— 8 Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf.— Pf. 3 2 3 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleiheneit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Gott lenkt. Von . Alerandre Pumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Zuguſt Boller. Erſtes bis viertes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. Lied während des Sturmes. Wer waren die zwei Reiter, die ſich in der Nacht des 18. Mai 1810 unter den Schluchten und Felſen des Odenwalds verirrt hatten? Das hätten in einer Entfer⸗ nung von vier Schritten ihre vertrauteſten Freunde nicht ſagen koͤnnen, ſo tief war die Finſterniß. Vergebens würde man am Himmel einen Mondſtrahl, ein Funkeln der Sterne geſucht haben: der Himmel war ſo düſter als die Erde, und die großen Wolken, die an ſeiner Ober⸗ fläche hinrollten, ſchienen ein umgekehrter, die Welt mit einer neuen Sündfluth bedrohender Ocean zu ſeyn. Eine verworrene Maſſe, die ſich an den Flanken einer unbeweglichen Maſſe bewegte, das war Alles, was ein in der Finſterniß noch ſo ſehr geübtes Auge von den zwei Reitern zu unterſcheiden vermocht hätte. In Augen⸗ blicken vermiſchte ſich ein Gewieher des Schreckens mit dem Pfeifen der Windſtöße in den Tannen; eine Hand⸗ voll Funken ſpraug durch die Hufe der ſtolpernden Roſſe den Kieſelſteinen entriſſen empor, und das war Alles, was man von den Reiſegefährten ſah, und Alles, was man von ihnen hoͤrte. Der Sturm rückte immer näher heran. Große Staubwirbel blendeten die Reiſenden und ihre Roſſe. Wenn der Orkan ſo vorüberzog, krümmten ſich die Aeſte und ächzten; Klagetöne liefen durch die Tiefe des Thales und ſchienen dann, von Fels zu Fels ſpringend, den ſchwankenden, dem Einſturze nahe gebrachten Berg zu erklettern; und ſo oft ein ſolcher Wetterwirbel von der Erde zum Himmel aufſtieg, brachen die erſchütterten Fel⸗ ſen aus ihren Granitladen und rollten geräuſchvoll in die Abſtürze, und die hundertjährigen Bäume riſſen ſich ent⸗ wurzelt von ihrer Baſe los und warfen ſich, wie ver⸗ zweifelte Taucher, köpflings in den Abgrund. Es gibt nichts Schrecklicheres, als die Zerſtörung in der Dunkelheit; nichts Fürchterlicheres, als das Ge⸗ räuſch in der Finſterniß. Wenn der Blick die Gefahr nicht berechnen kann, ſo wächſt dieſe übermäßig, und die erſchreckte Einbildungskraft ſpringt über die Gränzen des Möglichen hinaus. Plötzlich hörte der Wind auf, erloſchen die Ge⸗ räuſche. Alles ſchwieg, Alles hlieb unbeweglich; die keu⸗ ¹ chende Schöpfung wartete auf den Sturm. 3 Mitten unter dieſem Stillſchweigen machte ſich eine Stimme hörbar, es war die von einem der beiden Reiter. „Bei Gott! Samuel,“ ſagte er,„es eine un⸗ glückliche Idee von Dir, daß Du uns Erbach zu dieſer Stunde und bei dieſem Wetter verlaſſen ließeſt. Wir waren in einem vortrefflichen Gaſthauſe, wie wir keines in den acht Tagen, ſeit dem wir von Frankfurt abge⸗ reiſt ſind, gefunden hatten. Es ſtand Dir die Wahl frei zwiſchen Deinem Bett und dem Sturm, zwiſchen einer Flaſche vortrefflichem Hochheimer und einem Winde, gegen den der Sirveco und der Samum Zephyre ſind, und Du nimmſt den Sturm und den Wind! Hollah! 3 hollah!“ unterbrach ſich der junge Mann, um ſein Pferd feſtzuhalten, das einen Seitenſprung machte. Dann fuhr er fort:„Wenn uns nur etwas Angenehmes zur Eile antreiben würde, wenn wir zu einem reizenden Rendez⸗ vous gingen, wo wir zugleich den Sonnenaufgang und das Lächeln einer Geliebten finden ſollten... Aber die Geliebte, mit der wir uns wiederzuvereinigen im Be⸗ —— — 38 e⸗ 9 griffe find, iſt die alte Pedantin, die man die Univerſität Heidelberg nennt. Das Rendez⸗vous, das unſerer harrt, iſt ohne Zweifel ein Duell auf Leben und Tod. In je⸗ dem Fall ſind wir erſt für den 20. berufen. Oh! je mehr ich darüber nachdenke, deſto mehr finde ich, daß es eine wahre Narrheit von uns war, daß wir nicht unter friedlichem Obdach dort geblieben ſind. Doch ſo bin ich nun einmal; ich gebe Dir immer nach; Du gehſt voran und ich folge Dir!“ „Beklage Dich doch, daß Du mir folgſt,“ erwiederte Samuel mit einem etwas ſpoͤttiſchen Ausdruck,„beklage Dich doch, wenn ich es bin, der Dir den Weg bahnt. Wäre ich Dir nicht voranmarſchirt, ſo hätteſt Du ſchon zehn⸗ mal, den Berg hinabrollend, Deinen Hals gebrochen. Auf, laß den Zügel ſchießen und ſtelle Dich auf Deinen ſegtgen feſt, hier liegt eine Tanne, die den Weg ver⸗ perrt.“ Während eines kurzen Stillſchwelgens, das nun ein⸗ Jat, hörte nur hinter einander den doppelten Sprung zweier Pf „Hur!“ machte Samuel. Dann wandte er ſich gegen ſeinen Gefährten um und ſagte: „Nun! mein armer Julius 2“ „Nun!“ erwiederte Julius,„ich beklage mich fort⸗ während über Deine Halsſtarrigkeit, und ich habe Recht: ſtatt der Straße zu folgen, die man uns bezeichnet, das heißt, ſtatt längs hnſheiehne hinzureiten, der uns unmittelbar zum Neckar geführt hätte, wählſt Du einen Seitenweg mit der Behauptung, Du kennſt die Gegend, während Du, davon bin ich feſt überzeugt, nie hier ge⸗ weſen biſt. Ich, ich wollte einen Führer nehmen.“ „Einen Führer? wozu? Bah! ich kenne den Weg.“ „Ja, Du kennſt ihn ſo gut, daß wir nun im Ge⸗ birge verirrt ſind, nicht wiſſen, wo der Süd oder wo der Nord iſt, nicht vorwärts und nicht rückwärts können. —— —— —— Und nun haben wir bis zum Morgen den Regen, zu dem es ſich anſchickt, in Empfang zu nehmen, und welch ein Regen!„ Halt, da find die erſten Tropfen Lache doch, Du, der Du über Alles lachſt.. wenigſtens wie Du behaupteſt.“ „Und warum ſollte ich nicht lachen?“ verſetzte Sa⸗ muel.„Iſt es nicht etwas Lächerliches, einen großen, zwanzigjährigen Burſchen, einen Heidelberger Studenten klagen zu hören wie eine Schäferin, die ihre Herde nicht mehr zu rechter Zeit hereingebracht hat. Lachen! dabei wäre ein ſchönes Verdienſt! Ich will etwas Beſſe⸗ res thun als lachen, mein lieber Julius, ich will ſingen.“ Und der junge Mann fing wirklich an mit einer rauhen, vibrirenden Stimme die erſte Strophe von irgend einem bizarren Liede zu ſingen, deſſen Vorzüge offenbar der augenblicklichen Lage zuzuſchreiben waren. Was kümmr' ich mich um dieſen Regen, Der wie des Himmels Schnupfen fließt? Was iſt er gegen bittre Thränen, Die ein bekümmert Herz vergießt. Als Samuel das letzte Wort ſeiner Strophe und die letzte Note ſeiner Melodie endigte, zerriß gerade ein unge⸗ heurer Blitz von einem Ende des Horizonts zum andern den über die Oberfläche des Himmels, von der Hand des Sturmes, ausgebreiteten Wolkenſchleier und übergoß mit einem glänzenden, ſcharfen Scheine die zwei Reiter. Beide ſchienen von demſelben Alter, das heißt, neun⸗ zehn bis einundzwanzig Jahre alt zu ſeyn, doch hierauf beſchränkte ſich die Aehnlichkeit. Elegant, blond, bleich, mit blauen Augen, war der Eine, der Julius ſeyn mußte, von mittlerem Wuchſe, aber bewundernswürdig gebaut. Man hätte glauben ſollen, es wäre Fauſt als Jüngling. Groß und mager, mit ſeinem grauen, ſchillernden — 11 Auge, mit ſeinem dünnen, ſpöttiſchen Mund, mit ſeinen ſchwarzen Haaren und Augbrauen, mit ſeiner hohen Stirne und ſeiner hervorſpringenden, ſpitzigen Naſe, er⸗ ſchien der Andere, welcher Samuel ſeyn mußte, als das leibhaftige Ebenbild von Mephiſtopheles. Beide waren mit einem kurzen, dunkelfarbigen Rocke bekleidet, den am Leibe ein lederner Gürtel umſchloß. Anliegende Hoſen, weiche Stiefel und eine weiße Mütze bildeten die übrigen Theile ihrer Tracht. Beide waren Studenten, wie es ein paar Worte von Julius angedeutet hatten. Erſtaunt und geblendet durch den Blitz, bebte Inlius und ſchloß die Augen. Samuel erhob im Gegentheil Subapt und kreuzte einen ruhigen Blick mit dem Dann verſank Alles wieder in tiefe Finſterniß. Der Blitz war noch nicht völlig verſchwunden, als ein heftiger Donnerſchlag erſcholl und von Echos zu Echos in die Tiefen des Gebirges rollte. „Mein lieber Samuel,“ ſagte Julius,„ich glaube, wir würden klug daran thun, wenn wir anhielten. Un⸗ ſer Marſch könnte den Blitz anziehen.“ Statt jeder Antwort ſchlug Samuel ein Gelächter auf und drückte beide Sporen in die Flanken ſeines Pferdes, daß es unter ſeinem Galopp Funken ſtieben und Kieſelſteine fliegen machte, während der Reiter ſang: Was kümmr' ich mich um dieſe Blitze, Dies lumpig ſchwache Zündholzlicht; Der Augen Feuer, toller Zickzack, So hell du biſt, haſt du doch nicht! So machte er ein paar hundert Schritte, dann kehrte er ungeſtüm um und ſprengte zu Julius zurück. „In des Himmels Namen 1 rief dieſer,„verhalte Dich doch ruhig, Samuel; wozu dieſe Prahlerei? Iſt das der Augenblick zu fingen? Hüte Dich, daß Gott Deine Ausforderung nicht annimmt!“ 12 Ein zweiter Donnerſchlag, noch furchtbarer und noch mächtiger ſchallend als der erſte, brach gerade über ihren Häuptern los. „Dritte Strophe!“ ſagte Samuel;„ich bin ein be⸗ vorzugter Sänger: der Himmel begleitet mein Lied und der Donner macht das Ritornell.“ Wie der Donner noch mächtiger gehallt hatte, ſo ſang Samuel mit ſtärkerer Stimme: Was kümmr' ich mich um dieſen Donner, Den Sommerhuſten der Natur; Vom Schrei verzweifelt banger Liebe Haſt, Polterer, nicht eine Spur! Und als der Donner diesmal im Verzug war, ſagte er, den Himmel anſchauend: „Auf, auf, den Refrain! Donner, du verfehlſt dich gegen den Tact.“ Doch in Ermangelung des Donners antwortete der Regen auf den Ruf von Samuel und fing an in Strö⸗ men zu fallen. Bald war es nicht mehr nöthig, die Blitze und die Donnerſchläge herauszufordern, denn ſie folgten ſich ohne Unterbrechung. Julius empfand jene Art von Bangigkeit, der ſich der Muthigſte vor der All⸗ macht der Elemente nicht erwehren kann: die Kleinheit des Menſchen im Zorne der Natur preßte ihm das Herz zuſammen. Samuel ſtrahlte im Gegentheil. Eine fahle Freude ſprang aus ſeinen Augen hervor; er erhob ſich auf ſeinen Steigbügeln; er ſchwang ſeine Mütze, als ob er, wahrnehmend, daß die Gefahr ihn floh, ſie hätte zu ſich rufen wollenz er war freudig, ſeine Schläfe durch ſeine naſſen Haare gepeitſcht zu fühlen: er lachte, er ſang, er war glücklich. „Was ſagteſt Du denn vorhin, Julius?“ rief er, wie in der Eingebung eines ſeltſamen Dithyrambus: „Du wollteſt in Erbach bleiben? Du wollteſt dieſe Nacht verſäumen? Du weißt alſo nicht, welche wilde 13 und Wolluſt es bereitet, in einem Wetterwirbel zu galoppiren, ber mein Lieber? Gerade, weil ich auf dieſen Sturm hoffte, habe ich Dich fortgeführt. Meine Nerven waren den be⸗ ganzen Tag gereizt und krank, doch das heilt mich. Hur⸗ nd rah dem Orkan! Wie, des Teufels, kannſt Du nichts von dieſem Feſte fühlen! Steht dieſer Sturm des Him⸗ ſo mels nicht gut zu dieſen Bergſpitzen und Abſtürzen, zu dieſen Felſen und Ruinen? Biſt Du achtzig Jahre akt, daß Du willſt, Alles ſoll unbeweglich und todt ſehn wie Dein Herz? Du haſt Deine Leidenſchaften, ſo ruhig Du auch biſt. Nun, ſo laß die Elemente die ihrigen haben. Ich, ich bin jung; ich habe mein zwanzigſtes Jahr, das im Grunde meines Herzens ſingt, eine Flaſche te Wein, die in meinem Gehirnbrauſt, und ich liebe den Donner. König Lear nannte den Sturm ſeine Tochter, ich, ich ch nenne ihn meine Schweſter. Seh unbeſorgt für uns, Julius. Ich lache nicht über den Blitz, ich lache mit er dem Blitz. Ich verachte ihn nicht, ich liebe ihn. Der ö⸗ Sturm und ich, wir ſind zwei Freunde. Er würde mir ie kein Leid anthun wollen, ich gleiche ihm. Die Menſchen ie halten ihn für bösartig; das ſind Dummkopfe; der e Sturm iſt nothwendig. Das iſt der Augenblick, ein we⸗ ⸗ nig Wiſſenſchaft zu treiben. Dieſe mächtige Electricität it toſt und flammt, tödtet und zerſtört nur da und dort, rz um die Summe des vegetabiliſchen und animaliſchen le Lebens zu vermehren. Ich bin auch ein Sturm⸗Menſch. h Das iſt der Augenblick, ein wenig Philoſophie zu treiben. b Ich würde auch nicht zögern, durch das Böſe zu gehen, u um zum Guten zu gelangen, den Tod anzuwenden, um h das Leben hervorzubringen, Es handelt ſich nur darum, 5 daß ein höherer Gedanke dieſe äußerſten Acte beſeelt und „Schweige doch, Du verleumdeſt Dich, Samuel.“ „Du ſagſt zu mir Samuel, als ob Du ſagen würdeſt Samiel! Abergläubiſches Kind! Weil wir n der Decoration des Freiſchütz reiten, bildeſt Du Dir ein, ich ſey der Teufel, Satan, Beelzebub oder Mephiſto⸗ pheles, und ich werde mich in eine ſchwarze Katze ſe in einen Pudel verwandeln? Ho! ho! was iſt as 2“ Dieſen Ausruf entriß Samuel eine ungeſtüme Be⸗ wegung ſeines Pferdes, welches ſich ganz erſchrocken auf das von Julius zurückgeworfen hatte. Der Weg bot ohne Zweifel eine Gefahr. Der junge Mann neigte ſich auf die Seite, wo ſich die Ge⸗ fahr geboten haite, und wartete auf einen Blitz. Er brauchte nicht lange zu warten. Der Himmel ſpaltete ſich; ein Feuerſtreifen lief von einem Horizont zum an⸗ dern und beleuchtete die Landſchaft. Der Weg war durch einen gähnenden Abgrund bo⸗ genförmig ausgeſchnitten; der Blitz war an den Wänden eines Schlundes erloſchen, deſſen Tiefe die Blicke des jungen Mannes nicht hatten ergründen können. „Das iſt ein hübſches Loch,“ ſagte Samuel, wäh⸗ rend er ſein Pferd zwang, ſich dem Abſturze zu nähern. „Nimm Dich doch in Achtl“ rief Julius. „Bei meiner Treue, ich muß das von Nahem ſehen,“ verſetzte Samuel. Und er ſtieg von ſeinem Pferde, warf Julius den Zügel zu und trat neugierig an den Schlund, über den er ſich neigte. Da aber ſein Blick die Finſterniß nicht durchdringen konnte, ſo ſtieß er ein Granitſtück vor, daß es in den Abgrund rollte. Er horchte und hörte nichts. „Gut!“ ſagte er,„mein Stein muß auf weiche Erde gefallen ſehn, denn er hat nicht das geringſte Ge⸗ räuſch gemacht. Kaum hatte er ſo geſprochen, als ein ſtarkes Ge⸗ polter in der finſteren Tiefe erſcholl. „Ahl der Abgrund iſt tief,“ rief Samuel,„wer 3 ir o⸗ tze e⸗ uf er e⸗ Er ete in⸗ bo⸗ en des ih⸗ rn. n,“ den den gen den iche Ge⸗ Ge⸗ wer 15 Teufels wird mir ſagen, wie man dieſes große Loch nennt.“ „Das Höllenloch!“ antwortete von der andern Seite des Abgrunds eine klare, ernſte Stimme. „Wer antwortet mir dort?“ rief Samuel mit Erſtau⸗ nen, wenn nicht mit Schrecken,„ich ſehe Niemand.“ Ein neuer Blitz glänzte am Himmel, und am Nande der entgegengeſetzten Seite der Schlucht erblickten die zwei jungen Leute eine ſeltſame Erſcheinung. Was dieſe Erſcheinung war. Ein junges Mädchen, aufrecht ſtehend, die Haare zerſtreut, die Arme und die Beine nackt, mit einer ſchwar⸗ zen, durch den Wind aufgeblaſenen, über ihrem Kopfe ſich rundenden Regenkappe, mit einem kurzen Rock von röthlicher Farbe, noch geröthet durch den Blitz, ſchön in einer ſeltſamen, wilden Schönheit, neben der jungen Per⸗ ſon ein gehoͤrntes Thier, das dieſe an einem Stricke hielt. Das war die Viſion, die den jungen Leuten am an⸗ dern Rande des Höllenloches erſchien. Der Blitz verſchwand und die Viſfon mit ihm. „Haſt Du geſehen, Samuel?“ fragte Julius ziemlich wenig beruhigt. „Bei Gott! geſehen und gehört.“ „Weißt Du, daß es, wenn es verſtändigen Men⸗ ſchen erlaubt wäre, an Hexen zu glauben, nur von uns abhinge, zu denken, wir haben eine geſehen?“ „Ich hoffe wohl, das iſt eine 1“ verſetzte Samuel. „Du haſt geſehen, daß ihr nichts fehlt, nicht einmal der Se In jedem Fall iſt die Hexe hübſch. He! Kleine!“ rief er. 16 Und er horchte, wie er es gethan, als er den Stein in die Schlucht hatte rollen laſſen. Doch es antwortete ein auch nichts. vo „Beim Höllenloch!“ ſagte Samuel,„das ſoll mir. nicht entgehen.“ tro Und er nahm wieder den Zaum ſeines Pferdes, we ſchwang ſich in den Sattel und galoppirte haſtig und ohne auf die Warnungen von Julius zu hoͤren, rund um den Abſturz. In einem Augenblick befand er ſich an der Ri Stelle, wo die Viſion erſchienen war; doch er mochte o immerhin ſuchen, er ſah nichts mehr; weder das Mäd⸗ Br chen, noch das Thier, weder die Hexe, noch den Bock. P Samuel war nicht der Mann, ſich ſo zufrieden zu N geben; er ſondirte den Abgrund, durchſuchte Büſche und de Sträuche, forſchte im Geſtrüppe, ritt hin und her. Als du ihn aber Julius inſtändig bat, auf dieſe unnütze Forſchung. zu verzichten, kehrte Samuel verbrießlich und unzufrieden pe zu ſeinem Kameraden zurück; er war einer von den zähen Geiſtern, welche die Gewohnheit haben, bis zum Ende un jedes Weges, auf den Grund jeder Sache zu gehen, und bei denen der Zweifel nicht die Träumerei, ſondern die hie Gereiztheit hervorbringt. un Sie ritten weiter. od Die Blitze leiteten ſie ein wenig und boten ihnen feh überdies ein herrliches Schauſpiel. In Zwiſchenräumen übergoß ſich der Wald oben auf den Bergen und in der Bt Tiefe der Schluchten mit Purpur, und der Fluß nahm zu ge ihren Füßen die Todesbläſſe des Stahls an. au Julius ſagte ſeit einer Viertelſtunde nichts mehr, 5 F ˙ und Samuel ſpottete ganz allein über die letzten Schläge des ſterbenden Donners, als plöslich Julius ſein Pferd anhielt und ausrief: „Ah! da haben wir, was wir brauchen!“ Und er dentete auf eine Burgruine, die ſich zu ihrer Rechten erhob. „Dieſe Ruine?“ fragte Samuel. — 17 „Ja, ſie wird wohl einen Winkel haben, der uns ein Obdach bietet. Wir warten dort, bis der Sturm vorüber iſt, oder wenigſtens bis der Regen aufhört.“ „Ja, und unſere Kleider werden uns auf dem Rücken trocknen, und wir bekommen eine gute Bruſtentzündung, wenn wir ſo naß und unbeweglich bleiben! Gleichviel! wir wollen ſehen, wie es mit der Burg iſt.“ Mit einigen Schritten erreichten ſie den Fuß der Ruine; doch es war nicht leicht hineinzukommen. Des von den Menſchen verlaſſenen Schloſſes hatte ſich das Buſchwerk bemächtigt. Der Eingang war durch jene Pflanzen und Sträuche verſperrt, die mit den eingeſtürzten Mauern befreundet find. Samuel ſprengte ſein Pferd, den Biß des Sporns dem Stich der Dorne beifügend, durch Alles. Das Pferd von Julius folgte, und die zwei Freunde befanden ſich im Innern des Schloſſes, wenn ſich über⸗ haupt die Worte Inneres und Schloß auf eingeſunkene und auf allen Seiten offene Trümmer anwenden laſſen. „Hol ho! uns zu beſchirmen führſt Du uns hieher?“ fragte Samuel emporſchauend.„Mir ſcheint, um dies zu erreichen, müßte vor allen Dingen ein Dach oder eine Decke vorhanden ſein, doch Dächer und Decken fehlen leider.“ Aus dieſer vielleicht einſt mächtigen und glorreichen Burg hatte in der That die Zeit ein elendes Gerippe gemacht: von vier Mauern blieben nur noch drei, und auch dieſe hatten ſich durch ihre übermäßig vergrößerten Fenſter ausgehöhlt; die vierte war bis auf den letzten Stein eingefallen. Der Fuß der Pferde ſtolperte bei jedem Tritt. Wur⸗ zeln drückten ſtellenweiſe die geborſtenen Platten empor und durchloͤcherten ſie, als ob es der ſeit drei Jahrhun⸗ derten begrabenen Vegetation gelungen wäre, mit ihren hartnäckigen, knotigen Fingern durch eine unendlich lange Arbeit den Stein ihres Gefängniſſes zu durchbrechen. Gott lenkt. 1. 2 18 Die drei überlebenden Mauern neigten ſich und er⸗ hoben ſich unter dem Hauche des Sturmwindes. Alle Arten von Nachtvögeln ſchwärmten in dieſem offenen Saale umher und empfingen jeden Athemzug des Orkans, jedes Rollen des Donners mit gräßlichen Schreien, unter denen das Geheul des Flußadlers, deſſen Stimme dem Schrei eines Menſchen, den man ermordet, gleicht, beſonders vorherrſchte. „Gut!“ ſagte Samuel zu Julius,„wenn es Dir gefällt, die Nacht hier zuzubringen, mir gefällt es auch. Man iſt hier vortrefflich... beinahe ſo gut als in freier Luft, und man hat überdies den Vortheil, daß der Wind ſich noch wüthender als ſonſtwo verfängt. Wir find, ſtreng genommen, im Trichter des Sturms. Und beim Teufel! die Fledermäuſe und die Raben bieten eine An⸗ nehmlichkeit, die nicht zu verachten iſt. Dieſes Lager ſagt mir zu. Ei! ſieh doch jene Eule, den Vogel des Philoſophen, ſie heftet ihre Glutaugen auf uns; findeſt Du ſie nicht allerliebſt? Abgeſehen davon, daß wir wer⸗ den ſagen können, wir haben in einem Bankettſaale ga⸗ loppirt.“ So ſprechend, gab Samuel ſeinem Pferde beide Sporen und ſprengte nach der Seite, wo die Mauer fehlte; doch kaum hatte er zehn Schritte gemacht, als das Pferd ſich ſo heftig bäumte, daß es Samuel mit dem Kopf mitten in's Geſicht ſtieß. Zu gleicher Zeit rief eine Stimme: „Halt! der Neckar!“ Samuel neigte den Kopf. Er ſchwebte zwei hundert Fuß über dem gähnenden Fluß. Die zwei Vorderfüße des Pferdes hatten beim Bäumen einen Halbkreis im leeren Raum beſchrieben. Der Berg war an dleſer Stelle jählings abſchüſſig, und man hatte die Burg über dem Abgrunde gebaut, der einen Theil der Stärke ihrer Lage bildete. Schling⸗ pflanzen liefen wie eine Guirlande an den Unebenheiten 1 ze c e— — *— c„„ — er Alle enen ans, nter dem ders Dir uch. eier ind ind, eim An⸗ ger des deſt er ga⸗ ide ner als nit en im ig, der ig⸗ ten 19 des Granits umher, ſo daß die alte, durch Jahrhunderte entwurzelte und ſich in den Abgrund, in den ſie zu rollen bereit war, tauchende Burg nur durch ein dünnes Epheu⸗ gewinde feſtgehalten zu ſein ſchien. Ein Schritt mehr war der Tod des Reiters und des Pferdes. Die Mähne geſträubt, die Nüſtern rauchend, das Maul ſchäumend, bebte auch das Pferd an allen ſeinen Muskeln, zitterte es an allen ſeinen Glledern. Aber Samuel blieb ruhig oder vielmehr ſteptiſch, wie er immer war, und die Gefahr, die er gelaufen, ſlößte ihm nur eine Betrachtung ein. „Ah! dieſelbe Stimme!“ fagte er. In der Stimme, welche gerufen: Halt! hatte Sa⸗ muel die Stimme des Mädchens erkannt, das ihm ſchon das Höllenloch genannt. „Oh! diesmal,“ rief Samuel,„und wäreſt Du, was Du zu ſein ſcheinſt, Here in der dritten Potenz, werde ich Deiner habhaft werden.“ Und er ſprengte nach der Seite, von der die Stimme gekommen. Doch auch diesmal mochte er immerhin ſuchen, der Blitz mochte immerhin leuchten, er fand, er ſah Nie⸗ mand. „Vorwärts! vorwärts, Samuell“ rief Julius, dem es nun nicht unangenehm war, aus dieſen Ruinen, voll von Aechzen und Geſchrei, voll von Fallen unn Abſtür⸗ zen zu kommen;„vorwärts! es iſt ſchon genug Zeit verloren.“ Samuel folgte ihm, indem er mit einem Aerger umherſchaute, welchen zu verbergen ihm vie Finſterniß geſtattete. Sie fanden den Weg wieder und ſetzten ihren Marſch fort; Julius ernſt und ſchweigſam; Samuel lachend und fluchend, wie ein Räuber von Schiller. Eine Entdeckung gab Julius einige Hoffnung. Als er aus der Burg herausritt, bemerkte er einen Pfad, der an einem ziemlich ſanften Abhange gegen den Fluß hin⸗ ablief. Ohne Zweifel führte dieſer benützbare und, wie es ſchien, benützte Pfad zu einem Dorfe, oder wenigſtens zu einer Wohnung. Doch nach einer halben Stunde hatten ſie noch nichts als den Fluß getroffen, auf deſſen abſchüſſigem Ufer ſie, ſeinem geräuſchvollen Laufe aufwärts folgend, hinritten. Von irgend einem Lager war keine Rede. Während dieſer ganzen Zeit fiel der Regen mit der⸗ ſelben Heftigkeit. Die Kleider der zwei Gefährten waren durchnäßt, die Pferde von der Anſtrengung erſchöpft. Ju⸗ lius konnte nicht mehr; Samuel ſelbſt ſing an ſeine Heiterkeit zu verlieren. „Beim Satan!“ rief er,„die Sache wird abge⸗ ſchmackt; ſeit zehn Minuten haben wir weder mehr einen Blitz, noch ein Rollen des Donners gehabt. Das ge⸗ ſtaltet ſich zu einem reinen Platzregen. In der That, das iſt ein ſchlechter Spaß des Himmels. Ich wollte eine furchtbare Gemüthsbewegung und nicht eine lächer⸗ liche Langweile. Der Orkan ſpottet meiner ebenfalls; ich fordere ihn heraus, mich zu erſchlagen, er macht mir einen Schnupfen.“ Julius antwortete nicht. „Bei meiner Treue!“ ſagte Samuel,„ich habe große Luſt, es mit einer Beſchwörung zu verſuchen.“ Und mit lauter, feierlicher Stimme fügte er bei: „Im Namen des Höllenlochs, aus dem wir Dich haben herauskommen ſehen! im Namen des Bocks, Deines be⸗ ſten Freundes! im Namen der Raben, der Fledermäuſe und der Nachteulen, die wir ſeit dem beſeligenden Zu⸗ ſammentreffen mit Dir im Ueberfluß auf dem Wege ge⸗ funden haben! hübſche Herxe, die Du ſchon zweimal mit mir geſprochen, ich beſchwöre Dich! Im Namen des Hoͤllenlochs, des Bocks, der Raben, der Fledermäuſe und — c der hin⸗ wie ens och em nd, er⸗ ren zu⸗ ine ge⸗ ten ge⸗ at, lte r⸗ 63 ir be en e ſe u⸗ e⸗ it es d 21¹ der Nachteulen, erſcheine! erſcheine! erſcheine! und ſage, ob wir in der Nähe einer menſchlichen Wohnung ſind.“ „Wenn Ihr Euch verirrt hättet, ſo würde ich Euch gewarnt haben,“ erwiederte in der Dunkelheit die klare Stimme des Mädchens:„Ihr ſeid auf dem rechten Weg; folgt ihm noch zehn Minuten, und Ihr werdet zu Eurer Rech⸗ ten hinter einem Lindengehölze ein gaſtfreundliches Haus finden. Auf Wiederſehen!“ Samuel ſchaute nach der Stelle empor, von wo die Stimme kam, und erblickte eine Art von Schatten, der zehn Fuß über ſeinem Kopfe zu ſchweben und an der Seite des Berges hinzulaufen ſchien. Er fühlte inſtinctartig, der Schatten würde ver⸗ ſchwinden. „Halt!“ rief ihm Samuel zu,„ich habe Dich noch etwas zu fragen.“ „Was 2“ verſetzte das Mädchen, indem es auf einer Felſenſpitze ſtehen blieb, welche zu ſchmal zu ſein ſchien, daß ſich ein Fuß, und wäre es der einer Zauberin, darauf ſtellen könnte. Er ſchaute, wie er zu ihr hinauf zu gelangen ver⸗ moͤchte, doch der Pfad, auf dem die zwei Reiter mar⸗ ſchirten, war aus dem Felsgeſtein ausgehauen: es war ein Pfad für Menſchen, der, dem die Zauberin folgte, war ein Pfad für Ziegen. Da er ſah, daß er zu dem hübſchen Mädchen nicht mit den Beinen ſeines Pferdes gelangen konnte, ſo wollte er es wenigſtens mit der Stimme erreichen. e wandte ſich gegen ſeinen Freund um und ſagte zu ihm: „Nun! mein lieber Julius, ich zählte Dir vor einer Stunde die Harmonien dieſer Nacht auf: den Sturm, meine zwanzig Jahre, den Wein des alten Fluſſes, und, Hagel und Donner! ich vergaß die Liebe! die Liebe, welche alle andere enthält, die Liebe, die wahre Jugend, die Liebe, den wahren Sturm, die Liebe, die wahre Trun⸗ kenheit!“ t Dann ließ er ſein Pferd einen Sprung machen, um ſich dem Mädchen zu nähern, und ſagte: „„Ich liebe Dich, reizende Here. Liebe mich eben⸗ falls, und wenn Du willſt, ſo machen wir eine ſchöne Hochzeit. Ja, auf der Stelle. Wenn die Königinnen heirathen, 0 ſo läßt man das Waſſer aus den Fontainen ſpringen und 4 feuert mit Kanonen. Bei unſerer Hochzeit läßt Gott den Regen ſtrömen und den Donner rollen. Ich ſehe wohl, daß es ein ächter Bock iſt, was Du da führſt, und( ich halte Dich für eine Here; doch ich nehme Dich. Ich„ gebe Dir meine Seele, gib mir Deine Schoͤnheit!“ „Sie ſind ruchlos gegen Gott und undankhar gegen mich, rief das Mädchen verſchwindend. u Samuel verſuchte es noch einmal, dem Schatten zu C 8 5 folgen, doch der Abhang war entſchieden nicht zu er⸗ klettern. „Vorwärts! vorwärts, komm!“ ſagte Julius. „Und wohin ſoll ich gehen?“ verſetzte Samuel miß⸗ k ſtimmt. „Nach dem Hauſe, das ſie uns hezeichnet hat.“ r „Gut! Du glaubſt daran? Und wenn dieſes Haus beſteht, wer ſagt Dir, daß es nicht eine Mördergrube iſt, S in welche verſpätete Reiſende zu locken die ehrliche Per⸗ ſon den Auftrag hat?“ „Haſt Du gehort, was ſie geſprochen, Samuel? ſe Undankbar gegen ſie, ruchlos gegen Gott!“ „Wohl denn! da Du es willſt,“ verſetzte der junge Mann.„Ich glaube nicht, doch wenn es Dir Vergnügen w macht, ſo will ich mir den Anſchein geben, als glaubte ich.“ „Schlimmer Geiſt!“ rief Julius, nachdem ſie noch zehn Minuten marſchirt waren. Und er deutete auf das von dem Mädchen bezeichnete Lindengehölze. Ein Licht glänzte durch die Zweige und verkündigte, daß ſich hinter den Bäumen ein Haus erhob. un⸗ um en⸗ öne en, ind ott he ſh en zu r ß⸗ 16 ſ, r⸗ 23 Beide ritten unter den Linden durch und kamen zum Git⸗ ter des Hauſes. Julius ſtreckte die Hand nach der Klingel aus. „Du läuteſt an der Mördergrube?“ ſagte Samuel. Julius antwortete nicht und läutete. „Ich wette,“ ſprach Samuel, indem er die Hand auf den Arm des jungen Mannes legte,„ich wette mit Dir, es iſt das Mädchen mit dem Bock, das uns öffnen wird.“ Die erſte Thüre öffnete ſich, und eine menſchliche Geſtalt mit einer Blendlaterne ſchritt auf das Gitter zu, wo Julius läutete. „Wer Sie auch ſein mögen,“ ſagte Julius zu der Perſon, die ſich näherte,„berückſichtigen Sie das Wetier und die Lage, in der wir uns befinden; mehr als vier Stunden marſchiren wir durch Dick und Dünn, durch Ab⸗ gründe und Sturzbäche; geben Sie uns Obdach für die Nacht.“ „Treten Sie ein,“ ſprach eine den jungen Leuten be⸗ kannte Stimme. Es war die des Mädchens vom Wege bei der Burg⸗ ruine und vom Höllenloch. „Du ſiehſt,“ ſagte Samuel zu Julius, der ſich eines Schauders nicht erwehren konnte. „Was für ein Haus iſt das?“ fragte Julius. „Nun! treten Sie nicht ein, meine Herren?“ ver⸗ ſetzte das Mädchen. „Doch, bei Gott!“ erwiederte Samuel.„Ich würde bole eintreten, wenn nur die Thürhüterin hübſch re. Sperlinge, die Grasmücken und die Stieglitze feierten ihre 2 Maimorgen.— Jugendtag Als Julius am andern Morgen in einem vort Bette erwachte, brauchte er einige Zeit, um zu b wo er war. Er öffnete die Augen. Ein heiterer, durch D ff⸗ nungen eines Ladens gleitender Sonnenſtrahl tanzte ganz beladen mit lebendigen Atomen auf einem gut gewaſchenen Bovden von weichem Holz. Ein freudiges Concert von Vögeln vervollſtändigte vas Licht durch die Melodie. Julius ſprang aus ſeinem Bette. Ein Schlafrock und Pantoffeln lagen für ihn bereit; er zog ſie an und trat an's Fenſter. Kaum hatte er das Fenſter geöffnet und den Laden aufgeſtoßen, als es im Zimmer wie ein Einfall von Ge⸗ ſängen, von Strahlen und Wohlgerüchen war. Die Woh⸗ nung ging auf einen reizenden Garten voll von Blumen und Vögeln. Jenſeits des Gartens das Neckarthal durch⸗ ſchnitten und belebt durch den Fluß. In der Ferne des Horizonts die Berge. Und über Allem dem der an einem ſchönen Maimor⸗ gen glänzende Himmel. Und mitten unter Allem dem i Leben, das in der Luft im Frühling des Jahres kreiſt. Der Sturm hatte auch die letzte Wolke weggefegt. Das Himmelsgewölbe war ganz von jenem tiefen und ru⸗ higen Blau, das eine Idee von dem gibt, was das Lächeln Gottes ſein muß. Julius ergriff ein unbeſchreibliches Gefühl der Friſche und des Wohlbehagens. Ernenert und befeuchtet durch dieſe Regennacht, überſtrömte der Garten von Saft. 25 Freude darüber, daß ſie dem Sturme entkommen, und machten aus jedem Zweige ein Orcheſter. Die Regen⸗ tropfen, welche die Sonne entzündete, um ſie zu trocknen, machten aus jedem Grashalm einen Smaragd. Eine Weinrebe kletterte langſam zum Fenſter empor und ſuchte in das Zimmer einzutreten, um Julius einen Freundſchaftsbeſuch zu machen. Aber Weinrebe, Thau im Garten, Geſänge in den Blättern, Berge in der Ferne, Herrlichkeiten des himmels verſchwanden plötzlich für Julius, und er ſah und hörte nichts mehr von ihnen. Eine junge und reine Stimme hatte ſein Ohr erreicht. Er neigte ſich hinaus und erblickte im Schatten eines die reizendſte Gruppe, die ſich denken äßt. Ein Mädchen von kaum fünfzehn Jahren hielt auf ſeinem Schvoße einen kleinen ungefähr fünfjährigen Knaben und lehrte ihn leſen. Die junge Perſon war, was es Alles Anmuthigſtes in der Welt gibt. Blane Augen, welche die Sanftmuth und den Verſtand offenbarten, Haare blond wie blaſſes Gold auf dem Kopfe mit ſolcher Verſchwendung ausge⸗ ſtreut, daß der Hals zu zart zu ſein ſchien, um ſie zu tragen, eine wunderbare Reinheit der Linien, das ſind Worte, die das leuchtende, von Julius erſchaute Geſchöpf nicht zu ſchildern vermöchten. Was bei ihr beſonders vor⸗ herrſchte, war die Jugend. Ihre ganze Perſon war wie eine Ode an die Unſchuld, eine Hymne an die Durchſich⸗ tigkeit, eine Strophe an den Frühling. Es fand eine un⸗ beſchreibliche Harmonie zwiſchen dieſem Mädchen und die⸗ ſem Morgen, zwiſchen dem durch ihre Augenwimpern Blick und dem Thau, der im Graſe glänzte, att. Das war der Rahmen und das Gemälbe. Was ſie vor Allem beſaß, war die Grazie der Ge⸗ ſtalt. Doch dieſe Grazie hatte nichts Schwächliches, und Alles athmete an ihr Leben und Geſundheit. Sie war auf deutſche Weiſe gekleidet: ein weißer, knapper Leib umſchloß ihre Taille; ein ebenfalls weißer, unten feſtonnirter Rock, kurz genug, um ein hübſches Bein bis zum Knochel ſehen zu laſſen, ſiel an ihren Hüften herab und überſchwemmte ſie mit einer durchſichtigen Woge. Roſig und friſch unter ſeinen aſchblonden Locken, nahm der kleine Knabe, den ſie auf ihrem Schvoße hielt, ſeine Lection im Leſen mit einer außerordentlich aufmerk⸗ ſamen und ernſten Miene. Er nannte, indem er ihnen mit dem Finger auf dem Buche folgte, die mittleren Buch⸗ ſtaben des Alphabets, welche größer waren, als ſein Finger. Hatte er einen Buchſtaben genanut, ſo ſchaute er ſchüch⸗ tern zu ſeiner Lehrerin empor, um zu ſehen, ob er ſich nicht getäuſcht. Wenn er ſchlecht geſagt, ſo tadelte ſie ihn, und er fing wieder an. Wenn er richtig geſagt, ſo lächelte ſie, und er fuhr fort. Julius konnte nicht ſatt werden an dieſer reizenden Scene. Dieſe gottliche Gruppe an dieſem göttlichen Ort, dieſe Stimme eines Kindes unter dieſem Geſchwätze der Vögel, dieſe Schönheit des Mädchens in dieſer Schoͤnheit der Natur, dieſer Frühling bildeten einen ſolchen Contraſt mit den heftigen Eindrücken der Nacht, daß er ſich von einer Rührung ergriffen fühlte und in eine köſtliche Be⸗ ſchauung verſank. Er erwachte ungeſtüm daraus, als er einen Kopf den ſeinigen berühren fühlte. Samuel war eingetreten und hatte ſich auf den Fußſpitzen genähert, um zu ſehen, was Julius ſo aufmerkſam betrachtete. Mit einer flehenden Geberde forderte ihn Julius auf, kein Geräuſch zu machen. Aber ſehr wenig empfindſam, nahm Samuel keine Rückſicht auf die Bitte, und da ihn die Weinrebe ein wenig im Sehen hinderte, ſo ſchob er ſie mit der Hand auf die Seite. Bei dem Knſſtern der Blätter ſchaute das Mädchen — e—„ 8———— 27 empor und erroͤthete leicht. Der kleine Knabe ſchaute auch nach dem Fenſter und vernachläßigte, als er die Fremden ſah, ſein Buch. Er fehlte im Namen beinahe aller Buchſtaben. Die junge Perſon ſchien ein wenig un⸗ geduldig zu werden, mehr vielleicht über das Beſchwerliche dieſer Blicke, als über die Verſehen des Knaben; nach einer Minute ſchloß ſie das Buch ohne Affertation, ſtellte ihren Schüler auf den Boden, ſtand auf, ging unter dem Fenſter von Julius vorüber, erwiederte den Gruß, den die jungen Leute an ſie richteten, und kehrte mit dem Kinde in das Haus zurück. Julius wandte ſich ärgerlich gegen Samuel um und ſagte zu ihm: „Du hatteſt auch nöthig, ſie zu verſcheuchen!“ „Ja, ich begreife,“ erwiederte Samuel ſpöttiſch,„der Sperber hat der Lerche hange gemacht. Doch ſei unbe⸗ ſorgt, dergleichen Vogel ſind ganz zahm und kommen im⸗ mer wieder.. Ah! Du biſt heute Nacht nicht ermordet worden? Dem Anſcheine nach war dieſe Moͤrdergrube ziemlich wohnlich. Ich ſehe, daß Dein Zimmer nicht geringer iſt, als das meinige. Du haſt ſogar im Vorzug vor mir die Geſchichte von Tobias in Kupfer⸗ ſtichen.“ 8 „Mir iſt, als hätte ich geträumt,“ ſagte Julius. „Laß uns die Ereigniſſe dieſer Nacht vurchgehen; es iſt die hübſche junge Perſon mit dem häßlichen Bock, die uns geoffnet hat, nicht wahr? Sie hat uns mit einem ge⸗ heimnißvollen Zeichen Stillſchweigen auferlegt; ſie hat uns den Stall für unſere Pferde gezeigt, ſie iſt uns in dus Haus vorangegangen und hat uns in den zweiten Stock zu dieſen zwei an einander ſtoßenden Zimmern ge⸗ führtz ſie hat dieſe Lampe angezündet; ſie hat einen Knir gemacht und iſt, ohne eine Sylbe geſprochen zu haben, behende verſchwunden. Du, Samuel, kamſt mir beinahe ſo erſtaunt vor, als ich es war. Du wollteſt ſie jedoch verfolgen, ich hielt Dich zurück, und wir entſchloſſen uns, zu Bette zu gehen und zu ſchlafen. Iſt das ſo?“ k „Deine Erinnerungen,“ ſagte Samuel,„find äußerſt genau und entſprechen wahrſcheinlich der einfachſten Wirk⸗ ſ üchkeit. Ich wette, Du verzeihſt mir nun, daß ich Dich aus dem Gaſthauſe geſtern Abend hierher geführt habe. Wirſt Du noch den Sturm verleumden? Hatte ich Un⸗ recht, wenn ich Dir ſagte, das Schlimme bringe das Gute hervor? Der Donner und der Regen haben uns n ſchon zwei ſehr anſtändig meublirte Zimmer, das Schau⸗ d ſpiel einer bewunderungswürdigen Landſchaft und die Be⸗ kanntſchaft mit einem herrlichen Mädchen verſchafft, wel⸗ V ches zu lieben, um artig zu ſein, wir nicht umhin konnen, w und das, um gaſtfreundlich zu ſein, uns nothwendig eben⸗ bi falls lieben muß.“ E „Abermals Läſterungen!“ rief Julius. ni Samuel wollte durch eine Spötterei antworten, als ſti eine alte Magd eintrat; ſie hrachte den zwei Gefährten, T mit ihren getrockneten und gereinigten Kleidern, Broo und Milch zum Frühſtück. tie Julius dankte ihr und fragte ſie, bei wem ſie wären. Die Alte antwortete, ſie ſeien im Pfarrhauſe von Landeck, er beim Paſtor Schreiber. ſo Und da die gute Frau geſchwätzig war, ſo vervoll⸗ R ſtändigte ſie aus freien Stücken, während ſie im Zimmer V umher aufräumte, ihre Mittheilungen: P Die Frau des Paſtors ſei vor fünfzehn Jahren bei H ver Geburt von Mamſell Chriſtiane geſtorben. Sodann habe der Pfarrer vor drei Jahren auch ſeine ältere Tochter fri Margarethe verloren, und nun lebe er allein mit ſeiner hit Tochter, Mamſell Chriſtiane, und ſeinem Enkel Lothario, em Kinde von Margarethe. n dieſem Augenblicke ſei der würdige Pfarrer mit Ghriſtiane nach dem Dorfe gegangen, wohin ihn ſeine reli⸗ giöſen Pflichten zur Kirche gerufen. Doch um Mittag, be s en. d, ⸗ ner bei mnn ter ner rio, mit eli⸗ ag, 29 das heißt zur Stunde des Mittagsmahles, werbe er zurück⸗ kommen und ſeine Gäſte ſehen.. „Aber wer hat uns denn geſtern hier eingeführt?“ ſagte Samuel. „Ah!“ antwortete die Magd,„Gretchen.“ „Gutt nun erklärt uns, wer Gretchen iſt.“ „Gretchen? die Ziegenhirtin.“ „Die Ziegenhirtin!“ verſetzte Julius.„Das erklärt wohl die Dinge im Allgemeinen und den Bock insbeſon⸗ dere. Und wo iſt ſie nun?“ „Oh! ſie iſt nach ihrem Berge zurückgekehrt. Im Winter oder wenn das Wetter im Sommer zu ſtürmiſch wird, kann ſie die Nacht nicht in ihrer Bretterhütte zu⸗ bringen, und ſie ſchläft dann im Pfarrhauſe, wo ſie ihre Stube neben der meinigen hat; aber ſie verweilt hier nicht lange. Es iſt ein gar drolliges Geſchöpf. Sie er⸗ S zwiſchen den Mauern und braucht Luft wie ihre hiere.“ „Aber mit welchem Rechte hat ſie uns hier einquar⸗ tiert?“ fragte Julius. „Nicht kraft eines Rechtes, ſondern kraft einer Pflicht,“ erwiederte die Magd;„der Herr Pfarrer empfiehlt ihr, ſo oft er ſie ſieht, ihm jeden verirrten oder ermüdeten Reiſenden, den ſie treffe, zu bringen, denn es gibt kein Wirthshaus in der Gegend, und er ſagt, das Haus des Prieſters ſei das Haus Gottes, und das Haus Gottes das Haus Aller.“ Hienach entfernte ſich die Alte. Die jungen Leute kleideten ſich an und gingen in den Garten nab. duß uns bis zum Mittageſſen ſpazieren gehen,“ ſagte amuel. „Nein,“ erwiederte Julius,„ich bin müde.“ Und er ſetzte ſich auf eine von einem Geisblattbaum beſchattete Bant. „Müde!“ verſetzte Samuel.„Du kommſt ja gerade us Deinem Bett.“ Doch bald ſchlug er ein Gelächter auf. „Ohl ja, ich begreife, das iſt die Bank, auf der Chriſtiane ſaß. Oh! mein armer Julius, ſchon!“ Julius erhob ſich ganz verwirrt. „Gehen iſt im Ganzen eben ſo gut,“ ſagte er. „Wir werden alle Zeit zum Sitzen haben. Durchwandern wir den Garten.“ Und er fing an von den Blumen und von den An⸗ lagen der Alleen zu reden, als ob es ihn drängte, das Geſpräch von dem Gegenſtand, auf den es Samuel gebracht hatte, nämlich von der Bank und der Tochter des Pfar⸗ rers, abzulenken. Er wuße nicht warum, doch der Name Chriſtiane, in dem ſpöttiſchen Munde von Samuel, fing an, ihm unangenehm zu werden. Sie gingen ſo eine Stunde lang umher. Am Ende des Gartens lag ein Baumſtück. In dieſer Jahreszeit war aher das Baumſtück auch ein Garten. Die Apfel⸗ bäume und die Pfirſichbäume waren erſt ungeheure Sträuße von weißen und roſenfarbenen Blumen. „Woran denkſt Du?“ fragte plötzlich Samuel ſeinen Freund, der ſeit einem Augenblick träumte und kein Wort ſprach. Wir wollen nicht behaupten, Jullus ſei bei ſeiner Antwort völlig aufrichtig geweſen; doch er erwiederte: „An meinen Vater.“ „An Deinen Vater? Ich bitte, aus welcher Ver⸗ anlaffung denkſt Du an dieſen berühmten Gelehrten 2 „Eil weil er vielleicht morgen zu dieſer Stunde kei⸗ nen Sohn mehr haben wird.“ „Ohl mein Lieber, machen wir nicht zum Voraus unſer Teſtament. Ich werde morgen wenigſtens eben fo ſehr als Du Gefahr laufen. Doch hieran zu denken iſt es Zeit. Du weißt nicht, in welchem Grade inbildungskraft den Willen abſtumpft. Darin ſtehen die E —„ —c S„ 8— „—— de er r. en r⸗ 31¹ die erhabenen Geiſter unter den Dummköpfen, und wir wol⸗ len uns dem, ſo viel an uns liegt, nicht unterwerſen.“ „Sei unbeſorgt,“ erwiederte Julius,„mein Wille wird morgen eben ſo wenig, als mein Muth, vor der Ge⸗ fahr ſchwach werden.“ „Ich bezweifle es nicht, Julius. Laß alſo Deine grämliche Miene. Ich glaube auch, der Pfarrer und ſeine Tochter kommen gerave zurück. Ah! ah! Dein Lächeln kehrt, wie mir ſcheint, mit ihnen zurück. War es auch in die Kirche gegangen?“ „Schlimmer Geiſt!“ verſetzte Julius. Der Paſtor und Chriſtiane kamen in der That nach Hauſe. Chriſtiane ging unmittelbar nach der Pfarrwoh⸗ nung, der Paſtor eilte auf ſeine Gäſte zu. Fünk Stunden in fünt Mlinuten. Der Pfarrer Schreiber hatte die feſte, redliche Phy⸗ ſiognomie eines deutſchen Prieſters, der gewohnt iſt, das, was er predigt, auch auszuüben. Er war ein Mnnn von ungefähr fünfundvierzig Jahren, und folglich noch jung. Sein Geſicht trug das Gepräge einer melancholiſchen und ernſten Gutmüthigkeit an ſich. Der Ernſt rührte von ſeinem Amte, die Melancholie vom Tode ſeiner Frau und ſeiner Tochter her. Man fühlte, daß er ſich nicht getröſtet hatte, und der unabläſſige Schatten des menſch⸗ lichen Beklagens kämpfte auf ſeiner Stirne mit der irö⸗ ſtenden Klarheit der chriſtlichen Hoffnungen. Er reichte den jungen Leuten die Hand, erkundigte ſich theilnehmend, wie ſie geſchlafen, und dankte ihnen, daß ſie die Güte gehabt, an ſeine Thüre zu klopfen. Einen Augenblick nachher läutete die Glocke zum Mittagsmahle. „Gehen wir zu meiner Tochter, meine Herren,“ ſagte der Geiſtliche;„ich zeige Ihnen den Weg.“ „Er fragt uns nicht nach unſerem Namen,“ flüſterte Samuel Julius zu.„Es iſt nun unnöthig, ſie ihm zu ſagen. Der Deinige iſt vielleicht zu glänzend für die Beſcheidenheit der Kleinen, und der meinige zu hebräiſch für die Frömmigkeit des guten Mannes.“ „Es ſei,“ ſagte Julius,„geben wir uns das An⸗ ſehen von Prinzen und ſpielen wir Incognitv.“ Sie traten in das Speiſezimmer ein, wo ſie Chri⸗ ſtiane und ihren Neffen wiederfanden. Chriſtiane grüßte die zwei jungen Leute anmuthig und zugleich ſchüchtern. Man ſetzte ſich an einen einfach, aber reichlich beſtell⸗ ten viereckigen Tiſch, der Pfarrer zwiſchen die zwei Freunde, Chriſtiane ihm gegenüber, und von Julius durch das Kind getrennt. Es war Anfangs ſehr ſtill bei dem Mahle, Julius ſchwieg verlegen vor Chriſtiane. Chriſtiane ſchien ſich nur mit dem kleinen Lothariv zu beſchäftigen, den ſie pflegte wie eine junge Mutter, und der ſie ſeine Schwe⸗ ſter nannte. Das Geſpräch wurde alſo beinahe nur durch den Pfarrer und Samuel unterhalten. Der Pfar⸗ rer war glücklich, Studenten zu empfangen. „Ich bin auch Studioſus geweſen,“ ſagte er, „das Leben der Studenten war damals heiter.“ „Es iſt jetzt etwas mehr dramatiſch,“ erwiederte Samuel Julius anſchauend. „Ah!“ fuhr der Paſtor fort,„das war die beſte Zeit meines Lebens. Seitdem habe ich dieſe Anfänge ziemlich theuer bezahlt. Ich hoffte damals auf das Le⸗ ben. Nun iſt es gerade das Gegentheil. Oh! ich ſage das nicht, um Sie traurig zu machen, meine jungen Gäſte; ich ſage es beinahe heiter, wie Sie bemerken können. Und ich wünſche in jedem Fall, daß mir das 33 Leben erhalten bleibe, bis ich meine Chriſtiane glücklich in dem Hauſe eines Gatten geſehen habe „Mein Vater,“ unterbrach ihn Chriſtiane mit dem Tone zärtlichen Vorwurfs. „Du haſt Recht, meine blonde Weisheit,“ verſetzte der Pfarrer,„ſprechen wir von etwas Anderem. Weißt Du, daß, Gott ſei Dank, der Orkan der vergangenen Nacht beinahe alle meine Pflanzen verſchont hat?“ „Sie ſind Botaniker, mein Herr?“ fragte Samuel. „Ein wenig,“ antwortete mit einigem Stolz der Pfarrer.„Sollten Sie es auch ſein, mein Herr 2“ „Zu meinen Stunden,“ erwiederte nachläſſig der junge Mann. Dann, während er den Pfarrer über ſeine Lieblings⸗ ſtudien ſich verbreiten ließ, entlarbte, ſo zu ſagen, Samuel tiefe und fühne Kenntniſſe; er beluſtigte ſich damit, vaß er den würdigen Mann durch ſeine neuen Wahrnehmungen und ſeine unvorhergeſehenen Ideen in Erſtaunten ſetzte, und brachte endlich, ohne von ſeiner artigen, kalten, ein wenig ſpoͤttiſchen Manier abzuweichen, und ohne das Anſehen zu haben, als thue er es abſichtlich, durch die Ueberlegenheit ſeines wahren Wiſſens die ein wenig ober⸗ flächliche und beſonders veraltete Gelehrſamkeit des Geiſt⸗ lichen in Verwirrung. Julius und Chriſtiane, welche bis daher ſtumm ge⸗ blieben waren und ſich nur verſtohlen beobachtet hatten, fingen mittlerweile an, ein wenig vertrauter zu werven. Lothario diente Anfangs als Band zwiſchen ihnen. Julius wagte es noch nicht, ſelbſt mit Chriſtiane zu ſprechen, doch er richtete an Lothario Fragen, die das Rind nicht beantworten konnte; dann fragte dieſes Chri⸗ ſiane, welche Lothario und Julius antworteie. Und Julius fühlte ſich ganz glücklich dadurch, vaß der Ge⸗ danke des jungen Mädchens, um zu ihm zu gelangen, dieſen reinen, geliebten Mund zum Vermittler wählte. Durch jene Raſchheit und Leichtigkeit der Ausdeh⸗ Gott lenkt. 1. 3 34 nung, die der höchſte Reiz des Kindes iſt, waren ſie auch beim Nachtiſch ſchon alle drei gute Freunde. Als man aufſtand, um den Kaffee im Garten unter dem Schatten zu nehmen, bevrückte es Julius das Herz, und er faltete die Stirne, da er ſah, daß Samuel ſich ihnen näherte und hiedurch den Anfang ihrer ſüßen Ver⸗ traulichkeit ſtörte. Der Pfarrer hatte ſelbſt den alten franzöſiſchen Branntwein holen wollen. Nicht aus Mangel an Kühnheit ſündigte der große ſpöttiſche Samuel, und Julius entrüſtete ſich über den ruhigen, bedeutungsloſen Blick, den er auf der reizenden Chriſtiane ruhen ließ, als er zu ihr ſagte: „Wir haben Sie um Verzeihung zu bitten, daß wir dieſen Morgen alberner Weiſe die Lection ſtörten, die Sie Ihrem kleinen Neffen gaben.“ „Oh!“ erwiederte ſie,„ich war damit zu Ende.“ „Ich konnte mich eines Ausrufs nicht erwehren. Stellen Sie ſich vor, daß wir, in Betracht ſeines An⸗ zugs, ſeines Bocks und der Blitze ſehr gereizt waren, das Mävchen, das uns hier eingeführt hat, für eine Here zu halten. Wir entſchlummerten in dieſer Idee, und am Morgen, da wir unſer Fenſter öffnen, finden wir den Vock in ein anbetungswürdiges Kind verwandelt, und Se „Das war ich,“ fiel Chriſtiane mit einer heiteren und auch ein wenig ſpöttiſchen Mundverziehung ein. Und ſie wandte ſich gegen Julius um, der ſich das Anſehen der Zurückhaltung gab, und fragte ihn: Sie mich auch für eine Hexe gehalten, mein Herr?“ „Ei! es iſt nicht natürlich, ſo hübſch zu ſein,“ er⸗ wiederte Julius. Chriſtrane, welche bei dem Worte von Samuel ge⸗ lächelt hatte, erröthete bei dem Worte von Julius. Eingeſchüchtert dadurch, daß er ſo viel geſagt, tehrte Julius eiligſt zu dem Kinde zurück. Ju „ ent ruh völ ich hin tre reiz auch unter Herz, ſich Ver⸗ alten roße den nden wir Sie . hren. An⸗ das e zu am den und eren das mein er⸗ ge⸗ hrte 35 „Lothario, willſt Du, daß wir Dich auf die Uni⸗ verfität mitnehmen?“ ſagte er. „Schweſter,“ fragte Lothario,„was iſt das, die Univerſität? „Das iſt das, was, wie man denkt, die Leute Alles lehrt, mein Kind,“ erwiederte heiter der Pfarrer, der ſo eben zurückkehrte. Das Kind wandte ſich ernſt an Julius und ſagte: „Ich brauche nicht mit Ihnen zu gehen, da ich meine Schweſter zur Univerſität habe. Chriſtiane weiß Alles: ſie kann leſen, ſchreiben, und das Franzöſiſche, und die Mufik, und das Italieniſche. Ich werde ſie nie in mei⸗ nem Leben verlaſſen.“ „Ach! Du biſt glücklicher als wir, mein Junge,“ ſagte Samuel:„denn für uns, Julius, hat die Stunde zum Aufbruch geſchlagen.“ „Wie!“ rief der Pfarrer,„Sie ſchenken mir nicht wenigſtens dieſen Abend?“ „Tauſend Dank!“ verſetzte Samuel,„doch unſere Gegenwart in Heidelberg iſt heute Abend unerläßlich.“ „Eil am Abend gibt es weder Curſus, noch Appel.“ „Nein, doch es ruft uns eine noch ernſtere Pflicht; Julius weiß es wohl.“ „Treffen wir einen Vergleich,“ ſprach der Pfarrer. „Heidelberg iſt nur ſieben bis acht Stunden von Landeck entfernt; Sie können immerhin, um Ihre Pferde aus⸗ ruhen und die Hitze des Tages ahnehmen zu laſſen, bis um vier Uhr hier verweilen. Sie werden, noch ehe es völlig Nacht geworden iſt, in der Stadt ſein, dafür ſtehe ich Ihnen.“ „Unmöglich. Bei der Nothwendigkeit, die uns dort⸗ hin ruft, iſt es für uns Bedürfniß, eher voraus einzu⸗ treffen; nicht wahr, Julius?“ „Wahrhaftig?“ flüſterte Chriſtiane, indem ſie ihr reizendes blaues Auge zu Julius aufſchlug. 36 Julius, der bis dahin geſchwiegen hatte, widerſtand der ſanften Frage nicht. „Höre, Samuel,“ ſagte er,„wir wollen unſere vor⸗ trefflichen Wirthe in ihrer Freundlichkeit nicht mißſtim⸗ men. Wir können auf den Punkt vier Uhr abreiſen.“ Samuel umfaßte mit ſeinem boshaften Blick Julius und das Mädchen. „Du willſt es! es ſei,“ ſagte er mit einem abge⸗ feimten Lächeln zu Julius. „So iſt es gut!“ rief der Pfarrer.„Und nun das Programm des Tages. Von jetzt bis um drei Uhr zeige ich Ihnen meine Sammlungen und meinen Garten, meine Herren; dann geben wir, die Kinder und ich, Ihnen das Geleit bis zum Kreuzweg von Neckarſteinach. Ich habe einen geſchickten und kräftigen Burſchen, der Ihnen die Pferde dahin führen wird; Sie ſollen ſehen, der Weg der Ihnen ſo gräßlich in der Nacht und im Sturme ge⸗ ſchienen hat, iſt reizend im Sonnenſchein. Und wir be⸗ gegnen hiebei ohne Zweiſel Ihrer vermeintlichen Here. Sie iſt es wohl auch ein wenig in Wirklichkeit, doch auf die chriſtlichſte Weiſe der Welt, denn es iſt ein keuſches und frommes Kind.“ „Ahl es würde mich freuen, ſie auch bei Tage zu ſehen,“ ſprach Samuel.„Doch nun zu Ihren Kräuter⸗ büchern, mein Herr,“ ſagte er zu dem Pfarrer, indem er aufſtand. Und als er an Julius vorüberging flüſterte er ihMm in's Ohr: „Ich will den Vater beſchäftigen und mit ihm über Tournefort und Linné anbinden. Bin ich ergeben genug 2 Er bemächtigte ſich in der That des Pfarrers, und Julius war einige Augenblicke allein mit Chriſtiane und Pothario. Sie fühlten ſich nun behaglicher beiſammen; ſie wagten es, ſich anzuſchauen und mit einander zu ſprechen. Der Eindruck, den Chriſtiane auf Julius hervorgebracht —————— e—— — — tand vor⸗ tim⸗ lius bge⸗ das eige eine das habe die Leg, ge⸗ be⸗ ere. auf ches e zu ter⸗ dem ihm g 4 und und en rzu acht 37 hatte, grub ſich immer tiefer in ihn. Es konnte nichts Friſche⸗ res und Lebendigeres geben, als dieſes ſanfte Antlitz, auf dem wie in einem offenen Buche alle jungfräulichen Heiterkeiten zu leſen waren. Der Blick von Chriſtiane war rein wie das Waſſer der Quelle und ließ im Grunde ein reizendes und feſtes Herz ſehen. Güte und Schön⸗ heit, das war eine Natur ganz durchſichtig wie dieſer Maitag. Die Gegenwart von Lothario machte zugleich die Freiheit und die Unſchuld der ſüßen Unterhaltung. Chri⸗ ſtiane zeigte Julius ihre Blumen, ihre Bienen, ihren Ge⸗ flügelhof, ihre Muſik, ihre Bücher, das heißt, ihr ganzes ruhiges, einfaches Leben. Dann ſprach ſie ein wenig von ihm ſelbſt. „Wie,“ ſagte ſie einmal zu ihm,„wie können Sie, der Sie ſo friedlich und ſanft zu ſein ſcheinen, einen ſo ſpöttiſchen und ſo hochmüthigen Freund haben?“ Sie hatte wohl bemerkt, daß Samuel über die Treu⸗ herzigkeit ihres Vaters ſpottete, und ſogleich einen Wider⸗ willen gegen ihn gefaßt. Julius dachte, das Gretchen von Göthe ſage über Mephiſtopheles etwas ungefähr Aehnliches in der köſtlichen Gartenſcene. Doch er war ſchon ſo weit, daß er fand, das Gretchen von Fauſt ſei nicht mit ſeiner Chriſtiane zu vergleichen. Im Verlaufe des Geſprächs bemerkte er, daß die Naivetät und die Anmuth des Mädchens einen Grund von Vernunft und Feſtigkeit verbargen, den ſie wohl dem traurigen Umſtande einer Kindheit ohne Mutter zu verdanken hatte. Unter dem Kinde war ſchon die rau. Der Eine und die Andere konnten ſich einer naiven Bewegung des Erſtaunens nicht erwehren, als der Pfarrer und Samuel zu ihnen zurückkamen und ihnen erklärten, drei Uhr, und man müſſe ſich auf den Weg be⸗ geben. glückliche und vergeßliche Uhr der erſten Schläge des Herzens. Mißtrauen der Blumen und der Pflanzen in Peſichung auf Samuel. Man mußte ſich alſo auf den Weg begeben, aber man hatte noch eine Stunde mit einander zuzubringen. Julius war glücklich bei dieſem Gedanken. Er ge⸗ vachte auf dem Wege mit Chriſtiane das angefangene Geſpräch fortzuſetzen; doch dem war nicht ſo. Chri⸗ ſtiane fühlte inſtinetartig, ſie dürfe ſich Julius nicht zu ſehr nähern. Sie nahm den Arm ihres Vaters, der ſich fortwährend mit Samuel unterhielt. Julius wurde trau⸗ rig und ging hinter ihnen. Sie ſtiegen einen reizenden Hügel durch ein ſchönes Gehölze hinauf, wo die Sonnenſtrahlen in einem durch⸗ ſichtigen Schatten lachten. Die Heiterkeit des Nachmit⸗ tags wurde durch den verliebten Geſang der Nachtigallen gefeiert. unwillig über Chriſtiane. Da verſuchte er ein Mittel. „Lothario, ſieh doch hier,“ ſagte er zu dem anmu⸗ thigen Kinde, das, an ihrem Rocke hängend, neben Chri⸗ ſtiane ging und drei Schritte für einen machte. Lothario lief zu ſeinem alten Freund von zwei Stun⸗ den. Julius zeigte ihm ein Heupferd, das ſich ſchlank, bebend, glänzend, auf einen Strauch geſetzt hatte. Das Kind ſtieß einen Freudenſchrei aus. Fünf Stunden ſind immer fünf Minuten für die Julius hielt ſich, wie geſagt, abwärts; er war ſchon 3 39 die„Wie Schade, daß es Chriſtiane nicht ſieht!“ ſagte des Julius. „Schweſter,“ rief Lothario,„komm geſchwinde!“ Und als Chriſtiane nicht kam, denn ſie fühlte, daß nicht das Kind ſie rief, lief Lothario zu ihr, zog ſie an ihrem Kleide, zwang ſie, den Arm ihres Vaters zu ver⸗ laſſen, und brachte ſie im Triumph, um die ſchönen Flü⸗ gel zu ſehen. Das Heupferd war weggeflogen, aber Chriſtiane war ii gekommen. „Du haſt mich umſonſt gerufen,“ ſaßte Chriſtiane. Und ſie kehrte zu ihrem Vater zurück. ber Julius fing dieſes Manveuvre mehrere Male wieder an. Er ließ Lothario alle Schmetterlinge und alle Blu⸗ ge⸗ men des Weges bewundern, und bedauerte immer, daß ene Chriſtiane nicht da war, um ſich auch an ihrer Schön⸗ ri⸗ heit zu ergötzen. Bei jeder Gelegenheit lief Lothario ſo⸗ zu gleich weg, um Chriſtiane zu holen, und ſie mußte wohl ſich kommen, ſo ſehr drang er in ſie. Julius mißbrauchte ſo au⸗ das Kind, um dem Mädchen ein paar Sekunden des Alleinſeins zu Drei abzugewinnen. nes Es gelang ihm auch, ſie zu bewegen, durch die ch⸗ kleinen Hände von Lothario, ſeinem unſchuldigen Schuld⸗ it⸗ genoſſen, eine herrliche, friſch erblühte Hageroſe anzu⸗ len nehmen. Chriſtiane kehrte jedoch immer wieder zu ihrem Va⸗ on ter zurück. Sie konnte indeſſen Julius nicht ſchlechten Dank für ſein Verlangen und ſeine Beharrlichkeit wiſſen; nu⸗ mußte denn nicht ſie, das ſanfte Mävchen, gegen ihr ri⸗ eigenes Herz kämpfen, um nicht zu bleiben? „Hoͤren Sie,“ ſagte ſie das letzte Mal zu ihm mit un⸗ einem kindlichen Tone, der ihn entzuckte,„hören Sie, ich nk, wäre wahrhaft unhoflich, wenn ich nur mit Ihnen ſpräche, das und mein Vater würde ſich wundern, wenn ich mich nie bei „ ihm und Ihrem Kameraden hefünde. Doch nicht wahr, H Sie kommen bald wieder? Wir werden öfter mit mei⸗ nem Vater und Lothario ſpazieren gehen, und dann, wenn Sie wollen, beſuchen wir das Höllenloch und die Ruinen des Schloſſes Eberbach, herrliche Landſchaften, Herr Ju⸗ 1 lius, die Sie in der Nacht nicht ſehen konnten, aber bei Tage mit Vergnügen ſehen werden, und diesmal, das verſpreche ich Ihnen, plaudern wir auf unſerer Wan⸗ derung.“ Sie kamen zum Kreuzweg. Die Pferde, die der kleine Diener von Herrn Schreiber bringen ſollte, waren noch nicht eingetroffen. „Laſſen Sie uns ein paar Schritte nach dieſer Seite machen,“ ſagte der Paſtor,„wir werden vielleicht. Gretchen in ihrer Hütte finden.“ Man erblickte in der That bald die kleine Ziegen⸗ hirtin. Ihre Hütte lag, durch den Felſen beſchützt, auf der Mitte der Anhöhe. Um Gretchen weidete ein Dutzend Ziegen, unruhig, mißtrauiſch, überall angehakt, wo ſich ein Loch fand, und nur die Kräuter der Schluch⸗ ten liebend: kurz, wahre Ziegen von Virgil, am Felſen hängend und bittern Geisklee abweidend. Am hellen Tage ſah Gretchen noch ſeltſamer und hübſcher aus, als beim Schimmer der Blitze. Eine dü⸗ 1 ſtere Flamme leuchtete aus ihren ſchwarzen Augen. Ihre ebenfalls ſchwarzen Haare vermiſchten ſich mit bi⸗ zarren Blumen. In dieſem Augenblick war ſie, das Kinn in der Hand, gekauert und wie in eine tiefe innere Beſchäftigung verſunken. In ihrer Stellung, in ihrem Kopfputze, in ihrem Blicke hatte ſie viel von der Zigeu⸗ nerin, ein wenig von der Wahnwitzigen. Chriſtiane und der Pfarrer kamen auf ſie zu. Sie ſchien ſie nicht zu ſehen. „Nun,“ ſagte der Pfarrer,„was iſt das? Ich gehe vorüber, und Du läufſt nicht herbei wie gewöhnlich? Du willſt alſo nicht, daß ich Dir für die Gäſte, die Du geſtern Abend zu mir geführt haſt, danke.“ nei⸗ enn nen Ju⸗ bei das an⸗ der ren ſer cht en⸗ tzt, ein akt, ich⸗ ſen ind dü⸗ en. bi⸗ das ere em eu⸗ Sie ehe 5* Du 41 Gretchen ſtand nicht auf und ſeufzte. Dann ſprach ſie mit traurigem Ton: „Sie thun wohl daran, mir heute zu danken: Sie würden mir vielleicht morgen nicht danken.“ Samuel warf einen ſpöttiſchen Blick auf die Zie⸗ genhirtin und ſagte: „Es ſcheint, Du bereuſt es, uns geführt zu haben.“ „Sie beſonders,“ erwiederte ſie.„Doch er auch nicht,“ fügte das Mädchen Chriſtiane mit einer Miene ſchmerzlicher Zuneigung anſchauend bei,„er hat das Glück auch nicht gebracht.“ „Und wo haſt Du das geſehen?“ fragte Samuel, beſtändig hohnlächelnd. „Im Tollkraut und im dürren Klee.“ „Ah!“ ſagte Samuel zum Pfarrer,„Gretchen treibt auch Botanik!“ „Ja,“ antwortete der Vater von Chriſtiane,„ſie be⸗ hauptet, in den Pflanzen die Gegenwart und die Zulunft leſen zu können.“ „Ich glaube,“ ſprach ernſt die Zlegenhirtin,„ich glaube, die Kräuter und die Blumen, da ſie nichts Bö⸗ ſes gethan haben, wie dies bei den Menſchen der Fall iſt, ſind würdiger, daß Gott mit ihnen ſpricht. Wegen ihrer Unſchuld wiſſen ſie Alles. Ich, ich habe viel mit ihnen gelebt, und ſie haben mir am Ende einige von ihren Geheimniſſen geſagt.“ Und Gretchen verſank wieder in ihre düſtere Zer⸗ ſtreutheit. Nichtsveſtoweniger und ſo ſehr ſie vertieft zu ſein ſchien, fuhr ſie, ſo daß ſie von Allen gehört wer⸗ den mußte, fort, als ob ſie allein geweſen wäre und mit ſich ſelbſt geſprochen hätte: „Ja, es iſt das ſchlimme Geſchick, was ich unter das Dach, das mir theuer iſt, geführt habe. Der Pfar⸗ rer hat meine Mutter gerettet, Gott wolle, daß ich nicht Schuld an dem Verderben ſeiner Tochter ſein möge. Meine Mutter irrte als Wahrſagerin auf den Straßen 42 umher; ſie trug mich auf ihrem Rücken, war ohne Gat⸗ ten und ohne Religion, ohne irgend Jemand auf der Erde oder im Himmel. Der Pfarrer hat ſie aufgenommen, genährt, gelehrt. Durch ſeinen Beiſtand iſt ſie als Chri⸗ ſtin geſtorben. Nun, meine Mutter, Du ſiehſt, demjeni⸗ gen, welcher Deiner Seele ein Paradies und Deiner Tochter Brod gegeben, habe ich dadurch gelohnt, daß ich ihm Unglücksmenſchen brachte. Ich elende Undankbare, die ich bin! ich hätte ſie errathen müſſen an der Art, wie ich ihnen begegnete. Ich hätte ihnen mißtrauen müſſen, nach dem, was ich ſie ſagen hörte. Der Sturm hat ſie gebracht, und ſie haben den Sturm gebracht.“ „Beruhige Dich doch,“ verſetzte Chriſtiane mit einer etwas ärgerlichen Miene.„Du biſt in der That heute nicht vernünftig. Haſt Du das Fieber? „Mein Kind,“ ſprach der Pfarrer,„ich ſagte Dir oft, Du habeſt Unrecht, immer ſo allein leben zu wollen.“ „Allein, nein! Gott iſt mit mir,“ erwiederte Gretchen. Und ſie ſtützte ihren Kopf mit einer Art von irrfin⸗ nigen Niedergeſchlagenheit auf ihre Hände. Dann fuhr ſie fort: „Was geſchehen muß, wird geſchehen. Nicht er mit ſeiner vertrauensvollen Gutmüthigkeit, nicht ſie mit ihrem Taubenherz, nicht ich mit meinen magern Armen werden im Stande ſein, das Geſchick zu entfernen. Vor dem Dämon werden wir Drei mit einander ſo ſchwach ſein, als es der kleine Lothario wäre. Und ich bin nicht die⸗ jenige, der es am wenigſten ſchlimm ergehen ſoll. Oh! es wäre beſſer, nicht vorherzuſehen, was man nicht ver⸗ hindern kann. Wiſſen dient nur dazu, daß man leidet.“ Nachdem ſie dieſe Worte geſprochen, ſtand ſie unge ſtüm auf, warf einen wilden Blick auf die zwei Frem⸗ den und kehrte in ihre Hütte zurück. li at⸗ rde en, ri⸗ ni⸗ ner re, lrt, uen m ner ute ir 43 „Arme Kleine!“ ſagte der Pfarrer;„ſie wird ſicher⸗ lich wahnſinnig, wenn ſie es nicht ſchon iſt.“ 1„Sie hat Sie erſchreckt?“ fragte Julius Chri⸗ ane. „Nein, ſie hat mich bewegt. Sie iſt in ihren Träumen,“ erwiederte das Mädchen. „Ich, ich finde ſie ſehr reizend und ſehr beluſtigend,“ ſagte Samuel,„mag ſie träumen oder wachen, mag es Tag ſein oder Nacht, mag die Sonne glänzen oder der Sturm brüllen.“ Armes Gretchen! die Bewohner des Pfarrhauſes be⸗ handelten ſie, wie die Trojaner Caſſandra behandelten. Ein Geräuſch von Tritten entriß die Spaziergänger den Gemüthsbewegungen verſchiedener Art, welche bei ihnen dieſe ſeltſame Scene hervorgebracht hatte. Die Pferde kamen an. Wo man von der Freude zum Lärmen übergeht, was für einige ein Unterſchied iſt. Der Augenblick der Trennung war gekommen. Der Paſtor ließ Jullus und Samuel ihr Verſprechen, ins Pfarrhaus zurückzukommen, ſobald ſie einen freien Tag hätten, erneuern. „Man ſtudirt am Sonntag nicht,“ wagte Chriſtiane zu bemerken; und auf dieſe Bemerkung wurde verabredet, daß die zwei jungen Leute ſchon am folgenden Sonntag wiederkommen ſollten; das machte nur drei volle Tage Abweſenheit. Als die Studenten im Sattel ſaßen, ſchaute Julius ——— Chriſtiane mit Augen an, welche nicht traurig zu ſein ſuchten. Und ſein Blick heftete ſich zugleich neidiſch auf die Hageroſe, die er ihr durch Lothario hatte geben laſſen, und die er nun, da ſie dieſelbe getragen, gern zurückge⸗ nommen hätte. Doch ſie hatte das Anſehen, als merkte ſie nicht darauf, und ſagte nur lächelnd, indem ſie die Hand gegen ihn ausſtreckte: „Am Sonntag, ganz gewiß?“ „Oh! ja, ſicherlich,“ antwortete er mit einem Ton, der Chriſtiane lächeln und Samuel lachen machte. mir nicht ein Unglück wiverfährt,“ fügte er leiſe ei. Doch ſo leiſe er geſprochen, Chriſtiane hörte es. „Welches Unglück kann Ihnen in drei Tagen wider⸗ fahren?“ fragte ſie ganz erbleichend. „Wer weiß?“ verſetzte Julius, halb lachend, halb ernſt.„Doch wollen Sie, daß ich allen Gefahren ent⸗ gehe? Das iſt Ihnen ſehr leicht, Ihnen, die Sie ein Engel ſind. Sie brauchen nur ein wenig zu Gott für mich zu beten. Ah! morgen zum Beiſpiel in der Predigt.“ „Morgen? in der Predigt?“ wiederholte Chriſtiane betroffen.„Sie hoͤren, was Herr Julius von mir ver⸗ langt, mein Vater?“ „Ich hahe Dich immer bäran gewöhnt, für unſere Gäſte zu beten, meine Tochter,“ erwiederte der Pfarrer. „Nun bin ich unverwundbar,“ ſprach Julius;„mit dem Gebete eines Seraphs fehlt mir nur der Talisman einer Fee.“ Er ſchaute beſtändig die Hageroſe an. „Vorwärts!“ rief Samuel,„es iſt die höchſte Zeit, daß wir aufbrechen, und wäre es nur dieſer unſchuldigen Gefahren wegen. Sind nicht alle Menſchen alle Tage Gefahren preisgegeben, denen ſie entgehen? Ueberdies ————————— ——r— — 2)—— ſein die en, ge⸗ icht gen on, te. eiſe er⸗ alb ein für der ine er- ere nit an it, en ge ies 4⁵ bin ich da, ich, den Greichen, glaube ich, ein wenig für den Teufel hält, und der Teufel vermag viel in den menſchlichen Angelegenheiten. Und im Ganzen, bah! iſt nicht der wahre Zweck der Sterblichen, zu ſterben!“ „Sterben!“ rief Chriſtiane, die nun das Wort wie⸗ derfand.„Ohl ja, Herr Julius, ich werde für Sie beten, obſchon ich denke, daß Sie nicht in Todesgefahr nd.“ „Gott befohlen!“ ſagte Samuel ungeduldig;„auf, Julius, auf!“ „Lebe wohl, mein großer Freund,“ rief Lothario. „Hoͤre,“ ſagte Chriſtiane,„gibſt Du nicht Deinem großen Freunde Deine Blume als Andenken?“ Und ſie reichte dem Kinde die Hageroſe. „Ich bin zu klein!“ rief Lothario, vergebens die Hand ausſtreckend. Da hob Chriſtiane das Kind in ihren Armen in die Höhe und näherte es Julius, und Julius nahm die Hageroſe. Geſchah es nur aus der Hand von Lothario? „Meinen Dank, und Gott befohlen!“ rief er ganz bewegt. Und er grüßte zum letzten Mal mit der Hand Chri⸗ ſtiane und ihren Vater, ſpornte ſein Pferd, als wollte er es ſeine Gemüthsbewegung entführen machen, und ritt im geſtreckten Trab weg. Samuel that daſſelbe, Nach einer Minute waren die zwei Freunde ſchon fern. Nach fünfzig Schritten aber hatte ſich Julius um⸗ gedreht und Chriſtiane, die ſich ebenfalls umgedreht, einen letzten Wink des Abſchieds an ihn richten ſehen. Für Beide war dieſe Abreiſe ſchon eine Trennung, und Jedes fühlte, daß es dem Andern etwas von ſich ſelbſt ließ. Die jungen Leute legten, den Lauf ihrer Pferde be⸗ 46 ſchleunigend, eine Viertelmeile zurück, ohne ein Wort mit einander zu ſprechen. Der Weg war reizend. Auf der einen Seite das Gebirge und der Wald; auf der andern der Neckar, in ſeinem ruhigen Gewäſſer die heitere Schönheit des Himmels wiederholend. Schon abgekühlt durch das Herannahen des Abends, füllte die Sonne die Zweige mit roſigen Strahlen. „Das iſt eine freundliche Landſchaft,“ ſagte Samuel, indem er ſein Pferd langſamer gehen ließ. „Wir verlaſſen Sie auch den geräuſchvollen Straßen und den rauchigen Schenken zu Liebe. Nie habe ich beſ⸗ ſer als in dieſem Augenblick gefühlt, wie wenig ich für alle Eure Gelage, für alle Eure Streitigkeiten und für alle Eure Tumulte tauge. Ich war geſchaffen für das ruhige Leben, für die friedlichen Freuden „Und für Chriſtiane! Du vergiſſeſt das Weſentliche. Geſtehe, daß für Dich das Dorf die Dorfbewohnerin iſt. Nun, Du haſt nicht Unrecht. Das Mädchen iſt hübſch und die Hexe auch, und, wie Du, gedenke ich in ihren Bezirk zurückzukehren. Doch daß wir dieſes niedliche Vogelneſt entdeckt haben, iſt kein Grund, traurig zu ſein. Im Gegentheil. Beſchäftigen wir uns mit morgen, und wir werden nachher an Sonntag denken. Bleiben wir am Leben, ſo haben wir alle Zeit, Schäfergedichte zu machen und ſogar verliebt zu ſein; doch bis dahin ſeien wir Männer.“ Sie hielten einen Augenblick in Neckarſteinach an, um eine Flaſche Bier zu trinken und um die Pferde ſchnaufen zu laſſen. Dann legten ſie den Weg vollends leicht zurück, und es war noch Tag, als ſie in Heidel⸗ berg ankamen. Auf allen Straßen und an allen Wirthshausfenſtern ſah man nur Stuventen. Als ſie Samuel und Julius erkannten, grüßten Alle. Samuel beſonders ſchien der Gegenſtand einer tiefen Verehrung zu ſein. Die Mützen 9 r — „—— 8 mit ld; ſſer n die tel, en eſ⸗ für ind für he. iſt. ſch ren iche ein. en ben chte hin an, erde nds del⸗ tern ius der tzen 47 von allen Farben, gelbe, grüne, rothe, weiße, ſenkten ſich ehrerbietig, als er vorüber ritt. Sobald ſie aber in die Hauptſtraße kamen, machte der Reſpect der Begeiſterung Platz, und der Einzug der Freunde wurde zum Triumph. Die Studenten, welchem Grad ſie auch angehörten, die bemovoſten Häupter, wie die einfachen Fin⸗ ken, die Goldfüchſe wie die Maulthiere') über⸗ ſtrömten aus den Fenſtern und aus den Thüren; die Einen ſchwangen ihre Mützen in der Luft, die Andern präſentir⸗ ten das Gewehr mit Billardqueues; Alle aber ließen mit furchtbarer Stimme das berühmte Lied erſchallen: „Wer kommt dort von der Höh'?“ Endigend mit dem endloſen Vivallerallerallera. Auf alle dieſe Ehrenbezeigungen antwortete Samuel nur mit einem leichtem Kopfnicken. Und als er ſah, daß dieſe hit Freude die Schwermuth von Julius verdoppelte, rief er: „Stille! Ihr zerſprengt meinem Freunde die Hirn⸗ ſchale. Genug, genug! Hält man uns für Kameele oder für Philiſter, daß man uns mit einem ſolchen Teufelsgekreiſch empfängt? Hollah! tretet auf die Seite, ſonſt wird es mir unmöglich ſein, abzuſteigen.“ Doch die Menge lichtete ſich nicht. Jeder ſtrebte *) Hiezu macht Alexandre Dumas die Bemerkung: »Numen von veiſchiedenen Graden der Studenten ⸗Hierarchie. Hier wie bei allen anderen Details der Sitten des Studenten⸗ lebens in Deutſchland, welche vielleicht in Frankreich ein wenig ſeltſam erſcheinen werden, erfahre man, daß wir erzäylen und nicht erfinden.⸗ Finder der Leſer Irrthümer, beſonders in den Graden det Studenten⸗ Hierarchie, ſo mag er dies dem Hörenſagen des Franzoſen zu gut halten, oder ſie wenigſtens iediglich dieſem zur Laſt legen. Man wird freilich auch 1810 Manches anders bezeichnet haben, als heute. 48 darnach, den Zügel des Pferdes von Samuel zu nehmen, de um die Ehre zu haben, es in den Stall zu führen. he Ein Student von wenigſtens dreißig Jahren, der Altes Haus, wenn nicht gar nicht Bemvooſtes Haus ſein mußte, ſtürzte aus dem Gaſthauſe, ſtieß die w Finken und die einfachen Burſche, welche Samuel um⸗ A zurück, machte die wunderſamſten Sprünge und He rief: „Nieder mit den Händen! Eil guten Tag, Samuel. ich Guten Tag, mein edler Senior. Hurrah!“ „Guten Tag, Trichter! guten Tag, meln Herz⸗ fuchs!“ ſagte Samuel. ₰H „Nun biſt Du zurück, großer Mann!“ rief Trichter. A „Ah! wie uns die Zeit und das Leben in Deiner Ab⸗ weſenheit lang währten! Endlich biſt Du da! Vival⸗ lerallera!“ „Gut, Trichter, gut;z ich bin gerührt von Deiner ſel Freude; doch erlaube mir, abzuſteigen. Laß Lewald mein na Pferd führen. Du verziehſt den Mund?“ 6 S doch!“ perſetzte Trichter gereizt.„Eine ſolche ſ „Ja, Lewald iſt nur ein einfacher Burſch, ich weiß es. Doch es iſt nicht ſchlimm, wenn Könige von Zeit zu Zeit etwas für ihr Volk thun. Du, tritt mit mir und Julius in das Commershaus ein.“ Was Samuel das Commershaus nannte, war der Gaſthof zum Schwanen, einer der bedeutendſten von Heidel⸗ berg, vor deſſen Thüre er angehalten hatte. „Für wen ſind ſo viel Leute hier?“ fragte Julius fin ſeinen Freund Trichter.„Erwartete man mich?“ hö „Man feiert die Rückkehr aus den Oſterferien,“ er⸗ wiederte Trichter⸗„Du kamſt zur rechten Zeit. Es iſt ihn chscommers.“ wo „Gehen wir dahin,“ ſagte Samuel. unt Von der Ankunft von Samuel benachrichtigt, lief 8 — 49 der Herr des Gaſthofes zugleich ſtolz und demüthig erbei. „Ho! ho! Sie zögern ſehr lange!“ rief Samuel. „Verzeihen Sie,“ erwieverte der Wirth,„wir er⸗ warten heute Abend Se. K. Hoheit den Prinzen Carl Auguſt, Sohn des Großherzogs von Baden, der durch Heidelberg paſſirt, um ſich nach Stuttgart zu begeben.“ „Eil was geht das mich an? Er iſt nur Prinz; ich, ich bin König.“ Julius näherte ſich Samuel und ſagte leiſe zu ihm: „Wird die Gegenwart des Prinzen in irgend einer Hinſicht eine Störung in unſern Angelegenheiten heute Abend und morgen herbeiführen?“ „Ich denke, im Gegentheil.“ „Gut, ſo treten wir ein.“ Und Samuel, Julius und Trichter traten zu dem ſeltſamen Feſte ein, das Trichter Fuchscommers ge⸗ nannt hatte. Fuchscommers. Als die Thüre des ungeheuren Saales ſich öffnete, Julius damit an, daß er nichts ſah und nichts örte. Der Rauch machte ihn blind, der Lärmen machte ihn taub. Es war übrigens für Alle ſo, doch man ge⸗ wöhnte ſich allmälig daran, und nach einigen Angenblicken unterſchied man unbeſtimmt, wenn man ſo ſagen darf, Läemſtöße in den Tabakswolken. Dann funkelten die Gott lenkt. 1. 4 „ erneeerg ne enheaeee „— 50 großen Kronleuchter ſchwach wie die Straßenlaternen im dichten Nebel, und endlich ſah man in einer trüben Helle Scheine von menſchlichen Formen ſich bewegen. Hurrah und Vivalera! Es waren da ganz junge Studenten, die ſich mit einem chaldäiſchen Doctor hin⸗ ſichtlich der Länge des Bartes in einen Wettſtreit einge⸗ laſſen hatten; es gab Schnurrbärte, die eine Trauerweide beneidet haben würde; es fanden ſich Kleidungen der luſtigſten Art, die Toque von Fauſt mit der Reiherfeder, Rieſeneravaten, in denen von Zeit zu Zeit der ganze Kopf verſchwand, Ketten von maſſivem Gold auf bloßen Häl⸗ ſen; man ſah beſonders Gläſer, um einem Faſſe bange zu machen, und Pfeifen, um Ofenröhren in Beſtürzung zu verſetzen. Rauch, Weinſtröme, betäubende Mufik, Chöre aus vollem Halſe angeſtimmt, Walzer, um den Athem zu verlieren, ſchallende Küſſe auf die friſchen Wangen der jungen Mädchen, die ſich halb krank lachten, dieß Alles 3 8 Skreuzte ſich in einem ſeltſamen teufliſchen, einem Schwin⸗ del von Hoffmann ähnlichen Gemenge. Samuel wurde im Saale wie außen empfangen. Man brachte ihm ſogleich ſeine Pfeife und ſeinen rieſigen, bis an den Ranx gefüllten, königlichen Romer. „Was iſt darin?“ fragte er. „Doppelbier.“ „Warum nicht gar! ſehe ich aus wie ein Jenenſer? Gieße das aus und bringe mir Punſch.“ Man füllte den Becher mit Punſch. Er enthielt mehr als eine Pinte. Samuel leerte ihn auf einen Zug. Donnernder Beifall erſcholl im ganzen Saale. „Ihr ſeid kindiſch!“ ſagte er. Und er fügte bei: „Doch ich bemerke zu meinem Schmerz, daß es dem Walzer an Feuer gebricht, und daß die Lieder ganz ge⸗ räuſchlos ſind. Tuſch!“ rief er dem Orcheſter zu.„Laßt es ſchallen!“ ————— nim Helle unge hin⸗ nge⸗ veide der eder, Kopf Häl⸗ ange zung aus zu der lles win⸗ gen. gen, ſer2 hielt Zug. dem age⸗ Laßt 51 Und er näherte ſich raſch einem Goldfuchs, der mit dem ſchönſten Mädchen des Balles tanzte, nahm ihm ohne Umſtände ſeine Tänzerin ab und fing an mit ihr zu walzen. Der ganze Saal war nun aufmerkſam, unbeweglich, ſtille. Das Tanzen von Samuel hatte nämlich etwas Bizarres, Tiefes. Er begann ernſt, dann wurde ſeine Bewegung von einer verliebten, zärtlichen Langſamkeit, welche ploͤtzlich eine zuckende Geberde unterbrach. Er drehte ſich mit einer unglaublichen, leidenſchaftlichen, feſſelloſen, allmächtigen Geſchwindigkeit. Und plötzlich, un⸗ ter dieſer wahnfinnigen Freude, hielt er inne und ging ohne eine Vermittelung vom enthuſiaſtiſchen Wahnwitz zur kalten Verachtung über; eine Falte des Hohns er⸗ ſchien auf ſeiner Lippe. In Augenblicken erfüllte eine un⸗ ausſprechliche Traurigkeit ſeinen Blick, und man fühlte ſich geneigt, ihn zu beklagen; doch eine lächerliche Geberde und ein Achſelzucken ſtießen alsbald die Rührung wieder zurück und verſpotteten ſie. Over es verwandelte ſich ſeine Schwermuth in Bitterkeit; ein düſteres Feuer ſprang un⸗ ter ſeinen Augenlidern hervor und ſeine Tänzerin bebte in ſeinen Armen, wie die Taube in den Klauen des Geiers. Eein unerhörter Tanz, der in einem Augenblick vom Himmel zur Hölle überging, und bei dem man nicht wußte, ob man weinen, lachen oder zittern ſollte! Er endigte mit einem Anfall von ſo ergreifenden, ſo blendenden Drehungen, daß die andern Walzertänzer, welche bis dahin hloß zugeſchaut hatten, in den Wirbel fortgeriſſen wurden, und daß der Saal eine Viertelſtunde lang nur noch ein Orkan war. Dann ſetzte ſich Samuel ruhig, ohne daß ein Schweiß⸗ tropfen auf ſeiner Stirne perlte. Er verlangte nur eine zweite Bowle Punſch. Julius hatte ſich nicht in das Bacchanal gemiſcht. Während er in dieſem Meere von Geräuſchen ſchwamm, „ 52 war ſein Geiſt im Pfarrhauſe von Landeck, und er hörte, ſeltſamer Weiſe! in dieſem ganzen Sturme von heiſeren Stimmen nur die ſanfte Stimme der Jungfrau, wie ſie ein Kind unter den Bäumen die Buchſtaben lehrte. Der Wirth kam und ſprach leiſe mit Samuel. Der Prinz Carl Auguſt erſuchte den Studenten⸗Kö⸗ nig um die Erlaubniß, zum Fuchscommers eintreten zu dürfen. „Er trete ein!“ ſagte Samuel. Als der Prinz erſchien, nahmen die Studioſi ihre Mützen ab. Samuel allein berührte die ſeinige nicht. Er reichte dem Prinzen die Hand und ſprach: „Seien Sie willkommen, mein Vetter.“ Und er bot ihm einen Stuhl neben dem ſeinigen und dem von Julius an. In dieſem Augenblick hatte eine kleine Guitarreſpiele⸗ rin ein Lied von Koͤrner geſungen und ſammelte nun ein. Sie kam zum Prinzen Carl Auguſt; vieſer ſchaute hinter ſich, um Geld von Jemand von ſeinem Gefolge zu ver⸗ langen; doch man hatte Niemand mit ihm eingelaſſen. Dann wandte er ſich an Samuel und ſagte: „Wollen Sie für mich bezahlen, Sire?“ „Gern.“ Samuel zog ſeine Börſe. „Nimm.“ ſagte er zu der Zigeunerin.„Das iſt für mich, den König, fünf Friedrichd'or, und das für den Prinzen, ein Kreuzer!“ Ein wüthender Beifallsſturm erſchütterte das Ge⸗ wölbe des Saales. Der Prinz lächelte und klatſchte elbſt.. Nach einigen Augenblicken ging er weg. Beinahe zu gleicher Zeit winkte Samuel Julius zu ſich und ſagte leiſe zu ihm: „Es iſt die Stunde.“ davon. Julius machte ein Zeichen und ſchlich ſich ſachte rte, ren ſie Ko⸗ eten ihre icht. igen tele⸗ ein. nter ver⸗ für den Ge⸗ ſchte s zu achte 53 Die Orgie war dem Parorismus nahe. Der Staub und der Tabaksqualm hatten die Atmoſphäre undurch⸗ dringlicher gemacht, als es nur ein Decembernebel ſein kann. Man ſah weder mehr, wer eintrat, noch wer hin⸗ ausging. Samuel ſtand auf und ſchlich ebenfalls hinaus. Samuel iſt beinahe erſtaunt. Es war Mitternacht, um welche Zeit in Deutſchland und ſogar auf den Univerſitäten ſeit zwei Stunden Alles ſchläft. Nichts fand ſich mehr in Heidelberg wach, als ₰ das Fuchscommers. Samuel wandte ſich nach den Kaien, wählte die am wenigſten beſuchten Straßen und drehte ſich in Zwiſchen⸗ räumen um, um ſich zu verſichern, daß man ihm nicht folgte. So erreichte er das Ufer des Neckars, an dem er eine Zeit lang hinging; dann wandte er ſich plötzlich rechts ab und eilte zu den Treppenabſätzen, welche zu den Ruinen des Heivelberger Schloſſes führen. Bei dem erſten Ruheplatz dieſes Weges, einer am Abhange hinlaufenden Stiege, trat ein Mann raſch aus einer Baumgruppe hervor, ging auf Samuel zu und fragte ihn: 5 „Wohin gehen Sie?“ „Ich gehe auf die Höhe, wo man ſich Gott nähert,“ antwortete Samuel nach den vorgeſchriebenen Formeln. „Vorbei!“ ſagte der Mann. Samuel ſtieg immer weiter hinauf und hatte bald die letzten Stufen erreicht. S 54 Als er bei der Ringmauer des Schloſſes angelangt war, kam ein zweiter Wächter aus einem Schlupfthore hervor und fragte ihn.: „Was machen Sie hier?“ „Ich mache das„ erwiederte Samuel. Doch ſtatt das Loſungswort vollends auszuſprechen, lachte er ſpottiſch: eine von den bizarren Ideen, wie ſie bei ihm ſo häufig vorkamen, durchzog ſein Gehirn.„Was ich zu dieſer Stunde hier mache?“ verſetzte er einfach. „Eil beim Teufel, ich gehe ſpazieren.“ Der Wächter bebte, klopfte, wie in elnem Augenblick des Zorns, geräuſchvoll mit einem eiſenbeſchlagenen Stock, den er in der Hand hielt, an die Mauer und ſagte zu Samuel: „Ich rathe Ihnen, kehren Sie nach Hauſe zurück; weder die Stunde, noch der Ort ſind geeignet zum Spa⸗ zierengehen.“ Samuel zuckte die Achſeln. „Es gefällt mir, die Ruinen beim Mondſchein zu be⸗ wundern. Wer ſind Sie, daß Sie mich daran verhin⸗ dern wollen?“ „Ich bin einer von den Wächtern des alten Schloſ⸗ ſes, und nach der Verordnung iſt es nicht geſtattet, nach zehn Uhr hier einzutreten.“ „Die Verordnungen ſind für die Philiſter,“ erwie⸗ derte Samuel,„und ich, ich bin ein Student.“ Und er machte Miene, den Wächter auf die Seite zu ſchieben, um einzutreten. „Bei Ihrem Kopf, nicht einen Schritt weiter!“ rief der Mann, indem er mit der Hand nach ſeiner Bruſt uhr. Samuel glaubte zu ſehen, er ziehe eine Klinge. Durch den Lärm des Schlages mit dem Stock benach⸗ richtigt, näherten ſich zu gleicher Zeit fünf bis ſechs Männer, welche in der Stille durch das Geſträuch ſchlüpften. „Oh! verzeihen Sie,“ ſagte Samuel lachend,„Sie — 55 find⸗vielleicht der Mann, dem ich antworten muß: Ich mache das Werk von denjenigen, welche ſchlafen.“ Der Wächter athmete und ſteckte ſein Meſſer wieder in ſeine Weſte. Die Andern entfernten ſich. „Es war Zeit, Freund,“ ſagte der Wächter.„Eine Sekunde mehr, und Sie würden todt hier liegen.“ „Oh! ich hätte wohl ein wenig Widerſtand geleiſtet. Doch ich mache Ihnen mein aufrichtiges Compliment; ich ſehe, wir werden gut bewacht ſein.“ „Gleichviel, Kamerad, es war vermeſſen, mit dieſen Dingen zu ſpielen.“ „Ich habe mit anderen geſpielt.“ Er ging vorbei und trat in den Hof ein. Der Mond fiel in ſeiner ganzen Fülle auf die Fagade des al⸗ ten Schloſſes von Friedrich IW. und Otto Heinrich. Es war ein prachtvolles Schauſpiel, ſo beleuchtet die zwei von Seulpturen wimmelnden Vorderſeiten zu ſehen, die eine voll von Gottheiten und Chimären, die andere voll von Pfalzgrafen und Kaiſern. Samuel war aber nicht in der Laune, Werke der Bildhauerkunſt zu bewundern. Er beſchränkte ſich darauf, daß er im Vorübergehen ein ob⸗ ſcoͤnes Wort Venus ſagte, Karl dem Großen eine her⸗ ausfordernde Geberde machte, und ſchritt dann gerade auf den Eingang der Ruine zu. Eine dritte Wache verwehrte den Eintritt. „Wer ſind Sie?“ „Einer von denjenigen, welche die Strafer beſtrafen.“ „Folgen Sie mir,“ ſagte die Wache. Samuel folgte ſeinem Führer durch das Geſtrüppe und die Trümmer, doch nicht ohne ſich mehr als einmal mit dem Knie an den niedergefallenen und im hohen Graſe begrabenen Blöcken zu ſtoßen. Als er dieſe ungeheuren Ueberreſte eines großen Pa⸗ laſtes und einer großen Geſchichte durchſchritten hatte, als er mit dem Fuße auf dieſe eingeſtürzten Plafonds, welche ſo viele Könige über ihrer Stirne geſehen, getreten 56 war, blieb der Führer ſtehen, öffnete eine niedrige Thüre und deutete auf eine Aushöhlung im Boden. „Steigen Sie hinab und rühren Sie ſich nicht, bis man Sie holt.“ ſagte er. Er ſchloß die Thüre wieder, und Samuel befand ſich auf einem abſchüſſigen Fußpfad, wohin nicht ein Strahl drang; dann hörte der Abhang auf. In dem Augenblick, wo Samuel in eine Art von tiefem Keller eintrat, und ehe ſeine Augen ſich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, fühlte er eine Hand, welche die ſeinige drückte, und die Stimme von Julius ſagte zu ihm: „Du biſt im Vorzug; ſie haben ſich ſchon verſam⸗ melt. Hoͤren und ſchauen wir.“ Samuel gewöhnte ſich raſch an die Finſterniß und konnte nun in einer Entfernung von ein paar Schritten menſchliche Formen in einem durch eine Ausbauchung des Bodens und durch Sträuche geſchloſſenen Saale ſehen. Hier ſaßen auf Granitblocken, auf Sandſteinquadern, auf Bruchſtücken von Bildſäulen ſieben verlarvte Männer: drei rechts, drei links, der fiebente im Mittelpunkt und etwas höher als die anderen. „Fuhren Sie die zwei Streiter ein,“ ſagte einer von den Sieben. Doch derjenige, welcher ſprach, war nicht der, welcher der Präſivent zu ſein ſchien. Samuel wollte vorſchreiten, als zwei junge Leute, denen ein Beiſitzer voranging, eintraten. Samuel und Julius erkannten zwei von ihren Kameraden von der Univerſität. Derjenige von den Sieben, welcher den Befehl, ſie einzuführen, gegeben hatte, befragte ſie auch. „Sie heißen Otto Dormagen?“ ſagte er zu dem Einen. „Ja.“ „Und Sie Franz Ritter?“ fragte er den Andern. „Ja.“ 3 „Sind Sie beide Mitglieder vom Tugendbund?“ 7 57 Jas“ „Ale ſolche werden Sie ſich erinnern, daß Sie uns abſoluten Gehorſam ſchuldig ſind.“ „Wir erinnern uns.“ „Sie ſind von der Univerſität Heidelberg und von der Burſchenſchaft. Sie kennen alſo zwei unter Ihnen, welche auf der Univerſität hohe Grade inne haben; Sa⸗ muel Gelb und Julius von Hermelinfeld.“ Samuel und Julius ſchauten ſich in der Dunkel⸗ eit an. „Wir kennen ſie,“ antworteten die Studenten. „Sie haben Beide einen großen Ruf im Fechten, und Sie ſind immer gluͤcklich bei den Duellen geweſen, durch welche die Studenten ihre Frühſtücke zu verdauen ſuchen.“ „In der That.“ „So vernehmen Sie unſere Befehle: Sie werden morgen ohne irgend einen Verzug und unter irgend einem Vorwand Julius von Hermelinfeld und Samuel Gelb herausfordern und ſich mit ihnen ſchlagen.“ Samuel neigte ſich gegen Julius und ſagte zu ihm: „Höre, die Scene iſt nicht ganz ohne Originalität. Doch warum, des Teuſels, läßt man uns ihr beiwohnen?“ „Werden Sie gehorchen?“ fragte der verlarvte Mann. Otto Dormagen und Franz Ritter ſchwiegen und ſchienen zu zoͤgern. Otto verſuchte es, zu antworten. „Samuel und Julius wiſſen den Raufdegen ziemlich gut zu handhaben,“ ſagte er. „Schmeichler!“ murmelte Samuel. „Darum haben wir zwei Fechter, wie Sie, gewählt,“ erwiederte die Stimme. „Will man des Stoßes ſicher ſein, ſo wäre der Dolch beſſer als der Degen,“ ſagte Franz. „Ich glaube es.“ murmelte Samuel. Der verlarvte Mann entgegnete: „Es iſt nothwendig, daß ſich die Wunde auf eine natür⸗ 58 liche Art erklärt. Ein Streit zwiſchen Studenten iſt eine Sache aller Tage und wird keinen Verdacht einflößen.“ Die zwei Studio ſi ſchienen noch nicht entſchieden. „Bedenken Sie,“ fügte die Stimme bei, in zehn Tagen, am 1. Juni, iſt die große Verſammlung, und wir werden dort für Sie Belohnung oder Strafe zu ver⸗ langen haben.“ „Ich werde gehorchen,“ ſagte Franz Ritter. „Ich werde gehorchen,“ ſprach Otto Dormagen. „Wohl denn! guten Muth und gut Glück. Sie können ſich entfernen.“ Franz und Otto gingen, geführt von dem Beiſitzer, der ſie hereingebracht hatte, weg. Die Sieben gaben kein Wort von ſich. Nach fünf Minuten kam der Beiſitzer zurück und meldete: „Sie ſind außerhalb der Ringmauer.“ „Führen Sie die zwei andern Streiter ein,“ ſagte der verlarvte Mann, der im Namen der Sieben ſprach. Der Beſitzer wandte ſich nach der Seite, wo Samuel und Julius wartete, und ſagte zu ihnen: „Kommen Sie.“ Und die beiden Freunde befanden ſich nun ebenfalls in dem ſeltſamen Rathsſaale, in Gegenwart der fieben verlarvten Männer. — Samuel iſt beinahe bewegt. Derſelbe verlarvte Mann, der Franz und Otto be⸗ fragt hatte, nahm das Wort: „Sie heißen Julius von Hermelinfeld?“ ſagte er zu Julius. eine en. eden. zehn und ver⸗ Sie tzer, kein itzer agte ach. nuel alls ben be⸗ 59 „Ja.“ „Und Sie Samuel Gelb?“ „Ja.“ „Sie gehoͤren zum Tugendbund und ſind uns ſomit Gehorſam ſchuldig.“ „Das iſt wahr.“ „Sie haben das Geſicht der zwei Studenten, welche ſo eben von hier weggehen, geſehen und ihre Namen ge⸗ hört? Sie wiſſen, was ſie verſprochen haben?“ „Sie haben die Haut des Bären verſprochen,“ ver⸗ ſetzte Samuel, der über den Vater im Himmel geſpot⸗ tet hätte. „Dieſe Studenten werden Sie herausſordern, Sie werden ſich mit ihnen ſchlagen. Sie Beide find die zwei gewandteſten Fechter der Univerſität Heidelberg. Es iſt unnöthig, ſie zu tödten. Sie beſchränken ſich darauf, vaß Sie dieſelben ſchwer verwunden. Wollen Sie gehor⸗ chen?“ „Ich werde gehorchen,“ antwortete Julius. „Es iſt gut,“ ſagte die Stimme.„Doch Sie, Sa⸗ muel Gelb, überlegen Sie?“ „Ja,“ erwiederte Samuel,„ich überlege mir, daß das, was Sie von uns verlangen, genau das iſt, was Sie ſo eben von zwei Andern verlangt haben, und ich ſuche zu begreifen, warum Sie ſo Ihnen angehörende Leute mit Leuten, welche ebenfalls Ihnen angehören, ſich ſchla⸗ gen laſſen. Bis jetzt glaubte ich, das junge Deutſchland ſei nicht das alte England, und der Tugendbund ſei zu einem anderen Zweck, als um ſich mit Hahnenkämpfen zu beluſtigen, geſtiftet worden.“ „Es handelt ſich nicht darum, ſich zu beluſtigen, ſon⸗ dern zu beſtrafen,“ entgegnete der verlarvte Mann.„Wir ſind Ihnen keine Erklärung ſchuldig; doch es iſt billig und gut, daß unſere Entrüſtung Sie beſeele. Wir haben uns von zwei falſchen Brüdern zu befreien, die uns ver⸗ ——— 60 rathen, und der Bund erweiſt Ihnen die Ehre, Ihnen ſeinen Degen anzuvertrauen.“ „Uns oder ihnen?“ fragte Samuel.„Was beweiſt uns, daß Sie ſich nicht unſerer Perſonen entle⸗ digen wollen?“ „Ihr Gewiſſen. Wir wollen zwei Verräther treffen; Sie wiſſen beſſer, als irgend Jemand, ob Sie das ſind.“ „Oh! können Sie uns nicht für Verräther halten, ohne daß wir es ſind?“ „Brüder von wenig Glauben! Hätten wir gegen Sie dieſes Duell vorbereitet, ſo würden wir Sie nicht der Erſcheinung Ihrer Gegner haben beiwohnen laſſen; wir hätten ihnen unſere Befehle insgeheim gegebenz ſie hät⸗ ten Sie beleidigt, Sie find muthig: Sie würden ſich ge⸗ ſchlagen haben, und zwar ohne zu wiſſen, daß wir in irgend einer Beziehung bei der Sache betheiligt geweſen. Ganz im Gegentheil, haben wir Sie zehn Tage vorher benachrichtigt. Sie waren in den Ferien in Ihrer Vater⸗ ſtadt Frankfurt, als der Reiſende vom Main Sie auf den 20. Mai hieher beſchied, wobei er Sie dringend ermahnte, Sie mögen ſich in den Waffen üben, da Sie an dieſem Tag einen Kampf auf Leben und Tod auszuhalten haben. Das iſt eine ſeltſame Art, Ihnen eine Falle zu ſtellen.“ „Aber,“ verſetzte Samuel, der offenbar unter dieſen vorgeblichen Zweifeln einen bitteren Hintergedanken ver⸗ barg,„aber wenn Franz und Otto Verräther ſind, warum empfehlen Sie uns, dieſelben nur zu verwunden?“ Der verlarbte Mann zögerte einen Augenblick, dann, nachdem er ſich durch die Geberde mit den andern Ver⸗ larvten berathen hatte, erwiederte er: „Hören Sie, Sie ſollen volles Vertrauen zu unſe⸗ rer Sache und zu unſern Abſichten haben. Deshalb, und obgleich die Statuten paſſiven Gehorſam ohne Fragen fordern, willigen wir ein, Ihnen vollſtändig zu antwor⸗ ten. „Vor ſieben Monaten iſt der Vertrag von Wien —— — 61 unterzeichnet worden. Frankreich triumphirt. Es beſte⸗ hen in Deutſchland nur noch zwei wirkliche Mächte: der Kaiſer Napoleon und der Tugendbund. Während die offi⸗ clellen Cabinete, Oeſterreich und Preußen, den Kopf un⸗ ter den Fuß des Siegers beugen, verfolgt der Bund ſein Werk. Wo das Schwert aufhört, fängt das Meſſer an. Friedrich Staps hat ſich aufgeopfert, und ſein Dolch hätte aus Schönbrunn beinahe den Altar der Unabhängigkeit gemacht. Er iſt todt; doch das Blut der Märtyrer tauft die Ideen und erzeugt die Aufopferung. Napoleon weiß es, er hat die Augen auf uns gerichtet. Er läßt uns beſpähen. Otto Dormagen und Franz Ritter ſind in ſei⸗ nem Dienſte, darüber haben wir Gewißheit erlangt. Sie gedenken, kraft ihres Rechtes, unſerer Generalverſamm⸗ lung am 1. Juni beizuwohnen, um die wichtigen Be⸗ ſchlüſſe, welche den Eingeweihten eröffnet werden ſollen, zu erfahren und ſofort zu verkaufen. Sie dürfen dieſer Verſammlung nicht beiwohnen. Wie ſie daran verhin⸗ dern? Dadurch, daß man ſie tödtet, werden Sie ſagen? Doch wären ſie auf die Seite geſchafft, ſo würde ſie die Polizei von Napoleon um jeden Preis erſetzen. Es liegt aber in unſerem Intereſſe, die Spione kennen zu lernen, damit wir ihnen mißtrauen und den Feind im Nothfall durch falſche Mittheilungen irre führen. Dieſe dürfen alſo nicht ſterben. Eine etwas tiefe Wunde wird ſie auf einige Tage an ihr Bett feſſeln, und wenn ſie wieder auf⸗ ſtehen können, iſt die Verſammlung vorüber. Wir haben die Fürſorge ſo weit getrieben, daß wir ihnen die Rolle der Angreifer gegeben. Sie werden keinen Verdacht he⸗ gen und fortwährend Frankreich die Pläne denunciren, welche ihnen mitzutheilen uns zuſagen wird. Begreifen Sie nun, warum man Ihnen empfohlen, ſie nur zu ver⸗ wunden?“ „Und wenn ſie uns verwunden?“ entgegnete Samuel. „Dann,“ ſprach die Stimme,„dann nöthigen ſie die Duellgeſetze, ſich in den erſten Tagen verborgen zu hal⸗ 62 ten, und wir haben Freunde, welche ſie officiell verfolgen und auf wenigſtens vierzehn Tage in Gewahrſam bringen können.“ „Ja, in beiden Fällen iſt alles Vortheil. für den Tugendbund,“ verſetzte Samuel. . Die ſechs Verlarpten machten eine Geberde der Un⸗ geduld. Der Einzige, welcher noch geſprochen, fuhr mit ſtrengerem Tone fort: „Samuel Gelb, wir haben die Gewogenheit gehabt, Ihnen eine Erklärung zu geben, während wir Ihnen nur einen Befehl hätten geben können. Genug der Worte. Gehorchen Sie, ja oder nein?“ „Ich ſage nicht, daß ich mich weigere,“ erwiederte Samuel;„doch,“ fügte er endlich, ſeinen wahren Gedan⸗ ken verrathend, bei,„doch es iſt mir erlaubt, mich ein wenig gedemüthigt zu fühlen, wenn ich ſehe, zu welchem mittelmäßigen Geſchäft uns der Tugendbund verwendet. Man erachtet uns als mäßig koſtbar, wie mir ſcheint, und man iſt nicht ſehr geizig mit uns. Ich geſtehe Ihnen offenherzig; ich bin fo ſtolz, zu glauben, ich ſei ein we⸗ nig mehr werth, als man mich ſchätzt. Ich, der ich der Erſie in Heidelberg bin, habe im Bunde nur den dritten Grad inne. Ich weiß nicht, wer Sie find, und ich will wohl glauben, daß es unter Ihnen Männer gibt, welche in ihrem Werthe höher ſtehen, als ich. Ich verbeuge mich, wenn man will, vor demjenigen, welcher geſprochen hat, und deſſen Stimme ich, wie ich denke, heute Abend ſchon gehoͤrt habe. Doch ich verſichere, daß es mehr als Einen in Ihren oberen Graden gibt, dem ich wenigſtens gleich komme. Ich finde alſo, daß Sie ein höheres Unterneh⸗ men von uns verlangen dürften, und daß Sie den Arm da anwenden, wo Sie den Kopf anwenden könnten. Ich habe geſprochen. Morgen werde ich handeln.“ Da nahm dverjenige von den Sieben, welcher auf einem höhern Blocke ſaß und bis jetzt weder eine Sylbe ———— zen en n⸗ nit bt, ur te. t, —— 63 von ſich gegeben, noch eine Geberde gemacht hatte, das Wort und ſprach langſam und mit ernſtem Tone; „Samuel Gelb, wir kennen Dich. Du biſt nicht in den Tugendbund aufgenommen worden, ohne Proben durchzumachen. Und wer ſagt Dir, daß das, was Dir in dieſem Augenblick begegnet, nicht auch eine Probe iſt? Wir kennen Dich als einen erhabenen Geiſt und als einen kräftigen Willen. Du giltſt und Du kannſt. Aber es fehlt Dir das Herz, der Glauben, die Verleugnung. Samuel Gelb, ich befürchte, daß Du nicht um der all⸗ gemeinen Freiheit willen, ſondern für Deinen perſönlichen Stolz, nicht um unſerer Sache zu nützen, ſondern, um Dich unſerer Stärke zu bedienen, einer der Unſrigen haſt ſein wollen. Doch nicht zur Befriedigung des Ehrgeizes Einzelner kämpfen und dulden wir, wir thun dies für eine Religion. Es gibt hier weder ein großes, noch ein kleines Geſchäft: Alles trägt zu demſelben Zwecke beiz der Letzte iſt ſo viel werth, als der Erſte. Es gibt nur Gläubige, und die Bevorzugten find die Märtyrer. Du gehörſt zu den Bevorzugten, da man Dich für eine Ge⸗ fahr bezeichnete. Wenn wir einen Dienſt von Dir ver⸗ e fragſt Du; warum? Du müßteſt ſagen: Ich anke „Unglücklicher! Du zweifelſt an Allem, nur an Dir nicht. Wir zweifeln nicht an Deinem Werthe, aber wir zweifeln an Deiner Tugend. Und das iſt es vielleicht, r Du bis jetzt im Tugendbund nicht vorgerückt Samuel hatte mit tiefer Aufmerkſamkeit auf dieſe gebieteriſche Sprache gehört. Er ſchien davon betroffen, denn mit einer ganz an⸗ deren Stimme erwiederte er nach einem Stillſchweigen: „Sie täuſchen ſich. Wenn ich mich in Ihren Augen geltend zu machen geſucht habe, ſo geſchah es im Inter⸗ eſſe des Werkes und nicht des Arbeiters. Fortan werde ich nur meine Handlungen ſprechen laſſen. Morgen, um 64 anzufangen, bin ich Ihr Soldat und nichts als Ihr Sol⸗ dat.“ „Gut!“ ſagte der Präſident.„Wir zählen auf Dich. Zähle auf Gott.“ Auf einen Wink des Präſidenten trat der Mann, der Samuel und Julius eingeführt hatte, wieder hinzu und führte ſie zurück. Sie ſtiegen den gewölbten Fußpfad hinauf, den ſie heruntergeſtiegen waren, durchſchritten die Ruinen, kamen wieder an den drei Wachen vorüber und erreichten die in tiefem Schlafe liegende Stadt. Eine halbe Stunde nachher waren Beide im Zimmer von Samuel im Gaſthaus zum Schwanen. Das Fpiel des Trebens und des Lodes. Die laue Luft der Mainächte drang durch das offene Fenſter ein, und die Sterne ſchwammen wie verliebt in der ruhigen, ſanften Strahlung des Mondes. Beide ſchweigſam, ſtanden Samuel und Julius noch unter der Gewalt der geheimnißvollen Scene, der ſie bei⸗ gewohnt hatten. Julius ſtellte in ſeinem Innern die Ein⸗ drücke derſelben mit dem Gedanken an Chriſtiane zuſam⸗ men, der diesmal wirklich mit dem Gedanken an ſeinen Voter vermiſcht war. Die Betrachtungen von Samuel hatten Samuel zum einzigen Gegenſtand. Der hoffärtige Zweifler ließ ſich nicht durch viel be⸗ unruhigen, aber es iſt gewiß, daß der Präſident dieſes erhabenen Clubs beinahe eine Wirkung auf ihn hervorge⸗ bracht hatte. Wer konnte, fragte er ſich, dieſer Mann ſein, welcher mit einer ſo überlegenen Autorität ſprach, 4 der nd fad die ind ner ne ch ei⸗ n⸗ n⸗ en el e⸗ es e⸗ in 65 der Chef der Chefs, das Haupt eines Körpers, der Prin⸗ zen von Geblüt zu Gliedern hat? Es hing nur von Samuel ab, unter dieſer Larve einen Kaiſer zu träumen. Oh! eines Tags Haupt dieſer ſouverainen, allmäch⸗ tigen Verbindung werden, welch ein Traum! In ſeinen Händen nicht nur die gebrechlichen Exiſtenzen von einigen einzelnen Perſonen haben, ſondern mit den Geſchicken gan⸗ zer Nationen ſpielen, welche Rolle! So ſagte ſich Samuel, und darum hatte die ſtrenge Warnung des unbekannten Präſidenten ſeinen Geiſt ſo tief ergriffen. Samuel bemerkte mit Schrecken und Beſtürzung einen Umſtand: ihm, der alle Fehler, wenigſtens die großen, zu haben glaubte, ihm mangelte es an einem ungeheuren, der Heuchelei. Wäre er alſo nicht nur die Hälfte einer Stärke? Wie! er hatte die Unklugheit begangen, ſtolz ſeine Hoff⸗ nungen und ſeinen Werth vor Denjenigen auszubreiten, welche, da ſie die Macht beſaßen, wenig verſucht ſein mußten, eine gierige, um ſich greifende Perſönlichkeit dabei zuzu⸗ laſſen. Kinderei und Dummheit! Jago, dachte Samuel, Jago iſt ein großer Mann, und, bei Gott! wenn man Karten ſpielt, handelt es ſich darum, zu gewinnen, gleich⸗ viel wie. Dann verließ er ungeſtüm den Lehnſtuhl, in dem er ſaß, ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und ſagte, die Stirne hoch, die Fäuſte feſt geſchloſſen, das Auge flammend, zu ſich ſelbſt: „Nein, nein, eher verlieren, als betrügen! Die Kühn⸗ heit hat im Ganzen Freuden und Triumphe, welche ſtolzer ſind, als die Niedrigkeit, und ich will noch ein paar Jahre warten, bis ich Heuchler werde. Bleiben wir Titan und verſuchen wir es, den Himmel zu erſtürmen, ehe wir uns entſchließen, ihn durch Liſt zu gewinnen.“ Er blieb vor Julius ſtehen, der, den Kopf in den Händen, in eine tiefe Träumerei verſunken zu ſein ſchien. Gott lenkt. 1. 5 66 „Gehſt Du ſchlafen?“ fragte ihn Samuel, indem er die Hand auf ſeine Schulter legte. Julius erwachte aus ſeinem Traum. „Nein, nein,“ ſagte er,„ich muß zuvor einen Brief 3 ſchreiben.“ 4„An wen denn? an Chriſtiane?“ „Oh! das iſt unmöglich. Unter welchem Vorwand und mit welchem Rechte würde ich ihr ſchreiben. Ich will an meinen Vater ſchreiben.“ „Müde, wie Du biſt? Du ſollteſt ihm erſt morgen ſchreiben.“ „Ich werde dieſe Pflicht nicht auf ſpäter verſchieben. Ich will ſogleich ſchreiben.“ „Gut alſo,“ ſagte Samuel.„In dieſem Fall werde ich mit derſelben Gelegenheit an den großen Mann ſchrei⸗ ben. Und,“ murmelte er zwiſchen ſeinen Zähnen, einen Brief mit der Tinte, der ſich Cham bediente, um an Noah zu ſchreiben. Schließen wir zuerſt hiemit ab, um einmal anzufangen.“ Dann ſprach er laut: „Doch vorher, Julius, haben wir einen weſentlichen Punkt miteinander in Ordnung zu bringen.“ „Welchen?“ „Wir ſchlagen uns morgen mit Franz und Otto. Obgleich es an ihnen iſt, uns herauszufordern, können wlr doch, indem wir ihnen Gelegenheit bieten und entwe⸗ der den Einen von ihnen meiden oder ihn ſuchen, zum Voraus unſern Gegner wählen. Otto Dormagen iſt aber ohne Widerſpruch der Stärkere von Beiden.“ „Nun?“ „Auf unſerer Seite, wird Deine Beſcheidenheit zuge⸗ ſtehen, daß ich von uns Beiden derjenige bin, der ſeines Degens ſicherer iſt.“ „Das iſt möglich. Hernach?“ „Hernach, mein Lieber, glaube ich, daß es gerecht nd ill en en. rde ei⸗ ief nal hen tto. nen we⸗ um ber ge⸗ nes ½ 67 iſt, wenn ich Otto Dormagen übernehme, und das thue ich auch. Kümmere Dich alſo nur um Ritter.“ „Das heißt, Du zweifelſt an mir? ich danke.“ „Keine Albernheit im Intereſſe des Tugendbun⸗ des, wenn nicht in dem Deinigen. Ich will alle Chancen auf unſere Seite bringen, das iſt das Ganze, und Du brauchſt mir nicht einmal Dank dafür zu wiſſen. Erinnere Dich, daß Dormagen einen gewiſſen Pointeſtoß beſitzt, der ſehr gefährlich iſt.“ „Ein Grund mehr. Ich werde immer jede ungleiche Theilung einer Gefahr ausſchlagen.“ „Ah! Du machſt den Stolzen? Im Ganzen nach Deinem Belieben. Natürlich werde ich auch den Stolzen machen, und wir werden uns morgen verpflichtet halten, Beide nach dem Gefährlichſten zu haſchen, und Jeder wird dem Andern zuvorkommen wollen. Daraus entſpringt dann ein ungeſchickter Eifer in der Art, wie wir mit Otto anbinden; wir werden die Herausforderer ſein, die Rollen werden verkehrt ſein, und wir ſind gegen den Bund ungehorſam geweſen.“ „Nimm Franz und laß mir Otto.“ „Kind,“ rief Samuel.„Doch halt! laß uns das Loos ziehen.“ „Dazu willige ich ein.“ „Das iſt ein Glück.“ Samuel ſchrieb die Namen von Franz und Otto auf zwei Stückchen Papier.* „Bei meinem Ehrenwort, was Du mich da thun läſſeſt, iſt albern,“ ſagte er, während er die Papiere zu⸗ ſammenrollte und in ſeiner Mütze ſchüttelte.„Ich kann nicht begreifen, daß der Menſch je ſeinen verſtändigen und freien Willen der blinden, dummen Laune des Zufalls unterordnet. Nimm Deinen Zettel. Ziehſt Du den Namen Dormagen, ſo iſt es wahrſcheinlich Dein Todesurtheil, und Du haſt Dich durch das Loos bezeichnen laſſen, wie 68 das Schaf durch den Schlächter. ein ſchöner, glor⸗ reicher Vorzug!“ Julius entfaltete ſchon den Zettel, den er genommen hatte; er hielt inne. „Nein,“ ſagte er,„ich will lieber erſt leſen, nachdem ich an meinen Vater geſchrieben habe.“ Und er legte den Zettel in ſeine Bibel. „Bei meiner Treue, ich werde daſſelbe, wie Du, aus Gleichgültigkeit thun,“ verſetzte Samuel. Und er ſchob ihn in ſeine Taſche. Dann ſetzten ſich Beide einander gegenüber an ihren Arbeitstiſch und ſchrieben, Beide von derſelben Lampe be⸗ leuchtet. Ein Brief iſt oft ein Charakter. Leſen wir alſo den Brief von Julius und den von Samuel. Zuerſt den von Julius. „Mein lieber und ſehr geehrter Vater, „Ich weiß und fühle tief, was ich Ihnen Alles ſchuldig bin. Es iſt nicht allein ein berühmter Name, der Name des größten Chemikers dieſer Zeitz es iſt nicht allein ein bedeutendes, rühmlichſt durch europäiſche Arbei⸗ ten erworbenes Vermögen; es iſt auch und hauptſächlich die unerſchöpfliche, gränzenloſe Zärtlichkeit, durch die Sie mich darüber, daß ich nie meine Mutter gekannt, getröſtet haben. Sie haben ſie mir erſetzt. Glauben Sie mir, mein Herz iſt durchdrungen von Ihrer Fürſorge und Nach⸗ ſicht. Sie haben mich hierdurch zweimal zu Ihrem Sohne gemacht, und ich liebe Sie zugleich wie meinen Vater und wie meine Mutter. „Ich fühle das Bedürfniß, Ihnen dies in dem Augen⸗ blick zu ſagen, wo mich meine plötzliche Abreiſe von Frankfurt der Gleichgültigkeit und des Undanks zu be⸗ ſchuldigen ſcheint. Bei Ihrer Abreiſe nach Kaſſel hatten Sie mir verboten, nach Heidelberg zurückzukehren. Sie wollten mich auf die Univerſität Jena ſchicken, wo ich von Samuel getrennt wäre, deſſen Einfluß auf mich Sie fürchten. Wenn Sie nach Frankfurt zurückkommen, wer⸗ 69 den Sie mir böſe ſein, daß ich Ihre Abweſenheit benützt habe, um hieher zu eilen. Doch hören Sie mich, mein guter Vater, und Sie werden mir verzeihen. „Es iſt weder Undank noch eine Flucht, was mich nach Heidelberg zurückgeführt, hat, es iſt eine gebie⸗ teriſche Pflicht; welche, dus kann ich Ihnen nicht ſagen. Die Verantwortlichkeit Ihrer Stellung und Ihre officiellen Pflichten erlauben mir nicht, zu ſprechen, weil ſie Ihnen vielleicht nicht erlauben würden, zu ſchweigen. „Was den Einfluß betrifft, den Samuel wohl auf mich haben kann, ſo leugne ich ihn nicht. Er übt über meinen Willen eine Herrſchaft aus, der ich mich nicht zu entziehen vermag, eine gewaltſame, ſchlimme, trau⸗ rige, aber nothwendige Herrſchaft. Ich bin friedlicher und ſanfter als er, aber es fehlt mir an Feſtigkeit und Entſchiedenheit. Der Ueberdruß und der Widerwille haben ſich leicht meiner Seele bemächtigt. Ich ermüde ſogleich. Ich bin ruhig aus Weichlichkeit, zart aus Schlafſucht. Nun denn! Samuel weckt mich auf. „Samuel, eine ſtets bereite Energie, ein immer lei⸗ denſchaftlicher Willen, iſt, ich glaube es, ich befürchte es, für meine Apathie unerläßlich. Ich fühle mich nur leben, wenn er da iſt. Iſt er abweſend, ſo exiſtire ich kaum. Er iſt ſtark an meiner Stelle. Meine einzige Initiative iſt er. Ohne ihn falle ich zurück. Seine herbe Heiter⸗ keit, ſein wilder, beißender Spott peitſchen mein Blut. Er weiß es und mißbraucht es, denn er iſt kein liebevolles, ergebenes Herz. Doch was wollen Sie? Macht man dem Führer, der den im Schnee ſchlafenden Reiſenden aufweckt, ſein ungeſchlachtes Weſen zum Vorwurf? Wer⸗ den Sie ſeine Bitterkeit dem Tranke vorwerfen, der mir die Lippe verbrennt, um mich meiner Erſtarrung zu ent⸗ reißen? Und was iſt Ihnen lieber, wie ich ſein ſoll, trunken oder todt? „Uebrigens wird meine Reiſe nicht gänzlich für mich verloren geweſen ſein. Ich bin durch den Odenwald hier⸗ 70 her zurückgekehrt und habe eine bewunderungswürdige Gegend beſucht, die ich nie geſehen. In meinem nächſten Briefe wiederhole ich Ihnen alle Eindrücke, die mir von dieſem reizenden Ausflug geblieben find. Ich werde Ih⸗ nen Alles anvertrauen, Ihnen, der Sie mein beſter Freund ſind. Ich habe im Ovenwald ein Haus gefunden, und in dieſem Hauſe.. Doch muß ich hiebon ſprechen? Werden Sie mich nicht auch verſpotten? Uebrigens kann ich und darf ich zur Stunde dieſen Gedanken, dieſes Bild nicht heraufbeſchwören... „Ich komme auf den Gegenſtand meines Briefes zu⸗ rück. Verzeihen Sie mir meine Ungelehrigkeit, mein Vater. In dieſem Augenblick, das verſichere ich Sie, iſt es für mich ein großes Bedürfniß, zu glauben, daß Sie mir ſie verzeihen.. Mein Gott! werden Sie meine geheim⸗ nißvollen Anſpielungen nicht vielleicht beunruhigen? Lieber Vater, wenn Gott für uns entſcheidet, ſo füge ich dieſem Brief ein Wort bei, das Sie beruhigt. Füge ich nichts bei füge ich nichts bei, ſo werden Sie mir verzei⸗ hen, nicht wahr?„ Seit einigen Minuten kämpfte Julius mit Mühe ge⸗ gen die Müdigkeit, die ihn niederdrückte. Die Feder ent⸗ ſchlüpfte bei dieſer Stelle ſeinen Händen, ſein Kopf neigte ſich auf ſeinen linken Arm, ſeine Angen ſchloſſen ſich, und er entſchlief. „He! Julius,“ ſagte Samuel, der es bemerkte. Julius rührte ſich nicht. „Schwache Natur!“ ſprach Samuel, ſeinen Brief auch unterbrechend, zu ſich ſelbſt.„Ein Wachen von acht⸗ zehn Stunden genügt, um ihn zu erſchöpfen. Hat er wenigſtens ſeine Epiſtel beendigt? Laß ſehen, was er an ſeinen Vater ſchreibt.“ Er nahm ohne Umſtände den Brief von Julius und las ihn. Bei der Stelle, die ihn betraf, zog ein ſpötti⸗ ſches Lächeln ſeine Lippen zuſammen. „Ja,“ ſagte er,„Du gehörſt mir, und mehr als e E d d n ld U ir ie n er ts i⸗ e⸗ t⸗ te d t⸗ er in nd ti⸗ 7¹ Ihr, Du und Dein Vater, glaubt. Seit zwei Jahren verfüge ich über Deine Seele. Seit einem Augenblick viel⸗ leicht über Dein Leben. Doch ich kann es im Ganzen erfahren.“ Er nahm aus ſeiner Taſche den Zettel, den er gezo⸗ gen hatte, und las: „Franz Ritter.“ Er lachte. „Es hängt alſo allem Anſchein nach von mir ab, ob dieſes Kind leben oder ſterben ſoll. Ich brauche die Dinge nur in dem Zuſtande zu laſſen, in dem ſie ſind. Und Otto Dormagen wird ihn ſpießen wie ein Hühnchen. Er ſchläft; ich kann ſeinen Zettel aus der Bibel nehmen und ganz zart den meinigen an ſeine Stelle legen; mit Franz wird er ſich herausziehen. Soll ich es thun? Soll ich es nicht thun? Bei Gott! ich weiß es nicht. Das iſt eine Lage, wie ich ſie liebe. In ſeinen Händen wie einen Würfelbecher die Eriſtenz eines Menſchen halten; mit dem Leben und dem Tode ſpielen, das iſt beluſtigend! Ver⸗ längern wir dieſes Göttervergnügen. Ehe ich mich ent⸗ ſcheide, beendige ich meinen Brief, der ſicherlich minder reſpectvoll iſt, als der von Julius, obſchon ich ohne Zweifel dieſelben„ natürlichen Urſachen habe, den berühmten Baron zu reſpeetiren.“ u Der Brief von Samuel war in der That ziemlich ühn. Credo in hominem. Folgendes iſt der Brief von Samuel, und der Titel dieſes Buches erlaubt uns, ihn in ſeiner ganzen Vermeſſen⸗ heit zu geben. „Mein Herr und hochgeſchätzter Lehrer, „Offenherzig geſprochen, glauben Sie an Gott?“ „Verſtehen wir uns, glauben Sie an einen von uns verſchievenen, vereinzelten, ſelbſtſüchtigen und hochmüthigen Gott, Schöpfer, Herrſcher und Richter, der, wenn er die zukünftigen Dinge nicht vorherſieht, blind und albern iſt wie jede Art von Chef der executiven Gewalt; der, wenn er ſie vorherſieht, unvermögend iſt wie ein Vaudevilliſt zehnten Ranges. Denn der Menſch, ſein Meiſterwerk, iſt Sf nur ein ſchwaches, abhängiges und dummes Ge⸗ pf. „Oder glauben Sie wohl, das, was man Gott nennt, vermoͤge ſich nicht vom Leben und der Menſchheit abzuſondern, und es ſei das, was Ihr Chriſtenthum, un⸗ willkührlich ausgedrückt hat, wenn es ſagte, Gott habe ſich zum Menſchen gemacht? „Für jedes erleuchtete und nicht officielle Gewiſſen dieſer Zeit iſt die Frage keine mehr. Aber vor den äußer⸗ ſten Conſequenzen dieſes ſichern Princips zogern, zweifeln, beunruhigen ſich die ſchüchternen Geiſter. Die erſte von dieſen Conſequenzen iſt folgende: Wenn Gott Menſch iſt, ſo iſt der Menſch Gott. Wenn ich ſage Menſch, ſo ſpreche ich nicht von Philiſtern oder von Bauern, von dem We⸗ ſen, das ſeine Thaler zählt, wie ein Knauſer, oder die Erde ausgräbt wie ein Ochs; ich ſage der Menſch, der denkt, der liebt, der will; ich ſage Sie, ich ſage ich; kurz ich ſage der Menſch! tel en⸗ 73 „Der Menſch hat nun, wenn er Gott iſt, die Rechte eines Gottes, das iſt klar. Es ſteht in ſeiner Macht, zu handeln, wie es ihm beliebt, und er hat keine andere Schranken, als die Grenzen ſeiner Stärke. Der Menſch von Genie hängt nur von ſeinem Genie ab. Napoleon, den wir gegenwärtig verfluchen, ehe aber zehn Jahre ab⸗ laufen, vergöttern werden, weiß oder fühlt das, und das bildet ſeine Größe. Bei der Herde des gemeinen Volkes hat der Menſch von Genie die Vollmacht des Hirten und des Schlächters. „Der Satan von Milton ſagt: Böſes, ſei mein Gutes! Das iſt ausſchließend und beſchränkt. Ich würde mich nicht für gezwungen halten, nie das zu thun, was die Menſchen das Böſe nennen, ich würde mich aber auch ebenſo wenig für gezwungen halten, nur das zu thun, was die Menſchen das Gute nennen. Die Natur, welche die Vögel erzeugt, erzeugt ſie nicht auch die Schlangen? „Aber die geſeliſchaftliche Ordnung? ſagen Sie. Sprechen wir hierüber. „S legen großen Werth auf die geſellſchaftliche Ordnung, ich begreife das; ſie überhäuft Sie mit Allem. Doch ich! ich bin ein Jude, ich bin Baſtard, ich bin arm; drei Unglücke, deren wegen, obgleich ſie von mei⸗ nem Willen unabhängig ſind, mich die Geſellſchaft zu⸗ rückſtößt, und für die ſie mich wie für Verbrechen be⸗ ſtraft. Sie werden mir erlauben, ihr nicht ſehr dankbar zu ſein. Es iſt ſchlimm für diejenigen, welche ihren Hund mißhandeln, ſtatt ihm zu trinken zu geben, und die ihn mit Stockſtreichen füttern! Der Hund wird wüthend und ſie. „Gegen wen habe ich alſo Verbindlichkeiten? gegen Sie vielleicht? Wir wollen ſehen. „Es gibt in Frankfurt eine enge, ſchmutzige, düſtere Goſſe, mit ſpitzigen Kieſelſteinen gepflaſtert, eingezwängt zwiſchen zwei Reihen ſchwankender Häuſer, welche mit der Stirne mit den gegenüberliegenden Häuſern zuſammen⸗ 74 ſtoßen, als ob ſie betrunken wären; eine Gaſſe, deren leere Buden ſich gegen Hinterhoͤfe, gefüllt mit altem Eiſen und zerbrochenen Töpfen, öffnen; eine Gaſſe, die man Abends doppelt ſchließt, wie einen Zufluchtsort von Peſtkranken. Das iſt die Judengaſſe. „Nie iſt die Sonne ſo wohlwollend geweſen, in dieſe unreine Finſterniß herabzuſteigen. Nun denn! Sie wa⸗ ren weniger hoffärtig, als die Sonne. Eines Tages, vor ungefähr zwanzig Jahren, kamen Sie dahin und ſahen im Vorübergehen auf einer Thürſchwelle ſitzend und nähend ein junges Mädchen von glänzender Schönheit; darum kamen Sie wieder. Sie waren damals noch nicht der Gelehrte, den Deutſchland bereichert und verherrlicht hat; aber Sie waren jung, und Sie beſaßen viel Geiſt. Die Jüdin beſaß viel Gemüth. Was aus dem Zuſam⸗ mentreffen des Herzens der Jüdin und Ihres Geiſtes ent⸗ ſprang, werden Sie mir ſicherlich nicht ſagen. „Aber ich weiß, daß ich ein Jahr nachher geboren wurde und daß ich Baſtard bin. „Meine Mutter hat ſich ſeitdem verheirathet und iſt, ich weiß nicht wo, in Ungarn geſtorben. Ich, ich habe nur meinen Großvater, den alten Samuel Gelb, gekannt, der den Sohn ſeiner einzigen Tochten übernahm. „Was meinen Vater betrifft, ſo ſollte ich mehr als einmal mit ihm zuſammen ſein. Nie aber hatte er die Miene, als wüßte er, wer ich wärez nie hater es mir ge⸗ ſtanden, weder öffentlich, noch insgeheim. Ich konnte ollein mit ihm ſein, er hat mir nie die Arme geoͤffnet, er hat nie ganz leiſe zu mir geſagt: Mein Kind! „Ich vermuthete, er habe ſeinen Weg in der Welt gemacht und geheirathet. Ohne Zweifel hatte er einen Juden und einen Baſtard nicht anerkennen können wegen ſeines Blutes, wegen ſeiner Frau, vielleicht wegen der Geburt von einem rechtmäßigen Sohn Bei dieſer Stelle des Briefes bemerkte Samuel, daß Julius ſchlief; er rief ihm, wie wir erwähnt, vergebens, „ 75 um ihn aufzuwecken, zog aus ſeiner Taſche den Zettel, 6 ihm zugefallen war, und las den Namen von Franz tter. Nach einigem Zögern ſteckte Samuel, wie wir eben⸗ falls geſehen, den Zettel wieder in ſeine Taſche und ſetzte ſeinen Brief fort: „So lebte ich bis zu meinem zwölften Jahre, ohne zu wiſſen, wer mein Vater war, und ohne zu wiſſen, wer Sie waren. In dieſem Alter ſaß ich eines Morgens leſend auf derſelben Schwelle, wo Sie dreizehn Jahre früher meine Mutter hatten nähen ſehen, als ich die Augen aufſchlug und plötzlich einen ernſten Mann erblickte, der mich ſtarr anſchaute. Das waren Sie. Sie traten in die Bude ein. Von Ihnen befragt, ſetzte Ihnen mein Großvater auseinander, daß es mir weder an Verſtand, noch an gutem Willen fehle; ich lerne Alles, was man wolle; ich könne ſchon Franzöſiſch und Hebräiſch, was er mich zu lehren im Stande geweſen; ich leſe alle Bücher, die mir unter die Hände fallen; doch er ſei arm und er habe große Mühe, mich zu erziehen. „Sie hatten die außerordentliche Güte, mich in Ihr chemiſches Laboratoriuen zu nehmen, ein wenig als Zög⸗ ling, ein wenig als dienten. Aber ich hörte und ich ſtudirte. Mittelſt meiner eiſernen Organiſation, die mir meine Tage durch meine Nächte zu verdoppeln geſtattete, mit Hülfe meiner Energie, die mich mit einer Art von Wuth in das Studium verſenkte, durchdrang ich im Ver⸗ laufe von ſieben Jahren, eines um das andere, alle Ge⸗ heimniſſe Ihrer Wiſſenſchaft, und mit neunzehn Jahren wußte ich ſo viel als Sie. „Ich hatte obendrein, nur davurch, daß ich den Ler⸗ tionen von Julius heiwohnte, das Lateiniſche und Grie⸗ chiſche gelernt. „Sie waren mir ein wenig gewogen geworden, ich intereſſirte mich ſo ſehr für Ihre Experimente. Und da 76 ich gern ſchweigſam und ungeſellig war, ſo vermutheten Sie nicht, was im Grunde von mir lag. „Doch das konnte nicht ſo fortwähren. Sie bemerk⸗ ten bald, daß ich allein und meinerſeits vorwärts ging. Sie erzürnten ſich und ich erzürnte mich. Es fand eine Erklärung zwiſchen uns ſtatt. „Ich fragte Sie, worauf ſie mit Ihrer Wiſſenſchaft abzielten? Sie antworteten mir: Auf die Wiſſenſchaft. Ei! die Wiſſenſchaft iſt nicht der Zweck, das iſt das Mit⸗ tel. Ich, ich wollte ſie auf das Leben anwenden. „Wie! wir hatten in unſern Händen furchtbare Ge⸗ heimniſſe und Mächte. Wir konnten durch unſere Ana⸗ lyſen und Entdeckungen den Geiſt entzünden oder auslö⸗ ſchen, und, indem wir nur einen Tropfen auf eine Frucht fallen ließen, einen Napoleon tödten! Und von dieſer wunderbaren Macht, die wir durch unſere Geſchicklichkeit und unſere Arbeit beſaßen, machten wir keinen Gebrauch! Dieſe übermenſchliche Kraft, dieſes Beherrſchungswerk⸗ zeug, dieſes Souverainetätskapital ließen wir unbenützt ſchlummern. Wir thaten nichts. Wir begnügten uns damit, daß wir es in einem Winkel hatten, wie der gei⸗ zige Dummkopf Millionen vergräbt, die ihn zum Herrn der Welt machen würden. „Darüber waren Sie entrüſtet, und Sie erwieſen mir die Ehre, mich als einen gefährlichen Menſchen zu betrachten. Sie erachteten es für klug, mir Shr Labo⸗ ratorium zu verſchließen, und entzogen mir ihre Lectionen, deren ich nicht mehr bedurfte. Sie weigerten ſich, mich weiter zu führen, während ich ſchon vor Ihnen ging. Und Sie ſchickten mich vor zwei Jahren auf dieſe Unſver⸗ ſität Heivelberg, wo mir, um es aufrichtig zu ſagen, nichts lieber ſein konnte, als die Geſetzgebungen und Philoſophien dieſer Welt ſtudiren zu dürfen. „Doch eine andere Frevelthat: Julius iſt hier und ich gewann natürlich über ihn die Gewalt, die eine Seele wie die meinige immer über eine Seele wie die ſeinige —„„ e———„— — 8„ 8—) e S e r 6 en nd ele ge 77 gewinnen wird. Daher väterliche Eiferſucht und Beſorg⸗ niß. Sie hängen an dieſem Sohne, das begreife ich; Sie beten in ihm den Erben Ihres Vermögens, Ihres Ruhmes und der zwölf Buchſtaben Ihres Namens an. So daß Sie uns, um ihn meinen Klauen zu entziehen, vor vierzehn Tagen zu trennen verſuchten und ihn nach Jena ſchickten. Er folgte mir beinahe wider meinen Wil⸗ len hierher. Iſt das mein Fehler? „Ich faſſe mich kurz. Was verdanke ich Ihnen? Ich verdanke Ihnen das Leben. Erſchrecken Sie nicht; ich will damit nicht ſagen, ich ſei Ihr Sohn: Sie haben mich ſtets als einen Fremden behandelt; ich nehme die Stellung an, die Sie mir gegeben. Ich will ſagen, ich verdanke Ihnen das, was macht, daß ich lebe, die Wiſſen⸗ ſchaft, die Erziehung, das Leben des Geiſtes. Ich bin Ihnen auch die Penſion ſchuldig, die Sie mir ſeit zwei Jahren geben. Iſt das Alles? „Nun! ich komme auf den Ausgangspunkt meines Briefes zurück. Ich bin ſtark und will frei ſein. Ich will Menſch, der Ausdruck Gottes, ſein. Morgen bin ich einundzwanzig Jahre alt. Mein Großbater iſt vor vierzehn Tagen geſtorben. Ich habe keine Mutter mehr. Ich habe keinen Vater. Kein Band hält mich zurück. Ich lege nur Werth auf meine eigene Achtung, auf mei⸗ nen Stolz, wenn Sie wollen. Ich brauche Niemand, und ich will Niemand etwas ſchuldig ſein. „Der alte Samuel Gelb hat mir ungefähr zehn⸗ tauſend Gulden hinterlaſſen. Ich fange damit an, vaß ich Ihnen den Betrag der Rente, die Sie mir ausgeſetzt hatten, zurückſchicke. So viel in Beziehung auf das Geld. Was die moraliſche Schuld betrifft, ſo iſt, wie mir ein⸗ fällt, hier unter meiner Hand das Mittel, Sie zu bezah⸗ len und Ihnen zu beweiſen, daß ich zu Allem fähig bin, ſelbſt zum Guten. „Ihr Sohn, Ihr einziger Sohn, Julius, ſchwebt zu dieſer Stunde in Todesgefahr. Durch eine Combina⸗ 73 tion, welche Ihnen zu erklären überflüſſig wäre, hängt ſein Leben von einem Zettel ab, der hier in ſeiner Bibel liegt. Findet er ihn, ſo iſt er verloren. Wohl denn! Horen Sie, was ich thun werde, ſobald ich dieſen Ab⸗ ſchiedsbrief unterzeichnet habe. Ich werde auſſtehen, aus meiner Taſche einen Zettel dem ähnlich, welchen Julius gewählt hat, ziehen, ihn in ſeine Bibel legen und den ſeinigen und die Gefahr für mich nehmen. Dadurch ver⸗ beſſere ich für Sie die Vorſehung, kurz, ich rette ihn. Sind wir quitt? „Hienach wird meine Wiſſenſchaft mir gehören, und ich mache damit, was ich will. „Gruß und Vergeſſenheit. „Samuel Gelb.“ Samuel ſtand arf; öffnete die Bibel, nahm den Zettel heraus und legte an ſeine Stelle den, welchen er in ſeiner Taſche hatte. 3 Er ſiegelte eben ſeinen Brief, als der helle Tag Julius aufweckte. Wei Du ein wenig ausgeruht?“ fragte ihn Sa⸗ muel. Julius rieb ſich die Augen und ſammelte ſeine Ge⸗ danken. Als er wieder zu ſich kam, war ſeine erſte Be⸗ wegung, daß er ſeine Bibel öffnete und den Zettel nahm, der ihm zugefallen war. Er las Franz Ritter. „Nun! ich habe denjenigen, welchen ich wollte,“ ſagte Samuel ruhig.„He! he! die gute Vorſehung iſt offenbar verſtändiger, als ich dachte, und es könnte wohl ſein, daß ſie wirklich wüßte, ob wir die Sonne, die in dieſem Augenblick aufgeht, auch untergehen ſehen werden. Nur müßte ſie es uns ſagen.“ —— ngt bel n! lb⸗ us ius den er⸗ ind ind den er ag Sa⸗ Ge⸗ Be⸗ hm, e, ohl in den —„— 79 Ver Herzfuchs. Während Julius ſeinen Brief vollendete und ſchloß, zündete Samuel ſeine Pfeife an. „Ah!“ ſagte er, eine Rauchwolke ausſtoßend,„nichts beweiſt uns, daß Dormagen und Ritter nicht denſelben Gedanken gehabt haben, wie wir, und daß nicht jeder von ihnen ſeinen Gegner gewählt hat. Es iſt alſo klug, ihnen zuvorzukommen. Man muß ihnen eine Gelegenheit zum Streite bieten, die ſie nicht vermeiden können.“ „Suchen wir unter den vom Comment feſtgeſetzten Ehrenfragen,“ erwiederte Julius. „Oh!“ entgegnete Samuel,„es iſt nothwendig, daß wir uns nicht wegen einer Studentenbeleidigung, ſondern wegen einer Männerbeleidigung ſchlagen, damit wir das Recht haben, dieſe Herren ernſtlich zu verwunden. Sprich, hat Dein Ritter nicht immer noch ſeine Geliebte?“ „Ja, die kleine Lolotte.“ „Die, welche mit Dir liebäugelt? Nun! das kommt vortrefflich. Wir wollen durch ihre Straße gehen. Es iſt ſchöͤn Wetter. Sie wird nach ihrer Gewohnheit emſig an ihrem Fenſter arbeiten. Du ſagſt ihr, wenn wir vorüberkommen, ein paar freundliche Worte, und wir werden die Wirkung abwarten.“ „Nein!“ erwiederte Julius verlegen,„ein anderes Mittel iſt mir lieber.“ „Warum?“ „Ich weiß nicht, aber ich mag mich nicht um eines kleinen Mädchens willen geſchlagen haben.“ Er erröthete. Samuel lachte. „Glückliche Unſchuld! er kann noch erröthen!“ „Nein, ich ℳ 80 „Ah! Du denkſt an Chriſtiane; und Du willſt dem an ſie, ſelbſt nicht einmal ſcheinbar, untreu ein.“ „Biſt Du verrückt?“ verſetzte Julius, den ein uner⸗ klärliches Unbehagen ergriff, ſo oft Samuel von Chri⸗ ſtiane ſprach. „Bin ich verrückt, ſo biſt Du albern, daß Du nicht ein Wort zu Lolotte ſagen willſt. Das verbindet zu nichts und wir vermöchten keinen bequemeren und zu⸗ gleich ernſteren Vorwand zu finden. Wenn Du nicht etwa entſchloſſen biſt, nur noch mit Chriſtiane zu ſprechen, nur noch mit ihr... „Du langweilſt mich. Ich willige ein,“ ſagte Ju⸗ lius mit einer gewiſſen Anſtrengung. „Gut, gut! Ich, was mich betrifft, auf welchen Kie⸗ ſelſtein werde ich ſchlagen, um einen Streit zwiſchen mir und Dormagen zu entzünden? Der Teufel ſoll mich ho⸗ len, wenn ich es weiß. Hat der auch eine Geliebte? Doch alle Beive daſſelbe Mittel anwenden?.. Das wäre eine große Armuth an Einbildungskraft,.. und dann, ich mich für ein Weib ſchlagen. es würde der Sache an Wahr⸗ ſcheinlichkeit mangeln.“ Er dachte einen Augenblick nach. „Ah! ich habe meine Ivee,“ rief er plötzlich. Er läutete. Ein Aufwärter trat ein.. „Sie kennen meinen Leibfuchs, Ludwig Trichter?“ „Ja, Herr Gelb.“ „Gehen Sie geſchwinde in den Raben, wo er wohnt, und ſagen ſie ihm von mir, ich müſſe ihn ſogleich ſprechen.“* Der Aufwärter ging ab. „Wenn wir mittletweile ein wenig Toilette machten?“ ſagte Samuel. Nach zehn Minuten kam Trichter haſtig, athemlos, die Augen noch vom Schlafe angeſchwollen, herbei. Ludwig Trichter, den wir nur oberflächlich geſehen 81¹ haben, war der Typus des zwanzigjährigen Studenten, obgleich er wenigſtens dreißig Jahre zählte. Dieſer ehrwürdige Mann hatte ſchon vier Studenten⸗Generatio⸗ nen auf einander folgen ſehen. Sein Bart wogte auf ſeine Bruſt herab. Ein ſtolzer, wie die Spitzen eines Halbmondes, aufwärts gebogener Schnurrbart und durch lange fortgeſetzte, zur Gewohnheit gewordene Ausſchwei⸗ fung getrübte Augen gaben der Phyſiognomie dieſes Neſtors der Schenken einen ſeltſamen Ausdruck von vä⸗ terlicher Herausforderung. In ſeiner Kleidung trachtete er danach, die von Sa⸗ muel zu copiren, deſſen Seltſamkeiten Ludwig Trichter übrigens alle nachahmte auf die Art der Nachahmer, indem er ſie übertrieb. Das Alter und die Erfahrung von Trichter machten ihn unter vielen Umſtänden zu einem koſtbaren Menſchen. Er war vertraut mit jedem Verfahren, das die Verhält⸗ niſſe der Studenten zu den Philiſtern und der Studenten unter einander zu ordnen vermochte. Er war wie die lebendige Tradition der Univerſität. Darum hatte ihn Samuel zu ſeinem Leibfuchs Mgemacht. Trichter war ſtolz auf dieſe Gunſt, und es genügte, zu ſehen, wie demüthig und knechtiſch er gegen Samuel war, um zu errathen, wie frech und hoffärtig er gegen Andere ſein mußte. Als er eintrat, hielt er in ſeiner Hand ſeine Pfeife, welche anzuzünden er ſich nicht einmal die Zeit genom⸗ men. Samuel ließ ſich herab, dieſen außerordentlichen Beweis von Eile zu bemerken. „ Wenn Dumas das Wort Fuchs, womit in der Regel nur die Studenten der erſten zwei Semeſter bezeichnet werden, auch nicht immer richtig anwendet, ſo hat er doch nicht Unrecht, einen Studenten von vier und zwanzig Semeſtern Fuchs zu nennen, denn über und über bemooſte Häuſer werden auf einigen Uni⸗ verſitäten wieder Fuchs, Goldfuchs beſonders, betitelt. Gott lenkt. 1. 6 „ 82 „Zünde Deine Pfeife an,“ ſagte er.„Biſt Du noch nüchtern?“ „Ja, obgleich es fieben Uhr iſt!“ erwiederte Trich⸗ ter ziemlich verlegen.„Mein lieber Senior, ich bin erſt vieſen Morgen vom Fuchscommers nach Hauſe gekommen, und war eben eingeſchlafen, als Deine freugvliche Bot⸗ ſchaft mich aufweckte.“ „Gut, gut! Es kommt vortrefflich, daß Du noch nichts zu Dir genommen haſt„ Sage mir: da Dormagen eines von unſeren bemooſteſten Häuſern iſt, ſo muß er auch ſeinen Herzfuchs haben.“ „Ja, Freßwanſt.“ „Trinkt er gut, dieſer Freßwanſt?“ „Coloſſal. Er iſt ſogar der Stärkſte von uns.“ Samuel faltete die Stirne. „Wie!“ ſagte er zornig,„ich habe einen Fuchs, und dieſer Fuchs iſt nicht der Stärkſte von Allen in Allem?“ „Ho! ho!“ rief Trichter gedemüthigt, indem er ſich hoch aufrichtete,„wir haben nie im Ernſte geſtritten; doch es biete ſich eine Gelegenheit, und ich bin fähig, ihm Stand zu halten.“ „Das geſchehe noch dieſen Morgen, wenn Dir an meiner Achtung gelegen iſt. Ach! die große Schule geht hin. Die Traditionen verlieren ſich. Seit drei Monaten hat die Univerſität kein tüchtiges Duell gehabt. Noch heute muß eines ſtattfinden. Hoͤrſt Du? Fordere Freß⸗ heraus. Ich befehle Dir, ihn in den Grund zu ohren.“ „Das genügt, Senior,“ erwiederte Trichter ſtolz. „Ein einziges Wort. Soll ich ihn auf einfaches Bier herausfordern, oder werden wir uns auf Wein ſchlagen?“ „Auf Wein, Trichter, auf Wein! Man muß den Philiſtern die Piſtole und das Bier überlaſſen. Der De⸗ gen und der Wein find die Waffen der Studenten und der Evelleute.“ 8³ „Du wirſt zufrieden ſein. Ich gehe auf der Stelle nach dem Großen Faß, wo Freßwanſt frühſtückt.“ „Gehe und ſage aller Welt, ich und Julius werden um halb zehn Uhr, unmittelbar nach dem Collegium von Thibaut, zu Euch kommen. Ich will Dein Zeuge ſein.“ „Ich danke und werde mir alle Mühe geben, mich Deiner würdig zu zeigen, großer Mann.“ Lolotte. Als Trichter weggegangen war, ſagte Samuel zu ulius: „Das iſt die Marſchordnung; Zuerſt in die Straße von Lolotte, dann in das Rechtscollegium, um nichts in unſern Gewohnheiten zu ändern, und hernach in das Große Faß.“ Sie gingen hinab. Unten an der Treppe übergab ein Diener Samuel einen Brief. „Teufel!“ ſagte dieſer,„ollte dies ſchon von einem unſerer Leute ſein?“ Doch der Brief war vom Profeſſor der Chemie Zachäus, der Samuel zum Frühſtück einlud. „Sage Deinem Herrn, ich habe ſchon eine Einla⸗ dung angenommen und könne erſt morgen kommen.“ Der Bediente entfernte ſich. „Armer Mann!“ ſagte Samuel.„Da iſt ein Punkt, der ihn in Verlegenheit ſetzt. Wie könnte er ſeine Vor⸗ lefungen ohne mich geben?“ Sie verließen das Gaſthaus und gingen nach der Brodſtraße. 52 84 Unfern vom offenen Fenſter eines Erdgeſchoſſes ſaß, brünett, lebhaft, wohlgebaut, die Haare glänzend auf den Schläfen, die Haube leicht rückwärts auf den Kopf geſetzt, Lolotte und nähte. „Sieh, dreißig Schritte von hier plaudern drei Füchſe mit einander,“ ſagte Samuel.„Ritter wird be⸗ nachrichtigt werden. Sprich mit dem Kinde.“ „Was ſoll ich ihr ſagen?“ „Was Du willſt. Es genügt, daß Du mit ihr pprichſt.⸗ Julius näherte ſich ungern dem Fenſter. „Schon auf und bei der Arbeit, Lolotte!“ ſagte der junge Mann zu dem Mädchen.„Sie waren heute Nacht nicht beim Fuchscommers?“ Lolotte wurde ganz roſig vor Vergnügen, als ſie ſah, daß Julius ſie anredete. Sie ſtand auf und trat, mit ihrer Arbeit in der Hand, an's Fenſter. „Oh! nein, Herr Jullus, ich gehe nie auf den Ballz Franz iſt ſo eiferſüchtig! Guten Morgen, Herr Samuel. Doch Sie haben, glaube ich, meine Abweſenheit nicht bemerkt, Herr Julius 2“ „Ich will nur ja ſagen, Franz iſt ſo eifer⸗ ſüchtig.“ „Bah!“ verſetzte ſie mit einer kleinen Mundverziehung des Trotzes. „Was machen Sie denn da, Lolotte?“ fragte Julius. „Atlaßſäckchen für wohlriechende Kräuter.“ „Sie ſind reizend. Wollen Sie mir eines abtreten?“ „Welche Idee! und wozu?“ „Um ein Andenken von Ihnen zu haben,“ verſetzte Samuel.„Oh! der kühne junge Mann mit ſeiner ſchüchternen Miene!“ „Hier haben Sie das ſchönſte,“ ſagte muthig Lo⸗ lotte nach kurzem Zögern. „Wollen Sie es mir an einem Bande befeſtigen?“ — ß, uf pf rei hr er ht , it 2 zte er — 85⁵ „Welche Leidenſchaft!“ rief Samuel komiſch;„er iſt wahnſinnig verliebt.“ „Ich danke, meine gute, hübſche Lolotte,“ ſagte Julius.* Und er zog einen Ring von ſeinem kleinen Finger. „Nehmen Sie dies dagegen, Lolotte.“ „Ich weiß nicht, ob ich ſoll. Lolotte nahm den Ring. „Nun müſſen wir Adien ſagen,“ ſprach Julius;„die Stunde zum Collegium hat geſchlagen, und wir ſind im Verzug. Ich werde Sie ſehen, wenn wir zurückkommen.“ „Nun! Sie gehen, ohne mir die Hand zu drücken? Sie haben entſchieden Angſt vor Franz.“ „Beeile Dich,“ ſagte Samuel leiſe;„die Füchſe kommen hierher.“ Die drei Füchſe gingen in der That vor dem Hauſe von Lolotte vorüber und ſahen Julius dem Mädchen die Hand küſſen. „Auf baldiges Wiederſehen,“ ſprach Julius; und er entfernte ſich mit Samuel. Als ſie in den Hörſaal kamen, hatte die Vorleſung ſchon längſt begonnen. Ein Coliegium in Heidelberg gleicht ſehr gewiſſen Collegien in Paris. Das Audito⸗ rium fing an genug daran zu haben. Eine kleine An⸗ zahl machte ſich Notizen. Etwa zwanzig hörten, ohne zu ſchreiben. Der Reſt plauderte, träumte, gähnte. Mehrere machten ſich durch ihre phantaſtiſchen Stellungen bemerkbar. Am Ende einer Bank lag ein Goldfuchs auf dem Rücken und hob die Beine ſenkrecht gegen die Wand empor. Ein Anderer lag auf dem platten Bauch, ſtützte den Ellenbogen auf die Bank, den Kopf in die Hände, und war in das Leſen patriotiſcher Lieder verſunken. Wir bezweifeln nicht, daß das Wort des Profeſſors immer in den Geiſt der Studenten kam, doch es iſt gewiß, daß es häufig in denſelben durch die Ellenbogen und den Rücken eindrang. 86 Weder Franz noch Otto folgten dem Curſus von Thibaut. Sobald die Vorleſung beendigt war, gingen Sa⸗ muel und Julius mit der Menge weg, und als es halb zehn Uhr ſchlug, ſetzten ſie den Fuß auf die Schwelle der Schenke zum Großen Faß, wo das doppelte bacchiſche und tragiſche Treffen ſich entſpinnen ſollte. Der Hauptſaal, in den Samuel und Julius eintra⸗ ten, war vollgepfropft von Studenten. Ihre Ankunft machte Senſation. „Da iſt Samuel!... Trichter, da iſt Dein Senior!“ ſagten die Studenten. Man erwartete ſie offenbar. Doch die Aufmerkſamkeit, die ſich Anfangs auf Sa⸗ muel gerichtet hatte, richtete ſich völlig auf Julius, als man Franz Ritter ganz bleich aus der Menge hervortre⸗ ten und gerade auf ihn zugehen ſah. Samuel hatte nur noch Zeit, leiſe zu Julius zu agen: „Sei ſehr gemäßigt. Es iſt gut, wenn wir alles Unrecht auf die Seite unſerer Gegner bringen, damit die Anweſenden, im Falle eines Ungiücks, bezeugen können, wir ſeien herausgefordert worden.“ 3 Ritter ſtand vor Julius und verſperrte ihm den eg. 8 Zuue,⸗ ſagte er,„man hat Dich dieſen Morgen, Du in den Hörſaal gingſt, mit Lolotte ſprechen ehen.“ „Das iſt möglich: ich erkundigte mich wahrſchein⸗ lich nach Dir, Franz.“ „Ich rathe Dir, nicht zu lachen. Man hat Dich die Hand küſſen ſehen. Erfahre, daß mir das miß⸗ fällt.“ 3 „Erfahre, daß ihr das nicht mißfällt.“ „Du ſpotteſt, um mich zu erbittern?“ „Ich ſcherze, um Dich zu beruhigen.“ ie n, n i, en 3. 37 „Das Einzige, was mich beruhigen kann, iſt ein Spaziergang auf den Kaiſerſtuhl mit Dir, mein Lieber.“ „Ein Aderlaß erfriſcht in der That bei heißem Wet⸗ ter; ich werde ihn an Dir vornehmen, wenn Du willſt, mein Beſter.“ „In einer Stunde 2“ „In einer Stunde.“ Sie trennten ſich. Julius kam zu Samuel zurück, und ſagte zu ihm: „Auf meiner Seite iſt die Partie abgeſchloſſen.“ „Gut! ich will ſie auch abſchließen,“ ſagte Samuel. Duell auf Wein. Samuel hatte Trichter bei Seite genommen und ſich ſchon von ihm Bericht über die Art, wie ſein Lieb⸗ lingsfuchs ſeine Befehle vollzogen, machen laſſen. „Hoͤre,“ ſagte Trichter.„Als ich in die Schenke eintrat, frühſtückte Freßwanſt. Ich näherte mich ſeinem Tiſch, ohne daß ich eine Abſicht dabei zu haben ſchien, und als ob ich zufällig vorüberginge. Nur, als ich ganz nahe war, hob ich den Deckel von ſeinem Glaſe auf und ſagte, da ich Bier darin ſchäumen ſah, mit einem Aus⸗ druck wahren Erbarmens:„„Schwacher Trinker!““ Dieſe zwei Worte des Mitleids machten, daß er wüthend aufſprang. Doch bald ſuchte er an ſich zu halten und ſagte ziemlich kalt zu mir:„„Das iſt einen Degenſtich werth.““ Ich ließ mich dadurch nicht aufregen und ent⸗ gegnete mit derſelben Melancholie:„„Du ſiehſt wohl, daß ich Recht habe, ich demüthige den Trinker, und der ————— 88 Raufer thut den Gegenſchlag. Uebrigens bin ich auf die Degenſpitze, wie auf das Schoppenglas bereit,““ fügte ich bei.“ „Gut, mein braber Fuchs,“ ſagte Samuel.„So⸗ dann?“ „Sodann fing er an zu begreifen:„„Wenn es ein Zuſammenſtoßen von Gläſern iſt, was Du haben willſt,““ ſagte er,„ſo machſt Du mir Vergnügen, meine Kehle roſtete ein. Ich will meinen Senior Oito Dormagen holen, daß er mir als Zeuge diene.“„„Mein Senior Samuel Gelb wird kommen, und der meinige ſein,““ erwie⸗ derte ich.„„Deine Waffen?““„„Wein und Liqueurs.““ „„Geck!““ ſagte er mit einem Ton, der verächtlich ſein ſollte, aber das Erſtaunen und den Reſpect durchdringen ließ. Und im gegenwärtigen Augenblick bereitet man im blauen Cabinete Alles, was man zu dieſem merkwürdigen Kampfe braucht. Dormagen und Freßwanſt ſind ſchon dort und erwarten uns.“ 6 wollen ſie nicht warten laſſen,“ ſagte Samuel. Sie traten mit Julius in das blaue Cabinet ein. Die Duelle auf Bier und auf Wein ſind ſelbſt ge⸗ genwärtig auf den deutſchen Univerſitäten nicht jelten. Das flüſſige Duell hat ſeine Regeln und ſeinen Com⸗ ment, gerade wie das andere. Es wird mit Methode und mit einer Progreſſivn ausgeführt, welche zu übertre⸗ ten nicht geſtattet iſt. Jeder Trinker verſchluckt nach und nach eine gewiſſe Quantität Flüſſigkeit und ſchleudert dann eine Beleidi⸗ gung ſeinem Gegner zu, der hierauf doppelt zu trinken und zu beleidigen genöthigt iſt. Bei den Kämpfen auf Bier iſt das Maß Alles; doch bei den Kämpfen auf Wein gibt es einen Verhältnißtarif, der die Stärke der Weine und das Quantum des Alko⸗ hols, das ſie enthalten, bezeichnet. Es gibt ebenſo für die Beleidigungen eine aufſteigende Leiter, eine Hierarchie der Injurie, eine Ariſtokratie des Schimpfes, welche uf ein 1ℳ hle en or ie⸗ „4 in en m en on el. e⸗ n. n⸗ de ſſe i⸗ en ch f, 0⸗ ür ie he —— —————— v⸗ 89 Niemand zu mißkennen berechtigt iſt. Der Kampf ſteigt ſo vom Bordeaurwein zum Branntwein, von der Pinte zur Schleifkanne, und vom feinen Witz zur plumpen Grob⸗ heit auf, bis Einer von den zwei Trinkern unfähig iſt, die Zunge zu rühren, um zu ſprechen, und den Mund zu öffnen, um zu trinken. Dieſer iſt der Beſiegte. Uebrigens iſt das flüſſige Duell kaum weniger töbt⸗ lich, als das andere. Die Polizei widerſetzt ſich demſel⸗ ben auch durch alle mögliche Mittel, wodurch ſie die Gefahr, daſſelbe fortwährend zu erhalten, herbeiführt. Als Samuel, Julius und Trichter in das blaue Ca⸗ binet eintraten, war Alles zum Kampfe bereit. Zwei furchtbare Gruppen von Flaſchen und Fläſchchen von je⸗ der Farbe und Form häuften ſich an den zwei Enden des Tiſches auf, um den ungefähr zwanzig Goldfüchſe ernſt und ſtillſchweigend ſtanden. Man ſah nur zwei Stühle einander gegenüber. Freßwanſt ſaß ſchon auf dem einen, Trichter ſetzte ſich auf den zweiten. Otto ſtand bei Freßwanſt, Samuel ſtellte ſich zu Trichter. Samuel nahm aus ſeiner Taſche einen Gulden und warf ihn in die Luft. „Vorderſeite,“ ſagte Dormagen. Der Gulden ſiel auf die Rückſeite. Es war an Trich⸗ ter, anzufangen. Muſe, ſprich uns von der Zahl der vollen Gläſer und dem glorreichen Kampfe, wobei vieſe zwei edlen Söhne Germaniens den Nationen bewieſen, bis auf welchen Grad von Elaſticität ſich die menſchliche Hülle ausdehnen kann, und wie, im Widerſpruch mit den Geſetzen der Phyſik, vas Enthaltende zuweilen kleiner iſt, als der Inhalt. Wir wollen nicht von den erſten Gläſern und den er⸗ ſten Beleidigungen reden, von ſchwachen Scharmützeln oder Recognoscirungen, wobei nur einige Beinamen aus⸗ getauſcht und fünf bis ſechs Flaſchen unter den Kämpfen⸗ den geleert wurden. 50 Wir gehen zu dem Augenblick über, wo der ſchätzens⸗ werthe Fuchs, der Liebling von Samuel, eine Flaſche Moſelwein nahm, mehr als die Hälfte davon in ein un⸗ geheures boͤhmiſches Glas einſchenkte, nachläßig trank, und das leere Glas auf dem Tiſch umkehrte. Dann ſchaute er Freßwanſt an und ſagte zu ihm: „Gelehrter!“ Der edle Freßwanſt lächelte verächtlich. Er nahm zwei Gläſer von demſelben Umfang wie das von Trich⸗ ter, füllte ſie bis an den Rand mit Bordeauxwein und leerte ſie beide bis auf den letzten Tropfen, gleichgültig, an etwas Anderes denkend⸗ Als dieſer ungeheure Trunk eingegurgelt war, ſagte er: „Branntweintrinker!“ Alle Zeugen wandten ſich nun gegen den großen Ludwig Trichter um, welcher ſich einer ſo ehrenvollen Meugierde nicht unwürdig zeigte. Der Wein, der un⸗ mittelbar auf den Bordeaurwein folgt, iſt auf der alko⸗ holiſchen Leiter der Rheinwein. Trichter hatte die edle Eitelkeit, eine Sproſſe zu überſpringen und ging unge⸗ ſtüm zum Burgunder über. Er ergriff eine weitgebauchte Flaſche, goß ſein Glas bis zum Ueberſtrömen voll, leerte es bis auf den letzten Tropfen und rief mit vibri⸗ render Stimme: „Freund der Könige!“ Dieſer Ausruf und die darin enthaltene beleidigende Prahlerei brachten bei dem Gegner von Trichter nur ein leichtes, ziemlich verletzendes Achſelzucken hervor. Der treffliche Freßwanſt wollte nicht zurückbleiben: Trichter hatte den Rheinwein überſprungen, er überſprang den Malaga und fürchtete ſich nicht, den Madeira in Angriff zu nehmen. Nicht zufrieden mit dieſem Sprung, und da er auch eine Neuerung vornehmen wollte, packte er das Glas, das ihm bis jetzt gedient hatte, und zerſchmetterte es auf —— — 91 dem Tiſch. Dann nahm er die Flaſche ſelbſt und ſieckte ihren Hals mit unbeſchreiblicher Grazie in ſeinen Hals. Die Umſtehenden ſahen den Wein von der Flaſche in den Menſchen übergehen, und Freßwanſt hielt nicht inne. Das Viertel verſchwand, dann die Hälfte, dann drei Viertel, und dieſer wunderbare Freßwanſt trank im⸗ mer noch. Als er zu trinken aufgehört hatte, drehte er die Flaſche um; es fiel nicht ein Tropfen heraus. Ein Schauer der Bewunderung durchlief die Zu⸗ ſchauer. Doch das war nicht Alles. Der Schlag zählte nur, wenn er durch die Beleidigung vervolliſtändigt war, und wir müſſen geſtehen, der kapfere Freßwanſt ſchien nicht mehr ſehr fähig, irgend Etwas auszuſprechen. Seine ganze Energie war offenbar in dieſer ungeheuren An⸗ ſtrengung aufgezehrt worden. Der heftige Streiter ſaß nun auf ſeinem Stuhl, erſchöpft, düſter, mit übermäßig aufgeſperrten Naſenlöcheru und hermetiſch geſchloſſenem Mund. Der Madeira kämpfte. Endlich ſchien er beſiegt, denn der ruhmwürdige Freßwanſt öffnete ein wenig ſeine Lippen, und es ſchlüpfte daraus das Wort: „Feiger!“ Der Beifallsſturm brach los. Da, o Trichter, warſt Du erhaben! Fühlend, der entſcheidende Augenblick nahe heran, ſtandſt Du auf. Du heuchelteſt nicht mehr die Sorgloſigkeit, welche bei dieſem Acte des Dramas nicht an der Zeit geweſen wäre. Du ſchüttelteſt Dein dickes Haupthaar, das die Menge fä⸗ chelte wie eine Löͤwenmähne. Du ſchlugſt langſam den Aermel an Deinem rechten Arme zurück, um Dir mehr Bequemlichkeit in den Gelenken zu geben(denn wir wei⸗ gern uns zu glauben, es ſei dies in der unedlen Abſicht, Zeit zu gewinnen, geſchehen), und mit einer feierlichen Geberde führteſt Du an Deinen Mund eine Flaſche Porto und verſchluckteſt ihren Inhalt ganz und gar. 92 Dann articulirte Trichter, ohne ſich eine Sekunde zum Athmen zu nehmen, und als ob es ihn drängte, ein Ende zu machen, ganz ſcharf die zwei Sylben: „Gauner!“ „Gut!“ ſagte Samuel beifällig. Nur, als der epiſche Trichter ſich wieder ſetzen wollte, wiſ⸗ ſen wir nicht, ob er ſeinen Stuhl ſah; er ſank nämlich ſchwerfällig nieder und ſtreckte ſich der Länge nach auf dem Boden aus, eine Lage, welche nach einer ſolchen Erſäufung gewiß entſchuldbar iſt. Sogleich wandten ſich die Blicke der Anweſenden gegen Freßwanſt. Aber ach! Freßwanſt ſchien nicht im Stande, den ungeheuren Schlag ſeines Gegners zu er⸗ wiedern. Der unglückliche Fuchs war von ſeinem Stuhle herabgeglitten und ſaß auch auf dem Boden, den Rücken an einen Fuß des Tiſches angelehnt und die Beine im Winkelmaß geöffnet. Er ſaß hier, verdutzt, die Augen ſtier, die Arme ſtarr und feſt an den Boden gedrückt. Dormagen ſagte zu ihm: „Auf, Muth gefaßt! es iſt an Dir.“ Freßwanſt rührte ſich nicht. Man mußte zu den heroiſchen Mitteln greifen. Der Sieg eines Cropfens über acht Eimer Waſſer. Freßwanſt war entſchieden ſtumm auf alle Worte, unempfindlich für alle Bitten. Indeſſen ſchien er noch einen Reſt von Bewußtſein zu bewahren. Dormagen faßte alſo den großen, äußerſten Entſchluß, S ihn die Geſetze des fluſfigen Duells bevollmäch⸗ tigten. ————— de in iſ⸗ uf en en m r⸗ le im en 32 te, ch ß, h⸗ — 93 Er kniete nieder, um näher am Ohr von Freßwanſt zu ſein, und rief ihm zu: „He! Freßwanſt! Freßwanſt! hörſt Du mich?“ Ein unmerkliches Zeichen antwortete ihm, und Dor⸗ magen fuhr feierlich fort: „Freßwanſt! wie viel Degenſtiche erhielt der große Guſtav Adolph?“ Unfähig, eine Sylbe zu artikuliren, ſchüttelte Freß⸗ wanſt einmal den Kopf. Dormagen machte einem Studenten ein Zeichen; dieſer ging hinaus und kam nach einer Minute mit einem Eimer voll Waſſer zurück. Dormagen goß den Eimer Freßwanſt auf den opf. nreſwant ſah aus, als bemerkte er es nicht ein⸗ Dormagen ſing wieder an ihm ins Ohr zu ſprechen. „Wie viel Säbelhiebe erhielt der große Guſtav Adolph?“ Freßwanſt ſchüttelte zweimal den Kopf. Zwei Studenten holten zwei Eimer Waſſer, welche gewiſſenhaft auf ſein Hinterhaupt geleert wurden. Freßwanſt verzog keine Miene. „Wie viel Schüſſe erhielt der große Guſtav Adolph 2“ Freßwanſt ſchüttelte fünfmal den Kopf. Fünf Studenten holten fünf Eimer, und die Ueber⸗ ſchwemmung des lethargiſchen Trinkers wurde fortgeſetzt. Bei der fünften Douche, welche eigentlich die achte war, bewies eine Grimaſſe, daß der Geiſt bei ihm zu⸗ rückkehrte. Dormagen nahm raſch vom Tiſche eine Flaſche Wachholderbranntwein und ſchob ſie Freßwanſt zwiſchen die Lippen. So unterſtützt, verſchluckte Freßwanſt den teufliſchen Trank, und durch dieſe Gluth nach dem Eiſe des Waſ⸗ ſers erweckt, ſetzte er ſich auf und ſprach maſchinen⸗ 94 mäßig mit heiſerer Stimme und ſchwerer Zunge das Wort: „Mörder!“ Dann fiel er wieder nieder, und diesmal vefinitiv. Aber die Partie von Dormagen triumphirte. Trichter, der empfindungslos, halb todt, auf dem Boden lag, war offenbar nicht im Stande, den Kampf fortzuſetzen. „Wir haben die Oberhand,“ ſagte Dormagen. „Du glaubſt?“ verſetzte Samuel. Er näherte ſich ſeinem Fuchs und rief ihm mit aller Stärke ſeines Willens und ſeiner Stimme. Trichter blieb ſtumm. Erzürnt, ſtieß ihn Samuel mit dem Fuß: Trichter gab kein Lebenszeichen von ſich. Samuel ſchüt⸗ telte ihn heftig? vergebens. Samuel nahm vom Tiſch eine Flaſche ſo groß wie die, welche Freßwanſt ſo mu⸗ thig geleert hatte, nur enthielt ſie ſtatt des Wachholder⸗ branntweins Kirſchgeiſt; er neigte die Flaſche und ver⸗ ſuchte es, den Hals Trichter in den Mund zu ſtecken, doch dieſer preßte inſtinctartig die Zähne zuſammen.. Die Anweſenden wünſchten Dormagen Glück. „Ohh! menſchlicher Wille! gedenkſt du mir zu wi⸗ derſtehen?“ murmelte Samuel. Er erhob ſich, ging an einen Schenktiſch und nahm ein Meſſer und einen Trichter. Mit der Klinge des Meſſers prückte er die Zähne ſeines Fuchſes aus einander, dann ſchob er in die Oeff⸗ nung den Trichter und goß ruhig den Kirſchgeiſt hinein, der Tropfen für Tropfen in die Kehle des trägen Stu⸗ denten ſiekerte. Trichter ließ gewähren, vhne nur vie Augen zu öff⸗ nen. Man neigte ſich ängſtlich über ihn, man ſah ihn die Lippen bewegen, aber vergebens. Er konnte nicht einen Ton hervorbringen. „Nichts iſt geſchehen, ſo lange er nicht geſprochen hat!“ rief Dormagen. ———.—— —.,————— —,.————— 95 „Und ich geſtehe, es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ein Wort aus dieſem Faſſe gehen kann,“ ſagte Julius, ſelbſt den Kopf ſchüttelnd. Samuel ſchaute ſie feſt an, zog aus ſeiner Taſche eine ganz kleine Phiole und goß vorſichtig davon einen Tropfen auf die Lippen von Trichter. Er hatte noch nicht die Hand zurückgezogen, als Trichter, wie von einem electriſchen Schlage getroffen, aufſprang, nieſte und, das Auge flammend, den Arm ausgeſtreckt, mit klarer Stimme Freßwanſt das Wort zuſchleuderte, welches im Vocabularium der Studenten die höchſte Beleidigung iſt, das Wort, gegen das Feiger, Gauner und Mörder nur madrigaliſche Süßigkeiten ſind, das Wort: „Dummer Junge!“ Dann fiel er ſtarr wieder auf den Rücken nieder.— Es war ein allgemeiner Ausruf des Erſtaunens und der Bewunderung. „Das iſt betrogen!“ rief Otto Dormagen wüthend. „Warum?“ fragte Samuel, die Stirne faltend. „Man kann den Kämpfenden Waſſer ins Geſicht ſpritzen, man kann ſie ſchütteln, man kann ſie mit Ge⸗ walt trinken laſſen, aber man darf nicht einen geheimen, unbekannten Trank anwenden.“ „Ah! ah!“ verſetzte Samuel;„ein Duell von Trin⸗ kern läßt nothwendig Alles zu, was ſich trinkt.“ „Das iſt richtig! das iſt richtig!“ ſagten Alle. „Und was für ein Gebräu iſt das?“ verſetzte Dor⸗ magen. „Eine ganz einfache Flüſſigkeit, die ich zu Deiner Verfügung ſielle,“ antwortete Samuel.„Ich habe da⸗ von, und zwar ſehr ſichtbar, wie mir ſcheint, einen Tropfen in eine Flaſche Kirſchgeiſt gegoſſen, und Trichter hat ſprechen können. In das Doppelte Kirſchgeiſt, weiche Quantität Freßwanſt trinken muß, um die Herausforde⸗ 96 rung aufzunehmen, gieße zwei Tropfen, und Freßwanſt wird ſprechen.“ „Gib,“ ſagte Dormagen. „Hier iſt die Phiole. Nur vernimm eine einfache Warnung: Dieſe Compoſition iſt nicht ganz ohne Ge⸗ fahr, und wenn Dein Fuchs zwei Tropfen davon trinkt, ſo wird er ſicherlich nicht wieder aufkommen. Bei einem einzigen Tropfen werde ich ſchon Mühe haben, den mei⸗ nigen zu erhalten.“ S Ein Schauer durchlief die Verſammlung. 4 „Ich füge bei,“ fuhr Samuel fort!„wenn Du Dich zu dieſem äußerſten Mittel entſchließeſt, ſo wirſt Du dar⸗ rum doch nicht das letzte Wort haben. Samuel Gelb darf nicht beſiegt ſein. Ich werde nicht zögern, Trichter zu vpfern und ihm drei Tropfen einzugießen.“ Dies wurde mit einer ſo entſetzlichen Kaltblütigkeit geſprochen, daß trotz des Schreckens, den Samuel ein⸗ ſlößte, ein langes Gemurre ſich erhob. Julius ſtrömte ein kalter Schweiß über den ganzen Leib. Otto Dormagen fand Muth in dem allgemeinen Gefühl, machte einen Schritt gegen Samuel, ſchaute ihm in's Geſicht und ſagte: „Unſere Sprache iſt arm und beſchränkt mich, um meinen Gedanken auszudrücken, auf die paar ſchwachen Worte; Samuel Gelb, Du biſt ein Elender und ein Ehrloſer!“ Alle Welt bebte und wartete voll Angſt auf das, was Samuel auf eine ſolche Beleidigung erwiedern würde. Ein Blitz zuckte aus den Augen des Königs der Studen⸗ ten, ſeine Hand hatte eine fieberhafte Bewegung, doch das dauerte nur eine Sekunde; er gewann alsbald ſeine Gelaſſenheit wieder und antwortete auf das Allerruhigſte doch ſeine Ruhe war erſchrecklicher als ſein Zorn: „Wir werden uns alſo ſogleich ſchlagen. Dietrich, Du wirſt mein Zeuge ſein. Die Sekundanten und die Freunde mögen es ſo einrichten, daß wir Alles auf dem * ——— che e⸗ ei⸗ 97 Kaiſerſtuhl bereit finden; es ſollen Vorpoſten auf dem Wege ausgeſtellt werden. Die Polizei würde Alles ver⸗ derben. Das Gerücht von dem Duell von Ritter und Hermelinfeld mußte ſchon ihre Aufmerkſamkeit erregen, und es iſt nöthig, daß man uns nicht ſtört, denn beim Teufel! vafür ſtehe ich Euch, das wird kein Gefecht zum Lachen werden. Es iſt das erſte Mal, daß man mich beleidigt, es wird das letzte Mal ſein. Meine Herren, ich verſpreche Euch Allen ein Duell, von dem die Pfla⸗ ſterſteine ſprechen ſollen. Vorwärts!“ Es war abermals der König der Studenten, den man hörte. Er ſprach gebieteriſch, und Jeder neigte ſich und gehorchte. Er ließ in ungleichen Gruppen und mit Zwiſchenräumen die Studenten, welche ſich im Saale be⸗ fanden, weggehen, bezeichnete ihnen mit kurzen Worten den Weg, den ſie, um keinen Verdacht zu erregen, wäh⸗ len, und den Poſten, den ſie auf dem Kaiſerſtuhl ein⸗ nehmen ſollten. Dormagen ſelbſt wartete, um ſich zu entfernen, auf die Befehle dieſes Generals. Endlich ſagte Samuel zu Julius: „Gehe, ich werde Dich bei den Acacien einholen. Du haſt einen Secundanten?“ „Ja, Lewald.“ „Gut, ich folge Dir ſogleich.“ Julius ging weg, doch Anfangs nur aus dem Saale und nicht aus dem Wirthshauſe. Müſſen wir ſagen, was er machte? Er trat in ein Cabinet ein, ſchob hinter ſich den Riegel vor, nahm ſeine Brieftaſche, zog daraus eine verwelkte Hageroſe, küßte ſie, ſteckte ſie vann zart in das Atlasſäckchen, das er von Lolotte gekauft hatte, ſchlang das Band um ſei⸗ nen Hals und verbarg unter ſeinen Kleidern die theure Reliquie. Nachdem dieſe Kinderei des Mannes vollbracht war, Gott lenkt. 1. 7 98 lächelte er wie befriedigt, und nun erſt verließ er die Schenke. Samuel aber, als in dem blauen Cabinet Niemand mehr war, als die auf dem Boden ausgeſtreckten bis zur Bewußtlofigkeit berauſchten zwei Trinker, Samuel neigte ſich und jegte die Hand anf die Stirne von Trichter⸗ Trichter ſeufzte. Samuel ſagte:„Das iſt gut!“ Dann murmelte er: „Dieſer Dormagen! er hat ſeinen Fuchs vergeſſen, und er war doch coloſſal. Das iſt ein gutes Zeichen.“ Samuel rief einen Kellner, deutete auf die zwei Streiter und ſagte: „In die Todtenkammer.“ Die Todtenkammer iſt ein mit Stroh ausgeſtopfter Winkel, wohin man, um ſie zu pflegen, die in den Zu⸗ ien völliger Unempfindlichfeit übergegangenen Trinker ringt.. Samuel ging nun zuletzt weg und ſchlug, ein Vi⸗ vallera pfeifend, den Weg nach dem Kaiſerſtuhl ein. Yuell zu Vier. Samuel traf am verabredeten Orte mit Julius und den zwei Studenten zuſammen, die ihnen als Secundan⸗ ten dienen ſollten. Der gewöhnliche Platz für die Duelle der Studen⸗ ten iſt hinter dem Berge Kaſſerſtuhl, zwei Stunden von Heidelberg. Nach einer Stunde fingen die Fußgänger an Vor⸗ ſichtsmaßregeln zu nehmen. Sie verließen die Straße und ſchlugen einen Seitenweg ein. ie d ur d . — 99 3 Von Zeit zu Zeit wandien ſie ſich um und ſchauten nach allen Seiten, ob ſie nicht verfolgt würden. Stießen ſie auf Philiſter, ſo gingen die zwei Secundanten Diet⸗ rich und Lewald auf ſie zu und forderten ſie mit einer energiſchen Geberde, welche ein eiſenbeſchlagener Stock ergänzte, auf, ihrem Spaziergang eine andere Richtung zu geben. Die Bürger heeilten ſich, zu gehorchen. Die Befehle von Samuel waren pünktlich vollzogen worden. In gewiſſen Entfernungen von einander hatten ſich Studenten, aus Fupcht vor einem AUeberfall, aufgeſtellt. Dietrich ſprach ein paar Worte leiſe mit ihnen und die Wachen ſagten: Vorhei! Nachdem man noch ungefähr fünf und dreißig Mi⸗ nuten marſchirt war, kam man in den Bäumen zu einem freundlichen, friſchen kleinen Wirthshauſe mit roſenfar⸗ benen Mauern, grünen Läden und einem Dache, deſſen in heiterem Sturme Schlingpflanzen bemächtigt atten. Die vier Studenten durchſchritten einen Garten, wo die Sonnenſtrahlen unter die Blumen regneten, und tra⸗ ten in den Tanz⸗ und Duellſaal ein, eine weite, ſechzig Fuß lange und dreißig Fuß breite Stube, in der man mit Bequemlichkeit walzen und ſich ſchlagen, lieben und ſterben konnte. Ritter war ſchon eingetroffen und mit ihm die Stu⸗ denten des blauen Cabinets, nur Dormagen nicht, der in⸗ deſſen hald mit ſeinem Secundanten erſchien. Vier bemooſte Häuſer waren beſchäftigt, auf dem Boden mit Kreide die Gränzen zu bezeichnen, auf die fich jedes Duell beſchränken mußte, um das andere nicht zu beengen. Zu gleicher Zeit ſchraubten vier Golvfüchſe ſcharfe wie die Bafonette dreieckige Klingen an Griffe. Die Degen der Studenten beſtehen aus zwei Stücken, die ſich auseinander nehmen laſſen, damit man ſie leichter vor dem Publikum verbergen kann; die Studenten ſiecken — das Eiſen unter ihren Ueberrock und den Griff in ihre Taſche und entgehen ſo den Spionen. Aus dieſer Operation gingen vier zwei und einen hal⸗ ben Fuß lange Jenenſer Raufdegen hervor., „Fangen wir an!“ ſagte Ritter. „Sogleich,“ antwortete ein Student, der eben in einer Ecke aus einem Käſtchen Inſtrumente auspackte und zurecht legte. Das war der Wundarzt, ein Student der Mediein, berufen, die Häute zuſammenzunähen, in welche der Begen Löcher oder Einſchnitte machen würde. Der Wundarzt ging an eine Thüre hinten im offnete ſie und rief hinaus: „Geſchwinde, geſchwinde!“ Ein Diener trat ein; er brachte zwei Servietten, eine Schüſſel und einen Krug Waſſer und legte und ſtellte Alles zu dem Käſtchen des Wundarztes. Dormagen wohnte dieſen Vorbereitungen voll Unge⸗ duld bei und warf den Studenten, die ihn umgaben, kurze, abgeſtoßene Worte zu; Franz ging von Otto zum Wundarzt; Julius war ruhig und ernſt. Samuel ſchien nur bemüht, den Angriff einer klei⸗ nen Roſe zurückzudrängen, die ein munterer Wind mit aller Gewalt durch das Fenſter hineintreiben wollte. „Es iſt nun Alles bereit,“ ſagte der Wundarzt. Julius näherte ſich Samuel, und Ritter Dormagen. Die vier Secundanten hakten von einem an die Wand genagelten Kleiderriegel vier Filzhüte, vier Fechthandſchuhe und vier ausgeſtopfte Gürtel los und ſchickten ſich an, da⸗ mit die Streiter zu bekleiden. Samuel ſtieß Dietrich zurück und ſagte zu ihm: „Nimm dieſen Plunder weg.“ „Aber das iſt die Regel,“ entgegnete Dietrich, und er zeigte offen auf einem Tiſch den Comment, ein al⸗ tes, fettiges, ſchwarz eingebundenes Buch. „Der Comment,“ verſetzte Samuel,„regelt die in nd in, en le, n, te e⸗ en, um ei⸗ nit en. nd the ⸗ nd al⸗ 101 Duelle der Studenten; doch hier handelt es ſich um ki⸗ nen Streit unter Männern. Das ſoll nicht mit Nadel⸗ ſtichen vorübergehen, und vas iſt nicht der Augenblick, um Bruſtleder anzuziehen, ſondern um die Röcke aus⸗ zuziehen!“ Und er that, wie er ſagte, und zog ſeinen Rock aus und warf ihn an das andere Ende des Saales. Dann nahm er raſch und auf den Zufall einen De⸗ gen, bog ihn, indem er die Spitze auf den Boden drückte, richtete ſich auf, und wartete. Otto Dormagen folgte ſeinem Beiſpiel, ebenſo Julius und Franz, und alle Vier waren, die Bruſt und den Akm frei und den Degen in der Hand, zum Angriff bereit. Das Wort und die Geberde von Samuel hatten die Zuſchauer ernſt gemacht. Dietrich klatſchte dreimal in die Hände und ſprach dann die emphatiſchen ſacramentlichen Worte: „Bindet die Klingen!“ Die vier Degen waren auf ver Stelle gebunden. Im Saale waren alle Blicke ſtarr, ſtockte jeder Athem. Der erſte Ausfall war auf beiden Seiten nur gleich⸗ bu ein Verſuch. Die Gegner nahmen gegenſeitig ihr aß. Julius und Franz Ritter ſchienen von gleicher Stärke zu ſein. Auf den Zornanfall, der bei Franz die Eifer⸗ ſucht im Augenblick der Herausfoderung verurſacht hatte, war eine kalte, gedrängte Wuth gefolgt. Jullus ent⸗ wickelte ſeine wahre Schoͤnheit. Er war ruhig, feſt, muthig ohne Prahlereiz ſeine Jünglingsanmuth ſtrahlte vom männlichen Stolz der Gefahr und der Beherztheit. Auf beiden Seiten wurde übrigens mit einer ſolchen Be⸗ hendigkeit und Geiſtesgegenwart zu Werke gegangen, daß man verſucht geweſen wäre, es eher für eine Fechtübung⸗ als für ein Duell zu halten, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein raſches Losmachen der Klinge, verbunden mit einem kräftigen, lebhaft parirten und noch lebhafter erwiederten 102 Stoß, wobei die Bruſt der Gegner geſtrelft worden zu ſein ſchien, die Zeugen daran erinnert hätte, daß die Ge⸗ fahr eine merkliche war, und daß Exiſtenzen am Ende dieſer feinen, ſo graziöſen, ſo hurtigen Klingen hingen. Gegen den Gebrauch bei den Studentenduellen, welche nur Fechtſpiele, ein wenig gefährlicher als die andern, find, ſprachen weder Franz, noch Julius. Was die andere Partie betrifft, ſo fühlte man, daß ſie noch gefahrvoller und noch erſchrecklicher war. Samuel Gelb hatte den Vortheil ſeiner hohen Geſtalt und einer unerſchütterlichen Kaltblütigkeit für ſich. Doch Otto Dormagen war geſchmeidig, ungeſtüm, verwegen, unvermeivlich durch die Kühnheit und das Un⸗ vorhergeſehene ſeiner Bewegungen. Es war ein ſeltenes, entzündendes Vergnügen, die Ruhe und Gelaſſenheit von Samuel gegenüber der Leb⸗ haftigkeit und Hitze von Otto zu ſehen; man mußte er⸗ regt werden von der Begegnung dieſer zwei Degen, von denen der eine ungeſtüm, ſchnell, flink, blendend, wie der Zickzack des Blitzes, der andere unbiegſam, unver⸗ rückbar, ſicher, gerade, wie die Spitze des Blitzableiters. Samuel konnte ſich nicht enthalten, zu ſprechen und zu lachen. Während er den Angriffen von Otto eine ge⸗ ringſchätzende Sicherheit entgegenſetzte, verſäumte er keine Gelegenheit, zu ſpotten, und ein höhniſches Wort begleitete jede Parade. Er tadelte Dormagen, warnte ihn, ertheilte ihm ſaſcüge, wie ein Profeſſor der Fechtkunſt ſeinem Zög⸗ nge. „Schlecht nachgeſtoßen! Ich hatte mich abſcchtlich entblößt! Fangen wir wieder an. In Terz diesmal. Schon beſſer! Junger Mann, es wird Ihnen gelingen. Aufgepaßt! ich werde weit ausfallen!“ Und während er es ſagte, ihat er es auch. Dorma⸗ gen hatte nur noch Zeit, jählings rückwärts zu ſpringen. —— ,— e⸗ ie b⸗ d⸗ on ie r⸗ 8. nd e⸗ ne ete m g⸗ ich al. n. a⸗ en⸗ — 10 Eine Secunde mehr, und der Degen von Samuel durch⸗ bohrte ihm die Bruſt. Dieſe verachtende Sorglofigkeit fing indeſſen an Dormagen auf das Heftigſte zu erbittern. In demſelben Maße, in dem er ſich aufreizte und ſeine verletzte Eitel⸗ keit ſich in der zuckenden Thätigkeit ſeiner Hand kundgab, verdoppelte Samuel ſeine ſtolzen Spöttereien und verbiel⸗ fachte die Degenſtiche durch die Zungenſtiche. Sein Antlitz glänzte von einer bitteren Freude, man fühlte, daß vie Gefahr ſein Element, die Kataſtrophe ſein Vergnügen, der Tod ſein Leben ſein mußten. Er war in ſeiner Art herrlich, und die ſtarken, eckigen Züge ſeines mächtigen Kopfes erreichten nun eine unbeſtreitbare Schönheit. Seine Naſenflügel erweiterten ſich, die Lippen⸗ falte, die ihm zum Lächeln diente, war mehr, als je, kalt übermüthig; ſeine falben, ſchillernden Augenſterne glänzten wie die des Tigers. Ein unbeſchreiblicher, in ſeinem ganzen Weſen verbreiteter Ausdruck von unbändigem Stolz ließ die Zuſchauer unſchlüſſig zwiſchen dem Entſetzen und der Bewunderung. Es gab Augenblicke, wo er den ganzen Saal mit ſeinem hochmüthigen, über dem Leben erhabenen Blicke erleuchtete. Wenn man ihn ſo ruhig, feſt, kurz und vervielfältigt in Worten ſah, wie einen Fechtmeiſter unter ſeinem Bruſt⸗ leder, ſo mußte man nothwendig auf den Gedanken kommen, er ſei unverwundbar. Dormagen, der ſich unter dem Drucke dieſes eiſigen Spottes unbehaglich zu fühlen anfing, wollte ein Ende machen und wagte den Stoß, von dem Samuel mit Ju⸗ lius geſprochen hatte. Es war eine Handremiſe von größter Kühnheit und einem außerordentlichen Ungeſtüm. Er fiel von der Klinge abweichend zu einem Stoße aus, und ſtieß dann ſogleich abermals, ohne ſich zu erheben, nachdem er den Körper verfehlt hatte. Die Gefahr lag in der Stärke, dem 104 Schwung und der der Geſchwindigkeit, die er dieſem ver⸗ doppelten Sprunge gab. Man vernahm nur einen Schrei. Jedermann hielt Samuel für todt. Doch Samuel, als hätte er den Gedanken von Dor⸗ magen zu gleicher Zeit mit dieſem gefaßt, hatte ſich ſo raſch auf die Seite geworfen, daß der Stoß, ſo gewaltig er war, nur die bauſchigen Falten des Hemdes berührte. Samuel lachte höhniſch, und Dormagen erbleichte. In demſelben Augenblick hatte Julius weniger Glück. Er kam ein wenig zu ſpät zur Prime⸗Parade, auf einen Stoß in der Hoͤhe der Quartlinie, und ſein Arm war leicht getroffen. Die Secundanten traten dazwiſchen, und mit dieſen zwei Stößen endigte der erſte Gang. ———,———— Engelsgebet, Feentalisman. Man ſuchte die Sache von Julius und Franz abzu⸗ machen. Ein Wort im Vorübergehen zu einer Griſette geſagt ſchien den Zeugen nicht von einer Bedeutung zu ſein, daß man weiter gehen ſollte. Doch außer ſeiner Eiferſucht hatte Franz den Befehl des Tugendbundes. Julius aber ſagte: „Vorwärts, meine Herren, wenn Einer von uns Beiden zu den Füßen des Andern liegt, werden wir auf⸗ hören, nicht eher. Kommt man hierher der Schrammen wegen, ſo find die Degen überflüſſig, eine Nadel genügt.“ Und er wandte ſich an Ritter und fragte ihn: „Haſt Du ausgeruht?“ r⸗ tig e. en ar en u⸗ tte ter es. ns f⸗ en — 105 Was Otto und Samuel betrifft, ſo hatte Niemand den Gedanken, ſie zu veranlaſſen, hiebei ſtehen zu bleiben, ſo ſehr fühlte man in der Haltung des Einen den wüthen⸗ den Groll über ſeinen verfehlten Stoß, und in der Hal⸗ tung des Andern den unverſöhnlichen Entſchluß eines marmornen Willens. Der Zwiſchenact unterbrach die Scherze von Samuel „Merke Dir wohl,“ ſagte er zu Dietrich,„es gibt keinen Vortheil, der nicht ſeinen Nachtheil in ſich trägt. So iſt der Stoß von Otto ſicherlich ein Vortheil bis zu dem Augenblick, wo er ihm fehlſchlägt. Jetzt ſiehſt Du meinen ehrenwerthen Gegner ganz entmuthigt.“ „Du glaubſt!“ verſetzte Dormagen außer ſich. „Oh! wenn ich Dir einen Rath zu geben hätte, mein lieber Otto, ſo wäre es der, nicht zu ſprechen,“ erwiederte Samuel.„Du biſt athemlos durch die lobenswerthe An⸗ ſtrengung, mit der Du mir einen halben Fuß ſpitziges Eiſen in die Haut zu bohren verſucht haſt, und wenn Du ſprichſt, ſo wirſt Du noch die Schwierigkeit, die Dir das Athmen macht, vermehren.“ Dormagen ſprang nach ſeinem Degen: „Auf der Stelle!“ rief er mit einer ſolchen Ge⸗ V des Zorns, daß die Zeugen inſtinctartig das Signal gaben. Julius dachte: „Es iſt eilf Uhr. Sie muß in der Kapelle ſein; ſie betet vielleicht für mich. Das hat mich ſicherlich ſo eben gerettet.“ Das Signal, indem es ihn ſeiner ſüßen Träumerei entriß, fand ihn, wie man begreift, nur um ſo mehr be⸗ reit, nur um ſo muthiger. Das Druell begann wieder. Dormagen hörte diesmal die Spoͤttereien 6 Sa⸗ muel nicht mehr. Ganz von Wuth erfüllt, mehr begierig, zu verwunden, als ſich zu deken, griff er an, heinahe nicht 106 ohne ſich zu vertheidigen. Aber, wie es immer ge⸗ ſchleht, die Leidenſchaft verwirrte ihn, das Fieber ſeiner Seele machte ſeine Hand zittern, und er ſtieß mehr heftig, als richtig. —,—— Samuel bemerkte die Verwirrung ſeines Gegners und that Alles, um ſie zu verdoppeln. Diesmal hatte er ſein Spiel völlig verwandelt. Statt ruhig und unſtörbar zu ſein, wie beim erſten Gang, ſprang er, fiel er aus ber„ Lage, machte er Wendungen, wechſelte er mit der Hand, beunruhigte, reizte, nörgelte er Dormagen, blendete er ihn durch den Blitz ſeiner Finten, betäubte er ihn durch das Geklapper ſeiner Worte. Dormagen verlor allmälig den Kopf. Plötzlich rief Samuel: „Ei! meine Herren, auf welchem Auge war Philipp von Macedonien blind?“ Er fuhr fort mit einer wunderbaren Behenvigkeit immer mehr Otto Dormagen zu ermüden, der, auf das Aeußerſte gebracht, ſich immer weniger geſchickt benahm. „Es war, glaube ich, das linke Auge. Philipp, ver Vater des großen Alexander, nicht mehr, meine Herren, belagerte„ich weiß nicht welche Stadt. Ein Bogen⸗ ſchütze der Stadt nahm einen Pfeil, auf den er ſchrieb: An das linke Auge von Philipp! Und der Pfeil kam an ſeine Adreſſe. Aber warum des Teufels eher das linke Auge, als das rechte?“. Otto antwortete weit ausfallend mit einem Stoß. Doch er hatte ſchlecht berechnet, ſein Degen glitt an Su von Samuel ab, deſſen Spitze er auf ſeiner Bruſt fühlte. „Du entblößeſt Dich,“ ſagte Samuel. Otto knirſchte mit den Zähnen. Samuel ſchonte ihn offenbar und ſpielte mit ſeinem Leben wie die Katze mit der Maus. Der Kampf war nicht minder lebhaft beim andern Paar, nur war er gleicher. ———„— 107 Indeſſen that, auf ein ſcheinbares Abweichen und ein wirkliches Abweichen von der Klinge darauf, Ritter einen geraden, ſo raſchen, ſo blitzenden Gegenſtoß, daß Julius nicht mehr Zeit hatte, zu pariren. Das Eiſen traf ihn an der rechten Seite. Doch, o wunderbarer Zufall! das Eiſen wandte ſich auf einem ſeidenen, ſchwebenden Gegenſtand, deſſen Richtung es folgte, ab und glitt an der kaum geſtreiften Bruſt hin. Auf dieſen Stoß hatte Julius nur ſeinen Degen auszuſtrecken; er drang drei Zoll in die Seite von Ritter ein, dieſer ſank zuſammen und fiel auf den Boden. Was Julius das Leben gerettet hatte, war das ſei⸗ dene, an ſeinem Halſe hängende Säckchen, das die ver⸗ vorrte Hageroſe enthielt. „Ah! Du biſt fertig!“ ſagte Samuel. Bei dieſem Worte begriffen die Zeugen, daß Sa⸗ muel auch fertig machen wollte. Dormagen gedachte ihm zuvorzukommen und verſuchte zum zweiten Mal den Stoß, der ihm das erſte Mal mißlungen war. „Abermals!“ rief Samuel.„Ah! Du wieverholſt Er hatte ſchon das Eiſen durch denſelben raſchen Seitenſprung vermieden, doch mit einem ſeltſamen, unvor⸗ hergeſehenen Manveuvre drückte er diesmal den Degen von Otto gewaltſam in die Höhe, ſtieß ſofort mit der Spitze des ſeinigen nach der Stirne von Dormagen und zog dann mit einer behenden Bewegung ſeine Waffe wieder zurück. Doch die Spitze war anderthalb Zoll in das Auge eingedrungen. Dormagen gab einen entſetzlichen Schrei von ſich. „Ich habe entſchieden das linke Auge gewählt,“ ſagte Samuel.„Das wird weniger unbequem beim Jagen ſein.“ Die Zeugen drängten ſich um die Verwundeten. Die rechte Lunge von Franz war durchſtochen worden. Dennoch hoffte ihm der Wundarzt das Leben zu retten. Der Wundarzt kam zu Dormagen. 108 Samuel wartete nicht, bis er ſeinen Ausſpruch ge⸗ than hatte. „Es iſt keine Gefahr ſür ſein Leben,“ ſagte er.„Ich wollte ihn nur eines Auges berauben. Bemerkt, daß ich, ſtatt in den Schädel einzudringen und das Gehirn zu verletzen, was zu thun von mir abhing, das Eiſen ſo zart wie ein chirurgiſches Inſtrument an mich gezogen habe. Das iſt, um die Wahrheit zu ſagen, eine Operation.“ ihm: wenn Du nicht willſt, daß eine Ergießung im Gehirn ſtattfinden ſoll. Bei entſprechender Behandlung und Pflege wird er in vierzehn Tagen wieder in den Straßen ſpa⸗ zieren gehen.“ In dem Augenblick, wo der Wundarzt ſeine Lanzette nahm und den Rath von Samuel zu befolgen ſich an⸗ ſchickte, trat ein Fink haſtig ein. „Nun! was gibt es?“ fragte Samuel. „Die Polizei!“ rief der Fink. „Ich erwartete es,“ verſetzte Samuel gelaſſen;„es war das Wenigſte, daß ſie mir die Ehre erwies, ſich ein wenig wegen meiner zu bemühen. Iſt ſie noch fern?“ „Fünfzig Schritte.“ „Dann haben wir Zeit. Laſſen Sie ſich nicht beun⸗ ruhigen, meine Herren, das iſt meine Sache.“ Er zerriß ſein Sacktuch und band es um den linken Arm von Julius. „Und nun ziehe raſch Deinen Ueberrock wieder an.“ Er zog auch den ſeinigen an. Die Polizei trat in den Garten ein. Ein Fuchs wandte ſich an Samuel und fragte ihn? „Werden wir den Steifkragen Widerſtand leiſten?“ „Feldſchlacht!“ antwortete Samuel.„Das wäre 3 beluſtigend. Wir würden ſie auf der Stelle durchprügeln, und Du führſt mich in Verſuchung, Dämon. Doch man Und er wandte ſich an den Wundarzt und ſprach zu „Er hat nicht gefrühſtückt. Laß ihm raſch zur Ader, — 0 ge⸗ ch ch, art be. zu er, irn ege a⸗ tte In⸗ „es ein 109 muß mit ven blutigen Beluſtigungen nicht verſchwenderiſch ſein, wir könnten am Ende der Sache überdrüſſig werden⸗ Es gibt ein anderes einfacheres Mittel.“ Man klopfte an die Thüre des Saales. „Im Namen des Geſetzes!“ rief eine Stimme. „Oeffnet dieſen Herren,“ ſagte Samuel. Eine Abtheilung Polizeidiener erſchien. „Man hat ſich hier geſchlagen?“ ſagte ihr Anführer. „Das iſt möglich,“ erwiederte Samuel. „Die Duellanten werden uns ins Gefängniß folgen,“ fuhr der Anführer fort. „Das iſt weniger möglich,“ entgegnete Samuel. „Und warum? wo find fie?“ Samuel deutete auf Otto und Franz. „Hier ſind Beide in den Händen des Doctors. Sie haben ſich gegenſeitig geſtochen. Sie ſehen, daß ſie es zur Stunde mehr mit dem Wundarzt, als mit dem Ker⸗ kermeiſter zu thun haben.“ Der Anführer brauchte nur einen Blick auf die ſchweren Wunden zu werfen; er machte eine Grimaſſe des Aergers und ging, ohne ein Wort zu ſagen, mit ſei⸗ nen Leuten weg. Sobald die Steifkragen abgezogen waren, trat Julius in ein anſtoßendes Cabinet, ſetzte ſich an einen Tiſch, öffnete den Brief wieder, den er für ſeinen Vater angefangen hatte, fügte ein paar Zeilen bei und verſiegelte ihn. Dann nahm er ein anderes Blatt Papier und ſchrieb; „Mein lieber Herr Pfarrer, Engelsgebet und Feentalisman haben mir ſo eben zweimal das Lehen gerettet. Wir find unverſehrt, und alle Gefahr iſt vorüber. „Am Sonntag, um Ihnen beſſer zu danken und Sie zu ſegnen. „Julius.“ 1¹0 Er gab hierauf die beiven Briefe Dietrich, der ſo⸗ gleich nach Heidelberg zurückkehrte, und ſie vor dem Ab⸗ gang des Felleiſens auf die Poſt geben ſollte. Als Julius in den Duellſaal zurückkam, brachte man die zwei Verwundeten auf einer Tragbahre weg, und Samuel ſagte:* „Und nun haben wir noch eine Stunde bis zur Mahl⸗ zeit todtzuſchlagen. Das iſt das Langweilige an den Morgenzerſtreuungen. Was thun bis zum Mittag!“ „Was bis Sonntag thun?“ dachte Julius. Zwei Arten, die Liebe zu betrachten. Am folgenden Sonntag verließen ſchon um ſieben Uhr Morgens Samuel und Julius Heivelberg und ſchlu⸗ gen, längs dem Neckar, den Weg ein, der noch Landeck führte. Sie waren zu Pferde, und Jeder führte ſeine Jagvoflinte an den Sattel gebunden mit ſich. Samuel hatte überdies noch einen Mantelſack hinter ſich. Trichter, der ſich von ſeinem Siege völlig erholt hatte, begleitete, ſeine Pfeife rauchend, bis zu den letzten Häuſern ſeinen edlen Senior, auf den er ſtolzer, als je, zu ſein ſchien. Er meldete ihm, er habe am vorhergehenden Tag die zwei Verwundeten beſucht. Beide würden davon kommen. Dormagen habe aber drei Wochen mit ſeiner Wunde zu thun, und Ritter einen Monat. Vor den Thoren der Stadt entließ Samuel ſeinen icungi und die zwei Gefährten ſetzten ihre Pferde n Trab. — . 111 Julius ſtrahlte von zwei Freuven: die Morgendäm⸗ merung am Himmel, Chriſtlane in ſeinem Herzen. Nie hatte er Samuel witziger, ſprudelnder, heiterer und vurch Blitze tiefer gefunden. Lebhaft und gelehrt, voll Laune und voll Geiſt, vervollſtändigte für Julius das * von Samuel ſein Schauſpiel und ſein Wohlbehagen, em es Beides verdolmeiſchte und gleichſam beſtätigte. Zulius hatte den Eindruck, Samuel fügte den Ausdruck bei. Sie kamen ſo nach Neckarſteinach. Sie hatten über Univerſität, Studien und Vergnü⸗ gungen geſprochen. Sie hatten über Deutſchland und Unabhängigkeit geſprochen. Julius war eines von den iungen und edeln Herzen, welche dieſe Ideen glühend ſchlagen machen, und er fühlte ſich ſtolz und glücklich, vaß er muthig ſeine Pflicht gethan und ſein Leben für eine theure und heilige Pflicht gewagt hatte. Samuel und Julins hatten von Allem geſprochen, nur nicht von Chriſtiane. Julius hatte vielleicht nicht von ihr geſprochen, weil er zu viel an ſie dachte. Samuel nannte ſie zuerſt. Ah!“ ſagte er plötzlich zu Julius,„was bringſt „Wie! was ich bringe?“ „Jaz haſt Du nicht irgend ein Kleinod für Chri⸗ ſtiane. „Oh! glaubſt Du, ſie hätte es angenommen? hält Du fie für eine Lolotte?“ U „Bah! es gab eine Königin, welche ſagte, das hänge von der Summe ab, die man verwende. Doch Du warſt wenigſtens darauf bedacht, Dir für den Valer ein ſeltenes botaniſches Werk zu verſchaffen? Zum Beiſpiel Linnaei opera mit Kupferſtichen, eine koſibare Ausgabe, von der ze Buchhändler Steinbach ein ſo vortreffliches Eremplar Du 112 „Ich Dummkopf, der ich bin, ich habe nicht an den Vater gedacht,“ geſtand Julius offenherzig. „Das Verſehen iſt ärgerlich,“ ſagte Samuel,„doch ich hoffe, Du wirſt den hübſchen Knaben, der Chriſtiane nicht verließ, und den Du nicht verließeſt, nicht vergeſſen haben. Du haſt ſicherlich für Lothario eines von herrlichen Spielzeugen von Nürnberg, welche allen kleine Deutſchen von fünf bis zehn Jahren ein ſo großes Glück bereiten. Wir haben einmal mit einander eine merkwür⸗ vige Schweinsjagd hewundert; Du erinnerſt Dich? jenes wimmelnde Basrelief in Holz, wo man ein ganzes Dorf, Schultheiß, Magiſter und Bürger, am Schwanz, an den Ohren, an den Borſten ihrer ſchweiniſchen Majeſtät hän⸗ gen ſieht, jenes Basrelief, über das wir alte Kinder bei⸗ nahe zum Zerplatzen lachten. Ich wette⸗ Du haſt es gekauft. Und das war eine ganz vortreffliche Jdee. Du hatteſt vorhin Recht, dem Kinde muß man das Geſchenk on Chriſtiane machen. Auf dieſe Art vervollſtändigt ſich die Freigebigkeit durch das Zartgefühl. Lothario ſchen⸗ ken, heißt Chriſtiane zweimal ſchenken.“ „Warum ſagſt Du mir das ſo ſpät?“ verſetzte Julius, unzufrieden über ſich ſelbſt. Und mit einem ungeſtümen Zerren am Zügel drehte er ſeinem Pferd den Kopf gegen 3 Heidelberg um. „Halt, halt,“ rief Samuel.„Es iſt unnöthig, daß Du in Heidelberg die Jagd und den Band holſt; Beives „Wie2“ „Die ſeltene Ausgabe von Linné und die homeriſche Schweinsjagd ſind beide in meinem Mantelſack, und ich biete ſie Dir an.“ „Ohl ich danke Dir, Du blſt zum Entzücken.“ „Mein Lieber, man muß Deine Angelegenheiten mit ver Kleinen raſch betreiben. Ich werde Dir helfen. Wenn ich Dich Deiner Natur überließe, ſo würdeſt Du in den ſentimentalen Melancholien verroſten, und in einem Jahre 1 —ͤũ 2 —,— c— ahr r⸗ 3 wäreſt Du ſo weit, als an dem Tage, ehe Du ſie zum erſten Mal geſehen. Doch ich bin da, ſei unbeſorgt. Du ſiehſt, mit welcher Freundlichkeit ich mich ſchon enthalten habe, Dir eine Concurrenz zu machen. Ich wende mich zu Gretchen. Die Ziegenhirtin iſt böſe auf mich, ſie fürchtet 4 aus Inſtinct, ſie hat mich beinahe beleidigt. Das eizt mich. Ich werde zum Ziele kommen. Ich gefalle ihr nicht: alſo gefällt ſie mir. Wer von uns Beiden wird zuerſt ankommen? Eine Wette, willſt Du? Stoßen wir unſern Pferden die Sporen in ven Leib, beginnen wir dieſes Rennen nach der Schönheit, und Du wrirſt ſehen, was für ein großer Springer ich bei Gewiſſenszweifeln hin.“ Julius war wieder ernſt geworden. „Samuel,“ ſagte er,„ich bitte Dich, es ſei nie zwi⸗ ſchen uns von Chriſtiane die Rede.“ „Findeſt Du, vaß ich ihren Namen, indem ich ihn ausſpreche, entwürdige? Ah! Du kannſt mich wohl ſagen laſſen, was ich Dich wohl thun laſſe, und va ich nicht annehme, daß Du einzig und allein Herrn Schreiber und Lothario zu Liebe nach Landeck gehſt, ſo darf ich mich ver überlaſſen, Du geheſt wegen Ghriſtiane dahin.“ „Und wenn es ihretwegen wäre?“ „Iſt es ihretwegen, ſo muthmaße ich, daß es in ir⸗ gend einer Abſicht geſchieht, und indem ich nicht voraus⸗ ſetze, daß es Deine Abſicht iſt, Deine Frau aus ihr zu machen. „Warum nicht?“ „Warum nicht? ha! ha! ha! wie jung er iſt! Aus zwei Gründen, unſchuldiges Weſen. Einmal wird der ſehr reiche, ſehr ehrenwerthe, ſehr mächtige Baron von Hermelinfeld unter den Toͤchtern von Grafen, Prinzen und Millionären, welche glücklich wären, ſeinen Namen zu führen, nicht eine kleine Bäuerin wählen. Sodann Gott lenkt. 1. 8 114 wirſt Du ſelbſt nicht wollen. Haſt Du das Alter eines Ehemanns?“ „Die Liebe hat kein Alter.“ „Die Liebe und die Ehe ſind zweierlei, mein jungerFreund.“ Er fuhr mit einem tiefen und leidenſchaftlichen Aus⸗ druck fort: „Ohl ich verleumde die Liebe nicht! Die Liebe, da iſt der Beſitz. Gebieter eines menſchlichen Geſchöpfes ſein, eine Seele erobern, ſein Herz vervielfachen durch ein Herz, das nicht minder das unſere iſt, weil es in einer andern Bruſt ſchlägt, ſeine Exiſtenz ausdehnen durch an⸗ dere abhängige und unterworfene Exiſtenzen, das iſt ſicher⸗ lich groß und ſchön! Ich habe dieſen prometheiſchen Ehr⸗ geiz der Liebe! Doch es iſt die Aufgabe, ſeiner Perſön⸗ lichkeit ſo viel als möglich Perſönlichkeiten beizufügen, ſich mit allen Zuneigungen, die man trifft, zu bereichern, in ſich Alles, was man in ſeinem Bereiche an Macht und Leben findet, aufzuzehren. Dummköpfe ſind diejeni⸗ gen, welche ſich mit einer Frau begnügen und damit zu⸗ frieden ſind, daß ſie ſich verdoppeln, während ſie ſich ver⸗ hundertfältigen könnten! Das macht die Weiber weinen! Schlimm für ſie! Das Meer iſt nur das Meer, weil es alle Tropfen aller Flüſſe trinkt. Ich möchte alle Thränen aller Weiber trinken, um die Trunkenheit und den Stolz des Oceans zu empfinden.“ „Du täuſcheſt Dich, Freund,“ entgegnete Julius, „die Größe liegt nicht im Haben, ſondern im Sein. Der Reichthum liegt nicht im Empfangen, ſondern im Geben. Ich werde mich ganz und für immer derjenigen geben, welche ich lieben werde. Ich werde mein Herz nicht in der gemeinen Münze von fünfzig trivialen und vorübergehenden Launen ver⸗ zetteln; ich werde es in einer einzigen, goldenen, tiefen und un⸗ ſterblichen Liebe concentriren. Und ich werde mich darum nicht für kleiner und geiziger halten, im Gegentheil. Auf dieſe Art, Samuel, führt die menſchliche Freude zum göt⸗ lichen Glück. Das Ende von Don Juan mit ſeinen tauſend * 1. S ——— R 6 a5 es er n⸗ er⸗ r⸗ n⸗ n, n, ni⸗ u⸗ er⸗ eit lle nd 1, er en. en er⸗ in⸗ m luf tt⸗ end 1¹⁵ und drei Frauen iſt die Hölle; das Ende von Dante mit ſeiner einzigen Beatrice iſt der Himmel.“ „Du ſiehſt,“ verſetzte Samuel,„die Theorie läuft auf die Poeſie und die literariſche Liebe hinaus. Doch nun find wir am Scheideweg. Laß uns langſamer gehen und zur Wirklichkeit herabſteigen. Erſtens werden wir immer nur unſere Vornamen und nicht unſere Namen ſagen?“ „Nein,“ erwiederte Julius.„Doch nicht aus Miß⸗ trauen gegen ſie, ſondern aus Mißtrauen gegen mich. Ich will für einen einfachen Studenten ohne Vermögen gelten, um ſicher zu ſein, daß ſie mich, und nicht meinen Namen liebt.“ „Ja, um ſeiner ſelbſt willen geliebt werden! man kennt das. Gehen wir zum zweiten Punkte über. Höre mit Ruhe den freundſchaftlichen Vorſchlag an, den ich Dir machen will. Du wirſt Chriſtiane heirathen, gut: doch ſie muß hiezu einwilligen. Das Weſentliche iſt, Dir ihre Liebe zu erwerben. Benütze mich nun, wenn es Noth thut, als Rath, vder ſogar. oder ſogar, denn das kann dienen, als Chemiker.“ „Genug!“ rief Julius mit Entſetzen. „Du exaltirſt Dich mit Unrecht,“ entgegnete Samuel ruhig.„Lovelace, der wohl ſo viel werth war als Du, hat ſich gegen Clariſſe nicht anders benommen.“ Julius ſchaute Samuel ins Geſicht und ſagte: „Höre, Du mußt von Grund aus verdorben ſein, daß Dir der Gedanke an dieſes edle Mädchen ſolche Ent⸗ würfe einflößt; Deine Seele muß todt ſein, daß dieſe klare Sonne ſolche Schlangen darin auskriechen macht! Sie, die ſo vertrauensvoll, ſo rein, ſo unſchuldig, ſo un⸗ wiſſend! ihre Güte und ihre Reinheit mißbrauchen. Oh! es wäre nicht ſchwer, ſie zu verderben! Es bedürfte nicht Deiner Liebestränke! Die Zaubermittel wären überflüſſig; ihre Seele würde genügen.“ Dann fügte er, wie mit ſich ſelbſt ſprechend, bei: 1¹⁸ „Sie hatte ſehr Recht, zu mißtrauen, und mir zu ſagen, ich möge mißtrauen.“ „Ah! ſie hat das geſagt?“ fragte Samuel bebend. „Ahl ſie hat mit Dir gegen mich geſprochen? Ah! ſie haßt mich vielleicht? Nimm Dich in Acht. Siehſt Du, ich habe mich nicht mit ihr beſchäftigt, ich überließ ſie Dir. Doch wenn ſie mich haßte, würde ich ſie lieben. Der Haß, das iſt eine Schwierigkeit, das heißt, eine Herausforderung; es iſt ein Hinderniß, und ich liebe die Hinderniſſe. Liebte ſie mich, ſo würde ich nicht darauf merken; doch ſie haßt mich, nimm Dich in Acht!“ „Nimm Dich ſelbſt in Acht!“ rief Julius.„Bei ihr, das fühle ich, würde die Freundſchaft nicht ihr Ge⸗ wicht behalten. Für das Glück einer Frau, die ich liebte, zu ſterben, wäre mir gleichgültig, das erfahre.“ „Und für das Unglück einer Frau, die mich haßte, Dich zu tödten, wäre mir auch gleichgültig, das erfahre,“ entgegnete Samuel. Das ſo heiter begonnene Geſpräch ſollte eine vüſtere Wendung nehmen. Doch die Pferde waren immer wei⸗ ter marſchirt, und in dieſem Augenblick erſchien das Pfarrhaus. „Chriſtiane und Lothario erwarteten Julius unter den Linden und winkten ihm freudig zu. O tolle Natur der Verliebten! In einem Augen⸗ blick vergaß Julius das finſtere, drohende Herz von Sa⸗ muel, und es gab in der Welt nichts mehr, als Licht, Milde und Reinheit. ie ei en n⸗ ⸗ t, Pie Monne des Waldes. Julius gab ſeinem Pferde die Sporen und war ſo⸗ gleich beim Gitter. Er heftete auf Chriſttane einen Blick gerührter, freudiger Erkenntlichkeit, und ſagte: „Empfangen Sie meinen Dank.“ „Es iſt keine Gefahr mehr?“ fragte Chriſtiane. „Durchaus nicht. Ihr Gebet hat uns gereitet. Gott konnte uns ſeinen Schutz nicht verweigern; wir ließen ihn durch Sie darum anflehen.“ Er ſtieg vom Pferde. Samuel kam ebenfalls her⸗ bei und grüßte Chriſtiane, die ihn artig, aber kalt em⸗ pfing. Se rief den kleinen Knecht und befahl ihm, die Pferde in den Stall zu führen und die Mantelſäcke in die Zimmer zu tragen. Dann trat man in das Haus ein. Gretchen war da, ein wenig linkiſch in ihren Sonn⸗ tagskleidern, die unbändige junge Perſon! Die Länge ihres Rockes war ihr an den Füßen beſchwerlich; 4hre Strümpfe beengten ihr die Beine, ſie konnte nicht in den Schuhen gehen. Für Samuel hatte ſie einen feindſeligen Blick, für Julius ein trauriges Lächeln. „Und Herr Schreiber?“ fragte Samuel. „Mein Vater wird bald kommen,“ antwortete Chri⸗ ſtiane.„Doch als er die Kapelle verließ, wurde er auf die Seite genommen von„von einem jungen Manne aus dem Porfe, welcher in einer wichtigen Angelegenheit mit ihm zu ſprechen hatte. Es handelt ſich um Jemand, der uns ungemein intereſſirt.“ Biebei ſchaute Chriſtiane lächelnd Gretchen an; doch die Zlegenhirtin bewies durch ihre erſtaunte Miene, daß ſie nicht begnf. 1¹8 In dieſem Augenblick trat der Pfarrer ein, eifrig, freudig und offen gegen ſeine Gäſte, wie gegen ſchon alte Bekannte. Man wartete nur auf ihn, um ſich zu Tiſche zu ſetzen. Dieſes zweite Mahl war noch belebter und herz⸗ licher, als das erſte. Nach der guten, alten deutſchen Sitte nahm Gretchen daran Theil. Samuel, der nun mit ganz andern Augen das reine, jungfräuliche Antlitz von Chriſtiane anſchaute, wollte gefallen und war von hinreißender Lebendigkeit und rei⸗ zendem Geiſte. Er erzählte das ganze Duell, wobei er indeſſen, wohlverſtanden, die Urſachen und die Vorwände. wegließ und weder vom Heidelberger Schloß, noch vom Fenſter von Lolotte ſprach; doch er machte Chriſtiane mit der Scene vom hlauen Cabinet lachen und mit der Scene vom Kaiſerſtuhl zittern. „Mein Gott!“ ſagte ſie zu Julius,„wenn Sie den⸗ noch dieſen Dormagen zum Gegner gehabt hätten?“ „Oh! ich wäre todt, das unterliegt keinem Zweifel,“ erwiederte Julius lachend. „Welch ein barbariſches und ſtrafbares Vorurtheil ſind doch dieſe Duelle, mit denen unſere Studenten ein Spiel treiben!“ rief der Pfarrer.„Ich ſpreche hier nicht allein als Prieſter, meine Herren, ſondern als Menſch, und ich möchte Ihnen beinahe Glück wünſchen, Herr Ju⸗ it Sie nicht ſo geſchickt bei dieſen tödtlichen Par⸗ tien ſind.“ „Oh!“ ſagte Chriſtiane, ohne ſelbſt zu wiſſen, warum ſie dieſe Frage machte,„Herr Samuel iſt Ihnen alſo in der Fechtkunſt überlegen, Herr Julius?“ „Ich kann es nicht in Abrede ziehen,“ ſagte Julius. „Zum Glück,“ fügte Samuel bei,„zum Glück ver⸗ moͤchte kein Duell zwiſchen ſo brüderlichen Freunden, wie wir ſind, ſtattfinden.“ „Oder wenn eines ſtattfände,“ verſetzte Julius,„ſo wäre es ein Duell auf Leben und Toh ein Duell, wobei 5 — 1¹9 ig, ſich nur Einer wieder erheben müßte, und in dieſem Fall lte iſt es immerhin möglich, die Chancen gleich zu machen.“ „Wie biſt Du doch auf den Zufall erpicht!“ ſagte zu Samuel ruhig.„Du hätteſt Unrecht bei mir. Ich weiß z nicht, ob das ſo iſt, weil ich es immer verachtet habe, en um Geld zu ſpielen; doch ſo oft ich das Glück ver⸗ ſuchte, hat es mich immer begünſtigt. Nimm Dich in s Acht! Sie haben da vortrefflichen Wein, Herr Schreiber; lte nicht wahr, das iſt Liebfrauenmilch?“ ei⸗ Unter welchem Eindruck oder durch welches Vorge⸗ er fühl es geſchah, wiſſen wir nicht, aber bei den ruhigen, de„ finſteren Worten von Samuel erbleichte und bebte Chri⸗ m ſtiane unwillkürlich. Samuel bemerkte es vielleicht. nit„Das iſt ein Gegenſtand der Unterhaltung, dem es er an aller Heiterkeit gebricht,“ ſagte er.„Hole doch da oben einen anderen luſtigeren, Julius.“ n⸗ Julius begriff den Wink von Samuel, verſchwand einen Augenblick, und kam bald mit der Schweinsjagd, , die 5 Lothario, und mit Linné, den er dem Pfarrer bot, zurück. eil Die Freude von Lothario war unbeſchreiblich! Eine ein grenzenloſe Bewunderung bemächtigte ſich ſeines Geſichtes, cht und er blieb unbeweglich, verſteinert vor dem herrlichen ch, Werke.. u⸗ Der Pfarrer aber war nicht minder freudig und r⸗ nicht viel weniger Kind, als ſein Enkel. Er verwickelte ſich ganz in Dankſagungen und ſchmälte dabei und m machte es Julius zum Vorwurf, daß er ſich zu Grunde in gerichtet habe. Das war zu viel für die Börſe eines Studenten. us. Julius ſchämte ſich ein wenig, daß er ſich ſo die er⸗ Belohnung für eine Aufmerkſamkeit aneignete, die ein en, Anderer für ihn gehabt hatte, und er war im Begriff, Samuel wiederzuerſtatten, was Samuel gehörte, doch ſo Chriſtiane dankte ihm mit einem Blick, und er hatte bei nicht die Stärke, dieſen Blick Samuel zurückzugeben. — — 12⁰ Er behielt Alles, um vas Lächeln zu behalten. Man ging in den Garten, um den Kaffee zu neh⸗ men. Greie, welche die ganze Zeit ihre mißtrauiſche Haltung Samuel gegenüber beobachtet hatte, ſtellte ſich hinter den Stuhl von Chriſtiane. „Höre, Gretchen,“ ſagte der Pfarrer, während er ſeinen brennheißen Kaffee in ſeine Untertaſſe goß,„ich werde mit Dir zu ſprechen haben.“ „Mit mir, Herr Pfarrer?“ „Mit Dir, und zwar von ernſten Dingen. Das macht Dich lachen? Du biſt doch kein Kind mehr, Gretchen. Weißt Du, daß Du bald achtzehn Jahre alt wirſt?“ „Nun, Herr Pfarrer?“ „Mit achtzehn Jahren iſt es Zeit, daß ein Mädchen an ſeine Zukunft zu denken anfängt. Du kannſt Dein Leben nicht mit den Ziegen zubringen.“ „Mit wem ſoll ich es denn zubringen?“ „Mit einem ehrlichen Mann, der Dein Gatte ſein w rd.“ Gretchen ſchüttelte immer lachend den Kopf. „Und wer würde mich denn zur Frau wollen?“ „Das iſt nichts ſo Unwahrſcheinliches, mein Kind⸗ Und wenn ſich das nun böte?“ Die Ziegenhirtin wurde ernſthaft. „Sie ſcherzen wohl?“ „Ich ſagte Dir, ich habe von ernſten Dingen mit Dir zu ſprechen.“ 2 „Reden Sie im Ernſte mit mir, ſo werde ich Ihnen ebenſo antworten,“ erwiederte Gretchen.„Nun denn! wenn man mich zu heirathen verlangte, ſo würde ich es ausſchlagen.“ „Warum?“ „Warum, Herr Pfarrer? Einmal hat mich meine Mutter Maria geweiht.“ „nachdem ſie von Ihnen bekehrt bar, der Jung⸗ —„* — n 3 * 121 3 „Das iſt wider mein Bedünken und gegen unſere Religion, Gretchen. Ihr Gelübde vermöchte Dich übri⸗ gens nicht zu binden, und wenn Du keine andere Gründe ſt „Ich habe andere, Herr Pfarrer. Ich will nie von irgend Etwas oder von irgend Jemand abhängen; ich bin gewohnt, kein Dach über meinem Kopfe, keinen Wil⸗ len über meinen Willen zu haben. Wäre ich verheirathet, ſo müßte ich meine Ziegen, meine Kräuter, meinen Wald, meine Felſen verlaſſen. Ich müßte in den Dörfern blei⸗ ben, in den Gaſſen gehen, in den Häuſern leben. Ich leide ſchon genug im Winter in dieſen Stuben, ich er⸗ ſticke ſchon genug am Sonntag in dieſen Kleidern. Ah! wenn Sie je die Sommernächte, wie ich, in freier Luft, unter dem Sternenzelte, auf dem Bette von Moos und Blumen, das mir der gute Gott ſelbſt jeden Morgen wieder macht, zugebracht hätten! Oh! es gibt gottes⸗ fürchtige Menſchen, welche ſich ihr ganzes Leben in Klö⸗ ſtern einſchließen; ich werde zum Kloſter den Wald ha⸗ ben; ich werde eine Nonne des Waldes ſein. Ich ge⸗ höre der Einſamkeit und der Jungfrau Maria. Ich will nicht einem Mann angehören. Gegenwärtig gehe ich, wohin ich will, und thue ich, was mir beliebt. Wenn ich mich verheirathete, ſo würde ich thun, was meinem Manne beliebte. Sie finden das ohne Zweifel hoffärtig von mir. Doch ich habe einen Widerwillen gegen die Welt, welche Alles, was ſie berührt, welk macht und befleckt. Das kommt vielleicht bei mir davon her, daß ich ſo viele von meinen armen Blumen ſierben ſah, wenn man ſie aus dem Boden geriſſen oder nur gequetſcht hatte. Ich werde mich nie berühren laſſen. Mir ſcheint, ich würde auch ſterben. Oh! Herr Pfarrer, nicht aus Selbſtſucht, ſondern aus mütterlicher Liebe, nicht an ihre Sünden denkend, ſondern ihrer Leiden ſich erinnernd hat meine Mutter dieſes Gelübde gethan. Die Liebe der Menſchen iſt demüthigend und grauſam. Die jungen 122 Pferde, denen man noch nicht den Zaum angelegt hat, ergreifen die Flucht, ſobald man ſich ihnen nähert. Ich, i6 bin wie ein wildes Pferd, und ich will nicht gezäumt ein.“ Während Gretchen ſo ſprach, hatte ſie einen ſo ſtol⸗ zen und ſo entſchloſſenen Ausvruck von unnahbarer Keuſch⸗ heit und unbeſtechlicher Schamhaftigkeit, daß Samuel ſein glühendes Auge von Chriſtiane zu ihr erhob. Dieſe unbändige und zugleich reizende Jungfräulichkeit be⸗ herrſchte ihn. Er ſchaute ſie ſtarr an. „Bah!“ ſagte er,„wenn ſtatt eines Bauern ſich einer von höherer Stellung fände, wenn ich zum Beiſpiel Dich zu heirathen verlangte?“ „Sie!“ ſagte die Ziegenhirtin, als zögerte ſie zu antworten.. „Ja, ich. Weißt Du, daß ich hiezu fähig wäre?“ Und in dieſem Augenblick dachte er wahr zu ſprechen. „Wollten Sie das wirklich, ſo würde ich noch viel weniger annehmen,“ erwiederte ſie, nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen.„Ich ſage, ich verabſcheue die Dörfer, und dies nicht, um die Städte zu lieben! Ich ſage, der Gedanke an jeden Mann empöre etwas in mir, und der an Sie kann mich nicht verführen.“ „Ich danke Dir für das Compliment, und werde mich deſſelben erinnern,“ ſprach Samuel, auf ſeine be⸗ drohliche Weiſe lachend. „Du wirſt Dir die Sache überlegen, Gretchen,“ ſagte der Pfarrer.„Es kommt ein Alter, wo man nicht mehr die Beine hat, die man braucht, um auf den Fel⸗ ſen und in den Schluchten umherzuklettern. Wenn Du übrigens den Namen des würdigen Jungen erfährſt, der Dich liebt und gern ſeine Frau aus Dir machen möchte, ſo änderſt Du vielleicht Deine Anſicht. Deine Freundin Chriſtiane wird mit Dir hierüber reden.“ ₰ Oier dige das Geßprich. Nach ungen Mnu c 4 er„ — — 3————— ———. 123 aber verſchwand, ohne ein Wort zu ſagen, die Ziegenhirtin, der es unbehaglich an einem Orte war, wo man ihr vom Heirathen geſprochen hatte. Der Pfarrer blätterte wieder in ſeinem Linné. Lothario war, ſeitdem man von Tiſche aufgeſtanden, in eine Unterhaltung unter vier Augen und unter ſchallendem Gelächter mit ſeinem Spiel⸗ zeug verſunken. Chriſtiane blieb allein, um Julius und Samuel die Ehre der väterlichen Gafffreundſchaft zu erweiſen. Das Höllenloch. Wer konnte je wiſſen, welcher Gedanke ſich in dem finſteren, tiefen Geiſt von Samuel Gelb bewegte? So⸗ bald er den Pfarrer und das Kind ganz und gar mit den Geſchenken von Julius beſchäftigt ſah, begann er vor Chriſtiane eine herzliche Apologie ſeines Freundes. Ju⸗ lius beſaß nach ſeinem Ausſpruche alle Eigenſchaften des Zartgefühls, der Ergebenheit, der Treue, und unter ſeiner Sanftmuth, wenn es Noth that, eine wahre Energie, eine ächte Feſtigkeit. Diejenigen, welche er liebte, konnten immer auf ihn zählen. Er hatte ſich bewunderungswür⸗ dig geſchlagen u. ſ. w. Chriſtlane gerieth in Verlegenheit über dieſen En thuſiasmus, mit dem er ſo geradezu auf ſie feuerte, und ſie litt inſtinetartig, indem ſie die Lobeserhebung aus dem Munde von Samuel hörte. Während ſie an das, was er ſagte, glaubte, fühlte ſie doch unwillkürlich die Ironie in dem, was er ſagte. Er ſprach von Julius 124 nur Gutes;z es wäre ihr lieber geweſen, wenn er Schlim⸗„ vi mes geſprochen hätte. Julius hoͤrte nicht. Nachdem er gelacht und die S erſten Lobeserhebungen von Samuel in Zweifel gezogen 5 hatte, ließ er ſeine Gedanken anderswohin entfliehen. Er G dachte an den reizenden Nachmittag, den er das erſte ge Mal mit Chriſtiane unter vier Augen zugebracht hatte, und er war traurig über dieſe vergangene Freude. Chriſtiane hatte Mitleid mit ihm. 8. „Mein Vater,“ ſagte ſie die Stimme erhebend, ich habe dieſen Herrn verſprochen, wir werden ſie zu den Ru⸗ inen von Eberbach und zum Höllenloch führen. Wollen N wir nicht dahin gehen?“ „Gern,“ antwortete der Pfarrer; und er ſchloß ſein D Buch mit einem Blicke des Bedauerns. G Aber Lothario wollte unter keinem Vorwand aus⸗ de gehen. Er hatte Gretchen beauftragt, einigen von ſeinen ſe Freunden im Dorfe zu ſagen, er habe ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen, und es war ihm unendlich viel. varan gelegen, ſie zu erwarten, um ſie durch ſeine Jagd hi zu blenden. Man begab ſich ohne ihn auf den Weg und ſchlug 6 einen reizenden Fußpfad ein, der nach dem Höllenloch mündete, mit welchem, als mit dem entfernteſten Punkt, h man anfangen wollte. Der Pfarrer, der durch das ſel⸗ tene Werk ganz in die Votanik verſetzt worven war, be⸗ de mächtigte ſich Samuels, befragte ihn, und ſtritt über alle Pflanzen, die er traf. Das war eine andere Art, die Leſung von Linné fortzuſetzen. 1 Julius ſah ſich endlich allein mit Chriſtiane. 6 WVie ſehr hatte er dieſe Gelegenheit erſehnt! Und nun, da ſie ihm zu Theil geworden, war er verlegen und wußte nicht, wie er ſich derſelben bedienen ſollte. Er fand kein Wort und ſchwieg, da er das Einzige, was er zu ſagen gehabt hätte, nicht zu ſagen wagte. Chriſtiane bemerkte die Verlegenheit von Julius, was 125 n die ihrige vermehrte. Sie gingen ſo neben einander, ſtumm, beengt, und dennoch glücklich. Doch was war an ihrem die Stillſchweigen gelegen! Sprachen nicht die Vögel am en Himmel, die Strahlen in den Zweigen, die Blumen im Er Graſe für ſie und ſagten ihnen ganz genau, was ſie ſich ſie geſagt hätten 2 te, So kamen ſie an das Höllenloch. In dem Augenblick, wo ſie den Rand deſſelben er⸗ reichten, neigte ſich Samuel, indem er ſich mit der Hand „ich an einer Wurzel feſthielt, über den Schlund hinaus. Ru⸗„Bei Gott!“ ſagte er,„vas iſt ein Loch, das ſeinen len Namen verdient. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich den Grund davon ſehe! Ich glaube, es hat keinen. ſein Das iſt mehr als Nacht. Als ich das erſte Mal den Grund nicht ſah, konnte ich glauben, die Dunkelheit ſei . daran Schuld, nun aber liegt die Urſache in der Tiefe. Ich e ſehe, doß ich nichts ſehe. Schau' doch, Julius. tige Julius trat an den Rand vor, und Chriſtiane erbleichte. viel„Weißt Du wohl,“ ſagte Samuel,„weißt Du, daß agd hier ein bequemer Ort wäre, ſich eines Menſchen, dem man grollte, zu entledigen? Ein Stoß mit dem Ellen⸗ lug bogen würde genügen, und ich bezweifle, daß der Kamerad je loch ehenfiiei oder daß Jemand hinabſtiege, um ihn zu vlen. reten Sie zurück!“ rief Chriſtiane erſchrocken, in⸗ bi dem ſie Julius lebhaft am Arm zog. ibet Samuel brach in ein Gelächter aus. Art,„Haben Sie bange, ich könnte Julius einen Stoß mit dem Ellenbogen geben 2“ „Oh! der geringſte falſche Tritt?.... ſtammelte Und Chriſtiane, ganz beſchämt durch ihre Bewegung. egen„Das Höllenloch iſt in der That gefährlich,“ ſagte der Pfarrer,„und außer ſeiner geheimnißvollen Legende zige, hat es ſeine Geſchichte voll von Kataſtrophen. Es ſind noch keine zwei Jahre her, daß ein Pächter aus der Ge⸗ v gend hineingefallen iſt, oder ſich hineingeſtürzt hat, der unglückliche! Man hat es verſucht, ſeinen Körper wie⸗ der aufzufinden. Doch diejenigen, welche den Muth beſaßen, mit Stricken in den Schlund hinabzuſteigen, hat⸗ ten kaum Zeit, zu rufen, man ſolle ſie wieder herauf⸗ ziehen. Bei einer gewiſſen Tiefe verurſachen die mephiti⸗ ſchen Ausdünſtungen des Abgrundes die Todtenohnmachten und den Tod ſelbſt.“ „Wackerer tiefer Schlund!“ rief Samuel.„Er ge⸗ fällt mir wenigſtens ebenſo ſehr unter der Sonne, als in der Finſterniß. Sehen Sie die wilden Blumen, die hier wachſen. Das Grüne ſchmückt die Gefahr. Er iſt reizend und tödtlich. Blendwerk und Schwindel! Ich ſagte um Mitternacht, ich liebe ihn; ich finde um Mittag, daß er mir gleicht.“ „Oh! vas iſt wahr!“ rief, wie unwiderſtehlich, Chri⸗ ſtiane betroffen. „Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie nicht fallen,“ ſagte Samuel freundlich, indem er ſie ſachte vom Rande entfernte. „Gehen wir von hier weg,“ ſprach Chriſtiane.„Sie können über mich ſpotten, aber ich habe immer Angſt an dieſem traurigen Ort. Mein offenes Grab würde mich weniger erſchrecken. Das Unglück iſt hier. Wir wollen die Ruine ſehen.“ Sie wandten ſich alle Vier ſtillſchweigend nach der alten Burg, und nach einigen Minuten traten ſie in die Trümmer ein, welche das Schloß Eberbach geweſen waren⸗ Am Tage war die Ruine ebenſo heiter und grün, als ſie in der Nacht ſchrecklich und düſter ausgeſehen hatte. Eine mooſige und blühende Vegetativn vermiſchte ſich mit allen Trümmern, erheiterte und durchvuſtete Alles, nähte jede Spalte mit einer Epheuranke oder einer Weinrebe zuſammen, und bildete ſo die Hoffnung die⸗ ſer Vergangenheit, die Jugend dieſes Alters, das Leben dieſes Todes. Vögel ſangen auf allen Zweigen, und unten am — * E. h t⸗ f⸗ ti⸗ en e⸗ ier 54 nde Sie an ich len der die ren. ün, hen chte tete der die⸗ ben am 127 Schloſſe, da, wo ſich das Pferd von Samuel ſo furcht⸗ bar über dem leeren Raume gebäumt hatte, ſtrömte der Neckar, ſo weit das Auge reichte, durch das unendlich fruchtbare Thal hin. Vor dieſem großen und zugleich ſanften Schauſpiel verſank Julius in eine Träumerei. Samuel hatte den Paſtor zu einem Thore geführt, das von einem verwitter⸗ ten Wappen überragt war, und ließ ſich die Geſchichte der ehemaligen Grafen von Eberbach erzählen. Chriſtiane ſagte zu Julius: „Woran denken Sie?“ Die Geberde, welche das Mädchen gemacht, um ihn von dem Abſturze zurückzuziehen, hatte Julius ermuthigt. „Woran ich denke?“ erwiederte er.„Oh! Chri⸗ ſtiane, Sie ſagten porhin vor dem Abgrund: Das Un⸗ glück iſt hier. Ich denke vor dieſen Rulnen: Das Glück iſt hier. Oh! Chriſtiane, Einer, der dieſes Schloß in ſeiner urſprünglichen Schönheit und Majeſtät wieder auf⸗ bauen und, ſeine Zukunft in dieſer Vergangenheit, gleich⸗ ſam um ſie zu veredeln, einſchließend, leben würde in die⸗ ſer Einſamkeit, den Himmel über ſeinem Haupte, dieſes Schauſpiel unter den Augen und an ſeiner Seite ein rei⸗ nes Weib, jung von Herz, wie von Alter, gemacht aus Thau und Licht! Oh! Chriſtiane, hören Sie mich.„ Ohne zu wiſſen, warum, fühlte ſich Chriſtiane ganz bewegt. Eine Thräne trat ihr in die Augen, ob⸗ gleich ſie nie glücklicher geweſen war. „Hoͤren Sie mich,“ fuhr Julius fort,„ich verdanke Ihnen das Leben. Das iſt keine Phraſe, ſondern eine Gewißheit. Mein Herz iſt abergläubiſch. Es gab einen Augenblick in dieſem Duell, wo ich die Degenſpitze mei⸗ nes Gegners auf meiner Bruſt ſah. Ich fühlte mich ver⸗ loren; da dachte ich an Sie, meine Seele ſprach Ihren Namen aus, und der Degen ſtreifte mich nur. Ich bin feſt überzeugt, daß Sie in jenem Augenblick für mich be⸗ teten.“ 128 „Um welche Stunde?“ fragte Chriſtiane, „Um elf Uhr.“ „Oh! es iſt wahr, ich betete!“ rilef das naibe Kind mit einem freudigen Erſtaunen. „Ich wußte es. Doch das iſt noch nicht Alles. Beim zweiten Gang wurbe ich abermals getroffen, und ich wäre todt geweſen, hätte die Klinge meines Gegners nicht ein ſeidenes Säckchen gefunden, auf dem ſie abglitt, ein Säckchen, welches, errathen Sic, was enthielt? Die bezauberte Hageroſe, die ich von Ihnen hatte.“ „Oh? wahrhaftig? Oh! mein Gott, ich danke Dir!“ rief Chriſtiane. Julius fuhr fort: „Nun wohl! Chriſtiane, da Sie ſich die Mühe ge⸗ nommen haben, für mich in vas Mittel zu treten, da es Ihnen gelungen iſt, ſo muß Ihnen mein Leben zu etwas nütze ſein. Ah! wenn Ste wollten?“ Chriſtiane zitterte ganz und antwortete nicht. „Ein Wort,“ ſprach Julius, das Mädchen mit einem von Zärtlichkeit flammenden Auge bebeckend,„oder wenn nicht ein Wort, eine Geberde, ein Zeichen, daß Sie das, was ich Ihnen jetzt ſage, nicht verletzt, daß Sie vieſen Traum nicht zurückweiſen würden, den Traum, ſo Beive in dieſer ſchönen Natur zu leben, allein mit Ihrem Vater.. „Und ohne Samuel,“ ſiel ungeſtüm eine ſpöttiſche Stimme hinter ihnen ein.— Es war Samuel, der den Pfarrer verlaſſen und die letzten Worte von Julius gehört hatte. Chriſtiane erröthete. Julius wandte ſich um, wü⸗ chend über Samuel, der ſo ungeſchickt ſeinen ſüßen wa⸗ chen Traum unterbrach. Doch in dem Augenblick, wo er ihm ein verletzendes Wort ſagen wollte, wurde er vurch den Pfarrer, der wie⸗ der zu ſeinen Gäſten kam, davon abgehalten. 1 ——— was nem enn das, eſen eide rem ſche die wü⸗ wa⸗ des vfe⸗ 129 Samuel neigte ſich an das Ohr von Julius und flüſterte ihm zu: „War es beſſer, Dich vom Vater ertappen zu laſſen?“ Man ſchlug wieder den Weg zum Pfarrhauſe ein. Die vier Spaziergänger bildeten diesmal nur eine Gruppe. Chriſtiane vermied Julius. Julius ſeinerſeits ſuchte Chriſtiane nicht mehr. Er fürchtete ihre Antwort ebenſo ſehr, als er ſich darnach ſehnte. Auf dem Wege bei der Rückkehr machte die An⸗ näherung der Spaziergänger plötzlich vier bis fünf Zie⸗ gen fliehen. „Das ſind die Ziegen von Gretchen,“ ſagte Chri⸗ ſtiane.„Die Ziegenhirtin muß nicht fern ſein.“ Gretchen erſchien bald, auf dem Gipfel eines Hügels ſitzend; ſie hatte mit ihren bäuriſchen, einfachen Kleidern ihre Leichtigkeit und ihre rohe Anmuth wieder erlangt. Der Pfarrer rief Chriſtiane und ſagte ein paar Worte leiſe zu ihr. Chriſtiane nickte beiſtimmend, fing ſogleich an den Hügel zu erklimmen, und wandte ſich gegen Gretchen. Julius und Samuel eilten ihr gleichzeitig nach, um ihr die Hand zu bieten und ſie zu unterſtützen. „Nein, nein!“ ſagte ſie.„Ich muß allein mit Gret⸗ chen ſprechen, und ich bin genug an das Gebirge ge⸗ woöhnt, um Ihrer Hülfe entbehren zu können, meine Herren.“ Und ſie kletterte allein, lebhaft und leicht, und hatte bald die Hirtin erreicht. Bretchen war traurig, und in ihren Augen glänzte eine Thräne. „Was haſt Du denn?“ fragte Chriſtiane. „Oh! Sie wiſſen wohl, mein kleines Hirſchkalb, das ich verwaiſt im Walde gefunden, und das ich wie meine Tochter aufzog, ich traf es nicht wieder, als ich heimkehrte; es iſt verloren.“ Gott lenkt. 1. 9 130 „Sei unbeſorgt, es wird in den Stall zurückkommen,“ verſetzte Chriſtiane.„Höre aber, Gretchen, ich habe lange mit Dir zu ſprechen. Erwarte mich morgen früh von ſechs bis ſieben Uhr.“ „Und ich habe auch mit Ihnen zu ſprechen,“ erwie⸗ derte Greichen.„Seit drei Tagen haben mir die Pflan⸗ zen ſehr viele Dinge über Sie geſagt.“ „Nun! wohin wirſt Du Deine Ziegen führen?“ „Zum Höllenloch; wollen Sie?“ „Nein, nein; eher zu den Ruinen.“ „Ich werde dort ſein.“ „Alſo morgen früh um ſechs Uhr bei den Ruinen, Gretchen.“ Chriſtiane, als ſie ſich umwandte, war ganz erſtaunt, Samuel hinter ſich zu finden, der mit einigen Sprüngen den Hügel erſtiegen hatte. „Ich wollte Ihnen wenigſtens meinen Arm zum Hin⸗ abſteigen anbieten,“ ſagte er. Sie wußte nicht, ob er ſie gehört hatte. Die klugen Blumen. Am andern Morgen war es noch nicht halb ſechs Uhr, als Samuel ganz angekleidet und ſeine Flinte auf der Schulter in das Zimmer von Julius eintrat. „Hollah! eiger Schläfer,“ ſagte er zu ihm,„Du willſt nicht mit mir auf die Jagd gehen?“ Julius rieb ſich die Augen. „Du gehſt auf die Jagd?“ „Auf die Jagd nach jeder Art von Wildpret. War⸗ 8 * nen,“ lange von rwie⸗ flan⸗ inen, aunt, ingen Hin⸗ Uhr, der villſt Bar⸗ 131 um hätten wir ſonſt unſere Flinten mitgenommen? He! Du ſchläfſt wieder ein? höre, wenn Du Dich entſchließeſt, aufzuſtehen, ſo wirſt Du mir nachfolgen.“ „Nein,“ erwiederte Julius,„ich werde dieſen Mor⸗ gen nicht ausgehen können.“ „Ah! und warum nicht?“ „Ich will an meinen Vater ſchreiben.“ „Abermals! Was für ein epiſtolariſcher Sohn biſt Du 1 „Ich habe ihm ſehr wichtige Dinge zu ſagen.“ „Wie es Dir beliebt,“ erwiederte Samuel, der ſeine Gründe hatte, nicht in ihn zu dringen.„Auf baldiges Wiederſehen.“ „Viel Glück!“ „Ich danke für den Wunſch und das Vorzeichen.“ Samuel ging hinaus und Julius ſtand auf. Doch ſo frühe auch Samuel ſich erhoben hatte, Chriſtiane hatte ihr Lager noch früher verlaſſen. Zur Stunde, wo in ziemlich zweifelhaften Abſichten der fkeptiſche Student pfeifend im thaubeperlten Graſe wanderte, war das ſanfte Mäbchen, noch viel raſcher bei ſeinem guten Werke, ſchon bei Gretchen in den Ruinen von Eberbach eingetroffen und ſtellte der jungen Ziegenhirtin mit ſanf⸗ ten und überredenden Worten den braven jungen Mann, der ſie zu ſeiner Frau machen wollte, den ehrlichen und arbeitſamen Gottlob, einen jungen Bauern aus Landeck vor, welcher ſeit einem Jahr von fern und ohne daß er etwas zu ſagen wagte, die hübſche Ziegenhirtin, um den Kopf darüber zu verlieren, llebte. Traurig aber entſchloſſen, weigerte ſich Greichen be⸗ ſtändig. „Ihr wollt alſo nichts von mir, Greichen?“ ſagte mit geſchwollenem Herzen der arme Gottlob.„Ihr ver⸗ werft mich und verachtet mich?“ „Ich danke Euch und ſegne Euch, Gottlob,“ erwie⸗ derte Greichen.„Es zeugt von einem guten Herzen, daß 132 Ihr die kleine Ziegenhirtin, die keinen Pfennig beſitzt, das Zigeunermädchen ohne Herd und ohne Familie hei⸗ rathen wolltet. Aber, Gottlob, die Pflanze, welche keine Wurzeln hat, ſoll auch keine Blumen haben. Ueberlaßt mich meiner Einſamkeit und Abgeſchiedenheit.“ „Höre, mein Gretchen,“ ſprach Chriſtiane,„mein Vater ſagt, was gegen die Natur ſei, ſei gegen Gott, und Du werdeſt es einſt bereuen und dafür beſtraft wer⸗ den, daß Du das gemeinſchaftliche Geſetz mißkannt habeſt.“ „Oh! Sie beſitzen die Schönheit und Güte der Blu⸗ men, und Ihr Vater hat die Weisheit und Seelenheiter⸗ keit derſelben. Ich aber folge meiner Natur, indem ich mir die Freiheit der friſchen Luft und des Waldes be⸗ wahre. Verpflanzen Sie in Ihren Garten dieſen wilden Hagedorn, und er wird ſterbeen.“ „Nein! ſagt vielmehr, Ihr haſſet mich, Gretchen,“ rief Gottlob.„Laſſen wir ſie, Jungfer Chriſtiane, ich ſehe wohl, daß ſie mich haßt.“ „Verweilt noch, Gottlob, und nehmt nicht einen bit⸗ tern Gevanken gegen mich mit,“ verſetzte Gretchen.„Gott⸗ lob, wenn ich je in dem Hauſe und unter der Herrſchaft eines Mannes zu leben gewünſcht hätte, ſo würde ich Euer Haus und Eure Herrſchaft gewählt haben, verſteht Ihr, weil Ihr gut und treu ſeid, und mit Ruhe und Stärke, der Pflicht des menſchlichen Geſchöpfes gemäß, arbeitet. Gottlob, merkt Euch wohl: wenn Gretchen je anderer Anſicht wird, und Ihr Euer Wort nicht einer Andern verpfändet habt, ſo wird Gretchen keinen andern Mann nehmen, als Euch; ſie macht ſich hiezu vor Gott verbindlich; das iſt Alles, was ich Euch ſagen kann, Gott⸗ lob. Und nun gebt mir einen Händedruck und denkt ohne Haß an mich, die ich an Euch wie an einen Bruder denken werde.“ Der arme Gottlob wollte ſprechen und konnte nicht. Er beſchränkte ſich darauf, daß er Gretchen die Hand u „———— „—— —,——— fi tzt. hei⸗ eine aßt ein ott, e⸗ ſt.“ lu⸗ ter⸗ be⸗ lden n,“ ſehe bit⸗ ott⸗ haft i ch teht und äß, chen iner dern ott tt⸗ hne nken icht. and 133 vrückte, die ſie ihm reichte, grüßte Chriſtiane demüthig und entfernte ſich durch die Trümmer. Als er weggegangen war, wollte es Chriſtiane noch einmal verſuchen, Gretchen zur Vernunft zu bringen; doch Gretchen bat ſie inſtändig, ſie nicht ferner durch ihr drin⸗ gendes Zureden zu betrüben. „Sprechen wir von Ihnen,“ ſagte ſie,„von Ihnen, die Sie, Gott ſei Dank! nichts von meiner böſen, tollen Laune haben, und geliebt werden können, wie Sie es ver⸗ dienen,“ „Wir haben Zeit,“ verſetzte lachend Chriſtiane. „Und Dein verlorenes Hirſchkalb?“ „Es iſt nicht wiedergekommen,“ entgegnete Gretchen traurig.„Ich habe ihm die ganze Nacht hindurch ver⸗ gebens gerufen; es iſt nicht das erſte Mal, daß es ent⸗ weicht, das undankbare Geſchöpf, und ich hoffte immer, es würde zurückkehren; doch es iſt nie ſo lange im Walde geblieben.“ „Beruhige Dich, Du wirſt es wiederfinden.“ „Ich zähle nicht mehr darauf; ſehen Sie, das iſt nicht wie bei meinen Ziegen, welche ſogleich gezähmt find. Das Hirſchkalb iſt wild geboren, und es koſtet das Thier Mühe, ſich an die Hütten und die menſchlichen Ge⸗ ſichter zu gewöhnen. Es hat die Freiheit im Blute; es gleicht mir, und darum liebte ich es, darum„ Gretchen vollendete nicht. Plötzlich bebte ſie und fuhr ganz erſchrocken auf. „Was haſt Du denn?“ rief Chriſtiane. „Haben Sie nicht gehört?“ 2“ „Einen Schuß.“ „Wohl! ich habe ihn gehoͤrt, und es iſt gerade, als ob ich ſelbſt getroffen worden wäre. Wenn man auf mein Hirſchkalb geſchoſſen hätie 134 „Ahl Du biſt toll. Beruhige Dich, und da Du von mir ſprechen willſt, ſo ſprechen wir alſo.“ Es brauchte nicht weniger, als den Gedanken an Chriſtiane, um die Ziegenhirtin ihre Angſt vergeſſen zu laſſen. Sie ſetzte ſich wieder auf den Boden, ſchlug ihre Augen voll Zärtlichkeit zu Chriſtiane auf und ſagte: „Oh! ja, ſprechen wir von Ihnen. Ich ſpreche alle Tage mit meinen Blumen von Ihnen.“ „Laß hören,“ verſetzte Chriſtiane, nicht ohne ein ge⸗ wiſſes Zögern.„Glaubſt Du wirklich an das, was Deine Blumen Dir ſagen?“ „Ob ich daran glaube!“ rief die Ziegenhirtin, und ihr Blick glänzte und ihre Stirne nahm das Ausſehen einer ſeltſamen Eingebung an.„Ich glaube nicht nur dar⸗ an, ſondern ich bin meiner Sache bei ihnen ſicher. Welches Intereſſe hätten die Blumen, mich zu belügen? Nichts iſt gewiſſer auf dieſer Erde. Die Wiſſenſchaft der Sprache der Blumen iſt ſehr alt. Sie kommt vom Orient und aus den erſten Zeiten der Welt, als die Menſchen noch einfach und rein genug waren, daß Gott mit ihnen zu ſprechen ſich herabließ. Meine Mutter verſtand es, in den Kräutern zu leſen, und ſie hat mich darin unterrichtetz es war ihre Mutter, von der ſie unterrichtet worden⸗ Sie glauben nicht an die Blumen? Zum Beweiſe, daß ſie wahr ſprechen, mag dienen, daß ſie mir geſagt haben, Sie werden Herrn Julius lieben.“ „Sie täuſchen ſich,“ entgegnete Chriſtiane raſch. „Sie glauben nicht daran? Zum Beweiſe, daß ſie wahr ſprechen, diene, daß ſie mir geſagt haben, Herr Ju⸗ lius liebe Sie.“ „Wahrhaftig?“ verſetzte Chriſtiane.„Nun denn, ich will daran glauben. Befragen wir ſie mit einander.“ „Sehen Sie, ich habe Ihnen eine ganze Ernte ge⸗ bracht,“ ſprach Gretchen, indem ſie auf einen, zu ihren Füßen liegenden, großen, duftenden Strauß deutete⸗ „Worüber werden wir ſie fragen?“ zu hre alle ine und hen ar hes hts che und och zu in tet; den. daß ben, ſie Ju⸗ ich ge⸗ hren tete. 135 „Du behaupteteſt neulich, ſie haben Dir geſagt, dieſe zwei jungen Leute werden mir Unglück bringen;z ich will wiſſen, was ſie hierunter verſtehen.“ „Gerade über dieſe zwei jungen Leute wollte ich auch mit Ihnen ſprechen.“ „Nun?“ „Schauen Sie, hier ſind Pflanzen, die ich dieſen Morgen vor Tagesanbruch geſammelt habe. Wir wollen ſie befragen. Doch ich weiß zum Voraus, was ſie mir ſagen werden, denn ſeit jenem Tage habe ich ſie dreizehn⸗ mal befragt, und alle dreizehn Male haben ſie mir die⸗ ſelbe Antwort gegeben.“ „Welche?“ „Sie ſollen ſehen.“ Sie ſtand auf, nahm vom Boden die friſchen Kräu⸗ ter, breitete ſie auf einer ſammetartig, von Moos über⸗ wachſenen Granittafel aus, und legte ſie in eine gewiſſe geheimnißvolle Ordnung nach ihrer Form, und der Stunde oder dem Ort, wo ſie gepflückt worden waren. Dann heftete ſie, ſtufenweiſe die Gegenwart von Chriſtiane vergeſſend, einen tiefen Blick auf dieſe Pflan⸗ zen und fing an, immer mehr in eine ekſtatiſche Beſchau⸗ ung verſunken, langſam und mit feierlichem Tone zu ſprechen: „Ja, die Kräuter ſagen Alles für den, der ſie zu begreifen weiß. Die Menſchen haben Bücher, in die ſie ihre Gedanken mit Buchſtaben ſchreiben; das Buch Got⸗ tes iſt die Natur, und ſein Gedanke iſt mit Pflanzen dar⸗ ein geſchrieben. Nur muß man ihn zu leſen verſtehen. Mich hat meine Mutter die Blumenbuchſtaben gelehrt.“ Ihr Geſicht vervüſterte ſich. „Immer dieſelben Worte!“ murmelte ſie. Derjenige, welcher immer da iſt, wenn man ihn nicht erwartet, iſt ein Unglücksmenſch. Warum habe ich ihn geführt? Und der Andere, wird er weniger Unheil bringen? Das arme theure Mädchen, es liebt ihn ſchon!“ 136 „Nein, nein,“ unterbrach ſie Chriſtiahe Deine Blu⸗ men ſind boshaft.“ „Und er,“ fuhr Gretchen fort, ohne die Unterbrech⸗ ung von Chriſtiane zu bemerken,„wie liebt er Chriſtianel“ „Welche ſagt dies?“ fragte Chriſtiane lebhaft. „Etwa dieſe Malve? Wie hübſch iſt ſiel“ Gretchen fuhr, beſtändig in ihre Beſchauung ver⸗ ſunken, fort. 2 „Sie find jung, ſie lieben ſich, ſie ſind gut, und dar⸗ um werden ſie unglücklich ſein. Immer dieſelbe Antwort. Das iſt ganz ſeltſam!“ „Was denn?“ fragte Chriſtiane ängſilich. „Ich war noch nicht ſo weit geweſen. Hier ſehe ich Beide ſich verbinden; dann endigt die Verbindung plötz⸗ lich, ungeſtüm. Es iſt ſonderbar! Die Trennung iſt nicht der Tod, und ſie lieben ſich doch immer. Lange Jahre von einander getrennt, entfernt, leben ſie wie Fremde. Was will das beſagen?“ Als ſie ſich mit Bangigkeit über den Tiſch neigte, trat ein Schatten vor die Sonne und warf ſich raſch auf die Kräuter zurück. Chriſtiane und Gretchen wandten ſich ſogleich um. Es war Samuel. Samuel heuchelte ein tiefes Erſtaunen, als er Chri⸗ ſtiane erblickte. „Verzeihen Sie, daß ich Sie ſtöre,“ ſagte er,„ich wollte die Ziegenhirtin, die wohl alle Gebüſche des Wal⸗ des kennt, bitten, mir einen Dienſt zu leiſten. Ich habe nämlich vorhin auf ein Stück Wild geſchoſſen.“ Gretchen bebte. Samuel fuhr fort: „Ich bin feſt überzeugt, vaß ich es ſchwer verwundet habe. Ich biete Gretchen einen Friedrich d'or an, wenn ſie ſo gut ſein will, den Ort zu ſuchen, wo das Stück verendet hat. Es iſt in der Gegend des Höllenlochs ver⸗ ſchwunden.“ „Ein Hirſchkalb2“ fragte Gretchen zitternd. — 137 ⸗„Weiß, grau gefleckt.“ „Ich ſagte es Ihnen wohl!“ rief ech⸗ ſtiane zu. e Und ſie ſchoß wie ein Pfeil fort. fſt. Samuel ſchaute ihr bei dieſem ungeſtümen Abgang erſtaunt nach. ver⸗„Bei Gott! ſagte er zu ſich,„es iſt mir lelchter, als ich hoffte, gelungen, mit Chriſtiane allein zu bleiben.“ dar⸗ ort. ich lötz⸗ iſt Drei Wunden. ange mde. 3 Chriſtiane machte eine Bewegung, um Gretchen zu igte, folgen; doch Samuel ſagte zu ihr: auf„Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie zurückhalte, mein Fräulein, ich habe mit Ihnen zu ſprechen.“ m.„Mit mir, mein Herr?“ verſetzte Chriſtiane wie be⸗ ürzt. hri⸗„Mit Ihnen, und laſſen Sie mich ſogleich, ohne Vorbereitungen und Umſchweife, die Frage ſtellen, die „ich mich ſeit geſtern beſchäftigt. Iſt es wahr, daß Sie mich Pal⸗ haſſen?“ habe Chriſtiane erröthete. „Sprechen Sie offenherzig und unumwunden, und befürchten Sie nicht, mich zu verletzen,“ fuhr er fort. ndet„Ich haſſe nicht, weil man mich haßt. Ich werde Ihnen wenn ſogleich ſagen, warum.“ Stück„Mein Herr,“ erwiederte Chriſtiane mit bangem ver⸗ Tone und ihre Worte ſuchend,„Sie ſind der Gaſt mei⸗ nes Vaters, und Sie haben bis jetzt nichts gethan oder ge⸗ ſagt, was einen Widerwillen rechtfertigen konnte. Ueber⸗ ich genug zu ſein, um Niemand zu glühenden, durchbringenden Augen von Samuel atten Chriſtiane nicht verlaſſen, während ſie ſo mit nie⸗ dergeſchlagenen, eingeſchüchterten Augen ſprach. „Ich habe Ihre Worte nicht gehört, ich habe ihr Geſicht angeſchaut. Es war offenherziger, als Ihre Ant⸗ wort. Es iſt ſicher, Sie haben gegen mich, ich weiß nicht gerade, ob es Haß iſt, aber eine Abneigung. Ver⸗ theivigen Sie ſich nicht Ich wiederhole Ihnen, daß mich das nicht verletzt, im Gegentheil. Das macht es mir behaglicher.“ „Mein Herr!“ „Ich ziehe den Haß der Gleichgültigkeit, den Zorn der Vergeſſenheit, den Kampf dem Nichts vor. Hoͤren Sie, Sie ſind ſehr hübſch, und für Menſchen meiner Art iſt ein hübſches Mädchen ſchon eine Herausforderung. Es iſt etwas, was alle ein wenig ſtolze Menſchen ruft und auffordert. Ich habe nie die Schönheit auf einer ſech⸗ zehnjährigen Stirne geſehen, ohne von dem zügelloſen Ehr⸗ geiz, ſie mir anzueignen, ergriffen zu werden. Nur, da es mir an Zeit mangelt, gehe ich meiſtens vorüber. Doch hier iſt die Ausforderung voppelt. Sie erweiſen mir die Ehre, mich zu haſſen. Der Ausforderung Ihrer Schönheit fügen Sie die Ihrer Abneigung bei! Sie erklären mir den Krieg. Ich nehme ihn an!“ „Eil mein Herr, wo haben Sie geſehen?.. „Oh! in Ihrer Miene, in Ihren Manieren, in Ih⸗ ren Worten beim Höllenloch. Und das iſt nicht Alles. Haben Sie es nicht verſucht, mir bei Julius Eintrag zu thun? Leugnen Sie es nicht. Sie haben ſich zwiſchen ihn und mich geſtellt, Unvorſichtige! Verwegene, Sie wollten mir dieſes Vertrauen rauben, dieſe Zuneigung entziehen! Das iſt ihre dritte Herausforderung! Wohl! es ſei. Ich bin ſein böſer Geiſt, wie ſein Vater ſagt; ſeien Sie ſein guter Engel! Das wird unter uns das zu el ie⸗ ihr nt⸗ eiß er⸗ ich nir orn ren Art und ech⸗ hr⸗ ber. iſen ung bei! Ih⸗ lles. zu chen Sie zung ohl! agt; das 139 Drama aller alten Legenden ſein. Dieſe Perſpective lä⸗ chelt mich an. Doppelter Kampf: Kampf zwiſchen Ih⸗ nen und mir für Julius, Kampf zwiſchen Julius und mir für Sie. Er wird Ihre Liebe haben, voch ich werde Ihren Haß haben. Haß oder Liebe, das iſt immer ein Theil Ihrer Seele. Und ich bin meines Theils ſchon ſicherer, als er des ſeinigen. Sie empfinden gewiß Widerwillen ge⸗ gen mich: ſind Sie überzeugt, daß Sie Liebe für ihn fühlen?“ Chriſtiane antwortete nicht; aber ſie ſtand aufge⸗ richtet, ſtumm, entrüſtet, und unwillkürlich reizend Sa⸗ muel gegenüber, und ſo antwortete ihr Anblick für fie. Samuel fuhr fort: „Ja, ich bin weiter vorgerückt, als Julius. Sie ha⸗ ben ihm noch nicht geſagt, daß Sie ihn lieben. Dieſer junge Mann iſt ſanft und ſchön, doch es fehlt ihm ganz und gar an Thatkraft. Nun denn! auch in dieſem Punkte gehe ich ihm voran. Hören Sie: Sie haſſen mich. Ich liebe Sie.“ „Mein Herr, das iſt zu viel!“ rief Chriſtiane, aus⸗ brechend. Samuel gab ſich den Anſchein, als merkte er nicht auf die Entrüſtung des Mädchens. Er warf einen gleich⸗ gültigen Blick auf die Tafel, wo die von Gretchen be⸗ fragten Blumen lagen. „Was machten Sie denn, als ich Sie unterbrach?“ fragte er nachläßig.„Ah! Sie befragten die Kräuter? Nun! ſoll ich Ihnen für ſie antworten? Soll ich Ihnen wahrſagen. Ich will mit einer Neuigkeit anfangen, die Sie, wie ich hoffe, ziemlich intereſſiren wird. Ich pro⸗ phezeie Ihnen, daß Sie mich lieben werden.“ Chriſtiane ſchüttelte verächtlich den Kopf. „Oh! was das betrifft,“ ſagte ſie,„ich glaube es nicht und fürchte es nicht.“ „Verſtehen wir uns,“ erwiederte Samuel.„Wenn ich ſage, Sie werden mich lieben, ſo ſage ich damit nicht 140 gerade, Sie werden mich reizend finden und eine gren⸗ zenloſe Zärtlichkeit für mich hegen. Doch was liegt daran, wenn ich Ihre Zärtlichkeit zu entbehren weiß, um Sie zu unterwerfen, und wenn, obgleich die Mittel verſchieden find, das Reſultat daſſelbe iſt!“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr.“ „Sie werden mich verſtehen. Ich ſage, dieſes Kind, das mir Trotz zu bieten wagt, mir, Samuel Gelb, werde früher oder ſpäter, ehe wir ſterben, wohl oder übel, mir gehören.“ Chriſtiane erhob ſich ſtolz und zornig. Das junge Mädchen hatte gehortz die Frau antwortete: „Oh!“ ſagte ſie mit einem bittern Lächeln,„Sie haben Gretchen entfernt, weil Sie Furcht vor zwei Kin⸗ dern hatten, und nun, da nur noch eines da iſt, wagen Sie es, zu ſprechen! Sie wagen es, die Tochter Ihres Wirthes zu beleidigen! Wohl denn! obgleich Sie die Kraft, obgleich Sie eine Flinte in der Hand und die Bosheit im Herzen haben, Sie erſchrecken mich nicht, und Sie werden mich nicht verhindern, Ihnen zu antwor⸗ ten. Sie haben die Zukunft ſchlecht prophezeit. Ich will Ihnen ſagen, was geſchehen wird, und zwar nicht früher oder ſpäter, ſondern ehe eine Stunde vergeht: ich entferne mich, und vor einer Stunde, mein Herr, habe ich meinem Vater, der Sie fortjagen wird, und Ihrem Freunde, der Sie beſtrafen wird, Alles geſagt.“ Sie machte einen Schritt, um wegzugehen, und Sa⸗ 6 ſtatt ſie zurückzuhalten, ſagte zu ihr:„Gehen Sie.“ Sie blieb erſtaunt ſtehen und ſchaute ihn erſchro⸗ en an. „So gehen Sie doch,“ wiederholte er kaltblütig.„Sie halten mich für niederträchtig, weil ich Ihnen geſagt habe, was ich im Herzen und auf dem Herzen hatte! Doch wenn ich niederträchtig wäre, ſo hätte ich gehandelt und geſchwiegen. Kind! Kind!“ fuhr er mit einem ſeltſamen ——„——————— ——— e—„ er— er————— — ren⸗ ran, den — 141 Ausdruck fort,„Du wirſt eines Tages erfahren, daß der Grund dieſes Mannes, dem Du mißtrauſt, die Verach⸗ tung der Menſchheit im Allgemeinen und die Verachtung des Lebens insbeſondere iſt. Willſt Du es ſogleich er⸗ fahren, ſo gehe hin und zeige mich an.. Doch nein!“ fügte er bei,„Sie werden das nicht thun; Sie werden nicht ein Wort von Allem dem Ihrem Vater und Ju⸗ lius ſagen; Sie werden ſich nicht über mich beklagen, und Sie mit der größten Sorgfalt jedes äußere Zeichen des Widerwillens gegen mich vermeiden. Sie werden mir gegenüber eiskalt, aber glatt bleiben, wie dieſer Mar⸗ mor.“ „Und warum dies?“ fragte Chriſtiane. „Well, wenn Sie nur das Ausſehen hätten, als groll⸗ ten Sie mir, Ihr Vater Sie nach der Urſache fragen würde, und Julius mich darnach fragen würde. Julius hat Ihnen aber geſagt: ich bin ihm bedeutend überlegen in der Fechtkunſt. Die Piſtole iſt übrigens auch meine Lieblingswaffe. Sehen Sie, ich verſtehe viele Dinge. Ich ſage das nicht, um mich zu rühmen, ich habe kein gro⸗ ßes Verdienſt dabei; das kommt davon her, daß ich kaum vier Stunden im Tage ſchlafe. Da bleiben mir fünfzehn Stunden zum Studiren und fünf zum Leben. Und von dieſen fünfzehn Stunden ſcheinbarer Muße iſt keine ver⸗ loren für meinen Willen, für meinen Geiſt. Wenn es den Anſchein hat, als erholte ich mich, lerne ich eine Sprache, oder ich widme mich einer Leibesübung, der Reitkunſt oder den Waffen. Das iſt nützlich, wie Sie ſehen. Ein Wort Julius ſagen, heißt alſo ganz einfach ihn tödten. Wenn Sie ſich fügen, ſo werde ich es als ein Zeichen Ihrer Gewogenheit für mich betrachten.“ Chriſtiane ſchaute ihm ins Geſicht und erwiederte: „Gut! ich werde weder mit meinem Vater, noch mit Herrn Julius ſprechen. Ich gedenke mich ganz allein zu beſchützen. Und ich fürchte Sie nicht und lache über 142 Ihre Drohungen. Was vermag Ihre Dreiſtigkeit gegen meine Ehre? Und da Sie mich noͤthigen, es zu ſagen, ja, es iſt wahr, von dem Tage an, wo ich Sie geſehen⸗ habe ich ſogleich eine unüberwindliche Abneigung gegen Sie empfunden. Ich fühlte, daß Sie ein ſchlechtes Herz haben. Doch das iſt nicht Haß. Ich haſſe Sie nicht, ich verachte Sie!“ Eine Bewegung des Zornes, raſch zurückgevrängt, zog die Lippen von Samuel zuſammen, er faßte ſich aber bald wieder. „So iſt es gut!“ rief er;„das heiße ich ſprechen. So liebe ich Sie. So ſind Sie ſchoͤn. Faſſen wir un⸗ ſere Sache kurz zuſammen. Die Frage iſt derb geſtellt. Erſtens wollen Sie mir die Seele und den Willen von Julius entreißen, und Sie ſollen Beides nicht haben. Zweitens haſſeſt Du mich, ich liebe Dich und ich werde Dich haben. Das iſt abgemacht. Ah! hier kommt Gret⸗ chen.“ Gretchen kam in der That, langſam, vorſichtig, und ſchleppte mit Mühe ihr verwundetes Hirſchkalb herbei. Sie ſetzte ſich auf einen Felfen, und hielt das arme Thier, vas ſie flehend und klagend anſchaute, auf ihrem Schvoß. Samuel trat auf ſie zu, ſtützte ſich auf ſeine Flinte und ſagte: „Bah! es hat nur eine Keule gebrochen.“ Der Blick der über ihr Hirſchtalb geneigien Ziegen⸗ hirtin erhob ſich voll von Zorn und Blitzen zu Samuel. „Sie ſind ein Ungeheuer!“ ſagte ſie. 3 „Du biſt ein Engel!“ erwiederte er.„Du haſſeſt mich auch, ich liebe Dich auch. Glaubt Ihr, es ſei zu viel mit zwei Liebesverhältniſſen für meinen Stolz? Ich habe mich eines Tags auf der Univerſität mit zwei Stu⸗ denten zugleich geſchlagen, und meine beiden Gegner ver⸗ wundet, ohne eine Schramme zu bekommen. Auf Wie⸗ derſehen, meine theuren Feindinnen.“ ———— gen en, en, gen erz cht, igt, ber en un⸗ llt. on en. erde ret⸗ und bei. ier, oß. inte 143 Er warf ſein Gewehr auf ſeine Schulter, grüßte die zwei Mädchen und ſchlug wieder den Weg zum Pfarr⸗ hauſe ein. Anfang der Jeindfeligkriten. Während dieſer Zeit hatte Julius lange an ſeinen Vater geſchrieben. Als der Brief gefiegelt war, kleidete er ſich an und ging in den Garten hinab. Der Pfarrer war hier. Ju⸗ lius trat auf ihn zu und drückte ihm liebevoll und ehr⸗ erbietig die Hände. „Sie haben Ihren Freund alſo nicht auf die Jagd begleitet?“ fragte der Pfarrer. „Nein,“ erwiederte Julius,„ich hatte zu ſchreiben.“ Und er fügte bei: „Einen Brief, von dem das Glück meines ganzen Lebens abhängt.“ Er zog den Brief aus der Taſche. „Ich mache hierin an meinen Vater eine Frage, auf die ich die Antwort ſehr ungeduldig erwarten werde. Ich wüßte nicht, was ich geben würde, um ſie eine Stunde früher zu erhalten. Sie ſelbſt holen? ich habe einen Augenblick daran gedacht, doch es gebricht mir an Muth hiezu. Würde ich in Landeck nicht einen Poſtillon, einen Courier finden, der ſogleich zu Pferde ſteigen, mit dieſem Briefe nach Frankfurt eilen und mir die Antwort nach Heidelberg zurückbringen könnte? Ich würde ihm bezah⸗ len, was er wollte.“ „Das iſt leicht,“ erwiederte der Pfarrer.„Der 144 Sohn des Couriers wohnt in Landeck. Er iſt bei den Poſtmeiſtern der ganzen Linie bekannt, weil er zuweilen die Stelle ſeines Vaters vertritt, und er wird ſehr er⸗ freut ſein, wenn er auf dieſe Art ein paar Gulden ver⸗ dient.“ „Ohl dann iſt hier der Brief.“ Herr Schreiber nahm den Brief und ließ dem Sohne des Couriers ſagen, er habe ſich innerhalb drei Viertel⸗ ſtunden zu Pferde vor dem Pfarrhauſe einzufinden. „Das iſt gerade die Zeit, die man braucht, um nach Landeck zu gehen und zurückzukommen,“ ſagte er zu Ju⸗ lius.„Sie werden den Brief ſelbſt übergeben, damit er ſich nicht von hier bis dort verirrt.“ Dann warf er maſchinenmäßig einen Blick auf die Aufſchrift. „An den Baron von Hermelinfeld?“ ſagte er mit freudigem Erſtaunen.„Das iſt der Name Ihres Vaters, Herr Julius?“ „Ja.“ 70 Sie ſind der Sohn des Baron von Hermelinfeld? Ein armer Landpfarrer, wie ich, hat die Ehre, in ſeinem Hauſe den Sohn des berühmten Mannes zu empfangen, deſſen Name ganz Deutſchland verehrt? Ich war glück⸗ lich, Sie hier zu haben, nun bin ich ſtolz darauf! Und Sie nannten ſich nicht!“ „Ich bitte Sie auch jetzt noch, mich nicht vor Fräu⸗ lein Chriſtiane und vor Samuel zu nennen,“ erwiederte Julius.„Samuel und ich waren übereingekommen, un⸗ ſere Namen nicht zu ſagen; und ich möchte nicht gern das Anſehen eines Kindes haben, das eine Uebereinkunft nicht vierundzwanzig Stunden zu halten weiß.“ „Seien Sie unbeſorgt,“ ſagte der gute Poſtor,„ich werde ſo geheimnißvoll ſein, als Sie. Doch es freut mich ſehr, daß ich Sie kenne. Der Sohn des Baron von Hermelinfeld! Wenn Sie wüßten, wie ich Ihren Vater bewundere! Ich habe ſehr oft von ihm mit meinem ver⸗ den ilen er⸗ er⸗ hne tel⸗ ach Ju⸗ er die mit ers, Fin em en, ick⸗ lnd äu⸗ erte un⸗ ern nft ich eut von ter er⸗ 145 trauten Freunde, dem Pfarrer Ottfried, geſprochen, der ſein Studienkamerad geweſen iſt.“ Das Geſpräch wurde hier durch Samuel unterbro⸗ chen, der zurückkam. „Nun! biſt Du zufrieden mit Deiner Jagd?“ fragte ihn Julius. „Entzückt!“ erwiederte er lachend.„Ich habe zwar nichts geſchoſſen, aber Lager entdeckt und Fährten ge⸗ funden.“ Chriſtiane kam beinahe zu gleicher Zeit nach Hauſe. Die jungen Leute hatten den Tag vorher angekündigt, ſie würden nach dem Frühſtück abreiſen. Man frühſtückte alſo, der Pfarrer freudig über das, was er wußte, Julius träumeriſch, Chriſtiane ernſt, Sa⸗ muel ſehr heiter. Als man den Kaffee genommen hatte, ſchaute der Pfarrer Julius herzlich bittend an und ſagte: „Iſt es durchaus nothwendig, daß Sie ſo raſch nach Heidelberg zurückkehren? Da es Sie ſo ſehr drängt, eine Antwort auf Ihren Brief zu erhalten, warum er⸗ warten Sie ihn nicht hier? Sie würden ihn zwei Stunden früher bekommen.“ „Mir,“ verſetzte Samuel,„mir, für meine Perſon, iſt es ganz unmöglich, zu bleiben. Es wäre mir gewiß ſehr angenehm, mein Leben damit hinzubringen, daß ich Ihre reizende Gaftfreundſchaft genöße, jagte und die gute Luft athmete; doch ich habe zu ſtudiren; beſonders gegenwärtig. Ich bin nämlich mit einem Verſuche be⸗ ſchäftigt⸗ den ich nicht einen Augenblick aufſchieben i „Doch Julius?“ „Oh! Julius, er iſt frei. Er mag ſich jedoch erin⸗ nern, daß er dort auch Verbindlichkeiten hat.“ Chriſtiane, welche bis dahin nichts geſagt hatte, ſchaute Samuel feſt an und fragte ihn: Gott ſenkt. I. 146 „Sind dieſe Verbindlichkeiten von der Art, daß uns Herr Julius wirklich nicht den heutigen Tag opfern kann?“ „Gut! vereinige Dich mit mir, mein Kind!“ ti heiter der Paſtor. „Ah! das ſind die Feindſeligkeiten?“ verſetzte Sa⸗ muel lachend, während er Chriſtiane einen Blick zuwarf, der ſeine Bedeutung für ſie haben ſollte.„Der Kampf iſt in der That nicht gleich. Ich werde mich indeſſen nicht ergeben, und wenn mir das Fräulein erlaubt, Julius ein Wort beiſeits zu ſagen, um ihn an das zu erinnern, was ihn nach Heidelberg zurückruft„ „Oh! thun Sie es,“ erwiederte Chriſtiane mit Ver⸗ achtung. Samuel führte Julius in eine Ecke. „Haſt Du Vertrauen zu mir?“ ſagte er leiſe zu ihmz„bereuteſt Du es je, meinen Rath bei Deinem Ver⸗ halten im Leben befolgt zu haben? Nun! ſo glaube mir, keine Schwäche! Die Kleine beißt in die Angel. Doch nimm Dich in Acht, man muß ſich nicht zu viel hingeben. Gehe mit mir und laß die Einſamkeit und die Lang⸗ weile für Dich arbeiten. Die Abweſenheit wird Deine Geſchäfte betreiben. Etwas Anderes: Erinnere Dich, daß am Sonnabend oder vielmehr am Sonntag um ein Uhr in der Nacht allgemeine Verſammlung des Tugend⸗ bundes iſt, und ſetze Dich nicht der Gefahr aus, in der Ueppigkeit und Verweichlichung von Capug einzuſchlafen. Biſt Du ein Mann, der ſein Vaterland liebt, oder ein Kind wie Lothario, das immer an Weiberröcken hängt? Thue nun, was Du willſt, Du biſt frei.“ Julius kehrte nachdenkend zum Tiſche zurück. „Nun?“ fragte der Pfarrer. „Ich muß geſtehen, er hat mir ziemlich gute Gründe angegeben,“ antwortete Julius. uns fern Sa arf, mpf ſſen ubt, zer⸗ zu er⸗ nir, och ben. ng⸗ eine daß ein nd⸗ der fen. ein 17 inde 147 Der Pfarrer machte ein betrübtes Geſicht, und Samuel ſchaute Chriſtiane mit triumphirender Miene an. „Verzweifeln Sie noch nicht, mein Vater,“ ſagte Chriſtiane lachend und zugleich zitternd.„Nun iſt die Reihe, mit Herrn Julius leiſe zu ſprechen, an mir. Nicht wahr, das iſt billig?“. „Sehr billig,“ rief der vortreffliche Pfarrer, der keine Ahnung von dem Drama hatte, das ſich unter die⸗ ſer Komödie bewegte. 3 Chriſtiane nahm Julius beiſeit und ſprach zu ihm: „Hoͤren Sie, ich habe Ihnen nur ein Wort zu ſa⸗ gen, und wenn dieſes Wort nicht mehr Gewicht hat, als die Rathſchläge Ihres Herrn Samuel, ſo iſt es gut: ich werde wenigſtens einen nützlichen Verſuch gemacht haben. Sie richteten geſtern in den Ruinen von Eberbach eine Frage an mich, die ich nicht beantworten konnte. Wenn Sie bleiben, ſo werde ich antworten.“ „Oh! ich bleibe!“ rief Julius. „Bravv, Chriſtiane!“ ſagte der Pfarrer. „Ich vermuthete es,“ ſprach Samuel kalt.„Wann. wirſt Du zurückkommen?“ „Morgen, denke ich,“ erwiederte Julius.„Späte⸗ ſtens übermorgen. Ich werde die Antwort von meinem Vater morgen erhalten, nicht wahr, Herr Schreiber?“ „Morgen, ja,“ ſagte der Pfarrer.„Und Sie,“ fragte er Samuel,„Sie beſinnen ſich nicht anders? Das Beiſpiel Ihres Freundes beſtimmt Sie nicht?“ „Oh! ich,“ erwiederte Samuel,„ich gehe nie von dem ab, was ich beſchloſſen habe.“ Chriſtiane gab ſich das Anſehen, als bemerkte ſie den drohenden Ton nicht, mit dem Samuel dieſe Worte kehr hatte, und ſie rief auf das Allernatür⸗ „Ah! hier ſind die Pferde.“ Die Pferde von Samuel und Julius ſtanden in der That geſattelt vor dem Gitter. 148 „Führt das Pferd von Herrn Julius wieder in den i 4 ſagte ſi ſie zu dem Knechte, der beide am Zaume hielt Samuel nahm den Zügel des ſeinigen und ſtieg auf. ben,“ ſagte der Pfarrer zu ihm.,„Wir zählen am Sonn tag mit Herrn Julius auf Sie.“ „Am Sonntag, gut,“ erwiederte Samuel.„Mo gen, Julius. Denke an Spnnabend. 4 Und er grüßte Chriſtiane und ihren Vater, gab ſei⸗ nem Pferde die Sporen und ritt im Galopp weg. „ Der Tugendbund. Am Dienſtag Abend war Julius nicht nach Heidelberg zurückgekehrt. „Aber am Sonntag werden Sie keine Studien ha⸗ 3 Samuel lächelte. Er hatte das erwartet. Der Mitt⸗ woch und der Donnerſtag vergingen ebenfalls, ohne daß Julius erſchien. Wieder von ſeinem glühenden Arbeits⸗ fieber erfaßt, merkte Samuel nicht darauf. Am Freitag aber, in einer Ruheſtunde, ſing er an unruhig zu wer⸗ den. Was bedeutete dieſe beharrliche e Er 3 nahm die Feder und ſchrieb an Julius: „Mein lieber Kamerad, „Hercules hat bis jetzt das Recht gehabt, zu den Füßen von Omphale zu ſpinnen. Doch ich hoffe, er hat nicht vergeſſen, daß ihn morgen die Arbeit erwartet. Iſt Omphale nicht Circe und hat ſie ihn nicht von einem Menſchen in ein Thier verwandelt, ſo wird er ſich der . den me tieg ha⸗ nn⸗ or⸗ ſei⸗ tt⸗ aß ts⸗ ag er⸗ zu k. em er Er 149 Pflicht erinnern, die ihn ruft. Eine Mutter kommt vor einer Geliebten, eine Idee vor einer Liebe. Freiheit und Vaterlandl“ „Ich bin nun ſicher, daß er kommen wird,“ ſagte Samuel zu ſich ſelbſt. Er beſchäftigte ſich während des ganzen Sonn⸗ abends nicht mehr mit Julius. Die allgemeine Ver⸗ ſammlung des Tugendbundes war erſt auf Mitternacht beſtimmt. Im Verlaufe des Tags ließ er ſich nach den zwei Verwundeten erkundigen. Franz Ritter und Otto Dor⸗ magen lagen und waren, nach der Ausſage des Arztes, unfähig, vor vierzehn Tagen aufzuſtehen. Der Befehl des Bundes war vollzogen. Samuel und Julius konnten ſtolz vor den Häuptern erſcheinen. Bei Einbruch der Nacht gab Samuel ſeinem gewöhn⸗ lichen Spaziergang die Richtung zur Straße nach Neckar⸗ ſteinach, auf der Julius kommen mußte; bei einer gabel⸗ förmigen Theilung des Weges begegnete er Jemand, den er zu erkennen glaubte, doch es war nicht Julius. Er kehrte nach dem Wirthshauſe zurück. „Iſt Julius oben 2“ fragte er den Wirth. „Nein, Herr Samuel,“ antwortete dieſer. Samuel ging in ſein Zimmer hinauf und ſchloß ſich verdrießlich ein. „Die Kleine iſt ſtärker, als ich glaubte,“ dachte er. „Sie ſoll ihn mir bezahlen. Die Bibel ſagt: Die Liebe iſt mächtig, wie der Tod. Das müſſen wir ſehen.“ Es ſchlug neun Uhr, zehn Uhr, halb eilf Uhr. Ju⸗ lius kam nicht. um eilf Uhr, da er nicht mehr hoffte, ſchickte ſich Samuel an, allein zu gehen. Er nahm ſeine Mütze, und wollte eben das Zimmer verlaſſen, als er Jemand mit haſtigen Schritten in der Hausflur laufen hörte. Beinahe in demſelben Augenblick klopfte man an ſeine Thüre. 1⁵⁰ „Ach! endlich,“ ſagte Samuel,„das iſt ein Glück.“ Er öffnete, doch es war nicht Julius, ſondern ein Diener vom Wirthshauſe. ½ „Was gibt es?“ fragte Samuel ungeſtüm. 3 „Ein auf der Runde begriffener Leipziger Student wünſcht den Studentenkönig zu ſprechen.“ 4 „Ich habe in dieſem Augenblick keine Zeit,“ erwie⸗ derte Samuel.„Er mag morgen wiederkommen.“ „Er kann nicht. Er hat mich beſonders— Ihnen zu ſagen, er ſei auf der Reiſe.“ Bei dem Worte Reiſe nahm das Geſicht von Sa⸗ muel ſogleich ſeinen ganzen Ernſt an. „Er trete ein,“ ſagte er alsbald. Der Diener entfernte ſich, der angebliche Leipziger Student trat ein, und Samuel ſchloß ſorgfältig die Thüre. Der Ankommende drückte Samuel, die Daumen auf eine gewiſſe Art kreuzend, die Hände, ſagte ihm leiſe ein paar Worte, öffnete endlich ſeine Bruſt und zeigte ihm eine Medaille. „Es iſt gut,“ ſprach Samuel.„Uebrigens erkenne ich Dich. Du biſt der Reiſende vom Neckar. Was haſt Du mir zu verkündigen?“ „Ich bringe einen Gegenbefehl. Die Generalver⸗ ſammlung wird heute Racht nicht gehalten werden.“ „Ah! ah!“ rief Samuel.„Und warum nicht?“ „Weil ſie angezeigt worden iſt und ſie umzingelt und überrumpelt worden wäre. Eines von den Häuptern iſt zum Glück zur rechten Zeit davon in Kenntniß geſetzt worden. Die Verſammlung iſt verſchoben. Es wird eine neue Zuſammenberufung ſtattfinden.“ „Um welche Zeit iſt die Nachricht eingetroffen 2“ fragte Samuel. „Um Mittag.“ * . „Das iſt ſeltſam,“ verſetzte der argwöhniſche Stu⸗ 3 dentenkönig.„Ich bin in der Abenddämmerung Einem be⸗ ck.“ ein ent vie⸗ gt, ger die nen eiſe gte 8 ine aſt er⸗ elt rn tzt ne 24 u⸗ e 151 gegnet, der ſich nach einer gewiſſen Seite des Schloſſes wandte: er verbarg ſich in ſeinem Mantel und unter ſei⸗ nen Hut, doch wenn ich mich nicht irre, muß es eines von unſern Häuptern geweſen ſein. Wie geht das zu 2 „Ich weiß es nicht, Bruder. Ich habe meine Pflicht gegen Dich erfüllt und entferne mich wieder.“ „Aber,“ verſetzte Samuel,„wenn ich, dieſe Nachricht nicht beachtend, nach dem Verſammlungsorte ginge?“ „Ich rathe Dir das nicht. Du würdeſt dort Agen⸗ ten auf der Lauer finden; die Polizei hält offenbar den Weg beſetzt, und Du könnteſt wohl zwanzig Jahre Deines Lebens in einem Staatsgefängniſſe zubringen müſſen.“ Samuel lächelte ſtolz. „Es iſt gut,“ ſagte er.„Ich danke, Bruder.“ Und er führte den Reiſenden bis zur Thüre zurück. Als der Reiſende weggegangen war, ſchaute er auf ſeine Uhr. Es war halb zwölf Uhr. „Ich habe Zeit,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Er fetzte ſeine Mütze auf, nahm ſeinen eiſenbeſchla⸗ genen Stock und verließ ſeine Wohnung. Wie das erſte Mal, ſchlug er Anfangs den Weg über die Kaie ein; nur ging er am Ufer des Neckars weiter hinauf, und ſtatt unmittelbar die von uns erwähnte Treppe hinaufzuſteigen, drehte er ſich um den Schloßberg, um auf der entgegengeſetzten Seite der Stadt zum Schloſſe zu gelangen. Als er fünf bis ſechs hundert Schritte über die ſchwarze Maſſe des Berges und der Ruine hinausgegan⸗ gen war, blieb er ſtehen und ſchaute in die Finſterniß, ob Niemand herumſtreiche; er erblickte keine lebende Seele und eilte gerade auf die dicke, früher ſenkrechte, nun aber halb niedergeriſſene Grundmauer zu. „An dieſer Ecke,“ ſagte er zu ſich ſelbſt während des Gehens,„habe ich neulich meinen Mann, meinen Kreuzerſchuldner getroffen. Der Weg, den er wählte, iſt eine Sackgaſſe und ſtößt an eine Mauer. Unſere ſehr 152 vortrefflichen und ſehr geheimnißvollen Chefs müſſen alſo die im Geſträuche verborgene Höhle gefunden haben, wie ich. Was die Polizei betrifft, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß ſie, nach ihrer lobenswerthen Gewohnheit, in einer jungfräulichen Unwiſſenheit hierüber lebt, und daß ſie ſich damit begnügt, das oͤffentliche Thor zu bewachen, durch welches kein Menſch hinein oder herausgehen wird. Ein bewunderungswürdiges Inſtitut, gleich groß bei allen riviliſirten Völkern!“ Samuel war zum Fuß der hohen, ganz mit Geſträu⸗ che, Gras und Epheu bekleideten Mauer gelangt. Er ging an den Ort, wo die Vegetation am dichteſten war, ſchob, nicht ohne ſich die Hände zu zerreißen, die Brom⸗ beerſträuche und die Jungfernreben auf die Seite, ſtieß einen ungeheuren Stein fort, drückte ihn ſodann wieder an ſeine Stelle, ſtieg, oder rollte vielmehr in eine Art von Höhle hinab und irrte bald in den ehemaligen Kellern von dieſem Theile des Schloſſes umher. Doch die Häupter des Tugendbundes, angenommen, Samuel hatte Recht, ſie hier zu glauben, waren nicht leicht in den geheimen Tiefen dieſer ungeheuren Katakom⸗ ben zu finden. Samuel ging lange auf das Gerathewohl, ſtieß ſich in der Finſterniß an den eingeſtürzten Steinen, und hielt für menſchliche Stimmen die Schreie der von ihm im Schlafe geſtörten Nachtvögel, die ihn zuweilen gewichtig mit dem Winde ihrer ſchweren Flügel beohr⸗ feigten. „Ein Anderer würde bange bekommen oder ermü⸗ den!“ ſagte Samuel zu ſich ſelbſt. Endlich, nach einer halben Stunde der Wanderung und des Umhertappens, erblickte er in der Ferne ein ſchwa⸗ ches Licht, dem einer Blendlaterne ähnlich. Er wandte ſich nach dieſer Seite, und ſeine an die Nacht gewöhnten Augen unterſchieden bald drei, unter einem Gewölbe ſitzende, verlarvte Männer. Als er nahe genug bei ihnen war, blieb er ſtehen, .„— — ————. e——— lſo en, in aß n, rd. iu⸗ Er r, m⸗ en ine hle on en, cht m⸗ hl, n, on len r⸗ ü⸗ ng die ter en, 153 hielt ſeinen Athem zurück und horchte, doch vergebens: er konnte nichts hoͤren. Aus den Geberden der drei Män⸗ ner ging indeſſen klar hervor, daß ſie mit einander ſpra⸗ en Samuel näherte ſich ihnen noch mehr und horchte abermals. Er hörte eben ſo wenig. Er faßte plotzlich einen Entſchluß. „Ich bin es!“ rief er dreiſt.„Einer von den Euri⸗ gen, Samuel Gelb.“ Und er trat auf die drei verlarvten Männer zu. Bei dieſem Ruf hatten ſich alle Drei, wie durch eine und dieſelbe Feder in Bewegung geſetzt, von den Granit⸗ blöcken, auf denen ſie ſaßen, erhoben und waren auf Pi⸗ ſtolen zugeſtürzt, welche ſchon geſpannt in ihrer Nähe lagen. Doch wohin zielen in der Dunkelheit? Samuel, der ſie ſah, hatte auch in jeder Hand eine geſpannte Piſtole. „Haltet!“ ſagte er ruhig,„wollen wir Lärm ma⸗ chen und die Polizei herbeiziehen? Iſt das Eure Art, die Freunde zu empfangen? Denn ich bin ein Freund, ſage ich Euch! Samuel Gelb. Doch ich bemerke Euch zum Voraus, daß ich mich vertheidigen werde, und ehe ich ſterbe, tödte ich wenigſtens Einen von Euch. Was werdet Ihr übrigens dabei gewinnen, daß Ihr mich toͤdtet?“ Und während er ſo ſprach, rückte er immer weiter vor. Die drei verlarbten Männer unterlagen unwillkürlich der Macht ſeiner ſeltenen, kühnen Kaltblütigkeit. Die Piſtolenläufe ſenkten ſich. „Gut!“ ſagte Samuel. Er ſpannte ſeine Piſtolen ab, ſteckte ſie wieder in die Taſche und näherte ſich vollends den drei Verlarvten. „Unglücklicher!“ ſprach Einer von den Chefs, in welchem Samuel an der Stimme denjenigen erkannte, 154 der bei ſeinem vorhergehenden Erſcheinen ſo feierliche, er⸗ haben ſtrenge Worte an ihn gerichtet hatte,„wie biſt Du bis hierher gedrungen? haſt Du die Nachricht nicht erhalten? Sprich wenigſtens leiſe.“ „Ich werde ſo leiſe ſprechen, als Ihr wollt. Und ſeid unbeſorgt, Niemand iſt mir gefolgt, und ich habe hinter mir den nur mir allein bekannten Eingang wieder geſchloſſen. Die Nachricht iſt mir zugekommen; doch gerade weil da oben keine allgemeine Verſammlung ſtatt⸗ fand, ließ mich ein zufälliges Zuſammentreffen vermuthen, es werde unten in dieſem Loche, das ich vielleicht vor Euch entdeckt habe, eine beſondere Verſammlung ſtattfin⸗ den. Und Ihr ſeht, daß ich mich in meiner Folgerung nicht ganz täuſchte.“ „Beabſichtigſt Du denn, Dich in die Beſchlüſſe des oberſien Raths zu miſchen?“ „Ich will mich in gar nichts miſchen. Seid ruhig, ich komme nicht, um mich aufzudringen, ſondern um mich anzubieten.“ „Wie ſo?“ „Die Angelegenheiten des Bundes find offenbar ein wenig in Verwirrung gebracht, und Ihr müßt in Verle⸗ genheit ſein. Wohl denn! iſt es nicht mein Recht, iſt es nicht meine Pflicht ſogar, meinen Eifer zu verdoppeln, wenn die Schwierigkeiten ſich verdoppelten, und mich hier zu Eurer Verfügung zu ſtellen 2 „Iſt es wahrhaftig dieſer Beweggrund, der Dich zu Deinem Abenteuer angetrieben hat?“ „Eil was für ein anderer ſollte es denn ſein? Zweifelt Ihr an meinem Eifer? Ihr habt mich ſchon auf die Probe geſtellt, und mich dünkt, ich habe Euer Vertrauen nicht zu ſchlecht erwiedert.“ Die Drei beriethen ſich einen Augenblick. Es ſcheint, die Berathung war günſtig für Samuel, denn der Chef ſogte zu ihm: „Samuel Gelb, Du tiß ein kühner Burſche. Wir u f 3 e —— r⸗ iſt ht nd be er ch tt⸗ n, or n⸗ n8 ich ein le⸗ in, ier zu felt die uen uel, Wir 155 halten Dich für rechtſchaffen, wir wiſſen, daß Du ver⸗ ſtändig und beherzt biſt. Es iſt wahr, Du haſt dem Bunde einen wirklichen Dienſt geleiſtet; Du haſt muthig unſern Degen in Eurem Duell mit den Verräthern ge⸗ führt, und wir bedauern es, daß wir Dir heute nicht hiefür danken können. Da Du Dir kühn dieſen Weg bis zu uns gebahnt haſt, ſo wollen wir Dir unſere Erkennt⸗ lichkeit beſſer als mit Worten bezeigen. Wir wollen Dir einen unerhörten Beweis von Vertrauen geben. Wir werden Dich in unſere Berathungen einweihen, und das macht Dich unmittelbar und von Rechtswegen zum Bundesgliede zweiten Grades.“ „Ich danke,“ ſprach Samuel ſich verbeugend;„aber ich ſchwöre bei Gott, daß Ihr es nicht bereuen werdet, mir dieſe Ehre erwieſen zu haben.“ „Vernimm atlſo, was vorgefallen iſt. Einer von den Unſeren, der in den öffentlichen Angelegenheiten eine hohe Stellung einnimmt, hat die Weiſung erhalten, uns heute Abend umzingeln zu laſſen. Gerade die Verwundung von Otto Dormagen und Franz Ritter hat uns dieſe Unan⸗ nehmlichkeit zugezogen. Als man erfuhr, ſie könnten un⸗ ſerer Verſammlung nicht beiwohnen, hielt man es ohne Zweifel für klug, das zu erdrücken, was man nicht zu überwachen vermochte, und beſchloß, offen mit uns ein Ende zu machen. Dormagen und Ritter gaben die Lo⸗ ſungsworte und die Eintrittsförmlichkeiten preis. Der⸗ jenige von uns, welcher den Auftrag erhalten hatte, uns in der Falle zu fangen, konnte nicht ungehorſam ſein, ohne ſeine Theilnahme zu verrathen und ſich ſelbſt anzugeben; er mußte alſo die Polizei aufbieten. Doch er hatte Zeit, uns zu benachrichtigen. Die Agenten bewachen die Zu⸗ gänge, durch welche alle Mitglieder kommen ſollten; ſie haben das Loſungswort und warten. Sie werden warten bis morgen früh; doch Niemand wird ſich zeigen; ſie werden abziehen, wie ſie gekommen ſind, und wir find der Gefahr entgangen.“ 156 „Gut alſo!“ ſagte Samuel.„Ihr kommt mit einer verfehlten Verſammlung davon, und die Zuſammenkunft iſt nur vertagt.“ „Das iſt in der That kein großes Ungemach,“ fuhr der Chef fort,„denn wir haben keine unmittelbare Pläne. In dieſem Augenblick iſt unſer großer Feind, der Kaiſer Napoleon, glorreicher und glücklicher als je. Unſere Fürſten und Könige füllen ſeine Vorzimmer und beſchränken ihren Ehrgeiz darauf, daß ſie zu ſeinen Jagden eingeladen werden. Es iſt in dieſem Augenblick nichts für die Unabhängigkeit Deutſchlands zu thun. Doch die Ereigniſſe können ſich ändern. Derjenige, welcher hinaufſteigen konnte, kann herabſteigen. Und ſobald ein Menſch auf dem Abhang iſt, genügt ein unvorhergeſehener Stoß mit dem Ellbogen, um ihn bis unten rollen zu machen. Dieſer Augenblick kann jeden Tag eintreten.“ „Ich hoffe es wohl,“ ſprach Samuel,„und wenn ſich dieſe Gelegenheit bietet, wird Euch Samuel Gelb abermals dienen können. Doch was wünſcht Ihr bis dahin?“ „Bis dahin muß ſich der Tugendbund für jede mög⸗ liche Vorkommenheit bereit halten, und ſeine Häupter müſſen mit ſeinen bedeutendſten Adepten in beſtändiger Communication bleiben. Dieſe Ruinen können uns nicht mehr dienen. Das unterirdiſche Gewölbe, in welchem wir ſind, hat nur einen einzigen Ausgang und würde uns Alle bis auf den Letzten preisgeben. Wo werden alſo fortan die allgemeinen Verſammlungen ſtattfinden? Das iſt die Frage, die wir verhandelten, ols Du uns unter⸗ brachſt, eine Frage über Leben und Tod vielleicht. Wir wiſſen keinen Ort, der uns ſicher genug zu ſein ſcheint.“ „Ein ſolcher Ort iſt allerdings ziemlich ſelten,“ ſagte Samuel. „Sollteſt Du einen kennen, der geheim bleiben könnte 7“ fuhr der Chef fort.„Weißt Du irgendwo ein unerforſchliches Aſyl, geſichert durch zahlreiche Ausgänge, zugleich geſchloſſen gegen die Späherei und offen für die er ft hr e. ſer nd eiz Es eit ich nn ng en, lick ſich als ög⸗ pter iger icht wir uns alſo Das ter⸗ Wir agte iben ein inge, rdie 157 Flucht? Kennſt Du ein ſolches, ſo wirſt Du dem Bunde einen Dienſt geleiſtet haben, der bei Weitem mehr werth iſt, als der erſte.“ Samuel dachte eine Minute nach und erwiederte dann: „Ihr gebt mir eine kurze Friſt. Für den Augenblick ſehe ich keinen ſolchen Ort in meinem Gedächtniß; doch ich werde ſuchen, was in meiner Sprache beſagen will: ich werde finden. Wie ſoll ich Euch, wenn das geſchehen iſt, davon benachrichtigen? Bezeichnet mir eine Zuſam⸗ menkunft.“ „Das iſt unmöglich. Doch höre: am 13. jedes Monats wird der Reiſende von dem Fluſſe, an deſſen Ufer Du wohnſt, Dich aufſuchen und fragen: Biſt Du bereit? An dem Tage, wo Du das biſt, werden wir Dich wiederſehen.“ „Abgemacht. Meinen Dank, und zählt auf mich. Ihr könnt Euch nun trennen. Ihr habt, wenn nicht den doch wenigſtens den Mann gefunden, der ihn finden wird.“ „Wir brauchen Dir nicht Geheimhaltung einzuſchär⸗ fen. Das iſt eine Angelegenheit, wobei Dein Kopf ver⸗ pfändet iſt, wie die unſeren.“ Samuel zuckte die Achſel. Dann, auf einen Wink des Sprechers, grüßte er und ging weg. Er fand ſeinen Weg leichter zurück, als da er ge⸗ kommen war. Der durch das Geſträuche glänzende Mond zeigte ihm unbeſtimmt den Ausgang. Er kam heiter und ſtolz auf die Sproſſe, die er über⸗ ſtiegen, den Geiſt voll Ehrzeiz, zurück, und erſt als er wie⸗ der in ſein Zimmer trat, dachte er an Julius. „Oh!“ ſagte er,„was Teufels kann dieſer Julius machen? Die kleine Chriſtiane hat mir entſchieden dieſes Weſen geſtohlen, von dem ich glaubte, es gehöre ſo ganz mir? Iſt er auch in Landeck benachrichtigt worden, daß 158 die Verſammlung verſchoben war? Und womit hat er ſeine Woche ausgefüllt? Quälen wir uns nicht. Morgen iſt Sonntag, ich werde es morgen erfahren.“ Sieg durch Meberrumpelung. Als Samuel zur ſelben Stunde, wie am vorhergehen⸗ den Sonntag, zum Pfarrhauſe kam, war das Gitter ge⸗ ſchloſſen. Er läutete. Der kleine Knecht und vie Magd erſchienen. Der Knecht übernahm ſein Pferd und die Magd führte ihn ins Speiſezimmer. Der Tiſch war gedeckt, doch er ſah nur zwei Couverts. Samuel fing an zu erſtaunen. Die Magd war weggegangen und hatte ihn gebeten, zu warten. t 50 Einen Augenblick nachher offnete ſich die Thüre. Samuel machte einen Schritt vorwärts und wich voll W wieder zurück, als er die Perſon ſah, welche eintrat⸗ Es war der Baron von Hermelinfeld. Der Vater von Julius war eine ernſte, ſtrenge Er⸗ ſcheinung. Ungefähr fünfzig Jahre alt, hohe Geſtalt, Haare weiß geworden durch das Studium, hohe Stirne, tiefes, vurchdringendes Auge, Kopf noch ſtolz und ſchön, ruhige, ein wenig traurige Miene, Er ging auf Samuel, der etwas aus Faſſung gebracht zu ſein ſchien, zu und ſagte zu ihm „Sie erwarteten nicht, mich wiederzuſehen, beſonders nicht hier, mein Herr?“ —— — — er en en⸗ ge⸗ gd rts. en, üre. voll lche Er⸗ aare fes, ige, ung ders 159 „In der That,“ antwortete Samuel. „Setzen Sie ſich. Der würdige Paſtor Schreiber hatte Ihnen Gafffreundſchaft für heute angeboten. Er wollte nicht, daß Sie das Haus geſchloſſen fänden, ich bin geblieben, um es Ihnen zu öffnen. „Verzeihen Sie, ich verſtehe nicht„„ „Ja, nicht wahr, was ich Ihnen da ſage, kommt Ihnen wie eiu Räthſel vor,“ verſetzte der Baron von Hermelinfeld.„Sind Sie begierig, den Schlüſſel dazu zu erhalten, ſo ſetzen Sie ſich zu Tiſche und frühſtücken Sie mit mir, ich werde Ihnen die Sache erklären.“ „Gut!“ ſprach Samuel ſich verbeugend. Und er ſetzte ſich muthig dem Baron gegenüber an den Tiſch. Während eines Stillſchweigens, das nun eintrat, ſchienen ſich dieſe zwei Männer, welche ſich ſo nahe und doch ſo ſehr von einander verſchieden waren, gegenſeitig zu beobachten. Der Baron fing endlich an: „Hoͤren Sie, was vorgefallen iſt. Ich bitte, bedienen Sie ſich. Sie wiſſen vielleicht, daß mir Julius am Mon⸗ tag Morgen geſchrieben hat. Ich habe den Brief in Frankfurt erhalten. Es war ein Brief voll Liebe und Bangigkeit.“ „Ich vermuthete das.“ „Julius erzählte mir, wie er Chriſtiane zum erſten Male geſehen, was ſie beinahe auf der Stelle für ihn geworden, ſeine erſte Liebe, ſein Leben, ſein Traum. Er ſprach mir von ihrer Anmuth, von ihrer Reinheit, von ihrem Vater, von dem ſanften Leben, das er ſich in dieſer hige Familie und in dieſem ruhigen Thale bereiten nnte. „Horen Sie nun, was er mich zu fragen hatte. Würde ich, reich, von Adel, berühmt, je ſeine Liebe für ein armes, niedriges Mädchen von unbekannter Familie billigen? Sie hatten es ihn bezweifeln laſſen.“ 160 „Das iſt wahr,“ ſprach Samuel. „Julius fügte indeſſen beit ſollte ich wegen ſeiner Be Jugend, oder wegen ihrer Lebenslage nein antworten, Lu ſo werde er nicht thun, was Sie ihm zu thun gerathen, A haben; er werde Chriſtiane nicht verführen. Er habe einen Abſcheu vor dem Rathe und dem Rathgeber. vet „Nein, er werde das edle Vertrauen des Mäbchens und des Vaters nicht mißbrauchen, er werde Chriſtiane nicht entehren, er werde nicht einen Augenblick des Glücks für ſich um ein Leben der Thränen für ſie erkaufen; er werde ſich mit zeriſſenem Herzen entfernen. Er werde Chriſtiane ſeinen Namen und den Ausſpruch ſeines Vaters ſagen, und ſie verlaſſen, um ſie nie wiederzuſehen.“ „Dies Alles iſt in der That ſehr ſchön,“ ſagte Sa⸗ eic muel.„Wollen Sie mir ein wenig Schinken geben, mein B 8 S — Herr?“ G „Als ich dieſen ſo von Liebe erfüllten und ſo kinvli⸗ de chen Brief von Julius erhielt,“ fuhr der Baron von Hermelinfeld fort,„dachte ich ſeit vier Tagen über Ihren ſie ſo vermeſſenen und ruchloſen Brief nach, vler Tage fragte ich mich, wie ich den unſeligen Einfluß, den Sie ſich auf ſte das zarte Gemüth von Julius angemaßt, je brechen N könnte. Und in zehn Minuten, nachdem ich den Brief von Julius empfangen hatte, war mein Entſchluß gefaßt. z „Man glaubt, wir Leute von Intelligenz und Geiſt ſeien nicht für das Handeln geſchaffen, weil wir nicht unſer ganzes Daſein der unfruchtbaren Agitation jener geſchäftigen Menſchen weihen, welche, um ſich für praktiſch u halten, den bewunderungswürdigen Grund haben, daß O e nichts Anderes find. Das iſt, als ob man die Bögel Ci anklagte, daß ſie nicht gehen können, weil ſie Flügel ha⸗ de pen. Mit einem Flügelſchlage haben ſie tauſend Schrite P gemacht. An einem Tage handeln wir mehr, als die Le Andern in zehn Jahren.“ „Das war jeder Zeit meine Anſicht, mein Herr,“ erwiederte Samuel,„und Sie lehren mich hiemit nichts“ ho er n, en en ens ane cks er rde ters Sa⸗ ein wli⸗ von hren agte auf chen grief faßt. Heiſt nicht jener ktiſch vaß ögel lha⸗ ritte s die err, chts. 161 „Der Courier wartete auf die Antwort,“ fuhr der Baron fort;„er ſollte am andern Tag vor Mittag in Landeck zurück ſein. Ich ſagte ihm, er bekomme keine Antwort, und hieß ihn erſt am Abend zurück ſein. „Er weigerte ſich. Julius hatte ihm hundert Gulden verſprochen. „Ich gab ihm zweihundert. Er willigte ein. „Sobald dies abgethan war, ging ich zum Pfarrer Otifried, einem der Lichter der reformirten Kirche, und meinem Jugendfreunde. Ich fragte ihn, ob er den Pfarrer Schreiber kenne. „Es war einer ſeiner vertrauteſten Freunde. „Ottfried ſchilderte ihn als einfach, beſcheiden, un⸗ eigennützig, als eine Goldſeele, als einen Mann, der den Blick unabläßig dem Himmel zugewandt habe, um dort Gott und zwei entflogene Engel zu erſchauen, und von der Erde nur das Elend kenne, um es zu erleichtern. „Von Chriſtiane ſagte mir Ottfried nur ein Wort: ſie ſei ein des Pfarrers würdiges Mädchen. „Ich ging, als ich zurückkam, über die Zeil; ich be⸗ ſtellte auf der Poſt Pferde und reiſte noch in derſelben Nacht nach Landeck ab. „Ich kam hier am Dienſtag Morgen an, ſchickte meinen Wagen nach Neckarſteinach, um ihn dort unter⸗ zubringen, ging zu Fuß in Landeck umher und vervollſtän⸗ digte die Erkundigungen, die ich über Herrn Schreiber und ſeine Tochter eingezogen hatte. „Jedermann ohne Ausnahme wiederholte mir, was Ottfried geſagt hatte. Nie erhob ſich ein einſtimmigeres Concert beſſer gefühlter Segnungen von der Erde, um dem Himmel menſchliche Geſchoͤpfe zu empfehlen. Der Pfarrer und ſeine Tochter waren für alle dieſe guten Leute ſichtbare Providenzen. Sie waren für dieſes Dorf mehr als das Leben, ſie waren die Seele. „Ah! was Sie auch ſagten, Samuel, die Tugend hat ihr Gutes, es iſt ein Vergnügen, geliebt zu ſein.“ Cott lenkt. 1. 14 162 iſt zuweilen ſogar ein Nutzen,“ verſetzte Sa⸗ muel. „Ich kehrte um und trat in das Pfarrhaus ein. „In dieſem Zimmer fand ich Julius, Chriſtiane und den Pfarrer beiſammen. „Julius rief ganz erſtaunt: „„Mein Vater!““ „„Der Baron von Hermelinfeld!““ rief der Pfarrer nicht weniger erſtaunt. „Ja, mein Herr, der Baron von Hermelinfeld, der die Ehre hat, Sie für ſeinen Sohn Julius um die Hand Ihrer Tochter Chriſtiane zu bitten.“ „Herr Schreiber war wie verſteinert, er glaubte, ſchlecht gehört zu haben, zu träumen, und ſuchte ſeine Vernunft. „Chriſtiane warf ſich unter Thränen in ſeine Arme. Ohne zu wiſſen warum, weinte er auch und lächelte zu⸗ gleich.“ Samuel unterbrach den Baron: „Dieſe Scene iſt rührend, doch wollen Sie dieſelbe übergehen. Sie wiſſen, ich bin mittelmäßig ſentimental.“ Samuel hatte ſich längſt von der Ueberraſchung er⸗ holt. Die Gegenwart und die erſten Worte des Barons hatten ihm eine Verſchwörung gegen ſeinen Einfluß ent⸗ hüllt, und ſein für den Kampf gemachter Charakter hatte ſich alsbald wieder aufgerichtet. Seine ganze ſtolze, höh⸗ niſche Kaltblütigkeit war zu ihm zurückgekehrt, und er hatte den Baron, eſſend und trinkend, ohne einen Schluck oder einen Biſſen zu verlieren, auf das Allerbehaglichſte angehört. Der Baron von Hermelinfeld fuhr fort: „Ich faſſe mich kurz. Uebrigens bin ich beim Ende. „Ich brachte dieſen ganzen Tag mit meinen vergnügten und verliebten Brautleuten hin. Arme Kinder! ihr Glück dankte mir. Sie waren mir erkenntlich als ob ich das Recht gehabt hätte, zu zerſtören, was Gott ſo gut gemacht te, ine ne. zu⸗ lbe l.“ er⸗ ns nt⸗ tte h⸗ uck ſte de. ten ück s cht 163 hatte. Sie kennen mich ſchlecht, Samuel, und Sie haben mich zu klein beurtheilt. Sie haben mich zuweilen den engen und ungerechten Forderungen der Welt nachgeben ſehen, das iſt wahr. Doch erfahren Sie, indem ich mich ihnen zu unterwerfen ſchien, behielt ich mir immer vor, ſie zu verbeſſern. Nur wollen wir aufrichtig und billig ſein: ſcheint nicht die Natur der Geſellſchaft Recht zu eben?“ „Ich habe die zarte Anſpielung begriffen, mein Herr,“ ſagte Samuel mit Bitterkeit.„Fahren Sie fort.“ „Warum ſollte ich mich der Heirath von Julius widerſetzt haben?“ ſagte der Baron.„Weil Chriſtiane nicht reich iſt? Julius iſt es für zwei. Er wird es für vier ſein mit dem Vermögen meines Bruders. Weil Chriſtiane nicht avelig iſt? War ich es vor zwanzig Jahren? „Doch ich halte mich an die Thatſachen. Am Mitt⸗ woch kehrte ich nach Frankfurt zurück; am Donnerſtag kam ich wieder nach Landeck, verſehen mit allen bürger⸗ lichen und kirchlichen Dispenſen und begleitet von meinem Freunde Ottfried. „Geſtern früh, am Sonnabend, hat Ottfried in der Kirche von Landeck Julius und Chriſtiane getraut. „Verzeihen Sie Julius, daß er Sie nicht zu ſeiner Hochzeit eingeladen hat. Ich habe ihn abgehalten, an Sie zu ſchreiben. „Eine Stunde nach der Trauung haben Julius und Chriſtiane eine Reiſe auf ein Jahr angetreten. Sie wer⸗ den Griechenland und den Orient beſuchen und über Ita⸗ lien zurückkehren. „Herr Schreiber konnte ſich nicht entſchließen, ſich ſo raſch von ſeiner Tochter zu trennen. Er begleitet ſie in kleinen Tagereiſen bis Wien mit Lothariv. Dort wird er ſie verlaſſen und in ſein Thal zurückkommen, das junge Paar der Sonne und der Liebe anheimgebend. Runl was ſagen Sie zu Allem dem, Samuel?“ 164 „Ich ſage,“ antwortete Samuel vom Tiſche aufſie⸗ hend,„Sie haben mir Julius ſehr gut escamotirt. Die Entführung iſt gelungen. Ich hatte Sie mit der Groß⸗ muth und der Uneigennützigkeit in die Enge getrieben; Sie haben muthig Rutzen aus dieſer verzweifelten Lage gezogen. Das heißt großartig geſpielt, und ich geſtehe, daß ich die erſte Partie verloren habe. Doch ich werde meine Revanche bekommen.“ Er rief. Die Magd trat ein. „Laßt mein Pferd bereit halten, ich reiſe wieder ab,“ ſagte er. „Wollen Sie ihnen nachlaufen?“ fragte lächelnd der Baron. „Ahl ja wohl!“ erwiederte Samuel.„Ich werde ſie erwarten. Gott ſei Dank! ich habe etwas Anderes in der Welt zu thun, und ich trachte nicht darnach, meinem Leben den einzigen und mittelmäßigen Zweck zu geben, eine Wette zu gewinnen. Doch jeder Umſtand ommt zu ſeiner Zeit. Sie und Chriſttane haben Ihre Stunde ge⸗ gen mich gehabt, ich werde die meinige gegen Sie haben. Sie haben geendigt, ich fange an.“ „Ich habe nicht geendigt,“ entgegnete der Baron. „Das Jahr ihrer Abweſenheit will ich dazu verwenden, einen Traum von Julius zu verwirklichen. Ich bin nicht gerade hier geblieben, um Ihnen Geſellſchaft zu leiſten. Streng genommen würde Ihnen ein Brief, den Sie in dem Augenblick, wo Sie ſich auf den Weg begeben woll⸗ ten, erhalten hätten, die Unannehmlichkeit, von ſo fern her zu kommen, um den Dienſtboten einen Beſuch zu machen, erſpart haben. Ich erwarte einen Baumeiſter von Frank⸗ furt. Ich will das Schloß Eberbach kaufen und binnen einem Jahre wieder aufbauen laſſen. So daß Julius, ſtatt der Ruinen, die er zurückgelaſſen hat, ſeinen Wunſch aus der Erde hervorgekommen und in das Gebirge gepflanzt finden wird. Denn es ſoll ihm an nichts fehlen, weder in ihm, noch um ihn, und die Liebe in ſeinem Herzen ſoll (. ie 13 ge e, de er de m n, zu e⸗ n. 165 durch das Wohlergehen in ſeinem Leben vervollſtändigt ſein. Meine Waffe gegen Sie wird ſein Glück ſein.“ „Das heißt wollen, daß die meinige ſein Unglück ſei,“ erwiederte Samuel.„Doch ich mache Sie darauf aufmerkſam, zärtlicher Vater: Sie mögen thun, was Sie wollen, Sie werden mir Julius nicht entreißen. Er be⸗ wundert mich und ich liebe ihn. Ja, Gott verdamme mich!“ fuhr er, eine Geberde des Barons erwiedernd, fort,„ich liebe ihn, wie die ſtolzen und ſtarken Seelen die ſchwachen und ergebenen Seelen, die ihnen gehoͤren, zu lieben wiſſen. Es iſt ſchon zu lange, daß ich mein Siegel auf den Geiſt Ihres Sohnes gedrückt habe, als daß es Ihnen gelingen ſollte, es nun davon verſchwinden zu machen. Sie werden weder ſeine Natur, noch die meinige ändern. Sie werden weder ihn energiſch, noch mich ängſtlich gewiſſenhaft machen. Sie laſſen ihm ein Schloß wieder aufbauen, werden Sie ihm auch einen Charakter aufbauen? Seine unentſchiedenen Inſtinete be⸗ dürfen einer feſten, derben Hand, welche ſie unterſtützt und lenkt. Wird ihm ein Kind wie Chriſtiane dieſen Dienſt leiſten können? Er wird ſich nicht ein Jahr lang nach mir zurückſehnen. Ihm nachlaufen? wozu? Er wird kommen und mich auffuchen.“ „Hören Sie, Samuel, Sie wiſſen, daß ich der Mann bin, der vor einer Ausforderung nicht zurückweicht und einen Kampf annimmt. Erfahren Sie Eines; was Chri⸗ ſtiane ihrem Vater nicht ſagen konnte, was ſie Julius nicht ſagen konnte, durfte ſie ohne Furcht mir anver⸗ trauen, und ſie hat es mir anvertraut. Ja, ſie hat mir Ihre unglaublichen Drohungen entveckt, mein Herr, und ich werde nothwendig ihr Secundant gegen Sie ſein.“ Deſto beſſer!“ verſetzte Samuel.„Das wird mir die Sache behaglicher machen.“ „Nein, Samuel, Sie verleumden ſich, Sie müſſen ſich verleumden!“ rief der Baron.„Sie ſind nicht ſo über den Gewiſſensbiſſen oder, wenn Sie wollen, den Vorur⸗ 166 theilen. Ich habe mir vorgenommen, bei Ihnen alle Mit⸗ tel der Verſöhnung zu verſuchen. Samuel, wollen Sie den Frieden? Ich habe vielleicht auch Unrecht gegen Sie gehabt. Ich werde Ihren Brief zerreißen und Ihre Worte vergeſſen. Sie ſind ehrgeizig und ſtolz; wohl! ich bin reich und mächtig genug, um Ihnen beizuſtehen, ohne der Zukunft von Julius Eintrag zu thun. Ich habe, wie Sie wiſſen, in New⸗York einen älteren Bruder, der ſich in ſeinem Handel ein drei bis viermal ſolideres und glänzenderes Vermögen, als das meinige iſt, erworben hat. Er iſt kinderlos, und Alles, was er beſitzt, wird Julius gehören. Sein Teſtament iſt zum Voraus gemacht, und ich habe das Duplicat in meinen Händen. Ich kann alſo ohne Bedenken über das, was ich mir erworben habe, verfügen. Samuel, ſchwören Sie mir, daß Sie auf Ihre geyůſigen Pläne verzichten, und ſagen Sie mir, was Sie wollen.“ „Ein Linſengericht!“ verſetzte Samuel hohnlächelnd. „Sie wählen aber Ihren Augenblick ſchlecht, daß Sie mir dieſen Handel nach dem reichlichen Mahle von Herrn Schreiber anbieten. Ich habe keinen Hunger und behalte mein Erſtgeburtsrecht.“ Ein Stampfen erſcholl unter den Fenſtern des Speiſe⸗ zimmers, und die Dienerin meldete Samuel, ſein Pferd ſei geſattelt. „Leben Sie wohl, Herr Baron,“ ſagte Samuel. „Meine Freiheit iſt mir lieber, als Ihr Vermögen. Ich werde mir nie einen Fflaſterſtein an den Hals hängen laſſen, und wäre er von Gold. Erfahren Sie, daß ich Einer von den Ehrgeizigen bin, welche gern von trockenem Brode leben, und Einer von den Stolzen, welche, ohne ſich zu ſchämen, mit einem abgetragenen Kleide gehen.“ „Ein letztes Wort,“ ſagte der Baron.„Sehen Sie, wie bis jetzt ihre ſchlimmen Abſichten gegen Sie ausge⸗ fallen ſind. Der Hauptgrund, der mich bewogen hat, W Jullus Chriſtiane zu geben, iſt der Brief, in dem Sie — 7————— c— —,— ——— 167 mich bedrohten, mir ihn zu nehmen. Sie haben dieſe zwei Kinder verheirathet; Ihr Haß hat ihre Liebe, Ihre Drohung hat ihr Glück gemacht.“ „Nun, dann müſſen Sie wünſchen, daß ich ſie haſſe und bedrohe, da Alles, was ich gegen ſie thue, für ſie aus⸗ fällt. Ihr Wunſch wird erfüllt werden. Oh! mein Haß iſt ihnen zuträglich! in dieſem Falle können Sie dar⸗ auf zählen, daß ich für ihre Wohlfahrt arbeiten werde. Seien Sie unbeſorgt, ich werde Ihnen dieſen Beweis von Zuneigung geben! Das iſt dann meine Manier, Ihr Sohn zu ſein. Ohne Abſchied, mein Herr, in einem Jahr, vor einem Jahr vielleicht werden wir uns wiederſehen.“ Nach dieſen Worten grüßte Samuel den Baron und ging, die Stirne hoch, den Blick drohend, hinaus. Der Baron von Hermelinfeld ließ ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt finken. „Ruchloſer Kampf!“ murmelte er.„Er hat Unrecht gegen die Welt; doch habe ich Recht mit der Welt? Und werden wir in Deinen unerforſchlichen Plänen, mein Gott, nicht der Eine für den Andern eine Strafe ſein.“ Improviſation von Stein. Dreizehn Monate nach den von uns erzählten Er⸗ eigniſſen, am 16. Juli 1814, gegen halb elf Uhr Mor⸗ gens, verließ eine Poſtchaiſe das Pfarrhaus von Landeck und fuhr auf demſelben Wege hin, wo wir im vorher⸗ gehenden Jahre Julius und Samuel Gretchen haben be⸗ gegnen ſehen. Vier Perſonen waren in der Chaiſe, fünf ſogar, 168 wenn man ein ganz kleines, roſiges, kaum zwei Monate altes Kind rechnet, das entſchlummert in den Armen ſei⸗ ner Amme, einer hübſchen, friſchen, in die glänzende Tracht der Frauen Griechenlands gekleideten Bäuerin lag. Die drei andern Reiſenden waren eine ſehr junge Frau in Trauer, ein junger Mann und eine Kammer⸗ jungfer. Hinten auf dem Wagen ſaß ein Bedienter. Die junge Frau war Chriſtiane, der junge Mann Julius; das Kind ihr Kind. Herr Schreiber war ſchon vor zehn Monaten geſtor⸗ ben. Chriſtiane trug Trauer um ihren Vater. Als er eines Tags in das Gebirge bei einem entſetzlichen Sturm die letzten Troſtungen der Religion einem Sterbenden brachte, hatte ſich der würdige Geiſtliche den Keim der Krankheit zugezogen, die ihn raſch ins Grab geführt. Da Chriſtiane ſeiner nicht mehr bedurfte, ſo hatte er Gott gedankt, daß er ihm die Wiedervereinigung mit ſeiner Tochter und ſeiner Frau geſtattete. Er war ſanft, heinahe heiter entſchlummert. Der Baron von Hermelin⸗ feld hatte Lothario zu ſich kommen laſſen und dem Pfar⸗ rer Sttfried den Enkel des Paſtors Schreiber anvertraut. Dieſe Trauerkunde war wie eine ſchwarze Wolke äber die Morgenröthe des Glücks von Chriſtiane hinge⸗ zogen. Man hatte ihr den Tod ihres Vaters zugleich mit ſeiner Erkrankung mitgetheilt, und ſo hatte ſie nicht mehr zurückkommen können, um ihn zu ſehen und zum letzten Mal zu umarmen. Ueberdies war ſie ſchon in geſegneten Umſtänden, und nach dem Willen von Julius ſollte ſie nicht auf vas eiskalte Grab niederknieen. Zu größerer Vorſicht hatte er ſogar die Fortſetzung der Reiſe unterbrochen und mit der Vielgeliebten auf einer der blühen⸗ den Inſeln des Archipels angehalten. Die erſte Heftigkeit ihres Schmerzes ſchwächte ſich allmälig. Da ſie auf der Welt nur noch Julius hatte, ſo liebte ſie ihn für zwei, und der Kummer um den F te ei⸗ ht ge er⸗ 169 Verluſt ihres Vaters milderte ſich ſtufenweiſe in der Hoſſ⸗ nung auf ihr Kind. Die Mutter tröſtete die Tochter. Julius und Chriſtiane brachten ſo die glücklichſten Monate ihres Lebens unter all' den Zaubern, die der Orient der Welt dem Orient der Liebe beifügen kann, hin, indem ſie ihre Seelen mit den Lüften des Meeres ver⸗ mengten, in ihrem durchſichtigen Herzen das Blau Grie⸗ chenlands wiederſtrahlten, und vom Paradies nichts Anderes verlangten, als, es möge dieſen ſtrahlenden Augenblick verewigen. Dann gebar Chriſtiane den kleinen Knaben, den wir in der Poſichaiſe ſchlafen ſehen. Der Arzt erklärte, um das Kind aufzuziehen, wäre es klüger, vor der großen Sommerhitze zu den gemäßigten Klimaten zurückzukehren. Julius und Chriſtiane entſchloßen ſich alſo ſogleich, nach der Heimath zu reiſen. Sie landeten in Trieſt und kehrten in kleinen Tagereiſen über Linz und Würzburg zurück. Doch ehe ſie ſich nach Frankfurt begaben, wollten ſie nach Landeck gehen. Ihr erſter Beſuch war natürlich dem Grabe geweiht. Chriſtiane betete und weinte auf dem Friedhof. Dann wollte ſie durchaus das Pfarrhaus wiederſehen, das ſie von dem Paſtor, der Herrn Schreiber im Amte nachfolgte, bewohnt fand. Dieſes Haus, wo ſie immer gewohnt hatte, und wo nun Fremde wohnten, wo ihre Eindrücke unter dem Tritte von Andern verſchwanden, das ſo viel von ihrem Herzen, von ihrem Leben, von ihren Träumen be⸗ wahrte, und das Alles Anderen gab, dieſes Haus that ihr wehe. Sie litt hier mehr, als auf dem Friedhof. Ihr Vater kam ihr mehr todt im Pfarrhauſe, als in ſeinem Grabe vor. Julius führte ſie raſch weg. Die dreizehn Monate Verheirathung ſchienen die Liebe von Julius für Chriſtiane nicht vermindert zu haben⸗ Der Blick, den er ihr zuwandte, enthielt, wenn nicht die ganze glühende Leidenſchaft heftiger Naturen, doch wenig⸗ 170 ſtens die ganze Zärtlichkeit ergebener Naturen. Der Gatte war ſicherlich der Verliebte geblieben. Er ſuchte ſeine theure Troſtloſe den ſchmerzlichen Eindrücken, die ſie ergriffen hatten, vadurch zu entziehen, daß er ihre Aufmerkſamkeit auf das Thal lenkte, durch welches ſie fuhren, und das ſo viele Erinnerungen in ihnen zurückrief. Oder er zeigte ihr das kleine Kind, das ſo eben erwacht war und ſeine ſanften, kaum erſchloſſenen Augen mit einem unbeſtimmten Erſtaunen auf ſeine Mutter heftete. Er nahm es aus den Händen der Amme und hob vas ſchwache Geſchöpf bis zu den Lippen von Chriſtiane empor. „Sieh, wie wenig eiferſüchtig ich bin,“ ſagte er. „Ich laſſe Dich meinen Nebenbuhler küſſen. Vor zwei Monaten wurde ich allein von Dir geliebt; nun find wir zu zwei. Du haſt zwei Theile aus Deinem Herzen gemacht, und ich bin nicht ſicher, ob derjenige, welcher den groͤßten hat, nicht er iſt.“ Und während er ſo ſprach, küßte er ſelbſt das Kind und lachte ihm zu und machte es lachen. Chriſtiane verſuchte auch, zu lächeln, aus Dankbarkeit für die Bemühungen von Julius. „Aber,“ fragte Julius, um ſie zum Sprechen zu be⸗ wegen,„aber ſind wir denn noch nicht bald bei den Ruinen von Eberbach?“ „Sogleich,“ anwortete ſie. Der Nachfolger von Herrn Schreiber hatte in den paar Worten, die ſie mit ihm ausgetauſcht, zu ihnen ge⸗ ſagt, ſie würden ohne Zweifel nach dem Schloſſe Eber⸗ bach gehen. Auf ihre verneinende Antwort hatte er ſie gefragt, wann ſie dahin kämen. „Warum dies?“ hatte Julius gefragt. Bei dieſer Frage hatte der Pfarrer erſtaunt geſchienen, ſich aber geweigert, mehr zu ſagen, und ihnen nur ge⸗ rathen, bei den Ruinen vorbeizufahren. Ohne zu begreifen, —————— c— 5— —— — 6 — S 8— — it n, e⸗ n, 17¹ was er damlt meinte, hatte Julius hierin eine mögliche Zerſtreuung für die Gemüthsbewegung von Chriſtiane geſehen und dem Poſtillon den Befehl gegeben, den Weg nach dem Höllenloch einzuſchlagen. Bei einer Biegung des Weges drehte ſich der Wagen plötzlich, und Julius gab einen Schrei von ſich. „Was gibt es denn?“ fragte Chriſtiane. „Schau' da hinauf,“ erwiederte er.„Täuſche ich mich? Ich bildete mir ein, hier ſeien die Ruinen von Eberbach.“ „Nun?“ verſetzte ſie, indem ſie ſich endlich den Ge⸗ danken entriß, die ſie erfüllten. „Erinnerſt Du Dich eines Traumes, von dem ich Dir in dieſen Ruinen ſagte?“ „Du ſprachſt vom Wiederaufbauen des Schloſſes.“ „Dort ſteht unſer Traum.“ „Das iſt ſeltſam!“ antwortete Chriſtiane, ebenſo er⸗ ſtaunt als ihr Mann. An dem Platze, wo ſie drei eingeſunkene, geborſtene und ſchwankende Mauern verlaſſen hatten, fanden ſie eine ganze herrlich auf den Felſen geſtellte, kühn zwiſchen den Abgrund und den Himmel geworfene Burg wieder. Das Schloß, das vor ihren Augen erſchien, war ein viereckiges Gebäude und hatte an jeder von ſeinen vier Ecken ein rundes Thürmchen. Sie ſahen davon eines ganz und die Spitze vom Dache der andern. Die ſchon völlig mit Blättern geſchmückten Bäume maskirten ihnen übrigens die Einzelnheiten. „Wenn Du willſt, Chriſtiane,“ ſagte Julius,„ich möchte gar zu gern erfahren, wer der Zauberer iſt, der Phantafie gehabt hat, unſern Traum zu verwirk⸗ ichen. „Steigen wir aus,“ ſagte Chriſtiane. Die Chaiſe war vor das große, in der Ringmauer wie eine breite Breſche offene, Thor gelangt, von wo das Auge eine kreisfoͤrmige, zum Schloſſe auſfſteigende 172 Allee erſchaute. Julius ließ den Poſtillon halten. Der Bediente ſprang zu Boden und läutete. Zwei kleine Pavillons im Renaiſſance⸗Sthle lehnten ſich an das Thor an. Ein Pförtner kam aus dem Pa⸗ pillon rechts und öffnete. „Wem gehört dieſes Schloß?“ fragte Julius. „Dem jungen Grafen von Eberbach.“ „Iſt er hier?“ „Nein, er reiſt.“ „Kann man das Schloß beſichtigen 2“ „Ich will die Erlaubniß einholen, mein Herr.“ Während ſich der Pförtner nach der Thüre wandte, warf Julius einen gierigen, eiferfüchtigen Blick auf vieſes evle, ſo raſch aus der Erde emporgewachſene Gebäude. Die aufwärts gehende Allee beſtand aus einem Stück vom alten Wald, welchen der Baumeiſter ſo gefällt und aus⸗ gehauen hatte, daß ein Grasplatz zwiſchen zwei Reihen großer Bäume frei geworden war. Von hohem Graſe be⸗ deckt, war dieſer Platz wie ein grünes Meer mit Blumen⸗ inſelchen. Oberhalb deſſelben ſtrahlte die Fagade der Burg. Es mußte noch eine andere Fagade auf der Seite des Hol⸗ lenloches geben, ohne Zweifel eine ſtrenge, ſtolze, herbe, wie der Abgrund, über dem ſie ſenkrecht hing. Doch hier war die Fagade lachend und ruhig. Eine Miſchung von rothem Sandſtein gab dem Gebäude ein heiteres Ausſehen und benahm ihm jenen kreidigen, trockenen Ton der Weiße der neuen Steine. Leichtes ausgehauenes Blätterwerk, voll von Vogelneſtern, lief rings um die Bogenfenſter. Und ſchon fingen ächte, lebendige Vögel an, ihre Neſter in den Sculpturen zu machen, ſo vaß man, hörte man die klei⸗ nen Schreie aus den Frieſen hervorkommen, nicht recht wußte, aus welchen Reſtern ſie kamen, aus den Moos⸗ neſtern oder aus den Steinneſtern. All dieſes Blätter⸗ werk belebte und rührte ſich im Vorüberziehen des Win⸗ des, und Julius ſah ſicherlich einen reizenden ausgehauenen Stieglitz ſein granitenes Geſieder bewegen. —— e e te, de. om us⸗ hen be⸗ en⸗ rg. ol⸗ wie war hem und der voll Und den klei⸗ recht oos⸗ tter⸗ Win⸗ enen 173 Der Pförtner kam zurück und hieß ſie eintreten. Julius nahm den Arm von Chriſtiane, und die Amme folgte ihnen mit dem Kinde. Sie ſtiegen durch die Allee hinauf und kamen zu einem Aufgang von Quaderſteinen mit kleeförmig ausgeſchnittenen Geländern; oben an die⸗ ſem Aufgang öffnete ſich in einer zweiten Mauer ein gro⸗ ßes, gewolbtes, eichenes Thor mit eiſelirten Riegeln. Sie kamen noch durch zwei bis drei Thore mit Zwiſchenräu⸗ men. Dann führte ſie der Pförtner in die Burg ein. So bald man die Schwelle überſchritt, ſah man ſich plötzlich von der Gegenwart in die Vergangenheit verſetzt. Das Mittelalter lebte in der Einrichtung und Ausſtattung der Säle wieder auf. Jeder hatte ſeine beſondere Be⸗ ſtimmung; der eine gehörte den Rüſtungen, der andere den Tapiſſerien. Es fand ſich einer, deſſen Schränke mit Humpen, mit Willkommgläſern und rieſigen Trinkſchalen beladen waren. Ein anderer bildete ein bewunderungs⸗ würdiges Muſeum, worin die ſchönſten Gemälde von Holbein, von Albrecht Dürer und von Lucas von Leyden glänzten. In einer Kapelle war das Licht durch die herrlichſten Glasmalereien der Zeit gedämpft. Welcher Künſtler⸗Gelehrte, welcher Dichter⸗Archäolog, welcher an⸗ tiquariſche Vorläufer hatte, ſchon 1811 der großen gothi⸗ ſchen Bewegung von 1830 zuvorkommend, die unterge⸗ gangenen Zeitalter ſo vollſtändig wieder hervorgerufen? Julius fühlte ſich von Bewunderung und Erſtaunen ergriffen. Es war die vollkommene Wiederherſtellung von vier verſchwun⸗ denen Jahrhunderten, vom zwölften bis zum ſechzehnten. Im Hintergrunde des Trophäenſaales fand ſich eine Thüre geſchloſſen. Julius erſuchte den Pfoͤrtner, ſie zu öffnen. „Ich habe den Schlüſſel zu den innern Gemächern nicht,“ antwortete der Pfoͤrtner. Doch in dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre, und eine Stimme ſagte: „Ich habe ihn.“ Es war die Stimme des Baron von Hermelinfeld. 174 Für wen iſt das Schloß gebaut worden? Der Baron ſtreckte die Arme gegen ſeinen Sohn und ſeine Tochter aus, und dieſe warfen ſich darein. Der erſte Eindruck des Barons, von Chriſtiane und von Julius war die Freude, der zweite das Erſtaunen. Wie fand ſich der Baron hier, und wie hatte er die Schlüſſel von dieſer Burg? Der Baron war nicht min⸗ der erſtaunt als Julius. Er erwartete ſeinen Sohn nicht ſo bald. Julius hatte ihm eine Ueberraſchung bereiten wollen und ihn daher von ſeiner Ankunft nicht in Kennt⸗ niß geſetzt. Der Baron hatte ſogar ſeit einiger Zeit keine Nachricht von dem theuren Paare. Der letzte Brief, den ihm Julius geſchrieben, war von der Zeit der Nie⸗ derkunft von Chriſtiane. Auf die Umarmungen folgte daher eine Litanei von Fragen. Der Baron fand Chriſtiane eben ſo hübſch, eben ſo friſch und eben ſo weiß, ſo ſehr hatte die liebevolle Sorgfalt von Julius den Schatten ſelbſt im Lande der Sonne für ſie zu benützen gewußt. Am Freudigſten war aber der Empfang für das Kind. Der Großvater wurde nicht müde, ſeinen Enkel zu küſſen. Er dankte Chriſtiane, daß ſie ihn nach ihm Wilhelm genannt hatte. Wilhelm war noch nicht getauft. Man hatte die Rückkehr von der Reiſe abgewartet, damit der Baron ſein Pathe werden konnte. Dann war es an den Reiſenden, den Baron zu ben fragen. „Doch wie kommt es, mein Vater⸗ daß Sie bei dem jungen Grafen von Eberbach wie zu Hauſe ſind?“ „Bah!“ erwiederte der Baron,„er iſt mein vertrau⸗ ter Freund.“ —— —— 18 — 7—— S„— — „„ 8 p) n ie n⸗ ht en t⸗ eit f E⸗ on en lle er ar e, lm er en be⸗ em u⸗ 175 „Ich hatte Sie nie von ihm ſprechen hören, mein Vater, und ich glaubte, das Haus Eberbach ſei erlo⸗ en.“ „Zum Beweiſe, daß es einen Grafen von Eberbach gibt, dient, daß hier ſein Schloß ſteht, und zum Beweiſe meiner Bekanntſchaft mit ihm dient, daß ich Euch, wenn Ihr wollt, die Honneurs in ſeiner Abweſenheit mache.“ Sie traten in vas Zimmer ein, das der Baron ge⸗ öffnet hatte, und beſichtigten nach den officiellen Sälen die inneren Gemächer. Sie hatten zugleich die ganze gothiſche Pracht und den ganzen modernen Comfort; weit, um im Sommer friſch, und wohlgeſchloſſen, um im Winter warm zu ſein. Ueberall Luftheizungen, das heißt, die Wärme des Feuers, und Kamine, das heißt, das Licht der Flamme. Die Ausſichten waren herrlich. Die Fenſter umrahm⸗ ten die ſchönſten und wechſelreichſten Landſchaften der Welt. Die einen gingen auf den Fluß, die andern auf die Berge. Durch eines von dieſen erblickte Chriſtiane die Hütte von Gretchen. Doch die Hütte war erneuert wie die Ruine. Dem wunderbaren Baumeiſter, der in ſo kurzer Zeit aus dem Boden und aus der Vergangenheit dieſe ungeheure Burg hatte hervorſpringen laſſen, konnte es keine große Mühe gemacht haben, eine Hütte noch obendrein zu errichten. „Gretchen! ich möchte ſie wohl ſehen,“ ſagte Chri⸗ ne. „Man braucht ſie nur holen zu laſſen,“ verſetzte Julius. „In dieſem Augenblick iſt ſie ohne Zweifel mit ihren Ziegen im Walde,“ erwiederte der Baron.„Wenn ſie zurückgekehrt iſt, wird man ſie benachrichtigen.“ Es blieb nichts mehr zu ſehen, als zwei Wohnungen. Der Baron öffnete ſie. In einer ſtand ein Bett von zier⸗ lich geſchnitztem Eichenholz mit ſeinen rothen Damaſtvor⸗ hängen, im andern ein Bett mit Ineruſtationen und mit 176 Vozhängen von roſa Seide. Zwiſchen den zwei Zimmern ein Bibliothekcabinet von einer Arbeit vom ſtrengſten Ge⸗ ſchmack, auf die Berge gehend, und ein Betzimmerchen vom retzendſten Geſchmack, auf den Neckar gehend. Julius ſeufzte. Er konnte ſich des Gedankens nicht erwehren, dieſe zwei Zimmer ſcheinen ausdrücklich für ihn und Chriſtiane gemacht. Ach! ein Glücklicherer hatte ſeinen Wunſch verwirflicht, und ihm ſeinen Traum geſtohlen. Der Baron lächelte und ſagte zu Julius: „Du ſiehſt aus, als beneideteſt Du denjenigen, wel⸗ cher der Herr dieſes Schloſſes iſt?“ „Ich beneide ihn nicht, ich wünſche ihm Glück.“ „Du glaubſt alſo, daß man hier glücklich ſein kann?“ „Wo wäre man es ſonſt?“ „Und Du wäreſt überzeugt, daß Du, wenn Du hier zwiſchen Deiner Frau und Deinem Sohne wohnteſt, we⸗ der etwas bevauern, noch etwas wünſchen würdeſt?“ „Was könnte ich bedauern oder wünſchen 7“ „Wohl denn! mein lieber Julius, wohl denn! meine ſanfte Chriſtiane, ſeid glücklich! Ihr ſeid zu Hauſe.“ „Wie?“ verſetzte Julius, ſtammelnd vor Freude, „dieſes ſchöne Schloß? „Es gehört Euch.“ „Aber,“ entgegnete Julius, der es noch nicht wagte, an die Wirklichkeit deſſen⸗ was er hoͤrte, zu glauben;„der . Graf von Eberbach 2 „Das biſt Dul! Am letzten Neujahrstag hat Seine Majeſtät der König von Preußen, indem er mir den Ver⸗ dienſtorden erſter Ctaſſe verlieh, zugleich die Gnade gehabt, mich zum Grafen von Gberbach zu machen und für Dich zum Majorat das Schloß und die umliegenden Wieſen und Waldungen, welche auch Dir gehoren, zu erheben.“ „Mein guter Vater!“ Es folgten neue Umarmungen. „Wie Ihnen danken?“ ſagte Chriſtiane. „Dadurch, daß Ihr glücklich ſeid,“ erwiederte der † ——„c— ———— t n te n. 2 ier e⸗ ine de, gte, der eine zer⸗ abt, Dich eſen en.“ der 177 Baron.„Das iſt Alles, was ich von Euch eerlahhe Doch ich verdiene das wohl: denn nicht ohne Mühe konüte ich dieſen Aufbau in weniger als einem Jahre zu Ende führen. Es war mir Alles an der Ueberraſchung gelegen. Der Baumeiſter hat Wunder gethan. Anfangs zweiſelte ich an ihm. Er legte mir zuerſt griechiſch⸗roͤmiſche Riſſe vor, welche ein ſchlechtes Bild auf den Grundlagen aus der Zeit von Barbaroſſa gaben. Doch es ſcheint, er hat in der Bibliothek von Heidelberg die Pläne der alten Burg ſelbſt gefunden. Dann iſt er irgend eines jungen Mannes, eines tiefen Alterthumskundigen habhaft ge⸗ eit der eine Leidenſchaft für dieſe Auferweckung aßte. „Er hatte die Wiſſenſchaft, ich hatte das Geld, und ſo gingen die Dinge auf das Allerbeſte. Bis auf die geringſten Einzelnheiten, bis auf das Zimmergeräthe, die Schloſſer, die Feuerzangen, iſt Alles rein Mittelalter, nicht wahr? Wir werden für ſein Meiſterwerk dieſem unerwarteten Beiſtande danken müſſen. „Stelle Dir vor, daß ich ihn noch nicht habe ſehen können. Durch meine Geſchäfte feſtgehalten, konnte ich nur von Zeit zu Zeit kommen, um einen Blick auf das Vorrücken der Arbeiten zu werfen, und ich hatte Unglück: wenn ich ankam, war er kurz zuvor abgereiſt. Es war mir indeſſen nicht ärgerlich, ehe ich ihm nach Gebühr dankte, Eure Anſicht zu hören. Run, da Ihr da ſeid, werdet Ihr ihn einladen, und wir wollen ihm dann alle Ehre erweiſen.“ „Aber das mußte Sie zu Grunde richten,“ ſagte Chriſtiane. „Ich geſtehe,“ entgegnete heiter der Baron, indem er die Stimme dämpfte,„ich habe mehr auf Eure Freude, als auf meine Börſe geſehen, und dieſe Laune hat mich völlig auf das Trockene geſetzt. Bei meinen Architskten nahm die Begeiſterung jeden Tag zu, und da alle ihre Gott lenkt. 1. 12 178 eben dreimal Recht hatten, nach der Geſchichte, nach Kunſt und nach meinem Herzen, ſo ließ ich gewäh⸗ ren. Zum Glück fand ich noch eine Hülfsmacht für meine Verſchwendung, und Ihr habt nicht nur mir zu danken und mich zu ſchelten, meine Kinder.“ Begen wen das Schloß gebaut worden iſt. „Und wem haben wir denn noch für das Zauberwerk Zſe herrlichen und ſchoͤnen Baues zu danken?“ fragte Julius. „Deinem Oheim Fritz, Julius,“ antwortete der Ba⸗ ron.„Höre dieſe Stelle aus einem Briefe, den ich vor zwei Monaten von New⸗York erhalten habe: „„„Mein Vermögen gehört ganz Dir, mein theurer und ruhmwürdiger Bruder. Ich habe kein ande⸗ res Kind als Deinen Sohn Julius. Erlaube mir alſo, zur Hälfte an dem Geſchenke, das Du ihm machſt, An⸗ theil zu nehmen. Ich füge meinem Brief eine Anweiſung von nfmalhunderttauſend Thalern auf das Haus Brau⸗ bach in Frankfurt bei. Sollte dieſe Summe nicht ge⸗ nügen, ſo ziehe nach Sicht auf mich, nach dem Bedarf, nur benachrichtige mich einen Monat zuvor. 6„„Ich bin ſtolz und glücklich, Wilhelm, durch dieſen kleinen materiellen Theil zum Glanze unſeres Hauſes bei⸗ zutragen. Wir werden alſo in ſeinem ganzen Umfange den Wunſch unſeres Vaters erfüllt haben! Nur habe ich die Familie bloß reich gemacht, während Du ſie de⸗ rühmt gemacht haſt. „„Du ſagſt mir, ich ſollte ausruhen. Ich bin in — ——— c c te 1. P in 1. 8 1 e⸗ n i⸗ e e — 179 der That ein wenig müde. Doch in einem Jahr werde ich meine Angelegenheiten ins Reine gebracht und un⸗ ſer Vermögen liquidirt hahen, das ſich, abgeſehen von dem, was ich Dir ſchicke, auf fünf Millionen Franken belaufen kann. Wird das genug ſein? Sagſt Du mir ja, ſo kehre ich, wenn dieſes Jahr vorüber iſt, zu Dir nach unſerem alten Europa, in unſer altes Deutſchland zurück. Bewahre für mich einen Winkel in dem Schloſſe, das Du bauen läſſeſt. Ich möchte nicht gern ſterben, ohne Dich, ohne Julius umarmt zu haben ℳ „Der theure Oheim!“ rief Julius.„Wie wird er willkommen und geliebt ſein!“ „Mit ſeiner Hülfe, ſiehſt Du, Julius, konnte ich das Majorat errichten und dieſe Burg für Dich aus⸗ bauen „Wo wir mit dieſem fürſtlichen Vermögen als wahre Vurggrafen zu leben, Truppen auszuheben, unſere Zinnen zu bewaffnen und im Nothfalle dem Feinde die Stirne zu bieten im Stande ſein werden.“ „Lache nicht! Es gibt einen Feind, gegen den dieſe Burg erbaut worden iſt.“ „Wahrhaftig? welchen Feind meinen Sie.“ „Samuel Gelb.“ „Samuel Gelb?“ verſetzte Julius lachend. „Ich wiederhole Dir, daß ich im Ernſte ſpreche“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Du haſt mich verſichert, Julius, Du würdeſt hier nichts bedauern und nichts wünſchen. In dieſer Hoff⸗ nung, mein Sohn, habe ich Dir das Schloß eingerichtet. Ich wollte Dir ein ſo glückliches und ſo ausgefülltes Leben machen, daß Du keines Menſchen bedürfen ſollteſt. Sage, ob mir das gelungen iſt, und verſprich mir, Sa⸗ muel nicht mehr zu ſehen.“ Julius ſchwieg. Welche Ehrfurcht und welche Zärtlichkeit er auch für ſeinen Vater hegte, er fühlte ſich innerlich gedemüthigt 180 und gereizt durch dieſe Ermahnung. War er immer noch ein Kind, daß man in dieſem Grade den Einfluß eines andern Willens auf den ſeinigen fürchtete? Samuel war ein lebendiger Kamerad, voll Geiſt, voll Witz, mit reichem Wiſſen begabt, und Julius geſtand ſich ganz leiſe, daß er ihm mehr als einmal, ſelbſt in den Entzückungen ſeiner Reiſe, gefehlt hatte. War der Eine ſchlimm gegen den Andern geweſen, ſo war dies nicht Samuel: nicht er hatte geheirathet, ohne ſeinen alten Freund davon in Kenntniß zu ſetzen; nicht er war ein Jahr lang umher⸗ Kreiſt⸗ ohne dem Anderen ein Lebenszeichen von ſich zu geben. „Du antworteſt nicht?“ ſagte der Baron. „Mein Pater,“ erwiederte Julius endlich,„welchen Vorwand hätte ich, meine Thüre einem Jugendgefährten zu verſchließen, dem ich im Ganzen nichts Anderes, als mehr oder minder paradore Theorien vorwerfen kann?“ „Verſchließe ihm Deine Thüre nicht, Julius. Be⸗ ſchränke Dich darauf, daß Du ihm nicht ſchreibſt, ihn nicht einladeſt. Das iſt Alles, was ich von Dir fordere. Samuel iſt ſtolz, er wird nicht kommen. Seit einem Jahre, ſeitdem er mit mir in Folge eines unverſchämten Briefes gebrochen hat, habe ich nicht einmal mehr von ihm ſprechen hören.“ „Wenn ich ihn wiederſehen würde, wäre ich nicht mehr acht Jahre alt, um mich blindlings von einem An⸗ dern leiten zu laſſen,“ entgegnete Julius.„Wäre Samuel auch ſo ſchlimm, als Sie glauben, ich bin im Alter der Unterſcheidung, wie mir ſcheint, und ich kann das Gute thun und das Böſe laſſen.“ Feierlich ſprach der Baron: „Julius, nicht wahr, Du glaubſt an meine Zunei⸗ gung für Dich, und Du hältſt mich nicht für einen Men⸗ ſchen, der dumm und eigenſinnig in einer knabenhaften Laune beharrt. Wohl denn! ich verlange es als einen Dienſt von Dir, daß Du Samgel nicht mehr ſiehſt. Ich es el it e, en en ht in r⸗ zu en en 6 e hn e. m en on ht n. el er ite i⸗ n* en en ch 181 beſchwöre Dich darum. Denke, es ſei etwas Ernſtes un⸗ ter meinem Rathe, unter meiner Bitte. Ich kann nur ein paar Tage bei Euch bleiben und muß dann nach Berlin zurückkehren. Laß mich nicht mit dieſer Sorge abreiſen. Nein, nicht aus einem niedrigen Groll gegen Samuel oder in einem ungerechten Mißtrauen gegen Dich ſpreche ich in dieſem Augenblick. Ich habe ernſtere Gründe. Vertraue ein wenig der Erfahrung und der Liebe Deines Vaters, mein Sohn. Beruhige mich und verſprich mir, Samuel nicht zu ſchreiben. Nicht wahr, Chriſtiane, er ſoll mir das verſprechen?“ Chriſtiane war während der Worte des Barons er⸗ bleicht und hatte gezittert; ſie näherte ſich nun ſchmei⸗ chelnd Julius, legte ihre beiden Hände auf ſeine Schulter, ſchaute ihn flehend und zärtlich an und ſagte: „Oh! ich, ich mache mich anheiſchig, keines Men⸗ ſchen in dieſem ſchönen Schloſſe zu bedürfen, ſo lange ich meinen Wilhelm habe und ſo lange mich mein Julius liebt. Und Du, Julius, haſt überdies noch Deinen Vater!“ „Ah! Du auch, Chriſtiane, Du willſt es?“ verſetzte Julius.„Gut, es ſei, da Ihr es verlangt; ich werde nicht an Samuel ſchreiben.“ „Ich danke!“ ſagte Chriſtiane. „Ich danke!“ ſprach der Baron.„Nun handelt es ſich nur noch darum, daß Ihr Euch hier niederlaßt.“ Der Nachmittag vergieng damit, daß man von der Burg Beſitz ergriff, und das Leben organiſirte, das man hier führen würde. Lothario, nach dem ſich Chriſtiane ſogleich mütterlich erkundigt hatte, konnte für den Augenblick die Studien nicht verlaſſen, da ihn der Paſtor Ottfried mit ſeinen eigenen Enkeln erziehen ließ; doch in einem Monat ſollte er die Ferien im Schloſſe ſeiner Tante Chriſtiane zubringen. Vom Baron gewählte Dienſtboten waren ſchon an ihren Poſten. Nach dem Mittagsmahle machten die An⸗ 182 kömmlinge einen Gang unter den Bäumen, und raſch im Glücke acelimatiſirt, kam es ihnen am Abend vor, als hätten ſie immer dieſes Schloß bewohnt. Die Fahrt am Morgen hatte Chriſtiane ermüdet; ſie zog ſich frühzeitig zurück. Der Baron und Julius thaten bald daſſelbe. Ehe er in ſein Zimmer eintrat, warf Julius im Vorübergehen einen Blick auf ſeine Bibliothek. In den Fächern von geſchnitztem Eichenholz glänzte eine koſtbare Sammlung von reich gebundenen Büchern, alle mit ſeinem Wappen. Was ihn aber in Erſtaunen ſetzte, war die Aus⸗ wahl dieſer Bücher. Wer hatte denn ſo gut ſeinen Ge⸗ ſchmack errathen und ſich nicht ein Mal in ſeinen Bevor⸗ zugungen täuſchen können? Hätte er ſelbſt die Liſte entworfen, er würde nicht einen einzigen Titel geändert haben. Samuel, der Alles kannte, was Julius bewun⸗ derte, weil er ihn dazu hingeleitet hatte, Samuel hätte nicht anders gewählt. Während er hierüber träumte, fühlte er, wie ſich plötzlich eine Hand auf ſeine Schulter legte. Er bebte; er hatte keine Thüre öffnen hören. Er wandte ſich um und ſah Samuel Gelb. „Nun! wie ſind für meinen theuren Julius bieſes Jahr und dieſe Reiſe abgelaufen?“ „Samuel!“ rief Jullus zugleich erſtaunt und entzückt, „Samuel, wie biſt Du denn hier?“ „Bei Gott!“ erwiederte Samuel,„aus dem ganz einfachen Grunde, weil ich hier wohne.“ e⸗ rt n⸗ te es —.——— ——— 183 Der Feind in der Feſtung. War es Inſtinct, Ahnung, unbeſtimmte weibliche Angſt? Chriſtiane befürchtete etwas in dieſem großen, majeſtätiſchen Schloß. Es kam ihr vor, als wäre über ihr, um ſie eine Gefahr. Wurde ſie oder Inlius davon bedroht? gleichviel. Sie ſehnte ſich nach ihrer ruhigen Einſamkeit, nur mit ihm allein, auf der glücklichen Inſel mit den balſamiſchen Düften zurück, wo die Sorgen der Welt und die Leidenſchaften der Menſchen nicht einen Augenblick ihren Frieden geſtört hatten. Was hatte ſich indeſſen, dem Anſcheine nach, in ihrem Leben geändert? Ihr Gatte liebte ſie immer; ſie betete immer ihr Kind an. Was konnte ſie wünſchen? was konnte ſie befürchten 2 Der Baron hatte nach einigen Tagen nach Berlin zurückzukehren beabſichtigt, wohin ihn ſeine Pflichten und ſeine Arbeiten riefen. Doch ehe er das Schloß verließ, hatte er unter vier Augen zu Chriſtiane geſagt: „Meine liebe Tochter, es iſt wahr, daß ich Samuel Gelb ſeit dreizehn Monaten nicht geſehen habe. Nur habe ich ihn vor dreizehn Monaten, am andern Tag nach Eurer Abreiſe, geſehen. Und er wollte nicht zurückgehen und erſchwerte vielmehr mir gegenüber die vermeſſene Kriegserklärung, die er Dir gemacht hatte. Wir wollen übrigens hierin bis jetzt nur eine unvorſichtige Prahlerei ſehen. Wäre es anders, Chriſtiane, wagte es der Feind, zu erſcheinen, ſo erinnere Dich, mein Kind, daß ich Dein Bundesgenoſſe und Dein Secundant bin. Rufe mich, und ich werde herbeieilen.“ Dieſes Verſprechen beruhigte Chriſtiane nur halb. Sie hatte Gretchen befragen wollen, um zu erfahren, ob ſte Samuel ſeit der Scene in den Ruinen auch wiederge⸗ 184 ſehen. Doch Greichen hatte ihr hierüber nur ausweichende und zerſtreute Antworten gegeben. Es iſt nämlich zu bemerken, daß Chriſtiane Gretchen allerdings eben ſo ergeben, aber noch verſchloſſener, als früher, wiedergefunden hatte. Seit dem Tode von Herrn Schreiber und der Abreiſe von Chriſtiane hatte Gretchen in keiner Berührung mehr mit dem geſelligen Leben geſtanden und ſich nur ihren Thieren und Pflanzen ge⸗ widmet. Es war noch weniger möglich, ſie an das Schloß zu gewöhnen, als früher an das Pfarrhaus. Ihre Hütte ſogar mißſiel ihr, ſeitdem ſie neu aufgebaut worden war; ſie fand ſie zu ſchön, zu nahe beim Schloſſe, zu ſehr den Häuſern des Dorfes ähnlich. Sie ging oft mit ihren Ziegen tief ins Gebirge und kam manchmal mehrere Tage nicht zurück. Chriſtiane ſah ſich alſo genöthigt, in ſich ſelbſt ihre Befürchtungen zurückzudrängen, welche um ſo grauſamer, je unbeſtimmter und dunkler ſie waren; was gibt es Furcht⸗ bareres, als das Unbekannte? Und, wie ſchmerzlich für dieſes liebende Herz! Julius war der Letzte, dem ſie ſich über dieſen Punkt anvertrauen wollte und konnte. Chriſtiane litt ſchon, als ſie wahrnahm, welchen Widerſtand Julius ſeinem Vater in Beziehung auf Samuel entgegenſtellte, und mit welcher Miene des Bedauerns er fich fügte. Sie genügte ihm alſo nicht? Sie war alſo nicht Alles für ihn? Und der Widerwille, den ſie ihm von Anfang an gegen Samuel bezeigt, hatte dieſen ihm ſelbſt nicht auch unangenehm und beſchwerlich gemacht? Mit jener Raſchheit der Liebe bei Rechtfestigung des geliebten Weſens erklärte ſich Chriſtiane nichtsdeſtoweniger ſodann bald den Widerſtand von Julius durch die gerechte Empfindlichkeit eines Mannes, den es verletzen mußte, daß man vermuthete, er ſtehe in Abhängigkeit von einem Kameraden und ſei ohne eigenen Willen. Er habe ſicher⸗ lich nicht Samuel Gelb, ſondern ſich ſelbſt vertheidigt. ————————— — en 6 rn en en e⸗ re ———— 185 Und Chriſtiane dachte am Ende, er habe Recht gehabt, und ſie würde es an ſeiner Stelle auch ſo gemacht haben. Ihre Zuflucht, ihr Troſt, ihre Schutzwache war übri⸗ gens ihr Sohn. An der Wiege von Wilhelm vergaß Chriſtiane Alles. Nichts Reizenderes und zugleich Rüh⸗ renderes, als dieſe kindliche Mutter eines Kindes, als dieſe noch geſchloſſene Knoſpe aus einer kaum erblühten Knoſpe hervorgegangen! Chriſtiane hatte, ohne ihr Kind geſehen, die Anmuth, die Schüchternheit und die Unſchuld der Jungfräulichkeit bewahrt; betrachtete, liebkoſte, trug ſie aber ihren Sohn, ihre Liebe, ihren Jeſus, wie ſehr fühlte man dann, daß ſie Mutter! Ihr größter Schmerz war, daß ſie das geliebte Kind nicht ſelbſt hatte ſtillen koͤnnen. Die Aerzte hatten ſie für zu jung und zu zart erachtet, und Julius hatte den Aerzten geglaubt. Oh! wenn man der Mutter geglaubt hätte, ſie würde wohl die Kraft gefunden haben. Sie beneidete, ſie haßte beinahe, ſo ſehr ſie dieſelbe übrigens bewachte und pflegte, dieſe Amme, dieſe Nebenbuhlerin, dieſes zweimal fremde Weib, dieſe ſtarke und einfältige Bäuerin, der ſie, Chriſtiane, die ſüßeſte Hälfte ihrer Mütterlichkeit zu überlaſſen gezwungen war. Welches Recht hatte dieſe Unbekannte, ihr Kind zu ſtillen? Wenn die Amme Wilhelm die Bruſt reichte, heftete Chriſtiane einen traurigen, eiferſüchtigen Blick auf ſie; ſie hätte Jahre ihres Daſeins gegeben, um an dieſen ſanften Lippen die Lebensquelle zu ſein. Wenigſtens war es nur ihre Milch, was dieſe ſech⸗ zehnjähri, Mutter ihrem Sohne nicht gab: doch ihre Tage, ihre Nächte, ihre Seele, ihr Herz, ihr ganzes Weſen gehoͤrten ihm. Sie wuſch ihn, ſie kleidete ihn an, ſie wiegte ihn, ſie ſang ihm, ſie ſchläferte ihn ein. Er kannte ſie, unendliche Freude! beſſer als ſeine Amme, der ihn die Mutter gerade nur für die Zeit des Stillens überließ. Seine Wiege durfte nicht von ihrem Bett getrennt wer⸗ denz die Amme ſchlief in einem andern Bette, das jede 186 Nacht in dem Zimmer von Chriſtiane aufgeſchlagen wurde. So verlor die Mutter nicht eine Bewegung, nicht einen Schrei, nicht einen Athemzug des Kindes. Wenn ſie alſo, mit Wilhelm in ihren Armen, an Samuel dachte, fühlte ſie ſich ſchon beruhigt. Die unbe⸗ kannte Drohung des düſtern Feindes ſchwächte ſich ſtufen⸗ weiſe in ihrem Geiſte, und verſchwand, wie die Finſterniß der Nacht, wenn der Tag ſich erhebt, in der Morgen⸗ dämmerung ihres Kindes. Eines Morgens fand Julius, als er bei ihr eintrat, Chriſtiane ſo bei der Wiege ſitzend, die ſie mit einer gleich⸗ mäßigen, leichten Hand ſchaukelte. Sie legte einen Finger auf ihre Lippen, um ihm Stillſchweigen anzuempfehlen, reichte ihm die Stirne zum Kuſſe und deutete auf einen Stuhl an ihrer Seite. Dann ſagte ſie halb⸗ aut: 2 „Ich bin beſorgt, Wilhelm hat ſchlecht geſchlafen, er hat geſchrieen, er war ſehr unruhig. Ich weiß nicht, was das iſt. So eben erſt iſt er eingeſchlafen. Sprich leiſe.“ „Du ängſtigſt Dich umſonſt,“ erwiederte Julius, „nie iſt der Cherub roſiger und friſcher geweſen.“ „Findeſt Du? Du haſt vielleicht Recht. Ich bin ängſtlich für ihn.“ Mit der linken Hand zog ſie auf ihre Schulter den Kopf von Julius, doch ohne mit der rechten Hand die Wiege von Wilhelm zu verlaſſen. „Ich bin glücklich ſo zwiſchen meinen zwei geliebten Weſen,“ ſagte ſie.„Oh! wenn mir nur eines fehlte, ich glaube, ich würde ſterben.“ „Du geſtehſt es alſo, daß ich nur n die Hälfte von Deinem Herzen habe,“ verſetzte Julius. „Undankbarer! iſt er denn nicht auch Du?“ „Da er ſchläft, ſo drehe Dich wenigſtens einen Augen⸗ blick ganz gegen mich.“ „Oh! nein, er muß ſich immer gewiegt fühlen.“ ———— 3 de. en an e⸗ n⸗ iß n⸗ er n ie n te ———— 187 „Nun! ſo befiehl der Amme oder Veronica, ihn zu wiegen.“ „Er muß ſich immer von mir gewiegt fühlen.“ „Ah! was denkſt Du.“ „So verſuche es.“ Sie verließ einen Augenblick die Wiege, welche nun Julius auf das Allerſanfteſte ſchaukelte. Doch das Kind wachte auf und fing an zu weinen. Da! ſiehſt Du!“ rief Chriſtiane mit einem trium⸗ phirenden Blick. Nach einer halben Stunde der Plaudereien und Kin⸗ dereien kehrte Julius in ſein Zimmer zurück. Doch er war nicht zwanzig Minuten hier, als Chriſtiane ganz be⸗ wegt. eintrat. „Das Kind iſt entſchieden krank!“ ſagte ſie;„es hat ſich geweigert, die Bruſt zu nehmen, und weint und ſchreit auf das Heftigſte. Dann hat es, wie mir ſcheint, einen Anfang von Fieber. Man muß einen Arzt holen laſſen, lieber Julius.“ „Allerdings; doch es iſt, glaube ich, keiner in Landeck.“ „Ein Bedienter ſoll zu Pferde ſteigen und ſpornſtreichs nach Neckarſteinach reiten. In zwei Stunden wird er zurück ſein. Ich eile ſelbſt hinab, um es zu ſagen.“ Sie gab ihre Befehle, ließ den Bedienten abgehen, und kam wieder herauf. Sie fand Julius in ihrem Zimmer bei dem Kinde, das immer noch ſchrie. „Es geht nicht beſſer? Mein Gott! wenn ich nur den Arzt kommen ſehen würde.“ „Geduld!“ ſagte Julius. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre, und Sa⸗ muel Gelb trat mit raſchem Schritte und als ob er er⸗ wartet würde ein. „Herr Samuel!“ rief Chriſtiane verſteinert. 188 Samuel als Arft. Samuel grüßte Chriſtiane ernſt. Julius offenbarte ſeltſamer Weiſe kein Erſtaunen, als er ihn ſah, ging gerade auf ihn zu und drückte ihm die Hand. „Du haſt Mediein getrieben,“ ſagte er zu ihm.„Sieh doch, unſer armer Kleiner iſt krank.“ Samuel betrachtete ſtillſchweigend das Kind; dann ſuchte er um ſich her, erblickte die Amme und fühlte ihr den Puls. „Mein Herr,“ ſagte Chriſtiane, bei der die Beſorg⸗ niß des Herzens ſchon die Angſt des Geiſtes überwand, „nicht die Amme iſt krank, ſondern mein Kind.“ „Madame,“ erwiederte Samuel artig und kalt, wäh⸗ rend er ſeine Unterſuchung fortſetzte,„die Mutter ſieht nur das Kind, der Arzt ſucht die Urſache. Das Uebel Ihres Kindes iſt nur die Wirkung des Uebels ſeiner Amme. Der arme Kleine hat Hunger, das iſt das Ganze, und dieſe Frau kann ihn nicht mehr ſtillen. Die Ver⸗ änderung des Klimas und der Gewohnheiten, die Lang⸗ weile, das Heimweh, was weiß ich? haben ihre Milch verdorben. Es iſt dringend, ſie zu erſetzen.“ „Sie erſetzen? durch wen?“ fragte Chriſtiane. „Gibt es keine Amme in der Umgegend?“ „Mein Gott! ich weiß es nicht. Oh! ich bin eine ſehr unvorſichtige, oder wenigſtens ſehr unerfahrene Mutter. Sie müſſen mir darum nicht böſe ſein, mein Herr.“ Das Kind ſchrie und klagte abermals. „Quälen Sie ſich nicht, Madame,“ fuhr Samuel mit demſelben kalten und höflichen Tone fort,„das Kind iſt durchaus nicht krank und läuft keine Gefahr. Horen Sie, was Sie thun können. Nehmen Sie zur Amme eine von den jungen Ziegen von Gretchen.“ —,—— — v rte de ieh nn hr id, h⸗ ht el er ze⸗ r⸗ g⸗ ne el nd en ne 189 „Wilhelm wird ſich nicht ſchlecht dabei befinden?“ „Er wird ſich vortrefflich dabei befinden. Nur, wenn Sie hiemit angefangen haben, müſſen Sie fortfahren. Zu häuſiges Wechſeln mit der Milch könnte Nachtheil bringen. Und dann iſt eine Ziege eine Amme, die das Heimweh nach Griechenland nicht bekommen wird.“ Julius ſchickte ſogleich nach Gretchen; die Ziegen⸗ hirtin erſchien nach einigen Augenblicken. Sie bezeigte auch kein Erſtaunen beim Anblick von Samuel. Cyriſtiane, welche ſie beobachtete, glaubte in⸗ deſſen zu bemerken, ein bitteres Lächeln trete auf ihren Lippen hervor. Die Freude kehrte bei ihr wieder, als man ihr ſagte, eine von ihren Ziegen ſollte den kleinen Wilhelm ſtillen. Gretchen hatte gerade eine junge, ſtarke, von vortrefflicher Milch. Sie lief weg, um ſie zu holen. Während ihrer Abweſenheit beruhigte Samuel Chri⸗ ſtiane vollends. Seine Manieren waren ganz verſchieden, ohne darum gemüthlicher zu ſein. Eine Art von ehr⸗ furchtsvoller, aber eiſiger Zurückhaltung war auf ſein herb und ſtolz ſpottiſches Weſen gefolgt. Gretchen kam bald mit einer ſchönen, weißen, rein⸗ lichen Ziege zurück, die ſie auf den Teppich niederliegen ließ. Gretchen legte Wilhelm zu ihr, und dieſer fing ſo⸗ gleich an, gierig zu ſaugen. Chriſtiane klatſchte in die Hände. „Nun ſind wir gerettet!“ ſagte Samuel lächelnd. Chriſtiane heftete unwillkührlich einen Blick der Dank⸗ barkeit auf ihn. Dieſer ſeltſame Menſch fügte mit nachdenkendem Tone bei: „Ich liebe die Kinder. Ich moͤchte gern eines haben. Sie ſind reizend und nicht hoffärtig; ſie ſind ſchwach und nicht böſe. Ich liebe die Kinder; ſie ſind noch keine Menſchen.“ Er ſtand auf, als wollte er weggehen. 190 „„Du wirſt mit uns frühſtücken?“ ſagte Julius zu m. „Ich kann nicht,“ antwortete Samuel, Chriſtlane anſchauend. Julius drang in ihn. Doch Chriſtiane ſagte nichts. Die Vergangenheit, die ſie in einer erſten mütterlichen Aufwallung vergeſſen hatte, kam ihr wieder in's Gedächt⸗ niß, und das Weib erſchien abermals unter der Mutter. Samuel ſchien das Stillſchweigen von Chriſtiane zu bemerken und antwortete noch trockener auf das Zudringen von Julius: „Unmoglich. Laß mir ein Pferd ſatteln. Ich werde es Dir von Neckarſteinach zurückſchicken.“ Julius gab Befehl. Als Chriſtiane nicht mehr be⸗ fürchtete, Samuel würde bleiben, fühlte ſie ſich ruhiger, um ihm zu danken, und als man meldete, das Pferd ſei bereit, wollte ſie ihn mit Julius bis auf die Freitreppe zurückführen und dankte ihm abermals. Doch ſie lud ihn nicht ein, wieder zu kommen. Und während er zu Pferde ſtieg, ſagte ſie leiſe zu Julius: „Wie und warum war Herr Samuel Gelb denn hier, Julius?“ „Wahrhaftig!“ erwiederte Julins,„ich ſchwöre Dir bei meiner Ehre, ich weiß es ſelbſt noch nicht.“ Samuel ſaß im Sattel; er grüßte und entfernte ſich im Galopp. „Nun iſt er fort!“ ſagte Chriſtiane wie erleichtert. Gretchen kam in dieſer Minute wieder herab und er⸗ ſchien auf der Freitreppe. Sie hörte Chriſtiane, ſchüttelte den Kopf und ſagte halblaut: „Ah! Madame, glauben Sie, daß er fort iſt?“ t⸗ zu en de e. ei e 194 Vurch wen das Schloß gebant worden iſt. Eine von den Morgenrothen, welche folgten, beleuch⸗ tete bei dem Schloſſe Ebersbach eine reizende Gruppe. Zehn Schritte von der Hütte von Gretchen, die vollig neu in Form einer Schweizerhütte auf einem grünen, zwiſchen dem Felsgeſtein ſelbſt mit herbeigetragener Erde bereiteten, abhängigen Grasplatz hergeſtellt worben war, ſaßen auf einer, durch den überhängenden Felſen geſchütz⸗ ten, Bank Chriſtiane und Gretchen. Die zu ihren Füßen liegende weiße Ziege, an der eifrigſt ein ſchönes, halb⸗ nacktes, auf einen mit feiner weißer Leinwand bedeckten Teppich geſetztes Kind ſaugte, fraß Kräuter, die ihr Gret⸗ chen reichte, und ſchien zu begreifen, daß ſie ſich während des Mahles ihres Säuglings nicht rühren dürfe. Chri⸗ ſtiane vertrieb mit einem Baumzweig die Mücken, welche zuweilen ein wenig die roſenfarbig und weiße Seite des geduldigen, ſanften Thieres zucken machten. Bald, nachdem es genug getrunken, ſchloß das Kind die Augen und entſchlummerte.— Chriſtiane hob daſſelbe, ohne es zu wecken, ſachte auf und nahm es auf ihren Schooß. Die Ziege, als hätte ſie nun keine Verantwortlich⸗ keit mehr für das Kind, richtete ſich auf, machte ein paar Sprünge, um wieder gelenk zu werden, und kehrte zu dem Hirſchkalb mit dem gebrochenen Lauf zurück, das ſeinen verſtändigen, feinen Kopf zwiſchen zwei Sträuchen gezeigt hatte. „Und Sie ſagen, Madame,“ fragte Gretchen, ein angefanges Geſpräch wieder aufnehmend,„Sie ſagen, er ſei Ihnen nur ſo plötzlich erſchienen, ohne daß ihn ver Pfoͤrtner des Schloſſes habe vorübergehen ſehen?“ 6 192 „Ja. Du hatteſt Recht, wenn Du gegen mich äußerteſt, er ſei nie ſo nahe, als wenn man ihn ſehr fern glaube.“ Gretchen blieb einen Augenblick nachdenkend und ſprach dann mit der ihr eigenthümlichen Exaltation: „Oh! ja, dieſer Menſch iſt ſicherlich ein Dämon. einem Jahr habe ich die Gewißheit hierüber er⸗ angt. „Du haſt ihn ſeit einem Jahr geſehen? er iſt alſo wieder hieher gekommen? Sprich, ich bitte Dich. Du weißt, welches Intereſſe ich habe, es zu erfahren.“ Gretchen ſah aus, als zögerte ſie einen Augenblick, entſchloß ſie ſich, rückte näher zu Chriſtiane und prach: „Wollen Sie mir ſchwören, dem Herrn Baron nicht mitzutheilen, was ich Ihnen ſagen werde? Schwören Sie es mir, damit ich mit Ihnen ſprechen und Sie viel⸗ leicht retten kann.“ „Warum dieſen Schwur?“ „Hören Sie. Einige Tage nach Ihrer Abreiſe war mein verwundetes Hirſchkalb, nachdem es ſehr gelitten, trotz meiner Pflege, dem Tode nahe. Die Kräuter auf der Wunde, die Gebete zur Jungfrau, Nichts fruchtete mehr. Das arme Thier ſchaute mich mit einer traurigen Miene an, als würfe es mir vor, daß ich es ſterben laſſe! Ich gerieth in Verzweiflung. Es kamen an meiner Hütte drei bis vier Fremde vorüber, welche nach dem Schloſſe gingen. Dieſer Samuel Gelb war dabei. Er ſchaute empor, ſah mich und war mit ſeinen großen, behenden Beinen mit drei Sprüngen bei mir. Ich deutete mit dem Finger auf mein armes ausgeſtrecktes Thier und ſagte zu ihm„„Henker!““ „„Wie!““ verſetzte er,„„Du läſſeſt Dein Hirſchkalb ſterben, Du, die Du in den FPflanzen ſo erfahren biſt!““ „„Könnte es leben?““ rief ich. „„Bei Gott!““ ehr ach on. er⸗ lſo Du ick, ind cht ren el⸗ var en, auf ete en tte ſſe ute den mit und alb — 193 „„Ohl! retten Sie das Thier.““ „Er ſchaute mich feſt an und ſagte zu mir: „„Machen wir einen Handel.““ „„Welchen?““ „„Ich werde mich oft nach Landeck zu begeben haben, und will nicht, daß man es erfährt. Indem ich es ſo einrichte, daß ich nicht beim Pfarrhauſe vorüberkomme, wird mich Herr Schreiber nicht ſehen. Doch Deine Hütte iſt ein paar Schritte von den Ruinen und ich könnte Dich nicht vermeiden. Verſprich mir, daß weder mittelbar, noch unmittelbar der Baron von Hermelinfeld erfahren ſoll, ich komme in die Gegend, und ich verſpreche Dir, Dein Hirſchkalb zu heilen.““ „„Und wenn Sie es nicht heilen?““ „So ſteht es Dir frei, zu reden.““ „Ich war im Begriff, zu verſprechen, doch ein Be⸗ denken hielt mich zurück. Ich ſagte zu ihm: „„Kann das, was Sie thun wollen, meinen Näch⸗ ſten in dieſer Welt, oder meiner Seele in der andern ſchaden?““ „„Mein,““ antwortete er. „„Nun, ſo werde ich ſchweigen.““ „„Weder mittelbar, noch unmittelbar wird der Baron von Hermelinfeld durch Dich meine Anweſenheit in Landeck erfahren. Du verſprichſt es mir?““ „„Ich verſpreche es.““ „„Es iſt gut. Erwarte mich und laß Waſſer ſieden.““ „Er entfernte ſich und kam nach einigen Minuten mit Kräutern zurück, die er mich nicht ſehen ließ und in dem ſiedenden Waſſer umrührte. Er legte das um den verwundeten Lauf, und umhüllte ihn ſodann mit Lein⸗ wand.“ „„Du wirſt den Verband drei Tage auf dem Laufe laſſen,“ ſagte er zu mir.„„Hierauf wird Dein Hirſch⸗ kalb hinken, aber geheilt ſein. Nur, wenn Du ſprichſt, tödte ich es.““ Gott Inkt. 1. 13 — „Darum, Madame, bitte ich Sie, dem Herrn Baron nichts von dem, was ich Ihnen mittheilen werde, zu ſagen, damit er es nicht mittelbar durch mich erfährt.“ „Sei unbeſorgt,“ erwiederte Chriſtiane,„ich ſchwöre Dir, daß ich nichts ſagen werde. Doch ſprich weiter.“ „Nun denn! Ihr Schloß, Madame, das Ihnen Ihr Schwiegervater geſchenkt hat, und das Sie heute bewoh⸗ nen, ich glaube, Herr Samuel iſt der wahre Erbauer deſſelben.“ Chriſtiane ſchauerte. Sie erinnerte ſich der Art und Weiſe, wie Samuel ſo plötzlich in ihrem Schloſſe auf⸗ getaucht war. „Aber wie ſollte er es ſein?“ fragte ſie. „Und welcher Andere, liebe Madame,“ fuhr Gretchen fort,„welcher Andere hätte dieſes ganze Schloß in ſo kurzer Zeit aus der Erde hervorgerufen? Sie ſehen wohl, daß das der Teufel iſt! Hätte er ſonſt in eilf Monaten, trotz der Welt von Arbeitern, die man dabei verwendete, den Staub dieſer todten Trümmer auferwecken können? Und wie leitete er Alles? Er war überall und nirgends. Er wohnte ſicherlich in der Gegend, da er, ſobald man ſeiner bedurfte, da war, in der Sekunde da war; und doch, wo wohnte er? Weder in Landeck, noch im Pfarrhauſe, noch hier„.. Und kein Pferd! „Wie war er gekommen? Niemand hätte es zu ſa⸗ gen gewußt. Was hatte ihn gebracht? Wenn der Herr Baron kam, um zu ſehen, wie die Arbeit von Statten ging, erblickte er ihn nie. Der Herr Baron vermuthete gar nicht, er habe einen Antheil an Allem dem. Und wie hatte Herr Samuel den Baumeiſter genöthigt, nichts zu ſagen? Den ganzen Tag lief er im Gebirge umher, un⸗ ter dem Vorwande von Studiren und Botaniſiren, wie er ſagte. Und dann ließ er den ganzen Felſen durchwüh⸗ len, auf den das Schloß gebaut iſt; er quälte die Erde und grub überall. Ich weiß nicht, was er da unten handthierte. Sie werden mich abermals für eine Närrin en eilf bei ken all nde eck, ſa⸗ err ten ete wie un⸗ wie ih⸗ rde ten rin 195 halten; doch eines Abends hlelt ich das Ohr an die Erde, und ich bin ſicher, daß ich unter dem Boden etwas wie das Gewieher eines Pferdes gehört habe.“ „Das iſt einer von Deinen Träumen, oder ein Feen⸗ mährchen,“ verſetzte Chriſtiane. Gretchen fuhr fort: „Wollen Sie ein noch beſtimmteres Beiſpiel, Ma⸗ dame? Eines Tags ließ er ein paar Schritte von meiner alten Hütte einen Grund von Mauerwerf legen. Ich wußte nicht, was dies bedeuten ſollte. Nur am andern Tag, früh Morgens, da ſeine Arbeiter meinen Ziegen bange machten, führte ich meine armen Thiere ins Ge⸗ birge und kam erſt ſpät am Abend von dort zurück. Meine Hütte war verſchwunden, und an ihrer Stelle fand ich dieſes Häuschen, ganz ſo geordnet und eingerichtet, wie Sie es ſehen. Sagen Sie mir, ob nicht Zauberei dahinter ſteckt. Samuel war da. Er äußerte gegen mich, dieſe Veränderung ſei nach einem dem Banmeiſter vom Herrn Baron gegebenen Befehl vorgenommen wor⸗ den. Das mag ſein, doch es erklärt nicht, wie dieſer ganze Bau in zwölf Stunden vollendet werden konnte. Nun, Madame, Sie mögen mir ſagen, was Sie wollen, meine neue Hütte iſt viel bequemer und beſonders viel ſolider als die andere, ich leugne das nicht; doch gleich⸗ viel, ich bedaure es, daß die andere nicht mehr beſteht; ich habe Furcht in dieſer, und es gibt Augenblicke, wo ich mir ſage, ich bewohne das Werk des Teufels.“ „Dies Alles iſt in der That ſeltſam,“ verſetzte Chri⸗ ſtiane,„und ohne Deinen Aberglauben in Beziehung auf Herrn Samuel zu theilen, würde ich mich doch ein wenig ängſtlich fühlen, wenn ich wüßte, ich wohne in einem von ihm erbauten Hauſe. Aber ſage mir Eines. Hat er während unſrer Reiſe, wenn Du ihn wiederſahſt, ſeine Un⸗ verſchämtheiten und Drohungen gegen Dich wiederholt?“ Mein, ich habe eher einen wohlwollenden Beſchützer in ihm gefunden. Er kennt die Kräfte und Eigenſchaſten ver Pflanzen beſſer als ich, obgleich er nicht, wie ich, an ihre Seele glauben will. Er hat mir oft Mittel für meine kranken Thiere angegeben.“ „Dann biſt Du ein wenig von Deiner ſchlimmen Meinung über ihn zurückgekommen, wie es ſcheint.“ „Ich möchte wohl, aber ich kann nicht. Er hat nichts Böſes ſeit einem Jahr vor mir geſagt oder ge⸗ than. Im Gegentheil. Doch die Blumen und die Pflan⸗ zen behaupten fortwährend, er ſei Unheil bringend für Alle, die ich liebe, für Sie und den Herrn Grafen. Und die Blumen haben mich nie belogen. Er muß ſein Spiel verbergen und gibt ſich den Anſchein, als dächte er an nichts mehr, um uns beſſer zu überrumpeln. Wenn ich ihn ſehe, iſt das ſtärker als ich. Ich fühle immer in mir dieſelbe Bewegung des Zorns. Ich mag immerhin mich überwinden und mich der Dienſte erinnern wollen, die er mir geleiſtet hat, ich, die ich Niemand haſſe, glaube, daß ich ihn haſſe. Doch ich habe Unrecht, es laut zu ſagen; denn er iſt Zauberer, er wird es erfahren, er wird er⸗ fahren, daß ich Ihnen Alles entveckt habe, daß ich ihn haſſe, daß „Daß nur die Mütter Undankbare find,“ ſagte plötz⸗ lich und ruhig Samuel Gelb hinter den zwei Frauen. Gretchen und Chriſtiane wandten ſich um. Chri⸗ ſtiane vermochte einen Schrei nicht zu unterdrücken. Wil⸗ helm erwachte weinend. Samuel heftete auf Chriſtiane einen ernſten, ſtrengen Blick. Doch in ſeiner Miene war nichts Ironiſches, Ver⸗ achtendes. Er hielt in ſeiner rechten Hand einen weißen Filzhut, den er, um zu grüßen, abgenommen, und in ſeiner Linken eine Flinte. Ein bis zum Kinn zugeknöpfter, ſchwar⸗ zer Sammetrock hob die ruhige, kalte Bläſſe ſeines Ge⸗ ſichts hervor. Von wo war er hierher gekommen? Hinter der Bank, auf der Chriſttane und Gretchen ſaßen, war der Felſen ſenkrecht und hatte fünfzig Fuß Höhe. —— 197 „Warum dieſer Schrecken?“ fragte Samuel ruhig. „Sie ſehen, Sie haben Ihr Kind weinen gemacht.“ Gretchen zitterte fortwährend. „Auf welchem Weg ſind Sie gekommen?“ ſagte ſie. „In der That, wie ſind Sie hier, mein Herr?“ fragte Chriſtiane. Die Beleidigung durch die Blumen und das Rind. „Wie ich hieher gekommen bin, Madame?“ ſagte Samuel die Frage von Chriſtiane beantwortend.„Glau⸗ ben Sie wahrhaftig wie Greichen, ich komme aus der Hölle hervor? Ach! ich bin nicht ſo übernatürlich und wunderbar! Nur waren Sie ſo ſehr in Anſpruch genom⸗ men, Böſes von mir zu ſagen, daß Sie mich weder kom⸗ men ſahen, noch hoͤrten. Das iſt es einfach.“ Chriſtiane, die ſich wieder ein wenig erholt hatte, beſchwichtigte Wilhelm, und das Kind entſchlummerte. Samuel fuhr fort: „Nun, mein Rath iſt nicht ſchlecht geweſen, und Wilhelm befindet ſich ſehr wohl, wie mir ſcheint.“ „Das iſt wahr, mein Herr, und ich ſage Ihnen mit meinem ganzen Mutterherzen Dank vafür.“ „Du, Gretchen, Dein Hirſchkalb wäre todt, wenn ich es nicht gerettet hätte? Es herrſchte unter Deinen Ziegen eine Krankheit, und Du hätteſt ſie faſt alle ohne das unfehlbare Mittel, das ich Dir angegeben, verloren.“ „Das iſt wahr!“ ſagte Gretchen mit einer ſtörri⸗ „doch von wem haben Sie alle dieſe Mit⸗ e 198 „Wäre es vom Teufel, wie Du glaubſt, ſo müßtet Ihr mir Beide um ſo mehr Dank wiſſen, daß ich meine Seele Euch zu Liebe dem Verderben anheimgegeben habe; und ſtatt deſſen haßt Ihr mich. Iſt das gerecht?“ „Herr Samuel,“ erwiederte Chriſtiane ernſt,„Sie wollen, daß wir Sie haſſen. Ich möchte Sie gern ſchä⸗ tzen. Sie haben eine ſeltene Macht. Warum, ſtatt ſie zum Boͤſen anzuwenden, wenden ſie dieſelbe nicht zum Guten an?“ „Ich werde es thun, Madame, wenn Sie mich ge⸗ lehrt haben, was das Gute und was das Böſe iſt. Iſt es ſchlimm von einem Mann, eine Frau ſchön zu finden? mit Entzücken ihre weiße und blonde Anmuth zu betrach⸗ ſen? unwillkürlich zu denken, er ſei ſehr glücklich, derje⸗ nige, welcher dieſe Schonheit und dieſe reizende Seele beſitzt? Sie, zum Beiſpiel. Ich nehme an, ich liebe Sie. Wäre das ſchlimm? Julius hat Sie wohl geliebt, und Sie haben das gut gefunden. Aus welchem Grunde ſollte das, was gut für ihn geweſen iſt, ſchlimm für mich ſein? Nein, gut iſt Alles, was der Verſtand wünſcht und die Natur erlaubt. Warum ſollten Sie heute nicht lieben können, was ſie vor fünfzehn Monaten hätten lieben kön⸗ nen? Iſt die Tugend eine vom Datum abhängige Sache?“ Chriſtiane neigte ſich auf ihr Kind und küßte es, als wollte ſie das Weib hinter der Mutter beſchützen. Sicherer geworden, erwiederte ſie: „Ich werde auf Ihre Sophismen nicht antworten, mein Herr. Nicht aus Pflicht allein, ſondern aus freier Wahl liebe ich Julius. Ich will nur ihn lieben.“ „Sie wollen ihn lieben?“ verſetzte Samuel, ohne von ſeiner ernſten Hoͤflichkeit abzulaſſen.„Oh! Sie ha⸗ ben Recht, Madame, Julius verdient es. Er beſitzt alle Arten von guten Eigenſchaften. Man kann ihm die Milde, das Zartgefühl, die Ergebenheit nicht abſprechen, ebenſo wenig, als man ihm die Initiative, die Stärke, die Thä⸗ tigkeit, die Energie, die ich beſitze, zuerkennen kann. Iſt W 199 es aber in Ihrer Macht, die Energie nicht zu wür⸗ digen, oder nicht zu ſehen, daß ich ſie beſitze Verzeihen Sie, daß ich nicht den Beſcheidenen ſpiele, doch die Be⸗ ſcheidenheit iſt eine Lüge, und ich lüge nie. Wohl denn, ich bin feſt überzeugt, daß Sie mich zuweilen bewunderit haben, während Sie mich fürchteten. Und Julius, hören Sie, ich war auf Ihrer Reiſe nicht mit Ihnen, doch in Ihrem Gewiſſen werden Sie meine Brutalität nicht Lü⸗ gen ſtrafen; trotz ſeiner lebhaften Liebe, hat ſich Julius ſeit einem Jahr mehr als einmal, ſoll ich das Wort ſagen? gelangweilt. Ich glaube das wohl! er weiß das Leben nicht zu lenken, das Leben lenkt ihn. Die große Tugend des Mannes iſt der Wille; ſehen Sie, ohne ihn vermoͤgen der Verſtand und die Herzensgüte nichts. Sie, Sie ſind ein Weib; es iſt Ihnen erlaſſen, einen Willen zu haben, aber Sie müſſen nothwendig einen ſolchen bei demijenigen finden, welcher Sie beſchützt. Sie finden keinen. So daß Julius Ihnen entſchlüpft und Sie nicht zurückhält. Sie halten ihn nur durch das Herz, doch ich, ich halte ihn durch den Geiſt. Ich faſſe meine Philoſo⸗ phie und die Lage kurz zuſammen: Sie ſind Weib, er iſt weibiſch. Das macht, daß er mir gehört, ich will nicht ſagen: das macht, daß Sie „Sagen Sie es in der That nicht, mein Herr,“ un⸗ terbrach ihn Chriſtiane erzürnt.„Sagen Sie es nicht, wenn ich mich nicht abſcheulicher Unverſchämtheiten er⸗ innern ſoll.“ Doch Samuel erhob ſich, bleich, finſter, ergrimmt, drohend, und ſprach: „Madame, an wem von uns Beiden iſt es, zu be⸗ fürchten, die Vergangenheit könnte ins Gedächtniß zu⸗ rückkehren? Vor vierzehn Monaten, als ich das Ver⸗ gnügen hatte, Ihre Bekanntſchaft zu machen, dachte ich nicht an Sie, ſuchte ich Sie nicht, beleidigte ich Sie nicht; und vennoch hatte ich das Unglück, Ihnen zu miß⸗ fallen. Warum? um nichts, wegen meiner Miene, we⸗ — gen meiner Phyſiognomie, wegen meines Lächelns, was weiß ich? Gretchen ſagte Ihnen Schlimmes von mir, Sie ſagten Julius Schlimmes von mir. Sie haben es ſelbſt zugeſtanden. Der Wolf ließ das Lamm in Ruhe, der Geier that der Taube nichts. Die Taube, das Lamm haben den Geier und den Wolf gereizt. Sie haben mich an meiner empfindlichſten Stelle, in meinem Stolze verletzt. Sie haben mich mit Ihrem Haſſe herausgefordert, ich forderte Sie mit meiner Liebe heraus; Sie nahmen den Kampf an; wollen Sie ſich deſſen noch erinnern. Auch begannen Sie ihn auf der Stelle. Sie hielten Julius in Landeck zurück, während ich ihn nach Heidelberg mit⸗ nehmen wollte. Erſter Sieg, auf den bald ein zweiter noch viel wichtigerer folgte. „Ein derber und mächtiger Verbündeter, kam Ihnen der Baron von Hermelinfeld zu Hülfe, der Sie mit Ju⸗ lius piel weniger für Julius, als gegen Samuel verhei⸗ rathete. Er hat es auch ſelbſt zugeſtanden. So war ich gedemüthigt, verjagt, beſiegt. Sie führten während eines Jahres Ihren Julius auf tauſend Meilen von mir fort und bekämpften das Andenken an mich durch die Macht von Küſſen, während der Vater, um Julius in ſein Pa⸗ radies einzugränzen und es vor mir, dem Dämon, zu verſchließen, mit großen Koſten dieſe unzugängliche Burg bauen ließ. „Ihre Liebe, Ihre Heirath, dieſe Reiſe, Ihr Kind, glaube ich, dieſes Schloß mit doppelter Mauer und dop⸗ peltem Graben und ein Aufwand von drei Millionen, dies Alles iſt beinahe gemacht, machinirt und Lombinirt wor⸗ den gegen den demüthigen Gegner, welcher mit Ihnen ſpricht. „Sie warfen mir vor dreizehn Monaten vor, daß ich mit einer Frau anbinde. Doch heute iſt in Wahrheit der Kampf mehr als gleich gegen mich. Sie haben auf Ihrer Seite einen der mächtigſten Männer Deutſchlands und eine Feſtung mit Zugbrücken. —— — 5 r„ 8 , n h 6 t⸗ 1⸗ ⸗ 6 1 u d, e6 en ß uf 6 —— —= E 201 „Madame, ich wiederhole Ihnen, Sie haben mir den Krieg erklärt. Sobald Sie Feindin ſein wollten, nahmen Sie die Chance, beſiegt zu werden, an. Und ich erkläre Ihnen, Sie werden beſiegt ſein, Madame, beſiegt, wie es ein Weib durch einen Mann iſt.“ „Sie glauben, mein Herr?“ verſetzte Chriſtiane mit einem Lächeln äußerſter Verachtung. „Ich bin deſſen ſicher, Mavame. Es gibt nothwen⸗ dige und unvermeidliche Dinge. Als der Baron von Her⸗ melinfeld Julius meiner Herrſchaft entziehen wollte, war ich nicht aufgebracht, erzürnte ich mich nicht. Ich wußte, er würde zu mir zurückkehren. Ich habe nur gewartet. Bei Ihnen, Madame, werde ich auch warten. Sie ſind ſchon in meine Nachbarſchaft zurückgekommen. Sie wer⸗ den bald in meiner Hand ſein.“ „Der Unverſchämte!“ murmelte Gretchen. Samuel wandte ſich gegen ſie um. „Du, Gretchen, Du haſt mich verwünſcht, und Du haſt mir zuerſt gefallen. Heute magſt Du immerhin nicht mehr meine Hauptſorge und mein Hauptkrieg ſein, ich kann und will Dich als Beiſpiel dienen laſſen und durch Dich zeigen, wie ich bändige, was mich angreift.“ „Ich gebändigt!“ verſetzte das wilde Mädchen. „Kind!“ erwlederte Samuel,„ich könnte ſagen, Du ſeiſt es ſchon. Wer iſt ſeit einem Jahre das Weſen, das am meiſten Deine Gedanken beſchäftigt? Iſt es Gott⸗ lob? Iſt es Einer von dieſem Dorfe? Nein, ich bin es. Du gehörſt mir durch den Schrecken, durch die Angſt, durch den Haß, gleichviel! Wenn Du ſchläfſt, iſt der Name, der immer in Deinen Gedanken flattert, mein Name. Wenn Du erwachſt, iſt das, was am ſchnellſten in Dei⸗ nen Geiſt kommt, nicht die Erinnerung an Deine Mutter, nicht die Idee der Jungfrau, es iſt der Gedanke an Sa⸗ muel. Wenn ich erſcheine, geräth Dein ganzes Weſen in Aufruhr. Bin ich abweſend, ſo erwarteſt Du mich in ieder Minute. Wie oft hat mich Deine Angſt beſpäht, * wenn man dachte, ich reiſe nach Heidelberg ab. Wie oft haſt Du Dich auf den Boden geneigt, im Glauben, Du höreſt im Felſen mein Pferd wiehern! Nie hat eine Ge⸗ liebte ſo bebend auf die Rückkehr ihres Geliebten gewar⸗ tet. Nenne das Liebe oder Haß; ich nenne es Beſitz, und ich verlange nicht mehr.“ 5 Während Samuel ſo ſprach, war Gretchen ganz ver⸗ wirrt immer näher zu Chriſtiane gerückt. „Das iſt wahr, Madame! Alles, was er da ſagt, iſt wahr! Und woher weiß er es? Mein Gott! Ma⸗ dame, bin ich denn wirklich vom Teufel beſeſſen?“ „Beruhige Dich, Greichen,“ ſagte Chriſtiane.„Herr Samuel ſpielt mit Zweideutigkeiten. Man iſt nicht Herr deſſen, was einen haßt. Man beſitzt nur das, was ſich gibt.“ „Nach dieſer Rechnung beſitzt Napoleon die zwanzig Departements nicht, die er erobert hat. Doch gleichviel! ich bin nicht der Mann, der vor einer Herausforderung, ſelbſt ſo, wie Sie dieſelbe ſtellen, zurückweicht. Sie be⸗ haupten, Madame, man gehöre nur, wenn man ſich gebe. Wohl denn, es ſei! Sie werden ſich geben.“ 3„Elender!“ riefen gleichzeitig Chriſtiane und Gret⸗ Sie hatten ſich Beide, bebend vor Zorn und Schmerz, erhoben. „Du auch, Gretchen,“ fuhr Samuel fort,„damit die Strafe raſcher und das Beiſpiel ſchlagender ſei, wirſt Du Dich, ehe acht Tage vergehen, geben.“ „Du lügſt!“ rief Gretchen. „Ich glaube bemerkt zu haben, daß ich nie lüge,“ erwiederte Samuel, ohne ſich zu rühren. „Gretchen,“ ſagte Chriſtiane,„Du wirſt nicht mehr allein in Deiner Hütte bleiben, Du wirſt jede Nacht im Schloſſe zubringen.“ „Oh! in das Schloß kann ich allerdings nicht ein⸗ vringen,“ verſetzte Samuel, die Achſeln zuckend.„Doch gen, was Ihr Beide Theuerſtes und Heiligſtes habt; Du, 203 Sie ſcheinen beharrlich zu glauben, ich werde Gewalt an⸗ wenden. Ich wiederhole, ich bedarf ſolcher Mittel nicht. Nur, da Julius und die Schmachtenden ſeiner Art ihre Sanftmuth, ihre Schönheit, kurz die Mittel beſitzen, die ſie vom Zufall haben, wird es mir vielleicht wohl geſtat⸗ tet ſein, mein Wiſſen und die Fähigkeiten zu benützen, die mir die Arbeit gegeben hat. Gretchen wird frei und Herrin ihrer ſelbſt bleiben; doch ich werde ohne Zweifel das Recht haben, mich der Neigungen und Inſtincte zu bedienen, die mir die Natur als Beiſtände in ihr gibt; ich werde das Recht haben, in ihrer Seele die Liebe zu entfeſſeln, das Verlangen in ihren Träumen zu erwecken, in den Adern dieſer ſchönen Unnahbaren endlich das Blut der Zigeunerin und des Freudenmädchens zu entzünven?“ „Ah! Du beſchimpfſt meine Mutter, Schändlicher!“ rief Gretchen. Sie hielt noch in ihrer Hand einen von den blühen⸗ den Zweigen, die ſie kurz zuvor die Ziege freſſen ließ; in einem Wuthausbruch ſchlug ſie damit Samuel heftig ins Geſicht. Samuel erbleichte, und der Grimm zog ſeine Llppen zuſammen. Doch er hielt an ſich. „Höre, Gretchen,“ ſagte er ruhig,„Du haſt abermals Wilhelm aufgeweckt.“ Das Kind fing in der That an zu weinen. „Und wiſſen Sie, was er in ſeiner Unſchuld und in ſeiner Schwäche ſchreit?“ verſetzte Chriſtiane entrüſtet; ver ſchreit, der Mann, der zwei Frauen beleidige, ſei ein Feiger.“ Diesmal fand bei Samuel nicht einmal die raſch unterdrückte Bewegung ſtatt, welche ihm Gretchen gegen⸗ über entſchlüpft war. Er blieb unempfindlich, doch ſeine Ruhe glich der, welche er bei der Beleidigung von Otto Dormagen beohachtet hatte. „Gut!“ ſagte er.„Ihr laßt mich durch das beleivl⸗ 204 Gretchen, durch Deine Blumen, Sie, Madame, durch Ihr Kind. Wie unklug ſeid Ihr! Das wird Euch gerade abermals Unglück bringen. Ich ſehe ſo deutlich die Zu⸗ kunft und ich bin ſo ſehr zum Voraus gerächt, daß ich nicht einmal zornig ſein kann. Ich beklage Euch. Auf baldiges Wiederſehen.“ Er machte ihnen mit der Hand ein Zeichen des Ab⸗ ſchieds oder der Drohung und entfernte ſich mit großen Schritten. Chriſtiane dachte einen Augenblick nach; dann legte ſie Wilhelm in die Arme von Gretchen und ſagte: „Du wirſt ihn in ſeine Wiege zurücktragen.“ Und wie Jemand, der einen Entſchluß gefaßt hat, lief ſie nach dem Schloß und klopfte hier an der Thüre des Cabinets von Julius. Geſtellte Frage. „Wer iſt da?“ fragte Julius. Chriſtiane nannte ſich. „Sogleich,“ rief Julius. Es kam Chriſtiane vor, als ſpräche Julius leiſe mit Jemand. Nach einem Augenblick öffnete er. Chriſtiane wich ganz beſtürzt zurück: Samuel war ſchon im Zimmer. Samuel grüßte Chriſtiane mit einer wunderbaren Kaltblütigkeit. „Es geht Ihnen gut, Madame, ſeit der Beängſtigung in der Nacht neulich?“ ſagte er.„Ich erkundige mich . e—c— a— ——„— t⸗ re 205 nicht nach Wilhelm; Julius hat mir ſchon mitgetheilt, er befinde ſich ſehr wohl mit ſeiner Ziege.“ Chriſtiane brauchte einen Augenblick, um ſich zu faſſen. „Du ſcheinſt erſtaunt darüber, daß Du Samuel hier findeſt?“ ſagte Julius.„Ich bitte Dich um Gnade für ihn und für mich und erſuche Dich, meinem Vater die Gegenwart meines Contrebande⸗Freundes nicht zu verra⸗ then. Meinem Verſprechen gemäß hatte ich Samuel nicht eingeladen; doch ich habe ihn, wie foll ich ſagen?.. ich habe ihn getroffen. Ich geſtehe, ich konnte chimäri⸗ ſchen Vorurtheilen die Wirklichkeit einer alten Freund⸗ ſchaft nicht opfern. Mein Vater glaubt, Samuel werde ſeinen Sohn verderben; ich aber weiß, daß er den mei⸗ nigen vielleicht gerettet hat.“ Chriſtiane hatte ihre Entſchloſſenheit und ihren Muth ſchon wieder erlangt. „Ich werde Herrn Samuel Gelb für den ärztlichen Dienſt, den er uns geleiſtet hat, immer Dank wiſſen,“ ſagte ſie.„Doch ohne die Dankbarkeit zu vermindern, zu der wir uns gegen ihn verpflichtet fühlen müſſen, denke ich, Julius, daß wir auch Deinem Vater ſchuldig ſind. Mit Recht oder mit Unrecht ängſtigt ſich Herr von Her⸗ melinfeld, warum alſo ihm ungehorſam ſein und ihn un⸗ zufrieden machen? Iſt Herr Samuel wirklich Dein Freund, ſo muß er nicht einen Sohn gegen ſeinen Vater antrei⸗ ben. Und, um Alles zu ſagen, Dein Vater iſt nicht der Einzige, der Vorurtheile gegen Herrn Samuel hat. Ich bin redlich und brav, und werde in's Geſicht ſagen, was ich denke,“ fügte ſie Samuel anſchauend bei.„Dieſe Vorurtheile find auch die meinigen. Ich glaube, daß Herr Samuel Gelb nur hierher kommt, um unſer Glück und unſere Liebe zu ſtören.“ „Chriſtiane,“ ſprach Julius, im Tone des Vorwurfs, „Samuel iſt unſer Gaſt.“ 206 „Glaubt er es? ſagt er es?“ verſetzte Chriſtiane ihren reinen, ſtolzen Blick zu ihm erhebend. Samuel lächelte und drehte die Sache in eine, im Grunde drohende, Galanterie. „Die Aufregung macht Sie reizender als je, Madame, und ich glaube, Sie geben ſich aus Coquetterie immer den Anſchein, als wären Sie böſe auf mich.“ „Verzeihe ihr, Samuel,“ ſagte Julius.„Es iſt ein Kind. Meine geliebte Chriſtiane, Samuel drängt ſich nicht hier auf, ich halte ihn zurück. Ich habe ein In⸗ tereſſe dabei, ſeiner guten und geiſtreichen Geſellſchaft nicht beraubt zu ſein.“ „Er hat Dir ein Jahr lang nicht gefehlt. Sind wir ſo weit, daß Deine Frau und Dein Kind Dir nicht mehr genügen?“ Julius wechſelte einen Blick mit Samuel, hieß Chri⸗ ſtiane ſitzen, ſetzte ſich ſelbſt auf ein Tabvuret zu ihren Füßen, nahm ihre Hand in ſeine Hände und ſprach: „Laß uns im Ernſte reden. Glaube mir, ich liebe Dich immer noch ebenſo ſehr, meine Chriſtiane. Ich bin immer ebenſo glücklich, Dich zu lieben, und ebenſo ſtolz, von Dir geliebt zu werden. Du biſt das einzige Weib, vas ich geliebt habe und, ich ſage es vor Samuel, vas ich je lieben werde. Doch ſieh: in Dir, in dem Weibe, das mich liebt, ſſt auch die Mutter, nicht wahr? und Du bewahrſt für Dein Kind einen großen Theil von Deinem Herzen und Deinem Leben. Wohl denn! der Gatte iſt auch nicht der ganze Mann. Gott hat uns nicht nur ein Herz gegeben, er hat uns auch einen Geiſt verliehen. Neben unſer Glück hat er unſere Pflicht ge⸗ ſtellt; neben die Befriedigung unſerer Wünſche hat er die Unruhe unſerer Gedanken geſetzt. Gerade im Intereſſe unſerer Liebe, Chriſtiane, will ich, daß Du mich ſchätzeſt, ich will mich vergrößern, ich will etwas ſein. „Ich werde nicht im Müſſiggang dieſe Eriſtenz, welche Dir gehört, erſchlaffen laſſen. Meine Freude wäre es „ 207 geweſen, nützlich meinem Vaterlande zu dienen; doch ich fühle mich bis jetzt nur für das Waffenhandwerk taug⸗ lich, und ich möchte es nicht in der Niederlage Deutſch⸗ lands beginnen. Das Erwachen des Vaterlandes finde mich wenigſtens auch wach. Wohl denn, Samuel, da Du das Schlimme von ihm in ſeiner Gegenwart geſagt haſt, ſo will ich auch das Gute in ſeiner Gegenwart ſagen, Samuel iſt mir gerade durch den Widerſpruch unſerer Naturen nothwendig, um in mir die Energie und die Ela⸗ ſticität des Willens zu erhalten. Bedenke, wir leben hier allein, fern von der Welt, in der Zurückgezogenheit, in der Vergangenheit, in der Vergeſſenheit, beinahe im Tode. Ich ſehne mich nicht nach Heidelberg oder Frankfurt zu⸗ rück, nein! doch wenn ein wenig Leben zu uns kommt, verſchließen wir ihm nicht die Thüre. „Ich kann jeden Tag meines Willens bedürfen; laſ⸗ ſen wir ihn nicht erlöſchen. Iſt das, was ich Dir ſage, nicht vernünftig? Mein Vater und Du, Ihr habt Euch Chimären in Beziehung auf Samuel geſchmiedet. Wenn ſeine Gegenwart bei mir Euch ein Unrecht oder Boͤſes zufügte, ſo würde ich ſicherlich nicht zögern, mich von ihm zu trennen. Doch was habt Ihr ihm vorzuwerfen? Mein Vater grollt ihm wegen ſeiner Jeen. Ich theile die Ideen von Samuel nicht, aber ich bin ihm durch die Intelligenz nicht genug überlegen, um ihm Verbrechen daraus zu machen. Du aber, Chriſtiane, was hat Sa⸗ muel Dir gethan 2“ „Und wenn er mich beſchimpft hätte?“ rief Chri⸗ ſtiane losbrechend. Zwei Verbindlichkeiten. Julius bebte, erbleichte und ſtand auf. „Man hätte Dich beſchimpft, Chriſtiane, und Du hätteſt es mir nicht geſagt?“ rief Julius.„Bin ich nicht da, um Dich zu vertheidigen? Samuel, was ſpricht ſie denn?“ Und der Blick, den er Samuel zuwarf, glänzte wie der Blitz eines Degens. „Laſſen wir Deine Frau ſich erklären,“ antwortete Samuel gelaſſen. Und ſein Blick vereiſte wie die Kälte des Stahls⸗ Chriſtiane hatte die zwei Blicke ſich kreuzen ſehen. Es kam ihr vor, als wäre der von Samuel eine Klinge und durchbohrte Julius. Sie warf ſich ihrem Manne um den Hals, als wollte ſie ihn beſchützen. „Sprich,“ ſagte Julius mit kurzem Tone.„Was iſt vorgefallen?“ „Nichts,“ antwortete ſie, in Thränen ausbrechend. „Aber was haſt Du denn ſagen wollen? Von wel⸗ chen Thatſachen haſt Du denn ſprechen wollen 2“ „Ich habe keine Thatſachen, Julius, ich habe nur einen Inſtinet.“ „Er hat Dir nichts gethan?“ Sie antwortete abermals: „Nichts.“ „Was ſagteſt Du denn?“ verſetzte Julius, im Grunde glücklich, der Freund von Samuel bleiben zu koͤnnen. Samuel lächelte. Rach einem Stillſchweigen, und nachdem ſie ihre Thränen getrocknet hatte, ſprach Chriſtiane: ne he e e re Sie e 209 „Sprechen wir nicht mehr hievon.„ Du ſagteſt mir vorhin ſehr vernünftige Dinge. Du be⸗ klagteſt Dich über Deine Einſamkeit, und Du hatteſt Recht. Ein Mann von Deinem Werth, Julius, iſt gemacht, um unter Männern zu leben. Es iſt gut für die Frauen, nur ihr Herz zu haben. Doch ich werde Dich zu lieben wiſſen; ich wili Dich nicht ganz und gar ver⸗ zehren! Ich will nichts von Dir denjenigen entziehen, wel⸗ chen Du dienen kannſt! Begraben wir uns nicht lebensläng⸗ lich in dieſem Schloſſe; wir werden hierher zurückkom⸗ men, wann es Dir gefällt, wann Du Luſt haſt, hier auszuruhen. Gehen wir nach Berlin, Julius, gehen wir nach Frankfurt, gehen wir vahin, wo Du Deine hohen Fähigkeiten üben kannſt, wo Du Dir Bewunderung er⸗ werben wirſt, wie Du Dir hier Liebe erworben haſt.“ „Liebe Kleine,“ erwiederte Julius, indem er ſie küßte, „was würde mein Vater, der uns dieſes Schloß geſchenkt ſagen, wenn wir vas Anſehen hätten, als verachteten wir es.“ „Nun,“ entgegnete ſie,„ohne das Schloß zu verlaſſen, werden wir wenigſtens von Zeit zu Zeit nach Heivelberg gehen können. Du haſt mir oft erzählt, wie belebt und heiter zuweilen das Studentenleben war. Du ſehnſt Dich viel⸗ leicht nach demſelben zurück. Nichts iſt leichter, als ein Abſteigequartier in der Stadt zu haben. Du wirſt Dich wieder in die Wiſſenſchaften verſenken, Du wirſt Deine Kameraven von einſt, Deine Feſte, Deine große Biblio⸗ thek wiederſehen.“ „Unmoglich, meine liebe Chriſtiane. Kann ich das Stuventenleben mit einer Frau und einem Kinde führen?“ „Du ſchlägſt mir Alles ab,“ ſagte Chriſtiane, Thrä⸗ nen in den Augen. Samuel, der in der Entfernung geblieben war, nä- herte ſich und ſprach: „Julius hat Recht. Der Schloßherr von Eberbach Gott lenkt. I. 14 210 kann nicht wohl wieder Student werden, und Landeck kann nicht nach Heidelberg kommen. Doch ſoll Heidel⸗ berg nach Landeck kommen?“ „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte Julius. „Ich will damit ſagen, daß Madame mächtiger iſt, als Mahomet, und daß der Berg wohl den ganzen Weg zu ihr machen kann.“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr,“ ſagte Chriſtiane. Samuel ſprach ernſt und gleichſam feierlich: „Madame, es iſt mir daran gelegen, Ihnen zu be⸗ weiſen, daß ich ganz Ihnen ergeben bin. In dieſem Augenblick wünſchen Sie zwel Dinge: erſtens, daß Ju⸗ lius von Zeit zu Zeit um ſich die ernſte und heitere Be⸗ wegung der Univerſität wiederfinde. Wohl! im Verlauf von drei Tagen wird die Univerſität zu dieſem Schloſſe verpflanzt ſein.“ „Ah! Du ſcherzeſt?“ rief Julius. „Keines Wegs,“ antwortete Samuel;„Du wirſt ſehen. Die andere Forderung, die Sie an Julius mach⸗ ten, Madame, betrifft mich. Mein Anblick mißfällt Ihnen, und Sie möchten mich gern entfernen. Wohl denn, Sie ſollen in dieſer Hinſicht befriedigt werden. Ihr Privatſalon ſtößt, wie ich glaube, an dieſes Cabinet an, haben Sie die Güte, mir dahin voranzugehen.“ Er öffnete eine Thüre. Beherrſcht, ging Chriſtiane voran. Er folgte ihr. „Ich habe nicht das Recht, Euch zu begleiten?“ fragte Julius lachend. „Oh! gewiß,“ verſetzte Samuel. Julius folgte Samuel und Chriſtiane. Samuel führte Chriſtiane vor eine Füllung der Wand. „Sie ſehen dieſe Füllung, Madame, Sie ſehen die⸗ ſen ausgeſchnittenen Kaiſer, der eine Erdkugel in der rechten Hand trägt? Es kann früher oder ſpäter ger ſchehen, daß Sie mich zu ſehen wünſchen.“ 2 eck el⸗ ſt, eg ne. be⸗ em u⸗ e⸗ uf ſſe ch⸗ Ut hl hr in, 2 21¹ Chriſtiane machte eine Geberbe der Ungläubigkeit. „Mein Gottl wer weiß?“ fuhr Samuel fort.„Wir wollen nicht ſagen: nein„welcher Fall auch eintre⸗ ten mag. Kurz, kommt es je vor, daß ich Ihnen in et⸗ was nützlich ſein kann, ſo brauchen Sie nur, um mich zu benachrichtigen, Folgendes zu thun. Sie gehen zu dieſer Füllung und drücken mit dem Finger auf die Weltkugel, welche der Kaiſer in ſeiner Hand hält. Die Kugel ſteht mit einer Feder in Verbindung. Die Feder läßt ein Glöckchen ertönen; das Glöckchen benachrichtigt mich. Mag ich fern oder nahe ſein, Madame, in vierundzwan⸗ zig Stunden, wenn ich fern bin, und auf der Stelle, wenn ich gegenwärtig bin, eile ich auf Ihren Ruf herbei. Doch bis dahin, hören Sie mich wohl, bis Sie mich ſo ſelbſt rufen, werden Sie mich nicht wieder ſehen, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort.“ Chriſtiane blieb einen Augenblick ganz erſtaunt, dann wandte ſie ſich gegen Julius um und ſprach: „Was ſagſt Du hiezu, Julius? Wunderſt Du Dich nicht ein wenig, daß Herr Samuel Dein Haus beſſer kennt, als Du ſelbſt, und daß er bis zu dieſem Grade mit allen Einzelnheiten vertraut iſt 2“ Samuel erwieverte: „Das iſt das Geheimniß, welches ich Jullus eben erklären wollte, als Sie eintraten. Verzeihen Sie mir, wenn ich nicht vor Ihnen ſpreche; doch es iſt ein Ge⸗ heimniß dabei, das nicht mir gehört, und das ich nur Julius anvertrauen kann. Ich hoffe, daß ich Ihnen, ſ ausgenommen, jede Befriedigung gegeben abe. „Ja, mein Herr,“ verſetzte Chriſtiane,„und obgleich einiger Wiverſpruch zwiſchen Ihren Worten und Ihren Handlungen ſtattfindet, will ich doch, indem ich mich ent⸗ ferne, an Ihr Wort glauben.“ „Sie werden finden, daß ich es halte. Ehe drei Tage vergehen, iſt die Univerfität Heivelberg, wie der 212 Wald von Macbeth, zu Ihnen gekommen, und Sie wer⸗ den mich nur wiederſehen, wenn Sie an der Feder drücken.“ Samuel führte ſie bis zur Thüre zurück und ver⸗ beugte ſich vor ihr mit einer vollkommenen Eleganz. Diesmal erwiederte ſie ſeinen Gruß mit weniger Wider⸗ ſtreben, unwillkürlich durch die Verſprechungen dieſes ſeltſamen Menſchen intereſfirt. Samuel horchte, während ſie wegging, dann kam er zu Julius zurück und ſagte zu ihm: „Nun laß uns wieder in Dein Cabinet gehen, wo alle Vorſichtsmaßregeln getroffen ſind, daß uns Niemand hören kann, und ſprechen wir von ernſteren Dingen.“ Das doppelte Schloß. Samuel verſchloß die Thüre mit dem Riegel. „Ah!“ ſagte er,„ich hoffe, Du wirſt nicht, wie Deine Frau, wegen der einfachſten Dinge Schreie aus⸗ ſtoßen. Ich bitte Dich, nicht zu erſtaunen. Hier iſt der Ort des nil admirari, was ich in der Schule gelernt abe.“ „Gut,“ verſetzte Julius lächelnd.„Bei Dir bin ich übrigens immer auf Ueberraſchungen gefaßt, und ich er⸗ warte nur das Unerwartete.“ „Mein lieber Julius, Du mußt vor Allem wiſ⸗ ſen, daß ich in Deiner Abweſenheit, meiner Gewohnheit gemäß, ein wenig von Allem getrieben habe; ein wenig Medicin, ein wenig Architektur, ein wenig Poli⸗ tik, ein wenig Geologie, ein wenig Botänik, u. ſ. w. 5 er⸗ der er⸗ nz. er⸗ ſes am wo nd vie 18⸗ der rnt ich r⸗ eit ein li⸗ 213 „Ein wenig Medicin? Du haſt geſehen, wie ich das Uebel Deines Sohnes in ſeiner Amme gefunden. Ein wenig Architektur? Du ſollſt ein Muſter von meiner Geſchick⸗ lichkeit erhalten und wirſt zugeſtehen, daß der Baumeiſter dem Arzte gleichkommt, wenn Du es nicht etwa wunder⸗ barer findeſt, ein todtes Kind zu erhalten, als eine todte Epoche wieder zu erwecken.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Vor Allem die Wiederholung des Geheimniſſes nebenan,“ ſprach Samuel. Er ging in eine Ecke der Bibliothek. Ein in ihrem Täfelwerk ausgeſchnittener Löwe ſperrte den Rachen weit auf. Samuel legte den Finger auf die Zunge des Lö⸗ wen, eine Füllung ſchob ſich auf die Seite und ließ die Wand ſehen. Ein Knopf erſchien, Samuel drückte dar⸗ auf, die Mauer drehte ſich, und es entſtand die erforder⸗ liche Oeffnung, um einen Menſchen einzulaſſen. „Nun folge mir,“ ſagte Samuel zu ſeinem erſtaun⸗ ten Freunde.„Du kennſt nur die eine Hälfte Deines Schloſſes, glücklicher Eigenthümer! Ich will Dich die andere ſehen laſſen.“ „Treten wir hier ein?“ fragte Julius. „Allerdings. Gehe voran, damit ich die Bibliothek bice an ihren Platz bringen und die Thüre ſchließen ann.“ Als Julius vorangegangen und die Thüre geſchloſ⸗ ſen war, befanden ſie ſich in einer tiefen Finſterniß. „Ich ſehe nicht das Geringſte,“ ſagte Julius lachend. „Was für eine Teufelszuuberei iſt das?“ „Gut! Du biſt ein wenig erſtaunt, aber durchaus nicht erſchrocken. Gib mir die Hand, ich will Dich lei⸗ ten. Hier durch. Nimm Dich in Acht, wir ſind am Eingang der Treppe. Halte das Seil feſt. Es ſind hun⸗ dertundzweiunddreißig Stufen hinabzuſteigen, das iſt leicht: es iſt eine Wendeltreppe.“ Sie ſtiegen ſo, die Nacht in den Augen, jenen eis⸗ 214 kalten Feuchtigkeltsſchweiß der Tiefen, wohin die Luft nie dringt, einathmend, hinab. Auf der vierundvierzigſten Stufe blieb Samuel ſtehen. „Es iſt hier eine erſte eiſerne Thüre zu öffnen,“ ſagte er. Als die Thüre geöffnet und wieder geſchloſſen war, gingen ſie weiter. Nach weiteren vierundvierzig Stufen blieb Samuel abermals ſtehen.. „Eine zweite Thüre,“ ſagte er. Als man endlich die letzten vierundvierzig Stufen hinabgeſtiegen und durch die dritte Thüre gegangen war, traf das Licht plötzlich die Augen von Julius. „Wir ſind an Ort und Stelle,“ ſagte Samuel. Sie waren in einem runden, durch eine an der Decke hängende Lampe beleuchteten Zimmer. Dieſes Zimmer hatte ungefähr zehn Schritte im Durchmeſſer. Kein Tä⸗ felwerk, nichts als Stein. Unter der Lampe bemerkte man Stühle und einen ſchwarzen Tiſch. „Laß uns ſitzen und plaudern,“ ſprach Samuel,„wir haben eine Viertelſtunde Zeit; ſie werden erſt um zwei Uhr kommen.“ „Wer wird um zwei Uhr kommen?“ fragte Julins. „Du wirſt es ſehen. Ich habe Dich gebeten, nicht in Erſtaunen zu gerathen. Plaudern wir.“ Samuel ſetzte ſich, Julius that daſſelbe. „Du haſt einen Theil von dem, was unter Deinem Schloſſe iſt, geſehen,“ ſprach Samuel,„wir werden das Uebrige beſichtigen, ſo bald die Geſellſchaft angekommen iſt. Doch das, was Du geſehen haſt, genügt, um Dich vermuthen zu laſſen, daß nicht gerade der officielle Archi⸗ tekt Deines Vaters das Schloß gebaut hat. Ich habe ein wenig mitgearbeitet, das muß ich Dir geſtehen, „Der arme Teufel von einem officiellen und könig⸗ lichen Baumeiſter war in großer Verlegenheit bei der — — fen ar, cke ner kte vir vei us. cht em s en be ig⸗ er — 215 gothiſchen Architektur. Er kam in die Bibliothek in Hei⸗ delberg und quälte ſich mit allen alten Kupferſtichen ab. Kannſt Du Dir einen griechiſch⸗römiſchen Schmierer den⸗ ken, den man mit einer Höhle von Götz von Berlichingen beauftragt? Er ſchlug Pläne vor, welche Erwin von Steinbach und Phidias gleich ſehr beben gemacht hätten. Zum Glück war ich da. Ich überredete ihn, ich habe die Pläne vom Schloße Erbach ſelbſt wieder aufgefunden. Stelle Dir ſeine Freude vor! Er ließ mich um ſo freier walten, als ich meine Urſache hatte, nicht geſehen werden zu wollen, und als ich mich beſcheiden hinter ſeinem Ruhme verbarg. Ich machte es mir alſo zu meinem Zeitvertreib, in ihren geringſten Einzelnheiten die Burg irgend eines Pfalzgrafen wiederherzuſtellen. Findeſt Du, daß es mir gelungen iſt, dieſen ſteinernen Lazarus aufzu⸗ erwecken? Nicht wahr, leidlich.“ „Bewunderungswürdig,“ erwiederte Jullus nach⸗ denkend. „Der Baumeiſter,“ fuhr Samuel fort,„hat nur vas davon geſehen, was oben in der Sonne ſtrahlt. Er war, Gott ſei Dank, nicht immer da: denn der liebe Mann hatte in Frankfurt einige weiße, viereckige Häuſer zu bauen. Und ich, ſo lange die Arbeiter unter meinen Befehlen ſtanden, bediente mich derſelben, ohne es ihm zu ſagen. Unter dem Vorwande von Grundmauern und Kellern ließ ich ſie für meine Rechnung einige Treppen und einiges Manuerwerk machen. Das war im alten Plan, ſagte ich. Und mein patentirter Baumeiſter vermuthete nichts. Wäh⸗ rend ich alſo beſchäftigt war, ein Schloß zu bauen, baute ich zwei, eines unten, eines oben, und Du ſiehſt, daß ich nicht geprahlt habe, wenn ich Dir ſagte, ich habe in Dei⸗ ner Abweſenheit ein wenig Architektur getrieben.“ „In welcher Abſicht haſt Du das gethan?“ „Ah! um ein wenig Politik zu treiben.“ „Wie“ fragte Julius mit einiger Verlegenheit. Samuel erwiederte ergſt; 216 „Julius, mir ſcheint, Du ſprichſt nichts vom Tu⸗ gendbund? Haſt Du ihn denn ſo völlig vergeſſen? Biſt Du nicht mehr der Jullus von einſt, immer zitternd bei der Idee von Freiheit und Vaterland, immer ungeduldig über das Joch des Fremden, immer bereit, ſein Leben zu opfern? Ich weiß wohl, es iſt gebräuchlich, daß die Studenten, ſind ihre Studien beendigt, auf der Unlverfität ihre Jugend, ihre Inſpirationen, ihre Hochherzigkeit, ihre Seele laſſen. Man vergißt das mit einer alten Pfeife auf der Tiſchecke eines Fuchscommerſes. Derjenige, wel⸗ cher es verachtete, einen Philiſter zu grüßen, wird ſelbſt Philiſter, heirathet, vermehrt ſich, verehrt die Fürſten, kniet vor der Behörde nieder und findet, es ſei ſehr lächer⸗ lich und knabenhaft geweſen, ſich um das Gläck der Men⸗ ſchen und die Unabhängigkeit ſeines Vaterlandes zu be⸗ kümmern. Doch ich glaubte, wir überlaſſen dieſe Ver⸗ wandlungen dem gemeinen Haufen, und es gebe noch unter dem Himmel erkorene Herzen, welche im Stande ſeien, in einem edlen Unternehmen auszuharren. Julius, gehörſt Du noch zu den Unſern, ja oder nein?“ „Immer,“ rief Julius, veſſen Auge ſich entflammte. „Doch wird man mich noch haben wollen? Höre Sa⸗ muel, wenn ich nicht wieder vom Tugendbund mit Dir geſprochen habe, ſo iſt dies nicht Folge von Gleichgültig⸗ keit, ſondern von Gewiſſensbiſſen. Am Tage meiner Hoch⸗ zeit war Verſammlung des Bundes, und ich habe dabei ge⸗ fehlt. Was willſt Du? Mein Glück ließ mich meine Pflicht vergeſſen. Das iſt ein Vorwurf, der mir ſeitdem nicht einen Tag aus dem Sinn gekommen iſt. Ich fühle mich ſchuldig und ſchäme mich wenn ich hieran denke. Wenn ich nicht mit Dir hierüber geſprochen habe, ſo iſt es nicht der Fall, weil ich nicht daran denke; im Gegentheil, weil ich zu viel daran denke.“ „Und wenn ich Dir eine Gelegegenheit böte, nicht nur Deine Ehre in den Augen des Bundes wiederherzu⸗ 8 „ ———.—— 217 ſtellen, ſondern ſogar Dich darin zu erhöhen? nicht nur, Dir Verzeihung, ſondern ſogar Dank zu verſchaffen?“ „Oh! mit welcher Freudigkeit würde ich ſie ergrei⸗ fen.“ „Es iſt gut!“ ſagte Samuel,„horchen wir.“ In dieſem Augenblick ertönte ein Glöckchen. Sa⸗ muel rührte ſich nicht. Das Glöckchen ertönte zum zweiten Male, dann zum dritten Male. Samuel ſtand auf. Er öffnete eine kleine Thüre der gegenüber, durch die ſie eingetreten waren. Julius erblickte eine Treppe, welche die erſte fort⸗ ſetzte und ohne Zweifel vollends bis zum Neckar hin⸗ abging. Die Höhle des Löwen. Sogleich traten drei verlarbte Männer ein. Der erſte trug eine Fackel. Samuel verbeugte ſich mit tiefer Ehrfurcht und deu⸗ tete auf die Stühle. Doch die drei Verlarbten gingen, ohne Zweifel erſtaunt über die Gegenwart von Julius, nicht weiter. „Julius von Hermelinfeld, meine Herren,“ ſprach Samuel ſeinen Freund vorſtellend;„der Herr dieſes Schloſſes, das er zu Ihrer Verfügung ſtellt, und in wel⸗ chem Sie zu empfangen er ſich wenigſtens die Ehre geben mußte. Julius, unſere Vorſtände des oberſten Rathes; ſie kommen zum erſten Mal hierher, um dieſen Zu⸗ ——— 218 fluchtsort, den wir ihnen bereitet haben, in Augenſchein zu nehmen.“ Die Drei machten eine Geberde der Beiſtimmung und ſetzten ſich. Samuel und Julius blieben ſtehen. „Haben unſere edlen Herren Vorſtände ihren Weg gut gefunden?“ fragte Samuel. „Ja,“ antwortete einer von den Dreien,„mittelſt der Karte, die Sie uns entworfen hatten, und deren An⸗ gaben wir Schritt für Schritt folgten.“ „Dieſes Zimmer, wenn es Ihnen anſtünde, könnte für die geheimen Berathungen dienen.“ „Vortrefflich. Doch hat man die Vorſichtsmaßregeln getroffen, daß wir hier in Sicherheit ſind?“ „Sie ſollen ſehen. Julius hilf mir dieſes Seil an⸗ ziehen.“ Er deutete auf ein dickes Seil von geflochtenen und gewundenen Eiſendrähten, das vom Gewölbe an der Wand herabfiel. Indem ſie ſich an den Griff hingen, zogen Samuel und Julius das Seil um einen Fuß herab. Julius hakte ſodann den Griff an einer eiſernen, im Granit feſt gels⸗ theten Klammer an. „Dieſes,“ ſprach er,„hat zwanzig Fallen in jeder von den zwei Treppen geöffnet, die hierher führen. Sie ſehen, daß die drei eiſernen Thüren, welche dieſelben ver⸗ ſchließen, vom Ueberfluß find. Jetzt würde Sie eine Ar⸗ mee nicht erreichen. Man müßte die Burg bombardiren und bis auf den letzten Stein zerſtören, und Sie hätten vier Ausgänge, um zu entfliehen.“ „Gut!“ ſprach der Vorſtand. „Wollen Sie nun den großen Saal für die Gene⸗ ralverſammlungen ſehen?“ fragte Samuel. „Wir ſind gekommen, um Alles zu unterſuchen.“ a Warten Sie, bis ich die Fallen wieder geſchloſſen abe. ———— 2¹9 Er machte den Griff, den er an die Klammer an⸗ gehakt hatte, los, das eiſerne Seil ging wieder empor, und man hörte in der Ferne das dumpfe Geräuſch der Fallen, die ſich ſchloßen.“ Dann nahm Samuel die Fackel, öffnete die kleine Thüre, durch welche die drei Vorſtände eingetreten wa⸗ ren, und alle Fünf ſtiegen hinab. Nach etwa zwanzig Stufen drückte Samuel an einer Feder im Granit, es entſtand eine Oeffnung, und die Chefs befanden ſich in einem langen, geraden Gang, in welchem ihm zu folgen Samuel ſie erſuchte. „Sie gingen ſo ungefähr eine Viertelſtunde. Endlich kamen ſie an eine Thüre. „Es iſt hier,“ ſagte Samuel. Eröffnete die Thüre und führte die drei Vorſtände und Julius in eine weite Aushöhlung des Felſens, wo zwei⸗ hundert Perſonen bequem Platz gehabt hätten. „Hier ſind wir mehr unter dem Schloß,“ ſagte Samuel.„Die Eingeweihten werden durch die Seite des Berges hereinkommen und nichts von dem Vorhan⸗ denſein irgend einer Verbindung zwiſchen dieſem Saale und der Burg Eberbach wiſſen. Ich habe das ſo einge⸗ richtet, vaß im Nothfall ein Otto Dormagen, der die Verſammlung denuneciren würde, weder die Herren des Schloſſes, noch Ihre geheimen Zuſammenkünfte gefährden könnte. Und nun, da Sie Alles geſehen haben, ſteht Ihnen dieſer Ort an? Sind Sie damit zufrieden2“ „Zufrieden und dankbar, Samuel Gelb! Wir neh⸗ men dieſes ſo ſichere, ſo geiſtreich und ſo mächtig ange⸗ ordnete und eingerichtete Aſyl an, Julius von Hermelin⸗ feld. Die Häupter werden fortan Ihre Gäſte ſein; das iſt ein zweiter Dienſt, den Sie dem Bunde leiſten. Em⸗ pfangen Sie den Dank für beide.“ „Nein,“ ſagte Julius,„ich kann das Lob nicht thei⸗ len, das Samuel allein verdient. Ich wäre glücklich ge⸗ weſen, mich mit ſeiner Idee zu verbinden, und ich danke 220 ihm, daß er über mein Schloß verfügt hat, wie ich dies zu thun mich beeifert haben würde. Doch ich war ab⸗ weſend, und ihm allein muß die Ehre zukommen.“ „Behalten Sie Ihren Theil, Julius von Hermelin⸗ feld,“ erwiederte der Vorſtand.„Samuel Gelb würde nicht über Ihr Haus verfügt haben, wäre er nicht Ihrer Geſinnung ſicher geweſen. Beide habt Ihr Euch um den Bund und um Deutſchland wohlverdient gemacht, und damit Ihr Beide Euren Lohn haben möget, übertragen wir auch Ihnen, Julius von Hermelinfeld, den Grad, den wir ſchon Samuel Gelb ertheilt haben. Julius von Her⸗ melinfeld, Sie ſind Zweiter im Bunde.“ „Oh! ich danke!“ rief Julius ganz ſtolz. „Wir haben uns nur noch wieder zu entfernen,“ ſprach der Vorſtand. „Ich begleite Sie,“ ſagte Samuel.„Julius, er⸗ warte mich hier.“ Er führte die Drei bis zu einem von den oberen Ausgängen, wo ſie ihre Pferde wieder fanden, die ſie an Aeſte gebunden hatten. Dann kam Samuel zurück, um Julius abzuholen. Julius dankte auf das Innigſte. „Bah!“ verſetzte Samuel,„ich habe, wie ich Dir ſagte, nur ein wenig Geologie getrieben. Denke Dir übrigens nicht, es ſeien dieſe Höhlen, durch welche die Boͤrſe Deines Vaters geleert worden iſt. Sie haben Dich nicht viel gekoſtet, denn ſie beſtanden ſchon. Die ehema⸗ ligen Herren der Burg hatten ſie ohne Zweifel graben laſſen, um ſich derſelben bei den Belagerungen zu bedie⸗ nen. Der ungeheure Felſen iſt von Gängen und Höhlen durchbrochen, wie ein Bienenkorb. Bei dieſer Gelegenheit einen nützlichen Rath: laß es Dir nicht einfallen, Dich je allein hereinzuwagen. Du wäreſt verſchlungen, wie ein Tropfen Waſſer in einem Schwamm. Für Jeden, der die Oertlichkeit nicht kennt, wie ich, gibt es Fallen in 6 n⸗ de 32 d n en t⸗ r⸗ n in ir ir ie ⸗ en (E⸗ en eit je in er in 221 Menge, und Du würdeſt unverſehens in einer derſelben verſchwinden.“— „Ich begreife nun, wie Du Chriſtiane haſt verſpre⸗ chen können, Du werdeſt auf ihren Ruf herbei eilen. Du haſt irgendwo hier Dein Zimmer?“ „Bei Gott, ich habe meine Wohnung hier, willſt Du ſie ſehen?“ „Laß ſie ſehen.“ Samuel kehrte durch den Gang zurück, der in den großen Saal ausmündete, und ging, gefolgt von Ju⸗ lius, ungefähr fünf Minuten. Dann blieb er ſtehen, oͤffnete eine Thüre rechts, ſtieg fünfzig Stufen hinauf und kam auf eine Art von Platt⸗ form mit drei Abtheilungen. Die eine Abtheilung war ein Zimmer, die andere ein Stall, die dritte ein Laboratorium. In dem Zimmer fand man nur ein Bett und das nöthigſte Geräthe, im Stall fraß das Pferd von Samuel einen Bund Heu. Das Laboratorium war voll von Retorten, Phiolen, Büchern und Kräutern. Hier fand ſich offenbar der Mit⸗ telpunkt der Operationen von Samuel. Ein Skelett machte zugleich lächerliche und eniſetzliche Grimaſſen in einer Ecke. Zwei gläſerne Masken waren auf einen Ofen geſetzt. Für Jeden, der in dieſe geheimnißvolle Höhle ein⸗ getreten wäre, nachdem er an demſelben Tag in irgend einem Kupferſtich die Zelle des Philoſophen von Rembrandt bewundert gehabt hätte, würde die Verglei⸗ chung des ſo ruhigen, ſo religiöſen, ſo ſanft durch die auf⸗ gehende Sonne beleuchteten Wiederſehens mit dieſer ſo nächtlichen, ſo unterirdiſchen Werkſtätte der Finſterniß, wo ſo unheimlich ein Grabesſchimmer ſchwankte, einen ſeltſamen Contraft gebildet haben. Er hätte nach dem Lichte vom Antlitz Gottes die Reflere von den Feuerbränden Satans zu ſehen geglaubt. „Das iſt mein Lager,“ ſprach Samuel. 222 Julius konnte ſich eines peinlichen Eindrucks in die⸗ ſem Laboratorium der verborgenen Wiſſenſchaften nicht erwehren. „Doch Du haſt ziemlich lange die obere Luft nicht mehr geathmet,“ fuhr Samuel fort,„und in die Länge, wenn man nicht daran gewöhnt iſt, fängt ein Berg an einem auf den Schultern zu laſten. Ich will Dich an das Tageslicht zurückführen. Warte nur, bis ich meinen Ofen angezündet und einige Kräuter, die ich dieſen Mor⸗ gen pflückte, zum Kochen zugeſetzt habe.“ Nachdem die Küche beſlellt war, ſagte er: „Willſt Du nun kommen?“ Und er führte Julius ſtillſchweigend zu einer Treppe, die mit der, auf welcher ſie herabgeſtiegen waren, in Ver⸗ bindung ſtand. „Du ſiehſt,“ ſprach er.„Merke Dir wohl dieſe zwei Thüren. Willſt Du mich beſuchen, ſo öffne die Füllung der Bibliothek und ſteige vierundvierzig Stufen herab, was Dich zu dieſen zwei Thüren bringen wird. Die Thüre rechts führt zu dem runden Saal. Die Thüre links führt zu mir. Hier haſt Du einen Schlüſſel. Ich habe einen andern.“ Er geleitete Julius weiter und verließ ihn erſt bei der Thüre der Bibliothek. „Ich hoffe Dich bald zu ſehen,“ ſprach Jullus, der, als er die Luft und das Licht wiederfand, kräftig ath⸗ mete. „Wann Du willſt. Du weißt den Weg.“ 223 Der Liebestrank. Samuel ſtieg wieder hinab. Die Miſchung, die er auf vas Feuer geſtellt hatte, fochte. Er ließ ſie einen Augenblick einfieden, nahm ein Stück Brod und ein Glas Waſſer und aß und trank mitt⸗ lerweile. Als ſein Mahl beenvigt war, ergriff er eine Phiole, goß die Mirtur varein, und ſieckte die Phiole in ſeine Taſche. Er ſchaute auf ſeine Uhr. Es war drei Viertel auf fünf Uhr. „Ich habe drei Stunden für mich,“ ſagte er. Er nahm ein Buch und vertiefte ſich in das Leſen, wobei er indeſſen zuweilen den Band niederlegte, um lange Noten zu ſchreiben. Die Stunden vergingen, ohne vaß er ſich ſeiner Ar⸗ belt entriß, und ohne daß er eine andere Bewegung machte, als die, die Blätter umzuwenden und die Zeilen zu ſchreiben. Endlich unterbrach er ſich. „Ich glaube, nun iſt es Zeit,“ ſagte er. Er zog abermals ſeine Uhr. „Halb acht Uhr. Gut.“ Er ſtand auf, ging durch den Stall hinaus und ſtieg einen ſteilen Gang hinauf, ohne Licht, ohne die Wände zu betaſten, und ſo leicht, als ob er am hellen Tage auf freiem Feld marſchirt wäre. Dann blieb er ſtehen und horchte. Als er kein Geräuſch horte, ſtieß er auf eine ge⸗ wiſſe Art an ein Felsſtück, das auf ſeinen Angeln rollte, und ging hinaus. 224 Er befand ſich hinter der Hütte von Gretchen, an derſelben Stelle, wo Gretchen und Chriſtiane ſo ſehr er⸗ geweſen waren, als ſie ihn am Morgen erſcheinen ahen. Es fing an Nacht zu werden. Gretchen hatte ihre Ziegen noch nicht zurückgetrieben. Er näherte ſich der Thüre der Hütte Sie war ge⸗ ſchloſſen. i Er zog einen Schlüſſel aus ſeiner Taſche, öffnete und trat ein. Es lag in einer Truhe die Hälfte von einem für das Abendeſſen von Gretchen beſtimmten Brod. Samuel nahm das Brod, goß drei Tropfen aus der Phiole, die er mitgebracht hatte, darauf und legte es wieder an ſei⸗ nen Platz. „Als Vorbereitung und als erſte Wirkung wird das genügen,“ murmelte er.„Morgen werde ich zu rechter Zeit wiederkommen, um die Doſis zu verdoppeln.“ Dann ging er hinaus und ſchloß die Thüre wieder. Doch ehe er ſich abermals in ſeinen unterirdiſchen Gang vertiefte, wandte er ſich um und blieb ſtehen. Er hatte nun zu ſeiner Linken die Hütte von Gret⸗ chen, zu ſeiner Rechten, halb durch den Schatten des Abends verwiſcht, das Schioß, an welchem die erleuchte⸗ ten Fenſter der Wohnung von Chriſtiane auf der dunkeln Facade glänzten. Ein finſterer Blitz zuckte aus ſeinem Augenſtern het⸗ vor. „Ja,“ rief er,„ich umhülle Euch und halte Euch Beide feſt. Ich werde in Eure Geſchicke, wann ich will, zu meiner Stunde, eintreten, wie ich in Eure Zimmer eintrete. Ich bin der Herr des Schloſſes und der Herr des Felſens, ſo will ich auch der Herr von denjenigen werden, welche das Leben des Felſens und die Seele des Schloſ⸗ ſes zu ſein ſcheinen, vom braunen Gretchen, das ſo herb und wild wie ihr grüner Wald, von der blonden 8 SSSSSSZ. — n r⸗ en re 1 † 225 Chriſtiane, welche ſo zart und koſtbar wie ihr Palaſt mit der reichen Bilvhauerarbeit. „Ich will! Nun kann ich ſelbſt nicht mehr zu⸗ rückweichen. Mein Wille iſt mein Geſetz und Euer Verhängniß geworden. Das iſt Eure Schuld! War⸗ um hat Eure vorgebliche Tugend mein ſogenanntes Ver⸗ brechen herausgefordert, bekämpft, und bis jetzt ſogar be⸗ ſiegt? Warum hat Eure falſche Schwäche dem, was ich meine Stärke nannte, Trotz geboten, es verletzt und, ich glaube, Gott verdamme mich, ſogar geſchlagen! Und das dauert nun mehr als ein Jahr! Kann ich in dieſer von Eurem Hochmuth gegen mich eingegangenen Partie verlieren? Ich habe nur Angſt vor mir allein in der Welt; kann ich vor zwei Kindern dieſem letzten Gefühle: meiner Selbſtachtung, entſagen? „Ueberdies iſt Eure Niederlage nothwendig für den Kampf, den ich, wie Jacob, mit dem Geiſte Gottes be⸗ ſtehe. Ich muß mir beweiſen, daß der Menſch auch Hert des Guten und des Boſen iſt und, ganz wie eine Vorſehung, die Reinſten fündigen und die Feſteſten fallen machen kann. „Endlich iſt vielleicht das Auflöſungswort in der Liebe, die ich von Euch verlange. Lovelace, ein ſeltſamer Stolzer! ſchläfert diejenige ein, welche er beſiegen will. Ich werde Dich nicht einſchläfern, ich werde Dich auf⸗ wecken, Gretchen. Der Marquis von Sade, ein ſelt⸗ ſamer Wollüſtling! verfolgt das Ideal des unendlichen Geiſtes in der Folterung der begränzten Materie. Es iſt nicht Dein Körper, ſondern Deine Seele, Chriſtiane, was ich durch den Schmerz beſitzen werde. Und wir werden ſehen, ob meine Alchemie des menſchlichen Wollens nicht etwas hervorbringt. „Ah! mir ſcheint, ich ſuche Entſchuldigungen und Gründe für meine Handlungen? Pfui doch! Beim Teufel! ich handle ſo, weil ich ſo bin, weil ſo mein Cha⸗ Gott lenkt. 1. 8 15 226 racter iſt, und weil es mir ſo beliebt, quia nominor leo.. Ah! hier kommt Gretchen zurück.“ Beim bleichen Scheine der Sterne kehrte in der That Gretchen, ihre Ziegen vor ſich hertreibend, aber träumeriſch, zerſtreut, den Kopf gegen die Erde geneigt, zurück. „Dieſe denkt ſchon an mich,“ ſagte Samuel lächelnd zu ſich ſelbſt. In demſelben Augenblick öffnete ſich das Fenſter von Chriſtiane, und der ſcharfe Blick von Samuel erkannte ſie ſelbſt, welche ſich auf ihren Balcon ſtützte und ihre azurblauen Augen zum Himmel aufſchlug. „Denkt Jene immer an Gott?“ ſagte Samuel ſich auf die Lippen beißend.„Ohl ehe dieſe Sterne zum zweiten Mal aufgehen, werde ich ſie genothigt haben, an mich zu denken, der in vierundzwänzig Stunden eine Stadt von der Stelle zu rücken, und eine Seele zu zer⸗ nichten im Stande geweſen ſein wird.“ Er kehrte ungeſtüm in den Felſen zurück. Berzens- und Geldleiden von Trichter. Am andern Tag um zehn Uhr Morgens trat Sa⸗ muel in das Gaſthaus zum Raben in Heidelberg ein und fragte, ob Trichter zu Hauſe ſei; auf die beiahende Antwort des Dieners ging er in das Zimmer des alten Studenten hinauf. Trichter äußerte eine große Freude und war unge⸗ heuer ſtolz auf die Ehrg, die ihm ſein Senior dadurch Sa⸗ ein nde lten nge⸗ urch 6 227 erwies, daß er ihn beſuchte. Er ließ darüber die rieſige Pfeife fallen, die er rauchte. Seit einem Jahre, daß wir unſern rn ee nicht mehr geſehen, hatte ſich dieſer merklich gefärbt. Es war, als hätte ſein Geſicht das ehrenvolle Gepräge des Weines, den er bei ſeinem Duell verſchluckt, beibe⸗ halten wollen. Seine Wangen und ſeine Stirne waren wie eine rothe Maske. Was ſeine Naſe betrifft, ſo brauchte man, um eine befriedigende Beſchreibung davon zu machen, nicht weniger als den großen William Shake⸗ ſpeare ſelbſt, den farbenreichen Maler der glühenden Raſe von Bardolph. Wie die von Bardolph, funkelte Trichters Naſe von Rubinen und mußte bei Nacht ihrem edlen Beſitzer eine bedeutende Erſparniß an Lichtern ver⸗ ſchaffen. „Mein Senior bei mir!“ rief er.„Oh! willſt Du mir erlauben, daß ich Freßwanſt hole?“ „Wozu?“ „Damit er ſeinen Theil an dieſem Beſuche und an dieſer Ehre erhalte.“ „Unmöglich. Ich habe im Ernſte mit Dir zu ſprechen.“ „Ein Grund mehr. Freßwanſt iſt mein Herzens⸗ und Flaſchenfreund, mein inniger Vertrauter, und ich thue nichts ohne ihn.“. „Nein, ſage ich Dir, wir müſſen nothwendig allein ſeln. Gib mir eine Pfeife und laß uns rauchend mit einander reden.“ „Wähle ſelbſt.“ Und er deutete auf eine furchtbare Reihe an der Wand hängender und nach ihrer Größe geordneter Pfeifen. Samuel nahm die größte, ſtopfte ſie und zündete ſie an. Während er ſich mit dieſen Präliminarien beſchäftigte, ſagte er zu Trichter: 228 „Höre, woher rührt denn bei Dir die Leidenſchaft für den Freßwanſt?“ „Von unſerem Duell,“ antwortete Trichter.„Ich liebe ihn als den von mir Beſiegten. Es iſt mein Sieg, was ich bei mir habe, was ich überallhin mitſchleppe, dem ich den Arm gebe. Uebrigens iſt er das beſte Kind der Welt! er grollt mir durchaus nicht, daß ich ihn überwunden; er grollt Dormagen. Er verachtet ihn, weil er ihn nicht zwei Tropfen von der Flüſſigkeit, die Du ihm botſt, hat trinken laſſen. Er ſagt, Du habeſt mir die Ehre gerettet, und Dormagen habe ihm das Le⸗ ben gerettet. Er wird ihm nie verzeihen. Dich, Dich ſchätzt er ganz außerordentlich. Er beneidet mich, daß ich Dein Fuchs bin, und hat nicht mehr der von Dormagen ſein wollen. Da er nicht der Deinige ſein kann, ſo hat er ſich Dir da⸗ durch genähert, daß er ſich zu meinem Unzertrennlichen machte. Wir ſind nun Flaſchenfüchſe. Wir führen ein äußerſt angenehmes Leben und bringen unſere Tage da⸗ mit hin, daß wir unſere Zuneigung einander durch heitere Herausforderungen, wer am meiſten trinken würde, be⸗ zeigen. Das übt uns für den Fall eines Duells.“ „Mir ſcheint, Ihr waret ſchon ziemlich geübt,“ ſagte Samuel, eine Rauchwolke ausſtoßend. „Oh! das war nichts. Wir haben Fortſchritte ge⸗ macht, die Dich, glaube mir auf mein Wort, in Er⸗ ſtaunen ſetzen würden.“ „Ich glaube Deiner Naſe. Doch dieſe beſtändigen Libationen müſſen ſtarke Aderläſſen an Euren Börſen machen.“ „Ach!“ erwiederte Trichter mit kläglichem Tone, „die Flaſchen leerend, leert man auch ſehr raſch die Ta⸗ ſchen. In den drei erſten Monaten haben wir uns für unſer ganzes Leben in Schulden geſtürzt. Doch wir ma⸗ chen ſeit langer Zeit keine Schulden mehr.“ „Warum?“ „Weil man uns keinen Credit mehr gibt. Uebrigens 3 ———— —,— haft 3ch ieg, pe, ind ihn hn, die beſt Le⸗ zter bin, Da da⸗ hen ein da⸗ tere be⸗ gte ge⸗ Er⸗ gen rſen one, für ma⸗ ens 229 können wir nun trinken, ohne daß es uns einen Pfennig koſtet.“ „Ho! ho!“ rief Samuel ungläubig. „Das kommt Dir unwahrſcheinlich vor? Höre! Unſer Verfahren iſt mit einem Wort: wir wetten. Da wir alle Wetten gewinnen, ſo iſt es die Gallerie, welche die Koſten bezahlt. Doch dieſe edle Quelle könnte wohl mit der Zeit verſiegen. Ach! wir ſind zu ſtark. Man wagt es nicht mehr, zu halten. Wir ſchüchtern die Leute ein. Wir Unglücklichen! wir ſind ſo weit, daß wir von aller Welt bewundert werden! Ich ſehe daher den un⸗ ſeligen Tag anbrechen, wo es keine Wettende mehr geben wird, die für uns bezahlen, und wie werden wir es dann machen, um zu trinken?“ Und er fügte traurig bei: „Es iſt ſo ſehr für mich Bedürfniß, zu trinken!“ liebſt alſo den Wein ungemein?“ ſagte Sa⸗ muel. „Es iſt nicht der Wein, es iſt das Vergeſſen, das darin liegt.“ „Was willſt Du denn durchaus vergeſſen? Deine Schulden?“ „Nein, mein Betragen,“ erwiederte Trichter mit einer abſcheulichen Grimaſſe.„Ach! ich bin ein Ruchlo⸗ ſer. Ich habe eine Mutter in Straßburg, und ich hätte arbeiten müſſen, um ſie zu unterſtützen. Statt deſſen bin ich ihr immer zur Laſt gelegen, wie ein Feiger. Wer mußte ſie nach dem Tode meines Vaters erhalten? Ich, nicht wahr? Nun l ich bin ſo ſchändlich geweſen, mir zu ſagen, ich habe einen Oheim, ihren Bruder, einen Lieutenant in der Armee von Napoleon, und er iſt es, der ſeine Schwe⸗ ſter ernährt hat. Und dann iſt mein Oheim vor zwei Jahren getödtet worden. Da hatte ich keinen Vorwand mehr und ſagte zu mir ſelbſt: Auf, Schuft, nun iſt der Augenblick gekommen! Doch zum Unglück hatte uns mein Oheim eine kleine Erbſchaft hinterlaſſen, ſo daß ich, ſtatt 230 meiner Mutter Geld zu ſchicken, von ihr verlangte. Ich vertagte meine guten Abſichten. Die Erbſchaft war nicht fett und vaher binnen Kurzem verzehrt, um ſo mehr, als ich Alles vertrunken habe, und bald iſt nicht ein Krümchen, nicht ein Tröpfchen mehr übrig geblieben. Du ſiehſt, daß ich ein großer Schurke bin. Ich ſage Dir dies Alles, um Dir zu erklären, warum ich trinke: um mich zu betäuben. Du ſollſt mich nicht für einen plumpen Säufer, für einen gemeinen Schwamm, für eine Trinkmaſchine halten. Ich bin ein Elender.“ „Aber wie willſt Du denn da herauskommen?“ ſagte Samuel. „Ich weiß es nicht. Wie es mir möglich ſein wird. Jedes Mittel wäre mir gleich. Ah! daß meine Mutter Brod hätte wenn ich ſterben müßte, ich würde mit Freuden ſterben.“ „Im Ernſte?“ verſetzte Samuel nachdenkend. „Sehr im Ernſte.“ „Es iſt gut, daß ich das weiß, und ich werde mich deſſen erinnern,“ ſprach Samuel.„Doch warum haſt Du Dich nicht, ehe es ſo weit kam, an Napoleon ge⸗ wendet, da der Bruder Deiner Mutter in ſeinem Dienſte geſtorben iſt? Er hat die Eigenſchaft großer Männer, daß er diejenigen, welche ihm dienen, zu belohnen weiß. Er würde Deiner Mutter eine Penſion, einen Platz ge⸗ ben, wovon ſie leben könnte.“ „Ich bin Deutſcher; kann ich vom Tyrannen Deutſch⸗ lands etwas fordern?“ „Du biſt Deutſcher, ſehr gut; doch haſt Du mir nicht einmal geſagt, Deine Muiter ſei Franzöſi.?“ „Sie iſt in der That Frarzöſin.“ „Dann ſind Deine Bedenklichkeiten übertrieben. Wir werden wieder davon ſprechen. Für den Augenblick wäre das Dringendſte, Deine Schulden zu bezahlen.“ „Oh! ich habe auf dieſes Utopien verzichtet.“ „Man muß nie auf etwas verzichten. In dieſer —— — c F e— 8 —— —— —+— ch ht r, ein ge S en ine 24 ein ine rde ich aſt ge⸗ nſte rer, eiß. ge⸗ mir Wir äre eſer — 231 Hinſicht wollte ich mit Dir ſprechen. Wer iſt der bel⸗ lendſte von Deinen Gläubigern?“ „Sollteſt Du es glauben? es iſt kein Wirth,“ er⸗ wiederte Trichter.„Die Wirthe achten mich, ſchonen mich, ziehen mich an ſich als einen intereſſanten, ſeltenen Trinker, als ein ſchwer zu erreichendes Ideal, das ſie der Bewunderung des Publikums ausſtellen. Meine Wetten löſen ſich für ſie in reichlichen Einnahmen auf; und es entſpringt daraus natürlich um mich her eine Menge kleiner Berauſchungen nach meinem Beiſpiele. Ich mache Schule. Ich bringe in einem Keller Effect hervor; ich ſchmücke den Ort; ich bin ein Lurus! Ein Unternehmer von Bällen wollte mich zu dreißig Gulden wöchentlich an⸗ werben unter der Bedingung, daß er auf ſeinen Anſchlag⸗ zettel ſetzen dürfe: Trichter wird trinken. „Ich mußte das des Anſtands halber ausſchlagen, doch es ſchmeichelte mir im Grunde. Nein, es ſind nicht die Wirthe, die mich mit Plackereien heimſuchen. Mein grimmigſter Gläubiger iſt Mühldorf.“ „Der Schneider?“ „Er ſelbſt. Unter dem Vorwande, daß ich ihm ſeit ſieben Jahren, die er mich kleidet, noch nicht einmal die erſte Rechnung bezahlt habe, läßt mir dieſer Schändliche nicht einen Augenblick mehr Ruhe. Sechs Jahre hin⸗ durch, ſo oft er mir ſeine Note überreichte, beſtellte ich einen Rock hei ihm; doch ſeit einem Jahr hat er ſich völlig geweigert, mich zu kleiden. Nicht hiemit zufrieden, 232 verfolgt er mich auf eine freche Weiſe. Vorgeſtern, als ich an ſeiner Bude vorüberging, hatte er die Unverſchämt⸗ heit, herauszukommen, mir auf offener Straße zu ſagen, mein Rock gehöre ihm, da ich ihn noch nicht bezahlt habe, und die Geberde mit dem Wort verbindend, machte er Miene, eine ruchloſe Hand an meinen Kragen zu legen.“ „Er hätte es gewagt, in dieſem Grade die Privilegien der Univerfität zu verletzen!“ rief Samuel. „Sei unbeſorgt, ein ſtolzer Blick hat den Verwegenen in die Schranken gewieſen. Ich verzeihe ihm, denn ich begreife die Wuth dieſes ſanguiniſchen Bürgers, der durch das lange Warten außer ſich gebracht war und bei den Gerichten keine Klage führen kann, wegen der Unſverſitäts⸗ geſetze, welche den Philiſtern uns Credit zu geben ver⸗ bieten. Ueberdies ſage ich Dir, daß auf ſeine Abſicht keine Wirkung gefolgt iſt.“ „Es iſt ſchon zu viel an der Abſicht!“ rief Samuel. „Mühldorf muß nothwendig beſtraft werden.“ „Das wäre allerdings nothwendig, aber„.. „Was aber?„ Ich verurtheile ihn, Dir Quit⸗ tung zu geben und Dir dabei noch eine ſtarke Entſchädi⸗ gung auszuſetzen. Steht Dir das an?“ „Vortrefflich. Doch Du ſcherzeſt?“ „Du ſollſt ſehen. Gib mir Schreibzeug.“ Trichter kratzte ſich verlegen hinter dem Ohr. „Nun! Schreibzeug?“ wiederholte Samuel. „Hoͤre,“ erwiederte Trichter,„ich beſitze weder Tinte, noch Feder, noch Papier.“ „Läute. Das wird ſich im Hauſe finden.“ „Ich weiß nicht: es iſt eine Studentenwirthſchaft. Ich habe nie darnach gefragt.“ Trichter läutete. Ein Aufwärter kam und holte ſodann eiligſt, was man brauchte. „Warten Sie,“ ſagte Samuel zu dem Aufwärter. Er ſchrieb: — 3 „Mein lieber Herr Mühldorf, „„Ein Freund benachrichtigt Sie, daß Ihr Schuldner Trichter von ſeiner Mutter fünfhundert Gulden erhalten hat.““ „Schreibſt Du an Mühldorf?“ fragte Trichter. „An ihn ſelbſt.“ „Und was ſchreibſt Du ihm?“ „Eine Vorrede, einen Eingang in die Materie, die Erpoſitlon eines Luſtſpiels oder eines Trauerſpieis.“ „Ah!“ ſagte Trichter befriedigt, ohne zu begreifen. Samuel ſchloß den Brief, ſetzte die Adreſſe darauf und gab ihn dem Aufwärter. „Laſſen Sie das durch den erſten den beſten Geier (Straßenjunge) forttragen, ſchenken Sie ihm dieſe Münze für die Beſorgung. Er ſoll den Brief beſtellen, ohne zu ſagen, woher er kommt.“ Der Aufwärter ging ab. „Trichter,“ fuhr Samuel ſort,„Du wirſt nun auf der Stelle zu Mühldorf gehen.“ „Wozu?“ „Um Dir einen vollſtändigen Anzug zu beſtellen.“ „Er wird Geld von mir verlangen.“ „Das iſt klar, bei Gott! Doch dann ſchickſt Du ihn zum Teufel.“ „Hm! er iſt im Stande, ſich zu ärgern, wenn ich ihn in ſeinem Hauſe verhöhne.“ „Du wirſt ihn beleidigen, Du wirſt ihn in Verzweif⸗ lung bringen.“ „Aber „Ah!“ unterbrach ihn Samuel mit ſtrengem Tone, „ſeit wann erlaubt ſich mein Herzfuchs Einwendungen, wenn ſein Senior geſprochen hat? Ich führe Dich, Du haſt nicht nöthig zu ſehen: Du haſt meine Augen. Gehe zu Mühldorf, ſei ſehr frech und ſehr unverſchämt, und bitte Gott, daß der Schneider die Geberde vollende, die er neulich begonnen hatte.“ 234 „Müßte ich es dulden?“ fragte Trichter gedemüthigt. „Oh! darin haſt Du vollkommene Freiheit,“ erwie⸗ derte Samuel.„Ich überlaſſe Dich Deinem Inſtinct.“ „Gut alſo!“ rief Trichter kriegeriſch. „Nimm Deinen Stock.“ „Ich glaube wohl.“ Trichter nahm ſeinen Stock und ſtürzte hinaus. „So beginnen alle große Kriege!“ ſagte Samuel zu ſich ſelbſt.„Und immer für ein Weib! Chriſtiane wird zufrieden ſein.“ Was ſollte er gegen Prei thun!... Fünf Minuten nachher trat Trichter bei Mühlvorf ein, den Hut ſchief, ſtreitſüchtig und zum Voraus aufge⸗ bracht über den Empfang, den ihm der Schneider bereiten würde. Mühldorf empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln. „Haben Sie doch die Güte, ſich zu ſetzen, mein lieber Herr Trichter,“ ſagte er.„Ich bin entzückt, Sie zu ſehen.“ „Bah!“ verſetzte Trichter.„Wiſſen Sie, was mich hierher führt?“ „Ich vermuthe es,“ antwortete der Schneider, ſich die Hände reibend. „Ich will einen ganzen Anzug bei Ihnen beſtellen.“ „Vortrefflich. Wann wollen Sie ihn haben?“ „Sogleich,“ erwiederte Trichter im höchſten Maße erſtaunt über die Höflichkeit des Schneiders.„Beeilen ſie ſich, mir das Maß zu nehmen.“ Der Schneider gehorchte voll Eifer. Als er das S 235 Maß genommen hatte, ſagte er:„Das wird am Sonn⸗ abend fertig ſein.“ „Gut. Sie werden es mir ſchicken,“ verſetzte Trich⸗ ter. Und er machte einen Schritt, um wegzugehen. „Sie gehen?“ fragte Mühldorf. „Warum ſollte ich bleiben 2“ „Ich verlange nicht, daß Sie bleiben, aber ich hoffe, Sie werden mir etwas zurücklaſſen.“ „Was denn?“ „Etwa hundert Gulden, eine einfache Abſchlags⸗ zahlung.“ „Mein guter Mühldorf,“ erwiederte Trichter,„Sie ſind heute zu artig gegen mich geweſen, und Sie haben mir zu freundſchaftlich das Maß genommen, als daß ich Ihnen antworten könnte, wie ein ehrlicher Student auf eine gemeine Geldforderung antworten ſoll. Das Anden⸗ ken an die Kleider, die Sie mir in ſieben Jahren geliefert haben, und die Hoffnung auf das, was Sie mir am Sonn⸗ abend liefern werden, bewegen mich, Ihr Brummen nicht übel aufzunehmen, Ich verzeihe Ihnen.“ „„Verzeihen Sie und geben Sie,“ ſprach Mühldorf, die Hand ausſtreckend. Trichter drückte dem Schneider die Hand. „Einen Händedruck, wenn Sie wollen,“ ſagte er,„doch ich habe keinen Pfennig.“ Und er wandte ſich nach der Thüre. Mühldorf verſperrte ihm den Weg „Keinen Pfennig!“ rief er,„und die fünfhundert Gulden, die Ihnen Ihre Frau Mutter geſchickt hat?“ „Fünfhundert Gulden? meine Mutter?“ wiederholte Trichter.„Ah! liebenswürdige Tollheit! Mühldorf, Sie werden witzig.“ „Alſo,“ rief Mühldorf mit einem Zorn, den er noch zu bewältigen ſuchte,„alſo nicht damit zufrieden, daß Sie die alten Kleider nicht bezahlen, kommen Sie in mein 236 S verhöhnen mich dadurch, daß Sie neue be⸗ ellen!“ „Alſo,“ rief Trichter, auch ſchon ein wenig entzündet, „alſo um meiner zu ſpotien haben Sie mich mit dieſer Unterwürfigkeit empfangen und mir ſo knechtiſch das Maß genommen?“ „Somit,“ kläffte Mühldorf, der von ſeinem Tiſche den Brief von Samuel nahm und ihn Trichter wüthend unter die Naſe hielt,„ſomit iſt dieſer Brief eine Myſti⸗ ſication?“ „Demnach,“ brüllte Trichter, indem er einen zornigen Blick auf den Brief warf,„demnach, als Sie mir auf Sonnabend einen vollſtändigen Anzug verſprachen, geſchah es des Geldes wegen, von dem Sie meine Taſchen ſtrotzend glaubten, und nicht der unſchätzbaren Ehre wegen, mich kleiden zu dürfen?“ Und er ſchwang ſeinen eiſenbeſchlagenen Stock. Doch Mühldorf ſprang nach ſeinem Ellenmaß. „Es handelt ſich nicht um die Kleider, die ich Ihnen machen ſollte,“ rief der Gläubiger außer ſich,„ſondern um diejenigen, welche ich Ihnen gemacht habe, und die Sie mir bezahlen oder zurückgeben werden.“ Er ging mit emporgehobenem Ellenmaß auf Trich⸗ ter zu. Ellenmaß von Mühldorf war nicht ſobald ge⸗ gen Trichter erhoben, als der Stock von Trichter auf Mühldorf fiel. Mühldorf gab einen Schrei von ſich, wich ungeſtüm zurück, ſtieß zwei Scheiben ſeiner Auslage hinaus und kam gegen Trichter zurück, deſſen Stock wirbelte. Auf den Schrei des Schneiders liefen zwei Nachbarn, ein Wurſtmacher und ein Schuſter, herbei. Der edele Trichter ſchlug den Schuſter einäugig und erſchrak nicht über die Zahl. Doch plötzlich fühlte er in der linken Wade einen Angriff, den er nicht parirt und nicht vorhergeſehen hatte. M —— 237 Es war der Hund des Wurſtmachers, der ſeinem Herrn zu Hülſe kam. Trichter bückte ſich inſtinctartig, um zu ſehen, was es ſei. Die drei Gegner mißbrauchten dieſe Bewegung, um ſich auf ihn zu ſtürzen und ihn geradezu vor die Thüre zu werfen. Der Impuls war ſo ſtark, daß der muthige Trichter bis in die Goſſe rollte, durcheinander mit dem Hunde, der die ehrenwerthe Beharrlichkeit hatte, die Wade niche los⸗ zulaſſen. Trichter konnte vorläufig nichts Anderes thun, als im Vorüberkommen ſeinen Stock ſo drehen, daß er mit ſeiner ganzen Wucht an die Auslage ſchlug und die übri⸗ gen Scheiben zu Staub zermalmte. Doch während er fiel, erblickte er zwei Füchſe, welche am Ende der Straße gingen, und ſchrie aus Leibeskräften: „Zu Hülfe, Kameraden!“ Der Perruf. Wir wollen mit möglicher Gedrängtheit die wichti⸗ gen und raſchen Ereigniſſe, die nun folgten, erzählen. Auf den Ruf von Trichter liefen die zwei Füchſe herbei, befreiten ihren Kameraden von den Zähnen des Hundes und ſtürzten, da ſie das Abenteuer ohne Erklä⸗ rung begriffen, nach dem Hauſe des Schneiders. Es entſtand ein kräftiger Kampf, der durch den Lärmen bald andere Nachbarn und andere Studenten herbeizog. Das Gemenge ſollte allgemein werden, als die Wache kam. 238 Trichter und ſeine Freunde ſahen ſich zwiſchen den Bürgern als Kopf und der Polizei als Schwanz gefan⸗ gen. Sie mochten immerhin ruhmwürdig Wiverſtand leiſten, die Poſition war unmoglich. Man mußte nach⸗ geben. Einigen Studenten gelang es, zu entkommen, doch Trichter und die zwei anderen Füchſe wurden verhaftet. Man führte ſie unter ſtarker Bedeckung in's Ge⸗ fängniß. Zum Glück war das Gefängniß nur ein paar Schritte entfernt, denn die Studenten fingen an in Gruppen zu er⸗ ſcheinen, und man machte ſogar einige Verſuche, um die Verhafteten zu befreien. Doch, unterſtützt von den Bür⸗ gern, widerſtand die Wache, und die drei Studenten wur⸗ den eingeſperrt. Das Gerücht von dem Scharmüzel und der der Univerſität widerfahrenen Schmach verbreitete ſich bald. Nach zehn Minuten wußten es alle Studenten. In einem Augenblick waren die Hörſäle verlaſſen, und die beliebteſten Profeſſoren richteten ihre Vorleſungen an Rücken, und ſodann an leere Bänke. Zuſammenſchaarungen bildeten ſich auf den Straßen. Drei Studenten verhaftet wegen eines Streites mit einem Philiſter! die Sache war wichtig und forderte Rache. Es wurde beſchloſſen, ſich gemeinſchaftlich zu berathen, und Alle wandten ſich nach dem Gaſthaus, wo Samuel wohnte. Der Vorfall war von einer Bedeutung, daß es ſich wohl der Mühe lohnte, den König davon in Kenntniß zu ſetzen. Samuel ließ alle Welt in den ungeheuren Saal ein⸗ treten, den wir ſchon zum Fuchscommers haben dienen ſehen. Er präſidirte bei der Verſammlung, und Jeder konnte ſeine Anſicht ausſprechen. Es war eine merkwürdige Sitzung und ſo wenig par⸗ lamentariſch als möglich. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß alle Vorſchläge, welche preisgegeben wurden, heftig, exaltirt, wüthend waren. Man wurde ſtets wegen der Heftigkeit der Motion beklatſcht. — 239 Ein bemooſtes Haus forderte, daß man Feuer an die Bude von Mühldorf lege. Ein Fink wurde unter gewaltigem Geziſch ausgetrie⸗ ben, weil er geſagt hatte, man könne ſich damit begnügen, daß die Polizeileute, welche Trichter und ſeine würdige Vertheidiger verhaftet hatten, abgeſetzt werden. „Donnerwetter und Regenſchirm!“ brüllte ein Gold⸗ fuchs,„die Abſetzung ihrer Chefs müſſen wir haben, und das wäre noch nicht genug.“ Dann folgte ein Durcheinander der wüthendſten und ausſchweifendſten Motionen. Einer verlangte, man ſollte alle Schneider der Stadt wegen des Verbrechens von Mühldorf beſtrafen, alle Bett⸗ ler der Umgegend zuſammentreiben und ſie mit allem Tuch bekleiden, das ſich in den Buden fände. Ein Anderer, deſſen Rede man wollte drucken laſſen, behauptete, das wäre noch eine beſcheidene Satisfaction: es ſei bei dieſer Gelegenheit nicht nur ein Schneider, ſon⸗ dern auch ein Schuſter und ein Wurſtmacher betheiligt; ſie haben nicht nur als Schneider, Schuſter und Wurſt⸗ macher Studenten geprügelt, ſondern als Bürger, in Folge des natürlichen Haſſes der Bürger gegen die Studenten; man müſſe ſich daher nicht allein an die Schneider, die Wurſtmacher und die Schuſter halten, ſondern an die Bürger in Maſſe, und die Univerſität wäre nur durch die Plünderung der Stadt ernſtlich gerächt. Unterhalten durch den Brennſtoff, den die glühendſten Phantaſien ohne Unterlaß darein warfen, war die Discuſ⸗ ſion dem Erloſchen nicht nahe. Samuel Gelb erhob ſich. Es trat ein tiefes Stillſchweigen ein, der Präſident nahm das Wort und ſprach: „Meine Herren und theure Kameraden, „Es ſind vortreffliche Dinge geſagt worden, und die Univerſität wird nur die Wahl haben zwiſchen den ver⸗ ſchiedenen Rachemitteln, welche vorgeſchlagen und entwickelt wurden. Doch die ehrenwerthen Herren, welche vor mir „ 24⁰ geſprochen, werden mir erlauben, ihnen zu bemerken, daß es etwas Dringenderes gibt, als uns an unſern Feinden zu rächen(Hört! hört!): das iſt, unſere Freunde zu ret⸗ ten!(Beifall.) „Während wir hier berathen, find drei von den Un⸗ ſeren im Gefängniß; ſie erwarten uns; ſie wundern ſich, daß wir ihnen nicht zu Hülfe kommen; ſie haben das Recht, an uns zu zweifeln!(Bravo! das iſt wahr! das iſt wahr!) „Wiel ſeit einer halben Stunde ſind Studenten im Gefängniß, und man hat ſie noch nicht befreit!(Tiefe Senſation.) „Fangen wir bei ihnen an und endigen wir bei den Andern!(Sehr gut! ſehr gut! hört!) Oeffnen wir ihnen die Thüren, und ſie mögen die Freude haben, an der Beſtrafung ihrer Beleidiger Antheil zu nehmen!“(Aus⸗ bruch von Hurrahs.) Die Sitzung wurde unter großer Begeiſterung auf⸗ gehoben. Man gab das Looſungswort. Die Studenten bewaffneten ſich in Eile mit Pfählen, eiſernen Stangen und Balken. Alles war mit einer ſolchen Geſchwindigkeit vor ſich gegangen, daß es an Zeit gefehlt hatte, die Behoͤrden davon zu unterrichten. Das Gefängniß wurde nur vom gewöhnlichen Poſten bewacht. Als der Anführer des Po⸗ ſiens die Studenten an der Ecke der Straße ausmünden ſah, ließ er vas Thor ſchließen. Doch was vermochte ein Dutzend Menſchen gegen vierhundert Studenten? „Vorwärts!“ rief Samuel,„man darf der bewaff⸗ neten Macht nicht Zeit laſſen, herbeizukommen.“ Und er ſtellte ſich an die Spitze einer Gruppe, die eine furchtbare Bohle trug, rückte zuerſt vor und ſtieß gegen das Thor. „Feuer!“ rief der Anführer, und eine Salve flog unter die Belagernden. Nicht ein Student wich um eine Sohlenbreite zurück. daß den ret⸗ Un⸗ ich, das das iefe den nen der us⸗ uf⸗ iten gen ſich den om ſo⸗ den chte aff⸗ die tieß log ück. — 241 Einige Piſtolenſchüſſe erwiederten die Salve. Dann, ehe die Wache Zeit gehabt hatte, ihre Flinten wieder zu laden, ſtürmten zwanzig Bohlen mit furchtbarer Anſtrengung gegen das Thor. Das Thor gab nach. „Muth, Kinder!“ rief Samuel,„noch ein Schlag, und wir ſind innen. Doch wartet.“ Er ließ die Bohle los, ergriff ein Hebeiſen und drückte es unter das Thor. Zehn Studenten thaten daſſelbe, und die Thüre erhob ſich ein wenig. „Noch einen Stoß!“ rief Samuel. Der Sturm von zwanzig Balken erſcholl, und die Thüre ſpaltete ſich mit Gekrache. Eine zweite Salve hagelte auf die Studenten. Samuel war ſchon im Hofe. Ein Soldat zielte auf ihn. Er ſtürzte mit einem Pantherſprunge auf ihn zu und ſchlug ihn mit ſeinem Hebeiſen todt zu Boden. „Das Gewehr bei Fuß!“ herrſchte er der Wache zu. Doch der Befehl war unnöthig, die Studenten wa⸗ ren hinter ihm eingedrungen, und der Hof hatte ſich ſchon ſo gefüllt, daß es unmöglich geweſen wäre, den Arm zu bewegen, um zu zielen. Außer dem von Samuel getödteten Soldaten, lagen drei andere mehr oder minder durch die Piſtolenſchüſſe verwundet auf der Erde. Sieben bis acht Studenten hatten Wunden bekommen, doch zum Glück lauter unbe⸗ deutende. Man entwaffnete den Poſten und lief nach den Ker⸗ kern von Trichter und ſeinen zwei Kameraden, welche bald befreit waren. Dann warfen die Sieger Thüren und Fenſter ein. Dann beluſtigten ſie ſich, eine unnöthige Vorſicht, damit, daß ſie das Gefängniß ein wenig zerſtorten. Während ſie ſich dieſer fröhlichen Uebung hingaben, benachrichtigte man ſie, der academiſche Senat habe ſich Gott lenkt. J. 16 242 verſammelt und ſei im Begriff, das Urtheil über die Häup⸗ ter der Empörung zu ſprechen. „Ah! der academiſche Senat richtet uns?“ ſagte Samuel.„Wohl! wir werden den academiſchen Senat richten. Hollah! Ihr Füchſe,“ rief er,„wacht an den Thoren. Der Senioren⸗Convent tritt zur Berathung zu⸗ ſammen.“ Die Senioren verſammelten ſich in einem Saale des Gefängniſſes. Samuel nahm ſogleich das Wort. Es war biesmal eine kurze militäriſche Rede nach der Art von Tacitus, welche der Lärmen des Aufruhrs und das entfernte Raſ⸗ ſeln der Trommeln begleiteten und nicht eine Unterbre⸗ chung dieſer verſammelten Väter von zwanzig Jahren durchſchnitt. „Meine Freunde, wir haben keine Zeit zu verlieren, ich höre zum Ausrücken trommeln. Die Truppen werden kommen. Es iſt erſprießlich, ſogleich einen Entſchluß zu faſſen. Vernehmt meine Anſicht: „Man hat uns alle Arten von Rachewerken vorge⸗ ſchlagen, die Niederbrennung des Hauſes von Mühldorf, vie Plünderung der Stadt, u. ſ. w. Jedes von dieſen Rachewerken hat ſeinen Reiz, ich leugne das nicht. Doch das wird zu einer Schlacht mit der Miliz, zum Blut⸗ vergießen und zum Verluſte koſtbarer Freunde führen. Wäre es nicht beſſer, daſſelbe Reſultat ohne Blutvergießen zu erlangen? „Was wollen wir? Die Bürger beſtrafen. Wohl den es gibt eine Art, ſie noch ſchrecklicher zu beſtrafen, als wenn man einige Scheiben zerbricht und ein paar Bal⸗ ken verbrennt. Wir können in einer Stunde Heidelberg zu Grunde richten. Zu dieſem Behufe hrauchen wir nur Eines zu thun; zu gehen. 5 „Wovon lebt Heidelberg, wenn nicht von unſerer Anweſenheit? Wer macht die Schnelder leben? Diejeni⸗ gen, welche ihre Kleider anziehen. Wer erhält die Schu⸗ —— 243 ſterei? Diejenigen, welche die Stiefel verbrauchen. Wer nährt die Schlächterei? Dlejenigen, welche das Fleiſch eſſen. „Entziehen wir alſo den Kaufleuten ihre Kunden, den Profeſſoren ihre Schüler, und auf der Stelle gibt es we⸗ der Profeſſoren, noch Kaufleute mehr. Heidelberg iſt ohne uns der Körper ohne die Seele, es iſt der Tod. „Ah! ein Handwerksmann hat es gewagt, einem Stu⸗ denten ſeine Waare zu verweigern? Wohl! alle Studenten werden allen Handwerksleuten die Waaren laſſen, und wir werden ſehen, was ſie thun. Einer von ihnen hat einem von uns nicht liefern wollen? wohl! ſie werden Niemand mehr liefern. „Ich ſchlage eines von den auffallenden Beiſpielen vor, welche in den Annalen der Geſchichte der Burſchen⸗ ſchaft eingetragen ſind und die Regel der Studenten und die Lection der Philiſter in Zukunft werden mogen. „Ich ſchlage die Auswanderung in Maſſe der Uni⸗ verſität und den Verruf der Stadt Heidelberg vor.“ Der Auszug in Maſſe wurde durch Zuruf be⸗ ſchloſſen. Schlangenklugheit und Läwenſtärke. 6 Die Seniorn verbreiteten ſich unter der Menge und verkündigten den gefaßten Beſchluß, der überall begeiſterte Hurrahs hervorrief. 2 Es wurde beſtimmt, die Studenten ſollten den Reſt des Tages zu ihren Vorkehrungen haben, mit Niemand über das Vorhaben ſprechen, und die Stadt ruhig und in 244 der Stille in der Nacht verlaſſen, damit die Bürger un⸗ vermuthet am andern Morgen von Erſtaunen und Reue ergriffen würden. In dem Augenblick, wo Alles ſo angeordnet war, lief ein junger Fuchs athemlos herbei. Ein Verwandter von ihm, der als Schriftführer der Sitzung des academiſchen Senats beigewohnt, hatte ihm das Reſultat der Sitzung mitgetheilt. Man vernehme, was beſchloſſen worden war: Würden die Studenten Widerſtand leiſten, ſo bekam die Miliz Befehl, Feuer zu geben und ſie mit Gewalt zu Paaren zu treiben, was es auch koſten möchte. Würden ſie zur Pflicht zurückkehren, Amneſtie für Alle, Samuel ausgenommen, der einen Soldaten getödtet hatte, und den man als den Führer dieſes ganzen Tumults und als den Anſtifter von Trichter, ſeinem Leibfuchs, be⸗ trachtete. Man war nur gegen Samuel aufgebracht. Ein Mandat war gegen ihn erlaſſen, und die Miliz mußte ſchon auf dem Wege ſein, um ihn zu greifen. Ein einziger Schrei kam aus dem Munde Aller ervor. „Eher die Schlacht, als den Koͤnig ausliefern!“ „Ah!l ja wohl! laſſen wir meinen Senior anrühren, denjenigen, welcher mich befreit hat, den König der Stu⸗ denten, Samuel Gelb, nicht mehr, Canaillenſenat! ſie mö⸗ gen kommenl“ Und er ſtellte ſich vor Samuel, wie eine Dogge vor ihren Herrn, die Zähne fletſchend und knurrend. Während des Tobens hatte Samuel ein paar Worte zu einem Studenten geſagt, und dieſer war ſchleunigſt weggelaufen.. „Schlacht! Schlacht!“ ſchrie die Menge. „Nein, keine Schlacht!“ ſprach Samuel.„Die Uni⸗ verſität hat Proben von ihrer Tapferkeit abgelegt. Un⸗ ſere Kameraden ſind freiz die Ehre iſt alſo gerettet. Der 245⁵ Verruf iſt ausgeſprochen. Zum Vollzug braucht Ihr mich nicht.“ „Sollen wir Dich ſeſtnehmen laſſen?“ fragte Trich⸗ ter beſtürzt. „Oh!“ erwiederte Samuel lächelnd,„ſei unbeſorgt, ſie haben mich noch nicht! Ich werde mich wohl allein ihren Klauen zu entziehen wiſſen. Alles iſt wohl verab⸗ redet: morgen früh wird Heidelberg nicht mehr in Hei⸗ delberg, ſondern da ſein, wo ich bin. Was die für den Auszug üblichen Förmlichkeiten betrifft, ſo kennt ſie Trich⸗ ter ſo gut wie ſeinen Comment. Ich, ich will voraus⸗ gehen, um die Wohnungen auf dem Mons Aventinus in Bereitſchaft ſetzen zu laſſen. Ihr werdet die Fahne der Univerſität aufgepflanzt finden.“ „Wo?“ fragten mehrere Stimmen. „In Landeck!“ antwortete Samuel. Das Geſchrei der Menge brach wieder los. „In Landeck? Gut, in Landeck! Was iſt das, Landeck? Gleichviel! Landeck iſt noch nicht, Landeck wird für uns ſein. Hurrah für Landeck!“ „Gut!“ ſprach Samuel.„Doch trelet auf die Seite. Hier iſt mein Pferd.“ Der Student, mit welchem Samuel geſprochen hatle, ritt herbei. Er ſtieg ab, Samuel ſtieg auf. „Die Fahne 2“ fragte er. Derjenige, welcher die Unlverſitätsfahne trug, über⸗ gab ſie ihm. Samuel rollte ſie um den Schaft, hing ſie an den Sattel ſeines Pferdes, nahm zwei Paare Piſtolen und einen Säbel und ſagte: „Morgen in Landeck.“ Er gab ſeinem Pferde beide Sporen und ritt im Galopp vom Platze. Bei der Biegung der erſten Straße begegnete er einer Abtheilung Polizeileute, die er auseinander ſprengte. Ei⸗ ner von ihnen erkannte ihn ohne Zweifel, denn er hörte 246 einen Ausruf, dann pfiffen einige Kugeln an ſeinen Ohren vorüber. Samuel gab dergleichen Dinge immer zurück: er wandte ſich um und feuerte, ohne anzuhalten, zwei Piſtolen ab. Doch die Polizeiſoldaten waren zu Fuß. Mit eini⸗ gen Sprüngen befand ſich Samuel außer ihrem Bereiche; er ſchlug den Weg durch die öden Gaſſen ein und galop⸗ pirte in Kurzem auf der Landſtraße. Samuel hatte wohl daran gethan, ſich zu beeilen, denn bald nach ſeinem Abgang erſchien die bewaffnete Macht. In einem Augenblick waren die Ausgänge abgeſperrt, zwölf Polizeiagenten rückten escortirt von einem Bataillon vor, und einer von ihnen verlangte feierlich die Ausliefe⸗ rung von Samuel und verſprach unter dieſer Bedingung Amneſtie für Alle. Die Gruppen leiſteten keinen Widerſtand und be⸗ ſchränkten ſich auf die Antwort: Suchet. Die Nachforſchung begann. Sie dauerte ſeit zehn Minuten, als ein Befehl vom academiſchen Senat an⸗ kam. Einer von den von Samuel niedergeworfenen Leu⸗ ten hatte die Nachricht gebracht, er habe die Stadt ver⸗ laſſen. Der Senat nahm dieſen Abgang als eine erſte genügende Satisfactivn an und forderte nur noch Eines: die Studenten ſollten ſich in Ruhe zerſtreuen. Man ließ die Aufforderung ergehen; die Studenten zerſtreuten ſich und kehrten geräuſchlos in ihre Wirths⸗ häuſer und Wohnungen zurück. Der Senat war eben ſo entzückt, als erſtaunt über dieſe ſo raſche Beſänftigung. Der Reſt des Tages be⸗ ſtärkte ihn nur in ſeinem Erſtaunen und in ſeinem Ent⸗ zücken. Keine Herausforderung, kein Streit, keine Droh⸗ ung. Die Studenten ſchienen ihren Zorn vom Morgen ganz und gar vergeſſen zu haben. 2 Es kam die Nacht. Die Bürger legten ſich mit e⸗ n 1. 1⸗ ⸗ e 5 247 Stolz zu Bette. Um zehn Uhr, wie gewöhnlich, ſchlief die ganze Stadt glückſelig. Wer aber um Mitternacht aufgeweckt worden wäre, würde ein ſeltſames Schauſpiel geſehen haben. Fluch und Auszug. Um Mitternacht öffneten ſich die Thüren der Stu⸗ dentenhäuſer geheimnißvoll. Es kam ein Student her⸗ aus, dann zwei, dann drei, die Mehrzahl zu Fuß, An⸗ dere zu Pferde, Einige im Wagen, und Alle wandten ſich in der Dunkelheit nach dem Univerſitätsplatze. Wenn ſie eine Laterne fanden, hakten ſie dieſelbe ohne Geräuſch los. Die Menge ſing an auf dem Univerſitätsplatze ge⸗ drängt zu werden und nahm von Augenblick zu Augen⸗ blick zu. Die Schatten, die ſich hier bewegten, näherten ſich einander, drückten ſich die Hand und ſprachen leiſe. Einer von den Rührigſten war unſer Freund Trichter; er hatte im Munde eine ungeheure Pfeife und am Arm ein ſchlankes Mädchen. „O Unbeſtändigkeit, Dein Name iſt Weib! Die⸗ ſes Mädchen war Lolotte, einſt die Geliebte von Franz Ritter. Der fiegreiche Trichter hatte nicht nur Dorma⸗ gen ſeinen Fuchs, ſondern auch Ritter ſeine Geliebte ge⸗ nommen. Er hatte eine Zwiſtigkeit zwiſchen dem Eifer⸗ ſüchtigen und der Coquette mißbraucht, um an einem ſchönen Morgen die Stelle von Franz einzunehmen. Gegen zwei Uhr ging Trichter auf eine Gruppe zu und ſagte; 248 „Die Fackeln.“ Plötzlich entzündeten ſich zwanzig Fackeln. Trichter nahm eine, ſchwang ſie wüthend, wandte ſich feierlich gegen den Mittelpunkt der Stadt und ſprach dann mit ernſter Stimme folgenden Fluch von einer wahr⸗ haft antiken Lyrik aus: „Du ſeiſt verflucht Stadt! verflucht! verflucht! „Da deine Schneider ſo weit gekommen ſind, daß ſie nicht mehr die Ehre, ihr Tuch die anmuthigen Formen des Leibes der Studenten annehmen zu ſehen, begreifen; „Da es für deine Schuſter nicht mehr genügt, daß 3 unſere Fußbiege auf eine angenehme Weiſe her⸗ vorhebt; „Da die Fleiſcher für ihre Schweine eine andere Beſtimmung träumen, als die, in unſern Adern das eble ſu zu bilden, das uns mit ſo hochherzigen Ideen er⸗ füllte; „Da ſie, ſtatt uns hiefür zu bezahlen, wollen, daß wir ſie bezahlen; „So moͤgen ihre Röcke, ihre Schuhe, ihr Fleiſch ihnen bleiben! Ihr Geiz richte ſie zu Grunde! „Ihr Tuch wird das Leichentuch ihres Vermögens werden. Um die Vorräthe zu verwenden, werden ſie genöthigt ſein, ſelbſt unſer Lederwerk zu verbrauchen, und ihre Frauen werden Stiefel anziehen. Ihre nicht gegeſ⸗ ſenen werden verderben und ihnen die Peſt geben „Weinet, Philiſter, Bürger, Kaufleute aller Art! Fortan für Euch kein Geld und keine Feſte mehr. Ihr werdet nicht mehr das Vergnügen haben, uns munter, in verſchiedene Farben gekleidet, mit heiterem Auge und: Vivallera! ſingend, unter Euern Fenſtern hinziehen zu ſehen! Ihr werdet bei Nacht nicht mehr durch die Kie⸗ ſeiſteine aufgeweckt werden, mit denen wir zu unſerer Beluſtigung Euch die Scheiben einwarfen. Wir werden Eure Töchter nicht mehr küſſen. Weinet, Bürger. Ihr dte nun ⸗ ſie es aß er⸗ ere dle er⸗ in d: die⸗ rer den hr 249 beſonders, undankbare Gaſtwirthe, alle Hoffnung Eurer Börſen zerrinnt auf unſern Ferſen. Ihr werdet ausge⸗ hungert durch das Uebermaß an Lebensmitteln ſterben. Und Ihr könnt vor Durſt umkommen, wir werden Euern Wein nicht mehr trinken!“ Hier ſtieß Trichter ſeine Fackel lebhaſt gegen das Pflaſter. „Ich loͤſche das Leben von Heidelberg mit dem Lichte dieſer Fackel aus.“ Die neunzehn andern Fackelträger machten dieſelbe Geberde und wiederholten: „Ich löſche das Leben von Heidelberg mit dem Lichte dieſer Fackel aus.“ Es wurde wieder dunkel. Das Auslöſchen der Fackeln war das Zeichen zum Aufbruch. Die Menge ſetzte ſich in Marſch und beſand ſich bald auf der Staße nach Neckarſteinach. Der Sonnenaufgang beleuchtete mit einem erſtaun⸗ ten Strahl dieſen bizarren Haufen. Es war ein Gemenge von Menſchen, von Hunden, von Rappieren, von Pfeifen, von Aerten, von Welbern, von Pferden und von Wagen. Das Geſicht bleich, das Auge ermüdet, die Kleider in Unordnung, ſchleppten die Studenten ihre koſtbarſten und nothwendigſten Gegenſtände mit ſich, Kürbisflaſchen mit Branntwein, ein wenig Weißzeug und keine Bücher. Dieſer Abgang hatte zugleich etwas von der Auswan⸗ derung und dem Auszug an ſich. So geheim man auch die Flucht bewerkſtelligt hatte, ſo hatte man es doch nicht verhindern können, daß ſie von einigen Aufwärtern in den Wirthshäuſern, und von einigen frühzeitigen Gewerbsleuten bemerkt worden war. Am Schweife des Zuges fand ſich auch ſchon eine Reihe von Schubkarren und kleinen Wagen, beladen mit Brod, Fleiſch, Getränken und Mundvorräthen aller Art. Trich⸗ ter, der an der Spitze marſchirte, wandte ſich um, er⸗ 250 kannte einen Schenkwirth, unterdrückte ein Lächeln der Zufriedenheit und ſagte ſo nachläſſig, als er nur immer konnte: „Ah! einige Marketender.“ Doch einen Augenblick nachher verließ er unter ir⸗ gend einem Vorwand die Mähre, auf die er Lolotte ge⸗ ſetzt hatte, hieß alle Welt vorangehen, ſchritt gerade auf den Schenkwirth zu, ließ ſich ein großes Glas Wachholder⸗ branntwein einſchenken und kehrte dann wieder zu ſeiner Geliebten zurück. In Neckarſteinach machte man Halt, um ein wenig auszuruhen. Der Weg hatte bei den Studenten Hunger erregt und die Mundvorräthe von Heidelberg, die man in Betracht der Dringlichkeit zu verzehren ſich herbeiließ, gaben nur einen Biſſen. Die Wirthe von Neckarſteinach opferten ihr letztes Huhn und ihre letzte Flaſche. So geſtärkt zogen die Studenten weiter. Sie marſchirten noch ungefähr vier Stunden, dann kamen ſie an einen Kreuzweg. „Ah!“ ſagte Ritter,„hier theilt ſich die Straße. Müſſen wir rechts oder links gehen? ich zögere wie der Eſel von Buridan zwiſchen ſeinen zwei Mäßchen Hafer.“ In dieſem Augenblick erſcholl der Galopp eines Pferdes in der Ferne. Eine Staubwoge lief über die Straße hin und näherte ſich raſch. Eine Sekunde nach⸗ her erkannte man den Reiter: es war Samuel. „Vivat!“ rief die Bande. „Welchen Weg ſollen wir wählen?“ fragte Trichter. „Folgt mir,“ ſagte Samuel. * 251 Geheimniſſe einer Nacht und einer Beele. Was hatte Samuel ſeit dem Tage vorher, ſeit dem Abgange von Heidelberg gethan? Am vorhergehenden Abend hatte ihn ſein Pferd gegen ſieben Uhr, weniger als vierundzwanzig Stunden, nachdem er es verlaſſen, nach Landeck zurückgebracht. Er hatte ſich noch in die Hütte von Gretchen ſchlei⸗ chen können. Kaum war er fünf Minuten weggegangen, als Grei⸗ chen ihre Ziegen nach Hauſe brachte. Sie kam früher als gewoͤhnlich, und ohne zu warten, bis es völlig Nacht geworden war. Seit dem Morgen empfand ſie ein uner⸗ klärliches Mißbehagen, das ihr den Schlaf und den Appe⸗ tit raubte. Den ganzen Tag hatte ſie das Fieber gehabt, und ſie fühlte ſich zugleich gelähmt und aufgeregt. Nachdem ſie ihre Ziegen gemolken und eingpfercht hatte, kehrte ſie in ihre Hütte zurück; doch verließ ſie dieſelbe bald wieder; ſie fühlte ſich nirgends wohl. Die Hitze dieſer Julinacht drohte erdrückend zu wer⸗ den. Nicht ein Hauch! Die Grille ſchrie in den Spal⸗ ten der vertrockneten Erde. Durch einen ſeltſamen Wi⸗ derſpruch hatte Gretchen Durſt wie dieſer dürre Boden, und ſie hatte doch keine Luſt, zu trinken, ſie war ſchläf⸗ rig wie dieſe ſchwerfällige Atmoſphäre, und ſie hatte doch nicht Luſt, zu ſchlafen. Man fühlte in allen Dingen eine Art von geheim⸗ nißvoller, verborgener Wolluſt ſchwimmen. Die Mondſtrah⸗ len küßten die Blumen. Das Girren und Schauern ent⸗ ſchlummerte verliebt in den Neſtern. Ein bitterer Duft ſtieg aus den Kräutern auf. Der laue Himmel breitete ſich im durchſichtigen Schatten aus. 252 Gretchen wollte hineiggehen und blieb dennoch auf dem Raſen ſitzen; ihre Hände falteten ſich auf ihrem Schooß, ſie ſch ute, ohne zu ſehen, hatte die Augen nach den Sternen gerichtet, den Geiſt nirgends. Sie litt in ihrem ganzen Weſen, ohne zu wiſſen, warum. Sie hatte Luſt, zu weinen. Es ſchien ihr, als müßte ſie das er⸗ leichtern, und ſie ſtrengte ſich an, dazu zu gelangen, wie die brennende Erde um einen Thautropfen flehte. Nach einer unermeßlichen Anſtrengung fühlte ſie envlich eine. Thräne in ihrem trockenen Auge keimen. Was ſie am meiſten in Erſtaunen ſetzte, war, daß ſie aus ihrem Geiſte einen Gedanken nicht reißen konnte, der ſeit zwanzig Stunden wider ihren Willen darin wohnte; den Gedanken an Gottlob, den jungen Bauer, der ſie im vorhergehenden Jahre hatte heirathen wollen. Warum dachte ſie an dieſen jungen Mann? Warum dachte ſie mit Kummer und Vergnügen an ihn, ſie, der er ſtets gleichgültig geweſen war? Es war noch kein Monat, daß ſie Gottlob, als er ihr begegnete, ſchüchtern gefragt hatte, ob ſich ihre Ge⸗ ſinnung noch nicht geändert, und ob ſie immer noch nur die Einſamkeit liebe. Sie hatte ihm geantwortet, ihre Freiheit ſei ihrer theurer als je. Gottlob hatte ihr geſagt, ſeine Eltern wollen ihn zwingen, Roſe, ein Mädchen aus der Gegend, zu hei⸗ rathen. Gretchen hatte nicht die geringſte Bewegung der Eiferſucht gefühlt. Sie hatte Gottlob aufgefordert, dem Wunſche ſeiner Eltern zu entſprechen, und weit entfernt, in ihrem Herzen oder in ihrer Eitelkeit gereizt zu ſein, hatte es ihr eine wahre Freude gemacht, zu wiſſen, dieſer brave junge Mann könnte ſich mit einer Andern tröſten und mit ihr glücklich ſein. Seit dieſem Zuſammentreffen hatte ſie zuweilen wie⸗ der an die Heirath von Gottlob gedacht, doch immer mit demſelben Gefühle des Vergnügens. Warum dachte ſie alſo heute mit einer Art von Bitterkeit und Bedauern ——— — it E. er te n 253 daran? Warum ſtellte ſie ſih nicht ohne eine unſägliche Unruhe dieſen Mann in den Armen einer Andern vor? Warum kehrte das Bild von Gottlob, W geblich zurück⸗ geſtoßen, unabläſſig wieder, um ſie zu quälen, wie die halsſtarrigen Mücken, die ſie mit der Hand verjagte? Warum hatte ſie an dieſem Tag ihre Ziegen, ſtatt dieſelben ihrer Gewohnheit gemäß nach den Felſen oder in die Tiefen des Waldes zu führen, gerade im Gegen⸗ theil den Saum von dieſem und die Seiten der Ebenen geſucht? Gottlob beſaß hier Feldſtücke. Warum war ſie den ganzen Tag in dieſer Gegend geblieben, und war⸗ um hatte ſie, da Gottlob nicht gekommen, in ihrem Ge⸗ müthe etwas wie eine unbeſtimmte Traurigkeit gehabt? Sie hatte ſich entſchloſſen, nach Hauſe zu kehren, ohne nur das Ende des Tags abzuwarten. Plötzlich hatte ſie gebebt: ſie hörte hinter ſich die Stimme von Gott⸗ lob. Sie hatte ſich umgedreht und im Hohlwege den von den Feldern zurückkommenden jungen Mann erblickt. Doch er war nicht allein, der Vater von Roſe und Roſe ſelbſt waren bei ihm. Er gab den Arm ſeiner Braut und ſprach heiter mit ihr. Gretchen hatte ſich hinter den Bäumen ver⸗ borgen und war nicht geſehen worden. Warum hatte ſich ihr Herz zuſammengeſchnürt? War⸗ um hatte ſie auf Roſe einen Blick voll Eiferſucht geworfen? Warum hatte ſie zum erſten Mal in ihrem Leben die glühenden Geheimniſſe der Hochzeitnächte vor ihren Augen vorüberziehen ſehen? Warum verfolgten ſie die Helterkeit von Gottlob und der Stolz von Roſe bis auf die Schwelle ihrer Hütte? Warum betrübte ſie das, was ſie ge⸗ wünſcht hatte? Warum hatte ihr, welche nie einen ſchlimmen Gedanken gehabt, das Glück Anderer die ſo tiefe Thräne aus dem Herzen gepreßt? Lauter Fragen, auf die ſie nichts antworten konnte. Sie wollte dieſe Gedanken abſchülteln und ſtand auf. Das Fieber brannte ihre Augen und ihre Lippen. 254 g habe entſchieden Durſt und Schlaf,“ ſagte ſie Sie in ihre Hütte zurück, ſchlug Feuer und zündete ihre thönerne Lampe an. 5 Dann oͤffnete ſie ihren Speiſeſchrank und nahm Brod eraus. Doch ſie aß nur einen Mund voll. Sie hatte kei⸗ nen Hunger, und dann ſchien ihr das Brod einen ſeltſa⸗ men Geſchmack zu haben, den fie ſchon am vorhergehen⸗ den Tage bemerkt hatte. Sie hatte geronnene Milch in einer Ecke des Brod⸗ kaſtens aufbewahrt. Sie nahm den Topf und trank gie⸗ rig davon. Plötzlich unterbrach ſie fich. Sie fand in der Milch einen ſeltſamen Geſchmack. Doch ſie hatte ſo ſehr Durſt, daß ſie nicht inne hielt. „Bah!“ ſagte ſie,„ich bin toll.“ Und ſie trank bis auf den letzten Tropfen. Sie fühlte ſich ein wenig erfriſcht und legte ſich ganz angekleidet auf ihr Bett von Farnkraut. Doch ſie konnte nicht ſchlafen. Bald war ſie un⸗ ruhiger als zuvor. Weit entfernt, ihren Durſt zu ſtillen, ſchien die Milch, die ſie getrunken, denſelben nur noch mehr erregt zu haben. Sie erſtickte in dieſer engen Stube, ſie hatte Feuer in den Augen, Feuer im Kopfe. Sie konnte es hier nicht mehr aushalten und ſtand auf, um hinauszugehen. Als ſie die Thüre erreichte, glitſchte ihr Fuß über Etwas. Sie ſchaute auf den Boden und erblickte einen glänzenden Gegenſtand. Sie bückte ſich und hob eine ganz kleine Phiole von einem Metall auf, das weder Gold, noch Silber und ihr gar nicht bekannt war. Wer hatte dieſe Phiole hier gelaſſen? Greichen ſeiee ſie wegging, ihre Thüre geſchloſſen, deſſen war e ſicher Die Phiole war leer; zu fi aber der Geruch von dem, — S— —— S 255 was ſie enthalten, blieb noch darin. Greichen erkannte den Geruch, den ſie an ihrem Brod und an ihrer Milch zu erkennen geglaubt hatte. Sie fuhr mit ihrer Hand über ihre Haare und ſagte ganz verwirrt zu ſich ſelbſt: „Ich bin entſchieden toll. Herr Schreiber hatte da⸗ nl Die Einſamkeit iſt nicht gut. Oh! mein ott!“ Sie zwang ſich zum Nachdenken und zur Erinnerung. Sie ſchaute umher und glaubte ſich zu entſinnen, daß die paar Geräthſchaften am Morgen nicht ſo geordnet gewe⸗ ſen waren. War denn Jemand hierher gekommen? Sie ging hinaus. Seit zwei Stunden war es völ⸗ iichi geworden, und die Luft mußte ſich allmälig ab⸗ ühlen. Und dennoch kam ihr die Luft noch heiß vor. Es ſchien ihr, als athmete ſie Feuer. Sie ſtreckte ſich auf dem Graſe aus. Doch das Gras dünkte ihr glühend zu ſein. Sie ſtreckte ſich auf dem Felſen aus. Doch der Stein war nicht minder brennend als die Erde; wie ein Ofen, der heiß bleibt, nachdem das Holz verzehrt iſt, hatte der Granit den Eindruck der Sonne bewahrt. Was hatte ſie denn getrunken? Was für eine n denn das? wer hatte denn dieſe Phiole ge⸗ racht Plötzlich bebte ſie vom Scheitel bis zu den Zehen: der Gedanke an Samuel, bis jetzt durch den Gedanken an Gottlob fern gehalten, hatte ihren Geiſt durchzuckt. Samuel! Oh! ja! er mußte es ſein. Sogleich er⸗ faßten ſie wieder alle abergläubiſche Schrecken. Samuel war ſicherlich der Dämon. Ja, ſo iſt es, er hatte ſie bedroht, er hielt ſein Wort, er hatte ſich ihrer bemächtigt, er beſaß ſie, er würde kommen und ſie nehmen. Der Teufel iſt nicht in Verlegenheit, um in die Häuſer ohne * 256 Schlüſſel einzudringen; es gibt keine Schlöſſer gegen ihn⸗ Gretchen fühlte ſich verloren. Und, o holliſches Geheimniß! ſo ſehr ſie erſchrocken war und verzweifelte, war ſie doch beinahe entzückt. Sie hatte eine bittere Freude bei dem Gedanken, der Dämon beſitze ſie. Sie war feſt überzeugt, Samuel würde kom⸗ men, und ſie erwartete ihn mit eben ſo viel Ungeduld, als Entſetzen. Eine Hälfte von ihr ſagte: Nun bin ich ge⸗ fangen; und die andere Hälfte ſagte; Deſto beſſer! Eine entſetzliche Trunkenheit machte ihre Eiubildungskraft ſchwan⸗ ken. Der Schwindel der Hölle fing an ſie zu packen. Sie hatte Eile, ſich in die Verdammniß zu ſtürzen. In einem Augenblick kehrte der Gedanke an Gottlob wieder zurück. Doch ſie ſah ihn nicht mehr wie kurz zuvor. Statt ſie träumen zu machen, war er ihr zuwider. Was wollte er von ihr, dieſer Bauer, mit ſeinen plumpen, rauhen Händen, mit den gemeinen Manieren, ſchwerfälli⸗ ger als ſeine Ochſen? Sie, eiferſüchtig auf Roſe? Ah! ja wohl! Der Mann, der Geliebte, den ſie wollte, wäre nicht ein Burſche mit Händen für den Pflug gemacht, es wäre ein junger Mann mit hoher Stirne, mit zarten Händen, mit tiefem, durchdringendem Auge, ein gelehrter junger Mann, vertraut mit den Pflanzen, die Mittel, die man für verwundete Hirſche und für verwundete Seelen braucht, wohl kennend, ein Mann, der zu heilen und zu tödten wüßte. Das Geräuſch eines Trittes auf dem Sande machte, daß ſie ſich raſch erhob. Sie riß die Augen weit auf. Es war Samuel. ſſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 —