurück, ehe ſie den Finger abgezogen hatte. Die Erſchütterung machte ſie beben, und ſie wich zurück, als ob Samuel auf der Stelle erſcheinen würde. Sie ſchaute zitternd das Täfelwerf an, ohne zu wiſſen, wo er herauskommen ſollte. Es ſchien ihr, als käme er von allen Seiten zugleich heraus; ſie fühlte ſich umhüllt von dieſem unſichtbaren Feinde und glaubte Tauſende von Tritten hinter dem eichenen Getäfel zu hören. Die Wand blieb indeſſen unbeweglich und ſtumm. „Niemand kommt,“ ſagte der Baron nach zwei oder drei Minuten. „Warten Sie doch,“ erwiederte Chriſtiane. Sie ſetzte ſich zitternd und das Auge immer auf das Täfelwerk geheftet. Doch es verging eine Viertelſtunde, und die Füllung rührte ſich nicht. „Chriſtiane, Du haſt geträumt, oder dieſer Menſch hat Dich belogen,“ ſagte der Baron. Chriſtiane erhob ſich nun ſtrahlend und athmete wie mit erleichterter Bruſt. „Ah! Sie haben Recht, mein Vater!“ rief ſie.„Wie toll bin ich, daß ich bange gehabt habe! Wie toll bin ich, daß ich geglaubt habe, dieſer Samuel werde aus der Füllung hervorkommen! Nein, er wird nicht kommen. Er hot mir das geſagt, um auf meine Einbildungskraft zu wirken, um mich zu überreden, er ſei immer hier bei mir, ohne mein Vorwiſſen, damit ich ihn unabläßig bei meinen Handlungen gegenwärtig ſehe, damit ich mich zu jeder Stunde mit ihm beſchäftige. Er zählte darauf, ich werde nie auf die Feder drücken. Ein Zufall macht, daß ich darauf gedrückt habe, und hat mir die Lüge geoffen⸗ bart. O mein Gott! ich danke Dir! Ich danke Ihnen, mein Vater, daß Sie mich zu dieſer Verwegenheit gezwun⸗ gen haben.“ S*— ——* 71¹ Ihr Freudenausbruch war ſo naiv und ſo aufrichtig, daß ſich der Baron gerührt und überzeugt fühlte. „Du biſt ein würdiges und reines Geſchöpf, mein Kind,“ ſagte er, indem er ſie bei den Händen nahm. „Wenn ich Dich, ohne es zu wollen, beleidigt habe, ſo vergib mir.“ „Oh! mein Vater!....“ ſagte Chriſtiane. In dieſem Augenblick kehrten die Diener, welche Chri⸗ ſtiane zu Aufſuchung von Julius abgeſchickt hatte, zurück und meldeten, ſie haben vergebens gerufen und vergebens den Wald durchſtreift. „Um welche Stunde kommt er denn gewöhnlich von der Jagd nach Hauſe?“ fragte der Baron. „Mein Gott! wenn es Nacht wird, gegen ſechs Uhr,“ antwortete Chriſtiane. „Noch zwei bis drei Stunden zu warten!“ ſagte der Baron.„Ah! das iſt ein verlorener Tag.. Ein ärgerlicher Zufall„ Doch man muß Geduld faſſen. Meine liebe Tochter, willſt Du mir Schreibzeug geben? Wenn Julius zurückkommt, wirſt Du mich benachrichtigen.“ Chriſtiane führte ihren Schwiegervater in die Bibliv⸗ thek von Inlius und verließ ihn beim Schreiben. In der Abenddämmerung war Julius noch nicht ge⸗ kommen, und der Baron kehrte in den Salon zurück, wo er Chriſtiane wiederfand.. Er war noch keine Minute hier, als ſie plotzlich einen Schrei ausſtieß. Eine von den Füllungen hatte ſich verrückt und lang⸗ ſam geöffnet, und Samuel eingelaſſen. Samuel ſah Anfangs nur das weiße Kleid von Chri⸗ ſtiane und erblickte den Baron nicht, der im Schatten faß. Er ging auf Chriſtiane zu und grüßte ſie mit ſeiner eleganten, kalten Höflichkeit. „Entſchuldigen Sie mich, Madame, daß ich nicht früher Ihrem Rufe entſprochen habe,“ ſagte er.„Ich bin ohne Zweifel ſehr lange ausgeblieben, Stunden, oder ſogar 72 einen Tag vielleicht. Ich war nämlich in Heidelberg. Bei meiner Rückkehr nach Landeck verkündigte mir der Zuſtand des Glöckchens, daß Sie geläutet hatten, und ich eile herbei. Worin habe ich das Gluck, Ihnen nützlich ſein zu können? Doch vor Allem danke ich Ihnen, daß Sie mich gerufen haben.“ „Nicht Chriſtiane hat Sie gerufen, ſondern ich, mein Herr,“ ſprach der Baron aufſtehend. Samuel konnte ſich des Bebens bei dieſer, ſo zu ſagen, phyſiſchen Ueberraſchung nicht erwehren; doch ſein mächtiger Wille gewann ſogleich wieder die Oberhand. „Der Herr Baron von Hermelinfeld!“ rief er.„Vor⸗ trefflich! Herr Baron, ich habe die Ehre, Sie zu grüßen.“ Und er wandte ſich wieder gegen Chriſtlane und fuhr mit ſeinem bittern Lachen und ſeiner höhniſchen Miene von einſt fort: „Ah! Sie ſpielen dieſes Spiel mit mir, Madame? Ah! das iſt eine Falle? Wohl! es ſei! und wir werden ſehen, wer ſich darin fangen wird, der Wolf oder der Jäger.“ „Wagen Sie es abermals, zu drohen!“ rief der Baron entrüſtet. „Warum denn nicht?“ verſetzte ruhig Samuel,„habe ich Ihrer Anſicht nach meine Vortheile berloren, weil ich mich mit ſo viel Vertrauen hler einfinde? Unter uns geſagt, ich glaube das Gegentheil.“ „Wahrhaftig?“ ſagte der Baron ſpöttiſch. „Das iſt klar. Einmal ein Mann gegen eine Frau! ich konnte den Anſchein haben, als mißbrauchte ich ihre Schwäche und meine Stärke; doch nun ſind Sie heute zu Zwei gegen mich. Sodann ſcheint mir, daß ich Madame völlig in Ruhe ließ, daß ich ſie nicht herausforderte, daß ich ſie nicht angriff. Wer bricht den Waffenſlillſtand, ſie oder ich? Wer fängt den Krieg wieder an? Ich glaube, ich bin fortan jedes Bedenkens überhoben. Ich habe nun die ſchöne Rolle, und ich vanke Ihnen für den Angriff.“ 1 — g. er ch ß in n⸗ er r⸗ hr n n er — 73 Chriſtiane warf dem Baron einen Blick zu, welcher bedeutete: Was ſagte ich Ihnen? „Hienach,“ fuhr Samuel fort,„hienach wiederhole ich Ihnen, mein Herr, was ich Madame fragte: Was wollen Sie von mir?“ „Ihnen einen nützlichen Rath geben,“ antwortete Herr von Hermelinfeld ſtreng und drohend.„Ich habe bis jetzt gegen Sie die Nachſicht und die Ueberredung angewendet. Damit iſt es mir nicht gelungen. Nun bitte ich Sie nicht mehr, nun befehle ich.“ „Ah!“ rief Samuel.„Und was befehlen Sie mir? Und warum befehlen Sie mir?“ „Kennen Sie dies, mein Herr?“ fragte der Baron, indem er Samuel die Phiole von Platina zeigte, welche ihm Gretchen übergeben hatte. „Dieſe Phiole!“ verſetzte Samuel,„ob ich ſie kenne? Ja und nein. Ich weiß es nicht. Es iſt möglich.“ „Mein Herr,“ ſprach Herr von Hermelinfeld,„meine Pflicht wäre es ohne Zweifel, noch heute Ihr Verbrechen anzuzeigen. Sie begreifen, welche Rückſicht mich noch zurückhält. Wenn Sie aber nicht auf immer meine Tochter von Ihren abſcheulichen Drohungen befreien, wenn Sie eine Geberde machen oder eine Sylbe gegen ſie ſagen, wenn Sie ſich nicht alle Mühe geben, aus ihrem Leben und aus ihren Gedanken zu verſchwinden, ſo ſchwore ich Ihnen bei Gott, daß kein Mitleid obwalten wird, und daß ich von dem entſetzlichen Geheimniß, das ich kenne, Gebrauch machen werde. Sie glauben nicht an die gött⸗ liche Gerechtigkeit; doch ich werde Sie wohl zwingen, an die menſchliche zu glauben!“ Samuel kreuzte die Arme, lachte höhniſch und er⸗ wiederte: „Ahl bah! Sie würden das thun? Ei! beim Teufel, ich möchte das wohl, nur der Seltſamkeit wegen. Ah! Sie würden ſprechen? Und ich würde auch ſprechen. Glauben Sie, ich habe nichts zu ſagen? Bei meiner 74 Treue! Der Dialog zwiſchen dem Ankläger und dem Angeklagten wird nicht wenig erbaulich ſein. Ich habe mehrere Dinge auf dem Herzen, hören Sie? Klagen Sie mich an, ich werde nichts leugnen, dafür bürge ich Ihnen. Im Gegentheil.“ „Oh! das iſt doch eine abſcheuliche Frechheit!“ rief der Baronerſtaunt. „Nein, das iſt ganz einfach,“ ſagte Samuel.„Sie greifen mich an, ich vertheidige mich. Iſt es nun meine Schuld, wenn die Partie zwiſchen uns nicht gleich iſt 2 Iſt es meine Schuld, wenn Sie Alles zu verlieren haben, und ich nichts? Iſt es meine Schuld, wenn ich weder Namen, noch Familie, noch Glück, noch Ruf, noch Rang wage, und wenn Sie dies Alles wagen? Sie wollen einen Zweikampf zwiſchen uns. Iſt es meine Schuld, wenn Sie eine ungeheure Oberfläche bieten, und wenn ich ſo dünn bin wie die Klinge eines Rafirmeſſers? Und was kann ich Ihnen ſagen, wenn nicht: Herr Baron, ſchießen Sie zuerſt.“ Herr von Hermelinfeld hlieb einen Augenblick ganz verwirrt über ſo viel Frechheit; doch er kämpfte gegen ſein Erſtaunen und ſprach: „Gut, es ſei; auch unter dieſen Bedingungen nehme ich die Herausforderung an, und wir wollen⸗ ſehen, für wen die Gerechtigkeit und die Geſellſchaft ſein werden.“ „Die Gerechtigkeit! die Geſellſchaft!“ wiederholte Samuel.„Ich werde Beiden ſagen, mein Herr, was ich Ihnen ſage. Sie haben mich zuerſt angegriffen, zuerſt unterdrückt. Iſt das meine Schuld? Gehöre ich zu der Geſellſchaft, die mich geächtet? Was bin ich dieſer Ge⸗ rechtigkeit ſchuldig, die mich verlaſſen hat? Ich bin kein legitimer Sohn, kein Präſumtiverbe, kein tugendhafter Abkömmling eines tugendhaften Vaters, kein Kind nach der Geſetzgebung und der Religionz ich habe in den Adern kein ehrliches, durch das Geſetz privilegirtes Blut; ich bin nicht Julius. Nein! ich bin Samuel, bei Gott! ein — S„Sc— S———— SS3 88 w e ie . f W 75 Baſtard, das Kind der Liebe, der Sohn der Laune, der Erbe des Laſters, und ich habe in den Adern das Brauſen und Kochen und Schäumen des Blutes von meinem Va⸗ ter. Julius mag das Anſehen und die Tugend ſeines officiellen Vaters darſtellen, ich ſtelle das Ungeſtüm, die Empoͤrung und die Ausſchweifung meines unbekannten Vaters dar. Talis pater, talis fllius, das iſt eine Ele⸗ mentarregel. Das Tribunal wird die Sache würdigen. Nennen Sie mein Benehmen, mit welchem Namen Sie wollen. Sagen Sie, ich habe ein Verbrechen begangen, gut! Ich freue mich, die Richter in den Stand zu ſetzen, zwiſchen Demjenigen, welcher das Verbrechen begangen, und nirigen, welcher den Verbrecher gezeugt hat, zu wählen.“ Der Baron war bleich vor Erſtaunen und Zorn. zitterte vor Angſt. Herr von Hermelinfeld prach: „Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, man greift Sie nicht an. Mit Einwilligung Ihres erſten Opfers ſchont man Sie unter der Bedingung, daß Sie kein zweites machen wollen. Doch wenn Sie nur wieder vor meiner Tochter erſcheinen, ſo zeige ich Sie an, was auch daraus entſtehen mag. Die Richter werden, wenn ſie wollen, Ihren Theorien Recht geben, ich bezweifte aber, daß ſie Ihrem Verbrechen Recht geben. Der lebendige Zeuge iſt da: Gretchen; der greifbare Beweis iſt da: dieſe Phiole. Was wird der Beklagte antworten können?“ „Gut!“ verſetzte Samuel lachend,„er wird abermals genöthigt ſein, ſich zum Ankläger zu machen. Ich werde das Wiedervergeltungsrecht anwenden. Hätte ich ein Verbrechen anderer Art begangen, einen Diebſtahl oder einen Mord, ſo würde ich die Sicherheit meiner Denun⸗ eianten begreifen, und ich könnte zittern oder fliehen. Doch um was handelt es ſich hier? Um die Verführung eines Mädchens. Ei! meine Mutter iſt auch verführt worden⸗ Ich habe Briefe, welche ihren Widerſtand und die ſtraf⸗ 76 bare Beharrlichkeit ihres Verführers bezeugen. Iſt der todte Zeuge weniger heilig, als der lebende Zeuge, Herr Baron? Daß dieſe Phiole als Beweis gegen mich dienen kann, mag ſein, doch ſie iſt auch ein Beweis gegen den Andern. Ich werde ſagen, und das braucht nicht wahr zu ſein, ich werde ſagen, ich habe die gelehrte und ent⸗ ſetzliche Compoſition dieſer Phiole bei Analyſirung einer ähnlichen Phiole gefunden, die man bei meiner Mutter verloren.“ „Oh! das iſt eine ſchändliche Verleumdung!“ rief der Baron. „Wer hat Ihnen das geſagt und wer wird es be⸗ weiſen?“ verſetzte Samuel.„Begreifen Sie nun meine Vertheidigungsmitel, Herr von Hermelinfeld 2 Ich bin kein Schuldiger, ich bin ein Rächer. Meine Vertheidigungs⸗ rede, das wird ein einfacher Anklageact ſein.“ Er ſchwieg. Der Baron ſchwieg ganz niedergeſchmettert auch. Seine Hände zitterten, ein kalter Schweiß machte ſeine weißen Haare erſtarren. Samuel ſprach triumphirend: „Herr Baron, ich erwarte ihre Vorladung. Frau von Eberbach, ich erwarte das Klingeln Ihres Glöck⸗ chens. Auf Wiederſehen, Beide!“ Und nachdem er wie eine Drohung das Wort: Auf Wiederſehen! hingeſchleudert hatte, eilte er, nicht durch den geheimen Ausgang, ſondern durch die große Thüre des Salon, die er hinter ſich zuſchlug, weg. „Samuel!“ rief der Baron. Doch er war ſchon fern. „Oh! mein Kind!“ ſagte der Baron zu Chriſtiane, die ſich ſtumm vor Schrecken an ſeine Bruſt anpreßte, „dieſer Samuel iſt ein unſeliger Menſch. Es iſt mir, wie Du ſiehſt, unmöglich, ihn anzugreifen, doch ich werde Dich zu vertheidigen wiſſen. Du mußt mißtrauen, nie 1 allein bleiben, zu jeder Stunde Leute um Dich haben, ————„— der err en den 1u k⸗ uf ch re dieſes Schloß verlaſſen, oder es ſondiren und umbauen laſſen. Sei unbeſorgt, ich bin da, um über Dir zu wachen.“ Ein Tritt erſcholl in der Hausflur. „Ahl das iſt der Tritt von Julius,“ rief Chriſtiane beruhigt. Julius trat wirklich ein. Frau und Mutter. „Lieber Vater,“ ſagte Julius, als er den Baron umarmt hatte,„Sie warten, wie ich höre, ſchon mehrere Stunden, und man hat mich im ganzen Walde geſucht. Die Leute haben mich aus dem einfachen Grunde nicht gefunden, weil ich nicht dort war. Mein Gott, nach meiner Gewohnheit, bin ich mit einer Flinte auf der Schulter ausgegangen, und ich bediente mich nur eines Buches, das ich in der Taſche hatte. Eine Stunde von hier habe ich mich ins Gras geſetzt und bis zum Ein⸗ bruch der Nacht im Klopſtock geleſen. Der Träumer unterdrückt bei mir immer den Jäger. Doch hatten Sie mir etwas ſehr Dringendes zu ſagen?“ „Ach! ja, Julius.“ „Was iſt es denn? Sie ſehen beſorgt und traurig aus.“ Der Baron ſchaute Chriſtiane an und ſchien zu zögern. „Meine Gegenwart beengt Sie?“ ſagte Chriſtiane eilig.„Ich entferne mich.“ 78 „Nein, bleibe, meine Tochter. Nicht wahr, Du be⸗ ſitzeſt Entſchloſſenheit und Feſtigkeit2“ „Sie machen mir bange,“ berſetzte Chriſtiane.„Oh! ich ahne ein Unglück.“ „Du mußt wohl erfahren, was mich hierher geführt hat,“ ſprach der Baron;„denn ich zähle auf Dich, daß Du Julius beſtimmſt, zu thun, was ich von ihm ver⸗ langen werde.“ „Was ſoll ich thun?“ fragte Julius. Der Baron reichte ihm einen Brief. „Lies laut,“ ſagte er. „Das iſt ein Brief von meinem Oheim Fritz,“ ſprach Julius. Und er las, nicht ohne wiederholt durch ſeine Er⸗ ſchütterung unterbrochen zu werden, folgenden Brief; New⸗York, 25. Auguſt 1811. Mein lieber Bruder, „Ein Sterbender ſchreibt Dir. Von einer Krank⸗ heit befallen, welche keine Gnade kennt, werde ich nicht mehr von dem Bette aufſtehen, in dem ich ſeit drei Monaten nur liege, um mich in mein Grab zu legen. Ich habe noch drei Monate für mich. Mein Arzt, der einer meiner Freunde iſt und die Stärke meines Charak⸗ ters kennt, hat meinen inſtändigen Bitten nachgegeben und mir die Wahrheit geſagt. „Du kennſt mich auch und weißt wohl, daß es, wenn mich dieſe Kunde ſchmerzlich bewegt hat, nicht gemeine Furcht vor dem Tode oder feiges Bedauern, das Leben verlaſſen zu müſſen, iſt. Ich habe genug gelebt, da ich durch Thätigkeit, Arbeit und Sparſamkeit ein Vermögen aufzuhäufen im Stande geweſen bin, das zu Deinem Glück und zu dem meines gellebten Neffen beitragen wird. Aber ich hegte die Hoffnung, ein wenig dieſes rt ß . 79 Glück zu ſehen, ehe ich ſterben würde. Ich wollte mein Vermögen realifiren, es Euch nach Europa bringen und zu Euch ſagen: Seid glücklich! Das war die Beſohnung, die ich mir für ſo viele Anſtrengungen verſprochen hatte. Mir ſchien, Gott ſei mir das wohl ſchuldig. Gott hat es anders beſchloſſen; ſein Wille geſchehe. „Ich werde alſo mein Vaterland nie wiederſehen. Ich werde nie viejenigen wiederſehen, welche ich über Al⸗ les in der Welt liebe. Ein Fremder wird mir die Augen ſchließen. Ich ſage das nicht, damit Ihr kommen ſollt, Du und Dein Sohn, oder wenigſtens Einer von Beiden⸗ Du wirſt durch die Pflicht zurückgehalten, er vurch das Glück. Ich rufe Euch nicht. Ueberdies müßtet Ihr Euch ſo ſehr beeilen. Ihr hättet gerade nur Zeit, her⸗ beizukommen, und welche Beſchwerde, um mich ſogleich ſterben zu ſehen! Ihr würdet drei Monate verlieren, um mir einen Tag zu ſchenken! „Kommt nicht. Ah! ich wäre jedoch weniger trau⸗ rig geſchieden, wenn ich Euren befreundeten Blick in der letzten Stunde eines durch das Arbeiten für Euch ab⸗ gekürzten Lebens gehabt hätte. Ich hätte auch gewünſcht, eine ſichere Perſon zu haben, um ihr meine Inſtructionen in Betreff der Geſchäfte und Beſitzungen, die ich hinter⸗ laſſe, zu geben. Doch es ſtand geſchrieben, daß ich in der Verbannung und in der Einſamkeit ſterben ſollte. Gott befohlen, dieſer Gedanke raubt mir den Muth. Euch mein letzter Gedanke, Euch mein ganzes Vermögen. Warum habe ich Euch verlaſſen? Doch ich bereue es nicht, da ich Euch ein wenig Wohlſtand vermachen kann. Glaubt hauptſächlich nicht, daß ich Euch auffordere, zu kommen. „Ich küſſe Euch Beide zärtlich. „Dein verſcheidender Bruder „Franz von Hermelinfeld.“ 80 „Mein Vater,“ ſagte Jullus, eine Thräne trocknend, „in Ihrem Alter und in Ihrer Stellung können Sie dieſe lange Reiſe nicht unternehmen. Doch ich werde reiſen.“ „Ich danke Dir, mein Sohn,“ ſprach der Baron; „um das wollte ich Dich bitten. Doch Chriſtiane?“ Chriſtiane war ganz bleich auf einen Stuhl ge⸗ ſunken. „Kann ich Julius nicht folgen?“ ſagte ſie. „Allerdings,“ erwiederte Julius,„und ich nehme Dich mit.“ „Aber Wilhelm?“ verſetzte die Mutter. „Oh! das iſt wahr!“ rief Julius. „Es iſt unmöglich, das Kind dieſer langen Fahrt auszuſetzen,“ ſagte der Baron.„Es geht bei Wilhelm ſeit einiger Zeit gut; doch er iſt von einer ſo zarten Leibesbeſchaffenheit! Wie würde er das Meer und die Veränderung des Klimas aushalten? Wenn Chriſtiane reiſt, ſo muß ſie ihn mir laſſen,“ „Mein Kind laſſen!“ rief Chriſtiane. Und ſie zerfloß in Thränen. Ihren Mann ohne ſie abreiſen laſſen, das war un⸗ möglich; doch ohne ihr Kind abreiſen, das war noch viel mehr unmöglich! Vie Macht der Abreiſe. Der Baron von Hermelinfeld ſuchte bei der Verlegen⸗ heit von Chriſtiane in das Mittel zu treten. „Das Vernünftigſte wäre, wenn Julius allein nach New⸗York ginge,“ ſagte er mit ſanftem Tone.„Im ¹ S z S— e% e auc der 81 Ganzen wäre es keine Trennung von ſo langer Dauer. Leider wird ihn mein Bruder kaum dort zurückhalten. Julius wird ankommen, um ihm die Augen zu ſchließen, und kann dann ſogleich zurückkehren. Ich weiß, meine Kinder, was Alles Trauriges auch in der kürzeſten Ab⸗ weſenheit liegt, doch wir müſſen die Nothwendigkeiten des Lebens nehmen, wie fie ſich bieten, und Ihr müßt, Du, Julius, an Deinen Oheim, Du, Chriſtiane, an Dei⸗ nen Sohn denken.“ Chriſtiane warf ſich in die Arme ihres Mannes. „Iſt es denn durchaus nothwendig, vaß er reiſt?“ ſagte fie. „Befrage Dein edles Herz,“ erwiederte der Baron. „Seine Abreiſe iſt um ſo nothwendiger, als er, wenn er bliebe, nichts dabei verlieren würde. Zugleich mit vieſem Briefe hat mir mein armer Bruder eine Abſchrift von ſeinem Teſtament überſchickt. Julius mag reiſen oder bleiben, das ganze Vermögen von Fritz gehört uns. Es war der Wille meines Bruders, daß wir kein Intereſſe haben ſollten, ſein Sterbebett zu beſuchen, und er hat es uns edelmüthig freigeſtellt, zu thun, was uns gut dünkte. Iſt aber ſein Evelmuth nicht gerade eine Aufforderung mehr? Ich mache Dich ſelbſt zur Richterin, meine liebe Betrübte. Ich, was mich betrifft, halte es ſo ſehr für eine Pllicht, Fritz nicht allein ſterben zu laſſen, daß ich reiſen werde, wenn Julius bleibt.“ „Oh! ich werde gehen!“ rief Julius. „Ja, er muß reiſen,“ ſagte Chriſtiane,„doch ich werde ihn begleiten.“ Sie näherte ſich raſch dem Baron und fügte leiſe „So folge ich nicht nur Julius, ſondern ich fliehe auch Samuel.“ „Ich hätte nicht vas Herz, Dich zu tadeln,“ erwie⸗ derte laut der Baron.„Deine erſte Abreiſe hat Dir ſehr Gott lenkt. n. 6 bei 82 wenig in Beziehung auf das, was Du fürchteſt, ge⸗ nützt. Doch man muß mit dem, was man liebt, nicht ver⸗ nünfteln. Und wenn Du durchaus Julius begleiten willſt, ſo übernehme ich Wilhelm und werde Mutter, um Dich zu erſetzen.“ „Oh!“ entgegnete Chriſtiane,„eine Mutter läßt ſich nicht erſetzen. O Gott! wenn mein Wilhelm krank würde, während ich nicht da wäre! wenn er ſterben würde! Sie haben nicht nur Recht in Beziehung auf das, was mich haßt, ſondern auch in Bezlehung auf das, was ich liebe: ich habe ſchon eine Reiſe gemacht, und bei der Rückkehr fand ich meinen Vater unter der Erde; wenn ich bei der Rückkehr von vieſer das Grab meines Kindes fände! Nein! Julius, reiſe, da es ſein mußz ich, ich werde bleiben, um mein Kind zu hüten.“ „Chriſtiane,“ ſprach Julius,„Du haſt zugleich die Vernunft und die Zärtlichkeit; bleibe bei unſerem Wil⸗ helm, das iſt auch meine Anſicht. Unſere Trennung wird ein grauſamer Schmerz ſein; aber Du ohne Dein Kind, Dein Kind ohne Dich, das wäre noch härter, als Alles. Ich, ich bin ein Mann, und wenn ich fern von Dir leide, nun! in drei bis vier Monaten werde ich zurückkommen, und Deine Küſſe werven meine Thränen trocknen. Aber er, wenn er krank wird und Du biſt nicht dabei, um ihn zu retten, ſo wird es mit ihm aus ſein, und Deine Küſſe werden bei der Rückkehr nichts nützen. Du biſt ihm alſo viel nothwendiger, als mir.“ um ein Ende zu machen, fügte er ſogleich bei: „Mein Vater, wann ſoll ich abreiſen?“ „Ach! ich bedaure, ſo dringend ſein zu müſſen, voch es ſollte noch dieſen Abend geſchehen!“ erwiederte der Baron. 3 „Ohl nein, nein!“ rief Chriſtiane. „Beruhige Dich, meine Tochter,“ fuhr der Baron fort.„Iſt es nicht, muß Julius einmal abreiſen, beſſer, wenn er den traurigen Augenblick des Scheidens abkürzt? ge⸗ er⸗ lſt, ißt nk ben auf as, bei enn des rde die il⸗ ird ind, les. ive, nen, ber ihn üſſe alſo ſſen, erte aron eſſer, rzt* 83 Je ſchneller er abgereiſt ſein wird, deſto ſchneller wird er auch zurückkommen. Ueberdies kann mein armer Bruder nicht warten, und wenn Julius nicht vor ſeinen letzten Stunden ankommt, wozu dieſe Reiſe? Ich habe mich nach dem Abgang der Schiffe erkundigt. Der Com⸗ merce geht in zwei Tagen von Oſtende ab. Dann müßte man vierzehn Tage warten. Es wäre zu ſpät. Dabei iſt der Commerce ein ſicheres und raſches Schiff. Man darf dieſe Gelegenheit nicht verſäumen. Ueberlege Dir, meine Chriſtiane, welche Ruhe uns der Ge⸗ danke geben wird, Julius ſei auf einem guten Schiff. Der Commerce iſt der beſte Schnellſegler, das tüch⸗ tigſte Fahrzeug von Oſtende. Ich bin überzeugt, daß Ju⸗ lius zu rechter Zeit ankommen wird, und Du kannſt ſi⸗ cher ſein, daß er zurückkommt.“ „Oh! mein Vater,“ erwiederte Chriſtiane,„ich bin durchaus nicht vorbereitet, ihn ſo plötzlich von mir ſchei⸗ den zu ſehen! Werden Sie mir nicht ein paar Tage laſ⸗ ſen, um mich an dieſen grauſamen Gedanken zu gewöh⸗ nen?“ Julius trat dazwiſchen. „Mein Vater, wann geht der Commerce ünter Segel?“ „Uebermorgen.“ „Um wie viel Uhr?“ „Um acht Uhr Abends.“ „Wohl denn! bezahle ich den Poſtillon doppelt, ſo brauche ich nicht mehr, als ſechsundvreißig Stunden, um nach Oſtende zu kommen. Ich habe achtundvierzig vor mir. Ich begreife alle Ihre Gründe: ich muß mich auf dem Commerce einſchiffen, um ſicher zu ſein, mei⸗ nen Oheim noch am Leben zu treffen, und vamit Sie ruhig über mich ſein mögen; doch ich will meiner theuren Chriſtiane nicht eine Minute von denen rauben, welche ihr gehoren. Ich werde morgen früh abreiſen.“ 84 .„Ich begleite Dich bis Oſtende!“ fügte Chriſtiane ei. „Wir werden das ordnen,“ ſagte Julius. „Mein, es ſoll ſogleich geordnet ſein.“ „Gut alſo!“ erwiederte Julius, indem er ſeinem Va⸗ ter einen Blick zuwarf. Die Sache wurde ſo verabredet. Chriſtiane verließ einen Augenblick den Baron und Julius, um die Anſtal⸗ ten zur Abreiſe ihres Mannes zu beſchleunigen. Der Vater und der Sohn ſprachen ein paar Worte leiſe mit einander. Chriſtiane kam alsbald wieder zurück. Sie hatte ihre Befehle gegeben und war geizig mit den letzten Minuten, die ihr blieben. Der Abend war traurig und reizend. Es gibt nichts zugleich ſo Schmerzliches und ſo Süßes, als dieſe Tren⸗ nungen. Da fühlt man, wie ſehr man ſich liebt! Alles, was endigt, hat eine Art von bitterem und brennendem Reiz, den man in der Fülle der feſtbeſtehenden und fort⸗ währenden Zuneigung nicht empfindet. Das Zerreißen des Herzens enthüllt, mit welchen Banden man mit ein⸗ ander vereinigt war. Man ermißt das vergangene Glück nach dem Unglück, das beginnt; denn es gibt keinen ſichre⸗ ren Thermometer der Liebe, als den Schmerz. Der Baron zog ſich frühzeitig zurück, um von der Anſtrengung des Tages auszuruhen und ſich auf die des folgenden vorzubereiten. Chriſtiane und Julius blieben beiſammen, um zu weinen, um ſich zu tröſten, um ihr Kind in der Wiege anzuſchauen, um ſich zu ſagen, ſie wären zu unglücklich ohne einander, um ſich zu verbieten, zu viel zu leiden, um ſich zu verſprechen, ſich nicht zu vergeſſen. Dann ſuchte Jedes zu lächeln, um das Andere zu überreden, es ſei nicht ſo troſtlos, und dieſe Reiſe ſei kein ſo großes Un⸗ glůck. Doch dieſes Lächeln ſtrafte ſich alsbald Lügen, und das Gelächter endigte im Schluchzen. Indeſſen rückte die Nacht vor. Sie waren im Zim⸗ mer von Chriſtiane. „Es iſt ſpät,“ ſagte ſie;„Du bedarſſt der Ruhe für die kommenden Strapazen, gehe in Dein Zimmer, mein Julius, und ſuche ein wenig zu ſchlafen.“ „Du ſchickſt mich fort?“ verſetzte Julius lächelnd. „Während wir auf ſo lange Tage, auf fo lange Nächte getrennt ſein ſollen, ſchickſt Du mich fort?“ „O mein Julius!“ rief Chriſttane, indem ſie ihm den Mund mit einem Kuß verſchloß,„ich liebe Dich!“ Als ſich die Morgendämmerung verſtohlen in das Zimmer ſchlich, lag Chriſtiane in tiefem Schlafe. So viele Gemüthsbewegungen waren ſtärker geweſen, als ſie. Einer von ihren reizenden Armen hing aus dem Bette, der andere hielt, gegen ihren Kopf zurückgebogen, ihre ſchwere Stirne. In ihrer ganzen Haltung, in dem grauen Kreiſe, der ihre Augenlider begrenzte, in der Schlaffheit ihrer zarten Glieder fühlte man die Niederlage eines durch zu viel Seele beſiegten Körpers. Von Zeit zu Zeit ſchwebte ein Schatten über ihre Stirne hin, eine Zuſammenziehung ward in ihrem zarten Antlitz wie der Ausdruck eines ſchlimmen Traumes ſichtbar; ein Nervenzucken durchlief ihre Finger. Sie war allein. Plötzlich öffnete ſie ihre Augen weit, ſetzte ſich auf und ſchaute umher. „Ah!“ ſagte ſie,„es ſchien mir, Julius ſei da.“ Dann ſprang ſie ungeſtüm aus ihrem Bette und lief in das Zimmer von JZulius. Das Zimmer war leer. Sie läutete heftig. Ihre Kammerfrau eilte herbei. „Mein Mann!“ rief ſie,„wo iſt mein Mann?“ „Er iſt abgereiſt, gnädige Frau.“ „Abgereiſt, ohne von mir Abſchied zu nehmen! Un⸗ möglich!“ 86 „Er hat mich beauftragt, Ihnen zu ſagen, er habe einen Brief für Sie hinterlaſſen.“ „Wo?“ „Auf dem Kamine Ihres Zimmers.“ Chriſtiane lief in ihr Zimmer. Auf dem Kamine lagen zwei Briefe, einer von Julius, einer vom Baron. Julius erklärte Chriſtiane, er habe ihr die Schmer⸗ zen des letzten Lebewohls erſparen wollen. Er habe be⸗ fürchtet, nicht mehr die Kraft zu beſitzen, um abzureiſen, wenn er ſie troſtlos und ſchluchzend ſehen würde, wie am vorhergehenden Abend. Er ermahnte ſie, Muth zu faſſen; ſie würde nicht allein ſein, da ſie mit ihrem Kinde wäre. Er ergebe ſich ja, während er zugleich ſeine Frau und ſein Kind verlaſſe. Chriſtiane hatte ſchon längſt das letzte Wort geleſen, als ſie noch unbeweglich, verſteinert, ſtarr da ſtand und ſchaute, ohne zu weinen. Die Kammerfrau nahm den kleinen Wilhelm aus ſeiner Wiege und legte ihn ſeiner Mutter in die Arme. „Ah! Du biſt hier,“ ſagte ſie, ohne daß es den An⸗ ſchein hatte, als ſchenkte ſie⸗ihm eine Aufmerkſamkeit. „Und ſein Vater, was ſagt er mir?“ Und ſie las den Brief des Barons: „Meine liebe Tochter, „Verzeihe mir, daß ich Deinen Mann ſo ſchnell fort⸗ führe. Wozu nützt es, einen herzzerreißenden Abſchied zu verlängern? Sei unbeforgt über Julius. Ich will ihn bis Oſtende begleiten, und verlaſſe ihn nicht eher, als bis er ſich eingeſchifft hat. So bald das Schiff aus dem Hafen iſt, kehre ich in größter Eile zu Dir zurück. In drei Tagen wirſt Du alſo Nachricht von Julius haben. Um Dir dieſen Troſt zu geben, reiſe ich ab. Ich habe mich indeſſen die ganze Nacht gefragt, ob ich nicht beſſer daran thäte, bei Dir zu bleiben, um Dich gegen die be⸗ wußten abſcheulichen Drohungen zu beſchützen. Doch wir 1 ——— n, d 16 e. n⸗ ed ill ls In be er e ir 87 dürfen unſere Befürchtungen auch nicht bis zur Ueber⸗ treibung, bis zum Kindiſchen ſteigern. Nimmſt Du wäh⸗ rend dieſer zweiundſiebzig Stunden, die Du allein ſein wirſt, alle Vorſichtsmaßregeln, welche Dir die menſchliche Klugheit rathen kann, ſo ſehe ich nicht ein, welche Gefahr zu fürchten iſt. Habe immer Jemand bei Dir, hüte Dich wohl, je aus dem Schloſſe zu gehen, und bei Nacht laß in Deinem Salon und in der Bibliothek, wo Du Dich einſchließen wirſt, Deine Kammerfrau und die Amme von Wilhelm ſchlafen. Wovor kann Dir ſo bangen? „In drei Tagen werde ich da ſein. Mein Dienſt ruft mich nach Berlin zurück; ich nehme Dich dahin mit. Wende dieſe drei Tage an, um Deine Vorkehrungen zu treffen. Ich habe, wie Du weißt, vor den Thoren von Berlin ein Haus mit einem Garten, wo unſer Wilhelm in guter Luft ſein wird und meine Chriſtiane in Sicher⸗ heit. Ihr werdet Beide dort während der Abweſenheit von Julius bei mir bleiben. Küſſe Deinen Mann auf den Wangen von Wilhelm. 3 „Dein ergebener Vater „Baron von Hermelinfeld.“ Dieſer Brief that Chriſtiane wohl. Der Gedanke, daß Julius Einen bei ſich hatte, der ihn geleitete und ihr in drei Tagen Nachricht bringen würde, ſtärkte ſie ein wenig. Julius hatte ſie nicht ganz verlaſſen, ſo lange ſie fich durch den Baron berührten. Sie ging auf die Wiege von Wilhelm zu, nahm ihren Sohn und küßte ihn weinend. Doch plötzlich durchzuckte ein finſterer Gedanke ihren Geiſt. Sie erinnerte ſich der Prophezeiung der Blumen von Gretchen in den Ruinen. „Ja,“ murmelte ſie,„Gretchen hatte es wohl geſagt, die Verbindung endet faſt plötzlich; wir leben und wir lieben uns, und dennoch ſind wir getrennt. Und Gretchen fügte bei, die Scheidung werde lange Jahre dauern, und wir werden fern von einander leben, wie zwei Fremde. O mein Gott! beſchütze mich gegen dieſen Aberglauben.“ Und der Gedanke an Gretchen erinnerte ſie wieder an Samuel. „Oh!“ rief ſie voll Angſt,„derjenige, welcher mich vertheidigen ſoll, geht, und derjenige, welcher mein Ver⸗ derben bereiten will, bleibt.“ Sie drückte Wilhelm an ihre Bruſt, als wollte ſie die Keuſchheit der Mutter hinter der Unſchuld des Kindes verbergen, und warf ſich vor dem Crucifir, das die Wiege überragte, auf die Kniee. „Mein Gott.“ ſprach ſie,„habe Mitleid mit einer armen Frau, welche liebt und die man haßt. Ich habe nur Dich, um mich meinem Gatten zurückzugeben und um ihm ſein Weib zu bewahren.“ Man klingelt. Am Abend deſſelben Tages, gegen halb zwölf Uhr, fand in dem kreisförmigen, tiefen Saale, wo Samuel hatte, eine Verſammlung der Drei ſtatt. Immer verlarvt ſaßen die Drei um den Tiſch, wel⸗ chen die an der Decke hängende Lampe beleuchtete. Sa⸗ muel ſtand mit entblößtem Geſichte vor ihnen. .„Sie wollen alſo nicht, daß ich jetzt handle?“ ſagte er.* „Nein,“ antwortete der Chef.„Wir zweifeln nicht an Ihrer Macht und Ihrer Kühnheitz unſer Hauptgrund ——— Julius den Häuptern des Tugendbundes vorgeſtellt ₰ 1 ——— 1— nd de. 1 7 der ich er⸗ es ge ter be nd r, el Ut el⸗ d⸗ 89 iſt auch die gegenwärtige Stellung unſeres Feindes. Gewiß iſt Napoleon in einem bevorzugten und glänzenden Augenblick; Alles gelingt ihm; er iſt mehr als je auf dem Throne Europas befeſtigt. Er beſaß ſchon den Raum, die Geburt des Königs von Rom hat ihm die Dauer beigefügt. Zu dieſer Stunde iſt Gott ſicherlich mit ihm 5„Ich liebe es, meine Feinde in ihrer Stärke zu be⸗ kämpfen,“ unterbrach Samuel. „Wir wiſſen das,“ erwiederte der Vorſtand,„und wir wiſſen auch, daß die Heiterkeit des Himmels die Blitzſtrahle herausfordert. Doch bedenken Sie, welche Folgen ein Verſuch in dieſem Augenblick hätte. Die That iſt nichts ohne die Idee; die Handlung iſt unnütz und folglich ſchlecht, wenn ſie nicht die Uebereinſtimmung der Welt für ſich hat. Napoleon aber itn vollen Frieden ſchlagen, während er Niemand angreift, während er Nie⸗ mand bedroht, hieße das nicht die allgemeine Meinung auf ſeine Seite bringen? Wären wir nicht die Angrei⸗ fer, wir, die wir im Gegentheil die Nächer und die Be⸗ ſchützer der menſchlichen Freiheit ſind Wenn der Streich fehlſchlägt, ſo befeſtigen wir ihn; gelingt er, ſo befeſtigen wir ſeine Dynaſtie. Sie ſehen, daß die Stunde nicht gekommen iſt.“ „Wohl denn, ſo warten wir,“ ſprach Samuel.„Doch wenn es nur der Friede iſt, was Sie zurückhält, ſo werden wir nicht lange zu warten haben, das prophezeie ich Ihnen. Napoleon kann nicht ruhig bleiben, ohne ſeinem Grundſatz untreu zu werden und ohne ſich ſelbſt zu ver⸗ leugnen. Er iſt der Krieg oder er iſt nichts. Diejeni⸗ gen, welche ihm ſeinen unerſättlichen Durſt nach Erobe⸗ rungen und Gebieten vorwerfen, begreifen das erſte Wort ſeiner Sendung nicht. Napoleon iſt die bewaffnete Re⸗ volution. Er muß von Volk zu Volk gehen und in die Furchen und in die Geiſter das franzöſiſche Blut wie einen Thau gießen, der überall die Empörung und den Volks⸗ inſtinet wachſen machen und emportreiben ſoll. Er, auf einem goldenen Stuhle ſitzen bleiben, wie ein müſſig⸗ gängeriſcher König! Er iſt hiezu nicht auf die Erde ge⸗ kommen. Er hat ſeine Runde noch nicht durch die Welt gemacht, glauben Sie daher nicht, daß er ruht. An dem Tage alſo, und ich ſage Ihnen zum Voraus, dieſer Tag erſcheint demnächſt, wo Napoleon den Krieg, gleichviel welchem Lande, Preußen oder Rußland, erklärt, wird mich alſo der Tugendbund handeln laſſen?“ „Vielleicht. Doch erinnern Sie ſich des Friedrich Staps?“ „Ich erinnere mich, daß er geſtorben und nicht ge⸗ rächt worden iſt.“ „Ehe wir Sie zum Handeln bevollmächtigen,“ ſprach 5 Vorſtand,„müſſen wir wiſſen, was Sie thun wol⸗ en.“ „Ich werde ohne Sie handeln und Sie nicht gefähr⸗ den. Genügt Ihnen das?“ „Nein. Der Bund hat das Recht, Alles zu wiſſen. Sie können ſich nicht vereinzeln, und alle Mitglieder find ſolidariſch.“ „Nun ſo hören Sie,“ ſagte Samuel. Die Drei horchten, und Samuel war im Begriff, zu ſprechen Plötzlich vernahm man ein metalliſches Geräuſch. Das Geräuſch wiederholte ſich. „Was bedeutet das?“ dachte Samuel.„Der Ba⸗ ron und Julius ſind nach Oſtende abgereiſt. Chriſtiane iſt allein. Iſt dieſe Abreiſe eine Finte, und ſollte man mir abermals eine Falle ſtellen?“ „So ſprechen Sie doch,“ ſagte der Chef. Aber Samuel dachte nicht mehr an die Drei, dachte nicht mehr an den Kaiſer, dachte nicht mehr an die Welt er dachte an Chriſtiane. „Haben Sie nicht gehört?“ ſagte er. ———— 8— X— *S X — * ne n te 9¹ etwas wie das Geräuſch einer Klingel. Was ibt es?“ „Wir werden dieſes Geſpräch ſpäter wieder aufneh⸗ men,“ antwortete Samuel ohne Umſtände.„Verzeihen Sie, man ruft mich, und ich muß Sie verlaſſen.“ Und trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung, konnte er ſich einer lebhaften Gemüthsbewegung nicht erwehren. „Wer ruft Sie denn?“ fragte der Vorſtand. „Sie,“ antwortete er, ohne mehr auf das, was er ſprach, Acht zu geben. Doch alsbald verbeſſerte er ſich und fügte bei: „Eine kleine Ziegenhirtin, die mich benachrichtigt, daß Spione in der Gegend ſind. Es iſt für Sie die hoͤchſte Zeit, zu fliehen.“ „Sie werden nichts thun, ehe Sie uns wieder ge⸗ ſehen haben?“ ſagte der Vorſtand. „Nichts,“ antwortete Samuel,„ſeien Sie unbe⸗ ſorgt.“ Und er oͤffnete ihnen die Thüre. In dem Augenblick, wo er ſie wieder hinter ihnen erſcholl die Klingel noch ſtärker und wie ein Angſt⸗ rei. „Wenn es eine Falle wäre,“ ſagte Samuel,„ſo würde ſie mich nicht mit ſolcher Heftigkeit und Dring⸗ lichkeit rufen. Was geht vor, daß ſie ſo in der Abweſen⸗ heit ihres Mannes und des Barons nach mir verlangt? Sehen wir, was ſie von mir will. Auf, Samuel, benimm Dich Deiner würdig. Kaltes Blut und Ruhe! und ſei nicht ſo albern hewegt wie ein Schüler bei ſeiner erſten Leidenſchaft!“ Und er ſtieg raſch die Treppe hinauf, welche in den Salon führte. 92 Das Schichſal arbeitet in Gemeinſchaft mit Samuel. Chriſttane brachte den erſten Tag der Trennung traurig zu. Sie flüchtete ſich zu dem einzigen Ort, wo noch Freude für ſie war, zu Wilhelm. Sie verließ ihn den ganzen Tag nicht, wiegte ihn, ſang ihm vor, küßte ſeine blonden Locken und ſprach mit ihm, als ob er ſie verſtehen könnte. „Ich habe nur noch Dich, mein Wilhelm. Oh! ich bitte Dich, ſuche mein Leben und meine Seele auszu⸗ füllen. Nimm meinen Geiſt in Deine kleinen Hände und halte ihn hier zurück. Dein Vater hat mich verlaſſen, weißt Du das? Tröſte mich, mein kleines Kind. Lä⸗ cheln wir Beide. Lächle mir zuerſt zu, und ich werde Dir hernach zuzulächeln ſuchen.“ Und das Kind lächelte und die Mutter weinte. Nie war Wilhelm ſchöner, friſcher, roſiger geweſen. Er machte ſeine acht bis zehn Mahle am ſchneeigen Leibe ſeiner Amme. Als es Nacht geworden, legte ihn Chri⸗ ſtiane nieder und ſchläferte ihn in ſeiner Wiege ein, ſchloß die kleinen Vorhänge, damit der Schein der Lampe nicht bis zu den Augenlidern des Kindes gelange, nahm ein Buch aus der Bibliothek und fing an zu leſen. Doch ihr Geiſt konnte nicht in dem Buche feſthal⸗ ten. Er war auf der Straße nach Oſtende und lief den galoppirenden Pferden nach. Julius mußte ſchon fern ſein. Jede Drehung der Räder entfernte ihn raſch. Würde ihn zu dieſer Stunde Chriſtiane vor ſeiner Einſchiffung einholen wollen, um ihn wiederzuſehen, und wäre es auch nur auf eine Minute, Mh— ———— — 3——„„ 1— ng vo hn öte h! zu⸗ nd en, ä⸗ ir en. ibe ri⸗ ein, npe hm al⸗ den der nde ihn ute, 93 ſie könnte es nicht mehr. Es kam ihr ſchon vor, als wäre der Orean zwiſchen ihnen. Es regte ſich bei Chriſtiane ein Gewiſſensbiß. War⸗ um hatte ſie nicht am Morgen, ſobald ſie erwacht war, anſpannen laſſen, warum hatte ſie nicht die Verfolgung des Flüchtlings unternommen? Die Bezahlung des Po⸗ ſtillon verdoppelt hätte ihr den Vorſprung, den er vor ihr haben mußte, eingebracht, und ſie hätte ihn noch ein letztes Mal umarmen können. Aber ach! es muß immer ein letztes Mal ſein! Julius hatte Recht gehabt, daß er ſo abgereiſt war. Was wäre aus Wilhelm während dieſer Abweſenheit von drei Tagen geworden? Ah! böſes, angebetetes Kind! Immer das Kind zwiſchen dem Mann und der Frau! Alle dieſe Ideen durchzogen den Geiſt von Chriſtiane in jener ſchwankenden, viſionären Unordnung, welche die Nacht den Gedanken gibt. Plötzlich erwachte Wilhelm weinend. Chriſtiane lief an die Wiege. Das Kind, das ſie ſo lächelnd und ſo ruhig ver⸗ laſſen, hatte verzerrte Züge, und ſein Geſicht war von einem kalten Schweiß übergoſſen. Sein Kopf war ſchwer wie Blei, ſein Pulsſchlag raſch und ſtark. „Ah! gut,“ rief Chriſtiane;„das fehlte mir nur noch; Wilhelm krank!“ Rufen, ſich an die Glockenzüge hängen, ihr Kind nehmen, es an ihre Bruſt drücken, um ihm ihren Athem, ihre Geſundheit, ihr Leben mitzutheilen, das war für die Mutter die Sache einer Sekunde. Doch das Kind blieb kalt und träge; es ſchrie ſo⸗ gar nicht mehr. Sein Athem fing an pfeifend zu wer⸗ den, ſeine Kehle ſchnürte ſich zuſammen. Die Bedienten liefen herbei. „Geſchwinde!“ rief Chriſtiane,„zu Pferde! Einen Arzt! Mein Kind ſtirbt. Gleichviel, welchen Ihr be⸗ kommen könnt. Zehntauſend Gulden Demjenigen, der 94 mir einen Arzt bringen wird. Geht nach Neckarſteinach, nach Heidelberg, überallhin. Doch eilt, eilt, o mein Gott, mein Gott!“ Die Männer ſtürzten hinaus, und Chriſtiane blieb mit den Frauen allein. Chriſtiane wandte ſich an die Amme. „Schauen Sie Wilhelm an. Sie müſſen alle Kin⸗ verkrankheiten kennen, oder Sie ſind eine ſchlechte Amme. Was hat er? Oh! nicht einmal wiſſen, was er hat! Die Mütter müßten die Arzneikunde lernen. Oh! wenn ich bedenke, daß das Mittel vielleicht da iſt, ganz einfach, ganz bereit, daß ich nur die Hand darnach auszuftrecken hätte, und daß ich es nicht kenne! O mein Leben, ſtirb nicht oder ich ſterbe! Und ſein Vater, warum iſt er ab⸗ gereiſt? Dem Gelde, einem Oheim zu Liebe! Was macht das mir, ein Oheim und Geld. Ah! ſein Oheim iſt krank? Run! ſein Kind iſt auch krank! Mein Kind! mein Kind! Sprechen Sie, haben Sie Wilhelm genug angeſchaut? Was hat er „Meine gnädige Frau,“ erwiederte die Amme,„Sie bewegen ihn zu ſehr. Sie müſſen ihn wieder in die Wiege legen.“ „In ſeine Wiege, nicht wahr? hier iſt er. Ich ge⸗ horche Ihnen, voch retten Sie ihn. Nicht wahr, es wird nichts ſein? Oh ich bitte Sie, ſagen Sie mir, daß es nichts ſein wird.“ Die Amme ſchüttelte den Kopf. „Ach! meine gute, liebe gnädige Frau, das ſind alle Anzeichen von der Bräune.“ „Die Bräune!“ verſetzte Chriſtiane.„Was iſt das, die Bräune? Kennen Sie die Krankheit, ſo kennen Sie auch das Mittel.“ „Mein Gott! ich habe das Unglück gehabt, mein erſtes Kind an der Bräune zu verlieren.“ „Verloren, ſagen Sie? Ihr Kind iſt an der Bräune geſtorben! Dann hat Wilhelm die Bräune nicht, alle das, Sie mein der icht, 95 wenn man daran ſtirbt. Sind Sie toll, daß Sie mir das ganz ruhig ſagen! Als ob Wilhelm ſterben könnte! Und was hat man mit Ihrem Kinde gemacht? Doch nein, es iſt unnöthig, daß ich es weiß, da das, was man mit ihm gemacht, ſeinen Tod herbeigeführt hat.“ „Gnädige Frau, man hat ihm zur Ader gelaſſen.“ „Wenn es gut wäre, ihm zur Ader zu laſſen... Niemand verſteht das hier. Was lernt man denn? Und dann iſt das vielleicht ſchlecht; man müßte einen Arzt haben. Ah! daß dieſe Dienſtboten nſcht zurück⸗ kommen!“ Und ſie heſtete ein ſtarres Auge auf das Kind, bei dem das Athemholen immer ſchwieriger wurde. „Gnävige Frau, ſie ſind erſt vor zehn Minuten weg⸗ gegangen,“ ſagte eine Kammerjungfer,„und um im Ga⸗ lopp nach Neckarſteinach zu reiten und von dort zurückzu⸗ kehren, braucht man zwei Stunden.“ „Zwei Stunden!“ rief Chriſtiane in Verzweiflung, „das iſt die Ewigkeit! Oh! die Entfernung, welch eine grauſame und alberne Sache! Kein Arzt in Landeck! Warum haben wir uns hier begraben! Ah! der Pfar⸗ rer Nein, er weiß nichts, er kann nur beten. Doch immerhin, man gehe und ſage ihm, er möge beten. Lauft geſchwinde. In Erwartung des Arztes will ich es auch verſuchen, zu beten.“ Sie warf ſich auf die Kniee, machte das Zeichen des Kreuzes und ſprach: „Mein Gott!“ Ungeſtüm ſtand ſie wieder auf. Eine Idee war ihr in den Kopf gekommen. „Ja,“ ſagte ſie,„Gretchen! ſie kennt die Pflanzen und die Kräuter. Man hole ſie. Nein, ſie würve nicht ich gehe ſelbſt zu ihr. Ihr Leute, hütet mein nd.“ Und ohne etwas auf den Kopf zu ſetzen oder auf die Schulter zu nehmen, lief ſie die Treppe hinab, durch⸗ 96 ſchritt die Höfe, erkletterte die Felſen und war in einer Minute vor der Thüre der Hütte. „Gretchen! Gretchen!“ rief ſie. Keine Antwort. „Ohl! es iſt heute nicht an der Zeit, menſchenſcheu und toll zu ſein! mein Kind ſtirbt, hörſt Du? Das iſt ernſter, als Alles. Gretchen, im Namen Deiner Mut⸗ ter, mein Kind ſtirbt! Zu Hülfe!“ „Ich komme,“ antwortete die Stimme von Gret⸗ chen. Einen Augenblick nachher öffnete ſich die Thüre und Gretchen erſchien vüſter und mürriſch. „Was wollen Sie von mir?“ ſagte ſie. „Gretchen,“ erwiederte Chriſtiane,„mein armer kleiner Wilhelm, Du weißt? er ſtirbt. Du allein kannſt ihn retten. Sie behaupten, er habe die Bräune. Weißt Du, was das iſt? Haſt Du die Mittel hiefür? Ja, nicht wahr? Denn wenn Du die Mittel nicht hätteſt, wozu würde es Dich nützen, vaß Du die Kräuter ſtudirt Gretchen brach in ein bitteres Gelächter aus. „Die Kräuter? wozu nützt es mich im Ganzen, daß ich ſtudirt habe? Ich glaube nicht mehr daran. Sie ſind alle vergiftet.“ „Oh! komm,“ rief Chriſtiane flehend. „Zu welchem Ende?“ erwiederte Gretchen, ohne ſich zu rühren;„ich ſage Ihnen, daß die Blumen mich ver⸗ rathen haben.“ „Gretchen, mein gutes Gretchen, rufe Deine Ver⸗ nunft, Deine Ergebenheit, Deinen Muth in Dir zurück. Was koſtet es Dich denn, den Verſuch zu machen?“ „Sie wollen es? es ſei. Ich werde Pflanzen nehmen, von denen meine Mutter ſagte, ſie ſeien gut für Kinderkrankheiten. Doch meine Mutter täuſchte ſich: die Pflanzen haben etwas Anderes zu thun, als Kinder zu retten, ſie haben Frauen ins Verderben zu ſtürzen!“ —„— er u 8 t⸗ t⸗ nd er ßt a, ſt, irt aß nd er⸗ er⸗ ick. zen ut der 97 „Ich, ich glaube an die Pflanzen!“ verſetzte Chri⸗ ſtiane.„Geſchwinde, nimm viejenigen, welche Du ſagſt, und laufe in's Schloß; ich kehre zu Wilhelm zurück und erwarte Dich.“ Sie eilte weg und kam wieder zur Wiege. Es ſchien bei dem Kinde beſſer zu gehen, der Puls beſänf⸗ tigte ſich ein wenig. „Gerettet!“ rief Chriſtiane.„Es war nichts. Es war nicht die Bräune. Mein Gott, ich danke Dir!“ Gretchen trat in dieſem Augenblick ein. „Es iſt unnöthig,“ verſetzte Chriſtiane.„Wilhelm iſt gerettet.“ „Ich glaube es nicht,“ entgegnete Gretchen. „Du glaubſt es nicht, warum?“ „Ich habe auf dem Wege hierher nachgedacht,“ er⸗ wiederte Gretchen mit feierlichem, überzeugtem Ton. „Die Krankheiten, die man jetzt hat, ſind nicht natürlich. Sie kommen von einem Mann, der uns Beiden grollt. Sie dauern ſo lange, als er will. Nur er kann den Kranken heilen.“ Chriſtiane bebte. „Du ſprichſt von Samuel?“ 3 ſagte Gretchen.„Und ſchauen Sie, ſchauen e. Sie deutete auf Wilhelm, deſſen Geſicht ſich ver⸗ zerrte, deſſen Kehle zu pfeifen anfing. Die Haut des Kindes war runzelig, trocken und glühend. Seine Glied⸗ chen erſtarrten. „Deine Kräuter, Gretchen, Deine Kräuter!“ rief Chriſtiane, welche abermals und noch tiefer in Ver⸗ zweiflung gerieth. Gretchen ſchüttelte den Kopf mit einer Miene des Zweifels. Um aber die Mutter zufrieden zu ſiellen, legte ſie die Kräuter auf den Hals und die Bruſt des Kindes. Gott lenkt. n. 7 98 „Warten wir,“ ſagte ſie.„Doch ich wiederhole Ihnen, das wird nichts helfen.“ Chriſtiane wartete und beſpähte zitternd, keuchend, die Wirkung der Pflanzen an dem Uebel von Wilhelm. Dieſelben fürchterlichen Symptome waren fortwäh⸗ rend bemerkbar. „Ich ſagte es Ihnen vorher,“ ſprach Gretchen, den Kopf ſchüttelnd.„Es gibt nur einen Menſchen, der das Kind retten kann.“ „Du haſt Recht,“ rief Chriſtiane. ünd ſie lief in das Zimmer nebenan. Die Präune. Gretchen folgte maſchinenmäßig Chriſtiane, ohne zu wiſſen, was ſie hatte. Sie ſah ſie den Finger auf 1 S Vorſprung von einer der hölzernen Füllungen egen. „Was thun Sie denn, liebe Frau?“ fragte ſie. „Ich rufe ihn.“ „Wen?“ „Eil denjenigen, welcher mein Kind retten kann.“ „Sie rufen Samuel Gelb?“ ſtammelte Gretchen. „Ah! glaubſt Du, ich werde Wilhelm ſterben laſſen?“ „Aber er iſt kein Arzt, er iſt der Henker. Sie rufen den Teufel an.“ „Nun wohl, da ich Gott vergebens angerufen habe! Ah! ich fürchte nur Eines, die Krankheit von Wilhelm. Stirbt Wilhelm, ſo exiſtirt nichts mehr. Oh! mein uf en .“ en⸗ en fen e! ein 99 Gott! wenn er nicht da wäre? Mein Leben, daß er auf der Stelle kommt!“ Und ſie drückte mit aller Gewalt auf den Knopf. „Er wird mich diesmal hören,“ ſagte ſie;„er iſt hier, er wird ſogleich erſcheinen. Kehren wir zu Wil⸗ helm zurück.“ Sie trat wieder in ihr Zimmer mit Gretchen ein. „Wie viel Uhr iſt es?“ fragte ſie die Amme.„Es muß nun zwei Stunden ſein, daß man abgegangen iſt.“ „Ah! gnädige Frau,“ erwiederte die Amme,„es iſt noch keine halbe Stunde. Bei dem Kinde ging es immer gleich ſchlecht.“ Chriſtiane lief abermals in den Salon, läutete zum dritten Mal und kehrte wieder zu der Wiege zurück. Jede Sekunde kam ihr wie ein Jahrhundert vor. Sie hielt es nicht mehr am Platze aus. Ihr Blut kochte in ihren Adern. Sie kniete vor der Wiege nieder, erhob ſich dann wieder, ging fieberhaft, verſtört, zerzauſt im umher und hielt jedes Geräuſch für Sa⸗ muel. „Wird er mein Kind ſterben laſſen?“ ſagte ſie mit einem dumpfen Zorn. Sie kehrte in den Salon zurück und wollte eben an dem Knopfe drücken, als ſich die Füllung raſch rehte. Samuel erſchien. Zu jeder andern Zeit hätte ſein Anblick Chriſtiane erſchreckt. Die Lippen zuſammengepreßt, das Auge ſtarr, war er ernſt, bleich, eiſig und wie zum Voraus mit einem unerſchütterlichen Entſchluß bewaffnet. Nichts Menſch⸗ liches ſchien mehr in ihm zu leben. Es war keine Ver⸗ nunft, es war kein Herz mehr, es war ein harter, un⸗ beugſamer, eiſerner, verhängnißvoller, entſetzlicher, tövt⸗ licher Wille. 100 Doch Chriſtiane ſchaute ihn nicht einmal an. Sie warf ſich ihm zu Füßen. „Mein Kind ſtirbt, mein Herr, retten Sie es,“ rief „Ah!“ ſagte Samuel,„diesmal iſt es alſo keine Falle?“ „Oh! es handelt ſich nicht hierum,“ verſetzte Chri⸗ ſtiane.„Ich bitte Sie um Barmherzigkeit. Sie ſind groß, Sie werden gut ſein. Verzeihen Sie mir die Ver⸗ gangenheit. Ich habe Unrecht gehabt, ich demüthige mich, ich ſegne Sie. Kommen Sie geſchwinde, retten Sie den armen Kleinen.“ Sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn in das Zimmer. „Schauen Sie,“ ſagte ſie,„er iſt ſehr krank, doch Sie ſind ſo geſchickt.“ Samuel neigte ſich gegen die Wiege und hatte nur einen Blick auf den Kleinen zu werfen. „Das Kind hat die Bräune,“ ſprach er kalt. „Die Bräune! Ah! das iſt die Bräune!“ rief Chriſtiane.„Sie, der Sie Alles wiſſen, ſagen Sie, was iſt zu thun?“ Samuel ſchwieg einen Augenbück, ſchien nachzuden⸗ ken und ſchaute Chriſtiane an, welche keuchend auf ſein erſtes Wort, auf ſeine erſte Geberde lauerte. „Vor Allem iſt dieſes Zimmer zu voll,“ ſprach er langſam.„Es muß ſich Jedermann entfernen.“ „Geht Alle hinaus,“ befahl Chriſtiane. Die Kammerfrauen und vie Amme gehorchten. Als er umherſchaute, um zu ſehen, ob nicht Jemand zurückgeblieben, erblickte Samuel die Ziegenhirtin, welche, in eine Ecke gekauert, bebend, erſchrocken, Samuel an⸗ ſtarrte und nicht mit den Augen von ihm laſſen konnte⸗ „Muß ſie auch weggehen?“ fragte Chriſtiane. „Sie beſonders,“ erwiederte Samuel. „Gehe, Gretchen,“ ſprach Chriſtiane. 1 ur ief ie, en⸗ ein er and he, an⸗ te. 104 Ohne ein Wort zu ſagen, wich Gretchen, die Augen auf Samuel geheftet, gleichſam gegen einen ungeſtümen Angriff auf der Hut, die Stirne gefaltet, ſcheu, bis zur Thüre zurück. Als ſie aus dem Zimmer war, rief ſie: „Theure Frau! nehmen Sie ſich in Acht!“ Und ſie ſchloß raſch die Thüre und entfloh. Samuel und Chriſtiane blieben allein bei der Wiege. Vie Verſuchung der Mutter. „Nun find wir allein, mein Herr,“ ſagte Chriſtiane ungeduldig zu Samuel.„Doch woran denken Sie denn?“ fügte ſie bei, denn Samuel ſchien in ein zerſtreu⸗ tes Nachſinnen verſunken, vder von einer tiefen Erinnerung ergriffen. Seltſam! weiß man woran in dieſem äußerſten Augenblick Samuel wirklich vachte? An einen in Deutſch⸗ land berühmten Kupferſtich von Albrecht Dürer, genannt der Gewaltthätige. Dieſer Kupferſtich ſtellt die myſte⸗ riöſe und bizarre Figur eines halbnackten, haarigen, mus⸗ keligen Mannes vor, der auf ſeinen Schvoß eine wider⸗ ſtrebende, verzweifelte Frau zieht, dieſe aber mit einer ſo mächtigen und ſo unbeſiegbaren Stärke, mit einem ſo dumpfen und gleichgültigen Willen an ſich zieht, daß vor dem Verbrechen, welches den Mord mit der Liebe zu miſchen ſcheint, der Eindruck des Schreckens jede Idee von Wolluſt verwiſcht, und daß man unter dem finſteren Symbol Alles träumt, was es Grauſames und Unbarm⸗ 102 herziges auf der Welt gibt: den Schrecken, das Verhäng⸗ niß, den Tod. An dieſes entſetzliche Bild vachte aber Samuel ne⸗ ben der Wiege des mit dem Tode ringenden Kindes, und Chriſtiane war genöthigt, zu wiederholen: „Woran denken Sie, mein Herr? Sprechen Sie, handeln Sie, um des Himmels willen. Ich lege mein Kind in Ihre Hände. Nicht wahr, dieſe entſetzliche Krank⸗ heit iſt nicht tövtlich?“ „Sie wird geheilt, Madame,“ antwortete endlich Samuel mit tiefem Tone,„ſie wird geheilt, wenn man ſie zu rechter Zeit angreift.“ „Oh! diesmal wird ſie zu rechter Zeit angegriffen,“ ſagte Chriſtiane.„Die erſten Symptome haben ſich kaum vor einer halben Stunde erklärt.“ „Es iſt allerdings Zeit, Madame, doch Sie haben wohl daran gethan, ſich zu beeilen. In einer halben Stunde wäre es zu ſpät geweſen.“ „Nun, worauf warten Sie, um anzufangen?“ Samuel zögerte noch, endlich ſagte er: „Ich warte. ich warte auf ein Wort von Ihnen.“ „Auf ein Wort von mir! Auf welches Wort?“ Samuel war ſichtbar bewegt. Nur eine über ihr Kind beſorgte Mutter konnte den glühenden, unruhigen Blick nicht bemerken, den ſeine ſonſt ſo kalten, gebieteriſchen Augen auf dieſes Zimmer warfen, wo die Stunde den Ge⸗ danken an Myſterien heraufbeſchwor, welche hier in ähn⸗ lichen Stunden hatten vorfallen müſſen, und auf dieſe reizende Chriſtiane mit den aufgelöſten Haaren, mit den halbnackten Schultern, mit den Augen entzündet durch die Aufregung, die die Schoͤnheit der Frau durch die Lei⸗ denſchaft der Mutter vermehrte. „Hören Sie mich,“ ſprach Samuel, als faßte er einen unwiderruflichen Entſchluß,„Sie haben mich bis jeßt herausgeſordert, verſpottet, beſicgt. Die Reihe iſt an 5 5 c—„—— S z5 S— 8— — ie, in k⸗ ich an im en en on ihr gen hen He⸗ hn⸗ ieſe den ch Lei⸗ er bis an 103 mir. Die Sekunden ſind gezählt. Ich habe nicht Zeit, nicht ungeſchlacht zu ſein. Sie verlangen von mir das Leben, das ganze Leben Ihres Kindes. Es ſei. Ich werde es Ihnen ſchenken. Sie werden mir aber dagegen zehn Minuten von dem Ihrigen ſchenken.“ Chriſtiane ſchaute ihn an, ohne zu verſtehen. „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich ſage, daß ich Ihnen einen Tauſch vorſchlage,“ erwiederte Samuel.„Es hängt von mir ab, Ihnen das Weſen zu ſchenken, das Ihnen das theuerſte auf der Welt iſt: Sie verlangen es von mir. Es hängt von Ihnen ab, mir das Weſen zu ſchenken, das mir das theuerſte auf der Welt iſt; ich verlange es auch von Ihnen. Und ich wiederhole, daß ich Ihnen ein Leben ſchenken werde, und daß Sie mir nur zehn Minuten ſchenken werden. Iſt das noch nicht klar genug? Sie lieben Ihr Kind, und ich, ich liebe Sie!“ Chriſtiane begriff, denn ſie ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus. „Ah! Sie verſtehen mich endlich,“ ſagte Samuel. „Das iſt ein Glück.“ „Elender!“ rief die junge Frau entrüſtet,„ſolche Worte in einem ſolchen Augenblick!“ „Ich erwarte eine Antwort und keine Beleidigungen,“ entgegnete Samuel. „Schweigen Sie, Unglücklicher! denn mir ſcheint, Gott iſt im Begriff, mir mein Kind zu nehmen, damit ſeine Reinheit nicht einer ſolchen Beſchimpfung ſeiner Mutter beiwohne!“ „Hoͤren Sie,“ ſprach Samuel,„da ich dies geſagt habe, ſo müſſen Sie ſich wohl denken, daß ich nicht wider⸗ rufen werde. Die Zeit ſchreitet fort, es iſt das Leben von Wilhelm, was Sie in dieſem Augenblick vergeuden. Mein Entſchluß iſt unbeugſam. Ich liebe Sie mehr, als Sie glauben, mehr, als ich ſelbſt glaubte. Während Sie zaudern, zaudert die Bräune nicht. In fünfundzwanzig“ 104 Minuten wird es zu ſpät ſein. Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie ſich nicht einen Gewiſſensbiß mit einem Bedenken machen. Ich ſchwöre Ihnen, daß Sie nur die Wahl zwiſchen zwei Dingen haben: Ihr Kind im Grabe, oder Sie mir.“ „Iſt das ein böſer Traum?“ ſagte laut Chriſtiane zu ſich ſelbſt;„doch nein, ich fühle zu ſehr, daß es die Wirk⸗ lichkeit iſt. Hören Sie, mein Herr,“ fuhr ſie flehend fort,„Sie ſind ein verſtändiger Mann, überlegen Sie. Iſt es möglich, daß ich mich ſo auf der Stelle hingebe 2 Würden Sie mich auf dieſe Art wollen? Nein, Sie ſchätzen ſich zu ſehr. Das iſt eine moraliſche Gewalt⸗ thätigkeit, weiche Sie verachten werden. Was ich Ihnen ſage, hat nichts Verletzendes für Sie. Selbſt wenn ich Sie liebte, könnte ich nicht Ihnen gehoren, da ich nun einem Andern gehöre. Und weml großer Gott! bedenken Sie, wem!“ „Wecken Sie Kain nicht, Madame,“ murmelte Samuel, der wieder drohend geworden. „Wollen Sie mein Vermogen? mein ganzes Ver⸗ mögen! ſprechen Sie ein Wort, und es iſt Ihr Eigen⸗ thum. Das iſt keine Phraſe. Vor Gott, vor meinem Vater und meiner Mutter ſchwöre ich Ihnen, ich werde es von Julius, ich weiß nicht wie, doch ich wecde es er⸗ langen, daß er ſein Vermögen mit Ihnen theilt, oder wenn Sie wollen, daß et es Ihnen ganz gibt. Alles, was wir beſitzen, nehmen Sie es an, ich bitte Sie darum!“ „Ich danke Ihnen, Madame, daß Sie mir Gelegen⸗ heit gegeben haben, meine Frevelthat zu adeln. Ich will nichts von Ihnen als Sie.“ Das Kind zuckte in einer neuen Convulſion. „Wohl denn,“ verſuchte es die unglückliche Mutter abermals,„wenn Sie mich haben wollen, ſo retten Sie mein Kind, und ich werde Sie vielleicht lieben, weil Sie edel und großmüthig geweſen find. Ich kann mich Ihnen 105 nicht hingeben, ohne Sie zu lieben, machen Sie, daß ich Sie liebe.“ „Die Stunde ſchreitet fort,“ erwiederte Samuel. „Sie ſind aber Arzt,“ rief Chriſtiane,„und es iſt Ihre Pflicht, diejenigen, welche leiden und ſterben, zu retten. Weigern Sie ſich, ſo wird man Sie beſtrafen.“ „Ich bin nicht Arzt, Madame, und man kann mich beſtrafen, wenn ich heile.“ Chriſtiane ſchwieg einige Augenblicke; ſie ſuchte vor dieſer unerbittlichen Hartnäckigkeit, was ſie thun und ſagen ſollte. Dann warf ſie ſich auf die Kniee und rief: „Mein Herr, ich bitte Sie mit gefalteten Händen, auf der Erde knieend, werden Sie ſich nicht rühren laſſen? Mein Herr, wenn Sie mich lieben, wie Sie ſagen, ſo werden Sie mir Ihre Liebe nicht durch Ermor⸗ dung meines Kindes beweiſen.“ „Ihr Kind, Madame!. WMit Ihrem Kinde haben Sie mich beleidigt.“ „Mein Herr, ſeien Sie barmherzig, zu Ihren Füßen flehe ich Sie an.“ „Madame, ſuchen Sie dieſe Uhr zu erweichen, welche vorwärts ſchreitet,“ ſprach Samuel. Chriſtiane erhob ſich. „Ah! das iſt ſchändlich,“ ſagte die arme Frau, die Hände ringend.„Wohl denn! ich werde Ihrer entbehren können. Die Aerzte werden Zeit haben, zu kommen, Sie lügen, indem Sie mir ſagen, es ſei nur noch eine halbe Stunde „Vor zehn Minuten war es eine halbe Stunde,“ unterbrach ſie Samuel.„Jetzt ſind es nur noch zwanzig Minuten.“ „Sie lügen!“ wiederholte Chriſtiane.„Sie ſagen mir das, um mir Angſt zu machen. Doch ich glaube Ihnen nicht. Gehen Sie. Sie ſind ein Ruchloſer. Und wenn ich wahnfinnig genug wäre, um mich zu ergeben, wer bürgt mir dafür, daß Sie mein Kind hernach retten 106 würden? Vermöchten Sie es nur? Sie find nicht ein⸗ mal Arzt, Sie haben es ſelbſt geſtanden. Die wahren Aerzte werden kommen und Wilhelm retten. Ich bedarf Ihrer nicht. Sie wird die Schmach Ihres ſchändlichen Antrags treffen. Und Sie ſollen beſtraft werden, denn ich zeige Sie bei den Gerichten wegen deſſen an, was Sie Gretchen gethan haben. Gehen Sie.“ Samuel machte einen Schritt, um ſich zu entfernen. „Ich gehe,“ ſagte er.„Ich bin abermals gekommen, weil Sie mich gerufen haben: geſtern geſchah es, um mich Ihrem Vater zu überliefern; heute ſollte es ſein, um Sie ſelbſt mir zu überliefern. Doch Sie heißen mich gehen, und ich gehorche.“ Er ſchaute im Vorübergehen auf die Pendeluhr. „Zehn Minuten ſind abgelaufen.“ Das Kind gab eine Art von kläglichem, pfeifendem, herzzerreißendem Geſtöhne von ſich. „Mein Herr, hören Sie?“ rief Chriſtiane mit einem verzweifelten Schluchzen.„Ah! von einem ſolchen Schrei wäre ein wildes Thier gerührt.“ Samuel beugte ſich über die Wiege. „In einer Viertelſtunde,“ ſagte er,„werde ich nichts mehr vermögen. In dieſem Augenblick hafte ich durch⸗ aus für das Leben von Wilhelm. Sie ſind ohne Mitleid, Madame. Ja oder nein? Nein? Ich entferne mich. Erwarten Sie die Aerzte: ſie werden eine Leiche finden.“ Er wandte ſich nach der Thüre. Chriſtiane zauderte einen Moment in entſetzlicher Seelenangſt. „Mein Herr!“ ſagte ſie zu ihm. Samuel wandte ſich bebend um. „Mein Herr, haben Sie auch wohl überlegt, was Sie Gräßliches hier thun?“ „Wie viel verlorene Phraſen und Sekunden!“ ver⸗ ſetzte Samuel. „Nein, ich will nicht,“ ſchluchzte Chriſtiane. * en rf en n * 107 „So leben Sie wohl!“ Und er machte entſchloſſen drei Tritte. „Mein Herr!“ rief Chriſtiane abermals.„Hören Sie,“ ſprach Sie mit leiſer Stimme,„da ſie eine Mutter in die abſcheuliche Alternative verſetzen, entweder ihre Ehre oder ihr Kind zu tödten, wohl denn! retten Sie Wilhelm, und ich ſchwöre, daß ich Ihnen gehören werde.“ „Nein,“ ſagte Samuel,„ſolche Händel werden nur gegen baare Bezahlung geſchloſſen. Ich werde ihn her⸗ nach retten.“ „Nein alſo,“ ſprach ſie.„Mein Kind ſterbe eher.“ Samuel öffnete ſchon die Geheimthüre; ſie ſtürzte ihm erſchrocken nach. „Einen Vorſchlag,“ ſprach ſie.„Was wollen Sie? ſich an mir rächen. Sie lieben mich nicht, Sie haſſen mich. Wohl, Sie können mich auch anders beſtrafen und Ihr Stolz wird eben ſo ſehr befriedigt ſein. Ich will mich hier vor Ihren Augen tödten, und mein Sohn wird leben? Ich ſage es Ihnen, ſtatt es zu thun, weil Sie, wenn ich K fähig wären, mein Kind gleichwohl ſterben zu aſſen.“ „Gewiß,“ erwiederte Samuel.„Und ich weiſe Sie zurück.“„ „O mein Gott! mein Gott! mein Golt!“ rief die arme Mutter, die Hände ringend. „Die Stunde ſchreitet fort,“ ſagte Samuel.„Ma⸗ dame, ſchauen Sie Ihr Kind an.“ Chriſtiane blickte mit ſtierem Auge in die Wiege, und ihr ganzer Leib wurde von einem Nervenzittern ergriffen. Der arme Kleine war ganz ſteif, und der kaum merkbare Athem, der noch durch ſeine Lippen ging, glich ſchon dem Röcheln.„ Sie wandte ſich gebrochen, beſiegt gegen Samuel um. „Ich bin bereit,“ murmelte ſie mit einer ſchwachen Stimme und wie erſchöpft.„Doch wiſſen Sie wohl: 108 wenn ich mich nicht vorher tödte, ſo werde ich mich nach⸗ her toͤdten.“ „Warum?“ verſetzte Samuel.„Ich werde mich, wenn Sie vor meinen Rechten Angſt haben, anheiſchig machen, nie mehr vor Ihnen zu erſcheinen. Gretchen hat ſich übrigens nicht getödtet. Und ſie hatte kein Kind. Chriſtiane, ich liebe Sie.“ „Ich haſſe Sie!“ rief Chriſtiane. „Ich weiß es wohl,“ ſprach Samuel. Ein Schrei des Kindes beſtimmte die Mutter. „O Elender!“ ſprach ſie, als ſie ſich ergriffen fühlte. „Du magſt immerhin dereinſt um Gnade flehen, weder Gott, noch ich werden ſie Dir gewähren können.“ — Die andere Hälfte des Unglücks. „ Einige Wochen nach dieſer entſetzlichen Nacht war Gretchen in ihre Hütte zurückgekehrt, und murmelte eines von jenen unbeſtimmten, monotonen Liedern, wie man ſie ſo häufig von Wahnfinnigen hoͤrt, als ſie ihre Thüre ſich und Chriſtiane bleich, düſter, erſchrecklich erſchei⸗ nen ſah. Chriſtiane ſah ſo leidend, ſo verzweiflungsvoll aus, daß die Ziegenhirtin aus ihrer Träumerei erwachte. „Was gibt es denn wieder?“ fragte fie. Chriſtiane antwortete nicht. Sie ſank zu Boden und blieb hier, denRopf auf die Bruſt geſenkt, das Geſicht in ihren Händen, ſtumm gekauert, einer Statue des Schmerzes ähnlich. Gretchen kniete ganz beſtürzt neben ſie nieder. 9 t . 109 „O meine liebe Frau, meine gute Gebieterin, was haben Sie denn?“ ſagte ſie.„Ich habe Sie ſeit ſieben Tagen nicht geſehen und war ſehr unruhig. Nun koͤnnen wir einander nicht mehr ſo verlaſſen. Was begegnet Ihnen denn? Ihr Unglück kann nicht gräßlicher gewor⸗ den ſein?“ Chriſtiane erhob langſam das Haupt. „Doch!“ antwortete ſie. „Oh! wie geht das zu? Ich glaube es nicht: Gott würde das nicht wollen.“ „Gott!“ wiederholte Chriſtiane mit einem bitteren Lächeln.„Gott! höre, Gretchen, höre, was Gott gethan hat: Ich weiß nicht, ob das Kind, das er in meinen Schvoß gelegt, das Kind von meinem Julius oder das Kind von dieſem Samuel iſt.“ Gretchen konnte einen Schreckensſchrei nicht zurück⸗ halten. Seit der verhängnißvollen Nacht vermied Gretchen Chriſtiane nicht mehr, und Chriſtiane ſuchte nur noch Gret⸗ chen. An jenem Abend, als Samuel endlich den Kam⸗ merfrauen geläutet hatte, um die für die Behandlung des Kindes erforderlichen Sachen zu verlangen, war Gretchen, welche im Salon wachte, zuerſt eingetreten. Und während die Kammerfrauen ſich ſputeten und Samuel über die Wiege des Kindes geneigt war, hatte ſich Gretchen Chriſtiane genähert, welche unbeweglich und mit trockenen Augen in einem Winkel ſtand. Sie hatte ſie einen Augenblick traurig und mitleidig und dann ihre Hand genommen und ganz leiſe geſagt: „Er hat Sie nicht vergebens bedroht.“ „Was ſoll das bedeuten?“ hatte Chriſtiane, indem fie ſich erröthend und ſtolz aufrichtete, erwievert: „Ah! Du mißtrauſt Deiner Leidensſchweſter?“ ver⸗ ſetzte hierauf Gretchen. Sie ſagte dies mit einem Tone zarten Vorwurfs, * 1¹0 mit einer ſo erhabenen Vertraulichkeit, mit zwei ſo tiefen Thränen, daß der ganze Stolz von Chriſtiane fiel, und daß ſie der Ziegenhirtin ihre Hand reichte. „Oh! ſchweige wenigſtens, meine Schweſter.“ Und als hätte ſie dieſes Geſtändniß ein wenig erleich⸗ tert, vergoß Chriſtiane Thränen. Samuel hielt für ſeinen Theil den gräßlichen Vertrag auch. Als die Mutter verloren war, rettete er das Kind. Die Aerzte fanden bei ihrer Ankunft Wilhelm außer Gefahr. und man ſah dann auf dem Antlitz von Chriſtiane, was man wahrſcheinlich auf einem menſchlichen Antlitz nie wieder ſehen wird: e himmliſche Freude vermiſcht mit der Verzweiflung eines Verdammten. Die Aerzte hielten ihre Gegenwart für überflüſſig und entfernten ſich. Ein einziger blieb aus Furcht vor einem neuen Anfall im Schloſſe. Samuel verbeugte ſich ernſt und ehrerbietig vor Chri⸗ ſtiane und ſprach: „Madame, Sie bedürfen meiner nicht mehr?“ „Mein Herr,“ antwortete Chriſtiane, ohne die Augen aufzuſchlagen und mit einem Zittern in der Stimme, „Sie erinnern ſich, was Sie mir geſchworen haben?“ „Daß Sie mich nur mit meinem Willen nie mehr ſehen werden? Ja, Madame. Ihr wißt Beide,“ fügte er, mit einem Blick Gretchen und Chriſtiane umfaſſend, bei, „Ihr wißt Beide, daß ich mein Wort halte, wie es auch ſein mag.“ Und er verbeugte ſich abermals und ging hinaus. Seitdem hatten ihn weder Chriſtiane, noch Gretchen mehr geſehen. Zwei Tage nachher kam der Baron von Oſtende zu⸗ und brachte Chriſtiane das letzte Lebewohl von Julius. „Biſt Du bereit, mit mir zu kommen?“ fragte er ſie. „Wohin, mein Vater?“ — 11¹ „Nach Berlin.“ „Nein,“ erwiederte Chriſtiane,„ich bin andern Sin⸗ nes geworden.“ Sie nahm die Krankheit von Wilhelm zum Vor⸗ wand; der Anfall von vorgeſtern habe ihn auf einige Zeit erſchüttert; es wäre unklug, ihn in dieſem Zuſtand reiſen zu laſſen. „Aber Samuel?“ entgegnete der Baron. „Oh! ich fürchte ihn nun nicht mehr,“ ſagte Chri⸗ ſtiane, den Kopf ſchüttelnd. „Sollteſt Du ihn wiedergeſehen haben?“ „Sie glauben an mein Wort, nicht wahr, mein Vater?“* „Allerdings, Chriſtiane.“ „Wohl! ſo glauben Sie, daß von dieſer Seite nichts mehr für mich zu befürchten iſt.“ Der Baron erklärte ſich den ſeltſamen Ton, mit dem ihm Chriſtiane dies ſagte, durch die Störung, welche in ihren Gedanken durch die Abreiſe von Julius und die Gefahr von Wilhelm vorgegangen ſein mußte. Da es ihn indeſſen heunruhigte, Chriſtiane in dieſem abgelegenen Schloſſe allein zu laſſen, ſo drang er noch mehr in ſie, um ſie zu bewegen, mit ihm zu reiſen. Doch Chriſtiane zeigte ſich feſt und entſchloſſen. In Gemeinſchaft leben wäre ihr unerträglich geweſen. Es kam ihr vor, als wür⸗ den die Augen ihres Schwiegervaters am Ende auf ihrer Stirne und auf ihren Lippen die ſchändlichen Küſſe des Elenden ſehen, von dem ſie ihr Kind erkauft hatte. Was ſie brauchte, war die Einſamkeit. Sie hätte gern mit Gretchen allein in der Welt und im Stande ſein mögen, ſich in eine Hütte einzuſchließen, wo Niemand eintreten würde. Der Baron ſah, daß er Chriſtiane nicht bewegen konnte, und er war nach einigen Tagen genöthigt, abzureiſen. Che er ſie verließ, erbot er ſich, Chriſtiane ihren kleinen Reffen Lothario zu ſchicken. 112 „Ah! ja wohl, Kinder!“ rief ſie.„Behalten ſie ihn; die Kinder gereichen uns zum Verderben. Ein einziges kommt mich ſchon theuer genug zu ſtehen.“ „Du liebteſt ihn doch früher ſo ſehr!“ „Ja, ich habe die Kinder zu ſehr geliebt. Das iſt mein Unglück!“ Der Baron ſetzte dieſe bizarren Worte abermals auf Rech⸗ nung der Aengſten der Mutter und der Frau. Die Vernunft von Chriſtiane mußte unter zwei ſo raſch und ſo nahe auf einander folgenden Schlägen gelitten haben. Doch ſie würde ſich an die Abweſenheit ihres Mannes gewöhnen, und ihr Kopf würde ſich mit der Geſundheit ihres Kindes vollends erholen.„ Der Baron reiſte alſo ein wenig beruhigt ab. Ehriſtiane verlangte nur von ihm, daß er ihr einen Arzt ſchicke, der im Schloß wohnen bleibe. Der Baron kannte genau einen alten, durch ſpecielle Behandlung der Kinderkrank⸗ heiten berühmten Arzt, den dieſe Zurückgezogenheit glück⸗ lich machen würde. In Erwartung ſeiner Ankunft ſollte Chriſtiane, um nicht mehr den Qualen einer der erſten ähnlichen Nacht ausgeſetzt zu ſein, den Arzt von Neckar⸗ ſteinach zurückbehalten. Nachdem Alles ſo angeordnet und der Baron nach Berlin zurückgekehrt war, hatte Chriſtiane wenigſtens den Troſt, allein erröthen und nach ihrem Belieben weinen zu können. Einen Monat hindurch lebte ſie zwiſchen ihrem Betpult und der Wiege von Wilhelm. Sie ſprach nur mit Gretchen, und Beide fanden eine Art von düſterer Freude darin, ihren Schmerz und ihre Schande zu vermiſchen. Ein neues, nun unauflösliches Band vereinigte ſie für die Ewigkeit mit einander. Gret⸗ chen hatte es wohl geſagt: Sie waren Schweſtern. Zuweilen kam Greichen in's Schloß, am häuſigſten ging Chriſtiane in die Hütte: hier waren ſie mehr allein. „Was iſt zu thun?“ fragte Chriſtiane.„Julius zu⸗ rückrufen? Doch ein Brief kann ihn auf der See nicht ————„——— ———— n; ges nft auf rde ihr nds ane der au nk⸗ ck⸗ llte ten ar⸗ ch den zu em ine hre hes et⸗ ten in. zu⸗ cht 113 einholen. Und wenn er zurückkommen wird, was dann thun? Ihm Alles ſagen? Er wird ſich ſchlagen, und dieſer Teufel wird ihn tödten! Ihm Alles verbergen? Ahl nie werde ich den Muth zu dieſer feigen Heuchelei haben! Mit welcher Stirne werde ich ihm entgegentreten 2 Wie werde ich ihn ſeine Lippen auf dieſes befleckte Ge⸗ ſicht drücken laſſen, auf das ſich die Lippen eines Andern gedrückt haben? Das Einfachſte wäre, zu ſterben. Ahl wenn ich Wilhelm nicht hätte! Wir unglücklichen Weiber, daß wir uns Kinder wünſchen! Das meinige hat mich ſchon zur Schande verurtheilt, und nun verurtheilt es mich zum Leben!“ „Ja, man muß leben,“ ſprach Gretchen.„Sterben hieße an der Gerechtigkeit Gottes zweifeln. Sei überzeugt, meine Schweſter, dieſer Menſch wird beſtraft werden. Laß uns geduldig ſein und ſeine Beſtrafung abwarten. Wer weiß, ob wir nicht dazu beitragen müſſen? Wir ſind hier nöthig und haben nicht das Recht, zu gehen.“ Der Aberglauben der Ziegenhirtin fand bei der Verzweiflung von Chriſtiane Eingang. Der Wahnſinn iſt anſteckend. Immer mehr der wirklichen Welt ent⸗ ſchlüpfend, zog Gretchen Chriſtiane mit ſich in die Chimä⸗ ren fort. Die arme zarte Seele von Chriſtiane ſah das Leben und die Zukunft nur noch durch eine Art von un⸗ beſtimmtem, zunehmendem Wahnwitz. Ihr Bewußtſein ſchwankte wie ein Licht bei heftigem Wind, und die Dinge nahmen in ihren Augen die übertriebenen, erſchrecklichen Verhältniſſe an, welche die Gegenſtände in der Abend⸗ dämmerung erlangen. Einen Monat lang ſah Chriſtiane Gretchen ſo alle Tage. Dann hörte Chriſtiane plötzlich auf, ſie zu beſuchen. Sie ging nicht mehr in die Hütte. Am dritten Tag kam Gretchen ins Schloß. Chriſtiane wollte ſie nicht empfan⸗ gen. Sie blieb in ihrem Zimmer eingeſchloſſen, vhne aus Wer Thüre zu treten, ohne ein Wort zu ſagen, ohne daß Gott lenkt.. 8 114 Gretchen muthmaßen konnte, welcher neue Zuwachs von Unglück und Schande ihr ſelbſt die Blicke ihrer Leidens⸗ gefährtin peinlich machte. Seit ſieben Tagen hatte ſie Gretchen nicht geſehen, an dem Abend, wo ſie, wie wir erzählt, plotzlich mit der unheilvollen Kunde in der Hütte erſchien. Niedergeſchmettert von einem ſolchen Unglück, fand Gretchen nur einen Schrei auszuſtoßen und kein Wort zu ſagen. Chriſtiane fuhr fort, indem ſie mit beiden Händen ihre Haare krampfhaft an den Wurzeln packte: „Das iſt meine Lage. Was ſoll aus mir werden? Iſt das nicht zu viel für eine arme Frau von nicht ein⸗ mal ſiebzehn Jahren? Und Du ſprachſt von der Gerech⸗ tigkeit Gottes!“ Gretchen erhob ſich nun wie von einer ungeſtümen Eingebung erfaßt. „Ja,“ ſagte ſie,„ich ſprach von der Gerechtigkeit Gottes, und ich ſpreche noch davon. Es iſt ein Beweg⸗ grund in Allem dem. Der Gott im Himmel kann Ihnen nicht abermals dieſes Leiden geſchickt haben, einzig und allein um des Vergnügens willen, mit einer Qual mehr ein ſo ſchwaches, ſo armes, ſo junges Geſchöpf niederzuſchmet⸗ tern. Hoͤren Sie: es iſt der Rächer, den er uns ſchickt. Ja! ich prophezeie Ihnen, dieſes Kind wird uns rächen. Es iſt die Beſtrafung des Elenden, der uns Beide zu Grunde gerichtet hat. Ah! das Vergehen hat die Strafe erzeugt: auf die Kniee, meine Schweſter, und danken wir Gott! Der Feige wird beſtraft werden.“ Und in einem Ausbruch unbändiger Freude, kniete Gretchen nieder und murmelte ein Dankgebet. on ⸗ n, er nd rt 12 n⸗ h⸗ eit 8⸗ en nd in t⸗ kt. zu fe ir 1¹⁵ Die Frage. Chriſtiane hegte in ihrer Angſt noch einen Zweifel, das heißt eine Hoffnung. Vielleicht hatte ſie zu ſchnell geſprochen; vielleicht täuſchte ſie ſich; vielleicht war ihre Furcht chimäriſch. Sie wartete. Doch dieſe Hoffnung ſollte für ſie ein neuer Schmerz werden; denn ſie machte ihr aus der Zeit eine Marter: jede Stunde, jeder Tag drückte ihr langſam und tiefer den Dolch der gräßlichen Gewißheit in's Herz. Endlich kam der Tag, wo es ihr unmöglich war, zu zweifeln. Die fürchterliche Wahrheit erſchien in ihrem ganzen Entſetzen. Was würde ſie mit dieſem Kinde machen? Unter dem Namen und unter den Augen ihres Mannes ein Kind aufziehen, das vielleicht einem Andern gehörte, oder ein Kind, das das Kind von Julius ſein konnte, fern von ſich werfen und Samuel geben, welche von dieſen zwei Extre⸗ mitäten war die grauſamere und unmöglichere? Mit welchem Auge würde ſie ihren Sohn anſchauen? mit dem ſiolzen und entzückten Auge der glücklichen Gattin, die gern der ganzen Welt die Frucht ihrer Liebe zeigen möchte, oder mit dem ſchamvollen und gehäſſigen Auge der elen⸗ den Ehebrecherin, welche die Frucht ihres Verbrechens ſelbſt vor Gott verbergen möchte? Ah! nie würde ſie von Angeſicht zu Angeſicht mit dem lebendigen Zeugniß ihres Falles, mit dieſem finſteren Geheimniß, mit dieſer ewig an ihren Geiſt von der uner⸗ gründlichen Natur geſtellten Frage leben können. Man muß bedenken, Chriſtiane war eine keuſche und unſchuldige Natur, unfähig, mit dem Boſen einen Vertrag abzuſchließen und ſich ein Kopfkiſſen aus einem Fehler 116 zu machen. Ihr, obgleich unfreiwilliger, Flecken quälte nichtsdeſtoweniger wie ein Gewiſſensbiß dieſes junge und redliche Herz, erregte nichtsdeſtoweniger Abſcheu bei dieſer ſchneeweißen Reinheit. Julius Alles ſagen? Ah! bei dem erſten Worte würde ſie todt zu Boden fallen. Und bann, war es nicht genug, daß ſie dieſes ganze Märtyrthum und dieſe ganze Schande erduldet hatte, ohne ihren Mann daran Antheil nehmen zu laſſen! Und hatte ſie Wilhelm nur um dieſen Preis gerettet, um Julius den Tod zu bringen? Warum hatte ſie ſich nicht auf der Stelle entleibt? Der Baron würde Wilhelm bis zur Rüclkehr von Julius übernommen haben. Julius hätte einige Zeit geweint, dann hätte er ſich mit einer ſeiner würdigen Frau wieder verheirathet. Nun konnte ſie ſich nicht mehr tödten; ſie würde nicht mehr allein ſterben; die Entleibung war ein Mord. Und immer in ihren Nachtwachen, in ihren Träumen kehrte die gräßliche Frage wieder: 6 Von wem iſt das Kind? Es gab Tage, wo ſie es liebte, dieſes Kind. Im Ganzen, wer auch ſein Vater ſein mochte, ſie war nicht weniger ſeine Mutter. Das Loos dieſes vor der Geburt verleugneten armen Geſchopfes rührte ſie. Sie war über ſich aufgebracht, daß ſie einen Augenblick daran gedacht hatte, es Samuel zu geben, es aus dem Schloſſe zu ver⸗ ſtoßen, aus ihren Armen zu verbannen. An dieſen Tagen überredete ſie ſich raſch, das Kind ſei von Juliüs. Doch es gab Tage, und dieſe kamen häufiger vor, wo ſie glaubte, das Kind ſei von Samuel. Sie dachte nur mit Widerwillen an daſſelbe, wie an einen Dieb, der ihrem Wilhelm die Hälfte ſeiner Erbſchaft ſtehlen wollte. Bei Nacht beſonders, in ihren Schlaflofigkeiten, wenn ihr Gehirn die ungeheuerlichen Viſionen der Finſterniß durch⸗ zogen, verfluchte ſie es, wünſchte ſie, es möchte nie zur Welt kommen, bedrohte ſie es und nahm fie ſich vor, es zu 3 —+—— e — — te nd er te t ze il 8 t, e 117 erſticken. Ohl es war offenbar das Kind von Samuel, denn Gott hätte ſie nicht dazu bringen wollen, das Kind von Julius zu haſſen. Sie ſchlief nicht mehr in ihrem fortan entheiligten Bette. Sie hätt e auch nicht gern das Zimmer von Julius nehmen mögen, denn ſie fand ſich nicht mehr würdig, in daſſelbe einzutreten. Sie legte ſich auf ein Canapé des Salon. Nur wa ren Schrank vor getreten, ſtellen z ben, als Vorſicht, r ſie darauf bevacht geweſen, einen ſchwe⸗ die Füllung, durch welche Samuel ein⸗ u laſſen. Doch das war eher Aberglau⸗ denn Samuel hielt beſtändig ſein Wort, und hatte er nicht in dieſem von ihm erbauten Schloß ganz andere Ausgänge für ſich? Und in den für ſie, welche nie die Augen ſchloß, ſo langen Nächte n, beim bleichen Scheine einer, für den Fall eines Unwohlſeins des Kindes, beſtändig angezündeten Lampe, oder in der Abenddämmerung ſchaute ſie zuweilen mit einem gebieteriſchen, magnetiſchen Auge zum Plafond empor, in der Hoffnung, er würde auf ihren Kopf herab ſtürzen und mit Seele endigen. Oder ſie rie .„ einem Schlage den Todeskampf ihrer f in ihrem Wahnwitz einen Sturm an, der das Schiff von Julius überfallen und ihren Gatten ertränken oder wenigſtens auf eine Inſel werfen ſollte, von wo er nie mehr zurückkäme. „Alles verſinke!“ rief ſie,„er in das Meer, ich in die Hölle; doch Alles ſei wenigſtens beendigt!“ Dann warf fie ſich vor ihrem Crucifir auf die Kniee und bat Gott um Verzeihung, daß ſie ſo abſcheuliche Ge⸗ danken gehabt ha Das wovor be. ſie am meiſten bange hatte, war die Rückkehr von Julius. Seit drei Monaten war er abge⸗ reiſt. Jeden Tag konnte er ankommen. Wenn dieſer Gedanke den Geiſt von Chriſtiane durchzog, ſo floß ein kalter Schweiß ü ber ihren ganzen Leib, ſie ſiel mit dem 7 118 Geſicht gegen die Erde und blieb da zuweilen eine ganze Stunde, ohne eine Bewegung zu machen. Eines Morgens brachte ihr die Amme einen Brief. Chriſtiane warf einen Blick auf den Umſchlag und ſtieß einen Schrei aus. Es war ein Brief von Julius. Zwei Stunden wagte ſie es nicht, ihn zu öffnen. Doch ein Gedanke beruhigte ſie: der Brief war von New⸗ York geſtempelt. Julius kam alſo noch nicht zurück, denn ſonſt hätte er nicht nöthig gehabt, zu ſchreiben, da er ſo bald als ſein Brief angekommen wäre. Sie hatte eine Laſt weniger auf der Bruſt. Aber ſelbſt dieſe Freude war eine neue Qual für ſie. „So weit bin ich alſo,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„es freut mich, daß Julius nicht zurückkommt!“ Sie öffnete den Brief. Julius ſchrieb in der That, er ſei in New⸗York ganz geſund angekommen. Durch das Entzücken, das ſeine Ankunft ſeinem Oheim Fritz bereitet habe, ſei in der That eine merkliche Beſſerung im Zuſtande des Kranken einge⸗ treten. Die Aerzte wagen es indeſſen noch nicht, zu hof⸗ fen. Seinem Oheim dieſe Erſcheinung des Vaterlands und der Familie, die ihn beſucht, entziehen, hieße ihn töd⸗ ten. Julius müſſe alſo noch dieſe Trennung, ſo hart ſie für ihn ſei, verlängern. Doch er werde nicht eine Minute länger bleiben, als es die Dankbarkeit und die Menſchlichleit fordern. Er habe ſeine Seele in Landeck gelaſſen, und er würde fern von Chriſtiane und Wilhelm vor Verdruß ſterben. Man fühlte, daß er, hievon ſprechend, an ſich gehalten hatte, aus Furcht, Chriſtiane traurig zu machen, doch die Liebe und der Schmerz überſtrömten. Ein wenig beſchwichtigt durch dieſe Vertagung, fühlte ſich Chriſtiane ruhiger und ſie litt mit mehr Geduld. Die Zeit vergeht, ſelbſt wenn man leidet. Die Wochen folgten ſich. „ — f. nd v⸗ in ſo es n ne at en s d⸗ ie [s r n 1¹9 Am Ende des December beſuchte der Baron ſeine Schwiegertochter und wollte ſie der Einſamkeit entreißen, wenigſtens für die drei Regen⸗ und Schneemonate. Doch ſie widerſtand, wie das erſte Mal. Der Baron fand ſie ſehr verändert. Sie ſchützte die Betrübniß über die ver⸗ längerte Abweſenheit ihres Mannes vor, geſtand indeſſen, fie ſei ein wenig krank und leidend. „Ah! wahrhaftig?“ fragte der Baron lächelnd. „Oh! ſie täuſchen ſich, mein Vater,“ hatte ſie, bleich und imerlich bebend, die Kraft zu erwiedern. Sie hatte ihre Umſtände vor Jedermann verborgen und war entſchloſſen, ſie ſo lange, als ſie konnte, zu ver⸗ hehlen. Warum? ſie hätte es ſelbſt nicht ſagen können. Es war immer ſo viel gewonnen. Gretchen allein hatte ihr Vertrauen. Der Baron kehrte nach Berlin zurück, und Chriſtiane verſank wieder in die Manotonie ihrer Verzweiflung. Von Zeit zu Zeit empfing ſie Briefe von Julius, der von Woche zu Woche durch die Wechſelfälle der Geſundheit ſeines Oheims zurückgehalten wurde. Sie ſtrengte ſich gewaltig gegen ſich ſelbſt an, um ihm ein paar kurze, traurige Zeilen zu ſchreiben, worin ſie ihm nichts von ihrem Zuſtande ſagte, denn ſie überließ es Gott, das Drama zu entwickeln. So verging der Winter. In der Mitte des April gab ein trauriges Ereigniß den Aengſten von Chriſtiane einen neuen Lauf. Wilhelm erkrankte bedeutend. Der alte Arzt von Berlin war im Schloß. Die Krankheit ſchien in den erſten zwei Wochen nicht ſehr ernſt werden zu ſollen. Chriſtiane bewachte, pflegte dieſes ſo theuere Geſchöpf mit der Liebe, mit dem Eifer, mit der Leidenſchaft einer Mutter, die das Kind viel mehr als das Leben geko⸗ ſtet hat. Doch plötzlich änderte das Uebel den Charakter. Es 120 war diesmal nicht die Wiſſenſchaft, woran es für die Rettung des Kindes gebrach. Außer dem ſo erfahrenen alten Arzte wurden drei bis vier von ſeinen berühmteſten Collegen von Frankfurt und Heidelberg zur Conſultation herbeigerufen. Vergebliche Bemühungen! Am fünf und zwanzigſten Tage der Krankheit war Wilhelm todt. Als der Arzt die Trauerkunde Chriſtiane eröffnete, welche ſeit zwei Tagen nichts Anderes erwarten konnte, antwortete ſie nichts und ſchaute nur nach der Pendeluhr. Ihre Uhr bezeichnete ein Viertel nach Mitternacht. „So iſt es,“ ſagte ſie;„gerade die Stunde des Ver⸗ trags. Er mußte um dieſe Stunde ſterben. Das war ein Handel der Hölle, den Gott nicht genehmigen konnte.“ Und ſie ſiel, eine träge Laſt, vor der Wiege nieder, um zum letzten Mal die eiskalte Stirne des armen Klei⸗ nen zu küſſen. War es das Auſſtoßen ihrer Kniee auf dem eichenen Boden, es kam ihr vor, als wiederhallte der Stoß in Eingeweiden, und ſie fühlte ein tiefes Schauern in ſich. „Schon!“ dachte ſie erbleichend.„Ja, es iſt mög⸗ lich; es find bald ſieben Monate vorüber.“ Als ſie ſich erhob, kam der Baron, dem der Arzt nach Berlin geſchrieben hatte, in aller Haſt an. Er hielt einen Brief in der Hand. „Sie kommen zu ſpät, mein Vater,“ ſagte Chriſtiane, indem ſie mit der Hand auf ihr todtes Kind deutete.„Er iſt hingeſchieden.“ „Ich bringe Dir einen Troſt, meine liebe Tochter: Julius kommt an!“ Chriſtiane ſprang auf. „Julius!“ rief ſie, weißer als die Leiche ihres Kindes. „Hier, lies,“ ſagte der Baron. Und er reichte ihr den Brief. * ie en en on ar 5 te, r. t. r⸗ in 6 i⸗ en in n g⸗ —— 12¹ Julius ſchrieb, ſein Oheim Fritz ſei todt. Nach ſei⸗ ner Beerdigung werde er abreiſen. Er werde gegen den 15. Mai in Landeck ſein. Es war der 13. „Ah! das geht gut!“ murmelte Chriſtiane. Und ſie fiel rücklings zu Boden. Uapoleon und Peutſchland. Während dieſe Aengſten und Schrecken das Herz eines Weibes erſchütterten, gingen große und furchtbare Um⸗ wälzungen in Europa vor. Nachdem er lange gezögert, hatte Napoleon die große Armee verſammelt und Rußland den Krieg erklärt. Er war von Paris zu dieſem epiſchen Feldzug von 1812 am 11. Mai abgereiſt, und in demſelben Augenblick, wo Chriſtiane in ihrer Verwirrung ſich fragte, was das Schick⸗ ſal mit ihr machen werde, fragte die erſtaunte Welt, was Napoleon mit dem Schickſal machen werde. Am 11. Mat kam der Kaiſer in Mainz an, am 12. ließ er hier die Truppen die Rebue paſſiren, beſuchte die Feſtungswerke und empfing den Großherzog von Heſſen⸗ Darmſtadt. In der Nacht vom 12 auf den 13. Mai fand Rathsver⸗ ſammlung des Tugendbundes im geheimen Saale des dop⸗ pelten Schloſſes ſtatt. Diesmal wohnten die Sieben der erſten Verſamm⸗ lung bei. Sie hatten ſich verlarvt, obgleich Niemand bei ihnen war. 122 Sobald ſie alle um die Tafel ſaßen, nahm der Prä⸗ fident das Wort und ſprach: „Freunde und Brüder, ich gehe ohne Umſchweife in die Sache ſelbſt ein, denn die Stunde drängt. Ihr ſeht, Alles ſcheint ſich gegen uns zu wenden. Wir erwarteten den Tag, wo Napoleon den Krieg wieder beginnen wür⸗ de, und rechneten darauf, unſere Fürſten würden dieſe große Gelegenheit ergreifen, um ſich von ſeiner Sache zu trennen und ihr Schwert in die Wagſchaale ſeiner Feinde zu legen. Dieſe Schilderhebung, auf die wir als das Signal eines Aufſtandes von ganz Deutſchland hofften, hat nun Napoleon furchtbar und unerhört gemacht, und die deutſchen Fürſten marſchiren nicht gegen ihn, ſondern mit ihm. Die Beſiegten von Wagram, von Jena und von Madrid vergrößern gegen Rußland das Heer der Sieger. Napoleon hat gewünſcht, unſere Könige möchten ihm auf ſeinem Durchzug ihre Hulvigung darbringen; nicht Einer wird dies zu thun unterlaſſen. Er wird ſich in Dresden inmitten eines Kreiſes von Kronenträgern befinden. Sachſen, Würtemberg, Oeſterreich, Preußen wetteifern, das demüthige und zugleich glänzende Geſolge zu bilden. Zu dieſer Erniedrigung ſind wir herabgeſun⸗ ken. So viel von den Königen. Gehen wir zu den Voͤl⸗ kern über.“ Der Präſident wandte ſich an einen von den Sieben, der ein Päckchen Briefe vor ſich hatte, und ſagte: „Leſen Sie die Berichte.“ Derjenige, zu welchem der Präſident ſprach, öffnete einen Brief und las: „Mainz. „Napoleon iſt mit Begeiſterung aufgenommen wor⸗ den. Man ſtreitet ſich darum, ſeine Escorte zur Ein⸗ quartierung zu bekommen. Man fraterniſirt auf jedem Schritt. Volk und Truppen, Alles geht in einem Freu⸗ dentaumel. Es iſt eine allgemeine Anbetung. Der Kai⸗ ſer iſt der Gott hier.“ — 123 „Doch dort iſt noch das franzöſiſche Deutſchland,“ ſagte der Präſident.„Fahren Sie fort.“ Der Andere oͤffnete einen zweiten Brief und las: „Würzburg. „Pon allen Dörfern und Städpten laufen die Ein⸗ wohner auf die Nachricht, Napoleon müſſe am 13. Abends hier durchkommen, gierig, ihn zu ſehen, herbei. Triumph⸗ bögen von grünem Blätterwerk erwarten ihn an den Thoren. Ein militäriſches Concert wird ihm angeboten werden, und von Morgen an ſcheint ſich die Menge, welche die Proben anhört, im Beklatſchen der franzöſiſchen Me⸗ lodien, die man ſpielen wird, einzuüben. Ueberall Feſtlich⸗ keiten. Der Preis der Lämpchen iſt unerhört geſtiegen. Die ganze Stadt wird beleuchtet werden.“ „In Würzburg,“ ſprach der Präſident,„find wir noch nicht im Herzen von Deutſchland. Wir werden es viel⸗ leicht in Dresden ſchlagen fühlen.“ Der Leſer nahm einen dritten Bericht. „Dresden. „Der König und die Königin von Sachſen treffen Anſtalten, um dem Kaiſer Napoleon entgegenzufahren. Die Stadt wird es machen wie der König und vergrößert durch die geſammte Einwohnerſchaft von zwanzig Orten in der Runde dem großen Mann entgegenziehen. Es iſt hier eine große Zuſammenſchaarung von Fürſten und Kö⸗ nigen, ein Gemenge von Thronen, eine Anhäufung von Kronen. Das Volk iſt geblendet. Der Enthuſiasmus überſtrömt. Napoleon wird vom Zuruf betäubt werden. Man bereitet im Theater ein den Umſtänden angemeſſe⸗ nes Stück vor, das ihn für göttlich erklärt. Der König hat das Manuſeript geleſen und den Verfaſſer decorirt. Das ganze Schauſpielhaus iſt gemiethet.“ „Genug,“ unterbrach der Präſident,„wenden wir die Augen von dieſer Niederträchtigkeit unſeres Volkes ab. So empfängt Deutſchland einen Herrn! Demjenigen, welcher ihm vie Ferſe auf das Geſicht ſtellt, leckt es die — 124 Füße. Dieſer Menſch zieht in den Krieg, wie die Sieger daraus zurückkehren. Er triumphirt zum Voraus, ſo ſehr iſt man ſicher, er werde ſiegen!“ Der Präſident fügte nicht ohne Stolz bei: „Doch wir bleiben; es beſteht noch der Tugendbund.“ Er wandte ſich an einen Andern von den Sieben: „Berichte uns über den Zuſtand des Tugendbundes.“ „Ah!“ antwortete dieſer,„auf allen Seiten ſind die Unſrigen demoralifirt. Dieſer Zuruf der Völker auf den Schritten des Eroberers ſcheint ihnen die Weihe der Vor⸗ ſehung zu beſtätigen, die ihn von unten herauf gezogen hat, um ihn über Alles zu ſetzen. Der Aberglaube be⸗ mächtigt ſich der Gemüther. Vlele haben Entlaſſungs⸗ geſuche eingeſchickt. Beinahe Alle glauben, Gott ſei mit Napoleon, und es ſei ruchlos, ihn zu bekämpfen.“ „Das vervollſtändigt das Uebrige,“ ſprach der Prä⸗ ſident.„Ueberall alſo Feigheit, Schwäche, Ausreißen. Nicht ein Herz, das die menſchliche Natur rächt und bei der allgemeinen Geſunkenheit aufrecht bleibt. Alle krie⸗ chen. Das Klirren der Sporen eines Vorübergehenden macht vor Schrecken alle dieſe ſtolzen Muthvollen zu Eis erſtarren, und ſie werfen ſich auf den Bauch und laſſen ſich zertreten, ohne nur eine Klage zu murmeln. Ah! iſt Deutſchland wirklich ſo weit? Muß man der Unab⸗ hängigkeit entſagen? Muß man auf das Werk verzichten und ſprechen: Da Ihr Sklaven ſein wollt, ſeid es! Wird ſich Niemand für die Sache Aller erheben? Iſt kein Mann mehr in der Welt?“ Kaum hatte der Präſident dieſe Worte der Ent⸗ muthigung vollendet, als ein Glöckchen ſchwach über ſei⸗ nem Stuhle ertönte. Was fü ein Geräuſch iſt das?“ fragte einer von den Sieben. „Es iſt unſer Wirth Samuel Gelb. Er verlangt Eintritt.“ — ————— 125 „Er trete ein!“ ſprachen Alle.„Er wird uns viel⸗ leicht eine beſſere Kunde mitzutheilen haben.“ Der Präſident ſchlug auf eine Glocke. „Ich verlangte nach einem Mann,“ ſagte er.„Wer weiß, ob Gott nicht meinen Wunſch erhört? Samuel iſt ein feſter und beherzter Streiter, der wohl der Mann ſein könnte, den die Freiheit braucht.“ Samuel will Joſun nachahmen. Eine Minute nachher trat Somuel in den geheimen Saal der Rathsverſammlungen des Bundes ein. Er verbeugte ſich tief und wartete, bis ihn der Prä⸗ ſident befragte. „Samuel Gelb, Sie haben uns eine Mittheilung zu machen?“ fragte der Präſident. „Ja,“ antwortete Samuel“ „Sprechen Sie. Was wiſſen Sie, und was vermö⸗ gen Sie?“ „Was ich weiß?“ ſagte Samuel.„Ich weiß, daß der Kaiſer Napoleon in Deutſchland eingetroffen iſt, und daß er zu dieſer Stunde ein paar Meilen von hier vor⸗ überkommt. Ich weiß, daß um ihn ſich ein Heer von 420,000 Mann bewegt mit 6 Brückenequi gen, 11,000 Proviantwagen, 1372 Kanonen, 60,000 Heſterreicher, Preußen und Spanier nicht zu rechnen. weiß, daß ſeinerſeits der Kaiſer von Rußland 300,000 Mann be⸗ waffnet und in drei Heere abgetheilt hat: Oſtarmee, un⸗ ter Barelai, Weſtarmee unter Bagration, und Reſerbe⸗ armee unter Tormaſof. Zwei weitere Corps und ein gro⸗ 126 ßes verſchanztes Lager bilden ſich noch hinter dieſen drei Heeren. Ich weiß endlich, daß nie die Welt einen furcht⸗ bareren Zuſammenſtoß von Reichen und Völkern geſehen hat. Was ich vermag? Ich kann dieſe ganze erſchreck⸗ liche Bewegung wie eine Seifenblaſe unter meinem Finger verſchwinden machen.“ „Iſt das möglich?“ fragte der Präſident.„Wie? ſprechen Sie.“ Ein Gemurmel des Erſtaunens und der Ungläubig⸗ keit lief unter dieſen unempfindlichen und hochmüthigen Männern umher. „Ah! Sie erſtaunen,“ verſetzte Samuel.„Sie kön⸗ nen ſich nicht vorſtellen, ein geringfügiges Mitglied zwei⸗ ter Claſſe ſei einem ſolchen Wunder gewachſen. Wenn ich das dennoch vollführe, werden Sie mich dann zu et⸗ was fähig halten? Werde ich verdient haben, daß Sie mich zum erſten Grade des Bundes erheben?“ „Thue, was Du ſagſt,“ antwortete der Präſident, „und hernach fordere, was Du willſt,“ „Werden Sie ſich Ihres Wortes erinnern?“ „Ich ſchwore es Dir. Doch erkläre uns, was Du zu thun gedenkſt. Welches ſind die Mittel? Wirſt Du als Brutus handeln? Haſt Du den Dolch von Friedrich Staps unter ſeinem blutigen Schaffot aufgehoben?“ „Um meinen Streich zu verfehlen, nicht wahr? und um dem Tyrannen die Volksthümlichkeit des Schutzes der Vorſehung beizufügen? Nein, meine Herren und Meiſter, nein, ich werde nicht durch die Menge bis zu der Bruſt von Napoleon ſchleichen, damit ſeine Garde mich in allen Fällen in Stücke haut, und daß dieſes gute Volk von Deutſchland, welches ich befreien will, mich dadurch be⸗ lohnt, daß es mich erſchlägt. Napoleon wird ſterben, und ich werde leben. Ich werde ihn von hier aus treffen, ohne den Berg zu verlaſſen, wo wir ſind, von fern und von hoch herab, wie Jupiter.“ „Was willſt Du damit ſagen? erkläre Dich.“ * —„ cc z—+ c— 127 „Die Stunde iſt nicht gekommen. Sie wiſſen den Zweck, was iſt am Mittel gelegen?“ „Spotten Sie, mein Herr?“ fragte der Präſident mit ſtrengem Tone. „Ich würde hoͤchſtens mißtrauen,“ erwiederte Sa⸗ muel.„Sie, die Sie mich hören, ſind ſicherlich hohe und mächtige Männer, über jeden Verdacht, über jedes Ver⸗ brechen erhaben. Doch einen Napoleon retten, das iſt ver⸗ lockend für die ganze Welt. Ich würde befürchten, das koͤnnte Gott verſuchen, wenn ich an Gott glaubte. Ich gehorche alſo dem Rathe der gewöhnlichſten Klugheit, wenn ich Sie meinen Plan in den Tiefen meines Geiſtes bewahren zu dürfen bitte, bis es die Vollziehung zu ver⸗ hindern unmöglich iſt.“ „Warum haben Sie uns dann die Hälfte geſagt?“ fragte der Präfident. „Um zum Voraus zu wiſſen, ob Sie dafür dankbar ſein würden. Sie hätten ſich ſehr wohl, wie Fürſten und Völker Deutſchlands, zu Trabanten der Sonne machen und Ihren Befreier ausliefern oder beſtrafen können. Sodann, mußte ich Sie nicht auffordern, ſich morgen abermals zu verſammeln, um im Nothfall einen Entſchluß zu faſſen? Hören Sie: es iſt zwei Uhr nach Mitter⸗ ndcht. In dieſem Augenblick hat Napoleon Mainz ver⸗ laſſen und ſich auf den Weg nach Würzburg begeben. Morgen um zehn Uhr hält er in Aſchaffenburg an, um zu frühſtücken. Aſchaffenburg iſt nur ein paar Mellen von hier. Entfernen Sie ſich nicht dieſe Nacht, und morgen um zehn Uhr finden Sie ſich wieder in dieſem Saale zu einer Sitzung ein. Ich werde Ihnen ſodann ſagen, was ich gethan habe. Hernach warten wir den Ausgang ab.“§ „Wie werden wir ihn erfahren?“ fragte der Präſident. „Um zwei Uhr wird ein uns angehörender Mann, der Reiſende vom Neckar, hier ſein und Ihnen die Nach⸗ 128 richt bringen, daß das, was Ihre Vorſehung ſelbſt zu zö⸗ gern gethan hätte, Samuel Gelb gethan hat.“ „Gut,“ ſprach der Präſident,„wir werden uns um zehn Uhr hier einfinden und warten.“ Die JZange des Schmerzes. In derſelben Nacht, ein paar Schritte von der Ver⸗ ſammlung der Sieben entfernt, hörte Gretchen, welche in ihrer Hütte entſchlummert war, plötzlich rufen und heftig an ihre Thüre klopfen. „Wer iſt da? Sind Sie es, liebe Frau?“ fragte fie. „Ja,“ ſprach die Stimme von Chriſtiane. Gretchen öffnete eiligſt. Chriſtiane trat, kaum angekleidet, die Haare in Un⸗ ordnung, verwirrt, wahnſinnig, ein. „Was iſt es denn?“ fragte Gretchen;„warum ſind Sie zu einer ſolchen Stunde außerhalb Ihres Zimmers und des Schloſſes2“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Anfangs Chriſtiane mit irrer Miene.„Ah! ja, warte, ich erinnere mich. Ich bin entwichen. Niemand hat mich geſehen. Denke Dir, der Baron von Herinelinfeld iſt dort. Ich bin rücklings niedergeſtürzt... Und dann haben mich Schmerzen ge⸗ packt. Die erſten Geburtsſchmerzen, Gretchen. Gretchen ich bin nahe daran niederzukommen.“ „Wie!“ rief Gretchen mit Schrecken und Freude; 2es war aber der Zeitpunkt noch nicht! Oh! dann iſt Ihr Kind das Kind von Herrn von Eberbach?“ „Nein Gretchen, ich weiß es wohl, daß es nicht ſo zö⸗ im Sb S —*—— 129 iſt. Oh! wenn ich mich täuſchen könnte! Ich würde auch die Andern täuſchen. Doch, nein! ein ganzes Leben hindurch lügen, ich will lieber ſterben! Gretchen, Wil⸗ helm iſt geſtorben Julius kommt an„„„ich bin ſtarr niedergeſtürzt. und alle dieſe Unglücksfälle haben den letzten beſchleunigt.. Oh! ich leide... ſterben!“ Während ſie dieſen folgeloſen wahnſinnigen Durch⸗ einander ſprach, nahm ſie die Ziegenhirtin, welche ſo ver⸗ wirrt war als ſie, bei den Händen. „Was iſt zu thun?“ fragte Gretchen.„Ah! ich will den Arzt holen.“ Sie machte einen Schritt gegen die Thüre. Chri⸗ ſtiane eilte ihr nach und hielt ſie am Arm zurück⸗ „Willſt Du wohl bleiben, Unglückliche! Ich bin nicht entwichen, um zu leben, ſondern um zu ſterben, um mich in den Eingeweiden der Erde zu verbergen, um mich in einen Abgrund zu ſtürzen. Bin ich todt, ſo wird mich mein Julius lieben, mich ſchätzen, mich be⸗ weinen. Das Leben! will ich das Leben? Das Ge⸗ heimniß iſt es, was ich brauche. Suche zu verſtehen, was ich Dir ſage. Ich weiß nicht, was ich im Gehirn habe. Ich werde wahnſinnig. Doch das Geheimniß um jeden Preis!“ „Das Geheimniß um jeden Preis!“ wiederholte die Ziegenhirtin, welche ebenfalls den Kopf verlor. Der gräßliche körperliche Schmerz, verbunden mit dem entſetzlichen moraliſchen Schmerz beſiegte vollends Chriſtiane. Sie hatte ſich auf dem Bette von Gretchen ausgeſtreckt und blieb hier mehrere Minuten der Qual und dem Delirium preisgegeben, ließ aber nicht von der ſiren Idee, ſie müſſe ihr Unglück und ihre Schande vor Jedermann verbergen, und biß guf ihr Taſchentuch, um ihre Schreie zu erſticken. Gretchen ſchluchzte und bewegte ſich unnütz, angſt⸗ voll, in Verzweiflung um ſie her⸗ Gott lenkt. U. 130 In einem Augenblick, wo die Schmerzen nachließen, rief ſie Chriſtiane zu ſich. „Gretchen, ſchwöre mir, daß Du thun wirſt, was ich Dir ſage. „Ich ſchwöre es, meine liebe Gebieterin.“ „Niemand, was auch geſchehen mag, weder dem Baron, noch meinem Julius, noch ſelbſt dem Ungeheuer, wirſt Du mein Geheimniß enthüllen.“ „Niemand.“ „Lebt das Kind, Gretchen, ſo trägſt Du es zu die⸗ ſem Samuel, doch ohne daß es Jemand ſieht, erfährt, oder muthmaßt.“ „So iſt es gut!“ rief Gretchen mit einer drohen⸗ den Freude.„Werfen wir dem Dämon die Race des Dämons zurück.“ „Ahj es iſt doch mein Kind, mein einziges Kind!“ ſprach Chriſtiane, von neuen Zuckungen ergriffen.„Oh! doch das arme Geſchöpf muß tovt ſein. Oh! ich auch; mein Gott, laß mich ſterben! Gretchen, wenn das Kind todt iſt, ſo wirſt Du es begraben, hörſt Du wohl, Du ſelbſt, allein, in der Nacht, im Walde. Schwörſt Du?“ „Ich ſchwore.“ „Und mich begrabe auch, Gretchen. Niemand er⸗ fahre es!„ O mein Julius, lebe wohl. Ich liebte Dich ſehr.. ſterben, ohne Dich wieverzuſehen! Gretchen, das Geheimniß um jeden Preis!“ Sie ſiel ohnmächtig nieder. „Das Geheimniß, ja, ich verſtehe,“ ſagte Gretchen. Und ſie wiederholte mehrere Male, wie maſchinen⸗ mäßig: Das Geheimniß! um jeden Preis! das Geheim⸗ Fe— + „„— —— H.——— P— n. n⸗ ⸗ — 131 Trichter trunken vor Angſt. Am andern Morgen war Feſttag und Freudentau⸗ mel in der Stadt Aſchaffenburg. Die Männer, die Weiber, die ganz kleinen Kinder und ſogar die hundertjährigen Greiſe hatten ſich in den Straßen und vor den Mauern verbreitet. Napoleon ſollte ankommen. Der hiſtoriſche Mann, der die Phantaſien erfüllte, ſollte ſich vor den Augen enthüllen. Eine ungeheure Erſchütterung bewegte dieſe Wogen von Köpfen wie die Fluth, welche ſteigt, beim Heranna⸗ hen des Geſtirnes. Die Gruppen ſputeten ſich. Alles war vergeſſen: Handel, Sorgen des vorhergehenden Tages, angefangene Geſchäfte. Die ſchönen Jungen, welche den ſchönen Mäd⸗ chen den Arm gaben, benützten ihre Zerſtreutheit, um ein paar Küſſe von ihnen zu entlehnen, die ſie übrigens ſehr gern hundertfach zurückgeben wollten. Ein einziges Weſen war ſchwermüthig bei dieſer all⸗ gemeinen Munterkeit: unſer Freund Trichter. Er ging, das Auge düſter, das Geſicht geſenkt, mit einem neuen Bekannten umher, der kein Anderer war, als der Reiſende vom Neckar. „Was haben Sie denn? fragte ihn dieſer. „Mein Lieber Raumer,“ erwiederte Trichter,„ich bin bewegt.“ „Bewegt vom Wein?“ ſagte geſcheldter Weiſe der Reiſende, der alsbald an der ſcharlachrothen Naſe von Trichter einen Trinker erkannt hatte. „Puh! puh!“ verſetzte Trichter mit Verachtung.„Seit vierzehn Jahren bewegt mich der Wein nicht mehr, nicht, als ob ich mich dieſen Morgen des Trinkens enthalten 132 hätte, im Gegentheil: die Bewegung vorherſehend, die mir in dieſem Augenblick die Kehle zuſammenſchnürt, wollte ich ein wenig meine Einbildungskraft ſteigern und ver⸗ ſuchte es, mich zu betrinken. Lächerlicher Verſuch! Ich erkenne es mit Schmerz, ich kann mich krank machen, ich kann mich durch Getränke tödten, ich kann mich darin erſäufen, aber, o beklagenswerthe Gebrechlichkeit! ich kann mich nicht mehr betrinken. Welche Schwäche!“ „Und warum, des Teufels, wollten Sie ſich denn heute durchaus betrinken?“ eb„Weil ich Napoleon eine Bittſchrift zu überreichen abe.“ „Was für eine Bittſchrift?“ „Eine Bittſchrift, die mir Samuel dictirt hat. Nun begreifen Sie meine Lage? Ich ſoll mich dieſem großen Mann nähern, ihn anſchauen, mit ihm ſprechen, wenn er mich fragt, mit dieſem erhabenen, coloſſalen Kaiſer ſprechen, vor dem die Kanonen die Stimme dämpfen. Wie werde ich es mit kaltem Blute können? Ich bin bewegt, mein Freund. Ah! es gibt Augenblicke, wo ich Ameiſen in den Waden habe.“ „Bahl“ verſetzte der Reiſende,„Sie übertreiben vie Sache. Eine Bittſchrift zu überreichen iſt eine Bagatelle. Soll ich ſie überreichen?“ „Rein,“ erwiederte Trichter,„Samuel hat mich ſchwö⸗ ren laſſen, ſie ſelbſt zu überreichen.“ „Wohl denn! Sie werden ſie überreichen; ein Ad⸗ jutant nimmt ſie Ihnen ab; der Kaiſer zieht ſeines Wegs und ſchaut Sie nicht einmal an. Glauben Sie nicht gar, er werde Ihre Bittſchrift leſen?“ „Ich bin feſt davon überzeugt. Samuel hat ſichere und genaue Erkundigungen eingezogen. In Mainz und auf dem ganzen Weg hat Napoleon perſönlich alle Bitt⸗ ſchriften geöffnet und am Abend die Antworten dictirt. Er will ſich Deutſchland, das er hinter ſich läßt, geneigt machen.“ —— c——— — —— —1 133 „Und dieſe Bittſchrift iſt von großer Wichtigkeit für Sie?“ „Ich glaube wohl! Es iſt Brod für meine alte Mut⸗ ter. Brod, das ich ihr nicht vertrinken kann. Und ſehen Sie, ich bin ein unerſättlicher Schwamm. Im vorigen Jahre hatte ich eines Tags für mich fünftauſend Gulden. Ich ſchickte ihr fünfhundert, mit denen ſie ihre Schulden bezahlte. Ich hatte die beſte Abſicht, ihr noch weitere zu ſchicken. Doch ſeit langer Zeit war es unſer Ideal, das Ideal von mir und einem meiner Freunde, uns mit Ernſt und mit Folge einigen vergleichenden Studien über die fremden Weine hinzugeben. Wir abſorbirten dieſe Arbeit mit ſolcher Gewiſſenhaftigkeit, daß in drei Monaten unſere Kehle unſere Börſe auf das Trockene geſetzt hatte.“ Raumer lachte. „Lachen Sie nicht,“ ſprach Trichter ſchwermüthig. „Ach! ich ſah zu gleicher Zeit das Ende meines Geldes und meines Freundes. Freßwanſt ſtarb bei der letzten Flaſche an einem Hirnſchlag. Kläglicher Fall! Unter uns geſagt,“ fügte Trichter, die Stimme dämpfend, bei:„verdiente Freßwanſt ſeinen Ruf? Was auch die Meinung der Nachwelt über dieſen Trinker ſein mag, ich war zu Grunde gerichtet. Ich forderte Samuel, unſern alten Senior, auf, uns eine neue Auswanderung nach Landeck anzuordnen. Ein reizendes Dorf, dieſes Landeck, wo man in Neſtern ſchläft, ww man unerhörten Branntwein trinkt, und von wo man fünftauſend Gulden mitbringt. Doch Samuel wollte ſich meinem Wunſche nicht fügen. Geſtern, um mich für ſeine Weigerung zu entſchädigen, rieth er mir zu dieſer Bittſchrift, die er eigenhändig ſchreiben wollte und für deren Wirkung er ſich verbürgte.“ „Sie haben alſo Anſprüche auf die Begünſtigung von Napoleon?“ fragte Raumer. „Es iſt ein Oheim von mir in ſeinem Dienſte getödtet worden, denn Sie müſſen wiſſen, mein Lieber, daß ich durch die Familie meiner Mutter halb Franzoſe bin. Darum 134 kann ich, obgleich Deutſcher und Student, ohne Bedenken Napoleon um etwas bitten. Ich ſpreche Franzöſiſch beſſer als Racine. Mein Oheim unterſtützte meine Mutter; der Kaiſer hat ihr ihre Stütze genommen, es iſt alſo nur billig, daß er ihr zu Hülfe kommt. Bewilligt er ihr die Penſion, um die ich für ſie anſuche, ſo werde ich keine kindliche Sorge mehr haben, und ich kann allein die Ver⸗ ſuche vollenden, welche mein Unfall und der frühzeitige Tod des ſchwachen Freßwanſt auf eine ſo ärgerliche Weiſe für meine Arbeit unterbrochen haben. Seien Sie über⸗ zeugt, wenn ich trinke, ſo geſchieht es nicht in der gemei⸗ nen Abſicht eines perſoͤnlichen Genuſſes. Seit langer Zeit fühle ich kein Vergnügen und keine Wirkung dabei, vaß ich mir Eure faden menſchlichen Getränke eingieße. Der Kirſchgeiſt und der Abſynth find für mich Milch und Honig. Mit Ausnahme jener Art von Branntwein, die ich in Landeck getrunken, und die, ich muß es geſtehen, eine ſanfte Wärme in mir hervorgebracht hat, kommt mir Alles wie klares Waſſer vor. In einem vollig uneigennützigen Zwecke, für die Wiſſenſchaft und nur aus Liebe für die Menſchheit allein, beharrt der Deſtillirkolben, der die Ehre hat, mit Ihnen zu ſprechen, bei ſeinen Forſchungen. Sie begreifen hienach, von welcher Wichtigkeit es für die Welt iſt, daß der Kaiſer meine Bittſchrift empfängt und genehmigt.“ „Er wird ſie genehmigen, das bezweifle ich nicht,“ erwiederte Raumer.„Doch ich höre die Vivats der Menge.“ „Sollte es der große Napoleon ſein?“ fragte Trichter, ſchon ganz zitternd. „Nein, man ruft nur: Es lebe Frankreich. Es ſind wahrſcheinlich einige Generale und Adjutanten, die ihm voran gehen.“ „Dann iſt es gut!“ ſagte Trichter, der wieder zu athmen anfing. „Wo werden Sie ihm Ihr Geſuch übergeben?“ „Oh! ich habe ſchon meinen Platz. Beim Eingang des Palaſtes des Fürſten⸗Primas. Der Kaiſer muß dort 9 rt — 135 abſteigen, um zu frühſtücken und die Deputatlonen der Gegend zu empfangen. Zwei von den Jägern, welche vas Spalier bilden, große Bewunderer meiner Capacität hin⸗ ſichtlich der Flüſſigkeiten, haben mir verſprochen, mich bis zum großen Mann gelangen zu laſſen. Es bangt mir nur wegen meiner Schüchternheit. Ah! wenn ich mich hätte betrinken können! Sie müſſen mich ſehr ſchwatzhaft finden! Doch wenn ich mit dieſer Zungenfertigkeit ſeit einer halben Stunde mit Ihnen ſpreche, ſo geſchieht es nicht nur, um Sie mit meinen Angelegenheiten zu lang⸗ weilen, es geſchieht, um mich in den Zug zu bringen, wenn ich mit dem Kaiſer zu ſprechen habe. Ich belebe mir die Zunge und gewöhne ſie daran, allein zu gehen„ Plötzlich unterbrach ſich Trichter und fing wieder an zu zittern. „Ah! ah!“ ſtammelte, er„diesmal ruft man wohl: Es lebe der Kaiſer.“ Eine furchtbare Acclamation begrüßte in der That das Herannahen des Wundermanns. Eine ungeheure Volksmaſſe ſtrömte gegen die zwei Sprechenden zurück. Man konnte ſich in dem Sinn der Rufe und in ver Bewegung der Menge nicht täuſchen. „Diesmal iſt es der Kaiſer,“ ſagte der Reiſende zu Trichter;„beeilen wir uns.“ Und ſie liefen gegen den Palaſt des Fürſten⸗Primas. „Ich bitte Sie,“ ſagte Trichter, verlaſſen Sie mich nur ſo ſpät als möglich, mein lieber Raumer, und gehen Sie nicht. Bleiben Sie hier, bis ich zurückfomme, damit ich einen Freundesblick habe, um mir Kraft zu geben, während ich mich der erſchrecklichen Viſion nähere, und Freundesarme, um mich aufzunehmen, wenn ich ohnmäch⸗ tig werde.“ Er fand bald ſeine Jäger wieder; ſie ſagten ihm, er möge ſich ganz hinter ihnen halten, und ſie werden ihn in dem Augenblick, wo det Kaiſer vom Pferve ſteige, durch⸗ laſſen. 136 Es war Zeit, denn beinahe in demſelben Augenblick wurde der Platz, auf dem es ſchon von Menſchen wimmelte, von einer ſolchen Menge überſtrömt, daß alle Ellbogen in einander griffen, und daß es Trichter unb Raumer un⸗ möglich geweſen wäre, ſich durch dieſe unentwirrbaren menſchlichen Lianen einen Weg zu bahnen. Die Zeit verging für Trichter mit der Geſchwindigkeit des Blitzes. Seine Schläfe ſchlugen gewaltig. Er fühlte ſein Herz in ſeiner Bruſt niederfinken, wie ein Schiff, das untergeht, und er hatte Luſt, auf ſein Geſuch und auf das Brod ſeiner Mutter zu verzichten. Er hoffte am Ende, der Kaiſer werde ſich eines An⸗ dern befinnen, mit Rußland Frieden machen und nach Frankreich zurückkehren, ohne in den Palaſt des Fürſten⸗ Primas einzutreten. Plötzlich ertönten die Trompeten, die Trommeln raſſelten, und Napoleon erſchien auf dem Platz unter dem Geleite eines Sturmes von Acclamationen. Der Kaiſer ritt neben dem Wagen der Kaiſerin. Er grüßte die Menge. Trichter fühlte ſich immer mehr verſteinert durch das Herannahen dieſes Kaiſers, der beſſer, als Atlas auf ſeinen Schultern, die Welt in ſeinem Kopfe, wenn nicht auf demſelben trug. Vor dem Palaſt des Fürſten⸗Primas angelangt, ſtieg Napoleon vom Pferde. Der Fürſt⸗Primas ſtand, mit ſeinem Gefolge, mit entbloͤßtem Haupte auf der Schwelle. Er richtete einen begeiſterten Glückwunſch an den Kaiſer, den dieſer mit ein paar Worte des Dankes er⸗ wiederte; dann ſtieg die Kaiſerin aus ihrem Wagen, und das kaiſerliche Paar ſchickte ſich an, die Treppe des Pa⸗ laſtes hinaufzugehen. „Vorwärts!“ ſagte einer von den Jägern zu Trichter. „Das iſt der Augenblick. Geſchwinde!“ Trichter warf einen herzbrechenden Blick auf Raumer. 1. n it te 8 8 1. 1 n er 137 Dann, nachdem er ihm die Hand noch wüthend zu⸗ ſammengepreßt hatte, ſchritt er ſchwankend, ach! nicht durch den Wein, vor. „Ah! ein deutſcher Student,“ ſagte Napoleon.„Ich liebe dieſe ſtolze Jugend. Was wollen Sie, mein Freund!“ Trichter wollte antworten, doch ſeine Stimme er⸗ ſtickte ſich, und er konnte kein Wort artikuliren. Alles, was er zu thun vermochte war, daß er dem glorreichen Kaiſer die Bittſchrift, die er in ſeiner rechten Hand hielt, überreichte; und hiezu mußte er noch auf ſeine Mütze verzichten, die er in ſeiner linken Hand hielt: er war nicht im Stande, zwei Dinge zugleich zu halten. Der Kaiſer nahm die Bittſchrift lächelnd. „Faſſen Sie ſich,“ ſagte er.„Sprechen Sie Fran⸗ zöſiſch?“ Trichter machte eine ungeheure Anſtrengung gegen ſich ſelbſt und ſtammelte: „Meine Mutter.. Eure Majeſtät... Mein Oheim auch. Er iſt todt. Doch ich„Ich bin kein Franzoſe.“ Er fühlte, daß er gerade das Gegentheil von dem ſagte, was er hätte ſagen ſollen. „Nun,“ verſetzte der Kaiſer,„da Sie Franzöſiſch ſprechen, treten Sie mit mir ein, Sie werden mir ſelbſt ſagen, was Sie wünſchen.“ Die Trommeln ſchlugen den Feldmarſch und der Kaiſer ſtieg, immer die Bittſchrift in der Hand haltend, die Treppe hinauf. Trichter ging hinter ihm, verwirrt, aus der Faſſung gebracht in dieſem Gefolge, niedergevrückt durch dieſe ganze Glorie, trunken von all dieſet Herrlichkeit, ertränkt in dieſer Sonne. Er trat ſo in den Empfangsſaal ein. Der Kaiſer empfing huldreich die Abgeſandten der Könige und Fürſten. Er hatte für Jeden ein ſchmeichel⸗ haftes Wort. 3 . 138 Mit dem General Schwarzenberg ſprach er von ſei⸗ nem militäriſchen Talent, vas er kannte und ſchätzte. Dem Baron von Hermelinfeld, der ihm die Reſpeets⸗ bezeigungen des Königs von Preußen überbrachte, ſagte er, die Wiſſenſchaft gehöre allen Ländern, und Geiſter, wie der ſeinige, machen alle Menſchen zu Landsleuten. Als man ihm den Geſandten des Großherzogs von Sachſen⸗Weimar genannt hatte, ging er raſch auf ihn zu, nahm ihn beiſeit, unterhielt ſich mehrere Minuten mit ihm und ſprach, da er ihn verließ: „Herr von Goethe, Sie ſind ein Mann.“ Nachdem die Revue beendigt war, lud der Fürſt⸗ Primas den Kaiſer ein, in den Speiſeſaal zu kommen. „Wollen Sie die Kaiſerin dahin führen,“ ſagte Na⸗ polevn.„Ich folge Ihnen nach. Ich habe einige Befehle zu geben. Ahl wo iſt denn mein Student?“ Trichter, der ſich ein wenig erholt hatte, während die Aufmerkſamkeit des Kaiſers von ihm abgewandt war, fühlte ſich von ſeiner verdammten Bewegung wieder er⸗ faßt. Man ſchob ihn in ein Cabinet, in das der Kaiſer mit ſeinem Secretaire und nur zwei Avjutanten ging. Navoleon ſetzte ſich an einen Tiſch. „Laſſen Sie hören, mein Freund,“ ſagte er,„was haben Sie ſich von mir zu erbitten?“ „Sire, meine Mutter... oder vielmehr mein Oheim. Ja, Sire, ein braver Soldat Eurer Maje⸗ ſtät.. verſuchte die heiſere Stimme von Trichter zu antworten. „Faſſen Sie ſich doch,“ ſagte der Kaiſer.„Wo iſt Ihre Bittſchriſt? Ah! ich habe ſie.“ Er reichte ſie Trichter. „Hier, wenn Sie nicht ſprechen köanen, leſen Sie.“ Trichter nahm die Bittſchrift, entſiegelte und entfaltete ſie mit einer zitternden Hand. Doch er hatte nicht ſobald ſeine Blicke darauf ge⸗ worfen, als er wankte und erbleichte. 3. te r n 1, it 1⸗ le d r, l⸗ 8 n * 139 „Nun! was haben Sie?“ fragte der Kaiſer. Trichter fiel ſtarr und leblos zu Boden. Die Adjutanten ſtürzten hinzu. „Nähern Sie ſich ihm nicht, meine Herren,“ ſagte der Kaiſer, der aufgeſtanden war,„darunter iſt etwas.“ „Soll man einen Arzt holen?“ fragte ein Adjutant. „Nein,“ erwiederte der Kaiſer, das Auge auf den am Boden ausgeſtreckten Trichter geheftet.„Holen Sie den Baron von Hermelinfeld. Doch keinen Lärmen, kein Aufſehen, nicht ein Wort. Der Baron komme allein.“ Eine Minute nachher trat der Baron ein. „Herr Baron,“ ſagte der Kaiſer zu ihm,„dieſer Menſch iſt, als er das Popier, das dort auf der Erde liegt, leſen wollte, wie vom Blitze getroffen niedergeſtürzt. Berühren Sie das Papier nicht: er iſt gefallen, während er es entfaltete. Der Baron näherte ſich Trichter. „Der Menſch iſt todt,“ ſprach er.. Dann ging er auf den Kamin zu, nahm hier die Feuerzange und ſetzte mit der Zange das Papier dem aus, doch ohne es von der Flamme berühren zu laſſen. Dabei beobachtete er aufmerkſam die Färbung, welche der Rauch annahm. 2 Dann, nach einer Minute, zog er den Brief zurück, unterſuchte, betaſtete, beroch ihn langſam und vorſichtig. Man konnte ihn ſofort plötzlich erbleichen ſehen. Er hatte die Compoſition eines im Mittelalter er⸗ fundenen Giftes erkannt, mit deſſen Geheimniß nur zwei Perſonen auf der Welt vertraut waren: Er und Samuel. „Sie erbleichen?“ ſagte der Kaiſer. „Es iſt nichts,“ erwiederte der Barvn.„Eine letzte Ausſtrömung vielleicht.“ „Erkennen Sie dieſes Gift?“ fragte Napoleon.„Kann es uns auf die Spur des Mörders bringen?“ 140 Der Baron zögerte einen Augenblick ängſtlich. Dies⸗ mal war das Leben von Samuel Gelb in ſeinen Hän⸗ den. Nachdem er einige Secunden geſchwiegen, erwie⸗ derte er: „Sire, ich kann Eurer Majeſtät noch nicht antwor⸗ ten. Ich muß dieſes Papier analyſiren. Doch es iſt moͤglich, daß ich irgend ein Anzeichen entdecke.“ „Es iſt gut,“ ſprach der Kaiſer.„Ich habe alles Vertrauen zu Ihrem Wiſſen und zu Ihrer Reblichkeit, Herr von Hermelinfeld. Vor Allem aber ein Wort; wir ſind zu fünf hier. Bei Ihrer Ehre, mein Herr, meine Herren, bei Ihrem Leben,“ fügte der Kaiſer ſeinen Se⸗ cretaire und ſeine Adjutanten anſchauend bei,„ich verlange vollkommenes Stillſchweigen von Ihnen. Man kann das Attentat eines Friedrich Staps ruchbar werden laſſen, wenn man ſich aus einem Lande entfernt, aber nicht, wenn man in daſſelbe eintritt.“ In derſelben Stunde, in der dies in Aſchaffenburg vorfiel, enthüllte Samuel in dem unterirdiſchen Saale des Schloſſes den Sieben ſeinen Verſuch und ſeine Mittel. „Es iſt zehn Uhr und einige Minuten,“ ſagte Sa⸗ muel;„in dieſem Augenblick, meine Herren, iſt Napoleon todt, das Kaiſerthum geſtürzt, Deutſchland frei.“ Die Sieben ſchwiegen. „Sie ſchweigen?“ ſprach Samuel.„Iſt das eine Mißbilligung deſſen, was ich gethan habe?“ „Friedrich Staps hat ſich ſelbſt aufgeopfert,“ ſagte Einer von den Sieben. „Ein gemeines Bedenken! Der General feuert nicht ſelbſt. Mir ſcheint übrigens, die Vorſehung benimmt ſich nicht anders als ich, und ſie macht mit uns Allen, was ich mit Trichter gethan habe. Sie verwendet uns zum Nutzen ihrer Pläne und kümmert ſich nichts darum, uns zu tödten, wenn ihr unſer Tod für das Leben einer Idee. nothwendig ſcheint. Was habe ich Anderes gethan? Ich — N S 6„ 141¹ habe Trichter, meinen Freund, geopfert. Aus einem Trunkenbold habe ich einen Märtyrer gemacht. Ich glaube nicht, daß er bei dem Tauſch verloren hat. Wohlan! keine kindiſche Gewiſſenszweifel mehr! Sind Sie mit mir zufrieden?“ „Deine Mittel ſind eine Sache zwiſchen Deinem Gewiſſen und Dir,“ ſprach endlich der Präſident.„Wenn Du aber Deutſchland wirklich befreit haſt, ſo werden wir nur das Reſultat ſehen, und Du wirſt Dich um das Va⸗ terland, um den Tugendbund wohl verdient gemacht haben. Wann werden wir die Nachricht erhalten?“ „Der Reiſende vom Neckar iſt auf dem Wege. War⸗ ten wir.“ Sie warteten in einer tiefen Bangigkeit. Um ein Uhr ertönte das Glöckchen. „Er iſt es,“ ſagte Samuel. Und er öffnete. Der Reiſende vom Reckar trat ernſt und langſam „Nun?“ fragten Alle. „Man vernehme, was ich geſehen,“ antwortete der Reiſende.„Ich gehorchte pünktlich den Befehlen, die mir Samuel Gelb in Ihrem Namen ertheilt hatte. Ich ver⸗ ließ Trichter erſt in dem Augenblick, wo er die Bittſchrift dem Kaiſer überreichte. Der Kaiſer ließ ihn mit ſich in den Palaſt des Fürſten⸗Primas eintreten.“ „Vortrefflich!“ ſagte Samuel. „Warten Sie,“ verſetzte der Reiſende.„Da ich Trichter nicht mehr heraus kommen ſah, ſo ſtrich ich beim Palaſt umher und ſuchte hinein zu kommen, als ich zwei Männer, welche eine offene Bahre trugen, zu einer Hin⸗ terthüre herausſchlüpfen und ſich nach dem Hoſpital wen⸗ den ſah. Die Vorhänge der Bahre ſchoben ſich einen Augenblick aus einander. Eine Hand kam zum Vorſchein. Ich erkannte einen Handſchuh ähnlich dem, welchen Trich⸗ ter trug. Ich erkundigte mich beim Hausmeiſter des ein. 142 Soſpitals. Er ſagte mir, er habe einen unbekannten Tod⸗ ten einregiſtrirt, um ihn noch an demſelben Abend begra⸗ ben zu laſſen „Trichter todt!“ unterbrach ihn Samuel erbleichend. Der Reiſende fuhr fort: „Ich kehrte nach dem Palaſte zurück. In dem Au⸗ genblick, wo ich ankam, ſah ich den Kaiſer mit der Kaiſerin in den Wagen ſteigen und unter dem allgemeinen, begeiſter⸗ ten Zuruf der Menge den Weg nach Würzburg einſchlagen.“ Ein langes Stillſchweigen folgte auf dieſe Worte, welche keinen Zweifel beſtehen ließen. „Es iſt gut,“ ſagte der Präſident zum Reiſenden vom Neckar,„Du kannſt Dich entfernen.“ Der Reiſende verbeugte ſich und ging hinaus. „Samuel Gelb,“ ſprach der Präſident,„Gott iſt ſtärker als Du. Du haſt nur Deinen Freund getödtet. Sollen wir Dir einen Rath geben, ſo iſt es der, Dich ſo bald als möglich in Sicherheit zu bringen.“ Und er wandte ſich an ſeine verlarvten Gefährten: „Wir ſelbſt, meine Herren, werden klug daran thun, wenn wir uns zerſtreuen.“ Die Sieben gingen hinaus und ließen Samuel ſtumm und wie vom Blitze getroffen zurück. Eine halbe Stunde nachher ritt Samuel auf der Straße nach Heidelberg. Er trabte ruhig, ohne ſich zu beeilen, wie man nach Hauſe kehrt und nicht wie man ſich verbirgt. Als er am Abend zu ſeinem Gaſthauſe kam, fand er vor der Thüre einen alten Diener, der auf ihn wartete. Er ſchaute ihn an und erkannte in ihm einen Mann, der ſeit fünfundzwanzig Jahren im Dienſte des Baron von Hermelinfeld war. „Was gibt es, Tobias?“ fragte er. „Herr Samuel,“ antwortete der Diener,„der Herr Baron von Hermelinfeld ſchickt mich in aller Eile zu Ih⸗ nen. Er ſchreibt Ihnen nicht, aus einem Grunde, den — — —* —,— 143 Sie errathen werden, wie er mir geſagt hat, er be⸗ auftragt mich, Ihnen folgende Worte Sylbe für Sylbe zu wiederholen, wobei er mir bemerkte, ich brauche ſie. nicht zu verſtehen, und mir befahl, ſie zu vergeſſen, ſobald ich ſie Ihnen gemeldet habe.“ „Sprich.“ „Der Herr Baron thut Ihnen alſo zu wiſſen:„„Ich war in Aſchaffenburg, ich weiß Alles, ich kann Alles be⸗ weiſen, ich halte Sie in meinen Händen, und wenn Sie den Boden Deutſchlands nicht in zwölf Stunden verlaſſen haben!. 4„Das iſt, mit ſeinen eigenen Worten, Alles, was der Herr Baron mich auswendig lernen ließ und Ihnen zu wiederholen mich beauftragt hat.“ „Ich geſtehe, das iſt hinreichend klar,“ erwiederte Samuel.„Nun, Du wirſt dem Herrn Baron in meinem Namen danken, Tobias.“ „Ferner hat ver Baron geſagt, wenn es Ihnen an Geld fehlte, ſo ſollte ich Ihnen zuſtellen „Genug,“ unterbrach ihn Samuel.„Du wirſt ihm ſagen, Tobias, da Du ein ſo pünktlicher Bote biſt, ich habe Dich bei dieſem Punkte unterbrochen und Dir nicht geſtattet, zu endigen.“ „Und werden Sie abreiſen, mein Herr? Das habe ich Sie auch noch von Seiten des Herrn Barons zu fragen.“ „Er wird es erfahren. Ich werde ihn ſehen. Ich bin noch nicht entſchieden und ſage weder ja, noch nein.“ „Mein Auftrag iſt alſo vollzogen und ich kehre wie⸗ der zurück.“ „Glückliche Reiſe, Tobias.“ Tobias grüßte und ging weg. Samuel begab ſich in ſein Zimmer. Er warf ſich auf einen Stuhl, ſtützte ſeine zwei Ellbogen auf den Tiſch und legte ſeine Stirne in ſeine Hände. Dis beinahe ſichtbare Dazwiſchenkunft Gottes bei ſei⸗ nem Plan hatte ihn ein wenig erſchüttert. Er dachte: „Was iſt zu thun? Woran bin ich? Recapituliren wir ein wenig die Bilanz meines Lebens. Sie iſt arm.„ „Der Baron wird mich anzeigen; ich kann nicht daran zweifeln. Er hat offenbar diesmal mein Geſchick in ſeiner Gewalt. Der Verführer von Gretchen konnte den Verführer meiner Mutter im Schach halten. Aber ein Mord, ein Majeſtätsverbrechen ſtellt mich bloß und gibt mich ohne Gnade preis. Erſter Nachtheil. Anderer⸗ ſeits bin ich, ſtatt im Tugendbunde emporzuſteigen, eher herabgekommen. Dieſe engen Geiſter hätten mich beim Gelingen bewundert, und verachten mich bei der Nieder⸗ lage Ich habe es wohl in ihrem haſtigen Abgang und in ihrem geringſchätzigen Abſchied bemerkt. Mein Zweck iſt auf dieſer Seite verfehlt, vielleicht auf immer verfehlt. So viel über das Thatſächliche. „Habe ich in dieſer Beziehung ein Herzensintereſſe? Niemand liebt mich, und ich liebe Niemand. Dieſes Schaf, vas ich Julius nannte, und dieſer Pudel, den ich Trichter nannte, ſind ſelbſt zu dieſer Stunde für mich verloren. Was die Weiber betrifft, ſo habe ich die Liebe, dieſen menſchlichen Ausdruck des Unenvlichen, bis zu ihren ſchärfſten Contraſten verfolgt. Ich wollte ſie, wie däs Feuer aus dem Eiſen und dem Kieſelſtein, aus der Ge⸗ waltthat und dem Haſſe hervorſpringen machen. Unnütze Anſtrengung, unnütze Verbrechen! Ohl ich werde müde und langweile mich. „Entfliehen! Bin ich, Samuel Gelb, zur Flucht genöthigt? Und wohin werde ich gehen? Mein ſicherſter Zufluchtsort, wie mein ſtolzeſtes Eril, wäre der Wolfs⸗ rachen: Paris. Paris, die moderne Hauptſtadt, das Rom der Geiſter, die neue Urbs, hat mich immer angelockt. Das iſt eine meiner wuͤrdige Schaubühne. Ja, doch was werde ich dort ſpielen? Den Gelehrten? man wird mich. 145⁵ nach meinen Diplomen fragen. Den Politiker? ich werde ein Fremder ſein. Da iſt ein ganzes Leben wiederanzu⸗ fangen. Und wiederanfangen, wenn man geendigt hat, was kann es Verdrießlicheres und Ekelhafteres geben 2 „Bah! wenn ich mich ganz einfach ſelbſt anzeigen würde? Im Ganzen könnte das den Baron und den Kaiſer in Verlegenheit bringen. Wer weiß, ob mich Napoleon nicht begnadigen würde, um ſich die Stellung eines Titus und Auguſtus in den Augen von Deutſch⸗ land zu geben? Er könnte kaum einen Menſchen töd⸗ ten laſſen, der ſich ſelbſt angegeben hätte. Und ver ehrliche Baron bliebe ziemlich beſchämt. Gut! ſie wür⸗ den mich in meinem Gefängniß erdroſſeln loſſen. Und dann, möchte ich es haben, daß man mich begnadiate2 Wurde ich durch Barmherzigkeit leden wollen? Napo⸗ leon ließe mich vielleicht richten. Dann hätte ich einen fernhin ſchallenden Prozeß, und Europa würde Napoleon und Samuel Gelb einander gegenüber ſehen. „Ein ſchöner Ehrgeiz! Die ſchwachkopfige Menge beſchäftigen! Ziele ich darauf ab? Dieſe Menſchheit, von der neunundneunzig Hundertſtel ihr Leben damit hin⸗ bringen, daß ſie Geld verdienen, und glauben, der Zweck des Menſchen ſei, in einem Comptoir oder in einer Kiſte eine gewiſſe Quantität Stücke von einem gewiſſen Metall änzuhäufen, dieſe Menſchheit iſt mir zuwider. „Auf ſie wirken, zu welchem Ende? Es dauert zu lange, ſie vorwärts ſchreiten zu machen, und ein einziger Menſch thut dabei zu wenig. Ich würde die Rolle des Reformators und Cwiliſirers begreifen, wenn man mit einem Schlage die Zukunft improviſiren könnte. Doch von dem, was man träumt, bis zu dem was man thut, gibt es zu viel Kräfte. Wozu ſich auf den Weg begeben, wenn man zum Voraus weiß, daß man nicht ankommen wird? Würde ſich Chriſtoph Columbus eingeſchifft ha⸗ ben, wenn er gewußt hätte, er werde am zweiten Tag Gott lenkt. I. 10 146 der Reiſe ſterben? Pfui über die Dinge, die man an⸗ fängt und dann Andern überläßt, vaß ſie dieſelben voll⸗ enden! Ich will wohl Berge fortſchleppen, und ſollte ich darunter zerdrückt werden, aber ich will ſie nicht zertrüm⸗ mern und die Fortſchaffung nicht durch Schubkarrenfahr⸗ ten bewerkſtelligen. Civiliſirer, große Träger von Sand⸗ körnern! ich verzichte darauf. „Das Einfachſte, das Kürzeſte und das am wenig⸗ ſten Prahleriſche wäre vielleicht, mir den Hals abzuſchnei⸗ den. Das war die Art der Römer, und ſie hatte ihre Größe. Schneiden wir uns den Hals ab: gut! „Der Gevanke des Selbſtmords hat mich immer an⸗ gelächelt. Der unfreiwillige, nothwendige, vom Verhäng⸗ niß beſtimmte Tod widerſtrebt mir; zum Grabe kommen, wie der Ochs zum Schlachthaus, das iſt Beſtialität. Frei und ſtolz aus dem Leben weggehen, wie man aus einer langweiligen Abendgeſellſchaft weggeht, in einem Augen⸗ blick, wenn man genug hat, wenn man müde iſt, wenn man keinen Hunger mehr hat, das gefällt mir! das iſt eines Mannes würdig! „Laß ſehen, vergeſſe ich nichts, beklage ich kichte⸗ bindet mich nichts an das Daſein? Nein. Auf, mein Lieber, ohne weiter zu überlegen oder zu zögern, und be⸗ ſonders ohne ein Teſtament zu machen, ſchneide Dir die Gurgel ab.“ Und dieſer ſeltſame Menſch ging ruhig an ſeine Toi⸗ lette, nahm ein Schermeſſer und ſchärfte es. Plötzlich wurde ein ſchwacher Schrei in ſeinem Al⸗ coven hörbar. Er hielt erſtaunt inne. Ein zweiter Schrei folgte. „Was bedeutet das?“ ſagte er. Er ging mit raſchem Schritt an ſein Bett und zog die Vorhänge aus einander. Auf dem Bette lag in Windeln, die man in aller Gile zuſammengebunden hatte, ein neugeborenes Kind⸗ og er 147 Straſſe nach Paris. Samuel Gelb wich beim Anblick dieſes vom Himmel gefallenen Kindes vor Erſtaunen zurück. „Ho! ho! was iſt das?“ ſagte er.„Wer Teufels hat dieſes Kind hier niedergelegt? es iſt hübſch, das Kleine, ſo viel es dieſe menſchliche Fratze, in der noch keine Seele iſt, ſein kann. Ah! es iſt ein Mädchen. Selt⸗ ſames Abenteuer!“ Er dachte einen Augenblick, von tauſend Gedanken erfaßt, nach. „Iſt es ein ſchlechter Spaß von einem Kameraden? Iſt es ein Streich der Verzweiflung einer Mutter? Sollte das Kind mir gehören? Wenn es mein Kind wäre?“ Er hielt inne, ſelbſt erſtaunt über den Eindruck, den dieſe Idee auf ihn machte. „Doch nein,“ fuhr er fort,„das iſt unmöglich. Wir wollen ſehen. Dieſes Kind iſt kaum geſtern, heute viel⸗ leicht geboren. Für Gretchen iſt es zu ſpät, für Chri⸗ ſtlane iſt es zu früh. Uebrigens hätte ich es erfahren. Und dann, in dieſem Fall, würde mich der Baron nicht geſchont haben. Im Uebrigen iſt das der Ocean, das Unbekannte. Unnütz, zu ſuchen! Das Meer würde eher ſagen, welchem Fluſſe jede von ſeinen Wellen gehoͤrt. Ah! ich bin nicht der Vater. Gleichviel! dieſes kleine Mädchen iſt hübſch.“ Und da das Kind, vielleicht aus Hunger, ſchrie, ſo ließ Samuel Zucker in Waſſer und Milch ſchmelzen und flößte ihm ein Faar Tropfen mit einem Löffelchen ein. „Samuel Gelb in eine Amme verwandelt,“ dachte er.„Ah! wie lachte man, wenn man mich ſehen würde.“ Er erhob ſich ernſt und ſtolz, als antwortete er auf eine Herausforderung. 148 „Und warum ſollte man lachen? Nur die Dum⸗ men ſehen mich für ein Ungeheuer an, weil jch ein Mann bin, ein ganzer Mann, ein freier Mann, ein Mann, ſtär⸗ ker als die Bande und über die Vorurtheile erhaben. Deſſen ungeachtet, wenn ich ein kleines, ſchwaches, ver⸗ laſſenes Geſchöpf ſehe, ſtehe ich ihm bei wie ein heiliger Vincenz de Paula, und mit mehr Verdienſt, wie mir ſcheint, da ich nicht auf das Paradies ſpeculire. Den⸗ noch, obgleich ich mich eben ſo fähig zum Guten, als zum Böſen glaube, habe ich bis vaher mehr Böſes, als Gutes gethan. Die Gelegenheit hat es ſo gewollt. „Im Nothfall wäre es das Gegentheil geweſen. Und ich bin abermals im Begriff das zu thun, was man das Boͤſe nennt, indem ich das Kind nach dem Hoſpiz tragen laſſe. Er legte das Kind ſachte wieder auf ſein Bett und ging hinab, um die Leute des Gaſthauſes zu befragen. Niemand hatte nach Samuel verlangt. Man hatte Niemand ſeinen Schlüſſel nehmen und in ſeine Wohnung hinaufgehen ſehen. Samuel kehrte in ſein Zimmer zurück. „Vergebliches Fragen!“ dachte er.„Der Diener, der meine Thüre geoͤffnet hat, wird reichlich bezahlt wor⸗ den ſein, oder die Mutter hat den Auftrag einer ſehr kühnen und ſehr gewandten Perſon gegeben. Ah! ich werde nichts erfahren. Sollte es nicht ein Kind von Lo⸗ lotte ſein? Ich hahe ſie mit Trichter entzweit, warum wollte ſie ihn vom Trinken abhalten? ſie konnte es für geeignet erachten, mir ihr Kind aufzubürden. Oder wollte irgend ein Student ſeinem König mit ſeiner Nachkom⸗ menſchaft eine Huldigung darbringen? Bah! was iſt daran gelegen! Daß Kinder geboren werden, iſt kein Grund, daß Männer nicht ſterben. Im Gegentheil. Ich will alſo dieſen Entwurf von einem Weib in das Hoſpiz tragen laſſen und das Geſchäft fortſetzen, das ſein Ge⸗ ſchrei unterbrochen hat.“ m⸗ inn är⸗ en. er ger nir en⸗ als als Und as en tte ng 149 Das Kind ſchrie auf's Neue. Er gab ihm abermals zu trinken. „Schlafe, Kleine, den Schlaf des Anfangs und laß mich den Schlaf vom Ende ſchlafen.“ Das Kind beſchwichtigte ſich und ſchien in der That zu entſchlummern. Samuel ſchaute es an. „Armes, kleines Geſchöpf! In dieſer ſchwächlichen Hülle iſt ein ganzes Geſchick. Es iſt ein Geiſt darin. Dieſes zerbrechliche Leben, dieſer Tropfen, der einen Ocean enthält, dieſe Ephemeron, das eine Unſterblichkeit ent⸗ hält, was ſoll dies Alles werden? Hamlet philoſophirte über einen Schädel, das heißt über die Vergangenheit, über den Tod, über das Vollendete. Doch wie viel mehr iſt über ein Neugeborenes, über die Zukunft, über das Leben, über das Unbekannte zu denken! „Dieſes Kind, das zur Welt kommt, als ich daraus wegzugehen im Begriffe war, ſein Schickſal hängt im Augenblick von mir ab. Ich kann dieſes Mädchen ein verfluchtes Baſtardgeſchöpf, ohne Vater und Mutter, wie ich, ſein laſſen; ich könnte es aber auch aufziehen, es retten. Wenn ich es thäte? Ich wollte aber gerade ſterben! iſt es der Mühe werth, mich dadurch ſtören zu laſſen? „Bah! es liegt mir nicht viel mehr daran, zu ſterben, als zu leben. Und dann, warum ſollte ich ſterben? Weil ich nichts hier zu thun habe? Will ich das Intereſſe, das meinem Leben fehlte, hier iſt es. Welches größere, welches weſentlichere Intereſſe könnte ich wünſchen?. Es iſt nicht ein Vorwand, den ich mir gebe; nein! ich ſteh⸗ nicht für mich ſelbſt. Doch ich fühle, meine Rolle al⸗ Vice⸗Geſchick wäre nicht vollſtändig geweſen, und meine Prometheus⸗Natur würde ihr Ideal verfehlt haben, hätte ich nie in meiner Hand dieſes weiche und ſublime Wachs, die Erziehung, den Geiſt, das Leben eines Kindes gehabt⸗ Welche Beluſtigung und welche Macht! Nach ſeinem 15⁰ Gefallen kneten, nach ſeiner Laune ordnen, nach ſeinem Traume formen dieſen göttlichen Thon; eine Seele. „Was werde ich aus dieſem Kinde machen? einen Dämon des Verderbens oder einen Engel der Tugend? Desdemona oder Lady Macbeth? Je nach der Erziehung, die ich ihm geben, nach den Gefühlen, die ich ihm ein⸗ flößen, nach der Form, die ich ihm verleihen werde, wird es Schatten oder Licht, Reinheit oder Laſter, Flügel oder Klaue ſein. Ich ſuchte, ob ich ſein Vater ſei, wenn ich es nicht bin, ſo werde ich es ſein! Was liegt daran, ob es die Tochter meines Fleiſches iſt oder nicht iſt, es wird das Werk meines Geiſtes ſein! Das iſt viel beſſer. Was machen die Dichter und die Bildhauer Großes, indem ſie ungreifbare Schatten in Büchern oder unempfindliche Geſtalten auf Sockeln hervorbringen! Ich, ich bin grö⸗ ßer als Shakeſpeare und Michel Angeloz ich bin Seelen⸗ Dichter und„Bildhauer. „Es iſt alſo beſchloſſen, Kind, ich adoptire Dich. Es langweilte mich, mein Leben allein wiederanzufangen. Es wird mich beluſtigen, es mit Dir wiederanzufangen. Ich warf mein Leben zum Fenſter hinaus, Du haſt es unten gefunden und aufgehoben. Nimm es, ich ſchenke es Dir.“ Hierauf legte Samuel das Rafirmeſſer ruhig in das Etui, ging hinab und beſtellte Pferde für den andern Morgen um halb acht Uhr. „Um ſieben Uhr,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, während er wieder die Treppe hinaufſtleg,„um ſieben Uhr hat mir Tobias im Auftrag des Barons eröffnet, daß ich mich in zwölf Stunden aus dem Staube zu machen habe. Ich bin begierig, zu ſehen, ob es der Vater von Julius wagen wird, mich wirklich verhaften zu laſſen. Ueberdies ſteht es mir nicht an, zu entfliehen. Iſt er um halb acht Uhr nicht erſchienen, ſo reiſe ich ab.“ Es ſchlug am andern Morgen halb acht Uhr, ohne ht 151 daß der Baron Samuel ein Lebenszeichen von ſich gege⸗ ben hatte. In dieſem Augenblick hatte der Baron von Herme⸗ linfeld eine viel ernſtere Sorge im Kopf. Samuel ging alſo zum Rector und verlangte ſeinen Paß; der Rector unterzeichnete ihn mit einem bewunde⸗ rungswürdigen Eifer, glücklich, endlich von einem ſolchen Zögling befreit zu ſein. Als die Pferde angeſpannt waren, nahm Samuel vas bischen Geld, das er hatte, ließ einen Sack und ein Felleiſen auſpacken, und ſtieg, das Kind in den Armen, in ſeinen Mantel gehüllt, in den Wagen. „Straße nach Paris!“ rief er dem Poſtillon mit dem Tone zu, mit dem Napoleon rufen mußte: Straße nach Moskau! Das Höllenloch. Ungefähr in dem Augenblick, wo Samuel zum Po⸗ ſtillon ſagte: Straße nach Paris! kehrte Gretchen mit großen Schritten In ihre Hütte bei Eberbach zurück. Woher kam ſie? Man hätte glauben ſollen, ſie komme von einer lan⸗ gen Wanderung zurück. Ihre Schuhe waren mit Staub bedeckt. Ihr Rock war zerriſſen. Ihre trüben, hohlen Augen ſagten, ſie habe in der vergangenen Nacht nicht geſchlafen.„ Sie ſchien erſchöpft vor Müdigkeit. Sie trat in ihre Hütte ein und fand Niemand mehr arin. 152 „Wie!“ rief ſie erſchrocken,„meine Gebieterin iſt weggegangen? Sie hatte nur die Kräfte vom Fieber und vom Delirium! O mein Gott! iſt ſie in's Schloß zu⸗ rückgekehrt? Laufen wir dahin!“ Sie war im Begriff, wegzugehen, als ſie auf dem Tiſch ein Papier erblickte. Auf dem Papier ſtanden ein paar Zeilen unordent⸗ lich mit Bleiſtift geſchrieben. „Was für ein Papier iſt das?“ ſagte Gretchen. Sie las: „Du haſt mir geſagt, das Kind ſei todt. Ich bin ohnmächtig geworden, und beim Wiedererwachen finde ich weder das Kind, noch Dich. Deſto beſſer! Das Kind iſt todt, dann kann ich ſterben. Wenn es gelebt hätte, ſo wäre ich verpflichtet geweſen, zu leben. Nun kann ich meinem Wilhelm und meinem Vater nachfolgen. Bei Deiner Seele und der meinigen, ewiges Eehnißl Gretchen ſtieß einen Schrei aus. „Wos habe ich gethan!“ rief ſie. Sie lief nach dem Schloß. Sie fand hier der Verzweiflung prelsgeg Baron, der von Aſchaffenburg ankam, und Julius, der vom Havre eingetroffen war. Sie wollten Nachforſchungen nach Chriſtiane anſtellen. Eine halbe Stunde vor der Ankunft von Julius hatte nämlich ein Diener Chriſtiane in das Schloß zu⸗ rückkehren, wie ein Geſpenſt an ihm vorüber und in ihr Zimmer hinaufgehen und vann ſogleich wieder herabkom⸗ men und weglaufen ſehen. Julius eilte in das Zimmer von Chriſtiane. Das Bett war unberührt, ſie hatte ſich nicht nievergelegt. Auf dem Kamin, an derſelben Stelle, wo Julius ſieben Monate vorher ſeinen Abſchiedsbrief niedergelegt hatte, fand ſich ein verſiegeltes Billet. Julius öffnete dieſes Billet haſtig. Er las, wie folgt: 4 ſt u⸗ en n. us U⸗ hr n⸗ as us 153 „Mein Julius, vergib mir. Deine Rückkehr tödtet mich, und dennoch ſterbe ich nur, weil ich Dich liebe. Du hätteſt mich nicht mehr geliebt, Du hätteſt mich viel⸗ leicht verachtet; unſer Kind iſt todt. Du ſiehſt wohl, daß ich ſterben muß. „Mein Vater!“ rief Julius niedergeſchmettert. Der Baron lief herbei, Julius reichte ihm den Brief. „Faſſe Muth,“ ſagte der Baron.„Es iſt vielleicht noch Zeit. Laß uns ſuchen. 6 „Suchen wir,“ rief Julius von einer krampfhaften Angſt erfaßt. In dieſem Augenblick kam Gretchen. Julius lief ihr entgegen. „Chriſtiane!“ ſagte er,„haſt Du Chriſtiane geſchen? Weißt Du, was aus Chriſtiane geworden iſt?“ ſuche ſie,“ antwortete Gretchen.„Iſt ſie nicht hier?“ „Du ſuchſt ſie? Warum? Du haſt ſie alſo geſehen? Iſt ſie in Deine Hütte gegangen?“ „Nein,“ antwortete Gretchen nach einem Stillſchwei⸗ gen.„Aber Jedermann ſucht ſie.“ „Oh! ich glaube wohl,“ rief Julius in Verzweiflung: „Gretchen, ſie will ſterben.“ „Julius, faſſe Dich,“ ſprach der Baron.„Wo und wie hätte ſie ſich tödten koͤnnen? Sie hat kein Gift, keine Waffe.“ Ein Name, ein furchtbarer Name, der oft im Deli⸗ rium von Chriſtiane wiedergekehrt war, durchzuckte die Erinnerungen von Gretchen. „Das Höllenloch!“ rief fie. „Ja, ja, laufen wir dahin,“ ſagte Julius. Alle Drei ſtürzten hinaus, und die Dienſtboten folg⸗ ten ihnen. Sie liefen, das Herz zuſammengeſchnürt, nicht ath⸗ mend. Es war etwas Entſetzliches: als Julius ſich dem 3 154 Abgrunde näherte, wollte er ſchreien, ſeiner Frau rufen, doch die Aufregung erſtickte ſeine Stimme, und ſein Mund offnete ſich ſtumm, ohne daß er einen Ton artikuliren konnte, oder der Schrei, den er auszuſtoßen verſuchte, er⸗ loſch in einem unmerklichen Gemurmel. „Rufet ihr,“ ſagte er erſchöpft zu ſelnem Vater und zu Gretchen.„Rufet ihr doch, ich kann nicht.“ Endlich kamen ſie ans Höllenloch. Sie ſchauten nach allen Seiten und ſahen nichts. Auf die Gefahr, in den Schlund zu ſtürzen, klam⸗ irt⸗ ſich Julius an einer Wurzel an und ließ ſeinen ganzen Oberleib in den leeren Raum hängen. „O mein Vater,“ ſagte er,„ich ſehe etwas.“ Ungefähr auf fünfzig Klafter vom Boden ſprang ein Baumſtamm aus den Seiten des Abſturzes hervor. Einer von den großen Aeſten hatte ein paar Fetzen von dem Hauskleide, das Chriſtiane am Morgen trug, und ein ſeidenes Halstuch mit bunten Farben, das ſie in Grie⸗ chenland gekauft, zurückbehalten. „Lebe wohl, mein Vater,“ ſprach Julius. Und er ließ die Wurzel los. ſchon hatte ihn der Baron kräftig beim Arm gepackt.. Er zog ihn auf den feſten Boden zurück und winkte den Dienſtboten, ſich in ſelner Nähe zu halten, denn er befürchtete, Julius könnte ſich von ihm losreißen. „Mein Sohn! mein Sohn! ſei Mann, ſei Chriſt!“ ſagte er. „Oh! mein Vater,“ rief Jülins ſchluchzend und in Verzweiflung,„was ſoll ich machen? Ich komme und finde meine Frau getödtet, mein Kind geſtorben. Es gibt Leute, welche ſagen werden, ich kehre als Millionär zurück.“ Der Baron näherte ſich indeſſen Greichen und ſagte halblaut zu ihr: „Gretchen, Du weißt etwas, Samuel hat an Allem dem Antheil. Gretchen, ich fordere Dich auf, zu ſprechen.“ 155 Doch Greichen ſchaute ihm ins Geſicht und antwor⸗ tete feſt und kalt: „Ich weiß nichts und habe nichts zu ſagen.“ Ihre Unwiſſenheit ſchien entſchieden und ihr Entſchluß unbeugſam. Der Baron von Hermelinfeld ſchüttelte den Kopf und näherte ſich ſeinem Sohne. Halb, indem er ihn fortzog, halb, indem er ihn überredete, führte er ihn ſo⸗ dann zum Schloſſe zurück. Die Dienſtboten folgten ihnen. Gretchen blieb allein am Rande des Hollenlochs. „Ja,“ ſagte ſie,„ich werde meinen Schwur halten und geheim und tief ſein, wie du, entſetzlicher Schlund. Gleichviel, Du haſt Unrecht gehabt, Chriſtiane: Du biſt der Gerechtigkeit Gottes da oben entgegengegangen. Ich will ſie hier erwarten.“ Maskenball bei der Frau Herzogin von Verry. Es fand gegen das Ende der Regierung von Karl X. eine Art von Waffenſtillſtand in der Politik ſtatt. Das Miniſterium Martignac war gleichſam eine gegenſeitige Einräumung, welche die Partelen einander machten, und die oberflächlichen Geiſter konnten elnen Augenblick den Frieden für beſiegelt zwiſchen den Traditionen der Ver⸗ gangenheit und den Inſtincten der Zukunſt halten. Aber die Denker laſſen ſich nicht durch den Anſchein täuſchen. Sie wiſſen, daß der Fortſchritt und die Civili⸗ ſation nie innehalten, und daß die augenblicklichen Ver⸗ ſöhnungen nur die Ruhe ſind, welche den großen Kriſen vorhergeht. Beim blauen Himmel heſonders muß man 156 auf die Donnerſchläge gefaßt ſein, und wenn die Revo⸗ lution ſchlummert, ſammelt ſie Kräfte für die bevorſte⸗ henden Kämpfe. Herr von Martignae war ein geſchmeidiger und ver⸗ ſoͤhnender Geiſt, der zwiſchen dem Hof und der Nation die Rolle ſpielte, welche die Kammerjungfern in den Ko⸗ mödien zwiſchen Verliebten ſpielen, die mit einanver ſchmollen. Was ſeiner Perſon den Werth benahm, war der Umſtand, daß hier die Verliebten ſich nicht lieb⸗ ten, und daß die Verſöhnung mit einem heftigen Bruche endigen mußte. Doch Herr von Martignae arbeitete nichts⸗ deſtoweniger an der Heirath, als ob es keine Scheidung dahinter gäbe. Er ging vom König zur Nation, ſagte Jedem Gutes vom Andern, widerlegte Beſchwerden, be⸗ ſeitigte den Groll und löſchte ihn aus und ließ auf bei⸗ den Seiten einen Schritt zur wünſchenswerthen Annähe⸗ rung machen. Er vertheidigte die Freiheit in den Tuile⸗ rien und das Königthum im Palais Bourbon. Dieſe Aufgabe des Vermittlers läßt ſich nicht erfül⸗ len, ohne daß man etwas von ſich ſelbſt wagt. Man wirft ſich nicht zwiſchen die Kämpfenden, ohne Püffe von rechts und links zu erwiſchen. Die Meinungen wollen, daß man ſie durchaus vermählt, und laſſen die Doppelehe nicht zu. Herr von Martignac gefährdete alſo ſein An⸗ ſehen auf der Seite der Hoͤflinge und ſeine Popularität auf der Seite der Liberalen und machte ſich ſo Feinde in beiden Lagern. Dagegen aber machte er ſich Freunde, von de⸗ nen geliebt zu werden beſonders reizend iſt, unter den Künſtlern, den jungen Leuten und den Frauen, die ihm Dank wußten für die Beſänftigung, die er in die Lage der Dinge gebracht hatte. Dieſe ganze elegante und geiſtrei⸗ che Welt, deren Leben der Frieden, die Feſte und die Kunſt bilden, war ihm erkenntlich für das wiedergefundene Vergnügen und dankte ihm dadurch, daß ſie ſich belu⸗ ſtigte. Man erinnert ſich, welch ein entzückender, glühender, 157 o⸗ S Lergeſſen machender Wirbel der Faſching von 1829 te⸗ Das war wie eine Fluth von Feſten, Bällen, Mas⸗ r caraden, deren Wogen ſich bis zu den höchſten Regionen erhob und die Stufen des Thrones erreichte. J. K. H die Frau Herzogin von Berry faßte, vom Strome fort⸗ er geriſſen, den Gedanken, die Mode der Auferſtehungen ge⸗* ar ſchichtlicher Epochen wieder zu beginnen. b⸗ Die Frau Herzogin von Berry,— es iſt mehr als he je der Augenblick, dies zu ſagen, nun, da ſie in der Ver⸗ 6 bannung lebt,— war eine reizende und lebendige Natur. g Eben ſo muthig bei der Freude im Pavillon Marſan, als te ſie bei der Gefahr in der Vendée geweſen iſt, hatte ſie e⸗ in der Einbildungskraft jenes Feuer, jene Begeiſterung, i⸗ jene Kühnheit, die ſie ſeitdem im Handeln entwickelt hat. e⸗ Bei allen Feſten, welche gleichſam den Glanz der unter⸗ e⸗ gehenden Sonne auf die letzte Stunde der ſcheivenden Monarchie warfen, war ſie zweimal Königin, Königin l⸗ durch das Recht der Geburt und Königin durch das Recht n der Eroberungen. Eine zweimal franzöſiſche Erſchei⸗ on nung, geiſtreich und muthig, launenhaft und ritterlich, n, herzlich und männlich, von der die Dichter der Zukunft he viele Romane träumen werden, wenn die Perſpective der n⸗ Zeit einige zu reelle Patieen idealiſirt und einige Vor⸗ uf ſprünge, die wir jetzt von zu nahe ſehen, gleichſam ge⸗ en wiſcht haben wird. e⸗ In dem ſeligen Faſching von 1829 alſo wurde die en Herzogin von Berity von einem Verlangen erfaßt, das m eine Frauenphantaſie mit einer Künſtleridee vermiſchte. er Der Gebrauch, ſich zu maskiren, war ſeit langer Zeit in i⸗ den Salons abgekommen. Das Coſtume bei Hofe, vor ie dieſem ernſten Greiſe, der der König von Frankreich war, ne vor dieſem Throne, der einem Beichtſtuhle glich, wieder⸗ beleben, die Sache ſchien kaum moͤglich. Allerdings hatte Ludwig XIV. in Perſon bei den Ballets figurirt, und der r, Hof von Karl K. würdigte ſich, ſtreng genommen, nicht 158 herab, wenn er das Beiſpiel des großen Königs befol 3 Aber derjenige, welcher in den Divertiſſements von Lulli und von Moliöre getanzt hatte, war der junge, verliebte und verwegene Ludwig XIV., und vier Verſe von Racine hatten auch genügt, um ihn auf dieſe ſein Anſehen ge⸗ fährdende Aufführungen verzichten zu machen. Und ſicher⸗ lich hatte ſpäter der König dieſe Riſſe an Seiner Majeſtät bereut, und der Gemahl bon Frau von Maintenon wäre nicht der Letzte geweſen, der ſtrenge den Liebhaber von Fräulein de la Vallidre getadelt hätte. Die Leichtfertigkeit des Coſtume mußte ſich alſo durch ein ernſteres Vergnügen in Anſehen ſetzen, die Ver⸗ kleidung mußte nur ein Mittel und nicht ein Zweck ſein, die Larve mußte einen gewichtigeren Gedanken bedecken. Die Herzogin von Beriy brauchte nicht lange, um ihr Auskunftsmittel zu finden. Man fing vamals an ſich mit dem Mittelalter zu beſchäftigen. Unſterbliche Dichter und Maler hatten es ſich, etwas bis dahin Unerhör⸗ tes, zur Aufgabe gemacht, die Kathedralen anzuſchauen, die Chroniken zu ſtudiren, vie Vergangenheit Frankreichs zu durchwühlen. Das Mittelalter war ſehr ſchnell in der Mode. Man ſprach nur noch von Schwertern unt Wämm⸗ ſern, man meublirte ſich nur mit Truhen, mit altem Ta⸗ petenwerk, geſchnitztem Eichenholz und gemalten Kirchen⸗ fenſtern. Das ſechzehnte Jahrhundert beſonders machte Furore, und alle Geiſter wandten ſich mit Enthuſiasmus zur Renaiſſance, dieſem Frühling der Geſchichte, dieſer blühenden und fruchtbaren Jahreszeit zurück, wo ver laue Wind, der von Italien wehle, nach Frankreich vie Liebe für die Kunſt und den Geſchmack für das Schone zu bringen ſchien.. Es iſt vielleicht demjenigen, welcher dieſe Blätter ſchreibt, erlaubt, daran zu erinnern, daß er dieſer Bewe⸗ gung der Geiſter nicht fremd war, und daß die Auffüh⸗ rung von Heinrich III. vom Februar 18 49 datirt. Das Grab des ſechzehnten Jahrhunderts wiederöff⸗ te. illi bte ine ge⸗ er⸗ tät äre on er⸗ in, um iche ör⸗ ten, chs der im⸗ Ta⸗ en⸗ chte mus eſer der eich das itter ewe⸗ füh⸗ röff⸗ 159 nen, dieſe wunderbare Epoche wiederbilden, an den Tag der Lebendigen dieſes blendende Jahrhundert, das alle Gedanken erfüllte, treten laſſen, war das nicht eine königliche Phantaſie, welche mit der Macht eines Herr⸗ ſchers die Maske und das Coſtume amneſtirte? Auf dieſe Art verband ſich eine ernſte und beinahe fromme Idee mit der Beluſtigung, und der ſtrengſte Moraliſt konnte ein Feſt, wobei man unter den Larven das ernſte Antlitz der Geſchichte fühlte, nicht der Leichtfertigkeit bezüchtigen. Die Herzogin von Berry beſchloß alſo, ganz genau eines von den Hauptfeſten des ſechzehnten Jahrhunderts wiederzugeben, und es wurde beſtimmt, daß der Hof von Karl X., die Verlobung von Franz, dem Dauphin von Frankreich, mit Maria Stuart, darſtellen ſollte. Man vertheilte die Rollen. Madame behielt für ſich Maria Stuart. Die Rolle des Dauphin wurde dem äl⸗ teſten Sohne des Herzogs von Orleans, der damals der Herzog von Chartres hieß, übertragen. Das Uebrige theilte man unter die größten Namen und die ſchönſten Frauen des Hofes aus. Eines, was die Herzogin ſehr beluſtigte, war, daß ſie die Ahnen durch die Abkömmlinge, wenn dies ſein könnte, vorſtellen laſſen wollte. So wurde der Marſchall von Briſſac von Herrn von Briſſac, Biron von Herrn von Biron, und Herr von Coſſé von Herrn von Coſſé geſpielt. Man ging ſogleich ans Werk, und einen Monat lang war Paris drunter und drüber durch die Anſtalten zu dieſem glänzenden Feſte. Man kehrte alle Cartons der Bibliothek und alle Schränke des Muſée um, um das Muſter eines Schwertes oder die Zeichnung eines Kopf⸗ putzes aufzufinden. Die Maler arbeiteten gemeinſchaftlich mit den Schneidern und die Archäologen mit den Modi⸗ ſtinnen. Jeder blieb auf ſeine Gefahr mit der Ausführung ſeines Coſtume beauftragt. Von da an war die Eitelkeit im Spiele; es handelte ſich darum, ſich nicht auf dem 160 Verbrechen eines Anachronismus ertappen zu laſſen; die jüngſten Mädchen neigten ſich über die älteſten Kupfer⸗ ſtiche und die älteſten Bücher. Die Gelehrſamkeit hatte ſich nie ſo geehrt geſehen; gewohnt, nur alte, graue und ſchlecht gekämmte Bärte bei ſich zu empfangen, war ſie ganz aus der Faſſung gebracht bei dem ploͤtzlichen Ein⸗ bruch ſo vieler friſcher, roſiger Geſichter. Alle die reizenden Maler von damals, Johannot, Eu⸗ göne Lami, Deveria, wurden mit Beſchlag belegt. Du⸗ ponchel zog man gleichſam gefänglich ein, ſchleppte ihn in alle Boudoirs, und er drückte das Siegel auf ſeinen Ruf als Antiquar der Fußbekleidung und als Doctor der Ohrgehänge. Endlich kam der beſtimmte Tag, Montag ver 2. März 1829. Maria Stuart und ihr Gefolge ſollten in den Tuilerien vom Hofe von Frankreich und vom Dau⸗ phin Franz, den Maria geheirathet, empfangen werden. Der Zug ſollte um halb acht Uhr beginnen. Doch trotz der Welt von Arbeitern und des Waldes von Nodeln, die man ſeit einem Monat verwendet hatte, war Niemand zur genannten Stunde bereit, und man ſah ſich genöthigt, bis um zehn Uhr zu warten. Um zehn Uhr eroͤffnete ſich der Marſch, und man ſtellte ſich auf der Treppe des Pavillon Marſan in fol⸗ gender Ordnung auf: Ein Garde⸗du⸗corps und eine Schweizer Garde; Fünf Pagen des Dauphin von Frankreich; Der Officier der Schweizer Garden; Sechs Marſchälle in zwei Reihen; Der Dauphin Franzz Der Dauphin hatte hinter ſich, einmal den Conne⸗ table von Montmorency und den Herzog von Ferrara; Dann neun Cavaliere, in drei Reihen gehend. So aufgeſtellt, wartete der franzöfiſche Hof. Beinahe in demſelben Augenblick erſchien der Zug von Maria Stuart. ———— fer⸗ atte und ſie in⸗ Fu⸗ Du⸗ ihn nen der 2. in au⸗ en. rotz die and igt, an ol⸗ ne⸗ zug 161 Vor der Königin gingen fünf Pagen, dann acht Eh⸗ renfräulein. Hinter ihr kamen: Vier Ehrendamen; Die Königin von Navarra; Vier Prinzeſſinnen von Geblüt; Die Königin Mutter, Und endlich die ganze Woge der Damen und Her⸗ ren. Der Zug ging mit Gepränge und Ernſt vor ſich. Dieſe Menge von Edelleuten in kurzen Mänteln und langen Wämmſern, die Toque mit den wallenden Federn auf dem Ohr, den Kopf hoch und den Schnurrbart aufwärts ge⸗ dreht, die Fauſt jeder Dame bietend, um ihr als Stütze zu dienen; die Diamanten, die Edelſteine, die glänzenden Stoffe, die Ueberſchwemmung der Lichter, Alles gab den Augen die Strahlungen der großen erloſchenen Epochen wieder. Das war gewiß keine gewöhnliche Beluſtigung; die Illuſion war vollſtändig, die Kette zwiſchen der Ge⸗ genwart und der Vergangenheit, zwiſchen dem Leben und dem Tod verband ſich wieder; das den begrabenen Jahr⸗ hunderten entlehnte Coſtume theilte den Schauſpielern etwas von denjenigen, welche es getragen, mit, und mehr als Einer fühlte ohne Zweifel in ſeiner Bruſt das Herz des Anherrn, deſſen Kleidung er hatte, beben.. Man begab ſich zuerſt in den großen Salon von Made⸗ moiſelle, wo die eingeladenen Zuſchauer, die Männer im Galarocke und die Frauen ganz weiß gekleidet, um die Farben der Coſtumes beſſer hervorzuheben, warteten. Eine Loge in Form eines Amphitheaters, mit hochrothem Sam⸗ met ausgeſchlagen und mit den Wappen und Deviſen von Frankreich und Schottland geſchmückt, war zur Aufnahme von Maria Stuart bereit. Die Herzogin von Berry ſetzte ſich auf einen Thron. Die Haare gekräuſelt, die Halskrauſe geſtärkt und mit Gott ent n. 11 152 Edelſteinen beſät, in einen langen Rock von blauem Sam⸗ met gekleidet, unter welchem ſie einen Wulſt trug und den drei Millionen Diamanten erdrückten, erinnerte ſie auf das Treffendſte an die Portraits der Königin von Schottland, welche der Nachwelt Frederico Zucechery, Van der Wert und Georgius Vertue geboten haben. Sobald Maria ſaß und ihr Gefolge um ſie herum geordnet war, präludirte die Muſik, und die Tänze began⸗ nen. Eine Quadrille, von Gardel eingerichtet, eine Zu⸗ ſammenſetzung von Sarabande und anderen Pas der Zeit, vermengte einen Augenblick die ſchonſten Fräulein und die ſchönſten jungen Männer des Hofs. Dann geſchah, was geſchehen mußte. Man hatte bald genug an der Geſchichte, an der Majeſtät und an der Repräſentation. Man ließ ein wenig von der Steif⸗ heit der Rolle, die man ſpielte, nach, die Sarabande ver⸗ wandelte ſich in den Contretanz, die Coſtumes und die weißen Kleider vermiſchten ſich, die Schauſpieler vermeng⸗ ten ſich mit dem Publikum, und das ſechzehnte Jahrhun⸗- dert walzte mit dem neunzehnten. Die am wenigſten beherzte Tänzerin war nicht die Herzogin von Berry. Ein Zug, der ſehr gut dieſe lebhafte und ſtolze Na⸗ tur bezeichnet, iſt, daß ſie, als ſie Galoppade tanzend, eine Franſe von Diamanten von ihrem Gürtel, beren Werth ſich auf 500,000 Franken belaufen mochte, hatte fallen laſſen, nicht dulden wollte, daß man den Tanz unterbrach, oder Jemand auf die Seite treten ließ, um das koſtbare Rleinod zu ſuchen! Sie bekümmerte ſich die ganze Nacht nicht eine Sekunde darum. Die Juwelen wurden übrigens am andern Tage wie⸗ der aufgefunden. Nachdem das Beiſpiel durch die Gebieterin des Hauſes ſo gegeben war, begreift man leicht, welche Lebendigkeit und welche Gluth bei dieſem merkwürdigen Feſte herr⸗ ſchen mußten. Es läßt ſich nichts wechſelreicer Schim⸗ am⸗ und ſie von ry, um an⸗ zu⸗ eit, die tte eif⸗ er⸗ die ng⸗ un- die ta⸗ ine rth len ch, are cht ie⸗ ſes eit rr⸗ m⸗ 163 merndes denken, als dieſes Gewimmel von Reichthümern, dieſe Verſchiedenheit in den Farben, dieſer Schwarm von Strahlungen. Jede Tracht, das Ergebniß von langen Medi⸗ tationen und von Inſpirationen, mit Millionen in ihrem Dienſte, hätte beſonders geprüft und bewundert zu werden verdient. Doch Niemand, die Frau Herzogin von Berry viel⸗ leicht ausgenommen, hätte hinſichtlich der gewiſſenhaften Treue der Einzelheiten und der tadelloſen Wahrheit mit einem Herrn, der die Königin Mutter von Schottland begleitet hatte, rivaliſiren können. Dieſer Herr nannte ſich Lord Drummond. Sein Toquet, ſein Mantel, ſein Wamms und ſein Beinkleid waren von grünem Sammet, reich verziert mit Goldfäden, welche ganz entlang liefen und eine Stickerei bildeten, wie man eine auf dem Portrait von Karl IX. von Clouet ſehen kann. Um die Toque war eine Keite beſtehend aus Perlen und Edelſteinen, gefaßt in Indien, befeſtigt. Sein Mantel war gefüttert mit einem grauen Stoff mit goldenen Blumen aus dem Orient gekommen, ähnlich den Stoffen, welche Venedig allein im ſſechzehn⸗ ten Jahrhundert ganz Europa lieferte. Die Knöpfe am Wamms waren feine Perlen. Ein Degen von ausge⸗ zeichneter Arbeit, ſeit dreihundert Jahren in ſeiner Familie aufbewahrt, hing an ſeiner Seite, und er trug an ſeinem Gürtel eine bewunderungswürdig eiſelirte Bügeltaſche, welche Heinrich III. gehört hatte. Durch dieſe ſo richtige und reiche Kleidung in An⸗ ſpruch genommen, hatten ſich die Augen von allen Seiten Lord Drummond zugewendet. Lord Drummond war nicht allein; es begleitete ihn eine Perſon, welche bald die Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Beinahe alle Herren hatten Jemand in ihrem Gefolge; der eine ſeinen Pagen, der andere ſeinen Narren, der dritte ſeinen Waffencapitän, Perſonen zweiten Rangs, die zur Ibwechſelung in der Geſammtheit beitrugen. 164 Derjenige, welcher Lord Drummond begleitete, war eine Art von Arzt oder Aſtrolog, wie ſolche häufig die großen Häuſer des Mittelalters unterhielten. Er war ſehr einfach mit einem langen Rocke von ſchwarzem Sam⸗ met bekleidet, auf dem ſich nur eine ſchwere Kette von reinem Silber und ein langer, weißer, in Wellen auf ſeiner Bruſt ſich ausbreitender Bart hervorhoben. Seine ſih isſer weißen Haare fielen unter einer Pelzmütze herab. Man hätte dieſen Mann vielleicht nicht bemerkt, wären die Blicke nicht durch den Glanz von Lord Drum⸗ mond eingeladen worden; war aber einmal das Auge auf dieſe Geſtalt gefallen, ſo konnte es ſich nicht mehr davon losreißen. Die Aufmerkſamkeit kam wegen des Lords und blieb wegen des Aſtrologen. Die Kleidung war einfach, doch weder hinſichtlich des Geſchmacks, noch hinſichtlich der Kenntniß hätte die ängſtlichſte Empfindlichkeit eine Sylbe einzuwenden gefunden. Nicht eine einzige von jenen Unvollkommenheiten des De⸗ tail, welche die orthographiſchen Fehler der Archäologie bilden! Ein altes Gemälde, das zu leben und zu gehen angefangen hätte, würde nicht um einen Punkt im Rocke und um eine Falte in der Figur verſchieden geweſen ſein. Doch das Coſtume war nur die Beigabe. Es war der Mann, der die Neugierde in Anſpruch nahm und concentrirte. Etwas Männliches und Mächtiges trat in ſeiner ganzen ſtolzen, hohen Geſtalt hervor. Sein Bart und ſeine weißen Haare, wenn man ihn lange betrachtete, wurden Lügen geſtraft durch den unwiderſtehlichen Strahl ſeines grauen Auges und durch die Reinheit ſeiner großen, faltenloſen Stirne. In dem Augenblick, wo die geſchichtliche Etiquette ſich auflöſte und die Ceremonie dem Gemenge Platz machte, beſchäſtigte ſich mehr als eine Gruppe mit dem Manne, der Lord Drummond folgte. Man erkundigte ſich nach * 3 bär die var on uf ine tze kt, m⸗ ge es ie n. e ie en ar nd in rt te, hl n, e, e, ke — 165 ihm. Aber, war er ſehr gut verkleidet oder kannte ihn Niemand, man vermochte ſeinen Namen nicht zu erfahren. „Bei Gott!“ rief der Graf von Bellay,„es gibt ein leichtes Mittel, ihn zu erfahren; ich will Lord Drum⸗ mond fragen.“ „Das iſt unnothig, meine Herren,“ ſprach eine Stimme in der Entfernung. Der Graf und ſeine Nachbarn wandten ſich um. der Aſtrolog ſprach vom andern Ende des Saales; er hatte ihre Unterredung gehört, obgleich die Muſik ihre Stimmen bedeckte. „Bemühen Sie ſich nicht wegen einer ſolchen Klei⸗ nigkeit, Herr Graf,“ fügte er bei, indem er ſich der Gruppe näherte.„Sie wollen meinen Namen wiſſen? Ei! haben Sie ihn nicht an meiner Kleidung errathen? Ich heiße Noſtradamus.“ „Der ächte?“ fragte der Graf lachend. „Der ächte,“ antwortete ernſt der Unbekannte. Voſtradamus. Die ſtolze Miene und die originelle Sicherheit des Aſtrologen hatten bald eine neugierige und heitere Gruppe um ihn verſammelt. „Nun!“ ſprach der Graf von Bellay zu ihm,„wenn Du der ächte Noſtradamus biſt, warum willſt Du uns nicht wahrſagen?“ „Ich werde Ihnen wahrſagen, ſo viel Sie wollen,“ erwiederte Noſtradamus,„und vor Allem über die Ver⸗ gangenheit wahrſagen. Denn wiſſen Sie nur, wer Sie ⸗ 166 ſind, und kennen Sie den Charakter von demjenigen, deſ⸗ ſen Kleldung Sie tragen?“ „Bei meiner Treue! nein,“ entgegnete der Graf. Und ſogleich ſchilderte Noſtradamus mit einigen ra⸗ ſchen Sätzen den Charakter und die Exiſtenz des Mannes, den der Graf aus dem Grabe auferweckt hatte. Die Menge drängte ſich immer gieriger um den Erzähler, und Jeder befragte ihn der Reihe nach über ſeine Rolle. Noſtradamus fing die Fragen gleichſam im Fluge auf, und ohne je verlegen zu ſcheinen, erzählte er allen Verkleidungen ihre Geſchichte mit großer Lebendig⸗ keit und mit überraſchender Kenntniß. Was ſeinen gelehrten Improviſativnen einen beſondern Reiz gab, war, daß man bald bemerkte, Nofftadamus, mochte es Zufall, mochte es Bosheit ſein, nehme aus dem Leben der vorgeſtellten Todten die Abenteuer, welche ſich auf das Leben der Lebendigen, die ſie vorſtellten, bezogen und er erzähle unter der Form von Chronik und alten Ereigniſſen, That⸗ ſachen von geſtern und Intriguen aus der neueſten Zeit. Es war gerade verſchleiert genug, daß die Helden ſich nicht erkannten, und durchſichtig genug, daß die Um⸗ ſtehenden ſie erkannten. Im Grunde lag für Beobachter, welche minder leicht⸗ ſinnig, als Leute des Hofs und des Vergnügens, in Au⸗ genblicken in dieſer hiſtoriſchen Begeiſterung gleichſam ein Gefühl bitterer Freude, die Wunden der Geſellſchaft, die Geheimniſſe der Alkoven und die Litanei der Scandale auszubreiten. Dieſe, immer eleganten und artigen, Scherze ließen häufig die Klaue herber Anſpielungen durchſchauen. Zuweilen waren diejenigen, welche das Coſtume zu Mann und Frau machte, in der That durch die übeln Nachreden der Salons verheirathet; zuweilen gab ein ſelt⸗ fames Zuſammentreffen einem in den Karten zu glücklichen Matquis die Tracht eines durch ſeine Betrügereien im 3 Spiele(eine im ſechszehnten Jahrhundert verzeihliche Sände, der ſich ſelbſt die Konige nicht enthielten)⸗ bekann⸗ eſ⸗ a⸗ es, en ber im g⸗ ern e der en hle at⸗ en m⸗ ht⸗ lu⸗ ein die ale rze n. eln lt⸗ en im che m⸗ 167 ten Todten. Zuweilen war es auch im Gegentheil nicht minder beluſtigend, daß die Perſon eines Ehe⸗ mannes, der dadurch berühmt, daß er den Liebhaber ſeiner Frau getodtet hatte, durch einen von jenen gefälligen Ehe⸗ männern, welche die Süßigkeit des Lebens zu Drei zu würdigen wiſſen, repräſentirt war. Noſtradamus benützte und mißbrauchte dieſe Aehnlichkeiten und dieſe Wider⸗ ſprüche. Hieraus erfolgten tauſend Gelächter und lebendige Tumulte, welche die Menge aus allen Winkeln des Ball⸗ ſaales herbeiſtrömen machten. Unter den Neugierigen, die der freudige Lärm anzog, war einer, bei deſſen Ankunft Noſtradamus ſogleich be⸗ troffen zu ſein ſchien. Das war der preußiſche Geſandte, ein noch junger Mann von kaum vierzig Jahren, aber gealtert, gebückt, ermüdet, die Stirne durchfurcht von tiefen Falten unter dochtartigen, weiß gewordenen Haaren. Man errieth, wenn man dieſes Geſicht ſah, das viel älter war, als ſein Alter, ein offenbar an beiden Enden abgenutztes Leben; einerſeits durch den Schmerz oder das Nachdenken, andererſeits durch das Vergnügen. Erſt vor fünf bis ſechs Tagen in Paris angekommen, am Tage vorher dem König vorgeſtellt, gehörte der preu⸗ ßiſche Geſandte nicht zur Mascarade und war im Hof⸗ kleide erſchienen. Als er ſich Noſtradamus gegenüber fand, bebten Beide. Sie ſchauten ſich einen Augenblick an, doch ſie hatten das Anſehen, als erkenneten ſie ſich nicht. Kannten ſie ſich, ſo hatten ſie ſich ohne Zweifel lange Jahre nicht geſehen; der Eine war raſch genug alt geworden und der Andere hatte ſich hinreichend verkleidet, daß ſie ſich wie⸗ derfinden konnten, ohne ſich zu erkennen, wenn ſie ſich aus dem Geſichte verloren hatten. Nichtsdeſtoweniger ſchien eine mächtige Erinnerung 168 Beide zu berühren. Der erloſchene Blick des Geſandten und der glühende Blick des Aſtrologen kreuzten ſich mit einer ſeltſamen Aufregung. Und als die Menge ſie trennte, wandten ſie ſich um, um ſich noch einmal zu ſehen. In dieſem Augenblick forderte ein Ceremonienmeiſter die ſpottende und lachende Gruppe zum Stillſchweigen auf. Ein Zwiſchenſpiel von Geſang ſollte Abwechſelung in den Ball bringen. Alle ſchwiegen. Beinahe in demſelben Augenblick erhob ſich hinter einem Windſchirm von chineſiſchem Lack eine Frauenſtimme und ſang eine Romanze. Bei der erſten Note dieſer Stimme bebte Noſtrada⸗ mus. Dann ſuchte er plötzlich mit den Augen den preu⸗ ßiſchen Geſandten. Der Geſandte war näher hinzugetreten, um den Ge⸗ ſang zu hören. In einer ſeltſamen Uebereinſtimmung hatte er daſſelbe Beben empfunden, wie der Aſtrolog, und es war, als hätte er einen elektriſchen Schlag erhalten. Uebrigens waren die Muſik und die Stimme der Sängerin ſo beſchaffen, daß ſie alle Gemüthsbewegungen und Erſchütterungen völlig erklärten. Der Geſandte und der Aſtrolog waren ſicherlich nicht allein betroffen von dem ergreifenden Contraſt, den mit dem freudigen, fun⸗ kelnden Ball die nächtliche Klage von Desdemona bildete. Nie waren dieſes ſchwarze Vorgefühl, das ſich auf die Seele der jungen Venetianerin niederſenkt, wie der Schat⸗ ten der Flügel des ganz nahen Todes, dieſe Rührungen und Ohnmachten eines armen Frauenherzens, das ſich zu ſchwach fühlt gegen das Geſchick, dieſer wehmuthvolle und zugleich reizende Todeskampf mit dieſer rührenden Poeſie und dieſer ſchmerzlichen Melancholie begriffen und wiedergegeben worden. Die Sängerin übertraf Roffini 3 und errreichte Shakespeare. Wer war dieſe Frau, deren Stimme ſo viel Seele hutte? 3 —— ter ne d⸗ u⸗ e⸗ 8 nd er en nd on ⸗ ie t⸗ en le en nd ni 169 Da ſie hinter dem Windſchirme verborgen, ſo horte man fie, ohne ſie zu ſehen. Es war nicht die Stimme irgend einer in Paris bekannten Singerin, weder die von Madame Malibran, noch die von Mademoiſelle Sonntag. Wie konnte eine ſolche Stimme in der Hauptſtadt der Welt unbekannt ſein? Von Zeit zu Zeit heftete der Aſtrolog ſeinen durchdringenden Blick auf den Geſandten, den er vertieft, die Augen ſtarr und von einer unerklärbaren Bangigkeit ergriffen fand. Aber wenn der Aſtrolog in dieſem Augenblick Lord Drummond, den Herrn, der ihn gebracht, erblickt hätte, ſo würde ihn das Lächeln der Ertaſe, das er in ſeinem Geſichte hervorbrechen geſehen hätte, noch viel mehr neu⸗ gierig gemacht haben. Als die bewunderungswürdige Stimme ſchwieg, gab die Frau Herzogin von Berry das Signal zum Beifall⸗ klatſchen und zu den Bravos, und jede Hand und jeder Mund war zu einem Sturme in Bewegung geſetzt. Dann trat ein tiefes Stillſchweigen ein, als ob die Erſchütterung des Geſangs noch auf der Bruſt der Ver⸗ ſammlung laſtete. Der Schmerz von Desdemona war in alle dieſe kurz zuvor noch ſo frivolen und ſo glücklichen Seelen übergegangen. Die Herzogin von Berry wollte dieſen Zauber der Traurigkeit, der ihr Feſt zu verdüſtern drohte, brechen. „Nun!“ ſprach ſie,„mir ſcheint, man lachte viel auf jener Seite dort. Was ſagte denn Noſtradamus 2“ „Madame,“ antwortete Herr von Damas,„er pro⸗ phezeite.“. „Man bringe ihn zu mir,“ erwiederte die Herzogin; „ich bin beglerig, mir auch wahrſagen zu laſſen“ „Ich ſtehe zu den Befehlen Eurer Hoheit,“ ſprach der Aſtrolog, welcher gehört hatte. Die Menge drängte ſich um die Herzogin und den Aſtrologen, denn ſie wollte wiſſen, wie er ſich diesmal herausziehen würde. Bis jetzt hatte er geſpottet und la⸗ 17⁰ chen gemacht; doch das Geſchlecht und der Rang der Herzogin benahmen ihm dieſes Mittel, und man fragte ſich, wie ſein Geiſt ſeiner Höflichkeit widerſtehen würde. Aber der Ton und das Geſicht des Aſtrologen verän⸗ derte ſich plötzlich, und er antwortete der Herzogin in einem ernſten, beinahe feierlichen Ausdruck. „Madame, ich habe dieſen Herren nur die Weiſſagung der Geſchichte gegeben. Das iſt die einzige, die ich in Wahrheit kenne, und Eure Koͤnigliche Hoheit kennt ſie ſo gut als ich. Es hat ihr gefallen, mit dem reizenden Namen und der entſetzlichen Geſchichte von Maria Stuart zu ſpielen. Sie ſind Maria Stuart, Madame. Was kann ich beifügen? Sage ich Eurer Königlichen Hoheit, vaß dieſes Hochzeitfeſt nur Trübſalen vorhergeht, daß Maria Stuart nicht mehr lange in dem ſüßen Lande Frankreich verweilen, daß ſie bald über den Ocean ſchiffen wird, um nie mehr zurückzukehren, ſo ſage ich Eurer Königlichen Hoheit nur das, was ihr nicht unbekannt ſein kann.“ Eine peinliche Verlegenheit war in vielen Geſichtern lesbar. Die Herzogin von Berry gehörte nicht zu einer Fa⸗ milie, welche ſo wenig an Verbannungen gewöhnt, daß die Zuſammenſtellung ihrer Zukunft mit der Vergangen⸗ heit, deren Coſtume ſie trug, ihr nicht innerlich ſchmerz⸗ lich war. Sie bemühte ſich, zu lachen. Doch der Ton des Wahrſagers war kalt und traurig geweſen, und nicht ohne eine gewiſſe Anſtrengung erwiederte ſie: „Das find nicht ſehr heitere Prophezeiungen. Haben Sie keine minder düſtere für meinen jungen Bräutigam?“ „Für Monſeigneur den Herzog von Chartres, oder Monſeigneur den Dauphin, will ich ſagen?“ fragte No⸗ ſtradamus. Der junge Prinz reichte ihm heiter die Hand. „Ich bitte Dich, Noſtradamus, laß mich nicht, wie Franz II., den ich vorſtelle, an einem abſcheulichen Loche —„ 8* ——— 8 S— S* — N v 2 e e 17¹ am Kopf, trotz der Wiſſenſchaft Deines Freundes Am⸗ broiſe Paré, ſterben, wenn es nicht etwa auf einem Schlachtfelde ſein ſoll, in welchem Falle Deine Vorher⸗ ſagung willkommen wäre.“ „Ich befrage nicht den Tod,“ erwiederte der Aſtrolog, „ich befrage nur das Leben. Ich rühme mich nicht, zu prophezeien, ſondern zu wiſſen. Ich wieberhole aber, Monſeigneur, was ich Madame geſagt habe: betrachten Sie Ihre Kleidung. Wie ſie Marie Stuart iſt, ſo ſind Sie der Dauphin. Haben Sie dieſe Rolle gewählt oder ſich ihr unterzogen? Sie ſpielen dieſelbe in jedem Fall. Monſeigneur, Ihr Coſtume weiß, daß ich mit einem Er⸗ ben der Krone Frankreichs ſpreche.“ „Mit einem ſehr entfernten Erben,“ entgegnete gleichgültig der älteſte Sohn des Herzogs von Orleans; 1 verleihe meinen drei geliebten Vettern ein langes Leben!“ „Ich ſpreche mit dem unmittelbaren Erben der Krone, mit dem älteſten Sohne eines Königs,“ erwiederte No⸗ ſtradamus gebieteriſch. „ Ein Schatten zog über die Stirne der Frau Herzo⸗ gin von Berry. So unbedeutend auch eine Maskenball⸗Prophezeiung war, ſo entſprach ſie doch mehr als einem geheimen Ge⸗ danken. Die dumpfe Oppoſition, welche der Herzog von Orleans gegen die Politik der Reſtaurativn machte, hatte mehr als einmal die ältere Linie beunruhigt, und die Tuilerieen hatten oft dem Palais Royal mißtraut. Die Herzogin von Berry wollte dieſe Ideen abſchüt⸗ teln und denjenigen zu myſtificiren ſuchen, der im Grunde vielleicht nur ein Myſtificator war. „Nicht Noſtradamus hat dieſe beiden Male geant⸗ wortet, ſondern das Coſtume,“ ſagte ſie.„Nun iſt die Reihe an Noſtradamus. Hier ſteht der Herr Geſandte von Preußen, der erſt vor wenigen Tagen zu uns ge⸗ 172 kommen iſt, der keine Rolle ſpielt und nur ſich ſelbſt vorſtellt.“ Sie machte dem Geſandten ein freundliches Zeichen des Einverſtändniſſes und fuhr fort: „Könnte uns Noſtradamus, nicht die Zukunft, die man anſchuldigen kann, wie man will, und die nicht da iſt, um Einſprache zu thun, ſondern die Vergangenheit des Herrn Geſandten enthüllen? Es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir die Dinge ausnehmen, welche Jemand compro⸗ mittiren könnten, und daß Noſtradamus den Herrn Ge⸗ ſandten um Erlaubniß bitten wird.“ Der Geſandte, der bei der Eſtrade ſtand, vielleicht um in der Nähe des Aſtrologen zu ſein, verbeugte ſich einwilligend. Noſtradamus ſchaute ihn ſtarr an. „Nein, Madame,“ ſagte er,„ich werde nicht die Grauſamkeit haben, den Herrn Grafen Julius von Eber⸗ bach an den entſetzlichen Schmerz zu erinnern, der in ſeiner Vergangenheit liegt. Obgleich nach der Vermuthung Eurer Königlichen Hoheit ein Zauberer, kann ich und will ich nicht die Geſpenſter aus dem Abgrund herauf⸗ beſchwören.“ 6 „Genug, mein Herr!“ rief Julius erbleichend. „Sie ſehen, Madame,“ ſagte der Aſtrolog,„der Herr Graf verbietet mir, fortzufahren, und der Fehler iſt nicht an meiner Wiſſenſchaft.“ Die Herzogin konnte eine Bewegung des Aergers nicht überwältigen. Unwillkürlich durch die zwei Vor⸗ herſagungen betroffen, welche Noſtradamus ihr und dem Herzog von Chartres gemacht hatte, hätte ſie ihn gern bei einem Verſehen ertappt und der Lüge überführt. Doch die plötzliche Bangigkeit des preußiſchen Geſandten bewies, daß der Wahrſager ein erſchreckliches Geheimniß berührt hatte, und der Aberglaube aller Frauenherzen ließ die Herzogin befürchten, derjenige, welcher ſo gut in der Fin⸗ 8 — Ubſt hen die des bſt, r⸗ He⸗ icht ſich die er⸗ ner ung und uf⸗ der iſt ers or⸗ em ern och ies, hrt die in⸗ 173 ſterniß der Vergangenheit ſehe, ſehe auch in der Finſterniß der Zukunft. Sie verſuchte es noch einmal, ſeinen Scharfſinn irre zu führen. „Großer Prophet der vollendeten Thatſachen,“ ſagte ſie,„erlauben Sie mir, Ihnen zu geſtehen, daß Sie mich nicht gänzlich überzeugt haben. Der Herr Geſandte von Preußen iſt eine erhabene Perſon, und alle hohe Exiſtenzen ſind natürlich im Blicke; es bedarf keiner ſehr großen Magie, um ein Ereigniß zu kennen, das ihm widerfahren iſt. Alle Welt kann wiſſen, was der Herr Graf von Ehersbach iſil Sie ſehen ſein Geſicht, und dann erzählen ſie ſein Leben. Um an Ihre Aſtrologie zu glauben, verlange ich, daß Sie eine Perſon errathen, die Niemand hier kennt, und die Sie nicht ſehen.“ „Madame,“ entgegnete Noſtradamus,„es wird ſchwie⸗ rig ſein, in dieſer erlauchten Verſammlung eine Perſon zu finden, die Niemand kennt.“ „Es iſt eine Perſon da, deren herrliche Stimme vorhin alle Welt ergriffen hat,“ erwiederte die Herzogin, „ſoll ich ſie kommen laſſen?“ „Oh! ja,“ rief Noſtradamus mit einem Zittern in ſeiner Stimme. „Oh! ja,“ wiederholte inſtinetartig Jullus. „Nur,“ fügte die Frau Herzogin von Berry bei, „nur können Sie, ſo fremd ſie auch in Frankreich iſt, dieſe Perſon von einer Reiſe her kennen, und ſie wird darum verlarbt kommen. Ein Wahrſager, der nicht in Verlegen⸗ heit iſt, durch die undurchvringlichen Mauern der Zukunft zu ſchauen, wird auch durch ein Stück Atlas nicht be⸗ engt ſein.“ „Sie komme verlarvt oder nicht verlarvt 1antwor⸗ tete haſtig der Aſtrolog. 3 Die Herzogin winkte einem von den Feſtordnern, und dieſer verſchwand. Eine Minute nachher kam er mit der Sängerin zurück. 174 Sie war verlarbt. Es war eine Frau von geſchmeidigem, elegantem Wuchſe. Sie trug einen venetianiſchen Domino, der vor⸗ trefflich mit dem harmonirte, was man von ihrem Kinn und von ihrem offenbar durch die Sonne Italiens ver⸗ goldeten Hals ſah. Ihr ſtolzer Nacken war mit einem titianiſchen Ueberfluß caſtanienbrauner Haare beladen, unter denen einige noch blonde Locken vordrangen. Warum beim Anblick vieſer Frau der Aſtrolog und Julius abermals ihr Herz tief beklommen fühlten, das hätte weder der Eine noch der Andere ſagen können. „Kommen Sie, Madame, daß wir Ihnen danken,“ ſprach die Herzogin zur Sängerin. Und einige Minuten lang war es ein Ausbruch von Lobeserhebungen, die der Sängerin in Begeiſterung er⸗ wiederten, was ſie dem Feſte an Gemüthserſchütterung gegeben hatte. Sie grüßte mit einer ſtolzen und bezau⸗ bernden Anmuth, ſagte aber kein Wort. Die Herzogin wandte ſich an den Aſtrologen und prach: „Nun, mein Herr Noſtradamus, wir haben Ihnen Zeit gelaſſen, dieſe Dame anzuſchauen, und Sie haben dies benutzt,“ fügte die Herzogin bei, als ſie ſah, daß Noſtradamus gierige Blicke auf die Sängerin heftete. „Nach einer ſo ängſtlichen Forſchung werden Sie mir wohl ſagen können, wer dieſe Dame iſt?“ Noſtradamus ſchien die Herzogin nicht zu hören; er ſchaute immer die Sängerin an. „Hören Sie,“ fing die Herzogin von Berry wieder an,„ein Wahrſager, wie Sie, muß nicht ein Jahrhundert nöthig haben. Ja oder nein, erkennen Sie die Dame?“ n wandte ſich endlich um und erwiederte: „Eure Königliche Hoheit wird das letzte Wort bei meinem Scharffinn, wie bei Allem haben. Ich erkenne die Dame nicht.“ — + pPn tem or⸗ inn er⸗ em ter und en, en. n,“ von er⸗ ung au⸗ und nen ben daß ete. mir er der dert ? rte: bei nne 175 „Ah! Sie erklären ſich für beſiegt!“ rief dle Herzogin, als laſtete ein Gewicht weniger auf ihrem Geiſte. Und nach einem Stillſchweigen fügte ſie bei: „Nun denn! da die Zauberei todt iſt, ſo lebe der Ball. Madame, ich danke Ihnen noch einmal. Meine Herren, mir ſcheint, ich ſehe dort hübſche Frauen, welche nicht tanzen.“ Und alsbald, um die Begeiſterung wiederzubeleben, nahm ſie lachend einen Arm, der ſich ihr bot, und warf ſich heiterer als je wieder in den Wirbel des Tanzes. Von da an gab es nur noch Walzer, Mufik und Freude. Das Feſt nahm an Feuer und Leidenſchaftlichkeit zu, je mehr der Tag herannahte, wie eine Kerze im Au⸗ genblick des Erlöſchens am Stärkſten flackert. Die Sängerin hatte ſich im Strome der Menge plötzlich verloren. Der Aſtrolog ſchien ſie einige Minuten zu ſuchen, dann blieb er eine Zeit lang unbeweglich und nachden⸗ kend beiſeit. Später ging er auf einen der Ceremonienmeiſter zu und fragte ihn: „Es wird kein Geſang mehr ſtattfinden?“ „Nein, mein Herr,“ antwortete der Ceremonienmeiſter. „Und die Sängerin, welche die Romanze geſun⸗ gen hat?“ „Iſt weggegangen.“ „Ich danke.“ Er miſchte ſich abermals unter den eleganten Schwarm. In einem Augenblick, wo er am Geſandten von Preu⸗ ßen vorüberging, neigte ſich dieſer an das Ohr eines jungen Mannes, der ihn begieitet hatte. „Lothario, Sie ſehen wohl jenen Mann in det Tracht eines Aſtrologen? Verlieren ſie ihn nicht eine Sekunde aus dem Blick; und wenn er weggeht, nehmen Sie einen von unſern Wagen und folgen Sie dem ſeinigen. Sie werden mir morgen ſagen, wo er wohnt.“ 176 „Es wird geſchehen, Ercellenz,“ antwortete ehrerbie⸗ tig Lothario.„Rechnen Sie durchaus auf mich. Doch Eure Excellenz wird müde, ſie ſollte nach Hauſe fahren.“ „Ja, Lothario, ich gehe; doch, mein armes Kind, ſei unbeſorgt, ich habe nichts mehr an mir zu ermüden oder abzunutzen, wenn nicht meinen Kummer.“ „ Das Haus von Monilmontant. Lothario war damals drei und zwanzig bis vier und zwanzig Jahre alt. Das roſige blonde Kind, das unſere Leſer am Anfang vieſer Geſchichte, wie es auf dem Schooße von Chriſtiane die Buchſtaben des Alphabets lernte oder mit Stürmen der Freude die wunderbare Schweinsjagd von Samuel Gelb bewunderte, geſehen zu haben ſich er⸗ innern werden, war ein edler und reizender junger Mann geworden, der zugleich in ſeinen freundlichen und entſchloſ⸗ ſenen Augen vie Lebhaftigkeit des Franzoſen und die Sanft⸗ muth des Deutſchen hatte. Aus dem Eifer, mit dem er den Aufforderungen des Grafen von Eberbach gehorcht, und aus der liebevollen und zugleich ehrebietigen Art, wie er ihm beim Weggehen zugenickt hatte, war leicht zu erſehen, daß zwiſchen Julius und Lothario andere Beziehungen ſtattfanden, als die eines Geſandten zu ſeinem Secretaire. Es ſchien eher das verihi eines Vaters und eines Sohnes zu ſein. waren in der That für einander ihre ganze Fa⸗ milie. Als wir die Bekanntſchaft von Lothario machten, war er ſchon Waiſe von Vater und Mutter; dann ſtarb ſein Großvater, der Pfarrer, und endlich ließ ihn der —— — S e9— S— bie⸗ och en.“ ind, iden und ſere oße oder agd er⸗ ann loſ⸗ nft⸗ des llen hen lius ines das Fa⸗ ten, arb der 177 Tod von Chriſtiane ganz allein auf der Welt. Das Leben von Julius war nicht minder verödet. Seine Frau war bald ihrem kleinen Wilhelm nachgefolgt, und 1829 war es ein Jahr, daß ſein Vater zu Chriſtiane hinübergegan⸗ gen. Julius hatte alſo keine Verwandtſchaft mehr, als in Lothario, und Lothario keine mehr, als in Julius, und ſie ſchloſſen ſich enge aneinander an, um die große Leere nicht zu ſehen, die der Tod zwiſchen ihnen gemacht hatte. Mit einer ängſtlichen Sorgfalt und gleichſam um, mehr als den Befehlen eines Obern, der Bitte eines Freundes zu gehorchen, folgte nun Lothario mit den Au⸗ gen, ohne ihn je in der Menge zu verlieren, dem Manne, über welchem zu wachen der Graf von Eberbach ihn be⸗ auftragt hatte. Er ſah ihn, nach dem Abgang des Grafen, ſich Lord Drummond nähern und mit ihm ſprechen. Doch von fern konnte ſie Lothario nicht hören, und er hätte ſie auch nicht hören wollen. Der Aſtrolog ſagte zu Lord Drummond: „Das iſt der ſchöne Augenblick des Balls, der, wo man vergißt, der, wo man ſogar die Freude, wo man ſogar den Schmerz vergißt.“ „In der That ein vergeßliches, leichtſinniges Ge⸗ ſchlecht,“ murmelte Lord Drummond mit dem Tone übler Laune.„Wie in der Trunkenheit, haben ſie nicht einmal das Bewußtſein des Glücks. Fragen Sie dieſe Leute nur, ob ſie ſich des wunderbaren Geſangs von vorhin erin⸗ nern. „Sie waren auch davon betroffen?“ ſagte lebhaft der Aſtrolog. Lord Drummond antwortete auf dieſen Ausruf nur durch ein Lächeln. „Er iſt ſehr kurz geweſen!“ fügte Noſttadamus bei. „Sehr kurz und ſehr lang! eine Extaſe und eine Gott lenkt. U. 12 178 Marter!“ rief Lord Drummond.„Ah! wenn irgend eine Andere, als die Frau Herzogin von Berry, verlangt 1 daß ſie ſänge, ſie würde ſicherlich nicht geſungen aben.“ Der Aſtrolog war ohne Zweifel vertraut mit dem ercentriſchen Weſen ſeines edlen Freundes; venn er ſchien ſich durchaus nicht über den bizarren Widerſpruch zu wun⸗ dern, den ſeine Worte enthielten. Er fragte nur:. „Sie kennen dieſe Sängerin, Mylord?“ „Ich kenne ſie.“ „Ah! ich bitte, ein Wort. Seit zwei Jahren, ſeit f Ihrem Aufenthalte in Indien, habe ich Eure Herrlichkeit t aus dem Geſichte verloren. Kennen Sie dieſe Frau ſchon 1 lange? Kennen Sie ihre Familie? Aus welchem Lande iſt ſie?“ d Lord Drummond ſchaute denjenigen, welcher hoſtig und ungeduldig dieſe Fragen an ihn richtete, ſtarr an und r antwortete langſam: „Ich kenne die Signora Olympia ſeit achtzehn Mo⸗ 1 naten. Mein Vater hat ihren Vater, einen armen Teu⸗ 1 fel von einem Zigeuner, gekannt. Was ihre Herkunft be⸗ ſ trifft, ſo halte ich Sie nicht für ſo fremd in der Welt der Künſte, daß ich Ihnen zu ſagen brauche, Olympia ſei eine Italienerin. Man müßte nie eine Zeitung geoffnet oder in einem Salon geplaudert haben, um nicht von der berühmten Primadonna ſprechen gehört zu haben, welche die ſchönen Tage der Scala und von San Carlo gemacht — und mehr als eine Rolle in den ſchoͤnſten Opern von Roſſini geſchaffen hatte, aber, ſei es aus Patriotismus, ſei es aus Laune, ausſchließlich nur in Italien und auf L italieniſchen Theatern ſingen wollte.“ v 2 d „Ah! es iſt die Diva Olympia,“ wiederholte nach Lord Drummond der Wahrſager, den diesmal ſeine Kunſt im Stiche gelaſſen hatte.„Das iſt in der That das Wahr⸗ ſcheinliche.“ Er lächelte und ſprach wie zu ſich ſelbſt: n 179 „Gleichviel, das Leben hat ſeine ſeltſamen Halluci⸗ nationen.“ „Das Feſt langweilt mich nun in dem, was Sie ſein Vergeſſen nennen,“ ſagte Lord Drummond.„Ueber⸗ dies wird es ſogleich Tag werden. Ich fahre nach Hauſe. Bleiben Sie?“ „Nein,“ antwortete Noſtradamus,„ich folge Eurer Herrlichkeit. Der Ball hat kein Intereſſe mehr für mi.. 3 Sie wandten ſich nach dem erſten Salon. Lothario folgte ihnen. Sie ließen ihren Wagen durch einen Be⸗ dienten verlangen. Lothariv rief den Bedienten zurück, um zugleich den ſeinigen zu verlangen. Bei der zahlloſen Menge von Equipagen, welche den großen Hof der Tuilerien gleichſam verſtopften, ver⸗ gingen zehn Minuten, ehe die zwei Wagen vorgefahren waren. „Wenn Sie es wünſchen, mein Freund,“ ſagte mitt⸗ lerweile Lord Drummond zu Noſtradamus,„ſo werde ich machen, daß Sie dieſer Tage mit Olympia zu Mittag ſpeiſen, doch unter einer Bedingung.“ „Unter welcher, Mylord?“ „Daß Sie Olympia nicht bitten, zu ſingen.“ In dieſem Augenblick rief der Bediente nach ein⸗ ander: „Die Leute von Lord Drummond.“ „Die Leute des Baron von Ebrenſtein.“ Lord Drummond und der Aſtrolog gingen mit ein⸗ ander die Treppe hinab, auf zwei Schritte gefolgt von Lothario. Sie ſtiegen in denſelben Wagen, wonach der von Lothariv vorfuhr. Lothario ſagte in dem Augenblick, wo der Lackei den Wagenſchlag ſchloß, dieſem leiſe ein Wort, das der Lackei dem Kutſcher wiederholte. „ Der Wagen fuhr raſch dem von Lord Drummond na 6 3 180 Es war noch Nacht; doch ſchon traten weißliche Flecken ſtellenweiſe auf dem gräulichen Himmel hervor. Die Morgendämmerung wagte es, einige blaue Scheine abzuſenden. Die Luft war lau, und man fühlte darin Wogungen, welche Vorboten des Frühlings gli⸗ en. Eine ungeheure abgezehrte, zerlumpte Menge drängte ſich an den Pforten und Gittern, ein ſchreiender Gegen⸗ ſatz des Elends und des Hungers der Luſt und dem Ue⸗ berfluß gegenüber. Bei jedem Wagen, der voll von Ver⸗ goldung, von Perlen und von Lächeln herauskam, vernahm man Ausrufungen bitterer Bewunderung und neidiſchen Geſpöttes, und die Vergleichung dieſes Lurus und dieſes Glanzes der Einen mit der Entblößung der Andern ſollte eine Wuth mehr dem dumpfen Haſſe von denjenigen bei⸗ fügen, welche kein Brod auf ihrem Tiſche und keine Decke auf ihrem armſeligen Lager hatten. Es iſt ſeltſam, daß alle Volksaufſtände in Folge eines berühmten Feſtes kommen, und daß die Revolution von 1830 zur Vorrede den Ball der Herzogin von Berry 1 in den Tuilerien gehabt hat, wie der Ball des Herzogs von Montpenſier in Vincennes die Vorrede der Revolu⸗ tion von 1848 geweſen iſt! Der Wagen von Lord Drummond fuhr durch die Rue de Rivoli, über die Place Vendome nach der Rue de la Ferme des Mathurins. In dieſer Straße hielt er vor der Thüre eines weit⸗„ läuſigen Hotels von fürſtlichem Anſehen. Der Futſcher von Lothario hielt in einiger Entfer⸗ nung davon an. Lothario ſtreckte den Kopf zum Schlage hinaus und ſah Lord Drummond ausſteigen. 4 Der Aßtrolog ſtieg nicht aus. Der Wagen des Wahrſagers fuhr weiter, erreichte die Boulevards, folgte ihnen bis zum Faubourg Menil⸗ montant, ſetzte ſeinen Weg durch dieſen, ſodann durch die ——— „————— te l⸗ ie 181 Barriére an den erſten Häuſern vorbei fort und gelangte unten an die jähe Steige. Lothariv befürchtete, bei dieſer Stille der im Schritte fahrenden Wagen könnte ſeine Verfolgung vom Unbekann⸗ ten bemerkt werden. Er ſtieg aus, befahl ſeinem Kutſcher, ihm nur von ſehr fern zu folgen, hülite ſich in ſeinen Mantel und ging dem Unbekannten auf ſeiner Spur nach. Oben auf dem Hügel wandte ſich der Wagen links und fuhr in ein ödes Gäßchen hinein. Die Pferde ſchlugen wieder einen Trab an und gingen bis zu einem vereinzelten Hauſe, deſſen Garten von der Straße durch eine von einer Weinlaube beſchatteten Ter⸗ raſſe getrennt war. Von hier konnte man, da kein ge⸗ genüberliegendes Haus den Blick hemmte, nicht nur die Straße und die Vorüberkommenden, ſondern auch das ſtolze Thal ſehen, das ſich Paris nennt. Zehn Schritte vom Boden, mußte ein ſteinernes Ge⸗ länder, mit großen Blumenvaſen beſetzt, im Sommer aus dieſer Terraſſe eine Hecke von Grün und Wohlgerüchen machen. Beim Geräuſche des Wagens trat Jemand haſtig auf die Terraſſe vor, und bei der Helle des Morgens, der am Horizont hervorzubrechen anfing, ſah Lothario, welcher nun langſamer gegangen war, plötzlich den reizenden Kopf eines jungen Mädchens ſich über vas Geländer neigen. Der Anblick dieſes Mädchens machte einen ſeltſamen Eindruck auf Lothariv. Sobald er die junge Perſon er⸗ blickt hatte, ſah er nur noch ſie. Er war des Aſtrologen wegen gekommen; doch der Aſtrolog, der Ball der Tui⸗ lerien, der Geſandte von Preußen, die Welt, in einer Sekunde beſtand nichts von Allem dem mehr für ihn. Es war nicht allein wegen der Schönheit dieſer jungen Erſcheinung. Sechzehn Jahre, friſcher als der Thau, glänzender als der erſte Strahl, jünger als das Morgenroth, ſchien Lothario ſie es zu ſein, die den Him⸗ mel erleuchtete, und die die Nacht erwartet hatte, um ihre Sterne auszulöſchen. Der ſchoͤne und ſtolze junge Mann fühlke⸗plotzlich in ſeinem Herzen einen ungeheuren Schmerz wie beim Anblick eines Ideals, das unmöglich zu erreichen und zu hoch für ein elendes, ſterbliches Ge⸗ ſchoͤpf wie er. Zugleich aber empfand er, wir wiederholen es, eine ſeltſame Bewegung in ſeinem Innern. Dieſes junge Mäd⸗ chen, er hatte es nie auch nur geträumt, und dennoch kam es ihm vor, als kennete er es, und zwar ſeit langer Zeit, ſeitdem er auf der Welt war. Es war indeß nicht die ſichtbare Offenbarung von jenem vorhergehenden Typus und von jener angeborenen Ahnung, welche jedes große Herz in ſich trägt. Es war nicht ſeine, bis dahin ungenannte und undeutliche, Chimäre, die ſich durch die Güte Gottes verwirklichte und lebend machte. Nein, es war mehr Wirklichkeit, als dies, in ſeinen Erinnerun⸗ gen oder in ſeinen Ahnungen. Dieſes unbekannte Mäd⸗ chen, wir ſagen es noch einmal, er erkannte es wieder; mehr noch, er hatte es geliebt. Die Erſcheinung dauerte nur eine Sekunde, doch in dieſer Sekunde lebte Lothario mehr, als in ſeinem ganzen Leben. Der Aſtrolog war aus dem Wagen geſtiegen, das Mädchen hatte, ihn erkennend, freudig und naiv in die Hände geklatſcht, es hatte ihm geöffnet, Beide waren in das Haus eingetreten, die Thüre hatte ſich geſchloſſen und der Wagen war wieder abgegangen, als Lothario noch auf der Straße ſtand,— unbeweglich, die Augen auf den Platz genagelt, wo ihm das ſtrahlende Kind er⸗ ſchienen war, und wie niedergeſchmettert von dieſem Blitze der Anmuth, des Lichts und der Reinheit. „Oh! ja,“ ſagte er,„ich will mir aufſchreiben, wo er wohnt.“ Und er ſchrieb, indem er nur dem Gebote des Gra⸗ 1 —— „—— 5—— —„ 8„850 183 fen von Eberbach zu gehorchen glaubte, den Namen der Straße und die Nummer des Hauſes auf.. Dann ſagte er mit dem Blicke Lebewohl, oder viel⸗ mehr: Auf Wiederſehen! zum Hauſe, zur Terraſſe, zur Thüre, kehrte zu ſeinem Wagen zurück und fuhr wieder nach Paris. Das junge Mädchen, das den Spaziergänger am frühen Morgen nicht einmal bemerkt hatte, zog raſch denjenigen, auf welchen Lothario in ſeinem Herzen ſchon eiferſüchtig war, zu einem beſcheiden ausſehenden, aber hübſchen, zierlichen Häuschen fort. Die Fagade dieſes Häuschens, von rothen Backſteinen mit dunkelgrünen bot durch blätterreichen Epheu einen heiteren An⸗ Der Aſtrolog, dem das Mädchen voranſchritt, ſtieg eine Freitreppe von ein paar Stufen hinauf, und einige Augenblicke nachher ließ ihn die junge Perſon ſich zu einem großen flammenden Feuer, in einem ſehr einfach, aber ſehr angenehm eingerichteten Salon ſetzen. „Wärmen Sie ſich wohl, mein Freund,“ ſagte ſie, „während ich Sie nach meinem Gefallen anſchaue. Wie gut find Sie, daß Sie meiner Kinderlaune nachgegeben haben und in Ihrem Coſtume gekommen ſind, damit ich es ſehen kann! Es iſt ſtreng und herrlich! Es ſteht Ihnen vortrefflich. Erheben Sie ſich doch ein wenig.“ Der Aſtrolog ſtand auf. „Ich danke,“ ſagte ſie.„Das Coſtume ſcheint für Ihre hohe Geſtalt gemacht zu ſein. Dieſer große weiße Bart und dieſe ſilbernen Haare verleihen Ihrem Ernſt, vor dem ich mich zuweilen fürchte, eine gewiſſe Milde. S ſo dem Bilde, das ich mir von einem Vater mache.“ Ich will das nicht!“ rief der Aſtrolog. Der entzückte Blick, den er auf das Kind heftete, erloſch plötzlich in einer düſtern Falte, welche über ſeine 184 wegung riß er ſeinen Bart und ſeine falſchen Haare ab. Das Mädchen hatte Recht: ſeine ſchwarzen Haare machten ihn jünger, aber härter, und es lag im Geſichte dieſes Mannes etwas Gebieteriſches, Unverſöhnliches, was mehr als ein Kind furchtſam machen konnte. Das Mädchen ſchüttelte artig den Kopf und ſagte: „Warum wollen Sie nicht mein Vater ſein? Ich ſoll alſo keinen haben? Soll ich denn mein ganzes Leben Waiſe und ohne Vater und Mutter ſein? Und Sie wollen nicht, daß ich Sie liebe?“ „Ich! nicht wollen, daß Sie mich lieben?“ rief der Aſtrolog, deſſen Augen einen ſeltſamen Auspruck von lei⸗ denſchaftlicher Zärtlſchkeit annahmen. „Nun, wenn Sie wollen, daß ich Sie liebe, wie würde ich Sie beſſer lieben, als indem ich Ihre Tochter bin. Gibt es in der Welt eine vollſtändigere und zartere Zuneigung, als die der kindlichen Dankbarkeit 2 Ich, ich träume nichts darüber.“ „Sie ſind ein reines und edles Geſchöpf, Friedrike! Und Sie lieben mich, nicht wahr?“ „Von ganzem Herzen,“ antwortete ſie voll Innigkeit. Doch ſie ſtürzte nicht auf ihn zu, und er, er ſtreifte nicht einmal ihre Stirne mit ſeinen Lippen. Er ſetzte ſich vor das Feuer, und ſie nahm neben ihm auf einem Tabouret Platz. „Haben Sie Hunger?“ fragte ſie. Er ſchüttelte verneinend den Kopf. Sie fuhr fort: „Sie müſſen eher müde ſein. Wollen Sie ſchlafen? Soll ich Frau Trichter rufen, wenn Sie etwas brauchen? Wollen Sie nun, da ich Sie geſehen habe, nicht dieſe Kleidung ablegen? Das Feſt war herrlich, nicht wahr?“ „Sie hätten vielleicht dort ſein mögen, Friedrike 2“ „Vielleicht; ich habe noch ſo wenig geſehen. Doch ich weiß wohl, daß es unmöglich war, und, ſeien Sie unbeſorgt, ich habe mich ſehr gut gefügt.“ Stirne lief, und mit einer raſchen, beinahe heftigen Be⸗ Be⸗ b. are chte vas te: ben len der ei⸗ vie ter ere ich it. fte en ſe 9 ie —,—— — 185 „Es iſt wahr, mein armes Kind, Sie haben bis jetzt kaum Feſte und Vergnügungen gehabt. Frievrike,“ fügte er bei,„ſagen Sie ganz aufrichtig, wünſchen Sie nichts?“ „Mein Gott!“ antwortete ſie,„nichts und Alles. Ich möchte gern eine Familie haben, um mehr zu lieben; reich ſein, um mehr zu geben; geſcheidt ſein, um mehr zu begreifen. Aber eine Waiſe, arm und einfach, bin ich doch glücklich.“ „Friedrike,“ ſprach der Aſtrolog,„üch will, daß Sie nichts vergebens wünſchen, ich will, daß es Nichts und Nie⸗ mand über Ihnen gebe, und das wird ſein, dafür hafte ich Ihnen. Oh!l um den geringſten von Ihren Wünſchen zu befriedigen, werde ich die Welt in Bewegung ſetzen. Sie ſfind mein Glaube, meine Stärke, meine Tugend. Sie ſind das einzige menſchliche Geſchöpf, das ich je ge⸗ achtet. Sie haben in mir, der ich nur die Größe der Verachtung hatte, etwas Seltſames, Höheres entwickelt. Ich liebe Sie und glaube an Sie, wie Andere an Gott glauben.“ „Oh! ſprechen Sie nicht ſo von Gott!“ verſetzte ſie mit einer bittenden Geberde. „Warum nicht?“ entgegnete er.„Weil ich ihn, ſtatt ihn im leeren Raume oder in knabenhaften Symbolen anzubeten, in ſeinem koſtbarſten Ausdruck anbete. Weil ich, va ich eine Seele ſehe, welche die Vollendung und das Ideal ſelbſt iſt, nach nichts darüber aufſtrebe? Weil ich überall, wo ich Schonheit, Reinheit, Liebe ſehe, Gott dar⸗ in zu ſehen glaube?“ „Verzeihen Sie, Freund,“ ſagte Friedrike,„nicht auf vieſe Art hat man mich die Religion gelehrt.“ „Das heißt,“ ſprach der Aſtrolog mit einem Ton, in dem ſich ein wenig Bitterkeit berrieth,„zwiſchen dem Glauben einer alten abergläubiſchen Haushälterin, wie Frau Trichter, und dem eines Mannes, der ſein Leben mit Denken und Suchen hingebracht hat, wählen Sie den albernen Glauben?“ 186 „Ich wähle nicht,“ erwiederte ſie elnfach.„Ich ge⸗ horche den Inſtincten, die Gott mir ſchickt. Sie ſind ſtark, Sie haben nicht bange, an das Genie und an die Freiheit des Menſchen zu glauben. Aber ich, die ich demüthigen Herzens bin, wie ſollte ich Gottes entbehren?“ Der Aſtrolog ſtand auf. „Mein Kind,“ ſagte er mit ſanftem Tone,„Sie find frei, glauben Sie, was Sie wollen, ich nehme Sie zum Zeugen, daß ich Ihnen nie einen Glauben oder ein Ge⸗ fühl auferlegt habe. Wiſſen Sie aber auch,“ rief er mit Energie,„ſo lange ich da ſein werde, brauchen Sie Nie⸗ mand, weder auf der Erde, noch im Himmel. Sie werden mich haben.“ Und als ſie ihn anſchaute, ohne Zweifel erſtaunt über eine Blasphemie, von der ſie weder die Ruchloſigkeit, noch die Größe begriff, ſagte er; „Kind, Sie ſehen einen Mann, der, ehe er mit Ihrem Geſchicke betraut war, ſchon viele Dinge gethan und un⸗ ternommen hatte; nun aber, da es ſich nicht mehr um mich allein handelt, fühle ich meine Energie verhundert⸗ facht. Oh! ja, ich will, daß Sie glücklich ſein ſollen. Und wenn ich ein Ziel habe, gehe ich gerade darauf los, bis ich es erreiche. Ich ſehe aus, als hätte ich mein Leben verloren, da ich, beinahe vierzig Jahre alt, weder Vermögen, noch eine Stelle habe. Doch ſeien Sie un⸗ beſorgt, der Grund iſt gelegt, das Gebäude wird ſich bald von der Erde erheben. Ich habe Schätze aufgehäuft, mit denen ich Sie bereichern werde. Oh! ich habe viel ge⸗ arbeitet. Für Sie werde ich Alles thun, Sie werden ſehen, was es iſt, einen ſouverainen Willen haben, der an die Souverainetät des Menſchen glaubt. Nie habe ich kleine Bedenklichkeiten gehabt; aber früher hatte ich noch elende Empfindlichkeiten der Eigenliebe, eine kindiſche Eitelkeit, eine ungeſchickte Steife. Für Sie werde ich Alles opfern, mit meinem Stolz anzufangen. Ich werde 187 kriechen, wenn es ſein muß, ja, ich! und ich fühle mich fähig, Ihr Glück aus meiner Schande aufzuraffen.“ „Oh!“ rief Friedrike, beinahe erſchrocken über dieſe aufopfernde Ergebenheit. „Noch heute,“ fuhr er fort,„noch heute werde ich den Eckſtein Ihres Glückes legen. Ich erwarte die Bezeichnung einer entſcheidenden Zuſammenkunft.“ Er ſchaute einen Augenblick Friedrike mit einem Aus⸗ druck unausſprechlicher Zärtlichkeit an. „Oh! Sie werden Alles haben!“ ſagte er. Dann, als befürchtete er, zu viel zu ſagen: „Doch ich muß einige Augenblicke ruhen: Frau Dorothea!“ rief er. Eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren, von einfa⸗ chem, ſanftem, würdigem Ausſehen, trat ein. „Frau Trichter,“ ſagte er,„ein Fremder wird im Verlaufe des Tags erſcheinen und mit dem Herrn des Hauſes zu ſprechen verlangen. Sie werden es mir ſogleich melden. Auf baldiges Wiederſehen, Friedrike.“ Er drückte dem Mädchen die Hand, ging hinaus und ließ Friedrike träumeriſch zurück. Gegen Mittag klopfte Frau Trichter an die Thüre ſeines Zimmers und meldete, man verlange in der That nach dem Herrn des Hauſes. Er ging ſchleunigſt in den Salon hinab, wo man den Beſuch hatte eintreten laſſen; als er aber denjenigen erblickte, welcher auf ihn wartete, machte er eine Geberde getäuſchter Hoffnung. Er erkannte ihn nicht. Es war Lothario.* Lothario, der den Aſtrologen erkannte, verbeugte ſich und übergab ihm ſtillſchweigend einen Brief. Während er ihn las, heftete Lothario die Augen auf die Thüre, jede Sekunde hoffend, die Erſcheinung vom Morgen würde wieder vor ihm leuchten. Doch er wartete vergebens; ſeine Hoffnung verwirklichte ſich nicht. 188 Der Aſtrolog von der Nacht hatte indeſſen zu Ende geleſen und ſagte zu Lothario mit einem unbeſchreiblichen Lächeln: „Es iſt gut, mein Herr, morgen früh bei der preu⸗ ßiſchen Geſandtſchaft; ich werde vort ſein.“ Nach ſeinen Inſtructionen verbeugte ſich Lothario und ging ab. Eine Stunde nachher erſchien ein anderer Beſuch. „Ah! endlich!“ rief der Herr des Hauſes, diesmal denjenigen erkennend, welchen er erwartete, Der Mann ſagte nur zu ihm die Worte: „Heute Abend um eilf Uhr. Man zählt auf Sie, Samuel Gelb.“ Der Abgeſandte des Oberſten Rathes. Es war halb zwölf Uhr, als Samnel Gelb an die Thüre eines Hauſes der Rue Servandoni, hinter Saint⸗ Sulpice, klopfte. Die Zuſammenkunft war ihm auf den Punkt eilf Uhr bezeichnet worden, doch Samuel hatte abſichtlich ein wenig gezögert, da er nicht warten wollte, oder, wer weiß? erwartet werden wollte. Das Haus, an das er klopfte, hatte in ſeinem Aeuße⸗ ren nichts Beſonderes, wodurch die Aufmerkſamkeit erregt worden wäre. Es war, wie alle ſeine Nachbarn, ein ſtilles, abgelegenes, für die Straße gleichgültiges und für das Geräuſch todtes Haus. Die Thüre wurde ein wenig geöffnet; Samuel Gelb ſchlüpfte hinein und ſchloß ſie raſch. Er murmelte; — — l — — N —„ 189 „Ich trete wie ein Dieb ein und kann mehr als ein König weggehen.“„ Der Portier kam aus ſeiner Loge heraus und hielt ihn an: „Nach wem verlangen Sie?“ „Nach Denjenigen, welche zwei und vierzig Stufen hinaufgeſtiegen ſind.“ Der Portier kehrte in ſeine Loge zurück und ſchien zufrieden mit dieſer ſeltſamen Antwort. Das mußte kein Portier ſein. Samuel durchſchritt einen erſten Gang, wählte dann einen zweiten Gang rechts und ſtieg eine erſte Treppe von ein und zwanzig Stufen hinauf. Hier näherte ſich ihm ein Mann. „Frankreich?.. ſagte er ihm ins Ohr. „Und Deutſchland,“ antwortete Samuel leiſe. Der Mann trat auf die Seite, und Samuel ſtieg abermals ein und zwanzig Stufen hinauf. Es war eine Thüre vor ihm, er oͤffnete ſie und trat in eine Art von Vorzimmer ein, wo ein anderer Mann auf ihn zukam. „Die Völker,“ ſagte der Mann mit leiſer Stimme. „Sind die Könige,“ vollendete Samuel. Samuel wurde ſodann in einen ſehr einfach ausge⸗ ſtatteten Saal eingeführt. Es war nur eine Verſchwendung an Tapetenwerk bemerkbar. Wände, Böden, Fenſter, Plafond, Alles war ausgeſchlagen und bedeckt mit dichten Stoffen, offenbar beſtimmt, das Geräuſch zu dämpfen und die Stimmen einzukerkern. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Thüren gefüttert und die Läden geſchloſſen waren. Weder Lampen, noch Kerzen. Der Saal war nur durch das Feuer des Kamins beleuchtet, deſſen große ſchwankende Reflexe in Augenblicken die Figuren der Ta⸗ peten leben und ſich bewegen zu machen ſchienen. ¹90 Sechs Männer ſaßen in Erwartung von Samuel umher.“ Fünf hatten das Geſicht entblößt, der ſechste war verlarbt, und er hielt ſich, als genügte ſeine Larve noch nicht, ihn zu verbergen, in einen langen Mantel gehüllt in einer Ecke, wo ihn der Schein des Herdes nicht er⸗ reichen konnte. Die Stühle der Anweſenden waren gegen den Ver⸗ larvten, als gegen den natürlichen Präſidenten der Ver⸗ ſammlung, gedreht. Beim Eintritt von Samuel ſtanden Alle auf, den Verlarvten ausgenommen. Als Samuel gegrüßt hatte, heftete ſich ſein Blick ge⸗ rade auf den Fremden. Mit ihm ſollte er es zu thun haben, mit ihm ſollte er kämpfen. „Sie ſind,“ ſagte er,„Sie find das Mitglied des Oberſten Rathes, das unſerer Sitzung anzuwohnen uns die Ehre erweiſt.“ Der Verlarvte machte ein bejahendes Zeichen. Sa⸗ muel hatte einen Ausdruck von Freude und Bitterkeit. Er nahm unter den Andern Platz und fuhr fort: „Unſer Gaſt hat ohne Zweifel ſeine Beglaubigungs⸗ briefe?“ Ohne ein Wort zu ſprechen, reichte ihm der Ver⸗ larvte mit einer ſchwarz behandſchuhten Hand einen ver⸗ ſiegelten Brief. Samuel näherte ſich der Flamme und unterſuchte das Siegel. „Ja,“ ſagte er,„es iſt das Siegel des Raths.“ Er erbrach den Umſchlag und entfaltete den Brief. „Es find die Zeichen und Unterſchriften.“ Er las ſodann laut: „Unſere Brüder in Paris werden bei ihren Ver⸗ ſammlungen den Inhaber des Gegenwärtigen zulaſſen, dem wir in allen Dingen Vollmacht geben. Er wird 3 191 bei allen Berathungen die entſcheidende Stimme haben. Er wird immer ſeine Maske beibehalten und nie ſpre⸗ chen. Er wird auf alle Fragen durch bejahende oder ver⸗ neinende Zeichen oder durch das Stillſchweigen antwor⸗ ten. Denn ſeine Individualität ſoll nicht in unſerem Col⸗ lectivgedanken verſchwinden oder ſich abſorbiren; es wird fein Menſch ſein, ſondern der unſichtbare und ſtumme Rath; er wird aufhoͤren, er zu ſein, um nur wir zu ſein.“ „Es iſt gut,“ ſprach Samuel, während er den Brief wieder zuſammenlegte und in ſeine Taſche ſteckte. „Meine Herren, die Sitzung iſt eröffnet.“ Alle ſetzten ſich wieder. „Da der Oberſte Rath uns diesmal hört,“ ſprach Samuel Gelb,„ſo wird es, glaube ich, erſprießlich ſein, wenn wir damit anfangen, daß wir auseinander ſetzen, wo wir in Frankreich find, und unſere Hoffnungen und Fortſchritte durchgehen.“ Der Verlarvte machte ein Zeichen der Billigung. Samuel fuhr fort: „Seit vierzehn Jahren, ſeit dem Sturze des Kaiſers Napoleon, hat der Tugendbund nicht ſeine Ideen, aber ſeinen Zweck verändert. Nachdem der Deſpot gefallen iſt, bekämpft er den Deſpotismus. Die Koͤnige hatten Deutſchland nur die Freiheit verſprochen, um es gegen Napoleon aufzuwiegeln; fobald Napoleon todt war, haben ſie das nachgeahmt, was ſie ihm vorwarfen. Hat unſere theure Nation, einſt durch einen Rieſen aufrecht gehalten, viel dabei gewonnen, daß ſie durch das feine Gewebe dieſer Liliputfürſten geknebelt worden iſt? Die Unter⸗ drückung iſt nur um ſo demüthigender. Der Bund der Stärke hat uns von der fremden Herrſchaft befreit, es iſt am Tugenvbund, das innere Joch zu brechen. Nach der Unabhängigkeit wollen wir die Freiheit.“ „Wir werden ſie haben!“ rief einer von den Fünf. „Wir haben wenigſtens ſchon etwas für ſie gethan,“ fuhr Samuel fort.„Das Herz der Demokratie ſchlägt 192 in Paris. Der Bund mußte alſo in unmittelbarer und beſtändiger Verbindung mit Parls ſein. Eine verſtändige und ſichere Gruppe mußte ſich zwiſchen den zwei Ländern halten und eine Hand dem Oberſten Rathe in Deutſch⸗ land und die andere den Vente*) des Carbonarismus in Frankreich reichen. Das iſt die Rolle, welche die fünf Freunde angenommen haben, die mich vor zwei Jahren bei meiner Rückkehr aus Indien ihrem Bund beitreten zu laſſen die Güte hatten. Und nie, das verſichere ich, war eine Propaganda muthiger und ergebener, als die ihrige.“ „Wir haben unſere Pflicht gethan,“ rief einer von den Anweſenden. „Mein Herr,“ ſprach Samuel, indem er ſich mehr unmittelbar an ſeinen ſtummen Zuhörer wandte,„wollen Sie, der Sie vielleicht von auswärts kommen, wiſſen, wie es um die Lage der Dinge ſteht? Wohl denn, die Entwickelung naht heran. Der halbliberale Miniſter, wel⸗ cher Frankreich regiert, wird alsbald fallen. Indem er beide Ideen verſohnen wollte, hat er ſich mit beiven ent⸗ zweit. Der König und die Kammern werden ihn um die Wette angreifen, weil er ſie verhindert, ſich zu ſchlagen. Herr von Polignac iſt von London angekommen und im Zuge, ein Miniſterium zu machiniren. Herr von Polig⸗ nac iſt, wie Sie wiſſen, einer von den erſchrecklichen Freunden der Monarchieen, welche die Erploſion durch das Uebermaß des Druckes entſcheiden. Seine Gelang⸗ ung zur Gewalt wird die Kriegserklärung der Vergangen⸗ heit an die Zukunft ſein.“ „Ja, aber wer wird den Sieg einſacken?“ ſagte einer der Anweſenden den Kopf ſchüttelnd. „Wer? wir!“ erwiederte Samuel mit Kraft.„Ich weiß wohl, daß die Menſchen, welche in der gegenwär⸗ tigen Politik die Zukunft und die Freiheit vertreten, mit⸗ telmäßige Ehrgeizige ſind, deren ganzer Stolz bequem im *) Venta bei den Carbonari Loge. ( 193 Safſtan eines Portefenille Platz hat. Ich weiß wohl, daß ſie ganz einfach die Revolution von 1688 machen und Carl X. durch den Herzog von Orleans erſetzen wollen. Ja, darum allein würden dieſe großen Politiker die Völker aufwiegeln und Europa untereinander bringen; um einem reinen Princip ein Baſtardprincip zu unterſchie⸗ ben! Doch was iſt ihnen daran gelegen? Sie wür⸗ den vielleicht Miniſter, und vann käme ihnen das auf den Straßen vergoſſene Blut als bezahlt vor.“ „Nun 2“ verſetzte derjenige, welcher unterbrochen hatte. „Nun!“ erwiederte Samuel hohnlächelnd,„die er⸗ habene Idee, welche in uns, in mir iſt, muß das ſagen. Dieſe ungeheuren Rechner werden ihre Rechnung ohne den Wirth gemacht haben. Der Ehrgeiz wird durch die Ideen überflügelt ſein. Um das Volk in Leidenſchaft zu ver⸗ ſetzen, werden ſie genöthigt ſein, die Freiheit und die De⸗ mokratie anzurufen. Das Volk wird ſie beim Wort nehmen. Es iſt leichter, eine Bewegung zu bewerkſtelli⸗ gen, als ſie zu hemmen. Iſt einmal die Sperre des gött⸗ üchen Rechtes von den Rävern Frankreichs weggenommen, ſo wird man den Abhang hinabrollen müſſen bis zur Re⸗ publik. Entweder die abſolute Herrſchaft oder die abſo⸗ lute Freiheit. Dieſe edle Nation wird ſich nie in das Kleine oder das Mittelmäßige finden:; ſie iſt für das Große gemacht. Sie wird ſogleich und in einem Athem bis zum Ziele gehen. Ha! ha! ha! die ehrenwerthen politiſchen Maulwürfe, die ihre Löcher unter den Thronen graben und den ungeheuren Einſturz, den ſie bereiten, nicht vermuthen; der Thron wird ganz und gar verfin⸗ ken, und ſie mögen ſich in Acht nehmen, daß er ſie nicht mit in die Grube hinabzieht!“ Samuel hielt in ſeinem Anfalle ironiſcher Heiterkeit inne und ſchloß dann ernſt: „So weit ſind wir, das iſt es, was wir hoffen, das iſt es, was wir gethan haben. Es ſei uns geſtattet, den Gott lenkt. U. 13 194 geheimnißvollen Zeugen, der unsehort, zu fragen, ob ver Tugendbund zufrieden ſein wird.“ „Ja,“ antwortete der Verlarvte, mit dem Kopfe nickend. „Wir haben alſo die Abſichten des Oberſten Rathes wohl erfüllt?“ „Ja.“ Ein Lächeln der Zufriedenheit ſchwebte über die dün⸗ nen Lippen von Samuel. Er dachete an die Verſpre⸗ chungen, die er Friedrike gegeben hatte. Er ſollte ſie halten können. Er machte eine Pauſe, als wollte er Athem holen, und fügte dann bei: „Da dies ſo iſt, ſo kann Daniel, Einer von uns, an Abgeſandten des Rathes einige ehrerbietige Fragen richten.“„ Der Abgeſandte machte eine Bewegung mit dem Kopfe, welche beſagen wollte: Sprechen Sie. „Sprich, Daniel,“ ſagte Samuel Gelb. Daniel nahm in der That das Wort. „Was wir in Frankreich für den Bund gethan haben, das können das Reſultat und der Fortſchritt der Revolu⸗ tion darlegen. Samuel Gelb denkt, wenn jeder von uns die Pflicht habe, für ſich demüthig zu ſein, ſo habe er doch nicht das Recht, beſcheiden für ſeine Brüder zu ſein. Dieſe haben aber Dienſte genug geleiſtet, leiſten ſie und werden ſie leiſten, um auf eine Belohnung zu hoffen. Sind ſie dafür belohnt? Obgleich ſie Alle im Bunde hohe Grade haben, ſo hat doch keiner darin den erſten Grad, keiner iſt vom Oberſten Rath, keiner hat Theil an der Leitung des Ganzen, keiner ſieht klar in dem Werke, das er verrichtet. Iſt das gerecht, iſt das klug? In einer Zeit wie dieſe, wo das Feuer jeden Augenblick die Politik ergreifen kann, und wo die ganze alte Geſellſchaft plötzlich in die Luft geſprengt werden kann, iſt es da eine gute Organiſation, am Orte ſelbſt, bei der Pulvermiene in Paris nicht Einen zu haben, der in einem bequemen ee cS 3— 8 — — —c„ð 2 ————— c der pfe in⸗ re⸗ ſie er en em n, u⸗ ns in. nd n. de en an ke, ie ft ne ne en 195 Augenblick handeln könnte, ohne daß er auf zweihundert Meilen zu berichten brauchte. Geſtattet eine ſieberhafte und keuchende Lage dieſe Langſamkeiten? Während man in Berlin das Loſungswort holte, würde man die Zeit verlieren, um ſechs europäiſche Revolutionen zu machen. Der Bund verfügt über Legionen und beträchtliche Sum⸗ men. Wo könnte man ſie beſſer verwenden, als in Paris? Im Intereſſe der Sache ſelbſt müſſen wir den allmächti⸗ gen Gaſt, der uns hört, fragen: geboͤte es nicht die Noth⸗ wendigkeit, daß wenigſtens einer von uns vom Oberſten Rath wäre?“ Der Verlarvte rührte ſich nicht. Samuel Gelb ſuchte eine Bewegung des Aergers zu nachdem er einen Augenblick gewartet, agte er: „Mir ſcheint, unſere Frage war gemäßigt und bil⸗ lig genug, um die Ehre einer abſchlägigen Antwort zu verdienen.“ Einer von den Fünf trat dazwiſchen und ſprach: „Unſere Chefs glauben vielleicht gerade zum Vor⸗ aus den Wunſch von Samuel Gelb und den Unſrigen da⸗ durch verwirklicht zu haben, daß ſie nach Paris das hier gegenwärtige Mitglied des Oberſten Rathes ſchickten, um der ſo eben bezeichneten Nothwendigkeit zu entſprechen.“ Diesmal machte der Verlarvte ein beſtätigendes Zeichen. Samuel biß ſich auf die Lippen.* „Gut,“ ſagte er.„Wir haben Jemand bei uns, der zu handeln berechtigt ſein wird, und im Falle eines Aus⸗ bruches werden wir nicht mehr nöthig haben, das Loſungs⸗ wort in Deutſchland zu holen. Die Frage der Erſprieß⸗ lichkeit iſt geloſt, und es bleibt die Frage der Dankbar⸗ keit. Ich bitte unſern ruhmwürdigen Gaſt um Verzeih⸗ ung, wenn ich bei dieſem Gegenſtand beharre, doch es handelt ſich nicht um mich, es handelt ſich um diejenigen, welche mich zum Rathe gewählt haben und deren Wichtig⸗ 196 keit ich nicht vpfern kann. Uns Alle, die wir auf die Vorpoſten des Treffens geſtellt ſind und die Lunte ange⸗ zündet beim Pulperfaß in den Händen halten, wird man uns endlich für Etwas rechnen? Wird man am Tag, wo ein Platz im Oberſten Rathe erledigt iſt, denſelben einem von uns geben?“ Das Stillſchweigen des Verlarbten antwortete nur: Vielleicht. „Glauben Sie nicht, ich ſpreche für mich!“ ſagte Samuel lebhaft.„Zum Beweiſe dient, daß ich Daniel als den Fähigſten und Verdienſtlichſten bezeichne.“ ich,“ ſprach Daniel,„ich bezeichne Samuel e „Und wir auch!“ riefen die vier Anderen einſtim⸗ mig. „Ich danke, meine Brüder,“ ſagte Samuel Gelb. „Nun kann ich für mich ſprechen, denn ich werde nicht mehr für mich ſprechen, ſondern für Euren Auserkorenen, für unſere Sache, für Euren in mir perſonificirten Wil⸗, len. Nun denn! ich frage denjenigen, welcher uns hört und ſchweigt: Sollte ein Hinderniß obwalten, daß ich eintretenden Falles als Mitglied des Rathes berufen würde?“ „Ja,“ antwortete die Geberde des Verlarbten. „Ja?“ verſetzte Samuel, der eine Zuſammenziehung des Mundes alsbald wieder unterdrückte.„Und iſt es uns unterſagt, zu fragen, warum?“ „Nein.“ „Ich frage es alſo. Ohne Zweifel iſt mein Blick nicht erhaben, mein Herz nicht ſtark, mein Wille nicht kühn genug?“ „Nein,“ antwortete die unempfindliche Geberde des Verlarvten. „Iſt es alſo, weil man glaubt, es fehle mir das, was der große Haufen das Gewiſſen, die Revlichkeit, die Tugend, was weiß ich, nennt?“ 3 — die ge⸗ nan ag, ben ur: gte niel uel m⸗ elb. icht en, il⸗ ört fen ing es lick icht des s, die 197 „Nein.“ „Ich bitte Sie, zu bemerken, daß wir nicht mit gleichen Waffen ſprechen,“ ſagte Samuel mit ein wenig Ungeduld und Aerger.„Das Stillſchweigen gibt Ihnen den Vortheil der Stellung. Bei einem ſtummen Gegen⸗ redner bin ich genothigt, Gründe gegen mich zu ſuchen. Wenn das ſo fortgeht, laufen wir Gefahr, die Scene von Molière zu wiederholen, wo der Herr ſeinen Diener ſich aller Fehler und aller Verſehen beſchuldigen läßt, ehe er ihm die Beſchwerde ſagt, die er gegen ihn hat. Ich ſetze alſo die Litanet meiner Verbrechen fort. Iſt etwa der Fehler, welcher mich unfähig macht, Mitglied des Rathes zu ſein, der, daß ich das nicht habe, was immer die Menge und zuweilen ſogar die höhern Menſchen blendet, was, ich geſtehe es zu meiner Schande, zuweilen Wir⸗ kung auf mich hervorgebracht hat, auf mich, der ich ſpreche, auf mich, den Atheiſten aller göttlichen Rechte.. Iſt das, was mir fehlt, ein erhabener Name, eine ſouve⸗ raine Geburt? Bin ich verworfen, weil ich nicht einem reglerendem Hauſe, nicht einmal dem Hauſe eines Prinzen angehöre 2“ Der Unbekannte ſchwieg. „Sie antworten mir weder ja noch nein. Damit ſagen Sie mir, wenn ich Prinz wäre, hätte ich in der That beſſere Ausſichten, aber es gebe Vorzüge, welche die⸗ ſen erſetzen können.“ „Ja.“ „Welche?“ fragte Samuel.„Hinſichtlich der ge⸗ ſellſchaftlichen Privilegien ſehe ich nur Eines, was der Geburt die Wage halten könnte, das Geld. Müßte ich, da ich Baſtard bin, reich ſein?“ „Ja,“ antwortete das Nicken mit dem Kopfe des Verlarvten. „Ah!“ rief Samuel im Tone bitteren Spottes, „das iſt alſo der Grund des Gedankens von denjenigen, welche die Freiheit zu begründen behaupten! ſie ſchätzen 198 nur die Ariſtokratie, die des Namens oder die des Reich⸗ thums! Für ſie überſetzt ſich Alles in eine Sylbe oder in einen Thaler.“ Der Verlarbte ſchüttelte den Kopf, als ob er nicht verſtanden würde. „Du haſt Unrecht, Samuel,“ unterbrach derjenige von den Anweſenden, welcher ſchon die Abſichten des Ra⸗ thes vertheidigt hatte.„Es iſt im Intereſſe der Sache, daß den Dingen Mittel zu Gebot ſtehen, um mächtiger auf die Menſchen zu wirken. Die Menſchen ſind noch den hohen Geburten und großen Vermögen unterthan; die Sylben und die Zahlen wirken immer noch auf dieſe al⸗ ten Kinder; der Rath hat dieſen Zuſtand der Dinge nicht gemacht, doch er iſt genöthigt, ſich desſelben zu bedienen, und wäre es nur, um ihn zu zerſtören. Der Rath iſt es nicht, der das Gold liebt, es iſt die Menſchheit. Wollen wir ſie lenken, ſo faſſen wir ſie bei ihrem Ge⸗ ſchmack. Wollen wir das Gefäß aufheben, ſo nehmen wir es beim Henkel. Du, der Du Samuel Gelb heißeſt, biſt ſicherlich tauſendmal mehr werth als Tauſende von dieſen mit ihren alten Namen wie mit Reliquien belade⸗ nen Dummköpfe; iſt es der Fehler des Rathes, wenn der große Haufen mehr dem äußeren Glanze als dem ge⸗ heimen Genie, mehr dem Kleide als dem Geiſte zuläuft? Haſt Du nicht ſelbſt zugeſtanden, Du ſeiſt in Augenblicken bewegt geweſen bei dem Gedanken an den hohen Rang von denjenigen, welchen Du gehorchteſt? Erkenne alſo eine Neigung, der Du Dich nicht haſt erwehren können, Du, der Du Dich ſtark nennſt. Man muß die Menſchen durch vie menſchlichen Mittel packen. Außer dem materiellen Nutzen hat das Geld einen moraliſchen Einfluß. Unſere Feinde haben Geld und verbreiten davon. Wenden wir gegen ſie ihre eigenen Waffen an. Iſt die Schlacht ein⸗ mal gewonnnen, was liegt daran, wie wir ſie gewonnen haben werden?“. „Ich denke wie Du, Auguſt,“ fügte Daniel bei,„und — S S+ e e——— er„ S—— †„ eh)=—— — h⸗ der cht ige Ka⸗ ger den die al⸗ icht en, ath eit. He⸗ men eſt, von de⸗ enn ge⸗ ft2 cken ang alſo nen, urch Uen ſere wir ein⸗ men und 199 bei dem gegenwärtigen Zuſtand der Dinge finde ich den Bund nicht verringert, ich finde ihn im Gegentheil ver⸗ größert, weil er ſich anſtrengt, ſo viel als möglich Adel und Reichthum an ſich zu zlehen und bei ſich zu concen⸗ triren. Der Bund, wie ich ihn verſtehe, iſt die Aufzeh⸗ rung der Vergangenheit in der Zukunft, es iſt die Erobe⸗ rung von Allem, was Kraft und Leben iſt, durch die liberale Propaganda. Nun denn, da der Rang und der Reichthum mit Recht oder mit Unrecht noch Kräfte ſind, benützen wir ſie, und zwar zu unſerem Vortheil. Seien wir wie der Ocean, der alle menſchlichen Mächte aufzeh⸗ ren wird. Erhaben über jedem Vermögen und jedem Adel der Welt durch die Idee, muß der Bund doch große Namen und große Güter haben, um die Reichen durch den Ruhm und die Armen durch den Beiſtand zu beherr⸗ ſchen. Er muß die Geiſtlichkeit der Freiheit ſein.“ Der Verlarvte nickte mehrmals zum Zeichen der Bei⸗ ſtimmung mit dem Kopf. War Samuel ärgerlich darüber, daß er ſah, der ſchweigſame Zeuge verſtehe ſich beſſer mit ſeinen Freunden als mit ihm? Es iſt eine Thatſache, daß er ungeſtümer als zuvor erwiederte: „Das Gold! Ihr ſprecht Alle von Gold, als ob das Gold etwas ſehr Koſtbares, ſehr ſchwer zu Erlangen⸗ des wäre! Wenn ich Gold haben wollte, glaubt Ihr, ich hätte nicht ſo viel, als ich wollte? Ein ſchöner Witz, fich zu bereichern, und wie würdig eines Mannes iſt dieſes Ziel! Glaubt Ihr zum Beiſpiel, man würde mit mir han⸗ deln, wenn ich die Geheimniſſe des Bundes verkaufen wollte?“ Eine Bewegung des Erſtaunens und des Widerwillens wurde unter den Anweſenden ſichtbar. Samuel bemerkte es und fuhr mit Stolz fort: „Beruhigt Euch und haltet Euch nicht ſchon für preisge⸗ geben. Ich glaube, man kennt mich zu ſehr, um mich im Ver⸗ dacht eines ſolchen Gedankens zu haben. Diejenigen, welche 200 dies thun, ſagen es übrigens nicht. Ich wollte Euch zei⸗ gen, der Reichthum ſei ſtreng genommen keine fo unmög⸗ liche Sache, daß es nicht verſchiedene Arten gebe, ihn zu erlangen. Und dann wollte ich denjenigen, welche uns zu mißtrauen ſcheinen, beweiſen, daß ſie doch genöthigt ſind, uns zu trauen, und daß ſie uns, indem ſie uns nicht ge⸗ nug von ihren Geheimniſſen ſagen, zu viel davon geſagt haben. Faſſen wir nun die Sache kurz zuſammen. Es iſt alſo entſchieden, und obgleich mich das ein wenig aufhält, iſt es mir doch lieb, es zu wiſſen: So wie ich bin, von den fünf hier Gegenwärtigen bezeichnet, nach den Dien⸗ ſten, die ich der Sache geleiſtet habe, welchen Dienſt ich ihr auch noch leiſten mag, ſo wie ich bin, kann ich nicht darauf Anſpruch machen, zu den Lenkern zu gehören.“ „Nein,“ antwortete energiſch das Zeichen des Ver⸗ larbten. „Wenn ich aber, da ich keinen großen Namen haben kann, inſofern ich gar keinen Namen habe, in den Dienſt des Bundes und des Vaterlandes der freien Männer einen großen Reichthum ſtellen würde, ſo könnte ich mich um dieſes Recht, um dieſe Pflicht bewerben?“ A „Zd. „Nun wohl!“ rief Samuel mit einem tiefe Ausdruck; „Ihr wollt es, ich werde reich ſein!“ Zwei alte Freunde. Am andern Morgen gegen zehn Uhr ſtand Samuel, nachdem er mit Friedrike gefrühſtückt hatte, vom Tiſche auf. „Werden Sie bald zurückkommen?“ fragte das an⸗ muthige Mädchen. el, uf. n⸗ 201 „So bald ich kann,“ antwortete er.„Doch indem ich ausgehe, verlaſſe ich Sie nicht ſo ſehr, als Sie glauben. Ich arbeite nur für Sie, und Sie ſind im Grunde meines ganzen Lebens.“ Er nahm ſeinen Mantel und ſeinen Hut. „Guten Tag!“ ſagte er zu Friedrike. „Oh!“ verſetzte ſie,„ich will Sie wenigſtens bis zum Gitter bei der Straße begleiten.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, liebes Kind, Sie ſind nicht ſehr bedeckt und die Luft iſt noch ſcharf.“ „Bah!l“ erwiederte Friedrike, indem ſie die Thüre öffnete und ihm in den Garten voranſchritt,„der Früh⸗ ling beginnt. Sehen Sie den reizenden Strahl! Schauen Sie nur, alle Knoſpen kommen heraus. Ich will auch ausgehen.“ „Oh!“ ſagte er halblaut, betroffen von der geheim⸗ nißvollen Harmonie, der dieſes reizende Mädchen und dieſen reizenden Morgen paarte,„oh! Frühling, Jugend des Jahres, Jugend, Frühling des Lebens!“ Und als wollte er ſich der Gemäthsbewegung, die 16 ſeiner bemächtigte, entreißen, öffnete er haſtig das tter. 6 „Nun,“ ſagte Friedrike im Tone des Vorwurfs,„Sie gehen, ohne mir die Hand zu drücken?“ Samuel drückte dieſe kleine, zarte, weiße Hand mit einer ſcheinbaren Ruhe, welche die Flamme ſeiner Augen Lügen ſtrafte. Dann trat er zum Gitter hinaus und ſchritt raſch vorwärts, bis zum Ende der Straße, ohne ſich ein einzi⸗ ges Mal umzudrehen. „Ja,“ dachte er, indem er mit der Fauſt ſeinen Mantel zerknitterte,„ſie liebt mich wie einen Vater, nicht anders. Das iſt meine Schuld. Ich habe ſie adoptirt, ich habe ſie erzogen, ich habe ſie gepflegt, ich habe mich als Vater benommen. Und dann bin ich doppelt ſo alt, als fie. Was meinen Verſtand, mein Wiſſen, was das 202 betrifft, was ich im Geiſte Erhabenes über der gemeinen Herde der Menſchen beſitzen mag, ſo iſt es das nicht, woran ſich die Frauen halten. Was würde ſie mit meiner Wiſſenſchaft machen? Ich Dummkopf, der ich binl ich habe die Oberfläche, die Vergoldung, das, was in die Augen fällt, was man ſieht, verachtet. Sich unſichtbar machen: eine ſchöne Manier, ſich Liebe zu erwerben! „Sie kennt mich nicht; bis ich ihr in greifbare und materielle Zeichen meinen Werth und meine Perſönlich⸗ keit überſetzt habe, iſt ſie berechtigt, mich zu verachten und zurückzuſtoßen. Erriethe ſie aber auch, was ich werth bin, aus welchem Grunde ſollte ſie davon gerührt ſein? Daß ich ein großer Chemiker bin, ein Denker über dem gemei⸗ nen Haufen, ein freies Genie, was gewinnt ſie dabei? Man iſt gelehrt für ſich. Das gibt den Andern nichts, ſtatt daß der Reichthum und die Macht ſich theilen. Wäre ich Millionär oder Miniſter, ſo könnte ich zu ihr ſagen: Schöpfe mit vollen Händen aus meiner Börſe oder aus meinem Anſehen; dann wäre ich etwas für ſie; ich würde ihr dienen; ſie wäre genöthigt, mich zu zählen. Reich und mächtig, das braucht es, damit ſie mir gehört. „Es iſt eine edle und hochherzige Natur, ſie wird die Dankbarkeit nach der Wohlthat zumeſſen. Ich habe ihr das Brod und die Kleidung gegeben, wie es die Kin⸗ der brauchen, ſie hat mir mit einer kindlichen Zärtlichkeit erwiedert. Ich werde ihr den Glanz und den Stolz geben, wie es die Frauen brauchen; ſie wird mir. wird ſie mir mit Liebe erwiedern?“ Er ging mit großen Schritten, im Schritte ſeiner Gedanken und hatte ſchon die erſten Häuſer der Chauſſee erreicht. Er erreichte auch ſeine tiefſten und düſterſten Pläne und ſagte zu ſich ſelbſt: Reich zuerſt. Damit muß ich anfangen, da die ehrenwerthen Thiere, welche den Tugendbund regieren, die Seele zu Null anſchlagen und die Grade nur gegen baares Geld ertheilen. Aber wie auf der Stelle Vermögen ma⸗ ie ie 6 1. 203 chen? Die Millionäre improviſiren ſich nicht. Ich habe viele Gelegenheiten vorübergehen laſſen und ſehe mich nun verſpätet. Dummkopf!... Ohl wenn ich fortan ein Vermögen in meinem Bereiche finde! „Wer iſt reich unter den Leuten, die ich kenne? Lord Drummond. Bah! er iſt Witwer; doch er hat einen Sohn in England. Hat er nicht auch zwei Brüder? Kurz, er ſchleppt eine ganze Familie nach ſich. „Es iſt alſo nur noch Julius da! Er hat ſich nicht wieder verheirathet. Alſo weder Kind, noch Frau. Was ſeinen Bruder betrifft, der bin ich. Mir ſcheint, das iſt ein Vermögen, auf welches ich wohl einige Anſprüche zu machen hätte. Die Hälfte gehört mir nach ſtrenger Ge⸗ rechtigkeit, obgleich dieſe ehrlichen Geſetze der Geſellſchaft mich deſſelben beraubt haben. Wir werden ſehen. Sollte ich noch einigen Einfluß auf Julius nach einer ſo langen Trennung haben? Früher hätte ich ihn, den Faden mei⸗ nes Willens an ſeinen Fuß bindend, bis an das Ende der Welt geführt. Ich bin begierig, ihn wiederzuſehen.“ Samuel war an die Barriere gekommen. Er war ſo in Gedanken verſunken, daß er eine in ein Art von plumper Mante gehüllte Frau aus dem Volk nicht ſah, die ſich auf ſeinem Wege fand, als ſie ihn erblickte, bebte und haſtig ihr Geſicht hinter ihrer Capuze verbarg. Samuel winkte einem Fiaere, ſtieg ein und ſagte zum Kutſcher: „Zur preußiſchen Geſandtſchaft, Rue de Lille.“ Eine halbe Stunde nachher durchſchritt er den Hof des Geſandiſchaftshotel, ſtieg die Freitreppe hinauf und trat in ein großes Vorzimmer ein, in welchem ſich mehrere in reiche Liree gekleidete Bedienten aufhielten. Er nannte ſeinen Namen. Einer von den Bedienten ging ab und kam ſogleich wieder zurück. Von ihm geleitet, ging Samuel durch einen Salon und wurde in ein geräumiges, hohes Cabinet voller Ver⸗ goldungen und Gemälde eingeführt. 204 Julius ſtand von einem mit Papieren beladenen Tiſch auf und kam ihm raſch entgegen. Sie nahmen ſich bei der Hand und ſchauten ſich ein Moment ſtillſchweigend an. Was Samuel betrifft, ſo beobachtete er Julius ſchon. „Du kommſt mit Lothario?“ fragte Julius. „Nein, ich bin allein gekommen.“ „Ah! Lothario hat mich gebeten, Dich mit einem unſerer Wagen abholen zu dürfen. Er wird zu ſpät bei Dir eingetroffen ſein. Doch laß Dich anſchauen! Mir ſcheint, indem ich Dich wiederſehe, ſehe ich meine Jugend wieder. Aber was iſt aus Dir geworden? Warum haſt Du ſo plötzlich Deutſchland verlaſſen? Was haſt Du während dieſer ſo langen Zeit gethan? Wo warſt Du, daß wir uns nicht begegnet ſind? Laß uns plaudern.“ Sie ſetzten ſich an den Kamin. „Was aus mir geworden iſt?“ antwortete Samuel. „Oh! mein Gott, ich bin geblieben, was ich war. Zu meinem Leidweſen muß ich Dir bemerken, daß ich weder König, noch Prinz, noch Botſchafter geworden bin. Ich bin, wie zuvor, ein armer Teufel von einem Gelehrten, mehr beſorgt um mein Gehirn, als um mein Vermögen. Ich habe es gänzlich vernachläßigt, mir eine Stellung zu machen, und ich habe mich durchaus nicht vergrößert, wenn nicht in der Verachtung gegen Alles, was Du nun achten mußt. Von dieſer Seite habe ich mein Ziel verfolgt: nämlich meine moraliſche Stärke vermehren, die Menſchen und die Dinge kennen lernen. Ich habe da und dort als Arzt oder durch Ueberſetzungen und wiſſenſchaftliche Arbeiten meinen Lebensunterhalt verdient. Immer jedoch habe ich das Beſte von meinem Geiſte behalten, um dieſen auszu⸗ dehnen und zu bereichern. Ich habe ſtudirt, Reiſen ge⸗ macht, geſucht. Warum find wir uns nicht begegnet? Weil ich vor fiebzehn Jahren Deutſchland wegen eines verfehlten großen Planes, den mein Stolz nicht nennen will, verlaſſen habe, und ſeit jener Zeit in Paris durch 205 ein tiefes Gefühl, welches mein Herz verſchweigen will, zurückgehalten, aus Frankreich nur weggegangen bin, um vor fünf Jahren aus Europa wegzugehen.“ „Und wohin biſt Du gegangen?“ unterbrach Julius. „Ich hatte immer Luſt gehabt, jene erſchreckliche und verzehrende Natur Indiens, des Landes der Tiger und der Gifte, um ſeine Geheimniſſe zu befragen. An einem ſchönen Tage, als ich die für die Verwirklichung dieſes Planes nothwendige Summe zuſammen gebracht, ſchiffte ich mich nach Calcutta ein. Ich bin drei Jahre in Indien geblie⸗ ben, und, Du kannſt es mir glauben, ich habe meine Zeit nicht verloren. Ah! ich habe Geheimniſſe und Wunder zurückgebracht, welche ſelbſt Deinen Vater, den berühmten Chemiker und ehrenwerthen Baron von Hermelinfeld in Erſtaunen geſetzt hätten. Siehſt Du, die Natur weiß Alles, und wenn man ſie befragt, antwortet ſie. Doch die Menſchen ſind zerſtreut durch ihre Intriguen, durch ihre Angelegenheiten, durch ihr ehrgeiziges Trachten, und ſuchen die Macht in Portefeuilles, während es in Grashalmen Stoffe gibt, um damit die Kaifer abzuſchaffen und die Genies dumm zu machen.“ Der ruhige und kalte Ton, mit dem Samuel dieſe unbarmherzigen Worte ſprach, hrachte Julius in Verle⸗ genheit; er ſuchte auch das Geſpräch abzulenken. „Ich habe Dich mit Lord Drummond geſehen,“ ſagte er.„Du kennſt ihn genau?“ „Ich machte ſeine Bekanntſchaft in Indien, wo ich ihm das Leben rettete,“ antwortete Samuel.„Lord Drum⸗ mond iſt ein phantaſtiſcher Gentleman. Er hatte ein Panterthler gezähmt, in das er vernarrt war; er verließ es eben ſo wenig, als eine Geliebte; es ſtieg mit ihm in den Wagen, es aß an ſeinem Tiſch, es ſchlief in ſeinem Zimmer. Eines Tags, als er, halb ausgeſtreckt auf ſeinem Canapé liegend, mit ſeinem Diener plauderte, leckte ſein Panterthier, das neben ihm auf dem Boden lag, ſeinen bloßen Arm, den er hängen ließ. Doch in Folge von 206 ſtarkem Liebkoſen, iſt das nicht die Entwickelung von jeder Liebfoſung? ſpürte die Beſtie Blut unter dem Reibeiſen ihrer ſcharfen Zunge. Plötzlich preßte ſie ihre Zähne in den Arm von Lord Drummond. Er war verloren. Ich, ich zog ruhig eine Piſtole aus meiner Taſche und ſchoß den Tiger todt.“ „Ich begreife, daß er Dir dankbar iſt.“ „Seine Dankbarkeit hat Anfangs darin beſtanden, daß er mich umbringen wollte.“ „Dich umbringen!“ „Ja. Stelle Dir vor, daß er, von dem Drucke des Thieres befreit, mir an den Kragen ſprang, mich einen Elenden nannte, mich anſchuldigte, ich habe das einzige Geſchöpf, dem er auf Erden zugethan, ermordet, und mir Vorwürfe machte, daß ich ihn nicht habe auffreſſen laſſen. Da ich aber nicht ſchwächlicher bin, als ein An⸗ derer, ſo vertheidigte ich mich tüchtig und ſchleuderte ihn dem Leichname ſeines Thieres an den Hals. Am anderen Tag erkannte er ſein Unrecht, er entſchuldigte ſich bei mir, und wir ſind die beſten Freunde der Welt geworden. Ich bin mit ihm vor zwei Jahren nach Europa zurückgekehrt Er hat mir in London einen Verleger gefunden, der mir. tauſend Pfund Sterling für ein Werk über die Flora Indiens gab. Aber London langweilte mich. Seine Ne⸗ bel machen dem Verſtand den Schnupfen, und ſo bin ich bald darauf nach Paris zurückgekehrt. Das iſt mein Le⸗ es iſt einfach, wie Du ſiehſt. Nun iſt die Reihe an „Ohl ich,“ verſetzte Julius,„ſeitdem ich Dich nicht geſehen habe, ſind mir Anfangs die ſchmerzlichen Dinge begegnet, von denen Du weißt. Du kennſt das gräßliche Unglück, das mich betroffen hat?“ „Ja,“ antwortete Samuel, der leicht erbleichte.„Ich habe Heidelberg erſt ein wenig nachher verlaſſen.“ „Ich war in Verzweiflung,“ fuhr Julius fort.„Mein Vater verſuchte es, mich zu zerſtreuen, indem er mich auf — —— S X—* — e 207 Reiſen mitnahm. Man glaubte, ich ſehe Italien, Spa⸗ nien, Frankreich, weil ich dort war. Nach einem Jahr kam ich eben ſo traurig zurück. In der Abſicht, mein Le⸗ ben, wenn nicht meinen Geiſt auszufüllen, erlangte mein Vater für mich vom König von Preußen eine Sendung nach Wien. Soll ich es Dir geſtehen? um mich zu be⸗ täuben, um mich zu berauſchen, um zu vergeſſen, warf ich mich mit Leib und Seele in das materielle Leben die⸗ ſer Hauptſtayt des Vergnügens. Betrübt, bitter, troſtlos, überſättigee ich mich mit Ausſchweifungen. In dieſer entſittlichten Stadt war meine Verdorbenheit ein Titel. Ernſt und ſtreng, wäre ich ein Phänomen, etwas Unmoͤg⸗ liches, Unbrauchbares geweſen; ich zeigte nur das Kör⸗ perliche in mir, da glaubte man, ich beſitze Geiſt. Je weniger ich von meinem Verſtand und von meiner Fähig⸗ keit gab, deſto mehr hielt man mich für geſcheidt und fähig. Die Ehrenbezeigungen, die Decorationen, die Reichthümer fingen an auf mich zu regnen. Mein Ein⸗ fluß war bald ſo groß, daß der König von Preußen vor vier und einem halben Jahre meine Sendung in den Bot⸗ ſchafterpoſten verwandelte. Ich bin Botſchafter in Wien etwas weniger als fünf Jahre geblieben; ſeit ſechs Tagen bin ich es in Paris. Du ſiehſt, daß die Größen mit den Runzeln zu mir gekommen ſind. Ich bin mächtig und ermüdet. Ich habe zu viel gelitten und zu viel ge⸗ noſſen, um nicht etwas gelernt zu haben. Ich mißtraue. Ich bin nicht mehr gläubig. Heißt das ſchwächer oder ſtärker ſein? Ich weiß es nicht, doch ich glaube nicht, daß jetzt irgend Jemand eine Herrſchaft über mich haben könnte. Ahl ich vergaß, Dir zu ſagen, daß mein Verms⸗ gen gleichen Schritt mit meinen Würden gehalten hat. Mein Vater ſt, wie Du auch weißt, am Anfang des letzten Jahres geſtorben und hat noch mehr Geld hinter⸗ laſſen, als ſein Bruder, ſo daß ich etwa zwanzig Milliv⸗ nen beſitze.“ Samuel hatte ſeine Selbſtbeherrſchung nicht verlo⸗ 208 ren, denn der Blitz, der in ſeinem Geiſte bei dem Worte zwanzig Millionen zuckte, ſpiegelte ſich nicht in ſeinen Augen ab. Er hatte Julius, ihn anſchauend, ohne ihn zu unter⸗ brechen, angehört. Die letzten Worte des Geſandten über ſein gegenwärtiges Mißtrauen und ſeinen Widerſtand ge⸗ gen die äußeren Hinreißungen waren im Einklang mit ſeiner alten, abgenutzten und gleichgültigen Phyſiognomie. Wodurch könnte Samuel die Macht wieder erlangen, die er früher über ſeinen alten Studienkameraden beſaß 2 Julius, es genügte, ſein Geſicht zu ſehen, um ſich hievon zu überzeugen, war nicht mehr jene nachläßige und weiche Natur, mit der es Samuel zu thun gehabt hatte. Wie ein Reptil unter einem ſtehenden Waſſer, berbarg er unter ſeinem erloſchenen Blick die Beobachtung eines Di⸗ plomaten, deſſen Lehrer Metternich geweſen war. Hatte alſo Samuel keine Ausſicht, ihn wieder zu packen? Früher hätte er ſich mit Stolz zurückgezogen und auf ſeine unſelige Anziehungskraft gerechnet, um un⸗ terwürſig und reumüthig zu ſeinen Füßen dieſen Gefange⸗ nen ſeiner Ueberlegenheit zurückzuführen. Doch er ſelbſt war ſehr verändert und zwar tiefer vielleicht, als Julius. Er hatte nicht mehr jene Herbigkeit und Starrheit, die ſich nicht gebückt hätte, um einen Diamant aufzuheben. Eine bittere Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß die Ge⸗ ſchmeidigkeit ſtärker iſt als die Stärke, und daß die menſchlichen Größen eine Thüre haben, welche zu niedrig, als daß man eintreten könnte, ohne ſich ein wenig zu beugen. Statt Julius in ſeiner Kälte und in ſeiner Gleich⸗ gültigkeit zu laſſen, ſing Samuel an, ihn auszuforſchen, ihn auf alen ſeinen Seiten zu beſpähen, ſich, ſo zu ſagen, um ſeinen neuen Charakter zu drehen, um zu ſehen, ob er nicht daran irgend eine Oeffnung fände, durch welche er hineinſchlüpfen könnte. Er brachte das Geſpräch auf alle Gegenſtände: Politik, Kunſt, Vergnügen, und ſuchte, — — „—„————„„ — ete nen ter⸗ ber ge⸗ mit nie. die ſich und tte. er Di⸗ gen un⸗ ge⸗ bſt us. die en. He⸗ die rig, zu ch⸗ en, en, ſche auf te, 209 auf das Gerathewohl, einen Handgriff, an welchem er ſeine alte Herrſchaft wieder faſſen könnte. Und vor Allem, wie ſtand er, genau genommen, mit Julius? Hatte der Baron von Hermelinfeld ſeinem Sohne nichts geoffenbart, was zwiſchen ſie Beide eine unüber⸗ ſteigbare Schranke ſetzte? Es war von Wichtigkeit, ſich hierüber Sicherheit zu verſchaffen. Auf Julius ſeinen tiefen Blick heftend, fragte er daher raſch: „Und der Baron von Hermelinfeld, haßte er mich immer?“ „Immer,“ antwortete Julius nachdenkend,„auf ſei⸗ nem Sterbebett empfahl er mir noch auf das Dringend⸗ ſte, Dich, wenn ich Dich wiederfände, mit Abſcheu zu meiden.“ „Und ſo gehorchſt Du ihm?“ ſagte Samuel lä⸗ chelnd. „Er wollte mir nie Gründe angeben,“ erwiederte Julius.„Ich glaube, er hatte ein ungerechtes Vorur⸗ theil oder eine übertriebene Antipathie, welche zu mildern Dein Charakter nicht geeignet war. Der Inſtinct der Billigkeit hat ſich in dieſer Hinſicht immer empört und empoͤrt ſich noch in mir gegen den kindlichen Gehorſam. Ueberdies haben uns bei dem beſtändigen Scheiden von Allem dem, was man das Leben nennt, genug Dinge in dem Alter, welches ich erreicht, verlaſſen, daß man nicht ohne ſtichhaltige Beweggründe das Wenige opfert, was uns von der Vergangenheit bleibt. Geſtern habe ich Dich ungefähr unter Deiner Verkleidung erkannt, wie Du mich unter meinen Runzeln erkannt haſt. Unwillkürlich fühlte ich in mir eine Erinnerung an die vergangenen Jahre ſich rühren; ich habe Dir gerufen, und ich danke Dir, daß Du gekommen biſt. Doch ich erwartete kaum, Dſch nach ſiebzehn Jahren auf einem Ball der Tuilerien wiederzu⸗ finden.“ Gott lenkt. n. 14 muel. 2¹⁰ „Lord Drummond hat mich dahin geführt,“ ſprach Samuel.„Du weißt, welch ein Alterthümler ich bin. Ich habe die Beſorgung ſeines Coſtume übernommen. Nicht wahr, es war nicht übel dafür, daß es in Eile ge⸗ macht worden, denn Lord Drummond iſt erſt ſeit vierzehn Tagen in Paris. Zur Belohnung für dieſen Dienſt hat mich Lord Drummond auf die Bitte dieſer alten, im⸗ mer in mir neuen Neugierde mitgenommen.“ „So haben wir uns alſo wiedergefunden,“ ſprach Julius. „So ſind wir ſehr nahe bei einander und Beide ſehr fern von uns ſelbſt.“ „Das iſt wahr. Unſere Träume ſind auch todt oder entflohen. Ah! was die Träume betrifft,“ fragte Julius plötzlich,„was iſt aus dem Tugenpbund geworden?“ Betroffen von dem Ton, mit dem dieſe Frage an ihn gemacht wurde, ſchlug Samuel lebhaft die Augen auf und ſchaute Jullus ins Geſicht. Julius lächelte aber ſorglos. „Ich nehme an, daß Deine Ercellenz der Geſandte von Preußen nicht mehr beim Bunde iſt?“ verſetzte Sa⸗ „Oh! nein,“ antwortete Julius nachläßig.„66 iſt lange her, daß ich mit dieſen Jugendthorheiten gebrochen habe. Und dann iſt Napoleon todt,“ fügte er lachend hinzu.„Doch hörte ich nicht ſagen, der Bund habe noch Trümmer?“ „Das iſt möglich,“ ſprach Samuel.„Da ich aber ſeit ſiebzehn Jahren Deutſchland verlaſſen habe, ſo bin ich natürlich wenig auf dem Laufenden mit dem, was dort vorgeht.“ Er gab dem Geſpräch eine andere Wendung. Es kam ihm vor, als beſpähte Julius ſein Geſicht, und er fühlte ſich gereizt darüber, daß er den Forſchungen von demjenigen, welchen er beobachtet hatte, ausgeſetzt ſein ſollte. „Ah! ſehr gut,“ dachte er,„er ſpielt dieſelbe Rolle, 21¹ ach wie ich; er ſondirt mich, wie ich ihn beobachte. Wohl⸗ in. an! er hat gewonnen; ich muß meinen Entſchluß faſſen. n Es ſei, wir werden kämpfen.“ ge⸗ Er ließ das Geſpräch auf den Ehrgeiz, auf das hn Spiel, auf die Weiber übergehen, ohne bei Julius eine hat empfinbliche Fiber zu finden. Entweder hielt ſich Julius S gut, oder er hatte für Alles dies nur Gleichgültigkeit und Verachtung. ach„Beim Teufel,“ ſagte Samuel zu ſich ſelbſt,„ich werde dieſen Schneemenſchen erwärmen.“ ehr„Habe ich mich getäuſcht?“ ſprach er zu Julius, „mir ſcheint, neulich am Abend auf dem Ball, als die der Stimme jener Frau ſich erhob, machte dies auf uns Beide ius denſelben Eindruck.“ Julius bebte. an„Oh!“ erwiederte er,„das iſt wahr, ich weiß nicht, gen wer dieſe Sängerin iſt, aber ſie hat ein immer in mir ber lebenviges Andenken berührt. Arme Chriſtiane! Die ent⸗ ſetzliche und geheimnißvolle Art, auf welche ſie geſtorben, dte iſt mir unabläßig gegenwärtig. Seltſämer Weiſe hatte a⸗ nun die etwas grelle Stimme von Chriſtiane, wenn ſie am Clavier eine Arie von Mozart ſang, überlege ich es iſt mir wohl, keine Aehnlichkeit mit der vollen und ſichern hen Stimme der verlarvten Sängerin... Und dennoch em⸗ end pfand ich an jenem Abend Etwas, als ob ich die Stim⸗ och me von Cyriſtiane hörte.“ „Gerade wie ich!“ 5 ber„Und als ſie die Dankſagungen der Herzogin von ich Berth in Empfang nahm, glich ihre hohe ſtattliche Ge⸗ ort ſtalt gewiß nicht der ſchlanken, ſchwächlichen Taille von Chriſtiane. Und dennoch hat ſich in meinem Herzen et⸗ Es was geregt, als ſähe ich die Todte auferſtehen.“ er„Und in mir auch!“ fügte Samuel bei. te. Julius fibrirte. lle, on 3 Er war freudig, als er ſah, daß dieſe Saite noch * 5 2¹12 „Nun, Julius,“ fragte er plötzlich,„willſt Du mor⸗ S gen mit dieſer Sängerin zu Mittag ſpeiſen?“ g „Mit ihr?“ „Mit ihr.“ re „Ohl ja,“ antwortete Julius. te Samuel hatte bange vor Zögerungen und Ueber⸗ al und wollte für diesmal hiebei bleiben. Er ſtand u auf. „Das iſt abgemacht,“ ſagte er zu Julius.„Ich 5 muß Dich für den Augenblick verlaſſen, doch Du erhältſt 1 noch heute Abend einen Brief oder einen Beſuch von Lord ſa 3 Drummond, der Dich bitten wird, morgen mit mir und S mit ihm zu Mittag zu ſpeiſen.“ 2 fi A 7 te d Erſtes Zuſammentreffen. Lothariv war die Redlichkeit und Aufrichtigkeit ſelbſt, d und dennoch müſſen wir anerkennen, daß er nicht die volle ſe Wahrheit und nur die Wahrheit ſagte, als er den Gra⸗ h fen von Eberbach um die Erlaubniß bat, Herrn Samut Gelb abholen zu dürfen. w Er hatte ſich die Freiheit genommen, ſeinem Oheim„ zu bemerken, daß es, wenn er mit Herrn Samuel Gelb t zu ſprechen habe, allerdings ganz einfach ſei, wenn der e Botſchafter von Preußen nicht zu ihm gehe, ſondern ihm ſagen laſſe, er möge ins Geſandtſchaftshotel kommen, daß u es aber vielleicht ſchicklich wäre, ihm eine Bemühung ſ dadurch zu erleichtern, daß man ihm Jemand pon ſeinem n Hauſe und feiner Familie entgegenſchicke. Julius hatte hierin nur eine Fürſorge ſeines jungen 2 nor⸗ ber⸗ tand Ich ältſt Lord und lbſt, volle Hra⸗ nuel eim Helb der ihm daß un nem ngen 213 Secretaire und ergebenen Neffen für ſeinen Jugendfreund geſehen und ohne Ueberlegung eingewilligt. Thatſache iſt, daß ſeit vierundzwanzig Stunden das reizende Bild eines leuchtenden ſechszehnjährigen Geſich⸗ tes, welches ſich vom opalfarbigen Grunde des Morgens abhob, die Seele und den Geiſt von Lothariv beunruhigte und umwühlte, und daß er noch viel theurer, als um den Preis eines unſchuldigen Betrugs, das Glück, es wieder⸗ zuſehen, bezahlt hätte. Lothariv ging alſo in einem der Wagen der Ge⸗ ſandtſchaft ab, ſtatt aber dem Wege zu folgen, den er Samuel hatte nehmen ſehen, befahl er dem Kutſcher, durch Belleville nach Menilmontant zu fahren. Das war offenbar der längſte Weg. Doch es er⸗ folgten hieraus zwei Dinge: erſtens kam er nach dem Abgang von Samuel, und zweitens traf er ihn nicht un⸗ ter Weges. Er ließ ſeinen Wagen ein wenig vor dem Hauſe an der Ecke einer Straße halten, hieß den Kutſcher war⸗ ten und wandte ſich entſchloſſen nach der erſehnten Thüre. Doch je mehr er ſich dieſer theuren Thüre näherte, deſto langſamer wurden ſeine Schritte. Sein Muth ſchmolz in der Nähe von derjenigen, welche er wiederſe⸗ hen ſollte, wie der Schnee in der Sonne. Der Gedanke, die Hand an dieſe kleine Klingel zu legen, welche da hing, wie um ihn einzuladen, machte, daß alles Blut in ſein Herz zurückfloß und daß ihn ein eiskalter Schauer ſchüt⸗ telte. Er ging bis zum Gitter, hob den Arm auf und entfloh haſtig. Lange wagte er es nicht, zu läuten. Er träumte unmoͤgliche und alberne Dinge. Er hätte gewollt, daß ſie auf die Terraſſe käme, und daß ſie ihm ſagte, er möge eintreten. Das Gitter war mannshoch durch ein hölzernes Wetterdach geſchloſſen, welches zu ſehen verhinderte; er 214 trat auf die andere Seite der Straße zurück, um es zu verſuchen, ſie im Garten zu erſchauen. Doch er erblickte Niemand. Er kam wieder zur Klingel und zauderte abermals. Wenn Samuel nicht abgegangen wäre? Und wenn er abgegangen, was ſollte er zu dem Mädchen ſagen?. Wenn ſogar ſie es wäre, welche käme, um ihm zu öffnen, welchen Vorwand, ſobald er einmal im Auftrage des Grafen von Eberbach nach Samuel Gelb gefragt, und ſobald ſie ihm geantwortet, er ſei weggegangen, welchen Vorwand hätte er, auch nur eine Sekunde länger zu blei⸗ ben? Und überdies würde ſie ihm nicht öffnen, ſondern eine Dienerin, die alte Frau, die ihm ſchon am Tage vor⸗ her geöffnet. Wäre Samuel weggegangen, ſo hätte er durchaus keinen Grund, auch nur in den Garten einzu⸗ treten. Beſſer wäre es geweſen, wenn Samuel nicht wegge⸗ gangen. Der arme Lothario bereute es, daß er den läng⸗ ſten Weg gewählt, und er fand ſich albern, daß er ab⸗ ſichtlich zu ſpät gekommen. Er mußte im Gegentheil zu früh kommen. Er hätte eine Chance gehabt, Herrn Samuel nicht angekleidet zu finden; während er ſeinen Rock angezogen, hätte ſie durch das Zimmer kommen, in den Garten hinabgehen können, ſie würde ihm Geſell⸗ ſchaft geleiſtet, er würde ſie geſehen haben, während er mit ſeiner Geſchicklichkeit und ſeiner Liſt es ſo eingerichtet daß er nur mit einer alten Magd zuſammenkommen ollte. Der Muth verließ ihn, und er ging in dem Gäßchen hin und her, beinahe entſchloſſen, ohne etwas zu verſuchen, nach Paris zurückzukehren. Im Gehen ſchaute er Alles an, Menſchen und Häu⸗ ſer, und er blieb bei den geringſten Dingen ſtehen, im Glauben, er bleibe ihretwegen ſtehen, und jeden Vorwand, um eine Minute ſeinen Entſchluß zu verzögern, ergreifend, 215⁵5 Ein gewaltiges Gelächter machte, daß er ſich um⸗ wandte. Dieſes Gelächter kam von einem Kärrner, dem eine Art von Bäuerin ein Papier reichte. „Ei! Gevatterin,“ ſagte der Kärrner,„der Teufel ſoll mich holen, Ihr ſeid ein ſchönes Weib und Ihr habt ſchöne große Augen, doch die Regierung hat vergeſſen, mich leſen zu lehren. Wenn ich antworten ſoll, ſo ſchreibt man mir nicht, ſondern man ſpricht mit mir.“ Die Bäuerin ſagte ein paar Worte in einer Sprache, die er nicht verſtand. „Sprecht eine chriſtliche Sprache, wenn Ihr wünſcht, daß ich Euch verſtehen ſoll,“ erwiederte der Kärrner. „Ich verſtehe das Patvis nicht.“ Und er peitſchte ſeine Pferde. Die Frau machte eine Geberde der Ungeduld und des Aergers. z6 hatte gehört, was ſie geſagt. Er näherte ihr. „Was verlangt Ihr, meine gute Frau?“ ſagte er deutſch. Die Bäuerin war freudig bewegt. E ſind aus Deutſchland, mein Herr?“ fragte ſie. a.“ „Gott ſei gelobt! Wollen Sie mir alſo ſagen, wo dieſe Adreſſe iſt?“ Lothario nahm das Papier und las: „Rue des Lilas Nro. 3.“ „Rue des Lilas Nro. 3,“ ſagte er, erſtaunt und ent⸗ zückt.„Ihr ſeid dabei. Ihr geht alſo zu Herrn Sa⸗ muel Gelb?“ „Ja.“ „Und ich auch.“ „Dann haben Sie die Güte, mich zu führen.“ In dieſem Moment ſchaute ſie ihn an und ſchien be⸗ troffen von ſeinem Geſicht. Erſtaunt über die neugierigen 216 Augen, die ſie auf ihn heftete, ſchaute er ſie auch an, fand aber nichts, was ihn an Jemand erinnerte, den er ſchon geſehen. Die Deutſche war eine Frau von ungefähr vier und dreißig bis fünf und dreißig Jahren, von einer ruhigen, ernſten, ländlichen Schönheit. Ihre ſchwarzen, tiefen Augen, ihre dichten ſchwarzen Haare und ihre ein wenig feierliche Sprache gaben ihrer ganzen Perſon etwas Stolzes und Herbes, dem die Einfachheit ihrer braunen Mante mit blauen Streifen nicht widerſprach. Beide wandten ſich nach der Thüre von Samuel; ſie ſchaute Lothario forſchend an; er dachte bald nicht mehr an ſie, entzückt, nun ſeinen Eintritt zu haben und zur Kühnheit gezwungen zu ſein. Während ſie gingen, ſprach ſie mit ihm, vielleicht, um ihn ſprechen zu machen. „Die Franzoſen ſind ein ſpöttiſches Volk. Dieſer Kärrner hat über mich geſpottet, weil er nicht leſen kann. Gewöhnlich, wenn ich nach Paris kam, war ich von einem braven Burſchen meiner Heimath, der ein wenig Franzöſiſch konnte, begleitet. Doch er iſt dieſes Jahr zu Gott zurückgekehrt. Ich aber konnte nicht ein Jahr ver⸗ gehen laſſen, ohne zu kommen. Die Pflicht, die mich hieher ruft, iſt zu heilig, als daß ich mich nicht auf den Weg begeben ſollte, was auch geſchehen möchte. Ich bin gekommen. Sie können ſich aber nicht vorſtellen, mein Herr, wie vielen Unannehmlichkeiten und Spöttereien ich den ganzen Weg entlang ausgeſetzt war. Es iſt alſo ſehr drollig, nicht Deutſch zu können, da ſie Alle lachen, wenn ich es ſpreche!“ 4 Lothario war zu bewegt, um zu antworten oder nur zu hören. Eine andere Stimme ſprach in ihm. Sie waren an das Gitter gelangt. Lothario läutete ganz zitternd. Jeder Ton der Klin⸗ gel wiederhallte in ſeinem Herzen. 4 an, er und en, gen, iche und mit ſie ehr zur cht, eſer nn. von enig zu ver⸗ nich den bin nein ſehr. enn nur lin⸗ 217 Dieſelbe alte Frau, welche Lothario am Tage vorher empfangen hatte, offnete. Lokhario trat zurück und ließ die Deutſche voran⸗ ehen. „Iſt Fräulein Friedrike hier?“ fragte dieſe deutſch. „Sie iſt hier,“ antwortete die Alte, ebenfalls deutſch. „Und ſie iſt wohl?“ „Sehr wohl.“ „Gott ſei gelobt!“ rief die Bäuerin mit einem Aus⸗ vruck dankbarer Freude.„Meine gute Frau Trichter, ich bitte, ſagen Sie ihr, diejenige, welche alle Jahre im Frühling kommt, wünſche ſie zu ſehen. „Oh! ich erkenne Euch wohl,“ antwortete Frau Trichter.„Tretet in das Haus ein. Treten Sie ein, mein Herr.“ Frau Trichter glaubte, Lothario ſei mit der Bäuerin. Sie führte Beide in das Zimmer ein und ging hinauf, um Friedrike zu benachrichtigen. Der Name von Frau Trichter hat ohne Zweifel un⸗ ſere Leſer an den mächtigen Trinker erinnert, den ſie in der erſten Abtheilung dieſer Geſchichte, Napoleon eine Bittſchrift überreichend, ſo plötzlich haben ſterben ſehen. Sie haben vielleicht vergeſſen, daß, ehe er ſeinen großen ſelbſtſüchtigen Plänen ſeinen getreuen Herzfuchs geopfert, Samuel Gelb Trichter gefragt hatte, ob er gern ſein Leben hingeben würde, um ſeiner Mutter Brod zu ſichern. Trichter hatte geantwortet, er würde gern ſterben, damit ſie zu leben hätte. Als Trichter geſtorben, hatte ſich Sa⸗ muel für den Gläubiger der Mutter gehalten; er hatte ſie von Straßburg kommen laſſen und zu Friedrike ge⸗ bracht, für welche die würdige gute Frau mehr als eine Dienerin, beinahe eine Mutter geweſen war. Friedrike erſchien. Lothario war genöthigt, ſich auf ein Meuble zu ſtützen, ſo ſehr ſchlug ſein Herz. 218 Friedrike lief auf die Bäuerin zu, nahm ihre Hände und ſagte: „Setzt Euch, meine gute, liebe Frau.“ Sie rückte ihr einen Lehnſtuhl vor. Die Bäuerin ſetzte ſich nicht. „Laſſen Sie mich zuerſt Sie ſehen und Sie nach meinem Gefallen bewundern,“ ſprach ſie.„Immer ſchö⸗ ner. Immer eben ſo lächelnd, das heißt, immer eben ſo rein. Gott ſei gelobt! Gott ſei gelobt! Ich komme von fern, doch dies bezahlt die Reiſe.“ Friedrike erblickte nun Lothario und erröthete ein wenig. „Der Herr iſt mit Euch, gute Mutter?“ fragte ſie. „Nein,“ erwiederte die Bäuerin.„Ich habe den auf dem Wege hierher getroffen und kenne ihn nicht.“ Lothario erröthete auch leicht. „Mein Fräulein,“ ſtammelte er,„ich wollte Herrn Samuel Gelb im Auftrage des Herrn Grafen von Eber⸗ bach abholen.“ „Der Graf von Eberbach!“ rief die Fremde. „Mein Freund iſt vor einer ſtarken halben Stunde abgegangen,“ antwortete Friedrike. „Der Graf von Eberbach?“ wiederholte lebhaft die Bäuerin, Lothario in's Geſicht ſchauend.„Sie haben vom Grafen von Eberbach geſprochen?“ „Allerdings,“ erwiederte Lothario, der die Aufregung nicht begriff, in welche dieſer Name die Deutſche verſetzte. „Er iſt in Paris?“ fragte ſie. „Ja, er iſt vor Kurzem zum Geſandten von Preußen hier ernannt worden.“ „Und wie geht es ihm?“ „Gott ſei Dank! mein lieber Oheim iſt ſehr geſund.“ „Ihr Oheim! Sind Sie Lothario?.. Oh! ver⸗ zeihen Sie, Herr Lothario?“ „Ihr kennt mich?“ * — 2 rin ach hö⸗ ſo me ein ſie. den ihn rrn er 1¹9 „Ob ich Sie kenne!“ rief die Fremde. „Woher ſeid Ihr denn? von Berlin? von Wien?“ „Ich bin.. Doch was iſt Ihnen daran gelegen? Sie brauchen mich nicht zu kennen, es genügt, daß ich Sie kenne, Sie und dieſe.“ Sie umfing mit einem Blick Lothario und Friedrike. „Nun! meine Kinder, die arme Frau, welche mit Euch ſpricht, iſt glücklich, Euch Beide mit dieſer Schönheit und dieſer Reinheit auf der Stirne zu ſehen; und ich vanke abermals und immer der Vorſehung, daß ſie in den paar Stunden, die ſie in Paris zubringt, Euch in ihrer Anweſenheit hat zuſammentreffen laſſen, daß ich Euch mit einander bewundern und ſegnen kann.“ Verlegen in ihrer Haltung, verſuchten es die jungen Leute, ſich anzuſchauen, und ſie ſchlugen die Augen nieder. „Ich glaube aber, ich habe Euch nie geſehen, gute Frau,“ ſagte Lothario, um etwas zu ſagen. „Glauben Sie?“ „Oh! leſagen Sie ſie nicht,“ verſetzte freundlich Friedrike,„ſie iſt geheimnißvoll wie eine verſchloſſene Thüre. Es gibt keinen Schlüſſel, der ihre Geheimniſſe öffnet., Sie hat mir bei ihrer unvergänglichen Seele ge⸗ ſchworen, ſie ſei nicht meine Verwandtin, und alle Jahre macht ſie zwei bis dreihundert Meilen, um mich einige Minuten zu ſechen. Sie kommt in Abweſenheit meines Vormunds, den ſie immer vermeidet, richtet einige Fragen über mein Glück und über meine Geſundheit an mich und kehrt wieder zurück.“ „Sie ſpricht Sie immer, wenn Sie allein find?“ fragte Lothario. „Ja, wenn ich allein bin,“ antwortete Friedrike. „Ich entferne mich,“ ſagte Lothario traurig. „Rein, nein,“ verſetzte lebhaft die Unbekannte.„Sie, das iſt etwas Anderes; Sie können da ſein. Ich habe ihr nichts zu ſagen, was Sie nicht hören dürften. Ihr ſeid einander nicht ſo fremd.“ 220 find einander nicht fremd?“ rief freudig Lo⸗ hario. „Ich habe den Herrn nie geſehen,“ entgegnete Friedrike. „Und ich,“ geſtand Lothario,„ich habe das Fräulein zum erſten Mal, geſtern am Morgen, auf der Terraſſe hier geſehen.“ „Ah! Sie haben mich geſehen?“ Lothario hielt inne, verlegen über ſeine Haſt. Es ihm, als ließe ſich ſein Herz in ſeinem Geſichte eſen. Die Deutſche lächelte, während ſie Beide anſchaute. „Oh!“ murmelte ſie,„ſie könnten einen Himmel machen, wenn die Hölle nicht zwiſchen ihnen wäre.“ „Nun, Friedrike, was iſt Ihnen ſeit einem Jahre, daß wir uns nicht mehr geſehen, begegnet?“ fragte ſie. „Oh! mein Gott, nichts,“ antwortete Friedrike. „Alle meine Wochen gleichen ſich. Es iſt immer dafſelbe ruhige und einfache Daſein. Dieſelben Beſchäftigungen und dieſelben Perſonen! Kein neuer Ankömmling in mei⸗ nem Leben. Ich arbeite, ich nähe, ich leſe, ich treibe Muſik, und ich denke an meinen Vater und an meine Mutter, die ich nicht gekannt habe. „Gerade wie ich,“ unterbrach Lothariv. „Und derjenige, welchen Sie Ihren Vormund nennen?“ ſagte die Bäuerin, deren Geſicht ſich bei dieſer Frage verdüſterte. „Er iſt immer vortrefflich und mir herzlich ergeben.“ „Und Sie ſind glücklich mit ihm?“ „Sehr glücklich.“ „Das iſt ſeltſam, ſehr ſeltſam,“ murmelte die Fremde. „Gott iſt darin. Gleichviel! ſagen Sie ihm nichts von meinem Beſuche.“ „Ihr ſolltet das nicht von mir verlangen,“ ſagte Friedrike. „Warum nicht?“ „Höret! mit Euren Geheimniſſen habe ich oft Be⸗ en 2“ ge n.“ de. on gte Be⸗ 221 denklichkeiten,“ erwiederte das reizende Mädchen.„Bin ich, von meinem Vormund ernährt und erzogen, berech⸗ tigt, ohne ſein Wiſſen Beſuche zu empfangen, ihm zu verbergen, was in ſeinem Hauſe vorgeht, ihm zu miß⸗ trauen? Wenn ich wenigſtens außerordentliche Gründe hätte! Doch befrage ich Euch, ſo ſchweigt Ihr. Ihr wollt mir nicht einmal meine Verwandten nennen. Mein Vormund ſagt, er wiſſe nichts von meiner Herkunft. Ich bitte, ſprecht mir wenigſtens von meiner Mutter.“ „Nein! nein! befragen Sie mich nicht,“ ſagte die Bäuerin.„Ich kann Ihnen nicht antworten.“ „Nun! wenn Ihr nicht von meiner Mutter ſprechen wollt, ſo werde ich glauben, Ihr kommet in ſchlechten Abſichten, Ihr ſeiet vielleicht von Feinden abgeſandt, um mich zu beſpähen und mein Verderben zu bereiten.“ Die Bäuerin ſtand auf. Eine Thräne rollte in ihren Au gen. Friedrike wiverſtand dieſem frommen Vorwurf nicht. Sie warf ſich in die Arme der Unbekannten und bat ſie um Verzeihung. „Liebes Kind!“ ſprach die Bäuerin,„beargwohne mich nie. Du würdeſt mir ſehr wehe thun, Dir aber noch viel mehr. Warum nehme ich an Dir Antheil? Aus tauſend Gründen, die ich Dir nicht ſagen kann. Ich habe in einer Stunde der Bangigkeit etwas gethan, wor⸗ aus Dein Unglück entſpringen kann. Bis jetzt hat uns Gottes Güte bewahrt, und das, was Dein Verderben hätte ſein können, ſcheint Dein Glück geweſen zu ſein. Doch wer kennt die Zukunft? Wenn Dir Unglück wider⸗ fährt, ſo werde ich die Urſache davon geweſen ſein. Darum iſt mein Leben Dir geweiht. Nimm es an dem Tag, wo es Dir beliebt; es gehört Dir. Wenn Du meiner bedarſſt, oder wenn Du mir nur etwas mitzu⸗ theilen haſt, was es auch ſein mag, eine Veränderung Deines Schickſals, eine Veränderung Deines Wohnorts, ſo ſchreibe mir, wie Du es immer zu thun die Güte 222 hatteſt, unter derſelben Adreſſe nach Heidelberg. Daß ich Dich nie aus dem Geſichte verliere! Oh! ich flehe Dich an, glaube an mich.“ Sie wandte ſich gegen Lothariv. „Sie, der Sie in Paris bleiben,“ ſagte ſie,„ich empfehle ſie Ihnen. Wachen Sie über ihr, verlaſſen Sie ſie nicht mit den Augen. Sie kann jeden Tag Gefahren preisgegeben ſein, die ſie nicht vermuthet.“ „Leider habe ich nicht das Recht, das Fräulein zu beſchützen,“ verſetzte Lothariv. „Doch! Sie haben es,“ erwiederte die Unbekannte. „Ich ſchwöre, daß Sie es haben.“ „Wahrhaftig? Fräulein Friedrike wird es mir aber nicht anerkennen.“ „Ich geſtehe jedem guten und redlichen Herzen das Recht zu, diejenigen zu beſchützen, welche in Gefahr ſind,“ ſagte Friedrike.„Doch ich bedarf keines Menſchen, ſo lange ich meinen Vormund haben werde!“ Die Bäuerin ſchüttelte mit einem bittern Lächeln den Kopf. „Wir werden zu zwei ſein, mein Fräulein,“ ent⸗ gegnete Lothario entzückt, ſich mit dem Leben von Friedrike vermiſcht zu finden.„Ihr Vormund iſt ein alter Freund meines Oheims; ſie ſind im Begriff, ihre Bekanntſchaft wieder anzuknüpfen, und man wird mir erlauben, zuweilen hierher zu kommen. Mein Oheim wird mir dazu helfen, daß Herr Samuel Gelb mich empfängt. Herr Samuel Gelb iſt in dieſem Augenblick im Geſandtſchaftshotel; ich werde ihn bei meiner Rückkehr vielleicht noch dort treffen und mich ihm vorſtellen laſſen. Welch ein Glück!“ „Ah! ſie ſehen ſich wieder!“ ſagte leiſe und als ob ſie mit ſich ſelbſt ſpräche die Fremde.„Ah! Samuel hat ſich ſeines Jugendfreundes wieder bemächtigt! Das iſt ſchlimm! Neue Mißgeſchicke bereiten ſich vor. Lothariv,“ ſprach ſie laut,„wachen Sie über ihr, und wachen Sie 223 über dem Herrn Grafen. Ich, ich will in meine Heimath zurückkehren, zufrieden mit der Gegenwart, unruhig über die Zukunft. Leben Sie wohl, Friedrike, ich werde vor einem Jahre nicht wiederkommen. „Ah! ich, ich werde, ehe zwei Tage vergehen, wieder⸗ kommen,“ ſagte Lothario. Die Unbekannte küßte Frievrike auf die Stirne, ſprach einen Segen, den man nicht hörte, und verließ das Zim⸗ mer. Friedrike geleitete ſie bis zum Gitter zurück, und die Bäuerin und Lothario gingen weg und ließen Friedrike ganz träumeriſch und neuen Gemüthsbewegungen preis⸗ gegeben zurück, welche in das Herz des jungen Mädchens dieſe Improviſation einer Vertraulichkeit mit dem ſanften, eleganten jungen Mann, dem erſten, der in Ihre Einſam⸗ keit gekommen, werfen mußte. Bei Olympia. Olivia hatte auf der Ile Saint⸗Louis, am ſüdlichen Quai, den erſten Stock eines alten Hotels von edlein, ſtattlichem Ausſehen inne. Wenn man in ihre Wohnung eintrat, hätte man ſich ſicherlich nicht bei einer Schauſpielerin geglaubt. Nirgends dieſe neue Frivolität, dieſe heute nothwendigen, morgen unmoͤglichen Moden des Tags, dieſer unverſtändige Reich⸗ thum der durch das Glück Emporgekommenen. Weder Luxus, noch Coquetterie. Vom Vorzimmer gelangte man in das mit alten Tapeten ausgeſchlagene Speiſezimmer. Der Salon, ganz von Eichenholz, woran man da und 224 dort ausgeſchnitzte Roſen und Weinreben bemerkte, ſtand durchaus nicht mit dem einfachen und würdigen Geräthe, mit dem er ausgeſtattet war, in Widerſpruch. Ein großes Fortepiano von Ebenholz mit einge⸗ legten Golvfäden hätte allein ſagen können, welcher großen Künſtlerin dieſe Wohnung gehörte; ſonſt hätte man hier weniger eine Künſtlerin, als eine vornehme Dame ver⸗ muthet. In dem Augenblick, wo wir uns die Freiheit nehmen, unſere Leſerin bei einer Sängerin einzuführen, welche ſo viele Gemüthsbewegungen auf dem Ball der Herzogin von Berrh verurſacht hatte, befand ſich Olympia, in ein weites Morgengewand von weißem Kaſchemir gekleidet, Salon und gab einem Lackei Verhaltungsbe⸗ fehle. Olympia mochte vier und dreißig Jahre alt ſein⸗ Das heißt, ſie war in der Vollkraft einer warmen und feſten, durch die glühenden Töne der Sonne Italiens aus⸗ geprägten Schönheit. Die Sanftheit ihrer Augen entzün⸗ dete ſich zuweilen durch einen lebhaften, entſchloſſenen Blick; man fühlte darin die Stärke unter der Güte, und unter der Anmuth der Frau errieth man eine menſchliche Ent⸗ ſchiedenheit. Eine ungeheure Verſchwendung von Haaren von herrlichem fahlem Gold rieſelte gleichſam, wie eine Flammenglorie, von ihren Schläfen herab und wirbelte hinter ihrem Kopfe. Von einer ſtrahlenden Bläſſe, hatte ihr Teint den matten Glanz eines weißen Marmors. Hände einer Kaiſerin, ein ſtolzer, geſchmeidiger Wuchs, und über ihrer ganzen Perſon vas eigenthümliche Merkmal, vas die Kunſt ihren Auserwählten aufdrückt, um ſie von der Menge zu unterſcheiden, Alles vervollſtändigte dieſes ſchöne und heitere Geſchöpf, das geſchaffen war, um die Augen wie die Ohren in Leidenſchaft zu verſetzen. Das Geſicht war der Stimme würdig. „Sie hören, Paolo,“ ſagte Olympia zu dem Be⸗ dienten,„wenn Sie dieſe fünfzehnhundert Franken dem and the, ge⸗ ßen hier er⸗ en, ogin ein det, sbe⸗ ein. und us⸗ zün⸗ lick; nter Fnt⸗ aren eine belte hatte chs, mal, von ieſes die Das Be⸗ dem 225 Maire des Arrondiſſement, und die weiteren fünfzehnhun⸗ dert dem Pfarrer von Notre Dame übergeben haben, ge⸗ hen Sie im Rückweg zu der armen Frau hinauf, deren Sohn, wie Sie wiſſen, bei der Conſeription ausgehoben worden iſt, und händigen ihr dieſe tauſend Franken ein. Man hat mir geſagt, das ſei genügend, um ihren Sohn loszukaufen. Sie wird nicht mehr weinen.“ „Ich werde ihr ſagen, ich komme in Ihrem Auf⸗ trage?“ fragte der Bediente. „Nein!“ antwortete Olympia.„Sagen Sie ihr, ohne Jemand zu nennen, Sie kommen vom Faubourg Saint⸗Germain.“ Der Bediente ging ab. Er hatte nicht die Thüre des Salon geſchloſſen, als plötzlich ein paar Kiſſen eines Canapé, welches in der Nähe des Fortepiano ſtand, ſich in Bewegung ſetzten. Olympia wandte ſich um und ſah zwiſchen den ſeidenen Kiſſen einen lebhaften, bizarren Kopf mit ſchwarzen ge⸗ lockten Haaren, mit ſchwarzen Augen und weißen Zähnen ſich erheben. Der Menſch, auf deſſen Schultern vieſer Kopf lächelte, hatte ſich zwiſchen den Kiſſen verborgen gehalten. Ohne ſeine horizontale Lage zu verlaſſen, ſagte er zu Olympia: „Meine liebe Schweſter, Du behältſt wieder gar nichts für Dich.“ „Was machteſt Du denn da, Gampa?“ fragte die Sängerin. „Eine Frage iſt keine Antwort,“ erwiederte der ſelt⸗ ſame Menſch.„Die Frau Herzogin hat den geſcheidten Gedanken gehabt, Dich bitten zu laſſen, bei ihr zu ſingen, und die huldvolle Idee, Dir für Deinen Geſang durch die Ueberſendung von zweihundert Louis d'or zu danken. Wenn Du von dieſen zweihundert Louis d'or fünfzehnhun⸗ dert Franken dem Maire, fünfzehnhundert dem Gott lenkt. U. 226 Pfakrer und tauſend Franken der Alten gibſt, ſo muß ich Dich noch einmal fragen, was Du denn behalten wirſt?“ „Ich behalte die vier Zeilen, welche Madame dictirt und unterzeichnet hat,“ erwiederte Olympia ernſt.„Iſt ein Dank von einer ſolchen Hand nicht koſtbarer, als zweihundert elende Louis d'or? Und nun, da ich auf Deine Frage geantwortet habe, antworte auf die meinige. Was machteſt Du hier?“ „Ich?“ verſetzte Gampa.„Ei! bei Gott, ich be⸗ ſpähte die Wohlthätigkeit eines Engels ohne Flügel und übte die Geſchmeivigkeit eines Menſchen ohne Knochen. Als Du vorhin in den Salon eintratſt, war ich im Zuge, mir die Muskeln ein wenig gelenk zu machen und einige von meinen alten Karpfenſprüngen(zu durchgehen. Bei Deinem raſchen Eintritt fühlte ich mich betreten, und aus Furcht, bei dem Verbrechen der Gauklerei ertappt zu werden, verbarg ich mich in den Tiefen dieſes Canapé, wo ich begraben geblieben wäre, ohne den Ausbruch des Entſetzens, den mir Deine Tugend entriſſen hat.“ So ſprechend, machte der Signor Gampa behende einen elaſtiſchen Sprung vom Canapé und blieb feſt und zugleich geſchmeidig vor dem Tiſche ſtehen, an dem Olympia ſaß. „Seltſamer Menſch!“ ſagte ſie lächelnd. Es war in der That ein ſeltſames Weſen, dieſer Gampa! Klein, ſchlank, die Taille ſchmächtig, breitſchul⸗ terig, mit einem Halſe eines jungen Stieres, eine Mi⸗ ſchung von Zartheit und Stärke, nervig, hatte er Frauen⸗ hände und Fauftgelenke eines Hercules. Was beſonders auffiel, wenn man ihn anſchaute, war ein merkwürdiger Contraſt zwiſchen der Haltung ſeines Koͤrpers und ſeinem Anzug. Seine Lebhaftigkeit wußte ſich offenbar nicht mit dem ſchwarzen Rocke und mit den Beinkleidern zu ver⸗ tragen, die er ſich allerdings mit weiten Falten gewählt hatte, in denen ihn aber die Hoſenträger und die Strüppen auf die Folter ſpannten. Er ſchien ganz fremd in dieſer ich ſt?“ ctirt „Iſt als eine Was be⸗ und hen. uge, nige Bei aus zu ap6, des ende dem 227 Kleidung von aller Welt zu ſein und hatte etwas von einem in einen Frack eingezwängten Clown. Eine Einzelheit in ſeinem Coſtume mußte ebenſo ſehr ſeine ſüdliche Phantaſie entzücken, als ſie bei unſerer eng⸗ herzigen Eleganz anſtieß: das war ein Paar große gol⸗ dene Ohrringe, welche, an ſeinen Wangen herabhängend, an dieſe anſchlugen und bei der Behendigkeit ſeiner Be⸗ wegungen zwei Strahlen den Strahlen ſeiner Augen beifügten. Keine Bitte, keine Rückſicht hatte Gampa be⸗ ſtimmen können, auf dieſen glänzenden Zierrath zu ver⸗ zichten. Olympia drängte das Lächeln zurück, das der unge⸗ ſtüme Sprung von Gampa auf ihre Lippen geführt hatte, und nahm eine Miene ſo ernſt als es ihr nur immer moͤglich an. „Mein lieber Bruder wird alſo nie die Würde und die Haltung lernen?“ ſagte ſie.„Mit bald vierzig Jahren müßte mein lieber älteſter Bruder doch etwas weniger Queckfilber in den Adern haben.“ „Ah! bei meiner Treue, das ſehe ich nicht ein,“ rief Gampa.„Es iſt Niemand hier. Lord Drummond ſieht uns nicht. Laß mich ein wenig mich recken. Wenn Du wüßteſt, wie ich an der großen Welt im Allgemeinen und an Paris insbeſondere genug habe! Welch ein abſcheu⸗ liches Land iſt Frankreich. Die Sonne ruht fünf Tage in der Woche davon aus, daß ſie ſich die zwei andern mit dem Regen geſchlagen hat. Ich langweile mich und bekomme den Schnupfen. Füge dem Lord Drummond den Nebelmenſchen bei. Corpo di Bacco, ich glaube, ich ſehne mich hier nach dem Flima und dem Aufenthalt in Wien zurück.“ 5 Olympia bebte ſchmerzlich. Bruder,“ ſagte ſie,„Du hatteſt mir verſprochen, nie bei mir wieder von Wien und von den zwei Monaten, die wir dort zugebracht, zu ſprechen.“ „Das iſt wahr! Oh! verzeihe mir, Schweſter! Ich 228 bin ein unbeſonnener Schwätzer. Sprechen wir von Ita⸗ lien. O theures Italien!“ „Du liebſt alſo Italien ſehr, Gampa 2 „Es iſt meine Mutter,“ antwortete Gampa, deſſen Stimme weich wurde, und deſſen Auge beinahe die Abſicht einer Thräne hatte. „Und dann,“ fuhr er heiter fort,„in Italien iſt es warm und es gibt eine Sonne dort. Ferner habe ich beinahe in allen Städten Freunde, Laternenanzünder, Fi⸗ guranten, Souffleurs. Des Nachts nach dem Schau⸗ ſpiel gehe ich mit ihnen in eine Schenke, ich ziehe mein Kleid aus, und hier muß man mich ſehen, wie ich mich Allem überlaſſe, was die Natur und die Luft an Phanta⸗ ſien den ungegliederten Menſchen geſtatten. Und dann folgen die Freudenſchreie und die Beifallsſtürme, während ich hier Niemand kenne. Statt Dich bei einem Theater engagiren zu laſſen, wo ich baid eine ehrenwerthe Bekannt⸗ ſchaft unter den Comparſen oder den Spritzenmännern gemacht hätte, bleibſt Du majeſtätiſch hier in einem Hotel, in dem ich auf die Geſellſchaft von Lords und Prinzen be⸗ ſchränkt bin. Welche Langweilel ich muß Tag und Nacht ein Herr, ein Reicher, ein Behandſchuhter, ein Geſteifter, ein Cravatirter ſein; nie ein Gaukleri nie nach meinem Behagen! iſt das ein Leben? Ich liebe Dich ſo ſehr, vaß ich mich Deinetwegen zum Lurus zwinge, daß ich mich entſchließe, in koſtbaren Zimmern zu ſchlafen, daß ich Bedienten aushalte, daß ich mich in glänzende Mahle füge. Aber ich ſehne mich nach meiner Dürftigkeit, nach meinem guten Schlaf in freier Luft, nach den Macaroni auf dem öffentlichen Platze und beſonders nach dem ſtraffen Seile und der menſchlichen Pyramide zuück! Ach! wenn man bedenkt, daß es Arme gibt, welche die Reichen be⸗ neiden!“ Gampa ſagte dieſe komiſchen Dinge mit ſo bewegtem Tone, daß Olympia, während ſie lächelte, ſich von dieſen albernen Lamentationen beinahe gerührt fühlte. ta⸗ ſſen cht es Fi⸗ au⸗ ein nich ta⸗ ann end ater nnt⸗ ern tel, be⸗ acht fter, nem ehr, daß ahle nach roni ffen venn be⸗ tem ieſen 229 „Bekümmere Dich nicht, mein armer Gampa. Dein Wunſch könnte vielleicht eher, als Du hoffſt und als ich es gewollt hätte, verwirklicht werden.“ „Sollten wir nach Italien zurückkehren?“ „Ach! ja,“ erwiederte Olympia.„Ich bin nicht wie Du, ich liebe Paris.“ „Wenn Du es liebſt, ſo werden wir hier bleiben,“ ſagte traurig der arme Menſch. „Nein,“ antwortete ſie.„Ich liebe in Paris den hei⸗ ligen Wohnſitz der Künſte, die Hauptſtadt der Intelligen⸗ zen, die Stadt, welche die entſcheidenden Kronen austheilt. Paris gibt dem Rufe und den Talenten die Taufe und den Namen. Niemand iſt ſeiner ſicher, ſo lange nicht Frankreich ſeinen Ausſpruch gethan hat. Eines Tags zweifelte ich nun an meiner Inſpiration und meiner Macht, und ich fühlte dus unwiverſtehliche Bedürfniß, dieſen ober⸗ ſten Richter zu fragen, was ich werth ſei. Lord Drum⸗ mond bat mich eben, mit ihm in Paris zuſammenzutreffen. Ich glaubte hier fingen zu können, obgleich Lord Drum⸗ mond, Du weißt, wie eiferſüchtig er auf meine Stimme iſt! erklärte, er widerſetze ſich dem geradezu. Ich verſuchte es, ohne mit ihm zu ſprechen, mit dem italieni⸗ ſchen Theater übereinzukommen, doch er hatte ohne Zweifel den Streich vorhergeſehen. Ich wochte immerhin zum Voraus alle mögliche Bedingungen annehmen, mich aner⸗ bieten, umſonſt zu ſingen, man hielt mir übernommene Verbinvlichkeiten, die Gefahr, Concurrenzen für Künſtler⸗ innen zu ſchaffen, welche in der Gunſt des Publikums ſchon feſt ſtanden, entgegen. Kurz, ich habe die Thüren geſchloſſen gefunden. So werde ich wohl dahin zurück⸗ kehren, wo die Thüren für mich offen ſtehen; denn ſiehſt Du, Gampa, ich habe ein Bedürfniß, zu ſingen.“ „Wie ich, zu ſpringen! Ohl ich begreife das!“ rief Gampa.„Oh! ja, die Behendigkeitsſtücke der Kehle oder der Lenden! der Kreis des aufgeſperrten Mundes der 230 Menge, das Beifallklatſchen, der Triumph! das iſt das Leben!“ „Nein,“ entgegnete Olympia, ſchwermüthig ihren ſchönen Kopf ſchüttelnd,„nein, wenn ich den Geſang, die göttliche Muſik, die großen Meiſter und den erhabenen Troſt der Kunſt liebe, ſo iſt es nicht wegen der Bravos, wegen des Rufes, wegen des Ruhmes, ſondern um meinet⸗ willen, wegen der Gemüthsbewegung, die ich empfinde und die ich mittheile, um nach Außen eine Ueberfülle, die ich im Herzen habe, zu verbreiten. Ich habe in mir Et⸗ was, was mich, glaube ich, erſticken würde, wenn ich es nicht in die Andern ergöße. Ich ſinge nicht, um applau⸗ dirt zu werden, mein Bruder, ſondern um zu leben.“ „Gleichviel!“ ſagte Gampa;„Du gedenkſt Paris zu verlaſſen?“ „Ja. 2 „Und nach Italien zurückzukehren?“ „Ja.“ „Bald 2 „Ehe vierzehn Tage vergehen.“ „Iſt das wahr? Du ſagſt das nicht, um Deinen ar⸗ men Gampa zu täuſchen?“ „Ich verſpreche es Dir.“ Es ſtanden im Zimmer zwei mit dem Rücken an ein⸗ ander angelehnte vergoldete Fauteuils. Ohne ein Wort zu erwiedern, warf ſich Gampa plötzlich rückwärts, fiel auf die Wirbelſäule geſtellt auf die doppelte Lehne und kam durch einen wunderbaren Karpfenſprung mit gleichen Füßen auf die andere Seite der Fauteuils zu ſtehen. Das war ſeine Art, ſeine Freude auszudrücken. Olympia gab einen Schrei von ſich. „Unglücklicher,“ ſagte ſie, erſchrocken und lächelnd; „Du wirſt am Ende den Hals brechen, abgeſehen davon, daß Du mit dem Zerbrechen meiner Meubles anfängſt.“ „Ah! Du beleidigſt mich!“ erwiederte Gampa in ſeiner Acrobaten⸗Eitelkeit verletzt. ren die nen os, et⸗ nde die Et⸗ u⸗ n⸗ zu uf m en n, . 231¹ Und als wollte er ſich für dieſe beleidigende Furcht rächen, ſprang er auf das Canapé, ſchwang ſich auf eine Truhe, kletterte von der Truhe auf eine Art von Fackel⸗ ſtuhl von vergoldetem Holz, welcher eine ungeheure japa⸗ niſche Vaſe trug, und vom Fackelſtuhl oben auf die Vaſe, wo er ſich im Gleichgewichte hielt. „Ich bitte Dich, ſteige herab,“ rief ihm Olympia er⸗ ſchrocken zu. „Sei unbeſorgt,“ ſagte er,„ich feiere unſere glor⸗ reiche Rückkehr nach Italien.“ Und er blies ſich die Backen auf und ahmte mit ſei⸗ ner Kehle den Ton und mit ſeinen Händen die Bewegung der Trompete nach und ſang höchſt geräuſchvoll: Tara! tara! tara! Plötzlich erſtarb die Stimme in ſeiner Kehle, und Olympia ſah ihn zu ihrem Erſtaunen bleich werden und eine klägliche Haltung annehmen. Es war Lord Drummond, welcher eintrat. Der Lärm der Fanfaren von Gampa hatte es ver⸗ hindert, den Bevienten, welcher den Lord meldete, zu hören, ſo daß ſich Gampa plotzlich von Angeſicht zu An⸗ geſicht dem kalten Ernſt des ſtrengen Gentleman gegenüber ſah. Der arme Gampa ließ ſich von der Vaſe oben auf den Boden herab mehr fallen, als daß er ſprang. Olympia konnte ſich eines heiteren Gelächters nicht erwehren. Lord Drummond ſchaute, eine Bewegung übler Laune unterdrückend, die Sängerin mit einer Miene an, die ihr einen Vorwurf machte, daß ſie ihren Bruder zu dieſen unanſtändigen Beluſtigungen ermuntere. Doch ſie lachte nichtsdeſtoweniger herzlich fort. Gedemüthigt durch ſeine Stellung, zögerte Gampa, ob er den Platz verlaſſen ſollte, doch der Gedanke, den Salon vor dieſem ernſten Herrn zu durchſchreiten, übergoß ihn mit einem kalten Schweiß, die Thüre war fern und das Canapé nahe; er entſchied ſich für das Canapé, ver⸗ ſank darein und ſuchte eine ſchickliche Haltung anzunehmen. Er hätte gemächlich weggehen können, denn Lord Drummond ſchenkte ihm keine Aufmerkſamkeit mehr. So bald er Olympia ſah, ſah Lord Drummond nur noch ſie. Sein gewöhnlich kalter und höflicher Blick zerſchmolz auf ihr in eine unbeſchreibliche Sympathie, in Bewunderung, beinahe in Extaſe. Sie reichte ihm eine Hand, die er küßte. Dann deutete ſie auf einen Lehnſtuhl, und ſie ſetzten ſich zum Feuer. „Mein lieber Lord,“ fragte ſie,„was verſchafft mir ſo frühzeitig das Glück Ihres Beſuches?“ „Ich will mir einen Dienſt von Ihnen erbitten, Madame,“ antwortete er. „Einen Dienſt von mir!“ „Ja, ich gebe heute Abendbrod und komme, um Sie zu erſuchen, daran Theil zu n Oh! nicht allein, mit Ihrem Bruder.“ Der Perliebte in eine Stimme. Bei dieſer Einladung zu einem Abendbrod in Gala mit vornehmer Welt machte Gampa eine klägliche Grimaſſe. Olympia ſagte, nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen: *„Mein lieber Bruder, laß uns ein paar Minuten allein. Der Zigeuner im Frack ließ ſich dies nicht zweimal ſagen, grüßte kurz und ſchlich ſich davon, ohne das Duell ohne Zeugen, das nun folgen ſollte, vermuthen zu können oder zu wollen. n ie la ſe. : en al ell en 233 Olympia fragte kalt: „Wird Geſellſchaft bei Ihrem Abendbrod ſein, My⸗ lord?“ „Einige Freunde,“ antwortete Lord Drummond. „Ich werde kommen.“ „Ich danke, diva carissima.“ „Oh! danken Sie nicht ſo raſch,“ verſetzte ſie.„Nicht Ihretwegen nehme ich an, ſondern meinetwegen. Es lang⸗ weilt mich, nur für mein Clavier zu ſingen. Man wird mich ohne Zweifel bitten, einige Arien vorzutragen, und ich werde Herzen mit dem Hauche des meinigen bewegen können.“ Lord Drummond nahm plötzlich einen Ausdruck der Verlegenheit und des Leidens an. „Verzelhen Sie, Olympia,“ ſagte er,„ich wollte Sie gerade bitten, bei dieſem Abendbrod nicht zu ſingen.“ „Ah! abermals?“ „Sie wiſſen, welchen Schmerz Sie in meine Freude miſchen, wenn ich Sie nicht allein ſfingen höre.“ „Gut! ich werde nicht ſingen; ich werde nicht zum Abendbrod kommen.“ Lord Drummond, in deſſen Zügen ein Blitz der Freude beim erſten Theile des Satzes ſichtbar geworden war, ſchrie beim zweiten auf. „Ich habe verſprochen, Sie würden kommen,“ rief er. „Nun wohl! ſo ſagen Sie, ich habe mich geweigert, Ihr Verſprechen zu halten.“ „Aber wie würde ich vor Gäſten ausſehen, welche nur Ihretwegen kommen?“ „Sie werden ausſehen, wie es Ihnen beliebt!“ Lord Drummond drang noch in ſie. „Wenn ich mir das als einen Dienſt von Ihnen er⸗ bitte?“ ing Waͤhlen Sie: entweder gehe ich nicht, oder ich inge. 234 Er drang nicht mehr in ſie, und Beide ſchwiegen ei⸗ nen Augenblick, er verlegen, ſie entſchloſſen. Er ſprach zuerſt wieder. „Die Art, wie Sie meine erſte Bitte aufgenommen, iſt nicht ſehr ermunternd, und dennoch hätte ich, Sie vermuthen es wohl, eine zweite, an Sie zu richten.“ „Welche?“ fragte ſie ernſt. „Sie ſagten, es ſei Ihnen langweilig, nur für Ihr Clavier zu ſingen. Sie wiſſen aber wohl, daß es auf der Welt ein Weſen gibt, welches Sie in Trunkenheit und Extaſe verſetzen, wenn Sie für daſſelbe zu fingen die Güte haben.“ „Sie?“ „Da es Ihr Glück iſt, zu ſingen, und das meinige, Sie zu hören, warum benützen wir dieſen Augenblick nicht, wo wir beiſammen ſind?“ „Ich bin heute nicht bei Stimme,“ erwiederte ſie. „Weil wir allein ſind?“ „Ganz richtig. Hören Sie, Mylord, ich muß offen⸗ herzig mit Ihnen ſprechen, da ſich die Gelegenheit bietet. Ich ſage Ihnen vorher, daß ich entſchloſſen bin, nicht mehr dieſe unerträgliche Herrſchaft zu ertragen, die Sie mir, ich weiß nicht warum, auferlegt haben. Gott hat mir nicht eine Stimme gegeben, damit ich ſchweige, und die Macht, die Menge zu bewegen, damit ich mich von der Menge entferne. Es ſagt mir nicht zu, bei verſchloſ⸗ ſenen Thüren inſpirirt zu ſein. Wenn Sie mich hoͤren wollen, ſo werden Sie Geſellſchaft einladen. Ich werde öffentlich ſingen, oder ich werde nicht ſingen. Es iſt mir ſehr lieb, Ihnen das Einzige verweigern zu können, was Ihnen am Herzen liegt, Ihnen, der Sie mir das Einzige verweigern, was mir am Herzen liegt.“ „Was verweigere ich Ihnen?“ „Wenn Sie mich darauf beſchränkten, daß Sie ſich weigerten, mich vor Ihren Freunden fingen zu laſſen, oder mir verböten, auf einem Theater zu erſcheinen„. S en, Sie hr uf eit die ge, ht, n⸗ et. cht ie at nd on oſ⸗ de nir as ige ich n, 235 ich bin, Gott ſei Dank! nicht unter Ihrer Vormundſchaft und hätte mich ohne Ihre Unterſchrift engagirt. Aber glauben Sie, ich errathe nicht, daß Sie es ſind, der die Italiener verhindert hat, mich zu nehmen? Halten Sie mich für ſo einfältig, daß ich denke, ein Theater weiſe eine Sängerin wie mich zurück, die ſich um nichts anbie⸗ tet? Wie viel hat Sie das gekoſtet? Das mußte Sie theuer zu ſtehen kommen? Geben Sie wenigſtens mei⸗ ner Eitelkeit die Befriedigung, daß Sie mir geſtehen, Sie haben mehr ausgegeben, um mich am Singen zu verhindern, als Sie gethan hätten, um eine Andere ſingen zu machen.“ Lord Drummond hatte ein unmerkliches Lächeln auf den Lippen. „Sie geſtehen es,“ fuhr Olympia fort.„Wozu bin ich denn nach Paris gekommen? Concerte geben, das iſt nicht mehr das Theater, das Drama, die Leidenſchaft, die Kunſt, das Leben. Selbſt auf dein Maskenballe der Frau Herzogin von Berry, wo Sie die wunderbare Ge⸗ fälligkeit gehabt haben, mich verlarvt erſcheinen zu laſſen, fühlte ich, daß es nicht das Theater war. Ich wiederhole alſo, Sie müſſen Ihren Entſchluß faſſen, es gefällt mir nicht mehr, mich Ihren Phantaſien zu unterwerfen. Sie find vornehm und reich, Sie haben Launen, es entſpricht Ihrem Geſchmack, eine Sängerin für Sie zu beſitzen, welche nur Ihnen gehört und nur Noten für Sie hat. Wenn das Liebe wäre, ſo würde ich Sie begreifen. Doch Sie lieben mich, Gott ſei Dank! nicht; Sie haben mir nie eine Erklärung gemacht; und wenn Sie mir eine ge⸗ macht hätten, ſo wären Sie nicht bei mir. Die Frau, und das hat mir von Anfang an Ihnen gefallen, exiſtirt nicht für Sie; Sie kennen nur die Sängerin. Sie ſind nicht eiferſüchtig wegen meines Geſichts, wegen meiner Perſon, wegen meiner; Sie quälen mich oft, um mich zu bewegen, mit Ihren Freunden zu Mittag zu ſpeiſen, unter der Bedingung, daß ich nicht fingen werde. Man 236 erzählt Geſchichten von Millionären, welche den ungeheu⸗ ren Egoismus übten, an einem Abend alle Plätze eines Schauſpielhauſes zu miethen, um eine Vorſtellung ganz allein zu haben. Ihr Egoismus geht noch weiter, er beſchränkt ſich nicht auf eine Vorſtellung. Sie confisci⸗ ren mich. Hiezu bedürfen Sie aber meiner Einwilligung, und ich entziehe ſie Ihnen.“ Lord Drummond erbleichte. „Nein, gewiß,“ fuhr ſie fort,„ich will nicht mehr die unterthänige Dienerin Ihrer Excentricitäten ſein. Wenn Sie für mich, nicht Liebe, ich würde das nicht geſtatten, aber Zuneigung hätten, Sie wiſſen, daß der Geſang mein Leben iſt, Sie würden mich eben ſo wenig des Singens, als des Athmens berauben wollen. Unter dem Vorwand, Sie ſeien eiferſüchtig auf meine Stimme, ſtellen Sie ſich zwiſchen mich und meinen Traum, entziehen Sie mir die Freude, Paris zu rühren und meine Seele in dieſer Seele der Welt beben zu machen. Da Sie Ihre Sonderbar⸗ keiten haben, ſo müſſen Sie die der Andern begreifen. Die meinige iſt, daß ich den vollen Sälen die Inſpira⸗ tionen, welche mein Herz bewegen, Alles, was ich fühle, Alles, was in mir überſtroͤmt, mittheilen will. Sie ha⸗ ben kein Recht auf mich. Ich bin frei. Ich werde fingen, wo es mir gutdünkt.“ Ein Beben faltete den Mund von Lord Drummond wie den von Othello, da ihm Jago ſagt, Desdemona liebe Caſſiv. „Das iſt der erklärte Krieg?“ ſagte er. „Der Krieg! es ſeil! wenn Sie das Krieg nen⸗ nen.“ „Und unſere Uebereinkünfte?“ „Ihr ſeltſamer Dilettantentraum konnte Anfangs die Künſtlerin in mir reizen und rühren. Sie liebten eifer⸗ ſüchtig meine Stimme, wie ich die Kunſt liebe. Dieſe Aehnlichkeit hat mir gefallen, und ich habe mich eine Zeit lang dem hingegeben, was ich für die Originalität eines die nn n, ein n, nd, die ele r⸗ en. ra⸗ le, a⸗ en, nd ebe en⸗ die er⸗ eſe eit nes * 237 Enthuſtaſten hielt. Aber ich bemerke, daß dies nur der Egoismus eines Ueberſättigten iſt, und ich empöre mich.“ „Sie werden öffentlich fingen?“ „Ja, gewiß.“ „Trotz aller Bitten?“ „Trotz aller Bitten.“ „Ich werde Sie daran verhindern.“ „Sie werden alle Theater bezahlen, wie das Italie⸗ niſche Theater, damit ſie mich nicht ſingen laſſen. Ihr Vermögen würde hiezu nicht hinreichen.“ „Ich weiß nicht, was ich thun werde,“ erwiederte Lord Drummondz„aber ich werde Sie verhindern, öffent⸗ lich zu fingen.“ „Sie werden mich auspfeifen.“ Lord Drummond antwortete nicht. „Sie ſprachen von unſeren Uebereinkünften,“ fuhr Olympia ſich ſtufenweiſe belebend fortz„ſagen Sie doch, Sie werden die fünfzigtauſend Franken, die Sie mir ge⸗ liehen haben, von mir zurückfordern.“ Er machte eine Geberde energiſcher Verneinung. Sie aber ging mit einer Bewegung gereizten Stolzes auf einen Secretaire zu, öffnete ihn, nahm ein Päckchen Banquebillets heraus und reichte ſie Lord Drummond. „Hier ſind Ihre fünfzig tauſend Franken,“ ſagte ſie. Und da er ſie nicht nahm, warf ſie die Billets auf den Tiſch. „Das ſetzt Sie in Erſtaunen,“ ſprach ſie.„So er⸗ fahren Sie, daß ich mich in Venedig für die ganze nächſte Saiſon engagirt und dabei verlangt habe, daß man mich zum Voraus honorire. Gott ſei gelobt! ich kann bezahlen und bin Ihnen nichts mehr ſchuldig.“ Lord Drummond war beſtürzt und erbleichte. Dieſe Leidenſchaft, an der er mehr als am Leben hing, ſollte ihm entgehen. „Ja,“ fuhr Olympia fort,„ich bin eine ſorgloſe, * 238 verſchwenderiſche Frau, ich kann nicht rechnen, nicht ab⸗ ſchlagen; das Geld ſchlüpft mir wie das Waſſer durch die Finger. Eines Tags, da ich zu königlich meine rei⸗ chen Gläubiger vergeſſen hatte, um die Bewohner eines abgebrannten Dorfes zu unterſtützen, waren Sie da, um es zu verhindern, daß man mein Palais in Beſchlag nahm. Ich habe dieſen Dienſt von Ihnen angenommen, weil ich dachte, Sie verkaufen ihn nicht an mich. Ich war Ihnen dankbar, und um Ihnen zu danken, habe ich Anfangs lachend Ihren Sonderbarkeiten nachgegeben. Doch während ich meinen Freund aus Ihnen gemacht habe, wollen Sie ſich zu meinem Herrn machen. Ich binde mich los und falle aus. Ich gebe Ihnen Ihr Geld wie⸗ der und nehme meine Freundſchaft zurück. Das Geld! wenn ſie mich an dieſem Bande zu halten glaubten, ſo täuſchten Sie ſich. Ich habe es nie anders nöthig ge⸗ habt, als um zu geben. Ich kenne als Luxus und wah⸗ ren Reichthum nur die Kunſt, und ich werde nie ſtolzer ſein, als in einem kleinen Stübchen, unter den Dächern, wo ich ſingen werde wie ein Vogel.“ Sie ſchwieg. Aus dem feſten, entſchiedenen Ton, mit dem ſie geſprochen, hatte Lord Drummond entnom⸗ men, daß dies ein Entſchluß war, an dem Alles brechen — die Kunſt vielleicht ausgenommen, die ihm ſein Glück raubte. „Mein Verbrechen iſt alſo, daß ich Sie bewundere,“ ſagte er.„Sie, die Künſtlerin, werfen mir vor, daß ich die Kunſt ſo innig liebe? daß ich in eine Stimme verliebt bin, wie man es in eine Frau iſt, und daß ich für die in göttlichen Geſängen ausgedrückte Seele dieſelbe Eiferſucht habe, wie Andere für den Leib?“ „Ich ſagte Ihnen, das habe mich Anfangs gerührt,“ erwiederte ſie ſanft. Lord Drummond gewahrte den Vortheil, den er er⸗ langt hatte, und fuhr fort: ——— i⸗ 239 „Ja, es iſt wahr, ich bin eiferſüchtig auf Ihren Ge⸗ ſangz doch nicht allein meinetwegen, ſondern auch Ihret⸗ wegen. Es iſt wahr, ich habe Anfälle von Zorn, wenn ich Sie der plumpen Menge dieſe Noten, in die Sie ſo viel Seele legen, zuwerfen ſehe. Das Publikum bewun⸗ dert Sie auf eine ungeſchlachte Weiſe; es begreift nicht, was Sie ſind: es iſt unwürdig, Sie zu hören; Ihre Stimme, die mir den Himmel oͤffnet, läßt dasſelbe auf der Erde. Ahl warum geſtatten Sie dieſes Eden reiner Me⸗ lodien allen dieſen ſchwachen, albernen Menſchen? Wa⸗ rum erniedrigen Sie das Firmament zum Niveau des Straßenpflaſters. Was ſie eine Repräſentation nennen, nenne ich eine Profanation.“ „Das iſt ganz das Gegentheil,“ erwiederte Olympia. „Das Theater, das iſt das Piedeſtal, es iſt der entflammte Dreifuß, von wo die Prieſterin ihre Orakelſprüche der Menge gibt und den Gott verbreitet, der ſie verzehrt. Sie wollen, daß ich vom Dreifuß herabſteige und auf der Erde krieche. Sie wollen, daß ich die Gottheit in mei⸗ ner Seele auslöſche und wieder Weib werde.“ „Sie ſollen Ihre Gottheit nicht auslöſchen,“ er⸗ wiederte Lord Drummond mit einer bei dieſem phlegma⸗ tiſchen Engländer ſeltſamen Gluth:„ſie ſoll nur für mich brennen. Ich will allein dieſe himmliſchen Gaben beſitzen, die Sie⸗ſpenden; ich will mit Niemand theilen. Ohl ich beſchwöre Sie, Olympia, verſpotten Sie dieſe bizarre Leidenſchaft nicht, die ich bei Ihnen empfinde; reizen Sie dieſelbe nicht zur Verzweiflung. Strafen Sie mich nicht dafür, daß ich Sie anders liebe, als man die andern Frauen liebt. Ueberlegen Sie. Liebte ich Sie mit einer gewöhnlichen Liebe, wozu würde mich das führen, da Sie kälter und keuſcher ſind, als ein Marmor. Haben Sie nicht nein geſagt zu allen Erklärungen und allen Bitten, welche Ihr Genie hervorgerufen? Sind nicht alle Bewerbungen, alle Beharrlichkeiten, alle An⸗ ſtrengungen, alle Stürme vergeblich geweſen? Nun denn! 24⁰ da Sie nicht geliebt ſein wollen, wie die gewohnlichen Frauen, ſo laſſen Sie mich Sie anders lieben. Sie ſind gemacht, um ein Herz wie das meinige zu begreifen, und um mir meine Künſtlerliebe zu geſtatten, Sie, die Sie von der Welt nichts wollen, als die Kunſt, Sie, eine Nonne der Kunſt, der Muſik, für welche die Oper ein Kloſter iſt, von der man keine andere Leivenſchaft gekannt hat, als die ſchönen Rollen, keine andere Liebhaber, als Mozart und Cimaroſa. Im Namen von Rofſini, begreifen Sie mich und erhoͤren Sie mich! Haben Sie nur für mich allein Genie, Seele, Stimme, und nehmen Sie vagegen von mir Alles, was Sie wollen, von meinem Vermögen bis zu meinem Namen, bis zu meinem Blute. Ohl wenn Sie mich heirathen wollten! Einmal meine Frau, wären Sie wohl genöthigt, mir zu gehorchen und mir den abſcheulichen Nebenbuhler, den Sie mir vorziehen, das Theater, zu opfern!“ Lord Drummond ſprach mit einem ſo wahren Aus⸗ druck, daß ſich Olympia unwillkürlich bewegt fühlte. „Mylord,“ ſagte ſie,„Sie ſind beinahe ſo rührend, als albern.“ „Wollen Sie mich heirathen?“ rief er. „Sprechen Sie nie mit⸗ mir von dieſer Tollheit,“ erwieverte ſie ernſt. „Hören Sie,“ fügte ſie bei, indem ſie ihm die Hand reichte,„verſöhnen wir uns. Ich gehe nicht von dem ab, was ich geſagt habe. Ich will frei ſeinz doch wir können Freunde bieiben. Steht Ihnen das an?“ „Das iſt mir lieber als nichts.“ „Abgemacht alſo! Sie bleiben mein Freund unter zwei Bevingungen. Die erſte iſt, daß Sie Ihr Geld zurücknehmen.“ Sie legte ihm die Billets in die Hand. „Bedarf ich derſelben, ſo werde ich ſie wieder von Ihnen fordern,“ ſagte ſie, um ihm dieſe Bezahlung zu chen ſind und Sie eine ein innt als für Sie nem ute. eine und hen, lus⸗ end, it,“ an dem wir nter Held von 6 zu ifen 241¹ verſüßen.„Die zweite Bedingung iſt, daß ich Herrin über mich ſein, wo es mir beliebt, ſingen und nach Venedig zurückkehren werde, um die Saiſon dort zuzubringen.“ „Ich gehe mit Ihnen.“ „Gut. Ich werde ſingen, wann ich will, vor weimn ich will, vor Ihren Freunden heute Abend, wenn ich wid. Iſt das abgemacht?“ 62 „Abgemacht,“ erwiederte Lord Drummond. „Und Sie werden nicht verdrießlich ſein?“ „Ahl dafür ſtehe ich nicht.“ „Ich will Ihnen einige Anfälle von übler Laune in der erſten Zeit hingehen laſſen. Und dann werden Sie ſich daran gewoͤhnen. Uebrigens werde ich ein ſehr ein⸗ faches Mittel haben, um zu machen, daß Sie zufrieden ſind, wenn Sie mich öffentlich fingen hoͤren: es wird darin beſtehen, daß ich nie mehr für Sie allein finge. Sie werden mich noch lieber öffentlich, als gar nicht ſingen hören.“ „Oh! wenden Sie dieſes Mittel nicht an,“ ſagte er. „Ich ziehe es vor, ſogleich zufrieden zu ſein.“ „Sehen Sie, wie zahm Sie werden,“ rief Olympia heiter.„Nun denn! ich will nicht zurückbleiben, und da Sie freundlich gegen mich ſind, ſo werde ich freundlich gegen Sie ſein. Ich bewillige Ihnen zwei Gunſtbezei⸗ gungen, die Sie entzücken müſſen. Einmal werde ich heute Abend nicht für Ihre Freunde ſingen.“ „Ahl“ rief Lord Drummond mit einem Freuden⸗ re . „Und dann will ich ſogleich für Sie ſingen.“ Sie ging zum Clavier und ſang die große Finolarie der Cenerentola: Perche tremar? perche? dieſen herrlichen Ausruf des Triumphes und der Verzeihung einer edlen, ſanften Seele, weiche in ihrer Freude das tröſtet, was ihre Leiden verurſacht hat. Lord Drummond war entzückt, berauſcht. Jede Gott lenkt. I. 16 242 Note dieſer göttlichen, ſo göttlich verdolmetſchten Muſik vibrirte in allen Echos ſeines Innern. Die Seele dieſes ſeltſamen Verliebten in eine Stimme war wie ein anderes Inſtrument, das den allmächtigen Ausdruck ver Sängerin begleitete, und die Finger von Olympia ſpielten zugleich Taſten des Claviers und Fibern ſeines Herzens. Als der letzte Ton verklungen war, klatſchte er nicht Beifall, ſagte er nicht ein Wort zu Olympia. „Und ich ſoll auf eine ſoiche Erſchütterung nicht eiferſüchtig ſein!“ murmelte er nur mit einer düſteren Miene. Dann, da er ſich ohne Zweifel den Gedanken, die ihn verzehrten, entreißen wollte, ſprach er, indem er auf⸗ ſtand: „Sie werden alſo heute Abend kommen 2“ „Ja. Ich denke, Sie empfangen nur Ihre Freunde. Wen werden Sie haben?“ „Perſonen, welche Sie nicht kennen müſſen: den preußtſchen Geſandten „Den preußiſchen Geſandten 2“ rief Olympia plötzlich ebend. „Ja, ich bin ihm geſtern vorgeſtellt worden und habe ihn eingeladen.“ „Den Grafen von Eberbach?“ * „Dann iſt es unmöglich,“ verſetzte Olympia.„Ich werde nicht kommen.“ „Warum nicht?“ fragte Lord Drummond erſtaunt. „Haben Sie etwas gegen den Grafen von Eberbach? Kennen Sie ihn?“ „Nun?“ „Im Ganzen,“ ſagte ſie, wie mit ſich ſelbſt ſprechend, „warum ſollte ich nicht gehen?“ Sie verſank in ein tiefes Nachdenken⸗ Nach einem —+ ———— 8„—„ ð ſik ſes res rin ich icht icht ren die uf⸗ nde. den lich abe unt. ch? en, inem 243 Kampfe, der in ihrem ſchönen Geſichte lesbar war, ſprach ſie dann: „Wohlan! ich werde kommen.“ „Heute Abend alſo, um eilf Uhr!“ „Heute Abend.“ Erzählung von Gamba. Julius war pünktlich beim Abendbrod von Lord Drummond. Um drei Viertel auf eilf Uhr trat er in die großen glänzenden Salons des Hotel der Rue de la Ferme⸗des⸗Mathurins ein. Er ſollte alſo ihre Stimme hören, das Geſicht dieſer unbekannten Sängerin ſehen, welche ſo tief und ſo ſchmerz⸗ lich die Erinnerungen der in den Fibern ſeines Herzens entſchlummerten Vergangenheit wieder aufgeregt hatte. Die Ueberlegung ſagte ihm, die Sängerin könne nicht diejenige ſein, welche ſeine Liebe, ſein Glück und ſeine Jugend in den Schlund von Eberbach hinab genommen habe. Eine unbeſtimmte und entfernte Aehnlichkeit in der Stimme, das war Alles, was dieſe Frau und Chriſtiane mit einander gemein hatten. Doch es war ſo lange, daß Julius nicht mehr geſchauert und ſich nicht mehr leben gefühlt hatte, bis zu jenem Abend, wo ihm die zwei Ge⸗ ſpenſter von einſt, ſein böſer Geiſt und ſein guter Engel, mit einander erſchienen! Was Samuel betrifft, bei ihm hatte er ſich nicht getäuſcht, er war es mit Haut und Knochen. Und es war ohne Zweifel dieſe plötzliche Er⸗ ſcheinung von Samuel, was ihn zu der Aufregung, die bei ihm die Stimme der Verlarvten verurſacht, prädis⸗ 244 ponirt hatte. Als ſie die Hälfte ſeiner Jugend zurück⸗ kommen ſah, hatte es ſeine Einbildungskraſt ganz einfach gefunden, daß die andere auch käme. Sein Traum ſeit dem Balle der Herzogin von Berry war, dieſe ſympathetiſche und erſchütternde Stimme aber⸗ mals zu hören, aus der Larve dieſen ohne Zweifel reizen⸗ den, ſchoͤnen Kopf hervorkommen zu ſehen. Er hatte auch Lord Drummond, als dieſer von Samuel eingeführt erſchien, um ihn einzuladen, ausgezeichnet aufgenommen. Die Be⸗ kanntſchaft war bald gemacht geweſen. Außer jener Ge⸗ meinverbindlichkeit und Familienvertraulichkeit der euro⸗ päiſchen Ariſtokratie, hatte Lord Drummond für Julius das ungeheure Verdienſt, daß er die Sängerin kannte. Julius hatte ohne Umſtände die Einladung für den andern Abend angenommen. Es ſollte ein Mittagsmahl ſein, aber es war gerade der Empfangstag bei der Ge⸗ ſandtſchaft. Samuel hatte dann vorgeſchlagen, ein Abend⸗ prod an die Stelle des Mittagsmahles zu ſetzen. Der Graf von Eberbach würde ſeinen Gäſten um halb eilf Uhr entwiſchen. Julius war das lieber geweſen, als um vier und zwanzig Stunden den Augenblick, der ihn anzog, zu verſchieben, und man hatte das Rendez⸗vous auf eilf Uhr beſtimmt. Julius kam, wie geſagt, vor der Stunde. Als er in den Salon von Lord Drummond eintrat, ſchaute er mit gierigem Blicke umher. Sie war noch nicht eingetroffen. Lord Drummond ging auf Julius zu und ſtellte ihm die fünf bis ſechs Gäſte vor, welche vor ihm gekommen waren. und drei Franzoſen, ſo wenig adelig, als nur möglich⸗ denen eben das Blendwerk der volksthümlichen, liberalen Es waren dabei zwei Lords, ein ſpaniſcher Herzog Sache einen gewiſſen Glanz verlieh. Der Eine war ein Ban⸗ quier, der ſich lärmend in die Politik gemiſcht, der Andere ein ernſter und ſonorer Abgeordneter von der S ck⸗ ch ry er⸗ en⸗ uch en, ge⸗ e⸗ ro⸗ das den ahl He⸗ nd⸗ Der eilf um zog, eilf s er mit ihm men rzog lich⸗ ralen Ban⸗ ndere ition, 245 der Dritte ein kleiner Provinzadvokat, der damals mit einem ungeheuer günſtigen Erfolg eine ſehr mittelmäßige Ge⸗ ſchichte der Revolution veröffentlichte. Indem er ſie beobachtete und ihnen zuhörte, fand Julius Mittel, die Aufregung zu verbergen, die bei ihm die Erwartung der Signora Olympia verurſachte. Samuel hatte bei ſeinem Eintritt die drei Franzoſen wie Bekannte mit jener halb ironiſchen Ehrfurcht und jener geringſchätzenden Demuth eines erhabenen Menſchen in einer niedrigen Stellung begrüßt. „Wir erwarten nur noch die Signora Olympia und ihren Bruder,“ ſagte Lord Drummond. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre, und ein Bedienter meldete: „Herr Gamba.“ Julius ſchaute mit Angſt nach der Thüre. Als Gamba eingetreten war, ſchloß ſich die Thüre wieder. Er war allein. Gamba verſuchte es, zu grüßen. Die Schwierigkeit für ihn war nicht, ſich zu bücken, im Gegentheil, ſein ge⸗ ſchmeidiger Rückgrat gab ſich nur zu ſehr dazu her, und es war im eigentlichen Sinne des Wortes ein Gruß bis auf den Boden. Aber ſtets peinlich blieb es bei ſolchen Grüßen für den armen Gamba, der herrlichen Gelegenheit zu widerſtehen, ſeinen Kopf behende zwiſchen ſeine Beine zu ſtecken, ſich auf ſeinen Händen zu drehen, und dann aber⸗ mals feſt und gerade zu ſtehen, nachdem er das Rad ge⸗ macht. Sagen wir es zu ſeinem ewigen Lobe, er hatte den Heldenmuth, dieſes einladende Gelüſte zu überwinden und ſich jämmerlich und unmittelbar wieder zur ſenkrechten Stellung zu erheben. Er brachte dieſes Opfer den Salons. „Und die Signora Olympia?“ fragte Lord Drummond. . ſie nicht kommen?“ fügte unwillkürlich Ju⸗ us bei. „Doch! ſie wird kommen, meine Herrn,“ antwortete 246 Gamba, ſehr behaglich und ungezwungen in dieſer ehren⸗ werthen Geſellſchaft.„Sie hat mich vorausgeſchickt, um die Herren um Verzeihung zu bitten, daß ſie ſie warten laſſe. Oh! wir können uns ſetzen, wir haben eine ſtarke halbe Stunde voraus. Sie iſt nicht bereit, weil ſie ſich vurch das Entziffern irgend einer teufliſchen Muſik von irgend einem unbekannten Deutſchen verſpätet hat. Und wenn ſie Muſik macht, ſehen Sie, ſo iſt es gerade, wie wenn ich„„ Hier unterbrach ſich Gamba, denn er fühlte, es ſei nicht der Augenblick, ſich lange über die Schönheit und Schwierigkeit der menſchlichen Pyramide zu verbreiten. Aber Samuel war ohne Zweifel nicht dieſer Anſicht, denn er bat Gamba, ſeinen Satz zu vollenden. „Es iſt, wie wenn Sie was machen?“ fragte er. „Oh! nichts,“ ſagte Lord Drummond haſtig.„Dinge die uns nicht intereſſiren, das ſchwöre ich Ihnen.“ „Herr Gamba hat alſo auch ſeine Kunſt?“ fragte beharrlich Samuel, der ihn mit aller Gewalt ſprechen machen wollte. Gambe ſchaute abwechſelnd Samuel und Lord Drum⸗ 3 mond boshaft an. „Kunſt, Induſtrie, Manier, wie Ihnen dies zu nennen beliebt,“ erwiederte er,„obwohl, im Ganzen genommen, ſich auf dem ſtraffen Seile im Gleichgewicht halten mir keine minder erhabene Uebung, als eine Roulade zu ſpinnen, zu ſein ſcheint, und obgleich ich nicht einſehe, was Edleres darin iſt, Kraftſtücke mit der Kehle, als mit den Lenden zu machen.“ Lord Drummond war auf der Folter. „Sie wären Tänzer geweſen?“ fragte Samuel. „Seiltänzer!“ antwortete Gamba ſtolz.„Doch,“ fügte er bei,„ſprechen wir nicht hievon, denn ich würde zu viel ſprechen und pielleicht Lord Drummond ärgerlich machen. Einmal auf die Springbank meiner theuren Erinnerungen geworfen, wäre ich fähig, nicht mehr auf 1—— „———„—— —— ———- 8—+ n⸗ m en on nd ie ſei 247 dem Wege anhalten zu können, und ich würde Ihnen meine ganze Geſchichte, und die meiner Schweſter er⸗ zählen.“ „Sprechen Sie!“ rief Julius. „Wohlan! da Sie zu geiſtreichen Männern ſprechen, ſo reden Sie alſo, unbeſonnener Schwätzer!“ ſagte Lord Drummond. „Fordern Sie mich nicht heraus,“ ſagte Gamba. „Wenn ich an die abgelaufenen Tage, an das Leben in freier Luft, an die Bewunderung aller Müßiggänger der offent⸗ lichen Plätze zurückdenke, iſt es mir, als finge mein Herz wieder an zu ſchlagen. Oh! die Sonne Italiens! oh! die Bevölkerung der Straßenecken!oh! die goldenen Strah⸗ len auf den Silberflittern! das heiße ich eriſtiren! Doch wenn Sie auf meine Vergangenheit oder auf die meiner Schweſter neugierig ſind, ſie wird ſie Ihnen ſogleich beſſer erzählen, als ich, vorausgeſetzt, daß ſie ſich ihrer Muſik entreißt; denn ſie hat die Nothenwuth, ich ſage nicht ſeit dem Alter der Vernunft, ſondern ſeitdem ſie die Vernunft wieder erlangt.“ „Wie! ſie hatte ſie alſo verloren?“ fragte Samuel. Die Stühle wurden näher zuſammengerückt, und die Gäſte drängten ſich um Gamba. Alle, und beſonders Samuel und Julius, waren begierig auf die einzelnen Le⸗ bensumſtände der berühmten Sängerin. „Oh!“ ſprach Gamba glücklich, durch ſeine geſchickten und kühnen Vorbereitungen ſein Auditorium angeködert zu haben,„ich kann es nun wohl ſagen, meine arme Schwe⸗ ſter iſt lange wie ſtumpffinnig geweſen. Ihr Geiſt war noch nicht gekommen oder ſie verbarg ihn wohl. Sie war nachläſſig, träumeriſch, gleichgültig gegen Alles; ſie lebte in ſich ſelbſt. Allerdings ermuthigte ſie die Art, wie ſie unſer Vater behandelte, nicht außerordentlich zum Er⸗ ſchließen und zur Ausdehnung. Mein Vater war ein Mann von großer Auszeichnung unter der Polichinelles; er hatte ein kurzes Wort, und eine weitſchweifige Geberde, 248 ſeine abgekürzte Phraſecologie verlängerte ſich gern in Fauſiſchlägen. Ich habe eine ſo große Verehrung für ſeine Karpfenſprünge bewahrt, daß ich zum Geſtändniß, er ſei brutal geweſen, berechtigt bin. Für mich entſchuldigt der Karpfenſprung Alles, und ich ehre ihn für die Fußtritte, mit denen er mich gefüttert hat. Ihnen ver⸗ danke ich die Fortſchritte, welche ich in der edlen Wiſſen⸗ ſchaft des Akrobaten gemacht habe, die mir leider nun ſo unnütz iſt.“ Während er ſo geſprochen, hatte ſich Gamba auf einen Stuhl geſetzt. Inſtinktartig hatte er ſeine Beine auf⸗ gezogen und unter ſich gekreuzt, auf Art der Türken und der Schneider. „Mein Vater war,“ fuhr er fort, entzückt über die Aufmerkſamkeit, die man ihm ſchenkte,„mein Vater war † ein Zingarv, ein Zigeuner, einer von den freien Menſchen, welche von einem Lande zum andern gehen, nicht pflanzen⸗ artig an einem Orte eingewurzelt ſind und alle Städte zu Geliebtinnen nehmen, ſiatt eine zur Frau zu nehmen. Er trieb Wahrſagerei und zeigte die Marionetten. Er durchwanderte ganz Europa, beſonders Italien. Er ver⸗ band drei Gewerbe: Tänzer, Sänger und Wahrſager. Die Wahrſagerei aber zog er vor. Das war ſeine Schwäche. Ich ſpreche nicht ſchlimm von der Wahrſage⸗ rei, ich achte fie, aber ich begreife nicht, daß man die Karte dem Seile vorzieht. Ich gab dem Seile den Vorzug. Olympia zog gar nichts vor. Sie hatte an nichts Ge⸗ ſchmack. Wenn man ſie tanzen hieß, weinte ſie. Dann ſchlug ſie mein Vater. Ich nahm Partei für meine Schweſter, weil ſie ganz klein war; dann ſchlug mich mein Vater auch. Glauben Sie indeſſen nicht, daß mein Vater böſe war. Er war der beſte Menſch der Welt. Der Vater von Lord Drummond hat ihn gekannt. „Ah! Ihr Vater, Mylord, hat den Vater der Sig⸗ — nora Olympia gekannt?“ fragte Julius. „Ja,“ erwiederte Lord Drummond.„Mein Vater ——— ———— — ——— 249 reiſte vor zwanzig Jahren in der troſtloſen Campagna von Rom, als er von drei ſehr anſtändig bewaffneten Räubern angegriffen wurde. Einer von ihnen hatte den Poſtillon vom Pferde geworfen, und halb eingeſchlafen, war mein Vater allein gegen die zwei Andern. Da lief ein Zingaro herbei und ſtürzte beherzt auf die zwei Elenden los, welche, erſchrocken über dieſe unerwartete Hülfe, die Flucht ergriffen. Dieſer muthige Helfer in der Noth hatte zwei Kinder, den hier gegenwärtigen Signor Gamba und ſeine Schweſter, welche ſeitdem unſere göttliche Olympa wurde. Mein Vater verließ ſeinen Retter erſt, nachdem er ihm das Verſprechen abgenommen, er werde Nachricht von ſich geben. Doch der Zingaro ſtarb wenige Tage nachher, und mein Vater konnte weder ſeine Spur, noch die ſeiner Kin⸗ der auffinden. Ich war damals ein ganz junger Menſch. Mein Vater ſprach ſehr oft mit mir von dieſem Zuſam⸗ mentreffen, und beauftragte mich, ſeine Schuld zu bezah⸗ len, ſollte er ſterben, ohne ſich derſelben entledigt zu haben. Darum habe ich, als ich ſpäter die Kinder des Retters meines Vaters auffand, dieſen die Freundſchaft und Er⸗ gebenheit eines Bruders geweiht.“ Julius konnte offenbar keine Illufion bewahren! Wa⸗ rum ſeufzte er dann ſo ſehr, als er Lord Drummond ſich mit dieſer Unumwundenheit über die erſten Jahre von Olympia ausprücken hörte? Samuel aber ſchaute Gamba ſtarr an und ſchien zu ſpähen, ob nichts in ſeiner Phyſiognomie der Aufrichtig⸗ keit der Geſchichte widerſprach. Aber zum Lobe der Wahr⸗ haftigkeit von Gamba müſſen wir ſagen, daß nicht eine Falte, ſo unmerklich ſie ſein mochte, in ſeinem Geſichte den duckmäuſeriſchen Hohn eines Menſchen verrieth, der ſein Auditorium hintergeht und verſpottet. Er ſprach mit der offenſten und unſchuldigſten Miene der Welt; nur vermiſchte er mit ſeiner Erzählung eine gewagte Pantomime, wechſelte in Augenblicken ſeinen Sitz 250 und bemerkte nicht, daß er ſeinen Stuhl verließ, um relt⸗ lings auf den Arm eines Lehnſtuhls zu ſpringen. „Und was wurde aus Ihnen, als Ihr Vater todt war?“ fragte Samuel. „Ich übernahm natürlich meine Schweſter,“ antwortete Gamba,„und machte mich gleichſam zu ihrem Vater, abgeſehen von den Schlägen. Wir hatten einen kleinen Wagen von Weivengeflechte, beſpannt mit einer armen Schindmähre, in welchem ich ſie von Dorf zu Stadt ſchleppte. Wir beſuchten ſo Deutſchland zur Zeit des Kaiſerreichs. Doch ich muß Ihnen geſtehen, daß ich ein kleines Gebrechen habe. Um die Vorübergehenden vor meinen Kraftſtücken zuſammenzuſchaaren, war es nothwen⸗ dig, Lärm zu machen, eine Trompete zu blaſen oder zu trommeln. Da ich aber damals keinen Pfennig beſaß, ſo pflegte ich mich des ökonomiſchſten von allen Inſtrumen⸗ ten zu bedienen, der menſchlichen Stimme. Ich ſang. Ich nenne das Geſang in Ermangelung eines andern Wortes, um eine harmoniſche Miſchung von Kreiſchen, Miauen und Bellen zu charakterifiren. Doch hierin liegt das Uebel nicht. Die Unannehmlichkeit liegt darin, daß ich, ſobald ich in ein Land eintrete, ſogleich das Gedächtniß für alle die zahlreichen Lieder, die ich weiß, verliere, um mich nur noch der von der Polizei dieſes Landes verbotenen Lieder zu erinnern. So kommen mir, ſeitdem ich in Frankreich bin, alle Arten von aufrühreriſchen Geſängen, wie die Marseillaise und der Chant du Départ unwillkürlich auf die Lippen, und ohne die Achtung, die mich zurückhält, würde es mir ſicherlich in dieſem Augenblick entſchlüpfen, daß ich ſänge: Allons, enfants de la patrie, Le jour de gloire est ärrivé. Gamba, der mit vollen Tönen die revolutionäre Hymne anſtimmte, unterbrach ſich plötzlich, denn er ſchämte ſich ſeines muthwilligen Streichs. Alle lachten. — —— 37T—— — 5„ ——— eit⸗ odt ete er, en en adt des ein or en⸗ ß, n ch s, el d lle ur er ie t, — 251 „Sie ſehen,“ ſagte er,„das iſt ſtärker als ich. Nun denn! eines Tages ſang ich in Mainz ein Lied ge⸗ gen Napoleon. Bei der zweiten Strophe machte die Geige den Refrain; anders geſagt, und ohne ein ſchlech⸗ tes Wortſpiel, man ſperrte mich in der Citadelle ein. Zum Glück hatte ich ein anderes Talent, als die Muſik. Der Sänger wurde durch den Tänzer befreit. Ich ent⸗ floh wie eine Katze über die Dächer des Gefängniſſes, holte meine Schweſter wieder ein, und wir waren bald aus dem Bereiche der kaiſerlichen Polizei. Dies, mein Herr,“ ſprach Gamba, ſich an Julius wendend,„dies iſt die Erinnerung, die ich aus Ihrem Vaterlande mitgenom⸗ men habe; ſie iſt ſchmerzlich.“ „Und ſeitdem haben Sie mit Ihrer Schweſter in Italien gelebt?“ fragte Julius. „Ja, Excellenz; und nur auf dieſer geſegneten Erde hat Olympia ihre Vernunft und ihre Seele wieder er⸗ langt. Die wunderbare Heilung hat an einem Oſtertage in der Sirtiniſchen Kapelle ſtattgefunden. Die Muſik, eine gegen die andere Welt offene Thüre, hat ſie in dieſe zurückkehren laſſen. Als ſie die göttlichen Pſalmen hörte, weinte ſie vor Freude und war gerettet. Marcello war ihr erſter Arzt, Cimaroſa ihr zweiter. „Als ich die auf dieſen armen und großen Verſtand durch die Harmonie der Inſtrumente und der Stimmen hervorgebrachte Wirkung der Auferſtehung ſah, gab ich alle meine Erſparniſſe aus, um Olympia beinahe jeden Abend in das Teatro Argentina und in das Teatro dAli⸗ berti zu führen. Sie behielt ſogleich alle Melodieen und ſang ſie ſogar, dann lachte oder weinte ſie, je nach ihrer Laune oder ihrer Melodie. Von da an hatte ſie ein Glück, einen Traum, eine Liebe. Sie hatte das Leben. Und welch eine ſchöne und große Seele, meine Herren, war unter ihrer ſcheinbaren Unvernunft herangewachſen! „In den erſten Zeiten war ich ſehr glücklich. Wir verdienten unſer Brod ohne Mühe auf den Straßen, wo⸗ 252 bei ich tanzte und ſprang, während fie ſang, um für mich jede Luſt zu einer Oppoſition gegen die beſtehenden Re⸗ gierungen zu vermeiden. Sie war bald die Primadonna des Volkes, die Diva der Vorſtädte geworden. Alle lieb⸗ ten ſie und achteten ſie, und ich, ich beneidete unter der Sonne weder Kaiſer, noch Papſt, als ein Ereigniß plötzlich unſere ganze Erxiſtenz vollig umkehrte und und in den Reichthum ſtürzte.“ „Welches Ereigniß?“ fragte man. Gamba erwieverte traurig: „Es war in Neapel. Olympia hatte eine Volks⸗ klage unter dem glühenden Beifall eines wahren Parterre von Dilettanti in Lumpen geſungen. Ein Mann, der viel beſſer gekleidet, als unſer gewöhnliches Publikum, in dem um ſie gebildeten Kreiſe ſtehen geblieben war, redete uns an, als ſich die Menge verlaufen hatte, und fragte Olympia, wie viel ſie jährlich verdiene. „Sie antwortete ihm, ſie verdiene ſo viel, als ſie brauche, um zu eſſen. „„Wollt Ihr mehr Ducati verdienen, als Ihr jetzt Bajvechi verdient?““ ſagte er. „Sie ſchaute ihn mit einer hoffärtigen Miene an, denn ſie iſt immer ſtolz und von einer unnahbaren Keuſch⸗ heit geweſen. „„Um was zu thun?““ verſetzte ſie. „„Um zu thun, was Ihr thut.““ „„Um zu ſfingen?““ „„Nur um zu ſingen. Ich bin der Director des San Carlo Theaters. Ihr habt eine bewunderungs⸗ würdige Stimme, ich gebe Euch Meiſter, und Ihr werdet reich ſein.““ „Der Gedanke, auf einem Theater zu erſcheinen, Beifall zu ernten, dieſe ſchöne Muſik, welche ſie ſo ſehr liebte, kennen zu lernen und zu ſingen, entzückte Olympia. Der Director machte einen langen Vertrag mit ihr, gab ihr Meiſter, ſchöne Kleider, viel Geld, das fie mit mir theilte, nich Re⸗ nna ieb⸗ nter niß in lks⸗ erre der in dete gte etzt an, des g8 det all te, Ner ihr te⸗ 253 einen Palaſt, den ich mit ihr bewohnte. Von dieſem Tage datiren alle meine Sorgen.“ Gamba, der Anfangs mit einer munteren, ſo zu ſa⸗ gen, hüpfenden Zungenfertigkeit geſprochen hatte, wurde nun in Miene und Ton immer düſterer. Ein Merkmal ungeheurer Beklommenheit: er drehte den Stuhl um, auf dem er verkehrt, die Beine aus einander geſpreizt und die Lehne am Magen, ſaß und ſetzte ſich auf die gewöhnliche Weiſe, den Rücken an die Lehne angelegt. „Der Reichthum war mein Verderben,“ fuhr er mit kläglichem Tone fort.„In einer völligen Unkenntniß des beziehungsweiſen Werthes der verſchiedenen Gewerbe, behauptete der Director von San Carlo, es würde dem Blendwerk meiner Schweſter Eintrag thun, wenn ſie einen Bruder hätte, der Gaukler auf den öffentlichen Plätzen wäre. Ach! er bot mir beträchtliche Summen, daß ich auf das ſtraffe Seil und die Kraft des Handgelenkes ver⸗ zichtete. Ich gab nach, nicht des Geldes wegen, das mir gleichgültig war und das Olympia zu Almoſan verwen⸗ dete, ſondern meiner Schweſter wegen, welche ſchön wurde, ſtrahlte und blühte, ſeitdem ſie in der Fülle der Muſik ſchwamm. Sie war damals achtzehn Jahre alt. In zwei Jahren hatte ſie die nothwendigen Studien vollendet, und ſie debutirte in Tanecredi. Ach! ach! für diejenigen, welche Neapel und die Wuth ſeiner Bewunderung kennen, iſt es unnöthig, zu ſagen, welchen Succeß ſie hatte. Die einfache und doch großartige Manier von Olympia, ihre reizende und mächtige Stimme, nicht eine Stimme von einem einzigen Klang, von einem einzigen Metalo, ſondern alle Regiſter umfaſſend, der unerhörteſte Mezzo⸗ Soprano, und dabei ihre Leidenſchaft, ihr Spiel, ihre Schoͤnheit, Alles trug dazu bei, eine wahnſinnige Ovation herbeizuführen, die alle bekannten Triumphe überſtieg und von der man nie, ſelbſt in San Carlo, eine Idee gehabt hatte. Es war ein Enthuſiasmus, der, wie man bei uns ſagt, bis zu den Sternen ging. Ach! ach! von da an 254 Beifallsſtürme, Huldigungen, Feſte, Ruhm, Reichthum, nichts hat uns gefehlt.“ Gamba war ganz finſter geworden. „Sie iſt wenigſtens glücklich,“ fügte er bei, gleichſam um ſich zu tröſten.„Ich, ich exiſtire nicht mehr: ich bin nur noch der Schatten des muntern, hüpfenden Gamba der verſchwundenen Zeiten; ich habe meine Kunſt der meiner Schweſter geopfert. Doch ſie, ſie hat Alles, was ſie wünſcht. Gleichgültig und zurückſtoßend bei dem was die gewöhnlichen Frauen entzückt, hat vieſe ſtolze Rebel⸗ lin gegen die Liebe der Männer ihr ganzes Herz, ihre ganze Seele in die Liebe für die Kunſt geflüchtet. Sie betet die Muſik an und iſt nur hierin empfänglich. Auf dieſer Seite hat ſie Alles, was man haben kann. Sie iſt reich, mit dem höchſten Beifall gekrönt, berühmt; das tröſtet mich ein wenig dafür, daß ich nicht mehr das Rad ſchlagen kann, und erſetzt für mein Herz, wenn nicht für mein Leben, die Wonnen der künſtlichen Sprünge des Körpers.“ In der Sekunde, wo Gamba dieſe Klage ſchloß, welche zu ſehr gefühlt und zu innig, um nicht rührend zu ſein, öffnete ſich die Thüre und ein Diener⸗ meldete: „Die Signora Olympia.“ Aller Augen wandten ſich nach der Thüre. Lord Drummond eilte der Sängerin entgegen. Trotz der unverwerflichen Wahrſcheinlichkeit der Er⸗ zählung von Gamba, empfand der Graf von Eberbach eine ſeltſame Erſchütterung in ſeinem Innern. Samuel war unbeweglich, und nicht eine Muskel rührte ſich in ſeinem Geſichte, aber ſeine Augen waren ſtarrer und düſterer als je. Olympia trat am Arm von Lord Drummond ein. S— S——* S— —— Fidelio. Die Signora Olympia trat alſo ruhig, gleichgültig und mit Lord Drummond plaudernd, in den Salon ein. Julius ſtand links am Kamin. Lord Drummond, der der Sängerin den Arm gab und ein wenig vor ihr ging, maskirke ſie Anfangs für Julius und für Samuel, welcher beim Grafen von Eberbach ſtand. Julius blieb an ſeinem Platze und wartete, bis das ſo glühend herauf beſchworene Geſicht ſich gegen ihn wenden würde; er verſuchte keine Geberde, um den entſcheidenden Augenblick zu beſchleunigen, ließ gewähren und beobachtete eine unbewegliche Haltung trotz ſeines bewegten Her⸗ ens. Lord Drummond führte zuerſt die Sängerin zu der Gruppe, welche ſich rechts im Salon befand, und ſtellte ſeine Gäſte Olympia vor. Sie entſchulvigte ſich anmuthig, daß ſie ſie vielleicht habe warten laſſen, und ſprach mit einer Stimme, welche das Innerſte des Grafen erſchütterte. Es war jedoch nicht die Stimme von Chriſtiane, wohl aber Etwas, was ihn unwiderſtehlich an ſie erinnerte. Trotz der augenſchein⸗ lichen Wahrheit der Erzählung von Gamba, trotz der unwiderruflichen Vergangenheit, trotz aller Umſtände, bebte das Herz von Julius beharrlich. Olympia und Lord Drummond waren an den Ka⸗ min gekommen. Sie wandten ſich um. Lord Drummond ſtellte Olympia und Julius einan⸗ der vor: „Der Graf von Eberbach. „Die Signora Olympia.“ 256 Julius betrachtete die Sängerin. Plötzlich erbleichte er und gab einen Schrei von ch. Dann ſtreckte er die Hände gegen ſie aus und rief, den Ort, die Welt und ſich ſelbſt vergeſſend, ganz ver⸗ wirrt:* „Biſt Du Chriſtiane, kommſt Du verklärt, vergro⸗ ßert, ivealifirt zurück, um mich in dieſer Welt zu tröſten oder mich in die andere zu führen, ſo ſprich, befiehl, of⸗ fenbare Dich. Ich liebe Dich und gehöre Dir. Vereini⸗ en wir uns, wo Du willſt. Lebe mit mir, oder laß mich mit Dir ſterben!“ Er hatte unwillkürlich und inſtinctartig in der Sprache von Chriſtiane und in der ſeinigen, das heißt, deutſch ge⸗ ſprochen. Olympla bebts nicht, rührte ſich nicht und ſchien ihn mit einer Miene tiefen Erſtaunens anzuſchauen. Sie wandte ſich gegen Lord Drummond und fragte ihn: „Iſt das nicht Deutſch 2“ „Ich glaube,“ antwortete Lord Drummond. „Nun denn!“ ſagte ſie franzoſiſch mit einem ziem⸗ lich ſtark italieniſchen Accent,„Mylord, wollen Sie den Herrn Grafen von Eberbach bitten, mich zu entſchuldigen und ihm zu erklären, ich verſtehe nur das Italieniſche und ein wenig Franzöſiſch, und ich habe in meinen Ver⸗ ſtand und in meine Stimme nie die gutturalen Sylben des Deutſchen bringen können. Der Herr Graf möge die Güte haben, italieniſch oder franzöſiſch mit mir zu ſprechen, wenn er wünſcht, daß ich ihm antworte.“ Während ſie dieſe Worte mit dem einfachſten und ruhigſten Tone der Welt ſprach, erholte ſich Julius all⸗ mälig von ſeiner erſten Erſchütterung. Beim erſten Anblick war Olympia Chriſtiane, doch je aufmerkſamer man ſie betrachtete, deſto mehr nahm die Aehnlichkeit ab. ———————— ——„— m ce cS——— S 2— S=— 8 n⸗ en en che er⸗ en ge ind all⸗ och —— 257 Der Ausdruck und der Charakter der Schönheit war ein ganz anderer oder vielmehr ein ganz entgegenge⸗ ſetzter. Chriſtiane war zart, fein, mild, reizend, durch⸗ ſichtig; es war der Flaum der Jugend, die Blüthe der Anmuth. Stark, feſt, eine glänzende, gebietende Schön⸗ heit, der Stolz in der Macht, die Unbefangenheit im Ge⸗ nie, hatte Olympia eine viel üppigere Taille, einen viel brauneren Teint, viel dunklere Haare. Und überdies, wenn ſeibſt die körperliche Veränderung ſich durch die Veränderung des Alters und des Klimas hätte erktären laſſen, war etwas dabei, was weder das Klima, noch das Alter Chriſtiane zu geben im Stande geweſen wären: die Kaltblütigkeit, mit der ſie ſich in Ge⸗ genwart von Julius benommen hatte. Hätte die ſanfte und ſchauernde Natur von Chriſtiane dieſer plötzlichen Erſcheinung der Vergangenheit widerſtehen können, wäh⸗ rend Jullus, er, ein Mann, gewöhnt an alle Schmerzen des Lebens, abgehärtet durch ſiebzehn Jahre Diplomatie und Politik den Schlag nicht zu ertragen vermochte, ohne daß ſein ganzer Herz in ſeiner Bruſt brach? Es war alſo Chriſtiane nicht. Julius erholte ſich ein wenig und ſagte mit bewegter Stimme, diesmal franzöſiſch: „Verzeihen Sie, Madame, als ich ihre Schoͤnheit ſah, welche Ihren Ruf noch weit übertrifft, verlor ich, glaube ich, ein wenig den Kopf.“ „Eure Ercellenz,“ erwiederte Lord Drummond lä⸗ chelnd,„Eure Ercellenz braucht ſich deshalb nicht zu ent⸗ ſchuldigen, und die Signora iſt an dieſe Wirkung gewöhnt. Aber, Madame, erlauben Sie mir, Ihnen dieſen Freund, der mir das Leben gerettet, Herrn Samuel Gelb, vorzu⸗ ſtellen.“ Samuel und Olympia ſtanden einander gegenüber. Samuel war beim Anblick der Sängerin auch er⸗ griffen geweſen, und wenn er ſein Erſtaunen nicht in Wor⸗ Gott ſenkt. M. 17 258 ten ausgedrückt, ſo hatte er ſich doch nichtsdeſtoweni⸗ ger tief beklommen gefühlt. 4 Und als ſich ſein Blick mit dem der Sängerin kreuzte, bebte dieſer Mann von Erz. Ernſt und unempfindlich, ſagte Olympia kein Wort und grüßte ihn. Aber ohne zu wiſſen warum, war Samuel verletzt von dem Blick, den ſie auf ihn fallen ließ⸗ Was lag in dieſem Blick? War es der gering⸗ ſchätzende Hochmuth der berühmten, angebeteten Künſtlerin, welche in ihrer Erhabenheit einen in der Menge verlorenen, dunkeln Namen nieberſchmetterte? War es der Haß der geſchlagenen und entehrten Frau? War Olympia Chriſtiane, ſo war ſie allerdings Samuel einen ſolchen Blick ſchul⸗ dig; doch hätte das ſchüchterne, ſanfte Kind dieſen Muth und dieſe Stärke gehabt? Nein, es war nicht Chriſtiane; Samuel konnte ruhig ſein; gerade der hochmüthige Blick dieſer Frau bewies ihm, daß er nichts zu fürchten hatte. Ein Diener meldete Lord Drummond, es ſei aufge⸗ tragen. B Lord Drummond bot Olympia den Arm, und man ging in den Speiſeſaal. „Nicht wahr, ich war ein Narr?“ ſagte leiſe Ju⸗ lius zu Samuel. „Bei meiner Treue! ich habe abermals denſelben Eindruck gehabt, wie Du,“ antwortete Samuel;„doch die Aehnlichkeit hält die Prüfung nicht aus.“ „Ach!“ ſeufzte Julius. ünd auf die Einladung von Lord Drummond ſetzte er ſich zur Rechten von Olympia. Beim erſten Gang blieb das Geſpräch allgemein. Man plauderte von Allem, beſonders von Politik. Die Regierungsform wurde auf vas Tapet gebracht, und die Engländer überließen ſich der enthuſiaſtiſchſten Bewunderung der ariſtokratiſchen Monarchie ihres Landes. Der Banquier, der Abgeordnete und der Geſchichtſchreiber⸗Advocat ſtimmten in ihr Lob d— ⸗ 1 n, er e, th ck m u⸗ Fr— 2⁵9 ein und gaben zu, die Menſchheit könne nichts über einer Charte wünſchen, welche die Wohlfahrt von ein paar tauſend Privilegirten auf die Armuth eines ganzen Volkes baſire. Doch nach der Anſicht dieſer Revolutionäre auf der Mitte des Berges mußten nicht allein der Adel, ſon⸗ dern auch der Reichthum und die Geſchicklichkeit die Pri⸗ vilegien ſchaffen, und die Ariſtokratie mußte kühn auf den Buͤrgerſtand ausgedehnt werden. Mit dem ihm eigenthümlichen ſpöttiſchen Ton vervoll⸗ ſtändigte und übertrieb Samuel Gelb. Er ſchwur, es gebe zwei Claſſen von Menſchen, diejenigen, welche ge⸗ ſchaffen ſeien, um zu regieren, um zu genießen, um Ab⸗ geordnete oder Miniſter zu werden, um den Lurus, die Stellen, die Erziehung und die Muße zu haben, und den Poͤbel, der aus wenigſtens drei Vierteln der Nation be⸗ ſtehe und von der Vorſehung verurtheilt ſei, die Laſt lebens⸗ länglich zu tragen, zu ſchwitzen, in der Unwiſſenheit und in der Entblößung zu kriechen, der Miſt zu ſein, der das Vermögen der Andern dünge. Er erklärte, er begreife die Revolutionen unter der Bedingung, daß ſie die Wirkung hätten, ein Miniſterium an die Stelle eines andern und einen Koͤnig an die Stelle eines andern zu ſetzen, abet nicht, das Volk an die Stelle des Königs oder des Mi⸗ niſteriums zu ſetzen und die Regierung ſo ſehr zu er⸗ weitern, daß die ganze Nation darin Platz habe. Der kleine Schriftſteller aus dem Süden nickte leb⸗ haft mit dem Kopf, um ſeine Beiſtimmung zu bezeichnen. Neben dieſen Armſeligkeiten, war das Mahl von einem herrlichen, künſtleriſchen Lurus. Natürliche Roſen und Camelien dufteten in den Tafelaufſätzen und unter den Platten von feiner Silberarbeit im Geſchmacke der Zeit von Ludwig XVI. Die Leuchter waren zartes, ſilber⸗ nes Blätterwerk, in welchem flammende Blumen ſtaken. Die ſeltenen Gerichte und Weine miſchten ſich bald, und die Gäſte belebten ſich; die Phantaſie und der Aufſchwung nahmen am Geſpräche Theil. Die Plauderei horte auf, 260 geſpannt zu ſein, und Jeder ließ ſeinen Gedanken die Zügel ſchießen. Gamba hatte wunderliche Einfälle. Er erzählte die Geſchichte des Souffleur von San Carlo, welcher, da er ihn auf dem ſtraffen Seile Schritte hatte machen ſehen, von der Luſt gepackt wurde, auch ſolche zu machen, und halsſtarrig zwei bis dreimal regelmäßig im Monat ein Jahr hindurch ſich die Lenden brach, ohne daß es ihm gelang, ſich nur auch eine Sekunde im Gleichgewicht halten zu können. Trotz des Ernſtes der Perſonen, welche an der Tafel ſaßen, war Gamba, fortgeriſſen von der Hitze ſeiner Erinnerung, nicht ſo weit Meiſter ſeines ſchlechten Geſchmacks, daß er nicht plötzlich auf einen Stuhl ſtieg, um auf die komiſchſte Weiſe die Krümmungen und Gri⸗ maſſen des armen, auf dem Seile ſchwankenden Souffleur nachzumachen. Die Gäſte waren ſo weit, daß ſie über Alles lach⸗ ten, und folglich auch gewaltig über Gamba lachten. Olympia blieb während des Abendbrods zurückhal⸗ tend und ernſt. Sie antwortete Allen und auf Alles mit Geiſt und Tiefe. Julius fühlte ſich allmälig ergriffen von dieſer ſchwermüthigen, ernſten Anmuth. Als ihm die Wärme der Weine und des Plauderns ſeine Geiſtesgegen⸗ wart und ſeine Sichetheit wiedergegeben hatte, ſprach er mit Bewunderung, beinahe mit Gluth zu ihr. „Ich habe Sie neulich bei der Frau Herzogin von Berry gehort,“ ſagte er,„und ich glaubte, es würde nich. nie in meinem Leben eine ſolche Gemüthsbewegung ergrei⸗ fen; ich habe Sie heute Abend geſehen und wahrgenom⸗ men, daß ich mich getäuſcht.“ Als das Abendörod beendigt war, ſtand wan vom Tiſche auf und kehrte in den Salon zurück Julius gab der Sängerin den Arm, führte ſie zum Kamin und ſetzte ſich neben ſie. „Was haben Sie mir denn vorhin, als ich eintrat⸗ veutſch geſagt?“ fragte ſie ihn. i ie er d in m en n tze en g, i⸗ ur l⸗ nit die n⸗ on ei⸗ m⸗ um rat⸗ 261 Er wurde ernſt und traurig. „Ah! rühren Sie dieſen Gedanken nicht auf,“ ſagte er.„Sie haben mich, ein wirkliches und reizendes Ge⸗ ſpenſt, an die einzige Frau erinnert, die ich je geliebt.“ „Ahl die Einzige!“ verſetzte Olympia mit einem zweifelnden, verächtlichen Lächeln.„Eure Excellenz ſpricht zum Nachtheile ihres Rufes.“ „Welchen Ruf meinen Sie?“ „Ich bin nicht ſo außerhalb der Dinge der Welt,“ antwortete ſie mit einer Art von Bitterkeit,„daß ich nicht von einem Mann von Liebesglück und großen Lei⸗ venſchaften ſprechen hörte, der fünfzehn Jahre lang am Hofe von Wien Furore gemacht. Sie find ſehr vergeß⸗ lich, wenn Ihnen nichts im Gedächtniß von allen den Frauen geblieben iſt, welche ſich Ihrer erinnern.“ „Sie glauben?“ verſetzte Julius.„Nun wohl, wenn ich Ihnen dennoch wiederholte, mein Herz habe, ſeitdem ich exiſtire, nur einer einzigen Fran gehört, und der Ge⸗ danke an ſie habe meine Erinnerung nie verlaſſen.“ „Selbſt nicht dieſen Abend unter den Galanterien und Betheuerungen, mit denen Sie mich überhäuften?“ fragte Olympia mit unruhiger Stimme. „Oh! Sie,“ ſprach er,„das iſt nicht daſſelbe!“ „Eil das haben Sie gerade allen Andern ſagen müſſen: Bei Ihnen iſt es nicht daſſelbe!“ Aber Olympia mochte ſich immerhin in dieſem Tone des Spottes und beinahe der Grauſamkeit erhalten, Ju⸗ lius fühlte ſich mehr und mehr unterjocht durch die An⸗ muth und den Geiſt dieſer ſeltſamen Frau, welche offen⸗ bar nicht Chriſtiane war, ihr jedoch wie eine ältere Schwe⸗ ſter glich. Die anderen Gäſte von Lord Drummond näherten ſich der Sängerin und durchbrachen das abgeſonderte Ge⸗ ſpräch von Olympia und Julius. Dann, da die Nacht vorrückte, verſchwanden die Gäſte allmälig einer nach dem andern. Julius ſelbſt gedachte ſich dem unbekannten Zau⸗ ber zu entreißen, der ihn bei Olympia feſthielt, als ein Bedienter eintrat und dem Grafen meldete, ein Secretaire der Geſandtſchaft wünſche ihn in einer dringenden Ange⸗ legenheit zu ſprechen. Lord Drummond ließ den Secretaire einführen. Er trat ein. Es war Lothariv. 4 Ein Courier von Berlin hatte eine Depeche gebracht, welche dem Grafen von Eberbach ſogleich übergeben wer⸗ den ſollte. Julius entſiegelte und las. „Iſt vie Nachricht ernſter Natur?“ fragte Samuel. „Nein, nichts,“ antwortete Julius, während er die Depeche in ſeine Taſche ſteckte,„beziehungsweiſe ernſt. Berg der Politik, Sandkorn der Geſchichte.“ Lord Drummond lud Lothario ein, zu bleiben. Es war nun Niemand mehr im Salon, als die Signora Olympia, Julius, Samuel, Lord Drummond und Gamba. Vom Eintritte von Lothario an hatten ſich die Au⸗ gen von Olympia mit einer Art von träumeriſcher Neu⸗ gierde auf ihn geheftet. Er war natürlich in ihre Nähe gekommen, um die Depeche Julius, der bei ihr ſtand, zu übergeben. Während Julius auf die Seite getreten, um die Depeche zu leſen, war Lothario bei der Sängerin ge⸗ blieben. „Mein Herr, Sie ſind der Secretaire des Herrn Geſandten von Preußen?“ fragte ſie ihn. „Ja, Madame.“ „Sie gehö rath.“ A 1 Olympia fügte nichts bei, doch ſie ſchaute fortwäh⸗ rend den eleganten, reizenden jungen Mann an. Julius, während er las, bemerkte den Eindruck, den auf Olympia vie Erſcheinung von Lothario gemacht ha⸗ cht zu ſeiner Famllie?“ ne, ich bin ſein Neffe durch ſeine Hei⸗ — w 7 — 263 ben konnte. Eine unbeſtimmte, ſeltſame Eiferſucht, von der er ſich keine Rechenſchaft gab, ergriff ihn, und er hatte eine Regung des Aergers, als er ſah, welches Intereſſe ſie an ſeinem Secretaire zu nehmen ſchien. Er kam raſch zu ihnen zurück, und fragte in der vielleicht verworrenen Abſicht, das Herz von Olympia von Lothario abzuwenden, Samuel ſo heiter als möglich: „Ah! mein lieber Samuel, wer iſt denn das junge Wundermädchen, das Lothariv bei Dir geſehen hat, und von dem er mir unabläßig mit ſo großer Begeiſterung erzählt?“ in junges Mädchen?“ verſetzte Samuel erblei⸗ hend. „Ja, Fräulein Friedrike, glaube ich,“ erwiederte Julius. „Ah! Herr Lothario iſt verliebt?“ ſagte Olym⸗ pia kächelnd und wie freudig.„Viel Glück zu ſeiner Liebe!“ „Gamba hat entſchieden Recht,“ ſagte Julius zu ſich ſelbſt;„ſie liebt Niemand und kann und will Niemand lieben.“ Aufſchauend, nahm er einen mißtrauiſchen, drohenden Blick wahr, den Samuel auf Lothario heftete. Beobachtete Olympia auch dieſen Blick und wollte ſie den Lauf unterbrechen, den die Ideen der Anweſenden genommen hatten, oder ſich ſelbſt von ihren eigenen Ideen losreißen? Sie ſetzte ſich raſch ans Clavier und berührte mit dem Finger die ſonoren Saiten, doch ſie unterbrach ſich alsbald wieder und wandte ſich gegen Lord Drum⸗ mond um, welcher haſtig herbeigekommen war. „Verzeihen Sie,“ ſagte ſie leiſe zu ihm,„ich vergaß, was wir verabredet. Ich wollte ſingen.“ „Oh! ich bitte, Madame,“ rief Jalius. Sie ſchaute Lord Drummond an. „Nein,“ ſagte ſie,„ich bin nicht bei Stimme.“ Sie ſtand auf. 264„ Lord Drummond ſchien einem innern Kampfe preis⸗ gegeben. „Meine liebe Olympia,“ ſagte er nach einer An⸗ ſtrengung gegen ſich ſeibſt,„ich bin nicht ſicher, ob ich Sie noch oft genug höre, um eine Gelegenheit durch meine Schuld zu verlieren. Muß ich mich nicht überdies an die Nothwendigkeit gewöhnen? Und dann ſoll meine Gaſtfreundſchaft vollſtändig ſein. Ich„ich bitte Sie alſo dringend, zu ſingen.“ „Sie verlangen es von mir?“ „Ich verlange es von Ihnen.“ „Gut! Sie heilen ſich,“ ſprach ſie. Sie wandte ſich zum Clavier um und präludirte eine Zeitlang in unentſchiedenen Träumereien, von denen ſie einen tiefen Gedanken losmachen zu wollen ſchien. Dann ſang ſie plotzlich italieniſch eine Arie, welche Ju⸗ lius wohl kannte, die große Arie von Leonore im Fide⸗ lio, von Beethoven. Doch es ſchien Julius, als hörte er ſie zum erſten Mal. Das war nicht allein wegen der bewunderungswürdigen Stimme der Sängerin, ſondern es lag auch im Gegenſtand der Worte eine Beziehung, welche Julius ſeltſam in Unruhe verſetzen mußte. Dieſe ſo zärtliche, ſo ergebene Leonore, die, um ihren Gatten zu retten, ſich verkleidet und un⸗ kenntlich macht, verdolmetſcht durch Diejenige, in welcher Julius einen Augenblick das verſchwundene theure Bild wiedergefunden hatte, eine ſolche Aehnlichkeit war wohl gemacht, um ſeine Seele bis in die Tiefe ihrer Erinne⸗ rungen zu bewegen. Man hätte glauben ſollen, Olympia ſei nicht min⸗ der bebend als er. Nie belebte eine ähnliche Erſchütte⸗ rung die Noten eines menſchlichen Geſangs. Das war nicht mit der Stimme, ſondern mit dem Herzen geſungen. Alles, was ſie an dieſem Abend an ſtrenger Traurigkeit und ſpöttiſcher Bitterkeit aufgehäuft und concentrirt hatte, — ſchien ſich im Erguſſe dieſes erhabenen Schreis zu trö⸗ e e ⸗ r d l e⸗ ⸗ e⸗ ar n. it e, 5⸗ 265 ſten und zugleich auszubrechen. War es das Ideal der Kunſt, war es die Wirklichkeit des Lebens? Um zu die⸗ ſer brennenden, ſchmerzlichen Wahrheit zu gelangen, mußte Olympia erfahren haben, was ſie auf eine ſo vollſtändige und ſo tiefe Art wiedergab, oder ſie war die größte tra⸗ giſche Darſtellerin der Welt. Es war an dieſem Clavier entweder Chriſtiane, oder das Genie. Als Olympia ſchwieg, blieben die Zuhörer einen Augenblick ſtille und vertieft, in jenen Magnetismus von Leidenſchaft und von Thränen verſunken. Olympia erhob ſich, ging haſtig nach der Thüre und verließ den Salon, doch ſie ging nicht ſo raſch weg, daß Julius nicht eine Thräne auf ihrer bleichen Wange hatte „glänzen ſehen. „Die Signora Olympia befindet ſich unwohl!“ rief er aufſtehend. „Oh! ſeien Sie unbeſorgt,“ verſetzte Gamba,„das begegnet ihr, ſo oft ſie etwas Trauriges ſingt. Sie iden⸗ tifieirt ſich vergeſtalt mit ihren Perſonen, daß ſie alle ihre Eindrücke fühlt und wirklich mit ihnen leidet. In einer Minute iſt das vorbei, und ſie wird lächelnd zurückkeh⸗ ren.“ Man wartete eine Minute, dann zwei, dann fünf. Olympia kam nicht wieder. Lord Drummond ging hinaus, um ſie zu ſuchen. Er kehrte zurück. Als ſie den Salon verlaſſen, hatte ſie ihren Wagen verlangt und war weggefahren. Jago-Cthello. Am andern Tage machte Samuel in dem kleinen Hauſe von Menilmontant Frau Trichter harte Vorwürfe, daß ſie nie ſo lange gebraucht, um den Tiſch zu decken. Kaum war aber der Tiſch gedeckt, als Friedrike in das Speiſezimmer herabkam. Sie reichte Samuel die Hand, dieſer aber reichte ihr die ſeinige nicht. „Ich habe geglaubt, Sie würden heute nicht herab⸗ kommen,“ ſagte er mit verdrießlichem Tone zu ihr. „Es iſt noch nicht die Stunde,“ antwortete ſie, auf die Uhr ſchauend, welche in der That erſt fünf Minuten vor zehn Uhr anzeigte. „Gut, ſetzen Sie ſich,“ ſagte er ungeſtüm. Sie ſetzte ſich, erſtaunt über dieſe Laune, an die ſie nicht gewöhnt war. Samuel aß nichts. Friedrike befragte ihn mit einer Unruhe voll Liebenswürdigkeit. „Mein Freund, warum ſind Sie traurig und ernſt? Sind Sie krank?“ „Nein.“ „Wenn Sie mir grollen, daß ich dieſen Morgen nicht früher als zur gewöhnlichen Stunde gekommen bin, war⸗ um haben Sie mich nicht rufen laſſen? Ich beeilte mich nicht, in der Vorausſetzung, nach der Nacht, die Sie aus⸗ wärts zugebracht, würden Sie der Nuhe bedürfen, und ich war einzig und allein träge aus Furcht, Sie aufzuwecken.“ „Ich grolle Ihnen nicht,“ ſagte er. ₰ §„Nun denn, ſo eſſen Sie, ſprechen Sie und lächeln e. 0 Ohne ihr zu antworten, wandte er ſich gegen Frau Trichter um. * 267 .„Ah! Sie, auf was warten Sie, um zu ſerviren?“ Frau Trichter ging hinaus und erſchien ſogleich wie⸗ eer mit der Theekanne und den Taſſen. „Es iſt gut,“ ſprach Samuel,„wir bedürfen Ihrer 2 nicht mehr.“ 6 Sobald Samuel mit Friedrike allein war, ſchaute er ihr ins Geſicht. „Friedrike,“ ſagte er ernſt,„warum haben Sie mir nichts von einem jungen Menſchen geſagt, der kürzlich hierher gekommen iſt?“ Friedrike erröthete. „Warum erröthen Sie?2“ „Doch, mein Freund,“ verſuchte das arme Kind ganz zitternd zu antworten,„ich ſagte Ihnen, an dem Tage, wo Sie zum Herrn Grafen von Eberbach gegan⸗ gen, habe Sie ein junger Mann in einem Wagen der Geſandtſchaft abholen wollen.“ „Ja, doch Sie ſagten mir nicht, er ſei geblieben und er habe mit Ihnen geſprochen? Warum iſt er her⸗ ein gekommen, da ich außen war? Warum hat er mit Ihnen geſprochen und nicht mit Frau Trichter? Was hat er Ihnen geſagt?“ Die Bitterkeit und die Gereiztheit, welche in dem Tone von Samuel unverkennbar waren, beunruhigten Friedrike noch mehr, als die Fragen ſelbſt. „Antworten Sie,“ fuhr er fort.„Ah! Sie ſind er⸗ ſtaunt, daß ich das weiß.. Sehen Sie, man weiß * Alles. Sagen Sie ſich nur, Sie werden keine Geberde machen und keine Sylbe ſprechen, die ich nicht ſehe und die ich nicht höre. Und ich habe in meinem Gewiſſen nicht eine Seele übernommen, um es zu dulden, daß der Erſte der Beſte hier iſt wie auf der Straße, und von Ihnen öffentlich ſpricht, und ſich rühmt, er kenne Sie, und Sie nach ſeinem Gefallen compromittirt!“ „Mich compromittirt!“ verſetzte das arme Mädchenz ich kann nicht glauben, daß Herr Lothariv. * „Ah! Sie wiſſen ſchon ſeinen Namen!“ unterbrach er ſie zornig. „Er hat mir natürlich ſeinen Namen geſagt, damit ich Ihnen denſelben wieder ſage. Mein Freund, vergrö⸗ ßern Sie ſich das nicht. Ein Menſch iſt gekommen, um Sie zu holen; Sie waren eben weggegangen; dieſer Menſch iſt kaum ein paar Minuten geblieben; das iſt wohl ein Grund für Sie, ſich zu ärgern! Was konnte ich thun? Ich war da, als der junge Mann eintrat; ſollte ich entflichen? Das wäre nicht mehr Zurückhal⸗ tung, ſondern Albernheit geweſen. Wollen Sie das von mir? Verlangen Sie, daß ich mich in mein Zimmer einſchließe und nie aus demſelben herausgehe? Sprechen Sie, ich verdanke Ihnen Alles, und ich werde gehorchen. Ich ſehe übrigens nicht ſo viele Leute, und ich glaubte, ich führe ſo ein ſchon ziemlich eingezogenes Leben. „Das iſt nicht Ihre Schuld,“ verſetzte Samuel, „wenn Sie könnten, würden Sie überallhin gehen; Sie haben Geſchmack an Feſten und Beluſtigungen; Sie würden den Ball lieben; Sie wären coquette. Es fehlt Ihnen nicht am Wunſche, ſondern an der Gelegenheit.“ „Ich habe nur um ſo mehr Verdienſt, wenn ich der Vergnügungen entbehre, da ich derſelben heiter entbehre. Bis jetzt hat meine Coquetterie darin beſtanden, daß ich unter vier Augen mit Frau Trichter lebte.“ „Und mit Herrn Lothario,“ verſetzte Samuel. „Sie ſcherzen,“ ſagte ſie. „Rein, ich ſcherze nicht,“ entgegnete er heftig.„Frau Trichter hat es nicht gewagt, mir zu verbergen, daß er über eine Viertelſtunde geblieben iſt. Man braucht keine Viertelſtunde, um zu ſagen; Herr Samuel iſt ausgegan⸗ gen. Was haben Sie während einer Viertelſtunde mit dieſem jungen Manne geſprochen 2 „Einmal war ich nicht allein mit ihm,“ antwortete Friedrike.„Es war da Sie hielt plötzlich inne, denn ſie bemerkte, daß ſie e 5 it 269 im Begriffe war, die unbekannte Beſucherin zu verrathen, der ſie Geheimhaltung geſchworen hatte. „Es war da? ℳ fragte Samuel. „Es war eine Frau da, die mir in einem Wohl⸗ thätigkeitszwecke einen Beſuch machte und die ganze Zeit blieb.“ „Eine Kupplerin!...“ murmelte Samuel zwiſchen den Zähnen.„Aber wenn Sie ſich ſo unſchuldig fühlen,“ fuhr er laut fort,„warum ſtammeln Sie und verwickeln Sie ſich in Ihren Erklärungen, als ob Sie lögen 2“ Plötzlich ertönte die äußere Klingel. Samuel hörte im Garten ein Geräuſch von Stimmen. Er ſchaute durch das Fenſter und ſah Julius am Arm von Lothario eintreten. Er wandte ſich wüthend gegen Friedrike um. „Kehren Sie ſogleich in Ihr Zimmer zurück,“ ſagte er gebieteriſch,„und verlaſſen Sie es unter keinem Vor⸗ wand ohne meinen Befehl. Sie hören mich?“ „Ich gehorche,“ antwortete das junge Mädchen wei⸗ nend.„Doch ich habe Sie noch nie ſo hart geſehen.“ „Wollen Sie hinausgehen!“ rief er. Und er ſchob ſie hinaus und ſchloß die Thüre hin⸗ ter ihr. Sie war kaum weggegangen, als die auf den Garten gehende Thüre des Salon ſich oͤffnete. „Es war Zeit!“ ſagte Samuel. Und dieſer eiſerne Mann ſiel, ſchwach und gebrochen, auf einen Stuhl. Frau Trichter kam und fragte, ob er den Herrn Grafen von Eberbach und ſeinen Reffen empfangen wolle. „Sie mögen eintreten,“ ſagte er. Und er ſtand auf, um Julius entgegenzugehen. Er erhoite ſich ein wenig und drückte ſo liebevoll, als er konnte, ſeinem alten Kameraden die Hand. Lotha⸗ rio empfing er ſehr kalt. „Mein iter nu⸗ ſagte Jullus mit einem herz⸗ lichen Lächeln,„ich komme einzig und allein, um Dich zu beſpähen.“ „Ah!“ machte Samuel, Lothariv anſchauend. „Mein Gott! ja,“ fuhr Julius fort,„ich will mit meinen eigenen Augen ſehen, wie das Glück Dich gegen⸗ wärtig behandelt, und ob Dein Leben ſo groß iſt, als Dein Geiſt. Ich bin zu reich, Du weißt es, Samuel; reich für zwei, reich für mehrere „Halt! halt!“ unterbrach ihn Samuel.„Ich danke Dir, daß Du mir anbieteſt, doch ich bin noch nicht ſo weit, daß ich fordere. Ich weiß, daß Alles von der Summe abhängt, und daß die meiſten von denjenigen, welche durch einen zugeworfenen Thaler beleidigt wären, ſich kein Bedenken machen würden, ein Vermögen wie das Deinige anzunehmen. Doch ich bin nicht wie die An⸗ dern. Und überdies,“ fügte er mit bezeichnendem Tone bei,„Du weißt, ich gehöre zu venjenigen, welche ſagen: Alles oder nichts.“ „Erhitze Dich nicht,“ erwiederte Julius freundſchaft⸗ lich,„und ſei mir nicht böſe, daß ich zu Dir geſprochen habe, wie zu einem Bruder. Laſſen wir mein Geld bei⸗ ſeit: doch wenn ich Dir durch die Stellung, die ich ein⸗ nehme, zu irgend Etwas nützlich ſein kann, ſo erlaube mir, Dir meine Dienſte anzubieten und mich gänzlich zur Ver⸗ fügung unſerer alten Freundſchaft zu ſtellen.“ „Ich nehme das an,“ ſprach Samuel, indem er ihm die Hand reichte,„und ich werde Dich bei Gelegenheit benützen. Was das Geld betrifft, ſo ſchlage ich es nicht allein aus Stolz aus, ſondern ich habe, was ich brauche. Es fehlt mir hier an nichts. Bis jetzt habe ich mein Leben nicht in den materiellen Dingen verwendet, und im Ganzen genommen bin ich nicht ſchlimmer daran, als ein Anderer. Soll ich Dir mein Haus zeigen?“ „Laß es ſehen,“ antwortete Julius. Lothario ſtand mit einem Eifer auf, der ihm einen ſcheelen Blick von Samucl eintrug⸗ S Zweifel wünſchte edlen Grafen von Eberbach in dieſem Grade beſchäftigt. geſehen haſt?“ 271 Lothario nur zu ſehr, das Haus in Augenſchein zu neh⸗ men, in der Hoffnung, irgendwo Friedrike zu treffen. Doch wenn dies wirklich die Erwartung von Lothario war, ſo verwirklichte ſie ſich nicht. Das Haus und der Garten wurden durchlaufen, ohne daß man das geringſte Anſtreifen eines Kleides an der Biegung einer Allee ver⸗ nahm und ohne daß ſich die kleinſte blonde Haarlocke in einem Fenſterrahmen zeigte. Julius dachte auch an die Abweſende, vielleicht aus Zufall, und als man in den Salon zurückgekehrt war, fragte er Samuel: „Nun! und das junge Mädchen, von dem wir heute Nacht ſprachen? Fräulein Friedrike? werden wir fie nicht ſehen?“ „Sie iſt leidend,“ antwortete Samuel. „Leidend!“ murmelte Lothario. „Ja,“ ſprach Samuel, glücklich, Lothario zu quälen; „eine ziemlich ernſte Unpäßlichkeit hat ſie befallen, und ſie kann ihr Zimmer nicht verlaſſen.“ „Es iſt doch keine Krankheit?“ fragte Julius. „Ich hoffe es,“ antwortete Samuel, der nicht nein ſagen wollte. 1. „Du biſt dem Mädchen zugethan?“ verſetzte Julius. „Es iſt eine arme Waiſe, die nur mich auf der Welt hat und ſehr erſtaunt wäre, wenn ſie wüßte, daß ſie den Ich habe ſie als Kind zu mir genommen und aufgezogen. Das iſt ſo einfach. Biſt Du zufrieden?“. Er brach plötzlich das ab und fragte Julius: „Und was ſagſt Du von Olympia, nun, da Du fie „Olympia!“ perſetzte lebhaft Jullus, bewegt bei die ſem Namen und ſchon nicht mehr an Fri denk „Von ihr wollte ich gerade mit Dit ſpreche im Ernſte ſprechen.“ 272 „Vielleicht allein mit mir ſprechen?“ fragte Samuel, othario anſchaueud. „Ohl Lothario kann bleiben,“ ſagte Julius,„er iſt für mich ein Freund und ein Sohn. In dem einſamen Leben, welches das Schickſal uns Beiden gemacht hat, tröſten und unterſtützen wir uns gegenſeitig. Wir theilen uns unſere geringſten Gedanken und unſere geringſten Ge⸗ fühle mit. In dieſer Hinſicht habe ich ein Unrecht ge⸗ habt. Er ſprach natürlich mit mir von Fräulein Friedrike, wie von Allem, was er Schönes, Gutes und Intereſſantes ſieht. Ich wieverholte alberner Weiſe dieſen Namen ganz laut, und Du ſchienſt unzufrieden, daß er ſo ausgeſprochen wurde. Du haſt Recht gehabt, und ich bitte Dich um Verzeihung. Doch Lothario hat dabei keine Schuld. Es liegt ihm daran, daß Du dies erfährſt. Ich allein wollte, ich weiß nicht in welchem albernen Gefühle, Dich und ihn über dieſe geizig verborgene und geheimnißvoll ent⸗ veckte Schönheit aufziehen. Grolle Lothario nicht; ver⸗ zeihe ihm meine Indiscretion.“ ſprachſt mit mir von Olympia?“ ſagte Sa⸗ muel. „Ja, Samuel, ich wollte Dich bitten, mir durch Lord Drummond die Erlaubniß zu verſchaffen, ſie beſuchen zu dürfen.“ „Ah! Du bedarſſt keiner Erlaubniß, wie es mir ge⸗ ſchienen hat! Ihr ſeid alsbald gut mit einander geweſen, und ſie hat kaum mit einem Andern, als mit Dir ge⸗ ſprochen.“ „Du glaubſt2“ verſetzte Julius entzückt. „Du kannſt mit voller Sicherheit dort erſcheinen, und ich bürge Dir dafür, daß Du die Thüre nicht geſchloſſen finden wirſt. Das Geſicht hat Dich alſo nicht von der Maske enzaubert, und Deine Augen ſind der Anſicht Deiner Ohren geweſen?“. h erwiederte Julius,„die Wirklichkeit hat die Erwartung übertroffen. Seit ſiebzehn Jahren habe ich 273 nichts Aehnliches erlebt, wie die Gemüthsbewegung, von der ich bei dieſer ſeltſamen Frau ergriffen worden bin. Ihre Manieren, ihr Geſang, ihr plötzliches Verſchwinden, dieſe unerhörte Aehnlichkeit, dies Alles, wenn ich es ge⸗ ſtehen ſoll, verzehrt mich und beunruhigt mich. Den ganzen Morgen habe ich nur an fie gedacht, und mir ſcheint, meine ganze Zukunft faßt ſich zuſammen in dem Worte: ſie wiederſehen! Wo wohnt ſie?“ „Ich weiß es nicht genau,“ antwortete Samuel; „ich weiß nur, daß ſie auf der Ile Saint⸗Louis wohnt. Aber ich werde Dich heute Abend vollſtändiger unterrichten konnen.“ „Ich danke,“ ſagte Julius.„Und,“ fügte er mit einiger Verlegenheit bei,„was weißt Du von ihren Be⸗ ziehungen zu Lord Drummond 24 „Ich bin ſicher, vaß ſie nicht ſeine Geliebte iſt.“ „Du biſt ſicher?“ rief Julius mit einem Blitz der Freude. „Mehr noch,“ ſprach Samuel;„ſie hat es ausge⸗ ſchlagen, ſeine Frau zu werden.“ „Mein theurer Samuel!“ ſagte Julius.„Du glaubſt alſo an das, was uns ihr Bruder erzählt hat?“ „Durchaus,“ antwortete Samuel, im Geſichte von Julius die Wirkung beobachtend, die ſeine Worte hervor⸗ hrachten. Lord Drummond hat mit mir von Signora Olympia immer nur mit Achtung und Ehrfurcht geſpro⸗ chen. Lords, Herzoge und Prinzen haben vergebens Boͤrſe, Herz und Hand angeboten. Weißt Du, daß ſie eine be⸗ wunderungswürdige und erhabene Erſcheinung iſt, dieſe Sängerin, nur verliebt in die große Kunſt, und keuſcher auf ihren Brettern als eine Kaiſerin auf ihrem Thron? Weißt Du, daß es ein eines Mannes würdiger Ehrgeiz wäre, dieſe Marmorſtatue der Muſik beben und von ihrem Piedeſtal herabſteigen zu machen?“ „Seitdem ich ſie kenne,“ ſagte S bezaubert Gvoit lenkt. n. ₰ 274 durch die Erinnerung an Olympia und auch durch die Worte von Samuel,„ſeitdem jch ſie kenne, ſcheint es mir, daß mein Leben wieder ein Intereſſe und einen Mit⸗ telpunkt zu haben anfängt.“ „Ei, bei Gott!“ verſetzte Samuel,„wir haben Alle mehr oder weniger bei Träumen, welche weit nicht ſo viel werth waren, als dieſer, ein Intereſſe gefaßt.“ „Du wirſt heute Abend ihre Adreſſe haben?“ „Du darfſt darauf zählen.“ „Und Du glaubſt, daß ich ohne Unbeſcheidenheit bei ihr erſcheinen kann?“ „Sie wird entzückt ſein, Dich zu ſehen.“ „Ich danke abermals! Wir wollen in das Geſandt⸗ ſchaftshotel zurückkehren. Ich rechne auf Dich.“ Julius drückte Samuel voll Innigkeit die Hand. Dann ſtand er auf. Samuel war ſo zufrieden, Lothario weg⸗ gehen zu ſehen, daß er ihm beinahe freundlich Adieu ſagte. Er begleitete ſeine Beſuche bis an die Straße. Als das Gitter wieder geſchloſſen war, ging er düſter und in Gedanken verſunken im Garten umher. „So weit bin ich alſo: bei der Eiferſucht!“ dachte er.„Ich, verliebt! das war ſchon zu viel; doch ich eifer⸗ ſichtig! ich, Samuel, ich, eine Intelligenz, ich, ein Mann, für den die Menſchen alle ohne Ausnahme, die größten, ſelbſt Napoleon, nur Inſtrumente, Wertzeuge waren; ich liege niedergeworfen auf den Knieen, zitternd vor einem Weibe! Es iſt mit mir ſo weit gekommen, daß ich der Sklave der Launen eines jungen Mädchens bin! Ich hätte beinahe Napoleon beſiegt, um am Ende der Gefangene eines Kindes zu ſein.! „Es iſt ſicher, daß Friedrike mit mir machen kann, was ſie will. Sie braucht ſich nur albern in dieſes blonde Geſicht zu verlieben, was werde ich dann vermögen? Es hängt von ihr ab, dieſen Lothario mir vorzuziehen, zu ma⸗ chen, daß die Wiſſenſchaft, der Geiſt, das Genie nichts ſind gegen eine wohlgekräuſelte Se Und dann hätte — ei — 275 ich eine Waiſe adoptirt und erzogen, ich hätte mich ihr ge⸗ weiht, ich hätte mein Leben und meine Seele in ſie geſetzt, damit der Erſte der Beſte, ein Vorübergehender, ein Frem⸗ der, ſie mir aus den Händen riß, und mir mein Gut, meinen Zögling, mein Geſchoͤpf raubte! „Ah! nun mache ich das Raiſonnement von allen Komödienvormündern. Bin ich ſo weit, daß ich nur noch die Rollen von Arnolph und von Bartolv zu ſpielen habe? Doch die Komoͤdie könnte wohl anders als zur großen Freude von Horace und Almaviva endigen. Eines hat mich immer niedergebeugt: daß man über die Komödien lacht. Arnolph erzieht, nährt und liebt ein Mädchen. Es geht ein Schwachkopf vorüber, der einfältig genug iſt, um ſei⸗ nem Nebenbuhler vertrauliche Geſtändniſſe zu machen. Das Mädchen liebt ihn natürlich und entflieht mit ihm. Alt, allein, ohne irgend eine Perſon, die ihn liebt, rauft ſich ſ aus Verzweiflung die Haare aus. Wie lächerlich das „Ich, ich werde die Entwickelung ändern. Man wird nicht lachen. Dieſer Lothario wird nicht das letzte Wort haben. Wehe ihm! Und wehe Julius, der ihn bei mir einführt! Ah! Ihr kommt Beide in die Höhle des Löwen! Ah! Ihr überliefert Euch! Nun wohl! Ihr werdet viel⸗ leicht bald ſeine Klauen fühlen! „Der Krieg iſt erklärt, die Schlacht beginnt. Wir werden ſehen, wer den Vortheil haben wird. Dieſer Ju⸗ lius, der mir einen Theil von ſeinem Gelde anbietet! Ich habe mehr Appetit als das. Ich habe ihm geſagt: Alles oder nichts! Was den jungen Mann betrifft, was hat er für ſich? Sein Alter. Er muß nur das haben. Die ganze Zeit, die er hier geblieben iſt, hat er nicht ein Wort zu ſprechen gefunden. Das iſt ſicher! er hat nur ſeine zwanzig Jahre und ſeine Handſchuhe; ich muß anerkennen, daß er gut behandſchuht war. Ich, ich werde die Macht und das Geld haben. „Beeilen wir uns. Es iſt Zeit. Wir müſſen mit dem „ 6 Gelde anfangen, da der Tugendbund nur den Reichen leiht. Das Geld aber, das hat Julius. Ich ſuchte, wodurch ich Gewalt über ihn hätte. Der Teufel ſegne die Signora Olympia! Ich will ihn durch ſeine Leidenſchaft für ſie feſthalten. Dummkopf! der eine Frau liebt, weil ſie einer andern gleicht! Er hat immer noch ſeinen Nachahmungs⸗ charakter. Nun wird er zum Flagiator an ſich ſelbſt. Er kommt auf ſeine erſte Liebe zurück. Doch je alberner eine Liebe iſt, deſto mehr iſt dabei Ausſicht auf Beſtand und Tiefe vorhanden. Julius, da Du dieſe kindiſche Liebe haſt, ſei unbeſorgt, ich werde ſie mißbrauchen. Deine Einfalt des Verliebten ſoll mir Deinen Reichthum geben, wie die Einfalt unſerer politiſchen Führer mir die Macht geben wird. Ich halte mein Leben in meinen Händen. Nachdem er ſo zu ſich geſprochen, kehrte Samuel in das Haus zurück und ging in ſein Zimmer hinauf, um ſich anzukleiden. Er hatte beſchloſſen, zu Olympia zu gehen. „Auf, Jago,“ ſagte er,„rette Othello.“ Ein Handel. An demſelben Tag, gegen drei Uhr, klingelte Samuel bei Olympia. Ein Diener öffnete. „Wollen Sie die Signora Olympia fragen, ob ſie Herrn Samuel Gelb empfangen könne 2“ Der Diener verſchwand und kam einen Augenblick nachher zurück. „Madame iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte er. lt ie en in uel lick 277 Samuel faltete die Stirne. Nichts reizte dieſen ſtolzen Geiſt mehr, als die elenden Hinderniſſe der kleinen Dinge. Er beſchloß auch, nicht zu weichen. „Wenn Madame nicht zu Hauſe wäre,“ erwiederte er,„ſo würden Sie mir es ſogleich geſagt haben, ſtatt zu fragen, ob ſie mich empfangen könne. Das bedeutet, daß ſie nicht ſichtbar iſt. Haben Sie die Gefälligkeit, zu ihr zurückzukehren und ihr zu melden, ich bitte ſie, meine Dringlichkeit zu entſchuldigen, ich habe ihr aber Dinge von der höchſten Wichtigkeit mitzutheilen.“ Der Bediente ging wieder ab und brauchte diesmal mehrere Minuten, bis er zurückkam. „„Ah!“ dachte Samuel mit Bitterkeit,„man zögert. Was iſt in der That dieſer Samuel Gelb, daß er es wagt, eine Komödiantin zu ſtören! Ah! Alles wiederholt mir, es ſei Zeit, daß ich mein Glück mache und das äußere An⸗ ſehen von dem habe, was ich bin. Die Seele und der Ver⸗ ſtand ſind nichts, ſo Knge ſie nicht mit Titeln buntſcheckig aufgeputzt ſind, und der Eſel, der die Reliquien trägt, iſt ſicherer, angebetet zu werden, als das Genie, welches nichts trägt. Oh! ich brauche die ſichtbare, greifbare, rohe Große. Ich werde reich ſein. So theuer der Böſe das Geld an mich verkauft, ich werde es kaufen.“ Die Thüre, durch welche der Diener verſchwunden war, öffnete ſich wieder, und Samuel wurde in den Sa⸗ lon eingeführt. Olympia ſaß in einem Fauteuil beim Feuer und Gamba rittlings auf dem Stuhl. Samuel verbeugte ſich tief. Ohne aufzuſtehen, ernſt, kalt, ein wenig erſtaunt, be⸗ deutete ihm Olympia durch einen Wink, er möge ſich einen Sitz nehmen. „Mein Herr,“ ſprach ſie,„Sie ſagen, Sie haben mir wichtige Dinge mitzutheilen?“ „Die allerwichtigſten, Madame.“ „Wohl! ich höre Sie.“ 278 Samuel warf einen Blick auf Gamba. „Ich bitte Sie tauſendmal um Verzeihung, Madame, doch was ich Ihnen zu ſagen habe, kann nur von Ihnen allein gehoͤrt werden.“ „Gamba iſt mein Bruder, und ich habe keine Ge⸗ heimniſſe für ihn.“ „Ich bin nicht neugierig,“ rief haſtig Gamba, ent⸗ zückt, einem Geſpräche entweichen zu können, das ernſt zu werden drohte.„Dieſe Unterrevung kündigt ſich als eine ernſte an,“ ſagte er,„und Du weißt, daß ich im Punkte der großen Phraſen nur die Pantomime liebe. Ich mache mich aus dem Staube.“ Und er lief nach der Thüre.— „Gamba!“ rief Olympia. Doch er war ſchon fern. „Es ſei alſo,“ ſagte Olympia.„Nun, da wir all⸗ ein ſind,“ fügte ſie bei, indem ſie Samuel mit einer Miene des Stolzes und des Befehlens anſchaute,„ich bitte, mein Herr, machen wir ein Ende.“ „Es kann mir nur angenehm ſein, offenherzig mit Ihnen zu ſprechen,“ erwiederte Samuel.„Ich komme ganz einfach, um Ihnen einen Handel vorzuſchlagen. Sie wären nicht die große Künſtlerin, die Sie ſind, wenn Sie nicht eine ſtarke und über die Vorurtheile der Menge, über vie gemeinen Bedenklichkeiten erhabene Seele hätten. Ich glaube daher, daß Sie annehmen werden, und dann, da das Stillſchweigen die erſte Bedingung des Gelingens iſt, bin ich ſicher, daß Sie nicht ſprechen. Da es aber im Ganzen ſein kann, daß Sie ausſchlagen, und da ich nicht von der Willkür einer Indiscretion abhangen mag, ſo bitte ich Sie, mir zu ſchwören, geheim zu halten, was zwiſchen uns geſprochen werden wird.“ „Ein Schwur?“ „Ich will Ihnen ſagen, welcher. Ich bin ein Skep⸗ tiker, ein Zweifler, und habe nicht mehr das Alter, um an alle Schwüre zu glauben. Ich glaube aber, daß jedes 279 Weſen von Werth etwas Heiliges, eine Religion hat: die , Einen Gott, die Andern die Liebe und wieder Andere ſich n ſelbſt. Ich gehöre zu den letzten. Sie, Sie glauben an die Kunſt. Schwöreu Sie alſo bei der heiligen Muſik, ⸗ 5 daß Sie auf ewig verſchweigen werden, was ich Ihnen zu ſagen im Begriffe bin.“ ⸗„Verzeihen Sie, mein Herr,“ entgegnete Olympia, u„warum ſoll ich mich gegen Sie verbindlich machen? ich e bedarf Ihrer nicht und ich ſuche Sie nicht, Sie bedürfen meiner und kommen zu mirz ich habe Sie nicht gebeten, he mir einen Antrag oder eine Mittheilung zu machen. Ma⸗ chen Sie mir keine. Es ſteht Ihnen frei, zu ſchweigen, mir aber ſoll es frei ſtehen, zu ſprechen.“ „Gut, es ſei,“ ſagte Samuel.„Im Ganzen, was liegt mir daran? Es iſt Niemand da, um uns zu hoͤren. ⸗ Sprächen Sie, ſo ſtünde es immer noch in meiner Macht, ne zu läugnen. Der ſchlimmſte Nachtheil der Indiseretion in wäre, daß dadurch die Sache verfehlt würde; da Sie aber, wenn Sie ſprächen, auszuſchlagen angefangen hätten, ſo it wäre ſie ſchon geſcheitert. Und dann, mich verrathen heißt mir den Krieg erklären, und wenn ich einen Feind habe, ie ſo bin ich es nicht, der ſich fürchtet.“ Samuel ſprach dieſe letzten Worte, indem er einen er bezeichnenden Blick auf Olympia heftete. Doch dieſe ſchlug die Augen nicht nieder und erwie⸗ da derte den ſtählernen Blick von Samuel durch einen Blick ſt, von derſelben Härte: m„Zur Sache, mein Herr,“ verſetzte ſie mit einer Art ht von Ungeduld. te„Beliebt es Ihnen, daß ich kurz und bündig ſei?“ en ſagte Samuel.„Wohl denn! mir auch, Madame.“ „Sprechen Sie doch.“ „Ich komme, um Sie um Ihre Hand zu bitten.“ p⸗ †„Sie?“ rief die Sängerin mit einem Tone, in wel⸗ an chem ſich das Erſtaunen mit der Verachtung miſchte. es 280 „Oh! beruhigen Sie ſich, Madame. Ich thue vieſe Bitte nicht für mich.“ „Für wen denn?“ „Ich komme, um Sie zu fragen, ob es Ihnen an⸗ ſtünde, Ihre Hand dem Herrn Grafen von Eberbach zu bewilligen?“ „Dem Herrn Grafen von Eberbach!“ wiederholte ſie bebend. „Ja, Madame.“ Beide ſchwiegen einen Augenblick. Dann ſagte Olympia: „Der Herr Geſandte von Preußen hat Sie beauftragt, mir dieſen Vorſchlag zu machen?“ „Nicht gerade,“ erwiederte Samuel.„Ich muß 3h⸗ nen ſogar geſtehen, daß er nicht einmal den Mund gegen mich aufgethan hat.“ „Alſo, mein Herr, 4 rief ſie aufſtehend. „Oh! ärgern Sie ſich nicht, Madame, und wollen Sie ſich wieder ſetzen,“ antwortete er auf vie Geberde der Sängerin.„Glauben Sie nicht, ich habe Sie durch einen Spaß beleidigen wollen, der zu albern wäre, um zu ver⸗ letzen. Der Antrag, den ich Ihnen mache, iſt ernſt. Wol⸗ len Sie die Frau des Grafen von Eberbach ſein, ſo wer⸗ den Sie es ſein. Er hat allerdings nicht davon mit mir geſprochen, und ich habe das in meinem Kopfe geordnet; doch es iſt vielleicht beſſer, baß ich es wünſche, als daß er ſelbſt vies wünſcht. Von Allem dem wollte ich mit Ihnen reden.“ „Erklären Sie ſich, mein Herr, und ich bitte, erklä⸗ ren Sie ſich raſch,“ ſagte Olympia.„Ich habe keine Zeit, um Räthſel zu löſen.“ „Ich will Ihnen alſo Alles ſagen. Es handelt ſich vor Allem um das Geſchick von vrei Perſonen. Damit Sie mir Ihre ganze Aufmerkſamkeit ſchenken, fange ich damit an, daß ich Sie verſichere, die von dieſen drei Per⸗ ſonen bei der Sache am wenigſten intereſſirte bin ich, die am meiſten intereſſirte ſind Sie.“ —— — — 281 „Keine Vorrede, wenn es möglich iſt!“ „Sie lieben die Vorreden nicht? Sie haben Unrecht, es gibt Vorreden, welche mehr werth ſind als die Bücher, und wäre es nur die Vorrede der Liebe. Im Grunde ge⸗ nommen, was iſt das Leben? die Vorrede des Todes. Und dennoch beeilen ſich nicht viele Menſchen, das Blatt um⸗ zuwenden. Entſchuldigen Sie mich alſo, ich werde ein wenig lang ſein müſſen. „Der Antrag, den ich Ihnen machen will, iſt ſeltſam; ſeien Sie darüber aber weder entrüſtet, noch erſtaunt. Sie kennen mich nicht und ich kenne Sie nicht, und ich breche ſehr ungeſtüm in Ihr Leben ein. Doch ich werde Ihnen bald bekannt ſein, und ich werde Sie bald kennen. Ich bin ſchon überzeugt, daß ich Sie errathe: es hat mir ge⸗ nügt, Sie neulich bei der Herzogin von Berry und heute Nacht bei Lord Drummond gehört zu haben. Daß Sie mich ſo tief bewegten, daß Ihre Stimme bis zu mir ge⸗ langte, müſſen Sie viel gelitten haben. Ich habe ſogleich geſehen, daß die Kunſt für Sie geweſen war, was für mich die Wiſſenſchaft geweſen iſt. Wir gehören Beide der großen Freimaurerei der hohen, ſtolzen und bitteren See⸗ len an, welche wiſſen, welche vermögen und welche ſehen. „Wir ſprechen alſo dieſelbe Sprache und werden uns auf der Stelle begreifen. „Wohl denn! Schweſter, was ſagen Sie von den Menſchen? Sie ſind klein und böſe, nicht wahr? Was ſagen Sie von dem Leben? Es iſt eng und arm, nicht wahr? Gibt es ein Weſen oder ein Ding, welches werth iſt, daß man ſich ihm widmet, daß man ſich opfert, daß man auf ein Theilchen von ſich ſelbſt verzichtet? Was haben Sie in der Welt Großes gefunden? Die Kunſt und die Liebe vielleicht? Ja, das wäre gut, wenn man nichts thun, als lieben und ſingen konnte. Doch es gibt tauſend Schmerzen, tauſend Sorgen, tauſend Qualen, und was noch ſchlimmer iſt, tanſend Verdrießlichkeiten, die ſich in die Quere werfen. Durch wie viel Entzauberungen, 282 durch wie viel Eiferſucht, durch wie viel entwürdigenden Argwohn, durch wie viel heftige Scenen, durch wie viel elende Paarungen erkauft man die wenigen Minuten wah⸗ ren Glückes, welche die Liebe in eine ganze Exiſtenz krü⸗ melt! Und aus wie viel Unterredungen, aus wie viel Schmeicheleien gegen die Autoren, Schmeicheleien gegen die Direktoren, Schmeicheleien gegen das Publikum, aus wie viel Schmeicheleien gegen die Cuuliſſe beſteht der äußere Ruhm der größten Sängerin! Alles bezahlt ſich. Und der Succeß, wenn er kommt, entſchädigt nicht für die Aeng⸗ ſten und Zweifel, die ihm vorangegangen ſind. „Die einzige unverwerfliche Lehre, welche die Erfah⸗ rung gibt, iſt, daß die Seele, der Verſtand, die Leiden⸗ ſchaft, das Genie nicht ohne das Uebrige, ohne die Ma⸗ terie, ohne den Körper, ohne die Kleidung exiſtiren. Die Menge ſieht nur das, was gleichſam ihre Angen ſchlägt. Und man mag immerhin ſagen: ich kümmere mich nichts um die Menge! die feſteſten Ueberzeugungen zaudern und werden ängſtlich, wenn der Erfolg ſie nicht beſtätigt. Alle bedürfen dieſes Echos ihres Gedankens, das ſein Daſein beweiſt, indem es ihn wiederholt. Es iſt alſo nothwendig, zu ſiegen; man fiegt aber nicht durch das Talent, ſondern durch die Geltendmachung. Es geſchieht nicht durch das Herz, ſondern durch das Kleid. Der größte rohe Dia⸗ mant iſt ein Kieſelſtein, den der Bauer unter ſeinem Holz⸗ ſchuh zertreten wird; laſſen Sie ihn aber ſchleifen, und Sie können den Schlüſſel zum Cabinet der Könige und den zum Schlafzimmer der Königinnen dafür kaufen. „Würden Sie auf der Straße zwiſchen vier Lichtern Ihre erhabene Melodie von neulich geſungen haben, nicht Einer von den vornehmen Herren, welche Ihnen in den Tui⸗ lerien Beifall klaſchten, hätte ſeinen Wagen anhalten laſ⸗ ſen, um Sie zu hören, und hätte ihn eine Verſperrung durch Karren unwillkürlich aufgehalten, es wäre ihm ſicher⸗ lich nicht eingefallen, Sie bewunderungswürdig zu finden N 283 und bei ſeiner Rückkehr nach Hauſe zu ſagen, er habe die größte Sängerin der Welt gehört. „Mein Schluß iſt folgender: Das Genie iſt ein vor⸗ treffliches Gericht, das einer Brühe bedarf. Es genügt nicht, die Menſchen durch das zu beherrſchen, was in uns iſt; man muß ſie durch das beherrſchen, was in ihnen iſt. Man muß einen doppelten Schlag thun, haben, was ſie nicht haben, und haben, was ſie haben. Welchen Werth ich auch beſitzen mag, und welchen Werth Sie beſitzen moͤ⸗ gen, wir werden in Wirklichkeit nur etwas ſein, wenn wir unſere moraliſche Erhabenheit auf das Piedeſtal einer ma⸗ teriellen Erhabenheit geſtellt haben. Nun denn! ich biete Ihnen die Bildung einer gegenſeitigen Verſicherung gegen die menſchliche Dummheit an. Um ganz und gar von den Menſchen geſchätzt zu ſein, iſt es nichts, eine große Seele zu haben, man muß dieſem nothwendig eine große Stel⸗ lung des Rangs und des Vermoͤgens beifügen. Ich bringe Ihnen das Vermögen und den Rang. Wollen Sie es haben?“ Olympia hatte Samuel aufmerkſam und ohne ihn zu unterbrechen angehört. Was ging im Geiſte dieſer Frau vor? War es Bei⸗ ſtimmung zu den bittern Ideen, welche Samuel über das Leben ausvrückte, Erinnerung an alte Leiden, an erlittene Beleidigungen von Seiten reicher Dummkoͤpfe zur Zeit, wo ihr Ruf noch nicht gemacht war? Oder hatte das grauſame, unbarmherzige Wort von Samuel in ihr ent⸗ ſchlummerte Traurigkeiten, das Andenken an gebrochene Schwüre, an die Ungläubigkeit im Herzen der Menſchen, an den Skepticismus der Liebe, an den Atheismus der Leivenſchaft wieder erweckt? Hatte ſie in ihrer Vergangen⸗ heit einen theuren und brennenden Schmerz, der der ver⸗ achtenden Philoſophie von Samuel Gelb nur zu ſehr Recht gab? Oder war die große Sängerin ganz einfach eine Tochter Evas, der ſich dieVerſuchung des verbotenen Ran⸗ ges bemächtigte, und die nun begierig war, zu erfahren, welche 284 Thüre ſich für ſie gegen den Reichthum und die Macht öffnen würde? Oder auch,— doch vieſe Muthmaßung war die am wenigſten wahrſcheinliche und hatte nichts für ſich, als das Beben, das Olympia entſchlüpfte, als Samuel den Namen des Grafen von Eberbach ausſprach,— oder war die Sängerin nur begierig, zu erfahren, was Samuel gegen den Geſandten von Preußen machiniren konnte, um ihn im Nothfall zu warnen? Wie dem auch ſein mag, nicht ohne eine gewiſſe Aufregung befragte ſie Samuel. „Sie werden mir den Rang und das Vermögen geben,“ ſagte ſie;„wie?“ „Seien Sie unbeſorgt,“ erwiederte Samuel,„ich bin meiner Sache ſicher. Was die edlen Naturen ber⸗ hindert, ſich zu bereichern, iſt die Zeit, die das koſtet; ſie haben nicht die Zeit, ſparſam zu ſein und den Thaler aufzuraffen, während ſie Ideen ſuchen. Die Thaler ſind auf der Erde und die Ideen ſind im Himmel: man muß ſich bücken, um ſich zu bereichern, und das iſt eine Sache, die nicht Jedermann anſteht. Wie Sie, habe ich gelebt, mehr um meinen Geiſt zu bereichern, als um meine Taſche zu füllen. Doch hier iſt die Gelegenheit ſchön, und wir können Beide mit einem Schlage Glück machen, ohne eine ſchmutzige Sparſamkeit, ohne zwanzig Jahre damit zuzubringen, daß wir Liards auf Centimes häufen. Was ich Ihnen vorſchlage iſt; Zehn Millionen in zwei Jahren gewinnen.“ „Fahren Sie fort, mein Herr,“ ſagte Olympia. „Ah!“ dachte Samuel,„ſie beißt an. Sie kennen,“ ſprach er,„Sie kennen das Wort jener Königin, welche man fragte, ob ſie glaube, daß eine Königin ſich ver⸗ kaufen könnte worauf ſie antwortete: Das kommt auf den Preis an. Hier iſt der Preis anſtändig, wie Sie ſehen. Und man verlangt im Austauſch nichts von Ihnen, we⸗ nigſtens nichts, was nicht vor dem Geſetz, und ſogar vor dem Gewiſſen vollkommen rechtlich wäre.“ ——— ———— 285 „Was verlangen Sie alſo?“ „Ich verlange, daß Sie mir an dem Tage, wo Sie Witwe des Grafen von Eberbach werden, fünf Millionen geben. Oh! nicht von den zehn Millionen, welche Ihnen gehören werden, fünf andere Millionen.“ „Ich begreife nicht, mein Herr.“ „Sie werden begreifen. Der Graf von Eberbach beſitzt zwanzig Millionen, er hat keine Familie außer einem Neffen. Nehmen wir an, er heirathe Sie und er ſterbe, ſo müßte er Sie kaum geliebt haben, wenn er Ihnen nicht ſein Vermögen hinterließe. Wir werden übrigens hierauf bedacht ſein. Uebertreiben wir nichts: es iſt Lothario da, machen wir ihm einen ſchönen Theil. Geben wir ihm das Viertel der Erbſchaft, fünf Millionen. Es bleiben uns fünfzehn: zehn für Sie, fünf für mich. Sie ſehen, daß nichts einfacher iſt.“ „Die Rechnung iſt in der That genau,“ ſprach Olym⸗ pia.„Doch ich bemerke bei Ihrem Plane zwei Hinder⸗ niſſe.“, „Welche?“ „Das erſte, daß der Graf mich lieben, das zweite, daß der Graf ſterben müßte.“ „Der Graf wird Sie lieben und wird ſterben.“ Olympia ſchaute Samuel mit einem Ausdruck des Schreckens an. „Erſchrecken Sie nicht, Madame,“ ſagte Samuel, „und geben Sie nicht meinen Worten einen Sinn, den ſie nicht haben. Was das betrifft, daß er Sie lieben müßte, der Graf von Eberbach hat ſchon für Sie einen Anfang von wahrer Zuneigung. Ich übernehme das Ende.“ Olympia ſchien einen Augenblick ihre Gedanken zu ſammeln. Dann erhob ſie das Haupt und ſprach: „Aber wenn es wahr iſt, daß der Graf von Eber⸗ bach mich ſchon liebt, in welcher Hinſicht bedarf ich Ihrer?“ „Ah!“ rief Samuel,„das iſt von einer gewiſſen Stärke, und ich ſehe, daß ich den Schlag Ihres Charakters 286 gut beurtheilt habe. Es freut mich unendlich, daß ich mich in Beziehung auf Sie nicht täuſchte. Um die An⸗ gelegenheit zu einem guten Ziele zu führen, iſt es uner⸗ läßlich, daß Sie einen kräftigen Geiſt haben, und ich werde glücklich ſein über Alles, was mir Ihre Stärke beweiſt, und wäre es ein Aufruhr gegen mich. Sie wollen wiſſen, in welcher Hinſicht ich Ihnen nothwendig ſein kann? In folgender; Erſtens iſt der Graf von Eberbach mein Jugendfreund, und ich habe auf ihn einen unum⸗ ſchränkten Einfluß. Ich halte den Faden dieſes goldenen Gliedermanns in der Hand. Ich mache aus ihm, was ich will, es hängt von mir ab, ſeine Liebe auszulöſchen oder anzufachen. Sehen Sie, dieſer Menſch iſt unfähig, ganz allein zu lieben, und er hat nöthig, daß man oft Holz in ſeinen Kamin legt. Erhebe ich und preiſe ich Sie vor ihm, ſo wird er nur Sie in der Welt ſehen, verleumde ich Sie, ſo wird er Sie auf der Straße nicht grüßen. Zweitens: ſobald ich einmal mit Ihnen das Unternehmen auf unwiderrufliche Weiſe begonnen habe, wäre es von Ihnen eine kindiſche Naibetät, zu glauben, ich werde Sie ohne mich handeln laſſen. Ich bin ein Mann, der vor nichts zurückweicht, hören Sie wohl, vor nichts, um zu vollführen, was er einmal beſchloſſen hat. Wollen Sie mich nicht für ſich haben, ſo werden Sie mich gegen ſich haben. Und dann mag es gehen, wie es will. Sie haben über alle Seiten der Leidenſchaft nach⸗ denken, alle Formen der Charactere ſtudiren müſſen. Die Rollen, die Sie geſpielt, haben Ihnen alle Etwas ſagen müſſen, und Sie haben ſich nicht in das Coſtume und in das Leben der großen geſchichtlichen Verbrecherinnen gekleidet, ohne daß Ihnen etwas davon in die Bruſt eingedrungen iſt. Sie begreifen Alles, nicht wahr? ſogar das Ver⸗ brechen! Allerdings nicht das feige und gemeine Ver⸗ brechen, aber das kühne und großartige Verbrechen! Nun denn! ich begreife es auch. Sie kennen mich nicht, „—— „%— — „— — 287 hüten Sie ſich, mich zu ſehr kennen zu lernen! Hören Sie, ich rathe Ihnen offenherzig, nicht mit mir zu kämpfen!“ Welche Feſtigkeit auch bis jetzt die Sängerin be⸗ hauptet hatte, ſie fühlte ſich zittern vor dem drohenden Auge von Samuel, als ob dieſe Drohung in ihr eine furchtbare Erinnerung, ohne Zweifel an eine ihrer Rollen, erregte. „So viel in Beziehung auf das erſte Hinderniß,“ fuhr Samuel mit gemildertem Tone fort.„Was das zweite betrifft, ſo müßte, wie Sie ſagten, Madame, der Graf ſterben.“ „Ich habe das nicht geſagt!“ rief Olympia. „Doch, Madame, Sie haben es geſagt, und ich habe darauf geantwortet: der Graf wird ſterben. Aber be⸗ ruhigen Sie ſich, er wird ſterben, ohne daß wir irgend einen Theil an ſeinem Tode haben. Ich bin Arzt, und ich kann Ihnen eine Kunde mittheilen: abgenutzt und ge⸗ brochen durch die Ermüdung, durch den Schmerz und das Vergnügen, hat der Herr Graf von Eberbach nur noch kurze Zeit zu leben „Ah!“ unterbrach Olympia mit bebender Stimme. „Ich habe Ihnen geſagt, zwei Jahre,“ verſetzte Sa⸗ muel ruhig;„ich hätte Ihnen ſagen können, zwei Monate. Doch ich ſtehe Ihnen dafür, daß es nicht zwei Jahre dauern wird.“ „Sie ſind deſſen ſicher?“ fragte die Sängerin, ihre Erſchütterung beherrſchend. „Dergeſtalt ſicher, daß ich die fünf Millionen erſt am Tage nach ſelnem Tode von Ihnen verlange. Sie ſehen, wir ſprechen von einem Todten und wir theilen die Erbſchaft unter uns. Sie ſind ganz bleich, und es ſtehen Tropfen kalten Schweißes auf ihrer Stirne. Doch es ſind die Nerven, die in Ihnen beben. Ihre Vernunft muß mir Recht geben. Auf ein Grab ſpeculiren iſt eine er⸗ laubte Sache, vorausgeſetzt, daß man keine Schuld an dem Tode hat. Uebrigens verändern ſich die Handlungen 288 je nach denen, welche ſie begehen. Es gibt etwas, was meiner Anſicht nach über der Tugend ſteht, das iſt der Verſtand. Alles, was groß iſt, hat das Recht, die ge⸗ meine Moral unter ſeine Füße zu legen. Ich, ich habe einen weitumfaſſenden Plan. Mit dem Golde, das der Graf dazu anwendet, die Livreen ſeiner Lackeien glänzend auszuputzen und öffentliche Mädchen zu bezahlen, werde ich große Werke verrichten. Wiſſen Sie, daß im Grunde von dem Allem vielleicht ein Volk, mehr als ein Volk, eine Weltzu befreien iſt? Und wir ſollten vor einfältigen Bedenk⸗ lichkeiten ſtille ſtehen! Seit wann bleiben die großen Geiſter und die großen Pläne vor den Grundſätzen des Ka⸗ techismus vder des knabenhaften, ehrlichen Complimentirbu⸗ ches ſtehen? Stellen Sie ſich Cäſar mit Bedenklichkeiten vor 2 Was dächten Sie von Napoleon als von einem Stutzer, der nicht das Blut eines Huhnes fließen machen wollte? Ah! wir werden dieſen Menſchen nicht tödten; ſein Uebel wird ihn tödten. Keine Kleinlichkeiten! „Das Glück liebt es nicht, daß man ſchüchtern iß, daß man vor ihm erröthet und ſtammelt. Empfangen Sie es ſtolz und haben Sie, Sie, tiefe Schauſpielerin, nicht jene Verwunderungen einer ſchüchternen Bürgersfrau. Ich hoffe, Sie gehören nicht zur Race jener Schulfüchſe, welche finden, man habe nicht das Recht, eine Provinz zu rauben, weil man eine Mühle reſpectirt. Ich bin feſt überzeugt, daß ich zu meines Gleichen ſpreche. Darum habe ich ohne Maske und ohne Verſtellung geſprochen. Nun antworten Sie.“ Olympia machte eine heftige Anſtkkngung gegen ſich. ſelbſt und erwiederte dann: „Nur ein letztes Wort. Wenn ich nicht antworte, wenn ich mich weigere, meine Seele bei dieſer erſchreck⸗ lichen Partie, die Sie mir anbieten, einzuſetzen, was wer⸗ den Sie thun? Werden Sie bei Ihren Plänen auf das Vermögen des Herrn Grafen von Eberbach beharren oder darauf verzichten?“— — ,———,—— 289 „Verzeihen Sie, Madame,“ ſagte Samuel kalt,„das geht Sie, wie mir ſcheint, nichts mehr an. Es ſteht Ihnen frei, ſich zurückzuziehen, aber mir wird es immer frei ſtehen, zu handeln. Ueberlegen Sie.“ „Mein Herr,“ verſetzte die Sängerin,„ich bitte Sie um einen Tag zum Ueberlegen.“ „Nein, Madame, ſolche Angelegenheiten laſſen keinen Aufſchub zu. Sie müſſen eben ſo raſch gethan als ge⸗ ſagt ſein.“ „Wenn ich es ausſchlage, wird es Ihnen frei ſtehen, zu handeln?“ fing ſie wieder an. „Vollkommen frei.“ „Nun denn,“ ſprach ſie mit einem Tone ungeſtümer Entſchloſſenheit,„ich nehme an.“ „So iſt es gut,“ rief Samuel mit einer ironiſchen und triumphirenden Freude. Er ging auf einen Tiſch zu, auf welchem ein Tinten⸗ ei und zog ein geſtempeltes Papier aus ſeiner aſche. „Was iſt das?“ fragte Olympia. „Nichts,“ erwiederte er.„Ein Mittel, uns einander Bürgſchaften zu geben.“ Er ſchrieb und las, während er ſchrieb: „Ich, die Unterzeichnete, erkläre Herrn Samuel Gelb die Summe von fünf Millionen ſchuldig zu ſein. Dieſe Schuld iſt übrigens erſt zahlbar nach dem Tode meines Gatten„ Er unterbrach ſich. „Wir haben den 15. März. Ich datire vom 15. Mal. Ich bin alſo ſicher, daß Sie am 15. Mai verheirathet ſein werden, wie ich ſicher bin, daß der Graf vor Ihnen ſterben wird. Dies hinſichtlich Ihrer Garantie. Was die meinige betrifft, ſo wollen Sie ſchreiben: Die Schrift geheißen, und unterzeichnen Sie: Gräfin von Eber⸗ ach. Gelingt es uns nicht, ſo find Sie nicht Gräfin Gott lenkt. M. 19 290 von Eberbach, und dann iſt dieſer Brief nur ein Fetzen Papier. Er macht Sie alſo nur verbindlich, inſofern die Heirath ſtattgefunden hat. Und da es keine Gräfin von Eberbach gibt, ſo begehen Sie keine Fälſchung.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Olympia. Samuel ſteckte das Papier in die Taſche, ſtand auf und ſprach: „Madame, ich habe Ihnen nun noch zu danken und Glück zu wünſchen. Ich verlaſſe Sie, um an unſerem Werke zu arbeiten. Doch bald werden wir uns wieder⸗ ſehen. Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen, Frau Gräfin.“ Angebundene Jäden. Hätte Olympia das ſeltſame Lächeln geſehen, das auf die Lippen von Samuel trat, als der Verſucher von ihr wegging, wie ehrgeizig und ſogar verdorben die Sän⸗ gerin auch ſein konnte, ſicherlich hätte ſie gebebt, und ſie würde es ſogar vielleicht bereut haben, daß ſie einen ſol⸗ chen Menſchen in ihr Leben hatte eintreten laſſen. Als er die Treppe von Olympia hinabſtieg, ſagte Samuel zu ſich ſelbſt:— „Wir wollen nun meine Fäden an meinem andern Gliedermann anbinden.“ Und er ſprang in den Wagen, der auf ihn wartete, und rief dem Kutſcher zu: „Zur preußiſchen Geſandtſchaft.“ Ziis er in das Hotel des Geſandten kam, war dek Graf von Eberbach mit Lothario erſt zurückgekehrt. * — ℳ 16 on n⸗ ⸗ te te, e ⸗ 291 Samuel ließ ſich melden und wurde in den Salon eingeführt, wo er Julius allein fand. Julius war einen Augenblick erſtaunt, als er Samuel ſo bald wieberſah. Ful“ rief er „Du erwarteteſt mich erſt heute Abend,“ antwortete Samuel.„Aber Du kennſt mich, und Du weißt, was ich aus den Minuten mache. Ich habe ein ſehr einfaches Mittel gefunden, länger als die anderen Menſchen zu leben;ich lege mehr Thätigkeit in meinen Tag. Ich lebe einen Tag in der Stunde. Du warſt nicht weggegangen, als ich ſelbſt wegging. Weißt Du, woher ich jetzt komme? von Olympia.“ „Von Olhmpia?“ wiederholte Julius, bebend bei dieſem Namen. „Ich bin zuerſt zu Lord Drummond gegangen und habe nach der Adreſſe der Sängerin gefragt, nicht Lord Drummond, der in dieſer Hinſicht ſehr argwöhniſch iſt, ſondern ſeine Leute. Dann habe ich mich, bei meiner Treue! ganz einfach nach der Jle Saint⸗Louis begeben und es, offenherzig geſtanden, ohne große Mühe von Olympia erlangt, daß ſie Dich morgen Abend um neun Uhr empfangen will.“ „Das iſt bewunderungswürdig,“ rief Julius, Samuel die Hand reichend.„Ich danke Dir von ganzem Herzen; denn es iſt ſonderbar, wie dieſe Frau mich beſchäftigt. Sie hat für mich den Magnet des Unbekannten. Ich habe nie ein ſo glühendes Verlangen gehabt, eine Seele zu ergründen. Es iſt da etwas, was mich unwiderſtehlich anzieht. Vielleicht iſt es nur ein Anſchein; vielleicht werde ich, wie dies ſchon ſo oft geſchehen iſt, enttäuſcht, ſchon auf der Schwelle ſtehen bleiben.“ „Ach! nein,“ unterbrach ihn Samuel.„Olympia gleicht den andern Frauen nicht. Es iſt ein Geſchöpf würdig und fähig, einen Mann feſtzuhalten. Ich, der ich eine zähe Haut habe und mich nicht ſo leicht an⸗ 292 greifen laſſe, ich empfinde vor ihr denſelben Eindruck wie Du, ich unterliege unwillkürlich ihrem Einfluß, und ich errothe, daß ich mich zum erſten Mal klein vor einer Frau fühle.“ Samuel, während er ſprach, be obachtete die Wirkung ſeiner Worte im Geſichte von Julius. Der Graf von Eberbach horchte, nachdenkend, glück⸗ lich, ſeine Neigung von einem Manne wie Samuel ge⸗ billigt und eraltirt zu ſehen. „Ich danke Dir abermals für Deine Ergebenheit und für Deinen Eifer, mein lieber Samuel,“ ſagte er voll Innigkeit,„Du ſiehſt, daß ich Deine Dienſte herzlich gern annehme, warum weigerſt Du Dich, die meinigen anzu⸗ nehmen?“ „Eil ich habe ſie nicht ausgeſchlagen, wie mir ſcheint?“ „Dieſen Morgen haſt Du Dich in eine, unter uns geſagt, alberne Würde verſchanzt.“ „Ich ſchlug Dein Geld aus, das iſt wahr. Was würde ich damit thun? Ich habe es mein ganzes Leben zu entbehren gewußt. Aber ich ſchlage das nicht aus, was ich wünſche. Du haſt mir angeboten, mich mit Deinem Anſehen zu unterſtützen. Ich habe Dich beim Wort genommen.“ „So iſt es gut!“ rief Julius.„Nunl ſo ſprich, in welchem Punkte kann ich Dir dienen?“ „Ich dachte vorhin auf dem Wege hierher daran. Siehſt Du, bis jetzt habe ich meine Zeit beinahe verloren. Habe ich Verſtand, wozu nützt er? wer weiß etwas vavon? Das Gold eriſtirt nicht, wenn es der Bergmann nicht aus den Eingeweiden der Erde gefördert, und der Münzer es nicht geprägt hat. Ich habe meine Ideen weder aus ihrem Schachte gefördert, noch ſie gemünzt. Sie ſind verloren, wenn ich mich nicht ſpude. Du, der Du jünger biſt, als ich, Du haſt einen hohen Rang er⸗ reicht und kannſt Deinem Lande auf eine große und edle —,— er der er⸗ dle —— 293 Art nützlich ſein. Ich weiß wohl, daß ich weder Deine Geburt, noch Dein Vermögen habe. Aber ich habe Ini⸗ tiative und Thätigkeit. Hätte ich ſie angewendet, ich denke, ich wäre wohl etwas geworden. Doch ich legte die Hände in den Schvoß. Mein Trachten nach dem Ziele hat Unrecht gehabt, die Etapen des Weges zu verachten. Ich träumte den Berg mit einem Sprunge zu erſteigen, ſtatt ihn Schritt für Schritt zu erklettern, und ich habe mein Leben darauf verwendet, daß ich Flügel ſuchte.“ „Erkläre Dich,“ ſagte Julius. „Julius, ich bin wie Du ein guter Deutſcher, ein Unterthan des Koͤnigs von Preußen. Antworte mir un⸗ umwunden: Kann ich, mit Deinem Beiſtand, mich darum bewerben, Deutſchland irgendwo zu dienen und es eines Tags zu vertreten?“ „Du, Samuel, in der Diplematie!“ „Warum nicht?“ „Weil..“ ſagte Samuel. Und er hielt inne, ver⸗ legen, wie er ſeinem Gedanken Worte geben ſollte. „Weil,“ vervollſtändigte Samuel,„weil mein Name nicht ruhmwürdig genug iſt, nicht wahr? Ich verlange aber nicht, ſogleich Botſchafter zu werden.“ „Das iſt es nicht,“ erwiederte Julius.„Nicht an Dir zweifle ich, ſondern am Gewerbe. Die Diplomatie iſt eine lange und verdrießliche Laufbahn. Und ich geſtehe, mir ſcheint, Du biſt zu Allem fähig, nur nicht zu einem Geſandten. Du, der Du ſo ſtolz, ſo gebieteriſch, ſo auf⸗ recht, wie ſollteſt Du Dich zu allen Geſchmeivigkeiten, zu allen Artigkeiten, zu allen nothwendigen Geſchicklich⸗ keiten biegen? Verzeihe mir mein Erſtaunen; aber Samuel Gelb in der Diplomatie, das kommt mir vor wie ein Wolf in Spinnengeweben.“ Samuel lächelte. „Mein lieher Julius,“ ſagte er,„Du ſprichſt mir von einem ehemaligen Gelb, den wir Beide in Heideiberg vor achtzehn Jahren gekannt haben. Ja, ich war ſcharf, * 294 ſpröde, brutal mit dem Leben, doch ich bin nicht mehr ſo. Ohne meinen Charakter zu ändern, habe ich die Form geändert. Ich verachte die Menſchen nicht weniger, im Gegentheil. Empfindlich gegen ſie ſein heißt ſie als ſeines Gleichen anerkennen, ihrer Achtung bedürfen, ſein Beneh⸗ men ihrem Benehmen gegen uns unterwerfen; jetzt be⸗ handle ich ſie als Werkzeuge; ich ärgere mich eben ſo wenig über ihre Hoheit, als ich mich über ihre Niedrigkeit freue. Ein Tiſchler bückt ſich, um ſeinen Hobel over ſeine Säge, welche auf der Erde liegt, aufzuheben; ich werde mich nun bücken, ſo oft es ſein muß, ich werde niederknieen und mich auf den platten Bauch legen, um einen Einfluß, der mir nothwendig iſt, einen Titel, der mir helfen wird, aufzuheben. Und ich werde ſtolzer zu ſein glauben, indem ich ſo handle, als ich es war, da ich mich ſteif machte und meinen Werth von einem Haufen von Dummköpfen anerkennen laſſen wollte. Sie mögen denken, was ſie wollen, wenn ſie denken. Ich, ich bin, und das Gefühl, das ich von mir ſelbſt habe, genügt mir, ohne daß es Jemand theilt. Du ſiehſt, daß ich bei meiner gegenwärtigen Gefinnung Alles habe, was man braucht, um einen vollkommenen Diplomaten zu bilden.“ „Es mag ſein,“ erwiederte Julius nachdenkend. „Doch wie Du ſagteſt, man iſt nicht ſogleich Geſandter. Es iſt eine langweilige Wartezeit durchzumachen. Vor Allem würdeſt Du Paris verlaſſen.“ „Was die Wartezeit betrifft,“ antwortete Samuel, „ſo iſt es gerade hier, wo ich Dich um Deinen Beiſtand bitte, nicht um ſie ganz zu übergehen, ſondern um ſie ab⸗ zukürzen; was aber das Verlaſſen von Paris betrifft, ſo kannſt Du die Schwierigkeit dadurch löſen, daß Du mich zu Dir nimmſt.“ „Dich bei der Geſandtſchaft attachiren!“ rief Julius. „Nun?“ fragte Samuel. „Entſchuldige mich,“ verſetzte Julius zögernd.„Doch in der That, Du haſt mich zu lange daran gewöhnt, Dich „ ——* 295 zu bewundern und ſogar ein wenig zu fürchten, als daß ich ſo leicht dieſe ſeltſame Idee, Dich als Untergeordneten zu haben, zulaſſen könnte.“ „Ein ſchlechter Grund, wenn es nicht ein guter Vor⸗ wand iſt,“ entgegnete Samuel.„Du würdeſt Dich daran gewoͤhnen. Die wahren Schauſpieler ſind zu allen Rollen geeignet. Hätte ich einen Augenblick den Herrn geſpielt, nuni wenn es mir beliebt, den Commis zu ſpielen? Pro⸗ bire mich. Glaubſt Du, ich wäre Dir unnütz 2 „Ich ſage das gewiß nicht.“ 5 Das Auge auf Julius geheftet, ſprach Samuel, der ohne Zweifel nun erſt den wahren Gegenſtand des Geſprä⸗ ches in Angriff nahm: „Höre, Julius, Du kennſt weder Paris, noch Frank⸗ reich genau, da Du erſt ſeit einigen Tagen hier biſt. Ich, ich bin ſeit fünfzehn Jahren im Stande geweſen, viele Dinge, viele Menſchen zu ſtudiren und kennen zu lernen. Du mußt irgend eine Polizei haben, die Dich ſehr viel koſtet? Thorheit! Um die Polizei gut zu treiben muß man ſie ſelbſt treiben. Die Polizei, weißt Du, daß das eine Sache iſt, welche beinahe einen Menſchen von Genie erfordern würde? Zu dieſer Stunde iſt, was Deine Regierung, wie alle Regierungen der Welt, ängſtigt, das, was man den Liberalismus nennt, nicht wahr? Du haſt offenbar die Sendung, dieſes verhaßte Ding zu bewachen. Sei unbeſorgt, ich kenne den Liberalismus, er iſt minder gefährlich, als Ihr glaubt, Ihr Leute von der officiellen Welt; wenn er ſelbſt eine Gefahr in ſich ſchlöße, ſo ſind doch nicht die Wenſchen, welche dieſe Welt vertreten, fähig, ſie hervorkommen zu machen.“ Es trat ein Stillſchweigen ein. Samuel ſchaute Ju⸗ lius an, in Erwartung, daß er frage. Julius ſchaute Sa⸗ muel an, in Erwartung, daß er ſich erkläre. Samuel ſchwieg aber: Julius ſprach zuerſt. „Du würdeſt Dich herbeilaſſen, mich über dieſe Men⸗ ſchen zu unterrichten?“ fragte er. „Ich fühle mich nicht beleidigt durch das Wort,“ ſagte Samuel lachend.„Ich bin nie ſerupulös bei den Dingen geweſen und werde es darum noch viel weniger bei den Worten ſein. Alles kann ſich durch die Gefahr adeln. Der Agent, der feig um ein Geheimniß herumſtreicht, iſt ein gemeiner Spion. Der Soldat, der kühn mit Gefahr ſeines Lebens in das jeindliche Lager eindringt, iſt ein un⸗ erſchrockener Held, welcher allein ein ganzes Heer angreift. immſt Du meine Dienſte an, ſo werde ich Dir nicht Berichte über die ſeltſamen Minirer machen, welche in die⸗ ſem Augenblick unter dem Boden, auf dem wir gehen, die gegenwärtige Monarchie untergraben; nein, ich werde Dich in ihre Machinationen einführen. Wir werden mit einan⸗ der unter ſie hinabſteigen und unſere Bruſt ihren Dolchen ausſetzen.“ „Wie wirſt Du das machen2“ „Ich war zur Zeit ein Mitglied des franzöſiſchen Carbonarismus aus Ueberzeugung, und ich bin es aus Gleich⸗ gültigkeit geblieben. Wenn Du es wagen willſt, einer von unſeren Vente beizuwohnen„. „Ich bin nicht aufgenommen.“ „Ich laſſe Dich aufnehmen! Ahl wir werden unſere Köpfe risquiren. Du ſiehſt, das iſt keine verächtliche, gemeine Sache.“ Es trat abermal ein Stillſchweigen ein. „Willſt Du?“ fragte Samuel. Julius antwortete nicht. Er dachte nach. Plötzlich ſagte er, als entriſſe er ſich einem tiefen Zaudern, mit eiger Stimme, in welcher die innere Bewe⸗ gung fühlbar wär: „Höre, Samuel: Du bieteſt mir Deinen erhabenen Verſtand, Dein unerſchöpfliches Wiſſen, Deine Thätigkeit und Deine Kühnheit an; das ſind in der That koſtbare Eigenſchaften, aus denen ich Nutzen ziehen kann. Ich kann Dich, ohne einen officiellen Titel, mit Berichten und Arbeiten beauftragen, welche bald in Berlin den n it re en en * 297 Maßſtab von Deinem Werthe geben und, in einer mehr oder minder nahen Zeit, Dir ehrende Auszeichnung und Stellen eintragen würden. Ich kann das; ich kann Dir auch, denn es liegt mir nicht viel am Leben, halb aus Neugierde, halb aus Pflicht, in Eure Höhlen des fran⸗ zöſiſchen Carbonarismus folgen. „Nun denn!“ rief Samuel. „Laß mich vollenden. Du mußt begreifen, Samuel, ſo wichtig auch für uns mittelbar die Verſuche der Li⸗ beralen von Frankreich ſind, ſo wäre es doch hauptſächlich von Bedeutung für uns, ſie in ihren Beziehungen zu den Ränken und Unternehmungen der Liberalen in Deutſch⸗ land kennen zu lernen.“ Er unterbrach ſich, um Samuel mit dem Blick zu befragen. „Vollende,“ ſagte Samuel unempfindlich. „Ich glaube, ich weiß.“ ſagte Julius,„daß der Car⸗ bonarismus ſeine unterirdiſchen Verzweigungen durch ganz Europa erſtreckt. Samuel, Du warſt einſt, wie ich, vom Tugendbund. Als mich mein Vater bei der Rückkehr von meinen Reiſen officiell beim Wiener Hofe attachiren ließ, brach ich natürlich mit dem, was ich einſt Jugendthor⸗ heiten nannte. Doch Du, der Du ein Carbonaro biſt, Du, der Du ſchon einen Rang im Tugendbund einnahmſt, Du, der Du unabhängig geblieben, Du haſt ohne Zweifel Verbindungen mit unſeren alten Genoſſen unterhalten.“ „Alsdann?“ fragte Samuel kalt. „Alsdann?“ verſetzte Julius, der wie verlegen und bedrückt zu ſein ſchien;„alsdann darff Du mir zwei Dinge nicht verbergen? erſtens, daß ver ulicher Umgang mit den Verſchwörern nicht mit der Stelle, auf welche Du abzielſt, verträglich wäre; zweitens, daß Belehrungen über den gegenwärtigen Stand des deutſchen Tugendbun⸗ des Dich viel weiter bei dem Ertheilen der officiellen Grade vorwärtsbringen würden, als die muthigſten Aufdeckungen im franzöfiſchen Carbonarismus.“ 298 Julius hatte dieſen letzten Satz mit einer Art von Beklemmung und Angſt ausgeſprochen. Samuel ſah aus, als fühlte er ſich ganz behaglich. „Mein lieber Julius,“ antwortete er einfach und ruhig,„ich glaube Dir ſchon geſagt zu haben, als wir dieſen Gegenſtand mit ein paar Worten berührten, ich habe bei meiner Abreiſe aus Deutſchland vor ſiebzehn Jahren den Tugendbund verlaſſen und ſeither nicht mehr von ihm reden hören. Ich ſprach die Wahrheit. Ich kann alſo weder die Gefahr der Genoſſenſchaft laufen, noch mir das Verdienſt des Verraths geben. Ich will Dir wohl Alles, was die Verſchwörer Frankreichs betrifft, zeigen, ich kann Dir aber nichts von den Verſchwörern Deutſchlands ſagen.“* „Gut, gut!“ rief Julius, wie von einer Laſt erleich⸗ tert.„Iſt nichts mehr zwiſchen Dir und dem Tugend⸗ bunde gemein, ſo widerſetzt ſich auch nichts dem, daß wir mit einander gehen. Da nichts auf der Seite des Tugendbunds zu thun iſt, ſo laß uns an den Carbonarismus denken. Du haſt Recht, ich wäre entzückt, Deine franzöfiſchen Liberalen kennen zu lernen.“ „Du kennſt ſchon einige.“ „Welche?“ „Diejenigen, mit welchen Du bei Lord Drummond zu Nacht geſpeiſt haſt.“ „Oh! dieſe, denke ich, conſpiriren unter dem freien „Vielleicht.“ „Bah!“ verſetzte Julius beinahe heiter.„Nun denn! vorwärts! führe mich. Ich werde gern und ohne Beden⸗ ken zu ihnen gehen, denn Du haſt es geſagt, während ich meinen Kopf wage, werden ſie nicht ein Haar von dem ihrigen wagen. Du kannſt Dir wohl vorſtellen, daß der Geſandte von Preußen ſich nicht zum Denuncianten machen wird.“ „Ebenſo wenig als ſein Begleiter, das verſteht ſich v T S*— — 299 von ſelbſt,“ erwiederte Samuel.„Es iſt alſo beſchloſſen, Du willigſt ein?“ „Ohne zu zögern.“ „Während ich Dir ſage, daß Du, wenn Du erkannt wirſt, nicht mehr auf Gnade hoffen darfſt, als in einer Löwengrube?“ „Die Gefahr allein bevollmächtigt mich.“ „Wann ſoll ich Dich vorſtellen?“ „Wann Du willſt.“ „Noch heute Abend?“ „Heute Abend.“ „Ich vermuthete nicht noch ſo viel Eifer bei Dir.“ „Das iſt der Eifer der Langweile: Alles, was ich kenne, iſt mir zuwider. Ich habe Durſt nach dem Unbe⸗ kannten. Die unterirdiſchen Gänge der Politik nehmen mich durch ihr Geheimniß feſt, wie dieſe Olympia mich durch ihre Maske feſtgenommen hat. Du haſt zwei In⸗ tereſſen in mein Leben gebracht. Ich danke Dir.“ „Gib wohl Acht! die Nacht hat ihre Halsbrechen.“ „Das iſt es gerade, was mir daran gefällt! Deine Hand, Samuel, und laß uns mit einander gehen.“ Und während ſich dieſe zwei Männer⸗ die ſich wie zwei Feinde beſpäht hatten, herzlich die Hand drückten, dachte Samuel: „Ah! er iſt abermals der Redlichere, doch ich bin immer der Stärkere. Olympia hat nun die Mittel, um mein Werk zu beginnen und ich habe ſie, um es zu be⸗ endigen.“ 300 Ein Drama im Saale. Ueberſpringen wir einige Wochen. Nach Verlauf dieſer Zeit waren alle dieſe Fäden, ſo feſt ſie Samuel Gelb geknüpft hatte, wenn nicht gebro⸗ chen, doch ſeltſam gelockert. Einer von den Meiſtern jener Zeit hat geſagt: „Das providentielle Ereigniß erſcheint nach dem menſchlichen Ereigniß. Gott erhebt ſich hinter den Men⸗ ſchen. Leugnet, ſo viel es Euch beliebt, den oberſten Rath, pflichtet ſeiner Thätigkeit nicht bei, ſtreitet über die Worte, nennt Stärke der Dinge oder Vernunft, was der große Haufen Vorſehung nennt; betrachtet den Schluß einer vollendeten Thatſache, und Ihr werdet ſehen, daß immer das Gegentheil von dem, was man erwartete, hervorgebracht worden iſt, iſt es nicht von Anfang auf die Gerechtigkeit gegründet geweſen.“ Samuel Gelb war einer von den kühnen, mächtigen Geiſtern, welche ſich Gottes überheben. Trotz ſeiner Stärke und ſeiner Energie, hatte ihn auch ſchon mehr als eine Niederlage auf ſeinem Wege belehrt, daß ein höherer und unüberwindlicher Wille über die Vorſätze und Pläne der Menſchen entſcheidet. So hatte er ſich geſagt: Der Tugendbund will den Tod von Napoleon; ſchlage ich den Kaiſer, ſo werde ich im Bunde das ſein, was ich wünſche; ich werde mit einem Sprunge die Treppe des Einfluſſes und des Befehls über⸗ ſteigen; ich werde Haupt unter den Häuptern ſein. Er hatte ſich das geſagt und war zum Werke geſchritten. Er hatte alle Maßregeln getroffen und den Augenblick berechnet, wo Napoleon, den Krieg wiederbeginnend, die Mütter und Europa gegen ſich hatte, und wo der Tod i S 8—— — ₰ 301¹ des Kaiſers mit demſelben Schlage vdas Reich tödtete. Er hatte den Mörder gewählt, den man nicht ſieht, den man nicht verhaftet, den man nicht auf der friſchen That der Geberde ertappt, der ſich einſchleicht, den man mit der Luft einathmet; das Gift. Und indem er Trichter den Brief übergab, hatte er gedacht: Das erhebt mich auf die erſte Sproſſe. Das hatte ihn aber zur letzten herabſteigen gemacht. Die Parteien verzeihen nicht die geſcheiterten Ver⸗ ſuche. Der Tugendbund hatte einen Groll gegen Samuel gefaßt, weil er ihn ohne Erfolg gefährdet. Das Gelin⸗ gen hätte ſeine Handlung ruhmwürdig gemacht, das Un⸗ terliegen machte ſie ſchmählich. Er war verworfen wor⸗ den, als die ſchlimmſte Verbrecherart; der Urheber eines verfehlten Verbrechens. Was ihn erheben ſollte, hatte ihn fallen gemacht; was ihn auf den Gipfel des Tugendbundes bringen ſollte, hatte ihn aus demſelben gebracht; was aus ihm einen der ſouverainen Könige Deutſchlands machen ſollte, hatte ihn genöthigt, haſtig aus Deutſchland zu entfliehen und nie mehr einen Fuß in daſſelbe zu ſetzen. Und dennoch erneuerte er, mit jener dumpfen Be⸗ harrlichkeit des Menſchen gegen die unerbittlichen Geſetze, den Angriff und begann wieder den ruchloſen und groß⸗ artigen Kampf von Ajar gegen die Götter. Die Machinationen, die wir ihn im Intereſſe ſeines Ehrgeizes und ſeiner Liebe haben vorbereiten ſehen, wer⸗ den ſie ſich diesmal wiederum gegen ihn kehren? Seine Pläne, ſo tief und ſo ſehr im Finſtern nach der Kenntniß der Menſchheit im Allgemeinen und des Cha⸗ rakters von Julius insbeſondere combinirt, ſind ſie be⸗ ſtimmt, für ihn abermals eine leidige Quelle von Verlegen⸗ heiten und Hinderuiſſen zu werden? Man wird es ſehen. Wir haben die Leſer um die Erlaubniß gebeten, einige Wochen überſpringen zu dürfen. um die Mitte des Monats April 1829 ſpielte man 302 in der Oper die Stumme von Portici, damals in ihrer Neuheit und in ihrer Volksgunſt. Es war nicht nur die ſo lebhafte und ſo franzöſiſche Muſik, was Paris in die Vorſtellung der Stummen laufen machte. Es fand ſich im Sujet ſelbſt eine innige Beziehung zu der politiſchen Lage, von der man ſich keine Rechenſchaft gab, und welche die Geiſter, ohne daß ſie ſich veſſen bewußt waren, erfaßte. Noch unſichtbar am Horizont, ſchien die nahe bevorſtehende Revolution ſich im Voraus in der Empörung des Volkes von Neapel wiederzuſtrahlen. Alle Freiheitsinſtinete, welche bald ſo furchtbar losbrechen und einen Jahrhunderte alten Thron niederwerfen ſollten, fanden ihren Ausdruck in Aubers glühenden Noten des ſo hinreißenden Geſanges; Amour sacré de la patrie, Soutiens l'audace et la fiertéz A mon pays je dois la vie, Il me devra la liberté! ²) Dies wurde immer mit einem Beifallsſturme und einem donnernden Dacapo aufgenommen. Eine verſtändige Regierung hätte dieſe Symptome des öffentlichen Geiſtes ſtudirt und ſich danach benommen. Aber die Regierungen vermuthen die Revolutionen erſt am andern Tag. Samuel war nicht die Regierung: er war an dieſem Tage gekommen, um der öffentlichen Meinung den Puls zu fühlen. Der erſte Act ging zu Ende, als er auf den Balcon eintrat. Alle Plätze waren genommen. Er brachte es bei der Schließerin dahin, daß er in einer *) Heilige Liebe für das Vaterland, unterſtütze die Kühnheit und den Stolz! Meinem Lande verdanke ich das Leben, es wird mir die Freiheit verdanken. Dieſe Worte find in Brüſſel am 25. Auguſt 1830 das Signal zum erſten Aushruch der Unruhen geweſen. D. Ueherſ. 8——* — ie 18 303 Ecke ſtehen durfte, von wo aus er die Scene nicht ſah; doch er kam nicht der Stene wegen. Der erſte Act war beendigt. Der Balcon entleerte ſich. Samuel rückte vor und ſchaute in den Saal, als ſuchte er Jemand. Olympia ſaß in einer Vorderloge des erſten Ranges; Lotharſo war bei ihr. Samuel machte eine Geberde der Unzufriedenheit. „Wird er den ganzen Abend bleiben!“ brummte er zwiſchen ſeinen Zähnen.„Ich muß ſie doch allein ſehen. Er ſcheint nicht ſchlecht mit ihr zu ſtehen. Ah! ſollte er ſeinem Oheim Concurxenz machen? Ich werde dar⸗ auf Acht haben. Er iſt jung und ſchon, er nehme alle Frauen, zwei ausgenommen, Olympia und die Andere. Uebrigens weiß ich nicht, warum ich mich immer ſo ſchnell beunruhige. Was Friedrike betrifft, ſo hat er ſie ſeit zwei Monaten nicht einmal mehr wiedergeſehen, und Olympia hat er einen Artigkeitsbeſuch im Zwiſchenact gemacht, und nun verläßt er ſie wieder.“ Lothario ſtand in der That auf und nahm von der Sängerin Abſchied. In dem Augenblick, wo Samuel, der Olympia allein glaubte, den Balcon verlaſſen wollte, um in ihre Loge zu gehen, ſah er neben ihr den Kopf von Gamba ſich neigen. „Gut! nun der Bruder!“ murmelte er. Und er blieb auf dem Balcon. Der zweite Act begann. In ſeine Ecke vertieft, ſuchte Samuel die Loge des preußiſchen Geſandten. Ju⸗ lius war nicht dort: Lothario und ein anderer Seeretaire nahmen ſie allein ein. Des Wartens müde, ging Samuel hinaus, um ſich die Loge von Olhmpia öffnen zu laſſen. „Sie wird ihren Bruder wegſchicken,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Er trat ein und verbeugte ſich tief. Olympia em⸗ pfing ihn mit einer hoffärtigen Kälte und einer eifigen Höflichkeit. Dennoch that ſie, was Samuel vorhergeſehen hatte. „Mein lieher Gamba,“ ſagte ſie,„Du wäreſt ſehr gut, wenn Du auf dem Anſchlagzettel nachſehen würdeſt, wer in dem Ballet tanzt.“ Gamba begriff ohne Zweifel, was dies beſagen wollte, denn er ſchaute Olympia mit einem flehenden Blick an. „Ja,“ ſprach er,„doch unter der Bedingung, daß ich für den Act des Ballets wieder komme. Du weißt, vaß dies der einzige iſt, den ich ſchätze, und ich habe nicht zwei Acte Muſik verſchlungen, um gerade die Pantomime zu verfehlen.“ Und er verließ die Loge. „Verzeihen Sie, Madame,“ ſprach Samuel, indem er Platz nahm,„verzeihen Sie, daß ich Sie einen Augen⸗ blick Ihres Bruders beraube. Ich weiß zu wohl, daß ich ihn nicht erſetze. Und dennoch, iſt man nur Bruder durch das Blut und das Fleiſch? Iſt man es nicht auch durch den Geiſt, durch die Verwandtſchaft der Ideen, die man über das Leben haben kann, oder der Pläne, die man mit einander entworfen hat? Ich ſchwore bei der Meinung, die Sie von mir haben und bei der, die ich von mir ſelbſt habe, mehr als derjenige, welcher uns verlaſſen, bin ich Ihr Bruder und ſind Sie meine Schweſter.“ „Sie hatten mit mir zu reden?“ fragte die Sän⸗ gerin, dieſe Richtung des Geſpräches kurz abſchneidend. „Ich wollte mich bei Ihnen nach meinem vortreffli⸗ chen Freunde, dem Grafen von Eberbach, erkundigen. Wie befindet ſich ſeine Liebe?“ „Schlecht,“ antwortete Olympia. „Ahl das iſt unmöglich.“ „Nein, es iſt gewiß. In den erſten Tagen, welche auf den, wo er mich beſuchte, folgten, war er ſehr ver⸗ liebt, ſehr zärtlich, ſehr ehrerbietig und ich füge ſogar bei ſehr reizend. Aber ſeit etwa vierzehn Tagen beſonders ——— „ —— —„—„——— er— c— er— S 8 — he r⸗ ei rs — — 305 hat er ſich ſo verändert, daß man ihn nicht mehr erkennt. Er iſt nun ungleich, launenhaft, verdrießlich.“ „Das kommt davon her, daß Sie ſich nicht die Mühe geben wollten, ihn feſt zu faſſen,“ erwiederte Sa⸗ muel.„Die Männer ſind ſo albern, daß die Größe und die Einfachheit ſie mehr zurückſtoßen, als anziehen. Durch die Kleinheit und die Geſchicklichkeit feſſelt man ſie. Es gibt alle Arten von Mitteln, ſie zu zähmen, und die Schönheit und der Geiſt ſind nichts ohne die Manier, davon Gebrauch zu machen. Sie ſind ſchön und ſind geiſtreich, und Sie laſſen mit ſich machen. Das iſt un⸗ ſinnig! Sie ſind ganz bezaubernd, Sie verſchwenden ſich, Sie find gut, Sie ſind albern. Sie haben ſeine Launen befriedigt, ſtatt ſie durch den Widerſtand zu reizen. Er hat Sie gebeten, ſich auf eine gewiſſe Weiſe zu kleiden, die ihn an eine Frau erinnert, von der er findet, Sie gleichen ihr; er hat Sie gebeten, Shawls von dieſer oder jener Farbe zu wählen, ſich auf dieſe oder jene Art zu frifiren. Sie haben ſich allen ſeinen Phantaſieen mit einer, erlauben Sie mir, es Ihnen zu ſagen, vollkommen ungeſchickten Geduld und Sanftmuth hingegeben. Das Hinderniß iſt der Hauptmagnet des menſchlichen Verlan⸗ gens, und es iſt ſogar naiv zu ſagen: was man hat, wünſcht man ſich nicht mehr.“ „Was wollen Sie?“ verſetzte Olympia.„Was er liebt, oder vielmehr, was er einen Augenblick in mir ge⸗ liebt hat, das bin nicht ich, das iſt meine Aehnlichkeit mit einer andern Frau, es iſt eine Todte, es iſt eine verſchwun⸗ dene Geſtalt, welche ſein Leben in das Grab mitgenom⸗ men hat. Konnte ich mich weigern, dieſe heilige Erinne⸗ rung zu befriedigen? Ich war nicht eiferſüchtig auf dieſe Todte; er liebte ſie und ich half ihm ſie lieben. Doch nun befürchte ich, daß er ſie vergeſſen hat, ſie auch, nach ſo vielen Anderen, und daß ſie zum zweiten und zum letzten Male geſchieden iſt.“ Gott lenkt. I. 20 306 „Aber,“ fragte Samuel,„wenn Sie glauben, daß er Sie nicht mehr ebenſo ſehr liebt, als in den erſten Ta⸗ gen, warum haben Sie nicht meine Rathſchläge am An⸗ fang befolgt, und warum haben Sie nicht ſeine entſtehende und glühende Leidenſchaft benützt, um ernſthaft von der Heirath zu ſprechen und ihn verbindlich zu machen?“ „Ich bin ſehr glücklich, daß ich es nicht gethan habe,“ erwiederte Olympia.„Ich kenne ihn heute. Ich weiß, daß er nicht der Mann iſt, von dem Sie mir ſprachen. Sie ſchilderten ihn mir als ſanft, traurig, niedergeſchla⸗ gen durch ein immer theures Andenken, und dabei voll Selbſtverleugnung und Zärtlichkeit, ergeben dem, der ihn liebte, dankbar gegen den, der ihn verſtand. Er iſt viel⸗ leicht einſt ſo geweſen. Doch dann hat das Leben, vas er geführt, in ihm dieſe Gefühlsblüthe ſehr welk ge⸗ macht. Er iſt nun ſelbſtſüchtig, anſpruchsvoll, ſogar aufzehrend. Jeder Gedanke muß ihm gehören. Er hat den gebieteriſchen Willen der Schwäche und der Krankheit. Er gibt nichts von ſeiner Seele und er will Alles von der unſeren. Aber kann ich, für die die Kunſt das Leben geworden iſt, zum Beiſpiel, einwilligen, für immer auf das Theater und vielleicht auf die Muſik zu verzichten, wie er es verlangt? Lord Drummond iſt weniger deſpotiſch.“ „Was liegt daran, da er nur noch ſo kurze Zeit zu leben hat!“ verſetzte Samuel ungeſtüm. Olympia ſchaute ihn ſchauernd an. „Sagen Sie das nicht!“ rief ſie.„Ich glaube es nicht mehr, ich will es nicht glauben, und Sie ſollen es ebenſo wenig glauben als ich. Nicht wahr, Sie denken nicht, was Sie ſagen? Ich habe Sie errathen. Sie wollen mich verpflichten. Sagen Sie mir nicht, er werde bald ſterben, weil ich ſonſt im Stande wäre, mich zu vpfern und Alles anzunehmen. Doch nein, der Graf von Cberbach, ich bitte Gott inſtändig darum! hat noch lange Jahre zu leben. Und ich bin nicht diejenige, welche er braucht, um dieſe Jahre zu begleiten⸗ Es iſt in mir, lei⸗ 5 1 1⸗ e er , n. 4⸗ n n, ar at en 307 der vielleicht, zu viel Gluth und zu viel Leben. Ich habe wohl darüber nachgedacht. Es iſt weder eine Frau, noch eine Geliebte, was er braucht, es iſt etwas wie eine Toch⸗ ter. Alles, was einem Willen, einem Verlangen, einer Leidenſchaft oder einer etwas ſtarken Idee gleicht, ermüdet ihn, nicht nur bei ihm, ſondern auch bei den Andern⸗ In mir wäre aber immer ein bitteres Beklagen, das ihn ärgern würde, vas Beklagen des Verluſtes von Mozart und Roffini. Ich würde mich opfern, ohne ihn zu retten, und ſtatt ihn zu tröſten, würde ich ihm wehe thun.“ Samuel ſchaute Olympia ſtarr an. Sie fuhr fort: „In einigen Jahren mag es ſein. Wenn ich nicht mehr die Macht meiner Stimme habe, wenn ich dem En⸗ thufiasmus meines Parterre von Neapel, von Venedig oder von Mailand weniger nahe mehr ſein, wenn ich weniger Auſſtrebungen und mehr Erinnerungen haben werde, dann werve ich auch ohne Zweifel minder unfähig zu der Rolle der barmherzigen Schweſter ſein, welche Sie mir bei die⸗ ſem ſchmerzlich betrübten Herzen geben wollen. Doch heute iſt meine Seele zu rührig, und ich habe zu heftige Bewe⸗ gungen, um ihn nicht zu quetſchen.“ Samuel unterbrach Olympia. „Sie denken nur an ihn,“ ſagte er.„Doch Sie? Was nennen Sie ſich opfern? Etwa zehn Millionen ge⸗ winnen?“ „Ja,“ antwortete ſie,„wenn dieſe zehn Millionen mich eine Lüge koſten. Den Grafen von Eberbach hinter⸗ gehen und ihn an ein Gefühl glauben machen, das ich nicht hegen würde, das wird mir immer unmoͤglich ſein⸗ Ich bin zu ſtolz und, wenn Sie wollen, zu unbändig, um mich zu einer ſolchen Heuchelei zu zwingen. Ich bin nur auf dem Theater Schauſpielerin.“ Samuel bemerkte, daß er ein ſchlechtes Mittel ge⸗ wählt hatte. Er verſuchte ein anderes. „Ah!“ ſagte er,„wir ſtreiten über das Leere. Wir 308 gehen von dem Punkte aus, daß Julius ſich verändert habe. Aber wo haben Sie dieſe Veränderung gefunden? Ich, was mich betrifft, der ich den Grafen von Eberbach alle Tage ſehe, finde keine Verſchiedenheit in ſeinen Ge⸗ fühlen in Beziehung auf Sie, und er ſpricht mit mir von Ihnen mit derſelben leidenſchaftlichen Bewunderung wie am erſten Tag.“ „Ich glaube Ihnen nicht.“ „Aber worin iſt ſein Benehmen verſchieden?“ „Ich wieverhole Ihnen, daß es ein anderer Menſch iſt.“ „Mein Gott! die Menſchen ſind nicht ganz aus einem Stück und gleichen ſich nicht in allen Minuten. Hat man nicht einen Liebhaber von Holz, ſo muß man darauf ge⸗ faßt ſein, bei dem verliebteſten Menſchen Augenblicke übler Laune und der Widerwärtigkeit zu ſehen. Die Männer haben ihre Geſchäfte, welche ſie nicht loslaſſen, ihre Sor⸗ gen, welche mit ihnen überall eintreten, wohin ſie gehen, ihre Verdrießlichkeiten, welche ſie bis zu den Füßen ihrer Geliebtinnen verfolgen. Julius kann in dieſem Augenblick eine ärgerliche Angelegenheit haben, die Sie in keiner Hin⸗ ſicht berührt. Wer weiß, ob er nicht von ſeiner Regierung eine Mittheilung erhalten hat, welche ihm keine Ruhe läßt. Es kann etwas für ihn von Berlin oder Wien angekom⸗ men ſein.“ „Ja,“ rief Olympia losbrechend,„das, was für ihn von Wien angekommen iſt, entreißt ihn mir.“ „Was iſt denn angekommen?“ fragte Samuel. „Eine Frau!“ „Eine Frau!“ wiederholte Samuel mit einem Er⸗ ſtaunen, das vielleicht nicht ſehr aufrichtig war. „Ja, geben Sie ſich den Anſchein, als wüßten Sie es nicht,“ ſagte Olympia mit bewegtem Tone und un⸗ willkürlich bitter.„Glauben Sie, ichsfei blind oder ein⸗ fältig, und ich bemerke nichts? Glauben Sie, ich habe nicht auch meinen Stolz, und ich ſage mir nicht, wenn man mich verlaſſe, müſſe es einen Grund haben? Ich —— N N e — e 309 weiß, leugnen Sie es nicht, ich bin deſſen ſicher, ich weiß, und Sie wiſſen es wie ich, daß vor vierzehn Tagen, ge⸗ rade in dem Augenblick, wo der Graf von Eberbach für mich zu erkalten ſchien, von Wien eine Frau angekommen iſt, eine Witwe, noch jung, reich, von Adel, immer glän⸗ zend, eine berühmte Schoͤnheit, ein mächtiger Einfluß in Oeſterreich. Ich weiß, daß dieſe Frau die Geliebte von Julius geweſen iſt, daß er ſie geliebt hat und daß er ſie immer noch liebt. Sie hat nicht fern von ihm bleiben können, und plötzlich iſt ſie in Paris angekommen. Ich fordere Sie auf, nein zu ſagen. Und nun hält ſie ihn bei allen Seiten, bei ſeiner nicht erloſchenen Liebe, bei ſeinem Ehrgeiz. Eine Nichte des Bewußten, verwandt mit der kaiſerlichen Familie, kann ſie ihn nach ihrem Belieben er⸗ heben oder zerbrechen. Sie hat ihre Wohnung im Fau⸗ bourg Saint⸗Germain, zwei Schritte vom Hotel der preu⸗ ßiſchen Geſandtſchaft, genommen. Liebe oder Furcht, ſo bald er ſie wievergeſehen, hat er ſich von mir abgewandt. Dieſe gebieteriſche Schoͤnheit iſt es, die er liebt, und wenn er ſich verheirathet, ſo wird er ſie heirathen. Nun denn! er heirathe ſie!“ 3 Olympia ſprach dieſes Wort in einer Art von ſchmerz⸗ lichen Ungeduld, welche einen Augenblick in dem Auge von Samuel einen Blitz der Freude und des Spottes ent⸗ zündete. „Ah!“ rief er,„Sie find eiferſüchtig! Sie lieben ihn!“ Die Sängerin richtete ſich hoch auf. „Was macht das Ihnen?“ fragte ſie.„Ich finde Sie verwegen, daß Sie mit meinem Herzen ſpielen. Sie ſind nicht da, wo Sie zu ſein glauben, wenn Sie mich feſtzuhalten hoffen. Ich ſage Ihnen, es braucht nichts, daß ich Paris morgen, heute Abend, auf der Stelle verlaſſe. Seit zehn Tagen werde ich in Venedig erwartet. Ich habe ein Engagement, das ich nicht brechen kann. Eine Schoͤ⸗ pfung in einer Oper von Bellini erwartet mich. Ich werde Alles vergeſſen, Vergangenheit und Zukunft, gewiegt durch 3¹0 den großen Troſt, die Mufik, mein wahres Leben, mein Glück, mein wirkliches Iveal.“ Samuel lächelte. In dieſem Augenblick füllte ſich das Orcheſter wieder mit Muſikern, man fing an in den Saal zurückzukehren, der Zwiſchenact ging zu Ende. „Der dritte Act beginnt und Ihr Bruder läßt ſich die Loge öffnen,“ ſagte Samuel.„Ich werde im Verlauf des Abends zurückkommen und Ihnen Julius bringen, und Sie werden ihm verzeihen. Nach dem, was Sie mir ge⸗ ſagt haben, bin ich deſſen ſicher.“ Und er verbeugte ſich vor der Sängerin und ging an Gamba vorbei, der eben eintrat. „Sie liebt Julius!“ dachte er.„Ich halte ſie.“ „Warum haſt Du dieſe triumphirende Miene?“ fragte ihn plotzlich eine Stimme. Er ſchaute empor. Es war Julius. „Du kommſt?“ fragte Samuel. „In dieſem Augenblick,“ erwiederte Julius. „Du gehſt in die Loge von Olympia?“ „Nein.“ „Du gehſt in Deine Loge?“ „Nein. Laß uns einen Gang im Foyer machen.“ Sie gingen im Foyer auſ und ab; da und dort tra⸗ ten Freunde zu ihnen, Diplomaten, Deputirte, Journa⸗ liſten, lauter Leute, welche einen Namen in der Politik oder in der Literatur hatten. Sie plauderten in jener leichten, lebhaften, Frankreich eigenthümlicher Converſation, welche von einem Gegenſtand auf den andern überſpringt, und in fünf Minuten die Kunſt und die Civiliſativn, die Menſchheit und die Frauen, Gott und den Teufel in ihren Kreis zieht. Der offielelle Rang des Grafen verhinderte nicht, daß man mit voller Freiheit von Politik ſprach. In Frank⸗ reich ſtreitet man lachend; die Gegner drücken ſich die Hand, die feindlichen Prineipien dutzen ſich in den Foyers „ —— 31¹ der Theater bis zum Vorabend einer Revolution, und am andern Morgen ſchießen ſie gegen einander auf den Barri⸗ caden. Man plauderte auch ein wenig von der Oper. Die Kritiker und die Muſiker fanden, das ſei die ſchlechteſte Partitur von Auber. Die Weltleute und die Büſten des Foyer hatten keine Meinung. Das Glöckchen ertönte, und bald waren Foyer und Gang leer. „Kommſt Du in den Saal?“ fragte Samuel Julius. „Wozu?“ verſetzte Julius.„Wir find gut hier. Man ſitzt beſſer und man hört die Mufik nicht.“ „Gut, ich bleibe um ſo lieber hier, als es mir nicht unangenehm iſt, einen Augenblick allein mit Dir zu ſein. Ich habe Dich auszuſchelten wegen Olympia.“ „Ich bitte Dich, ſchilt mich nicht. Ich haſſe das Streiten, und jede Discuſſion ermüdet mich.“ „Deſto ſchlimmer für Dich. Du hätteſt Dich dann nicht in eine Sache einlaſſen ſollen, wo Du nicht bleiben wollteſt. Du haſt mich dabei verwendet; ich bin vorge⸗ ſchritten, ich bin Dir vorangegangen, ich habe Dich ange⸗ künvigt, und nun läſſeſt Du mich im Stiche und ziehſt Dich zurück. Welche Meinung ſoll die Signora Olympia von mir haben? Welche Figur haſt Du mich ſpielen laſſen? Gib mir wenigſtens Deine Gründe an. Was hat ſie Dir gethan? Sie lag Dir ſo ſehr am Herzen; was Teufels konnte Dich in einem Augenblick entzaubern? Sie iſt nicht minder ſchön, als vor einem Monat. Sie hat immer noch daſſelbe Geſicht; warum haſt Du nicht mehr dieſelben Augen?“ „Weiß ich es?“ verſetzte Julius ungeduldig.„Ich habe ſie geltebt, und ich liebe ſie nicht mehr, das iſt die Wahrheit. Wos die Urſache betrifft, ſo frage darnach bei dem Geheimniß, das die Pflanzen wachſen und verwelken macht. Ich habe ohne Zweifel dieſe Frau einzig und all⸗ ein geliebt, weil ſie mich an Chriſtiane erinnerte. Du 342 ſagſt, ſie ſei dieſelbe geblieben; nein, ſie iſt nicht dieſelbe geblieben. Ich habe ſie geliebt, ſo lange ſie für mich ge⸗ weſen iſt, was ſie Anfangs war, ein geheimnißvolles Ge⸗ ſchoͤpf, ein Bild der Vergangenheit, eine Erinnerung. Als ich ſie aber alle Tage ſah, wurde ſie ein Weib,— ein leben⸗ des Weib. Ein beſonderes und unterſchiedenes Weſen, und nicht mehr der Reflex und das Portrait einer Andern. Ich hätte ſie fortwährend angebetet, ich hätte ſie vielleicht ge⸗ heirathet, wenn ſie fortwährend das, was ich wollte, ge⸗ weſen wäre. Doch ſie hätte immer einer Todten gleichen, unbeweglich, ein greifbarer Schatten ſein müſſen, den ich angeſchaut hätte, und der ſich nicht gerührt haben würde. Ach! ſie lebt, ſie ſpricht, mehr noch, ſie ſingt! O mein lieber Samuel, ſage, ich ſei ein Viſionär, ſage, ich ſei krank. Doch dieſer bewunderungswürdige Geſang, dieſer göttliche Geſang, der Euch entzückt, bringt mich in Wuth, wie eine entſetzliche falſche Note; für mich detonirt, kreiſcht, ſchreit dieſe ſo reine Stimme. Olympia gleicht der ſo be⸗ ſcheidenen und ſanften Chriſtiane nur von Geſicht. Es iſt eine ſtolze, eigenwillige, mächtige Sängerin. Als ich eines Tages, in einer Stunde der Illuſion, Chriſtiane in ihr zu ſehen glaubte und ihr ſagte, ich wolle ſie zur Frau, kannſt Du Dir vorſtellen, daß ſie mich fragte, ob ich von ihr verlangen würde, daß ſie auf das Theater verzichte? Und als ich, betrübt durch dieſe Frage, nicht einmal ant⸗ wortete, denke Dir, daß ſie mir ſagte, für einige Jahre wenigſtens wäre dieſes Opfer über ihren Kräften; dann habe ich plotzlich, unter der Tochter des Pfarrers, die Toch⸗ ter des Zigeuners wiedererſcheinen ſehen.“ „Du biſt ihr alſo hauptſächlich darüber gram, daß ſie lebt?“ ſagte Samuel. „Ja, nur die Todte liebe ich.“ „Du biſt ihr gram, daß fie lebt? Du biſt der Sta⸗ tue gram, daß ſie belebt iſt? Und wenn dieſe Seele, die Du ihr zum Vorwurf machſt, voll von Dir wäre? wenn ſie nur in Dir lebte?“ — * le F — 313 „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte Julius. „Ich will ſagen, daß ſie Dich liebt.“ „Sie liebt mich?“ „Ja, ſie iſt eiferſüchtig auf die Prinzeſſin!“ fuhr Samuel fort, entſchloſſen, einen großen Schlag zu thun, und im Geſichte von Julius die Wirkung dieſer Offen⸗ barung beobachtend. „Ah! vas berührt Dich endlich?“ ſagte er. „Das erſchreckt mich,“ entgegnete Julius. „Wie 2“ verſetzte Samuel enttäuſcht. „Es fehlte mir nichts mehr, als geliebt zu ſein! und insbeſondere, von einer Frau wie Olympia geliebt zu ſein! Mein armer Freund, ſchaue mich doch an. Ich bin zu müde, zu traurig, zu abgenutzt, als daß mir die Leidenſchaft nicht bange machen ſollte. Was ich heute brauchte, iſt die Ruhe, das Vergeſſen. Guter Gott, was ſoll ich mit einer leidenſchaftlichen, eiferſüchtigen, heftigen Frau machen?“ Samuel ſchaute ihn ſcharf an. „Du liebſt alſo die Prinzeſſin?“ fragte er mit Be⸗ ſorgniß.„Du gedenkſt ſie vielleicht zu heirathen?“ „Ich werde nie mehr heirathen. Chriſtiane allein wird meinen Namen geführt haben. Ich hätte ihn nur der gegeben, welche ihr vollkommenes Bild geweſen wäre. ⁴Olympia aber, die ihr Geſicht hat, hat nicht ihre Seele. Ich behalte ihn alſo. Was die Prinzeſſin betrifft, ſo hat mich ihre plötzliche Ankunft überraſcht und geärgert. Ich hänge durchaus nicht an ihr; ich liebe ſie nicht und fürchte ſie nicht. Sie kann mich zurückberufen laſſen; aber ich bekümmere mich nicht viel um meine Stellung. Ich bin reich genug, um Niemand zu brauchen, und das Geſandten⸗ handwerk hat nichts wunderbar Beluſtigendes. Man muß nie Geſandter geweſen ſein, wie Du, um Luſt zu haben, es zu werden. Nichts nöthigte mich alſo, die Prinzeſfin zu ſchonen, wenn nicht, daß ein offener Bruch Kämpfe und bittern Schmerz herbeigeführt hätte. Bei meiner 314 Treue, davor wich ich zurück. Ich bin verbunden geblieben, nicht aus Liebe, ſondern gerade aus Gleichgültig⸗ keit.“ Samuel war erſchrocken über dieſe Apathie. „Ah!“ ſagte er,„es iſt meine Pflicht, Dir beizu⸗ ſtehen. Du ſchläfſt im Schnee ein. Das iſt der Tod.“ „Deſto beſſer,“ verſetzte Julius. „Ich aber kann mich nicht mit Deinem Selbſtmord verbinden,“ rief Samuel.„Auf, erwache. Komm, beſuche Olympia. Sie iſt nie reizender geweſen.“ „Was liegt mir daran?“ „Sie hat nie ſo ſehr Chriſtiane geglichen.“ „Ein Grund mehr, daß ich ſie nicht ſehe. Ich würde mich von dieſer ſcheinbaren Aehnlichkeit wieder ein⸗ nehmen laſſen, und morgen käme die Wahrheit und ließe mich die Illuſion eines Augenblicks bezahlen.“ „Warum biſt Du aber dann heute Abend hierher ge⸗ kommen?“ „Um Dich abzuholen,“ antwortete Julius.„Ver⸗ giſſeſt Du, daß wir heute Abend eine dritte Verſammlung ben haben, in die Du mich ſchon zweimal geführt ha 7. „Es iſt zu früh. Sie fängt erſt um Mitternacht an. Wir werden nach dem Theater dahin gehen.“ „Ich bitte Dich, laß uns auf der Stelle gehen. Wir tödten die Zeit, wo Du willſt, doch ich habe einen „Grund, nicht hier zu bleiben.“ Welchen?“ „Die Prinzeſſin muß heute Abend zum Ende der Stummen kommen, wenn ſie einen Rout beim Ge⸗ ſandten von Baden verläßt. Sie hat mir ſagen laſſen⸗ ſie werde in die Geſandtſchaftsloge kommen. Bleibe ich nun, ſo bin ich genöthigt, ihr Geſellſchaft zu leiſten. Laß uns alſo gehen.“ „Du ziehſt die Politik der Prinzeſſin vor!“ ſagte N v— —— N 3¹⁵ Samuel, der ihn wenigſtens auf einer Seite lebend zu finden verſuchte. „Ja,“ antwortete Julius,„weil wir in der Politik, die wir treiben, unſer Leben wagen.“ „Leichnam!“ dachte Samuel mit einer dumpfen Wuth.„Aber wozu ihn nun vahin führen, wenn er ſich weigert, mir zu folgen, wohin ich will1“ Er ſtrengte ſich noch an, ihn zu beſtimmen, in den Saal einzutreten und nicht wegzugehen, ohne Olympia wenigſtens guten Abend geſagt zu haben. Doch das war unmöglich. „Quäle mich nicht,“ bat ihn Julius.„Dieſes Ge⸗ räuſch und dieſe Lichter greifen mich an. Ich habe nie vas Vergnügen der Blendung und der Betäubung einge⸗ ſehen. Ich beſitze nicht den Ehrgeiz, blind und taub wer⸗ den zu wollen.“ „Lothario hatte Dir etwas zu ſagen,“ verſuchte Sa⸗ muel noch. „Er wird es mir morgen ſagen,“ erwiederte Samuel. „Er wird um Dich beſorgt ſein.“ „Ich laſſe ihm durch einen Bedienten ſagen, ich ſei genothigt, wegzugehen, und ich bitte ihn, die Prinzeſſin nach Hauſe zu führen. Laß uns gehen.“ „Gut,“ erwiederte Samuel. Sie ſtiegen die Treppe hinab. Sie waren im Veſtibule und wollten eben die Thüre aufdrücken, als ſie ſich öffnete. Eine Frau, groß, die Augen blau und hart, die Haare brennend blond, ſchön, lächelnd, hoffärtig, trat ein. Sie ging am Arme eines Greiſes, der der badiſche Geſandte war. „Du ſiehſt, ſo iſt es mit den Zögerungen 1“ flüſterte Julius ärgerlich Samuel ins Ohr. Die Prinzeſſin ſchritt gerade auf Julius zu. „Wiel Sie wollten weggehen, Herr Graf?“ Er ſtammelte. 316 „Es iſt ſo ſpät; ich glaubte, Sie wären zurückge⸗ halten und kämen nicht mehr.“ „Hier bin ich. Ihren Arm.“ Und ſie verließ ohne Umſtände den Arm des badiſchen Geſandten und nahm den von Julius. „Sie erlauben, nicht wahr?“ ſagte ſie dann zu dem Miniſter, der ziemlich kläglich ausſah. Julius warf Samuel den Blick eines mäßig erge⸗ benen Opfers zu. „Nun! gehen wir hinauf?“ ſagte die Prinzeſſin. „Sogleich, Prinzeſſin,“ antwortete Julius. Und er wandte ſich gegen Samuel um: „Um Mitternacht alſo. Ich werde Dir nachfolgen.“ Und er ſtieg mit ver Prinzeſſin die Treppe hinauf; der badiſche Geſandte ging neben ihnen. Samuel zögerte einen Augenblick, dann entſchloß er ſich, auch wieder hinaufzugehen. Er kehrte auf den Balcon zurück, als die Prinzeſſin und Julius in die Loge der Geſandtſchaft eintraten. Die Prinzeſſin ließ es nicht an der Mode der hüb⸗ ſchen Frauen ermangeln, welche darin beſteht, vaß ſie ein paar Stühle umwerfen, wenn ſie während eines Aetes in das Theater kommen. Der ganze Saal wandte ſich auch nach ihrer Seite um, und bald waren alle Lorgnetten auf dieſe Frau, welche groß wie Diana und blond wie die Sonne, gerichtet. Olympia ſchaute wie Jedermann. Als ſie dieſe Frau mit Julius ſah, erbleichte ſie und hielt ihren Strauß vor das Geſicht, um ihre Unruhe zu verbergen. „Was haben Sie denn?“ fragte ſie Lord Drummond, der in ihre Loge eingetreten war. „Nichts,“ antwortete ſie. Der dritte Aet endigte. Der Vorhang war noch nicht gefallen, als ſie ſich gegen Lord Drummond umwandte. —————— —+——— — ——,————— — 317 „Wollen Sie mir wohl den Arm bis zu meinem Wagen geben?“ ſagte ſie. „Sie gehen, ohne das Ende zu hören?“ verſetzte Lord Drummond. „Ja, ich habe genug. Und dann fühle ich mich ein wenig ermüdet.“ „Gehen wir,“ ſagte Lord Drummond. Samuel hatte die Aufregung von Olympia bemerkt. Er eilte hinaus, um ſie einzuholen. Sie war ſchon am Arme von Lord Drummond, laufend, beinahe fliehend, auf der Treppe. Als er Lord Drummond bei ihr ſah, wagte es Sa⸗ muel nicht, fie aufzuhalten und mit ihr zu ſprechen. Aber er redete Gamba an, der ihnen folgte, und fragte ihn: „Befindet ſich die Signora unpaß?“ „Oh! nein, Signor,“ antwortete Gamba heiter; „im Gegentheil, ſie hat ſich nie beſſer befunden; während Lord Drummond eine Sekunde hinausgegangen war, um ihren Mantel zu verlangen, ſagte ſie zu mir: Gamba, packe heute Nacht ein, wir reiſen morgen mit Tagesan⸗ bruch nach Venedig ab.“ Und Gamba entſernte ſich langſam und ließ Samuel wie vom Blitze getroffen zurück. „Ahl“ ſagte er zu ſich,„was Teufels werde ich nun mit ihm in dieſer Venta machen?“ 348 Ver Carbonarismus. Samuel Gelb, als er allein die Oper verließ, fragte ſich im Ernſte, ob er nicht beſſer daran thäte, nicht in die Venta zu gehen. Wozu ſollte es nun nützen? Auf dieſer Seite drängten die Dinge nicht. Die unerwartete Neuigkeit, die ihm der alberne Gamba im Vorübergehen zugeworfen, hatte alle ſeine Pläne in Verwirrung gebracht und vereitelt. Das Dringendſte war nicht, Julius anzutreiben, ſondern Olympia zurückzuhalten. Aber wie ſie zurückhalten? Die Bitterkeit der Sän⸗ gerin, als ſie von der Prinzeſſin ſprach, ihre Aufregung, als ſie in die Loge der Geſandtſchaft die fürſtliche Ge⸗ liebte von Julius eintreten ſah, und, mehr als dies Alles, ihr Entſchluß, auf der Stelle nach Venedig abzureiſen, bewieſen Samuel, daß ſie den Grafen von Eberbach liebte. Es war kein Zweifel, wenn Julius zu ihr eilen wollte, ſo konnte er ſie beſtimmen, zu bleiben. Doch durch wel⸗ ches Mittel ſollte man den ſo feigen und ſo gleichgültigen Julius dahin bringen, vaß er auf der Stelle zu Olympia ginge und die Energie hätte, ihre Abreiſe entſchieven zu verhindern. Samuel beſchloß, es indeſſen zu verſuchen, und wandte ſich nach dem Orte, wo er und Julius nach ihrer Ver⸗ abredung ſich immer treffen ſollten, nämlich auf dem Pont⸗Neuf, beim Eingang der Rue Dauphine. Als er dahin kam, fand er in der That Julius, der auf ihn wartete. „Du biſt im Verzug,“ ſagte Julius.„Ich habe Zeit gehabt, die Prinzeſſin nach Hauſe zu führen, und ich bin der Erſte auf dem Platze.“ — * 319 „Das iſt ſo, weil ich zu Fuß gekommen bin, und Du im Wogen,“ erwiederte Samuel. „Vorwärts!“ ſagte der Graf von Eberbach,„und führe mich in die Venta.“ „Vorwärts!“ erwiederte Samuel,„doch ich führe Dich nicht in die Venta.“ „Wohin denn?“ „Zu Olympia.“ „Ah! abermals,“ verſetzte Julius mit einer Be⸗ wegung übler Laune. „Damit will ich ſagen: wenn Du die Signora Olympia heute Abend nicht ſiehſt, ſo wirſt Du ſie wahr⸗ ſcheinlich nie mehr ſehen.“ „Erkläre Dich.“ „Sie reiſt morgen früh nach Venedig ab.“ „Bah! das iſt nicht möglich!“ „Das Gegentheil iſt unmöglich. Habe ich Dir nicht im Foyer der Oper geſagt, ſie liebe Dich und ſie ſei eiferſüchtig? Und fünf Minuten nachher ſtellſt Du Dich öffentlich vor ihr mit Deiner Prinzeſſin zur Schau! Olym⸗ pia iſt zu ſtolz, um Deinen Galanterien beizuwohnen, und ſie verläßt Dich, um ihrer anderen Liebe zu folgen, welche keine Untreue gegen ſie begeht; der Kunſt. Sie überläßt Dich der Prinzeſſin und kehrt zur Muſik zurück.“ „Sie liebt mich alſo wirklich?“ fragte Julius, der, ſo überſättigt er war, ſich eines Gefühls der Eitelkeit nicht erwehren konnte. Und da ihn dieſer Gedanke ein wenig erwärmte und wiederbelebte, ſo fügte er bei: „Ich weiß nicht, ob ich ihrer entbehren, könnte. Ich habe mich daran gewöhnt, ſie zu beſuchen. Sie ſoll nicht abreiſen. Du haſt Recht, laufen wir zu ihr.“ „Laufen wir,“ wiederholte Samuel. „Warte doch,“ verſetzte Julius, der ſich eines An⸗ dern beſann und ſtehen blieb.„Vor Allem, ich kenne Dich, Du ſagſt mir das, um mein Verhältniß zu ihr 320 wieder zu befeſtigen. Geſtehe, daß das ein Scherz oder ein Mittel iſt. Sie ſoll nicht abreiſen. Geſtehe, daß es nicht wahr iſt.“ „Ich gebe Dir mein Wort, daß ſie entſchloſſen iſt, mit Tagesanbruch abzureiſen,“ erwiederte Samuel ernſt. „Wer hat es Dir geſagt?“ „Gamba, den ſie heute Nacht alle Anſtalten zu treffen beauftragt hat.“ „Gamba! ein Narr, deſſen Marotte dieſe Abreiſe iſt. Sie hat das vielleicht in die Luft geſagt, und dann wird ſie anderen Sinnes geworden ſein. Ein Augenblick weib⸗ lichen Trotzes! Ich wette mis Dir, daß wir ſie morgen in ihrem Hotel finden.“ „Ich glaube nicht,“ antwortete Samuel ernſt. „Bah! Du wirſt ſehen!“ „Ich glaube nicht.“ „Nun! im Ganzen gefällt es mir, es darauf an⸗ kommen zu loſſen. Selbſt wenn ſie abreiſen würde, ge⸗ winne ich zwei Dinge dabei: ich werde erfahren, ob ſie mich liebt, und ich werde erfahren, ob ich ſie liebe. Mittlerweile komm, wir wollen uns in der Venta zer⸗ ſtreuen.“ „Das iſt eine grauſame Zerſtreuung,“ entgegnete Sa⸗ muel.„Während Du Dich zerſtreuſt, wird dieſe Frau Deinetwegen leiden, und es hat von Dir abgehängt, ſie zu troͤſten.“ „Du lieſeſt mir Moral?“ rief Julius. „Ich werde in der That ungeſchickt!“ dachte Samuel. Und plötzlich einen anderen Weg einſchlagend, fragte er: „Du biſt alſo entſchloſſen, in die Venta zu gehen?“ „Sehr entſchloſſen.“ „Dann gehe allein dahin. Ich, ich kehre nach Menil⸗ montant zurück.“ „Warum?“ „Um ſchlafen zu gehen, bei Gott! Ich glaube, daß es hiezu Zeit iſt.“ — e—c— kat 6 — S S e 8 W 321 „Meinetwegen,“ ſagte Julius.„Du haſt mich in der Venta vorgeſtellt und ein zweites Mal dahin geführt. Ich kann nun allein gehen. Gute Nacht.“ Er machte ein paar Schritte. „Das würde nur noch fehlen!“ murmelte Samuel⸗ „Der Schwachkopf würde ſich unbeſonnen benehmen und wäre im Stande, ſich zur Unzeit zu compromittiren. Er ſollte ſich wohl compromittiren, aber ſo und in einem Grade, wie es mir zuſagen würde. Gut! nun muß ich gar über ihm wachen! Warte doch auf mich!“ rief er. Und er eilte Julius nach. „Ah! Du kommſt?“ ſagte dieſer. „Da Du nicht mit mir kommen willſt, ſo muß ich wohl mit Dir gehen.“ „So iſt es gut! Doch beeilen wir uns, denn alle dieſe Zögerungen haben uns viel Zeit verlieren laſſen; wir werden ankommen, wenn Alles vorbei iſt. Und das wäre Sub ſie ſind in der That intereſſant, dieſe Libe⸗ ralen!“ Sie begaben ſich auf den Weg, Julius eilfertig, Sa⸗ muel verdrießlich. In der Zeit, wo vieſe Geſchichte ſich ereignet, war der Carbongrismus weit entfernt von dem Grade der Macht und des Eifers, den er in den erſten Zeiten der Reſtauration erreicht hatte. In dem Augenblick geboren, wo die Invaſion Frank⸗ relchs durch den fremden Bund und die Popularität des Kaiſers, vermehrt durch das Märtyrthum von St. Helena, den Ideen der Oppoſitivn gegen die Bourbonen eine wun⸗ verbare Thätigkeit verliehen, hatte ſich der Carbonarismus mit einer ungeheuren Geſchwindigkeit von einem Ende des Landes zum anderen verbreitet. Von der vberſten Venta, die unter dem Präſidium des General Lafayette ihren Sitz in Paris hatte, ſtrahlte der gemeinſchaftliche Wille in eine zahlloſe Menge von be⸗ Gott lenkt. U. 21 ſonderen, von Stadt zu Stadt gebildeten Vente aus. Was die Stärke und die Sicherheit dieſer umfaſſenden Verbin⸗ dung bildete, war, daß, während ſie gemeinſchaftlich unter der Eingebung der hohen Venta handelten, die ſpeciellen Vente ſich gegenſeitig nicht kannten und keinen Zuſam⸗ menhang unter einander hatten. Es war bei Todesſtrafe jedem zu einer Venta gehörenden Carbonaro verboten, ſich in eine andere einzudrängen. Auf dieſe Art konnte die Polizei eine, zwei, vier, zehn Vente entdecken, ohne die Geſammtheit der Organiſation zu entdecken. Und man war in Sicherheit, ſo lange das Geheimniß über die oberſte Venta blieb. Um indeſſen die Communicationen zu erleichtern, bil⸗ dete man Centralvente. Jede beſondere Venta wählte einen Abgeordneten; zwanzig Abgeordnete bildeten eine Central⸗ venia, welche ihrerſeits einen Abgeordneten wählte, um mit der oberſten Venta zu correſpondiren! Die Aufnahmen der Carbonari hatten nichts von dem fantaſtiſchen Gepränge, das ihnen die Uebertreibung des Parteigeiſtes geliehen hatte. Die Larven und die Dolche ſind hier reine Erfindung. Die Aufnahmen geſchahen im Gegentheil mit der größten Einfachheit auf die Vorſtel⸗ lung von einem oder einigen Mitgliedern in dem erſten, dem beſten Local ohne eine andere Art von Feierlichkeit. Der Aufzunehmende ſchwor nur, Stillſchweigen über die Exiſtenz der Geſellſchaft und ihre Handlungen zu beo⸗ bachten, keine geſchriebene Spur davon zu behalten, keine Note oder Liſte aufzubewahren, nicht einmal einen Artikel des Reglement aufzuſchreiben, und man verließ ſich auf ſeine Ehre, verbürgt durch dasjenige Mitglied, welches ihn vorgeſtellt hatte, und die furchtbare Strafe, welche auf die Verletzung dieſes Schwures gefolgt wäre. Es wäre intereſſant, heute die Namen der Carbo⸗ nari aufzuſuchen. Die Liſte würde eine große Anzahl von Männern um⸗ faſſen, die in den letzten Jahren wichtige Stellungen 6 1 r 1 ſe ie ie n ſte il⸗ en ⸗ m m es he im el⸗ en, ber eo⸗ ine kel auf ihn die im⸗ gen 323 in der Politik und in der Adminiſtration eingenommen aben. Folgendes iſt die Zuſammenſetzung einer einzigen durch den Zufall unter den anderen herausgenommenen Venta, um einen Begriff von dem Perſonal zu geben. Es gab eine Venta, deren Abgeordneter Herr Corcelles Sohn, heute Repräſentant des Volks, war; unter ihren Mitglie⸗ dern zählte ſie die Herren Auguſtin Thierry, Geſchicht⸗ ſchreiber der Eroberung Englands durch die Nor⸗ mannen, Jouffroy, ſeitdem Profeſſor der Philoſophie, Abgeordneter und Mitglied des Inſtituts; Ary und Henri Scheffer, die zwei Maler; den Oberſten eines der die Garniſon von Paris bildenden Linienregimenter; Pierre Lerour u. ſ. w. Die nicht militäriſchen Mitglieder übten ſich, einer dem ganzen Carbonarismus vorgeſchriebenen Maßregel ge⸗ horchend, in der Handhabung der Flinte. Herr von Cor⸗ celles Sohn war der Inſtructor von Herrn Auguſtin Thierry. Gs wäre nicht ohne Intereſſe, zu ſuchen, was ſeitdem aus der Mehrzahl dieſer Verſchwörer geworden iſt, und wie oft dieſe ultraliberalen Anfänge verleugnet worden ſind. Viele von dieſen glühenden Feinden des Königthums ſind heute wüthende Reactionäre und haben den Einfluß und vie Stellen nur erlangt, um im Abſolutismus und den Erceſſen aller Art diejenigen, welche ſie aus dem Beſitze vertrieben, zu überbieten. Wir geben hier einige von den Namen der Advoca⸗ ten, welche für die Sergenten von La Rochelle plaidirt haben: Boulay(von der Meurthe), Plougoulm, Delangle, Boinvilliers, Barthe, Mérilhon, Chair⸗d Eſt⸗Ange, Mor⸗ quart u. ſ. w. Unter denjenigen, welche, leider ohne Erfolg, an der Entweichung der vier Sergenten arbeiteten, waren Ary Scheffer und Horace Vernet. Die Hinrichtung der vier Sergenten von La Rochelle wird wie ein Blulfleck auf der Oberfläche der Reſtauration bleiben. Bories und ſeine Kameraden gehörten allerdings zu einer gegen die Regierung gerichteten geheimen Ge⸗ ſellſchaft; doch die Feindſeligkeit hatte ſich nirgends in Handlungen übertragen; es hatte nicht einmal ein Anfang einer Vollbringung ſtattgefunden; kein Factum der Em⸗ pörung oder des Widerſtandes, nicht einmal der Indiscip⸗ lin konnte ihnen vorgeworfen werden. Ihr Tod war alſo eine Gewaltthat ohne Entſchuldigung und ohne Grund. Sagen wir es zur Ehre des Fortſchrittes und der Republik, ein ähnlicher Prozeß iſt durch den Aſſiſenhof am 28. März 1850 entſchieden worden und hat nur zu einer unbedeutenden Beſtrafung geführt. Es handelte ſich um eine geheime politiſche Geſellſchaft, conſtituirt unter dem Namen Legion des heiligen Hubert; ſie war in Bataillons und Compagnien organifirt, hatte ihre Chefs, ihre Officiere, ſowie ihr Loſungswort, und ihre Mitglieder leiſteten einen in folgenden Worten abgefaßten Eid:„Wir ſchwören vor Gott, unſer Leben zur Verfü⸗ gung von Heinrich von Bourbon, unſerem legitimen Kö⸗ nig zu ſtellen und es eher zu opfern, als zu Verräthern an unſerem Schwure zu werden.“ Die Angeklagten waren mitten in einer ihrer Sitzungen verhaftet worden. Für die Monarchle in der Republik conſpiriten iſt wohl von verſelben Bedeutung, wie in der Monarchie für die Repu⸗ blik conſpiriren. Nun wohl! die Republik hat ſich milde ge⸗ gen das Königthum gezeigt. Das Schaffot hat ſich nicht für dieſe Verſchwörung erhoben: die ſtärkſte Strafe war ein Monat Gefängniß. Der Prozeß von Saumur folgte bald auf den von La Rochelle, und im ganzen Ende von 1822 hoͤrten die Hinrichtungen nicht auf. Alle dieſe Schaffote häuften Unwillen und Bitterkeit an und ſäten den tiefen Groll aus, der im Jahre 1830 aufgehen und hervorbrechen ſollte. Doch mittlerweile wurden die Schüchternen erſchreckt, der Farbonarismus verlor einen Theil von ſeinem Blendwerk, — Sc— ————— S 8** 8 8 5* n ie en e er der in der geheimnißvollen und unwiderſtehlichen Macht, die man ihm zuſchrieb, beſtanden hatte. Die affiliirten Maſſen glaubten bis dahin hohen und ſouveränen Ein⸗ flüſſen zu folgen, welche die Regierung nie anzutaſten wa⸗ gen würde, und vor denen die Juſtiz zurückweichen müßte. Als man ſah, daß die Tribunale Alles verurtheilten, was unter ihre Hand fiel, verbreitete ſich ein paniſcher Schre⸗ cken in den Reihen, und es fand ein völliges Auseinander⸗ laufen ſtatt. Die Anarchie miſchte ſich darein. Es bildeten ſich zwei Parteien: die eine, bei der Lafayette und Dupont (von der Eure) waren, wollte die Republik; die andere, patroniſirt von Manuel, wollte, daß man der Nation die Wahl der Regierung vorbehalte. Die Parteien erbitterten ſich; man war bald bei den gegenſeitigen Anſchulvigungen, und der Carbonarismus, der mit der aufopfernden Erge⸗ benheit begonnen hatte, endigte in Intriguen. Mit dem Carbonarismus endigte auch die Aera der Verſchwörungen. Während man die Märtyrer, welche auf dieſe Art für die Sache der Freiheit und der Zukunft gekämpft haben, beweint und verherrlicht, muß man zu⸗ geſtehen, daß die Verſchwörungen ein Anachronismus in der Zeit der Volksvertretung und der Preßfreiheit ſind. Wozu ſich in einem Keller verbergen oder in ein Zimmer einſchließen, um ſich zu ſagen, man haſſe die Regierung, während man es ganz laut in den Zeitungen oder auf der Tribune ſagen kann? Das ſind verlorene Vorſichts⸗ maßregeln, das iſt, was noch ſchlimmer, verlorenes Blut. Wie viel Verſchwörungen hat es unter dem Conſulat, unter dem Kaiſerreich, unter Ludwig XVII. gegeben? Welche hat einen gläcklichen Erfolg gehabt? Die wahre Verſchwörung iſt das Einverſtändniß, im hellen Sonnenſcheine, aller Ideen, aller Inſtinete, aller Bedürfniſſe; es iſt der heilige Kreuzzug der Civiliſation gegen die Finſterniß, der Vergangenheit gegen die Zukunft: es iſt das allgemeine Stimmrecht. 326 Und dieſe Verſchwoͤrung befürchtet nicht, entdeckt zu werden, denn ſie zeigt ſichz befürchtet nicht, beſiegt zu werden, denn oben an ihrer Liſte ſteht der Name des ganzen Volkes geſchrieben. Im Jahr 1829 verlieh aber das Herannahen von Ereigniſſen, welches man ſchon am Horizont unbeſtimmt rollen fühlte, dem franzoſiſchen Carbonarismus einige Bewegung und einiges Leben. Sehen wir alſo dieſe Seite der Couliſſen einer Revolution, wir werden ſodann die andere ſehen. Julius und Samuel klopften an die Thüre eines Hau⸗ ſes der Rue Copeau und ſtiegen in den dritten Stock hinauf. Nichts im Hauſe oder auf der Treppe hatte auch nur den geringſten Anſchein von verdächtigen Leuten. Samuel und Julius gingen zu einem Freunde, der alle Monate einer Geſellſchaft von Vertrauten einen Punſch gab. Was konnte natürlicher ſein 2 Als ſie in das Vorzimmer eintraten, gingen ſie auf einen Tiſch zu, auf welchem neben einem angezündeten Lichte ein Blatt Papier lag, worauf ſchon etwa fünfzehn Namen geſchrieben waren. Samuel unterzeichnete: Sa⸗ muel Gelb, und Julius unterzeichnete: Jules Hermelin. Dann legten ſie jeder zwei Franken in eine bereit ſtehende Lade. Das war der monatliche Beitrag, mit dem viel⸗ leicht die Koſten der Verſammlung beſtritten wurden. Der Freund, welcher empfing, konnte arm ſein, ſeine Freunde konnten wollen, daß ihn ihr Vergnügen nichts koſtete. Was konnte billiger ſein? Als Samuel und Julius in das zweite Zimmer kamen, fanden ſie hier ſchon fünfzehn bis ſechzehn Perſonen verſammelt. Einer der Anweſenden, der einen hohen Grad in der Armee einnahm, bemühte ſich, einigen Rath einem jungen Mann zu geben, der ſich in der Hand⸗ habung der Flinte zu unierrichten wünſchte, und man war varauf Bedacht geweſen, den Boden mit dreifachen Strohdecken zu belegen, damit das Geräuſch des Kolbens ——— —— lle uf ⸗ in. de el⸗ en. ine hts ner nen hen ath nd⸗ nan hen ens 327 die Nachbarn nicht in ihrem Schlafe ſtören ſollte. Was konnte verdienſtlicher ſein? Man ſprach über Politik, und ſogar ziemlich lebhaft in einigen Gruppen. Aber wo ſpricht man nicht über Politik in Frankreich, und worüber ſpricht man hier nicht ſehr lebhaft? Julius, oder vielmehr der Hanvlungsreiſende Jules Hermelin, näherte ſich einer dieſer Gruppen und miſchte ſich ins Geſpräch. Eine PVenta. Indem Julius den Fuß in die Verſammlung ſetzte, ſchien er ein ganz Anderer zu ſein, und es war, als hätte er ſeine Natur vor der Thüre gelaſſen. Eine Art von lei⸗ denſchaftlicher Neugierde trat in ſeinem Geſichte hervor. War es tlefe Diplomatie und vollendete Geſchicklichkeit 2 er ſpielte ſeine Rolle vortrefflich, und er ſprach von Frei⸗ heit mit mehr Wärme als der Glühendſte von den Mit⸗ redenden. Samuel ſelbſt fragte ſich in Augenblicken, ob er nicht aufrichtig ſei, und bewunderte die Aechtheit ſeiner Freude, wenn die Principien die Intriguen zu überwiegen ſchienen⸗ und ſeine Traurigkeit, wenn gemeiner Ehrgeiz die Rein⸗ heit der Sache verdunkelte. „Er iſt ſo ſchwach und ſo ſchwankend,“ ſagte Sa⸗ muel zu ſich ſelbſt,„daß er ſich durch das Gewicht der liberalen Ideen unlerjochen läßt. Er iſt zum Zeitvertreib, aus Skepticismus, aus Verachtung hieher gekommen; es wäre ſeltſam, wenn er überzeugt und mehr gläubig, als 328 die Andern, wegginge! Stärkere als er haben den Schwin⸗ del von Ideen bekommen, in deren Grund ſie durchaus ſchauen wollten. Man fängt mit dem Nachahmen an, und dann empfindet und lebt man mit. Der Schauſpieler wird die Perſon. Es bedarf eines Geiſtes von einem anderen Schlage als der ſeinige, um ungeſtraft den Liberalismus zu ſpielen. Wenn er der heilige Geneſt der Democratie würde 2“ Aber Samuel war zu ſehr Zweifler und zu miß⸗ trauiſch, um bei dieſem Gedanken ſtehen zu bleiben. „Bah!“ fuhr er fort,„ich ſuche Mittag um vierzehn uhr! Das iſt ein Diplomat, und nichts Anderes. Es iſt einer von jenen Menſchen, welchen es um ſo leichter wird, ihren Geiſt zu maskiren, als ſie nicht denken.“ Samuel war übrigens nicht der Einzige, der Julius beobachtete. Ein Mann, der nicht ſprach, der im Schatten verweilte und den Samuel zum erſten Male hier ſah, ließ kein Auge von dem vorgeblichen Hanvlungsreiſenden. Die Geſellſchaft war ſehr lebendig. Keine Ceremonie, keine Etiquette. Man rauchte, man trank Punſch; man ſtritt, man nahm Uebungen vor, Alles durcheinander; was nicht abhielt, mit leiſer Stimme die paar bezeichnenden Worte zu wechſeln, derenwegen man gekommen war.„ Auſrecht, an den Kamin angelehnt, erklärte ein Mann von hoher Geſtalt, von erhabener Stirne, von tiefem Auge, mit einem beredten Wort, wie die Dogmen endigen. Seine Handlungen haben ſeitdem leider nicht minder beredt be⸗ wieſen, wie die Halbüberzeugungen endigen. Dies war im Allgemeinen der ſehr einfache und ſehr harmloſe Anblick der ſo gefürchteten Vente. Dieſen Abend kam keine Neuigkeit von Bedeutung vor. Man erwartete immer den Sturz des Miniſteriums Martignae, deſſen Mäßigung den Angriff der entgegengeſetzten Meinungen verzögerte. Man hoffte, es würde ſich demnächſt zurück⸗ ziehen und durch das Miniſterium Polignac erſetzt werden. Alle Wünſche des Carbonarismus waren für Herrn von n⸗ us nd rd en us tie ß⸗ rd, us ten ieß ne, an 329 Polignac, welcher durch ſeine wohlbekannte Intoleranz und durch ſeinen blinden Abſolutismus unfehlbar die Kriſe und den Untergang des goͤttlichen Rechtes beſchleunigen würde. Das Loſungswort war alſo, durch alle mögliche Mittel zum Rückzug des Miniſteriums Martignac anzu⸗ treiben. In einem der Augenblicke, wo die Gruppen am mei⸗ ſten belebt waren, machte der Abgeordnete dieſer beſonderen Venta bei der Centralventa, welcher ſeitdem eine wichtige Rolle in einer der feierlichſten Sitzungen der conſtituiren⸗ den Verſammlung geſpielt hat, Samuel ein Zeichen, und dieſer folgte ihm in einen Winkel „Nun?“ fragte Samuel. „Nun!“ ſagte der Andere,„Du hatteſt Recht, im vergangenen Monat an demjenigen zu zweifeln, welchen Du unter uns eingeführt.“ Und mit einem unmerklichen Blinzeln der Augen be⸗ zeichnete er Julius. „Nein, ich hatte Unrecht!“ erwiederte lebhaft Samuel. hahe neue Erkundigungen eingezogen, und ich hafte ür ihn. „Gib wohl Acht,“ verſetzte der Andere;„wir haben auch Erkundigungen eingezogen, und ſie ſind trübe.“ „Ah!“ ſprach Samuel ſtolz,„wenn ich für Jemand hafte, ſo ſcheint mir, daß man nichts von ihm jenſeits meines Woltes zu verlangen hat. Ich ſage noch einmal, ich bin Bürge für Jules Hermelin.“ „Du kannſt Dich täuſchen.“ „Dann gebe man mir Beweiſe.“ „Man wird ſie Dir geben.“ „Wer?“ „Einer, der Dich beſuchen will, Dich worgen beſuchen wird, und der als Mittelsperſon und als Band zwiſchen unſeren geheimen Vente und der parlamentariſchen Op⸗ poſition dient.“ 330 „Ah! wahrhaftig!“ ſagte Samuel mit einer Bewe⸗ gung der Freude. „Ja, er wird ſich mit Dir über dieſen Gegenſtand und vielleicht noch über andere verſtändigen. Und wenn er Dir beweiſt, daß Dein Jules Hermelin ein Ver⸗ räther iſt?“ „Ich hoffe, ihm das Gegentheil zu beweiſen,“ ſagte Samuel.„Ich werde morgen den ganzen Morgen bis zwei Uhr zu Hauſe bleiben.“ „Es iſt gut.“ Hienach verließen ſie ſich. Die Verſammlung war indeſſen beinahe zu Ende. Die meiſten Anweſenden entfernten ſich. Samuel und Jullus gingen mit einander weg. Samuel war von tiefen Gedanken in Anſpruch ge⸗ nommen. Julius aber war in einem Zuge der guten Laune und beinahe der Thätigkeit. „Du ſprichſt mir nicht mehr von Olympia?“ ſagte er zu Samuel.„Glaubſt Du wirklich, daß ſie abreiſt? Ich werde morgen, ſobald ich aufſtehe, einige Blumen zu ihr ſchicken und mich dabei erkundigen laſſen. Und wenn man ſie nicht in ihrem Hotel findet, ſiehſt Du, ſo bin ich im Stande, den wirklichen Kummer, den mir dieſe Abreiſe berelten wird, zu benützen, um mir die nicht minder wirkliche Freude zu verſchaffen, mit der Prinzeſſin zu brechen.“ Samuel antwortete nicht. „Ich bin zu raſch zu Werke gegangen,“ dachte er. „Ich, der ich einen ſolchen Menſchen in meinen Händen zu haben glaubte! Weder von ſeiner Seite, noch von der meinigen iſt etwas bereit. Sein Tod würde in dieſem Augenblick Alles zu Grunde richten. Ich bin albern ge⸗ weſen, ihn zu compromittiren, ehe ich ihn gehörig an dieſe Sängerin gebunden geſehen hatte. Wie ſoll ich es machen, um mich und ihn aus meiner eigenen Falle zu F e. n te en nd ſo ir in 331 befreien? Ah! werde ich nun mehr Mühe haben, ihn zu als ich gehabt hätte, ſein Verderben zu be⸗ reiten?“ — Rendez-vous bei Gott. Samuel Gelb war in einem Irrthum begriffen, wenn er glaubte, Lothario habe Friedrike nicht wiederge⸗ ſehen. Lothario war allerdings nicht wieder in das Haus in Menilmontant gekommen, wo ihm vom Herrn ein ſo kalter Empfang zu Theil geworden. Aber das reine und blonde Bild ſeiner Landsmännin ſtand zu ſehr in ſeinem Innern feſt, als daß er es nicht verſucht haben ſollte, ſich ihr zu nähern. Konnte er nicht eintreten, ſo konnte ſie herauskommen. Er ſtrich alſo oft in der Straße herum, wo Friedrike wohnte, ähnlich dem bei den Zugängen des verſchloſſenen Eden umherſchweifenden Adam, doch minder glücklich als dieſer; denn Adam war mit Eva verbannt, ſtatt daß die Eva von Lothariv an dem verbotenen Orte geblieben. An dem Sonntag, der auf den Beſuch folgte, wel⸗ chen er mit ſeinem Sheim Samuel(alt er wirklich Samuel 2) gemacht hatte, ging er an einem ſchon ſchonen Frühlingsmorgen vor dieſer Thüre hin und her, die ihn von derjenigen trennte, welche in einer Minute ſein gan⸗ zes Leben gefangen genommen zu haben ſchien. Von der Chauſſee gegenüber tauchte er ſeine Blicke in den Garten, denn er bildete ſich ein, Friedrike würde plötzlich unter den Blumen emporwachſen. Alle Arten von wahnſinnigen Traumwünſchen durchzogen ſein Gehirn. 332 Er heftete auf das Haus gebieteriſche Blicke, weil er ſich vorſtellte, der Magnetismus ſeines Herzens würde Friedrike unwillkürlich erſcheinen machen. Oder er ſagte ſich, ſie würde ihn vielleicht, zufällig auf die Straße ſchauend, erblicken, ihr Fenſter öffnen und ihm durch ein Zeichen bedeuten, er möge heraufkommen; oder ſie würde wohl ſelbſt kommen, kurz, ſie würde irgend ein Mittel finden, und ſie könnten ſich wenigſtens einen Augenblick ſprechen. Sie mußte auch wünſchen, ihn wiederzuſehen. Sie konn⸗ ten einander nicht mehr fremd ſein. Dieſe Deutſche, welche ſie beſſer kannte, als ſie ſich ſelbſt kannten, hatte es ihnen geſagt; ſie hatte ihre Geſchicke durch einen un⸗ auflöslichen Knoten verbunden; ſie waren ſchon Bruder und Schweſter. Er ſchaute nun nach der Gartenthüre und den Fen⸗ ſtern des Hauſes. Aber weder Thüre, noch Fenſter öff⸗ neten ſich. Da erfaßte ihn die Entmuthigung, und er ging ungeſtüm von der Gewißheit zur Verzweiflung über. Er fand ſich ſehr albern, daß er einen Augenblick den Gedanken zugelaſſen, ſie könnte kommen oder ihn zu ſich rufen. Erinnerte ſie ſich ſeiner nur? Sie hatte ihn ein⸗ mal eine Viertelſtunde geſehen, nicht einmal allein; er hatte nicht vier Worte geſagt; es hatte ihm an Geiſt gefehlt, und er hatte ihr mit ſeiner Befangenheit und ſeiner Unruhe lächerlich vorkommen müſſen. Das war der ein⸗ zige Eindruck, den er bei ihr hatte hinterlaſſen können, angenommen, der Kopf eines jungen Mädchens ſollte ir⸗ gend einen Eindruck von einem einmal erſchauten Unbe⸗ kannten bewahren. Begegnete ſie ihm auf der Straße, ſie würde ihn nicht einmal erkennen! Lothario war hier ſeit beinahe einer Stunde, hoffend, zweifelnd, freudig, troſtlos, bis in ſein Innerſtes erſchüt⸗ tert durch eine Thüre, die ſich öffnete, durch einen Vor⸗ hang, der ſich im Hauſe bewegte; endlich aber fing er an das Unnütze ſeines Wartens ſich klar zu machen und ſich § — ⸗ e, d, t⸗ r⸗ in h § 333 zu ſagen, es ſei unvernünftig von ihm, vierundzwanzig Stunden zu warten, als Friedrike herauskam. Lothario floß all ſein Blut in ſein Herz zurück. Friedrike war in eine Mantille gehüllt und hatte das Geſicht mit einem Schleier bedeckt. Aber Lothario brauchte ſie nicht zu ſehen, um ſie zu erkennen. Frau Trichter begleitete Friedrike. Sie ſah Lothario nicht, denn ſie ging auf der entgegengeſetzten Seite, wandte ihm daher den Rücken zu und erreichte ſo das Ende der Straße. Lothario blieb an ſeinem Platze feſtgenagelt, verſtei⸗ nert, nur durch die Augen lebend. Doch in der Sekunde, wo ſie an der Ecke der Straße verſchwinden ſollte, ſtürzte er ihr nach. Dann überlegte er, daß er, wenn ſie ihn ſah, ihr nicht ohne Unbeſcheidenheit folgen konnte, hemmte ſeine Schritte und ließ zwiſchen ihr und ihm eine ziemlich große Entfernung. Friedrike und Frau Trichter gingen die Vorſtadt hinab bis zum Boulebard. Dann wählten ſie die Rue Vieille⸗du⸗Temple und gelangten zur proteſtantiſchen Kirche der Billettes, wo ſie eintraten. Als Lothario ſie eintreten ſah, ergriff ihn eine leb⸗ hafte Freude. Friedrike war von ſeiner Religion: Alles, was eine Beziehung mehr zwiſchen ihnen gab, ſchien Lo⸗ thario ihn enger mit ihr zu verbinden, und hier war es Gott ſelbſt, der ſie einander näher brachte. Samuel hatte dem Gewiſſen von Friedrike immer volle Freiheit gelaſſen. In der erſten Zeit war dies aus Gleichgültigkeit geſchehen. Da er eben ſo wenig an eine Religion als an die andere glaubte, ſo bekümmerte er ſich wenig um die Richtung, die der Glauben ſeiner Mündel nehmen würde. Alle Glauben kamen ihm gleich gut oder, wenn man will, gleich ſchlecht vor. Frau Trichter, die Gouvernante von Friedrike, war Proteſtantin. Die deutſche Erzieherin, die er ihr nachher 334 gegeben, war auch Proteſtantin. Zwiſchen den drei ein⸗ zigen Weſen, die ſie kannte, ihrer Gouvernante und ihrer Erzieherin, welche im Punkte der Religion nur von luthe⸗ riſchen Lehren mit ihr ſprachen, und ihrem Vormund, der gar nicht von der Religion mit ihr ſprach, wurde Fried⸗ rike natürlich Proteſtantin. Sie glaubte, was bei ihr die zwei Weſen ſagten, welche glaubten. Und, eine ſeltſame Erſcheinung! als Samuel aus In⸗ dien zurückgekommen war, als ſeine Liebe für dieſes ſchone ſechzehnjährige Kind Väterlichkeit zu ſein aufgehört hatte, ehrte, achtete und ermuthigte beinahe dieſer ſpöttiſche Zweifler den Glauben von Friedrike, ſtatt ihn zu ver⸗ höhnen und zu zerſtören. Entſchloſſen, ſeine Frau aus ihr zu machen, hatte er um ſich her Alles befeſtigen wollen, was ſie im Gefühle der Pflicht erhalten, was ihr Herz für die willkürlichen und freien Leivenſchaften verſchließen, Alles, was ſie zur Unterwürfigkeit vorbereiten konnte. Dieſer Atheiſt hatte es verſucht, Gott auf ſeine Seite zu bringen. 3 Darum ging Friedrike, ſo fromm und ſo keuſch, a das Gretchen von Fauſt vor ſeinem Fall, jeden Sonn tag in die Predigt. Lothario wohnte dem Gottesdienſt bei. Er litt auch an dem großen Uebel der Zeit: der Gleichgültigkeit. Er zuckte nicht die Achſeln, wie Samuel, vor dem Glauben der Andern, er verletzte nicht ihren Glauben, er verſpot⸗ tete ihn nicht, er ließ ſie beten; aber er betete nicht. Er gehoͤrte zu denjenigen, welche den Himmel nicht beleidigen, aber ſich deſſelben überheben. Doch an dieſem Tage fühlte er, wie der Him⸗ mel der Liebe gleicht. Er wurde von einem unermeß⸗ lichen Glücke erfaßt bei dem Gedanken, er habe ein ge⸗ meinſchaftliches Vaterland mit Friedrike, eine Welt, wo ihre beiden Seelen ſich berührten, eine Zukunft, zu der ſie mit einander aufſtrebten, und wo ſie, was ihnen auch — en en ot⸗ Er en, m⸗ eß⸗ ge⸗ wo der uch — — 335 auf der Erde begegnen möchte, für die Ewigkeit mit ein⸗ ander vereinigt würden. Nachdem die Gebete beendigt waren, ſtellte er ſich an den Weg von Friedrike. Als ſie die Kirche verließ, erblickte ſie ihn. Sie er⸗ kannte ihn, denn ein unmerkliches Beben, das Lothario mit den Augen des Herzens ſah, bewegte ihren reizenden Kör⸗ per. Die plötzliche Röthe ihrer ſchönen Stirne glänzte durch ihren Schleier⸗ O Gretchen! Dein Fauſt hätte da ſein müſſen, um dieſe Röthe zu benützen und es zu wagen, ein Geſpräch anzuknüpfen. Lothario beſaß nicht dieſe Kühnheit. Seine Verwegenheit ging nur ſo weit, daß er eine tiefe Ver⸗ beugung vor Friedrike machte, welche das arme Mädchen ganz zitternd erwiederte. Und dann verließ ſie die Kirche. Lothario blieb da⸗ rin; er wagte es nicht, hinter ihr hinaus zu gehen, aus Furcht, es könnte das Anſehen haben, als folge er ihr. Er berauſchte ſich in Betrachtung des Stuhles, wo fie giſe hatte, und kehrte dann in das Geſandtſchaftshotel zurück. Doch am folgenden Sonntag fand die älteſte Puri⸗ tanerin, welche, der Stunde der Predigt zuvorkommend, in die Kirche lief, Lothario ſchon darin: er betete zu Gott, daß Friedrike nicht ausbleiben moge. Dieſes Gebet wurde erhört. Friedrike und Frau Trichter kamen bald. Zu Gott betend, daß Friedrike in die Predigt komme, hatte er vergeſſen, zu beten, daß auch Frau Trichter kommen möge. Er ſah ſich zu ſehr erhoͤrt, doch er ergab ſich, denn er wußte, daß dies das menſch⸗ liche Geſetz iſt, und daß jeder Körper ſeinen Schatten nachſchleppt. Der erſte Blick von Friedrike fiel auf Lo⸗ thario. Sie erwartete vielleicht, ihn hier zu finden, denn diesmal bebte ſie nicht. Sie ſtieg in eine obere Gallerie der Kirche hinauf, vielleicht aus demſelben Grunde, der ihn unten bleiben 336 machte. Er hatte berechnet, wenn er ſich bei der Thüre hielte, würde er ſie länger beim Weggehen ſehen. So brachte er eine reizende Stunde mit ihr zu, in⸗ dem er ſie anſchaute, für ſie betete und zu ihr für ſich betete. Dann endigte dieſes Glück abermals. Sie ging weg. Es kam ihm vor, als ſchaute ſie ihn vurch ihren Schleier an, und er fühlte ſich ſchauern, als ob er das Fieber hätte. Er beſaß kaum die Kraft, zu grüßen. Wie am vorhergehenden Sonntag, erwiederte ſie ſeinen Gruß und ſchritt vorbei, und er wartete, um wegzugehen, bis ſie ſchon fern war. So vergingen drei Sonntage. Lothario kam vor Je⸗ dermann in die Predigt und ging nach Jedermann weg. Ein gegenſeitiger Gruß beim Ausgang aus der Kirche, hierauf beſchränkte ſich vas Geſpräch dieſer Rendez⸗vous bei Gott. Was ging in der Seele von Friedrike vor? Dieſe Frage faßte den Gedanken von Lothario zuſammen⸗ Und Friedrike, fragte ſie ſich nicht auch, was in der Seele dieſes jungen Mannes vorgehe, den ſie ein einziges Mal geſehen, den diejenige, welche mit ihr von ihrer Mutter ſprach, ihr als einen Freund und als einen Bru⸗ der vorgeſtellt hatte, und den ſie ſeitdem nicht wiederge⸗ ehen? 2 Warum fand ſie ihn alle Sonntage auf ihrem Wege? Warum kam er ſo beharrlich in die Predigt, gegen die Sitten der jungen Leute? Geſchah es aus Frömmigkeit? Er war ſehr zerſtreut während des Gottesdienfles, um der Andacht wegen zu kommen? Wenn ſie ſich zufällig umdrehte, um ihren Stuhl zurecht zu richten, der ſeit einiger Zeit nicht mehr auf ſeinen Füßen halten wollte, ſo erblickte ſie ihn gegen ſie gewendet, und ſicherlich we⸗ niger beſchäftigt, auf den Pfarrer zu hören, als ſie anzu⸗ ſchauen. Kam er lhretwegen? Warum beſuchte er ſie aber — ———————0 8 n n, e⸗ e 8 er es u⸗ e⸗ e2 die 17 m lig ſeit te, ve⸗ zu⸗ ber 337 dann nicht in ihrem Hauſe, ſtatt ſie oͤffentlich zu grüßen, an einem Orte, wo er nicht mit ihr ſprechen konnte? Fürchtete er ihren Vormund? Wußte er nicht, wie er ſich einführen ſollte! Hatte er denn nicht einen Oheim, der preußiſcher Geſandter und ein vertrauter Freund von Herrn Samuel Gelb, und konnte er ſich nicht durch ihn vor⸗ ſtellen laſſen? Das wäre viel mehr werth, als ſie eine Minute in der Woche von fern ſehn, auf die Gefahr, am Ende das Erſtaunen von Frau Trichter zu erregen und bei ihr anzuſtoßen. Dann hatte Herr Samuel Gelb ohne Zweifel einem jungen Mann den Eintritt in ein Haus, wo fie oft allein war, verweigert. Das war nicht der Fehler des armen Jungen, man mußte ihm verzeihen. Oder hatte wohl Herr Lothario den Schritt nicht verſuchen wollen, ohne ihre Einwilligung zu haben. Er kam, um zu ſehen, welchen Eindruck er auf ſie machte, ob ſie zufrieden wäre, ihn zu ſehen. In dieſem Fall, da ſie keinen Grund hatte, feindlich gegen ihn geſinnt zu ſein, würde die Wahrheit verlangen, daß ſie ihn ein wenig ermuthigte, ihm auf eine erlaubte Weiſe ein wenig entgegenkäme, denn er ſah ſehr ſchüchtern aus. Und wenn ſie ſich das ſagte, grüßte ſie Lothario freundſchaftlich und richtete ein ſchweſterliches Lächeln an ihn, deſſen er, ach! ſo ſehr bedurfte. Denn Lothario brachte die Woche damit hin, daß er ſich über ſeine Feigheit am Sonntag verfluchte. Vom Montag bis zum Sonnabend ſchwur er ſich bei den furcht⸗ barſten Eiden, er werde am folgenden Sonntag den Muth haben, ſich Friedrike zu nähern und mit ihr zu reden. Kam aber der Sonntag, ſo gab er ſich tauſend Vorwänder die Furcht, Friedrike zu mißfallen, oder ſie zu compro⸗ mittiren, oder Verdacht bei Frau Trichter zu erregen, die ſie dann in eine andere Kirche führen oder ſogar mit Herrn Samuel Gelb ſprechen würde. Gott lenkt. M. 22 338 Kurz es verging jeder Sonntag, ohne daß er eine Linie weiter als am vorhergehenden Sonntag gerückt war. Er war um ſo mehr über ſich aufgebracht wegen ſeiner knabenhaften Schüchternheit, als es ihm ſchien, Friedrike fordere ihn auf, ſich zu erklären und zu ſprechen. War es eine Täuſchung? Er hatte beſonders die letzten zwei Male zu bemerken geglaubt, ſie habe ihn mit einem beinahe vertraulichen Nicken gegrüßt, und ſie habe ſich mit einem langſameren Schritte entfernt. Noch mehr, doch das war offenbar ein reiner Zufall, am letzten Sonntag, im Augenblick des Abgangs, hatte der Wind, ver durch die ein wenig geöffnete Thüre eindrang, eine Sekunde ihren Schleier aufgehoben, und er hatte, wie einen Blitz der Hoffnung, das reizende Antlitz, das ſeine Träume vergoldete, erſchauen können. Er beſchloß, ein Ende zu machen. Sie könnte in die Länge ärgerlich werden. Sie könnte ſich mit Recht verwundern, daß er ſie immer aufſuchte, ohne ihr etwas zu ſagen. Was wollte er von ihr? Wenn er ihr nichts zu ſagen hatte, warum ließ er ſie nicht in Ruhe? Er kam am nächſten Sonntag in die Kirche der Billettes mit der feſten Abſicht, mit ihr zu ſprechen oder ihr zu ſchreiben. Vor und während der Predigt ſetzte er ſich ausein⸗ ander, es ſei beſſer, zu ſprechen⸗ Als aber Frievrike aufſtand und in ſeine Nähe kam, gegenwärtig, unmittel⸗ bar, ſchrecklich in all ihrem Zauber, da ſagte er ſich, es ſei beſſer, zu ſchreiben. Hatte Friedrike in ſeinen Augen, während der Pre⸗ digt, den Entſchluß, den er gefaßt, geleſen? Und war ſie ungehalten über ſein Zurückweichen und ſeine Veränderung? oder war es nur irgend eine Mißſtimmung, eine üble Laune, eine Sorge? Gewiß iſt, daß Lothario ſich ein⸗ pildete, ſie grüße ihn weniger artig, als gewöhnlich, und ſie habe in ihrer Miene Kälte, beinahe Verachtung. Er fühlte ſich im Herzen getroffen. Doch nicht ſie klagte er an, ſondern ſich. Sie hatte ſehr Recht. Sie 339 wartete ſchon Sonntage genug, und hatte ihm Zeit ge⸗ geben, ſich zu entſcheiden. Seit fünf bis ſechs Wo⸗ chen, wo er ſich an einer Thüre auſpflanzte, um ſie zu grüßen, mußte ſie von ſeinem Gruße geſättigt ſein, und ſie hatte das Recht, zu fragen: Nun, und weiter? Er ſelbſt, wohin wollte er gelangen? Wenn er ſogar auf dieſe Art alle Sonntage in die Kirche der Billettes ging, ſo war es doch nicht ſeine Beharrlichkeit in Erfüllung ſeiner religiöſen Pflichten, was ihm das Paradies in dieſer Welt öffnen würde. Sogar ohne Zweifel nicht einmal in der andern, da die Abſicht nicht vorwaltete. Die Stunde hatte geſchlagen, aus dieſem laſterhaften Kreiſe der Tugend und Religion herauszutreten. Er mußie mit dieſen ſtummen Begegnungen brechen und zwei von ſeinen Aparte⸗Träumen zu einer Wirklichkeit machen. Lothario kämpfte und überlegte die ganze Woche. Am Sonnabend war der Gedanke, Friedrike am andern Tag kalt und hart zu finden, ſtärker als Alles. Der erſte Blick, der von dieſen ſanften Augen auf ihn fallen würde, ſollte ein Blick der Billigung ſein, und er fühlte ſich bereit, eher als einem Vorwurf von Friedrike allen Zornausbrüchen aller Vormünder der Welt zu trotzen. Er beeilte ſich, den Augenblick dieſer energiſchen Stimmung zu benützen. Er ſchrieb zwei Briefe, einen an Friedrike, den an⸗ dern an Herrn Samuel Gelb, und ließ beide auf der Stelle durch ſeinen Bedienten wegtragen. Dann wartete er erſchrocken über ſeinen Muth und beinahe bereuend. Dieſer Sonnabend war aber der Tag nach dem, an welchem Samuel Olympia in der Stummen getroffen und Julius in die Venta geführt hatte. Samuel, nachdem er ſein Frühſtück beendigt, wartete auf den Abgeſandten des Carbonarismus, den man ihm 340 in der Verſammlung angekündigt. Er war in ſein Ca⸗ binet hinaufgegangen und wartete ungeduldig. Friedrike und Frau Trichter waren im Garten. Man läutete an der Hausthüre. Beide gingen, um zu öffnen. Es war der Bediente von Lothariv. Er übergab die zwei Briefe. Friedrike nahm verlegen den Brief, der an Sie avreſſirt war. Nie hatte ihr Jemand geſchrieben, außer dem Pfarrer, der ihr das erſte Nachtmahl gereicht, ihrer ehemaligen Erzieherin und ein paar Freundinnen, die ſie in der Penſion gekannt, und die Paris verlaſſen hatten. Der Brief, den man ihr übergeben, war von einer Hand⸗ ſchrift, die ſie nie geſehen. Und dennoch wurde ſie, durch eine Ahnung unterrichtet, unruhig und roth. Sie wandte ſich an Frau Trichter und fragte; „Darf ich dieſen Brief leſen?“ „Allerdings,“ antwortete Frau Trichter. Samuel hatte dieſe Vorſichtsmaßregel unnütz und lächerlich gefunden und nie verboten, daß Friedrike Briefe empfange. Das Herz pochte dem armen Mädchen, als es das Siegel erbrach, doch es pochte ihm noch viel ſtärker, als es ſah, daß der Brief Lothario unterzeichnet war. Friedrike las: „Mein Fräulein, „Erlauben Sie mir ein Wort voll Furcht und Ehr⸗ erbietung an Sie zu richten, um Ihnen mitzutheilen, daß ich, zu gleicher Zeit mit dieſem Billet, einen Brief an Herrn Samuel Gelb ſchreibe, einen Brief, von dem mehr als das Leben eines Menſchen abhängt. Ich wollte ſelbſt dieſen entſcheidenden Schritt wagen, bevor ich dabei den⸗ jenigen vermitteln ließe, von welchem ich mein ganzes Glück erwarte, meinen einzigen Freund, meinen zweiten Vater, den Herrn Grafen von Eberbach. Es iſt möglich, mein Fräulein, daß Ihr Vormund Sie über meinen Brief „ 8* — 341 zu Rathe zieht. In dieſem Fall, mein Fräulein, be⸗ ſchwöre ich Sie, oh! ich beſchwöre Sie auf den Knieen, zu bevenken, daß ein Wort von Ihnen eine himmliſche Freude oder ein verzweifeltes Unglück bereiten kann. Nit einem Ja können Sie den Himmel auf die Erde herab⸗ kommen machen. Sagen Sie nein, ſo grollen Sie mir wenigſtens nicht und verzeihen Sie mir, daß ich einen Augenblick eine Zukunft geträumt habe, in welche Sie zu miſchen ich ſo verwegen geweſen bin. „In Etwartung Ihres Spruches, mein Fräulein, lege ich zu Ihren Füßen Alles, was ich im Herzen an tiefer Ehrfurcht und unveränderlicher Ergebenheit habe. „Lothario.“ Während Chriſtiane dieſen Brief las, beklomm eine« unausſprechliche Bewegung ihr Herz, und es kam ihr vor, als ſ ſie weinen. Und dennoch fühlte ſie ſich ganz freudig. „Sie haben einen andern Brief?“ fragte ſie den Bedienten. „Ja, mein Fräulein, für Herrn Samuel Gelb.“ „Nun! wollen Sie ihm den Brief bringen, Frau Trichter?“ Die alte Dorothea nahm den Brief. „Ah!“ ſagte der Bediente,„was dieſen betrifft, man hat mir befohlen, auf die Antwort zu warten.“ „Es iſt gut, ich will es Herrn Gelb ſagen,“ er⸗ wiederte Frau Trichter. Und ſie ging in das Cabinet von Samuel hinauf. Es währte fünf Minuten, ohne daß ſie zurückkam, dann noch fünf Minuten, doch das war ganz einfach: man brauchte Zeit, um die Antwort zu ſchreiben. Und wenn man den Zeilen glaubte, welche Lothario an Frie⸗ drike geſchrielen, ſo war die Sache ernſt genug, daß Sa⸗ muel das Recht hatte, über das, was er antworten würde, nachzudenken. 342 Endlich erſchien Dorothea wieder, ging auf den Be⸗ dienten zu und ſagte zu ihm; „Herr Samuel Gelb wird ſpäter antworten.“ Der Bediente verbeugte ſich und trat ab. „Warum ſind Sie ſo lange ausgeblieben, da mein Freund nicht antwortete?“ fragte Friedrike Dorvthea. „Weil er Anfangs ſagte, er würde antworten.“ „Warum iſt er anderen Sinnes geworden 2“ „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Frau Trichter. „Wie haben Sie ihn gefunden?“ fragte Friedrike. „Wie ſah er aus? hat ihn dieſer Brief geärgert? haben Sie geſehen, welchen Eindruck er auf ihn machte?“ „Ich glaube nicht, daß er ihm angenehm geweſen iſt,“ antwortete Frau Trichter.„Er öffnete ihn vor mir und ſchaute nach der Unterſchrift. Sogleich faltete ſich ſeine Stirne und ſein Geſicht nahm einen Ausdruck von Ungeduld und Zorn an.„„Laſſen Sie mich allein,““ ſagte er mit hartem Tone zu mir. Ich wagte es, ihm zu erwiedern, man erwarte eine Antwort.„„Man mag warten. Gehen Sie. Ah!““ fügte er bei,„wer war⸗ tet?““„„Ein Bedienter.“„„Es iſt gut, gehen Sie.““ ihn allein, zehn Minuten nachher rief er mich zurück. „Wie war er?“ fragte Friederike. „Viel ruhiger, aber viel bleicher.“ „Und was hat er Ihnen geſagt?“ „Nur die Worte:„Frau Trichter, ſagen Sie dem Bedienten, ich werde Herrn Lothario ſpäter antwor⸗ ten.““ „Dies Alles iſt ſeltſam,“ vachte Friederike.„Was kann denn Lothario meinem Vormund geſchrieben haben, um ihn ſo zu mißſtimmen und zu erzürnen? Ich habe mich alſo getäuſcht. Was bedeutet aber dann das Wort, das Herr Lothario an mich ſelbſt geſchrieben hat? welches iſt die Zukunft, von der er ſagt, ich ſei damit vermiſcht? Hier ſteht mir der Verſtand ſtill.“ —— — S—8* S S*S 8 —— 343 Sie ging in ihr Zimmer hinauf, um mehr nach ihrem Gefallen über dieſes Räthſel zu träumen, und um nicht mehr auf ſich die Augen von Frau Trichter gerichtet zu haben, die am Ende auf ihrer Stirne den Refler ihres Gedvankens ſehen konnte. Sie ſetzte ſich an einen Tiſch in einem Stübchen, das vor ihrem Zimmer kam, und öffnete ein Buch, in welchem ſie zu leſen verſuchte; doch ihre Augen laſen allein. Sie las ein anderes Buch, deſſen Gedichte der größten Dichter immer nur Ueberſetzungen ſein wer⸗ den: den ſchönen Roman ihrer ſechzehn Jahre. Sie war in die Leſung dieſes von Gott geſchriebenen Meiſterwerks vertieft, als ſie ein beſcheidenes Klopfen an ihre Thüre plötzlich erweckte. „Wer iſt da?“ fragte Friedrike. „Ich bin es, mein Kind, ich möchte gern mit Ihnen ſprechen,“ antwortete ſehr ſanft die Stimme von Samuel. Frieverike öffnete ganz zitternd. Samuel trat ein⸗ Heirathsantrag. Samuel hatte ſeit einer halben Stunde nachgedacht, und während dieſer halben Stunde ſeinen Entſchluß ge⸗ faßt. War der Brief, den Lothario an ihn geſchrieben, nicht gerade ein ausdrücklicher Heirathsantrag, ſo konnte er doch für eine Vorrede davon gelten. Folgendes ſchrieb der ehrerbietige und zitternde junge Mann an Samuel: 344 „Mein Herr,“ „Ich richte eine Bitte an Sie, auf welche ich mehr Werth lege, als auf mein Leben. Es iſt die Bitte, Sie mögen mir erlauben, Sie zuweilen in Menilmontant zu beſuchen. Ich habe mir ſchon einmal die Freiheit genom⸗ men, mich bei Ihnen durch meinen Oheim, Ihren Jugend⸗ freund, vorſtellen zu laſſen; doch verzeihen Sie, ich glaube bemerkt zu haben, duß Ihnen meine Gegenwart mißfiel. In welcher Hinſicht kann ich ſo unglücklich geweſen ſein, Sie zu beleidigen, ich, der ich ſo viel darum gäbe, Ihnen nützlich ſein zu dürfen? Sie können nicht glauben, mein Herr, wie ſehr es mein eifriges Trachten iſt, mir Ihre Freundſchaft zu erwerben. „Aus welchem Grunde ſollten Sie Ihre Thüre dem Neffen, ich möchte beinahe ſagen, dem Sohne Ihres Freundes verſchließen? Sollte ich gegen Sie ein unwill⸗ kürliches Unrecht haben? Sie haben vielleicht einen Grund, der außer mir liegt. Sie haben in Ihrem Hauſe ein ſchönes, reizendes Mädchen. Ich habe es geſehen, und Fräulein Friedrike gehört zu denjenigen, welche man nur einmal erſchaut haben darf, um ſie nie mehr zu vergeſſen. Aber der Herr Graf von Eberbach konnte Ihnen ſagen, daß ich ein ehrlicher Menſch bin, und daß ich nirgends mit unlautern Abſichten eintrete. Gibt es Leute, welche im Stande ſind, eine offene Thüre zu mißbrauchen und die Gaſtfreundſchaft zu beſtehlen, ſo gehöre doch ich nicht zu dieſen Leuten. „In dem nur zu wahrſcheinlichen Fall, daß mir Fräu⸗ lein Friedrike keine Aufmerkſamkeit ſchenken würde, wäre ich bei Ihnen eln Beſuch, ein Vorübergehender, der Erſte, der Beſte, welchen zu entlaſſen, ſobald Sie ſeiner überdrüſſig wären, Ihnen freiſtünde. Hätte ich aber durch ein uner⸗ wartetes Wunder das Gluck, ihr nicht zu mißfallen, ſo bin ich der Neffe des Grafen von Eberbach, die Güte meines Oheims ſichert mir eine Zukunft, welche nicht un⸗ 345 würdig iſt, einer Frau angeboten zu werden, und ich werde reich genug ſein, um das Recht zu haben, diejenige zu lieben, welche mich lieben würde. „Mein Herr, ich erwarte Ihre Antwort mit einer Bangigkeit, die Sie begreifen werden; laſſen Sie es keine abſchlägige ſein. „Genehmigen Sie die aufrichtige Verſicherung der Ergebenheit und der Ehrfurcht Ihres gehorſamſten Die⸗ ners, „Lothhariv.“ Als Samuel dieſen Brief zu Ende geleſen hatte, zer⸗ knitterte er ihn voll Zorn in ſeinen Händen. Was dieſem jungen Manne antworten? Der Haupt⸗ inhalt der Antwort war es nicht, was ihn in Verlegen⸗ heit ſetzte. Er würde abſchlagen, das verſtand ſich von ſelbſt. Doch welchen Vorwand ſollte er angeben? Handelte es ſich nur um Lothario, ſo wäre das nichts. Die erſte die beſte Antwort wäre zu gut; Lothario könnte ſich ärgern, wenn er wollte; deſto beſſer! Doch da war Julius, den Lothario vermitteln laſſen würde. Es war Julius, der erſtaunen würde, daß Sa⸗ muel ſeinen Neffen nicht empfangen wollte, der nach der urſache fragen, der ſtreiten, der ſich mit ihm entzweien würde. Und ſich mit Julius entzweien hieß ſich mit ſeinen Millionen entzweien. Was Julius ſagen, damit er ſich nicht über die Wei⸗ gerung ärgerte? Sollte er die Schwierigkeit, einen jungen Mann bei einem jungen Mädchen einzuführen, angeben, ſollte er ſich auf den Nachtheil ſtützen, den das Friedrike bringen könnte 2 Lothario kam aber ja gerade ihretwegen. Verſchließt nicht die Heirath allen boͤſen Nachreden den Mund? Es ſei denn, daß er geſtünde, er wolle, daß Friedrike ſich gar nicht verheirathe, und es ſei ſeine Abſicht, ſie für ſich ſelbſt vorzubehalten? Aber ſtand es in ſeiner Macht, ſie nicht wählen zu laſſen? 346 „Ah! gut!“ rief Samuel, indem er ſich wüthend mit den Ellenbogen auf den Tiſch ſtützte;„ich ſoll am Ende genöthigt ſein, dieſen Dummkopf mit weißen Hand⸗ ſchuhen und geſirnißten Stiefeln hier einzulaſſen! Ich werde genöthigt ſein, ſeiner kindiſchen Liebe beizuwohnen, welche ein Weiberherz mehr rühren wird, als eine herbe, düſtere Leidenſchaft, wie die meine! Ich werde an mich halten, während hier unter meinen Augen ein Dieb ſich anſtrengt, das Schloß von meinem Geldkaſten loszubrechen? Und ich werde auf eine grimmige und lächerliche Weiſe in einem Winkel meine Augen verdrehen, wie ein alberner Bartholo! „Ich fange am Ende an Unglück zu haben! Nichts gelingt mir. Nie habe ich die Dinge langſamer und widerſpänſtiger geſehen, ſich nach dem Belieben des menſchlichen Willens zu biegen. Das Genie würde da⸗ ran in Stücke gehen. Die drei Weſen, die ich feſthalten wollie, entſchlüpfen mir zugleich. In dieſem Augenblick iſt Olympia ohne Zweifel, meine Entwürfe in ihren Kof⸗ fern mitnehmend, auf dem Wege. Was Julius betrifft, ſo iſt ſein Incognito im Carbonarismus, halb durch mich ſelbſt gelüftet, wider meinen Willen völlig zerriſſen, und der preußiſche Geſandte läuft eine wirkliche Todesgefahr vor der Zeit und der Veranlaſſung, wie ich ſie in meinem Geiſte geordnet hatte. „Im Vorſprung auf der Seite von Julius, bin ich im Verzug auf der Seite von Friedrike. Hier iſt ein Eindringling, der ſie mir ſtreitig machen will, ehe ich meine Vorſichtsmaßregeln getroffen habe. Ich wollte mich ihr mit der Macht und dem Reichthum anbieten, welche ausgleichen könnten, was mir an Jugend und gu⸗ tem Ausſehen fehlt; ich habe für ſie gearbeitet, ohne es ihr zu ſagen, und während ich mich damit beſchäftigte, ihr ein erhabenes und goldenes Loos zu verſchaffen, iſt ein Dummkopf, der nichts für ſie gethan, der ganz einfach mit Allem dem, was ich durch die Gewalt des Geiſtes 347 und der Kühnheit zu erobern trachte, geboren worden, es iſt ein Kind eingeireten, und hat mir vielleicht dieſes Herz, meine ganze Hoffuung, meine ganze Freude, meinen ganzen Traum geraubt. „Wie ein ungeſchickter Weber habe ich meinen Ein⸗ ſchlag nicht überall gleich gehalten; ich habe eine Seite aus dem Geſichte verloren, um ſchneller zu der anderen zu gehen, und es fehlt mir an der koſtbarſten Stelle.“ Er erhob ſich voll feindſeliger Gedanken, machte ein paar Schritte in ſeinem Cabinet und ſtellte ſich vor einen Spiegel, wo er ſich ſtarr, Auge auf Auge gerichtet, an⸗ ſchaute. „Sollteſt Du wirklich ſinken, Samuel!“ ſagte er mit einer Art von Wuth und Haß gegen ſich ſelbſt.„Was wirſt Du thun, um hier die verlorene Zeit wieder einzu⸗ bringen und dort die zu ſehr beſchleunigte Zeit zurückzu⸗ halten? Du mußt Dich ſpuden und einen raſchen Ent⸗ ſchluß faſſen. Wenn nicht, ſo bedenke, was Dich bedroht: Julius kann jeden Augenblick, vom Dolche der Carbonari getroffen, ſterben oder plötzlich der Erſchoͤpfung unter⸗ liegen. Nach dem Stande der Dinge würde er offenbar ſein ganzes Vermögen Lothario hinterlaſſen. Dann bliebe nur noch ein Mittel, um einen Theil der Erbſchaft zu bekommen; das wäre, Friedrike an den Erben zu verhei⸗ rathen und, um zu leben, auf die Freigebigkeit des Man⸗ nes und die Dankbarkeit der Frau zu rechnen. „Mord und Gewitter!“ rief Samuel, während er mit großen Schritten in ſeinem Cabinet auf und ab ging; „es fehlte mir nur noch, auf dieſe Art zu endigen. Ver⸗ ſtand, Muth, Verwegenheit, Verachtung der menſchlichen und göttlichen Geſetze, und andererſeits alle Sorge, die ich auf dieſes theure Geſchöpf verwendet, alle Zärtlichkeit und Ergebenheit, die ich ihm gewidmet habe, Alles würde alſo auf dieſe Schändlichkeit auslaufen! Ich würde die Krüm⸗ chen eſſen, die ſie mir zuzuwerfen die Gnade hätten. „Nein, ich werde nicht in den Moraſt dieſer gemei⸗ 348 nen Entwickelung gerathen. Ich werde kämpfen. Vor Allem übertreibe ich mir vielleicht die Gefahr, ich ängſtige mich, als ob es für mich erwieſen wäre, Friedrike ſei in dieſen jungen Mann verliebt. Welche Lollheit! ſie hat ihn nur eine Viertelſtunde geſehen. Sie iſt zu ſtolz, um ſich dem Erſten, dem Beſten an den Hals zu werfen. Sie liebt ihn ſicherlich nicht. Wenn Sie mich liebte? Sie kennt mich, ſie ſieht mich alle Tage, ſie hat mich vielleicht errathen. „Wenn ſie mich nicht errathen hat, ſo iſt es meine Schuld. Was verhindert mich, mit ihr zu ſprechen? Ich habe ihr nie geſagt, ich liebe ſie anders als mit Freund⸗ ſchaft. Kann man ſich darüber wundern, daß ſie in mir nur einen Beſchützer, einen Vater geſehen hat? Es iſt an mir, ſie über ihre Täuſchung zu unterichten. Ja, ich werde ihr Alles ſagen. Bei Gott! ich habe noch Flamme genug in mir, um meine Worte ſchimmern zu machen. Ich werde ſie mit den Plänen, die ich im Geiſte hege, blenden. Ich werde vor ihren bezaubernden Augen alle Erleuchtun⸗ gen eines Geiſtes glänzen laſſen, der bereit iſt, die Welt, wenn ſie ihn beengt, zu zerſchmettern. Ich werde ſie belehren, was ich bin und was ich für ſie fühle. Ah! ich werde ſie überzeugen, und ſie wird ſehen, welcher Unterſchied zwiſchen demjenigen, der den Glanz in der Idee ſeiner Stirne, und dem, der ihn an der Madel ſeiner Halsbinde hat, ſtattfindet. „Ja, ich werde das thun; nicht morgen, ſondern heute, ſondern ſogleich. Vorwärts!“ Und da war es, als Samuel, der ſogleich ſein Ca⸗ binet verließ, an das Zimmer von Friedrike klopfte. Sie oͤffnete, wie geſagt, ganz bewegt und erſtaunt. „Ich ſtöre Sie nicht, Friedrike?“ fragte Samuel mit einer ſanften, beinahe flehenden Stimme. Friedrike war noch zu ſehr beunruhigt, um antwor⸗ ten zu konnen. „Ich habe mit Ihnen zu ſprechen,“ fuhr Samuel — or ige in ihn ich Sie Sie cht ine nd⸗ nir ich me Ich en. un⸗ enn en, rde ied ner nde ern Ja⸗ mit r⸗ uel 349 fort, der nicht minder beklommen war, als fie.„Ich habe über ernſte Dinge mit Ihnen zu ſprechen.“ „Ueber ernſte Dinge?“ wiederholte das arme Kind, deſſen Herz gewaltig unter ihrem Mieder ſchlug. „Beunruhigen Sie ſich nicht, Friedrike,“ ſprach Sa⸗ muel,„erbleichen Sie nicht. Es iſt in dem, was ich Ihnen zu ſagen habe, nichts, was ſie erſchrecken ſoll. Ueber⸗ dies wiſſen Sie, und ich hoffe, keine Gelegenheit verſäumt zu haben, um es Ihnen zu beweiſen, Sie wiſſen, daß ich —— für nichts auf der Welt lebhafter beſorgt bin, als für Ihr Wohl.“ Friedrike erholte ſich und fühlte ſich allmälig be⸗ ruhigt, weniger vurch die Worte von Samuel, als durch ſeinen ſanſten Ton und durch ſeinen liebevollen Blick, der ſie rührte. Doch je mehr ſich Friedrike beruhigte, deſto unruhiger wurde Samuel, und er wußte nicht, wo er bei dem, was er zu ſagen hatte, anfangen ſollte. Friedrike wartete indeſſen. Er mußte ſich entſcheiden. „Meine liebe Friedrike,“ ſagte er mit einem gezwun⸗ genen, beinahe traurigen Lächeln,„Sie vermuthen ohne Zweifel nicht, worüber ich mit Ihnen ſprechen will?“ „Ich glaube, daß ich es vermuthe,“ antwortete Friedrike. „Wie!“ verſetzte Samuel argwöhniſch.„Was glau⸗ ben Sie? was errathen Sie?“ „Ich errathe nichts,“ erwiederte Frievrike,„ich weiß, daß Sie einen Brief erhalten haben.“ „Und Sie wiſſen, von wem?“ „Ja, von Herrn Lothario.“ Samuel unterdrückte eine Geberde des Zorns. „Oh! ich weiß nicht nur das,“ fuhr Friedrike fort, welche die Aufregung von Samuel nicht bemerkte;„ich weiß auch, daß Sie mich über das, was dieſer Brief enthält, zu Rathe ziehen ſollen.“ „Iſt das Alles, was Sie wiſſen?“ fragte Samuel bleich und die Fäuſte geballt. 35⁰ „ „Das iſt Alles,“ antwortete Friedrike.„Ich weiß nicht, was der Brief enthält.“ „Friedrike, um ſo gut von dem unterrichtet zu ſein, was Herr Lothario thut, müſſen Sie ihn wiedergeſehen haben?“ Der Ton, mit dem Samuel dieſe Worte ſprach, war zu zornig, als daß Friedrike ſich darin täuſchen konnte. „Mein Gott, mein Freund,“ ſagte ſie,„nun erzür⸗ nen Sie ſich abermals ungerechter Weiſe gegen mich. Ich ſchwöre Ihnen, daß Herr Lothario nicht wieder hierher gekommen iſt, und daß ich ihn nicht geſprochen habe.“ „Woher wiſſen Sie dann, daß er mir dieſen Morgen geſchrieben hat?“ „Er hat zu gleicher Zeit an mich wie an Sie ge⸗ ſchrieben.“ „Wo iſt der Brief?“ fragte Snmuel, deſſen Augen ſich entflammten. „Hier iſt er.“ Sie reichte ihm das Billet von Lothariv. Er nahm es und las es raſch. Er athmete. „Nun!“ ſagte er ein wenig beſchwichtigt,„was muth⸗ maßen Sie aus dieſem ſehr unbeſtimmten und ſehr all⸗ täglichen Brief?“ „Mein Gott! nichts, mein Freund; ich „Ich bin feſt überzeugt,“ unterbrach ſie Samuel mit einem Tone bittern Spottes,„daß Sie nach dieſen paar Worten unbedeutender Hoflichkeit ſich plötzlich einbildeten, Herr Lothario, dieſer blonde, dieſer elegante, dieſer ſchöne Herr Lothario, der mit ein und zwanzig Jahren erſter Bot⸗ ſchaftsſecretaire iſt, der mit dreißig Millionär ſein wird, habe ſich ſterblich in Sie verliebt und verlange Sie zur Frau? Geſtehen Sie, daß Sie das geglaubt haben?“ „Aber, mein Freund..“ ſtammelte das Mädchen ganz verwirrt. „Nun denn! wenn Sie das geglaubt haben, ſo haben er en ⸗ en th⸗ ll⸗ mit aar en, öne ot⸗ rd, zur anz ben —— 351 Sie ſich ganz und gar getäuſcht, es thut mir leid, daß ich Ihnen das ſagen muß. Es iſt keines Weges Ihre Hand, was Herr Lothario verlangt. Ich bedaure, daß ich ſeinen Brief in meinem Cabinet auf meinem Schreibtiſche habe liegen laſſen, ich hätte Ihnen denſelben gezeigt, und Sie hätten geſehen, daß er gar nicht an Sie denkt.“ „Aber, mein Freund, was habe ich Ihnen denn ge⸗ than?“ rief Friedrike, dem Weinen nahe.„Sie find nie ſo hart gegen mich geweſen.“ „Verzeihen Sie,“ ſprach Samuel mit einer plötzlich bewegten Stimme.„Grollen Sie mir nicht, daß ich böſe bin; es iſt nicht meine Schuld, ich leide.“ „Sie leiden?“ fragte das reizende Mädchen, ſeinen Kummer vergeſſend, um an den eines Andern zu denken. „Und bie macht Sie leiden?“ „ e „Ich!“ rief Frievrike erſtaunt. „Ja, Sie. Nicht mit Willen, theure, engeliſche Seele. Ich klage Sie nicht an.“ „Warum alſo?“ „Ich will es Ihnen ſagen. Hoͤren Sie, Friedrike! ich bin eiferſüchtig auf Sie.“ „Eiferſüchtig auf mich!“ „Ja, verzweifelt, wahnſinnig eiferſüchtig. Ich liebe Sie. Ich wollte noch nicht mit Ihnen hievon ſprechen. Ich wartete auf einen Jahrestag, einen nahen Jahrestag, den des Tages, an welchem ich Sie in vierzehn Tagen vor fiebenzehn Jahren gefunden habe. Mir ſchien, dieſes Datum müßte glucklich und gut für mich ſein, und ich wollte es mit meiner Bitte verbinden. Und dann hatte ich mir ſelbſt gewiſſe Bedingungen auferlegt, um es zu verdienen, von Ihnen mit einigem Wohlwollen aufge⸗ nommen zu werden. Doch die Gelegenheit bietet ſich heute, es ſteht mir nicht frei, zu verſchieben, ich muß mein Herz überſtrömen laſſen.“ Friedrike hörte erſtaunt, beinahe erſchrocken. 352 „Friedrike,“ fuhr Samuel fort,„ſeit ſiebenzehn Jahren habe ich gearbeitet, ſtudirt, gelitten, ich habe rechts und links gekämpft, ich habe mich auf eine Art angeſtrengt, welche hundert Menſchen entmuthigt hätte. Am Ende dieſer Beharrlichkeit und dieſer Anſtrengung war für mich nur ein Lohn: Ihr Glück.“ „Ich weiß es,“ erwiederte Friedrike.„Glauben Sie mir, mein Freund, mein Herz iſt voll Dankbarkeit für Sie. Ich ſpreche nicht oft mit Ihnen davon, weil ich es nicht wage; aber ich fühle tief, was ich Ihnen Alles ſchuldig bin. Sie haben mich aufgenommen, Sie haben mich erzogen, Sie ſind mein Vater und meine Mutter geweſen; ich exiſtire nur durch Sie. Doch ſeien Sie wenigſtens überzeugt, daß Sie keine Undankbare genährt haben, und daß, wenn ich je eine Gelegenheit habe, mich meiner Schuld gegen Sie zu entledigen, ich ſie nicht entſchlüpfen laſſen werde.“ „Eine Gelegenheit?. Sie haben heute eine. Sie haben alle Tage eine.“ „Was kann ich thun?“ „Mich lieben. Lieben Sie mich, und wir ſind quitt, und alle Dankbarkeit iſt fortan auf meiner Seite. Frie⸗ prike, lieben Sie mich?“ „Oh! von ganzem Herzen.“ „Ja, doch wie lieben Sie mich? Man ſaßt auch zu ſeinem Vater und zu ſeiner Mutter, man liebe ſie von ganzem Herzen. Friedrike, Sie, die Sie mich für edel⸗ müthig halten, werden mich ſelbſtſüchtig finden. Sie, die Sie mir danken, daß ich Ihnen gegeben, werden ſagen, ich habe Ihnen geliehen, und ich ſei ein gieriger Wucherer, der diejenigen, welche er verpflichte, zu Grunde richte. Friedrike, hören Sie mich, ich liebe Sie nicht wie meine Togler und wie meine Schweſter. Meine Hoffnung, mein Traln, meine Leidenſchaft iſt, von Ihnen zu erlangen, daß unſere Geſchicke in der Zukunft verbunden bleiben, wie ſ ———r c—— itt, rie⸗ zu von del⸗ Sie, en rer, hte. eine nein daß wie 353 ſie in der Vergangenheit geweſen ſind, daß wir ganz ein⸗ ander gehören, daß Sie meine Frau werden!“ Er ſchwieg zitternd, indeß er wartete, welche Wir⸗ kung ſeine Bitte auf Friedrile hervorbringen würde. Das Mädchen antwortete nicht ein Wort. Dieſe plötz⸗ liche Verwandlung einer väterlichen Protection in die Lei⸗ venſchaft eines Liebhabers erregte hauptſächlich ein tiefes und peinliches Erſtaunen bei ihr. Sie war gewohnt, in ihrem Vormund einen ſtrengen und ernſten Freund, der ihr durch das Alter und den Geiſt überlegen, zu ſehen, und vie Idee, die ſie ſich hievon machte, war gerade das Entgegengeſetzte von den Ideen zärtlicher Vertraulichkeit und reizender Gleichheit, welche in ihr das Wort Ehe er⸗ regte. Sie blieb alſo ſtumm, ganz bleich und ganz eiſig. Samuel las in ihrem Geſichte den ganzen Eindruck, den er hervorgebracht, und er war einen Augenblick ent⸗ muthigt. „Ich habe Furcht und Mitleid bei Ihnen erregt?“ ſagte er. „Oh! nicht Mitleid,“ erwiederte Friedrike. „Furcht alſo!“ ſprach er ſtolz und beinahe ſchön, während er aufſtand.„Furcht! weil ich nicht einer von den leichtfertigen Vorübergehenden bin, welche keine Idee im Kopfe und nichts Volles haben, als ihre Taſche; weil ich gedacht, weil ich gelebt habe, weil ich in meinem Geſichte die Spur von dem trage, was ich gethan und geſehen habe; weil ich, ſtatt Ihnen zu Füßen eine Börſe zu legen, um Sie zu erkaufen, einen geprüften Geiſt, eine für alle Strömungen des Lebens gehärtete Seele, einen hoch an⸗ gefüllten Behälter von Erfahrungen und Kenntniſſen dahin lege. Und wonach ſollte eine verſtändige Frau am mei⸗ ſten greifen und trachten? Nach einem ſchwachen, kindi⸗ ſchen Herzen, das ſich ihr unbeſonnen auf der Schwelle des Lebens hingibt, weil es die erſte Frau iſt, der es be⸗ Gott lenkt. U. 23 354 gegnet, oder nach einem mäunlichen und mächtigen Herzen, das Alles kennen gelernt, Alles erwogen hat, die Macht, die Wiſſenſchaft, das Genie, und das von Allem, was es auf der Welt gibt, nur ſie will, nur ſie ſucht, nur ſie an⸗ nimmt. Aber ſehen Sie, mein Kind, wenn ich den Reich⸗ thum und die Gewalt verlange, ſo geſchieht es, um Bei⸗ des Ihnen zu geben, um Ihrer würdig zu ſein. Ich mache mir eine ſo hohe Idee von Ihnen, daß ich Goldberge haben möchte, um darauf zu ſteigen und um Ihre Höhe zu erreichen. So liebe ich Sie. Es ſcheint mir, daß ich für mich allein nie ſo viel werth ſein werde, als Sie, und daß ich, um Ihnen gleichzukommen, alle Güter der Welt mit mir haben muß. „Ich verſichere Sie inveſſen, daß ich kein Mann bin, der ganz zu verachten iſt. Ich habe Dinge verſucht und gethan, die Ihnen vielleicht groß dünken würden, wenn ich ſie Ihnen erzählte. Ich habe im Gehirne gehabt und habe vielleicht noch Pläne, welche das Angeſicht Europas verändern würden. Nun denn, ich bringe Ihnen vies Alles. Alles gehört Ihnen. Alles, was ich werth bin, Alles, was ich geweſen bin, Alles, was ich ſein werde, gehoͤrt Ihnen, um ſo mehr, als ich, ich fühle es wohl, nur durch Sie etwas ſein kann. Ich bitte Sie, verachten Sie mich nicht. Andere als Sie haben mich verachtet; ich habe ſie vernichtet. Aber Sie, Sie liebe ich, ich würde Sie nicht vernichten; ich würde ſterben. Seien Sie gut gegen mich. Ich ſchwöre Ihnen, daß ich Ihnen nicht einen Gat⸗ ten ohne Werth antrage. Ich lege unter Ihre Ferſe eine Stirne, die dem Kaiſer in's Geſicht geſchaut hat. Seien Sie gut, wollen Sie?“* Dieſe herbe und zugleich große Leidenſchaft ängſtigte die unſchuldige Seele von Friedrike immer mehr, machte ſie immer mehr beklommen. Das naive Kind fühlte fich unbehaglich unter dieſer Liebe, wie ein armer Vogel, der plotzlich auf ſich den Schatten der gewaltigen Flügel eines Adlers ſich niederſenken ſehen würde⸗ , n⸗ h⸗ ei⸗ che rge zu für aß nit in, ind enn ind s es. es, ort ich abe Sie gen at⸗ ine ien gte chte der nes — 355 „Mein Freund,“ ſagte ſie beſtürzt,„entſchuldigen Sie, wenn ich nicht weiß, wie ich Ihnen antworten ſoll. Ich erwartete ſo wenig das, was Sie mir ſagen! Sie ſehen, wie ſehr ich bewegt bin. Ich kann Ihnen nichts erwie⸗ dern, wenn nicht, daß ich nur durch Sie exiſtire, und daß folglich meine Exiſtenz nur Ihnen gehört. Machen Sie damit, was Sie wollen.“ „Iſt das wahr?“ rief Samuel voll Freude. „Ja,“ antwortete Friedrike;„es iſt meine Pflicht, Ih⸗ nen zu gehorchen und Alles, was von mir abhängen wird, zu thun, damit Sie glücklich ſind.“ Was Samuel nur wollte, war, gewiſſer Maßen Beſitz von dieſer Seele und dieſem Leben zu ergreifen. Es wäre dann ſeine Sache, das Uebrige zu thun und allmälig dieſe Gelehrigkeit in Liebe zu verwandeln. Die Unterwürfigkeit von Friedrike machte ihn daher beinahe ſo glücklich, als ein Liebesgeſtändniß. „Sie ſprechen mit Güte, aber traurig zu mir,“ ſagte er indeſſen.„Ueberlegen Sie, Kind. Es gibt zwei Dinge in der Ehe, den Mann und die Stellung. Was die Stel⸗ lung betrifft, ſo verpflichte ich mich, Ihnen eine glänzende, hohe, eine Stellung über Ihren Träumen zu machen.“ „Ohl es iſt nicht die Stellung,“ verſetzte Friedrike. „Iſt es alſo der Mann?“ ſagte Samuel mit ſanftem Tone.„Hören Sie, mein theures Kind,“ fügte er mit einer gewiſſen Anſtrengung bei,„Ihr Leben iſt ſo einfach und rein, man kann es ohne große Mühe ergründen„ Sie find beinahe nicht in die Welt gekommen, Sie haben Niemand geſehen. Doch, doch Sie haben dieſen jungen Mann eine Viertelſtunde geſehen. Friedrike, ſollte ich das Unglück haben, daß das, was er Ihnen während einer Viertelſtunde hat ſagen können, durch Sie gegen das in die Wage gelegt würde, was ich in ſiebzehn Jahren für Sie zu thun im Stande geweſen bin?“ „Oh! nein, gewiß nicht... erwiederte Friedrike mit niedergeſchlagenen Augen und pochendem Herzen⸗ 356 „Nein? Oh! ich danke!“ ſprach Samuel, ſie bei dieſem Worte zurückhaltend.„Ich will Ihnen heute nichts mehr ſagen, nichts mehr von Ihnen verlangen. Ich habe Ihnen mein Herz geöffnet. Sie ſind gut und evelmüthig geweſen; das iſt viel, das iſt mehr, als ich hoffte. Nun, da ich Ihnen meinen Traum geſagt habe und da Sie ihn nicht zurückgeſtoßen haben, bin ich zufrieden. Laſſen wir die Ereigniſſe machen, und laſſen Sie mich machen.“ Er ſtand auf, ergriff ihre Hand und fügte bei: „Es iſt nun an mir, Ihnen dankbar zu ſein und es Ihnen zu beweiſen. Mir ſcheint, wenn man glücklich iſt, iſt nichts unmöglich. Und ich bin glücklich durch Sie, Friedrike. Noch einmal meinen Dank, Friedrike! Bald ſehe ich Sie wieder!“ Er küßte ihr die Hand und ging ungeſtüm hinaus. Nie, bei den größten Dingen, die er unternommen, hatte ſich Samuel ſo ſehr im Herzen bewegt gefühlt. In⸗ vem er das Reſultat ſeiner Unterredung mit dem verglich, was er nach dem Briefe von Lothari befürchtet, ſtellte er ſich vor, das Schwierigſte ſei geſchehen, und er betrachtete die Frage als entſchieden. Er ging mit leichtem Schritte und leichtem Herzen die Treppe hinab. 2 Samuel trat in das Speiſezimmer ein und nahm ſeinen Hut. Er fand hier Frau Trichter, welche ſtrickte. „Meine gute Frau Trichter,“ ſagte er zu ihr,„ich gehe auf zehn Minuten, auf höchſtens eine Viertelſtunde aus. Es wird vielleicht Jemand kommen und nach mir fragen, wenn ich ihn nicht unter Weges treffe. Sie wer⸗ den dieſe Perſon bitten, auf mich warten zu wollen, und ihr ſagen, ich könne nur ein paar Minuten ausbleiben.“ Es war für ihn Bedürfniß, zu gehen, ſich in der Sonne auszudehnen, die freie Luft einzuathmen⸗ Aber Friedrike blieb das Herz ſehr beklommen. Herr Samuel Gelb, ihr Gatte! Nie war ihr dieſer Gedanke gekommen! In der neuen und ſchmerzlichen Lage, ete tte hm ich nde mir er und der eſer age, 357 die ihr dieſe Unterredung gemacht, war etwas, was ihrer Schamhaftigkeit wie ihrer Hoffnung widerſtrebte! Und Herr Lothario? Er hatte ſie alſo getäuſcht? Was bedeuteten dieſe beharrlichen Beſtrebungen in der Kirche, was bedeuteten die Zeilen, die ſie am Morgen von ihm erhalten? Er hatte ſie getäuſcht; doch in wel⸗ cher Abſicht? War es möglich, daß er ſo ohne Grund gelogen, während er wiſſen mußte, ein Wort von Herrn Samuel Gelb würde ſie von der Lüge unterrichten! Was hätte ſie nicht gegeben, um den Brief zu leſen, den er an Herrn Samuel Gelb geſchrieben! Dieſer hatte ihn, wie er geſagt, in ſeinem Cabinet, auf ſeinem Tiſche liegen laſſen. Er war ſo eben ausgegangen; ſie hatte ihn durch den Garten ſchreiten ſehen; ſie hatte ihn die äußere Thüre ſchließen hören. Gewöhnlich, wenn er ausging, ge⸗ ſchah es auf den ganzen Tag. Sie ſtand wie inſtinctartig auf. „Nein,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt,„das wäre ſchlimm.“ Sie zögerte. „Aber,“ dachte ſie,„mein Freund hat geſagt, er be⸗ vaure es, den Brief von Herrn Lothario nicht mitgebracht zu haben, und er hätte ihn mir gezeigt.“ Sie kämpſfte noch einen Augenblick, dann entſchloß ſie ſich. „Gerade im Intereſſe meines Freundes will ich ihn leſen, um zu ſehen, in welchem Grade Herr Lothario mich hintergangen hat, und um nie mehr an ihn zu denken,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt. Sie eilte ganz fieberhaft aus dem Zimmer, ſchritt über den Ruheplatz und trat in das Cabinet von Samuel. Sie lief an den Tiſch und ſuchte in den Papieren. Der Brief war nicht dabei. „Ershat mir geſagt: Mein Cabinet,“ dachte ſie;„er hat vielleicht ſagen wollen: Mein Laboratorium.“ Sie trat in das vom Cabinet nur durch einen Thür⸗ vorhang getrennte Laboratorium ein. 358 Aber auch hier fand ſie nichts. Sie ſuchte keuchend, verwirrt. Der Brief war auch nicht im Laboratorium. Plötzlich erweckte ſie ein Geräuſch von Schritten. Man trat in das Cabinet ein. Sie hörte die Stimme von Samuel ſagen: „Haben Sie die Güte, mein Herr, ſich zu ſetzen.“ Sie vernahm das Rücken von Stühlen, und die Stimme von Samuel fuhr fort: „Welchem Umſtande verdanke ich die Ehre Ihres Beſuches?“ Friedrike fühlte ſich kalt vor Schrecken. Das Labo⸗ ratorium hatte keinen andern Ausgang, als durch das Ca⸗ binet. Was würde Herr Samuel Gelb ſagen, wenn er ſie hier überraſchte, und welche Entſchuldigung würde ſie für ihre Neugierde finden? Glück verhinderte der Thürvorhang, daß man ie ſah. Sdie hielt ihren Athem an ſich und kauerte ſich, bleich vor Angſt, in eine Ecke. Yurch den Thürvorhang.„ „Welchem Umſtande verdanke ich die Ehre Ihres Be⸗ ſuches, mein Herr?“ fragte Samuel. Friedrike hörte die Antwort auf dieſe Frage nicht, weil die Antwort ſtumm war. Während er ſprach, hatte Samuel, als ob es ohne Abſicht geſchähe, drei Finger der linken Hand ausgeſtreckt. Der Andere hatte dann ſicht⸗ bar aus von ſpre Ge He pes wie an gli ht, tte ger i 359 bar zwei von der linken und vier ausgeſtreckt. Er hatte ſo die Zahl neun verv von den Maurerzeichen, an denen ſich d ſich erkannten. „Es iſt unnothig, daß ich die Gegen ſprach der Beſuch.„Sie kennen mich nicht, Hert Gelb, aber ich kenne Sie.“ „Mir ſcheint doch, ich erkenne Sie wieder, mein Serr. Waren Sie nicht geſtern Abend in der Rue Co⸗ peau?“ „Ja, doch ich kam zum erſten Mal in dieſe Venta, ich habe kaum dort geſprochen, bin nur eingetreten und wieder weggegangen. B.. hat Ihnen meinen Beſuch angekündigt, nicht wahr?“ „In der That, und dieſe Rachricht hat mich ſehr glücklich gemacht; denn ich habe mit Ihnen zu reden.“ „Ich habe auch mit Ihnen zu reden.“ „Vor Allem; ich weiß, daß Sie mir Zweifel in Be⸗ ziehung auf Einen bringen, den ich eingeführt habe, Zwei⸗ fel, die ich zum Glück völlig vernichten zu können glaube.“ „Ich bringe keine Zweifel, ich bringe Gewißheiten,“ erwiederte der Andere.„Doch das iſt nicht der Haupt⸗ gegenſtand meines Beſuchs. Wir werden bald hierauf kom⸗ men, wenn es Ihnen beliebt. Fangen wir mit dem an, was den Bund mehr unmittelbar berührt.“ „Ich bin zu Ihren Befehlen,“ antwortete Samuel, beunruhigt für Jvlius. „Sie haben mein Geſicht erkannt, mein Herr; aber ich glaube nicht, daß Sie meinen Namen kennen. Wenige Perſonen kennen ihn, und wenn ich Ihnen denſelben ſagte, ſo würden Sie nichts dadurch erfahren. So unbekannt ich aber auch bin, ſo bin ich doch genöthigt geweſen, eine wichtige Rolle in dem Kriege anzunehmen, den wir füh⸗ ren. Es muß Ihnen geſagt worden ſein, ich ſei die Mit⸗ telsperſon zwiſchen den Carbonari einerſeits, und den ßen Tages der Freiheit auf der Tri⸗ ſſe andererſeits. Ein unterirdiſcher, er weder großes Talent, noch große iel Eifer und Selbſtverleugnung er⸗ dieſes Lvos auch mit Freude angenom⸗ wein demüthiger und beſcheidener, aber treu oldat, der, ich darf es wohl ſagen, vor dem Range bange hat und ſeiner Sache um ihrer ſelbſt Billen dient, bereit, ihr Alles zu geben, was er iſt, ſeine ganze Habe und all ſein Blut. Ich gebe Alles, ohne etwas zu verlangeu, und im Grunde meiner Uneigennützig⸗ keit wird ſich nie die geringſte Bitterkeit finden. Nur ein wenig Traurigkeit iſt darin!“ „Traurigkeit, worüber?“ fragte Samuel. „Darüber, daß ich ſehe, es opfern ſich ſo wenige Herzen, und die Mehrzahl, indem ſie für das Land arbeite, arbeite nur für ſich ſelbſt. Beinahe Alle leihen, was ſie geben, und ſtrecken der Freiheit hundert Franken vor, damit ſie ihnen tauſend wiedergebe.“ Samuel ſah hierin eine Anſpielung auf ſeine eige⸗ nen Berechnungen. Aergerten ihn nun die Worte ſeines Beſuches, oder wurde er von ſeiner Natur bewogen, nicht an die menſchliche Unneigennützigkeit zu glauben, ſeine Stimme nahm einen ironiſchen Ton an, und er erwiederte: „Es iſt wahr, die meiſten Menſchen machen ſich zum Voraus ihren Theil, und beim großen Feſtſchmauſe der regierenden Gewalt bedienen ſie ſich zuerſt; doch es gibt Andere, welche unter einem Anſcheine von Discretion und Zurückhaltung zuweilen einen gierigeren und gewandteren Appetit verbergen. Es iſt oft eine vortreffliche Taktik, die Schüſſel den Andern zu reichen, welche aus Achtung vor ihren Tiſchgenoſſen es nicht wagen, das gute Stück zu nehmen, und es Ihnen überlaſſen. So, daß Sie den dop⸗ pelten Vortheil der Discretion und des Nutzens haben, und daß Ihnen am Ende mehr bleibt, als Sie anſtändi⸗ ger Weiſe hätten nehmen können.“ d ——————„——— 2 ri⸗ er, ße r⸗ m⸗ eu m bſt ne ne g in ge nd n, en e⸗ es cht ine te: m der ibt nd ten die or op⸗ en, di⸗ 361 „Wenn Sie das in Beziehung auf mich ſagen, ſo verſichere ich Sie, daß Sie ſich in mir täuſchen,“ entgeg⸗ nete der Unbekannte.„Ich begehre nicht nur nichts, ſon⸗ dern ich würde nichts annehmen.“ „Ceremonien!“ fuhr Samuel in ſeiner ſpöttiſchen Ungläubigkeit beharrend fort.„Dann wird man Sie in⸗ ſtändig bitten, auf die Stellen zu verzichten, um welche die Anderen auf den Knieen ſollicitiren werden. Entſchul⸗ digen Sie, wenn ich Ihre Anſichten nicht durchaus theile, und wenn ich den Ehrgeiz, weit entfernt, ihn zu tadeln, ehre. Liegt es nicht im weſentlichſten Intereſſe der Sache ſelbſt, daß ihre glühendſten Diener die Stellen einnehmen? ſoll man ſie ihren Feinden überlaſſen? Wer wird mehr im Stande ſein, die Freiheit zu behaupten, als diejenigen, welche ſie gegründet haben? Unter dem Vorwande von Verleugnung vpfert man nicht nur ſich ſelbſt allein, ſondern auch die Freiheit! Sie werden Ihre Ergebenheit bewei⸗ ſen, indem Sie einen Theil von der Gewalt nehmen, und ich ſtehe dafür, dieſer Theil wird in guten Händen ſein; denn ich bin überzeugt, man hat einen zarten und gefähr⸗ lichen Auftrag, wie der Ihrige, nur einer nicht allein durch ihren Muth, ſondern auch durch ihr Verdienſt erprobten Schildwache anvertrauen können.“ „Verdienſt der Discretibn, kein anderes! Ich weiß viele Dinge und kenne viele Menſchen. Sie ſelbſt, Herr Gelb, kenne ich, und zwar nicht von Geſicht allein.“ „Was wiſſen Sie von mir?“ fragte Samuel ſtolz. *„Ich weiß, zum Beiſpiel,“ antwortete ruhig der Un⸗ bekannte,„daß Sie zugleich dem franzoſiſchen Carbonaris⸗ mus und dem deutſchen Tugendbund angehören.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ rief Samuel beun⸗ ruhigt. „Iſt das nicht die Wahrheit?“ „Es iſt möglich,“ antwortete Samuel.„Doch wie find Sie ſo gut über meine perſönlichen Angelegenheiten 362 unterrichtet? Sollte ich zufällig von meinen Brüdern beſpäht werden?“ „Ohl beruhigen Sie ſich, mein Herr. Ich bin kein Polizeiagent, und ich behaupte nicht, daß ich Alles wiſſe. Meinen Freunden und Glaubensgenoſſen will ich und muß ich nur die Wahrheit ſagen. Meine Nachrichten über Sie beſchränkten ſich auf das, was ich Ihnen geſagt habe. Ich weiß, daß Sie Mitglied von zwei geheimen Geſellſchaften ſind. Glauben Sie nicht, man beſpähe Sie. Durch Zu⸗ fall und bei Gelegenheit einer anderen Perſon habe ich in Erfahrung gebracht, was Sie in Erſtaunen zu ſetzen ſcheint. Von Ihcem Leben und von Ihrer Vergangenheit weiß ich nichts und will ich nichts wiſſen. Es verſteht ſich übrigens von ſelbſt, vurch das, was wir erfahren, ha⸗ ben Sie nichts in der Achtung von Jedem von uns ver⸗ loren, im Gegentheil, Sie haben nur dabei gewinnen kön⸗ nen, daß Sie zugleich bei zwei Geſellſchaften ſind, welche venſelben Zweck dieſſeits und jenſeits des Rheins verfolgen. Doch kommen wir auf den Gegenſtand, der mich hierher führt; ich habe einen Dienſt von Ihnen zu verlangen.“ „Sprechen Sie, mein Herr.“ Zugleich erſchreckt und gefeſſelt, ſah indeſſen Friedrike voll Bangigkeit alle Geheimniſſe vor ihr öffnen, welche ihr Samuel verborgen hatte. Aber was war zu thun? Sie hatte ſchon zu viel gehört, um ſich zeigen zu können. Der Unbekannte fuhr fort: „Beſonders wegen des Zuſammenhangs, den Sie mit dem Tugendbund unterhalten haben, und wegen des hohen Ranges, den Sie bei demſelben einnahmen, wie man mir geſagt hat, wollte ich eine münvliche Unterredung mit Ih⸗ nen pflegen. Sie wiſſen, was der eigentliche Carbonaris⸗ mus vor ein paar Jahren durch ſeine Verſchmelzung mit dem Bunde der Ritter der Freiheit gewonnen hat. Das Bündniß und die Einheit des franzöſiſchen Liberalismus ſind von da an gegründet geweſen, und man hat handeln können und wird in einem gegebenen Augenblick gemein⸗ 363 ſam und mit Kraft handeln können. Wir haben die Ligue vergrößert, indem wir Verbindungen mit dem italieniſchen Carbonarismus anknüpften. Doch das iſt noch nicht genug; unſer Kreuzzug müßte ein europäiſcher werden. Und welch ein großer Schritt gegen das große Ziel wären gegrün⸗ dete Relationen zwiſchen dem Carbonarismus und dem Tugendbund. Der Model der alten und engen Nationali⸗ täten würde früher oder ſpäter zerbrechen, und das im Fluſſe begriffene Metall der Freiheit würde ſich durch ganz Europa verbreiten. Sie können dieſen ſchönen Tag be⸗ ſchleunigen. Seien Sie zwiſchen dem Tugendbunde und un⸗ ſeren Vente, was ich zwiſchen unſeren Vente und den Red⸗ nern und Schriftſtellern der Oppoſition bin.“ „Das würde ich ſehr gern ſein,“ erwiederte Samuel. „Doch,“ fügte er mit einiger Bitterkeit bei,„doch ich habe im Tugendbund nicht den Rang und den Einfluß, wie Sie das vorausſetzen. Trotz gewiſſer Dienſte oder wegen gewiſſer Dienſte, welche keine menſchliche Macht zu beloh⸗ nen im Stande wäre, habe ich keinen viel höheren Grad im deutſchen Bunde, als im franzöſiſchen. Es gibt indeſſen vielleicht ein Mittel...“ „Welches?“ Ein Mitglied des Oberſten Rathes war vor zwei Monaten in Paris. Es iſt vielleicht noch hier, obgleich es ſeit mehreren Wochen unſere Verſammlung in Paris nicht mit ſeiner Gegenwart beehrt hat. Ich kann es durch die verabredeten Correſpondenzen benachrichten laſſen, ein Gegenſtand von Wichtigkeit rufe es unter uns, und ich werde es dann mit Ihrem Vorſchlag bekannt machen.“ „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen und verlange nicht mehr von Ihnen.“ Aber Samuel verlangte mehr. Er erblickte hierin ein Mittel der Thätigkeit und des Einfluſſes, welches ſich entſchlüpfen zu laſſen er nicht der Mann war. „Dienſt für Dienſt,“ ſagte er.„Ich werde Sie mit den Häuptern des Tugendbundes in Verbindung bringen. 364 Dagegen verlange ich von Ihnen, daß Sie mich mit den Häuptern der Oppoſition bekannt machen. Alle dieſe er⸗ habenen Männer, die Ehre unſerer Sache, der Ruhm der Tribune und der franzöfiſchen Preſſe, ich brenne ſeit langer Zeit vor Verlangen, ſie kennen zu lernen und mit ihnen umzugehen. Sie können mich leicht mit ihnen zuſammen⸗ führen.“ „Es ſei! doch nehmen Sie ſich in Acht,“ erwiederte der Abgeſandte, traurig den Kopf ſchüttelnd,„Sie könnten wohl einige Illuſion verlieren, wenn Sie ſich dieſen IJdo⸗ len zu ſehr nähern. Indem ich Sie in ihre Jutriguen und Ränke einweihe, werde ich Sie in mancherlei Erbärm⸗ lichkeiten einweihen. Gleichviel, das iſt Ihre Sache. Ich, was mich betrifft, erwarte von Ihnen einen zu wichtigen Dienſt, als daß ich Ihnen etwas abſchlagen könnte. Was Sie wünſchen, wird geſchehen.“ „Ich danke.“ „Sprechen wir nun von dem andern Gegenſtand mei⸗ nes Beſuches. Das heißt abermals von Ihren und von unſeren Intereſſen ſprechen, wie Sie ſehen werden. Wir haben volles Vertrauen zu Ihnen. Sie gehören ſeit mehr als fünfzehn Jahren zu den Unſeren, und Ihre Verwandt⸗ ſchaften im Tugenbund haben Sie noch mehr in unſerer Sympathie feſtgeſtellt. Sind Sie aber unfähig, uns zu hintergehen, ſo konnten Sie voch hintergangen werden.“ „Zur Sache.“ „Ich komme vazu. Sie ſind überzeugt, daß Sie vieſen Jules Hermelin, den Sie bei uns eingeführt haben, kennen?“ „Allerdings.“ „Er hat ſich bei Ihnen für einen Handlungsreiſen⸗ den ausgegeben, er hat eifrig und warm mit Ihnen von Freiheit geſprochen, er hat gegen Sie ſein glühendes Ver⸗ langen ausgedrückt, etwas für die Emaneſpation ſeines Paterlandes zu thun? Er hat Ihnen überdies unver⸗ 3 c„„ n —,— M* u— X 8— 365 werfliche Nachweiſungen und Bürgſchaften über ſeine Redlichkeit und ſeine Ehre geliefert?“ „Sicherlich.“ „Nun denn, dieſer Jules Hermelin heißt Julius von Hermelinfeld, Graf von Eberbach; dieſer Handlungsreiſende iſt der preußiſche Geſandte.“ Bei dieſer ſo entſchieden ausgeſprochenen Behauptung erbleichte Samuel unwillkürlich. Doch ſeine Bläſſe ließ ſich durch das Erſtaunen er⸗ klären. 6 „Nein, das iſt unmöglich!“ rief er. „Es iſt gewiß,“ erwiederte der Geſandte.„Ich habe ihn ſelbſt geſtern als denjenigen erkannt, welchen ich ſchon in zwei oder drei diplomatiſchen Abendgeſellſchaften geſehen.“ „Sie konnten durch eine Aehnlichkeit getäuſcht wer⸗ den,“ entgegnete mit kaltem Tone Samuel, der ſich ſchon wieder von ſeiner Beſtürzung erholt hatte. „Ich bin meiner Sache gewiß, ſage ich Ihnen. Ue⸗ brigens gibt ſich Herr von Eberbach nicht einmal die Muͤhe, ſeine Haltung oder ſeine Stimme zu verſtellen. Er muß ſehr verwegen oder ſehr des Lebens müde ſein, vaß er ſo mit der Gefahr ſpielt. Sie ſelbſt, Herr Sa⸗ muel Gelb, hatten einigen Verdacht geäußert. Man hat an den von Ihnen bezeichneten Orten Erkundigungen eingezogen; ſie ſind Anfangs günſtig für den Ankömmling geweſen; doch bei tieferer Nachforſchung wurde ich durch einen Zufall, den ich Ihnen nicht ganz offenbaren kann, der Perſoͤnlichkeit des Grafen von Eberbach auf die Spur gebracht, und ich habe zugleich Ihre Beziehungen zum Tugendbund entveckt. Ich wiederhole Ihnen, daß ich Be⸗ weiſe von der einen wie von der andern Thatſache beſitze.“ „Und was gedenken Sie zu thun?“ „Unſere Verordnungen ſind ſehr beſtimmt,“ erwie⸗ derte der Andere.„Jeder Verräther wird mit dem Tode beſtraft.“ 366 Friedrike ſchauerte. Der Graf von Eberbach, der Freund von Samuel Gelb, der zweite Vater von Lothario, war mit dem Dolche bedroht! Ein kalter Schweiß perlte an ihren Schläfen, und ſie war genöthigt, ſich an die Scheidewand anzulehnen, um nicht zu fallen. Samuel war mit einem raſch bewältigten Beben davon gekommen. „Aber,“ entgegnete er,„angenommen, Jules Her⸗ melin ſei, wie Sie glauben, der Graf von Eberbach, was beweiſt Ihnen, der Graf von Eherbach wolle Sie ver⸗ rathen?“ „Das iſt wenigſtens wahrſcheinlich in der Stellung, die er einnimmt. Uebrigens werden wir es erfahren. Und dann.. „Und dann?“ „Mein Herr, ich bin im Carbonarismus weder der Richter, noch der Vollſtrecker der Sprüche. Ich bedaure ſogar und mißbillige die Gewaltthaten; voch ich bin nicht der Gebieter. Mein Pflicht wird ſein, das, was ich weiß, denjenigen zu ſagen, welche ſodann über das Loos des Grafen von Eberbach entſcheiden werden. Und ſo hoch er geſtellt ſein mag, er täuſcht ſich, wenn er denkt, der Carbonarismus werde ihn nicht erreichen können!“ „Mein Herr,“ ſagte Samuel beinahe flehend,„da Sie jede Gewaltthat mißbilligen, wer nöthigt Sie, zu denunciren? Ich verbürge mich mit meinem Kopfe, daß keine Gefahr obwalten wird. Wäre er auch der Geſandte von Preußen, warum ſollte er nicht aufrichtig ſein? Ich habe ſagen hören, der Graf von Eberbach ſei in ſeiner Jugend beim Tugendbunde geweſen; wer ſagt Ihnen, daß er nicht noch dabei iſt?“ „Wiſſen Sie es? Sind Sie deſſen ſicher?“ fragte der Andere. „Ich behaupte es nicht,“ erwiederte Samuel, der in ſeinen Verſicherungen zu weit zu gehen befürchtete. „Dann nehmen Sie ſich in Acht und vertheidigen — W W* — te 367 Sie nicht zu ſehr einen zweifelhaften Affiliirten. Wir haben Alle treuherzig geglaubt. Wir beſchloſſen, Sie zu benachrichtigen, weil wir annahmen, Sie ſeien getäuſcht und werden, als Mitglied des Tugendbundes, vom preu⸗ ßiſchen Geſandten bewacht. Aber wenn Sie ſagen, Sie werden nicht getäuſcht, und Sie wiſſen, wer Julius Her⸗ melin iſt, ſo wird unſer Verdacht ſich nicht mehr an Jules Hermelin allein halten.“ Samuel begriff, daß er ſich gefährdete, wenn er be⸗ harrlich blieb, und erwiederte: „Sehen Sie in meinen Worten nur meine Worte. Ich werde den Carbonarismus ebenſo wenig verrathen, als ich den Tugendbund verrathen habe, dem ich ſeit zwanzig Jahren diene. Doch ich verlange Eines. Ich habe Jules Hermelin eingeführt, er gehört mir. Ich verlange, mit ſeiner Ueberwachung beauftragt zu werden. Seien Sie unbeſorgt, ich werde erfahren, was er iſt und was er will, und iſt er ein Verräther und bin ich nicht der Erſte, der ihn beſtraft, ſo mag man mich beſtrafen.“ „Oh!“ verſetzte der Unbekannte,„das hängt nicht von mir ab. Ich werde Ihr Verlangen geeigneten Ortes vortragen, doch ich ſtehe nicht dafür, daß ihm entſprochen wird. Ich ſtehe nicht dafür, daß der Graf von Eberbach verſchont wird. Ich habe meine Pflicht erfüllt, indem ich Sie benachrichtigte, und damit iſt mein Geſchäft hier ab⸗ gethan.“ Er ſtand aufz Samuel that daſſelbe. „Wir ſind alſo einverſtanden,“ ſagte der Abgeſandte. „Sie werden mich mit Ihren Freunden vom Bunde be⸗ kannt machen, ich werde Sie mit meinen Freunden von der Oppoſition bekannt machen. Wenn Sie mir etwas mitzutheilen haben, ſo wiſſen Sie, wie das zu machen iſt.“ „Auf Wiederſehen,“ ſprach Samuel. Friedrike hörte ſie nach der Thüre gehen, ſie hörte die Thüre öffnen, die Stimmen und die Tritte ſich ent⸗ fernen, und dann horte ſie nichts mehr. 368 Sie war mehr todt als lebendig, und ſie hatte kaum die Kraft, aus ihrem Verſtecke hervorzutreten und das Cabinet zu durchſchreiten, wo ſo erſchreckliche Dinge ge⸗ ſprochen worden waren. Sie flüchiete ſich in ihr Zimmer. Der Graf von Eberbach und Samuel ſelbſt, deſſen vertraute Freundſchaft mit ihm bald bekannt werden würde, liefen eine Todesgefahr. Ihr Geiſt war ganz verwirrt von dieſer gräßlichen Wirklichkeit. Was ſollte ſie thun? Sie konnte doch nicht den Mann, der ſie aufgenommen und erzogen hatte, ſterben laſſen, und ebenſo wenig den Vater von Lothario! Sie blieb eine halbe Stunde den ſchmerzlichſten Bangigkeiten preisgegeben, und die ſeltſamſten Pläne durchkreuzten ſich in ihrem Innern. Plötzlich tauchte ein Gedanke in ihrem Geiſte auf. Sie ſtieg die Treppe hinab und fand Madame Trich⸗ ter im Speiſezimmer. „Wo iſt Herr Samuel Gelb?“ fragte ſie. „Er iſt ſo eben ausgegangen.“ „Hat er geſagt, er würde lange ausbleiben?“ „Er hat geſagt, er würde erſt am Abend zurück⸗ kommen.“* „Es iſt gut. Ich bitte, ziehen Sie Ihre Mante an, wir werden auch ausgehen.“ — m as e⸗ ück⸗ an, 369 Pereinzelung. Julius fand, wie alle durch eine Eriſtenz der Arbeit oder des Vergnügens abgenutzte Menſchen, ein wenig Thätigkeit und Aufregung am Abend oder in der Nacht, nachdem er ſich lange im Strome des Lebens erholt hatte. Am Morgen, nach einem unruhigen, bewegten Schlaf, fand er ſich wieder müde, niedergeſchlagen, gebrochen. So erwachte er am andern Morgen nach der Vor⸗ ſtellung der Stummen und der Sitzung der Venta. Er drehte ſich zwanzigmal in ſeinem Bette um und verſuchte es, entkräftet, gelangweilt, ohne Entſchloſſenheit und Energie, wieder einzuſchlafen. Der Tag, der durch die zuſammengezogenen Vor⸗ hänge eindrang, erregte Ekel bei ihm, und er machte eine Bewegung übler Laune und der Gereiztheit, als er fühlte, er müſſe ſich entſchließen, wieder zu leben. Es ſtand auf einem Tiſche neben ſeinem Bett ein Kryſtallfläſchchen. Er nahm drei bis vier Phosphorkügel⸗ chen daraus, die er verſchluckte, um ſich wieder zu beleben, ein tödtliches Stärkungsmittel, in dieſer Doſe genommen. Samuel hatte ihm dieſe Kügelchen auf ſeine Bitte bereitet, ihm dabei aber empfohlen, immer zugleich nur eines zu nehmen und zwar in langen Zwiſchenräumen. Aber Julius, der ſich wenig um das Leben bekümmerte, nahm beinahe alle Tage und kam am Ende ſo weit, daß er die Dofis verdoppelte, verdreifachte, damit der Phos⸗ phor ſeine Wirkung behielte. Als die phyſiſche Kraft wieder erregt war, erregte ſie auch die moraliſche. Einen Augenblick, nachdem er die Kügelchen genommen, fühlte ſich der Graf von Eber⸗ bach beinahe lebendig. Gott lenkt. U. 24 370 Er klingelte, und ſein Kammerdiener kam, um ihn anzukleiden. Er ließ ſich raſiren, beendigte haſtig ſeine Toilette, verlangte ſeinen Wagen und fuhr nach der Jle Saint⸗Louis zu Olympia. Es war kaum neun Uhr. Auf dem Wege ſing ſein Blut wieder an durch de genommenen Phosphor und die Erſchütterungen des Wa⸗ gens, zu kreiſen. Er fand in ſeinem Innern beinahe ſeine ganze Liebe für dieſes Bild von Chriſtiane wieder. „Ja, beim Himmel!“ dachte er,„es wäre ein wahres Ungluͤck für mich, wenn ſich Olympia entfernt hätte. Mir ſcheint, mein Seelenreſt würde mir fehlen. Der göttliche Funke von Chriſtiane wäre erloſchen. Doch bah! ich bin ſehr gut, daß ich glaubte, es ſei Olympia nur eingefallen, abzureiſen. Samuel hat mir das geſagt, um mich zu beunruhigen und mich anzuſtacheln. Hätte ſie nur einen Augenblick den Gedanken gehabt, ihr Plan wäre in der Morgendämmerung mit ihren Träumen ver⸗ ſchwunden. Ich will ſie ſtören, und ſie wird nicht begrei⸗ ſen, warum ich ſie ſo frühzeitig beunruhige.“ Als er an Ort und Stelle kam, ſah Julius einen Wagen vor der Thüre der Sängerin. Doch in ſeiner Unruhe bemerkte er nicht einen andern mit hermetiſch ge⸗ ſchloſſenen Vorhängchen, der ein paar Schritte weiter entfernt anhielt. Der Zahn der Eiferſucht biß in ſein Herz. „Ah!“ murmelte er zwiſchen ſeinen zuſammengepreß⸗ ten Lippen,„werde ich ſie mehr ſtören, als ich glaubte? Es ſcheint, ſie empfängt Beſuche, welche frühzeitiger find, als der meinige.“ Er trat in den Hof und ging die Treppe hinauf, ohne mit dem Portier zu ſprechen. Die Thüre des Vorzimmers war offen. Er fand hier Lord Drummond, der mit dem vertrauten Diener von Olympia parlamentirte. „Empfängt die Signora noch nicht?“ fragte Julius, n i⸗ 371 „Sie iſt abgereiſt,“ ſagte Lord Drummond. „Abgereiſt!“ rief Julius. „Dieſe Nacht um vier Uhr,“ antwortete der Diener. „Es iſt nur zu wahr,“ fügte Lord Drummond bei. „Sie hat dieſes Billet für uns Beide unter unſerer ge⸗ meinſchaftlichen Adreſſe hinterlaſſen.“ Und er reichte Julius einen entſigelten Brief. „Ich verließ die Signora beim Ausgang des Thealers,“ ſagte Lord Drummond,„und ich hoffte ſie überzeugt zu haben, daß ſie in Paris bleiben müſſe. Ich war indeſſen vieſen Morgen unruhig und eilte hierher; ich komme Ihnen einige Minuten zuvor und finde dieſes Billet, das ₰ zu entſiegeln mir die Freiheit genommen habe. Leſen Sie.“ Julius las: „Ich reiſe nach Venedig auf dem längſten Wege. Wer mich liebt, folge mir dahin.“ „Olympia.“ „Wenn das eine Probe iſt, ſo werde ich mit Ehren beſtehen,“ ſprach Lord Drummond.„Ich verlaſſe Sie, Herr Graf, und werde ſogleich Pferde beſtellen. Bei ihrer Ankunft in Venedig wird mich Olympia dort finden. Sie kommen nicht mit?“ „Ich bin Geſandter in Paris und nicht in Venedig,“ antwortete Julius bleich und düſter. „Das iſt richtig. So leben Sie wohl.“ „Glückliche Reiſe!“ Sie drückten ſich die Hand, und Lord Drummond ging weg. Jullus reichte dem Vedienten ſeine Börſe und ſagte: „Ich will die Wohnung ſehen.“ Julius durchlief alle Zimmer; überall ſtanden halb gepackte Koffer umher, und die Meubles waren in Un⸗ ordnung. Es unterlag keinem Zweifel, Olympia war wirklich abgereiſt. Juſius fühlte ſein Herz zum Sterben 372 beklommen und verließ in aller Haſt dieſe, ſo zu ſagen, von der Abweſenheit von Olympia vollen Gemächer. Unten traf er ſeinen Wagen wieder und ſtieg ein. Der von Lord Drummond war nicht mehr da. „In's Hotel!“ ſagte Julius zu dem Bedienten. Die Pferde gingen im Galopp ab. Der Wagen, ver einige Häuſer weiter entfernt gehalten hatte, folgte dem von Julius. Olympia nacheilen! Julius dachte in ſeiner erſten Bangigkeit ſogleich hieran. Aber wie! ſein Geſandtſchafts⸗ poſten hielt ihn in Paris zurück. Und überdies, wenn er dieſe Frau wiederfinden könnte, wozu würde es nützen? Eine fantaſtiſche, eigenwillige, nur in die Kunſt verliebte Künſtlerin! Sicherlich liebte ſie ihn nicht. War er ſelbſt gewiß, daß er ſie liebte?... Doch er mochte ſich das immerhin ſagen, er fühlte, daß ihre Abreiſe etwas in ſeinem Herzen brach. Dieſe Frau nahm abermals einen Theil von ſeinem Leben mit ſich fort. Nun, deſto beſſer! er bedauerte nur, daß ſie nicht das ganze mitnahm. Der Wagen hielt vor der Thüre des Geſandiſchafts⸗ hotel an, doch Julius ſtieg nicht aus. „Fragen Sie, ob Lothario hier iſt,“ ſagte er zu dem Bedienten. Lothario war ausgegangen⸗ „Der Kutſcher ſoll mich zur Prinzeſſin fahren.“ Der Wagen, der dem von Julius folgte, hatte mit vieſem angehalten und ging zugleich wieder mit ihm ab. Abermals hielt er nach einer Fahrt von zehn Minuten. Olympia, welche mit Gamba darin ſaß, öffnete in aller Haſt ein wenig das geſchloſſene Vorhängchen und ſah Julius vor dem Hotel ausſteigen, das die Prinzeſfin bewohnte. Olympia warf ſich heftig zurück. „Das iſt Alles, was ich ſehen wollte,“ ſagte ſie mit einem bitteren Lächeln.„Er hat ſeinen Troſt. Gamba b 373 heiße den Kutſcher umkehren und uns nach der Barrière du Trone fahren, wo uns die Poſtchaiſe erwartet.“ reiſen alſo entſchieden ab?“ fragte Gamba. a.“ Gamba begann einen Freudenſprung von ſeinem Sitze aus. Doch er hielt inne, als er zwei Thränen langſam über die bleichen Wangen von Olympia herabfließen ſah⸗ Er gab dem Kutſcher den Befehl, und dieſer fuhr auf der Stelle ab. Julius wurde indeſſen von den Leuten der Prinzeſſin mit einer Art von Staunen und Verlegenheit empfangen⸗ wie Einer, den man nicht zu ſehen erwartet. Man ließ ihn in den Salon eintreten. Er wartete beinahe eine halbe Stunde. Die Prinzeſſin kam nun, in einen Schlafrock gehüllt, verdrießlich, wie geſtört und ungeduldig. Sie hieß Julius kaum ſich ſetzen. „Sie waren beſchäftigt?“ fragte er. „Nein,“ antwortete ſie mit einer Miene, welche ja ſagen wollte.„Kommt man denn auch um zehn Uhr zu den Leuten?“ „Es war Jemand bei Ihnen 2“ ſagte er. „Vielleicht, antwortete ſie kalt.„Und wie geht es 3 Signora Olympia?“ fragte ſie mit ungeſtümem one. „Sie iſt dieſen Morgen nach Venedig abgereiſt,“ antwortete Julius.„Ich komme von ihr her und habe Niemand gefunden. „Sie kommen von ihr her!“ verſetzte bitter die Prinzeſſin,„und da Sie Miemand gefunden haben, ſo be⸗ geben Sie ſich zu mir. In der That, ich bin zu großem Dank dieſer Sängerin und ihrer Abreiſe verpflichtet, die mir Ihren Beſuch einträgt. Sie find wahrhaftig zu gut, dt Sie mir den Ausſchuß Ihrer Schauſpielerinnen geben. 374 „Verzeihen Sie! ich bin leidend ich begreife Ihren Empfang durchaus nicht,“ erwiederte Julius, zum Voraus, von der Scene ermüdet, die er vorherſah. „Sie begreifen nicht?. das iſt doch ganz klar. Geſtern geben Sie mir Rendez⸗vous in der Oper; in dem Augenblick, wo ich eintrete, gehen Sie weg. Ich halte Sie beinahe mit Gewalt zurück; eine Viertelſtunde nach⸗ her verlaſſen Sie mich, unter dem Vorwande, mit einem Ihrer Freunde zuſammenzutreffen zu müſſen. Dieſen Morgen iſt die erſte Perſon, zu der Sie eilen, die Sän⸗ gerin. Ich bitte Sie, zu glauben, daß ich nicht in einem ſolchen Grade gefallen bin, daß mir dergleichen Manieren anſtehen können. Sind Sie nur im Stande, mir die⸗ jenigen von Ihren Stunden zu geben, die Ihnen Ihre Freunde und Ihre Sängerinnen laſſen, ſo können Sie dieſe Stunden mit den andern behalten.“ „Das iſt ein Bruch?“ ſagte Julius aufſtehend. „Nehmen Sie es, wie es Ihnen beliebt,“ antwortete die Prinzeſſin ebenfalls aufſtehend. „Ich hoffe, Sie haben einen beſſeren Grund, als den Vorwand, den Sie mir angegeben,“ verſetzte Julius; „aber ich fühle mich weder mehr vom Alter, noch vom Charakter, um das Schloß des Geheimniſſes einer Frau zu ſprengen. Wenn Sie mich zu ſehen wünſchen, werde ich zu Ihren Befehlen ſein. In Demuth bitte ich Sie um Verzeihung, daß ich Sie ſo zur Unzeit geſtört habe.“ Und er verbeugte ſich tief und verließ den Salon. „Gut,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, während er die Treppe hinabſtieg,„ich bin erſetzt, und ſie macht mir eine Scene, damit ich ihr keine mache. Deſto beſſer, deſto beſſer, bei meiner Treue! das iſt eine Kette weniger, die mir Zwang anthun wird, und das war nicht die am wenigſten ver⸗ wickelte. Ach! ach! verleugnen wir es uns indeſſen nicht, aus dieſen Ketten iſt der Einſchlag des Lebens gemacht, und wenn mehrere brechen, ſo zerreißt der Stoff.“ Er ließ ſich nach ſeinem Hotel zurückfahren. ei t, t, 375 „Iſt Lothario wieder zu Hauſe?“ fragte er im Vor⸗ zimmer. 6 „Ja, Excellenz.“ „Bitten Sie ihn, hierher zu kommen.“ Nach einem Augenblick trat Lothario ein. „Sie haben nach mir verlangt?“ ſagte er. „Zweimal,“ erwiederte Julius.„Du biſt dieſen Morgen frühzeitig ausgegangen?“ „Sie hatten mir etwas zu ſagen?“ unterbrach ihn „Nichts. Ich wollte Dich nur ſehen. Es war für mich Bedürfniß, ein befreundetes Geſicht zu ſehen. Ich habe einen traurigen Morgen zugebracht. Du weißt wohl, Olympia 4 „Ja, Olympia,“ wiederholte maſchinenmäßig und wie an etwas Anderes denkend Lothario. In dem Augenblick, wo der Graf von Eberbach ſeinen Neffen hatte rufen laſſen, war der Bediente, den Lothario beauftragt hatte, die Briefe, die er an Friederike und an Samuel geſchrieben, zu überbringen, in der That noch nicht zurückgekommen. Lothariv wartete voll Angſt auf die Antwort, und ſein Geiſt war ganz in Menilmontant. „Nun,“ fuhr Julius fort,„Olympia iſt abgereiſt.“ „Sie iſt abgereiſt?“ verſetzte Lothario. „Nach Venedig. Ich befürchte, mein Freund, ſie macht in meinem Leben eine größere Leere, als ich glaubte. Um ſie auszufüllen, habe ich mich ſogleich zu der Prinzeſſin begeben. Sie war gerade von der verdrießlichſten Laune, in der ich ſie je gefunden. Ich war auch mißſtimmt, und ſo entzweiten wir uns auf der Stelle. Bewunderſt Du mein Glück, mein armes Kind? Ich bin fortan völlig vereinzelt. Doch Du bleibſt mir. Du begreiſſt meinen Kummer. Du, der Du jung, glücklich und ſtark biſt, Du mußt mich aufrichten und troͤſten. Du biſt das einzige Weſen in der Welt, das Anhänglichkeit für mich hat. Nicht wahr, Du liebſt mich, Lothario?“ 376 „Allerdings,“ antwortete Lothario befangen. „Was könnten wir heute thun?“ ſagte Julius. „Wenn Du eine Partie anordnen würdeſt? willſt Du? Für Dich Vergnügen, für mich Vergeſſen.“ „Gewiß,“ erwiederte Lothario, indem er ſich raſch nach der Thüre wandte. „Nun! was haſt Du denn?“ rief Julius erſtaunt. „Nichts,“ antwortete Lothariv.„Ich hatte zu hören geglaubt, man rufe mich. Ich täuſchte mich.“ Er kam zurück und verſuchte es, ſeinen Oheim an⸗ zuhören und ihm zu antworten. Doch ſeine Zerſtreutheit war ſtärker, als ſein Wille. Er mochte ſich immerhin bemühen, an den Leiden ſeines Oheims Antheil zu nehmen, ſein Herz machte zu viel Lärmen, als daß er etwas außen hören konnte. In jeder Sekunde ſchien es ihm, als würde ſich die Thüre öffnen, und er bebte dann immer plötzlich bei dem Gedanken an den Brief, den er empfan⸗ gen ſollte. Julius bemerkte endlich die Befangenheit ſeines Nef⸗ fen und ſchüttelte traurig den Kopf. „Das iſt ganz einfach,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ich langweile ihn. In ſeinem Alter hat er allerdings etwas Beſſeres zu thun, als die Klagen eines erſchöpften Herzens anzuhoͤren. Die Runzeln verſcheuchen das Lächeln, und der Mai geht nicht neben einander mit dem November. Wir wollen unſere Wolke behalten und ihm ſeinen Strahl laſſen. „Nun, da ich Dich geſehen habe,“ ſagte er zu Lothario,„nun kannſt Du zu Deinen Geſchäften vder zu Deinen Freunden gehen. Gehe, mein Kind, gehe.“ Lothario ließ ſich das nicht zweimal ſagen; er drückte ſeinem Oheim die Hand und ging in ſein Zimmer hinauf, deſſen Fenſter ihre Richtung nach dem Hofe hatten und ihm daher eine Minute früher die Rückkehr des Bedienten zu ſehen geſtatteten. Julius war alſo allein auf der Erde, Geliebtinnen, 1⸗ it in , 6 1, er 1 8 16 d P r te d n 2 377 Familie, Alles verließ ihn. Chriſtiane war todt; Olym⸗ pia war abgereiſt; die Prinzeſſin war jung! Von allen denjenigen, welche ſich in ſein Leben gemiſcht hatten, blieb der Einzige, an den ſich Julius an dieſem Morgen nicht gewendet, Samuel. Aber Julius kannte Samuel zu genau, um von ihm die Ergebenheit zu fordern, welche tröſtet. Die Ironie und den Hohn, welche in Verzweiflung bringen, ja wohl! Welcher Grund konnte ihn alſo im Leben zurückhalten? Er hatte genug Theil an den öffentlichen Angelegenheiten genommen, um nicht darin Stoff zur Verwendung des Verſtandes eines Menſchen zu finden; aber er hatte nur zu nahe die Nichtigkeit der Individualitäten geſehen und wahrgenommen, mit welcher Leichtigkeit die Intriguen und die Ereigniſſe diejenigen zermalmen, die ſich für nothwendig halten. Konnte er ſich wirklich an ein Werk anhängen, das plötzlich die Laune einer Frau umzuſtürzen vermochte 2 Konnte er ſich einen Traum machen, den die Prinzeſſin, zum Beiſpiel, wenn es ihr gefiele, indem ſie ihn zurückberufen ließe, unterbrechen würde? Das Mittel hatte ihm den Zweck verleidet, und er hatte ſein Herz nicht beſchaffen gefühlt, um ſich für eine Politik zu intereſſiren, welche, um ein Land zu regieren, forderte, daß man ſich zum Gliedermännchen eines Weibes machte. Der Graf von Eberbach befand ſich in einem von den Augenblicken, in denen man gern um ſein Leben auf Wappen oder Schrift ſpielt. Wozu ſich tödten 2 das wäre nicht der Mühe werth. Mit ein wenig Geduld, das fühlte er, würde er ſterben. In dieſem Moment trat ſein Kammerdiener ein. „Was gibt es?“ fragte Julius ungeſtüm. „Es verlangt Jemand Seine Excellenz zu ſprechen,“ antwortete der Diener. „Ich bin für Niemand zu Hauſe,“ ſagte Julius. Der Kammerdiener ging ab. 378 Nach einigen Minuten kam er wieder. der Diener,„aber die Perſon, die ich ſchon gemeldet...“ „Ich habe Ihnen geſagt, ich ſei nicht zu Hauſe.“ „Ich habe das geantwortet, Excellenz. Aber dieſe Perſon bleibt beharrlich und ſchwört, ſie müſſe Ihnen Dinge von der größten Wichtigkeit mittheilen, und ſie habe Ihnen nur ein Wort zu ſagen, doch Ihr Leben hänge von dieſem Worte ab. „Bah!“ verſetzte Julius die Achſeln zuckend.„Ein Vorwand, um durch die Thüre zu kommen.“ „Ich glaube nicht,“ entgegnete der Kammerdiener. „Das Mädchen ſieht ſo bewegt aus, daß es aufrichtig ſein muß.“ „Es iſt ein Mädchen?“ fragte Julius. „Ja, gnädiger Herr, ein ganz junges Mäbchen, ſo viel man durch den Schleier beurtheilen kann. Eine Deutſche. Sie hat ihre Haushälterin bei ſich, die auch eine Deutſche iſt.“ „Was liegt mir daran?“ erwiederte Julius.„Sagen Sie dem Mädchen, ich ſei in dieſem Augenblick biſchůſiht und könne es nicht empfangen.“ Der Diener ging abl. Doch Julius wurde plötzlich anderen Sinnes, wie die flatterhaften Weſen, welche an nichts feſt halten, und rief ihn zurück. „Im Ganzen, wenn ſie mir nur ein Wort zu ſagen hat, mag ſie eintreten. Es iſt ein Weib, und es iſt eine Landsmännin. Das find zwei Titel, daß ſie keinen un⸗ nützen Schritt gemacht haben ſoll.“ Der Bediente ging hinaus, erſchien bald wieder und führte ein verſchleiertes und ganz zitterndes Mädchen ein. Die Frau, welche das Mädchen begleitete, war im Saale nebenan geblieben. 7 „Ich bitte Euere Excellenz um Verzeihung,“ ſagte — — —* t. 1 —— Der Zinger Gottes. „Mein Herr... Herr Graf... Ercellenz,“ ſtam⸗ melte die junge Perſon mit einer Erſchütterung, welche ebenſo wahrnehmbar im Zwange ihrer Bewegungen, als im Zittern ihrer Stimme. Obgleich ſie durch ihren Schleier und durch ihre Mantille verhüllt war, vermochte Julius doch an ihrer zarten, geſchmeidigen Taille zu erkennen, daß ſie jung war. „Setzen Sie ſich und faſſen Sie ſich, mein Fräulein,“ ſagte er mit ſanftem Tone. Er führte ſie zu einem Lehnſeſſel und ſetzte ſich zu ihr. „Sie wünſchen mit mir zu ſprechen?“ fragte er. „Ja,“ erwiederte ſie,„über etwas ſehr Ernſtes. Aber Niemand müßte es hoͤren können„ „Seien Sie unbeſorgt, mein Fräulein; ich habe ſchon den Befehl gegeben; doch ich will ihn wiederholen, damit Sie völlig beruhigt ſind.“ Er klingelte und ſagte zu dem Kammerdiener, Nie⸗ mand, ohne Ausnahme, dürfe eintreten, unter welchem Vorwande es auch ſein moͤge. „Nun können wir frei reden, mein Fräulein,“ ſagte er. Dann, da er ſah, daß ſie noch ganz zitterte, fing er an zu ſprechen, um ihr Zeit zu geben, ſich zu erholen. „Verzeihen Sie, mein Fräulein, daß ich Sie habe warten und Ihr Geſuch wiederholen laſſen. Mein Leben iſt voll oder leer, wenn Sie lieber wollen. Ich habe tauſend unbedeutende Sorgen und tauſend eitle Angelegen⸗ welche gleichſam die Bedingungen meines Standes n 380 „Herr Graf, ich hoffe, daß Sie meine Zudringlichkeit entſchuldigen werden. Doch es handelt ſich, wie ich Ihnen habe ſagen laſſen, um eine Frage über Leben und Tod. S Excellenz läuft in dieſem Augenblick eine Todesge⸗ ahr.“ „Nur eine? Oh! ich glaube Ihnen nicht,“ entgeg⸗ nete er mit einem traurigen Lächeln. „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Schauen Sie mich an. Die Todesgefahr, die Sie mir verkündigen, bedroht mich wahrſcheinlich von außen. Doch ich kenne eine andere, welche minder fern iſt, und der ich nicht entgehen werde, die, welche ich in mir trage.“ Das Mädchen ſchaute den Grafen von Eberbach an. 2 Dieſe hohlen Wangen, dieſe weißen Lippen, dieſe durchſichtige Geſichtshaut, dieſer braune Kreis um ſeine Augen, welche allein noch lebten, machten einen ſchmerz⸗ lichen Eindruck auf ſie. So abgenutzt und ſo verſcheidend der Graf ausſah, man fühlte, daß dies nicht der Ueberreſt eines Mannes ohne Geiſt und ohne Herz war. Die Seele hatte ihr Gepräge auf ſeinem Geſichte gelaſſen, und es waren noch einige Herbſtſtrahlen auf dieſem früh⸗ zeitigen Schnee. Trotz aller Zertrümmerungen dieſer einſt herzlichen und edelmüthigen Natur, vermiſchte ſich eine Gewohnheit der Eleganz und der Würde auf ſeiner Stirne mit einem Ausdruck wirklicher Güte, und ſeine ſt⸗ flößte unwiderſtehlich Achtung und Sympa⸗ thie ein. War es die Anziehungskraft dieſer ſichtbaren Güte in den Augen des Grafen? War es das Leiden und die Krankheit verrathen durch dieſes ermüdete und bleich ge⸗ wordene Geſicht? Die junge Perſon fühlte ſich beim erſten Blicke durchdrungen von einer ſeltſamen Rührung, als wäre ihr der Graf nicht fremd, als ginge ſie ſeine Krank⸗ heit an, als beſtände Verwandiſchaft zwiſchen ihr und dieſem edlen Geſichte. 381¹ Aber ſind die Frauen nicht die barmherzigen Schweſtern von allem Elend? „Oh! Herr Graf, Sie find krank!“ ſagte ſie. „Ich glaube es.“ „Sie müſſen ſich pflegen laſſen.“ „Durch wen?“ „Durch die Aerzte.“ „Ohl es ſind nicht die Aerzte, die mir fehlen,“ ant⸗ wortete Julius.„Ich bin in Paris, das heißt bei den Meiſtern der Wiſſenſchaft, und ich bin preußiſcher Ge⸗ ſandter, das heißt, ich kann ſie bezahlen. Doch man wird durch die Aerzte nicht gepflegt, man braucht etwas Anderes.“ „Was denn 2“ „Die Krankenwärter den Sohn oder die Tochter, die bei uns wachen, den Bruder, der uns unterſtützt, die Frau, die uns liebt. mit einem Worte, man braucht ein Weſen, das ſich für uns intereſſirt, und das uns ſelbſt intereſſirt. Oh!l für wen ſollte ich auf mich halten? Wem iſt an meinem Leben gelegen?“ „Ihren Freunden,“ antwortete das Mädchen. „Meinen Freunden!“ verſetzte Julius. Und ohne etwas beizufügen, zuckte er die Achſeln. „Allerdings,“ fuhr das Mädchen fort.„Sie haben Freunde!“ „Nein, mein Fräulein.“ „Ich kenne ſolche.“ „Sie!“ rief Julius.„Wer ſind Sie denn?“ „Fragen Sie mich das nicht„ Iſt aber nicht mein Schritt ſelbſt ein Beweis, daß Sie Freunde haben, die ſich für Sie intereſſiren? Ich komme, um Sie zu retten.“ „Von was?“ „Hören Sie: Sie ſind bei einer Verbindung, bei einer Art von politiſcher Verſchwoͤrung„ „Das iſt moglich,“ erwiederte Julius, indem er ſie mißtrauiſch anſchaute. 382 „Ich weiß es. Wollen Sie Details? Sie haben einen falſchen Namen angenommen. Sie haben ſich Jules Hermelin nennen laſſen. Sie ſehen, daß ich Alles weiß.“ „Wenn dem ſo wäre?“ verſetzte Julius.„Nun! hernach?“ „Nun! Sie find entdeckt. Man weiß, daß Jules Hermelin der Graf von Eberbach iſt.“ „Woher wiſſen Sie das? wer ſind Sie, daß Sie ſich die Mühe genommen haben, mich hievon zn unter⸗ richten?“ „Oh! das iſt mein Geheimniß,“ erwiederte das Mädchen.„Aber Sie brauchen es nicht zu wiſſen.“ „Doch,“ erwiederte Julius.„Ich hrauche es zu wiſſen, vor Allem, um Ihnen zu danken. Die Herzen, welche ſich für mich intereſſiren, ſind zu ſelten, als daß ich ſie unbekannt an mir vorübergehen laſſen ſollte. Ich bitte Sie, damit der Dienſt, den Sie mir leiſten, ein menſchliches Antlitz habe, und damit ich weiß, wem ich dankbar ſein muß. Haben Sie die Güte, Ihren Schleier zu lüften.“ „Unmöglich„ Und wozu ſoll es übrigens nützen? Sie haben mich nie geſehen; mein Geſicht würde Sie nichts lehren.“ 3 „Nun, was iſt Ihnen dann daran gelegen, daß Sie es mir zeigen?“ „Sie können mir ſpäter begegnen, und dann würden Sie mich erkennen.“ „Nun?“ „Man ſoll nicht erfahren, daß ich Sie gewarnt, weil man dann wiſſen könnte, wie ich das Geheimniß entdeckt habe.“ „Ich bitte Sie.“ „Nein, es iſt unmoͤglich.“ „Dann bedaure ich, vaß Sie ſich vergebens bemüht haben.“ „Vergebens“ —— — 383 „Ja, vergebens, denn ich glaube Ihnen nicht.“ „Und warum glauben Sie mir nicht?“. „Wäre das, was Sie mir geſagt haben, wahr, und wären Sie wirklich gekommen, um mich zu retten, ſo hätten Sie nicht Furcht, ſich zu zeigen, und es wäre Ihnen ganz gleichgültig, wenn ich Sie am Tage zu er⸗ kennen vermöchte. Das Geheimniß, in das Sie ſich hüllen, erlaubt mir, in Ihrem Schritte.. wenigſtens einen Hintergedanken zu vermuthen.“ 3 „Einen Hintergedanken! welchen?“ fragte das Mäd⸗ chen ganz verwirrt. „Ich klage Sie nicht an,“ fuhr Julius fort.„Ich ſage nicht, Sie ſeien unter dem Vorwande, mir einen Dienſt zu leiſten, zu mir geſchickt worden, um mir ein Geheimniß zu entlocken. „Ohl“ machte ſie, wie verwundet. „Ich ſage nicht, unter dem Anſchein, mir vor einer eingebildeten Gefahr bange zu machen, verſuche es Je⸗ mand, mich auf meinem Wege aufzuhalten. Da Sie mir aber mißtrauen, ſo habe ich wohl auch das Recht, Ihnen zu mißtrauen. Man wird mich nicht aufhalten, ich werde meinen Weg verfolgen, wie früher; es wird ſein, als ob Sie nicht gekommen wären. Würden Sie ſich für mich intereſſiren, ſo wäre es ſehr leicht, mich durch einen aufrichtigen und geraden Blick zu überzeugen. Sie wollen nicht? dann deſto beſſer! Wenn mir Unglück begegnet, ich halte nicht am Leben. Sie haben das Recht, ſich zu verbergen, ich habe das Recht, zu ſterben.“ „Oh! ich lüfte meinen Schleier,“ rief ſie. Sie hob ihren Schleier auf und zeigte den entzückten Augen von Jullus einen reizenden ſechszehnjährigen Kopf, den er in der That nicht kannte. „Ich danke, ich danke von ganzem Herzen, mein Kind,“ ſprach der Graf von Eberbach.„Ich glaube Ihnen nun. Ich bin tief gerührt von dem Beweiſe von 384 Sympathie, den Sie mir gegeben. Sie ſind eben ſo gut, als Sie ſchon ſind.“ Das Mädchen erröthete leicht. „Doch beruhigen Sie ſich,“ fuhr der preußiſche Ge⸗ ſandte fort;„ich laufe nicht ſo ſehr Gefahr, als Sie glauben. Ich habe in dieſer Verſchwörung, wie Sie es nennen, mächtige Freunde.“ „Ah! zählen Sie nicht auf ſie, ſie werden nichts vermögen.“ „Sie kennen ſie alſo?“ „Ich kenne Einen. Er hat Alles gethan und wird Alles thun, um Sie zu vertheidigen. Ich bin Zeuge ſeiner Bemühungen geweſen. Doch er vermag nichts. Er kann Ihnen nicht einmal ſagen, daß Sie entdeckt ſind. Sein Eid verbietet es ihm. Zum Glück hat mich der Zufall dieſen erſchrecklichen Geheimniſſen auf die Spur gebracht, mich, die ich durch kein Gelöbniß gebunden bin.“ Julius fragte ſich, wer dieſes Mädchen ſein könnte, und von welchem Freunde es ſpreche. Plötzlich tauchte eine Idee in ſeinem Geiſte auf. „Ich wiederhole Ihnen, mein Fräulein, beruhigen Sie ſich. Im äußerſten Falle wäre es damit abgethan, daß ich denjenigen, welcher mich in den Carbonarismus eingeführt hat, in das Mittel treten ließe; er kannte meinen wahren Namen.“ „Das iſt der Freund, von dem ich ſprach,“ ſagte das Mädchen; er würde ſich in's Verderben ſtürzen, ohne Sie zu retten.“ „Ah! ich kenne Sie,“ rief Julius.„Sie ſind Fräu⸗ lein Friedrike.“ „Ja, mein Herr, ſagen Sie es nicht,“ erwiederte ſie mit flehender Stimme und beinahe weinend Wenn mein Freund je erführe „Nun! er würde erfahren, daß Sie ein Engel der Güte und aufopfernder Ergebenheit ſind, wie Sie ein Engel der Schönheit und der Anmuth find.“ ie 6 5 Dieſelbe Anziehungskraft, welche Friederike den Grafen von Eberbach anſchauend empfunden hatte, empfand Ju⸗ lius, indem er das Geſicht von Friedrike anſchaute. Es war, als beſtände zwiſchen ihnen ein unerklärbares Band. Sie ſahen ſich zum erſten Male, und es ſchien ihnen, ſie haben ſich ſeit langer Zeit gekannt. Ein unwillkür⸗ licher Inſtinct trieb ſie zu einander hin. „Sie werden nicht von meinem Beſuche mit Herrn Samuel Gelb ſprechen,“ ſagte ſie.„Sie müßten ihm erklären, daß ich eines von ſeinen Geheimniſſen erlauſcht habe, und er würde mir mit Recht darüber böſe ſein.“ „Seien Sie unbeſorgt, mein liebes Kind, ich ver⸗ ſpreche Ihnen Stillſchweigen. Das iſt das Geringſte, was ich Ihnen ſchuldig bin,“ fügte er bei. Und er dankte ihr voll Innigkeit. Plotzlich bebte Friederike. „Hören Sie,“ ſagte ſie. Im anſtoßenden Zimmer ſprach die Stimme von Lothario: „Oh! das Verbot bezieht ſich nicht auf den ver⸗ trauten Freund Seiner Excellenz, Herrn Samuel Gelb. Ich nehme Alles auf mich und will ſelbſt anklopfen.“ „Herr Samuel Gelb!“ rief Friederike ganz betäubt. Man hörte die Stimme von Samuel: „Wie! Sie hier, Frau Trichter?“ „Was iſt zu thun?“ fragte Friedrike. „Wollen Sie hier hinaus gehen?“ ſagte Julius, in⸗ dem er auf eine Thüre im Hintergrunde des Salon deutete. „Wie werde ich aber Frau Trichter wiederfinden? Wie wird ſie ihre Gegenwart erklären?“ „So laſſen Sie mich machen,“ ſprach der Graf von Eberbach. Und er öffnete ſelbſt Samuel und Lothario. Gott lenkt. M. 25