—— ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Gttmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Dſlelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 9* für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr. P „„ 35„ ð F„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver korene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. ( e Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ Tauſend und ein Geſpenſt Alexandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Angnſt Boller. 3 Eiſtes bis viertes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckhſſchen Buchhandlung. 1850. S S S Die Rue Miane in Fontenay- aux-Roſes. Am 1. September des Jahres 1831 war ich von einem meiner alten Freunde, dem Bureau⸗Chef bei den Privatdomainen des Königs, eingeladen, der Eröffnung der Jagden in Fontenay⸗aur⸗Roſes beizuwohnen. Ich liebte damals die Jagd ungemein und, in mei⸗ ner Eigenſchaft als großer Jäger, war es etwas ſehr Wichtiges um die Wahl der Gegend, wo jedes Jahr die Eröffnung ſtattfinden ſollte. Gewöhnlich gingen wir zu einem Pächter oder vielmehr zu einem Freunde meines Schwagers; bei ihm hatte ich durch Erlegung eines Haſen mein Debut in der Wiſſenſchaft der Nimrode gemacht. Sein Pacht⸗ hof lag zwiſchen den Waldungen von Compidgne und von Villers⸗Cotterets, eine halbe Meile von dem reizenden Dorfe Morienval, eine Meile von den prachtvollen Ruinen von Pierrefonds. Die zwei bis dreitauſend Morgen Landes, die ſein Gut bilden, ſtellen eine weite, beinahe gänzlich von Wald umgebene Fläche dar, welche gegen die Mitte von einem hübſchen Thal durchſchnitten wird, in deſſen Hinter⸗ grund man unter den grünen Wieſen und den Bäumen mit wechſelreichen Tönen halb im Laubwerk verborgene Häuſer wimmeln ſieht; dieſe Häuſer kündigen ſich durch Säulen bläulichen Rauches an, welche, Anfangs durch nſend und ein Geſpenſt. die umliegenden Berge geſchützt, ſenkrecht zum Himmel aufſteigen und ſodann, zu den oberen Luftſchichten ge⸗ langt, ſich, ausgebreitet wie der Gipfel der Palmbäume, in der Richtung des Windes beugen. Auf dieſer Ebene und auf dem doppelten Abhange vieſes Thales treibt ſich das Wildpret der zwei Wal⸗ dungen wie auf einem neutralen Boden umher. Man trifft auch von Allem auf der Ebene von Braſſoire: Rehe und Faſanen längs den Waldungen, Haſen auf den Plateaur, Kaninchen auf den Abhängen, Feldhühner um den Pachthof her. Herr Moecquet, dies iſt der Name unſeres Freundes, konnte alſo faſt über⸗ zeugt ſein, er werde uns kommen ſehen; wir jagten den ganzen Tag und am anderen Tag um zwei Uhr kamen wir nach Paris zurück, nachdem wir, vier oder fünf Jäger, hundert undfünfzig Stücke Wildpret geſchoſſen, von denen auch nur eines anzunehmen wir unſern Wirth nie hatten bewegen können.. Doch Herrn Mocquet ungetreu, gab ich in dieſem Jahr dem dringlichen Zureden meines alten Bureau⸗ gefährten nach, verführt durch ein Gemälde, das mir ſein Sohn, ein ausgezeichneter Zögling der Schule in Rom, geſchickt, und das eine Anſicht der Ebene von Fontenay⸗aur⸗Roſes mit Stoppelfeldern voll von Haſen und mit Kleeäckern voll von Feldhühnern darſtellte. Ich war nie in Fontenay⸗aur⸗Roſes geweſen, Nie⸗ mand kennt die Umgegend von Paris weniger als ich. Wenn ich vor die Barrisre hinauskomme, ſo geſchieht es beinahe immer, um fünf bis ſechshundert Meilen zu machen. Alles iſt daher für mich ein Gegenſtand der Neugierde bei der geringſten Ortsveränderung. Um ſechs Uhr Abends fuhr ich, den Kopf wie im⸗ mer aus dem Kutſchenſchlag, nach Fontenay ab; ich kam durch die Barrisre d'Enfer, ich ließ die Rue de la links und folgte der Straße nach Or⸗ eans. Iſſorius iſt bekanntlich der Name eines berüchtig⸗ —— 18 — 3 ten Räubers, der zur Zeit von Julianus die Reiſenden plünderte, die ſich nach Lutetia begaben. Er wurde, wie ich glaube, ein wenig gehenkt und an der Stelle die heute ſeinen Namen führt, unfern vom Eingang der Katakomben, begraben. Die Ebene, die ſich vor dem kleinen Montrouge entrollt, bietet einen ſeltſamen Anblick. Mitten unter künſtlichen Wieſen, Möhrenfeldern und Rabatten von Rothrüben erheben ſich viereckige Gegenſtände, welche wie Forts ausſehen, überragt von einem gezähnten Nad, das eine große Aehnlichfeit mit einem Skelett von erloſchenem Kunſtfeuerwerk hat. Das Rad trägt an ſeinem Umkreis Querhölzer, auf welche ein Menſch ab⸗ wechſelnd den einen und den andern Fuß ſetzt. Dieſe Eichhörnchensarbeit, die dem Arbeiter eine große ſchein⸗ bare Bewegung gibt, während er in der Wirklichkeit nicht von der Stelle kommt, hat den Zweck, um eine Welle ein Seil zu rollen, das, während es ſich um⸗ rollt, auf die Oberfläche des Bodens aus dem Grunde eines Steinbruchs einen Quaderſtein heraufbringt, wel⸗ cher langſam an das Tageslicht kommt. Dieſen Stein bringt ein Haken an den Rand der Mündung, wo ihn Walzen erwarten, um ihn an den für ihn beſtimmten Ort zu ſchaffen. Dann geht das Seil wieder in die Tiefe hinab, wo es eine andere Laſt ſucht, was einen Augenblick der Ruhe dem modernen Prion gibt, dem bald ein Schrei verkündigt, ein anderer Stein erwarte die Arbeit, die ihn aus ſeinem Geburts⸗ ſteinbruch herausbringen ſoll, und daſſelbe Werk beginnt abermals, um wieder und wieder anzufangen. Iſt der Abend gekommen, ſo hat der Menſch zehn Meilen zurückgelegt, ohne den Platz zu verändern; ſtiege e wirklich immer um eine Stufe empor, ſo oft er den Fuß auf ein Querholz ſetzt, ſo wäre er nach Ver⸗ lauf von drei und zwanzig Jahren zum Mond gelangt. Am Abend beſonders, d. h. zu der Stunde, wo ſch durch die Gbene fuhr, welche den kleinen von dem großen Montrouge trennt, nimmt die Landſchaft durch dieſe zahlloſen beweglichen Räder, die ſich kräftig von dem entflammten Abendroth abheben, einen phantaſtiſchen Anblick an. Es iſt, als ſähe man einen von den Sti⸗ chen von Goya, wo in der Halbtinte Zahnausreißer auf Gehenkte Jagd machen. Gegen ſieben Uhr ſtehen die Räder ſtille; das Tag⸗ werk iſt vollbracht. Dieſe Bruchſteine, welche große, fünfzig bis ſechszig Fuß lange, ſechs bis acht Fuß hohe Gevierte bilden, ſind das zukünftige Paris, das man der Erde entreis⸗ Die Brüche, aus denen dieſer Stein hervorkommt, ver⸗ größern ſich jeden Tag. Es iſt die Folge der Kata⸗ komben, woraus das alte Paris hervorgegangen. Es ſind die Vorſtädte dieſer unterirdiſchen Stadt, welche nnabläſſig Land gewinnen und ſich im Umkreiſe aus⸗ dehnen. Geht man auf dem Wiesgrunde von Mont⸗ rouge, ſo wandelt man auf Abgründen, Von Zeit zu Zeit findet man eine Erdvertiefung, ein Thal in Mi⸗ niatur, eine Bodenfalte. Es iſt dies ein unten ſchlecht geſtützter Steinbruch, deſſen Gypsdecke gekracht hat⸗ Es hat ſich eine Spalte gebildet, durch die das Waſſer in die Höhle eindringt; das Waſſer hat die Erde nach⸗ gezogen; davon die Bewegung des Terrain; man nennt dies geſunkene Erde. Weiß man das nicht, weiß man nicht, daß dieſe ſchöne grüne Erdlage, die uns anlockt, auf nichts ruht, ſo kann man, wenn man den Fuß auf einen von dieſen Sprüngen ſetzt, verſchwinden, wie man auf dem Montanvert zwiſchen zwei Eismauern verſchwindet. Die Bevölkerung, welche dieſe unterirdiſchen Gal⸗ lerien bewohnt, hat, wie ihre eigenthümliche Eriſtenz, ſo auch ihren eigenthümlichen Charakter und ihre be⸗ ſondere Phyſiognomie. In der Dunkelheit lebend, hat ſie ein wenig die Inſtinete der Nachtthiere, d. h. ſie iſt ſchweigſam und zurückſtoßend. Oft hört man von einem hnfall ſprechen; eine Stütze iſt gewichen, ein Seil iſt M N M ſe t, n , e 5 gebrochen, ein Menſch iſt zerquetſcht worden. Auf der Oberfläche der Erde glaubt man, es ſei dies ein Un⸗ glück; dreißig Fuß darunter weiß man, daß es ein Verbrechen iſt. Der Anblick det Steinbrecher iſt im Allgemeinen widrig. Am Tage blinzelt ihr Auge; in der Luft iſt ihre Stimme dumpf. Sie tragen glatte, bis an die Augenbraunen vorgeſtrichene Haare; einen Bart, der nur alle Sonntage mit dem Raſirmeſſer Bekanntſchaft macht; eine Weſte, welche Aermel von grober grauer Leinwand ſehen läßt, eine Schürze von Leder, die von der Be⸗ rührung des Steines weiß geworden. Auf einer ihrer Schultern iſt ihr Wamms zuſammengelegt, und auf dieſem Wamms ruht der Stiel der Haue oder des Brecheiſens, das ſechs Tage in der Woche den Stein bearbeitet. Wenn ein Aufruhr ſtattfindet, iſt es ſelten, daß die Menſchen, die wir zu ſchildern verſucht, nicht daran Theil nehmen. Sagt man bei der Barrisre d'Enfer: Seht die Steinbrecher von Montrouge kom⸗ men herab, ſo ſchütteln die Bewohner der benachbarten Straßen den Kopf und ſchließen ihre Thüren. Das iſt es, was ich betrachtete, was ich ſah, wäh⸗ rend dieſer Stunde der Abenddämmerung, die im Monat September den Tag von der Nacht ſcheidet; als die Nacht gekommen war, warf ich mich in den Wagen zurück, von wo aus ſicherlich keiner meiner Gefährten geſehen hatte, was ich geſehen habe; ſo iſt es bei allen Dingen: Viele ſchauen, Wenige ſehen. Gegen halb neun Uhr langten wir in Fontenay an; ein vortreffliches Abendbrod harrte unſer; auf das Abendbrod folgte ein Spaziergang im Garten. Sorrent iſt ein Orangenwald, Fontenay iſt ein Roſenſtrauß. Jedes Haus hat ſeinen Roſenſtock, der ſich, am Fuß durch einen Bretterverſchlag geſchützt, die Mauer entlang hinaufzieht; hat der Roſenſtock eine gewiſſe Höhe erreicht, ſo breitet er ſich wie ein rieſiger Fächer aus; die durchziehende Luft iſt mit balſamiſchen Gerüchen geſchwängert, und wenn ſtatt der Luft Wind eintritt, ſo regnet es Roſenblätter, wie es am Frohn⸗ leichnamsfeſt regnete, als es noch ein ſolches Feſt gab. Von dem Ende des Gartens hätten wir eine unge⸗ heure Ausſicht gehabt, wäre es Tag geweſen. Nur die im Raume zerſtreuten Lichter bezeichneten die Dörfer Sceaur, Bagneur Chätillon und Montrouge; im Hintergrunde dehnte ſich eine große röthliche Linie aus, von der ein dumpfes Geräuſch, dem Hauche des Leviathan ähnlich, hervorkam: dies war der Athem von aris. Man ſah ſich genöthigt, uns mit Gewalt ins Bett zu ſchicken, wie man es bei den Kindern thut. Unter dieſem ſchönen, ganz mit Sternen geſtickten Himmel, bei der Berührung dieſer wohlriechenden Luft hätten wir gern den Tag abgewartet. Um fünf Uhr Morgens begaben wir uns auf die Jagd, geführt von dem Sohne unſeres Wirthes, der uns Wunderdinge verſprochen hatte und, wir müſſen es ſagen, fortwährend die Fruchtbarkeit ſeines Gebietes an Wildpret mit einer Beharrlichkeit rühmte, die eines beſſeren Schickſals würdig geweſen wäre. Um Mittag hatten wir ein Kaninchen und vier Feldhühner geſehen. Das Kaninchen war von meinem Gefährten zur Rechten, ein Feldhuhn von meinem Ge⸗ fährten zur Linken gefehlt worden, und von den drei andern Feldhühnern hatte ich zwei erlegt. In Braſſoire hätte ich um dieſelbe Zeit ſchon drei bis vier Haſen und fünfzehn bis zwanzig Feldhühner nach dem Pachthofe geſchickt. Ich liebe die Jagd, aber ich haſſe das Spazieren⸗ gehen, beſonders querfeldein; unter dem Vorwande, ein Luzernen⸗Feld zu durchſuchen, das zu meiner äuſ⸗ ſerſten Linken lag, und in dem ich nichts zu finden ſicher war, brach ich die Linie und machte einen Abſprung. Was ich aber auf dieſem Felde fand, was ich in dem Wunſche nach einem Rückzug, der ſich meiner ſchon e, 11. er g. in on 7 mehr als zwei Stunden bemächtigt hatte, erſchaut, war ein Hohlweg, der mich, indem er mich den Blicken der andern Jäger entzog, geraden Wegs auf der Straße von Sceaux nach Fontenay⸗aur⸗Roſes führen mußte. Ich täuſchte mich nicht. Als es im Glockenthurm des Kirchſpiels ein Uhr ſchlug, erreichte ich die erſten Häuſer des Dorfes. Ich folgte einer Mauer, die mir ein ziemlich ſchönes Gut einzuſchließen ſchien, als ich zu der Stelle gelangt, wo die Rue de Diane ſich mit der Grande⸗Rue ver⸗ zweigt, von der Seite der Kirche einen Menſchen von ſo ſeltſamem Ausſehen auf mich zukommen ſah, daß ich ſtehen blieb und, nur bewogen durch das Gefühl der Selbſterhaltung, die beiden Hahnen meines Gewehres ſpannte.. Aber bleich, die Haare emporgeſträubt, die Augen aus ihrer Höhle heraushängend, die Kleider in Unord⸗ nung und die Hände blatig, ging dieſer Menſch an mir vorüber, ohne mich zu ſehen. Sein Blick war ſtarr und zugleich ſtumpf. Sein Lauf hatte die unbeſiegbare Heftigkeit eines Körpers, der einen zu jähen Berg herabſteigen würde, aber ſein röchelndes Athemholen zeigte mehr Schrecken als Ermattung an. Bei der Verzweigung der zwei Wege verließ er die Grande⸗Rue, um ſich in die Rue de Diane zu wer⸗ fen gegen welche ſich das Gut öffnete, deſſen Mauer ich ſteben bis acht Minuten lang gefolgt war. Die Thüre, auf die ſich meine Augen ſogleich hefteten, war grün angemalt und darüber ſtand Nro. 2. Die Hand des erwähnten Menſchen ſtreckte ſich nach der Klingel aus, lange ehe er ſie berühren konnte; als er ſie er⸗ reichte, zog er heftig daran, und beinahe in demſelben Augenblick drehte er ſich auf ſich ſelbſt und kam auf einen von den zwei Weichſteinen zu ſitzen, welche dieſer Thüre als Vorwerk dienen. Sobald er hier war, blieb er, die Arme hängend und den Kopf auf die Bruſt ge⸗ ſenkt, unbeweglich. Ich kehrte um, ſo ſehr begriff ich, dieſer Menſch müſſe der Hauptſchauſpieler irgend eines furchtbaren Drama ſein. Hinter ihm und auf beiden Seiten der Straße waren einige Perſonen, auf die er ohne Zweifel dieſelbe Wirkung wie auf mich hervorgebracht hatte, aus ihren Häuſern herausgetreten und ſchauten ihm mit einem Erſtaunen, das dem meinigen ähnlich, an. Auf den Ruf der Klingel, welche heftig getönt hatte, wurde eine, neben der großen angebrach“ klei⸗ nere Thüre geöffnet, und eine Frau von vierzig bis fünf und vierzig Jahren erſchien. „Ah! Ihr ſeid es, Jacquemin, was macht Ihr denn hier?“ „Iſt der Herr Maire zu Hauſe?“ fragte mit dum⸗ pfem Tone der Menſch, an den ſie das Wort richtete. „Ja. „Wohl! Mutter Antoine, geht und ſagt ihm, ich habe mein Weib umgebracht und komme, um mich als Gefangener zu ſtellen.“ Die Mutter Antvine gab einen Schrei von ſich, worauf zwei bis drei Ausrufungen antworten, die durch den Schrecken den Perſonen entriſſen wurden, welche nahe genug waren, um dieſes furchtbare Geſtändniß zu hören. Ich ſelbſt machte einen Schritt rückwärts und traf den Stamm einer Linde, an die ich mich anlehnte. Alle diejenigen, welche ſich im Bereiche der Stimme befanden, blieben unbeweglich. Der Mörder aber glitt vom Weichſtein auf die Erde herab, als hätten ihn, nachdem er dieſe unſeligen Worte geſprochen, die Kräfte verlaſſen. Die Mutter Antvine war indeſſen, ohne daß ſie die kleine Thüre wieder zugemacht, verſchwunden. Of⸗ fenbar erfüllte ſie bei ihrem Herrn den Aufirag den ihr Jacquemin gegeben. — 8 Nach fünf Minuten erſchien derjenige, welchen man geholt, auf der Thürſchwelle. Zwei andere Männer folgten ihm. Ich ſehe noch den Anblick der Straße. Jacquemin war, wie geſagt, auf den Boden herab⸗ geglitten. Der Maire von Fontenah⸗aux⸗Roſes, den die Mutter Antoine geholt, ſtand vor ihm und beherrſchte ihn mit der ganzen Höhe ſeiner großen Geſtalt. In der Oeffnung der Thüre drängten ſich die zwei andern Perſonen, von denen wir ſogleich weiter ſprechen werden. Ich lehnte an dem Stamm einer Linde, die in der Grande⸗Rue ſtand, von wo aus aber mein Blick in die Rue de Diane tauchte. Zu meiner Linken war eine Gruppe, beſtehend aus einem Mann, einer Frau und einem Kinde; das Kind weinte, damit es ſeine Mutter in ſeine Arme nähme. Hinter dieſer Gruppe ſtreckte ein Bäcker ſeinen Kopf im erſten Stocke zum Fenſter heraus; dieſer Bäcker ſprach mit ſeinem Knecht, welcher unten war und ihn fragte, ob es nicht Jacquemin, der Steinbrecher, geweſen, der vorüber gelaufen; endlich erſchien auf der Schwelle ſeiner Thüre ein Hufſchmied, von vorn ſchwarz, aber den Rücken durch das Licht ſeiner Schmiede beleuchtet, deren Blaſebalg ein Lehrling zu ziehen fortfuhr. Dies über die Grande⸗Rue. Was nun die Rue de Diane betrifft, ſo war ſie, abgeſehen von der von uns beſchriebenen Hauptgruppe, leer. Man ſah nur an ihrem Ende zwei Gendarmen erſcheinen, welche ihre Runde auf der Ebene gemacht hatten und, ohne zu vermuthen, welche Arbeit ihrer harrte, ruhigen Schrittes herbeikamen. Es ſchlug ein Viertel auf zwei Uhr. Der Impaſſe*) des Sergents. Mit dem letzten Vibriren der Glocke vermiſchte ſich das Geräuſch des erſten Wortes des Maire. „Jacquemin,“ ſprach er,„ich hoffe, die Mutter Antoine iſt toll, ſie hat mir in Deinem Auftrage ge⸗ ſagt, Deine Frau ſei todt, und Du habeſt ſie umge⸗ bracht.“ „Das iſt die reine Wahrheit, Herr Maire,“ ant⸗ wortete Jacquemin.„Sie müſſen mich ins Gefängniß führen, und ſehr raſch aburtheilen laſſen.“ So ſprechend, verſuchte er es aufzuſtehen, wobei er ſich mit ſeinem Ellenbogen oben an den Weichſtein ſtützte; doch nach einer vergeblichen Anſtrengung ſank er wieder herab, als ob die Knochen ſeiner Beine ge⸗ brochen wären. „Ah! Du biſt ein Narr,“ ſagte der Maire. „Schauen Sie meine Hände an,“ erwiederte Jac⸗ quemin. Und er hob zwei blutige Hände empor, denen ihre krampfhaft zuſammengezogene Finger die Form von zwei Krallen gaben. Die Linke war in der That roth bis über das Fauſtgelenke, die Rechte bis an den Ellenbogen. Ueberdies floß an der linken Hand ein Faden fri⸗ ſchen Blutes herab, was von einem Biß herkam, den das Opfer, indem es ſich ſträubte, aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach ſeinem Mörder beigebracht hatte. Während dieſer Zeit näherten ſich die zwei Gen⸗ darmen, hielten zehn Schritte von der Hauptperſon dieſer Scene an, und ſchauten von ihren Pferden herab. *) Sackgaſſe. Der Maire machte ihnen ein Zeichen; ſie ſtiegen h r N ⸗ t⸗ ei —— —— 11 ab und warfen die Zügel ihrer Roſſe einem Straßen⸗ jungen zu, der eine Polizeimütze trug und ein Soldaten⸗ kind zu ſein ſchien. Sie traten ſodann zu Jacquemin, nahmen ihn unter den Armen und hoben ihn auf. 3 Er ließ ſie mit ſich machen, ohne irgend einen Widerſtand zu leiſten, und mit der Regungsloſigkeit eines Menſchen, deſſen Geiſt von einem einzigen Gedanken in Anſpruch genommen iſt. In demſelben Augenblick kamen der Polizeicom⸗ miſſär und der Arzt; ſie waren von bem, was vorging, benachrichtigt worden. „Ah! kommen Sie, Herr Robert! Ah! kommen Sie, Herr Coufin!“ ſagte der Maire. Herr Robert war der Arzt, Herr Couſin war der Polizeicvmmiſſär. „Kommen Sie; ich wollte Sie eben holen laſſen.“ „Nunl was gibt es?“ fragte der Arzt mit der heiterſten Miene der Welt.„Ein kleiner Mord, wie ich höre!“ Jacquemin antwortete nicht. „Sagt, Vater Jacguemin,“ fuhr der Arzt fort, „habt Ihr Eure Frau umgebracht?“ Jacquemin gab keinen Ton von ſich. „Er hat wenigſtens ſich ſelbſt angeklagt,“ ſagte der Maire.„Doch ich hoffe noch, es iſt ein Augen⸗ blick der Sinnenverwirrung und nicht ein wirkliches Verbrechen, was ihn ſprechen macht.“ „Jacquemin,“ ſagte der Polizeicommiſſär,„ant⸗ wortet doch. Iſt es wahr, daß Ihr Eure Frau um⸗ gebracht habt?“ Daſſelbe Stillſchweigen. „In jedem Fall müſſen wir nachſehen,“ ſagte der Doetor Robert,„wohnt er nicht im Impaſſe des Ser⸗ gents?“ „Ja,“ antworteten die zwei Gendarmen. „Wohl! Herr Ledru,“ ſagte der Doetor, ſich an den Maire wendend,„gehen wir nach dem Impaſſe des Sergents.“ „Ich gehe nicht dahin,“ rief Jacquemin. Und er riß ſich aus den Händen der Gendarmen mit einer 1 ſolchen Heſtigkeit los, daß er, hätte er entfliehen wol⸗ len, ſicherlich hundert Schritte entfernt geweſen wäre, ehe es Jemand eingefallen, ihn zu verfolgen. „Warum willſt Du nicht mit uns gehen?“ fragte der Maire. „Was brauche ich dahin zu gehen, da ich Alles geſtehe, da ich Ihnen ſage, daß ich ſie umgebracht habe, umgebracht mit dem großen Schwert, welches ich im vorigen Jahre im Artillerie⸗Muſeum genommen! Führen Sie mich ins Gefängniß, ich habe nichts dort zu thun, führen Sie mich ins Gefängniß.“. Der Doctor und Herr Ledru ſchauten ſich an. „Mein Freund,“ ſagte der Polizeicommiffär, der, wie Herr Ledru, immer noch hoffte, Jacguemin benehme 4 ſich ſo unter dem Gewichte einer augenblicklichen Stö⸗ 1 rung des Geiſtes,„mein Freund, die Confrontation iſt L vringend nothwendig; überdies müſſen Sie da ſein, um das Gericht zu leiten.“ „Wozu braucht das Gericht geleitet zu werden?“ fragte Jacquemin;„Sie werden den Körper im Keller finden und bei dem Körper in einem Gypsſack den Kopf mich aber führen Sie ins Gefängniß.“* ſ „Ihr müßt mit uns kommen,“ ſagte der Polizei⸗ commiſſär. „Oh! mein Gott! mein Gott!“ rief Jaequemin, von der gräßlichſten Angſt befallen.„Oh! mein Gott! mein Gott! wenn ich gewußt hätte...“ „Nun! was hätteſt Du gethan?“ fragte der Polizei⸗ commiſſär. „Ich hätte mir das Leben genommen.“ Herr Ledru ſchüttelte den Kopf und wandte ſich mit dem Blick an den Polizeicommiſſär, als wollte er ſagen: dahinter ſteckt etwas. S Sv— 13 „Mein Freund,“ fuhr er gegen den Mörder fort, „ſprich, erkläre mir das.“ „Ja, Ihnen Alles, was Sie wollen, Herr Ledru, fragen Sie.“ „Wie kommt es, daß Du den Muth haſt, den Mord zu begehen, und nicht genug beherzt biſt, Dich vor Dein Opfer zu ſtellen? Es iſt alſo etwas vorge⸗ fallen, was Du uns nicht ſagſt.“ „Oh! ja, etwas Furchtbares!“ „Wohl! ſo ſprich, erzähle es uns.“ „Oh! nein, Sie würden ſagen, es ſei nicht wahr, ich ſei ein Narr.“ „Gleichviel! was iſt vorgefallen? ſage es mir.“ „Ich will es Ihnen ſagen; doch nur Ihnen.“ Er näherte ſich Herrn Ledru. Die zwei Gendar⸗ men wollten ihn zurückhalten, doch der Maire machte ihnen ein Zeichen, und ſie ließen den Gefangenen frei. Ueberdies, hätte er entfliehen wollen, die Sache wäre unmöglich geweſen: die Hälfte der Bevölkerung von Fontenay⸗aur⸗Roſes hatte ſich in der Rue de Diane und auf der Grande⸗Rue zuſammengeſchaart. Jacguemin näherte ſich, wie ich geſagt habe, dem Ohr von Herrn Ledru. „Glauben Sie, Herr Ledru,“ fragte Jacquemin mit halber Stimme,„glauben Sie, daß ein Kopf ſprechen kann, wenn er einmal vom Leib getrennt iſt?“ Herr Ledru gab einen Ausruf von ſich, der einem Schrei glich, und erbleichte ſichtbar. „Sagen Sie, glauben Sie das?“ wieberholte Jacquemin. Herr Ledru antwortete mit einer gewiſſen Anſtren⸗ gung:„Ja, ich glaube es.“ „Wohl! wohl! er hat geſprochen.“ „Wer?“ S „Der Kopf.. der Kopf von Jeanne.“ „Was ſagſt Du?“ „Ich ſage, er habe die Angen offen gehabt. Ich 14 ſage, er habe die Lippen bewegt. Ich ſage, er habe mich angeſchaut. Ich ſage, er habe, indem er mich angeſchaut, gerufen:„„Elender!““ Während er dieſe Worte ſprach, die er nur zu Herrn Ledru allein zu ſagen beabſichtigte, indeß ſie von Jedermann gehört werden konnten, war Jacquemin furchtbar. „Oh! das iſt ein guter Spaß,“ rief der Doctor lachendz„er hat geſprochen ein abgeſchnittener Kopf,! hat geſprochen! Gut! gut! gut!“ Jacquemin wandte ſich um und rief: „Wenn ich es Ihnen ſage!“ „Wohl!“ ſprach der Polizeicommiſſär,„ein Grund mehr, daß wir uns an den Ort begeben, wo das Ver⸗ brechen begangen worden iſt. Gendarmen, führet den Gefangenen ab.“ Jacquemin krümmte ſich und ſtieß einen Schrei aus.* „Nein! nein!“ rief er,„Ihr möget mich in Stücke zerhacken, wenn Ihr wollt, aber ich werde nicht gehen.“ „Kommt, mein Freund,“ ſagte Herr Ledru.„Iſt es wahr, daß Ihr das furchtbare Verbrechen begangen habt, deſſen Ihr Euch anklagt, ſo wird dies ſchon eine Sühnung ſein. Uebrigens,“ fügte er leiſe zu ihm ſprechend bei,„übrigens iſt jeder Widerſtand vergeblich, kommt Ihr nicht gutwillig, ſo führt man Euch mit Ge⸗ walt dahin.“ „Gut, ich will alſo, doch verſprechen Sie mir Eines, Herr Ledru.“ „Was?“ „Daß Sie mich die ganze Zeit, die wir im Keller ſein werden, nicht verlaſſen.“ „Nein.“ geſtatten es, daß ich Sie an der Hand „Wohll ſo gehen wir,“ ſagte Jacquemin. Und er zog aus ſeiner Taſche ein buntes Sacktuch 2 — 15 mit Vierecken und trocknete ſich ſeine von Schweiß triefende Stirne ab. Man ging nach dem Impaſſe des Sergents. Der Polizeicommiſſär und der Doctor ſchritten voranz dann folgten Jacquemin und die zwei Gen⸗ darmen. Hinter ihnen kamen Herr Ledru und die zwei Män⸗ ner, welche gleichzeitig mit ihm an ſeiner Thüre erſchie⸗ nen waren. Dann wälzte ſich die ganze Bevölkerung, mit der ich mich vermengt hatte, wie ein brauſender Strom nach. Nachdem man eine Minute gegangen, gelangten wir zum Impaſſe des Sergents. Es war dies ein Gäßchen, das links von der Grande⸗Rue lag und ſich bis zu einem großen, verwilterten hölzernen Thor ab⸗ wärts ſenkte, welches, ſich zugleich durch zwei große Flügel und durch eine kleine aus einem der großen Flügel ausgeſchnittene Thüre öffnete. Dieſe kleine Thüre hielt nur noch an einer Angel. Beim erſten Anblick ſchien Alles ruhig in dieſem Hauſe; ein Roſenſtock blühte vor der Thüre, und bei dem Roſenſtock auf einer ſteinernen Bank wärmte ſich eine fette rothe Katze voll Seligkeit in der Sonne. Als ſie alle dieſe Menſchen erſchaute, als ſie all dieſen Lärmen hörte, bekam ſie bange, entfloh und verſchwand durch das Luftloch eines Kellers. Vor der von uns beſchriebenen Thüre blieb Jac⸗ quemin ſtehen. Die Gendarmen wollten ihn nöthigen, einzutreten. Er wandte ſich um und ſagte zum Maire: „Herr Ledru! Herr Ledru! Sie haben mir ver⸗ ſprochen, mich nicht zu verlaſſen.“ „Wohl! hier bin ich,“ antwortete der Maire. „Ihren Arm, Ihren Arm!“ Und er wankte, als ob er dem Fallen nahe gewe⸗ ſen wäre. Herr Ledru näherte ſich ihm, bedeutete den Gen⸗ varmen, ſie mögen den Gefangenen loslaſſen, und gab ihm den Arm. „Ich ſtehe für ihn,“ ſagte er. Offenbar war in dieſem Augenblick Herr Ledru nicht mehr der Maire der Gemeinde, der die Beſtra⸗ fung eines Verbrechers verfolgte, ſondern ein Philo⸗ ſoph, der das Gebiet des Unbekannten erforſchte. Nur war ſein Führer bei dieſer ſeltſamen Forſchung ein Mörder. Der Doctor und der Polizeicommiſſär traten zuerſt ein, dann kamen Herr Ledru und Jacquemin, dann die beiden Gendarmen, und endlich einige Bevorzugte, unter deren Zahl ich mich befand, was ich dem Umſtande zu verdanken hatte, daß ich in Berührung mit den Herren Gendarmen gekommen war, für die ich ſchon kein Frem⸗ der mehr, inſofern ich die Ehre gehabt, ihnen auf dem Felde zu begegnen und ihnen meinen Gewehrführungs⸗ Erlaubnißſchein zu zeigen.. Das Thor wurde vor der übrigen Bevölkerung geſchloſſen, und dieſe blieb murrend außen. Man ſchritt auf die Thüre des kleinen Hauſes zu⸗ Nichts bezeichnete das gräßliche Ereigniß, das vor⸗ gefallen war; Alles war an ſeinem Platz: das Bett von grünem Sarch in ſeinem Alfoven; am Kopf des Bettes das Cruzifir von ſchwarzem Holz und darüber ein Zweig von Buchsbaum, der ſeit den letzten Oſtern dürr geworden; auf dem Kamin ein Jeſuskind von Wachs, unter Blumen zwiſchen zwei einſt verſilberten Leuchtern von der Form Ludwig XVI. liegend; an der Wand vier colorirte Stiche in Rahmen von ſowc Holz, die vier Welttheile darſtellend. Auf einem Tiſch ein Gedecke, auf dem Herde ein Keſſel mit ſiedendem Waſſer und bei einer Holzuhr, welche eben halb ſchlug, ein offener Backtrog. „Nun!“ ſprach der Doetor mit ſeinem heitern Ton „ich ſehe bis jetzt noch nichts.“ —— bre er no des Ge ab ru a⸗ o⸗ rſt ie zu en n⸗ m ng zu ett es er n on en der em ein che on⸗ 17 „Gehen Sie durch die Thüre rechts,“ ſagte Jac⸗ quemin mit dumpfer Stimme. Man folgte der Angabe des Gefangenen und be⸗ fand ſich in einer Art von Speiſekeller, in deſſen Ecke ſich eine Fallthüre öffnete, an deren Mündung ein Schimmer zitterte, welcher von unten kam. „Dort, dort!“ murmelte Jacquemin, indem er ſich mit einer Hand am Arm von Ledru anklammerte und mit der andern Hand auf die Oeffnung des Kellers deutete. „Ah! ah!“ ſagte leiſe der Doctor zum Polizei⸗ commiſſär, mit jenem furchtbaren Lächeln der Leute, auf die nichts Eindruck macht, weil ſie nichts glauben; ves ſcheint, Madame Jaecquemin hat die Vorſchrift von Meiſter Adam befolgt.“ Und er trillerte: „Sterb ich, ſo begrabt mich Tief im Keller, wo der Wein „Stille!“ unterbrach ihn Jacquemin, das Geſicht leichenbleich, die Haare geſträubt, Schweiß auf der Stirne,„ſingen Sie nicht hier.“ Betroffen von dem Ausdruck dieſer Stimme, ſchwieg der Doctor. Beinahe in demſelben Augenblick ſtieg er die erſten Stufen der Treppe hinab. „Was iſt das?“ fragte er. Er hatte ſich gebückt und hob ein Schwert mit breiter Klinge auf. Es war das große Schwert, das Jacquemin, wie er geſagt, am 29. Juli 1830 im Artillerie⸗Muſeum ge⸗ nommen; die Klinge war mit Blut befleckt. Der Polizeicommiſſär nahm es aus den Händen des Doctors. „Erkennt Ihr dieſes Schwert?“ ſagte er zu dem efangenen. „Ja,“ antwortete Jacquemin.„Fortl fort! machen wir ein Ende.“ Tauſend und ein Geſpenſt. 2 18 Dies war das erſte Zeichen des Mordes, das man traf. m Man drang in den Keller, wobei Jeder den Rang he behauptete, den wir genannt haben. 3 Der Doctor und der Polizeicommiſſär kamen zuerſt, dann Herr Ledru und Jacquemin, dann die zwei Perſt⸗ w nen, die ſich bei ihm befanden, dann die zwei Gendarmen, pi und endlich die Bevorzugten, zu deren Zahl ich gehörte. Nachdem ich die erſte Stufe hinabgeſtiegen war, te: tauchte mein Auge in den Keller und umfaßte die furcht⸗ Fe bare Geſammtheit, die ich zu ſchildern verſuchen werde, de Der erſte Gegenſtand, auf den die Augen fielen, war ein Leichnam ohne Kopf, neben einem Faſſe lie⸗ co gend, deſſen Hahn, halb geöffnet, einen Waſſerfaden ent⸗ fließen ließ, der auf dem Boden zuerſt eine Rinne hil⸗ dete und ſich dann unter dem Lager des Faſſes verlor Der Leichnam war halb gedreht, als oß der Rumpf, auf den Rücken gewandt, eine Bewegung des Todes⸗ kampfes begonnen hätte, dem die Beine zu folgen nicht im Stande geweſen wären. Der Rock war auf einer Seite bis zum Knieband aufgeſchlagen.* Man ſah, daß die Unglückliche in dem Augenblick ge⸗. troffen worden war, wo ſie, vor dem Faſſe knieend, eine Flaſche zu füllen begonnen hakte, welche Flaſche Ge ihren Händen entſchlüpft war und an ihrer Seite lag. for Der ganze obere Theil des Leibes ſchwamm in nar einer Blutlache. faf Aufrecht auf einem Gyposſacke, der an der Wand lehnte, erblickte man, oder errieth man vielmehr, wie Do eine Büſte auf ihrer Säule, einen gleichſam in ſeinen den Haaren verlorenen Kopf; ein Blutſtreifen röthete den ihn Sack von oben bis um die Mitte. 5 Der Doctor und der Polizeicommiſſär hatten ſcho den Leichnam umgangen und ſtanden der Treppe geg über. In der Mitte des Kellers waren die zwei Freun von Herrn Ledru und einige Nengierige, die ſich dahin zu dringen beeifert hatten. s man Rang zuerſt, Perſo⸗ armen, ehörte. iwar, furcht⸗ werde. fielen, ſe lie⸗ n ent⸗ e bil⸗ erlor. umpf, odes⸗ nicht einer ick ge⸗ ieend, laſche lag. m in Wand wie einen den ſchon gen⸗ unde bis 19 Unten an der Treppe befand ſich Jacquemin, den man weiter als bis auf die erſte Stufe zu gehen nicht hatte bewegen können. Hinter Jacguemin die zwei Gendarmen. Hinter den Gendarmen fünf bis ſechs Perſonen, worunter ich, die ſich mit mir auf der Treppe grup⸗ pirten. Dieſes ganze finſtere Innere wurde durch den zit⸗ ternden Schein eines Lichtes beleuchtet, das auf dem Faſſe ſtand, aus welchem der Wein lief und vor dem der Leichnam der Frau von Jacquemin lag. „Einen Tiſch und einen Stuhl,“ ſagte der Polizei⸗ commiſſär;„nehmen wir das Protocoll auf.“ Das Protocoll. Man gah dem Commiſſär die zwei verlangten Gegenſtände; er ſeellte den Tiſch feſt, ſetzte ſich daran, forderte das Licht, das ihm der Doctor, über den Leich⸗ nam ſteigend, brachte, zog aus ſeiner Taſche ein Tinten⸗ faß, Federn und Papier und begann ſein Protocoll. Während er den Eingang ſchrieb, machte der Doctor eine Bewegung der Neugierde gegen den auf dem Gypsſack ſtehenden Kopf, doch der Commiſſär hielt ihn zurück und ſprach: „Rühren Sie nichts an, die Regelmäßigkeit vor Allem.“ „Sie haben Recht,“ ſagte der Doctor. Und er nahm wieder ſeinen Platz ein. Es erfolgte nun eine Stille von einigen Minuten, während der man nur die Feder des Polizeichmmiſſärs 20 auf dem höckerigen Papier der Regierung kratzen hörte und die Zeilen ſich mit der Raſchheit einer Formel,„di woran der Schreiber gewöhnt, folgen ſah. in Nachdem er eine Zeit lang geſchrieben, hob er den Kopf in die Höhe und ſchaute umher. der „Welche von den anweſenden Perſonen wollen uns als Zeugen dienen?“ fragte der Polizeicommiſſär ſich wel an den Maire wendend. „Vor Allem dieſe zwei Herren,“ antwortete Ledru, zwe indem er auf ſeine zwei Freunde deutete, die mit dem ie eine Gruppe bildeten. Pe u Er wandte ſich gegen mich um. „Dann dieſer Herr, wenn es ihm nicht unange⸗ Sa nehm iſt, ſeinen Namen in einem Protocoll figuriren com zu ſehen.“ 8ti „Keines Wegs, mein Herr,“ antwortete ich. „So komme der Herr herab,“ ſagte der Polizei⸗ commiſſär.„ſet Ich fühlte einigen Widerwillen, mich dem Leichnam„ zu nähern. In der Halbdunkelheit verloren, welche auf fünf das Schauderhafte den Schleier der Poeſie warf, kamen mir gewiſſe Einzelnheiten von der Stelle, wo ich war, Frei minder häßlich vor. „i da durchaus nothwendig?“ fragte ich. an as?“ „Daß ich hinabkomme.“ Gei „Nein. Bleiben Sie dort, wenn Sie ſich dort woh wohl befinden.“ 2 mit Ich machte ein Zeichen mit dem Kopf, welches ausdrückte:„Ich wünſche zu bleiben wo ich bin.“ eom Der Polizeicommiſſär wandte ſich gegen denjeni⸗ ſieb gen der zwei Freunde von Herrn Ledru, der am nãch⸗ he ſten bei ihm ſtand, und fragte mit der Zungenfertigkeit eines Mannes, der ſolche Fragen zu machen gewohnk iſt „Ihre Namen, Vornamen, Alter, Eigenſchafte Wri Gwerbe und Wohnort?“ 3 hörte ormel, rden nuns r ſich edru, dem ange⸗ riren lizei⸗ hnam e auf amen war, dort lches jeni⸗ gkei tiſt ften, 21 „Jean Louis Alliette,“ antwortete der Befragte, „durch Buchſtaben verſetzung Etteilla, Literat, wohnhaft in der Rue de[Ancienne⸗Comédie Nro. 20.“ „Sie haben vergeſſen, Ihr Alter zu ſagen,“ ſprach der Polizeicommiſſär. „Soll ich das Alter ſagen, das ich habe, oder das, welches man mir gibt?“ „Bei Gott! ſagen Sie Ihr Alter, man hat nicht zwei Alter.“ „Das heißt, Herr Polizeicommiſſär, es gibt gewiſſe Perſonen, Caglioſtro, der Graf von Saint⸗Germain, der ewige Jude z. B.“ „Wollen Sie damit ſagen, Sie ſeien der Graf von Saint⸗Germain ober der ewige Jude 2“ rief der Polizei⸗ commiſſär bei dem Gedanken, man ſpotte ſeiner, die Stirne faltend. „Nein; aber„ „Fünf und ſiebenzig Jahre,“ ſagte Herr Ledru, „ſetzen Sie fünf und ſiebenzig Jahre, Herr Couſin.“ „Gut,“ ſagte der Polizeicommiſſär, und er ſetzte fünf und fiebenzig Jahre. „Und Sie, mein Herr?“ fuhr er, ſich an den zweiten Freund von Herrn Ledru wendend, fort. Und er wiederholte genau dieſelben Fragen, die er an den Erſten geſtellt hatte. „Pierre Joſeph Moulle, ein und ſechzig Jahre alt, Geiſtlicher, bei der Saint⸗Sulpice Kirche angeſtellt, wohnhaft in der Rue Servandoni Nro. 11,“ antwortete mit einer ſanften Stimme der Befragte. „Und Sie, mein Herr?“ fragte mich der Polizei⸗ commiſſär. „Alexandre Dumas, dramatiſcher Schriftſteller, ſiebenundzwanzig Jahre alt, wohnhaft in Paris, in der Rue de lUniverſits 21,“ antwortete ich. Herr Ledru wandte ſich gegen mich um und machte mir eine anmuthige Verbeugung, die ich auf dieſelbe Weiſe und nach meinen beſten Kräften erwiederte. 22 „Gut!“ ſagte der Polizeicommiſſär.„Sehen Sie, ob es ſich wirklich ſo verhält und ob Sie nicht einige Bemerkungen zu machen haben.“ Und mit dem näſelnden Ton, der nur den öffent⸗ lichen Beamten eigenthümlich iſt, las er: „Heute, am erſten September 1831, um zwei Uhr Nachmittags, benachrichtigt, es ſei das Verbrechen eines Mordes in der Gemeinde Fontenay⸗aux⸗Roſes an der Perſon von Marie Jeanne Ducoudray durch Pierre. Jacquemin, ihren Ehemunn, begangen worden und der Mörder ſei in der Wohnung von Jean Pierre Ledru erſchienen, um ſich aus eigenem Antrieb als den Ur⸗ heber des genannten Verbrechens zu erklären, haben wir uns eiligſt in Perſon nach dem Hauſe von Jean Pierre Ledru, Rue de Diane Nrv. 24, begeben, in welches Haus wir in Geſellſchaft von Sebaſtian Ro⸗ bert, Doctor der Medicin, wohnhaft in der genannten Gemeinde Fontenay⸗aur⸗Roſes, kamen, und hier fanden wir ſchon in den Händen der Gendarmerie den genann⸗ ten Pierre Jacquemin, der vor uns wiederholte, er ſei der Urheber der Ermordung ſeiner Frau; wonach wir ihn aufforderten, uns in das Haus zu folgen, wo der Mord begangen worden. Deſſen weigerte er ſich Anfangs, aber auf das dringende Zureden des Herrn Maire gab er bald nach, und wir gingen nach dem Impaſſe des Sergents, allwo das von Pierre Jacquemin bewohnte Haus liegt. Als wir in dieſem Hauſe angelangt waren und, um das Eindringen der Bevölkerung zu verhin⸗ dern, die Thüre hinter uns geſchloſſen hatten, begaben wir uns in eine erſte Stube, wo nichts andeutete, daß ein Verbrechen begangen worden, dann auf die Auf⸗ forderung des genannten Jacquemin ſelbſt von der erſten Stube in die zweite, in deren Ecke eine auf die Treppe Zulaß gewährende Fallthüre offen ſtand. Da man uns dieſe Treppe als zu einem Keller führend, wo wir den Leichnam des Opfers finden ſollten, bezeichnet hatte, ſo ſtiegen wir die genannte Treppe hinab, auf deren erſten ie, —— 23 Stufen der Doctor ein Schwert mit kreuzförmigem Griff und breiter, ſchneidiger Klinge fand, welches Schwert genannter Jacquemin bei der Juli⸗Revolukion aus dem Artillerie⸗Muſeum genommen und nun zu Vollbringung des Verbrechens benützt zu haben zugeſtand. Und auf dem Boden des Kellers fanden wir den Leib der Frau Jarquemin auf dem Rücken liegend und in einer Blut⸗ lache ſchwimmend, den Koöpf vom Rumpf getrennt, welcher Kopf aufrecht auf einen an der Wand angelehn⸗ ten Gyposſack geſtellt war; und nachdem beſagter Jar⸗ quemin anerkannt hatte, der Leichnam und der Kopf ſeien von ſeiner Frau, dies in Gegenwart von Herrn Jean Pierre Ledru, Maire der Gemeinde Fontenay⸗ aur⸗Roſes; von Herrn Sebaſtian Robert, Doctor der Mediein, wohnhaft in beſagtem Fontenay⸗aux⸗Roſes; von Herrn Jean Louis Alliette, genannt Etteilla, Schriftſteller, fünf und ſiebenzig Jahre alt, wohnhaft in Paris, Rue de[Ancienne⸗Comédie Nro. 20; von Herrn Pierre Joſeph Moulle, Geiſtlichem, bei Saint⸗ Sulpice angeſtellt, wohnhaft in Paris, Rue Servan⸗ doni Nrb. 11, und von Herrn Alexandre Dumas, dra⸗ matiſchem Schriftſteller, ſieben und zwanzig Jahre alt, wohnhaft in Paris, Rue de lUniverſité Nr. 21, ſind wir, wie folgt, zum Verhör des Angeklagten geſchritten.“ „Iſt es ſo, meine Herren?“ fragte der Polizei⸗ commiſſär, indem er ſich mit einer Miene offenbarer Befriedigung an uns wandte. „Vollkommen, mein Herr,“ antworteten wir ein⸗ ſtimmig. „Nun! ſo wollen wir den Angeklagten befragen.“ Hienach wandte er ſich gegen den Gefangenen um, der während der ganzen Verleſung geräuſchvoll und wie ein gepreßter Menſch geathmet hatte, und ſprach: „Angeklagter, Euer Name, Euer Vorname, Alter, ohnort und Gewerbe.“ „Wird dies Alles noch lange dauern?“ ſagte der Gefangene, wie ein Menſch, deſſen Kräfte erſchöpft ſind. 24 „Antwortet: Namen und Vornamen?“ m „Pierre Jacquemin.“ er „Euer Alter?“ m „Ein und vierzig Jahre.“ „Euer Wohnort?“ „Sie kennen ihn, da Sie hier ſind.“ a „Gleichviel, das Geſetz will, daß Ihr auf dieſe w Frage antwortet.“ ol „Impaſſe des Sergents.“ K „Euer Gewerbe?“ ei „Steinbrecher.“ ke „Ihr, bekennt Euch als⸗Urheber des Verbrechens?“ ſte „d. 1 „Sagt uns die Urſache, die es Euch hat begehen laſſen, und die Umſtände, unter denen es begangen ſp worden iſt.“ ₰ „Die Urſache, die es mich hat begehen laſſen, das ſti iſt unnöthig,“ erwiederte Jacquemin;„es iſt ein Ge⸗„Fe heimniß, das zwiſchen mir und der, welche dort liegt, in bleiben wird.“ da „Es gibt aber keine Wirkung ohne Urſache.“ „Die Urſache, ich ſage Ihnen, Sie werden ſie nicht ich erfahren. Was aber die Umſtände betrifft, wie Sie es ſch nennen, wollen Sie dieſe kennen lernen?“ „Ja.“ un „Wohl! ich will ſie Ihnen nennen. Arbeitet man ge unter der Erde, wie wir arbeiten, in der Dunkelheit, und man glaubt einen Grund zum Kummer zu haben, dri ſehen Sie, da nagt man an ſeiner Seele und es kom⸗ men einem allerhand ſchlimme Gedanken.“ wi „Hoho!“ unterbrach ihn der Polizeicommiſſär.„Ihr ein geſteht den Vorbedacht?“ „Ei! ich ſage Ihnen ja, daß ich Alles geſtehe, iſt per das noch nicht genug?“ 3 ſah „Doch, ſprecht.“ Le „Wohl! der ſchlimme Gedanke, der mir kam, war der, Jeanne zu tödten. Das heunruhigte meinen Ge W ieſe 2 hen gen das He⸗ gt, icht es tan eit, en, m⸗ 25 mehr als einen Monat: das Herz verhinderte den Kopf; endlich beſtimmte mich ein Wort, das ein Kamerad zu mir ſagte.“ „Welches Wort?“ „Oh! das gehört zu den Dingen, die Sie nichts angehen. Dieſen Morgen ſage ich zu Jeanne:„„Ich werde heute nicht arbeiten, ich will mich beluſtigen, als ob es ein Feſttag wäre; ich gehe mit Kameraden zum Kugelſpiel. Sei beſorgt, daß das Mittagsbrod um ein Uhr fertig iſt.““„Aber ℳ„„Es iſt gut, keine Bemerkungen; das Mittageſſen um ein Uhr, ver⸗ ſtehſt Du?““„„Wohl!““ ſagte Jeanne. „Und ſie ging hinaus, um die Pfanne zu Folen. „Während dieſer Zeit nahm ich, ſtatt zum Kugel⸗ ſpiel zu gehen, das Schwert, das Sie dort haben. Ich hatte es ſelbſt auf einem Sandſtein geſchliffen. Ich ſtieg in den Keller hinab und verbarg mich hinter den Fäſſern, wobei ich zu mir⸗ ſelbſt ſagte; ſie muß wohl in den Keller herabkommen, um Wein heraus zu laſſen, dann werden wir ſehen. „Die Zeit, die ich dort hinter dem Faſſe blieb ich weiß nichts davon; ich hatte das Fieber, mein Herz ſchlug und ich ſah Alles roth in der Nacht. „Und dann war eine Stimme da, die in mir und um mich her das Wort wiederholte, das der Kamerad geſtern zu mir geſagt hatte.“ „Aber was für ein Wort iſt denn das?“ fragte dringlich der Commiſſär. „Unnöthig. Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, Sie würden es nie hören. Nun, ich vernahm das Rauſchen eines Kleides, Schritte, die ſich näherten, und ſah ein Licht zittern. Zuerſt kam der untere Theil ihres Kör⸗ pers herab, dann der obere, dann der Kopf man ſah ihn ganz wohl, ihren Kopf Sie hielt ihren Leuchter in der Hand.„„Ah!““ ſpreche ich zu mir ſelbſt, „das iſt gut!““ und ich wiederholte ganz leiſe das Wort, das mir der Kamerad geſaßt hatte. 26 „Mittlerweile näherte ſie ſich. Bei meinem Ehren⸗ wort! es war, als vermuthete ſie, es würde eine ſchlimme Wendung für ſie nehmen. Sie hatte bange und ſchaute nach allen Seiten, doch ich war gut verborgen und rührte mich nicht. „Da kniete ſie vor dem Faſſe nieder, hielt die Flaſche daran und drehte den Hahnen. „Ich ſtand auf. Sie begreifen, Jeanne kniete. Das Geräuſch des Weines, der in die Flaſche floß, ließ ſie das Geräuſch nicht hören, das ich machen konnte. Uebrigens machte ich keines; ſie lag auf den Knieen wie eine Schuldige, wie eine Verurtheilte. Ich hob das Schwert in die Höhe und... han!.. Ich weiß nicht einmal, ob ſie einen Schrei ausſtieß, der Kopf rollte. „In dieſem Augenblick wollte ich nicht ſterben, ich wollte entfliehen. Ich gedachte ein Loch im Keller zu machen und ſie zu begraben. Ich ſprang nach dem rollen⸗ den Kopf, während der Körper ſeinerſeits ſprang. Ich nahm alſo den Kopf oder der Kopf nahm vielmehr mich. Sehen Sie.“ Und er zeigte ſeine rechte Hand, deſſen Daumen ein breiter Biß verſtümmelt hatte. „Wie! der Kopf nahm Euch? Was Teufels ſagt 3 Ihr da?“ „Ich ſage, er habe mich mit den Zähnen gebiſſen. Ich ſage, er habe mich nicht loslaſſen wollen. Ich legte ihn auf den Gypsſack, lehnte ihn mit meiner linken Hand an die Wand an und ſuchte ihm die Rechte zu entreißen: doch nach einem Augenblick gingen die Zähne von ſelbſt auseinander. Ich zog meine Hand zurück; da, ſehen Sie, es war vielleicht Tollheit, aber es kam mir vor, als wäre der Kopf lebendig; die Augen waren weit geöffnet. Ich ſah ſie wohl, da das Licht auf dem Faſſe ſtand, und dann die Lippen, die Lippen bewegten ſich, und indem ſie ſich bewegten, ſagten ſie:„Elenderl ich war unſchuldig!““ me te n. te 27 Ich weiß nicht, welche Wirkung dieſe Angabe auf die Andern hervorbrachte, aber für meinen Theil muß ich bekennen, daß mir der Schweiß von der Stirne floß. „Ah! das iſt zu ſtark,“ rief der Doctor,„die Augen haben Dich angeſchaut, die Lippen haben geſprochen!“ „Hören Sie, Herr Doctor, da Sie ein Arzt ſind, ſo glauben Sie nichts, das iſt natürlich; doch ich, ich ſage Ihnen, daß der Kopf, den Sie dort ſehen, hören Sie? ich ſage Ihnen, daß der Kopf mich gebiſſen, daß dieſer Kopf zu mir geſagt hat:„Elenderl ich war unſchuldig!““ Und zum Beweiſe, daß er es mir geſagt hat, dient, daß ich entfliehen wollte, nach⸗ dem ich Jeanne umgebracht, nicht wahr? und daß ich, ſtatt zu entfliehen, geraden Weges zum Herrn Maire gelaufen bin, um mich ſelbſt anzuzeigen. Iſt das wahr, Herr Maire, iſt es wahr? antworten Sie.“ „Ja, Jacquemin, ja es iſt wahr,“ erwiederte Herr Ledru mit vollkommen gütigem Tone. „Unterſuchen Sie den Kopf, Doctor,“ ſprach der Polizeicommiſſär. „Wenn ich weggegangen bin, Herr Robert!“ rief Jacquemin. „Haſt Du nicht bange, er könnte abermals zu Dir ſprechen, Dummkopf,“ ſagte der Doctor. Und er nahm das Licht und trat zu dem Gypsſack. „Herr Ledru, im Namen Gottes,“ rief Jacquemin, „ſagen Sie ihnen, ſie ſollen mich gehen laſſen, ich bitte Sie, ich flehe Sie an.“ „Meine Herren,“ ſprach der Maire, indem er eine Geberde machte, die den Doctor zurückhielt.„Sie haben nichts mehr aus dieſem Unglücklichen herauszubringen, erlauben Sie, daß ich ihn ins Gefängniß führen laſſe. Hat das Geſetz die Confrontation vorgeſchrieben, ſo hat es hiebei angenommen, der Angeklagte ſei ſtark genug, ſie auszuhalten.“ „Aber das Protocoll?“ ſagte der Commiſſär⸗ 28 „Es iſt beinahe beendingt.“ „Der Angeklagte muß es unterzeichnen.“ „Er wird es in ſeinem Gefängniß unterzeichnen.“ „Ja! ja! ja!“ rief Jacquemin,„im Gefängniß werde ich Alles, was Sie wollen, unterzeichnen.“ „Es iſt gut,“ verſetzte der Polizeicommiſſär. „Gendarmen! führet dieſen Menſchen ab,“ ſagte Herr Ledru. „Ah! ich danke, Herr Ledru, ich danke,“ ſprach Jacquemin mit dem Ausdruck einer tiefen Dankbarkeit⸗ Und er nahm die zwei Gendarmen ſelbſt beim Arm und ze8 ſie mit einer übermenſchlichen Stärke die Treppe hinauf. Als dieſer Menſch abgegangen, war das Drama mit ihm abgegangen. Es blieben im Keller nur noch zwei häßlich anzuſchauende Dinge; ein Leichnam ohne Kopf und ein Kopf ohne Leib. Ich neigte mich zu Herrn Ledru und ſagte zu ihm: „Mein Herr, iſt es mir erlaubt, daß ich mich entferne, wobei ich mich indeſſen in Beziehung auf die Unter⸗ ſchrift des Protvcolls zur Verfugung ſtelle?“ „Ja, mein Herr, doch unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ „Daß Sie zu mir kommen und das Protveoll bei mir unterzeichnen.“ „Mit dem größten Vergnügen; um welche Zeit?“ „Ungefähr in einer Stunde. Ich zeige Ihnen mein Haus, es hat Searron gehört, das wird Sie intereſſiren.“ „In einer Stunde, mein Herr, bin ich bei Ihnen.“ Ich grüßte und ſtieg ebenfalls die Treppe hinauf; auf den oberſten Stufen angelangt, warf ich einen letz⸗ ten Blick in den Keller. Der Doctor Robert, der ſein Licht in der Hand hielt, ſtrich die Haare von dem Kopf: es war der einer noch ſchönen Frau, ſo weit man es beurtheilen konnte, denn die Augen waren geſchloſſen, die Lippen zuſammengezogen und ſchwarzblau.„Dieſer — e—— — — n.“ niß gte ach it. rm pe ma ne m: ne, er⸗ bei 2 en zie . . 29 Dummkopf Jacquemin,“ ſagte der Doctor,„er behauptet, ein abgeſchnittener Kopf könne ſprechen; wenn er das nicht etwa erſonnen hat, um Glauben zu machen, er ſei verrückt: das wäre nicht ſo ſchlecht geſpielt, denn es träte ein mildernder Umſtand ein.“ Das Haus von Fcarron. Eine Stunde ſpäter war ich bei Herrn Ledru. Der Zufall wollte, daß ich ihn im Hofe traf. „Ah!“ ſagte er, als er mich erblickte,„Sie ſind da, es iſt mir angenehm, ein wenig mit Ihnen plau⸗ dern zu können, ehe ich Sie unſern Tiſchgenoſſen vor⸗ ſtelle, denn nicht wahr, Sie ſpeiſen mit uns zu Mittag?“ „Mein Herr, Sie werden mich entſchuldigen.“ „Ich nehme keine Entſchuldigung an, Sie treffen einen Donnerſtag, ſchlimm für Sie, denn der Donnerſtag iſt mein Tag; Alles, was am Donnerſtag bei mir ein⸗ tritt, gehört zu meinem vollen Eigenthum. Nach dem Mittageſſen ſteht es Ihnen frei, zu bleiben oder abzu⸗ gehen. Ohne das Ereigniß von vorhin hätten Sie mich bei Tiſche gefunden, denn ich ſpeiſe unabänderlich um zwei Uhr. Heute werden wir ausnahmsweiſe um halb vier Uhr oder um vier Uhr ſpeiſen. Pyrrhus, den Sie hier ſehen(Herr Ledru deutete auf einen herrlichen Moloſſen), Pyrrhus hat die Unachtſamkeit der Mutter Antvine benützt, um ſich der Schöpſenkeule zu bemäch⸗ tigen: das war ſein Recht; ſomit iſt man genöthigt geweſen, eine andere beim Fleiſcher holen zu laſſen. Ich ſagte Ihnen, das würde mir nicht nur die Zeit geben, Sie meinen Gäſten vorzuſtellen, ſondern auch 3 — 3⁰ die, Ihnen einige Mittheilungen über dieſelben zu machen.“ „Einige Mittheilungen?“ „Ja, es ſind Perſonen, bei welchen es, wie bei denen vom Barbier von Sevilla und Figaro, nöthig iſt, daß ihnen eine gewiſſe Erläuterung über das Co⸗ ſtume und über den Charakter vorangeht. Doch begin⸗ nen wir mit dem Hauſe.“ „Sie ſagten mir, glaube ich, es habe Scarron gehört.“ „Ja, hier iſt es, wo die zukünftige Gemahlin von König Ludwig XIV., bis ſie den nicht zu unterhalten⸗ den Mann aufheitern ſollte, den armen Hinkebein, ihren erſten Gatten, pflegte; Sie werden ihr Zimmer ſehen.“ „Das von Frau von Maintenon?“ „Nein, das von Frau Scarron, verwechſeln wir es nicht: das Zimmer von Frau von Maintenon iſt in Verſailles oder in Saint⸗Cyr. Kommen Sie.“ Wir ſtiegen eine große Treppe hinauf und befanden uns in einem Corridor, der nach dem Hofe ging. „Sehen Sie,“ ſagte Herr Ledru zu mir,„das be⸗ rührt Sie, mein Herr Dichter; es iſt vom reinſten Schwulſt, der im Jahre 1650 geſprochen wurde.“ „Ah! ah! die Karte von Zärtlichkeit.“ „Ganz richtig. Hinweg und Rückweg von Scarron gezeichnet, und mit Noten von der Hand ſeiner Frau verſehen, nichts Anderes.“ Zwei Karten nahmen wirklich die Wand zwiſchen zwei Fenſtern ein. Sie waren mit der Feder auf ein Blatt Papier gezeichnet, das man auf Pappendeckel aufgezogen hatte. „Sie ſehen,“ fuhr Herr Ledru fort,„dieſe große blaue Schlange iſt der Fluß der Zärtlichkeit;; dieſe Taubenſchlägchen ſind die Flecken kleine Aufmetkſam⸗ keiten, Liebesbillets, Geheimniß. Hier ſind das Gſthaus zum Verlangen, das Süßigkeitsthal, die Seufzerbrücke, der Eiferſuchtswald ganz mit Ungeheuern, wie die von zu e bei ithig Co⸗ gin⸗ rron von ten⸗ hren en wir ſt in Wir s in be⸗ iſten rron rau chen pier tte. roße ieſe am⸗ aus icke, von —— 31¹ Armida, bevölkert. Mitten in dem See, aus dem der Fluß hervorkommt, iſt der Palaſt der vollkommenen Zufriedenheit: das iſt das Ziel der Reiſe, der Zweck des Ganges.“ „Teufel! was ſehe ich hier, einen Vulcan?“ „Ja; er erſchüttert zuweilen das Land. Es iſt der Vulcan der Leidenſchaften.“ „Er kommt auf der Karte von Fräulein von Seu⸗ dery nicht vor.“ „Nein. Es iſt eine Erfindung von Frau Paul Searron. Das iſt die Eine.“ „Die Andere?“ „Die Andere iſt die Rückkehr. Sie ſehen, der Fluß tritt aus, er iſt durch die Thränen derjenigen, welche ſeinen Ufern folgen, angeſchwollen. Hier ſind die Flecken Verdruß; das Gaſthaus zum Bedauern; die Inſel Reue. Es iſt äußerſt geiſtreich.“ „Werden Sie die Güte ha ben, es mich eopiren zu laſſen?“ „Ahl ſo lange es Ihnen beliebt. Wollen Sie nun das Zimmer von Frau Scarron ſehen?“ „Ich glaube wohl!“ „Hier iſt es.“ Herr Ledru öffnete eine Thüre und ließ mich vorangehen. „Es iſt gegenwärtig das meinige; doch abgeſehen von den Büchern, mit denen es gefüllt, gebe ich es Ihnen gerade ſo, wie es zur Zeit ſeiner berühmten Eigenthü⸗ merin war; es iſt derſelbe Alkoven, daſſelbe Bett, es ſind dieſelben Meubles; dieſe Ankleidecabinets waren die ihrigen.“ „Und das Zimmer von Scarron?“ „Oh! das Zimmer von Scarron liegt am andern Ende des Corridor, aber dieſes kann ich Ihnen nicht zeigen, man kommt nicht hinein, es iſt das Geheim⸗ zimmer, das Cabinet von Blaubart.“ „Teufel!“ 32 „So iſt es. Oh! ich habe auch meine Geheim⸗ niſſe, obgleich ich nur Maire bin; doch kommen Sie, ich will Ihnen etwas Anderes zeigen.“ — Herr Ledru ging mir voran; wir ſtiegen die Treppe hinab und traten in den Salon. Wie das ganze übrige Haus, ſo hatte auch dieſer Salon einen eigenthümlichen Charakter. Seine Tapete war ein Papier, deſſen urſprüngliche Farbe ſich ſchwer hätte beſtimmen laſſen; der Wand entlang ſtand eine doppelte Reihe von Fauteuils, woran ſich eine Reihe von Seſſeln anſchloß; von Platz zu Platz Spieltiſche und Gueridons; dann mitten unter dem Allen, wie der Leviathan inmitten der Fiſche des Oceans, ein rieſiger Schreibtiſch, der ſich von der Wand, an welche er eines von ſeinen Enden anlehnte, bis zum Drittel des Salon erſtreckte, ein Schreibtiſch ganz bedeckt mit Büchern, Brochuren, Zeitungen, unter denen wie ein König der Conſtitutionnel, die Lieblingslecture von Herrn Ledru, herrſchte. Der Salon war leer, die Gäſte gingen in dem Garten ſpazieren, den man in ſeiner ganzen Ausdehnung durch die Fenſter erſchaute. Herr Ledru trat auf ſeinen Schreibtiſch zu und öffnete eine ungeheure Schublade, in der ſich eine Menge von Päckchen, den Samenpäckchen ähnlich, befand. Die Gegenſtände, welche dieſe Schublade enthielt, wa⸗ ren ſelbſt wieder in Papiere eingeſchloſſen, die man mit Etiquetten verſehen hatte. „Sehen Sie,“ ſagte Herr Ledru zu mir,„hier iſt Etwas für Sie, den Hiſtoriker, was intereſſanter iſt, als die Karte von Zärtlichkeit. Es iſt eine Sammlung von Reliquien, nicht von Heiligen, ſondern von Königen.“ Jedes Papier enthielt in der That einen Knochen, Haupthaare oder Bart. Es war da eine Knieſcheibe — von Karl IX., der Daumen von Franz E ein Bruch⸗ ſtück vom Schädel von Ludwig KIV., eine Rippe von Heinrich II., ein Wirbelhein von Ludwig XV., Bart 1 eim⸗ Sie, eppe ieſer pete hwer eine teihe tiſche der ſiger eines alon hern, der errn dem nung und ene fand. wa⸗ mit r iſt „als von n.“ heibe uch⸗ von Bart chen, 33 von Heinrich IV. und Haare von Ludwig KIII. Jeder König hatte ſein Muſter geliefert, und von allen dieſen Knochen hätte man ungefähr ein Skelett zuſammenſetzen können, welches vollkommen das der franzöſiſchen Monarchie, dem ſeit langer Zeit die Hauptgebeine fehlen, dargeſtellt haben würde. Es fanden ſich hier überdies noch ein Zahn von Abeilard und ein Zahn von Heloiſe, zwei weiße Schneide⸗ zähne, welche zur Zeit, da ſie noch mit ihren zitternden Lippen bedeckt, ſich vielleicht in einem Kuß begegnet waren. Woher kam dieſe Knochenſammlung? Herr Ledru hatte der Ausgrabung der Könige bei⸗ gewohnt und aus jedem Grabe das genommen, was ihm gefallen. Herr Ledru gönnte mir einige Augenblicke, um meine Neugierde zu befriedigen, dann als er ſah, daß ich alle dieſe Etiquetten hatte die Revue paſſiren laſſen, ſagte er:„Wir haben uns genug mit den Todten be⸗ ſchäftigt, gehen wir ein wenig zu den Lebendigen über.“ Und er führte mich an eines der Fenſter, von denen aus man, wie geſagt, den Garten überſchaute. „Sie haben da einen reizenden Garten,“ ſagte ich zu ihm. „Einen Pfarrgarten mit ſeinen rautenförmig ge⸗ pflanzten Linden, mit ſeiner Sammlung von Dahlien und ſeinen Roſenſtöcken, mit ſeinen Lauben von Wein⸗ reben und ſeinen Spalieren von Pfirſich⸗ und Aprikoſen⸗ bäumen. Sie werden dies Alles ſehen, doch für den Augenblick beſchäftigen wir uns nicht mit dem Garten, ſondern mit Denjenigen, welche darin ſpazieren gehen.“ „Ah! ſagen Sie mir vor Allem, wer iſt dieſer Herr Alliette, durch Anagramm Etteilla genannt, der fragte, ob man ſein wahres Alter oder nur das, welches man ihm gebe, wiſſen wolle; mir ſcheint, er ſieht ganz ſo aus, als hätte er die fünf und ſiebenzig Jahre, die Sie ihm gegeben.“ Tanſend und ein Geſpenſt. 3 „Ganz richtig. Ich gedachte mit ihm anzufangen,“ antwortete mir Herr Ledru.„Haben Sie Hoffmann geleſen?“. „Ja, warum?“ „Wohl! das iſt ein Menſch von Hoffmann. Sein ganzes Leben hatte er die Karten und die Zahlen auf das Errathen der Zukunft anzuwenden geſucht; Alles was er beſitzt, geht in der Lotterie hin, in der er An⸗ fangs eine Terne gewonnen, und in der er nachher nie mehr gewonnen hat. Er hat Caglioſtrp und den Gra⸗ fen von Saint⸗Germain gekannt. Er behauptet, von ihrer Familie zu ſein und, wie ſie, das Geheimniß des Lebenselerirs zu beſitzen. Sein wirkliches Alter iſt, wenn Sie ihn darnach fragen, zweihundert und fünf und ſiebenzig Jahre; er hat Anfangs hundert Jahre ohne Gebrechlichkeit, von der Regierung von Heinrich II. bis zur Regierung von Ludwig XV., gelebt; dann hatte er mit Hülfe ſeines Geheimniſſes, während er in den Augen des Volkes ſtarb, drei weitere Evolutionen, jede von fünfzig Jahren, durchgemacht. In dieſem Augenblick beginnt er die vierte und iſt dem zu Folge erſt fünf und zwanzig Jahre alt. Die zwei hundert und fünfzig erſten Jahre, zählen nur des Andenkens wegen. Er wird ſo, und das behauptet er laut, bis zum jüng⸗ ſten Gericht leben. Im fünfzehnten Jahrhundert würde man Alliette verbrannt haben, und man hätte Unrecht gehabt, heute beklagt man ihn, und man hat aber⸗ mals Unxecht. Alliette iſt der glücklichſte Menſch der Welt er ſpricht nur von Karten, von Zaubereien, ägyptiſchen Wiſſenſchaften, von Thot, von den Myſte⸗ rien der Iſis; er veröffentlicht über alle dieſe Gegen⸗ ſtände kleine Bücher, die Niemand lieſt und die dennoch ein Buchhändler, der ſo verrückt iſt als er, unter dem Pſeudonymen oder vielmehrunter dem Anagramm Etteilla, herausgibt. Er hat ſeinen Hut immer voll Brochuren. Sehen Sie, er hält ihn unter ſeinem Arm, ſo ſeht befürchtet er, man könnte ihm ſeine koſtbaren Bücher en,“ ann Sein auf lles An⸗ nie Fra⸗ von des iſt, fünf ahre II. dann in nen, eſem e erſt und gen. üng⸗ ürde recht aber⸗ der eien, yſte⸗ egen⸗ nnoch dem eilla, 35 nehmen. Schauen Sie den Mann an, ſchauen Sie das Geſicht an, ſchauen Sie das Kleid an und ſehen Sie, wie die Natur immer harmoniſch iſt, und in welchem genauen Verhältniß der Hut zum Kopf, der Menſch zum Kleid, das Wamms zum Muſter ſteht, wie Ihr Romantiker ſagt.“ Dies war in der That ſehr wahr. Ich betrachtete Alliette; er trug einen fettigen, beſtaubten, mit Flecken überzogenen Rock; ſein Hut, deſſen Krämpe glänzte wie gefirnißtes Leder, hreitete ſich gegen oben unmäßig aus; er hatte Beinkleider von ſchwarzem Ratin, röth⸗ liche Strümpfe und Schuhe, welche gerundet waren wie die der Könige, unter denen er geboren worden zu ſein behauptet. Was das Körperliche betrifft, ſo war er ein dicker, unterſetzter, kleiner Mann mit einem Sphynr⸗Geſicht, mit breitem, zahnloſen Mund und ſpärlichen, langen, gelben Haaren, die wie eine Glorie um ſeinen Kopf flatterten. „Er ſpricht mit dem Abbé Muulle,“ ſagte ich zu Herrn Ledru,„mit dem Mann, der Sie dieſen Morgen bei unſerer Expedition begleitete, auf die wir zurück⸗ kommen werden, nicht wahr?“ „Und warum werden wir darauf zurückkommen 2“ fragte Herr Ledru, indem er mich neugierig anſchaute. „Entſchuldigen Sie mich, weil Sie an die Mög⸗ lichkeit, daß dieſer Kopf geſprochen, zu glauben ſchienen.“ „Sie ſind ein Phyſiognomiker. Wohl! es iſt wahr, ich glaube daran; ja, wir werden wieder hievon ſprechen, und wenn Sie begierig auf Geſchichten dieſer Art ſind, ſo werden Sie hier Gelegenheit finden, dieſes Thema zu verhandeln; doch gehen wir auf den Abbé Muulle über.“ „Es muß dies,“ unterbrach ich ihn,„es muß dies ein reizender Mann im Umgang ſein; die Sanftheit ſeiner Stimme iſt mir bei dem Verhör, als er dem ſehr Polizeicommiſſär antwortete, aufgefallen.“ „Wohl denn! auch diesmal haben Sie richtig er⸗ * 36 rathen. Moulle iſt ein Freund von mir ſeit vierzig Jahren und er zählt ſechszig. Sie ſehen, er iſt eben ſo reinlich und eben ſo ſorgfältig angezogen, als Al⸗ liette fettig und ſchmutzig ausſieht; er iſt ein Welt⸗ mann vom erſten Rang und ſehr weit vorgerückt in der Geſellſchaft des Faubourg Saint⸗Germain; er iſt es, der die Söhne und Töchter der Pairs von Frank⸗ reich verheirathet; dieſe Heirathen bieten ihm Gelegen⸗ heit, kleine Reden zu halten, welche die den Vertrag ſchließenden Parteien drucken laſſen und in den Fami⸗ lien als ein koſtbares Gut aufbewahren. Er wäre bei⸗ nahe Biſchof von Clermont geworden. Wiſſen Sie, warum er es nicht geworden iſt? weil er einſt der Freund von Cazotte war, weil er, wie Cazotte, an das Daſein höherer und untergeordneter, guter und böſer Geiſter glaubt; wie Alliette machte er eine Sammlung von Büchern. Sie werden bei ihm Alles finden, was über die Viſionen und über die Erſcheinungen, über die Geſpenſter, über die Nachtgeiſter*) und über an⸗ dere Geiſter geſchrieben worden iſt. Uebrigens ſpricht er nur ſchwer, wenn nicht unter Freunden, von allen dieſen Dingen, die nicht ganz orthodor ſind. Im Gan⸗ zen iſt er ein überzeugter, aber disereter Mann, der Alles, was Außerordentliches auf dieſer Welt geſchieht, der Macht der Hölle oder dem Dazwiſchentritt himm⸗ liſcher Intelligenzen zuſchreibt. Sie ſehen, er horcht ſtill⸗ ſchweigend auf das, was ihm Alliette ſagt, ſcheint einen Gegenſtand anzuſchauen, den der Andere nicht ſieht und dem er von Zeit zu Zeit durch eine Bewegung der Lippen oder durch ein Zeichen mit dem Kopf ant⸗ wortet. Mitten unter uns verſinkt er zuweilen in eine tiefe Träumerei, ſchauert, zittert, dreht den Kopf und geht im Zimmer auf und ab. In dieſem Fall muß man ihn gewähren laſſen, es wäre vielleicht gefähr⸗ lich, ihn aufzuwecken, ich ſage, ihn aufwecken, denn ich *) Rachtgeiſter, Seelen verſtorbener Böſewichter. rzig eben Al⸗ elt⸗ t in r iſt ank⸗ gen⸗ trag mi⸗ bei⸗ Sie, der das öſer ung was iber an⸗ icht llen an⸗ der eht, nm⸗ till⸗ nen ieht ung ant⸗ eine und nuß ihr⸗ ich 37 glaube, daß er ſich dann im Zuſtand des Somnambulismus befindet. Uebrigens wacht er von ſelbſt auf, und Sie werden ſehen, wie reizend dann ſein Erwachen iſt.“ „Oh!“ fragte ich Herrn Ledru,„mir ſcheint, er hat ſo eben einen von den Geiſtern heraufbeſchworen, von denen Sie vorhin ſprachen?“ Ich zeigte mit dem Finger meinem Wirth ein wahres wandelndes Geſpenſt, das ſich den zwei Sprechen⸗ den zugeſellt hatte und mit großer Vorſicht ſeinen Fuß zwiſchen die Blumen ſetzte, auf denen es, ohne ſie zu biegen, gehen zu können ſchien. „Dieſer,“ antwortete er mir,„iſt auch ein Freund von mir, der Chevalier Lenvir.“ Der Schöpfer des Muſeums der Petits⸗Augu⸗ ins?“ „Er ſelbſt. Er ſtirbt vor Kummer über die Zer⸗ ſtreuung ſeines Muſeum, für das er in den Jahren 4793 und 94 zehnmal beinahe umgebracht worden wäre. Die Reſtauration hat es mit ihrem gewöhnlichen Ver⸗ ſtand ſchließen laſſen und den Befehl ertheilt, die Mo⸗ numente den Gebäuden, denen ſie gehörten, und den Familien, welche dieſelben zu beanſpruchen berechtigt, zurückzugeben. Zum Unglück waren die meiſten Monu⸗ mente zerſtört, die meiſten Familien erloſchen, ſo daß die intereſſanteſten Bruchſtücke unſerer alten Bildhauer⸗ kunſt, und folglich unſerer Geſchichte, zerſtreut worden und verloren gegangen ſind. So geht es mit Allem von unſerem alten Frankreich; es war nichts mehr üb⸗ rig, als dieſe Bruchſtücke, und von dieſen Bruchſtücken wird bald auch nichts mehr übrig ſein; und wer ſind diejenigen, welche zerſtören? gerade die Menſchen, welche am meiſten Intereſſe bei der Erhaltung hätten.“ und Herr Ledru, ſo liberal er war, wie man zu lener Zeit ſagte, ſtieß einen Seufzer aus. „Sind dies alle Ihre Gäſte?“ fragte ich Herrn edru. „Wir werden vielleicht den Doctor Robert haben. 38 Ich ſage Ihnen nichts von dieſem, denn ich nehme an, Sie haben ihn ſelbſt beurtheilt. Es iſt ein Menſch, der ſein ganzes Leben hindurch an der menſchlichen Maſchine Verſuche machte, als wäre ſie ein Glieder⸗ mann, ohne zu vermuthen, dieſe Maſchine habe eine Seele, um die Schmerzen zu begreifen, und Nerven, um ſie zu empfinden. Er iſt ein Lebemann, der eine große Anzahl von Todten gemacht hat. Zu ſeinem Glück glaubt er nicht an Geiſter. Er iſt ein mittel⸗ mäßiger Kopf, der ſich für geiſtreich hält, weil er ge⸗ räuſchvoll, für einen Philoſophen, weil er Atheiſt iſt; er iſt einer von den Menſchen, die man empfängt, nicht um ſie zu empfangen, ſondern weil ſie zu einem kom⸗ 1e Wie ſiele es uns ein, ſie da aufzuſuchen, wo ſie nd!“ „Oh! wie genau kenne ich dieſe Gattung von Menſchen!“ „Wir ſollten noch einen andern Freund von mir haben, der jünger iſt als Alliette, als der Abbé Moulle und der Chevalier Lenoir, und der zugleich Alliette in der Wiſſenſchaft des Kartenſchlagens, Moulle in der Geiſterlehre, Lenoir in den Alterthümern den Rang ſtreitig macht; eine lebendige Bibliothek, ein in Chriſtenhaut gebundener Katalog, den Sie ſelbſt kennen müſſen.“ „Der Bibliophile Jacob?“ „Ganz richtig.“ „Er wird nicht kommen?“ „Er iſt wenigſtens nicht gekommen, und da er weiß, daß wir gewöhnlich um zwei ſpeiſen und es nun bald vier Uhr ſein wird, ſo iſt es nicht wahrſcheinlich, daß er noch kommt. Ohne Zweifel iſt er mit der Auf⸗ ſuchung einer alten Scharteke, gedruckt in Amſterdam 1570, editio princeys mit drei Druckfehlern, einem auf der erſten, einem auf der ſiebenten und einem auf der letzten Seite, beſchäftigt.“ er nun lich, Auf⸗ dam auf der 39 In dieſem Augenblicke öffnete man die Thüre des Salon, und Mutter Antvine erſchien und meldete: „Herr, es iſt aufgetragen.“ „Auf, meine Herren,“ rief Herr Ledru, der ſeiner⸗ ſeits die Gartenthüre öffnete,„zu Tiſche, zu Tiſche!“ Dann wandte er ſich gegen mich um und ſprach: „Es muß nun in irgend einem Theil des Gartens außer den Gäſten, die Sie geſehen, und die ich Ihnen geſchildert, ein Gaſt ſein, den Sie nicht geſehen und von dem ich Ihnen nicht geſprochen habe. Dieſer iſt zu ſehr von den Dingen unſerer Welt losgetrennt, um den plumpen Ruf, dem alle unſere Freunde folgen, ge⸗ hört zu haben. Suchen Sie, das iſt Ihre Sache, und wenn Sie ſeine Unkörperlichkeit, ſeine Durchſichtigkeit, ſeine Erſcheinung gefunden haben, ſo nennen Sie ſich und ſeien Sie bemüht, ihn zu überzeugen, es ſei er⸗ ſprießlich, zuweilen zu eſſen, und wäre es auch nur, um zu leben; Sie bieten ihm Ihren Arm an und bringen ihn uns, gehen Sie.“ Ich gehorchte Herrn Ledru, denn ich errieth, der reizende Geiſt, den ich in wenigen Minuten erkannt und ſchätzen gelernt, habe mir eine angenehme Ueberraſchung vorbehalten. Als ich im Garten war, ſchaute ich rings umher. Die Forſchung dauerte nicht lange, bald er⸗ blickte ich, was ich ſuchte. Es war eine Frau, die im Schatten einer Gruppe von Linden ſaß, doch ich konnte weder ihr Geſicht, noch ihre Geſtalt ſehen: das Geſicht nicht, weil es dem Felde zugewandt, die Geſtalt nicht, weil ſie ein großer Shawl umhüllte. Sie war ganz ſchwarz gekleidet. Ich näherte mich ihr, ohne daß ſie eine Bewegung machte. Das Geräuſch meiner Tritte ſchien nicht an ihr Ohr zu gelangen: man hätte glauben ſollen, es wäre eine Bildſäule.. Was ich übrigens von ihrer Perſon erblickte, war anmuthig und ausgezeichnet⸗ 40 Von fern hatte ich geſehen, daß ſie blond. Ein Sonnenſtrahl, der durch das Blätterwerk der Linden drang, ſpielte auf ihrem Haare und machte eine goldne Glorie daraus: von Nahem konnte ich die Feinheit ihrer Haare bemerken, die mit jenen ſeidenen Fäden rivaliſirt hätten, welche die erſten Herbſtlüfte vom Mantel der Jungfrau löſten; ihr Hals, vielleicht ein wenig zu lang, eine liebliche Uebertreibung, die bein ahe immer ein Reiz, wenn nicht gar eine Schönheit iſt, ihr Hals rundete ſich, um ihrem Kopf ſich auf ihre rechte Hand ſtützen zu helfen, deren Ellenbogen auf die Lehne des Stuhles geſtützt war, während ihr linker Arm, eine weiße Noſe mit dem Ende ihrer zart zugeſpitzten Finger haltend, an ihrer Seite herabhing. Der ſchwa⸗ nenartig gerundete Hals, die zurückgebogene Hand, der hängende Arm, Alles war von derſelben matten Weiße. Man hätte glauben ſollen, es ſei ein Marmor von Pa⸗ ros, ohne Ader auf ſeiner. Oberfläche, phne Puls im Innern; die Roſe, welche zu verwelken anfing, war farbiger und lebendiger als die Hand, die ſie hielt. Ich ſchaute ſie einen Augenblick an, und je mehr ich ſie anſchaute, deſto mehr kam es mir vor, als wäre es kein lebendiges Weſen, was ich vor Augen hatte. Ich fing an zu zweifeln, ob ſie ſich umdrehen würde, wenn ich ſie anſpräche. Zwei oder dreimal öff⸗ nete ſich mein Mund und that ſich wieder zu, ohne ein Wort hervorgebracht zu haben. Endlich entſchloß ich mich.„Madame,“ ſagte ich. Sie bebte, ſie wandte ſich um und ſchaute mich er⸗ ſtaunt an, wie es Jemand thut, der aus einem Traume erwacht und ſeine Gedanken zuſammenzufaſſen ſucht. Ihre auf mich gehefteten, großen ſchwarzen Augen, — bei denen von mir beſchriebenen blonden Haaren hatte ſie ſchwarze Augbraunen und Augen,— ihre auf mich gehefteten, großen ſchwarzen Augen hatten einen ſeltſamen Ausdruck. Einige Sekunden lang blieben wir, ohne mit ein⸗ —————— Ein den dne meit den om ein ahe iſt, hre die ten va⸗ der ße. za⸗ ar —,———— — 41 ander zu ſprechen, ſie ſchaute mich an, ich betrachtete ſie forſchend. Es war eine Frau von zwei und dreißig bis drei und dreißig Jahren, die einſt von einer wunderharen Schön⸗ heit geweſen ſein mußte, ehe ihre Wangen ſich ausge⸗ höhlt hatten, ehe ihre Geſichtshaut bleich geworden war; im Uebrigen fand ich ſie vollkommen ſchön ſo, mit ihrem geperlmutterten Antlitz, das denſelben Ton hatte wie ihre Hand, ohne irgend eine Nuance von Roth, wodurch ihre Augen von Gagath, ihre Lippen von Korallen zu ſein ſchienen. „Madame,“ wiederholte ich,„Herr Ledru behaup⸗ tet, wenn ich Ihnen ſage, ich ſei der Verfaſſer vou Heinrich III., von Chriſtine und von Antony, ſo werden Sie mich gütigſt für vorgeſtellt halten und meinen Arm bis zum Sypeiſezimmer annehmen.“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ erwiederte ſie, „nicht wahr, Sie ſind ſeit einem Augenblick da? Ich habe Sie kommen gefühlt, doch ich konnte mich nicht umwenden; das geſchieht mir zuweilen, wenn ich nach gewiſſen Seiten ſehe. Ihre Stimme hat den Zauber gebrochen, geben Sie mir Ihren Arm und laſſen Sie uns gehen.“ Sie ſtand auf und ſchob ihren Arm unter den meinigen, doch kaum fühlte ich den Druck ihres Ar⸗ mes, obgleich ſie ſich durchaus keinen Zwang anzuthun ſchien. 1 Wir kamen in das Speiſezimmer, ohne daß eines von uns ein Wort mehr geſprochen hatte. Zwei Plätze waren bei Tiſche vorbehalten, einer zur Rechten von Herrn Ledru für ſie, einer ihr gegen⸗ über für mich. 42 Vie Ohrfeige von Charlotte Corday. Der Tiſch von Herrn Ledru hatte ſeinen Charakter wie Alles, was bei Herrn Ledru war. Es war ein großes Hufeiſen, das ſich an die Fen⸗ ſter des Gartens anlehnte und drei Viertel des unge⸗ heuren Saales für die Bedienung frei ließ. Dieſer Tiſch konnte zwanzig Perſonen aufnehmen, ohne daß eine einzige beengt war; man ſpeiſte immer daran, mochte Herr Ledru einen, zwei, vier, zehn, zwanzig Gäſte ha⸗ ben, mochte er ſogar allein ſpeiſen: an dieſem Tag waren wir nur zu ſechs und nahmen kaum den dritten Theil ein. Alle Donnerſtage war der Küchenzettel derſelbe. Herr Ledru dachte, während der acht abgelaufenen Tage haben die Gäſte etwas Anderes zu Hauſe oder bei den andern Wirthen, die ſie eingeladen, eſſen können. Man war alſo ſicher, bei Herrn Ledru alle Donnerſtage eine Suppe, Ochſenfleiſch, ein Huhn mit Dragun, eine Schöpſenkeule, Bohnen und einen Salat zu nden. Die Hühner verdoppelten oder 2 ſich je nach dem Bedürfniſſe der Gäſte.* Hatte er wenig, keine oder viel Geſellſchaft, Herr Ledru hielt ſich immer an einem der Enden des Liſches, den Rücken dem Garten, das Geſicht dem Hof zuge⸗ wendet. Er ſaß beſtändig in einem großen, ſeit zehn Jahren an derſelben Stelle feſtſtehenden Lehnſtuhl; hier empfing er aus den Händen ſeines Gärtners Antoine, der, wie Meiſter Jacques, in einen Lackei verwandelt worden, außer dem gewöhnlichen Wein ein paar Fla⸗ ſchen alten Burgunder, den man ihm mit einer relig⸗ iöſen Ehrfurcht überbrachte, und den er ſelbſt ſeinen Gäſten mit derſelben Ehrfurcht einſchenkte. kter en⸗ ge⸗ iſch ine hte ha⸗ ag ten be. age den en age ine ſich err es, ge⸗ ehn ier ne, elt la⸗ ig⸗ nen 43 Vor achtzehn Jahren glaubte man noch an Etwas; in zehn Jahren wird man an nichts mehr glauben, nicht einmal mehr an den alten Wein. Nach dem Mittageſſen ging man in den Salon, um Kaffee zu trinken. Das Mittagbrod verging, wie eben ein Mittag⸗ brod vergeht, damit, daß man die Köchin lobte und den Wein pries. Die junge Frau allein aß nur einige Brodkrümchen, trank nur ein Glas Waſſer und ſprach kein Wort. Sie erinnerte mich an jenes Maul in Tauſend und eine Nacht, das ſich an den Tiſch ſetzte wie die andern, aber nur um ein paar Reiskörner mit einem Zahnſto⸗ cher zu ſpeiſen. Nach dem Mittageſſen ging man wie gewöhnlich in den Salon. Ich hatte natürlich die Pflicht, unſerer ſchweigſa⸗ men Tiſchgenoſſin den Arm zu geben. Es war immer dieſelbe Weichheit in den Bewegungen, dieſelbe An⸗ muth in der Haltung, dieſelbe Unfuͤhlbarkeit in den Gliedern. Ich führte ſie zu einer Chaiſe⸗longue, worauf ſie ſich niederlegte. Zwei Perſonen waren, während wir ſpeiſten, ein⸗ geführt worden, der Doctor und der Polizei⸗Com⸗ miſſär. Der Commiſſär kam, um uns das Protokoll unkerzeich⸗ nen zu laſſen, das Jacquemin ſchon in ſeinem Gefäng⸗ niß unterzeichnet hatte. Ein leichter Blutfleck machte ſich auf dem Papier bemerkbar. Ich unterzeichnete ebenfalls und fragte, während ich dies that: „Was für ein Blutfleck iſt dies auf dem Papier, kommt dieſes Blut von der Frau oder vom Mann?“ „Er kommt,“ antwortete mir der Polizei⸗Commiſ⸗ ſär,„er kommt von der Wunde, die der Mörder an der 44 Hand hat; ſie blutet fortwährend, ohne daß man das Blut zu ſtillen vermag.“ „Begreifen Sie, Herr Ledru,“ ſagte der Doctor, „dieſes Vieh behauptet beharrlich, der Kopf ſeiner Frau habe mit ihm geſprochen?“ „Und Sie halten die Sache für unmöglich, nicht wahr, Herr Doctor?“ „Gewiß.“ „Sie halten es ſogar für unmöglich, daß die Augen ſich wieder geöffnet?“ „Unmöglich.“ „Sie glauben nicht, daß das Blut, in ſeiner Flucht durch die Gypslage unterbrochen, welche unmittelbar alle Arterien und alle Gefäſſe verſtopft hat, dieſem Kopf einen Augenblick Leben und Gefühl wiederzuge⸗ ben im Stande geweſen iſt?“ „Ich glaube es nicht.“ „Wohl!“ ſagte Herr Ledru,„ich glaube es.“ „Ich auch,“ ſagte Alliette. „Ich auch,“ ſagte der Abbé Moulle. „Ich auch,“ ſagte der Chevallier Lenoir. „Ich auch,“ ſagte ich. Der Polizei⸗Commiſſär und die bleiche Dame allein ſagten nichts: der Eine ohne Zweifel, weil ihn die Sache gar nicht intereſſirte, die Andere vielleicht, weil ſie die Sache zu ſehr intereſſirte. 25 Ah! wenn Sie Alle gegen mich ſind, ſo werden Sie Recht haben. Nur wenn einer von Ihnen Arzt wäre „Aber, Doctor,“ entgegnete Herr Ledru,„Sie müſ⸗ ſen wiſſen, daß ich es beinahe bin.“ „Dann müſſen Sie wiſſen, daß es keinen Schmerz da mehr gibt, wo es kein Gefühl mehr gibt, und daß das Gefühl durch die Durchſchneidung der Wirbelſäule geſtört iſt.“ „Und wer hat Ihnen das geſagt?“ fragte Herr Ledru. 13 — S — or, au ht en ar in ie il n zt le r 4⁵ „Die Vernunft, bei Gott!“ „Oh! eine gute Antwort. Iſt es nicht auch die Vernunft, die den Richtern, welche Galilei verurtheil⸗ ten, ſagte, die Sonne drehe ſich und die Erde bleibe unbeweglich? Die Vernunft iſt eine alberne, mein lie⸗ ber Doetor. Haben Sie ſelbſt Verſuche an abgeſchnit⸗ tenen Köpfen gemacht?“ „Nein, nie.“ „Haben Sie die Diſſertationen von Sömmering eſen? haben Sie die Protokolle des Doctor Sue F haben Sie die Proteſtationen von Oelcher ge⸗ n. „Nein.“ „Nicht wahr, Sie glauben alſo auf den Bericht von Guillotin, ſeine Maſchine ſei das ſchnellſte und am mindeſten ſchmerzliche Mittel, das Leben zu endigen?“ „Ah! ah!“ „Hören Sie, Doctor, da Sie ſich auf die Wiſſen⸗ ſchaft berufen haben, ſo will ich wiſſenſchaftlich mit Ihnen ſprechen, und keiner von uns, das glauben Sie mir, iſt dieſer Art von Unterredung oder Unterhaltun ſo fremd, daß er nicht daran Theil nehmen ſollte.“ Der Doctor machte eine Geberde des Zweifels. „Gleichviel, ſo werden Sie allein begreifen.“ Wir waren näher zu Herrn Ledru getreten, und ich meinerſeits hörte gierig zu, da mich die Frage der Todesſtrafe, mochte ſie nun durch den Strick, durch das Schwert oder durch Gift angewendet werden, ſtets un⸗ gemein als Frage der Menſchheit beſchäftigt hatte. Ich hatte ſogar meines Theils einige Unterſuchun⸗ gen und Nachforſchungen über die verſchiedenen Schmer⸗ zen angeſtellt, welche den verſchiedenen Todesarten vor⸗ angehen, dieſelben begleiten und ihnen folgen. „So reden Sie,“ ſagte der Doctor mit ungläu⸗ bigem Tone. „Es iſt leicht, Jedem, der einiger Maßen einen Be⸗ griff von dem Bau und den Lebenskräften des Körpers 46 hat, nachzuweiſen,“ fuhr Herr Ledru fort,„daß das Gefühl nicht gänzlich durch die Hinrichtung zerſtört wird, und was ich behaupte, Doctor, iſt nicht auf Hy⸗ potheſen, ſondern auf Thatſachen gegründet.“ „Laſſen Sie dieſe Thatſachen hören.“ „Die Operationen dieſes Bewußtſeins des Gefühls können vor ſich gehen, obgleich die Circulation des Blutes im Gehirn aufgehoben, geſchwächt oder theilweiſe zer⸗ ſtört iſt.“ „Das iſt möglich.“ „Wenn alſo der Sitz der Fähigkeit, zu fühlen, im Gehirn iſt, ſo hat, ſo lange das Gehirn ſeine Lebens⸗ kraft bewahrt, der Hingerichtete das Gefühl ſeines Daſeins.“ „Beweiſe!“ „Haller ſagt in ſeinen Elementen der Phy⸗ ſik, Th. 4, S. 35:“ „„Ein abgeſchlagener Kopf öffnete die Augen wie⸗ der und ſchaute mich von der Seite an, weil ich mit der Fingerſpitze ſein Rückenmark berührt hatte.“ „Haller, es mag ſein, doch Haller konnte ſich täuſchen.“ „Ich will es glauben, er mag ſich getäuſcht ha⸗ ben. Gehen wir zu einem Andern über. Weycard ſagt in ſeinen Philoſophiſchen Künſten S. 224 „Ich habe die Lippen eines Menſchen, dem man den Kopf abgeſchlagen, ſich bewegen ſehen.““ „Gut; aber vom Bewegen bis zum Sprechen„ „Warten Sie, wir kommen hiezu. Hier iſt Söm⸗ mering; ſeine Werke ſind da, und Sie können ſuchen⸗ Sömmering ſagt:„„Mehrere Doctoren verſicherten mich, ſie haben einen vom Leibe getrennten Kopf mit den Zähnen knirſchen ſehen, und ich bin überzeugt, daß, wenn die Luft noch in den Organen der Stimme kreiſte, die Köpfe ſprechen würden.““ Wohl, Doe⸗ tor,“ fuhr Herr Ledru erbleichend fort,„ich bin weiter 6 rt E 8 ⸗ . — 47 vorgerückt als Sömmering: ein Kopf hat mit mir ge⸗ ſprochen.“ Wir bebten Alle. Die bleiche Dame erhob ſich von ihrem Lager. „Mit Ihnen?“ „Ja, mit mir; werden Sie auch ſagen, ich ſei ein Narr?“ „Ah!“ rief der Doctor,„wenn Sie behaupten, mit Ihnen ſelbſt.„ „Ja, ich ſage Ihnen, mir ſelbſt iſt die Sache be⸗ gegnet. Nicht wahr, Doctor, Sie ſind zu höflich, um gegen mich auszuſprechen, ich ſei ein Narr; aber Sie werden es denken, und das kommt am Ende auf daſ⸗ ſelbe heraus.“ „Erzählen Sie uns die Sache,“ ſprach der Doctor. „Das haben Sie leicht zu ſagen. Wiſſen Sie, daß ich das, was ich Ihnen erzählen ſoll, nie einem Menſchen ſeit fieben und dreißig Jahren, da mir die Sache begegnet iſt, erzählt habe, und ich kann Ihnen auch nicht dafür ſtehen, daß ich nicht, während ich er⸗ zähle, ohnmächtjg werde, wie ich ohnmächtig geworden bin, als der Koßf mit mir ſprach, als ſich ſeine ſterben⸗ den Augen auf die meinigen hefteten.“ Das Geſpräch wurde immer intereſſanter, die Si⸗ tuation immer dramatiſcher. „Auf, Ledru, Muth gefaßt, und erzählen Sie uns das,“ ſagte Alliette. „Erzählen Sie uns das,“ ſagte der Abbé Moulle. „Erzählen Sie,“ ſagte der Chevalier Lenvir. „Mein Herr,“ murmelte die bleiche Frau. „Ich ſagte nichts, aber mein Wunſch lag in meinen Augen. „Es iſt ſeltſam,“ rief Herr Lebru, ohne uns zu antworten, und als ſpräche er mit ſich ſelbſt,„es iſt ſeltſam, wie die Ereigniſſe auf einander Einfluß haben! Sie wiſſen, wer ich bin?“ frug Herr Ledru, indem er ſich an mich wandte. 48 „Mein Herr,“ antwortete ich,„ich weiß, daß Sie Maire von Foutenay⸗aur⸗Roſes, ſehr unterrichtet, ſehr geiſtreich find und vortreffliche Mittagsmahle geben.“ Herr Ledru lächelte und dankte mir durch ein Zei⸗ chen mit dem Kopf. „Ich ſpreche von meiner Abſtammung, von meiner Familie,“ ſagte er. ₰ „Ich kenne Ihre Abſtammung nicht und weiß nichts von Ihrer Familie, mein Herr.“ „Wohll hören Sie, ich werde Ihnen dies Alles ſagen, und die Geſchichte, die Sie zu wiſſen wünſchen, folgt vielleicht hieraus. Kommt ſie, nun, ſo nehmen Sie es hinz kommt ſie nicht, ſo verlangen Sie nicht dar⸗ nach: es wird mir die Kraft, ſie Ihnen zu erzählen, gefehlt haben.“. Alle Welt ſetzte ſich und nahm ſeine Maßregeln, um bequem zu hören. Das Zimmer, in welchem wir uns befanden, war übrigens ein wahres Zimmer der Erzählungen oder der Legenden, groß, düſter durch die dichten Vorhänge und den abnehmenden Tag; in den Ecken herrſchte ſchon volle Finſterniß, während die Linien, die mit den Fen⸗ ſtern und Thüren correſpondirten, allein noch einen Reſt von Licht bewahrten. In einer von dieſen Ecken ſaß die bleiche Dame. Ihr ſchwarzes Kleid war völlig in der Nacht verbor⸗ gen. Ihr weißer, unbeweglicher, auf das Sopha zu⸗ rückgeworfener Kopf blieb allein ſichtbar. Herr Ledru begann: „Ich bin der Sohn von Comus, dem bekannten Phyſiker des Königs und der Königin; mein Vater, den man wegen ſeines burlesken Namens zu der Klaſſe der Taſchenſpieler und Gaukler zählte, war ein aus⸗ gezeichneter Gelehrter der Schule von Volta, von Gal⸗ vani und Mesmer. Er beſchäftigte ſich zuerſt in Frank⸗ 8 n, ie r⸗ n, ar er nd on n⸗ eſt e. er⸗ u⸗ ten er, iſſe 18 nk⸗ ät, 49 und er hielt dem Hofe Vorleſungen über Mathematik und Phyſik. „Die arme Marie Antvinette, die ich zwauzigmal geſehen, und die mich mehr als einmal bei den Händen genommen und geküßt hat, als ſie in Frankreich ankam, d. h. als ich noch ein Kind war, Marie Antvinette ſchwärmte für ihn. Bei ſeiner Durchreiſe im Jahre 1777 erklärte Joſeph 1., er habe nichts Intereſſanteres geſehen als Comus. „Mitten unter dem Allem beſchäftigte ſich mein Vater mit der Erziehung meines Bruders und der mei⸗ nigen; er führte uns in das ein, was er von verbor⸗ genen Wiſſenſchaften inne hatte, und theilte uns eine Menge galvaniſcher, phyſtkaliſcher und magnetiſcher Kenntniſſe mit, welche heute ein öffentliches Eigenthum ſind, in jener Zeit aber Geheimniſſe, Privilegien von nur Einzelnen waren. Der Titel eines Phyſikers des Königs machte, daß mein Vater im Jahr 1795 einge⸗ kerkert wurde; aber durch einige Freunde, die ich bei der Montagne hatte, brachte ich es dahin, daß man ihn wieder freiließ. „Mein Vater zog ſich nun in dieſes Haus zurück, wo ich bin, und ſtarb hier im Jahre 1807, ſechs und ſiebenzig Jahre alt. „Doch kehren wir zu mir zurück. „Ich ſprach von meinen Freunden bei der Mon⸗ tagne. Ich ſtand in der That in Verbindung mit Dan⸗ ton und Camille Desmoulins. Ich hatte Marat mehr als Arzt denn als Freund kennen gelernt, doch ich kannte ihn. Folge von meiner Verbindung mit ihm, ſo kurz ſie auch geweſen, war, daß ich mich am Tage, wo man Fräulein von Corday auf das Blutgerüſte führte, ihrer Hinrichtung beizuwohnen entſchloß.“ „Ich wollte eben,“ unterbrach ich den Maire,„ich wollte Ihnen eben bei Ihrem Streite mit dem Herrn Doetor Robert über die Beharrlichkeit des Lebens zu Tauſend und ein Geſpenſt. 4 50 Hülfe kommen und den Umſtand erzählen, den die Ge⸗ ſchichte in Beziehung auf Charlotte von Corday auf⸗ gezeichnet hat.“ „Wir kommen hiezu,“ verſetzte Herr Ledru,„laſſen Sie mich ſprechen. Ich war Zeuge, und Sie können folglich das, was ich ſagen werde, glauben. „Schon um zwei Uhr Nachmittags hatte ich mei⸗ nen Poſten bei der Bildſäule der Freiheit genommen. Es war ein heißer Julitag, das Wetter ſchwul, und der bedeckte Himmel verhieß einen Sturm. Um vier Uhr brach der Sturm aus; dies war, wie man mir geſagt, die Zeit, zu der Charlotte den Karren beſtieg. „Man hatte ſie aus ihrem Gefängniß in dem Augenblick geholt, wo ein junger Maler ihr Portrait zu machen beſchäftigt war. „Es ſchien der Wille des eiferſüchtigen Todes zu ſein, daß nichts das Mädchen überlebe, nicht einmal ihr Bild. „Der Kopf war auf der Leinwand untermalt, und ſeltſamer Weiſe befand ſich in dem Augenblick, wo der Henker eintrat, der Maler gerade an der Stelle des Hale den das Eiſen der Guillotine durchſchneiden ſollte. „Die Blitze zuckten, der Regen ſtrömte, der Donner rollte, doch nichts vermochte den neugierigen Pöbel zu zerſtreuen; man war auf den Quais, auf den Brücken, auf den Plätzen eng zuſammengeſchaart. Jene Frauen, die man mit dem energiſchen Namen Guillotine⸗Lecke⸗ rinnen nannte, verfolgten ſie mit Verwünſchungen. Ich hörte jenes Toſen zu mir kommen, welches man hört wie das eines Waſſerfalls. Lange ehe man etwas er⸗ blicken konnte, wogte die Menge; endlich erſchien, wie ein unheilvolles Schiff, der Karren, die Wogen durch⸗ arbeitend, und ich vermochte die Verurtheilte, die ich nicht kannte, die ich nie geſehen, zu unterſcheiden. „Es war eine ſchöne junge Perſon von ſieben und zwanzig Jahren mit herrlichen Augen, einer Naſe von Ge⸗ auf⸗ ſſen nen nei⸗ nen. der Uhr agt, dem rait 3 zu mal und der des iden nner l zu cken, en, ecke⸗ Ich hört er⸗ wie urch⸗ e ich und von 5¹ vollkommener Zeichnung und Lippen von äußerſter Re⸗ gelmäßigkeit. Sie hielt ſich aufrecht, den Kopf empor⸗ gehoben, nicht um zu ſcheinen, als beherrſchte ſie dieſe Menge, ſondern weil ihre hinter dem Rücken zuſammen⸗ gebundenen Hände ſie zwangen, den Kopf ſo zu halten. Der Regen hatte nachgelaſſen, da ſie aber dieſen Regen auf drei Vierteln ihres Weges ausgehalten, ſo zeichnete das Waſſer, das an ihr hinabgelaufen, auf der feuchten Wolle die Umriſſe ihres reizenden Körpers; es war, als ſtiege ſie aus dem Bade. Das rothe Hemd, mit dem ſie der Henker bekleidet, gab dieſem ſo energiſchen, ſo ſtolzen Kopf ein ſeltſames Ausſehen, einen düſteren Schimmer. In dem Augenblick, wo ſie auf den Platz kam, hörte der Regen auf und ein Sonnenſtrahl, der durch zwei Wolken ſchlüpfte, ſpielte mit ihren Haaren, die er wie eine Glorie ſtrahlen machte. In der That, ich ſchwöre Ihnen, obgleich hinter dieſem Mädchen ein Mord lag, eine gräßliche Handlung, wenn ſie auch die Menſchheit rächt, obgleich ich dieſen Mord verabſcheute, hätte ich nicht zu ſagen vermocht, ob das, was ich ſah, eine Apotheoſe oder eine Hinrichtung war. Als ſie das Schaffot erblickte, erbleichte ſie, und dieſe Bläſſe war ſehr bemerkbar, beſonders wegen des rothen Hemdes, das ihr bis an den Hals ging; doch alsbald raffte ſie ſich wieder zuſammen und wandte ſich vollends gegen das Schaffot um, das ſie lächelnd anſchaute. „Der Karren hielt an: Charlotte ſprang zu Boden, ohne daß ſie geſtatten wollte, daß man ihr abſteigen helfe; dann ſtieg ſie die durch den gefallenen Regen ſchlüpfrig gewordenen Stufen ſo raſch hinauf, als es ihr die Länge ihres ſchleppenden Hemdes und das Hemm⸗ niß ihrer gebundenen Hände geſtatteten. Da ſie die Hand des Henkers ſich auf ihre Schulter legen fühlte, um ihr das Tuch abzureißen, das ihren Hals bedeckte, erbleichte ſie zum zweiten Male; doch in demſelben Augen⸗ blick ſtrafte ein letztes Lächeln dieſe Bläſſe Lügen, und von ſelbſt, ohne daß man ſie an das ſchändliche Brett 52 band, ſtreckte ſie in einer erhabenen, beinahe freudigen Begeiſterung ihren Kopf durch das häßliche Loch. Das Meſſer glitt, der vom Rumpf getrennte Kopf ſiel auf die Plattform und ſprang wieder auf. Da geſchah es, hören Sie wohl, Doctor, hören Sie wohl, Dichter, es geſchah, daß einer von den Knechten des Henkers, Na⸗ mens Legros, dieſen Kopf bei den Haaren packte und durch eine gemeine Schmeichelei für die Menge ihm eine Ohrfeige gab. Nun! ich ſage Ihnen, daß bei dieſer Ohrfeige der Kopf erröthete; ich habe ihn geſe⸗ hen, den Kopf, nicht nur die Wange, verſtehen Sie wohl? nicht nur die berührte Wange, ſondern die beiden Wan⸗ gen, und zwar von einer gleichmäßigen Röthe bedeckt, denn das Gefühl lebte in dieſem Kopfe, und er ent⸗ rüſtete ſich, daß er eine Schmach erduldet, welche nicht in dem Urtheil ausgeſprochen. „Das Volk ſah auch dieſe Röthe und nahm Partei für die Todte gegen den Lebendigen, für die Hingerich⸗ tete gegen den Henker. Es verlangte auf der Stelle Rache für dieſe Schändlichkeit, und auf der Stelle wurde der Elende den Gendarmen übergeben unt ins Gefäng⸗ niß gebracht. „Warten Sie,“ ſagte Herr Ledru, 6 er ſah, daß der Doctor ſprechen wollte,„warten Sie, das iſt noch nicht Alles. „Ich wollte wiſſen, welches Gefühl dieſen Men⸗ ſchen zu der niederträchtigen Handlung, die er begangen, angetrieben habe. Ich erkundigte mich nach dem Ort, wo er war, verlangte Erlaubniß, ihn in der Abbaye, wo man ihn eingeſchloſſen hatte, beſuchen zu dürfen, erhielt ſie und ging zu ihm. „Ein Spruch des Revolutions⸗Tribunals hatte ihn zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt. Er begriff nicht, warum man wegen einer ſo natürlichen Sache wie 16 welche er gethan, verurtheilt. „Ich fragte ihn, was ihn zu dieſer S z antreiben können.“ 5 nur daf geb igen Das auf es, „ es Na⸗ und ihm bei eſe⸗ l⸗ ßan⸗ eckt, ent⸗ nicht artei rich⸗ telle urde ing⸗ daß noch Ren⸗ gen, Ort, aye, fen, ihn griff ache 53 „„Ah!““ rief er,„eine ſchöne Frage! Ich bin Ma⸗ ratiſt; ich hatte ſie für Rechnung des Geſetzes beſtraft und wollte ſie auch für meine eigene Rechnung be⸗ ſtrafen.““ „„Haben Sie denn nicht eingeſehen,““ fagte ich,„„daß in dieſer Verletzung der dem Tode ſchuldigen Achtung beinahe ein Verbrechen liegt?““ „„Ei!““ entgegnete Legros, indem er mich ſtarr anſchaute,„„Sie glauben alſo, ſie ſeien todt, weil man ſie guillotinirt hat?““ „Allerdings.“ „„Nun! daran erkennt man, daß Sie nicht in den Korb ſchauen, wenn alle beiſammen ſind, daß Sie nicht ſehen, wie ſie noch fünf Minuten lang nach der Hin⸗ richtung die Augen verdrehen und die Zähne fletſchen. Wir find genöthigt, alle drei Monate den Korb zu wech⸗ ſeln, dergeſtalt zerarbeiten ſie den Boden mit den Zäh⸗ nen. Sehen Sie, das iſt ein Haufen von Ariſtokraten⸗ köpfen, die ſich nicht zu ſterben entſchließen wollen, und ich wäre nicht erſtaunt, wenn einmal einer von ihnen: Es lebe der König! zu ſchreien anfinge.““ „Ich wußte Alles, was ich wiſſen wollte, und ging weg, verfolgt von einem Gedanken: daß nämlich dieſe Kopfe noch lebten. Hierüber beſchloß ich mir Sicher⸗ heit zu verſchaffen.“ Solange. Es war während der Erzählung von Herrn Ledru Nacht geworden. Die Bewohner des Salon erſchienen nur noch als unbewegliche Schatten, ſo ſehr begriff man, daß hinter der furchtbaren Erzählung, die er uns ge⸗ geben, eine noch furchtbarere zu erwarten war. 54 Man hörte alſo keinen Athemzug. Der Doctor allein öffnete den Mund. Ich ergriff ihn bei der Hand, um ihn am Sprechen zu verhindern, und er ſchwieg. Nach einigen Secunden fuhr Herr Ledru fort: „Ich hatte die Abbaye verlaſſen und ſchritt über die Place Taranne, um mich nach der Rue Tournon zu begeben, wo ich wohnte, als ich eine Weiberſtimme um Hülfe rufen hörte. „Es konnten keine Böſewichter ſein, denn es war kaum zehn Uhr Abends. Ich lief nach der Ecke des Platzes, wo ich den Schrei gehört hatte, und ſah bei der Helle des Mondes, der eben aus einer Wolke her⸗ vortrat, eine Frau, die ſich mitten unter einer Patrouille von Sans⸗eulottes ſträubte. „Als dieſe Frau mich ebenfalls erblickte und an meinem Anzug bemerkte, daß ich nicht ganz ein Mann aus dem Volke war, ſprang ſie auf mich zu und rief: „„Ah! ſieh da, hier kommt gerade HerrAlbert, den ich kenne, er wird Euch ſagen, daß ich die Tochter der Mutter Ledieu, der Wäſcherin, bin.““ „Ganz bleich und zitternd, ergriff mich die arme Frau zugleich am Arm und klammerte ſich an mich an, wie der Schiffbrüchige an das Brett ſeiner Rettung. „„Die Tochter der Mutter Ledieu, ſo lange Du willſt, aber Du haſt keine Bürgerkarte und wirſt uns nach dem Wachhauſe folgen, ſchönes Mädchen!““ „Die junge Frau preßte meinen Arm, ich fühlte, was Alles an Schrecken und Bitte in dieſem Drucke lag. Ich hatte begriffen. „Wie ſie mich bei dem erſten Namen genannt, der ſich ihrem Geiſte geboten, ſo nannte ich ſie bei dem er⸗ ſten Namen, der mir einfiel.“ „„Wie! Sie ſind es, meine arme Solange,““ ſagte ich,„was geſchieht Ihnen denn?““ „„Da ſehen Sie, meine Herren!““ rief ſie. „„Mir ſcheint, Du könnteſt wohl ſagen, Bürger.“ „„Hören Sie, Herr Sergent, es iſt nicht mein — ctor nd, ber non ime war des bei er⸗ ille an ann 6 den der me an, Du uns lte, cke der er⸗ gte ℳ ein 55 Fehler, wenn ich ſo ſpreche,““ entgegnete das Mäbchen, „„meine Mutter hatte Kunden in der vornehmen Welt, ſie gewöhnte mich daran, höflich zu ſein, und ſo nahm ich eine ſchlechte Gewohnheit an, ich weiß wohl, eine Ariſtokraten⸗Gewohnheit, aber was wollen Sie, Herr Sergent, ich kann ſie nicht los werden.““ „Es lag in dieſer mit einer zitternden Stimme ge⸗ gebenen Erwiederung ein unmerklicher Spott, den ich allein erkannte. Ich fragte mich, wer dieſe Frau ſein konnte. Es war unmöglich, das Räthſel zu löſen, und ich konnte nur mit Sicherheit annehmen, daß es nicht die Tochter einer Wäſcherin.“ „„Was mir geſchieht?““ fuhr ſie fort,„„Bürger Albert, hören Sie, was mir geſchieht. Denken Sie ſich, daß die Herrin des Hauſes ausgegangen war, daß ich wartete, um mein Geld in Empfang zu nehmen, bis ſie zurückkam. Ah! in gegenwärtiger Zeit braucht Jeder ſein Geld. Es iſt Nacht geworden, ich glaubte bei Tage nach Hauſe zu kommen, ich hatte meine Bürgerkarte nicht mitgenommen, ich ſiel mitten unter dieſe Herren, verzeihen Sie, ich will ſagen: unter dieſe Bürger, ſte verlangten meine Karte von mir, ich erwiederte ihnen, ich habe keine, ſie wollten mich nach dem Wachhauſe führen. Ich ſchrie, Sie liefen herbei, gerade ein Be⸗ kannter, da war ich beruhigt. Ich ſagte zu mir: da Herr Albert weiß, daß ich Solange heiße, da er weiß, daß ich die Tochter der Mutter Ledieu bin, ſo wird er für mich gut ſtehen, nicht wahr, Herr Albert?““ „„Gewiß, ich werde für Sie gut ſtehen und ſtehe für Sie.““ „Gut!““ ſagte der Anführer der Patrouille,„„und wer wird mir für Dich ſtehen, Herr Muscadin?““ 4) „„Danton. Iſt Dir das genehm? Iſt das ein guter Patriot?““ ¹) Zur Zeit der Rebolution ein Schmähwort, etwa gleichbedeutend mit: wohlriechendes Herrchen, Stutzer. 56 „„Ah!l wenn Danton für Dich ſteht, ſo iſt nichts zu ſagen.“ „„Wohl! es iſt Sitzungstag bei den Cordeliers; gehen wir dahin.““ „„Gehen wir dahin,“ ſagte der Sergent.„„Bür⸗ ger Sans⸗eulottes, vorwärts Marſch!““ „Der Club der Cordeliers verſammelte ſich in dem ehemaligen Kloſter der Cordeliers*), Rue de PObſer⸗ vance; in einem Augenblick waren wir dort. Vor der Thüre angelangt, riß ich ein Blatt aus meinem Porte⸗ feuille, ſchrieb ein paar Worte mit Bleiſtift darauf, übergab ſie dem Sergenten und forderte ihn auf, ſie Danton zu bringen, während wir in den Händen des Corporals und der Patrouille bleiben würden. „Der Sergent trat in den Club ein und kam mit Danton zurück. „„Wie!““ ſagte er zu mir,„„Du biſt es, den man verhaftet, Du, mein Freund, Du, der Freund von Ca⸗ mille, Du, einer der beſten Republikaner, die da leben. Ah! Bürger⸗Sergent,““ fügte er bei, indem er ſich an den Anführer der Sans ⸗eulottes wandte,„„ich ſtehe Dir für ihn. Genügt Dir das?““ „„Du ſtehſt für ihn; aber ſtehſt Du auch für ſie?““ erwiederte der hartnäckige Sergent. „„Für ſie? von wem ſprichſt Du?“ „„Von dieſer Frau, bei Gott!““ „„Für ihn, für ſie, für Alles, was ihn umgibt; biſt Du zufrieden?““ „„Ja, ich bin zufrieden, heſonders, daß ich Dich geſehen,““ antwortete der Sergent. „Ah! bei Gott! dieſes Vergnügen kannſt Du Dir gratis machen, ſchau' mich ganz nach Belieben an, während Du mich vor Dir haſt.““ „„Ich danke; fahre fort, wie Du dies thuſt, die *) Franziskaner. hts rs; ür⸗ em ſer⸗ der rte⸗ auf, ſie des mit man Ca⸗ ben. an ſtehe 2 ibt; Dich 57 Intereſſen des Volkes zu vertheidigen, und ſei unbe⸗ ſorgt, das Volk wird Dir dafür dankbar ſein.““ „„Oh! ja, darauf rechne ich!““ ſagte Danton. „Willſt Du mir einen Händedruck geben?““ fragte der Sergent. „„Warum nicht?““ „Und Danton gab ihm die Hand. Es lebe Danton!““ rief der Sergent. „„Es lebe Danton!““ wiederholte die ganze Pa⸗ trouille. „Und ſie entfernte ſich, geführt von ihrem Chef, der ſich nach zehn Schritten umwandte und ſeine rothe Mütze ſchwingend abermals rief:„Es lebe Danton!““ ein Ruf, der von ſeinen Leuten wiederholt wurde. „Ich wollte Danton danken, als ſein Name, im Innern des Clubs mehrere Male wiederholt, zu uns ge⸗ langte. Danton!““ ſchrieen mehrere Stimmen, „„auf die Tribune!““„Verzeih', mein Lieber,““ ſagte er zu mir,„„Du hörſt, einen Händedruck, und laß mich wieder hinein gehen. Ich habe dem Sergenten die Rechte gegeben, Dir gebe ich die Linke. Wer weiß? der würdige Patriot hatte vielleicht die Grätze.““ „Und er wandte ſich um und rief mit der mäch⸗ tigen Stimme, welche die Stürme der Straße erregte und beſchwichtigte:. „„Hier bin ich! hier bin ich! wartet auf mich.““ „Und er eilte in das Innere des Clubs. „Ich blieb allein vor der Thüre mit meiner Unbe⸗ kannten. „Nun, Madame,““ ſagte ich,„„wohin ſoll ich Sie führen? ich bin zu Ihren Befehlen.““ „„Ah! zu der Mutter Ledien,““ antwortete ſie „„Sie wiſſen wohl, daß dies meine Mutter i 2 4 „„Aber wo wohnt die Mutter Ledien?““ Rue Féron Nro. 24.““ 58 „„Gehen wir zur Mutter Ledieu, Rue Férou Nro. 24.““ „Wir gingen die Rue des Foſſes⸗Monſieur⸗le Prince bis zur Rue des⸗Foſſes⸗Saint⸗Germain, dann durch die Rue du Petit⸗Lion und über die Place Saint⸗ Sulpice in die Rue Férou. „Wir machten dieſen ganzen Weg, ohne daß ein Wort ausgetauſcht wurde. „Nur hatte ich ſie bei den Strahlen des Mondes, der in ſeinem ganzen Glanze leuchtete, nach Belieben anſchauen können. „Es war eine reizende Perſon von zwanzig bis zwei und zwanzig Jahren, brünet, mit großen⸗ blauen, mehr geiſtreichen als ſchwermüthigen, Augen, einer feinen geraden Naſe, ſpöttiſchen Lippen, Perlzähnen, Händen einer Königen, Füßen eines Kindes, was Alles, unter der gemeinen Tracht der Mutter Ledieu, ein ari⸗ ſtokratiſches Weſen beibehalten hatte, wodurch mit Recht die Empfindlichkeit des braven Sergenten und ſeiner kriegeriſchen Patrouille erregt worden war. „Als wir vor die Thüre kamen, blieben wir ſtehen und ſchauten einander einen Augenblick ſtillſchweigend an. „„Was wollen Sie von mir, mein lieber Herr Albert?““ fragte mich lächelnd meine Unbekannte. „„Ich wollte Ihnen ſagen, meine liebe Demviſelle Solange, es ſei nicht der Mühe werth geweſen, uns zu treffen, um uns ſo raſch wieder zu verlaſſen.““ „„Ich bitte Sie tauſendmal um Verzeihung, ich finde im Gegentheil, daß es ſehr der Mühe werth war, inſofern man mich, hätte ich Sie nicht getroffen, nach dem Wachhauſe geführt hätte, dann hätte man erkannt, vaß ich nicht die Tochter der Mutter Ledieu bin, man hätte entdeckt, daß ich eine Ariſtokratin, und würde mir wahrſcheinlich den Hals abgeſchnitten haben.““ „Sie geſtehen alſo, daß Sie eine Ariſtokratin ſind 2⁴. „„Ich geſtehe nichts 14 n 1, r 1 3, 1. er n rr le 59 „„Sagen Sie mir wenigſtens Ihren Namen?““ „„Solange.““ „„Sie wiſſen wohl, daß dieſer Name, den ich Ihnen auf Gerathewohl gegeben, nicht der Ihrige iſt.““ „„Gleichviel! ich liebe ihn und behalte ihn, wenig⸗ ſtens für Sie.““ „„Wozu brauchen Sie ihn zu behalten, wenn ich Sie nicht wiederſehen ſoll?““ „„Ich ſage das nicht. Ich ſage nur, es ſei, wenn wir uns wiederſehen, eben ſo unnöthig, daß Sie wiſ⸗ ſen, wie ich heiße, als ich, wie Sie heißen. Ich habe Sie Albert genannt; behalten Sie den Namen Albert, wie ich den Namen Solange behalte.““ „„Wohl! es ſei, doch hören Sie, Solange?““ ſagte ich zu ihr. „„Ich höre Sie, Albert,““ erwiederte ſie. „Sie ſind eine Ariſtokratin, wie Sie ſelbſt ge⸗ ſtehen?““ „„Wenn ich es nicht geſtände, ſo würden Sie es errathen, nicht wahr? ſomit verliert mein Geſtändniß viel von ſeinem Werth.““ „„Und in Ihrer Eigenſchaft als Ariſtokratin, wer⸗ den Sie verfolgt?““ „„Es iſt⸗ſo etwas.“ „„Und Sie verbergen ſich, um den Verfolgungen zu entgehen?““ „„Rue Férou Nro. 24, bei der Mutter Ledieu, deren Mann Kutſcher bei meinem Vater geweſen iſt. Sie ſehen, ich habe keine Geheimniſſe für Sie.““ „„Und Ihr Vater?““ „„Ich habe keine Geheimniſſe für Sie, mein lieber Herr Albert, ſo weit dieſelben mir gehören; doch die Geheimniſſe meines Vaters find nicht die meinigen. Mein Vater hält ſich verborgen, in Erwartung einer Gelegenheit, zu emigriren. Das iſt Alles, was ich Ihnen ſagen kann.““ Und Sie, was gedenken Sie zu thun?““ . 60 „„Mit meinem Vater abzureiſen, wenn es möglich iſt, wenn es nicht möglich iſt, ihn allein reiſen zu laſſen und ihm nachzufolgen.““ „„Und dieſen Abend, als Sie angehalten wurden, kamen Sie von Ihrem Vater zurück?““ „„Ich kam von ihm her.““ „„Hören Sie mich, liebe Solange.““ „„Ich höre.““ „„Sie haben wahrgenommen, was dieſen Abend vorgefallen iſt.“ „„Ja und das hat mir den Maßſtab von Ihrem Anſehen gegeben.““ „Oh! mein Anſehen iſt leider nicht groß, doch habe ich einige Freunde.““ 1 „„Ich lernte heute Abend einen von ihnen kennen. „„Und Sie wiſſen, daß dieſer keiner von den am mindeſten mächtigen Männern unſerer Zeiſt iſt.““ „„Gedenken Sie ſeinen Einfluß anzuwenden, um meinem Vater zur Flucht zu verhelfen?““ Nein, ich will dieſen Einfluß für Sie vorbe⸗ halten.““ „„Und für meinen Vater?““ „„Für Ihren Vater habe ich ein anderes Mittel.““ „„Sie haben ein anderes Mittel!““ rief Solange, indem ſie ſich meiner Hände bemächtigte und mich voll Angſt anſchaute. „„Werden Sie, wenn ich Ihren Vater rette, ein gutes Andenken für mich bewahren?““ „„Oh! ich werde Ihnen mein ganzes Leben dank⸗ bar ſein.““ „Dieſe Worte ſprach ſie mit einem anbetungswür⸗ digen Ausdruck im Voraus geſpendeter Dankbarkeit. „Dann ſchaute ſie mich an und fragte mit flehen⸗ dem Tone: S „„Doch wird Ihnen das genügen?““ „„Ja,““ antwortete ich. 3 F 4 e, U — * re n⸗ 61 „„Ah! ich täuſchte mich nicht, Sie ſind ein edles Herz. Ich danke Ihnen im Namen meines Vaters und in meinem Namen, und ſollte es Ihnen in Zukunft nicht gelingen, ſo bin ich darum doch nicht minder Ihre Schuldnerin für die Vergangenheit.““ „„Wann werden wir uns wiederſehen, Solange?““ „„Wann iſt es nothwendig, daß Sie mich wieder⸗ ſehen?““ „„Morgen hoffe ich Ihnen etwas Gutes mittheilen zu können.““. „„Wohl! ſo ſehen wir uns morgen wieder.““ „„Wo dies2““ „„Hier, wenn Sie wollen.““ „„Hier auf der Straße?““ „Eil mein Gott! Sie ſehen, daß das noch dasSicherſte iſt; ſeit einer halber Stunde ſprechen mir mit einan⸗ der, und nicht eine Perſon iſt vorübergekommen.““ „„Warum ſollte ich nicht zu Ihnen hinaufkommen, oder warum ſollten Sie nicht zu mir kommen?““ „„Weil Sie, wenn Sie zu mir kommen, die bra⸗ ven Leute gefährden, die mir ein Aſyl gegeben, weil ich, wenn ich zu Ihnen komme, Sie gefährde.““ „„Wohl! es ſei; ich nehme die Karte von einer meiner Verwandtinnen und gebe ſie Ihnen.““ „„Ja, damit Ihre Verwandtin guillotinirt wird, wenn man mich zufällig verhaftet.““ „„Sie haben Recht, ich bringe Ihnen eine Karte auf den Namen Solange.““ 6 Sie werden ſehen, daß am Ende olange mein einziger und wahrer Name ſein wird.““ „„Die Stunde?““ „Dieſelbe, zu der wir uns heute getroffen haben. Um zehn Uhr, wenn Sie wollen.““ „„Gut, um zehn Uhr. Und wie werben wir uns treffen?““ „„Ohl das iſt nicht ſehr ſchwierig, füf Minuten 62 vor zehn Uhr ſind Sie vor der Thüre, um zehn Uhr komme ich herab.“ „„Um zehn Uhr alſo, liebe Solange.““ „„Um zehn Uhr, lieber Albert.““ „Ich wollte ihr die Hand küſſen, ſie bot mir die Stirne. „Am andern Abend um halb zehn Uhr war ich auf der Straße. „Um drei Viertel auf zehn Uhr öffnete Solange die Thüre. „Jedes von uns war der Stunde zuvorgekommen. „Ich machte nur einen Sprung bis zu ihr. „„Ich ſehe, daß Sie gute Rachrichten haben,““ ſagte ſie lächelnd. „Vortreffliche; vor Allem hier Ihre Karte.““ „„Vor Allem mein Vater.““ „Und ſie ſchob meine Hand zurück. „„Ihr Vater iſt gerettet, wenn er will.““ „„Wenn er will, ſagen Sie? was muß er thun?““ „„Er muß Vertrauen zu mir haben.““ „„Das iſt ſchon abgemacht.““ „„Sie haben ihn geſehen?““ „„Ja.““ „„Sie haben ſich der Gefahr ausgeſetzt?““ „„Was wollen Sie? es muß ſein; doch Gott iſt da!““ „„Und Sie haben Ihrem Vater Alles geſagt?““ „„Ich habe ihm geſagt, daß Sie geſtern mein Le⸗ ben gerettet, und daß Sie ſein Leben vielleicht morgen retten werden.““ „„Morgen, ja, ganz richtig, morgen wenn er will, rette ich ihm das Leben.““ „Wie dies? ſprechen Sie, ſprechen Sie.““ „„Wie wunderbar wäre unſer Zuſammentreffen, wenn dies Alles gelänge! Nur...““ ſagte ich zögernd. „„Sie können nicht mit ihm abreiſen.““ hr die en. % 63 „„Was das betrifft, habe ich Ihnen nicht geſagt, mein Entſchluß ſei gefaßt?““ „„Uebrigens bin ich ſicher, daß ich ſpäter einen Paß für Sie hekommen werde.““ „„Sprechen wir zuerſt von meinem Vater, von mir hernach.““ „„Wohl! ſagte ich Ihnen nicht, ich habe Freunde?““ „„Ja.““ „„Ich habe heute einen beſucht.““ „„Weiter?““ „„Einen Mann, deſſen Name eine Bürgſchaft des Muthes, der Ehre und der Redlichkeit iſt. „„Und dieſer Name?““ „„Marceau.““ „„Der General Marceau?““ „„Ganz richtig.““ Sie haben Recht, hat dieſer verſprochen, ſo wird er halten.““ „„Wohl! er hat verſprochen.““ „„Mein Gott! wie glücklich machen Sie mich! Laſſen Sie hören, was hat er verſprochen?““ „„Er hat verſprochen, uns zu dienen.““ „„Wie dies?““ „„Auf eine ganz einfache Weiſe. Kleber hat ihn zum Obergeneral der Weſi⸗Armee ernannt. Er geht morgen Abend ab.““ „„Morgen Abend? wir werden nicht Zeit haben, Anſtalten zu treffen.““ „„Wir haben keine Anſtalten zu treffen.““ „„Ich begreife nicht.““ „„Er nimmt Ihren Vater mit.““ „„Meinen Vater!““ Ja, in der Eigenſchaft eines Secretaire. In der Vendée angelangt, verpfändet Ihr Vater Marceau ſein Wort, nicht gegen Frankreich zu dienen, und in einer Nacht erreicht er ein Vendöer Lager; von ber Vendée begibt er ſich in die Bretagne und nach England. Hat 64 er ſich in London niedergelaſſen, ſo benachrichtigt er Sie, ich verſchaffe Ihnen einen Paß, und Sie folgen ihm nach London.““ „Morgen!““ rief Solange,„„morgen würde mein Vater abreiſen!““ „„Aber es iſt keine Zeit zu verlieren.““ „„Mein Vater iſt nicht benachrichtigt.“ „„Thun Sie das.““ „„Heute Abend?““ Heute Abend.““ „Aber wie zu dieſer Stunde?““ „Sie beſitzen eine Karte und verfügen über mei⸗ nen Arm.““ „Sie haben Recht. Meine Karte.““ „Ich gab ſie ihr, ſie ſteckte ſie in ihre Bruſt. „„Nun Ihren Arm.““ „Ich reichte ihr meinen Arm, und wir entfernten uns.„ heißt bis zu dem Ort, wo ich ſie am Tage zuvor ge⸗ troffen hatte. „„Warten Sie hier auf mich,“ ſagte ſie zu mir. „Ich verbeugte mich und wartete. „Sie verſchwand an der Ecke des ehemaligen Hotel Matignonz nach Verlauf von einer Viertelſtunde er⸗ ſchien ſie wieder. „Kommen Sie,““ ſagte ſie,„„mein Vater will Sie ſehen und Ihnen danken⸗““ „Sie nahm abermals meinen Arm und führte mich „Wir gingen bis zur Place Taranne hinab, das nach der Rue Saint⸗Guillaume, dem Hotel Mortemart gegenüber. „Hier angelangt, zog ſie einen Schlüſſel aus ihrer Taſche, öffnete eine kleine Thüre, nahm mich bei der Hand, führte mich bis in den zweiten Stock und klopfte „Ein Mann von acht und vierzig bis fünfzig Jahren auf eine beſondere Weiſe. — —— S 8 28 8 w ſch kei ei⸗ ten das ge⸗ nir. otel er⸗ will mich nart hrer der pfte hren 65 öffnete die Thüre. Er war als Arheiter gekleidet und ſchien das Handwerk eines Buchbinders zu treiben. „Aber bei den erſten Worten, die er mir ſagte, bei dem erſten Dank, den er an mich richtete, hatte ſich der vornehme Mann verrathen. „„Mein Herr,““ ſprach er zu mir,„die Vorſeh⸗ ung ſchickt Sie uns und ich empfange Sie als einen Abgeſandten der Vorſehung. Iſt es wahr, daß Sie mich retten können, und beſonders, daß Sie mich retten wollen?““ „Ich erzählte ihm Alles, ich ſagte ihm, wie es Marceau übernähme, ihn in der Eigenſchaft eines Se⸗ eretaire mit ſich fortzuführen, und nichts Anderes von ihm verlange, als das Verſprechen, nicht die Waffen gegen Frankreich zu tragen. „„Dieſes Verſprechen leiſte ich Ihnen von ganzem Herzen, und werde es ihm wiederholen.““ Ich danke Ihnen in ſeinem Namen und in dem meinigen.““ „„Doch wann reiſt Marceau ab 2““ „„Morgen.““ „„Soll ich mich heute Nacht zu ihm begeben?““ „„Wann Sie wollen; er wird Sie immer er⸗ warten.““ „Der Vater und die Tochter ſchauten ſich an. „„Ich glaube, es wäre klüger, Sie würden ſich ſchon heute Abend zu ihm begeben,““ ſagte Solange. „„Gut. Doch wenn man mich anhält, habe ich keine Bürgerkarte.““ „„Hier iſt die meinige.““ „„Aber Sie?““ „„Oh! ich, ich bin bekannt.““ „„Wo wohnt Marceau 2““ „„Rue de Univerſits Nro. 40, bei ſeiner Schweſter, Fräulein Desgraviers⸗Marceau.““ „„Begleiten Sie mich dahin?““ Tauſend und ein Geſpenſt. 5 „Ich folge Ihnen hinten nach, um das Fräulein zurückführen zu fönnen, wenn Sie eingetreten ſind.““ „Und wie wird Marceau wiſſen, daß ich der Mann bin, von dem Sie mit ihm geſprochen haben?““ „Sie übergeben ihm dieſe dreifarbige Kokarde, das iſt das Erkennungszeichen.““ „„Was werde ich für meinen Befreier thun?““ Sie beauftragen ihn mit der Rettung Ihrer Tochter, wie ſie mich mit der Ihrigen beauftragt hat.““ „Vorwärts.“ Er nahm ſeinen Hut und löſchte die Lichter aus. „Wir ſtiegen beim Scheine eines Mondſtrahles, der vurch die Fenſter der Treppe drang, hinab. „Vor der Thüre nahm er den Arm ſeiner Tochter, zog ſich rechts, ging durch die Rue des Saint⸗Pores und erreichte die Rue de bUniverſité. „Ich folgte ihnen beſtändig auf zehn Schritte. „Man kam zu Nr. 40 ohne Jemand begegnet zu haben. „Ich näherte mich ihnen.. „Das iſt ein gutes Vorzeichen,““ ſagte ich;„ſoll ich Sie nun erwarten, vder mit Ihnen hinaufgehen?““ „„Nein, gefährden Sie ſich nicht weiter, erwarten Sie meine Tochter hier.““ „Ich verbeugte mich. ſagte er zu mir, indem er mir die Hand reichte.„„Die Sprache hat keine Worte, um die Gefühle zu überſetzen, die ich Ihnen gewidmet habe. Ich hoffe, Gott wird mich eines Tags in den Stand ſetzen, Ihnen meine ganze Dankbarkeit darzuthun.““ „Ich antwortete ihm durch einen einfachen Hän⸗ dedruck. 8 „Er trat ein; Solange folgte ihm. Doch ehe eeintrat, drückte ſie mir auch die Hand. „Nach zehn Minuten öffnete ſich die Thüre „„Nun?““ fragte ich. Noch einmal meinen Dank und Gott befohlen,““ 1 S—„ 5 8 er 1 te er, res zu ſoll ten 5 Die zen, vird nze än⸗ ſie der. 67 „„Ihr Freund iſt würdig, Ihr Freund zu ſein,““ antwortete ſie;„er hat jegliche Zartheit und begreift, daß ich mich glücklich fühlen werde, bei meinem Pater bis zum Augenblicke ſeiner Abreiſe zu bleiben. Seine Schweſter läßt mir ein Bett in ſeinem Zimmer berei⸗ ten. Morgen um drei Uhr Nachmittags wird mein Vater außer aller Gefahr ſein. Morgen um zehn Uhr Abends, wenn Sie glauben, daß ſich der Dank eines Mädchens, das Ihnen ſein Vater ſchuldig iſt, der Mühe lohne, holen Sie ihn in der Rue Férou ab.““ „„Oh! gewiß, ich werde kommen. Hat Ihnen Ihr Vater nichts für mich geſagt?““ „Er dankt Ihnen für Ihre Karte, die ich Ihnen hiemit zurückſtelle, und bittet Sie, mich ſo bald als mög⸗ lich zu ihm zu ſchicken.““ „„Das kann geſchehen, wann Sie wollen, So⸗ lange,““ erwiederte ich mit gepreßtem Herzen. „„Ich muß wenigſtens wiſſen, wo ich meinen Va⸗ ter aufzufinden habe,“ ſagte ſie. Dann fügte ſie lä⸗ chelnd bei:„Oh! Sie ſind noch nicht von mir be⸗ fteit. 5 „Ich nahm ihre Hand und preßte ſie an mein Herz, doch ſie bot mir wie am Tage zuvor ihre Stirne und ſprach:„Morgen.““ „Und indem ich meine Lippen auf ihre Stirne drückte, war es nicht allein ihre Hand, was ich an mein Herz preßte, ſondern ihre bebende Bruſt, ihr ſpringen⸗ des Herz. „Ich kehrte freudigen Gemüthes, wie ich es nie geweſen, nach Haus. War es die gute Handlung, die ich vollbracht, war es, daß ich das anbetungswürdige Geſchöpf ſchon liebte? „Ich weiß nicht, ob ich ſchlief oder ob ich wachte; ich weiß nur, daß alle Harmonien der Natur in mir ſangen; ich weiß, daß mir die Nacht entlos, der Tag unermeßlich vorkam; ich weiß, daß ich, indem ich die eit vor mir hertrieb, ſie hätte gern zurückhalten mö⸗ * 68 gen, um nicht eine Minute von den Tagen, die ich noch zu leben hatte, zu verlieren. „Am andern Abend um ueun Uhr war ich in der Rue Feérou. „Um halb zehn Uhr erſchien Solange.. „Sie kam auf mich zu und ſchlang ihre Arme um meinen Hals. Gerettet,“ ſagte ſie,„mein Vater iſt gerettet, und Ihnen verdanke ich ſeine Rettung!““ „„Oh! wie liebe ich Sie!““ „Vierzehn Tage nachher erhielt Solange einen Brief, der ihr verkundigte, ihr Vater ſei in England. „Am Tage darauf brachte ich ihr einen Paß. „Als ihn Solange empfing, zerfloß ſie in Thränen⸗ „„Sie lieben mich alſo nicht?““ ſagte ſie. „Ich liebe Sie mehr als mein Leben,““ antwor⸗ tete ich;„doch ich habe Ihrem Vater mein Wort verpfändet und muß vor Allem mein Wort halten.““ „So werde ich das meinige brechen,““ ſprach ſie. „„Haſt Du den Muth, mich abreiſen zu laſſen, Albert, ſo habe ich nicht den Muth, von Dir zu ſcheiden.““ „Ach! ſie blieb.“ Albert. Wie bei der erſten Unterbrechung der Erzählung von Herrn Ledru, trat einen Augenblick Stillſchweigen ein. Ein Stillſchweigen, das noch mehr geachtet wurde als das erſte Mal, denn man fühlte, daß man ſich dem Ende der Erzählung näherte, und Herr Ledru h geſagt, er werde vielleicht nicht die Kraft haben, Geſchichte zu endigen⸗ r⸗ rt ie. rt, g n. de m te ne 69 Doch alsbald fuhr er fort: „Es waren drei Monate ſeit dem Abend vergan⸗ gen, wo von der Abreiſe von Solange die Rede gewe⸗ ſen, und ſeit jenem Abend war kein Wort von Tren⸗ nung mehr geſprochen worden. „Solange hatte eine Wohnung in der Rue Taranne gewünſcht, ich hatte ſie unter dem Namen von Solange genommen; ich kannte keinen andern von ihr, wie ſie keinen andern von mir, als Albert, kannte. Ich hatte ſie in ein Mädchen⸗Inſtitut in der Eigenſchaft einer Unterlehrerin gebracht, und zwar, um ſie ſicherer den Nachforſchungen der Revolutions⸗Polizei zu entziehen, welche thätiger als je geworden war. Die Sonntage und die Donnerſtage brachten wir mit einander in der kleinen Wohnung in der Rue Tarranne zu: vom Fenſter des Schlafzimmers aus ſahen wir den Platz, wo wir uns zuerſt getroffen. Jeden Tag empfin⸗ gen wir einen Brief, ſie unter dem Namen von So⸗ lange, ich unter dem Namen Albert. „Dieſe drei Monate waren die glücklichſten meines Lebens. „Ich hatte indeſſen noch nicht auf den Plan ver⸗ zichtet, der ſich in mir in Folge meiner Unterredung mit dem Henkersknecht gebildet. „Auf meine Bitte erhielt ich die Erlaubniß, Ver⸗ ſuche über die Fortdauer des Lebens nach der Hin⸗ richtung zu machen, und dieſe Verſuche bewieſen mir, der Schmerz überlebe die Hinrichtung und müſſe furcht⸗ bar ſein.“ „Ah! das iſt es gerade, was ich leugne,“ rief der Doctor. „Werden Sie leugnen, daß das Meſſer den em⸗ pfindlichſten Theil unſeres Körpers trifft, der Nerven wegen, die hier vereinigt ſind? Werden Sie leugnen, daß der Hals alle Nerven der oberen Glieder enthält: den ſympathetiſchen, den Vagus, den Phremius, das Rückenmark endlich, das gerade die Quelle der Nerven 70 iſt, die den untern Gliedern angehören. Werden Sie leugnen, daß das Zerbrechen oder das Zerquetſchen der knochigen Wirbelſäule einen der gräßlichſten Schmerzen hervorbringt, die zu empfinden einem menſchlichen Ge⸗ ſchöpfe gegeben iſt?“ „Gut,“ verſetzte der Doctor,„doch dieſer Schmerz dauert nur einige Secunden.“ „Oh! das leugne ich ebenfalls,“ rief Herr Ledru mit einer tiefen Ueberzeugung;„und dann, dauerte er auch nur ein paar Secunden, ſo bleiben doch während dieſen paar Secunden das Gefühl, die Perſön⸗ lichkeit, das Ich, lebendig; der Kopf hört, fieht, fühlt und beurtheilt die Trennung ſeines Seins, und wer vermag zu ſagen, ob die kurze Dauer des Leidens die gräßliche Intenſität dieſes Leidens ausgleichen kann.“ „Ihrer Anſicht nach war ſomit das Decret der conſtituirenden Verſammlung, das die Guillotine an die Stelle des Galgens geſetzt hat, ein philanthropiſcher Irrthum und es war beſſer, gehenkt, als enthauptet zu werden?“ „Ohne allen Zweifel, Viele wurden gehenkt oder haben ſich gehenkt, die ins Leben zurückkehrten. Dieſe konnten die Empfindung ſagen, die ſie an ſich erlebt haben. Es iſt die eines Schlagfluſſes, das heißt eines tiefen Schlafes ohne irgend einen beſondern Schmerz, ohne ein Gefühl von Bangigkeit, eine Art von Flamme, die vor den Augen ſpringt, und die allmälig ſich in blaue Farbe verwandelt, dann in Dunkelheit, wenn man in Ohnmacht fällt. Wahrhaftig, Doctor, das wiſſen Sie beſſer als ich. Der Menſch, dem man das Gehirn mit dem Finger an einer Stelle niederdrückt, wo ein Stück Schädel fehlt, dieſer Menſch empfindet keinen Schmorz, er entſchläft nur. Wohl denn! die⸗ ſelbe Erſcheinung kommt vor, wenn das Gehirn durch eine Anhäufung des Blutes zuſammengedrückt wird, bei dem Gehenkten aber häuft ſich das Blut an, einmal ie der en e⸗ r er end ht, ind ens en der die her der ieſe lebt nes erz/ me, in enn das das ickt, det die⸗ urch bei mal 7¹ weil es in das Gehirn durch die Wirbelarterien eintritt, welche, durch die Knochenkanäle des Halſes laufend, nicht zuſammengepreßt werden können, ſodann, weil es, wenn es durch die Halsadern zurückzufließen verſucht, ſich durch das Band aufgehalten findet, das den Hals und die Adern umſchlingt.“ „Es mag ſein,“ erwiederte der Doctor,„doch keh⸗ ren wir zu den Experimenten zurück. Es drängt mich, zu dem berüchtigten Kopf zu kommen, der geſprochen hat.“ Ich glaubte etwas wie einen Seufzer der Bruſt des Herrn Ledru entſchlüpfen zu hören. Sein Geſicht zu ſehen, war unmöglich, denn es herrſchte völlige Nacht. „Ja,“ ſagte er,„ich entferne mich von meiner Hauptſache: kommen wir zu meinen Verſuchen zurück.“ „Leider fehlte es nicht an Gegenſtänden. „Die Hinrichtungen waren eben im ſtärkſten Zug, man guillotinirte dreißig bis vierzig Perſonen im Tage und es floß eine ſolche Menge Blutes auf dem Revo⸗ lutionsplatz, daß man genöthigt geweſen war, um das Schaffot einen Graben von drei Fuß Tiefe zu machen. „Dieſer Graben war mit Brettern bedeckt. „Eines von den Brettern ſchlug unter den Füßen eines Kindes von acht bis zehn Jahren um, das in die häßliche Grube fiel und darin ertrank. „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich mich wohl hütete, Solange zu ſagen, womit ich meine Zeit an dem Tag, wo ich ſie nicht ſah, zubrachte; übrigens muß ich geſtehen, daß ich Anfangs einen ſo heftigen Widerwil⸗ len gegen dieſe armen menſchlichen Trümmer empfand, daß ich über den Nachſchmerz erſchrack, den vielleicht— meine Verſuche der Hinrichtung beifügten. Endlich aber ſagte ich mir, die Studien, welche ich vornahm, werden zum Nutzen der ganzen Menſchheit gemacht, in Betracht, daß, wenn es mir gelänge, meine Ueberzeu⸗ gung einen Verein von Geſetzgebern theilen zu machen, 72 ich vielleicht die Aufhebung der Todesſtrafe bewerkſtelli⸗ gen könnte. „Je nachdem meine Verſuche Reſultate lieferten, zeichnete ich ſie in einer Denkſchrift auf. „Nach Verlauf von zwei Monaten hatte ich über die Fortdauer des Lebens nach der Hinrichtung alle Verſuche gemacht, die man nur immer machen kann. Ich beſchloß, dieſe Verſuche, wenn es möglich wäre, mit Hülfe des Galvanismus und der Electricität noch weiter zu treiben. „Man überließ mir den Kirchhof von Clamart und ſtellte zu meiner Verfügung alle Köpfe und alle Leiber der Hingerichteten. „Man hatte für mich in ein Laboratorium eine kleine Kapelle verwandelt, welche in der Ecke des Friedhofes ſtand. Sie wiſſen, daß man, nachdem man die Könige aus ihren Paläſten verjagt hatte, Gott aus ſeinen Kit⸗ chen verjagte. „Ich hatte da eine Electrifirmaſchine und drei bis vier von den Inſtrumenten, die man Auslader nennt. „Gegen fünf Uhr kam die furchtbare Fuhre; die Leiber lagen durcheinander in dem Karren, die Köpfe durcheinander in einem Sack. „Ich nahm auf den Zufall einen oder zwei Köpfe und einen oder zwei Leiber; man warf das Uebrige in die gemeinſchaftliche Grube. „Am andern Tag wurden die Köpfe und die Leiber, an denen ich am Abend experimentirt hatte, der Fuhre vom Tag beigefügt. „Beinahe immer half mir mein Bruder bei dieſen Verſuchen. „Mitten unter allen dieſen Berührungen mit dem Tode nahm meine Liebe für Solange jeden Tag zu. Seinerſeits liebte mich das arme Kind mit allen Kräften ſeines Herzens. „Sehr oft dachte ich daran, ſie zu meiner Frau zu machen, ſehr oft ermaßen wir das Glück einer ſol⸗ lli⸗ en, ber ille nn. re, och art lle ine fes ige ir⸗ bis ie F fe er, re mit en nit au ol⸗ 73 chen Verbindung; aber um meine Frau zu werden, mußte ſie ihren Namen ſagen, und ihr Name, welcher der eines Emigrirten, eines Ariſtokraten, eines Geäch⸗ teten war, trug den Tod mit ſich. „Ihr Vater ſchrieb ihr mehrere Male, um ihre Abreiſe zu beſchleunigen, doch ſie erzählte ihm unſere Liebe. Sie bat ihn um ſeine Einwilligung zu unſerer Heirath und er gab ſie; auf dieſer Seite ging alſo Alles gut. „Unter allen dieſen furchtbaren Prozeſſen hatte uns indeſſen ein Prozeß, der gräßlicher als die andern, tief betrübt. „Es war dies der Prozeß der Königin Marie An⸗ toinette. „Am 4. Oktober begonnen, wurde dieſer Prozeß mit der größten Thätigkeit fortgeführt: am 14. Oktober erſchien ſie vor dem Revolutions⸗Tribunal, am 16. um 4 Uhr Morgens wurde ſie verurtheilt und um eilf Uhr deſſelben Tages beſtieg ſie das Schaffot. „Am Morgen erhielt ich einen Brief von Solange, die mir ſchrieb, ſie wolle einen ſolchen Tag nicht *vorübergehen laſſen, ohne mich zu ſehen. „Ich kam gegen zwei Uhr in unſere kleine Wohnung in der Rue Taranne und ich fand Solange ganz in Thränen. Ich ſelbſt war gewaltig angegriffen von dieſer Hinrichtung. Die Königin war in meiner Ju⸗ gend ſo gut gegen mich geweſen, daß ich ein tiefes für dieſe Güte in meinem Innern bewahrt atte. „Ohl! ich werde mich ſtets dieſes Tages erinnern, es war ein Mittwoch und es herrſchte in Paris an die⸗ ſem Tage mehr als Traurigkeit, es herrſchte Schrecken. „Ich für meine Perſon empfand eine ſeltſame Ent⸗ muthigung, etwas wie die Ahnung eines großen Unglücks. Ich wollte es verſuchen, Solange, die in meinen Armen weinte, ihre Kräfte wiederzugeben, und es gebrach 74 mir an den tröſtenden Worten, weil der Troſt nicht in meinem Herzen war. „Wir brachten wie gewöhnlich die Nacht mit ein⸗ ander zu; unſere Nacht war noch trauriger, als unſer Tag. Ich erinnerte mich, daß ein in einem Zimmer uns eingeſchloſſener Hund bis zwei Uhr Morgens eulte. „Am andern Tage erkundigten wir uns; ſein Herr war ansgegangen und hatte den Schlüſſel mitgenom⸗ men; auf der Straße hatte man ihn verhaftet und vor das Revolutions⸗Tribunal geführt; um drei Uhr ver⸗ urtheilt, war er um vier Uhr hingerichtet worden. „Wir mußten uns trennen; die Lectionen von Solange begannen um neun Uhr Morgens. Ihr Pen⸗ ſionnat lag bei dem Pflanzengarten. Ich zögerte lange, ſie gehen zu laſſen. Sie ſelbſt konnte ſich nicht ent⸗ ſchließen, von mir zu ſcheiden. Aber zwei Tage aus⸗ wärts bleiben hieß ſich in der Lage von Solange ſtets ſehr gefährlichen Nachforſchungen ausſetzen. „Ich ließ einen Wagen kommen und begleitete ſie bis an die Ecke der Rue des Foſſés⸗Saint⸗Bernard; hier ſtieg ich aus, um ſie allein weiter fahren zu laſſen. Auf dem ganzen Wege hatten wir uns umarmt gehal⸗ ten, ohne ein Wort zu ſprechen, wir hatten unſere Thrã⸗ nen vermiſcht, welche bis auf unſere Lippen floßen, wir hatten ihre Bitterkeit mit der Süßigkeit unſerer Küſſe vermiſcht. „Ich ſtieg aus dem Fiacre, ſtatt aber weiter zu gehen, blieb ich an dieſelbe Stelle genagelt, um noch länger den Wagen zu ſehen, der ſie fortführte. Nach zwanzig Schritten hielt der Wagen an, Solange beugte ihren Kopf durch den Kutſchenſchlag heraus, als ob ſie errathen hätte, ich ſei noch da. Ich lief zu ihr, ich ſtieg wieder in den Figere und machte die Fenſter zu⸗ Ich drückte ſie noch einmal in meine Arme. Doch es ſchlug neun Uhr auf Saint⸗Etienne⸗du⸗Mont. Ich trocknete ihre Thränen, ich ſchloß ihre Lippen mit —„ — 75 einem dreifachen Kuß, ſprang aus dem Wagen und lief weg. „Es kam mir vor, als riefe mich Solange zurück, doch alle dieſe Thränen, alle dieſe Zögerungen konnten bemerkt werden. „Ich kehrte in Verzweiflung nach Hauſe. Den Tag brachte ich damit zu, daß ich an Solange ſchrieb, am Abend ſchickte ich ihr einen Band. „Ich hatte eben meinen Brief auf die Poſt gewor⸗ fen, als ich auch einen von ihr erhielt. „Sie war ſehr geſcholten worden; man hatte eine Menge Fragen an ſie gerichtet und ſie bedroht, man werde ihr ihren nächſten Ausgang entziehen. „Ihr nächſter Ausgang war am folgenden Sonn⸗ tag; doch Solange ſchwur mir, ſie würde mich an die⸗ ſem Tag in jedem Fall ſehen. „Ich ſchwur es ihr auch; es kam mir vor, als müßte ich, ſähe ich ſie ſieben Tage nicht, was geſchehen würde, wenn ſie ihren nächſten Ausgang nicht benützte, ein Narr werden. „Dies um ſo mehr, als Solange einige Unruhe ausdrückte; denn ein Brief von ihrem Vater, den ſie bei ihrer Rückkehr in die Penſion traf, ſchien ihr er⸗ brochen worden zu ſein. „Ich brachte eine ſchlimme Nacht zu, und darauf einen noch viel ſchlimmeren Tag. Ich ſchrieb wie ge⸗ wöhnlich an Solange, und da es mein Tag für die Ver⸗ ſuche war, ſo ging ich gegen drei Uhr zu meinem Bru⸗ der, um ihn mit mir nach Clamart zu nehmen. „Mein Bruder war nicht zu Hauſe, und ſo begab ich mich allein dahin. „Es herrſchte ein abſcheuliches Wetter; troſtlos zer⸗ floß die Natur in Regen, in jenem kalten, ſtrömenden Regen, der den Winter verkündigt. Meinen ganzen Weg entlang hörte ich die öffentlichen Ausrufer mit heiſerer Stimme die Liſte der Verurtheilten des Ta⸗ ges heulen; ſie war groß, und es fanden ſich darauf 76 Männer, Frauen und Kinder. Die blutige Ernte fiel reichlich aus und es ſollte mir nicht an Gegenſtänden für die Sitzung fehlen, die ich am Abend halten wollte. „Die Tage endigten frühzeitig. Um vier Uhr kam ich nach Clamart; es war beinahe Nacht. „Der Anblick dieſes Friedhofes mit ſeinen weiten, friſch umgeſchaufelten Gräbern, mit ſeinen ſpärlichen, im Winde wie Todtengebeine Klappernden Bäumen war düſter und beinahe häßlich. „Alles, was nicht umgegrabene Erde, war Gras, Diſteln oder Neſſeln. Jeden Tag überwältigte die um⸗ gegrabene Erde einen Theil der grünen Erde. „Unter allen dieſen Umwälzungen des Bodens gähnte die Grube des Tages und erwartete ihre Beute; man hatte den ſtarken Zuwachs an Verurtheilten vorherge⸗ ſehen und die Grube war größer als gewöhnlich. Der ganze Grund war voll Waſſer; arme, nackte, kalte Leich⸗ name, die man in dieſes Waſſer, das ſo kalt wie ſie, werfen ſollte! „Als ich an die Grube kam, glitſchte mein Fuß aus, und ich wäre beinahe hineingefallen. Meine Haare ſträubten ſich. Ich war benetzt, es ſchauerte mich und ich ging nach meinem Laboratorium. „Es war dies, wie geſagt, eine ehemalige Kapellez ich ſuchte mit den Augen; warum ſuchte ich? das weiß ich nicht. Ich ſuchte mit den Augen, ob an der Wand oder auf dem, was der Altar geweſen, noch ein Merk⸗ mal vom Gottesdienſt übrig wäre; die Wand war nackt, der Altar kahl. An dem Platz, wo einſt das Taberna⸗ kel, das heißt Gott, das heißt das Leben war, lag ein ſeines Fleiſches und ſeiner Haare beraubter Schädel, das heißt der Tod, das heißt die Vernichtung. „Ich zündete mein Licht an, ſtellte ſie auf mei⸗ nen Erperimententiſch, der ganz mit jenen Werkzeugen von ſeltſamer Form, die ich ſelbſt erfunden, beladen war, und ſetzte mich, von was träumend? von der armen Königin, die ich einſt ſo ſchön, ſo glücklich, ſo geliebt — iel en te. m n, en, ar s, m⸗ nte an 3e er ch⸗ ſie, uß re nd le; eiß nd rk⸗ kt, a⸗ in el, ei⸗ zen ar, ten bt 77 geſehen, die am Tage vorher, verfolgt von den Ver⸗ wünſchungen eines ganzen Volkes, im Karren nach dem Schaffot geführt worden war, und die zu dieſer Stunde, das Haupt vom Rumpfe getrennt, im Sarge der Armen ſchlief, ſie, die unter dem Täfelwerk der Tuilerien, von Verſailles, von Saint⸗Clond geſchlafen hatte. „Während ich mich in bieſe düſteren Betrachtungen verſenkte, verdoppelte ſich der Regen, der Wind zog in heftigen Stößen vorüber und warf ſeine finſtern Kla⸗ gen unter die Zweige der Bäume, unter die Stängel der Kräuter, die er beben machte. „Mit dieſem Geräuſch vermiſchte ſich bald etwas wie ein unheimliches Rollen des Donners, nur erſcholl dieſer Donner, ſtatt in den Wolken zu hallen, auf dem Boden, der unter ihm zitterte. „Es war das Rollen des rothen Karren; er kam vom Revolutionsplatze zurück und fuhr in Clamart ein. „Die Thüre der kleinen Kapelle öffnete ſich und zwei Männer traten, von Waſſer triefend, mit einem Sack ein. „Der Eine von ihnen war derſelbe Legros, den ich n geſehen, der Andere war ein Todten⸗ gräber. „„Sehen Sie, Herr Ledru,““ ſagte der Henkers⸗ knecht zu mir,„„hier iſt Ihre Sache; Sie brauchen ſich heute Abend nicht zu beeilen; wir laſſen Ihnen den ganzen Lumpenkram, morgen begraben wir ſie; es wird Tag ſein, und ſie werden den Schnupfen nicht dadurch e daß ſie die Nacht in freier Luft zugebracht aben.““ „Und unter einem häßlichen Gelächter legten dieſe zwei Pfründner des Todes ihren Sack in die Ecke neben den ehemaligen Altar links vor mir. „Dann gingen ſie hinaus, ohne die Thüre zu ſchlie⸗ ßen, die an ihr Geſimſe zu ſchlagen anfing und Wind⸗ ſtöße durchließ; dieſe Windſtöße machten die Flamme 78 meines Lichtes ſchwanken, das bleich und gleichſam ſter⸗ bend an ſeinem geſchwärzten Dochte hinaufſtieg. „Ich hörte ſie das Pferd ausſpannen, den Kirch⸗ hof ſchließen und, den Karren voll von Leichnamen zu⸗ rücklaſſend, hinweggehen. „Ich hatte große Luſt, mit ihnen zu gehen; aber ich weiß nicht, warum mich etwas ganz ſchauernd an meinem Platze zurückhielt. Ich hatte ſicherlich keine Angſt, doch das Geräuſch dieſes Windes, das Peitſchen dieſes Regens, das Krachen dieſer ſich krümmenden Bäume, das Pfeifen dieſer Luft, die mein Licht zittern machte, ſchüttelten auf mein Haupt eine unbeſtimmte Bangigkeit, die ſich von der feuchten Wurzel meiner Haare durch meinen ganzen Körper verbreitete. „Plötzlich kam es mir vor, als ſpräche eine ſanfte und zugleich klägliche Stimme, eine Stimme, die vom Umkreis der Kapelle ſelbſt herkam, den Namen Albert aus. „Oh! wie bebte ich! Albert!. eine einzige Perſon in der Welt nannte mich ſo. „Meine irren Augen machten langſam die Runde in der kleinen Kapelle, deren Wände zu beleuchten, ſo eng ſie auch war, mein Licht nicht genügte, und hefte⸗ ten ſich auf den in der Ecke des Altars ſtehenden Sack, deſſen blutige, höckerige Leinwand ſeinen unſeligen In⸗ halt bezeichnete. „In dem Moment, wo ſich meine Augen auf den Sack hefteten, wiederholte dieſelbe Stimme, doch noch ſchwächer, noch kläglicher denſelben Namen: „„Albert!““ „Ich erhob mich, kalt vor Schrecken; dieſe Stimme ſchien aus dem Innern des Sackes zu kommen. „Ich betrachtete mich, um zu erforſchen, ob ich ſchliefe oder ob ich wach wäre; dann wandte ich mich, ſteif einherſchreitend wie ein Mann von Stein, die Arme ausgeſtreckt, nach dem Sack, in den ich eine von meinen Händen tauchte. die lan ine en en rn me ch, die on 79 „Da kam es mir vor, als drückten ſich noch warme Lippen auf meine Hand. „Ich hatte den Grad des Schreckens erreicht, wo uns das Uebermaß des Schreckens ſelbſt den Muth wie⸗ derverleiht. Ich nahm dieſen Kopf, kehrte zu meinem Lehnſtuhl zurück, in den ich niederſank, und ſtellte ihn auf den Tiſch. „Oh! ich ſtieß einen furchtbaren Schrei aus. Der Kopf, deſſen Lippen noch lau zu ſein ſchienen, deſſen Augen halb geſchloſſen, war der Kopf von Solange! „Ich glaubte wahnſinnig zu werden und ſchrie dreimal: „„Solange! Solange! Solange!““ „Beim dritten Mal öffneten ſich die Augen wieder, ſchauten mich an, ließen zwei Thränen fallen, ſtröm⸗ ten dann eine feuchte Flamme aus, als ob die Seele nfe und ſchloßen ſich wieder, um ſich nie mehr zu öffnen. „Ich erhob mich, verrückt, wahnfinnig, wüthend; ich wollte fliehen, doch indem ich uufſtand, hing ſich der Flügel meines Rockes an meinem Tiſch an; der Tiſch fiel, das Licht erloſch, der Kopf rollte, mich ſelbſt ganz beſinnungslos niederziehend. Als ich auf der Erde lag, ſchien es mir, dieſer Kopf gleite auf dem Abhang der Platten gegen den meinigen; ſeine Lippen berühr⸗ ten meine Lippen, ein eiſiger Schauer durchlief meinen ganzen Körper, ich ſtieß einen Seufzer aus und wurde ohnmächtig. „Um ſechs Uhr Morgens fand mich der Todten⸗ gräber ſo kalt als die Platte, auf der ich lag. „Durch den Brief ihres Vaters erkannt, war So⸗ lange an demſelben Tag verhaftet, an demſelben Tag verurtheilt und an demſelben Tag hingerichtet worden. „Dieſer Kopf, der mit mir geſprochen, dieſe Augen, die mich angeſchaut, dieſe Lippen, die meine Lippen ge⸗ küßt, waren die Lippen, die Augen, der Kopf von So⸗ lange. 5 8⁰ „Sie wiſſen, Lenoir,“ fuhr Herr Ledru fort, in⸗ dem er ſich an den Chevalier wandte,„ich wäre damals beinahe geſtorben.“ Die Katze, der Gerichtsbote und das Skelett. Die durch die Erzählung des Herrn Ledru hervor⸗ gebrachte Wirkung war furchtbar; keiner von uns dachte daran, ſich gegen dieſen Eindruck zu ſträuben, nicht einmal der Doctor. Von Herrn Ledru angerufen, ant⸗ wortete der Chevalier Lenoir nur durch ein Zeichen mit dem Kopf; die bleiche Dame, die ſich einen Augen⸗ blick auf ihrem Canapé erhoben hatte, ſank wieder auf ihre Kiſſen zurück und gab nur durch einen Seuf⸗ zer ein Zeichen des Daſeins von ſich; der Polizei⸗Com⸗ miſſär, der in dem allem keinen Stoff zum Protokolli⸗ ren ſah, ſprach keine Sylbe. Ich meines Theils zeich⸗ nete alle einzelnen Umſtände der Kataſtrophe in meinem Geiſte auf, um ſie wiederzufinden, wenn es mir eines Tags ſie zu erzählen gefiele; was aber Alliette und den Abbé Moulle betrifft, ſo ſtand das Abenteuer zu ſehr im Einklang mit ihren Ideen, als daß ſie daſſelbe zu bekämpfen verſucht haben ſollten. Im Gegentheil, der Abbé Moulle brach zuerſt das Stillſchweigen und ſagte, gewiſſerm aßen die allgemeine Meinung zuſammenfaſſend: „Ich glaube vollkommen an das, was Sie uns er⸗ zählt haben, mein lieber Ledru; voch wie erklären Sie dieſe Thatſache, wie man in der materiellen Sprache ſagt?“ „Ich erkläre ſie mir nicht,“ erwiederte Herr Ledrn, „ich erzähle ſie nur.“ „Ja, wie erklären Sie ſich dieſelbe?“ fragte der Doetor,„denn was auch die Fortdauer des Lebens ſein in⸗ nals t. vor⸗ chte icht ant⸗ chen en⸗ eder euf⸗ om⸗ lli⸗ ich⸗ nem nes und zu elbe das ine er⸗ Sie llen ru, der ſein 81¹ mag, Sie nehmen doch nicht an, nach Verlauf von zue Fben ſpreche, ſchaue, handle ein abgeſchlagener Kop 2“ „Wenn ich es mir erklärt hätte, mein lieber Doc⸗ tor, ſo würde ich nicht in Folge dieſes Ereigniſſes eine ſo furchtbare Krankheit durchgemacht haben.“ „Aber, Doctor,“ ſagte der Chevalier Lenvir,„wie erklären Sie ſich ſelbſt die Erſcheinung? denn Sie nehmen nicht an, Herr Ledru habe uns eine zum Ver⸗ gnügen erfundene Geſchichte erzählt; ſeine Krankheit iſt auch eine materielle Thatſache.“ „Bei Gott! eine ſchöne Aufgabe! Durch eine Sinnentäuſchung glaubte Herr Ledru zu ſehen, glaubte Herr Ledru zu hören; das iſt für ihn gerade, als ob er geſehen, als ob er gehört hätte. Die Organe, welche die Vorſtellung in das Senſorium, das heißt in das Gehirn befördern, können durch die Umſtände, welche auf ſie influiren, geſtört werden; in dieſem Fall verwirren ſie ſich, und indem ſie ſich verwirren, über⸗ tragen ſie falſche Vorſtellungen: man glaubt zu hören, und hört; man glaubt zu ſehen, und man ſieht. Die Kälte, der Regen, die Dunfelheit hatten die Organe von Herrn Ledru verwirrt, das iſt das Ganze. Der Narr ſieht und hört auch, was er zu ſehen und zu hö⸗ ren glaubt; die Hallucination Miſt eine augenblickliche Verrücktheit; man behält die Erinnerung davon, wenn ſie verſchwunden iſt.“ „Aher wenn ſie nicht verſchwindet 2“ fragte der Abbé Moulle. „Nun dann gehört die Krankheit in die Claſſe der unheilbaren Krankheiten und man ſtirbt daran.“ „Haben Sie zuweilen ſolche Krankheiten behandelt, vetor?“ 3 Sinnentäuſchung. Tauſend und ein Geſpenſt. 6 82 „Nein, aber ich habe einige Aerzte gekannt, die ſie d behandelt, und unter Anderem einen engliſchen Doctor, t der Walter Scott auf ſeiner Reiſe in Frankreich be⸗ gleitete.⸗ b „Und dieſer erzählte Ihnen 24 a „Etwas, was dem ähnlich, wovon uns unſer Wirth ri erzählt hat, etwas vielleicht noch Außerordentlicheres.“ „Und was Sie ſich durch die materielle Seite er⸗ klären?“ fragte der Abbé Moulle. „Natürlich.“ S „Und was Ihnen der engliſche Doctor erzählt hat, E können Sie uns nicht wiedererzählen?“ tr „Doch wohl.“ „Ah! ſo erzählen Sie, Doctor, ſo erzählen Sie.“ ſia „Muß es ſein?“ „Allerdings,“ rief die ganze Geſellſchaft. „Gut. Der Doctor, der Walter Scott in Frank⸗ ſtö reich begleitete, hieß Sympſon: es war einer der aus⸗ gezeichnetſten Männer der Fakultät von Edinburg und ſetz er ſtand folglich mit den bedeutendſten Perſonen der Stadt in Verbindung.„ „Unter der Zahl dieſer Perſonen war ein Richter wel beim Tribunal, deſſen Namen er mir nicht genannt hat. Der Name war das einzige Geheimniß, das er Sie zu bewahren für geeignet erachtete. wut „Dieſer Richter, den er gewöhnlich als Arzt be⸗ handelte, nahm ohne eine ſcheinbare Zerſtörung der ich Geſundheit ſichtbar ab: eine düſtere Schwermuth hatte Aug ſich ſeiner bemächtigt. Seine Familie fragte bei ver⸗ nich ſchiedenen Gelegenheiten den Doctor, und der Doctor häu befragte ſeinerſeits ſeinen Freund, ohne etwas Anderes der aus ihm herauszubringen, als unbeſtimmte Antworten, mick die nur des Arztes Unruhe ſteigerten und ihm bewieſen, erkl daß ein Geheimniß exiſtirte, das der Kranke aber nicht müf ſagen wolle. 2 ſchw „Eines Tages endlich bat der Doctor Sympſo geſa ſeinen Freund ſo dringlich, ihm zu geſtehen, er ſei krank⸗, ſie tor, be⸗ irth es.“ er⸗ hat, ie. ank⸗ us⸗ und der hter nnt er be⸗ der atte ver⸗ etor res ten, ſen⸗ icht ſon nt⸗ 83 daß ihn dieſer bei den Händen nahm und mit einem traurigen Lächeln erwiederte: „„Nun wohl! ja,““ ſagte er,„„ich bin krank, lie⸗ ber Doctor, und meine Krankheit iſt um ſo unheilbarer, ganz und gar auf meiner Einbildungskraft be⸗ ruh 4 „„Wie, auf Ihrer Einbildungskraft?““ „„Ja, ich werde ein Narr.““ „„Sie werden ein Narr! und in welcher Hinſicht? Sie haben einen hellen Blick und eine ruhige Stimme.““ Er nahm ihn hei der Hand.„„Der Puls iſt vor⸗ trefflich.““ „„Das iſt gerade das Bedenkliche bei meinem Zu⸗ ſtand, lieber Doctor, daß ich ihn ſehe und beurtheile.““ „„Aber worin beſteht denn Ihre Narrheit?““ „„Schließen Sie die Thüre, daß man uns nicht ſtört, und ich will es Ihnen ſagen.““ „Der Doctor ſchloß die Thüre, kam zurück und ſetzte ſich zu ſeinem Freund.“ „„Erinnern Sie ſich,“ ſagte der Richter zu ihm, „„erinnern Sie ſich des letzten Criminalprozeſſes, bei welchem ich ein Urtheil zu fällen berufen war?““ „„Jaz über einen ſchottiſchen Banditen, welchen Sie zum Strange verurtheilten, und der auch gehenkt wurde.““ „„Ganz richtig. Wohl! in dem Augenblick, wo ich dieſen Spruch fällte, zuckte eine Flamme aus ſeinen Augen, und er wies mir drohend die Fauſt. Ich gab nicht darauf Acht. Dergleichen Drohungen kommen häuſig bei den Verurtheilten vor. Doch am Tage nach der Hinrichtung erſchien der Henker bei mir; er bat mich hemüthig wegen ſeines Beſuches um Verzeihung, erklärte mir aber, er habe mir Eines mittheilen zu müſſen geglaubt: der Bandit war, eine Art von Be⸗ ſchwörung gegen mich ausſprechend, geſtorben, und hatte geſagt, am andern Tag um ſechs Uhr, zur Stunde, wo 84 er hingerichtet worden, würde ich Nachricht von ihm erhalten. „„Ich glaubte an einen Ueberfall von Seiten ſeiner Gefährten, an eine Rache mit bewaffneter Hand, und als die ſechste Stunde herannahte, ſchloß ich mich, mit ein paar Piſtolen auf meinem Schreibtiſch, in meinem Cabinet ein. „„Es ſchlug ſechs auf der Pendeluhr meines Ka⸗ mins. Ich war den ganzen Tag mit der Mittheilung des Henkers beſchäftigt geweſen, doch der letzte Schlag des Hämmerchens vibrirte auf dem Bronze, ohne daß ich etwas Anderes hörte, als ein gewiſſes Schnurren, deſſen. urſache ich nicht wußte. Ich drehte mich um und er⸗ blickte eine große ſchwarz und feuerfarbene Katze. Wie war fie hereingekommen? das ließ ſich unmöglich ſagen; meine Thüren und meine Fenſter waren ge⸗ ſchloſſen. Sie mußte am Tage im Zimmer eingeſperrt geweſen ſein. „Ich hatte nicht geveſpert und läutete meinem Bedienten, doch er konnke nicht herein, da ich mich von innen eingeſchloſſen; ich ging an die Thüre und öffnete ſie. Da ſagte ich ihm von der ſchwarz und feuer⸗ farbenen Katze, doch wir ſuchten ſie vergebens, ſie war verſchwunden. „„Ich kümmerte mich nicht mehr darum; der Abend verging, es kam die Nacht, dann der Tag, dann ver⸗ ging der Tag und es ſchlug ſechs Uhr. In dieſem Augenblick hoͤrte ich daſſelbe Geräuſch hinter mir und ich ſah dieſelbe Katze. „„Diesmal ſprang ſie mir auf den Schooß. „„Ich habe keinen Widerwillen gegen die Katzen, und dennoch machte dieſe Vertraulichkeit einen unange⸗ nehmen Eindruck auf mich. Ich jagte ſie von meinem Schvoß herab, doch kaum war ſie auf dem Boden, als ſie abermals zu mir heraufſpräng. Ich ſtieß ſie zurück, doch ſo vergeblich als das erſte Mal. Da ſtand ich auf und ging im Zimmer auf und ab, die Katze folgte S S—— ihm iner und mit nem Ka⸗ ung hlag daß eſſen. er⸗ atze. glich ge⸗ perrt inem von fnete uer⸗ war bend ver⸗ eſem und itzen, inge⸗ inem „als rück, ich olgte 85⁵ mir Schritt für Schritt; ungeduldig über dieſe Zu⸗ dringlichkeit läutete ich wie am Tage vorher, und mein Bedienter trat ein. Doch die Katze entfloh unter das Bett, wo wir ſie vergebens ſuchten; einmal unker dem Bett, war ſie verſchwunden. „„Ich ging am Abend aus, beſuchte ein paar Freunde und kehrte nach meinem Hauſe zurück, das ich mir mit⸗ telſt eines Hauptſchlüſſels öffnete. „„Da ich kein Licht hatte, ſo ſtieg ich, aus Furcht mich irgend wo anzuſtoßen, ſachte die Treppe hinauf. Als ich auf die oberſte Stufe kam, hoörte ich meinen Bedienten mit dem Kammermädchen meiner Frau plaudern. „„Daß mein Name ausgeſprochen wurde, machte, daß ich auf das, was er ſagte, aufmerkſam war, und ich hörte ihn das ganze Abenteuer vom vorhergehen⸗ den Tag und von dieſem Tag erzählen; nur fügte er bei: der Herr muß verrückt werden, es war oben ſo wenig eine ſchwarz und feuerfarbige Katze in dem Zim⸗ mer, als eine in meiner Hand war. „„Dieſe paar Worte erſchreckten mich: entweder war die Viſion ächt oder ſie war falſch: war die Viſion ächt, ſo ſtand ich unter dem Gewichte einer überna⸗ türlichen Thatſache; war die Viſion falſch, glaubte ich eine Sache zu ſehen, die nicht eriſtirte, wie mein Be⸗ dienter geſagt hatte, ſo wurde ich verrückt. „„Sie errathen, mit welcher Ungeduld, in die ſich Furcht miſchte, ich ſechs Uhr erwartete; am andern Tag behielt ich meinen Bedienten, unter dem Vorwande einer Veränderung im Zimmer, bei mir; es ſchlug ſechs Uhr, während er da war; beim letzten Schlag des Glöckchens hörte ich daſſelbe Geräuſch und erblickte die Katze abermals. „„Sie ſaß an meiner Seite. „„Ich verharrte einen Angenblick, ohne etwas zu ſagen, in der Hoffnung, mein Bedienter würde das Thier erſchauen und zuerſt mit mir ſprechen, doch er 86 ging in meinem Zimmer hin und her, ohne daß er et⸗ was zu ſehen ſchien. „„Ich ergriff einen Augenblick, wo er auf der Li⸗ nie, die er zu durchſchreiten hatte, um den Befehl zu vollziehen, den ich ihm geben wollte, beinahe auf der Katze gehen mußte. „„Stelle meine Glocke auf den Tiſch, John,““ ſagte ich zu ihm. „„Er war am Kopf meines Bettes, die Glocke ſtand auf dem Kamin; um vom Kopf meines Bettes zum Kamin zu gelangen, mußte er nothwendig über die Katze gehen⸗ „„Er ſetzte ſich in Bewegung, doch in dem Augen⸗ plick, wo ſein Fuß auf die Katze treten ſollte, ſprang ſie auf meinen Schooß. „„John ſah es nicht oder ſchien es wenigſtens nicht zu ſehen. „„Ich geſtehe, daß ein kalter Schweiß über meine Stirne lief, und daß die Worte: Der Herr muß ver⸗ rückt werden, auf eine gräßliche Weiſe vor meinen Geiſt traten. „John,““ ſagte ich zu meinem Bedienten,„„ſiehſt Du nichts auf meinem Schvoße?““ John ſchaute mich an und antwortete dann wie ein Menſch, der einen Entſchluß faßt:. „„Doch, Herr, ich ſehe eine Katze.““ „„Ich athmete. „Ich nahm die Katze und ſagte zu ihm: „„Dann bitte ich Dich, John, trage ſie hinaus.“ „„Seine Hände kamen den meinigen entgegen, ich legte ihm das Thier auf die Arme, und auf ein Zeichen von mir ging er hinaus. „„Ich war ein wenig beruhigt; zehn Minuten lang ſchaute ich mit einem Ueberreſt von Angſt um mich her, da ich aber kein anderes einer Thiergattung angehöriges lebendes Weſen erblickte, ſo beſchloß ich, nachzuſehen, was John mit der Katze gemacht hätte. — c—„ ———— et⸗ Li⸗ der ℳ cke tes die en⸗ ng ens ine er⸗ nen ehſt nen 87 „„Ich verließ mein Zimmer in der Abſicht, ihn zu fragen; als ich aber den Fuß auf die Thürſchwelle des Salon ſetzte, hörte ich ein gewaltiges Gelächter, das aus dam Ankleidecabinet meiner Frau kame. Ich näherte mich ſachte auf den Fußſpitzen und hörte die Stimme von John. „„Meine liebe Freundin,““ ſagte er zu der Kam⸗ merjungfer,„„der Herr wird nicht ein Narr, nein, er iſt es ſchon. Seine Narrheit beſteht, wie Du weißt, darin, daß er eine ſchwarz und feuerfarbene Katze ſieht. Heute Abend fragte er mich, ob ich dieſe Katze nicht auf ſeinem Schvoße ſehe?““ „Und was haſt Du geantwortet?““ verſetzte die Kammerjungfer. „Bei Gott! ich habe geantwortet, ich ſehe ſie,““ erwiederte John.„„Der gute arme Herr, ich wollte in nicht widerſprechen; errathe, was er dann gethan ha, „„Wie ſoll ich das errathen?““ „„Wohl! er hat die angebliche Katze von ſeinem chooße genommen, mir ſie auf die Arme gelegt und geſagt: Trage ſie weg! trage ſie weg! ich trug die Katze muthig weg, und er war zufrieden.““ „Wenn Du die Katze weggetragen haſt, ſo muß ſie aiſo exiſtirt haben.““ „„O nein, die Katze exiſtirte nur in ſeiner Ein⸗ bildungskraft. Doch wozu würde es ihm genützt haben, wenn ich ihm die Wahrheit geſagt hätte? daß er mich vor die Thüre geworfen; meiner Treue, nein, ich bin gut hier und bleibe hier. Er gibt mir fünf und zwanzig Pfund jährlich, um eine Katze zu ſehen. Ich ſehe ſie, er gebe mir dreißig, und ich werde zwei ſehen.““ „„Es gebrach mir an Muth, mehr zu hören. Ich ſiieß einen Seufzer aus und kehrte in mein Zim⸗ mer zurück. „„Am andern Abend um ſechs Uhr fand ſich mein 88 Gefährte wie gewöhnlich bei mir ein, und er verſchwand nicht eher, als an dem darauf folgenden Morgen. „„Was ſoll ich Ihnen ſagen, mein Freund,““ ſprach der Kranke,„einen Monat lang erneuerte ſich die Erſcheinung jeden Abend, und ich fing an, mich an ihre Gegenwart zu gewöhnen, als es am dreißigſten Tag nach der Hinrichtung ſechs Uhr ſchlug, ohne daß die Katze erſchien. „„Ich glaubte von ihr befreit zu ſein und ſchlief nicht vor Freuden: den ganzen Morgen des nächſten Tages trieb ich die Zeit gleichſam vor mir her, denn es drängte mich, zu der Unglücksſtunde zu gelangen. Von der fünften bis zur ſechſten Stunde verließen meine Augen die Uhr nicht mehr. Ich folgte dem Gang des Zeigers, der von Minute zu Minute vor⸗ wärts ſchritt. Endlich erreichte er die Zahl KlI.; man vernahm das Beben der Uhr, dann that das Häm⸗ merchen den erſten Schlag, den zweiten, den dritten, den vierten, den fünften und endlich den ſechſten! „„Beim ſechſten Schlag öffnete ſich meine Thüre,““ fuhr der unglückliche Richter fort,„„und ich ſah eine Art von Gerichtsdiener der Kammer eintreten, der ge⸗ kleidet war, als ſtünde er im Dienſte des Lord⸗Lieute⸗ nant von Schottland. „„Mein erſter Gedanke war, der Lord⸗Lieutenant ſchicke mir einen Boten, und ich ſtreckte meine Hand gegen den Unbekannten aus. Aber er ſchien gar nicht auf meine Geberde Acht zu geben und ſtellte ſich hinter meinen Lehnſtuhl. „„Ich hatte nicht nöthig, mich umzudrehen, um ihn zu ſehen; ich ſaß dem Spiegel gegenüber und in dieſem Spiegel ſah ich ihn. „„Ich ſtand auf und ging; er folgte mir auf einige Schritte. Ich kehrte zu meinem Tiſche zurück und läutete. „„Mein Bedienter erſchien, doch er ſah den Ge⸗ ief ten un en. en em or⸗ 3 m⸗ en, 1 „ ine ge⸗ te⸗ ant and icht ter um in auf rück 89 richtsboten eben ſo wenig, als er die Katze geſehen hatte. „„Ich ſchickte ihn weg und blieb allein mit dem ſeltſamen Menſchen, den ich nun mit Muße anſchauen konnte. „„Er trug ein Hofkleid, einen Haarbeutel, einen Degen an der Seite, eine geſtickte Weſte und hatte den Hut unter dem Arm. „„Um zehn Uhr legte ich mich nieder, dann ſetzte er ſich, als wollte er ſeinerſeits die Nacht ſo bequem als möglich zubringen, in einen Lehnſtuhl, meinem Bette gegenüber. „„Ich drehte den Kopf der Wand zu; da es mir aber nicht moglich war, einzuſchlafen, ſo wandte ich mich zwei⸗ oder dreimal um, und zwei⸗ oder dreimal erblickte ich ihn beim Scheine meiner Nachtlampe in demſelben Lehnſtuhl. „„Endlich ſah ich die erſten Strahlen des Tages durch die Zwiſchenräume der Sommerläden in mein Zimmer dringen; ich wandte mich zum letzten Male gegen meinen Mann um: er war verſchwunden und der Lehnſtuhl leer. „„Bis zum Abend blieb ich von meiner Erſchei⸗ nung befreit. „„Am Abend war Empfang beim Obercommiſſär der Kirche. Unter dem Vorwand, mein Galakleid be⸗ reit zu halten, rief ich meinen Bedienten fünf Minuten vor ſechs Uhr und befahl ihm, die Riegel der Thüre vorzuſchieben. „„Beim letzten Schlag von ſechs Uhr heftete ich die Augen auf die Thüre; die Thüre öffnete ſich und mein Gerichtsbote trat ein. „„Ich ging ſogleich auf die Thüre zu, ſie war ge⸗ ſchloſſen; die Riegel ſchienen nicht aus ihrer Schließ⸗ kappe herausgekommen zu ſein; ich wandte mich um, der Gerichtsbote ſtand hinter meinem Lehnſtuhl und 90 John ging im Zimmer hin und her, ohne ſich, wie es ſchien, im Geringſten um ihn zu bekümmern. „„Er ſah offenbar den Menſchen eben ſo wenig, als er das Thier geſehen hatte. „„Ich kleidete mich an. „„Da ereignete ſich etwas Seltſames: voll Auf⸗ merkſamkeit für mich, half mein neuer Zimmergenoſſe John bei Allem, was er that, ohne daß John bemerkte, daß er unterſtützt wurde. So hielt John meinen Frack beim Kragen, das Geſpenſt hielt ihn an den Flügeln, ſo bot mir John meine Hoſen beim Gürtel, das Geſpenſt faßte ſie bei den Beinen. „„Ich hatte nie einen dienſteifrigeren Bedienten gehabt. „„Es ſchlug die Stunde meines Abgangs. „„Statt mir zu folgen, ging mir der Gerichtsbote voran, er ſchlüpfte durch die Thüre meines Zimmers, ſtieg die Treppe hinab, hielt ſeinen Hut unter dem Arm hinter John, der den Wagenſchlag öffnete, und als John dieſen wieder geſchloſſen und ſeinen Platz auf dem Hin⸗ terbrett eingenommen hatte, ſtieg er auf den Bock zum Kutſcher, der auf die Seite rückte, um ihm Platz zu machen. „„Vor der Thüre des Obercommiſſärs der Kirche hielt der Wagen an; John öffnete den Schlag, doch das Geſpenſt war ſchon an ſeinem Poſten hinter ihm. Kaum hatte ich den Fuß auf die Erde geſetzt, als das Geſpenſt mir voraneilte, durch die Bedienten drang, welche die Eingangsthüre belagert hielten, und von Zeit zu Zeit ſich umſchaute, ob ich ihm folge. „„Da faßte mich die Luſt, an dem Kutſcher ſelbſt den Verſuch zu machen, den ich an John gemacht hatte. „„Patrick,““ fragte ich ihn,„„wer war der Mann, der neben Euch ſaß?““ „„Welcher Mann, Euere Ehren?““ ſagte der Kutſcher. —— —— te m 91 „„Der Mann, der auf Eurem Bock ſaß.““ „„Patrick verdrehte die Augen ganz erſtaunt und ſchaute umher. „„Es iſt gut,““ rief ich,„ich täuſchte mich.““ „„Und ich trat ebenfalls in das Haus. „„Der Gerichtsbote war auf der Treppe ſtehen geblieben und erwartete mich. Sobald er mich weiter gehen ſah, ging er auch weiter, und ſchritt dann vor mir in den Empfangſaal, als wollte er mich ankündigen; als ich eingetreten war, nahm er im Vorzimmer den ihm gebührenden Platz ein. „„Wie für John und Patrick, ſo war das Geſpenſt für Jedermann unſichtbar geweſen. „„Da verwandelte ſich meine Angſt in Schrecken, und ich begriff, daß ich wirklich ein Narr wurde. „„Von dieſem Abend an erblickte man die Verän⸗ derung, die in mir vorging. Jedermann fragte mich, was für ein Kummer mich gefeſſelt halte, Sie wie die Andern. 3 7. „„Ich fand mein Geſpenſt wieder im Vorzimmer. „„Wie bei meiner Ankunft, lief es bei meinem Ab⸗ gang vor mir her, ſtieg auf den Bock, kehrte mit mir nach Hauſe zurück, ging hinter mir in mein Zimmer und ſetzte ſich in den Lehnſtuhl, den es die Nacht vor⸗ her eingenommen hatte. „„Da wollte ich mich verſichern, ob etwas Reelles und beſonders Fühlbares an dieſer Erſcheinung wäre. Ich machte eine gewaltige Anſtrengung gegen mich ſelbſt und ging rückwärts, um nich in den Lehnſtuhl zu ſetzen. Ich fühlte nichts, aber im Spiegel ſah ich den Gerichtsboten hinter mir ſtehen. „„Wie am Tage zuvor, legte ich mich nieder, doch erſt um ein Uhr Morgens. Sobald ich in meinem Bett war, erblickte ich ihn in meinen Lehnſtuhl. „„Am andern Morgen bei Tagesanbruch ver⸗ ſchwand er. 92 „„Die Erſcheinung dauerte einen Monat. „„Nach Verlauf eines Monats ging ſie von ihren Gewohnheiten ab und blieb einen Tag aus. „„Diesmal glaubte ich nicht, wie das erſte Mal, an ein völliges Verſchwinden, ſondern ich dachte, es werde eine furchtbare Veränderung vorgehen, und ſtatt mich über mein Alleinſein zu freuen, erwartete ich den Abend voll Angſt. „„Am Abend, auf den Schlag ſechs Uhr, hörte ich ein leichtes Rauſchen in den Vorhängen meines Bettes und am Durchſchnittspunkt, den ſie im Bettgang an der Wand bildeten, erblickte ich ein Skelett. „„Diesmal, mein Freund, begreifen Sie, war es, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, das khe Bild des Todes. „„Das Skelett war da, unbeweglich, und ſchaute mich mit ſeinen hohlen Augen an. „„Ich ſtand auf und ging mehrere Male im Zimmer umher; der Kopf folgte mir bei allen meinen Bewe⸗ gungen. Die Augen verließen mich nicht eine Secunde, der Körver blieb unbeweglich. „„Dieſe Nacht hatte ich nicht den Muth, mich niederzulegen. Ich ſchlief oder blieb vielmehr mit ge⸗ ſchloſſenen Augen in dem Lehnſtuhl, den gewöhnlich das Geſpenſt einnahm; es war ſo weit gekommen, daß ich die Abweſenheit des Geſpenſtes bedauerte. „„Bei Tagesanbruch verſchwand das Skelett. „„Ich befahl John, den Platz meines Bettes zu wechſeln und die Vorhänge zu kreuzen. „„Beim letzten Schlag ſechs Uhr hörte ich daſſelbe Rauſchen, ich ſah die Vorhänge ſich bewegen, bann erblickte ich die Extremitäten von zwei knochigen Hän⸗ den, welche die Vorhänge meines Bettes auseinander ſchoben, und nachdem dies geſchehen war, nahm das Skelett in der Oeffnung den Platz ein, den es in der Nacht vorher eingenommen hatte. „„Diesmal hatte ich den Muth, mich niederzulegen. 1 al, es tt en ich es an s, ild te er e de, ich e⸗ as ich be un n⸗ a8 de 93 „„Der Kopf, der mir, wie in der vorhergehenden Nacht, bei allen meinen Bewegungen gefolgt war, neigte ſich nun zu mir herab. „„Die Augen, die mich nicht einen Moment aus dem Geſichte verloren hatten, hefteten ſich auf mich. „„Sie begreifen, welche Nacht ich zubrachte. Wohl! mein lieber Doctor, es ſind ſchon zwanzig Nächte, die ich ſo zugebracht. Sie wiſſen nun, was ich habe, werden Sie etwas unternehmen, um mich zu heilen?““ „„Ich will es wenigſtens verſuchen,““ antwortete der Doctor. „„Laſſen Sie hören, wie dies?““ „„Ich bin überzeugt, daß das Geſpenſt, welches Sie ſehen, nur in Ihrer Einbildungskraft exiſtirt.“ „„Was liegt mir daran, ob es exiſtirt oder nicht exiſtirt, wenn ich es ſehe?““ „„Wollen Sie, daß ich es zu ſehen verſuche?““ „„Das wäre mir ſehr lieb.““ „„Wann dies?““ „„Je eher, deſto beſſer. Morgen.““ „„Gut, morgen, bis dahin guten Muth!““ „„Der Kranke lächelte traurig. „Am andern Morgen um ſieben Uhr trat der Doctor in das Zimmer ſeines Freundes.„„Nun?““ fragte er,„das Skelett?““ „„Es iſt ſo eben verſchwunden,““ antwortete dieſer mit ſchwacher Stimme. „„Wohl, richten wir es ſo ein, daß es heute Abend nicht wieder kommt.““ „„Thun Sie das.““ „„Sie ſagen vor Allem, es trete beim letzten Schlage von ſechs Uhr ein.““ „„Pünktlich.““ „„Fangen wir damit an, daß wir die Uhr ſtille ſtehen laſſen;““ und er hemmte den Pendel. „„Und was wollen Sie machen?““ 94 „„Ich will Ihnen die Fähigkeit, die Zeit zu be⸗ meſſen, nehmen.““ „„Gut.““ „„Nun wollen wir die Fenſterläden geſchloſſen halten, und die Vorhänge der Fenſter kreuzen.““ „„Warum dies?““ „„Immer in derſelben Abſicht, damit Sie ſich keine Rechenſchaft von dem Gang des Tages geben können.““ „„Thun Sie das.““ „Die Läden wurden geſchloſſen, die Vorhänge zu⸗ gezogen, man zündete Kerzen an. „„Haltet ein Frühſtück und ein Mittageſſen bereit, John,““ ſagte der Doctor,„„wir wollen nicht zu be⸗ ſtimmten Stunden bedient ſein, ſondern nur wenn ich rufen werde.““ „„Ihr verſteht, John?““ ſagte der Kranke. „„Ja, Herr.““ „„Dann gebt uns Karten, Würfeh Dominos und laßt uns allein.““ „Die verlangten Gegenſtände wurden von John gebracht und dieſer entfernte ſich. „Der Doctor fing an, den Kranken ſo gut er konnte, zu zerſtreuen, bald indem er plauderte, bald indem er mit ihm ſpielte, dann als er Hunger hatte, läutete er. John, der wußte, in welcher Abſicht man geläutet hatte, brachte das Frühſtück. „Nach dem Frühſtück begann die Partie, welche durch ein neues Läuten des Doctors unterbrochen ward. John brachte das Mittageſſen. „Man aß, man trank, man nahm Kaffee zu ſich und fing wieder an zu ſpielen. So unter vier Augen zugebracht, ſchien der Tag lang. Der Doctor glaubte die Zeit in ſeinem Geiſte gemeſſen zu haben und dachte, die verhängnißvolle Stunde müſſe vorüber ſein. „„Nun!““ rief er aufſtehend,„Victoria!““ „„Wie ſo, Victoria?““ fragte der Kranke. „„Allerdings, es muß wenigſtens acht oder neun Uhr ſein und das Skelett iſt nicht gekommen.““ 1 —— e . t 95 „„Schauen Sie auf Ihre Uhr, Doctor, das iſt die einzige, die im Hauſe geht, und iſt die Stunde vorüber, nun, ſo rufe ich wie Sie: Victoria!““ Doctor ſchaute auf ſeine Uhr, ſprach aber nichts. „„Nicht wahr, Doctor, Sie täuſchten ſich? es iſt gerade ſechs Uhr.““ „„Ja; nun?““ „„Nun! das Skelett tritt eben ein.““ „Und der Kranke warf ſich mit einem tiefen Seuf⸗ zer zurück. „Der Doetor ſchaute nach allen Seiten. „„Wo ſehen Sie es denn?““ fragte der Doctvr. „„An ſeinem gewöhnlichen Platz, hinter meinem Bett zwiſchen den Vorhängen.““ „Der Doctor ſtand auf, zog das Bett vor, trat hinter daſſelbe und nahm den Platz ein, auf dem ſich das Skelett befinden ſollte. „„Und nun,“ ſagte er,„ſehen Sie es noch?““ „„Ich ſehe den unteren Theil ſeines Körpers nicht mehr, weil der Ihrige ihn verbirgt, aber ich ſehe ſeinen Schädel.““. „„Wo dies?““ „„Ueber Ihrer rechten Schulter. Es iſt, als hätten Sie zwei Köpfe, einen lebendigen und einen todten.““ „Der Doctor, ſo ungläubig er war, ſchauerte un⸗ willkürlich. „Er wandte ſich um, aber er ſah nichts mehr. „„Mein Freund,““ ſprach er traurig zu dem Kran⸗ ken zurückkehrend,„wenn Sie einige teſtamentariſche Verfügungen zu treffen haben, ſo thun Sie es.““ —„Und er ging hinaus. „Als neun Tage nachher John in das Zimmer ſeines Herrn eintrat, fand er ihn kodt in ſeinem Bett. „Es war auf den Tag drei Monate, daß man den Banditen hingerichtet hatte.“ Die Gräber von Kaint-Venis. 2„Nun, was beweiſt das, Doctor?“ fragte Herr edru. „Das beweiſt, daß die Organe, welche in das Ge⸗ hirn die Vorſtellungen befördern, die ſie empfangen, in Folge gewiſſer Urſachen geſtört werden können, ſo daß ſie dem Geiſte einen ungetreuen Spiegel bieten, und daß man in einem ſolchen Fall Gegenſtände ſieht und Töne hört, welche nicht exiſtiren. Das iſt das Ganze.“ „Es ereignen ſich jedoch,“ ſprach der Chevalier Lenvir, mit der Schüchternheit eines Gelehrten von gutem Glauben,„es ereignen ſich jedoch Dinge, welche eine Spur zurücklaſſen, es kommen gewiſſe Prophe⸗ zeihungen vor, die eine Erfüllung haben. Wie erklä⸗ ren Sie, Doctor, daß von Geſpenſtern ertheilte Schläge ſchwarze Stellen auf dem Leibe desjenigen, welcher ſie empfangen hat, entſtehen machen konnten? wie werden Sie erklären, daß eine Erſcheinung zehn, zwanzig, vreißig Jahre vorher die Zukunft offenbaren konnte? Kann das, was nicht iſt, das, was iſt, quetſchen, oder das, was ſein wird, verkündigen?“ „Ah!“ ſagte der Doctor,„Sie meinen die Viſion vom König von Schweden.“ „Nein, ich meine das, was ich ſelbſt geſehen habe.“ „Sie?“ „Wo dies?“ „In Saint⸗Denis.“ „Wann?“ „Im Jahre 1794 bei der Profanation der Gräber.“ Ledru. „Ah! ja, hören Sie das, Doctor,“ ſagte Herr ze⸗ en, en, ht as ier on che e⸗ lä⸗ ige ſie en ig, er on e. 97 „Was haben Sie geſehen, ſprechen Sie?“ „Wohl! alſo: Im Jahre 1793 wurde ich zum Di⸗ rector vom Muſeum der franzöſiſchen Monumente er⸗ nannt, und als ſolcher war ich gegenwärtig bei der Ausgrabung der Leichname von Saint⸗Denis, deſſen Namen die erleuchteten Patrioten in den Franciade verwandelt hatten. Nach vierzig Jahren kann ich Ihnen die ſeltſamen Dinge, welche dieſe Profanation bezeich⸗ neten, noch genau erzählen. Der Haß, den man dem Volk gegen Ludwig XVI. einzuflößen vermocht hatte, und den nur das Blutgerüſte vom 21. Januar hatte ſtillen können, war auf die Könige ſeines Geſchlechtes zurückgegangen: man wollte die Monarchie bis an ihre Quelle verfolgen, die Monarchen bis in ihr Grab, man wollte die Aſche von ſechzig Königen in den Winb ſchleudern. „Dann war man auch vielleicht begierig, zu ſehen, ob die großen Schätze, von denen man behauptete, ſie ſeien in einigen von den Gräbern eingeſchloſſen, ſo unverſehrt geblieben, als man ſagte. „Das Volk ſtürzte ſich alſo auf Saint⸗Denis. „Vom ſechsten bis zum achten Auguſt zerſtörte es ein und fünfzig Gräber, die Geſchichte von zwölf Jahrhunderten. „Da beſchloß die Regierung, dieſe Unordnung zu regeln, für ihre eigene Rechnung die Gräber zu durch⸗ wühlen, um die Monarchie zu beerben, die ſie in ihrem letzten Repräſentanten, Ludwig XVI., erſchlagen hatte. „Dann handelte es ſich darum, Alles bis auf den Namen, bis auf das Andenken, bis auf die Knochen der Könige zu vernichten, es handelte ſich darum, aus der vierzehn Jahrhunderte der Monarchie auszu⸗ reichen. „Arme Narren, die nicht begreifen, daß die Men⸗ ſchen bisweilen die Zukunft ändern können. nie aber die Vergangenheit. Tauſend und ein Geſpenſt. 7 98 „Man hatte auf dem Kirchhofe eine große gemein⸗ ſchaftliche Grube, nach dem Muſter der Gräber der Armen, bereitet. In dieſe Grube und auf ein Kalk⸗ bett ſollten, wie auf einen Schindanger, die Gebeine von denjenigen geworfen werden, welche, von Dagobert an bis auf Ludwig XV., aus Frankreich die erſte der Nationen gemacht hatten. „So befriedigt man das Volk; aber hauptſächlich wurde ein Genuß bereitet jenen Geſetzgebern, jenen Advocaten, jenen neidiſchen Zeitungsſchreibern, jenen Raubvögeln der Revolution, deren Augen durch jeden Glanz verletzt wird, wie jedes Licht das Auge ihrer Brüder, der Nachtvögel, verletzt. „Der Stolz von denjenigen, welche nicht aufbauen können, beſteht darin, daß ſie niederreißen. „Ich wurde zum Inſpector der Ausgrabungen er⸗ nannt; das war für mich ein Mittel, eine Menge koſt⸗ bare Dinge zu retten, und ſo nahm ich die Stelle ein. „Am Sonnabend, den zwölften October, während man den Proceß der Königin inſtruirte, ließ ich die Gruft der Bourbonen auf der Seite der unterirdiſchen Kapelle öffnen und ich fing damit an, daß ich den Sarg von Heinrich V. herauszog, der am 4. Mai 1610, in einem Alter von ſieben und fünfzig Jahren ermordet, geſtorben war. „Was die Statue auf dem Pont⸗Neuf, ein Meiſter⸗ werk von Jean von Bologne und ſeinen Zöglingen, be⸗ trifft, ſo war ſie gegoſſen worden, um Sous daraus zu machen.. „Der Körper von Heinrich IV. war vortrefflich erhalten; vollkommen erkenntlich, waren die Geſichts⸗ züge wohl diejenigen, welche die Liebe des Volkes und der Pinſel von Rubens geheiligt haben. Als man ihn zuerſt aus dem Grabe hervorkommen und am Tages⸗ licht, in ſeinem Schweißtuch, das ſo gut erhalten war als er, erſcheinen ſah, da wurde das Gemüth gewaltiz ergriffen, und es fehlte nicht viel, daß der in Fränk⸗ 1 i 1 k —— 5 ein⸗ der kalk⸗ beine obert der hlich jenen enen jeden ihrer aen ner⸗ koſt⸗ ein. rend h die iſchen Sarg 610, rdet, iſter⸗ „be⸗ raus fflich ichts⸗ z und n ihn ages⸗ war altiz ränk⸗ 99 reich ſo volksthümliche Ruf:„„Es lebe Heinrich 1w.“ inſtinetartig unter den Gewölben der Kirche ertönt hätte. „Sobald ich dieſe Zeichen der Ehrfurcht, ich möchte ſagen, der Liebe, wahrnahm, ließ ich den Körper auf⸗ recht an eine der Säulen des Chors ſtellen, und hier konnte Jeder herbeikommen und ihn betrachten. „Er trug, wie zu ſeinen Lebzeiten, ſein Wamms von ſchwarzem Sammet, auf dem ſich ſein weißer Hals⸗ kragen und ſeine weißen Manchetten hervorhoben, ſeine enge Hoſe ebenfalls von ſchwarzem Sammet; ſeidene Strümpfe von derſelben Farbe und Sammetſchuhe. „Seine ſchönen, ein wenig ins Graue übergegan⸗ genen Haare bildeten immer noch eine Glorie um ſein Haupt, ſein ſchöner weißer Bart fiel immer noch auf ſeine Bruſt herab. „Da begann eine ungeheure Proceſſion, wie zu dem Reliquienkaften eines Heiligen. Die Frauen be⸗ rührten die Hände des guten Königs, Andere küßten den Saum ſeines Mantels, wieder Andere ließen ihre Kinder niederknieen und murmelten ganz leiſe: „„Ah! wenn er lebte, das arme Volk wäre nicht ſo unglücklich.“ „Und ſie hätten beifügen können: und nicht ſo roh, denn was die Rohheit des Volkes thut, das iſt das Unglück. „Dieſe Proceſſion dauerte den ganzen Tag von Sonnabend dem zwölften October, von Sonntag dem dreizehnten und von Montag dem vierzehnten fort⸗ „Am Montag begannen die Ausgrabungen wieder nach dem Mittageſſen der Arheiter, das heißt, Nach⸗ mittags um drei Uhr. „Der erſte Leichnam, der nach dem von Heinrich 1W. an das Tageslicht befördert wurde, war der von ſeinem Sohn Ludwig KIII. Er war gut erhalten und ob⸗ gleich ſich die Geſichtszüge etwas verändert hatten, 100 man ihn doch noch an ſeinem Schnurrbart er⸗ ennen. „Dann kam der von Ludwig XIV., erkenntlich an ſeinen großen Zügen, die aus ſeinem Geſicht die typiſche Maske der Bourbonen gemacht haben; nur war er ſchwarz wie Tinte. 2 „Dann folgten nach und nach die von Maria von Medicis, der zweiten Frau von Heinrich IV.z von Anna von Oeſterreich, der Frau von Ludwig XIll.; von Maria Thereſia, der Infantin von Spanien und Frau von Ludwig XIV. und vom Groß⸗Dauphin. „Alle dieſe Körper waren verfault. Nur der vom Groß⸗Dauphin war in flüſſiger Fäulniß begriffen. „Am fünfzehnten October ſetzte man die Ausgra⸗ bungen fort. „Der Leichnam von Heinrich W. ſtand immer noch an ſeiner Säule und wohnte unempfindlich der großen Entheiligung bei, die man zugleich an ſeinen Vorgän⸗ gern und an ſeiner Nachkommenſchaft verübte. „Mittwoch den ſechszehnten, gerade in dem Augen⸗ blick, wo die Königen Marie Antvinette auf dem Revo⸗ lutionsplatz enthauptet wurde, nämlich um eilf Uhr Morgens, zog man aus der Gruft der Bourbonen den Sarg von König Ludwig XV. „Er lag nach dem alten Gebrauch des franzöſi⸗ ſchen Ceromoniells am Eingange der Gruft, wo er ſeinen Nachfolger erwartete, der ſich nicht hier bei ihm einfinden ſollte. Man nahm ihn, trug ihn heraus und öffnete ihn erſt auf dem Kirchhof und am Rande der Grube. Mit Leinwand und Binden umhüllt, ſchien der aus dem bleienen Sarge herausgenommene Leichnam An⸗ fangs ganz und wohlerhalten zu ſein; doch von dem befreit, was ihn umgab, bot er mir das Bild der ab⸗ ſcheulichſten Verweſung, und es entſtrömte ihm ein ſo peſtartiger Geruch, daß Jedermann entfloh und daß man 1u en n⸗ 101 genöthigt war, mehrere Pfund Pulver zu verbrennen, um die Luft zu reinigen. „Man warf auch in die Grube, was von dem Hel⸗ den des Hirſchparks, von dem Liebhaber von Frau von Chateaurour, von Frau von Pompadour und Madame du Barry übrig war; dieſe ausſätzigen Reliquien fielen auf ungelöſchten Kalk und wurden mit ungelöſchtem Kalk bedeckt. „Ich war zuletzt zurückgeblieben, um die Kunſt⸗ werke verbrennen zu laſſen und Kalf darauf zu werfen, als ich ein gewaltiges Geräuſch in der Kirche vernahm. Ich trat raſch ein und erblickte einen Arbeiter, der unter ſeinen Kameraden mit Händen und Füßen um ſich ſchlug, während ihm die Weiber die Fauſt zeigten und ihn be⸗ drohten. „Der Elende hatte ſein trauriges Geſchäft ver⸗ laſſen, um ein noch viel traurigeres Schauſpiel, die Hin⸗ richtung von Marie Antvinette, zu ſehen; berauſcht von den Schreien, die er ausgeſtoßen und die er ausſtoßen hörte, von dem Anblick des Blutes, das er hatte ver⸗ gießen ſehen, kehrte er nach Saint⸗Denis zurück, näherte ſich dem immer noch an ſeinem Pfeiler lehnenden, von Neugierigen, ich möchte ſagen, von Andächtigen umge⸗ benen Heinrich IV. und ſprach: „„Mit welchem Rechte ſtehſt du noch hier, während man auf dem Revolutionsplatze den Königen die Köpfe abſchlägt?““ „Zu gleicher Zeit ergriff er mit der linken Hand den Bart, riß ihn aus und verſetzte mit der rechten Hand dem königlichen Leichnam eine Ohrfeige. Der Leichnam ftürzte zu Boden und gab ein Ge⸗ klapper von ſich, ähnlich dem eines Sackes voll Knochen, den man hätte fallen laſſen. „Sogleich erhob ſich von allen Seiten ein gewal⸗ tiges Geſchrei. An jedem andern König hätte man eine ſolche Verletzung wagen können, aber bei Heinrich 1W. 102 bei dem König des Volkes war es beinahe eine Ver⸗ letzung gegen das Volk. „Der ruchloſe Arbeiter lief daher die größte Gefahr, als ich ihm zu Hülfe eilte. „Sobald er ſah, daß er bei mir eine Unterſtützung finden konnte, ſtellte er ſich unter meinen Schutz „Doch während ich ihn beſchützte, wollte ich ihn zugleich unter dem Gewicht der ſchändlichen Handlung laſſen, die er begangen. „„Meine Kinder,““ ſagte ich zu den Arbeitern,„„der⸗ jenige, welchen er verletzt hat, iſt in einer ſo guten Stel⸗ lung da oben, daß er von Gott ſeine Beſtrafung er⸗ langen wird.““ „Da nahm ich ihm den Bart ab, den er dem Leich⸗ nam ausgeriſſen und noch in ſeiner Hand hatte, kündigte ihm an, daß er nicht mehr zu den Arbeitern gehöre, die ich beſchäftige, und jagte ihn aus der Kirche hinaus. „Das Geziſche und die Drohungen ſeiner Kameraden verfolgten ihn bis auf die Straße. „Neue Verletzungen für Heinrich IV zu verhüten, be⸗ fahl ich nun, ihn in die gemeinſchaftliche Grube zu tragen; doch bis dahin wurde der Leichnam unter Zeichen der Ehrfurcht begleitet. Statt wie die Anderen in das königliche Leichenhaus hinabgeworfen zu werden, wurde er ſachte hin⸗ abgelaſſen und mit großer Sorgfalt in einer von den Ecken niedergelegt; dann breitete man frommer Weiſe ſtatt einer Lage Kalk eine Lage Erde auf ihm aus. „Am Ende des Tages entfernten ſich die Arbeiter, der Wächter allein blieb: es war dies ein braver Mann, den ich hier angeſtellt hatte, aus Furcht, man könnte bei Nacht in die Kirche dringen, ſei es nun, um neue Verſtümmelungen vorzunehmen oder um neue Diebſtähle zu verüben; dieſer Wächter ſchlief bei Tage und wachte von ſieben Uhr Abends bis ſieben Uhr Morgens. „Er brachte die Nacht ſtehend zu und ging nur zuweilen auf und ab, um ſich zu erwärmen, oder er el⸗ r h⸗ te re, en be⸗ n; der che in⸗ ken ner er, Rn, nte eue hle hte nur er 103 ſetzte ſich zu einem Feuer, das er an einem der Pfeiler zunächſt bei der Thüre angezündet hatte. „Alles bot in der Kirche das Bild des Todes, und die Verwüſtung machte dieſes Bild des Todes noch furchtbarer. Die Gräber waren offen, und die Platten an die Wände angelegt; die zerbrochenen Bildſäulen lagen zerſtreut auf dem Pflaſter der Kirche umher; da und dort hatten die ausgeleerten Särge die Todten erſtattet, von denen ſie erſt am Tage des jüngſten Gerichts Rechenſchaft geben zu müſſen glaubten. Alles brachte den Geiſt des Men⸗ ſchen, wenn es ein erhabener war, zum Nachſinnen, wenn es ein ſchwacher war, zur Furcht. „Zum Glück war der Wächter kein Geiſt, ſondern eint organiſirte Materie, er betrachtete alle dieſe Trümmer mit demſelben Auge, wie er einen gehauenen Wald oder ein geſchnittenes Feld betrachtet hätte, und er war nur da⸗ mit beſchäftigt, die Stunden der Nacht zu zählen, auf die eintönige Stimme der Uhr, das Einzige, was in der verödeten Kirche lebendig geblieben war, zu horchen. „In dem Augenblick, wo es Mitternacht ſchlug und als der letzte Schlag des Hammers in den düſtern Tiefen der Kirche vibrirte, hörte er gewaltige Schreie, die von der Seite des Kirchhofs kamen. Dieſe Schreie waren lange Klagen, ſchmerzliche Lamentationen. Nach dem erſten Augenblick des Erſtaunens bewaffnete er ſich mit einer Haue und ging auf die Thüre zu, welche die Kirche und den Friedhof verband. Als aber dieſe Thüre geöffnet war und er vollkommen erkannte, daß dieſe Schreie aus der königlichen Grube kamen, da wagte er es nicht, weiter zu gehen, ſchloß die Thüre wieder und lief, um mich zu wecken, nach dem Gaſthauſe, wo ich wohnte. „Ich ſträubte mich Anfangs, an die Exiſtenz dieſer aus der königlichen Grube kommenden Schreie zu glauben: da ich aber gerade gegenüber der Kirche wohnte, ſo oͤffnete der Wächter mein Fenſter, und unter dem nur durch das Geräuſch des Nordwindes geſtörten Schweigen 104 der Nacht glaubte ich wirklich lange Klagen zu hören, die mir nicht allein die Lamentation des Windes zu ſein ſchienen. Ich ſtand auf und begleitete den Wächter bis in die Kirche. Hier angelangt, und nachdem die Halle hinter uns geſchloſſen war, hörten wir deutlicher die Klagen, von denen er geſprochen. Es war um ſo leichter, zu unterſcheiden, woher dieſe Klagen kamen, als die Thüre des Friedhofs, vom Wächter ſchlecht geſchloſſen, ſich hinter ihm wieder geöffnet hatte. Die Klagen kamen alſo wirklich vom Friedhofe her. „Wir zündeten zwei Fackeln an und gingen auf die Thüre zu, aber dreimal, als wir uns dieſer Thüre näherten, löſchte ſie der Luftzug, der ſich von Außen nach Innen gebildet hatte, wieder aus. Ich begriff, daß dies war wie bei den Engpäſſen, durch die ſo ſchwierig durchzukommen iſt, und daß wir, wären wir einmal im Kirchhof, nicht mehr denſelben Kampf aus⸗ zuhalten hätten. Ich ließ außer unſern Fackeln eine Laterne anzünden. Unſere Fackeln erloſchen; doch die Laterne brannte fort. Wir drangen durch den Engpaß und zündeten, ſobald wir auf dem Kirchhof waren, un⸗ ſere Fackeln wieder an, die der Wind nun reſpectirte. „Wie wir indeſſen näher kamen, erſtarben die Schreie immer mehr, und in dem Augenblick, wo wir den Rand der Grube erreichten, waren ſie beinahe erloſchen. „Wir ſchüttelten unſere Fackeln über der weiten Oeffnung, und mitten unter den Knochen, auf der ganz von ihnen durchlöcherten Lage von Kalk und Erde, ſahen wir etwas Ungeſtaltes, was ſich zerarbeitete. „Dieſes Etwas glich einem Menſchen. „„Was haſt Du und was willſt Du?““ fragte ich den Schatten. „„Ach!““ murmelte er,„ich bin der elende Ar⸗ beiter, der Heinrich IV. eine Ohrfeige gegeben hat.““ „„Wie kommſt Du denn hieher?““ fragte ich. „„Ziehen Sie mich zuerſt heraus, Herr Lenoir, denn ich ſterbe, und dann ſollen Sie Alles erfahren.““ n, in is lle ie er, ie en uf ce n ſo ir 6½ ne ie ß n⸗ id en 3 n ch 105 „Sobald ſich der Todtenwächter überzeugt, daß er es mit einem Lebenden zu thun hatte, verſchwand der Schrecken, der ſich Anfangs ſeiner bemächtigt; er hob eine im Graſe des Kirchhofs liegende Leiter auf, hielt ſie aufrecht und wartete auf meine Befehle. „Ich befahl ihm, die Leiter in die Grube hinabzu⸗ laſſen, und hieß den Arbeiter heraufſteigen. Er ſchleppte ſich wirklich bis an den Fuß der Leiter; doch hier an⸗ gelangt, als er aufſtehen und die Stufen heraufſteigen ſollte, bemerkte er, daß er ein Bein und einen Arm ge⸗ brochen hatte. „Wir warfen ihm ein Seil mit einer Schlinge zu, er zog dieſes Seil unter ſeinen Schultern durch. Ich behielt das andere Ende des Seils in meinen Händen, der Wächter ſtieg einige Sproſſen hinab, und mit Hülfe dieſer doppelten Stütze gelang es uns, den Lebendigen aus der Geſellſchaft der Todten herauszuziehen. „Kaum war er aus der Grube, als er ohnmächtig wurde. „Wir trugen ihn zum Feuer und legten ihn auf ein Bett von Stroh, dann ſchickte ich den Wächter ab, um einen Wundarzt zu holen. „Der Wächter kam mit einem Doctor zurück, ehe der Verwundete wieder zum Bewußtſein gelangt war, und erſt während der Operation öffnete er die Augen. „Als der Verband angelegt war, dankte ich dem Wundarzt, und da ich wiſſen wollte, durch welch einen ſeltſamen Umſtand der Entheiliger ſich in der könglichen Grube befand, ſo ſchickte ich auch den Wächter weg. Dieſem war nichts lieber, als ſich nach den Gemüths⸗ bewegungen einer ſolchen Nacht ſchlafen legen zu dürfen, und ich blieb allein bei dem Arbeiter. Ich ſetzte mich auf einen Stein bei dem Stroh, auf dem er lag, und em Herde gegenüber, deſſen zitternde Flamme den eil der Kirche, wo wir waren, beleuchtete, wäh⸗ rend ſie alle Tiefen der Kirche in einer um ſo dichteren 106 Finſterniß ließ, als der Theil, wo wir uns befanden in einem ſtärkeren Lichte lag. „Ich befragte nun den Verwundeten, und er er⸗ zählte mir, wie folgt: „Seine Entlaſſung hatte ihn wenig bekümmert. Er trug Geld in der Taſche, und er hatte bis dahin ge⸗ ſehen, daß es einem mit Geld an nichts gebricht. „Dem zu Folge ließ er ſich in einer Schenke nieder. „In der Schenke fing er damit an, daß er eine Flaſche angriff; doch beim dritten Glaſe ſah er den Wirth hereinkommen. „„Sind wir bald fertig?““ fragte ihn dieſer. „„Und warum dies?““ erwiederte der Arbeiter. „„Weil ich habe ſagen hören, Du ſeiſt es geweſen, der König Heinrich IV. eine Ohrfeige gegeben.““ „„Wohl! ja, ich war es,Aerwiederte frecher Weiſe der Arbeiter.„„Hernach?““ „„Hernach? ich will einem elenden Schuft, wie Du biſt, der den Fluch auf mein Haus herabzieht, nichts zu trinken geben.““ „„Dein Haus, Dein Haus iſt das Haus für Jeder⸗ mann, und ſobald man bezahlt, iſt man bei ſich.““ „„Doch Du wirſt nicht bezahlen.““ „„Und warum nicht?““ „„Weil ich nichts von Deinem Gelde will. Da Du aber nichts bezahlſt, ſo wirſt Du nicht bei Dir, ſondern bei mir ſein, und da Du bei mir ſein wirſt, ſo werde ich das Recht haben, Dich vor die Thüre zu werfen.““ „„Ja, wenn Du der Stärkere biſt.““ „„Bin ich nicht der Stärkere, ſo rufe ich meine Knechte.““ „„Rufe doch ein wenig, das wollen wir ſehen.““ „Der Schenkwirth rief; zum Voyraus unterrichtet, raten auf ſeinen Ruf drei Knechte, jeder mit einem Stock in der Hand, ein und der Arbeiter war genöthigt, ſo ſehr er zu widerſtehen Luſt hatte, ſich lautlos zu entfernen. 1 en r Er e⸗ 107 „Er ging weg, irrte eine Zeit lang in der Stadt umher und trat dann zur Stunde des Mittageſſens bei dem Garkoch ein, bei dem die Arheiter zu ſpeiſen pflegten. „Kaum hatte er ſeine Suppe gegeſſen, als die Ar⸗ beiter, die ihr Tagewerk vollendet, erſchienen. Sobald ſie ihn erblickten, blieben ſie ſtehen, riefen dem Wirth und erklärten ihm, wenn dieſer Menſch bei ihm zu ſpeiſen fortfahre, ſo werden ſie ſein Haus vom Erſten bis zum Letzten verlaſſen. „Der Garkoch fragte, was dieſer Mann gethan habe, der ſo der allgemeinen Mißbilligung preisge⸗ geben ſei. „Man antwortete ihm, es ſei der Menſch, der Hein⸗ rich IV. eine Ohrfeige gegeben habe. „„So gehe von hier weg,““ ſprach der Garkoch, indem er auf ihn zuſchritt,„und möchte Dir das, was Du gegeſſen, zu Gift werden.““ „Es war noch weniger möglich, beim Garkoch zu widerſtehen, als beim Schenkwirth. Der verfluchte Ar⸗ beiter ſtand auf, ſeine Kameraden bedrohend, die vor ihm zurückwichen, nicht wegen der Drohungen, die er ausgeſtoßen, ſondern wegen der Entheiligung, die er begangen. „Er entfernte ſich, Wuth im Herzen, und irrte einen Theil des Abends unter Gottesläſterungen in den Straßen von Saint⸗Denis umher. Gegen zehn Uhr wanderte er nach ſeiner Miethwohnung. „Gegen die Gewohnheit des Hauſes waren die Thüren geſchloſſen. „Er klopfte an. „Der Vermiether erſchien an einem Fenſter. Da es finſtere Nacht war, ſo konnte er denjenigen, welcher klopfte, nicht erkennen. „„Wer ſeid Ihr?““ fragte er. „Det Arbeiter nannte ſich. 108 „„Ah!““ rief der Vermiether,„„Du biſt es, Du, der Heinrich IV. eine Ohrfeige gegeben hat; warte.““ „„Worauf ſoll ich warten?““ verſetzte der Arbeiter voll Ungeduld. „Zu gleicher Zeit ſiel ein Pack zu ſeinen Füßen. „„Was iſt das?““ fragte der Arbeiter. „„Alles, was hier Dir gehoört.““ „„Wie, Alles, was mir hier gehört!““ „„Ja, Du kannſt ſchlafen gehen, wo Du willſt; mich gelüſtet nicht darnach, daß mir mein Haus auf den Kopf fällt.““ „Wüthend nahm der Arbeiter einen FPflaſterſtein und ſchleuderte ihn an die Thüre. „„Warte,““ rief der Vermiether,„ich will Deine Kameraden aufwecken, und dann wollen wir ſehen.““ „Der Arbeiter begriff, daß nichts Gutes für ihn zu erwarten war. Er zog ſich zurück, und als er hun⸗ dert Schritte von da einen Wagenſchoppen offen fand, trat er ein „Unter dieſem Schoppen war Stroh, er legte ſich darauf und entſchlief. „Um drei Viertel auf zwölf Uhr kam es ihm vor, als vb Jemand ihn bei der Schulter berührte. „Er erwachte und ſah vor ſich eine weiße Geſtalt, die das Ausſehen einer Frau hatte und ihm durch ein Zeichen bedeutete, er möge ihr folgen. „Er glaubte, es ſei dies eine von jenen Unglück⸗ lichen, die ſtets ein Lager und Vergnügen demjenigen anzubieten haben, der das Lager und das Vergnügen bezahlen kann. Und da er Geld hatte, und lieber die Nacht unter Dach und in einem Bette liegend, als in einem Schoppen und auf einem Strohlager zubringen wollte, ſo ſtand er auf und folgte der Frau. „Die Frau zog ſich einen Augenblick an den Häu⸗ ſern der linken Seite der Grande⸗Rue hin, ſchritt dann über die Straße und ging in ein Gäßchen rechts, wobei ſie beſtändig den Arbeiter durch Zeichen ihr folgen hieß⸗ —0— —— u, . ⸗ ter uf in ine hn n⸗ ein en en die in en u⸗ nn bei ß. 109 „Gewohnt an ſolche nächtliche Gänge durch die Er⸗ fahrung, vertraut mit den Gaſſen, wo in der Regel die Frauen von der Art derjenigen welcher er folgte, wohnen, machte der Arbeiter keine Schwierigkeit und trat eben⸗ falls in die Gaſſe ein. „Die Gaſſe mündete nach den Feldern aus; er glaubte, die Frau bewohne ein einſames Haus und folgte ihr immer weiter.* „Nach hundert Schritten gingen ſie durch die Oeff⸗ nung einer Mauer; doch plötzlich, als er die Augen auf⸗ ſchlug, erblickte er die alte Abtei von Saint⸗Denis mit ihrem rieſigen Thurme und ihren durch das innere Feuer, bei welchem ſich der Wächter aufhielt, leicht gefärbten Fenſter. „Er ſuchte mit den Augen die Frauz ſie war ver⸗ ſchwunden. „Er befand ſich auf dem Kirchhof und wollte durch die Oeffnung zurückkehren. „Doch es kam ihm vor, als erblickte er auf dieſer Heffnung düſter, drohend, die Arme gegen ihn ausge⸗ ſtreckt, das Geſpenſt von Heinrich IV. „Das Geſpenſt machte einen Schritt vorwärts und der Arbeiter einen Schritt rückwärts. „Bei dem vierten oder fünften Schritt wich die Erde unter ſeinen Füßen und er ſiel rückwärts in die Grube. „Da kam es ihm vor, als ſähe er um ſich her alle die Könige, die Vorgänger und Nachfolger von Hein⸗ rich IV., ſich aufrichten; da kam es ihm vor, als erhöben ſie gegen ihn die Einen ihren Scepter, die Andern ihre Stäbe der Gerechtigkeit und als riefen ſie: Wehe dem Ruchloſen! Da kam es ihm vor, als fühlte er bei der Berührung dieſer Stäbe der Gerechtigkeit und dieſer wie Blei laſtenden, wie Feuer brennenden Scepter eines von ſeinen Gliedern nach dem andern zerbrechen. „In dieſem Augenblick ſchlug es Mitternacht und der Wächter hörte die Klagen. 11⁰ „Ich that, was ich konnte, um den Unglücklichen zu beruhigen, aber ſein Verſtand war verwirrt und nach einem Delirium von drei Tagen ſtarb er unter dem Ausruf: Gnade!“ „Verzeihen Sie,“ ſagte der Doctor,„aber ich be⸗ greife nicht ganz die Conſequenz Ihrer Erzählung. Der Unfall Ihres Arbeiters beweiſt, daß er, den Kopf von dem, was ihm am Tage begegnet, eingenommen, ſei es in wachem Zuſtande, ſei es im Zuſtande des Som⸗ nambulismus in der Nacht umhergeirrt iſt, daß er um⸗ herirrend in den Kirchhof eingetreten und, während er in die Luft ſchaute, ſtatt zu ſeinen Füßen zu ſchauen, in die Grube gefallen iſt, wo er natürlich bei ſeinem Sturze einen Arm und ein Bein gebrochen hat. Sie haben nun von einer Wahrſagung geſprochen, die ſich verwirklicht, und ich ſehe in dem Allem nicht die ge⸗ ringſte Wahrſagung.“ „Warten Sie doch, Doctor,“ erwiederte der Che⸗ valier,„die Geſchichte, die ich Ihnen erzählt habe und die, Sie haben Recht, nur eine Thatſache iſt, führt geraden Weges zu der Wahrſagung, die ich Ihnen ſagen will und die ein Geheimniß iſt. „Hören Sie die Wahrſagung: „Am 20. Januar 1794, nach der Zerſtörung des Grabes von Franz I., öffnete man das Grab der Grä⸗ fin von Flandern, der Tochter von Philipp dem Langen. „Dieſe zwei Gräber waren die letzten, die man zu leeren hatte, alle anderen Gräber waren ſchon aus⸗ geleert, alle Knochen nach dem Beinerhaus gebracht. „Ein letztes Grab war unbekannt geblieben, das des Cardinals von Retz, den man der Sage nach in Saint⸗Denis beerdigt hatte. „Alle Grüfte oder beinahe alle hatte man wieder Fibſens die Gruft der Valois und die Gruft der Karl. „Es blieb nur noch die Gruft der Byurbonen, die man am andern Tage ſchließen ſollte. E ach em be⸗ der on ſei m⸗ m⸗ em ihrt nen des rä⸗ gen. man us das ein eder der die 11⁴ „Der Wächter brachte ſeine letzte Nacht in dieſer Kirche zu, wo nichts mehr zu bewachen war, weshalb man ihm auch zu ſchlafen erlaubt hatte, und von dieſer Erlaubniß machte er Gebrauch. „Um Mitternacht wurde er durch das Geräuſch der Orgel und religiöſer Geſänge geweckt. „Er wachte auf, rieb ſich die Augen und wandte den Kopf nach dem Chor, d. h. nach der Seite, von welcher die Geſänge kamen.. „Da ſah er zu ſeinem Erſtaunen die Chorſtühle von den Mönchen von Saint⸗Denis beſetzt; er ſah einen Erzbiſchof am Altar den Gotttesdienſt verrichten; er ſah das Trauergerüſte erleuchtet und unter dem er⸗ leuchteten Trauergerüſte das große goldene Bahrtuch, das gewöhnlich nur den Leib der Könige bedeckt. „In dem Augenblick, wo er erwachte, war die Meſſe beendigt und das Ceremoniell der Beerdigung begann. „Das Seepter, die Krone und der Stab der Ge⸗ rechtigkeit, die auf einem rothen Kiſſen von Sammet lagen, wurden Herolden überreicht, dieſe boten ſie drei Prinzen, welche dieſelben annahmen. „Sogleich traten, mehr gleitend als gehend, und ohne daß das Geräuſch das geringſte Echo im Saale erweckte, die Kammerherrn vor, hoben den Körper in die Höhe und trugen ihn in die Gruft der Bourbonen, welche allein offen geblieben, während alle andere ge⸗ ſchloſſen waren. 3 „Da ſtieg der Wappenkönig hinab, und als er hin⸗ abgeſtiegen war, rief er den anderen Herolden zu, ſie mögeß hinab kommen und ihren Dienſt verrichten. „Der Wappenkönig und die Herolde waren ſechs an der Zahl. „Aus der Tiefe der Gruft rief der Wappenkönig den erſten Herold, der hinabſtieg und die Sporen trug. „Dann den zweiten, der hinabſtieg und die Pan⸗ zerhandſchuhe trug. 112 „Dann den dritten, der hinabſtieg und den Schild trug. „Dann den vierten, der hinabſtieg und den Helm rug. „Dann den fünften, der hinabſtieg und den Waf⸗ fenrock trug. „Dann rief er den erſten Truchſeß, der das Ban⸗ ner brachte. „Die Kapitäne der Schweizer, der Bogenſchützen, der Leibwache und zwei hundert Edelleute von den Haustruppen. „Den Oberſtallmeiſter, der das königliche Schwert brachte. „Den erſten Kammerherrn, der das Banner von Frankreich brachte. „Den Oberceremonienmeiſter, an dem alle Haus⸗ hofmeiſter vorübergingen, dieſe Haushofmeiſter warfen ihre weißen Stäbe in die Gruft und verbeugten ſich vor den drei Prinzen, den Trägern der Krone, des Scepters und des Stabs der Gerechtigkeit, während ſie defilirten.* „Dann rief der Wappenkönig mit lauter Stimme und dreimal: „„Der König iſt todt; es lebe der König! „„Der König iſt todt; es lebe der König! „„Der König iſt todt; es lebe der Koͤnig!““ „Ein Herold, der im Chor geblieben war, wieder⸗ holte dieſen dreifachen Ruf. „Endlich zerbrach der Ceremonienmeiſter ſein Stäb⸗ chen, zum Zeichen, daß das königliche Haus aufgelöſt war, und daß die Ofſiciere des Königs ſich erſehen konnten. „Sogleich erſchollen die Trompeten, erwachte die DOrgel. tönten, während die Orgel immer leiſer ſeufzte, er⸗ bleichten die Kerzen, verſchwammen die Körper der Sodann, während die Trompeten immer ſchwächer — Ch der ger on en es nd 113 Anweſenden, und beim letzten Seufzer der Orgel, beim letzten Tone der Trompeten war Alles verſchwunden. „Am anderen Morgen erzählte der Wächter ganz in Thränen zerfließend die königliche Beerdigung, die er geſehen, und der er, der arme Mann, ganz allein bei⸗ gewohnt, weisſagend, daß dieſe verſtümmelten Gräber wieder an ihren Platz gebracht würden, und daß, trotz der Deecrete des Convents und des Werkes der Guillokine, Frankreich eine neue Monarchie und Saint⸗Denis neue Könige ſehen würde. „Dieſe Weiſſagung trug das Gefängniß und bei⸗ nahe das Schaffot dem armen Teufel ein, der dreißig Jahre ſpäter, nämlich am 20. Septbr. 1824, hinter der⸗ ſelben Säule, wo er ſeine Erſcheinung gehabt hatte, in⸗ dem er mich am Rock zog, zu mir ſprach: „„Nun, Herr Lenoir, täuſchte ich mich, als ich Ihnen ſagte, unſere armen Könige würden wieder kom⸗ men 2“4 „In der That, an dieſem Tage begrub man Lud⸗ wig XVIII. mit demſelben Ceremoniell, das der Wäch⸗ * der Gräber dreißig Jahre früher hatte anwenden ehen. „Erklären Sie mir das, Herr Doetor.“ L'Artifaille. Mochte er nun überzeugt ſein, mochte ihm, was wahrſcheinlicher iſt, einem Manne gegenüber, wie der hevalier Lenoir, das Leugnen ſchwieriger vorkommen, der Doctor ſchwieg. Das Stillſchweigen des Doctors ließ den Ausle⸗ gern das Feld frei. Fauſend und ein Geſpenſt. 8 123 114 Der Abbs Moullé warf ſich zuerſt auf die Arena. „Dieß Alles beſtätigt mich in meinem Syſtem,“ ſagte er. „Und was iſt Ihr Syſtem?“ fragte der Doetor entzückt, die Polemik mit minder gewaltigen Kämpen, als Herr Ledru und der Chevalier, wieder aufzunehmen. „Daß wir zwiſchen zwei unſichtbaren Welten le⸗ ben, von denen die eine mit hölliſchen Geiſtern, die andere mit himmliſchen Geiſtern bevölkert iſt; daß zur Stunde unſerer Geburt zwei Geiſter, der eine ein gu⸗ ter, der andere ein böſer, an unſerer Seite Platz neh⸗ men und uns unſer ganzes Leben hindurch begleiten, wobei uns der Eine das Gute, der Andere das Böſe zuflüſtert, und daß zur Stunde unſeres Todes derjenige, welcher triumphirt, ſich unſerer bemächtigt, wodurch unſer Körper entweder die Beute eines Teufels oder der Aufent⸗ halt eines Engels wird. Bei der armen Solange hatte der gute Genius triumphirt, und er war es, der Ihnen, Ledru, durch die ſtummen Lippen der armen Märtyrin Lebewohl ſagte; bei dem durch den ſchottiſchen Richter verurtheilten Räuber war der böſe Dämon Herr des Platzes geblieben, und er kam nach und nach zum Rich⸗ ter unter der Form einer Katze, im Gewande eines Ge⸗ richtsboten, mit dem Anſchein eines Todtengerippes; bei dem letzten Fall endlich iſt es der Engel der Mo⸗ narchie, der an dem Ruchloſen die gräßliche Entheili⸗ gung der Gräber rächte, und der, wie Chriſtus, da er ſich den Demüthigen offenbarte, die zukünftige Wieder⸗ herſtellung des Königthums gezeigt hat, und dies mit ſo viel Gepränge, als ob die phantaſtiſche Ceremonie alle die zukünftigen Würdenträger des Hofes von Lud⸗ wig XVIII. zu Zeugen gehabt hätte. „Aber, Herr Abbé,“ verſetzte der Doctor,„jedes Syſtem iſt am Ende auf eine Ueberzeugung gegründet.“ „Allerdings.“ . „Um wahrhaft zu ſein, muß jedoch dieſe nebet⸗ zeugung auf einer Thatſache beruhen.“ ——-— er⸗ mit nie ud⸗ des .“ er 1¹⁵ „Die meinige beruht auch auf einer Thatſache.“ „Auf einer Thatſache, die Ihnen von Jemand er⸗ zählt worden iſt, zu dem Sie volles Vertrauen hatten?“ „Auf einer Thatſache, die mir ſelbſt begegnet iſt.“ „Ah! Abbé, laſſen Sie hören. „Gern. Ich bin auf jenem Theil vom Erbe der alten Könige geboren, den man heute das Departement de Aisne nennt, während man ihn früher Isle de France nannte; mein Vater und meine Mutter wohnten in einem Dörfchen, das mitten im Walde von Villers⸗ Cotterets liegt und Fleury heißt. Vor meiner Geburt hatten meine Eltern ſchon fünf Kinder, drei Knaben und zwei Mädchen, gehabt, welche alle geſtorben waren. Eine Folge hievon war, daß meine Mutter, als ſie ſich mit mir ſchwanger fühlte, zu den Füßen des Altars mich bis zu meinem ſiebenten Jahre weiß zu kleiden ſchwur, und daß mein Vater eine Pilgerfahrt zu Unſe⸗ rer Lieben Frau von Lieſſe gelobte. „Dieſe zwei Gelübde kommen in der Provinz nicht ſelten vor, und ſie ſtanden in unmittelbarer Verbindung mit einander, da Weiß die Farbe der Jungfrau und Unſere Liebe Frau von Lieſſe nichts Anderes iſt, als die Jungfrau Maria. „Leider ſtarb mein Vater während der Schwan⸗ gerſchaft meiner Mutter, doch meine Mutter, die eine fromme Frau war, beſchloß nichtsdeſtoweniger das Gelübde nach ſeiner ganzen Strenge zu erfüllen; ſo⸗ gleich nach meiner Geburt wurde ich von Kopf bis zu den Füßen weiß gekleidet, und ſobald meine Mutter gehen konnte, unternahm ſie zu Fuß, wie es gelobt war, die fromme Pilgerfahrt. „Unſere Liebe Frau von Lieſſe lag zum Glück nur fünfzehn bis ſechszehn Meilen vom Dorfe Fleury, und in drei Etapen hatte meine Mutter den Ort ihrer Be⸗ ſtimmung erreicht. „Sie verrichtete hier ihre Andacht und empfing 1¹6 aus den Händen des Geiſtlichen eine ſilberne Medaille, die ſie mir an den Hals hing. „Durch dieſes doppelte Gelübde blieb ich von al⸗ len Unfällen der Jugend befreit, und als ich das Alter der Vernunft erreichte, fühlte ich mich, war es nun die religiöſe Erziehung, die ich erhalten, war es der Ein⸗ fluß der Medaille, zum geiſtlichen Stande hingezogen. Ich machte meine Studien im Seminar von Soiſſon, verließ dieſes als Prieſter im Jahr 1780 und wurde als Vicar nach Etampes geſchickt. „Der Zufall wollte, daß ich bei derjenigen von den vier Kirchen von Etampes angeſtellt wurde, welche unter der Anrufung Unſerer Lieben Frau ſteht. „Dieſe Kirche iſt eines von den wunderbaren Mo⸗ numenten, welches die romaniſche Epoche dem Mittel⸗ alter vermachte. Von Robert dem Starken angelegt, wurde ſie erſt im zwölften Jahrhundert vollendet; ſie hat heute noch bewundernswürdige Glasſcheiben, die friſch nach der Erbauung herrlich mit der Malerei und der Vergoldung harmoniren mußten, welche ihre Säu⸗ len bedeckten und ihre Kapitäler bereicherten. „Schon als Kind liebte ich ungemein dieſe wun⸗ verbaren Granitgebilde, die der Glaube vom zehnten bis zum ſechszehnten Jahrhundert aus der Erde hervor⸗ geholt hat, um den Boden von Frankreich, dieſer älte⸗ ſten Tochter Roms, mit einem Walde von Kirchen zu bedecken, was ſtille ſtand, als, durch das Gift von Luther und von Calvin getödtet, der Glaube in den Herzen hinſtarb. „Noch ein Kind, hatte ich in den Ruinen von Saint⸗Jean von Soiſſons geſpielt; ich hatte meine Augen geweidet an den Phantaſien aller dieſer Ge⸗ ſimſe, welche verſteinerte Blumen zu ſein ſchienen, und ſo war ich, als ich Unſere Liebe Frau von Etampes ſah, glücklich, daß der Zufall oder vielmehr die Vor⸗ ſehung mir, der Schwalbe, ein ſolches Neſt, dem Eis⸗ vogel, ein ſolches Schiff gegeben. „Meine glücklichen Momente waren auch vie, welche * e E 1. 1 e ⸗ e e 6 S* S S S NN N S 117 ich in der Kirche zubrachte. Ich will nicht ſagen, es ſei ein rein religiöſes Gefühl geweſen, was mich dort zurück⸗ gehalten, nein, es war ein Gefühl des Wohlbehagens⸗ das ſich mit dem des Vogels vergleichen läßt, welchen man unter der Luftpumpe hervorzieht, wo man aus⸗ zupumpen angefangen hat, um ihn dem Raume und der Freiheit zurückzugeben. Mein Raum war der, welcher ſich vom Portal bis zur Altarſtätte ausdehnte; meine Freiheit war die, ein paar Stunden auf einem Grabe knieend oder an eine Säule angelehnt zu träu⸗ men. Wovon träumte ich? gewiß nicht von einer theologiſchen Spitzfindigkeit; nein, von dem ewigen Kampf des Guten und des Böſen, der an den Men⸗ ſchen ſeit dem Tage des Sündenfalls zerrt; von den ſchönen Engeln mit den weißen Flügeln, von den häß⸗ lichen Teufeln mit den rothen Geſichtern, die bei jedem Sonnenſtrahle auf den Glasſcheiben funkelten, die Einen glänzend vom himmliſchen Feuer, die Andern flammend von den Gluthen der Hölle Die Kirche war meine Wohnſtätte; hier lebte ich, hier dachte ich, hier betete ich. Das kleine Pfarrhaus, das man mir gegeben, war nur mein Abſteigequartier, in dem ich ſpeiſte und ſchlief, und nicht mehr. „Oft verließ ich Unſere Liebe Frau erſt um Mit⸗ ternacht oder um ein Uhr Morgens. „Man wußte das. War ich nicht im Pfarrhauſe, ſo war ich in der Kirche Unſerer Lieben Frau. Man ſuchte mich hier und man fand mich. „Die Gerüchte der Welt drangen wenig zu mir, der ich in dieſem Heiligthum der Religion und beſon⸗ ders der Poeſie eingeſchloſſen war. „Unter dieſen Gerüchten war jedoch eines, das Jedermann, Groß und Klein, Geiſtliche und Laien in⸗ tereſſirte. Die Gegend von Etampes wurde durch die Thaten eines Nachfolgers oder vielmehr eines Neben⸗ buhlers von Cartouche und Poulailler, verheert, der, durch die Kühnheit, den Spuren ſeiner Vorgänger fol⸗ 118 gen zu müſſen ſchien. Dieſer Bandit, welcher Alles angriff, beſonders aber die Kirche, hatte den Namen: lArtifaille. „Was mich veranlaßte, den Thaten dieſes Ban⸗ diten eine beſondere Aufmerkſamkeit zu ſchenken, war der Umſtand, daß ſeine Frau, welche in der untern Stadt von Etampes wohnte, zu meinen eifrigſten Beicht⸗ kindern gehörte. Eine brave, würdige Frau, der die verbrecheriſche Laufbahn ihres Mannes Gewiſſensbiſſe bereitete, und die, da ſie ſich vor Gott als Ehefrau für verantwortlich hielt, ihr Leben in Gebet und Beichte hinbrachte, in der Hoffnung, durch ihre frommen Werke die Gottloſigkeit ihres Mannes zu mildern. „Es war, wie geſagt, ein Bandit, der weder Gott noch den Teufel fürchtete und behauptete, die Welt ſei ſchlecht beſchaffen, und er ſei auf die Erde abgeſchickt, um ſie zu beſſernz durch ihn werde ſich das Gleichge⸗ wicht in den Vermögensverhältniſſen wiederherſtellen, und er ſei nur der Vorläufer einer Secte, die man eines Tages werde erſcheinen ſehen, und die dann das predige, was er in Ausübung bringe, nämlich die Güter⸗ gemeinſchaft. 4 „Zwanzigmal wurde er feſtgenommen und ins Gefängniß gebracht; aber beinahe immer fand man in der zweiten oder dritten Nacht ſein Gefängniß leer; da man nicht wußte, auf welche Art man ſich dieſe Ent⸗ weichungen erklären ſollte, ſo ſagte man, er habe das Kraut gefunden, welches das Eiſen durchfrißt. „Es war alſo etwas Wunderbares, was ſich an dieſen Mann heftete. „Ich für meine Perſon, ich muß es geſtehen, dachte nicht eher an dieſe Sache, als bis ſeine Frau mir beichtete, mir ihre Aengſten geſtand und mich um mei⸗ nen Rath bat. „Da rieth ich ihr, wie Sie wohl begreifen wer⸗ den, ihren ganzen Einfluß auf ihren Mann anzuwen⸗ den, um ihn auf den guten Weg zurückzuführen, es n: n⸗ ar rn ht⸗ ie ſſe ür te tt ſei kt, e⸗ n, n as r 16 in t⸗ 6 1¹9 doch der Einfluß der armen Frau war ſehr ſchwach. Es blieb ihr alſo nur die ewige Zuflucht zur Gnade, welche das Gebet vor dem Herrn eröffnet. „Das Oſterfeſt des Jahres 1783 nahte heran. Es war in der Nacht vom Gründonnerſtag auf den Char⸗ freitag. Ich hatte am Gründonnerſtag viel Beichte gehört und mich Abends acht Uhr dergeſtalt müde ge⸗ fühlt, daß ich im Beichtſtuhl eingeſchlafen war. „Der Meßner ſah mich eingeſchlafen, da er aber meine Gewohnheiten kannte und wußte, daß ich einen Schlüſſel zur kleinen Kirchenthüre bei mir hatte, ſo fiel es ihm nicht ein, mich aufzuwecken: was mir dieſen Abend geſchah, war mir ſchon hundertmal geſchehen. „Ich ſchlief ſo, als ich mitten in meinem Schlafe ein doppeltes Geräuſch ertönen fühlte. „Das eine war das Vibriren des Hammers, der Mitternacht ſchlug. „Das andere war das Streifen eines Trittes auf den Platten. „Ich offnete die Augen und ſchickte mich an, aus dem Beichtſtuhl herauszutreten, als ich in dem Licht⸗ ſtrahl, den der Mond durch die Scheiben von einem der Fenſter warf, einen Menſchen vorübergehen zu ſehen glaubte. „Da dieſer Menſch vorſichtig ging und bei jedem Schritt, den er that, ſich umſchaute, ſo begriff ich, daß es weder einer der Aſſiſtenten, noch der Kirchendiener, noch der Cantor, noch einer von den alltäglichen Be⸗ ſuchen meiner Kirche war, ſondern irgend ein Eindring⸗ ling, der ſich in ſchlimmer Abſicht hier befand. „Der nächtliche Gaſt ging nach dem Chor zu. Hier angelangt, blieb er ſtehen, und nach einem Augenblick vernahm ich das ſcharfe Schlagen eines Eiſens am Feuerſtein; ich ſah einen Funken hervorſpringen, ein Stück Zunder entbrannte, und ein Schwefelhölzchen befeſtigte ſein irrendes Licht an dem Ende einer auf dem Altar ſtehenden Kerze. 120 „Beim Schimmer dieſer Kerze konnte ich nun einen Mann von mittlerem Wuchſe, mit mehr höhniſchem, als furchtbarem Geſichte, ſehen, der im Gürtel ein Paar Piſtolen und einen Dolch trug und, einen forſchenden Blick in die ganze Ausdehnung des von der Kerze er⸗ leuchteten Umkreiſes werfend, durch dieſe Prüfung völlig beruhigt zu ſein ſchien. „Hiernach zog er aus ſeiner Taſche nicht einen Bund Schlüſſel, ſondern einen Bund von jenen Werk⸗ zeugen, beſtimmt, die Schlüſſel zu erſetzen, die man Roſſignols*) nennt, ohne Zweifei nach jenem bekann⸗ ten Roſſignol, welcher den Schlüſſel von jeder Ge⸗ heimſchrift zu beſitzen bebauptete. Mit Hülfe eines ſolchen Inſtruments öffnete er das Tabernakel, zog zu⸗ erſt das heilige Ciborium, ein herrliches unter Hein⸗ rich IM. eiſelirtes Gefäß von altem Silber, ſodann eine maſſive Monſtranz, welche der Stadt von der Königin Marie Antoinette geſchenkt worden war, und endlich zwei Kännchen von Vermeil heraus. „Da dies Alles war, was der Tabernakel enthielt, ſo ſchloß er es wieder ſorgfältig und kniete nieder, um den untern Theil des Altars zu öffnen, der den Reli⸗ quienkaſten bildete. „Dieſer untere Theil des Altars enthielt eine Jung⸗ frau von Wachs, bekrönt mit einer Krone von Gold und Diamanten und bedeckt mit einem ganz mit Edel⸗ ſteinen beſäten Kleide. „Nach Verlauf von fünf Minuten war der Reli⸗ quienkaſten, deſſen gläſerne Wände der Räuber hätte aufbrechen können, mit Hülfe eines falſchen Schlüſſels geöffnet, und er ſchickte ſich an, das Kleid und die Krone der Monſtranz, den Kännchen und dem heiligen Ciborium beizufügen, als ich, da ich nicht wollte, daß ein ſolcher Diebſtahl vollführt würde, aus dem Beicht⸗ ſtuhle heraustrat und auf den Altar zuging. *) Dietriche. ——-—— 0) 8 ten als ar en er⸗ lig en rk⸗ an n⸗ ze⸗ les u⸗ in⸗ ine in ich lt, m li⸗ 124. „Das Geräuſch, das ich beim Oeffnen der Thüre machte, veranlaßte den Räuber, ſich umzuwenden. Er neigte ſich auf meine Seite und ſuchte ſeinen Blick in die entfernten Dunkelheiten der Kirche zu tauchen; aber der Beichtſtuhl lag außer dem Bereiche des Lichtes, und ſo ſah er mich erſt, als ich in den durch die flackernde Flamme der Kerze erleuchteten Kreis trat. „Sobald der Räuber einen Mann erblickte, lehnte er ſich an den Altar an, zog eine von ſeinen Piſtolen aus ſeinem Gürtel und richtete ſie auf mich. „Doch an meiner langen ſchwarzen Robe konnte er bald bemerken, daß ich nur ein einfacher, harmloſer Prieſter war, der als Schutzwache einzig und allein den Glauben, ſtatt jeder andern Waffe nur das Wort hatte. „Trotz der drohenden Piſtole, die er auf mich ge⸗ richtet, ging ich bis zu den Stufen des Altars. Ich fühlte, daß, wenn er auf mich ſchöße, entweder die Pi⸗ ſtole verſagen, oder die Kugel vom Wege abgehen würde; ich hatte die Hand an meiner Medaille und hielt mich für gänzlich geſchützt durch die fromme Liebe zur heili⸗ gen Jungfrau. „Dieſe Ruhe des armen Vicars ſchien den Ban⸗ diten zu bewegen. „„Was wollen Sie 2“ ſagte er zu mir mit einer Stimme, die er ſicher zu machen bemüht war. „„Sie ſind Artifaille?““ erwiederte ich. „„Beim Teufel!““ rief er,„„wer würde es außer mir wagen, allein in eine Kirche einzudringen, wie ich es thue?““ „„Armer, verhärteter Sünder, der Du auf Dein Verbrechen ſtolz biſt,““ ſprach ich,„„begreifſt Du nicht, daß Du bei dem Spiele, das Du ſpielſt, nicht nur Dei⸗ nen Leib, ſondern auch Deine Seele verdirbſt?““ „„Bah! was meinen Leib betrifft, ſo habe ich ihn ſo oft gereitet, daß ich ihn auch diesmal zu retten hoffe, und was meine Seele betrifft.... „„Nun! was Deine Seele betrifft?““ 122 „„Das geht meine Frau an: ſie iſt fromm füt zwei und wird meine Seele zugleich mit der ihrigen retten.““ „„Du haſt Recht, Deine Frau iſt eine fromme Frau, mein Freund, und ſie würde ſicherlich vor Schmerz ſterben, erführe ſie, Du habeſt das Verbrechen began⸗ gen, das Du zu vollbringen im Begriffe warſt.““ „„Oh! ho! Sie glauben, meine arme Frau werde vor Schmerz ſterben?““ „„Ich bin deſſen ſicher.““ „„Ah! ich werde alſo Witwer ſein,““ fuhr der Räuber fort, indem er in ein Gelächter ausbrach und die Hände gegen die heiligen Gefäſſe ausſtreckte. „Doch ich ſtieg die drei Stufen des Altars hinauf und hielt ſeine Arme zurück. „„Nein,““ ſagte ich zu ihm,„„Sie werden dieſe Ruchloſigkeit nicht begehen.““ „lnd wer wird mich davon abhalten?““ „ „„Durch Gewalt?““ „„Nein, durch Ueberredung. Gott hat ſeine Die⸗ ner nicht auf die Erde geſandt, daß ſie die Gewalt ge⸗ brauchen, was eine menſchliche Sache iſt, ſondern daß ſie die Ueberredung gebrauchen, die eine göttliche Tu⸗ gend iſt. Mein Freund, es geſchieht nicht der Kirche wegen, die ſich neue Gefäſſe verſchaffen kann, ſondern Deinetwegen, der Du Deine Sünde nicht zurückkaufen kannſt. Mein Freund, Du wirſt dieſen Kirchenraub nicht begehen.““ „„Ah! Sie glauben alſo, es ſei der erſte dieſer Art, mein braver Mann?““ „„Nein, ich weiß, daß es der zehnte, der zwanzigſte, der dreißigſte vielleicht iſt; doch was liegt hieran? bis jetzt waren Deine Augen geſchloſſen, Deine Augen wer⸗ den ſich aber heute Abend öffnen. Haſt Du nicht ſagen hören, es habe einen Maun Namens Saul gegeben, der die Mäntel von denjenigen bewacht, welche den E ſe me ge mi hei dae für gen me erz an⸗ rde der und auf ieſe ie⸗ ge⸗ daß Tu⸗ che ern fen aub eſer ſte, bis er⸗ gen en, den 123 heiligen Stephan ſteinigten? Wohl! die Augen dieſes Menſchen waren mit Schuppen bedeckt, wie er ſelbſt erzählte; eines Tags fielen die Schuppen von ſeinen Augen, er ſah, und das war der heilige Paulus.““ „„Sagen Sie mir doch, Herr Abbé, iſt der heilige Paulus nicht gehenkt worden?““ a „„Nun, wozu hat es ihm gedient, daß er ge⸗ ſehen?““ „„Es hat ihm dazu gedient, überzeugt zu werden, daß das Heil zuweilen in der Hinrichtung liegt. Der heilige Paulus hat einen verehrten Namen auf der Erde hinterlaſſen und erfreut ſich der ewigen Glück⸗ ſeligkeit im Himmel.““ „„In welchem Alter iſt es dem heiligen Paulus begegnet, daß er geſehen?““ „„Mit fünf und dreißig Jahren.““ „„Ich bin über dieſes Alter hinaus, ich zähle vierzig.““ „„Es iſt immer Zeit zur Reue. Am Kreuze ſprach Jeſus zum böſen Schächer: Ein Wort der Bitte und ich rette dich.““ „„Ah! es iſt Dir alſo viel an Deinem Silberzeug gelegen?““ fagte der Bandit, indem er mich anſchaute. „„Nein. Es liegt mir an Deiner Seele, die ich retten will.““ „„An meiner Seele! das willſt Du mich glauben machen? Oh! Du ſpotteſt meiner.““ „„Soll ich Dir beweiſen, daß mir an Deiner Seele gelegen iſt?““ Oh! gib mir dieſen Beweis, damit wirſt Du mir Vergnügen machen.““ „„Wie hoch ſchlägſt Du den Diebſtahl an, den Du heute Nacht begehen wollteſt?““ „„Ei! ei!““ erwiederte der Räuber, die Kännchen, das Ciborium, die Monſtranz und den Rock der Jung⸗ „ 124 frau mit Wohlgefallen betrachtend,„zu tauſend Tha⸗ „„Zu tauſend Thaler?““ „„Ich weiß wohl, daß dies doppelt ſo viel werth iſt; aber ich muß wenigſtens zwei Drittel daran ver⸗ lieren; dieſe verteufelten Jnden ſind Diebe!““ „„Komm zu mir.““ 3u Dit? „„Ja, zu mir ins Pfarrhaus. Ich habe eine Summe von tauſend Franken; ich gebe ſie Dir ab⸗ ſchläglich.““ „„Und die weiteren zwei tauſend?““ „„Und die weiteren zwei tauſend? Nun! ich ver⸗ ſpreche Dir bei meinem Prieſterwort, in meine Heimath zu gehen. Meine Mutter hat einiges Gut, ich verkaufe drei bis vier Morgen Landes, um die weiteren zwei tauſend Franken zuſammenzubringen, und gebe ſie Dir.“ „„Ja, damit Du mit mir eine Zuſammenkunft ver⸗ abreden und mich in eine Falle gerathen laſſen kannſt?““ „„Du glaubſt nicht, was Du da ſagſt,““ erwiederte ich, die Hand gegen ihn ausſtreckend. „„Nun! es iſt wahr, ich glaube nicht daran,““ ſagte er mit einer düſtern Miene.„„Doch Deine Mut⸗ ter, iſt ſie denn reich?““ „„Nein, meine Mutter iſt arm.““ „„Dann wird ſie zu Grunde gerichtet ſein?““ „„Wenn ich ihr ſage, daß ich um den Preis ihres Ruins vielleicht eine Seele gerettet habe, ſo wird ſie mich ſegnen. Hat ſie übrigens nichts mehr, ſo kommt ſie zu mir und wohnt bei mir, und ich werde immer für zwei haben.““ „„Ich nehme es an,““ ſagte er,„gehen wir zu Dir „„Gut, doch warte.““ „„Was?““ „„Verſchließe in dem Tabernakel die Gegenſtände, zu vor wa geſ ter! Thi Feu her⸗ ich oder rth ver⸗ eine ab⸗ ver⸗ nath aufe wei r.““ ver⸗ 24 erte n Nut⸗ hres d ſie mmt für r zu inde, 12⁵ die Du herausgenommen haſt, mit dem Schlüſſel, das wird Dir Gluͤck bringen.““ „Die Stirne des Banditen faltete ſich wie die eines Menſchen, deſſen ſich der Glaube unwillkührlich be⸗ mächtigt: er ſtellte die heiligen Gegenſtände in das Tabernakel und ſchloß es wieder. „„Komm,““ ſagte er. „„Mache zuerſt das Zeichen des Kreuzes,““ ſprach ich. „Er verſuchte es, ein ſpöttiſches Gelächter von ſich zu geben, aber das begonnene Gelächter unterbrach ſich von ſelbſt. „Dann machte er das Zeichen des Kreuzes. „„Nun folge mir,““ ſagte ich zu ihm. „Wir gingen zu der kleinen Thüre hinaus und waren in weniger als fünf Minuten in meinem Hauſe. „Auf dem Wege, ſo kurz er auch war, hatte der Bandit ſehr unruhig geſchienen und beſtändig umher⸗ geſchaut, als befürchtete er, ich wolle ihn in einen Hin⸗ terhalt fallen machen. „In meinem Hauſe angelangt, blieb er bei der Thüre ſtehen. „„Nun! die tauſend Franken?““ ſagte er. „„Warte!““ antwortete ich. „Ich zündete eine Kerze an meinem ſterbenden Feuer an, öffnete einen Schrank und zog einen Sack heraus. „„Hier ſind ſie,“ ſagte ich. „Und ich gab ihm den Sack. „„Und die weiteren zwei tauſend, wann werde ich ſie bekommen?““ „„Ich verlange ſechs Wochen von Dir.““ „„Es iſt gut, ich gebe Dir die ſechs Wochen.““ „„Wem ſoll ich das Geld zuſtellen?““ „„Meiner Frau.““ „„Wohl 1 „„Doch ſie wird nicht erfahren, woher es kommt oder wie ich es gewonnen habe?““ 126 „Sie wirb es nicht erfahren und eben ſo wenig ſonſt Jemand. Und Du, Deinerſeits, wirſt nie etwas gegen Unſere Liebe Frau von Etampes, noch gegen ir⸗ gend eine unter der Anrufung der Jungfrau ſtehende Kirche nehmen?““ „„Nie 1“ „„Bei Deinem Wort?““ „So wahr ich Artifaille heiße.““ „„Gehe, mein Sohn, und ſündige nicht mehr.““ „Ich grüßte ihn und bedeutete ihm durch ein Zei⸗ chen der Hand, es ſtehe ihm frei, ſich zu entfernen. „Er ſchien einen Augenblick zu zögern, dann öff⸗ nete er vorſichtig die Thüre und verſchwand. „Ich kniete nieder. und betete für dieſen Menſchen. „Ich hatte mein Gebet noch nicht vollendet, als ich an die Thüre klopfen hörte. „Herein!““ ſagte ich, ohne mich umzuwenden. „Es blieb wirklich Jemand, als er mich im Gebet begriffen ſah, hinter mir ſtille ſtehen. „Sobald ich mein Gebet vollendet hatte, wandte ich mich um, und erblickte Artifaille unbeweglich, auf⸗ recht, mit ſeinem Sack unter dem Arm, bei der Thüre. „„Hier,“ ſagte er zu mir,„„ich bringe Dir Deine tauſend Franken zurück.““ „„Meine tauſend Franken?““ „„Ja, und ich nehme die weiteren zwei tauſend für bezahlt an.““ „„Und dennoch beſteht das Verſprechen, das Du mir geleiſtet haſt?““ „„Bei Gott!““ „„Du bereuſt alſo?““ „„Ich weiß nicht, ob ich bereue, ja oder nein, aber ich will nichts von Deinem Gelde.““ „Und er legte den Sack auf den Rand des Schenk⸗ tiſches. „Dann blieb er aber ſtehen, als wollte er etwas N hen nig s ir⸗ nde . ⸗ ei⸗ öff⸗ ſen als ebet idte uf⸗ üre. ine end Du ber enk vas 127 fragen; doch dieſe Frage, man fühlte es, hatte große Mühe, über ſeine Lippen zu kommen. „„Was wünſcheſt Du?““ ſagte ich zu ihm, „„ſprich, mein Freund. Was Du ſo eben gethan haſt, iſt gut, ſchäme Dich nicht, Beſſeres zu thun.““ „„Du biſt Unſerer Lieben Frau ſehr ergeben?““ fragte er. „Sehr.““ „Und Du glaubſt, daß durch ihre Vermittlung ein Menſch, ſo ſchuldig er auch ſein mag, in der Stunde des Todes gerettet werden könne? Wohl! für Deine dreitauſend Franken, die ich für bezahlt annehme, gib mir eine Reliquie, einen Roſenkranz, ein Reliquien⸗ käſtchen, das ich in meiner Todesſtunde küſſen kann.““ „Ich machte die Medaille und die goldene Kette los, die mir meine Mutter am Tage meiner Geburt um den Hals geſchlungen hatte, ohne daß ich mich ſeitdem je davon getrennt, und gab Beides dem Räuber⸗ „Der Räuber drückte ſeine Lippen auf die Medaille und entfloh. „Es verging ein Jahr, ohne daß ich von lArti⸗ faille ſprechen horte; ohne Zweifel hatte er Etampes verlaſſen, um anderswo ſein Handwerk zu treiben. „Mittlerweile bekam ich einen Brief von meinem Collegen, dem Viear von Fleury. Meine gute Mutter war ſehr krank und rief mich zu ſich. Ich erhielt einen Urlaub und reiſte ab. „Sechs bis acht Wochen guter Pflege und des Gebets gaben meiner Mutter die Geſundheit wieder. Wir trennten uns, ich freudig, ſie völlig geheilt, und ich kehrte nach Etampes zurück. „Ich kam an einem Freitag Adends an; die ganze Stadt war in Bewegung. Der berüchtigte Räuber Artifaille war in der Gegend von Orleans eingefan⸗ gen und beim Gerichte dieſer Stadt verurtheilt worden; nach der Verurtheilung ſchickte man ihn aber, um ge⸗ henkt zu werden, nach Etampes, weil der Canton Etam⸗ 128 pes hauptſächlich der Schauplatz ſeiner Miſſethaten ge⸗ weſen war. „Die Hinrichtung hatte an demſelben Morgen ſtatt⸗ gefunden. „Das erfuhr ich auf der Straße; doch als ich in das Pfarrhaus eintrat, erfuhr ich noch etwas Anderes, nämlich, daß eine Frau von der untern Stadt ſeit dem Morgen des vorhergehenden Tages, d. h. ſeit der Stunde, wo lArtifaille in Gtampes angekommen, um hier ſeine Strafe zu erleiden, ſich mehr als zehnmal in meiner Si erkundigt hatte, ob ich noch nicht eingetrof⸗ en ſei. „Ueber dieſe Dringlichkeit darf man ſich nicht wun⸗ dern. Ich hatte in einem Briefe meine nahe bevor⸗ ſtehende Ankunft mitgetheilt, und man erwartete mich von einem Augenblick zum andern. „Ich kannte in der untern Stadt nur die arme Frau, welche Witwe werden ſollte, und beſchloß, zu ihr zu gehen, ehe ich nur den Staub von meinen Füßen geſchüttelt. „Das Pfarrhaus war von der untern Stadt nur ein paar Schritte entfernt. Es ſchlug zwar zehn Uhr, aber ich dachte, da ein ſo heißes Verlangen, mich zu ſehen, vorwalte, ſo werde die arme Frau nicht durch meinen Beſuch beläſtigt werden. „Ich ging alſo in die Vorſtadt hinab und ließ mir ihr Haus bezeichnen. Da ſie Jedermann als eine Fromme kannte, ſo machte ihr Niemand ein Verbrechen aus dem Verbrechen ihres Mannes, rechnete ihr Niemand zur Schande ſeine Schande an. „Ich kam vor die Thüre. Der Laden war offen und durch die Fenſterſcheiben konnte ich die arme Frau am Fuße des Bettes knieend und betend ſehen⸗ „An der Bewegung ihrer Schultern konnte man bemerken, daß ſie während des Betens ſchluchzte. „Ich klopfte an die Thüre. „Sie ſtand auf, öffnete mir raſch und rief: in s, e, ne er f⸗ n⸗ r⸗ ne ß, en ur r zu ir ne m ur 129 „Ah! Herr Abbés, ich errieth, daß Sie kämen⸗ Als man klopfte, begriff ich, Sie ſeien es. Ach! ach! Sie kommen zu ſpäl: mein Mann iſt ohne Beichte ge⸗ ſtorben.““ „„Er iſt alſo in einer ſchlechten Gemüthsverfaſſung geſtorben 2““ „„Nein, ganz im Gegentheil, ich bin feſt überzeugt, daß er im Grunde ſeines Herzens Chriſt war, aber er hatte erklärt, er wolle keinen andern Prieſter, als Sie, er würde nur Ihnen beichten, und wenn er Ihnen nicht beichte, ſo würde er Niemand beichten, als Unſerer Lieben Frau.““ „„Er hat Ihnen das geſagt?““ „„Ja, und während er dies ſagte, küßte er eine Medaille der Jungfrau, die an einer goldenen Kette an ſeinem Halſe hing, empfahl über Alles, ihm dieſe Medaille nicht zu nehmen, und verſicherte, wenn es gelänge, ihn mit dieſer Medaille zu begraben, ſo hätte der böſe Geiſt keine Macht über ſeinen Leib.““ „„Iſt dies Alles, was er geſagt hat?““ „„Nein, als er mich verließ, um nach dem Schaf⸗ fot zu gehen, ſagte er mir noch, Sie würden mich heute Abend ſogleich nach Ihrer Ankunft beſuchen; da⸗ rum erwartete ich Sie.““ „„Er ſagte Ihnen das?““ fragte ich voll Er⸗ ſtaunen. „„Ja, und dann beauftragte er mich noch mit einer letzten Bitte.““ „„Für mich?““ „„Für Sie. Er ſagte, zu welcher Stunde Sie auch kämen, ſoll ich Sie bitten. Mein Golt! ich werde es nie wagen, Ihnen ſo etwas wiederzu⸗ ſagen.““ „Sprechen Sie, meine gute Frau, ſprechen Sie.““ „„Wohl! ich ſoll Sie bitten, zum Hochgericht zu gehen und dort für das Heil ſeiner Seele fünf Pater Tauſend und ein Geſpenſt. 9 130 und fünf Ave zu ſprechen. Er ſagte, Sie würden mir das nicht abſchlagen, Herr Abbs.““ „„Und er hat Recht gehabt, denn ich gehe ſogleich dahin.““ „„Oh! wie gut ſind Sie!““ „Sie nahm meine Hände und wollte ſie küſſen. „Ich machte mich los und ſprach: „„Auf, meine gute Frau, Muth gefaßt.““ „„Gott verleiht mir, Herr Abbsé, ich beklage mich nicht.““ „„Er hat nichts Anderes verlangt?““ „„Nein.““ „Ich entfernte mich. „Es war ungefähr halb eilf Uhr. Man befand ſich in den letzten Tagen des April, der Nordoſtwind war noch friſch, der Himmel aber war ſchön, ſchön für einen Maler beſonders, denn der Mond rollte in einem Meere düſterer Wellen, welche dem Horizont einen großartigen Charakter verliehen. „Ich wandte mich um die alten Mauern der Stadt und kam zum Pariſer⸗Thor. Nach eilf Uhr Abends war dies das einzige Thor, das offen blieb. „Das Ziel meiner Wanderung war auf einer Es⸗ planade, von der aus man heute, wie damals, die ganze Stadt überſchaut. Nur iſt heute keine andere Spur mehr von dem Galgen vorhanden, der damals auf der Esplanade ſtand, als drei Bruchſtücke von dem Mauer⸗ werk, das die drei Pfoſten ſicherte, die mit einander durch zwei Balken verbunden waren und den Galgen bildeten. „Um zu dieſer Esplanade zu gelangen, die links vvn der Straße liegt, kommt man von Etampes nach Paris, und rechts, geht man von Paris nach Etampes, um zu dieſer Esplanade zu gelangen, mußte man an dem Fuße des Thurmes von Guinette vorbei, einem vorgeſchobe⸗ nen Werk, das wie eine zu Bewachung der Stadt ver⸗ ——— 2 S mir leich 8 nich fand vind für nem inen tadt ends Es⸗ anze Spur der uer⸗ nder lgen von aris, n zu Fuße be⸗ ver⸗ 13¹ Erz in die Ebene hinausgeſtellte Schildwache aus⸗ eht. „Dieſer Thurm, den Sie kennen, Chevalier Lenoir, und den Ludwig Xl., ohne daß es ihm gelang, ſpren⸗ gen zu machen verſuchte, iſt durch die Erploſion aus⸗ gehöhlt und ſcheint nach dem Galgen, mit der ſchwar⸗ zen Höhle, von einem Auge ohne Augenſtern, zu ſehen. „Bei Tag iſt es der Aufenthait der Raben, bei Nacht iſt es der Palaſt der Eulen und Käuzchen. „Ich ſchlug unter ihrem Geſchrei und Gejammer den Weg nach der Esplanade ein, einen ſchmalen, ſchwierigen, höckerigen, aus dem Felsgeſtein ausge⸗ grabenen und durch das Geſtrüppe gebahnten Weg. „Ich kann nicht gerade ſagen, daß ich Angſt hatte⸗ Der Menſch, der an Gott glaubt, der auf ihn vertraut, muß vor nichts bange haben. Aber ich war bewegt⸗ „Man hörte auf der Welt nichts, als das ein⸗ toͤnige Ticktack der Mühle der untern Stadt, das Ge⸗ ſchrei der Eulen und Käuzchen und das Pfeifen des Windes durch das Gebüſche. „Der Mond trat hinter eine ſchwarze Wolke, deren Ränder er mit einer weißlichen Franſe beſetzte. „Mein Herz klopfte. Es war mir, als ſollte ich ſehen, nicht das, was ich zu ſehen gekommen, ſondern etwas Unerwartetes. Ich ging immer weiter. „Zu einem gewiſſen Punkte der Steige gelangt, fing ich an das obere Ende des Galgens zu erſchauen, der, wie ich ſchon erwähnt, aus drei Pfoſten und zwei Verbindungsbalken von Eichenholz beſtand. „An dieſem eichenen Balken hängen die eiſernen Kreuze, an welche man die Hingerichteken befeſtigt. „Ich erblickte, wie einen beweglichen Schatten, den Körper des unglücklichen[Artifaille, den der Wind im Raume ſchaukelte. „Plötzlich blieb ich ſtehen, ich erſchaute nun den Galgen von ſeinem oberen Ende bis zu ſeiner Baſe. Ich erblickte eine formloſe Maſſe, die ein vierfüßiges Thier zu ſein ſchien und ſich bewegte. „Ich blieb ſtehen und verbarg mich hinter einem Felſen. Dieſes Thier war größer als ein Hund und maſſiger als ein Wolf. „Es erhob ſich auf ſeine Hinterpfoten und ich er⸗ kannte, daß dieſes Thier kein anderes war, als dasje⸗ nige, welches Plato ein Thier mit zwei Füßen und ohne Federn nannte, nämlich ein Menſch. „Was wollte ein Menſch zu dieſer Stunde unter einem Galgen, kam er nicht etwa mit einem religiöſen Herzen, um zu beten, oder mit einem irreligiöſen Her⸗ zen, um hier eine Ruchloſigkeit zu begehen? „Für jeden Fall beſchloß ich, mich verborgen zu halten und zu warten. „In dieſem Augenblick trat der Mond aus der Wolke hervor, die ihn eine Zeit lang bedeckt hatte, und fiel mit ſeinem ganzen Glanze auf den Galgen. „Da konnte ich deutlich den Menſchen und ſogar alle Bewegungen ſehen, die er machte. „Dieſer Menſch hob eine auf der Erde liegende Leiter auf und legte ſie an einem von den Pfoſten, ſo nahe als möglich bei dem Leichnam des Gehenkten, an. „Dann ſtieg er die Leiter hinauf. „Hier bildete er mit dem Gehenkten eine ſeltſame Gruppe, wobei ſich der Lebendige und der Todte in einer Umarmung zu vermengen ſchienen. „Plötzlich erſcholl ein furchbarer Schrei. Ich ſah die zwei Körper ſich bewegen; ich hörte mit einer gepreßten Stimme, welche bald deutlich zu ſein nachließ, um Hülfe rufen; dann machte ſich einer von den zwei Körpern gen blieb und ſeine Arme und ſeine Beine ſchüttelte. „Es war mir nicht möglich, zu errathen, was un⸗ ter der ſchändlichen Maſchine vorging; aber, mochte es nun ein Werk des Menſchen oder des Teufels ſein, es vom Galgen los, während der andere am Strange hän⸗ a 8 8(S%) 8 8 — S 133 es war etwas Außerordentliches vorgefallen, was um Hülfe rief, was Beiſtand forderte. em„Ich lief weiter. Vei meinem Anblick ſchien der nd Gehenkte ſeine Bewegungen zu verdoppeln, während unter ihm der Körper desjenigen, welcher ſich vom er⸗ Galgen losgemacht, unbeweglich lag. je⸗„Zuerſt eilte ich zu dem Lebenden. Ich ſtieg raſch nd die Sproſſen der Leiter hinauf und durchſchnitt den Strick mit meinem Meſſer; der Gehenkte fiel auf die ter Erde, ich ſprang von der Leiter herab. Der Gehenkte en wälzte ſich in furchtbaren Convulſionen, der andere Körper blieb gleich unbeweglich. „Ich ſah ein, daß die Schlinge immer noch den zu Hals des armen Teufels zuſammenſchnürte. Ich legte mich auf ihn, um ihn feſtzuhalten, doch nur mit großer er Mühe gelang es mir, die Schlinge, die ihn ſo gewal⸗ nd tig würgte, auseinander zu bringen. „Während vieſer Operation, die mich nöthigte, dem ar Menſchen ins Geſicht zu ſchauen, erkannte ich zu meinem großen Erſtaunen, daß es der Henker war. de„Seine Augen hingen aus ihrer Höhle heraus, ſo ſein Geſicht war bläulich, der Kiefer beinahe verdreht m. und ein Hauch, der mehr einem Röcheln, als einem Athem glich, kam aus ſeiner Bruſt hervor. me„Allmälig kehrte jedoch die Luft in ſeine Lunge in zurück und mit der Luft das Leben. „Ich hatte ihn an einen großen Stein angelehnt; ah nach einem Augenblick ſchien er wieder zum Bewußt⸗ en ſein zu kommen; er huſtete, drehte den Hals, indem fe er huſtete, und ſchaute mir am Ende ins Geſicht. rn„Sein Erſtaunen war nicht minder groß, als das n⸗ meinige geweſen. „„Oh ho! Herr Abbs, Sie ſind es 2““ n⸗„„Ja, ich bin es.““ es„„Und was machen Sie hier?““ fragte er mich. es„„Was wollen Sie hier?““ Er ſchien ſeine Geiſter zuſammenzuraffen und 134 ſchaute dann noch einmal umher; doch diesmal hefte⸗ ten ſich ſeine Augen auf den Leichnam. „„Ah!““ ſagte er, indem er aufzuſtehen verſuchte, „gehen wir, Herr Abbé, in des Himmels Namen, ge⸗ hen wir!““ „„Gehen Sie, mein Freund, wenn Sie wollen, doch ich, ich habe eine Pflicht zu erfüllen.““ „„Hier 2““ „Hier.“„ „„Welche Pflicht?““ „„Dieſer Unglückliche, der heute von Ihnen ge⸗ henkt worden iſt, hat gewünſcht, daß ich hieher zum Fuß des Galgens komme und fünf Pater und fünf Ave für das Heil ſeiner Seele bete.““ .„„Für das Heil ſeiner Seele? oh! Herr Abbé, Sie werden Mühe haben, wenn Sie ſeine Seele retten wollen, denn er iſt Satan in Perſon.““ „„Wie! er iſt Satan in Perſon?““ „„Allerdings, haben Sie nicht geſehen, was er mir gethan?““ „„Wie, was er Ihnen gethan? und was hat er Ihnen denn gethan?““ „„Er hat mich gehenkt, bei Gott.““ „„Er hat Sie gehenkt? mir aber kam es im Gegentheil vor, als ob Sie ihm dieſen traurigen Dienſt erwieſen hätten.““ „„Meiner Treue, ja, und ich glaubte ihn ganz vortrefflich gehenkt zu haben. Es ſcheint, ich hatte mich getäuſcht. Aber warum hat er nicht den Augen⸗ blick, wo ich ſelbſt hing, benützt, um zu entfliehen?““ „Ich ging auf den Leichnam zu und hob ihn auf, er war ſteif und kalt. „„Weil er todt iſt,““ ſagte ich. „„Todt?““ wiederholte der Henker.„Todt! Ah! Tenfel, das iſt ſchlimm; dann laſſen Sie uns fliehen.““ „Und er ſtand auf. „„Nein, bei meiner Treue,““ ſprach er, ſich eines . e⸗ e, e⸗ n 135 Andern beſinnend,„„ich will lieber bleiben, er brauchte nur aufzuſtehen und mir nachzulaufen. Sie, der Sie ein frommer Mann ſind, werden mich wenigſtens ver⸗ theidigen.““ „„Mein Freund, ſagte ich zu dem Henker, in⸗ dem ich ihn feſt anſchaute,„„dahinter ſieckt etwas. Sie fragten mich vorhin, was ich hier zu dieſer Stunde gewollt habe. Nun frage ich Sie: was wollten Sie hier?““ „„Ah! meiner Treue, Herr Abbé, es wird immer⸗ hin gut ſein, wenn ich es Ihnen ſage, thue ich es nun in der Beichte oder auf eine andere Art. Wohl! ich will es Ihnen auf eine andere Art ſagen. Doch war⸗ ten Sie.““ „Er machte eine Bewegung rückwärts. „„Was denn?““ „„Rührt es ſich nicht dort?““ „„Nein, ſeien Sie unbeſorgt, der Unglückliche iſt ganz todt.““ „Oh! ganz todt, ganz todt. gleichviel! Ich will Ihnen immerhin ſagen, warum ich hierher gekommen bin, und lüge ich, ſo wird er mich ſchon Lügen ſtrafen.““ „„Sprechen Sie.““ „„Ich muß Ihnen bemerken, daß dieſer Ungläubige nichts von der Beichte hören wollte; er ſagte nur von Zeit zu Zeit: Iſt der Abbé Moulle angekommen? Man erwiederte ihm: Nein, noch nicht. Er ſtieß einen Seuf⸗ zer aus; man bot ihm einen Prieſter an; er antwor⸗ tete: Nein! der Abbs Moulle und kein anderer.““ „„Ja, ich weiß das.““ „„Am Fuß des Thurmes von Guinette blieb er ſtehen: Schauen Sie doch, ob Sie den Abhs Moulle nicht kommen ſehen, ſagte er zu mir. „„Nein,““ erwiederte ich. „„Und wir gingen weiter. 136 „„Am Fuß der Leiter blieb er abermals ſtehen und fragte: Kommt der Abbs Moulle noch nicht? „„Eil nein, man hat es Euch ſchon geſagt. Es gibt nichts ſo Aergerliches, als einen Menſchen, der einem immer daſſelbe wiederholt.““ „„Vorwärts,““ ſagte er. „„Ich ſchlang ihm den Strick um den Hals, ſetzte ihm die Füße an die Leiter und ſagte zu ihm: Steige hinauf. „„Er ſtieg hinauf, ohne ſich zu ſehr bitten zu laſſen. Als er aber bis zu zwei Dritteln der Leiter hinauf ge⸗ kommen war, ſagte er zu mir: „„Warten Sie, ich will mich verſichern, ob der Abbé Moulle nicht kommt.““ „„Ah! ſchau, immerhin, das iſt nicht verboten.““ „„Da ſchaute er zum letzten Male in die Menge, als er Sie aber nicht ſah, ſtieß er einen Seufzer aus. „„Ich glaubte, er ſei entſchloſſen und man habe ihm nur noch den Stoß zu geben, doch er ſah meine Bewegungen und rief: „„Warte.““ „„Was noch?““ „„Ich möchte gern eine Medaille von Unſerer Lie⸗ ben Frau küſſen, die ich am Halſe trage.““ „„Ah! was das betrifft, das iſt nur zu billig,““ erwiederte ich. „Und ich hielt ihm die Medaille vor die Lippen. „„Was gibt es noch weiter?““ fragte ich. „„Ich will mit dieſer Medaille beerdigt werden.““ „Hm! hm!““ machte ich,„mir ſcheint, die ganze Verlaſſenſchaft des Gehenkten gehört dem Henker.““ „„Das geht mich nichts an, ich will mit meiner Medaille begraben werden.““ „„Ich will, ich will! wie Du das forderſt!““ „„Ich wiederhole, daß ich will.““ „Die Geduld ging mir aus; er war ganz 137 bereit, er hatte den Strick um den Hals, das andere Ende des Stricks hing am Haken. „„Geh zum Teufel!““ ſagte ich zu ihm, und ich ſchleuderte ihn in den Raum. „„Unſere Liebe Frau, habe Mit„Mit „„Meiner Treue, das iſt Alles, was er ſagen konnte; der Strick erwürgte zugleich den Menſchen und ſeinen Satz. „„In demſelben Augenblick, Sie wiſſen, wie das geſchieht, ergriff ich den Strick mit der Fauſt, ich ſprang ihm auf die Schulter und in weniger als einer Secunde war Alles abgethan. Er hatte ſich nicht über mich zu beklagen, und ich ſtehe Ihnen dafür, daß er nicht gelitten.““ „„Dies Alles ſagt mir aber nicht, warum Du heute Abend hieher gekommen biſt.““ „Oh! das iſt am ſchwerſten zu erzählen.““ „„Nun wohl! ich will es Dir ſagen, Du biſt ge⸗ kommen, um ihm ſeine Medaille zu nehmen.““ „„Ja, es iſt wahr, der Teufel hat mich verſucht. Ich ſagte zu mir: Gut, gut! du willſt; das iſt ſehr leicht zu ſagen; doch ſei unbeſorgt, wenn es Nacht ſein wird, dann wollen wir ſehen. Dann, als es Nacht ge⸗ worden war, ging ich von Hauſe weg. Ich haite meine Leiter in der Gegend gekaſſen und wußte, wo ſie zu finden war. Ich kam auf einem großen Umweg hier⸗ her, und als ich ſah, daß Niemand mehr auf der Ebene war, als ich kein Geräuſch mehr hörte, näherte ich mich dem Galgen, legte meine Leiter an, ſtieg hinauf, zog den Gehenkten an mich, hakte ſeine Kette von ihm los, und. „„Und was?““ „„Meiner Treue! glauben Sie mir, wenn Sie wollen: in dem Augenblick, wo ſich die Medaille von ſeinem Halſe trennte, nahm mich der Gehenkte, zog ſeinen Hals aus der Schlinge, ſteckte meinen Kopf ſtatt 138 des ſeinigen durch und ſtieß mich, wie ich ihn geſtoßen hatte.““ „„Unmöglich, Sie täuſchten ſich.“ „„Ich frage Sie, ja oder nein, haben Sie mich ge⸗ henkt gefunden?““ „Ja „„Wohl! ich ſchwöre Ihnen, daß ich mich nicht ſelbſt gehenkt habe. Das iſt Alles, was ich Ihnen ſagen kann.““ „Ich dachte einen Augenblick nach. „„Und die Medaille,““ fragte ich,„„wo iſt ſie?““ „„Meiner Treue, ſuchen Sie auf dem Boden, ſte kann nicht fern ſein; als ich mich gehenkt fühlte, ließ ich ſie los.““ „Ich ſtand auf und ſchaute auf den Boden, ein Fiſ fiel darauf, als wollte er meine Nachſuchungen eiten.. „Ich hob ſie auf, ging auf den Leichnam des armen lArtifaille zu und befeſtigte die Medaille wieder an ſeinem Hals. „In dem Augenblick, wo ſie ſeine Bruſt berührte, durchlief etwas wie ein Schauer ſeinen ganzen Leib, und ein ſchriller, beinahe ſchmerzlicher Schret drang aus ſeiner Bruſt hervor. „Der Henker machte einen Sprung rückwärts. „Mein Geiſt war durch dieſen Schrei erleuchtet worden. Ich erinnerte mich deſſen, was die heilige Schrift von den Teufelsbeſchwörungen und von dem Schrei ſagt, den die Dämonen ausſtoßen, wenn ſie den Körper der Beſeſſenen verlaſſen. „Der Henker zitterte wie Laub. „„Kommen Sie hierher, mein Freund, und ſeien Sie ohne Furcht.““ „Zögernd näherte er ſich mir. „„Was wollen Sie von mir?““ fragte er. „„Hier iſt ein Leichnam, der wieder an ſeine Stelle gebracht werden muß.““ jen ge⸗ cht ten ieß in en ten te, nd s tet ige em en Ue 139 „„Nie. Ah! daß er mich wieber henkt!““ „„Es iſt keine Gefahr, Ich ſtehe Ihnen für Alles.““ „„Aber, Herr Abbé! Herr Abbs!““ „Kommen Sie, ſage ich Ihnen.““ „Er machte noch einen Schritt. „Hml““ murmelte er,„ich traue nicht.““ „„Und Sie haben Unrecht, mein Freund. So lange der Körper ſeine Medaille hat, haben Sie nichts zu fürchten.“ „„Warum dies?““ „„Weil der Dämon keine Gewalt über ihn haben wird. Dieſe Medaille beſchützte ihn, Sie haben ſie ihm genommen; in demſelben Augenblick iſt der böſe Geiſt, der ihn zum Schlimmen angetrieben hatte und der durch ſeinen guten Engel entfernt worden war, wieder in den Leichnam zurückgekehrt, und Sie haben geſehen, was das Werk dieſes böſen Geiſtes geweſen iſt.“ „„Der Schrei alſo, den wir gehört.. 4“ „„Iſt der, den er ausgeſtoßen, als er fühlte, daß ihm ſeine Beute entging.““ „„Hören Sie,““ ſprach der Henker,„„das könnte in der That ſein.““ „„Es iſt ſo.““ „„Dann will ich ihn wieder an ſeinen Haken hängen.““ „„Thun Sie das; die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben. Das Urtheil muß in Erfüllung gehen.““ „Der arme Teufel zögerte noch. „„Fürchten Sie nichts,““ ſagte ich,„ich ſtehe für Alles.““ „„Gleichviel,““ erwiederte der Henker,„verlieren Sie mich nicht aus dem Blick, und bei dem kleinſten Schrei kommen Sie mir zu Hülfe.““ „„Seien Sie unbeſorgt, Sie werden meiner nicht bedürfen.““ „Er näherte ſich dem Leichnam, hob ihn ſachte bei den Schultern auf, zog ihn an die Leiter und ſprach dabei: 140 „„Sei ohne Furcht, lArtifaille, ich will Dir nicht Deine Medaille nehmen. Nicht wahr, Herr Abbe, Sie verlieren uns nicht aus dem Blicke?““ „„Nein, mein Freund, habe nicht bange.““ „„Ich will Dir nicht Deine Medaille nehmen,““ fuhr der Henker mit dem verſöhnlichſten Tone fort; nein, ſei unbeſorgt; da Du es gewünſcht haſt, ſo ſollſt Du mit ihr begraben werden. Es iſt wahr, er rührt ſich nicht, Herr Abbé.““ „„Sie ſehen es.““ „„Du ſollſt mit ihr begraben werden. Mittlerweile bringe ich Dich wieder an Deinen Platz, auf den Wunſch des Herrn Abbé, denn was mich betrifft, Du begreifſt!. 4“ „„Ja, ja,““ ſagte ich, ohne mich eines Lächelns er⸗ wehren zu können,„„doch machen Sie geſchwinde.““ „„Meiner Treue, es iſt geſchehen,““ rief er, indem er den Körper, den er wieder am Haken befeſtigt, los⸗ ließ und gleichzeitig auf die Erde ſprang. „Und der Körper ſchaukelte ſteif und leblos im Raume. „Ich kniete nieder und begann die Gebete, welche l'Artifaille von mir verlangt hatte. „„Herr Abbé,““ ſprach der Henker, der neben mich niederkniete,„wäre es Ihnen gefällig, die Gebete laut und ſachte genug zu ſagen, daß ich ſie wiederholen könnte?““ „„Wie, Unglücklicher, Du haſt ſie alſo vergeſſen?““ „„Ich glaube, ich habe ſie nie gewußt.““ „Ich ſprach die fünf Pater und die fünf Ave, die der Henker gewiſſenhaft nach mir wiederholte. „Als das Gebet beendigt war, ſtand ich wieder auf. „„LArtifaille,““ ſagte ich laut zu dem Gehenkten, „„ich habe gethan, was ich für das Heil Deiner Seele thun konnte, das Uebrige mag Unſere Liebe Frau thun.““ „„Amen!““ ſprach mein Gefährte. „Ein Strahl des Mondes beleuchtete in dieſem 141 Augenblick den Leichnam wie eine Silbercascade. Es ſchlug Mitternacht in der Kirche Unſerer Lieben Frau. „„Gehen wir,““ ſagte ich zum Henker,„„wir haben nichts mehr hier zu thun.““ 3 „„Herr Abbé,“erwiederte der arme Teufel,„„wären Sie wohl ſo gut, mir eine letzte Gunſt zu bewilligen?““ „„Welche 246 „„Die, daß Sie mich nach meinem Hauſe zurück⸗ führen; ſo lange ich nicht meine Thüre zwiſchen mir und dieſem Burſchen geſchloſſen fühle, werde ich nicht ruhig ſein.““ „„Kommen Sie, mein Freund.““ „Wir verließen die Esplanade, doch nicht ohne daß ſich mein Gefährte alle zehn Schritte umwandte, um zu ſehen, ob der Gehenkte auch wohl an ſeinem Platze ſei. „Nichts rührte ſich. „Wir kehrten in die Stadt zurück. Ich führte mei⸗ nen Mann bis in ſein Haus, wo ich wartete, bis dieſes erleuchtet war. Dann ſchloß er die Thüre, dankte mir und ſagte mir durch die Thüre Lebewohl. Ich ging ruhig an Geiſt und Körper ebenfalls nach Hauſe. „Als ich am andern Morgen erwachte, ſagte man mir, die Frau des Räubers warte auf mich in meinem Speiſezimmer. „Ihr Geſicht war ruhig, beinahe freudig. „Herr Abbé,““ ſprach ſie zu mir,„ich komme, um Ihnen zu danken: mein Mann iſt mir geſtern, als es in der Kirche Unſerer Lieben Frau Mitternacht ſchlug, erſchienen und hat zu mir geſprochen: „Morgen früh begibſt Du dich zum Abbé Moulle und ſagſt ihm, durch ſeinen Beiſtand und dem Unſerer“ Lieben Frau ſei ich gerettet.““ 142 Das Haarbracelet. „Mein lieber Abbe,“ ſprach Alliette,„ich hege die größte Achtung für Sie und die größte Verehrung für Cazotte; ich gebe vollkommen den Einfluß Ihres böſen Geiſtes zu; doch es gibt eines, was ſie vergeſſen und wovon ich ein Beiſpiel bin: das iſt, daß der Tod das Leben nicht tödtet; der Tod iſt nur eine Art der Ver⸗ wandlung des menſchlichen Körpers; der Tod tödtet nur das Gedächtniß. Stärbe das Gedächtniß nicht, ſo würde ſich Jeder aller Wanderungen ſeiner Seele vom Anfang der Welt bis auf uns erinnern. Der Stein der Weiſen iſt nichts Anderes, als dieſes Geheimniß; es iſt dieſes Geheimniß, was Pythagoras gefunden hatte und was die Grafen von Saint⸗Germain und Ca⸗ glioſtro wiedergefunden haben. Es iſt das Geheim⸗ niß, das ich ebenfalls beſitze, und das macht, daß mein Körper ſterben wird, wie ihm dies ſchon vier⸗ bis fünf⸗ mal begegnet iſt, und wenn ich ſage, mein Körper werde ſterben, ſo täuſche ich mich noch, denn es gibt ge⸗ wiſſe Körper, welche nicht ſterben, und zu dieſen ge⸗ höre ich. „Herr Alliette,“ ſagte der Doctor,„wollen Sie mir zum Voraus eine Erlaubniß geben?“ „Welche?“ „Die, Ihr Grab einen Monat nach Ihrem Tode öffnen zu laſſen?“ „Einen Monat, zwei Monate, ein Jahr, zehn Jahre, wann Sie wollen, Doector, nur ſeien ſie vorſichtig, denn das Böſe, was Sie meinem Leichnam zufügen werden, könnte dem andern Körper, in den meine Seele einge⸗ gangen wäre, ſchaden.“ „Sie glauben alſo an dieſe Thorheit?“ . ———— 5————— — — H 8 die für ſen und das er⸗ tet „ſo om tein es atte Ca⸗ im⸗ ein inf⸗ rper ge⸗ ge⸗ Sie Lode hre, denn den, nge⸗ 143 „Ich bin dafür bezahlt, daß ich glaube, ich habe geſehen.“ „Was haben Sie geſehen„ einen von dbieſen lebendigen Todten?“ „at „Hören Sie, Herr Alliette, da Jeder ſeine Ge⸗ ſchichte erzählt hat, erzählen Sie auch die Ihrige; es müßte intereſſant ſein, wenn dieſe die wahrſcheinlichſte wäre.“ „Wahrſcheinlich oder nicht, Doetor, ich gebe ſie in ihrer ganzen Wahrheit. Ich begab mich von Straßburg nach dem Bade Leuk. Sie kennen den Weg, Doctor?“ „Nein; doch gleichviel, immer zu.“ „Ich begab mich alſo von Straßburg nach dem Bade Leuk und kam natürlich durch Baſel, wo ich den Poſtwagen verlaſſen mußte, um einen Landkutſcher zu nehmen. „Im Gaſthofe zur Krone, den man mir empfohlen, angelangt, fragte ich nach einem Kutſcher und erſuchte meinen Wirth, ſich zu erkundigen, ob nicht Jemand ge⸗ neigt wäre, denſelben Weg wie ich zu machen; er ward dann beauftragt, dieſer Perſon eine Verbindung vorzu⸗ ſchlagen, welche natürlich die Reiſe viel angenehmer und minder koſtſpielig machen mußte. „Am Abend ſagte er mir, daß er gefunden, was ich verlange; die Frau eines Baſeler Kaufmanns, die ihr drei Monate altes Kind, welches ſie ſelbſt geſtillt, verloren, hatte in Folge dieſes Verluſtes eine Krank⸗ heit durchgemacht, für welche man ihr das Bad Leuk verordnete. Es war dies das erſte Kind der erſt ein Jahr zuvor geſchloſſenen Ehe. „Mein Wirth erzählte mir, man habe große Mühe gehabt, die Frau zu beſtimmen, ihren Mann zu ver⸗ laſſen. Sie wollte durchaus entweder in Baſel bleiben, oder ſollte er mit ihr nach Leuk kommen; da aber andererſeits der Zuſtand ihrer Geſundheit das Bad heiſchte, während der Zuſtand ihrer Handelsgeſchäfte 144 ſeine Gegenwart in Baſel erforderte, ſo entſchloß ſie ſich und reiſte am andern Morgen mit mir ab. Ihr Kammermädchen begleitete ſie. „Ein katholiſcher Prieſter, der bei der Kirche eines benachbarten Dörfchens angeſtellt war, begleitete uns ebenfalls und nahm den vierten Platz im Wagen ein. Am andern Tag, gegen acht Uhr Morgens, holte uns der Wagen im Gaſthauſe ab; der Prieſter war ſchon da. Ich ſtieg auch ein und wit fuhren weg, um die Dame und ihre Kammerjungfer abzuholen. „Vom Innern des Wagens wohnten wir dem Ab⸗ ſchied der zwei Eheleute bei, der im Hintergrunde ihrer Wohnung begonnen hatte, im Magazin fortgeſetzt wurde und erſt auf der Straße ſein Ende fand. Ohne Zwei⸗ fel hatte die Frau eine Ahnung, denn ſie konnte ſich nicht tröſten. Es war, als wollte ſie, ſtatt eine Reiſe von etwa fünfzig Stunden antreten, eine Fahrt um die Welt unternehmen. „Der Mann ſchien ruhiger als ſie, nichtsdeſtowe⸗ niger war er bewegter, als es ſich vernünftiger Weiſe für eine ſolche Trennung geziemte. „Wir fuhren ab. „Natürlich hatten wir, der Prieſter und ich, die zwei beſten Plätze der Reiſenden und ihrer Kammer⸗ jungfer überlaſſen, das heißt, wir waren auf dem Vorderſitze und ſie auf dem Rückſitze. „Wir ſchlugen den Weg nach Solothurn ein und nahmen unſer erſtes Nachtlager in Mundiſchwyl. Den ganzen Tag war unſere Reiſende ängſtlich und unruhig geweſen. Als ſie am Abend eine Retourkutſche vorüber⸗ fahren ſah, wollte ſie nach Baſel zurückkehren. Ihrer Kammerjungfer gelang es jedoch, ſie zur Fortſetzung 6 ihrer Reiſe zu beſtimmen. 1 „Am andern Tage begaben wir uns gegen neun Uhr Morgens auf den Weg. Die Tagreiſe war kurz; wir beabſichtigten nur bis Solothurn zu gehen. ſie hr nes ns in. ns on die rer rde ei⸗ ich um e⸗ iſe die er⸗ em nd en i er⸗ er un 3 „Gegen Abend und als wir allmälig die Stadt erblickten, bebte unſere Kranke und rief: „„Ahl halten Sie an, man läuft uns nach.““ „Ich neigte mich zum Kutſchenſchlage hinaus. „„Sie täuſchen ſich, Madame,““ erwiederte ich, „die Straße iſt völlig leer.““ „„Das iſt ſeltſam,““ entgegnete ſie.„„Ich höre den Galopp eines Pferdes.““ „Ich glaubte ſchlecht gehört zu haben und beugte mich noch weiter zum Wagen hinaus⸗ „„Niemand, Madame,““ ſagte ich. „Sie ſchaute ſelbſt und fand, wie ich, die Straße verlaſſen. „„Ich habe mich getäuſcht,““ ſprach ſie, indem ſie ſich in den Hintergrund des Wagens zurückwarf. Und ſie ſchloß die Augen wie eine Frau, die ihren Geiſt in ihrem Innern concentriren will⸗ „Am andern Morgen fuhren wir um fünf Uhr ab. Diesmal war die Tagereiſe lang. Unſer Kutſcher gedachte in Bern zu übernachten. Zur ſelben Stunde, wie am Tag vorher, das heißt, um fünf Uhr Abends, erwachte unſere Gefährtin aus einer Art von Schlum⸗ mer, in den ſie verſanken war, ftreckte die Hand gegen den Kutſcher aus und rief: „„Kutſcher! halt. Diesmal weiß ich gewiß, daß man uns nachläuft.““ „„Die Frau täuſcht ſich. Ich ſehe nur die drei Bauern, die uns ſo eben begegnet ſind und ruhig ihren Weg verfolgen.““ „„Oh! ich hore den Galopp des Pferdes.““ „Dieſe Worte wurden mit einer ſolchen Ueberzeu⸗ gung geſprochen, daß ich nicht umhin konnte, rückwärts zu ſchauen. „Wie am Tage vorher, war die Straße völlig verödet. Es iſt unmöglich, Madame,““ ſagte ich, iich ſehe keinen Reiter.““ Tauſend und ein Geſpenſt. 10 146 „Wie kommt es, daß Sie keinen Reiter ſehen, 3 während ich den Schatten eines Pferdes und eines Rei⸗ ters erblicke?““ F „Ich ſchaute in der Richtung ihrer Hand und ſah at in der That den Schatten eines Pferdes und eines h Reiters. Doch ich ſuchte vergebens die Körper, denen„Hi die Schatten gehörten.— „Ich machte auf dieſe ſeltſame Erſcheinung den 5 Prieſter aufmerkſam: er bekreuzte ſich. ſe „Allmälig hellte ſich dieſer Schatten auf, wurde E von Augenblick zu Angenblick minder ſichtbar und ver⸗ ar ſchwand endlich ganz. A „Wir erreichten Bern. „Alle dieſe Vorzeichen ſchienen der armen Frau unſeliger Natur zu ſein; ſie ſagte unabläſſig, ſie wolle vr umkehren, und dennoch ſetzte ſie ihre Reiſe fort. m „War es moraliſche Unruhe, war es natürlicher D Fortſchritt der Krankheit, als wir nach Thun kamen, ur befand ſie ſich ſo übel, daß ſie in einer Sänfte weiter reiſen mußte. So wurde ſie durch das Kanderthal und über den Gemmi gebracht. Bei unſerer Ankunft in pr Leuk erklärte ſich ein Rothlauf und mehr als einen zu Monat lang war ſie taub und blind. „Ihre Ahnungen hatten ſie indeſſen nicht getäuſcht. ne Kaum hatte ſie etliche und zwanzig Stunden zurückge⸗ al legt, als ihr Mann von einer Hirnentzündung befallen T wurde. „Die Krankheit machte ſo raſche Fortſchritte, daß V er, das Gefährliche ſeines Zuſtandes fühlend, an dem⸗ f de ſelben Tag einen Reiter abſchickte, um ſeine Frau zu ſch benachrichtigen und zur Rückkehr zu veranlaſſen. Doch m zwiſchen Lauffen und Breitenbach ſtürzte das Pferd, der w Reiter fiel, ſchlug mit dem Kopf an einen Stein und ha mußte in einem Wirthshauſe bleiben, ohne daß er etwas na Anderes für den, welcher ihn abgeſandt, zu thun ver⸗ Al mochte, als ihn von ſeinem Unfall unterrichten zu laſſen B „Man ſchickte einen anderen Courier ab, doch vhne — en, ei⸗ 3 es en * 147 Zweifel waltete ein Unſtern über ihnen: am Ende des Kanderthals ließ er ſein Pferd zurück und nahm einen Führer, um das Plateau des Schwalbach zu erſteigen, als auf der Hälfte des Weges eine vom Attelsberg herabrollende Lauwine ihn in einen Abgrund fortriß; „der Führer war vurch einen Zufall gerettet worden. „Während dieſer Zeit machte das Uebel furchtbare Fortſchritte. Man war genöthigt, dem Kranken, der ſehr lange Haare trug, den Kopf zu raſiren, um ihm Eis auf den Schädel zu legen. Von dieſem Augenblick an hegte der Kranke keine Hoffnung mehr, und in einem Augenblick der Ruhe ſchrieb er an ſeine Frau: „„Liebe Bertha, „„Ich werde ſterben, oh! ich will mich nicht ganz von Dir trennen. Laß Dir ein Bracelet von Haaren machen, die man mir abgeſchnitten, und die ich für Dich aufzubewahren befohlen habe. Trage es immer und mir ſcheint, daß wir ſo noch vereinigt ſein werden. „„Dein Friedrich.““ „Dann übergab er dieſen Brief einem dritten Er⸗ preſſen, dem er ſogleich, wenn er verſchieden wäre, ab⸗ zureiſen befahl. „An demſelben Abend ſtarb er. Eine Stunde nach ſeinem Tode reiſte der Expreſſe ab, und glücklicher als ſeine zwei Vorgänger, kam er am Ende des fünften Tages in Leuk an. „Doch er fand die Frau bend und taub; erſt nach Verlauf eines Monats fing in Folge der Wirkſamkeit des Waſſers von Leuk dieſes doppelte Gebrechen an zu ſchwinden, und erſt nach einem weiteren Monat wagte man es, der Frau die unſelige Kunde mitzutheilen, auf. welche ſie indeſſen die verſchiedenen Viſtonen, die ſie ge⸗ habt, vorbereitet hatten. Sie blieb einen letzten Mo⸗ nat, um ſich völlig zu erholen, und endlich nach einer Abweſenheit von drei Monaten reiſte ſie wieder nach Baſel ab. „Da ich meinerſeits meine Kur vollendet haite, da es 148 bei meinen Leiden, einem Rheumatismus, wofür ich das Bad gebraucht, viel beſſer ging, ſo bat ich ſie um Erlaubniß, mit ihr reiſen zu dürfen, was ſie dankbar annahm, denn ſie hatte in mir eine Perſon gefunden, mit der ſie von ihrem Mann ſprechen konnte, welchen ich zwar nur im Augenblick der Abreiſe von fern er⸗ blickt, aber am Ende doch geſehen hatte. „Wir verließen Leuk und am Abend des fünften Tages waren wir wieder in Baſel. „Nichts konnte trauriger und ſchmerzlicher ſein, als die Rückkehr dieſer armen Witwe in ihr Haus; da dieſe zwei jungen Eheleute allein auf der Welt waren und der Mann nun geſtorben, ſo hatte man das Magazin geſchloſſen; der Handel hatte aufgehört, wie das Gehwerk aufhört, wenn eine Pendeluhr ſtehen bleibt. Man holte den Arzt, der den Kranken gepflegt, die verſchiedenen Perſonen, die ſeinen letzten Augen⸗ blicken beigewohnt hatten, und durch ſie weckte man gleichſam den Todeskampf wieder auf, baute man aber⸗ mals den Tod auf, der bei dieſen gleichgültigen Herzen ſchon vergeſſen war. „Sie verlangte wenigſtens die Haare, die ihr Mann ihr vermacht hatte. Der Arzt erinnerte ſich wohl, daß er ſie ihm abzuſchneiden befohlen; der Barbier erinnerte ſich wohl, den Kranken raſirt zu haben, doch nicht mehr. Die Haare waren in den Wind geworfen, zerftreut wor⸗ den und verloren gegangen. „Die Frau war in Verzweiflung. Der einzige Wunſch des Verſtorbenen, daß ſie ein Bracelet von ſei⸗ nen Haaren tragen möge, ließ ſich alſo unmöglich ver⸗ wirklichen. „Es vergingen mehrere Nächte, tief traurige Nächte, während welcher die im Hauſe umherirrende Witwe ſelbſt mehr ein Schatten, als ein lebendes Weſen zu ſein ſchien. Kaum zu Bette liegend, oder kaum ent⸗ ſchlummert, fühlte ſie ihren rechten Arm in eine Er⸗ ſtarrung verfallen, und ſie erwachte nicht eher, als bis — SSG S— —— S — ich im ar n, en r⸗ in, 6; lt as ie 149 in dem Augenblick, wo dieſe Erſtarrung ihr Herz zu erreichen ſchien. „Dieſe Erſtarrung fing beim Fauſtgelenke, d. h. bei der Stelle an, wo das Haarbracelet hätte ſein müf⸗ ſen, und hier fühlte ſie einen Druck dem einer zu engen eiſernen Armſpange ähnlich; vom Fauſtgelenke aber, wie geſagt, zog ſich die Erſtarrung zum Herzen. „Der Todte gab offenbar ſein Beklagen darüber kund, daß ſein Wille ſo ſchlecht befolgt worden war. „Die Witwe begriff dieſe Klagen, welche von jen⸗ ſeits des Grabes kamen. Sie beſchloß, das Grab zu öffnen, und wenn der Kopf ihres Mannes nicht ganz und gar raſirt worden wäre, Haare genug davon zu ſam⸗ meln, um ſeinen letzten Wunſch zu erfüllen. „Dem zu Folge ließ ſie, ohne irgend Jemand etwas von ihrem Vorhaben zu ſagen, den Todtengräber kommen. „Doch der Todtengräber, der ihren Gatten beerdigt hatte, war geſtorben. Der neue Todtengräber aber, welcher erſt ſeit vierzehn Tagen in Function getreten, wußte nicht, wo das Grab lag. „Auf eine Offenbarung hoffend, ging ſie, welche durch die doppelte Erſcheinung des Pferdes und des Reiters, ſie, die durch den Druck der Armſpange an Wunder zu glauben berechtigt war, allein auf den Kirchhof, ſetzte ſich auf einen mit friſchem, lebendigem Gras, wie es auf den Gräbern wächſt, überzogenen Erdhügel und rief hier irgend ein neues Zeichen an, 1 ſie ſich bei ihren Nachforſchungen halten önnte. „Ein Todentanz wer an die Mauer des Kirchhofes gemalt. Ihre Augen fielen auf den Tod und ſie hef⸗ teten ſich lange auf dieſe ſpöttiſche und zugleich furcht⸗ bare Figur. „Da kam es ihr vor, als höbe der Tod ſeinen fleiſchloſen Arm auf und deutete mit dem Ende ſeines 150 knochigen Fingers auf ein Grab inmitten der letzten Gräber. „Die Witwe ging gerade auf dieſes Grab zu, und als ſie bei demſelben war, glaubte ſie ganz deut⸗ lich den Tod zu ſehen, der ſeine Arme wieder an ihren urſprünglichen Platz herabfallen ließ. „Da machte ſie ein Merkmal an das Grab, holte den Todtengräber, führte ihn an die bezeichnete Stelle zurück und ſprach zu ihm: „„Grabet, hier iſt es.““ „Ich wohrte dieſer Arbeit bei, denn ich wollte das wunderbare Abenteuer bis zum Ende verfolgen. „Der Todtengräber grub. „Zum Sarge gelangt, hob er den Deckel auf. Anfangs zögerte er; doch die Witwe ſprach mit feſter Stimme zu ihm: „„Hebet auf, das iſt der Sarg meines Mannes!““ „Er gehorchte, ſo ſehr wußte dieſe Frau Anderen. das Vertrauen einzuflößen, das ſie ſelbſt beſaß. „Da erſchien etwas Wunderbares, was ich mit meinen eigenen Augen geſehen. Nicht nur war der Leichnam der Leichnam ihres Mannes, nicht nur war dieſer Leichnam, abgeſehen von der Bläſſe, ſo wie bei ſeinen Lebzeiten, ſondern ſeitdem er rafirt worden, d. h. ſeit ſeinem Todestage, waren ſeine Haare dergeſtalt gewachſen, daß ſie wie Wurzeln aus allen Spalten des Sarges hervorkamen. „Da neigte ſich die arme Frau auf den Leichnam, der nur entſchlummert zu ſein ſchien, ſie küßze ihn auf die Stirne, ſchnitt eine Locke von ſeinen langenſ ſo wunderbar auf dem Kopfe eines Todten gewachſenen Haaren ab und ließ eine Armſpange daraus machen. „Seit dieſem Tag hörte die nächtliche Erſtarrung auf, nur ſo oft ſie eine große Gefahr zu laufen be⸗ droht war, warnte ſie ein ſanfter, fteundſchaftlicher Druck der Armſpange, auf ihrer Hut zu ſein.“ „Wohl!“ ſagte der Doctor,„glauben Sie, daß „ — e— e—————.— — ten zu, ut⸗ lte lle lte uf. ter nit der ar bei h. alt es m, uf ſo en ng be⸗ her aß 151 dieſer Todte wirklich todt war? daß dieſer Leichnam wirklich ein Leichnam war? Ich glaube es nicht.“ „Und,“ fragte die bleiche Dame mit einem ſo ſelt⸗ ſamen Klange, der uns Alle in dieſer Nacht, worin us der Mangel an Licht gelaſſen hatte, beben machte, „Sie haben nicht ſagen hören, der Leichnam ſei je aus ſeinem Grabe herausgekommen? Sie hörten nicht ſagen, es habe Jemand durch ſeinen Anblick oder durch ſeine Berührung gelitten?“ „Nein,“ erwiederte Alliette,„ich verließ das Land.“ „Ah!“ ſprach der Doctor,„Sie haben Unrecht, Herr Alliette, von ſo leichter Compoſition zu ſein⸗ Frau Gregoriska war ganz bereit, aus ihrem guten Kaufmann von Baſel in der Schweiz einen polniſchen, wallachiſchen oder ungariſchen Vampyr zu machen. Sollten Sie zufällig während Ihres Aufenthalts in den Karpathen Vampyre geſehen haben?“ fügte der Doctor lachend bei. „Hören Sie,“ ſagte die bleiche Dame mit einer ſeltſamen Feierlichkeit,„da Jedermann hier eine Ge⸗ ſchichte erzählt hat, ſo will ich auch eine erzählen. Doctor, Sie werden nicht ſagen, die Geſchichte ſei nicht wahr, es iſt die meinige..... Sie werden erfahren, was Ihnen bis jetzt die Wiſſenſchaft noch nicht hat of⸗ fenbaren können, Doctor; Sie werden erfahren, warum ich ſo bleich bin.“ Ein Mondſtrahl glitt in dieſem Augenblick durch das Feuſter und die Vorhänge, ſpielte auf dem Ca⸗ ngb6„auf dem ſie lag, und umhüllte ſie mit einem bläulichen Lichte, das aus ihr eine auf einem Grabe Bildſäule von ſchwarzem Marmor zu machen ien. Nicht eine Stimms antwortete auf das Anerbie⸗ ten; aber das im Saale herrſchende tiefe Stillſchwei⸗ gen deutete an, daß Jeder voll Bangigkeit wartete. Vus Rrapak-Gebirge.*) „Ich bin eine Polin, geboren in Sandomir, d. h. in einem Lande, wo die Legenden Glaubensartikel werden, wo wir eben ſo ſehr, mehr vielleicht noch an unſere Fami⸗ lienüberlieferungen als an das Evangelium glauben. Es gibt nicht eines von unſern Schlöſſern, das nicht ſein Geſpenſt, nicht eine von unſern Hütten, die nicht ihren Familiengeiſt hat. Bei dem Reichen wie bei dem Ar⸗ men, im Schloſſe wie in der Hütte erkennt man das befreundete Princip und das feindliche Princip. Zu⸗ weilen bekommen dieſe zwei Principe Streit mit einan⸗ der und bekämpfen ſich. Dann vernimmt man ſo ge⸗ heimnißvolle Geräuſche in den Hausfluren, ſo furchtba⸗ res Gebrülle in den alten Thürmen, ſo gräßliches Be⸗ ben in den Wänden, daß man aus der Hütte wie aus dem Schloſſe entflieht, und daß Bauern oder Gdelleute nach der Kirche laufen und dort das geweihte Kreuz oder die heiligen Reliquien, die einzigen Verwahrungs⸗ mittel gegen die böſen Geiſter, die uns plagen, ſuchen. „Aber auch hier ſtehen einander zwei noch ſchreck⸗ lichere, noch erbittertere, noch unverſöhnlichere Principe gegenüber. „Das Jahr 1825 ſah zwiſchen Rußland und Polen einen von jenen Kämpfen ſich entſpinnen, bei welchen man glauben ſollte, alles Blut eines Volkes ſei er⸗ ſchöpft, wie oft alles Blut einer Familie erſchöpft iſt. „Mein Vater und meine zwei Brüder ſtanden auch gegen den neuen Czaar auf und reihten ſich unter die Fahne der polniſchen Unabhängigkeit, die, immer nieder⸗ geſchlagen, ſich immer wiedererhoben hatte. *) Karpathen. in i⸗ te 153 „Eines Tages erfuhr ich, mein jüngerer Bruder ſei getödtet, an einem andern Tag, mein älterer Bru⸗ der ſei auf den Tod verwundet worden; endlich nach einem Tage, an dem ich lange voll Angſt auf den Donner der Kanonen, der beſtändig näher kam, gehorcht hatte, ſah ich meinen Vater mit ungefähr hundert Rei⸗ tern, dem Ueberreſte von drei tauſend Mann, die er be⸗ fehligte, erſcheinen. „Er ſchloß ſich in unſerm Schloſſe mit der Abſicht ein, ſich unter ſeinen Trümmern zu begraben. „Mein Vater, der nichts für ſich fürchtete, zitterte für mich. Für meinen Vater handelte es ſich in der That nur um den Tod, denn er war ſicher, nicht leben⸗ dig in die Hände ſeiner Feinde zu fallen, aber für mich handelte es ſich um die Sklaverei, die Entehrung, die Schande. „Mein Vater wählte aus den hundert Mann, die ihm blieben, zehn aus, rief den Intendanten, übergab ihm Alles, was wir an Geld und Juwelen beſaßen, und be⸗ fahl, da er ſich erinnerte, daß meine Mutter, beinahe noch ein Kind, während der zweiten Theilung von Polen eine unzugängliche Zufluchtsſtätte in dem Kloſter Sa⸗ haſtru gefunden hatte, mich eben in dieſes Kloſter zu führen, das, gaftfreundlich gegen die Mntter, ohne Zweifel nicht minder gaſtfreundlich gegen die Tochter ſein würde. „Trotz der großen Liebe meines Vaters für mich, dauerte der Abſchied nicht lange. Aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach ſollten die Ruſſen ſchon am andern Tage im Angeſichte des Schloſſes ſein. Es war alſo keine Zeit zu verlieren. „Ich zog in Eile ein Amazonenkleid an, in dem ich meine Brüder auf die Jagd zu begleiten pflegte. Man ſattelte mir das ſicherſte Pferd des Stalles, mein Vater ſteckte ſeine eigenen Piſtolen, ein Meiſterwerk der Manufactur von Tula, in meine Holfter, umarmte 8 mich und gab Befehl zum Aufbruch. 2 154 „In der Nacht und in dem darauf folgenden Tage legten wir zwanzig Meilen zurück, wobei wir dem Ufer von einem der namenloſen Flüſſe folgten, die ſich in die Weichſel ergießen. „Dieſer erſte doppelte Marſch hatte uns außer den Bereich der Ruſſen gebracht. „Bei den letzten Strahlen der Sonne ſahen wir die Gipfel des Krapak⸗Gebirges ſchimmern. Gegen das Ende des nächſten Tages erreichten wir ſeine Baſe; am Morgen des dritten Tages endlich gelangten wir allmälig in einen von ſeinen Schlünden. „Unſer Krapak⸗Gebirge gleicht durchaus nicht den eiviliſirten Gebirgen in Ihrem Weſten. Alles, was die Natur Seltſames und Großartiges hat, bietet ſich dort den Blicken in ſeiner vollſten Majeſtät. Seine ſtür⸗ miſchen Gipfel verlieren ſich in den Wolken, bedeckt vom ewigen Schnee; ſeine ungeheuren Tannenwälder neigen ſich auf den glatten Spiegel von Seen dem Meere ähnlich. Und dieſe Seen hat nie ein Na⸗ chen durchfurcht, nie hat ihren Kryſtall, der ſo tief wie das Azur des Himmels, das Netz eines Fiſchers geſtört. Die menſchliche Stimme ertönt dort nur von Zeit zu Zeit, wenn ſie ein moldauiſches Lied vernehmen läßt, worauf die Schreie wilder Thiere antworten; Geſang und Schreie erwecken ein einſames Echo, welches ganz darüber erſtaunt iſt, daß irgend ein Geräuſch es über ſein eigenes Daſein belehrt hat. Viele Meilen weit reiſt man unter den düſtern Gewölben von Wald, der durch jene unerwarteten Wunder gefällt worden iſt, die uns die Einſamkeit auf jedem Schritte enthüllt, und die unſern Geiſt vom Erſtaunen zur Bewun⸗ derung übergehen laſſen. Die Gefahr iſt hier überall⸗ und ſie beſteht aus tauſend verſchiedenen Gefahren; aber man findet keine Zeit, um bange zu haben, ſo erhaben ſind die Gefahren. Bald ſind es durch das Schmelzen des Eiſes improviſirte Waſſerfälle, die, von Felſen zu Felſen ſpringend, den engen Fußpfad, d G U t v ſt o n n n n n n —— ——— 155 vem wir folgen, überſtrömen, einen Fußpfad, bereitet durch den Durchzug des wilden Thieres und des Jägers, der es verfolgt; bald ſind es durch die Zeit unterhöhlte Bäume, die ſich vom Boden losmachen und mit einem furchtbaren, dem eines Erdbebens ähnlichen Gekrache niederſtürzen; bald ſind es Orkaue, die uns mit Wol⸗ ken umhullen, aus deren Mitte man den Blitz einer Feuerſchlange ähnlich hervorſpringen, ſich verlängern und krümmen ſieht. „Nach dieſen Alpenpies, nach dieſen Urwäldern, nachdem man die rieſigen Berge und die endloſen Wal⸗ dungen geſehen, findet man die ungeheuren Steppen, ein wahres Meer mit ſeinen Wellen und ſeinen Stür⸗ men, dürre, höckerige Savanen, wo ſich der Blick an einem gränzenloſen Horizont verliert; dann iſt es nicht mehr die Furcht, die ſich unſerer bemächtigt, es iſt die Traurigkeit, die uns überfluthet, es iſt eine weite und tiefe Schwermuth, die nichts zu zerſtreuen vermag; denn der Anblick des Landes, ſofern ihn das Auge erreichen kann, iſt immer derſelbe. Man ſteigt zwanzigmal ähn⸗ liche Abhänge auf und ab und ſucht vergebens einen gebahnten Pfad; ſieht man ſich ſo in ſeiner Einſamkeit inmitten der Wüſte verloren, ſo glaubt man allein in der Natur zu ſein, und unſere Schwermuth wird zur Troſtloſigkeit; der Marſch kommt uns dann wie etwas Unnützes vor, das uns zu nichts führen werde; wir treffen weder ein Dorf, noch ein Schloß, noch eine Hütte, keine Spur menſchlicher Wohnung, nur zuweilen verſperrt uns, wie eine Traurigkeit mehr bei dieſer dü⸗ ſtern Landſchaft, ein kleiner See ohne Schilfrohr, ohne Gebüſche, entſchlummert in der Tiefe einer Schlucht, wie ein zweites todtes Meer, den Weg mit ſeinem grü⸗ nen Gewäſſer, über dem ſich, wenn wir ihm nahe kom⸗ men, einige Waſſervögel mit dem gedehnten, unharmo⸗ niſchen Geſchrei erheben. Dann macht man einen Um⸗ weg; man erklettert den Hügel, der vor einem liegt, man ſteigt in ein anderes Thal hinab, man erklettert 156 einen zweiten Hügel, bis man die wellenförmige Kette, die immer mehr abnimmt, erſchöpft hat. „Iſt aber die Kette erſchöpft und man macht eine Biegung gegen Süden, ſo nimmt die Landſchaft ihre Großartigkeit wieder an, man erblickt eine andere höhere Gebirgskette von pitoreskerer Form und reicherem Anſehen; dieſe iſt ganz mit Waldungen bebuſcht, ganz von Bächen durchſchnitten: mit dem Schatten und dem Waſſer erſteht das Leben wieder in der Landſchaft; man hört die Glocke eines Klausners, man ſieht eine Kara⸗ vane ſich an der Seite des Berges herabſchlängeln. Bei den letzten Strahlen der Sonne endlich erblickt man wie eine Schaar weißer Vögel, die ſich aneinan⸗ der anlehnen, die Häuſer eines Dorfes, welche ſich gruppirt zu haben ſcheinen, um ſich vor einem nächtlichen Angriff zu bewahren, denn mit dem Leben iſt die Ge⸗ fahr zurückgekehrt, und es ſind nicht mehr, wie in den erſten Bergen, die man durchzogen, Truppen von Bären und Wölfen, was man zu fürchten, ſondern es find Horden moldauiſcher Räuber, welche man zu be⸗ kämpfen hat. „Wir näherten uns indeſſen dem Orte unſerer Be⸗ ſtimmung. Wir waren zehn Tage ohne Unfall mar⸗ ſchirt und konnten ſchon den Gipfel des Pionberges erſchauen, der mit ſeinem Haupte dieſe ganze Rieſen⸗ familie überragt und auf deſſen ſüdlichem Abhang das Kloſter Sahaſtru liegt, wohin ich mich begab. Noch drei Tage und wir waren an Ort und Stelle. „Wir befanden uns am Ende des Monats Juli, der Tag war glühend heiß geweſen, und mit einer Wolluſt ohne Gleichen fingen wir gegen vier Uhr an die erſte Kühle des Abends einzuſchlürfen. Wir waren an den in Trümmern liegenden Thürmen von Niantzo vorbeigekommen und ſtiegen gegen eine Ebene hinab, die wir durch die Oeffnung des Gebirges zu erblicken anfingen. Wir konnten ſchon von da, wo wir waren, mit den Augen dem Laufe der Biſtriza, deren Ufer mit —————— 157 rothen Affrinen und mit großen friſchweißen Glocken⸗ blumen emaillirt war, folgen. Wir zogen uns an einem Abſturz hin, in deſſen Tiefe der Fluß rollte, der hier nur ein Gießbach war. Kaum war der Raum für die Pferde breit genug, daß ſie zu zwei nebenein⸗ ander gehen konnten. „Unſer Führer ritt uns, auf der Seite ſeines Pfer⸗ des liegend, voran, und ſang dabei ein morlakiſches Lied mit eintönigen Modulationen, deſſen Worten ich mit ſeltſamer Theilnahme folgte. Der Sänger war zugleich der Dichter. Was die Melodie betrifft, ſo muͤßte ich einer von den Gebirgern ſein, um ſie Ihnen in ihrer ganzen wilden Traurigkeit, in ihrer ganzen düſtern Einfachkeit zu wiederholen. „Folgendes iſt ungefähr der Inhalt des Liedes: „„Auf dem Moore von Starila, wo ſo viel Brü⸗ derblut gefloſſen, ſeht Ihr jenen Leichnam dortl es iſt kein Sohn Illyriens, es iſt ein Räuber wuthenthrannt, der, die ſanftmüthige Maria täuſchend, betrog, vertilgte, ſengte. „Eine Kugel iſt wie ein Orkan in des Räubers Herz gedrungen. In ſeiner Kehle ſteckt ein Patagan. Doch ſeit drei Tagen, welch ein Geheimniß! tränkt unter der düſteren, einſamen Fichte ſein laues Blut die Erde und ſchwärzt den bleichen Ovigan. „Fliehen wir die Macht ſeiner blauen Augen, fliehen wir Alle, und wehe dem, der auf dem Moore bei ihm vvrüberkommt: es iſt ein Vampyr! Der wilde Wolf flieht fern von dem unreinen Leichnam, und auf den Berg mit der kahlen Stirne iſt der beutegierige Geier entflohen.““ „Plötzlich vernahm man das Knallen eines Feuer⸗ gewehrs, und eine Kugel ziſchte. Der Geſang unter⸗ brach ſich, und auf den Tod getroffen rollte der Führer in die Tiefe des Abgrundes, während ſein Pferd zit⸗ ternd ſtille ſtand und ſeinen verſtändigen Kopf gegen Schlund ausſtreckte, in dem ſein Herr verſchwun⸗ en war. 158 „Zu gleicher Zeit erhob ſich ein gewaltiges Ge⸗ ſchrei, und wir ſahen an den Seiten des Berges unge⸗ fähr dreißig Banditen erſcheinen; wir waren völlig umſchloſſen. „Jeder griff nach ſeiner Waffe, und obgleich un⸗ verſehens überfallen, ließen doch diejenigen, welche mich begleiteten, als alte an das Feuer gewöhnte Sol⸗ vaten ſich nicht einſchüchtern und leiſteten Widerſtandz ich ſelbſt gab das Beiſpiel, ergriff eine Waffe, rief, ob⸗ gleich ich den Nachtheil der Stellung einſah: Vorwärts! und gab die Sporen meinem Pferde, das in der Rich⸗ tung der Ebene fortſchoß. „Aber wir hatten es mit Gebirgern zu thun, die wie wahre Dämonen der Abgründe von Fels zu Fels ſprangen, während ſie ſprangen, feuerten und dabei im⸗ mer auf unſerer Seite die Poſition behaupteten, die ſie genommen hatten. „Uebrigens war unſer Manveuvre vorhergeſehen worden. An einer Stelle, wo der Weg ſich erweiterte, wo das Gebirge ein Plateau bildete, erwartete uns ein junger Mann an der Spitze von ungefähr zehn Reitern; als ſie uns erblickten, ſetzten ſie ihre Pferde in Gallopp und griffen uns von vorne an, während ſich diejenigen, welche uns verfolgten, an den Flanken des Berges hinabzogen und uns, nachdem ſie uns den Rückzug abgeſchnitten, von allen Seiten umzingelten. „Die Lage der Dinge war ſehr ernſt, doch ſeit meiner Kindheit an Kriegs ſcenen gewöhnt, konnte ich ſie, ohne einen Umſtand zu verlieren, ins Auge faſſen. „In Schaffelle gekleidet, trugen alle dieſe Männer ungeheure runde Hüte, bekränzt mit natürlichen Blu⸗ men, wie die der Ungarn. Jeder von ihnen hatte in der Hand eine lange türkiſche Flinte, die er unter einem wilden Geſchrei ſchwang, nachdem er geſchoſſen, und im Gürtel einen krummen Säbel und ein Paar Pi⸗ ſtolen. „Der Anführer war ein junger Mann von kaum 5 e⸗ d ig n* he ⸗ dz h⸗ ie ls n⸗ fie en te, ns hn nd en en eit ich en. ner lu⸗ in em nd i⸗ um 159 zwei und zwanzig Jahren, mit bleicher Geſichtsfarbe, langen ſchwarzen Augen und Haaren, die in Locken auf ſeine Schultern fielen. Sein Anzug beſtand aus dem moldauiſchen, mit Pelz verbrämten und um den Leib mittelſt einer Schärpe mit goldenen und ſeidenen Strei⸗ fen geſchloſſenen Rock. Ein gebogener Säbel glänzte in ſeiner Hand und vier Piſtolen funkelten in ſeinem Gürtel. Während des Kampfes ſtieß er heiſere, unartiku⸗ lirte Schreie aus, die nicht der menſchlichen Sprache anzugehören ſchienen, aber dennoch ſeinen Willen aus⸗ drückten, denn ſeine Leute gehorchten dieſen Schreien, ſie warfen ſich mit dem Bauche auf die Erde, um die Schüffe unſerer Soldaten zu vermeiden, ſie ſtanden wieder auf, um ihrerſeits zu feuern, ſchoſſen diejenigen nieder, welche noch ſtanden, machten den Verwundeten den Garaus und verwandelten den Kampf in eine Schlächterei.. „Ich hatte einen nach dem andern ſechs von mei⸗ nen Vertheidigern fallen ſehen. Vier waren noch übrig, ſie ſchloſſen ſich um mich an, verlangten nicht eine Gnade, die ſie nicht zu erhalten ſicher waren, und dachten nur an Eines: ihr Leben ſo theuer als möglich zu ver⸗ kaufen. „Da gab der junge Anführer einen Schrei von ſich, der ausdrucksvoller als die andern, und ſtreckte die Spitze ſeines Säbels gegen uns aus. Ohne Zwei⸗ fel war es der Befehl, dieſe letzte Gruppe mit einem Feuerkreiſe zu umgeben und uns Alle miteinander nie⸗ derzuſchießen, denn die langen moldauiſchen Musketen ſenkten ſich mit einer und derſelben Bewegung. Ich begriff, daß unſere letzte Stunde gekommen war, und er⸗ hob die Augen und die Hände mit einem letzten Gebete zum Himmel. „In dieſem Augenblick ſah ich einen jungen Mann, der nicht herabſtieg, ſondern gleichſam herabſtürzte, von Fels zu Fels ſprang, ſodann auf einem Steine, der dieſe ganze Scene beherrſchte, einer Bildſäule auf ihrem 160 Piedeſtal ähnlich, ſtehen blieb, die Hand gegen das Schlachtfeld ausſtreckte und nur das einzige Wort:„Ge⸗ nug!“ rief. „Bei dieſer Stimme erhoben ſich Aller Augen, Jeder ſchien dieſem neuen Herrn zu gehorchen. Ein einziger Bandit legte ſeine Flinte an ſeine Schulter an und drückte. „Einer von unſern Leuten ſtieß einen Schrei aus: die Kugel hatte ſeinen linken Arm getroffen. „Er wandte ſich ſogleich um, in der Abſicht, auf denjenigen, welcher ihn verwundet, loszuſtürzen; doch ehe ſein Pferd zehn Schritte gethan hatte, glänzte ein Blitz über unſerem Haupte, und der rebelliſche Bandit ſtürzte, den Schädel von einer Kugel zerſchmettert, zu⸗ ſammen. „So viele verſchiedenartige Gemüthsbewegungen hatten meine Kräfte erſchöpft, und ich wurde ohn⸗ mächtig. „Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Graſe, den Kopf auf den Schvoß eines Menſchen ge⸗ ſtützt, von dem ich nur ſeine weiße mit Ringen be⸗ deckte Hand, welche meinen Leib umſchlang, ſehen konnte, während vor mir, die Arme gekreuzt, den Säbel unter einem ſeiner Arme, der junge moldauiſche Führer ſtand, der den Angriff gegen uns geleitet hatte. „„Koſtaki,““ ſagte in franzoſiſcher Sprache und mit einem Ton des Uebergewichts derjenige, welcher mich hielt,„„Du wirſt ſogleich Deinen Leuten Befehl geben, daß ſie ſich zurückziehen und mir die Sorge für dieſe junge Frau überlaſſen.““ „Mein Bruder, mein Bruder,““ erwiederte der Andere, der kaum an ſich halten zu können ſchien, „„mein Bruder, nimm Dich in Acht, daß Du meine Geduld nicht ermüdeſt, ich überlaſſe Dir das Schloß, laſſe mir den Wald, im Schloſſe biſt Du der Herr, doch hier bin ich allmächtig. Hier würde ein Wort ein dit zu⸗ en n⸗ em ge⸗ hen bel rer und her ehl für der en, ine oß⸗ rr, ort 16¹ von mir genügen, um Dich zum Gehorſam zu zwin⸗ gen.““ „„Koſtaki, ich bin der Aeltere, damit ſage ich Dir, daß ich überall der Herr bin, im Walde wie im Schloſſe, dort wie hier. Oh! ich bin vom Blute der Brankovan, wie Du, von einem königlichen Blute, das zu befehlen pflegt, und ich befehle.““ „„Gregoriska, Du befiehlſt Deinen Bedienten, ja, meinen Soldaten, nein.“ „„Deine Soldaten ſind Räuber, Koſtaki, Räuber, die ich an die Zinnen unſerer Thürme hängen laſſen werde, wenn ſie mir nicht auf der Stelle gehorchen.““ „„Wohl! verſuche es, ihnen zu befehlen.““ „Da fühlte ich, daß derjenige, welcher mich hielt, ſein Knie zurückzog und ſachte meinen Kopf auf einen Stein legte. Ich folgte ihm voll Bangigkeit mit den Blicken und konnte denſelben jungen Mann ſehen, der, ſo zu ſagen, vom Himmel mitten in unſer Gefecht ge⸗ fallen war, ohne daß ich ihn noch hatte anſchauen kön⸗ nen, da ich in dem Augenblick, wo er ſprach, ohnmäch⸗ tig wurde. „Es war ein junger Mann von vier und zwanzig Jahren, hochgewachſen, mit großen blauen Augen, in denen man eine ſeltene Entſchloſſenheit und Feſtigkeit las. Seine langen blonden Haare, ein Anzeichen der ſlaviſchen Race, umrahmten junge friſche Wangen und fielen wie die des Erzengels Michael bis auf ſeine Schultern herab; ſeine Lippen waren durch ein ver⸗ ächtliches Lächeln aufgebogen und ließen eine doppelte Reihe von Perlen ſehen; ſein Blick war der, welchen der Adler mit dem Blitze kreuzt. Er trug eine Art von Tunika von ſchwarzem Sammet; eine kleine Mütze, der von Raphael ähnlich und mit einer Adlersfeder ge⸗ ſchmückt bebeckte ſeinen Kopf; er hatte eng anliegende Beinkleider und geſtickte Stiefel. Sein Leib war mit einem Wehrgehänge umſchloſſen, das einen Hirſchfänger Tauſend und ein Geſpenſt. 11 162 trug, und auf ſeinem Rücken hing ein kleiner Doppel⸗ karabiner, deſſen Genauigkeit einer von den Räubern hatte erproben können. „Er ſtreckte die Hand aus und dieſe ausgeſtreckte Hand ſchien ſeinem Bruder ſelbſt zu befehlen. „Er ſprach ein paar Worte in woldauiſcher Sprache. „Dieſe Worte ſchienen einen tiefen Eindruck auf die Banditen zu machen. „Da ſprach der junge Häuptling ebenfalls in der⸗ ſelben Sprache, und ich errieth, daß ſeine Worte mit Drohungen und Verwünſchungen vermiſcht waren. „Doch auf dieſe lange und brauſende Rede erwie⸗ derte der Aeltere kein Wort. „Die Banditen verbeugten ſich. „Er machte eine Geberde, die Banditen ſtellten ſich hinter uns auf. „„Wohl! es ſei, Gregoriska,““ ſagte Koſtaki wie⸗ der in franzöſiſcher Sprache.„„Dieſe Frau wird nicht in die Höhle gehen, aber ſie ſoll nichtsdeſtoweniger mir gehören. Ich finde ſie ſchön, ich habe ſie erobert und ich will ſie beſitzen.““ „So ſprechend, warf er ſich auf mich und hob mich in ſeine Arme. „„Dieſe Frau wird ins Schloß geführt und meiner Mutter übergeben, und ich verlaſſe Sie nicht bis da⸗ hin,““ erwiederte mein Beſchützer. „„Mein Pferd!““ rief Koſtaki, in moldauiſcher Sprache. „Zehn Banditen beeilten ſich zu gehorchen und brachten ihrem Gebieter das verlangte Pferd⸗ „Gregoriska ſchaute umher, nahm ein herrenloſes Pferd beim Zügel und ſprang darauf, ohne die Steig⸗ bügel zu berühren. „Koſtaki ſchwang ſich beinahe eben ſo leicht in den Sattel, als ſein Bruder, obgleich er mich noch in den Armen hielt, und ſprengte im Galopp davon. el⸗ ern ckte her auf er⸗ mit vie⸗ ten vie⸗ icht iger bert nich iner da⸗ cher 163 „Das Pferd von Gregoriska ſchien denſelben Im⸗ puls empfangen zu haben, und hielt ſich mit ſeinem Kopf und ſeiner Flanke feſt am Kopfe und an der Flanke des Pferdes von Koſtaki. „Sie waren ſeltſam anzuſchauen, dieſe zwei Reiter, wie ſie Seite an Seite dahin flogen, ohne ſich einen Augenblick aus dem Geſichte zu verlieren, zugleich aber ohne daß ſie die Miene hatten, als ſchauten ſie ſich an, ganz ihren Pferden ſich überlaſſend, deren Lauf ſie über Stock und Stein, über Felſen und Abſtürze forttrug. Mein zurückgeworfener Kopf erlaubte mir, die auf die meinigen gehefteten ſchönen Augen von Gregoriska zu ſehen. Koſtaki bemerkte es, hob meinen Kopf in die Höhe, und ich ſah nichts mehr, als einen düſtern Blick, der mich verſchlang. Ich ſenkte meine Augenlider, aber dies war vergeblich; durch ihren Schleier erſchaute ich fortwährend dieſen ſtechenden Blick, der bis in die Tiefe meiner Bruſt drang und mir das Herz durch⸗ bohrte. Da bemächtigte ſich meiner eine ſeltſame Sinnen⸗ blendung; es kam mir vor, als wäre ich Leonore, aus der Ballade von Bürger, entführt von dem geſpenſti⸗ ſchen Reiter, auf ſeinem ebenſo geſpenſtiſchen Pferde, und als ich fühlte, daß wir anhielten, da öffnete ich nur mit Angſt die Augen, ſo ſehr war ich überzeugt, ich werde um mich her nichts als zerbrochene Kreuze und geöffnete Gräber ſehen. „Was ich ſah, kam mir kaum heiterer vor. Es war der innere Hof eines moldauiſchen Schloſſes, er⸗ baut im vierzehnten Jahrhundert.“ 164 Vas Schloß der Prankovan. „Koſtaki ließ mich aus ſeinen Armen zu Boden gleiten und ſtieg beinahe in demſelben Augenblick zu mir herab; doch ſo raſch auch ſeine Bewegung gewe⸗ ſen, er war nur der von Gregoriska gefolgt. „Wie es Gregoriska geſagt, im Schloſſe war er wohl der Herr und Meiſter. „Als ſie die zwei jungen Leute und die Fremde, die ſie brachten, ankommen ſahen, liefen die Diener herbei; obgleich ſie ihre Bemühungen zwiſchen Koſtaki und Gregoriska theilten, fühlte man doch, daß die tiefſte Ehrfurcht, die größten Rückſichten dem Letzteren zuge⸗ wendet waren. „Zwei Frauen näherten ſich; Gregoriska gab ihnen einen Befehl in moldauiſcher Sprache und bedeutete durch ein Zeichen mit der Hand, ich möge ihnen olgen. „Es lag ſo viel Ehrerbietung in dem Blick, der dieſes Zeichen begleitete, daß ich nicht zögerte. Nach fünf Minuten war ich in einem Zimmer, welches, ſo kahl und unbewohnbar es auch dem am mindeſten ſchwierigen Menſchen geſchienen hätte, doch offenbar das ſchönſte des Schloſſes war. „Es war ein großes Gevierte mit einer Art von Divan von grüner Sarſch: ein Sitz bei Tage, ein Bett bei Nacht; fünf bis ſechs große, eichene Lehnſtühle, eine weite Truhe und in einer der Ecken des Zimmers ein Himmel, dem eines herrlichen Kirchenſtuhls ähnlich. „Von Vorhängen an den Fenſtern, von Vie am Bett war keine Rede. „Man ſtieg zu dieſem Zimmer auf einer Treppe hinauf, an der in Niſchen drei mehr als lebensgroße Statuen der Brankovan ſtanden. „In dieſes Zimmer brachte man nach einem Augen⸗ 165 blick das Gepäcke, worunter auch meine Sachen waren. Die Frauen boten mir ihre Dienſte an. Aber während ich die Unordnung, die dieſes Ereigniß in meine Toi⸗ lette gebracht hatte, wieder verbeſſerte, behielt ich doch mein großes Amazonenkleid, eine Tracht, die mehr mit der meiner Wirthe in Einklang ſtand, als irgend eine, die ich hätte wählen können. „Kaum waren dieſe kleinen Veränderungen vor⸗ genommen, als ich ſachte an meine Thüre klopfen hörte. „Herein!“ ſagte ich natürlich in franzöſiſcher Sprache, denn das Franzöſiſche iſt, wie Sie wiſſen, für uns Polen beinahe eine Mutterſprache. „Gregoriska trat ein. „„Ah! ah! Madame, ich bin glücklich, daß Sie Franzöſiſch ſprechen.““ „„Und ich auch, mein Herr,““ erwiederte ich,„ich bin glücklich, daß ich dieſe Sprache ſpreche, da ich durch dieſen Zufall Ihr edelmüthiges Benehmen gegen mich zu würdigen vermochte. In dieſer Sprache haben Sie mich gegen die Abſichten Ihres Bruders vertheidigt, in dieſer Sprache biete ich Ihnen den Ausdruck meiner aufrichtigen Dankbarkeit an.““ „„Ich danke, Madame. Es iſt ganz einfach, daß ich mich in der Lage, in der Sie ſich befanden, für Sie intereſſirte. Ich jagte im Gebirge, als ich un⸗ regelmäßige Schüſſe hörte, ich begriff, daß es ſich um einen Angriff mit bewaffneter Hand handelte, und ging auf das Feuer los, wie man in der militäriſchen Sprache zu ſagen pflegt. Dem Himmel ſei es gedankt, ich kam zur rechten Zeit. Doch werden Sie mir erlauben, daß ich Sie frage, durch welchen Zufall eine Frau von Stande, wie Sie, ſich in unſere Berge gewagt hat.““ „„Ich bin Polin, mein Herr,““ erwiederte ich, „„meine zwei Brüder ſind vor Kurzem im Krieg gegen Rußland getödtet worden; mein Vater, den ich im Be⸗ griff, unſer Schloß gegen den Feind zu vertheidigen, zurückgelaſſen habe, iſt ihnen ohne Zweifel zu dieſer 166 Stunde nachgefolgt, und ich wollte auf den Befehl meines Vaters, alle dieſe Metzeleien fliehend, eine Zu⸗ flucht im Kloſter Sahaſtru fuchen, wo meine Mutter, in ihrer Jugend und unter ähnlichen Umſtänden, ein ſicheres Aſyl gefunden hatte.““ „„Sie ſind eine Feindin der Ruſſen, deſto beſſer,““ ſprach der junge Mann,„„dieſer Titel wird Ihnen eine mächtige Unterſtützung im Schloſſe gewähren und wir bedürfen aller unſerer Kräfte, um den Kampf auszuhalten, der ſich vorbereitet. Vor Allem, da ich weiß, wer Sie ſind, erfahren Sie, wer wir ſind: der Name Brankovan iſt Ihnen nicht fremd, nicht wahr, Madame?““ „Ich verneigte mich. „„Meine Mutter iſt die letzte Fürſtin dieſes Na⸗ mens, die letzte Abkömmlingin dieſes berühmten Chef, den die Cantimir, dieſe elenden Höflinge von Peter I., umbringen ließen. Meine Mutter heirathete in erſter Ehe meinen Vater, Serban Waivady, der Fürſt wie ſie, aber von minder erhabenen Geſchlecht. „„Mein Vater war in Wien erzogen worden und hatte dort die Vorzüge der Civiliſation ſchätzen gelernt. Er beſchloß, einen Europäer aus mir zu machen. Wir bereiſten Frankreich, Italien, Spanien und Deutſchland. „„Meine Mutter, ich weiß es wohl, es geziemt ſich für den Sohn nicht, Ihnen zu erzählen, was ich Ihnen zu ſagen im Begriffe bin, da es aber für unſer Heil nothwendig iſt, daß Sie uns gut kennen, ſo wer⸗ den Sie die Urſachen meiner Oſſenbarung würdigen; meine Mutter, die während der erſten Reiſen meines Vaters, als ich noch in meiner frühſten Kindheit war, ein ſtrafbares Verhältniß mit einem Parteigänger⸗ Anführer hatte, ſo,“ fügte Gregoriska lachend bei, „„ſo nennt man in dieſem Lande die Menſchen, von denen Sie angegriffen worden find; meine Mutter, ſage ich, die ein ſtrafbares Verhältniß mit einem Grafen Giordaki Koproli hatte, der halb Grieche, halb Mol⸗ 4 hl ⸗ in n n pf er r, f⸗ 5 er ie nd . ir d. nt er r⸗ 1 es r, r ei, on ge en ⸗ 167 dauer, ſchrieb an meinen Vater, um ihm Alles zu ſagen, um die Eheſcheidung von ihm zu verlangen, bei welchem Verlangen ſie ſich darauf ſtützte, daß ſie, eine Bran⸗ kovan, nicht die Frau eines Mannes bleiben wolle, der ſich von Tag zu Tag ſeinem Vaterlande mehr ent⸗ fremde„Ach! mein Vater hatte nicht nöthig, ſeine Einwilligung zu dieſem Verlangen zu geben, das Ihnen ſeltſam vorkommen kann, während es bei uns die aller⸗ natürlichſte und allergewöhnlichſte Sache iſt. Mein Vater war kurz zuvor an einer Pulsadergeſchwulſt geſtorben, an der er ſeit geraumer Zeit litt, und ich war es, der den Brief empfing. „„Ich hatte nichts zu thun, wenn nicht aufrichtige Wünſche für das Glück meiner Mutter zu hegen. Dieſe Wünſche überbrachte ihr ein Brief von mir, der ihr zugleich ankündigte, daß ſie Witwe geworden. „„In demſelben Brief bat ich ſie für mich um Er⸗ laubniß, meine Reiſen fortſetzen zu dürfen, was mir auch bewilligt wurde. „„Es war meine entſchiedene Abſicht, mich in Frankreich oder in Deutſchland niederzulaſſen, um mich nicht einem Manne gegenüber zu ſinden, der mich haßte, und den ich nicht lieben konnte, nämlich dem Gatten meiner Mutter gegenüber, als ich plötzlich erfuhr, der Graf Giordaki Koproli ſei ermordet worden, wie man ſagte, von den ehemaligen Koſaken meines Vaters. „„Ich beeilte mich, zuruckzukehren, denn ich liebte meine Mutter; ich begriff ihre Vereinzelung und ihr Bedürfniß, in einem ſolchen Augenblick die Perſonen bei ſich zu haben, die ihr theuer ſein konnten⸗ Ohne daß ſie je eine ſehr zärtliche Liebe für mich gehabt hatte, war ich doch ihr Sohn. Ich kam eines Mor⸗ gens unerwartet in das Schloß unſerer Väter zurück., „„Hier fand ich einen jungen Menſchen, den ich Anfangs für einen Fremden hieit, während ich nachher erfuhr, daß es mein Bryuder. 168 „„Es war Koſtaki, der Sohn der Ehebrecherin, den eine zweite Ehe legitimirt hat. Koſtaki, das heißt, der unzähmbare Menſch, den Sie geſehen, für den ſeine Lei⸗ denſchaften das einzige Geſetz ſind, der nichts Heiliges auf der Welt hat, als ſeine Mutter, der mir gehorcht, wie der Tiger dem Arme gehorcht, welcher ihn gebän⸗ digt, aber mit einem ewigen Gebrüll, unterhalten durch die unbeſtimmte Hoffnung, mich eines Tags zu ver⸗ ſchlingen. Im Innern des Schloſſes, in der Wohnung der Brankovan und der Waivady, bin ich noch der Herr, aber einmal außer dieſem Umkreiſe, einmal im freien Felde wird er wieder der wilde Sohn der Wäl⸗ der und der Berge, der Alles unter ſeinem eiſernen Willen zu biegen trachtet. Warum hat er heute nach⸗ gegeben? warum haben ſeine Leute nachgegeben? ich weiß es nicht: eine alte Gewohnheit, ein Ueberreſt von Achtung. Doch ich möchte eine neue Probe nicht wagen. Bleiben Sie hier, verlaſſen Sie dieſes Zimmer, dieſen Hof, das Innere der Mauern nicht, und ich ſtehe für Alles; machen Sie einen Schritt aus dem Schloſſe, ſo ſtehe ich für Nichts mehr, außer dafür, daß ich mich für Ihre Vertheidigung tödten laſſe.““ „„Könnte ich nicht nach dem Wunſche meines Va⸗ ters meine Reiſe nach dem Kloſter Sahaſtru fort⸗ ſetzen?““ „„Thun Sie es, verſuchen Sie es, befehlen Sie, ich werde Sie begleiten, doch ich, ich bleibe unter Wegs und Sie, Sie kommen nicht an.““ „„Was iſt dann zu thun?““ „„Hier zu bleiben, zu warten, ſich bei den Ereig⸗ niſſen Raths zu erholen, die Umſtände zu benützen. Nehmen Sie an, Sie ſeien in einen Schlupfwinkel von Räubern gefallen, und Ihr Muth allein könne Sie aus Ihrer gefährlichen Lage herausziehen. Meine Mutter iſt, trotz ihrer Bevorzugung des Koſtaki, gut und edelmüthig. Ueberdies iſt ſie eine Brankovan, das Rist⸗ eine wahre Fürſtin. Sie werden ſie ſehen; ſie ———— —— rt⸗ ie, 88 ig⸗ en. kel ine ine zut s ſe 169 wird Sie vor den rohen Leidenſchaften von Koſtaki be⸗ ſchützen. Stellen Sie ſich unter ihren Schutz; Sie ſind ſchön, ſie wird Sie lieben. Uebrigens,(hier ſchaute er mich mit einem unbeſchreiblichen Blick an) übrigens, wer könnte Sie ſehen und Sie nicht lieben? Kommen Sie nun in das Speiſezimmer, wo ſie uns erwarten. Zeigen Sie weder Verlegenheit, noch Mißtrauen; ſprechen Sie Polniſch: Niemand kennt hier dieſe Sprache; ich werde Ihre Worte meiner Mutter überſetzen und, ſeien Sie unbeſorgt, nur das ſagen, was man ſagen muß. Beſonders kein Wort von dem, was ich Ihnen mitge⸗ theilt; man ſoll nicht vermuthen, daß wir uns ver⸗ ſtändigt haben. Sie kennen noch nicht die Verſchmitzt⸗ heit und die Verſtellung des Aufrichtigſten von uns. Kommen Sie.““ „Ich folgte ihm auf der Treppe, welche durch Pech⸗ fackeln beleuchtet war, die an eiſernen, aus der Mauer hervorſtehenden Händen brannten. „Dieſe ungewöhnliche Beleuchtung hatte man offen⸗ bar mir zu Liebe gemacht. „Wir kamen in das Speiſezimmer. „Sobald Gregoriska die Thüre geöffnet und in moldauiſcher Sprache ein Wort geſagt hatte, das, wie ich ſpäter erfahren: die Fremde, bedeutete, trat eine große Frau auf uns zu. „Es war dies die Fürſtin Brankovan. „Ihre weißen Haare waren um den Kopf ge⸗ flochten, und ſie trug eine kleine Mütze von Zobel, worauf als Zeichen ihrer fürſtlichen Abkunft ein Reiher⸗ buſch befeſtigt war. Sie hatte eine Art von Tunika von Goldſtoff, mit einem Leibe beſät mit Edelſteinen; dieſe Tunika bedeckte zum Theil einen langen Rock Lon türkiſchem Stoff, der mit Pelz, dem der Mütze ähnlich, verbrämt war. „In der Hand hielt ſie einen Roſenkranz mit Bernfteinkörnern, die ſie ſehr raſch durch ihre Hände ſchlüpfen ließ. 170 „Neben ihr war Koſtaki, der das glänzende und majeſtätiſche magyariſche Coſtume trug, unter welchem er mir noch ſeltſamer vorkam. „Es war dies ein Rock von grünem Sammet, mit weiten, bis unter das Knie fallenden Aermeln. Bein⸗ hleider von rothem Kaſchemir, Stiefel von goldgeſtick⸗ tem Maroqnin; ſein Haupt war entblößt und ſeine lan⸗ gen, blauſchwarzen Haare fielen auf ſeinen nackten Hals, an welchem nur das leichte, weiße Gewebe eines ſeide⸗ nen Hemdes ſichtbar war. „Er begrüßte mich linkiſch und ſprach in moldaui⸗ ſcher Sprache ein paar Worte, die für mich unver⸗ ſtändlich waren. Sie können Franzöſiſch ſprechen, mein Bruder,““ ſagte Gregoriska,„Madame iſt eine Polin und ver⸗ ſteht dieſe Sprache.““ „Da ſagte Koſtaki auf Franzöſiſch ein paar Worte, die für mich beinahe ebenſo unverſtändlich waren, als die, welche er moldauiſch geſprochen, aber ernſt den Arm ausſtreckend, unterbrach ſie die Mutter. Offenbar erklärte ſie ihren Söhnen, es ſei ihre Sache, mich zu empfangen. „Sie begann nun in moldauiſcher Sprache eine Willkommrede, der ihre Phyſiognomie einen leicht er⸗ klärlichen Sinn gab. Sie deutete auf den Tiſch, bot mir einen Sitz neben ſich, bezeichnete mit der Geberde das ganze Haus, als wollte ſie ſagen, es gehöre mir, ſetzte ſich zuerſt mit einer wohlwollenden Würde, machte das Zeichen des Kreuzes und begann ein Gebet. „Hienach nahm Jeder ſeinen Platz ein: einen durch die Etiquette beſtimmten Platz, Gregöriska neben mir. Ich war die Fremde und folglich ſchüf ich Koſtaki einen Ehrenplatz neben ſeiner Mutter Smeranda. „So hieß die Gräfin. „Gregoriska hatte auch die Kleider gewechſelt. Er trug die magyariſche Tunika, wie ſein Bruder; nur war dieſe Tunifa von granatfarbigem Sammet und nd tit n⸗ e, 1s en ar zu ne r⸗ ot de 3½ te en en ki Er ir d 17¹ ſeine Beinkleider von blauem Kaſchemir. Eine herrliche Decoration hing an ſeinem Hals: dies war der Niſcham des Sultan Mahmud. „Der Reſt der Hausgenoſſen ſpeiſte an demſelben Tiſch, jeder nach dem Rang, den ihm ſeine Stellung unter den Freunden oder unter den Dienern verlieh. „Das Abendeſſen war traurig, nicht ein einziges Mal richtete Koſtaki das Wort an mich, obgleich ſein Bruder beſtändig die Aufmerkſamkeit für mich hatte, Franzöſiſch mit mir zu ſprechen. Die Mutter bot mir ſelbſt von Allem mit der feierlichen Miene, die ſie nie verließ. Gregoriska hatte richtig geſprochen. „Gregoriska ging nach dem Abendeſſen auf ſeine Mutter zu. Er erklärte ihr in moldauiſcher Sprache, ich müſſe das Bedürfniß haben, allein zu ſein, und die Ruhe ſei für mich, nach den Erſchütterungen eines ſolchen Tages, ſehr nothwendig. Smeranda machte mit dem Kopfe ein Zeichen der Billigung, reichte mir die Hand, küßte mich auf die Stirne und wünſchte mir eine gute Nacht in ihrem Schloſſe. „Gregoriska hatte ſich nicht getäuſcht: ich ſehnte mich unendlich nach dieſem Augenblick der Einſamkeit. Ich dankte auch der Fürſtin, und dieſe geleitete mich bis zur Thüre zurück, wo mich die zwei Frauen erwarteten, welche mich ſchon nach meinem Zimmer geführt hatten. „Ich grüßte ſie ebenfalls, wie ihre zwei Söhne, und kehrte in das Zimmer zurück, das ich eine Stunde zuvor verlaſſen hatte. „Der Sofa war zu meinem Bett geworden, und dies die einzige Veränderung, die ſich ereignet hatte. „Ich dankte den Frauen und bedeutete ihnen durch ein Zeichen, ich werde mich allein auskleiden; ſie ent⸗ fernten ſich ſogleich unter Ehrfurchtsbezeigungen, aus denen ich erſah, daß ſie Befehl hatten, mir in allen Stüͤcken zu gehorchen. „Ich blieb in dieſem ungeheuren Zimmer, in dem mein Licht, wenn es ſich von einer Stelle zur andern 172 bewegte, nur diejenigen Theile erhellte, welche ich eben durchlief, ohne je das Ganze erhellen zu können. Ein ſeltſames Lichtſpiel, das einen Kampf zwiſchen dem Schimmer meiner Kerze und den Strahlen des Mon⸗ des, welche durch mein vorhangloſes Fenſter drangen, zur Folge hatte. „Außer der Thüre, durch die ich eingetreten, und die auf die Treppe ging, öffneten ſich zwei weitere Thü⸗ ren nach meinem Zimmer; doch ungeheure an dieſen Thü⸗ ren angebrachte Riegel, die auf meiner Seite gezogen wurden, genügten, um mich zu beruhigen. „Ich trat an die Eingangsthüre, um ſie zu unter⸗ ſie hatte wie die anderen ihre Vertheidigungs⸗ mittel. ſ„Ich öffnete das Fenſter, es ging auf einen Ab⸗ urz. „Ich begriff, daß Gregoriska bei dieſem Zimmer eine wohl überlegte Wahl getroffen hatte. „Als ich zu meinem Sofa zurückkam, fand ich auf einem an meinem Kopfkiſſen ſtehenden Tiſche ein kleines zuſammengefaltetes Billet.. „Ich öffnete es und las in polniſcher Sprache: „Schlafen Sie ruhig, Sie haben nichts zu be⸗ fürchten, ſo lange Sie im Innern des Schloſſes ver⸗ weilen werden. „„Gregoriska.““ „Ich befolgte den Rath, der mir gegeben wurde; die Müdigkeit trug bald den Sieg über meine Be⸗ fürchtungen davon, ich legte mich nieder und ent⸗ ſchlief.“ ein 173 Die zwei Prüder. „Von dieſem Augenblick war ich im Schloſſe ein⸗ quartiert, und von dieſem Augenblick begann das Drama, das ich Ihnen erzählen will. „Die zwei Brüder verliebten ſich in mich, Jeder mit den Nuancen ſeines Charakters. „Koſtaki ſagte mir ſchon am andern Morgen, er liebe mich, erklärte mir, ich würde ihm gehören und nicht einem Andern, und er würde mich eher tödten, als mich eines Andern ſein laſſen, wer es auch immer wäre. „Gregoriska ſagte nichts, aber er umgab mich mi jeglicher Fürſorge und Aufmerkſamkeit. Alle Mittel einer glänzenden Erziehung, alle Erinnerungen einet an den edelſten Höfen Europas zugebrachten Jugend wurden angewendet, um mir zu gefallen. Ach! das war nicht ſchwer: beim erſten Tone ſeiner Stimme hatte ich gefühlt, daß dieſe Stimme meine Seele liebkoſte; beim erſten Blick ſeiner Augen hatte ich gefühlt, daß dieſer Blick bis in mein Herz drang. „Nach drei Monaten hatte mir Koſtaki hundertmal wiederholt, er liebe mich, und ich haßte ihn; nach drei Monaten hatte mir Gregoriska noch nicht ein Wort von Liebe geſagt, und ich fühlte, daß ich, wenn er es verlangte, ganz ihm gehören würde. „Koſtaki hatte auf ſeine Fahrten Verzicht geleiſtet. Er verließ das Schloß nicht mehr. Er hatte ſeine Stelle für den Augenblick zu Gunſten eines Lieutenants niedergelegt, der von Zeit zu Zeit Befehle bei ihm ein⸗ holte und dann wieder verſchwand⸗ „Smeranda liebte mich auch mit einer heftigen Freundſchaft, deren Ausdruck mir bange machte. Sie begünſtigte ſichtbar Koſtaki und ſchien eiferſüchtiger über mich zu ſein, als er ſelbſt. Nur, da ſie weder das 174 Franzöſiſche, noch das Polniſche verſtand, und da ich das Moldauiſche nicht verſtand, konnte ſie kein ein⸗ dringliches Verlangen zu Gunſten ihres Sohnes bei mir ſtellen; doch ſie hatte franzöſiſch drei Worte ſagen ge⸗ lernt, die ſie mir wiederholte, ſo oft ſie ihre Lippen auf meine Stirne drückte:„„Koſtaki liebt Hedwig.““ „Eines Tags vernahm ich eine furchtbare Kunde, die das Maß meines Unglücks voll machte; die vier Männer, die den Kampf überlebt, waren frei gelaſſen worden; ſie waren nach Polen aufgebrochen und hatten dabei ihr Wort verpfändet, es würde einer von ihnen vor Ablauf von drei Monaten zurückkehren, um mir Nachricht von meinem Vater zu bringen. „Eines Morgens erſchien wirklich einer derſelben. Unſer Schloß war genommen, niedergebrannt und dem Boden gleichgemacht worden, und mein Vater hatte ſich bei der Vertheidigung deſſelben tödten laſſen. „Ich war fortan allein in der Welt. „Koſtaki verdoppelte ſeine Zudringlichkeit und Sme⸗ randa ihre Zärtlichkeit, doch diesmal nahm ich die Trauer für meinen Vater zum Vorwande. Koſtaki drang aber unahläſſig in mich und ſagte, je mehr ich vereinzelt ſei, deſto mehr bedürfe ich einer Stütze; ſeine Mutter belagerte mich wie er und mit ihm, vielleicht noch mehr als er. „Gregoriska hatte mir von der Selbſtbeherrſchung der Moldauer geſprochen, wenn ſie nicht in ihren Ge⸗ fühlen leſen laſſen wollen. Er war ein lebendiges Bei⸗ ſpiel davvn. Man konnte nicht ſicherer der Liebe eines Mannes ſein, als ich der ſeinigen war, und dennoch, wenn man mich gefragt hätte, auf welchem Beweiſe dieſe Sicherheit beruhe, wäre es wir unmöglich gewe⸗ ſen, dies zu ſagen, denn Niemand im Schloſſe hatte ſeine Hand die meinige berühren, ſeine Augen die meinigen ſuchen ſehen. Die Eiferſucht allein konnte Koſtaki über dieſe Nebenbuhlerſchaft aufklären, wie meine Liebe allein mich über dieſe Liebe aufklären konnte. — 1— — ich ein⸗ mir ge⸗ pen A . nde, vier ſſen tten nen mir en. em ſich ne⸗ ner ber elt ter hr ng e⸗ i⸗ es h, iſe e ne en er 175 „Doch ich geſtehe, dieſe Selbſtbeherrſchung von Gregoriska beunruhigte mich. Ich glaubte allerdings, doch dies war nicht genug, ich bedurfte der Ueberzeu⸗ gung, als ich eines Abends, da ich eben in mein Zim⸗ mer zurückgekehrt war, leiſe an eine von den zwei Thü⸗ ren klopfen hörte, die ich, als von innen ſchließend, be⸗ zeichnet habe; an der Art, wie man klopfte, errieth ich, daß dieſer Ruf der eines Freundes war. Ich näherte mich und fragte, wer da wäre. „„Gregoriska,““ antwortete eine Stimme, an deren Ton ich erkannte, es ſei keine Gefahr, daß ich mich täuſche. „„Was wollen Sie von mir?““ fragte ich ganz zitternd. „„Haben Sie Vertrauen zu mir; halten Sie mich für einen Mann von Ehre, ſo gewähren Sie mir eine Bitte.“ „„Welche?““ „„Löſchen Sie Ihr Licht aus, als ob Sie ſchlafen gegangen wären, und in einer halben Stunde öffnen Sie mir Ihre Thüre.““ „„Kommen Sie in einer halben Stunde wieder,““ war meine einzige Antwort. Ich löſchte mein Licht aus und wartete. „Mein Herz ſchlug gewaltig, denn ich begriff, daß es ſich um ein wichtiges Ereigniß handle. Die halbe Stunde verging; ich hörte noch leiſer als das erſte Mal klopfen. Während des Zwiſchenraumes hatte ich die Riegel zurückgeſchoben; ich brauchte alſo nur die Thüre zu öffnen. „Gregoriska trat ein, und ohne daß er es mir ſagte, machte ich die Thüre wieder hinter ihm zu und ſchob die Riegel vor. „Er blieb einen Augenblick ſtumm und unbeweglich und hieß mich durch eine Geberde ebenfalls ſchwei⸗ gen. Dann, als er ſich verſichert hatte, daß uns keine dringende Gefahr bedrohe, führte er mich mitten in die 176 große Stube, und da er an meinem Zittern,fühlte, daß ich nicht zu ſtehen vermochte, holte er mir einen Stuhl. ie „Ich ſetzte mich oder ſank vielmehr auf den Stuhl. „„Oh! mein Gott!““ ſagte ich,„warum ſo große t. Vorſicht?““ „„Weil mein Leben, was nichts wäre, weil auch 1 das Ihrige vielleicht von unſerer Unterredung abhängt.““ „Ich ergriff ganz erſchrocken ſeine Hand. „Er führte meine Hand an ſeine Lippen und ſchaute mich dabei an, um mich wegen dieſer Keckheit um Ver⸗ K zeihung zu bitten. S „„Ich ſchlug die Augen nieder, das hieß einwil⸗ di ligen. 3 „„Ich liebe Sie,““ ſprach er zu mir mit ſeiner Stimme, die ſo melodiſch als ein Geſang;„„lieben 5 Sie mich?““ 3 „„Ja,““ äntwortete ich. „„Würden Sie einwilligen, meine Frau zu ſein?““ „„Ja.““ eör rich mit einem tiefen Aufathmen des Glüces 6 mit der Hand über ſeine Stirne. „ℳSo werden Sie ſich alſo nicht weigern, mir zu folgen?““ „„Ich werde Ihnen überallhin folgen.““ per Denn Sie begreifen, daß wir nur, wenn wir wa fliehen, glücklich ſein können,““ fuhr er fort. me „„Oh ja!““ rief ich,„fliehen wir.““ „„Stille!““ flüſterte er bebend;„„ſtille!““ „„Sie haben Recht.““ „Und ich näherte mich ihm ganz zitternb. ören Sie, was ich gethan habe,“ ſagte er zu mir;„hören Sie, woher es kommt, daß ich Ihnen ſo lange nicht geſtanden, daß ich Sie liebe. Es ſollte ſich, k ſobald ich Ihrer Liebe ſicher, nichts mehr unſerer Ver⸗ füg bindung widerſetzen. Ich bin reich, Hedwig, ungeheuer reich, doch auf die Weiſe der moldauiſchen Edelleute: vor 177 uht reich an Ländereien, an Herden, an Leibeigenen. Wohl! uh. ich habe an das Kloſter Hango für eine Million Län⸗ uhl. dereien, Herden, Dörfer verkauft. Sie haben mir für dreimal hunderttauſend Livres Edelſteine, für hundert⸗ tauſend Franken Gold und das Uebrige in Wechſeln auf 7. Wien gegeben. Eine Million wird Ihnen genügen?““ „Ich drückte ihm die Hand. „„Ihre Liebe hätte mir genügt, Gregoriska.““ „„Nun, ſo hören Sie: morgen gehe ich in das Kloſter Hango, um meine letzten Anordnungen mit dem wil⸗ Superior zu treffen. Er hält Pferde für mich bereit; dieſe Pferde erwarten uns, hundert Schritte vom Schloß verborgen, von neun Uhr an. Nach dem Abendbrod gehen Sie, wie heute, herauf; wie heute, löſchen Sie Ihr Licht aus; wie heute, trete ich bei Ihnen ein. Doch morgen, ſtatt allein wegzugehen, folgen Sie mir, wir erreichen das Thor, das nach dem freien Felde führt, wir finden unſere Pferde, wir ſchwingen uns hinauf, und übermorgen bei Tagesanbruch haben wir dreißig Stunden zurückgelegt.““ „„Oh! warum ſind wir nicht ſchon übermorgen! u„„Theure Hedwig.““ „Gregoriska drückte mich an ſein Herz, unſere Lip⸗ ben begegneten ſich. Oh! er hatte es wohl geſagt: es wir war ein Ehrenmann, dem ich die Thüre meines Zim⸗ mers geöffnet; doch er begriff wohl: wenn ich ihm nicht von Körper gehörte, ſo gehörte ich ihm doch von Seele. „Die Nacht verging, ohne daß ich einen Augenblick ſchlafen konnte. Ich ſah mich mit Gregoriska fliehen. ch fühlte mich von ihm fortgeriſſen, wie damals von zu Koſtaki; nur verwandelte ſich diesmal der furchtbare, 6 ſchreckende, grauenhafte Lauf in ein ſanftes, entzücken⸗ ich, des umfangen, dem die Geſchwindigkeit die Wolluſt bei⸗ er fügte, denn die Geſchwindigkeit hat auch ihre Wolluſt. uet„Es wurde Tag. Ich ging hinab. Es kam mir te: vor, als läge noch etwas Düſtereres, als gewöhnlich, in Tauſend und ein Geſpenſt. 12 178 Sein Lächeln war Smeranda der Art, wie mich Koſtaki begrüßte. kein Spott mehr, es war eine Drohung. dünkte mir dieſelbe zu ſein, wie gewöhnlich. „Während des Frühſtücks befahl Gregoriska, ſeine Pferde zu ſatteln. Koſtaki ſchien dieſem Befehle keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. „Gegen eilf Uhr grüßte er uns, kündigte uns an, er werde erſt gegen Abend zurückkehren, und erſuchte ſeine Mutter, mit dem Mittageſſen nicht auf ihn zu warten; dann wandte er ſich gegen mich um und bat mich, ſeine Entſchuldigungen zu genehmigen. Er ging weg. Sein Bruder folgte ihm mit dem Auge bis zu dem Moment, wo er das Zimmer verließ, und in dieſem Moment ſprang aus dieſem Auge ein ſolcher Blitz des Haſſes hervor, daß ich ſchauerte. „Der Tag verging unter den Beängſtigungen, die Sie ſich denken können. Ich hatte unſer Vorhaben Niemand mitgetheilt; kaum hatte ich es in meinem Ge⸗ bete gewagt, mit Gott davon zu ſprechen, und dennoch kam es mir vor, als wäre dieſes Vorhaben aller Welt bekannt, als könnte jeder Blick, der ſich auf mich hef⸗ tete, bis in den Grund meines Herzens dringen und darin leſen. „Das Mittageſſen war eine Folter: düſter und ſchweigſam, ſprach Koſtaki ſelten; diesmal beſchränkte er ſich darauf, daß er zweimal das Wort an ſeine Mutter in moldauiſcher Sprache richtete, und jedes Mal machte mich der Ton ſeiner Stimme beben. „Als ich aufſtand, um in mein Zimmer zu gehen, umarmte mich Smeranda wie gewöhnlich, und während acht Tagen nicht aus ihrem Munde hatte kommen hören „„Koſtaki liebt Hedwig.““ „Dieſe Phraſe verfolgte mich wie eine Drohung; ſobald ich in meinem Zimmer war, kam es mir vor, als flüſterte mir eine unheilvolle Stimme ins Ohr Koſtaki liebt Hedwig! ſie mich umarmte, ſagte ſie mir die Phraſe, die ich ſeit var nda eine ine an, chte zu bat in zu ſem des die ben Ge⸗ voch Lelt hef⸗ und und er tter chte hen, rend ſeit en ng vor, hr: 179 „Die Liebe von Koſtaki aber, das hatte mir Gre⸗ goriska geſagt, war der Tod.„ „Gegen ſieben Uhr Abends, und als ſich der Tag zu neigen anfing, ſah ich Koſtaki durch den Hof ſchrei⸗ ten. Er wandte ſich um und ſchaute nach meiner Seite, doch ich warf mich zurück, daß er mich nicht ſehen konnte. „Ich war unruhig, denn ſo lange mir die Lage meines Fenſters ihm zu folgen geſtattete, ſah ich ihn nach den Ställen zugehen. Ich wagte es, die Riegel meiner Thüre zuruͤckzuziehen und in das anſtoßende Zimmer zu ſchlüpfen, von wo aus ich Alles ſehen konnte, was er thun würde. Er begab ſich wirklich nach den Ställen. Er führte ſelbſt ſein Lieblingspferd heraus, ſattelte es mit ſeinen eigenen Händen und mit der Sorgfalt eines Menſchen, der das größte Gewicht auf die geringſten Einzelnheiten legt. Er hatte dieſelbe Tracht, unter der er mir das erſte Mal erſchienen war; nur trug er ſtatt jeder Waffe ſeinen Säbel. „Als ſein Pferd geſattelt war, blickte er noch ein⸗ mal nach den Fenſtern meines Zimmers. Dann, als er mich nicht ſah, ſchwang er ſich in den Sattel, ließ ſich dafſelbe Thor öffnen, durch das ſein Bruder weggeritten war und durch das dieſer auch zurückkommen mußte, und entfernte ſich im Galopp in der Richtung des Kloſters Hango. „Da ſchnürte ſich mein Herz auf eine gräßliche Weiſe zuſammen; eine unſelige Ahnung ſagte mir: Koſtaki reite ſeinem Bruder entgegen. „Ich blieb an dieſem Fenſter, ſo lange ich die Straße unterſcheiden konnte, die eine Viertelsmeile vom Schloß eine Biegung machte und ſich dann im Anfang eines Waldes verlor. Doch die Nacht wurde immer finſterer, und am Ende verſchwand die Straße völlig. Ich blieb noch. Endlich gab mir meine Angſt gerade durch ihr uebermaß meine Kräfte wieder, und da ich offenbar in dem Saale unten die erſte Nachricht von dem Einen 180 oder dem Andern der zwei Brüder erhalten mußte, ſo ging ich hinab. ſi „Mein erſter Blick fiel auf Smeranda. Ich ſah an der Ruhe ihres Geſichtes, daß ſie keine Befürchtung 3 hegte; ſie gab ihre Befehle für das gewöhnliche Abend⸗ Li brod, und die Gedecke der beiden Brüder lagen an ihren Plätzen. 6 „Ich wagte es nicht, Jemand zu fragen. Wen hätte ich auch fragen ſollen? Niemand im Schloſſe ver⸗ ſtand eine von den zwei einzigen Sprachen, die ich ſprach. „Bei dem geringſten Geräuſch bebte ich. „Um neun Uhr ſetzte man ſich gewöhnlich zu Tiſche, um zu Nacht zu ſpeiſen. Ich war um halb neun Uhr herabgekommen und folgte mit den Augen dem Minu⸗ tenzeiger, deſſen Gang auf dem großen Zifferblatt der Uhr beinahe ſichtbar war. „Der wandernde Zeiger legte die Entfernung zu⸗ rück, die ihn vom Viertel trennte. Es ſchlug drei Vier⸗ u tel. Die Schläge ertönten düſter und traurig, der ſchweig⸗ ſame Zeiger ſetzte dann ſeinen Gang fort, und ich ſah ihn abermals die Entfernung mit der Regelmäßigkeit 2 und der Langſamkeit der Spitze eines Compaſſes durch⸗ laufen. 3 „Einige Minuten vor neun Uhr glaubte ich den Galopp eines Pferdes im Hofe zu hören. Smeranda hörte es auch, denn ſie wandte den Kopf nach dem Fen⸗ ſter; doch die Nacht war zu dunkel, daß ſie ſehen konnte. ₰ „Oh! würde ſie mich in dieſem Augenblick ange⸗ ſchaut haben, wie hätte ſie errathen können, was in meinem Herzen vorging! Man hatte nur den Trab eines einzigen Pferdes gehört, und das war ganz ein⸗ fach. Ich wußte wohl, es würbe nur ein einziger Rei⸗ ter zurückkehren. „Aber welcher? „Es erſchollen Tritte im Vorzimmer. Dieſe Tritte waren langſam und ſchienen zu zögern, jeder von dieſen k Tritten ſchien auf meinem Herzen zu laſten⸗ 181 „Die Thüre öffnete ſich, ich ſah in der Dunkelheit ſich einen Schatten hervorheben. Dieſer Schatten blieb einen Augenblick bei der Thüre ſtehen. Mein Herz ſchwebte. „Der Schatten ſchritt weiter, und wie er in den Lichtkreis eintrat, athmete ich. „Ich erkannte Gregoriska. Ein Augenblick mehr, und mein Herz brach. „Ich erkannte Gregoriska, doch er war bleich wie ein Todter. Wenn man ihn nur ſah, errieth man, daß etwas Schreckliches vorgefallen war. „„Biſt Du es, Koſtaki?““ fragte Smeranda. „„Nein, meine Mutter,““ antwortete Gregoriska mit dumpfer Stimme. „„Ah! Du biſt es,““ ſprach ſie,„„und ſeit wann muß Deine Mutter auf Dich warten?““ „„Meine Mutter,““ ſagte Gregoriska, indem er einen Blick auf die Pendeluhr warf,„es iſt erſt neun uhr.““ „Zu gleicher Zeit ſchlug es in der That neun Uhr. „„Es iſt wahr,“ ſprach Smerandaz„„wo iſt Dein Bruder?““ „Unwillkürlich fiel es mir ein, daß es dieſelbe Frage war, welche Gott an Kain gerichtet hatte. „Gregoriska antwortete nicht. „„Hat Niemand Koſtaki geſehen?““ fragte Smeranda. „Der Vatar oder Haushofmeiſter erkundigte ſich bei ſeiner Umgebung. „„Gegen ſieben Uhr,““ ſagte er,„iſt der Graf im Stall geweſen, er hat ſein Pferd ſelbſt geſattelt und iſt dann auf der Straße nach Hango weggeritten.““ „In dieſem Moment begegneten meine Augen denen von Gregoriska. Ich weiß nicht, ob es eine Wirklich⸗ keit oder eine Sinnentäuſchung war, es kam mir vor, als hätte er einen Tropfen Blut auf der Stirne. „Langſam hob ich meinen Finger an meine eigene Stirne und bezeichnete die Stelle, wo ich dieſen Flecken zu ſehen glaubte. 182 „Gregoriska verſtand mich; er nahm ſein Sacktuch und wiſchte ſich ab. „„Ja, ja,““ murmelte Smeranda,„„er wird einen Bären oder einen Wolf getroffen und ſich mit ſeiner Verfolgung beluſtigt haben. Darum läßt ein Kind ſeine Mutter warten. Sprich, Gregoriska, wo haſt Du Dei⸗ nen Bruder gelaſſen?““ „„Meine Mutter,““ erwiederte Gregoriska mit be⸗ wegter, aber ſicherer Stimme,„„mein Bruder und ich ſind nicht mit einander hinweggeritten.““ „„Es iſt gut!““ ſagte Smeranda.„„Man trage auf, man ſetze ſich zu Tiſche und ſchließe die Thore; wer außen iſt, ſoll außen ſchlafen.““ „Die zwei erſten Theile dieſes Befehles wurden buchſtäblich vollzogen. Smeranda nahm ihren Platz ein, Gregoriska ſetzte ſich an ihre Rechte und ich an ihre Linke. „Dann gingen die Diener hinaus, um den dritten Befehl zu vollziehen, das heißt, um die Thore zu ſchließen. „In dieſem Augenblick hörte man ein gewaltiges Geräuſch im Hofe; ein Diener trat ganz erſchrocken in den Saal ein und meldete: „„Fürſtin, das Pferd des Grafen Koſtaki iſt ſo eben allein und ganz mit Blut bedeckt in den Hof zurückge⸗ kehrt.““ „„Oh!““ murmelte Smeranda, die ſich bleich und drohend erhob,„ſo iſt eines Abends das Pferd ſeines Vaters zurückgekommen.““ „Ich ſchaute Gregoriska an: er war nicht mehr bleich, er war bleifarbig. „Das Pferd des Grafen Koproli war wirklich eines Abends in den Schloßhof ganz mit Blut überzogen zu⸗ rückgekehrt, und eine Stunde nachher hatten die Diener den mit Wunden bedeckten Leichnam des Grafen gefun⸗ den und zurückgebracht. „Smeranda nahm eine Fackel aus den Händen —— 3 uch nen ner ine ei⸗ age den latz an tten zu ges in ben ge⸗ und ines lehr ines zu⸗ ener fun⸗ iden —— 183 eines ihrer Bedienten, ſchritt auf die Thüre zu, öffnete ſie und ſtieg in den Hof hinab. „Das erſchrockene Pferd wurde wider ſeinen Willen von drei bis vier Knechten feſtgehalten, die ſich gemein⸗ ſchaftlich anſtrengten, um es zu bändigen. „Smerande ging auf das Pferd zu, ſchaute das Blut an, das den Sattel befleckte, und erkannte eine Wunde oben an der Stirne. „„Koſtaki iſt von vorn getödtet worden,““ ſprach ſie,„im Duell und von einem einzigen Feinde. Suchet ſeinen Leichnam, Kinder, ſpäter werden wir ſeinen Mör⸗ der ſuchen.““ „Da das Pferd durch das Thor von Hango herein⸗ gekommen war, ſo ſtürzten alle Diener durch dieſes Thor fort, und man ſah ihre Fackeln im Felde umherſchweifen und in den Wald eindringen, wie man an einem ſchö⸗ nen Sommerabend die Glühkäfer in den Ebenen von Nizza und Piſa umherirren ſieht. „Smeranda, als wäre ſie überzeugt, das Suchen würde nicht lange währen, wartete bei der Thüre ſtehend. Nicht eine Thräne entfloß den Augen dieſer troſtloſen Mutter, und dennoch fühlte man die Ver⸗ zweiflung im Grunde ihres Herzens toben. „Gregoriska ſtand hinter ihr und ich war bei Gre⸗ goriska. „Als er den Saal verließ, hatte er einen Augenblick die Abſicht, mir den Arm zu geben, doch er wagte es nicht. „Ungefähr nach einer Viertelſtunde ſah man bei der Biegung des Weges eine Fackel erſcheinen, dann zwei, dann alle Fackeln. Nur waren ſie diesmal, ſtatt auf dem Felde zerſtreut zu ſein, um einen gemeinſchaftlichen Mittelpunkt zuſammengedrängt. „Dieſer gemeinſchaftliche Mittelpunkt beſtand, wie man Pald ſehen konnte, aus einer Tragbahre und einem auf dieſer Tragbahre ausgeſtreckten Menſchen. „Der Leichenzug kam langſam heran; doch er kam heran. Nach zehn Minuten war er wor dem Thore. „. 184 Als ſie die lebende Mutter erblickten, die den todten Sohn erwortete, entblößten ſich diejenigen, welche ihn trugen, inſtinktartig, dann traten ſie ſchweigſam in den Hof ein. „Smeranda ſchloß ſich ihnen an, und wir folgten Smeranda. So erreichte man den großen Saal, in dem man den Leichnam niederlegte. „Mit einer Geberde voll hoher Majeſtät entfernte nun Smeranda alle ihre Leute; ſie näherte ſich dem Leichnam, ſetzte ein Knie vor ihm auf die Erde, ſtrich die Haare zurück, die ſeinem Geſichte einen Schleier bildeten, und ſchaute ihn lange mit beſtändig trockenen Augen an. Sie öffnete den moldauiſchen Rock und zog das mit Blut befleckte Hemd auseinander. „Die Wunde war auf der rechten Seite der Bruſt. Sie mußte mit einer geraden und zweiſchneidigen Klinge gemacht worden ſein. „Ich erinnerte mich, an demſelben Tag an der Seite von Gregoriska das lange Jagdmeſſer geſehen zu haben, das ſeinem Karabiner als Bajonett diente. „Ich ſuchte an ſeiner Seite dieſe Waffe, doch ſie war verſchwunden. „Smeranda verlangte Waſſer, tauchke ihr Sacktuch in dieſes Waſſer und wuſch die Wunde. „Ein friſches und reines Blut röthete die Lefzen der Wunde. „Das Schauſpiel, das ich unter den Augen hatte, bot zugleich etwas Gräßliches und Erhabenes. Dieſes große, von dem Rauche der Pechfackeln erfüllte Gemach, dieſe barbariſchen Geſichter; dieſe von Wildheit glän⸗ zenden Augen, dieſe ſeltſamen Trachten; dieſe Mutter, welche im Angeſicht des noch warmen Blutes berechnete, ſeit wie lange ihr der Tod ihren Sohn genommen; dieſes tiefe Stillſchweigen, nur unterbrochen durch das Schluchzen der Räuber, deren Anführer Koſtaki gewe⸗ ſen: dies Alles, ich wiederhole es, warzugleich erhaben und gräßlich anzuſchauen. — —„.——— 3 S——9 —„—„ in⸗ er, ete, n; as ve ben 185 „Smeranda näherte ihre Lippen der Stirne ihres Sohnes; dann erhob ſie ſich, warf die langen Flechten ihrer weißen Haare, die ſich entrollt hatten, zurück und ſprach: „„Gregoriska.““ „Gregoriska bebte, ſchüttelte den Kopf und ant⸗ wortete aus ſeiner Starrheit erwachend: „„Meine Mutter!““ „„Komm hierher, mein Sohn, und höre mich an.““ „Gregoriska gehorchte zitternd, doch er gehorchte. „Je näher er dem Körper kam, deſto reichlicher, deſto röther floß das Blut aus der Wunde. Zum Glück ſchaute Smeranda nicht mehr auf dieſe Seite, denn beim Anblick des anklagenden Blutes hätte ſie nicht mehr nöthig gehabt, zu ſuchen, wer der Mörder war. „„Gregoriska,““ ſprach ſie,„ich weiß wohl, daß Ihr Euch nicht liebtet, Du und Koſtaki. Ich weiß wohl, daß Du durch Deinen Vater ein Waivady biſt, daß er durch den ſeinigen ein Koproli war; doch durch Eure Mutter waret Ihr Beide Brankovan. Ich weiß, daß Du ein Mann der Städte des Weſten biſt, daß er ein Kind der öſtlichen Gebirge war; doch durch den Leib, der Euch Beide getragen, ſeid Ihr Brüder. Wohl! Gregoriska, ich will wiſſen, ob wir meinen Sohn zu ſeinem Vater tragen, ohne daß der Schwur ausgeſpro⸗ chen iſt, ob ich ruhig weinen kann, wie ein Weib, und mich auf Euch, das heißt auf einen Mann, in Beziehung auf die Strafe verlaſſen kann.““ „„Nennt mir den Mörder meines Bruders, edle Frau, und befehlt, ich ſchwöre Euch, daß er vor Ab⸗ lauf einer Stunde, wenn Ihr das verlangt, zu leben aufgehört haben wird.““ „„Schwöre immerhin, Gregoriska, ſchwöre bei Strafe meines Fluches, hörſt Du? ſchwöre, mein Sohn, daß der Mörder ſterben wird, daß Du nicht Stein auf Stein an ſeinem Hauße laſſen wirſt; daß ſeine Mutter, ſeine Kinder, ſeine Brüder, ſeine Frau oder ſeine Braut 186 von Deiner Hand ſterben ſollen. Schwöre, und indem Du ſchwörſt, rufe den Zorn des Himmels auf Dich herab, wenn Du dieſen heiligen Eid brichſt. Brichſt Du dieſen heiligen Eid, ſo unterwirf Dich der Armuth, der Verwünſchung Deiner Freunde, dem Fluche Deiner Mutter.““ „Gregoriska ſtreckte die Hand über dem Leichnam aus und ſprach; „„Ich ſchwöre, daß der Mörder ſterben wird.““ „Bei dieſem ſeltſamen Schwur, deſſen wahren Sinn nur ich und der Todte allein begreifen konnten, ſah ich oder glaubte ich ein gräßliches Wunder ſich erfüllen zu ſehen. Die Augen des Leichnams öffneten ſich wieder und hefteten ſich auf mich lebendiger, als ich ſie je ge⸗ ſehen, und ich fühlte, als ob dieſer doppelte Strahl greifbar geweſen wäre, ein brennendes Eiſen in mein Herz dringen. „Das war mehr, als ich ertragen konnte; ich wurde ohnmächtig.“ Pas Rloſter Hango. „Als ich erwachte, lag ich in meinem Zimmer auf meinem Bett; eine von den beiden Frauen ſaß an mei⸗ ner Seite. „Ich fragte, wo Smeranda wäre; män antwortete mir, ſie wache bei dem Leichnam ihres Sohnes. „Ich fragte nach Gregoriskaz man antwortete mir, er ſei im Kloſter Hango. „Von der Flucht keine Rede mehr. War nicht Koſtaki todt? Von der Heirath keine Rede mehr. Konnte ich den Brudermörder heirathen? —„n— c——— em ich chſt th, ner am inn zu der ge⸗ ahl ein de 187 „So vergingen drei Tage und drei Nächte unter ſeltſamen Träumen. Wachend oder ſchlafend ſah ich beſtändig die zwei mitten in dieſem Todtengeſichte le⸗ benden Augen: das war eine gräßliche Viſion. „Am dritten Tage ſollte die Beerdigung von Koſtaki ſtattfinden. Am Morgen dieſes Tages brachte man mir, im Auftrag von Smeranda, einen vollſtändigen Witwenanzug. Ich kleidete mich an und ging hinab. „Das Haus ſchien leer; Jedermann war in der Kapelle. „Ich begab mich an dieſen Verſammlungsort. In dem Augenblick, wo ich über die Schwelle ſchritt, kam Smeranda, die ich drei Tage nicht geſehen hatte, auf mich zu. „Sie ſchien eine Bildſäule des Schmerzes zu ſein. Mit einer Bewegung, langſam wie die einer Statue, drückte ſie ihre eiſigen Lippen auf meine Stirne und mit einer Stimme, die ſchon aus dem Grabe zu kommen ſchien, ſprach ſie die gewöhnlichen Worte: „„Koſtaki liebt Sie.““ „Sie können ſich keinen Begriff von der Wir⸗ kung machen, welche dieſe Worte auf mich hervorbrach⸗ ten. Dieſe Liebesbetheurung in der Gegenwart ſtatt in der Vergangenheit gemacht, dieſes liebt Sie an⸗ ſtatt liebte Sie; dieſe Liebe von jenſeits des Grabes, die mich im Leben ſuchte, machte einen furchtbaren Eindruck auf mich. „Zu gleicher Zeit bemächtigte ſich meiner ein ſelt⸗ ſames Gefühl, als wäre ich in der That die Frau von dem geweſen, welcher geſtorben, und nicht die Braut von dem, welcher noch lebte. Dieſer Sarg zog mich unwillkührlich ſchmerzlich an, wie der Sage nach die Schlange den Vogel anzieht, den ſie bezaubert. Ich ſuchte mit den Augen Gregoriska; ich erblickte ihn bleich, an einer Säule ſtehend; ſeine Augen waren dem Himmel zugewendet und ich kann nicht ſagen, ob mich ſah. 188 „Die Monche des Kloſters Hango umgaben den Leichnam und ſangen Pſalmodien des griechiſchen Ritus, die zuweilen ſo harmoniſch, öfter aber noch ſo eintönig find. Ich wollte auch beten; doch das Gebet erſtarb auf meinen Lippen; mein Geiſt war ſo verſtört, daß es mir ſchien, ich wohne eher einem Conſiſtvrium von Teu⸗ feln, als einer Verſammlung von Prieſtern bei. „In dem Augenblick, wo man den Leichnam auf⸗ hob, wollte ich ihm folgen, doch meine Kräfte ver⸗ weigerten mir den Dienſt. Ich fühlte meine Beine unter mir krachen und lehnte mich an die Thüre an. „Da kam Smeranda auf mich zu und machte zu⸗ gleich Gregoriska ein Zeichen. „Gregoriska gehorchte und näherte ſich. „Smeranda richtete das Wort in moldauiſcher Sprache an mich. „„Meine Mutter befiehlt mir, Ihnen Wort für Wort zu wiederholen, was ſie ſagen wird.““ „Da ſprach Smeranda abermals; ſobald ſie geen⸗ digt hatte, ſagte Gregoriska: „„Hören Sie die Worte meiner Mutter: „„Hedwig, Sie beweinen meinen Sohn, nicht wahr, Sie liebten ihn? Ich danke Ihnen für Ihre Thränen und für Ihre Liebe; Sie ſind fortan ebenſo ſehr meine Tochter, als wenn Koſtaki Ihr Gemahl geweſen wäre; Sie haben fortan ein Vaterland, eine Mutter, eine Familie. Vergießen wir die Summe der Thränen, die man den Todten ſchuldig iſt, und werden wir dann Beide wieder würdig desjenigen, welcher nicht mehr lebt... ich ſeine Mutter, Sie ſeine Frau! Gott befohlen, kehren Sie in Ihr Zimmer zurück; ich will meinem Sohne bis zu ſeiner letzten Wohnung folgen; bei meiner Rück⸗ kehr ſchließe ich mich mit meinem Schmerze ein, und Sie werden mich erſt wiederſehen, wenn ich ihn beſiegt habe; ſeien Sie unbeſorgt, ich werde ihn tödten, denn ich will nicht, daß er mich tödtet.““ en us, nig auf es eu⸗ uf⸗ er⸗ ine z her für en⸗ ich hre ehr ſen er, en, ide ren hne ck⸗ ind egt nn „ 189 „Dieſe Worte von Smeranda, die mir Gregoriska überſetzte, konnte ich nur mit einem Seufzer erwiedern. „Ich ging in mein Zimmer hinauf, und der Zug entfernte ſich. Ich ſah ihn an der Ecke des Weges verſchwinden. Das Kloſter Hango lag nur eine halbe Meile in gerader Linie vom Schloſſe entfernt, aber in Folge der Hinderniſſe des Weges hatte man die Straße ſo führen müſſen, daß die Entfernung über zwei Stun⸗ den betrug. „Wir befanden uns im Monat November. Die Tage waren wieder kalt und kurz geworden. Um fünf Uhr herrſchte finſtere Nacht. „Gegen ſieben Uhr ſah ich die Fackeln wieder er⸗ ſcheinen. Der Leichenzug kehrte zurück. Der Leichnam ruhte in der Gruft ſeiner Väter. Alles war abgethan. „Ich habe Ihnen geſagt, unter welchem ſeltſamen Alpe ich lebte, ſeit dem unſeligen Ereigniß, das uns Alle in Trauer gekleidet, und beſonders, ſeitdem ich die Augen, die der Tod geſchloſſen, ſich wieder öffnen und auf mich heften geſehen. Niedergebeugt durch die Gemüthserſchütterungen des Tages, war ich an dieſem Abend noch trauriger. Ich hörte die verſchiedenen Stun⸗ den auf der Uhr des Schloſſes ſchlagen und wurde im⸗ mer trüber geſtimmt, je näher mich die entflohene Zeit dem Augenblick brachte, wo Koſtaki hatte ſterben müſſen. „Ich hörte drei Viertel auf neun Uhr ſchlagen. „Da bemächtigte ſich meiner eine ſeltſame Empfin⸗ dung. Es war ein bebender Schrecken, der meinen ganzen Leib durchlief und ihn zu Eis erſtarren machte; dann mit dieſem Schrecken, etwas wie ein unbeſiegbarer Schlaf, der meine Sinne beſchwerte; meine Bruſt war gepreßt, meine Augen verſchleierten ſich. Ich ſtreckte die Arme aus und fiel rückwärts auf mein Bett. „Meine Sinne waren indeſſen nicht ſo ganz ent⸗ ſchwunden, daß ich nicht etwas wie einen Tritt hören fonnte, der ſich meiner Thüre näherte; dann kam es 190 mir vor, als öffnete ſich meine Thüre. Dann ſah ich nichts mehr und hörte ich nichts mehr. „Nur fühlte ich einen heftigen Schmerz am Hals. „Wonach ich in eine völlige Lethargie verſank. „Um Mitternacht erwachte ich, meine Lampe brannte noch; ich wollte aufſtehen, aber ich war ſo ſchwach, daß ich mich zweimal zuſammenraffen mußte. Ich be⸗ ſiegte jedoch dieſe Schwäche, und da ich, erwacht, am Halſe denſelben Schmerz fühlte, den ich in meinem Schlafe empfunden hatte, ſo ſchleppte ich mich, indem ich mich an die Wand ſtützte, bis an den Spiegel und ſchaute hinein. „Etwas wie ein Rarlſich bezeichnete die Arterie meines Halſes. „Ich dachte, ein Inſett habe mich im Schlafe ge⸗ biſſen, und da ich von Müdigkeit gelähmt war, ſo legte ich mich wieder nieder und entſchlief. „Am Morgen erwachte ich wie gewöhulich. Wie gewöhnlich wollte ich aufſtehen, ſobald meine Augen geöffnet waren; aber ich fühlte eine Schwäche, die ich nur ein einziges Mal in meinem Leben, und zwar am Morgen nach einem Tage, an dem man mir zur Ader gelaſſen, gefühlt hatte. „Ich näherte mich dem Spiegel und war betroffen von meiner Bläſſe. „Der Tag verging düſter und traurig; ich fühlte etwas Seltſames; wo ich war, hatte ich das Bedürfniß, zu raſten; jede Ortsveränderung war eine Anſtrengung. „Es kam die Nacht, man brachte mir meine Lampe; meine Kammerfrauen, ich errieth dies wenigſtens aus ihrer Geberde, boten ſich an, bei mir zu bleiben. Ich dankte ihnen, und ſie entfernten ſich. „Zur ſelben Stunde, wie am Tage vorher, em⸗ pfand ich dieſelben Symptome. Da wollte ich aufſte⸗ hen und um Hülfe rufen, aber ich konnte nicht bis zur Thüre gehen. Ich hörte unbeſtimmt die Glocke drei Viertel auf neun Uhr ſchlagen, die Tritte erſchollen, di m m ich s. ute ſch, be⸗ am em em und rie ges gte Wie gen an der ffen hlte niß, ng. pe; aus Ich m⸗ ſte⸗ zur rei len, 191 die Thüre öffnete ſich; doch ich ſah und hörte nichts mehr; wie am Tage vorher, war ich rücklings auf mein Bett gefallen. „Wie am Tage vorher, empfand ich einen ſcharfen Schmerz an derſelben Stelle. „Wie am Tage vorher, erwachte ich um Mitter⸗ nachtz nur erwachte ich bleicher und ſchwächer, als am vorhergehenden Tag. „Am andern Tag erneuerte ſich die furchtbare Beklommenheit. „Ich war trotz meiner Schwäche entſchloſſen, zu Smeranda hinabzugehen, als eine von meinen Frauen in mein Zimmer trat und das Wort Gregoriska ausſprach. „Gregoriska kam hinter ihr. „Ich wollte aufſtehen, um ihn zu empfangen, aber ich fiel in meinen Lehnſtuhl zurück. „Er ſtieß einen Schrei aus, als er mich erblickte, und wollte auf mich zuſtürzen; aber ich hatte die Kraft⸗ den Arm gegen ihn auszuſtrecken. „„Was wollen Sie hier?““ fragte ich ihn. „Ach!““ antwortete er,„„ich wollte Ihnen Lebe⸗ wohl ſagen. Ich wollte Ihnen ſagen, daß ich dieſe Welt verlaſſe, die mir unerträglich iſt ohne Ihre Liebe und ohne Ihre Gegenwart; ich wollte Ihnen ſagen, daß ich mich in das Kloſter Hango zurückziehe.““ „„Meine Gegenwart iſt Ihnen entzogen, Grego⸗ riska,““ ſprach ich,„aber nicht meine Liebe. Ach! ich liebe Sie immer, und mein großer Schmerz beſteht daß dieſe Liebe fortan beinahe ein Verbrechen i „Dann darf ich hoffen, daß Sie für mich beten werden, Hedwig?““ Ja nur werde ich nicht lange beten,““ fügte ich mit einem Lächeln bei. „Was haben Sie denn? und warum ſind Sie ſo bleich?““ 192 „„Ich habe. Gott erbarmt ſich ohne Zweifel meiner und ruft mich zu ſich.““ „Gregoriska näherte ſich mir, nahm mich bei einer Hand, die ich ihm zu entziehen nicht die Stärke hatte, ſchaute mich feſt an und ſprach: „„Dieſe Bläſſe iſt nicht natürlich, Hedwig; woher kommt ſie 2““ „„Wenn ich es Ihnen ſagte, Gregoriska, würden Sie glauben, ich ſei toll.““ „„Nein, nein, ſagen Sie es, Hedwig, ich flehe Sie darum an, wir ſind hier in einem Lande, das keinem andern gleicht, in einer Familie, die keiner andern Familie gleicht. Sagen Sie Alles, ich flehe Sie an.““ „Ich erzählte ihm Alles; die ſeltſame Sinnenver⸗ wirrung, welche mich in der Stunde erfaßte, wo Koſtaki hatte ſterben müſſen, die Angſt, den Schrecken, die Beklemmung, die eiſige Kälte, die Erſtarrung, die Lähmung, die mich auf mein Bett niederwarf, das Ge⸗ räuſch der Tritte, die ich zu hören, die Thüre, die ich ſich öffnen zu ſehen glaubte, den ſcharfen Schmerz end⸗ lich, auf den eine immer mehr zunehmende Bläſſe, eine unabläſſig wachſende Schwäche gefolgt waren. „Ich hatte geglaubt, meine Erzählung würde Gregoriska als ein Anfang von Wahnfinn erſcheinen, und ich vollendete ſie mit einer gewiſſen Schüchtern⸗ heit, als ich im Gegentheil ſah, daß er meiner Erzäh⸗ lung eine tiefe Aufmerkſamkeit ſchenkte. „Nachdem ich zu ſprechen aufgehört, dachte er einen Augenblick nach. „„Sie entſchlafen alſo jeden Abend um drei Vier⸗ tel auf neun Uhr?““ ſagte er. „„Ja, ſo ſehr ich mich auch anſtrenge, um dem Schlaf zu widerſtehen.““ „Sie glauben alſo, Ihre Thüre ſich öffnen zu ſehen?““ „„Ja, obgleich ich ſie mit dem Riegel ſchließe,““ ₰ be ich bet ich ich ni wi eir fel ner te, her en ie em ern er⸗ wo en, die e⸗ ich d⸗ ine rde en, 193 „„Sie fühlen alſo einen ſcharfen Schmerz am Halſe?““ „„Ja, obgleich mein Hals kaum die Spur einer Wunde behält.““ „„Wollen Sie mir erlauben, daß ich ſehe?““ „Ich legte meinen Kopf auf meine Schulter zurück. „Er unkerſuchte die Narbe. „„Hedwig,““ ſagte er nach einem Augenblick,„„ha⸗ ben Sie Vertrauen zu mir?““ „„Sie fragen das?““ erwiederte ich. „„Glauben Sie an mein Wort?““ „„Wie ich an die heiligen Evangelien glaube.““ „„Wohl! Hedwig, bei meinem Worte ſchwöre ich Ihnen, daß Sie keine acht Tage mehr zu leben ha⸗ ben, wenn Sie nicht einwilligen, heute zu thun, was ich Ihnen ſagen werde.““ „„Und wenn ich einwillige?““ „„Dann werden Sie vielleicht gerettet ſein.““ „„Vielleicht?““ „Er ſchwieg. „„Was auch geſchehen mag, Gregoriska,““ fuhr ich fort,„ich werde thun, was Sie mich thun heißen.““ „„Wohl, ſo hören und erſchrecken Sie beſonders nicht,““ ſagte er,„„in Ihrem Lande, wie in Ungarn, wie in unſerem Rumanien gibt es eine Tradition.““ „Ich zitterte, denn dieſe Tradition war mir auch eingefallen. „„Ah!““ ſprach er,„„Sie wiſſen, was ich ſagen will?““ Ja,““ ſagte ich,„ich habe in Polen Perſonen geſehen, welche dieſem gräßlichen Verhängniß unter⸗ worfen waren.““ „„Sie ſprechen von den Vampyren, nicht wahr?““ „„Ja, in meiner Kindheit habe ich auf einem Kirchhofe eines meinem Vater gehörenden Dorfes vier⸗ zig Perſonen ausgraben ſehen, die in vierzehn Tagen Tauſend und ein Geſpenſt. 13. 194 geſtorben waren, ohne daß man die Urſache ihres Todes hatte errathen können, ſiebenzehn trugen alle Zeichen des Vampyrismus an ſich, das heißt, man fand ſie friſch, roth und Lebendigen ähnlich, die andern waren ihre Opfer.““ „„Und was that man, um das Land davon zu be⸗ freien?““ „„Man ſteckte ihnen einen Pfahl in das Herz und verbrannte ſie ſodann.““ „„Ja, ſo macht man es gewöhnlich, doch für uns genügt das nicht. Um Sie von dem Geſpenſte zu be⸗ freien, will ich es zuerſt kennen lernen und, beim Him⸗ mel! ich lerne es kennen. Ja, und wenn es ſein muß, kämpfe ich mit ihm Leib an Leib, wer es auch ſein mag.““ „„Oh! Gregoriska,““ rief ich erſchrocken. „„Ich habe geſagt: wer es auch ſein mag, und ich wiederhole es. Doch um dieſes furchtbare Abenteuer gut durchzuführen, müſſen Sie zu Allem einwilligen, was ich von Ihnen fordern werde.““ „„Sprechen Sie.““ „„Halten Sie ſich um ſieben Uhr bereit, gehen Sie in die Kapelle hinab, gehen Sie allein dahin; Sie müſſen Ihre Schwäche beſtegen, Hedwig, Sie müſ⸗ ſen das. Dort empfangen wir den ehelichen Segen. Willigen Sie hiezu ein, meine Vielgeliebte; um Sie zu vertheidigen, muß ich vor Gott und den Menſchen das Recht haben, über Ihnen zu wachen. Wir begeben uns dann wieder hierher und werden ſehen.““ „„Oh! Gregoriska,““ rief ich,„wenn er es iſt, ſo wird er Sie tödten.““ „„Seien Sie unbeſorgt, meine vielgeliebte Hed⸗ wig. Willigen Sie nur ein.“ „„Sie wiſſen wohl, daß ich Alles thun werde, was Sie wollen, Gregoriska.““ „„Dieſen Abend alſo.““ „„Ja, thun Sie Ihrerſeits, was Sie thun wollen —,—— odes chen te aren be⸗ und uns be⸗ im⸗ nuß, ſein dich euer gen, ehen hin; müſ⸗ egen. e zu das uns iſt, Hed⸗ erde, ollen 195 und ich werde Sie nach meinen beſten Kräften unter⸗ ſtützen, gehen Sie.““ „Er ging hinaus. Eine Viertelſtunde nachher ſah ich einen Reiter auf der Straße nach dem Kloſter ſprengen, er war es. „Kaum hatte ich ihn aus dem Geſichte verloren, als ich auf die Kniee fiel und betete, wie man in Eurem Lande ohne Glauben nicht mehr betet, und ich erwar⸗ tete ſieben Uhr, indem ich Gott und den Heiligen das Brandopfer meiner Gedanken darbrachte. Ich erhob mich erſt in dem Augenblick, wo es ſieben Uhr ſchlug. „Ich war ſchwach wie eine Sterbende, bleich wie eine Todte. „Ich warf über meinen Kopf einen großen ſchwar⸗ zen Schleier, ſtieg, indem ich mich an den Wänden hielt, die Treppe hinab und begab mich in die Kapelle, ohne Jemand begegnet zu haben. „Gregoriska erwartete mich mit dem Vater Baſil, dem Superior des Kloſters Hango. Er trug an ſeiner Seite ein heiliges Schwert, eine Reliquie von einem alten Kreuzritter, der Conſtantinopel mit Ville⸗Har⸗ douin und Beaudoin von Flandern erobert hatte. „„Hedwig,““ ſprach er, indem er mit der Hand an ſeinen Degen ſchlug,„„mit der Hülfe Gottes wird dieſer den Zauber brechen, der Ihr Leben bedroht. Nä⸗ hern Sie ſich alſo entſchloſſen. Hier iſt ein frommer Mann, der, nachdem er meine Beichte empfangen, auch unſere Schwüre empfangen wird.““ „Die Ceremonie begann; nie hat es vielleicht eine einfachere und zugleich feierlichere gegeben. Niemand aſſiſtirte dem Pope; er ſelbſt ſetzte uns die Hochzeits⸗ kränze auf das Haupt. Beide in Trauer gekleidet, machten wir den Gang um den Altar, eine Kerze in der Hand; dann, nachdem er die heiligen Worte ge⸗ ſprochen, fügte der Geiſtliche bei: Geht nun, meine Kinder, und Gott verleihe Euch die Kraft und den Muth, gegen den Feind des Menſchen⸗ 196 geſchlechtes zu kämpfen. Ihr ſeid bewaffnet mit Curer Unſchuld und ſeiner Gerechtigkeit; Ihr werdet den Dä⸗ mon beſiegen; geht und ſeid geſegnet.““ „Wir küßten die heiligen Bücher und verließen die Kapelle. „Da ſtützte ich mich zum erſten Mal auf den Arm von Gregoriska, und es kam mir vor, als kehrte bei der Berührung dieſes muthigen Armes, bei der Nähe dieſes edlen Herzens, das Leben wieder in meine Adern zurück. Ich glaubte mich des Sieges gewiß, da Gregoriska bei mir war. Wir gingen wieder in mein Zimmer hinauf. „Es ſchlug halb neun Uhr. „„Hedwig,““ ſagte nun Gregoriska zu mir,„„wir haben keine Zeit zu verlieren. Willſt Du einſchlafen wie gewöhnlich und ſoll Alles während Deines Schla⸗ fes vor ſich gehen? Willſt Du wach bleiben und Alles ſehen?““ „„Bei Dir, bei Dir fürchte ich nichts, ich will wach bleiben und Alles ſehen.““ „Gregoriska zog aus ſeiner Bruſt einen Zweig von geweihtem Buchs, der noch ganz naß vom Weih⸗ waſſer, und ſprach zu mir: „„Nimm nun dieſen Zweig, lege Dich auf Dein Bett, ſprich die Gebete an die Jungfrau und warte ohne Furcht. Gott iſt mit uns. Laß beſonders Deinen Zweig nicht fallen, mit ihm wirſt Du ſelbſt der Hölle gebieten. Rufe mich nicht, ſchreie nicht, bete, hoffe und warte.““. „Ich legte mich auf mein Bett und kreuzte meine Hände über meiner Bruſt, an die ich den geweihten Zweig drückte. „Gregoriska aber verbarg ſich hinter dem Himmel, von dem ich ſchon geſprochen. „Ich zählte die Minuten und Gregoriska zählte ſie ohne Zweifel ſeinerſeits auch. „Es ſchlug drei Viertel. „Der Klang des Hammers vibrirte noch, als ich dar 6 den me den ein ner All als hät urer Dä⸗ eßen Arm i der ieſes rück. bei mauf. „wir lafen chla⸗ Alles will weig eih⸗ Dein arte einen Hölle hoffe neine ihten mel, e ſie ich 197 dieſelbe Erſtarrung, denſelben Schrecken, dieſelbe eiſige Kälte empfand. Aber ich hielt den geweihten Zweig an meine Lippen und das erſte Gefühl verſchwand. „Da hörte ich ganz deutlich das Geräuſch des langſamen, abgemeſſenen Trittes, der auf der Treppe erſcholl und ſich meiner Thüre näherte. „Dann öffnete ſich meine Thüre langſam und ge⸗ räuſchlos, als würde ſie durch eine übernatürliche Kraft aufgemacht. Und dann.... Die Stimme ſtockte wie erſtickt in der Kehle der Erzählerin. „Und dann,“ fuhr ſie mit einer Anſtrengung fort, „dann erblickte ich Koſtaki, bleich wie ich ihn auf der Todtenbahre geſehen; ſeine langen, ſchwarzen Haare, welche zerſtreut über ſeine Schultern herabhingen, trof⸗ fen von Blut: er trug ſeine gewöhnliche Kleidung; nur war ſie offen auf ſeiner Bruſt und ließ ſeine blu⸗ tende Wunde ſehen. „Alles war todt, Alles war Leichnam Fleiſch, Kleider, Gang..... die Augen allein, dieſe furchtbaren Augen, waren offen. „Bei dieſem Anblick fühlte ich, ſeltſamer Weiſe, ſtatt meine Angſt ſich verdoppeln zu fühlen, meinen Muth zunehmen. Gott ſchickte mir ihn ohne Zweifel, damit ich meine Lage beurtheilen und mich gegen den Teufel vertheidigen könnte. Bei dem erſten Schritt, den das Geſpenſt gegen mein Bett that, kreuzte ich kühn meinen Blick mit dieſem bleiernen Blick und ſtreckte den geweihten Zweig gegen daſſelbe aus. „Das Geſpenſt ſuchte vorwärts zu ſchreiten, aber eine Macht, die ſtärker als die ſeinige, hielt es an ſei⸗ nem Platze. Es blieb ſtehen. „„Oh!““ murmelte es,„ſie ſchläft nicht, ſie weiß Alles.““ „Es ſprach moldauiſch, und dennoch verſtand ich, als ob dieſe Worte in einer Sprache, die ich begriffen hätte, ausgeſprochen worden wären. 198 „Wir waren einander ſo gegenüber, das Geſpenſt und ich, und ich konnte nicht meine Augen von den ſeinigen losmachen, als ich Gregoriska, ohne daß ich meinen Kopf auf ſeine Seite zu drehen nöthig hatte, Gregoriska wie einen Würgengel mit ſeinem Schwert in der Fauſt hinter ſeinem Verſtecke hervorkommen ſah. Er machte das Zeichen des Kreuzes mit der linken Hand und ſchritt langſam, ſein Schwert gegen das Ge⸗ ſpenſt ausgeſtreckt, vor. Bei dem Anblick ſeines Bru⸗ ders hatte dieſes ebenfalls ſeinen Säbel mit einem furchtbaren Lächeln gezogen; doch kaum hatte der Säbel das geweihte Eiſen berührt, als der Arm des Geſpen⸗ ſtes träge an ſeinem Leibe herabfiel. „Koſtaki ſtieß einen Seufzer voll Kampf und Ver⸗ zweiflung aus. „„Was willſt Du?““ ſagte er zu ſeinem Bruder. „„Im Namen des lebendigen Gottes,““ ſprach Gregoriska,„„ich beſchwöre Dich, zu antworten.““ „„Sprich,““ ſagte das Geſpenſt, die Zähne flet⸗ ſchend. „„Habe ich auf Dich gewartet?““ „„Nein.““ „„Habe ich Dich angegriffen?““ „„Nein.““ „„Habe ich Dich geſchlagen?““ „Nein, „„Du haſt Dich auf meinen Degen geworfen, nur ſo war es. In den Augen Gottes und der Menſchen bin ich folglich nicht ſchuldig des Brudermords; Du haſt keine göttliche Sendung erhalten, ſondern eine hölliſche, Du biſt folglich nicht aus dem Grabe hervor⸗ gegangen, wie ein frommer Schatten, ſondern wie ein verfluchtes Geſpenſt, und Du wirſt in Dein Grab zu⸗ rückkehren.““ „„Mit ihr, ja,““ rief Koſtaki, indem er ſich ge⸗ waltig anſtrengte, um ſich meiner zu bemächtigen. enſt den ich tte, ert ſah. ken Ge⸗ ru⸗ nem ibel en⸗ Ber⸗ der rach flet⸗ nur chen eine vor⸗ ein zu⸗* ge⸗ 199 „Allein,““ rief Gregoriska,„dieſe Frau gehört mir.““ „Und dieſe Worte ſprechend, berührte er mit der Spitze des geweihten Schwertes die friſche Wunde. „Koſtaki ſtieß einen Schrei aus, als ob ihn ein flammendes Schwert berührt hätte, fuhr mit der linken Hand an ſeine Bruſt und machte einen Schritt rück⸗ wärts. „Zu gleicher Zeit und mit einer Bewegung, die mit der ſeinigen zuſammengefügt zu ſein ſchien, machte Gregoriska einen Schritt vorwärts; die Augen auf den Augen des Todten, das Schwert auf der Bruſt ſei⸗ nes Bruders, begann nun ein langſamer, feierlicher, ſchrecklicher Gang; etwas, was dem Marſche von Don Juan und dem Commandeur glich, wobei das Geſpenſt unter dem geheiligten Schwerte, unter dem unwiderſteh⸗ lichen Willen des Streiters von Gott zurückwich und dieſer Schritt für Schritt, ohne ein Wort auszuſpre⸗ chen, folgte... Beide keuchend, Beide leichenbleich, der Lebendige den Todten vor ſich her treibend, ihn nöthi⸗ gend, das Schloß zu verlaſſen, das ſeine Wohnſtätte in der Vergangenheit geweſen und in das Grab hinab⸗ zuſteigen, das ſeine Wohnung in der Zukunft war. „Oh! ich ſchwöre Ihnen, das war furchtbar an⸗ zuſchauen. „Und durch eine höhere, unſichtbare, unbekannte Kraft bewogen, ſtand ich dennoch, ohne daß ich mir Rechenſchaft von dem gab, was ich that, auf und ſolgte ihnen. Wir ſtiegen die Treppe hinab, nur erleuchtet durch die glühenden Augenſterne von Koſtaki. So durchſchritten wir die Gallerie, ſo den Hof. Wir tra⸗ ten ſo mit demſelben abgemeſſenen Schritt zum Thore hinaus, das Geſpenſt rückwärts, Gregoriska den Arm ausgeſtreckt, ich ihnen folgend. „Dieſer phantaſtiſche Lauf dauerte eine Stunde, nur ſtatt dem gewöhnlichen Weg zu folgen, durchſchnit⸗ ten Koſtaki und Gregoriska das Land in gerader Linie, 200 ohne ſich um die Hinderniſſe zu bekümmern, die für ſie zu beſtehen aufgehört hatten: unter ihren Füßen ebnete ſich der Boden, vertrockneten die Ströme, wichen die Bäume zurück, traten die Felſen auf die Seite; daſſelbe Wunder bewerkſtelligte ſich für mich, wie für ſie; nur ſchien mir der Himmel mit einem ſchwarzen Flor be⸗ deckt, der Mond und die Sterne waren verſchwunden, und ich ſah immer nur in der Nacht die Flammenau⸗ gen des Vampyrs glänzen. „So kamen wir nach Hango, ſo ſchritten wir durch die Erdbeerbaumhecke, welche dem Kirchhof als Umfrie⸗ dung diente. Kaum eingetreten, erblickte ich im Schat⸗ ten das Grab von Koſtaki, das neben dem ſeines Va⸗ ters lag; ich wußte nicht, daß es hier war, und den⸗ noch erkannte ich es. „In dieſer Nacht wußte ich Alles. „Am Rande des offenen Grabes blieb Gregoriska ſtehen und ſprach: „„Koſtaki, es iſt noch nicht Alles für Dich beendigt, und eine Stimme des Himmels ſagt mir, daß man Dir verzeihen werde, wenn Du bereueſt. Verſprich, in Dein Grab zurückzukehren, verſprich, es nicht mehr zu ver⸗ laſſen, verſprich endlich, Gott die Verehrung zu weihen, die Du der Hölle geweiht haſt.““ „Nein!““ ankwortete Koſtaki. „„Bereuſt Du?““ fragte Gregoriska. „„Nein!““ „„Zum letzten Mal, Koſtaki?““ „„Nein!““ „„Wohl! ſo rufe Dir Satan zu Hülfe, wie ich mir Gott zu Hülfe rufe, und dann laß uns auch diesmal ſehen, wem der Sieg bleiben wird.““ „Zwei Schreie erſchollen gleichzeitig; die Eiſen kreuzten ſich Funken ſprühend, und der Kampf dauerte eine Minute, die mir ein Jahrhundert dünkte. „Koſtaki fiel; ich ſah den furchtbaren Degen ſich erh die M wa ſie ete die be ur e⸗ n, u⸗ ch ie⸗ at⸗ za⸗ en⸗ ea gt, ir ein er⸗ en, nir nal ſen rte ſich 201 erheben, ich ſah ihn in ſeinen Körper eindringen und dieſen Körper an die friſch umgewühlte Erde nageln. „Ein Schrei, ein erhabener Schrei, der nichts Menſchliches hatte, drang in die Luft. Ich lief hinzu. „Gregoriska war aufrecht geblieben, aber er wankte. „Ich lief hinzu und ſchloß ihn in meine Arme. „„Biſt Du verwundet?““ fragte ich ihn voll Angſt. „Nein,““ erwiederte er mir,„„doch bei einem ſolchen Duell, liebe Hedwig, iſt es nicht die Wunde, was tödtet, es iſt der Kampf. Ich habe mit dem Tode gekämpft, ich gehöre dem Tod.““ „Freund! Freund!““ rief ich,„„entferne Dich, entferne Dich von hier, und Dein Leben wird vielleicht zurückkehren.““ „„Nein,““ ſprach er,„„hier iſt mein Grab, Hed⸗ wig, doch verlieren wir keine Zeit, nimm ein wenig von dieſer mit ſeinem Blute geſchwängerten Erde und lege es auf den Biß, den er Dir gemachtz das iſt das einzige Mittel, Dich in Zukunft vor ſeiner gräßlichen Liebe zu bewahren.““ „Ich gehorchte bebend, bückte mich, um dieſe blutige Erde aufzuheben, und indem ich mich bückte, ſah ich den Leichnum auf den Boden genagelt; der geweihte Degen durchdrang ſein Herz, und ein ſchwarzes Blut floß reich⸗ lich aus ſeiner Wunde, als ob er in dieſem Augenblick erſt geſtorben wäre. „Ich knetete ein wenig Erde mit dem Blute und legte den furchtbaren Talisman auf meine Wunde. „Nun, meine angebetete Hedwig,““ ſprach Gre⸗ goriska mit ſchwacher Stimme,„„höre wohl meine letzten Unterweiſungen: verlaſſe das Land ſobald Du kannſt. Die Entfernung allein iſt eine Sicherheit für Dich. Der Vater Baſil hat heute meinen letzten Wil⸗ len erhalten, und er wird ihn vollſtrecken, Hedwig! Einen Kuß! den letzten, den einzigen! Ich ſterbel““ 202 „So ſprechend, ſank Gregoriska zu ſeinem Bruder nieder. „Unter allen andern Umſtänden wäre ich, mitten in dieſem Kirchhofe, bei dieſem offenen Grabe, mit die⸗ ſen zwei neben einander liegenden Leichnamen wahnſinnig geworden; aber, wie geſagt, Gott hatte in mich eine Kraft gelegt, die den Ereigniſſen gleichkam, bei denen er mich nicht nur zum Zeugen, ſondern zur handelnden Perſon machte. „In dem Augenblick, wo ich umherſchaute und eine Hülfe ſuchte, ſah ich die Thüre des Kloſters ſich öffnen, und die Mönche ſchritten unter Anführung des Vater Baſil zu zwei und zwei, angezündete Fackeln tragend und Todtenlieder ſingend, herbei. „Der Vater Baſil war kurz zuvor in das Kloſter zurückgekommen, er hatte vorhergeſehen, wae geſchehen war, und begab ſich an der Spitze der ganzen Gemeinde auf den Kirchhof. „Er fand mich lebend bei zwei Todten. „Das Geſicht von Koſtaki war verzerrt durch eine letzte Convulſion. „Gregoriska im Gegentheil war ruhig und beinahe lächelnd. „Man begrub ihn, wie es Gregoriska befohlen, bei ſeinem Bruder, und der Chriſt bewachte den Ver⸗ dammten. Als Smeranda dieſes neue Unglück und den Antheil, den ich daran genommen, erfuhr, wollte ſie mich ſehen; ſie ſuchte mich im Kloſter Hango auf und vernahm aus meinem Munde Alles, was in dieſer gräßlichen Nacht vorgefallen war. „Ich erzählte ihr mit allen ihren Umſtänden die phantaſtiſche Geſchichte, aber ſie hörte mich an, wie mich Gregoriska angehört hatte, ohne Erſtaunen, ohne Schrecken. „„Hedwig,““ erwiederte ſie, nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen,„ſo ſeltſam das iſt, was Sie mir erzählt haben, ſo haben Sie doch nur die reine en ig ne en en ne n, er nd er en de 203 Wahrheit geſprochen. Das Geſchlecht der Brankovan iſt verflucht bis in die dritte und vierte Generation, weil ein Brankovan einen Prieſter umgebracht hat. Doch das Ziel des Fluches iſt gekommen; denn obgleich Gattin, ſind Sie doch Jungfrau, und in mir erliſcht das Geſchlecht. Hat Ihnen mein Sohn eine Million vermacht, ſo nehmen Sie dieſelbe. Nach meinem Tode ſollen Sie, außer einigen frommen Legaten, die ich zu machen gedenke, den Reſt meines Vermögens bekom⸗ 4 men. Befolgen Sie nur ſo geſchwinde als möglich den Rath Ihres Gatten. Kehren Sie auf das Schnellſte in die Länder zurück, wo Gott nicht geſtattet, daß ſo furchtbare Wunder geſchehen. Ich brauche Niemand, um meinen Sohn mit mir zu beweinen. Mein Schmerz heiſcht die Einſamkeit. Leben Sie wohl, erkundigen Sie ſich nicht nach mir. Mein zukünftiges Loos gehört nur mir und Gott.““ „Und nachdem ſie mich wie gewöhnlich auf die Stirne geküßt, ſchloß ſie ſich in dem Schloſſe Branko⸗ van ein. „Acht Tage ſpäter reiſte ich nach Frankreich ab; wie Gregoriska gehofft hatte, hörten meine Nächte auf, von dem furchtbaren Geſpenſte heimgeſucht zu werden; auch meine Geſundheit hat ſich wieder gebeſſert, und ich habe von dieſem Ereigniß nichts behalten, als die To⸗ desbläſſe, die jedes menſchliche Geſchöpf, das den Kuß eines Vampyrs erduldet hatte, bis zum Grabe be⸗ gleitet.“ Die Dame ſchwieg, es ſchlug Mitternacht, und ich möchte beinahe behaupten, daß der Muthigſte von uns beim Tone der Pendeluhr bebte. Es war Zeit, ſich zu entfernen; wir nahmen Ab⸗ ſchied von Herrn Ledru. Ein Jahr nachher ſtarb dieſer vortreffliche Mann. Es iſt das erſte Mal, daß ich ſeit ſeinem Tode Ge⸗ legenheit habe, einen Tribut dem guten Bürger, dem 204 beſcheidenen Gelehrten, dem redlichen Mann beſonders zu bezahlen. Ich beeile mich, dies zu thun. Nie bin ich nach Fontenay⸗aur⸗Roſes zurückge⸗ ehrt. Doch die Erinnerung an dieſen Tag hinterließ ei⸗ nen ſo mächtigen Eindruck in meinem Leben; doch alle dieſe ſeltſamen Geſchichten, die ſich an einem einzigen Abend aufgehäuft hatten, gruben eine ſo tiefe Furche in mei⸗ nem Gedächtniß, daß ich in der Hoffnung, bei den An⸗ deren ein Intereſſe zu wecken, welches ich ſelbſt gefühlt, in den verſchiedenen Ländern, die ich ſeit achtzehn Jah⸗ ren durchreiſt habe, nämlich in Deutſchland, in Italien, in Spanien, in Sicilien, alle Traditionen dieſer Art, welche die Erzählungen dieſer verſchiedenen Völker an meinem Ohr wiederbelebten, mir aufzeichnete und ſo⸗ dann die Sammlung verfaßte, welche ich heute meinen gewöhnlichen Leſern unter dem Titel:„Tauſend und ein Geſpenſt,“ übergebe. Ein Mlittagsmahl bei Voſſini. Im Jahre 1840 kehrte ich zum dritten⸗ oder vier⸗ ten Male nach Italien zurück, und ich war von meinem Freund Denniér, dem Muſterungs⸗Inſpector, beauf⸗ tragt, einen Spitzenſchleier der Frau Roſſini zu brin⸗ gen, welcher Bologna mit dem berühmten Compoſiteur bewohnte, dem der Graf Ory und Wilhelm Tell die Naturaliſation in Frankreich verliehen haben. Ich weiß nicht, ob nach mir etwas von mir übrig ſein wird; aber für jeden Fall habe ich die fromme Gewohnheit angenommen, während ich meine Feinde vergeſſe, die Namen meiner Freunde nicht nur in mein ——L—— er⸗ em uf⸗ in⸗ eur rig me de ein 20⁵ vertrauliches Leben, ſondern auch in mein literariſches zu miſchen. Auf dieſe Art ſchleppe ich nach dem Maße, in dem ich der Zukunft zuſchreite, Alles mit mir, was an meiner Vergangenheit Theil gehabt hat, Alles, was ſich mit meiner Gegenwart vermiſcht, wie es ein Fluß thun würde, der ſich nicht damit begnügte, die Blumen, die Waldungen, die Häuſer ſeiner Ufer widerzuſchei⸗ nen, ſondern der auch das Bild dieſer Häuſer, dieſer Waldungen und dieſer Blumen ihm bis zum Ocean zu folgen zwänge. „Ich bin auch nie allein, ſo lange ein Buch von mir bei mir bleibt. Ich öffne dieſes Buch. Jede Seite erinnert mich an einen abgelaufenen Tag, und dieſer Tag erſteht ſogleich wieder von ſeiner Morgen⸗ röthe bis zu ſeiner Abenddämmerung ganz lebendig von denſelben Gemüthsbewegungen, die ihn erfüllt, ganz bevölkert von denſelben Perſonen, die ihn durchſchrit⸗ ten. Wo war ich an dieſem Tage? An welchem Orte der Welt ſuchte ich eine Zerſtreuung, verlangte ich eine Erinnerung, pflückte ich eine Hoffnung, eine Knoſpe, die häufig verwelkt, ehe ſie ſich erſchloſſen, eine Blume, die ſich oft entblättert, ehe ſie ſich geöffnet? Beſuchte ich Deutſchland, Italien, Afrika, England oder Grie⸗ chenland? Fuhr ich den Rhein hinauf, betete ich im Colyſeum, jagte ich in der Sierra, lagerte ich in der Wüſte, träumte ich in Weſtminſter, grub ich meinen Namen auf dem Grabe von Archimedes oder auf dem Felſen der Thermopylen ein? Welche Hand hat an dieſem Tage die meinige berührt? War es die eines Königs, der auf ſeinem Throne ſaß? War es die eines Hirten, der ſeine Herde hütete? Welcher Fürſt hat mich ſeinen Freund genannt? Welcher Bettler hat mich ſeinen Bruder genannt? Mit wem habe ich meine Börſe am Morgen getheilt? Wer hat mir ſein Brod am Abend gebrochen? Was ſind ſeit zwanzig Jahren die mit Kreide aufgezeichneten glücklichen Stun⸗ den, die mit Kohle notirten düſteren Stunden? 206 Ach! das Beſte von meinem Leben iſt ſchon in meinen Erinnerungen, ich bin einer von jenen Bäumen mit buſchigem Blätterwerk, das, voll von Vögeln, welche, am Mittag ſtumm, gegen das Ende des Tages erwachen und, wenn der Abend gekommen iſt, mein Alter mit Flügelſchlägen und Geſängen erfüllen werden; ſie werden es ſo mit ihrer Freude, mit ihrer Liebe und ihren Geräuſchen erheitern, bis der Tod den gaſtlichen Baum auch berührt, und der Baum bei ſeinem Fall alle dieſe geräuſchvollen Sänger verſcheucht, von denen keiner etwas Anderes ſein wird, als eine von den Stun⸗ den meines Lebens. Sehen Sie, wie ein einziger Name mich von mei⸗ nem Wege abgehen gemacht und mich von der Wirk⸗ lichkeit in den Traum verſetzt hat. Der Freund, der mich damals den Schleier zu überbringen beauftragte, iſt ſeitdem geſtorben. Es war ein reizender Geiſt, ein unerſchöpflicher, heiterer Erzähler; ich brachte viele Abende mit ihm bei Mademoiſelle Mars zu, auch ein reizender Geiſt, auf den der Tod gehaucht hat, und der erloſchen iſt, als wenn ein Stern am Himmel mei⸗ nes Lebens erloſchen wäre. Ich begab mich nach Florenz, das war das Ziel meiner Reiſe; doch ſtatt hier zu verweilen, faßte ich den Entſchluß, bis nach Bologna zu reiſen und meinen Auftrag als würdiger Bote zu vollziehen, d. h. den Schleier den ſchönen Händen ſelbſt, für welche er be⸗ ſtimmt war, zu übergeben. Drei Tage brauchte man zur Hinreiſe, drei zur Rückreiſe, einen Tag Aufenthalt, im Ganzen ſieben Tage, ſieben Arbeitstage verſchwendet, vecloren. Aber, bei meiner Treue! ich wollte Roſſini wiederſehen, Roſ⸗ ſini, der ſich ohne Zweifel aus Furcht, er könnte der Verſuchung, ein neues Meiſterwerk zu machen, nachge⸗ ben, exilirt hatte. Ich erinnere mich, daß es gegen Abend war, als ich Bologna erblickte. Die Stadt ſchien von fern in —— — — 5 in nen eln, ges ein en; ind hen all nen un⸗ ei⸗ irk⸗ der te, ein iele ein und ei⸗ ziel nen den be⸗ zur ben ber, toſ⸗ der ge⸗ als in — 207 einen Dunſt getaucht, über dem ſich, vom düſtern Grunde des Apennins hervortretend, die Kathedrale St. Pietro und die zwei Nebenbuhler des hängenden Thurmes von Piſa der Garriſendi und der Torre degli Aſinelli erhoben. Von Zeit zu Zeit ſchleuderte die Sonne, im Augenblick ihres Untergangs, einen letzten Strahl, der die Scheiben irgend eines Palaſtes entzün⸗ dete, als ob die Zimmer dieſes Palaſtes von Flammen erfüllt wären, während ſich das Flüßchen Reno, in allen Farben des Himmels nuaneirt, den es wieder⸗ ſtrahlte, ſich in der Ebene wand, wie ein Band von Silbermoire. Der Reno nahm allmälig eine! Blei⸗ tinte an; dann kam raſch die Nacht und hüllte die Stadt in ihre ſchwarzen Schleier, welche bald tauſende von Lichtpunkten ſo ſchimmernd als die, welche am Himmel glänzten, durchlöcherten. Es war zehn Uhr Abends, als ich mit meiner ganzen Roba in dem Gaſthauſe zu den Drei Kö⸗ nigen ankam. Es war meine erſte Sorge, daß ich meine Karte zu Roſſini ſchickte, der mir antworten ließ, von dieſem Augenblick an ſtehe ſein ganzes Palais zu meinen Denſten. Am andern Morgen um eilf Uhr war ich bei ihm. Das Palais Roſſini iſt, wie alle italieniſchen Pa⸗ läſte, eine Zuſammenſetzung von Marmorſäulen, von Fresken und Gemälden. Das Ganze geräumig, daß man drei bis vier franzöſiſche Häuſer darin könnte tanzen laſſen, gebaut für den Sommer, nie für den Winter, d. h. voll Luft, Schatten, Kühle, Roſen und Kamelien. In Italien iſt es bekanntlich, als wüchſen die Blu⸗ men in den Zimmern und nicht in den Gärten, wo man ichts ſieht und hört, als Grillen. Roſſini bewohnte dieſe Welt von Salons, von Zimmern, von Vorzimmern und Terraſſen; immer hei⸗ ter, lachend, funkelnd von Witz und Geiſt. Seine Fran im 208 Gegentheil durchfurchte dieſelben Gemächer, auch la⸗ chend, aber langſam, ernſt und ſchön, wie die Judith von Horace Vernet. Sie verneigte ſich vor mir, und ich warf ihr auf den Kopf den mehrerwähnten Schleier, der die Urſache meines Beſuches in Bologna war. Roſſini hatte ſchon ſein Mittagsmahl geordnet. Er wünſchte, daß ich mich mit Gäſten zuſammenfände, die mir angenehm wären, und da er wußte, daß ich früher oder ſpäter nach Venedig gehen ſollte, ſo hatte er einen jungen venetianiſchen Dichter Namens Luigi von Sea⸗ mozza eingeladen, der ſo eben ſeine Studien an der berühmten Univerſität Bologna beendigt, welche der Münze der Stadt den Wahlſpruch: Bononia docet, gegeben hat. Ich hatte vier Stunden vor mir, um Bologna zu ſehen, das ich am andern Tage, unter dem Vorbehalt, wieder zu kommen, verlaſſen wollte. Ich bat Roffini, mir Urlaub zu geben, und fing an umher zu laufen, während der berühmte Maeſtro in die Küche hinabging, um ſeine ganze Sorge auf eine Platte Stuffato begleitet mit Macaroni zu verwenden, in deren Be⸗ reitung auf der ganzen italieniſchen Halbinſel Roſſini, ſeitdem der Cardinal Alberoni geſtorben iſt, nicht ſeines Gleichen zu haben behauptet. Später vielleicht werde ich die Wunder der Uni⸗ verſitätsſtadt beſchreiben. Ich werde den Neptun von Bronze beſchreiben, das Meiſterwerk des berühmten Kin⸗ des aus ſeinen Mauern, welches es nach ſeinem eigenen Namen getauft hat; ſeine Kathedrale St. Pietro, reich beſonders durch ihre Verkündigung von Lodovico Car⸗ racci; ſeine St. Petronius⸗Kirche mit dem berühmten Meridian von Caſſini. Ich werde die Neigung ſeiner beiden Thürme meſſen,— der ewige Tert der Diſpu⸗ tationen der Gelehrten, die ſich noch nicht haben ent⸗ ſcheiden können, ob ſie durch eine Laune des Baumei⸗ ſters oder in Folge eines Erdbebens hängen; ob ſie la⸗ dith auf ache Er die iher inen ca⸗ der der et, zu a, fini, fen, ing, ato Be⸗ ſſini, ines Uni⸗ von Kin⸗ enen reich Car⸗ nten ine ſpu⸗ ent⸗ mei⸗ it 209 ſich unter der Hand des Menſchen oder unter dem Hauche Gottes geneigt haben. Doch heute muß ich eiligſt, wie Scheherazade, auf meine Geſchichte zurück⸗ kommen, und ich komme zurück. um ſechs Uhr waren wir bei dem berühmten Mae⸗ ſtro um einen langen Tiſch verſammelt, der in einem großen al fresco ausgemalten und auf allen Seiten mit Windrädern verſehenen Saal ſtand. Der Tiſch war nach dem italieniſchen Gebrauch mit Blumen und glacirten Früchten bedeckt, Alles geordnet, um als Ac⸗ compagnement für den trefflichen Stuffato zu dienen, der das Hauptſtück des Mittagsmahles bilden ſollte. Unſere Tiſchgenoſſen waren ein paar italieniſche Gelehrten, d. h. ein Muſter von jenen braven Leuten, die ein Jahrhundert lang ſtreiten, um zu ergründen, ob die Geſchichte von Ugolin eine Allegorie oder eine That⸗ ſache iſt; ob Beatrice ein Traum oder eine Wirklichkeit iſt; ob Laura dreizehn oder nur zwölf Kinder gehabt hat. Ein paar Künſtler vom Theater von Bologna, un⸗ ter denen ein junger Tenor Namens Roppa, der, da es ſich plötzlich gefunden, er habe eine ſchöne Stimme, einen Sprung aus der Küche eines Cardinals auf das Fenice⸗Theater gemacht hatte. Endlich der junge Dichter⸗Student, von dem mir Roſſini geſagt, ein trauriges oder vielmehr ſchwer⸗ müthiges Geſicht, ein edler Träumer, in deſſen Seele die Hoffnung auf die Wiedergeburt Italiens lebte; ein bewunderungswürdiger Soldat, der heute ²) wie ein zwei⸗ ter Hector das heldenmüthige Venedig vertheidigt, das die unmöglichen Wunder des Alterthums wieder aufleben läßt, indem es kämpft, wie ein zweites Troja, wie ein zweites Syrakus, wie ein zweites Carthagv. *) Zur Zeit, wo Dumas dies ſchrieb. Tauſend und ein Geſpenſt. 14 2¹⁰ Endlich Roſſini, ſeine Frau und ich. Das Geſpräch drehte ſich um Dante, um Petrarca, um Taſſo und Cimaroſa, um Pergoleſe, um Beethoven, um Grimod de la Reynisre und um Brillat⸗Savarin, und zum großen Lobe von Roſſini muß ich ſagen, daß er mir über dieſe zwei berühmten Gaſtronomen die klarſten und entſchiedendſten Anſichten zu haben ſchien. Fügen wir ſogleich bei, daß er auf dieſem Gebiete muthig von Roppa unterſtützt wurde, der, unwiſſend in der Theorie, aber ein Mann der Praris, zehn Jahre in der Küche gearbeitet hatte, ohne Caröme zu kennen, wie er nun ſeit vier Jahren Muſik trieb, ohne Grétry zu kennen. Dieſes ganze Geſpräch führte mich dahin, daß ich Roſſini fragte, warum er nicht mehr componire. „Ah! ich glaubte einen genügenden Grund ange⸗ geben zu haben.“ „Welchen?“ „Ich bin träge.“ „Iſt dies der einzige?“ „Ich glaube, ja.“ „Somit, wenn ein Director an der Ecke eines Theaters auf Sie wartete, Ihnen die Piſtole auf die Bruſt ſetzte.... „Nicht wahr, und zu mir ſagte: Roſſini, Du wirſt Deine ſchönſte Oper machen?“ „Nun! dann würde ich ſie machen.“ Achl es lag vielleicht viel mehr Bitterkeit, als Treuher⸗ zigkeit in dieſem Wort. Uebrigens, ich kann wohl an⸗ recht haben, habe ich nie an dieſe Treuherzigkeit eines mächtigen Genies geglaubt, und ſo oft Roſſini in meiner Gegenwart von der Küche fprach, kam es mir vor, als geſchähe es, um nicht von etwas Anderem zu ſprechen. Sagen Sie mir, mein lieber Berlioz, antworten Sie mir, mein großer Dichter⸗Muſiker, liegt nicht, wie unter Ugolin, eine ungreifbare Mythe in dem berühm⸗ te ei ca, en, in, aß die en. iete in hre en, try ge⸗ ines die virſt 211 ten Peſareſen, der die Macaroni vergöttert und das Sauerkraut verachtet*)2 „Die ganze Frage reducirt ſich alſo auf die Sache eines Hinterhalts?“ ſagte ich zu Roſſini. „Auf nichts Anderes.“ „Wenn man Ihnen aber ſtatt einer Piſtole ein Gedicht auf die Bruſt ſetzen würde?“ „Verſuchen Sie es.“ „Hören Sie, Roſſini, etwas iſt ſeltſam: wenn ich für Sie arbeitete, würde ich die gewöhnliche Ordnung umwerfen.“ „Wie ſo?“ „Ja, ſtatt Ihnen ein Gedicht zu geben, damit Sie die Muſik darauf machten, würden Sie mir eine Par⸗ titur geben, und ich machte Ihnen die Worte darauf.“ „Ah!“ ſagte Roſſini,„erklären Sie mir doch Ihren Gedanken!“ „Oh! er iſt ganz einfach... Bei der Verbindung des Compoſiteur und des Dichters muß der Eine den Andern aufzehren, das Gedicht muß die Partitur oder die Partitur das Gedicht umbringen. Von welcher Seite nun muß die Aufopferung geſchehen? Von Sei⸗ ten des Dichters, da man durch die Wirkung des Sän⸗ gers nie die Verſe hört, und da man durch das Spiel des Orcheſters ſtets die Muſik hört.“ „Sie ſind alſo der Anſicht von denjenigen, welche denken, die ſchönen Verſe ſchaden dem Compoſiteur?“ „Gewiß, lieber Maeſtro; die Poeſie, die Poeſie, wie ſie Victor Hugo macht, wie ſie Lamartine macht, hat ihre eigene Muſik. Es iſt keine Schweſter der Muſik, es iſt eine Nebenbuhlerin; es iſt keine Verbün⸗ dete, es iſt eine Gegnerin. Statt der Syrene ihren Beiſtand zu gewähren, kämpft die Zauberin gegen ſie, ein Kampf von Armida und der Fee Morgana. Die *) Roſſini iſt bekanntlich von Peſaro; Berlioz, der bekannte franzöſiſche Componiſt, iſt ein Freund von Dumas. 212 Mufik bleibt am Ende ſiegreich, aber ihr Sieg er⸗ ſchöpft ſe. „Sie werden ſich alſo herbeilaſſen, Worte auf meine Mufik zu machen?“ „Allerdings, ich, der ich dreihundert Bände und fünf und zwanzig Dramen gemacht habe, würde mich hiezu herbeilaſſen, weil ich meine kleine Eitelkeit darein ſetzte, Sie zu unterſtützen, weil ich, der ich die Höhe des Pflaſters behaupte, wenn ich will, es als eine ehren⸗ hafte Artigkeit betrachten würde, ſie Ihnen abzutreten, Ihnen, den ich liebe, Ihnen, den ich bewundere, Ihnen, meinem Bruder in der Kunſt. Ich habe mein König⸗ reich, wie Sie das Ihrige haben. Hätten Etiokles und Polinykes Jeder ſeinen Thron gehabt, ſo würden ſie ſich nicht gegenſeitig erwürgt haben; ſie hätten ſich alle Meujahre einen Beſuch gemacht und wären wahr⸗ ſcheinlich an der Altersſchwäche geſtorben.“ „Vortrefflich! ich nehme Sie beim Wort.“ ich Verſe auf Ihre Muſik mache?“ „Ja.“ „Ich gebe ſie Ihnen. Nur ſagen Sie mir zum Voraus, welche Art von Oper Sie gern haben möch⸗ ten.“ „Ich möchte gern eine phantaſtiſche Oper haben.“ Sie ſehen wohl, mein lieber Berlioz, daß aber⸗ mals Sauerkraut darunter war. „Eine phantaſtiſche Oper, nehmen Sie ſich in Acht. Italien mit ſeinem reinen Himmel iſt nicht das Land der übernatürlichen Traditionen: die Geſpenſter, die Gei⸗ ſter, die Erſcheinungen brauchen die langen, kalten Nächte des Nordens; ſie brauchen die Dunkelheit des Schwarz⸗ walds, die Nebel Englands, die Dünſte des Rheins. Was würde ein armer, verirrter Schatten unter den Ruinen von Rom, auf dem Geſtade von Neapel, in den Ebenen Siciliens machen? Wohin ſollte er ſich flüchten, mein Gott! wenn er durch den Teufelaustreiber ver⸗ folgt würde? Nicht der kleinſte Dunſt, zu dem er fliehen, um ch⸗ 1.“ er⸗ ht. nd ei⸗ hte rz⸗ ns. en en en, er⸗ en, 213 nicht der kleinſte Nebel, in dem er ſich verbergen, nicht der kleinſte Wald, in dem er eine Zuflucht ſuchen könnte; er würde umſtellt, beim Kragen gepackt, an das Licht geführt. Bevölkern Sie doch die Nacht mit Träumen, wenn die Nacht Ihr Tag iſt, wenn die Sonne Ihr Mond iſt, wenn Sie nicht von acht Uhr Morgens bis acht Uhr Abends, ſondern von acht Uhr Abends bis acht Uhr Morgens leben, während unſere düſtere Nachtwachen langſam verlaufen; wenn wir beim Scheine einer rau⸗ chenden Lampe in unſerem Keller eingeſchloſſen ſind, wo die jungen Mädchen die Spindel drehen, wo die jungen Burſche erzählen, laufen Sie umher, machen Serenaden und erfüllen Ihre Straßen mit freudigem Geräuſche, mit Lie⸗ besgeſängen. Ihre Erſcheinung iſt ein hübſches Mädchen mit ſchwarzen Augen und ſchwarzen Haaren, das ſich auf ſeinem Balcon zeigt, einen Blumenſtrauß fallen läßt und verſchwindet. Oh! Giulietta! Giulietta! Du biſt nur aus Deinem Grabe aufgeſtanden, weil Shakſpeare, der Dichter des Nordens, zu Dir geſagt hat: Stehe auf. Und der Stimme des mächtigen Zauberers, dem nichts widerſtehen konnte, haſt Du gehorcht, ſchöne Blume des Frühlings von Verona! Doch kein Landsmann von Dir hat früher dar⸗ an gedacht, noch iſt es bis jetzt einem eingefallen, Dir einen ſolchen Befehl zu geben. Nehmen Sie ſich in Acht, Roſſini! nehmen Sie ſich in Acht!“ „Ich habe Sie ſprechen laſſen, nicht wahr?“ ſagte lächelnd mein Wirth. „Ja, und ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich die Erlaubniß mißbraucht habe.“ „Nein, ſprechen Sie weiter, ſprechen Sie immer⸗ Hier iſt mein Freund, Luigi Scamozza, der, ein Dich⸗ ter wie Sie, Ihnen zuhört und es übernehmen wird, Ihnen zu antworten.“ Ich ſtreckte meine Hand gegen meinen jungen Col⸗ legen aus und ſagte:„Ich hoͤre.“ „Wiſſen Sie, warum der große Maeſtro Sie an mich verweiſt?“ fragte mich lächelnd Scamozza. 2¹4 „Weil er weiß, daß es mir Vergnügen machen würde, Sie zu hören.“ „Nein, das iſt es nicht; weil er weiß, daß ein Ereigniß, welches einem von meinen Vorfahren begeg⸗ net iſt, kräftig gegen das, was Sie geſagt haben, pro⸗ teſtirt. Iſt es möglich, daß ein Bewunderer von Dante uns die erhabene Poeſie von jenſeits des Grabes ab⸗ ſpricht, deren einziges Muſterbild der Verbannte von Florenz, und von dem Milton, der Dichter des Nordens, nur ein ſchwacher Neophyte iſt? Ach! wir haben alle Poeſien zu beanſpruchen, denn wir haben alle mögliche Unglücke gehabt. Haben Sie je Ihren Himmel mit zwei leuchtenderen Schatten beſtreift geſehen, als die von Franzesca und Paolo waren? Haben Sie aus dem Grabe ein furchtbareres Geſpenſt, als das von Farinata, von Uberti hervorkommen ſehen? Sind Sie Seite an Seite mit einem ſanfteren Schatten gegangen, als mit dem des Dichters Sordello von Mantua? Ah! Sie be⸗ zweifeln das phantaſtiſche Italien. Wohl! ſo gebe Ihnen Roſſini ſeine Partitur, ich werde Ihnen Ihr Gedicht „Ja, ich; habe ich Ihnen nicht geſagt, daß in meiner eigenen Familie die Erinnerung an eine unheim⸗ liche Geſchichte lebe 2“ „Wohl! erzählen Sie mir dieſelbe.“ „Nein, denn Jedermann kennt ſie hier. Doch ich wiederhole, Roſſini ſchicke Ihnen ſeine Partitur, und ich werde Ihnen meine Geſchichte ſchicken.“ „Wann dies 2“ „Morgen früh.“ „Gut!“ ſagte Roſſini.„Dieſen Abend, ehe ich ſchlafen gehe, ſchreibe ich die Ouverture.“ Dann erhob er ſein Glas und ſprach: „Auf den günſtigen Erfolg der Oper: Die Stu⸗ denten von Bologna.“ ſic Le ——— S—— ₰ hen ein eg⸗ ro⸗ ante ab⸗ von ens, alle iche mit von dem ata, an mit be⸗ nen icht 215⁵ Jeder that Beſcheid unter gewaltigem Klirren der Gläſer und unter glühenden Wünſchen. Während des ganzen Abendbrods war nur von dieſem ſchönen Plane die Rede. Um zehn Uhr verließ man die Tafel. Roſſini ſetzte ſich an ſein Klavier und improviſirte die Ouverture. Leider vergaß er es, ſie aufzuſchreiben. Am andern Morgen erhielt ich die Geſchichte. Ich habe nie von der Partitur ſprechen hören. Nun die Geſchichte. Der Schwur. Am 1. December 1703 unter dem Pontiſicat des Papſtes Clemens Kl., gegen vier Uhr Nachmittags, gin⸗ gen drei junge Leute, welche leicht als zur Univerſität Bologna gehorende Studenten zu erkennen waren, durch das Florenzer Thor hinaus und wanderten nach dem reizenden Friedhof, der beim erſten Anblick mehr das Ausſehen einer heiteren Promenade, als das eines Tod⸗ tenackers bietet. Alle drei gingen, in große Mäntel ge⸗ hüllt, raſchen Schrittes und ſchauten von Zeit zu Zeit zurück, wie Menſchen, welche befürchten, man könnte ihnen folgen. Der eine von ihnen verbarg etwas unter ſeinem Mantel, und es ließ ſich leicht ſehen, daß das, was er verbarg, ein Paar Degen war. Beim Kirchhof angelangt, machten die drei jungen Leute, ſtatt ihren Marſch bis zum Eingang fortzu⸗ ſetzen, eine Wendung nach rechts und zogen ſich an der ſüdlichen Seite der Mauer hin; beim Ende dieſer Mauer bogen ſie raſch links ein und fanden bald drei andere junge Leute, von denen zwei ſaßen und einer ſtand. 216 Als ſie die zuletzt Angekommenen erblickten, erho⸗ ben ſich die zwei ſitzenden jungen Leute, und derjenige, welcher ſtand, machte ſich von der Mauer los, an die er angelehnt war. Alle drei gingen den Ankommenden entgegen. Alle drei waren ebenfalls in ihre Mäntel gehüllt, und der untere Theil von einem der Mäntel war durch die Spitze von zwei Degen aufgehoben. Vier von den jungen Leuten ſchritten fort, bis ſie zuſammentrafen. Die zwei Anderen blieben, Jeder auf ſeiner Seite, zurück, ſo daß ſie, als die vier Studenten zuſammengetrof⸗ fen waren und eine Gruppe gebildet hatten, zwanzig Schritte von der Gruppe und folglich vierzig von ein⸗ ander ſtanden. Die vier jungen Leute beſprachen ſich einen Augen⸗ blick auf das Lebhafteſte mit einander, während von den zwei vereinzelten jungen Leuten, welche der Beſpre⸗ chung fremd zu ſein ſchienen, der eine, auf ſeinen Stock drückend, ein Loch in die feuchte Erde machte, und der andere die Diſtelköpfe mit ſeinem Stöckchen in die Luft fliegen ließ. Zwei⸗ oder dreimal wurde die Beſprechung unter⸗ brochen, und jedes Mal trennte ſich die mittlere Gruppe, um eine doppelte Gruppe zu bilden, bei der die zwei vereinzelten jungen Leute für den Augenblick die Haupt⸗ perſonen wurden. Jedes Mal konnte man dieſe entſchiedene Zeichen der Weigerung machen ſehen, was beſagte, daß ſie der Anſicht ihrer Gefährten nicht beitraten oder deren For⸗ derungen nicht nachkamen. Endlich, da ſich die Unterhandlungen in die Länge zogen und keine friedliche Löſung herbeizuführen ſchie⸗ nen, nahmen die jungen Leute, welche die Degen trugen, dieſe unter ihren Mänteln hervor und übergaben ſie ihren Gefährten zur Unterſuchung. Die Degen wurden mit der größten Sorgfalt ge⸗ 217 prüft. Man ſtritt ſich offenbar über die geringere oder größere Schwere, welche für die Wunden aus der Form der Waffen hervorgehen mußte. Endlich, da man ſich nicht über die Wahl der Waffen verſtändigen konnte, warf man ein Geldſtück in die Luft, damit die Wahl der Degen das Reſultat des Zufalls wäre. Der Zufall ſprach ſich aus, die nicht bezeichneten Degen wurden bei Seite gelaſſen; man gab den zwei vereinzelten jun⸗ gen Leuten ein Zeichen, ſie nähertih ſich einander, machten mit dem Kopfe eine leichte Geberde der Hoͤf⸗ lichkeit, zogen ihren Rock und ihre Weſte aus und war⸗ fen Beides von ſich. Dann pflanzte der Eine ſeinen Stock in die Erde, und der Andere warf ſein Stöckchen auf ſeine Kleider. Beide traten auf einander zu. Einer von ihren Gefährten bot nun Jedem einen Degen beim Griffe, kreuzte die zwei Spitzen und ſprach das Wort: „Los!“ Beide nahmen ſogleich ihre Stellung und banden ihre Degen bis an den Griff⸗ Beide machten einen Schritt rückwärts und hatten nun ihr Lager. Beide waren ungefähr von einer gleichen Stärke, aber von einer untergeordneten Stärke. Nach einigen Secunden verſchwand der Degen von einem von ihnen beinahe gänzlich im Leibe ſeines Geg⸗ ners. „Getroffen!“ rief der, welcher den Stoß geführt hatte, indem er einen Sprung rückwärts machte und ſeinen Degen ſenkte, ohne jedoch ſein Lager ganz zu verlaſſen. „Nein,“ ſagte der Andere,„nein.“ „Doch.“ und derjenige, welcher zuletzt geſprochen, ſchaute die bis zum Drittel ihrer Länge naſſe und geröthete Klinge ſeines Degens an. 218 „Es iſt nichts, es iſt nichts,“ ſprach der Ver⸗ wundete. Und er machte einen Schritt vorwärts, um ſich ſei⸗ nem Feinde zu nähern. Doch bei dieſer Bewegung ſprang ein Blutſtrahl aus ſeiner Wunde hervor, die Hand, welche den Degen hielt, ſtreckte ſich aus und der Degen ſelbſt fiel zu Bo⸗ den. Der Verwundete huſtete mühſam, er wollte aus⸗ ſpucken, aber er hatte nicht die Kraft dazu. Es röthete nur ein Blutſchaum ſeine Lippen. Zwei von den jungen Lenten waren zu Wundärzten gebildet worden. „Ah! Teufel!“ riefen ſie, als ſie dieſe Symptome ſahen, welche andeuteten, daß die Wunde von Bedeu⸗ tung war. Beinahe in demſelben Augenblick ſenkte wirklich derjenige von den zwei Kämpfenden, welcher getroffen worden, den Kopf auf ſeine Bruſt, ſchwankte, machte eine halbe Wendung, ſchlug die Luft mit ſeinen Armen und fiel, einen Seufzer ausſtoßend, nieder. Die zwei Zöglinge der Chirurgie ſtürzten auf den Leib ihres Kameraden; der Eine von ihnen hatte ſchon ſeinen Sack geöffnet und hielt ſeine Lancette in der Hand, um dem Verwundeten zur Ader zu laſſen. Doch der Andere, der den Aermel zurückgeſchlagen, ließ den Arm wieder fallen und ſprach:„ „Es iſt unnöthig, er iſt todt.“ Bei dieſem Worte erbleichte derjenige, welcher auf⸗ recht geblieben war, furchtbar und als ob er ſelbſt ſter⸗ ben ſollte. Er warf ſeinen Degen von ſich und machte einen haſtigen Schritt gegen den Leichnam ſeines Feindes; doch die zwei Zeugen hielten ihn zurück. „Ah!“ ſagte der Eine von ihnen,„das iſt ein Unglück, doch da es unwiederbringlich iſt, ſo handelt es ſich nicht darum, zu wehklagen, ſondern die Grenze zu. erreichen; haſt Du Geld?“ zer⸗ ſei⸗ ahl gen Bo⸗ us⸗ hete ten ome e⸗ lich ffen chte men den hon der en, uf⸗ ſter⸗ nen es; ein tes zu 2¹9 „Sieben bis acht Thaler vielleicht.“ Jeder ſuchte in ſeiner Taſche. „Hier, nimm,“ ſagten gleichzeitig vier Stimmen, „und entfliehe, ohne eine Minute zu verlieren.“ Der junge Mann zog ſeine Weſte, ſeinen Rock und ſeinen Mantel wieder an. Und nachdem er, je nach dem Grade der Freund⸗ ſchaft, in dem er zu Jedem ſtand, dem Einen die Hand gedrückt und die Andern umarmt hatte, enteilte er in der Richtung der Apenninen und verſchwand bald unter dem erſten Schatten der Nacht. Die Blicke der vier jungen Leute folgten ihm bis zum Moment ſeines Verſchwindens. „Wie iſt es nun mit Antonio?“ ſagte der Eine von ihnen. Aller Augen wandten ſich dem Leichnam zu. „Mit Antonio?“ „Ja. Was wollen wir mit ihm machen?“ „Ihn in die Stadt zurücktragen, bei Gott! wir werden ihn hoffentlich nicht hier laſſen!“ „Nein, gewiß nicht; doch was ſagen wir?“ „Das iſt ganz einfach. Wir ſagen, wir ſeien alle Vier außerhalb der Mauern ſpazieren gegangen und haben plötzlich Antonio und Ettore geſehen, die ſich ge⸗ ſchlagen. Wir ſeien auf ſie zugeeilt, doch ehe wir ſie erreicht, ſei Antonio todt niedergeſtürzt und Ettore habe die Flucht ergriffen. Nur werden wir ſagen, er ſei ge⸗ gen Modena entflohen, ſtatt anzugeben, er ſei gegen die Apenninen entflohen; die Abweſenheit von Ettore wird uns Recht geben.“ „Gut.“ Als dieſer Vorſchlag einſtimmig angenommen war, verbarg man das zweite Paar Degen im Geſträuche; man wickelte den Todten in ſeinen Mantel und trug ihn nach der Stadt zurück. Am Thore der Stadt machten die jungen Leute die verabredete Anzeige; man nahm vier Facchini, legte 220 Antonio auf eine Tragbahre und brachte ihn nach dem Hauſe, in dem er gewohnt hatte. Uebrigens war den jungen Leuten die Hälfte des Schmerzes erſpart. Antonio war ein Venetianer; ſeine Familie wohnte nicht in Bologna; ein Brief ſollte die Trauerkunde überbringen, und einer von den jungen Leuten, ſelbſt ein Venetianer, wurde beauftragt, dieſen Brief zu ſchreiben. Dieſer junge Mann war einer von den Dreien, die wir haben zu dem Florenzer Thor hinausgehen ſe⸗ hen; er hieß Beppo von Scamozzaz der zweite war von Velletri und hieß Gaetano Romanoli; der dritte war derjenige, welcher auf dem Kampfplatz geblieben. Wir haben von dem Todten Alles geſagt, was wir von ihm zu ſagen hatten. Folgen wir den Lebenden bis zu der kleinen Stube, die ſie im dritten Stocke eines bürgerlichen Hauſes bewohnten, deſſen Erwerbsquelle theilweiſe die Vermiethung von Zimmern an Stu⸗ denten war. Es ſchlug ſieben Uhr auf der St. Dominco Kirche, als die zwei jungen Leute, nachdem ſie den Mantel auf ihr gemeinſchaftliches Bett geworfen, ſich einander gegen⸗ über an die zwei Seiten eines Tiſches ſetzten, auf dem eine von jenen Lampen mit drei Schnäbeln brannte, welche noch in unſeren Tagen zur Erleuchtung der Häu⸗ ſer in Italien dienen, und in der Zeit, in der unſere Geſchichte ſich ereignete, noch viel allgemeiner waren, als ſie es heut zu Tage ſind. Ein einziger Schnabel brannte und warf einen zweifelhaften Schein in die Stube. Sagen wir ein Wort von dieſen zwei jungen Leu⸗ ten, bei denen ſich das Intereſſe der Ereigniſſe, die wir erzählen, concentriren wird. Der eine hieß, wie geſagt, Beppo von Scamozza und war ein Venetianer. Der andere hieß Gaetano Romanoli und war ein Römer. reich Her acht aber ehrl dels In mitt hatt möc aus und Aus Geſ und eine heit das mit ſich heu wa ſein ſchl tru ſchn Kle ſtat alle unt von He em des ine die gen ſen en, ſe⸗ var itte n. wir den nes lle tu⸗ he, uf en⸗ em te, iu⸗ 221 Beppo hatte ſein zwei und zwanzigſtes Jahr er⸗ reicht. Er war der natürliche Sohn eines vornehmen Herrn, der ihm ein kleines Vermögen von ſechs bis acht kauſend Livres Einkünfte geſichert, im Uebrigen ihn aber frei und allein im Leben gelaſſen hatte. Der Andere gehörte im Gegentheil einer Familie ehrlicher Kaufleute an, welche, während ſie ein Han⸗ delshaus in Rom hatten, eine Villa in Velletri beſaßen. In dieſer Villa war Gaetano geboren. Die verſchiedenartige Lage der zwei jungen Leute mitten in einer Welt, in die ſie der Zufall geworfen, hatte einen ſtarken Einfluß auf das Phyſiſche und, ich möchte ſagen, auf das Moraliſche von Jedem von ihnen ausgeübt. Die Phyſiognomie modificirt das Geſicht, und was iſt die Phyſiognomie? der oberflächliche Ausdruck der inneren Gefühle. Man denke ſich daſſelbe Geſicht bei zwei Kindern im Angenblick ihrer Geburt, und mache, daß dieſe zwei Kinder in das Leben, das eine durch ſeine traurige Seite, das andere durch ſeine heitere Seite eintreten, daß das eine von Unglücksfällen, das andere von Glückſeligkeiten umgeben werde, und mit fünf und zwanzig Jahren werden dieſe beiden Ge⸗ ſichter, welche einſt einen ähnlichen Ausdruck hatten, heute eine verſchiedenartige Phyſignomie haben. Vereinzelt, ohne Familie, durch Fremde erzogen, war Beppo beinahe ein Verbannter im Leben. Von ſeiner Kindheit an hatte er das Brod mit dem bittern Salz gegeſſen, von dem Dante ſpricht; er war groß, ſchlank, bleich, ſchwermüthig; die Haare, die er lang trug, wie es in jener Zeit Gebrauch war, fielen in ſchwarzen Locken auf ſeine Schultern; den zierlichen Kleidern, die ſein kleines Vermögen ihm zu tragen ge⸗ ſtattet hätte, zog er Kleider von düſteren Farben vor; allerdings glich ihr Schnitt die Einfachheit aus, und unter dem am Mindeſten glänzenden Stoff roch Beppo von Scamozza auf eine Meile nach dem vornehmen Herrn. 222 Was Gaetano Romanolo betrifft, ſo war dies ein luſtiger junger Mann von zwanzig Jahren, der die den Rechte ſtudirte und Advokat zu werden beabſichtigte, um. ſeiner Schweſter Bettina, die er anbetete, alle Vortheile; die zu überlaſſen, die ihr zur Zeit ihrer häuslichen Einrich⸗; ſtör tung die Abtretung des väterlichen Handelsgeſchäftes gewähren konnte. In ſeiner Familie, inmitten aller der kleinen Aufmerkſamkeiten erzogen, deren die Kind⸗ daß heit und die Jugend von Beppo beraubt geweſen wa⸗ den ren, hatte Gaetano das Daſein immer unter ſeinem heiteren Anblick betrachtet und dem Leben zuge⸗ tine lächelt, wie es ihm zugelächelt hatte. Er war ein hübſcher junger Mann, mit bronzirten Wangen, die je⸗ wer doch voll Friſche und Jugend; mit gerader Naſe, leb⸗ haftem Auge und weißen Zähnen, welche ein treuherziges mic und vertrauliches Lächeln entblößte. Wie hatten ſich dieſe ſo entgegengeſetzten Charaktere kem gewiſſer Maßen aneinander geniethet? Wie war die Freundſchaft des ſchwermüthigen Beppo und des luſti⸗ gen Gaetano ſprüchwörtlich geworden? Wie hatten ſie nur eine Stube, nur einen Tiſch, nach der alten Ueberlieferung der Waffenbrüder, nur ein Bett? Das iſt eines von den Geheimniſſen der Anziehungskraft, die ſich nur durch die Sympathie der Contraſte erklären ſie laſſen, welche viel gewöhnlicher iſt, als man glaubt, und häufig die Stärke mit der Schwäche, die Traurig⸗ dieſ keit mit der Freude, die Sanftmuth mit der Heftigkeit Dei verbindet. ma Die zwei jungen Leute ſaßen nachdenkend einander gegenüber. biſt Doch zuerſt das Haupt erhebend, fragte Beppo: „Woran denkſt Du?“ nem „Ah! ich denke an etwas Schreckliches,“ erwiederte ſchi Gaetano:„daß das, was heute Abend dem armenſ laß Antonio begegnet iſt, einem von uns begegnen könnte, in und daß wir auf immer getrennt wären.“ ein die um eile rich⸗ iftes aller ind⸗ wa⸗ nem uge⸗ ein je⸗ leb⸗ iges tere die uſti⸗ tten lten Das die iren ubt, rig⸗ keit der erte nen nte, 223 „Das iſt ſeltſam,“ ſprach Beppo,„ich hatte gerade denſelben Gedanken.“ „Und,“ fuhr Gaetano fort, indem er ſeinem Freunde die Hand reichte:„und daß mein ſüßeſter Traum zer⸗ ſtört wäre.“ „Von welchem Traum ſprichſt Du?“ „Von der Hoffnung, von der ich ſo oft geſprochen, daß wir mehr als Freunde, daß wir zwei Brüder wer⸗ den ſollen.“ ja,“ erwiederte Beppo ſchwermüthig,„Bet⸗ tina!“ „Wenn Du wüßteſt, wie hübſch ſie iſt, Beppo! wenn Du wüßteſt, wie ſie Dich liebt....“ „Wahnſinniger! wie ſollte ſie mich lieben? ſie hat mich nie geſahen.“ „Hat ſie Dich nicht durch meine Augen geſehen? kennt ſie Dich nicht durch meine Briefe?“ Beppo zuckte die Achſeln. „Höre,“ ſprach Gaetano,„ich wette eines.“ „Was?“ „Es iſt wahr, ſie hat Dich nie geſehen.“ „Nun! und hernach?“ „Nun! ich wette, wenn der Zufall es wollte, daß ſie Dir begegnete, ſie würde Dich erkennen.“ „Geh' doch! Wozu ſoll es übrigens nützen, alle dieſe ſchönen Pläne zu machen? Du weißt wohl, daß Dein Vater Bettina nie einem Andern, als einem Kauf⸗ mann geben wird.“ „Du biſt etwas Beſſeres, als ein Kaufmann, Du biſt ein Edelmann.“ „Ein ſchöner Edelmann, der einen Balken auf ſei⸗ nem Wappenſchilde führt,“ erwiederte Beppo, den Kopf ſchüttelnd.„Nein, mein lieber Gaetano, glaube mir, laß uns keine andere Träume machen, als die, welche in Erfüllung gehen können.“ „Welche meinſt Da damit?“ „Ver Allem den, uns nie zu verlaſſen. Oh! ſei 224 unbeſorgt, dieſen wird nichts in Deinem Leben ſtören, ſo lange Deine Freundſchaft für mich dauert. Ich kann Dir überallhin folgen; ich habe keine Familie und kaum ein Vaterland. Was iſt mir an den Leuten ge⸗ legen, mit denen ich lebe, was an den Orten, die ich bewohne? Hörſt Du auf, mich zu lieben, falle ich Dir zur Laſt, ſo wirſt Du es mir ſagen; dann werden ſich unſere Körper trennen, da unſere Herzen nicht mehr zuſammenſchlagen.“ „Eil woher des Teufels holſt Du denn alle die Traurigkeiten, die Du da ſprichſt?“ rief Gaetano. „Freund, wenn Du denkſt wie ich, ſo glaube mir, daß uns nur Eines trennen wird.“ „Was?“ „Der Tod!“ „Wohl! wenn Du denkſt, wie ich,“ ſprach Beppo, „ſo wird uns ſelbſt der Tod nicht trennen.“ „Erkläre Dich.“ „Glaubſt Du, daß uns etwas von uns überlebt?“ S„Die Religion verheißt es uns; das Herz ſagt es „Glaubſt Du wirklich an die Unſterblichkeit der Seele?“ 2 „Ich glaube daran.“ „Wohl, mein Freund, wir brauchen uns nur durch einen Eid zu vereinigen, durch einen von den Eiden, welche den Leib und die Seele binden, und wenn einer von uns Beiden ſtirbt, ſo wird nur der Körper den Körper verlaſſen haben, die Seele wird ihrer Freund⸗ ſchaft treu bleiben, denn was in uns liebt, iſt nicht der Körper, es iſt die Seele.“ „Glaubſt Du, daß das, was Du mir vorſchlägſt, keine Ruchloſigkeit iſt?“ fragte Gaetano. „Ich glaube nicht, daß man Gott beleidigt, wenn man dem Tode das reinſte Gefühl, das es in dem Men⸗ ſchen gibt: die Freundſchaft, zu entziehen ſucht.“ dan ren, ann und ge⸗ Dir ſich tehr die mo. daß po, 2 es der urch den, iner den ind⸗ icht gſt, enn ten⸗ 225⁵ „Wohl, es ſei,“ ſprach Gaetano, indem er ſeinem Freunde die Hand reichte,„in dieſer und in der an⸗ dern Welt, Beppo!“ „Warte,“ ſagte dieſer.* Er ſtand auf, holte ein am Kopfe des Bettes hän⸗ gendes Crucifir und brachte es auf den Tiſch. Dann ſtreckte er die Hand gegen das heilige Bild aus und ſprach: „Bei dem Blute unſeres Herrn ſchwöre ich mei⸗ nem Bruder Gaetano Romanoli, daß, wenn ich zuerſt ſterbe, an welchem Orte auch mein Körper fallen, mein Athem erlöſchen, mein Leben aufhören mag, meine Seele zurückkehren wird, um ihn aufzuſuchen und ihm Alles zu ſagen, was von dem großen Geheimniß, das man den Tod nennt, zu ſagen geſtattet iſt.“ „Und dieſen Schwur,“ fügte Beppo bei, indem er einen Blick voll Glauben und Frömmigkeit zum Him⸗ mel erhob,„dieſen Schwur leiſte ich in der Ueberzeu⸗ gung, er verletze in keiner Hinſicht die Lehrſätze der katholiſchen, apoſtoliſchen und römiſchen Religion, in der ich geboren bin und in der ich zu ſterben hoffe.“ Gaetano ſtreckte die Hand ebenfalls gegen das Crucifir aus, wiederholte denſelben Schwur und fügte dieſelben Worte bei. In dem Augenblick, wo er das letzte Wort des von Beppo abgefaßten Schwures ſprach, klopfte man an die Thüre. Die zwei jungen Leute umarmten ſich und riefen ann: „Herein!“ Kauſend und ein Geſpenſt. 15 226 Die zwei Studenten von Pologna. Ein Mann trat mit einem Briefe in der Hand ein. Dieſer Mann war der Diener des Directors der Briefpoſt. Der Courrier von Rom kam am Abend in Bologna an, und man erhielt gewöhnlich die Briefe erſt am Morgen. Doch der Poſtmeiſter, indem er zum voraus die Briefe in die verſchiedenen Fächer ſchob, wo ſie die Perſonen erwarten ſollten, für die ſie beſtimmt waren, hatte einen an ſeiner Adreſſe erkannt, dieſen geöffnet und in dem Briefe einen andern gefunden, den man ihm auf der Stelle an Gaetano Romanoli, Studenten in Bologna, zu befördern bat. Der junge Mann war dem Poſtmeiſter bekannt und dieſer beeilte ſich, ihm das Sendſchreiben, das dringend zu ſein ſchien, zu überſchicken. Gaetand nahm es aus den Händen des Boten und gab dieſem ein Gelbſtück; dann näherte er ſich ganz ſchwankend der Lampe. „Was haſt Du?“ fragte ihn Beppo,„Du er⸗ bleichſt.“ „Ein Brief von meiner Schweſter,“ murmelte Gae⸗ tano, während er den Schweiß abwiſchte, der auf ſeiner Stirne perlte. „Nun! was iſt da zu erbleichen, zu zittern?“ „Es iſt zu Hauſe ein Unglück geſchehen.“ „Und woran ſiehſt Du das?“ „Ich kenne Bettina ſo gut, daß ich bei der einfa⸗ chen Anſchauung ihrer Schrift errathe, unter dem Ein⸗ druck welches Gefühles ſie mir ſchreibt. Ich brauche den Brief nicht zu öffnen, um zu wiſſen, ob ſie trau⸗ zig. heiter oder ruhig iſt. Die Adreſſe ſagt mir lles.“ D and der gna aus die ren, fnet nan ten ifa⸗ Fin⸗ uche au⸗ mir 227 „Und diesmal ſagt Dir die Adreſſe?....“ fragte indem er einen ängſtlichen Blick auf den Brief warf. „Diesmal ſagt mir die Adreſſe, daß mir Bettina weinend geſchrieben hat. Schau, die zwei erſten Buch⸗ ſtaben meines Familiennamens an, ein Schluchzen hat ſie unterbrochen.“ „Oh! Du täuſcheſt Dich,“ ſprach Beppo. „Lies ſelbſt,“ erwiederte Gaetano. Und er gab den Brief ſeinem Freund, ſetzte ſich und ließ ſeinen Kopf mit einem Seufzer zwiſchen ſeine Hände fallen. Beppo öffnete den Brief; doch bei den erſten Zei⸗ len zitterte ſeine Hand und ſeine Augen ſenkten ſich traurig auf Gaetano. Es war leicht zu ſehen, daß dieſer in ſeine Hände weinte. „Muth gefaßt, mein Freund,“ ſprach Beppo mit ſanfter Stimme, indem er ſeine Hand auf die Schulter ſeines Freundes legte. Gaetano erhob ſeine Stirne, Thränen floßen an ſeinen Wangen herab. „Ich habe es geſagt,“ rief er.„Sprich, was iſt geſchehen?“ „Dein Vater iſt ſehr krank und wünſcht, Dich vor ſeinem Tode noch zu ſehen.“ „Er iſt alſo noch nicht geſtorben?“ rief Gaetano mit einem Blitze der Freude. „Nein.“ „Du hintergehſt mich nicht?“ „Lies ſelbſt.“ Gaetano nahm den Brief und las. „Wann reiſen wir?“ ſagte Beppo. „Du fragſt mich, wann ich reiſe, Beppo, denn Du, Du bleibſt.“ „Warum ſollte ich bleiben, wenn Du reiſeſt?“ „Weil Du in drei Tagen Deine Prüfung als 228 Doctor machſt, weil Deine Theſe gedruckt iſt, weil Deine Geſchenke den Profeſſoren überſchickt ſind.“ „Wohll wir verſchieben dies Alles auf unſere Rückkehr.“ „Nein, denn wenn es Gott gefällt, wirſt Du nicht zurückkehren, Beppo.“ „Du willſt alſo, daß ich Dich allein reiſen laſſe?“ „Sobald Deine Theſe abgehandelt iſt, folgſt Du mir nach. Haben wir das Glück, meinen armen Vater zu retten, ſo wirſt Du ihn uns retten helfen und am Ende ſeiner Wiedergeneſung wird er Dich als zur Fa⸗ milie ßehörig betrachten; ſtirbt er, ſo biſt Du es ſchon; ſchau'l ſchau'! ſagt nicht Bettina am Schluſſe ihres Briefes: Tauſend Zärtlichkeiten an unſern lieben Bru⸗ der Bevpo?“ „Ich werde thun, wie Du willſt, Gaetano. Doch bedenke. „Ich habe ſchon bedacht, ich reiſe dieſen Abend, auf der Stelle ab; Du, Du reiſeſt in drei Tagen; nur komm und hilf mir einen Wagen ſuchen, damit wir uns ſo ſpät als möglich verlaſſen.“ „Gehen wir,“ ſagte Beppo. Gaetano warf Wäſche und einen Anzug in einen Nachtſack, nahm alles Geld, was er hatte, ſteckte ſeine Piſtolen in ſeine Taſchen und ging, verſehen mit ſeiner als Paß, hinab, um einen Wagen zu uchen. Der junge Mann fand, was er ſuchte, im Hotel der Poſt. Gaetano ſollte den Wagen beim Pferdepoſt⸗ meiſter in Rom laſſen, der ein Verwandter von dem in Bologna war. Nach Verlauf von zehn Minuten waren die Pferde angeſpannt. Als Beppo ſeinen Freund in den Wagen ſteigen ſah, wollte er abermals durchaus mit ihm reiſen; doch Gaetano blieb unerſchütterlich; er wiederholte Beppo zehnmal, es ſei nur eine Trennung von drei veil ſere icht 2 Du ater am Fa⸗ on; hres r⸗ och end, nur uns inen eine iner zu otel dem erde gen en olte drei 229 Tagen und nicht mehr, da er am dritten Tage eben⸗ falls abreiſen würde. Beppo gab nach. Der Wagen erſchütterte ſich, der Poſtillion ließ ſeine Peitſche klatſchen, die Pferde trabten davon, die zwei Freunde tauſchten ein letztes Lebewohl. Beppo wartete, bis der Wagen verſchwunden war, und als das Geräuſch der Räder, das noch die Gegenwart von Gaetano in ſeiner Nähe zu verlängern ſchien, aufgehört hatte, ſtieß er einen Seufzer aus und kehrte mit hängenden Armen und geſenktem Kopf nach Hauſe zurück. Es war eine Empfindung, deren Traurigkeit wir nicht zu ſchildern verſuchen werden, die ſich Beppos be⸗ mächtigte, als er in die einſame Stube zurückkam, wo ihn Alles von der friſchen Gegenwart ſeines Freundes überzeugte. Er ſetzte ſich an den Tiſch, bei dem noch der leere Stuhl ſtand, auf welchem eine Stunde zuvor Gaetano geſeſſen hatte; dann, da er nicht zu Bette zu gehen beſchloſſen, ſuchte er ſeine Bücher, ſeine Tinte und ſein Papier, und fing an zu arbeiten. Aber ſeltſamer Weiſe erloſch die Lampe dreimal, nicht plötzlich, nicht durch einen Unfall, ſondern von ſelbſt, wie ein Mund, der zu athmen aufhört, wie eine Seele, welche entflieht. Dreimal zündete ſie Beppo wieder an, wobei er ſich jedes Mal verſicherte, daß ſie nicht in Ermangelung von Oel erloſchen, denn bei Anbruch des Tages war das Oelgefäß noch halb voll. Beppo war abergläubiſch, wie es alle ſchwermü⸗ thige Seelen ſind. Sein Bedauern, Gaetano verlaſſen zu haben, wurde beinahe zu einem Gewiſſensbiß, ſeine Traurigkeit beinahe zu einer Verzweiflung. Ueberdies hatten, durch ein ſeltſames Zuſammen⸗ treffen, dieſe drei Todeskämpfe der Lampe ſtattgefunden, während Beppo, der es erwähnter Maßen übernommen, 230 ihnen dieſe Trauerkunde mitzutheilen, an die Eltern von Antonio ſchrieb. Der Tag erſchien, ohne daß Beppo zu Bette ge⸗ gangen war. Beppo hatte auf dieſen Tag gerechnet, um ſich von ſeinen düſteren Gedanken loszumachen, aber der Tag war ſelbſt traurig wie ein Wintertag; und obgleich der junge Mann ſich anſtrengte, um zu arbei⸗ ten, konnte ihn doch die Arbeit nicht von dem unab⸗ läſſigen Gedanken, Gaetano laufe eine Gefahr, zer⸗ ſtreuen. Der Weg von Bologna nach Rom iſt weit, er iſt heutigen Tages noch nicht ſehr ſicher für den Reiſen⸗ den, der mit der Poſt fährt, und war es noch viel we⸗ niger in der Zeit, in der die Ereigniſſe vorfallen, welche wir erzählen. So ſehr ſich Gaetano beeilte, ſein Freund konnte kaum hoffen, er werde den Weg von Bologna nach Rom in weniger als ſechszig Stunden zurück⸗ legen, und da er am Abend abgereiſt war, da er nicht anhalten ſollte, da Beppo wußte, er würde unter keinem Vorwand anhalten, ſo war drei Nächte hindurch der Gefahr zu trotzen. Der Tag verging voll Traurigkeit und endigte noch trauriger. Die Beerdigung von Antonio war für den Abend feſtgeſetzt; ſie fand mit Fackeln ſtatt, wie dies in Italien gebräuchlich iſt, und die ganze Univer⸗ ſität Bologna, außer ſeinem Mörder und Gaetano, folgte dem Sarge. Gegen eilf Uhr kam Beppo ſo müde in ſein Zim⸗ mer zurück, daß er nicht einmal den Schlaf zu be⸗ kämpfen verſuchte, und als er ſich niedergelegt hatte, entſchlief er auch ſogleich. Doch kaum war die Lampe ausgelöſcht, kaum wa⸗ ren ſeine Augen geſchloſſen, kaum hatte der Geiſt ſeine Klarheit verloren, als Beppo einen Schrei ausſtieß, aus ſeinem Bette ſprang und haſtig nach ſeinem Degen umhertappte. Es ſchlug eilf Uhr auf der St.⸗Dominico⸗Kirche. ern ge et, ber ind ei⸗ ab⸗ er⸗ n ve⸗ che nd na ck⸗ cht em der gte ür vie er⸗ o, m⸗ be⸗ te, ine eß⸗ en he. 231 Nach einem Augenblick der Ueberlegung jedoch zündete Beppo wieder ſeine Lampe an und ſetzte ſich, bleich und nachdenkend, auf ſein Bett, ohne ſeinen De⸗ gen von ſich zu laſſen. Er hatte geträumt, auf einer Straße angehalten, ſtränbe ſich Gaetano mitten unter einem Dutzend von Männern mit unheimlichem Geſichte. Er hatte den doppelten Knall ſeiner zwei Piſtolen zu hören geglaubt, und ganz wach, wie er nun war, brauſte noch eine Stimme in ſeinem Ohr, die um Hülfe rief. Doch nach einigen Augenblicken ſchien ſeine Ver⸗ nunft wieder die Oberhand über den Schrecken zu ge⸗ winnen, den nichts motivirte; er legte ſich wieder nieder und entſchlummerte abermals. Sein Traum währte jedoch fort wie eine begonnene Handlung, die in Erfüllung geht. Er ſah Gaetano am Rande des Weges, von einer Wunde im Herzen getroffen, ausgeſtreckt. „Dann erblickte er inmitten einer einſamen Land⸗ ſchaft, unter ſchneebedeckten Bergen, ein friſch geſchloſſe⸗ nes Grab, deſſen kleiner, ſchwarzer Hügel allein den weißen Mantel des Winters befleckte. Als Beppo nach dieſem dritten Traume erwachte, war es Tag geworden. Dieſer Tag war derjenige, an welchem er ſeine Prüfung beſtehen ſollte, doch ſtatt demſelben ſeine Be⸗ ſtimmung zu laſſen, ſtand der junge Mann auf, zog ſeine Reiſekleider an, nahm ebenfulls ſeine Waffen und ſeine Börſe, kaufte das kräftigſte Pferd, das er finden konnte, und ritt weg, um wieder mit Gaetano zuſam⸗ menzutreffen, oder wenigſtens, um Nachricht von ihm zu erhalten. Er war entſchloſſen, Tag und Nacht zu marſchiren und den Weg zu verfolgen, den ſein Freund verfolgt hatte. Könnte ihn ſein Pferd nicht mehr tra⸗ gen, ſo würde er ein anderes kaufen oder entlehnen. Kraft dieſes Entſchluſſes, ritt er von ſieben Uhr Morgens bis um zehn Uhr Abends, ohne eine andere 232 Unterbrechung, als einen Halt Lon einer halben Stunde in Lojono; am Abend hätte er gern ſeine Reiſe fort⸗ geſetzt, aber ſein Pferd weigerte ſich deſſen. Es hatte fünfzig Meilen zurückgelegt und bedurfte einiger Stunden der Ruhe. Beppo war alſo genöthigt, wie geſagt, um zehn Uhr Abends in Monte⸗Carelli, einem Dörſchen mitten in den Apenninen, Halt zu machen. Er kehrte in einem kleinen Wirthshauſe ein, wo gewöhnlich nur Maulthiertreiber wohnen. Und nach⸗ dem er auf jede Weiſe für die Wohlfahrt ſeines Pfer⸗ des beſorgt geweſen, mit dem er ſich vor Allem be⸗ ſchäftigte, dachte er an ſich ſelbſt und verlangte zu Nacht zu ſpeiſen. Da man leicht ſah, daß der junge Mann zu einer Claſſe von Reiſenden gehörte, die höher als die, welche gewöhnlich im Wirthshauſe von Porta⸗Roſſa einkehrte, ſo trug man ihm ſein Abendbrod in einem beſondern Zimmer auf. Dieſes Zimmer war eine nur ſpärlich durch eine ſchlechte Lampe erleuchtete Stube im untern Stockwerk, wo ihn ein altes Weib hatte eintreten laſſen, indeß man für ihn ein Eſſen bereitete, das auf zwei Rippchen 3 einen Pfannenkuchen mit Methwurſt auslaufen ſollte. Während alle dieſe Präliminarien vor ſich gingen, ſchritt der junge Mann beklommen auf und ab und horchte auf das Geräuſch ſeines Degens, der an ſeine Beine ſchlug. Endlich kamen die erwarteten zwei Gerichte. Die Alte ſtellte noch ein Glas und eine Flaſche auf den Tiſch, fragte Beppo, ob er nichts Anderes mehr bedürfe, ging auf ſeine verneinende Antwort wieder ab und ließ den Reiſenden ſeinem Mahle gegenüber allein. Beppo beeilte ſich, dieſem magern Imbiß ein Enbe zu machen, denn er hoffte, während deſſelben würde wohl ſein Pferd, das man vor eine Raufe voll Hafer gef fort auf der wif die läc ger erk aut ide rt⸗ fte gt, lli, zu wo ch⸗ er⸗ be⸗ er te, rn ine rk, an en fen en, nd ine ie en fe, eß de de fer 233 geſtellt hatte, Kräfte genug gewinnen, um den Marſch fortzuſetzen. Er ſchnallte ſeinen Degen los, legte ihn auf eine Truhe und ſetzte ſich nieder. Doch kaum hatte er Platz genommen, als er auf der andern Seite des Tiſches, ihm gegenüber, ohne zu wiſſen, wo er eingetreten, Gaetano ſitzen ſah, der ihm, die Arme gekreuzt, traurig und den Kopf ſchüttelnd zu⸗ lächelte. Obgleich dieſer Ausdruck nicht der war, welcher gewöhnlich auf dem Geſichte ſeines Freundes ſtrahlte, erkannte ihn doch Beppo und ſtieß einen Freudenſchrei aus. „Ah! Du biſt es, lieber Gaetano,“ rief er, wäh⸗ rend er auſſtand, ihn zu umarmen. Doch er faßte nichts als die Luft. Seine offenen Arme verbanden ſich wieder, ohne etwas berührt zu haben. Dreimal entging die Erſcheinung wie ein Dunſt den Umarmungen des troſtloſen jungen Mannes. Und dennoch blieb das Geſpenſt ſichtbar und immer auf dem⸗ ſelben Platze ſitzend. Beppo ſah endlich ein, daß er es mit einem Schat⸗ ten zu thun habe; da es aber der des Mannes war, den er am meiſten auf der Welt geliebt hatte, ſo er⸗ ſchrak er nicht hierüber, ſondern fing an ihn zu befragen. Er erhielt nicht nur keine Antwort, ſondern die Erſcheinung erbleichte auch allmälig, verwiſchte ſich und verſchwand. Diesmal hatte die Viſion den Traum beſtätigt, Beppo dachte nur noch an Gaetano. Ein ſchwerer Un⸗ fall mußte ſeinem Freunde begegnet ſein, daß ihm Gott dieſe doppelte Verkündigung ſchickte. Er rief ſeine Wirthin, bezahlte das Abendbrod, das er nicht berührt hatte, ging in den Stall, ſattelte ſein Pferd und ritt weg. Es war, als hielte etwas Uebernatürliches das Pferd und den Reiter aufrecht. Beppo marſchirte die 234 ganze übrige Nacht, den ganzen darauf folgenden Tag und den Abend; nach drei Halten, die er geſchickt für . eingerichtet hatte, kam er um ſieben Uhr in i an. So große Luſt auch Beppo hatte, ſeine Reiſe fort⸗ zuſetzen, er war doch genöthigt, anzuhalten. Sein konnte nicht einen Fuß mehr vor den andern etzen. Er ſelbſt bedurfte der Ruhe. Eine Nacht und zwei Tage lang war er beinahe ohne anzuhalten mar⸗ ſchirt. Er verlangte ein Zimmer und legte ſich, ohne zu Nacht zu ſpeiſen, nieder. Wie groß aber auch die Ermattung des Körpers bei Beppo war, die Unruhe des Geiſtes war noch viel größer. So kam es, daß er, obgleich er ſich nieder⸗ und ſeine Lampe ausgelöſcht hatte, nicht ent⸗ chlief. Das Fenſter ſeiner Stube hatte weder Vorhänge, noch Läden, und der Mondſchein drang um ſo heller durch die Scheiben, als er ſich durch den Refler des Schnees vermehrte, den Beppo einige Meilen vor Aſſiſi gefun⸗ den hatte. Beppo ſtützte ſich mit dem Ellenbogen auf ſein Bett und heftete ſeine ſtarren Augen auf den bleichen Lichtſtrahl, der ſein Zimmer durchfurchte, als er plötzlich einen Tritt auf der frachenden Treppe vernahm. Dieſer Tritt näherte ſich ſeiner Thüre. Seine Thüre wurde geöffnet. Beppo nahm eine von den auf ſeinem Naocht⸗ tiſche liegenden Piſtolen und richtete den Lauf nach der Thüre. Doch auf der Schwelle erſchien ein junger Mann in einen braunen, ganz mit Schnee beſprenkelten Mantel gehüllt; der junge Mann ſchritt auf das Bett zu, ſchlug den Mantel zurück, der einen Theil ſeines Ge⸗ ſichtes bedeckte, und Beppo erkannte ſeinen Freund. Beppo warf ſeine Piſtole weg, ſtieß einen Schrei Tag für in ort⸗ ein ern und ar⸗ hne ers viel er ent⸗ ige, rch ees ein hen lich ſer rde ht⸗ ach nn tel zu⸗ e⸗ 235 aus und wollte aus dem Bett ſtürzen; doch Gaetano machte ihm mit der Hand ein zugleich trauriges und gebieteriſches Zeichen. Beppo blieb obne Stimme, ohne Athem, ohne Bewegung, die Augen furchtbar weit aufgeriſſen in dieſer Nacht, welche ſo bleich wie eine Morgendämme⸗ rung im Norden. Für Beppo war es klar, daß dies dieſelbe Viſion, die er ſchon einmal in Monte⸗Carelli erſchaut hatte. Das Geſpenſt ſtreifte zuerſt ſeinen Mantel ab, zog dann ſeine Kleider aus und bedeutete Beppo mit der Hand, er möge ihm in dem Bette ſeinen gewöhnlichen Platz überlaſſen. Dann legte er ſich zu ihm nieder. Beppo war zugleich ſo erſchüttert und ſo erſchrocken, daß er unbeweglich blieb und, längs dem Bettgange ausgeſtreckt, auf eine ſeiner Hände geſtützt, nur ſeinen Freund anſchaute. Nach einem Augenblick aber ſagte er mit leiſer Stimme: „Gaetano, biſt Du es? Sprich, antworte.“ Gaetano ſchwieg. „Wenn Gott geſtattet,“ fuhr Beppo fort,„daß die gewöhnlichen Geſetze der Natur geſtört werden, ſo hat Gott einen Zweck dabei. Sage mir, was Du willſt, mein Freund, und bei meiner Freundſchaft auf dieſer Welt, ich werde es thun.“ Gaetano antwortete nicht. „Biſt Du todt,“ ſprach Beppo,„und kommſt Du kraft des Eides zurück, den wir gegenſeitig gethan, uns nicht zu verlaſſen, ſelbſt nicht einmal nach dem Tode?„Dann, Freund, ſiehe, ich fliehe Dich nicht.“ Und indem er dieſe Worte ſprach, näherte ſich Beppo ſeinem Freunde mit offenen Armen, doch er ſtieß einen Schrei aus, denn es kam ihm vor, als hätte er eine Bildſäule von Eis berührt. 236 Etwas wie ein tödtlicher Schauer durchlief den Leib des Lebenden. Der Todte aber erhob ſich mit demſelben traurigen Lächeln, das Beppo ſchon auf ſeinen Lippen bemerkt hatte, nahm eines nach dem andern ſeine Kleidungs⸗ ſtücke und ging aus der Stube, den Kopf beſtändig ſeinem Freunde zugewendet, dem er mit der Hand eine Geberde des Abſchieds machte. In dem Augenblick, wo Gaetano über die Thür⸗ ſchwelle ſchritt, glaubte Beppo einen langen Seufzer ſich aushauchen hören. Dann entfernte ſich das Geräuſch der Tritte auf der Treppe mit einer Verminderung, ähnlich dem Ge⸗ räuſch, das ſie bei der Annäherung gemacht hatten. „Oh! es iſt entſchieden,“ murmelte der junge Mann, indem er den Kopf auf das Kiſſen zurückſinken ließ,„Gaetano iſt todt! todt!.. War es Ohnmacht, war es Müdigkeit, Beppo er⸗ wachte erſt bei Tagesanbruch. Eine ganze Nacht hatte für ſein Pferd genügt, um auszuruhen, es war friſch und munter. Beppo ſchwang ſich in den Sattel und ritt weiter. Bie dahin hatte er ſich auf allen Poſten ſorgfältig erkundigk, ob nicht vier und zwanzig Stunden vorher ein junger Mann von zwanzig bis ein und zwanzig Jahren, der Straße von Bologna nach Rom folgend, umgeſpannt habe. Bis jetzt hatte er beſtimmte Nachricht von Gae⸗ tano erhalten; in Foligno und in Spoletto dieſelbe Antwort: überall hatte man den jungen Mann, der mit ſeiner Studentenkarte reiſte, geſehen; er befand ſich wohl und ſchien große Eile zu haben, um nach Rom zu kommen. Im Sommer ſchon ſchlecht, war indeſſen die Straße, wegen des Schnees beinahe unbenützbar geworden; in Folge hievon konnte Beppo an dieſem Tage nicht mehr thun, als Terni erreichen, In Strettura, zwei Stunden den gen erkt g8⸗ dig ine ür⸗ fzer auf He⸗ ige ken er⸗ tte iſch ind tig her zig nd, ae⸗ lbe der ſich om ße, in ehr den 237 vor Terni, machte der Reiſende ſeine gewöhnliche Frage; auch hier hatte man Gaetano geſehen. Es war fünf Uhr Abends, als Beppo in Strettura ankam. Und als er, nachdem er ſich der Durchfahrt ſeines Freundes verſichert hatte, erfuhr, er habe ſeine Reiſe gegen Terni fortgeſetzt, ſchickte er ſich an, daſſelbe zu thun; doch der Poſtmeiſter, an den er ſich wandte, ſchüttelte den Kopf und gab ihm den Rath, nicht wei⸗ ter zu gehen, denn, zwiſchen zwei Ketten der Apenninen eingeſchloſſen, werde die Straße von einer Räuberbande verheert, und jeden Tag höre man eine Gräuelthat er⸗ zählen, die von dieſen Elenden verübt worden. Doch Beppo hatte die Lebenden nie gefürchtet, und der Gedanke, es ſei das Geſpenſt von Gaetano, was ihm erſchienen, verlieh ihm eine höhere Kraft; er er⸗ klärte alſo, er habe auch große Eile, nach Rom zu kom⸗ men, und er kenne keine Gefahr, welche im Stande wäre, ihn auf ſeinem Wege aufzuhalten. Dem zu Folge ſchüttete er friſches Zündkraut auf die Pfannen ſeiner Piſtolen, verſicherte ſich, daß ſein De⸗ gen nicht in der Scheide feſthielt, gab ſeinem Pferde beide Sporen und ſprengte in das Thal, welches von Strettura nach Terni führt. In der That, keine Oertlichkeit konnte ünſtiger für einen Hinterhalt ſein: Stücke unterſetzter Waldun⸗ gen, wie die corſiſchen Maquis, ſtreckten ſich bis zur Straße aus; ungeheure Granitblöcke hatten ſich vom Gebirge losgemacht und waren bis an den Rand des Weges gerollt. Man hätte glauben ſollen, es ſei der von Dante erwähnte troſtloſe Weg, welcher das Chaos durchſchneidet und zur Hölle führt. Beppo erwartete jeden Augenblick angegriffen zu werden; doch gleichgültig gegen ſein eigenes Schickſal, betrachtete er mit kaltem, ruhigem Auge jede Terrain⸗ veränderung, die ihn mit einem Hinterhalt zu bedrohen ſchien. Wenn er ſich der drohenden Stelle nößerte, machte Beppo kaum die Bewegung eines Mannes, deß 238 ſich zu ſeinen Holftern hinabneigt. War er an der Stelle ohne Unfall vorüber, ſo erhob er ſich wieder mit einem Lächeln der Verachtung gegen die Ge⸗ fahr, die es, wie es ſchien, nicht wagte, zu ihm zu kommen. Endlich erblickte er die Lichter der Stadt; er ritt nach der Poſt und machte ſeine gewöhnliche rage. Doch hier unterbrachen ſich die Nachrichten; man hatte nicht nur Gaetano nicht geſehen, man konnte ihm nicht nur keine Auskunft über ihn geben, ſondern es war auch ſeit beinahe vierzehn Tage keine Poſcchaiſe durch Terni gekommen; das Gerücht von den durch die Bande, von welcher Beppo in Strettura hatte ſprechen hören, verübten Räubereien machte, daß alle vernünf⸗ tige Reiſenden plötzlich wieder umkehrten und den Weg über Aquapendente machten. Gaetano, der bis Strettura gekommen, war alſo in Terni nicht erſchienen. Seine Spur verlor ſich auf der Straße, die von der erſten zur zweiten von dieſen beiden Städten führt. Beppo hatte außerhalb Terni an dem Wege, den er verfolgt, ein Wirthshaus bemerkt, das eine verlorne Schildwache auf dieſer verfluchten Straße zu ſein ſchien. Er dachte, da ihn dieſes Wirthshaus der Stelle näher bringe, wo aller Wahrſcheinlichkeit nach Gaetano angehalten worden, ſo würde er ſicherere Nachrichten in dieſem einſamen Hauſe, als in der Stadt erhalten. Dem zu Folge kehrte er um und trat in dieſes Wirths⸗ haus, das:„Zum Waſſerfall von Terni,“ be⸗ ſchildet war. Eine Poſcchaiſe ſtand in einer Ecke des Hofes. Er glaubte ſie zu erkennen und erkundigte ſich ſogleich; doch er erfuhr, ſie gehöre einer jungen Dame von Rom, die ihrem Bruder oder ihrem Mann entgegenge⸗ fahren ſei und hier angehalten habe, weil man ihr bemerkt, „ was ſpr der ren mer ihm nun er und und ein leic das das Die 239 der ſie laufe große Gefahr, wenn ſie bei Nacht durch einen eder ſolchen Engpaß reiſe. Ge⸗ Beppo erkundigte ſich abermals nach ſeinem zu Freund; doch er er erhielt keine Nachricht, obgleich er ſich an alle Perſonen des Gaſthofes vom Herrn bis ritt zum Hausknecht wandte. iche Beppo fürchtete und wünſchte zugleich den Augen⸗ blick herbei, wo er ſich allein finden würde. Die zwei nan Erſcheinungen, die ſich in zwei Nächten, die eine in nte Monte⸗Carelli, die andere in Aſſiſt, gefolgt waren, hat⸗ ern ten ſich völlig ſeines Geiſtes bemächtigt; er war über⸗ aiſe zeugt, auch dieſe Nacht würde nicht vergehen, ohne daß die er noch einmal Gaetano ſähe. chen Er aß einen Biſſen in der gemeinſchaftlichen ünf⸗ Wirthsſtube, trank einen Schluck und horchte auf das, Weg was man ſagte, immer in der Hoffnung, er würde et⸗ was von Gaetano erfahren; aber obgleich ſich vas Ge⸗ lſo ſpräch einzig und allein um die Räuber drehte, ſchien auf ſich doch kein Wort auf den Gegenſtand zu beziehen, ſen der den Reiſenden beſchäftigte. Da zog er ſich in ſein Zimmer zurück. Hier wa⸗ den ren ſeine letzte Furcht und ſeine letzte Hoffnung. Die rne menſchlichen Mittel fehlten ihm, ohne Zweifel würden ſein ihm die übernatürlichen zu Hülfe kommen. elle Beppo that weder etwas, um eine neue Erſchei⸗ ano nung hervorzurufen, noch um ſich dagegen zu ſchützen; ten er kleidete ſich aus, legte ſich nieder, löſchte ſeine Lampe n. und entſchlief, indem er Gott die Sorge für ſeinen Leib hs⸗ und ſeine Seele anheimſtellte. be⸗ Um eilf Uhr erwachte er plötzlich. Es vergingen einige Minuten, während deren aus ſeinem Geiſte die Er leichten Wolken verſchwanden, die einen Augenblick den ch; Schlaf überleben. Dann hörte er daſſelbe Geräuſch, on das er am Tage zuvor in Afſiſt gebört hatte, nämlich ge⸗ das eines Trittes, der eine Treppe krachen machte. kt, Dieſer Tritt näherte ſich wie am vorhergehenden Tag dem Zimmer, die Thüre wurde geöffnet und Gaetand erſchien wieder. Beppo glaubte, das Geſpenſt würde, wie am Tage zuvor, ſich auskleiden und an ſeiner Seite niederlegen. Er fand eine düſtere Süßigkeit in dieſem Zuſammen⸗ wohnen mit einem todten Freunde und wich ſchon zu⸗ rück, um ihm ſeinen Platz einzuräumen, als ihn das Geſpenſt durch ein Zeichen aufſtehen hieß. Hatte er nicht begriffen, zögerte er, Beppo gehorchte nicht ſogleich. Da that Gaetano ſeinen ſchneebedeckten Mantel auseinander. Wie am Tage zuvor, war er unter dem Mantel entblößt und an ſeiner Bruſt eine blutige Wunde ſichtbar, die er Beppo mit dem Finger zeigte. In Verzweiflung, begriff Beppo Alles, ſtürzte aus ſei⸗ nem Bett und kleidete ſich haſtig an. Am Fuße des Bettes ſtehend, wartete das Geſpenſt unbeweglich. Als Beppo bereit war, ſagte er: „Hier bin ich, was befiehlſt Du?“ Ohne ihm zu antworten, bedeutete ihm Gaetano durch eine Geberde, er möge ſich bewaffnen. Beppo ſchnallte ſeinen Degen um und ſteckte ſeine zwei Piſtolen in den Gürtel. „Iſt es ſo recht?“ fragte Beppo. Das Geſpenſt machte ein Zeichen mit dem Kopf, und während es ſeinen Freund anſchaute, ob er ihm folgte, ging es, traurig lächelnd, als wollte es Beppo ermuthigen, daß er nicht bange vor ihm haben ſolle, auf die Thüre zu. So verließen ſie das Wirthshaus; alle Thüren öffneten ſich vor ihnen, oder das Geſpenſt machte viel⸗ mehr, wo es durchkam, ein Loch, das zugleich für Gae⸗ tano und für ſeinen Gefährten diente und ſich hinter ihnen wieder ſchloß. Nachdem ſie ungefähr eine Viertelſtunde der Straße gefolgt waren, ſchritt das Geſpenſt auf einem zwiſchen ano age gen. nen⸗ zu⸗ das ntel dem tige gte. ſei⸗ enſt ano eine opf, ihm ppo lle, ren iel⸗ e⸗ nter aße hen 241 dem Geſträuche und dem Geſtein eng eingeſchloſſenen Fußpfade fort. Beppo, der mit dem Degen in der Hand hinter ihm kam, bemerkte zu ſeinem Schrecken, daß die Tritte des Geſpenſtes keinen Eindruck auf dem Schnee machten, daß aber dagegen ſein Blut eine lange Spur hinter ihm zurückließ. In der Hoffnung, ſein Freund würde auf ſeine Fragen antworten, richtete Beppo wiederholt einige zärtliche Worte an ihn, aber jedes Mal legte Gaetano, als hätte er befürchtet, das Geräuſch dieſer Worte könnte die Gegenwart eines le⸗ bendigen Weſens errathen, ſeinen Finger an ſeine Lip⸗ pen und empfahl ihm ſo, zu ſchweigen. Bald war übrigens dieſe Empfehlung unnöthig. Je mehr man in das Gebirge eindrang, deſto näher kam man der Cascade, und das Rauſchen des Waſſer⸗ falls war ſo ſtark, daß zwei Perſonen ſich nicht hätten hören können, ſo laut und ſo nahe an einander ſie auch geſprochen haben würden. Eines ſiel Beppo beſonders auf: wie er ſo immer mehr in das Gebirge eindrang, erkannte er die Land⸗ ſchaft, die er in ſeinem Traume geſehen; endlich war dieſe Landſchaft vollſtändig durch den Anblick des neu⸗ gemachten Grabes, das den großen Schneemantel be⸗ fleckte, mit dem die Erde bedeckt war. Bevpo bedurfte keiner Erklärung mehr. Das Ge⸗ ſpenſt von Gaetano hatte ihn an den Ort geführt, wo dieſer begraben worden war; er knieté vor dem Leichen⸗ hügel nieder und betete für ſeinen Freund. Als dieſe fromme Pflicht erfüllt war, ſtreckte Beppo ſeinen Degen über dem Grabe ſeines Freundes aus und ſchwur, ſeinen Tod zu rächen; dann ſchnitt er mit ſeinem Degen zwei Zweige von einer Eiche ab, band ſie krenzweiſe zuſammen und pflanzte dieſes Kreuz auf das Grab. Mittelſt dieſer Blutſpur und dieſes Kreuzes mußte er unfehlbar das Grab und den Weg, der dahin führte, wiedererkennen. Tanſend und ein Geſpenſt. 16 242 Ohne Zweifel dachte das Geſpenſt in dieſem Au⸗ genblick, Beppo habe Alles gethan, was zu thun war, denn ohne ſich um die Straße zu bekümmern, der man gefolgt, ſchlug es einen andern Weg durch die Felſen ein, wobei es von Zeit zu Zeit ſich umſah, ob Beppo ihm beſtändig nachkomme. Der junge Mann, der ſich durch eine übernatürliche Kraft fortgetrieben fühlte, folgte dem Geſpenſt, um es über das, was er thun ſollte, zu befragen. Das Ge⸗ ſpenſt war verſchwunden. Einen Augenblick nachher hörte er ein Geräuſch von Tritten und Stimmen, das in einer der ſeinigen entgegengeſetzten Richtung kam. Beppo ging vom Wege ab und verbarg ſich hinter einem Felſen. Hier wartete er, um zu erfahren, wer die Perſonen wären, die ſich bei Nacht an einen ſolchen Ort wagten. Als dieſe Perſonen näher kamen, glaubte er eine Frauenſtimme zu hören. Er täuſchte ſich nicht. Inmitten einer Gruppe von fünf Perſonen, die dem Fußpfade folgten, welchen er verlaſſen hatte, und ſich nach dem Grabe von Gaetano wandten, war eine Frau. Die anderen Perſonen waren eine Art von Faec⸗ chino, der eine Fackel trug, ein Mann gekleidet nach der Art und Weiſe eines Gebirgsbewohners in der Umgegend von Rom, und zwei andere Männer, welche Diener zu ſein ſchienen. Die weibliche Perſon war ein Mädchen von kaum neunzehn bis zwanzig Jahren; dieſe weibliche Perſon trug eine ſchwarze Kleidung; eine ſeltſame Troſtloſig⸗ keit war über ihrem Geſichte verbreitet; ſie hielt eine Piſtole in der Hand. Die zwei Lackeien, die ihr Gefolge zu ſein ſchienen, hatten ſich jeder mit einer Büchſe und einem Paar Piſto⸗ len bewaffnet. u⸗ r, an in, m he es e⸗ ſch er er en on no ⸗ ch er he m on ne n, ————— 243 Weder ver Gebirgsbewohner, noch der Führer waren bewaffnet. Als ſie bis auf einige Schritte zu der Stelle ge⸗ kommen war, wo ſich Beppo verborgen hielt, blieb die kleine Truppe ſtehen. Die junge Frau weigerte ſich, weiter zu gehen. „Unglücklicher,“ ſagte ſie zu dem Bauern, der der kleinen Truppe als Führer zu dienen ſchien,„ich habe eingewilligt, Dir zu folgen, denn Du verſprachſt mir, mich an den Ort zu führen, wo mein Bruder ſei; nun gehen wir ſchon zwei Stunden, wo iſt er?“ „Haben Sie Geduld, Signora,“ erwiederte der Mann,„wir kommen zur Stelle.“ Und er ſchaute umher wie ein Menſch, der einen Weg zur Flucht ſucht. „Erinnere Dich, was ich Dir geſagt habe,“ ſprach das Mädchen mit feſtem Tone, indem es ſeine Piſtole bis zur Höhe der Bruſt dieſes Menſchen emporhob, „verſuchſt Du es, zu fliehen, ſo biſt Du eine Leiche.“ „Oh! es fällt mir nicht ein, Signora,“ ſagte der Mann. Doch ſeine unruhigen Bewegungen ſtraften ſeine Worte Lügen. „Macht er einen einzigen Schritt rückwärts, ſo tödtet ihn,“ ſagte das Mädchen zu den zwei Lackeien. „Aber wo ſind ſie denn, wo find ſie denn?“ mur⸗ melte der Mann in Verzweiflung. „Ja, deine Genoſſen fehlen Dir,“ ſagte das Mäd⸗ chen.„Höre, nicht wenn Du zu entfliehen ſuchſt, biſt Du eine Leiche, Du wirſt eine ſolche, wenn Du nicht antworteſt. Du biſt nach Rom gekommen, Du haſt mir dieſen Brief von meinem Bruder gebracht; er war Gefangener. Die Banditen hatten ſein Löſegeld zu zwanzigtauſend Thalern feſtgeſetzt; zehntauſend ſollten Dir eingehändigt werden;z zehntauſend ſind Dir einge⸗ händigt worden; zehntauſend ſollten in der Friſt von drei Tagen von einer Perſon gebracht werden, welche 244 Deinen Genoſſen keine Furcht einflößen könnte, und die⸗ ſer Perſon ſollte dann mein Bruder lebendig und un⸗ verſehrt übergeben werden. Dieſe Perſon bin ich; die zehntauſend Thaler, hier ſind ſte. Wo iſt mein Bruder?“ Bei dieſen letzten Worten hatte Beppo Alles be⸗ griffen, er trat aus ſeinem Verſtecke hervor und ging gerade auf die Gruppe zu. Die junge Frau glaubte, man beabſichtige einen Ueberfall, und ohne daß ſie im Mindeſten zu erſchrecken ſchien, machte ſie eine drohende Bewegung gegen den Banditen. Doch Beppo ſtreckte die Hand aus und ſprach: „Ihr ſeid Bettina Romanoli, die Schweſter von Gaetano Romanoli, nicht wahr?“ „Ja,“ antwortete die junge Frau; dann, indem ſie ihn aufmerkſam anſchaute, fügte ſie bei:„und Ihr, Ihr ſeid Beppo von Seamozza?“ „Ach! ja, meine Dame, und ich komme von Bo⸗ logna in der Hoffnung, noch rechtzeitig einzutreffen, um meinem Freunde Hülfe zu leiſten.“ „Und ich komme von Rom mit dem Reſte der Summe, welche die Räuber, die ihn entführt, forder⸗ ten. Dieſer Menſch, der die erſte Hälfte überbracht hatte, ſollte mich im Gaſthauſe von Porta⸗Roſſa er⸗ warten, um die zweite in Empfang zu nehmen: doch ehe ich ſie ihm zuſtellte, verlangte ich, daß mir mein Bruder übergeben werde; da bot er mir an, mich an den Ort zu führen, wo mich Gaetano erwartete; ich willigte ein, doch indem ich dieſe zwei getreuen Diener mir folgen ließ. Seit zwei Stunden laufen wir im Gebirge umher; endlich habe ich angehalten, über⸗ zeugt, dieſer Menſch verrathe uns.“ „Es iſt gut, bewacht dieſen Menſchen ſtrenger als ie,“ ſagte Beppo zu den zwei Dienern. Dann wandte er ſich an Bettina und ſprach: 3 will Euch als Führer dienen, vertraut Ihr mir?“ ie⸗ n⸗ ie 2. e⸗ ng en en en ie hr 0⸗ er r⸗ ht r⸗ in n er r* ————— 245 „Seid Ihr nicht der beſte Freund meines Bruders 2“ ſagte Bettina, Beppo die Hand reichend. „Gehen wir!“ ſprach dieſer. Beppo ſchlug wieder den Weg ein, dem er gefolgt war, und führte Bettina zu dem friſchen Grabe. Er deutete mit dem Finger darauf und ſagte: „Bettina, meine Schweſter, Muth gefaßt, hier iſt unſer Bruder Gaetano.“ Bettina ſtieß einen Schrei aus und ſank auf die Kniee. Der erwähnte Mann benützte dieſen Augenblick der Verwirrung, um eine Flucht zu verſuchen, doch er war von den zwei Dienern zu gut bewacht, als daß ſein Verſuch hätte gelingen können. Beide erhoben gleichzeitig ihre Piſtolen und droh⸗ ten ihm. In dieſem Augenblick bebte Beppo, er hatte de Schatten von Gaetano wieder geſehen. Er ſtand zehn Schritte vom Grabe und hieß Beppo durch ein Zeichen ihm folgen. Beppo verbeugte ſich zum Zeichen des Gehorſams. Dann wandte er ſich an die zwei Diener und ſprach: „Bewacht dieſen Menſchen, ich komme in einem Augenblick zurück.“ Und er folgte dem Geſpenſt, das ſich in der Rich⸗ tung der Cascade entfernte. Nach fünf Minuten ſchlugen Beide einen Fußpfad ein, der ſo nahe bei der Cascade, daß ſie ganz vom hervorſpritzenden Waſſer benetzt wurden. Nach weiteren fünf Minuten hatten ſie die Höhe des Berges erreicht, da, wo der Bach, der den Waſſer⸗ fall bildet, in eine Art von zwölf bis fünfzehn Fuß brei⸗ eingezwängt, raſch und geräuſchvoll fort⸗ rollt. Dieſer Bach iſt nicht zu durchſchwimmen, wer ſich hinein wagte, würde von der Strömung gepackt, pfeil⸗ 2¹⁵6 geſchwinde fortgeriſſen und von einer Höͤhe von fünf⸗ hundert Fuß hinabgeſchleudert. Er iſolirt einen Theil des auf allen Seiten ab⸗ ſchüſſigen Gebirges, zu dem man nur auf einer über rollenden Abgrund geſprengte Brücke gelangen ann. Das Geſpenſt blieb vor der Brücke ſtehen. Sie beſtand aus drei Fichtenſtämmen. Es bedurfte der vereinigten Kraft von zwanzig Männern, um jede von dieſen Fichten auf die Höhe des Gebirges zu tra⸗ gen und ſie über den Bach zu legen. Beppo ſuchte in den Augen des Geſpenſtes zu le⸗ ſen, in welcher Abſicht es ihn hierher geführt. Das Geſpenſt ließ Beppo auf die höchſte Spitze des Gebirges ſteigen und von da zeigte es ihm die düſtere Oeffnung einer Höhle, welche fünf bis ſechs⸗ hundert Schritte jenſeits des Baches lag. Von Zeit zu Zeit erhellte ſich die Oeffnung dieſer Höhle, dann drangen, das Rauſchen des Waſſerfalls übertäubend, Geſchrei einer Orgie und ſchallendes Ge⸗ lächter daraus hervor. In dieſer Höhle hatten die Banditen, welche Gae⸗ tano getödtet, ein Aſyl für die Nacht geſucht. Beppo begriff nicht, was das Geſpenſt damit be⸗ zweckte, daß es ihn an dieſe Stelle führte; denn aller Wahrſcheinlichkeit nach wäre es, ehe er nach Terni gekommen und eine zur Bekämpfung der Basditen hin⸗ reichende Truppe zurückgebracht hätte, Tag geworden und die Banditen hätten ihren Aufenthaltsort ver⸗ ändert. Gaetano errieth, was in dem Herzen ſeines Freun⸗ des vorging und ſchüttelte den Kopf. „Sprich,“ ſagte Beppo,„ſoll ich zu ihnen gehen und ſie allein auf Deinen Befehl angreifen? ich werde ohne Zögern und ohne Furcht gehorchen.“ Gaetano ſchüttelte abermals den Kopf, ſtieg von der Bergſpitze herab und ging auf den Bach zu. — — —, 247 Bei der Brücke angelangt, hieß er Beppo durch ein Zeichen die Fichten aufheben und in den Bach werfen. „Aber,“ ſagte Beppo,„um ein ſolches Werk zu vollbringen, wären zwanzig Männer von meiner Stärke erforderlich: einem einzigen Mann iſt das unmöglich.“ Das Geſpenſt machte ein Zeichen, welches beſagen wollte: Verſuche es. Beppo bückte ſich; er erinnerte ſich der Worte des Evangeliums: „Glaube, und mit dem Glauben wirſt du Berge aufheben.“ Er glaubte, bückte ſich, ergriff eine von den Fich⸗ ten bei ihrem Ende und ließ, ohne mehr Schwierig⸗ keit, als ein gewöhnlicher Balken geboten hätte, die in den Bach fallen, der ſie wie einen Grashalm ortriß. Daſſelbe that er mit dem zweiten und mit dem dritten. Dann horchte er. Die Bruͤcke war zerſtört, die Banditen waren ge⸗ fangen. Mitten unter ihrer Orgie hörten ſie vielleicht auch dieſes dumpfe, bedrohliche Geräuſch, doch ohne Zweifel hielten ſie es für eines von jenen zufälligen Geräuſchen, welche in der Nacht das Echo der Berge erwecken. Hienach ſchlug Gaetano wieder den Weg ein, dem er gefolgt war, und der ihn wieder nach dem Grabe zurückfühete. Nach Verlauf von zehn Minuten ſah Beppo, der hinter ihm ging, die Gruppe an dem Orte, wo er ſie gelaſſen hatte. Die Fackel des Facchino beleuchtete Bettina, welche immer noch betete, und die zwei den Banditen bewachen⸗ den Knechte. Beppo wandte ſich nach der Seite des Geſpenſtes, um zu erfahren, was er thun ſollte, doch ohne Zweifel war das übernatürliche Werk vollbracht. Gaetano machte eine Geberde des Abſchieds und öffnete die 248 Arme, als wollte er ſeinen Freund zu ſich rufen; Beppo ſtürzte ſich in dieſe offenen Arme, doch das Geſpenſt ent⸗ ſchlüpfte ihm wie ein Dunſt, ſtieß einen Seufzer aus und verſchwand. Da ſtieg Beppo traurig zu Bettina hinab. „Signora,“ ſagte er,„nicht wahr, Ihr wißt nun Alles? kehren wir nach Terni zurück und morgen laſ⸗ ſen wir den Leichnam unſeres theuren Freundes aus⸗ graben, um die letzte Pflicht gegen ihn zu erfüllen.“ „Aber,“ fragte das Mädchen,„iſt es genug für den Troſt ſeiner Seele, daß ſein Körper in heiliger Erde ruht, und werden wir nicht auch daran denken, ihn zu rächen?“ „Die Rache iſt vollbracht, Signora,“ antwortete Beppo. Und er erzählte, was er gethan. „Das iſt unmöglich,“ rief der Bandit, welcher mit der Angſt eines Verurtheilten zugehört hatte,„es wä⸗ ren zwanzig Männer erforderlich, um eine von den Fichten, welche die Brücke bilden, aufzuheben.“ „Gott hat mir geholfen,“ antwortete Beppo einfach. Und er folgte dem Wege, welcher durch die von Gaetano auf dem Schnee hinterlaſſene Blutſpur, die er allein ſah, bezeichnet war, und führte die kleine Truppe nach dem Gaſthauſe von Porta⸗Roſſa zurück. Den Händen des Gerichts übergeben, geſtand der Bandit, es habe ſich im Augenblick ſeiner Rückkehr mit den erſten zehntauſend Thalern ein Streit unter den Banditen über die Vertheilung dieſer Summe er⸗ hoben; dann habe einer von den Elenden, der einen geringeren Antheil als die Anderen erhalten, Gaetano erdolcht, um den Kapitän der zweiten Hälfte der Summe zu berauben. Um dieſe zweite Hälfte nicht zu verlieren, hatte der Bandit ſich angeboten, die junge Frau bis an den Ort zu führen, wo ſie, im Glauben, ihren Bruder wiederzu⸗ finden, in einen Hinterhalt fallen und iht Leben und — —* — —— 249 ihr Geld laſſen würde. Doch der Muth von Bettina, die drohende Haltung ihrer zwei Diener hatten den Gang des Drama verändert. Wohl fühlend, der Tod würde die unmittelbare Bezahlung für ſeinen Verrath ſein, war der Bandit, ſtatt ſich zu ſeinen Gefährten in die Höhle zu begeben, einen Theil der Nacht, in der beſtändigen Hoffnung, eine Gelegenheit zum Entfliehen zu finden, umhergeirrt. Die plötzliche Erſcheinung von Beppo hatte ihm dieſe letzte Hoffnung benommen. Am andern Tag fand die Ausgrabung des Leich⸗ nams in Gegenwart der Geiſtlichkeit von Terni und der bewaffneten Macht ſtatt. Der Leichnam hatte an der Bruſt die breite, tiefe Wunde, die das Geſpenſt Beppo gezeigt. Was die Banditen betrifft, da man wußte, daß ſie keinen andern Ausweg hatten, als die Fichtenbrücke und daß dieſe Brücke zerſtört war, ſo ſuchte man nicht einmal ſich derſelben zu bemächtigen: ſie ſtarben Hungers. Die Leichname von dreien derſelben, die den Bach zu durchſchwimmen verſucht hatten, fand man zerſchmet⸗ tert auf den Felſen des Waſſerfalls. Der Körper von Gaetano wurde unter dem Ge⸗ leite von Bettina, von Beppo und den zwei treuen Dienern nach Rom gebracht. Ein Jahr nachher war Beppo, dem Wunſche von Gaetanv gemäß, der Gatte von Bettina. Die Edelleute der Sierra Morena. Am 5. November 1846, gegen vier Uhr Abends, kam ich nach Cordua, mit meinem Sohne und mit meinen lieben, guten Reiſegefährten Maquet, Bou⸗ langer, Giraud und Desbarolles. 250 Es war nach einer dreitägigen Reiſe auf Maul⸗ eſeln, nach einem durch die Hitze ſo erdrückenden Tage, daß das Thier meines Sohnes Alexandre unter ihm niedergeſtürzt und, ohne daß es ſich mehr hatte erhe⸗ ben können, ſogleich geſtorben war. Wir befürchteten den Aufenthalt bei der Douane, welche in Cordua ſehr ſtreng ſein ſollte; als ſie aber meinen Namen anf dem Gepäcke laſen, fragten mich die ſpaniſchen Herren Douaniers, in der Literatur ſehr bewanderte Leute, ob ich der Verfaſſer der Musketiere und von Monte Chriſto wäre, und erklärten, als ich es bejahte, ſie verlaſſen ſich auf mein Wort, daß ich keinen verbotenen Gegenſtand mit mir führe. „ Hienach grüßten ſie artig und wir zogen weiter nach dem Poſt⸗Hotel. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Cordua, wie alle Städte, die man zwanzig Jahre in der Einbildung ge⸗ ſehen hat und endlich in der Wirklichkeit ſieht, nicht einen Augenblick der Idee entſpricht, die man ſich da⸗ von gemacht. Die Entzauberung hatte in dem Moment begonnen, wo wir ſie zuerſt erblickt, ſie hatte in den Straßen fortgedauert und war uns bis zum Gaſthof gefolgt. Das war unſere Schuld. Warum hatten ſich die Einen von uns eingebildet, ſie werden eine römiſche Stadt, Andere, ſie werden eine arabiſche Stadt, und wieder Andere, ſie werden eine gothiſche Stadt ſehen? Wir mußten uns, da wir in Spanien waren, denken, wir werden eine ſpaniſche Stadt ſehen, und Keiner hätte ſich getäuſcht. Oh! wahrhaft ſpaniſch, von ſeinem ſpitzigen Pfla⸗ ſter bis zu ſeinen Dächern ohne Kamin, mit ſeinen ver⸗ gitterten Balcons und ſeinen grünen Sommerläden. Beaumarchais hatte Cordua errathen, als er ſeinen Barbier von Sevilla machte. Was mich aber in Erſtaunen ſetzte, als ich mich der ehemaligen Hauptſtadt des grabiſchen Königreichs W 251 näherte, das war nicht ſeine chriſtliche Kathedrale, es war nicht ſeine mauriſche Moſchee, es waren cht die drei bis vier ihre grünen Fächer wiegenden Palm⸗ bäume, nein, es war die prachtvolle Linie, welche hinter der Stadt die Kette der Sierra Morena zog, von der ¹8 3 Stadt weiß auf einem indigograuen Grunde abhob. Dieſe Berge waren der Gegenſtand meines Trach⸗ ens. Seit unſerer Ankunft in Spanien verſprach man uns Wildſchweine, Hirſche und Räuber. In Villa⸗Major glaubten wir Räuber zu ſehen, wir hatten weder Hirſche, noch Wildſchweine ge⸗ ehen. Verloren wir dieſe Gelegenheit, die uns die ſchwar⸗ zen Berge boten, die drei Dinge vereinigt zu ſehen, ſo würden wir ſie offenbar nie wiederfinden. Ich war alſo nur mit Einem beſchäftigt, damit, daß ich, während meine Gefährten Gänge in der Stadt anordneten, einen Ausflug ins Gebirge organiſirte. Die Gaͤnge in der Stadt hatten ſich ganz von ſelbſt vorbereitet. Man wußte meine Gegenwart in Spanien und vermuthete, ich würde Spanien nicht ver⸗ laſſen, ohne Cordua zu beſuchen, und da Alles, was ſich in Cordua an jungen Literaten, an Edelleuten und Banquiers fand, in Frankreich geweſen war, ſo lief Alles in unſer Gaſthaus und bot uns ſeine Dienſte an, Dienſte, die wir mit derſelben Herzlichkeit annahmen, mit der ſie angeboten wurden. Es erwarteten uns alſo die Straßen, die Kirchen, die Muſeen, die Paläſte, die Privathäuſer, jede Thüre verſprach, ſobald ſie uns erblickte, ihre beiden Flügel zu öffnen. Aber die Sierra Morena, die keine Thüren hat, war unbarmherzig für uns verſchloſſen. Wohl ſprach ich, als dieſe Herren, lauter Jäger, meine Gewehre unterſuchten, von einer Jagd im Gebirge, aber ich ſah auf allen Geſichtern ſo viele verſchieden⸗ . 252 „ tige Ausbrücke hervortreten, welche insgeſammt bezeich⸗ neten:„Eine Jagd in der Sierra Morena! oh! ja wohll unmöglich! eine Jagd! Sie ſind verrückt!.. daß ich, ohne den Vorſchlag zurück⸗ zunehmen, doch nicht auf demſelben beharrte. Doch da kam mir eine Erinnerung und trieb mich wie Satan zur Hoffart an. Einer meiner Freunde, der bei den Druſen reiſte, hatte auf ſeinem Wege, vom Winde des Gebirges fortgetragen, ein Feuilleton vom Journal des Debats, von mir unterzeichnet und betitelt: Das Schloß If, gefunden. Ich war alſo in Acre, in Balbeck, in Damascus bekannt, da man⸗ dort meine Feuilletons las. Ich war in Cordua be⸗ kannt, da die Douaniers mein Gepäcke ungeöffnet durch⸗ ließen. Warum ſollte ich nicht auch in der Sierra Morena bekannt ſein? Und wenn ich in der Sierra Morena bekannt war, warum ſollte mir dort nicht widerfahren, was Arioſi mit den Banditen des Herzogs Alfonſo widerfahren war? Das war zu verſuchen, und es war beſonders ſehr verführeriſch.. Während nun meine Freunde in der Stadt um⸗ herliefen, ließ ich meinen Wirth heraufkommen, forderte ihn auf, ſich mir gegenüber zu ſetzen und wohl zu über⸗ legen, ehe er mir antworten würde, wie es ſich für einen ernſten, vernünftigen Spanier geziemte, und fragte ihn: „Gibt es ein Mittel, ſich mit den Herren Edel⸗ leuten der Sierra Morena in Verbindung zu ſetzen?“ Mein Wirth ſchaute mich an und erwiederte: „Sind Sie ihnen empfohlen?“ „Nein.“ „Teufel! dann wird es ſchwierig ſein.“ „Es gibt alſo kein Mittel, ſich mit ihnen in Ver⸗ bindung zu ſetzen?“ „Doch; Alles iſt möglich. Was wünſcheu Sie?“ „Ihnen einen Brief zukommen laſſen.“ „Ich übernehme es, einen Boten zu finden.“ NM v— 253 „Und er wird die Antwort zurückbringen?“ „Getreulich.“ „Und wenn dieſe Herren der Sierra ihr Wort verpfänden, werden ſie es halten?“ „Es gibt, ſo viel ich weiß, kein Beiſpiel, daß ſie es gebrochen haben.“ „Und ihrer Antwort gemäß wird man handeln können?“ „In vollem Vertrauen.“ „Geben Sie mir Papier, eine Feder, Tinte, und holen Sie mir den Boten.“ Mein Wirth brachte mir die verlangten Gegen⸗ ſtände, und ich ſchrieb: „An die Herren Edelleute der Sierra Morena. „Ein Bewunderer des unſterblichen Cervantes, der leider den Don Quixotte nicht gemacht hat, aber ganz bereit iſt, den beſten von ſeinen Romanen dafür, daß er ihn gemacht hätte, hinzugeben, wünſcht zu wiſſen, ob das Spanien von 1846 immer noch das Spanien von 1580 iſt, und bittet die Herren Edelleute der Sierra Morena, ihm ſagen zu laſſen, ob er ihnen willkommen ſein werde, ſollte er es wagen, ſie um Gaftfreundſchaft und um die Erlaubniß zu bitten, eine Jagd im Ge⸗ birge mit ihnen zu machen. „Er hat fünf Reiſegefährten, die ſeinen Wunſch, die Sierra zu beſuchen, theilen. Doch je nach der Antwort, die er erwartet, wird er allein oder in Be⸗ gleitung kommen. „Er entbietet alle ſeine Complimente den Herren Edelleuten der Sierra Morena.“ Und ich unterzeichnete. Eine Viertelſtunde, nachdem der Brief geſiegelt war, trat mein Wirth mit einer Art von Hirten ein. „Hier iſt Ihr Mann,“ ſagte er. „Wie viel verlangt er?“ „Was Sie wollen.“ 254 „Wann wirb er zurückkommen?“ „Wann er kann.“ Ich gab ihm zwei Duros und den Brief. „Iſt es ſo gut?“ fragte ich den Wirth. Er befragte den Hirten. „Ja,“ ſagte er;„er iſt zufrieden.“ „Wohl! bringt er mir bei ſeiner Rückkehr einen Brief, ſo bekommt er zwei weitere Duros.“ Der Bote machte ein Zeichen, daß ſei ſehr gut; er hatte begriffen. Dann fügte er ein paar Worte in einem ſo ſtarken Patvis bei, daß ich ſie unmöglich verſtehen fonnte. „Er fragt mich, ob er, falls er bei Nacht zurück⸗ käme, den Tag abzuwarten oder Sie zu wecken habe,“ erklärte der Wirth. „Er ſoll mich wecken, zu welcher Stunde es auch ſein mag.“ „Sehr wohl.“ Beide gingen hinaus. Meine Freunde kamen zurück; ich ſagte kein Wort von dem, was vorgefallen war; ich wartete. In der Nacht vom nächſten auf den zweiten Tag, hörte ich an meine Thüre klopfen⸗ Ich öffnete. Es waren mein Wirth und mein Bote. Raſch nahm ich den Brief und entſiegelte ihn. Das Geräuſch hatte meine Gefährten aufgeweckt. Wir hatten zu ſechs drei Zimmer inne, die in einander gingen. Die Einen hatten ſich, wie ich ſah, auf ihre Ellenbogen geſtützt, die Anderen ſtreckten ihre Köpfe durch die Heffnungen der Thüren, Alle befragten mich mit den Augen. „Meine Herren,“ ſagte ich, indem ich mich um⸗ wandte,„Ihr ſeid zu einer großen Jagd in der Sierra Morena eingeladen.“ „Von wem?“ 6 denjenigen, welche dieſelbe bewohnen, bei o 14 + * 255 „Wie! von den... „St!“ machte Alexandre;„nennen wir die Dinge und beſonders die Menſchen nicht bei ihren Namen; das iſt gut für Herrn Boileaux.“ „Unmöglich,“ riefen die fünf anderen Stimmen. „Ah! hier iſt der Brief: „„Herr Alexandre Dumas kann in Begleitung von neun Perſonen kommen; man wird ihn am Brun⸗ nen des mit Zinnen verſehenen Hauſes am 7. d. M. von fünf bis ſechs Uhr Morgens erwarten. Wir wer⸗ den ihn ſo gut empfangen, als wir nur immer können, und ihm die ſchönſt mögliche Jagd bereiten. „„Um Treiber und Hunde braucht er ſich nicht zu bekümmern. „„Aus der Sierra, am 5. Nov. 1846. „„Für mich und meine Gefährten, „„Der Torero.““ „Was ſagt Ihr dazu?“ „Hurra por los ladrones der Sierra Morena,“ rief die ganze Truppe. „Ja, aber da wir, um zur genannten Stunde am Sammelplatze zu ſein, morgen früh um zwei Uhr auf⸗ brechen müſſen, wollen wir ſchlafen.“ Und ich gab zwei weitere Duros dem Boten, der am andern Tag wiederzukommen verſprach, um nachzu⸗ ſehen, ob wir eines Führers bedürfen. Am andern Morgen bei Tagesanbruch ließ ich unſere Freunde in Cordua benachrichten, ich habe ihnen äußerſt wichtige Neuigkeiten mitzutheilen. Es waren zwei junge Leute von fünf und zwan⸗ zig bis ſechs und zwanzig Jahren, von denen der eine Paroldo, der andere Hernandes von Cordoba hieß. Der Erſte war der Sohn eines reichen Banquier der Stadt; der Andere ein Edelmann, der von ſeinem Vermögen lebte, das man auf hundert tauſend Reale Einkünfte ſchätzte. Der Dritte war ein Mann von fünf und dreißig 256 bis ſechs und dreißig Jahren, ein Bürger der Stadt Cordua, ein heiterer Lebemann, ſtets zu Allem bereit, wenn es ſich um Weiber, Tafelfrenden oder Jagd handelte. Er hieß Raves.. Als alle Drei beiſammen waren, erzählte ich ihnen den Schritt, den ich bei den Herren der Sierra gethan hatte, und theilte ihnen die Antwort mit, die ich em⸗ pfangen. Sie ſchauten ſich an, nachdem ich geleſen hatte. „Nun! was ſagen Sie vazu, Hernandes?“ fragte Paroldo. „Und Sie, Raves?“ „Ich ſage, das ſei wunderbar.“ „Man iſt auf morgen früh beſchieden?“ fragte Paroldo. „Auf morgen früh, wie Sie ſehen.“ „Nun! ſo wollen wir alle Anſtalten auf morgen. früh treffen.“. „Sehen Sie keine Unannehmlichkeit in dieſer Er⸗ pedition?“ „Eine Gefahr etwa?“ „Ja.“ „Keine.“ „Ich möchte nicht gern, daß eine Laune von mir Sie zu einem allzu abenteuerlichen Zuge veranlaßte.“ „Ohl! ſobald ein Verſprechen dieſer Herren vor⸗ handen iſt, werden Sie in ihrer Mitte ſo ſicher ſein, als Sie es hier im Poſt⸗Hotel oder in unſerer Familie find.“ 6 „Muß ich meinen Boten mitnehmen?“ „Wozu?“ „Daß er uns als Führer diene.“ „Oh! das iſt unnöthig, wir kennen alle den Weg; „ nur haben Sie das Recht, neun Perſonen zu bringen, nicht wahr? Sie haben vier Gefährten, wir drei, das macht acht, es bleibt noch eine Perſon einzuladen; ha⸗ 3 ben Sie die Augen auf irgend Jemand geworfen?“ vor adt eit, lte. nen an m⸗ gte gte E — — X nir A r⸗ in, lie n, as d 257 „Auf Niemand; ich kenne, wie Sie wohl wiſſen, nur Sie Drei in Cordua.“ „Gut, wir wollen einen von unſeren Freunden einladen, der ein wenig Schmuggler iſt, Sie werden ſehen, er wird uns nicht unnütz ſein.“ „Laden Sie ihn ein. Nun müſſen wir für Pferde Maulthiere, Eſel, Mundvorräthe beſorgt ſein.“ „Sie erlauben, daß wir die Beſorgung aller dieſer Dinge übernehmen.“ „Unter einer Bedingung.“ „Unter keiner Bedingung.“ „Gut. Ich bin bei Ihnen, machen Sie es, wie Sie wollen.“ „Morgen früh um zwei Uhr ſollen die Reitthiere vor dem Gaſthauſe bereit ſtehen.“ „Bravo!“ Wir trennten uns. Zwei Stunden nachher kannte die ganze Stadt die beabſichtigte Expedition. Mein Bote kam wieder, um mich zu fragen, ob ich ihn als Führer zu benützen gedenke; ich dankte ihm und ſchenkte ihm nöch einen Duro. Dann rief ich meinen armen Paul. Diejenigen, welche meine Reiſe in Spanien oder meine Reiſe in Africa geleſen haben, kennen Paul. Für diejenigen, welche weder das eine, noch das andere von den beiden Werken geleſen haben, werde ich mit zwei Worten ſagen, wer Paul war. 2 Es war ein ſchöner junger Araber vom Sennäar der, noch ein Kind, das Ufer des Fluſſes Rahab ver⸗ laſſen hatte, um ſich nach Europa zu begeben; er zählte zwanzig bis zwei und zwanzig Jahre und ſollte bei mir, in meinem Hauſe, mit dreiundzwanzig Jahren ſterben. Armer Paul, ich vermuthete nicht, als ich eine der komiſchſten Perſonen meiner Reiſe in Spanien und Africa aus ihm machte, ich würde ſeinen Verluſt zu beklagen haben, ehe meine Feder das letzte Wort dieſer Reiſe geſchrieben hatte. Tauſend und ein Geſpenſt. 47 258 Paul war geboren, um Intendant eines guten Hauſes zu ſein. Es war die Vornehmheit in Perſon. Unter andern Bedienten hatte er das Ausſehen eines in ſeinen Staaten erzogenen, aber in Gefangenſchaft gerathenen Negerfürſten. Wohl hatte er einige kleine Fehler, die ſeinen außerordentlichen guten Eigenſchaften Eintrag tha⸗ ten; aber ich beſitze nicht mehr den Muth, von dieſen Fehlern zu ſprechen. Ueberdies dürfen diejenigen, welche Paul wollen kennen lernen, als ob ſie ihn geſe⸗ hen hätten, nur mein Werk, betitelt:„Von Paris nach Cadir“*), leſen. 4 Ich ließ alſo Paul kommen und ſagte zu ihm: „Paul, wir ſind auf morgen von den Herren Räu⸗ bern der Sierra Morena zu einer Jagdpartie einge⸗ laden. Wir werden zwei bis drei Tage bei ihnen blei⸗ ben. Halte Alles bereit, was wir zu dieſem Ausflug brauchen.“ Paul wunderte ſich nie; er wunderte ſich auch jetzt nicht und fragte nur: 2 „Soll ich das Silberzeug mitnehmen?“ Ich reiſte mit einem Kiſichen Silberzeug von zwölf⸗ Gedecken. 5 „Allerdings, mein Lieber,“ erwiederte ich.„Ich will einen Verſuch machen.“ „Dann übernehmen Sie wohl das Silberzeug für dieſe drei Tage auf Ihre Rechnung und überheben mich der Verantwortlichkeit.“ „Ja, Paul, ſei unbeſorgt.“ 3 „Gut, Herr, um zwei Uhr morgen früh ſoll Al⸗ les bereit ſein.“ Auf dieſe Verſicherung legte ich mich Abends um zehn Uhr zu Bette. ) Dieſes Werk findet ſich im„Weltpanorama“, in's Deutſch übertragen von Pr. Augnſt Zoller. Ende von Abtheilung 1.