— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Cduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und Feſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von iedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahld werden und eträgt: Stun⸗ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Pither: auf 1 Monat: 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung* der Bücher auf ihre eigenen Koſten unv Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Es war in der That etwas, was dieſem ſtark glich, nämlich fünfzehn Eſel, Pferde und Maulthiere, begleitet von ihren Arrieros. Ich habe nie einen pittoreskerern Anblick geſehen, als den, welchen der Hof des Gaſthauſes bot, als wir hinabkamen. Es war einer von den großen viereckigen Höfen mit Arcaden, die ein Impluvium bildeten und ſich an den vier Seiten des Gebäudes erſtreckten. Die Mitte war durch einen ungeheuren Orangen⸗ baum ausgefüllt, der ſo dick, wie eine Eiche. Unter dieſem Impluvium ſtampften unſere Eſel und unſere Maulthiere, beleuchtet durch ein Dutzend Fackeln, welche die Arrieros trugen. Die Flamme der Fackeln ſpielte auf allen glän⸗ zenden Punkten der Ausrüſtung der Thiere und der Tracht der Männer, und verlor ſich dann in dem dichten, düſtern Blätterwerk des Orangenbaums, in deſſen Mitte ſeine goldenen Früchte funkelten. Zwei Maulthiere waren mit Mundvorräthen bela⸗ den; ein drittes trug einiges Gepäcke und auf dieſem Tauſend und ein Geſpenſt. U. 1 britten hatte ſchon Paul, in arabiſcher Tracht, ſeinen Platz genommen. Zwei andaluſiſche Pferde, das eine weiß, das an⸗ dere iſabellfarbig, mit ihren Reitern in Mayo⸗Tracht, die Flinte auf dem Kreuz des Thieres, den Dolch im Gürtel ſteckend, warteten auf uns. Das waren Hernandes und Raves. Paroldo war heraufgekommen, um uns zu benach⸗ richtigen, und gab ſeine Befehle, wie ein Heerführer. Inmitten dieſer ganzen Karavane zog ein herrlicher weißer Eſel, mit einem Sattel von rothem Sammet, groß, ſtolz und ungeduldig, wie ein Pferd, mein Auge durch ſeine ſtattliche Haltung auf ſich und ließ mich die von mir bis jetzt als übertrieben angeſehene Lobes⸗ erhebung begreifen, welche Sancho Panſa beſtändig von ſeinem Thiere machte. Sobald ich erſchien, ſtiegen Raves und Hernandes ab, und boten⸗mir mit der Miene und der Artigkeit, die nur den Spaniern eigenthümlich find, ihre Pferde an; doch Paroldo war ihnen zuvorgekommen, der treff⸗ liche weiße Eſel war für mich beſtimmt. Die Karavane ſetzte ſich in Marſch. Ich habe nichts Groteskeres geſehen, als dieſe lange Schlange, die ſich in der Nacht durch die Straßen von Cordua wand und ſich ſtückweiſe erleuchtete, wenn zufällig eine Oeffnung das Licht zu ihr dringen ließ. Die zwei Pferde marſchirten an der Spitze, dann kam der weiße Eſel, der alle ſeine Kräfte anſtrengte, um den erſten Rang zu behaupten. Hinter dem weißen Eſel dehnten ſich in der launenhaften Unabhängigkeit ihres Ganges etwa zehn kleinere Eſel aus, ohne Sättel, ohne Zäume, ohne Halfterriemen, nur mit einer einfa⸗ chen auf den Rücken gelegten und unter dem Bauch befeſtigten Decke; von Steigbügeln war eben ſo wenig die Rede, als von Halfterriemen, Zäumen und Sätteln. Ein paar Maulthiere, mit Mundvorräthen und unſe⸗ —— — x — ecr e„ S—.— 8— e — e — 3 rem Gepäcke beladen, machten den Schweif der Colonne und bildeten die Nachhut. Eine Viertelmeile von der Stadt ſtieß der junge Mann zu uns, welchen einzuladen Raves, Paroldo und Hernandes übernommen hatten. Er ritt einen Schecken und trug das Coſtume der Manchegos, das heißt, das Wamms, die Beinkleider und die Mütze von Ziegenfell, die Haare auswärts gekehrt. Dieſe Tracht gab ihm ein wildes Ausſehen, was ſeinen Theil zu dem Pitto⸗ resken beitrug, das unſere Karavane ſchon hatte. Das Terrain, welches Cordua vom Gebirge trennt, ſchien mir, ſo viel ich beim Mondſchein beurtheilen konnte, geadert, wie eine große rothe Marmortafel; weite durch die Hitze verurſachte Spalten durchzogen überall die geplagte Erde, und der Weg folgte durch die Ebene allen Abſchweifungen, die ihm die Launen des Bodens auferlegten. Jeden Augenblick hörten wir das Geräuſch eines Körpers, der niederfiel, einer Flinte, die im Fallen er⸗ tönte. Wir wandten uns um und erblickten einen Eſel ohne Reiter, der ein Grashälmchen abknipp oder eine Diſtel fraß; im Schatten erhob ſich dann eine Anfangs ungeſtalte Maſſe, die ſich bald verlängerte, das Aus⸗ ſehen eines Menſchen annahm und ſich wieder auf den gefälligen Eſel ſetzte, der ſeinen Reiter nur unter der in ſeinem Innern feſigeſtellten Bedingung, ſich ſeiner bei der nächſten Gelegenheit abermals zu entledigen, wieder aufnahm. Als wir zu den erſten Abhängen der Sierra kamen, war es ungefähr vier Uhr; das Licht des Mondes war lebhaft genug, daß man dabei hätte einen Brief leſen können. Kein Geräuſch machte ſich hörbar. Das Ge⸗ birge ſchien mit einem religiöſen Stiliſchweigen zu uns zu kommen; von Zeit zu Zeit ſah man unter einem ſilbernen Mondſtrahl, weiß übergoſſen, ein Landhaus, umgeben von einem Walde von Orangenbäumen, deren Wohlgerüche man vermiſcht mit jener Morgenluft einath⸗ mete und fühlte, welche eine Stunde vor Sonnenaufgang über die Oberfläche der Erde hinläuft und der letzte Seufzer der Nacht zu ſein ſcheint. Wie wir gegen das Gebirge kamen, ſchien das weiße Ende des Weges, dem wir folgten, ſich unter einer düſtern Arcade zu verlieren, welche ziemlich das Ausſehen des Rachens eines niedergekauerten, mit dem Verzehren einer Schlange beſchäftigten Ungeheuers hatte. Dieſer Rachen war die Fortſetzung des Weges, der aus einer Straße zum Fußpfade wurde, auf deſſen beiden Seiten ſich eine Art von Makis erhob, beſtehend aus Erdbeerbäumen und Steineichen, deren Zweige ſich an ihrem oberen Ende verbanden und den düſteren Ra⸗ chen bildeten, der uns zu verſchlingen ſich anſchickte. Wir drangen hier ein mit dem inſtinktartigen Ge⸗ fühle, daß wir die civiliſirte Erde mit der wilden Erde vertauſchten, und daß wir nach Ueberſchreitung dieſer Grenze nur noch von uns allein Schutz zu fordern hat⸗ ten. Die Stärke erſetzte das Recht. Nachdem wir ungefähr fünfzig Schritte auf dieſem Abhang gemacht hatten, fiel uns ein ſeltſamer Umſtand auf: daß nämlich der Weg von Kreuzen, welche mit Inſchriften verſehen, eingefaßt war. Dem erſten, dem zweiten von dieſen Kreuzen ſchenkten wir keine Auf⸗ merkſamkeit; doch beim dritten, beim vierten und beim fünften fragten wir, was ſie bedeuteten. Unſere vier Corduaner lachten über unſere Naive⸗ tät. „Steigen Sie ab und leſen Sie,“ ſagte Paroldo u mir. Ich ſchickte mich an, abzuſteigen, doch ich bemerkte, daß ich mir eine unnöthige Mühe machte, inſofern eines von dieſen Kreuzen, an einen Baumſtamm genagelt, ſich gerade in meinem Bereiche fandz es war überragt von einem Buſche geweihten Buchs, und in weißen Buch⸗ ſtaben las man folgende Inſchrift auf dem Querholz: ze⸗ ſer t⸗ m nd it m * 5 En esto sitio fu asacinado el conde Roderigo de Torrejas, anno 1845. Was bedeutete: „An dieſer Stelle wurde im Jahre 1845 der Graf von Torrejas ermordet.“ Zehn Schritte davon fand ſich eine andere Inſchrift, nur war ſie auf der anderen Seite des Fußpfades an⸗ genagelt. Dieſe zweite Inſchrift war noch gedrängter, als die erſte. Sie bot nur die Worte: Aqui fu asacinado su hijo, Hernandes de Tor- rejas. „Hier wurde ſein Sohn Hernandes von Torrejas ermordet.“ Welch ein gräßliches Drama mußte auf dieſem kleinen Raum vorgefallen ſein, während der Vater ſei⸗ i während der Sohn ſeinen Vater tödten fah Ich ließ die Inſchriften unſere Kameraden leſen. „Meine Herren,“ fagte ich,„es iſt noch Zeit, nach Cordua zurückzukehren.“ Das Wort„Vorwärts!“ war die einzige Ant⸗ wort der Karavane, welche weiter zog. Nur zählten wir auf dieſem Wege, in einem Raum von einer Viertelmeile, achtzehn Kreuze. Der Pfad ſtieg einen jäheren Abhang hinauf, und ſo wie wir aufwärts ritten, ſchienen wir gegen das Licht zu marſchiren. Sechs bis acht Fuß breit, lehnte ſich der Weg links an die Flanke der Sierra an, und rechts öffnete ſich ein Abſturz, der jede Minute tiefer wurde. Im Grunde dieſes Abſturzes verdichtete ſich noch die Nacht, während die ſich entfernende Ebene in klarere Tinten einzutreten anfing. Auf dem dritten Plan trat Cordua ganz gefärbt von weißen Lichtern und blauen Schatten mit ſeinem Guadalquivir hervor, der, den Morgenſchimmer wieder⸗ ſcheinend, einen Flammenfluß zu wälzen ſchien. 6 Am entfernteſten Horizont endlich verloren ſich die Berge, über die wir gezogen waren, um von Granada nach Cordua zu kommen, in violetten, durchſichtigen, weichen Tinten. So lange unſer Blick dieſe wunderbare Ebene um⸗ faſſen konnte, trennte er ſich nicht eine Secunde davon. Unſere Maler gaben Schreie der Bewunderung und des Bedaurens von ſich, denn ſie fühlten wohl, daß nie ein Pinſel, nie eine Kreide, nie eine Palette dem erhabe⸗ nen Gemälde, das die Sierra vor unſern Augen ent⸗ rollte, nahe kommen würden. Endlich erreichten wir den Gipfel von einer der erſten Anhöhen, und indem wir uns raſch links wand⸗ ten, ließen wir dieſes ganze wunderbare Panorama hin⸗ ter uns. Zehn Minuten nachher war es durch einen Vor⸗ hang von Bäumen verſchleiert, und wir ſollten es bei unſerer Rückkehr nicht mehr finden. Auf dieſem Plateau angelangt, marſchirten wir eine Zeit lang auf einem glatten Terrain; dann begannen wir eine zweite Höhe hinaufzuſteigen. Nach ungefähr drei Viertelſtunden hatten wir dieſe zweite Anhöhe über⸗ ſtiegen, und wir zogen uns unter einer Art von Wald abwärts, in welchem die erſten Sonnenſtrahlen durchzu⸗ brechen anfingen. Wir brauchten eine weitere halbe Stunde, um durch dieſen Wald zu reiten, deſſen Bäume ſich bald lichteten und durch die Lichtungen fingen wir an eine kleine kräftig erleuchtete Ebene zu erſchauen. Mitten in dieſer Ebene erhob ſich ein Brunnen, deſſen reichliches Waſſer in einen großen ſteinernen Trog floß; um den Brunnen her ſtanden, uns erwar⸗ tend, ungefähr dreißig Männer und etwa vierzig Hunde.. Als ſie uns erblickten, entblößten ſich die Männer und kläfften die Hunde. Rechts, die Straße beherrſchend, worauf ſich Men⸗ die ada en, m⸗ on. des ein be⸗ nt⸗ der id⸗ in⸗ or⸗ bei ine en hr er⸗ ld u⸗ im ld ne n, en r⸗ ig v—— 7 ſchen und Thiere gruppirten, ragte ein mit Zinnen ver⸗ ſehenes Haus empor, welches zu Bezeichnung des Brun⸗ nens in dem Antwortſchreiben gedient hatte. Dieſer Brunnen war der Ort der Zuſammenkunft; dieſe Männer waren unſere Wirthe, die Edelleute der Sierra Morena. Wir ſetzten unſere Thiere in Trab; auf zehn Schritte von ihnen hielten wir dann an und ſtiegen ab. Da ich die Initiative des Zuges genommen hatte, ſo machte man aus mir die Hauptperſon und ſchob mich voran. Auf der Hälfte des Weges traf ich mit einem Manne von vierzig bis zwei und vierzig Jahren zu⸗ ſammen, einer wahren ſpaniſchen Erſcheinung.„ſchwar⸗ zer Bart, ſchwarze Augen, bronzirte Geſichtshaut, kurze, krauſe Haare, weiße Zähne, offene Phyſio⸗ gnomie. Das war der Torero. Wir gaben uns die Hand, wir wechſelten ein paar Worte, welche wir zu verſtehen in gegenſeitiger Höflich⸗ keit die Miene annahmen. Hienach vermengten ſich alle Gruppen, und wir bildeten nur noch eine compacte Maſſe. Das Frühſtück erwartete uns. Das waren geräu⸗ cherte Hirſchkeulen, Wildſchweinſchenken, Weine von Malaga, Alicante und Keres. Wir ließen unſererſeits unſere Mundvorräthe ab⸗ packen. Wir brachten, was man ſich im Gebirge nicht verſchaffen kann, nämlich Paſteten, Schinken von Granada, Truthennen, Hühner, Oliven, Schläuche mit den runden Bäuchen voll von einem leichten Montilla⸗ Wein, der unſerem Gvave⸗Wein gleicht. Man legte Alles auf die Erde. Ich machte Paul ein Zeichen. Paul begriff; er öffnete den Behälter des Silber⸗ zeugs und warf Händevoll Meſſer und ſilberne Gaheln auf die Decken, welche als Tiſchtücher dienten⸗ 8 Dann ſetzte er den leeren Behälter mitten unter die Gäſte. Der Torero ſchaute ſeine Gefährten mit einer W an, welche bedeutete: Nun! was ſagt Ihr hiezu? Unſere Wirthe antworteten durch ein Zeichen der Zufriedenheit. Jeder nahm mit dem Ende der Finger ein Meſſer oder eine Gabel, und man fing an abzuſchneiden. Von dieſem Augenblick an war die Bekanntſchaft vollkommen gemacht, und unſere Wirthe wurden für uns und wir wurden für unſere Wirthe gewöhnliche Jagdgefährten. Die Hunde ſchienen uns auch von dieſem Augen⸗ blick nicht mehr als Fremde, ſondern als einen Zuwachs an Herren angenommen zu haben. Das war keine zu verachtende Pacification. Dieſe halb wilden Hunde, welche die Mitte zwiſchen dem Wolf und dem Fuchs hielten, boten einen furchtbaren Anblick. Es wurden unter ſie einige Brode in einem be⸗ ſcheidenen, berechneten Maß ausgetheilt, um ihnen die Kraft zu erhalten, ohne denſelben den Hunger zu be⸗ nehmen. Die Windhunde jagen für ſich, und damit ſie gut jagen, darf man ſie nur halb ſättigen. Jeder hatte Eile, die Jagd zu beginnen. Nach einer halben Stunde, welche, man muß es bekennen, mit großer Thätigkeit von aller Welt angewendet wurde, gaben auch unſere Wirthe ſelbſt das Zeichen zum Aufbruch, indem ſie Meſſer und Gabeln im Brun⸗ nen wuſchen und dann wieder in den Behälter legten. Die Sonne fing in der That an am Horizont zu ſteigen, und wir waken davon in Kenntniß geſetzt, daß wir eine Meile zurückzulegen hatten, ehe wit zum erſten Trieb kamen. „Nun?“ fragte ich Paul. „Was, Herr?“ „Das Silberzeug?“ w ——— — „ ———+— 8 — v 9 „Die Rechnung iſt richtig.“ „Vorwärts alſo!“ Und ich ſchwang mich auf meinen Muſtereſel, ſetzte mich an die Spitze der Colonne, und wir drangen noch tiefer ins Gebirge ein. Nach einem Marſch von einer halben Stunde über⸗ ließ man Pferde, Eſel und Maulthiere der Obhut der Maulthiertreiber und ging zu Fuß weiter. Der Torero hatte ſich meiner bemächtigt, er über⸗ nahm es, mich, ſo wie meinen Sohn, zu ſtellen; damit ſagte er uns, daß er uns, wenigſtens ſeiner Meinung nach, die beſten Plätze vorbehielt. Als ich den, welchen er mir beſtimmte, erreicht hatte, blieb ich ſtehen und richtete meinen Carabiner zurecht; es war dies ein vortreffliches Doppelgewehr mit einem Jagdmeſſer als Bajonett, und wurde mit Spitzkugeln geladen. Der Torero bat mich, die Operation vor ihm vor⸗ zunehmen, damit er den Mechanismus ſehe; es lud ſich durch die Schwanzſchraube, und es war das erſte Mal, daß ein ſolches Gewehr ſeine Neugierde erregte. Er unterſuchte es mit der größten Aufmerkſamkeit und gab es mir zurück; dann lud er ohne Bedauern, ohne Neid ſein einläufiges Gewehr mit Pfröpfen von Papier, das er von einer geſchriebenen Brochure abriß. Wonach er mir Stillſchweigen empfahl und meinen Sohn weiter führte. Als ich allein war, betrachtete ich die Landſchaft. Wir umgürteten einen pyramidenförmigen Berg, der ganz mit ſechs bis acht Fuß hohen Maſtirbäumen und Erdbeerbäumen bedeckt war. Stellenweiſe erſchienen, wie ungeheure Warzen, mitten in dem dunklen Grün des Gehölzes Sandſteinfelſen von gerundeten Formen; unter meinen Füßen war ein kreisförmiges Thälchen, welches die Baſe des Berges bezeichnete und, um den⸗ ſelben ſich erweiternd, ähnlich der Krämpe eines Hutes, 10 aufſtieg. Etwas weniger bewachſen, als die Pyramide, erlaubte dieſer ganze Theil zwiſchen den Büſchen die Thiere zu erſchauen, welche die Hunde, unterſtützt von den Jägern, uns zuſammentreiben ſollten. Der Torero hatte mir vorher geſagt, es würde eine halbe Stunde dauern, ehe die Jagd anfinge. Ich blickte alſo umher und fragte mich, was ich mit dieſer halben Stunde thun ſollte; bei dieſer topographiſchen Forſchung bemerkte ich auf der Erde das Heſt, von deſſen Decke der Torero ſchon zwei Pfröpfe entlehnt hatte; ohne Zweifel hatte er es in die Taſche ſtecken wollen, aber neben derſelben herabfallen laſſen. „Ich hob es auf, legte mich in den Schatten eines Erdbeerbaumes, deſſen rothe Früchte, großen Erd⸗ beeren ähnlich, ſich über meinem Kopfe ſchaukelten, und las: Historia maravillosa de Don Bernardo de Zu⸗ niga. Das heißt: Wunderbare Geſchichte von Don Bernardo von Zuniga. Dieſe Chronik war Manuſeript, und folglich aller Wahrſcheinlichkeit nach unbekannt. Da ſie kurz iſt und die Jagd, ſtatt in einer hal⸗ ben Stunde anzufangen, erſt nach fünf und vierzig Minuten anfing, ſo hatte ich Zeit ſie von A bis zum Z zu leſen, bis die Hunde den erſten Laut gaben. Sie folgt hier. ide, die von Geſchichte von Don Pernardo von Juniga. Der heilige Brunnen. ſer hen Es war am 25. Januar 1492. Nach einem acht on hundertjährigen Kampfe gegen die Spanier, hatten ſich hnt die Mauren in der Perſon von Al⸗Schagyr⸗Abu⸗Abdallah ken für beſiegt erklärt, von welchem am 6. des vorherge⸗ henden Monats, das heißt am Tage der Könige, die nes Stadt Granada in die Hände der Sieger, Ferdinand rd⸗ und Iſabella, übergeben worden war. en, Die Mauren hatten Spanien in zwei Monaten erobert; man hatte acht Jahrhunderte gebraucht, um u⸗ es ihnen wiederzunehmen. Das Gerücht von dieſem Sieg verbreitete ſich raſch. Durch ganz Spanien ertönten die Glocken in on den Kirchen, wie am heiligen Oſtertag, da Unſer Herr auferſteht, und alle Stimmen riefen: Es lebe Ferdi⸗ ler nand! es lebe Iſabella! es lebe Leon! es lebe Ca⸗ ſtilien! al⸗ Das war noch nicht Alles: man ſagte, in dieſem zig Jahr des Segens, wo Gott Spanien mit einem Vater⸗ um auge angeſchaut, ſei ein großer Reiſender vor den zwei Königen erſchienen und habe verſprochen, ihnen eine 8 unbekannte Welt zu geben, die er zu entdecken ſicher * ſei, wenn er immer vom Oſten nach dem Weſten gehe. Doch dies galt allgemein für eine Fabel, und der Abenteurer, der ſich hiezu verpflichtet hatte, und der S Colombus hieß, wurde als ein Narr ange⸗ ehen. Uebrigens hatten ſich in jener Zeit ſchwieriger Ver⸗ bindungen dieſe Nachrichten noch nicht auf eine ſehr * entſchiedene Weiſe auf der ganzen Oberfläche der Halb⸗ inſel verbreitet. In dem Maße, in welchem, topogra⸗ phiſch, die Provinzen ſich von den Provinzen entfernten, in denen ſich die Mauren concentrirt hatten, und welche erſt ſeit achtzehn Tagen von Ferdinand und Iſabella befreit worden waren, wie in dem Maße, in welchem ſie ſich von einem Lichtmittelpunkte entfernen, die Ge⸗ genſtände allmälig in Dunkelheit verſinken, zweifelten allmälig noch die Einwohnerſchaften an dieſem großen Glück, das der ganzen Chriſtenheit zufiel; ſie drängten ſich um jeden Reiſenden, der vom Kriegsſchauplatz an⸗ kam, und fragten ihn nach den einzelnen Umſtänden dieſes großen Ereigniſſes. Eine von den Provinzen, nicht eine von den ent⸗ fernteſten, ſondern eine von den am meiſten von Gra⸗ nada getrennten, denn zwei große Gebirgsketten dehnen ſich zwiſchen ihr und dieſer Stadt aus, Eſtramadura, das zwiſchen Neu⸗Caſtilien und Portugal liegt, und ſeinen Namen ſeiner äußerſten Lage an den Quellen des Duero entlehnt; Eſtramadura hatte ein um ſo größeres Intereſſe, unterrichtet zu werden, als es, ſchon ſeit 1240 durch Ferdinand 1ll. von Caſtilien von den Mau⸗ ren befreit, von damals an zu dieſem Königreiche gehörte, deſſen Erbin Iſabella war, welche den Namen: die Katholiſche, verdient hatte. Es hatte ſich auch eine große Menge an dem Tage, wo dieſe Geſchichte ſich eröffnet, nämlich am 25. Januar 1492, im Hofe des Schloſſes Bejar verſam⸗ melt, wo Don Bernardo von Zuniga, der dritte Sohn von Pedro von Zuniga, Grafen von Bagnares und Marquis von Ayamonte, dem Herrn des Schloſſes, ein⸗ geritten war. Denn Niemand konnte friſchere Nachrich⸗ ten von den Mauren und den Chriſten geben, als Don Bernardo von Zuniga, der, ein Ritter des Heeres von Iſabella, bei einem von den Ausfällen, die der Held der Araber, Muſay⸗Ebn⸗Abyl⸗Gazan verſuchte, gefangen genommen und verwundet in die arabiſche Stadt ge⸗ führt worden war, deren Thore ſich erſt an dem Tage, —— * 13 3 wo die Chriſten ihren Einzug hielten, wieder für ihn he geöffnet hatten. lla Don Bernardo war zur Zeit, da er uns erſcheint, em nämlich in dem Augenblick, wo er nach einer Abwe⸗ ſenheit von zehn Jahren, auf ſeinem Schlachtroß rei⸗ tend und umgeben von Dienern, Knechten und Vaſal⸗ en len, in das väterliche Schloß heimkehrt, ein Mann en von fünf und dreißig Jahren, abgemagert durch die n Strapazen und beſonders durch die Wunden, und er en wäre bleich geweſen, hätte nicht ſein Geſicht, durch die Sonne des Süden verbrannt, eine Bronzefarbe ange⸗ t⸗ nommen gehabt, welche aus ihm einen Landsmann und a Bruder der Menſchen, die er bekämpft, zu machen ſchien. en Dieſe Aehnlichkeit war um ſo größer, als, eingehüllt, a, wie er war, in den großen weißen Mantel von Alcan⸗ nd tara, einen Flügel dieſes Mantels um ſein Geſicht ge⸗ en rollt, um es vor dem ſcharfen Gebirgswind zu ſchützen, ſo nichts dieſen Mantel vom arabiſchen Burnus unter⸗ on ſchied, wenn nicht das grüne Kreuz, das die Ritter des u⸗ heiligen Ordens auf der linken Seite der Bruſt trugen. te. Der Zug, der mit ihm in den Schloßhof kam, ie begleitete ihn ſeit ſeiner Erſcheinung vor den Thoren der Stadt; ehe man ihn nur erkannt, hatte man erra⸗ m then, dieſer Mann mit dem düſteren Auge, mit der he⸗ 5. roiſchen Haltung, mit dem halb religiöſen, halb kriege⸗ n⸗ riſchen Mantel komme vom Kriegsſchauplatze. Man hn hatte ſich bei ihm erkundigt, um Meuigkeiten zu erfah⸗ nd ren. Dann hatte er ſich genannt, er hatte die guten n⸗ Leute eingeladen, ihm in den Schloßhof zu folgen, und h⸗. hier angelangt, war er unter tauſend Zeichen allgemei⸗ n ner Zuneigung und Achtung abgeſtiegen. P Nachdem er den Zaum ſeines Roſſes einem Stallmei⸗ ld ſter zugeworfen und ihm dieſen braven Gefährten ſeiner en Strapazen, der mehr als eine ſichtbare Spur des Kam⸗ e⸗ pfes, den er ausgeſtanden, an ſich trug, empfohlen e,„ hatte, ging Don Bernardo von Zuniga die Stufen der nach dem Haupteingang des Schloſſes führenden Frei⸗ treppe hinauf; als er die oberſte Stufe erreicht hatte, wandte er ſich um und erzählte, um die Neugierde Aller zu befriedigen, wie Ferdinand der Katholiſche, nachdem er dreißig feſte Plätze und eben ſo viele Städte erobert, Granada zu belagern angefangen; wie nach einer lan⸗ gen und furchtbaren Belagerung Granada ſich am 25. November 1491 ergeben habe, und wie endlich der Kö⸗ nig und die Königin am 6. des Monats Januar, am Tage der Erſcheinung Chriſti, als einzige Domäne dem Nachfolger der Könige von Granada und der Kalifen von Cordua eine kleine Schenkung in den Alpujarras laſſend, eingezogen ſeien. Nachdem dieſe Auskunft zur großen Freude der Zuhörer gegeben war, trat Don Bernardo, nur von ſeinen vertrauteſten Dienern begleitet, in das Schloß ein. Nicht ohne eine gewaltige Gemüthsbewegung ſah Don Bernardo nach zehn Jahren das Zimmer dieſes Schloſſes wieder, wo er ſeine Kindheit verlebt hatte, und das er leer fand, da ſich ſein Vater in Burgos aufhielt, und von ſeinen zwei ältern Brüdern der eine ge⸗ ſtorben war und der andere ſich beim Heere von Fer⸗ dinand befand. Don Bernardo durchlief traurig und ſchweigſam alle Gemächer; es war, als läge im Grunde ſeines Geiſtes eine Frage, die er nicht zu thun wagte, und die unter den Fragen, welche er machte, verſchleiert blieb. Endlich ſtand er vor dem Portrait eines Mädchens von neun bis zehn Jahren ſtille und fragte mit einem gewiſſen Zögern, was für ein Portrait dies ſei. Der Befragte ſchaute Don Bernardo ſtarr an, ehe er antwortete. Es war, als begriffe er nicht. „Dieſes Portrait?“ ſagte er. „Allerdings dieſes Portrait,“ wiederholte Don Bernardo mit gebieteriſchem Ton. „Gnädigſter Herr,“ antwortete der Diener,„es iſt +—„——— 8———— — — te, ler m rt, n⸗ 5. ö⸗ m m en as er on oß h es e, o8 e⸗ r⸗ m es 1d 15 15 das Eurer Baſe Anna von Niebla, Eure Herrlichkeit kann unmöglich dieſe arme Waiſe vergeſſen haben, welche im Schloſſe erzogen worden iſt und für Euren älteſten Bruder beſtimmt war.“ „Ah! ganz richtig,“ ſagte Don Bernardo,„und was iſt aus ihr geworden?“ „Als Euer älteſter Bruder im Jahre 1488 ſtarb, befahl Euer gnädigſter Herr Vater, daß Anna von Niebla in das Kloſter der Unbefleckten Empfängniß, vom Orden von Calatrava, eintrete und hier ihr Ge⸗ lübde ablege, da Euer zweiter Bruder verheirathet und Eure Herrlichkeit Ritter eines Ordens iſt, der das Cö⸗ libat vorſchreibt.“ Don Bernardo ſließ einen Seufzer aus. „Das iſt richtig,“ ſagte er. Er machte keine andere Frage mehr. Nur, da Anna von Niebla im Schloſſe Bejar ſehr beliebt war, wollte der Diener den Umſtand, daß das Geſpräch auf die junge und reiche Erbin gefallen war, benützen und verſuchte es, fortzufahren. Doch bei dem erſten Worte, das er über dieſen Gegenſtand ſagte, hieß ihn Don Bernardo auf eine Weiſe ſchweigen, daß er ihm begreiflich machte, er habe Alles erfahren, was er zu wiſſen wünſche. Man konnte ſich ubrigens nicht in Betreff der Urſache täuſchen, welche Don Bernardo zur Rückkehr in das Schloß ſeiner Väter beſtimmt hatte; denn er war beſorgt, ſchon an demſelben Tag dieſe Urſache aller Welt bekannt zu machen. Das Schloß Bejar lag zwei bis drei Meilen von einer Quelle, die man den Heiligen⸗ Brunnen nannte, und welche ohne Zweifel ihrer Lage in der Nachbarſchaft des Kloſters der Unbefleckten Em⸗ pfängniß das Vorrecht, Wunder zu thun, zu verdan⸗ ken hatte. Dieſer Brunnen war beſonders wunderbar wegen der Heilung von Wunden, und Don Bernardo war, wie geſagt, noch bleich, mager und leidend von den Wunden, die er bei der Belagerung von Granada er⸗ halten hatte. Am andern Tage beſchloß auch Don Bernardo, die Behandlung zu beginnen, der er in ſeinem reli⸗ giöſen Glauben eine ſchnelle Heilung verdanken zu müſſen hoffte. Die Vorſchrift, die man zu befolgen hatte, war ganz einfach. Don Pedro würde thun, was der ärmſte Bauer that, welcher den Beiſtand der heili⸗ gen Mutter Gottes erflehte, unter deren Anrufung der Brunnen ſtand. Ueber der Ouelle erhob ſich ein klei⸗ ner, aus einem einzigen Felſen beſtehender Hügel; oben auf dieſem Felſen ragte ein Krenz empor. Man er⸗ kletterte den Felſen mit nackten Füßen, man kniete vor dem Kreuze nieder, ſprach andächtig fünf Pater und fünf Ave, ſtieg ebenfalls mit nackten Füßen wieder herab, trank ein Glas Waſſer und ging nach Hauſe. Die Pilgerfahrten theilten ſich in neuntägige An⸗ dachten, und am Ende der dritten Abtheilung dieſer Art, das heißt nach ſieben und zwanzig Tagen, kam es ſelten vor, daß man nicht geheilt war. Am andern Morgen, bei Tagesanbruch, ließ ſich Don Bernardo von Zuniga wirklich ſein Pferd vor⸗ führen, und da er hundertmal in ſeiner Jugend den Weg nach der Quelle gemacht hatte, ſo ritt er allein zu ſeiner Geſundheits⸗Pilgerfahrt weg. An der Quelle angelangt, ſtieg er ab, band ſein Pferd an einen Baum, zog ſeine Fußbekleidung aus, kletterte mit bloßen Füßen auf den Felſen, ſprach ſeine fünf Pater und ſeine fünf Ave, ſtieg wieder hinab, trank ein Glas Waſſer vom Brunnen ſelbſt, zog ſeine Stiefel wieder an, ſchwang ſich auf ſein Pferd, warf einen Blick, einen religiöſen ohne Zweifel, nach dem Kloſter der Unbefleckten Empfängniß, das in der Ent⸗ fernung einer halben Meile von da durch die Bäume zu erſchauen war, und kehrte in ſein Schloß zurück. Jeden Tag unternahm Don Bernardo dieſelbe Fahrt, und es war ſichtbar, daß das Wunderwaſſer auf er⸗ rdo, reli⸗ zu gen was eili⸗ der lei⸗ ben er⸗ vor und der e. An⸗ eſer es ſich Oor⸗ den ein ſein us, ine ab, ine arf em nt⸗ me lbe auf 17 ſeinen Koͤrper wirkte, obgleich ſeine Stimmung trau⸗ rig, beinahe zurückſtoßend blieb. Er machte die drei neuntägigen Andachten durch. Während der letzten Tage der dritten war ſeine Ge⸗ ſundheit wiederhergeſtellt, und er hatte ſchon ſeine nahe bevorſtehende Abreiſe zum Heere verkündigt, als er am ſieben und zwanzigſten Tage, da er am Fuße des Kreuzes kniete und ſein letztes Ave ſprach, einen Zug herbeikommen ſah, der nicht ohne Intereſſe für einen Mann war, welcher ſo oft, indem er von der Quelle Ab⸗ ſchied nahm, die Augen auf das Kloſter der Unbefleck⸗ ten Empfängniß geworfen hatte. Es war ein Zug beſtehend aus Nonnen, in Be⸗ gleitung einer offenen Sänfte, welche von Bauern getragen wurde. Auf dieſer Sänfte lag eine Nonne, die man im Triumph zum Brunnen zu tragen ſchien; die Nonnen, welche die Sänfte begleiteten, und die, welche barauf lag, waren ängſtlich verſchleiert. Statt, wie gewöhnlich, vom Felſen herabzuſteigen und am Brunnen zu trinken, wartete Don Bernardo, ohne Zweifel neugierig, zu ſehen, was vorgehen ſollte. Seine Neugierde war jo groß, daß er ſein letztes Ave zu ſprechen vergaß. Der Zug hielt vor der Quelle; die auf der Sänfte liegende Nonne ſtieg von dieſer herab, zog ihre Fuß⸗ bekleidung aus, und ging mit einem Anfangs wanken⸗ den, allmälig aber ſich befeſtigenden Schritt den Felſen hinauf; am Fuße des Kreuzes, das Don Bernardo zurückweichend freigelaſſen hatte, angelangt, kniete die Nonne nieder, verrichtete ihr Gebet, ſtand wieder auf un ſtieg hinab, um zu ihren Gefährtinnen zurückzu⸗ ehren. Mochte es eine Täuſchung ſein, es kam Don Ber⸗ nardo vor, als heftete die Nonne, während ſie nieder⸗ kniete und während ſie aufſtand, eine Secunde lang ihren Blick auf ihn. Tauſend und ein Geſpenſt. U. 2 —— ——— 13 Don Bernardo hatte bei Annäherung der from⸗ men Jungfrau eine ſeltſame Gemüthsbewegung em⸗ pfundenz etwas wie eine Blendung war vor ſeinen Augen hingezogen, und er hatte ſich an einen Baum angelehnt, als hätte der Fels, unſicher auf ſeiner Grund⸗ lage, gezittert. Doch in demſelben Maß, in dem ſich die Nonne entfernte, kehrte die Kraft wieder bei ihm zurück; um ihr länger mit den Augen zu folgen, neigte er ſich dann über den Rand des Felſen, der den Brunnen überragte. Die Nonne war herabgeſtiegen, hatte ſich dem Brunnen genähert, indem ſie ſich nun dem heiligen Waſſer allein ſichtbar machte, den Schleier zuruck⸗ geſchoben und nach dem Gebrauche aus der Quelle ſelbſt getrunken. Dann war aber etwas geſchehen, woran Niemand gedacht, und was folglich Niemand hatte vorherſehen können. Der durchſichtige Kriſtall der Quelle ver⸗ wandelte ſich in einen Spiegel, und von der Stelle, wo er ſtand, ſah Don Bernardo das Bild der Nonne ſo deutlich, als ob es von einem Glaſe wiedergeſtrahlt worden wäre. Sie war trotz ihrer Bläſſe ein ſolches Wunder von Schönheit, daß Don Bernardo einen Schrei der Be⸗ wunderung und des Erſtaunens ausſtieß, der laut genug ertönte, um die fromme Kranke beben zu machen, welche auch, nachdem ſie kaum ihre Lippen in das Waſſer ge⸗ taucht hatte, ihren Schleier kreuzte und die Sänfte beſtieg, doch nicht ohne ein letztes Mal ihren Kopf nach der Seite des unvorſichtigen Ritters zu drehen. Don Bernardo von Zuniga ſtieg raſch die Stufen des Felſen hinab, wandte ſich an einen von den Zu⸗ ſchauern dieſer Scene und fragte: „Weißt Du, wer die Frau iſt, die ſo eben an der Quelle getrunken hat, und die man nach dem Kloſter der Unbefleckten Empfängniß trägt?“ „Ja,“ antwortete der Befragte;„es iſt eine Nonne, wel für ſche des heu lüb zu bew er e Non Nie Gra Sol geke nade „Ah geſeh laſſer nach folgt wo d rfrom⸗ g em⸗ ſeinen Baum Grund⸗ Nonne ck; um er ſich runnen itte ſich eiligen zuruck⸗ e ſelbſt iemand erſehen e ver⸗ lle, wo nne ſo ſtrahlt der von r Be⸗ genug welche er ge⸗ Sänfte f nach Stufen n Zu⸗ n der dloſter konne, ¹9 welche eine Krankheit durchge für tödtlich hielt, und ſie iſt ſcheint, über eine Stunde tod des heiligen Waſſers hat ſie macht hat, die Jedermann auch in der That, wie es tgeweſen. Doch die Kraft dergeſtalt geheilt, daß ſie heute zum erſten Mal ausgehen konnte, um ihr Ge⸗ lübde zu erfüllen und an der Quelle ſelbſt das Waſſer zu trinken, das man geſtern „Und,“ fragte Don Ber bewegung, welche das große noch für ſie hier ſchöpfte.“ nardo mit einer Gemüths⸗ Gewicht bezeichnete, das er auf ſeine Frage legte,„weißt Du den Namen dieſer onne?“ „Ja, gewiß, gnädiger Herr; ſie heißt Anna von Niebla und iſt die Nichte von Pedro von Zuniga, Grafen von Bagnares, Marquis von Ayamonte, deſſen Sohn, vor ungefähr einem Monat vom Heere zurück⸗ gekehrt, die gute Kunde von nada gebracht hat.“ der Einnahme von Gra⸗ „Anna von Niebla,“ murmelte Don Bernardo. „Ah! ich erkannte ſie wohl, doch ich hätte nie geglaubt, daß ſie ſo ſchön werden ſollte!„ Der oſenkranz von Anna von Viebla. Don Bernardo hatte alſo die Jungfrau wieder⸗ geſehen, die er als Kind im Schloſſe Bejar zurückge⸗ laſſen, und deren Andenfen ihn aller Wahrſcheinlichkeit nach während der zehn Jahre ſeiner Abweſenheit ver⸗ folgt hatte. Während dieſer zehn Jahre einſamer Träumerei, wo der Geiſt von Don Bern von Niebla im erſten Frühl ardo der Reife von Anna ing ihres Lehens folgte, 20 war das junge Mädchen zur Frau geworden; Anna hatte ein Alter von zwanzig Jahren erreicht, während Don Bernardo fünf und dreißig Jahre zählte: ſie hatte das Gewand der Nonne angelegt, während er ſich in den Mantel des Ritters von Alcantara gehüllt. Sie war die Braut des Herrn, er war der Ritter Chriſti. Den zwei in demſelben Hauſe aufgezogenen jungen Leuten war, ſeit dem Austritt aus dieſem Hauſe, jede Mittheilung durch das Wort unterſagt, jeder Austauſch eines Blickes verboten. Darum hatte ohne Zweifel der Anblick ſeiner Baſe in dem ſeltſamen Spiegel, worin er ihre Züge erſchaut, eine ſo lebhafte Bewegung im Herzen von Don Ber⸗ nardo von Zuniga hervorgebracht. Er kehrte in das Schloß zurück, jedoch nachdenken⸗ der, düſterer, ſchweigſamer, als gewöhnlich, und ſogleich ſchloß er ſich in dem Zimmer ein, wo er das Portrait von Anna von Niebla als Kind geſehen hatte. Ohne Zweifel ſuchte er auf der Leinwand die beweglichen Züge, die er im Brunnen zitternd erſchaut, wiederzu⸗ finden, ihrer jugendlichen Entwickelung während der abgelaufenen zehn Jahre zu folgen, ſie im Hauche des Lebens ſich erſchließen zu ſehen, wie ſich die Blume in der Sonne erſchließt. Er, der ſeit fünfzehn Jahren auf den Schlacht⸗ feldern, bei Ueberrumpelung der Lager, beim Erſtürmen der Städte gegen die Todfeinde ſeines Vaterlandes und ſeiner Religion kämpfte, ſuchte nicht einmal einen Augenblick dieſem furchtbareren Feinde zu widerſtehen, der ihn Leib an Leib angegriffen hatte und ihn beim erſten Schlage unter ſich bog. Don Bernardo von Zuniga, der Ritter von Alcau⸗ tara, liebte Anna von Niebla, die Nonne der Unbe⸗ fleckten Empfängniß. Er mußte fliehen, fliehen, ohne einen Augenblick zu verlieren, zu den wirklichen Kämpfen, zu den phyſi⸗ ſche Dor dach er e Her übri dem nich er g Tho Tag eine den ſen, zu ſ war ſicht dem er d nete Sta ritte Uhr Que groß des alle Herd ſchiet Anna ährend e hatte ſich in Ritter jungen e, jede stauſch r Baſe ſchaut, Ber⸗ enken⸗ ogleich ortrait Ohne glichen derzu⸗ d der he des me in hlacht⸗ ürmen s und einen ſtehen, beim Alcan⸗ Unbe⸗ enblick vhyſ⸗ 21¹ ſchen Wunden zuruͤckkehren, die nur den Körper tödten. Don Bernardo hatte nicht den Muth hiezu. Am andern Morgen, obgleich ſeine neuntägige An⸗ dacht beendigt war, von einem Ave abgeſehen, kehrte er an den Brunnen zurück; die Liebe hatte ſich ſeines Herzens bemächtigt und keinen Platz für das Gebet übrig gelaſſen. Aber auf dem Felſen ſitzend, das Auge dem Kloſter zugewendet, wartete er auf einen neuen Zug, dem ähnlich, welchen er ſchon geſehen, der aber nicht kam. So wartete er drei Tage, ohne Ruhe, ohneSchlaf; er ging wieder und wieder um das Kloſter her, deſſen Thore unbarmherzig geſchloſſen blieben. Am vierten Tag wußte er, daß die Thüren der Kirche, als an einem Sonntag, offen waren, und daß Jedermann in den Tempel Gottes eintreten konnte. Nur ſangen die Nonnen, in dem Chor eingeſchloſ⸗ ſen, hinter großen Draperienz man hörte ſie, ohne ſie zu ſehen. Endlich kam der ſo ſehr erſehnte Tag. Leider er⸗ wartete ihn Don Bernardo in einer ſehr profauen Ab⸗ ſicht; der Gedanke, dieſer Tag ſei derjenige, wo er ſich dem Herrn nähern könne, kam ihm nicht in den Kopf, er dachte nur daran, ſich Anna von Niebla zu nähern. Zur Stunde, wo ſich die Pforten des Kloſters öff⸗ neten, war er anweſend. Um zwei Uhr Morgens hatte er ſich ſelbſt in den Stall begeben, ſein Pferd geſattelt, und war wegge⸗ ritten, ohne Jemand etwas davon zu ſagen. Von zwei Uhr bis um acht Uhr war er in der Umgegend der Quelle umhergeirrt, nicht mehr die Stirne in ſeinen großen Mantel gehüllt, um ſich vor dem Nordoſtwind des Gebirges zu ſchützen, ſondern die Stirne entblößt, alle Winde der Nacht anflehend, um den hrennenden S auszulöſchen, der ſein Gehirn zu verzehren ien. Sobald Don Bernardo in die Kirche eingetreten war, kniete er ſo nahe als möglich beim Chor nieber, und hier blieb er in Erwartung, die Kniee auf der. Platte, die Stirne am Marmor. Der Gottesdienſt begann. Don Bernardo hatte keinen Gedanken für den Erlöſer der Menſchen, deſſen heiliges Opfer in Erfüllung ging; ſeine ganze Seele war offen wie ein Gefäß, um die Geſänge aufzuneh⸗ men, die man ihm verſprochen, und unter denen der Geſang von Anna von Riebla zum Himmel aufſteigen mußte. So oft ſich in dieſem Concert eine mehr harmo⸗ niſche, mehr reine, mehr als die andern klangreiche Stimme hörbar machte, bebte Don Bernardo ſogleich und hob maſchinenmäßig ſeine beiden Hände zum Him⸗ mel empor. Es war, als verſuchte er es, ſich an die⸗ ſen Accord anzuhängen und mit ihm zum Himmel auf⸗ zuſteigen. Dann wenn der Ton, durch die andern Stimmen bedeckt oder in ſeiner eigenen Ertaſe erſchöpft, er⸗ loſchen war, ſank er wieder mit einem Seufzer zurück, als hätte er nur in dieſer harmoniſchen Schwingung gelebt und als hätte er ohne ſie nicht leben können. Die Meſſe ging mitten unter bis dahin unbekann⸗ ten Gemüthsbewegungen zu Ende. Die Geſänge hör⸗ ten auf, die letzten Töne der Orgel erloſchen, die An⸗ weſenden gingen aus der Kirche weg, die Chornonnen kehrten ins Kloſter zurück. Das Baudenkmal war nur noch ein ſtummer, unbeweglicher Leichnam, das Gebet, die Seele davon, war zum Himmel aufgeſtiegen. Don Bernardo blieb allein; nun konnte er um⸗ herſchauen. Ueber ſeinem Haupte hing ein Gemälde, den engeliſchen Gruß darſtellend; in einer Ecke war die Schenkerin auf den Knieen und mit gefalteten Händen. Der Ritter von Alcantara gab einen Schrei des Erſtaunens von ſich. Die Schenkerin, dieſe ſo auf den Knieen und mit gefalteten Händen in einer Ecke des Gemäldes dargeſtellte Frau, war Anna von Niebla. Ni Ge bei auf auf Be um ver ſter mat nich beſi ver meh ſchl alle getl der Leib Alte hatt hoch ging leich ſprir zurü von Leber hielt nieber, auf der. hatte deſſen Seele fzuneh⸗ len der ſteigen armo⸗ greiche ogleich Him⸗ n die⸗ auf⸗ immen er urück, ngung en. kann⸗ hör⸗ An⸗ onnen r nur ebet, um⸗ rälde, r die nden. des den des a. 23 Er rief den Sacriſtan und befragte ihn. Das Gemälde war das Werk von Anna von Niebla ſelbſt; ſie hatte ſich auf den Knieen und im Gebet dargeſtellt, nach der Gewohnheit der Zeit, welche beinahe immer für die Schenkerin einen demüthigen Platz auf der geheiligten Leinwand forderte. Die Stunde, ſich zu entfernen, war gekommen; auf die Ermahnung des Sarriſtan verneigte ſich Don Bernardo und ging weg. Es war ein Gedanke in ihm entſtanden: der, ſich, um welchen Preis es auch ſein möchte, das Gemälde zu verſchaffen. Aber alle Vorſchläge, die er dem Kapitel des Klo⸗ ſters machte oder machen ließ, wurden zurückgewieſen; man erwiederte ihm, was geſchenkt worden ſei, werde nicht verkauft. Don Bernardo ſchwur, er würde dieſes Gemälde beſitzen. Er raffte alles Geld zuſammen, das er ſich verſchaffen konnte, ungefähr zwanzigtauſend Reale, mehr als der wirkliche Werth des Gemäldes, und be⸗ ſchloß, am erſten Sonntag, der kommen würde, mit aller Welt in die Kirche einzutreten, wie er dies ſchon gethan, ſich in einem Winkel verborgen zu halten, in der Nacht die Leinwand loszumachen, dieſe um ſeinen Leib zu wickeln und die zwanzigtauſend Reale auf dem Altar zurückzulaſſen, von dem er das Bild genommen. Was das Entkommen aus der Kirche betrifft, ſo hatte er bemerkt, daß die Fenſter höchſtens zwölf Fuß hoch vom Boden waren, und daß ſie auf den Friedhof gingen; er würde die Stühle aufeinander ſtellen und leicht aus der Kirche durch eines der Fenſter hinaus⸗ ſpringen. Dann würde er in das Schloß mit ſeinem Schatze zurückeilen, es prächtig einrahmen laſſen, dem Portrait von Anna von Niebla gegenüber aufhängen, und ſein ſu in dieſem Zimmer zubringen, das ſein Leben ent⸗ ielte. Die Tage und die Nächte vergingen in Erwartung des Sonntags, der endlich erſchien. Don Bernardo von Zuniga trat einer der Erſten ein, wie er es am vorhergehenden Sonntag gemacht Er trug die zwanzigtauſend Reale in Gold bei Aber was ſeinem Auge vorAllem auffiel, war das düſtere Ausſehen, das die Kirche angenommen hatte; durch die Gitter des Chors ſah man das Ende von Kerzen brennen, die den oberſten Theil eines Katafalks beleuchteten. Don Bernardo erkundigte ſich. Es war an demſelben Morgen eine Nonne ver⸗ ſchieden, und die Meſſe, der er beiwohnen wollte, war eine Todtenmeſſe. Doch, wie geſagt, Don Bernardo kam nicht der Meſſe wegen, er kam, um ſein Vorhaben auszu⸗ führen. Das engeliſche Gemälde war an ſeinem Platze, über dem Altar in der Kapelle der Jungfrau. Das niedrigſte Fenſter hatte eine Höhe von zehn bis zwölf Fuß, und, wenn man Bänke und Stühle übereinander ſtellte, konnte nichts leichter ſein, als hin⸗ auszukommen. Dieſe Gedanken beſchäftigten Don Bernardo wäh⸗ rend der ganzen Dauer des Gottesdienſtes. Er fühlte wohl, daß er eine ſchlimme Handlung zu bege⸗ hen beabſichtigte; doch er hoffte, in Berückſichtigung ſeines ganzen in Bekämpfung der Ungläubigen hingebrachten Lebens, in Berückſichtigung der ungeheuren Summe, die er an der Stelle des Gemäldes zurückließe, würde ihm der Herr verzeihen. Von Zeit zu Zeit hörte er die Trauergeſänge, und unter allen dieſen friſchen, reinen, ſonoren Stimmen ſuchte er vergebens die Schwingung der Stimme„de⸗ ren Klang acht Tage vorher alle Fibern ſeiner Seele 1* * 3 artung Erſten emacht old bei ar das hatte; e n tafalks e ver⸗ „war ht der uszu⸗ Blatze, zehn tühle hin⸗ wäh⸗ bege⸗ eines chten mme, ürde und imen „de⸗ Seele 25 erweckt und ſie wie eine himmliſche Harfe unter den Fingern eines Seraphs hatte ertönen laſſen. Die harmoniſche Saite war abweſend, und man hätte glauben ſollen, es fehle eine Taſte bei dem reli⸗ giöſen Clavier. Die Meſſe ging zu Ende. Jeder entfernte ſich aus der Kirche. Don Bernardo von Zuniga, als er vor einem Beichtſtuhle vorüberging, öffnete dieſen, trat ein und ſchloß ihn hinter ſich. Niemand ſah es. Die Thüren der Kirche ächzten auf ihren Angeln. Bernardo hörte die Schlöſſer klirren. Die Schritte des Sarriſtan rauſchten an dem Beichtſtuhl vorüber, wo er verborgen war, und entfernten ſich. Alles verſank in das Stillſchweigen. Nur von Zeit zu Zeit vernahm man in dem im⸗ mer noch geſchloſſenen Chor das Streifen von Tritten auf den Platten und dann das Gemurmel eines mit leiſer Stimme verrichteten Gebetes. Es war dies eine Nonne, welche die Litaneien der Jungfrau bei dem Leibe ihrer todten Gefährtin ſprach. Der Abend kam, die Dunfkelheit verbreitete ſich in der Kirche; der Chor allein, den man in eine Trauer⸗ kapelle verwandelt hatte, blieb erleuchtet. Dann ging der Mond auf, einer von ſeinen Strah⸗ len drang durch ein Fenſter und warf ſeinen bläulichen Schimmer in die Kirche. Alle Geräuſche des Lebens erloſchen allmälig außen und innen; gegen eilf Uhr hörten die letzten Gebete um die Todte auf, und Alles machte jenem religiöſen, den Kirchen, den Klöſtern und den Friedhöfen eigen⸗ thümlichen Stillſchweigen Platz. Das eintönige und regelmäßige Geſchrei eines, aller Wahrſcheinlichkeit nach auf einem benachbarten Baum ſitzenden, Käuzchens ertönte allein mit ſeinem traurigen, unheimlichen Weſen. Don Bernardo glaubte, der Augenblick, ſein Vor⸗ 26 haben auszuführen, ſei gekommen; er ſiieß die Thüre des Beichtſtuhles, in dem er verborgen war, auf, und ſtreckte den Fuß aus ſeinem Zufluchtsorte hinaus. In dem Augenblick, wo er den Fuß auf die Platte ſetzte, fing es an Mitternacht zu ſchlagen. Er wartete unbeweglich, bis die zwölf Schläge langſam ertönt und ſich allmälig in unmerklichen Be⸗ bungen verloren hatten, um ganz aus dem Beichtſtuhle herauszutreten und auf den Chor zuzuſchreiten; er wollte ſich verſichern, daß Niemand bei der Todten wachte, und daß kein Menſch ihn in Ausführung ſeines lanes ſtö⸗ ren würde. E Doch bei dem erſten Schritt, den er gegen den Chor machte, öffnete ſich langſam das Gitter des Cho⸗ res, und eine Nonne erſchien. Don Bernardo ſtieß einen Schrei aus. Dieſe Nonne war Anna von Niebla. Ihr zurückgeſchlagener Schleier ließ ihr Geſicht entblößt. Ein Kranz von weißen Roſen hielt ihren Schleier an ihrer Stirne feſt. Sie hatte einen Roſen⸗ kranz von Elfenbein, der gegen die Hand, die ihn hielt, gelb erſchien. „Anna!“ rief der junge Mann.— „Don Bernardo!“ murmelte die Nonne. Don Bernardo ſtürzte auf ſie zu. „Du haſt mich genannt!“ rief Don Bernardo, „Du haſt mich alſo erkannt?“ „Ja,“ antwortete die Nonne. „Am heiligen Brunnen?“ „Am heiligen Brunnen.“ Und Don Bernardo umfing die Nonne mit ſeinen Armen. Anna that nichts, um ſich von dem Liebesdrucke frei zu machen. „Aber,“ fragte Don Bernardo,„verzeih', denn ich werde wahnſinnig vor Freude, wahnfinnig vor Glück, was wollteſt Du hier?“ un 6 rie hal Die ſpre ich tren bis die ich u men? Thüre „ und . Platte chläge n Be⸗ tſtuhle wollte „und s ſtö⸗ den Cho⸗ Dieſe eſicht ihren oſen⸗ hielt, rdo, 27 „Ich wußte, daß Du hier warſt!“ „Und Du ſuchteſt mich?„ „Ja.“ 3 „Du weißt alſo, daß ich Dich liebe? „Ich weiß es.„ „Und Du, liebſt Du mich?“ Die Lippen der Nonne blieben ſtumm. „Oh! Niebla! ein Wort, ein einziges. Im Namen unſerer Jugend, im Namen meiner Liebe, im Namen Chriſti, liebſt Du mich?“ „Ich habe Gelübde gethan,“ murmelte die Nonne. „Oh! was iſt mir an Deinen Gelübden gelegen!“ rief Don Bernardo,„habe ich nicht auch gethan und habe ich ſie nicht gebrochen!“ „Ich bin todt für die Welt,“ erwiederte die bleiche Braut. „Wäreſt Du todt für das Leben, Niebla, ich würde Dich wieder erwecken!“ „Du wirſt mich nicht wieder lebend machen,“ ſprach Anna den Kopf ſchüttelnd.„Und ich, Bernardo, ich werde Dich ſterben machen. „Beſſer, in demſelben Grabe ſchlummern, als ge⸗ trennt ſterben!“ „Was beſchließeſt Du alſo, Bernardo?“ „Dich zu entführen, Dich mit mir fortzutragen, bis an das Ende der Welt, wenn es noͤthig iſt; über die Meere, wenn es ſein muß.“ „Wann dies?“ „Auf der Stelle.“ „Die Thüren ſind geſchloſſen.“ „Du haſt Recht, biſt Du morgen frei?“ „Ich bin immer frei.“ „Erwarte mich morgen hier zu derſelben Stunde, ich werde einen Schlüſſel der Kirche haben.“ 13h will Dich erwarten, doch wirſt Du kom⸗ men?“ „Ah! bei meinem Leben ſchwöre ich es Dir. Doch Du, was iſt Dein Schwur, was iſt Dein Unter⸗ pfand?“ „Nimm,“ ſprach ſie,„hier iſt mein Roſenkranz.“ Und ſie band ihm den elfenbeinernen Roſenkranz um den Hals. Zu gleicher Zeit umarmte Don Bernardo Anna von Niebla und preßte ſie mit ſeinen beiden Händen an ſeine Bruſt; ihre Lippen begegneten ſich und tauſch⸗ ten einen Kuß. Doch ſtatt glühend zu ſein, wie ein erſter Liebes⸗ kuß, war die Berührung der Lippen der Nonne eiſig, und die Kälte, welche die Adern von Don Bernardo durchlief, drang in ſein Herz. „Es iſt gut,“ ſagte Anna,„und nun wird uns keine menſchliche Macht mehr trennen können. Auf Wiederſehen, Zuniga.“ „Auf Wiederſehen, theure Anna. Morgen!“ „Morgen!“ Die Nonne machte ſich aus den Armen ihres Ge⸗ liebten los, entfernte ſich langſam von ihm, während ſie den Kopf umdrehte, und kehrte in den Chor zurück, der ſich hinter ihr ſchloß. Die Arme gegen ſie ausgeſtreckt, aber unbeweglich an ſeinem Platze, ließ ſie Don Bernardo von Zuniga zurückkehren, und als er ſie hatte verſchwinden ſehen, dachte er erſt an ſeinen Rückzug. Er ſetzte vier Bänke neben einander, ſtellte vier weitere Baͤnke quer darauf, hob einen Stuhl auf dieſe Bänke und ſprang, wie er es vorher beſchloſſen hatte, zum Fenſter hinaus. Das Gras war hoch und buſchig, wie man es ge⸗ wöhnlich auf den Friedhöfen findet, und ſo konnte er von einer Höhe von zwölf Fuß hinabſpringen, ohne ſich einen Schaden zuzufügen. Nie von nar hau ein hüll ſtuf Klo Pf er Dir. nter⸗ .“ ranz Unna nden uſch⸗ bes⸗ iſig, ardo uns Auf Ge⸗ rend rück, glich niga hen, vier ieſe tte, ge⸗ eer ſich 2⁰ Er hatte nicht nöthig, das Portrait von Anna von Niebla mit fortzunehmen, da am andern Tage Anna von Niehla ſelbſt ihm gehören ſollte. Der lebendige Todte. Der Tag brach am Horizont an, als Don Ber⸗ nardo von Zuniga ſein Pferd wieder aus dem Wirths⸗ hauſe nahm, wo er es gelaſſen hatte. Ein unbegreifliches Mißbehagen hatte ſich bei ihm eingeſtellt, und obgleich er in ſeinen weiten Mantel ge⸗ hüllt war, fühlte er doch, daß die Kälte ſich ſeiner ſtufenweiſe bemächtigte. Er fragte den Stallknecht, wer der Schloſſer des Kloſters ſei; man bezeichnete ihm denſelben. Er wohnte am Ende des Dorfes. Don Bernardo, um ſich zu erwärmen, ſetzte ſein Pferd in ſcharfen Trab; nach einem Augenblicke hörte er die Hammerſchläge auf einem Amboß ertönen, und er ſah durch die Fenſter und durch die offene Thüre bis mitten auf die Straße Theilchen von glühendem Eiſen ſpringen. Vor der Thüre des Schloſſers angelangt, ſtieg er von ſeinem Pferde ab; doch, immer mehr von der Kälte übermannt, wunderte er ſich über die automatiſche Steifheit ſeiner Bewegungen. Der Schloſſer, ſeinerſeits, blieb mit emporgehobe⸗ nem Hammer und ſchaute dieſen edlen Herrn an, der, in den Mantel eines Ritters vom Orden von Alcantara gehüllt, vor ſeiner Thüre abſtieg und wie ein gewöhn⸗ licher Kunde hei ihm eintrat, Als er ſah, daß er wirklich mit ihm zu thun hatte, legte der Schloſſer ſeinen Hammer auf den Amboß, nahm ſeine Mütze ab und fragte höflich: „Was ſteht zu Euren Dienſten, gnädiger Herr?“ „Du biſt der Schloſſer des Kloſters der Unbefleck⸗ ten Empfängniß?“ erkundigte ſich der Ritter. „Ja, gnädigſter Herr, ich bin es,“ antwortete der Schloſſer. „Du haſt die Schlüſſel des Kloſters?“ „Nein, gnädiger Herr, nur die Zeichnungen, da⸗ 3t ich, wenn ſich einer derſelben verlöre, ihn erſetzen önnte.“ „Gut! ich will den Schlüſſel der Kirche haben.“ „Den, Schlüſſel der Kirche?“ „Jd. „Entſchuldigt mich, gnädiger Herr, doch es iſt nit Euch zu fragen, was Ihr damit zu thun gedenkt.“ „Ich will meine Hunde damit zeichnen, um ſie vor der Wuth zu bewahren.“ „Das iſt ein Recht der Lehensherrlichkeit. Seid Ihr der Lehensherr der Güter, auf denen die Kirche gebaut iſt?“ „Ich bin Don Bernardo von Zuniga, Sohn von Pedro von Zuniga, Grafen von Bagnares, Marquis von Ayamonte; ich befehlige hundert Gewappnete und bin Ritter von Alcantara, wie Du an meinem Mantel ſehen kannſt.“ „Das iſt nicht möglich,“ erwiederte der Schloſſer mit einem ſichtbaren Zeichen des Schreckens.“ „Und warum iſt das nicht möglich?“ „Weil Ihr lebendig, ſehr lebendig ſeid, obwohl Ihr kalt zu haben ſcheint, während Don Bernardo von Zu⸗ niga z Nacht, gegen ein Uhr Morgens, geſtor⸗ ben iſt.“ „Und wer hat Dir dieſe ſchöne Kunde mitgetheilt?“ fragte der Ritter. für ab wil in ein ten ſch ren es doc in doc eiſic an telp er ein ſehe zoge der atte, boß, 2 leck⸗ der da⸗ tzen iſt hun vor eid che von uis und ntel ſſer Ihr Zu⸗ or⸗ 12“ 3¹ „Ein Stallmeiſter, der einen Ueberwurf mit dem Wappen von Bejar trug; er iſt ungefähr vor einer Stunde vorübergekommen, um einen Trauergottesdienſt im Kloſter der Unbefleckten Empfängniß zu beſiellen.“ Don Bernardo brach in ein Gelächter aus und rief: „Nimm, hier haſt Du mittlerweile zehn Goldſtücke für Deinen Schlüſſel. Ich werde ihn heute Nachmittag abholen und Dir noch eben ſo viel bringen.“ Der Schloſſer verbeugte ſich zum Zeichen der Ein⸗ willigung. Zwanzig Goldſtücke, das war mehr, als er in einem Jahr verdiente; es lohnte ſich wohl der Mühe, einen Verweis zu wagen. Warum ſollte er übrigens einen Verweis erhal⸗ ten? Es war gebräuchlich, die Jagdhunde mit Kirchen⸗ ſchlüſſeln zu zeichnen, um ſie vor der Wuth zu bewah⸗ ren. Ein Herr, der ihn ſo freigebig bezahlte, konnte, was er auch ſein mochte, kein Dieb ſein. Don Bernardo ſtieg wieder zu Pſerde. Er hatte es verſucht, ſich in der Schmiede wieder zu wärmen; doch es war ihm nicht gelungenz er hoffte mehr von der Sonne, welche ſich glänzend, wie ſie im Monat März in Spanien ſchon iſt, zu zeigen anfing. Er erreichte die Felder und ritt immer ſchneller; doch die Kälte übermannte ihn mehr und mehr und eiſige Schauer durchliefen ſeinen ganzen Körper. Das war noch nicht Alles; er ſchien wie gefeſſelt an das Kloſter und beſchrieb einen Kreis, deſſen Mit⸗ telpunkt der Kirchthurm war. Als er gegen eilf Uhr durch einen Wald kam, ſah er einen Arbeiter, der eichene Bretter abvierte; das war ein Geſchäft, das er ſehr oft hatte Arbeiter verrichten ſehen, und dennoch fühlte er ſich unwillkürlich hinge⸗ zogen, dieſen Mann zu befragen. „Was machſt Du da?“ ſagte er zu ihm. „Ihr ſeht es wohl, gnädigſter Herr,“ antwortete der Arbeiter. „Nein, da ich Dich ſrage.“ 32 „Nun! ich mache einen Sarg.“ „Von Eichenholz? Du arbeiteſt alſo für einen vor⸗ nehmen Herrn?“ „Es iſt für den Ritter Don Bernardo von Zuniga, den Sohn des edlen Herrn Pedro von Zuniga, Grafen von Bagnares, Marquis von Ayamonte.“ „Der Ritter iſt alſo geſtorben?“ „In der vergangenen Nacht, gegen ein Uhr Mor⸗ gens,“ antwortete der Arbeiter. „Das iſt ein Narr,“ ſagte der Ritter, die Achſeln zuckend und zog ſeines Wegs. Als er ſich dem Dorfe näherte, wo er den Schlüſſel beſtellt hatte, traf er gegen ein Uhr einen Mönch, der auf einem Mauleſel ritt, gefolgt von einem Saeriſtan, welcher zu Fuß ging. Don Bernardo hatte ſchon ſein Pferd auf die Seite gelenkt, um den frommen Mann vorüberzulaſſen, als er ſich plötzlich eines Andern beſann und ihm durch ein Zeichen bedeutete, er wünſche ihn zu ſprechen. Der Mönch hielt an. „Woher kommt Ihr, mein Vater?“ fragte der Ritter. „Vom Schloſſe Bejar, edler Herr.“ „Vom Schloſſe Bejar!“ wiederholte Bernardo er⸗ ſtaunt, „Ja.“ „Und was habt Ihr im Schloſſe Bejar gemacht?“ „Ich wollte Don Bernardo von Zuniga die Beichte hören und ihm die letzte Oelung geben; er hatte ſich gegen Mitternacht ſterbend gefühlt und mich rufen laſſen, um die Abſolution ſeiner Sünden zu erlangen; doch ich kam zu ſpät, obgleich ich in aller Haſt ab⸗ ging.“ „Wie! zu ſpät?“ „Ja, bei meiner Ankunft war Don Bernardo von Zuniga ſchon todt.“ „Schon todt!“ wiederholte der Ritter. Got Mör lich mach Schl Herr Han Eure von der Don ter, fürch ſtorb gen n vor⸗ uniga, rafen Mor⸗ ſchſeln hlüſſel riſtan, Seite als ch ein der o er⸗ cht?“ eichte hatte rufen gen; ab⸗ von 33 „Ja, und mehr noch, er iſt ohne Beichte geſtorben. Gott erbarme ſich ſeiner Seele!“ „Um welche Stunde war er geſtorben?“ „Gegen ein Uhr in der Nacht,“ antwortete der oͤnch. „Das iſt eine Wette,“ ſagte der Riltter ärger⸗ lich;„dieſe Leute haben gewettet, mich zum Narren zu machen.“ Und er ſetzte ſein Pferd wieder in Galopp. Zehn Minuten nachher war er vor der Thüre des Schloſſers. „Ho! ho!“ rief der Schloſſer,„was hat denn Eure Herrlichkeit?“ „Ich habe kalt,“ erwiederte Don Bernardo. „Hier iſt Euer Schluſſel.“ „Hier iſt Dein Gold.“ Und er warf ihm zwölf weitere Goldſtücke in die and. „Jeſus!“ rief der Schloſſer,„wohin ſteckt Ihr denn Eure Börſe?“ „Warum?“ „Euer Gold iſt kalt wie Eis. Ah! höret„ „Was gibt es?“ „Vergeßt nicht, Euch dreimal zu bekreuzen, ehe Ihr von dem Schlüſſel Gebrauch macht.“ „Warum dies?“ „Weil, wenn man einen Kirchenſchlüſſel ſchmiedet, der Teufel das Feuer anzublaſen nie verfehlt.“ „Gut. Und Du, vergiß nicht, für die Seele von Don Bernardo von Zuniga zu beten,“ ſprach der Rit⸗ ter, indem er zu lächeln ſuchte. „Mit Freuden,“ ſagte der Schloſſer,„doch ich be⸗ fürchte ſehr, meine Gebete kommen zu ſpät, da er ge⸗ ſtorben iſt.“ Obgleich Bernardo dieſe verſchiedenen Begegnun⸗ gen mit einer ruhigen Miene aufgenommen, obgleich er Tauſend und ein Geſpenſt. U. 3 34 dieſe verſchiedenen Antworten mit einem Lächeln empfan⸗ gen, hatte doch das, was er ſeit dieſem Morgen geſehen und gehört, einen lebhaften Eindruck auf ihn, ſo muthig er war, hervorgebracht. Dieſe Kälte beſonders, dieſe immer mehr zunehmende ködtliche Kälte, welche den Schlag ſeines Herzens vereiſte und das Mark in ſeinen Gebei⸗ nen gefrieren machte, erſchütterte ihn unwillkürlich. Er taſtete mit ſeinen Füßen auf den Steigbügeln und fühlte den Stützpunkt nicht mehr, der ihn hielt. Er drückte eine von ſeinen Händen mit der andern und fühlte den Druck nicht mehr. Es kam die Abendluft, ſie pfiff an einem ſeiner Ohren vorbei, wie ein Nordoſtwind und durchſtrich ſeinen Mantel und ſeine Kleider, als ob der eine und die anderen nicht mehr Feſtigkeit hätten, als ein Spinnengewebe. Als es Nacht geworden wax, ritt er in den Fried⸗ hof hinein und band ſein Pferd am Fuße einer Platane an. Er hatte am Tage nicht daran gedacht zu eſſen, ſein Pferd eben ſo wenig. Er legte ſich im hohen Graſe nieder, um ſo viel als möglich dem eiſigen Winde zu entgehen, der ihn vernichtete. Doch kaum hatte er die Erde berührt, da wurde es noch viel ſchlimmer. Dieſe Erde, voll von Todesatomen, ſchien eine Marmorplatte zu ſein. Allmälig, ſo ſehr er ſich auch anſtrengte, um der Kälte zu widerſtehen, verfank er in eine Art von Er⸗ ſtarrung, der er durch das Geräuſch zweier Männer, die ein Grab gruben, entzugen wurde. Er raffte ſich zufammen und erhob ſich auf ſeine Ellenbogen. Die zwei Todtengräber, als ſie einen Mann ſahen, der aus einem Grabe herauszukommen ſchien, ſtießen einen Schrei aus. ⸗ „Oh! bei Gott!“ rief er den Todtengräbern zu, ic danke Euch, daß Ihr mich aufgeweckt habt, es war „In der That,“ ſagten dieſe Männer,„dankt uns, edl ma Kir Teſ gem dig bea mü gen nart gnä ihre mer Bot gräl ſunt Eue nart er d derg endl mpfan⸗ eſehen nuthig „ dieſe Schlag Gebei⸗ ch. Er fühlte rückte te den fiff an d und b der als Fried⸗ atane eſſen, viel r ihn t„ da von der Er⸗ nner, ſeine hen, eßen zu, war uns, 35 edler Herr, denn wenn man hier einſchläft, erwacht man kaum mehr.“ „Und was macht ihr zu dieſer Stunde auf dem Kirchhofe?“ „Ihr ſeht es wohl.“ „Ihr grabt ein Grab?“ „Allerdings.“ „Und für wen?“ „Für Don Bernardo von Zuniga.“ „Für Don Bernardo von Zuniga?“ „Ja. Es ſcheint, der würdige Herr hat in dem Teſtament, das er vor vierzehn Tagen oder drei Wochen gemacht, im Kloſter der Unbefleckten Empfängniß beer⸗ digt zu werden verlangt; wir ſind erſt dieſen Abend beauftragt worden, uns ans Geſchäft zu machen, und müſſen daher die verlorene Zeit wieder einholen.“ „Und zu welcher Stunde iſt er geſtorben?“ „In der vergangenen Nacht gegen ein Uhr Mor⸗ gens. Gut, nun iſt das Grab fertig, und Don Ber⸗ nardo kann kommen, wann er will. Gott befohlen, gnädiger Herr.“ „„Warte,“ ſprach der Ritter,„jede Mühe verdient ihren Lohn. Hier, das iſt für Dich und Deinen Ka⸗ meraden.“ Und er warf ſieben bis acht Goldſtücke auf den Boden, welche die Todtengräber eiligſt aufhoben. „Heilige Jungfrau!“ rief einer von den Todten⸗ gräbern.„Ich hoffe, der Wein, den wir auf Eure Ge⸗ ſundheit trinken wollen, wird nicht ſo kalt ſein, als Euer Geld, ſonſt müßte die Seele im Leibe gefrieren.“ Und ſie verließen den Kirchhof. Es hatte halb zwölf Uhr geſchlagen; Don Ber⸗ nardo ging noch eine halbe Stunde auf und ab, wobei er die größte Mühe hatte, um ſich aufrecht zu erhalten, dergeſtalt fühlte er das Blut in ſeinen Adern geſtehen; endlich ſchlug es Mitternacht. Bei dem erſten Schlag, der guf der Glocke eptonte, 36 ſteckte Don Bernardo den Schlüſſel in das Schloß und öffnete die Thüre. Das Erſtaunen des Ritters war groß: die Kirche war beleuchtet, der Chor offen, die Pfeiler und die Gewölbe waren ſchwarz behängt, tauſend Kerzen brann⸗ ten in der Trauerkapelle. Mitten in der Kapelle war eine Eſtrade errichtet, und auf der Eſtrade lag eine weiß gekleidete Nonne mit einem langen weißen Schleier auf dem Kopf, der an ihrer Stirne mittelſt eines Kranzes von weißen Roſen befeſtigt war. Eine ſeltſame Ahnung ſchnürte dem Ritter das Herz zuſammen. Er näherte ſich der Eſtrade, neigte ſich über den Leichnam, hob den Schleier auf und ſtieß einen Schrei aus. Dieſer Leichnam war der von Anna von Niebla. Er wandte ſich um, ſchaute umher, ſuchend, wen er befragen könnte, und erblickte den Sacriſtan. „Was für ein Leichnam iſt das?“ fragte er. „Der von Anna von Niebla,“ antwortete der brave Mann. „Seit wann iſt ſie todt?“ „Seit Sonntag Morgen.“ Don Bernardo fühlte abermals die Kälte ſich ver⸗ mehren, die ſeinen Körper vereiſte, obgleich er dies für unmöglich gehalten hatte. Er fuhr mit ſeiner Hand über ſeine Stirne. „Geſtern um Mitternacht war ſie alſo todt?“ fragte er. „Allerdings.“ „Geſtern um Mitternacht, wo war ſie?“ „Wo ſie heute Nacht zu derſelben Stunde iſt; nur war die Kirche nicht behängt: die Kerzen am Sarge allein waren angezündet und das Gitter des Chors war geſchloſſen.“ „Einer, der geſtern um dieſe Stunde Anna von Niebla hätte auf ſich zukommen ſehen, würde alſo einen be ſte rer der ner ſch des ob nah oß und Kirche nd die brann⸗ richtet, ne mit der an Roſen r das neigte d ſtieß bla. „wen brave er⸗ es für Hand odt“ nur Sarge z war von einen 37 Geiſt kommen geſehen haben?“ fuhr der Ritter fort. „Einer, der mit ihr geſprochen hätte, würde alſo mit einem Geſpenſte geſprochen haben?“ „Gott behüte einen Chriſten vor einem ſolchen Un⸗ glück! doch er würde mit einem Geſpenſte geſprochen, einen Geiſt geſehen haben.“ Don Bernardo wankte. Er begriff Alles: Er hatte ſich mit einem Geiſte verlobt, er hatte den Kuß eines Geſpenſtes empfangen. Darum war dieſer Kuß ſo kalt, darum durchlief ein Eisſtrom ſeinen ganzen Körper. In dieſem Augenblick erinnerte er ſich der Ankün⸗ digung ſeines eigenen Todes, die ihm vom Schloſſer, vom Schreiner, vom Prieſter, vom Todtengräber gege⸗ ben worden war. Um ein Uhr war er geſtorben, wie man ihm geſagt. Um dieſe Stunde hatte er den Kuß von Anna von Niebla empfangen. War er todt oder lebendig? Fand ſchon die Trennung der Seele und des Lei⸗ bes ſtatt? War es ſeine Seele, was in der Gegend des Klo⸗ ſters der Unbefleckten Empfängniß umherſchweifte, wäh⸗ rend ſein geſtorbener Leib im Schloſſe zu Bejar lag? Er warf den Schleier zurück, den er vom Geſichte der Todten geſchoben hatte und ftürzte aus der Kirche. Es ſchlug ein Uhr. Den Kopf geſenkt, das Herz gepreßt, eilt Don Bernardo auf den Kirchhof, er ſtrauchelt an dem offe⸗ nen Grabe, erhebt ſich wieder, bindet ſein Pferd los, ſchwingt ſich in den Sattel und enteilt in der Richtung des Schloſſes Bejar. Hier erſt wird ſich für ihn das furchtbare Räthſel, ob er geſtorben iſt, ob er lebt, löſen. Aber ſeltſamer Weiſe ſind ſeine Empfindungen bei⸗ nahe erloſchen. Das Pferd, das ihn trägt, er fühlt es kaum zwiſchen ſeinen Beinen; der einzige Eindruck, für 38 den er empfindlich, iſt die zunehmende Kälte, die ſich ſeiner wie ein Hauch des Todes bemächtigt. Er treibt ſein Pferd an„das ſelbſt ein geſpenſti⸗ ges Pferd zu ſein ſcheint. Es iſt ihm, als verlängerte ſich ſeine Mähne, als berührten ſeine Füße die Erde nicht mehr, als hätte ſein Galopp auf dem Boden zu dröhnen aufgehört. Plotzlich erheben ſich zu ſeiner Rechten und zu ſeiner Linken zwei ſchwarze Hunde ohne Geräuſch, ohne Bel⸗ ihre Augen ſprühen Flammen, ihr Rachen iſt blut⸗ arbig. Sie laufen an den Seiten des Pferdes, die Augen flammend, den Rachen offen; ſie berühren die Erde ebenſo wenig als das Roß: Roß und Hunde gleiten über die Oberfläche des Bodens hin, ſie laufen nicht, ſie fliegen. Alle Gegenſtände an der Seite der Straße ver⸗ ſchwinden aus dem Auge des Ritters, wie von einem Orkan fortgetragen; endlich erblickt er in der Ferne die Thürmchen, die Mauern, die Thore des Schloſſes Bejar. Hier müſſen alle Zweifel gelöſt werden; er ſtachelt auch ſein Pferd an, das die Hunde begleiten, das die Glocke verfolgt. Seinerſeits ſcheint ihm das Schloß entgegen zu kommen. Das Thor iſt offen, der Ritter eilt über die Schwelle, er iſt im Hofe. Niemand hat auf ihn Acht gegeben, und es iſt doch der Hof voll von Menſchen. Er ſpricht, man antwortet ihm nicht; er fragt, man ſieht ihn nicht, er berührt, man fühlt es nicht. In dieſem Augenblick erſcheint ein Herold auf der Freitreppe und ruft: „Höret! höret! höret! Der Körper von Don Bernardo von Zuniga wird dem in ſeinem Teſtamente ausgedrückten Wunſche gemäß nach dem Friedhofe des Kloſters der Unbefleckten Empfängniß gebracht werden. Diejenigen, welche berechtigt ſind, ihn mit Weihwaſſer zu beſpren⸗ gen, mögen mir folgen,“ Fül die ſich eſpenſti⸗ längerte ie Erde oden zu ſeiner te Bel⸗ ſt blut⸗ Augen e Erde gleiten nicht, e ver⸗ einem ne die Bejar. achelt s die en zu er die Acht en. man f der ardo ckten der gen, ren⸗ 39 Und er tritt in das Schloß. Der Ritter will ſeine Fahrt bis zum Ende verfol⸗ gen; er läßt ſich von ſeinem Roſſe herabgleiten, doch er fühlt die Erde unter ſeinen Füßen nicht mehr, fällt auf die Kniee und verſucht es, ſich mit der Hand an die Steigbügel ſeines Pferdes anzuklammern. In dieſem Augenblick ſpringen ihm die zwei ſchwarzen Hunde an den Hals und würgen ihn. Er wollte einen Schrei von ſich geben, doch er hatte nicht die Kraft dazu. Er konnte nur einen Seuf⸗ zer aushauchen. Die Anweſenden ſahen zwei Hunde, welche mit einander zu kämpfen ſchienen, während ein Roß wie ein Schatten verging. Sie wollten auf die Hunde ſchlagen, doch dieſe trennten ſich nicht eher, als bis ſie das un⸗ ſichtbare Werk, das ſie verrichteten, vollendet hatten. Da eilten ſie Seite an Seite aus dem Hofe und verſchwanden. An der Stelle, wo ſie zehn Minuten verweilt hatten, fand man ungeſtalte Bruchſtücke und dieſen Bruchflücken den Roſenkranz vön Anna von iebla. In dieſem Augenblick erſchien der Leichnam von Don Bernardv von Zuniga auf der Freitreppe, getragen von den Pagen und den Schildknappen des Schloſſes. Am andern Tage wurde er mit großem Gepränge auf dem Friedhofe der Unbefleckten Empfängniß an der Seite ſeiner Baſe Anna von Niebla beerdigt. Gott ſei ihnen barmherzig! Ich hatte ſo eben meine Lerture beendigt, als mein Führer wieder erſchien. Ich ging auf ihn zu. „Was für ein Manuſeript iſt das?“ fragte ich ihn. „Dieſes Manuſeript?“ Und er ſchaute es an. „Meiner Treue! ich weiß es nicht,“ ſagte er. 40 „Sie müſſen es doch wiſſen, da es aus Ihrer Taſche ſiel, als Sie weggingen.“ „Ja.“ In bieſem Fall mußte es Gelehrten gehören, der vor drei reiſte.“ „Und er ging?“ „Ich glaube von Malaga nach Sovilla.“ „Sie wiſſen nicht, wie er hieß?“ „Meiner Treue, nein. Wollen Sie etwas von ihm?“ „Ich möchte ihn gern um Erlaubniß bitten, dieſe Legende überſetzen zu dürfen.“ „Ich ſchenke ſie Ihnen.“ „Wie! Sie ſchenken mir ſie 2“ „Ja.“ zu dem Gepäcke eines Wochen durch die Sierra „Unter welchem Titel?“ Der Torero lachte. „Unter dem Titel eines „Er iſt alſo todt?“ „Und begraben.“ Dann, als er ſah, daß ich ihn anſchaute, als hätte ich aicht vollkommen begriffen, fügte er bei: „Das dritte Kreuz rechts, wenn Sie nach Cordua zurückkehren.“ Nun drückte Buſch und rief: Univerſalerben,“ ſagte er. 2„Aufgepaßt, aufgepaßt! der Keiler, das Treiben hat begonnen!“ ſich der Torero plötzlich hinter einen“ rTaſche eines Sierra ihm?“ „dieſe te er, hätte ordua einen eiben 41 Die Heirathen des Pater Olifus. Der Rabenfänger. Als ich eines Morgens im Monat März 1848 von meinem Schlafzimmer in mein Arbeitscabinet ging, fand ich auf meinem Schreibtiſch, wie gewöhnlich, einen Haufen von Zeitungen, und auf dieſem Haufen von Zeitungen einen Haufen von Briefen. Unter dieſen Briefen war einer, deſſen großes, rothes Siegel ſogleich meine Blicke auf ſich zog. Er hatte keinen Poſtſtempel und war einfach adreſſirt: An Herrn Alexandre Dumas in Paris, was andeutete, daß er durch eine dritte Perſon überbracht worden war. Die Schrift hatte einen ſeltſamen, zwiſchen der engliſchen und der deutſchen Schrift ſchwebenden Cha⸗ rakter; derjenige, welcher dieſen Brief geſchrieben, mußte die Gewohnheit des Befehlens, eine gewiſſe Feſtigkeit des Entſchluſſes im Geiſte haben, Alles gemildert durch Aufſchwingungen des Herzens und Launen der Gedan⸗ ken, die zuweilen aus ihm einen ganz andern Menſchen, als der ſcheinbare Mann iſt, machen. ch liebe es, wenn ich einen Brief von einer un⸗ bekannten Handſchrift erhalte, und dieſer Brief mir von einer bedeutenden Perſon zuzukommen ſcheint, mir zum Voraus und nach den unſcheinbaren Zeilen der Auf⸗ ſchrift eine Idee von ſeinem Rang, von ſeinen Gewohn⸗ heiten und ſeinem Charakter zu machen. Nachdem ich meine Betrachtungen angeſtellt hatte, öffnete ich den Brief und las, wie folgt: Haag, 22. Febr. 1848. „Mein Herr, „Ich weiß nicht, ob Herr Eugene Vivier, der große Künſtler, der uns im Laufe des Winters beſuchte 42 und deſſen Bekanntſchaft zu machen ich ſo glücklich war, Ihnen geſagt hat, ich ſei einer Ihrer eifrigſten Leſer, und ich darf wohl behaupten, daß ich alle Ihre Werke kenne, ſo zahlreich ſie ſind, denn wenn ich ſagte, ich habe Fräulein von Belle⸗Isle, Amaury, die drei Musketiere, Zwanzig Jahre nach⸗ her, Bragelonne und Monte Chriſto geleſen, ſo würde ich Ihnen damit ein allzu alltägliches Kompli⸗ ment machen. „Es drängte mich daher ſchon lange, Ihnen ein Andenken anzubieten und Sie zugleich mit einem un⸗ ſerer größten nationalen Künſtler, mit Backuiſen, be⸗ kannt zu machen. „Erlauben Sie mir nun, mein Herr, Ihnen bei⸗ folgend vier Zeichnungen von dieſem Künſtler zu über⸗ machen, welche die hervorſpringendſten Scenen Ihres Romans: Die Musketiere, darſtellen. „Hienach ſage ich Ihnen Lebewohl und bitte Sie, die Verſicherung meiner Gewogenheit zu genehmigen. „Wilhelm, Prinz von Hranien.“ Ich geſtehe, daß dieſer Brief, datirt vom 22. Fe⸗ bruar 1848, das heißt von dem Tag, wo die Pariſer Re⸗ volution losbrach, von mir empfangen zwei Tage nach dem Tag, an welchem man mich unter dem Vorwand, ich ſeiein Freund der Prinzen, hatte umbringen wollen, mir ein wahres Vetgnügen machte. Für den Dichter iſt der Fremde die Nachwelt; der Fremde, außerhalb unſerer kleinen literariſchen Gehäſſig⸗ keiten, außerhalb unſerer künſtleriſchen Eiferſüchteleien ſtehend, beurtheilt, wie die Zukunft, den Mann nach ſei⸗ nen Werken, und der Kranz, der die Stirne umgibt, iſt aus denſelben Blumen gewunden, die man auf ein Grab wirft. Die Neugierde trug indeſſen den Sieg über die Dankbarkeit davon. Ich fing an den Carton zu öffnen, der in einer Ecke meines Schreibtiſches lag, und fand dat die M vo vor da ein Co auf mit reiz vor dirt wal ihm ein von bekt nien die, Fra von beri ſtert beiz mei: war, Leſer, Werke ury, ach⸗ n, ſo mpli⸗ tein un⸗ be⸗ bei⸗ ber⸗ hres Sie, en. Fe⸗ Re⸗ ach nd, gen der i ien ei⸗ bt, ein die en, nd 43 darin in der That vier reizende Zeichnungen, die eine die Ankunft von d'Artagnan und ſeinem gelben Roß in Meung, die andere, wo Mylady die Diamantneſtelſtifte vom Wamms von Buckingham ſchneidet, die dritte die Baſtei Saint⸗Gervais, die vierte den Tod von Mylady vorſtellend. Dann ſchrieb ich an den Prinzen, um ihm zu danken. Uebrigens kannte ich den Prinzen ſchon lange als einen Künſtler; ich wußte, daß er ein ausgezeichneter Compoſiteur war, und zwei andere Prinzen, die ſich auf Menſchen und Künſte verſtehen: der Herzog von Orleans und der Prinz Jerome Napoleon, hatten oft mit mir von ihm geſprochen. Man weiß, daß der Herzog von Orleans auf eine reizende Weiſe ſtach. Ich habe aus ſeinen Händen her⸗ vorgegangene Proben, welche wahre Muſter von Ra⸗ dirung und Tuſchkupferſtich ſind. Von dem Prinzen Napoleon beſitze ich, was er wahrſcheinlich vergeſſen hat, republicaniſche Verſe, die ihm im Colleg von Stuttgart eine ſchwere Strafarbeit eingetragen; ich habe ſie 1839 oder 1840 in Florenz von der ſchönen Prinzeſſin Mathilde zum Geſchenk bekommen. Ich hatte beſonders von der Prinzeſſin von Ora⸗ nien, als von einer der erhabenen Frauen, ſprechen hören, die, wenn ſie nicht Eliſabeth vder Chriſtine heißen, ſich Frau von Sévigns oder Frau von Staöl nennen. Eine Folge hievon war, daß mir, als der Prinz von Oranien ſeinem Vater auf dem Throne zu folgen berufen wurde, natürlich der Gedanke kam, nach Am⸗ ſterdam zu reiſen, um der Krönung des neuen Königs beizuwohnen und dem ehemaligen Prinzen von Oranien meinen Dank darzubringen. Ich reiſte alſo am 9. Mai ab. Am 10. meldeten die Zeitungen, ich reiſe nach Am⸗ 44 ſterdam, um einen Bericht über die Krönungsfeierlich⸗ keiten zu machen. Man hatte daſſelbe verkündigt, als ich am 9. Oe⸗ tober 1846 nach Madrid abreiſte. Ich bitte die Journale, die ſich mit mir zu beſchäf⸗ tigen die Güte haben, um Verzeihung, doch wenn ich mich zu Hochzeiten von Prinzen begebe, ſo gehe ich als Gaſt dahin, und nicht als Geſchichtſchreiber. Nach dieſer Bemerkung kehre ich zu meiner Abreiſe zurück. Außer dem Vergnügen der Bewegung von einem Ort zum andern, außer dem Bedürfniß, von Zeit zu Zeit eine andere Luft einzuathmen, als die, welche man gewöhnlich athmet, war mir eine herrliche Ueberraſchung vorbehalten. Als ich vom Warteſaal zu den Waggons ging, fühlte ich, daß man mich an einem Flügel meines Ober⸗ rockes zog. „Wohin gehen Sie denn?“ fragte mich derjenige, welcher meine Aufmerkſamkeit mit Hülfe der beſchleu⸗ nigten Geberde erregt hatte. Ich gab einen Schrei des Erſtaunens von mir. „Und Sie?“ „Nach Holland“ „Und, ich auch.. Die Krönung ſehen?“ „a. „Und ich auch... Sind Sie unmittelbar einge⸗ laden?“ „Nein; doch ich weiß, daß der König ein Künſtler⸗ Fürſt iſt, und da es ſeit dem Tode des Herzogs von Orleans nicht mehr viele Künſtler⸗Fürſten gibt, ſo will ich dieſen krönen ſehen.“ Mein Reiſegefährte war Biard. Sie kennen Biard dem Namen nach, wenn nicht perſönlich, Sie, die Sie den Conſtitutionnel*) *) Tauſend und ein Geſpenſt er ſcheint urſprüngli in den Feuil⸗ letons des Conffitutiynnel. 3 9 Erz wün wie habe ſer wen man dieſe eina man man Ern man und wied Rieſ die chäf⸗ n ich e ich reiſe inem itzu man ung hlte ber⸗ ige, leu⸗ ge⸗ ler⸗ von vill 45 in dieſem Augenblick in der Hand halten und die Zeit damit verlieren, daß Sie mich leſen. Biard iſt der geiſtreiche Pinſel, welcher die Revue der National⸗ garde in einem Dorfe, die Taufe des guten Tropenmanns, die getheilten Ehren gemacht hat; es iſt der poetiſche Pinſel, der uns am Fuße des kra⸗ chenden und ſich ſpaltenden Eisberges die zwei Lapp⸗ länder gezeigt hat, welche jeder in einer Pirogue fahren und ſich im Vorüberfahren umarmen; er iſt endlich der Urheber von allen den reizenden Frauenportraits voll Coquetterie und Licht, die Sie bei der letzten Ausſtel⸗ lung und auch noch bei dieſer ſehen konnten; doch er iſt beſonders, und mehr als dies Alles, denn ich habe die ſchlechte Gewohnheit, den Menſchen vor den Künſt⸗ ler zu ſetzen, er iſt der reizende Geiſt, der unermüdliche Erzähler, der Reiſende des Süden und des Norden, der wohlwollende Freund, der College ohne Eiferſucht, der ſich vergißt, wenn er von den Anderen ſpricht; er iſt endlich ein Reiſegefährte, wie ich einen meinen Leſern wünſche, um die Reiſe um die Welt zu machen, und wie ich einen, um nach Holland zu gehen, gefunden zu haben entzückt war. Ich hatte ihn ein paar Jahre nicht geſehen. Un⸗ ſer Leben iſt ein ſonderbares Leben; man liebt ſich, wenn man ſich trifft, man iſt glücklich, ſich zu ſehen; man bringt Stunden, Tage, Wochen ganz freudig über dieſe Paarung, die der Zufall bewerkſtelligt hat, mit einander zu; man kehrt in demſelben Waggon zurück; man läßt ſich durch denſelben Fiacre nach Hauſe fahren; man drückt ſich die Hand und ſpricht mit dem größten Ernſte der Welt:„Ah! mein Freund, es iſt albern, daß man ſich nicht ſieht; ſehen wir uns doch ein wenig;“ und man ſieht ſich nicht wieder. Denn Jeder kehrt in ſein Leben zurück, wirft ſich wieder in ſeine Arbeit, haut ſein Ameiſen- oder ſein Rieſenhaus, dem die Nachwelt allein ſeine wahre Höhe, die Zeit ſeine Dauer anweiſen wird. 46— Es war eine ſchöne Nacht, die Nacht, die ich auf dem Wege nach Brüſſel zwiſchen Biard und meinem Sohne zubrachte; es ſaßen noch fünf bis ſechs weitere Perſonen mit uns in derſelben Diligence: haben ſie etwas von dem begriffen, was wir ſprachen? ich be⸗ zweifle es. Waren wir für ſie nach fünfzig bis ſechzig Meilen Weg und fünf bis ſechs Stunden Fahrt Leute von Geiſt oder Dummkspfe? ich weiß es nicht. Der Geiſt von uns iſt ſo ſeltſam; er ſpringt ſo raſch von den Höhen der Philoſophie in die Niederungen des Calembourg herab! er hat ein ſo eigenthümliches, ſo individuelles, ſo ercentriſches Gepräge! er gehört der⸗ geſtalt einer Kaſte an, daß es gewiſſer Maßen einer langen Einweihung in dieſen Geiſt bedarf, um ihn zu begreifen. Doch da man am Ende aller Dinge müde wird, ſelbſt des Lachens, ſo vertrocknete das Geſpräch gegen zwei Uhr; gegen drei Uhr entſchliefen wirz gegen fünf Uhr weckte man uns auf, um unſer Gepäcke zu viſitiren; gegen acht Uhr endlich langten wir in Brüfſel an. In Brüſſel war Alles vollkommen ruhig, und hätte man in dieſer Stadt nicht in franzöſiſcher Sprache ſo viel Schlimmes über Frankreich ſagen hören, ſo würde ſun dort haben vergeſſen können, daß Frankreich exi⸗ irte. Wir waren in die volle Monarchie eingetreten. Es iſt ein ſeltſames Land, dieſes Belgien, ein Land, das ſeinen König behält, weil ſein König immer bereit iſt, zu gehen. Allerdings iſt König Leopold I. ein Mann von unendlich viel Geiſt. Bei jeder Revolution, die ſich in Frankreich ereig⸗ net, bei jedem Aufruhr, der in Brüſſel toſt, läuft er auf ſeinen Balcon, nimmt ſeinen Hut in die Hand und macht ein Sien⸗ daß er ſprechen will. 3 . Man hört. „Meine Kinder,“ ſagt er,„Ihr wißt, daß man ſagt. men, haben Stolz C Bei d niſche die S Maga zen vr zu ſeh V Biard „ U U ziemlic auf inem itere nſie be⸗ hzig eute Der von des der⸗ ner zu ird, gen ünf en; tte rde ri⸗ d, eit on g⸗ er b 47 mich wider meinen Willen zum König gemacht hat. Ich hatte nicht Luſt, es zu ſein, ehe ich es geweſen bin, und ſeitdem ich es bin, habe ich das Verlangen, es nicht mehr zu ſein; ſeid Ihr alſo wie ich, und habt Ihr genug am Königthum, ſo gebt mir eine Stunde, ich fordere nicht mehr; in einer Stunde werde ich außerhalb des Königreichs ſein: ich habe einzig und allein zu dieſem Behufe zum Ban der Eiſenbahnen auf⸗ gemuntert. Nur ſeid vernünftig, zerbrecht nichts; Ihr ſeht, daß dies unnütz wäre.“ Worauf das Volk antwortet: „Wir wollen nicht, daß Sie gehen. Wir fühlen das Bedürfniß, ein wenig Lärm zu machen; das iſt das Ganze; wir haben gemacht, und ſind zufrieden. Es lebe der König!“ Und hienach verlaſſen ſich der König und das Volk, mehr als je mit einander zufrieden. Den ganzen Weg entlang hatte Biard zu mir ge⸗ ſagt:„Seien Sie ruhig, wenn wir nach Brüſſel kom⸗ zeige ich Ihnen etwas, was Sie noch nie geſehen aben.“ Und ſo oft er mir dies ſagte, zuckte ich in meinem Stolze die Achſeln. Ich war zehnmal vielleicht in Brüſſel geweſen. Bei dieſen zehn Reiſen hatte ich den Park, den bota⸗ niſchen Garten, den Palaſt des Prinzen von Oranien, die Sainte⸗Gudule⸗Kirche, das Waterloo⸗Boulevard, die Magazine von Méline und Cans, das Palais des Prin⸗ zen von Ligne geſehen. Was konnte alſo für mich noch zu ſehen übrig ſein? Wir waren auch kaum angekommen, als ich zu Biard ſagte:. „Sehen wir das, was ich noch nicht geſehen habe.“ „Kommen Sie,“ erwiederte er lakoniſch. Und wir gingen, Biard, Alexandre und ich. Unſer Führer ſchritt uns geraden Wegs nach einem ziemlich ſchönen Hauſe voran, das in der Gegend der 4⁸ Kathedrale lag, blieb vor einem Thorweg ſtehen und läutete ohne Zögern. Ein Bedienter öffnete. Sein Anblick fiel mir ſehr auf. Das Ende ſeiner Finger war hlutig, ſeine Weſte und ſeine Beinkleider waren buchſtäblich mit Federn oder vielmehr mit Flaum bedeckt, der von der Verlaſſenſchaft aller Arten von Vögeln herrührte. Dabei hatte er eine ſeltſame Kopfbewegung, eine halbkreisförmige Bewegung, der der Bachdroſſel ähnlich. „Mein Freund,“ ſagte Biard zu ihm,„wollen Sie die Güte haben, Ihrem Herrn zu melden, Fremde, welche durch Brüſſel reiſen, wünſchen ſeine Sammlung zu ſehen.“ „Mein Herr,“ erwiederte der Bediente,„iſt nicht hier; doch in ſeiner Abweſenheit bin ich beauftragt, die Honneurs ſeiner Cabinete zu machen.“ „Ah Teufel!“ rief Biard. ann wandte er ſich gegen mich um und ſagte: „Es wird minder intereſſant ſein, doch gleichviel, gehen wir immerhin.“ Der Bediente wartete; wir machten ihm ein Zeichen mit dem Kopf, und er ging uns voran. „Sehen Sie, wie er geht,“ ſagte Biard zu mir, „das iſt ſchon eine Curioſität.“ Der brave Mann, der uns führte, hatte in der That nicht den Gang eines Menſchen, ſondern den eines Vogels, und der Vogel, dem er ganz beſonders ſeinen Gang entlehnt zu haben ſchien, war die Elſter. Wir durchſchritten zuerſt einen viereckigen, mit einer Katze und zwei bis drei Störchen bevölkerten Hof. Die Katze ſchien mißtrauiſch zu ſein; die Störche ſchie⸗ nen im Gegentheil auf ihren langen, rothen Pfoten vertrauensvoll. 8 Während der ganzen Zeit, die er den Hof durch⸗ ſchritt, bemerkte ich nichts Außerordentliches im Marſche unſeres Führers, wenn nicht das von mir bezeichnet gar Me bat daß un erb mit geb Sp dan ohn und mit Sch der ſich ſelbe bega wied ben, ten, ſchie Ta und ſeiner leider laum von eine nlich. Sie mde, lung nicht ragt, 49 Drehen des Kopfes und einen ernſten Gang, den ihm die Art, wie er einen Fuß vor den andern ſetzte, ver⸗ lieh. Er ging in der That ganz wie die Elſtern, wenn die Elſtern ernſt gehen. Wir kamen in den Garten. Der Garten iſt eine Art von kleinen Pflanzen⸗ garten, viereckig wie der Hof, doch größer, mit einer Menge von Blumen, woran Etiquetten, und in viele Ra⸗ batten getheilt, welche ſo durch Gänge getrennt ſind, daß man die Blumenbeete leicht putzen kann. Kaum waren wir im Garten, als ſich der Gang unſeres Führers veränderte. Vom ernſten Schritte ging er zum Hüpfen über. Auf eine Entfernung von drei bis vier Schritten erblickte er ein Inſekt, eine Raupe; ſogleich machte er mit einer Bewegung der Lenden„die nichts wiederzu⸗ geben vermag, mit gleichen Füßen ein paar kleine Sprünge vorwärts, dann einen Sprung ſeitwärts, fiel dann auf einen Fuß, bückte ſich zu gleicher Zeit, faßte, ohne es je zu fehlen, das Thier zwiſchen dem Daumen und dem Zeigefinger, warf es in den Gang und fiel mit dem Fuß, den er in der Luft hielt, mit der ganzen Schwere ſeines Körpers darauf. So war keine Secunde zwiſchen der Entdeckung der Gefangennehmung und der Hinrichtung verloren. Nachdem die Hinrichtung beendigt war, befand er ſich wieder durch einen kleinen Seitenſprung in dem⸗ ſelben Gang wie wir. Sobald er aber wieder irgend ein Thier erblickte, begann abermals dieſelbe Operation, doch dies, ich wiederhole es, ſo raſch, daß wir, ohne ſtehen zu blei⸗ ben, unſern Weg nach einem Pavillon verfolgen konn⸗ ten, der die erſte Nummer der Ausſtellung zu ſein ſchien. Die Thüre ſtand weit offen. Fauſend und ein Geſpenſt. U. 4 Der Pavillon, von Fachkaſten. Beim erſten Anblick kam es mir vor, als wären dieſe Fachkaſten mit Kernen gefüllt; ich glaubte mich bei einem gelehrten Gartenfreund, und ich erwartete intereſſante Varietäten von Erbſen, Bohnen, Linſen und Wicken zu ſehen; als ich aber näher hinzutrat und aufmerk⸗ ſam ſchaute, bemerkte ich, daß das, was ich für Hülſen⸗ früchte hielt, ganz einfach Vogelaugen waren, Adleraugen, Geieraugen, Papageiaugen, Falkenaugen, Nabenaugen, Elſternaugen, Amſelnaugen, Finkenaugen, Sperlingsau⸗ gen, Meiſenaugen, kurz Augen von allen Gattungen. Man hätte glauben ſollen, es wäre Blei von allen Dimenſionen, von den Kugeln zu zwölf auf das Pfund, bis zum feinſten Vogeldunſt. Nur hatten durch ein, ohne Zweifel vom Eigen⸗ thümer der Anſtalt erfundenes, chemiſches Präparat alle dieſe Augen ihre Farbe, ihre Solidität und, ich möchte beinahe ſagen, ihren Ausdruck erhalteu. Allerdings hatten dieſe Augen, aus ihren Höhlen gezogen und ihrer Lider beraubt, einen wilden und dro⸗ henden Ausdruck angenommen. Ueber jedem Fache bezeichnete eine Etiquefte, wel⸗ chem Vogel dieſe Augen angehörten. Oh! Covellius! Doctor Copellius! phantaſtiſches Kind von Hoffmann, Du, der Du immer Augen, ſchöne Augen verlangteſt, wäreſt Du nach Brüſſel gekommen, dann hätteſt Du da gefunden, was Du mit ſo großer Beharrlichkeit für Deine Tochter Olympia ſuchteſt! „Meine Herren,“ ſagte unſer Führer, als er glaubte, wir haben dieſe erſte Sammlung hinreichend betrachtet, „wollen Sie in die Gallerie der Raben gehen?“ Wir verbeugten uns, um unſere Beipflichtung zu be⸗ zeichnen, undfolgten unſerem Führer in die Raben⸗Gallerie. Nie hatte eine Gallerie ihren Titel beſſer gerecht⸗ fertigt. Man denke ſich einen langen, zehn Fuß brei⸗ ten, zehn Fuß hohen Corridor, beleuchtet durch Fen⸗ der ein Gevierte bildete, war voll — ſter mi ge taſt in fri um ſeh der ren ſein mar Tha finn Lieb es u Jug dieſe mir Der ſchm Welt r voll wären e mich artete n und merk⸗ ülſen⸗ ugen, ugen, gsau⸗ en. allen fund, igen⸗ arat hlen dro⸗ wel⸗ ches öne nen, ßer bte, tet, be⸗ rie. ht⸗ ei⸗ en⸗ 51 ſter, welche auf den Garten gehen, und völlig tapezirt mit Raben, auf den Rücken genagelt, die Flügel aus⸗ geſpannt, die Pfoten und den Hals gezogen. Dieſe Raben bildeten längs der Wand die phan⸗ taſtiſchſten Einſetzroſen, die ausſchweifendſten Zeichnungen. Die einen zerfielen in Staub, die andern waren in allen Graden der Fäulniß begriffen, wieder andere friſch, und andere bewegten ſich und ſchrieen. Es mochten ihrer acht bis zehn tauſend ſein. Ich wandte mich voll Dankbarfeit gegen Biard um: ich hatte in der That nie etwas Aehnliches ge⸗ ſehen. „Und,“ fragte ich den Bedienten,„es iſt Ihr Herr, der ſich die Mühe gibt, alle dieſe kabbaliſtiſchen Figu⸗ ren an die Wand zu zeichnen?“ „Oh! ja, mein Herr, Riemand außer ihm rührt ſeine Raben an. Ah! wohl, er wäre zufrieden, wenn man die Hand daran legte!“ „Er hat alſo durch ganz Belgien Rabenlieferanten?“ „Nein, mein Herr, er fängt ſie ſelbſt.“ „Wie! er fängt ſie ſelbſt! Und wo dies?“ „Hier, auf dem Dach.“ Und er deutete auf ein Dach, auf dem ich in der That eine Art von mechaniſcher Vorrichtung ſah, deren finnreiche Einzelheiten ich nicht usterſcheiden konnite. Ich bin ein großer Vogelfänger, obſchon ich die Liebe zur Ornithologie nicht his zur Wuth treibe, wie es unſer würdiger Brüſſeler that. Ich habe in meiner Jugend die Lockpfeife und die Leimruthe ſtark betrieben; dieſe Sache fing alſo an mich zu intereſſiren. „Aber,“ ſprach ich zu dem Bedienten„„ſagen Sie mir doch ein wenig, wie ſich Ihr Herr hiebei benimmt. Der Rabe iſt einer von den feinſten, liſtigſten, ver⸗ ſchmitzteſten, mißtrauiſchſten Vögeln, die es auf der Welt gibt.“ „Ja, mein Herr, gegen die alten Mittel, gegen 52 die Flinte, die Brechnuß, die Leimruthe, aber nicht in Beziehung auf die Baßgeige.“ „Wie! nicht in Beziehung auf die Baßgeige?“ „Allerdings, mein Herr, der Rabe kann einem Menſchen mißtrauen, der eine Flinte in der Hand hält, und ſelbſt einem Menſchen, der keine hätte; doch wie ſollte er einem Menſchen mißtrauen, der Baßgeige ſpiet „Ihr Herr zieht alſo, wie Orpheus, die Vögel an, indem er die Baßgeige ſpielt?“ „Ich ſage das nicht gerade.“ „Was ſagen Sie denn?“ „Hören Sie, ich will Ihnen die Sache erklären: mein Herr iſt ein Verräther.“ „Ein Verräther!“ „Ja, ein gezähmter Rabe. Sehen Sie, jener alte Schuft, der im Garten ſpazieren geht.“ 5 Unb er zeigte uns einen Raben, der in den Gän⸗ gen hüpfte. Es war ein Rabe mit einem Mäntelchen, beinahe weiß vor Alter. „Er ſteht um vier Morgens auf.“ „Der Rabe?“ „Nein, mein Herr. Ah! ja, der Rabe, ſchläft er, der bei Tage, wie bei Nacht die Augen beſtändig offen hat? Mein Herr ſteht alſo um vier Uhr Morgens, vor Tagesanbruch, auf; er geht im Schlafrock hinab; er ſetzt ſeinen alten Spitzbuben von einem Raben mitten andern Ende des Gartens ſeh en; erbefeſtigt an ſeinem Fuß den Bindfaden, der mit de m Garn zuſammenhängt; er nimmt ſeine Baßgeige und fängt an zu ſpielen: Ein hitziges Fieber. Sein Rabe ſchreit; die Raben von Sainte⸗Gudule hoören es und kommen herab; ſie ſehen einen Kameraden, der weißen Käſe frißt, und einen Herrn, der Baßgeige ſpielt. Sie begreifen, dieſe Thiere muthmaßen nichts. Sie fliegen zum Verräther herab, je mehr ſie herab fliegen, deſto mehr macht mein 3 gan ger erſt eine trac gen bar den und habe Pavi icht in e 2 einem Hand doch geige an, iren: alte än⸗ chen, er, ffen vor er tten Fuß er in ben ſie md eſe er ein Herr mit ſeinem Bogen ron-ron-ron. Dann plötzlich, pautz! zieht er mit dem Fuß und, plumps! ſchließt ſich das Garn und die Dummköpfe ſind gefangen.“ „Und Ihr Herr nagelt ſie dann an?“ „Oh! mein Herr, ſehen Sie, das iſt kein Menſch, das iſt ein Tiger; er läßt ſeine Baßgeige fahren, bin⸗ det ſeinen Faden los, läuft an die Mauer, klettert die Leiter hinauf, nimmt die Raben, ſpringt auf den Bo⸗ den, füllt ſich den Mund mit Nägeln, ergreift einen Hammer und, ra! ra! ra! da iſt ein Rabe gekreuzigt, er mag immerhin kuahl kuah! ſchreien. Ah! ja, wohl, das reizt meinen Herrn nur. Ueberdies ſehen Sie wohl „Iſt es lange her, daß dieſe Krankheit Ihren Herrn befallen hat?“ „Ohl wohl zehn Jahrel das iſt ſein Leben; finge er drei Tage keine Raben, ſo würde er krank werdenz ſtünde es acht Tage an, ſo würde er darüber ſterben. Wollen Sie nun die Meiſengallerie ſehen?“ „Gern.“ Dieſe Tapete von gefiederten Leichnamen, dieſe ganz von Miasmen eines trockenen Geſtanks geſchwän⸗ gerte Luft, dieſe krampfhaften Bewegungen und einen i bezeichnenden Schreie der Raben machten übel. Wir durchſchritten abermals den Garten, und nun erſt, indem ich den Raben mit dem Mäntelchen mit einem Auge und den Bedienten mit dem andern be⸗ trachtete, bemerkte ich die Aehnlichkeit ihrer Bewegun⸗ gen im Aufſuchen und Beſtrafen der Inſecten. Offen⸗ bar hatte der Rabe den Bedienten oder der Bediente den Raben copirt. Ich meinerſeits, da der Rabe urkundlich hundert und zwanzig Jahre, und der Bediente erſt vierzig zählte, habe den letzteren in Verdacht des Plagiats. Wir kamen zur Meiſengallerie:; es war dies ein Pavillon am andern Ende des Gartens, ganz tapezirt ——— mit Flügeln und Köpfen von Hausſperlingen, geſtick mit Flügeln, Köpfen und Schweifen von Meiſen. Denken Sie ſich eine große graue Tapete mit gelben und blauen Zeichnungen. DieſeZeichnungen ſtellten Räder, Einſetzroſen, Sterne, Arabesken, kurz alle Phantaſien vor, die mit Leibern, Pfoten und Schnäbeln von Vögeln eine kranke Ein⸗ bildungskraft zu zeichnen vermag. In den Zwiſchenräumen der Zeichnungen waren Katzenköpfe mit offenem Maule, gerunzeltem Geſicht und funkelnden Augen an der Wand befeſtigt; dieſe Katzen⸗ köpfe überragten Katzenpfoten, gekreuzt wie die Knochen, die man gewöhnlich in Begleitung der Todtenköpfe ſieht. Ueber dieſen Köpfen ſah man Legenden, in folgenden Ausdrücken abgefaßt: Miſouf, zur Todegſtrafe verurtheilt, am 10. Ja⸗ nuar 1846, weil er zwei Stieglitze und eine Meiſe be⸗ ſchädigt. Der Doctor, zur Todesſtrafe verurtheilt, am 7. Juli 1847, weil er eine Wurſt aus dem Korb geſtohlen, Blücher, zur Todesſtrafe verurtheilt, am 10. Junt 1848, weil er aus einem Milchnapf geſoffen, der für mein Frühſtück beſtiimnmt war. „Ah! ah!“ rief ich,„Ihr Herr hat ſich, wie die alten Lehensherrn, die niedere und die hohe Gerichts⸗ barkeit angemaßt.“ „Ja, wie Sie ſehen, und er macht davon ohne Ap⸗ pellation Gebrauch; er ſagt, wenn es Jeder machte, wie er, und die Plünderer, die Räuber und die Mörder vertilgte, ſo blieben bald nur noch auf der Erde die zahmen und wohlthätigen Thiere, und dann würden die Menſchen, da ſie nur gute Beiſpiele hätten, beſſer werden.“ Ich verbeugte mich vor dieſem Ariom; ich achte die Sammler, ohne ſie zu begreifen. Ich habe in Gent einen Liebhaber beſucht, der Knöpfe ſammeltez nun eſtickt nit terne, ibern, Ein⸗ varen t und atzen⸗ ochen, ſieht. enden Ja⸗ e be⸗ m 7. hlen. 10. „der die chts⸗ Ap⸗ wie rder die die eſſer chte ent nun wohl! die Sache hatte von Anfang einen lächerlichen Anſchein und wurde am Ende intereſſant: er hatte ſeine Knöpfe in Serien abgetheilt vom 1X. Jahrhundert bis auf uns. Die Sammlung begann mit einem Knopf vom Kleide von Karl dem Großen und endigte mit einem Knopf von der Uniform von Napolevn; da waren Knöpfe von allen Regimentern, welche in Frankreich beſtanden hatten, ſeit den Freiſchützen von Karl VII. bis auf die Tirailleurs von Vincennes; es fanden ſich darunter von Holz, von Blei, von Kupfer, von Zink, von Silber, von Gold, von Rubin, von Smaragd und von Dia⸗ mant. Seine Sammlung wurde nach ihrem materiellen Werth zu 100,000 Fr. geſchätzt, und hatte ihn vielleicht 300,000 Fr. gekoſtet. Ich habe in London einen Engländer kennen gelernt, der Stricke von Gehenkten ſammelte; er war auf der einen Hälfte der Erdkugel umhergereiſt und auf der andern hatte er Correſpondenten; durch ſich ſelbſt und durch ſeine Correſpondenten hatte er ſich mit den Henkern der vier Welttheile in Verbindung geſetzt. Sobald ein Menſch in Europa, in Aſien, in Africa oder in Ame⸗ rica gehenkt wurde, ſchnitt der Scharfrichter ein Stück vom Strang ab und ſchickte dies mit einer Urkunde über die Aechtheit an unſern Sammler, welcher ihm dage⸗ gen den Preis ſeiner Sendung übermachte; einer von dieſen Stricken hatte ihn hundert Pfund Sterling ge⸗ koſtet: allerdings hatte er die Ehre gehabt, Selim IIl. zu erdroſſeln, welcher Erdroſſelung, wie Jedermann weiß⸗ die engliſche Politik nicht ganz fremd geweſen iſt. Ich hatte ſo eben die Grabſchrift von Meiſter Blücher eopirt, als es halb zehn Uhr auf Sainte⸗Gudule ſchlug; wir hatten nur noch eine halbe Stunde, um die Eiſen⸗ bahn nach Antwerpen zu erreichen; ich fügte meine Gabe der bei, welche Biard dem Diener bei unſerem Eintritt geboten, und wir liefen aus dieſer Nekropolis weg. Voll Dankbarkeit begleitete uns unſer Führer hü⸗ 56 Hals drehend, mit den Augen bis zur Straßenecke. Wir erreichten den Bahnhof, als die Maſchine eben ihren Abgangsſchrei ausſtieß. Waffeln und Eſſiggurken. Wir kamen um eilf Uhr nach Antwerpen. Um das Boot nicht zu verfehlen, das um Mittag abging, frühſtückten wir auf dem Kai gerade dem Schiffe gegen⸗ feinen Regen ab, der, wie ich glaube, Antwerpen eigen⸗ thümlich iſt, denn ich habe ihn beſtändig wiedergefun⸗ den, ſo oft ich in dieſer Stadt geweſen bin. wir beiwohnen wollten, einen großen Zuſammenfluß von Reiſenden herbeiführen müßte. Doch ich bin ein Mann der Vorſicht. Welche Stadt gibt es überdies, wo ich nicht irgend Jemand enne? Im Jahre 1840 fuhr ich die Nhone hinab. Ich friſchen Wind, der über die Oberfläche der Flüſſe hin⸗ läuft, eingeſchlafen. Dieſer Schlaf war eine ſo ſüße Sache, daß ich, zwei oder dreimal durch irgend einen Vorfall halb auf⸗ pfend bis zur Thüre und folgte uns, beſtändig den über. Um Mittag waren wir an Bord. Fünf Minu⸗ ten nachher fuhren wir, begleitet von einem hübſchen, Biard war nicht ohne Beforgniß über die Art, wie wir in Rotterdam, im Haag und in Amſterdam Quartier finden würden, da eine Ceremonie, wie die, welcher hatte mich in Lyon um vier Uhr Morgens eingeſchifft und war gegen elf Uhr oder zwölf Uhr auf dem Ver⸗ 3 deck, im Schatten des Zeltes, ſanft gefächelt durch den g den ſchine 57 geweckt, nicht einmal die Augen öffnen wollte, aus Furcht, ganz zu erwachen. Ich war alſo unbeweglich, die Vernunft in jenem unbeſtimmten Raume ſchwebend, der die Dämmerung des Schlafes begleitet, geblieben, als ich, meiner glückſeligen Träumerei durch einen drit⸗ ten oder vierten Stoß entriſſen, gleichſam in das Halb⸗ licht meines Gehirns einige Worte Franzöſiſch ge⸗ ſprochen durch Frauenſtimmen, leicht gefärbt mit einem engliſchen Accent, eindringen fühlte. Ich öffnete ſachte meine Augen, ſchaute vorſichtig umher und erblickte durch meine zu drei Vierteln ge⸗ ſchloſſenen Augenlider eine Gruppe, beſtehend aus zwei Frauen von achtzehn bis zwanzig Jahren, einem Mann von ſechs bis acht und zwanzig und einem Mann von vier und dreißig bis ſechs und dreißig. Die zwei Frauen waren reizend, nicht allein durch ihre eigene Schönheit, ſondern auch durch jene naive, beinahe nachläſſige, den Engländerinnen ganz eigen⸗ thümliche Grazie. Die zwei Männer zeichneten ſich durch Vornehm⸗ heit aus. Es fand ein Streit in der Gruppe ſtatt. Der Streit betraf den Weg, den man verfolgen ſollte; würde man bis Avignon hinabfahren oder bis Arles reiſen? Das war ſehr ernſt und mußte nothwendig eine Verlegenheit für Fremde ſein, die keinen andern Führer hatten, als Richard. „Es müßte,“ ſagte eine von den Frauen,„es müßte Einer, der die Reiſe durch Arles und Avignon gemacht hat, ſo gefällig ſein, uns zu belehren.“ Dieſer Wunſch ſchien an meine Adreſſe gerichtet zu ſein. Ich hatte drei bis viermal die Reiſe von Lyon nach Marſeille auf der Rhone und durch jede von die⸗ ſen beiden Städten gemacht. Ich glaubte der Augen⸗ blick, mich vorzuſtellen, ſei gekommen, und der Dienſt, 58 den ich der reiſenden Geſellſchaft leiſtete, würde mir Verzeihung für meine Kühnheit verſchaffen. Ich öffnete die Augen vollends ganz, verbeugte mich halb und ſagte. „Wenn dieſe Herren dem Verfaſſer der Reiſeein⸗ drücke erlauben wollen, ſie über dieſe wichtige Frage zu belehren, ſo bemerke ich dieſen Damen, daß es beſſer iſt, durch Arles, als durch Avignon zu gehen.“ Die zwei jungen Frauen erroͤtheten; die zwei Männer wandten ſich mit dem Lä ächeln der Höflichkeit auf den Lippen gegen mich um. Sie hatten mich offem bar gekannt, ehe ich mit ihnen ſprach, und man hatte ihnen wohl, während ich ſchlief, geſagt, wer ich war. „Und warum dies, wenn's beliebt?“ fragte mich der ältere von den heiden Reiſenden. „Einmal, weil Sie, wenn Sie durch Arles reiſen, Arles ſehen werden, was wohl geſehen zu werden der Mühe werth iſt. Und dann, weil Sie von Arles nach Marſeille einen Weg ohne Staub haben, der ſehr in⸗ tereſſant iſt, inſofern er ſich auf der einen Seite an der Camargue, dem ehemaligen Lager von Marius, und auf der andern an der Crau hinzieht.“ „Aber wir müſſen übermorgen in Marſeille ſein.“ „Wir werden dort ſein.“ „Wir reiſen mit dem Schiffe nach Livorno ab.“ „Ich reiſe mit demſelben Schiffe.“ „Wir wollen am Johannesfeſte in Florenz ſein.“ „Ich werde zu derſelben Zeit dort erwartet.“ „Wie kommen wir von Arles nach Marſeille?“ „Ich habe meine Caleche auf dem Schiff. Wir ſind zu fünf, es haben ſechs darin Platz, wir nehmen Poſtpferde. Wir machen ein Picknick, und ich werde den ganzen Weg entlang Ihr Clcerone ſein.“ Unſere zwei Reiſenden wandten ſich an die zwei jungen Frauen, dieſe machten mit dem Kopf ein un⸗ merkliches Zeichen, und die Sache war entſchieden. Man war noch im Honigmonat in der doppelten rde mir erbeugte ſeeim Frage s beſſer e zwei flichkei offen⸗ hatte war. e mich reiſen, en der s nach hr in⸗ n der und ſein.“ b.“ in.“ Wir hmen den zwei un⸗ ten 59 Che, und während des Honigmonats hat bekanntlich die Frau die Initiative bei der Entſcheidung. Wir machten eine herrliche Reiſe. In Arles be⸗ ſuchten wir die Arenen und kauften Würſte. In Mar⸗ ſeille wurden wir bei Meéry empfangen und ſpeiſten bei Courty. In Florenz ſahen wir die Wagenrennen bei Herrn Finzi und die Beleuchtungen des Arno bei dem Fürſten Corſini. Endlich mußten wir uns trennen. Ich blieb in Florenz, und meine Reiſegefährten ſollten ganz Italien durchlaufen. Wir verſprachen uns gegenſeitig feierlichſt, uns wiederzuſehen, wir tauſchten unſere Adreſſen, falls Herren nach Paris kämen, oder ich nach Holland ginge. Von Seiten der Reiſenden waren die Karten: die eine die von Herrn Jacobſon in Rotterdam, die andere die von Herrn Wittering in Amſterdam. Gegen die Gewohnheit bei ſolchen Verſprechungen wurden ſie gehalten, und ſogar mehr als gehalten, denn Herr Jacobſon ward vom Reiſenden mein Freund, und er hat mir unter gewiſſen Umſtänden einen Dienſt geleiſtet, den viele Freunde nicht leiſten würden. Im Augenblick meiner Abreiſe nach Holland hatte ich zum Voraus Herrn Jacobſon geſchrieben und ihm meine Ankunft angekündigt. Das ſicherte mir eine königliche Gaſtfreundſchaft zuerſt bei ihm und ſodann bei Herrn Wittering. Herr Jacobſon iſt in der That nicht nur ein Rei⸗ ſender voll Geiſt, ein Banquier voll Ehre, ſondern auch ein ganz künſtleriſches Gemüth. Die reizendſten Gemälde von Decamps, von Dupre, von Rouſſeau, von Scheffer, von Diaz, die wir nach Holland gehen ſehen, entführt er uns; kaum hatte ich auch ſeinen Namen ausgeſprochen, als Biard beruhigt war. Was das Haag betrifft, ſo mußte Jacquard acht Tage vorher dort angekommen ſein, mit ſeinem Ge⸗ 60 mälde von Wilhelm dem Schweigſamen, wie er ſein Silbergeſchirr an Juden verkauft, um den Nnabhängig⸗ keitskrieg zu unterhalten. Er mußte für mich ein Zimmer im Gaſthaus zum Kaiſerlichen Hofe beſtellt haben. Wir konnten uns alſo getroſt dem Laufe der Schelde überlaſſen und während der ſeltenen Zwiſchenräume, wo uns der Wind und der Regen auf das Verdeck zu ſteigen geſtatteten, einen Blick auf die Paul Potter, die Hobbema und die Van der Velde werfen, an denen wir hinfuhren. Bei Dortrecht kamen wir durch einen Wald von Mühlen, gegen welche die Mühlen von Puerto Lapiece nur Pygmäen ſind. In Dortrecht hat Jedermann ſeine Mühle: es gibt ſolche am Ufer des Fluſſes, es gibt in den Gärten, es gibt auf den Häuſern, es gibt kleine, es gibt große, es gibt rieſige, es gibt für die Kinder, es gibt für die Männer, für die Greiſe, alle haben dieſelbe Form, aber Jeder malt ſeine Mühle nach ſeiner Phantaſie an; es gibt graue mit weißen Einfaſſungen, die das Ausſehen von Witwen in Halbtrauer haben; es gibt braune mit ſchwarzen Einfaſſungen, die das Ausſehen von troſtloſen Kapuzinern haben; es gibt weiße mit blauen Einfafſungen, welche ausſehen wie luſtige Pierrots. Nichts kann origineller ſein, als dieſe großen unbeweglichen Körper, nichts phantaſtiſcher, als dieſe großen ſich drehenden Flügel; neben dieſen Mühlen, gleichſam in ihrem Schatten, erſcheinen kleine rothe Häuſer mit grünen Läden, reinlich abgeſtäubt, reizend hinter den Alleen von Bäumen mit gekräuſeltem Haupt⸗ haar, mit Stämmen, die mit Kal überſtrichen ſind, und dies Alles mit der Geſchwindigkeit von zwei hun⸗ dert und zwanzig Pferdekräften vorübergehend: es iſt ein entzückendes Panorama. 3 Nähert man ſich Rotterdam, ſo treten die Häuſer im Ueberfluß hervor; die über das Woſſer hingleitenden Schiffe concurriren mit den unbeweglichen Mühlen auf dem Dre beſc biet klei ſähe pier in ſie, hab lebe alte iſt,: Kai zwi meit von dem gedu bei quat Bia nur wen Sie hat, ich verl Haa die den tolle er ſein ängig⸗ s zum Schelde räume, eck zu er, die denen d von Lapiee ſeine ibt in kleine, inder, haben ſeiner ngen, aben; das weiße ſtige oßen dieſe hlen, rothe zend upt⸗ ſind, n⸗ iſt uſer den auf 61 dem Lande. Es finden ſich auch von jeder Größe, Dreimaſter, Briggs, Slupen, Sardellenbootez es gibt beſonders, welche einen ganz eigenthümlichen Anblick bieten, mit ihrem großen ungebleichten Segel und ihrem kleinen azurblauen Segel oben am Maſt; es iſt, als ſähe man ungeheure, noch in ihr grau und blaues Pa⸗ pier gewickelte Zuckerhüte, die man zum Zerſchmelzen in den Fluß geſtellt; und ich ſage zerſchmelzen, weil ſie, wie ſie ſich immer mehr entfernen, das Ausſehen haben, als verſänken ſie in den Fluß. Dies Alles iſt lebendig, thätig, betriebſam; man ſieht, daß man ſich dem alten Holland nähert, welches nur ein ungeheurer Hafen iſt, und das alle Jahre zehntauſend Schiffe ſchwärmen ließ. Um acht Uhr Abends ankerte das Schiff vor dem Kai von Rotterdam. Kaum war eine Verbindung zwiſchen dem Dampfbvot und der Erde gemacht, als ich meinen Namen ausſprechen hörte: es war ein Commis von Jacobſon, der mir ankündigte, ſein Herr ſei an demſelben Tag nach Amſterdam abgereiſt, wo ich mit Un⸗ geduld von ſeinem Schwager Wittering erwartet werde, bei dem ſchon ſeit dem vorhergehenden Tag Gudin ein⸗ quartiert war. Abermals eine gute Kunde! Gudin wollte, wie Biard und ich, der Krönung beiwohnen; er war nicht nur ein Freund, ſondern auch ein College. Gudin iſt wenigſtens ebenſo ſehr Dichter, als Maler; erinnern Sie ſich des Schiffbrüchigen, der nur noch einen Maſt hat, um ſich daran zu halten, und einen Stern, um ſich von ihm leiten zu laſſen? Wir ſprangen an's Land; es war keine Zeit zu verlieren, die Eiſenbahn ging um neun Uhr nach dem Haag ab; es war halb neun Uhr: wir durchſchritten die ganze Stadt mit der geſchäftigen Miene, die nur den Leuten angehört, welche Locomotiven nachlaufen. Wie in Brüſſel, trafen wir zu rechter Zeit ein. Drei Viertelſtunden nachher kamen wir zu einer tollen Kermeſſe, voll von Lärmen, Tänzen, Geſchrei, ſchallender Muſik, Marktbaraken, Buden von Waffeln⸗ händlern und Gurkenverkäufern. Die Waffelnhändler und die Gurkenverkäufer ſind zwei gewerbliche Specialitäten, welche hier bezeichnet zu werden verdienen, inſofern das Aequivalent von dieſen zwei Handelsunternehmungen in andern Län⸗ dern fehlt. In Holland berauſcht man ſich mit Eſſiggurkfen und harten Eiern und man vertreibt ſich den Rauſch mit Waffeln und Punſch. Derjenige, welcher ſich in eine luſtige Laune ver⸗ ſetzen will, bleibt ganz einfach vor der Bude eines Krämers ſtehen, der in Eſſig eingemachte Früchte ver⸗ kauft, legt fünf Stüber auf einen von den Tiſchen, nimmt eine Gabel mit der rechten Hand und ein hartes Ei mit der linken. Dann ſticht er mit der Gabel in eine große Kufe, worin wie rothe Fiſche Portionen von Eſſiggurken von der Größe gewöhnlicher Gurken ſchwimmen. Er zieht eine von dieſer Portionen heraus, verzehrt ſie und ſetzt ſogleich ein hartes Ei darauf. Und ſo wechſelt er ab, ſo lange ſein Magen nicht: genug! ruft, wobei diejenigen im Vortheil ſind, deren gaſtronomiſche Fähigkeit doppelt, dreifach, vierfach iſt: es koſtet ſie nicht mehr, als die Anderen. Fünf Stüber für Jedermann. Die Aerzte aller Länder haben wiſſenſchaftliche und moraliſche Beobachtungen über die verſchiedenen Trun⸗ kenheiten angeſtellt: die Trunkenheit durch Branntwein, durch Wein, durch Bier, Alles hat man ſtudirt. Nur über die Trunkenheit durch Eſſiggurken iſt, glaube ich, noch kein Bericht gemacht worden. Ich will es verſuchen, die Lücke auszufüllen. Kaum iſt der Holländer Gurken⸗trunken, ſo fühlt er das Bedürfniß, Tollheiten zu machen. Dem zu Folge tritt er zu den Buden von Waffeln⸗ händlern. „ folg von mint Oris mütz ten rath brau das gibt, Spit Laffeln⸗ fer ſind zeichnet nt von n Län⸗ en und ch mit ne ver⸗ eines te ver⸗ iſchen, hartes Kufe, nvon erzehrt nicht: deren ch iſt: e und Trun⸗ wein, en iſt, fühlt ffeln⸗ 63 Dieſe Buden verdienen eine beſondere Beſchreibung. Es iſt ein langes Viereck, von dem hier der Plan folgt. — S Zahiſc Abgeſondertes F Abgeſondertes Lehnſtuhl. Cabinet. 1 Rechaud. Vier Frauen halten gewöhnlich dieſe Buden: zwei von ungewiſſem Alter, zwei jung und hübſch. Alle vier haben frieſiſche Tracht. Die frieſiſche Tracht beſteht aus einem mehr oder minder zierlichen Rocke. Hierin liegt aber nicht ihre Originalität. Ihre Originalität beſteht in einer doppelten Platt⸗ mütze von vergoldetem Kupfer, die ſich auf beiden Sei⸗ ten an die Schläfe anſchließt. Zwei kleine goldene Zier⸗ rathen erheben ſich an dem äußern Ende jeder Aug⸗ braune: es iſt, als ſähe man zwei Feuerböcke. Auf das Ganze ſetzt man eine Haube mit Barben. Nun wohl! dieſe ſeltſame Vereinigung von Kupfer, das dem Kopf das Ausſehen eines vergoldeten Schädels gibt, von Haaren, die auf Kupfer wachſen, und von Spitzen, welche die zu lebhaften Lichter an allen Thei⸗ 64 len, die ſie bedecken, auslöſchen, bildet ein ſehr lie blich anzuſchauendes Geſammtweſen. Dieſe Damen treiben das Gewerbe, das die Almehen in Aegypten und die Bajaderen in Indien treiben, nur daß ſie weder tanzen noch zaubern. Die zwei Frauen von einem vernünftigen Alter, halten ſich die eine auf einem Lehnſtuhl, der an der Thüre iſt, die andere auf dem Lehnſtuhl, der hinter dem Comptoir ſteht. Sie ſind hier incruſtirt. Die an der Thüre macht die Waffeln. Die am Zahltiſch ſchenkt den Punſch aus. Die zwei jungen Mädchen machen es iſt ſehr ſchwer zu ſagen, was ſie machen, beſonders nachdem man geſagt hat, was ſie nicht machen. Sie erkennen mit dem erſten Blick die gurkentrun⸗ kenen Menſchen und machen ihnen Zeichen. Genügen die Zeichen nicht, ſo treten ſie aus der Bude heraus und holen ſie. Sobald der Verzehrer in die Bude eingetreten iſt, verſchwindet er in einem von den abgeſonderten Ca⸗ binets. Eine Friefin folgt ihm. Dann werden ein Teller mit Waffeln und eine halbe Bowle Punſch hineingetragen. Hienach fallen die Vorhänge, die das Innere des Cabinets vor den Vorübergehenden und den Bewohnern der Bude verbergen, mit einer ganz holländiſchen Nai⸗ vetät herab. X Eine Viertelſtunde nachher tritt der Mann, völlig von ſeinem Rauſch befreit, heraus. W Das iſt es, was wir am 10. Mai Abends, gerade vier und zwanzig Stunden nach unſerer Abreiſe von Paris, ſahen. Wir hatten, in Folge aller der Krümmungen und Umwege der Schelde, hundert und ſechzig Lienes in vier und zwanzig Stunden gemacht. Fr der lie blich lmehen n, nur Alter, an der hinter ſt ſehr chdem ntrun⸗ s der en iſt, Ca⸗ halbe e des hnern Nai⸗ öllig rade von und vier 65 Wir fanden unſere Betten durch die Sorge unſeres Freundes Jacquard bereit und legten uns beim Lärm der hölliſchſten Muſik, die ich je gehört, nieder. Die Beirathen des Pater Olifus. Meerfrauen und Sirenen. Erinnerung, ſüße Gabe des Himmels, mit deren Hülfe der Menſch ſein vergangenes Daſein wiederſieht, herrlicher Spiegel, der die Gegenſtände wiederſcheint und ihnen die unbeſtimmte Poeſie der Dämmerung, den milden Umriß der Entfernung verleiht, bei mir be⸗ ſonders iſt deine Macht Wahrheit, deine Hinziehung unwiderſtehlich. Ich nehme die Feder in der feſten Ab⸗ ſicht, den Raum im Vogelflug zu durchmeſſen, im ein⸗ zigen Verlangen, abzureiſen und anzukommen. Aber den ganzen Weg entlang hat die Erinnerung Abſteck⸗„ pfähle geſetzt, die ſie wiederfindet. So gehöre ich nicht mehr mir, ſo bin ich Leib und Seele in der Vergan⸗ genheit. So ſchwebt mein Geiſt, der den Raum raſch, wie der Blitz, durcheilen wollte, unſicher, wie die Sei⸗ fenblaſe, die der Wind fortträgt, und die, während ſie ſich im Saphir, im Rubin und im Opal badet, auf ihrer ephemeren Kugel die Häuſer, die Felder, den Him⸗ mel, das heißt eine ganze Welt in einer Welt von einem Augenblick wiederſtrahlt. Es iſt wahr, ich wollte mit einem Kapitel Frank⸗ reich hinter mir laſſen, Belgien durchreiſen, die Schelde hinabfahren, Amſterdam erreichen und mich nach Mon⸗ nikendom einſchiffen, wo wir den Vater Olifus finden Tauſend und ein Geſpenſt. n. 5 66 ſollten. Aber nun traf ich auf der Reiſe Biard, den König der Belgier, den Mann mit der Baßgeige, di⸗ Mühlen von Dortrecht, die Schiffe von Fſſelmonde, den Brief von Jacobſon, Jacqurad, die Kermeſſe vom Haag, die Gurgenhändler, die Waffelnverkäufer, die Frie⸗ ſinnen mit den goldenen Mützen; hei Jedem und bei Je⸗ der, bei den Menſchen und bei den Sachen, habe ich mich aufgehalten; hier habe ich die Hand gereicht, dort habe ich den Kopf umgedreht, anderswo habe ich meine Schritte gehemmt; und nun im Anfang meines dritten Kapi⸗ tels bin ich noch, wo? in Haag, am Vorabend det Krönung, und ich werde nicht genug haben mit dieſem Kapitel, um vom König, von der Königin, von Amſter⸗ dam mit ſeinen drei hundert Kanälen, ſeinen dreißig tauſend Häuſern und zweimal hundert tauſend Einwoh⸗ nern dr. zu ſprechen. Meine Leſer mögen mir verzeihen, Gott hat mich ſo gemacht, ſie mögen mich hinnehmen, wie er mich gemacht hat, oder das Buch ſchließen. Ich verliere indeſſen die Hoffnung nicht, am Ende dieſes Kapitels nach Monnikendam zu kommen. Doch der Menſch denkt, Gott lenkt. Wie die Papierſchiffe, welche die Kinder auf einen Bach ſetzen, der für ſie ein Fluß iſt, will ich mich dem Laufe meiner Erzählung überlaſſen, auf die Gefahr, heute zu ſcheitern und morgen erſt anzukommen. Ich hatte einen Brief vom König Jerome Napo⸗ leon an ſeine Nichte, die Königin von Holland. So⸗ gleich bei meiner Ankunft hatte ich dieſen Brief an ſeine Adreſſe abgeſchickt, ſo daß ich durch einen Boten gus dem Palaſt aufgeweckt wurde Ich ſtreckte meinen Kopf aus dem Federbett, in dem ich vergraben war, und erkundigte mich nach der Urſache meines Erwachens. 3 Der Adjutant des Königs ließ mir im Auftrage Seiner Majeſtät eine Vollmacht, mit meinen Gefähr⸗ ten den Speeialzug zu benützen, zukommen und ſchickte * rd, der ige, die elmonde, eſſe vom die Frie⸗ bei Je⸗ habe ich ht, dort h meine n Kapi⸗ end edet dieſem Amſter⸗ dreißig inwoh⸗ tzeihen, emen, n. Ende Doch einen h dem efahr, Napo⸗ So⸗ ef an Boten in h der trage fähr⸗ hickte 67 mir Karten, um der Kroͤnung auf der diplomatiſchen Tribune beizuwohnen. Der Specialzug ging um eilf Uhr ab; es war neun Uhr; ich dankte dem Boten und ſuchte mich aus meinem Bette zu ziehen. Ich ſage, ich verſuchte es, mich aus dem Bette zu ziehen, und das iſt der richtige Ausdruck; es iſt näm⸗ lich nichts Leichtes, ſich aus einem holländiſchen Bette zu ziehen, das die Geſtalt einer Kiſte hat und mit zwei mit Federn vollgepfropften Matratzen verſehen iſt, in welche man ſeine Form eindräckt und die ſich über einem ſchließen. Es iſt etwas Unglaubliches um die Verſchiedenar⸗ tigkeit in den Beigaben und in der Form eines Geräthes, welches in allen Ländern der Welt denſelben Zweck hat: den Zweck, den menſchlichen Körper ruhen zu laſſen. Die beſtändig zu Hauſe ſitzenden Geiſter glauben, man müſſe überall auf dieſelbe Art oder ungefähr auf die⸗ ſelbe Art ſchlafen, und ſie täuſchen ſich gewaltig. Stellen Sie neben einander ein engliſches Bett, ein italieniſches Bett, ein ſpaniſches Bett, ein deut⸗ ſches Bett und ein holländiſches Bett; laſſen Sie die⸗ ſelben durch einen Pariſer Gelehrten ſtudiren, der nie ein anderes Bett, als ein franzöſiſches geſehen hat, und Sie werden einen Band Conjecturen, von denen die einen immer ſeltſamer, als die andern, über die ver⸗ ſchiedenen Gebräuche bekommen, zu denen dieſe verſchie⸗ denen Geräthe angewendet werden können. Er wird ihnen hundert verſchiedene Beſtimmungen anweiſen, ehe er erräth, daß es Schlafmaſchinen ſind. Zum Glück bin ich ſeit langer Zeit mit den aus⸗ ſchweifendſten Betten vertraut, und ich habe in einem holländiſchen Bett vortrefflich geſchlafen. Nicht daſſelbe war bei Alerandre und Biard der Fall, die ſchon um ſieben Uhr Morgens ein Badehaus aufſuchten, in der Hoffnung, das Waſſer würde ihn 68 Erholung von der Feder, die Badewanne Erholung von der Beengtheit des Bettes verſchaffen. Sie kamen um halb zehn Uhr zurück, ſie waren dreimal im ganzen Haag umhergegangen, hatten alle Muſeen, alle Gerümpelmagazine beſucht, aber kein Bade⸗ haus gefunden. Allerdings iſt das Meer nur eine Stunde von Haag entfernt. Es gab Eines, was ich außer den Rembrandt, den Van Dyck, den Hobbema, den Paul Potter und allen den Meiſterwerken der holländiſchen Malerei ſehen wollte; dies war in den unteren Sälen mitten in Gemäldemuſeum ein Glaskaſten, in welchem man mehrere Muſter von Meerfrauen aufbewahrt. Die Meerfrauen theilen ſich, wie man weiß, oder wie man nicht weiß, in zwei Klaſſen: Die Sirene und Nereide. Die Sirene iſt das antife Ungeheuer mit den Frauenkopf und dem Fiſchſchwanz. Das ſind die Töchter von Parthenope, Leukoſia und Ligen. Darf man den Schriftſtellern des XVI., des XFII. und ſogar des VIII. Jahrhunderts glauben, ſo find die Sirenen nicht ſelten. Der engliſche Kapitän John Smith ſah, in Neu⸗ England in Weſlindien, eine Sirene, bei der der obert Theil des Körpers vollkommen dem einer Frau ähnlich war. Sie ſchwamm mit aller möglichen Anmuth, als er ſie am Geſtade des Meeres erblickte. Ihre großen, obgleich ein wenig runden Augen, ihre wohlgeformte, obgleich ein wenig ſtumpfe Naſe, ihre hübſch gebildeten, obgleich ein wenig langen Ohren, machten eine ſehr angenehme Perſon aus ihr, der lange grüne Haare einen Charakter der Seltſamkeit verliehen, dem es nicht an Reizen gebrach. Leider ſchoß die ſchöne Baderin einen Purzelbaum, und der Kapitän Smith, der ſich in ſie zu verlieben anfing, bemerkte, daß vom Nabel an die Frau nur ein Fiſch war. wur rein Unt die rholung waren en alle Bade⸗ e vom brandt, e und i ſehen en in man , odet dem öchter an den r des nicht MNeu⸗ obert hnlich , al roßen, rmte, deten, ſehr Haare nicht derin r ſich Nabel 69 Es iſt wahr, dieſer Fiſch hatte einen doppelten Schwanz, aber ein doppelter Schwanz erſetzt nicht zwei Beine. Der Doctor Kircher beſtätigt in einem wiſſenſchaft⸗ lichen Bericht, daß eine Sirene im Zuyderſee gefangen und von Profeſſor Peter Paw in Leyden ſecirt wurde, und in demſelben Bericht ſpricht er von einer Sirene, die man in Dänemark gefunden hatte, und die das Spinnen und das Wahrſagen lernte. Dieſe Sirene hatte ein langes Haupthaar, das nicht, aus eigent⸗ lichen Haaren, ſondern aus ſfleiſchigen Fäſerchen be⸗ ſtand. Sie hatte ein angenehmes Geſicht, lebhafte, freundliche Augen, wenig Naſe, Arme länger, als die der Menſchen, die Finger an den Händen verbunden durch einen Knorpel in Gänſepfotenform, die Brüſte rund und feſt, die Haut bedeckt mit Schuppen ſo weiß und fein, daß man ſie von fern für eine weiße und fette Haut halten konnte. Sie erzählte, Tritone und Sirenen bilden eine unterſeeiſche Bevölkerung, die ſich, der Geſchicklichkeit der Affen und des Bibers theilhaftig, an Orten, welche für Taucher unzugänglich, Grotten bilden, in denen ſie Sandbetten ausbreiten, worauf ſie ruhen, ſchlafen und leben. Johann Philipp Abelin berichtet im erſten Band ſeines Theatrum europaeum, im Jahre 1619 haben Räthe des Königs von Dänemark, welche von Norwe⸗ gen nach Kopenhagen reiſten, einen Meermann geſehen, der in der See ſpazieren ging und einen Bund Gras auf dem Kopfe trug. Man warf ihm eine Lockſpeiſe zu, die eine Angel verbarg. Der Meermann war Gourmand, wie es ſcheint, wie ein Erdmann. Er ließ ſich von dem Stück Speck anlocken, biß darein, und wurde an Bord des Schiffes gezogen. Doch kaum war er auf dem Verdeck, als er das reinſte Däniſch zu ſprechen und das Schiff mit ſeinem Untergang zu bedrohen anfing. Bei den erſten Worten, die er ſprach, waren die Matroſen, wie man ſich wohl 70 denfen kann, ſehr erſtaunt. Als er aber von den ein⸗ fachen Worken zu den Drohungen überging, verwandelte ſich ihr Erſtaunen in Schrecken. Sie beeilten ſich, den Meermann unter der in die See zu werfen allen möglichen Entſchuldigungen wie⸗ „ Da dies das einzige Eremplar von einem Meer⸗ mann iſt, der geſprochen hat, ſo behaupten allerdings die Commentare von Abelin, es ſei kein Triton, ſondern ein Geſpenſt gewe ſen. Johnſton erzählt, man habe im Jahre 1403 eine Meerfrau in einem holländiſchen See gefunden, in den ſie durch das Meer geworfen worden ſei. Sie ließ ſich ankleiden, gewöhnte ſich daran, Brod und Rilch zu eſſen, lernte ſpinnen, blieb aber ſtumm. Um endlich wie ein Feuerwerk zu endigen, das heißt mit einem Strauß: Dimas Bosque, Arzt des Vicekönigs der Inſel Manara, erzählt in einem Briefe, der ſich in der Geſchichte von Aſien von Barthole auf⸗ genommen findet, als er am Geſtade des Meeres mit einem Jeſuiten ſpazieren gegangen, ſei ein Trupp von Fiſchern herbeigelaufen und habe den Pater eingeladen, in ihre Barke zu Der Pater folgte begleitete ihn. In dieſer Barke befanden ſich ſechzehn Fiſche mit menſchlichem Geſicht, neun Weibchen und ſieben Männ⸗ chen, welche die ſteigen, um ein Wunder zu ſehen. ihrer Einladung und Dimas Bosque Fiſcher mit einem Netzzug gefangen hatten; man brachte ſie ans Ufer und unterſuchte ſie ſorgfaltig. Die Ohren waren emporſtehend, wie die unſeren, knorpelig und mit einer dünnen Haut bedeckt. Die Angen glichen den unſeren der Farbe, der Form und der Lage nach die unter der Stir „ſie waren in Höhlen eingeſchloſſen, ne verborgen, mit Augenlidern ver⸗ ſehen, und hatten nicht, wie die der Fiſche, verſchiedene Sehachſen. Die Naſe unterſchied ſich von der menſch⸗ lichen Naſe nur d wird, wie die des adurch, daß ſie ein wenig geplattet Negers, und ein wenig geſpalten, wie wa wa eine ßen ohn die wei Fuf ohn befe Auf den gan Fre Ref ſein dem tiſch wah die mili ſel⸗( vom tend fand die nach Sire gnü Eint ein⸗ ndelte den wie⸗ Meer⸗ dings ndern eine den ſich ch zu das des riefe, auf⸗ mit von den, hen. sque mit inn⸗ igen ſie die eckt. orm ſſen, ver⸗ ene ſch⸗ ttet ten, 7¹ wie die des Bullenbeißers. Der Mund und die Zähne waren vollkommen den unſeren ähnlich. Die Zähne waren viereckig und aneinander gepreßt. Sie hatten eine breite Bruſt, bedeckt mit einer außerordentlich wei⸗ ßen Haut, welche die Blutgefäße erſchauen ließ. Die Weibchen hatten runde und feſte Brüſte, denn ohne Zweifel ſäugten einige von ihnen: wenn man an die Bruſtwarzen drückte, machte man daraus eine ſehr weiße und ſehr reine Milch hervorſpritzen. Gegen vier Fuß lang und voller, als die unſeren, waren ihre Arme ohne Gelenke und die Hände an den Ellenbogenröhren befeſtigt. Man kann ſich denken, daß ein ſolcher Fang großes Aufſehen machte. Der Vicekönig kaufte den Fiſchern den Netzug ab, trennte ihn und machte mit dieſer ganzen Geſellſchaft von Tritonen und Sirenen ſeinen Freunden und Bekannten Geſchenke. Der holländiſche Reſident erhielt für ſeinen Theil eine Sirene, die er ſeiner Regierung überſchickte, welche ſie wiederum nach dem Muſeum vom Haag bringen ließ. Man begreift, daß eine wahre Sirene, eine authen⸗ tiſche Sirene, eine Sirene in einem Muſeum aufbe⸗ wahrt und mit Etiquette verſehen, eine Sirene, von der die Wiſſenſchaft erklärt hat, ſie ſei nicht von der Fa⸗ milie von Lazarille von Tormes oder von Cadet⸗Rouſ⸗ ſel⸗Eſtargeon, ſondern eine authentiſche Abkömmlingin vom Fluſſe Achelous und der Nymphe Kalliope, bedeu⸗ tend intereſſanter war, als eine Rabengallerie, und fanden ſich auch zehntauſend Raben in dieſer Gallerie. Denn Raben ſieht man am Ende alle Tage, und die Sirenen werden im Gegentheil immer ſeltener. So daß ich, da ich nicht wußte, ob ich je wieder nach dem Haag kommen würde, dieſe Gelegenheit, eine Sirene zu ſehen, nicht verſäumen wollte. Doch ſo ſehr ich mich auch beeilte, mir dieſes Ver⸗ gnügen zu verſchaffen: ich wurde plötzlich bei meinem Eintritt aufgehalten. Ich wußte, daß in demſelben Muſeum die vollſtän⸗ dige Kleidung ausgeſtellt war, welche Wilhelm von Naſſau, Prinz von Oranien, von der Geſchichte der Schweigſame genannt, trug, als er am 10. Juli 1584 in Delft von Balthaſar Gerard ermordet wurde. Dieſes hiſtoriſche Andenken hatte für mich einen Reiz, der wohl an Werth dem der Sirenen und Meer⸗ frauen aller Länder gleich kam. Ich bat alſo den Cicerone, mir vor Allem den Kaſten zu zeigen, worin die Kleider von Wilhelm auf⸗ bewahrt wurden, und dann den Schrank, in welchem der Leichnam der Meerfrau ausgeſetzt war. Die Verlaſſenſchaft des Stifters der holländiſchen Republik, des Gründers der Union von Utrecht, des Ge⸗ mahls der Witwe von Teligny findet ſich links, wenn man in den erſten Saal eintrittz ſeit zwei hundert und ſechzig Jahren iſt ſie zur Verehrung dem Volke aus⸗ geſtellt, dem der letzte Seufzer von Wilhelm gehörte. „Herr, erbarme Dich meiner Seele und dieſes armen Volkes!“ ſprach er, als er fiel. Das Wamms, die Weſte und das Hemd find mit Blut befleckt vorhanden, nebſt der Kugel, die ihn durch⸗ bohrte, und der Piſtole, aus der ſie kam. Das iſt ein lebendiger und ewiger Fluch gegen den Mörder. Ich kenne nichts, was ſo zum Nachſinnen, zur Träumerei, zur Poeſie hintreibt, wie der Anblick der materiellen Gegenſtände. Wie viele Dinge im Meſſer von Ravaillac! welche Dinge in der Kugel von Balthaſar Gerard! Wer kann ſagen, was drei Zoll Eiſen oder eine Unze Blei im Geſchicke der Völker wiegen! Zufall, Vorſehung oder Verhängniß, die Welt wird über dieſen drei Worten weiß werden. Der Sphinr, der über ihnen wacht, iſt der Zweifel. Ich werde nach dem Haag zurückkehren, nur um — —— e—— ſtän⸗ von e der 1584 einen Reer⸗ den auf⸗ nder ſchen z Ge⸗ wenn und aus⸗ te. rmen mit urch⸗ gegen zur k der velche eine wird der — rum 73 dieſes blutbefleckte Hemd, dieſe Piſtole und dieſe Kugel noch einmal zu ſehen.* Doch es war drei Viertel auf eilf Uhr, und ich hatte nur noch einige Minuten für mich. Ich verlangte meine Sirene zu ſehen; man führte mich an einen Kaſten, der drei Ungeheuer enthielt: einen Faun, einen Vampyr und eine Sirene. Es war die Sirene, worauf ich es abgeſehen hatte, und ich ließ den Vampyr und den Faun unbe⸗ rückſichtigt. Sie war vertrocknet und hatte beinahe die Farbe eines Karaibenkopfes. Ihre Augen waren geſchloſſen, die Naſe geplattet, die Lippen an die ſpärlich geworde⸗ nen Zähne gepreßt, der Buſen augenſcheinlich⸗ obgleich niedergedrückt; einige wenige kurze Haare ſtanden auf ihrem Kopfe empor; der untere Theil des Körpers en⸗ digte ſich in einem Fiſchſchwanz. Es ließ ſich nichts ſagen, das war wohl eine Sirene. Von mir befragt, erzählte mir nun mein Cicerone die Geſchichte vom Arzt Dimas Bosque, vom Pater Jeſuiten, vom Vicekönig von Manara und vom hol⸗ ländiſchen Reſidenten, ſo wie ich ſie erzählt habe. Dann, da er ſah, daß ich durchaus andere Details zu haben wünſchte, ſagte er: „Es ſcheint, Sie find begierig, Mittheilungen über dergleichen Thiere zu erhalten.“ Ich fand meinen Cicerone ſehr unverſchämt, daß er unter die Zahl der Thiere ein Geſchöpf reihte, das n Weiberkopf, Weiberhände und einen Weiberbuſen atte. „Sehr begierig,“ antwortete ich ihm,„und wenn Sie mir geben können.. „Ohl ich nicht gerade, doch ich kann Ihnen ſagen, wo Sie finden werden.“ „Wo dies? ſprechen Sie geſchwinde,“ „In Monnikendam,“ 74 „Was iſt das, Monnikendam?“ 1 „Es iſt ein Flecken, zwei Stunden von Amſterdam in ziner Bucht des Zuyderſee.“ „Und ich werde dort Auskunft über die Sirenen erhalten?“ „Ja wohl! über die Sirenen, über die Meerfrauen, was noch viel intereſſanter iſt.“ „Es gibt alſo ein Muſeum in Monnikendam 24 „Nein, doch es gibt eine auf dem Kirchhof; Sie werden ihren Mann und ihre Kinder ſehen, was auch ſehr intereſſant iſt.“ „Sie hat ſich alſo verheirathet? ſie hat alſo Kin⸗ der gehabt?“ „Sie hat ſich verheirathet und Kinder gehabt. Allerdings verleugnen ſie ihre Kinder, doch ihr Mann wird Ihnen das erzählen.“ „Spricht er Franzöſiſch?“ „Oh! er ſpricht alle Sprachen. Es iſt ein alter Seewolf.“ „Und er heißt?“ „Der Vater Olifus.“ „Wo werde ich ihn finden?“ „Vielleicht in Amſterdam ſelbſt; er hat ein Schiff, mit dem er die Reiſenden von Amſterdam nach Mon⸗ nikendam führt, wo ſeine älteſte Tochter das Gaſthaus zum Guten Tropenmann führt.“ „Der Vater Olifus, ſagen Sie 7“ „Der Vater Olifus.“ „Gut.“ Ich warf einen letzten Blick auf die Sirene, von der Biard ein Croquis machte, und wir ſprangen in unſern Wagen und riefen: „Nach der Eiſenbahn!“ ——— —— dam nen ten, if, n⸗ us on in 75 Die Beirathen des Vater Glifas. Das Gaſthaus zum guten Tropenmann. Holland iſt das Vaterland der Eiſenbahnen; vom Haag bis Amſterdam hatten die holländiſchen Inge⸗ nieurs keinen Hohlweg auszufüllen, keinen Maulwurfs⸗ haufen zu durchſtechen. Das Land iſt übrigens immer daſſelbe; eine weite Prairie, ganz von Kanälen durchſchnitten, Baumgrup⸗ pen vom friſcheſten Grün, Schafe in ihrer Wolle be⸗ graben, Kühe mit Paletots. Nichts kann gewiſſenhafter wahr ſein, als die Land⸗ ſchaften der holländiſchen Maler. Hat man Hobbema iyr Paul Potter geſehen, ſo hat man Holland ge⸗ ehen. Hat man Teniers und Terburg geſehen, ſo hat man die Holländer geſehen. Und dennoch mögen diejenigen, welche nicht in Holland geweſen find, dahin gehen: ſelbſt nach Hob⸗ bema und Paul Potter iſt Holland ſchön anzuſchauen; ſelbſt nach Teniers und Terburg iſt es angenehm, die Holländer kennen zu lernen. Um zwei Uhr waren wir in Amſterdam. Eine Viertelſtunde nachher ſtiegen wir die Frei⸗ treppe eines reizenden Hauſes der Kaiſergracht hinauf und ſignaliſirt durch den Bedienten, der auf uns wartete, ſahen wir Frau Wittering, Herrn Wittering, Herrn Jacobſon und Gudin uns entgegenlaufen. Frau Wittering war immer die reizende Frau, wie ich ſie dreimal zu ſehen die Ehre gehabt hatte, ſchön, beſcheiden, erröthend, wie ein Kind, eine reizende Mi⸗ ſchung von einer Pariſerin und einer Engländerin. Ihre Schweſter, Frau Jacobſon, befand ſich in London. Es herrſchte fünf Minuten lang ein Getöſe von Um⸗ armungen und eine Gymnaſtik von Händedrücken. Gudin war von Schottland angekommen. Der Tiſch war beſtellt. Ich ſpreche mit meinen franzöſiſchen Gewohnheiten, wenn ich ſage, der Tiſch war beſtellt. In Holland iſt immer aufgetragen: Hier iſt das Haus gaftfreundſchaftlich in der vollen Bedeutung des Wortes. Jeder von uns hatte ſein völlig bereitgehaltenes Zimmer in dieſem reizenden Hauſe, das ſeinem Weſen nach ſowohl am Schloſſe, als an der Hütte Antheil atte. Es war ein Vergnügen, dieſe durchſichtigen Fenſter, dieſe glänzenden Thürknöpfe, dieſe Teppiche in den Sä⸗ len, in den Gängen, auf den Treppen zu ſehen, dieſe Bedienten wahrzunehmen, die man nie ſieht, die man nur, mit der Reinlichkeit, mit dem Wohlbehagen, mit der Eleganz beſchäftigt, erräth. Während uns Frau Wittering zur Tafel führte, erinnerte ſie uns daran, der König halte um drei Uhr ſeinen Einzug, und wir haben bei einer ihrer Freun⸗ dinnen ein Fenſter, um dieſem Einzug beizuwohnen. Wir nahmen doppelte Stücke und wanderten um drei Viertel auf drei Rhr nach dem Hauſe, wo wir er⸗ wartet wurden. Wir waren am 11. Mai angekommen. Sieben Tage vorher hatte ich in Paris das Feſt vom 4. Mai geſehen. Nach ſieben Tagen und in einer Entfernung von hundert und fünfzig Lieues ſah ich ein zweites Feſt, das, beim erſten Anblick, eine Fortſetzung des erſten zu ſein ſchien. In Amſterdam wie in Paris, in Paris wie in Amſterdam gingen wir unter einem Gewölbe drei⸗ farbiger Fahnen, unter dem Geſchrei der Bevölkerung. Nur tragen die franzöſiſchen Fahnen die drei Farben im Pfahl, die holländiſchen Fahnen tragen die drei Farben im Balken; nur rief man in Paris;„Nie⸗ ————= 5 S 5 c 8 S Um⸗ eiten, tdas g des tenes Weſen ntheil nſter, Sä⸗ dieſe man mit hrte, Uhr eun⸗ n. um er⸗ eben Mai ung Feſt, nzu wie rei⸗ ung. rben drei ie⸗ 77 der mit dem Königthum!“ und in Amſterdam: „Es lebe der König!“ Wir wurden unſern Wirthen raſch vorgeſtellt. Das war ein neues Muſter von einem holländiſchen Hauſe; es mochte etwas größer ſein, als das von Herrn Wit⸗ tering, und lag, wie das ſeinige, zwiſchen einem Kanal und einem Garten, die Fagade auf den Kanal, die hintere Seite auf den Garten. Der Plafond war mit ſchönen Malereien geſchmückt. Ich erwartete in Holland auf jedem Schritt die Meubles von Lack, die Vaſen von Porzellan, China und Japan, in den Speiſezimmern und in den Salons aufgehäuft zu finden: doch die Holländer ſind wie die hochmüthigen Eigenthümer, ſie ſchätzen das nicht, was ſie haben. Ich ſah viele franzöſiſche Etagdren, einige ſächſiſche Figürchen, wenige Windſchirme, wenige Töpfe, Gefäße oder Spielereien in chineſiſchem Geſchmack, wie ſie in anderen Ländern, wo man ſie nur mit Mühe be⸗ kommen kann, zur Manie geworden ſind. Um ein Viertel auf vier Uhr hörten wir einen gewaltigen Lärm, der uns an die Fenſter laufen machte. Das war der Anfang des Zugs. Wir ſahen zuerſt die Muſik erſcheinen, dann die Cavalerie, dann Volk und Wagen mit einander vermengt, endlich eine National⸗ garde zu Pferde, in bürgerlicher Kleidung, ohne eine andere Waffe, als die Reitpeitſche, ohne eine andere Auszeichnung, als ein großes Band von carmeſinrothem Sammet. Allem gingen ein paar hundert Arbeiter und Straßen⸗ jungen voran, welche ihre Mützen in die Höhe warfen und die holländiſche Nationalhyme ſangen. Nur findet ſich hiebei das Merkwürdige, daß die Nationalhymne der Holländer, das heißt des republi⸗ caniſchſten Volkes der Erde, eine monarchiſche Hymne iſt. Während ich von allen königlichen Einzügen träumte, die ich ſchon in meinem Leben geſehen hatte, defilirte das Gefolge, kam der König inmitten eines Dutzends 78 von hohen Officieren und Oberbeamten ſeines Palaſtes zu uns. Es war ein Mann von dreißig bis zwei und dreißig Jahren, blond, mit blauen Augen, denen er abwechſelnd einen großen Ausdruck von Sanftheit und Feſtigkeit zu geben weiß, und mit einem Bart, der den untern Theil ſeines Geſichtes bedeckt. Das Geſammtweſen der Phyſiognvmie war ſym⸗ pathetiſch, die Grüße waren freundlich und erkenntlich. Ich verbeugte mich, als er vorüberzog, und er grüßte mich, indem er ſich umwandte, beſonders mit dem Auge und mit der Hand. Ich konnte nicht glauben, dieſer doppelte Gruß ſei an mich gerichtet; ich drehte mich auch, um zu er⸗ fahren, wem dieſe königliche Ehre zu Theil geworden. Jacobſon begriff meine Bewegung. „Nein, nein,“ ſagte er,„Sie hat der König gegrüßt.“ „Mich hat der König gegrüßt? Unmöglich, er kennt mich nicht.“ „Gerade deshalb hat er Sie erkannt. Er weiß alle unſere Geſichter auswendig. Er hat ein fremdes Geſicht geſehen und geſagt: das iſt mein Dichter. Seltſamer Weiſe war das wahr, und der König hat es mir am andern Tag ſelbſt geſagt. Der König war zu Pferde und trug Admirals⸗ uniform. Sodann kam ein großer, vergoldeter Wagen, gezo⸗ gen von acht Pferden, welche jedes von einem Knechte in Livree am Zügel gehalten wurden. Auf beiden Sei⸗ ten des Wagens, im Gleichgewicht auf den Fußtritten, erkannte man die Pagen an ihrer roth und goldenen Uniform. Eine Frau von fünf und zwanzig bis ſechs und zwanzig Jahren, zwei Kinder von ſechs bis acht Jah⸗ ren waren in dem Wagen und grüßten, vit ni un niſ rer em ſie ihr aſtes und n er und „der ſym⸗ tlich. d er mit Fruß ter⸗ den. önig „er veiß ides nig als⸗ zo⸗ chte Sei⸗ en, nen ind ah⸗ 79 Die Kinder, ohne an etwas zu denken, die Frau, vielleicht zu viel denkend. Dieſe Frau und dieſe zwei Kinder waren die Kö⸗ nigin, der Prinz von Oranien und der Prinz Moritz. Man kann unmöglich ein zugleich anmuthigeres und melancholiſcheres Geſicht ſehen, als das dieſer Kö⸗ nigin: es iſt die Frau in aller ihrer Lieblichkeit, die Fürſtin in aller ihrer Majeſtät. Ich habe die Ehre gehabt, dreimal von ihr wäh⸗ rend der drei Tage, die ich in Amſterdam verweilte, empfangen zu werden; nicht ein Wort von dem, was ſie mir ſagte, ich habe es nicht vergeſſen. Ihr Volk ſei ihr gut und getreu, Gott verwandle ihre Melancholie nie in Schmerz. Der Zug kam vorüber, entfernte ſich und verſchwand. Eine ſeltſame Erſcheinung in dieſer Zeit, wo die Könige mit dem unſeligen Tau bezeichnet zu ſein ſcheinen. Achl wer hat Recht, ſie oder die Völker? Das iſt das große Räthſel, dem Karl I. und Lud⸗ wig XVI. geopfert worden find. Die Reſtauration von 1660 hat dem Volke Un⸗ recht gegeben. Die Revolution von 1848 hat den Königen Un⸗ recht gegeben. Die Zukunft wird entſcheiden. Nur würde ich für die Völker wetten. Als der Zug vorüber und verſchwunden war, hatte ich bis am andern Tag um elf Uhr nichts mehr in Am⸗ ſterdam zu thun. Ich nahm daher von meinen Wir⸗ then Abſchied und bat ſie, mir Auskunft zu geben, wie ich nach Monnikendam kommen könnte. Dieſe Laune dünkte ihnen ſeltſam. Was konnte ich in Monnikfendam zu thun haben? Ich hütete mich wohl, ihnen zu ſagen, daß ich nach einer Meerfrau fahndete, und erklärte nur, ich müſſe mich nothwendig nach Monnikendam begeben. 80 Man bot mir zur Begleitung den Bruder von Zu Wittering an. St Alerandre treunte ſich von mir; er wollte nach der Broek gehen. W Biard blieb an mein Glück gefeſſelt und erflärte, vo er würde mich nach Monnikendam hegleiten. we Biard ſchämte ſich, wie ich glaube, ein wenig, vaß S er am Nordeap, am äußerſten Ende von Europa ge⸗ weſen, daß er zwei Meere geſehen und in dieſen zwei kor Meeren nicht eine einzige Meerfrau gefunden hatte. St Er rechnete auf meinen Stern in Ermangelung des ſeinigen. P Im Hafen angelangt, fuchte ich, oder bat ich viel⸗. mehr meinen Führer, den Vater Olifus aufzuſuchen. S Lange war die Forſchung fruchtlos; die Barke fand ziſ ſich, aber der Patron war nicht da. Endlich entdeckte man ihn in einer abſcheulichen Taverne, wo er einzukehren pflegte. Man benachrich⸗ W tigte ihn, ein Reiſender, der ſich nach Monnikendam 4 zu begeben gedenke, wolle nur mit ihm dahin gehen. 5 Dieſe Bevorzugung ſchmeichelte ihm; er willigte ein, ſeinen Grog zu verlaſſen, und ſchritt ganz lächelnd auf mich zu. „Hier iſt der Vater Olifus,“ ſagte zu mir der Mann, der auf die Bitte von Wittering ihn aufzu⸗ ſuchen ſo gefällig geweſen war.. Ich gab meinem Menſchenausnehmer einen Gulden. Der Vater Olifus erblickte den Gulden und wurde, M als er ſah, zu welchem Preis ich ihn ſchätzte, liebens⸗ würdiger als je. Während dieſer Zeit betrachtete ich ihn mit einer Ol ſeiner Wichtigkeit entſprechenden Neugierde. Biard ſtizzirte ihn. Es war, wie man mir geſagt hatte, ein alter eir Meerwolf von ſechzig bis vier und ſechzig Jahren, der mehr von einem Seekalb, als von einem Menſchen hatte. Weiße Haare und weißer Bart; Beides einen e n nach Flärte, g, baß pa ge⸗ zwei tte. elung iel⸗ en. e fand lichen hrich⸗ ndam en. illigte chelnd r der ufzu⸗ lden. urde, bens⸗ einer alter „der ſchen inen 81 Zoll lang; Haare und Bart ſteif wie die Borſten an einem Stückwiſcher; Augen fayenceblau ,mit feuchten Augäpfeln; der Mund, geſchlitzt bis an die Ohren, ließ zwei gelbe, wie Wallroßzähne, von oben nach unten gepflanzte Zähne vorſtehen; Geſichtsfarbe mahagonibraun. Er trug weite Beinkleider, die einſt blau geweſen waren, und eine Art von Paletot mit Kapuze, auf deſſen Nähten man noch einige ſpaniſche Zierrathen unterſcheiden konnte, welche dieſem Paletot einen ſpaniſchen oder einen neapolitaniſchen Urſprung anwieſen. Eine von ſeinen Backen war durch eine ungeheure Portion Kautabak wie durch einen Fluß angeſchwollen. Von Zeit zu Zeit ergoß ſich ein Wurf ſchwarzen Speichels, mit jenem den Kauern eigenthümlichen Ge⸗ ziſche, aus ſeinem Mund. „Ah! Sie ſind ein Franzoſe,“ ſagte er zu mir. „Woher wiſſen Sie das?“ „Gut! es lohnte ſich nicht der Mühe, die vier Welttheile, Aſien, Africa, America geſehen zu haben, erkennete man nicht einen Menſchen mit dem erſten Blick: Franzoſe, Franzoſe, Fränzoſe!“ Und er fing an zu ſingen: „Mourir pour la patrie...“ Ich unterbrach ihn kurz. „Ah! nicht das, Vater Olifus, etwas Anderes.“ „Warum nicht das?“ „Weil ich dieſes Lied kenne.“ „Gut, wie Sie wollen. Sie wünſchen alſo nach Monnifendam zu gehen?“ . „Und es iſt Ihnen daran gelegen, daß Sie Vater S ee fihetz nicht en2en ai „Ja.“ „Wohl! man wird Sie führen, und zwar, ohne einen Preis zu machen.“ „Und warum ohne einen Preis zu machen?“ Tauſend und ein Geſpenſt. n. 3 8² „Weil man Augen beſitzt, und man geſehen hat, das genügt; bleiben Sie in Monnifendam üher Nacht?“ „Ja.“ „Wohl! ich empfehle Ihnen das Gaſthaus zum Guten Tropenmann.“ „Gerade dahin gehe ich.“ „Meine Tochter Margareth führt die Wirthſchaft.“ „Ich weiß es.“ „Ah!“ machte der Vater Olifus;„ah! Sie wiſ⸗ ſen das. Gut!“ Und er ſah aus, als ob er nachſänne. „Nun! wenn wir abgingen, Vater Olifus?“ „Ja, ja, gehen wir.“ Dann ſich an mich wen⸗ dend:„Ich weiß, warum Sie kommen, Sie.“ „Sie wiſſen es?“ „Ich weiß es; Sie ſind ein Gelehrter und wollen mich zum Sprechen veranlaſſen.“ „Macht es Ihnen Mühe, zu ſprechen, Vater Oli⸗ fus, wenn man den Anfang der Unterredung mit Tafia Seprengt, die Mitte mit Rhum und das Ende mit Arak?“ „Ah! Sie kennen die Stufenfolge!“ „Meiner Treue, nein, das iſt Zufall.“ „Wohl! man wird ſprechen, doch nicht vor den Kindern, verſtehen Sie2“ „Und wo find dieſe Kinder?“ „Sie werden dieſelben ſehen.“ Er wandte ſich nach drei verſchiedenen Directionen und pfiff. Das Pfeifen von Vater Olifus glich ſehr dem Schrei einer Locomotive. Auf dieſes Pfeifen ſah ich in fünf verſchiedenen Richtungen fünf große Burſche herbeikommen, welche auf einen gemeinſchaftlichen Mittelpunkt zugingen. . Dieſer gemeinſchaftliche Mittelpunkt waren Biarb, Vater Olifus und ich. „He, Joachim! he, Thomas! he, Johann! he, t, das t2 zum haft.“ wiſ⸗ wen⸗ vollen Oli⸗ Tafia e mit r den ionen dem denen velche iatd, he, 83 Simon und Judas! beeilen wir uns ein wenig!“ rief er in holländiſcher Sprache.„Das iſt Kundſchaft für uns und für Eure Schweſter Margareth.“ Bei dem Namen Margarethe und nach der Art, wie der Vater Olifus zu den fünf großen Burſchen ſprach, die auf uns zukamen, begriff ich ungefähr, was er geſagt hatte. „Ah! Vater Olifus, iſt das ein Muſter von der ſchönen Familie, von der man mir geſprochen hat?“ „Im Haag, nicht wahr, im Muſeum? Ich werde ihm eine Rückſendung machen müſſen, dem alten Schelm! Ja, es ſind meine fünf Söhne.“ „Sie haben alſo fünf Söhne und eine Tochter?“ „Eine Tochter und fünf Söhne, wobei Zwillinge, Simon und Judas; der älteſte iſt fünf und zwanzig Jahre alt.“ „Und alle von derſelben Mutter?“ fragte ich mit einem gewiſſen Zögern. Olifus ſchaute mich an. „Von derſelben Mutter, ja, auf dieſer Seite, das iſt ſicher. Doch ich würde nicht ebenſo viel ſagen, auf der Seite des. Aber ſiille! hier ſind die Kinder, kein Wort vor ihnen.“ Die Kinder gingen an mir vorbei, grüßten mich, ſchauten aber ihren Vater mißtrauiſch an; es dünkte ihnen ohne Zweifel, der gute Alte habe ſchon geſchwatzt. „Vorwärts, vorwärts, Kinder, zur Barke!“ rief der Vater Olifus,„und zeigen wir dieſem Herrn, daß wir auf einem Schiffe von achtzig nicht am unrechten Orte wären.“ Drei von den jungen Leuten ſtiegen raſch in die Barke, während die zwei anderen die Kette anzogen, um ſie näher an das Ufer zu bringen. Wir ſprangen auf das Hintertheil, in das der Vatet Olifus noch ziemlich leicht hinabſtieg. Dann folgten uns endlich die zwei letzten Söhne Simon und Judas, und Mannſchaft und Paſſagiere waren vollzählig. Es 84 kam mir vor, als verließen ſich Simon und Indas nie, denn ſie arbeiteten, den fleinern Maſt aufzuheben, der im Grunde der Barke lag, während ſich der Vater an das Steuerruder ſetzte, Jvachim die Kette losmachte und Johann und Thomas, jeder mit einem Ruder be⸗ waffnet, mitten unter Tauſenden von Barfen und größe⸗ ren Schiffen, mit denen der Hafen gefüllt war, ma⸗ nveuvrirten. Sobald wir von den Hinderniſſen befreit waren, konnten wir das Segel hiſſen. Der Wind war gut, wir rückten raſch vor. Nach zehn Minuten hatten wir das kleine Cap umfahren, das uns den Blick hemmte, und wir ſchwammen im vollen Zuyderſee. Nach einer halben Stunde kamen wir zwiſchen Tidam und der Inſel Marken durch. berührte mich mit der Fingerſpitze und ſagte: 4 „Schauen Sie dieſe Schilfrohre wohl an.“ „Am Ufer der Inſel?“ fragte ich. „Ja.“ „Nun! ich ſchaue ſie an.“ „Dort habe ich ſie gefunden.“ „Wen?“ „St!“ Joachim hatte in der That die Bewegung geſehen, ſich gegen uns umgedreht und, ziemlich unehrerbietig die Achſeln zuckend, einen Blick des Vorwurfs auf ſeinen Vater geſchleudert. „Nun! was, Ihr Kinder?“ ſagte dieſer. „nichts.“ Alles wurde wiebder ſchweigſam. Nach fünf Minuten waren wir in der kleinen Bucht, und wir unterſchieden allmälig das Dorf, das ſich zu unſerer Linken erhob. Die jungen Leute hatten öfter gegen Süden ge⸗ ſchaut, und obgleich ihre Blicke nicht ängſtlich waren, ſo waren ſie doch beſorgt. — „ ſe w ſe s nie, , der ter an nachte er be⸗ röße⸗ ma⸗ aren, gut, wir nmte, iſchen und ehen, ietig inen inen das ge⸗ ren, — 85 „Was haben denn Ihre Kinder?“ fragte ich,„ſie ſehen aus, als erwarteten ſie etwas.“ „Ja, ſie erwarten etwas, was ſie nicht gern kom⸗ men ſehen würden.“ „Und was erwarten ſie?“ „Den Wind..“ „Den Wind?“ „Ja, den Wind, den Südwind, und dieſen Abend wird man wahrſcheinlich an den Dämmen wachen müſ⸗ ſen. Deſio beſſer für uns.“ „Warum deſto beſſer für uns?“ „Ja, wir werden ruhig ſein und plaudern können.“ „Sie ſprechen alſo ungern. „Im Gegentheil, das erleichtert mir das Herz⸗ Doch es iſt, als hätten ſie ſich das Wort gegeben, die Partie dieſes Rabenaaſes von einer Buchold zu neh⸗ men. Gut, nun iſt mir das Wort entſchlüpft und ſie haben es gehört. Schauen Sie die Augen an, die mir Simon und Judas machen. Es ſind doch die jüngſten, und ſie zählen nicht zwanzig Jahre. Oh! ſie ſind ſchon wie die Anderen!“ „Was iſt das, die Buchold?“ Die jungen Leute wandten ſich die Stirne faltend um. „Gut! nun wiederholen Sie das Wort. Sie wer⸗ den ſchön ankommen.“ Die fünf Matroſen ſchienen wirklich ziemlich übler Laune. „Ich ſchweige.“ Wir näherten uns dem Dorfe, das, während wir heranrückten, aus dem Waſſer hervorzukommen ſchien. „Laſſen Sie ſich nichts anmerken, und ſchauen Sie zu Ihrer Linken,“ ſagte der Vater Olifus zu mir. Ich ſah einen Kirchhof. »Er blinzelte mit einer triumphirenden Miene mit den Augen. „Dort iſt ſie,“ ſagte er. 86 Ich begriff und begnügte mich, viesmal mit einen kleinen Kopfſchütteln zu antworten. Doch, obgleich ſtumm, war unſer Dialog Thomas nicht entgangen, und dieſer ſtieß ohne Zweifel in Wider⸗ ſpruch mit dem Gefühle der Befriedigung, das ſein Vater zu empfinden ſchien, einen Seufzer aus und machte das Zeichen des Kreuzes. „Sagen Sie, ſind Ihre Kinder katholiſch?7“ fragte ich. „Ohl! mein Gott, ja! ſprechen Sie mir nicht da⸗ von; ſie wiſſen nicht, was ſie erſinnen ſollen, um mich wüthend zu machen, dieſe Schlingel! übrigens habe ich Unrecht, ihnen darüber böſe zu ſein: es iſt nicht ihre Schuld, ſondern die ihrer Mutter.“ „Ah! ihre Mutter war„„ „An dem Tag, wo ich ſie fand, ließ ich ſie einen Augenblick liegen. Pautzt während dieſer Zeit hatte ſie der Pfarrer getauft.“ „Mein Vater!“ ſagte, indem er fich umwandte, Johann, der am Nächſten bei uns war. „Gut!“ erwiederte er,„man ſpricht von Deinem Patron, der Unſern Herrn im Jordan getauft hat, und von nichts Anderem.“ Zu gleicher Zeit ſtand er auf und machte mit ſeiner Mütze ein Zeichen des Grußes. „He! Margareth! hel...“ rief er einem hüb⸗ ſchen Mädchen von neunzehn his zwanzig Jabren zu, das auf der Thürſchwelle ſtand,„richte Dein beſtes Zimmer zu und hereite ein gutes Abendbrod, ich bringe Dir Kundſchaft.“ „Gehen Sie voraus und erwarten Sie mich in Ihrem Zimmer; während ſie bei den Dämmen ſind, komme ich zu Ihnen hinauf, rauche eine Pfeife, trinke ein Glas Tafta und erzähle Ihnen die Sache.“ Ich machte ein Zeichen der Beipflichtung, worauf er mit einem duckmäuſeriſchen Blick antwortete; und nachdem wir unterſtützt von Simon und Judas ans 87 einem Land geſtiegen waren, gingen wir auf das Gaſthaus zum Guten Tropenmann zu, auf deſſen Schwelle uns mit lächelndem Munde unſere ſchöne Wirthin erwartete. ider⸗ Vater; te das S n liſch7“ Die Heirathen des Vater Olifus. re Eheliche Trübſale. re Wir wurden vortrefflich von unſerer jungen und ſchönen Wirthin Margarethe empfangen. eink Sie führte uns in eine Stube mit zwei Betten hatte und fragte uns, ob wir in unſerem Zimmer bedient ſein, oder in gemeinſchaftlichem Zimmer ſpeiſen wollten. andte, In der Hoffnung, der Vater Olifus werde uns ſeine Abentener erzählen, zogen wir es vor, in unſerem einem Zimmer zu ſpeiſen. „ und Eingeladen, zu erklären, was wir zu unſerem Abendbrod zu haben wünſchten, erwiederten wir, wir ſeiner überlaſſen es ganz dem guten Willen von Mademviſelle 4 Margarethe. hüb⸗ Dieſe ganze Unterredung geſchah, wohl verſtanden, en zu, durch Zeichen; doch lächerlich unter Menſchen, welche ſich beſtes ärgern, werden die Zeichen eine ſehr angenehme Sprache, ringe geſprochen mit einer hübſchen Frau, die uns zulächelt. Folge davon war, daß wir uns, obgleich kein Wort ich in zwiſchen uns geſagt worden, nach zehn Minuten vor⸗ ſind, trefflich verſtändigt hatten. trinke Der Vater Olifus hatte ſich nicht getäuſcht; der Wind fuhr fort, mit vermehrter Kraft zu wehen; es orauf war nichts zu befürchten, aber man mußte dennoch aus und» Vorſicht bei den Dämmen wachen. ans Vom Fenſter aus ſahen wir drei von den Söhnen 88 von Vater Olifus ſich nach dieſer Seite wenden; die zwei anderen, Simon und Judas, traten in ein Haus, wo ſie, wie wir ſpäter erfuhren, zwei Schweſtern den Hof machten. Während wir mit den Augen unter den ſich immer mehr verdichtenden erſten Schatten der Nacht die Bewe⸗ gung auf der Straße und im Hafen verfolgten, wurde unſer Tiſch zuerſt mit einer Platte geräucherkem Ochſen⸗ fleiſch, mit einer Platte geröſtetem Salm und einer dampfenden Platte voll harter Eier beſtellt. So groß wie Taubeneier waren dieſe Eier grün und roth befleckt: das ſind Kibitzeneier, welche viel zarter ſchmecken, als Hühnereier, und im Mai im Ueber⸗ fluß gefunden werden. Eine Flaſche Bordeaux⸗Wein erhob ſich in der Mitte dieſer Ausſtellung nationaler Erzeugniſſe, wie ein ſchwächlicher, bei dem leichteſten Stoße ſchwankender Glockenthurm. Wir ſetzten uns mit einem wahren Schifferappetit zu Tiſche. Alles war vortrefflich, Wein und Speiſen. Uebrigens war für uns das Abendbrod rein eine Nebenſache; was wir mit der größten Ungeduld erwar⸗ teten, war die Erſcheinung des Vater Olifus. Beim Nachtiſch hörten wir auf der Treppe das Geräuſch eines zugleich ſchwerfälligen und verſtohlenen Trittes, und eine Flaſche in jeder Hand, eine Flaſche unter dem Arm und die Pfeife im Mund, trat der Va⸗ ter Olifus ſtille lachend ein. „St!“ ſagte er,„hier hin ich.“ „Und in guter Geſellſchaft, wie es ſcheint.“ „Ja. Ich habe geſagt: es ſind Franzoſen, gehen wir zu vier, um bei Kräften zu ſein. Ich nahm eine Flaſche Tafia, eine Flaſche Rhum, eine Flaſche Rack, und hier bin ich.“ „Wahrhaftig, Vater Olifus,“ erwiederte ich,„je länger ich Sie höre, deſto mehr ſetzen Sie mich in Erſtaunen. Sie ſprechen das Franzöſiſche nicht wie 3 b e— 6—— iz die Haus, rn den immer Bewe⸗ wurde chſen⸗ einer grün viel leber⸗ Mitte ein ender petit ſen. eine war⸗ das enen aſche Va⸗ hen eine ack, — — ———— 89 ein Matroſe von König Wilhelm III., ſondern wie ein Seemann von Seiner Majeſtät König Ludwig KVW. „Das kommt davon her, daß ich im Grunde Fran⸗ zoſe bin,“ ſprach der Vater Olifus, mit dem Auge blinzelnd. „Wie, im Grunde?“ „Ja, mein Vater war ein Franzoſe und meine Mutter eine Dänin; mein Großvater war ein Franzoſe und meine Großmutter eine Hamburgerin. Was meine Kinder betrifft, ſo darf ich mich rühmen, ſie haben einen franzöſiſchen Vater und eine Mutter... „Oh! was die Mutter betrifft, ich werde es nicht wagen, zu ſagen, was ſie war; meine Jungen ſind wahre Holländer, was ſich nicht ſo gemacht hätte, wäre ich da geweſen, um ihre Erziehung zu beſorgen; doch ich befand mich in Indien.“ „Sie kamen aber von Zeit zu Zeit zurück?“ fragte ich lachend. „Sie täuſchen ſich, ich kam nicht zurück.“ „Doch Ihre Frau beſuchte Sie?“ „Ja und nein.“ ien nein?“ „Sehen Sie, da liegt gerade der Haſe im Pfeffer. Es ſcheint, die Entfernung macht nichts, eine Frau hat, die eine Zauberin iſt.“ „Nun?“ „Ja, das iſt es. Jeden Falls will ich Ihnen Alles erzählen; doch zuvor ein Glas Taſia; das iſt einer — dafür ſtehe ich Ihnen. Auf Ihre Geſund⸗ „Auf die Ihrige, mein Braver!“ „Ich bin alſo, wie ich Ihnen ſagte, Franzoſe, Sohn eines Franzoſen, Matroſen vom Valer auf den Sohn, vom Geſchlechte der Meerwölfe und der See⸗ kälber; ich bin auf der See zur Welt gekommen und hoffe auf der See zu ſterben.“. 90 „Warum ſind Sie mit dieſem Beruf nicht bei der Militärmarine eingetreten?“ „Oh! ich habe zur Zeit des Kaiſers gedient; doch im Jahre 1810, gute Nacht! ich wurde gepackt und nach England geſchickt, wahrſcheinlich, um dort das Engliſche zu lernen; das hat mir ſpäter genützt, wie Sie ſehen werden. „Im Jahre 1814 kam ich hierher nach Monniken⸗ dam zurück; hier hatte mich der Kaiſer genommen; ich war geſchickt, machte, dort auf dem Pontons, allerlei Stroharbeiten und verkaufte ſie dann an die engliſchen Damen, die uns beſuchten, ſo daß ich mit einer kleinen Summe hierher kam, ſo etwa mit drei bis vier hun⸗ dert Gulden. — „Ich kaufte eine Barke, wurde Patron und belu⸗ ſtigte mich damit, daß ich die Reiſenden nach Amſter⸗ dam, nach Purmeren, nach Edam, nach Hoorn, kurz die ganze Küſte entlang führte. „Das ging ſo von 1815 bis 1820. Ich war fünf und dreißig Jahre alt und man ſagte immer zu mir: „Ihr heirathet nicht, Vater Olifus?““ Ich erwie⸗ derte:„Nein. Ich bin ein Seemann, ich werde nicht heirathen, ſo lange ich nicht eine Meerfrau gefun⸗ den habe.““„„Und warum wollt Ihr eine Meerfrau, Vater Olifus?“.„Ah!““ erwiederte ich,„weil die Meerfrauen nicht ſprechen.““ „Ich muß Ihnen ſagen, daß man vor zwei oder drei hundert Jahren eine geſtrandete Meerfrau auf dem Sande gefunden hat; man lehrte ſie einen Knicks ma⸗ chen und ſpinnen, aber nie, gar nie konnte man ſie ſprechen lehren.“ „Ja, ich weiß es. Nun?“ „Sie begreifen: eine Frau welche den Knicks macht, ſpinnt und nicht ſpricht, iſt ein Schatz; aber ſehen Sie, ſo viel iſt wahr, ich glaubte nicht an die Meer⸗ frauen, und ich war entſchloſſen, nicht zu heirathen. „Eines Tags, es war am 20. September 1823, i der doch und das wie iken⸗ lerlei ſchen einen hun⸗ belu⸗ ſter⸗ z die fünf mir: wie⸗ erde fun⸗ rau, die oder dem ma⸗ ſie icht, hen eer⸗ 23, 91 ich werde das Datum nie vergeſſen, war ſtürmiſches Wetter am Abend vorher geweſen; der Wind blies von der Nordſee. Als ich, nachdem ich einen Engländer nach Amſterdam geführt hatte, zwiſchen dem Cap Ti⸗ dam und der kleinen Inſel Marken durchkam, gerade an der Stelle, wo die Schilfrohre ſind, die ich Ihnen auf der Fahrt hierher gezeigt habe, erblickten wir etwas wie ein Thier, das zappelt. „Wir ſchwimmen, je mehr wir ſchwimmen, deſto mehr glauben wir ein menſchliches Geſchöpf zu erken⸗ nen; wir rufen:„„Halt' feſt! Muth! Wir ſind da!““ Doch je mehr wir rufen, deſto mehr nimmt der Lärm zu. Wir kommen an Ort und Stelle, und wir er⸗ blicken, was? eine Frau, die im Waſſer plätſcht. „Es war ein Pariſer bei der Mannſchaft, ein Spaßmacher, der ſagte zu mir:„„Sieh, Vater Oli⸗ fus, eine Meerfrau, da haſt Du, was Du haben willſt.“ „Hören Sie, bei dieſen Worten hätte ich entflie⸗ hen müſſen; keines Wegs„neugierig wie ein Meer⸗ ſchwein, rücke ich immer weiter vor und ſage:„„Mei⸗ ner Treue, ja, es iſt eine Frau, und ſie iſt im Begriff, abermals unterzuſinken, man muß ſie nehmen und fort⸗ ſchaffen.““ „„Sie hat nicht viel Kleider auf dem Leibe,““ ſagte der Pariſer. „Sie war in der That ganz nackt. „„Oh! haſt Du nicht gar Angſt!““ entgegnete ich ihm. „Und zu gleicher Zeit ſprang ich ins Waſſer und nahm ſie in meine Arme. „Sie war ohnmächtig geworden. „Wir wollten ſie aus dem Schilfrohr herauszie⸗ hen, doch, ich weiß nicht, wie das zugegangen war, das Gras hatte ihr einen ſo feſten Knoten am Bein gemacht, daß man durchſchneiden mußte. 92 „Wir legten ſie in die Barke, bedeckten ſie mit unſern Mänteln und ſteuerten gen Monnifendam. „Wir nahmen an, es habe ein Schiffbruch in der Gegend ſtattgefunden, und die arme Frau ſei an das Ufer getrieben worden, wo ſie ſich in das Schilfrohr verwickelt.. „Der Pariſer allein ſchüttelte den Kopf. Er ſagte, die Frau ſei aus Furcht, da ſie uns erblickt, ohnmäch⸗ tig geworden, und behauptete, es ſei eine Nereide und keine Schiffbrüchige. „Und dann hob er eine Ecke von unſern Mänteln auf und ſchaute. Ich, ich ſchaute auch, und ich geſtehe, ich fand ſogar ein Vergnügen daran, ſie anzuſchauen. „Es war ein hübſches Geſchöpf, das höchſtenz zwanzig bis zwei und zwanzig Jahre alt zu ſein ſchien. Schöne Arme, ſchöner Hals; nur ſpielten die Haare ins Grüne. Da ſie aber ſehr weiß war, ſo ſtand ihr das gut. „Während ich ſie anſchaute, öffnete ſie ein Auge. — Auge war auch grün, darum aber nicht häß⸗ „Als ich ſah, daß ſie das Auge geöffnet hatte, ließ ich den Mantel wieder fallen, hat ſie um Verzei⸗ hung wegen meiner Indiscretion, und ſagte ihr, in Monnikendam würde ich das ſchönſte Kleid von der Tochter des Bürgermeiſters Vanelief entlehnen, um es ihr zu geben. „Sie antwortete nicht, ich glaubte, das geſchehe aus Scham, bedeutete den Andern durch ein Zeichen, ſie mögen nichts ſagen, und ermunterte ſie nur, raſch zu rudern. Plötzlich werden die Mäntel aufgehoben, und ſie nimmt einen Anſatz, um ins Waſſer zu ſprin⸗ Ich Dummkopf, daß ich ſie nicht gewähren ließ 1 „Sie haben ſie zurückgehalten 2“ „Gerade an ihren grünen Haaren; da ereignete ſich aber etwas, was mir wohl hätte die Angen öffnen —— ecc ——„— e—— — — ——)— mit der das frohr agte, räch⸗ und iteln tehe, tens ien. aare ihr ge. äß⸗ tte, zei⸗ der es ehe en, ſch en, in⸗ ren ete en 93 müſſen: ganz allein, wie ſie war, wäre ſie beinahe mit uns, die wir zu ſechs, fertig geworden. Der Pariſer, unter Anderen, bekam einen Klapps auf das Ange. Ah! nie, hat er geſagt, nie habe er auf der Courtille etwas Aehnliches geſehen. „Ich glaubte, es ſei eine Wahnſinnige, die ſich umbringen wolle. Ich packte ſie um den Leib, und ob⸗ gleich ihre Haut ſchlüpferig war, wie die eines Aals, gelang es mir doch, ſie feſtzuhalten, während ihr meine Kameraden die Füße und die Hände banden. „Sobald dies geſchehen war, hatte die Sache ein Ende, ſie ſtieß einige Schreie aus, ſie vergoß ein paar Thränen, dann entſchloß fie ſich, ruhig zu bleiben. „Es war nicht einer unter uns, der nicht ſeinen Klapps bekommen hatte, doch der beſte war der vom Pariſer; von fünf Minuten zu Minuten machte er ſich auf dem Auge Unſchläge mit Seewaſſer. Wenn Sie je einen Schlag bekommen, ſehen Sie, dafür iſt das Seewaſſer vortrefflich. „Kurz, wir landeten. Als man erfuhr, welchen Fund wir gemacht hatten, lief das ganze Dorf herbei. „Wir trugen die Frau in das Haus, und ich ließ die Tochter des Bürgermeiſters Vanclief benachrichtigen, damit ſie eines von ihren Kleidern zur Verfügung der Schiffbrüchigen ſtellen möchte. Ich hielt ſie beharrlich für eine Schiffbrüchige. Was wollen Sie? wenn man nichts weiß! „Die Tochter des Bürgermeiſters lief herbei und brachte einen Anzug; ich ließ ſie in das Zimmer treten, in dem ſich unſere Gefangene, auf dem Bette liegend und immer noch gebunden und geknebelt, befand. „Es iſt zu glauben, daß ſie dieſelbe als ein Geſchöpf ihrer Art erkannte. Denn nachdem ſie die Tochter des Bürgermeiſters durch ein Zeichen erſucht hatte, ſie möge ihr die Hände losbinden, und dies geſchehen war, fing ie an ſie neugierig anzuſchauen, ihre Kleider zu be⸗ rühren, ſie aufzuheben, um zu ſehen, ob ſie nicht einen 94 Theil ihres Leibes bildeten, unter ihren. Rock und in zu ihren Schnürleib zu blicken, wozu ſich die Tochter des ſe Bürgermeiſters mit der größten Gefälligkeit hergab; denn ſie zeigte ihr den Unterſchied, der zwiſchen dem i Fleiſch und der Leinwand ſtattſand, kleidete ſich aus n und wieder an, um ihr das Geheimniß der Aehnlichkeit, u welche zwiſchen ihnen ſtattfand, wenn ſie nackt waren, und der Verſchiedenheit, wenn ſie angekleidet waren, zuzeigen. ti „Oh! ſehen Sie, die Coquetterie iſt ein der wil⸗ den Frau, wie der civiliſirten Frau, der civiliſirten de Frau, wie der Meerfrau natürliches Laſter; die unſere,— ſtatt daß ſie zu entfliehen ſuchte, ſtatt daß ſie ſchrie et und weinte, beluſtigte ſich damit, daß ſie die Kleider h und die Jacken, die Hauben und die vergoldeten Zier⸗ m rathen der Friſur anſchaute, wonach ſie ein Zeichen S machte, daß ſie ſich ankleiden wolle; ſie hatte nur einmal geſehen, wie man dies Alles aus⸗ und anzog.. 8 Bahl ſie war beinahe ſo geſchickt, als ob ſie ihr Leben lang nichts Andres gethan, als ſich an⸗ und ausgeklei⸗ det hätte; als ihre Toilette beendigt war, ſuchte ſie d Waſſer, um ſich darin zu ſpiegeln. Die Tochter des 1 Bürgermeiſters reichte ihr aber einen Spiegel; ſie er⸗ 6 blickte ſich, ſtieß einen Schrei des Erſtaunens aus und, i lachte wie eine Tolle. b „In dieſem Augenblick trat der Pfarrer ein und 2 fing auf den Zufall an ſie zu taufen. Nur, als ihr ber Pfarrer ihre Haube abnehmen wollte, hätte ſie ihm beinahe die Augen ausgeriſſen. Man mußte ihr be⸗ greiflich machen, daß ſie nur einen Augenblick den Kopf entblöße; doch ſie ließ weder die Haube, noch die goldenen Zierrathen los, die ſie ſich ganz allein wieder zurecht richtete, als der Pfarrer hinweggegangen war. „Ich ſtarb vor Begierde, ſie zu ſehen. Ich ging auch hinauf und fragte die Tochter des Bürgermeiſters, n ob ich eintreten könnte; dieſe öffnete mir die Thüre. Meine fünf Gefährten ſtanden dicht aneinander ange⸗ ſchloſſen hinter mir in der Hauszlur; der Pariſer kam d in rdes gab; dem aus hkeit, und igen. wil⸗ irten ſere, chrie eider Zier⸗ ichen nur eben klei⸗ ſie des er und und der ihm be⸗ Kopf enen recht ging ters, üte. nge⸗ kam ⸗ 95 zuletzt mit einer Compreſſe von Waſſer und Salz auf ſeinem Auge. „Ich ſuchte, wo die Meerfrau ſei, doch ich erkannte ſie nicht. Ich ſah eine ſchöne Friſur mit etwas grü⸗ nen Haaren, nichts Anderes. Doch Sie wiſſen, Grün und Gold, das ſteht vortrefflich zuſammen. „Die Tochter des Bürgermeiſters machte mir eine tiefe Verbeugung. „Die Meerfrau ſchaute, wie ſich ihre Freundin dabei benommen, und that daſſelbe. „So iſt die Frau beſchaffen, mein Herr; welche eine Heuchlerin iſt ſie doch! Erſt ſeit zwei Stunden hatte ſie Bekanntſchaft mit menſchlichen Geſchöpfen ge⸗ macht, und ſie weinte, lachte, beſchaute ſich in einem Spiegel und ſchnitt ſchon eine Verbeugung.“ „Oh! das hätte mich aufklären müſſen; doch was geſchrieben ſteht, ſteht geſchrieben.“ „Ich ſing ein Geſpräch durch Zeichen mit ihr an. „Ich fragte ſie, ob ſie Hunger habe. Ich weiß, daß man ſich bei den Thieren durch Leckereien beliebt macht, und, was wollen Sie? ich hatte die Idee, und war es nur aus Neugierde, mich bei dieſer Frau be⸗ liebt zu machen. Sie bejahte durch ein Zeichen; da brachte ich ihr Waſſermelonen, Trauben, Birnen, kurz Alles, was ich mir an Früchten verſchaffen konnte. „Sie kannte dies Alles. Sobald ſie das Obſt ſah, ſprang ſie darauf. Nur, als ſie die Früchte gegeſſen hatte, wollte ſie auch den Teller eſſen, und ich hatte die größte Mühe der Welt, ihr begreiflich zu machen, daß man das nicht eſſe. „Der Pfarrer hatte indeſſen ſchon ſeine Streiche gemacht. Er hatte der Tochter des Bürgermeiſters er⸗ klärt, die Meerfrau möge immerhin ein Fiſch ſein, es ſei ein Fiſch, der zu ſehr einem Weibe gleiche, um bei einem Junggeſellen zu bleiben. So daß der Bürger⸗ meiſter, als ſie ihr Mahl beendigt hatte, mit ſeiner Frau und ſeiner andern Tochter kam, um ſie abzuholen. 96 „Die zwei neuen Freundinnen gingen Arm in Arm weg. „Nur ging die Meerfrau haarfüßig; ſie hatte die Schuhe, die man ihr brachte, nicht anziehen können, nicht als ob ſie zu klein geweſen wären, durchaus nicht; doch dieſer Theil ihrer Bekleidung war der letzte, an den ſie ſich gewöhnen konnte. „Als ſie vor die Hausthüre kam, warf ſie einen Blick auf das Meer; ſie hatte vielleicht Luſt, in ihr altes Domicil zurückzukehren, doch ſie hätte die ganze Bevölkerung, welche ſich verſammelt hatte, durchſchreiten müſſen; das hieß überdies ihre ſchönen Kleider ver⸗ derben. Die Neugelandete ſchüttelte den Kopf und ſchlug ruhig den Weg nach dem Hauſe des Bürger⸗ meiſters ein, gefolgt von der ganzen Bevölkerung von Monnikendam, welche die Buchold, die Buchold ſchrie, was im Patvis bedeutet: das Waſſermädchen. „Da ſie keinen Familiennamen hatte, ſo blieb ihr dieſer Name. „Hundertmal hatte ich geſagt, ich würde nur eine Meerfrau heirathen. Ich war nach meinem Wunſche bedient. An demſelben Abend tranken auch alle meine Kameraden auf meine nahe bevorſtehende Verheirathung mit der Buchold. Sie war jung, ſie war hübſch, ſie hatte mich mit ihren grünen Augen auf eine Art ange⸗ ſchaut, die mir nicht mißfallen; ſie war ſtumm, und meiner Treu', ich trank wie die Andern. „Drei Monate nachher wußte ſie Alles zu thun, was ein Weib zu thun weiß, dus Sprechen ausgenom⸗ men; ſie war mit ihrer frieſiſchen Tracht das hübſcheſte Mädchen, nicht nur von ganz Holland, ſondern von ganz Friesland; ſie ſah aus, als verachtete ſie mich nicht, und ich war verliebt in ſie wie ein Thier; ich hatte alle Anſprüche auf ſie, da ich ſie gefunden, und es war kein Widerſpruch von Seiten ihrer Verwandten zu befürchten. „Ich heirathete ſie. — m in te die nnen, nicht; „ an einen n ihr ganze reiten ver⸗ und rger⸗ n hold hen. b ihr eine nſche neine hung , ſie inge⸗ und hun, nom⸗ heſte von mich ich und dten — 97 „Sie wurde auf der Mairie unter dem Namen Maria die Buchold getraut; der Pfarrer hatte es für geeignet erachtet, ihr bei der Taufe den Namen der Mutter unſeres Herrn zu verleihen. „Ich gab ein großes Mittagsmahl, ſodann einen großen Ball; Maria machte dabei alle Honneurs durch Zeichen; ſie trank, ſie aß, ſie tanzte wie eine gewöhn⸗ liche Frau, nur blieb ſie ſtumm wie eine Schleihe. „Es war nur ein Schrei unter allen Gäſten; als man ſie ſo hübſch, ſo anmuthig und ſo ſtumm ſah, da ſagte Jeber: iſt er glücklich, dieſer Teufel von einem Olifus! Iſt er glücktich! „Um Mitternacht entließ ich die ganze Geſellſchaft; ſie entfernte ſich mit den Worten: Iſt er glücklich, dieſer Teufel von einem Olifus! Iſt er glücklich! „Am andern Morgen erwachte ich um zehn Uhr. Sie war ſchon wach und ſchaute mir zu, wie ich ſchlief. Ich öffnete plötzlich die Augen, und es kam mir vor, als läſe ich auf ihrem Geſichte einen ſeltſamen Aus⸗ druck von Spott und Bosheit. Doch ſobald ſie geſehen, daß ſich mein Blick auf ſie heftete, nahm ihr Geſicht wieder ſeinen gewöhnlichen Ausdruck an, und ich dachte nicht mehr an den andern. „Guten Morgen, mein Weibchen,““ ſagte ich zu ihr. „„Guten Morgen, mein Männchen,““ antwortete ſie. „Ich ſtieß einen Schrei der Verzweiflung aus; der Schweiß ſtieg mir zur Stirne: meine Frau ſprach. „Es ſcheint, die Heirath hatte ihr das Zungenband durchſchnitten. „Dies geſchah am 20. December 1823. „Auf Ihre Geſundheit, mein Herr,“ ſagte der Va⸗ ter Olifus„indem er ein zweites Glas Tafia leerte und mich, wie Biard, aufforderte, daſſelbe zu thun,„und heirathen Sie keine Meerfrau.“ Dann ſtrich er mit dem Rücken ſeiner Hand über ſeine Lippen und fuhr fort. Tauſend und ein Geſpenſt. U. 7 98 it d⸗ Pweite Heirath des Pater Glifus. 5 » i „Da jedoch der Gebrauch der Sprache meiner Frau nur gekommen zu ſein ſchien, um mir Süßigkeiten zu 5 ſagen, ſo tröſtete ich mich, daß ich keine ſtumme Frau w hatte. m „Mehr noch: einen Monat lang war ich ziemlich glücklich; alle Welt machte mir Complimente. Nur b der Pariſer, als ich ihm mein Glück pries, antwortete u mir ſingend: ch Va t'en voir s'ils viennent, Jean, 4 Va t'en voir s'ils viennent. 5 „Ich muß ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen, fi er hatte nie Vertrauen zur Buchold gehabt. ſi „Nach einem Monat der Ruhe glaubte ich zu be⸗ k merken, daß ſich das Wetter verdüſterte; es herrſchte 3 wohl da und dort noch Ruhe; doch es war dies die n Ruhe, welche dem Sturme vorhergeht. Ich, als Sec⸗ k mann, Sie begreifen, ich kannte das, und ich ſchickte mich an, dem Ungewitter dte Stirne zu bieten. „Dies begann nach einer Fahrt, die ich nach Am⸗ ü ſterdam gemacht hatte; ſie behauptete, ich habe eine ſ alte Freundin von mir beſucht, welche am Hafen wohnte, g ich ſei die ganze Nacht bei ihr geblieben, und wen*. dieſe Freundin am Tage vorher ſtumm geblieben, ſo p u hätte ſich doch nichts dem widerſetzt, daß ſie am an⸗ 2 dern Tag geſprochen.- 8 „Ah! ich muß Ihnen bemerken, daß meine Frau i in weniger als acht Tagen Alles ſagen gelernt hatte, und daß ſie nach Ablauf dieſes Monats ſich mit allen 7 Sprachmeiſtern von Amſterdam, von Rotterdam und* i vom Haag geſtritten hätte. 1 Frau en zu Frau mlich Nut ortete aſſen, u be⸗ rſchte s die See⸗ hickte Am⸗ eine hute, wenn 6 an⸗ Frau ate, allen und* 99 „Was mich bei dem, was ſie von meinem Beſuche im Hafen von Amſterdam ſagte, in Zorn brachte, iſt der Umſtand, daß es der Wahrheit entſprach; man hätte glauben ſollen, die Here wäre mir gefolgt, ſie ſei in das Haus eingetreten und habe Alles geſehen, was daſelbſt vorgegangen. „Ich leugnete wie ein ſchöner Teufel, doch ſie be⸗ harrte nichtsdeſtoweniger dabei, zu glauben, was ſie wollte, und mir zu drohen, ſie wolle es mich gedenken machen, ſobald als dies noch einmal geſchehe. „Ich nahm die Drohung für das, was eine Wei⸗ berdrohung werth iſt, und da mir nichts in der Welt unerträglicher iſt, als ein verdrießliches Geſicht, ſo ſchmei⸗ chelte ich der Buchold dergeſtalt, daß ſie am andern Tag nicht mehr daran dachte oder wenigſtens die Miene hatte, als dächte ſie nicht mehr daran. „Vierzehn Tage vergingen ziemlich ruhig. Am fünfzehnten Tag führte ich Reiſende nach Edam. Sie ſollten an demſelben Abend nach Monnikendam zurück⸗ kommen; doch es waren Maler: ſie hatten Zeichnungen zu machen gefunden. Sie erklärten mir, ſie würden mich bis zum andern Tag behalten; ich konnte zurück⸗ kehren und ihnen ſagen, da ſie ihren Vertrag nicht halten, ſo halte ich den meinigen auch nicht. Doch Sie begreifen, man läßt nicht nur ſo gute Kunden im Stiche; überdies hatte ich eine alte Freundin in Edam, die ich ſeit meiner Verheirathung mit der Buchold nicht mehr geſehen; ſie hatte mir, als ich auf der Straße vorüber⸗ ging, ein kleines Zeichen hinter ihrem Vorhang gemacht, und ich hatte mit dem Auge geblinzelt, was bedeutete: Abgemacht, habe ich einen Augenblick frei, ſo werde ich Dich beſuchen. Ich hatte mehr als einen Augenblick, ich hatte die ganze Nacht. „Und dann war ich diesmal ſehr ruhig. Da meine Freundin mit Vorſicht zu Werke gehen mußte, ſo kam ich, wenn ich ſie vor meiner Verheirathung beſuchte, bei Nacht, indem ich über eine Gartenmauer kletterte, 100 eine kleine Thüre öffnete, die eine Hecke ſchloß, und in ihr Zimmer durch das Fenſter einſtieg. „Nie hatte ein Menſch etwas von dieſen nächtlichen Erpeditionen erfahren, Niemand würde jetzt etwas da⸗ von erfahren. „Um elf Uhr, in einer Nacht, welche ſo ſchwarz wie Tinte, wanderte ich nach der Mauer, die ich er⸗ kletterte, nach der Thüre, über die ich ſetzte, nach dem Fenſter, das ich erſtieg, und auf dem ich zwei hübſche Arme fand, die mich offen empfingen.“ „Bei Gott!“ ſagte Biard,„Sie haben eine Art, zu erzählen, Vater Hlifus, bei der mir das Waſſer im Munde zuſammenläuft. Auf die Geſundheit der Eigen⸗ thümerin der zwei hübſchen Arme!“ „Oh! trinken Sie lieber auf die meinige,“ ſprach der Vater Olifus mit einer ſchwermüthigen Miene, in⸗ dem er ein drittes Glas Tafia leerte. „Bahl und was ſollte Ihnen denn in dem Zimmer begegnen, in welchem Sie ſo freundlich erwartet wurden?“ „Nicht in dieſem Zimmerchen, mein Herr, ſondern als ich wegging.“ „Fahren Sie fort, Vater Olifus, fahren Sie fort, Sie erzählen wie Sterne.“ „Nun denn! als ich wegging, das war vor Tag, Sie begreifen, meine Freundin mußte mit Vorſicht zu Werke gehen, wie ich Ihnen geſagt habe, und ich ſelbſt, nach dem, was mir zu Hauſe bei meiner Rückfehr von Amſterdam geſchehen war, wollte durchaus nicht ge⸗ ſehen werden. Nun denni als ich wegging, nachdem ich über die kleine Thür und die Hecke geſtiegen war, fand ich ein Hinderniß mitten in der Allee, nichts, einen Bindfaden, ein Kabelgarn, etwas, was über meinen Weg geſpannt war; ich hatte mein Meſſer in meiner Taſche, ich öffnete es und, pautz! durchſchnitt das Garn. „Doch in demſelben Angenblick, ſehen Sie, erhielt. ich einen Stockſtreich auf die Lenden. Aha! Schurkel r nd in ichen da⸗ warz er⸗ dem bſche Art, rim igen⸗ prach in⸗ nmer en dern fort, Tag, t zu von ge dem var, hts, über rin nitt ielt tke lbſt. 10¹ rief ich, und ich packte den Stock; doch es war Nie⸗ mand da als ein Birnbaum, an den der Stock mittelſt einer äußerſt geiſtreichen Mechanik befeſtigt war; indem ich den Faden durchſchnitt, löſte ich den Stock; war der Stock gelöſt, ſo ſchlug er. „Ich rieb mir die Lenden und entfloh. Es war mein erſter Gedanke geweſen, der Vater oder die Brü⸗ der haben etwas vermuthet und, da ſie es nicht gewagt, mich ins Geſicht anzugreifen, mir dieſen Hinterhalt elegt. 9,Da aber Niemand gelacht, da Niemand eine Sylbe von ſich gegeben, da ſich ſogar Niemand gerührt hatte, ſo ſchlich ich mich auf den Fußſpitzen weg und kehrte in mein Wirthshaus zurück. „Um zehn Uhr verließen wir Edam; eine halbe Stunde nachher waren wir im Hafen von Monnikendam. „Sobald ich aus der Ferne mein Haus erſchauen konnte, ſah ich die Buchold vor der Thüre; ſie erwar⸗ tete mich mit einer Miene übler Laune, die mir von böſer Vorbedeutung zu ſein ſchien; ich nahm im Gegen⸗ theil eine lachende Phyſiognomie an; doch kaum hatte ich die Schwelle überſchritten, als ſie die Thüre hinter mir ſchloß. „„Ah!““ ſagte ſie,„„das iſt ein ſchönes Betragen für einen Mann, der ſechs Wochen verheirathet.““ „„Was für ein Betragen?““ fragte ich mit einer unſchuldigen Miene. „„Oh! er wagt es noch, zu fragen!““ rief ſie. „„Allerdings.““ „„Schweige und antworte.““ „Ihre grünen Augen funkelten. „„Wo biſt Du in der vergangenen Nacht um eilf Uhr geweſen? Sprich, wo biſt Du von eilf Uhr bis Morgens fünf Uhr geblieben? was iſt Dir begegnet, als Du von dem Orte weggingſt, wo Du dieſe ſechs Stunden zugebracht haſt?““ Ich weiß nicht, was Du damit ſagen willſt.““ 102 „„Ah! Du weißt es nicht!““ „„Nein.““ „„So will ich es Dich lehren. Du haſt um eilf Uhr das Wirthshaus verlaſſen, Du biſt über eine Mauer geklettert, Du haſt eine Thüre geoͤffnet, Du haſt ein Fenſter erſtiegen, und biſt in ein Zimmer eingetreten, wo Du bis um fünf Uhr Morgens bliebſt. Uim fünf Uhr Morgens biſt Du weggegangen, Du haſt einen Stockſtreich bekommen und biſt, indem Du dir die Len⸗ den riebſt, ins Wirthshaus zurückgekehrt. Sage mir doch ein wenig, ob dies nicht wahr iſt?““ „Ich leugnete Alles geradezu, doch ich geſtehe, daß ich diesmal nicht dieſelbe Dreiſtigkeit hatte, wie das erſte Mal; überdies trug ich meine Verdammung mit mir, da ich das Zeichen des Prügels auf meinem Leibe hatte. „Doch während ich leugnete, ſchmeichelte ich der Buchold mit dem Auge. Ich erwiſchte eine Hand hier, eine Wange dort, und indeß ſie immer noch murrte, verzieh ſie mir am Ende und ſprach:„Nimm Dich in Acht; das nächſte Mal wirſt Du nicht ſo leichten Kaufes davon kommen.“„„Oh!““ ſprach ich in meinen In⸗ nern,„das nächſte Mal werde ich meine Vorſichtsmaß⸗ regeln ſo gut treffen, daß wir wenig ſehen werden.““ „Sie machte mir ein Zeichen mit dem Kopf, das zu ſagen ſchien: Jä, wir werden ſehen. „Dieſe Hexe von einer Buchold, man hätte glau⸗ ben ſollen, ſie leſe bis in dem Grunde meines Ge⸗ dankens. „Kurz, auch diesmal ſöhnten wir uns wieder aus⸗ „Acht Tage nachher führte ich Reiſende nach Sta⸗ vorin. „Die Fahrt war lang; man konnte unmöglich an demſelben Tage zurückkehren, ich wußte nicht, was ich mit meinem Abend machen ſollte, als ich mich plötzlich erinnerte, daß ich eine alte Freundin in der Nähe hatte. „Es war eine hübſche Müllerin, welche am Ufer d b ——— eilf auer t ein eten, fünf inen Len⸗ mir daß das mir, atte. der hier, rrte, h in ufes In⸗ naß⸗ das lau⸗ Ge⸗ us. ta⸗ an mit lich ähe fer 103 eines reizenden, kleinen Sees zwiſchen Bath und Sta⸗ vorin wohnte. Wenn ich ſie früher beſuchte, ſchwamm ich durch den kleinen See, und da das Fenſter auf das Waſſer ging, ſo brauchte ſie mir nur die Hand zu reichen, und, pautzl war ich in ihrem Zimmer. „Diesmal ließ ſich die Sache noch viel leichter machen. Der See war gefroren. „Ich entlehnte ein Paar Schlittſchuhe. Um zehn Uhr ging ich von Stavorin ab; um ein Viertel auf eilf Uhr war ich am Ufer des Sees; fünf und zwanzig Minuten nach zehn Uhr kam ich unter das Fenſter mei⸗ ner Müllerin. „Ich machte das verabredete Zeichen: das Fenſter öffnete ſich. „Meine Heirath war in der Mühle bekannt ge⸗ worden. Die Müllerin hatte gute Luſt, zu ſchmollen, doch es war ein vortreffliches Weib; ſo daß der Streit bald endete. „Um ſechs Uhr nahm ich Abſchied; ich war ſehr ruhig, der See war vollkommen verlaſſen. Niemand hatte mich kommen ſehen, Niemand würde mich gehen ſehen. Ich ſetzte an, und bizt! ich war weg. „Beim dritten oder vierten Schlitiſchuhſtoß kam es mir vor, als fühlte ich das Eis unter mir krachen. Ich wollte zurückkehren, doch es war zu ſpät. Ich fühlte mich zu einer Stelle fortgeriſſen, wo ich das Waſſer platſchen hörte; das Eis war durchbrochen worden, wäh⸗ rend ich mich bei meiner Müllerin befand. Ich hatte vor mir etwas wie einen flüſſigen Graben und mochte immerhin auf die Ferſen drücken, ich kam zu dem Bach, und guten Abend! Niemand mehr, ich lag im See. „Zum Glück tauche ich wie ein Seekalb. Ich hielt meinen Athem an mich und ſuchte die Oeffnung. Ahl es iſt nicht ſehr bequem, ſich unter dem Eiſe zu vrien⸗ tiren. Endlich ſah ich etwas wie einen durchſichtigen Streifen. Ich ſchwamm gegen dieſen Streifen, als ich plötzlich etwas fühlte, was mich am Bein packte und nach dem 104 Grunde des Waſſers zog. Ich hatte den Mund offen, um zu atfhmen; doch ſtatt eines Schubes Luft ſchluckte ich eine Maſſe Waſſer. Dies iſt nicht daſſelbe. Ich ſah Alles blau. „Ich hörte ein Summen in den Ohren und be⸗„ griff, daß ich, wenn ich mich nicht ſo ſchnell als mög⸗ lich von dem, was mich niederzog, losmachte, ein ver⸗ lorener Mann war. Ich gab mit meiner ganzen Kraft einen Fußtritt und fühlte ſogleich, daß dieſer Tritt ge⸗ troffen hattez die Sache, die mich niederzog, ließ mich los. Ich benützte meine Freiheit, um wieder zur Ober⸗ fläche des Waſſers aufzuſteigen. Noch zwei bis drei Secunden lang ſtieß ich mit dem Schädel gegen das Eis; endlich gelangte ich, erſtickend, halb todt, beinahe ohnmächtig, zu der Trennung der Foridauer„wie die Mathematifer ſagen. Ich kam mit dem Kopfe aus dem Waſſer hervor, athmete zugleich mit den Augen, mit der Naſe, mit dem Munde; ich klammerte mich an dem Eiſe an; doch das Eis brach ein, ſo oft ich hin⸗ aufzuſteigen verſuchte. Durch einen kräftigen Impuls glitt ich endlich auf dem Bauch; da das Gewicht eine weitere Dimenſion einnahm, ſo widerſtand das Eis. Ich erhob mich und ſtieß mit den Schlittſchuhen ab. Ohl ſehen Sie! kein Schiff, das vor dem Wind läuft, geht mit der Schnelligkeit, mit der ich ging. Ich legte dreißig Knöpferin der Stunde zurück; doch als ich das Ufer des Sees erreichte, waren meine Kräfte erſchöpft. Ich ſank bewußtlos nieder, und als ich wieder zu mir kam, be⸗ fand ich mich in einem warmen Bette, und ich erkannte das Zimmer des Wirthshauſes, aus welchem ich am Abend vorher weggegangen war. „Bauern, die auf den Markt gingen, hatten mich auf der Erde ausgeſtreckt, halbtodt, zu drei Vierteln gefroren gefunden; ſie hatten mich in ihren Karren ge⸗ legt und nach Stavorin zurückgeführt, wo mir die Wir⸗ * thin, die mich kannte, ſodann jede Sorge und Pflege angedeihen ließ. — d„c—— 8 —— 1— — ffen, uckte Ich be⸗ nög⸗ ver⸗ raft ge⸗ mich ber⸗ drei das ahe die aus gen, hin⸗ uls eine h! eht des ank be⸗ nte ich eln ge⸗ ir⸗ ege — 105 „Mit Hilfe einer Bowle Punſch, die ich ganz zit⸗ ternd leerte, dachte ich zwei Stunden nachher nicht mehr daran. „Unſere Reiſenden hatten ihre Geſchäfte gegen zehn Uhr Morgens beendigt; ſie eilten, zurückzukehren, und ich auchz dann war ich nicht ohne Bangigkeit, was meiner zu Hauſe harrte. Wir fuhren um eilf Uhr ab; der Wind war gut, es ſind ungefähr zwölf Stunden von Stavorin nach Monnikendam; wir legten ſie in ſechs Stunden zurück; das hieß ſchön fahren. „Dirsmal erwartete mich die Buchold nicht auf der Thürſchwelle, ſondern am Ufer des Meeres. Ihre grünen Augen glänzten im Schatten wie zwei Sma⸗ ragde. Sie hieß mich durch ein Zeichen mit der Hand vorangehen und in das Haus zurückfehren. Ich machte keine Bemerkungen, feſt entſchloſſen, ihr, wenn ſie mich zu ſehr ärgerte, eine von den kleinen Züchtigungen zu geben, von denen man ſagt, die Weiber brauchen ſie alle drei Monate, wolle man vollkommene Ehefrauen aus ihnen machen. Ich ging alſo hinein und ſchloß ſelbſt die Thüre. „Dann ſetzte ich mich und ſagte: „„Nun? und hernach?““ „„Wie, hernach?““ rief ſie. „„Ja. Was willſt Du von mir?““ „„Was ich von Dir will? Ich will Dir ſagen, Du ſeiſt ein ſchändlicher Menſch, daß Du, wie Du es thuſt, auf dem Eiſe umherlaufeſt, und Dich der Ge⸗ fahr ausſetzeſt, zu ertrinken und Deine arme Frau als Witwe mit einem Kinde auf dem Arme zurückzulaſſen.““ „„Wie„ein Kind „„Ja, Unglücklicher, ich bin ſchwanger, Du weißt das wohl!““ „„Meiner Treue! nein.““ „„Wohl! wenn Du es nicht weißt, ſo ſage ich es Dir.“ „„Das macht mir Vergnügen.““ 106 „„Ah! das macht Dir Vergnügen?““ „„Soll ich Dir etwa ſagen, es mache mir Schmerz?““ „„So antworteſt Du mir, ſtatt mich um Verzei⸗ hung zu bitten!““ „„Worüber um Verzeihung?““ „„Daß Du in der Nacht wie ein Meerwolf umher rennſt und Müllerinnen den Hof machſt. Iſt das eine Zeit, um Schlittſchuh zu laufen? frage ich Dich, war es hiezu um ſechs Uhr Morgens Zeit?““ „„Ah!““ erwiederte ich;„höre, ich fange an Deiner Spähereien ſatt zu werden, und wenn Du mich nicht in Ruhe läſſeſt. 4 „„Was wirſt Du thun?““ „Ich hatte einen hübſchen indiſchen Bambus, der ſich bog wie ein Schilfrohr, und deſſen ich mich zum Ausklopfen meiner Sonntagskleider bediente. Ich nahm ihn aus einer Ecke und ließ ihn der Buchold an den Ohren vorüberpfeifen. „„Ich ſage Dir nur dieſes, mein Liebchen!““ „„Ah!““ rief ſie,„„Du drohſt mir. Warte.““ „Ihre Augen ſchleuderten grünliche Blitze. Sie ſprang nach meinem Bambus, riß ihn mir mit einer Leichtigkeit aus den Händen, wie ich es aus denen eines Kindes gethan hätte, fletſchte die Zähne, und gab mir eine Tracht, ah! ſehen Sie, daß der Teufel darüber aus der Haut gefahren wäre.“ „Pah!“ „Es war mir die Geſchichte auf dem Schiffe ent⸗ fallen, wo ſie, wie Sie wiſſen, uns beinahe alle ſechs geprügelt hätte; doch bei den erſten Streichen, die ich erhielt, erinnerte ich mich derſelben; ſehen Sie, ich wollte widerſtehen, doch es kam wie ein Hagel! Ich fing damit an, daß ich drohte, ſchwur, fluchte, und en⸗ digte damit, daß ich um Verzeihung bat. Ich hatte meine Rechnung, wie man ſagt, und ſogar mehr als meine Rechnung. d. zei⸗ nher eine war an nich der zum den d 107 „Als ſie ſah, daß ich auf den Knieen lag, hörte ſie auf, zu ſchlagen. „„So,““ ſagte ſie,„„es iſt gut! Diesmal ſoll es noch ſo hingehen, doch daß ich Dich nicht wieder ertappe, oder Du ſollſt das nächſte Mal nicht ſo leichten Kaufes davon kommen.““ „„Peſt!““ murmelte ich,„wenn ſie mich nicht etwa gar todt ſchlägt! 4 „„Stille, und legen wir uns zu Bette,““ ſagte ſie;„überdies mußt Du müde ſein.““ „Ich war mehr als müde, ich war gerädert.““ „Ich legte mich nieder, ohne etwas zu ſagen, wandte die Naſe dem Bettgange zu, ſtellte mich, als ſchliefe ich, ſchlief aber nicht. „Sie begreifen, ich verlor meine Zeit nicht; dieſes Leben dünkte mir unaushaltbar; ich ſann auf ein Mittel, mich aus den Klauen der Buchold zu ziehen und zugleich mich an ihr zu rächen. Ich weiß nicht warum? ich hatte eine dumpfe Idee, daß ſie die Sache mit dem Prügel in Edam veranſtaltet und das Eis vom See bei Stavorin durchbrochen. „Mehr noch; Sie erinnern ſich, daß ich Ihnen erzählte, wie ich fühlte, daß mich etwas am Bein in den Grund des Sees niedergezogen, und wie ich mich kieſe Sache durch einen gewaltigen Fußſtoß entledigt habe. „Es regte ſich nun in meinem Geiſte der Gedanke, daß nicht Etwas, ſondern Jemand mich am Beine gezogen, und dieſer Jemand ſei die Buchold. Früher oder ſpäter,““ ſagte ich zu mir ſelbſt, rt nachſann,„„werde ich wohl erfahren, ob ſie e„ i 24 „Und wie?“ fragte ich ihn. „Bei Gott! Sie begreifen, ich hatte meine Schlitt⸗ ſchuhe an den Füßen. üm den Fußtritt zu verſetzen, war ich natürlich nicht ſo vorſichtig geweſen, die Schlitt⸗ ſchuhe abzunehmen. Es iſt nichts Geſundes um einen Fußtritt mit dem Schlittſchuh, beſonders wenn dieſer Fußtritt bleirecht trifft. Nun alſo! mein Fußtritt hatte bleirecht getroffen, und war es die Buchold geweſen, die ihn bekommen, ſo mußte ſie irgendwo eine Spur davon haben. „Ich ſagte alſo zu mir ſelbſt:„„Ich muß mich ver⸗ ſtellen, ich muß mir das Anſehen geben, als vergäße ich den Stockſtreich in Edam, die Erſäufung in Sta⸗ vorin, die Tracht in Monnikendam; iſt ſie es, ſo ſoll ſie Alles zugleich bezahlen.““ „Sobald dieſer Entſchluß gefaßt war, drehte ich mich um. „Am andern Morgen, als ſie noch ſchlief, hob ich das Leintuch auf und ſchaute: ſie hatte nicht die ge⸗ Spur von einem Schlittſchuh auf dem ganzen eib. „Nur bemerkte ich, daß ſie, ſtatt wie gewöhnlich ihre Nachthaube aufzuſetzen, ihre kupferne Haube be⸗ halten hatte. „„Gut!““ ſagte ich,„wenn Du ſie morgen nicht abnimmſt, ſo ſteckt etwas darunter.““ „Doch Sie begreifen, ich ſtellte mich, als bemerkte ich nichts, und kleidete mich nach und nach an. Wäh⸗ rend ich mich ankleidete, erwachte die Buchold. „Ihre erſte Bewegung war, daß ſie mit der Hand nach ihrer kupfernen Haube fuhr. ſ„„Gut!““ ſagte ich abermals,„„wir werden wohl ehen.““ „Doch ich ſagte dies innerlich, während ich mich ſtellte, als lachte ich; ſie ihrerſeits, man muß ihr dieſe Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, ſah, wenn der erſte Augenblick vorüber war, aus, als dächte ſie nicht mehr daran; allerdings war der erſte Augenblick hart. „Der Tag verging, ohne daß das Eine oder das Andere von dem ſprach, was am Abend vorher vorge⸗ fallen war: wir hatten den Anſchein von einem Paar Turteltauben. eſer atte ſen, pur er⸗ äße öta⸗ ſoll zen lich be⸗ icht rkte äh⸗ and ohl ich ie ſe rſte ehr ge⸗ aar 109 „Als es Nacht wurde, legten wir uns nieder. „Wie am Tage vorher, legte ſie ſich mit ihrer kupfernen Haube zu Bette. „Die ganze Nacht hatte ich teufelmäßig Luſt, auf⸗ zuſtehen, die Lampe anzuzünden und an der kleinen Fe⸗ der zu drücken, welche die verdammte Haube ſich öffnen macht; doch es war wie verwünſcht, man hätte glau⸗ ben ſollen, die Buchold wäre vom Fieber befallen wor⸗ ven. Sie drehte und wälzte ſich fortwährend hin und her. Ich faßte mich in Geduld und hoffte, in der fol⸗ genden Nacht würde ihr Schlaf ruhiger ſein. „Die folgende Nacht fam; ich hatte mich nicht getäuſcht. In dieſer Nacht ſchlief ſie wie ein bleierner Hund. Ich ſtand ganz fachte auf und zündete die Lampe an. Die Buchold lag gerade auf der Seitr. Ich drückte an ver Feder, das Plättchen öffnete ſich, und unter dem Plättchen, über dem Schlaf, ſah ich eine Linie, in der ich mich nicht täuſchen konnte. „Die Klinge des Schlittſchuhs hatte die Kopfhaut durchſchnitten, und würde ihr ohne ihre verdammten grünen Haare, welche dem Stoß die Kraft benahmen, den Schädel geöffnet haben. „Ich hatte nun meine feſte Ueberzeugung; es war nicht nur meine Frau, welche die mechaniſche Vorrich⸗ tung in Edam bereitet und das Eis vom See durch⸗ brochen hatte, es war auch meine Frau, die mich in der Abſicht, mich zu ertränken, am Beine gezogen. „War ich ertrunken, ſo kehrte ſie nach Monniken⸗ dam zurück, und da wir einander Alles dem Ueber⸗ lebenden vermacht hatten, ſo erbte ſie von mir, die arme kleine Katze! „Sie begreifen, daß einem ſolchen Geſchöpfe ge⸗ genüber keine Rückſichten mehr zu beobachten waren. Mein Entſchluß war zum Voraus gefaßt. Ich hatte Alles, was ich an Geld beſaß, in einen Sack geſteckt; mit dieſem Geld ſchiffte ich mich nach irgend einem Lande ein, und in dieſem Lande würde ich,— mir gleich⸗ 11⁰ viel, was mir begegnen ſollte,— immerhin glücklich und ruhig leben, wenn ich nur fern von der Buchold lebte. 8 „Dem zu Folge löſchte ich, entſchloſſen, mein Vor⸗ haben in Ausführung zu bringen, die Lampe aus, klei⸗ dete mich ſachte an, nahm meinen Rock aus dem Schranke und ſchlich mich auf den Fußſpitzen nach der Thüre. „Als ich die Hand an den Schlüſſel legte, fühlte ich eine Kralle, die mich am Halſe packte und rück⸗ wärts zog. „Ich wandte mich um, es war die Herxe Buchold, ſie hatte ſich geſtellt, als ſchliefe ſie, und hatte Alles geſehen. „„Ah!““ ſagte ſie,„ſo benimmſt Du Dich? nach⸗ dem Du mich betrogen, verläſſeſt Du mich, und indem Du mich verläſſeſt, richteſt Du mich zu Grunde! warte! warte!““ „„Ahl und Du, nachdem Du mich geſchlagen, durchbrichſt Du das Eis! nachdem Du das Eis durch⸗ brochen, willſt Du mich erſäufen! warte! warte!““ „Sie nahm den Bambus aus einer Ecke des Zim⸗ mers. Doch ich nahm einen Feuerbock aus einer Ecke des Herdes. Wir ſchlugen uns Beide zu gleicher Zeitz nur blieb ich ſtehen und ſie fiel. „Sie fiel wie eine Maſſe, gab einen Schrei von ſich, oder ſtieß vielmehr einen Seufzer aus und rührte ſich nicht mehr, als ſie einmal auf dem Boden lag. „„Gut!““ ſagte ich,„ſie iſt todt; meiner Treue, das iſt ſchlimm fuͤr ſie; ich habe ihr nur gethan, was ſie mir thun wollte!““ „Und ich betaſtete mich, ob mein Sack wirklich in meiner Taſche ſei, eilte aus dem Hauſe, ſchloß die Thüre hinter mir, warf den Schlüſſel ins Meer und lief über die Wieſen gegen Amſterdam. nin„Eine halbe Stunde nachher war ich an der See⸗ üſte. fi ei 31 klich hold zor⸗ lei⸗ dem der hlte ück⸗ old, les dem rte! gen, rch⸗ zim⸗ Ecke eit; von hrte eue, was hin die und See⸗ 11¹1 „Ich weckte einen mir befreundeten Fiſcher auf, der in ſeiner Hütte ſchlief, erzählte ihm, daß ich ſo unglücklich mit meiner Frau ſei, und daß ich in dieſer Nacht das Land zu verlaſſen beſchloſſen habe. Ich bat ihn, dem zu Folge, mich nach Amſterdam zu führen, wo ich die erſte Gelegenheit ergreifen würde, um aus Holland wegzukommen. „Der Fiſcher kleidete ſich an, ſtieß ſeine Barke ins Meer und ſteuerte gen Amſterdam. „Eine halbe Stunde nachher liefen wir in den Hafen ein. Ein herrlicher Dreimaſter ſchickte ſich eben an, nach Indien abzugehen, und machte ſich gerade in dieſem Augenblick ſegelfertig. „Ich bin raſch in meinen Entſchlüſſen. „„Ah! bei meiner Treue!““ ſagte ich zu meinem Freunde,„das iſt meine Sache, und wenn der Kapi⸗ tän vernünftig iſt und nicht zu viel für die Ueberfahrt verlangt, ſo werden wir wohl mit einander zurecht kommen.““ „Und ich rief den Kapitän an. „Der Kapitän trat an die Schiffsverkleidung. „„Holla! Barke, wer ruft?““ fragte er. 5„3h 8 „„Wer Ihr?““ „„Einer, der gern wiſſen möchte, ob Sie noch Platz für einen Paſſagier haben.““ „„Ja, dreht nach dem Steuerbord, Ihr werdet die Treppe finden.““ Es iſt nicht der Mühe werth, ſchicken Sie mir ein Zugtau.““ „„Gut! Ihr ſeid vom Handwerk, wie es ſcheint.““ „Ein wenig.““ „Ich wandte mich zu dem Fiſcher um und ſagte zu ihm: Du, mein Freund, Du ſollſt auf meine Geſund⸗ heit trinken, und hier haſt Du ein Zehnguldenftück. „„Ah! tauſend Donner, was iſt das?““ 112 „Was war das?“ fragte ich. „Ich hatte meinen Sack geöffnet, und ſtatt voll Gold zu ſein, war er voll Kieſelſteine. „„Meiner Treue, mein Freund,““ ſagte ich zu dem Fiſcher, indem ich ihm meinen Sack zeigte,„„Du ſiehſt es, der gute Wille war da. Doch ich bin beſtohlen.““ „„Ah bah!““ „„Ja, bei meinen Ehrenwort.““ „Und ich leerte meinen Sack in die Barke. „„Das iſt ſchlimm, Vater Olifus,““ erwiederte der brave Mann.„„Doch was wollt Ihr, die gute Ab⸗ ſicht war da; ſeid unbeſorgt, das wird mich nicht ab⸗ halten, auf Eure Geſundheit zu trinken.““ „„Oho!““ rief eine Stimme vom Verdeck herab, „„hier iſt das verlangte Greling.““ „Ich drückte dem Fiſcher die Hand, faßte das Tau und Fletterte wie ein Eichhörchen hinauf. „„Hier bin ich,““ ſagte ich auf das Verdeck ſpringend. „„Nun!““ fragte der Kapitän,„„und Euer Ge⸗ päcke?“ „„Braucht man Gepäcke, um Matroſe zu ſein?““ „„Matroſe? Ihr habt geſagt, Paſſagier.““ „„Paſſagier?““ „Ja.““ „„Da habe ich mich verſprochen. Ich wollte ſagen: Haben Sie noch einen Platz für einen Matroſen?““ „„Nun! Du ſiehſt aus, wie ein guter Teufel Ja, ich habe Platz für einen Matroſen, und ſogar für einen Matroſen zu 40 Franken monatlich, inſofern ich Kapi⸗ tän der indiſchen Compagnie bin und die indiſche Com⸗ pagnie gut bezahlt.““ „„Bezahlt ſie gut, ſo wird man ihr gut dienen, das iſt einfach.““ „Der Kapitän ſagte mir nicht mehr, ich antwor⸗ tete nicht mehr; der Vertrag war ſo gültig abgeſchloſſen, als wenn alle Notare der Welt dabei geweſen wären⸗ voll dem ſiehſt en.“ e der Ab⸗ tab⸗ erab, Tau rdeck 244 gen: Ja, inen api⸗ om⸗ nen, vor⸗ ſſen, ren 1¹3 „Zwei Tage nachher waren wir auf offener See. „Das erſte Land, das wir erblickten, nachdem wir die Küſte von Frankreich aus dem Geſichte verloren, war die kleine Inſel Porto⸗Santo nördlich von Ma⸗ deira gelegen. In einem dichteren Nebel verborgen, kam Madeira erſt zwei Stunden nachher zum Vorſchein. Wir ließen den Hafen von Funchal zu unſerer Linken und ſetzten unſere Fahrt fort. Am vierten Tage, nach⸗ dem wir Madeira umſchifft hatten, erkannten wir den Pie von Teneriffa, der in den Wogungen des Dunſtes, welcher wie ein zweites Meer ſeine Flanken mit ſeinen Wellen zu ſchlagen ſchien, ſich zeigte und wieder ver⸗ ſchwand. Wir ſegelten vorüber, ohne anzuhalten, und wir fingen an in ein grünliches Meer einzufahren, das einem Kreſſefelde glich; dieſe Lagen von grünem, ins Gelbe ſpielendem Meergras bedeckten die Oberfläche des Oceans und bildeten jene Ballen, welche die Ma⸗ troſen ihrer Form wegen die Trauben der Tropenländer nennen. „Es war nicht das erſte Mal, daß ich ſolche Rei⸗ ſen machte. Ich war zweimal in Buenos Ahres gewe⸗ ſen und hatte das geſehen, was die Matroſen die blauen Waſſer nennen. Ich befand mich alſo wieder in meinem Element und athmete mit Behagen. Das Schiff war ein guter Segler und machte ſieben bis acht Knöpfe in der Stunde. Jeder Knopf entfernte mich eine Meile von der Buchold„ich hatte nichts zu wünſchen. „Wir paſſirten die Linie, und es fand wie gewöhn⸗ lich ein Feſt an Bord ſtatt. Ich überreichte mein Certificat, unterzeichnet vom guten Tropenmann, und ſtatt zu bekommen, war ich es, der den Anderen Waſ⸗ ſer auf den Kopf goß. „Der Kapitän war ein guter Teuſel, er hatte die Rhumkammer geffnet, ſo daß ich ein wenig in den Zug gerieth. Da— ich war, wie man zu ſagen pflegt, ſo ſo, Fauſend und ein Geſpenſt. U. 8 11¹4 ich doſte halb trällernd, halb ſchnarchend, und verjagte mit der Hand Kancrelats, die ich für fliegende Fiſche hielt— da kam es mir vor, als ſähe ich eine große, weiße Geſtalt die Luke herabſteigen und ſich meiner Hänge⸗ matte nähern. „Wie ſie mir näher kam, erkannte ich die Buchold; ich ſchnarchte noch, doch dafür ſtehe ich, daß ich nicht mehr ſang. „„Ah!““ ſagte ſie zu mir,„nachdem Du mir zwei Löcher in den Kopf geſchlagen haſt, eines mit einem Schlittſchuh und ein anderes mit einem Feuerbocke, ſtatt zu bedauern, ſtatt Buße zu thun, verſetzteſt Du Dich in einen ſolchen Zuſtand, Du Trunkenbold!““ „Ich wollte ihr antworten, aber das war drollig.. Sie war es nur, die ſprach, und ich war es, der ſtumm geworden. „„Ah! das iſt vergeblich,““ ſagte ſie,„„Du biſt nicht nur ſtumm, ſondern Du biſt gelähmt, verſuche es doch ein wenig, zu gehen, verſuche es.““ „Sie ſah wohl, was in mir vorging, die ver⸗ dammte Buchold, und daß ich mich übermenſchlich an⸗ ſtrengte, um über meine Hängematte herabzuſteigen. Aber bah! mein Bein war ſteif wie der Fockmaſt, und es hätte der Schiffswinde bedurft, um mich von der Stelle zu bringen. 3 „Ich faßte meinen Entſchluß, legte bei und blieh wie eine Ankerboye. „Zum Glück konnte ich die Augen ſchließen und ſie nicht ſehen, das war noch ein Troſt. Doch leider! konnte ich nicht die Ohren ſchließen und ſie nicht hö⸗ ren. Sie ſagte mir ſo viel, ſo viel, daß es am Ende nur ſummte, ohne daß ich die Worte hörte; dann hörte ich nicht einmal mehr das Summen; dann ſchlug die Stunde, und der Hochbvotsmann rief: „„Die zweite Quartierwache auf's Verdeck!““ „Sie wiſſen, was das iſt, die Quartierwache?“ fragte mich der Vater Olifus⸗ jagte Fiſche weiße änge⸗ hold; nicht zwei einem bocke, ℳ tumm u biſt he es ver⸗ n igen. und nder blieb und leider t hö⸗ Ende hörte die 11⁵ „Ja,“ antwortete ich,„immerzu!“ „Ich war alſo von der zweiten Quartierwache. Mich rief man; ich hörte, daß man mich rief; doch ich konnte weder Füße, noch Pfoten rühren. Nun ſagte ich zu mir:„„Deine Rechnung iſt gut, Olifus, Du wirſt Deine Seiſinghiebe bekommen. Aber, Unglücklicher, man ruft Dich; aber, Träger, ſtehe doch auf!““ „Mein Herr, dies Alles ging innerlich vor. Aeußer⸗ lich, guten Abend; nichts rührte ſich. „Plötzlich fühle ich, daß man mich ſchüttelt; ich glaube, es ſei die Buchold. Ich mache mich klein; man ſchüttelt mich ſtärker; ich rühre mich nicht. End⸗ lich höre ich einen Fluch, der das Schiff hätte ſpalten ſollen, und eine Stimme, die mir zuruft: „„He! holla, biſt Du todt?““ „Gut! ich höre die Stimme des Bootsmanns vom Steuerruder. „„Nein! nein! ich bin nicht todt! nein, Vater Vidercome, hier bin ich. Helft mir nur aus meiner Hängematte herabſteigen.““ „„Wie, ich ſoll Dir helfen?““ „„Ja, es iſt mir nicht möglich, mich ſelbſt zu rühren.““ Ich glaube, Gott verzeihe mir, er iſt noch nicht wieder nüchtern geworden. Warte! warte!““ „Und er nimmt den Stiel von einem Beſen, der auf dem Boden liegt. „Ich weiß nicht, war es die Angſt, was mir Kräfte gab, oder war die Erſtarrung vorüber; doch ich war leicht wie ein Vogel. Ich ſpringe von meiner Hänge⸗ matte herab und ſage:. Hier bin ich, hier bin ich. Das iſt dieſe Schel⸗ min von einer Buchold. Dieſe Creatur iſt entſchieden zu meinem Unglück geboren.““ „Buchold oder nicht, daß Dir das nicht morgen wieder geſchieht, oder wir werden ſehen„„ rief der Bootsmann, 116 „Oh! morgen,““ erwiederte ich, indem ich in meine Hoſen fuhr und die Luke hinaufkletterte,„da iſt feine Gefahr.““ „„Ja, ich begreife, morgen wirſt Du nicht mehr trunken ſein; für heute will ich es Dir hingehen laſſen; es iſt nicht alle Tage das Feſt des guten Tropenmanns. Vorwärts, auf's Verdeckl““ „Ich war dort; nie habe ich eine ſolche Nacht geſehen. „Es waren nicht mehr Sterne, was man am Him⸗ mel ſah, mein Herr, es war Goldſtaub. Das Meer war durch einen Wind ſo angenehm und leicht gerun⸗ zelt, daß man ſich keinen andern wünſchen würde, um ins Paradies zu gehen. „Das war nicht Alles. Das Schiff ſchien die Wellen zu entzünden, indem es Hleſelben theilte. Cs war nichts zu thun. Das Schiff ging alle Segel außen, Topmaſt und Belſegel im Winde, wie ein junges Mäd⸗ chen, das Sonntags in die Meſſe wandelt. „Ich neigte mich über die Wand hinaus und ſchaute ins Meer. „Sehen Sie, Sie können ſich nichts Aehnliches vorſtellen. Man ſagt, es ſeien kleine Fiſche, die das machen; ich ſage lieber, es ſei der gute Gott. Es ſah aus, als wären fünfzig romaniſche Lichter längs dem Gerippe des Schiffes; es waren endloſe Kunfifeuer, die dann einen Strauß im Soge des Schiffes bildeten⸗ und dies Alles hob ſich von der düſteren Tinte der Wellen ab, wie eine Flammenſtandarte, deren lange Falten man über dem Waſſer ſchütteln würde. „Plötzlich glaubte ich mitten in dieſen Flammen etwas wie eine menſchliche Geſtalt ſpielen zu ſehen, Die Form wird immer ſichtbarer, und was erkenne ich? die Buchold. „Sie brauchen mich nicht zu fragen, ob ich einen Sprung rückwärts machen wollte; aber an der Wand angeflebt, wie ein Stockſiſch, war ich außer Stand, h in „„da meht ſſen; anns. Kacht Him⸗ Meer run⸗ ürde, die Es ußen, Mäd⸗ haute liches das Es längs feuer, deten, e der lange mmen ſehen. eich? einen Wand tand, 117 von der Stelle zu gehen. Im Gegentheil, das ſpielte im Waſſer, das reizte mit dem Kopf, das winkte mit dem Becher, das lockte und lächelte, daß ich meine Füße die Erde verlaſſen, meinen Bauch gleiten fühlte; das zog mich an, wie ein Schwindelz ich wollte mich zu⸗ rückhalten, fand aber nichts; ich wollte ſchreien, keine Stimme mehr; es zog mich fortwährend an. Ohl verfluchte Sirene. Ich fühlte, wie meine Haare ſich ſträubten; es war ein Tropfen Waſſer an jedem Haarz und ich glitt, ich glitt, und der Kopf zog den Rumpf fort, und ich fühlte, daß ich ging, daß ich ging. Ver⸗ fluchte Sirene! „Plötzlich vackte man mich unten an meiner Hoſe. „„Oh! biſt Du denn verrückt, Olifus?““ ſagte der Hochbootsmann, während er mich an ſich zog. „„Herbei zwei Männer! zwei kräftige! zwei handfeſte! herbei!““ „Sie kamen; es war Zeit; ich zog ihn mit mir fort. Ich fiel auf das Verdeck zurück. „Mein Herr, ich war naß wie eine Suppe; ich fletſchte die Zähne und verdrehte die Augen. „„Gut!““ ſprach der Hochbootsmann,„„wenn man fallſüchtig iſt, ſagt man es doch wenigſtens. Das iſt ein Umſtand, der den Vertrag auflöſt. Oh! wie hübſch, ein Matroſe, der Nervenanfälle hat. Ganz eigenthümlich! Hoho! Jüngferchen Olifus!““ „Es iſt wahr, mein Herr, ich zappelte mit den Beinen, erwiederte aber dabei: „„Nein, das iſt nicht die Fallſucht, das iſt die Buchold. Habt Ihr ſie nicht geſehen?““ „„Wen?““ „„Die Buchold; ſie war da und ſpielte im Waſſer und im Feuer, wie ein Salamander; ſie rief mich, ſie zog mich an, ſie war es. Oh! verfluchte Sirene!““ „„Was ſprichſt Du da von Sirene?““ „„Nichts, nichts!““ „ 118 „Sehen Sie,“ fuhr der Vater Olifus fort,„wenn Sie lange Reiſen machen, mein Herr, dürfen Sie mit den Matroſen nie von Sirenen, oder von Nereiden, oder von Meerfrauen, oder von Meermännern, oder von Biſchofsfiſchen ſprechen. Auf dem Lande geht das noch an; auf dem Lande ſcherzen die Matroſen darüber, aber in See lieben ſie das nicht; es macht ihnen Angſt. So viel iſt gewiß, daß ich beinahe untergetaucht wäre, und daß ich ohne den Hochbootsmann einen Schluck aus der großen Taſſe trank. „Ich ſetzte mich an den Fuß des Beſanmaſtes, ſchlang meinen Arm um ein Tauwerk und erwartete den Tag. „Als der Tag erſchien, kam es mir vor, als wäre dies Alles ein Traum geweſen. Nur, da ich ein Pferde⸗ fieber hatte, begriff ich, daß ein Grund von Wirk⸗ lichkeit in dem Allem war. Die Wirklichkeit war aber ſehr einfach: ich hatte der Buchold einen Streich mit dem Feuerbock verſetzt; der Streich war gut gefallen, ſo gut gefallen, daß ſie daran geſtorben, und nun kam ihre Seele, um Gebete von mir zu verlangen. „Leider gab es auf den Schiffen der indiſchen Compagnie keinen Kaplan; wäre einer da geweſen, ſo hätte ich ihr eine Meſſe leſen laſſen, und damit wäre Alles abgethan geweſen. „Da fiel mir ein anderes Mittel ein, ein bekanntes Mittel. „Ich nahm eine Muscatnuß, ich ſchrieb den Na⸗ men der Buchold darauf, ich wickelte das in Leinwand, verſchloß das Ganze in einer blechenen Büchſe, machte auf den Deckel zwei durch einen Stern getrennte Kreuze, warf am Abend den Talisman mit einem De Profundis ins Meer und ſteckte mich in meine Hängematte. „Ich war nicht ſo bald hier, als ich rufen hörte: „„Ein Menſch in der See!““ „Sie wiſſen, wenn man dieſen Ruf hört, gilt es Jedermann; denn auf einem Schiffe iſt die Reihe heute venn mit den, von noch aber und der ſtes, tete väre rde⸗ irk⸗ ber mit en, am äre 3 an meinem Kameraden, morgen wird ſie vielleicht an mir ſein. Ich ſprang von meiner Hängematte herab und lief auf das Verdeck. „Es herrſchte einen Augenblick große Verwirrung. Jeder ſagte:„„Was iſt das? Wer iſt im Meere? Bin ich es, biſt Du es, iſt er es?““ Doch gleichviel, da auf einem wohlgehaltenen Schiffe immer ein mit einem Meſſer bewaffneter Mann beim Nähtaue der Rettungsboye oder bei der Hemmung iſt, die man fah⸗ ren laſſen muß, wenn die Boye ins Meer ſinken ſoll, ſo hatte der Mann ſchon ſein Geſchäft verrichtet und die Boye war im Soge des Schiffes. „Mittlerweile rief der Kapitän: „„Macht die Oberſegel ab; laßt die Hißtaue und die Schoten ſchießen.““ „Sehen Sie, das iſt ſo ein Manveuvre; fällt ein Menſch ins Meer, ſo legt man das Schiff bei, und wenn man, um das Schiff beizulegen, nicht die Hiß⸗ taue und die Schoten ſchießen ließe, bekäme man nicht wenig Segelſtangen zerbrochen und Reffe zerriſſen, be⸗ ſonders wenn das Schiff raſch in offener See geht. „Zu gleicher Zeit hißte man das Boot mittelſt ſeiner Zugwinde, man nahm ein Troßende, das ſtark genug, um es zu halten, zog das Ende von oben nach unten, kurz, man ſetzte das Boot ins Meer. „Während dieſer Zeit befand ſich alle Welt auf dem Hintertheil; es war eine wahre Rettungsboye, die man mit einem Feuerwerk zur Beleuchtung hinabge⸗ laſſen hatte; das Feuerwerk brannte, ſo daß man ein Weſen ſehen konnte, welches ſchwamm, ſchwamm und ſchwumm. „Wenn ich ſagte, man habe ſehen können, ſo täuſche ich mich, nur ich ſah, und ich mochte immerhin ſagen:„„Seht Ihr? Seht Ihr?““ Die Andern erwiederten:„„Nein, wir ſehen nicht!““ „Dann ſchauten die Matroſen umher, und ſie ſag⸗ 120 ten, die Spitzbuben:„„Ich bin da, Du biſt da, er iſt da, wir ſind Alle da.““ „„Wer hat denn einen Menſchen in das Meer fallen ſehen?““ „Jedermann ſprach: „„Ich nicht, ich nicht, ich nicht.““ „„Aber wer hat denn gerufen, es ſei ein Menſch in der See?““ „„Ich nicht, ich nicht, ich nicht.““ „Niemand hatte geſehen, Niemand hatte gerufen. Mittlerweile hatte der Schwimmer oder die Schwim⸗ merin die Boye erreicht, und ich ſah deutlich eine Per⸗ ſon, die ſich daran anklammerte. „„Gut,““ ſagte ich,„„er hält ſie feſt.““ „„Was 2 „„Die Boye.““ „„Wer?““ „Der Menſch, der im Meer iſt.““ „„Du ſiehſt Jemand auf der Boye?““ „„Bei Gott!““ „„Ah! ah! Olifus fieht Jemand auf der Boye,““ ſprach der Hochbootsmann.„Bis jetzt glaubte ich gute Augen zu haben, doch es ſcheint, ich täuſche mich.„ „Das Boot war im Meer und ruderte nach der oye. „„Ohe! Ihr Leute vom Boote!““ rief der Hoch⸗ bootsmann,„„ſeht Ihr Jemand auf der Boye?““ „„Niemand.““ „„Höret, es kommt mir ein Gedanke,““ ſprach der Hochbvotsmann, indem er ſich gegen die Matroſen umwandte. „„Welcher?““ „„Olifus iſt es, der gerufen hat: es iſt in der See!““ „„Ja wohl, Niemand fehlt, Niemand ſieht die r iſt Reer nſch fen. vim⸗ Per⸗ e, ich uſche der och⸗ rach oſen nſch die 121¹ Boye beſetzt; nur Olifus behauptet, es fehle Jemand; nur Olifus ſieht ein Individuum auf der Boye; er muß hiefür ſeine Gründe haben.““ „„Ich ſage nicht, es fehle Jemand, ich ſage, es ſei Jemand auf der Boye.““ „„Wir werden wohl ſehen, das Boot bringt ſie ſo eben zurück.““ „Das Boot hatte wirklich die Boye erreicht und an ſein Hintertheil angebunden, ſo daß ſie ihr im Soge olgte. „Ich ſah deutlich eine Perſon auf der verteufelten Boye ſitzen, und je näher das Boot kam, deſto beſſer vermochte ich es zu unterſcheiden. „„Ohe! Ihr Leute,““ rief der Hochbootsmann, „„was bringt Ihr da?““ „„Nichts.““ „„Wie, nichts!““ ſchrie ich,„„Ihr ſeht nichts?““ „„Ei! was hat er denn? Es iſt, als wollten ſeine Augen aus dem Kopfe heraustreten.““ „Sehen Sie, ich hatte in der That meine Sache erkannt, und ich ſagte: Gutl bei uns iſt es abgéthan! Mein Herr, die Perſon auf der Boye war die Buchold, die ich in der blechernen Büchſe in's Meer geworfen zu haben glaubte. „„Bringt ſie nicht!““ rief ich.„„Werft ſie ins Meer. Seht Ihr nicht, daß es eine Sirene iſt? Seht Ihr nicht, daß es eine Meerfrau iſt? Seht Ihr nicht, daß es der Teufel iſt?““ „„Ah! ah!““ ſprach der Hochbootsmann,„„er iſt entſchieden ein Narr, bindet mir dieſen Burſchen und benachrichtigt den Wundarzt.““ „In einem Nu war ich gebunden und in einen Matratzrahmen gebracht; dann kam der Wundarzt mit ſeiner Lancette. „Oh! das iſt nichts; eine Hirnentzündung, und nichts Anderes. Ich will ihm ſogleich tüchtig zur Ader 122 laſſen, und wenn er in drei Tagen nicht todt iſt, ſo hat er alle Hoffnung, davon zu kommen.““ „Ich erinnere mich keines Umſtandes mehr, wenn nicht, daß ich einen Schmerz am Arm empfand, mein Blut fließen ſah und ohnmächtig wurde. „Ich ſiel jedoch nicht ſo ſchnell in Ohnmacht, daß ich nicht den Kapitän ganz laut ſagen hörte: „„Niemand iſt da?““ „Und die ganze Mannſchaft antwortete: „„Niemand.““ „„Ah! der Schurke von einem Olifus, ich ver⸗ ſpreche ihm wohl etwas: daß ich ihn an das Land wer⸗ fen laſſe, ſobald wir eines treffen.““ „Ueber dieſem ſanften Verſprechen verlor ich das Bewußtſein. „Der Kapitän war ein Mann von Wort; als ich zu mir kam, befand ich mich in der That am Lande. Ich erkundigte mich, in welchem Theile der Welt ich mich befände, und erfuhr, der Dreimaſter Johann von Witt, dies war der Name des Schiffes der in⸗ diſchen Compagnie, habe mich im Vorüberfahren auf Madagascar abgeſetzt. „Ich hatte drei und einen halben Monat an Bord des Johann von Witt gedient, und fand unter meinem Kiſſen eine Summe von hundert und vierzig Franken, was gerade den Lohn für meine dritthalb Mo⸗ nate ausmachte. „Sie ſehen, der Kapitän war doch ein braver Mann. Er konnte mir einen Monat zurückbehalten, da ich ſeit einem Monat keinen Dienſt mehr that. „Während dieſes Monats, wo es mir unmöglich, zu ſagen, was vorgefallen war, hatten wir in Sanct Helena gelandet, das Cap umſchifft und in Tamatave, wo man mich ausgeſetzt, Anker geworfen. „Da ich nicht in Tamatave irgend ein Etabliſſe⸗ ment zu bilden wünſchte, ſondern vielmehr in Indien, ſo erkundigte ich mich ſorgfältig bei meinem Wirth 5 t nn ein aß 123 nach einem Transvortmittel. Eine Gelegenheit nach Indien war ein Ereigniß in Tamatave, mein Wirth rieth mir dem zu Folge, mich nach St. Maria zu bege⸗ ben, wo mir das Glück günſtiger ſein würde. Ein Schiff ging in acht Tagen nach Pointe⸗Larrée ab; ich beſchloß, dieſes als Paſſagier zu benützen, wenn ich mich in acht Tagen beſſer befände. „Ich hatte nur eine Furcht, mein Herr, es gab nur Eines, was bewirken konnte, daß es ſchlechter bei mir ginge: dies war, wenn man zufällig meine Frau mit mir ausgeſchifft hatte. „Die erſte Nacht, ſehen Sie, brachte ich in Aeng⸗ ſten zu, daß dies nicht leben hieß; bei dem geringſten Geräuſch, welches ich hörte, ſagte ich: Gut, die Buchold! Und der Schweiß ſtieg mir zur Stirne; dabei, Sie begreifen wohl, wirkte noch ein wenig Fieber. „Endlich kam der Tag. Nichts. Ich athmete. „Die zweite Nacht, abermals Nichts. „Die dritte ebenſo. „Die vierte, die fünfte, die ſechste, die ſiebente, die achte, Nichts. Ich erholte mich auch ſichtbar. Und als mein Wirth zu mir kam und mich fragte: „„Sagen Sie, find Sie im Stande, nach St. Maria abzureiſen?“ Da erwiederte ich:„„Ich glaube wohl.““ Und in zehn Minuten war ich bereit. „Unſere Rechnungen waren bald in Ordnung. Er wollte nichts annehmen, und mir war es lieber, ihn mit Dankbarkeit, als mit baarer Münze zu bezahlen, in Betracht, daß ich mit der einen beſſer verſehen war, als mit der andern; ich drang alſo nicht in ihn; wir umarmten uns, und ich ſchiffte mich nach Pointe⸗Larrée ein. „Nicht ohne Bangen begab ich mich wieder aufs Meer. Bei jedem Fiſch, den ich erblickte, glaubte ich, es ſei meine Frau. Man wollte unter Weges ſiſchen, 124 doch ich bat ſo ſehr, daß die Matroſen nicht den Muth hatten, die Leine auszuwerfen. „Ich fühlte mich in der That nicht ruhig, bis ich in Pointe⸗Larrée ankam. Das Meer war das Element der Buchold, doch da ich ſie auf der Ueberfahrt nicht erblickt hatte, ſo ſagte ich zu mir: Gutl ſie iſt von der Fährte abgekommen. „Ich beſchloß nichtsdeſtoweniger, von Pointe⸗Lar⸗ rée nach Titingue zu Lande zu gehen. Das Land, das war mein Element, und mir ſchien, ich ſei hier ſtärker. Das iſt trefflich, ich, der ich früher nicht wußte, wozu das Land dienen könnte, wenn nicht, um Waſſer einzunehmen und Fiſche darauf zu trocknen. „Ich verabredete mich mit zwei ſchwarzen Führern, welche mich gegen ein Beſteck, das ich hatte, und das ſich in Gabel und Meſſer trennen ließ, von Pointe⸗Lar⸗ rée nach Titingue zu führen verſprachen. Sie begrei⸗ fen, dies geſchah immer, um meine hundert und vier⸗ zig Franken zu ſchonen. „Am andern Tag brachen wir aufz hören Sie, das hieß nicht zu Lande zu gehen; denn jeden Augen⸗ blick war der Weg von Fluthen und Sümpfen durch⸗ ſchnitten, wo wir das Waſſer bis am Gürtel hatten⸗ Von Zeit zu Zeit erblickten wir einige Feſtlandinſeln, worauf das Wildbret wimmelte.„. Sind Sie ein Jäger?“ „Ja.“ „Nun wohl! wären Sie da geweſen, Sie hätten ſich hübſch beluſtigt. Die Perlhühner, die Turteltauben, die Wachteln, die grünen Tauben, die blauen Tauben, dies Alles flog zu Tauſenden umher, ſo daß wir uns nur mit den Stöcken einen fürſtlichen Braten verſchafften⸗ Um Mittag hielten wir unter einer Gruppe von Palm⸗ bäumen an; es war die Stunde des Mahles. Ich rupfte unſere Perlhühner, meine Neger machten Feuer, man ſchüttelte einige Bäume, welche Früchte lieferten, wie der König von Holland nie ähnliche gegeſſen hat. Ruth s ich ment nicht von Lar⸗ „das irker. ußte, zaſſer rern, das „Lar⸗ grei⸗ vier⸗ Sie, ugen⸗ urch⸗ — atten. nſeln, ein ätten uben, uben, r uns afften. Palm⸗ Feuer, erten, hat. 125 „Und wir begannen unſer Mahl. „Nur Eines fehlte uns: eine Flaſche guter Bor⸗ deaur⸗Wein oder Edinburger Ale. Doch da ich Phi⸗ loſoph bin und das, was mir fehlt, zu entbehren weiß, ſo ging ich an den Bach, um daraus zu trinken. „Als einer von meinen Führern dies ſah, ſagte er zu mir: „„Waſſer, das iſt nicht gut, mein Herr.““ „„Bei Gott!““ erwiederte ich,„ich weiß wohl, daß es nicht gut iſt, Wein wäre mir lieber.““ „„Dem Herrn wäre Wein lieber?““ „„Ja wohl, Wein wäre dem Herrn lieber!““ rief ich ungeduldig. „„Nun! ich will Ihnen geben.““ „„Wein „„Ja, und zwar neuen Wein. Kommen Sie, mein Herr.““ „Ich folgte ihm, indem ich ganz leiſe zu mir ſprach: „„Ah! Burſche, wenn Du mich anführſt, ſo werden wir bei der Ankunft unſere Rechnung machen.““ „Ich ſagte: bei unſerer Ankunft, weil unter Weges mein Führer mir einen ſchlimmen Streich hätte ſpielen koͤnnen, während, wenn wir einmal angekommen...“ „Ja, ja, ich begreife.“ „Ich folgte ihm alſo; er ging dreißig Schritte, ſchaute dann umher und rief: „„Kommen Sie, kommen Sie, Herr, hier iſt das Faß.““ „Und er zeigte mir einen Baum⸗ „Ich ſagte ganz leiſe:„Ah! Burſche, wenn Du mich anführſt...“ „Nun! der Baum, den er Ihnen zeigte, war eine Ravenala,“ ſprach Biard. Olifus ſah ihn mit großen, ganz verwunderten Augen an. „Ah! Sie wiſſen das?“ „Bei Gott!“ 126 „Es war, wie Sie geſagt haben, eine Ravenala, genannt der Baum des Reiſenden; nun! ich war viel gereiſt, und dennoch kannte ich dieſen Baum nicht, ſo daß, als er ein Blatt pflückte, ihm die Form eines Glaſes gab, und zu mir ſagte:„„Nehmen Sie, mein Herr, und verlieren Sie keinen Tropfen,““ ich beſtän⸗ dig wiederholte: „„Ah! Burſche.““ „Mein Herr, er ſchnitt mit meinem Meſſer in den Baum ein, und ſehen Sie, es floß ein Waſſer oder vielmehr ein Wein oder vielmehr ein Liqueur heraus. „Ich nahm meinen Hut vor ihm ab, mein Herr, als ob dieſer Affe von einem Neger ein Menſch gewe⸗ ſen wäre. „Nach mir tranken meine zwei Neger. „Nach ihnen trank ich abermals. Ich hätte ge⸗ trunken bis am andern Tag, doch ſie ſagten mir, wir müſſen uns wieder auf den Weg begeben. Ich wollte einen Bohrer an den Baum ſetzen, ſo ſehr bedauerte ich es, einen ſo guten Saft verlieren zu ſehen, doch ſie ſagten mir, ich würde den ganzen Weg entlang Ra⸗ venalas finden; in Madagascar finde man Wälder von Ravenalas. „Ich hatte einen Augenblick Luſt, in Madagascar anzuhalten und einen von dieſen Wäldern auszubeuten. „Am andern Tag kamen wir in Titingue an: meine Führer hatten mich nicht belogen, den ganzen Weg ent⸗ lang fanden wir Ravenalas, die ich anzapfte. „In Titingue wollte der Zufall, daß ich einen reichen Singaleſen fand, der einen Handel mit Perlen trieb. Die Zeit für dieſe Fiſcherei, welche im Monat März ſtattfindet, war gekommen, und er ſuchte Taucher auf der Küſte von Zanguebar, und unter den Unter⸗ thanen des Königs Radhoma, welche für die kühnſten Fiſcher der Welt galten. Er erkannte in mir einen Eurvpäer. Er ſuchte einen Director und glaubte, ich könnte ſeine Sache betreiben; er betrieb die meinige ala, viel ines ein än⸗ 127 vortrefflich. Ich ſchlug ihm vor, mich auf Probe zu nehmen; er willigte ein. Vierzehn Tage nachher gingen wir im Hafen von Colombo vor Anker. „Es war keine Zeit zu verlieren; die Fiſcherei hatte ſchon begonnen. Wir berührten Colombo nur und reiſten nach Condatchy ab, was der Bazar der In⸗ ſel iſt. Mein Singaleſe war einer der Bedeutendſten von denjenigen, welche die Fiſcherei betrieben. Wir gingen mit einer wahren Flotille ab und wandten uns nach der Inſel Mannar, in deren Gegend die Fiſcherei ſtattfindet. „Unſere Flotille beſtand aus zehn Barken, jede mit zwanzig Mann. Von dieſen zwanzig Mann ſind zehn für die Führung des Schiffes beſtimmt und zehn ſind Taucher. „Dieſe Barken haben eine eigenthümliche Form: ſie find lang und breit, haben nur einen Maſt und ein Segel, und nicht mehr als achtzehn Zoll Tiefgang. „Ich war Patron von einer dieſer Barken. „Ich hatte meine Singaleſen zuvor davon in Kennt⸗ niß geſetzt, daß ich nichts von der Perlenfiſcherei ver⸗ ſtehe, dagegen ſei ich ein Bootsmann erſter Stärke und er bemerkte auch in der That alsbald, wie ich meine Barke auf eine Weiſe führte, daß die andern Patrone im Vergleich mit mir nur Stümper waren. „Nach Verlauf von acht Tagen nahm ich jedoch Eines wahr: nämlich daß unſere Taucher, wenn ſie Geſchicklichkeit beſaßen, zuweilen an einem Tage zehn⸗ mal mehr verdienen konnten, als ich, ihr Patron, in einem Monat verdiente. „Dies kam davon her, daß die Fiſcher zu einem Zehntel bei dem Fang, den ſie machen, intereſſirt ſind, ſo daß, wenn ein Taucher Glück hat, wenn er auf eine ſchöne Auſternbank geräth, zehn, fünfzehn bis zwanzig⸗ tauſend Livres in der Saiſon, das heißt in zwei Mo⸗ naten, verdienen kann, während ich in dieſen zwei Monafen ganz einfach fünfhundert Franken verdiente. 128 „Da fing ich an zu ſtudiren, wie ſich meine Leute benahmen. Am Ende brauchte man dabei nicht das Meer zu ſaufen. „Jeder Taucher nahm zwiſchen ſeine Füße, oder band um ſeine Lenden einen Stein von ungefähr zehn Pfund; mit dieſem Stein belaſtet, der ihn in die Tiefe zog, warf er ſich in das Waſſer; mit der einen Hand hielt er einen netzartigen Sack, mit der andern ſammelte er ſo viele Auſtern, als er finden konnte. Hat er keine Luft mehr, ſo ſchüttelte er an dem Tau, welches ihn an der Barke feſthält, und man zieht ihn an die Ober⸗ fläche des Waſſers. Immer ein Mann von der Equi⸗ page wacht an einem Tau, ſo daß der Taucher nicht nöthig hat, zweimal ein Zeichen zu machen. Darum ſind die Matroſen in gleicher Anzahl vorhanden, wie die Taucher. „Die Fiſcherei war vortrefflich, und ich bedauerte nur, daß ich mich zum Patron vorgeſchlagen hatte, ſtatt mich als Taucher anwerben zu laſſen. In Mon⸗ nikendam hatte ich einen gewiſſen Ruf darin, daß ich lange unter dem Waſſer bleiben konnte, und das war mir gut zu Statten gekommen, als ich meinen Weg unter dem Eiſe ſuchen mußte, Sie wiſſen, im See von Stavorin. Das Einzige, was mich tröſtete, war, daß ich eine furchtbare Angſt hatte, beim Tauchen die Bu⸗ chold zu treffen, und dann, Sie begreifen, war die Sache nicht mehr drollig. Gute Nacht, Auſtern! Ich wollte lieber mein ganzes Leben lang Patron um hun⸗ dert und fünfzig Franken monatlich bleiben. „Es war dies übrigens nicht das Einzige, was man zu befürchten hatte. Die Haifiſche kennen die Zeit der Fiſcherei ſo gut, als wenn ſie Kalender hätten, und es iſt unglaublich, in welcher Menge während der Periode, die ſie dauert, dieſe Fiſche in der Bucht von Mannar umherſchwärmen. Es verging auch kein Tag, an wel⸗ chem ſich nicht ein Unfall ereignete. Doch ich muß ——— tte eer der efe ind lte ine ihn er⸗ ui⸗ icht um die erte tte, on⸗ ich war Peg von daß Bu⸗ die un⸗ was Zeit des iode, nnar wel⸗ muß ——— 129 ſagen, wären es nur die Haiſiſche geweſen, das hätte mich nicht abgehalten, zu tauchen; es war die Buchold. „Wir hakten an Bord unter der Zahl unſerer Tau⸗ cher einen Neger und ſeinen Sohn; das waren zwei herrliche Afrikaner, welche mein Singaleſe vom Iman von Mascate ſelbſt zum Geſchenke erhalten hatte; der Knabe zählte fünfzehn, der Vater fünf und dreißig Jahre. Sie waren unſere kühnſten und geſchickteſten Taucher. Seit den zehn oder zwölf Tagen, welche die Fiſcherei dauerte, hatten ſie für ſich allein beinahe eben ſo viel Auſtern zuſammengebracht, als die acht anderen Fiſcher mit einander. Ich faßte eine Freund⸗ ſchaft für den kleinen Schwarzen, und unter ſeinen Ka⸗ meraden war er derjenige, welchem ich beſonders bei ſeinem Tauchen folgte. Wenn er aus dem Waſſer herauskam, legte er beſtändig zwiſchen meine Beine ſeinen Fang, und ich wachte über ſeinen Antheil. Man nannte ihn Abel. 4 2 „Eines Tags wirft er ſich in das Waſſer. Gut! er blieb hier immer funfzehn bis zwanzig Secunden, ohne wieder zu erſcheinen, was ungeheuer iſt; wider ſeine Gewohnheit, iſt er kaum verſchwunden, als er am Tau rüttelte und Auf! und Auf! Der Mann, der mit dem Tau beauftragt war, dachte an etwas Anderes; er hatte den armen Mohrenknaben in das Meer ſpringen ſehen. Als ich zu ihm ſagte:„„Aber hiſſe doch! Dummkopf, hiſſe doch! Du ſiehſt wohl, daß etwas Außerordentliches da unten vorgeht; hiſſe doch!““ Zum Teufel! es war ſchon zu ſpät. Ich ſeh einen großen rothen Punkt, der zur Oberfläche das Waſſers ſich erweiternd aufſteigt, und dann mitten in der Lache das Kind, das mit einem über dem Knie abgeſchnittenen Bein zappelt. „In demſelben Augenblick erſcheint der Vater wie⸗ der; er erblickt die krampfhafte Geſtalt ſeines Kindes, das Blut, welches das Waſſer röthet. Er weint nicht, Tanſend und ein Geſpenſt. U. 9 130 er ſchreit nicht. Nur wird ſein ebenholzſchwarzes Ge⸗ ſicht aſchfarbig. Er ſteigt mit dem kleinen Abel in die Barke, ſetzt ihn mir auf den Schooß, nimmt ein großes Meſſer, zerſchneidet den Strick, mit dem der Stein an ſeine Lenden gebunden iſt, durchſchneidet das Tau, wel⸗ ches ihn an der Barke feſthält, und taucht gerade in dem Augenblick, wo der Haifiſch an die Oberfläche des Waſſers kommt. „Ich ſage:„Paßt auf, Ihr Leute, ich kenne den Mann, wir werden etwas Komiſches ſehen!““ „Kaum hatte ich ſo geſprochen, da geht es los; der Haifiſch, deſſen Rückenfloßen man über dem Meere ſieht, peitſcht das Waſſer mit ſeinem Schwanz und taucht ebenfalls unter; und dann gibt es Wirbel im Waſſer und Giſchte und ein furchtbares Gebrauſe, und mit glühenden Augen ſchreit der Kleine, ohne an ſich zu denken:„Muth! Vater, Muth! tödte, tödte, tödte!““ und er will ſich mit ſeinem zerriſſenen Bein ſelbſt ins Meer werfen. Glauben Sie mir, Sie haben nie etwas dem, was unter unſern Augen vorfiel, Aehn⸗ liches geſehen; das dauerte eine volle Viertelſtunde. Während dieſer Viertelſtunde kam er nur fünfmal an die Oberfläche des Waſſers, um zu athmen, um ſeinem Sohne mit den Augen ein Zeichen zu machen, als wollte er ſagen:„„Sei ruhig, Du wirſt gerächt wer⸗ den;““ und dann tauchte er wieder nieder, und alsbald wurde das Meer aufgewühlt, wie durch einen unter⸗ ſeeiſchen Sturm. Auf zwanzig Schritte umher war es nur ein Blutfleck. Das Ungeheuer machte Sprünge von ſechs Fuß außer dem Waſſer, und man ſah ſeine Eingeweide aus ſeinem offenen Bauch heraushängen. Endlich fing das Meer an ſich zu beruhigen; es war nicht mehr der Menſch, welcher geathmet hatte, es war das Thier. Endlich trat bei dem Haifiſch der Todeskampf ein, er drehte ſich um ſich ſelbſt, peitſchte verzweif⸗ lungsvoll die Luft mit ſeinem Schweif, tauchte unter, erſchien wieder, tauchte abermals unter, dann ſah man ren„„——— S————. die es el⸗ in des ine ere und im und ſich dte, ein ben hn⸗ nde. an em als ver⸗ ald ter⸗ es nge eine en. war war mpf eif⸗ ter, nan 131 es wie ſilberne Blitze, welche unter der Woge flamm⸗ ten; das war der Fiſch, der, den Bauch in der Luft, emporſtieg und träge und ſteif, wie ein Balken, dahin⸗ rollte. „Der Haifiſch war todt. „Nun erſchien der Neger wieder, nahm ſein Kind in ſeine Arme und ſetzte ſich an den Fuß des Maſt⸗ baums. „Der Wundarzt eines franzöſiſchen Schiffes, wel⸗ ches in der Bucht von Colombo lag, nahm die Ampu⸗ tation bei dem kleinen Abel vor, und der Unternehmer der Fiſcherei ließ dem Vater den vollen Antheil der Auſtern, die er gefiſcht hatte. „Als ich den Haifiſch betrachtete, der auf die Oberfläche des Waſſers zurückgekehrt war, als ich ſeine drei und ſechzig Wunden zählte, von denen zwei das Herz durchdrangen, da ſtellte ich die Betrachtung an, daß man, wenn man ſich gut gegen einen Haifiſch ver⸗ theidigt, wenn man gut mit einem Haiſiſch fertig wird, ſich auch gegen ein Weib vertheidigen und mit einem Weibe fertig werden kann, und wäre es eine Meerfrau. — Ich ſchämte mich alſo meiner Feigheit, und da der Antheil der zwei Neger an den Perlauſtern zu mehr als zwölf tauſend Franken für zehn Tage Fiſcherei geſchätzt wurde, ſo fühlte ich mich von der Idee, mein Glück zu machen, geplagt, ſo daß ich, als uns mein Singaleſe zum erſten Mal wieder beſuchte, was er alle vier bis fünf Tage zu thun nie verfehlte, mir von ihm als eine Gunſt erbat, meine Stelle als Barkenpatron gegen die eines einfachen Tauchers vertauſchen zu dürfen. „Dieſe Bitte ſchien ihm ärgerlich zu ſein. „„Olifus,““ ſagte er zu mir in holländiſcher Sprache,„es ärgert mich, daß Ihr Euch das ausbit⸗ tet; Ihr ſeid einer von meinen guten Barkenpatronen, und wenn es, um Euch zu behalten, nichts Anderes 132 braucht, als Euren Lohn zu verdoppeln, ſo werde ich ihn verdoppeln.““ „„Sie ſind ſehr gut,““ erwiederte ich;„„doch ſehen Sie, ich bin Bretannier meiner Abſtammung nach und holländiſch darauf gepfropft; wenn mir etwas in den Kopf kommt, ſo kommt es ſo gut hinein, daß ich es ſelbſt nicht mehr herausbringen kann. Ich habe mir in den Kopf geſetzt, Perlen zu fiſchen, das iſt ſo, das wird ſo ſein, das kann nicht anders ſein.““ „„Du kannſt wenigſtens tauchen?““ „„Oh! ich bin in Dänemark, dem Lande der Seekälber, geboren.““ ſ wir wollen ſehen, was Du zu thun ver⸗ eh „„Oh! was das betrifft, das wird nicht lange anſtehen,““ erwiederte ich. „Und ehe man die Hand umdreht, war ich ganz nackt; ich band mir einen Strandſtein von zehn Pfund an die Füße, ich nahm ein Netz mit der linken Hand, wie ich es die anderen Taucher machen ſah, vergaß nicht, ein Meſſer mit einem guten Hefte in meinen Gür⸗ tel zu ſtecken, ließ mich an der Stelle des armen Abel anbinden und ſagte zu mir:„„Ah bah! ſchlimm für die Buchold, wenn ſie da iſt; man wird ſie ſehen,““ und ich ſprang in's Meer. „Es hatte hier ungefähr ſieben Klafter Tiefe, ich kam ziemlich raſch auf den Grund, öffnete dann die Augen und ſchaute umher, das war der Moment der Angſt. ae Buchold, und Auſtern um ſie mit der Schaufel wegzuſchaffen. „Ich füllte mein Netz und rüttelte an dem Seil, daß man mich heraufzog. Ich war für das erſte Mal zehn Secunden unter dem Waſſer geblieben. „„Nun!““ fragte ich den Singaleſen,„was ſagen Sie?““ „Daß Du ein geſchickter Taucher biſt; daß Du ch ng as aß ſo, die der eil, kal en du 133 in der That Dein Glück machen kannſt, und daß ich nicht befugt bin, Dich daran zu verhindern.““ „Die Leichtigkeit, mit der mir gewährt wurde, was ich wünſchte, beſchämte mich ein wenig. Ich ver⸗ glich das Benehmen des Patrons der Fiſcherei mit dem Benehmen des Patrons der Barke. Ich hatte nicht die glänzende Seite. „„Doch,““ ſagte ich zu ihm,„„da Sie mich als Patron angenommen haben und nicht als Taucher, ſo ſind Sie berechtigt, mehr von mir zu verlangen, als von den Indiern.““ „„Nein!““ erwiederte er,„wir werden das anders anordnen, und, wie ich hoffe, zur Zufriedenheit von Je⸗ dermann. Du biſt ein guter Patron und ein guter Taucher: ſei Patron für mich und Taucher für Dich. Die Taucher haben Anſpruch auf ein Zehntel des Er⸗ trags der Fiſchereiz da Du mir Dienſte leiſteſt, ſo gebe ich Dir das Achtel von der Deinigen, das heißt, Du wirſt ſieben Tage Patron und einen Tag Taucher ſein. Wohl verſlanden, die Geſammtheit deſſen, was Du an dieſem achten Tag ſiſchen wirſt, gehört Dir. Steht Dir das an?““ „„Ich glaube wohl, daß mir das anſteht.““ „„Nun denn! da die Saiſon ſchon ſeit einiger Zeit begonnen hat, nimm an, der Vertrag ſei vor acht Tagen gemacht worden, und beginne morgen.““ „Da war nichts zu ſagen, als zu danken. Ich nahm ſeine Hand und küßte ſie. „Auf dieſe Art dankt man in jenem Lande. „Ich erwartete den andern Tag mit Ungeduld.“ 134 Pweite Heirath des Pater Glifus. Nahi⸗Nava⸗Nahina. „Ich hatte mich nicht getäuſcht,“ fuhr der Vater Olifus fort, nachdem er vom Tafia zum Rhum über⸗ gegangen war.„Die Fiſcherei war vortrefflich; wäh⸗ rend der ſechs Tage, die ich mich damit beſchäftigte, fiſchte ich für ungefähr 7000 Fr. Perlen, und ich ſah weder einen Haiſiſch noch die Buchold. „Die Saiſon war vorüber; ich dankte meinem Singaleſen, bot ihm meine Dienſte für das nächſte Jahr an, machte meinen Gewinn zu baarem Gelde und begab mich nach Negombo, einem hübſchen von Prairien umſchloſſenen und von Zimmetbaumwäldern be⸗ ſchatteten Dorf. „Ich hatte die Abſicht, den ganzen Zwiſchenraum, der zwiſchen den zwei Jahreszeiten der Fiſcherei ver⸗ laufen ſollte, zu irgend einem Handel, ſei es in Zim⸗ metholz, ſei es in Shawls oder in Stoffen, zu ver⸗ wenden. Das war etwas Leichtes, denn die Bevölke⸗ rung, welche in Colombo, einer von Negombo nur ein paar Stunden entfernten Hauptſtadt der Inſel, herrſcht, iſt noch heut zu Tage die holländiſche Bevölkerung. „Ich fing damit an, daß ich ein Haus kaufte; vas iſt keine große Ausgabe; für drei hundert Franken hatte ich eines der hübſcheſten der Stadt. Es war eine reizende Hütte von Bambusrohren, welche durch Bänder von Faſern des Cocosbaums zuſammengehalten wurden, einſtockig und mit drei Zimmern; doch drei Zimmer, das war gerade ſo viel, als ich brauchte. Um hundert und fünfzig Franken hatte ich eine der behaglichſten Haus⸗ haltungen der Welt. Sie beſtand aus einem Bett, ter er äh⸗ gte, ſah em hſte elde von be⸗ um, er⸗ im⸗ er⸗ lke⸗ ein cht, fte ken eine nder den, das und aus⸗ Bett, 135 vier Matten, einem Moörſer, um Reis zu zerſtoßen, und einem Cocosnußreibeiſen. „Ich hatte mich ſchon entſchieden, welchem Zweige des Handels ich mich widmen wollte: ich gedachte, eu⸗ ropäiſche Stoffe in Colombo zu kaufen und Tauſchhan⸗ del mit den Bedaths zu treiben. „Ich will Ihnen ſagen, was das iſt, Bedaths. „Die Bedaths, das iſt eine wilde Race, die ſich in den Wäldern verbirgt, unabhängig lebt, keinen Kö⸗ nig hat und ſich von der Jagd nährt. Dieſe Burſche haben nicht nöthig, Häuſer zu kaufen, inſofern ſie weder Städte noch Dörfer, ſogar nicht einmal eine einfache Hütte haben. Ihr Bett iſt der Fuß eines von dorni⸗ gen Zweigen umgebenen Baumes. Verſucht es ein Elephant, ein Tiger, ein Löwe, durch die Hecke zu gehen, die ſie ſich gemacht haben, ſo erweckt ſie das Ge⸗ räuſch; ſie klettern auf ihren Baum, und von da ſpot⸗ ten ſie der Tiger, der Löwen, der Elephanten. Was die Schlangen betrifft, mögen es nun Cobra di capello, Caravilla, Tipolonga oder Bodru pam ſein— vier Schufte von Reptilen, die einen Menſchen wie eine Fliege tödten, ſo machen ſie ſich nicht das Geringſte daraus, weil ſie Zaubermittel gegen die Biſſe haben; es iſt alſo nur der Pembera, der allerdings kein Gift hat, wohl aber einen Menſchen verſchlingt, wie wir eine Auſter verſchlingen, um den ſie ſich bekümmern müſſen, doch Sie, begreifen, Inſekten von einer Länge von fünf⸗ undzwanzig bis dreißig Fuß, das iſt nichts Gewöhn⸗ liches. Kurz, ſie haben keine Häuſer, und ſie wiſſen derſelben zu entbehren. „Den Handel treibt man auf folgende Weiſe mit ihnen: brauchen ſie einen Manufacturgegenſtand, wie Eiſen oder Stoff, ſo kommen ſie in die Nähe der Städte oder Dörfer, legen an einen verabredeten Ort Wachs, Honig oder Elfenbein, ſchreiben in ſchlechtem Porkugieſiſch auf ein Baumblatt, was ſie dagegen zu haben wünſchen, und man bringt es ihnen. 136 „Ich ſetzte mich alſo in Verbindung mit den Be⸗ daths und tauſchte gegen Elfenbein. „Mittlerweile hatte ich mir eine Geſellſchaft ge⸗ macht. Ich beſuchte beſonders häufig einen braven Singaleſen, einen wüthenden Brettſpieler, der mit Zim⸗ met handelte. Zehnmal hatte er ſich im Spiele zu Grunde gerichtet, und zehnmal hatte er ſich wieder Vermögen gemacht, um ſich abermals zu Grunde zu richten. Es war der Mann, der ſich am Beſten auf der ganzen Inſel vielleicht auf Gewürze verſtand, und wenn er nur einen Zimmetbaum anſchaute, ſagte er: „„Gut! das iſt der wahre Curuundu,““ das heißt, das Beſte, was es gibt. Ich muß Ihnen bemerken, daß ſich auf Ceylon zehn Arten von Zimmetbäumen finden, und daß ſich die Stärkſten täuſchen: er täuſchte ſich nie. Woran erkannte er das? an der Form des Blat⸗ tes, welches dem des Orangenbaums gleicht? an dem Duft der Blüthe? an ſeiner kleinen, gelben, ungefähr wie eine Olive großen Frucht? ich weiß es nicht, nur ſo viel iſt gewiß, daß er die Hand an den Zimmetbaum legte, ihm die erſte Rinde abnahm, die zweite ſchlitzte, ſie trocknen ließ, in Cocustuch packte, ſeinen Namen auf den Ballen ſchrieb, und Alles war abgemacht; man verlangte ſogar nicht einmal ein Muſter davon. „Sobald er ſein Geld in der Taſche hatte, ließ er es klingen, und wer mit ihm Damen ſpielen wollte, hatte ſeinen Spieler gefunden. „Sie wiſſen oder Sie wiſſen nicht, daß die Sin⸗ galeſen wüthend für das Spiel eingenommen ſind. Ha⸗ ben ſie kein Geld mehr, ſo ſpielen ſie um Geräthe; haben ſie kein Geräthe mehr, ſo ſpielen ſie um ihre Häuſer; haben ſie keine Häuſer mehr, ſo ſpielen ſie um einen Finger, um zwei Finger, um drei Finger.“ „Wie! um einen Finger, um zwei Finger, um drei Finger?“ unterbrach ich ihn. „Ganz richtig! der Verlierende legt ſeinen Finger auf einen Stein; der Gewinnende hat ein kleines Beil, —— Be⸗ ge⸗ ven im⸗ zu der zu auf und das daß en, ſich lat⸗ em ähr nur um zte, nen nan ieß lte, in⸗ Ha⸗ he; hre um um ger eil, 137 mit welchem er ihm denſelben ſehr geſchickt am verab⸗ redeten Gelenk abſchlägt. Sie begreifen, daß man nicht verbunden iſt, um einen ganzen Finger zu ſpielen, man ſpielt um ein Gelenk; derjenige, welcher verloren hat, taucht ſeinen Finger in ſiedendes Oel, das ätzt die Wunde, und er fährt fort zu ſpielen. Mein Nachbar Vampunivo hatte drei Finger zu wenig an der linken Hand; beim Daumen und beim Zeigefinger»hatte er inne gehalten, doch ich ſtehe nicht dafür, daß zu dieſer Stunde dieſe beiden Finger nicht den andern nachgefolgt ſind. „Sie verſtehen, zwiſchen mir und ihm kam das nie ſo weit; ich achte zu ſehr mein Individnum; ich ſpielte um eine Perle oder um einen Elephantenzahn gegen eine Partie Zimmet. Ich verlor oder ich gewann; gut! da⸗ mit war es vorüber. „Eines Abends, als wir unſere Partie machten, ſah ich auf der Schwelle eine ſchöne junge Frau er⸗ ſcheinen, welche eintritt und ſich Vampunivo um den Hals wirft. „Das war ſeine Tochter; ſie mochte ſechszehn Jahre alt ſein und war erſt fünfmal verheirathet geweſen. „Ich muß Ihnen ſagen, daß man ſich in Ceylon auf Probe verlaſſen kann; die Annahme auf Probe wechſelt zwiſchen vierzehn Tage bis drei Wochen. Die ſchöne Nahi⸗Nava⸗Nahina, ſo hieß die Tochter von Vam⸗ punivo, hatte fünf Proben gemacht und war beſtändig unzufrieden mit ihren Männern, immer wieder in das väterliche Haus zurückgekehrt. „Ich ſah, daß ſie über Familienangelegenheiten miteinander zu ſprechen hatten, und verließ ſie beſchei⸗ dener Weiſe. „Am andern Tag kam Vampunivo zu mir. Seine Tochter hatte ihn wiederholt gefragt, wer der Europäer ſei, der mit ihm Damen geſpielt, und er wollte mich ihre Bekanntſchaft machen laſſen. „Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, Nahi⸗Nava⸗ 138 Nahina war eine herrliche Frau; ſie hatte mir das erſte Mal ins Auge geſtochen, und ich hatte denſelben Eindruck auf ſie gemacht. Die Leichtigkeit, mit der man ſich in Ceylon auf Probe nimmt und wieder ver⸗ läßt, wenn man ſich nicht zuſagt, verführte mich ganz beſonders. Nach Verlauf von acht Tagen waren wir übereingekommen, ſie eine ſechſte Probe zu machen, ich eine zweite. „Die Heirathsceremonie bei den Singaleſen geht raſch von Statten und iſt leicht ausführbar; man be⸗ ſpricht die Mitgift; ein Aſtrolog beſtimmt den Hochzeit⸗ tag, die Familien der beiden Verlobten verſammeln ſich, und man ſetzt ſich um einen Tiſch, in deſſen Mitte ſich eine auf Cocosblätter geſtellte Pyramide von Reis erhebt. Je⸗ der ſchöpft mit vollen Händen aus der Pyramide. Nach dieſem Beweiſe von Vertraulichkeit nähert ſich die Braut dem Bräutigam; jedes von Beiden macht drei bis vier Klößchen von Reis und Cocosnuß; und man tauſcht dieſe Klößchen, die man verſchluckt wie Pillen. Der Bräutigam überreicht der Braut ein Stück weißen Stoff, und Alles iſt abgemacht. „Die Sache war bald beendigt. Ich gab für mei⸗ nen Theil meinem Schwiegervater vier Elephantenzähne, er gab mir einen Ballen Zimmet; ein Aſtrolog be⸗ ſtimmte unſern Hochzeittag; als der Tag gekommen war, aßen wir Reis mit vollen Händen, wonach ich zwei Klößchen verſchluckte, die mir meine reizende Nahi⸗Nava⸗Nahina bereitet hatte. Ich gab ihr ein Stück Stoff ſo weiß wie Schnee, und wir waren ver⸗ heirathet. „In Ceylon iſt es Gewohnheit, daß die Eheleute getrennt in's Brautgemach geführt werden, die Frau zuerſt, der Mann hernach. Dieſe Führung geſchieht unter dem Lärmen von Klappern, Trommeln und Tamtams, mit einem Theil der Bevölkerung, welche die Neuvermählten begleitet. „Ich hatte das Hochzeitzimmer nach meinen beſten e— — das ben der ver⸗ anz wir en, eht be⸗ eit⸗ ſich, eine Je⸗ ide. ſich acht nan len. ßen nei⸗ hne, be⸗ men nde ein ver⸗ eute rau ieht und die ſten 139 Kräften einrichten laſſen. Um zehn Uhr Abends holten die jungen Mädchen die ſchöne Nahi⸗Nava⸗Nahina ab, und ſie wanderte nach dem Hauſe, nachdem ſie mir einen letzten Blick zugeworfen hatte. „Oh! welch ein Blick! „Ich ſtarb vor Begierde, ihr zu folgen, doch man mußte den Mädchen Zeit laſſen, die Vermählte an ihr Bett zu führen und darein zu legen. „Ich blieb alſo noch ungefähr eine halbe Stunde bei meinem Schwiegervater; er ſchlug mir eine Partie vor, um die Zeit zu vertreiben. „Ah jal ich war gerade im Zuge zu ſpielen. „Endlich kam die Reihe an mich. Ich begab mich auf den Weg mit einem Schritt, daß meine Gefährten alle Mühe hatten, mir zu folgen. Auf der Schwelle fand ich die Mädchen, welche tanzten, ſangen, Teufeleien trieben. „Sie wollten mich verhindern, weiter zu gehen. Ah ja wohl! ich wäre durch ein Bataillon im Carré gedrungen. „Ich ging in das Zimmer hinauf; alles Licht war ausgelöſcht: doch ich hörte ein kleines, ſanftes Athmen, das aus dem Alkoven kam. Ich ſchloß die Thüre mit dem Riegel, kleidete mich aus und legte mich nieder. „Ich fand, daß die fünf erſten Männer von Nahi⸗ Nava⸗Nahina ſehr häkelige Burſche geweſen ſein muß⸗ ten, als ich plötzlich eine Stimme hörte, bei der mir ein Schauer durch den ganzen Leib lief. „Ah!““ machte Anfangs dieſe Stimme, einen Seufzer modulirend. „„Was!““ erwiederte ich, indem ich mich auf beide Fäuſte erhob. „„Nun wohl! ja, ich bin es,““ ſprach dieſelbe Stimme. „„Wie, Du! die Buchold?““ „„Allerdings.““ „Gerade in dieſem Augenblick drang ein Mond⸗ 140 ſtrahl durch das Fenſter und beleuchtete uns wie ein Reflector. „„Mein Freund,““ fuhr die Buchold fort,„ich komme, um Dir zu ſagen, daß Du ſeit zwei Monaten einen Sohn haſt, denich Joachim genannt habe, nach dem Namen des Heiligen von dem Tage, an welchem ich niedergekommen bin!““ „„Ich habe ſeit zwei Monaten einen Sohn!““ rief ich.„Wie kommt denn das, wir ſind erſt ſeit ſieben Monaten verheirathet?““ „„Du weißt, mein Freund, daß es frühzeitige Ge⸗ burten gibt, und daß die Aerzte anerkennen, Kinder, die mit ſieben Monaten zur Welt kommen, werden lebensfähig geboren.““ „„Hm!““ machte ich. Ich habe ihm zum Pathen,““ fuhr ſie fort, „„den Bürgermeiſter Van Clief gewählt, bei welchem ich, wie Du weißt, drei Monate vor meiner Hochzeit zu⸗ brachte.““ „„Ah!““ machte ich. „Ja, der das Kind aufzuziehen verſprochen hat.““ „ 5 „„Was willſt Du damit ſagen?““ „„Nichts! Es iſt gut, ich will Herrn Joachim gelten laſſen; was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Aber warum des Teufels miſchſt Du Dich in das, was hier in Ceylon vorgeht, während ich mich nicht in das miſche, was in Monnikendam vorgeht?““ „„Undankbarer,““ rief ſie,„„ſo nimmſt Du die Zeichen der Liebe auf, die man Dir gibt! Haſt Du viele Frauen geſehen, welche vier tauſend Meilen machen, um eine Nacht mit ihrem Mann zuzubringen?““ „„Ah! Du kommſt nur, um eine Nacht mit mir zuzubringen?““ fragte ich ein wenig beſänftigt. „„Ach! nicht mehr!““ antwortete ſie,„„wie ſoll ich das arme, unſchuldige Kind dort verlaſſen?““ „„Das iſt wahr.““ ein „ich aten dem ich 14 ſeit Ge⸗ der, rden ort, ich, zu⸗ 1 A1. chim lber hier das die hen, mir ſoll 141 „„Das nur mich hat.“ „„Du haſt Recht.““. „„Und ſo empfängſt Du mich, Undankbarer!““ „„Mir ſcheint, ich habe Dich nicht zu ſchlecht em⸗ pfangen.““ „„Ja, weil Du nich für eine Andere hieltſt.“ „Ich kratzte mich hinter dem Ohr. Dieſe Andere, was war aus ihr geworden? Das beunruhigte mich ein wenig; doch ich muß geſtehen, was mich für den Augenblick am Meiſten beunruhigte, war die Buchold. „Ich dachte, das Beſte, was ich thun könnte, da ſie nicht von dem Schlag mit dem Feuerbock ſpreche, ſei, auch nicht darüber zu ſprechen; da ſie nicht mit einer Sylbe der Muskatnuß erwähne, Stillſchweigen hierüber zu beobachten; endlich, da ſie bei Tagesan⸗ bruch wieder abzureiſen verſpreche, ſo liebenswürdig als möglich gegen ſie zu ſein, ſo lange die Nacht daure „Sobald dieſer Entſchluß gefaßt war, gab es keinen Streit mehr unter uns. Gegen drei Uhr Morgens entſchlief ich. 2 „Als ich erwachte, ſchaute ich umher, ich war allein. „Nur machte man einen gewaltigen Lärmen vor der Thüre. „Es war der Vater der ſchönen Nahi⸗Nava⸗Na⸗ hina, der mit allen ſeinen Verwandten kam, um mir zu meiner Hochzeitnacht zu gratuliren. „Sie begreifen, daß es, ehe ich öffnete, meine Haupt⸗ ſorge war, zu forſchen, was aus der ſchönen Nahi⸗ Nava⸗Nahina geworden. Ich war noch nicht ganz in Beziehung auf die arme Frau beruhigt, da ich die Buchold kannte, wie ich ſie kannte. „Ich rief ganz leiſe, weil ich nicht laut zu rufen wagte:„„Nahi⸗Nava⸗Nahina!!! Schöne Nahi⸗Nava⸗ Nahina! 11 Reizende Nahi⸗Nava⸗Nahina!!!““ und es ſchien mir, als antwortete mir ein Seufzer. 142 „Dieſer Seufzer kam aus einem kleinen welches in das Schlafzimmer ging. „Ich öffnete das kleine Cabinet und fand die arme Nahi⸗Nava⸗Nahina an Händen und Füßen gebunden, einen Knebel im Munde und auf eine Matte gelegt. „Ich ſtürzte mich auf ſie, ich band ſie los, ich befreite ſie von dem Knebel und wollte ihr Alles er⸗ klären; doch, Sie begreifen, ich fand ein wüthendes Weib. Sie hatte nicht verſtanden, was wir einander geſagt, die Buchold und ich, weil wir Holländiſch ge⸗ ſprochen, aber ſie begriff doch Alles. „Ich mochte thun, was ich wollte, es war nicht möglich, ſie zu beſchwichtigen. Sie erklärte ihrer Fami⸗ lie, ſie ſei noch viel unzufriedener mit ihrer ſechſten Probe, als ſie es mit den fünf vorhergehenden geweſen; die europäiſchen Ehemänner haben ihren Frauen gegenüber noch viel ſchlechtere Manieren, als die fingaleſiſchen Männer, und ſie wolle aus einem Hauſe ſcheiden, wo man ſie ihre Hochzeitnacht gebunden und geknebelt und auf einer Matte liegend zubringen laſſe, während ihr Mann Nun gleichviel. „Soviel iſt gewiß, daß ſie gegen mich Vater, Brüder, Neffen, Vetter und ihre ganze Sippſchaft auf⸗ ſtiftete, und daß ich, als ich fah, daß es für mich un⸗ möglich war, nach einem ſolchen Abenteuer in Negombo zu bleiben, den Entſchluß faßte, dem Vater ſeinen Zimmetballen zurückzuſchicken, ihm aber dabei meine vier Elephantenzähne zu laſſen und ſofort mein Glück in einem anderen Theile von Indien zu ſuchen. „Ich beeilte mich alſo, meine ganze kleine Habe, die ſich auf zehn bis zwölf tauſend Livres belief, zu Geld zu machen, und da ich gerade ein Fahrzeug fand, das nach Goa unter Segel ging, ſo ſchiffte ich mich ein, acht Tage nach meiner zweiten Heirath, meiner zweiten Heirath, welche, ſo viel Sie ſehen, eine ſo ſelt⸗ ſame Wendung genommen hatte.“ Der Vater Olifus ſtieß einen Seufzer aus, der —,ꝛ net, rme den, ich er⸗ des der ge⸗ icht mi⸗ obe, die iber chen wo und ihr ter, auf⸗ un⸗ mbo inen eine lück abe, and, mich iner ſelt⸗ der 143 bewies, welch ein tiefes Andenken die ſchöne Nahi⸗ Nava⸗Nahina in ſeinem Geiſte zurückgelaſſen hatte; L nachdem er ein neues Glas Rhum geleert, fuhr er fort. Das Auto de Fe. „Während der acht Tage, die ich nach meiner Hoch⸗ zeit in Negombo noch hatte zubringen müſſen, war ich großen Plackereien ausgeſetzt geweſen. Die Singaleſen, wenn ſie einem Menſchen grollen, haben zuweilen eine ſonderbare Manier, ſich an ihm zu rächen. In Ita⸗ lien läßt man ſeinem Feinde einen Meſſerſtich geben; in Spanien gibt man ihn ſelbſt; aber in dem einen Fall, wie in dem andern hat die Sache immer ihre Un⸗ annehmlichkeiten. Bezahlt Ihr einen Menſchen, um zu ſtechen, ſo kann Euch dieſer Menſch anzeigen. Stecht Ihr ſelbſt, ſo könnt Ihr geſehen werden, doch in Cey⸗ lon, einem Lande alter Civiliſation, iſt man viel weiter vorgerückt, als in unſerem armen Europa. „In Ceylon tödtet man ſeinen Mann durch einen Unfall. „Vernehmen Sie, mit Hülfe welchen Unfalls man ſich gewöhnlich ſeines Feindes entledigt. „Es iſt hier zu bemerken, daß Ceylon das Vater⸗ land der Elephanten iſt. In Ceylon trifft man die Elephanten, wie man in Holland die Enten trifft. Cey⸗ lon verſieht die ganze Welt mit Elfenbein und ganz Indien mit Elephanten. „Die Elephanten ſind nun, wie Sie wiſſen, Thiere voll Verſtand, ſie verrichten dort alle Dienſte, ſelbſt den des Henkers, und in dieſem Fall lernen ſie ihre Rolle ſo gut, daß ſie nach vem Programm, welches man ihnen gibt, zu Werke gehen. Soll der Verbrecher nach dem „ 144 Spruche geviertheilt werden, ſo reißen ſie ihm nachein⸗ ander Arme und Beine aus und tödten ihn ſodann. Iſt der Tod befohlen, ſo nehmen ſie den armen Sün⸗ der mit ihrem Rüſſel, werfen ihn in die Luft und fan⸗ gen ihn mit ihren Zähnen auf. Sind mildernde Umſtände vorhanden, ſo heben ſie den Verurtheilten immer mit ihrem Rüſſel in die Höhe, laſſen ihn drei Kreiſe machen, wie dies der Hirte mit der Schleuder thut, und werfen ihn in die Luft; trifft er keine Bäume, fällt er nicht auf einen zu harten Boden, ſo kommt er oft mit einem gebrochenen Bein, mit einem zerſchmetterten Arm oder einem verrenkten Hals davon. Ich habe auch bemerkt, daß in Ceylon ſelten ein Elephant an einem Hinkenden, einem Einarmigen oder einem Buckeligen vorübergeht, ohne ihm ein kleines Zeichen der Bekannt⸗ ſchaft zu machen. „Sie begreifen: Jedermann hat ſeinen Elephanten und jeder Elephant hat ſeinen Führer. Man ladet irgend einen Führer, um eine Pfeife Opium zu rauchen, Betel zu kauen oder ein Glas Branntwein zu trinken, ein und ſpricht zu ihm: „„Ich gäbe wohl 10, 20, 30, 40, 50 Rubien dem Mann, der käme und mir ſagte, ein Gewiſſer ſei geſtorben.““ „Es verſteht ſich, Sie ſetzen hier den Namen von demjenigen, den Sie umbringen wollen. „„Wahrhaftig?““ ſagt der Elephantenführer. „„Bei meinem Ehrenwort!““ „„Topp, und wenn ich ſeinen Tod erfahre, ſo ver⸗ ſpreche ich Euch, der Erſte zu ſein, der es Euch mit⸗ theilt.“ „Nach acht Tagen meldet man, ein Elephant ſei, als er an einem braven Mann vorübergegangen, der ihm nichts geſagt, plötzlich in Wuth gerathen, habe ihn mit ſeinem Rüſſel genommen und, trotz des Geſchreis ſeines Führers, in die Luft geworfen, ſo hoch! ſo hoch! ſo hoch! daß er todt geweſen, ehe er niedergefallen. hein⸗ ann. Sün⸗ fan⸗ ände mit reiſe und fällt oft rten auch inem igen nnt⸗ nten adet hen, en, dem rſei von ver⸗ mit⸗ ſei, der habe reis och! 1. 145 „An demſelben Abend hebt man den Elephanten⸗ führer völlig berauſcht auf, und wenn man ihn befragt, erklärt er, er habe ſich aus Verzweiflung betrunken. „Am andern Tag beerdigt man den Todten nach der Weiſe des Landes, das heißt, man reißt einen Baum aus dem Boden, höhlt ihn aus, legt den Leich⸗ nam hinein, füllt die leeren Räume mit Pfeffer und läßt ihn hier, bis man die Erlaubniß erhalten hat, ihn zu verbrennen. „Das iſt es, wovor ich bange hatte. Während der acht letzten Tage, die ich in Negombo blieb, ſagte ich auch, wenn ich einen Elephanten auf einer Seite ſah: Bekannt! und ging auf die andere. „Ich war alſo ſehr zufrieden, als ich mich auf einer guten kleinen Brigg fühlte, welche ihre acht Knöpfe in der Stunde zurücklegte und an der Küſte von Ma⸗ labar hinſtreifte. „Drei Wochen nach meiner Abreiſe von Negombo landete ich in Goa. „Ich hatte mich auf einem portugieſiſchen Fahr⸗ zeug eingeſchifft und ſah, daß es den Kapitän ſehr drängte, anzukommen, er ſpannte ſelbſt bei ſchlechtem Wetter ſo viele Oberſegel aus und ließ bei gewöhnlichem Wetter ſo viele Beiſegel los, daß ich mich nicht ent⸗ halten konnte, ihn nach der Urſache dieſer Geſchwindig⸗ keit zu fragen. Er antwortete mir hierauf, er ſei ein guter Katholik und glaube, es wäre eine für ſein Heil glückliche Sache, wenn er zu rechter Zeit ankommen könnte, um dem Auto da Fe von 1824 beizuwohnen. „Ich muß Ihnen ſagen, daß in Goa die Auto da Fe nur alle zwei bis drei Jahre ſtattfinden, doch Sie begreifen, daß ſie dann nur um ſo ſchöner ſind. „Mein Herr, dieſer Teufel von einem Kapitän machte es ſo gut, daß wir mit Gottes Hülfe drei Tage vor der Feierlichkeit ankamen. „Durch ihn fand ich noch am Tage meiner Ankunft Tauſend und ein Geſpenſt. U. 10 146 eine Wohnung bei einer portugieſiſchen Familie. An⸗ fangs wollte ich meine ganze Penſion, das Mahl ge⸗ meinſchaftlich, hier nehmen; doch der Kapitän, der ein braver Mann war, rieth mir, zu warten, inſofern mir die portugieſiſchen Gewohnheiten vielleicht nicht zuſagen würden. „Ich wurde am Tage meiner Ankunft von meinen Wirthen zum Mittageſſen eingeladen, und ſah wirklich Alle unmittelbar aus den Schüſſeln heraus eſſen, dies ſogar bei der Suppe; da beſchloß ich, fortan allein zu ſpeiſen, und ſchon an demſelben Abend lief ich ſo viel und ſo gut, daß ich ein kleines Haus am Hafen zu miethen fand, welches mir, obgleich es bewunderungswürdig lag⸗ ein Stockwerk, einen reizenden Garten hatte, gegen zehn Rupien monatlich, das heißt, gegen etwas über fünf Franken überlaſſen wurde.“ „Sagen Sie mir, Biard,“ ſprach ich, indem ich mich an meinen Gefährten wandte,„wenn wir nach Goa gingen?“ „He!l he!“ erwiederte Biard, wie ein Menſch, dem der Vorſchlag ziemlich behagt. „Gehen Sie nach Goa, gehen Sie nach Goa,“ ſagte der Vater Olifus,„das iſt ein ſchönes Land, wo man um nichts lebt. Es ſind herrliche Frauen dort; nur mißtrauen ſie dem Troa und der Inquifition.“ „Was iſt das, der Troa?“ fragte ich. „Laſſen Sie mich ſprechen,“ fuhr Olifus fort,„das wird ſeiner Zeit kommen. Als ich das Haus gemiethet hatte, war es wie in Negombo, ich mußte es meubli⸗ ren; das war dort auch nicht theuer; nur, da ich mein ganzes kleines Vermögen in Gold hatte, ſah ich mich genöthigt, meine Zuflucht zu öffentlichen Wechslern zu nehmen, deren ſehr einträgliches Gewerbe es iſt, den Fremden abſcheuliche Kupfermünze gegen ihr Gold und ihr Silber zu geben. Zwei oder dreimal wandte ich mich an demſelben Tage an ſie, was mich zwei oder vreimal meine Hand in die Taſche zu ſtecken nöthigte — An⸗ l ge⸗ r ein mir ſagen einen rklich dies in zu lund ethen lag⸗ zehn fünf nich nach dem oa,“ „wo ort; . „das ethet ubli⸗ hich zlern den und e ich oder igte. 147 So daß es, da man mich jedes Mal Fünf—⸗ oder Zehngul⸗ denſtücke aus der Taſche hatte ziehen ſehen, nicht mehr brauchte, um in einer armen zu Grunde gerichteten Stadt, wie es Goa iſt, das Gerücht zu verbreiten, es ſei ein Nabob angekommen. Ich bekam auch ſchon am Abend Beſuch von ein paar Damen oder adeligen Fräulein, die, wie es der Gebrauch iſt, ihren Bedienten zu mir ſchickten, um ſich ein Almoſen von mir zu er⸗ bitten, während ſie in einem Trageſeſſel vor der Thüre wärteten, falls ich ſie zu ſehen wünſchen ſollte. Ich war noch zu müde von der Reiſe und beſchränkte mich deshalb darauf, daß ich ihnen Alles ſchickte, was mir an Kupfermünze übrig blieb, ungefähr zwei bis drei Rupien, was die Geiſter in der Anſicht, ich ſei ein reicher Handelsmann, beſtärkte. „Am andern Tag beſuchte ich die Stadt, die Kir⸗ chen, welche ſehr ſchön ſind, und beſonders die Unſerer lieben Frau der Barmherzigkeit, das am Fluſſe liegende königliche Hoſpital, welches ich Anfangs nicht für ein Hoſpital, ſondern für einen Palaſt hielt; den St. Ca⸗ tharinen⸗Platz; die gerade Straße, einen ewigen Markt, wo man Alles findet, was man braucht: Hausgeräthe, Kleider, Hülſenfrüchte, Werkzeuge aller Art, männliche und weibliche Sklaven, bei denen man nicht betrogen werden kann, weil man ſie nackt kauft; die Statue der Lucretia, welche durch die Wunde, die ſie ſich gemacht hat, genug Waſſer gibt, um den Durſt der ganzen Stadt zu ſtillen; die von dem heiligen Franz Kaver gepflanzten Bäume, welche wegen ihres heiligen Urſprungs nie von der Art, nie vom Baumputzer be⸗ rührt worden ſind; und ich kehrte zurück, überzeugt, das beſte Gewerbe, das ich unter allen dieſen Gewerben wählen könnte, ſei das eines Früchtehändlers. „Vernehmen Sie, wie das Gewerbe in Goa ge⸗ trieben wird: Man kauft auf dem Bazar vierzehn bis fünfzehn hübſche Mädchen um den Preis von fünfzehn bis zwanzig Thaler. Man legt ihnen eine hübſche Klei⸗ 148 dung an, ſteckt ihnen Ringe an die Finger, befeſtigt Gehänge an ihren Ohren, ſetzt ihnen ein Körbchen voll von Früchten auf den Kopf, und läßt ſie ſo Morgens um acht Uhr in die Stadt los. Die reichen jungen Leute, welche die Früchte und das Geſpräch hier lieben, laſſen ſie bei ſich eintreten und plaudern mit ihnen. Es gibt welche, die ihr Körbchen bis acht und zehnmal im Tage leeren. „Man ſieht, daß dieſer Handel ziemlich einträglich iſt, brächte er dem Herrn auch nur, ſo oft ſie ihr Körb⸗ chen leeren, jedes Mal eine Rupie, denn da ſie Scla⸗ vinnen ſind, ſo gibt ihnen der Herr ganz nach ſeiner Willkühr. „Was mir Anfangs auffiel, war, daß die Straßen nur von Sklaven, Meſtizen, oder eingeborenen India⸗ nern bevölkert zu ſein ſchienen; von Zeit zu Zeit ſieht man allerdings einen von Negern getragenen Palankin vorüberkommen, doch er iſt ſo feſt verſchloſſen, daß man die Perſon, welche innen ſitzt, nicht unterſcheiden kann, welche Perſon ſich indeſſen Seffnungen vorbehalten hat, um nach ihrem Belieben zu ſehen. Ich beklagte mich ſchon am erſten Tage über dieſen Mangel an Frauen, der den Straßen von Goa ein trauriges und armſeliges Ausſehen gibt; doch man ſagte mir, zwei Tage nachher würde ich auf dem St. Lazarusfelde Alles erſchauen, was es Beſtes in der Stadt gebe. Ich fragte, was das St. Lazarusfeld ſei, und man antwortete mir, es ſei der Ort, wo das Auto da Fe ſtattfinde. „Man hatte mir geſagt, es ſei, wenn man nicht große Protectivnen habe, ſehr ſchwierig, vorbehaltene Plätze zu bekommen, und für die anderen Plätze müſſe man lange vorher Queue machen; doch man hielt mich, erwähnter Maßen, für reich, und ſo ließ mir Jeder Plätze anbieten; dieſe Plätze, welche man mir zu zwei oder drei Pagoden überlaſſen zu wollen ſich nicht ſcheute, ſanken im Preis, als man ſah, daß ich handelte, und ſtigt voll gens ngen eben, nen mal glich örb⸗ Scla⸗ einer aßen ndia⸗ ſieht nkin daß eiden alten lagte l an und zwei Alles agte, mir, nicht altene müſſe mich, Jeder zwei heute, „und 149 ich bekam am Ende ein Billet unter der Loge des Vice⸗ königs für zwei Rupien. „Das Feſt fand gerade am Tage des heiligen Do⸗ minicus, des Patrons der Inquiſition, ſtatt, und ich kann wohl ſagen, daß an dieſem Tage, mich vielleicht aus⸗ genommen, Niemand in Goa zu Bette ging; da waren nur Tänze, Geſänge und Serenaden auf den Straßen, und man ſah wohl, daß, wie ich zwanzigmal am Tage hatte ſagen hören, etwas Gott ſehr Angenehmes vor ſich gehen ſollte. „Ich hatte meinen vorbehaltenen Platz in dem Circus, den man rings um das Auto da Fe errichtet; ich konnte alſo nach einander alle Einzelnheiten des Schauſpiels genießen. Zuerſt ſah ich die Verurtheilten aus ihrem Gefängniß herauskommen; es waren ihrer gegen zweihundert. „Ich fragte, wie lange das Feſt dauern würde; eine ſo große Zahl erforderte wenigſtens eine Woche; doch derjenige, an welchen ich mich wandte, ein reicher portugieſiſcher Kaufmann der Stadt, antwortete mir, traurig den Kopf ſchüttelnd, das Tribunal der Inqui⸗ ſition laſſe jeden Tag mehr in ſeinem Eifer nach, und unter dieſer ganzen Menge von Heiden und Ketzern ſeien nur drei zum Feuertod verurtheilt, die Andern aber ſeien der Strenge der heiligen Inguiſition entgangen und bloß zu fünfzehn, zu zehn, zu fünf, zu zwei Jahren Ge⸗ fängniß, Einige ſogar nur zur Kirchenbuße und dazu verurtheilt, daß ſie, ſtatt jeder Strafe, der Hinrichtung der drei Elenden beiwohnen mußten, denen der Scheiter⸗ haufen zuerkannt worden. Ich verlangte diejenigen zu ſehen, welche zum Verbranntwerden beſtimmt waren. Mein gefälliger Nebenmann antwortete mir, nichts ſei leichter, als ſie zu erkennen, in Betracht, daß dieſe auf ihren langen ſchwarzen Röcken ihr Portrait haben, auf entzündete Scheiterhaufen geſetzt mit Flammen, die ſich rings umher erheben, und mit Teufeln, die in dieſen Flammen tanzen, während die nur zum Gefängniß Ver⸗ 150 urtheilten ſtatt der Flammen, die ſich unten vom Rock bis zum Gürtel erheben, im Gegentheil Flammen haben, welche vom Gürtel nach unten an dem Rocke gehen; diejenigen, welche nur Kirchenbuße thaten und ſtatt jeder Strafe der Hinrichtung beiwohnen mußten, trugen ſchwarze Röcke mit weißen Streifen ohne irgend eine hinauf⸗ oder hinabſteigende Flamme. „Alle dieſe Verurtheilten wurden zuerſt vom Ge⸗ fängniß in die Kirche der Jeſuiten geführt, wo man ihnen lebhafte Vorſtellungen machte; nach dieſem las man jedem ſein Urtheil vor, das ohne Zweifel ſchon jeder durch den Rock kannte, mit dem er bekleidet war. Nachdem die Meſſe angehört und das Urtheil verleſen war, begann die traurige Proceſſion nach dem St. La⸗ zarusfelde. „Mein Gewürzehändler hatte mich nicht betrogen, und diesmal wäre es ein Unrecht geweſen, wenn ich mich beklagt hätte. Alle adeligen Frauen, alle reichen Frauen, alle eleganten Frauen von Goa waren da in einem Raume verſammelt, welcher ſo groß wie der eines gewöhnlichen Circus der Stiergefechte; alle Stufen waren damit beladen, daß man hätte glauben ſollen, ſie müßten brechen; in der Mitte erhob ſich der Scheiter⸗ haufen mit einem an drei Seiten behauenen Pfahl; an jeder von dieſen Seiten war ein eiſerner Ring ange⸗ bracht, um den Verurtheilten zu halten, und jedem Ringe gegenüber hatte man einen Altar, worauf ein Kreuz ſtand, errichtet, damit der arme Sünder bis zu ſeinem letzten Augenblicke das Glück, Chriſtus zu ſehen, genießen könnte. „Wir hatten große Mühe, mein Gewürzehändler und ich, bis zu unſern Plätzen zu kommen; doch es ge⸗ lang uns endlich gerade in dem Augenblick, wo ihrer⸗ ſeits die Verurtheilten durch eine ſchwarzbehangene und mit ſilbernen Thränen beſäte Thüre auf den Richtplatz eintraten. „Bei ihrem Eintritt erhoben ſich die religiöſen Ge⸗ Rock ben, en; ſtatt gen eine 151 ſänge auf allen Seiten, und die Frauen fingen an in ihren Händen prächtige Roſenkränze, die einen von Bernſtein, die andern von Perlen, zu drehen, während ſie zugleich unter ihren halbaufgehobenen Schleiern hervor Blicke nach rechts und nach links ſchleuderten⸗ Ich glaube, daß ich als derjenige erkannt wurde, welchen man den reichen Perlenhändler nannte, denn nicht we⸗ nige Blicke hefteten ſich auf mich; allerdings konnte ich, da ich unter dem Vicekönig ſaß, eine gute Anzahl Blicke, die ihm galten, für mich genommen haben. „Die Ceremonie begann. Man nahm die drei zum Tode Verurtheilten unter den Armen und half ihnen auf den Scheiterhaufen ſteigen, was ihnen nur mit großer Mühe gelang; Sie begreifen, es iſt kein Spaß, lebendig verbrannt zu werden. Halb, indem ſie ſich ſelbſt halfen, halb, indem man ſie unterſtützte, erreichten ſie die Plattform; man band ſie an die Ringe mit eiſer⸗ nen Ketten, in Betracht, daß die gewöhnlichen Stricke ſchnell verzehrt wären und daß dann ohne allen Zweifel die armen Sünder auf den Boden ſpringen und ganz in Flammen im Circus umherlaufen würden, was ein allgemeines Aergerniß für Jedermann und ein beſonderes Unglück für ihre Seelen zur Folge hätte, inſofern ſie darauf bedacht wären, eine gute Flucht zu machen und nicht einen guten Tod; doch bei den eiſernen Ketten, welche die Verbrecher bei den Füßen, um die Mitte des Leibes und am Halſe feſthalten, iſt keine Gefahr vor⸗ handen, daß ſie die geringſte Bewegung machen. „Nur, da es bei den ſinnreichſten Dingen immer eine ſchwache Seite gibt, ſindet ſich in Ermangelung dieſer Gefahr eine andere: daß nämlich die Verwandten des Verurtheilten den Henker beſtechen, wonach dieſer, wenn er ihm die Keite um den Hals ſchlingt, der Kette einen Zug mehr gibt und ihn erdroſſelt; Sie begreifen wohl, das Schauſpiel verliert dann ſein ganzes Juter⸗ eſſe, da man einen Leichnam verbrennen ſieht, ſtatt einen lebendigen Menſchen brennen zu ſehen. Doch an 152 dieſem Tage war der Henker ein gewiſſenhafter Menſch, und Jedermann konnte verſichert ſein, daß die Verur⸗ theilten lebten, denn über die Gebete von aller Welt hörte man ſie mehr als zehn Minuten lang Barmher⸗ zigkeit ſchreien. „Nachdem die Ceremonie beendigt war, füllte jeder ein Säckchen mit Aſche am Scheiterhaufen; dieſe Aſche hat, wie es ſcheint, daſſelbe Privilegium, wie der Strick des Gehenkten, und bringt den Familien Glück. „Als ich eben mein Säckchen gefüllt hatte, wie die Andern, fühlte ich, daß man mir ein Billet in die Hand ſchob; ich wandte mich umz eine alte Frau legte ihren Finger auf ihren Mund, ſprach das einzige Wort: Leſet! und entfernte ſich wieder. „Ich blieb einen Augenblick verblüfft, dann entfal⸗ tete ich das Papier und las: „„Dieſen Abend um zehn Uhr werden Sie im Garten des dritten Hauſes rechts vom Teiche erwartet. Das Haus hat grüne Läden, zwei Cocusbäume erheben ſich vor ſeiner Thüre. Sie werden über die Mauer ſteigen und unter dem traurigen Baum ſtehen blei⸗ ben, wo ſie dieſelbe Duenna, die Ihnen dieſes Billet übergeben hat, abholen wird.““ „Ich wandte mich nach der Duenna um, welche in einiger Entfernung geblieben war, und machte ihr mit der Hand ein Zeichen der Bejahung; ſie antwortete durch eine Verbeugung und verſchwand. Dona Ines. „Ich wußte ungefähr, wo der Ort des Rendez⸗vous war; von ter Mauer der alten Stadt hatte ich alle Umgebungen wahrgenommen und beſoaders als eine rreizende Promenade das Ufer des kleinen Teiches be⸗ ———— — cr——,— 8 ſch, ur⸗ Lelt her⸗ eder ſche trick die and ren ort: fal⸗ im tet. eben uer illet e in mit tete vous alle eine be⸗ 153 merkt, an dem alle reiche Portugieſen von Gärten um⸗ gebene Luſthäuſer haben. Was aber die Baumgattung betrifft, die man den traurigen Baum nannte, weil er nur bei Nacht blüht, ſo kannte ich ſie, weil ich einen ſolchen Baum im Garten des von mir gemietheten Hauſes geſehen hatte. „Um halb zehn Uhr ging ich von Goa weg; ich hatte drei bis vier Perlen bei mir, welche ſchön genug, daß das Geſchenk, ſollte ich ein ſolches zu machen haben, nicht verachtet würde. Ich ſteckte für jeden Fall unter meine Weſte einen fingaleſiſchen Dolch und beſchloß, muthig den Gefahren meines nächtlichen Ausflugs zu trotzen. Um drei Viertel auf zehn Uhr kam ich an das kleine Haus, welches ich vollfommen nach der Be⸗ ſchreibung, die man mir gemacht, erkannte. Ich ging umher, um eine Stelle der Gartenmauer zu ſuchen, daß ich ſie ohne große Schwierigkeit erklettern könnte, als ich eine Thüre fand. Es kam mir die Hoffnung, um mir die Mühe des Kletterns zu erſparen, habe man viel⸗ leicht dieſe Thüre offen gelaſſen; ich täuſchte mich nicht; ſobald ich daran drückte, gab ſie nach und ich befand mich im Garten. „War man einmal eingetreten, ſo hatte man keine Schwierigkeit mehr, den Ort zu ſinden, wo ich warten ſollte. Durch ſeinen Wohlgeruch geleitet, war ich nach einem Augenblick in dem dichten Schatten verloren, den der traurige Baum um ſich her warf. Seine Blüthen, die ſich um zehn Uhr Abends öffnen, um ſich vor Tag wieder zu ſchließen, ſchüttelten ihre balſamiſchen Kelche, und unter dieſer Menge von Blüthen, von denen er bedeckt war, machten ſich einige wie Schneeflocken los, ſielen um mich her und luden mich ein, mich auf ihre ſüße Streu zu legen. Obſchon ich, wie Sie wohl ge⸗ ſehen, von einer ziemlich wenig poetiſchen Natur bin, konnte ich doch nicht umhin, mich dem Reize dieſer ſchönen Nacht zu überlaſſen, und wenn ich Eines zu der Stunde, wo ich mit Ihnen ſpreche, bedaure, ſo iſt es, 15⁴ daß ich ſpreche wie ein alter Wehrwolf, der ich bin, und nicht wie ein Dichter, der Sie ſind, oder wie ein Maler, der Ihr Kamerad iſt.“ Wir verbeugten uns, Biard und ich. „Wahrhaftig, Vater Olifus,“ erwiederte ich,„Sie haben Unrecht, daß Sie ſich entſchuldigen. Sie erzählen wie Bernardin von Saint-Pierre.“ „Ich danke Ihnen,“ ſprach der Vater Olifus,„denn obſchon ich Bernardin von Saint⸗Pierre nicht kenne, nehme ich doch an, daß Sie mir da ein Kompliment machen. Ich fahre alſo fort: „Ich mochte ungefähr eine Viertelſtunde warten, als ich das Anſtreifen von Stoff und das Geräuſch von Tritten hörte und dann eine Geſtalt erblickle, die ſich furchtſam näherte. Ich rief leiſe; meine Stimme be⸗ ruhigte meine Führerin; ſie ging gerade auf mich zu, reichte mir ein Ende von einem Band, von dem ſie das andere Ende hielt, ſchritt mir voran und leitete mich, ohne ein einziges Wort zu ſagen, in der Richtung des Hauſes. „Abgeſehen von zwei bis drei Fenſtern, bei denen das innere Licht durch die Zwiſchenräume der Läden ſiekerte, war das Haus völlig im Schatten, und zwar um ſo mehr im Schatten, als man, da es roth ange⸗ malt, die Umriſſe in der Dunkelheit der Nacht nicht unterſchied. Sobald man die Schwelle überſchritten hatte, verdoppelte ſich die Finſterniß. Da zog die Duenna das Band an ſich, bis ſie meine Hand traf; ſie nahm meine Hand, ließ mich eine Treppe hinauf⸗ ſteigen, einen Corridor durchſchreiten, machte eine Thüre auf, aus deren Oeffnung eine Lichtwoge hervorkam, und ſchob mich in ein Zimmer, in welchem eine voll⸗ kommen hübſche Frau von zwanzig bis zwei und zwan⸗ zig Jahren auf einer mit einem herrlichen chineſiſchen Stoff überzogenen und von einem Ruhebett aus Bam⸗ bus getragenen Matratze lag. „In der Mitte des Zimmers, deſſen Luft durch — e er 1 n, in ie en nn ie, nt en, on ich e u, as ch, es en en ar e⸗ ht en die f f⸗ ire m. l⸗ n⸗ en m⸗ — 155⁵ einen großen am Plafond hängenden Fächer, der ſich ſelbſt zu bewegen ſchien, gekühlt wurde, ſtand ein Tiſch beladen mit Zuckerwerk und Gebackenem. „Zu jener Zeit war ich jung, war ich ein hübſcher Burſche, nicht ſchüchtern, im Gegentheil. Ich machte der Dame mein Kompliment; ſie empfing mich als eine Frau, die mich am Ende hatte holen laſſen, und ich ſetzte mich zu ihr. „In Ceylon und in Buenos⸗Ayres hatte ich ein wenig Spaniſch radebrechen gelernt; das Spaniſche und das Portugieſiſche reichen ſich die Hand; dann gibt es am Ende der Sprache der Worte, die man zuweilen nicht verſteht, die Sprache der Geberden, die man immer verſteht. Sie deutete auf den Imbiß, der ſeit einer Stunde meiner harrte. Ich ſagte ihr, wenn der Im⸗ biß ſeit einer Stunde meiner harre, ſo brauche er nicht länger zu warten. Wir ſetzten uns zu Tiſche. Wie es in Spanien und Portugal Gewohnheit, wenn man unter vier Augen ſpeiſt, war nur ein Glas vorhanden. Der Porto und der Madeira glänzte in zwei Carafen, der eine wie Rubin, der andere wie Topas. Ich hatte die beiden Flüſſigkeiten ſchon verkoſtet; ich fand ſie von erſter Sorte, und wollte eben das Gebackene und das Zuckerwerk in Angriff nehmen, da tritt plötzlich die Duenna ganz erſchrocken ein und ſagt ihrer Gebieterin ein paar Worte in's Ohr. „„Wie! was gibt es?““ fragte ich. „„Nichts,““ antwortete ruhig meine ſchöne Wip⸗ thin,„„mein Mann, den ich für drei bis vier Tage in Gonda glaubte, fällt nun wie eine Bombe herein. Er macht immer ſolche Streiche, der abſcheuliche Meſtize.““ Ahl ah!““ verſetzte ich,„„ſollte Ihr Gemahl zufällig eiferſüchtig ſein?““ „„Wie ein Tiger.““ „„So, duß wenn er mich hier äife „„Er ſie umbringen würde.““ „„Es iſt gut, daß ich das weiß,““ ſprach ich, 156 während ich meinen Dolch aus der Bruſt zog und auf den Tiſch legte,„„man wird auf ſeiner Hut ſein.““ „„Oh! was machen Sie denn?““ rief ſie. „„Alle Teufel! Sie ſehen es; ein Sprüchwort ſagt: es iſt beſſer, daß wir den Teufel tödten, als daß der Teufel uns tödtet.““ „Oh! Sie brauchen Niemand zu tödten,““ rief ſie lachend, wobei ſie mir in dieſem Lachen Perlen zeigte, gegen die diejenigen, welche ich in meiner Taſche hatte, ſchwarz erſchienen wären. „„Wie ſo?““ „„Ich übernehme Alles.““ „„Ah! dann iſt es ſehr gut.““ „„Nur treten Sie in dieſes Cabinet, es geht auf eine Terraſſe, und beobachten Sie genau, was hier vor⸗ geht. Macht mein Mann einen Schritt nach dem Ca⸗ binet, ſo eilen Sie auf die Terraſſe und ſpringen Sie von dort hinab, ſie iſt nur zwölf Fuß hoch.““ „„Gut.““ „„Gehen Sie, ich will mein Möglichſtes thun, daß dieſe Rückkehr nichts an unſeren Plänen ändert.““ „„Deſto beſſer.““ „„Seien Sie unbeſorgt, gehen Sie, ich höre ſeinen Tritt auf der Treppe.““ „Ich eilte in das Cabinet; ſie warf mittler⸗ weile die Porzellanteller und das filberne Beſteck, wo⸗ durch meine Gegenwart verrathen werden konnte, aus dem Fenſter, zog dann aus ihrer Bruſt ein ſilberge⸗ ſticktes Beutelchen, nahm daraus einen kleinen Flacon, der eine grünliche Flüſſigkeit enthielt, und goß davon ein paar Tropfen auf dasjenige Backwerke, welches den Gipfel der Pyramide bildete, wonach ſie aufſtand und den halben Weg zur Thüre machte. In dieſem Augen⸗ blick öffnete ſich die Thüre. „Der Mann, den ſie einen abſcheulichen Meſtizen nannte, war ein herrlicher Indier mit einer Geſichts⸗ ort s ief len che un, ien er⸗ vo⸗ us ge⸗ on, on den ind en⸗ zen ts⸗ 157 haut, deren Farbe dem Florentiner Bronze glich, und einem geſchorenen krauſen Bart.* „Er trug ein reiches muſelmänniſches Coſtume, ob⸗ gleich er Chriſt oder beinahe Chriſt war. „Ahl mein Herr,“ unterbrach ſich der Vater Oli⸗ fus,„ich weiß nicht, ob Sie die Frauen ſtudirt haben, doch ich glaube, je hübſcher ſie ſind, deſto falſchere und heuchleriſchere Thiere ſind ſie. Dieſe, welche ſchön war wie ein Amor, lächelte ihrem Gatten auf dieſelbe Weiſe zu, wie ſie mir einen Augenblick vorher zuge⸗ lächelt hatte. Doch trotz dieſes Lächelns, ſchien der Eintretende ſehr beunruhigt; er ſchaute zuerſt umher, dann roch er wie der Wehrwolf, der friſches Fleiſch ſucht. Es kam mir vor, als hefteten ſich ſeine Augen auf das Cabinet. Er machte einen Schritt nach mei⸗ ner Seite, ich machte zwei rückwärts. Er berührte den Schlüſſel der Thüre; ich ließ mich von der Terraſſe zwiſchen die Aeſte eines buſchreichen Baumes hinab. Ich ſah etwas wie einen Schatten ſich über meinem Kopfe herabneigen; ich hielt meinen Athem an mich, der Schatten verſchwand. Ich athmete wieder, erhob mich ſachte, mein Kopf befand ſich bald auf dem Ni⸗ veau der Terraſſe: ſie war leer. „Da erfaßte mich die Neugierde, zu ſehen, was in dem Zimmer vorging, welches ich kurz zuvor ver⸗ laſſen. Ich ſtieg mit der Behendigkeit und Gewandt⸗ heit eines Seemanns wieder auf die Terraſſe und ſchritt auf den Fußſpitzen vor, um, wenn es möglich wäre, durch die ein wenig offen gebliebene Thüre zu ſchauen. „Unſere zwei Gatten ſaßen bei Tiſche nebeneinander, die Frau hielt den Mann verliebt mit den Armen um⸗ ſchlungen, während der Mann mit vollen Zähnen die kleinen Kuchen verſpeiſte, auf welche die Frau das grüne Waſſer geſpritzt hatte. „Der Mann wandte mir den Rücken zu; die Frau ſah ich vom Profil; ſie erblickte ohne Zweifel einen 158 Theil meines Geſichtes durch die Oeffnung der Thüre: ſie machte mir mit dem Augenwinkel ein Zeichen, das be⸗ ſagen wollte: Sie werden ſehen, was vorgeht. „In der That, beinahe in demſelben Augenblick hob der Mann ſein Glas in die Höhe und brachte be⸗ geiſtert die Geſundheit ſeiner Frau aus. Als die Ge⸗ ſundheit ausgebracht war, begann er ein kleines Lied, das mit großem Orcheſter von Tellern und Flaſchen endigte, auf die er mit ſeinem Meſſer ſchlug; endlich ſtand er auf und tanzte den Tanz der Bajaderen, wo⸗ bei er ſich mit ſeiner Serviette drapirte. „Da ſtand die Frau vom Tiſche auf, kam an die Thüre, hinter der ich verborgen das ſeltſame Schau⸗ ſpiel betrachtete, öffnete dieſe Thüre und ſagte ruhig zu mir: „„Kommen Sie.““ „„Kommen Sie kommen Sie erwie⸗ der ich,„das iſt reizend, aber „„Vorwärts!““ ſprach ſie, indem ſie mich an der Hand zog;„wenn ich Ihnen ſage, Sie ſollen kom⸗ men 14 „Ich machte eine Bewegung mit den Schultern und folgte ihr. „Ganz dem Charaktertanz, den er gewählt, hinge⸗ geben, ſetzte in der That der Mann ſein Soloballet fort, wobei er ſich alle mögliche Reize durch ſeine Ser⸗ viette verlieh. „Dann, da die Serviette ſehr geringfügig für die Draperien war, mit den ſeine anmuthigen Stellungen halb verſchleiert werden mußten, entrollte er ſeinen Turban und nahm denen Shawltanz in Angriff. „Während dieſer Zeit hatte mich die Frau zum Canapé geführt, auf dem ſie bei meinem Eintritt ge⸗ legen war, und bei jeder Bemerkung, die ich machte, zuckte ſie die Achſeln. „Als ich dies ſah, machte ich keine Einwendungen mehr. ie⸗ der m⸗ ern ge⸗ llet er⸗ die gen nen um ge⸗ te, gen 159 „Nachdem erdrei Viertelſtunden getanzt, ſchnarchte der Mann, der ſich ſehr gut beluſtigt zu haben ſchien, wie eine Orgelpfeife. „Ich benützte dieſen Umſtand, um mir eine Erklä⸗ rung über die kleinen Tropfen grünen Waſſers zu er⸗ bitten, welche die Frau auf das Backwerk geſpritzt hatte, denn ich vermuthete, dieſe große Liebe des Man⸗ nes für die Vocaliſation und die Chorographie rühre hievon her. „Dieſes grüne Waſſer war Troa!“ „Sehr gut! lieber Herr Slifus,“ unterbrach ich ihn.„Erklären Sie mir nun, was Troa iſt. Sie ha⸗ ben mir, als der geſchickte Erzähler, der Sie ſind, ge⸗ ſagt, Sie würden mir dieſen Dienſt zu geeigneter Zeit und geeigneten Ortes leiſten. Ich glaube, daß Zeit und Ort gekommen ſind.“ „Mein Herr, der Troa iſt ein Kraut, das reich⸗ lich in Indien wächſt. Man zieht den Saft aus die⸗ ſem Kraut, wenn es noch grün iſt, oder man zermalt wohl ſeinen Samen in Staub, wenn es reif iſt; dann vermiſcht man den Saft oder den Staub mit den Spei⸗ ſen der Perſon, welcher man ſich für den Augenblick entledigen will. Dieſe Perſon abſorbirt ſich ſodann in ſich ſelbſt, ſingt, tanzt und entſchläft, ohne mehr zu ſehen, was um ſie her vorgeht, und bei ihrem Er⸗ wachen, da ſie völlig die Erinnerung deſſen, was vor⸗ gefallen iſt, verloren hat, erzählt man ihr die erſte beſte Flauſe, und ſie glaubt. „Das iſt der Troa, eine ſehr bequeme Sache, wie Sie ſehen; man ſagt auch, die Frauen von Gva tra⸗ gen immer Troaſaft in einem Fläſchchen oder Troa⸗ ſamen in einem Beutelchen bei ſich. „Um fünf Uhr Morgens bat mich die ſchöne Por⸗ tugieſin, ihr den Mann in ſein Bett bringen zu helſen, dann, da der Tag anbrach, nahmen wir mit dem Ver⸗ ſprechen, uns wiederzuſehen, von einander Abſchied. „Ich hatte einen Augenblick den Gedanken, eine Ladung Troa zu machen und ſie mit einem die Tugen⸗ den dieſer Waare beſchreibenden Programm nach Eu⸗ ropa zu ſenden; aber man verſicherte mich, ſie werde durch den Transport über das Meer ſchlechter, und ſo verzichtete ich auf eine Speculation, welche indeſſen, meiner Anſicht nach, nicht übel geweſen wäre. „Mittlerweile gedieh meine Speculation mit den Früchten; meine zehn Sklavinnen brachten mir durch⸗ ſchnittlich den Tag ſechs Rupien reinen Nutzen, das ſind ſechs und dreißig bis vierzig Franken nach unſerem Geld, was ein ungeheures Einkommen für Goa iſt, wo man Alles für nichts haben kann. Mein Freund, der Gewürzehändler, ließ in meiner Gegenwart ein paar Worte fallen über eine Verbindung mit ſei⸗ ner Tochter, Dona Ines, einer reizenden, frommen, im Kloſter der Verkündigung erzogenen jungen Per⸗ ſ die ich ſchon einmal oder zweimal bei ihm geſehen atte. „Dona Ines war ſehr ſchön, Dona Ines ſchien ſehr beſcheiden. Ich fing an meiner Portugieſin, die mir nach und nach alle meine Perlen abſchwatzte, über⸗ drüſſig zu werden. Dann, ſehen Sie, war ich für die Ehe geboren, ehe mir die Frauen einen Ekel gegen dieſelbe beigebracht hatten. Ich ging alſo geradezu auf die Vorſchläge meines Freundes, des Gewürzehänd⸗ lers, ein und man ließ Dona Ines aus dem Kloſter kommen, diesmal damit wir uns zuſammenfänden. „Dona Ines war immer noch das ſchöne und beſcheidene Mädchen, das ich geſehen und bemerkt; nur hatte ſie geröthete Augen. „Ich erkundigte mich, woher dieſe Röthe komme, welche nicht undeutlich vergoſſene Thränen bezeichnete. Doch man ſagte mir, Dona Ines ſei ſo unſchuldig, daß ſie, als man ihr vom Verlaſſen des Kloſters ge⸗ ſprochen, in Waſſer zerſchmolzen. „Ich befragte ſie ſelbſt über dieſen Schmerz, und das entzückende Geſchöpf ſagte mir, ſie trachte nicht n⸗ u⸗ de en, den ch⸗ das rem nd, ein ſei⸗ ien, er⸗ hen ien die ber⸗ die gen ezu ind⸗ ſter und nur me, nete. dig, und nicht 161 nach dem Heirathen, mit einem wahren Kummer ver⸗ laſſe ſie ihr Kloſter, in welchem ſie im Allgemeinen Alles finde, was ſie ſich wünſchen könne. „Ich lächelte bei dieſer reizenden Unſchuld, und da ich nicht bezweifelte, die Heirath werde auf ſie denſel⸗ ben Eindruck hervorbringen, den die Reiſe auf den Rei⸗ ſenden hervorbringt, das heißt, ſie werde ſie durch die Neuheit der Anſichten verführen, ſo bekümmerte ich mich weder um ihre Betrübtheit, noch um deren Urſache. „Meine Heirath mit Dona Ines wurde alſo im Einverſtändniß zwiſchen meinem Freund, dem Gewürze⸗ händler, und mir beſchloſſen. Wir ordneten die Bedin⸗ gungen der Mitgift, und drei Wochen nachher, nachdem alle vorbereitenden Förmlichkeiten erfüllt waren, wurden wir unter großem Gepränge in der Kathedrale getraut. „Ich werde nicht bei den Heirathsceremonien ver⸗ weilen; es ſind ungefähr dieſelben, wie in Frankreich. Dona Ines ſchien übrigens ihr Kloſter völlig vergeſſen zu haben. Sie war ſo heiter, als es der Wohlanſtand zu geſtatten vermochte, und als der Augenblick uns zuruͤckzuziehen gekommen war, bat ſie mich mit einer reizenden Schamhaftigkeit um Erlaubniß, ſich in ihr Schlafzimmer begeben zu dürfen, und forderte nur eine Viertelſtunde Friſt, um ſich auszukleiden und zu Bette zu gehen. „Eine Viertelſtunde, das iſt lang in gewiſſen Augenblicken, doch was war zu machen? „Ueberdies war da, um mich in der Geduld zu unterſtützen, ein kleiner, ſo wohlbereiteter, ſo ſauber auf chineſiſchen Tellern angerichteter Imbiß, es war da eine Flaſche Muscato do San Lucar, der ſo lebhaft in ſeinem kriſtallenen Gefängniß ſtrahlte, daß ich phi⸗ loſophiſch auf die Geſundheit meiner ſchönen Gattin zu trinken anfing. Nie hatte ich einen ſolchen Wein getrunken, mein Herr, und ich verſtehe mich doch auf den Wein. Tauſend und ein Geſpenſt. U. 11 162 „Ich aß auch einige Früchte. Ich war Früchte⸗ händler, wie Sie wiſſen. Nun wohl! nie hatte ich ſolche Früchte gegeſſen. „Der Wein, das war Nectar; die Früchte, das war Ambroſia. „Und dann hatte dies Alles einen kleinen, reizenden Geſchmack, eine kleine, ätzende Säure, daß ich die ganze Nacht gegeſſen und getrunken haben würde, hätte ich mich nicht beim erſten Glaſe Wein und bei der erſten Banane ſo heiter und zufrieden gefühlt, daß ich ein Schiffslied zu ſingen anfing. „Mein Herr, ich muß Ihnen ſagen, daß ich nie ſinge, da ich eine ſolche Simme habe, daß ich ſelbſt vor mir erſchrecke, wenn ich nur den kleinſten Ton von mir zu geben verſuche. An dieſem Abend aber, mein Herr, kam es mir vor, als ſänge ich ganz natürlich wie eine Nachtigall, und ich fand ein ſo großes Vergnü⸗ gen daran, meine eigene Stimme zu hören, daß mich meine Beine juckten, daß ich Clipp⸗Clapps und Ze⸗ phirſprünge machte, daß ich fühlte, wie ich mich ganz allein von der Erde erhob, als ob ich, ſtatt ein Glas Muscat getrunken zu haben, eine Tonne entzündbare Luft getrunken hätte. Kurz, die Verſuchung war ſo groß, daß ich anfing zu tanzen, wobei ich den Takt mit dem Meſſer auf dem Boden meines Tellers ſchlug, was wie eine Schellentrommel klang; und ich ſah mich in einem Spiegel tanzen, und ich war zufrieden mit mir; und je länger ich mich ſah, deſto mehr hatte ich Luſt, mich zu ſehen, bis durch gewaltiges Singen meine Stimme erloſch, bis durch unmäßiges Tanzen meine Beine ermatteten, bis durch beſtändiges Anſchauen ich nichts mehr ſah, als blaue und roſenfarbene Flammen, bis ich mich, vom Jubiliren gelähmt, während ich mich als den glücklichſten der Menſchen fühlte, auf ein Ca⸗ napé warf. „Ich weiß nicht, wie lange ich ſchlief, doch ich erwachte mit einer reizenden Empfindung pon Kühle an chte⸗ ich das nden anze e ich erſten ein h nie ſelbſt von mein h wie gnü⸗ mich d Ze⸗ ganz Glas dbare ar ſo Takt chlug, mich n mit te ich meine meine en ich nmen, mich Ca⸗ ch ich le n 163 den Fußſohlen. Ich ſtreckte die Arme, ich fühlte meine Frau neben mir, ich dachte, ſie ſei es, von der der Zu⸗ ſtand des Wohlbehagens herrührte, in welchem ich mich befand, und meiner Treue!... ich war ihr dankbar.“ „„Ah!““ machte ſie mit einem langen Seufzer. „Mein Herr, der Ton dieſes Seufzers erinnerte mich dergeſtalt an den Seufzer, den ich ſchon in Ne⸗ gombo in meiner Hochzeitnacht mit der ſchönen Nahi⸗ Nava⸗Nahina gehört hatte, daß ich vom Scheitel bis zu den Zehen ſchauerte. „„Was iſt das?““ rief ich. „„Nun! ich mache ah!““ ſprach ſie. „Mein Herr, ich wurde auf der Stelle kalt wie eine Eisſcholle, meine Zähne klapperten und zwiſchen meinen klappernden Zähnen murmelte ich:„Die Bu⸗ chold! die Buchold!““ „„Ja wohl! die Buchold, welche kommt, um Dir anzuzeigen, mein Männchen, daß Du Vater eines zwei⸗ ten Sohnes biſt; er iſt ſchon wie die Amoretten, wird morgen ſechs Monate alt, und ich habe ihn, zum An⸗ denken an den Tag, an welchem ich Deine Heirath mit der ſchönen Nahi⸗Nava⸗Nahina verhinderte, Thomas genannt. Der Ingenieur der Dämme, der ehrenwerthe Van Brveke, hat ihn über die Taufe gehalten und mir dem lieben Kinde ein zweiter Vater zu ein.““ „„In der That, meine liebe Frau,““ erwiederte ich,„„die Nachricht iſt angenehm, ich gebe es zu, doch da ich, um ſie zu vernehmen, ſchon fünf bis ſechs Mo⸗ nate gewartet hatte, ſo hätte ich wenigſtens noch fünf bis ſechs Monate gewartet.““ „„Ja ich begreife,““ ſagte die Buchold,„„ich würde mindeſtens Deine Heirath mit der ſchönen Dona Ines nicht geſtört haben.““ „„Ganz richtig, das iſt es, da ich es Dir doch ſagen muß.““ „„Undankbarer!““ 164 „„Wie, Undankbarer?“ eine „„Ja; während ich mich im Gegentheil beeilte, daß um es zu verhindern, daß Du nicht ſchändlich betrogen Wr würdeſt.““ „„Wie, ſchändlich betrogen?““ Do „„Gewiß, ſchändlich betrogen. Hat Deine Frau bra nicht eine Viertelſtunde verlangt, um ſich zu Bette zu geſ legen?““ 3 wü „„Haſt Du nicht, in Erwartung, daß dieſe Viertel⸗ ſtunde abgelaufen wäre, ein Glas Muscato do San Lucar getrunken und eine Banane gegeſſen?““ Va „„In der That, ich glaube mich deſſen zu erin⸗ nern.““ „„Und was erinnerſt Du Dich von dieſem Augen⸗ blick an?““ un „„Nichts.““ ddr „„Nun! in dieſem Wein war Troaſaft, auf dieſer me Banane Troapulver.““ eir „„Ah! Donner und Teufel!““ zur „„So daß während Du ſchliefft wie ein Trunken⸗ k bold, während Du ſchnarchteſt wie ein Kaffer ni „„Was 44 „„Deine keuſche Gattin.“ die „„Was? meine keuſche Gattin?““ zer „„Eine ſehr gottesfürchtige Perſon, welche alle ich Wochen zur Zeit, da ſie in ihrem Kloſter war, einem ur ſchönen Franziscaner beichtete,. e „„Nun! nun! meine keuſche Gattin„4 Wiu Du ſehen, was ſie in dieſer Zeit gethan at c „„Sollte ſie zufällig beichten?““ rief ich. de „„Ganz richtig, ſchau!““ „ünd ſie führte mich an eine Oeffnung des Ver⸗ S ſchlags, welche, was in dem Schlafzimmer vorging, zu E ſehen erlaubte. „Mein Herr, was ich ſah, iſt ſo demüthigend für ei eilte, ogen Frau te zu ertel⸗ San erin⸗ ugen⸗ dieſer unken⸗ 1 e alle einem gethan z Ver⸗ ing, zu nd für 165 einen Ehemann, beſonders während einer Hochzeitnacht, daß ich einen Bambus nahm, der ſich wie durch ein Wunder gerade hier fand, die Thüre öffnete und mit ſo gewaltigen Stockprügeln über den Beichtvater von Dona Ines herfiel, daß dieſer brüllend wie die Ver⸗ brannten, die ich am dritten Tage nach meiner Ankunft geſehen hatte, davonlief. „Was meine Frau betrifft, ſo wollte ich ihr Vor⸗ würfe über ihr Benehmen machen. „Doch mit der größten Kaltblütigkeit ſprach ſie: „Gut, mein Herr, beklagt Ihr Euch bei meinem Vater, und ich werde mich bei der Inquiſition beklagen.““ „„Und worüber werdet Ihr Euch beklagen, Frau Schelmin?“ fragte ich. „„Darüber, daß Ihr meine religiöſen Uebungen unterbrecht und einen frommen Mann ſchlagt, der ſeit drei Jahren als mein Beichtvater bekannt iſt. Geht, mein Herr, Ihr ſeid ein Ketzer, und da ich nicht mit einem Ketzer leben will, ſo kehre ich in mein Kloſter zurück.““ „Nach dieſen Worten ging ſie ſtolz wie eine Kö⸗ nigin weg. „Mich hatte gleich bei dem einzigen Worte Ketzer die Furcht erfaßt; ich ſah mich ſchon mit einem ſchwar⸗ zen Rock, worauf ſteigende Flammen gemalt, bekleidet; ich fühlte mich ſchon an den Füßen, am Hals und um die Mitte des Leibes an den Pfahl auf dem St. Lazarusfelde gebunden, ſo daß ich nicht eins, nicht zwei zählte, meinen alten Geldſack nahm, dieſem zwei bis drei tanſend Livres beifügte, die ich in meinem Früchte⸗ handel ſeit meiner Ankunft in Goa erſpart hatte, und, da ich mich am Tage auf der Rhede ein für Java ſegel⸗ fertiges Schiff geſehen zu haben erinnerte, mich auf der Stelie dahin begab und Haus, Garten und Meubles Jedem, der es haben wollte, überließ. „Zum Glück wartete das Schiff, um auszulaufen, einen von der Ebbe begleiteten kleinen Oſtwind ab. Ich 166 kam an Bord mit dem Winde in einer, mit der Ebbe in der andern Hand. Ich vertrug mich mit dem Ka⸗ pitän dahin, daß ich zehn Pagoden für meine Ueberfahrt bezahlen ſollte, und ich hatte in dem Augenblick, wo die erſten Strahlen des Tages die Firſte der Kirchen von Goa weißten, die Freude, den Wind und die Fluth zu fühlen, welche mich unmerklich in die öffene See zogen. „Die Vorſicht war nicht unnöthig: zwei Jahre nachher wurde ich auf dem St. Lazarusfelde im Bild⸗ niß verbrannt.“ SJames Rouſſeau. Ich habe es meinen Leſern ſchon geſagt, das Buch, welches ich in dieſem Augenblick veröffentliche, iſt ganz perſönlich. Außer meinen Erinnerungen, enthält es wiſſe tägliche Ereigniſſe, welche ebenfalls Fülnntrunh ſein werden; und ich verbreite in meiner Erzählung nicht nur jede Summe Talentes, welche Gott mir zu verleihen die Gnade gehabt hat, ſondern auch einen Theil meines Herzens, meines Lebens, meiner Indivi⸗ dualität. So kommt es, daß ich heute von etwas An⸗ derem, als von Vater Olifus ſprechen und unſeren würdigen Abenteurer auf dem düſteren, geheimnißvollen indiſchen Ocean ſchwimmen laſſen werde, um der ent⸗ flohenen Seele eines Freundes zu folgen, der zu dieſer Stunde auf dem noch viel geheimnißvolleren Ocean der Ewigkeit reiſt. Ich hatte den Abend bei der erſten Vorſtellung des Drama Harmental zugebracht. Es war dies, glaube —— ——— Ebbe Ka⸗ fahrt die von h zu en. ahre Bild⸗ Buch, 9⁰*½ 3 b ngen lung ir zu einen idivi⸗ An⸗ ſeren ollen ent⸗ dieſer n der g des laube 167 ich, das vierzigſte Mal, daß ich für mich dieſe Probe des Kampfes des Geiſtes gegen die Materie, der Ver⸗ einzelung gegen die Menge erneuerte, ein furchtbares Spiel, welches mich davon geheilt hat, je irgend ein anderes Spiel zu ſpielen, denn ich ſpiele dabei nicht nur um eine Summe Goldes, die derjenigen gleichkommt, um welche die ſtärkſten Spieler ſpielen können, ſondern auch uh die Portion Ruf, den ich mir ſeit zwanzig Jahren auf dem weiten literariſchen Felde, wo ſo viele Leute Aehren leſen, aber ſo wenige ernten, erworben habe. Und bemerken Sie wohl, daß ein Mann, wenn er auf dem Theater fällt, nicht von der Höhe des Werkes, das er gegeben, ſondern von der Höhe von zwanzig, dreißig oder vierzig Succeſſen, die er gehabt, herabfällt, ſo daß, je mehr er Suceeß gehabt, deſto tiefer der Ab⸗ arund iſt, und daß er folglich ſich auf der Stelle zu tödten Gefahr läuft. Nun wohl! die Anſtrengungen, die ein ganzer Saal macht, um einen Schriftſteller von ſeinem Rufe von ben nach Unten zu treiben, habe ich ſtudirt, wenn ſie inen Collegen gelten, und ich beſitze auch den Muth, ſie zu ſtudiren, wenn ſie mir gelten. Ich ſchwöre es Ihnen, es iſt eine intereſſante Sache für ein Herz, das Gott mit einem dreifachen Stahl bedeckt hat, der ſtark genug, um ihn zu ertragen, dieſer Kampf, bei dem ein Werk ganz allein die Ausforderung achtzehnhundert Zuſchauern hinwirft, ein Kampf Leib an Leib, ſechs Stunden lang mit ihnen, wobei der Her⸗ ausfordernde, zuweilen weichend wie ein erinatteter Athlet, ſich wieder erhebt, das Publikum ebenfalls zum Biegen bringt und es niedergeworfen und keuchend unter ſeinem Knie hält, bis es um Gnade gerufen hat und den Namen ſeines unbekannten Siegers verlangt. Oder zu bekannt, denn in dem anticipirten Wiſſen des Namens liegt oft das Geheimniß der Erbitterung des Publikums der erſten Vorſtellung. 168 In der That, man mag es erfahren, das Publikum der erſten Vorſtellung iſt ein beſonderes Publikum, be⸗ ſtehend aus Elementen, die ſich gleichen, ohne ſich zu amalgamiren, und die ſich nur an dieſem Tag vereinigt finden; ein Publikum, welches jedoch immer daſſelbe iſt, und das Ihr bei jeder Feierlichkeit dieſer Art in ſeiner Geſammtheit und in ſeinen Einzelheiten erkennt, habt Ihr auch nur ein wenig das Gedächtniß der Ge⸗ ſichter und die Erinnerung der Empfindungen. Das Publikum eines Saales am Tage einer erſten Vorſtellung beſteht aus folgenden Elementen: Aus fünf bis ſechshundert Perſonen, Männern und Frauen der Welt, von denen ſich ein Theil zu rechter Zeit eingefunden hat, um Plätze zu haben, die ſie ſich auch um den Bureaupreis verſchafften, von denen der andere Theil ſich zu ſpät entſchloſſen und die Karten um den Preis der Billethändler gekauft hat. Dieſer letzte Theil iſt vollkommen unzufrieden, weil er einen Platz, der fünf Franken werth iſt, mit fünf⸗ zehn, zwanzig, dreißig und ſogar fünfzig hat bezahlen müſſen. Dieſer Bruch des Publikums begnügt ſich alſo nicht mit einer Zerſtreuung für fünf Franken, er will für fünfzig beluſtigt ſein. Dieſer Bruch hat wiederum eine Unterabtheilung, beſtehend aus Leuten, die nicht des Schauſpiels wegen gekommen ſind, die gekommen ſind, um zu kommen, die Einen, weil Madame oder Fräulein** dahin⸗ kam, und weil, da man keinen Platz in der Loge von Fräulein£* oder Madame** haben konnte und Madame oder Fräulein E* zu ſehen wünſchte, um mit ihr irgend ein für Alle unmerkliches, für ſie allein merkliches Zeichen zu wechſeln, wohl dieſe Aus⸗ gabe, um zu kommen, machen mußte. Eine übermäßige Ausgabe, die in dieſer glückſeligen Zeit allgemeiner Verarmung denjenigen, welcher ſie gemacht hat, auf eine Regiecigarre für einen ganzen S—— ——— ——— 169 Monat und auf das Mittageſſen der engliſchen Taverne für acht Tage einſchränkt. Das iſt alſo ein erſter Theil des Publikums, be⸗ ſtehend aus ſechshundert Perſonen, unter denen drei⸗ hundert gleichgültig und dreihundert übler Laune ſind. Gehen wir zu den Andern über. Dreißig bis vier⸗ zig Journaliſten, Freunde oder Feinde des Verfaſſers oder der Verfaſſer, eher Feinde als Freunde, welche viel Geiſt haben werden, wenn das Stück fällt, in Betracht, daß ſie einen Theil dieſes gefallenen Geiſtes aufheben werden, um ſich Wurfgeſchoße daraus zu machen, wäh⸗ rend ſie, wenn das Stück ſiegt, nur den Geiſt haben werden, den ſie haben. Dreißig bis vierzig dramatiſche Schriftſteller, welche die zu ſehr fortwährenden Succeſſe von zweien ihrer Collegen in ihrem Stolze verletzen, welche in die Hände klatſchen, ohne die Hände einander zu nähern, und da⸗ bei ihrem Nachbar zuflüſtern:„Das iſt abſcheulich! das iſt gräulich! immer dieſelben Mittel, immer dieſelben Combinationen, immer dieſelben Verknüpfungen!“ So vaß ſie ganz leiſe applaudiren und ganz laut murren. Dreißig bis vierzig Künſtler von benachbarten Theatern, die nicht kommen, um das Stück zu ſehen, ſondern um zu ſehen, wie die Künſtler ſpielen, welche dieſelben Rollen geben wie ſie, und die beinahe immer die ſeltenen Augenblicke, wo das Publikum ſchweigt, wählen, um über die Kunſt des Schauſpielers die geiſt⸗ reichſten Bemerkungen in Begleitung von Commentaren über die Art und Weiſe preiszugeben, wie ſie unter ſolchen Umſtänden und mit dem glücklichſten Erfolg eine Rolle analog der, die der Künſtler ſpielt, welcher in Scene iſt, gegeben haben. Nur war die Rolle viel weniger ſchön und es bedurfte folglich, was ſich natür⸗ lich von ſelbſt verſteht, eines ganz anderen Talentes, um ſie zu ſpielen. Dreißig bis vierzig Fräulein, halb Loretten, halb Künſtleriunen, welche immer debutiren und nie engagirt 170 werden. Dieſe kommen weder des Stückes, noch der Schauſpieler wegen. Sie kommen der Zuſchauer wegen, ſchweben während eines Tableau von den Vorbühnen zum Orcheſter und vom Orcheſter zum Balcon und nehmen am Ende einen feſten Platz; dann gründen ſich telegraphiſche Linien, deren Hauptzeichen die Lorgnette, der Fächer und der Strauß ſind; iſt das Stück been⸗ digt, ſo haben ſie nichts geſehen, als das Kleid der Liebhaberin und den Stoff, von dem dieſes Kleid ge⸗ macht war. Drei Tage nachher wird man ſie, wenn der Stoff ſchön war, in einer andern erſten Vorſtellung mit einem ähnlichen Stoff finden. Drei bis vierhundert Bürger, die mit der Ueber⸗ zeugung kommen, das moderne Theater ſei ein Gewebe von Unſittlichkeiten, die nur mit großer Ueberwindung ihre Weiber herbeigeführt und ihre Töchter ſchmollend zu Hauſe gelaſſen haben, die fünf bis ſechs Tableaur hin⸗ durch die Unſittlichkeit fuchen, die man ihnen verſprochen hat, und da ſie dieſelbe nicht finden, ganz bereit ſind, darüber zu murren, daß man ihnen das Verſprechen nicht gehalten. Dieſe ſind von einem ziemlich guten Teig gebildet, der ſich nach dem Intereſſe kneten läßt. Sie geben dem Schriftſteller in Thränen oder in Gelächter die Vorſchüſſe zurück, die er ihnen gemacht hat; ſelten hat ſich der Autor über ſie zu beklagen. Drei bis vierhundert brave Kinder aus dem Volke endlich, ohne Vorurtheil, ohne vorgefaßte Meinungen, welche von zwei Uhr an, ihr Brod unter dem Arm, ihre Wurſt in der Taſche, Queue gemacht haben, welche kurzweg Dumas, kurzweg Maquet ſagen, welche kommen, um ſich zu beluſtigen, welche Beifall klatſchen, wenn ſie ſich beluſtigen, welche pfeifen, wenn ſie ſich langweilen. Dieſe ſind die guten Richter, das iſt der verſtändige Theil der Geſellſchaft, denn ihr Verſtand wird weder durch den Haß, noch durch den Neid, noch er n, en nd ch e R⸗ er e⸗ off m be ng zu n⸗ en id, en et, en die at lke en, m, che che en, ich er nd och 17¹ durch die Eitelkeit, noch durch das Intereſſe, noch durch die Frivolität verdüſtert. Fügen Sie dem fünfhundert Claqueurs bei, welche nur da zu ſein ſcheinen, um ſich, ſo oft ſie Beifall klatſchen, ſagen zu laſſen: „Nieder mit der Claque!“ Das iſt alſo ein Saal bei der erſten Vorſtellung, das iſt der Areopag, vor dem ſich das Genie aller Epo⸗ chen producirt; das iſt alſo der Briareus mit zweitauſend Köpfen und viertauſend Armen, gegen den ich am Donnerſtag Abend mit meiner gewöhnlichen Ruhe, aber mit einer größeren Traurigkeit, als gewöhnlich, kämpfte. Ich ſage, größere Traurigkeit, als gewöhnlich; ja, denn nichts iſt trauriger, ich wiederhole es, als dieſer Kampf, ſelbſt wenn er ſiegreich iſt, den man gegen den böswilligen Theil des Publikums aushalten muß, wel⸗ chen man bei jeder erſten Vorſtellung findet, wo er gegen das Lachen, gegen die Thränen reagirt und ſich bereit hält, bei dem erſten Zeichen von Schwäche oder von Unruhe, das er bemerkt oder zu bemerken glaubt, über den Autor herzufallen. Dann all dieſe Welt, die ſich verläuft und uns um ſo vereinzelter zurückläßt, je größer der Succeß gewe⸗ ſen iſt, alle dieſe Freunde, welche weggehen und uns die Hand zu drücken vergeſſen, alle dieſe Lichter, welche erlöſchen, ſelbſt ehe die letzten Zuſchauer weggegangen ſind, dieſer Vorhang, der an einer leeren und kalten Scene aufgezogeu wird, dieſes Theater, deſſen Seele entflogen und das nur noch ein Leichnam iſt, dieſes Licht, das allein wacht und alle die Feuer erſetzt, dieſes Stillſchweigen, welches auf alle die Geräuſche folgt, das iſt, glauden Sie mir, genug, um die ächteſte Trau⸗ rigkeit, die tiefſe Entmuthigung zu motiviren. Mein Gott! wie oft, ſelbſt an den Tagen, wo die Traurigkeit nur oberflächlich iſt, wo die Entmuthigung nicht bis ins Herz hinabſteigt, wie oft nach meinen ſchönſten, geräuſchvollſten, unbeſtrittenſten Siegen, nach 172 Heinrich dem III., nach Antony, nach Angele, nach Fräulein von Belle⸗Isle, wie oft bin ich allein zu Fuß zurückgekehrt, das Herz angeſchwollen, das Auge feucht, bereit, die bitterſten von meinen Thrä⸗ n zu vergießen, während die Hälfte der Zuſchauer agte: „Er iſt ſehr glücklich zu dieſer Stunde.“ Nun dennl ich kehrte alſo Donnerſtag Abend noch trauriger, als gewöhnlich, zurück und fand bei mir mei⸗ nen Sohn, der mich erwartete und zu mir ſprach: „Unſer armer James Rouſſeau iſt geſtorben.“ Ich neigte das Haupt, ohne etwas zu antworten. Seit einiger Zeit erſchollen dieſelben Worte ſehr ſchmerz⸗ lich um mich her. Mademoiſelle Mars iſt geſtorben, Joanny iſt ge⸗ ſtorben, Frsderic Soulié iſt geſtorben, Madame Dorval iſt geſtorben, Rouſſeau iſt geſtorben. Es gibt ein ganzes Alter des Lebens, das erſte Alter, dieſer Theil des Daſeins, den die Morgenröthe vergoldet, welches verläuft, ohne daß etwas Aehnliches daſſelbe prüft. Der Klang der Glocken beim Todten⸗ geläute ſcheint nicht bis in unſer Ohr zu dringen. Alle Stimmen, die zu uns ſprechen, richten ſüße Worte an uns, alles Gemurmel iſt Gezwitſcher der Vögel, das kommt davon her, daß man noch den ſchönen Berg des Lebens hinaufgeht, der ſo lachend auf der Seite, wo man hinaufſteigt, ſo dürr und unfruchtbar auf der Seite, wo man hinabſteigt. Heil dir alſo, ſchwermüthige Stunde, wo man, auf dem Gipfel des Berges angelangt, ſtehen bleibt, um einen Halt in ſeinem Leben zu machen, wo das Auge ſich zugleich auf den blühenden Abhang, den man er⸗ klettert, und auf den troſtloſen Abhang richtet, den man hinabſteigen ſoll, und wo uns mit dem Nordoſt des Win⸗ ters das erſte Echo vom Grabe erreicht und zu uns ſpricht: Eine Mutter, ein Verwandter, ein Freund iſt Euch geſtorben.. e, ich n, ler ch ei⸗ en. rz⸗ ge⸗ val rſte hes en⸗ en. orte das des wo ite, auf um luge er⸗ man Bin⸗ uns d iſt 173 Dann nehmt Abſchied von den offenen Freuden dieſer Welt, denn dieſes Echo wird Euch nicht mehr ver⸗ laſſen, dieſes Echo wird vielleicht zuerſt einmal im Jahr, dann zweimal, dann dreimal erklingen; Ihr werdet ſein wie jener Baum, dem ein erſter Sommerſturm ein Blatt entreißt, und er ſpricht: Was iſt mir daran gelegen? ich habe ſo viele Blätter; dann folgen ſich die Stürme; dann kommt der erſte Herbſtwind, dann kommt der erſte Froſt des Winters; der Baum iſt kahl, ſeine Aeſte ſind nackt, und ein fleiſchloſes Skelett wartet er, um von der Oberfläche der Erde zu verſchwinden, nur noch auf die geräuſchvolle Art des Holzhauers. Iſt ſie übrigens nicht eine Wohlthat des Himmels, dieſe ſtufenweiſe Vereinzelung, in der uns Alles läßt, was uns liehte, und Alles, was wir liebten? Iſt es nicht, wenn man ſich ſelbſt zur Erde neigt, beſſer, daß von der Erde die bekannteſten und theuerſten Stimmen kommen? Iſt es nicht tröſtlich, daß, wenn man unver⸗ meidlich nach einer unbekannten Welt wandert, ſicher iſt, dort alle dieſe Erinnerungen zu finden, die uns, ſtatt uns zu folgen, vorangegangen ſind? Unſer armer James Rouſſeau iſt geſtor⸗ ben, hatte mir mein Sohn geſagt. Sagen wir nun, mit welcher Erinnerung meines Lebens derjenige, deſſen Tod man mir ankündigte, ver⸗ knüpft war. Ich zählte achtzehn Jahre, keine Zukunft, keine Erziehung, kein Vermögen. Ich war zweiter Schreiber eines Notars in der Provinz und haßte das Notariat. Ich ſchickte mich an, mich um die Stelle eines Steuer⸗ einnehmers in irgend einem kleinen Dorfe zu bewerben, wo mein Leben dunkel und unbekannt verlaufen ſollte, als ich bei dem Feſte des kleinen Fleckens Corey, eine Meile von Villers⸗Cotterets, vom Ende eines Fußpfa⸗ des, den ich folgte, herkommend, drei Perſonen er⸗ blickte, die ich nach dreißig bis vierzig Schritten noth⸗ wendig kreuzen mußte. 174 Dieſe drei Perſonen waren ein junger Mann von meinem Alter, eine junge Frau von ſechsundzwanzig Jahren und ein Mädchen von fünf. Der junge Mann war meiner Erinnerung völlig fremd; die zwei andern Perſonen, das heißt die junge Frau und das Mädchen vermengten ſich mit den erſten Ereigniſſen meines Lebens. Die junge Frau war die Baronin Capelle. Das Mädchen war Marie Capelle, ſeitdem Madame Lafarge. Mein Gott! wer hätte damals geſagt, würde er die ſchöne junge Frau und das lachende Kind, von denen die eine kaum dem andern im Alter voran, haben her⸗ beikommen ſehen, wer hätte geſagt, es ſei in der Zu⸗ kunft ein frühreifer Tod für die Mutter, ein noch viel größeres Unglück, als der Tod, für die Tochter zu er⸗ warten? Ein warmer Strahl der Sonne drang durch die großen Bäume und machte auf den glänzenden Stirnen und den weißen Kleidern von Mutter und Kind den Schatten der Blätter zittern, die von dem Wind, der beim Herannahen des Abends durch die Wälder ſtreicht, leicht bewegt waren. Ich ſagte, ich habe dieſe junge Frau gekannt. Ich kannte ſie in der That durch alle guten Gefühle mei⸗ nes Herzens, durch die Freundſchaft, durch die Dank⸗ barkeit. Ich war Waiſe mit drei Jahren, ihr Vater wurde mein Vormund. Außer meiner Mutter und meiner Schweſter, die mir blieben, fand ich wieder eine zweite Mutter und drei weitere Schweſtern im Schloſſe Vil⸗ lers⸗Hellon. Ich wende mich gegen die Vergangenheit um und grüße Euch mit Hand und Herz, Hermine und Louiſe; ich habe Euch ſeit zwanzig Jahren nicht wieder⸗ geſehen, meine Schweſtern; man ſagt mir, Ihr ſeid im⸗ mer noch jung, immer noch ſchön; ich ſage Euch, ich, der ich im Grunde meines Herzens ſo religiös bei meinen on i lig ige ten me er nen E Zu⸗ iel er⸗ die nen den der cht, Ich nei⸗ nk⸗ rde iner eite Vil⸗ heit und der⸗ im⸗ ich, inen 175⁵ Erinnerungen bin, ich ſage Euch, daß Ihr immer ge⸗ liebt ſeid. Oh! ſehr oft denke ich an Euch; wenn meine Augen, ermüdet von der brennenden Sonne, die das Leben des Dichters verſengt, die Strahlen meines Mittags durchdringen und auf dem bläulichen Horizont meiner jungen Jahre ausruhen, dann ſehe ich Euch wieder, ſo wie Ihr waret, duftende Blüthen meiner früheſten Kindheit, über den Rand des Waſſers geneigt wie Li⸗ lien, mit den Gebüſchen vermiſcht wie Roſen, im hohen Graſe verloren wie Veilchen; ach! Ihr denkt nicht an mich; der Wind hat mich in eine andere Welt fortge⸗ tragen, als die Eurige und die meinige; Ihr ſeht mich nicht mehr, und weil Ihr mich vergeßt, glaubt Ihr, ich vergeſſe Euch. Das waren alſo die junge Frau und das junge Mädchen, welche an einem ſchönen Junitag gegen ein Uhr Nachmittags mir enigegenkamen, das heißt, einem armen Kinde, deſſen Zukunft bedeutend demüthiger und dunkler war, als die ihrige. Sagen wir nun auch, wer der wie ein deutſcher Student gekleidete junge Mann war, auf deſſen Arm ſich Madame Capelle ſtützte. Es war der Sohn eines Mannes, deſſen Name verhängnißvoll und berühmt in der Geſchichte der Mo⸗ narchien bleiben wird, eines Mannes, der der Freund von Ankerſtröm, von Horn; es war der Sohn des Grafen von Ribing; es war derjenige, welchen Sie Alle unter dem Namen Adolph von Leuven kennen, ein Namen, mit dem er ſpäter einige der ſchönſten und fruchtbarſten Succeſſe der komiſchen Oper und der Vau⸗ deville unterzeichnen ſollte. Ich traf mit dieſen drei Perſonen zuſammen, welche alle drei miteinander ſechsundvierzig Jahre alt waren, gerade das Alter, das eine von dieſen drei Perſonen heute hat. Madame Capelle ſtellte mich ihrem Cavalier vorz wir 176 waren zwei Kinder von demſelben Alterz wir begannen an dieſem Tag eine Freundſchaft, die kein düſterer oder glücklicher Tag ſeitdem geſtört hat; und wenn wir uns heute begegnen, grüßen wir uns noch mit demſelben freundlichen Lächeln, mit demſelben ſympathetiſchen Schlagen des Herzens, womit wir uns vor fünfund⸗ zwanzig Jahren begrüßten. Ach! ich bin genöthigt, es zu ſagen, ſelbſt in die⸗ ſer Zeit der Gleichheit, iſt Adolph von Leuven nicht nur ein Mann der Literatur, ſondern beſonders ein Edelmann der Literatur. Er war mit ſeiner Familie verbannt und mußte in einem Rayon von zwanzig Meilen von Paris blei⸗ ben: Paris war ſeiner von den Bourbonen der älteren Linie geächteten Familie verboten. Aber ſo jung er war, er hatte doch den Boden der Hauptſtadt berührt, er hatte mit ſeinen Lippen an dem berauſchenden Becher genippt, aus dem man zuerſt die Hoffnung, dann den Ruhm, dann die Bitterkeit trinkt; er hatte nur von der Hoffnung gekoſtet. Er hatte für das Gymnaſe zu arbeiten verſucht, wo er Perlet, den vortrefflichen Schauſpieler, den alle Männer von dreißig bis vierzig Jahren gekannt haben, und dann ein hübſches Mädchen mit einem Namen, der aufblühte wie eine Roſe, Fleuriet kannte, welche an Gift geſtorben ſein ſoll. Alle dieſe Namen waren mir unbekannt, mir, dem armen Provinzmenſchen, der ich meine Vaterſtadt nur verlaſſen hatte, um im Jahr 1807 einen Ausflug nach Paris zu machen, mir, deſſen Erinnerungen ſich darauf beſchränkten, daß ich wie durch eine Wolke eine Vor⸗ ſtellung von Paul und Virginie, durch Michu und Frau von Saint⸗Aubin, wiederſah. Und dennoch waren, mitten unter dem Allem, die großen Buchen des Waldes von Villers⸗Cotterets, ge⸗ pflanzt von Franz I. und Madame d'Etampes, unter denen Heinrich IV. und Gabriele geſeſſen hatten, dieſe — 18— ——— nnen oder uns elben ſchen fund⸗ die⸗ nicht ein ußte blei⸗ teren n der dem ſt die inkt; ſucht, alle aben, „der e an dem tnur nach arauf Vor⸗ und , die „ge⸗ unter dieſe 177 großen Buchen mit ihrem düſteren Blätterwerk, mit ihrem dichten Schatten, mit ihrem langen Rauſchen, waren nicht ſtumm für mich geblieben. Die Dichter jener Zeit waren Demouſtier, Parny und Legouvé. Alle drei hatten unter dem kühlen, beweglichen Gewölbe dieſes Parkes gewandelt, der heute niederge⸗ hauen iſt, wie alle großen Dinge; und wenn ich, ein Kind, unter dieſem grünen Gewölbe umherlief, Schmet⸗ terlinge verfolgte oder Blumen pflückte, geſchah es mehr als einmal, daß ich anhielt und Verſe las, die ſie eigenhändig auf die ſilberne Rinde geſchrieben hatten, wo ſie die öffentliche Verehrung vor jeder Verſtümm⸗ lung ſchützte. Die erſten Verſe, die ich las, las ich alſo nicht in Büchern, ich las ſie auf Bäumen, wo ſie gewachſen zu ſein ſchienen, wie die Früchte wachſen, wie die Blumen wachſen. Und mehr als einmal, wie das Klingen einer Harfe, die durch den Hauch und die Finger des Muſikers be⸗ lebt wird, eine einſame, ſtumme, in irgend einen Win⸗ kel verlorene, an irgend einer Wand hängende Laute ertönen macht, mehr als einmal habe ich mitten in der Schöpfung meine erſten ungeübten und unhatmoniſchen Dichterſchreie ausgeſtoßen. Und wenn, da wir bei einem von den alten Bäu⸗ men ſaßen, die mit ihren hundertjährigen Schatten uns Beide überſmten, uns, deren Väter an den beiden Enden der Welt geboren waren, und die der Zufall ver⸗ einigt hatte, damit wir der Eine auf des Anderen Geſchick Einfluß übten, wenn, ſtatt der demüthigen, ruhi⸗ gen Zukunft eines Provinzbeamten, von Leuven eine Ecke des Schleiers aufhob, der mir das Leben von Paris ver⸗ barg; wenn er mir mit jenem Vertrauen der Jugend, de enen Gewande, das jeder Tag des reiferen W zerknittert und trübt, mir den Kampf, das Geräuſch, den Ruf, dieſe beifallklatſchenden Zuſchauer, auſend und ein Geſpenſt.. 12 178 vieſe erhabenen Entzückungen eines glücklichen Erfolges zeigte, die ſo ſchmerzlich, daß ihre Genüſſe Qualen und ihre Gelächter Seufzern gleichen; da fiel mein Kopf in meine Hände und ich murmelte: „Ja, ja, Sie haben Recht, Leuven, wir müſſen nach Paris gehen, denn es gibt nur Paris.“ Erhabenes Vertrauen des Kindes zu Gott. Was fehlte uns in der That, um nach Paris zu gehen? Ihm, die Freiheit. Mir, das Geld. Er war verbannt, ich war arm. Doch wir zählten jeder neunzehn Jahre, neunzehn Jahre, das iſt die Freiheit, das iſt der Reichthum; es iſt mehr als dies, es iſt die Hoffnung. Von dieſem Augenblick an lebte ich nicht mehr in der Wirklichkeit, ſondern im Traume, wie ein Menſch, der die Sonne angeſchaut hat und mit geſchloſſenen Augen noch das blendende Geſtirn ſieht. Meine Augen hefteten ſich auf ein Ziel, von dem ſie ſich einen Moment abwenden konnten, zu dem ſie jedoch, nach jedem Abwenden, hartnäckiger als je zurückkehrten. Nach Verlauf eines Jahres wurde die Verbannung des Grafen von Ribing aufgehoben. Adolph eilte, mir dieſe Nachricht mitzutheilen, und kehrte mit ſeinem Vater und ſeiner Mutter nach Paris zurück. Nur ich war noch ein Verbanne Von da an hatte meine Muttet keine Ruhe mehr. Das Wort Paris fand ſich in alleß eine Geſprächen, in allen meinen Liebkoſungen, in allen meinen Küſſen. Ich habe anderswo erzählt, wie ſich dieſer glänzende Wunſch verwirklichte, wie ich nach Paris kam, wie ich aus der Diligence in einem kleinen Gaſthauſe der Rue des Pieur⸗ Auguſtins abſtieg, mit fünfzig Franken in meiner und vertrauensvoll und ſtolz, als hätte ich die W lampe von Aladin beſeſſen, was man gerade in d im Augenblick meiner Ankunft ſpielte. Nach drei Monaten hatte meine Mutter realiſtt — S —. er————„——- — lges und f in iſſen Was zehn es rin nſch, enen dem doch, rten. nung mir inem nehr. chen, üſſen. zende s der eur⸗ örſe, nder⸗ 179 was ſie zu realiſten vermocht, vielleicht hundert Louis d'or, und war mir nachgefolgt. Ich hatte zwölf hundert Franken Gehalt. Die hundert Louis d'or meiner Mutter, verſtärkt durch meine zwölf hundert Franken Gehalt, dauerten zwei Jahre. Da begann der Kampf. Ich war nicht ſobald mit den erſten Intelligenzen, die ich fand, zuſammengetroffen, als ich wahrnahm, daß ich nichts wußte und kannte, weder Griechiſch, noch Lateiniſch, noch Mathematik, noch eine fremde Sprache, noch meine eigene Sprache, nichts in der Vergangen⸗ heit, nichts in der Gegenwart, weder die Lebendigen, noch die Todten, weder die Geſchichte, noch die Welt; bei dem erſten Stoß fiel auch mein Vertrauen zu mir; doch Gott geſtattete, daß mir der Wille blieb, und daß im Schvoße dieſes Willens die Hoffnung blühte. Leuven, mein Einführer in die wirkliche Welt, wie in die erdichtete Welt, verließ mich indeſſen nicht. Wir gingen an die Arbeit. Oh! für den Augenblick war mein Ehrgeiz nicht groß. Es handelte ſich darum, ein Vaudeville für das Gymnaſe zu verfertigen. Nun! ſo geringfügig dieſes Werk war, wenn wir uns, nach einer Arbeit von zwei Stunden, die uns das Hirn zerbrach, ins Geſicht i mußten wir uns ſelbſt geſtehen, daß wir ni Stande, es allein zu vollbringen. Eines ſhing mir Leuven vor, uns einen ſei⸗ ner Fri ien reizenden Liederdichter, beizuge⸗ ſellen, d i Heſaugiers in Verbindung ſtand und ſich durch ſeinen Geiſt eines ſprüchwörtlichen Rufes erfreute. war vertraut mit allen Directoren von Paris, zefflich und riß ein Comits fort. erkannte, wie er, unſere Unzulänglichkeit und ſeinen Vorſchlag an. An demſelben Abend laſen Unſer Vaudeville unſerem zukünftigen Mitarbeiter auf deſſen Geſicht ich ängſtlich allen Eindrücken, 180 die es verrieth, folgte. Leuven las. Ich hätte nicht leſen können, ſo bewegt war ich. „Es iſt gut,“ ſagte er, als Leuven geendigt hatte, „wir müſſen das in die Hand nehmen. Es iſt vielleicht etwas daraus zu machen.“ In der That, unter der Feder unſeres Mitarbei⸗ ters, welche mehr geübt, als die unſere, änderten ſich die Phraſen, ſchärften ſich die Couplets, ſprangen da und dort Funken aus dem Dialog hervor, und nach acht Tagen war das Werk vollendet. Wir verlangten, oder vielmehr unſer Mitarbeiter verlangte Leſung im Gymnaſe und erhielt ſie. Wir wurden einſtimmig abgewieſen. Wir verlangten Leſung in der Porte Saint⸗Martin. Wir bekamen ſechs ſchwarze Kugeln und zwei weiße. Wir laſen im Ambigu⸗Comique. Wir fanden eine glänzende Aufnahme. Das war ein großer Verdruß, nicht für meinen dramatiſchen Stolz, ich habe nie gewußt, was die Ari⸗ ſtokratie des Theaters iſt, ſondern für meine pecuniären Berechnungen, denn je mehr wir vorrückten, deſtv mehr nahm die Beengung bei meiner Mutter und mir zu. Ich hatte jedoch Zulage in meinem Bureau erhalten, und bekam fünfzehn hundert Franken ſtatt zwölf: aber we⸗ niger Neuling in gewiſſen Dingen, als in andern, hatte ich, während wir nur mit großer Müh ein Vaudeville zu Drei zu machen vermochten, ein Kid ganz allein gezeugt. Die Geburt von Alerandre hlic un voll⸗ kommen die Zulage von monatlichen 25 Ftanken aus, die ich der Großmuth des Herzogs von Orleans zu verdanken hatte. Der Ruhm, den mir mein ggſtes Vaudeville⸗Drittel bringen ſollte, war allerdings hicht zu verachten, doch ich muß geſtehen, die Veſſſerge⸗ bühren von dieſem Drittel wurden von mein mit ebenſo großer Ungeduld erwartet, als von Stirne das erſte Lächeln des Rufes. Die Verfaſſergebühren für ein im Ambigu geſ icht tte, icht bei⸗ ſich da rach iter tin. iße. inen Ari⸗ iren tehr Ich und we⸗ atte ille lein oll⸗ us, zu ſtes icht rge⸗ che er 181 tes Vaudeville betrugen zwölf Franken für den Abend und ſechs Franken an Billets. Was Jedem von uns, wenn die Billets um den halben Preis verkauft wurden, eine Summe von fünf Franken ausmachte. Ein vortrefflicher Mann, der mehr für die drama⸗ tiſchen Schriftſteller von Paris gethan hat, als je Herr Soſthenes de la Rochefoucauld, Herr Cavé oder Herr Charles Blanc, Porcher, lieh mir eines Tags, als ich nichts hatte, um zu Hauſe zu Mittag zu eſſen, fünfzig Franken. Dieſes Darlehen von fünfzig Franken war das erſte Geld, das ich mit meiner Feder verdiente. Was man mir jeden Monat an der Kaſſe des Herrn Herzogs von Orleans bezahlte, verdiente ich mit meiner Handſchrift. Endlich kam der große Tag; unſerem Stück wurde bei der Aufführung der Succeß achtender Anerkennung zu Theil. Ein Succeß achtender Anerkennung im Ambigu im Jahre 1826, verſtehen Sie wohl, der mir für mei⸗ nen Theil hundert und fünfzig Franken eintrug. Das Stück war betitelt: Die Jagd und die iebe. Unſer Mitarbeiter aber hieß James Rouſſeau. Welch ein ſeltſames Zuſammentreffen! Es geſchah in einer Entfernung von drei und zwanzig Jahren, ebenfalls am Abend eines Succeſſes, daß mein Sohn, mein Alexandre, der im Jahre 1826 kaum ein wimmern⸗ des Kind, mich in meinem Hauſe erwartete und zu mir ſprach: „Unſer armer James Rouſſeau iſt geſtorben.“ Armer James Rouſſeau, was war während dieſer drei und zwanzig Jahre für Dich, der Du ſo gut, ſo geiſtreich, ſo liebevoll, das Leben geweſen? Ich will es ſagen.. Finden Sie nicht, daß es mit den Jahrhunderten 182 iſt wie mit den Menſchen, und daß ſie ihre tolle Ju⸗ gend, ihr ernſtes, reifes Alter und ihr düſteres Greiſen⸗ alter haben? Eine tolle Jugend in der That, die Ju⸗ gend des XVII. Jahrhunderts mit ſeiner Regentſchaft, mit Herrn von Orleans, Frau von Berry, Frau von Prie, dem Herrn Herzog, Frau von Chateaurour und Richelieu; das reife ernſte Alter, welches den Ruf des Marſchalls von Sachſen, Herrn von Löwendal, von Chevert, erblühen ſieht und die Schlachten von Fontenay und Raucour gewinnt; ein düſteres Greiſenalter, wel⸗ ches mit den Kriegen in Canada, mit dem Vertrage von Paris, mit dem Brande des Königs beginnt, der das Königthum anſteckt und mit den Metzeleien der Abtei, den Blutgerüſten des Revolutionsplatzes und den Orgien des Directoriums endigt. So war es mit unſerem XIX. Jahrhundert. Wa⸗ terloo hatte es zuerſt traurig gemacht, wie ein ver⸗ waiſtes Kind; aber die Reſtauration, im Ganzen ge⸗ nommen eine ziemlich gute Mutter, gab ihm bald ſeine Sorgloſigkeit und ſeine Tollheit wieder. Von 1816 bis 1826 datiren die letzten Blitze der franzöſiſchen Heiterkeit, die letzten Lieder des Caveau*), dieſe Lieder von Liederdichtern, welche noch nicht die Anmaßung hatten, Lieder von Poeten zu ſein, Lieder, unterzeichnet Armand Gouffs, Döéſaugiers, Rougemont, Rochefort, Romieu und Rouſſeau. In dieſer Periode blühten Potier, Brunet, Tier⸗ celin. Tiercelin ſpielte die Straßenecke; Brunet, Jocriſſe Herr und Jveriſſe Diener, Potier, Ich mache meine Poſſen. Das war wirklich die Zeit der Poſſen; dieſe Ueber⸗ lieferung des alten Geiſtes der Baſoche, die wir Vier⸗ zigjährige nach und nach Seufzer um Seufzer, Athem *) Caveau, ſo hieß ein Dichterverein, geſtiftet im Jahre 1726 in Paris; der Verſammlungsort war urſprünglich bei dem Traiteur Landelle, ſpäter der Rocher de cancalo. un an die eit d' Ju⸗ ſen⸗ Ju⸗ aft, von und des von nay wel⸗ rage der der den Wa⸗ ver⸗ ge ſeine 816 chen eder ung hnet fort, Lier⸗ unet, tier, eber⸗ Pier⸗ them 1726 i dem 183 um Athem haben ſterben ſehen, wie man einen Greis an Erſchöpfung und Abzehrung ſterben ſieht. Man ſpeiſte in jener Zeit zu Mittag; es gab noch Künſtler⸗Reſtaurateurs, welche mit großem Ernſte über die Angelegenheiten der Küche mit den Herren Brillat⸗ Savarin und Grimod de La Reynière ſprachen, wie einſt Herr von Condé mit. Vatel. Die Einen waren Küchenmeiſter bei Combacéres geweſen, die Anderen bei dAigrefeuille; ſie hießen Borel und Beauvilliers. Heute ißt man auch beim Reſtaurant, aber man ſpeiſt nicht mehr zu Mittag. Und dann ſpeiſte man nicht nur zu Mittag, ſondern man ſpeiſte auch zu Nacht, eine andere Ueberlieferung aus dem vorigen Jahrhundert, welche beinahe erloſchen iſt. Wer kann ſagen, was der franzöſiſche Geiſt in der Anfhebung des reizenden Mahles verloren hat, das beim Scheine der Kerzen und in der Stunde ſtattfand, wo man die Träume macht, in der Stunde endlich, wo alle Sorgen, alle Angelegenheiten, dieſe Geſpenſter des Tages, verſchwunden ſind? Romieu, Rouſſeau und Henri Monnier waren gewaltige Soupeurs. Jung, mit einem Appetit ausge⸗ rüſtet, der häufig viel größer, als ihre Börſe, jenes Nomadenleben führend, das zwiſchen dem Zigeuner und dem Studenten die Mitte hält, brauchte für ſie das Schild des Reſtaurant keinen berühmten Namen in den Jahrbüchern der Küche, daß ſie hier ihr Zelt auf⸗ ſchlugen; nein, das erſte, das beſte Wirthshaus genügte: man ſetzte ſich zu einer Paſtete, zu ſeinem Rippchen, zu einer Matelotte; in Ermangelung von Champagner ließ man Pouilly, in Ermangelung von Chambertin ließ man Beaugeney aus dem Keller heraufholen. Man ſang: Qu'on est heureux d'n'avoir pas le sou und andere luſtige Lieder aller Art, man ging um zwei Uhr Morgens weg, erhitzt durch die Weine, das Gelächter, durch den Geſang, dann begannen die Po ſſen. Für die Generation, die uns folgt, find dieſe 184 Poſſen nur noch im Zuſtande von Legenden bekannt: es gibt da die Legende von den zwei großen Affen, die Legende von den Lampen, die Legende vom Portier, von dem man von ſeinen Haaren verlangt, dies Alles vermiſcht mit Katzen, die man an die Glockenzüge ge⸗ bunden, mit zerbrochenen Scheinwerfern, mit ausge⸗ ſpannten Schnüren, nächtlichen Epiſoden, welche bei⸗ nahe immer damit endigten, daß die Poſſenmacher zum Commiſſär des Quartiers, in dem ihre Thaten ſtatt⸗ fanden, geführt wurden. Aber die Commiſſäre entſprachen der Epoche; ſie waren zu ihrer Zeit ſelbſt Poſſenmacher geweſen; ein ganz väterlicher Verweis war gewöhnlich die einzige Strafe für dieſe häufigen Verletzungen der Vorſchriften der Munieipalpolizei; Jeder hatte ſeinen Lieblingscom⸗ miſſär, zu dem er geführt zu werden verlangte. Rouſſeau hatte den des Quartier de'Odeon ge⸗ wählt. Sechsmal in derſelben Woche, ſechsmal von Montag bis zum Sonnabend, das heißt einmal in jeder Nacht, hatte er ſich dieſem armen Mann empfohlen, der ſich endlich, müde, ſtets zu derſelben Stunde, durch den⸗ ſelben Menſchen und aus derſelben Urſache geweckt zu werden, ſtellte, als wäre er aufgebracht. Rouſſaue hörte den Verweis mit großer Salbung und tiefer Demuth an; dann, als der Beamte geen⸗ digt hatte, erwiederte er: „Sie haben Recht, Herr Commiſſär. Morgen werde ich mich zu einem Andern führen laſſen. Sie ſollen wenigſtens am Sonntag ſchlafen.“ Dieſes muntere Leben dauerte ſo lange als die Re⸗ ſtauration dauerte: das war eine gute Zeit für Jeden, der Geiſt hatte, und Rouſſeau hatte ſo viel, beſonders beim Nachtiſch, daß Jedermann Rouſſeau anerkannte, obgleich er nie etwas hatte drucken laſſen, ausgenom⸗ men die Jagd und die Liebe. Denn alle jene reizende Artikel, welche im Figaro, in der Pandore, im Journal Roſe erſchienen und viel zu allen dieſen = ſ nnt: die tier, lles ge⸗ sge⸗ bei⸗ zum att⸗ ſie ein zige ften om⸗ ge⸗ von eder der den⸗ zu n een⸗ egen Sie Re⸗ den, ders. inte, om⸗ jene ore, ieſen 185 Mittagsmahlen und Abendbroden lieferten, unterzeichnete Niemand, man machte ſie gemeinſchaftlich, wie man ge⸗ meinſchaftlich aß. Es kam die Julirevolution; das war eine Bombe in die Schaar der Singvögel geworfen: die Politik er⸗ faßte die Einen, die öffentlichen Angelegenheiten rißen Andere fort, wieder Andere nahm die Kunſt ganz und gar in Anſpruch. Romien erhielt die Stelle eines Unterpräfecten. MWonnier wurde Schauſpieler. Rouſſeau blieb allein und vereinzelt. Von dieſem Augenblick an hörten die Abendbrode auf. Ein Diſtichon beſtätigt, daß es Romien war, der das Aufhören der Abendbrode herbeiführte und bei ſei⸗ ner Rückkehr nach Paris, nach einer einjährigen Ver⸗ bannung in die Proyinz, dieſe ſchöne Gewohnheit wie⸗ deraufleben machte. Es folgt hier das Diſtichon zu Unterſtützung deſ⸗ ſen, was wir behaupten: Lorsque Romieu revint du Monomotapa Paris ne soupait plus et Paris ressoupa. Romien kehrte mit dein Rufe eines vortrefflichen Unterpräfecten zurück. Wohl war die Geſchichte von einer Lection, die er Kindern ertheilt, welche einen Scheinwerfer nicht zerbrechen konnten; wohl war das Mährchen vom Uhrmacher und von der Uhr, doch dies Alles bewies Eines, was bis dahin nicht bewieſen wor⸗ den war: daß man ein Mann von unendlich viel Witz und dennoch einen guten Unterpräfecten geben ann. Das wurde ſo klar bewieſen, daß Romien als Präfect wieder abreiſte. Bei Rouſſeau war das Alter gekommen und hatte, ohne etwas ſeinem reizenden Geiſte oder ſeinem vor⸗ trefflichen Herzen zu benehmen, ſeiner Vernunft etwas beigefügt. Er war immer noch der Mann vom Nach⸗ 186 tiſch, der Liederdichter voll Schwung, der heitere Trin⸗ ker, er war aber auch der Mann der täglichen Arbeit. Die bei der Julirevolution veränderten Polizeicommiſ⸗ ſäre kannten ſeinen bei den Commiſſären der Reſtaura⸗ tion berüchtigten Namen nicht. Er war Redacteur der Gazette des Tribuneaur geworden. Er war es, der in dieſem vortrefflichen Journal mit einem Feuer, das nur ihm eigenthümlich war, alle die Ge⸗ ſchichten von Landſtreichereien, von Freiſchenken, von Diebſtählen erzählte, wobei jeder Schauſpieler einen Charakter, einen Gang, beinahe ein Geſicht einnahm. Im Jahre 1839, wie ich glaube, verheirathete ſich Rouſſeau. Sie ſehen wohl, er hatte ſich ganz in die Ordnung gefügt. Er that mehr, er nahm ſeinen Auf⸗ enthalt in Neuilly. Von dieſem Tage an war keine Sorgloſigkeit mehr in ſeinem ſonſt ſo ſorgloſen Leben, keine Trägheit mehr in dieſem ſonſt ſo trägen Daſein. Rouſſeau hatte be⸗ griffen, daß er, Philoſoph, wenn er allein lebte, Ent⸗ behrungen ertragen konnte, daß er aber nicht berechtigt war, dieſe Entbehrungen der Frau aufzuerlegen, die ihre Exiſtenz mit der ſeinigen verbunden; aber trotz der Arbeit, trotz der monatlichen und beſtimmten Bezahlung dieſer Arbeit, hatte das Leben ſeine Anforderungen, und Rouſſeau fand ſich zuweilen viel ärmer, als zur Zeit, wo, in Ermangelung des Geldes, die Heiterkeit blieb. Rouſſeau ſang an ſolchen Tagen nicht mehr: Qu'on est heureux d'n'avoir pas le sou, Rouſſeau nahm an ſolchen Tagen nicht einmal den Omnibus, er ging zu Fuß nach Paris, beſuchte mich und ſagte: „Nicht wahr, Du ſtehſt immer noch gut mit dem Herzog von Orleans?“ Ich wußte, was dies bedeutete. Ich machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopf und gab ihm auf die Kaſſe meines theuren und vortrefflichen Prinzen eine Anweiſung von ein, zwei oder dreihundert Franken, je nach dem Bedürfniß. Aſſeline honorirte dieſe Anwei⸗ in⸗ eit. niſ⸗ ra⸗ der var em He⸗ von nen hm. ſe die luf⸗ ehr ehr be⸗ nt⸗ tigt ihre der ung und eit, ieb. 'on hm ing dem ein die eine je wei⸗ 187 ſung, Rouſſeau kam wieder durch mein Haus, drückte mir die Hand und ſprach: „Ohl Du ſiehſt, ich werde Dich bis zu meinem Tode aufſuchen, damit Du mich begraben läſſeſt.“ Der arme Rouſſeau, er glaubte nicht ſo wahr zu ſprechen. Der Prinz wurde getödtet. Eine große und reiche Ouelle entging Rouſſeau. Doch in Ermangelung des Prinzen blieben die Miniſter. Wurde die Klemme in der Haushaltung in Neuilly zu fühlbar, ſo ſah ich Rouſſeau wieder. „Wie ſtehſt Du mit dem Miniſter des öffentlichen Unterrichts?“ fragte er mich. „Gut,“ antwortete ich, wenn es Herrbon Salvandy war, der das Miniſterium inne hatte, ſchlecht, wenn es Herr Villemain oder Herr Coufin war. Und wenn es Herr von Salvandy war, gab ich Rouſſeau eine Zeile an dieſen, und Herr von Salvandy honorirte aus prinzlicher Ueberlieferung. Und waren es die Herren Villemain oder Coufin, ſo öffnete ich meine Schublade und ſagte: „Nimm, mein Freund.“ und Rouſſeau nahm ohne Zögern aus meiner Schublade, wie ich aus der ſeinigen genommen hätte, wäre Rouſſeau im Beſitze einer Schublade geweſen, aus der ich hätte nehmen können. Man glaube jedoch nicht, daß ſich dies oft wieder⸗ holte; kaum einmal alle zwei Jahre; höchſtens einmal alle Jahre. Es kam die Februarrevolution. Der Gehalt von Rouſſeau wurde von dreihundert Franken auf hundert herabgeſetzt. Ach! und kein Prinz mehr, und beinahe keine Miniſter mehr. Dabei eine grauſame Krankheit, etwas wie eine Bruſtkrankheit, von der ſich die Aerzte keine Rechenſchaft 188 gaben, Erſtickungsanfälle, welche den Athem unterbrachen und die Stimme hemmten. Dann konnte man ſehen, was ſich Alles an Er⸗ gebenheit und Muth in dieſem ſo guten Herzen, in dieſer ſo liebevollen Seele fand; leidend, daß er alle fünfzig Schritte genöthigt war, ſtehen zu bleiben, um Athem zu ſchöpfen, ging Rouſſeau jeden Morgen von Hauſe weg, um ſich auf ſein Bureau der Gazette zu begeben, wobei er ſich zuweilen ſtellte, als habe er zehn Sons in ſeiner Taſche, um den Omnibus zu nehmen, um ſeine Frau nicht zu beunruhigen. Dieſe zehn Sous hatte er aber nicht, und ſo machte er den Weg hin und zurück zu Fuße. Das dauerte über ein Jahr. Mehr als ein Jahr ſah ich ihn nicht. Der arme Freund, er wußte wohl, welchen Wider⸗ willen ich heute hätte, von denen⸗ welche da ſind, zu fordern, und mich wollte er nicht bitten, aus Furcht, ich habe nichts. Endlich, vor vierzehn Tagen, kam er; es war für ihn nicht möglich, länger zu warten. „Kennſt Du den Miniſter von?. fragte er mich. Ich kannte ihn nicht. Da aber James ſo zu mir kam, mußte das Bedürfniß ſo dringend ſein, daß ich nicht zögerte. „Ich kenne ihn nicht,“ erwiederte ich.„Aber er muß mich kennen, und ich will ihm ſchreiben.“ Und ich ſchrieb an den Miniſter von... um von ihm eine Unterſtützung für James Rouſſeau, Literaten, dramatiſchen Schriftſteller und Journaliſten, zu erbitten. Rouſſeau ſpeiſte bei mir zu Mittag, drückte mir die Hand und trug den Brief weg. Am Donnerſtag Morgen erhielt ich ein Billet vom Miniſter... Er bat mich um Auskunft über Herrn James Rouſſeau. Am Donnerſtag Abend erwartete mich, wie geſagt, chen Er⸗ in alle um von e zu zehn nen, ous hin Jahr ider⸗ „zu rcht, für nich. mir ß ich er er von aten, itten. r die vom derrn ſagt, 189 bei meiner Rückkehr mein Sohn, um mir die unſelige Kunde zu überbringen. Ich nahm die Feder und ſchrieb an den Miniſter von..* „Herr Miniſter, „Die einzige Auskunft, die ich Ihnen über Herrn Rouſſeau geben kann, iſt, daß er dieſen Morgen ge⸗ ſtorben, und zwar ohne Unterſtützung geſtorben.“ Man höre nun, wie Rouſſeau geſtorben war. Er fam zu Fuße von Neuilly und begab ſich in die Rue du Harlay, wo das Bureau der Gazette des Tribuneaur iſt. Um ein Viertel auf elf Uhr angelangt, trat er in das Redactionszimmer ein und las hier die Zeitungenz da gab er plötzlich einen Seuf⸗ zer von ſich, ſtand auf, ſtreckte die Arme aus, öffnete den Mund, ſpie einen Schluck Blut aus und ſtammelte: „Ein Schlagfluß! Ich bin nicht mehr unglücklich 1 Dann fügte er bei: „Meine arme Frau!“ Und er fiel mit dem Geſicht auf die Erde. Er war todt. Er hatte fünf Sous in ſeiner Weſtentaſche, und das war Alles, was er beſaß. „Sie haben Recht, Herr L. die Literaten ſter⸗ ben nicht Hungers; ſie haben ſogar Ueberfluß, da man bei ihrem Tode fünf Sous in ihrer Weſientaſche findet.“ Am Morgen um zwei Uhr war Alerandre in Neuilly; er brachte der Witwe unſeres armen Freundes den Troſt, daß ſie ſich um nichts zu bekümmern hätte und daß alle die traurigen Einzelheiten, welche auf den Tod einer Zeliebten Perſon folgen, uns angingen, uns, ſeine Freunde. Doch ſo ſehr ſich Alexandre auch beeilt hatte, an⸗ dere Freunde waren ihm ſchon zuvorgekommen. Das waren die Redacteurs der Gazette des Tribu⸗ neaur, welche die fromme Ehre anſprachen, den Leib 190 ihres Collegen an einem Orte niederzulegen, der ihm für die Ewigkeit gehörte. „Mein Herr L..., die Literaten ſterben nicht Hungers; aber man bringt ſie auf der Tragbahre der Armen nach Hauſe, weil man ſie für fünf Sous nicht in einem Fiaere zurückführen kann. Nein, die Literaten ſterben nicht Hungers, doch wenn Sie zu den Beerdi⸗ gungen der Literaten gingen, ſo könnten Sie die Ge⸗ richtsdiener ſehen, welche nur die Aufhebung des Leich⸗ nams abwarten, um den Beſchlag zu vollziehen, und Sie könnten ihnen ſagen, wie ich ſagte: „Warum nehmt Ihr den Leichnam nicht in Be⸗ ſchlag, man würde Euch in der Arzneiſchule ſieben Franken dafür geben.“ O arme, ſchlecht organiſirte Geſellſchaft, wo der Lebende kein Stück Brod findet, wo der Todte kein Grab findet, wo man wartet, bis der Leichnam des Mannes weggetragen iſt, um das Haus der Witwe zu plündern. Seien Sie ruhig, arme Frau, weinen Sie und beten Sie im Frieden, arme Witwe; wenn Sie in die traurige Wohnung zurückkehren, aus der man Sie ohn⸗ mächtig weggetragen hat, finden Sie, das ſage ich Ihnen, iedes Meuble an dem Platz, wo Sie es ge⸗ laſſen haben. Nur unſer Freund wird Ihnen fehlen; aber auch ihn werden Sie wiederfinden auf dem reizenden Fried⸗ hofe, wo wir ihn am Wege niedergelegt haben, wie einen müden Wanderer, der ausruht und wartet. Gott gebe Ihnen den Frieden im Leben! Gott ſei Ihnen barmherzig im Tode! des e zu und die ohn⸗ ich ge⸗ auch ried⸗ wie t ſei —— ——————— 191 Die Heirathen des Vater Glitus. Eine Sutti. „Der Menſch denkt, Gott lenkt; dieſes Sprüchwort, das wahrſte von allen Sprüchwörtern, ſcheint beſonders für den Schiffer gemacht worden zu ſein. „Wir reiſten von Goa in den erſten Tagen des Juni ab, das heißt zur Zeit, wo der Winter beginnt; wer aber die Stürme auf der Küſte von Malabar nicht geſehen hat, der hat Nichts geſehen. „Einer von dieſen Stürmen warf uns auf Cal⸗ cutta, wo wir wohl oder übel bleiben mußten. „Die Winter in Indien haben indeſſen das Gute, daß ſie nicht im Mindeſten von Kälte, ſondern nur von Winden, Wolken und Blitzen begleitet ſind, was dahin wirkt, daß die Früchte, um reif zu werden, ebenſo aus dem Winter, als aus dem Herbſte Nutzen ziehen. „Diejenigen, welche des Winters müde find, haben übrigens nicht viel Weg zu machen, um eine andere Jahreszeit zu ſuchen. Sie brauchen nur über das Ge⸗ birge zu ziehen, das von Norden nach Süden läuft. Statt auf der Küſte von Malabar zu ſein, befinden ſie ſich ſodann auf der Küſte von Coromandel, und ſtatt vom Winter des perſiſchen Golfs durchnäßt zu werden, werden ſie vom Sommer des Golfs von Bengalen geröſtet. „Ich muß Ihnen übrigens ſagen, es gibt nichts Schöneres, als dieſe Küſte, ganz beſät mit Palmbäumen und Cocosbäumen, welche, beſtändig grün und blätter⸗ reich, in den ſtarken Winden ſich niederlegen wie Brü⸗ ckenbogen. Es gibt nichts ſo Schönes, als dieſe Cbene, als dieſe Prairien, als dieſe Flüſſe, als dieſe Seen, worin ſich nach Herzensluſt Städte, Dörfer und Land⸗ häuſer ſpiegeln, und die ſich vom Cap Comorin bis Mangalore erſtrecken. „Als ich ſah, daß wir an der Küſte waren, und 192 als der Patron mir ſagte, es ſei vor drei bis vier Mo⸗ naten unmöglich, wieder in See zu gehen, da faßte ich meinen Entſchluß, und da ich ſchon beinahe zu drei WVierteln Hindu war, ſo entſchied ich mich für ein Eta⸗ bliſſement in Calcutta, und dies mit um ſo größerer Ruhe, als ich, da Calcutta in der Gewalt der Eng⸗ länder war, welche Proteſtanten ſind, nichts von meiner verteufelten Inquiſition zu befürchten hatte. Ueberdies war zehn Meilen von Calcutta Mahe, was ein fran⸗ zöſiſches Comptvir iſt, und ich konnte folglich zu geeig⸗ neter Zeit gegen jede Gewaltthat Einſprache thun. „Was mir vor Allem auffiel, war die Länge der Ohren, die ich traf. Ich hatte bis dahin Ohren von einer ziemlich hübſchen Dimenſion zu haben geglaubt, und ich verdankte dieſe Zierrath der Freigebigkeit, mit der mein Vater und meine Mutter mich immer in meiner Jugend daran zogen, aber ich bemerkte, daß meine Ohren nicht den vierten Theil des Umfangs erlangt hatten, den die menſchlichen Ohren erreichen fönnen. Dies kommt davon her, daß man den calcut⸗ tiſchen Kindern in dem Augenblick, wo ſie geboren werden, die Ohren durchbohrt, und daß von dieſer Zeit an die ſinnreichen Eltern in die Oeffnung ein getrock⸗ netes und zuſammengerolltes Palmblatt ſtecken, welches unabläßig ſich zu entrollen trachtet und dadurch das Loch unmäßig erweitert, ſo daß es dergleichen Ohren gibt, durch welche man mit der Fauſt fahren kann. „Meine erſte Sorge, als ich landete, war, daß ich einen Nair, eine Art von Janitſcharen. nahm, der mich in der Stadt und der Umgegend umherführen und mich beim Wiethen und Ankaufen leiten ſollte. „Wir wanderten alſo gegen Calcutta. Doch unter Weges wurden wir von einem ſolchen Sturm überfallen, daß ich mich genöthigt ſah, eine Zuflucht in einer ma⸗ labariſchen Pagode zu ſuchen. Es war gerade diejenige, in welche ſich vierhundert Jahre vorher Vasco de Gama begeben hatte. drei ta⸗ erer ng⸗ iner dies an⸗ eig⸗ der von ubt, mit in daß angs chen leut⸗ oren Zeit rock⸗ lches das hren ß ich mich mich unter allen, rma⸗ enige, Gama 193 „Da das Innere des Tempels mit Bildern ausge⸗ ſchmückt war, ſo hielten Vasco und ſeine Genoſſen die Pagode für eine chriſtliche Kirche, und da Männer, mit Calicot bedeckt, das heißt Prieſtern in kleinem Ornate ähnlich, ihnen Waſſer und Aſche auf den Kopf goßen, ſo beſtärkte ſie das nur noch mehr in ihrem Glauben. „Einer von den Gefährten von Gama jedoch, der, als er alle die Idole mit ſeltſamen Geſichtern erblickte, Beſorgniſſe bekam und das Heil ſeiner Seele nicht ge⸗ fährden wollte, begleitete ſein Gebet mit folgendem Vorbehalt: „„Mag ich oder mag ich nicht im Hauſe des Teu⸗ fels ſein, es iſt Gott, an den ich mein Gebet richte.““ „Ich, der ich ein wenig Heide bin, richtete weder an Gott, noch an den Teufel ein Gebet. Ich wartete, bis der Regen vorüber war, nichts Anderes. „Ich hatte immer von einem in Calcutta ſehr ge⸗ bräuchlichen commerciellen Verhältniß ſprechen hören, das mich in dem Augenblick, wo ich irgend ein Magazin gründen wollte, ungemein beſchäftigte. Ein Gläubiger, der ſeinem Schuldner begegnet, hatte, wie man mir geſagt, nur einen Kreis um ihn zu ziehen, und dieſer durfte, wie man mich verſichert, bei Todesſtrafe nicht aus demſelben heraustreten, bevor die Schuld, wegen der man ihn eingeſchloſſen, bezahlt war. Einmal, wie man mich immer verſichert hatte, war der König ſelbſt einem Kaufmann begegnet, den er von Tag zu Tag ſeit drei Monaten vertröſtete; dieſer zog eine Linie um das Pferd des Königsz der Monarch blieb unbeweglich wie eine Reiterſtatue, bis man ihm aus dem Palaſt die Summe, der er bedurfte, um ſich frei zu machen, brachte. „Das Abenteuer entſprach der Wahrheit, aber es fand vor langer, langer Zeit ſtatt, und das Geſetz⸗ welches wir angeführt haben, war beinahe abgekommen. „Doch ein Geſetz, das immer noch beſtand, obgleich die Engländer erklärt hatten, die Hindufrauen ſeien Tauſend und ein Geſpenſt. U. 13 194 nicht genöthigt, ſich demſelben zu unterwerfen, war das, welches den Weibern befiehlt, ſich auf dem Leichnam ihres Mannes zu verbrennen. Da ich nun beſtimmt war, den verſchiedenen Arten von Auto da Fe beizuwohnen, welche auf der Weſtküſte von Indien üblich ſind, ſo hatte ich mich nicht ſobald in Calcutta niedergelaſſen, als man verkündigte, ein Brahmane ſei geſtorben und ſeine Frau ſei entſchloſſen, ſich auf ſeinem Grabe ver⸗ brennen zu laſſen. „Ich ſollte alſo gleichſam auf den erſten Schlag einer Sutti beiwohnen. „Es war dies ein Schauſpiel, welches für einen Europäer intereſſant genug, daß dieſer Europäer nicht dabei fehlte, beſonders wenn er mit einer Frau begabt war, welche, ſtatt ſich auf ſeinem Grabe zu verbrennen, ſicherlich am Todestage ihres Mannes ein Freudenfeuer gemacht hätte. „Ich behielt alſo entſchieden meinen Nair für einen Monat. „Das war ein verſtändiger Junge, der den Handel mit mir um einen halben Faron täglich, das heißt um fünf bis ſechs Sous, einging und es übernahm, mir einen Platz am Tage des Schauſpiels zu verſchaffen. „Der Tag des Schauſpiels war der folgende Sonn⸗ tag und die Ceremonie ging auf einer Ebene, eine Viertelmeile von der Stadt, in Erfüllung. Aus den brennbarſten Stoffen und den entzündbarſten Hölzern beſtehend, war der Scheiterhaufen in einer Grube, ich ſage nicht errichtet, ſondern eingelegt, ſo daß der Herd ein Loch dem eines Kraters ähnlich bot. „Auf dem Scheiterhaufen lag der Leichnam des Mannes, den man ſo einbalſamirt hatte, daß er in Er⸗ wartung der Frau nicht zu ſehr in Fäulniß übergehen ſollte. „Zur beſtimmten Stunde, nämlich gegen zehn Uhr Morgens, trat die Witwe des Brahmanen mit nackten Füßen, mit entbloßtem Kopf und den Leib mit einem lan der lich dem auß eng Go ſtar as, am ar, en, ſo ſen, und ver⸗ lag inen nicht gabt nen, euer inen ndel um mir n. onn⸗ eine den lzern „ich Herd des Er⸗ ehen Uhr ackten einem 195 langen weißen Kleide bedeckt, beim Klange der Flöten, der Trommeln und des Tam⸗tams aus dem ehe⸗ lichen Hauſe und wurde mit großem Gepränge nach dem Scheiterhaufen ihres Mannes geführt. Sobald ſie außerhalb der Stadt war, fand ſie auf dem Wege einen engliſchen Officier und ein Dutzend Männer, die der Gouverneur von Caleutta aufgeſtellt hatte. „Der Ofſicier näherte ſich ihr und ſagte in hindo⸗ ſtaniſcher Sprache, die ich vollkommen verſtand: „Sterbt Ihr freiwillig?““ „„Ja,““ antwortete ſie,„freiwillig.“ „„Sollten Euch Eure Verwandten zwingen, ſo bin ich da, um Euch Hülfe zu leiſten; fordert meinen Bei⸗ ſtand, und im Namen des Gouvernement führe ich Euch mit mir weg.““ „„Niemand zwingt mich, und ich verbrenne mich meinem vollen Willen. Laßt mich alſo weiter gehen!““ „Ich befand mich, wie geſagt, nahe genug bei denjenigen, welche mit einander ſprachen, um dieſen Dialog zu hören, und ich geſtehe, daß ich von Bewun⸗ derung beim Anblick eines ſolchen Entſchluſſes ergriffen wurde. Allerdings ſprach die Witwe zu einem Chri⸗ ſten, vor welchem es ihr mit ihrer Religion Parade zu machen ſehr angenehm war, und alle dieſe Teufel von Brahmanen betäubten ſie, indem ſie ihr Litaneien in die Ohren fangen. Sie ſchritt alſo ziemlich feſt auf den Scheiterhaufen zu; an dem Rande der Grube angelangt, die zu flam⸗ men anfing, wurde ſie von den Brahmanen umgeben, und dieſe reichten ihr eine Flüſſigkeit, welche ihr Krafte zu verleihen ſchien. „Mein Nair ſagte mir, derjenige, welcher ſie dieſe Flüſſigkeit trinken laſſe und ſie am Kräftigſten antreibe, ſei ihr Oheim. Wie dem nun ſein mochte, die Brah⸗ manen traten auf die Seite, die arme Frau, nach⸗ dem ſie von den Anweſenden Abſchied genommen und 196 ihre Juwelen unter ihre Freundinnen vertheilt hatte, mar wich vier Schritte zurück, um ihren Anſatz zu nehmen, ſind und ſprang ſodann unter dem Geſchrei der Ermuthigung er der Prieſter und beim Lärmen einer hölliſchen Muſik e mi in den Ofen. „Doch kaum war ſie hier, als ſie die Atmoſphäre zur ein wenig warm fand, wie es ſcheint, und, trotz des Sc Opiums, das ſie getrunken, trotz der Geſänge der Prie⸗ ſter, trotz der Tam⸗tams der Muſikanten, gewaltige geſ Schreie ausſtieß und ſchneller aus dem Feuer heraus⸗ klei eilte, als ſie in daſſelbe eingetreten war. Pr „Dann bewunderte ich die Vorſicht meiner guten Pfl Inquiſitoren in Goa, welche mitten in ihren Scheiter⸗ haufen einen Pfahl errichten und an dieſem Pfahl einen die eiſernen Ring befeſtigen, um den Verurtheilten damit 2 zurückzuhalten. wä „Beim Anblick dieſer Witwe, welche ſo alle ihre Pflichten verletzte, gaben, man muß ihnen die Ge⸗ hir rechtigkeit widerfahren laſſen, die Anweſenden einen ich Schrei der Entrüſtung von ſich und ſtürzten der Flüch⸗ für tigen entgegen, um ſie wieder ins Feuer zu ſtoßen. „Ich hatte beſonders vor mir eine anbetungswürdige ar Calcutterin von zehn bis zwölf Jahren; dieſe war wü⸗ zu thend, erklärte, wenn die Reihe ſich zu verbrennen an ſie käme, würde ſie keine ſolche Streiche machen, und ru ſchrie aus Leibeskräften: ſie „„Ins Feuer, die Abtrünnige! ins Feuer! in ve Feuer! ins Feuer!““ „Da Jeder ſolche Schreie ausſtieß, mich, den eng⸗. w liſchen Officier und ſeine zwölf Mann ausgenommen⸗ welche Alles thaten, um zu der armen Sünderin zu gelangen, aber, wie man wohl begreift, leicht von die⸗ ei ſer ganzen wüthenden Bevölkerung zurückgedrängt wur⸗ di den, ſo nahmen ſie die Abtrünnige, wie ſie meine hübſche kleine Caleutterin nannte, hoben dieſelbe auf, führten; ſie an die Grube und ſchleuderten ſie mitten in die Flamme; dann warf man ſogleich Alles auf ſie, was atte, men, gung Nuſik häre des Prie⸗ ltige aus⸗ ten eiter⸗ einen damit ihre Ge⸗ einen Flüch⸗ n ürdige r wü⸗ nen an „ und ins n eng⸗ mmen, erin zu on die⸗ t wur⸗ hübſche führten in die e, was 197 man an Reisbündeln, Scheitern und dürrem Graſe finden konnte, was ſie nicht abhielt, all dieſes entflammte Gerüſte von ſich zu ſchieben, zum zweiten Mal aus dem Feuer herauszutreten und, ein lebendiger Brand, mit der Stärke der Verzweiflung, nachdem ſie alle Welt zurückgeſtoßen, ſich in einen kleinen Bach, der fünfzig Schritte von dem Scheiterhaufen floß, zu tauchen. „Sie begreifen das Aergerniß: man hatte das nie geſehen, ſo ſagten wenigſtens die Anweſenden. Meine fleine Calcutterin beſonders erholte ſich nicht von ihrem Erſtaunen darüber, daß eine Frau in dieſem Grade ihre Pflichten gegen ihren Mann vergeſſe. „Sie war dergeſtalt ergriffen, daß ſie nur noch die Worte ſtammeln konnte: „Ohi ich!.. Oh! ich!.. Wenn ich es wäre!““ „Sie lief auch mit aller Welt nach dem Bach, wo⸗ hin ſich die Schuldige halb verbrannt geflüchtet hatte; ſ ihr, denn ich fühlte ſchon tiefe Bewunderung ür ſie. „Als wir an das Uufer des Baches kamen, rief das arme Geſchöpf:„„Meine Herren Engländer, herbei! zu Hülfe, herbei!““ „Dann, als die Engländer, von allen Seiten zu⸗ rückgedrängt, ihr keinen Beiſtand leiſten konnten, erblickte ſie ihren Oheim, denſelben, welcher ſie ſo ſehr ſich zu verbrennen antrieb. „„Mein Oheim,““ rief ſie,„„zu Hülfe! habt Mit⸗ leid mit mir! ich werde meine Familie verlaſſen, ich werde wie eine Verfluchte leben, ich werde betteln.““ „„Wohl! es ſei!““ antwortete ihr Oheim mit einer unempfindlichen Miene.„„Laß Dich von mir in vieſes naſſe Tuch einwickeln, und ich werde Dich nach der Hütte zurückbringen.““ „So ſprechend, blinzelte der Oheim mit den Augen, als wollte er zu den Brahmanen ſagen: 198 „„Laß mich nur machen, ſobald ſie in dem Tuche ſein wird, iſt ihre Sache klar.““ „Ohne Zweifel ſah ſie den Blick auch und begriff ihn; denn ſtatt ihrem Oheim zu trauen, rief ſie: „„Nein! nein! ich will nicht! Laßt mich! ich werde ganz allein gehen! Laßt mich! laßt mich!““ „Doch der Oheim wollte nicht, daß er Lügen ge⸗ ſtraft würde; er hatte ohne Zweifel für ſeine Nichte gutgeſtanden, und es war ihm daran gelegen, daß ſie ihr Wort hielt. „Er ſchwur alſo ſeiner Nichte bei den Gewäſſern des Ganges, er würde ſie nach Hauſe zurückführen. „Der Eid iſt ſo heilig, daß die arme Fran daran glaubte. Sie legte ſich auf das naſſe Tuch, in das ſie ihr Oheim wie eine Mumie wickelte. Dann als die Arme und die Beine feſtgenommen waren, lud er ſie auf ſeine Schulter, und rief:„„Auf den Scheiterhau⸗ fen! auf den Scheiterhaufen!““ „Und er fing in der That an gegen die Grube zu huhe gefolgt von der ganzen Bevölkerung, welche rie: „Auf den Scheiterhaufen! auf den Scheiter⸗ haufen!““ „Meine kleine Calcutterin hatte den höchſten Grad der Bewunderung erreicht. Als der Brahmane den hei⸗ ligen Eid ausſprach, da prandmarkte ſie ihn einen Au⸗ genblick mit dem Namen Paria; doch als ſie ſah, daß er bei dieſem Eide keinen andern Zweck hatte, als den, ſeine Nichte zu hintergehen, und daß der Brahmane ſei⸗ nen Schwur brach, da rief ſie in die Hände klatſchend; „„Oh! der revliche Mann! der würdige Mann! der fromme Mann!““ „Ich begriff nicht recht, wie man ein braver Mann, ein frommer Mann, ein redlicher Mann war, wenn man ſeinen Eid brach; voch meine kleine Hindu ſagte dies mit einer ſo überzeugten Miene, es war ſo viel An⸗ — muth und Naivetät in ihrer ganzen Perſon, daß ich uche egriff verde ge⸗ Nichte ß ſie äſſern n. daran as ſie s die er ſie rhau⸗ be zu welche heiter⸗ Grad n hei⸗ n Au⸗ daß s den, ne ſei⸗ ſchend: Mann! Mann, in man e dies el An⸗ aß ich 199 mir ſelbſt gegenüber und mit Unterſtützung des männ⸗ lichen etoßze zugeſtand, die arme Witwe ſei entſchie⸗ den eine große Verbrecherin, daß ſie zögere, ſich auf dem Leibe ihres Mannes zu verbrennen. „Ich verband auch meinen Ausruf mit den allge⸗ meinen Ausrufungen der Menge, als ich dieſen red⸗ lichen Mann von einem Oheim, dieſen frommen Mann von einem Oheim, dieſen würdigen Mann von einem Oheim in den Ofen ſeine elende Nichte, diesmal ſo gut eingepackt, werfen ſah, daß ſie, wie ſehr ſie ſich auch ſträubte, in fünf bis ſechs Minuten von der Flamme verzehrt war. „Meine kleine Caleutterin war im höchſten Grade begeiſtert. Dieſe in dem Herzen eines jungen Mäd⸗ chens ehliche Ergebenheit rührte mich dergeſtalt, daß ich ſie fragte, wie ſie heiße und was ſie ſei. „Sie hieß Amaru, was ein ſehr hübſcher Name iſt, wie Sie ſehen, und ihr Vater gehörte zu der Kaſte der Veiſſiahs, das heißt zu der der Directoren des Acker⸗ baus und des Handels. „Der Vater von Amaru war alſo von der dritten Klaſſe, über ſich hatte er nur die Klaſſe der Rajahs und die der Brahmanen, und unter ſich die der Sudras. „Der Poſten, den er in Calcutta inne hatte, ent⸗ ſprach dem eines Hafenſyndicus. „Das war ein Mann, der mir ſehr nützlich ſein fonnte, und da ihn mein Nair gut kannte, ſo wurde ver⸗ abredet, daß er mich demſelben am folgenden Tag vor⸗ ſtellen ſollte.“ Pie Pantoffeln des Prahmanen. „Das Reſultat meines Beſuches bei dem Vater der ſchönen Amaru war, daß ich mich in Caleutta zu etabliren und hier einen Spezereihandel zu gründen beſchloß. „Ich war vor Allem darauf bedacht, ein Haus zu kaufen; die Häuſer ſind in Calcutta noch wohlfeiler, als in Goa. Allerdings iſt das ſolideſte Haus in Calcutta aus getrockneter Erde gebaut und das höchſte nur acht Fuß hoch. „Für acht Thaler war ich auch Eigenthümer eines Hauſes, das mir vom Käufer mit drei zu dem Eigen⸗ thum gehörigen Schlangen abgetreten wurde. „Ich ſagte ihm, es ſei mir wenig an ſeinen Schlan⸗ gen gelegen, und es werde meine erſte Sorge ſein, ihnen den Hals umzudrehen, doch er ermahnte mich, ich möge mich vor einer ſolchen Unklugheit wohl hüten, in Cal⸗ cutta verrichten die Schlangen den Dienſt, den die Katzen in Europa verſehen; ſie vernichten die Ratten und die Mäuſe, von denen ſonſt die Häuſer verheert würden. „Ich verlangte, daß mir die Schlangen, die ich erwarb, vorgeſtellt würden, damit ich Bekanntſchaft mit ihnen machen könnte. „Es war in der That eine gegenſeitige Verſtändi⸗ gung von Gewicht für uns, daß keine Eindringlinge in das Haus kamen. „Mein Verkäufer pfiff ihnen, und ſie liefen wie Hunde herbei. „Mit Hülfe von ein paar Töpfen Milch, die ich ihnen freigebig zum Geſchenk gemacht hatte, waren wir nach drei Tagen die beſten Freunde. er zu en zu 1 ht n⸗ en ge ⸗ ie en rt it 201 „Ich geſtehe jedoch, daß mir die erſten Male, als ich die eine oder die andere in meinem Bette fand, wenn ich mich nieberlegte oder erwachte, dieſe Vertrau⸗ lichkeit einigen Widerwillen einflößte, doch allmälig ge⸗ wöhnte ich mich an ſie, und bald dachte ich gar nicht mehr daran. „Der Handel, dem ich mich hauptſächlich widmete, war der mit Cardamome, einer Art von Ffeffer, die ſich bei uns nur bei den Apothekern findet, nach der aber alle Bewohner der indiſchen Inſeln äußerſt lüſtern ſind. Während meines Aufenthalts in Ceylon hatte ich den Werth dieſer Waare kennen gelernt, und ich be⸗ ſchloß, den Hauptzweig meiner Speculation daraus zu machen. Ich war gerade in der Jahreszeit des Regens an⸗ gekommen, welches die gute Zeit zum Urbarmachen des Bodens iſt, in dem man Cardamome pflanzen will. Die Urbarmachung iſt übrigens leicht; während des Winters wächſt auf dem Boden der Umgegend von Cal⸗ cutta ein wahrer Wald von Kräutern, die zu Düngung des Bodens dienen, in den man pflanzen oder ſäen kann; man ſät oder man pflanzt, und vier Monate nachher erntet man. „Ich pachtete eine große Menge Landes in der Umgegend von Calcutta und begann meine Urbarma⸗ chung, doch nicht wie man es in dieſem Lande thut, indem man etliche zwanzig Sudras benützt, welche, ent⸗ fernt vom Auge des Herrn, dieſen nach ihren beſten Kräften in der Verwendung des Tages betrügen, ſon⸗ dern indem ich Alles ſelbſt überwachte, und damit dieſe Ueberwachung thätiger war, fing ich damit an, daß ich mir vier Hütten an die vier Ecken des Gutes bante. Was für mich etwas Leichtes und nicht Koſtſpieliges war, inſofern ich eine bedeutende Anzahl Cocosbäume auf meinem Boden hatte, und dieſer Baum wie Jeder⸗ mann weiß, eine Gabe des Himmels für dieſe Climate iſt, da man mit ſeinem Holz die Häuſer baut, mit ſei⸗ — 202 nen Blättern dieſelben bedeckt, mit ſeiner Rinde Matten flicht, mit ſeinem Marke ſich ſpeiſt, aus ſeinen Knoſpen Wein, aus ſeiner Nuß Oel und mit ſeinem Saft Zucker macht. „Aus dieſem Weine aber bereitete ich, indem ich ihn abzog, eine Art von Branntwein, mit welchem ich mit meinen Sudras alles machte, was ich wollte. „Man fühlte auch meiner Ernte meine Austhei⸗ lungen von Tari an. Nie hatte man in Calcutta et⸗ was geſehen, was meinen zehn bis zwölf Morgen Car⸗ damomen ähnlich; meine Ernte fiel nicht nur ſehr reichlich aus, ſondern ſie war auch erſter Qualität, und ich beſchloß, als ich das Reſultat ſah, fünf bis ſechs Jahre dieſer Ausbeutung zu widmen, nach deren Verlauf mein Vermögen gemacht wäre, beſonders wenn ich, was ich ſelbſt in Calgutta geerntet hätte, ſelbſt in Ceylon verkaufen würde. Es handelte ſich zu dieſem Behufe nur ganz einfach darum, ein kleines Schiff zu befrachten und am Ende der Sommerſaiſon, wenn ich eine genügende Ladung hätte, nach Ceylon zu reiſen. Zwei Ernten mußten mir aber genügen, ein Schiff zu befrachten, und zwei Ernten finden in Caleutta in einem Jahre ſtatt. „Mittlerweile fuhr ich fort, meinen alten Freund Nachor und meine junge Freundin die ſchöne Amaru zu beſuchen. Ich hatte nicht vergeſſen, daß mir der Vater bei meinen Patenten, bei meinen Douanenabga⸗ ben u. ſ. w. ſehr nützlich ſein könnte, und ich geſtehe es, die tiefe Ergebenheit für ihre eheliche Pflichten, welche die Tochter an dem bekannten Tag des Sutti entwickelte, hatte mein Herz tief gerührt. Der Papa Nachor aber war kein Dummkopf; er hatte mich Alles, was ich gekauft und gemiethet, mit baarem Gelde be⸗ zahlen ſehen. Er bezweifelte nach der Art und Weiſe, wie ich meine Ausbeutung betrieb, nicht, ich ſei im Zug, mein Glück zu machen; ſo daß er mich wie ein Mann empfing, der wünſcht, derjenige, welchen er 203 empfängt, möchte das Haus gut finden, damit er ſo oft als möglich wiederkäme. „Ich kam ſo oft, daß nach Verlauf von acht bis zehn Monaten, abgeſehen von der Einwilligung der ſchönen Amaru, welche ich jedoch mehr als einmal in ihren Augen zu leſen geglaubt hatte, Alles ungefähr zwiſchen mir und dem Vater Nachor abgemacht war. „Ein Ereigniß, das die beklagenswertheſten Folgen haben konnte, führte im Gegentheil einen raſcheren Schluß der Dinge herbei, den wir vielleicht Alle wünſch⸗ ten, welchen aber durchſcheinen zu laſſen die ſchöne Amaru ihre Schamhaftigkeit abhielt. Eines Tags, als ich den Vater und die Tochter zu einem Beſuche auf meinen Pflanzungen eingeladen, hatte ich, da ich den ganzen Tag mit ihnen auf der Cbene zuzubringen ge⸗ dachte, artiger Weiſe vier Imbiſſe in meinen vier Hüt⸗ ten bereit halten laſſen. Die ſchöne Amaru folgte dem Sklaven, der an beide Seiten des Weges mit einem Stocke ſchlug, um die giftigen Reptile mit dem Stocke zu vertreiben; plötzlich ſtieß ſie einen gewaltigen Schrei aus. Eine kleine grüne Nater von der furchtbarſten Gattung, deren Gift immer tödtlich iſt, war aus einem Buſch von Kräutern hervorgeſchoſſen und hatte ſich an dem Flügel ihrer Schürze angehängt. Ich hatte die Natter hervorſchießen ſehen, ich hatte den Schrei gehört und mit einem Schlage des Stöckchens, das ich in der Hand hielt, das Thier ſo glücklich getroffen, daß es augenblicklich losließ; dann hatte ich ihm mit dem Abſatz meines Stiefels den Kopf zertreten. „Doch obgleich ſie der Gefahr entgangen, war die ſchöne Amaru darum nicht in einem beſſeren Zuſtand. Statt am Gift zu ſterben, ſchien ſie nahe daran, vor Schrecken zu ſterben. Wie eine ſchöne Waſſerlilie auf einen von meinen Armen zurückgeworfen, war ſie bleich und ſchauerte wie ich. Ich hob ſie auf, drückte ſie an meine Bruſt und trug ſie bis zu der Hütte, wo uns das Frühſtück erwartete. Das reizende Mädchen, das höch⸗ 204 ſtens zwölf Jahre zählte, wog übrigens für meine Arme kaum mehr, als ein Traum oder ein Dunſt; nur ihr Herz, welches an dem meinigen ſchlug, beſtätigte die Wirklichkeit. „Sobald ſie in die Hütte eingetreten, ſobald der Beſuch von beiden Seiten gemacht war, fing Amaru an ſich ein wenig zu beruhigen, und ſie ließ ſich her⸗ bei, ein paar Reiskörner zu eſſen; doch als man ſich wieder auf den Weg begeben ſollte, bemächtigte ſich ihrer dieſelbe Angſt und ſie erklärte, ſie ſei entſchloſſen, nicht mehr zu Fuße zu gehen. „Nichts konnte mir angenehmer ſein, als eine ſolche Erklärung. Ich bot ihr daſſelbe Transportmittel an, welches ſie dahin, wo ſie war, gebracht hatte. Sie ſchaute ihren Vater än, und dieſer bedeutete ihr durch ein Zeichen, ſie könne einwilligen. Ich nahm Amaru in meine Arme und wir begaben uns auf den eg. „Diesmal, da ſie zu ſchwer zu belaſten fürchtete, hatte ſie ihre Hand um meinen Hals geſchlungen, was ihr Geſicht dem meinigen, ihre Haare den meinigen, ihren Athem dem meinigen näherte, lauter Dinge, denen es, wie es ſcheint, nicht unangenehm war, einander näher gebracht zu werden, inſofern ſie ſich auf das Beſte vermengten und, indem ſie ſich vermengten, einander immer näher kamen. Bei der erſten Hütte hoffte ich, geliebt zu ſein; bei der zweiten war ich ſicher, es zu ſein; bei der dritten hatte mir Amaru das Geſtändniß ihrer Liebe gemacht; bei der vierten endlich war unſere Verheirathung verabredet, und wir durften nur noch die Zeit derſelben beſtimmen. „Nachor beſtimmte dieſe Zeit. „Nachor war ein kluger Mann, er hatte wohl die Ernte auf dem Fuße geſehen, er wollte ſie aber auch im Magazine ſehen. Er ſetzte alſo die Feierlichkeit auf den Monat Juli feſt. „Dieſe Epoche ſtand mir ziemlich gut an; es war S 8 — 733 1e hr 1e er ru ch e el ie ch u en e, 18 en te , u h ie f 205 die, wo ich mein kleines Schiff zu expediren oder viel⸗⸗ mehr ſelbſt nach Ceylon zu führen gedachte, und es dünkte mir nicht unangenehm, Jemand zurückzulaſſen, der die Ar⸗ beit und die Pflanzung meines Feldes beaufſichtigen würde⸗ Amaru mit ihrer Furcht vor den grünen Nattern war unfähig, den Inſpectorsdienſt zu verrichten; aber Na⸗ chor hatte mir bewieſen, daß er ſich darauf verſtand, und es war, wenn er die Intereſſen ſeiner einzigen Tochter zu beſorgen hätte, nicht zu bezweifeln, daß dieſe Intereſſen, welche auch die meinigen waren, vortrefflich beſorgt werden würden. „Wir hatten nun das Ende des Mai erreicht, und ich war folglich nicht zu einem langen Warten ver⸗ urtheilt. „Nachor und Amarn gehörten der Hindu⸗Religion an, wir kamen dahin überein, daß wir uns nach dem Ritus der Brahmanen heirathen ſollten. „Dem zu Folge, obgleich Alles unter uns abgemacht war, ſuchte ich einen Brahmanen, um in meinem Na⸗ men Nachor um die Hand von Amaru bitten zu laſſen. „Das iſt der Gebrauch, und ich ſah nichts Un⸗ paſſendes darin, daß ich mich dieſem Gebrauche fügte. „Ich hatte keine Bekanntſchaft unter den Brah⸗ manen; Amaru bezeichnete mir den großen Schuft, der, nachdem er einen falſchen Eid geſchworen, ſeine Nichte in ein Tuch gewickelt und trotz ihres Geſchreis und ihres Flehens in den Ofen geworfen hatte. Ich hatte nichts gegen ihn, als daß ich fand, er ſei ein ſehr ſchlechter Verwandter. Doch da der Auftrag, den er für mich bei Nachor vollzog, nicht meinen Oheim aus ihm machte, ſo lag mir wenig daran. „Am verabredeten Tage ging er nun von mir weg, um ſich zu Nachor zu begeben; zweimal kehrte er in verſchiedenen Zwiſchenräumen unter dem Vorwande zurück, er habe immer auf dem Wege ſchlimme Vor⸗ 206 zeichen gefunden. Doch das dritte Mal waren die Vor⸗ zeichen verſchwunden, um im Gegentheil den glücklich⸗ ſten Auſpicien Platz zu machen; es handelte ſich nur noch darum, einen Tag zu wählen, der Brahma ange⸗ nehm wäre, als er zurückkam, um mir zu ſagen, die Hand von Amaru ſei mir bewilligt. „Ich antwortete, alle Tage ſeien mir gut, der Tag von Brahma ſei folglich der meinige. Der Brahmane wählte den Freitag. „Ich war Willens, mich einen Augenblick zu wider⸗ ſetzen. Sie wiſſen, daß es bei uns Vorurtheile gegen den Freitag gibt; doch ich hatte den Großſprecher ge⸗ macht und geſagt, alle Tage ſeien mir gut; ich wollte nicht hievon abgehen, und ich erwiederte:„„Es mag der Freitag ſein, vorausgeſetzt, daß es der nächſte Frei⸗ tag iſt.““ „Dieſer beſeligende Freitag kam; die Hochzeitfeier fand bei Nachor ſtatt. Gegen fünf Uhr Abends begab ich mich dahin. Wir reichen uns gegenſeitig den Bethel, man zündete das Feuer Homan mit dem Holze Rava⸗ ſitu an. Der große Schuft von einem Brahmanen, im⸗ mer der Oheim der Verbrannten, nahm drei Hände voll Reis und warf ſie Amaru auf den Kopf. Er nahm drei weitere, die er auf den meinigen warf, wo⸗ rauf Nachor Waſſer in einen großen hölzernen Napf goß, mir die Füße wuſch und dann ſeiner Tochter die Hand reichte. Amaru legte ihre Hand in die ihres Vaters, Nachor ſpritzte ein paar Tropfen Waſſer darauf, legte drei bis vier Geldſtücke auf die Hand von Amaru, über⸗ gab mir Amaru, indem er zu ihr ſprach: „„Ich habe nichts mehr mit Dir zu thun und übergebe Dich der Gewalt eines Andern.““ „Da zog der Brahmane aus einem Beutel das wahre Band der Ehe, nämlich den Tali, ein Band, an welchem ein goldener Kopf hängt. Er zeigte es⸗ der Geſellſchaft und übergab es dann mir, daß ich es an dem Halſe meiner Frau befeſtige. r⸗ ur e⸗ ie ag ne i⸗ n⸗ ————————— „Sobald das Band geknüpft, waren wir verhei⸗ rathet. „Doch es iſt die Gewohnheit, daß die Feſte fünf Tage dauern, während welcher der Mann keine Rechte auf ſeine Frau hat. In den vier erſten Tagen war ich auch ſo ſcharf von den Knaben und Mädchen be⸗ wacht, daß ich kaum den kleinen Finger von Amaru küſſen konnte. Ich ſuchte ihr durch meine Blicke zu erklären, wie die Zeit mir lang vorkäme, ſie ihrerſeits machte Augen, welche zu ſagen ſchienen: Es iſt wahr, ſie iſt nicht kurz, doch Geduld! Geduld! „Und auf dieſes Verſprechen geduldete ich mich. „Endlich brach der fünfte Tag an, er verlief, endigte: die Nacht kam, wo man uns bis nach meinem Hauſe begleitete. Im erſten Zimmer ſtand ein Imbiß bereit, ich wartete meinen Freunden davon auf, während man meine Frau auskleidete und zu Bette brachte. Dann, nach einem Augenblick, als ich glaubte, Niemand achte auf mich, ſchlüpfte ich nach der Thüre des Schlafzim⸗ mers, ſehr gern den Reſt des Hauſes meinen Gäſten überlaſſend, unter der Bedingung, daß ſie mir das kleine Zimmer überließen, wo mich die ſchöne Amaru erwartete. „Doch an der Thüre war ich ſehr erſtaunt, als ich über etwas ſtolperte. Ich griff mit der Hand nach dem Gegenſtand, der mich ſtolpern gemacht hatte, und fand ein Paar Pantoffeln. „Ein Paar Pantoffeln, vor der Thüre von Amaru, was bedeutete das? „Das beunruhigte mich einen Augenblick, doch ich warf bald die Pantoffeln auf die Seite und ſuchte die Thüre zu öffnen. „Die Thüre war geſchloſſen. „Ich rief mit meiner ſüßeſten Stimme: Amaru! Amaru! Amaru! und glaubte immer, ſie würde öffnenz aber obgleich ich hörte, daß Etwas im Zimmer war, 208 daß eher zwei Perſonen als eine darin waren, antwortete man mir doch nicht. „Sie begreifen meinen Zorn. Wenn die verteu⸗ felten Pantoffeln nicht da geweſen wären, hätte ich noch zweifeln können, da ich aber nicht zweifelte, ſo fing ich an aus Leibeskräften zu trommeln, als ich fühlte, daß man mich am Arm faßte. „Ich wandte mich um und erkannte Nachor. „„Ah! bei Gott!““ rief ich,„„Ihr ſeid willkom⸗ men, Ihr werdet mir an Eurer ſchuftigen Tochter Ge⸗ rechtigkeit üben helfen.““ „„Was wollt Ihr damit ſagen?““ fragte Nachor. „„Ich will damit ſagen, daß ſie mit einem Mann eingeſchloſſen iſt, nicht mehr, nicht weniger.““ „„Mit einem Mann?““ rief Nachor,„„in dieſem Fall verleugne ich ſie als meine Tochter, und wenn dies wahr iſt, könnt Ihr ſie einkerkern und ſogar tödten, das iſt Euer Recht.““ „„Ah! deſto beſſer! ich bin ſehr froh, daß dies mein Recht iſt, und ich will davon Gebrauch machen, dafür ſtehe ich Guch.““ „„Doch was bringt Euch auf dieſen Glauben?““ „„Ei! das Geräuſch, das ich in dieſem Zimmer höre, und dann dieſe Pantoffeln.““ „Und ich ſtieß mit dem Fuß die Beweisſtücke an die Beine von Nachor. „Nachor hob einen Pantoffel auf, dann den andern, und ſchaute ſie aufmerkſam an. „„Oh! glücklicher Olifus!““ rief er,„„oh! geſeg⸗ neter Ehemann! oh! wie iſt unſere Familie bevorzugt! Mein Sohn, danket Wiſchnu und ſeiner Frau Lackemy; danket Siva und ſeiner Frau Parvatty; danket Brahma und ſeiner Frau Saraswaty; danket Indra und ſeiner Frau Avittyz danket dem Baume Kalpa, der Kuh Kama⸗ deru und dem Vogel Garruda: Ein heiliger Mann läßt ſich herab, für Euch das zu thun, was er gewöhnlich nur für den König des Landes thut; er erſpart Euch tete teu⸗ ich ſo ich om⸗ Ge⸗ chor. ann eſem enn ten, dies chen, amer e an dern, eſeg⸗ ugt! my; hma einer ama⸗ läßt nlich Euch 209 die Mühe, die Ihr Euch machen ſolltet, und in neun Monaten, wenn die großen Götter Indiens nicht die Blicke von Eurer Frau abwenden, haben wir einen Brahmanen in der Familie.““ „„Verzeiht! verzeiht! ich lege durchaus keinen Werth darauf, einen Brahmanen in meiner Familie zu haben. Ich bin nicht träge, und die Mühe, die ſich unſer heiliger Mann nimmt, hätte ich mir von Herzen gern ſelbſt genommen. Ich bin nicht der König des Landes, und betrachte es folglich nicht als eine Ehre, daß ſich ein Prieſter mit meiner Frau in meiner Hoch⸗ zeitnacht einſchließt. Ich werde weder dem Vogel Gar⸗ ruda, noch der Kuh Kamaderu, noch dem Baume Kalpa, noch Indra, noch Brahma, noch Siva, noch Wiſchnu danken, ſondern Eurem Schurken von einem Brahmanen, der ſeine Nichte verbrennt, nachdem er ihr beiden Waſſern des Ganges geſchworen, er würde ſie nach Hauſe zurück⸗ führen, die Knochen zerſchmettern.““ „So ſprechend, ſprang ich nach einem Bambus, entſchloſſen, meine Drohung zu vollſtrecken. „Doch auf das Geſchrei von Nachor lief die ganze Hochzeitgeſellſchaft herbei; als ich das ſah, warf ich meinen Bambus weg und ſtürzte in ein Cabinet, deſſen Thüre ich hinter mir ſchloß. „Hier konnte ich meinem Zorne freien Lauf laſſen. Ich ſiel auf den mit Matten bedeckten Boden und wälzte mich unter Flüchen und Gottesläſterungen dar⸗ auf hin und her. Während ich mich wälzte, fluchte und Gott läſterte, fand ich mich plötzlich zwiſchen Armen, die mich preßten, und an einem Mund, der mich küßte. „Das wunderte mich nicht zu ſehr. Unter meinen Sklavinnen von der vierten Claſſe, das heißt von der Claſſe der Sudras, war ein hübſches Mädchen von vierzehn bis fünfzehn Jahren, das ich zuweilen in mei⸗ nem Bette gefunden, wie meine Rattenfängerſchlangen, und ich muß ſagen, daß ich es ſtets mit Vergnügen gefunden. FTauſend und ein Geſpenſt. U. 14 2¹⁰ „Dieſe Treue bei meinem Unglück, an dem Abend, wo ich das arme Mädchen ganz und gar vergeſſen, rührte mich. „„Oh! meine arme Holaoheni,“ ſagte ich,„„ich glaube entſchieden, daß ein Verhängniß über mir und meinen Frauen obwaltet. Ich ſchwöre auch, mich ſor⸗ tan nicht mehr zu verheirathen, und wenn ich eine ſchöne Geliebte habe, wie Dich, mich auf ſie zu beſchränken.““ Siehe! ich gab ihr auch den Kuß zurück, den ſie mir gegeben hatte. „„Ah!““ machte ſie nach Verlauf von fünf Minuten. „„Alle Teufel!““ rief ich,„das iſt nicht Holas⸗ heni, wer iſt es denn? Oh! mein Gott! mein Gott! wäre es abermals „Und der wohlbekanute Schweiß, den ich ſchon unter drei verſchiedenen Umſtänden conſtatirt habe, floß mir von der Stirne. „„Ja wohl! Undankbarer, ich bin es abermals, ich bin es immerz ich, die ich nicht dadurch, daß man mich zurückſtößt, beleidigt betrügt, müde werde und, ſo oft ich Dir eine gute Nachricht mitzutheilen habe, komme.““ „„Gut!““ ſagte ich, indem ich mich von der ehelichen Umarmung losmachte,„„nicht wahr, Du kommſt, um mir arzuzeigen, daß ich Vater eines dritten Kindes bin 2“ „„Das ich Philipp genannt habe, zum Andenken an den Tag, an demich gekommen bin, um Dich daraufaufmerk⸗ ſam zu machen, daß Dich Deine dritte Frau betrüge. Ah! heute habe ich nicht nöthig gehabt, Dich darauf aufmerk⸗ ſam zu machen, Du haſt es ſelbſt bemerkt, mein Freund 4 „„Oh!““ rief ich ungeduldig,„„es iſt ſehr gut, voch nun habe ich drei Kinder auf dem Nacken, und das iſt, ſcheint mir, genug.““ „„Ja, und Du möchteſt gern eine Tochter haben,““ ſprach die Buchold,„„wohl! es iſt heute der 20. Juli, der Tag der heiligen Margaretha, hoffe, daß Deine Wünſche auf die Fürſprache dieſer guten Heiligen erfüllt werden.““ gre nig und Tig ſerr ſpre ner der klei rei der, räc räc wie gel me Ru fac nac hei ger ma der en, „ich und ſor⸗ öne 1. mir ten. ao⸗ ott! chon floß als, mich oft . chen um ndes nan nerk⸗ Ah! erk⸗ d. gut, und en, i, der nſche „Ich ſeufzte. „„Mein lieber Freund,““ fuhr ſie fort,„„Du be⸗ greifſt nun, wenn man eine Familie hat, wie die mei⸗ nige, kann man nicht lange von Hauſe abweſend ſein, und hätte ich nicht den ſehr ehrenwerthen Herrn Van Tigel, Senator von Amſterdam, gehabt, der mir un⸗ ſern armen Philipp zu lieben und zu beſchützen ver⸗ ſprach, als wäre er ſein eigener Sohn, und der in mei⸗ ner Abweſenheit ſo gefällig iſt, für ihn und ſeine Brü⸗ der zu ſorgen, ich hätte Dir nicht einmal dieſen kleinen Beſuch machen können.““ „„Du gehſt alſo wieder?““ fragte ich. „„Ja; doch erlaube, daß ich Dir vor meiner Ab⸗ reiſe einen kleinen Rath gebe.““ „„Sprich.““ „„Du biſt böſe auf den lieben, armen Brahmanen, der, im Glauben, Dir einen Dienſt zu leiſten, hat..““ „Es iſt gut, es iſt gut... „„Räche Dich an ihm, das iſt Gerechtigkeit. Doch räche Dich geſchickt, wie man ſich in dieſem Lande rächt: räche Dich, ohne Dich zu gefährden. Du biſt Dich Deiner Frau und Deinen Kindern ſchuldig.““ „„Ich leugne es nicht, der Rath iſt gut. Aber wie ſoll ich mich rächen?““ „„Oh! mein Gott, Du kennſt die Worte des Evan⸗ geliums: Suche und du wirſt finden! Mache es ſo, mein Freund. Du haſt ein völlig befrachtetes Schiff, Du haſt eine gute Beilaſt, die zwei bis drei tauſend Rupien im Lande, das Doppelte in Ceylon, das Drei⸗ fache in Java werth iſt. Gehe nach Trinquemale oder nach Batavia, wo ich Dir einen ſichern Verkauf ver⸗ heiße. Lebe wohl, lieber Freund, oder vielmehr auf Wiederſehen; denn ich befürchte, Du wirſt mich nöthi⸗ gen, noch ein paar Reiſen auf dem indiſchen Meere zu machen. Zum Glück bin ich wie Mahomet, und wenn der Berg nicht zu mir kommt, gehe ich zu ihm. Ohl 212 vergiß nicht, der heiligen Margaretha bei der erſten Gelegenheit eine Kerze anzuzünden.““ „„Ja,““ erwiederte ich ganz zerſtreut,„„ich werde bemüht ſein, mich für Dich und Unſere Kinder zu er⸗ halten, und finde ich auf meinem Wege eine Kapelle 1. Margarethe.. Ahl ich habe ſie gefunden,““ rief ich. „Ich erwartete, die Buchold würde mich fragen, was ich gefunden, aber ſie war ſchon weggegangen⸗ „Was ich gefunden hatte, war meine Rache. „Ich rief einen meiner Sklaven, der ſehr berühmt war durch die Art, wie er die Schlangen bezauberte, und ich verſprach ihm zehn Farone, wenn er mir vor dem andern Morgen eine grüne Natter brächte. „Eine halbe Stunde nachher brachte er mir das verlangte Thier in einer Schachtel. Es war das Beſte, was es in dieſer Gattung gab, ein wahres Smaragd⸗ halsband. „Ich gab ihm zwölf Farone ſtatt zehn, und er ging weg, indem er mich den acht großen Göttern In⸗ diens empfahl. „Ich, meinerſeits, ſteckte Alles zu mir, was ich an baarem Gelde, Juwelen und Perlen beſaß. Dann ging ich auf den Fußſpitzen nach dem Zimmer meiner Frau und öffnete die Schachtel, worin die Natter enthalten war, gerade über den Pantoffeln des Brahmanen; da das Thier ein Neſt fand, das für daſſelbe gemacht zu ſein ſchien, ſo rollte es ſich ruhig darin zuſammen, und ich begab mich ſodann nach meinem kleinen Schiffe, das ſich im Hafen mit ſeiner Ladung Cardamome ſchaukelte. „Wohl ließ ich ein Haus im Stich, das zwölf hun⸗ dert Thaler, und ein Mobiliar, das acht hundert werth war. Doch, meiner Treue! bei großen Vekanlaſſungen muß man einen Verluſt zu ertragen wiſſen. Meine Mannſchaft war benachrichtigt, ſie könne jeden Augen⸗ blick Befehl erhalten, unter Segel zu gehen, und hielt ſich völlig bereit. Wir hatten alſo nur noch die Anker lick ꝙ ein er ho mi de er⸗ le . en, mt te vor das elte. un⸗ erth gen eine gen⸗ hielt nker zu lichten und die Segel zu hiſſen, was wir ohne Trommeln und Trompeten thaten. „Als der Tag anbrach, waren wir über zehn Mei⸗ len von der Küſte entfernt. „Ich habe nie von meinem großen Schuft von einem Brahmanen ſprechen hören, doch aller Wahrſchein⸗ lichkeit iſt er für immer, und zwar ſchon ſeit zwanzig Jahren, von der Manie geheilt, wenn er irgend wo eintritt, die Pantoffeln vor der Thüre zu laſſen.“ „Meiner Treue!“ ſagte der Vater Olifus, indem er den Leichnam ſeiner zweiten Flaſche an das Licht hob,„der Rhum hält uns ſein Wort nicht, und wir müſſen zum Rack übergehen.“ Fortſetzung. Der Erzähler hatte, wie man leicht begreift, nicht mit einer Flaſche Branntwein und einer Flaſche Rhum die Darſtellung ſeiner vier erſten Heirathen benetzt⸗ ohne daß die Erinnerungen an die vergangene Zeit, verbunden mit den gegenwärtigen Citationen, einige Bewegtheit in ſeine Erzählung brachte. Wir waren auch uͤberzeugt, Biard und ich, daß wir, wenn er uns noch eine ſechſte oder ſiebente Heirath zu erzählen hätte, ge⸗ nöthigt wären, uns entweder als Wächter der Rack⸗ flaſche aufzuſtellen oder auf den andern Tag das Ende der ehelichen Odyſſee des Ulyſſes von Monnikendam zu verſchieben. Zum Glück beruhigte er uns ſelbſt; nachdem er ſeinen Schluck Rack getrunken, fuhr er mit dem Rücken ſeiner Hand über ſeine Lippen und ſprach mit dem Tone eines Mannes, der eine Ankündigung macht: „Fünfte und letzte Heirath des Vater Olifus.“ Dann fuhr er mit ſeiner gewöhnlichen Stimme fort: 2¹4 „Ich reiſte alſo mit meinem kleinen Schiffe, einer Art von Chaſſe⸗marée, nicht größer, und ſechs Mann Equi⸗ page, nicht mehr, im Vertrauen auf den guten Gott ab. Wir waren entſchloſſen, das Cap Comorin zu um⸗ fahren, wenn der Wind günſtig und das Meer ſchön wäre, Ceylon links zu laſſen, und auf Sumatra und Java zu ſteuern. Es war mir wenig daran gelegen, ob ich auf die eine oder die andere von dieſen In⸗ ſeln kam, da ich, je mehr ich gegen das ſtille Meer vor⸗ rückte, deſto mehr des Verkaufs meiner Cardamome ſicher ſein konnte. „Am ſiebenten Tag nach unſerer Abreiſe erblickten wir Ceylon; mit Hülfe meines Fernglaſes konnte ich ſogar die Häuſer von Punto de Gale unterſcheiden. Doch bah! der Wind war friſch, und wir hatten noch ungefähr auf einen Monat ſchönes Wetter. „Ich wandte den Kopf von dieſem Teufel von einem Lande ab, das uns anzog, richtete das Vordertheil auf Achem und ſteuerte meine Nußſchale durch den indiſchen Ocean wit eben ſo viel Philoſophie, als wenn es der erſte Hreiniſer Rotterdams geweſen wäre. „Alles ging gut während der erſten fünf Tage und ſogar nachher, wie Sie ſehen werden, nur hätte uns beinahe um die zweite Wache der ſechſten Nacht ein kleiner Unfall Alle im Grunde des Golfs von Ben⸗ galen Perlen fiſchen geſchickt. „Während der vorhergehenden Nächte hatte ich das Steuerruder gehalten, und Alles war vortrefflich ge⸗ gangen; doch meiner Treue! wir waren fern von ledem Land, keine Bank war auf unſerem Wege bezeichnet. Durch unſer niedriges Maſtwerk und die wenigen Se⸗ gel, die unſer Fahrzeug trug, mußten wir, bei Nacht beſonders, dem Auge der Seeräuber entgehen, ſo ſcharf es war; ich ſetzte den geſchickteſten von meinen Leuten an's Steuerruder, ging in's Zwiſchendeck herab, legte mich auf meine Ballen und entſchlief. „Ich weiß nicht, ſeit wie lange ich ſchlief, als ich —————— er ui⸗ ott m⸗ ön nd en, n⸗ or⸗ her ten en. och em auf hen rſte age ätte acht en⸗ das ge⸗ dem net. Se⸗ acht arf uten egte 215 plötzlich durch einen gewaltigen Lärm über meinem Kopfe aufgeweckt wurde. Meine Leute liefen vom Hin⸗ tertheil nach dem Vordertheil und ſchrieen oder brüllten vielmehr, und ich unterſchied in dieſem Gebrülle zugleich Gebete und Flüche. Was ich in dem Allem klar ſah, war, daß wir irgend eine Gefahr liefen, und daß dieſe Gefahr groß. „Je größer die Gefahr, deſto mehr heiſchte ſie meine Gegenwart. Ohne zu ſuchen, was es ſein könnte, lief ich nach der Luke und ſtürzte auf das Verdeck. „Das Meer war herrlich, der Himmel mit Ster⸗ nen beſät, einen Punkt ausgenommen, wo eine unge⸗ henre Maſſe, beinahe über unſerem Kopfe hängend und bereit, auf das Schiff herabzufallen, durch ihre Undurch⸗ ſichtigkeit das Licht der Sterne unterbrach. „Die Augen aller meiner Leute waren auf dieſe Maſſe geheftei, alle ihre Anſtrengungen bezweckten, ſie zu vermeiden.. „Doch was war dieſe Maſſe? „Ein Gelehrter hätte ſich bemüht, das Räthſel zu löſen, und wäre verſchlungen geweſen, ehe er es gefun⸗ den. Das war nicht mein Trachten. „Ich ſprang nach dem Steuerruder und legte die Stange ganz an Backbord; dann als, ohne Zweifel vom guten Gott geſchickt, ein hübſcher kleiner Nord⸗Nord⸗ Weſtwind vorüberſtrich, nahm ich ihn zugleich in mei⸗ nem Vorderſegel und in meinem Hinterſegel auf, was unſer Fahrzeug wie einen ſcheu gewordenen Widder ſpringen machte. So daß in dem Augenblick, wo die Maſſe wieder niederfiel, ſtatt bleirecht auf uns zu fallen, wie ſie es zu thun drohte, dieſelbe unſer Hintertheil ſtreifte und daß wir es waren, die ſich auf dem Berge befanden, ſtatt im Thale zu ſein. „Was uns beinahe zerſchmettert hätte, war eine ungeheure chineſiſche Jonke mit einem Bauche ſo prall wie der einer Kürbisflaſche, welche an uns gekommen war, ohne aufgepaßt zu rufen⸗ 2¹6 „Ich hatte ſowohl in Ceylon, als in Goa ein paar chineſiſche Worte gelernt; ſie gehörten vielleicht nicht zu den artigſten, aber ſicherlich zu den kräftigſten. Ich nahm mein Sprachrohr und ſandte ſie, wie eine Lage, den Unterthanen des erhabenen Kaiſers zu. „Doch zu unſerem großen Erſtaunen antwortete Niemand. „Da bemerkten wir, daß die Jonke träge ſchwamm, als wäre Niemand auf dem Verdeck, um ſie zu leiten; es glänzte weder ein Licht durch die Stuckpforten, noch beim Compaß; man hätte glauben ſollen, es wäre ein todter Fiſch, der Leichnam des Leviathan. „Ahgeſehen davon, daß nicht ein Segel im Wind war. „Die Sache war ſeltſam genug, um unſere Auf⸗ merkſamkeit zu verdienen. Wir kannten die Chineſen als ſehr indolent; aber ſo indolent ſie auch ſind, ſo haben ſie doch nicht die Gewohnheit, ſo ruhig zum Teufel zu gehen. Ich begriff, daß dem Schiffe oder der Mann⸗ ſchaft etwas Ungewöhnliches widerfahren war, und da wir nur noch eine oder zwei Stunden auf das Erſchei⸗ nen des Tages zu warten hatten, ſo manveuvrirte ich, um in Begleitung der Jonke zu ſchiffen, was nicht ſchwierig, inſofern ſie wie ein Ballot rollte und nur eine Vorſicht zu beobachten war, die, daß wir uns nicht gegen dieſelbe treiben ließen. „Ein einfaches Segel, das wir behielten, genügte, um uns vor dieſem Unfall zu bewahren. „Allmählig kam der Tag; während ſich die Finſter⸗ niß nach und nach zerſtreute, ſuchten unſere Augen irgend eine Bewegung in der ungeheuren Maſchine zu ent⸗ decken. Doch es rührte ſich kein Menſch: entweder war die Jonke leer, oder die Mannſchaft eingeſchlafen. „Ich näherte mich ſo viel als möglich. Ich rief Alles, was ich an chineſiſchen Worten wußte. Einer von meinen Leuten, der zehn Jahre in Macao geweſen war, ſprach, rief, ſchrie ebenfalls. Niemand antwortete. „Da beſchloſſen wir, die Jonke zu umſchiffen, um var. eſen ben zu nn⸗ da hei⸗ icht nur icht gte, ſter⸗ gen ent⸗ war rief iner eſen tete. um 2¹7 zu ſehen, ob daſſelbe Stillſchweigen am Steuerbord wie am Backbord herrſche. „Daſſelbe Stillſchweigen; nur hing am Steuer⸗ bord ein Anhaltſeil. Ich manveuvrirte, um dem unge⸗ heuren Gerippe ſo nahe als möglich zu kommen; es gelang mir, das Anhaltſeil zu faſſen, und in fünf Mi⸗ nuten war ich auf dem Verdeck. „Es war offenbar etwas vorgefallen, was nicht ſehr angenehm für die Bewohner der Jonke geweſen: zerbrochene Meubles, flatternde Fetzen Stoff, da und dort Blutflecken, Alles deutete einen Kampf an, und zwar einen Kampf, in welchem ohne allen Zweifel die Chimſen unterlegen waren. „Während ich auf dem Verdeck Alles in Augen⸗ ſchein nahm, ſchien es mir, als hörte ich unterdrückte Seufzer aus dem Innern hervorkommen. Ich wollte in das Zwiſchendeck hinabſteigen, die Luken waren ge⸗ ſchloſſen. „Ich ſchaute umher und erblickte am Fuße des Ankerhaſpels eine Art von Brecheiſen, das mir beſtimmt ſchien, den Zweck, den ich mir vorſetzte, trefflich zu er⸗ füllen. Mittelſt eines einzigen Druckes ſprengte ich in der That die Fallthüre von einer der Luken, und das Licht drang in das Zwiſchendeck. „Zu gleicher Zeit, als das Licht eindrang, kamen die Klagen deutlicher zu mir. Ich ſtieg, ich muß es geſtehen, mit einem gewiſſen Zögern hinab; doch auf der Hälfte der Leiter war ich beruhigt. „Auf dem Boden des Zwiſchendecks lagen an ein⸗ ander gereiht wie die Mumien und umſchnürt wie Würſte etliche und zwanzig Chineſen, die an ihren Kne⸗ beln mit mehr oder weniger Grimaſſen nagten, je nach⸗ dem ſie die Natur mit einem mehr oder weniger ge⸗ duldigen Temperament begabt hatte. „Ich ging auf den zu, welcher mir der Bedeutendſte zu ſein ſchien: er war mit dickeren Schnüren umbunden 2¹18 und kaute einen größeren Knebel. Ehre dem Ehre gebührt. „Ich band ihn los und entknebelte ihn, ſo gut ich konnte; es war der Eigenthümer der Jonke, der Kapi⸗ tän Iſin⸗Fong; er fing damit an, daß er ſehr aufrich⸗ tige Dankſagungen an mich richtete, ſo weit ich wenigſtens verſtehen konnte; dann bat er mich, ihm ſeine Gefährten losbinden und entknebeln zu helfen. „In weniger als zehn Minuten war die Operation beendigt. „Sobald ein Mann losgebunden und entknebelt war, ſtürzte er in den Raum, wo er verſchwand; ich war ſo neugierig, zu ſehen, was ſie mit einer ſolchen Haſt in dem unteren Theil des Schiffes machten, und gewahrte, daß die Unglücklichen einem Waſſerfaß ven Boden eingeſchlagen hatten und mit vollen Zügen dar⸗ aus tranken. „Sie hatten ſeit drei Tagen weder gegeſſen, noch getrunken; da ſie jedoch mehr vom Durſt als vom Hun⸗ ger litten, ſo waren ſie zuerſt bemüht, den Durſt zu illen. „Zwei tranken ſo viel, daß ſie daran ſtarben, ein Dritter aß ſo viel, daß er zerplatzte. „Die Geſchichte dieſer unglücklichen Jonke, die uns Anfangs ſo unbegreiflich vorgekommen, war doch ganz natürlich. „In der Nacht von malabariſchen Seeräubern ge⸗ entert, war die Equipage nach kurzem Widerſtand über⸗ wältigt worden. „Das war der Widerſtand, deſſen Spuren wir auf dem Verdeck bemerkt hatten. „Um in ihrer commereciellen Unterſuchung nicht geſtört zu werden, hatten die Seeräuber ſodann die ganze Mannſchaft, den Kapitän an der Spitze, ge⸗ bunden, geknebelt und auf den Boden gelegt, wonach ſie Alles von der Ladung genommen, was ihnen zu nehmen Vergnügen gemacht, und einen Theil von dem, re ich pi⸗ n6 en on elt en ind ven ar⸗ och un⸗ zu ein uns anz ge⸗ er⸗ auf icht die ge⸗ nach zu em, 219 was ſie nicht mitnehmen konnten, ins Meer geworfen oder verdorben. „In der Hoffnung ohne Zweifel, eine zweite Reiſe auf der Jonke zu machen, hatten ſie hernach alle Segel, welche die Jonke fortſchaffen konnten, zuſammengezogen und das Fahrzeug ſelbſt aufs Trockene laufen laſſen. „In dieſem Zuſtand wäre es uns beinahe auf den Kopf gefallen.. „Man begreift die Freude des Kapitäns und der Mannſchaft, als ſie ſich durch uns, oder vielmehr von mir, nach einer dreitägigen Angſt aus ihrer nur mittel⸗ mäßig angenehmen Lage befreit ſahen. Man ſchickte eine Art von Leiter meinen Leuten, von denen vier auf das Verdeck ſtiegen, während zwei andere die Chaſſe⸗ marée an das Hintertheil der Jonke anbanden, wo ſie nicht bedeutender erſchien, als ein Nachen im Gefolge einer gewöhnlichen Brigg. „Als mein kleines Schiff angebunden war, kamen die zwei letzten Leute meiner Mannſchaft auf das Verdeck. „Es handelte ſich darum, der chinefiſchen Mann⸗ ſchaft ſich in einen geeigneten Zuſtand verſetzen zu hel⸗ fen. Die Unterthanen des erhabenen Kaiſers ſind weder die beherzteſten, noch die geſchickteſten Seeleute der Welt. So daß ſie große Schreie ausſtießen, lange Arme mach⸗ ten, aber in nichts vorgerückt wären, wenn wir nicht ihr Geſchäft beſorgt hätten. „Als man dies gethan und die Verwundeten ver⸗ bunden, die Todten ins Meer geworfen hatte, als die Jonke unter Segel war, entſchied man ſich, daß es, da die Ladung an Vord der Freibeuter übergegangen, un⸗ nütz wäre, die Fahrt nach Madras fortzuſetzen. Ueber⸗ dies war der Kapitän Iſing⸗Fong entſchloſſen, wieder umzukehren. Er gedachte nämlich in Madras eine La⸗ dung Cardamome einzunehmen, und ich hatte gerade mein Schiff mit Cardamome befrachtet; nur verſteht es ſich, daß das Erſte, was die Piraten beſucht, die Kaſſe des Kapitän Iſing⸗Fong geweſen war. Da ſich hie⸗ 220 vurch nunmehr die Kaſſe nicht in dem entſprechenden Zu⸗ ſtand befand, um mir die achttauſend Piaſter zu bezahlen, zu denen meine Ladung geſchätzt war, ſo wurde verabredet, daß wir mit einander nach Manilla ſegeln ſollten, wo der Kapitän Iſing⸗Fong einen Correſpondenten hatte, und wo wir folglich, bei dem Credit, deſſen er ſich von der Meerenge von Malacca bis zur Meerenge von Korea erfreute, unſer Geſchäft abmachen könnten. Da ich kei⸗ nem Orte der Welt einen Vorzug gab, und beſonders nichts gegen die Philippinen einzuwenden hatte, ſo nahm ich den Vorſchlag an, jedoch nur unter der Bedingung, daß ich über das Manveuvre zu Rathe gezogen würde, da ich durchaus nicht darauf bedacht war, mit deß See⸗ räubern Bekanntſchaft zu machen. „Der Kapitän Iſing⸗Fong, war es Eitelkeit, war es Mißtrauen, machte Anfangs einige Schwierigkeiten. Als er aber ſah, daß durch meine Manveuvres ſeine Maſchine, die ſich bis dahin wie eine Tonne gewälzt hatte, das Waſſer wie ein Fiſch zu durchſchneiden be⸗ gann, da kreuzte er ſeine Hände über ſeinem Bauch, fing an mit dem Kopf von oben nach unten zu wackeln, ſprach zwei oder dreimal die doppelte Sylbe: Hi⸗o, Hi⸗o, was beſagen will: vortrefflich, und kümmerte ſich um nichts mehr. „So daß wir ohne Unfall durch die Meerenge von Malacca fuhren, immer ohne Unfall den Archipel von Arambas durchſegelten, und nachdem wir die kleine Inſel des Corrigidor umſchifft, welche wie eine Schild⸗ wache am Eingange der Bucht ſteht, in die Mündungen des Paſſing einliefen und geſund und unverſehrt bei finſterer Nacht den Douanen⸗Niederlagen gegenüber vor Anker gingen. on rea kei⸗ ers hm ng, rde, ee⸗ var ten. eine älzt be⸗ fing eln, ⸗0, ſich von von eine ild⸗ gen bei vor Ver Bezoar. „Der Kapitän Iſing⸗Fong hatte mir kein leeres Verſprechen gemacht, und ſchon am Tage unſerer An⸗ kunft führte er mich zu ſeinem Geſchäftsfreunde, einem reichen Cigarrenfabrikanten, der ſich gegen mich erbot, mir entweder meine achttauſend Rupien in baarem Gelde zu bezahlen, oder mir für eine gleiche Summe Waaren zu einem Preiſe zu geben, wie er allein ſie mir bei der Ausdehnung ſeines Handels und der Vielſeitigkeit ſeiner Geſchäfte geben könne. „Die Philippinen⸗Inſeln können in der That als die Niederlage der Welt betrachtet werden: man trifft hier das Gold und das Silber von Peru, die Diaman⸗ ten von Golconda, die Topaſe, die Saphire und den Zimmet von Ceylon, den Pfeffer von Java, die Gewürz⸗ nelke und die Muskatnüſſe der Molucken, den Kampher von Bornev, die Perlen von Mannar, die Teppiche Per⸗ ſiens, die Benzoe und das Elfenbein von Cambodſcha, den Biſam von Liquios, die Stoffe von Bengalen und das Porzellan von China. „Es war meine Sache, eine Auswahl unter allen dieſen Waaren zu treffen und diejenigen zu beſtimmen, welche mir den ſicherſten und raſcheſten Nutzen abzu⸗ werfen ſchienen. „Da mich indeſſen nichts drängte, inſofern ich einen ziemlich hübſchen Gewinn auf meiner Cardamome rea⸗ liſirt hatte, ſo beſchloß ich, einige Zeit in Manilla zu⸗ zubringen und während meines Aufenthalts auf den Philippinen den Handelszweig zu ſtudiren, welcher am Vortheilhafteſten für einen Mann ſein konnte, der, nachdem er mit hundert und vierzig Franken angefan⸗ gen, nunmehr dreißig tauſend Livres baares Geld in den Handel zu ſtecken hatte. „Meine erſte Sorge war, die beiden Hauptſtädte zu beſuchen: „Manilla, die ſpaniſche Stadt. „Bidondo, die tagaliſche Stadt. „Die ſpaniſche Stadt iſt ein Gemenge von Klöſtern, Kirchen, Zufluchtshäuſern und plump behauenen Ge⸗ bäuden, ohne irgend einen Plan in ver Ausführung, mit dicken, hohen Mauern, Schießſcharten, die auf den Zu⸗ fall angebracht ſind, und Gärten, die die Häuſer von, einander trennen; ſie iſt bevölkert von Mönchen, von Nonnen, von Spaniern in Mänteln, die ſich in ſchlechten“ Palankins tragen laſſen oder gravitätiſch, die Cigarre im Mund, einherſchreiten, wie Caſtilianer aus der Zeit von Don Quirote de la Mancha. Die Stadt, welche hundert tauſend Einwohner zu enthalten vermag und nur achttauſend enthält, hat auch einen tief traurigen Charakter. „Ich fand hier nicht, was ich brauchte, und nach⸗ dem ich verächtlich den Kopf ſchüttelnd, Manilla in Augenſchein genommen hatte, beſchloß ich, Bekanntſchaft mit Bidondo zu machen. „Am andern Morgen, nachdem ich meine Choco⸗ lade getrunken, wandte ich mich nach der bürgerlichen Stadt, und je näher ich derſelben kam, deſto mehr drang das Geräuſch des Lebens, das in dem Grabe, welches man Manilla nennt, völlig fehlt, an mein Ohr. Ich athmete freier und fand das Grün friſcher und die Sonne lächelnder. „Ich beeilte mich auch, die Außenwerke und die Zugbrücke der militäriſchen Stadt zu durchſchreiten, und fühlte mich wie ein Menſch, der aus einem unterirdi⸗ ſchen Gewöolbe hervortritt, ganz heiter und freudig ge⸗ ſtimmt auf dem, was man die ſteinerne Brück nennt⸗ Hier begann das Leben oder vielmehr von hier an war das Leben im Ueberfluß verbreitet⸗ ——————————— n, e⸗ nit u⸗ on on ten“ rre eit ind en co⸗ hen ehr be, hr. die die und rdi⸗ ge⸗ nnt. war „Die Brücke war beladen mit Spaniern in Palan⸗ kins, mit Meſtizen, welche mit großen Sonnenſchirmen bewaffnet zu Fuß liefen, mit Creolen, gefolgt von ihren Dienern, mit Bauern aus den benachbarten Dör⸗ fern, mit chineſiſchen Handelsleuten und malaiſchen Ar⸗ beitern; dieſer Lärmen, dieſes Getöſe, dieſer Durchein⸗ ander bereiteten ein wahres Vergnügen einem Mann, wie mir, der ſich für todt halten konnte, da er zwei Tage in Manilla begraben geweſen war. „Fahrewohl alſo der düſtern Stadt, Fahrewohl den langweiligen Häuſern, Fahrewohl den adeligen Herren, guten Morgen Bidondo mit ſeinen hundert und vier⸗ zig tauſend Einwohnern, guten Morgen den zierlichen Häuſern, guten Morgen der geſchäftigen Bevölkerung, guten Morgen der Kai, wo die Flaſchenzüge ächzen, wo die Ballen von den vier Enden der Welt rollen, wo die chineſiſchen Jonken, die Piroguen von Neu⸗Gui⸗ nea, die malaiſchen Proas, die Briggs, die Corvetten, die Dreimaſter aus allen Theilen Europas angebunden liegen. Hier gibt es keine Kategorien, keinen Aus⸗ ſchluß, keine Kaſten; der Menſch gilt nach dem, was er iſt, wird geſchätzt nach dem, was er beſitzt: man er⸗ kennt ihn mit dem erſten Blick an ſeiner Tracht, ehe man ihn an ſeinem Accent erkennt. Malaien, Ameri⸗ kaner, Chineſen, Spanier, Holländer, Madecaſſen ſind unabläſſig beſchäftigt, die Woge der Eingeborenen zu durchſchneiden. Dieſer Ocean von Tagalen, Männern und Frauen, welche die Bevölkerung der Inſel bildeten, als die Spanier dieſelbe eroberten, und die man er⸗ kennt, die Männer an ihrer beinahe normanniſchen Tracht, an dem Hemd; das blouſenartig über die leinene Hoſe herabhängt, am Filzhut mit ſchlapper Krämpe, an den Schnallenſchuhen, an dem Roſenkranz, der ihren Hals umgibt, und an der kleinen Schürze, die ſie wie einen Plaid tragen; die Frauen an ihren Haaren, welche durch einen hohen ſpaniſchen Kamm feſtgehalten wer⸗ den, an ihrem über den Rücken herabflatternden Schleier, 224 an ihrem Canezu von weißer Leinwand, der auf ihrer Bruſt ſpielt und den Theil des Körpers, welcher ſich unten vom Buſen an bis zum Nabel ausdehnt, frei läßt, an der Cambaye, die bis an den Knöchel gerollt, an dem bunt⸗ ſcheckigen Teppich, der über die Cambaye gewickelt iſt, an den unmerklichen Pantoffeln, die den Fuß beinahe bloß laſſen, an der ſtets an ihren Lippen hängenden Cigarre, welche, durch die Rauchwolken, die ſie verbrei⸗ tet, ihre Augen nur noch glüͤhender macht. „Ah! das war es, was ich brauchte. Guten Abend Manilla und es lebe Bidondo! „Der Geſchäftsfreund meines chineſiſchen Kapitäns ſchenkte auch ſeinen vollen Beifall meinem Entſchluß, der ſeiner Anſicht nach der eines Mannes von Verſtand war; er hatte ſelbſt ein Haus in Bidondo, wo er am Sonntag von ſeiner Langweile die Woche hindurch ausruhte. Er bot mir ſogar einen kleinen Pavillon an, der zu dieſem Hauſe gehörte und auf die Kai ging; doch ich wollte ihn nur unter dem Titel eines Mieths⸗ mannes annehmen, und wir kamen dahin überein, daß ich gegen die Summe von dreißig Rupien jährlich, un⸗ gefähr achtzig Franken, darüber mit ſeiner ganzen Zu⸗ behör ſchalten und walten ſollte. „Nach einer dreitägigen Beobachtung bemerkte ich übrigens, daß die Hauptinduſtrie des Tagals der Hah⸗ nenkampf iſt. „Es iſt nicht möglich, von einem Ende der Kai von Bidondo zum andern zu gehen, ohne auf zehn, fünf⸗ zehn, zwanzig Kreiſe gebildet um zwei gefiederte Kämpfer zu ſtoßen, von deren Geſchick zwei, drei, vier, fünf tagaliſche Familien abhängen, denn eine tagaliſche Fa⸗ milie, welche einen Hahn von guter Race beſitzt, lebt nicht nur vom Ertrag dieſes Hahns, ſondern die Ver⸗ wandten und die Nachbarn, welche für den Eigenthümer dieſes Hahns wetten, leben zugleich wie ſie durch dieſen Hahn. Die Frau hat Schildpattkämme, goldene Roſen⸗ fränze, Halsbänder von Glas, der Mann Geld in ſeiner rer ten der t⸗ iſt, ahe den rei⸗ ten äns uß, and am ch an, g ths⸗ daß un⸗ Zu⸗ e ich Hah⸗ Kai fünf⸗ npfer fünf Fa⸗ lebt Ver⸗ ümer ieſen oſen⸗ ſeiner 225 Taſche und die Cigarre im Mund; der Hahn iſt auch das verzogene Kind des Hauſes und eine Tagalen⸗Mut⸗ ter kümmert ſich nicht um ihre kleinen Kinder, ſondern um ihren Hahn; ſie macht ſeine Federn glänzend und ſchärft ſeine Sporen. Der Mann vertraut ihn in ſeiner Abweſenheit Niemand an, nicht einmal ſeiner Frau; verläßt er das Haus, ſo nimmt er ihn unter ſeinen Arm, geht mit ihm an ſeine Geſchäfte und beſucht mit ihm ſeine Freunde; trifft er auf ſeinem Wege einen Gegner, ſo werden die Ausforderungen gewechſelt und die Wetten gemacht. Die Eigenthümer kauern ſich ein⸗ ander gegenüber, treiben ihre Hähne zum Kampfe an, und es wird ein Kreis gebildet, in deſſen Mitte ſich die zwei wildeſten Leidenſchaften des Menſchen, das Spiel und der Krieg, zerarbeiten. Ah! meiner Treue, es iſt ein ſchönes Leben das Leben in Bidondo. „Es gibt unter den Tagalen eine andere Art von Gewerbsthätigkeit, welche ungemein der Aufſuchung des Steines der Weiſen gleicht, es iſt die der Bezoar⸗ ſucher; da aber die Natur aus den Philippinen die Niederlage von allen Giften der Welt gemacht hat, ſo hat ſie auch ſeine Stelle auf den Philippinen dem Be⸗ zoar angewieſen, der das Univerſalgegengift iſt.“ „Ahl bei Gott,“ ſagte ich, den Vater Olifus unterbrechend,„da Sie gerade das Wort Bezoar ha⸗ ben fallen laſſen, wäre es mir nicht unangenehm, zu erfahren, woran ich mich in dieſer Hinſicht zu halten habe. Ich habe oft von Bezoar ſprechen hören, beſon⸗ ders in Tanſend und eine Nacht. Ich habe die ſeltenſten Steine geſehen, ich habe Rubin⸗Balaſſe geſe⸗ hen, ich habe den rohen Granat, ich habe den Karfun⸗ kel geſehen, doch ich mochte immerhin ſuchen, nie iſt mir der Bezoar zu Geſicht gekommen, nie hat mir Je⸗ mand das geringſte Theilchen davon zeigen können.“ „Wohl denn, mein Herr, ich,“ antwortete der Va⸗ ter Hlifus,„ich habe den Bezoar geſehen, berührt, ich Tauſend und ein Geſpenſt. U. 15 5 226 habe ſogar davon verſchluckt, ſonſt, wie Sie bald ver⸗ nehmen werden, hätte ich in dieſem Augenblick nicht die Ehre, ein Glas Rack auf Ihre Geſundheit zu trinken.“ Und der Vater Olifus ſchenkte ſich wirklich ein Glas Rack ein, das er auf einen Zug auf die Geſund⸗ heit von Biard und auf die meinige trank. „Ah!“ fuhr er fort,„wir ſagen alſo, der Bezoar eriſtire, und behanupten dabei, es gebe drei Sorten von Bezvar, den Bezoar, den man in den Eingeweiden der Kühe findet, den Bezvar, den man in den Eingeweiden der Ziegen findet, und den Bezoar, den man in den Eingeweiden der Affen findet. „Der Bezoar, den man in dem Bauche der Kühe findet, iſt der am wenigſten koſtbare. Zwanzig Grane von dieſem Bezoar find nicht ſo viel werth, als ſieben Grane, welche man im Bauche der Ziegen findet, wie ſieben Grane von dem Bezoar, den man in dem Bauch der Ziegen findet, nicht den Werth von einem Gran o dem haben, welchen man im Bauche der Affen ndet. „In dem Königreich Golconda beſonders trifft man die Ziegen, welche den Bezoar hervorbringen. Sind ſie von einer beſondern Race? Nein, denn bei zwei jun⸗ gen Ziegen von derſelben Mutter produeirt die eine den Bezoar, während ihn die andere nicht producirt. Die Hirten brauchen ihnen nur den Bauch auf eine gewiſſe Weiſe zu befühlen, um zu wiſſen, woran ſie ſich über die Art der Fruchtbarkeit ihrer Ziegen zu halten haben; durch die Haut zählen ſie in den Eingeweiden die An⸗ zahl der Steine, die ſie enthalten, und erfahren, ohne ſich je zu täuſchen, den Werth dieſer Steine. Man fann alſo den Bezvar auf dem Fuße kaufen. „Nur machte ein Kaufmann von Gva, während der Zeit, da ich auf der Küſte von Malabar wohnte, eine ſeltſame Erfahrung. Er kaufte im Gebirge von Golronda vier Ziegen, welche Bezvar trugen, brachte ſie öffr im töd tior tra Na und ver⸗ icht zu ein ind⸗ zoar von der iden den dühe rane eben wie auch ran lffen man Sind jun⸗ den Die wiſſe über ben; An⸗ ohne Man rend hute, von achte 227 ſie auf hundert Meilen von ihrem Geburtsorte weg, öffnete zwei davon ſogleich und fand die Bezoars noch im Körper, jedoch dem Umfange nach vermindert. Er tödtete eine davon zehn Tage nachher. Bei der Sec⸗ tion des Thieres erkannte man, daß es den Bezvar ge⸗ tragen hatte, daß aber der Bezoar verſchwunden war. Nach einem Monate endlich tödtete er die vierte Ziege, und dieſe hatte keine Spur von dem Edelſtein, welcher gänzlich verſchwunden war. „Was beweiſen würde, daß es im Gebirge von Golconda einen beſondern Baum oder ein ſpecielles Kraut gibt, dem die Kühe und die Ziegen die Bildung des Bezoar zu verdanken haben. „Wir ſagen alſo, es ſei eine von der Gewerbsthä⸗ tigkeiten der Tagalen, auf die Jagd der Affen auszuge⸗ hen, die den Bezoar tragen, der beziehungsweiſe und vergleichungsweiſe zu den andern Bezoars ſo koſtbar iſt, als es der Diamant in Beziehung auf den Rhein⸗ kieſel, den Straß oder den Bergkryſtall iſt. „Ein einziger Affenbezoar iſt tauſend, zwei tauſend bis zehn tauſend Livres werth, denn ein Paar Finger voll Bezoar gerieben und in einem Glas Waſſer ver⸗ dünnt kann als Gegengift gegen die furchtbarſten Gifte der Philippinen und ſogar gegen den Upas von Java dienen. „Es iſt nun unglaublich, welcher Gebrauch vom Gift von Lugon bis Mindanao gemacht wird, beſonders zur Zeit der Cholera; da die Symptome dieſelben ſind, ſo benützen in der Regel die Augenblicke der Peſt, die Männer, um ſich von ihren Frauen zu befreien, die Frauen, um ſich von ihren Männern zu befreien, die Neffen von ihren Oheimen, die Schuldner von ihren Gläubigern u. ſ. w., u. ſ. w. „Doch die Race, welche im Ueberfluſſe in Bidondo vorhanden, iſt die chineſiſche Race. Sie beſitzen das ſchöne Quartier an den Ufern des Paſſig; ihre Häuſer ſind halb aus Steinen, halb aus Bambus gebautz ſie ſind ſchön, 228 gut für die friſche Luft zugänglich⸗ außen zuweilen mit Malereien verziert, und haben Magazine und Buden im Erdgeſchoß; und was für Buden, was für Magazine! Sehen Sie, das Waſſer läuft einem im Munde zuſam⸗ men, wenn man nur daran vorbeigeht, abgeſehen von einem Haufen kleiner chineſiſchen Magoten, welche vor ihren Thüren ſitzen, mit dem Kopfe wackeln und gegen die Leute auf der Straße die Augen verdrehen.. Kurz! „Da ich einen chineſiſchen Kapitän, eine chineſiſche Mannſchaft und eine chineſiſche Jonke gerettet hatte, ſo fand ich mich in Bidondo ſehr gut empfohlen. Ueber⸗ dies trieb der Handelsfreund des Kapitän Iſing⸗Fong, derjenige, welcher den Pavillon, den ich bewohnte, an mich vermiethet hatte, ſeinen Haupthandel mit den Un⸗ terthanen des erhabenen Kaiſers. „Der erſte Sonntag, wo er nach Bidondo kam, wurde ganz mir gewidmet. Er fragte mich, ob ich ein Jäger ſei. Auf gut Glück antwortete ich ja. Er ſagte mir, er habe auf den folgenden Sonntag mit einem ſeiner Freunde eine Jagd angeordnet, und wenn ich dabei ſein wollte, brauchte ich mich um nichts zu bekümmern, da ich, wenn ich zu dem Landhauſe die⸗ ſes Freundes hinabkäme, eine vollſtändige Jagdequipage finden würde. „Ich nahm mit Freuden an. „Die Jagd ſollte am Paſſig aufwärts in der Ge⸗ eines reizenden Sees, genannt die Laguna, ſtatt⸗ inden. Bidondo auf, in einer Barke, bemannt mit ſechs kräfti⸗ gen Ruderern, und, dafür ſtehe ich, es brauchte nicht weniger, um dem Paſſig hinaufzufahren. „Dieſe Promenade war reizend, die beiden Ufer boten nicht nur den wechſelreichſten Anblick, ſondern es gaben auch zu unſerer Rechten und zu unſerer Linken „Am darauf folgenden Sonnabend brachen wir von ſche „ ſo ber⸗ ong, „an Un⸗ kam, Er mit und ichts die⸗ page ſtatt⸗ von äfti⸗ nicht Ufer n es inken 2²9 die Piroguen, die den Fluß hinauf oder hinab fuhren, das anmuthigſte Gemälde, das man ſehen konnte. „Nach einer Fahrt von drei Stunden machten wir Halt bei einem hübſchen Fiſcherdorfe, deſſen Be⸗ wohner Abends in Bidondo den Ertrag ihrer Fiſcherei vom Tage verkaufen; dieſes Dorf ſpiegelt im Waſſer ſeine vom Winde geſchaukelten Reisfelder, ſeine Grup⸗ pen von Palmbäumen, ſeine Bändel von Bambus und ſeine Hütten mit den ſpitzigen Dächern, welche in der Luft hängende Käſige zu ſein ſchienen. „Der Halt hatte zum Zweck, unſere Ruderer ausruhen zu laſſen und ſelbſt zu Mittag zu ſpeiſen. Als das Mahl eingenommen war, als unſere Ruderer ausgeruht hatten, begaben wir uns wieder auf den Weg. „Endlich, in dem Augenblick, als die Sonne unter⸗ ging, ſahen wir vor uns, wie einen ungeheuren Spiegel, den Lagunaſee, der dreißig Meilen im Umfange hat. „Gegen ſieben Uhr Abends begaben wir uns auf den See; zwei Stunden nachher waren wir bei dem Freunde unſeres Correſpondenten. „Der Freund unſeres Correſpondenten war ein Franzoſe, Herr de la Géronnière; ſeit fünfzehn Jahren be⸗ wohnte er am Ufer des Lagunaſees ein reizendes Gut, genannt Hala⸗Hala. Er empfing uns mit einer indi⸗ ſchen Gaftfreundſchaft; als er aber erfuhr, ich ſei Eu⸗ ropäer und von franzöſiſcher Abſtammung, als wir ein paar Worte in einer Sprache ausgetauſcht hatten, die er, außer in ſeiner Familie, nicht einmal alle Jahre zu ſprechen Gelegenheit fand, da verwandelte ſich die Gaſt⸗ freundſchaft in ein wahres Feſt. „Dies Alles ging um ſo beſſer, als ich nicht den Hidalgo, nicht den Ariſtokraten, nicht den Großſprecher ſpielte; ich ſagte:„„Sie erweiſen mir viel Ehre, ich bin ein armer Matroſe von Monnikendam, ein armer Barkenpatron von Ceylon, ein armer Handelsmann von Goa; man hat eine rauhe, aber rechtſchaffene Hand; man kann das nehmen oder laſſen.“ Und man nahm 230 den Vater Olifus für das, was er war, nämlich für einen braven Mann, der das Maul nicht hängen ließ. „Am Abend blieb ich meinem Grundſatze getreu, das heißt, ich maulte weder gegen die Flaſche, noch gegen das Bett; man hatte mich meine Abenteuer erzählen laſſen, und es war denſelben großer Beifall zu Theil geworden; nur hatten ſie einen ungereimten Gedanken in dem Kopfe des Geſchäftsfreundes meines Chineſen erzeugt, den Gedanken, mich zum fünften Male zu verheirathen. „Doch ich erklärte ihm, ich ſei in meiner Weisheit feſt entſchloſſen, den Weibern nicht mehr zu trauen, und die ſchöne Nahi⸗Nava⸗Nahina, die ſchöne Ines und die ſchöne Amaru haben mich völlig von der Art geheilt. „„Bah!““ erwiederte mein Correſpondent,„„Sie haben unſere Chineſinnen von Bidondo noch nicht ge⸗ ſehen; wenn Sie dieſelben geſehen haben, werden Sie anders ſprechen.““ „Eine Folge hievon war, daß ich mich unwillkühr⸗ lich mit hochzeitlichen Gedanken zu Bette legte und träumte, ich heirathe eine chineſiſche Witwe, die einen Fuß hatte ſo klein, ſo klein, ſo klein, daß ich nicht glau⸗ ben konnte, es ſei eine Witwe!“ Fünfte und letzte Heirath des Pater Glifus. „Um fünf Uhr Morgens wurde ich durch das Ge⸗ bell der Hunde und durch den Lärm der Hörner auf⸗ geweckt. Ich glaubte noch im Haag zu ſein, an einem Jagdtage von König Wilhelm im Parke zu Loo. „Durchaus nicht; ich war ungefähr viertauſend für ieß. das das ſſen, den; dem den heit und die ſt. Sie ge Sie ühr⸗ und inen lau⸗ 15. Ge⸗ auf⸗ inem ſend 231 Meilen von Holland entfernt am Ufer des Lagunaſees, und wir ſollten in den Bergen der Philippinen jagen. „Das Wild, welches wir jagen wollten, war der Hirſch, das Wildſchwein, der Büffel; das Wild, das uns vielleicht verfolgen ſollte, war der Tiger, das Kro⸗ kodill, der Ibitin. „Was den Tiger betrifft, ſo war ich gewarnt: wenn ich einen einzelnen Pfau, oder einen Trupp von Pfauen aufſtehen machte, ſo mußte ich dem Tiger miß⸗ trauen, der nie fern iſt. 5 „Was das Krokodill betrifft, ſo hatte ich, ſo oft ich mich dem See näherte, auf die am Ufer liegenden Baumſtämme Acht zu geben. Dieſe Baumſtämme ſind beinahe immer Krokodille, welche einen ſehr leichten Schlaf haben und einem in dem Augenblick, wo man vorübergeht, ein Bein oder einen Arm oder ein Hintertheil abſchnappen. „Beim Ibitin iſt es etwas Anderes; das iſt eine Schlange von etwa dreißig Fuß Länge, eine entfernte Verwandte vom Bva, die ſich um die Bäume rollt, wie eine große Liane, unbeweglich bleibt, dann in dem Augenblick, wo man am wenigſten daran denkt, ſich auf den Hirſch, den Keiler, den Büffel herabfallen läßt, ihn an einen Baum preßt, Knochen und Beine zermalmt, das Thier im Zermalmen ausſtreckt und dann Alles mit Rumpf und Stumpf auffrißt. „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er den Menſchen nicht vernachläßigt, und daß er, wenn ſich die Gelegen⸗ heit bietet, ohne Unterſchied den Tagal, den Chineſen oder den Europäer frißt. „Für den Menſchen iſt das Mittel, ſich von dieſem Thiere freizuhalten, leicht; das Ganze iſt nur, daß man es anzuwenden weiß. Es genügt, in ſeinem Gürtel ein Jagdmeſſer, ſo ſcharf als ein Rafirmeſſer, zu tragen; da der Ibitin nicht giftig iſt und ſich damit begnügt⸗ daß er einen erſtickt, ſo ſetzt man zwiſchen ſich und einen der Ringe, die er um den Leib bildet, das ge⸗ 232 nannte Jagdmeſſer und ſchneidet ihn in einem Nu ſchräge durchfahrend entzwei. „Im Augenblick des Aufbruchs befeſtigte mir mein Wirth ein herrliches Jagdmeſſer an der Seite, mit dem er ſchon fuͤr ſeine Rechnung mehrere Ibitins durch⸗ ſchnitten hatte. „Was die giftigen Schlangen betrifft, da es keine Gegenmittel für ihre Wunden gibt, ſo war es nicht der Mühe werth, darnach zu ſuchen. „Zwei Monate vorher hatte Herr von Géronnisre eine reizende Tagalin von ſechszehn bis ſiebzehn Jahren verloren, und er hegte den Verdacht, ſie ſei entweder von einem Tiger fortgetragen, von einem Krokodill ver⸗ ſchlungen, oder von einer Schlange erſtickt worden. „Es ließ ſich nur mit Gewißheit behaupten, daß die arme Schimendra, welche eines Abends ausgegan⸗ gen, nicht mehr nach Hauſe zurückgekehrt war, und daß man, welche Nachforſchungen man auch ſeitdem ange⸗ ſtellt, nicht mehr von ihr hatte ſprechen hören. „Ich geſtehe, als mein Wirth alle Gefahren auf⸗ zählte, die wir bei unſerer Jagdpartie liefen, fand ich, die Jagd ſei ein ſonderbares Vergnügen. „Wir ritten zu Pferde bis zu der Stelle, wo das Treiben beginnen ſollte. Hier ſtiegen wir ab und gin⸗ gen allmälig in den Wald. „Das erſte Wild, das ich aufſtehen machte, war ein herrlicher Flug Pfauen. Ich bemerkte wohl die Stelle, von der er ausgegangen war, machte einen großen Umweg und hatte die Befriedigung, den Tiger nicht zu ſtören, den mir der Abgang dieſer prächtigen Vögel verkündigte. „Nach zehn Minuten geſchah ein Flintenſchuß. Herr de la Géronnisre hatte einen Hirſch erlegt. „Ich meinerſeits hörte ein gewaltiges Geräuſch unter meinen Füßen, ich ſah zehn Schritte vor mir das Geſträuch ſich bewegen und feuerte auf den Zufall; ich ſage nicht: meine Kugel traf den Keiler, ſondern der Keiler traf meine Kugel. Nu in em ch⸗ ine der dre ren der er⸗ aß an⸗ daß ge⸗ uf⸗ ich, das in⸗ war elle, weg ren, gte. err uſch mir all; dern 233 „Jedermann wünſchte mir Glück: ich hatte einen herrlichen Schuß gethan. „Der Keiler, den ich im Feuer zuſammengeſchoſſen, war ein Einſiedler. So nennt man, glaube ich, bei Ihnen die alten Wildſchweine.“ Ich bejahte mit dem Kopf. „Man machte das Jägerrecht mit meinem Keiler, legte ihn dann auf die Schultern von vier Tagalen und lud mich ein, meine Thaten weiter zu verfolgen, mit der Verſicherung, ich ſei mit dem erſten Schuſſe Meiſter geworden. „Mein Herr, es gibt nichts, was den Menſchen ſo ſehr verdirbt, wie die Schmeichelei. „Mir ſchien, nun, da ich ein Wildſchwein erlegt, würde ich einen Tiger, ein Rhinoceros, einen Ele⸗ phanten tödten. Ich ſetzte mich wieder in Marſch durch den Wald und verlangte nur, Leib an Leib mit allen Ungeheuern der Philippinen zu kämpfen. „In meinem Eifer bemerkte ich auch nicht, daß ich mich allmälig von der Jagd entfernte. Man hatte mir geſagt, wir müßten ungefähr zwei Stunden lang aufſteigen, und nach Verlauf von kaum drei Viertel⸗ ſtunden befand ich mich auf einem Abhang. „Plötzlich hörte ich auf dreißig Schritte vor mir ein furchtbares Brüllen. „Ich wandte mich nach der Seite, von der dieſer Lärm kam, und erblickte einen Büffel. „Ah! das war ein ſchöner Schuß. Nur, da mein Gewehr ein wenig, ich weiß nicht warum, in meinen Händen zitterte, legte ich es an den Aſt eines Baumes an und drückte los. „Kaum hatte ich abgefeuert, als ich zwei blutige Augen auf mich zukommen ſah, während das Maul des Thiers den Boden wie eine Pflugſchaar bearbeitete. „Ich drückte meinen zweiten Lauf ab; doch ſtatt die Geſchwindigkeit des Thieres zu hemmen, ſchien mein zweiter Schuß dieſelbe zu vermehren. 234 „Ich hatte nur noch Zeit, mein Gewehr wegzuwer⸗ fen, einen Aſt von dem Baume zu ergreifen, unter dem ich ſtand, und mich mittelſt eines gymnaſtiſchen Schwun⸗ ges auf die Höhe dieſes Aſtes zu erheben, von wo aus ich die andern Aeſte erreichte. „Doch hier angelangt, war ich mit meinem Büffel lange noch nicht guitt; da er mir nicht auf die Aeſte meines Baumes folgen konnte, ſo bewachte er den Stamm. Während der erſten zehn Minuten ſagte ich zu ihm; „„Kehre um, mein guter Kerl, ich ſpotte deiner.““ Doch während der andern zehn Minuten fing ich an wahrzunehmen, daß die Sache ernſter war, als ich Anfangs geglaubt hatte. „Nach einer Stunde begriff ich an der Ruhe, mit der er ſeine Runde um den Baum machte, daß er ent⸗ ſchloſſen war, ſich als mein Wächter aufzuſtellen, bis er mein Henker würde. „Von Zeit zu Zeit hob er in der That den Kopf gegen mich auf, ſchaute mich mit blutigen Augen an, brüllte auf eine drohende Weiſe und fraß dann von dem Graſe, das um meinen Baum wuchs, als wollte er zu mir ſagen:„„Du ſiehſt, ich habe hier Alles, was ich brauche, das Gras, um mich zu füttern, den Thau am Morgen und am Abend, um meinen Durſt zu ſtillen, während Du, da Du ein fleiſchfreſſendes Thier biſt und noch nicht die Gewohnheit angenommen haſt, Dich mit Blättern zu nähren, früher oder ſpäter herabſteigen mußt, und wenn Du herabſteigſt, drauf, drauf mit meinen Füßen! tzing, tzing mit meinen Hörnern! wenn Du herabſteigſt, wirſt Du eine ſchlimme Viertelſtunde mit mir zubringen.““ „Zum Glück iſt der Vater Olifus ein Burſche, der nicht das Maul hängt, wenn es gilt, einen Entſchluß zu faſſen; ich ſagte mir: Olifus, mein Freund, je länger Du warieſt, deſto mehr wirſt Du Deine Lage verſchlim⸗ mern. Du wirſt dem Büffel eine Stunde geben, daß n⸗ us fel ſte m. n: 1 an nit t⸗ is pf in, em ich m en, nd nit en nit nn de er uß er m aß 235 er geht, und in einer Stunde, wenn er nicht wegge⸗ gangen iſt, nun wohl! dann werden wir ſehen. „Ich ſchaute auf meine Uhr, es war elf Uhr. Ich ſagte: gut, um Mittag kommt es an uns. „Wie ich vermuthet, ſetzte der Büffel, ſtatt den Baum zu verlaſſen, ſeinen Schildwachedienſt fort, wobei er von Zeit zu Zeit die Naſe in die Luft hob und aus Leibeskräften brüllte. Ich ſchaute von zehn zu zehn Minuten auf meine Uhr und trank einen Schluck aus meiner Kürbißflaſche. Bei der fünfzigſten Minute ſagte ich zu ihm: Merke wohl auf, mein Freund, du haſt nun noch zehn Minuten, und wenn du in zehn Minuten nicht weggegangen biſt, ſo werden wir mit einander gehen. Aber bei der neun und fünfzigſten Minute legte er ſich, ſtatt zu gehen, nieder, ſtreckte ſeinen Kopf gegen den Fuß des Baumes aus, öffnete die Naſenlöcher und er⸗ hob zu mir von Zeit zu Zeit ein ſtreitſüchtiges Auge, als wollte er ſagen: Ohl wir haben noch lange Zeit, ſei unbeſorgt. „Ich hatte beſchloſſen, die Sache ſollte anders gehen. Bei der ſechzigſten Minute trank ich vollends Alles, was in meiner Kürbißflaſche an Rhum übrig war, ein ſchö⸗ ner Schluck! Ich nahm mein Meſſer zwiſchen meine Zähne, und, hup! ſprang ich, indem ich meine Entfer⸗ nung ſo berechnete, daß ich zwei Schritte von ſeinem Hintertheil niederſiel und ſeinen Schweif mit der linken Hand packte, wie ich es die Toreros von Cadir und Rio Janeiro hatte machen ſehen. „So behende der Büffel war, ich war ſo behend als er, und als er aufſtand, hatte ich mich an ſeinen Schwanz angeklammert. Er machte zwei oder drei Drehungen um ſich ſelbſt, die ich dazu benützte, ſeinen Schweif feſter um meinen Arm zu ſchlingen. Dann, als ich ſah, daß er mich, ſo lange ich ſtark an ſein Hintertheil angeklammert bliebe, nicht mit den Hörnern berühren könnte, fing ich an mich ein wenig zu be⸗ 236 ruhigen, während er im Gegentheil aus Leibeskräften zu brüllen anfing; allerdings geſchah dies aus Zorn. „„Warte! warte!““ ſagte ich zu ihm,„„ah! du brüllſt aus Zorn, mein Freund. Nun! ich will dich aus Schmerz brüllen machen.““ „Und ich nahm mein Meſſer, und pautz! ſtieß ich es ihm in den Bauch. „Ah! ich hatte ihn, wie es ſcheint, am empfindlichen Theil getroffen; denn er erhob ſich wie ein Pferd, das ſich bäumt, und ſprang mit einem ſo unerwarteten Satze vorwärts, daß er mir beinahe den Arm ausgeriſſen hätte, aber ich hielt ihn gut, ließ mich fortziehen und beſiebte ihn pautz! pautz! mit Meſſerſtichen. Das war ein Lauf, welchen zu machen ich Ihnen nicht wünſche. Sehen Sie, das dauerte eine gute Viertelſtunde, und in einer Viertelſtunde machte ich zwei Meilen*) durch das Ge⸗ ſtrüppe, die Sümpfe, die Bäche; an den Schweif einer Locomotive angebunden zu ſein, wäre ebenſo gut geweſen. Und pautz! pautz! ſtieß ich fortwährend und ſagte: Ha! Schuft, ha! Ruchloſer, du willſt mir den Bauch auf⸗ ſchlitzen; warte! warte! Er war nicht mehr wüthend, ſondern toll, wahnſinnig, ſo wahnfinnig, daß er auf dem Gipfel eines jähe abſchüſſigen Felſen nicht eins, nicht zwei zählte, ſondern hinabſprang; aber ich hatte den Streich vorhergeſehen und ließ ihn los, und blieb plötzlich oben ſtehen, während er niederrollte: patrata! bum! bum! „Ich ſtreckte den Kopf vor und ſchaute vom Felſen hinab: mein Thier lag todt im Abgrund. Ich, ich muß es ſagen, war nicht viel mehr werth. Ich war gerä⸗ dert, gelähmt, zerriſſen, mit Blut bedeckt; nur hatte ich nichts gebrochen. „Ich erhob mich, ſo gut ich konnte, ſchnitt ein Bäumchen ab, um mich darauf zu ſtützen, und wanderte *) Franzöſiſche, Lieues, wie dies immer in dieſem Werke gemeint iſt. en as tze te, te uf, en ter e⸗ ſer en. a! uf⸗ nd, uf ns, tte eb ſen uß ä⸗ ich ein rte 237 nach einem Bache, den ich hundert Schritte von mir durch die Bäume glänzen ſah. „Am Rande des Baches angelangt, kniete ich nieder und fing an mein Geſicht zu waſchen, als ich eine Stimme in franzöſiſcher Sprache rufen hörte:„„Zu Hülfe! herbei! zu Hülfe!““ „Ich wandte mich gegen die Seite um, woher die Schreie kamen, und erblickte eine junge weibliche Per⸗ ſon, welche, beinahe nackt und mit ausgeſtreckten Armen, auf mich zulief und Zeichen des lebhafteſten Schreckens von ſich gab. Sie wurde von einer Art von Neger verfolgt, der einen Stock in der Hand hielt und mit einer ſolchen Behendigkeit lief, daß er ſie, obgleich er hundert Schritte von ihr entfernt war, in einem Augen⸗ blick eingeholt, in ſeine Arme geſchloſſen und in den dichteſten Wald zurückgetragen hatte. „Der Anblick dieſes Mädchens, das in franzöſiſcher Sprache um Hülfe rief, der ſchmerzliche Ausdruck, mit dem die Unglückliche mich gerufen hatte, die Brutalität des Elenden, der ſie auf ſeine Schulter geladen und der ſie in die Tiefen des Waldes ſchleppte, Alles trug dazu bei, wir meine Kräfte wieder zu verleihen; ich vergaß meine Müdigkeit, eilte ihm auf ſeinen Spuren nach und rief:„Halt! halt!““ „Aber, da er ſich verfolgt fühlte, verdoppelte der Räuber ſeine Energie. Trotz der Laſt, die er trug, ſchien er durchaus nicht langſamer zu laufen, als zuvor. Ich begriff nicht, wie ein Menſch mit einer ſolchen Stärke ausgerüſtet ſein konnte, und ſagte mir ganz leiſe, in dem Augenblick, wo wir zuſammenträfen, dürfte ich es wohl bereuen, daß ich den irrenden Ritter ſpielte, wie ich dies that. „Doch ich vermochte dem Neger kaum näher zu kommen, und ich weiß nicht, ob ich ihn, trotz der Wuth, mit der ich ihn verfolgte, je erreicht hätte, würde ſich nicht die unglückliche Frau, die er fortttug, als ſie im Bereiche eines Aſtes vorüberkam, mit ſolcher Kraft dar⸗ 238 an angeklammert haben, daß ihr Räuber ſtehen blieb, ſie um den Leib faßte und ſich auf das Aeußerſte an⸗ ſtrengte, um ſie den Aſt loslaſſen zu machen, während ſie ohne Unterlaß rief:„„Herbei! zu Hülfe! zu Hülfe! in des Himmels Namen, verlaßt mich nicht!““ „Ich war nur noch fünf und zwanzig bis dreißig Schritte von ihr, als plötzlich der Neger, da er ſah, daß er angegriffen werden ſollte, wie es ſcheint, die Initiative zu nehmen beſchloß, die Frau losließ und mit aufgehobenem Stock auf mich zulief. „Mit drei Sprüngen ſtand er vor mir. Ich ſtieß einen Schrei des Erſtaunens aus: was ich für einen Neger gehalten hatte, war ein Affe. „Zum Glück hatte ich einen Stock, und da ich auf eine geeignete Weiſe damit zu ſpielen verſtand, ſo ſetzte ich mich bald in Vertheidigungsſtand, denn vom An⸗ greifer war ich der Angegriffene geworden. „Was die Frau betrifft, ſo hatte ſie, ſobald ſie ſich frei gefühlt, einen großen Kreis beſchrieben, war hinter mich getreten, um hier Schutz zu ſuchen, und rief mir zu:„Muth! Muth, mein Herrl befreien Sie mich von dieſem Ungeheuer! verlaſſen Sie mich nicht!““ „Während er ein Rad ſchlug, um zu pariren, und ich ihm Streiche auf die Bruſt verſetzte, die ihm Schreie entriſſen, aber ihn des Kampfes nicht überdrüſſig mach⸗ ten, ſchaute ich meinen Gegner genauer an. Es war ein großer Schuft von einem Affen, ganz haarig; er mochte ungefähr ſechs Fuß hoch ſein, hatte einen gräu⸗ lichen Bart, und ſpielte mit dem Stocke mit einer Ge⸗ wandtheit und Thätigkeit, daß der Sieg beinahe ſeiner Partei geblieben wäre. Zur Ehre der Wiſſenſchaft war es glücklicher Weiſe nicht ſo. Die Finger zerſchmettert, den Magen eingeſtoßen und die Schnauze blutig, fing er nach zehn Minuten an ſich zurückzuziehen; aber mit dieſem Rückzuge bezweckte er nur, einen Baum zu er⸗ reichen, auf den er raſch hinaufſtieg, doch nicht um ſich darauf feſtzuſtellen, ſondern um von oben auf mich her⸗ abz riet es Ko Sei wat mei kon hat Zäl ma Ja ſo ſag mie mei in an, daß tra mit hal Fre zw wo ln⸗ ter mir von und reie ch⸗ war er äu⸗ Ge⸗ iner war ert, fing mit er⸗ ſich her⸗ „ 239 abzuſpringen. Zum Glück ſah ich die Bewegung, er⸗ rieth ich das Vorhaben; ich zog mein Meſſer und ſtreckte es mit der ganzen Länge meines Armes über meinem Kopfe aus. Die zwei Bewegungen des Angriffs von Seiten des Affen und der Vertheidigung von meiner Seite waren die Sache eines Augenblicks. Ich fühlte auf meinen Kopf eine Laſt herabſtürzen, die ich nicht tragen konnte, und mein Gegner und ich rollten Beide auf den Boden. Nur ſtand ich allein wieder auf. Mein Meſſer hatte ihm das Herz durchbohrt. „Das Thier ſtieß einen Schrei aus, biß mit ſeinen Zähnen in's Gras, zerriß mit den Nägeln die Erde, machte ein paar krampfhafte Bewegungen und verſchied. „„Ah! welch eine ſchöne Sache iſt es doch um die Jagdi““ rief ich;„erwiſcht man mich je wieder dabei, ſo ſoll mich der Teufel holen.““ „„Bebauern Sie, auf die Jagd gegangen zu ſein?““ ſagte hinter mir eine ſanfte Stimme. „„Oh! mein Gott, nein,““ erwiederte ich, indem ich mich umwandte,„„nein, da ich Ihnen nützlich ſein konnte, mein ſchönes Kind. Aber wie des Teufels ſind Sie denn in dieſem Walde? Welches Vergnügen finden Sie dar⸗ an, mit einem Affen zu leben? und woher kommt es, daß Sie Franzöſiſch ſprechen?““ „„Ich befinde mich im Walde, weil ich dahin ge⸗ tragen worden bin; ich finde kein Vergnügen daran, mit einem Affen zu leben, da ich Sie zu Hülfe gerufen habe, um mich von ihm zu befreien; und ich ſpreche Franzöſiſch, weil ich Kammerjungfer bei Frau de la Géronnière war.““ „„So heißen Sie Schimindra?““ rief ich. * a. 8 „„Sie ſind das hübſche Mädchen, das ungefähr vor zwei Monaten verſchwunden iſt?““ „„Ja; doch Sie, woher wiſſen Sie meinen Namen, woher wiſſen Sie mein Abenteuer?““ 240 „Dadurch, daß mir Herr de la Géronniere Ihr Abenteuer erzählt und Ihren Namen genannt hat.““ „Sie kennen Herrn de la Géronnière?““ „„Ich jage mit ihm. Er iſt im Walde; doch in welchem Theile des Waldes? ich weiß es nicht, denn ich muß geſtehen, ich bin völlig verirrt.““ „„Ohl ſeien Sie darum unbeſorgt, ich weiß mei⸗ nen Weg.““ „„Warum ſind Sie denn, da Sie Ihren Weg wußten, nicht in die Wohnung zurückgekehrt?““ „„Weil mich dieſes häßliche Thier weder bei Tag, noch bei Nacht aus dem Blicke verlor. Ich habe zwan⸗ zig vergebliche Verſuche gemacht, um zu entfliehen; und hätte Sie die Vorſehung nicht an dieſen Bach geſchickt, ſo würde ich die Häuſer der Menſchen wahrſcheinlich nicht wiedergeſehen haben.““ „„Wohl denn!““ ſprach ich,„meine reizende Schi⸗ mindra, laſſen Sie uns ſo ſchnell als möglich zu den Häuſern der Menſchen zurückkehren, denn ich muß Ihnen geſtehen, daß ich mich dort mehr in Sicherheit glauben werde, als hier.““ „„Es ſei, und ich bin bereit, Ihnen zu folgen; voch zuvor laſſen Sie mich Ihnen ein Geheimniß ſagen, in dem Sie den Lohn für die gute Handlung, die Sie vollbracht, finden werden.““ „„Ah! bah!““ „„Dieſer abſcheuliche Orang⸗Outang, von dem Sie mich befreit, gehört gerade dem Geſchlechte der Affen an, von dem Sie vielleicht haben reden hören, dem Geſchlechte, aus dem man den reinſten Bezoar zieht.““ „Wahrhaſtig!““ „„Sie können ſich ſelbſt überzeugen, während ich mit ein paar Cocosblättern die Unordnung in meiner Toilette wieder gut machen will.“ „Ich ſchaute die ſchöne Schimindra an, deren ſehr in Unordnung gebrachte Toilette allerdings der Wieder⸗ herſtellung bedurfte, und ich geſtehe, es brauchte bei mir kom erfa ein ſtell Hof mir zur in! gol ſehe ſag ſich ſitze ſoll neh die ind dur ich zu Fü nac zun alle kon zäh der eg ag, an⸗ und ickt, lich chi⸗ den nen tben en; gen, Sie Sie Affen dem d ich einer ſehr eder⸗ e bei 241 mir nicht weniger, als den Gedanken, dieſe Unordnung komme von einem Affen her, daß mich nicht die Luſt erfaßte, ſie noch zu vermehren. „Ich bedeutete alſo der ſchönen Schimindra durch ein Zeichen, ſie könne ſich der gewünſchten Wiederher⸗ ſtellung überlaſſen, und voll Neugierde, Furcht und Hoffnung, ſchritt ich mit Hülfe meines Meſſers, das mir an dieſem Tage ſo große Dienſte geleiſtet hatte, zur Section meines Feindes. „Schimindra hatte mich nicht getäuſcht: ich fand in den Eingeweiden des Thieres einen ſchönen blauen, goldgeaderten Stein von der Größe eines Taubeneis. „Es war einer der ſchönſten Bezoars, die man ſehen konnte. „„Wenn ich Ihnen nun einen Rath geben darf,““ ſagte Schimindra zu mir,„„ſo iſt es der, rühmen Sie ſich gegen Niemand, daß Sie einen ſolchen Stein be⸗ ſitzen, denn Sie würden ihn nicht lange beſitzen, und ſollte man Sie ermorden, um Ihnen denſelben zu nehmen.““ „Ich dankte Schimindra für den Rath, und da ſich die Eitle eine reizende Schürze aus Cocosblättern auf indiſche Weiſe gemacht hatte, da keines von uns Beiden durch irgend Etwas im Walde zurückgehalten wurde, da ich im Gegentheil das lebhafteſte Verlangen fühlte, ihn zu verlaſſen, ſo forderte ich Schimindrg auf, mir als Führerin zu dienen und den kürzeſten Weg zur Rückkehr nach der Wohnung zu wählen. „Zwei Stunden nachher kamen wir nach Hala⸗Hala, zum großen Erſtaunen und beſonders zur großen Freude aller Gäſte und Bewohner des Hauſes, die mich wie Schimindra verloren glaubten und nun mit ihr zurück⸗ kommen ſahen. „Ich erzählte meine Abenteuer. Schimindra er⸗ zählte die ihrigen, aber weder das Eine, noch das An⸗ dere erwähnte mit einem Worte des Bezvars.“ Tauſend und ein Geſpenſt. U. 16 Panly-Uching. „Acht Tage nachher hatte ich mich in Bidondo feſtgeſetzt, und da ich durchaus eine Art von Haushäl⸗ terin brauchte, ſo erbat ich mir die ſchöne Schimindra von Herrn de la Géronnière, was mir auch freundlich bewilligt wurde. „Meine Wahl war getroffen. Der Handelszweig, den ich auszubeuten beſchloſſen hatte, war die Cigarre von Manilla. 4 „Die Cigarre von Manilla macht, ſelbſt in Europa, eine ernſte Concurrenz mit der Cigarre von der Havana und wird ihr in allen indiſchen Meeren vorgezögen. „Was mir beſonders dieſen Gedanken eingegeben, war der Umſtand, daß bei Herrn von Géronnisre die ſchöne Schimindra mit dem Departement der Cigarren beauftragt geweſen war. Ich beſchloß daher, um einen reelleren Nutzen zu ziehen, ſtatt die Waaren ganz be⸗ reitet zu kaufen, ſie ſelbſt bereiten zu laſſen und Schi⸗ mindra an die Spitze des Gtabliſſements zu ſtellen. „Nichts konnte leichter ſein. Man baute eine Art von Schoppen im Garten, Schimindra warb zehn junge Tagalinnen an, von denen einige aus der königlichen Manufactur in Manilla kamen, und ſchon am andern Tage hatte ich das Vergnügen, mein Unternehmen in voller Thätigkeit zu ſehen. „Bei der eifrigen Beaufſichtigung von Schimindra, bei ihrer vollkommenen Kenntniß ihres Vaterlandes, hatte ich nichts mehr zu thun, als ſpazieren zu gehen: vas war es, was mein Verderben bereitete. „Es iſt unbegreiflich, wie ſich ein in die Luft ge⸗ worfenes Wort zuweilen im Geiſte einquartiert und im Gehirn keimt. Man erinnert ſich der paar Worte, il⸗ ra ch ig, re a, na en, die ren nen be⸗ chi⸗ Art nge hen en in dra, des, hen: ge⸗ im orte, 243 welche beim Abendbrod Herr de la Géronnière, mein Geſchäftsfreund, über die Chinefinnen geſagt hatte, ſo wie der von ihm für mich projectirten fünften Heirath. Wohl denn! es verging kein Tag, und brſonders keine Nacht, ohne daß ich daran dachte. Kaum hatte ich mich niedergelegt, kaum hatte ich die Augen geſchloſſen, kaum war ich eingeſchlafen, als eine wahre Proceſſion von Chineſinnen vor mir vorüberzog, mir Füße zeigte„ Füße, an denen der Pantoffel von Aſchenbrödel als Schlappe hätte dienen können; und dabei bemerken Sie wohl etwas Seltſames, ich hatte Schimindra bei mir, die man eine wahre Schönheit nennen konnte; ich hatte in meiner Cigarrenfabrik zehn kleine Schelminnen, von denen die Häßlichſte mit ihren großen ſchwarzen Augen, mit ihren großen Sammetwimpern, mit.. kurz mit Allem, was ſie beſaß, einem Pariſer den Kopf verdreht hätte, und bei dem Allem träumte ich nur von Chine⸗ ſinnen! „Eine Folge hievon war, daß ich, ſobald ich auf⸗ geſtanden, in das chineſiſche Quartier lief, in alle Buden eintrat, Fächer, Porzellan kaufte, ein paar Worte Chineſiſch da, ein paar Worte Cochinchineſiſch dort lernte, alle mögliche Komplimente für die kleinen Füße rade⸗ brach, die mir unter den langen Kleidern verborgen blieben, und am Abend, mehr als je entſchloſſen, mir meine chineſiſche Laune durchgehen zu laſſen, nach Hauſe kam. „Mitten unter allem dieſem Treiben, traf ich eine reizende kleine Theehändlerin, welche eines der ſchön⸗ ſten Magazine von Bidondo beſaß und mich durch vie Art verführt hatte, wie ſie ihren Reis mit Hülfe jener kleinen Stricknadeln aß, die den chineſiſchen Damen als Löffel und Gabeln dienen; das war nicht mehr Geſchicklich⸗ keit, das war Gaukelkunſt, und ich glaube in der That, daß ſich die ſchöne Vanly⸗Tching aus Coquetterie einen Pilau bringen ließ, wenn Fremde da waren. „Beiläufig bemerke ich Ihnen, die zwei Worte Vanly⸗Tching bedeuten zehn tauſend Lilien; Sie ſehen, die Pathen meiner ſchönen Chineſin hatten dieſer Gerechtigkeit widerfahren laſſen und ihr einen Namen gegeben, der mit ihrer Schönheit im Einklang ſtand. „Ich erbat mir bei meinem Geſchäftsfreund Aus⸗ kunft über die ſchöne Chineſin; bei dem erſten Worte, das ich ſprach, hob er den Finger zur Höhe meines Auges empor und rief: „„Ah! Schelm!““ „Ich begriff dies Alles und wurde nur um ſo vringlicher: da erfuhr ich, die ſchöne Vanly⸗Tching ſei eine kleine chineſiſche Wgiſe, die von einem berühmten Arzt aufgenommen worbz, der ſich in ſie verliebt, ob⸗ gleich ſie erſt zwölf Jahre Kgeweſen, und ſie, obgleich er ſechs und ſechzig gezählt, geheirathet habe. Die Vor⸗ ſehung wollte auch nicht, daß eine ſo unverhältnißmäßige Ehe kange dauerte. Nach drei Monaten ſtarb der gute Arzt an einer Krankheit, in der er ſelbſt nicht klar ge⸗ ſehen, doch er war ſehr glücklich geſtorben, denn kein Menſch konnte ſich rühmen, in ſeiner Krankheit ſo gut gepflegt worden zu ſein, wie ihn ſeine junge und wür⸗ dige Frau gepflegt hatte; er hinterließ ihr auch Alles, was er beſaß, etwa zwei bis drei tauſend Rupien. Das war eine ſehr kärgliche Belohnung für die Ergebenheit, welche die Witwe während der Krankheit entwickelte, und beſonders für den Schmerz, den fie nach ſeinem Tode hatte ausbrechen laſſen. „Nur gründete die junge Witwe mit den drei tauſend Rupien, die ſie geerbt, in dem unſcheinbarſten Quartier der Stadt einen kleinen Fächerhandel, der durch ihre Sparſamkeit und ihren Verſtand auf eine wunderbare Weiſe zu gedeihen anfing. „Was aber bei der frühzeitigen Witwenſchaft der ſchönen Vanly⸗Tching beſonders merkwürdig erſchien⸗ war der Umſtand, daß ſie, ſtatt auf alle die Anträge der Elegans von Bidondo zu hören, ſtatt durch eine Unklugheit den Ruf eines vernünftigen Benehmens, e er e— 1— e— S X 88„ ſo ei en er r⸗ ge te e⸗ in ut ir⸗ es, as it, te, em rei ten der ine der ien, äge eine den ſie ſich erworben, zu verlieren, nie etwas An⸗ deres als die Aufmerkſamkeiten eines alten Mandarinen, eines Freundes ihres Mannes, geſtatten wollte, der alle Tage zu ihr kam, um mit ihr den Verluſt, den ſie erlitten, zu beweinen. In Folge dieſer täglichen Be⸗ ſuche nahmen der Mandarin und die Witwe die Gewohn⸗ heit an, mit einander zu beweinen; die eine ihren Gatten, der andere ſeinen Freund; ſo daß man eines Morgens erfuhr, um den Verſtorbenen mit mehr Bequemlichkeit zu beweinen, werden ſich die zwei Untroſtlichen hei⸗ rathen. „Ein Jahr nach dem Tode ihres erſten Mannes hatte alſo die ſchöne Vanly⸗Sching den Mandarin ge⸗ heirathet; doch als ſie einmal mit einander verbunden waren und vom Morgen bis zum Abend ſich gegenüber lebten, da weinten die Neuvermählten, wie es ſcheint, ſo viel, ſo viel, daß der Mandarin, der fünfzig Jahre alt war, dieſer Sündfluth von Thränen nicht zu wider⸗ ſtehen vermochte und nach zwei Monaten ſtarb. „Die ſchöne Vanly⸗Tching, welche erſt fünfzehn zählte, ertrug natürlich den Schmerz beſſer, ſo daß ſie, obgleich ſie zugleich ihren erſten und ihren zweiten Mann zu beweinen hatte, bald wieder ſchöner und glänzender als je durch die Thränen erſchien. „Sie hatte von ihrem Mandarin fünf bis ſechs hundert Pagoden geerbt, ſo daß ſie ſich mit dieſem Zu⸗ wachs an Vermögen in ein faſhionableres Quartier überſiedelte und einen ausgedehnteren Handel eröffnen konnte. Sie ging vom Fächer zum Porzellan über, und der Ruf der ſchönen Händlerin fing an ſich in Bidondo zu verbreiten. „Dieſer Ruf verbreitete ſich dergeſtalt, daß der Civilrichter von Bidondo, der den erſten und den zweiten Mann der ſchönen Vanly⸗Tching genau gekannt hatte, und folglich zu ſchätzen im Stande war, wie glücklich der Doctor während der drei Monate und der Man⸗ darin während der zwei Monate, die ſie mit ihm gelebt, 246 geweſen, ſich in Reihe und Glied ſtellte, um ſie zu tröſten. Vanly⸗Tching erklärte, ſie ſei ſo tief ergriffen, daß ſie die Sache für unmöglich halte; aber der Civil⸗ richter blieb beharrlich, und ſie erwiederte am Ende, ſie wolle es verſuchen. „Die Heirath fand nach Verlauf eines Jahres ſtatt; obgleich dieſe Friſt nicht ſtreng nothwendig, ſo war doch Vanly⸗Tching eine ſo getreue Beobachterin des Wohlanſtands, daß ſie ſich um keinen Preis der Welt vor dieſer Zeit hätte wollen tröſten laſſen. Aber der Civilrichter hatte nicht die Befriedigung, zu einer voll⸗ ſtändigen Tröſtung zu gelangen, inſofern einen Monat nach ſeiner Hochzeit, am Morgen nach dem Tage, wo er von einem entfernten Verwandten in Macav eine ziemlich beträchtliche Summe geerbt und einigen Freunden, um dieſes glückliche Ereigniß zu feiern, ein Mittagsmahl gegeben hatte, an einer Unverdaulichkeit durch Schwalbenneſter ſtarb. „Doch ehe er ſtarb, erklärte er, der vergangene Monat ſei der glücklichſte ſeines Lebens geweſen. Da er zugleich, als er vernahm, die Erbſchaft ſei ihm zuge⸗ fallen, den Betrag derſelben erhalten hatte, ſo konnte die ſchöne Witwe in Folge dieſer Einnahme ihren Han⸗ del ausdehnen und in der Hauptſtraße von Bidondo das herrliche Theemagazin gründen, in welchem ich ſie hatte den Kopf bewegen und Reis eſſen ſehen. „Alle dieſe Nachrichten verdrehten mir, wie Sie wohl begreifen, vollends den Geiſt. Die ſchöne Vanly⸗ Tching war ſehr viel Witwe, aber ſo wenig verheira⸗ thet geweſen, daß dies nothwendig die Huri ſein mußte, von der ich ſo angenehm geträumt hatte. Ich eröff⸗ nete alſo meinem Geſchäftsfreunde mein lebhuftes Ver⸗ langen, ihr vierter Gatte zu werden und ſie zu meiner fünften Frau zu nehmen. „Man lehrt die Frauen nie etwas, wenn man ih⸗ nen ſagt, man liebe ſie, in Betracht, daß ſie unſere Liebe immer vorher bemerkt haben. Die ſchöne Vanly⸗ Fching gab auch nicht nur kein Erſtaunen bei meinem Geſuche kund, ſondern ſie erwiederte, ſie habe daſſelbe erwartet. „Die Verfaſſung des Geiſtes, in der ſie ſich befand⸗ erlaubte ihr ſogar, mich nicht auf ihre Entſcheidung warten zu laſſen. Die Entſcheidung war günſtig; ich mißſiel ihr nicht; doch da ſie immer die Eitelkeit ge⸗ habt hatte, um ihrer ſelbſt willen geliebt zu werden, ſo lag ihr daran, daß ich ihr einen kleinen Auszug von meinem Vermögen machte. Käme mein Vermögen dem ihrigen gleich oder überträfe es daſſelbe, ſo würde ſie an meine Liebe glauben; wäre aber mein Vermögen geringer, ſo würde ſie glauben, niedrige Habgier, und nicht Liebe, veranlaſſe mich zu meiner Handlungsweiſe. „Das ſchien mir mächtig geſchloſſen. Ich ließ ſie fragen, ob ſie wünſche, daß ich meine Berechnung in Franken, in Rupien oder in Pagoden mache; ſie erwiederte mir, das ſei ihr gleich, da ſie die Arithmetik aller Län⸗ der kenne. „Da ich im Rechnen weniger ſtark war als ſie, ſo zog ich die Franken vor und ſchickte ihr am andern Mor⸗ gen folgende Berechnung: „Genauer Auszug aus dem, was Jerome Frangois Olifus in Indien gewonnen hat und beſitzt: „In Ceylon mit der PVerlenfiſcherei Fr. 13,500 „In Goa mit dem Früchtehandel 7,500 „In Calcutta mit dem Cardamomenbau 22,500 „In Bidondo Cigarenfabrik „Dieſer letzte Punkt iſt der Erinnerung wegen aufgefuͤhrt, da der Nachweis des Nutzens noch nicht gemacht iſt, leicht aber ſich machen läßt. „Geſammtſumme: Fr. 45,500. „Sie ſehen, daß dies ein ziemlich ſchöner Pfennig war, und daß ich meine Zeit ſeit den vier Jahren, daß ich von Monnikendam abgereiſt, nicht verloren hatte. „Sie ihrerſeits machte ihre Liquidation und ſchickte ſie mir, wie folgt: „Auszug aus dem, was Vanly⸗Tching, die Thee⸗ händlerin von Bidondo, in den verſchiedenen Geſchäften, die ſie getrieben, gewonnen hat: „Im Fächerhandel Fr. 4,000 „Im Porzellanhandel 17,000 „Im Theehandel 22,037 3„Geſammtſumme: Fr. 43,037. „Man ſieht, daß unſer Vermögen auf 363 Fr. gleich war; ich war ſogar im Vortheil, da ich ein Ma⸗ gazin von circa zweimal hundert tauſend zur Abliefe⸗ rung bereit liegender Cigarren beſaß. „Doch ich geſtehe, ſtatt mich mit dieſem Vortheil zu brüſten, war ich glücklich, der ſchönen Vanly⸗Tching in pecuniärer Hinſicht einiger Maßen überlegen zu ſein, um alle körperlichen Ueberlegenheiten, die ihr gegen mich zukamen, auszugleichen. Nachdem dieſe Ueberlegenheit feſtgeſtellt und der Punkt entſchieden war, daß ich Vanly⸗Tching ihrer ſchö⸗ nen Augen und nicht der ſchönen Augen ihrer Kaſſe wegen heirathete, wurde die Hochzeit auf drei Monate und ſieben Tage beſtimmt, was auf die Stunde der Ablauf der Trauer für den dritten Mann der ſchö⸗ nen Vanly⸗Tching war. „Während ſie dem Andenken an den Civilrichter treu blieb, hatte ſie zugleich die Zartheit, mich nicht eine Minute warten zu laſſen. 00 00 37 F. a⸗ fe⸗ eil ing in, en der hö⸗ aſſe ate nde hö⸗ er icht Die Cholera. „Das Gerücht von meiner zukünftigen Verheira⸗ thung verbreitete ſich bald in Bidondo und wirkte na⸗ türlich verſchiedenartig auf die Bewohner dieſer Stadt, welche ſeit ein Paar Jahren gewohnt waren, ſich mit den geringſten Bewegungen der ſchönen Chineſin zu be⸗ ſchäftigen. Die Einen tadelten meine Heirath, die An⸗ deren billigten ſie; Viele endlich ſchüttelten den Kopf und ſagten, der erſte Mann ſei nach drei Tagen, der zweite nach zwei Monaten, der dritte nach einem Mo⸗ nat geſtorben, und um die nekrologiſche Berechnung nicht lügen zu machen, würde ich wahrſcheinlich in mei⸗ ner Hochzeitnacht ſterben. „Aber die Perſon, auf die der Schlag am Heftig⸗ ſten wirkte, war die ſchöne Schimindra. Die Güte, die ich gegen ſie gehabt, hatte ſie eine Zeit lang die Hoffnung faſſen laſſen, meine Frau zu werden. In einem Augenblick der Verzweiflung geſtand ſie mir, wie weit ihr Ehrgeiz gegangen war: aber ich machte ihr raſch und leicht begreiflich, welcher Vorrang der ſchönen Vanly⸗ Tching, der Witwe eines Doctors, der Witwe eines Mandarins, der Witwe eines Civilrichters, vor ihr, die ſie nur die Witwe eines Affen, gebührte. „In Folge hievon kehrte Schimindra in ihre De⸗ muth zurück, bekannte unumwunden, ſie hätte ſich nie davon entfernen ſollen, und beſchränkte ſich nur, da ſie wußte, ihre Nebenbuhlerin habe einen Auszug aus mei⸗ nem Vermögensſtand von mir verlangt, darauf, daß ſie mich jlehentlich bat, den fraglichen Bezoar nicht unter meinen Activen aufzunehmen. „Da mein Vermögen, abgeſehen vom Bezoar, dem meiner ſchönen Braut gleichkam und dieſes ſogar über⸗ 250 ſtieg, ſo konnte ich Schimindra leicht ihre Bitte gewäh⸗ ren, und der Bezvar, der in einem ledernen Beutelchen an meinem Halſe hing, blieb fortwährend ein Geheim⸗ niß zwiſchen Schimindra und mir. „Jeden Abend war es mir geſtattet, meiner Braut den Hof zu machen, ſo daß die Zeit ſchnell verging; da ich wenig Chineſiſch und ſie ſehr wenig Hindoſtaniſch,, gar nicht Holländiſch und gar nicht Franzöſiſch ſprach, ſo fand unſere Unterhaltung meiſtens durch Geberden ſtatt, was uns oft eine Kühnheit des Ausdrucks gab, die ich mit dem Worte nicht gehabt hätte; aber zu Ehren meiner ſchönen Vanly-Tching muß ich ſagen, ſie erhielt unangetaſtet den Ruf der Tugend, den ſie ſich ge⸗ macht hatte, und während ſie mir gewiſſe Bagatellen ohne Bedeutung einräumte, ließ ſie mich doch nie eine Abſchlagszahlung auf die Heirath nehmen. „Endlich kam der Tag. „Zwei Tage vorher hatte mich eine gewaltige Angſt ergriffen: mehrere Cholerafälle waren in Cavita vor⸗ gekommen, und einer oder zwei auch in Bidondo, ſo daß ich zitterte, die Gegenwart der Epidemie könnte Vanly⸗Tching beſtimmen, unſere Hochzeit zu verſchieben; aber die ſchöne Chineſin war ein ſtarker Geiſt, und die⸗ ſes Ereigniß hatte keine Macht über ſie. „Der 27. October war der große Tag. Der 27. October war ein Feſt für die ganze Stadt Bidondv. Vom Morgen drängte ſich die Menge vor der Thüre von Vanly⸗Tching. Es war das vierte Mal, daß man die ſchöne Chineſin im Brautgewande durch die Stadt ziehen ſah, und man wurde nicht müde, ſie zu ſehen. „Es iſt die Gewohnheit, daß die chineſiſche Braut in Begleitung von Muſik und Geſang durch die Stadt zieht; das gleicht ziemlich, wie mir ein in Manilla wohnender holländiſcher Gelehrter geſagt hat, dem al⸗ ten griechiſchen Geleite; nur trägt die Braut bei ihrer erſten Heirath einen dichten Schleier zum Zeichen der Jungfräulichkeit auf dem Geſicht, während die chineſiſche Bra rath wirt Geſi hört mer was ſtant Elte nach zehn nes ſich die den die( Ande und rend den Geſu einen derur niells in de meine meine Sicht dem U ſo vie vierze „ monie 251 äh⸗ Braut, wenn ſie zur zweiten, dritten oder vierten Hei⸗ hen rath ſchreitet, mit entblößtem Geſichte umhergetragen m⸗ wird. „Man trug alſo meine Verlobte mit entblößtem aut BGeſicht, und dies zu meiner großen Freude, denn ich g3 hörte um mich her ſagen:„Glücklicher Olifus! Dum⸗ ſch,, mer Kerl Olifus!“ „„Der Reſt der Ceremonie gleicht ungemein dem, den was in Siam geſchieht. Sind die Verlobten einver⸗ ab, ſtanden, ſo bieten die Eltern des jungen Mannes den zu Eltern des Mädchens ſieben Büchſen Betel; acht Tage ſie nachher kommt der Bräutigam ſelbſt und bringt vier⸗ ge⸗ zehn; dann wohnt er einen Monat lang im Hauſe fei⸗ llen nes Schwiegervaters, um ſeine Zukünftige zu ſehen und ine ſich an ſie zu gewoöhnen; wonach ſich an dem Tag, wo die Hochzeitfeier vollzogen werden ſoll, die Eltern mit den älteſten Freunden verſammeln und in einen Beutel gſt die Einen Armſpangen, die Anderen einen Ring, wieder or⸗ Andere Geld legen; Einer hält eine angezündete Kerze ſo und trägt ſie ſiebenmal um die Anweſenden her, wäh⸗ nte rend alle Andere gewaltige Freudenſchreie ausſtoßen und en; den Brautleuten ein langes Leben und vollkommene die⸗ Geſundheit wünſchen. „Hierauf kommt ein großer Schmaus, gefolgt von 27. einem kleinen Imbiß unter vier Augen, dem dann wie⸗ do. derum die Vollbringung der Heirath folgt. üre„Vanly und ich hatten uns dieſes ganzen Ceremo⸗ nan niells überhoben. Sie hatte mir ihre Caſſette gezeigt, adt in der ihr Vermögen eingeſchloſſen war. Ich hatte ihr meine Handelseffecken, mit dem Viſa des Correſpondenten aut meines chineſiſchen Kapitäns verſehen, zahlbar nach adt Sicht und an den Inhaber, gezeigt: wir vermachten jedes illa dem Ueberlebenden vierzig tauſend Livres; das war wohl al⸗ ſo viel werth, als ſieben Büchſen Betel und ſogar als re ierzehn. der„Eltern hatte keines von uns Beiden. Die Cere⸗ monie des Beutels und der Armſpangen, ſo wie der ange⸗ 252 zündeten und fiebenmal um die Anweſenden getragenen Kerze, die Freudenſchreie, mit welchen man ein langes Leben und vollkommene Geſundheit wünſchte, wurden alſo übergangen. „Wir hielten uns an das große Prachtmahl und an den kleinen, vertraulichen Imbiß. Das Feſtmahl war herrlich; Vanly⸗Tching hatte es angeordnet; es beſtand aus den ausgeſuchteſten Gerichten: da gab es Mäuſe in Honig; Haifiſch in Kraftbrühe von Aſſel, Maden in Rieinusöl, Schwalbenneſter mit zerſtoßenen Krabben⸗ Salate von Bambus, Alles benetzt mit Canchou, den Bedienten, belaſtet mit ungeheuren Kaffeekannen, uns jeden Augenblick einſchenkten; man trank auf die Geſundheit des Kaiſers von China, des Königs von Holland, der eng⸗ liſchen Compagnie, auf unſere glückliche Verbindung, WMein Alles, indem man die Taſſe mit beiden Händen nahm und tſchin tſchin machte, das heißt, wie Magots, mit dem Kopf von der Rechten zur Linken und von der Linken zur Rechten wackelte; dann zeigte Jeder den Grund der Taſſe, um zu beweiſen, daß ſie leer war. „Im Verlaufe des Mittagsmahls ſchien mich die ſchöne Vanly unruhig anzuſchauen, und ſie ſprach leiſe mit ihren Nachbarn. Zwei oder dreimal richtete ſie das Wort an mich und fragte mit der ſüßeſten Stimme der Erde: „„Wie befindet Ihr Euch, mein Freund?““ „„Sehr gut,““ antwortete ich,„„ſehr gut!““ „Doch trotz dieſer Verſicherung, ſchüttelte ſie den Kopf und ſtieß ſolche Seufzer aus, daß ich ſelbſt unru⸗ hig zu werden anfing, und daß ich mich, als ich vom Tiſche auſſtand, im Spiegel beſchaute. „Dieſe Anſchauung beruhigte mich; ich ſtrahlte von Geſundheit und Freude. „Es ſcheint übrigens, der Geſellſchaft kam es vor, als befände ich mich nicht ſo wohl; denn mehrere Gäſte fragten mich, ehe ſie mich verließen: „„Leidet Ihr?““ Und trotz meiner verneinenden Antn Hand Chole einer word ich de Frau kam. befra Thrä ſchwi Naſe Naſe man Heira einem die ſ deute ich w zu la entfer da, b ich ſi Thüre dem e Früch dem einer nen ges den und war tand äuſe n in ben, den eden tdes eng⸗ ung, ahm ots, der den ie leiſe e ſie imme den inru⸗ vom e von vor, Gäſte enden 253 Antwort entfernten ſie ſich, indem ſie mir traurig die Hand drückten. „Ich glaubte ſogar mit halber Stimme das Wort Cholera ausſprechen zu hören; als ich aber fragte, ob einer von unſern Bekannten von der Cholera befallen worden ſei, antwortete man mir mit einem Nein, und ich vachte ſchlecht verſtanden zu haben. „Mitten unter dem Allem ſuchte ich meine ſchöne Frau, welche, Bangigkeit in den Augen, auf mich zu kam. Ich wollte ſie über den Grund dieſer Bangigkeit befragen, aber ſie ſchaute mich an, wandte ſich, eine Thräne trocknend, ab und murmelte:„„Armer Freund!““ „Ich nahm Abſchied von den Gäſten, welche ver⸗ ſchwinden zu ſehen es mich drängte, indem ich meine Naſe an der ihrigen rieb, wie dies der Gebrauch iſt. Mein Geſchäftsfreund war der letzte. Ich rieb ihm die Naſe mit doppelter Innigkeit, in Betracht, daß er, wie man ſich erinnert, derjenige war, welcher mir bei meiner Heirath als Vermittler gedient hatte; und als ich mit einem duckmäuſeriſchen Lächeln auf die ſchöne Vanly, die ſich ganz ſachte nach dem Schlafzimmer wandte, deutete und ihm durch ein Zeichen zu verſtehen gab, ich werde ihr dahin folgen, da ſagte er zu mir: „„Ihr würdet beſſer daran thun, den Arzt holen zu laſſen.““ Und er ſchlug die Augen zum Himmel auf und entfernte ſich ebeufalls. „Ich war mit meinen Gedanken gar nicht mehr da, beluſtigte mich durchaus auch gar nicht damit, daß ich ſuchte, was dies Alles beſagen ſollte, ſchloß die Thüre, und trat raſch in das Schlafzimmer ein. „Die ſchöne Vanly ſaß ſchon an dem Tiſch, auf dem ein reizender Imbiß, gemiſcht von Blumen und Früchten, aufgetragen war, und beſchäftigte ſich mit dem Uebergießen einer roſenfarbenen Flüſſigkeit aus einer Flaſche in eine andere. „Ich hatte nichts Appetitlicheres geſehen, als dieſe 254 roſenfarbene Flüſſigkeit; man hätte glauben ſollen, es wäre diſtilirter Rubin. „„Ach! theure Freundin,““ ſagte ich, als ich ein⸗ trat,„könnt Ihr mir erklären, in welcher Beziehung meine Lage, die mir nichts zu wünſchen übrig läßt, aller Welt Mitleid zu erregen ſcheint? Man fragt mich, wie ich mich befinde, man fragt mich, ob ich mich beſſer fühle, man gibt mir den Rath, den Arzt holen zu laſ⸗ ſen, ſo daß ich bei meinem Ehrenworte jenem Menſchen einer franzöſiſchen Komödie, die ich in Amſterdam ge⸗ ſehen habe, gleiche, den alle Welt überreden will, er habe das Fieber, dem man es ſo oft und ſo kräftig wiederholt, daß er es am Ende glaubt und, nachdem — Jedermann gute Nacht gewünſcht, ſich zu Bette egt.““ „„Ah!l wenn Ihr nur das Fieber hättet, ſo würde man Euch mit China davon helfen.““ „„Wiel wenn ich nur das Fieber hätte! Ich habe nicht das Fieber, das bitte ich Euch mir zu glau⸗ en.““ „„Mein lieber Olifus,““ erwiederte Vanly,„„nun, da nur wir Beide beiſammen ſind, und da Ihr Euch keinen Zwang mehr anzuthun braucht, ſagt mir offen⸗ herzig, was Ihr empfindet.““ „Ich? was ich empfinde, ich empfinde das glü⸗ hendſte Verlangen, Euch zu erklären, daß ich Euch liebe, und beſonders, es Euch zu... „„Und nicht den geringſten Magenkrampf?““ fragte Vanly. „„Nicht den geringſten.““ „„Keinen kalten Schauer?““ „„Im Gegentheil.““ „„Nicht vas geringſte Bauchgrimmen?““ „„Ah! geht doch! Wenn ich die Cholera hätte, meine liebe Freundin, könntet Ihr keine andere Fragen an mich machen.““ ſagt. glau holt ſpäte vor gewi von! brüh Ricit Ah! mein von unter neun Ihr um t lacht, ich m Bauc Kräm fomm ich zi es ein⸗ ung äßt, ich, ſſer laſ⸗ chen ge⸗ „er ftig dem ette ürde habe lau⸗ nun, Fuch ffen⸗ glü⸗ iebe, agte ätte, agen „„Ei! gerade das iſt es, Ihr habt das Wort ge⸗ ſagt.““ „„Nun, und dann?““ „„Man hat während des Mahles zu bemerken ge⸗ glaubt 4 „„Was 2 „„Daß Ihr die Farbe wechſeltet, daß Ihr wieder⸗ holt mit der Hand nach Eurem Magen griffet, und daß ſpäter.„ „„Ah! da muß ich Euch bemerken, daß ich mich vor Allem nicht an den Anblick Eurer Mäuſe in Honig gewoͤhnen konnte; ſodann, ſeht Ihr! Eure Kraftbrühe von Aſſeln. wir find bei uns nicht an ſolche Kraft⸗ brühen gewöhnt. Endlich Euer Ricinusöl.. Euer Ricinusöl. Doch das verging mit ein wenig Luft. Ah! das iſt einmal ein Gedanke, daß ich gerade in meiner Hochzeitnacht die Cholera haben ſoll! Gut! gut!““ „„Mein lieber Freund, dieſer Gedanke war der von Jedermann, und ich bin vollkommen überzeugt, daß unter den dreißig Freunden, die uns ſo eben verlaſſen, neun und zwanzig ſind, welche der feſten Anſicht leben, Ihr werdet morgen früh geſtorben ſein.““ „„Geſtorben an der Cholera?““ „„An der Cholera.““ „„Ah! ah!““ „„Es iſt ſo.““ „„Sprecht offenherzig, habt Ihr nicht? 4 „„He! he!““ „Oh! mein Herr, es iſt eine ſeltſame Sache um die Einbildungskraft. Nachdem ich über Baſil ge⸗ lacht, den man überredet, er habe das Fieber, betaſtete ich mir nun ſelbſt den Magen, befühlte ich mir den Bauch und war nahe daran, zu glauben, ich habe ſchon Krämpfe, und werde ſogleich das Bauchgrimmen be⸗ kommen. „Eines war in jedem Fall unbeſtreitbar„. daß ich zuſehends kalt wurde. 256 „„Armer Freund,““ ſagte Vanly zu mir, indem ſie mich mitleidig anſchaute,„zum Glück hat das Ue⸗ bel noch keine große Fortſchritte gemacht, und mein, erſter Mann hat mir ein unfehlbares Mittel hinter⸗ laſſen.““ „„Gegen die Cholera?““ „„Gegen die Cholera, ja.““ „Ohl der würdige Mann! Nun wohl! liebe Vanly, es bietet ſich die Gelegenheit, von Eurem Mittel Gebrauch zu machen.““ „„Ah! Ihr geſteht alſo!““ „„Ja, ich fange an zu glauben. Oh! ſagt, worin beſteht es?““ 1 „Beeilt Euch, lieber Freund, beeilt Euch; die Borborygemen kommen.““ „Wie! die Borborygemen?“ „Ich muß Ihnen ſagen, daß dieſes Wort nicht übel barbariſch ſchon im Franzöſiſchen iſt, nicht wahr? Doch im Chineſiſchen, das war noch viel ſchlimmer; ſo daß, als ſie zu mir ſagte:„„Die Borborygemen ſind da,““ da war es gerade, als ob ſie zu mir geſagt hätte: „„Die Koſaken ſind da.““ S 7——— „„Die Borborygemen!““ wiederholte ich, indem ich auf einen Stuhl ſankz„„nun, liebe Vanly, was iſt da zu thun?““ „„Ihr müßt ſogleich ein Glas von dieſem rothen Trank zu Euch nehmen, den ich, als Ihr eintratet, be⸗ reitete, und zwar, mein armer Olifus, in der Voraus⸗ ſicht deſſen, was ſich nun wirklich ereignet.“ „„Alſo geſchwinde das Glas, geſchwinde den rothen Trank. Ah! die Borborygemen kommen wieder, ge⸗ ſchwinde, geſchwinde, geſchwinde!““ Vanly goß die rothe Flüſſigkeit in ein Glas und reichte ſie mir. „Ich nahm das Glas mit einer zitternden Hand, ſetzte es an meinen Mund und war im Begriff, den rothen Trank vom erſten bis zum letzten Tropfen zu ———— nein ter⸗ iebe ittel orin die icht hr? ſo ſind tte: dem s iſt then be⸗ aus⸗ then ge und and, den nzu verſchlucken, als ich Vanly erbleichen und die Augen auf die Stubenthüre heften ſah. „Zu gleicher Zeit hörte ich eine wohlbekannte Stimme mir zurufen: „„In des Himmels Namen, Olifus, trinkt nicht!““ „„Schimindra!““ rief ich,„„was Teufels wollt Ihr hier?““ „„Ich komme, um Euch das zu erwiedern, was Ihr für mich gethan habt, um Euch das Leben zu retten.““ „„Ah! theure Schimindra, Ihr habt alſo auch ein geheimes Mittel gegen die Cholera?““ „„Ich habe kein geheimes Mittel gegen die Cho⸗ lera, und es wäre auch überdies unnütz.“ „„Wie, unnütz?““ „„Ich habe alſo nicht die Cholera?““ „„Nein.““ „„Wenn ich nicht die Cholera habe, was habe ich denn?““ „„Ihr habt(Schimindra ſchaute Vauly an, welche immer mehr erbleichte), Ihr habt eine Giftmiſcherin geheirathet, nichts Anderes.““ „Vanly ſtieß einen Schrei aus, als ob eine Schlange ſie gebiſſen hätte. „„Eine Giftmiſcherin?““ wiederholte ich⸗ „„Wollt Ihr auf dieſe Frau hören?““ fragte ſie mich. „„Schimindra, meine Freundin,““ ſagte ich, den Kopf ſchüttelnd,„mir ſcheint, Ihr geht ein wenig weit.““ „„Eine Giftmiſcherin,““ wiederholte Schimindra. „Vanly wurde leichenbleich. „„Zählen wir diejenigen, welche Ihr vergiftet habt,““ ſagte Schimindra zu Vanly,„„und ſehen wir, wie Ihr dieſelben vergiftet habt.““ „„Oh!l kommt, Olifus!““ rief Vanly. „„Nein, bleibt und hört!““ ſagte Schimindra. Tauſend und ein Geſpenſt. U. 17 „Dann ſich gegen Vanly umwendend: „„Ihr habt Euern erſten Mann, den Doctor, mit der Sanct Ignazbohne, die ſo gewöhnlich in Mindanao iſt, vergiftet. Ihr habt Euern zweiten Mann, den Man⸗ darin, mit dem amerikaniſchen Ticunas vergiftet. Ihr habt Euern dritten Mann, den Civilrichter, mit dem Vovara der Guyana vergiftet. Euern vierten Mann endlich, Olifus, wolltet Ihr heule Abend mit dem Upas von Java vergiften.““ „„Ihr lügt! Ihr lügt!““ rief Vanly. „„Ich lüge,““ erwiederte Schimindra;„nun wohl! wenn ich lüge, ſo trinkt dieſes Glas mit dem roſen⸗ farbenen Saft, den Ihr ſo eben Eurem Mann unter dem Vorwande, er habe die Cholera, eingeſchenkt habt.““ „Und ſie nahm das Glas, das ich auf den Tiſch geſtellt hatte, und reichte es Vanly. „Ich erwartete, Vanly würde ihr das Glas aus den Händen reißen und trinken, was es enthielt; doch keines Wegs, ſie wich zurück, erreichte, immer weiter zurückweichend, die Thüre, öffnete ſie und entfloh⸗ „Ich ſtürzte ihr nach. „Oh! theure Vanly,““ rief ich,„fürchtet Euch nicht, kommt zurück, ich glaube es nicht, das iſt nicht möglich!““ „„Das iſt nicht möglich?““ rief Schimindra in Verzweiflung darüber, daß ich ihr nicht glaubte,„„das iſt nicht möglich?““ „„Nein, und wenn man mir nicht einen Beweis gibt. 4. „„Und wenn man Euch einen Beweis gibt?““ rief Schimindra. „„Ihr werdet glauben?““ „„Ich werde glauben müſſen.““ „„Ihr werdet glauben, daß dieſe Frau eine Gift⸗ miſcherin iſt, nicht wahr?““ „„Allerdings.““ —„„ 1— it 1o E hr m in 18 in as is ——— „ 259 „„Und Ihr werdet ſie nicht mehr lieben?““ „„Wie! ich werde ſie nicht mehr lieben? Nicht nur werde ich ſie nicht mehr lieben, ſondern ich werde ſie anzeigen, ich werde ſie gerichtlich verfolgen, ich werde ſie köpfen, henken, viertheilen laſſen.““ „„Ihr ſchwört das mir?““ „„Ich ſchwöre es.““ „„Nun wohl!““ ſagte Schimindra,„ſeht den Be⸗ weis.““ „Und ſie leerte mit einem Zug, mit einem Athem das mit dem roſenfarbenen Trank gefüllte Glas, ohne daß ich nur Zeit hatte, zu ſagen:„Nun, was macht Ihr denn?““ „Ich ſtieß einen gewaltigen Schrei aus, denn die arme Schimindra, ich hatte am Ende durchaus nichts gegen ſie, als daß der unglückliche Affe... Doch abge⸗ ſehen von dieſem Vorgang, liebte ich ſie von ganzem Herzen. „„Nun,““ ſprach ſie, indem ſie in meine Arme fiel, „„nun werdet Ihr begreifen, warum man unter Euren Gäſten das Gerücht verbreitet hatte, Ihr wäret von der Cholera befallen.““ „Schimindra hatte in der That kaum dieſe Worte geſprochen, als ich ſie erbleichen, mit der Hand nach ihrer Bruſt fahren und Zeichen des heftigſten Schmer⸗ zens von ſich geben ſah.“ Schluß. „Bei dieſem Anblick blieb mir kein Zweifel mehr. Vanly war ſehr ſtrafbar und Schimindra ſehr vergiftet. Ich hatte nur einen Wunſch: den, die arme Frau zu retten, welche ſich für mich geopfert. 260 „„Zu Hülfe! zu Hülfe!““ rief ich,„„einen Arzt! einen Arzt!““ „Dann, da Niemand antwortete, in Betracht, daß Vanly ihre Maßregeln getroffen hatte, und daß das Haus vollkommen verödet war, öffnete ich das Fenſter. „„Zu Hülfe!““ wiederholte ich,„zu Hülfe! einen Arzt! einen Arzt!““ „Zum Glück ging in dieſem Augenblick ein Laſt⸗ träger auf dem Kai vorüber; er hörte mich rufen, er kannte mich und ſtellte ſich zu meiner Verfügung. „„Einen Arzt!““ rief ich ihm zu, und warf zu⸗ gleich ein Goldſtück zu ſeinen Füßen. „Er hob das Goldſtück auf, machte ein Zeichen mit dem Kopf und lief aus Leibeskräften weg. „Nach fünf Minuten kam er mit einem Bonzen zerück, der die Heilkunde gratis für das Volk trieb und hinſichtlich ſeines Wiſſens und ſeiner Frömmigkeit unter den Leuten vom Hafen in großem Rufe ſtand. „Aber obgleich kaum zehn Minuten vergangen waren, ſeitdem Schimindra das Gift verſchluckt, hatte das Uebel doch ſchon furchtbare Fortſchritte gemacht. Der⸗ Athem war geräuſchvoll und durch Schluchzen unter⸗ brochen, die Muskeln des Bauches und der Bruſt fingen an ſich zuſammenzuziehen, der Mund wurde ſchäumend, der Kopf fiel zurück und das Erbrechen begann. „Ich lief dem Arzte entgegen und führte ihn zu Schimindra. „„Oho!““ rief er,„„dieſe Frau hat die Cholera, oder ſie iſt wohl...“ er zögerte. „Sie iſt wohl? ſie iſt wohl?““ wiederholte ich. „„Oder ſie iſt wohl vergiftet worden.““ „„Womit?““ „„Mit dem Upas von Java.““ „„So iſt es,““ rief ich;„ja, ja, ſie iſt mit dem Upas von Java vergiftet worden. Welches Mittel gibt es dagegen?““ „„Es gibt kein Mittel, oder wenn es eines gibt. ———— — en d er en te er r⸗ en d zu em ibt 1ℳ 261 „Nun?““ „„Es iſt ſo ſelten.““ „„Nennt doch das Mittel!““ „„Man müßte Bezoar haben.““ „„Bezvar?““ „Ja, doch nicht Bezvar von einer Kuh, nicht Be⸗ zoar von einer Ziege...““ „„Bezoar von einem Affen.““ „„Allerdings, doch wo ſich verſchaffen?““ „Ich ſtieß einen Schrei aus. „„Seht! ſeht!““ rief ſch. „Und ich zog meinen Bezvarſtein aus einem leder⸗ nen Beutelchen. „Schimindra hob den Kopf in die Höhe und ſagte: „„Ah! er liebt mich alſo doch noch ein wenig!““ „„Ho! ho!““ machte der Bonze,„blauer Bezoar, ächter Affenbezvar.““ „„Ja, ächter, dafür ſtehe ich, inſofern ich ihn ſelbſt geerntet habe, doch verliert keine Zeit; Ihr ſeht, Ihr ſeht.“ Und ich deutete auf Schimindra, die ſich in Convulſionen des Todeskampfes krümmte. „Ohl nun ſeit unbeſorgt, wir haben Zeit,““ er⸗ wiederte er. „„Aber in fünf Minuten wird ſie todt ſein,““ rief ich. „Ja wenn ſie in drei Minuten nicht gerettet i „Der Bonze fing wirklich an, den Bezoar in ein Glas Waſſer mit derſelben Ruhe zu reiben, als wenn es ein Stück Zucker geweſen wäre. „Das Waſſer nahm ſogleich eine azurblaue Farbe an, die ſich allmälig in Opal verwandelte und goldene Reflexe zuckte. „Dies war ohne Zweifel der Punkt, zu dem das Gegengift gekommen ſein mußte, denn der Bonze hieß mich durch ein Zeichen Schimindra aufheben und ſchob zwiſchen ihre vurch die Convulſionen zuſammengepreßten 262 Zähne den Rand des Glaſes, das ſie beinahe zerbro⸗ chen hätte. „Doch bei den erſten Tropfen, die den Gaumen der Sterbenden befeuchteten, ſpannten ſich die Muskeln ab, der Kopf wiegte ſich weich auf den Schultern, ihre ſteifen Arme fielen an ihrer Seite herab, das Röcheln hörte auf, und ein leichter Schweiß perlte auf der trockenen Stirne. „Schimindra leerte das Glas⸗ „Dann, als ſie das Glas geleert hatte, ſagte ſie: „„Oh! mein Gott! es iſt das Leben, was Ihr mir zu trinken gegeben habt.““ „Da warf ſie einen letzten Blick auf mich, dankte mir mit einem letzten Lächeln, ſuchte mich durch eine letzte Geberde zu berühren, ſtieß einen Seufzer aus, ſchloß die Augen und verſank in eine Lethargie, die nichts Beunruhigendes hatte, denn man fühlte das Leben unter dieſem Anſcheine von Tod hervorquellen. „Ich konnte ſie nicht bei Vanly Tching laſſen, ich wollte ſelbſt nicht hier bleiben; mein Haus war nur fünfzig Schritte von dem entfernt, wo wir uns befan⸗ den. Ich nahm Schimindra in meine Arme, ging mit dem Bonzen weg, ſchloß die Thüre mit dem Schlüſſel, übergab dieſen Schlüſſel dem Bonzen und bat ihn, den⸗ ſelben auf der Stelle dem Civilrichter, dem Nachfolger des vorletzten Mannes von Vanly Tching, zu bringen und ihm Alles zu erzählen, was er geſehen, während ich Schimindra, die nach dem Ausſpruche des Arztes nur noch eines ſanften Schlafes bedurfte, nach Hauſe brächte. „Als ich Schimindra auf ihr Bett gelegt hatte, legte ich mich ebenfalls nieder. „Ihnen zu ſchildern, was in meinem Geiſte vor⸗ ging, ſobald das Licht ausgelöſcht war und ich mich, beſiegt von der Müdigkeit, in dem Zuflande der Träu⸗ merei befand, der noch nicht der Schlaf und ſchon nicht mehr das Wachen iſt, wäre mir nicht möglich. Meine „ M „ 263 vier Frauen ſchienen ſich am Fuße meines Bettes zu⸗ ſammenbeſchieden zu haben. „Es war Nahi⸗Nava⸗Nahina, es war Dona Ines, es war Amaru, es war Vanly Tching; dies Alles forderte mich, zog an mir, machte mich eher auf die Weiſe der Furien, als mit den Manieren zärtlicher Gattinnen ſtreitig, während die arme Schimindra, der der Tod ohne Zweifel Flügel gegeben hatte, über uns ſchwebte, mich mit ihren beſten Kräften vertheidigte, die Weiber auf die Seite ſchob, zurückſtieß, verjagte; doch vor die Thüre getrieben, kam dieſe endloſe Reihenfolge von Gattinnen durch die Fenſter zuruck, ſie warfen ſich wieder auf mein Bett, klammerten ſich an mir an, daß ich mich in Stücken gehen fühlte und den Augenblick nahe ſah, wo mir die eine einen Arm, die andere ein Bein, dieſe ein Glied, jene ein anderes Glied entführen würde. „Plötzlich öffnete ſich die Thüre und ich ſah etwas wie ein verſchleiertes Geſpenſt, vor dem meine vier indi⸗ ſchen Frauen verſchwanden, und das, Schimindra ſelbſt mit einer einzigen Geberde entfernend, ſich ruhig nieder⸗ legte. „Ah! meiner Treue, diejenige, welche zuletzt ge⸗ kommen, leiſtete mir einen ſo großen Dienſt, daß ich mich in ihre Arme flüchtete, wo ich nach einer Aufre⸗ gung, die noch einige Augenblicke fortdauerte, entſchlief. „Am andern Morgen erweckte mich der erſte Son⸗ nenſtrahl, der gerade auf mein Geſicht fiel; ich öffnete die Augen und gab einen Schrei des Erſtaunens von mir: ich hatte Seite an Seite mit der Buchold gelegen. „Doch bei der Buchold, die ſo bleich, ſo ſehr ver⸗ ändert war, daß ich nicht den Muth hatte, ihr einen Vorwurf über ihren Beſuch zu machen, ſo klar kam es mir vor, daß ſie nur noch kurze Zeit zu leben habe. „Ueberdies erinnerte ich mich des Dienſtes, den ſie mir in der Nacht geleiſtet hatte. „„Wie! Du biſt es!““ ſagte ich zu ihr. „„Ja, ich, die ich, obgleich ganz leidend, wie ich 264 bin, nicht gezögert habe, Dir ſelbſt eine gute Kunde zu bringen.““ „„Ah! Du biſt niedergekommen?““ „„Mit einer Tochter, mit einem reizenden Kinde, wie ich es Dir verſprochen; ich habe ſie Margareth genannt“““ „„Und wer iſt der Pathe von dieſer.““ „„Oh! Du wirſt ſtolz darauf ſeinz es iſt einer der berühmteſten Profeſſoren der Univerſität Leyden, der Doctor Van Holſtentius,““ „Ich kenne ihn.““ „„Nun wohl, er hat mir verſprochen, das theure Kind zu lieben, als ob er ſein Vater wäre, doch...“ „„Doch, was?““ „„Ich befürchte ſehr, wenn ich nicht mehr da ſein werde.. „„Wie! wenn Du nicht mehr da ſein wirſt? haſt Du denn Monnikendam verlaſſen, um nicht mehr da⸗ hin zurückzukehren?““ „„Im Gegentheil, mein Freund, ſei unbeſorgt, ich werde ſogleich wieder abreiſen; aber wir ſind nicht un⸗ ſterblich, und wenn ich zufällig ſterben würde, ſo wären unſere armen Kinder...““ „„Hätte nicht jedes ſeinen Pathen, der es liebt, als ob er ſein Vater wäre? hätten ſie nicht den Bürger⸗ meiſter Van Clief, den Ingenieur Van Brock, den ehr⸗ würdigen Van Cabel, den Doctor Van Holſtentius u. ſ. w.““ „„Ach!““ erwiederte die Buchold,„„ich weiß durch das, was mir bei Dir ſelbſt begegnet iſt, wie man auf die Verſprechungen der Menſchen bauen kann; ich fand mehr leere Zuſagen, als Wirklichkeit in den Verpflich⸗ tungen, die unſere hohen Gönner übernommen hatten, ſo daß ich heute, mein lieber Freund, ohne Deinen Ge⸗ vatter Simon Van Grvot, den Gärtner vom Hafen in Monnikendam, nicht wüßte, was aus uns würde, aus mir, den Kindern, die ich habe, und denen, welche ich noch bekommen kann.““ ———r c in —— ————— „ 265 „Wie? welche Du noch bekommen kannſt? Den wievielſten des Monats haben wir heute?““ „„Den 28. Oectober.““ „„Ja, doch welcher Heilige, oder welchem Heiligen iſt diefer Tag geweiht?““ „„Zwei großen Heiligen, mein Freund, dem heili⸗ gen Simon und dem heiligen Judas.““ „„Ah! das iſt zu ſtark,““ rief ich,„diesmal werde ich nicht mit weniger, als mit Zwillingen davon kommen.““ „„In jedem Fall ſind es die letzten,““ entgegnete die Buchold. „„Wie ſo?““ „„Ja, ſiehſt Du nicht, wie ſehr ich verändert bin?““ „Dieſe Veränderung war mir in der That beim erſten Blick aufgefallen. „„Es iſt wahr, was haſt Du?““ fragte ich. „Sie lächelte traurig und ſprach: „„Glaubſt Du, Reiſen, wie die, welche ich mache, greifen nicht an? Ich habe Dich viermal beſucht, ohne Vorwurf; Hin⸗ und Rückweg macht das ſo etwas wie zweiunddreißigtauſend Meilen: viermal die Reiſe um die Welt; findeſt Du wol) viele Frauen, die dasſelbe für einen Ruchloſen thun, der nur daran denkt, ſie zu betrügen? Ah!““ „Und die Buchold vergoß ein paar Thräneh. „Das, was ſie ſagte, war ſo wahr, daß ich mich dadurch gerührt fühlte. „„Nun wohl! warum kommſt Du?““ „„Weil ich Dich am Ende liebe. Ah! wäreſt Du in Monnikendam geblieben, wir hätten ſo glücklich ſein können.““ „„Mit Deinem reizenden Charakter! Geh' doch.““ „„Was willſt Du? Was meinen Charakter ver⸗ dorben hat, iſt die Eiferſucht. Und woher rührte dieſe Eiferſucht? Vom Uebermaß meiner Liebe. Höre, wirſt Du heute, da fünf Jahre vorüber ſind, ſagen, Deine ——— 266 Fahrten nach Amſterdam, nach Edam, nach Stavorin ſeien unſchuldig geweſen?““ „Ich kratzte mich hinter dem Ohr. „„Ah! ah!““ rief ich, um nicht zu antworten. „„Du ſiehſt wohl, daß Du im Unrecht warſt. Was haſt Du mir Aehnliches vorzuwerfen?““ „„Nichts, ich weiß es wohl, ſo lange ich dort war.““ „„Mir ſcheint, daß ſeitdem...““ „„Seitdem vernebelt ſich das ein wenig. Doch es iſt noch nichts zu ſagen, da, für mich wenigſtens, der An⸗ ſchein da iſt, und da die Data eintreffen, nicht wahr?““ „„Tag für Tag.““ „Ich ſtieß einen Seufzer aus. „„Ah! es iſt eine Thatſache,““ ſprach ich mit einer Rückkehr zur Philoſophie,„„man läuft ſehr weit, um das Glück zu finden..“ „„Ja, und daß man Frauen findet, nicht wahr? Wir wollen Deire Frauen ein wenig durchgehen.““ „„Nein, es iſt nicht der Mühe werth, ich kenne ſie; auch bin ich von der Heirath geheilt, oder vielmehr von den Heirathen.““. „„Ach! mein armer Freund, es gibt nur das Haus, den Herd, die Kinder, kehre zurück und Du wirſt dies Alles finden, mich vielleicht ausgenommen.““ „„Oh! laß das!““ „„Ich weiß, was ich ſage!““ erwiederte ſie ſeuf⸗ zend und den Kopf ſchüttelnd.„„Aber ich würde ruhig ſterben, wenn ich die Hoffnung hätte, daß in Ermang⸗ lung der Mutter meine armen Kinder... „„Es iſt gut! es iſt gut! übexlaſſen wir uns nicht der Rührung; man wird auf dies Alles bedacht ſein, kehre dorthin zurück.““ „„Ich muß wohl.““ „„Und melde mich...5 „„Oh! wahrhaftig?““ „„Einen Augenblick Geduld, ich mache mich zu nichts verbindlich. Ich werde thun, was ich kann, mehr nicht.““ — ſtie ein her die gal ſiſe es pã die un — „ 267 „„Gott befohlen, ich reiſe in dieſer Hoffnung.““ „„Gehe, liebe Freundin, wer lebt, wird ſehen.““ „„Ja, wer lebt... Gott befohlen!““ „Und die Buchold umarmte mich zum letzten Mal, ſtieß einen Seufzer aus und ging weg. „Dieſe Erſcheinung der Buchold hatte bei mir einen ganz andern Eindruck hinterlaſſen, als die vor⸗ hergehenden Erſcheinungen. Ueberdies ſiel, wie geſagt, die Vergleichuug mit den holländiſchen Frauen, den ſin⸗ galeſiſchen, den ſpaniſchen, den malabariſchen und chine⸗ ſiſchen Frauen nicht zum Vortheil der letzteren aus; es war alſo nur die arme Schimindra, die den euro⸗ päiſchen Einfluß aufzuwiegen vermochte, doch ſie hatte die Geſchichte mit dem elenden Affen gegen ſich. „Kurz, ſo viel iſt gewiß, ich dachte nur noch an Eines; meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und nach Europa zurückzukehren. „Doch ehe ich abreiſte, war es meine erſte Sorge, das Schickſal von Schimindra zu ſichern. „Ich ließ ihr mein Cigarrengeſchäft, das in vollem Gange war, und den Reſt meines allerdings verſtüm⸗ melten Bezoars, der jedoch, obgleich verſtümmelt, im⸗ mer noch einen Werth von zwei bis dreitauſend Rupien hatte, und dies um ſo unbeſtreitbarer, als er erprobt worden. „Was Vanli Tching betrifft, ſo war ſie mit ihrer Caſſette verſchwunden, und während der fünf Monate, die ich noch in Bidondo verweilte, hörte Niemand von ihr ſprechen. „Am 15. Februar 1829 endlich, ungefähr ſechs Jahre nach meiner Ankunft in Indien, verließ ich Bi⸗ dondo, nachdem ich eine Summe von fünfund vierzigtau⸗ ſend Franken realiſirt hatte, welche mein chineſiſcher Correſpondent einkaſſirte, der mir dafür vortreffliche Wechſel auf die erſten Häuſer von Amſterdam gab. „Die Fahrt dauerte lange wegen der Windſtille, die wir unter dem Aequator fanden, und fünf Mo⸗ 268 nate nach meiner Abreiſe von Manilla ſignaliſirte man das Cap Finisterre, dann umſchifften wir Cherbourg, dann liefen wir in den Canal ein, und endlich am 18. Auguſt 1829 warfen wir Anker im Hafen von Rotterdam. „Ich hatte keinen Grund, mich hier aufzuhalten, nahm alſo noch an demſelben Tag den Wagen nach Amſterdam und, in Amſterdam angelangt, ein Schiff, das mich nach Monnikendam führen ſollte. „Es war gerade das von meinem Freunde, dem Schiffer, der mich ſechs und ein halbes Jahr vorher an Bord des Johann von Witt geführt hatte, dem ich meine Ueberfahrt nicht hatte bezahlen können, und der nichtsdeſtoweniger auf meine Geſundheit zu trinken verſprochen hatte, ein Verſprechen, das auch gewiſſen⸗ haft von ihm gehalten worden war. „Dieſesmal hatte ich, ſtatt eines Sackes voll Kie⸗ ſelſteine, in meiner Taſche ein Portefeuille, gute fünf⸗ undvierzigtauſend Franken enthaltend, ſo daß ich, als ich mich in Monnikendam ausſchiffte, da ich ihm nicht nur die erſte Fahrt, ſondern auch die letzte, nebſt Zins und Zins aus Zins für die letzten ſechs Jahre ſchuldig war, fünfundzwanzig Gulden gab. ein Pfen⸗ nig, wie er ſeit langer Zeit keinen eingenommen hatte. „Dann ging ich nach meinem Hauſe. „Vor der Thüre ſah ich von fern eine Amme in Trauer, welche zwei Säuglinge ſtillte. „Ich begriff Alles. „Ich trat in die untere Stube ein, in der ſich meine drei Söhne und meine Tochter befanden. „Die drei Knaben entflohen, als ſie mich ſahen. „Was das Mädchen betrifft, ſo war es, da es noch nicht allein gehen konnte, wohl genöthigt, zu bleiben. „Ich begriff, daß ich für dieſe Unſchuldigen nur ein Fremder war; ich nahm meine kleine Marga⸗ rethe in die Arme, ſie ſtieß laute Schreie aus, und ich ——— u 269 n kehrte zur Thüre zurück, um mich irgend einem Nach⸗ ſe bar zu erkennen zu geben. „Simon Van Groot, der erfahren hatte, ein Frem⸗ . der ſei angekommen und habe ſich gegen das Haus der Buchold gewendet, lief, die Wahrheit vermuthend, her⸗ ch ₰ bei, nachdem er die drei enifliehenden Kinder nebſt der Amme und den zwei Säuglingen zuſammengetrieben hatte. m„In einem Augenblick war Alles aufgeklärt. r„„Und die arme Buchold?““ fragte ich. m„„Du kommſt zwei Monate zu ſpät, mein lieber d Olifus,““ antwortete Simon Van Groot,„„die Buchold n iſt geſtorben, nachdem ſie Deine Zwillinge geboren 1⸗ hatte!““ „Ja, Simon und Judas.““ .„„Du haſt es geſagt. In Deiner Abweſenheit f⸗ habe ich für die Familie geſorgt; die Gläubiger hatten 8 das Haus verkauft, ich kaufte es wieder an. Ich wußte 1 wohl, Du würdeſt eines Tages zurückkommen, und Du ſt ſollteſt, abgeſehen von den Kindern, die Dinge in dem e Zuſtande finden, in dem Du ſie gelaſſen haſt.““ .„„Ich danke, Van Grvot.““ 2„ Nur die arme Buchold. 1“ „„Was willſt Du? Simon, wir ſind Alle ſterb⸗ n lich.““ „Ach, Du wirſt nie mehr eine ſolche finden, Oli⸗ fus.““ „„Das iſt möglich.““ *„Wir umarmten uns weinend, Van Groot und ich, und ordneten dann unſere Rechnungen. 8„Ich bezahlte ihm den Preis des Hauſes und der u Meubles zurück, was ich für den Theil von Margaxethe bewahrte. Dann legte ich ſechs tauſend Franken auf den Kopf von jedem Knaben an, wobei ich mir nur die Inte⸗ . reſſen bis zu ihrer Volljährigkeit vorbehielt. Endlich h nahm ich von der Geſammtſumme noch neun tauſend Franken für mich, um nie Jemand zur Laſt zu ſein, 270 um mein Fläſchchen Taſia, Rhum und Rack herauszu⸗ ziehen.“ „Und Sie haben die Buchold nie wiedergeſehen?“ fragte ich ihn. „Doch, einmal. Sie kam und erzählte mir, ich ſei nun für immer von ihr befreit, inſofern ſie ſich mit Simon Van Groot wiederverheirathet habe; es war dieſer am Tage zuvor begraben worden, und der Schelm hatte verlangt, neben ihr beerdigt zu werden. Somit,“ fügte der Vater Olifus bei, indem er ſein letztes Glas Rack leerte,„ſomit bin ich für dieſe und für die andere Welt von ihr befreit, ich hoffe es wenigſtens.“ Wonach der Vater Olifus in ein ihm eigen⸗ thümliches Gelächter ausbrach und unter den Tiſch ſank, unter dem ſogleich ein Schnarchen hervortönte, das uns keinen Zweifel über die Heiterkeit des Schlafes ließ, dem ſich dieſes reine, vorwurfsfreie Herz hingege⸗ ben hatte. In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre, ich wandte meinen Kopf um, und eine ſanfte, harmeniſche Stimme wurde hörbar. Dieſe Stimme war die von Margarethe, welche, eine Lampe in der Hand, auf der Schwelle des Zim⸗ mers erſchien. „Es iſt Zeit, meine Herren, daß Sie zu Bette gehen,“ ſagte ſie.„Ich will Sie in Ihr Zimmer führen. Nicht wahr, mein Vater hat Sie mit ſeinen Geſchich⸗ ten ſehr ermüdet, doch Sie müſſen Nachſicht mit ihm haben. Er iſt ſechs Jahre zu Lebzeiten unſerer Mutter im Irrenhauſe zu Horn geweſen, und er iſt von dort nicht ganz geheilt zurückgekommen. Närriſche Einfälle und blaue Mährchen zerarbeiten ihm das Gehirn, beſonders wenn er zu viel ſtarke Getränke zu ſich genommen hat, was ihm oft begegnet. Doch, wie immer, wird ſeine Vernunft beim Erwachen wiederkehren, und er wird und daß ich nur in meiner Daſche zu ſtören hatte, ſeir als unt wa i t n . —„ — — M — ——— v* — „ 27¹ ſeine Reiſen nach Oſtindien vergeſſen, die nie anderswo, als in ſeiner Phantaſie beſtanden haben.“ Wir gingen zu Bette nach dieſer Erklärung, die uns unendlich viel wahrſcheinlicher vorkam, als Alles, was uns der Vater Olifus erzählt hatte. Am andern Morgen verlangten wir ihn zu ſehen, um von ihm Abſchied zu nehmen, doch man ſagte uns, er ſei mit Tagesanbruch von hier weggegangen, um einen Reiſenden nach Stavorin zu führen. So daß wir Monnikendam verließen, ohne zu wiſ⸗ ſen, wer uns belogen hatte, der zahnloſe Mund von Hlifus, oder der hübſche keuſche Mund ſeiner Tochter Margarethe. Eines nahm uns jedoch gegen die ſchöne Wirthin zum guten Tropenmann ein: daß ſie am Abend nur durch Zeichen mit uns geſprochen hatte, während ſie ſpäter plötzlich Franzöſiſch ſprach, um uns die oben erwähnte Erklärung zu geben. Es kommt den Perſonen zu, welche in Indien ge⸗ weſen ſind, zu beurtheilen, ob der Vater Olifus wirk⸗ lich die von ihm beſchriebenen und nach ihm wiederum von uns geſchilderten Länder geſehen hat, oder ob ihm ganz einfach Madagascar, Ceylon, Negombo, Goa, Cal⸗ cutta, Manilla und Bidondo vom Irrenhauſe zu Horn aus zu Geſichte gekommen ſind. Ende der zweiten Abtheilung. — ů 8 9 10 11 12 13 14