Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von S Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 5 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu forgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Tauſend und ein Geſpenſt — von Alexandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Poller. Neuntes bis dreizehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckhſſchen Buchhandlung. 1850. 8 S„ 0e S S S——— S S S Vas Haus der Rue de Paugirard. Geht man von der Rue du Cherche⸗Mibi nach der Rue Notre⸗Dames⸗des⸗Champs, ſo findet man links einem Brunnen gegenüber, der die Ecke der Rue du Regard und der Rue de Vaugirard bildet, ein kleines Haus, das in den Munieipalregiſtern der Stadt Paris unter der Nummer 84 eingetragen iſt. Und nun, ehe wir weiter gehen, ein Geſtändniß, das ich zu machen zögerte. Dieſes Haus, wo mich die offenſte Gaſtfreundſchaft beinahe bei meiner Ankunft aus der Provinz empfangen hat; dieſes Haus, das drei Jahre lang brüderlich für mich war; dieſes Haus, an dem ich bei jedem Unglück und bei jedem Glück meines Lebens damals mit geſchloſſenen Augen angeklopft hätte, da ich ſicher wußte, es würde ſich meinen Thränen oder meiner Freude öffnen,.. dieſes Haus, um ſeine to⸗ pographiſche Lage meinen Leſern genau anzugeben, bin ich ſo eben ſelbſt einem Plane der Stadt Paris zu ent⸗ nehmen genöthigt geweſen. Mein Gott! wer hätte mir das vor zwanzig Jah⸗ ren geſagt? Seit zwanzig Jahren haben auch ſo viele Ereig⸗ niſſe, wie eine immer ſteigende Fluth, den Menſchen unſerer Generation die Erinnerungen aus ihrer Ju⸗ gend geraubt, ſo daß man ſich nicht mehr 3 dem Ge⸗ TLauſend und ein Geſpenſt. M. 2 dächtniß erinnern muß, das Gedaͤchtniß hat ſeine Däm⸗ merung, in der ſich entfernte Erinnerungen verlieren, ſondern mit dem Herzen. Wenn ich mein Gedächtniß beiſeit laſſe, um mich in mein Herz zu flüchten, ſo finde ich darin, wie in einer heiligen Stiftshütte, die innigſten, traute⸗ ſten Erinnerungen, welche eine um die andere meinem Leben entſchlüpft find, wie Tropfen um Tropfen das Waſſer durch die Ritzen eines Gefäßes ſiekert; in dem Herzen iſt keine immer finſterer werdende Abenddämme⸗ rung, ſondern eine immer glänzender ſich geſtaltende Morgendämmerung; das Gedächtniß geht der Dunkel⸗ heit, das heißt der Vernichtung, das Herz dem Lichte, das heißt Gott zu. Kurz es iſt da, dieſes kleine Haus, umſchloſſen von einer grauen Mauer, hinter der es ſich halb verbirgt, dem Verkaufe ausgeſetzt, wie man mir ſagt, und leider nahe daran, den gaſtfreundlichen Händen zu entgehen, die mir die Thüren derſelben geöffnet haben. Laſſen Sie mich Ihnen ſagen, wie ich hinein ge⸗ kommen bin; das führt Sie, ich weiß es wohl, auf einem Umweg zu der Geſchichte, die ich Ihnen erzähle; doch gleichviel, folgen Sie mir, wir werden unter We⸗ ges plaudern, und ich werde darnach trachten, daß Ih⸗ nen die Straße minder lang vorkommt, als ſie es in Wirklichkeit iſt. Es war, glaube ich, gegen das Ende des Jahres 4826. Sie ſehen, ich bezeichnete Ihnen nur zwanzig Jahre, und nun ſind es zwei und zwanzig. Ich war drei und zwanzig geworden. Bei Erwähnung des armen James Rouſſeau, ſagte ich Ihnen von meinen literariſchen Träumen. Im Jahre 1826 waren ſie ſchon ehrgeiziger geworden. Es war nicht mehr: Die Jagd und die Liebe, was ich unter Mitarbeitung von Adolph von Leuven machte; es war nicht mehr die Heirath und das Be⸗ gräbniß, was ich mit Vulpian und Laſſagne com⸗ 2 3 ponirte, es war Chriſtine, die ich allein träumte. Ein ſchöner Traum! ein ganz glänzender Traum, der mir, in meinen jugendlichen Hoffnungen, den Garten der Hesperiden öffnen ſollte, einen Garten mit goldenen Früchten, deſſen Drache die Kritik iſt. Mittlerweile hatte man mir, dem armen Hereu⸗ les, der ich war, eine Welt auf die Schultern gelegt. Eine abſcheuliche Göttin, dieſe Noth, die nicht einmal, indem ſie mich erdrückte, wie Alles den Vorwand hatte, ſie wolle einen Augenblick ausruhen. Nein, die Noth erdrückte mich, mich und ſo viele Andere, wie ich einen Ameiſenhaufen erdrücke. Warum? wer weiß es? Weil ich mich unter ihrem Fuße fand, weil ſie, deren Augen verbunden, die kalte Göttin mit den eiſernen Ketten mich nicht ſah. Die Welt, die ſie mir auf die Schultern geladen hatte, war mein Bureau. Ich verdiente 125 Fr. monatlich, und für 125 Fr. monatlich mußte ich thun: Ich kam um zehn Uhr auf mein Bureau und ver⸗ ließ es um fünf Uhr; doch im Sommer kam ich am Abend um ſieben Uhr noch einmal und verließ es um zehn Uhr. Warum dieſes Uebermaß von Geſchäften im Som⸗ mer, wo es ſo gut war, die reine Landluft oder die berauſchende Atmoſphäre der Theater einzuathmen? Ich will es Ihnen ſagen. Es war das Porte⸗ feuille des Herzogs von Orteans zu machen. Dieſer Adjutant von Dumouriez bei Jemappes und Valmy, dieſer Geächtete von 1792, dieſer Profeſſor am Collegium zu Reichenau, dieſer Reiſende vom Cap Horn, dieſer Bürger von Amerika, dieſer Prinz der Freund der Foy, der Manuel, der Laffitte und der Lafayette, die⸗ ſer König von 1830, dieſer Geächtete von 1848, hieß zu jener Zeit noch„der Herzog von Orleans.“ Das war die glückliche Epoche ſeines Lebens; wie 4 ich meinen Traum hatte, ſo hatte er den ſeinigen; ſein Traum war der Thron. Mein Gott, erbarme Dich des Königs! Mein Gott, mache Frieden mit dem Greiſe! Mein Gott, gib dem Gatten und dem Vater Alles, was ihm an väter⸗ lichem und ehelichem Glück in dem unendlichen Schatze Deiner Güte bleiben kann! Ach! in Dreur habe ich dieſen gekrönten Vater ſehr bitter auf dem Grabe des Sohnes weinen ſehen, der eine Krone tragen ſollte. Nicht wahr, Sire, der Verluſt Ihrer Rrone„hat ſie nicht ſo viele Thränen gekoſtet, als der Tod Ihres Kindes? Kommen wir auf den Herzog von Orleans und ſein Portefeuille zurück. Dieſes Portefenille beſtand aus dem Courrier des Tages und den Zeitungen vom Abend, was man nach Neuilly ſchicken mußte. War das Portefeuille durch einen reitenden Voten abgeſchickt, ſo mußte man auf die Antwort warten. Der zuletzt ins Bureau gekommen, war immer mit dieſem Geſchäfte beauftragt, und da ich der letzte war, ſo hatte ich es als meinen Theil erhalten. Mein Kamerad Erneſt Banet war mit dem Porte⸗ feuille vom Morgen beauftragt. Wir machten abwechſelnd das Portefeuille vom Sonntag. Eines Abends, als ich zwiſchen dem abgeſandten Portefeuille und dem, welches zurückkommen ſollte, ein paar Worte von Chriſtine kritzelte, öffnete ſich die Thüre meines Bureau; ein feiner Kopf mit blondem, gelocktem Haare drang durch die Oeffnung, und eine Stimme mit leicht ſpöttiſchem Ausdruck ließ mich in ein wenig kreiſchenden Noten die drei einſilbigen Worte hören: „Biſt Du da?“ „Ja,“ antwortete ich lebhaft;„herein!“ * 5 Ich hatte Cordellier Delanoue erkannt, der, wie ich, der Sohn eines alten Generals der Republik, wie ich Dichter. Warum iſt es ihm bei der Laufbahn, die wir mit einander gemacht, nicht beſſer geglückt, als mir? Ich weiß es nicht; er hat ſicherlich ſo viel Geiſt als ich, und er macht unſtreitig beſſere Verſe als ich. Laune des Zufalls; Alles iſt Glück und Unglück auf dieſer Welt; erſt im Augenblick unſeres Todes wer⸗ den wir erfahren, wer von uns Beiden das Glück oder das Unglück gehabt hat. Der Beſuch von Cordellier Delanoue war eine große Freude für mich. Wie alle Leute, die ich geliebt habe, liebte ich ihn damals, liebe ich ihn noch heute; nur liebe ich ihn mehr, und ich bin ſicher, daß es auf ſeiner Seite eben ſo iſt. Er kam, um mich zu fragen, ob ich nach dem Athenée gehen wollte, um irgend eine Diſſertation über irgend einen Gegenſtand zu hören. Der Diſſertator war Herr von Villenave. Ich kannte Herrn von Villenave nur dem Namen nach; ich wußte, daß er eine ſehr geſchätzte Ueberſetzung von Ovid gemacht hatte, daß er einſt Secretär von Herrn von Malesherbes und Hofmeiſter der Kinder des Marquis von Chauvelin geweſen war. Das Schauſpiel und die Zerſtreuung waren damals ſeltene Dinge für mich. Alle Theater und Salonthüren, die ſich ſeitdem für den Verfaſſer von Heinrich III. und Chriſtine geöffnet haben, waren noch für den mit dem Abendportefeuille des Herzogs von Orleans beauftragten Commis mit fünfzehnhundert Franken ge⸗ ſchloſſen. Ich nahm den Vorſchlag von Delanoue an, bat ihn jedoch, mit mir die Rückkehr des Courriers ab⸗ zuwarten. Mittlerweile las er mir eine Ode vor, die er ge⸗ macht hatte. Das war eine Vorbereitung auf die Sitzung des Athenée. 6 Der Courrier kam zurück, ich war frei, und wir begaben uns nach der Rue de Valvis. Es wäre mir nicht möglich, Ihnen zu ſagen, an welchem Orte der Rue de Valois das Athenée ſeine Sitzungen hatte; dieſe war, glaube ich, die einzige, die ich beſuchte. Ich habe ſolche Verſammlungen, wo ein Einziger ſpricht und alle Welt zuhört, nie geliebt. Die Sache, von der geſprochen wird, muß ſehr intereſſant oder ſehr unbekannt ſein; der Sprechende muß ſehr beredt oder ſehr pittoresk ſein, daß ich einen Reiz bei einer ſolchen Rede ohne Controverſe finde, wobei der Widerſpruch eine Unſchicklichkeit, die Kritik eine Unhöf⸗ lichkeit iſt. Ich habe nie bis zum Ende einen Redner, der ſpricht, oder einen Prediger, der predigt, anhören kön⸗ nen. Es gibt immer eine Ecke in ſeiner Rede, an der ich mich anhänge und die mich einen Halt in meinem Geiſte machen läßt, während er ſeines Weges geht. Bin ich einmal ſtehen geblieben, ſo betrachte ich ganz natürlich die Sache aus meinem Geſichtspunkte, ſo daß ich meine Rede oder meine Predigt ganz leiſe mache, während er ſie ganz laut macht. Beide am Ziele an⸗ gelangt, ſind wir, obſchon von demſelben Punkte aus⸗ gegangen, hundert Meilen von einander entfernt. Daſſelbe iſt bei den Theaterſtücken der Fall; wohne ich nicht der erſten Vorſtellung eines für Arnal, für Graſſot oder für Ravel gemachten Stückes, das heißt eines Werkes bei, das völlig aus meinen Gewohnheiten heraustritt und das zu verfaſſen ich mich ganz naiv unfähig bekennen muß, ſo bin ich der ſchlechteſte Zu⸗ ſchauer, den es in der Welt geben kann. Iſt das Stück ein Werk der Phantaſie, ſo ſind die Perſonen, kaum auseinandergeſetzt, nicht mehr die des Autors, ſondern die meinigen. Im erſten Act nehme ich ſie und eigne mir dieſelben an. Statt des Unbekannten, was ich in den vier anderen Acten kennen lernen ſoll, führe ich ſie in vier weitere Acten von meiner Compoſition ein; ich S 6 mache Gebrauch von ihrem Character, ich benütze ihre Originalität. Dauert der Zwiſchenact nur zehn Minu⸗ ten, ſo iſt dies mehr als ich brauche, um das Karten⸗ haus aufzubauen, in das ich ſie fortführe, und es iſt mit meinem Schloß von dramatiſchen Karten, wie mit der Rede oder der Predigt, von der ich vorhin ſprach. Mein Kartenhaus iſt beinahe nie das des Verfaſſers, ſo daß, wie ich aus meinem Traume eine Wirklichkeit gemacht habe, die Wirklichkeit mir als ein Traum er⸗ ſcheint; ein Traum, den ich zu bekämpfen ganz bereit bin, indem ich ſage:„Es iſt nicht ſo, Herr Arthurz es iſt nicht ſo, Fräulein Honorine. Sie gehen zu ge⸗ ſchwinde oder ſie gehen zu langſam; Sie wenden ſich rechts, ſtatt ſich links zu wenden; Sie ſagen ja, wäh⸗ rend ſie nein ſagen ſollten. Oh! oh! ohl das iſt un⸗ erträglich.“ Bei den hiſtoriſchen Stücken iſt es noch viel ſchlim⸗ mer. Ich bringe natürlich mein Stück ganz auf den Titel gemacht mit, und da es in meinen Fehlern ge⸗ macht iſt, das heißt mit einem Ueberluß an Details, mit abſoluter Characterſtrenge, mit doppelter, dreifacher, vierfacher Intrigue, ſo gleicht mein Stück ſelten auch nur entfernt dem, welches man darſtellt. So daß, was für die Andern ein Vergnügen iſt, für mich ganzkein⸗ fach zur Marter wird. Meine Collegen ſind nun gewarnt: laden ſie mich zu ihren erſten Vorſtellungen ein, ſo wiſſen ſie, unter wel⸗ cher Bedingung ich komme. Ich that an dieſem Abend bei Herrn von Villenave was ich bei Jedermann thue; da ich jedoch bei drei Vierteln ſeiner Rede kam, ſo fing ich damit an, daß ich ihn anſchaute, ſtatt ihm zuzuhören. Es war damals ein großer Greis von vier und ſechzig bis fünf und ſechzig Jahren, mit ſchönen ſilber⸗ grauen Haaren, bleicher Geſichtsfarbe und lebhaften ſchwarzen Augen; es lag in ſeinem Anzug, wenn ich ſo ſagen darf, jene zerſtreute Sorgfalt der Männer der 8 Arbeit, die ſich ein⸗ oder zweimal in der Woche, nicht mehr, ankleiden und während der übrigen Zeit in einer alten langen Hoſe, einem alten Schlafrock und alten Schlappen im Staube ihres Cabinets blei⸗ ben. Dieſe Pilette an Galatagen mit dem klein ge⸗ fältelten Hemde mit dem Jabot, mit der mittelſt eines Bügeleiſens zuſammengefalteten weißen Halshinde, iſt die Frau oder die Tochter, oder die Haushälterin zuzu⸗ rüſten heauftragt. Hievon rührt die Proteſtation her, welche dieſer gut ausgeklopfte, gut gebürſtete Anzug ge⸗ gen den Anzug von allen Tagen, von allen Stunden ausſpricht, der einen wahren Abſcheu vor dem Meer⸗ rohr und der Queckenbürſte hat. Herr von Villenave hatte einen blauen Frack mit vergoldeten Knöpfen, ſchwarze Beinkleider, eine gelbe Weſte und eine weiße Halsbinde. Der Geiſt iſt eine ſeltſame Mechanik, ein intellec⸗ tuelles Räderwerk, das wider unſeren Willen geht oder ſtille ſteht, weil die Hand Gottes es iſt, die daſſelbe auf⸗ zieht, eine Pendeluhr, welche nach ihrem Willen die Stunden der Vergangenheit und die der Zukunft ſchlägt. Woran war mein Geiſt haften geblieben, als ich Herrn von Villenave ſah? etwa, wie ich vorhin ſagte, an einer Ecke ſeiner Rede? Nein, an einer Ecke ſeines Lebens. Ich hatte einſt, wo? das wußte ich nicht mehr, eine Brochure von Herrn von Villenave geleſen, welche im Jahre 1794 unter dem Titel: Bericht über die Reiſe von 132 Nanteſen erſchienen war. An dieſer Epiſode des Lebens von Herrn Villenave hatte ſich mein Geiſt angehakt, als ich zum erſten Mal Herrn von Villenave ſah. Herr von Villenave hatte in der That im Jahr 1793, das heißt, zu gleicher Zeit mit Jean Baptiſte Carrier, blutigen Angedenkens, in Nantes gewohnt. Dort hatte er den Proconſul, der die Gerichte zu lang und die Guillotine zu langſam fand, die Prozeſſe, 9 welche übrigens unnütz, da ſie den Schuldigen nie rette⸗ ten, unterdrücken und die Schiffe mit Klappe an die Stelle der Guillotine ſetzen ſehen; er war vielleicht auf dem Kai der Loire, als am 15. September 1793 Car⸗ rier als erſten Verſuch ſeiner republicaniſchen Noyaden(Erſäufungen) und verticalen Depor⸗ tationen(dies waren die Namen, die er der von ihm erfundenen neuen Art von Hinrichtung gab) vier und neunzig Prieſter unter dem Vorwand, ſie nach Belle⸗ Jele zu führen, einſchiffte; er war vielleicht am ufer der Loire, als der erſchrockene Fluß auf das Land die vier und neunzig Leichname zurückwarf; er empörte ſich damals vielleicht bei dieſem Schauſpiel, das nach eini⸗ ger Zeit, indem es ſich jede Nacht wiederholte, das Waſſer des Fluſſes dergeſtalt verdorben hatte, daß man es zu trinken verbot; noch unkluger vielleicht, half er eines von dieſen erſten Opfern, denen noch ſo viele Oyfer folgen ſollten, zur Erde beſtatten; doch es ge⸗ ſchah, daß eines Morgens Herr von Villenave ver⸗ haftet, ins Gefängniß geworfen und wie ſeine Gefähr⸗ ten dazu beſtimmt wurde, ſeinen Theil zum Verderben des Fluſſes beizutragen, als ſich Carrier eines Andern beſann; er hatte hundert und zwei und dreißig Gefan⸗ gene, lauter Verurtheilte, ausgewählt und nach Paris erpedirt, als eine Huldigung der Provinz⸗Schaffote der Guillotine der Hauptſtadt dargebracht; als ſie ab⸗ gegangen waren, hatte ſich Carrier abermals eines An⸗ dern beſonnen: die Huldigung war ihm ohne Zweifel nicht genügend vorgekommen, und er hatte den Befehl an Boufſard, der die Escorte commandirte, abgeſchickt, ſeine hundert und zwei und dreißig Gefangenen bei der Ankunft in Angers zu erſchießen. Bouſſard war ein braver Mann, der dies nicht that und ſeinen Marſch fortſetzte. Als Carrier dies erfuhr, ſchickte er an das Con⸗ ventsmitglied Hentz, der damals Proconſul in Angers war, den Befehl, Bouſſard, wenn er ankäme, zu ver⸗ 10 haften und die hundert und zwei und dreißig Nanteſen ins Waſſer zu werfen. Hentz ließ Bouſſard verhaften; als es ſich aber darum handelte, die hundert und zwei und dreißig zu erſäufen, da ſchmolz das Erz von ſeinem revolutionären Herz, das ohne Zweifel nicht dreifach war, und er be⸗ fahl den Opfern, ihren Marſch nach Paris fortzuſetzen. Worüber Carrier verächtlich den Kopf ſchüttelnd äußerte:„Ein kleiner Erſäufer, dieſer Hentz, ein kleiner Erſäufer.“ Die Gefangenen ſetzten alſo ihren Marſch fort. Von hundert und zwei und dreißig ſtarben ſechs und dreißig, ehe ſie in Paris ankamen, und die ſechs und neunzig, welche die Hauptſtadt erreichten, trafen zu ihrem Glück gerade zur rechten Zeit ein, um als Zeugen im Prozeſſe von Carrier Ausſagen zu machen, ſtatt als Angeklagte in ihrem eigenen Prozeſſe zu antworten. Es war nämlich der neunte Thermidor gekommen, der Tag der Repreſſalien hatte ſich erhoben, die Reihe, gerichtet zu werden, war für die Richter gekommen und der Convent hatte, nach einem Monat des Zögerns, den großen Erſäufer in Anklageſtand verſetzt. Folge hievon war, daß ich bei der Erinnerung an dieſe Brochure, welche Herr von Villenave vor vier und dreißig Jahren im Gefängniß geſchrieben hatte, die Kette der Vergangenheit wieder hinaufgeſtiegen, und daß das, was ich ſah, was ich hörte, nicht mehr eine lite⸗ rariſche Rede geſprochen von einem Profefſor des Athenée war, ſondern eine furchtbare, heftige, tödtliche Anklage des Schwachen gegen den Starken, des Angeſchuldigten gegen den Richter, des Opfers gegen den Henker Und ſo groß iſt die Macht der Einbildungskraft, daß Saal, Zuſchauer, Tribune, kurz Alles ſich verän⸗ dert hatte; daß aus dem Saal des Athenée der Saal des Conventes geworden war; vaß ſich die friedlichen Zuhörer in zornmüthige Rächer verwandelt hatten, und daß der beredte Profeſſor, ſtatt honigſüßer Perioden, 1 * S— — be en er zu n e⸗ n. d S 8 8 — 11 eine öffentliche Anklage donnerte, den Tod verlangte und ſich darüber beklagte, daß Carrier nur eine einzige Eriſtenz habe, welche ungenügend, um die fünfzehn tau⸗ ſend Exiſtenzen zu bezahlen, die er zerſchnitten. Und ich ſah Carrier mit ſeinem düſtern, Blitze ſchleudernden Blick die Anklage niederſchmettern, und ich hörte ihn mit ſeiner ſcharfen Stimme ſeinen ehe⸗ maligen Collegen zurufen: „Warum tadelt Ihr mich heute über das, was Ihr mir geſtern zu thun befahlet? Indem er mich anklagt, klagt der Convent ſich ſelbſt an; meine Ver⸗ urtheilung iſt die Verurtheilung von Euch Allen; be⸗ denkt das wohl; Ihr Alle werdet in die Aechtung ge⸗ hüllt ſein, die mich trifft. Bin ich ſchuldig, ſo iſt Alles hier ſchuldig; ja, Alles! Alles! Alles! bis auf die Klingel des Präſidenten!. Doch trotz dieſer Rede ſchritt man zur Abſtimmung, und er wurde verurtheilt. Derſelbe Schrecken, der zur Action angetrieben hatte, trieb zur Reaction an, und die Guillotine, nachdem ſie das Blut der Verurtheilten getrunken, trank unempfindlich das Blut der Richter und der Henker. Ich hatte meinen Kopf und meine Hände fallen laſſen, als widerſtrebte es mir, ein ſo abſcheulicher Moörder dieſer Menſch auch war, ihn dem Tode zu über⸗ antworten, den er ſo freigebig über der Menſchheit aus⸗ gebreitet hatte. Delanoue klopfte mir auf die Schulter und ſagte: „Es iſt aus.“ „Ah!“ erwiederte ich,„er iſt alſo hingerichtet?“ „Wer dies?“ „Der abſcheuliche Carrier.“ „Ja, ja, ja, und dieſes kleine Unglück iſt ihm vor bald vier und dreißig Jahren widerfahren.“ „Ah! Du haſt wohl daran gethan, mich aufzu⸗ wecken! ich hatte den Alp.“ „Du ſchliefſt alſo 2“ 12 „Ich träumte wenigſtens.“ „Teufel! ich werde das Herrn von Villenave, bei ſe ich Dich zu einer Taſſe Thee einführen ſoll, nicht agen.“ „Ah! Du kannſt es ihm ſagen! ich werde ihm meinen Traum erzählen, und er wird mir darum nicht böſe ſein.“ Noch unſicher, ob ich gut oder ſchlecht erwacht ſei, zog mich Delanoue hienach aus dem leeren Saale und führte mich in ein Wartezimmer, wo Herr von Ville⸗ nave die Glückwünſche ſeiner Freunde empfing. Hier wurde ich zuerſt Herrn von Villenave, dann Frau Melanie Waldor, ſeiner Tochter, dann Herrn Theodor Villenave, ſeinem Sohne, vorgeſtellt. Dann ging alle Welt zu Fuß über den Pont⸗des⸗ Arts nach dem Faubourg Saint⸗Germain. Als wir eine halbe Stunde gegangen, waren wir an Ort und Stelle, und wir verſchwanden einer nach dem andern in dem Hauſe der Rue de Vaugirard, wo⸗ von ich am Anfange dieſes Artikels geſprochen, und nach⸗ dem ich die äußere Skizze gezeichnet, will ich es nun ver⸗ ſuchen, eine innere Beſchreibung zu geben. Ein Paſtellgemälde von Latour. Das Haus hatte ſeinen eigenthümlichen Charakter, entlehnt dem Charakter desjenigen, welcher es bewohnte. Wir haben geſagt, die Mauern ſeien grau gewe⸗ ſen, wir hätten ſagen ſollen, ſie ſeien ſchwarz geweſen. Man trat durch eine große, in der Mauer neben dem Hauſe des Concierge angebrachte Thüre ein: dann bei cht m cht ei, nd le⸗ nn rn ir o⸗ h⸗ r“ r, e. e⸗ n. n n v 13 befand man ſich in einem überall mit Wegen verſehe⸗ nen Garten ohne Blumenbeete, mit Bäumen beinahe ohne Blätterwerk. Wuchs zufällig eine Blume in einer Ecke, ſo war es eine von jenen wilden Blüthen, die ſich beinahe ſchämte, ſich in der Stadt ſehen zu laſſen, und die, weil ſie dieſes düſtere, feuchte Gehäge für eine kleine Wüſte gehalten hatte, hier aus einem Irrthum gewachſen war, da ſie ſich viel weiter, als dies in Wirk⸗ lichkeit der Fall, von den Wohnungen der Menſchen entfernt glaubte, eine Blüthe, die dann alsbald von einem reizenden, roſigen Kinde mit blonden Lockenhaaren, das ein vom Himmel gefallener und in dieſem Winkel der Erde verlorener Cherub zu ſein ſchien, gepflückt wurde. Von dieſem Garten, der ungefähr vierzig bis fünf⸗ zig Fuß im Gevierte groß ſein mochte und ſich in einem an das Haus anſtoßenden, breiten Streifen von Pflaſter⸗ ſteinen endigte, gelangte man in die geplattete Flur. Auf dieſe Flur, deren Hintergrund die Treppe war, gingen vier Thüren, zuerſt links, die vom Speiſezimmer, dann rechts, die von einer kleinen Stube, dann aber⸗ mals links, die der Küche, und rechts, die der Speiſe⸗ und Tiſchgeräthkammer. Düſter und feucht, war dieſes Erdgeſchoß nur zur Stunde der Mahle bewohnt. Die eigentliche Wohnung, die, in welche wir ein⸗ geführt wurden, war im erſten Stock. Dieſer erſte Stock beſtand aus dem Ruheplatz, aus einem kleinen Salon, aus einem großen Salon, aus dem Schlafzimmer von Madame Waldor und dem Schlaf⸗ zimmer von Frau von Villenave. Der Salon zeichnete ſich durch ſeine Form und ſeine Ausſtattung aus. Es war ein langes Gevierte, mit einer Conſole und einer Büſte in jeder Ecke. Eine von dieſen Büſten ſtellte Herrn von Ville⸗ nave vor. Zwiſchen den zwei Büſten in der Mitte, auf einer 14 Conſole dem Kamin gegenüber, ſtand das in Beziehung auf Kunſt und Archäologie wichtigſte Stück des Salon. Es war die Urne von Bronze, in welcher das Herz von Bayard enthalten geweſen; ein kleines an ihrem Umkreiſe fortlaufendes Basrelief zeigte den Ritter ohne Furcht und Tadel, wie er das Kreuz ſeines Schwer⸗ tes küßte. Dann kamen zwei große Gemälde: eines von Hol⸗ bein, Anna von Boleyn, das andere von Claude Lor⸗ rain, eine italieniſche Landſchaft vorſtellend. ch glaube, daß die dieſen Gemälden gegenüber⸗ hängenden Rahmen das eine das Portrait von Frau von Monteſpan und das andere ein Portrait von Frau von Sévigné oder von Frau von Grignan enthielten. Ein Ameuhlement von utrechter Sammet bot den Freunden des Hauſes ſeine großen Canapés, mit weißen, mageren Armen, und den Fremden ſeine Lehnſtühle und ſeine Seſſel. Dieſes Stockwerk war ganz eigenthümlich die Do⸗ maine von Madame Waldor, und hier übte ſie ihr Vice⸗ königthum aus. Wir ſagen ihr Vicekönigthum, denn obgleich ihr von ihrem Vater dieſer Salon überlaſſen worden, war ſie doch nur die Vicekönigin; ſobald nämlich Herr von Villenave eintrat, übernahm er wieder das Königthum, und von da gehörten ihm die Zügel der Regierung. Herr von Villenave hatte elwas Deſpotiſches in ſeinem Charakter, das ſich von der Familie auf die Fremden erſtreckte. Man fühlte, wenn man bei Herrn von Villenave eintrat, daß man ein Theil vom Eigen⸗ thum dieſes Mannes wurde, der ſo viel geſehen, ſo viel ſtudirt hatte und ſo viel wußte. Obgleich gemil⸗ dert durch die Höflichkeit des Hausherrn, laſtete doch dieſer Deſpotismus auf eine beengende Weiſe auf der Geſammtheit der Geſellſchaft. Wenn Herr von Ville⸗ nave gegenwärtig, ſo war die Converfation vielleicht beſſer geführt, wie man damals ſagte, aber ſicher⸗ 15 lich war ſie minder frei, minder beluſtigend, minder witzig, als wenn er nicht zugegen. Das war gerade vas Gegentheil vom Salon von Nodier: je mehr Nodier zu Hauſe, deſto mehr war Je⸗ der zu Hauſe. Zum Glück kam Herr von Villenave ſelten in den Salon herab. Herr von Villenave hielt ſich gewöhn⸗ lich in ſeinen Zimmern auf, das heißt, im zweiten Stocke, und an gewöhnlichen Tagen erſchien er nur beim Mittageſſen; denn wenn er nach dem Mittageſſen einen Augenblick geplaudert hatte, wenn er ein wenig mit ſeinem Sohn moralifirt, mit ſeiner Frau gezankt hatte, ſtreckte er ſich in ſeinem Lehnſtuhl aus, ſchloß die Augen, ließ ſich von ſeiner Tochter ſeine Haarwickeln anlegen und ging dann wieder in ſeine Wohnung hinauf. Dieſe Viertelſtunde, während welcher der Zahn des Kammes ihm ſanft den Kopf kratzte, war die Viertel⸗ ſtunde täglicher Glückſeligkeit, die ſich Herr von Ville⸗ nave erlaubte. Doch warum dieſe Haarwickeln? wird der Leſer fragen. Einmal war das vielleicht nur ein Vorwand, den Kopf gekratzt zu bekommen. Sodann war, wie geſagt, Herr von Villenave ein herrlicher Greis, der ein bewunderungswürdiger junger Mann geweſen ſein mußte, und ſein Geſicht mit den ſtark ausgeprägten Zügen fand einen wunderbaren Rahmen in den Wellen weißer Haare, welche den mäch⸗ tigen Blitz ſeiner großen ſchwarzen Augen noch ſchärfer hervorſpringen machten. Endlich, man muß es geſtehen, war Herr von Ville⸗ nave, obgleich ein Gelehrter, eitel, jedoch eitel auf ſei⸗ nen Kopf und nicht mehr. Im Uebrigen lag ihm wenig daran, ob ſein Frack blau oder ſchwarz, ob ſeine Hoſe eng oder weit, ob die Spitze ſeines Stiefels rund oder viereckig, das war die * Sache ſeines Schneiders, ſeines Schuhmachers oder 16 vielmehr ſeiner Tochter, welche bei all dieſen Einzel⸗ heiten den Vorſitz führte. Wenn er nur friſirt war, das genügte ihm. Hatte ihm ſeine Tochter ſeine Haarwickeln ange⸗ legt, eine Operation, welche unabänderlich von acht bis neun Uhr Abends ausgeführt wurde, ſo nahm er ſeinen Leuchter und ging zu ſich hinauf. Dieſes bei ſich von Herrn von Villenave, dieſes at home der Engländer, wollen wir zu ſchildern ſuchen, jedoch ohne die Hoffnung, es werde uns gelingen. In unendlich mehr Gelaſſe abgetheilt, als der erſte Stock, beſtand der zweite zuerſt aus einem Ruheplatz geſchmückt mit Büſten von Gyps, einem Vorzimmer und vier Zimmern. Wir werden dieſe vier Zimmer nicht in Salon, Schlafzimmer, Arbeitscabinet und Ankleidezimmer u. ſ. w. abtheilen. Es handelte ſich wohl um alle dieſe Ueberflüſſig⸗ keiten bei Herrn von Villenaye; nein: es waren hier nur fünf Zimmer für Bücher und Cartons. Dieſe fünf Zimmer mochten vierzig tauſend Bände und vier tauſend Cartons enthalten. Das Vorzimmer bildete ſchon für ſich allein eine ungeheure Bibliothek; es hatte zwei Oeffnungen; dieſe zwei Oeffnungen gingen, die rechts in das Schlafzim⸗ mer von Herrn von Villenave, welches wiederum, durch einen am Alcoven hinlaufenden ſchmalen Gang, mit einem großen Cabinet in Verbindung ſtand, deſſen Fen⸗ ſter die unmittelbare Ausſicht nach dem Hauſe des Nach⸗ bars hatte. Die links in ein großes Zimmer, das wiederum in ein kleineres Zimmer führte. Dieſes große Zimmer, das in ein kleineres Zimmer ging, war nicht nur, wie das daran anſtoßende, an ſeinen vier Seiten mit Bibliothekkäſten gefüllt mit Büchern und getragen von Unterſätzen mit Car⸗ tons ausgeſtattet, ſondern man hatte auch in der 17 Mitte von dieſen beiden Zimmern einen Bau errichtet, ähnlich jenem Meuble, das man in den Mittelpunkt der Salons ſtellt, daß man ſich rings darum ſetzen kann. Durch dieſen Bau, der eine zweite Bibliothek in einer erſten darſtellte, ließ die Mitte des Zimmers nicht mehr frei, als einen viereckigen Raum, in dem eine einzige Perſon frei walten konnte. Eine zweite Perſon hätte die Circulation gehemmt; es kam auch ſelten vor, daß Herr von Villenave Jemand, und war es auch ein ver⸗ trauter Freund, in dieſes Allerheiligſte einführte. Einige Bevorzugte hatten ihren Kopf durch die Thüre geſtreckt und durch den gelehrten Staub, der be⸗. ſtändig in leuchtenden Atomen in der Luft herumflog, in den ſpärlichen Sonnenſtrahlen, welche in dieſes Ta⸗ bernakel eindrangen, die bibliographiſchen Geheimniſſe von Herrn von Villenave erſchauen können, wie Clau⸗ dius dadurch, daß er ſich als Weib verkleidet, vom Atrium des Tempels dee Iſis einige von den Geheim⸗ niſſen der guten Göttin zu erlauern im Stande gewe⸗ ſen war. Hier fanden ſich die Autographe: das Jahrhundert Ludwigs XIV. nahm allein fuͤnf hundert Eartons ein. Hier waren die Papiere von Ludwig XVI., der Briefwechſel von Malesherbes, vier hundert Autographe von Voltaire, zwei hundert von Rouſſeauz hier waren die Genealogien aller adeligen Familien Frankreichs mit ihren Verwandtſchaften und Ahnenproben. Hier fanden ſich die Zeichnungen von Raphael, von Giüulio Romano, von Lenardo da Vinci, von Andrea del Sarto, von Lebrun, von Leſueur, von David, von Thiers, die Mineralienſammlungen, die ſeltſamen Herbarien, die ein⸗ zigen Handſchriften. Hier endlich war die Arbeit von fünfzig Jahren, verwendet Tag für Tag auf einen einzigen Gedanken, eingenommen Stunde für Stunde von einer zugleich ſo ſanften und ſo glühenden Leidenſchaft des Sammlers, Tauſend und ein Geſpenſt. M. 2 18 in welche dieſer ſeinen Verſtand, ſein Wiſſen, ſeine Freube, ſein Glück, ſein Leben legte. Dieſe zwei Zimmer waren die koſtbaren Zimmet, Herr von Villenave, der mehr als einmal ſein Leben beinahe um nichts gegeben hätte, würde ſicherlich dieſ zuei Zimmer nicht um hundert tauſend Thaler gegeben haben. Es blieben noch das Schlafzimmer und das ſchwarz Cabinet, welche rechts vom Vorzimmer lagen und ſich parallel mit den ſo eben von uns beſchriebenen Zimmern ausdehnten. In dem Schlafzimmer war das Bett von Herrn von Villenave gewiß die am wenigſten ins Auge fal⸗ lende Sache, denn es ſtand in der Tiefe eines Alcoven, vor dem ſich zwei getäfelte Thüren ſchloßen. In dieſem Zimmer empfing Herr von Villenave. Streng genommen, konnte man auch darin gehen; ſtreng genommen, konnte man ſich auch darin ſetzen. Man vernehme, wie man ſich darin ſetzen, man vernehme, in welchem Fall man darin gehen konnte. Die alte Bonne, ich erinnere mich ihres Namens nicht mehr, öffnete ein wenig die Thüre des Zimmers und meldete Herrn von Villenave einen Beſuch. Wenn ſie dieſe Thüre öffnete, fand ſie Herrn von Villenave mitten in einer Claſſifieirung, einer Träu⸗ merei oder in einer Schlaftrunkenheit in Folge der Arbeit „Wie! was gibt es, Frangoiſe?(Nehmen wir an, ſie habe Frangoiſe geheißen.) Mein Gott! kann man denn nicht einen Augenblick ruhig ſein?“ „Ah! Herr, ich muß doch kommen„ erwiederte Frangoiſe. „Sprechen Sie geſchwinde: was wollen Sie von mir? Warum erſcheinen Sie immer in dem Augen⸗ blicke, wo ich am meiſten beſchäftigt bin?. Nun?“ rief Herr von Villenave. Und er ſchlug ſeine großen Augen mit einem ver⸗ zw un ſei ſuc ihr reude, mmer. Leben dieſe egeben watz id ſich nmern Herrn e fal⸗ coven, ave. ehen; en. man te. mens mers von Träu⸗ der an, man derte von gen⸗ 3 ver⸗ 19 zweifelten Ausdruck gen Himmel auf, kreuzte ſeine Hände und gab einen Seufzer der Reſignativn von ſich. Frangoiſe war an die Scenirung gewöhnt; ſie ließ Herrn von Villenave ſeine Pantomimen und ſeine Bei⸗ ſeit machen. Dann, wenn er geendigt hatte, ſprach ſie: „Herr, der Herr So und ſo will Ihnen einen Be⸗ ſuch machen.“ „Ich bin nicht zu Hauſe; gehen Sie.“ Frangviſe zog langſam die Thüre anz ſie kannte ihre Sache. „Warten Sie, Frangoiſe,“ rief Herr von Villenave. Frangviſe öffnete wieder. „Herr?“ „Sie ſagen, es ſei Herr So und ſo?“ „Ja, Herr.“ „Nun, ſo laſſen Sie ihn eintreten; bleibt er zu lange, ſo kommen Sie und ſagen, man verlange nach mir. Gehen Sie, Frangoiſe.“ Frangoiſe machte die Thüre wieder zu. „Ahl mein Gott! mein Gott! iſt das glaublich,“ murmelte Herr von Villenave,„ich ſtöre doch nie einen Menſchen, und ich muß mich immer ſtören lafſen.“ Frangviſe öffnete die Thüre wieder und führte den eſuch ein. „Ah! guten Morgen, mein Freund,“ ſagte Herr von Villenave,„ſeien Sie willkommen, treten Sie ein, treten Sie ein. Wie lange habe ich Sie nicht geſe⸗ hen, ſetzen Sie ſich.“ „Auf was?“ fragte der Beſuch. „Auf was Sie wollen, bei Gott!... auf das Canapé.“ „Gern, aber „Ah! ja, richtig! es iſt mit Büchern überladen,“ ſagte er.„Nun! rücken Sie einen Lehnſtuhl herbei.“ „Mit Vergnügen, aber... Herr von Villenave hetrachtete alle ſeine Lehnſtühle. „Es iſt wahr,“ ſagte er;„doch was wollen Sie, 20 mein Lieber? ich weiß nicht, wohin ich meine Büchet legen ſoll. Nehmen Sie einen Seſſel.“ „Das wäre mir ſehr lieb, aber „Aber Sie haben Eile.“ „Nein, aber ich ſehe eben ſo wenig einen leeren Seſ⸗ ſel, als einen freien Lehnſtuhl.“ „Das iſt unglaublich,“ ſprach Herr von Villenave, indem er ſeine Arme zum Himmel erhob;„das iſt un⸗ glaublich warten Sie Und er verließ ſeufzend ſeinen Platz, hob vorſichtig von einem Stuhl die Bücher auf, die ihn dienſtunfähig machten, legte dieſe Bücher auf die Erde undfügte ſo einen Haufen zwanzig bis dreißig ähnlichen Haufen bei, welche vom Boden des Zimmers emporragten; dann ſtellte er dieſen Seſſel zu ſeinem Lehnſtuhl, das heißt, an die Ecke des Kamins. Ich habe geſagt, in welchem Fall man ſich in dieſem Zimmer ſetzen konnte, ich will nun auch ſagen, in welchem Fall man darin gehen konnte. Es geſchah zuweilen, daß in dem Angenblick, wo der Beſuch eintrat und nach der ſo eben von uns er⸗ wähnten unerläßlichen Scene ſich geſetzt hatte, es geſchuh zuweilen, ſage ich, daß in einer doppelten Combination des Zufalls die Thüre des Alcoven und die Thüre des Ganges, der in das hinter dem Alcoven liegende Ca⸗ binet führte, offen waren; dann wurde durch die dop⸗ pelte Combination der zu gleicher Zeit geöffneten Thi⸗ ren die doppelte Wirkung hervorgebracht, daß man im Alcoven ein Paſtelgemälde eine junge und hübſche Frau, die einen Brief in der Hand hieit, vorſtellend ſehen konnte, ein Paſtelgemälde beleuchtet durch den Licht⸗ ſtrahl, der vom Fenſter des Ganges kam.„ Dann hatte der Beſuch entweder keine Idee von der Kunſt, und es kam ſelten vor, daß diejenigen, welche Herrn von Villenave beſuchten, nicht durch irgend einen Punkte Künſtler waren, oder er ſtand auf und rief: and böſ zun unt Lar Mi gen „0 alte den zur älte geſe acht mit Reck nal der verj gviſe wen über gücher Seſ enave, t un⸗ ichtig fähig einen elche te er n die h in agen, „wo z er⸗ ſchuh tion des Ca⸗ dop⸗ hi⸗ im rau, hen cht⸗ 21 „Ah! mein Herr, welch ein herrliches Paſtelge⸗ mälde!“ Und der Beſuch machte eine Bewegung, um vom Kamin nach dem Alcoven zu gehen. „Warten Sie!“ rief Herr von Villenave,„warten Sie.“ Man bemerkte in der That, daß mehrere überein⸗ ander eingeſtürzte Bücherhaufen eine Art von Gegen⸗ böſchung bildeten, über die man wegſteigen mußte, um zum Alcoven zu kommen. Herr von Villenave ſtand nun auf, ging voran und öffnete, wie es ein geſchickter Minirer bei einem Laufgraben thut, durch die topographiſche Linie einen Gang, welcher bis vor das Bild zu kommen geſtattete. Hier angelangt, wiederholte der Beſuch: „Ah! welch ein herliches Paſtelgemälde!“ „Ja,“ erwiederte Herr von Villenave mit jener Miene des alten Hofes, die ich nur bei ihm und eini⸗ gen eleganten alten Herren ſeiner Art gekannt habe; „ja, es iſt ein Paſtelbilb von Latour; es ſtellt eine alte Freundin von mir vor, die nicht mehr jung iſt, denn ſo viel ich mich erinnere, war ſie im Jahre 1784, zur Zeit, wo ich ſie kennen lernte, fünf bis ſechs Jahre älter als ich. Seit 1802 haben wir uns nicht wieder⸗ geſehen, was uns jedoch nicht abhielt, einander alle acht Tage zu ſchreiben und unſere wöchentlichen Briefe mit gleichem Vergnügen zu empfangen; ja, Sie haben Recht, das Paſtelgemälde iſt reizend, doch das Origi⸗ nal war noch viel reizender. Ah!.. Und ein Strahl der Jugend, ſanft wie ein Refler der Sonne, zog über das erheiterte, um vierzig Jahre „ verjüngte Antlitz des Greiſes. von ſche nen „Und ſehr oft hatte in dieſem zweiten Fall Fran⸗ goiſe nicht nöthig, ihre falſche Meldung zu machen, denn wenn der Beſuch ein Mann von feinen Sitten war, ſo überließ er Herrn von Villenave nach einigen Augen⸗ 22 blicken ganz der Träumerei, welche ſich in ihm beim Am ſei blick dieſes ſchönen Paſtelgemäldes von Latour gebildet der hatte. un zu leg Ta ſei 3 QO Ver PBrief. ſeit Wie hatte nur Herr von Villenave dieſe ſchöne erl Bibliothek zuſammengebracht? Ti Wie hatte er ſich dieſe in der Welt der Sammler ſuc einzige Sammlung von Autographen verſchafft? wa Mit der Arbeit ſeines ganzen Lebens. Vor Allem hatte Herr von Villenave nie ein Pi des pier verbrannt, nie einen Brief zerriſſen. De Berufungen zu gelehrten Geſellſchaften, Einladun⸗ He gen zu Hochzeiten, Begräbnißzettel, Alles hatte er ſeit aufbewahrt, Alles hatte er in ſeine Claſſen geordneh, ode Alles hatte er an ſeinen Platz gelegt. Er beſaß eine len! Sammlung von jeder Sache, und ſogar Bände, welch 6. am vierzehnten Juli halb verbrannt dem Feuer, das Abt ſie im Hofe der Baſtille verzehrte, entriſſen worden waren. der Zwei Autographenſucher waren beſtändig für Herrn von Villenave beſchäftigt; der eine, den ich kannte, hieß nav Fontaine und war der Verfaſſer eines Buches betitelt wie Hanvbuch der Autographe; der andere war beim Kriegs⸗ miniſterium angeſtellt: alle Specereihändler von Paris eine kannten dieſe unermüdlichen Forſcher und legten für S ihn alle Papiere, die ſie kauften, auf die Seite. Unter die⸗ dieſen Papieren machten ſie eine Auswahl, die ſie zu fünfzehn Sous bezahlten und wofür ihnen Herr ve en Villenave dreißig Sous bezahlte. Manchmal machte Herr von Villenabe auch ſelbſt Ha m An⸗ ebildet 23 ſeine Runde. Es gab keinen Gewürzkrämer in Paris, der ihn nicht kannte und der nicht, wenn er ihn ſah, um ſie ſeiner gelehrten Forſchung zu unterwerfen, die zukünftigen Säcke und zufünftigen Tüten zuſammen⸗ legte. Es verſteht ſich, daß Herr von Villenave an den Tagen, wo er den Autographen zu Liebe, ausging, auch ſeine Bücherjagd unternahm; er wählte die Linie der Quais, der unerbittlichen Biblivphile, und ſeine Hände in den Hoſentaſchen, ſeinen großen Leib vorgebeugt, ſeinen ſchönen, verſtändigen Kopf durch das Verlangen erleuchtet, tauchte er ſeinen glühenden Blick in die Tiefe der Auslagen, um den unbekannten Schatz zu ſuchen, den er einen Augenblick durchblätterte; und war das Buch das, nach welchem er getrachtet, war es die Ausgabe, die er ſuchte, ſo verließ es den Laden des Händlers nicht, um Platz in der Bibliothek von Herrn von Villenave zu nehmen, in der Bibliothek von Herrn von Villenave war fein Platz mehr, und zwar ſeit geraumer Zeit, und Tauſche gegen Zeichnungen oder Autographe mußten den für den Augenblick feh⸗ lenden Raum ſchaffen; nein, das Buch nahm Platz auf dem Speicher, welcher drei Abtheilungen hatte: die Abtheilung der Octavbände links, die Abtheilung der Quartbände rechts, die Abtheilung der Folianten in der Mitte. Hier war das Chaos, aus dem Herr von Ville⸗ nave eines Tages eine neue Welt machen ſollte, etwas wie ein Auſtralien oder ein Neuſeeland. Mittlerweile lagen ſie übereinander geworfen in einer Halbdunkelheit auf dem Boden. Dieſer Speicher, das war die Vorhölle, in der die Seelen eingeſchloſſen, welche Gott weder in das Para⸗ dies, noch in die eigentliche Hölle ſchickt, weil er Abſich⸗ ten mit ihnen hat. Eines Tages bebte, ohne eine ſcheinbare Urſache, das Haus bis in ſeine Grundfeſten, krachte gewaltig und bekam 24 Sprünge; erſchrocken, liefen die Bewohner, welche glaub⸗ ten, es ſei ein Erdbeben, und ſtürzten in den Garten. Alles war ruhig, ſowohl in der Luft, als auf det Erde; der Brunnen lief fortwährend an der Straßen⸗ ecke; ein Vogel ſang in den höchſten Zweigen des größ⸗ ten Baumes. Der Unfall war ein vereinzelter; er rührte von einer geheimen, unbekannten Urſache her. Man ließ den Baumeiſter holen. Der Baumeiſter unterſuchte das Haus, ſondirte, durchforſchte, und er erklärte am Ende, der Unfall könne nur von einer Ueberladung herkommen. Dem zu Folge verlangte er die Speicher zu ſehen. Doch bei dieſem Verlangen hatte er eine lebhafte Oppoſitivn von Seiten des Herrn von Villenave zu er⸗ fahren. Woher kam dieſe Oppoſition, welche jedoch der Fe⸗ ſtigkeit des Baumeiſters weichen mußte? Herr von Villenave fühlte, daß ſein begrabener Schatz, der um ſo koſtbarer, als er ihm ſelbſt beinahe war, eine große Gefahr bei dieſem Geſuche lief. Man fand in der That in dem einzigen mittleren Zimmer zwölf hundert Folianten, welche ungefähr acht tauſend Pfund wogen. Ach! dieſe zwölf hundert Folianten, die das Haus ſinken gemacht hatten und es mit dem Einſturze be⸗ drohten, mußte er verkaufen.. Dieſe ſchmerzliche Operation fand 1823 ſtatt. Und im Jahr 1826, als ich Herrn von Villenave kennen lernte, hatte er ſich durchaus noch nicht von ſeinem Schmerz erholt, und mehr als ein Seufzer, deſſen Ur⸗ ſache und Zweck ſeine Familie nicht kannte, folgte die⸗ ſen theuren, von ihm mit ſo großer Mühe zuſammen⸗ gebrachten und nun, wie aus dem väterlichen Hauſe vertriebene Kinder, umherirrenden, verwaiſten und auf der Erde zerſtreuten Büchern nach. Vau Sei von wei von chen dür eine ich, lich bei gen All geſt ſels hal zöſi bis hal Ve ges un erl Fre mel ich He aub⸗ ten. f der aßen⸗ größ⸗ von irte, önne ehen. hafte er⸗ Fe⸗ ener nahe uche eren acht Haus be⸗ Und nnen inem Ur⸗ die⸗ men⸗ auſe auf 25 Ich habe geſagt, wie ſehr das Haus der Rue de Vaugirard ſüß, gut und gaſtfreundlich für mich von Seiten von Frau von Villenave geweſen ſei, weil ſie von Natur liebevok; von Seiten von Madame Waldor, weil ſie, eine Dichterin, die Dichter liebte; von Seiten von Theodor von PVillenave, weil wir Beide von glei⸗ chem Alter, und Beide in jenem Alter, wo es ein Be⸗ dürfniß iſt, einen Theil ſeines Herzens zu geben und einen Theil vom Herzen der Anderen zu empfangen. Von Seiten von Herrn von Villenave endlich, weil ich, ohne ein Liebhaber von Autographen zu ſein, durch das militäriſche Portefeuille meines Vaters eine ziem⸗ lich intereſſante Sammlung von Autographen beſaß. Mein Vater, der von 1791 bis 1800 hohe Grade bei der Armee eingenommen hatte, der dreimal Ober⸗ general geweſen, mein Vater war im Briefwechſel mit Allem geſtanden, was von 1791 bis 1800 eine Rolle geſpielt. Die intereſſanteſten Autographe dieſes Briefwech⸗ ſels waren die des Generals Buonaparte. Napoleon hatte nicht lange dieſen italieniſirten Vornamen beibe⸗ halten. Drei Monate nach dem 13. Vendemiaire fran⸗ zöſirte er ſeinen Namen und unterzeichnete Bonaparte. Mein Vater hatte nun in dieſer kurzen Periode fünf bis ſechs Briefe vom jungen General des Innern er⸗ halten. Dieſes war der Titel, den er nach dem 13. Vendemiaire annahm. Ich ſchenkte Herrn von Villenave eines von dieſen Autographen, nebſt einem Autograph von Saint⸗Geor⸗ ges und einem andern vom Marſchall von Richelieu, und durch dieſes Opfer, das mir ein Vergnügen war, erlangte ich den Eintritt in den zweiten Stock. Allmälig wurde ich vertraut genug im Hauſe, daß Frangoiſe mich nicht mehr bei Herrn von Pillenave meldete. Ich ging allein in den zweiten Stock hinauf, ich klopfte an das Zimmer, öffnete auf das Wort: Herein! und wurde beinahe immer gut aufgenommen. 26 Ich ſage, beinahe immer, weil die großen Leidenſchaf⸗ ten ihre Stunden des Sturmes haben. Denken Sie ſich einen Liebhaber von Autographen, der eine koſtbare Unterſchrift erbrütet, eine Unterſchrift in der Art von denen von Ropespierre, der nur drei bis vier hinterlaſſen hat, von Moliöre, der nur eine oder zwei hinterlaſſen hat, von Shakespeare, der, glaube ich, gar keine hinterlaſſen hat; nun wohl! in dem Augenblick, wo er die Hand auf dieſe einzige oder beinahe einzige Unterſchrift zu legen in Begriffe iſt, entgeht ſie durch irgend einen Zufall unſerem Sammler und er iſt ganz natürlich in Verzweiflung. Treten Sie in einem ſolchen Augenblick bei ihm ein, und wären Sie ſein Vater, wären Sie ſein Bru⸗ der, wären Sie ein Engel, und Sie werden ſehen, wie man ſie empfängt, wenn nicht etwa dieſer Engel durch ſeine göttliche Macht die Unterſchrift, welche nicht be⸗ ſtand, ins Leben ruft oder nicht dieſe einzige Unter⸗ ſchrift verdoppelt. Das ſind die ausnahmsweiſen Fälle, wo ich von Herrn von Villenave ſchlecht empfangen wurde. Unter allen andern Umſtänden war ich ſicher, ein freundliches Geſicht, einen leicht zugänglichen Geiſt und ein gefälli⸗ ges Gedächtniß, ſelbſt in der Woche, zu finden. Ich ſage: in der Woche, weil der Sonntag bei Herrn von Villenave wiſſenſchaftlichen Beſuchen vor⸗ enthalten war. Alles, was an fremden Bibliophilen, an Liebha⸗ ber von kosmopolitiſchen Autographen nach Paris kam, verfehlte nicht, Herrn von Villenave Beſuch zu machen, gerade wie Vaſallen ihre Huldigung dem Lehnsherrn darbringen. Der Sonntag war der Tag der Tauſche. Durch dieſe Tauſche vervollſtändigte Herr von Villenave ſeine auswärtigen Sammlungen, für welche ſeine Specerei⸗ händler ungenügend waren, wogegen er den deutſchen, engliſchen oder amerikaniſchen Sammlern Abſchnitzel von ſeinen nationalen Reichthümern überließ. hatt gen erla zug Per ein mic rakt ein⸗ es läãu Vil mic arn Br nav gin lich chaf⸗ inen hrift von hat, hat, aſſen and nim rem g. ihm Bru⸗ wie urch be⸗ ter⸗ von nter ches illi⸗ bei vor⸗ ha⸗ am, hen, rrn urch eine rei⸗ hen, von Ich war alſo im Hauſe eingeführt worden; man hatte mich im erſten und dann im zweiten Stock auf⸗ genommen; ich hatte ſodann alle Sonntage Eintritt erlangt und war äm Ende ganz nach meinem Willen zugelaſſen, ein Vorrecht, welches höchſtens zwei bis drei Perſonen mit mir theilten. An einem Wochentage nun, es war, glaube ich, ein Dienſtag, als ich Herrn von Villenave bitten wollte, mich ein Autograph von Chriſtine ſtudiren zu laſſen— ich gebe mir bekanntlich gern Rechenſchaft vom Cha⸗ rakter der Perſonen durch die Form ihrer Handſchrift— eines Tages, ſage ich, als ich zu dieſem Zwecke kam, es war gegen fünf Uhr Nachmittags im Monat März, läutete ich an der Thüre. Ich fragte nach Herrn von Villenave und ging hinein. Als ich in das Haus ſelbſt eintreten wollte, rief mich Frangoiſe zurück. „Was gibt es, Frangoiſe?“ fragte ich. „Wollen Sie zu den Damen oder zum Herrn?“ „Ich will zum Herrn, Frangoiſe.“ „Nun, dann könnten Sie wohl ſo gut ſein, meinen armen Beinen zwei Stockwerke zu erſparen und dieſen Brief, welchen man ſo eben überbracht, Herrn von Ville⸗ nave zu übergeben.“ „Gern, Frangoiſe.“ Frangoiſe gab mir den Brief, ich nahm ihn und ging hinauf. Als ich an die Thüre kam, klopfte ich wie gewöhn⸗ lich an; doch man antwortete mir nicht. Ich klopfte ein wenig ſtärker an. Daſſelbe Stillſchweigen. Endlich klopfte ich zum dritten Male an, und dies⸗ mal mit einer gewiſſen Unruhe, denn der Schlüſſel ſtak in der Thüre, und die Anweſenheit des Schlüſſels in der Thüre bezeichnete unabänderlich die Anweſenheit von Herrn von Villenave in ſeinem Zimmer. Ich wagte es hienach, die Thüre zu öffnen, und ſtuhl. Bei dem Geräuſch, das ich machte, und vielleicht auch bei dem Luftſtrom, der eindrang und gewiſſe mag⸗ netiſche Einflüſſe brach, ſtieß Herr von Villenave eine Art von Schrei aus. „Ah! verzeihen Sie,“ ſagte ich,„ich bitte hundert⸗ mal um Verzeihung, ich bin unbeſcheiden geweſen und habe Sie geſtört.“ „Wer ſind Sie und was wollen Sie von mir?“ „Ich bin Alexandre Dumas.“ „Ah!“ Und Herr von Villenave athmete. „Ich bin wahrhaftig in Verzweiflung und gehe,“ fügte ich bei. „Nein,“ entgegnete Herr von Villenave, indem er einen Seufzer ausſtieß und mit ſeiner Hand über die Stirne fuhr,„nein, treten Sie ein.“ Ich trat ein. „Setzen Sie ſich.“ Durch Zufall war ein Stuhl leer, ich nahm ihn. „Sehen Sie,“ ſagte er. Oh! wie das feltſam iſt, ich war ſchläfrig geworden. Es kam die Ahenddämme⸗ rung; während dieſer Zeit erloſch mein Feuer; Sie haben mich aufgeweckt, ich war ohne Licht und konnte mir das Geräuſch nicht erklären, das meinen Schlaf ſtörte; ohne Zweifel iſt es die Luft, die von der Thüre nach meinem Geſicht ſtrömte, doch es kam mir vor, als ſähe ich ein weißes großes Tuch flattern, etwas wie ein Todtentuch. Nicht wahr, wie das ſeltſam iſt?“ fuhr Herr von Villenave mit der Bewegung des Körpers fort, welche andeutet, daß ſich ein Menſch erkältet hat. „Sie ſind da, deſto beſſer.“ „Sie ſagen mir das, um mich über mein linkiſches Benehmen zu tröſten.“ „Wahrhaftig, nein. Es iſt mir lieb, daß ich Sie ſehe. Was haben Sie in der Hand?“ ſah Herrn von Villenave ſchlaftrunken in ſeinem Lehn⸗ we coi un ga der un Zi Lehn⸗ lleicht mag⸗ eine dert⸗ und r 2“ ehe,“ m er r die hn. n iſt, nme⸗ Sie nnte chlaf hüre als ein fuhr pers hat. ſches Sie 29 „Ah! verzeihen Sie, ich vergaß, einen Brief für Sie.“ „Ah! ein Autograph, von wem?“ „Nein, es iſt kein Autograph, es iſt ganz einfach, wenigſtens vermuthe ich es, ein Brief.“ „Ah! ja, ein Brief.“ „Ein Brief, der mit der Poſt gekommen. Fran⸗ sviſe hat mich erſucht, Ihnen denſelben zu übergeben.“ „Ich danke. Strecken Sie gefälligſt die Hand aus und geben Sie mir 4 „Was?“ „Ein Schwefelhölzchen. Wahrhaftig, ich bin noch ganz betäubt. Wäre ich abergläubiſch, ſo würde ich denken, es ſei eine Ahnung.“ Er nahm das Schwefelhölzchen, das ich ihm bot, und zündete es an der rothen Aſche des Herdes an. Allmälig verbreitete ſich das zunehmende Licht im Zimmer und erlaubte die Gegenſtände zu unterſcheiden. „Oh! mein Gott!“ rief ich plötzlich. „Was haben Sie denn?“ fragte mich Herr von Villenave, während er ſeine Kerze anzündete. „Aber, mein Gott! Ihr ſchoͤnes Paſtelbild, was iſt ihm denn geſchehen?“ „Ja, Sie ſehen,“ erwiederte traurig Herr von Villenave.„Ich habe es an den Kamin geſtellt, und erwarte den Glaſer, den Einrahmer.“ „Der Rahmen iſt in der That zerbrochen und das Glas in tauſend Stücken.“ „Ja,“ ſprach Herr von Villenave, der das Por⸗ trait mit einer ſchwermüthigen Miene anſchaute und den Brief vergaß,„Jja, es iſt etwas Unbegreifliches.“ „Es iſt ihm alſo ein Unfall begegnet?“ „Denken Sie ſich, vorgeſtern hatte ich den ganzen Abend gearbeitet; es war drei Viertel nach eilf Uhr, ich legte mich zu Bette, ſtellte mein Licht auf den Nacht⸗ tiſch und ſchickte mich an, die Probebogen von einer kleinen gedrängten Ausgabe meines Ovids durchzuſehen, 30 darichteten ſich meine Augen zufällig auf das Portrait mei⸗ ner armen Freundin. Ich ſagte ihm wie gewöhnlich guten Abend; es drang ein wenig Wind durch ein ohne Zwei⸗ fel theilweiſe offen gebliebenes Fenſter ein, der Wind machte die Flamme meiner Kerze ſchwanken, ſo daß es mir vorkam, als antwortete mir das Portrait durch eine der meinigen ähnliche Kopfbewegung: Guten Abend. Sie begreifen, daß ich die Viſion als Tollheit behandelte; doch ich weiß nicht, wie das kam, mein Geiſt war ganz davon in Anſpruch genommen und meine Augen konn⸗ ten den Rahmen nicht mehr verlaſſen; ah! Sie wiſſen, mein Freund, dieſes Paſtelbild geht in die erſten Tage meiner Jugend zurück und erweckt in mir alle mögli⸗ che Erinnerungen. Ich ſchwamm alſo im Andenken mei⸗ ner fünf und zwanzig Jahre. Ich ſprach zu meinem Portrait; mein Gedächtniß antwortete für daſſelbe, und obgleich mein Gedächtniß antwortete, kam es mir doch vor, als bewegte das Paſtelbild die Lippen; es kam mir vor, als vermiſchten ſich ſeine Farbenz es kam mir vor, als nähme ſeine Phyſtognomie einen traurigen Ausdruck an. Es ſchlug in dieſem Augenblick Mitternacht in der Kirche der Karmeliter; bei dieſem traurigen Klang nahm das Geſicht meiner armen Freundin einen immer ſchmerz⸗ licheren Ausdruck an. Der Wind wehte. Bei dein letz⸗ ten Schlag der zwölften Stunde öffnete ſich das Fenſter des Cabinets heftig. Ich hörte etwas wie eine Klage durchziehen. Es ſchien mir, die Augen des Portraits ſchloſſen ſich. Der Nagel, der es hielt, brach ab; das Portrait fiel und meine Kerze erloſch. „Ich ſtand auf, um ſie wieder anzuzünden, denn ich hatte keine Furcht und war nur lebhaft erregt; das Unglück wollte, daß ich kein Schwefelhölzchen fand; es war zu ſpät, um zu rufen, und ich wußte nicht, wo ich eines nehmen ſollte; ich ſchloß das Fenſter meines Ca⸗ binets wieder und legte mich ohne Licht nieder. „Dies Alles hatte mich erſchüttert, ich war trau⸗ rig; ich fühlte in mir eine unglaubliche Luſt, zu weinen; es w eines fragt ſpät bild Ihre trait und für zubr leger arm den Aug gebr pen den, daß von nei⸗ ten vei⸗ ind mir der Sie lte; anz nn⸗ ſen, age gli⸗ nei⸗ nem und och kam vor, der hm erz⸗ letz⸗ ſter age aits das enn gt; nd; Ca⸗ au⸗ en; 3¹ es war mir, als hörte ich etwas wie das Rauſchen eines ſeidenen Kleides durch das Zimmer. Wiederholt fragte ich: Iſt Jemand da? Endlich entſchlief ich, aber ſpät, und als ich erwachte, fand ich mein armes Paſtel⸗ bild in dem Zuſtand, in dem Sie es ſehen.“ „Oh! wie ſeltſam,“ rief ich„haben Sie denn Ihren wöchentlichen Brief erhalten?“ „Welchen Brief?“ „Denjenigen, welche Ihnen das Original des Por⸗ traits ſchrieb.“ „Nein, das iſt es gerade, was mich beunruhigt, und darum beauftragte ich Frangoiſe, die Briefe, welche für mich ankommen würden, ohne Verzug ſelbſt herauf⸗ zubringen oder herauftragen zu laſſen.“ „Nun denn! der, welchen ich Ihnen bringe..“ „Es iſt nicht Ihre Art, die Briefe zuſammenzu⸗ egen.“ „Ah!“ „Doch gleichviel, er kommt von Angers.“ „Die Perſon wohnte in Angers?“ „Ja! ah! mein Gott! ſchwarz geſiegelt! die arme Perſon, ſollte ihr ein Unglück widerfahren ſein?“ Hienach entſiegelte Herr von Villenave erbleichend den Brief. Nach den erſten Worten, die er las, füllten ſich ſeine Augen mit Thränen. Er nahm einen zweiten bei ſeiner vierten Zeile ab⸗ gebrochenen und im erſten enthaltenen Brief. Er drückte dieſen abgebrochenen Brief an ſeine Lip⸗ pen und reichte mir den andern. „Leſen Sie,“ ſagte er. ch las: „Mein Herr, „Mit meinem perſönlichen Schmerz, vermehrt durch den, welchen Sie empfinden werden, melde ich Ihnen, daß Frau*** am letzten Sonntag, beim letzten Schlage von Mitternacht, geſtorben iſt. 32 „Sie war zwei Tage vorher in dem Augenblick, wo ſie an Sie ſchrieb, von einer Unpäßlichkeit befallen worden, die wir Anfangs für leicht hielten, welche ſich jedoch bis zum Augenblick ihres Todes immer mehr verſchlimmerte. „Ich habe die Ehre, ſo unvollſtändig er iſt, den Brief zu überſchicken, den ſie für Sie angefangen. Die⸗ ſer Brief wird Ihnen beweiſen, daß bis zum Augen⸗ blick des Todes die Gefühle, die ſie für Sie hegte, die⸗ ſelben geblieben ſind. „Ich bin, mein Herr, wie Sie ſich denken können, ſehr traurig, nenne mich aber immerhin Ihre erge⸗ benſte Dienerin, „Thereſe Mirand.“ Herr von Villenave folgte mit den Angen meinen Augen, welche laſen. zUm Mitternacht,“ ſagte er zu mir,„Sie ſehen; um Mitternacht iſt das Portrait zu Boden gefallen und zerbrochen. Es findet nicht nur ein Zuſammentreffen des Tages, ſondern ſogar der Minuten ſtatt.“ „Ja,“ antwortete ich,„ſo iſt es.“ „Sie glauben alſo?“ rief Herr von Villenave. „Allerdings glaube ich.“ „Ah! gut, ſo kommen Sie einmal, wenn ich we⸗ niger unruhig ſein werde, nicht wahr? und ich erzähle Ihnen etwas noch viel Seltſameres.“ „Etwas, was Ihnen begegnet iſt?“ „Nein, aber ich war Zeuge davon.“ „Wann dies?“ „Vor ſehr langer Zeit. Es fiel im Jahr 1774 vor, als ich Hofmeiſter der Kinder von Herrn von Chauvelin war.“ „Und Sie ſagen„ „Ja, ich werde Ihnen das erzählen; mittlerweile, Sie begreifen.„ ſe„Ich begreife, es iſt für Sie Bedürfniß, allein zu ein.“ au üb wel in! Lag mar gro Sch ſeit wac durc narc loſig Hefe Ta blick, allen e ſich mehr „den Die⸗ ugen⸗ die⸗ nen, erge⸗ inen hen; und effen we⸗ ähle 774 von ile, zu 33 Ich ſtand auf und ſchickte mich an wegzugehen. „Ah!“ rief Herr von Villenave,„ſagen Sie im Vorbeigehen den Damen, man poll meinetwegen nicht unruhig ſein; ich werde nicht hinabkommen.“ Ich erwiederte durch ein Zeichen, der Auftrag werde beſorgt werden. Dann drehte Herr von Villenave ſeinen Lehnſtuhl auf einem Hinterfuß, ſo daß er ſich dem Portrait gegen⸗ über befand; als ich hernach die Thüre ſchloß, hörte ich ihn noch murmeln: „Arme Sophie!“ Die Geſchichte, die man nun leſen wird, iſt die, welche mir Herr von Villenave erzählte. Der Arzt des Rönigs. Am 25. Auguſt 17724 ſchlief König Ludwig XV. in Verſailles im blauen Zimmer; in der Nähe ſeines Lagers, auf einem Gurtbette, ſchlief der Wundarzt La⸗ martiniére. Es ſchlug fünf Uhr Morgens auf der Uhr des großen Hofes und die Bewegung fing im Schloſſe an. Eine Bewegung von unruhigen Schatten, die den Schlummer des Fürſten zu dieſer Stunde ſchonten, wo ſeit einiger Zeit Ludwig XV., ermüdet durch die Nacht⸗ wachen und die Ausſchweifungen, ein wenig Ruhe erkauft durch den Mißbrauch der Schlafloſigkeit, und durch die narcotiſchen Mittel fand, wenn der Mißbrauch der Schlaf⸗ loſigkeit nicht mehr genügte; nachdem er bis auf die Hefe die Vergnügungen, die Genüſſe, die Schmeicheleien Tauſend und ein Geſpenſt. M. 6 34 erſchöpft, hatte er nichts mehr kennen zu lernen; er langweilte ſich. Es war die ſchlimmſte von ſeinen Krankheiten, das Fieber der Langweile; heftig unter Frau von Chateau⸗ rvur, war es wechſelnd unter Frau von Pompadour und chroniſch unter Madame du Barry geworden. Denjenigen, welche nichts mehr kennen zu lernen haben, bleibt oft noch etwas zu lieben; das iſt ein un⸗ trügliches Mittel gegen die Krankheit, von der Ludwig XV. befallen war. Der individuellen Liebe überdrüſſig durch die, welche er einem ganzen Volke eingeflößt und die man bis zur Wuth getrieben hatte, war ihm dieſe Gewohnheit der Seele zu alltäglich vorgekommen, als na ein König von Frankreich ſich derſelben hingeben ollte. Ludwig KV. war alſo von ſeinem Volk, von ſeiner Frau und ſeinen Geliebtinnen geliebt worden; doch Lud⸗ wig XV. hatte Niemand geliebt. Es bleibt den Ueberfättigten eine aufregende Be⸗ ſchäftigung. Das iſt das Leiden. Doch abgeſehen von den paar Krankheiten, die er durchgemacht, hatte Lud⸗ wig XV. nie gelitten, und, ein begünſtigter Sterblicher, empfand er als Vorgefühl des Todes nur einen Anfang von Müdigkeit, den ihm die Aerzte als ein Signal zum Rückzug darſtellten. Zuweilen, bei den bekannten Abendbroden von Choiſy, wo die Tiſche ganz beladen aus dem Boden herauffa⸗ men, wo der Dienſt durch die Stalljunker verrichtet wurde, wenn die Gräfin du Barry Ludwig KV. zum Leeren voller Gläſer, der Herzog von Ayen zu ſchallen⸗ dem Gelächter und der Marquis von Chauvelin zur epicuräiſchen Heiterkeit herausforderten, bemerkte Lud⸗ wig XV. zu ſeinem Erſtaunen, daß ſeine Hand träge war, das Glas voll von dem funkelnden Trank, den er ſo ſehr geliebt, aufzuheben, daß ſeine Stirne ſich wei⸗ gerte, ſich zu dem unauslöſchlichen Gelächter zuſammen⸗ zuziehen, das die Witze von Jeanne Vaubernier zuwei⸗ len Alt end des une ver dré vie nic ihn faſſ ein; filb die iſt geſe meh nich er e von Ach⸗ dieſe arte zu d ſei, mart nig die 2 er das au⸗ ur nen un⸗ wig und ieſe als ben iner ud⸗ Be⸗ von ud⸗ er, ing um ſy, fa⸗ tet um en⸗ ur 1d⸗ ige ei⸗ en⸗ ei⸗ 35 len wie Herbſtblumen auf der Grenze ſeines reiferen Alters ſich erſchließ en gemacht hatten, daß ſein Gehirn endlich eiskalt blieb, bei den verführeriſchen Schilderungen des ſeligen Lebens, das die unumſchränkte Gewalt, unermeßlicher Reichthum und vortreffliche Geſundheit verſchaffen. Ludwig XV. hatte keinen offenen Charakter, er drängte in ſich Freude und Traurigkeit zuſammen; vielleicht wäre er durch dieſes innere Verzehren ſeiner Gefühle ein großer Politiker geworden, hätte es ihm nicht, wie er ſelbſt ſagte, an Zeit dazu gemangelt. Sobald er die Veränderung bemerkte, die ſich in ihm bewerkſtelligte, ging er, ſiatt ſeinen Entſchluß zu faſſen, um philoſophiſch den erſten Luftzug des Alters einzuathmen, der die Stirne runzelt und die Haare ver⸗ ſilbert, ging er, ſagen wir, in ſich und beobachtete ſich. Was die munterſten Menſchen traurig macht, iſt die Analyſe der Freude oder des Leidens, die Analyſe iſt ein Stillſchweigen zwiſchen das Gelächter oder das Schluchzen geworfen. Man hatte bis jetzt den König nur gelangweilt geſehen, nun ſah man ihn traurig. Er lachte nicht mehr bei den Zoten von Madame du Barry, er lächelte nicht mehr bei den Bosheiten des Herzogs von Ayen, er erſchlaffte nicht mehr bei den herzlichen Liebkoſungen von Herrn von Chauvelin, ſeinem Buſenfreund, dem Achates bei den muthwilligen Streichen des Königs. Madame du Barry beklagte ſich beſonders über 36 Traurigkeit, welche gerade für ſie in Kälte aus⸗ artete. Dieſe moraliſche Veränderung veranlaßte die Aerzte zu der Behauptung, wenn der König noch nicht krank ſei, ſo werde er es ſicherlich bald werden. Am vorhergehenden 15. April wagte es auch La⸗ martinisre, ſein erſter Wundarzt, nachdem er den Kö⸗ nig hatte ſeine monatliche Arznei verſchlucken laſſen, die Bemerkungen zu machen, die er für dringend hielt. 36 „Sire,“ ſagte Lamartinisre zu ihm,„da Eure Ma⸗ jeſtät nicht mehr trinkt, da Eure Majeſtät nicht mehr ißt, da Eure Majeſtät nicht mehr ſich beluſtigt, was gedenkt ſie denn zu thun?“ „Ah! mein lieber Lamartinidre,“ erwiederte der König,„was mir am Unterhaltendſten außer dem Allem erſcheinen wird.“ „Ich fenne nicht viel Neues von Bedeutung, was Eurer Majeſtät zu bieten wäre. Eure Majeſtät hat den Krieg mitgemacht, Eure Majeſtät hat es verſucht, die Ge⸗ lehrten und die Künſtler zu lieben. Eure Majeſtät hat die Frauen und den Champagner⸗Wein geliebt. Wenn man aber den Ruhm, die Schmeicheleien, die Liehe und den Wein befühlt hat, ſo betheure ich Eurer Majeſtät, daß ich vergebens eine Muskel, ein Fleiſch, einen Ner⸗ venknoten ſuche, der mir die Eriſtenz eines anderen na⸗ türlichen Geſchicks zu einer neuen Zerſtreuung enthüllen würde.“ „Ah! ah!“ machte der König,„wahrhaftig? Sie glauben?“ „Sire, bedenken Sie wohl, Sardanapal war ein ſehr verſtändiger König, beinahe ſo verſtändig, als Eure Majeſtät, obgleich er ungefähr zwei tauſend Jahre vor ihr lebte. Er liebte das Lehen und beſchäftigte ſich viel mit der guten Anwendung besſelben. Ich glaube zu wiſſen, daß er ängſilich die Mittel aufſuchte, den Körper und den Geiſt in Entdeckung, der am min⸗ deſten bekannten Vergnügungen zu üben. Nun wohl! nirgends bin ich von den Geſchichtſchreibern belehrt worden, er habe etwas Anderes gefunden, als was Sie ſelbſt gefunden.“ „Potz tauſend! Lamartinidre!“ „Ich nehme den Champagner⸗Wein aus, den Sar⸗ danapal nicht kannte; er hatte im Gegentheil zum Ge⸗ tränke dicke, ſchwere, teigige Weine von Kleinaſien dieſe flüſſigen Flammen, die vom Fleiſch der Trauben ren Ma⸗ mehr was der llem was den Ge⸗ hat enn und ſtät, Ker⸗ na⸗ llen Sie ein ure, hre gte Ich te, in⸗ hll hrt Sie r⸗ e⸗ en, en 37 des Archipels herſtammen, Weine, deren Berauſchung eine Wuth iſt, während der Rauſch vom Champagner⸗ Wein nur eine tolle Heiterkeit erzeugt.“ „Das iſt wahr, mein lieber Lamartinisre, das iſt wahr; der Champagner⸗Wein iſt ein ſchöner Wein und ich habe ihn ſehr geliebt. Doch ſagen Sie mir, hat er ſich nicht am Ende auf einem Scheiterhaufen verbrannt, Ihr Sardanapal?“ „Ja, Sire, das war die einzige Art von Vergnü⸗ gen, die er noch nicht erprobt halte; er behielt ſie ſich zur letzten vor.“ „Und ohne Zweifel, um dieſes Vergnügen ſo leb⸗ haft als möglich zu machen, verhrannte er ſich mit ſei⸗ nem Palaſt, mit ſeinen Schätzen und ſeiner Favoritin?“ „Ja, Sire.“ „Mein lieber Lamartinisre, rathen Sie mir etwa, Verſailles zu verbrennen, und zu gleicher Zeit mich und Madame du Barry auch zu verbrennen 2“ „Nein, Sire; Sie haben den Krieg mitgemacht, Sie haben Brände geſehen, Sie ſind mitten in der Kanonade von Fontenoy geſtanden. Die Flamme wäre folglich keine neue Unterhaltung für Sie. Rerapituli⸗ ren wir Ihre Vertheidigungsmittel gegen die Lang⸗ weile.“ „Oh! Lamartinidre, ich bin ſehr entwaffnet.“ „Sie haben vor Allem Herrn von Chauvelin, Ih⸗ ren Freund, einen Mann von Witz einen „Chauvelin hat keinen Witz mehr, mein Liebſter.“ „Seit wann?“ „Seitdem ich mich langweile.“ „Bah!“ rief Lamartiniöre,„es iſt gerade, als ob S ſagten, Madame du Barry ſei nicht mehr ſchön, wann?“ fragte der König, ein wenig errö⸗ „Oh! ich verſtehe mich,“ erwiederte ungeſtüm der Wundarzt. Fi 38 „Kurz,“ ſprach der König ſeufzend,„es iſt ent⸗ ſchieden, daß ich krank werde.“ „Ich befürchte es, Sire.“ „Ein Gegenmittel alſo, Lamartinidre, ein Gegen⸗ mittel, kommen wir dem Uebel zuvor.“ „Die Ruhe, Sire, ich kenne kein anderes.“ „Gut!“ „Die Diät.“ „Gut!“ „Die Zerſtreuungen.“ i halte ich Sie feſt, Lamartinisre.“ e ſo?“ „Ja, Sie verſchreiben mir Zerſtreuungen und ſagen mir nicht, wie ich mich zerſtreuen ſoll. Nun denn! ich verwerfe Sie als unwifſend, als höchſt unwiſſend! ver⸗ ſtehen Sie, mein Freund?“ „Und Sie haben Unrecht, Sire. Das iſt Ihr Feh⸗ ler, nicht der meinige.“ „Wie ſo?“ „Ja, man zerſtreut diejenigen nicht, welche ſich lang⸗ weilen, wenn ſie Herrn von Chauvelin zum Freund und Madame du Barry zur Geliehten haben.“ Hier trat ein Stillſchweigen ein, durch welches Ludwig XV. zu geſtehen ſchien, das, was Lamartinière geſagt, entbehre nicht der Vernunft. Dann fuhr der König fort: „Nun wohl! Lamartinisre, mein Freund, da wir von Krankheit ſprechen, urtheilen wir wenigſtens ver⸗ ſtändig. Nicht wahr, Sie fagen, ich habe mich mit Allem in dieſer Welt beluſtigt?“ „Ich ſage das, und es iſt ſo.“ „Mit dem Krieg?“ „Bei Gott! wenn man die Schlacht bei Fontenoh gewonnen hat.“ „Ja, das war ein beluſtigendes Schauſpiel, Men⸗ ſchen in Fetzen, vier Meilen lang und eine Meile breit ent⸗ gen⸗ agen ich ver⸗ Feh⸗ ang⸗ eund ſches niöre wir ver⸗ mit noh den⸗ reit 39 Blutlachen. ein Schlächtergeruch, daß es einem übhel wurde.“ „Doch der Ruhm.“ „Bin ich es, der die Schlacht gewonnen hat? iſt es nicht der Herr Marſchall von Sachſen? iſt es nicht der Herr Herzog Richelieu? iſt es nicht beſonders Pé⸗ quigny mit ſeinen vier Feldſtücken?“ „Gleichviel, wem iſt mittlerweile der Triumph zu Lheil geworden? Ihnen.“ „Das mag wohl wahr ſein, doch iſt dies der Grund, aus dem Sie vermuthen, ich müſſe den Ruhm lieben? hl mein lieber Lamartinière,“ fügte der König einen eufzer ausſtoßend bei,„wenn Sie wüßten, was für ein ſchlechtes Lager ich in der Nacht vor Fontenoy hatte!“ „Gut alſo, gehen wir über den Ruhm weg, Sie können ſich, da Sie ihn nicht ſelbſt erwerben wollen, durch die Maler, durch die Dichter und die Geſchicht⸗ ſchreiber geben laſſen.“ „Lamartinidre, ich habe einen Abſcheu vor allen die⸗ ſen Leuten, welche entweder verächtliche Burſche, flacher als meine Lackeien, oder ſolche Coloſſe des Hochmuths ſind, daß ſie nicht mehr unter den Triumphbogen meines Ahnherrn durchkönnen. Dieſer Voltaire beſonders, hat mir nicht dieſer Burſche eines Abends auf die Schulter geklopft und mich Trajan genannt? Man ſagt ihm, er ſei der König meines Reiches, und der Schlingel glaubt eg. Ich will alſo nichts von der Unſterblichkeit, die dieſe Leute mir geben können, ich müßte ſie zu theuer in dieſer vergänglichen Welt und vielleicht ſogar in der andern bezahlen.“ „Was wollen Sie dann, Sire? ſprechen Sie.“ „Ich will mein Leben ſo lange, als ich kann, dauern laſſen. Ich will, daß an dieſem Leben ſo viel als immer moͤglich von den Dingen, die ich liebe, Theil haben, und zu dieſem Ende werde ich mich weder an die Dichter, noch an die Philoſophen, noch an die Kriegsleute wenden; nein, Lamartinidre, nach Gott, 40⁰ ſehen Sie wohl, ſchätze ich entſchieden nur die Aerzte, wenn ſie gut ſind, wohlverſtanden.“ „Mein Gott!“ „Sprechen Sie offenherzig, lieber Lamartiniore.“ „Ja, Sire.“ „Was habe ich zu befürchten?“ „Den Schlag.“ „Man ſtirbt daran.“ „Ja, wenn einem nicht zu rechter Zeit zur Ader gelaſſen wird.“ „Lamartiniöre, Sie werden mich nicht verlaſſen.“ „Das iſt unmöglich, Sire; ich habe meine Kranken.“ „Sehr gut! Doch mir ſcheint, meine Geſundheit iſt ſo intereſſant für Frankreich und Europa, als die von allen Ihren Kranken miteinander; man wird jeden Abend Ihr Bett bei dem meinigen machen.“ Sire „Was iſt Ihnen daran gelegen, ob Sie hier oder anderswo ſchlafen? Und Sie werden mich ſchon durch Ihre Gegenwart allein beruhigen, mein lieber Lamar⸗ tinidre, Sie werden der Krankheit Angſt machen; denn die Krankheit kennt Sie und weiß, daß Sie ihr heftig⸗ ſter Feind ſind.“ Darum lag am 25. April 1774 der Wundarzt Lamartinière, in einem kleinen Bett im blauen Zimmer in Verſailles, in tiefem Schlafe gegen fünf Uhr Mor⸗ gens, während der König nicht ſchlief. Ludwig XV, der, wie wir angegeben, nicht ſchlief, ſtieß einen ſchweren Seufzer aus; da aber ein Seufzer nur die entſchiedene Bedeutung hat, welche ihr der Seufzende gibt, ſo hörte ihn Lamartinieère, der ſchnarchte, ſtatt zu ſeufzen, unter dem Schnarchen, merkte aber nicht darauf, oder gab ſich vielmehr den Anſchein, als merkte er nicht darauf. Als der König ſah, daß ſein Wundarzt für dieſen Ruf unempfindlich war, neigte er ſich über den Rand ſeines Bettes und betrachtete beim Scheine der dicken ein er Kö ſic der der Fu rzte, re.4 lder ntt n. heit die den der rch rar⸗ enn tig⸗ arzt mer or⸗ lief, fzer der hte, ber als eſen and cken 41 Kerze, welche in dem marmornen Gefäße brannte, ſei⸗ nen Wärter, den eine dicke, weiche, bis an die Band⸗ ſchleife ſeiner Nachtmütze gehende Decke den hartnäckig⸗ ſten Blicken entzog. „Aie!“ machte der König.„Ach!“ Lamartiniöre hörte abermals, doch da ein ſolcher Zwiſchenton zuweilen auch einem Eingeſchlafenen ent⸗ ſchlüpfen kann, ſo iſt dies kein Grund, einen Andern aufzuwecken. Der Wundarzt fuhr alſo fort zu ſchnarchen. „Wie glücklich iſt er, daß er ſo ſchlafen kann!“ murmelte Ludwig XW. Dann fügte er bei: „Wie materiell ſind doch dieſe Aerzte!“ Und er entſchloß ſich, noch zu warten; als er aber eine Viertelſtunde lang vergebens gewartet hatte, ſagte er endlich: „He! Lamartinisre.“ „Was gibt es, Sire?“ fragte murrend der Arzt Seiner Majeſtät. „Ah! mein armer Lamartiniöre,“ wiederholte der König ſo kläglich krächzend, als er nur immer konnte. „Was iſt es denn?“ ſagte der Doctor. Und beſtändig brummend, wie ein Menſch, der ſicher iſt, daß er ſeine Stellung mißbrauchen kann, glitt der Doctor von ſeinem Bett herab. Er fand den König auf dem ſeinigen ſitzend. „Nun, Sire, Sie leiden?“ fragte er. „Ich glaube, ja, mein lieber Lamartinière,“ erwie⸗ derte Seine Majeſtät. „Oho! Sie ſind ein wenig aufgeregt.“ „Sehr aufgeregt, ja.“ „Wodurch?“ „Ich weiß es nicht.“ „Ich weiß es,“ murmelte der Wundarzt,„aus Furcht.“ „Fühlen Sie meinen Puls, Lamartinisre.“ „Das thue ich.“ 42 „Nun?“ „Sire, er bezeichnet acht und achtzig Schläge in der Minute, was bei Greiſen viel iſt.“ „Bei Greiſen, Lamartinière?“ „Allerdings.“ „Ich zähle erſt vier und ſechzig Jahre, und mit vier und ſechzig Jahren iſt man noch nicht alt.“ „Man iſt ſchon nicht mehr jung.“ „Was verordnen Sie mir?“ „Sagen Sie mir zuerſt, was Sie fühlen?“ „Ich erſticke ein wenig, wie mir ſcheint.“ „Nein; Sie haben im Gegentheil kalt.“ „Ich muß roth ſein?“ „Gehen Sie doch, Sie ſind bleich. Einen Rath, Sire.“ „Welchen?“ „Suchen Sie wieder einzuſchlafen; das wäre ſehr hübſch.“ „Ich habe keinen Schlaf mehr.“ Ani38 „Sprechen Sie, was bedeutet dieſe Aufregung?“ „Ei! mir ſcheint, Sie müßten das wiſſen, Lamar⸗ tiniere, oder es wäre nicht der Mühe werth, Arzt zu ſein.“ „Sollten Sie einen ſchlechten Traum gehabt haben?“ „Wohl denn! ja.“ „Einen Traum!“ rief Lamartinidre, die Hände zun Himmel erhebend,„einen Traum!“ „Bei Gott! es gibt wohl Träume.“ „So erzählen Sie mir Ihren Traum.“ „Das läßt ſich nicht erzählen.“ „Warum denn? Alles läßt ſich erzählen.“ „Ja, dem Beichtvater.“ „So laſſen Sie geſchwinde Ihren Beichtvater holen; mittlerweile trage ich meine Lancette zurück.“ „Ein Traum iſt zuweilen ein Geheimniß.“ „Ja, und es iſt zuweilen ein Gewiſſensbiß. Sie haben Recht, Sire, Gott befohlen.“ un ſic m we ſa lel ge etr we e in mit ath, ſehr mar⸗ ein.“ en?“ zum len; Sie 43 Und der Arzt fing an ſeine Strümpfe zu binden und ſeine Beinkleider anzuziehen. „Ah! ah! Lamartinidre, mein Freund, ärgern Sie ſich nicht. Ich habe geträumt.„ich habe geträumt, man trage mich nach Sainte⸗Denis.“ „Und der Wagen ſei ſchlecht geweſen. Ach! wenn Sie dieſe Fahrt machen, werden Sie es nicht bemerken, Sire.“ „Wie können Sie über ſolche Dinge ſcherzen?“ ſagte der König ſchauernd.„Nein, ich habe geträumt, man trage mich nach Sainte⸗Denis, und ich ſei ganz lebendig in dem Sammet meines Sarges begraben.“ „Sie fühlten ſich beengt in dieſem Sarg?“ „Ja, ein wenig.“ „Blähungen, ſchwarze Laune, ſchwere Verdauung.“ „Oh! ich habe geſtern nicht zu Nacht gegeſſen.“ „Leere alſo.“ „Sie glauben?“ „Ah! ich bedenke, zu welcher Stunde haben Sie geſtern die Frau Gräfin verlaſſen?“ „Ich habe ſie ſeit zwei Tagen nicht geſehen.“ ſe„Sie ſchmollen mit ihr, ſchwarze Laune, wie Sie ehen.“ „Ei! nein, ſie ſchmollt mit mir. Ich hatte ihr etwas verſprochen und nicht gegeben.“ „Geben Sie es ihr geſchwinde, dieſes Etwas, und wenden Sie Ihren Geiſt der Freude zu.“ „Nein, ich bin in Traurigkeit verſunken.“ „Ah! ein Gedanke.“ „Laſſen Sie hören.“ „Frühſtücken Sie mit Herrn von Chauvelin.“ „Frühſtücken!“ rief der König,„das geſchah zur guten Zeit, wo ich Appetit hatte.“ „Ah!“ rief der Wundarzt, die Arme kreuzend,„Sie wollen nichts mehr von Ihren Freunden, Sie wollen nichts mehr von Ihrer Geliebten, Sie wollen nichts mehr von Ihrem Frühſtück, und Sie glauben, ich werde 44 das dulden? Nun! Sire, ich erkläre Ihnen Eines: wenn Sie Ihre Gewohnheiten ändern, ſind ſie verloren.“ „Lamartinisre, mein Freund.. macht mich gäh⸗ nen; meine Geliebte ſchläfert mich ein; mein Früh⸗ ſtück erſtickt mich.“ „Gut! ſo ſind Sie entſchieden krank.“ „Ah! Lamartiniöre,“ rief der König,„ich bin ſehr lange glücklich geweſen.“ „Und Sie beklagen ſich hierüber? ſo ſind die Menſchen.“ „Nein, ich beklage mich gewiß nicht über die Ver⸗ gangenheit, ſondern über die Gegenwart; durch vieles Rollen nutzt ſich der Wagen ab.“ Und der König ſtieß einen Seufzer aus. „Es iſt wahr, er nutzt ſich ab,“ wiederholte pa⸗ thetiſch der Wundarzt. „So daß die Federn nicht mehr gehen, und ich trachte nach Ruhe,“ ſeufzte der König. „So ſchlafen Sie doch,“ rief Lamartiniere, indem er ſich wieder niederlegte. „Laſſen Sie mich meine Metapher fortſetzen, mein guter Doctor.“ „Sollte ich mich getäuſcht haben, und ſollten Sie Dichter werden, Sire? Auch eine abſcheuliche Krankheit.“ „Nein, im Gegentheil, Sie wiſſen, daß ich die Dichter haſſe. Um Frau von Pompadour ein Vergnü⸗ gen zu bereiten, habe ich dieſen Bauernkerl Voltaire zum Edelmann gemacht; doch ſobald er ſich eines Tags mich zu dutzen und mich Titus oder Trajan, ich weiß nicht mehr genau, zu nennen erlaubte, war es vorbei. Ich wollte alſo ohne Poeſie ſagen, ich glaube, es ſei Zeit, daß ich mir den Hemmſchuh einlege.“ „Wollen Sie meine Meinung wiſſen?“ „Ja, mein Freund.“ „Nun wohl, legen ſie den Hemmſchuh nicht ein, Sire, ſpannen Sie aus.“ „Das iſt hart,“ murmelte Ludwig XV. nen um Sie den Dee lich Zin hart rege hatt eintr ſtoße vom groß Bein zoge: Toile ſeufzt Still nes: en.“ äh⸗ rüh⸗ bin die Ber⸗ eles 45⁵ „Es iſt ſo, Sire. Wenn ich mit dem König ſpreche, nenne ich ihn Eure Majeſtät; drehe ich meinen Kranken um, ſo ſage ich nicht einmal mein Herr. Spannen Sie alſo aus, Sire, und zwar raſch. Nun, da die Sache abgemacht iſt, haben wir noch anderthalb Stun⸗ den zu ſchlafen, Sire. Schlafen wir alſo.“ Und der Wundarzt warf ſich wieder unter ſeine Decke, wo er nach füͤnf Minuten auf eine ſo bürger⸗ liche Weiſe ſchnarchte, daß das Gewölbe des hlauen Zimmers vor Entrüſtung knirſchte. Vns Lever des Rönigs. Sich ſelbſt überlaſſen, ſuchte der König nicht den hartnäckigen Doctor zu ſtören, deſſen wie eine Uhr ge⸗ Schlaf ſo lang dauerte, als er vorhergeſagt hatte. Es ſchlug halb ſieben Uhr, als der Kammerdiener eintrat. Lamartinisre ſtand auf und ging in ein an⸗ ſtoßendes Cabinet, während man ſein Bett wegbrachte. Hier ſchrieb er eine Verordnung für die Aerzte vom kleinen Dienſt und verſchwand. Der König befahl, ſeine Bedienung zuerſt und die großen Entrées hernach eintreten zu laſſen. Er grüßte ſtillſchweigend und reichte dann die Beine den Kammerdienern, die ihm die Strümpfe an⸗ zogen, die Kniebänder befeſtigten und ihn mit ſeinem Toiletterocke bekleideten. Dann kniete er vor ſeinem Betpulte nieder und ſeufzte zu wiederholten Malen unter einem allgemeinen Stillſchweigen. 46 Jeder war niedergekniet wie er und betete unter großer Zerſtreutheit. Der König wandte ſich von Zeit zu Zeit nach dem Geländer um, an dem ſich gewöhnlich die Vertrauteſten und Beliebteſten von ſeinen Höflingen drängten. „Was ſucht denn der König?“ fragten ſich ganz leiſe der Herzog von Richelien und der Herzog von Ayen. „Uns nicht, denn uns würde er finden,“ erwiederte der Herzog von Ayen;„doch ſehen Sie, der König ſteht auf.“ „Ich ſehe den Herrn Garderobemeiſter nicht,“ ſagte Ludwig XV. umherſchauend. „Herrn von Chauvelin?“ fragte der Herzog von Richelieu. „Ja.“ „Sire, er iſt hier.“ „Wo denn? „Dort,“ antwortete der Herzog, indem er ſich um⸗ wandte. Doch plötzlich rief er ganz erſtaunt: „Ah! ah!“ „Was denn?“ fragte der König. „Herr von Chauvelin betet noch.“ In der That, der Marquis von Chauvelin, dieſer liebenswürdige Heide, dieſer luſtige Gefährte bei den kleinen königlichen Sacrilegien, dieſer geiſtreiche Feind der Götter im Allgemeinen und Gottes insbeſondere, der Marquis war knieend geblieben, nicht nur gegen ſeine Gewohnheit, ſondern auch gegen die Etiquette, nachdem der König ſein Gebet beendigt. „Nun! Marquis,“ fragte der König lächelnd, „ſchlafen Sie?“ Der Marquis ſtand langſam auf, bekreuzte ſich und verbeugte ſich vor Ludwig XV. mit tiefer Ehrfurcht. Jedermann war gewohnt, zu lachen, wenn Herr von Chauvelin lachen wollte; man glaubte, er ſcherze, und man lachte aus Gewohnheit, der König wie die Anderen. nter dem eſten anz yen. e der uf.“ agte von um⸗ eſer den eind ere, gen ette, lnd, cht. err rze, die 47 Bald aber wurde Ludwig XV. wieder ernſthaft und ſprach: „Ah! Marguis, Sie wiſſen, ich liebe es nicht, daß man mit den heiligen Dingen ſcherzt. Da Sie mich indeſſen, wie ich denke, ein wenig aufheitern wollen, ſo ſei es Ihnen der Abſicht wegen verziehen; ich ſage Ihnen nur zum Voraus, daß Sie viel zu thun haben,“ fügte er mit einem Seufzer bei,„denn ich bin traurig wie der Tod.“ „Sie, traurig, Sire?“ fragte der Herzog von Ayen; „und was kann Eure Majeſtät traurig machen?“ „Meine Geſundheit, Herzog! meine Geſundheit, welche ſchwindet! Ich laſſe Lamartiniöre in meinem Zimmer ſchlafen, daß er mich beruhige; doch dieſer Wü⸗ thende macht es ſich im Gegentheil zur Aufgabe, mir Furcht einzujagen. Zum Glück ſcheint man hier geneigt, zu lachen. Nicht wahr, Chauvelin?“ Doch die Herausforderungen des Königs blieben erfolglos. Der Marquis von Chauvelin ſelbſt, deſſen feine, ſpöttiſche Phyſiognomie ſo gern die Heiterkeit des Gebieters widerſtrahlte; der Marquis, ein ſo vollkom⸗ mener Höfling, daß er nie hinter einem Wunſche des Königs geblieben war; der Marquis, ſtatt dem von Ludwig XV. ausgedrückten Bedürfniß einer leichten Zer⸗ ſtreuung zu entſprechen, blieb düſter, ſchweigſam und ganz in einen unerklärlichen Ernſt verſunken. Einige, ſo fern war dies von den Gewohnheiten von Herrn von Chauvelin, Einige glaubten, der Marquis ſetze ſeinen Scherz fort, und der Ernſt werde mit einem glänzenden Feuerwerk der Heiterkeit endigen; doch der König hatte an dieſem Morgen nicht viel Ge⸗ duld, zu warten; er fing alſo an die Traurigkeit ſeines Günſtlings Breſche zu ſchießen. „Was Teufels haben Sie denn, Chauvelin?“ fragte Ludwig XV.,„ſetzen Sie meinen Traum von heute Nacht fort? Wollen Sie ſich auch begraben laſſen?“ 48 „Oh! ſollte Euere Majeſtät ſolche abſcheuliche Dinge geträumt haben?“ rief der Herzog von Richelien. „Ja, ein Alp, Herzog. Doch wahrhaftig, was ich ſchlafend ertrage, möchte ich wohl nicht gern wieder⸗ finden. Sprechen Sie, Chauvelin, was haben Sie 2“ Der Marquis verbeugte ſich, ohne zu antworten. „Sprechen Sie, ſprechen Sie doch, ich will es ha⸗ ben!“ rief der König. „Sire, ich denke nach.“ „Worüber?“ fragte Ludwig XV. erſtaunt. „Sire, ich denke an Gott!“ „An Gott?“ „Ja, Sire.. Gott iſt der Anfang der Weisheit.“ Dieſer ſo kalte und mönchiſche Eingang machte den König beben; er heftete einen Blick auf den Mar⸗ quis und entbeckte in ſeinen matten, gealterten Zügen den wahrſcheinlichen Grund dieſer ungewöhnlichen Trau⸗ rigkeit. „Der Anfang der Weisheit?“ ſagte er.„Ah! ich wundere mich wahrhaftig nicht mehr, wenn dieſer An⸗ fang nie eine Fortſetzung hat; er iſt zu langweilig. Doch Sie denken nicht an Gott allein. An was den⸗ ken Sie noch?“ „An meine Frau und an meine Kinder, die ich ſeit langer Zeit nicht mehr geſehen habe, Sire.“ „Ah! es iſt wahr, Chauvelin, Sie find verheira⸗ thet, Sie haben Kinder, ich hatte es vergeſſen, und Sie auch, wie mir ſcheint, denn ſeit den fünfzehn Jah⸗ ren, die wir uns jeden Tag ſehen, iſt es das erſte Mal, daß Sie davon ſprechen. Rein! wenn Sie eine Haus⸗ haltungswuth erfaßt, laſſen Sie dieſelben kommen, ich widerſetze mich nicht, mich dünkt, Ihre Wohnung in Schloß iſt groß genug.“ „Sire, Frau von Chauvelin lebt ſehr von der Welt zurückgezogen, in tiefer Frömmigkeit, und „Und das Leben in Verſailles würde ihr ein Aer⸗ gerniß bereiten, nicht wahr? Ich begreife, das iſt wie Dinge as ich ieder⸗ e2 ten. 3ha⸗ eit. achte Mar⸗ ügen rau⸗ ich An⸗ ilig. den⸗ ſeit ira⸗ und ah⸗ Nal, us⸗ ich im der . ler⸗ wie 49 bei meiner Tochter Louiſe, die ich nicht von Saint⸗ Denis wegbringen kann... Dann ſehe ich kein Mittel, Marquis.“ „Ich bitte Eure Majeſtät um Verzeihung, es gibt eines!“ „Welches?“ „Mein Dienſt iſt heute Abend zu Ende; wenn mir der König erlauben wollte, daß ich ein paar Tage bei meiner Familie in Grosbois zubringen dürfte...“ „Sie ſcherzen, Marquis: mich verlaſſen?“ „Ich werde zurückkommen, Sirez doch ich möchte nicht gern ſterben, ohne einige teſtamentariſche Verfü⸗ gungen getroffen zu haben.“ „Sterben! die Peſt des Menſchen! Sterben! wie er das ſagt! Wie alt ſind Sie, Marquis2“ „Zwei Jahre jünger, als Eure Majeſtät, obſchon ich zehn Jahre älter zu ſein ſcheine.“ Der König drehte dieſem Verdrießlichen den Rücken zu und wandte ſich an den Herzog von Coigny, der ganz nahe bei ſeiner Eſtrade ſtand. „Ah! ſieh da, Herr Herzog, Sie kommen wie ge⸗ rufen; man ſprach neulich von Ihnen beim Abendbrod! Iſt es wahr, daß Sie in meinem Schloſſe Chviſy dem armen Gentil⸗Bernard Gaftfreundſchaft gegeben haben? Das wäre eine gute Handlung, wegen der ich Sie lo⸗ ben würde. Wenn es indeſſen alle Gouverneurs von meinen Schlöſſern ebenſo machten und die verrückt ge⸗ wordenen Dichter aufnähmen, ſo bliebe mir kein ande⸗ res Mittel mehr, als in Bicétre zu wohnen. Wie geht es dem Unglücklichen?“ „Immer ſchlecht, Sire.“ „Wie iſt denn das bei ihm gekommen?“ „Sire, dadurch, daß er ſich früher ein wenig zu viel beluſtigt hat, und daß er kürzlich den jungen Mann ſpielen wolite.“ „Ja, ja, ich begreife. Ah! er iſt ſehr alt!“ Tauſend und ein Geſpenſt. m. 4 5⁰ „Ich bitte den König um Verzeihung, Sire, er iſt nur ein Jahr älter, als Seine Majeſtät.“ „Wahrhaftig, das iſt unerträglich,“ ſprach der Kö⸗ nig Coigny den Rücken zuwendend,„ſie ſind heute nicht nur traurig wie Katafalke, ſondern ſie ſind auch dumm wie die Gänſe.“ Der Herzog von Ayen, einer der geiſtreichſten Män⸗ ner dieſer ſo geiſtreichen Epoche, begriff die zunehmende üble Laune des Königs; er fürchtete die Spitzen da⸗ von, und machte, entſchloſſen, ſobald als möglich ihr Ende herbeizuführen, zwei Schritte vorwärts, um ins Auge zu fallen. Er trug auf ſeiner Weſte, auf ſeinen Knie⸗ bändern, rings um ſeinen Rock breite, glänzende Gold⸗ ſtickereien, welche nothwendig die Blicke anziehen muß⸗ ten. Der Monarch ſah ſie in der That. „Bei meiner Treue, Herzog von Ahen,“ rief er, „Sie glänzen wie eine Sonne. Haben Sie denn eine Landkutſche beſtohlen? Ich glaubte, alle Sticker von Paris wären zu Grunde gerichtet, ſeit der Verheira⸗ thung des Grafen von Provence, wo ſie kein Hofmann bezahlt hat, und wo es die Herren Prinzen nicht für geeignet erachteten, zu kommen, ohne Zweifel in Er⸗ mangelung von Geld oder von Credit.“ „Sie ſind auch ruinirt, Sire.“ „Wer, die Sticker, die Prinzen oder die Hofleute 2“ „Ich glaube alle ein wenig; doch die Sticker ſind geſchicker, ſi⸗ werden ſich herausziehen.“ „Wie?“ „Durch dieſe neue Erfindung.“ Und er deutete auf ſeine Stickereien. „Ich begreife nicht.“ „Ja, Sire, die ſo geſtickten Kleider nennt man à la Chancelisre.“ „Ich begreife noch weniger.“ „Es gäbe ein Mittel, Seiner Majeſtät dieſes Räth⸗ ſel begreiflich zu machen; man brauchte nur die Verſe r iſt nicht mm än⸗ ende da⸗ nde uge nie⸗ d⸗ uß⸗ er, ine on ra⸗ nn für Fr⸗ 24 nd uf 5¹ zu citiren, welche die Maulaffen von Pariſern compo⸗ nirt haben, doch ich wage es nicht.“ „Wagen Sie es„Herzog,“ ſprach der König ſeufzend. „Meiner Treue, Sire, nicht ohne einen Befehl des Königs.“ „Ich gebe Ihnen den Befehl.“ „Der König wird ſich wenigſtens erinnern, daß ich nur gehorche. Die Verſe lauten: n fait certains galons de nouvelle matiére, Mais ils ne sont que pour jours de galas. On les nomme 4 la Chanceliére. Pourquoi? O'est qu'ils sont faux et ne rougis- sent pas.*) Die Höflinge ſchauten ſich an, erſtaunt über die große Frechheit, und alle wandten ſich gleichzeitig gegen den König, um ihre Phyſiognomien nach der ſeini⸗ gen zu modeln. Damals in voller Gunſt, unterſtützt von der Favoritin, war der Kanzler Maupeon ein zu hoch geſtellter Mann, als daß man es wagte, die Epi⸗ gramme anzuhören, welche ſich unabläfſig gegen ihn folgten. Der Monarch lächelte; von da an lächelten . eireg Er erwiederte nichts, Niemand ſagte ein ort. Ludwig XV. warvon einer ſeltſamen Geiſtesbeſchaffen⸗ heit. Er hatte eine fürchterliche Angſt vor dem Tod und wollte nicht, daß man von dem ſeinigen ſpräche. Doch bei jedem Anlaß machte er ſich eine Freude dar⸗ aus, über die Schwäche zu ſpotten, welche beinahe alle Menſchen haben, über die Schwäche, ihr Alter oder ihre Stthien zu verbergen. Er ſagte gern zu einem öfling: „Sie ſind alt, Sie ſehen ſchlecht aus, Sie werden *) Man macht gewiſſe Galonen, doch ſie ſind nur für Galatage. Man nennt ſie 3 ja Chanceliere. Warumt weil ſie falſch find und nicht roth werden., 52 bald ſterben.“ Er ging dabei mit Philoſophie zu Werke, und gerade an dieſem Tag, wo er zwei grauſame An⸗ griffe erlitten hatte, ſetzte er ſich einem dritten aus. Um das mit dem Herzog von Ayen abgeſprochene Geſpräch wieder aufzunehmen, ſagte er ziemlich un⸗ geſtüm: „Wie geht es dem Chevalier von Noailles 2 iſt es wahr, daß er krank liegt?“ „Sire, wir haben das Unglück gehabt, ihn geſtern zu verlieren.“ „Ah! ich hatte es ihm wohl verkündigt.“ Dann ſchaute er in dem durch die kleinen Entrées vermehrten Kreiſe umher und erblickte den Abbé von Broglio, einen mürriſchen, heftigen Mann. Er redete ihn mit den Worten an: „Nun iſt die Reihe an Ihnen, Abbé. Sie waren gerade zwei Tage jünger als er.“ „Sire,“ erwiederte Herr von Broglio, ganz weiß vor Zorn,„Eure Majeſtät iſt geſtern auf der Jagd geweſen. Es hat ſich ein Sturm erhoben. Der König iſt durchnäßt worden wie die Anderen.“ Und er ließ ſich Platz machen und ging wüthend weg. Der König ſchaute ihm mit traurigem Auge nach und fügte bei: „So iſt er, dieſer Abbé von Broglio, er ärgert ſich immer.“ Dann, als er an der Thüre ſeinen Arzt Bonnard und bei ihm Bordeu, einen Günſtling von Madame du Barry, der jenen zu erſetzen trachtete, wahrnahm, rief er Beide. „Kommen Sie, meine Herren: man ſpricht dieſen Morgen hier nur vom Tod, das iſt Ihre Sache. Wer von Ihnen wird die Verjüngungsquelle finden? Dies wäre ein ſchönes Wunder, und ich ſichere ihm ſein Glück. Sollten Sie es ſein, Bordeu? Sie, der Aes⸗ culap bei Venus, haben noch nicht an dieſe Ausbeſſe⸗ rungsarbeit gedacht, das begreife ich.“ rées von dete ren eiß gd nig ach ert d du ief ſen er jes in 53 „Ich bitte den König um Verzeihung, ich habe im Gegentheil ein Syſtem, das uns zu der guten Zeit der Geſchichte zurückführen muß.“ „Der Fabel,“ unterbrach ihn Bonnard mit einer gezierten Miene. „Sie glauben,“ ſprach der König,„Sie glauben, mein guter Bonnard? Es iſt allerdings wahr, unter Ihrer Leitung iſt meine Jugend nur noch eine bittere Fabel, und derjenige, welcher mich jetzt verjüngen würde, wäre im Sturm Hiſtoriograph von Frankreich, denn er hätte die ſchönſten Seiten meiner Regierung geſchrieben. Thun Sie das, Bordeu, das iſt eine Kur würdig, eine große Berühmtheit zu erlangen. Mittlerweile fühlen Sie Herrn von Chauvelin den Puls, er iſt ganz trau⸗ rig und bleich. Sagen Sie mir Ihre Anſicht über dieſe Geſundheit, die koſtbar für unſere Vergnügungen, und für mein Herz,“ fügte er raſch bei. Chauvelin lächelte bitter und reichte dem Doctor den Arm. „Welchem von Beiden?“ ſagte er. „Allen Beiden,“ erwiederte lachend der König, „doch nicht Lamartinidre; er wäre im Stande, Ihnen, wie mir, einen Schlagfluß zu weisſagen.“ „Ihnen alſo, Herr Bonnard: die Vergangenheit vor der Zukunft. Was iſt Ihre Anſicht 2“ „Der Herr Marquis iſt ſehr krank; es iſt Ueber⸗ fluß an Säften, Verſchleimung der Fibern des Gehirns: Sie würden wohl daran thun, wenn Sie ſich zur Ader ließen, und zwar ſehr ſchnell.“ „Und Sie, Herr Borden?“ „Mein gelehrter College möge mich entſchuldigen, doch ich kann die Anſicht ſeiner Erfahrung nicht theilen. Der Herr Marquis hat einen nervöſen Puls. Spräche ich mit einer jungen Frau, ſo würde ich ſagen, ſie habe Vapeurs. Er hraucht Heiterfeit, Ruhe, keine Betrüb⸗ niſſe, keine Geſchäfte, eine vollkommen⸗ Zufriedenheit, kurz Alles, was er bei dem erhabenen Monarchen fin⸗ 54 det, deſſen Freund zu ſein er die Ehre hat. Ich trage auf Fortſetzung der bisherigen Lebensordnung an.“ „Das ſind zwei bewunderungswürdige Conſuftatio⸗ nen, und Herr von Chauvelin muß hienach erleuchtet ſein. Mein armer Marquis, wenn Sie ſterben, iſt Bordeu ein entehrter Mann.“ „Nein, Sire, die Vapeurs tödten, wenn man ſich dabei nicht pflegt.“ „Sire, ſierbe ich, ſo bitte ich Gott, daß es zu Ih⸗ ren Füßen geſchehen möge.“ „Hüte Dich wohl, Du würdeſt mir eine gräßliche Angſt einjagen. Doch iſt es nicht die Stunde der Meſſe? Mir ſcheint, hier iſt der Herr Biſchof von Senez und der Herr Pfarrer von Saint⸗Louis, unſerem Kirchſpiel. Guten Morgen, Herr Pfarrer, Kirchkindern? Gibt es viele Kranke, Arme?“ „Ach! Sire, es gibt viele.“ „Doch die Almoſen, fallen Sie nicht reichlich? Hat das Brod aufgeſchlagen? Hat ſich die Zahl der Unglück⸗ lichen vermehrt?“ „Ach! ja, Sire.“ „Wie kommt das?“ „Sire, ſogar die Bedienten Ihres Hauſes verlan⸗ gen Almoſen von mir.“ „Ich glaube es wohl... bezahlt man ſie nicht? Hören Sie, Herr von Richelien? Kann man nicht Ord⸗ nung in dieſe Sache bringen? Was Teufels! Sie ſind erſter Kammerjunker für das Jahr.“ „Sire, die Bedienten gehören nicht in meinen Amtskreis, das gehört zum Dienſte der Generalinten⸗ danz.“ un die Intendanz wird ſie an eine andere Stelle verweiſen. Arme Leute,“ ſagte der König, einen Augen⸗ blick bewegt;„voch ich kann am Ende nicht Alles thun. Folgen Sie uns zur Meſſe, Herr Biſchof?“ fügte er bei, indem er ſich an den Abbeé von Beauveais, Biſchof wie geht es Ihren ——„ e 8„—— — — zur ſchle trage A atio⸗ chtet ſich Ih⸗ liche eſſe und viel.. hren Hat ück⸗ 55 von Senez, wandte, der dem Hofe die Faſtenpredigten hielt. „Ich bin zu den Befehlen Seiner Majeſtät,“ er⸗ wiederte der Biſchof ſich verbeugend,„doch ich habe hier ſehr ernſte Worte gehört. Man ſpricht vom Tod, und Niemand bedenkt. Niemand bedenkt, daß er zu ſeiner Stunde kommt, wenn man ihn nicht erwartet, daß er uns mitten in unſern Luſtbarkeiten überraſcht, daß er die Großen wie die Kleinen mit ſeiner unerbittlichen Senſe trifft. Niemand bedenkt, daß ein Alter kommt, wo die Reue und die Buße ebenſo ſehr eine Nothwen⸗ digkeit, als eine Pflicht find, wo die Feuer der Lüſtern⸗ heit vor dem großen Gedanken an das Heil der Seele erlöſchen müſſen „Richelieu,“ ſagte der König lächelnd,„mir ſcheint, der Herr Biſchof wirft ſehr viele Steine in Ihren Garten.“ „Ja, Sire, und er wirft ſie ſo kräftig hine in, daß davon bis in den Park von Verſailles zurückſpringen.“ „Oh! gut geantwortet, Herr Herzog. Sie ſind immer auf den G genſchlag gefaßt, wie mit zwanzig Jahren. Herr Biſchof, diefe Abhandlung fängt gut an, wir wollen ſie am Sonntag in der Kapelle wieder auf⸗ nehmen; ich verſpreche Ihnen, ſie anzuhören. Chau⸗ velin, um Sie zu erheitern, erlaſſen wir es Ihnen, uns zu folgen. Erwarten Sie mich bei der Gräfin,“ fügte er leiſe bei.„Sie hat ihren herrlichen goldenen Spiegel, das Meiſterwerk von Rotiers, bekommen. Man muß das ſehen.“ „Sire, ich möchte mich lieber nach Grosbois be⸗ geben.“ „Abermals! Sie faſeln, mein Lieber; gehen Sie zur Gräfin, ſie wird Sie entzaubern. Meine Herren, in die Meſſe! in die Meſſe! Das iſt ein Tag, der ſehr ſchlecht anfängt. So geht es, wenn man alt wird.“ Ver Spiegel von Madame du Varry. Um dem König zu gehorchen, und ſo ſehr es ihm widerſtrebte, zu gehorchen, begab ſich der Marquis zu der Favoritin. Die Favoritin war von einer außerordentlichen Freude ergriffen; ſie tanzte wie ein Kind, und ſobald man ihr den Herrn Marquis von Chauvelin meldete, lief ſie ihm entgegen und rief, ohne daß ſie ihm Zeit ließ, ein Wort zu ſagen: „Oh! mein lieber Marquis, mein lieber Marquis, es iſt herrlich, daß Sie kommen! Ich bin heute die glücklichſte Perſon der Welt! ich habe den reizendſten Traum gehabt, den man haben kann. Vor Allem, Ro⸗ tiers hat mir meinen Spiegel geſchickt; um dieſen zu ſehen, erſcheinen Sie ohne Zweifel, doch wir müſſen auf den König warten. Und da ein Glück nie allein kommt,— der wunderſchöne Wagen iſt eingetroffen, Sie wiſſen, der Wagen, den mir Herr d»Aiguillon ſchenkt.“ 6 „Ja, ja,“ ſagte der Marquis,„das Vis⸗a⸗vis*), von dem man überall ſpricht; er war Ihnen das wohl ſchul⸗ dig, Madame.“ „Oh! ich weiß, daß man davon ſpricht, ich weiß ſogar, was man davon fagt.“ „Wahrhaftig, Sie wiſſen Alles!“ „Ja, ſo ungefähr; doch Sie begreifen, ich kümmere mich nichts darum. Sehen Sie, hier ſind die Verſe, die ich dieſen Morgen in den Taſchen des Vis⸗3⸗vis gefunden habe. Ich konnte den armen Sattler verhaf⸗ ten laſſen. hah! dergleichen war gut für Frau von *) Eine ſchmale Kutſche zu zwei Perſonen. ihm is zu ichen bald dete, Zeit uis, die ſten Ro⸗ zu iſſen lein ffen, llon von ul⸗ veiß ere rfe, vis af⸗ on 57 Pompadour; ich bin zu ſehr zufrieden, um mich zu rächen. Ueberdies ſind die Verſe nicht ſchlecht, wie mir ſcheint, und wenn man mich immer ſo behandelte, bei meinem Ehrenwort, ich würde mich nicht beklagen.“ Und ſie reichte die Verſe Herrn von Chauvelin; dieſer nahm ſie und las: Pourquoi ce brillant vis-à-vis, Est-ce le char d'une déesse Ou d'une jeune princesse? Sécriait un badaud surpris. Non... de la foule curieuse, Lui repondit un caustique, non, Gest le char de la blanchisseuse De cet infame d'Aiguillon. („Wozu dieſes glänzende Vis⸗à⸗vis? Iſt es der agen einer Göttin oder einer jungen Fürſtin 2“ rief ein Maulaffe erſtaunt.„Nein,“ erwiederte ihm aus der Menge ein Satyriker,„nein, es iſt der Wagen der Wäſcherin des ſchändlichen dAiguillon.“ Und die ſorgloſe Courtiſane brach in ein ſchallen⸗ des Gelächter aus. Dann ſagte ſie: „Sie hören, die Wäſcherin des ſchändlichen d'Aiguillon. Ah! bei meiner Treue, der Verfaſſer hat Recht, das iſt nicht zu viel geſagt; wahrhaftig, ohne mich wäre der arme Herzog trotz des Mehls, mit dem er ſich in der Schlacht bei... ich kann die Namen der Schlachten nicht behalten... bedeckt hatte, ſchrecklich ſchwarz geblieben. Doch bah! was iſt daran gelegen, wie Herr von Mazarin, mein Vorgänger, ſagte, ſie ſingen, ſie werden bezahlen, und mein Vis⸗à⸗ vis iſt mehr werth in einer von ſeinen Füllungen, als alle Epigramme, die man ſeit Jahren gegen mich ge⸗ macht hat. Ich will es Ihnen zeigen. Kommen Sie, Marquis, kommen Sie.“ Und vergeſſend, daß ſie nicht mehr Jeanne Vau⸗ bernier war, ſtieg die Gräfin ſingend die Stufen einer 58 Geheimtreppe hinab, die in einen kleinen Hof führte, wo ſich die Remiſen befanden. „Sprechen Sie,“ ſagte ſie zu dem athemloſen Mar⸗ quis,„iſt das präſentabel genug für den Wagen einer Wäſcherin?“ Der Marquis war ganz erſtaunt. Er hatte nichts Prächtigeres und zugleich Eleganteres erſchaut. Auf den vier Hauptfeldern ſah man das Wappen der du Barry mit dem bekannten Kriegsgeſchrei: Die Spitze vor! Auf jedem von den Seitenfeldern ſah man ein Körbchen mit einem Roſenbett geſchmückt, auf dem ſich zwei Tauben zärtlich ſchnäbelten; Alles in Martin⸗Fir⸗ niß, deſſen Geheimniß verloren gegangen iſt. Der Wagen koſtete fünf und ſechzig tauſend Livres. „Hat der König dieſes herrliche Geſchenk geſehen, Frau Gräfin?“ fragte der Marquis von Chauvelin. „Noch nicht, doch ich bin von Einem überzeugt.“ „Wovon?“ „Daß er darüber entzückt ſein wird.“ „Oeh! öh!“ „Ja, ich bezweifle es.“ „Sie bezweifeln es?“ „Ich wette, er erlaubt Ihnen nicht, daß Sie den Wagen annehmen.“ „Warum nicht?“ „Weil Sie ſich deſſelben nicht bedienen könnten.“ „Bah! wahrhaftig!“ rief die Gräfin mit Ironie. „Ah! S wundern ſich über ſo wenig!“ „Ja. „Sie werden noch etwas ganz Anderes ſehen, und der goldene Spiegel, und dieſes,“ fügte ſie bei, indem ſie ein Papier aus ihrer Taſche zog;„aber dieſes ſollen Sie nicht ſehen.“ „Wie es Ihnen beliebt,“ ſprach der Marquis ſich verbeugend. „Doch Sie find nach dem greiſen Affen Richelien ——„ r ——„H rte, dar⸗ iner chts Auf du itze ein ſich Fir⸗ res. hen, t.“ den nie. 59 der älteſte Freund des Königs, Sie kennen ihn genau, er hört auf Sie; Sie könnten mir helfen, wenn Sie wollten, und dann... Gehen wir in mein Cabinet hinauf, Marquis.“ „Zu Ihren Befehlen, Madame.“ „Sie ſind heute ſehr verdrießlich. Was haben Sie denn?“ „Ich bin traurig, Madame.“ „Ah! das iſt ſchlimm! das iſt albern!“ Dem Marquis als Führerin dienend, ſtieg Madame du Barry mit ernſterem Schritte die Geheimtreppe hin⸗ auf, welche ſie leicht und fingend wie ein Vogel kurz zuvor herabgegangen war. Sie trat in ihr Cabinet ein, Herr von Chauvelin folgte ihr beſtändig; dann ſchloß ſie die Thüre, wandte ſich lebhaft gegen den Marquis um und ſagte zu ihm: „Sprechen Sie, Chauvelin, lieben Sie mich?“ „Sie können an meiner Ehrfurcht und Ergebenheit nicht zweifeln, Gräfin.“ „Sie werden mir gegen und wider Alle dienen?“ „Nur nicht gegen den König.“ „In jedem Fall, wenn Sie nicht billigen, was ich Ihnen mittheile, werden Sie neutral bleiben?“ „Ich mache mich hiezu anheiſchig, wenn Sie es verlangen.“ „Geben Sie mir Ihr Wort?“ „So wahr ich Chauvelin heiße.“ „Leſen Sie alſo.“ Die Gräfin gab ihm das ſeltſamſte, das frechſte, das pofſierlichſte Aktenſtück, das je einem Gdelmann unter die Augen gefommen. Der Marquis begriff An⸗ fangs die Tragweite deſſelben gar nicht. Es war eine an den Papſt gerichtete Bitte um Ungültigmachung ihrer Ehe mit dem Grafen du Barry, unter dem Vorwand, daß, da ſie früher die Geliebte ſeines Bruders geweſen, und da das canoniſche Recht jede Verbindung in einem ſolchen Fall verbiete, die Ehe 60 ganz nothwendig nichtig ſei; ſie fügte bei, ſogleich nach der Trauung auf das Vergehen, das ſie begangen, ohne etwas Solches bis dahin vermuthet zu haben, aufmerk⸗ ſam gemacht, habe ſie die Furcht ergriffen, und die Ehe ſei nicht vollzogen worden. Der Marquis las dieſes Geſuch zweimal, gab es der Favoritin zurück und fragte ſie, was ſie zu thun gedenke. „Offenbar, die Schrift abzuſchicken,“ erwiederte Madame du Barry mit ihrer gewöhnlichen Frechheit. „An wen?“ „An ſeine Adreſſe.“ „An den Papſt?“ „An den Papſt.“ „Hernach?“ „Sie errathen nicht?“ „Nein.“ „Mein Gott, was für einen harten Kopf haben Sie heute!“ iſt möglich, doch ich errathe entſchieden nicht.“ „Haben Sie denn geglaubt, ich begünſtige ohne Zweck Frau von Monteſſon? Sie haben alſo den Groß⸗ dauphin und Mademoiſelle Chouin, Ludwig KIV. und Frau von Maintenon vergeſſen? Man fordert alle Tage den König mit lauter Stimme auf, ſeinen erhabenen Urgroßvater nachzuahmen, man wird alſo nichts zu ſa⸗ gen haben. Ich bin wohl ſo viel werth als die Witwe Searron, und habe nicht noch oben darein ſechzig Jahre.“ „Oh! Madame, Madame, was höre ich!“ rief Herr von Chauvelin, indem er erbleichend einen Schritt rück⸗ wärts machte. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und Zamore meldete: „Der König!“ „Der König!“ rief Madame du Barry, die Hand ph ſter fra mir eine „la es ner nach ohne merk⸗ e Ehe ab es thun derte eit. aben ieden ohne roß⸗ und Lage enen ſa⸗ itwe hzig ert ück⸗ und and 61 von Chauvelin ergreifend,„der König, nicht ein Wort! Wir werden dieſen Gegenſtand ein andermal wieder⸗ aufnehmen.“ Der König trat ein. Seine Blicke richteten ſich ſogleich auf Madame du Barry, und dennoch war es der Marquis, welchen er zuerſt anſprach. „Ah! Chauvelin, Chauvelin,“ rief der König, be⸗ troffen über die Veränderung der Geſichtszüge des Mar⸗ quis,„wollen Sie denn durchaus ſterben? Wahrhaftig, mein Freund, Sie ſehen aus wie ein Geſpenſt.“ „Sterben! Herr von Chauvelin ſterben!“ rief la⸗ chend die tolle junge Frau:„ah! ja wohl, ich verbiete es ihm. Sire, erinnern Sie ſich denn nicht mehr der Nativität, die man ihm vor fünf Jahren auf der Meſſe von Saint⸗Germain geſtellt hat?“ „Welche Nativität?“ fragte der König. „Soll ich es wiederholen?“ 8„Sie glauben hoffentlich nicht an die Horoſtope, ire.“ „Nein, und wenn ich auch daran glauben würde, ſprechen Sie immerhin.“ „Wohl denn! man hat Herrn von Chauvelin pro⸗ phezeit, er werde zwei Monate vor Eurer Majeſtät ſterben.“ „Wer iſt der Dummkopf, der dieſes prophezeit hat?“ fragte der König mit einer gewiſſen Unruhe. „Ein ſehr geſchickter Zauberer, derjenige, welcher mir geweisſagt hat.“ „Lauter Albernheiten,“ unterbrach ſie der König mit einer ſehr bezeichnenden Bewegung der Ungeduld „laſſen Sie den Spiegel ſehen.“ „Wir müſſen in das Nebenzimmer gehen.“ „Gehen wir dahin.“ „Zeigen Sie uns den Weg, Sire, Sie kennen ihn, es iſt der zum Schlafzimmer Ihrer unterthänigen Die⸗ nerin. Kopf. 62 Der König kannte in der That den Weg und ging voraus. Der Spiegel ſtand auf der Toilette, bedeckt mit einem dichten Schleier, der auf den Befehl des Königs fiel, und man konnte ein wahres Meiſterwerk, würdig eines Benvenuto Cellini, bewundern; über dieſem Spiegel, deſſen Rahmen aus maſſivem Gold beſtand, waren zwei kleine Liebesgötter von flach erhabener Arbeit ange⸗ bracht; dieſe Amoretten hielten eine königliche Krone, unter der natürlich der Kopf der Perſon, die ſich im Spiegel beſchaute, hervortrat. „Ah! das iſt herrlich!“ rief der König.„Rotiers hat ſich wahrhaftig ſelbſt übertroffen. Ich werde ihm mein Compliment darüber machen. Gräfin, ich ſchenke Ihnen das, wohlverſtanden.“ „Sie ſchenken mir Alles?“ „Gewiß, ich ſchenke Ihnen Alles.“ „Spiegel und Rahmen?“ „Spiegel und Rahmen.“ „Auch dieſes?“ fügte die Gräfin mit dem Lächeln einer Sirene bei, das den Marquis, beſonders nach dem was er geleſen, wanken machte. Die Gräfin deutete auf die königliche Krone. „Dieſes Spielzeug?“ verſetzte der König. Die Gräfin machte ein bejahendes Zeichen mit dem „Oh! Sie können ſich damit beluſtigen, ſo lange es Ihnen beliebt, Gräfin; nur ſage ich Ihnen zum Voraus, das iſt ſchwer. Ah! Chauvelin, Sie erheitern ſich nicht, nicht einmal in Gegenwart der Gräfin und in Gegenwart ihres Spiegels, was eine doppelte Gunſt iſt, die ſie Ihnen bewilligt, da Sie ſie zweimal ſehen?“ Das königliche Madrigal wurde mit einem Kuß von der Gräfin belohnt. Der Marquis veränderte keine Miene. „Was denken Sie von dieſem Spiegel, Marquis? Sagen Sie uns doch Ihre Anſicht.“ ſc ging mit nigs rdig egel, zwei nge⸗ one, im tiers ihm enke heln dem dem inge zum tern und unſt n?“ von nis? 63 „Wozu, Sire?“ fragte der Marquis. „Bei Gott! weil Sie ein Mann von gutem Ge⸗ ſchmack ſind.“ „Ich hätte ihn lieber nicht geſehen.“ „Warum?“ „Ich hätte wenigſtens ſeine Eriſtenz leugnen können.“ „Was ſoll das bedeuten?“ „Sire, die königliche Krone iſt in den Händen von Liebesgöttern ſchlecht verſorgt,“ antwortete der Marquis, ſich tief verbeugend. Madame du Barry wurde purpurroth vor Zorn. Ganz verlegen gab ſich der König die Miene, als verſtände er nicht. „Wie! im Gegentheil, dieſe Liebesgötter find köſt⸗ lich,“ ſagte Ludwig XV.„Sie halten die Krone mit einer Anmuth ohne Gleichen; ſollte man nicht glauben, ſie tragen ein Blumengewinde 2“ „Das iſt ihr wahres Geſchäft, Sire; die Liebes⸗ götter jind nur hiezu gut.“ „Die Liebesgötter ſind zu Allem gut,“ entgegnete die Gräfin;„Sie bezweifelten es einſt nicht, doch in Alter erinnert man ſich ſolcher Dinge nicht mehr.“ „Allerdings, für junge Leute meiner Art geziemt es ſich, verſelben zu gedenken,“ rief der König lachend. wie dem ſein mag, gefällt Ihnen der Spiegel nicht?“ „Es iſt nicht der Spiegel, Sire.“ „Was iſt es denn? Solite es etwa das reizende Geſicht ſein, das er wiederſtrahlt? Teufel! Sie ſind ſehr häkelig, Marquis.“ „Es hegt im Gegentheil Niemand eine höhere Ach⸗ tung vor der Schönheit von Madame.“ „Aber,“ fragte Madame du Barry ungeduldig, „wenn es weder der Spiegel iſt, noch das Geſicht, das er wiederſtrahlt, was iſt es denn?⸗ „Es iſt der Platz, den er einnimmt.“ 64 „Steht er nicht im Gegentheil vortrefflich auf die⸗ ſer Toilette, die, wie er, ein Geſchenk Seiner Maje⸗ ſtät iſt?“ „Er wäre beſſer anderswo.“ „Aber wo denn? denn Sie machen mich am Ende ärgerlich mit der Miene, die man nie an Ihnen ge⸗ ſehen hat.“ „Bei der Frau Dauphine, Madame.“ „Wie?“ „Ja, die Krone mit den Lilien kann nur von der⸗ jenigen geführt werden, welche Königin von Frankreich geweſen iſt, iſt oder ſein wird.“ 3 Die Augen von Madame du Barry ſchleuderten itze. Der König verzog das Geſicht auf eine furchtbare Weiſe. Dann erhob er ſich und ſprach: „Sie haben Recht, Marquis von Chauvelin; Ihr Geiſt iſt krank, gehen Sie, um auszuruhen, nach Gros⸗ bois, da Sie ſich ſo ſchlimm unter uns finden; gehen Sie, Marquis, gehen Sie.“ Herr von Chauvelin machte ſtatt jeder Antwork eine Verbeugung, ſchritt rückwärts aus dem Cabinet, wie er es in den großen Gemächern von Verſailles gethan hätte, und verſchwand, ſtreng die Etiquette be⸗ obachtend, welche Jemand in Gegenwart des Königs zu grüßen verbietet, ohne nur die Gräfin angeſchaut zu haben. Die Gräfin biß ſich vor Wuth auf die Nägel; der König wollte ſie beruhigen. „Der arme Chauvelin,“ ſagte er,„er wird einen Traum gehabt haben, wie ich einen gehabt habe. Wahr⸗ haftig, dieſe Freigeiſter unterliegen beim erſten Schlag wenn ſie der ſchwarze Engel mit ſeinen Flügeln berührk Chauvelin iſt zehn Jahre jünger als ich, und ich bilpe mir ein, mehr werth zu ſein, als er.“ „Oh! ja, Sire, Sie find mehr werth als all W jü me ver die⸗ Naje⸗ Ende ge⸗ der⸗ reich erten bare Ihr ros⸗ ehen wort inet, illes be⸗ zu t ze der einen zahr⸗ hlag, ührt. bild alle 65 Welt. Sie ſind geiſtreicher als Ihre Miniſter, und jünger als Ihre Kinder.“. Der König blühte freudig auf bei dieſem Compli⸗ ment, das er trotz der Warnung von Lamartinière zu verdienen ſich anſtrengte. Der Münch, der Bofmeiſter, der Intendant. Am Tage nachher, als der König Herrn von Chau⸗ velin ſich auf ſeine Güter zurückzuziehen erlaubt hatte, ging die Marquiſe, die Frau des Letztern, im Park von Grosbois mit ihren Kindern und ihrem Hofmeiſter ſpazieren. Eine fromme und edle Dame, vergeſſen im Schat⸗ ten der großen Eichen durch die Verderbniß, welche Frankreich ſeit fünfzig Jahren verzehrte, hatte Frau von Chauvelin für ſich Gott, der ſie ſegnete, ihre Kin⸗ der, die ſie liebten, und ihre Lehensleute, die ſie ver⸗ ehrten, erhalten. Sie richtete ihre Bitten nur an Gott, ſchenkte ihre Liebe nur ihren Kindern und gönnte ihre Mildherzig⸗ keit nur ihrem Nächſten. Immer mit dem beſchäftigt, was ihren Mann be⸗ ſchäftigte, folgte ſie ihm im Geiſte auf dem ſtürmiſchen Theater des Hofes, wie die Frau des Seemanns mit dem Herzen dem armen im Nebel und im Ungewitter verlorenen Schiffer folgt. Der Marquis hatte zärtlich ſeine Frau geliebtz Höfling und bevorzugt geworden, hatte er bei dieſer Partie, bei der beſtändig die Könige gegen ihre Günſt⸗ Tauſend und ein Geſpenſt. M. 5 66 linge gewinnen, nie um ſeinen letzten Einſatz geſpielt: um das Glück des häuslichen Lebens, die reine Flamme, der er von fern zulächelte. Der Schiffer, von dem wir ſo eben ſprachen, betrachtete dieſe Familienliebe, wie der Schiffbrüchige den Leuchtthurm betrachtet. Er; hoffte, ſich nach dem Sturmwind an dem immer noch glühenden, immer noch freudigen Herde ſeines Hauſes zu wärmen. Es war eine Tugend von Herrn von Chauvelin, daß er die Marguiſe nie genöthigt, in Verſailles zu wohnen. S fromme Frau hätte gehorcht, ſie hätte ſich ge⸗ opfert. Doch der Marquis ſprach nur einmal hievon. Bei dem erſten Bedauern, das ſich in den Augen ſeiner Frau ausdrückte, verzichtete er darauf. Nicht als ob, wie die Boshaften ſagten, Herr von Chauvelin Furcht vor den Predigten ſeiner Frau gehabt hätte: jeder Wüſtling, jeder vor der Concubine oder vor dem Monarchen kriechende Höfling findet Muth genug in ſich, um ſeine Frau zu beherrſchen und ſeine Kinder zu ihren Pflichten anzuhalten. Nein, Herr von Chauvelin hatte ſeine Frau ihren frommen Betrachtungen überlaſſen. „Ich verdiene Morgen Landes genug in der Hölle,“ ſagte er,„laſſen wir dieſe gute Marquiſe mir ein paar Zoll Azur im Himmel verdienen.“ Man ſah ihn nicht mehr in Grosbvis; ſeine Frau bereitete ihm ein Feſt jedes Jahr, wenn er am Sanet⸗ Andreasfeiertag ankam. Das war eine unabänderliche Regel. Herr von Chauvelin umarmte ſeine Kinder um zwei Uhr, ſpeiſte in Geſellſchaft zu Mittag, ſtieg um ſechs Uhr in den Wagen und fand ſich beim Schlafengehen des Könige ein. Seit vier Jahren hatte er nichts Anderes gethan In vier Jahren hatte er viermal ſeine Lippen auf die ielt: nme, dem iebe, Er, noch uſes elin, ge igen t als elin itte dem in r zu hren lle,“ paat Frau nct⸗ von eiſte den nigs han f die 67 Hand der Marquiſe gedrückt. Am Neujahrstage be⸗ ſuchten ihn ſeine Kinder mit ihrem Hofmeiſter in Ver⸗ ſailles. Herr von Chauvelin überließ ſeiner Frau die Sorge für die Erziehung ſeiner Kinder. Der Abbé V. ein gelehrter junger Mann, den man, obgleich er die Prie⸗ ſterweihe noch nicht erhalten hatte, aus Höflichkeit Abbé nannte, unterſtützte mit allem Eifer die Bemühungen der Marquiſe und widmete ſeine ganze Zeit, wie ſein ganzes Herz, dieſen von ihrem Vater verlaſſenen jungen Kindern. Das Leben war ſüß und mild in Grosbois. Die Marquiſe theilte ihre Zeit zwiſchen der einem alten Intendanten, Namens Bonbonne, anvertrauten Ver⸗ waltung ihres Vermögens, zwiſchen den Uebungen einer ſtrengen Frömmigkeit, deren Ergüſſe ein gewandter Ge⸗ wiſſensrath, der Pater Delar, ein Camaldulenſer Mönch, leitete, und der Erziehung ihrer zwei Kinder, welche einen durch die großen dem Staate geleiſteten Dienſte ausgezeichneten Ramen würdig zu tragen verſprachen. Ein Brief, der dem Marquis in den Stunden ſei⸗ nes Ueberdruſſes entſchlüpfte, tröſtete zuweilen die Fa⸗ milie und wiederbelebte im Herzen dexr Marquiſe eine Zärtlichkeit, die ſie ſich oft, daß ſie dieſelbe nicht ganz und gar Gott ſchenke, zum Vorwurf machte. Frau von Chauvelin liebte noch ihren Mann, und wenn ſie den ganzen Tag gebetet hatte, bemerfte ihr der Pater Delar, ſie habe zu Gott nur von ihrem viel⸗ geliebten Gatten geſprochen. Die Marquiſe war dahin gelangt, daß ſie auf Erden nicht mehr auf ihren Mann wartete und hoffte. Das gute, fromme Geſchöpf ſchmeichelte ſich, es habe ſich um Gott wohl genug verdient gemacht, um Herrn von Chauvelin in der Stätte ewiger Freuden wiederzufinden. Der Camaldulenſer ſchmälte Herrn Bonbonne und Herr Bonbonne den Abbe V., wenn die Kinder, trau⸗ rig oder zu einer Buße verurtheilt, ſich nach ihrem Vater zu ſehnen ſchienen, den ſie doch ſo wenig kannten. „Man muß geſtehen,“ ſprach der Mönch zur Mar⸗ quiſe,„dieſes Leben wird Herrn von Chauvelin zur Ver⸗ dammniß führen.“ „Man muß geſtehen,“ ſagte der alte Intendant, „dieſer Aufwand wird das Haus zu Grunde richten.“ „Geſtehen wir,“ ſprach der Hofmeiſter,„dieſe Kin⸗ der werden nie Ruhm erlangen, da ihnen die Gelegen⸗ heit zum Wetteifer entzogen iſt.“ Und die engeliſche Marquiſe lächelte allen Dreien zu und erwiederte: dem Mönch, Herr von Chauvelin werde ſich zu rechter Zeit loskaufen; dem Intendanten, die in Grosbois gemachten Erſparniſſe erleichtern die Ohnmachten der Kaſſe, der man in Paris ſo ſtark zur Ader laſſe; dem Hofmeiſter, die Kinder ſeien von gutem Blut, und gutes Blut ſei nicht im Stande, zu lügen. Und während dieſer ganzen Zeit wuchſen in Gros⸗ bois die hundertjährigen Eichen und die ſchwachen Pfleg⸗ linge, beide ihren Saft und ihr Leben aus dem frucht⸗ baren Schvoße Gottes ſchöpfend. Es kam ein unglücklicher Tag; an dieſem Tage verwelkten die Blumen des Parkes, wurden die Früchte des Gartens bitter, trübten ſich die Waſſer des Baſſin, bekamen die Steine des Gebäudes ein finſteres Ausſehen⸗ Es war ein Tag der Verwirrung in dieſer Familie⸗ Der Intendant Bonbonne überreichte der Marquiſe furchtbare Rechnungen und weisſagte ihr den Ruin für ihre Kinder, wenn Herr von Chauvelin nicht ſchleunigſt Ordnung in ſeine Angelegenheiten brächte. „Madame,“ ſprach er nach dem Frühſtück,„erlau⸗ ben Sie mir, Ihnen zwanzig Worte zu ſagen.“ „Thun Sie es, mein lieber Bonbonne,“ erwiederte die Marquiſe. „Madame,“ unterbrach der Pater Delar,„vergeſ ſen Sie nicht, daß ich Sie in der Kapelle erwarte.“ „Frau Marquiſe,“ ſagte der Abbé V.⸗,„ich habe ———, rem ten. Kar⸗ Ber⸗ ant, . Kin⸗ gen⸗ eien elin iten, die zur item en. ros⸗ ſeg⸗ cht⸗ Lage ichte ſſin, hen. rilie. u ſüt nigf rlau⸗ derte rgeß habe 69 die Ehre, Sie daran zu erinnern, daß wir auf heute eine Prüfung in der Mathematik und in der Gramma⸗ tik feſtgeſtellt haben; dieſe zwei Herren wollen ſonſt nicht mehr arbeiten.“ Die zwei Herren von Chauvelin fingen an ſich gegen das Lateiniſche und die Wiſſenſchaft zu empören, unter dem Vorwand, ihr Vater kümmere ſich nicht dar⸗ um, ob ſie gelehrt wären oder nicht. Die Marquiſe nahm zuerſt den Arm des Mönches Delar und ſprach: „Mein Vater, ich will mit Ihnen anfangen; meine Beichte wird, Gott ſei Dank, kurz ſein. Hören Sie: ich war geſtern während des Gottesdienſtes zerſtreut.“ „Aus welchem Anlaß, meine Tochter?“ „Weil ich einen Brief von Herrn von Chauvelin erwarte, der nicht gekommen iſt.“ „Ich abſolvire Sie, wenn dies Alles iſt, meine Tochter.“ „Es iſt Alles,“ erwiederte die Marquiſe mit einem Seraphslächeln. Der Mönch zog ſich zurück. „Nun iſt es an Ihnen, Herr Abbé: die Prüfung wäre lang, ſie wäre verdrießlich. Beklagen ſich die Kinder, ſo können ſie ihre Lection nicht. Können ſie ihre Lection nicht, und Sie zeigen es mir, ſo werde ich genöthigt ſein, ſie auszuſchelten oder zu beſtrafen. Schonen Sie die Kinder, ſchonen Sie uns und verſchieben Sie die Prüfung bis auf einen Tag, wo ſie befriedigend für Alle ſein kann.“ Der Abbé gab zu, die Frau Marquiſe habe Recht. Er ging weg wie der Mönch, den man ſchon im nebe⸗ ligen Hintergrunde der grünen Arcaden verſchwinden ſah. „Nun find Sie noch übrig, Bonbonne,“ ſagte die Marquiſe.„Werde ich bei Ihrer verdrießlichen Miene, bei Ihren tiefen Seufzern auch mit ſo geringer Mühe davon kommen?“ „Ich bezweifle es.“ „Laſſen Sie hören.“ 70 „Das iſt leicht. Meine Rechnungen ſind in der That furchtbar.“ „Erſchrecken Sie mich; es iſt Ihnen nie gelungen, meiner Privatkaſſe bange zu machen.“ „Dieſen Monat, Frau Marquiſe, wird Ihre Kaſſe bange bekommen, mehr als bange, ſie wird ſterben.“ „Gehen Sie doch„. Haben Sie auch mit mir gerechnet?“ verſetzte die Marquiſe, die zu ſcherzen verſuchte. „Ob ich mit Ihnen gerechnet habe! ich glaube wohl eine ſchöne Schwierigkeit!“ „Ich habe nie mit Jemand davon geſprochen, Bon⸗ bonne.“ „Das wäre beſſer.. Doch ich brauche dies nicht, um zu wiſſen „Um was zu wiſſen?“ „Die Summe Ihrer Erſparniſſe.“ „Ich fordere Sie heraus!“ rief die Marquiſe er⸗ röthend. „Wenn dem ſo iſt, ſo gehe ich gerade mit der Sprache heraus: Sie haben ungefähr fünf und zwan⸗ zig tauſend fünfhundert Thaler...“ „Oh! Bonbonne!“ unterbrach ihn die Marquiſe ärgerlich, als hätte er indiseret ein ſchmerzliches Ge⸗ heimniß ergründet. „Die Frau Marquiſe beargwohnt mich hoffentlich nicht, ich habe in ihrer Kaſſe geſtört.“ „Wie iſt aber denn?...5 „Wie viel haben Sie jährlich für Ihr Haus? Nicht wahr, zehntauſend Thaler?“ „Ia „Sparen Sie nicht ſeit zehn Jahren zuſammen, da es iſt, daß Herr von Chauvelin am Hofe lebt?“ „Ja.“ „Nun wohl, Madame, mit den zum Capital ge⸗ ſchlagenen Intereſſen haben Sie fünf und zwanzig tau⸗ ſend Thaler, müſſen Sie ſo viel haben. S — e— S— en, der an⸗ tiſe e⸗ ich icht da 2 ge⸗ au⸗ 71 „Bonbonne!“ „Ich habe errathen... wenn Sie aber dieſe Summe haben, ſo werden Sie dieſelbe Herrn von Chauvelin auf ſein erſtes Verlangen geben. Und wenn Sie die⸗ ſelbe geben, wird Ihren Kindern nichts mehr bleiben, falls der Herr Marquis plötzlich getroffen würde „Bonbonne!“ „Sprechen wir offenherzig! Ihr Gut iſt verpfän⸗ det, das von Herrn von Chauvelin ſchuldet ſiebenmal hunderttauſend Livres.“ „Er beſitzt Güter für ſechzehnmal hundert tauſend.“ „Das mag ſein. Doch der Ueberſchuß über dieſe ſiebenmal hundert tauſend wird nicht einmal die Gläu⸗ biger befriedigen.“ „Sie erſchrecken mich.“ „Das iſt meine Abſicht.“ „Was iſt zu thun?“ „Sie müſſen Herrn von Chauvelin, der zu viel ausgibt, bitten, auf der Stelle neunmal hundert tau⸗ ſend Livres zu Gunſten Ihrer Kinder zu veräußern, Ihnen dieſelben als Witthum zu beſtellen oder durch ein Teſtament reſtituiren zu laſſen.“ „Ein Teſtament! Guter Gott!“ „Das ſind wieder Ihre Bedenklichkeiten! ſtirbt ein Menſch, weil er teſtirt?“ „Mit Herrn von Chauvelin von einem Teſtamente ſprechen!“ „Ahl ja wohl! Sie haben bange, den Herrn Mar⸗ quis in ſeiner Freude, in ſeiner Verdauung, in den Annehmlichkeiten, in der Gunſt, in der er ſteht, zu ſtören durch das häßliche Wort: die Zukunft, ein Wort, das für die glücklichen Tage immer klingt, wie das Wort Tod. Ah! wenn Sie das befürchten, werden Sie Ihre Kinder ruiniren, aher die Ohren des Herrn Mar⸗ quis geſchont haben.“ „Bonbonne!“ 72 „Ich bin eine Zahl, welche ſpricht, leſen Sie meine Rechnungen.“ „Das iſt gräßlich.“ „Es wäre noch viel gräßlicher, das abzuwarten, was ich Ihnen ankündige. Verrichten Sie den Dienſt eines weiſen Rathgebers; ſteigen Sie in den Wagen und eilen Sie zum Herrn Marquis.“ „Nach Paris 2 „Nein, nach Verſailles.“ „3ch! in die Geſellſchaft, die mein Mann ſieht, nie!“ „Schreiben Sie alſo.“ „Wird er meinen Brief nur leſen? Ach! wenn ich ihm ſchreibe, um ihm Glück zu wünſchen, lieſt er nicht einmal, was ich ſchreibe; wie wird es erſt ſein, ergreife ich die Feder des Geſchäftsmannes.“ „So thue ein Freund den Schritt; ich, zum Bei⸗ ſpiel.“ „Sie 2“ „Oh! wollen Sie damit ſagen, er werde mich nicht anhören? doch, Frau Marguiſe, er wird mich anhören.“ „Sie werden ihn krank machen, Bonbonne.“ „Sein Arzt wird ihn heilen.“ „Sie werden ihn erzürnen, und der Zorn wird ihn tödten.“ „Nein; es iſt mir zu viel daran gelegen, daß er lebt; ſollte ich ihn tödten, ſo würde es geſchehen, 6 ich ihn ein Teſtament zu ſchreiben veranlaßt ätte.“ Und der ehrliche Mann brach in ein ſchallendes Gelächter aus, das der Marquiſe wehe that. „Bonbonne, wenn Sie ſo ſprechen, werden Sie mich tödten,“ murmelte ſie. Bonbonne ergriff ehrfurchtsvoll ihre Hand. „Verzeihen Sie,“ ſagte er,„ich habe mich vergef⸗ ſen, Frau Marquiſe, befehlen Sie, daß man Pferde an den Wagen ſpannt, und ich reiſe nach Verſailles.“ teine rten, ienſt gen eht, ich icht eife Zei⸗ icht n.“ 73 „Ah! Gott ſei gelobt! Sie werden mein Regiſter mitnehmen, und„halt!“ „Was gibt es?“ „Sind meine Wünſche ſchon begriffen worden?“ „Wie ſo?“ „Sie ſprachen von meinem Wagen.“ „Ja.“ „Er iſt dort in der Allee des Mail.“ „Ah!“ „Die Livrée des Hauſes.“ „Es ſind die Eiſenſchimmel des Herrn Marquis. 8„Frau Marquiſe! Frau Marquiſe!“ rief der Abbé S Marquiſe! Frau Marquiſe!“ rief der Pater elar. „Frau Marqutſe! Frau Marquife!“ riefen zwanzig Stimmen in den Blumenbeeten, aus den Geſindewoh⸗ nungen, im Park. „Der Herr Marquis!“ ſchrie man von allen Seiten. „Oh! ſollte es wahr ſein, er in Grosbvis, an die⸗ ſem Tag!“ „Guten Morgen, Madame,“ ſagte von fern, wäh⸗ rend er freudig und mit eifrigen Geberden ausſtieg, der Margquis, deſſen Wagen Halt gemacht hatte. „Er ſelbſt, geſund an Körper und leicht an Geiſt, ank, mein Gott!“ „Dank, mein Gott!“ wiederholten die zwanzig die den Vater und den Herrn verkündigt atten. 74 Spielerſchwur. Es war wirklich der Marquis ſelbſt; er umarmte zärtlich die zwei Kinder, die, als ſie ihn geſehen, einen Freudenſchrei von ſich gegeben hatten, und drückte auf die Hand der erſtaunten Marquiſe einen Kuß, der von Herzen kam. „Sie, mein Herr, Sie!“ ſagte ſie, indem ſie ſich ſeines Armes bemächtigte. „Ich Doch dieſe Kinder ſpielten oder arbeite⸗ ten; ich will nicht ihre Studien und noch viel weniger ihr Spiel unterbrechen.“ „Ahl mein Herr, laſſen Sie ihnen für die kurze Zeit, die ſie ihren Vater zu ſehen haben, die Freude Ihrer theuern Gegenwart.“ „Sie werden mich, Gott ſei Dank, lange ſehen, Madame.“ „Lange? Bis morgen Abend, es iſt wahr, Sie werden erſt morgen Abend wieder abreiſen?“ „Noch beſſer, Madame.“ „Sie werden zwei Nächte in Grosbois ſchlafen?“ „Zwei Nächte, vier Nächte, immer.“ „Ah! mein Herr, was iſt denn geſchehen?“ rief lebhaft die Margquiſe, ohne zu bemerken, daß ein ſolches Erſtaunen für Herrn von Chauvelin Vorwürfe über ſein vergangenes Benehmen in ſich ſchließen konnte. Der Marquis faltete einen Augenblick die Stirne und fragte dann plötzlich lächelnd: „Haben Sie nicht ein wenig Gott gebeten, er möge mich in meine Familie zurückführen?“ „Oh! immer.“ „Wohl! Madame, Sie ſind erhört wordenz es kam „— 1— — mte nen auf von ſich ite⸗ ger rze ude en, 2 im 75 mir vor, als riefe mich eine Stimme; ich habe dieſer Stimme gehorcht.“ „Und Sie verlaſſen den Hof?“ „Ich komme, um mich in Grosbvis niederzulaſſen,“ erwiederte der Marquis, einen Seufzer unterdrückend. „Die lieben Kinder, ich, alle Lehensleute, welch ein Glück! Ah! mein Herr, erlauben Sie mir, daran zu glauben, laſſen Sie mir dieſe Seligkeit.“ „Madame, Ihre Zufriedenheit iſt ein Balſam, der alle meine Wunden heilt. Doch ſagen Sie mir, iſt es Ihnen gefällig, ein wenig über Haushaltungsdinge zu plaudern?“ „Thun Sie es, thun Sie es,“ ſagte die Marquiſe, indem ſie ihm die Hände drückte. „Mir ſcheint, ich habe dort am Pfoſten des Halb⸗ freiſes ſehr ſchlechte Pferde geſehen, gehören Sie Ihnen?“ „Es ſind die meinigen.“ „Dieſe alten Thiere!“ „Mein Herr, es ſind die Pferde, die Sie mir bei der Geburt Ihres Sohnes geſchenkt haben.“ „Das geſchah vor neun Jahren, ſie waren vier und ein halbes Jahr alt, es ſind Thiere von vierzehn Jahren; pfui„für Sie, Marquiſe, ein ſolches Geſpann!“ „Ah! mein Herr, wenn ich zur Meſſe gehe, ſind ſie immerhin fähig, mich zu führen.“ „Ich ſah drei, wie mir ſcheint.“ „Ich habe den vierten, der am lebhafteſten iſt, meinem Sohn für ſeine Lectionen gegeben.“ „Mein Sohn lernt reiten auf einem Wagenpferd! Marquiſe! Marguiſe! was für einen Cavalier werden Sie da machen!“ Die Marquiſe ſchlug die Augen nieder. „Und dann fahren Sie nicht mehr vierſpännig, ich Sie hatten acht Wagen⸗ und zwei Reit⸗ rde. „Ja, mein Herr, doch da es ſeit Ihrer Abweſenheit 76 weder Jagden, noch Prunkfahrten gibt, ſo dachte ich, eine Erſparniß von vier Pferden, von zwei Stallknechten und einer Geſchirrkammer würde mir ſechs tauſend Livres wenigſtens jährlich geben.“ „Sechs tauſend Livres,“ murmelte Herr von Chau⸗ velin unzufrieden. „Das iſt die Ernährung und der Unterhalt von zwölf Familien,“ erwiederte ſie. Er nahm ſie bei der Hand und ſprach: „Immer gut, immer vollkommen! Was Sie auf Erden thun, gibt Gott Ihnen immer vom Himmel herab ein. Doch die Marquiſe von Chauvelin muß keine Er⸗ ſparniſſe machen.“ Sie erhob das Auge. „Sie wollen ſagen, ich gebe viel aus,“ fuhr er fort;„ja, ich gebe viel Geld aus und Ihnen fehlt es daran.“ „Das behaupte ich nicht, mein Herr.“ „Marquiſe, das muß die Wahrheit ſein. Edel und hochherzig, wie Sie ſind, hätten Sie nicht von meinen Leuten ohne Noth entlaſſen. Ein Stallknecht, den Sie wegſchicken, iſt ein Armer mehr. Es hat Ihnen an Geld gemangelt; ich werde darüber mit Bonbonne ſpre⸗ chen; doch von nun an ſoll es Ihnen nicht mehr fehlen; was ich bei Hofe ausgegeben habe, werde ich in Gros⸗ bois ausgeben; ſtatt zwölf Familien zu ernähren, wer⸗ den Sie zweihundert ernähren.“ „Mein Herr... „Und ich hoffe, Gott ſei Dank, es wird Korn ge⸗ nug hier für zwölf gute Pferde übrig ſein, die ich habe, und die von morgen an Ihre Ställe bewohnen ſollen. Sprachen Sie nicht im vorigen Jahr von Ausbeſſerung und Wiederherſtellung des Schloſſes?“ „Die Empfangszimmer müßten neu meublirt wer⸗ en“ 5 „Mein ganzes Mobiliar von Paris wird in dieſer — eine hten vres au⸗ von auf rab Er⸗ er nd ten ie an re⸗ s⸗ er⸗ e⸗ 77 Woche kommen. Ich gebe zweimal in der Woche Mit⸗ tagbrod... man wird jagen...“ „Sie wiſſen, mein Herr, ich fürchte ein wenig die Welt,“ ſprach die Marquiſe, erſchrocken, daß ſie alle die geräuſchvollen Freunde von Verſailles wiederſehen ſollte, die ſie wie die Todſünden ihres Mannes anſah. „Sie ſollen die Einladungen ſelbſt machen, Mar⸗ quiſe. Bonbonne wird Ihnen die Bücher geben; Sie werden die Gefälligkeit haben, die Ausgaben von Paris und die von Grosbois in Eines zu verſchmelzen.“ Außer ſich vor Freude, verſuchte es die Marquiſe, zu antworten, aber ſie konnte es nicht. Sie nahm die Hände von Herrn von Chauvelin, küßte ſie, ſondirte ihn mit gerührten Augen bis in die Tiefe der Seele, und er, er ließ ſich betäuben von dieſer warmen At⸗ moſphäre der reinen Liebe, welche Alles durchdringt, was ſie berührt, und das Leben und das Wohlbehagen bis zu den letzten Ertremitäten verbreitet. „Denken wir an die Kinder,“ ſagte er,„wie geht es mit ihrer Erziehung?“ „Sehr gut,“ erwiederte ſie;„der Abbé iſt ein Mann von Geiſt, er iſt tief in ſeinen Ideen. Soll ich Ihnen denſelben vorſtellen?“ „„Ja, Marquiſe, ſtellen Sie mir das ganze Haus Die Marquiſe machte ein Zeichen, und man ſah unter der dunkeln Allee, unter die er die Kinder begleitet hatte, den jungen Hofmeiſter hervorkommen, deſſen Hände auf den Schultern ſeiner Zöglinge ruhten. Es lag in dem Gange, in dem ſanften Wiegen dieſer jungen Eiche zwiſchen zwei Schilfrohren, etwas mild Väterliches, was dem Marquis ungemein gefiel. „Herr Abbé,“ ſprach die Marquiſe,„vernehmen Sie eine gute Kunde. Hier iſt der Herr Marquis, unſer Gebieter, der ſich unter uns niederlaſſen will.“ „Gott ſei gelobt!“ eiwiederte der Abbé.„Doch ach! mein Herr, ſollte der König geſtorben ſein?“ 78 „Nein, dem Himmel ſei Dank! aber ich habe dem Hof und der Welt Fahrewohl geſagt. Ich bleibe hier bei meinen Kindern. Ich bin es überdrüſſig, nur durch den Geiſt und den Ehrgeiz zu leben; ich will es ein wenig mit dem Herzen verſuchen; nun bin ich hier bei Ihnen; um anzufangen, Herr Abbs, ſind Sie zufrieden mit Ihren Zöglingen?“ „So zufrieden, als man es möglicher Weiſe ſein kann, Herr Marquis.“ „Deſto beſſer. Machen Sie aus ihnen Chriſten wie ihre Mutter, ehrliche Leute wie ihr Großvater, und 4 „Leute von Geiſt, von Verdienſt und Talent wie ihr Vater,“ ſprach der Abbé,„ich hoffe dies Alles zu erreichen.“ „Dann ſind Sie ein koſtbarer Mann, Abbé.“ „Und Du, mein guter Bonbonne, biſt Du immer noch ein Murrkopf. Als ich ihr Alter hatte, wollteſt Du mich in die Geſchäfte einleiten. Ich hätte Dir ſollen, ich brauchte heute Deine Einſicht nicht ſo ſehr.“ Die Kinder tanzten wieder auf dem Gras, ihr Vater folgte ihnen mit gerührtem Auge und murmelte nach einem kurzen Stillſchweigen: uſ„Theure Kinder, ich werde Euch nicht mehr ver⸗ aſſen.“ „Möchten Sie doch wahr ſprechen, Herr Marquis,“ ſagte hinter ihm eine ernſte, ſonore Stimme. Herr von Chauvelin wandte ſich um und ſah ſich gegenüber einen Mönch in weißem Kleide mit ſtrengem, ruhigem Geſichte, der ihn nach Art der Kloſtergeiſtlichen rüßte. „Wer iſt dieſer fromme Vater?“ fragte er die Marquiſe. „Es iſt der Pater Delar, mein Beichtiger.“ „Ah! Ihr Beichtiger,“ wiederholte er leicht er⸗ „6 dem hier urch ein bei eden ſein iſten ter, wie zu mer teſt Dir icht ihr elte er⸗ s, ſich m, en er⸗ 79 bleichend. Dann leiſer:„Ich bedarf in der That eines Beichtigers, und der Herr iſt willkommen.“ Geſchickt und bewandert in den Manieren der Gro⸗ ßen, hütete ſich der Mönch wohl, dieſes Wort aufzu⸗ nehmen; aber er regiſtrirte es in ſeinem Gedächtniß ein. Schon ſeit einigen Tagen durch den Inten⸗ danten von dem Stande der Dinge in Kenntniß ge⸗ ſetzt, beſchloß er, die Unterhandlung zu übernehmen und eine ſo günſtige Gelegenheit, die Sache Gottes, die der Marquiſe und die ſeinige vielleicht zu betreiben, nicht vorübergehen zu laſſen. „Darf ich mich nach dem König erkundigen, Herr Marquis?“ fragte der Mönch. „Warum dies, mein Vater?“ „Es hat ſich das Gerücht verbreitet, Ludwig XV. werde bald Gott Rechenſchaft über ſeine Regierung ab⸗ legen. Solche Gerüchte ſind gewöhnlich nur die Vor⸗ läufer Gottes. Glauben Sie mir, Seine Majeſtät wird nicht mehr lange leben.“ „Iſt das Ihre Anſicht, mein Vater?“ ſagte Herr von Chauvelin immer trauriger. „Es wäre alſo zu wünſchen, daß er alle Aerger⸗ niſſe wieder gut machte, daß er Buße thäte „Mein Herr,“ erwiederte lebhaft Herr von Chau⸗ velin,„die Beichtiger müſſen in der Stille warten, bis man ſie rufen läßt.“ „Der Tod wartet nicht, und ich warte ſchon lange auf ſ n und es kommt nicht.“ , meine Beichte wird la in, i noch nicht reif.“ 4 „Die Beichte liegt ganz in der Reue, in dem Be⸗ dauern, gefündigt zu haben, und die größte der Sün⸗ den iſt, wie ich Ihnen geſagt habe, das Aergerniß.“ „Ohl das Aergerniß, alle Welt trägt dazu bei. iſt nicht Einer von uns, der nicht Stoff zur üblen Rachrede bietet. Der Himmel gedenkt uns nicht für die Bosheit der Andern zu beſtrafen.“ „Der Himmel beſtraft den Ungehorſam gegen die Geſetze, der Himmel beſtraft die Ungebührlichkeit; er ſchickt uns Warnungen; vernachläſſigen wir ſie, ſo kann uns nichts retten.“ Herr von Chauvelin antwortete nicht, er verſenkte ſich in ein Nachdenken. Als die Marquiſe ſah, daß die beiden Männer eine Unterredung mit einander pflogen, entfernte ſie ſich discreter Weiſe und betete mit ihrer ganzen Seele zu Gott, ſie möchte ihre Früchte tragen⸗ Rachdem er einen Augenblick, während hn der Mönch beobachtete, geſchwiegen, wandte ſich Herr von Chau⸗ velin plötzlich wieder gegen dieſen um und ſagte: „Hören Sie, mein Vater, Sie haben Recht, ich bereue, daß ich zu lange jung geweſen bin, und will Ihnen beichten, denn ich fühle, ich fühle, der Tod naht heran.“ „Der Tod! Sie glauben es, und Sie treffen keine Verfügung in Betreff Ihrer Seele, Ihres Vermögens, Sie befürchten, zu ſterben, und Sie denken nicht an das Teſtament bei der Stellung, die Sie Ihren Erben be⸗ reitet haben.. Verzeihen Sie, Herr Marquis, mein Eifer und meine Ergebenheit für Ihr erhabenes Haus haben mich vielleicht zu weit fortgeriſſen.“ „Nein, Sie haben abermals Recht, mein Vater; beruhigen Sie ſich indeſſen, das Teſtament iſt gemacht; ich brauche es nur zu unterzeichnen.“ „Sie befürchten, zu ſterben, und Sie ſind noch nicht in einem Zuſtande, um vor Gott zu erſcheinen.“ „Möge er mir barmherzig ſein! Ich bin in der chriſtlichen Religion geboren, und will als Chriſt ſter⸗ ben. Ich bitte, kommen Sie morgen, wir werden die⸗ ſes Geſpräch, das mir die Ruhe der Seele verleihen wird, fortſetzen.“ „Morgen? warum morgen? Der Tod weicht nicht zurück und bleibt nicht ſtille ſtehen.⸗ „Ich bedarf der Sammlung. Ich kann das Leben, das ich geführt habe, nicht ſo ſchnell vergeſſen, ich be⸗ daure vielleicht, daß ich es aufgebe. Meinen Dank für 81¹ Ihre Rathſchläge, mein Vater; ſie werden ihre Früchte tragen.“ „Gott wolle es! doch Sie kennen das Ariom des Weiſen: Verſchiebe nie auf morgen, was du heute thun kannſt.“ „Ich bin Ihnen ſchon zu Dank verpflichtet; ich war niedergeſchlagen, Sie haben mich aufgerichtet; man kann nicht Alles zugleich thun, mein Vater.“ „Oh! Herr Marquis,“ erwiederte der Mönch ſich verbeugend,„man braucht nicht mehr als eine Minute, um aus einem Schuldigen einen Bußfertigen, um aus einem Verdammten einen Auserwählten zu machen; wenn Sie wollten.. „Es iſt gut, es iſt gut, mein Vater, morgen. Es ſchlägt die Stunde des Mittagmahls„ Und er entließ ihn mit einer Geberde und vertiefte ſich in eine Allee. Der Hofmeiſter trat zu dem Vater Debar. „Was hat denn der Herr Marquis? ich erkenne ihn nicht mehr; er, der ſonſt ſo heiter, iſt ängſtlich, dü⸗ ſter, verſtört.“ „Er hat das Vorgefühl von ſeinem nahen Ende und gedenkt ſich zu beſſern; es iſt eine herrliche Bekeh⸗ rung, die meinem Kloſter Ehre machen wird. Oh!l wenn der Fhnig⸗ „Ahl ah! der Appetit kommt durch das Eſſen, wie es ſcheint, mein Vater; ich glaube indeſſen, daß Ihre Wünſche in dieſer Hinſicht fruchtlos ſein werden. Seine Majeſtät iſt ſchwer zu überreden, und überdies hat ſie ihren Beichtiger; man ſpricht von Monſeigneur dem Biſchof von Senez als von einem gewaltigen Streiter.“ „Oh! der König iſt nicht ſo ungläubig, als Sie behaupten; erinnern Sie ſich doch der Krankheit in Metz und der Entfernung von Fran von Chateauroux.“ „Ja, damals war Ludwig XV. noch jung, und es handelte ſich nicht darum, Jeanne Vaubernier zu ver⸗ Tauſend und ein Geſpenſt. u 6 82 treiben, zwei Umſtände, welche die Sachlage furcht⸗ par verändern. Doch Sie haben Zeit darüber nach⸗ zudenken, mein lieber Delar; mittlerweile, da die Stunde des Mittagmahls geſchlagen hat, dürfen wir den Herrn Marquis nicht warten laſſen. Gott ſei Dank! er ſpeiſt nicht ſo oft mit uns.“ Das Mahl, wobei der Pater Delar und der Abbé V.⸗ zu rechter Zeit erſchienen, hatte in der That ſchon den Vater, die Mutter und die Kinder verſammelt. Nie hatte die Marquiſe ſo heiter geſchienen; nie hatte ſie ſo viel Sorgfalt, die Honneurs ihrer Tafel zu machen, entwickelt. Der Koch hatte ſich ſelbſt übertroffen. Die ſchönen Fiſche aus den Teichen, das feine Geflügel aus den Hühnerſtällen, die ſaftigſten Früchte aus dem Treibhaus und von den Weinlauben erinnerten den Marquis daran⸗ wie das Haus gut iſt, wenn es ſich darum handelt, darin einen geliebten Herrn zu bewirthen. Man ſah die Lackeien, ganz ſtolz auf den ruhm⸗ würdigen Dienſt, den ſie wieder aufnehmen ſollten, ſich in ihren neuſten Lipreen brüſten und in den Augen des Gebieters den geringſten Wunſch erlauern, um ihn zu pefriedigen, die geringſte Widerwärtigkeit, um ihr zu⸗ vorzukommen. Doch der Marquis verlor ſehr bald den ſchönen Appetit, deſſen er ſich nach ſeiner Ankunft gerühmt hatte; die Tafel kam ihm öde vor; das Stillſchweigen voll Ehrfurcht und Freude erſchien ihm als ein ver⸗ drießliches Schweigen. Allmälig bemächtigte ſich die Traurigkeit ſeines Herzens und ſeines Geſichts; er ließ träge ſeine Hand an dem noch vollen Teller herabfalle und vergaß das Glas, worin in Diamanten der Wein von Ay und in Rubinen der dreißigjährige Burgunde glänzten. Von der Traurigkeit ging der Marquis zur Nieder⸗ geſchlagenheit über; Jedermann folgte mit Angſt dieſe ſchmerzlichen Fortſchritten ſeines Geiſtes. wir ank! lbbo ſchon Nie e ſie chen, önen den haus aran, delt, ihm⸗ „ſich des n zl zu⸗ önen ühmt eigen ver⸗ die r ließ fallen Wein undet ieder⸗ ieſen 83 Eine Thräne entſchlüpfte ſeinen Augen, ſie ent⸗ riß der Marquiſe einen Seufzer. Er bemerkte es nicht. „Ich habe es mir überlegt,“ ſagte er plötzlich zu ſeiner Frau,„ich will nicht in Boiſſy⸗Saint⸗Léger, wie mein Vater und meine Mutter, begraben ſein, ſondern in Paris, in der Kirche der Carmeliter auf der Place Maubert, bei meinen Ahnen.“ „Aus welchem Anlaß dieſe Betrachtung, mein Herr? ich meine, wir haben Zeit, hierüber nachzudenken,“ ſprach die Marquiſe, von tiefem Schmerz ergriffen. „Wer weiß? Man rufe Bonbonne, man heiße ihn mich in meinem großen Cabinet erwarten. Ich will eine Stunde mit ihm arbeiten. Der Pater Delar hat mir die Nothwendigkeit hievon nachgewieſen. Sie haben einen trefflichen Beichtvater, Madame.“ „Ich bin glücklich, daß er Ihnen zuſagt, mein Herr, Sie können ſich in vollem Vertrauen an ihn wenden.“ „Ich werde das thun, und zwar ſchon morgen. Sie erlauben, Madame, daß ich in meine Wohnung hinaufgehe.“ Die Marquiſe ſchlug die Augen zum Himmel auf und dankte ihm in einem ſtillen Gebet; ſie folgte ihrem Gatten mit dem Blicke, als er mit Bonbonne hinaus⸗ zuh wandte ſich dann an ihre Söhne und ſprach zu ihnen: „Meine Kinder, betet heute Abend zu Gott, er möge Eurem Vater den Wunſch einflößen, ſich ganz unter uns niederzulaſſen; er erhalte ihn in der Geſinnung, in der er ſich gegenwärtig befindet, und er laſſe ihn dieſelbe gnädigſt in Ausführung bringen.“ Als der Marquis in ſeinem Cabinet war, ſagte er: n 1f mein alter Bonbonne, arbeiten wir, arbeiten ir Und er durchwühlte mit einem fieberhaften Eifer alle Papiere, ſuchte ſie zu erkennen und zu claſſificiren. 84* „Gelaſſen,“ ſagte der Greis;„da wir auf ſo gutem Wege ſind, mein lieber Herr, wollen wir nicht ſo ge⸗ ſchwinde laufen; Sie wiſſen, daß man durch zu ſtarkes Lauſen ſeine Zeit verliert.“ „Die Zeit drängt. Ich ſage Dir die Zeit drängt,„ Bonbonne.“ „Ah! ah „Ich ſage, daß derjenige, welchem Gott die Freude ſchenkt, ſich auf die letzte Reiſe vorzubereiten, nie raſch genug daran zu arbeiten vermöchte. Geſchwinde, Bon⸗ bonne, arbeiten wir.“ „Bei dieſem Geſchäft, mit dieſer Hitze, gnädiger Herr, werden Sie das Seitenſtechen, oder eine Con⸗ geſtion, oder ein gutes Fieber bekommen, und auf dieſe Art wird es Ihnen gelingen, daß Ihr Teſtament zu rechter Zeit gemacht worden iſt.“ „Keinen Verzug mehr; wo ſind die Rechnungen det Einnahmen?“ „Hier.“ „Und die der Ausgaben?“ „Hier.“ „Sechszehnmal hundert tauſend Livres Deſicit! Teufel!“ „Zwei Jahre der Sparſamkeit werden die Grube wieder füllen.“ „Ich habe keine zwei Jahre mehr, um zu ſparen.“ „Oh! Sie würden mich verrückt machen! Wie, eine ſolche Geſundheit?“ „Sagteſt Du mir nicht, der Notar habe einen ſehr“ geſchicklen Teſtamentsentwurf abgefaßt, inſofern geſchict, Uls er meinen Kindern die Geſammtheit der Güter be ihrer Volljährigkeit zuſichere?“ „Ja, gnädiger Herr, wenn Sie auf ſechs Jahle den vierten Theil von den Einkünſten aus Ihrem Grund⸗ peſitz abtreten.“ „Laß den Entwurf ſehen.“ „Hier iſt er.“ — er—. e⸗ 6 t 5 de n⸗ er n⸗ cit! ube n. eine ſehr* ickt, bei ahre und⸗ 85 „Ich habe ein kurzes Geſicht. Lies Du ſelbſt.“ Bonbonne las jeden von den Artikeln. Der Mar⸗ quis bezeigte von Zeit zu Zeit eine lebhafte Befriedi⸗ ung. g Entwurf iſt gut,“ ſagte er endlich,„um ſo mehr, als er Frau von Chauvelin dreimal hundert tau⸗ ſend Livres jährlich läßt, das Doppelte von dem, was ſie jetzt hat.“ „Sie billigen ihn?“ „In allen Punkten.“ „Ich kann alſo dieſe Urkunde abſchreiben?“ „Schreibe ſie ab.“ „Und dann müſſen Sie ihr die Gültigkeit durch eine Anerkennung von Ihrer Hand und durch Ihre Unter⸗ ſchrift geben.“ „Mach' geſchwinde, Bonbonne, mach' geſchwinde.“ „Nun ſind Sie nicht einmal mehr billig. Ich habe eine halbe Stunde gebraucht, um Ihnen den Entwurf vorzuleſen, ich brauche wenigſtens eine Stunde, um ihn abzuſchreiben.“ „Oh! wenn Du wüßteſt, wie ſehr ich Eile habe! Höre, dietire mir, ich will Alles mit eigener Hand ſchreiben.“ „Keines Wegs, gnädiger Herr, keines Wegs; Ihre Augen ſind ſchon ganz roth; wenn Sie nur eine halbe Viertelſtunde fortfahren, werden Sie das Fieber nach der Migräne bekommen, die Sie erfaßt.“ „Was ſoll ich während der Stunde thun, die Dir nothwendig erſcheint?“ „Gehen Sie ſpazieren, athmen Sie die friſche Luft auf den Wieſen mit der Frau Marquiſe ein, und ich will dann meine Feder ſchneiden, und wehe dem Papier; ich werde für mich allein mehr davon niedermachen, als drei Schreiber eines Anwalts, dafür ſtehe ich Ihnen.“ Der Marquis gehorchte mit einer Art von Wider⸗ ſtreben; er fühlte ſich unbehaglich, aufgeregt. 86 „Seien Sie doch ruhig,“ ſagte Bonbonne;„be⸗ fürchten Sie nicht Zeit zum Unterzeichnen zu haben? Eine Stunde, ſage ich Ihnen; was Teufels! Herr Marquis, Sie werden wohl noch ein und ſechzig Mi⸗ nuten leben!“ „Du haſt Recht,“ erwiederte der Marquis. Er ging hinab, die Marquiſe erwartete ihn. Als ſie ihn ruhiger und freudigeren Geſichtes ſah, ſagte ſie: „Nun, mein Herr, haben Sie gut gearbeitet?“ „Ja, ja, Marquiſe, eine gute Arbeit, mit der Sie und Ihre Söhne hoffentlich zufrieden ſein werden.“ „Deſto beſſer! Ihren Arm; gehen wir ſpazieren; die Treibhäuſer ſind offen; wollen wir ſie beſuchen?“ „Alles, was Ihnen beliebt, Marquiſe, Alles!“ „Und Sie werden wohl nach dieſem Spaziergang ſchlafen. Wenn Sie wüßten, welche Freude Ihre Kam⸗ merdiener haben, ſeitdem ſie die Tücher an Ihrem gro⸗ ßen Bette aufgelegt.“ „Marquiſe, ich werde ſchlafen, wie mir das ſeit zehn Jahren nicht geſchehen iſt; wenn ich nur daran denke, bebe ich vor Wonne.“ „Nicht wahr, Sie glauben, Sie werden ſich nicht zu ſehr bei uns langweilen?“ „Nein, Marquiſe, nein.“ „Und Sie werden ſich an unſere Landleute ge⸗ wöhnen?“ „Ja, ohne Mühe. Und wenn der König, welchem vielleicht ein wenig hart begegnet zu ſein ich bereue, mich vergißt, ſo thut er wohl daran.“ „Der König? ahl mein Herr,“ ſagte die Marquiſe, „Sie haben von Seiner Majeſtät ſprechend ſo eben geſeufzt.“ „Ich liebe den König, Marquiſe, doch glauben Sie mir Er vollendete nicht. Der Lärm einer Peitſche und die Schellen eines Pferdes ſchnitten ihm das Wort ab. ie n . ng m⸗ o⸗ eit cht 87 „Was iſt das?“ fragte er. „Ein Courrier, dem man das Gitter öffnet,“ er⸗ wiederte die Marquiſe,„iſt er von Ihnen?“ „Nein, das iſt ſeltſam. Ein Courrier, vor dem ſich Jedermann verbeugt, den man in den Blumengarten einläßt, kann nur im Auftrage...“ „Im Auftrage des Königs kommen,“ murmelte die Marquiſe erbleichend. „Von Seiner Majeſtät dem König!“ rief der Cour⸗ rier mit lauter Stimme. „Vom König!“ rief Herr von Chauvelin. Und er ſtürzte dem Courrier entgegen, der ſeinen Brief ſchon dem Haushofmeiſter übergeben hatte. „Ein Brief vom König, ach!“ ſagte die Marquiſe leiſe zum Pater Delar, den das Gerücht von dieſem Sendſchreiben wie die Andern herbeigeführt hatte⸗ Der Marquis bot dem Courrier Wein in einem ſilbernen Becher, eine Ehre, welche die von jedem Edel⸗ mann dem, ſelbſt von einem Diener vertretenen, König⸗ thum bewilligte Achtung rechtfertigte. Er öffnete den Brief; dieſer enthielt, was folgt, eigenhändig vom Mo⸗ narchen geſchrieben: „Mein Freund, „Sie ſind kaum vier und zwanzig Stunden abge⸗ reiſt, und es iſt mir, als hätte ich Sie ſeit Monaten nicht mehr geſehen. Die alten Leute, die ſich lieben, müſſen ſich nicht trennen. Werden ſie Zeit haben, ſich wiederzuvereinigen? Ich bin auf den Tod traurig. Ich bedarf Ihrer; kommen Sie, berauben Sie mich nicht eines Freundes, unter dem Vorwand, meine Krone ver⸗ theidigen zu wollen. Das iſt im Gegentheil die ſicherſte Art, ſie anzugreifen, und ſo lange Sie dieſelbe durch Ihre Gegenwart unterſtützen werden, werde ich ſie feſter fühlen, als je. Finde ich Sie morgen bei meinem Le⸗ n ſo wird dies das Zeichen eines glücklichen Tages ein. „Ihr wohlgewogener „Ludwig.“ 88 „Der Koͤnig ruft mich zurück,“ ſagte Chanvelin ganz bewegt.„Ich muß auf der Stelle aufbrechen; er kann meiner nicht entbehren. Man ſpanne an.“ „Oh!“ erwiederte die Marquiſe,„ſo raſch, nach ſo ſüßen Verſprechungen!“ „Sie werden bald Nachricht von mir erhalten, Madame.“ „Herr Marquis, meine Abſchrift iſt fertig,“ rief Bonbonne, der von fern herbeilief. „Gut! gut!“ „Sie brauchen nur noch zu durchleſen und zu un⸗ terzeichnen.“ „Ich habe keine Zeit. Später.“ „Später? Erinnern Sie ſich deſſen, was Sie vor⸗ hin ſagten?“ „Ich weiß, ich weiß.“ „„Keinen Verzug mehr.““ „Der König kann nicht warten.“ „Aber Sie vergeſſen Ihre Kinder, Sie vergeſſen das Schickſal Ihrer Familie.“ „Ich vergeſſe nichts, Bonbonne, doch ich muß ab⸗ reiſen und reiſe ab. Meine Kinder, die Zukunft meiner Familie, ah! bedenke, Bonbonne, das iſt Alles ge⸗ ſichert.“ „Eine Unterſchrift, nur eine Unterſchrift.“ „Siehſt Du, mein alter Freund,“ ſprach der Mar⸗ quis ſtrahlend vor Freude,„ich bin ſo ſehr entſchloſſen, Ordnung in meine Angelegenheiten zu bringen, daß ich Dir, ſollte ich ſterben, ehe ich unterſchrieben habe, aus der andern Welt, und das iſt weit, hierherzukommen ſchwöre, nur um meine Unterſchrift zu geben. „Sei alſo nur ruhig... Gott befohlen.“ Und er umarmte haſtig ſeine Frau und ſeine Kin⸗ der, vergaß Alles, was nicht der König und der Hof war, und ſchwang ſich, um zwanzig Jahre verjüngt, in ſeinen Wagen, der ihn nach Paris entführte. ſen ab⸗ ner ge⸗ ar⸗ ſen, aus nen din⸗ Hof gt, 89 Die Margniſe und dieſe ganze Welt kurz zuvor noch ſo glücklicher Leute blieben düſter, verlaſſen, ſtumm vor Verzweiflung, beim Gitter. Venus und Pſyche. Am Morgen nach dem Tage, an dem er ſeinen Boten nach Grosbois geſchickt, war das erſte Wort von Ludwig XV., daß er nach dem Marquis von Chauvelin fragte, und mit dem erſten Blick ſuchte er, ob er an⸗ weſend. Der Marquis war in der Nacht angekommen, und er befand ſich beim kleinen Lever. „Ah! gut,“ ſprach der König,„Sie ſind da, Mar⸗ quis; mein Gott! wie lange hat Ihre Abweſenheit ge⸗ dauert!“ „Sire, es iſt die erſte und wird die letzte ſein; wenn ich Sie fortan verlaſſe, ſo geſchieht es für immer.. Doch der König iſt ſehr gut, daß er meine Abweſenheit lang findet. Ich bin nur vier und zwanzig Stunden von ihm entfernt geblieben.“ „Sie glauben, lieber Freund; dann iſt es die ver⸗ teufelte Weisſagung, die mir in den Ohren klingt, ſo daß ich, als ich Sie nicht auf Ihrem gewöhnlichen Poſten ſah, mir einbildete, Sie ſeien todt, und wenn Sie geſtorben, Sie begreifen.. „Vollkommen, Sire.“ „Sprechen wir nicht mehr hievon. Sie ſind da, das iſt die Hauptſache. Es iſt wahr, die Gräfin grollt uns ein wenig: Ihnen, weil Sie ihr geſagt haben, was Sie ihr geſagt; mir, daß ich Sie nach einer ſolchen 90 Beleidigung zurückrufe; doch kümmern Sie ſich durch⸗ aus nichts um dieſe üble Laune; die Zeit gleicht Alles aus, und der König wird die Zeit unterſtützen.“ „Ich danke, Sire.“ „Sagen Sie, was haben Sie während Ihrer Ver⸗ bannung gethan?“ „Stellen Sie ſich vor, Sire, daß ich mich beinahe bekehrt hätte.“ „Ich verſtehe, Sie fangen an, es zu bereuen, daß Sie die ſieben Todſünden beſungen haben.“ „Oh! wenn ich ſie nur beſungen hätte!“ „Mein Vetter von Conti hat geſtern hievon ge⸗ ſprochen; er iſt darüber entzückt.“ „Sire, ich war damals jung, und die Impromptus ſchienen mir leicht. Ich befand mich in Ile⸗Adam mit ſieben reizenden Frauen. Der Herr Prinz von Conti jagte; ich blieb im Schloß und machte ihnen... Verſe. Ah! das war eine ſchöne, gute Zeit, Sire.“ „Marquis, halten Sie mich für Ihren Beichtvater, und iſt das Ihre Reue?“ „Mein Beichtvater, ah! ja, Eure Majeſtät hat Recht, ich hatte mich gerade für dieſen Morgen mit ei⸗ nem Camaldulenſer in Grosbois zuſammenbeſchieden.“ „Oh! der arme Mann, welche Gelegenheit, ſich zu belehren, iſt ihm da entgangen! Hätten Sie ihm Alles geſagt, Chauvelin?“ „Durchaus Alles, Sire.“ „Sie Sitzung wäre alſo lang geweſen?“ „Ei! mein Gott, Sire, außer meinen eigenen Sün⸗ den habe ich ſo viele Sünden von Anderen auf dem Gewiſſen, ich habe beſonders ſo viele von... „Von mir, nicht wahr? Dieſe zu bekennen, Chau⸗ velin, erlaſſe ich Ihnen, man beichtet nur für ſich.“ „Sire, die Sünde iſt übrigens furchtbar epidemiſch bei Hofe. Kaum bin ich angekommen, und ſchon hat man mir von einem ſeltſamen Abenteuer erzählt.“ ch⸗ lles er⸗ ahe daß tus mit onti rſe. ter, hut ei⸗ zu lles in⸗ em 91 „Ein Abenteuer, Chauvelin. und auf weſſen Rechnung hat man es geſetzt?“ „Auf weſſen Rechnung ſetzt man die guten Aben⸗ teuer?“ „Bei Gott! das muß auf die meinige ſein.“ „Oder auf die von...“ „Oder auf die der Gräfin du Barry, nicht wahr?“ „Sie haben errathen, Sire.“ „Wie, die Gräfin du Barry hat geſündigt? Teu⸗ fel, ſagen Sie mir das, Chauvelin.“ „Ich ſage nicht gerade, das Abenteuer ſei eine Sünde durch ſie geweſen, ich ſage nur, es ſei mir bei Gelegenheit der Sünden eingefallen.“ „Laſſen Sie hören, Marquis, was für ein Aben⸗ teuer iſt es? Erzählen Sie mir das auf der Stelle.“ „Auf der Stelle, Sire?“ „Ja, Sie wiſſen, die Könige warten nicht gern.“ „Peſt! Sire, das iſt wahr.“ „Bah! Sollte ſie wieder einen kleinen Streit mit meiner Schwiegertochter gehabt haben?“ „Sire, ich ſage das nicht.“ „Ah! die Gräfin wird ſich am Ende mit der Dau⸗ phine entzweien, und dann, meiner Treue...“ „Sire, ich glaube, daß die Frau Gräfin zu dieſer Stunde ganz entzweit iſt.“ „Mit der Dauphine?“ „Nein, mit einer andern kleinen Schwiegertochter von Ihnen.“ „Mit der Gräfin von Provence?“ „Ganz richtig.“ „Gut! da bin ich ſchön gebettet. Laſſen Sie hö⸗ ren, Chauvelin.“ Sie „Beklagt ſich die Gräfin von Provence?“ „Man ſagt, ja.“ „Dann wird der Graf von Provence abſcheuliche 92 Verſe über die arme Gräfin machen. Sie hat ſich gut zu halten, ſie wird ſchön gegeißelt werden.“ „Sire, das wird nur einfach ein Anlehen für eine Wiedererſtattung ſein.“ „Wie beliebt?“ „Denken Sie ſich, daß die Frau Margquiſe von Rozen „Die reizende kleine Brunette, die Freundin der Gräfin von Provence?“ „Ja, die Eure Majeſtät ſeit einem Monat viel an⸗ geſchaut hat.“ „Oh! man hat mich an einem gewiſſen Ort bedeu⸗ tend darüber geſcholten... nun, Marquis?“ „Wer hat Sie geſcholten, Sire?“ „Die Gräfin, bei Gott!“ „Wohl denn! Sire, die Gräfin hat Sie geſcholten, gut; doch auf der andern Seite hat ſie noch etwas mehr gethan, als geſcholten.“ 3„Erklären Sie ſich, Marquis, Sie erſchrecken mich.“ „Ah! Sire, erſchrecken Sie; ich halte Sie nicht davon ab.“ „Wie! es iſt alſo ernſt?“ „Sehr ernſt.“ „Sprechen Sie.“ „Es ſcheint, daß.. „Was?“. „Sire, es iſt ſchwieriger zu ſagen, als es zu thun geweſen iſt.“ „Sie erſchrecken mich in der That, Marquis. Bis jetzt habe ich geglaubt, Sie ſcherzen. Doch wenn es wirklich eine Sache von Bedeutung iſt, ſo ſprechen wir ernſthaft.“ In dieſem Augenblick trat der Herzog von Riche⸗ lieu ein. „Etwas Neues,“ ſagte er mit einem freundlichen und zugleich hangen Lächeln, freundlich, weil es ſich n. hr cht un Bis wir be⸗ en ſich 93 darum handelte, dem Monarchen zu gefallen, bang, weil es ſich varum handelte, die Gewogenheit zu be⸗ kämpfen, welche dieſem nach einem Tage der Verban⸗ nung nach Verſailles zurückberufenen Günſtling zu Theil wurde. „Etwas Neues, und woher kommt dieſes Neue?“ fragte der König. Der König ſchaute umher und ſah, wie der Mar⸗ quis von Chauvelin heimlich lachte. „Du lachſt, Herzloſer!“ ſagte er zu ihm. „Sire, der Sturm iſt im Begriff, loszubrechen; ich erſehe das aus der traurigen Miene von Herrn von Richelieu.“ „Sie täuſchen ſich, Marquis; es iſt wahr, ich habe Neues angekündigt, doch ich übernehme es nicht, die Sache zu ſagen.“ „Aber wie ſoll ich denn dieſe Neuigkeit erfahren?“ „Ein Page von Frau von Provence iſt in Ihrem Vorzimmer mit einem Briefe ſeiner Gebieterin; Eure Majeſtät gebe ihre Befehle.“ „Hoho!“ rief der König, dem es nicht unangenehm geweſen wäre, wenn er Alles hätte können auf Herrn oder Frau von Provence, die er nicht liebte, fallen laſ⸗ ſen,„ſeit wann ſchreiben die Söhne oder die Frauen der Söhne von Frankreich an den König, ſtatt bei ſei⸗ nem Lever zu erſcheinen?“ „Sire, ohne Zweifel gibt der Brief Eurer Maje⸗ ſtät den Grund dieſes Verſtoßes gegen die Etiquette an.“ „Herzog, nehmen Sie dieſen Brief und bringen Sie ihn mir.“ Der Herzog verbeugte ſich, ging hinaus und kehrte eine Serunde nachher mit dem Briefe in der Hand zurück. Er überreichte ihn dem König und ſprach: „Sire, vergeſſen Sie nicht, daß ich der Freund von Madame du Barry bin, und daß ich mich zum Voraus zu ihrem Advveaten beſtelle.“ 94 Der König ſchaute Richelien an, öffnete den Brief und faltete ſichtbar die Stirne, während er ſeinen In⸗ halt durchlief. „Oh!“ murmelte er,„diesmal iſt es zu ſtark; Sie haben eine ſchlimme Sache übernommen, Herzog. Ma⸗ dame du Barry iſt in der That toll!“ Dann wandte er ſich gegen den Officier um und agte: „Man begebe ſich ſogleich auf mein Geheiß zu Frau von Rozen; man erkundige ſich nach ihr und ſage ihr, ich werde ſie unmittelbar nach meinem Lever, ehe ich in die Meſſe gehe, empfangen. Arme Marguiſe! liebes Weibchen!“ Alle ſchauten einander an. Sollte ein neues Ge⸗ ſtirn am Horizont der Gunſt aufgehen? Das war im Ganzen ſehr leicht möglich. Die Marquiſe war eine junge und hübſche Frau. Seit einem Jahre zur Dame ernannt, um Frau von Provence zu begleiten, hatte ſie eine Verbindung mit der Favoritin geſchloſſen, in deren kleinen Geſellſchaftskreiſen ſie ſtets erſchienen und oft vom König geſehen worden war⸗ Do auf die Bemerkungen der Prinzeſſin, welche ſich durch dieſe Vertraulichkeit verletzt fühlte, gab ſie ihr Verhält⸗ niß zu Madame du Barry plötzlich auf, worüber ſich dieſe ſehr aufgebracht zeigte. So viel wußte der Hof hievon. Dieſer Brief, deſſen Inhalt Niemand kannte, übte einen großen Einfluß auf den König; er ſchien wäh⸗ rend des ganzen übrigen Lever ſorgenvoll, richtete kaum ein Wort an ein paar Vertraute und entließ ſeine En⸗ trées früher als gewöhnlich, nachdem er Herrn von Chauvelin nicht wegzugehen eingeſchärft hatte. Als die Ceremonie des Lever beendigt war, ent⸗ fernte ſich alle Welt, und der König gab, ſobald man ihm meldete, Frau von Rozen warte, Befehl, dieſe einzu⸗ führen⸗ Frau von Rozen trat auf eine äußerſt pathetiſche 95 Weiſe ein; ſie zerfloß ganz in Thränen und kniete vor dem König nieder. Der König hob ſie auf. „Sire,“ ſprach ſie,„verzeihen Sie, daß ich mich eines erhabenen Einfluſſes bedient habe, um bis zu Eurer Majeſtät zu gelangen; doch in der That, ich war ſo ſehr in Verzweiflung...“ „Oh! ich verzeihe Ihnen von Herzen gern und weiß meinem Enkel Dank, daß er Sie hat eine Thüre öffnen laſſen, welche von nun an ganz für Sie offen bleibt. Doch kommen wir zur Sache zur Hauptſache.“ Die Marquiſe ſchlug die Augen nieder. „Ich habe Eile,“ fuhr der König fortz„man er⸗ wartet mich zur Meſſe. Iſt das, was Sie mir ſchrei⸗ ben, wirklich wahr? Hätte ſich die Gräfin wirklich er⸗ laubt, Sie 22 „Oh! Sie ſehen mich roth vor Scham, Sire. Ich komme, um Gerechtigkeit vom König zu verlangen. Nie iſt eine Frau von Stand ſo behandelt worden.“ „Wie! wahrhaftig?“ fragte der König unwillkür⸗ lich lächelnd,„behandelt wie ein ungehorſames Kind, ohne etwas niederzuſchlagen?“ „Ja, Sire, vor vier Kammerfrauen, in ihrer Ge⸗ genwart, in ihrem Boudvir,“ antwortete die junge Frau, abermals die Augen ſenkend. „Teufel!“ rief der König, bei dem dieſer Vorfall eine Menge von Ideen erregte,„die Gräfin hat ſich dieſes Vorhabens nicht gerühmt.“ Dann fragte er mit einem Satyrsauge: „Und wie hat ſich dies ereignet? ſprechen Sie, Marquiſe.“ „Sire,“ erwiederte die arme Frau, immer mehr erröthend,„ſie hat mich zum Frühſtück eingeladen. Ich entſchuldigte mich mit meiner wenig freien Zeit, mit meinem Dienſt, der mich Morgens von acht Uhr an zu Ihrer Königlichen Hoheit rufe. Sie ließ mir antwor⸗ ten, ich möge um ſieben Uhr kommen, ſie werde mich 96 nicht lange aufhalten; und ich bin in der That vor einer halben Stunde von ihr weggegangen.“ „Sie können ruhig ſein, Madame, ich werde mit der Gräfin ſprechen, und es ſoll Ihnen Gerechtigkeit werden; doch in Ihrem eigenen Intereſſe fordere ich Sie auf, das Abenteuer nicht ruchbar zu machen. Ihr Gatte beſonders ſoll nichts erfahren. Die Ehe⸗ männer ſind teufelmäßig albern in ſolchen Sachen.“ „Ohl der König muß wohl glauben, daß ich für meine Rechnung zu ſchweigen wiſſen werde; aber meine Feindin, aber die Gräfin, ich bin feſt überzeugt, daß ſie ſich ſchon deſſen, was ſie gethan, gegen ihre Ver⸗ trauteſten rühmt, und morgen weiß es der ganze Hof. Oh! mein Gott! mein Gott! wie unglücklich bin ich!“ rief die Marquiſe. Und ſie verbarg ihren Kopf in ihren Händen, und weinte, auf die Gefahr, ihr Roth mit ihren Thränen auszulöſchen. „Beruhigen Sie ſich, Marquiſe,“ ſagte der König. „Der Hof vermöchte kein hübſcheres Spielzeug zu haben, als Sie. Und wenn man davon ſpricht, ſo wird es aus Neid geſchehen, wie man einſt im Olymp von demſelben Abenteuer ſprach, das Pſyche begegnete. Ich kenne unter unſern Steiftragen, die ſich nicht ſo leicht tröſten würden, als Sie ſich tröſten können, Sie, Marquiſe, die Sie nichts dabei zu verlieren haben„ Die Marquiſe verneigte ſich und erröthete wo mög⸗ lich noch mehr. Der König ſchaute dieſe Röthe an und verſchlang dieſe Thränen. „Kehren Sie in Ihre Wohnung zurück,“ ſagte er, „trocknen Sie dieſe hübſchen Augen; dieſen Abend beim Spiel werden wir Alles abmachen, das verſpreche ich Ihnen.“ Hienach führte der König mit der ſeinem Geſchlechte eigenthümlichen Galanterie und guten Manier die junge Frau bis zur Thüre zurück, wo ſie durch die im höch⸗ vor mit keit ere en⸗ für ine daß er⸗ of. 1“ und nen tig. en, aus ben nne ſten die ög⸗ ang er, eim ich chte nge öch⸗ ſten Grade erſtaunte und neugierig gemachte Menge der Höflinge ſchreiten mußte. Der Herzog von Ayen, der Kapitän der Leibwachen vom Dienſte, näherte ſich dem König und verbeugte ſich ſtillſchweigend vor ihm, um ſeine Befehle zu er⸗ warten. „In die Meſſe, Herzog von Ayen, in die Meſſe nun, da ich mein Beichtvaterhandwerkf beendigt,“ ſagte der König. „Eine ſo ſchöne Reumüthige kann nur ſchöne Sün⸗ den begangen haben, Sire.“ „Ach! das arme Kind! es ſühnt nicht ſeine Sün⸗ den,“ ſprach der König. Und er ging durch die große Gallerie, um ſich in die Kapelle zu begeben. Der Herzog von Ayen folgte dem König, einen Schritt hinter ihm, nahe genug, um ihn zu hören und ihm zu antworten, aber doch ohne ſich, nach der Eti⸗ quette, auf derſelben Linie zu befinden. „Man wäre glücklich, ihr Mitſchuldiger zu ſein, ſelbſt bei einem Verbrechen, bei einem Liebesverbrechen, wohlverſtanden, Sire.“ „Ihr Verbrechen iſt das der Gräfin.“ „HOhl was dieſe betrifft, der König kennt ſie alle.“ „Allerdings, man verleumdet die gute Gräfin. Sie iſt ausgelaſſen, toll ſogar, wie bei der fraglichen Gele⸗ genheit, für die ich ſie ausſchelten werde, aber ſie hat ein vortreffliches Herz; man mag mir immerhin Schlim⸗ mes von ihr ſagen, ich werde es nicht glauben. Eil ich weiß wohl, daß ich nicht ihr erſter Liebhaber und daß ich in ihrer Gunſt Radir von Sainte⸗Foy nachge⸗ folgt bin.“ „Ja, Sire,“ ſagte der Herzog mit ſeiner gewöhn⸗ lichen, in die ausgeſuchteſten Formen gehüllten Bos⸗ heit,„Eure Majeſtät iſt Pharamond nachgefolgt.“ Tauſend und ein Geſpenſt. M. 7 98 Trotz ſeines Geiſtes war der König nicht ſtark genug, um gegen dieſen gewaltigen Streiter zu kämpfen, ohne ſich zu ärgern. Er fühlte das Lächerliche und ſtellte ſich, als verſtünde er nicht. Raſch ſprach er einen Ritter vom heiligen Ludwig an, den er auf ſeinem Wege traf. Ludwig XV. war gutherzig und ſanftmüthig; er ließ ſeinen Vertrauten viele Freiheiten hingehen, und wenn man ihn nur beluſtigte, ſo machte er uit dem Uebrigen leichten Handel. Der Herzog von Ayen be⸗ ſonders hatte die Befugniß, Alles zu ſagen, was ihm zu erzählen einfiel. Obwohl allmächtig, hatte Madame du Barry doch nie daran gedacht, ihn zu bekämpfen; ſein Name, ſeine Stellung, ſein Geiſt beſonders kamen ihr unangreifbar vor. Während der Meſſe war der König zerſtreut: er vachte an den Sturm, den der neue Streich von Ma⸗ dame du Barry herbeiführen würde, wenn er dem Herrn Dauphin zu Ohren käme. Dieſer Prinz hatte ſich ge⸗ rade am vorhergehenden Tage ſehr ungehalten über die Gräfin geäußert, weil durch ſie, wider ſeinen Willen, dem Vicomte du Barry, ihrem Neffen, ein Platz als Stallmeiſter in ſeinem Hauſe zu Theil geworden war. „Er komme nicht in meine Nähe, oder ich laſſe ihn durch meine Leute fortjagen,“ hatte er geſagt. Dieſe Stimmung kündigte allerdings keine Nachſicht für den plumpen Scherz an, den ſich die Gräfin erlaubt hatte. Ludwig XV. verließ die Kapelle ziemlich ver⸗ legen. Ehe er ſich in den Rath begab, ging er zur Frau Dauphine; er fand ſie vortrefflich angekleidet; ſie trug in den Haaren einen wunderbar gefaßten Dia⸗ mantenſchmuck. „Sie haben da ein herrliches Geſchmeide, Mavame,“ ſagte der König. „Sie finden, Sire? wie, Eure Majeſtät kennt es nicht?“ „Ich?“ 5 1———„ —— d ark fen, und nen ege er und em ihm me en; nen er Ma⸗ errn die len, als ar. ihn ſicht ubt ver⸗ zur det; Dia⸗ ne, t es 99 „Allerdings, da Eure Majeſtät den Befehl gegeben hat, es zu mir zu bringen?“ „Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen.“ „Das iſt doch leicht zu erklären. Geſtern kam ein Juwelier in das Schloß von Verſailles mit dieſem mit Lilien verzierten, mit der Krone von Frankreich ge⸗ ſchmückten und von Eurer Majeſtät beſtellten Juwel. Da Gott die Königin zu ſich genommen, ſo habe ich, glaubte er, allein das Recht, dieſen Schmuck zu tragen. Mir hat er ihn alſo, ohne Zweifel Ihren Befehlen und Ihrer Abſicht gemäß, angeboten.“ Der König erröthete und antwortete nichts. „Das iſt ein ſchlimmes Vorzeichen,“ dachte er. „Die Gräfin hatte nöthig, mir eine neue Verlegenheit zu bereiten, mit ihrer albernen Geſchichte mit der Mar⸗ quiſe. Werden Sie heute Abend zum Spiel kommen, Madame?“ fragte er laut. „Wenn Eure Majeſtät es mir befiehlt.“ „Ihnen befehlen, meine Tochter! Ich bitte Sie darum, Sie werden mir ein Vergnügen machen.“ Die Frau Dauphine verneigte ſich kalt. Der König ſah, es würde ihm nicht gelingen, ihre Stirne zu ent⸗ runzelnz er ſchützte den Rath vor und ging weg. „Meine Kinder lieben mich nicht,“ ſagte er zum Herzog von Ahen, der ihn nicht verlaſſen hatte. „Der König iſt in einem Irrthum begriffen. Ich kann Eure Majeſtät verſichern, daß ſie wenigſtens eben ſo ſehr von ihren erhabenen Kindern geliebt wird, als ſie dieſe ſelbſt liebt.“ Ludwig begriff das Epigramm, offenbarte es aber nicht. Das war von ſeiner Seite ein gefaßter Entſchluß. Er hätte den Herzog von Ayen zehnmal des Tages verban⸗ nen müſſen, und nach der Langweile, die ihm die Ab⸗ weſenheit von Herrn von Chauvelin verurſacht hatte, ſah der König mehr als je ein, daß für ihn die Ge⸗ genwart ſeiner bevorzugten Höflinge unerläßlich war. „Bah!“ ſagte er,„ſie mögen mich immerhin kitzeln, 100 ſie werden mich nicht ſchinden. Das wird ſo lange währen als ich, und mein Nachfolger mag ſich heraus⸗ ziehen, wie er kann.“ Seltſame Sorgloſigkeit, deren Strafe verhängniß⸗ voller Weiſe der unglückliche Ludwig XVI. tragen ſollte. Das Spiel des Rönigs. Als der König bei der Gräfin eintrat, die er aus⸗ zuſchelten gedachte, wurde er von einem übel gelaunten Geſichte empfangen, hinter dem er einen dumpfen, zum Ausbruch bereiten Zorn kochen fühlte. Ludwig XV. war ſchwach. Er fürchtete die Sce⸗ nen, mochten ſie nun von ſeinen Töchtern, von ſeinen Enkeln, von ſeinen Schwiegertöchtern oder von ſeiner Geliebten kommen, und dennoch ſetzte er ſich, wie alle zwiſchen ihre Famllie und ihre Geliebte geſtellte Män⸗ ner, unabläſſig der Unannehmlichkeit aus, Scenen zu haben. An dieſem Tag wollte er dem Kampf, der ſich vor⸗ bereitete, dadurch zuvorkommen, daß er ſich eine Hülfs⸗ macht beigeſellte. Nachdem er auf die Gräfin den Blick geworfen der für ihn genügt hatte, um den Barometer ihrer Laune zu erforſchen, ſchaute er rings umher und fragte; „Wo iſt Chauvelin?“ „Herr von Chauvelin, Sire?“ erwiederte die Gräfin. „Ja, Herr von Chauvelin.“ „Mir ſcheint, und Sie wiſſen das beſſer als irgend — nge ius⸗ niß⸗ agen aus⸗ nten zum Sce⸗ inen einet alle Nän⸗ nzu vor⸗ ülfs⸗ rfen, ihrer agte; die gend 101 Jemand, nicht bei mir muß man ſich nach Herrn von Chauvelin erkundigen, Sire.“ „Und warum nicht?“ „Weil er nicht zu meinen Freunden gehört, und weil es, da er nicht mein Freund iſt, ganz einfach wäre, wenn Sie ihn anderswo, als bei mir, ſuchten.“ „Ich habe ihn beauftragt, mich hier bei Ihnen zu erwarten.“ „Nun denn! er wird ſich von der Verpflichtung, den Befehlen des Königs zu gehorchen, freigeſprochen haben, und meiner Treue.. er hat eben ſo wohl daran gethan, Ihnen ungehorſam zu ſein, als zu kom⸗ nen um mir, wie das letzte Mal, Beleidigungen zu agen.“ „Es iſt gut, es iſt gut, ich will daß man ſich ver⸗ ſöhnt,“ ſagte der König. „Mit Herrn von Chauvelin?“ „Mit aller Welt, bei Gott!“ Dann wandte er ſich an die Schweſter der Gräfin, welche ſich den Anſchein gab, als ftellte ſie Porzellan⸗ figürchen auf einer Conſole auf, und rief: „Chon.“ „Sire.“ „Kommen Sie hierher, meine Tochter.“ Chon näherte ſich dem König. „Haben Sie die Güte, Schweſterchen, den Befehl ju daß man Herrn von Chauvelin auf der Stelle olt. Chon verneigte ſich und ging hinaus, um dem Kö⸗ nig zu gehorchen. Madame du Barry machte eine Bewegung mit dem Kopf und drehte dem König den Rücken zu. „Nun! was ärgert Sie hiebei?“ fragte Seine Majeſtät. „Oh!“ erwiederte ſie,„ich begreife, daß Herr von Chauvelin Ihre ganze Gunſt genießt, und daß Sie ſeiner nicht entbehren können; er iſt ſo gierig, Ihnen 102 tetgeitlen⸗ und reſpeetirt ſo ſehr diejenigen, welche Sie lieben.“ Ludwig XV. fühlte, daß der Sturm herannahte. Er wollte den Wetterwirbel durch einen Kanonenſchuß abſchneiden. „Chauvelin,“ ſagte er,„iſt nicht der Einzige, der ſich gegen die mir und dem, was mir gehört, ſchuldige Achtung verfehlt.“ „Oh! ich weiß es übrigens,“ rief Madame du Barry, „Ihre Pariſer, Ihr Parlament, Ihre Hofleute ſogar, abgeſehen von denjenigen, welche ich nicht nennen will, verfehlen ſich gegen den König, und zwar nach Herzens⸗ luſt und mit einander um die Wette.“ Der König ſchaute die unverſchämte junge Frau mit einem Gefühl an, das nicht ganz von Mitleid frei war. „Wiſſen Sie, Gräfin, daß ich nicht unſterblich bin,“ ſagte er,„und daß Sie ein Spiel ſpielen, wodurch Sie es dahin bringen, daß man Sie in die Baſtille ein⸗ ſperrt oder aus dem Reiche jagt, ſobald ich die Augen geſchloſſen habe?“ „Ah! bah!“ „Oh! lachen Sie nicht, es iſt, wie ich Ihnen ſage.“ „Wahrhaftig, Sire, und warum dies?“ „Ich will mit zwei Worten die Frage erörtern.“ „Ich erwarte die Erörterung, Sire.“ „Was für eine Geſchichte iſt das mit der Mar⸗ quiſe von Rozen, und welche abgeſchmackte Freiheit haben Sie ſich gegen dieſe Frau genommen? Vergeſſen Sie, daß ſie die Ehre hat, der Frau Gräfin von Pro⸗ vence anzugehören?“ „Ich, Sire? Nein, gewiß nicht.“ „Nun, ſo antworten Sie mir. Was bedeutet die mädchenhafte Strafe, die Sie über die Marquiſe von Rozen zu verhängen ſich die Freiheit genommen haben?“ „Ich, Sire?“ „Ja, Sie,“ erwiederte der König ungeduldig. Sie hte. chuß der dige ry, gar, will, ens⸗ Frau tleid in,“ Sie ein⸗ ugen e.“ n.“ Rar⸗ iheit eſſen Pro⸗ t die von en 103 „Ah! das iſt ſchön!“ rief die Gräfin,„ich erwar⸗ tete nicht, darüber getadelt zu werden, daß ich die Be⸗ fehle Eurer Majeſtät vollzogen habe.“ „Meine Befehle?“ „Gewiß. Der König wolle ſich deſſen erinnern, was er mir geantwortet hat, als ich mich bei ihm über die Unhöflichkeit der Marquiſe beklagte.“ „Bei meiner Treue, ich weiß es nicht mehr.“ „Wohl denn! der König ſagte zu mir:„„Was wollen Sie, Gräfin, die Marquiſe iſt ein Kind, dem man die Ruthe geben ſollte.““ „Ei! das war kein Grund, um es zu thun,“ rief der König, unwillkürlich erröthend, denn er erinnerte ſich, Wort für Wort geſagt zu haben, was ihm die Gräfin angeführt. „Sire,“ ſprach die Gräfin,„da die gerngſeN Wünſche Eurer Majeſtät Befehle ihrer unterthänigen Magd ſind, ſo hat ſie ſich beeifert, dieſen wie die ande⸗ ren zu vollziehen.“ Der König konnte ſich des Lachens über den un⸗ ſtörbaren Ernſt der Gräfin nicht erwehren. „Alſo bin ich der Schuldige?“ fragte er. „Allerdings, Sire.“ „Es iſt an mir, den Fehler zu ſühnen?“ „Augenſcheinlich.“ „Wohl, Gräfin, Sie werden in dieſem Fall die Marquiſe zum Abendbrod einladen, und unter ihre Ser⸗ viette das Oberſtenpatent legen, um das ihr Mann ſeit ſechs Monaten nachſucht, welches ich ihm aber ohne dieſen Umſtand ſicherlich nicht ſo bald gegeben hätte; ſo wird die Beleidigung wieder gut gemacht.“ „Vortrefflich! ſo viel in Betreff der Beleidigung der Marquiſe, nun aber kommt die meinige.“ „Wie, die Ihrige?“ „Ja, wer wird dieſe gut machen?“ „Ich bitte, welche Beleidigung iſt Ihnen angethan worden?“ 104 „Oh! das iſt reizend; ſpielen Sie doch den Er⸗ ſtaunten!“ „Ich ſpiele ihn nicht, ich bin ganz offenherzig und im Ernſte erſtaunt.“ „Nicht wahr, Sie kommen von der Frau Dau⸗ phine?“ Sc „Dann kennen Sie wohl den Streich, den ſie mir geſpielt hat.“ „Bei meinem Worte, nein, ſprechen Sie.“ „Wohl denn! geſtern brachte mein Juwelier gleich⸗ zeitig ihr einen Halsſchmuck und mir einen Haarſchmuck von Diamanten.“ „Sodann?“ „Sodann?“ „Ja.“ „Nachdem ſie ihren Halsſchmuck genommen, ver⸗ langte ſie meinen Haarſchmuck zu ſehen.“ „Ah! ah!“ „Und da mein Schmuck mit Lilien verziert war, ſagte ſie: „„Sie täuſchen ſich, mein lieber Herr Böhmer, die⸗ ſer Haarſchmuck von Diamanten iſt nicht für die Gräfin, ſondern für mich; zum Beweiſe dient, daß hier die drei Lilien von Frankreich angebracht ſind, welche ſeit dem Tode der Königin Niemand außer mir zu tragen be⸗ rechtigt iſt.“ „So daß„ „So daß der Juwelier, eingeſchüchtert, es nicht wagte, dem Befehl der Dauphine, den Diamanten⸗ haarſchmuck zurückzulaſſen, zu widerſtehen, und hierher lief, um mir zu ſagen, mein Diadem ſei unter Weges hängen geblieben.“ „Nun! was ſoll ich hiebei machen, Gräfin?“ „Sie ſollen mir das Diadem zurückgeben laſſen“ „Ihnen den Schmuck zurückgeben laſſen?“ „Allerdings.“ 105 r⸗„Durch die Dauphine? Sie find verrückt, meine Liebe.“ d„Wie! ich bin verrückt? „Ja; ich werde Ihnen eher einen andern Schmuck u⸗ ſchenken.“ „Ah! gut! ich habe nur hierauf zu zählen.“ „Ich verſpreche es Ihnen, ſo wahr ich ein Edel⸗ nir mann bin.“ „Gut, und ich werde den Schmuck in einem Jahr, in ſechs Monaten früheſtens haben; wie beluſtigend das iſt.“ „Madame, dieſer Verzug wird eine Warnung für Sie ſein.“ „Eine Warnung. in welcher Hinſicht?“ „In der Hinſicht, daß Sie in Zukunft weniger ehrgeizig ſein ſollen.“ „Ehrgeizig, ich?“ „Ja, Sie wiſſen wohl, was Herr von Chauvelin neulich geſagt hat.“ war,„Ah! Ihr Chauvelin ſagt nichts als Ungezogen⸗ heiten.“ die⸗„Wer hatte Sie denn aber bevollmächtigt, das Wap⸗ ſin, pen von Frankreich zu führen?“ vrei mich bevollmächtigt hat? Sie.“ m „Ja, Sie! Der Schlingel, den Sie mir einſt ſchenkten, trug wohl das Wappen auf ſeinem Kragen, warum ſollte ich es nicht auf meinem Kopfe tragen?„ nicht weiß, woher das kommt, man hat es mir ⸗ geſagt. „Was hat man Ihnen noch geſagt?“ eget„Ihre Pläne, bei Gott.“ „Nennen Sie mir meine Pläne, Gräfin; bei mei⸗ nem Ehrenwort, es wird mir Vergnügen machen, ſie ſſen“ zu hören.“ „Werden Sie leugnen, daß davon die Rede iſt, Sie mit der Prinzeſſin von Lamballe zu verheirathen, * 106 und daß Herr von Chauvelin und die ganze Clique des Dauphin und der Dauphine Sie zu dieſer Heirath an⸗ treiben?“ „Madame,“ erwiederte der König mit ernſtem Tone,„ich leugne nicht, daß etwas Wahres an dem iſt, was Sie ſagen, und füge ſogar bei, daß ich etwas noch Schlimmeres thun könnte; das wiſſen Sie beſſer, als irgend Jemand, Gräfin, Sie, die Sie mich über eine andere Heirath ſondirt haben.“ Dieſes Wort verſchloß der Gräfin den Mund; ſie ſetzte ſich übler Laune an das andere Ende des Cabi⸗ neis und zerbrach zwei Porzellanfiguren. „Ah! Chauvelin hatte Recht,“ murmelte der Kö⸗ nig,„die Krone iſt ſchlecht in den Händen von Liebes⸗ göttern.“ Es trat ein Augenblick ſtillſchweigenden Schmol⸗ lens ein; Chon kam zurück. „Sire,“ ſagte ſie,„man findet Herrn von Chau⸗ velin nirgends; man glaubt, er ſei bei ſich eingeſchloſ⸗ ſen; ich ging ſelbſt in ſeine Wohnung, aber ich mochte immerhin fragen und läuten und rufen, er weigerte ſich, zu antworten.“ „Oh! mein Gott!“ rief der König,„iſt ihm ein Unfall begegnet? iſt er erkrankt? geſchwinde, geſchwinde, man erbreche ſeine Thüre.“ „Ohl nein, Sire, er iſt nicht krank,“ erwiederte verdrießlich die Gräfin,„denn als er den Prinzen von Soubiſe und meinen Bruder Jean im Saale des Oeil⸗ de⸗Boeuf verließ, ſagte er, er habe den ganzen Tag in dringenden Angelegenheiten zu arbeiten, er werde jedoch nicht verfehlen, ſich am Abend wieder beim Spiele des Königs einzufinden.“ Der König benützte dieſe Rückkehr der Gräfin, welche eine Ark Waffenſtillſtand öffnete. „Er ſchreibt vielleicht ſeine Beichte zur Erbauung ſeines Camaldulenſers,“ ſagte er Dann wandte er ſich an die Gräfin und ſprach: — N M W N* —— 8 e le 107 „Ah! wiſſen Sie, daß das Arzneimittel von Bor⸗ deu Wunder thut; wiſſen Sie, daß ich kein anderes mehr haben will? Pfui über Lamartinisre und Bonnard mit allen ihren Vorſchriften; dieſes verjüngt mich bei meinem Wort!“ „Bah! Sire,“ rief Chon,„was braucht denn Eure Majeſtät immer vom Alter zu ſprechen? Ei! mein Gott! hat denn Eure Majeſtät nicht das Alter von Jedermann?“ „Ah! gut,“ erwiederte der König,„Sie ſind wie der einfältige d»Aumont, gegen den ich mich einſt be⸗ klagte, daß er keine Zähne mehr habe; er zeigte mir das Gebiß eines Reffträgers und antwortete mir: „„Ei! Sire, wer hat denn Zähne?““ „Ich,“ rief die Gräfin,„und ich ſage Ihnen zum Voraus, daß ich Sie beißen werde, und zwar bis auf das Blut, wenn Sie fortfahren, mich ſo aller Welt zu opfern.“ Und ſie ſetzte ſich wieder zum König und zeigte ihm eine Reihe von Perlen, in denen man unmoͤglich eine Drohung ſehen konnte. Dem Biſſe trotzend, näherte auch der König ſeine Lippen den ſchönen Roſenlippen der Gräfin; dieſe machte Chon ein Zeichen; Chon raffte die Stücke von den zwei Figuren zuſammen. „Gut,“ ſagte ſie,„Alles, was in den Graben fällt, iſt für den Soldaten.“ Und ſie warf noch einen letzten Blick auf den König und auf die Gräfin und fügte leiſe bei: „Ich glaube, Bordeu iſt entſchieden ein großer Mann.“ Dann ging ſie hinaus und ließ ihre Schweſter auf dem Wege der Wiederverſöhnung. Am Abend um ſechs Uhr begann das Spiel des Königs. Herr von Chauvelin hielt ſein Verſprechen und fand ſich einer der erſten dabei ein. Die Gräfin 108 kam in einem Galakleide wegen der Anweſenheit der Dauphine, von der man wußte, ſie würde erſcheinen. Der Marquis und die Gräfin begegneten ſich und grüßten einander auf die liebenswürdigſte Weiſe. „Mein Gott, Herr von Chauvelin,“ ſagte vie Gräfin mit jenem zweiſchneidigen Lächeln, das die Höflinge ſo gut ſchärfen,„wie roth ſehen Sie aus, man ſollte glauben, Sie bekommen einen Schlaganfall. Marquis, Marquis, ſprechen Sie mit Bordeu, außer bei Bordeu kein Heil!“ Dann wandte ſie ſich an Ludwig XV. mit einem Lächeln, über das ein Papſt von Sinnen gekommen wäre, und ſagte: „Fragen Sie nur den König.“ Herr von Chauvelin verbeugte ſich und erwiederte: „Ich werde nicht ermangeln, dies zu thun.“ „Sie erfüllen damit die Pflicht eines treuen Un⸗ terthanen, Sie müſſen Ihre Geſundheit pflegen, mein lieber denn Sie ſollen nur zwei Monate vor 1 „Ich möchte im Gegentheil, daß es an mir wäre, Ihnen voranzugehen,“ ſagte der König,„Sie wären dann ſicher, daß Sie hundert Jahre leben würden, Chauvelin; ich kann Ihnen alſo nur den Rath der Gräfin wiederholen, nehmen Sie Bordeu, mein Freund, nehmen Sie Bordeu.“ „Sire, was auch die für meinen Tod bezeichnete Stunde ſein mag, und Gott allein kennt die Todes⸗ ſtunde jedes Menſchen, ich habe dem König verſprochen, zu ſeinen Füßen zu ſterben.“ „Pfui doch, Chauvelin! es gibt Verſprechen, die man macht, die man aber nicht hält; fragen Sie nur dieſe Damen; doch wenn Sie ſo traurig ſind, mein lieber Freund, ſo werden wir vor Kummer ſterben, vloß wenn wir Sie anſchauen. Wie iſt es, Chauvelin, werden wir heute Abend ſpielen?“ „Wie Eure Majeſtät will.“ —* 1 in te 8 en n, er d, te n, die ie ein en, in, 109 „Wollen Sie mir eine Partie Hombre abgewinnen?“ „Ich bin zu den Befehlen des Königs.“ Man ſetzte ſich an die Tiſche. Herr von Chauvelin und der König ſetzten ſich einander gegenüber an einen beſondern Tiſch. „Ah! Chauvelin, merken Sie wohl auf,“ ſagte der König,„ſeien Sie auf den Gegenſchlag gefaßt, wenn Sie krank ſind, ich habe mich nie ſo wohl befun⸗ den. Ich will von einer tollen Heiterkeit ſein... Halten Sie beſonders Ihr Geld feſt; ich habe Rotiers einen Spiegel und Böhmer einen Haarſchmuck von Diamanten zu bezahlen.“ Die Marquiſe biß ſich auf die Lippen. Der Marquis aber erhob ſich, ſtatt zu antworten, mühſam auf ſeinem Stuhle. „Sire, es iſt ſehr heiß!“ murmelte er. „Das iſt wahr,“ erwiederte der König, der, ſtatt wie es Ludwig KIV. gethan hätte, ſich über dieſe Ver⸗ letzung der Geſetze der Etiquette zu ärgern, der Be⸗ ſchwerde eine egviſtiſche Wendung gabz„ja, Chauvelin, es iſt ſehr warm, Gott ſei Dank, denn im Monat April ſind die Abende kühl.“ Der Marquis verſuchte ein Lächeln, das wie eine Grimaſſe ausſah, und hob mit einer gewiſſen Anſtren⸗ gung die Karten auf. Der König fuhr fort: „Sie ſind der Hombre, Chauvelin.“ „Ja, Sire,“ ſtammelte der Marquis. Und er ließ den Kopf ſinken. „Haben Sie ein ſchönes Spiel? Ah! Ventre⸗ſaint⸗ gris! wie mein Ahnherr Heinrich IV. ſagte, wie ver⸗ drießlich ſind Sie heute Abend!“ Dann, als er in ſeine Karten geſchaut, fügte er ei: „Ah! ich glaube, diesmal ſind Sie verloren, mein lieber Freund.“ Der Marquis ſtrengte alle ſeine Kräfte an, um zu 110 ſprechen, und wurde ſo roth, daß der König ganz er⸗ ſchrocken inne hielt. „Aber was haben Sie denn, Chauvelin?“ fragte Ludwig XV.„Antworten Sie doch.“ Herr von Chauvelin ſtreckte die Arme aus, ließ ſeine Karten entſchlüpfen, gab einen Seufzer von ſich und fiel mit dem Geſicht auf den Teppich. „Mein Gott!“ rief der König. „Ein Schlag!“ murmelten einige geſchäftige Höf⸗ linge. Man hob den Marquis auf, aber er rührte ſich nicht mehr. „Nehmen Sie das weg,“ ſagte der König voll Schrecken,„nehmen Sie es weg.“ Und er verließ den Tiſch mit einem Nervenzittern und hing ſich an den Arm der Gräfin du Barry, die ihn in ihre Wohnung fortzog, ohne daß er ein einziges Mal den Kopf nach dieſem Freunde umwandte, deſſen er am Tage vorher nicht entbehren konnte. Als der König weggegangen war, dachte Niemand mehr an den des Gefühls beraubten Marquis. Sein Körper blieb eine Zeit lang in dem Lehnſtuhl, denn man hatte ihn aufgehoben, um zu ſehen, ob er todt ſei, und dann rückwärts fallen laſſen. Allein an dieſer verödeten Stelle geblieben, machte der Leichnam eine ſeltſame Wirkung mitten unter den Kronleuchtern, welche von Feuern ſtrahlten, und unter den Blumen, die ihre Wohlgerüche verbreiteten. Nach einem Augenblick erſchien ein Mann auf der Schwelle des verlaſſenen Salon, ſchaute im Gemache umher, ſah den Marquis in ſeinem Lehnſtuhl zurückge⸗ worfen, näherte ſich ihm, legte ſeine Hand auf ſein Herz und ſprach mit trockenem Tone in der Secunde, wo es ſieben auf der großen Uhr ſchlug: „Er iſt hinüber. Ein ſchöner Tod, bei Gott! ein ſchöner Tod!“ Dieſer Mann war der Doctor Lamartinisre. „ e— e„ — n ie es en l, er te er d er he e. in e, 11¹ Die piſion. Am Morgen deſſelben Tages war der Pater Delar frühzeitig in Grosbois eingetroffen, um die Meſſe zu leſen und die guten Abſichten, welche der Marquis am Tage vorher gezeigt, nicht erkalten zu laſſen. Aber Frau von Chauvelin erzählte ihm mit Thränen in den Augen alle ihre Befürchtungen für das ſchon ſo ſehr gefährdete Heil des Neophyten, der ihnen beim erſten freundlichen Wort, das ihm der König zugeſandt, entwiſcht war. Sie behielt ihren Beichtiger beim Mittagsmahle, um länger mit ihm ſprechen zu können und in ſeinen weiſen Rathſchlägen den Muth zu finden, deſſen ſie bei dieſer neuen Täuſchung ſo ſehr bedurfte. Frau von Chauvelin und der Pater Delar gingen bis zu einer ziemlich vorgerückten Stunde im Parke ſpazieren, nachdem ſie vom Tiſche aufgeſtanden waren, und ließen ſich Stühle an den Rand eines ſchönen Teiches bringen, um hier die erſten Lüfte des Frühlings nach einem ziemlich heißen Tage einzuathmen. „Mein ehrwürdiger Vater,“ ſprach die Gräfin, „trotz Alles deſſen, was Ihr Wort Beruhigendes für mich hat, beunruhigt mich doch dieſe Abreiſe von Herrn von Chauvelin ungemein. Ich weiß, wie er an dem Hofleben hängt; ich weiß, daß der König allmächtig nicht nur ſeinen Geiſt, ſondern auch ſein Herz beherrſcht, und das Leben Seiner Majeſtät iſt ſo weit von der Regelmäßigkeit entfernt. Ich denke, es iſt keine Sünde, ſo zu ſprechen, mein Vater. Ach! das Aergerniß iſt nur zu öffentlich!“ „Ich verſichere Sie, Frau Marquiſe, der Herr Marquis hat einen heilſamen Eindruck empfangen; das iſt ein erſter Angriff; die Zeit und die Vorſehung wer⸗ 112 den das Uebrige thun. Ich ſprach dieſen Morgen hie⸗ von mit unſerem ehrwürdigen Prior; er hat Gebete im Kloſter angeordnet; beten Sie auch, meine Tochter, Sie, die Sie am meiſten bei dieſem großen Werke in⸗ tereſſirt ſind; auch Ihre Kinder ſollen beten; beten wir Alle. Ich habe zu dieſem Behufe in der Kapelle des Schloſſes das heilige Meßopfer dargebracht, und werde dies alle Tage thun.“ „Seit den zwanzig Jahren, die ich mit Herrn von Chauvelin verbunden bin, habe ich keine Stunde vor⸗ übergehen laſſen, ohne Gott zu bitten, er möge ſein Herz rühren. Bis jetzt hat mich der Herr nicht erhört. Ich habe allein gelebt, meiſtens im Schmerz und in den Thränen, wie Sie wiſſen, mein Vater. Ich habe in der Einſamkeit über die Irrthümer geſeufzt, die ich nicht bekämpfen konnte. Gott hielt michghie es ſcheint, nicht für rein genug, um mich ſiegteich zu machen⸗ Ich mußte noch mehr dulden, um dieſe Gnade zu er⸗ kaufen. Ich werde dulden. Der Wille des Allmächti⸗ gen geſchehe!“ Hinter der Marquiſe und dem Pater Delar, beglei⸗ tete während dieſer Zeit der Hofmeiſter die Kinder, und beinahe ſo jung als ſie, denn der Abbé zählte kaum achtzehn Jahre, theilte er ihre Beluſtigungen. „Mein Bruder,“ ſagte welches Spiel gegenwärtig bei Hof in der Mode iſt?“ „Ja, allerdings, mein Vater hat es mir geſtern beim Abendbrod geſagt, das Hombre.“ „Nun, ſo ſpielen wir Hombre.“ „Unmöglich; einmal braucht man hiezu Karten, und dann wiſſen wir nicht, wie man es ſpielt.“ „Einer iſt der Hombre.“ „Und der Andere?“ „Der Andere hat, denke ich, Furcht, und dann verliert er.“ „Mein Bruder,“ ſagte der Aeltere,„ſprechen wir 1 der Aeltere,„weißt Du, an wir 113 nicht von den Karten; Du weißt, unſere Mutter liebt das nicht und behauptet, die Karten bringen Unglück.“ In demſelben Augenblick ſtand Frau von Chauve⸗ lin auf. „Meine Mutter geht in den Parf,“ erwiederte der Jüngere, der ihr mit den Augen folgte,„und folglich wird ſie uns nicht ſehen. Ueberdies würde uns der Herr Abbé, der bei uns iſt, darauf aufmerkſam machen, wenn das ſchlimm wäre.“ „Es iſt immer ſchlimm, ſeiner Mutter wehe zu thun,“ bemerkte der Hofmeiſter. „Oh! mein Vater ſpielt bei Hofe,“ entgegnete das Kind mit jener logiſchen Zähigkeit, die ſich, wie alle Schwächen, an jeden ein wenig ſichernden Stützvunkt anklammert.„Wir können alſo ſpielen, da mein Vater ſpielt.“ Der Abbé fand nichts zu erwiedern, und das Kind fuhr fort: „Ah! dort nimmt meine Mutter vom Pater Delar Abſchied; ſie führt ihn zum Gitter zurück er iſt im Begriff, zu gehen. Warten wir: ſobald der Pater Delar weggegangen iſt, wird Mama in ihr Betzimmer zurückkehren; wir gehen hinter ihr ins Schloß, verlan⸗ gen Karten und ſpielen.“ Die Kinder folgten mit den Augen ihrer Mutter im zunehmenden Schatten, in dem ſie allmälig ver⸗ ſchwand.— Es war dies an einem der reizenden Abende, welche der Hitze des Mai vorangehen; noch ohne Blätter, lie⸗ ßen die Bäume aus ihren dicken, wollichten Knoſpen das baldige Hervortreten des Blätterwerks ahnen. Ei⸗ nige, welche frühzeitiger als die anderen, wie die Ka⸗ ſtanienbäume und die Linden, fingen an ihre Hüllen aufſpringen zu laſſen und den Frühlingsſchatz, den ſie enthielten, dem Lichte zu erſchließen. Die Luft war ruhig und begann ſich mit jenen Tanſend und ein Geſpenſt.. 8 114 Ephemeren zu bevölkern, die mit dem Frühjahr ent⸗ ſtehen und mit dem Herbſt verſchwinden. Man ſah ſie zu Tauſenden in den letzten Strahlen der unter⸗ gehenden Sonne ſpielen, welche aus dem Fluſſe ein breites Band von Gold und Purpur machte, während im Oſten, das heißt in dem Theil des Parks, in welchem ſich Frau von Chauvelin vertieft hatte, alle Gegenſtände ſich in der ſchönen bläulichen Tinte vermengten, die nur gewiſſen bevorzugten Epochen des Jahres angehört. Es war eine ungeheure Ruhe vermiſcht mit einem unermeßlichen Glanz in der ganzen Natur. Nitten in dieſer Ruhe ſchlug es ſieben Uhr im Schloß, und lange vibrirten die Schläge in der Abendluft. Plötzlich ſtieß die Marquiſe, welche vom Camal⸗ dulenſer Abſchied nahm, einen heftigen Schrei aus. „Was gibt es,“ fragte der ehrwürdige Pater um⸗ kehrend,„was haben Sie, Frau Marquiſe?“ „Ich, nichts! nichts! Ohl mein Gott 1“ erwiederte die Marquiſe. Und ſie erbleichte. „Aber Sie haben geſchrieen! Sie ſind von irgend einem Schmerz ergriffen worden!.. Sie er⸗ bleichen in dieſem Augenblick. Was haben Sie? in des Himmels Namen, was haben Sie?“ „Unmöglich. Meine Augen täuſchen mich.“ „Was ſehen Sie? Sprechen Sie, ſprechen Sie, Frau Marquiſe.“ „Nichts, nichts.“ Der Camaldulenſer drang in ſie. „Nichts, nichts, ſage ich Ihnen,“ wiederholte Frau von Chauvelin.„Nichts.“ Und ihre Stimme verſchied auf ihren Lippen, ihr Blick blieb ſtarr, während ihre Hand, weiß wie eine Hand von Elfenbein, ſich langſam erhob, um einen Gegenſtand zu bezeichnen, den der Monch nicht ſah. „Ich hitte Sie inſtändig,“ ſprach der Pater Delar, „ſagen Sie, was Sie ſehen.“ „Ohl ich ſehe nichts, nein, nein, das iſt Wahn⸗ „ t⸗ ah r⸗ in nd em de ie rt. em oß, m⸗ rte von er⸗ in Sie, rau ihr eine inen lar, hn⸗ 115 ſinn,“ rief Frau von Chauvelin,„und dennoch.. oh! ſchauen Sie, ſchauen Sie doch!“ „Wo denn?“ „Dort, dort, ſehen Sie?“ „Ich ſehe nichts.“ „Sie ſehen nichts, dort, dort?“ „Durchaus nichts; doch Sie, Frau Marquiſe, was ſehen Sie?“ „Oh! ich ſehe, ich ſehe.. nein, es iſt unmög⸗ lich.“ „Sprechen Sie.“ „Ich ſehe Herrn von Chauvelin im Hofkleide, aber bleich und mit langſamen Schritten gehend. Er iſt dort vorüber... „Mein Gott!“ „Ohne mich zu ſehen! verſtehen Sie? und wenn er mich geſehen hat, ohne mit mir zu ſprechen, was noch ſeltſamer iſt!“ „Und in dieſem Augenblick ſehen Sie ihn immer noch?“ „Immer noch.“ Und der Finger und die Augen der Marquiſe bezeichneten die Richtung, welcher der für die Blicke des Pater Delar unſichtbar gebliebene Marquis folgte. „Wohin geht er, Frau Marquiſe?“ „Nach dem Schloß; er geht dorthin, bei der großen Eiche vorüber. er ſtreift die Bank. Nun nähert er ſich den Kindern; er dreht ſich um die Baumgruppe. Er verſchwindet. Ohl wenn die Kinder noch ſind, wo ſie waren, ſo müſſen ſie ihn nothwendig ſehen.“ In demſelben Momente ertönte ein Schrei, der Frau von Chauvelin beben machte. Die zwei Kinder hatten dieſen Schrei ausgeſloßen. Er erſcholl ſo traurig, ſo unheimlich im Raume und in der Finſterniß, daß Frau von Chauvelin beinahe rückwärts gefalleu wäre. Der Pater hielt ſie in ſeinen Armen auf. 116 „Hören Sie?“ murmelte die Marquiſe,„hören Sie?“ „Ja,“ erwiederte der Pater Delar,„es iſt ein Schrei ausgeſtoßen worden.“ Beinahe in derſelben Sekunde ſah oder fühlte vielmehr die Marquiſe ihre Kinder herbeilaufen. Ihre haſtigen Schritte krachten auf dem Sande der Allee. „Meine Mutter! meine Mutter! haben Sie ge⸗ ſehen?“ rief keuchend der Aeltere. „Meine Mutter! meine Mutter! haben Sie ge⸗ ſehen?“ rief ebenfalls keuchend der Jüngere. „Oh! Frau Marquiſe, hören Sie nicht auf dieſe Kinder,“ ſagte der Abbé, der hinter ihnen athemlos gelaufen kam, um ſie einzuholen, mit ſolcher Haſt ſtürzten ſie herbei. „Nun! meine Kinder, was gibt es?“ fragte Frau von Chauvelin. Doch die zwei Kinder antworteten nicht und dräng⸗ ten ſich nur an ſie an. „Sprecht, was iſt geſchehen?“ ſagte ſie die Knaben ſtreichelnd. Die Kinder ſchauten einander an. „Sprich Du,“ ſagte der Aeltere zum Jüngern. „Nein, ſprich Du.“ „Nuni Mama,“ ſagte der Aeltere,„haben Sie ihn nicht geſehen wie wir?“ „Hören Sie?“ rief die Marquiſe, indem Sie ihre Augen zum Himmel erhob;„hören Sie, mein Vater?“ Und ſie drückte mit ihren eiskalten Händen die bebende Hand des Camaldulenſers. „Geſehen? wen geſehen?“ fragte dieſer ſchauernd. „Meinen Vater,“ ſprach das jüngere von den zwei Kindern;„haben Sie ihn nicht geſehen, meine Mutter? er kam doch von Ihrer Seite und mußte ganz nahe an Ihnen vorübergehen.“ „Oh! welch ein Glück,“ rief der ältere Knabe ſeine Hände an einander ſchlagend,„Papa kommt zurück.“ — Sie re 2 die d. en ine ßte abe k.“ 117 Frau von Chauvelin wandte ſich gegen den Abbé um. „Frau Marquiſe,“ ſprach dieſer, der ihren fragen⸗ den Blick verſtand,„ich kann Sie verſichern, daß dieſe Herren ſich täuſchen, wenn ſie den Herrn Marquis geſehen zu haben behaupten. Ich war bei ihnen, und ich verſichere, daß Niemand.4 „Und ich, mein Herr,“ ſagte der Aeltere,„ich be⸗ haupte, daß ich Papa geſehen habe, wie ich Sie ſehe.“ „Pfui! Herr Abbé, pfui! wie häßlich iſt es, zu lügen!“ rirf der jüngere Knabe. „Das iſt ſeltſam,“ ſprach der Pater Delar. Die Marquiſe ſchüttelte den Kopf. „Sie haben nichts geſehen, gnädige Frau,“ wieder⸗ holte der Hofmeiſter,„durchaus nichts.“ „Warten Sie,“ erwiederte die Marquiſe. Dann wandte ſie ſich an ihre Kinder mit jenem ſanften, mütterlichen Ausdruck, der Gott lächeln macht, und fragte: „Meine Kinder, Ihr ſagt, Ihr habet den Vater geſehen?“ „Ja, Mama,“ antworteten gleichzeitig die beiden Kinder. „Wie war er gekleidet?“ Er hatte ſeinen rothen Hoffrack, ſein blaues Ordens⸗ band, eine weiße, mit Gold geſtickte Weſte, eine Hoſe von Sammet wie der Frack, ſeidene Strümpfe, Schnal⸗ lenſchuhe und ſeinen Degen an der Seite.“ Während der Aeltere die Kleidung ſeines Vaters ſchilderte, machte der Jüngere mit dem Kopf Zeichen der Beiſtimmung. Und während der Jüngere Zeichen der Beiſtimmung mit dem Kopfe machte, drückte Frau von Chauvelin mit einer immer mehr erkaltenden Hand die Hand des Camaldulenſers. So hatte ſie auch den Marquis vorübergehen ſehen. „Und hatte er nichts Beſonderes, Euer Vater?“ „Er war ſehr bleich,“ ſagte der Aeltere. 118 „Oh!l ja, ſehr bleich,“ fügte der Jüngere bei;„es war, als ſähe man einen Todten.“ Alles ſchauerte, die Mutter, der Abbé, der Beich⸗ tiger, ſo groß war der Ausdruck des Schreckens, den man in den Worten des Kindes zu erkennen vermochte. Wohin ging er?“ fragte die Mutter mit einer Stimme, der ſie vergebens Feſtigkeit zu geben bemüht war. „Gegen das Schloß zu,“ antwortete der Aeltere. „Ich,“ ſagte der Jüngere,„ich habe mich im Laufen umgedreht und ihn die Freitreppe hinaufſteigen ſehen.“ „Hören Sie? hören Sie?“ flüſterte die Mutter dem Mönch in's Ohr. „Ja, Madame, ich höre, doch ich geſtehe, daß ich nicht begreife. Wie ſollte Herr von Chauvelin durch das Gitter gegangen ſein, ohne vor Ihnen angehalten zu haben? Wie ſollte er an ſeinen Kindern vorüber⸗ gegangen ſein, ohne abermals anzuhalten? Wie ſollte er endlich ins Schloß eingetreten ſein, ohne daß ihn Jemand von der Dienerſchaft erblickt, ohne daß ihn Jemand gefragt hätte.“ „Sie haben Recht,“ ſagte der Abbé,„dies Alles iſt von einer ſchlagenden Wahrheit.“ „Uebrigens läßt ſich die Probe leicht machen,“ fuhr der Pater Delar fort. „Wir ſehen dort nach,“ riefen die Kinder, die ſich nach dem Schloſſe zu laufen anſchickten. „Und ich auch,“ ſagte der Abbé. „Und ich auch,“ murmelte die Margquiſe. „Frau Marquiſe,“ ſprach der Camaldulenſer,„Sie find ganz erſchüttert, ganz weiß vor Schrecken.und wenn es Herr von Chauvelin wäre, ich nehme an, er ſei es, was hätte man hierüber zu erſchrecken?“ „Mein Vater,“ erwiederte die Marquiſe, den Mönch anſchauend,„iſt er ſo gekommen, geheimnißvoll und allein, finden Sie nicht, daß das Ereigniß ein ſehr ſeltſames wäre?“ ⸗ e. 32 ht U er n ie d er d hr 1¹9 „Darum haben wir uns getäuſcht, gnädige Frau. Darum müſſen wir glauben, daß ſich ein Fremder, ein Böſewicht vielleicht, eingeſchlichen hat.“ „Aber ein Böſewicht,“ entgegnete der Abbé,„ſo böſe er auch ſein mag, hat einen Körper, und dieſen Körper hätten Sie geſehen, und ich auch, mein Vater, während das Seltſame hieran gerade das iſt, daß die Frau Marquiſe und dieſe Herren geſehen haben, und daß nur wir nichts geſehen.“ „Gleichviel,“ ſprach der Mönch,„in dem einen und dem andern Fall wäre es vielleicht beſſer, wenn die Frau Marquiſe und ihre Kinder ſich in die Orangerie begeben würden, während wir in's Schloß gingen; wir werden die Leute rufen und uns deſſen, was geſchehen iſt, verſichern. Gehen Sie, Madame, gehen Sie.“ Die Marquiſe war ohne Kraft; ſie gehorchte ma⸗ ſchinenmäßig und zog ſich in die Orangerie zurück, ohne einen Moment die Fenſter des Schloſſes aus dem Blicke verloren zu haben. Dann kniete ſie nieder und ſprach: „Beten wir meine Kinder, denn es gibt eine Seele, die mich auffordert, in dieſem Augenblick zu beten. Das ſchwarze Siegel. Der Mönch und der Abbé gingen indeſſen weiter nach dem Schloß; als ſie aber vor die große Thüre kamen, blieben ſie ſtehen und beriethen ſich, ob ſie ſich nicht zuerſt nach der Geſindewohnung begeben und dort, um eine Durchſuchung in den Gebäuden anzuſtellen, die 120 Leute mitnehmen ſollten, die zu dieſer Stunde beim Abendbrod verſammelt waren. Dieſer Vorſchlag wurde von dem klugen Camal⸗ dulenſer gemacht, und der Abbé wollte ſich eben darein ergeben, als ſie eine kleine Thüre ſich öffnen, Bonbonne erſcheinen und den Intendanten ſo raſch, als es ſein hohes Alter erlaubte, auf ſie zulaufen ſahen. Er war bleich, zitternd, machte gewaltige Geberden und ſprach ganz allein. „Was gibt es?“ fragte der Abbé, der ihm ein paar Schritte entgegen ging. „Oh! mein Gott! mein Gott!“ rief Bonbonne. „Was iſt Ihnen denn begegnet?“ fragte der Ca⸗ maldulenſer. „Ich habe eine furchtbare Viſion gehabt.“ Der Mönch und der Abbeé ſchauten ſich an⸗ „Eine Viſion!“ wiederholte der Mönch. „Oh! das iſt unmöglich,“ rief der Abbé. „Es iſt ſo, ſage ich Ihnen,“ ſprach Bonbonne. „Was für eine Viſion war es?“ „Ja, was haben Sie geſehen?“ „Ich habe geſehen, ich weiß noch nicht genau was; doch ich habe geſehen!“ K. „Erklären Sie ſich doch.“ „Nun denn! ich war in meinem gewöhnlichen Arbeits⸗ zimmer, das unter dem großen Cabinet des Herrn Marquis liegt und, wie Sie wiſſen, mit dieſem durch eine Geheimtreppe in Verbindung ſteht. Ich durchblätterte noch einmal die Titel, um mich zu verſichern, daß wir nichts in der Abfaſſung des für die Zukunft der ganzen Familie ſo nothwendigen Teſtaments vergeſſen. Es hatte ſieben Uhr geſchlagen; plötzlich höre ich gehen in dieſem Zimmer, das ich geſtern hinter dem Herrn Marquis ge⸗ ſchloſſen hatte, und deſſen Schlüſſel ich in meiner Taſche bei mir trug. Ich horche. Es waren Tritte. Ich horche noch einmal, dieſe Tritte ertönten über meinem Kopf. Es war Jemand oben! Das iſt noch nicht Alles, N— N — S S 8 8 N N w —— 121 ich höre die Schubladen vom Schreibtiſch von Herrn von Chauvelin öffnen. Ich höre den vor dem Schreib⸗ tiſch ſtehenden Lehnſtuhl vorrücken, und zwar ohne alle Vorſicht, was mir immer außerordentlicher vorkommt. Mein erſter Gedanke iſt, es ſeien Diebe ins Schloß eingedrungen, aber dieſe Diebe ſeien ſehr unklug oder ihrer Sache ſehr ſicher. Was ſoll ich thun? Die Dienſtboten rufen? ſie ſind in der Geſindewohnung am andern Ende des Hauſes. Während ich ſie hole, werden die Diebe Zeit gehabt haben, zu entfliehen. Ich nehme meine Doppelflinte. Ich ſteige die kleine Treppe hinauf, welche von mir in das Cabinet des Herrn Marquis führt. Ich gehe auf den Fußſpitzen. Auf den letzten Stufen horche ich immer ſchärfer. Ich höre nicht nur fortwährend etwas ſich rühren, ſondern auch ſeufzen, ſtöhnen, röcheln und endlich unartikulirte Töne ausſtoßen, die mir bis in die Tiefe meiner Seele dringen; denn ich muß Ihnen geſtehen, je näher ich kam, deſto mehr glaubte ich die Stimme des Herrn Marquis zu erkennen.“ „Seltſam!“ rief der Abbé. „Ja, ja, ſeltſam,“ ſprach der Mönch.„Fahren Sie fort, Bonbonne, fahren Sie fort.“ „Endlich,“ fuhr der Intendant fort, indem er ſich den beiden Anderen näherte, als wollte er eine Zuflucht bei ihnen ſuchen,„endlich ſchaute ich durch das Schlüſſel⸗ loch und ſah einen ſtarken Schein im Zimmer, obgleich es finſtere Nacht und die Läden geſchloſſen, durch mich geſchloſſen waren.“ „Weiter?“ „Das Geräuſch währte fort. Es waren Klagen einem Röcheln des Todes ähnlich. Ich hatte keinen Tropfen Blut in den Adern. Doch ich wollte bis zum Ende ſehen. Ich raffte alle meine Kräfte zuſammen, hielt mein Auge wieder an das Schlüſſelloch und er⸗ kannte um einen Sarg angezündete Kerzen.“ „Oh! Sie ſind verrückt, mein lieber Herr Bonbonne,“ fprach der Mönch unwillkührlich ſchauernd. 122 „Ich habe geſehen, ich habe geſehen, mein Vater.“ „Aber Sie haben ſchlecht geſehen,“ entgegnete der 6. „Ich ſage Ihnen, Herr Abbé, daß ich die Sache geſehen habe, wie ich Sie ſehe; ich ſage Ihnen, daß ich weder meine Geiſtesgegenwart, noch meinen geſun⸗ den Verſtand verloren habe.“ „Und dennoch ſind Sie im Schrecken entflohen?“ „Keines Wegs; im Gegentheil, ich bin, zu Gott und meinem Patron flehend, ſie mögen mir Stärke geben, geblieben. Doch plötzlich machte ſich ein gewal⸗ tiger Lärmen hörbar, die Kerzen erloſchen, und Alles verſank wieder in Finſterniß. Dann erſt ging ich weg und erblickte Sie. Nun ſind wir beiſammen. Hier iſt der Schlüſſel vom Cabinet. Sie ſind Geiſtliche und folglich frei von abergläubiſchen Schrecken. Wollen Sie mit mir kommen, damit wir uns ſelbſt vom Zuſtand der Dinge überzeugen?“ „Vorwärts,“ ſagte der Camaldulenſer. „Vorwärts,“ wiederholte der Abbé. Und alle Drei traten ins Schloß ein, doch nicht durch die kleine Thüre, durch welche der Intendant herausgekommen, ſondern durch die große, wo der Mar⸗ quis hineingegangen war. Als ſie durch das Vorhaus ſchritten und an einer großen Familienuhr vorbeikamen, über der das Wap⸗ pen der Chauvelin angebracht war, hob der Intendant die Kerze in die Höhe, die er angezündet hatte. „Ah! das iſt ſeltſam,“ rief er,„man muß dieſe Uhr angerührt und verrückt haben.“ „Warum?“ „Weil ich ſie ſeit meiner Kindheit im Schloſſe ſehe und weil ſie ſeit meiner Kindheit unveränderlich iſt.“ „Nun!“ „Sie ſehen nicht, daß ſie ſtille ſteht?“ „Auf ſieben Uhr,“ ſagte der Mönch. „Auf ſieben Uhr,“ wiederholte der Abbé. — — ht nt r⸗ er p⸗ nt ſe he 4 123 Und Beide ſchauten ſich abermals an. „Nun?“ flüſterte der Abbé. Der Mönch ſprach ein paar Worte, die einem Ge⸗ bete glichen. Dann ſtiegen ſie die Treppe hinauf und durchſchrit⸗ ten die geſchloſſene und verödete Wohnung des Marquis. Dieſe ungeheuren, nur durch den zitternden Schein einer einzigen Kerze, welche der Intendant trug, erleuchteten Zimmer hatten etwas Feierliches, Grauen Erregendes. Als ſie an die Thüre des Cabinets kamen, klopf⸗ ten ihre Herzen heftig: ſie blieben ſtehen und horchten. „Hören Sie?“ fragte der Intendant. „Vollkommen,“ antwortete der Abbé. „Was?“ ſagte der Moͤnch. „Wie! Sie hoören nicht ein Röcheln, wie es eine Perſon im Todeskampfe von ſich geben würde?“ „Es iſt wahr,“ ſprachen gleichzeitig die zwei Ge⸗ fährten des Intendanten. „Ich täuſchte mich alſo nicht,“ ſagte dieſer. „Geben Sie mir den Schlüſſel,“ ſprach der Pater Delar, indem er das Zeichen des Kreuzes machte,„wir ſind Männer, ehrliche Leute, Chriſten; wir brauchen nichts zu fürchten, treten wir ein.“ Er öffnete, und, welches Vertrauen der Mann Got⸗ tes auch auf Gott hatte, ſeine Hand zitterte, während er den Schlüſſel in das Schloß ſteckte; als die Thüre geöffnet war, blieben alle Drei auf der Schwelle ſtehen. Das Zimmer war leer. Sie drangen langſamen Schrittes in das unge⸗ heure, mit Büchern und Gemälden umgebene Cabinet ein: jede Sache war an ihrem Platz, das Portrait des Marquis ausgenommen, das den Nagel, an welchem es hing, zerbrochen, ſich von der Wand losgemacht hatte und auf dem Boden lag; die Leinwand war an der Stelle des Kopfes zerſprungen. Der Abbé zeigte dem Intendanten das Portrait und athmete. 124 „Das iſt die Urſache Ihres Schreckens,“ ſagte er. „Ja, dies, was den Lärmen betrifft,“ entgegnete der Intendant,„doch die Klagen, die wir gehört, hat ſie etwa das Portrait ausgeſtoßen 2 „Wir haben allerdings ſtöhnen gehört,“ ſprach der Mönch. „Und auf dieſem Tiſch?“ rief plötzlich Bonbonne. „Was? was iſt auf dieſem Tiſch?“ fragte der Abbeé. „Dieſe kaum erloſchene Kerze„ erwiederte Bon⸗ bonne,„dieſe Kerze, welche noch raucht; und befühlen Sie dieſe Stange Siegellack, die noch nicht einmal er⸗ kaltet iſt.“ „Es iſt wahr,“ ſprachen die zwei Zeugen des beinahe wunderbaren Vorfalls. „Und,“ fuhr der Intendant fort,„ieſes Petſchaft, welches der Herr Marquis an ſeiner Uhr trug, und womit unter fliegendem Siegel der an ſeinen Notar adreſſirte Umſchlag geſiegelt iſt.“ Der Abbé ſank mehr todt als lebend auf ſeinen Stuhlz er hatte nicht die Kraft, zu entfliehen. Der Mönch blieb aufrecht und ſuchte, ohne einen ſichtbaren Schrecken, wie ein von den Dingen dieſer Welt losgebundener Menſch, dieſes Geheimniß zu durch⸗ dringen, deſſen Urſache er nicht kannte, deſſen Wirkung er ſah, deſſen Zweck er aber nicht begriff. Rittlerweile drehte der Iniendant, dem ſeine Er⸗ gebenheit Muth verlieh, eines nach dem andern die Blätter des Teſtaments um, das er am Tage vorher mit ſeinem Herrn durchgangen hatte. Als er zum letzten kam, überſtrömte ein kalter Schweiß ſeine Stirne. „Das Teſtament iſt unterzeichnet,“ murmelte er. Der Abbé ſprang von ſeinem Stuhle auf, der Mönch neigte ſich über den Tiſch, der Intendant ſchaute ſie abwechſelnd an. Es herrſchte einen Augenblick unter dieſen Män⸗ 125 nern ein ſchauerliches Stillſchweigen, und der Muthigſte von ihnen fühlte ſeine Haare ſich auf ſeinem Haupte ſträuben. Endlich richteten alle Drei ihre Augen wieder auf das Teſtament. Man hatte ein Codicill beigefügt, deſſen Tinte noch friſch war. Es war in folgenden Worten abgefaßt: „Es iſt mein Wille, daß mein Leib bei den Car⸗ melitern des Platzes Maubert bei meinen Ahnen zur Erde beſtattet werden ſoll. „Geſchehen im Schloſſe Grosbvis, am 7. April 1774, um ſieben Uhr Abends. „Unterz.: Chauvelin.“ Die zwei Unterzeichnungen und das Codicill waren mit einer minder feſten Hand geſchrieben, als der Kör⸗ per des Teſtaments, aber dennoch völlig leſerlich. „Ein De profundis, meine Herren,“ ſprach der Intendant,„denn der Herr Marquis iſt offenbar todt.“ Die drei Männer knieten frommer Weiſe nieder und ſprachen mit einander das Leichengebet; dann, nach einigen Minuten einer feierlichen Sammlung, er⸗ hoben ſie ſich wieder. „Mein armer Herr,“ fagte Bonbonne;„er haite mir ſein Wort gegeben, hierher zurückzukommen, um dieſes Teſtament zu unterzeichnen, und er hat es ge⸗ halten. Gott erbarme ſich ſeiner Seele!“ Der Intendant verſchloß das Teſtament im Um⸗ ſchlag, nahm den Leuchter, forderte ſeine Gefährten durch ein Zeichen auf, wegzugehen, und ſprach: „Wir haben nichts mehr hier zu thun; begeben wir uns zur Witwe und zu den Waiſen.“ „Sie werden dieſes Paquet nicht der Marquiſe ge⸗ ben,“ ſagte der Abbé.„Oh! mein Gott! thun Sie das in des Himmels Namen nicht!“ 126 „Seien Sie unbeſorgt,“ erwiederte der Intendant, „dieſes Paquet wird nur aus meinen Händen kommen, um in die des Notars überzugehen; mein Herr hat mich zum Teſtamentsvollſtrecker gewählt, da er erlaubt, daß ich geſehen, was ich geſehen, und daß ich gehört, was ich gehört. Ich werde nicht eher ruhen, als bis ſein letzter Wille vollzogen iſt; dann werde ich ihm nach⸗ folgen. Augen, welche Zeugen von ſolchen Dingen ge⸗ weſen ſind, müßten ſich raſch ſchließen.“ So ſprechend ſchloß Bonbonne, der zuletzt aus dem Cabinet getreten war, die Thüre; alle Drei gingen ſodann die Treppe hinab, warfen noch einen letzten ſchüchternen Blick auf die Uhr, welche bei der ſiebenten Stunde ſtehen geblieben war, ſchritten über die Frei⸗ treppe und wanderten nach der Orangerie, wo die Marquiſe und ihre zwei Kinder warteten. „Nunl“ rief ſie, haſtig ſich erhebend, als ſie die drei Männer erblickte,„nun?“ „Was war dort?“ fragten die Kinder. „Setzen Sie Ihr Gebet fort, Frau Marquiſe,“ ſprach der Pater Delar,„Sie täuſchten ſich nicht; durch eine beſondere, ohne Zweifel Ihrer Frömmigkeit bewil⸗ ligte, Gunſt hat Gott geſtattet, daß Ihnen die Seele von Herrn von Chauvelin Lebewohl ſagen durfte.“ „Oh! mein Vater!“ rief die Marquiſe, die Hände zum Himmel emporhebend,„Sie ſehen wohl, daß ich mich nicht täuſchte.“ Und ſie ſank auf ihre Kniee, nahm ihr unterbro⸗ chenes Gebet wieder auf und hieß die Kinder durch ein Zeichen ihr Beiſpiel nachahmen. Zwei Stunden nachher ertönte ein Geräuſch von Schellen im Hofe und machte die Margquiſe, welche zwi⸗ ſchen den zwei Betten ihrer beiden entſchlummerten Kin⸗ der ſaß, den Kopf erheben. Eine Stimme rief auf der Treppe: „Cvurrier des Königs!“ In demſelben Augenblick trat ein Bedienter ein 127 und übergab der Marquiſe einen langen, ſchwarz gefie⸗ gelten Brief. Es war die officielle Nachricht, daß der Marquis um ſieben Uhr Abends an einem Schlaganfall beim Spiel des Königs geſtorben ſei. Der Tod des Rönigs. Seit dem Tode von Herrn von Chauvelin ſah man den König ſelten lächeln. Bei allen Schritten, die er machte, hätte man gkauben ſollen, der Marquis gehe an ſeiner Seite. Der Wagen allein zerſtreute ihn ein we⸗ nig. Man vervielfältigte die Fahrten. Der König ging von Rambouillet nach Compiogne, von Compiogne nach Fontainebleau, von Fontainebleau nach Verfailles, nach Paris nie. Paris war ein Gräuel für den König, ſeit ſeiner Empörung wegen der Blutbäder. Doch ſtatt ihn zu zerſtreuen, führten ihn alle dieſe ſchönen Reſidenzen zur Vergangenheit zurück, die Ver⸗ gangenheit zu den Erinnerungen, die Erinnerungen zu den Reflerionen. Dieſen traurigen, tiefen, bitteren Re⸗ flerionen vermochte ihn Madame du Barry allein zu entziehen, und es mußte wahrhaft Mitleid erregen, wenn man ſah, welche Mühe dieſes junge und ſchöne Ge⸗ ſchöpf ſich gab, nicht den Leib, ſondern das Herz dieſes Greiſes wiederzuerwärmen. Während dieſer Zeit zerſetzte ſich die Geſellſchaft, wie die Monarchie; auf die philoſophiſchen Infiltrirun⸗ gen von Voltaire, d'Alembert und Diderot folgten die ärgerlichen Gußregen von Beaumarchais. Beaumar⸗ chais veröffentlichte ſeine bekannte Denkſchrift gegen den 128 Rath Goezmann, und dieſer Beamte, ein Mitglied des Tribunals Meaupou, wagte es nicht mehr, auf ſeinem Sitze zu erſcheinen. Beaumarchais ließ ſeinen Barbier von Se⸗ villa, probiren und man ſprach ſchon von den Kühn⸗ heiten, die der Philoſoph Figaro auf der Scene zum Beſten geben ſollte. Ein Abenteuer von Herrn von Fronſac hatte Aer⸗ gerniß erregt. Zwei Abenteuer des Herrn Marquis von Sade hatten Abſcheu erregt. Nicht mehr dem Abgrunde, ſondern dem Cloak geht die Geſellſchaft zu. Alle dieſe Anekdoten ſind ſehr ſchmählich, ſehr un⸗ fläthig, aber ſie allein beluſtigen den König. Herr von Sardines macht ihm ein Journal daraus, das iſt aber⸗ mals ein Gedanke der geiſtreichen Madame du Barry, ein Journal, vas Seine Majeſtät am Morgen im Bett lieſt. Dieſes Journal wird in allen Freudenhäuſern von Paris redigirt, beſonders bei der berüchtigten Gourdan. Eines Tages erfährt der König durch dieſes Jour⸗ nal, Herr von Lorry, Biſchof von Tarbes, habe am Tage vorher die Unverſchämtheit gehabt, in ſeinem offe⸗ nen Wagen Madame Gourdan und zwei von ihren Koſt⸗ ſchülerinnen mit ſich führend, nach Paris zurückzukehren. Diesmal iſt es zu ſtark; der König läßt den Groß⸗ benachrichtigen, und dieſer ruft den Biſchof zu ſich. Zum Glück erklärt ſich zufällig Alles zum Ruhme der Schamhaftigkeit und Menſchenfreundlichkeit des Prä⸗ laten. Von Verſailles zurücktehrend, hat der Biſchof von Tarbes zu Fuße auf der Landſtraße drei Frauen bei einem zerbrochenen Wagen geſehen, und vom Mit⸗ leid für ihre Verlegenheit erfaßt, hat er ihnen einen Platz in ſeinem Wagen angeboten. Die Gourdan hat den Vorſchlag gefällig gefunden und angenommen Und Jedem, der dieſer Naivetät des Prälaten kei⸗ . t ⸗ n r⸗ tt n me of en it⸗ len hat ei⸗ 129 nen Glauben ſchenken wollte, Jedem ſtand es frei, zu ſagen:„Wie! Sie kennen die Gourdan nicht? das iſt in der That unglaublich!“ Mitten unter dem Allem eröffnete ſich der bekannte Krieg zwiſchen den Gluckiſten und den Picciniſten; der Hof theilte ſich in zwei Lager. Jung, voetiſch, muſikaliſch organiſirt, eine Schüle⸗ rin von Gluck, fand die Dauphine in den franzöſiſchen Opern nur eine Sammlung von mehr oder minder an⸗ muthigen Arietten. Als ſie Trauerſpiele von Racine darſtellen ſah, hatte ſie den Gedanken, Iphigenie in Aulis ihrem Meiſter zuzuſchicken und ihn aufzu⸗ fordern, die Wogen ſeiner Muſik auf die harmoniſchen Verſe von Racine zu ergießen. Nach ſechs Monaten war die Muſik gemacht, und Gluck brachte ſelbſt die Partitur nach Paris. Bald wurde Gluck der Liebling der Dauphine, und er hatte zu jeder Stunde Zutritt in den kleinen Ge⸗ mächern. Man muß ſich an Alles gewöhnen, beſonders an das Großartige. Die Muſik von Gluck brachte bei ihrem Erſcheinen nicht die Wirkung hervor, die ſie her⸗ vorbringen mußte. Leere Herzen, ermüdete Herzen brauchen nicht den Gedanken; der Lärmen genügt; der Gedanke iſt eine Anſtrengung, der Lärmen eine Zer⸗ ſtreuung. Aus Widerſpruchsgeiſt und weil die Dauphine der deutſchen Muſik den Vorzug gab, nahm Madame du Barry Partei für die italieniſche Muſik und ſchickte Libretti an Piceini; Piccini ſchickte dagegen Partituren, und die junge und die alte Geſellſchaft theilte ſich in zwei Lager. Ganz neue Ideen gingen zu Tage aus inmitten dieſer antiken franzöſiſchen Geſellſchaft, wie unbekannte Blumen, welche zwiſchen dem getrennten dunkelfarbigen flaſter, zwiſchen den geſpaltenen Steinen eines alten Schloſſes wachſen. Tauſend und ein Geſpenſt. M. 9 130 Dieſe Ideen waren engliſche Ideen; die Gärten mit tauſend Baumgängen, mit Gebüſchen, mit Wieſen, mit Blumengruppen, mit glatten Raſen; es waren die Cot⸗ tages, die Morgenausflüge ohne Puder und ohne Schminke, mit einem einfachen Strohhute mit breitem Rande, eine Kornblume oder eine Maßliebe darauf; es waren die Reiter, ein hitziges Pferd führend⸗ gefolgt von Jockeys mit ſchwarzen Kappen, runden Jacken und ledernen Hoſen; es waren vie vierräderigen Phaetons, welche Furore machten; Prinzeſſinnen gekleidet wie Schäferinnen, Schauſpielerinnen angethan wie Köni⸗ ginnen; es waren die Duthé, die Guimard, die Sophie Arnould, die Prairie, die Cléophile, die ſich mit Dia⸗ manten bedeckten, während die Dauphine, die Prinzeſſin von Lamballe, Frau von Polignac, von Langeae und d»Adhémar ſich nur mit Blumen bedecken wollten. Und beim Anblick dieſer ganzen dem Unbekannten zuwandernden Geſellſchaft neigte Ludwig KV. immer mehr das Haupt. Vergebens drehte ſich die tolle Gräfin um ihn, ſummend wie eine Biene, leicht wie ein Schmet⸗ terling, glänzend wie ein Colibri; kaum erhob der König von Zeit zu Zeit ſeine erſchwerte Stirne, von der man hätte glauben ſollen, es dehne ſich das Siegel des Todes jeden Augenblick ſichtbarer auf ihr aus⸗ So war es, weil die Zeit verging, weil man in den zweiten Monat ſeit dem Tode des Marquis von Chauvelin eingetreten, weil man den 5. Mai erreicht hatte, und es am 23. Mai gerade zwei Monate waren, ſeitdem der Marquis geſtorben. Sodann, als ob Alles conſpirirte, um ſich mit der unſeligen Weisſagung zu verbinden, hatte der Abbé von Beauvais bei Hofe gepredigt und in ſeiner Rede über die Nothwendigkeit, ſich auf den Tod vorzuberei⸗ ten, über die Gefahr der beharrlichen Unbußfertigkeit ausgerufen: „Noch vierzig Tage, Sire, und Ninive wird zer⸗ ſtört ſein!“ en ter et⸗ er on gel on cht en, der b ede ei⸗ feit er⸗ 131 So daß, wenn er an Herrn von Chauvelin ge⸗ dacht hatte, der König an den Abbé von Beauvais dachte; ſo daß, wenn er zum Herzog von Ayen geſagt hatte: „Am 23. Mai wird es zwei Monate ſein, daß Chauvelin geſtorben iſt;“ Er ſich gegen den Herzog von Richelieu umwandte und murmelte: „Vierzig Tage, nicht wahr, hat er geſagt, dieſer verteufelte Abbé von Beauvais?“ Und Ludwig XV. fügte bei: „Ich wollte, dieſe vierzig Tage wären vorüber.“ Das war nicht Alles: der Almanach von Lüttich ſagte in Beziehung auf den April: „Im Monat April wird eine Dame, welche in der höchſten Gunſt ſteht, ihre letzte Rolle ſpielen.“ Weshalb Madame du Barry Chorus zu den La⸗ mentationen des Königs machte und vom Monat April ſagte, was er von den vierzig Tagen, nämlich: „Ich wollte, dieſer verfluchte April wäre vorüber.“ In dieſem verfluchten Monat April, der Madame du Barry ſo ſehr ängſtigte, und während der vierzig Tage, die das Leiden des Königs waren, vervielfältig⸗ ten ſich die Vorzeichen. Der Geſandte von Genua, den der König oft ſah, wurde plötzlich vom Tod heimge⸗ ſucht. Der Abbé de laVille, der zu ſeinem Lever kam, um ihm für die Stelle des Directors der auswärtigen Angelegenheiten, die er ihm übertragen, zu danken, ſtürzte, vom Schlage getroffen, in ſeiner Gegenwart zu ſeinen Füßen nieder. Endlich, als der König auf der Jagd war, ſchlug der Blitz ganz in ſeiner Nähe ein. Alles dies machte ihn immer düſterer. Man hatte etwas von der Rückkehr des Frühlings gehofft; dieſe Natur, welche im Monat Mai ihr Todten⸗ tuch abſchüttelt, dieſe Erde, welche wieder grünt, dieſe Bäume, welche ihre Frühlingskleider anlegen, dieſe Luft, die ſich mit lebendigen Atomen bevölkert, dieſe Feuer⸗ 132 hauche, die mit den Zephiren gehen und Seelen, welche Körper ſuchen, zu ſein ſcheinen: dies Alles konnte eini⸗ ges Daſein der trägen Materie, einige Bewegung der abgenutzten Maſchine verleihen. Gegen die Mitte des April ſah Lebel bei ihrem Vater die Tochter eines Müllers, deren ſeltſame Schön⸗ heit ihm auffiel; er dachte, das ſei ein Leckerbiſſen, der den Appetit des Königs erwecken könnte, und ſprach mit dieſem von ihr mit der größten Begeiſterung. Der König gab gleichgültig ſeine Einwilligung zu dieſem neuen Verſuche einer Zerſtreuung. Che ſie zum König kamen, waren die jungen Mäd⸗ chen, welche Ludwig XV. mit ſeinem königlichen Wohl⸗ wollen beehren oder entehren ſollte, der Unterſuchung der Aerzte unterworfen, dann gingen ſie durch die Hände von Lebel, und endlich gelangten ſie zum König. Diesmal war das Mädchen ſo friſch und hübſch⸗ daß man alle Vorſichtsmaßregeln vernachläſſigte, und hätte man ſie auch genommen, es wäre ſicherlich ſchwie⸗ rig für den geſchickteſten Arzt geweſen, zu erkennen, daß es ſeit einigen Stunden die Pocken hatte. Der König hatte dieſe Krankheit ſchon in ſeiner Jugend gehabt, aber zwei Tage nach ſeinem Umgang mit dieſem Mädchen zeigte ſie ſich zum zweiten Mal. Ein bösartiges Fieber kam hinzu und verſchlim⸗ merte die Lage ungemein. Am 29. April offenbarte ſich der erſte Ausbruch, und der Erzbiſchof von Paris, Chriſtoph von Beaumont, eilte nach Verſailles. Diesmal war die Lage der Dinge eine ſeltſame. — Die Spendung der Sacramente konnte nur nach Aus⸗ treibung der Concubine ſtatthaben, und dieſe Coneubine, welche zur Jeſuitenpartei gehörte, deren Haupt Chriſtoph von Beaumont war, dieſe Coneubine hatte nach dem eigenen Zeugniß des Erzbiſchofs durch den Sturz des Miniſters Chviſeul und den Sturz des che ni⸗ er em n⸗ er nit ig en id⸗ hl⸗ ng de ch, nd ie⸗ ter ng m⸗ 133 Parlaments der Religion ſo große Dienſte geleiſtet, daß man ſie unmöglich canoniſch entehren konnte. Die Häupter dieſer Partei waren, mit Herrn von Beaumont und Madame du Barry, der Herzog von Aiguillon, der Herzog von Richelien, der Herzog von Fronſac, Maupeou und Terray. Alle waren mit demſelben Schlage geſtürzt, der Madame du Barry ſtürzte. Sie hatten alſo keinen Be⸗ weggrund, ſich gegen ſie zu erklären. Die Partei von Herrn von Choiſeul dagegen, welche überall war, bis im Bettgang des Königs, verlangte die Austreibung der Favoritin und eine raſche Beichte; und das war ſonderbar anzuſchauen, denn die Partei der Philoſophen, der Janſeniſten und der Atheiſten trieb den Konig zur Beichte an, während der Erzbiſchof von Pa⸗ ris und die Prieſter und die Gottesfürchtigen verlang⸗ ten, daß ſich der König weigere, zu beichten. Dies war die ſeltſame Lage der Geiſter, als ſich am 1. Mai, um halb zwölf Uhr Morgens, der Erzbi⸗ ſchof einfand, um den kranken König zu beſuchen. Sobald ſie erfuhr, der Erzbiſchof ſei angekommen, ſich die arme Madame du Barry aufs Gerathe⸗ wohl. Der Herzog von Richelieu kam dem Prälaten, beſ⸗ ſen Abſichten er noch nicht kannte, entgegen und ſagte: „Monſeigneur, ich bitte Sie, den König nicht durch den theologiſchen Vorſchlag zu erſchrecken, der ſo viele Kranke getödtet hat. Sind Sie aber begierig, hübſche, niedliche Sünden zu hören, ſo ſetzen Sie ſich hierhin, ich werde Ihnen ſtatt des Königs beichten und Ihnen Dinge erzählen, wie Sie keine ähnliche gehört haben, ſeitdem Sie Erzbiſchof von Paris ſind. Sagt Ihnen nun mein Vorſchlag nicht zu, wollen Sie durch⸗ aus den König Beichte hören und in Verſailles die Scenen des Herrn Biſchofs von Sviſſons in Metz er⸗ neuern, wollen Sie Madame du Barry auf eine Auf⸗ ſehen erregende Weiſe wegſchicken, ſo bedenken Sie die 134 Folgen und Ihre eigenen Intereſſen; Sie ſichern den Triumph des Herzogs von Choiſeul, Ihres grauſamſten Feindes, bei dem Madame du Barry ſo viel dazu bei⸗ getragen hat, daß Sie von ihm befreit worden ſind, und Sie verfolgen Ihre Freundin zu Gunſten Ihres Feindes; ja, Monſeigneur, Ihre Freundin, und zwar ſo ſehr Ihre Freundin, daß ſie noch geſtern zu mir ſagte: „„Der Herr Erzbiſchof laſſe uns in Ruhe, und er ſoll ſeinen Cardinalshut habenz ich übernehme das und ſtehe Ihnen dafür.“ Der Erzbiſchof von Paris hatte Herrn von Riche⸗ lieu ſprechen laſſen, denn, obgleich im Grunde derſelben Anficht wie er, mußte er doch die Miene annehmen, als würde er überredet. Zum Glück verband ſich der Herzog d'Aumont, Madame Adelaide und der Biſchof von Senlis mit dem Marſchall und lieferten dem Prälaten Waffen gegen ſich ſelbſt. Er gab ſich den Anſchein, als weiche er der Ueberredung, verſprach, nichts zu ſagen, und trat beim König ein, bei dem er kein Wort von der Beichte fallen ließ, was den erhabenen Kranken ſo ſehr befrie⸗ digte, daß er auf der Stelle Madame du Barrh zurück⸗ rufen ließ, der er weinend vor Freude die ſchönen Hände küßte. Am andern Tag, am 2. Mai, befand ſich der Kö⸗ nig ein wenig beſſer; ſtatt ſeines gewöhnlichen Arztes Lamartinisre hatte ihm Madame du Barry ihre beiden Aerzte Lorry und Borden gegeben. Dieſen zwei Aerzten war vor Allem empfohlen worden, dem König die Natur ſeiner Krankheit zu verbergen, ihm die Lage zu ver⸗ ſchweigen, in der er ſich befand, und beſonders von ihm den Gedanken zu entfernen, er ſei ſo krank, daß er ſeine Zuflucht zu den Prieſtern zu nehmen habe. Die Beſſerung in der Geſundheit des Königs er⸗ laubte der Gräfin, ihr freies Weſen, ihre gewöhnlichen Munterkeiten und Scherze wieder aufzunehmen. Doch in dem Augenblick, wo es ihr durch das Sprudeln ihres Geiſtes gelungen war, den Kranken lächeln zu machen, 135 erſchien Lamartinisre, dem man den Eintritt ohne Mel⸗ dung nicht entzogen hatte, auf der Thürſchwelle, ging, beleidigt durch den Vorzug, den man Lorry und Bor⸗ deu vor ihm gegeben, gerade auf den König zu, ergriff ſeinen Puls und ſchüttelte den Kopf. Der König hatte den Arzt, den er voll Angſt an⸗ ſchaute, gewähren laſſen. Dieſe Angſt vermehrte ſich noch, als er das entmuthigende Zeichen ſah, das Lamar⸗ tiniöre machte. „Nun! Lamartiniöre?“ fragte der König. „Sire, haben Ihnen meine Collegen nicht geſagt, der Fall ſei ernſt, ſo ſind es Eſel oder Lügner.“ „Was denkſt Du, daß ich habe?“ „Bei Gott! Sire, das iſt nicht ſchwer zu ſehen; Eure Majeſtät hat die Pocken.“ „Und Du ſagſt, Du habeſt keine Hoffnung, mein Freund?“ „Das ſage ich nicht, Sire; ein Arzt verzweifelt nie. Ich ſage nur, wenn Eure Majeſtät nicht der aller⸗ chriſtlichſte König nur dem Namen nach ſei, ſo müſſe ſie ihre Gedanken ſammeln!“ „Es iſt gut,“ ſprach der König. Dann rief er Madame du Barry und ſprach zu ihr: „Mein Herzchen, Sie hören, ich habe die Pocken, und mein Uebel iſt äußerſt gefährlich, einmal wegen meines Alters, und dann wegen meiner anderen Krankheiten. Lamartinidre hat mich daran erinnert, daß ich der aller⸗ hriſtlichſte König und der älteſte Sohn der Kirche bin. Wir werden uns vielleicht trennen müſſen. Ich will einer Scene, wie die in Metz, zuvorkommen. Benach⸗ richtigen Sie den Herzog von Riguillon von dem, was ich Ihnen ſage, damit er mit Ihnen Verabredung trifft, wenn meine Krankheit ſchlimmer wird, daß wir uns ohne Aufſehen trennen.“ In dem Augenblick, wo der König dies ſagte, fing die ganze Partei des Herzogs von Chviſeul an laut zu murren; ſie beſchuldigte den Erzbiſchof zu großer Ge⸗ 136 fälligkeit und ſagte, um Madame du Barry nicht zu keisen würde er den König ohne Sacramente ſterben aſſen. Dieſe Anſchuldigungen kamen Herrn von Beaumont zu Ohren; um ſie aufhören zu machen, faßte er den Entſchluß, ſich in Verſailles im Hauſe der Lazariſten einzuquartieren; er wollte durch ſeine Achtung gebie⸗ tende Anweſenheit das Publicum zum Schweigen brin⸗ gen, den günſtigen Augenblick zu Vollziehung ſeiner veligiöſen Ceremonien benützen und Madame du Barry erſt opfern, wenn der König ſich in einem ganz verzwei⸗ felten Zuſtande befände. Am 3. Mai kam der Erzbiſchof nach Verſailles zu⸗ rück; hier angelangt, wartete er. Mittlerweile ereig⸗ neten ſich ärgerliche Scenen um den König her. Der Cardinal de la Roche⸗ Aymon war der Anſicht des Erzbiſchofs von Paris und wünſchte, daß Alles ge⸗ räuſchlos vor ſich gingez aber nicht ſo war es beim Biſchof von Carcaſſonne, der, die Scenen von Metz er⸗ neuernd, den Eifrigen ſpielte und laut ſchrie:„Der König muß mit den Sacramenten verſehen, die Con⸗ eubine muß ausgetrieben werden, die Regeln der Kirche müſſen beobachtet werden; der König gebe ein Beiſpiel der Reue Europa und dem chriſtlichen Frankreich, denen er ein Aergerniß bereitet.“ „Mit welchem Rechte geben Sie mir Ermahnun⸗ gen?% rief Herr de la Roche⸗Aymon ungeduldig. Der Biſchof nahm ſein Hirtenkreuz vom Hals, hielt es dem Prälaten beinahe unter die Raſe und erwie⸗ derte: „Mit dem Rechte, das mir dieſes Kreuz verleiht. Lernen Sie dieſes Recht achten, Monſeigneur, und laſſen Sie Ihren König nicht ohne die Sacramente der Kirche ſterben, deren älteſter Sohn er iſt.“ Alles dies ging in Gegenwart von Herrn von Aiguillon vor. Er begriff, welches Aergerniß aus einer 137 ſolchen Streitigkeit hervorgehen müßte, wenn ſie öffent⸗ lich würde. Er trat beim König ein. „Nun! Herzog,“ ſagte der König,„haben Sie meine Befehle vollzogen?“ „In Beziehung auf Madame du Barry, Sire?“ „Jas“ „Ich wollte abwarten, bis ſie mir von Eurer Ma⸗ jeſtät wiederholt würden. Ich werde mich nie beeilen, den König von den Perſonen zu trennen, die ihn lieben.“ „Ich danke, Herzog, doch es muß ſein; nehmen Sie die Gräfin und bringen Sie ſie ohne Aufſehen nach dem Landgute Rueil; ich werde Frau von Aiguil⸗ Dank wiſſen für die Sorge, die ſie ihr angedeihen äßt. Trotz der förmlichen Aufforderung wollte Herr von Aiguillon die Abreiſe der Favoritin noch nicht beſchleuni⸗ gen; er verbarg ſie im Schloß und kündigte ihren Ab⸗ gang für den folgenden Tag an. Dieſe Ankündigung beſchwichtigte ein wenig die kirchlichen Forderungen. Es war übrigens vom Herzog von Aiguillon wohl gethan, daß er Madame du Barry im Schloſſe behalten hatte, denn am 4. Mai verlangte der König wieder nach ihr mit einer ſolchen Dringlichkeit, daß ihm der Herzog geſtand, ſie ſei noch da. „Sie komme, ſie komme!“ rief der König. Madame du Barry kehrte zum letzten Mal zurück. Die Gräfin ging dann, ganz in Thränen zerfließend, weg; gut, leichtſinnig, liebenswürdig, gefällig, liebte Frau Ludwig XV., wie man einen Vater iebt. Frau von Aiguillon ließ Madame du Barry mit Fräulein du Barry, der Aeltern, in den Wagen ſteigen führte ſie nach Rueil, um das Ereigniß abzu⸗ warten. 138 Kaum war ſie außerhalb der Höfe, als der König abermal nach ihr verlangte. „Sie iſt abgereiſt,“ antwortete man ihm. „Abgereiſt?“ wiederholte der König;„dann iſt es an mir, ebenfalls abzureiſen. Laſſen Sie in Sainte⸗ Geneviöve beten.“ Herr von Vrilliöre ſchrieb ſogleich an das Parla⸗ ment, das in äußerſten Fällen das Recht hatte, die alte Reliquie zu öffnen oder zu ſchließen. Die Tage des 5. und des 6. vergingen, ohne daß man von der Beichte, vom Abendmahl oder von der letzten Oelung ſprach. Der Pfarrer von Verſailles er⸗ ſchien, um den König auf dieſe fromme Ceremonie vor⸗ zubereiten; aber er begegnete dem Herzog von Fronſae, der ihm ſein Ehrenwort gab, er werde ihn beim erſten Worte, das er ſage, zum Fenſter hinaus werfen. „Büße ich nicht durch den Fall mein Leben ein, ſo kehre ich durch die Thüre zurück, denn das iſt mein Recht,“ erwiederte der Pfarrer. Doch am 7. Mai, Morgens um drei Uhr, war es der König, der gebieteriſch nach dem Abbé Mandoux ver⸗ langte; Mandoux war ein armer, ränkeloſer Prieſter, ein gutmüthiger Geiſtlicher, ein blinder Mann, den man ihm zum Beichtiger gegeben hatte. Seine Beichte dauerte ſiebenzehn Minuten. Nachdem ſie vorüber war, wollten die Herzoge von Vrilliöre und von Aiguillon das Abendmahl verzögern; aber Lamartinisre, ein perſönlicher Feind von Madame du Barry, welche hinter ſeinem Rücken Lorry und Vor⸗ deu zum König gebracht hatte, näherte ſich Ludwig XV. und ſprach: „Sire, ich habe Eure Majeſtät in ſehr ſchwierigen Umſtänden geſehen, aber nie habe ich ſie bewundert wie heute; wenn ſie mir glauben will, wird ſie ſogleich vollenden, was ſie ſo gut angefangen hat.“ Der König ließ hierauf Mandvur zurückrufen, und Mandoux gab ihm die Abſolution. * — * 8 139 Was die feierliche Erklärung betrifft, welche Ma⸗ dame du Barrh ganz und gar vernichten ſollte, ſo war hievon nicht die Rede. Der Großalmoſenier und der Erzbiſchof hatten im Einklang folgende Formel abge⸗ faßt, welche in Gegenwart des Abendmahls verkündigt wurde. „Obgleich der König über ſeine Aufführung nur Gott Rechenſchaft ſchuldig iſt, erklärt er doch, daß er es bereue, ſeinen Unterthanen Aergerniß gegeben zu haben, und daß er nur noch zu leben wünſche, um eine Stütze der Religion zu ſein und das Glück ſeiner Völ⸗ ker zu fördern.“ Vermehrt durch Madame Louiſe, welche ihr Kloſter verlaſſen hatte, um ihren Vater zu pflegen, empfing die königliche Familie das heilige Sacrament unten an der Treppe. Während der König die Sterbeſacramente empfing, ſchrieb der Dauphin, den man vom König entfernt ge⸗ halten, weil er die Pocken noch nicht gehabt hatte, an den Abbé Terray: „Herr Generalcontroleur, „Ich bitte Sie, unter die Armen der Kirchſpiele von Paris zweimal hunderttauſend Livres vertheilen zu laſſen, daß ſie für den König beten. Finden Sie das zu viel, ſo behalten Sie die Summe von den Penſionen der Dauphine und von mir zurück. „Unterz. Ludwig Auguſt.“ In den Tagen des 7. und 8. Mai verſchlimmerte ſich die Krankheit. Der König fühlte ſeinen Körper buchſtäblich in Fetzen gehen. Verlaſſen von ſeinen Höflingen, welche nicht mehr bei dem lebendigen Leich⸗ nam zu bleiben wagten, hatte er keinen andern Bei⸗ ſtand mehr, als ſeine drei Töchter, die nicht einen Augenblick von ihm wichen. Den König erfaßte der Schrecken. In dem gräß⸗ 140 lichen Brand, der ſich ſeines Körpers bemächtigte, ſah er eine unmittelbare Strafe des Himmels. Für ihn war die unbekannte Hand, die ihn mit Flecken zeichnete, die Hand Gottes. In einem Delirium, welches um ſo furchtbarer, als es nicht das des Fiebers war, ſondern das des Geiſtes, ſah er Flammen, ſah er einen glühenden Abgrund, und er rief ſeinen Beicht⸗ vater, den armen blinden Prieſter, ſeine einzige Zu⸗ ſlucht, daß er das Crueifix zwiſchen ihm und dem Feuerſee ausſtreckte. Dann nahm er ſelbſt das Weih⸗ waſſer, hob er ſelbſt die Leintücher und Decken auf, ließ er ſelbſt unter Seufzern und Angſt das heilige Waſſer auf ſeinen ganzen Körper träufeln; dann ver⸗ langte er das Crucifir, nahm es in ſeine vollen Hände, küßte es mit vollem Mund und rief:„Herr! Herr! bitt' für mich, den größten Sünder, der je gelebt.“ In dieſen furchtbaren, verzweifelten Bangigkeiten brachte er den Tag des 9. zu. Während dieſes Tags, der nur eine lauge Beichte war, verließen ihn weder der Prieſter, noch ſeine Töchter. Sein Leib war vom häßlichſten Brand heimgeſucht, und lebendig verbreitete der Leichnam⸗König einen ſolchen Geruch, daß vom Schlag getroffen zwei Bedienten niederfielen, von denen einer auch wirklich ſtarb. Am 10. Morgens ſah man durch das geborſtene Fleiſch die Knochen ſeiner Schenkel; drei weitere Be⸗ dienten wurden ohnmächtig. Der Schrecken verbreitete ſich in Verſailles. Das ganze Haus entfloh. Es waren keine andere lebendige Weſen mehr im Schloſſe, als die drei edlen Töchter und der würdige Prieſter. Der ganze Tag des 10. war nur ein Todeskampf; ſchon todt, entſchloß ſich der Konig nicht, zu ſterben. End⸗ lich erhob er ſich, ſtreckte die Hände aus, heftete ſeine Augen auf einen Punkt des Zimmers und rief: „Chauvelin! Chauvelin! es find doch nicht zwei Monate„ 141 Und er fiel zurück und ſtarb. Welche Tugend auch Gott in das Herz der drei Prinzeſſinnen und des Prieſters gelegt hatte, als der König todt war, hielten ſie ihre Aufgabe, wie er, für vollendet; überdies waren alle drei von der Krankheit befallen, die den König getödtet. Die Sorge für das Leichenbegängniß wurde dem Oberſteeremonienmeiſter überlaſſen, der alle Anordnun⸗ gen traf, ohne den Palaſt zu betreten. Man fand nur die Schundfeger von Verſailles, welche es wagten, den König in den bleiernen Sarg zu ſchaffen, den man für ihn verfertigt hatte; in die Leintücher des Bettes gewickelt, auf dem er geſtorben war, wurde er ohne Balſam, ohne Arome in ſeine letzte Behauſung gelegt; dann ſetzte man den bleiernen Sarg in einen hölzernen Kaſten und brachte Alles in die Kapelle. Am 12. wurde derjenige, welcher Ludwig XV. geweſen, nach Saint⸗Denis geführt; der Sarg war auf einem großen Jagdwagen. In einem zweiten Wagen ſaßen der Herzog von Ayen und der Herzog von Aumont; im dritten endlich kamen der Großalmo⸗ ſenier und der Pfarrer von Verſailles. Etwa zwanzig Pagen und fünfzig Stallknechte zu Pferd mit Fackeln in der Fauſt ſchloßen den Zug. Dieſer ging um acht Uhr Abends von Verſailles ab und kam um elf Uhr in Saint⸗Denis an. Der Leichnam wurde in die kö⸗ nigliche Gruft getragen, von wo er erſt am Tage der Entweihung von Saint⸗Denis wieder herauskommen ſollte; man ſchloß nicht nur, ſondern verſtopfte gänz⸗ lich den Eingang, damit keine Ausſtrömung von die⸗ ſem menſchlichen Koth aus der Wohnung der Todten zum Aufenthalt der Lebendigen hervordränge. Wir haben von der Freude der Pariſer beim Tode von Ludwig KIV. erzählt. Dieſe Freude war nicht minder groß, als ſie ſich von demjenigen befreit ſahen, 142 welchen ſie zwanzig Jahre früher den Vielgeliebten genannt hatten. Man verſpottete den Pfarrer von Sainte⸗Genevisve über die Wirkſamkeit des Reliquienkaſtens. „Worüber beklagt Ihr Euch,“ erwiederte er,„iſt er nicht geſtorben?“ Am andern Tag erhielt Madame du Barry in Rueil einen Verbannungsbrief. Sophie Arnould erfuhr zu gleicher Zeit den Tod des Königs und die Verbannung von Madame du Barry. „Ach!“ rief ſie,„nun ſind wir vater⸗ und mutter⸗ loſe Waiſen.“ Das war die einzige Leichenrede auf dem Grabe des Enkels von Ludwig XIV. * Das Arſenal. Am 4. December 1846, als mein Schiff ſeit dem vorhergehenden Tag in der Bucht von Tunis vor An⸗ ker lag, erwachte ich gegen fünf Uhr Morgens mit einem von jenen Eindruͤcken tiefer Schwermuth, die auf einen ganzen Tag das Auge feucht und die Bruſt angeſchwollen machen. Dieſer Eindruck rührte von einem Traume her. Ich ſprang von meinem Matratzenrahmen herab, zog eine Hoſe an, ſtieg auf das Verdeck und ſchaute umher, in der Hoffnung, die wunderbare Landſchaft würde meinen Geiſt von der Beklommenheit befreien, welche um ſo hartnäckiger war, je weniger ſie eine wirkliche Urſache hatte. Ich hatte vor mir, auf einen Flintenſchuß, den 143 Hafendamm, der ſich von der Gulette bis zum Fort des Arſenals erſtreckt und eine enge Durchfahrt den Schif⸗ fen läßt, welche vom Golf in den See dringen wollen. Dieſer See mit dem Gewäſſer, das ſo blau wie das Azur des Himmels, den es wiederſchien, war an gewiſ⸗ ſen Stellen ganz bewegt durch den Flügelſchlag einer Truppe von Schwänen, während auf Pfoſten, welche in beſtimmten Entfernungen von einander eingerammt, um die Untiefen zu bezeichnen, unbeweglich wie jene Vögel, die man auf den Grabſteinen aushaut, ein Seerabe ſtund, der ſich plötzlich wie einen Stein fal⸗ len ließ, tauchte, um ſeine Beute zu erhaſchen, auf die Oberfläche des Waſſers mit einem Fiſch quer im Schnabel zurückkam, dieſen Fiſch verſchlang, wieder auf ſeinen Pfoſten hinaufſtieg und abermals ſeine ſchweig⸗ ſame Unbeweglichkeit annahm, bis ein neuer Fiſch, in ſeinem Bereich vorüberſchwimmend, ſeinen Appetit reizte und ihn, ſeine Trägheit beſiegend, auf's Neue ver⸗ ſchwinden machte, worauf er ebenſo bald wiedererſchien. Während dieſer Zeit wurde von fünf zu fünf Mi⸗ nuten die Luft von einer Reihe Flamingos durchſtreift, deren purpurrothe Flügel ſich von dem matten Weiß ihres Gefieders abhoben und, da ſte eine viereckige Zeichnung bildeten, ein nur aus Carreau⸗As beſtehen⸗ des Kartenſpiel zu ſein ſchienen. Am Horizont war amphitheatraliſch aufſteigend Tunis, das heißt ein Haufen viereckiger Häuſer, ohne Heffnungen, ohne Fenſter, weiß wie Kreide und mit einer ſeltſamen Schärfe ſich vom Himmel abhebend. Links erhoben ſich wie eine ungeheure Mauer mit Schießſcharten die Bleiberge, deren Name die ſchwarze Farbe bezeichnet; an ihrem Fuße lagen der Marabut und das Dorf der Sidi⸗Fathalla; links erkannte man das Grab des heiligen Ludwig und den Platz, wo Carthago war, zwei der größten Erinnerungen in der Weltgeſchichte. Hinter uns ſchaukelte der Montezuma 144 eine herrliche Dampffregatte von vierhundert und fünf⸗ zig Pferdekraft. Es war gewiß hier Stoff genug, um eine be⸗ klommene Phantaſie zu zerſtreuen. Beim Anblick aller dieſer Reichthümer hätte man den vorhergehenden Tag, den laufenden Tag und den folgenden Tag vergeſſen. Doch mein Geiſt war zehn Jahre von da entfernt und beharrlich auf einen Gedanken gerichtet, den ein Traum in meinen Kopf genagelt hatte. Mein Auge wurde ſtarr. Dieſes ganze glänzende Panorama verſchwand allmälig in der Unbeſtimmtheit meines Blicks. Bald ſah ich nichts mehr vom Beſtehen⸗ den. Die Wirklichkeit entfloh; dann trat mitten in die⸗ ſer wolkigen Leere, wie unter dem Zauberſtab einer Fee, ein Salon mit weißem Täfelwerk hervor, in deſſen Tiefe, vor einem Klavier ſitzend, auf dem ihre Finger nachläſſig umherirrten, eine zugleich inſpirirte und nach⸗ denkende Frau, eine Muſe und eine Heilige erſchien. Ich erkannte dieſe Frau und flüſterte, als hätte ſie mich hören können: „Ich grüße Sie, Maria, Anmuthreiche, mein Geiſt iſt bei Ihnen.“ Dann verſuchte ich es nicht mehr, dieſem Engel mit den weißen Flügeln zu widerſtehen, der mich zu den Tagen meiner Jugend zurückführte und mir, wie eine reizende Viſion, das keuſche Antlitz des Mädchens, der jungen Frau und der Mutter zeigte; ich ließ mich fort⸗ reißen von der Strömung des Fluſſes, den man die Erinnerung nennt, der durch die Vergangenheit hinauf⸗ läuft, ſtatt zur Zukunft hinabzulaufen⸗ Da wurde ich von dem ſelbſtfüchtigen und folglich dem Menſchen ſo natürlichen Gefühle erfaßt, das ihn antreibt, ſeine Gedanken nicht für ſich allein zu behal⸗ ten, die Ausdehnung ſeiner Empfindung dadurch, daß er ſie mittheilt, zu verdoppeln und in eine andere Seele die ſüße oder bittere Flüſſigkeit, welche ſeine Seele er⸗ füllt, zu ergießen. — 145 Ich nahm eine Feder und ſchrieb: Am Bord des Veloce, im Angeſicht von Carthago und Tunis d. 4. December 1846. „Madame, „Wenn Sie einen Brief, datirt von Carthago und Tunis, öffnen, werden Sie ſich fragen, wer Ihnen von einem ſolchen Orte ſchreiben könne, und Sie wer⸗ den ein Autograph von Regulus oder von Ludwig IX. zu bekommen hoffen. Ach! Madame, derjenige, welcher von ſo fern ſein demüthiges Andenken zu Ihren Füßen legt, iſt weder ein Held, noch ein Heiliger, und wenn er ie eine Aehnlichkeit mit dem Biſchof von Hippona ge⸗ habt hat, deſſen Grab er vor drei Tagen beſuchte, ſo kann dieſe Aehnlichkeit doch nur auf den erſten Theil vom Leben des großen Mannes anwendbar ſein. Aller⸗ dings kann er, wie dieſer, den erſten Theil des Lebens durch den zweiten ſühnen. Doch es iſt ſchon ſehr ſpät, um Buße zu thun, und aller Wahrſcheinlichkeit nach hat er ſo gelebt, daß er es nicht einmal wagt, ſeine Bekenntniſſe zu hinterlaſſen, die man, ſtreng genommen, erzählen, aber kaum leſen kann. „Sie ſind ſchon zur Unterſchrift geeilt, nicht wahr, Madame, und Sie wiſſen, mit wem Sie es zu thun haben, ſo daß Sie ſich nun fragen, wie es zwiſchen dieſem herrlichen See, der das Grab einer Stadt, und dem armſeligen Monument, welches die Grabſtätte eines Königs iſt, dem Verfaſſer der Musketiere und von Monte Chriſto einfalle, an Sie zu ſchreiben, wäh⸗ rend er in Paris, vor Ihrer Thüre, zuweilen ein ganzes Jahr verweilt, ohne Sie zu beſuchen. „Vor Allem, Madame, iſt Paris Paris, das heißt eine Art von Wirbel, worin man das Gedächtniß aller Dinge verliert unter dem Geräuſch, das die Welt lau⸗ fend und die Erde ſich drehend macht. In Paris, ſehen Tauſend und ein Geſpenſt. M. 10 146 Sie, mache ich es wie die Welt und die Erde; ich laufe und drehe mich, abgeſehen davon, daß ich, wenn ich nicht laufe und mich nicht drehe, ſchreibe. Doch dann, Madame, iſt es etwas Anderes, und wenn ich ſchreibe, bin ich ſchon nicht mehr ſo ſehr von Ihnen getrennt, als Sie denken mögen, denn Sie ſind eine von den wenigen Perſonen, für welche ich ſchreibe, und es iſt ſehr ſeltſam,, daß ich nicht ſage, wenn ich ein Kapitel vollende, mit dem ich zufrieden bin, oder ein Buch, das willkommen iſt: Marie Nodier, dieſer reizende Geiſt, wird das leſen, und ich bin ſtolz, Madame, denn ich hoffe, daß ich, nachdem Sie geleſen, was ich geſchrie⸗ ben, vielleicht noch um einige Linien in Ihrem Innern wachſen werde. „So viel iſt gewiß, Madame, um auf meinen Brief zurückzukommen, daß ich dieſe Nacht von Ihnen ge⸗ träumt und dabei die hohle See vergeſſen habe, welche ein rieſiges Dampfſchiff ſchaukelte, das mir die Regie⸗ rung geliehen, und worauf ich Gaftfreundſchaft einem von Ihren Freunden und einem von Ihren Bewunde⸗ rern, Bonlanger und meinen Sohn, nebſt Giraud, Maquet, Chancel und Desbarolles gebe, welche zur Zahl Ihrer Bekannten gehören, ſo viel iſt gewiß, ſage ich, daß ich entſchlummerte, ohne an etwas zu denken, und da ich beinahe im Lande der Tauſend und eine Nacht bin, ſo beſuchte mich ein Genius und verſetzte nic in einen Traum, deſſen Königin Sie geweſen ind. „Der Ort, wohin er mich geführt, oder vielmehr zurückgeführt hat, Madame, war etwas Beſſeres als ein Palaſt, etwas Beſſeres als ein Königreich: es war das gute, vortreffliche Haus, Arſenal genannt, zur Zeit der Freude und ſeines Glücks, als unſer vielgeliebter Char⸗ les die Honneurs mit aller Treuherzigkeit der antiken Gaſtfreundſchaft und unſere geſchätzte Marie mit aller Anmuth der modernen Gaftfreundſchaft machte. „Ah! glauben Sie mir, Madame, während ich fe n, e, t, en el 6 E. n ef e⸗ he e⸗ e⸗ id, ur ge n, ne zte ſen hr ein as er r⸗ ler 147 dieſe Zeilen ſchrieb, iſt mir ein ſchwerer Seufzer ent⸗ ſchlüpft. Dieſe Zeit iſt eine glückliche Zeit für mich geweſen. Ihr reizender Geiſt ſpendete Jedermann, und zuweilen, ich darf es wohl ſagen, mir mehr, als jedem Anderen. Sie ſehen, es iſt ein ſelbſtſüchtiges Gefühl, was mich in Ihre Nähe führt. Ich entlehnte etwas von Ihrer Heiterkeit, wie der Kieſelſtein des Dichters Su einen Theil des Wohlgeruchs von der Roſe ent⸗ ehnte. „„Erinnern Sie ſich der Tracht eines Bogenſchützen von Paul? erinnern Sie ſich der gelben Schuhe von Francisque Michel? erinnern Sie ſich meines Sohnes als. Schiffsknecht? erinnern Sie ſich der Vertiefung, wo das Piano war, und wo Sie Lazzara, jene wun⸗ derbare Melodie ſangen, die Sie mir verſprochen und, ohne Vorwurf ſei es geſagt, nie gegeben haben? „Oh! da ich an Ihre Erinnerungen appellire, gehen wir noch weiter: erinnern Sie ſich Fontaney's und Al⸗ fred Johannot's, dieſer zwei verſchleierten Geſichter, welche immer traurig blieben mitten unter unſerem Gelächter, denn es iſt in den Menſchen, welche frühe ſterben müſſen, eine unbeſtimmte Ahnung vom Grabe? „Erinnern Sie ſich Taylor's, der in einer Ecke ſaß, un⸗ beweglich, ſtumm und träumend, auf welcher neuen Reiſe er Frankreich mit einem ſpaniſchen Gemälde, mit einem griechiſchen Bas⸗relief oder mit einem ägyptiſchen Obelisk werde bereichern können? Erinnern Sie ſich der Vigny's, der damals vielleicht ſeine Verklärung bezweifelte und ſich unter die Menge der Menſchen zu miſchen die Gewogenheit hatte? Erinnern Sie ſich Lamartine's, wie er vor dem Kamin ſtand und die Har⸗ monie ſeiner ſchönen Verſe bis zu ünſeren Füßen rollen ließ? Erinnern Sie ſich Hugo's, der ihn anſchaute und ihm zuhörte, wie einſt Eteokles den Polynikes an⸗ ſchauen und ihm zuhören mußte, allein unter uns mit dem Lächeln der Gleichheit auf den Lippen, während Madame Hugo, mit ihren ſchönen Haaren ſpielend, auf 148 dem Canapé halb lag, als wäre ſie ermüdet von dem Antheil an dem Ruhm, den ſie trug? „Dann mitten unter dem Allen Ihre Mutter, ſo einfach, ſo gut, ſo ſanft; Ihre Tante, Frau von Terey, ſo geiſtreich und ſo wohlwollend; Dauzats, ſo phan⸗ taſtiſch, ſo ſchwatzhaft, ſo überſprudelnd; Barye, ſo ver⸗ einzelt unter dem Geräuſch, daß ſein Geiſt immer von ſeinem Leib zur Aufſuchung von einem der ſieben Welt⸗ wunder abgeſandt zu ſein ſchien; Boulanger, heute ſo ſchwermüthig, morgen ſo heiter, immer ein ſo großer Maler, immer ein ſo großer Dichter, immer ein ſo guter Freund in ſeiner Heiterkeit, wie in ſeiner Traurigkeit; das kleine Mädchen endlich, wie es zwiſchen den Dich⸗ tern, den Malern, den Tonkünſtlern, den großen Män⸗ nern, den Witzigen und den Gelehrten durchſchlüpfte, das Mädchen, das ich in die hohle Hand nahm und Ihnen als eine Statuette von Barre oder Pradier dar⸗ bot? Oh! mein Gott! mein Gott! was iſt aus dem Allem geworden, Madame? „Der Herr hat auf den Schlüſſel des Gewölbes gehaucht, und das Zaubergebäude iſt eingeſtürzt, und diejenigen, welche es bevölkerten, ſind entflohen, und Alles iſt öde an demſelben Platz, wo einſt Alles lebte, ſich erſchloß, blühte. „Fontaney und Alfred Johannot ſind todt, Taylor hat auf das Reiſen verzichtet, de Vigny hat ſich un⸗ ſichtbar gemacht, Lamartine iſt Deputirter, Hugo Pair von Frankreich, und Boulanger, mein Sohn und ich ſind in Carthago, von wo ich Ihnen ſchreibe, Madame, den ſchweren Seufzer ausſtoßend, von dem ich ſo eben ſprach, und der, trotz des Windes, welcher wie eine Wolke den ſterbenden Rauch unſeres Fahrzeuges fort⸗ trägt, nie die Erinnerungen einholen wird, die die Zeit mit den dunkeln Flügeln ſchweigſam im grünlichen Nebel der Vergangenheit fortträgt. „O Frühling, Jugend des Jahres! o Jugend, Frühling des Lebens! * — S — S S X S S 8 S S—* X— 8 — r ⸗ r , e it 149 „Nun denn! das iſt die verſchwundene Welt, die mir ein Traum in der vergangenen Nacht, zurückgebracht hat, ein Traum ſo glänzend, ſo ſichtbar, aber leider auch ſo ungreifbar, als jene Ateme, welche in einem Sonnenſtrahle tanzen, der durch die Oeffnung eines nicht völlig geſchloſſenen Fenſterladens in ein dunkles Zimmer eindringt. „Und nun wundern Sie ſich wohl nicht mehr über dieſen Brief? Die Gegenwart würde beſtändig umſchla⸗ gen, wenn ſie nicht durch das Gewicht der Hoffnung und das Gegengewicht der Erinnerungen im Gleichge⸗ wicht gehalten würde; und glücklicher oder unglücklicher Weiſe vielleicht gehöre ich zu denjenigen, bei welchen den Vorrang vor den Hoffnungen haben. „Sprechen wir nun von etwas Anderem; denn es iſt nur unter der Bedingung, daß man nicht Andere verdüſtert, erlaubt, traurig zu ſein. Was macht mein Freund Boniface? Ah! ich habe vor acht bis zehn Tagen eine Stadt beſucht, die ihm wohl Strafarbeiten eintragen wird, wenn er ihren Namen in dem Buch des abſcheulichen Wucherers findet, den man Salluſt nennt. Dieſe Stadt iſt Conſtantine, die alte Cyrta, ein Wun⸗ der erbaut auf der Höhe eines Felſen, ohne Zweifel durch ein Geſchlecht phantaſtiſcher Thiere mit Adler⸗ flügeln und Menſchenhänden, wie Herodot und Levail⸗ lant, dieſe zwei großen Reiſenden, ſolche geſehen haben. „Dann ſind wir ein wenig in Utica und viel in Byzerte geweſen. Giraud hat in letzterer Stadt das Portrait eines türkiſchen Notars gemacht und Boulan⸗ ger das ſeines Oberſchreibers. Ich ſchicke Ihnen beide, Madame, damit Sie dieſelben mit den Notaren und Oberſchreibern von Paris vergleichen können. Ich be⸗ zweifle, daß der Vortheil auf Seiten der letzteren bleibt. „Ich bin, Flamingos und Schwäne jagend, ins Waſſer gefallen, ein Abenteuer, das in der wahrſchein⸗ lich zu dieſer Stunde gefrorenen Seine widrige Folgen 150 hätte haben können, im Catoſee aber keine andere Un⸗ annehmlichkeit hatte, als daß es mich ganz angekleidet ein Bad nehmen ließ, und dies zum großen Erſtaunen von Alexandre Giraud und dem Gouverneur der Stadt, welche von einer Terraſſe herab unſerer Barke mit den Augen folgten und ein Ereigniß nicht begreifen konnten, welches ſie einem Akt meiner Phantafie zuſchrieben, während es nichts Anderes, als das Verlieren meines Schwer⸗ punkts war. „Ich habe mich wie die Seeraben, von denen ich vor⸗ hin ſprach, herausgezogen; wie ſie bin ich verſchwun⸗ den, wie ſie bin ich auf das Waſſer zurüͤckgekommen; nur hatte ich nicht, wie ſie, einen Fiſch im Schnabel. „Fünf Minuten dachte ich nicht mehr daran, denn ich war trocken wie Herr Valery, ſo ſehr hatte die Sonne mich zu liebkoſen die Gefälligkeit gehabt. „Oh! ich möchte überallhin, wo Sie ſind, einen Strahl von dieſer ſchönen Sonne leiten, und wäre es nur, um an Ihrem Fenſter ein Büſchel Mäuſeöhrchen erblühen zu machen. „Gott befohlen, Madame, verzeihen Sie mir dieſen langen Brief; ich bin nicht an die Sache gewöhnt, und wie der Knabe, der ſich vertheidigte, daß er die Welt gemacht, verſpreche ich Ihnen, es nicht mehr zu thun; warum hat aber auch der Hausmeiſter des Him⸗ mels die elfenbeinerne Thüre offen gelaſſen, durch welche die goldenen Träume ausgehen? „Genehmigen Sie, Madame, die Darlegung meiner ehrfurchtsvollſten Gefühle. „Alexandre Dumas.“ „Ich drücke Jules herzlich die Hand.“ Wozu nun dieſer vertrauliche Brief? Um meinen Leſern die Geſchichte der Frau mit dem Sammethals⸗ band zu erzählen, mußte ich ihnen die Thüre des Arſe⸗ u das heißt, die Wohnung von Charles Nodier nen. n⸗ et P t, P nd r⸗ r⸗ n* 13 in ie n es n n . ie 1 e er 151 Und nun, da mir dieſe Thüre durch die Hand ſeiner Tochter geöffnet iſt, und wir folglich willkommen zu ſein die Sicherheit haben,„folge mir, wer mich liebt.“ Das Arfenal. Am Ende von Paris, eine Folge des Quai des Céleſtins bildend, an die Rue Morland angelehnt und den Fluß beherrſchend, erhebt ſich ein Gebäude von düſterem, traurigem Anblick, das Arſenal genannt. Ein Theil des Terrain, auf dem ſich dieſer ſchwer⸗ fällige Bau ausdehnt, hieß, ehe man die Gräben der Stadt gezogen hatte, das Champ⸗au⸗Platre*). Paris, als es ſich eines Tags zum Kriege rüſtete, kaufte dieſes Feld und ließ hier Scheunen bauen, ſein Geſchütz unter⸗ zubringen. Um das Jahr 1533 bemerkte Franz I., daß es ihm an Kanonen mangelte, und es kam ihm der Gedanke, ſolche gießen zu laſſen. Er entlehnte daher eine von dieſen Scheunen von ſeiner guten Stadt, wohl⸗ verſtanden, mit dem Verſprechen, ſie zurückzugeben, ſo⸗ bald die Gießerei beendigt wäre; dann entlehnte er, unter dem Vorwand, die Arbeit zu beſchleunigen, eine zweite, dann eine dritte, immer mit demſelben Verſpre⸗ chen; endlich kraft des Sprüchworts, welches ſagt: was gut zu nehmen iſt, iſt auch gut zu behalten, behielt er ohne Umſtände die drei entlehnten Scheunen. Zwanzig Jahre ſpäter fingen etliche und zwanzig tauſend Pfund Pulver, welche hier aufbewahrt waren, Feuer. Die Exploſion war ſchrecklich: Paris zitterte, *) Gypsfeld. 152 wie Catanea zittert, wenn der Enkelados ſich rührt. Steine wurden bis zum Ende des Faubourg Saint⸗ Marceau geſchleudert; das Rollen des furchtbaren Don⸗ ners erſchuͤtterte Melun. Die Häuſer in der Nachbar⸗ ſchaft ſchwankten einen Augenblick, als ob ſie berauſcht wären, dann ſanken ſie zuſammen. Die Fiſche ſtarben im Fluß, durch dieſe unerwartete Erſchütterung ge⸗ tödtet; durch dieſen Flammenorkan emporgehoben, ſielen dreißig Perſonen in Stücken wieder herab: hundert und fünfzig wurden verwundet. Woher rührte dieſes un⸗ heilvolle Ereigniß? Was war die Urſache dieſes Un⸗ glücks? Niemand wußte es, und in Folge dieſer Un⸗ wiſſenheit ſchrieb man es den Proteſtanten zu. Karl M. ließ dieſe Gebände nach einem umfaſſen⸗ deren Plan wieder errichten. Karl IX. war ein Bau⸗ luſtiger; er ließ den Louvre mit Bildnerarbeit verzieren, er ließ die Fontaine des Innocents durch die Hand des berühmten Bildhauers Jean Goujon erſtehen, der, wie Jedermann weiß, durch eine verirrte Kugel getödtet wurde. Er würde ſicherlich Alles beendigt haben, der große Künſtler und der große Dichter, wäre er nicht von Gott, der eine gewiſſe Rechenſchaft von ihm über den 24. Auguſt 1572 zu fordern hatte, abberufen worden. Seine Nachfolger nahmen die Bauten wieder auf, wo er ſie gelaſſen hatte, und ſetzten ſie fort. Heinrich MI. ließ im Jahr 1584 das Thor, dem Quai des Céleſtins gegenüber, vom Bildhauer bearbeiten; es war von Säulen in Form von Kanonen begleitet, und auf der Marmortafel, welche über denſelben angebracht, las man folgendes Diſtichon von Nicolas Bourbon, das Seit um den Preis des Galgens zu kaufen ver⸗ angte: AEtna haec Henrico vulcania tela ministrat, Tela giganteos debellatura furores. Was zu Deutſch heißt: 2 t⸗ n⸗ r⸗ ht en e⸗ P d n⸗ n⸗ n⸗ u⸗ es ie et er ht er en , I. 16 n er 16 16 r⸗ 153 „Der Aetna bereitet hier die Pfeile, mit denen Heinrich die Wuth der Rieſen niederſchmettern ſoll.“ Und, in der That, nachdem er die Rieſen der Ligue niedergeſchmettert, legte hier Heinrich den hübſchen Gar⸗ ten an, den man auf den Karten aus der Zeit von Ludwig XIII. ſieht, während Sully ebendaſelbſt ſein Miniſterium einrichtete, und die ſchönen Salons, welche noch jetzt die Bibliothek des Arſenals bilden, malen und vergolden ließ. Im Jahre 1823 wurde Charles Nodier zur Diree⸗ tion dieſer Bibliothek berufen, und er verließ die Rue de Choiſeul, wo er wohnte, um ſein neues Quartier zu beziehen. Nodier war ein anbetungswürdiger Mann, ohne ein Laſter, aber voll von Fehlern, von jenen reizenden Fehlern, welche die Originalität des Mannes von Genie bilden,— verſchwenderiſch, ſorglos, Müſſiggänger, Müſſiggänger wie Figaro träge war! mit Wonne. Nodier wußte ungefähr Alles, was einem Menſchen zu wiſſen gegeben; überdies hatte Nodier das Pri⸗ viiegium des Mannes von Genie: wenn er nicht wußte, ſo erfand er, und was er erfand, war viel geiſtreicher, viel farbiger, viel wahrſcheinlicher, als die Wirklichkeit. Voll von Syſtemen, parador mit Begeiſterung, aber nicht im mindeſten Propagandiſt, war Nodier für ſich ſelbſt paradox, das heißt, er machte für ſich ſelbſt Sy⸗ ſteme; wären dieſe Syſteme angenommen, ſeine Para⸗ dora anerkannt worden, ſo wäre er davon abgegangen und hätte ſich ſogleich andere gemacht. Nodier war der Menſch der Terenz, dem nichts Menſchliches fremd iſt. Er liebte, um des Glückes willen, zu lieben; er liebte, wie die Sonne glänzt, wie das Waſſer murmelt, wie die Blume duftet: Alles, was gut, was ſchön, Alles, was groß, war für ihn ſympa⸗ thetiſch; ſelbſt beim Schlimmen ſuchte er, was varan Gutes war, wie bei der Giftpflanze der Chemiker aus dem 154 des Giftes ſelbſt ein heilſames Arzneimittel zieht. Wie oft hatte Nodier geliebt? Es war ihm ſelbſt unmöglich, dies zu ſagen; der große Dichter, der er war, vermengte ſtets den Traum mit der Wirklichkeit. Nodier, hatte mit ſo viel Liebe die Phantaſien ſeiner Einbil⸗ dungskraft gehätſchelt, daß er am Ende an ihr Daſein glaubte. Für ihn hatten Thereſe Aubert, die Krüm⸗ chenfee, Ines de la Sierra exiſtirt. Das waren ſeine Töchter wie Marie; es waren die Schweſtern von Ma⸗ rie; nur war Madame Nodier bei ihrer Schöpfung ohne Antheil geweſen; wie Jupiter hatte Nodier alle ſeine Minerven aus ſeinem Gehirn entſpringen laſſen. Doch es waren nicht nur menſchliche Geſchöpfe, es waren nicht nur Töchter Evas und Söhne Adams, welche Nodier mit ſeinem ſchöpferiſchen Hauche belebte. Nodier hatte ein Thier erfunden, er hatte es getauft. Dann hatte er es, aus eigener Machtvollkommenheit, ohne ſich darum zu bekümmern, was Gott hiezu ſagte, mit dem ewigen Leben begabt. Dieſes Thier war der Tarantatello. Nicht wahr, Sie kennen den Tarantatello nicht? ich auch nicht; aber Nodier kannte ihn, Nodier wußte ihn auswendig. Er erzählte immer die Sitten, die Gebräuche, die Launen des Tarantatello. Er hätte einem ſeine Liebſchaften erzählt, wenn er ihn nicht von dem Augenblick an, wo er bemerkte, der Taranta⸗ tello trage das Princip des ewigen Lebens in ſich, zum Cölibat verurtheilt haben würde, weil die Wiedererzeu⸗ gung unnöthig iſt, wo die Auferſtehung exiſtirt. Wie hatte Nodier den Tarantatello entdeckt? Ich will es Ihnen ſagen. Als ein junger Menſch von achtzehn Jahren be⸗ ſchäftigte ſich Nodier mit der Entomologie. Das Leben von Nodier hat ſich in ſechs verſchiedene Phaſen ge⸗ theilt. tel bſt ar, ier il⸗ in n⸗ ne 9 le es he er in ne it te ie te ht 1. 1. e⸗ en e⸗ 155 Zuerſt trieb er Naturgeſchichte; hievon: die En⸗ tomologiſche Bibliothek. Dann Linguiſtik: Wörterbuch der Onomato⸗ pöien. Dann Politik: die Napolleone. Dann religiöſe Philoſophie: die Meditationen des Kloſters. Dann Poeſie: die Verſuche eines jungen Barden. Dann Roman: Johann Sbogar; Smarraz Trilbyz der Maler von Salzburg; Fräulein von Marſan; Adele; der Vampyr; der goldene Traum; Jugenderinnerungen; der König von Böhmen und ſeine ſieben Schlöſſer; die Phantaſien des Doctor Neophobus und tauſend andere reizende Dinge, die Sie kennen, die ich kenne, und deren Namen ſich nicht unter meiner Feder findet. Nodier war alſo bei der erſten Phaſe ſeiner Arbei⸗ ten; Nodier beſchäftigte ſich mit der Entomologie; No⸗ dier wohnte im ſechsken, einen Stock höher, als Béran⸗ ger der Dichter wohnt. Er machte Verſuche mit dem Mikroſtop über die unendlich Kleinen, und lange vor Raſpail hatte er eine ganze Welt von unſichtbaren Thierchen entdeckt. Eines Tags, nachdem er der Unter⸗ ſuchung das Waſſer, den Wein, den Eſſig, den Käſe, das Brod, alle Gegenſtände endlich unterworfen hatte, an denen man gewöhnlich Experimente macht, nahm er ein wenig naſſen Sand aus der Dachrinne, legte ihn in das Gehäuſe ſeines Mikroſkops und hielt die Augen auf das Linſenglas. Da ſah er ein ſeltſames Thier ſich bewegen, das die Form eines Schnellfüßlers hatte und mit zwei Rädern verſehen war, die es raſch trieb. Hatte es ſich durch einen Fluß zu arbeiten, ſo dienten ihm ſeine Räder wie die eines Dampfſchiffs; hatte es ein trockenes Ter⸗ rain zu überſchreiten, ſo dienten ihm ſeine Räder wie die eines Cabriolets. Nodier ſchaute es an, detaillirte es, zeichnete es, analyſirte es ſo lange, daß er ſich plötzlich 156 erinnerte, er vergeſſe ein Rendezvous, ſein Mikroſkop, ſein Häufchen Sand und den Tarantatello, deſſen Welt dieſes war, zurückließ und entfloh. Als Nodier zurückkam, war es ſpät; er war müde; er legte ſich nieder und ſchlief, wie man mit achtzehn Jahren ſchläft. Erſt am andern Morgen, als er die Augen öffnete, dachte er wieder an ſein Sandhäufchen, an das Mikroſkop und den Tarantatello. Ach! während der Nacht war der Sand vertrock⸗ net und der arme Tarantatello, der ohne Zweifel der Feuchtigkeit bedurfte, um zu leben, geſtorben. Sein kleiner Leichnam lag auf der Seite, ſeine Räder waren unbeweglich. Das Dampfſchiff ging nicht mehr; der Schnellfüßler ſtand ſtille. Aber wenn auch todt, war doch das Thier eine intereſſante Varietät der Ephemeren, und ſein Leichnam verdiente eben ſo wohl aufbewahrt zu werden, als der eines Mammuths oder eines Maſtodons; nur mußte man, wie ſich leicht begreift, viel größere Vorſichts⸗ maßregeln nehmen, um ein Thier zu behandeln, das hundert mal kleiner, als eine Milbe, als man zu neh⸗ men hat, um ein Thier von der Stelle zu ſchaffen, welches den Elephanten zehnmal an Große übertrifft. Nodier transportirte deshalb mit dem Barte einer Feder ſein Häufchen Sand aus dem Gehäuſe ſeines Mikroſfops in ein Schächtelchen von Pappendeckel, wel⸗ ches er zum Grabe des Tarantatello beſtimmte. Er nahm ſich vor, dieſen Leichnam dem erſten Ge⸗ lehrten zu zeigen, der es wagen würde, ſeine ſechs Stock⸗ werke hinaufzuſteigen. Es gibt ſo viele Dinge, welche man mit achtzehn Jahren denkt, daß es wohl erlaubt iſt, den Leichnam eines Ephemers zu vergeſſen. Nodier vergaß einen Monat, drei Monate, zehn Monate, ein Jahr vielleicht den Leichnam des Tarantatello. Eines Tages fiel ihm die Schachtel unter die Hand. Er wollte ſehen, welche Veränderung ein Jahr bei dem p, lt e ie n, k⸗ er in en er ne er te 8⸗ 6 h⸗ es e⸗ k⸗ n n ht 157 Thiere hervorgebracht habe. Das Wetter war trübe; es fiel ein ſchwerer Sturmregen. Um beſſer zu ſehen. brachte er das Mikroſtop nahe ans Fenſter und leerte in das Gehäuſe den Inhalt des Schächtelchens. Der Leichnam lag immer noch unbeweglich auf dem Sand; nur ſchien die Zeit, welche ſo große Gewalt über die Coloſſe übt, das unendlich Kleine vergeſſen zu haben. Nodier ſchaute alſo ſein Ephemer an; da fiel plötz⸗ lich ein Regentropfen, vom Wind herbeigetrieben, in das Gehäuſe des Mikroſkops und befeuchtete das Sand⸗ häufchen. Nun kam es Nodier vor, als belebte ſich bei der Berührung dieſer erregenden Friſche ſein Tarantatello wieder, als ruͤhrte er zuerſt ein Fühlhorn, dann das andere, als ließe er eines von ſeinen Rädern ſich drehen, dann das andere, als nähme es ſeinen Schwerpunkt wie⸗ der an, kurz, als lebte es. Das Wunder der Auferſtehung war in Erfüllung gegangen, nicht nach Verlauf von drei Tagen, ſondern nach Verlauf eines Jahres. Zehnmal machte Nodier dieſelbe Probe, zehnmal vertrocknete der Sand und ſtarb der Tarantatello, zehn⸗ mal wurde der Sand befeuchtet, und zehnmal kehrte der Tarantatello ins Leben zurück. Nodier hatte nicht ein Ephemer entdeckt, ſondern einen Unſterblichen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach hatte ſein Tarantatello die Sündfluth geſehen und ſollte dem jüng⸗ ſten Gericht beiwohnen. Zum Unglück entführte eines Tags, als Nodier vielleicht zum zwanzigſten Mal ſein Erperiment erneuern wollte, ein Windſtoß den vertrockneten Sand, und mit dem Sand den Leichnam des wunderartigen Taran⸗ tatello. Nodier nahm viele feuchte Sandhäufchen aus ſeiner Dachrinne und anderswoher, aber es war vergebens, nirgends fand er das Aequivalent deſſen, was ihm 158 entriſſen worden; der Tarantatello war der einzige ſeiner Art, und, für die Menſchen verloren, lebte er nur in den Erinnerungen von Nodier. Aber in dieſen lebte er auch, um nie daraus zu verſchwinden. Wir haben von den Fehlern von Nobier geſprochen; ſein vorherrſchender Fehler, in den Augen von Madame Nodier wenigſtens, war ſeine Bibliomanie; dieſer Feh⸗ ler, der das Glück von Nodier bildete, war die Ver⸗ zweiflung ſeiner Frau. Alles Geld, das Nodier verdiente, ging in Büchern auf. Wie vft kam Nodier, wenn er ausgegangen war, um zwei bis dreihundert Franken zu holen, welche für die Haushaltung durchaus nothwendig, mit einem ſel⸗ tenen Band, mit einem einzigen Eremplar zurück. Das Geld war bei Techener oder Guillemot ge⸗ blieben. Madame Nodier wollte ſchelten, aber Nodier zog ſeinen Band aus ſeiner Taſche, er öffnete, ſchloß, ſtrei⸗ chelte ihn, zeigte ſeiner Frau einen Druckfehler, der zum Beweis der Aechtheit diente. Und dabei ſagte er: „Bedenke doch, meine liebe Freundin, daß ich drei⸗ hundert Franken wiederfinden werde, während ein ſol⸗ ches Buch, hm! ein ſolches Buch unfindbar iſt; frage nur Pirérécourt.“ Pixérécourt, das war die große Bewunderung von Nodier, der immer das Melodram bewunderte; Nobier nannte Pirsrécourt den Corneille der Boulevards. Beinahe jeden Morgen beſuchte Pirérécourt Nodier. Der Morgen war bei Nodier den Beſuchen der Bibliophilen gewidmet. Da verſammelten ſich der Mar⸗ quis von Ganay, der Marquis von Chateau⸗Giron, der Marquis von Chalabre, der Graf von Labédoyore, Bé⸗ rard, der Mann der Elzevire, der in ſeinen verlorenen Augenblicken die Karte von 1830 wiederherſtellte; der Bibliophile Jacob, der gelehrte Weiß von Beſangon, — er in n ne h r⸗ rn r, ür el⸗ e⸗ og er i⸗ e n er r. r ⸗ r . 2. 159 der univerſale Peignot von Dijon; die fremden Gelehr⸗ ten endlich, die ſich ſogleich bei ihrer Ankunft in Paris in dieſem Kreiſe, der einen europäiſchen Ruf genoß, vorſtellen ließen oder ſich ſelbſt vorſtellten. Hier fragte man Nodier, das Orakel der Ver⸗ ſammlung, um Rath; hier zeigte man ihm Bücher; hier verlangte man Notizen von ihm; das war ſeine Lieblingszerſtreuung. Was die Gelehrten des Inſtituts betrifft, ſo kamen ſie ſelten in dieſe Verſammlungen; ſie ſahen Nodier mit eiferſüchtigen Augen an. Nodier verband den Geiſt und die Poeſie mit der Gelehrſam⸗ keit, und das war ein Fehler, den die Academie der Wiſſenſchaften eben ſo wenig verzeiht, als die franzöſi⸗ ſche Academie. Dann ſpottete Nodier oft, Nodier biß zuweilen. Eines Tags hatte er den König von Böhmen und ſeine ſieben Schlöſſer gemacht; diesmal war er ungemein ſatyriſch geweſen. Man glaubte, Nodier werde für immer mit dem Inſtitut entzweit ſein. Keines Wegs: die Academie von Tombuctu verſchaffte Nodier den Eintritt in die franzöſiſche Academie. Man iſt ſich unter Schweſtern etwas ſchuldig. Nach ein paar Stunden immer leichter Arbeit, nachdem er zehn bis zwölf ungefähr ſechs Zoll hohe und vier Zoll breite Seiten Papier mit einer leſerlichen, regelmäßigen Schrift ohne irgend einen Durchſtrich be⸗ deckt hatte, ging Nodier aus. War er einmal ausgegangen, ſo ſchweifte er auf Gerathewohl umher, wobei er indeſſen beinahe immer der Linie der Quais folgte, aber über den Fluß hin und her ging, je nach der topographiſchen Lage der Standkrämer; von den Standkrämern trat er in die Läden der Buchhändler ein, und von den Läden der Buchhändler ging er in die Magazine der Buchbinder. Nodier verſtand ſich nämlich nicht nur auf die Bü⸗ cher, ſondern auch auf die Einbände. Mit den Meiſter⸗ werken von Gaſeon unter Ludwig KIII., von Deſſeuil 160 unter Ludwig XIV., von Pasdelvup unter Ludwig XV. und Ludwig XVI. war er ſo vertraut, daß er ſie mit geſchloſſenen Augen beim einfachen Berühren erkannte. Nodier hatte den Einband wieder ins Leben gerufen, der unter der Revolution und dem Kaiſerreich eine Kunſt zu ſein aufhörte; er war es, der die Wiederherſteller dieſer Kunſt, die Thouvenin, die Bradel, die Niedée, die Bozonnet, die Legrand ermuthigte, anleitete. Thouve⸗ nin, der an einer Bruſtkrankheit litt, erhob ſich in ſei⸗ nem Sterbebett, um einen letzten Blick auf die Einbände zu werfen, die er für Nodier machte. Die Streiferei von Nodier endigte beinahe immer bei Crozet und Techener, dieſen durch die Eiferſucht ent⸗ zweiten Schwägern, bei welchen ſein verſöhnliches Genie vermittelt hatte. Hier kamen die Bibliophilen zuſam⸗ men; hier verſammelte man ſich, um von Büchern, von Ausgaben, von Verkäufen zu ſprechen; hier fanden Tauſche ſtatt; dann war es, wenn Nodier erſchien, ein Schrei; ſobald er aber den Mund öffnete, vollkomme⸗ nes Stillſchweigen. Dann erzählte, paradoxirte Nodier de omni re scibili et quibusdam aliis. Am Abend, nach dem Familienmahle, arbeitete Nodier gewöhnlich im Speiſezimmer, zwiſchen drei im Dreieck aufgeſtellten Kerzen, nie mehr, nie weniger; wir haben geſagt, auf welchem Papier, mit welcher Schrift, immer mit Gänſefedern; Nodier haßte die Stahlfedern, wie, im Allgemeinen, alle neue Erfindun⸗ gen; das Gas brachte ihn in Wuth, der Dampf in Verzweiflung; er ſah das Ende der Welt unfehlbar und nahe bevorſtehend in der Zerſtörung der Wälder und in der Erſchöpfung der Steinkohlenbergwerke. In dieſen Wuthanfällen gegen die Fortſchritte der Civiliſation war Nodier glänzend vor Begeiſterung und von einer hin⸗ reißenden Gewalt. Gegen halb zehn Uhr Abends ging Nodier aus; diesmal folgte er nicht mehr der Linie der Quais, ſon⸗ dern der der Boulevards; er trat bei der Porte⸗Saint⸗ V. nit te. 161 Martin in das Ambigu oder bei den Funambules ein, bei den Funambules vorzugsweiſe. Nodier war es, der Debureau zu den Göttern erhob; für Nodier gab es nur drei Schauſpieler in der Welt: Debureau, Potier und Talma; Potier und Talma waren todt, aber De⸗ bureau blieb und tröſtete Nodier für den Verluſt der zwei Anderen. Nodier hatte hundertmal den wüthenden Ochſen geſehen. Jeden Sonntag frühſtückte Nodier bei Pirérécourt; hier fand er ſeine Beſuche wieder: den Bibliophilen Jacob, der König war, ſo lange Nodier nicht anweſend, und Vicekönig, wenn Nodier erſchien, den Marquis von Ganay, den Marquis von Chalabre. Der Marquis von Ganay, ein wechſelnder Geiſt, ein launenhafter Liebhaber, verliebt in ein Buch„wie ein Rous zur Zeit der Regentſchaft in eine Frau verliebt war, um es zu haben: dann, wenn er es hatte, war er einen Monat treu, nein, nicht treu, enthuſiaſtiſch; er trug es bei ſich, er hielt ſeine Freunde an, um es ihnen zu zeigen; er legte es am Abend unter ſein Kopfkiſſen, wachte in der Nacht auf und zündete ſeine Kerze an, um es zu betrachten, las es aber nie; immer neidiſch auf die Bücher von Pirérécourt, welche dieſer um irgend einen Preis an ihn zu verkaufen ſich weigerte, rächte er ſich für dieſe Weigerung dadurch, daß er bei der Verſteige⸗ rung von Frau von Caftellane ein Autograph kaufte, nach dem Pirérécourt ſeit zehn Jahren trachtete. „Gleichviel,“ ſagte Pirérécourt wüthend,„ich werde es dennoch bekommen.“ „Was?“ fragte der Marquis. „Ihr Autograph.“ „Wann?“ „Nach Ihrem Tode, bei Gottl“ Pirerécvurt würde Wort gehalten haben, hätte es F nicht für geeignet erachtet, Pirérécourt zu über⸗ eben. Tauſend und ein Geſpenſt. M. 11 162 Der Marquis von Chalabre trachtete nur nach Einem, nach einer Bibel, die Niemand hatte, hienach trachtete er aber auch mit der glühendſten Leidenſchaft. Er quälte Nodier ſo ſehr, daß dieſer ihm ein ein⸗ ziges Eremplar bezeichnete, daß Nodier am Ende etwas noch Beſſeres that, als der Marquis wünſchte: er be⸗ zeichnete ihm ein Exemplar, das gar nicht exiſtirte. Sogleich begann der Marquis ſeine Forſchungen nach dieſem Exemplar. Nie ſtrengte Chriſtoph Columbus mit ſolcher Lei⸗ denſchaft alle ſeine Kräfte an, um America zu entdecken. Vasco de Gama entwickelte keine ſolche Beharrlichkeit, um Indien wiederaufzufinden, als der Marquis von Chalabre ſie in Verfolgung ſeiner Bibel entwickelte. Aber America exiſtirte zwiſchen dem 700 nördlicher Breite und dem 53 und 54 füdlicher Breite. Aber Indien lag wirklich dieſſeits und jenſeits des Ganges, während die Bibel des Marquis von Chalabre unter gar keiner Breite und weder dieſſeits, noch jenſeits der Seine lag. Eine Folge hievon war, daß Vasco de Gama Indien wieder⸗ auffand, daß Chriſtoph Columbus America entdeckte, daß aber der Marquis, mochte er immerhin vom Nor⸗ den zum Süden, vom Oſten zum Weſten ſuchen, nichts fand. 6 Je unfindbarer die Bibel war, mit deſto größerem Eifer ſuchte der Marquis von Chalabre. Er hatte 500 Franken, er hatte 1000 Franken, er hatte 2000, 4000, 10,000 Franken geboten. Alle Bi⸗ bliographen waren in Verwirrung in Betreff dieſer un⸗ glücklichen Bibel. Man ſchrieb nach Deutſchland und nach England. Nichts. Auf eine Note des Marquis von Chalabre würde man ſich nicht ſo viel Mühe gege⸗ ben haben, man hätte einfach geantwortet: Sie exi⸗ ſtirt nicht. Aber auf eine Note von Nodier, das war etwas Anderes. Hatte Nodier geſagt: die Bibel exiſtirt, ſo eriſtirte ſie auch unſtreitbar. Der Papſt konnte ſich täuſchen; Nodier war unfehlbar. ei⸗ en. on lte. ite lag die eite ine er kte, or⸗ hts er Bi⸗ un⸗ und uis ge⸗ das ibel ſt „ 163 Die Nachforſchungen dauerten drei Jahre. Jeden Sonntag ſagte der Marquis von Chalabre, wenn er bei Pirérécourt mit Nodier frühſtückte, zu dieſem: „Nun! die Bibel, lieber Charles?“ „Nun!“ „Unfindbar!“ „Quaere et invenies,“ antwortete Nodier. Und mit erneuertem Eifer ſetzte der Bibliomane ſeine Forſchungen fort, jedoch ohne etwas zu finden. Endlich brachte man dem Marquis von Chalabre eine Bibel. Es war nicht die von Nodier bezeichnete Bibel; aber es waltete nur ein Unterſchied von einem Jahr beim Datum ob; ſie war nicht in Kehl gedruckt, jedoch in Straßburg— eine Entfernung von einer Stunde; ſie war allerdings nicht einzig, aber das zweite Exem⸗ plar; das einzige, welches exiſtirte, wurde am Libanon in einem druſiſchen Kloſter aufbewahrt. Der Marquis von Chalabre trug ſeine Bibel zu Nodier und fragte ihn um ſeine Anſicht. „Ah!“ rief Nodier, welcher ſah, daß der Marquis nahe daran war, verrückt zu werden, wenn er nicht eine Bibel bekam,„nehmen Sie dieſe, lieber Freund, da es unmöglich iſt, die andere zu finden.“ Der Marquis kaufte die Bibel um die Summe von zwei tauſend Franken, ließ ſie auf eine glänzende Art neu einbinden und legte ſie in ein beſonderes Käſtchen. Als der Marquis von Chalabre ſtarb, hinterließ er ſeine Bibliothek Mademoiſelle Mars. Mademoiſelle Mars war nichts weniger als Bibliomanin; ſie bat Merlin, die Bücher des Verſtorbenen zu claſſificiren und den Verkauf zu beſorgen. Merlin, der ehrlichſte Mann der Welt, trat eines Tags bei Mademoiſelle Mars mit drei⸗ ßig bis vierzig tauſend Franken Bankbillets in der Hand ein. Er hatte ſie in einer Art von Portefeuille gefun⸗ 164 den, das in dem herrlichen Einband dieſer beinahe ein⸗ zigen Bibel angebracht war. „Warum?“ fragte ich Nodier,„warum haben Sie dieſen Scherz mit dem armen Marquis von Chalabre getrieben, Sie, der Sie ſich ſo wenig mit dem Myſti⸗ ſieiren befaſſen?“ „Weil er ſich zu Grunde richtete, mein Freund, und weil er in den drei Jahren, die er ſeine Bibel ſuchte, an nichts Anderes dachte; nach Verlauf dieſer drei Jahre hat er zwei tauſend Franken ausgegeben; während dieſer drei Jahre hatte er fünfzig tauſend ver⸗ braucht.“ Nun, da wir unſern vielgeliebten Charles während der Woche und am Sonntag Morgen gezeigt, ſagen wir, was er am Sonntag von ſechs Uhr Abends bis um Mitternacht war. Das Arſenal. Wie hatte ich Nodier kennen gelernt? Wie lernte man Nodier kennen. Er leiſtete mir einen Dienſt: das war im Jahre 1827; ich hatte ſo eben Chriſtine beendigt; ich kannte Niemand bei den Miniſterien, Niemand beim Theater; meine Adminiſtra⸗ tion, ſtatt mir dazu zu verhelfen, daß ich Eingang bei der Comédie⸗Frangaiſe finden würde, war ein Hinder⸗ niß für mich. Ich hatte ſeit zwei bis drei Tagen den letzten Vers geſchrieben, der ſo ſehr ausgepfiffen und eben ſo ſehr beklatſcht worden iſt: Eh bien!. je n'ai pitié, mon pöre; qu'on l'a- chövel* *) Nun denn! ich habe kein Mitleid, mein Vater, man gebe ihm den Reſt. ir en ra⸗ bei er⸗ nd 165 Unter dieſen Vers hatte ich das Wort Ende ge⸗ ſchrieben: es blieb mir nichts mehr zu thun übrig, als mein Stück den Herren Schauſpielern des Königs vor⸗ zuleſen und von ihnen angenommen oder zurückgewieſen zu werden. Zum Unglück war zu jener Zeit die Regierung der Comédie⸗Frangaiſe, wie die Regierung von Venedig, republicaniſch, aber ariſtokratiſch, und es gelangte nicht Jeder, der da wollte, zu den durchlauchtigſten Herren vom Ausſchuß. Es war wohl ein Eraminator beauftragt, die Stücke von jungen Leuten zu leſen, welche noch nichts gemacht und folglich auf eine Leſung nur nach dem Erxamen Anſpruch zu machen hatten, allein es exiſtirten in den dramatiſchen Ueberlieferungen ſo traurige Geſchichten von Manuſeripten, welche, bis die Reihe des Vorleſens an ſie kam, einige Jahre hatten warten muſſen, daß ich, der ich mit Dante und Mildon vertraut war, dieſer Vorhölle nicht die Stirne zu bieten wagte, denn ich zitterte, meine Chriſtine dürfte ſie ganz einfach vermeh⸗ ren, die Zahl von Questi sciaurati, che mai fur non vivi. Ich hatte von Nodier, als dem geborenen Protec⸗ tor jedes angehenden Dichters, ſprechen hören. Ich bat ihn um ein Wort der Einführung beim Baron Taylor. Er ſchickte es mir; acht Tage nachher hatte ich Leſung beim Théätre⸗Frangais„ und ich war beinahe ange⸗ nommen. Ich ſage beinahe, weil in Chriſtine, im Vergleich mit der Zeit, in der wir leben, das heißt im Jahre der Gnade 1827, ſolche literariſche Ungeheuerlichkeiten vorkommen, daß die orventlichen Herren Schauſpieler des Königs es nicht wagten, mich mit dem erſten Schlag anzunehmen, und ihre Anſicht der von Herrn Picard, dem Verfaſſer der kleinen Stadt, unterordneten. 166 Herr Picard war eines von den Orakeln jener Zeit. Firmin führte mich zu Herrn Picard. Herr Pieard empfing mich in einer mit allen Ausgaben ſeiner Werke ausgeſtatteten und mit ſeiner Büſte geſchmückten Biblio⸗ thek. Er nahm mein Manuſcript, beſchied mich auf acht Tage nachher und entließ uns. Nach acht Tagen, auf die Stunde, erſchien ich an der Thüre von Herrn Picard. Herr Piecard erwartete mich augenſcheinlich; er nahm mich mit dem Lächeln von Rigobert in: Dieſes Haus iſt zu verkau⸗ fen, auf. „Mein Herr,“ ſagte er zu mir, indem er mir mein ſauber zuſammengerolltes Manuſeript zurückgab.„Haben Sie einige Exiſtenzmittel?“ Der Eingang war nicht ermuthigend. „Ja, mein Herr,“ antwortete ich,„ich habe eine kleine Stelle beim Herrn Herzog von Orleans.“ „Wohl denn! mein Kind,“ ſagte er, während er mir freundlich mein Manuſeript in meine beiden Hände legte, „gehen Sie an Ihren Schreibtiſch.“ Und entzückt, ein Witzwort gemacht zu haben, rieb er ſich die Hände und bedeutete mir durch die Geberde, die Audienz ſei zu Ende. Ich war nichtsdeſtoweniger Nodier Dank ſchuldig und begab mich ins Arſenal. Nodier empfing mich, wie er empfing, mit einem Lächeln ebenſo... Doch es iſt ein Unterſchied im Lächeln, wie Moliöre ſagt. Das Lächeln von Picard vergeſſe ich vielleicht nicht,! doch das von Nodier werde ich nie vergeſſen. Ich wollte Nodier beweiſen, ich ſei ſeiner Gönner⸗ ſchaft nicht ſo ganz unwürdig, als er nach der Antwort, die mir Picard gegeben, hätte glauben können, und ließ bei ihm mein Manuſcript zurück. Am andern Tag er⸗ hielt ich einen reizenden Brief, der mir meinen ganzen Muth wiederverlieh und mich zu den Abendunterhal⸗ tungen im Arſenal einlud. d ke 0 ht n te n 1⸗ in n e ir b e⸗ ig ie iſt r⸗ ß r⸗ en 167 Dieſe Abendunterhaltungen waren etwas Herrli⸗ ches, etwas, was keine Feder wiedergeben wird. Sie fanden am Sonntag ſtatt und begannen in Wirklichkeit um ſechs Uhr. um ſechs Uhr war der Tiſch beſtellt. Durch die Stiftung dabei theilnehmend waren: Cailleux, Taylor, Francis Wey, den Nodier wie einen Sohn liebte, dann, durch Zufall, ein paar Eingeladene, dann, wer wollte. Einmal in die reizende Intimität dieſes Hauſes zu⸗ gelaſſen, ſpeiſte man bei Nodier, wann man Luſt hatte. Es lagen immer zwei bis drei Gedecke, welche auf die Zufallsgäſte warteten. Waren dieſe drei Gedecke un⸗ zulänglich, ſo fügte man ein viertes, ein fünftes, ein ſechstes bei. Mußte man die Tafel verlängern, ſo ver⸗ längerte man ſie. Aber wehe dem, welcher als der Dreizehnte kam; dieſer ſpeiſte unbarmherzig an einem abgeſonderten Tiſchchen, wenn ihn nicht ein Vierzehnter von ſeiner Pönitenz erlöſte. Nodier hatte ſeine Manien; er zog das ſchwarze Brod dem weißen, das Zinn dem Silber, das Talglicht der Wachskerze vor. „ Niemand merkte darauf, als Madame Nodier, die ihn nach ſeinem Gefallen bediente. Nach Verlauf von ein paar Jahren war ich einer der Vertrauten, von denen ich vorhin ſprach. Ich konnte, ohne mich zuvor zu melden, zur Stunde des Mittag⸗ mahles kommen; man empfing mich mit Ausrufungen, die mir keinen Zweifel darüber ließen, daß ich willkom⸗ men war, und man ſetzte mich am Tiſch, oder ich ſetzte Nch am Tiſch zwiſchen Madame Nodier und arie. Nach einiger Zeit wurde das, was nur ein facti⸗ ſcher Punkt war, ein Punkt des Rechts. Kam ich zu ſpät, war man ſchon bei Tiſche und mein Platz einge⸗ nommen, ſo machte man dem uſurpirenden Gaſt ein Zeichen der Entſchuldigulg; mein Platz wurde mir zu⸗ 168 rückgegeben, und derjenige, welchen ich vertrieben, mochte ſich, bei meiner Treue! ſetzen, wohin er konnte. Nodier behauptete dann, ich ſei ein Glück für ihn, weil ich ihn der Aufgabe, zu ſprechen, überhebe. Doch wenn ich ein Glück für ihn war, ſo war ich ein Un⸗ glück für die Andern. Nodier war der reizendſte Plau⸗ derer, den es auf der Welt gab. Man mochte immer⸗ hin meiner Converſation thun, was man einem Feuer thut, daß es flammt, nämlich es anfachen, ſchüren, die Feil⸗ ſpäne hineinwerfen, welche die Funken des Geiſtes ſprühen machen, wie die der Schmiede, das war Begeiſterung, das war Erguß, das war Jugend; doch es war nicht jene Treuherzigkeit, jener unausſprechliche Zauber, jene unendliche Anmuth, worin, wie in einem ausgeſpannten Netz, der Vogelſteller Alles fängt, junge und alte Vö⸗ gel; es war nicht Nodier. Es war ein Gutgenug, mit dem man ſich zufrieden ſtellte, nicht mehr. Aber zuweilen ſchmollte ich, zuweilen wollte ich nicht ſprechen, und weigerte ich mich, ſo mußte wohl Nodier ſprechen, da er zu Hauſe war; dann horchte alle Welt, kleine Kinder und große Perſonen. Es war zugleich Walter Scott und Perrault, es war der Ge⸗ lehrte im Kampf mit dem Dichter, das Gedächtniß im Kampf mit der Einbildungskraft. Nodier war dann nicht nur unterhaltend anzuhören, ſondern auch reizend anzuſchauen. Sein langer, abgezehrter Leib, ſeine lan⸗ gen, mageren Arme, ſeine langen, bleichen Hände, ſein langes Geſicht voll ſchwermüthigen Wohlwollens, dies Alles harmonirte mit ſeiner ein wenig ſchleppenden Sprache, welche in gewiſſen periodiſch wiedergebrach⸗ ten Tönen ein hochburgundiſcher Accent modellirte, den Nodier nie ganz verloren hat. Oh! da war die Erzählung etwas Unerſchöpfliches, immer Neues, nie Wiederholtes. Die Zeit, der Raum, die Geſchichte, die Natur waren für Nodier jener Säckel von Fortu⸗ natus, aus dem Peter Schlemil ſeine Hände immer voll ————— ———— en, te. n, och n⸗ u r⸗ ter il⸗ en g⸗ ht ne en ö⸗ ch hl te ar e⸗ m nn nd n in en h⸗ ie ie ⸗ 169 zurückzog. Er hatte alle Welt gekannt: Danton, Char⸗ lotte Corday, Guſtav III., Caglioſtro, Pius VI., Ca⸗ tharina II., den großen Friederich, was weiß ich? wie den Grafen von Saint⸗Germain, wie Tarantatello; er hatte der Schöpfung der Welt beigewohnt und die Jahrhunderte ſich verwandelnd durchſchritten. Er hatte ſogar über dieſe Verwandlung eine äußerſt geiſtreiche Theorie. Nach Nodier waren die Träume nur eine Er⸗ innerung in einem andern Planeten verlaufener Tage, eine Reminiscenz deſſen, was einſt geweſen. Nach Nodier entſprachen die phantaſtiſchſten Träume früher im Saturn, in der Venus, im Mercur in Erfüllung gegangenen Thatſachen: die ſeltſamſten Bilder waren nur die Schatten von Formen, die ihr Andenken in un⸗ ſere unſterbliche Seele eingeprägt hatten. Als er zum erſten Mal das Muſeum der Fpſſilien im Jardin des PVlantes beſuchte, rief er beim Anblick gewiſſer Thiere, er habe ſie bei der Sündfluth von Deucalion und von Pyrrha geſehen; und zuweilen entſchlüpfte ihm das Geſtändniß, als er das Trachten der Tempelherren nach dem Beſitze der Welt wahrgenommen, habe er Jacques Molay ſeinen Ehrgeiz zu bemeiſtern gerathen. Er war nicht daran Schuld, daß man Chriſtus gekreuzigt; allein unter ſeinen Zuhörern hatte er ihn auf die ſchlimmen Abſichten von Pilatus aufmerkſam gemacht. Dem ewi⸗ gen Juden beſonders hatte Nodier zu begegnen Gele⸗ genheit gehabt; das erſte Mal in Rom zur Zeit Gre⸗ gor VII., das zweite Mal in Paris am Tage vor der Bartholomäus⸗Nacht, und das letzte Mal in Vienne im Dauphiné, worüber er koſtbare Documente beſaß. Und in dieſer Hinſicht hob er einen Irrthum hervor, in den die Gelehrten und die Dichter, und beſonders Edgar Guinet, verfallen waren: nicht Ahasverus, was ein halb griechiſcher, halb lateiniſcher Name iſt, hieß der Mann mit den fünf Sous, ſondern Iſaak Laquedeme: dafür konnte er ſich verbürgen, denn er hatte es aus ſeinem eigenen Munde. Von der Politik, von der Phi⸗ 170 loſophie, von der Tradition ging er ſobann auf die Naturgeſchichte über. Oh! wie weit ließ Nodier in dieſer Wiſſenſchaft Herodot, Plinius, Marco Polo, Buf⸗ fon und Lacépoͤde hinter ſich! Er hatte Spinnen ken⸗ nen gelernt, gegen welche die Spinne von Peliſſon nur eine ärmliche Schelmin; er hatte Kröten beſucht, gegen die Methuſalem nur ein Kind; er war endlich in Ver⸗ bindung mit Kaimans geſtanden, gegen welche die Ta⸗ rasque nur eine Eidechſe. Es begegneten auch Nodier von jenen Zufällen, wie ſie nur Menſchen von Genie begegnen. Eines Tags, als er Schmetterlinge ſuchte— es war dies bei ſeinem Aufenthalte in Steiermark, einem Lande der Granitfel⸗ ſen und der Jahrhunderte alten Bäume— ſtieg er an einem Baume aufwärts, um eine Höhlung zu erreichen, die er erblickte, ſteckte ſeine Hand in dieſe Höhlung, wie er dies zu thun pflegte, und zwar ziemlich unvorſichtig, denn einſt zog er aus einer ähnlichen Höhlung ſeinen Arm bereichert mit einer Schlange zurück, die ſich um denſelben gewickelt hatte; eines Tags alſo, da er eine Höhlung gefunden, ſteckte er ſeine Hand in dieſe und fühlte etwas Schlaffes, Kleberiges, was dem Drucke ſeiner Finger nachgab. Er zog raſch ſeine Hand zu⸗ rück und ſchaute: zwei Augen glänzten von einem mat⸗ ten Feuer in der Tiefe der Höhlung. Nodier glaubte an den Teufel; als er dieſe zwei Augen ſah, welche einiger Maßen den Gluthaugen von Caron, wie Dante ſagt, glichen, fing Nodier an zu entfliehen; dann über⸗ legte er, beſann ſich eines Andern, nahm ein Hammer⸗ beil, maß die Tiefe des Loches und begann eine Oeff⸗ nung an der Stelle zu machen, wo er annahm, daß der unbekannte Gegenſtand ſein müßte. Beim fünften oder ſechsten Schlag floß das Blut aus dem Baum, gerade wie unter dem Schwerte von Tanered das Blut aus dem Zauberwalde Taſſo's floß. Aber es war keine ſchöne Kriegerin, was ihm erſchien, ſondern eine unge⸗ heure Kröte, gleichſam in den Baum eingefugt, wohin ie 171 ſie ohne Zweifel vom Winde getragen worden war, als ſie noch die Größe einer Biene hatte. Seit wie lange war ſie da? Seit zweihundert, ſeit dreihundert, ſeit fünfhundert Jahren vielleicht. Sie war fünf Zoll lang und drei breit. Ein andermal, dies war in der Normandie, zur Zeit, da er mit Taylor die maleriſche Reiſe durch Frank⸗ reich machte, trat er in eine Kirche ein; am Gewölbe dieſer Kirche hingen eine rieſige Spinne und eine un⸗ geheure Kröte. Er wandte ſich an einen Bauern, um Auskunft über dieſes ſeltſame Paar zu erhalten. Und man vernehme nun, was ihm der Bauer er⸗ zählte, nachdem er ihn zu einer von den Platten der Kirche geführt hatte, worauf ein liegender Ritter in ſeiner Rüſtung ausgehauen war. Dieſer Ritter war ein alter Baron, der in der Gegend ein ſo abſcheuliches Andenken hinterlaſſen hatte, daß auch die Keckſten ſich abwandten, um nicht den Fuß auf ſein Grab zu ſetzen, und zwar nicht aus Ehrfurcht, ſondern aus Angſt. Ueber dieſem Grabe ſollte in Folge eines Gelübdes, das dieſer Ritter auf ſeinem Sterbe⸗ bette gethan hatte, Tag und Nacht eine Lampe bren⸗ nen, zu welchem Behufe von dem Todten eine Stiftung gemacht worden war, welche dieſe Ausgabe und noch darüber beſtritt. An einem ſchönen Tag oder vielmehr in einer ſchö⸗ nen Nacht, in der zufällig der Pfarrer nicht ſchlief, ſah dieſer vom Fenſter ſeines Zimmers aus, das auf die Fen⸗ ſter der Kirche ging, die Lampe erbleichen und erlöſchen. Er ſchrieb dies einem Zufall zu und ſchenkte der Sache in dieſer Nacht keine große Aufmerkſamkeit. Als er aber in der folgenden Nacht gegen zwei Uhr Morgens erwachte, kam ihm der Gedanke, ſich zu verſichern, ob die Lampe brenne. Er ſtieg von ſeinem Bette herab, trat an das Fenſter und conſtatirte de daß die Kirche in die tieſſte Finſterniß verſun⸗ war. 172 Dieſes Ereigniß, das ſich zweimal in acht und vier⸗ zig Stunden zutrug, nahm eine gewiſſe ernſte Seite an. Am andern Morgen bei Tagesanbruch ließ der Pfarrer den Meßner kommen und beſchuldigte ihn einfach, er habe das Oel zu ſeinem Salat verwendet, ſtatt es in die Lampe zu gießen. Der Meßner ſchwur bei allen Göttern, es ſei dem nicht ſo; in den fünfzehn Jahren, die er Meßner zu ſein die Ehre habe, fülle er jeden Abend gewiſſenhaft die Lampe, und das müſſe ein Streich von dem boshaften Ritter ſein, der, nachdem er die Menſchen ſein Leben hindurch geplagt, drei hundert Jahre nach ſeinem Tod wieder anfange, ſie zu plagen. Der Pfarrer erklärte, er vertraue vollkommen dem Worte des Meßners, nichtsdeſtoweniger aber wünſche er am Abend dem Füllen der Lampe beizuwohnen; dem⸗ zu Folge wurde, als die Nacht eintrat, in Gegenwart des Pfarrers das Oel in das Gefäß gegoſſen und die Lampe angezündet: als die Lampe angezündet war, ſchloß der Pfarrer ſelbſt die Thüre der Kirche, ſieckte 2 in ſeine Taſche und ging wieder nach auſe. Dann nahm er ſein Brevier, machte es ſich in ei⸗ nem großen Lehnſtuhl beim Fenſter bequem, und war⸗ tete, die Augen abwechſelnd auf das Buch und auf die Kirche heftend. Gegen Mitternacht ſah er das Licht, das die Schei⸗ ben beleuchtete, erbleichen und erlöſchen. Diesmal waltete eine ſeltſame, geheimnißvolle, un⸗ erklärliche Urſache ob, an der der arme Meßner keinen Theil haben konnte. Einen Augenblick dachte der Pfarrer, Diebe ſchlei⸗ chen ſich in die Kirche ein und ſtehlen das Oel. Ange⸗ nommen jedoch, es werde die Miſſethat von Dieben begangen, waren es ſehr ehrliche Burſche, daß ſie ſich mit dem Stehlen des Oels begnügten und die heiligen Gefäße verſchonten. Es waren alſo keine Diebe; es war alſo eine an⸗ ———— ier⸗ an. rer er in llen en, den eich die ert en. em ſche m⸗ art die ar, ckte ach ar⸗ die ei⸗ in⸗ en ei⸗ ge⸗ en ich en in⸗ 173 dere Urſache, als irgend eine von denjenigen, welche man ſich einbilden konnte, eine übernatürkiche Urſache vielleicht. Der Pfarrer beſchloß, dieſe Urſache kennen zu lernen, welche es auch ſein mochte. Am andern Tag goß er ſelbſt das Oel ein, um ſich zu überzeugen, daß er ſich nicht durch ein Taſchen⸗ ſpielerſtückchen bethören laſſe; dann, ſtatt wegzugehen, wie er es am vorhergehenden Tag gethan hatte, ver⸗ barg er ſich in einem Beichtſtuhle. Die Stunden vergingen; die Lampe leuchtete mit einem ruhigen, gleichmäßigen Scheine. Es ſchlug Mit⸗ ternacht... Der Pfarrer glaubte ein leichtes Geräuſch, dem eines Steines ähnlich, welcher verrückt wird, zu hören; dann ſah er etwas wie den Schatten eines Thieres mit rieſigen Pfoten, welcher Schatten an einem Pfeiler hinaufſtieg, längs dem Karnieß hinlief, einen Augen⸗ blick am Gewölbe erſchien, an der Schnur hinabſtieg und einen Halt auf der Lampe machte, welche allmälig erbleichte, ſchwankte und erloſch. Der Pfarrer befand ſich in der völligſten Finſter⸗ niß. Er begriff, daß er ſeinen Verſuch zu wiederholen und ſich dann mehr dem Orte zu nähern hatte, wo die Scene Lorfiel. Nichts konnte leichter ſein; ſtatt ſich in dem Beicht⸗ ſtuhl zu verbergen, welcher auf der der Lampe entgegen⸗ geſetzten Seite der Kirche ſtand, brauchte er nur den Beichtſtuhl zu wählen, welcher einige Schritte von ihr entfernt war. Alles geſchah am andern Tag wie am vorhergehen⸗ den; nur wechſelte der Pfarrer den Beichtſtuhl und ver⸗ ſah ſich mit einer Diebslaterne. Bis um Mitternacht dieſelbe Ruhe, dieſelbe Stille, dieſelbe Redlichkeit der Laterne in Erfüllung ihrer Funetio⸗ nen. Aber beim letzten Schlage der zwölften Stunde auch vaſſelbe Krachen wie am vorhergehenden Tage. Nur, da das Krachen ſich vier Schtitte vom Beichtſtuhl hör⸗ 174 bar machte, konnten ſich die Augen des Pfarrers un⸗ auf die Stelle richten, von der das Geräuſch am. Es war das Grab des Ritters, was krachte. Dann erhob ſich die behauene Platte, welche die Grabſtätte bedeckte, langſam, und aus der Oeffnung ſah der Pfarrer eine Spinne von der Größe eines Pudels mit ſechs Zoll langen Haaren und eine Elle langen Pfoten herauskommen; dieſe Spinne kletterte auf der Stelle, ohne zu zögern, ohne einen Weg zu ſuchen, wo⸗ mit ſie, wie man ſah, vertraut war, am Pfeiler hin⸗ auf, lief am Karnieß hin, ſtieg an der Schnur hinab und fing, unten angelangt, an, das Oel der Lampe zu trinken, welche ſodann erloſch. Nun aber bediente ſich der Pfarrer ſeiner Blend⸗ laterne, deren Strahlen er nach dem Grabe des Ritters richtete. Da gewahrte er, daß der Gegenſtand, der es halb geöffnet hatte, eine Kröte ſo groß wie eine Seeſchild⸗ kröte war, welche, indem ſie ſich anſchwellte, den Stein aufhob und der Spinne Durchgang gewährte; dieſe pumpte dann ſogleich das Oel aus und kam zurück, um es mit ihrer Gefährtin zu theilen. Beide lebten ſo ſeit Jahrhunderten in dieſem Grabe, wo ſie wahrſcheinlich noch heute wohnen würden, hätte nicht ein Zufall dem Pfarrer die Anweſenheit irgend eines Diebes in ſeiner Kirche entdeckt. Am andern Tage requirirte der Pfarrer bewaffnete Mannſchaft; man hob den Stein vom Grabe auf und tödtete das Inſekt und das Reptil, deren Leichname man an der Decke aufhing, wo ſie dieſes ſeltſame Ereigniß beglaubigten. Der Bauer, der dieſe Sache Nodier erzählte, war einer von denjenigen, welche der Pfarrer zu Be⸗ kämpfung der zwei Gäſte im Grabe des Ritters herbei⸗ gerufen; wie der Pfarrer, war er hauptſächlich der Kröte mit aller Heftigkeit zu Leibe gegangen, und ein Bluts⸗ un⸗ uſch die ſah dels gen der wo⸗ hin⸗ nab zu nd⸗ ers alb ild⸗ ein ieſe um be, itte end ete und lan niß te, Be⸗ ei⸗ öte t6⸗ 175 tropfen des unreinen Thieres, der ihm auf ſein Augen⸗ lid geſpritzt, hätte ihn beinahe, wie Tobias, blind ge⸗ macht. Er kam mit der Einängigkeit davon. Vas Arſenal. Es beſchränkten ſich für Nodier die Geſchichten von der Kröte nicht hierauf; es lag in der langen Lebens⸗ dauer dieſes Thieres etwas Geheimnißvolles, was der Einbildungskraft von Nodier gefiel. Er kannte auch alle Geſchichten von hundert- oder tauſendjährigen Krö⸗ ten. Alle Kröten, die man in Steinen und Baumſtäm⸗ men entdeckt, von der vom Bildhauer Leprince, in Eret⸗ teville im Jahre 1756 in einem harten Steine, wo ſie eingefugt war, aufgefundenen Kröte, bis zu der Kröte, welche Heriſſant 1771 in ein Gefäß von Gyps einſchloß und 1774 vollfommen lebendig wiederfand, gehörten zu ſei⸗ ner Competenz. Fragte man Nodier, wovon dieſe un⸗ glücklichen Gefangenen leben, ſo antwortete er, ſie ver⸗ zehren ihre Haut. Er hatte eine Stutzerin⸗Kröte ſtudirt, welche ſechsmal in einem Winter eine neue Haut ange⸗ nommen und die alte gefreſſen hatte. Was diejenigen betrifft, welche in Steinen von einer Urformation ſeit der Schöpfung der Welt eingeſchloſſen waren, wie die, welche man im Steinbruch von Burſwirk in Gothland auffand, ſo erſchienen die völlige Unthätigkeit, in der ſie zu verharren genöthigt waren, der Stillſtand des Lebens in einer Temperatur, die durchaus keine Auf⸗ löſung geſtattete und nicht den Wiebererſatz irgend eines Verluſtes nothwendig machte, die Feuchtigkeit des Ortes 176 endlich, welche die des Thieres unterhielt und ſeine Zer⸗ ſtörung durch das Vertrocknen verhinderte, als genügende Gründe für eine Ueberzengung, bei der eben ſo viel Glauben als Wiſſen obwaltete. neßrigens hatte Nodier, wie geſagt, eine gewiſſe natürliche Demuth, einen gewiſſen Hang, ſich ſelbſt klein zu machen, der ihn zu den Kleinen und Demüthigen hinzog. Nodier, der Bibliophile, fand unter den Bü⸗ chern unbekannte Meiſterwerke, die er aus dem Grabe der Bibliotheken hervorzog; Nodier, der Philanthrop, fand unter den Lebendigen unbekannte Dichter, die er an das Tageslicht brachte und zur Berühmtheit führte; jede Unterdrückung, jede Ungerechtigkeit empörte ihn, und ſeiner Anſicht nach unterdrückte man die Kröte, war man ungerecht gegen ſie; man kannte die Tugen⸗ den der Kröte nicht oder wollte ſie nicht kennen. Die Kröte war guter Freund*); Nodier hatte es ſchon durch die Verbindung der Kröte und der Spinne be⸗ wieſen, und er bewies es, ſtreng genommen, zweimal, da er eine andere Geſchichte von einer Kröte und einer Eidechſe erzählte, welche nicht minder phantaſtiſch als die erſte; die Kröte war alſo nicht nur guter Freund, ſondern auch guter Vater und guter Gatte. Indem die männliche Kröte ſelbſt ihr Weibchen entband, gab ſie den Männern die erſte Lection in der ehelichen Liebe; indem ſie die Eier von ihrer Familie um ihre Hinterpfoten wickelte oder auf dem Rücken trug, gab ſie den Familienhäuptern die erſte Lection in der Väter⸗ lichkeit; was jenen Geifer betrifft, den die Kröte ver⸗ breitet oder ſogar ausſpritzt, ſo verſicherte Nodier, es ſei dies die unſchuldigſte Subſtanz der Welt, und er ziehe ſie dem Speichel vieler ihm bekannten Kritiker vor. *) Ich muß den Leſer darau erinnern, daß die Kröte im Franzö⸗ ſiſchen le crapand heißt, jolglich männlich iſt⸗ Der umſtand, daß dieſes Thier im Deutſchen durch ein Feminenum bezeichnet wird, benimmt der Ueberſetzung die Raivetät des Originals. d. Ueberſ. . er⸗ de iel iſſe ein gen ü⸗ abe op, er te; hn, öte, en⸗ Die hon be⸗ nal, und iſch uter tte. and, chen ihre gab ter⸗ ver⸗ es der tiker anzö⸗ tand, chnet 177 Nicht als ob dieſe Kritiker nicht wie die Anberen bei ihm empfangen, und zwar gut empfangen worden wären; aber allmälig zogen ſie ſich von ſelbſt zurück; ſie fühlten ſich nicht behaglich inmitten dieſes Wohl⸗ wollens, das die natürliche Atmoſphäre des Arſenals war, eine Atmoſphäre, durch welche der Spott nur durchzog, wie der Leuchtkäfer in jenen ſchönen Nächten von Flo⸗ renz und Nizza durch die Luft zieht, nämlich um einen Schein von ſich zu geben und alsbald zu er⸗ löſchen. So kam man zum Ende eines bezaubernden Mit⸗ tagmahles, wobei alle Vorfälle, ein Umwerfen des Salzfaſſes, ein verkehrt gelegtes Brod ausgenommen, von der philoſophiſchen Seite in Betracht gezogen wur⸗ den; dann ſervirte man den Kaffee bei Tiſche. Nodier war im Grunde Sybarit; er ſchätzte ſehr wohl jenes Gefühl vollkommener Sinnlichkeit, welches keine Ortsveränderung, keine Störung zwiſchen das Deſſert und die Krone des Deſſert ſtellt. Während die⸗ ſer Augenblicke aſiatiſcher Wonne ſtand Madame Nodier auf und ließ die Lichter im Salon anzünden. Ich, der ich keinen Kaffee nahm, begleitete ſie oft. Mein langer Wuchs war ihr von großem Nutzen, um den Luſtre anzuzünden, ohne auf Stühle zu ſteigen. Da erhellte ſich der Salon, denn vor dem Mit⸗ tagmahle und an gewöhnlichen Tagen wurde man im⸗ mer nur im Schlafzimmer von Madame Nodier empfan⸗ gen; da erhellte ſich der Salon und beleuchtete weiß angemaltes Getäfel mit Simswerk aus der Zeit von Ludwig XV., ein höchſt einfaches Ameublement, beſtehend aus zwölf Lehnſtühlen und einem Canapé von rothem Caſimir, Fenſtervorhängen von derſelben Farbe, einer Büſte von Hugo, einer Statue von Heinrich IV., ei⸗ nem Portrait von Nodier und einer Alpenlandſchaft von Regnier. Fünf Minuten nach ſeiner Beleuchtung traten in Tauſend und ein Geſpenſt. M. 12 178 dieſen Salon die Gäſte ein; Nodier kam zuletzt; er ſtützte ſich auf den Arm von Dauzatz, auf den von Bixio, auf den von Francis Wey oder auf den meini⸗ gen; Nodier immer ſeufzend und klagend, als hätte er nur den Athem gehabt. Dann ſtreckte er ſich in einem großen Lehnſtuhl rechts vom Kamin aus, ſchob die Beine weit vor ſich hin und ließ die Arme hängen, oder er ſtellte ſich vor das Geſimſe, die Waden am Feuer, den Rücken am Spiegel. Streckte er ſich im Lehnſtuhl aus, ſo war Alles abgethan. In den Augenblick der Glück⸗ ſeligkeit verſunken, welchen der Kaffee gibt, wollte Nodier als Egoiſt ſich ſelbſt genießen und ſtillſchweigend dem Traume ſeines Geiſtes folgen; lehnte er ſich am Ge⸗ ſimſe an, ſo war es etwas Anderes: er wollte erzählen; dann ſchwieg alle Welt, dann entrollte ſich eine von jenen reizenden Geſchichten aus ſeiner Jugend, welche ein Roman von Longus, eine Idylle von Theokrit zu ſein ſchienen, oder ein düſteres Drama der Revolution, deren Schauplatz immer ein Schlachtfeld der Vendée oder der Revolutions⸗Platz war, oder endlich eine geheim⸗ nißvolle Verſchwörung von Cadoudal oder Oudet, von Staps oder von Lahorie. Dann beobachteten die Ein⸗ tretenden ein völliges Stillſchweigen, grüßten mit der Hand, ſetzten ſich in ein Fauteuil oder lehnten ſich an das Getäfel an. Die Geſchichte endigte, wie Alles en⸗ digt. Man klatſchte eben ſo wenig Beifall, als man dem Gemurmel eines Baches, dem Geſang eines Vogels klatſcht; wenn aber das Gemurmel erloſchen war, wenn der Geſang aufgehört hatte, lauſchte man noch. Dann ſetzte ſich Marie, ohne etwas zu ſagen, an ihr Klavier, und plötzlich ſchoß eine glänzende Notenrakete in die Lüfte empor, wie das Präludium eines Kunſtfeuerwerks; in Winkel verbannt, ſetzten ſich die Spieler an Tiſche und ſpielten. MNodier hatte lange nur Bataille geſpielt: das war ſein Lieblingsſpiel, und er glaubte darin eine beſondere ——— — ſ er von ini⸗ eer nem eine er den us, ück⸗ dier dem Ge⸗ en; von lche zu ion, dée im⸗ von Fin⸗ der an en⸗ nan els enn ann ier, die ks; ſche war ere 179 Stärke zu beſitzen; endlich machte er dem Jahrhundert eine Conceſſion und ſpielte Ecarté. Nun ſang Marie Worte von Hugo, von Lamar⸗ tine oder von mir, von ihr ſelbſt in Muſik geſetzt; dann hörte man plötzlich, mitten unter dieſen reizenden, im⸗ mer zu kurzen Melodien das Ritornell eines Contre⸗ tanzes ertönen: jeder Cavalier lief zu ſeiner Tänzerin, und ein Ball begann. Ein reizender Ball, deſſen Koſten Marie allein trug, wobei ſie unter den von ihren Fingern auf die Taſten des Klaviers geſtickten Trillern ein Wort denjenigen zuwarf, welche ſich ihr bei jedem Traverſé, bei jeder Chaine der Damen, bei jedem Chaſſe⸗croiſé näherten. Von dieſem Augenblick an verſchwand Nodier, völlig vergeſſen, denn er war keiner von den abſoluten, hrumm⸗ bärigen Hausherren, deren Gegenwart man fühlt, deren Annäherung man erräth. Er war der Wirth des Alter⸗ thums, welcher verſchwindet, um demjenigen Platz zu machen, den er empſfängt, und ſich damit begnügt, daß er freundlich, ſchwach und beinahe weibiſch iſt. Nachdem er ein wenig verſchwunden, verſchwand übrigens Nodier ganz und gar. Nodier legte ſich früh⸗ zeitig zu Bette, oder man legte vielmehr Nodier früh⸗ zeitig zu Bette. Madame Nodier war mit dieſer Sorge beauftragt. Im Winter verließ ſie den Salon zuerſtz zuweilen, wenn keine Gluth in ber Küche war, ſah man dann einen Bettwärmer hereinbringen, füllen und in das Schlafzimmer tragen. Nodier folgte dem Bettwär⸗ mer, und Alles war abgethan. Nach zehn Minuten kam Madame Nodier zurück. Nodier war zu Bette gegangen und entſchlief bei den Melodien ſeiner Tochter, beim Geräuſch der Füße und dem Gelächter der Tänzer. Eines Tages fanden wir Nodier noch viel demü⸗ thiger als gewöhnlich. Diesmal war er verlegen, he⸗ ſchämt. Wir fragten ihn beſorgt, was er hätte. — 180 Nodier war zum Mitglied der Academie ernannt worden. 5 entſchuldigte ſich auf das Demüthigſte bei Hugo und mir. Aber es war nicht ſeine Schuld, die Academie hatte ihn in dem Augenblick ernannt, wo er es am we⸗ nigſten erwartete. So gelehrt für ſich allein, als alle Academiker mit einander, zerſtörte auch Nodier, Stein für Stein, das Dictionnaire der Academie. Er erzählte, der Unſterb⸗ liche, der mit der Abfaſſung des Artikels Krebs be⸗ auftragt geweſen ſei, habe ihm eines Tags dieſen Ar⸗ F und ihn um ſeine Anſicht darüber be⸗ ragt. Der Artikel war in folgenden Worten abgefaßt: „Krebs, ein kleiner, rother Fiſch, der rückwärts eht.“ „Es iſt nur ein Irrthum bei Ihrer Definition,“ erwiederte Nodier,„der, daß der Krebs kein Fiſch iſt, daß er nicht roth iſt, und daß er nicht rückwärts geht.. Das nebrige iſt vortrefflich.“ Ich vergeſſe, zu erwähnen, daß mitten unter dem Allem Marie Nodier geheirathet hatte und Madame Meneſſier geworden war; doch dieſe Heirath hatte durchaus nichts am Leben des Arſenals geändert. Jules war ein Freund von Allen; man ſah ihn ſeit langer Zeit in das Haus kommen; er wohnte darin, ſtatt dahin zu kommen, das war der ganze Unterſchied. Ich täuſchte mich, es war ein großes Opfer ge⸗ bracht worden: Nodier verkaufte ſeine Bibliothek; No⸗ dier liebte ſeine Bücher, aber er betete Marie an. Eines iſt hier zu bemerken: Niemand wußte einem Buch einen Ruf zu machen, wie Nodier. Wollte er ein Buch verkaufen oder verkaufen laſſen, ſo verherr⸗ lichte er es durch einen Artikel; mit dem, was er darin enideckte, machte er ein einziges Eremplar daraus. Ich erinnere mich der Geſchichte eines Bandes betitelt der ———„₰———— n——„—— — —— ———.— —— c— 181¹ Zombi des großen Peruz Nodier behauptete, er ſei in den Colonien gedruckt worden, und zerſtörte aus eigener Machtvollkommenheit die Ausgabe; das Buch war fünf Franken werth und ſtieg auf hundert Thaler. Viermal verkaufte Nodier ſeine Bücher, aber er behielt immer einen gewiſſen Grundſtock, einen koſtbaren Kern, mit deſſen Hülfe er in zwei bis drei Jahren ſeine Bibliothek wieder aufgebaut hatte. Eines Tages litten alle dieſe reizende Feſte eine Unterbrechung. Seit ein paar Monaten war Nodier leidender, klagte er mehr, als zuvor. Da man aber gewohnt war, Nodier klagen zu hören, ſo ſchenkte man dieſem Umſtand keine große Aufmerkſamkeit. Bei dem Charakter von Nodier war es ziemlich ſchwierig, das wirkliche Uebel von den chimäriſchen Leiden zu unter⸗ ſcheiden. Diesmal nahm er indeſſen ſichtbar ab. Kein müßiges Umherſchlendern auf den Quais mehr, keine Spaziergänge auf den Boulevards mehr, nur eine langſame Wanderung nach Saint-Mandé, wenn aus dem grauen Himmel ein letzter Strahl der Herbſtſonne hervordrang. Das Ziel dieſer Wanderung war eine abſcheuliche Schenke, wo ſich Nodier in den ſchönen Tagen ſeiner guten Geſundheit mit Schwarzbrod bewirthete; bei die⸗ ſen Gängen begleitete ihn gewöhnlich die ganze Fami⸗ lie, Jules ausgenommen, der an ſeinem Schreibtiſch zurückgehalten wurde; da war Madame Nodier, da war Marie, da waren die beiden Kinder Charles und Geor⸗ gette: dies Alles wollte den Gatten, den Vater, den Großvater nicht mehr verlaſſen. Man fühlte, daß man nur noch wenig Zeit bei ihm zu bleiben hatte, und benützte es. Bis zum letzten Augenblick beharrte Nodier auf der Sonntagsunterhaltung; da bemerkte man, daß der Kranke von ſeinem Zimmer aus das Geräuſch und die Bewegung im Salon nicht mehr ertragen konnte. Eines Tages kündigte uns Marie traurig an, am fol⸗ 182 genden Sonntag wäre das Arſenal geſchloſſen. Dann fagte ſie ganz leiſe zu den Vertrauten:„Kommen Sie, wir werden plaudern.“ Nodier legte ſich endlich zu Bette, um nicht mehr aufzuſtehen.. †„ch beſuchte ihn. „Ohl mein lieber Dumas,“ ſagte er zu mir, in⸗ dem er die Arme gegen mich ausſtreckte, ſobald er mich von fern erblickte,„zur Zeit, da ich mich wohl befand, hatten Sie in mir nur einen Freund; ſeitdem ich krank bin, haben Sie in mir einen dankbaren Mann. Ich kann nicht mehr arbeiten, aber ich kann noch leſen, und wie Sie ſehen, leſe ich Sie, und wenn ich müde bin, rufe ich meine Tochter, und meine Tochter lieſt mir Sie vor.“ Hier zeigte mir Nodier wirklich meine auf ſeinem Bett und auf ſeinem Tiſch zerſtreut umherliegenden Bücher. Das war einer meiner Augenblicke wahren Stolzes. Von der Welt getrennt, außer Stand, zu arbeiten, las mich Nodier, dieſer ungeheure Geiſt, und beluſtigte ſich, indem er mich las. Ich nahm ſeine beiden Hände, ich hätte ſie gern geküßt, ſo dankbar war ich. Ich hatte am Tage zuvor ebenfalls etwas von ihm geleſen, einen kleinen Band, der in zwei Heften der Bevue des Deux-Mondes erſchienen war, ich meine Ines de las Sieras.. Dieſer Roman, eine der letzten Veröffentlichungen von Nodier, erregte mein höchſtes Erſtaunenz er war ſo friſch, ſo farbenreich, daß man hätte glauben ſollen⸗ es ſei ein Werk aus ſeiner Jugend, das Nodier wieder⸗ aufgefunden und am andern Horizont ſeines Lebens an das Tageslicht gebracht. Dieſe Geſchichte von Ines war eine Geſchichte von Geiſter⸗ und Geſpenſtererſcheinungen; ganz phantaſtiſch un ie, ehr in⸗ tich nd, ank Ich ind in, mir em den zes. las ich, ern ihm der eine gen war len, der⸗ an von tiſch 183 in der erſten Abtheilung, hörte ſie nur in der zwei⸗ ten auf, dies zu ſein; das Ende erklärte den Anfang. Oh! über dieſe Erklärung beklagte ich mich bit⸗ ter bei Nodier. „Es iſt wahr,“ ſagte er zu mir,„ich habe Unrecht gehabt; aber ich habe eine andere, und dieſe, ſeien Sie unbeſorgt, werde ich nicht verderben.“ „Gut, gut! Und wann werden Sie ſich an dieſes Werk machen?“ Nodier nahm mich bei der Hand und erwiederte: „Dieſe werde ich nicht verderben, weil ich ſie nicht ſchreibe.“ „Und wer wird ſie ſchreiben?“ „Sie.“ „Wie! ich, mein lieber Charles? aber ich kenne ſie nicht, Ihre Geſchichte.“ „Ich werde ſie Ihnen erzählen. Oh! dieſe be⸗ wahrte ich für mich auf, oder vielmehr für Sie.“ „Mein guter Charles, Sie werden ſie erzählen, S werden ſie ſchreiben, Sie werden ſie drucken aſſen.“ Nodier ſchüttelte den Kopf. „Ich will ſie Ihnen mittheilen,“ erwiederte er;„Sie geben ſie mir zurück, wenn ich aufkomme.“ „Warten Sie bis zu meinem nächſten Beſuch, wir haben Zeit.“ „Mein Freund, ich ſage Ihnen, was ich einem Gläubiger ſagte, dem ich eine Abſchlagszahlung gab: nehmen Sie immerhin.“ Und er begann. hatte Nodier auf eine ſo reizende Weiſe er⸗ zählt. Oh! wenn ich eine Feder, wenn ich Papier ge⸗ habt hätte, wenn ich ſo ſchnell hätte ſchreiben können, als er ſprach! Geſchichte war lang, ich blieb beim Mittag⸗ rod. 184 Nach dem Eſſen entſchlummerte Nodier. Ich ver⸗ ließ das Arſenal, ohne ihn wiederzuſehen. Nodier, den man ſo leicht zur Klage geneigt glaubte, hatte im Gegentheil bis zum letzten Augenblick ſeine Leiden vor ſeiner Familie verborgen. Als er die Wunde entdeckte, erkannte man, daß ſie tödtlich war. Nodier war nicht nur Chriſt, ſondern guter und wahrer Katholik. Er hatte ſich von Marie verſprechen laſſen, ihm einen Prieſter zu holen, wenn die Stunde gekommen wäre. Die Stunde war gekommen, Marie holte den Pfarrer von Saint⸗Paul. Nodier beichtete. Armer Nodier! er mußte viele Sünden in ſeinem Leben haben, aber ſicherlich hatte er nicht eine Schuld. Nachdem die Beichte beendigt war, trat die ganze Familie ein. Novier lag in einem düſtern Alcoven, von wo er die Arme gegen ſeine Frau, gegen ſeine Tochter und gegen ſeine Enkel ausſtreckte. Hinter der Familie waren die Dienſtboten. Hinter den Dienſtboten die Bibliothek, das heißt, jene Freunde, welche nie wechſeln: die Bücher. Der Pfarrer ſprach mit lauter Stimme die Gebete, welche Nodier als ein mit der chriſtlichen Liturgie ver⸗ trauter Mann ebenfalls mit lauter Stimme erwiederte. Als die Gebete beendigt waren, umarmte er alle Welt, beruhigte Jeden über ſeinen Zuſtand und verſicherte, er fühle noch Leben für ein paar Tage in ſich, beſonders wenn man ihn einige Stunden ſchlafen laſſe. Am 26. Abends, am Vorabend ſeines Todes, ver⸗ mehrte ſich das Fieber und erzeugte ein wenig Deli⸗ rium; gegen Mitternacht erkannte er Niemand mehr; ſein Mund ſprach Worte ohne Folge, in denen man die Namen Tacitus und Feénélon unterſchied. Um zwei Uhr begann der Tod an die Thüre zu klopfen: Nodier wurde von einer heftigen Kriſis ge⸗ packt; ſeine Tochter neigte ſich über ſein Kiſſen und er⸗ te, ine nde ind hen ude rie iele er nze er ind ißt, ete, er⸗ rte. elt, e ers er⸗ eli⸗ hr; die zu ge und 185 reichte ihm eine Taſſe voll von einem beruhigenden Trank; er öffnete die Augen, ſchaute Marie an und er⸗ kannte ſie an ihren Thränen; da nahm er die Taſſe aus ihren Händen und verſchluckte gierig den Trank, den ſie enthielt. „Du haſt das gut gefunden?“ fragte Marie. „Ohl ja, mein Kind, wie Alles, was von Dir kommt.“ Und die arme Marie ließ ihren Kopf auf das Kiſſen fallen und bedeckte mit ihren Haaren die feuchte Stirne des Sterbenden. „Oh! wenn Du ſo bliebeſt, würde ich nie ſterben,“ flüſterte er. Der Tod klopfte immer mehr. Die Extremitäten fingen an kalt zu werden; aber wie das Leben mehr und mehr aufwärts ſtieg, concen⸗ trirte es ſich im Gehirn und machte Nodier einen lichteren Geiſt, als er je gehabt. Nun ſegnete er ſeine Frau und ſeine Kinder, und fragte dann, der wievielſte des Monats es ſei. „Der 27. Januar,“ antwortete Madame Nodier. Hienach wandte er ſich nach dem Fenſter. „Ich möchte wohl noch einmal den Tag ſehen,“ ſagte er mit einem Seußzer. Dann entſchlummerte er. Dann traten Unterbrechungen bei ſeinem Athem ein. Und endlich, in dem Moment, wo der erſte Strahl des Tages an die Scheiben traf, öffnete er die Augen, machte mit den Lippen, mit dem Blick ein Zeichen des Lebewohls und verſchied. Mit Nodier ſtarb Alles für das Arſenal, Freude Leben und Licht;z es war eine Trauer, die uns Alle erfaßte: Jeder verlor einen Theil von ſich ſelbſt, indem er Nodier verlor. Ich, was mich betrifft, weiß nicht, wie ich das ſagen ſoll, aber ich habe etwas Todtes in mir, ſeitdem Nodier geſtorben iſt. 186 Dieſes Etwas lebt nur, wenn ich von Nobier ſpreche. Darum ſpreche ich ſo oft von ihm. Die Geſchichte, die man nun leſen wird, iſt die, welche mir Nodier erzählt hat. Die Familie Boffmann. Zu der Zahl der reizenden Städte, welche auf den Ufern des Rheins zerſtreut umherliegen, wie die Körner eines Roſenkranzes, deſſen Faden der Fluß wäre, muß man Mannheim, die zweite Hauptſtadt des Großherzog⸗ thums Baden, Mannheim, die zweite Reſidenz des Großherzogs, zählen. Heute, da die Dampfboote, welche den Rhein auf⸗ und abfahren, an Mannheim vorbeiſchiffen, heute, da eine Eiſenbahn nach Mannheim führt, heute, da Mann⸗ heim, unter dem Gepraſſel des Gewehrfeuers, mit flat⸗ ternden Haaren und blutbeflecktem Rock die Fahne des Aufruhrs gegen ſeinen Großherzog geſchwungen hat, weiß ich nicht mehr, was Mannheim iſt; aber ich will Ihnen ſagen, was Mannheim zur Zeit, wo dieſe Ge⸗ ſchichte beginnt, nämlich vor bald ſechs und fünfzig Jahren, war. Es war die vorzugsweiſe deutſche Stadt, ruhig und politiſch zugleich, ein wenig traurig, oder vielmehr ein wenig träumeriſch; es war die Stadt der Romane von Auguſt Lafontaine und der Gedichte von Göthe, von Henriette Belmann und von Werther. In der That, man braucht nur einen Blick auf Mannheim zu werfen, um ſogleich zu beurtheilen, wenn ie, en er uß g⸗ es f⸗ da n⸗ t⸗ es t, ii e⸗ ig ig hr ne e uf in 187 man ſeine anſtändig in gerader Linie gebauten Häuſer, ſeine Abtheilung in vier Viertel, ſeinen mythologiſchen Brunnen, ſeine Promenade beſchattet von einer doppel⸗ ten Reihe von Acacien ſieht, welche die Stadt von einem Ende zum andern durchzieht, um zu beurtheilen, ſage ich, wie ſüß und leicht es in einem ſolchen Para⸗ dies zu leben wäre, würden nicht zuweilen Liebes⸗oder politiſche Leidenſchaften eine Piſtole Werther oder einen Dolch Sand in die Hand geben. Es gibt dort beſonders einen Platz, der einen ganz eigenthümlichen Charakter hat; es iſt der, wo ſich zu⸗ gleich die Kirche und das Theater erheben. Kirche und Theater müſſen zu gleicher Zeit erbaut worden ſein, wahrſcheinlich von demſelben Architekten, wahrſcheinlich auch um die Mitte des vorigen Jahr⸗ hunderts, als die Launen einer Favoritin auf die Kunſt einen ſolchen Einfluß übten, daß eine ganze Seite der Kunſt ihren Namen annahm, von der Kirche bis zum kleinen Haus, von der zehn Ellen hohen Bronzeſtatue bis zum Figürchen von ſächſiſchem Porzellan. Die Kirche und das Theater in Mannheim ſind alſo im Pompadour⸗Style gebaut. Die Kirche hat zwei äußere Niſchen: in der einen von dieſen beiden Niſchen ſteht eine Minerva, und in der andern eine Hebe. Ueber der Thüre des Theaters gewahrt man zwei Sphinre. Dieſe zwei Sphinxe vertreten der eine das Luſtſpiel, der andere das Trauerſpiel. Der erſte von dieſen beiden Sphinxen hält unter ſeiner Pfote eine Larve, der andere einen Dolch. Beide haben einen gepuderten Nackenwulſt, was wunderbar zu ihrem ägyptiſchen Charakter beiträgt. Im Uebrigen trägt der ganze Platz, gezierte Häu⸗ ſer, gekräuſelte Bäume, feſtonnirte Wände, denſelben Charakter an ſich und bildet ein höchſt heiteres Ge⸗ ſammtweſen. Nun denn! in ein Zimmer im erſten Stocke eines 188 Hauſes, deſſen Fenſter ſchräge nach dem Portal der Jeſuitenkirche gehen, wollen wir unſere Leſer führen, wobei wir ihnen nur bemerken, daß wir ſie wenigſtens um ein halbes Jahrhundert verjüngen, und daß wir als Jahrzahl im Jahre der Gnade oder Ungnade 1793 und als Monatstag am 10. des Mai ſind. Alles iſt daher in der Blüthe begriffen; das Schilfgras am Ufer des Fluſſes, die Maßlieben auf den Wieſen, der Weißdorn an den Hecken, die Roſe in den Gärten, die Liebe in den Herzen. Fügen wir nun Folgendes bei: Eines von den Herzen, welche am Heftigſten in der Stadt Mannheim und ſeinen Umgebungen ſchlugen, war das des jungen Mannes, welcher in dem erwähnten Zimmer wohnte, deſſen Fenſter ſchräge nach dem Portal der Jeſuitenkirche gingen. Zimmer und junger Mann verdienen eine beſondere Schilderung. Das Zimmer war ſicherlich das eines launenhaften und zugleich pittoresken Geiſtes; denn es hatte zugleich das Ausſehen eines Atelier, eines Muſikmagazins und eines Arbeitscabinets. Es fanden ſich hier eine Palette, Pinſel, eine Staffelei, und auf dieſer Staffelei eine angefangene Skizze.. Es fanden ſich eine Guitarre, eine Viole d'amour und ein Klavier, und auf dem Klavier eine offene Sonate. Man ſah eine Feder, Tinte und Papier, und auf dem Papier den Anfang von einer gekritzelten Ballade. Dann an den Wänden Bogen, Pfeile, eine Arm⸗ bruſt aus dem fünfzehnten Jahrhundert, Kupferſtiche aus dem ſechzehnten, muſikaliſche Inſtrumente aus dem ſiebenzehnten, Truhen aus allen Zeiten, Bierkrüge von allen Formen, Waſſerkannen von allen Arten, endlich Halsbänder von Glas, Fächer von Federn, ausgeſtopfte Eidechſen, getrocknete Blumen, kurz eine ganze Welt, 189 doch eine ganze Welt, welche keine fünf und zwanzig Thaler gutes Geld werth war. War derjenige, welcher dieſes Zimmer bewohnte, ein Maler, ein Muſiker oder ein Dichter? wir wiſſen es nicht. Aber ſicherlich war er ein Raucher; denn unter allen dieſen Sammlungen war die vollſtändigſte, die am meiſten in die Augen fallende, die, welche den Ehrenplatz einnahm und ſich, im Bereiche der Hand, in der Sonne über einem alten Canapé ausbreitete, eine Pfeifenſammlung. Mochte er jedoch Dichter, Muſiker, Maler oder Raucher ſein, für den Augenblick rauchte er nicht, malte er nicht, ſchrieb er keine Noten, dichtete er nicht. Nein, er ſchaute. Er ſchaute unbeweglich, ſtehend, an die Wand angelehnt, ſeinen Athem an ſich haltend; er ſchaute durch ſein offenes Fenſter, nachdem er ſich einen Wall aus dem Vorhang gemacht hatte, um zu ſehen, ohne geſehen zu werden; er ſchaute, wie man ſchaut, wenn die Augen nur die Brille des Herzens ſind. Wonach ſchaute er? Nach einem für den Augenblick völlig einſamen Ort, nach dem Portal der Jeſuitenkirche. Allerdings war dieſes Portal verodet, weil die Kirche voll. Was für ein Ausſehen hatte nun derjenige, wel⸗ cher dieſes Zimmer bewohnte, derjenige, welcher hin⸗ ter dem Vorhang ſchaute, derjenige, deſſen Herz ſchlug, während er ſchaute? Es war ein junger Mann von höchſtens achtzehn Jahren, klein von Geſtalt, von magerem Leib und wildem Anblick. Seine langen ſchwarzen Haare fielen von ſeiner Stirne bis unter ſeine Augen herab, welche ſie verſchleierten, wenn er ſie nicht mit der Hand auf die Seite ſtrich, und durch den Schleier ſeiner Haare glänzte ſein Blick ſtarr und feſt, wie der Blick eines 190 Menſchen, deſſen geiſtige Fähigkeiten nicht immer in einem vollkommenen Gleichgewicht bleiben ſollen. Dieſer junge Mann war weder ein Dichter, noch ein Maler, noch ein Muſiker: es war eine Zuſammen⸗ ſetzung von dem Allem; es war die Muſik, die Malerei und die Poeſie im Verein; es war ein phantaſtiſches, bizarres Ganzes, gut und ſchlecht, muthig und ſchüch⸗ tern, thätig und träge; kurz dieſer junge Mann war Ernſt Theodor Wilhelm Hoffmann. Er war geboren in dem ſtrengen Winter des Jah⸗ res 1776, während der Wind pfiff, während der Schnee fiel, während Alles, was nicht reich iſt, litt; er war geboren in Königsberg in Preußen, ſo ſchwächlich ge⸗ boren, ſo gebrechlich, ſo dürftig gebaut, daß die Win⸗ zigkeit ſeiner Perſon Jedermann glauben machte, es ſei dringender, ein Grab für ihn zu beſtellen, als eine Wiege zu kaufen. Er war in demſelben Jahre geboren, in welchem Schiller, als er ſein Drama die Räuber ſchrieb, unterzeichnete: Schiller, Sklave von Klopſtock; geboren im Schvoße von einer jener alten bürgerlichen Familien, wie wir ſie in Frankreich zur Zeit der Fronde hatten, wie es aber bald nirgends mehr geben wird; geboren von einer Mutter von kränklichem Temperament, aber von tiefer Reſignation, was ihrer ganzen leiden⸗ den Perſon das Ausſehen einer anbetungswürdigen Schwermuth verlieh; geboren von einem Vater von ernſtem Gang und ernſtem Geiſt, denn dieſer Vater war Criminalrath und Juſtizcommiſſär beim Oberlandes⸗ gericht. In der Umgebung dieſes Vaters und dieſer Mutter hatte er Oheime, welche Richter, Amtleute, Bürgermeiſter, Tanten, welche noch jung, hübſch und coquette; Oheime und Tanten, lauter Muſiker, lauter Künſtler, alle voll Saft und Lebensfriſche. Hoffmann ſagte, er habe ſie geſehen; er erinnerte ſich ihrer, wie ſie um ihn her, als er ein Knabe von ſechs, von acht, von zehn Jahren, ſeltſame Concerte ausführten, wobei jedes eines von jenen alten Inſtrumenten ſpielte, deren 191 Namen man heut' zu Tag nicht einmal mehr weiß, wie zum Beiſpiel Hackbrett, Rebees), Cither, ägyptiſche Klapper, Viole d'amour, Viola di Gamba(Kniegeige). Allerdings hatte Niemand außer Hoffmann dieſe muſi⸗ caliſchen Oheime und Tanten geſehen, und Oheime und Tanten hatten ſich hinter einander wie Geſpenſter zu⸗ rückgezogen, nachdem ſie bei ihrer Entfernung das Licht ausgelöſcht, das auf ihren Pulten brannte. Von allen dieſen Oheimen blieb indeſſen einer 3 Von allen dieſen Tanten blieb indeſſen eine übrig. Dieſe Tante war eine von den reizenden Erinne⸗ rungen von Hoffmann. In dem Hauſe, wo Hoffmann ſeine Jugend zu⸗ brachte, lebte eine Schweſter ſeiner Mutter, eine junge Frau von milden und zugleich in die tiefſte Tiefe der Seele eindringenden Blicken; eine junge Frau, ſanft, geiſt⸗ reich, voll Feinheit, eine Frau, welche in dem Knaben, den Jeder für einen Narren, für einen Tollen, einen Wüthenden hielt, einen erhabenen Geiſt erblickte, welche allein für ihn, mit ſeiner Mutter, wohlverſtanden, plai⸗ dirte, welche das Genie, den Ruhm weisſagte; eine Weisſagung, bei der mehr als einmal der Mutter von Hoffmann die Thränen in die Augen traten; denn ſie wußte, daß der Gefährte des Genies und des Ruhmes das Unglück iſt. Dieſe Tante war die Tante Sophie. Dieſe Tante war Tonkünſtlerin, wie die ganze Familie, ſie ſpielte die Laute. Wenn Hoffmann in ſei⸗ ner Wiege erwachte, exwachte er überſtroͤmt von einer vibrirenden Harmonie; wenn er die Augen öffnete, ſah er die anmuthige Geſtalt der mit ihrem Inſtrument vermählten jungen Frau. Sie trug gewöhnlich ein waſſergrünes Kleid mit roſenfarhenen Schleifen; in der Regel begleitete ſie ein alter Muſiker mit krummen Bei⸗ * Eine hrt von dreiſaitiger Geige. 192 nen und weißer Perrücke, der eine Baßgeige ſpielte, welche größer als er, an der er ſich, auf und ab ſtei⸗ gend, wie es eine Eidechſe an einem Kürbiß thut, an⸗ klammerte. Aus dieſem Harmonieſtrom, welcher wie eine Perlencascade von den Fingern der ſchönen Euterpe fiel, hatte Hoffmaun den Zaubertrank getrunken, der ihn ſelbſt zum Muſiker machte. Die Tante Sophie war auch, wie geſagt, eine von den reizenden Erinnerungen von Hoffmann. Nicht daſſelbe war bei ſeinem Oheim der Fall. Der Tod des Vaters von Hoffmann, die Krank⸗ heit ſeiner Mutter hatten ihn den Händen dieſes Oheims überlaſſen. Das war ein Mann ebenſo pünktlich, als Hoffmann ungebunden, ebenſo geordnet, als Hoffmann bizarr phantaſtiſch, ein Mann, deſſen Ordnungs⸗ und Pünkt⸗ lichkeitsgeiſt ſich ewig an ſeinem Neffen übte, doch ge⸗ rade ſo vergeblich, als ſich an ſeinen Pendeluhren der Geiſt von Karl V. geübt hatte; der Oheim mochte thun, was er wollte, die Uhr ſchlug nach der Laune des Neffen, nie nach der ſeinigen. Im Grunde war übrigens dieſer Oheim von Hoff⸗ mann, trotz ſeiner Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit, kein zu großer Feind der Künſte und der Phantaſie; er duldete ſogar die Muſik, die Dichtkunſt und die Ma⸗ lerei; aber er behauptete, ein vernünftiger Menſch müſſe ſeine Zuflucht zu ſolchen Erholungen nur nach dem Mittagmahl nehmen, um die Verdauung zu er⸗ leichtern. Nach dieſem Thema hatte er das Leben von Hoffmann geregelt: ſo viel Stunden für den Schlaf, ſo viel Stunden für juridiſche Studien, ſo viel Stun⸗ den für das Mahl, ſo viel Minuten für die Mußſik, ſo viel Minuten für die Malerei, ſo viel Minuten für die Poeſie. Hoffmann hätte gern dies Alles umgedreht und geſagt: ſo viel Minuten für die Rechtsgelehrſamkeit, und ſo viel Stunden für die Malerei, für die Muſik, —— lte, tei⸗ an⸗ wie rpe der eine ink⸗ ims ann arr nkt⸗ ge⸗ der chte une off⸗ keit, ſie; Ma⸗ nach er⸗ von laf, tun⸗ „ſo für und keit, uſik, 193 für die Poeſie. Aber Hoffmann hatte nicht zu gebieten. Folge hiervon war, daß Hoffmann einen Widerwillen gegen die Rechtsgelehrſamkeit und ſeinen Oheim faßte, an einem ſchönen Tag mit einigen Thalern in der Taſche aus Königsberg entfloh und ſich nach Heidelberg begab, wo er einen Halt von einigen Augenblicken machte, ohne jedoch dort bleiben zu können, in Betracht, daß die Muſik, die er im Theater hörte, zu ſchlecht war. Er eilte daher nach Mannheim; das Theater die⸗ ſer Stadt, in deſſen Nähe er ſich einquartiert hatte, galt nämlich für einen Nebenbuhler der lyriſchen Sce⸗ nen Frankreichs und Italiens; wir ſagen Frankreichs und Italiens, weil man nicht vergeſſen wird, daß nur fünf bis ſechs Jahre vor der Epoche, zu der wir ge⸗ langt ſind, bei der königlichen Akademie der Muſik in Paris der große Kampf zwiſchen Gluck und Piceini ſtattgefunden hatte. Hoffmann wohnte alſo in Mannheim beim Theater, und er lebte, abgeſehen von einigen Friedrichd'or, die ihm ſeine Mutter von Zeit zu Zeit zufommen ließ, vom Ertrag ſeiner Malerei, ſeiner Muſik und ſeiner Poeſie in dem Augenblick, wo wir uns das Vorrecht des hin⸗ kenden Teufels angemaßt und die Decke ſeines Zim⸗ mers aufgehoben hatten, um ihn unſern Leſern an die Wand angelehnt, unbeweglich hinter ſeinem Vorhang, keuchend, die Augen ſtarr auf das Portal der Jeſuiten⸗ kirche geheftet, zu zeigen. Tauſend und ein Geſpenſt. M. 13 Ein Verliebter und ein Marr. In dem Moment, wo einige Perſonen, welche aus der Kirche traten, obgleich die Meſſe kaum die Hälfte ihrer Feier erreicht hatte, die Aufmerkſamkeit von Hoff⸗ mann lebhafter als je erregten, klopfte man an die Thüre. Der junge Mann ſchüttelte den Kopf und ſtampfte mit dem Fuß in einer Bewegung der Ungeduld, ant⸗ wortete aber nicht. Man klopfte zum zweiten Mal. Ein zorniger Blick ſollte den ueberläſtigen durch die Thüre niederſchmettern. Man klopfte zum dritten Mal. Diesmal blieb der junge Mann ganz unbeweglich; er war ſichtbar entſchloſſen, nicht zu öffnen. „ Doch, ſtatt hartnäckig zu klopfen, beſchränkte ſich der Beſuch darauf, daß er einen von den Vornamen von Hoffmann ausſprach. „Theodor,“ ſagte er. 5 „Ah! Du biſt es, Zacharias Werner,“ murmelte Hoffmann. „Ja, ich bin es; willſt Du allein ſein?“ „Nein, warte.“ Hoffmann öffnete. Ein großer, magerer, bleicher, blonder, ein we⸗ nig ſcheuer junger Mann trat ein. Er mochte unge⸗ fähr drei bis vier Jahre älter ſein, als Hoffmann*). In dem Augenblick, wo die Thür ſich öffnete, legte er ihm die Hand auf die Schulter und drückte ihm die *) Hierin irrt ſich Dumas. Friedrich Ludwig Zacharias Werner wurde geboren zu Königsberg 1768, war alſo acht Jahre jünger als Hoffmann. D. Ueberſ. us fte off⸗ die fte mt⸗ rch ich; men elte we⸗ nge⸗ 10. e er die rner ünget 6 195 Lippen auf die Stirne, wie es ein älterer Bruder hätte thun können. Er war in der That ein wahrer Bruder von Hoffmann. In demſelben Hauſe mit ihm geboren, war Zacharias Werner, der zukünftige Verfaſſer von Mar⸗ tin Luther“), von Attila, vom 24. Februar, vom Kreuz an der Oſtſee, unter der doppelten Protection ſeiner Mutter und der Mutter von Hoffmann herangewachſen. Beide von einem Nervenleiden befallen, das mit dem Irrſinn endigte, hatten die zwei Frauen an ihre Kinder ihre Krankheit übertragen, welche, in der Ver⸗ erbung geſchwächt, ſich bei Hoffmann durch eine über⸗ ſpannte Phantaſie und bei Werner durch einen Hang zur Schwermuth äußerte. Die Mutter des Letztern glaubte ſich, wie die heilige Jungfrau, mit einer gött⸗ lichen Sendung beauftragt. Ihr Kind, ihr Zacharias, ſollte der neue Chriſtus, der durch die Schrift verhei⸗ ßene zukünftige Silve ſein. Während er ſchlief, flocht ſie ihm Kränze von Kornblumen, mit denen ſie ſeine Stirne umgab; ſie kniete vor ihm nieder, ſang mit ihrer ſanften, harmoniſchen Stimme die ſchönſten Lieder von Luther und hoffte bei jedem Vers den Kranz von Kornblumen ſich in eine Glorie verwandeln zu ſehen. Die beiden Kinder wurden mit einander erzogen; Hoffmann war beſonders, weil Zacharias in Heidelberg wohnte, wo er ſtudirte, von ſeinem Oheim entflohen, und Zacharias hatte, Freundſchaft durch Freundſchaft erwiedernd, Heidelberg verlaſſen und war Hoffmann auch nach Mannheim gefolgt, wohin ſich dieſer begeben, um eine beſſere Muſik zu ſuchen, als er ſie in Heidel⸗ berg gefunden. *) Ein früher ſehr berühmtes Drama: Luther oder die Weihe der Kraft, das einſt in gewiſſen paritätiſchen Städten Deut⸗ ſchlands ſtarke Reibungen und Ausbrüche von Feindſeligkeiten veranlaßt hat. D. Ueberſ⸗ 196 Aber ſobald ſie in Mannheim, ſobald ſie wieder vereinigt und fern von der Autorität der ſo ſanften Mutter waren, befamen die zwei jungen Leute Appetit nach Reiſen, dieſer unerläßlichen Ergänzung der Er⸗ ziehung des deutſchen Studenten, und ſie beſchloſſen, Paris zu beſuchen: Werner, wegen des ſeltſamen Schauſpiels, das die Hauptſtadt Frankreichs in der Schreckensperiode, die ſie erreicht hatte, bieten mußte. Hoffmann, um die franzöſiſche Muſik mit der ita⸗ lieniſchen zu vergleichen, und beſonders, um die Mittel und Quellen der franzöſiſchen Oper, wie die Scenirung und die Decorationen zu ſtudiren, denn Hoffmann hatte ſchon damals die Idee, welche er ſein ganzes Leben hindurch hegte und pflegte, die Idee, Theaterdirector zu werden. Leichtfertig aus Temperament, obgleich religiös vurch die Erziehung, gedachte Werner wohl zu gleicher Zeit für ſein Vergnügen jene ſeltene Freiheit der Sitten zu benützen, zu der man im Jahre 1793 gelangt war, und von der ihm einer ſeiner Freunde, welcher vor Kurzem von einer Reiſe nach Paris zurückgekommen, eine ſo verführeriſche Schilderung gemacht hatte, daß dieſe Schilderung dem wollüſtigen Studenten am Ende den Kopf verdrehte. Hoffmann gedachte die Muſeen zu beſuchen, von venen man ihm ſo viele Wunder erzählt hatte, und die aneniſche Malerei mit der deutſchen zu vergleichen. Was aber auch die geheimen Beweggründe ſein mochten, welche die zwei Freunde antrieben, der Wunſch⸗ Frankreich zu beſuchen, war bei Beiden gleich. Um dieſen Wunſch in Erfüllung gehen zu laſſen, fehlte ihnen nur Eines: das Geld. Aber durch ein ſeltſames Zuſammentreffen wollte der Zufall, daß Zacharias und Hoffmann an demſelben Tag jeder von ſeiner Mutter fünf Friedrich d'or bekamen. Zehn Friedrich d'or machten ungefähr zweihundert er en tit r⸗ as ie a⸗ tel ng tte en or 56 eit ten ar, or en, aß de on die ein ſch, en, lite ben en ert 197 Livres; das war eine hübſche Summe für zwei Stu⸗ denten, welche für Wohnung, Koſt und Heizung fünf Thaler monatlich bezahlten. Dieſe Summe war jedoch ſehr unzureichend, um die projeetirte große Reiſe aus⸗ zuführen. Es kam den beiden jungen Leuten ein Gedanke, und da dieſer Gedanke Beiden zu gleicher Zeit kam, ſo hielten ſie ihn für eine Eingebung des Himmels. Sie wollten zum Spiel gehen und jeder fünf Friedrich d'or wagen. Mit dieſen zehn Friedrich d'or war die Reiſe nicht möglich. Setzte man die zehn Friedrich d'or ein, ſo konnte man eine Summe gewinnen, um die Reiſe um die Welt zu machen. Geſagt, gethan: die Saiſon der Bäder nahte heran, und vom 1. Mai an waren die Spielhäuſer geöffnet; Werner und Hoffmann traten in ein Spiel⸗ haus ein. Werner verſuchte zuerſt ſein Glück und verlor in fünf Coups ſeine fünf Friedrich d'or. Die Reihe kam an Hoffmann. Hoffmann ſetzte zitternd ſeinen erſten Friedrich d'or und gewann. Durch dieſen Anfang ermuthigt, verdoppelte er. Hoffmann hatte einen glücklichen Tag; er gewann vier Coups unter fünf, und der junge Mann gehörte zu denjenigen, welche Vertrauen zur Fortuna haben. Statt zu zögern, ging er geradezu von Parolis zu Pa⸗ rolis über, und es war, als ob ihn eine übernatürliche Macht unterſtützte: ohne eine beſtimmte Combination, ohne irgend eine Berechnung warf er ſein Gold auf eine Karte, und ſein Gold verdoppelte ſich, verdrei⸗ fachte ſich, verfünffachte ſich; heftiger zitternd, als ein Fieberkranker, bleicher, als ein Geſpenſt, murmelte Zacharias:„Genug, Theodor, genug!“ aber der Spie⸗ ler verſpottete dieſe knabenhafte Schüchternheit. Das Gold folgte dem Gold, und das Gold erzeugte das 198 Gold. Endlich ſchlug es zwei Uhr Morgens. Das war die Stunde der Schließung des Etabliſſementz das Spiel hörte auf. Die zwei jungen Leute nahmen, ohne zu zählen, jeder eine Ladung Gold. Zacharias, der nicht glauben konnte, all dieſes Glück ſei ihm zu⸗ gefallen, ging zuerſt hinaus; Hoffmann wollte ihm folgen, als ein alter Officier, der ihn während der ganzen Zeit, die er geſpielt, nicht aus dem Blicke ver⸗ loren hatte, ihn aufhielt, da er eben über die Schwelle ſchreiten wollte. „Junger Mann,“ ſagte der Officier zu Hoffmann, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte,„wenn Sie ſo fortfahren, werden Sie die Banque ſprengen, das gebe ich zu; iſt aber die Banque geſprengt, ſo werden Sie nur eine um ſo ſicherere Beute für den Teu⸗ fel ſein.“ Und ohne die Antwort von Hoffmann abzuwarten⸗ verſchwand er. Hoffmann ging ebenfalls weg, doch er war nicht mehr derſelbe. Die Weisſagung des alten Officiers hatte ihn abgekühlt wie ein eiskaltes Bad⸗ und das Gold, von dem ſeine Taſchen voll waren, drückte ihn. Es kam ihm vor, als trüge er ſeine Laſt vom un⸗ gerechten Gut. Werner erwartete ihn voll Freude. Beide kehrten mit einander zu Hoffmann zurück: der Eine lachend, tanzend, ſingend; der Andere träumeriſch, beinahe düſter. Derjenige, welcher lachte, tanzte, ſang, war Werner. Der Träumeriſche, Düſtere war Hoffmann. Beide beſchloſſen übrigens, am andern Abend nach Frankreich abzureiſen. Nach einer gegenſeitigen Umarmung trennten ſie ſich. Als Hoffmann allein war, zählte er das Gold. Er hatte fünf tauſend Thaler, drei und zwanzig bis vier und zwanzig tauſend Franken. 2 Er dachte lange nach und ſchien ſchwer zu einem Entſchluß zu kommen. — 199 Während er beim Scheine einer meſſingenen Lampe, die das Zimmer erleuchtete, nachdachte, war ſein Geſicht bleich und ſeine Stirne troff von Schweiß. Bei jedem Geräuſch, das um ihn her entſtand, und mochte dieſes Geräuſch auch ſo unfaßbar ſein, als das Zittern des Flügels einer Mücke, bebte Hoffmann, wandte er ſich um und ſchaute mit einem Schrecken umher. Die Weisſagung des Officiers kam ihm wieder und wieder in den Kopf; er murmelte ganz leiſe Verſe von Fauſt, und es war ihm, als ſähe er auf der Schwelle die nagende Ratte, in der Ecke ſeines Zimmers den ſchwarzen Pudel. Endlich war ſein Entſchluß gefaßt. Er legte tauſend Thaler beiſeit, welche er als die für ſeine Reiſe durchaus nothwendige Summe betrachtete, und machte ein Päckchen von den vier tauſend weiteren Thalern; dann klebte er auf das Päckchen eine Karte mit Siegellack, und auf dieſe Karte ſchrieb er: „An den Herrn Bürgermeiſter von Königs⸗ berg zur Vertheilung unter die ärmſten Fa⸗ milien der Stadt.“ Zufrieden mit dem Siege, den er über ſich ſelbſt davon getragen, wiedergeſtärkt durch das, was er ge⸗ than, kleidete er ſich aus, legte ſich zu Bette und ſchlief ununterbrochen bis am andern Morgen um ſieben Uhr. Um ſieben Uhr wachte er auf, und ſein erſter Blick fiel auf ſeine tauſend ſichtbare Thaler und auf ſeine vier tauſend verſiegelte Thaler. Er glaubte geträumt zu haben. Der Anblick der Gegenſtände verſicherte ihn der Wirklichkeit deſſen, was am Abend vorher geſchehen. Was aber auch eine Wirklichkeit war, beſonders für Hoffmann, obgleich kein materieller Gegenſtand vor⸗ handen, um ihn daran zu erinnern, das war die Weis⸗ ſagung des alten Officiers. Ohne irgend ein Bedauernkleidete er ſich wie gewöhn⸗ 200 lich an, nahm ſeine vier tauſend Thaler unter den Arm, und trug ſie ſelbſt auf die Poſt nach Königsberg, nachdem er jedoch zuvor beſorgt geweſen, die übrig bleibenden tauſend Thaler in ſeiner Schublade zu ver⸗ ſchließen. Dann, da es, wie man ſich erinnert, verabredet war, daß die beiden Freunde an demſelben Tage nach Frankreich abgehen ſollten, traf Hoffmann ſeine Anſtalten zur Reiſe. Während er hin- und herging, einen Rock ab⸗ ſtäubte, ein Hemd zuſammenlegte, zwei Sacktücher aſ⸗ ſortirte, warf Hoffmann einen Blick in die Straße hin⸗ aus und verharrte in der Stellung, in der er gerade war. Ein Mädchen von ſechzehn bis ſiebenzehn Jahren, reizend, ſicherlich in der Stadt Mannheim fremd, da es Hoffmann nicht kannte, kam vom entgegengeſetzten Ende der Straße und ging nach der Kirche. In ſeinen Träumen des Dichters, des Malers und des Muſikers hatte Hoffmann nie etwas Aehnliches geſehen. 5 Und in der Entfernung, in der er war, ſah er doch nur ein bezauberndes Geſammtweſen: die Einzelnheiten entgingen ihm. Das Mädchen wurde von einer alten Dienerin be⸗ gleitet. Beide ſtiegen langſam die Stufen der Jeſuitenkirche hinauf und verſchwanden unter dem Portal. Hoffmann ließ ſein Felleiſen halb gepackt, ſeinen weinhefenfarbigen Frack halb ausgeklopft, ſeinen Ober⸗ rock mit Borten halb zuſammengelegt, und blieb unbe⸗ weglich hinter ſeinem Vorhang. Hier haben wir ihn gefunden in Erwartung des von derjenigen, welche er hatte eintreten ehen. Er befürchtete nur Eines: es könnte ein Engel ſein, und ſtatt zum Thore hinauszugehen, würde ſie es en el ſie 201 durch das Fenſter entfliegen, um zum Himmel aufzu⸗ ſteigen. In dieſer Lage haben wir ihn genommen, nahm ihn ſein Freund Zacharias Werner nach uns. Der Eintretende legte, wie geſagt, zugleich ſeine Hand auf die Schulter und drückte ſeine Lippen auf die Stirne ſeines Freundes. Dann ſtieß er einen ungeheuren Seufzer aus. Obgleich Zacharias Werner immer ſehr bleich, war er doch noch bleicher als gewöhnlich. „Was haſt Du denn?“ fragte ihn Hoffmann mit einer wirklichen Beſorgniß. „Oh! mein Freund!“ rief Werner,„ich bin ein Schurke! ich bin ein Elender! ich verdiene den Tod... ſpalte mir den Schädel mit einer Art... durchbohre mir das Herz mit einem Pfeil. Ich bin nicht mehr würdig, das Licht des Himmels zu ſehen.“ „Bah!“ fragte Hoffmann mit der leutſeligen Zer⸗ ſtreutheit des glücklichen Menſchen,„was iſt denn ge⸗ ſchehen, lieber Freund?“ „Es iſt geſchehen... was geſchehen iſt, nicht wahr?. Du fragſt mich, was geſchehen ſei?.. Wohl denn! mein Freund, der Teufel hat mich in Verſuchung geführt!“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Als ich dieſen Morgen all mein Gold ſah, war es ſo viel, daß es mir vorkam, als wäre es ein Traum.“ „Wie! ein Traum!“ „Es war ein Tiſch, ganz voll, ganz bedeckt,“ fuhr Werner fort.„Nun, als ich dies ſah, ein wahres Ver⸗ mögen, tauſend Friedrich d'vr, mein Freund.. als ich dies ſah, als ich aus jedem Stück einen Strahl her⸗ vorſpringen ſah, erfaßte mich wieder die Wuth, ich konnte nicht widerſtehen, nahm das Drittel von meinem Gold und warf es auf den Spieltiſch.“ „Und Du haſt verloren?“ 202 „Bis auf meinen letzten Kreuzer.“ „Was willſt Du? das iſt ein kleines Unglück, da Dir die zwei Drittel bleiben.“ „Ah! ja wohl! die zwei Drittel! Ich kehrte zurück, holte das zweite Drittel, und „Und Du haſt es verloren, wie das erſte?“ „Schneller, mein Freund, ſchneller.“ „Und Du biſt zurückgekehrt und haſt Dein drittes Drittel geholt?“ „Ich bin nicht zurückgekehrt, ich bin geflogen; ich nahm die übrig gebliebenen 1500 Thaler und ſetzte ſie auf Roth.“ „Dann kam Schwarz heraus, nicht wahr?“ „Ah! mein Freund, das Schwarz, das gräßliche Schwarz, ohne Zögern, ohne Gewiſſensbiſſe, als ob es mir nicht durch ſein Herauskommen die letzte Hoffnung benähme. Schwarz, mein Freund, Schwarz!“ „Und Du beklagſt die tauſend Friedrich d'or nur wegen der Reiſe?“ „Aus keinem andern Grunde. Oh! hätte ich nur, um nach Paris zu gehen, fünf hundert Thaler auf die Seite gelegt.“ „Du würdeſt Dich über den Verluſt des Reſtes tröſten?“ „Auf der Stelle.“ „Nun wohl! darauf ſoll es nicht ankommen, mein lieber Zacharias,“ ſprach Hoffmann, indem er ihn an ſeine Schublade führte;„ſieh, hier ſind die fünf hundert Thaler, reiſe.“ „Wiel ich ſoll reiſen?“ rief Werner,„und Duk“ „Oh! ich reiſe nicht mehr.“ „Wie! Du reiſeſt nicht mehr?“ „Nein, in dieſem Augenblick wenigſtens nicht.“ „Aber warum nicht? aus welchem Grunde? was hindert Dich, zu reiſen? was hält Dich in Mannheim zurück?“ Hoffmann zog ſeinen Freund lebhaft nach dem Fen⸗ da ich ſie che ng ur ur, die ſtes ein ert 24 vas eim 203 ſter. Man fing an aus der Kirche zu gehen. Die Meſſe war beendigt. „Sieh, ſchau', ſchau',“ ſagte er, mit dem Finger Jemand der Aufmerkſamkeit von Werner bezeichnend. Die Unbekannte erſchien in der That unter dem Portal; ſie hielt ihr Meßbuch an der Bruſt und ſtieg langſam, den Kopf geſenkt, beſcheiden und nachdenkend, wie Göthes Gretchen, die Stufen der Kirche herab. „Siehſt Du,“ flüſterte Hoffmann,„ſiehſt Du?“ „Gewiß ſehe ich.“ „Nun, was ſagſt Du?“ „Ich ſage: es gibt keine Frau in der Welt, welche werth iſt, daß man ihr die Reiſe nach Paris zum Opfer bringt, und wäre es die ſchöne Antonia, wäre es die Tochter des alten Gottlieb Murr, des neuen Orcheſter⸗ directors vom Theater zu Mannheim.“ „Du kennſt ſie alſo?2“ „Gewiß.“ „Du kennſt alſo ihren Vater?“ war Orcheſterdirector beim Theater zu Frank⸗ urt. „Und Du kannſt mir einen Brief an ihn geben?“ „Sehr gut.“ „Setze Dich hierhin, Zacharias, und ſchreibe.“ Zacharias ſetzte ſich an den Tiſch und ſchrieb. Im Angenblick ſeiner Abreiſe nach Frankreich em⸗ pfahl er ſeinen jungen Freund Theodor Hoffmann ſeinem alten Freund Gottlieb Murr. Hoffmann ließ Zacharias kaum Zeit, ſeinen Brief zu beendigen; als er unterzeichnet war, nahm er ihn, umarmte ſeinen Freund und ſtürzte aus dem Zimmer. „Gleichviel,“ rief ihm Zacharias zum letzten Mal nach,„Du wirſt ſehen, es gibt kein Weib, ſo hübſch 1 auch ſein mag, das Dich Paris vergeſſen machen ann. Hoffmann hörte die Worte ſeines Freundes, aber 204 er hielt es nicht für geeignet, ſich umzudrehen, um ihm auch nur durch ein Zeichen der Billigung zu antworten. Zacharias Werner aber ſteckte ſeine fünf hundert Thaler in die Taſche und lief, um nicht mehr vom Dämon des Spiels verſucht zu werden, ſo ſchnell nach dem Poſthotel, als Hoffmann nach dem Hauſe des alten Orcheſterdirectors lief. Hoffmann klopfte an die Thüre von Meiſter Gott⸗ lieb Murr gerade in der Minute, wo Zacharias Werner in die Diligence nach Straßburg ſtieg. Meiſter Oottlieb Murr. Der Orcheſterdirector öffnete Hoffmann in Perſon. Hoffmann hatte Gottlieb nie geſehen, und dennoch erkannte er ihn. Dieſer Mann, ſo grotesk ſein Aeußeres, konnte nur ein Künſtler ſein, und zwar ein großer Künßter. Es war ein kleiner Greis von fünf und fünfzig bis ſechzig Jahren, mit einem verkrümmten Beine, ohne daß er jedoch zu ſehr mit dieſem Beine hinkte, welches einem Pfropfzieher glich. Während er marſchirte odez vielmehr hüpfte, und ſein Hüpfen glich ſtark dem einer Bachſtelze, während er hüpfte und den Leuten voranging, die er bei ſich einführte, blieb er plötzlich ſtehen, machte eine Pirouette auf ſeinem krummen Fuß, was ihm das Ausſehen gab, als drehte er einen Bohrer in die Erde ein, und ſchritt dann weiter. Indem er dem Alten folgte, betrachtete ihn Hoff⸗ — mann prüfend und grub in ſeinen Geiſt eines von jenen phantaſtiſchen, wunderbaren Portras ein, von denen — — ——— hm en. ert om ten tt⸗ er on. ch ur is aß em hr ne 205 er uns in ſeinen Werken eine ſo vollſtändige Gallerie gegeben hat. Das Geſicht war enthuſiaſtiſch, fein und geiſtreich zugleich, mit einer pergamentartigen Haut bedeckt, roth und ſchwarz geſprenkelt wie ein Blatt Choral. Mitten in dieſem ſeltſamen Geſicht glänzte ein Paar lebhafter Augen, deren ſcharfen Blick man um ſo mehr zu ſchätzen vermochte, als die Brille, die er unabläſſig, ſelbſt im Schlafe, trug, beſtändig auf die Stirne hinaufgeſchoben oder auf die Naſenſpitze hinabgeſenkt war. Nur wenn er Violine ſpielte, wobei er den Kopf erhob und von der Ferne ſchaute, benützte er am Ende dieſes kleine Inſtrument, das bei ihm mehr ein Gegenſtund des Luxus, als des Bedürfniſſes zu ſein ſchien. Sein Kopf war kahl und beſtändig bedeckt mit einer ſchwarzen Plattmütze, welche ein ſeiner Perſon an⸗ klebender Theil geworden war. Bei Tag und bei Nacht erſchien Meiſter Gottlieb vor ſeinen Beſuchen mit dieſer Mütze. Nur wenn er ausging, begnügte er ſich damit, daß er eine kleine Perrücke à la Jean Jacques darauf pflanzte, ſo daß die Plattmütze zwiſchen dem Schädel und der Perrücke gefangen ſaß. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſich Gottlieb nicht im Geringſten um den Sammettheil bekümmerte, der unter ſeinen falſchen Haaren erſchien, welche, da ſie näher mit dem Hut verwandt waren, als mit dem Kopf, den Hut bei ſeinen Luftexpeditionen be⸗ gleiteten, ſo oft Meiſter Gottlieb grüßte. Hoffmann ſchaute rings umher, ſah aber Niemand. Er folgte alſo Meiſter Gottlieb, wohin ihn dieſer, welcher ihm, wie geſagt, voranging, führen wollte. Meiſter Gottlieb blieb in einem großen Cabinet voll aufgehäufter Partituren und muſikaliſcher Flugſchriften ſtehen; auf einem Tiſch lagen hier zehn bis zwölf mehr oder minder verzierte Kaſten, welche alle jene Form hatten, in der ſich ein Muſiker nicht täuſcht, nämlich die Form des Etui einer Vivline. Für den Augenblick war Meiſter Gottlieb beſchäf⸗ 206 tigt, für das Mannheimer Theater, in welchem er einen Verſuch mit italieniſcher Muſik machen wollte, Il ma- trimonio segreto einzurichten. Ein Geigenbogen ſtak, wie die Pritſche von Arle⸗ quin, in ſeinem Gürtel, oder wurde vielmehr durch die zugeknöpfte Taſche ſeiner Hoſe gehalten; eine Feder brü⸗ ſtete ſich hinter ſeinem Ohr, und ſeine Finger waren mit Tinte befleckt. Mit dieſen befleckten Fingern nahm er den Brief, den ihm Hoffmann überreichte; er warf einen Blick auf die Adreſſe, erkannte die Handſchrift und rief: „Ah! Zacharias Werner, ein Dichter, ein Dichter, aber ein Spieler.“ Dann, als ob die gute Eigenſchaft den Fehler verbeſſerte, fügte er bei:„Ein Spieler, ein Spieler, aber ein Dichter.“ Er entſiegelte den Brief und fragte zugleich: „Abgereiſt, nicht wahr, abgereiſt?“ „Er reiſt in dieſem Augenblick ab, mein Herr.“ „Gott geleite ihn,“ ſprach der Meiſter, als wollte er ſeinen Freund dem Himmel empfehlen;„doch er hat wohl daran gethan, zu reiſen. Die Reiſen bilden die Jugend, und wenn ich nicht gereiſt wäre, kennete ich Paeſiello, den göttlichen Cimaroſa nicht.“ „Aber Sie würden nichtsdeſtoweniget ihre Werke kennen, Meiſter Gottlieb,“ erwiederte Hoffmann. „Ihre Werke, ja, gewiß; aber was heißt es, das Werk ohne den Künſtler kennen? Das heißt die Seele ohne den Körper kennen; das Werk iſt das Geſpenſt, iſt die Erſcheinung; das Werk iſt das, was von uns nach unſerem Tode übrig bleibt. Aber der Körper, ſehen Sie, iſt das, was gelebt hat; Sie werden das Werk eines Menſchen nie ganz verſtehen, wenn Sie den Men⸗ ſchen ſelbſt nicht gekannt haben. Hoffmann machte ein Zeichen mit dem Kopf. „Es iſt wahr,“ ſagte er,„ich habe Mozart erſt vollkommen gewürdigt, nachdem ich ihn geſehen.“ ——— nen na- rle⸗ die rü⸗ mit rief, lick ter, haft ein lte hat die roſa erke Berk hne die ach hen erk den⸗ 207 „Ja, ja,“ ſagte Gottlieb,„Mozart hat Gutesz doch warum hat er Gutes? weil er in Italien gereiſt iſt. Die deutſche Muſik, junger Mann, iſt die Muſik der Menſchen, aber die italieniſche Muſik, behalten Sie vas wohl, iſt die Muſik der Götter.“ „Mozart,“ entgegnete Hoffmann lächelnd,„Mozart hat jedoch Figaros Hochzeit und Don Juan nicht in Italien gemacht, inſofern eine von dieſen Opern von ihm in Wien für den Kaiſer, die andere in Prag für das Italieniſche Theater componirt worden iſt.“ „Das iſt wahr, junger Mann, das iſt wahr, und ich ſehe mit Vergnügen in Ihnen den nationalen Geiſt, der Sie Mozart zu vertheidigen veranlaßt. Ja, wenn der arme Teufel länger gelebt und noch ein paar Rei⸗ ſen in Italien gemacht hätte, wäre er ein Meiſter ge⸗ worden, ein ſehr großer Meiſter. Aber dieſen Don Juan, von dem Sie ſprechen, dieſe Figaros Hoch⸗ zeit, auf was hat er ſie gemacht? auf italieniſche Libretti, auf italieniſche Worte, auf einen Reflex der Sonne von Bologna, von Rom oder von Neapel. Glauben Sie mir, junger Mann, dieſe Sonne, man muß ſie geſehen, man muß ſie gefühlt haben, um ihren Werth zu ſchätzen. Hören Sie, ich habe Italien vor vier Jahren verlaſſen; ſeit vier Jahren zittere ich vor Kälte, ausgenommen, wenn ich an Italien denke; der Gedanke an Italien allein erwärmt mich; ich brauche den Mantel nicht mehr, wenn ich an Italien denke; ich brauche den Rock nicht mehr, ich brauche ſogar die Plattmütze nicht mehr. Die Erinnerung wiederbelebt mich: o Muſik Bolognas! o Sonne Neapels! oh!... Das Antlitz des Greiſes drückte einen Augenblick eine hohe Glückſeligkeit aus, und ſein ganzer Körper ſchien von unendlicher Wonne zu beben, als ob die Ströme, der ſüdlichen Sonne, ſeinen Kopf überfluthend, von ſeiner kahlen Stirne auf ſeine Schultern und von ſeinen Schultern über ſeine ganze Perſon rieſelten. Hoffmann hütete ſich wohl, ihn ſeiner Extaſe zu 208 entreißen; er benützte ſie nur, um rings umherzuſchauen, in der Hoffnung, Antonia zu ſehen. Aber die Thüren waren geſchloſſen, und man hörte kein Geräuſch hinter irgend einer von dieſen Thüren, das die Gegenwart eines lebenden Weſens verrathen hätte. Er mußte alſo zu Meiſter Gottlieb zurückkehren, deſſen Ertaſe ſich allmälig legte, bis er am Ende mit d einer Art von Beben daraus hervortrat. m „Brrrrul junger Mann,“ rief er,„und Sie ſagen W alſo?“ „Ich ſage, Meiſter Gottlieb,“ erwiederte Hoffmann, ſl „ich komme von Seiten meines Freundes Zacharias Werner, der mir von Ihrem Wohlwollen gegen die fi jungen Leute erzählt hat, und da ich Muſiker bin... in „Ah! Sie ſind Muſiker?“ rief Gottlieb. Und errichtete ſich hoch auf, warf den Kopfzurück und di ſchaute durch ſeine für den Augenblick auf die äußerſten w Grenzen ſeiner Naſe geſetzte Brille Hoffmann an. w „Ja, ja,“ fügte er bei,„der Kopf eines Muſikers, L die Stirne eines Muſikers, das Auge eines Muſikers. ₰ — und was ſind Sie, Compoſiteur oder Inſtrumentiſt?“ V „Das Eine und das Andere, Meiſter Gottlieb.“ n. „Das Eine und das Andere! das Eine und das Andere! Dieſe jungen Leute zweifeln an nichts. Man de brauchte das ganze Leben eines Menſchen, von zwei N Menſchen, von drei Menſchen, um nur das Eine oder P das Andere zu ſein, und ſie find das Eine und das ₰ Andere!“ di Und er drehte ſich um ſich ſelbſt, hob die Arme g4 zum Himmel empor und ſah aus, als wollte er den i Pfropfzieher ſeines rechten Beines in den Boden bohren⸗ d Dann, nachdem die Pirouette vollendet war, blieb e er vor Hoffmann ſtehen und ſagte: „Sprich, junger Anmaßlicher, was haſt Du in der*. Compoſition gemacht?“ 6 „Sonaten, Kirchengeſänge, Quintetti.“ „Sonaten nach Sebaſtian Bach! Kirchengeſänge en, ren ter art en, mit en nn, ias die . und ſten rs, das tan wei der das me den en⸗ lieb der 209 nach Pergoleſe! Quintetti nach Franz Joſeph Haydn! Ah! Jugend! Jugend!“ Dann fuhr er mit einem Gefühl des Mitleids fort: „Und als Inſtrumentiſt, welches Inſtrument ſpie⸗ len Sie?“ „Ungefähr alle, vom Rebec bis zum Clavier, von der Viole d'amour bis zum Theorbe; doch das Inſtru⸗ ment, mit dem ich mich beſonders beſchäftige, iſt die Violine.“ „Wahrhaftig,“ ſprach Meiſter Gottlieb mit einer ſpöttiſchen Miene,„wahrhaftig, Du haſt der Violine dieſe Ehre erwieſen! meiner Treue! das iſt ein Glück für ſie arme Violine! Aber, Unglücklicher,“ rief er, indem er, um ſchneller zu gehen, auf einem Beine hüpfend zu Hoffmann zurückkehrte,„weißt Du, was die Vivline iſt? Die Violine!“ und Meiſter Gottlieb wiegte ſeinen Körper auf dem erwähnten einzigen Bein, während das andere, wie das eines Storchs, in der Luft blieb,„die Violine, das iſt das ſchwerſte von allen Inſtrumenten; die Violine iſt vom Satan ſelbſt zur Verdammniß der Menſchen erfunden worden, als Satan mit ſeinen Erfindungen zu Ende war. Mit der Vio⸗ line, ſiehſt Du, hat der Satan mehr Seelen das Ver⸗ derben bereitet, als mit ſämmtlichen ſieben Todſünden. Nur der unſterbliche Tartini, Tartini, mein Meiſter, mein Held, mein Gott, hat die Vollkommenheit auf der Violine erreicht; doch er allein weiß, was es ihn in dieſer und in der andern Welt gekoſtet, daß er eine ganze Nacht hindurch mit der Violine des Teufels ſelbſt geſpielt und ſeinen Bogen behalten hat. Oh! die Violine weißt Du, unglücklicher Entweiher, daß dieſes Inſtrument unter ſeiner beinahe dürftigen Einfachheit die unerſchöpflichſten Schätze der Harmonie verbirgt, welche der Menſch aus dem Becher der Göt⸗ ter zu trinken im Stande iſt2 Haſt Du dieſes Holz, dieſe Saiten, dieſen Bogen, dieſes Haar, dieſes Haar Tauſend und ein Geſpenſt. MMl. 14 210 beſonders ſtudirt; hoffſt Du es unter Deinen Fingern zu vereinigen, zu verbinden, zu bändigen, dieſes wunderbare Ganze, das ſeit zwei Jahrhunderten den Anſtrengungen der Geſchickteſten widerſteht, das ſchreit, das ächzt, das ſtöhnt, das unter ihren Fingern lamen⸗ tirt, und nur unter den Fingern des unſterblichen Tartini, meines Meiſters, geſungen hat?... Haſt Du, als Du zum erſten Mal eine Violine nahmſt, wohl bedacht, was Du thatſt, junger Mann? Doch Du biſt nicht der Erſte,“ fügte Meiſter Gottlieb mit einem Seufzer bei, den er aus der tieſſten Tiefe ſeiner Bruſt heraufholte,„und Du wirſt nicht der Letzte ſein, den die Violine zu Grunde gerichtet hat, die Violine, dieſe ewige Verſucherin! Andere, als Du, haben auch an ihren Beruf geglaubt und ihr Leben damit verloren, daß ſie auf der Geige kratzten, und Du wirſt die Zahl dieſer Unglücklichen vermehren, deren es ſchon ſo viele gibt, die der Geſellſchaft ſo unnütz, ihres Gleichen ſo unerträglich!“ Dann ergriff er plötzlich und ohne irgend einen uebergang eine Violine und einen Bogen, wie ein Fechtmeiſter zwei Rappiere nimmt, bot Hoffmann Bei⸗ des und ſagte mit einer herausfordernden Miene: „Nun! ſpiele mir etwas auf, ſpiele, und ich werde Dir ſagen, woran Du biſt, und wenn es noch Zeit iſt, Dich aus dem Abgrunde zu ziehen, werde ich Dich her⸗ ausziehen, wie ich den armen Zacharias Werner her⸗ ausgezogen habe. Er ſpielte auch Violine, er ſpielte mit Leidenſchaft, mit Wuth. Er träumte Wunder, aber ich habe ihm den Verſtand geöffnet. Er zerbrach ſeine Violine in Stücke und machte Feuer damit. Dann gab ich ihm eine Baßgeige in die Hände, und das be⸗ ruhigte ihn vollends. Da war Platz für ſeine langen, mageren Finger. Am Anfang ließ er ſie zehn Meilen am Tage machen, und nun, nun ſpielt er hinreichend Baßgeige, um ſeinem Oheim zum Geburtstage zu gra⸗ tuliren, während er nie Violine geſpielt hätte, um dem 8B — de en es en it, n⸗ en ſt ſt, ch efe er at, , en nd en itz, en ein ei⸗ de iſt, er⸗ er⸗ lte ber ine nn be⸗ en, len nd ra⸗ em 2¹1 Teufel zu gratuliren. Auf, auf, junger Mann, hier iſt eine Violine, zeige mir, was Du zu machen verſtehſt.“ Hoffmann nahm die Violine und unterſuchte ſie. „Ja, ja,“ ſagte Meiſter Gottlieb,„Du unterſuchſt, von wem ſie iſt, wie ein Weinkenner am Wein riecht, den er zu trinken im Begriff iſt. Laß eine Saite klin⸗ gen, eine einzige, und ſagt Dir Dein Ohr nicht den Namen desjenigen, welcher ſie gemacht hat, ſo biſt Du nicht würdig, ſie zu berühren.“ Hoffmaun knipp eine Saite, und dieſe gab einen vibrirenden, langen, bebenden Ton von ſich. „Es iſt ein Antonio Stradivarius,“ ſagte er. „Nicht übel... Doch aus welcher Lebensepoche von Stradivarius? Laß ein wenig hören; er hat viele Violinen von 1698 bis 1728 gemacht.“ „Oh! was das betrifft, da geſtehe ich meine Un⸗ wiſſenheit, und mir ſcheint unmöglich... „Unmöglich! Blasphemirer; unmöglich! Unglück⸗ licher, das iſt gerade, als ob Du mir— ſagteſt, es ſei unmöglich, das Alter des Weins zu erkennen, wenn man ihn koſte. Höre wohl, ſo wahr wir heute den 10. Mai 1793 haben, iſt dieſe Violine während der Reiſe verfertigt worden, welche der unſterbliche Antonio im Jahre 1705 von Cremona nach Mantua machte, und wo er ſeine Werkſtätte ſeinem erſten Zoͤgling über⸗ ließ. Siehſt Du, dieſer Stradivarius da, ich freue mich, es Dir zu fugen, iſt nur einer vom dritten Rang, aber ich befürchte, er iſt immer noch zu gut für einen armſeligen Schüler Deiner Art. Fort! fort!“ Hoffmann ſetzte die Violine an die Schulter und begann nicht ohne ein heftiges Herzklopfen Variationen über das Thema aus Don Juan: La ci darem la mano. Meiſter Gottlieb ſtand bei Hoffmann und ſchlug den Takt zugleich mit dem Kopf und mit der Fußſpitze ſeines krummen Beines. Während Hoffmann ſpielte, 2¹² belebte ſich ſein Geſicht immer mehr; ſeine Augen glänzten, ſein Oberkiefer biß auf ſeine untere Lippe, und auf den beiden Seiten dieſer geplatteten Lippe kamen zwei Zähne hervor, welche ſie in ihrer gewöhn⸗ lichen Lage zu verbergen beſtimmt war, die ſich aber in dieſem Augenblick erhoben wie zwei Hauzähne eines Wildſchweins. Ein Allegro, das Hoffmann ziemlich kräftig beſiegte, zog dieſem endlich von Meiſter Gott⸗ lieb eine Kopfbewegung zu, welche beinahe einem Zei⸗ chen der Billigung glich. Hoffmann endigte mit einem Démanché, das er für äußerſt glänzend hielt, während es, weit entfernt, den Künſtler zu befriedigen, Gottlieb zu einer abſcheulichen Grimaſſe veranlaßte. Sein Geſicht erheiterte ſich indeſſen allmälig wie⸗ der, er ſchlug den jungen Mann auf die Schulter und ſprach: „Ah! ah! das iſt minder ſchlecht, als ich glaubte: wenn Du Alles, was Du gelernt, vergeſſen haben wirſt, wenn Du nicht mehr ſolche Modeſprünge machſt, wenn Du Dich vor dieſen hüpfenden Zügen und krei⸗ ſchenden Uebergriffen hüteſt, wird man etwas aus Dir bilden.“ Dieſes Lob aus dem Munde eines ſo ſchwer zu befriedigenden Mannes, wie der alte Muſiker, entzückte Hoffmann. Obgleich in den mufikaliſchen Ocean ge⸗ taucht, vergaß er ſodann nicht, daß Meiſter Gottlieb der Vater der ſchönen Antonia war. Er faßte auch die Worte, die von dem Mund des Greiſes fielen, im Sprunge auf und fragte: „Und wer wird es übernehmen, etwas aus mir zu machen? Sie, Meiſter Gottlieb?“ „Warum nicht, junger Mann, warum nicht, wenn Du auf den alten Murr hören willſt?“ „Ich werde auf Sie hören, Meiſter, und zwar ſo lange und ſo viel Sie wollen.“ „ 2¹3 „Oh!“ murmelte der Greis ſchwermüthig, denn ſein Blick warf ſich in die Vergangenheit zurück, denn ſein Gedächtniß ſtieg die verlaufenen Jahre hinauf, „oh! ich habe viele Violiniſten kennen gelernt. Corelli habe ich allerdings durch Trabition gekannt; er iſt es, der die Straße eröffnet, den Weg gebahnt hat; man muß ihn auf die Manier von Tartini ſpielen oder darauf verzichten. Er hat zuerſt errathen, die Violine ſei, wenn nicht ein Gott, doch wenigſtens ein Tempel, aus dem ein Gott hervorgehen könne. Nach ihm kommt Paganini, ein keidlicher Violinſpieler, verſtändig, aber kraftlos, zu kraftlos, beſonders in gewiſſen Apoggia⸗ menti; dann Geminiani, dieſer fräftig, aber kräftig in wunderlichen Einfällen, ohne Uebergänge; ich bin ausdrücklich in Paris geweſen, um ihn zu ſehen, wie Du nach Paris gehen willſt, um die Oper zu ſehen: ein Toller, mein Freund, ein Nachtwandler, mein Kind, ein Menſch, der träumend geſtikulirte und ziem⸗ lich gut das Tempo rubato verſtand, das unſelige Tempo rubato, welches mehr Inſtrumentiſten um⸗ bringt, als die Pocken, als das gelbe Fieber, als die Peſt. Ich ſpielte ihm auch meine Sonaten auf die Manier des unſterblichen Tartini, meines Meiſters, und dann geſtand er ſeinen Irrthum ein. Leider war der Zögling bis an den Hals in ſeine Methode verſunken. Er war ein und ſechzig Jahre alt, der arme Knabe! Vierzig Jahre früher hätte ich ihn gerettet wie Giar⸗ dini; aber leider war er unverbeſſerlich; der Teufel in Perſon hatte ſich ſeiner linken Hand bemächtigt, und dann ging er und ging er in einem Zuge, daß ihm ſeine rechte Hand nicht folgen konnte; das waren Ausſchweifungen und Sprünge, daß ein Holländer den Veitstanz darüber hätte bekommen können. Als er eines Tags in Gegen⸗ wart von Jomelli ein glänzendes Stück verdarb, ver⸗ ſetzte ihm auch Jomelli, der der bravſte Mann der Welt war, eine ſo derbe Ohrfeige, daß die Wange von Giardini einen Monat aufgeſchwollen und das 2¹4 Fauſtgelenke von Jomelli auf drei Wochen luxirt war. Das iſt wie Lulli, ein Narr, ein wahrer Narr, ein Seiltänzer, ein halsbrecheriſcher Springer, ein Aequi⸗ libriſt ohne Balancirſtange, dem man eine Balancir⸗ ſtange ſtatt eines Bogens in die Hand geben müßte. Ach! ach! ach!“ rief ſchmerzlich der Greis,„ich ſage es mit einer tiefen Verzweiflung, mit Nardini und mir wird die ſchöne Kunſt, Violine zu ſpielen, erlöſchen, dieſe Kunſt, mit der unſerer Aller Meiſter, Or⸗ pheus, die Thiere anlockte, die Steine in Bewegung ſetzte und die Städte baute. Statt zu bauen, wie die göttliche Violine, zerſtören wir wie die verfluchten Trom⸗ peten. Wenn die Franzoſen je nach Deutſchland kom⸗ men, brauchen ſie nur, um die Mauern von Philipps⸗ burg, das ſie ſo oft belagert, fallen zu machen, von vier Violiniſten meiner Bekanntſchaft vor ſeinen Thoren ein Concert ſpielen zu laſſen.“ Der Greis ſchöpfte Athem und fügte mit ſanfterem Tone bei: „Ich weiß wohl, daß Viotti da iſt, einer von mei⸗ nen Zöglingen, ein Kind voll guter Anlagen und Eigen⸗ ſchaften, aber ungeduldig, aber ſchamlos, aber ungeregelt. Was Giarnowicki betrifft, das iſt ein Geck und ein unwiſſender Menſch, und ich habe vor Allem meiner alten Lisbeth geſagt, wenn ſie je ſeinen Namen vor der Thüre ausſprechen höre, ſo ſoll ſie dieſe zuſchlagen. Lisbeth iſt dreißig Jahre bei mir, nun denn! ich ſage Ihnen, junger Mann, ich jage Lisbeth fort, läßt ſie Giarnowicki zu mir, dieſen Sarmaten, dieſen Wälſchen, der ſich Uebles vom Meiſter der Meiſter, vom unſterb⸗ lichen Tartini zu ſagen erlaubt hat. Oh! demjenigen, welcher mir den Kopf von Giarnowicki bringt, ver⸗ ſpreche ich Lectionen und Rathſchläge, ſo viel er will. Was Dich betrifft, mein Junge,“ fuhr der Greis zu Hoffmann zurückkehrend fort,„Du biſt allerdings nicht ſtark; aber Rode und Kreutzer, meine Schüler, waren nicht ſtärker als Du. Ich ſage, indem Du Meiſter * f ar. ein ni⸗ te. ge nir en, r⸗ ng die m⸗ m⸗ ⸗ ier ein em ei⸗ n⸗ lt. in er or n. ge ſie n, n, r⸗ l. zu ht en et 215 Gottlieb aufſuchſt, indem Du Dich an Meiſter Gottlieb wendeſt, indem Du Dich an ihn durch einen Menſchen, der ihn kennt und ſchätzt, durch den Narren Zacharias Werner adreſſiren läſſeſt, führſt Du den Beweis, daß in Deiner Bruſt ein Künſtlerherz iſt. Junger Mann, es iſt auch nun nicht mehr ein Antonio Stradiva⸗ rius, was ich in Deine Hände legen will, nein, es iſt auch nicht ein Gramulo, dieſer alte Meiſter, den Tartini ſo hoch ſchätzte, daß er nur auf Inſtrumenten von Gramulo ſpielen wollte; nein, auf einem Antonio Amati, auf dem Ahnherrn, auf dem erſten Stamm aller Violinen, welche gemacht worden ſind, auf dem In⸗ ſtrument, das die Mitgift meiner Tochter Antonia ſein wird, will ich Dich ſpielen hören; ſiehſt Du, das iſt der Bogen des Ulyſſes, und wer den Bogen des Ulyſſes zu ſpannen vermag, iſt würdig der Penelope.“ Und nun öffnete der Greis den mit Sammet aus⸗ geſchlagenen und mit goldenen Galonen beſetzten Kaſten und zog eine Violine heraus, wie nie eine exiſtitt zu haben ſchien, und wie Hoffmann allein vielleicht ähn⸗ liche in den phantaſtiſchen Concerten ſeiner Großoheime und Großtanten geſehen zu haben ſich erinnerte. Er verbeugte ſich vor dem ehrwürdigen Inſtru⸗ ment, reichte es Hoffmann und ſprach: „Nimm und ſuche ſeiner nicht zu unwürdig zu ſein.“ Hoffmann verbeugte ſich ebenfalls, nahm das In⸗ ſtrument voll Ehrfurcht und begann eine alte Etude von Sebaſtian Bach. „Bach, Bach,“ murmelte Gottlieb,„das geht noch für die Orgel, aber er verſteht nichts von der Violine. Gleichviel!“ Beim erſten Ton, den Hoffmann dem Inſtrument entlockte, bebte er, denn er, der vortrefflichſte Muſiker, begriff, welchen Schatz an Harmonie man in ſeine Hände gelegt hatte. Der Geigenbogen, einem wirklichen Bogen ähnlich, ſo gekrümmt war er, erlaubte dem Inſtrumentiſten, die 216 vier Saiten zugleich zu umfaſſen, und die letzte von dieſen Saiten erhob ſich zu ſo wunderbar himmliſchen önen, daß Hoffmann nie hatte träumen können, ein * göttlicher Ton erwache unter einer menſchlichen and. Während dieſer Zeit ſtand der Greis vor ihm, den Kopf zurückgeworfen, die Augen blinzelnd, und ſagte ſtatt jeder Ermuthigung: „Nicht ſchlecht, nicht ſchlecht, junger Mann; die rechte Hand, die rechte Hand; die linke Hand iſt nur die Bewegung, die rechte Hand iſt die Seele. Auf, Seele! Seelei Seele!“ Hoffmann fühlte wohl, daß der alte Gottlieb Recht hatte, und er begriff, daß er, wie dieſer ihm bei der erſten Probe geſagt, Alles verlernen mußte, was er gelernt; und durch einen unmerklichen, aber ausgehalte⸗ nen, wachſenden Uebergang ſchritt er vom Pianiſſimo zum Fortiſſimo, von der Liebfoſung zur Drohung, vom Blitz zum Donner fort, und er verlor ſich in einem Strom von Harmonie, den er wie eine Wolke erhob und in murmelnden Cascaden, in flüchtigen Perlen, in feuchtem Staub niederfallen ließ, und er war unter dem Einfluß einer neuen Lage, eines an die Ertaſe grenzenden Zu⸗ ſtandes, als plötzlich ſeine linke Hand auf den Saiten niederſank, der Bogen in ſeiner Hand ſtarb, die Violine an ſeiner Bruſt herabglitt und ſeine Augen ſtarr und glühend wurden. Die Thüre war geöffnet worden, und in dem Spie⸗ gel, vor dem er ſpielte, hatte Hoffmann, einem durch eine himmliſche Harmonie heraufbeſchworenen Schatten ähnlich, die ſchöne Antonia, den Mund leicht geöffnet, die Bruſt gepreßt, die Augen feucht, erſcheinen ſehen. Hoffmann gab einen Freudenſchrei von ſich, und Meiſter Gottlieb hatte nur Zeit, den ehrwürdigen An⸗ tonio Amati aufzuhalten, der der Hand des jungen In⸗ ſtrumentiſten entſchlüpfte. —— on en in en N S — 217 Antonia. Antonia ſchien Hoffmann noch tauſendmal ſchöner in dem Augenblick, wo er ſie die Thüre öffnen und über die Schwelle ſchreiten ſah, als in der Minute, wo er ſie die Kirchenſtaffeln hatte herabſteigen ſehen. In dem nur zwei Schritte von ihm entfernten Spiegel, worin das junge Mädchen ſein Bild wieder⸗ ſtrahlte, konnte Hoffmann mit einem einzigen Blick im Einzelnen alle Schönheiten unterſcheiden, welche ihm aus der Ferne entgangen waren. Antonia zählte kaum ſiebenzehn Jahre; ſie war von mittlerem Wuchſe, eher groß als klein, aber ſo ſchlank, ohne mager, ſo biegſam, ohne ſchwach zu ſein, daß alle Vergleichungen mit der ſich auf ihrem Stängel ſchau⸗ kelnden Lilie, mit dem im Winde ſich beugenden Palm⸗ baum ungenügend geweſen wären, um dieſe italieniſche Morbidezza zu malen, das einzige Wort der Sprache, welches ungefähr die Idee ſanften Schmachtens aus⸗ drückt, die bei ihrem Anblick erwachte. Ihre Mutter war, wie Güulietta, eine von den ſchönen Fkühlings⸗ blumen Veronas, und man fand in Antonin, nicht ver⸗ ſchmolzen, ſondern in kecken Strichen, und das war ge⸗ rade der Reiz des Mädchens, die Schönheiten der zwei Racen wieder, welche ſich die Palme der Schönheit ſtrei⸗ tig machen. Bei der Feinheit der Haut der Frauen des Nordens hatte ſie ſo die Mattheit der Haut der Frauen des Süden; ihre zugleich dicken und langen, beim ge⸗ ringſten Wind wie ein goldener Dunſt flatternden blon⸗ den Haare beſchatteten ſo Augen und Brauen von ſchwar⸗ zem Sammet. Dann, was noch ſeltſamer, war in ihrer Stimme beſonders die harmoniſche Miſchung der zwei Sprachen fühlbar. Wenn Antonia Deutſch redete, mil⸗ 218 derte die Zartheit der ſchönen Sprache, in der, wie Dante ſagt, das h klingt, die Rauhheit des germani⸗ ſchen Accents, während im Gegentheil, wenn ſie Italie⸗ niſch hören ließ, die etwas zu weiche Sprache von Meta⸗ ſtaſiv und Goldoni eine Feſtigkeit annahm, welche ihr die mächtige Accentuirung der Sprache von Schiller und Göthe verlieh. Die Miſchung ward indeſſen nicht allein im Pſychi⸗ ſchen bemerkbar; Antonia war in moraliſcher Hinſicht ein wunderbarer, ſeltener Typus von dem, was entgegen⸗ geſetzte Poeſien, die Sonne Italiens und der Nebel Deutſchlands, vereinigen können. Man hätte glauben ſollen, es ſei zugleich ene Muſe und eine Fee, die Lurley der Ballade und die Beatrice der Divina Co⸗ media. Antonia, die vorzugsweiſe Künſtlerin, war auch die Tochter einer großen Künſtlerin. An die italieniſche Muſik gewöhnt, hatte ihre Mutter ſie eines Tages Leib an Leib die deutſche Muſik angefaßt. Es war ihr die Partitur der Alceſte von Gluck in die Hände gefallen, und ſie be⸗ wog ihren Mann, Meiſter Gottlieb, ihr das Gedicht ins Italieniſche überſetzen zu laſſen, und als das Gedicht überſetzt war, ſang ſie es in Wien; aber ſie hatte ihren Kräften zu viel zugetraut, oder die liebenswürdige Sängerin kannte vielmehr das Maß ihrer Empfindſam⸗ keit nicht: bei der dritten Vorſtellung der Oper, welche den größten Sueceß gehabt hatte, bei dem bewunde⸗ rungswürdigen Solo von Aleeſte: Götter des Styr u. ſ. w., als ſie das d erreichte, das ſie mit voller Bruſt gab, erbleichte, wankte ſie, wurde ſie ohnmächtig; ein Gefäß war in ihrer ſo edlen Bruſt zerſprungen; das Opfer war den hölliſchen Gottheiten wirklich ge⸗ bracht worden: die Mutter von Antonia war todt. Der arme Meiſter Gottlieb dirigirte das Orcheſter; von ſeinem Stuhle aus ſah er diejenige, welche er über Alles liebte, wanken, erbleichen, fallen; mehr noch, er hörte in ihrer Bruſt die Fiber zerreißen, an welcher ie E r ht el en ie 0= ie b 3 22 8 t e 2 N———— S 2¹9 das Leben hing, und er ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, der ſich mit dem letzten Seufzer der Virtuoſin vermiſchte. Hievon rührte vielleicht der Haß von Gottlieb gegen die deutſchen Meiſter her; es war der Ritter Gluck, welcher, ſehr unſchuldig, ſeine Thereſe getödtet hatte; doch er grollte nichtsdeſtoweniger dem Ritter Gluck wegen des tiefen Schmerzes, den er empfunden, und der ſich nur in dem Maße beſchwichtigt haite, in welchem er auf die heranwachſende Antonia die Liebe übertrug, die er für ihre Mutter gehegt. Nun ſiebenzehn Jahre alt, war das Mädchen dahin gelangt, daß es dem Greiſe Alles erſetzte; er lebte durch Antonia, er athmete durch Antonia. Nie bot ſich ſeinem Geiſte der Gedanke des Todes von Antonia; aber wenn er ſich geboten hätte, er würde darüber nicht ſehr beſorgt geweſen ſein, in Betracht, daß ihm nicht ein⸗ die Idee gekommen wäre, er könnte Antonia über⸗ eben. Er hatte alſo mit einem nicht minder enthuſiaſti⸗ ſchen Gefühl, als Hoffmann, obgleich dieſes Gefühl be⸗ deutend reiner war, Antonia auf der Thürſchwelle ſeines Cabinets erſcheinen ſehen. Gottliebs Tochter kam langſam; zwei Thränen glänzten an ihrem Augenlid; ſie machte einige Schritte gegen Hoffmann und reichte ihm die Hand. Dann ſprach ſie mit einem Ausdruck keuſcher Ver⸗ traulichkeit, und als ob ſie den jungen Mann ſeit zehn Jahren gekannt hätte: „Guten Morgen, Bruder.“ Sobald ſeine Tochter erſchien, blieb Meiſter Gott⸗ lieb ſtumm und unbeweglich; ſeine Seele verließ, wie immer, den Leib, flatterte um das Kind und ſang in die Ohren von Antonia alle Melodien des Glücks und der Liebe, welche die Seele eines Vaters beim Anblick ſeiner vielgeliebten Tochter ſingt. Er hatte ſeinen theuren Antonio Amati auf den 220 Tiſch gelegt, faltete ſeine Hände, wie er es vor der Jungfrau gethan hätte, und ſchaute ſein herbeikommen⸗ des Kind an. Hoffmann aber wußte nicht, ob er wachte oder ſchlief, ob er auf der Erde oder im Himmel war, ob eine Frau auf ihn zukam, oder ob ihm ein Engel er⸗ ſchien. Er machte auch beinahe einen Schritt rückwärts, als er Antonia ſich ihm nähern und ihm die Hand rei⸗ chen ſah, als er ſich von ihr Bruder nennen hörte. „Sie, meine Schweſter!“ ſprach er mit erſtickter Stimme. „Ja,“ erwiederte Antonia,„nicht das Blut macht die Familie, ſondern die Seele. Alle Blumen ſind Schweſtern durch den Wohlgeruch, alle Künſtler ſind Brüder durch die Kunſt. Es iſt wahr, ich habe Sie nie geſehen, doch ich kenne Sie; Ihr Bogen hat mir ſo eben Ihr Leben erzählt. Sie ſind Dichter, ein we⸗ nig verrückt, armer Freund. Ach! das iſt der glühende Funke, den Gott in unſern Kopf oder in unſere Bruſt einſchließt, der uns das Gehirn verbrennt oder das Herz zerſtört.“ Dann, ſich gegen Meiſter Gottlieb wendend, ſprach ſie: „Guten Morgen, Vater, warum haben Sie Ihre Antonia noch nicht umarmt? Ah! ich begreife. Il ma- trimonio segreto, das Stabat mater, Cimaro ſa, Pergoleſe, Perrora, was iſt Antonia dieſen gro⸗ ßen Genies gegenüber? ein armes Kind, das Sie liebt, welches Sie aber um ihretwillen vergeſſen.“ „Ich Dich vergeſſen!“ rief Gottlieb,„der alte Murr Antonia vergeſſen! Der Vater ſeine Tochter! warum? Wegen einiger abſcheulicher Muſiknoten, we⸗ gen eines Haufens von ganzen Noten, von Viertels⸗ noten, von Achtelsnoten, von b und von Kreuzen. Ahl ja wohl! ſieh nur, wie ich Dich vergeſſe.“ Unb mit einer erſtaunlichen Behendigkeit drehte ſich — v* 221 der Greis auf ſeinem krummen Beine und ließ mit ſei⸗ nem andern Beine und mit ſeinen beiden Händen die Orcheſterpartieen von Il matrimonio segreto, welche zur Vertheilung an die Muſiker der Kapelle bereit wa⸗ ren, in die Luft fliegen. „Mein Vater! mein Vater!“ ſagte Antonia. „Feuer! Feuer!“ rief Meiſter Gottlieb,„Feuer, daß ich dies Alles verbrenne! Feuer, daß ich Pergo⸗ leſe verbrenne! Feuer, daß ich Cimaroſa verbrenne! Feuer, daß ich Paeſiello verbrenne! Feuer, daß ich meinen Stradivarius verbrenne! Feuer, daß ich mei⸗ nen Gramulo verbrenne! Feuer, daß ich meinen An⸗ tonio Amati verbrenne! Hat nicht meine Tochter Antonia geſagt, ich liebe Saiten, Holz und Papier mehr, als mein Fleiſch und mein Blut? Feuer! Feueri Feuer!“ Und der Greis bewegte ſich wie ein Wahnſinniger, ſprang auf ſeinem Bein wie der hinkende Teufel, und ließ ſeine Arme gehen wie eine Windmühle. Antonia betrachtete dieſe Tollheit mit jenem ſanf⸗ ten Lächeln des befriedigten kindlichen Stolzes. Sie, die nie anders, als mit ihrem Vater, Coquetterie getrie⸗ ben hatte, wußte wohl, daß ſie bei dem Greiſe allmäch⸗ tig, daß ſein Herz ein Königreich war, in welchem ſie als unumſchränkte Souverainin herrſchte. Sie hielt auch den Greis mitten in ſeinen Evolutionen auf, zog an ſich und drückte einen einfachen Kuß auf ſeine tirne. Der Greis ſtieß einen Freudenſchrei aus, nahm ſeine Tochter in feine Arme, hob ſie in die Höhe, wie er es mit einem Vogel gethan hätte, und ſank, nach⸗ dem er ſich drei bis vier Mal um ſich ſelbſt gedreht, auf ein großes Canapé, wo er ſie, wie es eine Mutter mit ihrem Kinde macht, zu wiegen anfing. Anfangs ſchaute Hoffmann Meiſter Gottlieb voll Schrecken an; als er ihn die Partituren in die Luft werfen, als er ihn ſeine Tochter in ſeinen Armen auf⸗ heben fah, hielt er ihn für verrückt, für wüthend, für 222 wahnſinnig. Aber bei dem friedlichen Lächeln von An⸗ tonia beruhigte er ſich bald, hob er ehrerbietig die zer⸗ ſtreuten Partituren auf und legte ſie wieder auf die Tiſche und Pulte, während er aus ſeinem Augenwinkel dieſe ſeltſame Gruppe betrachtete, wo ſelbſt der Greis ſeine Poeſie hatte. Plötzlich zog etwas Sanftes, Mildes, Aetheriſches durch die Luft; es war ein Dunſt, es war eine Melo⸗ die, es war etwas noch Göͤttlicheres: es war die Stimme von Antonia, welche mit ihrer Künſtlerphantaſie jene wunderbare Compoſitivn von Stradella, welche ihrem Autor das Leben gerettet, das Pieta, Signore angriff. Bei den erſten Klängen dieſer Engelsſtimme blieb Hoffmann unbeweglich, während der alte Gottlieb ſachte ſeine Tochter von ſeinem Schooße aufhob und ganz lie⸗ gend, wie ſie war, auf das Canapé niederließ; dann lief er zu ſeinem Antonio Amati, ſetzte die Begleitung mit den Worten in Einklang und begann ſeinerſeits die Harmonie ſeines Bogens unter dem Geſang von Anto⸗ nia durchgehen zu laſſen, und ihn zu ſtützen, wie ein Engel die Seele ſtützt, die er zum Himmel trägt. Die Stimme von Antonia war eine Sopran⸗ ſtimme, ſie beſaß den ganzen Umfang, welchen die göttliche Verſchwendung, nicht einer Frauenſtimme, ſon⸗ dern einer Engelsſtimme zu verleihen vermag. Antonia durchlief fünf und eine halbe Oetave; ſie gab mit der⸗ ſelben Leichtigkeit das contra e, dieſe göttliche Note, welche nur himmliſchen Concerten zu gehören ſcheint, und das c der fünften Octave der unteren Noten. Nie hatte Hoffmann etwas ſo Sammetartiges gehört, als die vier erſten ohne Begleitung geſungenen Tacte, Pieta, Signore, di me dolente. Dieſes Aufathmen der leidenden Seele gegen Gott, dieſes glühende Gebet an den Herrn, er möge Erbarmen haben mit dem Leiden, das ſich in Klagen ergießt, nahmen in dem Munde von Antania ein Gefühl von Ehrfurcht an, das dem Schrecken glich. Die Begleitung, welche ihrerſeits die zwiſchen — MW M 223 dem Himmel und der Erde ſchwebende Phraſe empfan⸗ gen, welche ſie gleichſam nach dem hingeſchiedenen a in ihre Arme genommen hatte und ſie piano, piano, wie⸗ derholte wie ein Echo der Flage, war in jeder Hinſicht würdig der wehmüthigen, ſchmerzerfüllten Stimme. Die Begleitung ſagte, nicht italieniſch, nicht deutſch, nicht franzöſiſch, ſondern in jener allgemeinen Sprache, welche man Muſik nennt: „Mitleid, o Herr, Mitleid mit mir, der Unglücklichen; Mitleid, o Herr, und wenn mein Gebet zu Dir gelangt, ſo möge Deine Strenge ſich entwaffnen und Deine Blicke mögen ſich minder ſtreng und mehr milde ge⸗ gen mich wenden.“ Und dennoch, während ſie der Stimme folgte, wäh⸗ rend ſie dieſelbe umhüllte, ließ ſie derſelben ihre ganze Freiheit, ihren vollen Umfang; es war eine Liebko⸗ ſung und nicht ein Druck, eine Stütze und nicht eine Beengung; und als bei dem erſten Sforzando, als auf dem d und den beiden † die Stimme ſich erhob, als wollte ſie es verſuchen, zum Himmel aufzuſteigen, ſchien die Begleitung zu fürchten, ſie könnte auf ihr laſten, wie etwas Irdiſches, und überließ ſie beinahe den Flü⸗ geln des Glaubens, um ſie nur bei dem e, beim Dimi⸗ nuando, nämlich da zu unterſtützen, wo die Seele, er⸗ müdet durch die Anſtrengung, gleichſam auf ſich ſelbſt zuſammenſank, ähnlich der auf ihren Knieen ſitzenden Madonna von Canopa, bei welcher ſich Alles biegt, Seele und Leib, hingeſunken unter dem furchtbaren Zweifel, ob die Barmherzigkeit Gottes groß genug ſei, um den Fehler des Geſchöpfes zu verbeſſern. Dann, als ſie mit einer zitternden Stimme fort⸗ fuhr: Es geſchehe nie, daß ich verdammt ſei und hinabgeſtürzt in das ewige Feuer Dei⸗ ner Strenge, o großer Gott! wagte es die Be⸗ gleitung, ihre Stimme mit der bebenden Stimme zu vermiſchen, welche, in der Ferne die ewigen Flammen 224 erſchauend, zu Gott betete, er möge ſie ihnen entrücken. Da betete die Begleitung ebenfalls, flehte, ſeufzte, ſtieg mit ihr bis zum f hinauf, ſtieg mit ihr bis zum e hinab, hielt ſich an ihrer Seite in ihrer Schwäche, unterſtützte ſie in ihrer Angſt; dann, während keuchend und entkräftet die Stimme in den Tiefen der Bruſt von Antonia ſtarb, fuhr die Begleitung allein nach der er⸗ loſchenen Stimme fort, wie nach der entflohenen und ſchon auf dem Wege zum Himmel befindlichen Seele murmelnd und klagend die Gebete der Ueberlebenden fortdauern. Mit dem Flehen der Violine von Meiſter Gottlieb begann eine unerwartete, ſanfte und zugleich mächtige, beinahe himmliſche Harmonie ſich zu vermiſchen. An⸗ tonia erhob ſich auf ihren Arm, Meiſter Gottlieb wandte ſich halb um und blieb den Bogen über den Saiten ſeiner Violine ſchwebend. Anfangs betäubt, berauſcht, wie im Delirium, hatte Hoffmann begriffen, daß die ſchmerzlichen, klagenden Ausbrüche dieſer Seele ein we⸗ nig Hoffnung brauchten, und daß ſie zerreißen würde, wenn ihr nicht ein göttlicher Strahl den Himmel zeigte, und er war nach einer Orgel geſtürzt und hatte ſeine zehn Finger auf den bebenden Taſten ausgebreitet, und, einen tiefen Seufzer ausſtoßend, hatte ſich die Orgel mit der Violine von Gottlieb und der Stimme von An⸗ tonia vermengt. Dann war es etwas Wunderbares, dieſe Rückkehr des Motives Pieta, Signore, begleitet von dieſer Stimme der Hoffnung, ſtatt wie in der erſten Abtheilung von der Angſt und dem Schrecken verfolgt zu werden, und als, voll Vertrauen zu ihrem Genius wie zu ihrem Gebet, Antonia mit aller Stärke ihrer Stimme das † des Volgi angriff, da durchzog ein Schauer die Adern des alten Gottlieb und ein Schrei entſchlüpfte dem Munde von Hoffmann, der, den Antonio Amati unter den Harmonieſtrömen niederſchmetternd, welche aus ſei⸗ ner Orgel hervorwogten, die Stimme von Antonia ——— c— S* 225 fortſetzte, als ſie verſchieden war, und auf den Flügeln, nicht mehr eines Engels, ſondern eines Orkans, den letzten Seufzer dieſer Seele zu den Füßen des allmäch⸗ tigen und allbarmherzigen Herrn zu tragen ſchienen. Dann trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein und ihre Hände vereinigten ſich in einem brüderlichen Druck, wie ſich ihre Seelen in einer gemeinſchaftlichen Harmonie verbunden hatten. Und von dieſer Stunde an war es nicht mehr allein Antonia, welche Hoffmann ihren Bruder nannte, ſon⸗ dern der alte Gottlieb Murr, der Hoffmann ſeinen Sohn nannte. — Der Schwur. Vielleicht wird der Leſer ſich fragen ober vielmehr uns fragen, wie es komme, daß Meiſter Gotilleb Murr, während die Mutter von Antonia beim Singen geſtor⸗ ben, erlaubt habe, daß ſeine Tochter, das heißt die Seele ſeiner Seele, einer ähnlichen Gefahr ſich preis⸗ gab, wie die, welcher die Mutter unterlegen war. Anfangs, als er Antonia ihren erſlen Geſang ver⸗ ſuchen hörte, hatte der Vater gezittert, wie das Laub zittert, bei dem ein Vogel ſingt. Doch Antonia war ein wahrer Vogel, und der alte Muſiker bemerkte bald, daß der Geſang ihre natürliche Sprache. Gott hatte auch, indem er ihr eine ſo umfangreiche Stimme gege⸗ ben, daß ſich vielleicht nicht ihres Gleichen auf der Welt fand, angedeutet, es ſei für Meiſter Gottlieb, wenigſtens in dieſer Hinſicht, nichts zu befürchten; in der That, als ſich mit dieſer natürlichen Gabe des Ge⸗ Tauſend und ein Geſpenſt. M. 15 226 ſangs das Studium der Mufik verbunden hatte, als die übertriebenſten Schwierigkeiten des Solfeggio dem Mädchen vorgelegt und mit einer wunderbaren Leichtig⸗ keit ohne Grimaſſe, ohne Anſtrengung, ohne eine ein⸗ zige Spannung im Halſe, ohne ein einziges Blinzeln der Augen überwunden worden waren, da hatte er die Vollkommenheiten des Inſtruments begriffen, und da Antonia, wenn ſie die für die höchſten Stimmen ge⸗ ſchriebenen Stücke ſang, immer dieſſeits deſſen, was ſie thun konnte, blieb, ſo hatte er ſich überzeugt, es ſei keine Gefahr dabei, wenn er die ſüße Nachtigall den Neigungen ihres melodiſchen Berufes überlaſſe. Nur vergaß Meiſter Gottlieb, daß die Saite der Muſik nicht die einzige iſt, welche im Herzen des Mäd⸗ chens klingt, und daß es darin noch eine andere viel ſchwächere, viel mehr vibrirende, viel mehr todtliche gibt: die der Liebe. Dieſe war bei der Armen, bei dem Tone des Bo⸗ gens von Hoffmann, erwacht; über ihre Stickerei in einem Zimmer neben dem gebückt, in welchem ſich der junge Mann und der Greis aufhielten, erhob ſie den Kopf beim erſten Beben, das durch die Luft zog. Sie lauſchte; dann drang eine ſeltſame Empfindung in ihre Seele ein und durchſtrömte in unbekannten Schauern ihre Adern. Sie ſtand langſam auf und ſtützte eine Hand auf einen Stuhl, während die andere die Sticke⸗ rei ihren halbgeöffneten Fingern entſchlüpfen ließ. Sie blieb einen Augenblick unbeweglich; dann ſchritt ſie ſachte auf die Thüre zu und erſchien, wie wir erzählt haben, ein vom materiellen Leben heraufbeſchworener Schatten, eine pvetiſche Viſion, auf der Schwelle des Cabineis von Meiſter Gottlieb Murr. Wir haben geſehen, wie die Muſik in ihrem glühen⸗ den Tiegel dieſe drei Seelen in eine verſchmolz, und wie am Ende des Concerts Hoffmann ein Genoſſe des Hau⸗ ſes wurde. Es war die Stunde, wo der alte Gottlieb ſich zu ———— c0 8 8 c— 1 8 8 ( b als em in⸗ eln die ge⸗ ſie ſei en er id⸗ iel in er n ie Tiſche zu ſetzen pflegte. Er lud Hoffmann ein, mit ihm zu Mittag zu ſpeiſen, und dieſe Einladung nahm Hoff⸗ mann mit derſelben Herzlichkeit an, mit der ſie ge⸗ macht war. Dann verwandelte ſich für einige Augenblicke die ſchöne, poetiſche Jungfrau des göttlichen Geſangs in eine gute Hauswirthin. Antonia ſchenkte den Thee ein, wie Clariſſe Harlowe, machte Buttertörtchen, wie Charlotte, und ſetzte ſich am Ende ſelbſt an den Tiſch und aß wie eine einfache Sterbliche. Die Deutſchen verſtehen die Poeſie anders als wir. In unſeren Verhältniſſen der manierirten Welt entpoe⸗ tiſirt ſich die Frau, welche ißt und trinkt. Läßt ſich eine hübſche junge Frau bei Tiſche nieder, ſo thut ſie es, um den Vorſitz beim Mahle zu führen; hat ſie ein Glas vor ſich, ſo gebraucht ſie es, um ihre Hand⸗ ſchuhe hineinzuſtecken, wenn ſie nicht etwa ihre Hand⸗ ſchuhe anbehält; hat ſie einen Teller, ſo benützt ſie ihn nur, um am Ende des Mahles darüber eine Weintraube abzukörnen, deren goldenſte Beeren zuweilen das un⸗ körperliche Geſchöpf auszuſaugen ſich herbeiläßt, wie es eine Biene mit dem Honig einer Blume thut. Man begreift, nach der Art, wie Hoffmann bei Meiſter Gottlieb aufgenommen worden war, daß er am andern Tag, am zweiten Tag und an den folgenden Tagen wiederkam. Was Meiſter Gottlieb betrifft, ſo ſchienen ihn dieſe häufigen Beſuche durchaus nicht zu beunruhigen: Antonia war zu rein, zu keuſch, hatte zu viel Vertrauen zu ihrem Vater, als daß dem Greis der Verdacht gekommen wäre, ſeine Tochter könnte einen Fehler begehen. Seine Tochter, das war di⸗ heilige Cäcilia, das war die Jungfrau Maria, das war ein Engel des Himmels; die göttliche Weſenheit hatte in ihr ſo ſehr die Oberhand über die irdiſche Materie, daß es der Greis nie für geeignet erachtet, ihr zu ſagen, es ſei mehr Gefahr bei der Berührung zweier Körper, als bei der Vereinigung zweier Seelen. 228 Hoffmann war alſo glücklich, ſo glücklich, als einem ſterblichen Geſchöpf dies zu ſein geſtattet iſt. Die Sonne der Freude erleuchtet nie ganz das Herz des Menſchen; es gibt immer auf gewiſſen Punkten des Herzens einen düſteren Flecken, der den Menſchen daran erinnert, daß das vollſtändige Glück nicht auf dieſer Welt exiſtirt, ſondern nur im Himmel. Aber Hoffmann hatte einen Vorzug vor dem gro⸗ ßen Haufen. Oſft kann ſich der Menſch die Urſache jenes Schmerzes nicht erklären, der mitten durch ſein Wohlergehen zieht, jenes Schattens, der ſich finſter und ſchwarz auf ſeine ſtrahlende Glückſeligkeit wirft. Hoffmann aber, er wußte, was ihn unglücklich machte. Es war das Verſprechen, das er Zacharias Werner geleiſtet, ihm nach Paris nachzufolgen; es war der ſelt⸗ ſame Wunſch, Frankreich zu beſuchen, welcher verſchwand, ſobald ſich Hoffmann in Gegenwart von Antonia be⸗ fand, aber ſeine ganze Gewalt wiedererlangte, wenn Hoffmann allein war; mehr noch: in bemſelben Maße, in welchem die Zeit verlief und die Briefe von Zacha⸗ rias, den Freund an ſein gegebenes Wort mahnend, ringender wurden, nahm die Traurigkeit von Hoff⸗ mann zu. Die Gegenwart des Mädchens war in der That nicht mehr genügend, das Geſpenſt zu vertreiben, wel⸗ ches Hoffmann bis an die Seite von Antonia verfolgte. Oft verſank Hoffmann bei Antonia in eine tiefe Träu⸗ merei. Wovon träumte er? Von Zacharias Werner, deſſen Stimme er zu hören ſchien. Anfangs zerſtreut, heftete ſich am Ende ſein Auge oft ſtarr auf einen Punki des Horizonts. Was ſah dieſes Auge oder was glaubte es vielmehr zu ſehen? Die Straße nach Paris, dann an einer von den Wendungen dieſer Straße Zacharias, der ihm entgegen kam und Hoffmann durch ein Zeichen bedeutete, er möge ihm folgen. Das Geſpenſt, das Hoffmann in ſeltenen, unregel⸗ S— — eo.5— S S 2 em ine nz en rt, b. he in er 229 mäßigen Zwiſchenräumen erſchienen war, kam mit mehr Regelmäßigkeit zurück und verfolgte ihn am Ende mit einer unabläſſigen Beharrlichkeit. Hoffmann liebte Antonia immer mehr. Hoffmann fühlte, daß Antonia ſeinem Leben nothwendig, daß ſie das Glück ſeiner Zukunft war, aber er fühlte auch, daß er, ehe er ſich in dieſes Glück warf und damit dieſes Glück dauerhaft wäre, die beabſichtigte Pilgerfahrt aus⸗ führen mußte, ſonſt würbe der in ſeinem Herzen einge⸗ ſchloſſene Wunſch, ſo ſeltſam er auch ſein mochte, ihn zernagen. Eines Tags, als er bei Antonia ſaß, während Meiſter Gottlieb in ſeinem Cabinet das Stabat von Pergoleſe, welches er in der philharmoniſchen Geſell⸗ ſchaft in Frankfurt aufführen wollte, in Noten ſetzte, war Hoffmann in eine von ſeinen gewöhnlichen Träu⸗ mereien verſunken. Antonia, nachdem ſie ihn lange an⸗ geſchaut, nahm ihn bei beiden Händen und ſagte: „Sie müſſen dahin gehen, mein Freund.“ Hoffmann ſchaute ſie voll Erſtaunen an und wie⸗ derholte: „Dahin gehen? wohin dies?“ „Nach Frankreich, nach Paris.“ „Antonia, wer hat Ihnen dieſen geheimen Gedan⸗ ken meines Herzens, den ich mir ſelbſt nicht zu geſtehen wage, mitgetheilt?“ „Ich könnte mir bei Ihnen die Macht einer Fee zuſchreiben, Theodor, und Ihnen ſagen: Ich habe in Ihrem Geiſte, ich habe in Ihren Augen, ich habe in Ihrem Herzen geleſen, doch ich würde lügen. Nein, ich habe mich erinnert, das iſt das Ganze.“ „Und woran haben Sie ſich erinnert, meine viel⸗ geliebte Antonia?“ „Ich habe mich erinnert, daß am Porabend des Tages, an welchem Sie zu meinem Vater kamen„Za⸗ charias Werner hier war und uns von Ihrem Reiſe⸗ plan, von Ihrem glühenden Wunſch, Paris zu ſehen 230 erzählte, von einem Wunſch, genährt beinahe ſeit einem Jahre und ſeiner Erfüllung ganz nahe. Seitdem haben Sie mir geſagt, was Sie zu reiſen abgehalten. Sie haben mir geſagt, wie Sie, als Sie mich zum erſten Mal geſehen, von jenem unwiderſtehlichen Gefühl er⸗ faßt worden ſeien, das mich ſelbſt ergriff, da ich Sie hörte, und nun haben Sie mir nur noch zu ſagen, daß Sie mich immer ebenſo ſehr lieben.“ Hoffmann machte eine Bewegung. „Bemühen Sie ſich nicht, es mir zu ſagen,“ fuhr Antonia fort,„ich weiß es; aber es gibt etwas Mäch⸗ tigeres als dieſe Liebe: das iſt der Wunſch, nach Frank⸗ reich zu gehen, mit Zacharias wieder zuſammenzutreffen, kurz, Paris zu ſehen.“ „Antonia!“ rief Hoffmann,„Alles iſt wahr an dem, was Sie geſprochen, außer einem Punkt: daß es auf der Welt etwas Stärkeres gebe, als meine Liebe! Nein, ich ſchwöre es Ihnen, Antonia, dieſen Wunſch, dieſen ſeltſamen Wunſch, den ich nicht begreife, ich hätte ihn in meinem Herzen begraben, würden Sie ihn nicht ſelbſt daraus hervorgezogen haben. Sie täuſchen ſich alſo nicht, Antonia. Ja, es gibt eine Stimme, die mich nach Paris ruft, eine Stimme, welche ſtärker als mein Willen, und dennoch, das wiederhole ich Ihnen, hätte ich ihr nicht gehorcht: dieſe Stimme iſt die des Ge⸗ ſchicks!“ „Es ſei; erfüllen wir unſer Geſchick, mein Freund. S morgen abreiſen. Wie viel Zeit brauchen e?“— „Einen Monat, Antonia, in einem Monat werde ich zurück ſein.“ „Ein Monat wird Ihnen nicht genügen, Theodor; in einem Monat haben Sie nichts geſehen; ich gebe Ihnen zwei, ich gebe Ihnen drei Monate; ich gebe Ih⸗ nen ſo viel Zeit, als Sie wollen, nur verlange ich zwei Dinge von Ihnen.“ em ben Sie ten er⸗ Sie aß 231 „Welche, theure Antonia, welche? Sprechen Sie geſchwinde.“ „Morgen iſt es Sonntag; morgen iſt der Tag der Meſſe; ſchauen Sie aus Ihrem Fenſter, wie Sie am Tage der Abreiſe von Zacharias Werner herausſchauten, und wie an jenem Tage, mein Freund, nur trauriger, wer⸗ den Sie mich die Kirchenſtaffeln hinaufſteigen ſehen; dann folgen Sie mir an meinen gewöhnlichen Platz, dann ſetzen Sie ſich zu mir, und in dem Augenblick, wo der Prieſter das Blut unſeres Herrn weihen wird, leiſten Sie mir zwei Schwüre, den, mir treu zu bleiben, und den, nicht mehr zu ſpielen.“ „Oh! Alles, was Sie wollen, ſchwöre ich Ihnen auf der Stelle, theure Antonia.“ „Stille, Theodor, Sie werden morgen ſchwören.“ „Antonia, Antonia, Sie ſind ein Engel.“ „Theodor, haben Sie in dem Augenblick, wo wir uns trennen, nicht meinem Vater etwas zu ſagen?“ „Ja, Sie haben Recht. Doch in der That, ich geſtehe Ihnen, Antonia, daß ich zittere. Mein Gott! was bin ich denn, daß ich zu hoffen wagen ſollte?“ „Sie ſind der Mann, den ich liebe, Theodor, ſuchen Sie meinen Vater auf, gehen Sie.“ Und ſie machte Hoffmann ein Zeichen mit der Hand und öffnete die Thüre eines kleinen Zimmers, das von ihr in ein Betzimmer verwandelt worden war. Hoffmann folgte ihr mit den Augen, bis ſich die Thüre wieder geſchloſſen hatte, und durch die Thüre ſandte er ihr mit allen Küſſen ſeines Mundes alle Er⸗ güſſe ſeines Herzens zu. Dann trat er in das Cabinet von Meiſter Gott⸗ lieb ein. Meiſter Gottlieb war ſo ſehr an die Tritte von Hoffmann gewöhnt, daß er nicht einmal die Augen von dem Pulte aufſchlug, wo er das Stabat copirte. Der junge Mann trat alſo ein und blieb hinter Meiſter Gottlieb ſtehen. 232 Nach einer Minute, als er nichts mehr hörte, nicht einmal den Athem des jungen Mannes, drehte ſich Mei⸗ ſter Gottlieb um. „Ah! Du biſt es Junge,“ rief er, indem er den Kopf zurückwarf, um Hoffmann durch ſeine Brille an⸗ zuſchauen.„Was haſt Du mir zu ſagen?“ Hoffmann öffnete den Mund, aber er ſchloß ihn wieder, ohne ein Wort hervorgebracht zu haben. „Biſt Du ſtumm geworden?“ fragte der Greis; „Teufel! das wäre ein Unglück. Ein Burſche, der ſo ins Zeug geht, wie Du, kann die Sprache nicht ver⸗ lieren, wenn nicht zur Strafe dafür, daß er Mißbrauch mit ihr getrieben!“ „Nein, Meiſter Gottlieb, nein, ich habe die Sprache, Gott ſei Dank, nicht verloren. Nur ſcheint mir das, was ich Ihnen ſagen will.4 „Nun?“. „Nun!. mir ſcheint das ſchwierig.“ „Bah! iſt es denn ſo ſchwierig, zu ſagen: Meiſter Gottlieb, ich liebe Ihre Tochter.“ „Sie wiſſen das, Meiſter Gottlieb 2“ „Ah! ja wohl! Ich müßte im Hirn verrückt oder Fnkopf ſein, wenn ich Deine Liebe nicht bemerkt hätte.“ „Und Sie haben dennoch geſtattet, daß ich ſie zu lieben fortfuhr?“ „Warum nicht? weil ſie Dich liebt.“ „Meiſter Gottlieb, Sie wiſſen doch, daß ich kein Vermögen habe?“ „Bah! haben die Vögel des Himmels Vermögen? Sie ſingen, ſie paaren ſich, ſie bauen ein Neſt, und Gott ernährt ſie. Wir Künßtler gleichen ungemein den Vögeln; wir ſingen, und Gott kommt uns zu Hülfe. Genügt der Geſang nicht mehr, ſo wirſt Du Maler; iſt die Malerei ungenügend, ſo wirſt Du Muſiker. Ich war nicht reicher als Du, als ich meine arme Tereſa heirathete; nun, es hat uns nie an Obdach, nie an ——————— 233 Brod gemangelt; ich habe immer Geld nöthig gehabt, und es hat mir nie daran gefehlt. Biſt Du reich an Liebe? das iſt Alles, was ich Dich frage; verdienſt Du den Schatz, den Du begehrſt? das iſt Alles, was ich zu wiſſen wünſche. Liebſt Du Antonia mehr als Dein Leben, mehr als Deine Seele? Dann bin ich ruhig. Antonia wird nie an Etwas Mangel leiden. Liebſt Du ſie nicht? Dann iſt es etwas Anderes; hätteſt Du hundert taufend Livres Einkünfte, ſie würde immer an Allem Mangel leiden.“ Hoffmann war nahe daran, vor dieſer anbetungs⸗ würdigen Philoſophie des Künſtlers niederzuknieen. Er neigte ſich auf die Hand des Greiſes und dieſer zog ihn an ſich und drückte ihn an ſeine Bruſt. „Gut, gut,“ ſagte Meiſter Gottlieb,„das iſt ab⸗ gethan; tritt Deine Reiſe an, da Dich die Wuth, die gräßliche Muſik von Herrn Mehul und von Herrn Delahrac zu hören, plagt; das iſt eine Jugendkrank⸗ heit, welche ſchnell geheilt ſein wird. Ich bin unbeſorgt; mache dieſe Reiſe, mein Freund, und fomm' hieher zurück, Du wirſt Mozart, Beethoven, Cimaroſa, Per⸗ goleſe, Paeſiello, Porpora wiederfinden, und mehr noch, Meiſter Gottlieb und ſeine Tochter, das heißt einen Vater und eine Frau. Gehe, mein Kind, gehe.“ Meiſter Gottlieb umarmte Hoffmann abermals; dieſer, da er die Nacht kommen ſah, dachte, er habe keine Zeit zu verlieren, und begab ſich nach Hauſe, um ſeine Anſtalten zur Abreiſe zu treffen. Am andern Tag war Hoffmann vom Morgen an an ſeinem Fenſter. Je näher der Augenblick kam, wo er Antonia verlaſſen ſollte, deſto unmöglicher kam ihm dieſe Trennung vor. Dieſe ganz reizende Periode ſei⸗ nes Lebens, welche verlaufen war, dieſe ſieben Monate, welche wie ein Tag entſchwunden, und die ſich ſeinem Gedächtniß darſtellten, bald wie ein weiter Horizont, den er mit einem Blick umfaßte, bald wie eine Reihen⸗ folge freudiger Tage, die lächelnd, mit Blumen bekränzt 234 hinter einander kamen; dieſe ſüßen Geſänge von An⸗ tonia, die ihm eine ganz mit zarten Melodien vermengte Luft gemacht hatten; dies Alles übte eine ſo mächtige Anziehungskraft, daß er beinahe mit dem Unbekannten kämpfte, mit dieſem mächtigen Zauberer, der die ſtärk⸗ ſten Herzen, die kälteſten Seelen anlockt. Um zehn Uhr erſchien Antonia an der Straßenecke, wo ſie, zu derſelben Stunde, ſieben Monate früher Hoffmann zum erſten Mal geſehen hatte. Die gute Lis⸗ beth folgte ihr wie gewöhnlich; Beide ſtiegen die Kir⸗ chenſtaffeln hinauf. Antonia wandte ſich um, als ſie die oberſte Stufe erreicht hatte, erblickte Hoffmann, winkte ihm mit der Hand und trat in die Kirche ein. Hoffmann ſtürzte aus dem Haus und trat nach ihr ein. Antonia war ſchon niebergekniet und betete. Hoffmann war Proteſtant, und dieſe Geſänge in einer andern Sprache waren ihm immer ziemlich lächer⸗ lich vorgekommen; wenn er aber Antonia den zugleich ſo ſanften und ſo großartigen Kirchengeſang pſalmo⸗ diren hörte, bedauerte er, daß er die Worte nicht wußte, um ſeine Stimme mit der Stimme von Anto⸗ nia zu verbinden, welche noch milder geworden durch die tiefe Melancholie, von der das Mädchen heim⸗ geſucht war. So lange das Meßopfer dauerte, ſang ſie mit derſelben Stimme, mit der die Engel da oben ſingen müſſen; dann, als die Klingel des Chorknaben die Ein⸗ weihung der Hoſtie verkündigte, in dem Augenblick, wo ſich die Gläubigen vor Gott niederbeugten, der ſich, in den Händen des Prieſters, über ihren Häup⸗ tern erhob, richtete Antonia allein die Stirne auf. „Schwören Sie!“ ſagte ſie. „Ich ſchwöre,“ ſprach Hoffmann mit einer zittern⸗ den Stimme,„ich ſchwöre, auf das Spiel zu verzichten.“ „Iſt das der einzige Schwur, den Sie mir leiſten wollen, mein Freund?“ ln⸗ gte ige ten rk⸗ ke, er is⸗ ir⸗ ſie in, in. ch r⸗ ch o⸗ ht o⸗ ⸗ it n 1 k, r E 235 „Ohl! nein, Geduld! Ich ſchwöre, Ihnen treu zu bleiben an Herz und Geiſt, an Körper und Seele.“ „Und worauf ſchwören Sie das?“ „Oh!“ rief Hoffmann, bei dem die Exaltation den höchſten Grad erreicht hatte,„auf das, was ich Hei⸗ Atie auf das, was ich Theuerſtes habe, auf Ihr eben. „Ich danke,“ rief Antonia,„denn wenn Sie Ihren Schwur nicht halten, ſterbe ich.“ Hoffmann bebte, ein Schauer durchlief ſeinen gan⸗ zen Leib; er bereute nicht, er hatte nur bange. Der Prieſter ſtieg die Stufen des Altars herab, und trug das heilige Sacrament in die Sacriſtei. In dem Augenblick, wo der göttliche Leib Unſeres Herrn vorbeikam, ergriff ſie die Hand von Hoffmann. „Du haſt ſeinen Schwur gehört, nicht wahr, mein Gott?“ ſagte Antonia. Hoffmann wollte ſprechen.„Kein Wort mehr, nicht ein einziges; diejenigen, aus welchen Ihr Schwur beſtand, ſollen als die letzten, die ich von Ihnen gehoͤrt haben werde, ewig in meinem Ohr tönen. Auf Wie⸗ derſehen, mein Freund, auf Wiederſehen.“ Und leicht wie ein Schatten entſchlüpfend, ließ An⸗ tonia ein Medaillon in der Hand des Geliebten zurück. Hoffmann ſchaute ihr nach, als ſie ſich entfernte, wie einſt Orpheus der flüchtigen Euridice nachgeſchaut haben muß; dann, als Antonia verſchwunden war, öffnete er das Medaillon. Es enthielt das Portrait von Antonia, ganz glän⸗ zend von Jugend und Schönheit. Zwei Stunden nachher nahm Hoffmann ſeinen Platz in derſelben Diligence, in der Zacharias Werner weggefahren war, und er wiederholte: „Sei unbeſorgt, Antonia, oh! nein, ich werde nicht ſpielen, oh! ja, ich werde Dir tren ſein.“ 236 Eine Farridre von Paris im Jahre 1793. Die Reiſe des jungen Mannes war ziemlich trau⸗ rig in dieſem Frankreich, nach dem er ſich ſo ſehr ge⸗ ſehnt. Indem er ſich dem Mittelpunkt näherte, hatte er nicht ſo viele Schwierigkeiten zu überwinden, als er erfahren, um ſich nach der Grenze zu begeben; nein, die franzöſiſche Republik bereitete einen beſſern Empfang den Ankommenden, als den Abgehenden. Jeden Falls war man zu dem Glück zugelaſſen, die koſtbare Regierungsform zu genießen, nachdem man eine Anzahl leidlich ſtrenger Formalitäten erfüllt hatte. Das war die Zeit, wo die Franzoſen am wenigſten zu ſchreiben wußten, aber es war zugleich auch die Zeit, wo ſie am meiſten ſchrieben. Es ſchien daher auch allen Beamten von neuem Datum geeignet, ihre häuslichen oder plaſtiſchen Veſchäftigungen zu verlaſſen, um Päſſe zu unterzeichnen, Signalements zu verfaſſen, Viſas zu geben, Empfehlungen zu bewilligen, mit einem, Wort, Alles zu thun, was zum Stande des Patrioten gehört. Nie hatte die Vielſchmiererei eine ſolche Entwicke⸗ lung wie in jener Periode. Dieſe endemiſche Krankheit der franzöſiſchen Verwaltung, welche ſich auf den Ter⸗ rorismus impfte, brachte die ſchönſten Muſter grotesker Kalligraphie hervor, von denen man bis auf dieſen Tag hatte ſprechen hören. Hoffmann hatte einen Reiſepaß von merkwürdiger Winzigkeit. Es war dies die Zeit der Winzigkeiten: Zeitungen, Bücher, Hauſtranzeigen, Alles beſchränkte ſich auf einfaches Oetav für die größten Maaße. Der Paß des Reiſenden wurde vom Elſaß an überſtrömt durch Unterſchriften der Beamten, die ungemein den Zickzacks 237 von Berauſchten glichen, welche diagonal die Straßen meſſen und an die eine und die andere Mauer anprallen. Hoffmann war genöthigt, ſeinem Paß ein Blatt beizufügen, dann ein zweites; in Lothringen beſonders nahmen die Schriften coloſſale Verhältniſſe an. Hier, wo der Patriotismus am wärmſten, waren die Schrei⸗ ber am naivſten. Ein Maire brauchte zwei volle Blät⸗ ter, um Hoffmann ein alſo abgefaßtes Autograph zu geben: „Auphemanne, chune Aemans, hami de la liberté, 8e randan à Pari ha pié. „Signs, 60LIRR.“ 4) Mit dieſer vollkommenen Urkunde über ſein Vater⸗ land, über ſein Alter, ſeine Grundſätze, ſeine Beſtim⸗ mung und ſeine Transportmittel verſehen, war Hoffmann nur noch dafür beſorgt, dieſe bürgerlichen Fetzen zu⸗ ſammenzunähen, und wir müſſen ſagen, daß er bei ſeiner Ankunft in Paris einen ziemlich hübſchen Band beſaß, den er, wie er ſagte, würde in Blech binden laſſen, ſollte er je eine neue Reiſe unternehmen, weil dieſe Blätter, welche er immer in der Hand zu haben genöthigt war, in einem einfachen Pappendeckel zu große Gefahr liefen. Ueberall wiederholte man ihm: „Mein lieber Reiſender, die Provinz iſt noch be⸗ wohnbar, aber Paris iſt ſehr bewegt. Mißtrauen Sie, Bürger, in Paris iſt eine ſehr wunderliche Polizei, und in Ihrer Eigenſchaft als Deutſcher dürften Sie nicht als guter Franzoſe behandelt werden.“ Worauf Hoffmann mit einem ſtolzen Lächeln ant⸗ wortete, eine Reminiscenz des ſpartaniſchen Stolzes, wenn die Spione Theſſaliens die Streitkräfte von Fer⸗ res, dem König der Perſer, zu vergrößern ſuchten. NHoffmann, ein junger Deutſcher, ein Freund der Freiheit, begibt ſich zu Fuß nach Paris. Unterz. Golier. 238 Er kam an einem Abend vor Paris. Die Bar⸗ rieren waren geſchloſſen. Hoffmann ſprach leidlich Franzöſiſch, aber man iſt Deutſcher oder iſt es nicht: iſt man es nicht, ſo hat man einen Accent, dem es in die Länge gelingt, für den Accent von einer der franzöſiſchen Provinzen zu gelten; iſt man es, ſo gilt man immer für einen Deutſchen. Wir müſſen erklären, wie bei den Barrièren die Polizei betrieben wurde. Vor Allem waren ſie geſchloſſen; ſodann lunger⸗ ten fieben bis acht Sectionäre, müßige Leute und voll Verſtand, Lavaters aus Liebhaberei in Rotten, ihre Pfeifen rauchend, um zwei bis drei Agenten der Mu⸗ nicipalpolizei. Dieſe braven Leute, welche, von Deputation zu Deputation, am Ende alle Säle von Clubs, alle Be⸗ zirkscanzleien, alle Orte, wo ſich die Politik durch die active oder paſſive Seite eingeſchlichen, beſucht hatten, dieſe Leute, welche in der Nativnalverſammlung oder im Convent jeden Abgeordneten, auf den Tribünen alle männliche und weibliche Ariſtokraten, auf den Pro⸗ menaden alle bezeichneten Elegants, in den Theatern alle verdächtige Berühmtheiten, bei den Revuen alle Ofſiciere, in den Tribunalen alle mehr oder minder von der Bezüchtigung freigeſprochene Angeklagte, in den Gefängniſſen alle verſchonte Prieſter geſehen hatten, dieſe würdigen Patrioten wußten ihr Paris ſo gut auswendig, daß ihnen jedes bekannte Geſicht beim Vor⸗ übergehen auffallen mußte, und, ſagen wir es, beinahe immer auffiel. Es war dann keine leichte Sache, ſich zu verklei⸗ den. Zu viel Reichthum in der Tracht zog das Auge an, zu viel Einfachheit erregte Verdacht. Da die Un⸗ reinlichkeit eines der verbreitetſten Zeichen des Bürger⸗ ſinnes war, ſo konnte jeder Kohlenmann, jeder Waſſer⸗ träger, jeder Küchenjunge einen Ariſtokraten verbergen; 8 S 8—— d NX— 8 S„ S u— v v—NM ——,— 239 und dann, wie die weiße Hand mit den ſchönen Nägeln völlig verſtellen? Der ariſtokratiſche Gang, der nicht mehr fühlbar iſt in unſern Tagen, wo die Niedrigſten die höchſten Abſätze tragen, wie ihn verbergen vor zwanzig Paaren von Augen, welche glühender als die des Leithundes auf der Fährte? Ein Reiſender wurde alſo ſogleich bei ſeiner An⸗ kunft, in moraliſcher Hinſicht, durchſucht, befragt, ent⸗ blößt, und dies mit einer Leichtigkeit, welche der Ge⸗ brauch gab, und mit einer Freiheit, welche„ die Freiheit gab. Hoffmann erſchien vor dieſem Tribunal gegen ſechs Uhr Abends am 7. December. Das Wetter war trübe, rauh, mit Nebel und Glatteis vermiſcht. Doch die Bären⸗ oder Fiſchottermützen, welche die Köpfe der Patrioten umſchloſſen, ließen ihrem Gehirn und ihren Ohren warmes Blut genug, daß ſie ihre ganze Geiſtes⸗ gegenwart und ihre koſtbaren Forſchungsfähigkeiten beſaßen. Hoffmann wurde von einer Hand aufgehalten, welche ſich ſachte auf ſeine Bruſt legte. Der junge Reiſende trug einen eiſengrauen Frack, darüber einen weiten Oberrock, und ſeine deutſchen Stiefel zeichneten ihm ein ziemlich hübſches Bein, denn er hatte keinen Koth mehr ſeit der letzten Station gefunden, und da der Wagen wegen der Graupeln nicht mehr weiter fahren gekonnt, ſo hatte er ſechs Stunden zu Fuß auf einer leicht mit gehärtetem Schnee beſtreuten Straße zurückgelegt. „Wohin gehſt Du, Bürger, mit Deinen ſchönen Stiefeln?“ fragte ein Agent den jungen Mann. „Ich gehe nach Paris, Bürger.“ „Du biſt nicht ekel, junger Preuße(Prusssssien).“ entgegnete der Sectivnär, der vas Wort Prussien mit einer Verſchwendung von 8 ausſprach, welche zehn Neugierige zu dem Reiſenden herbeilaufen machte. Die Preußen waren in dieſem Augenblick nicht 240 minder große Feinde für Frankreich, als die Philiſter für die Landsleute von Simſon, dem Iſraeliten. „Nun wohl! ja, ich bin Preuße(Pruzien),“ er⸗ wiederte Hoffmann, der die fünf s des Sectionärs in ein z verwandelte,„und dann?“ „Wenn Du Preuße biſt, ſo biſt Du zu gleicher Zeit ein kleiner Spion von Pitt und Koburg. Wie?“ „Leſen Sie meine Päſſe,“ erwiederte Hoffmann, indem er ſeinen Band einem der Literaten der Barriére vorwies. „Komm,“ ſagte dieſer. Und er drehte ſich auf den Abſätzen, um den Frem⸗ den in die Wachſtube zu führen. Hoffmann folgte dem Führer mit einer vollkom⸗ menen Ruhe. Als die Patrioten beim Scheine der rauchigen Lichter dieſen nervigen, kleinen jungen Mann mit dem feſten Auge und den ſchlecht geordneten Haaren ſahen, der ſein Franzöſiſch mit möglichſter Gewiſſenhaftigkeit hackte, rief einer von ihnen: „Dieſer wird nicht leugnen, daß er ein Ariſtokrat iſt, was für Hände und Füße hat er!“ „Sie ſind ein Dummkopf(un böte), Bürger,“ erwiederte Hoffmann,„ich bin Patriot ſo ſehr als Sie, und mehr noch, ich bin ein Künſtler(ene artiste).“ Während er dieſe Worte ſprach, zog er aus ſeiner Taſche eine von jenen furchtbaren Pfeifen, deren Grund nur ein deutſcher Taucher finden kann. Dieſe Pfeife brachte eine wunderbare Wirkung auf die Sectionäre hervor, welche ihren Tabak langſam aus ihren kleinen Behältern ſchmauchten. Alle betrachteten nun den jungen Mann, wie er in dieſer Pfeife mit außerordentlicher Geſchicklichkeit, der Frucht großer Uebung, den Tabaksvorrath einer ganzen Woche aufhäufte. Er ſetzte ſich hierauf, zündete den Tabak methodiſch an, bis der Ofen auf ſeiner Oberfläche eine breite — c 241 Feuerkruſte bot, dann zog er in gleichmäßigen Tempi die Rauchwolken ein, welche anmuthig in bläulichen Säulen aus ſeiner Naſe und ſeinen Lippen hervor⸗ kamen. „Er raucht gut,“ ſagte einer von den Sectio⸗ nären. „Und es ſcheint ein famoſer zu ſein„ ſprach ein Anderer;z„ſieh doch ſeine Certificate an.“ „Was wollteſt Du in Paris?“ fragte ein Dritter. „Die Wiſſenſchaft der Freiheit ſtudiren,“ erwiederte offmann. „Und was noch mehr?“ fügte der Franzoſe bei, den das Heldenmüthige dieſer Phraſe wenig bewegte, ohne Zweifel, weil er zu ſehr daran gewöhnt war. „Und die Malerei,“ erwiederte Hoffmann. „Ah! Du biſt ein Maler wie der Bürger David?“ „Ganz und gar.“ „Du machſt die römiſchen Patrioten ganz nackt wie er?“ „Ich mache ſie ganz angekleidet,“ ſprach Hoff⸗ mann. „Das iſt minder ſchön.“ „Je nach dem,“ erwiederte Hoffmann mit einer un⸗ ſtörbaren Kaltblütigkeit. „Mache mir mein Portrait,“ ſprach der Sectionär mit Bewunderung. „Gern.“ Hoffmann nahm einen Brand aus dem Stuben⸗ ofen, löſchte kaum das röthliche Ende davon und zeich⸗ nete auf die geweißte Mauer eines von den häßlichſten Geſichtern, welche je die Hauptſtadt der civiliſtrten Welt entehrt hatten. Die Pelzmütze und der Fuchsſchweif, der geifernde Mund, der dünne Backenbart, die kurze Pfeife, das zurücklaufende Kinn wurden mit einem ſolchen Glück der Wahrheit in der Uebertreibung nachgeahmt, daß Tauſend und ein Geſpenſt. M. 16 242 die ganze Wachmannſchaft ſich von dem jungen Mann die Gunſt, portraitirt zu werden, erbat. Hoffmann gab ſich gutwillig hin und ſtizzirte auf der Wand eine Reihenfolge von Patrioten, welche eben ſo gut gelungen, aber ſicherlich minder edel, als die Bürger der nächtlichen Runde von Rembrandt. Als die Patrioten ſich einmal in gute Laune ver⸗ ſetzt hatten, war von Verdacht nicht die Rede mehr: der Deutſche wurde als Pariſer naturalifirt; man bot ihm das Ehrenbier, und er, als ein wohldenkender Junge, bot ihnen dagegen Burgunderwein, welchen dieſe Herren mit freudigen Herzen annahmen. Da geſchah es, daß einer von ihnen, der ſchlauer als die Andern, ſeine dicke Naſe in den Haken ſeines Zeigefingers nahm und zu Hoffmann, mit dem Ange blinzelnd, ſagte: „Geſtehe uns Eines, deutſcher Bürger.“ „Was, Freund?“ „Geſtehe uns den Zweck Deiner Sendung.“ „Ich habe ihn Dir geſagt, die Politik und die Malerei.“ „Nein, nein, etwas Anderes.“ „Ich verſichere Dich, Bürger.“ „Du begreifſt wohl, daß wir Dich nicht anklagen, Du gefällſt uns und wir werden Dich begünſtigen; doch hier ſind zwei Abgeordnete vom Cluh der Cordeliers, zwei von den Jacobinern; ich, ich bin von den Brüdern und Freunden; wähle unter uns denjenigen von die⸗ ſen i welchem Du Deine Huldigung darbringen wirſt.“ „Welche Huldigung?“ fragte Hoffmann erſtaunt. „Oh! verbirg Dich nicht, das iſt ſo ſchön, daß Du Dich. damit bräſten müßteſt.“ „Wahrhaftig, Bürger, Du machſt mich erröthen, erkläre Dich.“ 5 „Schaue und urtheile, ob ich zu errathen weiß,“ ſprach der Patriot. die uf en die 3 r: ot e, en es ge 3, n —— 243 Und er öffnete das Buch der Päſſe und deutete mit ſeinem fetten Finger bei einer Seite, unter der Ru⸗ brik Straßburg, auf folgende Zeilen: „Hoffmann, Reiſender, von Mannheim fommend, hat in Straßburg eine Kiſte bezeichnet mit O. B. mit⸗ genommen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Hoffmann. „Nun! was enthält dieſe Kiſte?“ „Ich habe meine Deelaration beim Octroi in Straß⸗ burg gemacht.“ „Schaut, Bürger, was dieſer Duckmäuſer hieher bringt.. Erinnert Ihr Euch der Sendung unſerer Patrioten in Aurerre?“ „Ja,“ erwiederte einer von ihnen,„eine Kiſte voll Speck.“ „Wozu?“ „Um die Guillotine einzuſchmieren,“ rief ein Chor freudiger Stimmen. „Nun wohl,“ ſprach Hoffmann ein wenig bleich, „welche Beziehung kann die Kiſte, die ich bringe, zu der Sendung der Patrioten von Auxerre haben?“ „Lies,“ ſagte der Pariſer, indem er ihm ſeinen Paß zeigte,„lies, junger Mann:„„Reiſt für die Politik und für die Kunſt!““ das ſteht geſchrieben.“ „Oh! Republik!“ murmelte Hoffmann. „Geſtehe alſo, junger Freund der Freiheit,“ ſprach ſein Protector zu ihm. „Ich würde mit einer Idee prahlen, die ich nie gehabt habe,“ erwiederte Hoffmann.„Ich liebe den falſchen Ruhm nicht; nein, die Kiſte, die ich in Straß⸗ burg mitgenommen habe, und die mir durch den Fracht⸗ wagen zukommen wird, enthält nur eine Geige, eine Farbenſchachtel und einige auf Leinwand gemalte und aufgerollte Bilder.“ Dieſe Worte verminderten ungemein die Achtung, welche Gewiſſe für Hoffmann gefaßt hatten. Man gab ihm ſeine Papiere zurück, man erwies ſeinen vollen 244 Gläſern alle Ehre, aber man hörte auf, ihn als einen Retter ſtlaviſcher Völker zu betrachten. Einer von den Patrivten fügte ſogar bei: „Er gleicht Saint⸗Juſt, aber Saint⸗Juſt iſt mir lieber.“ Wieder in ſeine Träumerei verſunken, welche der Ofen, der Tabak und der Burgunderwein erwärmten, blieb Hoffmann einige Zeit ſchweigſam. Doch plötzlich erhob er das Haupt und fragie: „Man guillotinirt alſo viel hier?“ „Nicht übel, nicht übel. Das hat ein wenig ab⸗ genommen ſeit den Briſſotins, doch es iſt noch befrie⸗ digend.“ „Wißt Ihr, wo ich ein gutes Lager finden könnte, meine Freunde?“ „Ueberall.“ „Doch um Alles zu ſehen?“ 8 dann wohne beim Quai aux Fleurs.“ „Gut.“ „Weißt Du, wo ſich das findet, der Quai aur Fleurs?“ „Nein, doch das Wort Fleurs gefällt mir, ich ſehe mich ſchon einquartiert auf dem Quai aur Fleurs. Wie geht man dahin?“ „Du gehſt ganz gerade die Rue d'Enfer hinab und fommſt zum Quai.“ „Quai, das heißt, man grenzt an das Waſſer?“ ſagte Hoffmann. „Ganz richtig.“ „Und das Waſſer iſt die Seine2“ „Es iſt die Seine.“ . eDer Quai aur Fleurs zieht ſich alſo an der Seine in?“ „Du kennſt Paris beſſer als ich, beutſcher Bürger.“ „Ich danke. Guten Abend; kann ich pafſiren?“ „Du haſt nur noch eine kleine Förmlichkeit zu er⸗ füllen.“ 245 „Sprich.“ „Du begibſt Dich zum Polizeicommiſſär und läſſeſt Dir eine Aufenthaltskarte ausſtellen.“ „Sehr gut! Gott befohlen.“ „Warte noch. Mit dieſer Aufenthaltskarte des gehſt Du auf die Polizei.“ h“ „Und Du gibſt die Adreſſe Deiner Wohnung an.“ „Gut! iſt es damit beendigt?“ „Nein, Du verfügſt Dich zur Section.“ „Wozu?“ „Um Dich über Deine Eriſtenzmittel auszuweiſen.“ „Ich werde das thun, und iſt dies Alles 2“ „Noch nicht; Du mußt patriotiſche Geſchenke geben.“ „Gern.“ „Und einen Schwur des Haſſes gegen die franzö⸗ fiſchen und die auswärtigen Tyrannen leiſten.“ „Von ganzem Herzen. Ich danke für dieſe koſtba⸗ ren Unterweiſungen.“ „Und dann wirſt Du nicht vergeſſen, leſerlich Dei⸗ nen Namen und Deine Vornamen auf einen Anſchlag⸗ zettel an Deiner Thüre zu ſchreiben.“ „Das ſoll geſchehen.“ „Gehe, Bürger, Du biſt uns läſtig.“ Die Flaſchen waren leer. „Gute Nacht, Bürger, meinen wärmſten Dank für Eure Artigkeit.“ Hoffmann ging weiter, immer in Geſellſchaft ſeiner mehr als je brennenden Pfeife. So zog er' in die Hauptſtadt des republikaniſchen Frankreich ein. Das reizende Wort Quai aur Fleurs(Blumen⸗ Kai) hatte ihn angelockt. Hoffmann ſtellte ſich ſchon ein kleines Zimmer vor, deſſen Balcon auf den herrli⸗ chen Quai aur Fleurs ging. Er vergaß den Decemker und die Nord⸗Oſt⸗Winde 246 er vergaß den Schnee und dieſen vorübergehenden Tod der ganzen Natur. Die Blumen hatten ſich in ſeiner Einbildungskraft unter dem Rauch ſeiner Lippen er⸗ ſchloſſen; er ſah nur noch die Sonne trotz der Nacht; er ſah nur noch die Jasmine und die Roſe trotz der Cloake der Vorſtadt. Er kam auf den Schlag neun Uhr zum Quai aur Fleurs, welcher vollkommen finſter und verödet war, wie es die nördlichen Quais im Winter ſind. An dieſem Abend war jedoch die Verödung ſchwärzer und empfind⸗ licher als anderswo. Hoffmann hatte zu ſehr Hunger, er hatte zu ſehr kalt, um unter Weges zu philoſophiren; aber es fand ſich kein Gaſthof auf dem Quai. Die Augen aufſchlagend, erblickte er endlich an der Ecke des Quai, und der Rue de la Barillerie eine große rothe Laterne, in deren Scheiben ein fettiges Lichtſtümp⸗ chen zitterte. Dieſe Laterne hing und baumelte an dem Ende ei⸗ nes eiſernen Galgens, welcher in dieſen Zeiten des Aufruhrs ganz geeignet war, um einen politiſchen Feind daran aufzuhängen. Hoffmann ſah nur die in grünen Buchſtaben auf das rothe Glas geſchriebenen Worte: Logis à pied. Chambres et cabinets meublés(Wohnung für Fuß⸗ gänger. Meublirte Zimmer und Cabinets.) Er klopfte lebhaft an die Thüre eines Ganges; die Thüre wurde geöffnet: der Reiſende trat tappend ein. Eine rauhe Stimme rief ihm zu:, „Schließen Sie Ihre Thüre!“ Und ein großer bellender Hund ſchien ihm zu ſagen:„Nehmen Sie Ihre Beine in Acht.“ Nachdem der Preis mit einer zuvorkommenden Wirthin gemacht und das Zimmer gewählt war, ſah ſich Hoffmann im Beſitz von fünfzehn Fuß Länge und acht Fuß Breite, welche mit einander ein Schlaf⸗ Lod ner er⸗ er ake ie m d⸗ hr nd er ße P⸗ i⸗ zimmer und ein Cabinet bildeten, gegen dreißig Sous täglich, zahlbar jeden Morgen beim Aufſtehen. Hoffmann war ſo freudig, daß er vierzehn Tage vorausbezahlte, aus Furcht, man könnte ihm den Beſitz dieſer koſtbaren Wohnung ſtreitig machen. Hienach legte er ſich in ein ziemlich feuchtes Bett, doch jedes Bett iſt Bett für einen Reiſenden von acht⸗ zehn Jahren. Und dann, wie ſollte man ſich ſchwierig zeigen, wenn man das Glück hat, auf dem Quai aur Fleurs zu wohnen? Hoffmann rief überdies die Erinnerung an Antonia an und iſt das Paradies nicht immer da, wo man die Engel anruft? wie die Muſeen und Pibliotheken geſchloſſen waren, wit aber der Bevolutions-Platz offen war. Das Zimmer, welches vierzehn Tage lang Hoff⸗ mann als irdiſches Paradies dienen ſollte, enthielt ein uns bekanntes Bett, einen Tiſch und zwei Stühle. Es hatte einen Kamin verziert mit zwei mit künſt⸗ lichen Blumen gefüllten Vaſen von blauem Glas. Ein Genius der Freiheit von Zucker ſtand unter einer Kriſtall⸗ glocke, in welcher ſich ſeine dreifarbige Fahne und ſeine rothe Mütze ſpiegelten. Ein Leuchter von Meſſing, ein Eckſchrank von altem Roſenholz, eine Tapete aus dem zwölften Jahrhundert als Vorhang, dies war die ganze Ausſtattung, ſo wie ſie bei den erſten Strahlen des Tages erſchien. Dieſe Tapete ſtellte Orpheus dar, wie er die Vio⸗ 248 line ſpielte, um Eurydice wieder zu erlangen, und die Violine rief ganz natürlich Zacharias Werner in das Gedächtniß von Hoffmann zurück. „Theurer Freund,“ dachte unſer Reiſender,„er iſt in Paris, ich auch; wir ſind beinahe beiſammen und ich werde ihn heute oder ſpäteſtens morgen ſehen. „Wo ſoll ich anfangen? Wie ſoll ich es machen, um nicht die Zeit des guten Gottes zu verlieren und um Alles in Frankreich zu ſehen? „Seit mehreren Tagen ſehe ich nur ſehr häßliche lebende Bilder; gehen wir in den Salon des Louvre, des Ertyrannen; ich werde alle die ſchönen Gemälde ſehen, die er hatte, die Rubens, die Pouſſin; gehen wir geſchwinde.“ Er ſtand auf, um mittlerweile das panoramiſche Gemälde ſeines Quartiers zu betrachten. Ein grauer, trüber Himmel, ſchwarzer Koth unter den weißen Bäumen, eine geſchäftige, laufgierige Be⸗ völkerung und ein gewiſſes Geräuſch, dem Gemurmel des fließenden Waſſers ähnlich, das war Alles, was er entdeckte. Es war wenig blühend. Hoffmann ſchloß ſein Fenſter, frühſtückte und ging aus, um vor Allem den Freund Zacharias Werner zu beſuchen. Doch auf dem Punkt, eine Richtung zu nehmen, erinnerte er ſich, daß Werner nie ſeine Adreſſe gegeben hatte, ohne welche es ſehr ſchwierig, ihn aufzufinden. Das war keine kleine Enttäuſchung für Hoffmann. Doch bald dachte er: „Ich Narr, der ich bin: was ich liebe, liebt Zacha⸗ rias auch. Ich habe Luſt, Malereien zu ſehen, er wird Luſt gehabt haben, Malereien zu ſehen. Ich werde ihn oder ſeine Spur im Louvre finden. Gehen wir in den Louvre.“ Den Louvre ſah man von der Brüſtung aus. Hoff⸗ mann wandte ſich alſo geradezu nach dem Gebäude. ie as iſt n, m he e, de ir he er e el er in en n, en n. a⸗ rd n en —— S —— 249 Doch zu ſeinem Schmerz erfuhr er an der Thüre, die Franzoſen, ſeitdem ſie frei ſeien, verweichlichen ſich nicht damit, daß ſie die Gemälde von Sklaven anſchauen, und angenommen, was nicht wahrſcheinlich, die Gemeinde Paris habe nicht ſchon alle Schmierereien geröſtet und in den Waſſengießereien Feuer damit gemacht, ſo werde man ſich doch wohl hüten, mit all dieſem Oel nicht Ratten zu füttern, welche zur Nahrung der Patrioten an dem Tage beſtimmt ſeien, wo die Preußen Paris belagern würden. Hoffmann fühlte, daß ihm der Schweiß zur Stirne ſtieg; der Mann, der mit ihm ſprach, hatte eine gewiſſe Art, ſich auszudrücken, der man ſeine Gewichtigkeit an⸗ roch. Man grüßte dieſen Schönredner. Hoffmann erfuhr von einem der Anweſenden, er habe die Ehre gehabt, mit dem Bürger Simon, dem Hofmeiſter der Kinder von Frankreich und Con⸗ ſervator der königlichen Muſeen, zu ſprechen. „Ich werde keine Bilder ſehen,“ ſagte er ſeufzend, „ah! das iſt Schade! doch ich will in die Bibliothek des verſtorbenen Königs gehen, in Ermangelung von Gemälden werde ich Kupferſtiche, Münzen und Hand⸗ ſchriften ſehen; ich werde das Grab von Childerich, dem Vater von Chlodwig, und die Himmels- und Erdkugeln des Paters Coronelli ſehen.“ Als er an Ort und Stelle kam, erfuhr Hoffmann abermals zu ſeinem Schmerz, die Wiſſenſchaft und die Literatur als eine Quelle der Verderbniß und der Un⸗ bürgerlichkeit betrachtend, habe die franzöſiſche Nation alle die Werkſtätten geſchloſſen, wo angebliche Gelehrte und angebliche Literaten conſpirirten, und dies in einer Maßregel der Menſchenfreundlichkeit, um ſich die Mühe zu erſparen, dieſe armen Teufel zu guillotiniren. Uebri⸗ gens war ſelbſt unter den Tyrannen die Bibliothek nur zweimal in der Woche offen. Hoffmann mußte ſich entfernen, ohne etwas geſehen 250 zu haben; er mußte ſogar vergeſſen, ſich nach ſeinem Freunde Zacharias zu erkundigen. Da er indeſſen beharrlich war, ſo beſtand er auf ſeinem Willen und beabſichtigte, das Muſée Sainte⸗Avvie zu ſehen. Man theilte ihm mit, der Eigenthümer ſei zwei Tage vorher guillotinirt worden. Er ging bis zum Luxembourg; doch dieſen Palaſt hatte man in ein Gefängniß verwandelt. Nun waren ſeine Kräfte und ſein Muth erſchöpft, er ſchlug wieder den Weg nach ſeinem Gaſthauſe ein, um ſeine Beine ein wenig ausruhen zu laſſen, von An⸗ tonia, von Zacharias zu fräumen und in der Einſamkeit eine gute, zweiſtündige Pfeife zu rauchen. Aber, o Wunder! dieſer ſo ruhige, ſo öde Quai aur Fleurs war ſchwarz von einer Menge verſammelter Leute, welche ſich heftig geberdeten und auf eine un⸗ harmoniſche Weiſe ſchrieen. Hoffmann, der nicht groß, ſah nichts über die Schultern aller dieſer Leute; er beeilte ſich, die Menge mit ſeinen ſpitzigen Ellbogen zu durchbohren und in ſein Zimmer zurückzukehren. Er ſtellte ſich an ſein Fenſter. Alle Blicke wandten ſich alsbald gegen ihn, und er war einen Moment verlegen, denn er bemerkte, daß nur wenige Fenſter geöffnet. Doch die Neugierde der Anweſenden wandte ſich ſogleich wieder einem andern Punkte, als dem Fenſter von Hoffmann zu, und der junge Mann machte es wie die Neugierigen und ſchaute nach der Pforte eines ſchwarzen Gebäudes, deſſen Glockenthürmchen ſich über einem großen viereckigen Thurm erhob. Hoffmann rief ſeine Wirthin. „Bürgerin, ich bitte, was für ein Gebäude iſt dies?“ „Der Palaſt, Bürger.“ „Und was macht man im Palaſt?“ —— —— —— 251 „Im Juſtizpalaſt, Bürger? Man richtet dort.“ „Ich glaubte, es gebe kein Tribunal mehr.“ „Doch, es gibt das Revolutionstribunal.“ „Ahl es iſt wahr.. und alle dieſe braven Leute?“ „Sie warten auf die Ankunft der Karren.“ „Wie! der Karren? Ich begreife nicht recht, ent⸗ ſchuldigen Sie mich, ich bin ein Fremder.“ „Die Karren, Bürger, das iſt, als ob man ſa⸗ gen würde: die Wagen für die Leute, welche ſterben müſſen.“ „Ah! mein Gott!“ „Ja, am Morgen kommen die Gefangenen, welche beim Revolutionstribunal gerichtet worden jind.“ „Gut.“ „Um vier Uhr werden alle dieſe Gefangenen verur⸗ theilt; man packt ſie in die Karren ein, welche der Bürger Fouquier zu dieſem Ende requirirt hat.“ „Was iſt das, der Bürger Fouquier?“ „Der öffentliche Ankläger.“ „Sehr gut, und dann?“ „Und dann gehen die Karren im kleinen Trab nach dem Revolutions⸗Platze, wo die Guillotine in Perma⸗ nenz iſt.“ „Wahrhaftig!“ „Wie! Sie ſind ausgegangen und haben die Guil⸗ lotine nicht geſehen? Das iſt das Erſte, was die Frem⸗ den bei ihrer Ankunft beſuchen; es ſcheint, wir Fran⸗ zoſen haben allein Guillotinen.“ „Ich mache Ihnen mein Compliment, Madame.“ „Sagen Sie, Bürgerin.“ „Verzeihen Sie.“ „Sehen Sie, dort kommen die Karren 4 „Sie entfernen ſich, Bürgerin?“ „Ja, ich ſehe das nicht mehr gern.“ Die Wirthin wollte weggehen. Hoffmann nahm ſie ſanft beim Arm und ſprach: 252 „Entſchuldigen Sie, wenn ich eine Frage an Sie mache.“ „Thun Sie es.“ „Warum ſagen, Sie ſehen das nicht mehr gern? ich hätte geſagt, ich ſehe das nicht gern.“ „Hören Sie die Geſchichte, Bürger. Am Anfang guillotinirte man, wie es ſcheint, ſehr böſe Ariſtokraten. Sie trugen den Kopf ſo aufrecht, ſie ſahen ſo frech, ſo herausfordernd aus, daß das Mitleid nicht leicht unſere Augen befeuchtete. Man ſah alſo gern zu. Es war ein ſchönes Schauſpiel, dieſer Kampf der muthigen Feinde der Nation gegen den Tod. Eines Tags aber ſah ich den Karren einen Greis beſteigen, deſſen Kopf an die Wagenleiter ſchlug. Das war ſchmerzhaft. Am zweiten Tage ſah ich Nonnen. Wieder an einem andern Tag ſah ich ein Kind von vierzehn Jahren, und endlich ſah ich ein Mädchen in einem Karren; ſeine Mutter war im andern, und dieſe zwei Frauen ſandten ſich Küſſe zu, ohne ſich ein Wort zu ſagen. Sie waren ſo bleich, ſie hatten einen ſo finſtern Blick, ein ſo unheimliches Lä⸗ cheln auf den Lippen, die Finger, welche ſich allein be⸗ wegten, um den Kuß auf ihrem Munde zu bilden, waren ſo zitternd und ſo geſprenkelt, daß ich dieſes gräßliche Schauſpiel nie vergeſſen werde, und daß ich geſchworen habe, mich nie mehr der Unannehmlichkeit auszuſetzen, es zu ſehen.“ „Ah! ah!“ ſagte Hoffmann, während er ſich vom Fenſter entfernte,„ſo iſt es?“ „Ja, Bürger. Nun, was machen Sie?“ „Ich ſchließe das Fenſter, Bürgerin.“ „Warum?“ „Um nicht zu ſehen.“ „Sie, ein Mann!“ „Hören Sie, Bürgerin, ich bin nach Paris gekom⸗ men, um die Künſte zu ſtudiren und eine freie Luft ein⸗ zuathmen. Nun denn! wenn ich ein Mädchen oder eine Frau, die den Verluſt des Lebens bejammerte, zum X — r—— 21 S „ u, ſie ⸗ e —,.— 253 Tode ſchleppen ſehen würde, ich müßte an meine Braut denken, die ich liebe, und die vielleicht... Nein, Bür⸗ gerin, ich bleibe nicht länger in dieſem Zimmer; haben Sie ein anderes hinten im Hauſe?“ „Stille, Unglücklicher! Sie ſprechen zu laut. Wenn meine Willfährigen Sie hören... „Ihre Willfährigen! was iſt das, Willfährige?“ „Es iſt in der republikaniſchen Sprache gleichdeu⸗ tig mit Dienſtboten.“ „Nun! wenn Ihre Dienſtboten mich horen, was wird geſchehen?“ „In ein paar Tagen könnte ich Sie von dieſem Fenſter aus auf einem von den Karren um vier Uhr Nachmittags ſehen.“ Nachdem ſie ſo mit einem gewiſſen geheimnißvollen Weſen geſprochen, ſtieg die Dame haſtig die Treppe hin⸗ ab, und Hoffmann ahmte ihr Beiſpiel nach. Er ſchlüpfte aus dem Hauſe, zu Allem entſchloſſen, um dem Volksſchauſpiel zu entgehen. Als er an der Ecke des Quai war, glänzten die Säbel der Gendarmen, es trat eine Bewegung in der Menge ein, die Maſſen brüllten und fingen an zu laufen. Hoffmann lief auch aus Leibeskräften nach der Rue Saint⸗Denis, in die er wie ein Narr eindrang; er machte, einem Reh ähnlich, mehrere Volten in verſchie⸗ dene kleine Straßen und verlor ſich in dieſem Irrſal von Gäßchen, die ſich zwiſchen dem Quai de la Fer⸗ raille und den Hallen in einander verwickeln. Er athmete endlich, als er ſich in der Rue de la Ferronnerie ſah, wo er, mit dem Scharffinn des Dich⸗ ters und des Malers, den durch die Ermordung von Heinrich IV. berühmt gewordenen Platz errieth. Immer weiter ſchreitend, immer ſuchend, gelangte er ſodann mitten in die Rue Saint⸗Honoré. Ueberall auf ſeinem Wege wurden die Buden geſchloſſen. Hoff⸗ mann bewunderte die Ruhe dieſes Quartiers;z es wur⸗ 254 den nicht nur die Buden geſchloſſen, ſondern man ver⸗ ſtopfte auch vorſichtig die Fenſter, als hätte man ein Signal erhalten. Dieſes Manveuvre ward Hoffmann bald erklärt; er ſah Fiaeres ſich abwenden und in die Seitenſtraßen fahren; er hörte einen Galopp von Pferden und er⸗ kannte Gendarmen; dann erblickte er hinter ihnen, im erſten Abendnebel, ein gräuliches Gemenge von Lumpen, von aufgehobenen Armen, von geſchwungenen Piken und flammenden Augen. Neben dem Allen einen Karren. Aus dieſem Wirbel, der ſich ihm näherte, ohne daß er ſich verbergen oder entfliehen konnte, hörte Hoffmann ſo ſchrille, ſo klägliche Schreie hervorkommen, daß bis zu dieſem Abend nichts ſo Gräßliches an ſeine Ohren gedrungen war. Auf dem Karren ſaß eine weiß gekleidete Frau. Die Schreie entſtrömten den Lippen, der Seele, dem ganzen aufgehobenen Körper dieſer Frau. Hoffmann fühlte, wie ſeine Beine unter ihm wichen. Dieſes Gebrülle hatte ſeine Nerven zerriſſen, er fiel auf einen Weichſtein, den Kopf an die Läden einer Bude angelehnt, welche nur ſchlecht zuſammengefügt, ſo haſtig war man beim Schließen dieſer Bude zu Werke ge⸗ gangen. Der Karren kam inmitten ſeiner Escorte von Ban⸗ diten und häßlichen Weibern, ſeinen gewöhnlichen Tra⸗ banten; aber ſeltſamer Weiſe brudelte all dieſe Hefe nicht, krächzten alle dieſe Reptile nicht, das Opfer allein krümmte ſich in den Armen von zwei Männern und rief den Himmel, die Erde, die Menſchen und die Dinge um Hülfe an. Hoffmann hörte plötzlich in ſein Ohr, durch den Spalt des Ladens, die traurig von der Stimme eines jungen Mannes geſprochenen Worte:„Arme du Barry, hier biſt Du alſo?“ ——„— + e———————— r⸗ in en 6 im nd aß nn is en u. m n. uf ig e⸗ n⸗ a fe in ef m en es y, 255 „Madame du Barry!“ rief Hoffmann,„ſie iſt es, welche man auf dieſem Karren führt?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete die leiſe, wehmüthige Stimme in das Ohr des Reiſenden, und zwar ſo nahe, daß er durch die Dielen den warmen Hauch des Spre⸗ chenden fühlte. Die arme du Barry hielt ſich gerade und an den beweglichen Boden des Karren angeklammert; ihre ka⸗ ſtanienbraunen Haare hatte man ihr auf dem Genick abgeſchnitten, aber ſie fielen in langen, von Schweiß befeuchteten Döchten auf ihre Schläfe; ſchön mit ihren großen, ſtieren Augen, mit ihrem kleinen Munde, zu klein für die gräßlichen Schreie, welche ſie ausſtieß, ſchüttelte die unglückliche Frau von Zeit zu Zeit den Kopf mit einer krampfhaften Bewegung, um ihr Geſicht von den Haaren, welche es verlarvten, frei zu machen. Als ſie an den Weichſtein, bei dem Hoffmann zu⸗ ſammengeſunken war, vorüberfuhr, rief ſie:„Zu Hülfe! rettet mich! ich habe nie Böſes gethan! zu Hülfe!“ und hätte beinahe den Gehülfen des Henkers, der ſie hielt, niedergeworfen. Den Ruf: Zu Hülfe! ſtieß ſie unabläſſig unter dem tiefſten Stillſchweigen der Anweſenden aus. Gewohnt, die muthigen Verurtheilten zu beſchimpfen, fühlten ſich dieſe Furien bewegt durch die unwiderſtehliche Exaltation der Angſt einer Frau; ſie fühlten, daß ihr Geſchrei nicht im Stande geweſen wäre, das Stöhnen der Unglücklichen zu übertäuben; ſie hatten bange vor der Verdoppelung dieſes Fiebers, das an den Wahnſinn grenzte und das Erhabene des Schrecklichen erreichte. Hoffmann erhob ſich, ohne daß er ſein Herz mehr in ſeiner Bruſt ſchlagen fühlte; er lief, wie die Ande⸗ ren, dem Karren nach, ein neuer Schatten dieſer Pro⸗ zeſſion von Geſpenſtern beigefügt, welche das letzte Ge⸗ leite einer königlichen Favoritin bildeten. Als ihn Madame du Barry ſah, rief ſie abermals: 256 „Das Leben! das Leben!.. ich ſchenke meine ganze Habe der Nation! Mein Herr!.. retten Sie mich!“ „Oh!“ dachte der junge Mann,„ſie hat mit mir geſprochen! die arme Frau, deren Blicke ſo theuer ge⸗ weſen ſind, deren Worte keinen Preis hatten, ſie hat mit mir geſprochen!“ Er blieb ſtehen. Der Karren hatte den Revolu⸗ tions⸗Platz erreicht. In der durch einen feinen Schatten verdichteten Dunkelheit unterſchied Hoffmann nur noch zwei Silhouetten: die eine weiß, das war die des Opfers, die andere roth, das war die des Schaffots. Er ſah den Henker das weiße Kleid auf die Treppe ſchleppen. Er ſah dieſe gepeinigte Geſtalt ſich zum Widerſtande biegen; dann, mitten unter dieſen furcht⸗ baren Schreien, verlor die arme Frau das Gleichgewicht und ſtürzte nieder. Hoffmann hörte ſie rufen:„Gnade, Herr Henker; noch eine Minute, Herr Henker..“ Und das war Alles, das Meſſer ſiel einen fahlen Blitz ſchleudernd⸗ Hoffmann rollte in den Graben, der den Platz be⸗ grenzt. Das war ein ſchönes Gemälde für einen Künſiler, der nach Frankreich kam, um Eindrücke und Ideen zu ſuchen. Gott hatte ihm die zu grauſame Beſtrafung derje⸗ nigen gezeigt, welche zum Untergang der Nation bei⸗ getragen. Dieſer feige Tod der du Barry kam ihm wie die Abſolution der armen Frau vor. Sie hatte alſo nie Stolz gehabt, daß ſie nicht einmal zu ſterben wußte! Sterben zu wiſſen, ach! das war in jener Zeit die er⸗ habene Tugend derjenigen, die nie etwas Anderes als das Laſter gekannt hatten. Hoffmann bedachte an dieſem Tag, wenn er nach Frankreich gefommen, um außerordeniliche Dinge zu ſehen, ſo ſei ſeine Reiſe nicht verfehlt. 257 ze Ein wenig getroſtet durch die Philoſophie der Ge⸗ ſchichte, ſagte er ſodann:„Es bleibt das Theater, gehen ir wir ins Theater. Ich weiß wohl, daß nach der Schau⸗ e⸗ ſpielerin die ich ſo eben geſehen, die der Oper oder der at Tragödie keine Wirkung auf mich hervorbringen wer⸗ den, ich will aber nachſichtig ſein. Man muß nicht u⸗ ju viel von Frauen verlangen, welche nur zum Lachen ten erben. ch„Doch dieſen Platz will ich mir genau anſchauen, s, damit ich ihn von fern erkenne und in meinem Leben nicht mehr darüber gehe.“ pe um ht⸗ cht er; Das Urtheil des Paris. be⸗ Hoffmann war der Mann der ungeſtümen Ueber⸗ er, gänge. Nach dem Revolutions⸗Platze und dem um das zu Schaffot gruppirten ſtürmiſchen Volk, nach dem düſtern immel und dem Blut, brauchte er den Glanz der je⸗ ronleuchter, die freudige Menge, die Blumen, das ei Leen Er wußte nicht mit Sicherheit, das Schauſpiel, dem er beigewohnt, würde durch dieſes Mittel aus ſei⸗ die nem Geiſte verſchwinden; aber er wollte wenigſtens nie ſeinen Augen eine Zerſtreuung geben und ſich beweiſen, te es gebe auf dieſer Welt noch Leute, welche leben und er⸗ lachen. als Er wanderte nach der Oper; doch er kam dahin, ohne zu wiſſen, wie er gekommen war; ſein Entſchluß ach war ihm vorangegangen, und er war ihm gefolgt, wie zu ein Blinder ſeinem Hunde folgt, während ſein Geiſt auf einem entgegengeſetzten Weg durch entgegengeſetzte Eindrücke reiſte. Tauſend und ein Geſpenſt. M. 17 258 Wie auf dem Revolutions⸗Platze, war eine Menge von Menſchen auf dem Boulevard verſammelt, wo ſich zu jener Zeit das Operntheater da befand, wo heute das Theater der Porte⸗Saint⸗Martin iſt. Hoffmann blieb bei dieſer Menge ſtehen und ſchaute den Theaterzettel an. Man ſpielte das Urtheil des Paris, Ballet⸗ Pantomime in drei Acten, von Gardel dem jüngern, Sohn des Balletmeiſters des Kaiſers. „DasUrtheil des Paris,“ murmelte der Dich⸗ ter, während er den Zettel ſtarr anſchaute, als wollte er ſich mittelſt der Augen und des Gehörs die Bedeu⸗ tung der vier Worte, das Urtheil des Paris, in den Geiſt einprägen. Doch er mochte immerhin die Sylben wiederholen, welche den Titel des Ballets bildeten, ſie ſchienen ihm des Sinnes zu entbehren, ſo viel Mühe hatte ſein Geiſt, die furchtbaren Erinnerungen, von denen er erfüllt, zurückzuwerfen, um dem von Herrn Gardel dem jün⸗ gern der Iliade Homers entlehnten Werke Platz zu gönnen. Es war das eine ſeltſame Epoche, wo man an einem und demſelben Tag am Morgen zum Tod ver⸗ urtheilen, am Abend tanzen ſehen konnte, wo man der Möglichkeit preisgegeben war, bei der Rückkehr von allen dieſen Bewegungen ſelbſt verhaftet zu werden. Hoffmann begriff, daß, wenn ihm nicht ein Ande⸗ rer als er ſagte, was man ſpiele, es ihm nicht gelingen würde, dies zu erfahren, und daß er vielleicht vor dem Theaterzettel wahnſinnig werden würde. Er näherte ſich daher einem dicken Herrn, der mit ſeiner Frau Queue machte, denn die dicken Herren ha⸗ ben immer die Wuth gehabt, mit ihren Frauen Queue zu machen, und fragte ihn: „Mein Herr, was ſpielt man heute Abend?“ „Sie ſehen es wohl auf dem Zettel, mein Herr,“ — e——c 3——— 1— c e et⸗ n, lte u⸗ en, hm iſt, in⸗ an er⸗ der on de⸗ zen em mit h⸗ eue ———— 259 erwiederte der dicke Mann,„man ſpielt das Urtheil des Pavis.“ „Das Urtheil des Paris,“ wiederholte Hoffmann. „Ah! ja, das Urtheil des Paris, ich weiß, was das iſt.“ Der dicke Herr ſchaute den ſeltſamen Frager an und zuckte die Achſeln mit der Miene der tiefſten Ver⸗ achtung gegen den jungen Mann, der in dieſer ganz mythologiſchen Zeit einen Augenblick hatte vergeſſen können, was das Urtheil des Paris iſt. „Wollen Sie die Erklärung des Ballets, Bürger?“ fragte Hoffmann ein Textbücherhändler. „Ja, geben Sie.“ Das war für unſern Helden ein Beweis mehr, daß er in das Theater ging, und er bedurfte deſſen. Er öffnete das Büchlein und ſchaute hinein. Das Büchlein war zierlich auf ſchönes weißes Papier gedruckt und mit einem Vorwort des Verfaſſers verſehen. „Was für ein wunderbares Ding iſt doch der Menſch,“ dachte Hoffmann, während er die paar Zeilen dieſes Vorworts anſchaute, Zeilen, welche er noch nicht geleſen, die er aber leſen wollte,„und wie geht er, obgleich er einen Theil der gemeinen Maſſe der Men⸗ ſchen bildet, allein, ſelbſtſüchtig und gleichgültig auf dem Wege ſeiner Intereſſen und ſeines Ehrgeizes! Da iſt ein Menſch, Herr Gardel der jüngere, der dieſes Ballet am 5. März 1793 hat darſtellen laſſen, das heißt, ſechs Wochen nach dem Tode des Königs, das heißt, ſechs Wochen nach einem der größten Ereig⸗ niſſe der Welt; nun wohl! an dem Tag, wo dieſes Ballet gegeben worden iſt, hat er beſondere Aufregun⸗ gen in den allgemeinen Aufregungen gehabt; das Herz hat ihm geſchlagen, als man ihm Beifall klatſchte, und wenn man ihm in dieſem Augenblick etwas von dem Freigniß, das noch die Welt erſchütterte, geſagt und König Ludwig KVI. genannt hätte, ſo würde er aus⸗ gerufen haben:„„Ludwig XVI.! von wem ſprechen 260 Sie?““ Dann, als ob von dem Tage, wo er ſein Ballet dem Publikum preisgegeben, die ganze Erde nur noch mit dieſem choregraphiſchen Ereigniß beſchäftigt ge⸗ weſen ſein müßte, ſchrieb er ein Vorwort zur Erklärung ſeiner Pantomime. Leſen wir ſein Vorwort und ſehen wir, ob wir, indem wir das Datum des Tages verbergen, an dem es geſchrieben worden iſt, die Spur der Dinge, unter denen es geboren worden, wiederfinden werden.“ Hoffmann ſtützte ſich mit dem Ellenbogen auf das Geländer des Theaters und las, wie folgt: „„Ich habe bei den Ballets mit Handlung immer bemerkt, daß die Decorationseffecte und die Divertiſſe⸗ ments dasjenige waren, was die Menge am meiſten anzog und den lebhafteſten Beifall erregte.““ „Ich muß geſtehen, das iſt ein Menſch, der da eine ſeltſame Bemerkung gemacht hat,“ dachte Hoffmann, welcher ſich beim Leſen dieſer erſten Naivetät eines Lächelns nicht erwehren konnte.„Wie! er hat bemerkt, daß das, was in den Ballets anzieht, die Decorationseffecte und die angenehmen, wechſelreichen Divertiſſements ſind? Wie artig das für die Herren Haydn, Pleyel und Mehul iſt, welche die Muſik zum Urtheil des Paris gemacht haben! Fahren wir fort.“ „„Nach dieſer Bemerkung ſuchte ich ein Sujet, welches ſich ſo biegen und bearbeiten ließe, daß dadurch die großen Talente, welche die Oper in Paris allein beim Tanze beſitzt, geltend gemacht würden, und das mir geſtattete, die Ideen auszubeuten, die mir der Zu⸗ fall bieten dürfte. Die pvoetiſche Geſchichte iſt der un⸗ erſchöpfliche Boden, den der Balletmeiſter cultiviren muß; dieſer Boden iſt nicht ohne Dornen, aber man muß auch ſie zu beſeitigen wiſſen, um die Roſe zu pflücken.““ „Ah! ah! das iſt eine Poeſie, die man in einen goldenen Rahmen faſſen ſollte,“ rief Hoffmann.„Nur in Frankreich ſchreibt man ſolche Dinge;“ und er ſchaute das Büchlein wieder an und wollte die intereſſante —————— e—-———„ c— e⸗ te —— 261 Lecture fortſetzen, die ihn zu erheitern anfing; aber von der wahren Beklommenheit ſeines Herzens abgezo⸗ gen, kam ſein Geiſt allmälig wieder auf dieſe zurück; die Buchſtaben verwirrten ſich unter den Augen des Träumers; er ließ die Hand fallen, welche das Ur⸗ theil des Paris hielt, heftete die Blicke auf die Erde und murmelte: „Arme Frau!“ Das war der Schatten von Mabame du Barry, der noch einmal die Erinnerung des jungen Mannes durchzog. Dann ſchüttelte er den Kopf, als wollte er mit Gewalt die düſteren Wirklichkeiten daraus vertreiben, ſteckte das Büchlein von Herrn Gardel dem jüngern in die Taſche, nahm einen Platz und trat in das Theater ein. Der Saal war voll, er rieſelte gleichſam von Blumen, Edelſteinen, Seide und bloßen Schultern. Ein ungeheures Geſumme, ein Geſumme von duftenden Frauen, von leichtfertigen Witzen, dem Geräuſche ähn⸗ lich, das tauſend in einer papierenen Schachtel umher⸗ fliegende Mücken machen würden, und voll von jenen Worten, welche im Geiſt dieſelbe Spur zurücklaſſen, wie die Schmetterlingsflügel an den Fingern der Kin⸗ der, welche ſie fangen und, da ſie zwei Minuten nach⸗ her nicht mehr wiſſen, was ſie mit denſelben machen ſollen, die Hände in die Luft erheben und ihnen die Freiheit geben. Hoffmann nahm einen Platz im Orcheſter; beherrſcht durch die heiße Atmoſphäre des Saales, glaubte er einen Augenblick, er ſei ſchon vom Morgen an hier, und der finſtere Hintritt, den ſein Geiſt unabläſſig be⸗ trachtete, ſei ein Alp und keine Wirklichkeit. Dann wandte ſich ſein Gedächtniß, welches, wie das Gedächtniß aller Menſchen, zwei Reflerionsgläſer hatte, das eine im Herzen, das andere im Geiſt, unmerklich und durch den natürlichen Stufengang heiterer Eindrücke zu 262 dem fanften Mädchen, das er dort gelaſſen, und deſſen Medaillon er, wie ein anderes Herz, gegen die Schläge des ſeinigen ſchlagen fühlte. Er ſchaute alle die Frauen an, die ihn umgaben, alle dieſe weißen Schultern, alle dieſe blonden und braunen Haare, alle dieſe geſchmei⸗ digen Arme, alle dieſe Hände, welche mit den Blättern eines Fächers ſpielten oder gefallſüchtig die Blumen eines Kopfputzes zurecht richteten, und er lächelte ſich ſelbſt zu, indem er den Namen Antonia ausſprach, als ob dieſer Name genügt hätte, um jede Vergleichung zwiſchen derjenigen, welche ihn trug, und denjenigen, welche ſich hier fanden, verſchwinden zu machen und ihn in eine Welt von Erinnerungen zu verſetzen, die tauſendmal reizender, als alle dieſe Wirklichkeiten, ſo ſchön ſie waren. Dann, als ob dies nicht hinreichend geweſen wäre, als ob er zu befürchten gehabt hätte, das Portrait, das ihm ſein Geiſt durch die Entfernung vorzeichnete, könnte in dem Ideal, in welchem es ihm erſchien, erlöſchen, ſchlüpfte Hoffmann ſachte mit der Hand in ſeine Bruſt, faßte das Medaillon, wie ein furchtſames Mädchen einen Vogel in einem Reſte faßt, und zog, nachdem er ſich verſichert, daß es Niemand ſehen, daß Niemand mit dem Blick das ſüße Bild, das er in ſeine Hand nahm, trüben konnte, das Portrait des Mädchens vor, hob es zur Höhe ſeiner Augen em⸗ por, betete es einen Moment mit dem Blick an, legte es fromm an ſeine Lippen und verbarg es abermals ganz nahe an ſeinem Herzen, ohne daß Jemand zu errathen vermochte, welche Freude, indem er die Bewegung eines Menſchen gemacht, der die Hand in die Weſte ſteckt, dieſer junge Zuſchauer mit den ſchwarzen Haaren und der bleichen Geſichtsfarbe gehabt hatte. In dieſem Augenblick gab man das Zeichen, und die erſten Noten der Ouverture begannen im Orcheſter umherzulaufen wie ſtreitende Finken in einem Gebüſch. Hoffmann ſetzte ſich, ſuchte wieder ein Menſch wie — ——— n——— 1 —— en ge en lle ei⸗ en en s —,— 263 Jedermann zu werden, das heißt ein aufmerkſamer Zu⸗ ſchauer, und öffnete der Muſik ſeine beiden Ohren. Doch nach Verlauf von fünf Minuten horchte er nicht mehr und wollte er nicht mehr hören: mit dieſer Muſik feſſelte man die Aufmerkſamkeit von Hoffmann nicht, um ſo mehr, als er zweimal hörte, in Betracht, daß ein Nachbar, ohne Zweifel ein Stammgaſt der Oper und Bewunderer der Herren Haydn, Pleyel und Mehul, in halbem Falſett und mit einer vollkommenen Pünklichkeit die verſchiedenen Melodien dieſer Herren begleitete. Der Dilettant verband mit dieſem Accom⸗ pagnement des Mundes eine Begleitung der Finger; er ſchlug mit einer reizenden Fertigkeit mit ſeinen lan⸗ gen, ſpitzig zulaufenden Fingern auf die Tabaksdoſe, die er in der linken Hand hielt. Mit jener Neugierde, welche eine Gewohnheit und die erſte Eigenſchaft der Beobachter iſt, betrach⸗ tete Hoffmann aufmerkſam prüfend dieſe Perſon, die ſich ein eigenes Orcheſter, gepfropft auf das allgemeine Orcheſter, machte. Dieſe Perſon verdiente in der That eine prüfende Betrachtung. Denken Sie ſich einen kleinen Mann in ſchwarzem Frack, mit ſchwarzer Weſte und ſchwarzer Hoſe, mit wei⸗ ßem Hemd und weißer Halsbinde, aber von einer Weiße, die mehr als weiß und ebenſo ermüdend für die Augen, als der ſilberne Refler des Schnees. Setzen Sie auf die Hälfte der Hände des kleinen Manns, auf magere Hände, durchſichtig wie Wachs, die ſich von der ſchwar⸗ zen Hoſe abheben, als würden ſie innerlich erleuchtet, ſetzen Sie Manchetten von feinem Batiſt, mit der größ⸗ ten Sorgfalt gefältelt und geſchmeidig wie Lilienblätter, und Sie haben das Geſammtweſen des Leibs. Schauen Sie nun den Kopf an, ſchauen Sie ihn aber an, wie es Hoffmann that, nämlich mit einer Neugierde gepaart mit Erſtaunen. Denken Sie ſich ein Geſicht von eirunder Form, mit elfenbeinglatter Stirne, mit ſpärlichen, fahlen 264 Haaren, welche auf ſeinem Schädel in gewiſſen Entfer⸗ nungen von einander, wie Büſche auf der Ebene, gewachſen ſind. Laſſen Sie die Augenbrauen aus, machen Sie unter der Stelle, wo ſie ſein müßten, zwei Löcher und fügen Sie in dieſe Augen ſo kalt wie Glas und beſtändig ſo ſtarr, daß man ſie um ſo eher für unbeſeelt halten möchte, als man vergebens in ihnen den leuchtenden Punkt ſuchen würde, welchen Gott wie einen Funken vom Herde des Lebens in das Auge gelegt hat. Dieſe Augen ſind blau wie der Saphir, ohne Milde, ohne Härte. Sie ſehen, das iſt gewiß, aber ſie ſchauen nicht. Stellen Sie ſich ferner eine hagere, dünne, lange, ſpitzige Naſe vor, einen Mund mit Lippen, die ein wenig geöffnet, mit Zähnen, welche nicht weiß, ſondern ebenſo wachsfarbig wie die Haut, als hätten ſie eine leichte Infiltrirung von blaſſem Blut empfangen und ſich da⸗ mit gefärbt; ein ſpitziges, äußerſt ſorgfältig raſirtes Kinn, hervorſtehende Backenknochen, Wangen ſo hohl, daß man in jede eine Wallnuß hätte legen können: dies waren die charakteriſtiſchen Züge des Zuſchauers neben Hoffmann. Dieſer Mann konnte eben ſo wohl fünfzig, als drei⸗ ßig Jahre alt ſein. Wäre er achtzig geweſen, man hätte die Sache nicht außerordentlich finden können; hätte er erſt zwölf gezählt, ſo wäre dies noch nicht unwahrſcheinlich geweſen. Er ſah aus, als müßte er ſo, wie er war, auf die Welt gekommen ſein. Er war ohne Zweifel nie jünger geweſen, und er konnte un⸗ möglich älter ſcheinen. Seine Haut berührend, hätte man ohne Zweifel dieſelbe Empfindung der Kälte gehabt, wie wenn man die Haut einer Schlange oder eines Todten berührt. Aber er liebte gewiß die Muſik ganz ungemein. Von Zeit zu Zeit zog ſich ſein Mund etwas mehr auseinander unter einem Druck melophiler Wolluſt, und drei kleine Falten, durchaus dieſelben auf jeder Seite, beſchrieben einen Halbkreis am Ende ſeiner Lip⸗ — c 3— e— c—— rn te a= es , i⸗ in ht er ar n⸗ —,— 265 pen und blieben hier fünf Minuten eingedrückt; dann verſchwanden ſie ſtufenweiſe, wie die Kreiſe, die ein in das Waſſer fallender Stein hervorbringt, welche ſich immer mehr erweitern, bis ſie ſich ganz und gar mit der Oberfläche vermengen. Hoffmann wurde nicht müde, dieſen Mann anzu⸗ ſchauen, welcher ſich beobachtet fühlte, aber nicht im Geringſten deshalb rührte. Seine Unbeweglichkeit war ſo groß, daß unſer Dichter, der zu jener Zeit ſchon den Keim der Einbildungskraft beſaß, die Copel⸗ lius erzeugen ſollte, ſeine beiden Hände auf die Lehne des Sperrſitzes vor ihm ſtützte, ſeinen Körper vorneigte, den Kopf rechts wandte, und denjenigen, welchen er nur vom Profil geſehen, von vorne zu ſehen ſuchte. Der kleine Mann ſchaute Hoffmann ohne Verwun⸗ derung an, lächelte, nickte ihm freundſchaftlich zu, hef⸗ tete ſeine Augen wieder auf denſelben Punkt, wie zuvor, auf einen für jeden Andern, als für ihn unſichtbaren Punkt, und fuhr fort, das Orcheſter zu begleiten. „Das iſt ſeltſam,“ murmelte Hoffmann, während er ſich wieder ſetzte,„ich hätte gewettet, er lebe nicht.“ Und der junge Manu, als wäre er, obgleich er den Kopf ſeines Nachbars ſich hatte bewegen ſehen, nicht ganz überzeugt, es ſeien auch die übrigen Theile des Körpers belebt, blickte abermals nach den Händen des Unbekannten. Da fiel ihm ein Umſtand auf: auf der Tabaksdoſe, mit der dieſe Hände ſpielten, einer Doſe von Ebenholz, glänzte ein kleiner Todtenkopf in Dia⸗ manten. Alles mußte an dieſem Tage für die Augen von Hoffmann phantaſtiſche Farben annehmen; aber er war feſt entſchloſſen, zu ſeinem Zwecke zu kommen, neigte ſich hinab, wie er ſich vorwärts geneigt hatte, und hielt ſeine Augen ſo nahe auf die Tabaksdoſe, daß ſeine Lip⸗ pen beinahe die Hände desjenigen, welcher ſie hielt, berührten. Als der Unbekannte ſah, daß ſeine Doſe von ſo 266 großem Intereſſe für ſeinen Nachbar war, reichte er ihm dieſelbe ſtillſchweigend, daß er ſie nach ſeinem Gefallen betrachten konnte. Hoffmann nahm die Doſe, drehte ſie zwanzigmal um und um und öffnete ſie ſodann. Es war Tabak darin! Arſenr. Nachdem er die Tabaksdoſe mit der größten Auf⸗ merkſamkeit betrachtet hatte, gab ſie Hoffmann dem Eigenthümer zurück und dankte ihm durch ein ſtilles Zeichen mit dem Kopf, das ſein Nachbar durch ein eben ſo höfliches, aber wo möglich noch ſtilleres Zeichen er⸗ wiederte. „Wir wollen nur ſehen, ob er ſpricht,“ fragte ſich Hoffmann. Und er wandte ſich gegen den Unbekannten und ſagte zu ihm: „Mein Herr, ich bitte Sie, meine Unbeſcheidenheit zu entſchuldigen, doch dieſer kleine Todtenkopf in Dia⸗ manten, welcher Ihre Doſe ſchmückt, erregte ſogleich mein Erſtaunen, denn es iſt ein ſeltener Zierrath auf einer Tabaksdoſe.“ „In der That, ich glaube, es iſt die einzige, welche man gemacht hat,“ erwiederte der Unbekannte mit einer metalliſchen Stimme, deren Töne einiger Maßen das Geräuſch von Gelbſtücken, die man auf einander häuft, nachahmten:„ich habe ſie von dankbaren Erben, deren Vater ich behandelte.“ „Sie ſind Arzt?“ „Ja, mein Herr.“ m en if⸗ m en r⸗ 267 „Und Sie haben den Vater der jungen Leute ge⸗ heilt?“ „Im Gegentheil, wir hatten das Unglück, ihn zu verlieren.“* „Ich erkläre mir das Wort: Dankbarkeit.“ Der Arzt lachte. Seine Antworten verhinderten ihn nicht am Träl⸗ lern, und während er trällerte, ſagte er: „Ja, ich glaube wohl, daß ich dieſen Greis umge⸗ bracht habe.“ „Wie, umgebracht?“ „Ich habe an ihm den Verſuch mit einem neuen Mittel gemacht. Oh! mein Gott, nach einer Stunde war er todt! Das iſt wahrhaftig ſehr poſſierlich.“ Und er trällerte weiter. „Sie ſcheinen die Muſik zu lieben, mein Herr?“ fragte Hoffmann. „Dieſe beſonders, ia, mein Herr.“ „Teufel!“ dachte Hoffmann,„das iſt ein Menſch, der ſich in der Muſik täuſcht wie in der Mediein.“ In dieſem Augenblick zog man den Vorhang auf. Der Unbekannte ſchlürfte eine Priſe Tabak und lehnte ſich ſo bequem als möglich an ſeinen Sperrſitz an, wie ein Menſch, der nichts von dem Schauſpiel verlieren will, dem er beiwohnen ſoll. Indeſſen ſagte er zu Hoffmann wie in einer Re⸗ flerion: „Sie ſind Deutſcher, mein Herr?“ „Allerdings.“ „Ich habe Ihr Vaterland an Ihrem Accent er⸗ kannt. Ein ſchönes Land, ein häßlicher Accent!“ Hoffmann verbeugte ſich vor dieſer Bemerkung, welche zur Hälfte aus einem Compliment, zur Hälfte aus einem Tadel beſtand. „Und warum ſind Sie nach Frankreich gekommen?“ „Um zu ſehen.“ „Haben Sie ſchon geſehen?“ 268 „Ich habe guillotiniren ſehen, mein Herr.“ „Waren Sie heute auf dem Revolutions⸗Platz?“ „Ich war dort.“ „So haben Sie dem Tod von Madame du Barry beigewohnt.“ „Ja,“ antwortete Hoffmann mit einem Seufzer. „Ich habe ſie genau gekannt,“ fuhr der Doctor mit einem vertraulichen Blick fort, mit einem Blick, der das Wort gekannt bis zum Ende ſeiner Bedeutung führte.„Bei meiner Treue, es war ein ſchönes Mädchen.“ „Haben Sie Madame du Barry auch behandelt?“ „Nein, aber ihren Neger Zamore.“ „Den Elenden! man ſagt mir, er habe ſeine Her⸗ rin angezeigt.“ „In der That, er war ſehr patriotiſch, dieſer kleine Neger.“ „Sie hätten mit ihm machen ſollen, was Sie mit dem Greiſe gemacht haben; Sie wiſſen, mit dem Greiſe von der Tabaksdoſe.“ „Wozu? er hatte keinen Erben.“ Hier erklang abermals das Gelächter des Greiſes. „Und Sie, mein Herr, Sie wohnten heute der Hinrichtung nicht bei?“ fragte Hoffmann, der ein un⸗ widerſtehliches Bedürfniß in ſich fühlte, von dem armen S zu ſprechen, deſſen blutiges Bild ihn nicht verließ. „Nein. War ſie abgemagert?“ „Wer?“ „Die Gräfin.“ „Ich kann es Ihnen nicht ſagen.“ „Warum nicht?“ „Weil ich ſie zum erſten Mal auf dem Karren ge⸗ ſehen habe.“ „Das iſt ſchlimm. Ich hätte es gerne wiſſen mö⸗ gen, denn ich habe ſie als ſehr ſtark gekannt; doch ich werde morgen ihren Leichnam ſehen. Ah! ſchauen Sie, ſchauen Sie,“ ſagte der Doctor. —— —— 1 8— e⸗ 5 n —,— 269 Und er deutete zu gleicher Zeit nach der Bühne, wo in dieſem Augenblick Herr Veſtris, der den Paris ſpielte, auf dem Berge Ida erſchien und mit der Nymphe Oenone alle möglichen Tändeleien trieb. Hoffmann ſchaute das an, was ihm ſein Nachbar zeigte; nachdem er ſich verſichert, daß dieſer düſtere Arzt wirklich auf die Scene aufmerkſam war, und daß das, was er gehört und geſagt, keine Spur in ſeinem Geiſte zurückgelaſſen hatte, ſprach er zu ſich ſelbſt: „Es wäre doch ſeltſam, wenn ich dieſen Mann weinen ſehen würde.“ „Kennen Sie das Sujet dieſes Stückes?“ fragte der Doctor, nachdem er einige Minuten geſchwiegen. „Nein, mein Herr.“ „Oh! das iſt ſehr intereſſant. Es ſind ſogar rüh⸗ rende Situationen darin. Einer von meinen Freunden und ich, wir hatten neulich Thränen in den Augen.“ „Einer von ſeinen Freunden,“ murmelte der Dich⸗ ter;„wer kann der Freund dieſes Mannes ſein? Es muß ein Todtengräber ſein.“ „Ah! bravo, bravo, Veſtris!“ ſchrie der kleine Mann, in ſeine Hände klatſchend. Um ſeine Bewunderung kundzugeben, hatte der Arzt den Augenblick gewählt, wo Paris, wie es das Büchlein ſagte, das Hoffmann vor der Thüre gekauft hatte, ſeinen Wurfſpieß ergreift und den Hirten zu Hülfe eilt, welche erſchrocken vor einem Löwen fliehen. „Ich bin nicht neugierig, aber ich hätte den Löwen ſehen mögen.“ So endigte der erſte Act. Da ſtand der Doctor auf, drehte ſich um, lehnte ſich an den Sperrſitz an, der vor dem ſeinigen ſtand, vertauſchte ſeine Tabaksdoſe mit einer kleinen Lorgnette und fing an die Frauen zu beſchauen, welche den Saal füllten. Hoffmann folgte maſchinenmäßig der Richtung der 270 Lorgnette und bemerkte, daß diejenige, auf welche er ſie ſirirte, ſogleich bebte und alsbald die Augen nach dem Manne wandte, der ſie lorgnirte, und dies, als ob ſie durch eine unſichtbare Gewalt gezwungen worden wäre. Sie verharrte in dieſer Stellung, bis der Doctor zu lorgniren aufhoͤrte. „Iſt Ihnen dieſe Lorgnette auch von einem Erben zugekommen?“ fragte Hoffmann. „Nein, von Herrn von Voltaire.“ „Sie haben ihn alſo auch gekannt?“ „Genau; wir ſtanden in einer engen Verbindung mit einander.“ „Sie waren ſein Arzt?“ „Er glaubte nicht an die Arzneiwiſſenſchaft. Er glaubte allerdings nicht an viel.“ 3 es wahr, daß er vor ſeinem Ende gebeichtet at“ „Er, mein Herr, er! Arouet! gehen Sie doch! Er hat nicht nur nicht gebeichtet, ſondern ſogar den Prie⸗ ſter hübſch empfangen, der ihm geiſtlichen Beiſtand lei⸗ ſten wollte. Ich kann nach meinem eigenen Wiſſen davon ſprechen, ich war dabei.“ „Was hat ſich denn ereignet?“ „Arouet war dem Sterben nahe; Terſac, ſein Pfarrer, kommt und fragt ihn vor Allem, wie ein Menſch, der keine Zeit zu verlieren hat:„„Mein Herr, anerkennen Sie die Dreieinigkeit von Jeſus Chriſtus?““ „„Mein Herr, ich bitte Sie, laſſen Sie mich ruhig ſterben,““ erwiederte Voltaire. „„Aber, mein Herr,““ fuhr Terſac fort,„„ich muß nothwendig wiſſen, ob Sie Jeſus Chriſtus als Gottes Sohn anerkennen.““ „„Im Namen des Teufels!““ rief Voltaire,„ſpre⸗ chen Sie mir nicht mehr von dieſem Menſchen.““ Und das Wenige von Kraft, was ihm blieb, zuſammenraf⸗ fend, verſetzt er dem Pfarrer einen Fauſtſchlag an den Kopf und ſtirbt. Mein Gott! habe ich gelacht!“ 8— 5) )— ſie m ſie re. en ng Er tet Er ie⸗ ei⸗ ſen ein ein rr, ig uß tes d af⸗ en 271 „In der That, das war zum Lachen,“ ſagte Hoff⸗ mann mit verächtlichem Tone,„und ſo mußte der Ver⸗ faſſer der Pucelle*) ſterben?“ „Ah! ja, die Pucelle!“ rief der ſchwarze Mann, „welch ein Meiſterwerk! Wie bewunderungswürdig iſt das! Ich kenne nur ein Buch, das mit dieſem in die Schranken treten kann.“ „Welches?“ „Juſtine, von Herrn von Sadesz kennen Sie Juſtine?“*2) „Nein, mein Herr.“ „Und den Marquis von Sades?“ „Eben ſo wenig.“ „Hören Sie, mein Herr,“ fuhr der Doctor voll Begeiſterung fort,„Juſtine, das iſt, was man Unmora⸗ liſches leſen fann, es iſt Crebillon Sohn ganz nackt, es iſt wunderbar. Ich habe ein Mädchen behandelt, das dieſes Buch geleſen hatte.“ „Und dieſes Mädchen iſt geſtorben wie Ihr Greis?“ „Nein, es iſt ſehr glücklich geſtorben.“ Und das Auge des Arztes funkelte vor Wohlbe⸗ hagen bei der Erinnerung an die Urſachen dieſes Todes. Man gab das Zeichen zum zweiten Act. „Oh!“ ſagte der Doctor mit einem Lächeln der Befriedigung, während er ſich ſetzte,„wir werden Ar⸗ ſene ſehen.“ „Was iſt das, Arſene?“ „Sie kennen ſie nicht?“ „Nein, mein Herr.“ „Ah! Sie kennen alſo nichts, junger Mann. Ar⸗ ———— * La Pucelle d'Oreans, ein komiſches Epos von 1 .QUueb. **) Juſtines, einer der obſcönſten franzöſiſchen Romane von dem berüchtigten Marguis von Sades, welchen Rapoleon, am Ende, als wahnſinnig in Charenton einſperren ließ · D. Ueb. 272 ſene, damit iſt Alles geſagt: übrigens werden Sie ſehen.“ Und ehe das Orcheſter eine Note gegeben, haite der Arzt wieder angefangen, die Introduction des zwei⸗ ten Actes zu trällern. Der Vorhang ging auf. Das Theater ſtellte eine Laube von Blumen und grünem Blätterwerk vor, welche ein Bach durchzog, der dem Fußee eines Felſen entquoll. Hoffmann ließ ſeinen Kopf in ſeine Hände fallen. Was er ſah, was er hörte, vermochte ihn offenbar nicht dem ſchmerzlichen Gedanken und der finſteren Er⸗ innerung zu entreißen, welche ihn dahin gebracht hatten, wo er war. „Was würde das geändert haben?“ dachte er, un⸗ geſtüm zu den Eindrücken des Tages zurückkehrend,„was würde das in der Welt geändert haben, wenn man vieſe unglückliche Frau hätte leben laſſen? Was würde das Böſes bewirkt haben, wenn dieſes Herz fortgeſchla⸗ gen, wenn dieſer Mund fortgeathmet hätte? welches Unglück wäre daraus hervorgegangen? Warum ge⸗ waltſam dies Alles unterbrechen? Mit welchem Rechte kann man das Leben mitten in ſeinem Schwunge auf⸗ halten? Sie wäre ſo wohl unter allen dieſen Frauen, während zu dieſer Stunde ihr armer Leib, dieſer Leib, den ein König liebte, im Kothe eines Kirchhofes liegt ohne Blumen, ohne Kreuz, ohne Kopf. Wie ſchrie ſie, mein Gott! wie ſchrie ſie! dann vlötzich... Hoffmann verbarg ſeine Stirne in ſeinen Händen. „Was mache ich hier?“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„oh! ich will gehen.“ Und er war vielleicht wirklich im Begriffe, zu gehen, als er emporſchauend auf der Bühne eine Tänzerin er⸗ blickte, welche im erſten Act nicht erſchienen war, und deren Tanzen der ganze Saal zuſchaute, ohne eine Be⸗ wegung zu machen, ohne einen Athem auszuhauchen. —„——————,—„ 8—— 3——— 273 „Oh! wie ſchön iſt ſie!“ rief Hoffmann laut ge⸗ nug, daß es ſeine Nachbarn und ſelbſt die Tänzerin hören konnten. Diejenige, welche dieſe plötzliche Bewunderung er⸗ regt hatte, ſchaute den jungen Mann an, der unwill⸗ kürlich dieſen Ausruf von ſich gegeben, und Hoffmann glaubte, ſie danke ihm mit dem Blick. Er erröthete und bebte, als wäre er von elektri⸗ ſchen Funken berührt worden. Arſene, ſie war es, deren Namen der kleine Greis ausgeſprochen, Arſene war wirklich ein bewunderungs⸗ würdiges Geſchöpf, von einer Schönheit, welche nichts von der traditionellen Schönheit hatte. Sie war groß, herrlich gebaut und von einer durch⸗ ſichtigen Bläſſe unter der Schminke, welche ihre Wan⸗ gen bedeckte. Ihre Füße waren ganz klein, und wenn ſie auf den Boden des Theaters niederfiel, hätte man glauben ſollen, ihre Fußſpitze ruhe auf einer Wolke, denn man hörte nicht das gerinaſte Geräuſch. Ihre Taille war ſo ſchlank, ſo geſchmeidig, daß eine Natter ſich nicht ſo auf ſich ſelbſt zurückgebogen hätte, wie dieſe Frau es that. So oft ſie ſich rückwärts neigte, konnte man glauben, ihr Corſet werde zerſpringen, und man errieth in der Energie und in der Dreiſtigkeit ihres Tanzes ſowohl die Gewalt einer vollendeten Schönheit, als auch jene glühende Natur, welche, wie die der Meſ⸗ ſalina des Alterthums, zuweilen ermüdet, aber nie ge⸗ ſättigt werden kann. Sie lächelte nicht, wie gewöhn⸗ lich die Tänzerinnen lächeln, ihre Purpurlippen öffneten ſich beinahe nicht, nicht als hätte ſie häßliche Zähne zu verbergen gehabt, denn in dem Lächeln, das ſie an Hoffmann gerichtet, als er ſie ſo naiv ganz laut be⸗ wunderte, hatte unſer Dichter eine doppelte Reihe ſo weißer, ſo reiner Perlen ſehen können, daß ſie dieſelben ohne Zweifel nur hinter ihren Lippen verborgen hielt, damit die Luft ſie nicht trübte. In ihren langen ſchwar⸗ Fauſend und ein Geſpenſt. M. 18 274 zen Haaren mit den blauen Refleren waren breite Acanthusblätter befeſtigt, und es hingen Weinreben daran, deren Schatten auf die entblößten Schultern hinablief. Die Augen waren groß, durchſichtig, ſchwarz, glänzend in einem Grade, daß ſie rings um ſie her leuchteten, und daß Arſene, wenn ſie in der Nacht ge⸗ tanzt hätte, den Platz, wo ſie getanzt, erhellt haben würde. Was noch die Originalität dieſes Mädchens vermehrte, war der Umſtand, daß Arſene in dieſer Rolle einer Nymphe, denn ſie ſpielte oder tanzte vielmehr eine Nymphe, ein kleines Halsband von ſchwarzem Sammet trug, geſchloſſen mit einer Schnalle, oder we⸗ nigſtens mittelſt eines Gegenſtandes, der die Form einer Schnalle zu haben ſchien und, aus Diamanten gemacht, blendende Feuer auswarf. Der Arzt ſchaute Arſene mit allen ſeinen Augen an, und ſeine Seele, die Seele, die er haben konnte, ſchien am Fluge der jungen Frau zu hängen. So lange ſie tanzte, athmete er offenbar nicht. Da konnte Hoffmann etwas Seltſames wahrnehmen: ging ſie rechts oder links, vorwärts oder rückwärts, nie verließen die Augen von Arfene die Linie der Augen des Doctors, und es war zwiſchen den beiden Blicken eine ſichtbare wechſelſeitige Beziehung hergeſtellt. Mehr noch, Hoffmann ſah ſehr deutlich die Strahlen, welche die Schnalle am Halsband von Arſene auswarf, und diejenigen, welche der Todtenkopf des Doctors von ſich gab, ſich auf halbem Wege begegnen, an einander pral⸗ len, ſich zurückſtoßen und in einer Garbe gemacht aus Tauſenden von weißen, rothen und goldenen Funken zurückſpringen. „Wollen Sie die Güte haben, mir Ihre Lorgnette zu leihen, mein Herr?“ ſagte Hoffmann, keuchend und ohne den Kopf abzuwenden, denn es war ihm auch unmöglich, mit dem Blicke von Arſene zu laſſen. Der Doctor ſtreckte die Hand gegen Hoffmann aus, ohne die geringſte Bewegung mit dem Kopf zu machen, — ie en en hr che nd l⸗ us en tte nd ich 8, n, 275 ſo daß die Hände der beiden Zuſchauer ſich eine Zeit lang im leeren Raume ſuchten, ehe ſie ſich begegneten. Hoffmann faßte endlich die Lorgnette und hielt ſie an ſeine Augen. „Das iſt ſeltſam,“ murmelte er. „Was denn?“ fragte der Doctor. „Nichts, nichts,“ antwortete Hoffmann, der ſeine ganze Aufmerkſamkeit dem, was er ſah, widmen wollte, und was er ſah, war in der That ſeltſam. Die Lorgnette näherte die Gegenſtände dergeſtalt ſeinen Augen, daß Hoffmann ein paar Male die Hand ausſtreckte, im Glauben, er faſſe Arſene an, denn dieſe ſchien nicht mehr am Ende des Glaſes, das ſie reflec⸗ tirte, zu ſein, ſondern zwiſchen den zwei Gläſern der Lorgnette. Unſer Deutſcher verlor alſo nicht das Min⸗ deſte von der Schönheit unſerer Tänzerin, und ihre von fern ſchon ſo glühenden Blicke umgaben ſeine Stirne mit einem Feuerkreiſe und machten das Blut in den Adern ſeiner Schläfe kochen. Die Seele des jungen Mannes ſtürmte furchtbar in ſeinem Körper. „Wer iſt dieſe Frau?“ fragte er mit einer ſchwa⸗ chen Stimme, ohne die Lorgnette zu verlaſſen und ohne ſich zu rühren. „Es iſt Arſene, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe,“ erwiederte der Doctor, deſſen Lippen allein lebendig zu ſein ſchienen, während ſein unbeweglicher Blick an die Tänzerin genietet war. „Dieſe Frau hat ohne Zweifel einen Liebhaber?“ „Ja.“. „Den ſie liebt?“ „Man ſagt es.“ „Und er iſt reich?“ „Sehr reich.“ „Wer iſt es?“ „Schauen Sie links nach der Vorbühne des Erd⸗ geſchoſſes.“ 276 „Ich kann mich nicht drehen.“ „Strengen Sie ſich an.“ Hoffmann machte eine ſo ſchmerzliche Anſtrengung, daß er einen Schrei ausſtieß, als ob ſeine Halsnerven zu Marmor geworden und in dieſem Augenblick zerbro⸗ chen wären. Er ſchaute nach der bezeichneten Vorbühne. In dieſer Vorbühne war nur ein Mann, aber, wie ein Löwe auf das Sammetgeländer gekauert, ſchien er für ſich allein die Vorbühne zu füllen. Es war ein Mann von zwei und dreißig bis drei und dreißig Jahren mit einem von Leidenſchaften durch⸗ furchten Geſicht; man hätte glauben ſollen, nicht die Pockenkrankheit, ſondern der Ausbruch eines Vulcans habe die Thäler gegraben, deren Tiefen ſich auf dieſem ganz zerſtörten Fleiſch durchkreuzten; ſeine Augen hat⸗ ten müſſen klein ſein, aber ſie waren geöffnet durch eine Art von Zerriſſenheit der Seele; bald waren ſie blicklos und leer wie ein erloſchener Krater, bald ergoßen ſie Flammen wie ein ſtrahlender Krater. Er klatſchte nicht Beifall, indem er ſeine Hände einander näherte, ſondern wenn er applaudirte, ſchlug er auf das Geländer, und jedes Mal ſchien er hiebei den Saal zu erſchüttern. „Oh!“ ſagte Hoffmann,„iſt es ein Menſch, was ich dort ſehe?“ „Ja, ja, es iſt ein Menſch,“ antwortete das ſchwarze Männchen,„ja, es iſt ein Menſch, und ein tüch⸗ tiger ſogar.“ „Wie heißt er?“ „Sie kennen ihn nicht?“ „Nein, ich bin geſtern erſt angekommen.“ „Nun! es iſt Danton.“ „Danton!“ verſetzte Hoffmann bebend.„Ho! ho! Und er iſt der Liebhaber von Arſene?“ „Es iſt ihr Liebhaber.“ „Und er liebt ſie ohne Zweifel?“ — ———„ 8 P 0⸗ ie er ei h⸗ ie 18 t⸗ ne o8 ſie ht rn id s h⸗ —— 277 „Bis zum Wahnſinn. Er iſt von einer wilden Eiferſucht.“ Aber ſo intereſſant auch Danton anzuſchauen war, Hoffmann hatte die Augen ſchon wieder auf Arſene ge⸗ richtet, deren ſchweigſamer Tanz einen phantaſtiſchen Anſchein hatte. „Wollen Sie mir noch eine Auskunft geben, mein Herr?“ „Sprechen Sie.“ „Welche Form hat die Spange, die ihr Halsband ſchließt?“ „Es iſt eine Guillotine.“ „Eine Guillotine!“ „Ja. Man macht reizende, und alle unſere ele⸗ ganten Damen tragen wenigſtens eine. Die, welche Arſene trägt, hat ihr Danton geſchenkt.“ „Eine Guillotine, eine Guillotine am Halſe einer Tänzerin,“ wiederholte Hoffmann, der ſein Gehirn ſich anſchwellen fühlte,„eine Guillotine, warum?“ Und unſer Deutſcher, den man für einen Verrück⸗ ten hätte halten können, ſtreckte die Arme vor ſich aus, als wollte er einen Leib faſſen, denn durch eine ſeltſame optiſche Wirkung verſchwand die Entfernung, die ihn von Arſene trennte, in Augenblicken, und es kam ihm vor, als fühlte er den Hauch der Tänzerin auf ſeiner Stirne, als hörte er das glühende Athmen dieſer Bruſt, deren halb nackter Buſen ſich hob wie unter einem Drucke der Wolluſt. Hoffmann hatte den Grad der Eraltation erreicht, wo man Feuer einzuathmen glaubt und befürchtet, die Sinne werden den Leib zerſprengen. „Genug! genug!“ ſagte er. Aber der Tanz nahm ſeinen Fortgang, und die Sinnenblendung war ſo gewaltig, daß, die zwei ſtärkſten Eindrücke des Tages verwirrend, der Geiſt Hoffmanns mit dieſer Scene die Erinnerung an den Revolutions⸗ Platz vermiſchte, und daß er bald Madame du Barry, bleich und mit abgeſchlagenem Kopf, an der Stelle von 278 Arſene tanzen, bald Arſene tanzend bis zum Fuße der Guillotine und bis in die Hände des Henkers kommen zu ſehen glaubte. Es bildete ſich in der exaltirten Phantaſie des jungen Mannes eine Miſchung von Blumen und von von Tanz und von Agonie, von Leben und von od. Was aber dies Alles beherrſchte, war die elektriſche Anziehungskraft, die ihn zu dieſer Frau hinriß. So oft dieſe zwei zarten Beine vor ſeinen Augen vorüber⸗ kamen, ſo oft ſich dieſer durchſichtige Rock ein wenig in die Höhe hob, durchlief ein Beben ſein ganzes We⸗ ſen, ſeine Lippe wurde trocken, ſein Athem brennend, und das Verlangen zog bei ihm ein, wie es bei einem Menſchen von zwanzig Jahren einzieht. Bei dieſem Zuſtand hatte Hoffmann nur eine Zu⸗ flucht: das war das Portrait von Antonia, es war das Medaillon, das er auf ſeiner Bruſt trug, es war die reine Liebe der ſinnlichen Liebe entgegenzuſtellen, es war die Kraft der keuſchen Erinnerung, die der begehr⸗ lichen Wirklichkeit Widerpart halten ſollte. Er ergriff das Portrait und drückte es an ſeine Lippen; doch kaum hatte er dieſe Bewegung gemacht, als er das ſcharfe, höhniſche Kichern ſeines Nachbars hörte, der ihn ſpöttiſch anſchaute. Da ſteckte Hoffmann erröthend das Medaillon an den Ort, wo er es genommen hatte, ſtand wie durch eine Feder bewegt auf und rief: „Laſſen Sie mich hinaus, laſſen Sie mich hinaus, nicht einen Augenblick länger hier zu bleiben!“ Und wie ein Wahnſinniger verließ er das Orche⸗ ſter; er trat auf die Füße und ſtieß an die Beine der ruhigen Zuſchauer, welche gegen dieſes Original fluchten, den ſo die Laune ankam, mitten im Ballet wegzu⸗ laufen. on he r⸗ ig e⸗ d, m U⸗ ie es r⸗ ne t, 16 an 8, zu e⸗ er en, u⸗ Die zweite Vorſtellung vom Urtheil des Paris. Doch der Sturm von Hoffmann führte dieſen nicht ſehr weit. An der Ecke der Rue Saint⸗Martin hielt er an. Seine Bruſt keuchte, ſeine Stirne rieſelte von Schweiß. Er ſtrich mit der linken Hand über ſeine Stirne, preßte ſeine rechte Hand an ſeine Bruſt und athmete. In dieſem Augenblick berührte man ſeine Schulter. Er bebte. „Ah! bei Gott, er iſt es,“ ſagte eine Stimme. Er wandte ſich um, und es entſchlüpfte ihm ein Schrei. Es war ſein Freund Zacharias Werner. Die zwei jungen Leute warfen ſich einander in die Arme. Dann kreuzten ſich die zwei Fragen: „Was machteſt Du hier?“ „Wohin willſt Du?“ „Ich bin geſtern angekommen,“erwiederte Hoffmann, „ich habe Madame du Barry guillotiniren ſehen, und bin, um mich zu zerſtreuen, in die Oper gegangen.“ „Ich, ich bin vor ſechs Monaten angekommen; ſeit fünf Monaten habe ich alle Tage zwanzig bis fünf und zwanzig Perſonen guillotiniren ſehen, und um mich zu gehe ich zum Spiel.“ „ h „Gehſt Du mit mir?“ „Nein, ich danke.“ „Du haſt Unrecht, ich bin in gutem Zuge; mit Deinem gewöhnlichen Glück wirſt Du gewinnen. Du mußt Dich abſcheulich langweilen in der Oper, Du, 280 der Du an die ächte Muſik gewöhnt biſt; komm' mit, ich werde Dich hören laſſen.“ „Muſik?“ „Ja, die des Goldes, abgeſehen davon, daß da, wohin ich gehe, alle Vergnügen vereinigt ſind, reizende Frauen, köſtliche Soupers, ein wüthendes Spiel.“ „Ich danke, mein Freund, es iſt mir unmöglich, ich habe verſprochen, noch mehr, ich habe geſchworen.“ „Wem?“ „Antonia.“ „Du haſt ſie alſo geſehen?“ „Ich liebe ſie, mein Freund, ich bete ſie an.“ „Ah! ich begreife, das hat Dich aufgehalten.. und Du haſt geſchworen?“ „Ich habe ihr geſchworen, nicht zu ſpielen und.. Hoffmann zögerte. „Und was noch?“ „Und ihr treu zu bleiben,“ ſtammelte er. „Dann darfſt Du nicht nach 113 gehen.“ „Was iſt das, 1137“ 5 „Es iſt das Haus, von dem ich ſo eben ſprach; ich, da ich nicht geſchworen habe, gehe dahin. Gute Nacht, Theodor.“ „Gute Nacht, Zacharias.“ Werner entfernte ſich, während Hoffmann an ſei⸗ nem Platz feſtgenagelt blieb. Als Werner auf hundert Schritte weggegangen war, erinnerte ſich Hoffmann, duß er Zacharias nach ſeiner Adreſſe zu fragen vergeſſen hatte, und daß die einzige Adreſſe, die ihm Zacharias gegebeu, die des Spielhauſes war. Aber dieſe Adreſſe war in das Gehirn von Hoff⸗ mann, wie über der Thüre des unſeligen Hauſes, mit feurigen Ziffern geſchrieben! Was ſo eben geſchehen, hatte indeſſen ein wenig die Gewiſſensbiſſe von Hoffmann beſchwichtigt. Die menſchliche Natur iſt ſo beſchaffen, ſtets nachſichtig ge⸗ —-— —— 0————————— — 1—————e+— a, de ch, . 7 —— 281 gen ſich, in Betracht, daß ihre Nachſicht Selbſiſucht iſt. Er hatte das Spiel Antonia geopfert, und er glaubte mit ſeinem Schwure quitt zu ſein, wobei er vergaß, daß er ganz bereit war, die bedeutendere Hälfte dieſes Schwures zu brechen, daß er da war, feſtgena⸗ gelt an der Ecke des Boulevard und der Rue Saint⸗ Martin. Doch, wie geſagt, der Widerſtand gegen Werner hatte ihm Nachſicht in Beziehung auf Arſene gegeben. Er beſchloß alſo, einen Mittelweg einzuſchlagen und, ſtatt in den Saal der Oper zurückzukehren, eine Hand⸗ lung, zu der ihn mit allen ſeinen Kräften ſein verſu⸗ chender Dämon antrieb, an der Thüre der Schauſpieler zu warten, um ſie herausgehen zu ſehen. Hoffmann kannte die Topographie der Theater zu gut, um dieſe Thüre nicht alsbald zu finden. Er ſah in der Rue de Bondy einen langen, ſchlecht beleuchte⸗ ten, ſchmutzigen, feuchten Gang, in welchem Menſchen mit ſchmierigen Kleidern wie Schatten hin⸗ und her⸗ liefen, und begriff, daß durch dieſe Thüre die armen Sterblichen ein⸗ und ausgingen, welche die rothe, die weiße, die blaue Schminke, die Gaze, die Seide und die Flittern in Götter und Göttinnen verwandelte. Die Zeit verſtrich, der Schnee fiel, aber Hoffmann war ſo aufgeregt durch dieſe ſeltſame Erſcheinung, die etwas Uebernatürliches hatte, daß ſich bei ihm die Em⸗ pfindung der Kälte, welche die nächtlichen Wanderer zu verfolgen ſchien, nicht einſtellte. Vergebens verdich⸗ tete er in beinahe greifbare Dünſte den Hauch, der aus ſeinem Munde kam, ſeine Hände blieben nichts⸗ deſtoweniger glühend und ſeine Stirne feucht. Mehr noch, an der Mauer, wo er ſtille geſtanden, war er un⸗ beweglich, die Angen ſtarr auf den Gang geheftet, geblieben, ſo daß der Schnee, der in immer dichteren Flocken fiel, langſam den jungen Mann wie mit einem Betttuche bedeckte und aus dem Studenten, der ſeine 282 Mütze auf dem Kopf und ſeinen deutſchen Oberrock auf dem Leibe hatte, allmälig eine Marmorſtatue machte. Endlich begannen durch dieſes Vomitorium die erſten Befreiten vom Schauſpiel herauszukommen, nämlich die Wache vom Abend, dann die Maſchiniſten, dann jene ganze namenloſe Welt, welche vom Theater lebt, dann die männlichen Künſtler, welche weniger Zeit brauchen, um ſich anzukleiden, als die Frauen, dann die Weiber, und endlich die ſchöne Tänzerin, die Hoffmann nicht allein an ihrem reizenden Geſicht erkannte, ſondern auch an jener geſchmeidigen Bewegung der Füße, welche nur ihr eigenthümlich, ſo wie an jenem kleinen, ihren Hals umſchließenden Sammetband, worauf das ſelt⸗ ſame Juwel glänzte, das der Schrecken in die Mode gebracht hatte. Kaum erſchien Arſene auf der Thürſchwelle, als, ehe Hoffmann nur Zeit gehabt hatte, eine Bewegung zu machen, ein Wagen raſch vorfuhr; der Kutſchen⸗ ſchlag wurde geöffnet, und das Mädchen ſchwang ſich ſo leicht hinein, als ob es noch auf dem Theater ſpränge. Durch die Scheiben wurde ein Schatten ſichtbar, in welchem Hoffmann den des Mannes von der Vorbühne zu erkennen glaubte; dieſer Schatten nahm die ſchöne Nymphe in ſeinen Armen auf, und ſogleich entfernte ſich der Wagen im Galopp, ohne daß eine Stimme dem Kutſcher ein Ziel zu bezeichnen nöthig gehabt hätte. Was wir in fünfzehn bis zwanzig Zeilen erzählt haben, war Alles ſo raſch wie der Blitz vorgefallen. Hoffmann ſtieß eine Art von Schrei aus, als er den Wagen entfliehen ſah, machte ſich von der Mauer los, einer Bildſäule ähnlich, welche aus der Niſche her⸗ vorſtürzt, ſchüttelte durch die Bewegung den Schnee ab, mit dem er bedeckt war, und fing an den Wagen zu verfolgen. Aber dieſer wurde von zwei zu mächtigen Roſſen ent⸗ führt, als daß ſie der junge Mann, ſo haſtig auch ſein unüberlegter Lauf war, einholen konnte. 4— —„——— ———„——— ——— ℳ „ —— 283 So lange der Wagen dem Boulevard folgte, ging Alles gut; ſo lange er ſogar der Rue de Bourbon folgte, welche umgetauft worden war, um den Namen Rue Neuve⸗Egalité anzunehmen, ging immer noch Alles gut; als er aber die Place des Victvires, aus der die Place de la Victoire nationale geworden iſt, erreicht hatte, fuhr er rechts und verſchwand aus den Augen von Hoffmann. Sobald er weder mehr durch das Geräuſch, noch durch den Anblick unterſtützt wurde, ließ der Lauf des jungen Mannes nach; einen Augenblick blieb er an der Ecke der Rue Neuve⸗Euſtache ſtehen und lehnte ſich an die Wand an, um Athem zu ſchöpfen; dann, als er nichts mehr ſah, nichts mehr hörte, orientirte er ſich und dachte, es ſei Zeit, nach Hauſe zurückzukehren. Es war nichts Leichtes für Hoffmann, ſich aus dieſem Irrſaal von Gaſſen herauszuarbeiten, welche ein unentwirrbares Netz von der Pointe Sainte⸗Euſtache bis zum Quai de la Ferraville bilden. Endlich erhielt er mit Hülfe der zahlreichen Patrouillen, welche durch die Straßen ſtreiften, mit Hülfe ſeines wohlgeordneten Paſſes, mit Hülfe des Beweiſes, daß er am vorher⸗ gehenden Tag erſt angekommen,— ein Beweis, den er durch das Viſa der Barrisre leicht zu liefern vermochte,— erhielt er, ſagen wir, von der Bürgermiliz ſo genaue Auskunft, daß es ihm gelang, ſein Hotel zu erreichen und ſein kleines Zimmer wieder aufzufinden, wo er ſich, ſcheinbar allein, in Wirklichkeit aber mit der glühenden Erinnerung an das, was vorgefallen, einſchloß. Von dieſem Augenblick an war Hoffmann mit aller Macht zwei Viſionen preisgegeben, von denen die eine allmälig ſich verwiſchte, während die andere all⸗ mälig mehr Weſenheit bekam. Die Viſion, welche ſich verwiſchte, war das bleiche Geſicht mit den zerzauſten Haaren von Madame du Barty, wie man dieſe von der Conciergerie auf den Karren und vom Karren auf das Schaffot ſchleppte. 3 284 Die Viſion, welche Wirklichkeit gewann, war das belebte, lächelnde Antlitz der ſchönen Tänzerin, wie ſie vom Hintergrund des Theaters nach der Rampe vor⸗ ſprang und von der Rampe zur einen und zur andern Vorbühne wirbelte. Hoffmann ſtrengte alle ſeine Kräfte an, um ſich von dieſer Viſion zu befreien. Er zog ſeine Pinſel aus ſeinem Koffer und malte; er nahm ſeine Geige aus ihrem Kaſten und ſpielte; er verlangte Feder und Tinte und machte Verſe. Aber dieſe Verſe, die er ſchuf, waren Lobgedichte auf Arſene, die Melodie, die er ſpielte, war die Melodie, bei der ſie ihm erſchienen, und deren hüpfende Noten ſie aufhoben, als hät⸗ ten ſie Flügel gehabt; die Skizzen, die er entwarf, waren ihr Portrait mit dem erwähnten Band, dem ſeltſamen, am Halſe von Arſene mittelſt einer noch viel ſeltſameren Spange befeſtigten Zierrath. Die ganze Nacht hindurch, den ganzen darauf folgenden Tag, die ganze zweite Nacht und den ganzen zweiten Tag ſah Hoffmann nur ein Ding, oder viel⸗ mehr zwei Dinge: auf der einen Seite die phantaſtiſche Tänzerin, auf der andern den nicht minder phantaſtiſchen Doctor. Es fand zwiſchen dieſen zwei Weſen eine ſolche gegenſeitige Beziehung, ein ſolcher Zuſammen⸗ hang ſtatt, daß Hoffmann das eine ohne das andere nicht begriff. Es war auch während dieſer Sinnen⸗ blendung, welche ihm Arſene beſtändig auf das Theater ſpringend darbot, nicht das Orcheſter, was in ſeinen Oh⸗ ren tönte, nein, es war das kleine Trällern des Doktors, es war das kleine Trommeln ſeiner Finger auf der eben⸗ holzenen Tabafsdoſe; dann zuckte von Zeit zu Zeit ein Blitz vor ſeinen Augen und blendete ihn mit ſpringenden Funken; das war der doppelte Strahl, der aus der Doſe des Doctors und dem Halsband der Tänzerin hervorſchoß; es war die ſympathetiſche Anziehungskraft dieſer Guillo⸗ tine von Diamanten mit dem Todtenkopf von Diamantenz es war endlich die Starrheit der Augen des Doctors, die a6 ſie r⸗ rn el ge nd er ie n„ t⸗ f, mn el uf en he en ne n⸗ re n⸗ er h⸗ , in en ſe 0⸗ 3 ie ——— 285 nach ſeinem Willen die reizende Tänzerin anzuziehen und zurückzuſtoßen ſchienen, wie das Auge der Schlange den Vogel, den es bezaubert, anzieht oder zurücktreibt. Zwanzigmal, hundertmal, tauſendmal bot ſich Hoff⸗ mann der Gedanke, in die Oper zurückzukehren: doch ehe die Stunde gekommen war, hatte ſich Hoffmann gelobt, der Verſuchung nicht nachzugeben; dieſe Ver⸗ ſuchung bekämpfte er auf alle Arten, er nahm ſeine Zuflucht zuerſt zu ſeinem Medaillon, dann ergriff er die Feder, um an Antonia zu ſchreiben; doch das Por⸗ trait ſeiner Antonia ſchien ein ſo trauriges Geſicht zu haben, daß er das Medaillon, nachdem er es kaum geöffnet, ſogleich wieder verſchloß; doch die erſten Zei⸗ len jedes Briefes, dèn er anfing, waren ſo verwirrt, daß er zehn Briefe zerriſſen hatte, ehe er beim Drittel der erſten Seite war. Endlich verlief der bedeutungsvolle zweite Tag; endlich nahte die Stunde der Oeffnung des Theaters heran; endlich ſchlug es ſieben Uhr, und bei dieſem letz⸗ ten Ruf lief Hoffmann, unwillkührlich entführt, ſeine Treppe hinab und ſtürzte in der Richtung der Rue Saint⸗Martin fort. Diesmal kam er in weniger als einer Viertelſtunde, diesmal kam er, ohne daß er Jemand zu fragen brauchte, als ob ihm ein unſichtbarer Führer ſeinen Weg gezeigt hätte, diesmal kam er in weniger als zehn Minuten vor die Thüre des Theaters. Aber ſeltſamer Weiſe war dieſe Thüre nicht, wie zwei Tage vorher, von Zuſchauern belagert, mochte nun ein Hoffmann unbekannter Umſtand das Schauſpiel minder anziehend gemacht haben, mochten die Zuſchauer ſchon im Innern des Theaters ſein. Hoffmann warf ſeinen Sechs⸗Livres⸗Thaler dem Kaſſier zu, erhielt ſeine Karte und eilte in den Saal. Doch der Anblick des Saales hatte ſich bedeutend verändert. Vor Allem war er nur halb voll; dann ſah er an dem Platze der reizenden Frauen, der ele⸗ 286 ganten Männer, die er wiederzufinden gehofft hatte, nur Frauen im Caſaquin*) und Männer in der Car⸗ magnole**); keine Juwelen, keine Blumen, keine ent⸗ blößte Buſen, welche unter jener wollüſtigen Atmoſphäre der ariſtokratiſchen Theater an⸗ und abſchwellen; runde Hauben und rothe Mützen, Alles verziert mit unge⸗ heuren nationalen Cocarden; düſtere Farben an den Kleidern, eine traurige Wolke auf den Geſichtern; dann auf beiden Seiten des Theaters zwei häßliche Büſten, zwei Grimaſſen ſchneidende Köpfe, der eine das Ge⸗ lächter, der andere der Schmerz,— kurz die Büſten von Voltaire und Marat. Bei der Vorbühne endlich ein kaum erleuchtetes Loch, eine finſtere, leere Oeffnung; immer noch die Hohle, aber kein Löwe mehr. Im Orcheſter waren zwei leere Plätze neben ein⸗ ander; Hoffmann wählte einen derſelben: das war der, welchen er zwei Tage vorher eingenommen hatte. Den andern hatte der Doctor gehabt; doch dieſer war, wie geſagt, unbeſetzt. Der erſte Act wurde geſpielt, ohne daß Hoffmann dem Orcheſter Aufmerkſamkeit ſchenkte, oder ſich um die Schauſpieler bekümmerte. Dieſes Orcheſter kannte er und er hatte es beim erſten Anhören gewürdigt. An dieſen Schauſpielern lag ihm wenig, er war nicht gekommen, um ſie zu ſehen, er war gekommen, um Arſene zu ſehen. Der Vorhang ging zum zweiten Act auf, und das Ballet begann. Der ganze Geiſt, die ganze Seele, das ganze Herz des jungen Mannes ſchwebte. Er wartete auf den Eintritt von Arſene. Plötzlich ſtieß Hoffmann einen Schrei aus. *) Eine Art von Weiberkamiſol. **) Jacobinerjacke. r⸗ t⸗ re de en un n, e⸗ on es ie n⸗ r, ſer un im im ar n, as 287 Es war nicht mehr Arſene, welche die Rolle der Flora gab. Die erſcheinende Frau war eine fremde Frau, eine Frau wie alle Frauen. Alle Fibern dieſes keuchenden Körpers ſpannten ſich ab. Hoffmann ſank mit einem langen Seufzer auf ſich ſelbſt zuſammen und ſchaute umher. Der kleine ſchwarze Mann war an ſeinem Platz, nur hatte er ſeine diamantenen Schnallen, ſeine dia⸗ mantenen Fingerringe und ſeine Tabaksdoſe mit dem diamantenen Todtenkopf nicht mehr. Seine Schnallen waren von Meſſing, ſeine Finger⸗ ringe von vergoldetem Silber, ſeine Doſe von mattem Silber. Erträllerte nicht mehr, er ſchlug den Takt nicht mehr. Wie war er hierher gekommen? Hoffmann wußte es nicht; er hatte ihn weder kommen ſehen, noch vor⸗ beigehen gefühlt. „Oh! mein Herr!... rief Hoffmann. „Sagen Sie Bürger, mein junger Freund, und dutzen Sie mich wo möglich,“ erwiederte das ſchwarze Männchen,„ſonſt machen Sie, daß man mir den Kopf abſchlägt und Ihnen auch. „Aber wo iſt ſie denn?“ „Ah! ja„ wo iſt ſie? Es ſcheint, ihr Tiger der mit keinem Auge von ihr läßt, hat vorgeſtern bemerkt, daß ſie durch Zeichen mit einem jungen Mann im Or⸗ cheſter correſpondirte. Es ſcheint, dieſer junge Mann iſt dem Wagen nachgelaufen, und deshalb hat er wohl geſtern das Engagement von Arſene gebrochen, und iſt Arſene nicht mehr beim Theater.“ „Und warum hat das der Director gelitten?“ „Mein junger Freund, der Director legt einen Werth darauf, daß er ſeinen Kopf auf ſeinen Schul⸗ tern behält, obgleich es ein ziemlich häßlicher Kopf iſt; doch er behauptet, er ſei an dieſen gewöhnt, und ein anderer ſchönerer würde vielleicht nicht Wurzeln ſchlagen.“ 288 „Ah! mein Gott, darum iſt alſo dieſer Saal ſo traurig!“ rief Hoffmann.„Darum ſind keine Blumen, keine Diamanten, keine Juwelen hier! Darum ſieht man auf beiden Seiten der Scene, ſtatt der Büſten von Apollo und Terpſichore, dieſe zwei abſcheulichen Büſten! Puh!“ „Ahi was ſprecheu Sie denn da?“ fragte der Doctor,„und wo haben Sie einen Saal geſehen, der ſo war, wie Sie ſagen? Wo haben Sie Diamantringe und Schnallen an mir geſehen? wo haben Sie die Büſten von Apollo und Terpſichore geſehen? Es ſind zwei Jahre, daß die Blumen nicht mehr blühen, daß ſich die Diamanten in Aſſignate verwandelt haben, daß die Juwelen auf dem Altar des Vaterlandes eingeſchmolzen worden ſind. Ich, was mich betrifft, habe, Gott ſei Dank! nie andere Schnallen gehabt, als dieſe meſſingenen, nie andere Fingerringe, als dieſen ſchlechten Ring von Vermeil, nie eine andere Tabaksvoſe, als dieſe armſelige ſilberne; die Buͤſten von Apollo und Terpſichore ſind allerdings einſt da geweſen, aber die Freunde der Menſchheit ha⸗ ben die Büſte von Apollo caſſirt und durch die des Apoſtels Voltaire erſetzt: aber die Volksfreunde haben die Büſte von Terpſichore zertrümmert und dafür die des Gottes Marat aufgeſtellt.“ „Oh! dvas iſt unmöglich!“ rief Hoffmann.„Ich ſage Ihnen, vorgeſtern habe ich einen von Blumen duftenden, von reichen Coſtümen glänzenden, von Dia⸗ manten funkelnden Saal und elegante Menſchen an der Stelle dieſer Fiſcherweiber im Caſaquin und dieſer Packknechte in der Carmagnole geſehen. Ich ſage Ih⸗ nen, daß Sie Diamantſchnallen auf Ihren Schuhen, Diamantringe an ihren Fingern, einen Todtenkopf von Diamanten auf Ihrer Doſe hatten; ich ſage Ihnen. „Und ich ſage Ihnen meinerſeits,“ erwiederte das ſchwarze Männchen,„ich ſage Ihnen, daß ſie vorgeſtern da war, daß ihre Gegenwart Alles erleuchtete, ich ſage 289 Ihnen, daß ihr Hauch die Roſen entſtehen, die Juwe⸗ len ſchimmern, die Diamanten Ihrer Einbildungskraft funkeln machtez ich ſage Ihnen, daß Sie ſie lieben, junger Mann, und daß Sie den Saal durch das Prisma Ihrer Liebe geſehen haben. Arſene iſt nicht mehr da, Ihr Herz iſt todt, Ihre Augen find entzaubert und Sie ſehen Molton, Zitz, grobes Tuch, rothe Mützen, ſchmutzige Hände und fettige Haare. Sie ſehen endlich die Welt, wie ſie iſt, die Dinge, wie ſie ſind.“ „Oh! mein Gott!“ rief Hoffmann, indem er ſei⸗ nen Kopf in ſeine Hände fallen ließ,„dies Alles iſt wahr, und ich bin ſo nahe daran, ein Narr zu werden?“ Die Schenke. Hoffmann erwachte aus dieſer Lethargie erſt, als er fühlte, wie ſich eine Hand auf ſeine Schulter legte. Er ſchaute empor. Alles war ſchwarz und erlo⸗ ſchen um ihn her. Das Theater ohne Licht kam ihm vor wie der Leichnam des Theaters, das er lebendig geſehen. Der Soldat von der Wache ging allein und ſchweigſam auf und ab, wie der Wächter des Todes; keine Kronleuchter, kein Orcheſter, keine Strahlen, kein Geräuſch mehr. Nur eine Stimme, die ihm ins Ohr murmelte: „Aber, Bürger, aber, Bürger, was machen Sie denn? Sie ſind in der Oper, Bürger; man ſchläft allerdings hier, aber man bleibt hier nicht über Nacht.“ Hoffmann ſchaute auf die Seite, woher die Stimme kam, und ſah eine kleine Alte, die ihn beim Kragen ſeines Oberrocks zupfte. Tauſend und ein Geſpenſt... 19 290 Das war die Aufſchließerin des Orcheſters, welche ſich, da ihr die Abſichten des hartnäckigen Zuſchauers nicht bekannt waren, nicht entfernen wollte, ohne daß ſie ihn vor ihr hatte weggehen ſehen. Sobald er ſeinem Schlafe entriſſen war, leiſtete Hoffmann übrigens keinen Widerſtand; er ſtieß einen Seufzer aus, ſtand auf und murmelte das Wort: „Arſene.“ „Ah! ja, Arſene,“ ſagte die kleine Alte,„Arſene, Sie ſind auch in ſie verliebt, junger Mann, wie alle Welt. Das iſt ein großer Verluſt für die Oper, und beſonders für uns Aufſchließerinnen.“ „Für Euch Aufſchließerinnen?“ fragte Hoffmann, der glücklich war, daß er mit Jemand anknüpfen konnte, um von der Tänzerin zu ſprechen,„und warum iſt es ein Verluſt für Euch, daß Arſene beim Theater iſt oder nicht iſt?“ „Ah! bei Gott! das iſt leicht zu begreifen: ein⸗ mal, ſo oft ſie tanzte, machte ſie ein volles Haus; dann wurde ein Geſchäft mit Tabourets, mit Stühlen und kleinen Bänken getrieben; man bezahlte die kleinen Bänke, die Stühle und die Tabourets nachträglich, das war unſer kleiner Nutzen. Ich ſage, kleiner Nutzen,“ fügte die Alte mit einer pfiffigen Miene bei,„denn Sie be⸗ greifen, Bürger, neben dieſem warf es noch einen großen ab.“ „Einen großen?“ „Ja,“ erwiederte die Alte. Und ſie blinzelte mit dem Auge. „Und was war der große Nutzen? ſprechen Sie, meine gute Dame.“ „Der große Nutzen kam von denjenigen, welche Auskunft über ſie verlangten, welche ihre Adreſſe wiſſen wollten, welche ihr Billets zuſandten. Sie verſtehen, es gab einen Preis für Alles: ſo viel für die Aus⸗ kunft, ſo viel für die Adreſſe, ſo viel für das Billet; kurz man trieb ſein kleines Gewerbe und lebte anſtändig.“ —— che ers aß ete en rt: ne, lle ind nn, te, es iſt in⸗ nn ind ke, ar gte be⸗ len ————— 291 Und die Alte ſtieß einen Seufzer aus, der, ohne ihm Eintrag zu thun, mit einem von Hoffmann beim Anfang des von uns mitgetheilten Dialogs ausgeſtoße⸗ nen Seufzer verglichen werden konnte. „Ah! ah!“ ſagte Hoffmann,„ Sie übernehmen es, Auskunft zu ertheilen, die Adreſſe anzugeben, Billets zu beſtellen; übernehmen Sie das immer noch?“ „Ach! mein Herr, die Auskunft, die ich Ihnen geben würde, wäre Ihnen nun unnütz; Niemand weiß mehr die Adreſſe, und das Billet, das Sie mir für ſie gäben, wäre verloren. Wollen Sie an eine Andere eines beſorgt wiſſen, an Madame Veſtris, an Made⸗ moiſelle Bigottini, an die...“ „Ich danke, meine gute Frau, ich danke; ich wünſchte nur von Mademoiſelle Arſene etwas zu erfahren,“ ſagte Hoffmann. Dann zog er einen kleinen Thaler aus der Taſche und fügte bei: „Hier, das iſt für Ihre Mühe, daß Sie mich ge⸗ weckt haben.“ Und er nahm Abſchied von der Alten und kehrte langſamen Schrittes nach dem Boulevard zurück, mit der Abſicht, demſelben Weg zu folgen, dem er zwei Tage vorher gefolgt war, da der Inſtinct, der ihn beim Kommen geleitet hatte, nicht mehr exiſtirte. Nun waren ſeine Eindrücke ſehr verſchieden, und an ſeinem Gang wurde die Verſchiedenheit dieſer Ein⸗ drücke bemerkbar. An jenem Abend war ſein Gang der eines Menſchen, welcher die Hoffnung hat vorüber⸗ kommen ſehen und ihr nachläuft, ohne zu bedenken, daß ihr Gott ihre langen Azurflügel gegeben hat, damit ſie die Menſchen nie erreichen; ſein Mund war offen und keuchend, er trug die Stirne hoch und ſtreckte die Arme aus. Diesmal ging er im Gegentheil langſam, wie der Menſch, der ſie, nachdem er ſie vergebens ver⸗ folgt, aus dem Geſichte verloren hat; ſein Mund war zuſammengepreßt, ſeine Stirne niedergebeugt, ſeine Arme 292 ſielen an ſeinem Leibe herab. Damals hatte er kaum fünf Minuten gebraucht, um von der Porte Saint⸗ Martin nach der Rue Montmartre zu gehen; diesmal brauchte er mehr als eine Stunde, und abermals mehr als eine Stunde, um von der Rue Montmartre nach ſeinem Hotel zu gehen; denn in der Niedergeſchlagen⸗ heit, in die er verſunken war, lag ihm wenig daran, ob er früh oder ſpät nach Hauſe kam, lag ihm wenig daran, ob er gar nicht nach Hauſe kam. Man ſagt, es gebe einen Gott für die Trunkenen und die Verliebten; dieſer Gott wachte ohne Zweifel über Hoffmann. Er ließ ihn die Patrouillen vermei⸗ den, er ließ ihn die Quais finden, dann die Brücken, dann ſein Hotel, wohin er, zum großen Aergerniß ſei⸗ ner Wirthin, um halb zwei Uhr Morgens zurückkam. Mitten unter dem Allem tanzte indeſſen ein kleiner goldener Schimmer, wie ein Irrlicht in der Nacht, im Grunde der Einbildungskraft von Hoffmann. Der Arzt hatte ihm geſagt, wenn dieſer Arzt überhaupt eriſtirte, wenn er nicht ein Spiel ſeiner Phantaſie, eine Blen⸗ dung ſeines Geiſtes war; der Arzt hatte ihm geſagt, Arſene ſei von ihrem Liebhaber dem Theater entführt worden, weil dieſer Liebhaber eiferſüchtig auf einen im Orcheſter ſitzenden jungen Mann geweſen, mit dem Arſene zu viel zärtliche Blicke gewechſelt habe. Der Arzt hatte beigefügt, was die Eiferſucht des Tyrannen auf den höchſten Grad geſteigert, ſei der Umſtand ge⸗ weſen, daß man denſelben jungen Mann der Ausgangs⸗ thüre der Künſtler gegenüber auf der Lauer geſehen habe; daß derſelbe junge Mann ganz verzweifelt dem Wagen nachgelaufen; der junge Mann aber, welcher vom Orcheſter aus leidenſchaftliche Blicke mit Arſene gewechſelt hatte, war erz der Mann, der vor der Aus⸗ gangsthüre der Künſtler gelauert hatte, war er; der junge Mann endlich, der verzweiflungsvoll dem Wagen nachgelaufen, war immer er, Hoffmann. Arſene hatte ihn alſo geſehen, da ſie die Strafe für ihre Zerſtreuung —„ e— c——— —+„ e c —,—— S„ — S—— —-— —,— 293 bezahlte; Arſene litt alſo für ihn, er war in das Leben der ſchönen Tänzerin durch die Thüre des Schmerzes eingetreten. Aber er war doch eingetreten, und das dünkte ihm Hauptſache; ihm lag es nun ob, ſich darin zu behaupten. Doch wie? durch welches Mittel? Auf welchem Wege ſollte er mit Arſene correſpondiren, ihr Nachricht von ſich geben, ihr ſagen, daß er ſie liebe? Es wäre ſchon für einen Vollblut⸗Pariſer eine große Aufgabe geweſen, die in dieſer ungeheuren Stadt verlorene Tänzerin wieder aufzufinden. Es war eine unmögliche Aufgabe für Hoffmann, der vor drei Tagen erſt angekommen und noch große Mühe hatte, ſich ſelbſt wiederzufinden. Hoffmann gab ſich alſo nicht einmal die Mühe, zu ſuchen; er ſah ein, daß ihm der Zufall allein zu Hülfe kommen konnte. Alle zwei Tage ſchaute er den Anſchlagzettel der Oper an, und alle zwei Tage ſah er, daß Paris ſein Urtheil in Abweſenheit von derjeni⸗ gen fällte, welche den Apfel viel eher verdiente, als Venus. Er dachte nun nicht mehr daran, die Oper zu beſuchen. Einen Augenblick hatte er den Gedanken, in den Convent oder zu den Cordeliers zu gehen, ſich an die Schritte von Danton zu hängen, ihn Tag und Nacht zu beſpähen und zu errathen, wo er die ſchöne Tänze⸗ rin verborgen. Er ging ſogar in den Convent, er ging ſogar zu den Cordellers; aber Danton war nicht da: ſeit ſieben bis acht Tagen kamm Danton nicht mehr dahin. Des Kampfes müde, den er ſeit zwei Jahren aus⸗ hielt, mehr durch den Aerger, als durch die Ueberlegenheit beſiegt, ſchien ſich Danton aus der politiſchen Arena zurückgezogen zu haben. Danton war, wie man ſagte, auf ſeinem Landhauſe. Wo war dieſes Landhaus? Man wußte es nicht: der Eine ſagte in Rueil, der Andere in Auteuil. Danton war ſo unfindbar, als Arſene. 294 Man hätte glauben ſollen, dieſe Abweſenheit von Arſene müßte Hoffmann zu Antonia zurückgeführt ha⸗ ben; aber dem war ſeltſamer Weiſe nicht ſo. Hoffmann mochte ſich anſtrengen, ſo ſehr er konnte, um ſeinen Geiſt zu der armen Tochter des Orcheſterdirectors von Mannheim zurückzuführen; durch die Macht ſeines Wil⸗ lens concentrirten ſich alle ſeine Erinnerungen auf dem Cabinet von Meiſter Gottlieb Murr; doch auf den Tiſchen und Klavieren aufgehäufte Partituren, Meiſter Gottlieb vor dem Pulte mit dem Fuß den Takt ſchla⸗ gend, Antonia auf einem Canapé liegend, Alles ver⸗ ſchwand nach dieſem Augenblick, um einem großen erleuchteten Rahmen Platz zu machen, in welchem ſich zuerſt Schatten bewegten; dann nahmen dieſe Schatten Körper an, dann gingen dieſe Körper in mythologiſche Geſtalten über, dann verſchwanden endlich alle dieſe mythologiſchen Geſtalten, alle dieſe Herven, alle dieſe Nympben, alle dieſe Götter, alle dieſe Halbgötter, um wiederum einer einzigen Göttin, der Göttin der Gärten, der ſchönen Flora, das heißt, der göttlichen Arſene, der Frau mit dem Sammethalsband und der Diamantſpange, Platz zu machen. Da gerieth Hoffmann nicht mehr in eine Träumerei, ſondern in eine Extaſe, aus der er nur herauszutreten vermochte, indem er ſich in das wirkliche Leben zurückwarf, indem er den Wanderer auf der Straße mit dem Ellenbogen ſtieß, indem er ſich in die Menge und in das Geräuſch verſetzte. Wurde dieſe Blendung, der Hoffmann preisgege⸗ ben war, zu ſtark, ſo ging er daher aus, folgte dem Abhang des Quai, zog ſich über den Pont⸗Neuf und hielt beinahe nie früher, als bei der Ecke der Rue de la Monnaie, an. Hier hatte Hoffmann eine Schenke, den Sammelplatz der ſtärkſten Raucher der Hauptſtadt, gefunden. Hier konnte ſich Hoffmann in einer engliſchen Taverne, in einem holländiſchen Muſico, oder an einer deutſchen Wirthstafel glauben, ſo ſehr machte hier der Dampf der Pfeifen eine Atmoſphäre, welche einzuath⸗ n . d e e, t. r r ⸗ ——— 295 men für jeden Andern als einen Raucher erſter Claſſe rein unmöglich. War Hoffmann in die Schenke der Brüderſchaft eingetreten, ſo ſetzte er ſich an ein Tiſchchen in der hinterſten Ecke, verlangte eine Flaſche Bier von der Brauerei von Herrn Santerre, der ſich, zu Gunſten von Henriot, ſeines Grades als General der National⸗ garde von Paris begeben hatte, ſtopfte bis an die Oeffnung die uns ſchon bekannte ungeheure Pfeife und hüllte ſich in wenigen Augenblicken in eine Rauchwolke, welche ſo dicht wie die, mit der die ſchöne Venus ihren Sohn Aeneas umhüllte, ſo oft es die zärtliche Mutter für dringend erachtete, ihren vielgeliebten Sohn dem Zorne ſeiner Feinde zu entreißen. Es waren acht bis zehn Tage ſeit dem Abenteuer von Hoffmann im Opernhauſe und folglich ſeit dem Verſchwinden der ſchönen Tänzerin vergangen; es ſchlug ein Uhr Nachmittags; Hoffmann befand ſich ſeit unge⸗ fähr einer halben Stunde in ſeiner Schenke und war bemüht, mit aller Macht ſeiner Lunge jene Ringmauer von Rauch zu bilden, die ihn von ſeinen Nachbarn trennte; da kam es ihm vor, als erblickte er im Dampf etwas wie eine menſchliche Geſtalt, als hörte er das doppelte Geräuſch des Trällerns und des Trommelns, wie es die Gewohnheit des ſchwarzen Männchens; es ſchien ihm auch, als ob mitten in dem Dunſte ein leuch⸗ tender Punkt Funken ſprühte; er öffnete ſeine durch eine leichte Schläfrigkeit halb geſchloſſenen Augen wie⸗ der, zog mit Mühe ſeine Augenlider auseinander und erkaunte, ihm gegenüber auf einem Tabouret ſitzend, ſeinen Nachbar von der Oper, und zwar um ſo beſſer, als diesmal der phantaſtiſche Doctor ſeine Diamant⸗ ſchnallen, ſeine Diamantringe an den Fingern und ſei⸗ Todtenkopf auf der Tabaksdoſe hatte oder zu haben ien. „Gut,“ ſagte Hoffmann,„nun werde ich wieder ein Narr.“ Und er ſchloß raſch die Augen. 296 Doch je hermetiſcher die Augen geſchloſſen waren, deſto mehr hörte Hoffmann ſowohl die kleine Geſangs⸗ begleitung, als das kleine Trommeln mit den Fingern; Alles auf das Deutlichſte, ſo deutlich, daß Hoffmann begriff, es ſei ein Grund von Wirklichkeit in Aliedem. Er öffnete wieder ein Auge, dann das andere. Der kleine ſchwarze Mann war immer noch an ſei⸗ nem Platz. „Guten Morgen, junger Mann,“ ſagte er zu Hoff⸗ mannz„nehmen Sie eine Priſe, das wird Sie aufwecken.“ Und er öffnete ſeine Doſe und bot dem jungen Mann Tabak. Dieſer ſtreckte maſchinenmäßig die Hand aus, nahm eine Priſe und ſchnupfte ſie. Sogleich kam es ihm vor, als erhellten ſich die Wände ſeines Geiſtes. „Ah!“ rief Hoffmann,„Sie ſind es, lieber Doctor! wie freut es mich, Sie wiederzuſehen!“ „Wenn es Sie ſo ſehr freut, mich wiederzuſehen,“ fragte der Doctor,„warum haben Sie mich denn nicht aufgeſucht?“ „Kannte ich Ihre Adreſſe?“ „Oh! das war eine ſchöne Schwierigkeit! auf dem erſten dem beſten Friedhof hätte man ſie Ihnen gegeben.“ „Wußte ich Ihren Namen?“ „Der Doctor mit dem Todtenkopf, Jedermann kennt mich unter dieſem Namen. Dann gab es einen Ort, wo Sie mich zu finden ſicher ſein durften.“ „Wo dies?“ „In der Oper. Ich bin Arzt der Oper, Sie wiſſen das wohl, da Sie mich zweimal dort geſehen haben.“ „Ah! die Oper,“ ſagte Hoffmann ſeufzend und den Kopf ſchüttelnd. „Ja, gehen Sie nicht mehr dahin?“ „Nein, ich gehe nicht mehr dahin.“ „Seit Arſene die Rolle der Flora nicht mehr gibt?“ 8⸗ ₰ nun mn. e. i⸗ em nn en ie en en 2* 297 „Wie Sie ſagen; und ſo lange ſie dieſe Rolle . gibt, werde ich das Opernhaus nicht mehr be⸗ uchen.“ „Sie lieben ſie, junger Mann, Sie lieben ſie.“ „Ich weiß nicht, ob die Krankheit, an der ich leide, Liebe heißt; aber ich weiß, daß ich, wenn ich ſie nicht wiederſehe, entweder an ihrer Abweſenheit ſterbe, oder ein Narr werde.“ „Teufel! Sie müſſen kein Narr werden! Teufel! Sie müſſen nicht ſterben! Für die Narrheit gibt es wenig Mittel, für den Tod gibt es gar keines.“ „Was ſoll ich denn thun?“ „Sie wiederſehen!“ „Wie? ſie wiederſehen? „Allerdings.“ „Haben Sie ein Mittel?“ „Vielleicht.“ „Welches?“ „Warten Sie.“ Und der Doctor träumte mit den Augen blinzelnd und auf ſeiner Doſe trommelnd. Dann nach einer Minute öffnete er die Augen wieder, ließ ſeine Finger über dem Ebenholz ſchweben und ſagte: „Sie ſind Maler, wie Sie mir geſagt haben?“ „Ja, Maler, Muſiker, Dichter.“ „Für den Augenblick bedürfen wir nur der Malerei.“ „Nun?“ „Arſene hat mich beauftragt, ihr einen Maler zu ſuchen.“ „Wozu?“ „Wozu ſucht man einen Maler? Bei Gott! um ihn ſein Portrait machen zu laſſen.“ „Das Portrait von Arſene!“ rief Hoffmann auf⸗ ſpringend; oh! hier bin ich, hier bin ich.“ „St! Bedenken Sie doch, daß ich ein ernſter Mann bin.“ 298 „Sie ſind mein Retter!“ rief Hoffmann, indem er mit ſeinen Armen den Hals des ſchwarzen Männ⸗ chens umſchlang. „Jugend, Jugend,“ murmelte der Doctor, dieſe zwei Worte mit demſelben Lachen begleitend, mit dem der Todtenkopf ſein Hohngelächter aufgeſchlagen haben würde, wäre er von natürlicher Größe geweſen. „Gehen wir, gehen wir,“ wiederholte Hoffmann. „Sie brauchen aber eine Farbenſchachtel, Pinſel, Leinwand.“ „Ich habe Alles zu Hauſe, gehen wir.“ „Gehen wir,“ ſagte der Doctor. Und Beide verließen die Schenke. Yas Portrait. Als Hoffmann aus der Schenke heraustrat, machte er eine Bewegung, um einen Fiacre zu rufen; aber der Doctor ſchlug ſeine dürren Hände an einander, und bei dieſem Geräuſch, das dem ähnlich, welches die Hände eines Todtengerippes gemacht hätten, eilte ein ſchwarz ausgeſchlagener, mit zwei Rappen beſpannter und von einem ſchwarz gekleideten Kutſcher geführter Wagen herbei; wo ſtationirte er, von wo kam er her? Dies zu ſagen, würde Hoffmann eben ſo ſchwer geweſen ſein, als es Cendrillon ſchwer geweſen wäre, zu ſagen, wo⸗ her der Wagen gekommen, in welchem ſie auf den Ball des Fürſten Mirliflore gebracht wurde. Ein kleiner Gnome, nicht nur ſchwarz gekleidet, ſondern auch ſchwarz von Haut, öffnete den Schlag. Hoffmann und der Doector ſtiegen ein, ſetzten ſich neben 299 einander, und alsbald rollte der Wagen geräuſchlos nach dem Gaſthauſe von Hoffmann. Vor der Thüre angelangt, überlegte Hoffmann zögernd, ob er in ſein Zimmer hinaufgehen ſollte; es kam ihm vor, als müßten, ſobald er den Rücken ge⸗ wendet, der Wagen, die Pferde, der Doctor und ſeine zwei Diener verſchwinden, wie ſie erſchienen waren. Doch wozu ſollten ſich Doetor, Pferd, Wagen und Be⸗ dienten die Mühe gemacht haben, von der Schenke der Rue de la Monnaie zum Quai aux Fleurs zu fahren, wenn dieſe Bemühung keinen Zweck hatte? Durch das einfache Gefühl der Logik beruhigt, ſtieg Hoffmann aus, trat in den Gaſthof ein, ging raſch die Treppe hinauf, ſtürzte in ſein Zimmer, nahm hier Palette, Pinſel, Far⸗ benſchachtel, wählte die größte von ſeinen Leinwanden, und eilte eben ſo raſch wieder die Treppe hinab. Der Wagen ſtand noch vor der Thüre. Pinſel, Palette und Farbenſchachtel wurden in das Innere des Wagens gebracht; den Groom beauftragte man, die Leinwand zu tragen. Dann rollte der Wagen mit derſelben Geſchwindig⸗ keit und mit derſelben Stille weiter. Nach Verlauf von zehn Minuten hielt er vor einem reizenden kleinen Hotel in der Rue de Hanovre, Nr. 15, an. Hoffmann merkte ſich die Straße und die Haus⸗ nummer, um eintretenden Falles ohne die Hülfe des Doetors dahin zurückkehren zu können. Die Thüre wurde geöffnet; der Doctor war ohne Zweifel bekannt, denn der Hausmeiſter fragte ihn nicht einmal, wohin er gehe. Man ſtieg die Treppe hinauf und trat in ein Vor⸗ zimmer, das man für das Veſtibule des Hauſes vom Dichter in Pompeji halten konnte. Man erinnert ſich, daß zu jener Zeit die Mode griechiſch war; das Vorzimmer von Arſene war al fresco gemalt und mit Kronleuchtern und Statuen von Bronze geſchmückt. 300 Vom Vorzimmer gingen der Doctor und Hoffmann in den Salon. Der Salon war griechiſch wie das Vorzimmer, mit Tuch von Sedan zu 70 Franken die Elle ausge⸗ ſchlagen; der Teppich allein koſtete 6,000 Livres; der Doctor machte Hoffmann auf dieſen Teppich aufmerk⸗ ſam; er ſtellte die Schlacht bei Arbela copirt nach dem berühmten Moſaik von Pompeji vor. Geblendet von dieſem unerhörten Luxus, begriff Hoffmann nicht, daß man ſolche Teppiche machte, um darauf zu gehen. Vom Salon ging man in das Voudoir, dieſes war mit Kaſchemir ausgeſchlagen. Im Hintergrunde, in einer Einfaſſung, ſtand ein niedriges Bett, ein Ca⸗ napé bildend, dem ähnlich, auf welches ſeitdem Herr Guérin Dido legte, wie ſie Aeneas ſeine Abenteuer erzählen hörte. Hier hatte Arſene warten zu laſſen befohlen. „Junger Mann,“ ſprach der Doctor,„Sie ſind nun eingeführt; es iſt Ihre Sache, daß Sie ſich auf eine geziemende Weiſe benehmen. Es verſteht ſich, daß Sie, wenn Sie der Liebhaber dem Titel nach hier überraſchen würde, ein verlorener Mann wären.“ „Oh! daß ich ſie wiederſehe, daß ich ſie nur wie⸗ derſehe, und...“ Das Wort erloſch auf den Lippen von Hoffmann; er blieb die Augen ſtarr, die Arme ausgeſtreckt, die Bruſt keuchend. Eine im Täfelwerk verborgene Thüre war geoffnet worden, und hinter einem Drehſpiegel erſchien Arſene, die wahre Gottheit des Tempels, in welchem ſie ſich ihrem Anbeter ſichtbar zu machen die Gnade hatte. Es war die Tracht von Aſpaſia, mit ihrem ganzen antiken Lurus, mit ihren Perlen in den Haaren, mit ihrem Mantel von goldgeſlicktem Purpur, ihrem langen, weißen, an der Taille durch einen vierfachen Gürtel von Perlen gehaltenen Kleide, Ringe an den Füßen und an 301 nn den Händen, und mitten unter dem Allem jener ſeltſame Zierrath, der von ihrer Perſon unzertrennlich zu ſein er, ſchien, jenes kaum vier Linien breite und mittelſt ſeiner e⸗ unheimlichen Diamantſpange befeſtigte Sammethalsband. er„Ah! Sie ſind es, Bürger, der es übernimmt, rk⸗ mein Portrait zu malen?“ ſagte Arſene. em Hoffmann ſuchte um ſich her, als wollte er Bei⸗ ſtand vom Doetor verlangen, doch der Doctor war ver⸗ iff ſchwunden. im„Nun!“ rief Hoffmann ganz beängſtigt. „Was ſuchen Sie, wonach verlangen Sie, Bür⸗ ſes ger?“ de,„Madame ich ſuche, ich verlange.. ich ver⸗ a⸗ lange nach dem Doctor„ nach dem Mann, der mich rr eingeführt hat.“ er„Wozu bedürfen Sie Ihres Einführers, da Sie en eingeführt ſind?“ „Aber der Doctor, der Doctor?“ rief Hoffmann. nd„Ah! ah!“ ſagte Arſene ungeduldig,„wollen Sie uf nicht die Zeit mit dem Suchen verlieren? der Doctor ch, hat ſeine Geſchäfte, bekümmern wir uns um die unſe⸗ ier rigen.“ „Madame, ich bin zu Ihren Befehlen,“ ſprach ie⸗ Hoffmann zitternd. „Sie willigen alſo ein, mein Portrait zu machen?“ n„Das heißt, ich bin der glücklichſte Menſch der die Welt, daß man mich für eine ſolche Gunſt gewählt hat. Ich befürchte nur Eines.“ net„Gut, Sie wollen den Beſcheidenen ſpielen. Nun ne, denn! wenn es Ihnen nicht gelingt, ſo werde ich es ich mit einem Andern verſuchen. Er will ein Portrait von mir haben. Ich ſah, daß Sie mich wie ein Menſch en anſchauten, der mein Ebenbild in ſeinem Gedächtniß nit behalten mußte, und ich gab Ihnen den Vorzug.“ en„Dank, tauſendmal Dank!“ rief Hoffmann, Arſene on mit den Augen verſchlingend.„Oh! ja, ja, ich habe an Ihr Ebenbild im Gedächtniß behalten: hier, hier, hier.“ 302 Und er drückte ſeine Hand an ſein Herz⸗ Plötzlich wankte und erbleichte er. „Was haben Sie?“ fragte Arſene mit einer ganz ungezwungenen Miene. „Nichts,“ antwortete Hoffmann,„nichts; fangen wir an.“ Als er ſeine Hand auf ſein Herz gelegt, hatte er zwiſchen ſeiner Bruſt und ſeinem Hemd das Medaillon von Antonia gefühlt. „Fangen wir an,“ wiederholte Arſene,„das iſt leicht zu ſagen. Einmal will er nicht, daß ich mich unter dieſem Coſtume malen laſſe. Das Wort er, das zweimal wiedergekehrt war, fuhr Hoffmann durch das Herz, als wäre es eine von den goldenen Nadeln geweſen, welche den Kopſfputz der modernen Aſpaſia hielten. „Und wie will denn er, daß Sie ſich malen laſ⸗ ſen?“ fragte Hoffmann mit merklicher Bitterkeit. „Als Erigone.“ „Vortrefflich, der Kopfputz von Weinranken wird Ihnen ausgezeichnet gut ſtehen.“ „Sie glauben?“ ſagte Arſene ſich zierend.„Ich denke, das Pantherfell wird mich auch nicht häßlich machen.“ Sie läutete. Eine Kammerfrau trat ein. „Eucharis,“ ſprach Arſene,„bringen Sie mir den Bacchusſtab, die Weinranken und das Pantherfell. Dann zog Arſene ein paar Nadeln aus, welche ihre Friſur hielten, ſchüttelte den Kopf und umhüällte ſich mit einer Woge ſchwarzer Haare, welche in Cas⸗ caden auf ihre Schulter ſiel, von da auf ihre Hüften hinabſprang und ſich dicht und wellenförmig bis auf den Teppich ausbreitete. Hoffmann gab einen Schrei der Bewunderung von „Nun! was gibt es?“ fragte Arſene. —=—=) 8 c9 8— 8 — —— — nz en on iſt ch r, on er he te 8 en uf on „Oh!“ rief Hoffmann,„oh! ich habe nie ſolche Haare geſehen!“ „Er will auch, daß ich ſie benütze, darum haben wir das Coſtume von Erigone gewählt, das mir die Haare zerſtreut zu tragen geſtattet.“ Diesmal hatten das er und das wir das Herz von Hoffmann mit zwei Schlägen getroffen, ſtatt mit einem. Mittlerweile hatte Mademoiſelle Eucharis die Wein⸗ ranken, den Bacchusſtab und das Pantherfell gebracht. „Iſt das Alles, was wir brauchen?“ fragte Arſene. „Ju, ja, ich glaube,“ ſtammelte Hoffmann. „Es iſt gut, laſſen Sie uns allein, und kommen Sie nicht eher wieder, als bis ich Ihnen läute. Mademviſelle Eucharis ging hinaus und ſchloß die Thüre hinter ſich. „Nun, Bürger,“ ſprach Arſene,„helfen Sie mir ein wenig dieſen Kopfputz ordnen; das iſt Ihr Geſchäft. Ich will mich, um mich zu verſchönern, ganz der Phan⸗ taſie des Malers anvertrauen.“ „Und Sie haben Recht!“ rief Hoffmann;„mein Gott! wie ſchön werden Sie ſein!“ Und er ergriff die Weinranfe und wand ſie um den Kopf von Arſene mit jener Kunſt des Malers, welche jeder Sache einen Werth und einen Refler gibt; dann nahm er, Anfangs ganz bebend und mit den Fingerſpitzen, die duftenden Haare, ließ ihr bewegliches Ebenholz zwiſchen den Topasbeeren, zwiſchen den Blättern von Smaragd und Rubin der herbſtlichen Weinrebe ſpielen, und unter ſeiner Hand, der Hand des Dichters, des Malers und des Liebenden, verſchönerte ſich die Tänzerin dergeſtalt, daß ſie in den Spiegel ſchauend einen Schrei der Freude und des Stolzes von ſich gab. „Oh! Sie haben Recht,“ ſagte Arſene,„ja, ich bin ſehr ſchön. Nun fahren wir fort.“ „Worin? worin fahren wir fort?“ 304 „In meiner Bacchantin-Toilette.“ Hoffmann fing an zu begreifen. „Mein Gott!“ murmelte er;„mein Gott!“ Arſene machte lächelnd ihren Purpurmantel los, der durch eine einzige Nadel, welche ſie vergebens zu erreichen ſuchte, zurückgehalten blieb. „Aber helfen Sie mir doch!“ ſagte ſie voll Unge⸗ duld,„oder muß ich Eucharis rufen?“ „Nein, nein,“ erwiederte Hoffmann. Und er eilte auf Arſene zu und zog die widerſpänſtige Nadel heraus: der Mantel ſiel zu den Füßen der ſchonen Griechin. „So!“ ſprach der junge Mann athmend. „Oh! glauben Sie denn, das Pantherfell ſtehe gut auf dieſem langen Mouſſelinekleid? Ich glaube es nicht; überdies will er eine wahre Bacchantin, keine, wie man ſie auf dem Theater fieht, ſondern wie ſie auf den Gemälden von Caracci und Albano ſind.“. „Auf den Gemälden von Caracci und Albano ſind ja die Bacchantinnen nackt!“ rief Hoffmann. „Nun! er will mich ſo, abgeſehen vom Pantherfell, welches Sie drapiren werden, wie Sie wollen, das iſt Ihre Sache.“ Und während ſie ſo ſprach, knüpfte ſie das Band von ihrer Taille los und öffnete die Spange an ihrem Kragen, ſo daß das Kleid an ihrem ſchönen Leib hin⸗ abglitt, den es nackt ließ, wie es nach und nach von den Schultern zu ihren Füßen hinabſank. „Oh!“ rief Hoffmann, auf die Kniee fallend,„das iſt keine Sterbliche, das iſt eine Göttin!“ Arſene ſtieß den Mantel und das Kleid mit dem Fuß zurück. Dann nahm ſie das Pantherfell und ſagte: „Sprechen Sie, was machen wir hiemit? Helfen Sie mir doch, Bürger Maler, ich bin nicht gewohnt, mich allein anzukleiden.“ Die naive Tänzerin nannte das ſich ankleiden. s, zu te 8: he es e, nd lU, iſt nd m n⸗ en en nt, 305 Hoffmann näherte ſich ſchwankend, trunken, geblen⸗ det, nahm das Pantherfell, hakte ſeine goldenen Klauen auf der Schulter der Bacchantin ein und ließ ſie ſich auf ein Bett von rothem Kaſchemir ſetzen oder vielmehr legen, wo ſie eine Statue von griechiſchem Marmor geſchienen haben würde, hätte nicht ihr Athem ihren Buſen emporgehoben, hätte nicht ihr Lächeln ihre Lip⸗ pen geöffnet. „Bin ich gut ſo?“ fragte ſie, indem ſie ihren Arm über ihrem Kopf rundete und eine Weintraube nahm, die ſie auf ihre Lippen auszudrücken ſchien. „Oh! ja, ſchön, ſchön, ſchön,“ murmelte Hoffmann. Und der Liebende gewann die Oberhand über den Maler, er ſank auf die Kniee, nahm mit einer Bewe⸗ gung ſo raſch wie der Gedanke die Hand von Arſene und bedeckte ſie mit Küſſen. Arſene zog ihre Hand mit mehr Erſtaunen, als Zorn zurück. „Nun! was machen Sie denn?“ fragte ſie den jungen Mann. Dieſe Frage wurde mit einem ſo ruhigen und kal⸗ ten Ton gemacht, daß ſich Hoffmann rückwärts warf und ſeine beiden Hände an die Stirne drückte. „Nichts, nichts,“ ſtammelte er,„verzeihen Sie, ich werde wahnſinnig.“ „Ja, in der That,“ ſagte ſie. „Sprechen Sie,“ rief Hoffmann,„warum haben Sie mich kommen laſſen? Sprechen Sie, ſprechen Sie.“ „Daß Sie mein Portrait machen, aus keinem an⸗ dern Grund.“ „Oh! es iſt gut,“ ſagte Hoffmann,„ja, Sie ha⸗ ben Recht; um Ihr Portrait zu machen, aus keinem andern Grund.“ Und er gab ſeinem Willen eine tiefe Erſchütterung, ſtellte ſeine Leinwand auf die Staffelei und begann das berauſchende Gemälde, das er vor den Augen hatte, zu ſtizziren. Tauſend und ein Geſpenſt. MI. 20 —— 306 Doch der Künſtler hatte zu viel auf ſeine Kräfte gerechnet: als er das wollüſtige Modell nicht allein in der glühenden Wirklichkeit, ſondern auch durch die tau⸗ ſend Spiegel des Boudoir wiedergegeben ſtehen ſah; als er ſich ſtatt bei einer Erigone in der Mitte von zehn Bacchantinnen fand; als er jeden Spiegel dieſes berauſchende Lächeln wiederholen, die Wegungen dieſer Bruſt, welche die goldene Klaue des Panthers nur halb bedeckte, auf's Neue hervorbringen ſah, da fühlte er, daß man von ihm verlangte, was die menſchlichen Kräfte überſtieg, warf Pinſel und Palette weg, ſtürzte auf die ſchöne Bacchantin zu und drückte auf ihre Schulter einen Kuß, in dem eben ſo viel Wuth, als Liebe lag. Doch in demſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre, die Aunhe Eucharis kam in's Boudoir gelaufen und rief: e In derſelben Secunde und ehe er Zeit gehabt hatte, ſich zu beſinnen, fand ſich Hoffmann von den zwei Frauen hinausgeſtoßen aus dem Boudvir, deſſen Thüre ſich hinter ihm wieder ſchloß, und diesmal wahr⸗ haft wahnſinnig vor Liebe, Wuth und Eiferſucht, eilte er ganz wankend durch den Salon, glitt mehr längs dem Gelaͤnder hin, als daß er die Treppe hinabſtieg, und ſah ſich, ohne zu wiſſen, wie er dahin gekommen, auf der Straße, nachdem er im Boudoir von Arſene ſeine Pinſel, ſeine Palette und ſeine Farbenſchachtel, was nichts war, aber auch ſeinen Hut, was viel ſein konnte, zurückgelaſſen hatte. — H——— 8— —— ſte in au⸗ ah; von ſes eſer nur lte hen zte hre als re, abt den ſen hr⸗ ilte igs eg, en, ene el, ein 307 Der Verſucher. Was die Lage von Hoffmann noch ſchrecklicher machte, inſofern es der Demüthigung den Schmerz bei⸗ fügte, war der Umſtand, daß er, was für ihn ganz augenſcheinlich, zu Arſene nicht wie ein Mann, den ſie im Orcheſter der Oper bemerkt hatte, ſondern ganz einfach als ein Maler, als eine Portraitirmaſchine, als ein Spiegel, der die Körper wiederſcheint, die man ihm vorſtellt, berufen worden. Daher die Gleichgültigkeit, mit der Arſene ihre Kleider, eines nach dem andern, vor ihm fallen ließ; daher dieſes Erſtaunen, als er ihr die Hand küßte; daher dieſer Zorn, als er unter dem ſcharfen Kuß, mit dem er ihr die Schulter geröthet, ſagte, er liebe ſie.. Und, in der That, war es nicht Wahnſinn von ihm, dem deutſchen Studenten, der mit drei⸗ bis vier⸗ hundert Thalern nach Paris gekommen, das heißt mit einer Summe, welche nicht genügend, um den Teppich ihres Vorzimmers zu bezahlen, war es, ſagen wir, nicht Wahnſinn von ihm, nach der Tänzerin, welche die Mode des Tages, nach dem Mädchen, das der ver⸗ ſchwenderiſche, wollüſtige Danton unterhielt, zu ſtreben! Dieſe Frau rührte nicht der Klang der Worte, ſondern der Klang des Goldes; ihr Geliebter war nicht der, welcher ſie am meiſten liebte, ſondern der, welcher ihr mehr bezahlte. Würde Hoffmann mehr Geld haben, als Danton, ſo würde man Danton vor die Thüre ſchaffen, wenn Hoffmann käme. Mittlerweile war das am Klarſten, daß derjenige, welchen man vor die Thüre geſchafft, nicht Danton geweſen, ſondern Hoffmann. Hoffmann kehrte trauriger und demüthiger, als er 308 je geweſen, nach ſeinem kleinen Zimmer zurück. So lange er ſich nicht Arſene gegenüber befunden, hatte er gehofft; aber was er geſehen, dieſe Gleichgültigkeit gegen ihn den Menſchen, dieſer Luxus, unter dem er die ſchöne Tänzerin gefunden, und der nicht nur ihr phyſiſches, ſondern auch ihr moraliſches Leben war, dies Alles, wenn nicht eine tolle, unerhörte Summe in die Hände von Hoffmann fiel, das heißt, wenn nicht ein Wunder geſchah, machte für den jungen Mann ſelbſt die Hoffnung auf den Beſitz unmöglich. Er kam auch ſehr niedergeſchlagen nach Hauſe; das ſeltſame Gefühl, das er für Arſene hegte, ein phyſiſches, ganz hinziehendes Gefühl, hatte ſich bis jetzt durch die Begierden, durch die Aufreizung, durch das Fieber kundgegeben. Zu dieſer Stunde aber hatten ſich Begierden, Auf⸗ reizung und Fieber in eine tiefe Niedergeſchlagenheit verwandelt. Eine einzige Hoffnung blieb Hoffmann, die, den Doetor wiederaufzufinden und ihn über das, was er thun ſollte, um Rath zu fragen, obgleich in dieſem Mann etwas Seltſames, Phantaſtiſches, Uebermenſch⸗ liches war, was ihn glauben machte, daß er, ſobald er ſich an ſeiner Seite befinde, aus dem wirklichen Leben heraustrete, um in eine Art von Traum einzugehen, wohin ihm weder ſein Willen, noch ſeine Freiheit im Handeln folgen, und wo er das Spielzeug einer Welt werde, die für ihn exiſtire, ohne für die Andern zu exiſtiren. Er kehrie auch am andern Tag, zur gewohnten Stunde, nach ſeiner Schenke in der Rue de la Mon⸗ naie zurück; doch er mochte ſich immerhin in eine Rauchwolke hüllen, kein Geſicht, das dem des Doctors glich, erſchien in dieſem Rauche; doch er mochte immer⸗ hin die Augen ſchließen, Niemand, wenn er ſie öffnete, ſaß auf dem Tabouret, das er auf die andere Seite des Tiſches geſtellt hatte. — So tte keit er ihr ar, in icht nn ſe; ein etzt das luf⸗ heit den er ſem ſch⸗ er ben hen, elt zu nten on⸗ eine tors ner⸗ ete, eite 309 So vergingen acht Tage. Ungeduldig verließ Hoffmann ſeine Schenke in der Rue de la Monnaie am achten Tag eine Stunde früher, als gewöhnlich, nämlich gegen vier Uhr Nachmittags, und begab ſich maſchinenmäßig durch Saint⸗Germain⸗ Auxerrois und den Louvre nach der Rue Saint⸗Honoré. Kaum war er hier, als er bemerkte, daß eine große Bewegung beim Cimetiére des Innocens ſtattfand und ſich nach dem Platze des Palais⸗Royal hinzog. Er erinnerte ſich deſſen, was am Tage nach ſeiner Anfunft in Paris vorgefallen war, und erkannte denſelben Lär⸗ men, daſſelbe Geräuſch, das er bei der Hinrichtung von Madame du Barry gehört hatte. Es waren in der That die Karren der Coneciergerie, welche mit Verur⸗ theilten beladen nach dem Revolutions⸗Platze fuhren. Man weiß, welchen Abſcheu Hoffmann vor dieſem Schauſpiel hatte; als die Karren raſch herbeikamen, eilte er auch in ein Kaffeehaus, das an der Ecke der Rue de la Loi lag, wobei er der Straße ven Rücken zuwandte, die Angen ſchloß und ſich die Ohren verſtopfte, denn die Schreie von Madame du Barry ertönten noch im Grunde ſeines Herzens; dann, als er dachte, die Karren ſeien vorübergefahren, drehte er ſich wieder um und ſah zu ſeinem Erſtaunen von einem Stuhle, auf den er geſtiegen war, um beſſer ſehen zu können, ſeinen Freund Zacharias Werner herabſpringen. „Werner!“ rief Hoffmann, auf den jungen Mann zuſtürzend, Werner.“ „Ah! Du biſt es,“ ſagte der Dichter,„wo warſt Du denn?“ „Dort, dort, doch mit den Händen auf den Ohren⸗ um die Schreie dieſer Unglücklichen nicht zu hören, doch mit geſchloſſenen Augen, um ſie nicht zu ſehen.“ „Du haſt wahrhaftig Unrecht gehabt, mein lieber Freund, Du biſt Maler! Wae Du geſehen hätteſt, würde Dir den Stoff zu einem vortrefflichen Gemälde geliefert haben; im dritten Karren, ſiehſt Du, war eine Frau, ein 310 Wunder, ein Hals, Schultern, Haare, allerdings hinten abgeſchnitten, aber auf jeder Seite bis zur Erde herab⸗ fallend.“ „Höre,“ erwiederte Hoffmann,„ich habe in dieſer Hinſicht Alles geſehen, was man Beſtes ſehen kann; ich habe Madame du Barry geſehen und brauche keine Andere zu ſehen. Will ich je ein Bild malen, ſo wird mir dieſes Original genügen, das glaube mir; übrigens weyde ich keine Bilder mehr malen.“ „Und warum nicht?“ „Ich habe einen Abſcheu vor der Malerei.“ „Abermals dieſe Entmuthigung?“ „Mein lieber Werner, wenn ich in Paris bleibe, werde ich ein Narr.“ „Du wirſt überall ein Narr werden, wo Du ſein magſt, lieber Hoffmann; ebenſowohl in Paris, als an⸗ derswo; mittlerweile ſage mir, was Dich zum Narren macht.“ „Oh! mein lieber Werner, ich bin verliebt.“ „In Antonia, ich weiß es, Du haſt es mir geſagt.“ „Nein, Antonia,“ verſetzte Hoffmann,„Antonia, das iſt etwas Anderes, ich liebe ſie.“ „Teufel! die Unterſcheidung iſt ſpitzfindig; erzähle mir das. Bürger Willfähriger, Bier und Gläſer.“ Die zwei jungen Leute ſtopften ihre Pfeifen und ſetzten ſich an die zwei Seiten des in der hinterſten Ecke des Kaffeehauſes ſtehenden Tiſches. Hoffmann erzählte Werner Alles, was ihm ſeit dem Tage, wo er in der Oper geweſen und Arſene hatte tanzen ſehen, bis zu dem Augenblicke begegnet war, wo ihn die zwei Frauen aus dem Boudoir hin⸗ ausgeſchoben hatten. „Nun?“ fragte Werner, als Hoffmann geendigt atte. „Nun?“ wiederholte dieſer ganz erſtaunt, daß ſein Freund nicht ſo niedergeſchlagen war, wie er. zw nu Fi te zu —)——+— ten b⸗ ſer n; ne ird ns be, in n⸗ en 3¹¹ „Ich frage, was bei dem Allem ſo ſehr in Ver⸗ zweiflung bringen kann?“ „Mein Freund, nun, da ich weiß, daß man dieſe Frau nur um Geld haben kann, iſt bei mir jede Hoff⸗ nung entſchwunden.“. „Undwarumiſt jede Hoffnung bei Dir entſchwunden?“ „Weil ich nie fünf hundert Louis d'or zu ihren Füßen zu werfen haben werde.“ „Und warum ſollteſt Du ſie nicht haben? ich habe ſie wohl gehabt, ich, fünf hundert Louis d'or, tauſend, zwei tauſend Louis d'or.“ „Guter Gott! woher ſoll ich ſie nehmen?“ rief Hoffmann. „Aus dem Eldorado, von dem ich mit Dir geſpro⸗ chen habe, an der Quelle des Pactolus, mein Lieber, beim Spiel.“ „Beim Spiel!“ verſetzte Hoffmann bebend.„Du weißt wohl, daß ich Antonia geſchworen habe, nicht zu ſpielen.“ Werner lachte. „Bah!“ rief er,„Du hatteſt auch geſchworen, ihr treu zu ſein.“ Hoffmann ſtieß einen langen Seufzer aus und drückte das Medaillon an ſein Herz. „Beim Spiel, mein Freund,“ fuhr Werner fort. „Ah! hier ſindeſt Du eine Banque! Das iſt nicht wie die in Mannheim oder in Homburg, die man mit ein paar tauſend armſeligen Livres zu ſprengen droht. Eine Million! mein Freund, eine Million! Mühlſteine von Gold! Dorthin, glaube mir, hat ſich alles baare Geld von Frankreich geflüchtet; nicht dieſe ſchlechten Papiere, nicht dieſe elenden Aſſignate, welche drei Vier⸗ tel ihres Werthes verlieren, ſchöne Louis d'or, ſchöne Doppel⸗Louis d'or, ſchöne Quadrupel! Höre, willſt Du davon ſehen?“ fügte Werner bei. Und er zog aus der Taſche eine Handvoll Louis d'or und zeigte ſie Hoffmann, daß ihre Strahlen durch 312 den Spiegel ſeiner Augen bis in den Grund ſeines Gehirns zurückſprangen. „Oh! nein! nein! nie!“ rief Hoffmann, der ſich ſowohl der Weisſagung des alten Officiers, als des Flehens von Antonia erinnerte,„nie werde ich ſpielen.“ „Du haſt Unrecht; mit Deinem Glück im Spiele würdeſt Du die Banque ſprengen.“ „Und Antonia! Antonia!“ „Bah! mein Freund, wer wird es Antonia ſagen, daß Du geſpielt, daß Du eine Million gewonnen; daß Du mit fünf und zwanzig tauſend Livres Deine Laune für Deine ſchöne Tänzerin befriedigt haſt? Glaube mir, kehre mit neunmal hundert und fünf und ſieben⸗ zig tauſend Livres nach Mannheim zurück, und Antonia wird Dich weder fragen, woher Du Deine acht und vierzig tauſend fünf hundert Livres Einkünfte bekom⸗ men, noch was Du mit den fehlenden fünf und zwanzig tauſend Livres gemacht haſt?“ Nachdem er ſo geſprochen, ſtand Werner auf. „Wohin gehſt Du?“ fragte ihn Hoffmann. „Ich will eine Geliebte von mir beſuchen, eine Dame von der franzöſiſchen Komödie, welche mich mit ihrem Wohlwollen beehrt, wogegen ich ihr die Hälfte von meinem Gewinn zukommen laſſe. Ah! ich bin Dichter, ich wende mich an ein literariſches Theater; Du biſt Mufiker, Du triffſt Deine Wahl bei einem ſingenden und tanzenden Theater. Viel Glück im Spiel, lieber Freund, meine Complimente an Mademviſelle Arſene. Vergiß die Nummer der Banque nicht; es iſt 113. Guten Tag.“ „Oh!“ murmelte Hoffmann,„Du haſt es mir ſchon geſagt, und ich habe es noch nicht vergeſſen.“ Und er ließ ſeinen Freund Werner weggehen, ohne daß er mehr, als das erſte Mal, da er ihn getroffen, daran dachte, ihn nach ſeiner Adreſſe zu fragen. Aber trotz der Entfernung von Werner blieb Hoff⸗ mann nicht allein. Jedes Wort ſeines Freundes hatte ———— ch es . ie n, aß ne be n„ ia nd n⸗ ne it te in rz m l, le es —— 313 ſich für ihn ſo zu ſagen ſichtbar und greifbar gemacht; es war da, glänzend vor ſeinen Augen, murmelnd in ſeinen Ohren. In der That, wo konnte Hoffmann Gold ſchöpfen, wenn nicht an den Quellen des Goldes? War nicht das einzige mögliche Gelingen für einen unmöglichen Wunſch gefunden? Ei!l mein Gott! Werner hatte es geſagt, war nicht Hoffmann ſchon einem Theile ſeines Schwures ungetreu? was lag daran, daß er es auch dem andern wurde? Sodann hatte Werner geſagt, nicht fünf und zwanzig tauſend, fünfzig tauſend Livres, hundert tauſend Livres koͤnnte er gewinnen. Die materiellen Horizonte der Felder, der Wälder, des Meeres ſogar haben eine Grenze, der Horizont des grünen Teppichs hat keine. Der Dämon des Spiels iſt wie Satan, er hat die Macht, den Spieler auf den höchſten Berg der Erde zu tragen und ihm von da alle Reiche der Welt zu zeigen. Dann, welches Glück, welche Freude, welcher Stolz⸗ wenn Hoffmann zu Arſene zurückkehren würde, in das⸗ ſelbe Boudvoir, aus dem man ihn vertrieben! Mit wel⸗ cher erhabenen Verachtung würde er dieſe Frau und ihren furchtbaren Liebhaber niederſchmettern, wenn er ſtatt jeder Erwiederung auf die Worte:„Was wollen Sie hier?“ ein zweiter Jupiter einen Goldregen auf die neue Danae fallen ließe. Und dies Alles war nicht mehr eine Blendung ſeines Geiſtes, nicht mehr ein Traum ſeiner Einbil⸗ dungskraft; dies Alles war die Wirklichkeit, war das Mögliche. Die Chancen waren gleich für den Gewinn, wie für den Verluſt, denn Hoffmann war, wie man weiß, glücklich im Spiel. Oh! dieſe Nummer 113! dieſe Nummer 113! mit ihrer glühenden Ziffer, wie rief ſie Hoffmann, wie lenkte ſie ihn, ein hoölliſcher Leuchtthurm, nach dem 314 Abgrund, in deſſen Tiefe der Schwindel, ſich auf einem Bette von Gold wälzend, heult. Hoffmann kämpfte mehr als eine Stunde gegen die glühendſte von allen Leidenſchaften. Nach Verlauf einer Stunde aber, als er fühlte, daß es ihm unmög⸗ lich war, länger zu widerſtehen, warf er ein Fünfzehn⸗ Sous⸗Stück auf den Tiſch, wobei er die Differenz dem Willfährigen ſchenkte, lief unaufhaltſam fort, erreichte den Quai aux Fleurs, ſtieg in ſein Zimmer hinauf, nahm die dreihundert Thaler, die ihm blieben, ſprang, ohne daß er ſich Zeit zum Nachdenken ließ, in einen Wagen und rief: „Nach dem Palais Egalité!“ Mumero 113. Das Palais⸗Royal, das man zu jener Zeit Palais⸗ Egalité nannte, das man heute das Palais⸗National nennt, denn bei den Franzoſen iſt das Erſte, was die Revolutionären thun, daß ſie die Namen der Straßen und Plätze ändern, mit dem Vorbehalt, ihnen dieſelben bei den Reſtaurationen zurückzugeben; das Palais⸗Royal, ſagen wir, unter dieſem Namen kennen wir es am beſten, war zu jener Zeit nicht, was es heute iſt; aber in pittoresker Hinſicht, als eine Seltſamkeit verlor es darum nichts, beſonders am Abend, beſonders in der Stunde, wo Hoffmann dahin kam. Seine Einrichtung unterſchied ſich wenig von der, welche wir heute ſehen, abgeſehen davon, daß das, was man jetzt die Gallerie Orleans nennt, eine doppelte Gallerie von Holzwerk war, welche ſpäter einem Spa⸗ *— — 5 e — 8— N*— 3¹⁵ zierort von ſechs Reihen doriſcher Säulen Platz machen ſollten; daß ſtatt der Linden Kaſtanienbäume im Garten ſtanden, und daß ſich da, wo das Baſſin iſt, ein großes Gebäude mit Gitterwerk und Glasrauten, genannt der Cirque, fand, deſſen Dach mit Sträuchen und Blumen bekränzt war. Glauben Sie nicht, dieſer Cirque ſei das geweſen, was der Cirque, dem wir dieſen Namen gegeben. Nein, die Akrobaten und die Kraftſtückemacher, welche ſich in dem des Palais⸗Egalité producirten, waren von einer andern Art, als jener engliſche Akrobat, Herr Price, welcher einige Jahre früher Frankreich ſo ſehr in Ver⸗ wunderung geſetzt hatte, und als der Erzeuger der Ma⸗ zurier und der Aüriol zu betrachten iſt. Den Cirque hatten damals die Freunde der Wahrheit inne, die hier Vorſtellungen gaben; man konnte ſie functioniren ſehen, wenn man auf das Jour⸗ nal: La Bouche de fer(der eiſerne Mund) abonnirt hatte. Mit ſeiner Nummer vom Morgen war man an dieſem Ort der Wonne zugelaſſen, und man hörte die Reden aller dieſer Bundesgenoſſen, welche, wie ſie ſagten, in der lobenswerthen Abſicht vereinigt waren, die Re⸗ gierenden und die Regierten zu beſchützen, die Geſetze unparteiiſch zu machen und in allen Winkeln der Erde einen Freund der Wahrheit zu ſuchen, von welchem Land, von welcher Farbe, von welcher Anſicht er auch ſein mochte, dann, wenn die Wahrheit entdeckt wäre, würde man ſie die Menſchen lehren. Es hat, wie Sie ſehen, in Frankreich immer Leute gegeben, welche der Anſicht lebten, es ſei an ihnen, die Menſchen aufzuklären, und die übrige Menſchheit ſei nur dummes Volk. Was hat der Wind, der durchgeſtrichen, mit dem Namen, mit den Ideen, mit den Eitelkeiten dieſer Leute gethan? Der Cirque machte indeſſen ſeinen Lärmen im Pa⸗ lais⸗Egalité mitten im allgemeinen Lärmen und miſchte 316 ſeine kreiſchende Partie dem großen Concert bei, das jeden Abend in dieſem Garten erwachte. Denn, man muß ſagen, in dieſen Zeiten des Elends, der Verbannung, der Schrecken und der Aechtungen, war das Palais⸗Royal der Mittelpunkt geworden, wo das Leben, den ganzen Tag zuſammengepreßt in den Leidenſchaften und in den Kämpfen, bei Nacht den Traum ſuchte und ſich bemühte, jene Wahrheit zu ver⸗ geſſen, deren Aufſuchung die Mitglieder des Cercle⸗ Social und die Actionäre des Cirque unternommen hatten. Indeß alle Quartiere von Paris düſter und öde waren, indeß die unheimlichen Patrouillen, aus Kerkerknechten des laufenden und aus Henkern des dar⸗ auf folgenden Tags gemacht, wie wilde Thiere irgend eine Beute ſuchend umherſtreiften, indeß um den eines Freundes oder eines todten oder ausgewanderten Ver⸗ wandten beraubten Herd diejenigen, welche zurück⸗ geblieben, ſich traurig ihre Befürchtungen oder ihre Schmerzen zuflüſterten, ſtrahlte das Palais⸗Royal, wie der Gott des Böſen, zündete es ſeine hundert und achtzig Arcaden an, ſtellte es ſeine Bijouterien an den Scheiben der Juweliere zur Schan, warf es endlich mitten unter die Carmagnolen des Volks und das allgemeine Elend ſeine Freudenmädchen, welche von Diamanten funkelten, mit weißer und rother Schminke bedeckt, gerade ſo weit, als dies nothwendig, um es zu ſein, in Sammet und Seide gekleidet waren und unter den Bäumen und in den Arcaden ihre glänzende Schamloſigkeit ſpazieren trugen. Es lag in dieſem Luxus der Proſtitution ein letzter Hohn gegen die Vergangenheit, eine letzte Be⸗ ſchimpfung der Monarchie angethan. Dieſe Geſchöpfe mit ihren königlichen Gewändern ausſtellen, hieß Koth, nach dem Blut, in's Geſicht dieſem reizenden Hof von ſo verſchwenderiſchen Frauen werfen, deren Königin Marie Antoinette geweſen, von dieſen Frauen, welche der Orkan der Revolutivn von Trianon nach dem Platze der Guil⸗ en nd ——— 317 lotine fortgeriſſen, wie ein trunkener Menſch, der im Koth das weiße Kleid ſeiner Braut ſchleppen würde. Der Lurus war den feilſten Dirnen überlaſſen; die Tugend mußte mit Lumpen bedeckt gehen. Das war eine von den Wahrheiten, welche der Cercle Social gefunden hatte. Und doch gab ſich dieſes Volk, das der Welt einen ſo gewaltigen Impuls verliehen hatte, dieſes Pariſer Volk, bei dem leider der Vernunftſchluß nach der Be⸗ geiſterung kommt, weshalb es nie Kaltblütigkeit genug hat, um ſich der Dummheiten zu erinnern, die es ge⸗ macht, das Volk, ſagen wir, gab ſich, arm, entblößt, nicht vollkommen Rechenſchaft von der Philoſophie dieſer Antitheſe, und nicht mit Verachtung, ſondern mit Neid ſtieß es mit dem Ellbogen an die Kothköniginnen, an die häßlichen Majeſtäten des Laſters. Dann, wenn es, die Sinne belebt durch das, was es ſah, wenn es, das Auge in Flammen, Hand an den Körper legen wollte, welche aller Welt gehörten, verlangte man Gold von ihm, und wenn es keines hatte, ſtieß man es verächtlich zurück. So widerſprach ſich überall dieſer große durch das Beil proclamirte, mit Blut geſchrie⸗ bene Grundſatz der Gleichheit, auf welchen die Pro⸗ ſtituirten des Palais⸗Royal zu ſpeien berechtigt waren. In Tagen, wie dieſe, hatte die moraliſche Ueber⸗ reizung einen ſolchen Grad erreicht, daß die Wirklich⸗ keit der ſeltſamen Widerſprüche bedurfte. Man tanzte nicht mehr auf dem Vulcan, ſondern im Vulcan ſelbſt; und an eine Luft von Schwefel und Lava gewöhnt, hätten ſich die Lungen nicht mehr mit den lauen Düften von einſt begnügt⸗ So erhob ſich das Palais⸗Royal jeden Abend, Alles mit ſeinem Feuerkranze beleuchtend. Ein ſteinerner Kuppler, ſchrie es über die finſtere Stadt hin. „Es iſt Nacht, kommt! Ich habe Alles in mir, das Glück und die Liebe, das Spiel und die Frauen. Ich verkaufe Alles, ſogar den Selbſtmord und den 318 Meuchelmord. Ihr, die Ihr ſeit geſtern nicht gegeſſen, Ihr, die Ihr leidet, die Ihr weint, kommt zu mir; Ihr werdet ſehen, wie reich wir ſind, Ihr werdet ſehen, wie wir lachen. Habt Ihr ein Gewiſſen oder ein Mädchen zu verkaufen? nur herbei! Iht ſollt die Augen voll Gold, die Ohren voll Unfläthereien bekommen; Ihr ſollt mit beiden Füßen im Laſter, in der Verderbniß und in der Vergeſſenheit gehen. Kommt heute Abend hierher, morgen werdet Ihr vielleicht todt ſein!“ Das war der große Grund. Man mußte leben, wie man ſtarb, ſchnell. Und man kam. Mitten unter dem Allem war natürlich der beſuch⸗ teſte Ort, der, wo man ſpielte. Hier fand man, womit man das Uebrige bekommen konnte. Von allen dieſen glühenden Zuglöchern, welche man für die Schilder benützte, war es die Nummer 113, die mit ihrer rothen Laterne, einem ungeheuren Auge von dem trunkenen Cyelopen, genannt das Palais⸗ Egalité, am meiſten Licht auswarf. Hat die Hölle eine Nummer, ſo muß es 113 ſein. Oh! es war hier für Alles vorhergeſehen. Im Erdgeſchoß fand ſich ein Reſtaurant; im erſten Stock das Spiel; die Bruſt des Gebäudes enthielt das Herz, das war ganz natürlich; im zweiten Stock hatte man Gelegenheit, die Kraft, welche der Körper im Erdgeſchoß erlangt, und das Geld zu vergeuden, das die Taſche darüber gewonnen hatte. Und nach dieſem Hauſe lief Hoffmann, der pvetiſche Geliebte von Antonia.— Die Nummer 113 war, wo ſie heute iſt, einige Buden vom Hauſe Corcelet. Kaum war Hoffmann aus ſeinem Wagen geſprun⸗ gen, kaum hatte er einen Fuß in die Gallerie des Palais geſetzt, als er von den Gottheiten des Ortes angegangen wurde, was er hauptſächlich ſeiner frem⸗ den Tracht zu verdanken hatte, welche zu jener Zeit —— n, hr ie en oll lit er, en, nit che er ten is⸗ in. ten as tte s ige un⸗ des tes em⸗ Zeit 315 wie in unſern Tagen, mehr Vertrauen einflößte, als die nationale Tracht. Ein Land wird immer am meiſten von ſich ſelbſt verachtet. „Wo iſt die Nummer 1137“ fragte Hoffmann das Mädchen, das ihn beim Arm genommen hatte. „Ah! dahin gehſt Du?“ erwiederte verächtlich die Aſpaſia;„nun wohl! mein Kleiner, dort, wo die rothe Laterne iſt. Aber ſuche zwei Louis d'or zu behalten und erinnere Dich der Nummer 115.“ Hoffmann ſtürzte ſich in den bezeichneten Gang, wie Curtius in den Schlund, und einige Minuten nach⸗ her war er im Spielſaal. Es war hier daſſelbe Geräuſch wie bei einem öf⸗ fentlichen Verkauf. Man verkaufte hier allerdings viele Sachen. Die Salons ſtrahlten von Vergoldungen, von Kron⸗ leuchtern, von Blumen und von Frauen, welche ſchöner, üppiger, entblößter, als die unten. Das Geräuſch, das alle andere beherrſchte, war das Geräuſch des Goldes. Das war der Schlag von dieſem unreinen Herz⸗ Hoffmann ließ den Saal, wo man Trente⸗et⸗qua⸗ rante abzog, rechts und ging in den Salon der Roulette. Um eine große grüne Tafel waren die Spieler gruppirt, lauter in derſelben Abſicht verſammelte Leute, von denen nicht Einer dieſelbe Phyſiognomie hatte. Man ſah alte, man ſah junge, es waren da, deren Ellbogen ſich auf dieſer Tafel abgenutzt hatten. Unter dieſen Menſchen fanden ſich, welche den Vater am Tage vorher oder ſogar erſt am Abend verloren hatten, und dennoch waren alle ihre Gedanken auf die ſich drehende Kugel geſpannt. Beim Spieler lebt ein einziges Ge⸗ fühl fort, das iſt die Begierde, und dieſes Gefühl nährt und vermehrt ſich zum Nachtheil der andern. Herr von Baſſompierre, dem man in dem Augenblick, wo er mit Maria von Medicis zu tanzen anfing, ſagte:„Eure 320 Mutter iſt geſtorben;“ worauf er erwiederte:„Meine Mutter wird geſtorben ſein, wenn ich getanzt habe;“ Herr von Baſſompierre war ein frommer Sohn gegen einen Spieler. Ein Spieler im Spielzuſtande, dem man dergleichen ſagte, würde nicht einmal das Wort des Marſchalls erwiedern, einmal, weil das verlorene Zeit wäre, und dann, weil ein Spieler, der ſtets ohne Gemüth iſt, auch keinen Geiſt hat, wenn er ſpielt. Wenn er nicht ſpielt, iſt es dasſelbe, er denkt an das Spielen. Der Spieler hat alle Tugenden ſeines Laſters, er iſt nüchtern, er iſt geduldig, er iſt unermüdlich. Ein Spieler, der plötzlich zu Gunſten einer redlichen Lei⸗ denſchaft, eines großen Gefühls, die unglaubliche Energie, die er in den Dienſt des Spiels ſtellt, ableiten könnte, wäre im Augenblick einer der größten Männer der Welt. Nie haben Cäſar, Hannibal oder Napoleon, ſogar bei der Vollführung ihrer größten Dinge, eine Stärke, welche der des obſcurſten Spielers gleich, ent⸗ wickelt. Der Ehrgeiz, die Liebe, die Sinne, das Herz, der Geiſt, das Gehör, der Geruch, das Gefühl, alle Lebensfedern des Menſchen vereinigen ſich auf einem einzigen Wort und einem einzigen Zweck; Spielen. Und glauben Sie nicht, der Spieler ſpiele, um zu ge⸗ winnen; damit fängt er zuerſt an, aber am Ende ſpielt er, um zu ſpielen, um Karten zu ſehen, um Gold durch die Hand laufen zu laſſen, um die ſeltſamen Bewegun⸗ gen zu erfahren, welche in keiner andern Leidenſchaft des Lebens ihre Vergleichung haben, welche bewirken, daß von dem Gewinn oder Verluſt, dieſen zwei Polen, bei denen der Spieler von einem zum andern mit der Geſchwindigkeit des Windes übergeht, von denen der eine brennt wie das Feuer, der andere frieren macht, wie das Eis, welche bewirken, ſagen wir, daß das Herz in ſeiner Bruſt unter dem Verlangen oder unter der Wirklichkeit ſpringt, wie ein Pferd unter dem Sporn, wie ein Schwamm alle Fähigkeiten der Seele einſaugt, ine . en em ort ene ne er Fin Lei⸗ te, der on, ine nt⸗ erz⸗ alle em len. ge⸗ ielt rch un⸗ haft ken, len, der der cht, erz der orn, ugt, gie, ſie zuſammenpreßt, zurückhält, und, wenn der Coup geſpielt iſt, ſie ungeſtüm umherſchleudert, um ſie mit mehr Kraft wieder aufzufaſſen. Was die Leidenſchaft des Spielers ſtärker macht, als alle andere Leidenſchaften, iſt der Umſtand, daß ſie, da man ſie nie zu ſättigen vermag, auch nie ermüdet werden kann. Es iſt eine Geliebte, die ſich immer verſpricht, und ſich nie gibt. Sie tödtet, aber ſie er⸗ müdet nicht. Die Leidenſchaft des Spiels iſt die Hyſterie des Mannes. Für den Spieler iſt Alles todt, Familie, Freunde, Vaterland. Sein Horizont iſt die Karte und die Ku⸗ gel, ſein Vaterland iſt der Stuhl, auf dem er ſitzt, iſt der grüne Teppich, auf den er ſich ſtützt. Man ver⸗ damme ihn zum Roſt wie den heiligen Laurentius und man laſſe ihn hier ſpielen, ich wette, er fühlt das Feuer nicht, und er dreht ſich nicht einmal um. Der Spieler iſt ſchweigſam. Das Wort kann ihm zu nichts nützen. Er ſpielt, er gewinnt, er verliert; er iſt fein Menſch mehr, er iſt eine Maſchine. War⸗ um ſollte er ſprechen? Das Geräuſch, welches im Saale ſtattfand, rührte alſo nicht von den Spielern her, ſondern von den Croupiers, welche das Gold aufhäuften und mit einer näſelnden Stimme ausriefen: „Faites vos jeux.“ In dieſem Augenblick war Hoffmann kein Beobachter mehr. Die Leidenſchaft beherrſchte ihn zu ſehr, ſonſt hätte er eine Reihe höchſt intereſſanter Studien hier zu machen gehabt. Er ſchlüpfte raſch mitten unter die Spieler und kam an den Saum des Teppichs. Er befand ſich hier zwi⸗ ſchen einem ſtehenden Mann in einer Carmagnole und einem ſitzenden Greis, welcher Berechnungen mit einem Bleiſtift auf Papier machte. Tauſend und ein Geſpenſt. M. 21 322 Dieſer Greis, der ſein Leben mit dem Aufſuchen einer Martingale*) abgenutzt hatte, verbrauchte ſeine letzten Tage, um ſie in's Werk zu ſetzen, ſeine letzten Geldſtücke, um ſie ſcheitern zu ſehen. Die Martingale iſt unfindbar wie die Seele. Unter den Köpfen von allen dieſen ſtehenden oder ſitzenden Männern erſchienen Köpfe von Frauen, welche ſich auf ihre Schultern lehnten, an ihrem Gold Theil nahmen und mit einer Geſchicklichkeit ohne Gleichen, nicht ſpielend, Mittel fanden, auf dem Gewinn der Einen und auf dem Verluſt der Andern zu gewinnen. Wenn man dieſe Becher voll Gold und dieſe Py⸗ ramiden von Silber ſah, hätte man größe Mühe ge⸗ habt, zu glauben, daß das Elend im Volk ſo groß und. daß das Gold ſo theuer wäre. Der Mann in der Carmagnole warf ein Päckchen Papiere auf eine Nummer. „Fünfzig Livres,“ ſagte er, um ſein Spiel anzu⸗ kündigen.. „Was iſt das?“ fragte der Croupier, während er die Papiere mit einem Rohre an ſich zog und mit den Fingerſpitzen nahm. „Es ſind Aſſignate,“ erwiederte der Mann. „Haben Sie kein anderes Geld, als dieſes?“ fragte der Croupier. 1„Nein, Bürger.“ „Dann können Sie einem Andern Platz machen.“ „Warum?“ „Weil wir es nicht nehmen.“ „Das iſt Geld der Regierung.“ „Gut für die Regierung, wenn ſie ſich deſſelben bedient! wir wollen es nicht.“ „Ah! gut,“ ſagte der Mann, indem er ſeine Aſ⸗ *) Eine ſcheinbar untrügliche Berechnung, um im Spiele, beſon⸗ ders durch Verdoppelung der Sätze, zu gewinnen. — c c 8— e— erc— en ine ten ale der che eil en, der en. y⸗ ge⸗ ind. hen zu⸗ er den gte ben Aſ⸗ ſon⸗ 323 ſignate zurücknahm,„das iſt ein drolliges Geld, man kann es nicht einmal verlieren.“ Und er entfernte ſich, ſeine Aſſignate in ſeinen Händen zuſammendrehend. „Faites vos jeux!“ rief der Croupier. Hoffmann war, wie wir wiſſen, Spieler; diesmal aber kam er nicht dem Spiele zu Liebe, ſondern des Geldes wegen. Das Fieber, das ihn verzehrte, machte ſeine Seele in ſeinem Leibe ſieden, wie das Waſſer in einem Gefäß. „Hundert Thaler auf 26,“ rief er. 3 Der Croupier unterſuchte das deutſche Geld, wie er die Aſſignate unterſucht hatte. „Laſſen Sie wechſeln,“ ſagte er,„wir nehmen nur franzöſiſches Geld.“ Hoffmann ſprang wie ein Wahnſinniger die Treppe hinab, trat bei einem Wechsler ein, der zufällig ein Deutſcher war, und wechſelte ſeine dreihundert Thaler gegen Gold, das heißt gegen ungefähr vierzig Louis d'or. Die Roulette war während dieſer Zeit dreimal gedreht worden. „Fünfzehn Louis d'or auf 26,“ rief er an den Tiſch ſtürzend und ſich mit dem unbegreiflichen Aber⸗ glauben an die Nummer anklammernd, die er zuerſt gewählt, theils aus Zufall, theils weil es diejenige war, auf welche der Mann mit den Aſſignaten hatte ſpielen wollen. „Rien ne va plus,“ rief der Croupier. Die Kugel drehte ſich. Der Nachbar von Hoffmann raffte zwei Hände voll Gold zuſammen und warf ſie in den Hut, den er zwiſchen ſeinen Beinen hielt, aber der Croupier rechte die fünfzehn Louis d'or von Hoffmann und noch viele andere ein. Die Nummer 16 war eingetroffen. Hoffmann fühlte einen kalten Schweiß wie ein Netz mit ſtählernen Maſchen ſeine Stirne bedecken, 324 „Fünfzehn Louis d'or auf 261“ wiederholte er. Andere Stimmen nannten andere Nummern und die Kugel drehte ſich abermals. Diesmal gehörte Alles der Banque. Die Kugel war in das Zero*) gerollt. „Zehn Louis d'or auf 26!“ murmelte Hoffmann mit erſtickter Stimme. Dann ſich eines Andern beſinnend: „Nein, nur neun;“ und er nahm ein Goldſtück zurück, um ſich einen letzten Coup im Spiele, eine letzte Hoffnung zu laſſen. 30 kam heraus. Das Gold zog ſich vom Meere zurück, wie die Fluth vom Ufer während der Ebbe. Hoffmann, deſſen Herz keuchte, Hoffmann, der durch die Schläge ſeines Gehirns im Helldunkel den ſpötti⸗ ſchen Kopf von Arſene und das traurige Antlitz von Antonia erblickte, Hoffmann legte mit krampfhafter Hand ſeinen letzten Louis d'or auf die Nummer 26. Das Spiel war in einer Minute gemacht. „Rien ne va plus!“ rief der Croupier. Hoffmann folgte mit glühenden Augen der Kugel, welche ſich drehte, als ob ſich ſein eigenes Leben vor ihm gedreht hätte. Plötzlich warf er ſich zurück und verbarg ſeinen Kopf in ſeinen beiden Händen. Er hatte nicht nur verloren, ſondern er hatte auch weder bei ſich, noch zu Hauſe mehr einen Pfennig. Eine Frau, welche da war, und die man eine Minute vorher für vierzig Livres hätte haben können⸗ ſtieß einen heftigen Freudenſchrei aus und raffte eine Handvoll Gold, das ſie gewonnen, zuſammen. Hoffmann hätte zehn Jahre von ſeinem Leben für einen von den Louis d'or dieſer Frau gegeben. Mit einer Bewegung, raſcher als die Ueberlegung, *) Die Rull. nd el nn ück ne die ti⸗ on ter el, vor ten uch ine en, ine für ng, 32⁵ betaſtete und durchſtöberte er ſeine Taſchen, als ſollte ihm kein Zweifel mehr über die Wirklichkeit bleiben. Die Taſchen waren ſehr leer, doch er fühlte etwas Rundes wie einen Thaler auf ſeiner Bruſt und griff ungeſtüm darnach. Es war das Medaillon von Antonia, das er ver⸗ geſſen hatte. „Ich bin gerettet!“ rief er; und er warf das gol⸗ dene Medaillon als Einſatz auf die Nummer 26. Das Medaillon. Der Croupier nahm das goldene Medaillon und ſchaute es prüfend an. „Mein Herr,“ ſagte er zu Hoffmann, denn in Nummer 113 nannte man ſich noch Herr;„mein Herr, verkaufen Sie das, wenn Sie wollen, und ſpielen Sie um das Geld, das Sie dafür bekommen; aber ich wiederhole Ihnen, wir nehmen nur gemünztes Gold oder Silber.“ Hoffmann ergriff ſein Medaillon und verließ den Spielſaal, ohne ein Wort zu ſagen. Während der Zeit, die er brauchte, um die Treppe hinabzugehen, ſummten viele Gedanken, viele Rath⸗ ſchläge, viele Ahnungen um ihn her; aber er machte ſich taub gegen alle dieſe unbeſtimmten Geräuſche und trat raſch bei dem Wechsler ein, der ihm einen Angenblick zuvor Louis d'or gegen ſeine Thaler gegeben hatte. Der brave Mann las, nachläſſig auf ſeinen breiten ledernen Lehnſtuhl geſtützt, ſeine Brille auf die Naſen⸗ ſpitze geſetzt, beleuchtet von einer niedrigen Lampe mit 326 matten Strahlen, womit ſich der fahle Reflex der in ei⸗ nem kupfernen Schüſſelchen liegenden Goldſtücke verband, und umgeben von einem feinen Gitterwerk von Eiſen⸗ draht, woran grüne ſeidene Vorhängchen und ein Thür⸗ chen in der Höhe der Tafel, welches Thürchen nur der Hand Durchgang geſtattete. Nie hatte Hoffmann das Gold ſo ſehr bewundert. Er riß ſeine Augen ganz erſtaunt auf, als ob er in einen Sonnenſtrahl eingetreten wäre, und er hatte doch beim Spiel mehr Gold geſehen, als er hier ſah; aber es war, philoſophiſch geſprochen, nicht daſſelbe Gold. Zwiſchen dem geräuſchvollen, raſchen, bewegten Gold von 113 und dem ruhigen, ernſten, ſtummen Gold des Wechslers fand der Unterſchied ſtatt, welcher zwi⸗ ſchen den hohlen, geiſtloſen Schwätzern und den Den⸗ kern voll Meditation beſteht. Man kann nichts Gutes mit dem Gold der Roulette oder der Karten machen; es gehört nicht demjenigen, welcher es beſitzt, ſondern derjenige, welchen es beſitzt, gehört ihm. Aus einer verdorbenen Quelle kommend, muß es zu einem unrei⸗ nen Ziele wandern. Es hat das Leben in ſich, aber das ſchlechte Leben, und es beeilt ſich, zu gehen, wie es ge⸗ kommen iſt. Es räth nur das Laſter und thut das Gute, wenn es daſſelbe thut, unwillkührlich; es gibt Wünſche ein, welche zehnmal, zwanzigmal größer ſind, als das, was es werth iſt, und wenn man es einmal beſitzt, ſcheint es an Werth abzunehmen; kurz, das Gold des Spiels, mag man es gewinnen oder darnach begehren, mag man es verlieren oder anhäufen, hat immer nur einen eingebildeten Werth. Bald repräſentirt eink Handvoll Gold nichts, bald ſchließt ein einziges Stück das Leben eines Menſchen in ſich, während das com⸗ mercielle Gold, das Gold des Wechslers, das Gold wie das, welches Hoffmann bei ſeinem Landsmann holen wollte, wirklich den Preis werth iſt, den es auf ſeiner Oberfläche trägt; es kommt aus ſeinem kupfer⸗ nen Neſte nur gegen einen gleichen Werth oder gegen W u e H 8— — r e.—— — i⸗ d, n⸗ r⸗ er i er te be en ld i⸗ n⸗ es P er i⸗ as e⸗ ibt id, st, es en, ur in ück m⸗ d nn uf er⸗ en 327 einen Werth, der ſogar höher als der ſeinige; es ent⸗ ehrt ſich nicht, wenn es, wie eine ſchamloſe Courtiſane, ohne Bevorzugung, ohne Liebe, von der Hand des Einen in die Hand des Andern übergeht; es hat die Selbſtachtung; einmal vom Wechsler weggegangen, kann es ſich verſchlimmern, es kann ſchlechte Geſellſchaft be⸗ ſuchen, was es vielleicht gethan hat, ehe es gekommen iſt; aber ſo lange es anweſend, iſt es ehrwürdig und muß geachtet werden. Es iſt das Bild des Bedürfniſſes und nicht der Laune. Man erwirbt es, man gewinnt es nicht. Es wird nicht ungeſtüm wie einfache Spiel⸗ pfennige von der Hand des Croupier hingeworfen, es wird methodiſch, Stück für Stück, langſam und mit aller ihm gebührenden Ehrerbietung vom Wechsler ge⸗ zählt. Es iſt ſchweigſam, und das' iſt ſeine größte Beredtſamkeit: Hoffmann, deſſen Einbildungskraft nur eine Minute brauchte, um eine ſolche Vergleichung an⸗ zuſtellen, zitterte auch aus Furcht, der Wechsler werde ihm nie ſo reelles Gold gegen ſein Medaillon geben wollen. Er glaubte ſich genöthigt, obgleich das ein Zeitverluſt war, Umſchreibungen zu nehmen, um zu dem zu gelangen, was er wollte, und dies um ſo mehr, als es nicht ein Geſchäft war, was er vorzuſchlagen ge⸗ dachte, ſondern ein Dienſt, um den er den Wechsler zu bitten im Sinne hatte. „Mein Herr,“ ſagte er zu ihm,„ich war vorhin bei Ihnen, um Thaler gegen Gold zu wechſeln.“ „Ja, mein Herr, ich erkenne Sie wohl,“ erwie⸗ derte der Wechsler. „Sie ſind ein Deutſcher, mein Herr?“ „Ich bin von Heidelberg.“ „Dort habe ich ſtudirt.“ „Welch eine reizende Stadt!“ „In der That.“ Während dieſer Zeit kochte das Blut von Hoffmann⸗ Es kam ihm vor, als wäre jede Minute, die er dieſem alltäglichen Geſpräch widmete, ein verlorenes Jahr. 328 Lächelnd fuhr er fort: „Ich dächte, als Landsmann würden Sie mir wohl einen Gefallen thun.“ „Welchen?“ fragte der Wechsler, deſſen Geſicht ſich bei dieſem Wort verdüſterte. Der Wechsler iſt nicht mehr Leiher, als die Ameiſe. „Den, mir drei Louis d'or auf dieſes Medaillon zu leihen,“ antwortete Hoffmann. Und er reichte zugleich das Medaillun dem Han⸗ delsmann, der es in eine Wage legte und wog. „Würden Sie es nicht lieber verkaufen?“ fragte der Wechsler. „Oh! nein!“ rief Hoffmann,„es iſt ſchon genug, daß ich es verpfände; ich bitte Sie ſogar, mein Herr, wenn Sie mir dieſen Dienſt leiſten wollen, das Me⸗ daillon mit der größten Sorgfalt für mich aufzube⸗ wahren; denn es iſt mir mehr daran gelegen, als an meinem Leben, und ich werde es morgen wieder aus⸗ löſen; es bedarf eines ganz beſondern Umſtandes, wie der, in dem ich mich befinde, daß ich es verpfände.“ „So will ich Ihnen drei Louis d'or leihen.“ Und mit jenem Ernſte, den er einer ſolchen Hand⸗ lung ſchuldig zu ſein glaubte, nahm der Wechsler drei Louis d'or und legte ſie vor Hoffmann neben einander. „Oh! ich danke Ihnen, mein Herr! tauſendmal Dank!“ rief der Dichter. Und er griff nach den drei Goldſtücken und verſchwand. Nachdem er das Medaillon ſtillſchweigend in eine Ecke ſeiner Schublade gelegt hatte, fuhr der Wechsler zu leſen fort. Dieſem Mann wäre es nicht eingefallen, ſein Gold gegen das Gold von 113 zu wagen. 2 Der Spieler ſteht der Ruchloſigkeit ſo nahe, daß Hoffmann, als er ſein erſtes Goldſtüͤck auf die Nummer 26 warf, denn er wollte ſie nun auch wieder eines um das andere wagen, den Namen Antonia ausſprach. So lange ſich die Kugel drehte, war Hoffmann v8 NN ei ei 1e r 329 nicht bewegt, denn es ſagte ihm etwas, er würde ge⸗ winnen.* 26 kam heraus. Hoffmann ſtrich ſtrahlend ſechs und dreißig Louis⸗ d'or ein. Vor Allem ſteckte er drei hievon in ſeine Uhrentaſche, um mit Sicherheit das Medaillon ſeiner Braut, deren Namen eroffenbar dieſen erſten Gewinn verdanlte, wieder einlöſen zu können. Er ließ drei und dreißig Louis d'or auf derſelben Nummer und dieſelbe Nummer kam heraus. Er gewann alſo ſechs und dreißg mal drei und dreißig Louis d'or, das heißt über fünf und zwanzig tauſend Franken. Dann ſchöpfte Hoffmann mit vollen Händen aus dieſem ſoliden Pactolus, nahm, was er zwiſchen die Finger bekam, und ſpielte auf den Zufall, durch eine endloſe Blendung. Bei jedem Coup, den er ſpielte, wuchs der Haufen ſeines Gewinns an, einem plötzlich aus dem Waſſer hervorkommenden Berge ähnlich. Er hatte Gold in ſeinen Taſchen, in ſeinem Rock, in ſeiner Weſte, in ſeinem Hut, in ſeinen Händen, auf dem Tiſch, überall. Das Gold floß gegen ihn aus der Hand der Croupiers wie das Blut aus einer weiten Wunde. Er war der Jupiter aller dieſer gegenwärtigen Danaen geworden und der Kaſſier aller dieſer unglück⸗ lichen Spieler. Er verlor wohl hiedurch etwa zwanzig tauſend Franken. Dann, als er genug zu haben glaubte, raffte er alles Gold, was er vor ſich hatte, zuſammen, lleß alle diejenigen, welche ſich hier fanden, voll Bewunderung und Neid zurück, entfloh und lief in der Richtung des Hauſes von Arſene fort. Es war ein Uhr Morgens; doch daran war ihm wenig gelegen. Es dünkte ihm, mit einer ſolchen Summe könnte er zu jeder Stunde der Nacht erſcheinen, und er würde ſtets willkommen ſein. 330 Er machte ſich eine Freude daraus, mit all dieſem Golde den ſchönen Leib zu bedecken, der ſich vor ihm entſchleiert hatte, und der, während er vor ſeiner Liebe wie Marmor geblieben, ſich vor ſeinem Reichthum be⸗ leben würde, wie die Statue von Prometheus, als er ihre wahre Seele gefunden hatte. Er wollte bei Arſene eintreten, ſeine Taſchen bis auf das letzte Stück leeren und zu ihr ſagen: Nun lieben Sie mich; dann würde er abreiſen und, wenn es möglich, der Erinnerung an dieſen ſo fieberhaften und mächtigen Traum entweichen. Er klopfte an die Thüre von Arſene, wie ein Herr, der nach Hauſe zurückkehrt. Die Thüre wurde gesffnet. Hoffmann lief nach der Freitreppe. „Wer iſt da?“ rief der Portier. Hoffmann antwortete nicht. „Wohin gehen Sie, Bürger?“ wiederholte die Stimme, und ein Schatten gekleidet, wie es die Schat⸗ ten der Nacht ſind, kam aus der Loge heraus und lief Hoffmann nach. Zu jener Zeit liebte man es ungemein, zu wiſſen, wer aus⸗ und beſonders wer einging. „Ich gehe zu Mlle. Arſene,“ erwiederte Hoffmann, indem er dem Portier drei bis vier Louis d'or zuwarf, für die er eine Stunde früher ſeine Seele gegeben hätte. Dieſe Weiſe, ſich auszudrücken, gefiel dem Will⸗ fährigen. „Mademvoiſelle Arſene iſt nicht mehr hier, mein Herr,“ erwiederte der Portier; mit Recht dachte dieſer, müſſe das Wort Herr an die Stelle des Wortes Bür⸗ ger ſetzen, wenn man es mit einem Mann von ſo freigebiger Hand zu thun habe. Ein Mann, der fragt, kann ſagen: Bürger; doch ein Mann, der empfängt, kann nur ſagen: Herr. „Wie?“ rief Hoffmann,„Arſene iſt nicht mehr hier?“ „Nein, mein Herr.“ rů na ſei we ko eir ter ie t⸗ ef n, f⸗ e. ⸗ in r⸗ ſo t, t. 2“ 331 „Sie meinen, ſie ſei heute Abend noch nicht zu⸗ rückgekehrt?“ „Ich meine, ſie werde nicht mehr zurückkehren“ „Wo iſt ſie denn?“ „Ich weiß es nicht.“ „Mein Gott! mein Gott!“ rief Hoffmann, und er nahm ſeinen Kopf in ſeine beiden Hände, als wollte er ſeine Vernunft feſthalten, welche dem Entfliehen nahe war. Alles, was ihm ſeit einiger Zeit begegnete, war ſo ſeltſam, daß er ſich jeden Augenblick ſagte:„Ah! nun kommt der Moment, wo ich ein Narr werde.“ „Sie wiſſen alſo das Neuſte nicht?“ fragte der Portier. „Das Neuſte?“ „Herr Danton iſt verhaftet worden.“ „Wann?“ „Geſtern. Herr Robespierre hat das gethan. Welch ein großer Mann iſt der Bürger Robespierre!“ „Nun?“ „Mlle. Arſene iſt genöthigt geweſen, ſich zu flüch⸗ ten; denn als Geliebte von Danton hätte ſie bei dieſer ganzen Sache gefährdet werden können.“ „Das iſt richtig. Doch wie hat ſie ſich geflächtet?“ „Wie man ſich flüchtet, wenn man vor dem Kopf⸗ abſchlagen Angſt hat, ganz gerade aus.“ „Ich danke, mein Freund, ich danke,“ ſagte Hoff⸗ mann, und er verſchwand, nachdem er noch einige Gold⸗ ſtücke in der Hand des Portier zurückgelaſſen hatte. Als Hoffmann auf der Straße war, fragte er ſich, was aus ihm werden ſollte, und wozu ihm nun all ſein Gold nütze; denn es kam ihm der Gedanke, er könnte Arſene wiederauffinden, eben ſo wenig in den Kopf, als der Gedanke, er könnte nach Hauſe gehen und ausruhen. Er ging alſo auch ganz gerade aus, ließ das Pfla⸗ ſter der düſteren Straßen unter dem Abſatz ſeiner Stie⸗ fel ſchallen und marſchirte völlig wach in ſeinem ſchmerz⸗ lichen Traum. 332 Die Nacht war kalt, die Bäume waren entblät⸗ tert und zitterten im Nachtwind wie Kranke im Deli⸗ rium, die ihr Bett verlaſſen haben, und deren abgema⸗ gerte Glieder das Fieber ſchüttelt. Der Rauhreif peitſchte das Geſicht der nächtlichen Wanderer, und kaum durchdrang von Zeit zu Zeit in den Häuſern, welche ihre Maſſen mit dem düſteren vermengten, ein erleuchtetes Fenſter die Dun⸗ kelheit. Dieſe kalte Luft that ihm indeſſen wohl. Seine Seele verzehrte ſich allmälig in dieſem raſchen Lauf, und, wenn man ſo ſagen darf, ſein moraliſches Brauſen und Toſen verflüchtigte ſich. In einem Zimmer wäre er erſtickt... dann würde er vielleicht, raſch vorwärts ſchreitend, Arſene treffen; wer weiß? vielleicht hatte ſie, als ſie ſich flüchtete, denſelben Weg eingeſchlagen, den er einſchlug, als er aus ihrem Hauſe wegging. So ging er längs dem verödeten Boulevard und durch die Rue Royale hin, als ob, in Ermangelung ſeiner Augen, welche nicht ſchauten, ſeine Füße von ſelbſt den Ort, wo er war, erkannt hätten; er hob den Kopf empor und blieb ſtehen, da er wahrnahm, daß er gerade nach dem Revolutions⸗Platze zuwanderte, nach dieſem Platz, auf den er nie mehr zurückzukehren ge⸗ ſchworen hatte. So finſter der Himmel war, eine noch finſterere Silhouette hob ſich vom pechſchwarzen Horizont ab; das war die Silhouette der häßlichen Maſchine, welche in Erwartung ihrer täglichen Arbeit ſchlief, während der Nachtwind ihre vom Blut befeuchtete Mündung trocknete. Am Tage wollte Hoffmann dieſen Platz nicht wie⸗ derſehen; wegen des Blutes, das auf demſelben floß, wollte er nicht mehr hier ſein; aber bei Nacht war es nicht daſſelbe; es war für den Dichter, bei dem, trotz aller Umſtände, der poetiſche Inſtinct fortwährend wachte, intereſſant, es zu ſehen, zu berühren, im Schweigen e, 333 und in der Dunkelheit, dieſes unſelige Gerüſte, deſſen blutiges Bild vielen Geiſtern zu dieſer Stunde vor⸗ ſchweben mußte. Welchen Contraſt bot ihm, der aus dem Spielſaal herkam, der öde Platz, deſſen ewiger Gaſt das Schaffot war. Nach dem Schauſpiel des glühenden, mitten in ſeinen leidenſchaftlichen Ergüſſen und größten Mißbräu⸗ chen erhaſchten Lebens, das Schauſpiel des Todes, die Verlaſſenheit, die Gefühlloſigkeit! Hoffmann ging alſo, wie durch eine magnetiſche Kraft angezogen, auf die Guillotine zu Plötzlich, und beinahe ohne zu wiſſen, wie dies ge⸗ ſchehen war, fand er ſich von Angeſicht zu Angeſicht vor demſelben. Der Wind pfiff in den Brettern. Hoffmann kreuzte ſeine Haͤnde über ſeiner Bruſt und ſchaute. Wie viele Dinge mußten in dem Geiſte dieſes Man⸗ nes aufgehen, der, die Taſchen voll Gold und auf eine Nacht der Wolluſt zählend, dieſe Nacht einſam einem Blutgerüſte gegenüber zubrachte! Mitten unter dieſen Gedanken kam es ihm vor, als vermiſchte ſich eine menſchliche Klage mit den Klagen des Windes. Er neigte den Kopf vorwärts und horchte. Die Klage wiederholte ſich, ſie kam nicht von fern, ſondern von unten. Hoffmann ſchaute umher und ſah Niemand. Ein drittes Stöhnen drang indeſſen an ſein Ohr. „Man ſollte glauben, es wäre eine Frauenſtimme, welche unter dem Schaffot hervorkäme,“ murmelte er. Dann bückte er ſich, um beſſer zu ſehen, und fing an um die Guillotine her zu gehen. Als er an der ſchrecklichen Treppe vorbeiging, ſtieß ſein Fuß an etwas; er ſtreckte die Hände aus und berührte ein auf den er⸗ ſten Stufen dieſer Treppe hockendes, ganz ſchwarz ge⸗ kleidetes Weſen. 334 „Wer ſind Sie,“ fragte Hoffmann,„Sie, die Sie bei Nacht bei einem Schaffot ſchlafen?“ Und zu gleicher Zeit kniete er nieder, um das Ge⸗ ſicht von derjenigen zu ſehen, mit welcher er ſprach. Doch ſie rührte ſich nicht, und die Ellbogen auf die Kniee geſtützt, ließ ſie ihren Kopf auf ihren Händen ruhen. Trotz der Kälte der Nacht waren ihre Schultern beinahe gänzlich entblößt, und Hoffmann konnte eine ſchwarze Linie ſehen, die ihren weißen Hals umkreiſte. Dieſe Linie war ein Sammethalsband. „Arſene!“ rief er. „Nun! ja, Arſene,“ murmelte mit einer ſeltſamen Stimme die hockende Frau, indem ſie das Haupt erhob und Hoffmann anſchaute. Ein Botel der Rue Saint-Honors. Hoffmann wich erſchrocken zurück; trotz der Stimme, trotz des Geſichtes zweifelte er noch. Doch, indem ſie das Haupt erhob, ließ Arſene ihre Hände auf den Schvoß fallen. Dadurch wurde ihr Hals frei und er konnte die ſeltſame Spange von Diamanten ſehen, welche die zwei Enden des Sammetbandes vereinigte und in der Nacht funkelte. „Arſene, Arſene!“ wiederholte Hoffmann. Arſene erhob ſich. „Was machen Sie hier zu dieſer Stunde?“ fragte der junge Mann.„Wie! in dieſes graue Gewand ge⸗ kleidet! Wie! mit bloßen Schultern!“ „Er iſt geſtern verhaftet worden,“ ſagte Arſene, n b e, ſie en er he in 335 „man iſt gekommen, um mich ſelbſt zu verhaften, ich habe mich geflüchtet, wie ich war, und in dieſer Nacht um eilf Uhr, da ich mein Zimmer zu klein und mein Bett zu kalt fand, bin ich hierher gegangen.“ Dieſe Worte wurden mit einem ſonderbaren Aus⸗ druck, ohne Geberde, ohne Biegungen geſprochen; ſie kamen von einem blaſſen Mund, der ſich wie durch eine Feder öffnete und ſchloß; es war, als ſpräche ein Au⸗ tomat. „Aber Sie können nicht hier bleiben,“ rief Hoff⸗ mann. „Wohin ſollte ich gehen?.. Ich will nur ſo ſpät als möglich dahin zurückkehren, woher ich komme; es hat mich zu ſehr gefroren.“ „So kommen Sie mit mir!“ rief Hoffmann. „Mit Ihnen?“ verſetzte Arſene. Und es ſchien dem jungen Mann, als ſiele auf ihn, beim Sternenſcheine, ein verächtlicher Blick, dem ähn⸗ lich, durch welchen er in dem reizenden Boudoir der Rue de Hanovre niedergeſchmettert worden war. „Ich bin reich, ich habe Gold!“ rief Hoffmann. Das Auge der Tänzerin ſchleuderte einen Blitz. „Gehen wir,“ ſagte ſie,„doch wohin?“ „Wohin?“ In der That, wohin führte Hoffmann dieſe Frau des Lurus und der Sinnlichkeit, welche, wenn ſie die magiſchen Paläſte und den Zaubergarten der Oper ver⸗ laſſen hatte, auf den Teppichen Perſiens zu gehen und ſich in die Shawls Indiens zu wickeln gewohnt war? In ſein kleines Studentenzimmer konnte er ſie durchaus nicht führen; ſie wäre hier ſo eng und ſo kalt geweſen, als in der von ihr ſo eben erwähnten Woh⸗ nung, in welche zurückzukehren ſie ſo ſehr bange zu haben ſchien. „In der That, wohin?“ fragte Hoffmann.„Ich kenne Paris nicht.“ „Ich will Sie fuͤhren,“ ſagte Arſene. 336 „Oh! ja, ja,“ rief Hoffmann. „Folgen Sie mir,“ ſprach die junge Frau. Und mit dem ſteifen, automatiſchen Gang, der nichts gemein hatte mit der reizenden Geſchmeidigkeit, welche Hoffmann an der Tänzerin bewundert, ſchritt ſie ihm voran. Es fiel dem jungen Mann nicht ein, ihr den Arm anzubieten; er folgte Arſene. Arſene ging durch die Rue Royale, die damals Rue de la Revolution hieß, wandte ſich rechts in die Rue Saint⸗Honoré, welche man kurzweg Rue Honoré nannte, blieb vor der Fagade eines prächtigen Hotel ſtehen und klopfte an. Die Thüre wurde alsbald geöffnet. Der Concierge ſchaute Arſene ganz erſtaunt an. „Sprechen Sie,“ ſagte ſie zu dem jungen Mann, „oder ſie laſſen mich nicht ein, und ich werde genöthigt ſein, mich wieder auf die Treppe der Guillotine zu ſetzen.“ „Mein Freund,“ ſagte Hoffmann raſch, indem er zwiſchen die junge Frau und den Concierge trat,„Ae ich durch die Champs⸗Elyſées ging, hötte ich um Hülfe rufen; ich lief zu rechter Zeit hinzu, um es zu verh dern, daß Madame ermordet wurde, kam aber zu ſpöt, um ihre Beraubung zu verhindern. Geben Sie mir geſchwinde Ihr beſtes Zimmer, laſſen Sie ein großes Feuer anzünden und beſtellen Sie ein gutes Abendbrod. Hier iſt ein Louis d'or für Sie.“ Und er warf einen Louis d'or auf den Tiſch, auf welchem die Lampe ſtand, deren Strahlen ſich insge⸗ ſammt auf dem funkelnden Antlitz von Ludwig XV. zu concentriren ſchienen. Ein Louis d'or war eine große Summe zu jener Zeit; er repräſentirte 925 Fr. in Aſſignaten.„ Der Concierge nahm ſeine fettige Mütze ab und läutete. Ein Kellner lief auf das Klingeln des Con⸗ cierge herbei. —————— 337 „Geſchwinde! geſchwinde! ein Zimmer! das ſchönſte des Hauſes für den Herrn und die Dame!“ „Für den Herrn und die Dame?“ verſetzte erſtaunt der Kellner, indem er abwechſelnd ſeinen Blick von der mehr als einfachen Tracht von Hoffmann auf die mehr als leichte Kleidung von Arſene übergehen ließ „Ja,“ ſagte Hoffmann,„das ſchonſte, das beſte; beſonders ſoll es gut erwärmt und gut erleuchtet ſein; hier iſt ein Louis d'or für Sie.“ Der Kellner ſchien demſelben Einfluß zu unterlie⸗ gen, wie der Concierge; er bückte ſich vor dem Louis d'or, deutete auf eine große, wegen der vorgerückten Stunde der Nacht nur halb beleuchtete Treppe⸗ auf der jedoch in einem für jene Zeit außerordentlichen Lurus ein Teppich ausgebreitet war, und ſagte: „Gehen Sie hinauf und warten Sie vor der Thüre von Nummer 3.“ Dann verſchwand er in aller Eile. 5 Bei der erſten Stufe der Treppe blieb Arſene ſtehen. F Es machte, wie es ſchien, der leichten Sylphide ue unüberwindliche Schwierigkeit, den Fuß aufzu⸗ eben. Es war, als hätte ihr Atlasſchuh Sohlen von ei. Hoffmann bot ihr den Arm. Arſene ſtützte ihre Hand auf den Arm, den ihr der junge Munn reichte, und obgleich er den Druck der Fauſt der Tänzerin nicht fühlte, fühlte er doch die Kälte, die ſich von dieſem Körper dem ſeinigen mittheilte. Dann ſtieg Arſene mit einer gewaltigen Anſtren⸗ gung die erſte Stufe und nach und nach die anderen hinauf; aber jede Stufe entriß ihr einen Seufzer. „Oh! arme Frau, wie haben Sie leiden müſſen!“ flüſterte Hoffmann. „Ja, ja,“ erwiederte Arſene,„ſehr... Ich habe ſehr gelitten.“ Tanſend und ein Geſpenſt. M. 22 338 Sie kamen vor die Thüre von Numero 3. Doch beinahe zugleich mit ihnen kam auch der Kellner, der eine Gluthpfanne hrachte; er öffnete die Zimmerthüre, und in einem Augenblick entflammte ſich der Kamin, waren die Kerzen angezündet. „Sie müſſen Hunger haben?“ fragte Hoffmann. „Ich weiß nicht,“ antwortete Arſene. „Das beſte Abendbrod, das man uns geben kann, Kellner,“ ſagte Hoffmann. „Mein Herr,“ bemerkte der Kellner,„man ſagt nicht mehr Kellner, ſondern Willfähriger. Uebrigens bezahlt der Herr ſo gut, daß er ſac« kann, wie er will.“ Entzückt über ſeinen We, ging er weg, nachdem er zuvor noch beigefüat: „In fünf Minuren das Abendbrod.“ Als die Thöre hinter dem Willfährigen wieer ge⸗ ſchloſſen war, aute Hoffmann gierig nach Arſene. Sie hatte ſich ſo ſehr beeilt, in die Nähe des Feuers zu kommen, daß ſie ſich nicht einmal Zeit gelaſſen, einen Stuhl zum Kamin zu ziehen; ſie war nur an die Ecke des Herdes in derſelben Stellung gekauert, wie ſie Hoffmann vor der Guiſotine gefunden, und hier, mit den Ellenbogen auf ihren Knieen, ſchien ſie bemüht, ihren Kopf mit ihren beiden Händen gerade auf ihren Schultern zu halten. „Arſene! Arſene!“ ſprach der junge Mann,„nicht wahr, ich habe Dir geſagt, ich ſei reich? Schau', und Du wirſt ſehen, daß ich Dich nicht belogen habe.“ Hoffmann fing an ſeinen Hut auf den Tiſch um⸗ zukehren; ſein Hut war voll von Louis d'or und dop⸗ velten Louis d'or, und ſie rieſelten aus dem Hut auf den Marmor mit jenem Geräuſch des Goldes, das ſo merkwürdig und unter allen Geräuſchen ſo leicht zu unterſcheiden. Dann, nach dem Hut, leerte er ſeine Taſchen, und 339 eine nach der andern ſtrömten ſeine Taſchen die unge⸗ heure Beute aus, die er im Spiel gemacht hatte Ein Haufen beweglichen und glänzenden Goldes erhob ſich auf dem Tiſch. Bei dieſem Geräuſch ſchien ſich Arſene wiederzu⸗ beleben; ſie drehte den Kopf; und das Geſicht ſchien die durch das Gehör begonnene Auferſtehung zu voll⸗ enden. Sie erhob ſich, immer ſtarr und unbeweglich,— doch ihre bleiche Lippe lächelte,— doch ihre glaſigen Augen erleuchteten ſich und ſchleuderten Strahlen, die ſich mit denen desr Goldes kreuzten. „Oh!“ ſagte ſie,„Dir gehört dies Alles?“ „Nein, nicht mir, Di Arſene.“ “ rief die Tänzerin. u und ſie tauchte ihre beiden Hände in den Metall⸗ haufenl Ei Die Arme des Mädchens verſchwalden bis an den Ellbogen. Dann ſchien dieſe Frau, deren Leben das Gold ge⸗ weſen war, das Leben bei der Berührung des Goldes wiederzuerlangen. „Mir!“ wiederhobe ſie,„mir!“ und ſie ſprach die⸗ ſes Wort mit einem vibrirenden, metalliſchen Ton, der ſich auf eine unglaubliche Weiſe mit dem Geklirre der Louis d'or vermählte. Zwei Kellner traten ein und brachten einen ganz beſtellten Tiſch, den ſie beinahe fallen ließen, als ſie dieſen Haufen von Reichthümern erblickten, welche die krampfhaften Hände des Mädchens kneteten. „Es iſt gut,“ ſagte Hoffmann,„Champagner, un laſſen Sie uns allein.“ Die Kellner brachten mehrere Flaſchen Champagner Wein und entfernten ſich wieder. Hinter ihnen machte Hoffmann die Thüre zu und ſchloß ſie mit dem Riegel. Die Augen glühend vor Verlangen, kehrte er ſodann 340 zu Arſene zurück, die er bei dem Tiſche fand, wo ſie fortfuhr, das Leben, nicht aus der Verjüngungsquelle, ſondern aus der Quelle des Pactolus zu ſchöpfen. „Nun?“ fragte er ſie. „Es iſt ſchön, das Gold⸗“ erwiederte ſie;„ich hatte ſeit langer Zeit keines mehr berührt.“ „Komm' und ſpeiſe zu Nacht,“ ſprach Hoffmann, „und dann, Danae, magſt Du Dich nach Deinem Gefal⸗ len im Golde baden, wenn Du willſt.“ Und er zog ſie nach dem Tiſche fort. „Es friert mich,“ ſagte ſie. Hoffmann ſchaute umher, die Fenſter und das Bett waren mit rothem Damaſt behängt; er riß einen Vor⸗ hang vom Fenſter und gab ihn Arſene. Arſene hüllte ſich in den Vorhang, der ſich von ſelbſt zu drapiren ſchien, wie die Falten eines antiken Mantels, und unter dieſer rothen Draperie verdoppelte ihr bleicher Kopf ſeinen Charakter. Hoffmann fürchtete ſich beinahe. Er ſetzte ſich an den Tiſch, ſchenkte ſich ein und trank hinter einander zwei bis drei Gläſer Champagner Wein. Dann kam es ihm vor, als ſtiege eine leichte Färbung zu den Augen von Arſene. Er ſchenkte ihr ebenfalls ein, und ſie trank auch. Nun wollte er ſie zum Eſſen veranlaſſen; doch ſie weigerte ſich. Als Hoffmann in ſie drang, ſagte ſie: „Ich könnte nicht verſchlucken.“ „So laß uns trinken.“ Sie reichte ihm ihr Glas. „Ja, trinken wir.“ Hoffmann hatte zugleich Hunger und Durſt; er trank und aß. Er trank beſonders, denn er fühlte, daß er der Kühnheit bedurfte; nicht als ob Arſene, wie in ihrem Hauſe, geneigt geſchienen hätte, ihm durch die Stärke oder durch die Verachtung zu widerſtehen, ſondern weil „ 75 n en te d er te ſie der em rke eil „ 34¹ — Eiſiges dem Körper der ſchönen Tiſchgenoſſin entfloß. In demſelben Maße, in welchem er trank, belebte ſich, wenigſtens in ſeinen Augen, Arſene; nur, wenn Arſene ihrerſeits ein Glas leerte, rollten ein vaar ro⸗ ſenfarbene Tropfen vom unteren Theil des Sammet⸗ halsbandes auf die Bruſt der Tänzerin. Hoffmann ſchaute, ohne zu begreifen; dann, da er etwas Furcht⸗ bares, Geheimnißvolles hierunter fühlte, bekämpfte er ſeine inneren Schauer dadurch, daß er die Toaſts ver⸗ vielfältigte, welche er auf die ſchönen Augen, den ſchönen Mund, auf die ſchönen Hände der Tänzerin ausbrachte. Sie that ihm Beſcheid, trank ſo viel als Hoffmann, und ſchien ſich nicht vom Wein, den ſie trank, ſondern von dem, welchen Hoffmann trank, zu beleben. Plötzlich rollte ein Brand aus dem Feuer. Hoffmann folgte mit den Augen der Richtung des Brandes, welcher erſt, als er an den nackten Fuß von Arſene traf, anhielt. Arſene hatte, ohne Zweifel, um ſich zu erwärmen, ihre Strümpfe und ihre Schuhe ausgezogen; ihr mar⸗ motweißer kleiner Fuß ruhte auf dem Marmor des Herdes, der ſo weiß als der Fuß und mit dieſem nur Eines zu bilden ſchien. Hoffmann ſtieß einen Schrei aus. „Arſene!“ rief er,„nehmen Sie ſich in Acht!“ „Wovor?“ fragte die Tänzerin. „Dieſer Brand. dieſer Brand, der Ihren Fuß berührt.“ Und er bedeckte in der That zur Hälfte den Fuß von Arſene. „Schaffen Sie ihn weg,“ ſagte ſie ruhig. Hoffmann bückte ſich, hob den Brand auf und be⸗ merkte zu ſeinem Schrecken, daß nicht der Brand den Fuß des Mädchens verſengt, ſondern daß der Fuß des Mädchens den Brand ausgelöſcht hatte. „Trinken wir,“ ſagte er. 342 „Trinken wir,“ ſagte ſie. Und ſie reichte ihm ihr Glas. Die zweite Flaſche war geleert. Hoffmann fühlte indeſſen, daß ihm die Weintrun⸗ kenheit nicht genügte. 3 Er erblickte ein Klavier. „Gut!..“ rief er. Er hatte begriffen, welche Quelle ihm die Trunkenheit der Muſtk bot. Er ſtürzte nach dem Klavier. Unter ſeinen Fingern entſtand natürlich jene Me⸗ lodie, auf welche Arſene das Pas de trois in der Oper Paris tanzte, als er ſie zum erſten Mal ſah. Nur kam es Hoffmann vor, als wären die Saiten des Klaviers von Stahl. Das Inſtrument machte für ſich allein einen Lärmen wie ein ganzes Orcheſter. „Ah!“ rief Hoffmann,„das iſt gut!“ Er hatte in dieſem Lärmen die Berauſchung ge⸗ funden, die er ſuchte; Arſene erhob ſich bei den erſten Accorden. Dieſe Accorde hatten wie ein Feuernetz ihre ganze Perſon zu umhüllen geſchienen. Sie warf fern von ſich den Vorhang von rothem Damaſt, und ſeltſamer Weiſe, wie eine zauberhafte Ver⸗ wandlung auf dem Theater vorgeht, ohne daß man weiß, durch welches Mittel, hatte ſich eine Verwandlung an ihr bewerkſtelligt, und ſtatt in ihrem grauen Kleide, ſtatt mit ihren jeder Verzierung entbehrenden Schul⸗ tern, erſchien ſie wieder im Coſtume von Flora, ganz rieſelnd von Blumen, ganz dunſtig von Gaze, ganz ſchauernd von Wolluſt. Hoffmann ſtieß einen Schrei aus, verdoppelte ſeine Energie und ſchien eine hölliſche Gewalt aus dieſer un⸗ ter ihren ſtählernen Fibern ſchallenden Bruſt des Kla⸗ viers hervorſpringen zu machen. Dann verwirrte dieſelbe Luftſpiegelung den Geiſt von Hoffmann. Dieſe ſpringende Frau, welche ſich ſtufenweiſe belebt hatte, wirkte auf ihn mit einer un⸗ f 343 wiverſtehlichen Anziehungskraft. Sie hatte zur Scene den ganzen Raum genommen, der das Klavier vom Alcoven trennte, und von dem rothen Grunde des Vor⸗ hangs hob ſie ſich wie eine Erſcheinung der Hölle ab. So oft ſie vom Hintergrunde zu Hoffmann zurückkam, erhob ſich Hoffmann auf ſeinem Stuhl; ſo oft ſie ſich gegen den Hintergrund entfernte, fühlte ſich Hoffmann auf ihren Schritten nachgezogen. Endlich, ohne daß Hoffmann wußte, wie das zuging, änderte ſich der Tact unter ſeinen Fingern; es war nicht mehr die Melodie, die er gehört, was er ſpielte, ſondern ein Walzer; die⸗ ſer Walzer war die Sehnſu cht von Beethoven; wie ein Ausdruck ſeines Gedanfens hatte er ſich unter ſeine Finger geſetzt. Arſene hatte ihrerſeits auch den Tact verändert; ſie drehte ſich Anfangs auf ſich ſelbſt, dann erweiterte ſie allmählig den Kreis, den ſie zog, und näherte ſich Hoffmann; keuchend fühlte ſie Hoffmann fommen, fühlte er ſie nahen; er begriff, ſie würde ihn beim letzten Kreis berühren und er wäre dann genöthigt, ebenfalls aufzuſtehen und an dieſem glühenden Walzer Theil zu nehmen. Es war bei ihm zugleich Sehnſucht, Verlangen und Bangigkeit. Endlich ſtreckte Arſene vor⸗ übertanzend die Hand aus und ſtreifte ihn mit ihren Fingerſpitzen. Hoffmann gab einen Schrei von ſich, als ob ihn der elektriſche Funke berührt hätte, ſtürzte der Tänzerin auf der Spur nach, holte ſie ein, um⸗ ſchlang ſie mit ſeinen Armen, ſetzte in ſeinem Geiſte die in der Wirklichkeit unterbrochene Melodie fort, preßte an ſein Herz dieſen Körper, der ſeine Elaſticität wieder⸗ gewonnen hatte, verzehrte die Blicke ihrer Augen, den Athem ihres Mundes, verſchlang mit ſeinen Einſaugun⸗ gen dieſen Hals, dieſe Schultern, dieſe Arme, und drehte ſich nicht mehr in jener athembaren Luft, ſondern in einer Flammenatmoſphäre, welche, bis in die Tiefe der Bruſt der zwei Walzenden einſtrömend, dieſe am Ende keuchend und in der Ohnmacht des Wahnwitzes auf das Bett warf, das ihrer harrte. 344 Als Hoffmann am andern Morgen erwachte, hatte ſich einer von jenen bleichen Wintertagen von Paris erhoben und drang bis an das Bett durch den vom Fenſter geriſſenen Vorhang. Er ſchaute umher, denn er wußte nicht, wo er war, und fühlte, daß eine träge Maſſe auf ſeinem linken Arm laſtete. Er neigte ſich auf die Seite, wo die Erſtarrung ſein Herz erreichte, und erkannte neben ihm liegend, nicht mehr die ſchöne Tän⸗ zerin der Oper, ſondern das bleiche Mädchen vom Re⸗ volutions⸗Platze. Da erinnerte er ſich aller Umſtände, zog unter die⸗ ſem ſtarren Körper ſeinen eiskalten Arm vor, ergriff, als er ſah, daß dieſer Körper unbeweglich blieb, einen Candelabre, auf dem noch fünf Kerzen brannten, und gewahrte bei der doppelten Helle des Tags und der Kerzen, daß Arſene ohne Regung, bleich war und die Augen geſchloſſen hatte. Sein erſter Gedanke war, die Ermüdung ſei ſtärker geweſen als die Liebe, als das Verlangen, als der Wille, und Arſene ſei ohnmächtig. Er nahm ihre Hand, ihre Hand war eiskalt; er ſuchte die Schläge ihres Herzens, ihr Herz ſchlug nicht mehr. Da durchzuckte eine gräßliche Idee ſeinen Geiſt; er hing ſich an die Klingelſchnur, ſie zerriß in ſeinen Hän⸗ den; er ſtürzte nach der Thüre, öffnete ſie, ſprang die Stufen hinab und ſchrie: „Zu Hülfe! zu Hülfe!“ Ein kleiner ſchwarzer Mann ſtieg in derſelben Mi⸗ nute die Treppe herauf, als Hoffmann hinabeilte. Er ſchaute empor, Hoffmann ſtieß einen Schrei aus, er hatte den Arzt der Oper erkannt. „Ah! Sie ſind es, mein lieber Herr,“ ſagte der Doctor, der Hoffmann ebenfalls erkannte,„was gibt es denn, und warum all dieſer Lärmen?“ „Oh! kommen Sie, kommen Sie,“ ſprach Hoffmann, ohne daß er ſich die Mühe gab, dem Arzt zu erklären, was er von ihm erwartete, und in der Hoffnung, der — — 345 Anblick der entſeelten Arſene würde mehr bei dem Dor⸗ for bewirken, als alle ſeine Worte.„Kommen Sie!“ Und er zog ihn in das Zimmer fort. Dann ſchob er ihn mit einer Hand nach dem Bett, während er mit der andern den Candelabre ergriff, den er nahe an das Geſicht von Arſene hielt, und rief: „Sehen Sie, ſehen Sie.“ Doch der Doctor ſchien entfernt nicht erſchrocken und erwieverte: „Ah! es iſt gut von Ihnen, junger Mann, es iſt gut von Ihnen, daß Sie dieſen Körper losgekauft ha⸗ ben, damit er nicht in der gemeinſchaftlichen Grube verfaule. Sehr gut, junger Mann, ſehr gut!“ „Dieſen Körper...“ murmelte Hoffmann,„losge⸗ kauft. gemeinſchaftliche Grube... mein Gott! was ſagen Sie denn da?“ „Ich ſage, daß unſere arme Arſene geſtern Morgen um acht Uhr verhaftet, geſtern Nachmittag um zwei Uhr verurtheilt und um vier Uhr Abends hingerichtet worden iſt.“ Hoffmann glaubte wahnſinnig werden zu müſſen; er packte den Doctor bei der Gurgel und ſchrie ſelbſt beinahe erſtickend: „Hingerichtet, geſtern um vier Uhr!.. Arſene hin⸗ gerichtet!“ Und er ſchlug ein Gelächter auf, doch ein ſo ſelt⸗ ſames, ſo ſcharfes, ſo außerhalb aller Modulationen des menſchlichen Lachens, daß ihn der Doctor mit beinahe erſchrockenen Augen anſchaute. „Bezweifeln Sie es?“ fragte er. „Wie!“ rief Hoffmann,„ob ich es bezweifle? Ich glaube wohl. Ich habe mit ihr Abendbrod gegeſſen, ich habe mit ihr gewalzt, ich habe dieſe Nacht mit ihr ge⸗ ſchlafen.“ „Das iſt ein ſeltſamer Fall, den ich in den Jahrbüchern der Arzneiwiſſenſchaft niederlegen werde,“ 346 ſprach der Doctor,„und Sie werden das Protocoll unterzeichnen, nicht wahr?“ „Ich kann nicht unterzeichnen, da ich Sie Lügen ſtrafe, da ich ſage, das ſei unmöglich, da ich ſage, das ſei nicht ſo.“ „Ah! Sie ſagen, das ſei nicht ſo,“ verſetzte der Doctor;„Sie ſagen das mir, dem Arzt der Gefäng⸗ niſſe, mir, der ich Alles gethan habe, was ich ver⸗ mochte, um ſie zu retten, dem dies aber nicht gelungen iſt; mir, der ich am Fuße des Karrens von ihr Ab⸗ S5 genommen. Sie ſagen, das ſei nicht ſo! Warten ie. 5 Da ſtreckte der Doctor den Arm aus, drückte an der kleinen Diamantfeder, welche als Spange bei dem Sammethalsband diente und zog den Sammet an ſich. Hoffmann ſtieß einen gräßlichen Schrei aus. Als er aufhörte, durch das einzige Band unterſtützt zu wer⸗ den, das ihn an den Schultern befeſtigte, rollte der Kopf vom Bett auf den Boden und hielt erſt am Schuh von Hoffmann an, wie der Brand erſt am Fuße von Arſene angehalten hatte. Der junge Mann machte einen Schritt rückwärts und brüllte nach der Treppe ſtürzend: „Ich bin wahnſinnig!“ Der Ausruf von Hoffmann hatte nichts Uebertrie⸗ benes; die ſchwache Scheidewand, welche bei dem Dich⸗ ter, der das Vermögen ſeines Gehirns übermäßig in Anſpruch nimmt, die ſchwache Scheidewand, ſagen wir, welche, die Einbildungskraft vom Wahnſinn trennend, zuweilen zu brechen im Begriff zu ſein ſcheint, krachte in ſeinem Kopf mit dem Lärmen einer Mauer, die ſich ſpaltet. Doch zu jener Zeit lief man nicht lange in den Straßen von Paris umher, ohne zu ſagen, warum man lief; die Pariſer waren ſehr neugierig geworden im Jahre der Gnade 1795, und ſo oft ein Menſch laufend 347 vorüberkam, hielt man ihn an, um zu erfahren, wem er nachlief oder wer ihm nachlief. Man hielt alſo Hoffmann vor der Mariä⸗Himmel⸗ fahrtskirche an, aus der man eine Wachſtube gemacht hatte, und führte ihn vor den Chef des Poſten. Hier begriff Hoffmann, welche wirkliche Gefahr er lief; die Einen hielten ihn für einen Ariſtokraten, der davon lief, um ſo ſchnell als möglich die Grenze zu erreichen, die Andern riefen: ein Agent von Pitt und Koburg. Einige riefen: an die Laierne! was nicht luſtig war; wieder Andere ſchrieen: vor das Revolu⸗ tionstribunal! was noch weniger luſtig. Man kehrte zuweilen von der Laterne zurück, hievon zeugte der Abbé Maurh; vom Revolutionstribunal nie. Da verfuchte es Höffmann, zu erklären, was ihm ſeit dem vorhergehenden Abend begegnet war. Er er⸗ zählte die Geſchichte vom Spiel, von ſeinem Gewinn; wie er, die Taſchen voll Gold, nach der Rue de Ha⸗ novre gelaufen; wie die Frau, die er geſucht, nicht mehr daſelbſt geweſen; wie er unter der Gewalt der Leiden⸗ ſchaft, die ihn verzehrte, in den Straßen von Paris umhergerannt; wie er auf dem Revolutions⸗Platze dieſe Frau am Fuße der Guillotine ſitzend getroffen; wie ſie ihn in ein Hotel der Rue Saint⸗Honoré geführt, und wie er dort, nach einer Nacht, während welcher alle Berauſchungen ſich gefolgt, in ſeinen Armen ruhend nicht nur eine todte Frau, ſondern auch eine enthauptete Frau gefunden. Dies Alles war ſehr unwahrſcheinlich; die Erzäh⸗ lung von Hoffmann fand auch wenig Glauben: die Fantaſtiſchſten hinſichtlich der Wahrheit ſchrieen über Lüge, die Gemäßigtſten ſchrieen über Tollheit. Mittlerweile eröffnete einer von den Anweſenden folgendes geiſtvolle Verhör: „Sie haben, wie Sie ſagen, die Nacht in einem Rue Saint⸗Honors zugebracht?“ „Ja.“ 348 „Sie haben vort Ihre Taſchen voll Gold auf einen Tiſch ausgeleert?“ „Ja.“ „Sie haben dort zu Nacht gegeſſen und geſchlafen mit einer Frau, deren Kopf, da er zu Ihren Füßen rollte, den gewaltigen Schrecken bei Ihnen verurſachte, von dem Sie befallen waren, als wir Sie anhielten 7 „Ja.“ „Wohl! ſuchen wir das Hotel, man wird vielleicht das Gold nicht mehr finden, aber man wird die Frau finden.“ „Ja,“ rief alle Welt,„ſuchen wir, ſuchen wir!“ Hoffmann hätte gerne nicht ſuchen mögen; aber er war genöthigt, dem ungeheuren Willen zu gehorchen, der ſich um ihn her in den zwei Worten: ſuchen wir, zuſammenfaßte. Er verließ alſo die Kirche und ging ſuchend die Rue Saint⸗Honoré entlang. Die Entfernung von der Mariä⸗Himmelfahrts⸗ kirche zur Rue Royale war nicht groß. Und dennoch mochte Hoffmann immerhin ſuchen„Anfangs nachläßig, dann aufmerkſamer und endlich mit dem Willen, zu finden, er fand nichts, nichts, was ihn an das Hotel erinnerte, in das er am vorhergehenden Abend einge⸗ treten war, wo er die Nacht zugebracht hatte, von dem er ſo eben herkam. Wie die Zauberſchlöſſer, welche verſchwinden, ſobald der Maſchiniſt ihrer nicht mehr bedarf, ſo war das Hotel der Rue Saint⸗Honoré verſchwunden, nachdem die hölliſche Scene, die wir zu ſchildern verſucht, geſpielt worden war. Dies Alles diepte den Tölpeln nicht, welche Hoff⸗ mann begleiteten und durchaus irgend eine Löſung der Angelegenheit haben wollten, die ſie in ihrer Ruhe geſtört hatte; dieſe Löſung konnte aber nur die Auf⸗ findung des Leichnams von Arſene oder die Verhaftung von Hoffmann als einem Verdächtigen ſein. Da man aber den Leib von Arſene nicht fand, ſo war ſtark davon die Rede, Hoffmann zu verhaften, als dieſer plötzlich auf der Straße den kleinen ſchwarzen Mann erblickte, ihn zu Hülfe rief und zur Zeugſchaft über die Wahrheit deſſen, was er erzählt, aufforderte. Die Stimme eines Arztes hat immer ein großes Anſehen bei der Menge. Dieſer bekannte ſich zu ſeinem Gewerbe und man ließ ihn Hoffmann ſich nähern. „Oh! armer junger Mann,“ rief er, indem er ſeine Hand ergriff, unter dem Vorwand, ihm den Puls zu fühlen, in Wirklichkeit aber, um ihm durch einen beſonderen Druck zu rathen, er möge ihn nicht Lügen ſtrafen,„armer junger Mann, er iſt alſo entwichen 24 „Entwichen von wo? entwichen von was 2“ riefen gleichzeitig zwanzig Stimmen. „Ja, entwichen von wo?“ fragte Hoffmann, der den Weg der Rettung, welchen ihm der Arzt öffnete, annehmen wollte, weil er ihn für demüthigend hielt. „Bei Gott!“ erwiederte der Doctor,„aus dem Hoſpiz.“ „Aus dem Hoſpiz!“ riefen dieſelben Stimmen,„aus welchem Hoſpiz?“ „Aus dem Irren⸗Hoſpiz.“ „Ah! Doctor, Doctor!“ rief Hoffmann,„keinen Scherz!“ „Der arme Teufel,“ ſagte der Arzt, ohne daß er Hoffmann zu hoͤren ſchien,„der arme Teufel wird Schaffot eine Frau verloren haben, die er iebte.“ „Oh! ja, ja,“ ſprach Hoffmann,„ich liebte ſie ſehr, doch nicht wie Antonia.“ „Armer Junge,“ ſagten mehrere anweſende Frauen, welche Hoffmann zu bedauern anfingen. „Ja,“ fuhr der Doctor fort,„ſeit jener Zeit iſt er von einer furchtbaren Sinnenblendung heimgeſucht; er glaubt zu ſpielen er glaubt zu gewinnen... Wenn er geſpielt und gewonnen hat, glaubt er diejenige be⸗ —— 350 ſitzen zu können, welche er liebte; dann läuft er mit ſeinem Gold in den Straßen umher; dann trifft er eine Frau am Fuß der Guillotine; dann führt er ſie in einen prachtvollen Palaſt, in einen glänzenden Gaſthof, wo er mit ihr die Nacht mit Trinken, mit Singen, mit Muſiciren zubringt, wonach er ſie Lodt findet. Hat er Euch nicht das erzählt?“ „Ja, ja,“ rief die Menge,„Wort für Wort.“ „Nun denn!“ ſprach Hoffmann mit funkelndem Blicke,„werden Sie etwa ſagen, das ſei nicht wahr, Doctor? Sie, der Sie die Diamantſpange geöffnet haben, welche das Sammethalsband ſchloß? Ohl ich hätte etwas vermuthen müſſen, als ich den Champag⸗ ner Wein unter dem Halsband herausſiekern ſah, als ich den Brand auf ihren nackten Fuß rollen ſah, und als ihr nackter Fuß, ihr Todtenfuß, ſtatt durch den Brand verſengt zu werden, dieſen auslöſchte.“ „Ihr ſeht, Ihr ſeht,“ ſagte der Doctor mit mit⸗ leidsvollen Augen und mit einem kläglichen Ton,„ſein Wahnwitz erfaßt ihn wieder.“ „Wie, mein Wahnwitz!“ rief Hoffmann,„wie, Sie wollen behaupten, das ſei nicht wahr! Sie wollen be⸗ haupten, ich habe die Nacht nicht mit Arſene zuge⸗ bracht, welche geſtern enthauptet worden iſt? Sie wollen behaupten, ihr Sammethalsband ſei nicht das Einzige geweſen, was ihren Kopf auf ihren Schultern feſtgehalten? Sie wollen behaupten, als Sie die Spange geöffnet und das Halsband weggenommen, ſei der Kopf nicht auf den Boden gerollt! Gehen Sie, Doctor, ge⸗ hen Sie, Sie wiſſen wohl, daß das, was ich ſage, wahr iſt!“ „Meine Freunde,“ ſprach der Doctor,„nicht wahr, Ihr ſeid nun wohl überzeugt?“ „Ja, ja,“ ſchrieen die hundert Stimmen der Menge. Diejenigen, welche nicht ſchrieen, ſchüttelten, um —— 351 zu beurkunden, ſchwermüthig den Kopf. „Nun! ſo laßt einen Fiacre herbeikommen, damit ich ihn zurückführe,“ ſagte der Arzt. „Wohin?“ rief Hoffmann,„wohin wollen Sie mich zurückführen?“ „Wohin?“ verſetzte der Doctor,„in das Irren⸗ haus, aus dem Sie entſprungen ſind, mein Freund.“ Dann fügte er leiſe bei: „Laſſen Sie mich machen, alle Wetter! oder ich ſtehe nicht für Sie. Dieſe Leute werden glauben, Sie haben ihrer geſpottet, und Sie in Stücke zerreißen.“ Hoſſmann ſeufzte und ließ ſeine Arme fallen. „Ihr ſeht wohl,“ ſprach der Doctor,„er iſt nun ſanft wie ein Lamm. Die Kriſis iſt vorüber.. ruhig, mein Freund, ruhig.“ Und der Doctor ſchien Hoffmann mit der Hand zu beſchwichtigen, wie man ein hitziges Pferd oder einen tobenden Hund beſchwichtigt. Während dieſer Zeit hatte man einen Fiacre ange⸗ halten und herbeigebracht.* „Steigen Sie raſch ein,“ ſagte der Arzt zu Hoff⸗ mann. Hoffmann gehorchte; alle ſeine Kräfte waren in dieſem Kampf erſchöpft worden. „Nach Bicétre!“ rief der Arzt, indem er hinter Hoffmann einſtieg. Dann fragte er leiſe den jungen Mann: „Wohin ſoll man Sie führen?“ „Nach dem Palais⸗Egalité,“ antwortete Hoffmann mit einer gewiſſen Anſtrengung. „Vorwärts, Kutſcher!“ rief der Doctor. Und er grüßte die Menge⸗ „Es lebe der Doetor!“ ſchrie die Menge⸗ Wenn die Menge unter der Gewalt einer Leiden⸗ ſchaft iſt, muß ſie immer rufen, es lebe irgend Jemand oder es ſterbe irgend Jemand⸗ 352 Im Palais Royal ließ der Doctor anhalten. „Gott befohlen, junger Mann,“ ſprach der Arzt zu offmann,„und wenn Sie mir glauben wollen, reiſen Sie ſobald als möglich nach Deutſchland ab; es iſt nicht gut in Frankreich für Leute, welche eine Einbildungs⸗ kraft haben wie Sie.“ Und er ſchob Hoffmann aus dem Fiaere; noch ganz betäubt von dem, was ihm begegnet, lief dieſer geraden Weges unter einen in entgegengeſetzter Rich⸗ tung des Fiaere fahrenden Karren, wäre nicht ein vor⸗ beigehender junger Mann vorgeſtürzt und hätte Hoff⸗ mann in dem Augenblick in ſeinen Armen zurückgehalten, wo der Kärrner ſich anſtrengte, um ſeine Pferde auf⸗ zuhalten. Der Fiaere fuhr weiter. Die zwei jungen Leute, derjenige, welcher beinahe gefallen wäre, und derjenige, welcher ihn zurückgehal⸗ ten, gaben gleichzeitig einen Ausruf von ſich. „Hoffmann!“ „Werner!“ Dann, als Werner ſah, in welchem Zuſtand der Abgeſpanntheit ſein Freund ſich befand, führte er ihn in den Garten des Palais⸗Royal. Nun kehrte der Gedanke an Alles, was vorgefal⸗ len, lebhafter in das Gedächtniß von Hoffmann zurück, und er erinnerte ſich des Medaillon, das er bei dem deutſchen Wechsler verpfändet hatte. Er ſtieß einen Schrei aus, da es ihm einfiel, daß er ſeine Taſchen auf den Marmortiſch des Gaſthofs ausgeleert hatte. Zu gleicher Zeit entſann er ſich aber, daß er, um das Medaillon auszulöſen, drei Louisd'or in ſein Uhrentäſchchen geſteckt. Das Täſchchen hatte getreulich das hinterlegte aufbewahrt; die drei Louis d'or waren immer noch da. Hoffmann entſchlüpfte den Armen von Werner, — —————,— *. — ——— 353 rief dieſem zu:„Warte auf mich!“ und eilte in der Richtung der Bude des Wechslers fort. Bei jedem Schritt, den er machte, kam es ihm vor, als zöge er, aus einem dichten Dunſte heraustre⸗ tend, durch eine immer lichter werdende Wolke nach ei⸗ ner reinen, glänzenden Atmoſphäre. Vor der Thüre des Wechslers hielt er an, um zu athmen; die alte Viſion, die Viſion der Nacht, war bei⸗ nahe verſchwunden. Er ſchöpfte einen Augenblick Athem und trat ein. Der Wechsler war an ſeinem Platz, die kupfernen Gefäße waren an ihrem Platz, die Louis d'or waren an ihrem Platz. Bei dem Geräuſch, das Hoffmann eintretend machte, ſchaute der Wechsler empor. „Ah! ah!“ ſagte er,„Sie ſind es, mein junger Landsmann; bei meiner Treue, ich geſtehe Ihnen, ich zählte nicht mehr darauf, Sie wiederzuſehen.“ „Ich ſetze voraus, Sie ſagen mir das nicht, weil Sie über das Medaillon verfügt haben,“ rief Hoff⸗ mann. „Nein, ich verſprach Ihnen, es für Sie aufzube⸗ wahren, und hätte man fünf und zwanzig Louis d'or, ſtatt der drei, die Sie mir ſchuldig ſind, dafür gege⸗ ben, das Medaillon wäre nicht aus meiner Bude ge⸗ kommen.“ „Hier ſind die drei Louis d'or,“ ſagte Hoffmann ſchüchtern;„doch ich geſtehe, ich habe Ihnen nichts für die Intereſſen zu bieten.“ „Für die Intereſſen von einer Nacht,“ eütgegnete der Wechsler,„gehen Sie doch, Sie ſcherzen; die In⸗ tereſſen von drei Louis d'or von einer Nacht, und einem Landsmann! niemals.“ Und er gab ihm das Medaillon zurück. „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ ſagte Hoffmann; „und nun,“ fuhr er mit einem Seufzer fort,„nun Tauſend und ein Geſpenſt. M. 23 354 will ich Geld ſuchen, um nach Mannheim zurückzu⸗ kehren.“ „Rach Mannheim? ah! Sie ſind von Mannheim?“ „Nein, mein Herr, ich bin nicht von Mannheim, aber ich wohne, in Mannheim: meine Braut iſt in Mannheim; ſie erwartet mich, und ich kehre nach Mann⸗ heim zurück, um ſie zu heirathen.“ „Ah!“ machte der Wechsler. Dann, als der junge Mann die Hand ſchon auf dem Knopf der Thüre hatte, fragte der Wechsler: „Kennen Sie in Mannheim einen alten Freund von mir, einen alten Muſiker 7 „Namens Gottlieb Murr 2“ rief Hoffmann. „Ganz richtig, Sie kennen ihn?“ „Ob ich ihn kenne! ich glaube wohl, da ſeine Tochter meine Braut iſt.“ „Antonia!“ rief der Wechsler. „Ja, Antonia,“ antwortete Hoffmann. „Wie, junger Mann, im Antonia zu heirathen, wollten Sie nach Mannheim. zurückkehren?“ „Gewiß.“ „So bleiben Sie in Paris, denn Sie würden eine vergebliche Reiſe machen.“ „Warum?“ „Ich habe hier einen Brief von ihrem Vater, der mir mittheilt, daß Antonia vor acht Tagen, um drei Uhr Nachmittags, plötzlich, während ſie Harfe ſpielte, geſtorben iſt.“ Das war gerade der Tag, an welchem Hoffmann zu Arſene ging, um ihr Portrait zu malen; es war gerade die Stunde, in der er ſeine Lippen auf ihre ent⸗ blößte Schulter gedrückt hatte. Bleich, zitternd, vernichtet, öffnete Hoffmann das Medaillon, um das Bild von Antonia zu küſſen, doch das Elfenbein war wieder ſo weiß und rein geworden, als ob es vom Pinſel des Künſtlers noch unberührt 355 Es blieb Hoffmann, der ſeinem Schwur zweimal ungetreu geweſen, nichts mehr, nicht einmal mehr das Bild von derjenigen, welcher er ewige Liebe geſchworen. Zwei Stunden nachher ſtieg Hoffmann, begleitet von Werner und dem guten Wechsler, in den Poſtwagen nach Mannheim, wo er gerade zu rechter Zeit ankam, um dem Leichnam von Gottlieb Murr zum Friedhof zu folgen. Sterbend hatte der alte Muſiker empfohlen, ihn an der Seite ſeiner theuren Antonia zu beerdigen. Ende der erſten Abtheilung von Tauſend und ein Geſpenſt. 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17