— —— 4 Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Cduard Ottmann in Cießten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ijedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme = — —— — ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet h wird. 8. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 6 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 7 3——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ſ— 4— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ————. 6. Schadenersatz. 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Die beiden jungen Leute vertieften ſich in den Schatten der großen Bäume; Morgan leitete ſeinen Genoſſen, der mit den Wegen des Parks weniger vertraut war, als er, und führte ihn gerade an den Ort, wo er gewöhnlich über die Mauer ſtieg. Sie brauchten nur eine Secunde, um dieſes Manöver zu machen. Einen Augenblick ſpäter befanden ſie ſich an den Ufern der Reyſſouſſe. Ein Boot wartete am Fuße einer Weide. Sie ſtiegen beide hinein und mit drei Ruder⸗ ſchlägen hatten ſie das andere Ufer erreicht. Ein Pfad führte an dem ſteilen Ufer des Fluſſes hin und brachte ſie nach einem kleinen Walde, der ſich von Ceyzeriat nach Etrez erſtreckt, das heißt drei Meilen lang, und auf der andern Seite der Reyſ⸗ ſouſſe das Gegenſtück zu dem Walde von Seillon bildete. — — — — Als ſie an den Saum des Waldes kamen, hiel⸗ ten ſie; bis dahin waren ſie ſo raſch gegangen, als es möglich, ohne zu laufen, und weder der Eine noch der Andere hatte ein Wort geſprochen. Der ganze Weg, den ſie zurückgelegt, war men⸗ ſchenleer; es war deßhalb auch wahrſcheinlich, ſogar gewiß, daß man von Niemand geſehen worden. Man konnte endlich athmen. „Wo ſind die Genoſſen?“ fragte Morgan. „In der Grotte,“ antwortete Montbar. „Und warum gehen wir nicht alsbald dahin?“ „Weil wir am Fuße jener Rothbuche einen der Unſrigen finden müſſen, der uns ſagen wird, ob wir ohne Gefahr weiter gehen können.“ „Wen?“ „D Aſſas.“ Ein Schatten erſchien hinter dem Baume und löste ſich von ihm ab. „Da bin ich,“ ſagte der Schatten. „Ah! Du biſt es,“ machten die beiden jungen Leute. „Was gibt es Neues?“ fragte Montbar. „Nichts; man erwartet uns, um einen Entſchluß zu faſſen.“ „In dieſem Falle raſch vorwärts.“ Die drei jungen Leute ſetzten ihren Weg fort; nachdem ſie dreihundert Schritte gemacht, blieb Mont⸗ bar wieder ſtehen. „Harmand!“ machte er halblaut. Bei dieſem Rufe hörte man das Rauſchen tro⸗ ckenen Laubs und ein vierter Schatten trat aus einer Dickung hervor und näherte ſich den drei Genoſſen. — 1—, KA 5— ind gen uß ort; ont⸗ tro⸗ einer ſſen. 5 „Nichts Neues?“ fragte Montbar. „Doch, ein Abgeſandter von Cadoudal.“ „Der, welcher bereits gekommen?“ „Id. „Wo iſt er?“ „Bei den Brüdern in der Grotte.“ „Auf denn.“ Montbar eilte voran: der Pfad war ſo ſchmal geworden, daß die vier jungen Leute nur hinter ein⸗ ander zu gehen im Stande waren. Der Weg ſtieg ungefähr fünfhundert Schritte lang ziemlich ſanft hinan, machte aber viele Krüm⸗ mungen. Als ſie an eine Lichtung kamen, blieb Montbar ſtehen und ließ dreimal den Schrei des Käuzchens hören, der Morgan ſeine Gegenwart angekündigt. Ein einzelner Nachteulenſchrei antwortete ihm. Dann glitt ein Mann aus den Aeſten einer dicht belaubten Eiche auf die Erde herab; es war die Wache, welche an dem Eingang der Grotte den Dienſt hatte. Dieſer Eingang befand ſich ungefähr zehn Schritte von der Eiche. Das dichte Gehölz umgab den Eingang ſo üppig, daß man beinahe davor ſtehen mußte, um ihn zu ſehen. Die Wache wechſelte einige Worte mit Montbar, der, indem er die Pflichten eines Anführers erfüllte, Morgan ganz ſeinen Gedanken überlaſſen zu wollen ſchien; der Bandit aber, da ſein Wachdienſt ohne Zweifel noch nicht zu Ende war, ſtieg wieder in die Aeſte der Eiche hinauf und war nach einem Augen⸗ blick ſo gut in dem dichten Laubwerk verſteckt, daß ſelbſt diejenigen, deren Blick er ſich ſo eben entzogen, ihn vergebens in ſeiner Luftbaſtei ſuchten. Je mehr man ſich dem Eingang der Grotte näherte, deſto ſchmaler wurde der Hohlweg. Montbar trat zuerſt in die Grotte und nahm aus einer Vertiefung, wo er dies wußte, einen Stahl, Feuerſtein, Zunder, Zündhölzer und eine Fackel. Der Funke ſprühte, der Zunder fing Feuer, das Zündhölzchen verbreitete eine bläuliche und flackernde Flamme, an welcher ſich die kniſternde und harzige Fackel entzündete. Drei bis vier Wege boten ſich dar, Montbar ſchlug ohne Zögern einen derſelben ein. Der Weg drehte ſich nach der entgegengeſetzten Seite, als ſie ſich in die Erde vertieften; man hätte ſagen können, die jungen Leute gehen unter dem Boden wieder zurück und verfolgen die Gegenſpur des Weges, der ſie hergeführt. Offenbar machte man die Kreuz⸗ und Querwege eines alten Steinbruchs, vielleicht desjenigen, aus welchem vor neunzehnhundert Jahren die drei römi⸗ ſchen Städte hervorgingen, welche heutzutage nur noch Dörfer ſind, und das Lager des Cäſar, das ſie überragt. Von Zeit zu Zeit war der unterirdiſche Pfad, auf dem man ging, in ſeiner ganzen Breite durch einen großen Graben abgeſchnitten, über den man nur mittelſt eines Brettes kommen konnke, das man mit einem Fußſtoß wieder in den Graben hinabwarf. Von Zeit zu Zeit ſah man Schulterwehren, hin⸗ ter denen man ſich verſchanzen und Feuer geben ———— 5——— m l, as de ge ar ten tte em our ege aus nur ſie fad, urch nan man hin⸗ eben konnte, ohne dem Feinde irgend einen Theil des Körpers bloßzuſtellen. Fünfhundert Schritte endlich von dem Eingang bot eine Barricade von der Höhe eines Mannes ein letztes Hinderniß für diejenigen, welche bis zu einer von den Rotunde hätten gelangen wollen, wo unge⸗ fähr zehn Menſchen lagen oder ſaßen, die Einen mit Leſen, die Andern mit Spielen beſchäftigt. Keiner der Leſenden oder Spielenden ließ ſich durch das Geräuſch der Schritte der Neuankömm⸗ linge oder den Anblick der Helle, die ſich an den Wänden des Steinbruchs hinzog, auch nur im Ge⸗ ringſten ſtören, ſo ſicher wußten ſie, daß geſchützt, wie ſie waren, nur Freunde bis zu ihnen dringen könnten. Das Schauſpiel, das dieſes Lager bot, war im Uebrigen außerordentlich maleriſch: die Wachskerzen, welche im Ueberfluſſe brannten,— die Genoſſen waren zu ariſtokratiſch, um ein anderes Licht als Wachskerzen zu brennen— ſpiegelten ſich in den Waffentrophäen aller Art, unter denen die doppel⸗ läufigen Flinten und Piſtolen den erſten Rang ein⸗ nahmen; Rappiere und Masken hingen dazwiſchen, einige muſikaliſche Inſtrumente waren hin und wie⸗ der aufgeſtellt; ein bis zwei Spiegel in ihren golde⸗ nen Rahmen gaben zu erkennen, daß die Toilette nicht zu den geringſten Zeitvertreiben der fremden Bewohner dieſer unterirdiſchen Wohnung gehörten. Alle ſchienen ſo ruhig, als wenn die Nachricht, welche Morgan aus den Armen Amelies geriſſen, ihnen unbekannt wäre oder von ihnen als unwichtig betrachtet würde. Als man jedoch bei dem Nahen der kleinen Gruppe, welche von draußen kam, die Worte:„Der Haupt⸗ mann! der Hauptmann!“ hörte, ſtanden alle auf, nicht mit dem Servilismus des Soldaten, der ſeinen Vorgeſetzten kommen ſieht, ſondern mit der liebevollen Ergebenheit intelligenter und ſtarker Männer für einen noch ſtärkeren und intelligenteren als ſie. Morgan ſchüttelte den Kopf, hob die Stirne und trat, an Montbar vorübergehend, in die Mitte des Kreiſes, der ſich bei ſeinem Anblicke gebildet. „Nun, Freunde,“ fragte er,„es gibt wohl Neuig⸗ keiten?“ „Ja, Hauptmann,“ ſagte eine Stimme,„man verſicherte, daß die Polizei des erſten Conſuls uns die Ehre erweiſt, ſich mit uns zu beſchäftigen.“ „Wo iſt der Bote?“ fragte Morgan. „Hier,“ ſagte ein junger Mann in der Uniform der Cabinetscouriere, der noch ganz mit Staub und Koth bedeckt war. „Haben Sie Depeſchen?“ „Keine geſchriebenen, aber mündliche.“ „Woher?“ „Aus dem geheimen Cabinet des Präfecten.“ „So kann man daran glauben?“ „Ich ſtehe dafür; ſie ſind ſo officiell, als nur möglich.“ „Es iſt gut, überall Freunde zu haben,“ machte Montbar, dieſe Bemerkung als Parantheſe einſchie⸗ bend. „Und namentlich bei Herrn Fouché,“ verſetzte Morgan;„wir wollen hören, was es Neues gibt.“ „Soll ich es laut ſagen, oder Ihnen allein?“ an n8 rm nd —— 9 „Da ich annehme, daß es uns Alle intereſſirt, ſo ſagen Sie es laut.“ „Nun denn, der Citoyen erſte Conſul ließ den Citoyen Fouché nach dem Luxembourgpalaſt kommen und hat ihm unſertwegen den Kopf gewaſchen.“ „Gut! Weiter!“ „Der Eitoyen Fouché hat geantwortet, wir ſeien ſchlaue Burſche, auf die man ſchwer Jagd machen könne, die aber, wenn man ſie endlich eingeholt, noch ſchwieriger zu packen ſeien. Kurz, er hat uns die größten Elogen gemacht.“ „Das iſt ſehr liebenswürdig von ihm. Weiter!“ „Der erſte Conſul antwortete, das kümmere ihn wenig, wir ſeien Räuber und wir mit unſeren Räu⸗ bereien unterhielten den Krieg in der Vendée; ſobald wir kein Geld mehr nach der Bretagne ſchafften, höre der Krieg auf und gebe es auch keine Chouannerie mehr.“ „Das ſcheint mir ſehr klug ausgedacht.“ „Im Oſten und im Süden müſſe man den Weſten ſchlagen.“ „Wie England in Indien.“ „Demzufolge gab er dem Citoyen Charte blanche und wenn es eine Million Franken und fünfhundert Menſchenleben koſtete, er müſſe unſere Köpfe haben.“ „Nun, er weiß von wem er ſie fordert, es bleibt ihm nur noch zu erfahren, ob wir ſie uns nehmen laſſen.“ „Der Citoyen Fouché kehrte wüthend nach Hauſe zurück und hat erklärt, ehe acht Tage vergingen, dürfe nicht ein Genoſſe Jehus mehr in Frankreich exiſtiren.“ „Der Termin iſt kurz.“ „Am ſelben Tage gingen Couriere nach Lyon, Macon, Lons⸗le⸗Saulnier, Beſangon und Genf mit dem Befehl an die Garniſonschefs ab, perſönlich alles, was in ihren Kräften ſtünde, zu thun, um unſere Ausrottung zu bewerkſtelligen, außerdem Herrn. Roland von Montrevel, dem Adjutanten des erſten Conſuls, augenblicklichen und unbedingten Ge⸗ horſam zu leiſten und ſo viele Truppen, als er brau⸗ chen würde, zu ſeiner Dispoſition zu ſtellen, um ſie nach Belieben zu verwenden.“ „Ich kann hinzufügen,“ ſagte Morgan,„daß Herr Roland von Montrevel bereits in unſerer Ge⸗ gend iſt; geſtern hatte er im Gefängniß von Bourg eine Conferenz mit dem Hauptmann der Gendarmerie.“ „Weiß man, zu welchem Zweck?“ fragte eine Stimme. „Natürlich,“ ſagte eine andere,„um unſere Woh⸗ nungen in Stand zu ſetzen.“ „Wirſt Du ihm jetzt noch immer Deinen Schutz angedeihen laſſen?“ fragte dAſſas. „Mehr als je.“ „Ah! das iſt zu ſtark!“ murmelte eine Stimme. „Warum das?“ verſetzte Morgan in herriſchem Tone;„bin ich hier nicht in meinem einfachen Ge⸗ noſſenrecht?“ „Gewiß,“ ſagten zwei andere Stimmen. „Nun, ſo mache ich davon Gebrauch, als ein⸗ facher Genoſſe und als euer Hauptmann.“ „Wenn ſich aber in dem Gewirre eine Kugel verirrt?“ ſagte eine Stimme. „So iſt es nicht ein Recht, das ich in An⸗ —— 1¹ ſpruch nehme, nicht ein Befehl, den ich gebe, ſondern eine Bitte, die ich an euch richte: meine Freunde, verſprecht mir auf eure Ehre, daß das Leben Rolands von Montrevel euch heilig ſein ſoll.“ Einſtimmig antworteten alle, welche zugegen waren, indem ſie die Hand in die Höhe hoben: „Auf Ehre, wir ſchwören es!“. „Nun,“ fuhr Morgan fort,„gilt es unſere Lage von ihrem wahren Geſichtspunkte ins Auge zu faſſen, uns keine Illuſionen zu machen; ſobald eine gut orga⸗ niſirte Polizei uns zu verfolgen beginnt und uns wirklich den Krieg macht, iſt es unmöglich, daß wir Wider⸗ ſtand leiſten: wir müſſen deßhalb liſtig ſein wie der Fuchs, Auswege ſuchen wie das Wildſchwein, über unſern Widerſtand kann nur Zeit und Ort entſchei⸗ den. Das iſt meine Anſicht wenigſtens.“ Morgan fragte ſeine Genoſſen mit den Augen und fand allgemeine Zuſtimmung: nur mit einem Lächeln auf den Lippen anerkannten ſie, daß ihr Untergang gewiß ſei. So war es zu jener ſeltſamen Zeit: man nahm den Tod ohne Furcht hin, wie man ihn ohne Em⸗ pfindung gab. „Und haſt Du nichts mehr für den Augenblick hinzuzufügen?“ fragte Montbar. „Doch,“ ſagte Morgan,„ich habe hinzuzufügen, daß nichts leichter iſt, als uns Pfende zu verſchaffen, und ſogar zu Fuß fortzukommen: wir find lauter Jäger und mehr oder weniger Bergbewohner. Zu Pferd brauchen wir ſechs Stunden, um außerhalb Frankreichs zu ſein, zu Fuß zwölf: ſind wir mal in 12 der Schweiz, ſo ſpotten wir des Citoyen Fouché und ſeiner Polizei: das wollte ich hinzufügen.“ „Es iſt ſehr amüſant, des Citoyen Fouché zu ſpotten,“ ſagte Adler,„aber es iſt ſehr langweilig, Frankreich zu verlaſſen.“ „Ich werde deßhalb auch dieſe äußerſte Maßregel nicht in Vorſchlag bringen, ehe wir den Boten von Cadoudal gehört.“ „Ja, das iſt wahr,“ ſagten zwei bis drei Stim⸗ men,„der Bretagner, wo iſt der Bretagner?“ „Er ſchlief, als ich ging,“ ſagte Montbar. „Und er ſchläft noch,“ ſagte Adler, mit dem⸗ Finger auf einen Mann deutend, der in einer Ver⸗ tiefung der Grotte auf einem Lager von Stroh ruhte. Man weckte den Bretagner, der ſich auf ſeinen Knieen aufrichtete, und ſich, während er mit einer Hand die Augen rieb, mit der andern aus Gewohn⸗ heit nach ſeinem Gewehre griff. „Ihr ſeid bei Freunden,“ ſagte eine Stimme, „habt deßhalb keine Furcht.“ „Furcht!“ ſagte der Bretagner;„wer glaubt da, daß ich Furcht habe?“ „Einer, der vermuthlich nicht weiß, was das iſt, mein lieber Rameau d'or,“ ſagte Morgan(denn er erkannte den Boten Cadoudals als denjenigen, der ſchon einmal dageweſen, und den man in der Kar⸗ thauſe in jener Nacht empfangen, wo er ſelbſt von Avignon angekommen war)„und in deſſen Namen ich euch um Entſchuldigung bitte.“ Rameau d'or betrachtete die Gruppe der jungen Leute, vor der er ſtand, mit einer Miene, die deut⸗ lich zu verſtehen gab, wie ſehr ihm eine gewiſſe Art zu 9, el on m⸗ em er⸗ te. nen ner hn⸗ me, da, iſt, ner der Kar⸗ von men ngen deut⸗ 13 von Scherzen zuwider war; da dieſe Gruppe jedoch nichts Feindſeliges hatte und ihre Heiterkeit offenbar kein Spott war, ſo fragte er mit ziemlich freundlicher Miene: „Wer von Ihnen iſt der Anführer? Ich habe ihm einen Brief von meinem General zu übergeben.“ Morgan machte einen Schritt vorwärts. „Ich bin es,“ ſagte er. „Ihr Name?“ „Ich habe zwei.“ „Ihr Kriegsname?“ „Morgan.“ „Ja, das iſt der, welchen der General nannte; auch erkenne ich Sie wieder; Sie ſind es, der am Abend, an welchem ich von den Mönchen empfangen wurde, mir einen Sack mit ſechzigtauſend Franken gab: ich habe einen Brief für Sie.“ „Gebt.“ Der Bauer nahm ſeinen Hut, zog das Futter heraus und holte zwiſchen dem Futter und dem Filz ein Stück Papier heraus, das wie ein doppeltes Futter ausſah und auf den erſten Anblick unbeſchrieben ſchien. Dann übergab er Morgan das Papier mit einer militäriſchen Ehrenbezeugung. Dieſer drehte es zuerſt hin und her; und ſagte dann, als er ſah, daß, wenigſtens nichts Sichtbares darauf geſchrieben ſtand: „Ein Licht.“ Man brachte ein Licht; Morgan hielt das Papier in die Nähe der Flamme. —8 Nach und nach bedeckte ſich das Papier mit Buch⸗ ſtaben und die Schrift erſchien an der Wärme. Dieſes Verfahren ſchien den jungen Leuten nicht fremd; nur der Bretagner ſah mit einem gewiſſen Erſtaunen zu. Für dieſen einfachen Sinn konnte in dieſem Ver⸗ fahren eine gewiſſe Zauberei liegen; aber von dem Augenblick, wo der Teufel der royaliſtiſchen Partei diente, war er nicht mehr fern, einen Pact mit dem Teufel zu ſchließen. „Meine Herren,“ ſagte Morgan,„wollen Sie wiſſen, was uns Cadoudal ſchreibt?“ Alle verbeugten ſich und hörten. Der junge Mann las. „Mein lieber Morgan, wenn man Ihnen ſagt, daß ich die Sache aufgegeben und mit der Regierung des erſten Conſuls zu gleicher Zeit wie die Vendéer Anführer in Unterhandlung getreten ſei, ſo glauben Sie nicht ein Wort: ich bin die bretagniſirende Bre⸗ tagne und folglich ſtaruköpfig wie ein ächter Bretagner. Der erſte Conſul ſchickte mir einen ſeiner erſten Adjutanten, um mir vollkommene Amneſtie für meine Leute und für mich den Grad eines Oberſten anzu⸗ bieten. „Jetzt hängt Alles von Ihnen ab; da wir weder Geld, noch Unterſtützung von Fürſten annehmen, ſo ſind Sie unſer Schatzmeiſter; ſchließen Sie uns Ihre Kaſſe oder vielmehr hören Sie auf, uns die der Re⸗ gierung zu öffnen, und die royaliſtiſche Oppoſition, deren Herz nur noch in der Bretagne ſchlägt, wird immer ſchwächer und hört nach und nach ganz auf. er⸗ em tei em ie t, ng en e⸗ r. en ne er 15 „Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß wenn jenes Herz aufgehört zu ſchlagen, auch das meine zu ſchlagen aufhören wird. „Unſere Miſſion iſt gefährlich; es iſt wahrſchein⸗ lich, daß wir unſern Kopf dabei verlieren werden; finden Sie jedoch nicht, daß es ſchön für uns ſein wird, ſagen zu hören, wenn wir todt ſind, falls man jenſeit des Grabes noch etwas hört: Alle verzwei⸗ felten, nur ſie nicht!“ „Einer von uns wird den andern überleben, aber um ebenfalls zu unterliegen; dieſer möge im Ster⸗ ben ſagen: Etiamsi omnes, ego non.“ „Zählen Sie auf mich, ich zähle auf Sie. „Georges Cadoudal.“ N. S.„Sie wiſſen, daß Sie Rameau d'or alles geben können, was Sie von Geld für unſere Sache haben; er verſprach, ſich nicht fangen zu laſſen und ich vertraue auf ſein Wort.“ Ein enthuſiaſtiſches Gemurmel erhob ſich unter den jungen Leuten, als Morgan die letzten Worte dieſes Briefes geleſen hatte. „Sie hörten, meine Herren?“ ſagte er. „Ja, ja, ja,“ wiederholten alle Stimmen. „Fürs erſte, welche Summe können wir Rameau d'or geben?“ „Dreizehntauſend Franken vom Silanſee; zwei⸗ undzwanzigtauſend von der Ccrronière, vierzehntau⸗ ſend von Merimieux, im Ganzen neunundvierzigtau⸗ ſend,“ ſagte Adler. „Ihr höret, mein lieber Rameau d'or?“ ſagte Morgan;„es iſt nicht viel, und wir ſind um die Hälfte ärmer, als das letzte Mal, aber Ihr kennt das Sprichwort: Ein Schelm gibt mehr als er hat.“ „Der General weiß, welchen Gefahren Sie tro⸗ tzen, um dies Geld aufzutreiben, und er ſagte, daß er es mit Dank nehmen würde, wie wenig Sie ihm auch ſchicken könnten.“ „Um ſo mehr, als die nächſte Sendung beſſer ſein wird,“ ſagte die Stimme eines jungen Mannes, der ſich ungeſehen unter die Gruppe miſchte, ſo ſehr war die Aufmerkſamkeit auf den Brief Cadoudals und den, welcher ihn las, concentrirt,„namentlich wenn wir nächſten Samſtag ein Wort mit der Malle⸗ poſt von Chambery ſprechen wollen.“ „Ah! Du biſt es, Valenſolle,“ ſagte Morgan. „Keine Eigennamen, wenn's gefällig, Baron; wir wollen uns erſchießen, guillotiniren, rädern, vier⸗ theilen laſſen, aber die Ehre unſerer Familie aufrecht erhalten. Ich nenne mich Adler und höre auf keinen andern Namen.“ „Verzeihung, ich hatte Unrecht; Du ſagteſt alſo..“ „Daß die Mallepoſt von Paris nach Chambery Samſtag zwiſchen der Kapelle von Grinchay und Belleville mit fünfzigtauſend Franken der Regierung an die Mönche auf dem St. Bernhard durchkommen werde, wozu ich noch füge, daß zwiſchen dieſen bei⸗ den Hertlichkeiten ein Punkt iſt, welcher La Maiſon Blanche heißt und mir ausgezeichnet zu einem Hinter⸗ halte geeignet ſcheint.“ „Was ſagen Sie davon, meine Herren?“ fragte Morgan;„wollen wir dem Citoyen Fouché die Ehre erweiſen, uns mit ſeiner Polizei zu beſchäftigen? wir N ——* — 17 Gehen wir? Verlaſſen wir Frankreich oder bleiben wir die treuen Genoſſen Jehus?“ Man hörte nur einen Ruf: „Wir wollen bleiben.“ „Das iſt ſchön!“ ſagte Morgan;„ich erkenne euch daran, meine Brüder. Cadoudal hat uns in dem bewunderungswürdigen Briefe, den wir ſo eben von ihm erhielten, den Weg angedeutet; machen wir ſeine herviſche Deviſe zu der unſrigen: Ftiamsi om- nes, ego non.“ Dann ſich an den bretagniſchen Bauern wendend, ſagte er: „Rameau d'or, die neunundvierzigtauſend Fran⸗ ken ſtehen zu Deiner Verfügung; gehe, wann Du willſt: verſprich in unſerem Namen etwas Beſſeres für das nächſte Mal und ſage dem General von mir, daß, wohin er auch gehen möge, ſelbſt auf das Schaffot, ich mir eine Ehre daraus machen werde, ihm zu folgen oder ihm voranzugehen: auf Wieder⸗ ſehen, Rameau d'or!“ Dann wandte er ſich an den jungen Mann, der ſo ſehr zu wünſchen ſchien, daß man ſein Incognito reſpectire. „Mein lieber Adler,“ fagte er, wie Jemand, der ſeine einen Augenblick verſchwundene Heiterkeit wie⸗ dergefunden,„ich übernehme es, für Dein Unter⸗ kommen und Dein Nachteſſen zu ſorgen, wenn Du mich überhaupt als Wirth annimmſt.“ „Dankbar, mein Freund Morgan,“ antwortete der Neuankömmling;„nur ſage ich Dir zum Voraus, daß ich mich mit jeder Art von Bette begnügen werde, indem ich vor Müdigkeit ſterbe; aber nicht Dumas, Jehn. III. 2 —— mit jeder Art von RNächteſſen, weil ich vor Hunger ſterbe.“ „Du ſollſt ein gutes Bett und ein ausgezeich⸗ netes Nachteſſen haben.“ „Was muß ich zu dieſem Ende thun?“ „Mir folgen.“ „Ich bin bereit.“ „Dann komme: gute Nacht, meine Herren; Du wachſt, Montbar?“ A a. „In dieſem Falle können wir ruhig ſchlafen.“ Darauf ſteckte Morgan einen ſeiner Arme durch den Arm ſeines Freundes, nahm mit der andern Hand eine Fackel, die man ihm darbot, und ging tiefer in die Grotte, wohin wir ihm folgen wollen, wenn der Leſer von dieſer langen Sitzung nicht zu ſehr ermüdet iſt. Es war zum erſten Male, daß Valenſolle, der, wie wir geſehen, aus der Gegend von Air war, Ge⸗ legenheit hatte, die Grotte von Ceyzeriat zu beſuchen welche die Genoſſen Jehu in jüngſter Zeit zu ihren Zufluchtsorte gewählt. Bei den vorhergehenden Zu ſammenkünften hatte er nur Gelegenheit gehabt, die Kreuz⸗ und Quergänge der Karthauſe von Seillon ſo genau kennen zu lernen, daß man ihm zuletzt bei der mit Roland geſpielten Comödie die Rolle des Ge⸗ ſpenſtes anvertraut hatte. Alles war deßhalb intereſſant und unbekannt fil ihn an dieſem neuen Domicil, wo er ſeinen erſte Schlaf machen wollte, und das für einige Tage w nigſtens das Hauptquartier von Morgan zu ſei ſchien. unger ezeich n; Du en.“ durch andern d ging wollen, ticht zu , der, ar, Ge⸗ eſuchen, tihren den Zu abt, die Seillon letzt bei des Ge⸗ nnt für erſten age we zu ſei 19 Wie es mit allen verlaſſenen Steinbrüchen geht, die im erſten Augenblick einer unterirdiſchen Stadt gleichen, die perſchiedenen zur Gewinnung des Stei⸗ nes ausgegrabenen Straßen liefen zuletzt immer in eine Sackgaſſe aus, das heißt an dem Punkte, wo die Arbeit unterbrochen war. Eine einzige dieſer Straßen ſchien ſich ins Un⸗ endliche zu verlängern. Aber es gab wohl einen Punkt, wo auch ſie ihr Ende erreichen mußte; in dem Winkel des Engpaſſes war— zu welchem Zwecke, iſt im Lande ſelbſt noch ein Geheimniß— eine Oeffnung durchgehauen, welche um zwei Drittel ſchmäler war als die, in welche ſie führte, und nur zwei Menſchen neben einander durchließ. Die beiden Freunde traten durch dieſe OHeffnung. Die Luft drang ſo ſelten in dieſen Raum, daß ihre Fackel jeden Augenblick auszulöſchen drohte. Valenſolle fühlte eiſige Waſſertropfen auf ſeine Schultern und ſeine Hände tropfen. „Nun,“ ſagte er,„regnet es hier?“ „Nein,“ antwortete Morgan lachend;„wir gehen nur hier unter der Reyſouſſe durch.“ „So gehen wir alſo nach Bourg?“ „Beinahe.“ „Wohl: Du führſt mich, Du verſprichſt mir ein Nachteſſen und ein Lager! Ich brauche mich durch nichts beunruhigen zu laſſen, als daß unſere Lampe erlöſchen könnte; indeß.„ fügte der junge Mann hinzu, indem er mit den Blicken dem erblaſſenden Lichte der Fackel folgte. „Auch das wäre nicht beunruhigend, weil wir uns immer wiederfinden würden.“ S— „Und doch,“ ſagte Valenſolle,„wenn man be⸗ denkt, daß das alles für Fürſten geſchieht, die nichts davon wiſſen, und die, wenn ſie es eines Tages er⸗ führen, es andern Tages bereits vergeſſen hätten, daß wir um drei Uhr Morgens unter einer Grotte umherſpazieren, unter Flüſſen durch wandern, und uns, ich weiß nicht wo, niederlegen, mit der Ausſicht, feſtgenommen, verurtheilt und eines ſchönen Morgens guillotinirt zu werden; weißt Du, daß das ſehr thöricht iſt, Morgan?“ „Mein Lieber,“ antwortete Morgan,„was für thöricht gilt, und was in einem ſolchen Falle nicht von der großen Maſſe begriffen wird, hat alle Aus⸗ ſicht erhaben zu ſein.“ „Nun,“ ſagte Valenſolle,„ich ſehe, daß Du noch mehr bei dem Handwerk, das wir treiben, verlierſt, als ich; ich ſetze nur Hingabe ein, Du aber Enthu⸗ ſiasmus.“ Morgan ſtieß einen Seufzer aus. „Wir ſind an Ort und Stelle,“ ſagte er, indem er die Converſation wie eine Laſt fallen ließ, die ihm zu ſchwer war, um ſie länger zu tragen. Er war auch wirklich auf den erſten Stufen einer Treppe angekommen. Morgan, welcher Valenſolle leuchtete und vor⸗ anging, ſtieg zehn Stufen hinab und ſtand vor einen Gitter. WMit einem Schlüſſel, den er aus ſeiner Taſch⸗ zog, wurde das Gitter geöffnet, Man befand ſich in einer Gruft. Auf beiden Seiten der Gruft ſtanden wei Sch auf eiſernen Dreifüßen; herzogliche Kronen um do azi zei So ſch we her da ga liſt En ret di M Ve na me n be⸗ nichts es er⸗ ätten, Hrotte „und Sſicht, rens ſehr as für e nicht Aus⸗ u nch rlierſt, Enthu⸗ indem ß, die n einer nd vor⸗ r einen Taſche ei Säth um da 2¹ azurblaue Wappenſchild mit dem ſilbernen Kreuze zeigten an, daß dieſe Särge Glieder der Familie von Savoyen, ehe dieſe die königliche Krone trugen, um⸗ ſchloſſen. Im Hintergrunde der Gruft ſah man eine Treppe, welche in ein höheres Stockwerk führte. Valenſolle warf einen neugierigen Blick um ſich her und ſah bei dem flackernden Lichte der Fackel, daß ſie ſich in einer Gruft befanden. „Teufel!“ machte er,„wir ſind, wie es ſcheint, ganz das Gegentheil von den Spartanern.“ „Sofern ſie Republikaner waren und wir Roya⸗ liſten ſind?“ fragte Morgan. „Nein; ſondern fofern die Spartaner gegen das Ende ihres Mahles ein Skelett kommen ließen, wäh⸗ rend wir dies beim Anfang thun.“ „Weißt Du gewiß, daß es die Spartaner waren, die dieſen Beweis von Philoſophie gaben?“ fragte Morgan, indem er die Thüre ſchloß. „Sie oder andere, das gilt mir gleich,“ ſagte Valenſolle;„ich habe mal citirt; der Abbé Verlat nahm ſeine Belagerung nicht wieder auf, ich werde meine Citation nicht wieder aufnehmen.“ „Nun gut, ein andermal magſt Du ſagen die Egypter.“ „Gut,“ antwortete Valenſolle mit einer Gleich⸗ gültigkeit, in der ſogar eine gewiſſe Melancholie lag, „ich werde wahrſcheinlich ſelbſt ein Skelett ſein, ehe ich die Gelegenheit habe, meine Kenntniſſe in dieſer Richtung an den Tag zu legen. Aber was zum Teufel machſt Du denn? und warum löſcheſt Du denn die Fackel aus. Ich hoffe voch nicht, Du willſt mich hier zu Nacht ſpeiſen und ſchlafen laſſen?“ Morgan hatte wirklich ſeine Fackel auf der erſten Stufe der Treppe, welche nach dem obern Stockwerk führte, ausgelöſcht. „Gib mir die Hand,“ antwortete der junge Mann. Palenſolle ergriff die Hand ſeines Freundes mit einem Ungeſtüm, welches deutlich bewies, wie wenig er Luſt habe, ſich lange in dieſer Gruft der Herzoge von Savoyen aufzuhalten, wie große Ehre es auch für einen Lebenden geweſen wäre, mit ſo erlauchten Todten zu verkehren. Morgan ſtieg die Stufen hinan. Dann merkte man an der ſtarken Bewegung ſei⸗ ner Hand, daß er eine Anſtrengung machte. Wirklich hob ſich auch eine Steinplatte weg, und durch die Heffnung zitterte eine matte Helle in die Augen Valenſolles, während ein aromatiſcher Duft, der die mephitiſche Atmoſphäre der Gruft verdrängte, ſeine Geruchsnerven angenehm berührte. „Ah!“ ſagte er,„meiner Treu, wir ſind in einer Scheune, das iſt mir lieber.“ Morgan antwortete nicht, half ihm aus der Gruft herauf, und die Steinplatte trat wieder an ihre Stelle. Valenſolle ſah rings um ſich her; er ſtand in der Mitte eines großen Gebäudes voll Heu, in wel⸗ ches das Licht durch ſo bewundernswürdig gemei⸗ ſelte Fenſter drang, daß ſie ſich nicht in einer wirk⸗ lichen Scheune befinden konnten. Während dieſer Unterſuchung ſtieß Morgan fünf 7 Schei die 2 ein 6 ihm ( die 2 Paſt zwei bei auf ein; die! Schi Nac was Schi will von mag it e n 23 bis ſechs Bündel Heu auf die Steinplatte, um dieſe aller Augen zu verbergen. „Aber,“ ſagte Valenſolle,„wir ſind nicht in einer Scheune?“ „Klettre auf dies Heu hinauf und ſetze Dich in die Nähe jenes Fenſters,“ antwortete Morgan. Valenſolle gehorchte, kletterte auf das Heu wie ein Schulknabe in den Ferien, und ſetzte ſich, wie ihm Morgan geſagt, neben das Fenſter. Einen Augenblick ſpäter legte Morgan zwiſchen die Beine ſeines Freundes eine Serviette mit einer Paſtete, Brod, einer Flaſche Wein, zwei Gläſern, zwei Meſſern und Gabeln. „Wahrhaftig,“ ſagte Valenſolle,„Lucullus ſpeist bei Lucullus.“ Dann warf er einen Blick durch die Scheiben, auf einen Bau mit einer Maſſe von Fenſtern, der ein Flügel desjenigen zu ſein ſchien, in welchem ſich die beiden Freunde befanden, und vor welchem eine Schildwache auf und ab ging. „Wahrhaftig,“ machte er,„ich würde ſchlecht zu Nacht ſpeiſen, wenn ich nicht wüßte, wo wir ſind; was iſt dies für ein Gebäude? und warum geht die Schildwache vor dem Thore auf und ab?“ „Nun,“ ſagte Morgan;„da Du es abſolut wiſſen willſt, will ich es Dir ſagen: wir ſind in der Kirche von Brou, die ein Municipaldeeret in ein Futter⸗ magazin verwandelt hat. Dies Gebäude, an das wir ſtoßen, iſt die Gendarmerie⸗Kaſerne, und dieſe Schildwache iſt die Wache, welche den Auftrag hat, zu hindern, daß man uns während unſeres Nacht⸗ ———— ——— eſſens ſtöre oder uns während des Schlafes über⸗ raſche.“ „Brave Gendarmen,“ ſagte Valenſolle, indem er ſein Glas füllte:„auf ihre Geſundheit, Morgan!“ „Und auf die unſrige!“ ſagte der junge Mann lachend;„der Teufel ſoll mich holen, wenn man auf die Idee käme, uns hier zu ſuchen.“ Kaum hatte Morgan ſein Glas geleert, als man, wie wenn der Teufel dieſe Herausforderung gehört, die durchdringende Stimme der Wache hörte, welche „Wer da!“ rief. „Nun?“ machten die beiden jungen Leute,„was ſoll das heißen?“ Wirklich kam auch eine Abtheilung von dreißig Mann von der Seite von Pont d'Ain und nachdem man das Loſungswort ausgetauſcht, löste ſie ſich in kleine Unterabtheilungen auf; die beträchtlichſte Ab⸗ theilung, von zwei Offizieren, wie es ſchien, ange⸗ führt, kehrte in die Kaſerne zurück; die andere ver⸗ folgte ihren Weg. „Achtung!“ machte Morgan. Und beide lauſchten auf den Knieen liegend, mit wachſamen Ohren und das Auge an die Scheibe drückend. Erklären wir dem Leſer, was dieſe Unterbrechung in dem Mahle veranlaßte, das, trotzdem, daß es um drei Uhr Morgens eingenommen wurde, wie man ſieht, doch nicht ruhig genoſſen werden konnte. tät ſpr iber⸗ dem an!“ tann auf man, hört, elche „was eißig hdem ch in ange⸗ ver⸗ „ mit cheibe chung s um man 25 Das leere Neſt. Die Tochter des Schließers hatte ſich nicht ge⸗ täuſcht; es war wirklich Roland, den ſie in dem Kerker mit dem Hauptmann der Gendarmerie hatte ſprechen ſehen. Amelie hatte nicht Unrecht, große Befürchtungen zu hegen; denn er verfolgte wirklich Morgan. Wenn er ſich nicht auf dem Schloſſe Noires Fon⸗ taines gezeigt, ſo war dies nicht aus dem Grunde geſchehen, weil er den geringſten Verdacht gehabt, daß ſeine Schweſter ein Intereſſe für den Anführer der Genoſſen Jehus hege; aber er mißtraute der In⸗ discretion eines der Diener. Er war von Charlotten bei ihrem Vater erkannt worden, da dieſe jedoch kein Erſtaunen gezeigt, glaubte er ſich auch nicht von ihr erkannt; um ſo mehr, als, nachdem er einige Worte mit dem Quar⸗ tiermeiſter ausgetauſcht, er ihn auf dem Platz der Baſtei zu erwarten gegangen, welcher zu einer ſol⸗ chen Stunde ſehr öde war. Nachdem der Eintrag in die Liſte der Gefangenen gemacht war, kam der Hauptmann der Gendarmerie zu ihm. Er hatte Roland auf und abgehend und ihn un⸗ geduldig erwartend gefunden. Bei dem Stockmeiſter hatte er ſich einfach zu er⸗ ſn gegeben; hier konnte er auf die Sache ein⸗ gehen. Er theilte demzufolge dem Hauptmann der Gen⸗ darmerie den Zweck ſeiner Reiſe mit. Wie man beiöffentlichen Verſammlungen das Wort zu einer perſönlichen Sache verlangt und es ohne Widerſpruch erhält, ſo hatte Roland es von dem erſten Conſul verlangt und dies zu einer perſönlichen Sache, nämlich, daß ihm die Verfolgung der Genoſſen Jehus anvertraut werde; und er hatte dieſe Gunſt ohne Schwierigkeit erlangt. Ein Befehl des Kriegsminiſters ſtellte die Gar⸗ niſonen, nicht nur von Bourg, ſondern auch von den umgebenden Städten zu ſeiner Dispoſition. Ein Befehl des Polizeipräfecten autoriſirte alle Offiziere der Gendarmerie, ihm an die Hand zu gehen: Er hatte natürlich daran gedacht, ſich zuerſt und vor allen andern ſich an den Hauptmann der Gen⸗ darmie von Bourg zu wenden, den er von lange her kannte, und von dem er wußte, daß er ein Mann von Muth und Energie ſei. Er fand, was er ſuchte: der Hauptmann der Gendarmerie von Bourg war furchtbar aufgebracht gegen die Genoſſen Jehus, welche die Diligence eine Viertelſtunde von der Stadt anfielen und die ihm nicht gelingen wollte, in ſeine Hand zu bekommen. Er kannte die Rapporte, welche wegen der drei letzten Ueberfälle an den Polizeiminiſter geſchickt worden waren, und er begriff die ſchlechte Stimmung des Letzteren. Aber Roland ſteigerte ſein Erſtaunen aufs Höchſte, indem er ihm erzählte, was ihm in der Karthauſe von Seillon während der Nacht begegnet, in der er gewacht und namentlich, was in derſelben Karthauſe fahr Dole glau zu d laſſe Mae beſeſ tisfe thuu wirk blick ner chen, ſchie Gele führ Con Role dabe Leut wah chen en⸗ Lort hne dem chen ſſen unſt ar⸗ den alle hen. und en⸗ inge ann der acht eine ihm n. drei hickt ung hſte, auſe rer 27 Sir John während der folgenden Nacht geſchehen war. Er hatte durch das allgemeine Gerücht wohl er⸗ fahren, daß der Gaſt der Frau von Montrevel einen Dolchſtich erhalten; aber da Niemand Klage geführt, glaubte er nicht das Recht zu haben, in das Dunkel zu dringen, in welches Roland die Sache eingehüllt laſſen zu wollen ſchien. In dieſer bewegten Zeit hatte die bewaffnete Macht eine Freiheit, wie ſie ſie nie zu andern Zeiten beſeſſen. Roland hatte nichts geſagt, weil er ſich die Sa⸗ tisfaction der Verfolgung der Bewohner der Kar⸗ thuuſe, mochten dieſe nur ein Spiel treiben, oder wirklich Meuchelmörder ſein, für den rechten Augen⸗ blick aufbewahrgn wollte. Wir haben geſehen, wie er am erſten Tage ſei⸗ ner Ankunft in Paris mit Bonaparte davon geſpro⸗ chen, wie ihn andere Ereigniſſe den Plan hinauszu⸗ ſchieben gezwungen, wie er ihn jedoch bei der erſten Gelegenheit wieder aufgenommen. Diesmal kam er mit allen Mitteln, ihn durchzu⸗ führen und feſt entſchloſſen, nicht früher zum erſten Conſul zurückzukehren, als bis er ihn ausgeführt. Ueberdies war hier eines der Abenteuer, wie ſie ſuchte. War nicht Gefahr und Romantik dabei? War es nicht eine Gelegenheit, ſein Leben gegen Leute zu wagen, welche, das ihrige nicht ſchonend, wahrſcheinlich auch das ſeinige nicht ſchonen würden. Roland war weit entfernt, das Glück, mit wel⸗ chem er ſich in der Nacht, wo er in der Karthauſe gewacht und an dem Tage, wo er gegen Cadoudal gekämpft, aus der Gefahr gerettet, auf die wahre Urſache zurückzuführen, das heißt auf den Schutz, den ihm Morgan angedeihen ließ. Wie ſollte er auch auf den Gedanken kommen, daß ein einfaches Kreuz über ſeinen Namen gemacht worden war und daß in einer Entfernung von zwei⸗ hundert fünfzig Meilen dieſes Symbol der Erlöſung ihn an den beiden Enden von Frankreich beſchützt habe. Die Nacht war jedoch zu weit vorgeſchritten, um an dieſe Expedition vor Anbruch der nächſten Nacht denken zu können. Indeſſen wollte Roland ſich in der Kaſerne der Gendarmerie verborgen halten und auf dem Zim⸗ mer des Hauptmanns bleiben, damit Niemand in Bourg ſeine Anweſenheit oder die Urſache, die ihn hierher führte, muthmaße. Am andern Tage wollte er die Expedition leiten. Im Verlauf des nächſten Tages ſollte einer der Gendarmen, welcher Schneider war, ihm eine voll⸗ ſtändige Quartiermeiſtersuniform fertigen. Er wollte ſich für den der Brigade von Lons de Saulnier beigegebenen Quartiermeiſter ausgeben und in dieſer Uniform glaubte er, ohne erkannt zu wer⸗ den, am andern Tage die ſtrenge Durchſuchung der Karthauſe zu leiten. Alles ging nach dem entworfenen Plan. Gegen ein Uhr kehrte Roland mit dem Haupt⸗ mann nach der Kaſerne zurück, begab ſich in das Zimmer des letztern, machte ſich dort ein Feldbett dal ahre den men, nacht zwei⸗ ſung chützt „um Nacht der Zim⸗ d in ihn iten. der voll⸗ 8 de und wer⸗ der upt⸗ das dbett . 29 zurecht und ſchlief wie Jemand, der zwei Tage und zwei Nächte in dem Poſtwagen zugebracht. Am andern Tage entwarf er mit der größten Sorgfalt zur Inſtruction des Quartiermeiſters einen Plan von der Karthauſe von Seillon, mit deren Hülfe der würdige Offizier, ſelbſt ohne die Unter⸗ ſtützung Rolands, die Erpedition leiten konnte, ohne ſich einen Schritt zu verirren. Da der Hauptmann nur achtzehn Soldaten un⸗ ter ſeinem Befehle hatte, was nicht genug war, um die Karthauſe vollſtändig zu cerniren oder vielmehr nur um die beiden Ausgänge zu bewachen und im Innern die Nachforſchungen anzuſtellen, und da zwei oder drei Tage nöthig geweſen wären, um die in der Umgegend zerſtreute Brigade zu vervollſtändigen und die nöthige Zahl von Soldaten aufzutreiben, ſo ſetzte der Hauptmann auf Befehl Rolands im Ver⸗ lauf des Tages den Oberſten der Dragoner, deſſen Regiment in Bourg garniſonirt war, von der Sache in Kenntniß und verlangte zwölf Mann von ihm, welche mit den achtzehn des Hauptmanns die Zahl von dreißig bildeten. Nicht nur bewilligte der Oberſt ſeine zwölf Mann, ſondern erklärte ſogar, als er erfuhr, daß die Expe⸗ dition von dem Brigadechef Roland von Montrevel, dem Adjutanten des erſten Conſuls, geleitet werden würde, daß er ſelbſt an der Erpedition Theil nehmen wolle und ſeine zwölf Mann anführen werde. Roland nahm ſeine Mitwirkung an und es wurde verabredet, daß der Oberſt— wir gebrauchen ohne Unterſchied den Titel Oberſt und Brigadechef, was den gleichen Grad bezeichnet— und es wurde ver⸗ abredet, ſagen wir, daß der Oberſt und zwölf Dra⸗ goner im Vorübermarſch zu Roland, dem Hauptmann und ihren achtzehn Gendarmen ſtoßen ſollten, da die Kaſerne ſich gerade auf dem Wege zur Karthauſe von Seillon befand. Der Abmarſch war auf elf Uhr feſtgeſetzt. Um elf Uhr, im militäriſchen Sinne, das heißt Punkt elf Uhr ſtieß der Oberſt der Dragoner und ſeine zwölf Mann zu den Gendarmen und die beiden vereinigten Abtheilungen brachen auf. Roland in ſeiner Uniform als Quartiermeiſter der Gendarmerie hatte ſich ſeinem Collegen, dem Oberſten der Dragoner zu erkennen gegeben; aber für die Dragoner und die Gendarmen war er, wie ausgemacht worden, ein von der Brigade von Lons le Saulnier abgeſandter Quartiermeiſter. Da es ihnen jedoch hätte auffallen können, daß ein mit den Hertlichkeiten Unvertrauter zum Führer gewählt würde, hatte man ihnen geſagt, daß Roland in ſeiner Jugend Novize in Seillon geweſen, ein Noviziat, das ihn die geheimſten Gänge und Win⸗ kel der Karthauſe beſſer kennen zu lernen in den Stand geſetzt, als es einem andern möglich gewe⸗ ſen wäre. Das erſte Gefühl dieſer tapferen Soldaten war wohl eine gewiſſe Demüthigung geweſen, daß ein ehemaliger Mönch ſie anführe, im Ganzen genom⸗ men jedoch, da dieſer Exmönch den dreieckigen Hut ziemlich coquett zu tragen verſtand und ſeine Haltung die eines Mannes war, der, indem er die Uniform trug, ganz vergeſſen zu haben ſchien, daß er ehedem in der Kutte geſteckt, hatten ſie zuletzt dieſe Demü⸗ Dra⸗ tann die auſe heißt und iden iſter dem aber wie Lons daß hrer land ein Win⸗ den ewe⸗ war ein tom⸗ Hut tung orm dem mü⸗ 31 thigung leichter hingenommen, indem ſie ihre Anſicht über den Quartiermeiſter erſt dann feſtzuſtellen ſich vornahmen, wenn ſie geſehen, wie er die Muskete, die er unter dem Arme trug, die Piſtolen, die er am Gürtel trug, und den Säbel, den er an der Seite trug, handhaben würde. Man verſah ſich mit Fackeln und machte ſich in tiefſter Stille in drei Pelotons auf den Marſch: das eine aus acht Mann von dem Hauptmann der Gen⸗ darmerie befehligt, das andere aus zehn Mann von dem Oberſten befehligt und das dritte aus zwölf Mann von Roland befehligt. Als man die Stadt verlaſſen, trennte man ſich. Der Hauptmann der Gendarmerie, welcher die Localitäten beſſer kannte, als der Oberſt der Dra⸗ goner, übernahm es, die Fenſter der Correrie zu bewachen, welche auf den Wald von Seillon gingen; er hatte acht Gendarmen bei ſich. Der Oberſt der Dragoner erhielt von Roland den Auftrag, das große Thor der Karthauſe zu be⸗ wachen. Er hatte fünf Dragoner und fünf Gendar⸗ men bei ſich. Roland übernahm es, das Innere zu durchſu⸗ chen; er hatte fünf Gendarmen und ſieben Dragoner bei ſich. Man gab jedem eine halbe Stunde, um auf ſei⸗ nem Poſten zu ſein. Es war mehr, als man brauchte. Wenn man halb zwölf Uhr auf der Kirche von Veronnas ſchlagen hörte, ſollte Roland und ſeine Leute die Mauer des Obſtgartens erſteigen. Der Hauptmann der Gendarmerie ſchlug den Weg von Pont dAin nach dem Saum des Waldes ein, und an dieſem hingehend, kam er auf den ihm bezeichneten Poſten. Der Oberſt der Dragoner ſchlug den Querweg ein, der ſich mit dem Weg von Pont dAin vereinigt und nach dem Hauptthor der Karthauſe führt. Roland endlich ging querfeldein und kam auf dieſe Weiſe an die Mauer des Obſtgartens, den er, wie man ſich erinnert, unter andern Umſtänden be⸗ reits zweimal erſtiegen. Um elf ein halb gab er ſeinen Leuten das Sig⸗ nal und erſtieg die Mauer des Obſtgartens; Gen⸗ darmen und Dragoner folgten ihm. Auf der andern Seite der Mauer angekommen, wußten ſie noch nicht, ob Roland tapfer, aber daß er gewandt, wußten ſie. Roland zeigte ihnen in der Dunkelheit die Thüre, auf welche ſie zugehen ſollten: es war diejenige, welche vom Obſtgarten in das Kloſter führte. Dann eilte er zuerſt voran, ſtieß zuerſt die Thüre auf, befand ſich zuerſt in dem Kloſter. Alles war dunkel, ſtumm und einſam. Roland, welcher ſeinen Leuten immer als Führer diente, kam an das Refectorium. Alles öde, alles ſtille. Er trat in das ſchiefe Gewölbe und befand ſich im Garten, ohne ein anderes lebendiges Weſen auf⸗ geſcheucht zu haben, als die Käuzchen und Fleder⸗ mäuſe. Er war bald wieder zurück. Es blieb noch die Eiſterne, das Todtengewölbe und der Pavillon oder vielmehr die Waldkapelle. Roland durchſchritt den leeren Raum, der ihn von der Ciſterne trennte. Als er am Fuße der un ab die mit ſon an Kaß war noch ſich mar ihm rweg inigt auf er, be⸗ Sig⸗ en⸗ dern icht, ſie. üre, ige, üre hrer ſich uf⸗ der⸗ be ihn der 33 Stufen angekommen war, zündete er drei Fackeln an, behielt eine derſelben und gab die beiden andern einem Gendarmen und einem Dragoner, dann hob er den Stein auf, der die Treppe bedeckte. 3 Die Gendarmen, welche Roland folgten, be⸗ gannen zu glauben, daß er eben ſo tapfer, als ge⸗ wandt ſei. Man ſtieg die unterirdiſche Geheimtreppe hinauf und kam an das erſte Gitter; es war zugeworfen, aber nicht geſchloſſen. Man trat in das Todtengewölbe. Dort herrſchte mehr als die Einſamkeit, mehr als die Stille: dort herrſchte der Tod. Die Tapferſten fühlten einen Schauer an der Wurzel ihrer Haare. Roland ging von Sarg zu Sarg, indem er jeden mit dem Piſtolenkolben, den er in der Hand hielt, ſondirte. Alles blieb ſtumm. Man ſchritt durch dies Todtengewölbe und kam an das zweite Gitter, durch welches man in die Kapelle trat. Daſſelbe Schweigen, dieſelbe Einſamkeit, alles war öde und wie es ſchien ſeit Jahren verlaſſen. Roland ging gerade auf den Chor zu: er⸗fand noch das Blut auf den Steinplatten, Niemand hatte ſich die Mühe genommen, ſie abzuwaſchen. Dort war man am Ziele der Nachforſchungen; man mußte am Erfolg verzweifeln. Roland konnte ſich nicht zum Rückzuge entſchließen. Er dachte, er ſei vielleicht wegen ſeiner zahlreichen Escorte nicht angegriffen worden; er ließ deßhalb Dumas, Jehu. III. 3 zehn Mann und eine Fackel in der Kapelle, befahl ihnen durch das geborſtene Fenſter ſich mit dem einige Schritte von dem Fenſter im Walde verſteck⸗ ten Hauptmann der Gendarmerie in Verbindung zu ſetzen, und kehrte mit zwei Mann zurück. Diesmal fanden die beiden Mann, welche Roland begleiteten, ihn mehr als tapfer; ſie fanden ihn ver⸗ wegen. Roland aber, der nicht mal darnach fragte, ob man ihm folge, ging ſeiner eigenen Spur nach, da die der Banditen fehlte. Die beiden Mann ſchämten ſich und folgten. Die Karthauſe war entſchieden verlaſſen. Als man vor das große Thor kam, rief Roland den Oberſten der Dragoner; der Oberſt und ſeine zehn Leute waren auf ihrem Poſten. Roland öffnete die Thüre und ſtieß zu ihnen. Sie hatten nichts geſehen, nichts gehört. Dann ſuchten ſie ihre Leute auf, die zu dem Hauptmann der Gendarmerie und ſeinen acht Mann geſtoßen waren. Dieſe erwarteten ſie ſämmtlich im Chor. an mußte ſich zum Rückzuge entſchließen; es hatte ſo eben zwei Uhr geſchlagen: ſeit mehr als drei Stunden dauerten die Nachſuchungen, ohne daß man etwas gefunden hätte. Roland, welcher ſich bei den Gendarmen und Dragonern in Achtung geſetzt, da ſie fanden, daß der Ernovize vor nichts zurückſchreckte, mußte zu ſei⸗ nem großen Bedauern das Zeichen zum Rückzuge . geben, indem er die Thüre der Kapelle öffnete, welche in den Wald führte. ru jun bac Oh — ver wa mer den Kaſ Pu efahl dem ſteck⸗ 9 z, land ver⸗ ob „da 1. oland ſeine en. dem Rann 2 n; es rals e doß nund „daß u ſei⸗ ckzuge welche* 35 Diesmal begnügte ſich Roland, ſie zu ſchließen, da man nicht mehr hoffte, Jemanden zu begegnen. Dann machte ſich die kleine Abtheilung mit beſchleunigtem Schritte wieder auf den Weg nach Bourg. Der Hauptmann der Gendarmerie, ſeine achtzehn Mann und Roland kehrten in die Kaſerne zurück, nachdem ſie ſich der Wache zu erkennen gegeben. Der Oberſt der Dragoner und die zwölf Mann ſetzten ihren Weg fort und kehrten in die Stadt zurück. Er war dies jener Ruf der Wache, welcher die Aufmerkſamkeit Morgans und Valenſolles geweckt. Es war die Rückkehr jener achtzehn Mann in die Kaſerne, welche ihr Mahl unterbrochen. Es war endlich jener unvorhergeſehens kimſtand, welcher Morgan veranlaßt hatte, Valenſolle zuzu⸗ rufen: „Achtung!“ Und wirklich, in der Lage, in der ſich die beiden jungen Leute befanden, verdiente Alles Achtung. Das Mahl wurde deßhalb unterbrochen, die Kinn⸗ backen hörten auf zu arbeiten, um die Augen und Ohren ihre Functionen in ihrer vollen Ausdehnung verrichten zu laſſen. Man ſah bald, daß die Augen allein beſchäftigt waren. Jeder Gendarme ging ohne Licht auf ſein Zim⸗ mer; nichts zog deßhalb die Aufmerkſamkeit der bei⸗ den jungen Leute an den zahlreichen Fenſtern der Kaſerne auf ſich, ſo daß ſie ſich auf einen einzigen Punkt concentriren konnte. Mitten unter dieſen blinden Fenſtern erhellten ſich zwei; dieſe waren im rechten Winkel beinahe am Ende des Gebäudes, ſo daß ſie ſich gerade gegenüber von dem befanden, wo die beiden Freunde ihr Mahl einnahmen. Dieſe Fenſter befanden ſich im erſten Stock; da Morgan und Valenſolle ganz oben auf dem Futter⸗ haufen ſaßen, ſo waren ſie nicht nur auf gleicher Höhe mit jenen Fenſtern, ſondern ſahen ſogar hinab auf dieſelben. Dieſe Fenſter waren die des Hauptmanns der Gendarmerie. Sei es nun Sorgloſigkeit des tapfern Haupt⸗ männes, ſei es Sparſamkeit des Staates, man hatte dieſe Fenſter mit Vorhängen zu verſehen vergeſſen, ſo daß, Dank den beiden Lichtern, mit welchen der Offizier der Gendarmerie ſeinen Gaſt zu ehren dachte, Morgan und Valenſolle alles ſehen konnten, was in jenem Zimmer vorging. Plötzlich ergriff Morgan den Arm von Valenſolle und preßte ihn. „Nun,“ ſagte Valenſolle,„was gibt es wieder Neues?“ Roland hatte ſo eben ſeinen dreieckigen Hut auf einen Stuhl geworfen und Morgan hatte ihn er⸗ kannt. „Roland von Montrevel„ ſagte er,„Roland in der Uniform eines Gendarmeriequartiermeiſters; diesmal haben wir ſeine Spur, während er die unſrige ſucht. Nun gilt es unſererſeits, ſie nicht zu verlieren.“ 2 ( 1 l ( † . k ten am ber ahl da ter⸗ cher nab der upt⸗ atte ſſen, der chte, s in ſolle ieder tauf er⸗ land ſters; r die „ 37 „Was thuſt Du?“ fragte Valenſolle, da er merkte, daß ſein Freund ſich entfernte. „Ich will unſere Genoſſen davon in Kenntniß ſetzen; Du bleibſt und verlierſt ihn nicht aus dem Geſichte; er legt ſeinen Säbel und ſeine Piſtolen weg, er wird wahrſcheinlich die Nacht in dem Zim⸗ mer des Hauptmanns zubringen: ich will mal ſehen, ob er einen Weg einſchlägt, ſei es was für einer es woll e ohne daß er einen von uns auf den Ferſen hätte.“ Und Morgan ließ ſich an dem Futtervorrath hin⸗ abgleiten und verſchwand aus den Augen ſeines Ge⸗ noſſen, der wie eine Sphinx zuſammengekauert, Roland von Montrevel nicht aus den Augen ließ. Eine Viertelſtunde ſpäter war Morgan zurück und die Fenſter des Gendarmerieoffiziers waren wie alle andern Fenſter der Kaſerne in tiefes Dunkel gehüllt. Nun?“ fragte Morgan. „Nun,“ antwortete Valenſolle,„die Suht hat auf die proſaiſchſte Weiſe von der Welt geendigt: ſie kleideten ſich aus, man löſchte die Lichter; nun legt ſich der Hauptmann in ſein Bett, Roland auf eine Matratze; es iſt deßhalb wahrſcheinlich, daß ſie jetzt bereits um die Wette ſchnarchen.“ „In dieſem Falle wünſche ich ihnen und uns gute Nacht.“ Zehn Minuten ſpäter war dieſer Wunſch erfüllt und die beiden jungen Leute ſchliefen, als wäre die Gefahr nicht ihr Schlafkamerad. III. Das Hotel zur Poſt. Am ſelben Tage gegen ſechs Uhr Morgens, das heißt während der graulichen und kalten Dämmerung eines der letzten Tage des Februar, verließ ein Rei⸗ ter auf einem Poſtklepper, dem ein Poſtillon, der ihn an der Hand führte, voranritt, Bourg auf dem Wege nach Magon oder Saint⸗Julien. Wir ſagen auf dem Wege nach Macon oder Saint⸗Julien, weil eine Stunde von der Hauptſtadt der Breſſe der Weg ſich ſpaltet und zwei Straßen bildet, von denen die eine rechts nach Saint⸗Julien, die andere links nach Macon führt. An der Verzweigung der beiden Straßen ange⸗ kommen, wollte der Reiter den Weg nach Macon einſchlagen, als eine Stimme, die unter einem um⸗ geſtürzten Wagen hervorzukommen ſchien, ſein Mit⸗ leid anrief: Der Reiter befahl dem Poſtillon, zu ſehen, was es wäre. Ein armer Gemüſegärtner lag wirklich unter einem Gemüſewagen. Ohne Zweifel wollte er ihn in dem Augenblicke ſtützen, wo das Rad, ſich nach dem Graben neigend, das Gleichgewicht verloren hatte; der Wagen war auf ihn gefallen und dies ſo glücklich, daß, wie er ſagte, er nichts gebrochen zu haben hoffte und nichts weiter verlangte, als daß man den Wagen aufrichte; er hoffte dann ſchon ſel⸗ ber ſich auf die Beine zu helfen. — das ung Rei⸗ ihn ege der tadt ßen ien, ige⸗ gon um⸗ Nit⸗ vas ter ihn ach ren ſo zu daß ſel⸗ Der Reiter war mitleidig gegen ſeinen Nächſten. Denn nicht nur erlaubte er, daß der Poſtillon an⸗ halte, um dem Gemüſehändler aus der Noth zu hel⸗ fen, in der er ſich befand, ſondern er ſprang ſelbſt vom Pferde, und mit einer Kraft, die man entfernt nicht bei einem Manne von mittlerer Größe, wie er war, erwartete, half er dem Poſtillon den Wagen nicht nur aufrichten, ſondern ſogar auf das Fflaſter des Weges ſchieben. Dann wollte er dem Manne ſich aufrichten hel— fen. Dieſer aber hatte die Wahrheit geſagt, er war ganz und geſund, und wenn ihm auch eine Art von Schwäche in den Beinen blieb, ſo geſchah es, um das Sprüchwort zu rechtfertigen, daß es einen Gott für die Betrunkenen gebe. Der Gemüſehändler erſchöpfte ſich in Dankſagun⸗ gen und nahm ſein Pferd am Zügel, aber, wie man leicht ſehen konnte, ebenſoſehr um ſich ſelbſt zu hal⸗ ten, als um das Thier auf dem rechten Wege zu führen. Die beiden Reiter ſetzten ſich in den Sattel, gaben ihren Pferden die Sporen, daß ſie im Galoppe da⸗ von ſprengten und verſchwanden bald an der Krüm⸗ mung, welche der Weg fünf Minuten vor dem Walde von Monnet macht. Aber kaum waren ſie verſchwunden, ſo ging eine bemerkenswerthe Veränderung in dem Benehmen des Gemüſehändlers vor: er hielt ſein Pferd an, richtete ſich auf, ſteckte das Mundſtück einer kleinen Trompete an ſeinen Mund und blies dreimal. Eine Art von Reitknecht trat aus dem Walde hervor, der ſich an der Landſtraße hinzieht, und führte ein vornehmes Pferd am Zügel. Der Gemüſehändler warf raſch ſeine Blouſe ab, zog ſeine Hoſe aus grober Leinwand aus und trug„ nun eine Weſte, Beinkleider von Hirſchleder und 1 Stulpſtiefeln. Er ſtörte in ſeinem Wagen umher, zog ein Packet 1 heraus, das er öffnete, ſchüttelte einen grünen Jagd⸗ 3 rock mit goldenen Bordenknopflöchern, zog ihn an, warf einen kaſtanienbraunen Reiſemantel darüber, nahm aus der Hand des Reitknechts einen Hut, den ihm dieſer bot und der zu ſeiner eleganten Kleidung paßte, ließ ſich die Sporen und die Stiefel reinigen, und mit der Leichtigkeit und Gewandtheit eines vollendeten Stallmeiſters auf ſein Pferd ſpringend,„ ſagte er zu dem Reitknecht: „Sei dieſen Abend um ſieben Uhr zwiſchen Saint Juſt und Ceyzeriat, Du wirſt Morgan dort begegnen und ihm ſagen, daß der Bekannte nach Magon geht, daß ich aber vor ihm dort ſein werde.“ Und in der That, ohne ſich um den Gemüſewagen zu kümmern, den er der Obhut ſeines Dieners über⸗ ließ, wandte der Exgemüſehändler, der niemand an⸗ ders war als unſer alter Bekannter Montbar, den Kopf ſeines Pferdes nach dem Walde von Monnet+ und ſetzte es in Galopp. Dies war kein ſchlechter Poſtklepper, wie der, welchen Roland ritt, ſondern im Gegentheil ein aus⸗ gezeichneter Renner; auf dieſe Weiſe überholte Mont⸗ bar zwiſchen dem Walde von Monnet und Polliat die beiden Reiter. Das Pferd machte mit Ausnahme eines kurzen und ab, rug und icket igd⸗ an, ber, den ung en, nes nd, int nen con gen ber⸗ an⸗ den met der, us⸗ ont⸗ liat 41 Haltes in Saint Cyr ſur Menthon in einem Ritte und in weniger als drei Stunden die neun oder zehn Meilen, welche Bourg von Magon entfernt iſt. In Macon angekommen, ſtieg Montbar im Hotel zur Poſt ab, dem einzigen, welches zu jener Zeit im Rufe ſtand, daß es alle Reiſenden von Stande be⸗ herbergte. Im Uebrigen ſah man an der Art, wie Montbar in dem Hotel empfangen wurde, daß der Wirth es mit einem alten Bekannten zu thun hatte. „Ah! Sie ſind es, Herr von Jayat,“ ſagte der Wirth;„wir fragten uns geſtern, was aus Ihnen geworden ſei: es iſt mehr als einen Monat, daß man Sie hier zu Lande nicht mehr geſehen.“ „Sie glauben, daß das ſo lange her ſei, mein Freund?“ ſagte der junge Mann, indem er das Schnarren, das damals in der Mode war, affectirte; zja, wahrhaftig, ich beſuchte meine Freunde, die Treffort, die Hautecourt, Sie kennen doch die Herren dieſes Namens, nicht wahr?“ „Dem Namen wie der Perſon nach.“ „Wir machten Treibjagen; ſie haben ausgezeich⸗ nete Wagen, auf Ehre! Aber frühſtückt man bei Ihnen dieſen Morgen?“ „Warum nicht?“ „Nun denn, ſo geben ſie mir ein Huhn, eine Flaſche Bordeaux, zwei Coteletten, Obſt und Deſſert.“ „Augenblicklich. Wollen Sie auf Ihrem Zimmer oder in dem Speiſeſaal ſervirt ſein?“ „In dem Speiſeſaal, es iſt angenehmer; nur ſerviren Sie mir an jenem beſonderen Tiſche. Ach! vergeſſen Sie mein Pferd nicht, es iſt ein ausge⸗ zeichnetes Thier, das ich mehr liebe, als gewiſſe Chriſten, auf Ehre!“ Der Wirth gab ſeine Befehle, Montbar ſtellte ſich vor den Kamin, warf ſeinen Reiſemantel zurück und wärmte ſeine Waden. „Alſo Sie haben noch immer die Poſt?“ fragte er den Wirth, als wollte er das Geſpräch nicht aus⸗ gehen laſſen. „Ja wohl.“ „Bei Ihnen werden alſo die Diligencen une⸗ ſpannt?“ „Nicht die Diligencen, ſondern die Mallen.“ „Ah! ſagen Sie doch: ich muß mich in einem der nächſten Tage nach Chambery begeben, wie viel Plätze hat die Mallepoſt?“ „Drei: zwei im Interieur, einen beim Courier.“ „Und habe ich Hoffnung, einen Platz frei zu finden?“ „Das kommt bisweilen vor: aber das Sicherere, ſehen Sie, das iſt immer ſeine eigene Kaleſche oder ſein Cabriolet zu haben.“ „Man kann alſo keinen Platz zum Voraus neh⸗ men?“ „Nein, denn Sie begreifen, Herr von Jayat, wenn es Reiſende gibt, die ihre Plätze von Paris nach Lyon genommen, ſo haben ſie das Vorrecht.“ „Sagen Sie, die Ariſtokraten!“ ſagte Montbar lächelnd.„Apropos Ariſtokraten, es kömmt einer hinter mir mit einem Poſtpferde; ich habe ihn eine Viertelmeile von Polliat überholt; er ſchien mir einen etwas ſtörriſchen Klepper zu reiten.“ „O!“ machte der Wirth,„das iſt nichts Merk⸗ iſſe ellte rück gte us⸗ ge⸗ em viel zu ere, der eh⸗ a, ris bar ner ine ien 43 würdiges. Meine Collegen ſind ſchlecht verſehen mit Pferden.“ „Ah, da iſt er ja, unſer Mann,“ verſetzte Mont⸗ bar;„ich glaubte ihm weiter voraus zu ſein.“ Roland ritt wirklich im ſelben Momente galop⸗ pirend am Fenſter vorüber in den Hof. „Nehmen Sie das Zimmer Nr. 1, Herr von Jayat?“ fragte der Wirth. „Weßhalb die Frage?“ „Nun, weil es das beſte, und weil, wenn Sie es nicht nehmen, wir es dem Herrn, der kommt, geben, falls er länger hier bleibt.“ „O, kümmern Sie ſich nicht um mich; ich werde erſt im Verlaufe des Tages ſagen können, ob ich hier bleibe oder weiter reiſe. Wenn der Herr hier bleibt, ſo geben Sie ihm Nr. 1; ich begnüge mich mit Nr. 2.“ „Ich habe Ihnen gedeckt, mein Herr,“ ſagte der Kellner, indem er an der Thüre erſchien, welche von der Küche in den Speiſeſaal führte. Montbar machte ein Zeichen und folgte der Einladung; er trat in den Speiſeſaal gerade in dem Augenblicke, wo Roland in die Küche trat. Der Tiſch war wirklich gedeckt; Montbar legte ſein Couvert auf die entgegengeſetzte Seite und ſtellte ſich ſo, daß er der Thüre den Rücken kehrte. Dieſe Vorſicht war unnöthig, Roland trat nicht in den Speiſeſaal und der Frühſtückende konnte ſein Mahl ohne Störung einnehmen. Beim Deſſert jedoch brachte ihm der Wirth ſelbſt den Caffee. Montbar merkte, daß der würdige Mann Luſt —— S zu plaudern hatte. Das traf ſich vortrefflich; er wünſchte etwas zu wiſſen. „Nun,“ fragte Montbar,„was iſt aus unſerem Manne geworden? Hat er nur das Pferd gewechſelt?“ „Nein, nein, nein,“ antwortete der Wirth;„wie Sie ſagten, es iſt ein Ariſtokrat; er verlangte, daß man ihm ſein Frühſtück auf dem Zimmer ſervire.“ „Auf ſeinem Zimmer oder auf meinem Zimmer?“ fragte Montbar;„denn ich bin überzeugt, daß Sie ihm die famoſe Nr. 1 gegeben.“ „Verdammt! Herr von Jayat, daran ſind Sie ſelbſt ſchuldig; Sie ſagten mir, daß ich darüber dis⸗ poniren könne.“ „Und Sie haben mich beim Worte genommen, daran haben Sie Recht gethan; ich werde mich mit Nr. 2 begnügen.“ „O, da werden Sie ſchlecht aufgehoben ſein; das Zimmer iſt von Nr. 1 nur durch eine Bretterwand getrennt, und man hört Alles, was man im nächſten Zimmer thut oder ſpricht.“ „Ei, mein lieber Wirth, Sie glauben wohl, daß ich zu Ihnen gekommen, um unpaſſende Dinge zu thun oder aufrühreriſche Lieder zu ſingen, da Sie Furcht haben, daß man höre, was ich ſagen oder thun werde?“ „O, das iſt es nicht.“ „Was iſt es denn?“ „Ich fürchte nicht, daß Sie Andere ſtören, ſon⸗ dern daß Andere Sie ſtören.“ „Gut! Ihr junger Mann iſt alſo ein Lärmmacher?“ „Nein, aber er ſieht mir wie ein Offizier aus.“ „Woraus vermuthen Sie das?“ en, mit das nd ten daß zu Sie der — 45 „Erſtens ſeine Haltung, dann hat er mich über das Regiment ausgefragt, das in Macon liege; ich ſagte ihm, es ſei das ſiebente Regiment der Chaſſeurs zu Pferde.“ „Ah, das iſt ſchön, ſagte er, ich kenne den Brigadechef, er iſt einer meiner Freunde; kann Ihr Kellner ihm meine Karte bringen und ihn fragen, ob er mit mir ſpeiſen wolle.“ „Ah, ah!“ „Sie können ſich nun denken, wenn Offiziere bei einander ſind, das gibt Lärm und ſie werden vielleicht nicht nur frühſtücken, ſondern auch zu Mittag eſſen, und ſoupiren.“ „Ich ſagte Ihnen bereits, mein lieber Wirth, daß ich nicht glaubte, das Vergnügen zu haben, die Nacht bei Ihnen zuzubringen; ich erwarte poste restante Briefe von Paris, welche darüber entſcheiden, was ich thun werde; indeſſen zünden Sie mir Feuer in Nr. 2 an, aber machen Sie ſo wenig Geräuſch als möglich, um meinen Nachbar nicht zu geniren; ſie laſſen mir zu gleicher Zeit eine Feder, Papier und Tinte hin⸗ aufbringen: ich habe zu ſchreiben.“ Die Befehle Montbars wurden pünktlich ausge⸗ führt und er ging ſelbſt hinter dem Zimmerkellner drein, damit Roland nicht durch ſeine Nachbarſchaft geſtört würde. Montbar hörte deutlich den Kellner Roland den Brigadechef Saint Maurice melden und im Gefolge der hallenden Schritte des Letztern die Ausrufe, welche den beiden Freunden, die entzückt waren, ſich wiederzuſehen, entſchlüpften. Roland, deſſen Aufmerkſamkeit einen Augenblick durch das Geräuſch im nächſten Zimmer in Anſpruch genommen war, hatte dieſes Geräuſch vergeſſen ſo⸗ bald es aufgehört, und es war keine Gefahr vorhan⸗ den, daß es ſich erneuern werde. Sobald Montbar allein war, hatte er ſich an den Tiſch geſetzt, auf welchem ſich Tinte, Feder und Papier befanden, und ſich ruhig verhalten. Die beiden Offiziere hatten ſich früher in Italien gekannt und Roland ſtand unter dem Befehle von Saint⸗Maurice, als dieſer Rittmeiſter und Roland nur Lieutenant war. Heute ſtanden ſie ſich im Range gleich; Roland hatte die doppelte Miſſion vom erſten Conſul und vom Polizeipräfecten, die ihm den Befehl über die Offiziere deſſelben Grades wie er ertheilte, und inner⸗ halb ſeiner Miſſion ſogar über Offiziere eines höhe⸗ ren Grades. Morgan hatte ſich nicht getäuſcht, als er die Vermuthung ausſprach, der Bruder Amelies ſei in Verfolgung der Genoſſen Jehus begriffen: wenn die nächtlichen Nachforſchungen in der Karthauſe von Seillon keinen Beweis dafür geliefert, ſo hätte dieſer aus dem Geſpräch des jungen Offiziers mit ſeinem Collegen hervorgehen können, vorausgeſetzt, daß dies Geſpräch gehört wurde. Der erſte Conſul ſchickte deßhalb in der That fünfzigtauſend Franken an die Väter vom St. Bern⸗ hard; dieſe fünfzigtauſend Franken gingen mit der Poſt; aber dieſe fünfzigtauſend Franken waren nur eine Art Falle, in der man die Plünderer der Dili⸗ gencen zu fangen hoffte, wenn ſie nicht in der Kar⸗ 8 — e—— S ———— ch ſo⸗ n⸗ ar uf nd en n 1d 47 thauſe von Seillon oder an einem andern Schlupf⸗ winkel aufgehoben wurden. Es galt jetzt nur noch zu wiſſen, wie man ſie aufheben ſollte. Das wurde während des Frühſtücks der beiden Offiziere ein Langes und Breites verhandelt. Beim Nachtiſch waren ſie einig und der Plan entworfen. Am ſelben Abend erhielt Morgan einen Brief, welcher folgendermaßen lautete: „Wie uns Adler bereits gemeldet, wird nächſten Freitag um fünf Uhr Abends die Mallepoſt von Paris mit fünfzigtauſend Franken für die Väter auf dem St. Bernhard abgehen. „Die drei Plätze, der Platz des Coupè, und die beiden Plätze im Interieur ſind bereits von drei Reiſenden genommen, von denen der erſte in Sens, die beiden andern in Tonnere einſteigen werden. „Dieſe Reiſenden werden ſich in dem Wagen be⸗ finden: im Coupé einer der tapferſten Agenten des Citoyen Fouché und im Interieur Herr Roland von Montrevel und der Brigadechef des ſiebenten Chaſ⸗ ſeurregiments, das in Macon liegt.. „Sie werden bürgerliche Kleidung tragen, um keinen Verdacht zu erregen, aber bis an die Zähne bewaffnet ſein. „Zwölf Chaſſeurs zu Pferde, mit Musketen, Pi⸗ ſtolen und Säbeln, werden die Poſt begleiten, aber in einiger Entfernung, jedoch ſo, daß ſie bald zu Hilfe kommen können. „Der erſte Piſtolenſchuß ſoll ihnen das Signal auf dem Wege ein völlig geſatteltes Pferd zugeführt. 48 geben, ihre Pferde in Galopp zu ſetzen und über die Plünderer herzufallen. „Meine Anſichtiſt nun, daß trotz all dieſer Vorſichts⸗ maßregeln, und ſogar gerade wegen dieſer Vorſichts⸗ maßregeln der Angriff ſtattfinden ſollte, und zwar an dem beſtimmten Orte, nämlich dem Maiſon Blanche'. „Wenn dies auch die Anſicht der Genoſſen Jehus iſt, ſo möge man es mich wiſſen laſſen: ich werde die Malle als Poſtillon von Magon nach Belleville führen. „Ich nehme den Brigadechef auf mich: einer von euch muß den Agenten des Citoyen Fouché auf ſich neéhmen. „Herrn Roland von Montrevel wird nichts ge⸗ ſchehen, da ich mich anheiſchig mache, ihn durch ein mir bekanntes und von mir erfundenes Mittel daran zu hindern, aus der Mallepoſt zu ſteigen. „Die genaue Stunde, in welcher die Poſt von Chambery am Maiſon Blanche vorüberkömmt, iſt Samstag um ſechs Uhr Abends. „Eine kurze Antwort, welche lautet: Samstag um ſechs Uhr Abends, und alles wird am Schnür⸗ chen gehen. „Montbar.“ Um Mitternacht wurde Montbar, der ſich wirk⸗ lich über den Lärm ſeines Nachbars beklagt und in ein anderes Zimmer auf der entgegengeſetzten Seite des Hotels gezogen war, von einem Couriere geweckt, der niemand anders als der Reitknecht war, der ihm eir nic Lel on ſich ge⸗ ein an on iſt 49 ür⸗ rk⸗ in ite ckt, m rt. 49 Dieſer Reitknecht brachte einen Brief für Herrn von Jayat. Dieſer Brief enthielt einfach folgende Worte mit einer Nachſchrift: „Samstag um ſechs Uhr Abends. „Morgan.“ „P. S. Nicht vergeſſen, ſelbſt mitten im Kampfe nicht, und namentlich im Kampfe nicht, daß das Leben Rolands von Montrevel geſchützt iſt.“ Der junge Mann las dieſe Antwort mit ſicht⸗ licher Freude; diesmal war's nicht mehr ein einfacher Angriff auf eine Diligence, ſondern eine Art Ehren⸗ ſache zwiſchen Männern von verſchiedener politiſcher Meinung, ein Züſammenſtoß von Tapfern. Es war nicht mehr bloß Gold, was man auf der Landſtraße umherſtreuen wollte, man wollte Blut vergießen. Man hatte es nicht mit Conducteurs⸗Piſtolen ohne Kugeln, die die Hand eines Kindes führt, zu thun, ſondern mit den tödtlichen Waffen von Solda⸗ ten, die damit umzugehen gewöhnt waren. Uebrigens hatte man den ganzen nächſten und übernächſten Tag vor ſich, um ſeine Maßregeln treffen zu können. Montbar begnügte ſich jedoch, den Reit⸗ knecht zu fragen, welcher Poſtillon um fünf Uhr die Poſt nach Macon zu bringen und die Poſtſtunde oder zwei Poſtſtunden, denn ſo weit iſt Magon von Belle⸗ ville, zu fahren habe. Er trug ihm außerdem auf, vier Ringnägel und zwei Vorlegſchlöſſer mit Schlüſſeln zu kaufen. Er wußte vorher ſchon, daß die Malle um vier Dumas, Jehu. II. 4 ein halb in Macon ankomme, dort Mittag mache, und Punkt fünf Uhr abfahre. Ohne Zweifel waren alle Maßregeln Montbars bereits getroffen; denn nachdem er ſeinem Diener dieſe Aufträge gegeben, verabſchiedete er ihn und ſchlief wie Jemand, der noch einigen Schlaf einzuholen hat. Am andern Tage ſtand er erſt um neun Uhr Morgens auf oder begab ſich wenigſtens erſt um dieſe Stunde in den Speiſeſaal. Er fragte mit gleich⸗ gültiger Miene den Wirth nach ſeinem unruhigen Nachbar. Er war um ſechs Uhr Morgens mit der Malle⸗ poſt von Lyon nach Paris mit ſeinem Freunde, dem Brigadechef der Chaſſeurs, abgereist und der Wirth glaubte gehört zu haben, daß ſie ihre Plätze nur bis Tonnere beſtellten. Uebrigens gerade wie Herr von Jayat ſich um den jungen Offizier kümmerte, hatte ſich der junge Offizier ſeinerſeits um ihn bekümmert, hatte gefragt, wer er ſei, ob er gewöhnlich in dieſem Hotel abſteige und ob man glaube, daß er geneigt wäre, ſein Pferd zu verkaufen. Der Wirth hatte geantwortet, daß er Herrn von Jayat genau kenne, daß dieſer, ſo oft ihn Geſchäfte nach Magon führten, in ſeinem Hotel wohne, und„ daß, was ſein Pferd betreffe, er nach der Zärtlich⸗ keit, die der junge Edelmann für daſſelbe an den Tag gelegt, nicht glaube, daß er ſich deſſelben um irgend einen Preis entſchlagen werde. Auf dies ſei der Reiſende weggefahren, ohne weiter auf ſeinem Wunſche zu beſtehen. Nach dem Frühſtück ließ Herr von Jayat, der ache, bars dieſe chlief hat. Uhr um leich⸗ higen kalle⸗ dem wirth nur um junge ragt, ſteige Pferd on chäfte und tlich⸗ den um ohne „der — 51 ſehr mäßig zu ſein ſchien, ſein Pferd ſatteln, ſtieg auf und verließ Magon auf dem Wege von Lyon. So lange er in der Stadt war, ließ er ſein Pferd gehen, wie das elegante Thier wollte; als er jedoch die Stadt im Rücken hatte, nahm er die Zügel zu⸗ ſammen und gab ihm die Kniee. Dieſe Andeutung genügte, das Thier ſprengte im Galopp davon. Montbar ritt durch die Dörfer Varennes, Tre⸗ chus und la Chapelle de Grinchay und hielt erſt bei dem Maiſon Blanche an. Der Ort war ganz, wie ihn Valenſolle beſchrie⸗ ben und für einen Hinterhalt vortrefflich gewählt. Das Maiſon Blanche lag in einem Thalgrunde zwiſchen zwei Bergen, von denen der eine ſich in das Thal hinabſenkte, während der andere auf die Höhe führte; an der Ecke ſeines Gartens ſtrömte ein klei⸗ ner Fluß vorüber, der ſich auf der Höhe von Challe in die Saone ergoß. Dichtbelaubte und hohe Bäume umſäumten den Fluß in ſeinem ganzen Laufe, und hüllten das Haus in einem Halbzirkel ein. Das Haus, das früher ein Wirthshaus gewe⸗ ſen, auf dem der Wirth jedoch ſchlechte Geſchäfte ge⸗ macht, war ſeit ſieben bis acht Jahren geſchloſſen und begann zu verfallen. Ehe man an das Haus gelangte, wenn man von Magon kam, machte der Weg eine Biegung. Montbar beſah ſich die Localitäten mit der Sorg⸗ falt eines Ingenieurs, der das Terrain eines Schlacht⸗ feldes zu beſichtigen hat, zog ein Bleiſtift und ein Portefeuille aus der Taſche und entwarf einen ge⸗ nauen Plan der Lage. Dann kehrte er nach Macon zurück. Zwei Stunden ſpäter ging der Stallknecht ab, um Morgan den Plan zu bringen, indem er ſeinem Herrn zuvor den Namen des Poſtillons nannte, der die Malle führen ſollte: er hieß Antoine. Er hatte außerdem die vier Ringnägel und die beiden Schlöſſer gekauft. Montbar ließ eine Flaſche alten Burgunder kom⸗ men und verlangte nach Antvine. Zehn Minuten ſpäter trat Antoine ein. Es war ein großer und hübſcher Menſch von fünfundzwanzig bis ſechsundzwanzig Jahren, unge⸗ fähr von dem Wuchſe Montbars, was dieſer, nach⸗ dem er ihn vom Kopf bis zum Fuße gemeſſen, mit Befriedigung bemerkt hatte. Der Poſtillon blieb auf der Schwelle ſtehen, und die Hand militäriſch an den Hut haltend, ſagte er: „Der Citoyen ließ mich rufen?“ „Du nennſt Dich alſo Antoine?“ fragte Montbar. „Ihnen zu dienen, wenn ich kann, Ihnen und Ihren Genoſſen.“ „Gut, ja, mein Freund, Du kannſt mir dienen; ſchließe doch die Thüre und komme hierher.“ Antvine ſchloß die Thüre, näherte ſich Montbar auf zwei Schritte und die Hand abermals an den Hut haltend, ſagte er: „Hier, mein Herr.“ „Erſtens,“ ſagte Montbar,„wenn Du nichts da⸗ gegen haſt, ſo wollen wir ein Glas Wein auf die Geſundheit Deiner Geliebten trinken.“ * nem der die von nge⸗ ach⸗ mit und bar. und len, bar den da⸗ die . 53 „O, o, meiner Geliebten,“ machte Antoine,„haben Leute wie wir Geliebte?“) Das iſt gut für Herren wie Sie, Geliebte zu haben.“ „Du wirſt mir doch nicht glauben machen, Kerl,“ ſagte Montbar,„daß man mit einem Ausſehen, wie Du, das Gelübde der Enthaltſamkeit ablegt?“ „O, ich will nicht ſagen, daß man gerade ein Mönch iſt; man hat da und dort auf der Landſtraße eine Liebſchaft.“ „Ja, in jedem Wirthshauſe: deßhalb hält man mit den Retourpferden ſo oft an und gibt vor, man wolle einen Tropfen trinken oder ſeine Pfeife an⸗ zünden.“ „Wahrhaftig!“ machte Antoine mit einer nicht zu ſchildernden Bewegung der Schultern.„Da muß man lachen.“ „Nun, koſte mal den Wein, Junge, ich verſichere Dich, daß er Dich nicht weinen machen wird.“ Und indem er ein volles Glas nahm, gab er dem Poſtillon ein Zeichen, daß er das andere neh⸗ men ſolle. ſe Ihre Geſundheit und die Ihrer Genoſſen⸗ aft.“ Es war dies eine gewöhnliche Redensart des braven Poſtillons, eine Art umfaſſender Höflichkeit, die nicht erſt durch die Exiſtenz irgend einer Ge⸗ noſſenſchaft gerechtfertigt zu ſein brauchte. „Ah! ja,“ ſagte er, nachdem er getrunken und MUnüberſetzbare Doppelſinnigkeit des Wortes Mai⸗ treſſe. mit der Zunge geſchnalzt,„das iſt ja ein ganz alter Wein und ich habe ihn hinuntergeſchluckt, ohne ihn zu koſten, als wenn es ein kleines Schnäpschen wäre.“ „Das iſt Unrecht, Antoine.“. „Freilich iſt das Unrecht!“ „Nun,“ machte Montbar, indem er ein zweites Glas einſchenkte,„glücklicherweiſe läßt ſich das wie⸗ der gut machen.“ „Nicht höher, als mein Daumen, Herr,“ ſagte der muntere Poſtillon, indem er das Glas hinhielt und darauf Acht hatte, daß ſein Daumen auf dem Niveau des Randes war. „Eine Minute,“ machte Montbar in dem Augen⸗ blicke, wo Antoine das Glas an den Mund ſetzen wollte. „Es war die höchſte Zeit,“ machte der Poſtillon; „der Unglückliche wollte ſchon hinunter. Was gibt es?“ „Du wollteſt nicht, daß ich auf die Geſundheit Deiner Geliebten trinke, ſo wirſt Du mirs hoffent⸗ lich nicht abſchlagen, auf die Geſundheit der meinen zu trinken.“ „O, das kann man nicht abſchlagen, namentlich mit ſolchem Wein; auf die Geſundheit Ihrer Gelieb⸗ ten und ihrer Genoſſenſchaft!“ Und er ſchluckte den rothen Saft, indem er ihn diesmal koſtete. „Nun,“ machte Montbar,„Du haſt Dich zu ſehr beeilt, mein Freund.“ „Bah!“ machte der Poſtillon. „Ja; vorausgeſetzt, daß ich mehrere Geliebte habe: ſobald wir diejenige nicht nennen, auf deren Geſundheit wir trinken, wie willſt Du, daß es ihr wohl bekommt?“ ſ Uter ihn re.“ ites wie⸗ agte ielt dem gen⸗ tzen on; 8 22 heit ent⸗ nen lich ieb⸗ den ſehr bte ren ihr 55 „Das iſt wahr!“ „Das iſt traurig. Wir müſſen noch einmal be⸗ ginnen, mein Freund.“ „Ja, wir wollen noch einmal beginnen! Mit einem Manne wie Sie darf man die Sache nicht ſchlecht machen; man hat den Fehler begangen, man wird ihn vertrinken.“ und Antoine hielt ſein Glas hin, das Montbar bis an den Rand füllte. „Jetzt,“ ſagte er, einen Blick auf die Flaſche wer⸗ fend, und ſich durch dieſen Blick verſichernd, daß ſie leer war,„wir dürfen uns nicht täuſchen. Ihr Name?“ „Auf die ſchöne Joſephine!“ ſagte Montbar. „Auf die ſchöne Joſephine!“ wiederholte Antvine. Und er ſchluckte den Burgunder mit einem Wohlbe⸗ hagen, das jeden Augenblick zuzunehmen ſchien. Nachdem er dann getrunken und ſich die Lippen mit ſeinem Aermel getrocknet hatte, während er das Glas auf den Tiſch ſtellte, ſagte er: „Nur einen Augenblick, mein Herr.“ „Gut!“ machte Montbar,„geht etwas nicht?“ „Ich glaube wohl; wir haben eine ſchöne Ge⸗ ſchichte gemacht, aber es iſt zu ſpät.“ „Warum?“ „Die Flaſche iſt leer.“ „Ja, dieſe hier, aber nicht dieſe zweite.“ Und Montbar holte aus dem Winkel des Kamines eine entkorkte Flaſche hervor. „Ah, ah!“ machte Antvine, deſſen Geſicht ein freudiges Lächeln erhellte. „Läßt ſich damit helfen?“ fragte Montbar. „Jawohl,“ machte Antoine. Und er hielt das Glas hin. Montbar füllte es mit derſelben Gewiſſenhaftig⸗ keit, wie die drei erſten. „Nun,“ machte der Poſtillon, den rubinfarbigen Trunk, der in ſeinem Glaſe blitzte, ans Licht hebend, „ich ſagte alſo, daß wir auf die Geſundheit der ſchönen Joſephine getrunken?“ „Ja,“ ſagte Montbar. „Aber,“ fuhr Antoine fort, viel Joſephinen in Frankreich.“ „Das iſt wahr; wie viele glaubſt Du, daß es gibt?“ „Nun, wohl hunderttauſend.“ „Ich räume das ein, und dann?“ „Nun, von dieſen hunderttauſend ſind höchſtens ein Zehntel ſchön.“ „Das iſt viel.“ „Sagen wir ein Zwanzigſtel.“ „Wohl.“ „Das macht fünftauſend.“ „Weißt Du, daß Du ein großer Rechner biſt.“ „Ich bin der Sohn eines Schulmeiſters.“ „Nun?“ „Nun, auf welche jener fünftauſend haben wir getrunken, hm?“ „Du haſt wahrhaftig Recht, Antoine; man muß den Familiennamen zum Taufnamen ſetzen und auf die ſchöne Joſephine... „Warte, das Glas iſt halb ausgetrunken; damit die Geſundheit etwas nütze, muß man es leeren und wieder füllen.“ Antoine ſetzte das Glas an den Mund. „es gibt verteufelt 770) ftig⸗ igen end, der felt es ens vir uß uf tit id 57 „So, jetzt iſt es leer,“ ſagte er. „Und nun wiedet voll,“ machte Montbar, indem er die Flaſche damit in Berührung brachte. „Nun, ich warte; auf die ſchöne Joſephine...“ „Auf die ſchöne Joſephine... Collier!“ Und Montbar leerte ſein Glas. „Potz Kuckuk!“ machte Antoine.„Aber warten Sie, Joſephine Collier, ich kenne das.“ „Ich ſage nicht nein.“ „Joſephine Collier. Das iſt ja die Tochter des Poſtmeiſters von Belleville.“ „Allerdings.“ „Donnerwetter!“ machte der Poſtillon,„Sie ſind nicht zu beklagen, mein Herr, ein hübſches, ſchön“ ge⸗ wachſenes Mädchen; auf die Geſundheit der ſchönen Joſephine Collier!“ Und er leerte ſein fünftes Glas Burgunder. „Nun, begreifſt Du jetzt,“ fragte Montbar,„warum ich Dich heraufrief, mein Junge?“ „Nein, aber ich grolle Ihnen deßhalb doch nicht.“ „Das iſt hübſch von Dir.“ „O, ich bin ein guter Teufel.“ „Nun, ich will es Dir ſagen.“ „Ich bin ganz Ohr.“ „Höre! ich glaube, Du wirſt noch beſſer hören, wenn Dein Glas voll iſt, als wenn es leer iſt.“ „Waren Sie zufällig Arzt bei Tauben?“ fragte der Poſtillon ſcherzend. „Nein, aber ich habe viel mit Trunkenbolden verkehrt;“ antwortete Montbar, indem er Antvines Glas wieder füllte. „Man iſt kein Trunkenbold, wenn man den Wein liebt,“ ſagte Antoine. „Ich bin Deiner Anſicht, mein braver Junge,“ verſetzte Montbar;„man iſt nur ein Trunkenbold, wenn man ihn nicht ertragen kann.“ „Das iſt gut geſagt,“ machte Antoine, der den ſeinen gut tragen zu können ſchien;„ich höre.“ „Du ſagteſt mir, daß Du nicht begreifeſt, warum ich Dich habe heraufkommen laſſen?“ „Das ſagte ich allerdings.“ „Du dachteſt Dir jedoch wohl, daß ich eine Ab⸗ ſicht habe?“ „Jeder Menſch hat eine gute oder böſe Abſicht, behauptet unſer Pfarrer,“ ſagte Antvine ſententiös. „Nun, die meinige, mein Freund,“ verſetzte Mont⸗ bar,„iſt, in der Nacht unerkannt in den Hof des Meiſter Nicolas Denis Collier, Poſtmeiſters in Belleville, zu kommen.“ „In BVelleville,“ wiederholte Antvine, der den Worten Montbars mit all der Aufmerkſamkeit folgte, deren er fähig war;„ich begreife und Sie wollen un⸗ erkannt in den Hof des Meiſter Ricolas Denis Collier, Poſtmeiſters in Belleville, kommen, um mit Bequemlichkeit die hübſche Joſephine zu ſehen? Ah, Sie Schelm.“ „Du haſt's getroffen, mein lieber Antoine; und ich möchte unerkannt dahin kommen, weil der Vater Collier alles entdeckt und ſeiner Tochter verboten hat, mich bei ſich zu ſehen.“ „Ei, und was kann ich dabei thun?“ „Du biſt noch nicht ganz klar? Antoine, trinke dies Glas Wein, um Dich aufzuhellen.“ ic hi iſt ic T le um Ab⸗ cht, nt⸗ des in den gte, un⸗ nis mit Ah, nd ter at, nke 59 „Sie haben Recht,“ machte Antoine. Und er leerte ſein ſechſtes Glas. „Was Du dabei thun könnteſt, Antoine?“ „Ja, was kann ich dabei thun? Das iſts, was ich frage.“ „Du kannſt alles dabei thun, mein Freund.“ O 2 5 Du. „Ach! ich wäre neugierig, das zu wiſſen: hellen Sie auf, hellen Sie auf!“ Und er hielt ſein Glas hin. „Du führſt morgen die Mallepoſt von Cham⸗ bery?“ „Ja wohl, um ſechs Uhr.“ „Nun, angenommen, Antvine iſt ein guter Junge.“ „Das braucht nicht angenommen zu werden, er iſt es.“ „Nun, ſo höre, was Antvine thut.“ „Laſſen Sie hören, was er thut.“ „Zuerſt leert er ſein Glas.“ „Das iſt nicht ſchwer und bereits gethan.“ „Dann nimmt er dieſe zehn Louisd'ors.“ Montbar zählte zehn Louisd'ors auf den Tiſch. „Ah, ah!“ machte Antoine,„ächte Goldfüchſe; ich glaubte, dieſe Burſche ſeien alle ausgewandert.“ „Du ſiehſt, daß es doch noch welche gibt.“ „Und was muß Antoine thun, damit ſie in ſeine Taſche wandern?“ „Antoine muß mir ſeinen ſchönſten Poſtanzug leihen.“ „Ihnen?“ „Und mir morgen Abend ſeinen Platz abtreten.“ können.“ „Allerdings. Ich komme um acht Uhr nach Belleville, ich reite in den Hof, ich ſage, die Pferde ſeien müde, ich laſſe ſie bis zehn Uhr ausruhen und von acht bis zehn Uhr...“ „Schon gut, ich helfe Ihnen den Vater Collier hinters Licht führen.“ „So iſt es alſo abgemacht, Antoine?“ „Abgemacht; man iſt jung und hilft den Jungen; man iſt Junggeſelle und hilft den Junggeſellen; wenn man alt und Papa ſein wird, wird man den Papas und den Alten helfen und rufen: Es leben die Hampelmänner!““ „Du leihſt mir alſo, mein lieber Antvine, Dein ſchönſtes Wamms und Deine ſchönſte Hoſe?“ „Ich habe gerade ein Wamms und eine Hoſe, die ich noch nicht getragen.“ „Du gibſt mir Deinen Platz?“ „Mit Vergnügen.“ „Und ich gebe Dir dieſe fünf Louisd'or als Draufgeld.“ „Und das Uebrige?“ „Morgen, wenn ich Dir die Stiefel zurückgebe; nur empfehle ich Dir eine Vorſicht...“ „Welche?“ „Man ſpricht viel von Räubern, welche die Eil⸗ wagen plündern; Du wirſt deßhalb Holfter an den Sattel befeſtigen.“ „Warum das?“ „Um Piſtolen hineinzuſtecken.“ „Damit Sie die ſchöne Joſephine unerkannt ſehen au da Ic Ri ken wã der zwe ſtill hen Gle hab ſtol mac von ehen nach erde und Uier gen; enmn pas die Dein oſe, als ebe; Eil⸗ den 61¹ „Gehen Sie! Sie werden doch dieſen braven jun⸗ gen Leuten nichts anhaben wollen?“ „Wie, Du nennſt Diebe, welche die Diligencen ausplündern, brave junge Leute.“ „Gut; man iſt deßhalb noch kein Dieb, weil man das Geld der Regierung ſtiehlt.“ „Das iſt Deine Anſicht?“ „Freilich; und die Anſicht noch vieler Andern. Ich weiß wohl, wenns auf mich ankäme und ich Richter wäre, ich würde ſie nicht verurtheilen.“ „Du würdeſt vielleicht auf ihre Geſundheit trin⸗ ken?“ „Ganz gewiß, namentlich wenn der Wein ſo gut wäre.“ „Ich fordere Dich heraus,“ ſagte Montbar, in⸗ dem er alles in Antoines Glas goß, was in der zweiten Flaſche blieb. „Sie kennen das Sprichwort?“ ſagte der Po⸗ ſtillon. „Welches?“ „Man muß keinen Narren an ſeiner Kappe zie⸗ hen. Auf die Geſundheit der Genoſſen Jehus!“ „So ſei es,“ ſagte Montbar. „Und die fünf Louisd'ors,“ machte Antoine, das Glas auf den Tiſch ſetzend. „Hier ſind ſie.“ „Danke; Sie ſollen Holfter an Ihrem Sattel haben, aber glauben Sie mir, ſtecken Sie keine Pi⸗ ſtolen hinein, oder wenn Sie Piſtolen hineinſtecken, machen Sie es wie Vater Jerome, der Conducteur von Genf, laden Sie keine Kugeln.“ Und nach dieſer menſchenfreundlichen Empfehlung nahm der Poſtillon von Montbar Abſchied und ging die Treppe hinab, indem er mit weinheiſerer Stimme ſang: Früh Morgens ſtand ich von dem Lager auf Nahm nach dem Walde meinen Lauf, Dort fand ich meine Schäferin Und weckte ſanft die Schöne auf. Ich ſagte: holde, liebe Schäferin, Du fürchteſt Dich vor mir doch nicht? Sie aber ſchmollt und grollt und ſagt: Betrügeriſcher Böſewicht! Montbar folgte gewiſſenhaft dem Sänger bis zum Schluſſe des zweiten Verſes; aber wie großes Intereſſe er auch an der Romanze von Meiſter An⸗ toine nahm, als die Stimme deſſelben in der Ferne verklang, mußte er auf den Reſt des Liedes ver⸗ zichten. IV. Die Mallepoſt von Chambery. Andern Tags, um fünf Uhr Nachmittags, ſchirrte Antvine, ohne Zweifel, um zur rechten Zeit fertig zu ſein, im Hofe des Poſthotels die drei Pferde an, welche die Mallepoſt führen ſollten. Nach dem Auftrag, den ihm Montbar gegeben, war der Sattel des einen Pferdes mit Piſtolen ver⸗ ſehen. ging imme bis roßes An⸗ Ferne ver⸗ hirrte ig zu än, eben, er⸗ 63 Von Zeit zu Zeit wandte er ſich beim Hinein⸗ und Hinausgehen nach dem Fenſter eines kleinen Zimmers, das über eine Nebentreppe in den Hof führte. Dieſes Fenſter, deſſen Vorhang leicht zur Seite geſchoben war, geſtattete, wenn es bewohnt war, dem, der es bewohnte, durch das Halbdunkel eines Winterabends zu ſehen, was im Hofe vorging. Man hätte glauben können, Antoine gebe von all ſeinem Thun und Treiben einem unbekannten, hinter dieſem Vorhange verborgenen Beobachter Re⸗ chenſchaft. Um fünf Uhr fünfunddreißig Minuten hörte man das Raſſeln eines Wagens und das Klatſchen der Peitſche eines Poſtillons. Einen Augenblick ſpäter fuhr die Mallepoſt in großem Galopp in den Hof des Hotels, und ſtellte ſich unter den Fenſtern des Zimmers auf, das An⸗ toine ſo ſehr zu beſchäftigen geſchienen, das heißt drei Schritte von der letzten Stufe der Nebentreppe. Wenn man, ohne ein beſonderes Intereſſe daran zu nehmen, auf eine ſo unbedeutende Einzelheit hätte Acht haben können, ſo würde man bemerkt haben, daß der Vorhang des Fenſters ſich auf eine beinahe unvorſichtige Weiſe auseinander ſchob, um die Per⸗ ſon, die das Zimmer bewohnte, ſehen zu laſſen, wer aus der Mallepoſt ſtieg. Drei Männer ſtiegen heraus, die mit der Haſt von hungrigen Reiſenden auf die hell erleuchteten Fenſter des Speiſeſaals zugingen. Kaum waren ſie eingetreten, als man über die Nebentreppe einen eleganten Poſtillon herabkommen ſah, der ſeine gro⸗ ßen Stiefel noch nicht anhatte, ſondern nur feine Escarpins, über die er ſie erſt anziehen wollte. Dieſer Poſtillon ließ ein ſanftes Pfeifen hören, das, ſo leiſe es auch war, genügte, um Antoine auf⸗ merkſam zu machen: dieſer brachte ſeine groben Stie⸗ fel und ſeinen Mantel herbei. Der elegante Poſtillon zog die groben Stiefel Antoines an, ſteckte ihm fünf Louisd'ors in die Hand, und drehte ſich dann um, damit ihm dieſer ſeinen Mantel auf die Schulter werfe, was die ſtrenge Kälte ziemlich nothwenig machte. Nachdem dieſe Toilette zu Ende war, kehrte An⸗ toine langſam in den Stall zurück, wo er ſich in dem dunkelſten Winkel verſteckte. Der aber, dem er ſeinen Platz abgetreten, ging, beruhigt durch den hohen Kragen des Mantels, der die Hälfte ſeines Geſichtes verbarg, gerade auf die drei vorher von Antvine geſchirrten Pferde zu, ſteckte ein Paar doppelläufige Piſtolen in die Holfter und den Augenblick benützend, in dem der Poſtwagen durch das Ausſpannen der Pferde und den Weggang des Poſtillons von Tournus allein ſtand, befeſtigte er mit Hilfe eines ſpitzen Pfriemens, der im Nothfalle als Dolch dienen konnte, ſeine vier Ringnägel in dem Holze der Mallepoſt, das heißt einen an jede Thüre und die beiden andern in dem Holze des Gepäck⸗ kaſtens einander gegenüber. Dann ſpannte er die Pferde mit einer Schnellig⸗ keit und Gewandtheit vor, welche auf einen Mann deuteten, der ſeit ſeiner Kindheit mit allen Details jener Kunſt vertraut war, in der man es in unſern Tagen durch jene ehrenwerthe Klaſſe der Geſellſchaft tro un we ohr Sc Sc ließ feſt den wäh beid ſein ihn ſein Wir eine ren, auf⸗ Stie⸗ iefel and, inen enge An⸗ dem ing, der die eckte und urch des mit als dem üre äck⸗ llig⸗ ann ails ſern haft 65 die wir die Gentlemen riders nennen, ſo weit ge⸗ bracht hat. Nachdem dies geſchehen, wartete er, indem er ſeine unruhigen Pferde mit Hilfe des Wortes und der Peitſche beruhigte, welche er zuſammen oder einzeln anwandte.. Man weiß, mit welcher Geſchwindigkeit die Mahl⸗ zeiten des unter die Herrſchaft der Mallepoſt Ver⸗ urtheilten gemacht werden; die halbe Stunde war deßhalb noch nicht abgelaufen, als man bereits die Stimme des Conducteurs hörte, welcher rief: „Vorwärts, Citoyens, eingeſtiegen.“ Lepretre hielt ſich ganz nahe am Schlage, und trotz ihrer Verkleidung erkannte er deutlich Roland und den Brigadechef des ſiebenten Dragonerregiments, welche einſtiegen und im Interieur Platz nahmen, ohne auf den Poſtillon zu achten. Dieſer ſchloß den Schlag hinter ihnen, legte das Schloß an die beiden Ringnägel und drehte den Schlüſſel um. Dann um den Wagen herumgehend, that er, als ließe er ſeine Peitſche vor dem andern Schlage fallen, be⸗ feſtigte, während er ſich hinabbeugte, das Schloß in den beiden andern Ringnägeln, drehte den Schlüſſel während er ſich erhob, um, und gewiß, daß die beiden Offiziere feſt eingeſchloſſen ſeien, peitſchte er ſein Pferd, indem er den Conducteur ausſchalt, der ihn gewähren ließ. Der Reiſende des Coupé war wirklich bereits an ſeinem Platze, als der Conducteur noch mit dem Wirth eine Rechnung in's Reine brachte. „Soll's noch heute Abend, dieſe Nacht oder erſt Dumas, Jehu. III. 5 66 morgen früh fortgehen, Vater Francois? 7“ rief der falſche Poſtillon, indem er ſo gut es ging die Stimme des ächten nachmachte. „Schon gut, ſchon gut, es geht ſogleich,“ antwor⸗ tete der Conducteur. Dann um ſich ſehend, ſagte er: „Halt! Wo ſind denn die Reiſenden?“ fragte er. „Wir ſind hier,“ ſagten zu gleicher Zeit die bei⸗ den Dijiere im Interieur der Mallepoſt, und der Agent im Coupé. „Der Schlag iſt doch feſt geſchloſſen?“ fragte Francois. „O, ich ſtehe dafür,“ machte Lepretre. „In dieſem Falle vorwärts, Burſche,“ rief der Conducteur, indem er auf den Fußtritt ſtieg und neben ſeinem Reiſenden Platz nahm, während er den Schlag hinter ſich zuzog. Der Poſtillon ließ ſich das nicht zweimal ſagen; er trieb ſeine Pferde zu raſchem Trabe an, indem er dem Sattelpferde die Sporen in die Weichen drückte und den andern einen kräftigen Peitſchenhieb gab. Lepretre führte den Wagen, als wenn er in ſei⸗ nem ganzen Leben nichts Anderes gethan; er fuhr durch die Stadt, daß die Scheiben zitterten und die Häuſer bebten; nie hatte ein ächter Poſtillon ſeine Peitſche ſo gut angewandt. Als ſie Macon hinter ſich hatten, ſah er eine kleine Gruppe von Reitern; es waren zwölf Chaſ⸗ ſeurs, welche der Mallepoſt folgten, ohne jedoch den Anſchein zu haben, als wenn ſie ſie escortirten. Der Brigadechef ſtreckte den Kopf zum Wagen⸗ ſchl ſie ſie wãä den we Eue gen kön zuf Bu Rol here köm Con Esc fähr Lep der imme twor⸗ te er. bei⸗ d der ragte f der und den agen; m er rückte ab. n ſei⸗ fuhr d die ſeine eine Chaſ⸗ den agen⸗ 67 ſchlag heraus und machte dem Quartiermeiſter, der ſie befehligte, ein Zeichen. Lepretre ſchien nichts zu bemerken, aber nachdem ſie fünfhundert Schritte gemacht hatten, wandte er, während er mit der Peitſche eine Symphonie klatſchte, den Kopf um und ſah, daß die Escorte ſich in Be⸗ wegung geſetzt. „Wartet, Kinderchen,“ ſagte Lepretre,„ich will Euch ſchon zu ſchaffen machen.“ Und er verdoppelte die Sporenſtreiche und Peit⸗ ſchenhiebe. Die Pferde ſchienen Flügel zu haben; der Wa⸗ gen flog über das Fflaſter hin, man hätte glauben können, der Donner rolle vorüber. Der Conducteur wurde unruhig. „Heh! Meiſter Antvine,“ rief er,„ſind wir etwa zufällig berauſcht?“ „Berauſcht, v ja,“ antwortete Lepretre,„ich habe Burgunderrübenſalat zu meinem Eſſen gehabt.“ „Aber zum Teufel, wenn es ſo fort geht,“ rief Roland, der nun ebenfalls den Kopf zum Schlage herausſtreckte,„ſo wird uns die Escorte nicht folgen können.“ „Du verſtehſt, was man Dir ſagt,“ rief der Conducteur. „Nein,“ antwortete Lepretre,„ich verſtehe nicht.“ „Gut denn, man“ gibt Dir zu verſtehen, daß die uns nicht folgen könne, wenn Du ſo raſch ährſt.“ „Es iſt alſo eine Escorte in der Nähe?“ fragte Lepretre. 68 „Freilich, weil wir Geld der Regierung bei uns haben.“ „Das iſt etwas anderes; das hätte man gleich ſagen ſollen.“ Aber ſtatt den Lauf ſeiner Pferde zu verlang⸗ ſamen, fuhr die Mallepoſt gleich raſch fort, und wenn je eine Aenderung eintrat, ſo war es die, daß es noch raſcher ging. „Du weißt, daß wenn uns ein Unglück geſchieht,“ ſagte der Conducteur,„ich Dir den Schädel mit einem Piſtolenſchuß zerſchmettere.“ „Recht,“ machte Lepretre,„man kennt Ihre Pi⸗ ſtolen, es ſind keine Kugeln drin.“ „Wohl möglich, aber in den meinen ſind welche,“ rief der Polizeiagent. „Das wird man bei Gelegenheit ſehen,“ ant⸗ wortete Lepretre. Und er ſetzte ſeinen Weg fort, ohne ſich weiter um dieſe Bemerkungen zu kümmern. Man fuhr mit Blitzesſchnelligkeit durch das Dorf Varennes, La Creche und die kleine Stadt La Cha⸗ pelle de Grinchay. Es dauerte kaum noch eine halbe Stunde bis man an das Maiſon Blanche kam. Die Pferde troffen von Schweiß, und wieherten vor Ungeſtüm, während ihnen der Schaum vor dem Maule ſtand. Lepretre ſah hinter ſich; mehr als tauſend Schritte von der Mallepoſt entfernt ſprühten die Funken un⸗ ter den Füßen der Pferde. Vor ihm befand ſich der abſchüſſige Berg. Er ritt dem Abhang zu, indem er jedoch die uns gleich lang⸗ wenn es eht,“ mit e Pi⸗ che, ant⸗ eiter Dorf Cha⸗ bis erten dem ritte un⸗ die 69 Zügel in einer Weiſe zuſammennahm, welche ihn Herr der Pferde ſein ließ, wenn er wollte. Der Conducteur hatte zu rufen aufgehört, da er ſah, daß ihn eine ſichere und gewandte Hand führte. Nur von Zeit zu Zeit blickte der Chef der Bri⸗ gade durch den Schlag, um zu ſehen, in welcher Entfernung ſich ſeine Leute befanden. Auf der Hälfte des Abhangs war Lepretre Herr ſeiner Thiere, ohne auch nur einen Augenblick den Anſchein zu haben, als ließe er ſie langſamer gehen. Er begann nun mit voller Stimme den Reveil du peuple anzuſtimmen; es war dies das Lied der Royaliſten, wie die Marſeillaiſe das Lied der Jaco⸗ biner war. „Was macht der Burſche da?“ rief Roland, den Kopf zum Schlage hinausſtreckend;„ſagen Sie ihm doch, er ſoll ſchweigen, Conducteur, fonſt ſchieße ich ihm eine Kugel in die Lenden.“ Vielleicht wollte der Conducteur dem Poſtillon die Drohung Rolands wiederholen, aber er glaubte eine ſchwarze Linie zu ſehen, welche den Weg ver⸗ ſperrte. Zu gleicher Zeit rief eine Donnerſtimme: „Halt, Conducteur!“ „Poſtillon, fahre über dieſe Banditen weg,“ rief der Polizeiagent. „Ja, ſo gut wie Sie,“ ſagte Lepretre.„Fährt man nur ſo mir nichts, dir nichts, über ſeine Freunde weg? Ho, ho!“ Die Mallepoſt hielt wie durch einen Zauber an. „Vorwärts, vorwärts!“ riefen Roland und der Brigadechef zu gleicher Zeit, indem er einſah, daß die Escorte zu weit zurück war, um. ſie zu unter⸗ ſtützen. „Ha, Räuber von einem Poſtillon,“ rief der Po⸗ lizeiagent, indem er aus dem Coupé ſprang und ein Piſtol auf Lepretre richtete,„Du ſollſt für Alle be⸗ zahlen.“ Aber er hatte noch nicht geendigt, als Lepretre, ihm zuvorkommend, Feuer gab und der Agent tödt⸗ lich getroffen unter die Räder des Wagens fiel. Sein durch den Todeskampf gekrümmter Finger drückte auf die Krappe, der Schuß ging los, aber ins Blaue hinein, ohne daß die Kugel Jemand ge⸗ troffen hätte. „Conducteur,“ riefen die beiden Offiziere,„Don⸗ nerwetter, öffnen Sie doch!“ „Meine Herren,“ ſagte Morgan hervortretend, „wir wollen Ihnen nicht ans Leben, ſondern nur das Geld der Regierung. Alſo, Conducteur, die fünfzig⸗ tauſend Franken und raſch!“ Zwei Schüſſe aus dem Interieur waren die Ant⸗ wort der beiden Offiziere, die, nachdem ſie vergeb⸗ lich den Schlag zu öffnen verſucht, ebenſo vergeblich durch die Fenſteröffnung hinauszuſteigen ſuchten Ohne Zweifel traf einer der Schüſſe, denn man hörte einen Schrei der Wuth, während ein Blitz den Weg erhellte. Der Brigadechef ſtieß einen Seufzer aus und fiel auf Roland. Er war getroffen worden. Roland gab mit ſeinem zweiten Piſtole Feuer, aber niemand ſchoß wieder. Seine beiden Piſtolen waren abgeſchoſſen; einge⸗ ind we lud geſ der un Me rie Kir Ab au ner um von get ſie als die daß nter⸗ Po⸗ ein be⸗ etre, tödt⸗ nger aber ge⸗ Don⸗ end, das fzig⸗ Ant⸗ geb⸗ blich man den und ber 71 ſchloſſen, wie er war, konnte er ſich ſeines Säbels nicht bedienen, und heulte vor Wuth. Während dieſer Zeit zwang man den Conducteur, indem man ihm die Piſtole an den Hals ſetzte, das Geld herzugeben; zwei Männer nahmen die Säcke, welche die fünfzigtauſend Franken enthielten, und be⸗ luden Lepretres Pferd damit, das ihm ſein Reitknecht, geſattelt und gezäumt, wie bei einem Stelldichein auf der Jagd, brachte. Lepretre hatte ſich ſeiner dicken Stiefel entledigt und ſprang in Escarpins in den Sattel. „Viel Schönes an den erſten Conſul, Herr von Montrevel,“ rief Morgan. Dann ſich nach ſeinen Genoſſen umwendend, rief er: „Auf nach Rechts und Links, wohin Jeder will, Kinder. Ihr kennt das Stelldichein, auf morgen Abend...“ „Ja, ja,“ antworteten zehn bis zwölf Stimmen. Und die ganze Bande flog wie ein Flug Vögel auseinander, indem ſie in dem Thal unter dem Schatten der Bäume verſchwanden, welche dem klei⸗ nen Fluſſe entlang ſtanden und das Maiſon Blanche umgaben. In dieſem Augenblick hörte man den Galopp von Pferden, und die Escorte, von den Schüſſen an⸗ getrieben, erſchien auf der Höhe des Berges, an dem ſie wie eine Lawine herunterſtürzte. Aber ſie kam zgſpät; ſie fanden nichts mehr, als den Conducteur, der am Rand des Grabens ſaß, die beiden Leichen des Polizeiagenten und des Bri⸗ 72 gadechefs, und Roland, der gefangen war und wie ein die Gitter ſeines Käfigs rüttelnder Löwe brüllte. V. Die Antwort des Lord Greenville. Während die Ereigniſſe, die wir ſo eben erzählt, vor ſich gingen und die Gemüther und die Zeitungen der Provinz beſchäftigten, bereiteten ſich andere und weit wichtigere Ereigniſſe in Paris vor, die die Ge⸗ müther und die Zeitungen der ganzen Welt beſchäf⸗ tigen ſollten. Lord Tannlay war mit der Antwort ſeines On⸗ kels Lord Greenville zurückgekommen. Dieſe Antwort beſtand in einem an Herrn von Talleyrand gerichteten Brief und in einer für den erſten Conſul geſchriebenen Note. Der Brief lautete folgendermaßen: Downingſtreet, 14. Februar 1800. „Mein Herr! „Ich habe Seiner Majeſtät den Brief übergeben, den Sie mir durch die Vermittlung meines Reffen Lord Tannlay ſandten. Seine Mozeſtät haben, da ſie keinen Grund einſehen, weßhalb man von den Formen abgehen ſollte, die ſo lange in Europa üb⸗ lich waren, um die Angelegenheiten mit fremden Staaten zu behandeln, mir den Auftrag ertheilt, in ihrem Namen die offizielle Antwort Ihnen zukommen zu laſſen, welche ich Ihnen im Anſchluß ſchicke. na wie üllte. ählt, ngen und Ge⸗ häf⸗ On⸗ von den en, fen da en ib⸗ en wiederholt, was ich Sie ihm zu ſagen beauftragte?“ 73 „Ich habe die Ehre, mit hoher Verehrung zu ſein, mein Herr, Ihr ergebenſter und gehorſamſter Diener „Greenville.“ Die Antwort war trocken, die Note präcis. Ueberdies war ein eigenhändiges Schreiben von dem erſten Conſul an den König Georg gerichtet worden und König Georg, der in Europa übli⸗ chen Formen, mit auswärtigen Staaten zu verhandeln, ſich nicht entſchlagend, ant⸗ wortete in einer einfachen Note, welche der nächſte beſte Sekretär geſchrieben. Die Note war freilich von Greenville unter⸗ zeichnet. Die Note war nichts als ein langer Vorwurf gegen Frankreich, gegen den Geiſt der Unordnung, der in ihm herrſchte, gegen die Beſorgniſſe, welche dieſer Geiſt der Unordnung ganz Europa einflößte und ſprach von der Nothwendigkeit, in die ſich alle regierenden Souveräne ihn zu unterdrücken durch den Selbſterhaltungstrieb geſetzt ſähen. Kurz es war die Fortſetzung des Kriegs. In den Augen Bonapartes leuchtete, als er dies las, jene Flamme, welche bei ihm den großen Ereig⸗ niſſen voranging, wie der Blitz dem Donner. „Das alſo, mein Herr,“ ſagte er, indem er ſich nach Tannlay umwandte,„das iſt Alles, was Sie erlangen konnten?“ „Ja, Citoyen erſter Conſul.“ „Sie haben alſo Ihrem Oheim nicht wörtlich „Ich habe nicht eine Silbe vergeſſen.“ „Sie haben ihm alſo nicht geſagt, daß Sie Frank⸗ reich ſeit zwei bis drei Jahren bewohnen, daß Sie es geſehen, daß Sie es ſtudirt, daß es ſtark, mächtig, glücklich ſei, daß es den Frieden verlange, aber zum Kriege gerüſtet ſei?“ „Ich habe ihm all das geſagt.“ „Sie haben alſo nicht hinzugefügt, daß es ein ſinnloſer Krieg iſt, den ſie uns machen; daß man dieſen Geiſt der Unordnung, von dem ſie ſprechen, und der im Ganzen genommen nur die Ausſchwei⸗ fung der zu lange untervrückten Freiheit iſt, durch einen allgemeinen Frieden auf Frankreich allein be⸗ ſchränken müſſe; daß dieſer Friede der einzige heil⸗ ſame Cordon ſei, der jenen hindern könnte, unſere Grenzen zu überſchreiten; daß, wenn man in Frank⸗ reich den Vulcan des Krieges anzünde, dieſer ſich wie Lava über alle fremden Länder ergießen werde? Italien iſt befreit, ſagt der König von England; aber von wem? von ſeinen Befreiern; Italien iſt befreit, aber warum? weil ich das Deltaegypten bis zum dritten Katarract eroberte; jetzt aber bin ich da: in einem Monate kann ich dort ſein, in Italien, und was brauche ich, um es von den Alpen bis zum adriatiſchen Meere wieder zu erobern? eine Schlacht? Was glauben Sie, daß Maſſena thut, indem er Ge⸗ nua vertheidigt? Er erwartet mich. Ah! die Sou⸗ veräne von Europa brauchen den Krieg, um ſich ihre Kronen zü ſichern! Nun, Mylord, ich ſage Ihnen, ich werde Europa ſo tüchtig ſchütteln, daß die Krone ihnen auf der Stirne ſchwanken ſoll. Sie ank⸗ Sie tig, zum ein nan hen, wei⸗ urch be⸗ eil⸗ ſere nk⸗ ſich de? nd; iſt da: ind um ht? He⸗ ou⸗ ſich age aß Sie 75 brauchen den Krieg? Warten Sie! Bourrienne! Byurrienne!“ Die Thüre, welche das Kabinet des erſten Con⸗ ſuls mit dem des erſten Sekretärs verband, ging plötzlich auf und Bourrienne erſchien mit ſo er⸗ ſchrockenem Geſicht, als wenn Bonaparte zu Hilfe gerufen hätte. Er ſah Bonaparte ſehr aufgeregt die diploma⸗ tiſche Note mit der Hand zerknittern und mit der an⸗ dern auf den Schreibtiſch ſchlagen, und Lord Tannlay ruhig, aufrecht und ſtumm drei Schritte von ihm ſtehen. Er begriff augenblicklich, daß es die Antwort Englands ſei, welche den erſten Conſul reizte. „Sie haben mich gerufen, General?“ ſagte er. „Ja,“ machte der erſte Conſul,„ſetzen Sie ſich und ſchreiben Sie!“ Und mit kurzem und gebrochenem Tone, ohne die Worte zu ſuchen, im Gegentheil, als wenn die Worte an den Thoren ſeines Geiſtes ſich drängten, dictirte er folgende Proclamation: „Soldaten! „Indem ich dem franzöſiſchen Volke den Frieden verſprach, war ich euer Organ; ich kenne eure Tapferkeit. „Ihr ſeid dieſelben, die den Rhein, Holland, Italien eroberten und unter den Mauern des er⸗ ſtaunten Wiens den Frieden gaben. „Soldaten! es gilt nicht mehr bloß eure Gren⸗ zen zu vertheidigen, ſondern die feindlichen Staaten zu erobern. „Soldaten! wenn es Zeit ſein wird, werde ich 76 mitten unter euch ſein und das erſtaunte Europa wird ſich erinnern, daß ihr zu Karl des Tapfern zählt.“ Bourienne ſah auf und wartete, nachdem er dieſe letzten Worte geſchrieben. „Nun, das iſt Alles,“ ſagte Bonaparte. „Soll ich die ſacramentalen Worte: Es lebe die Republik! hinzufügen?“ „Warum fragen Sie das?“ „Weil wir ſeit vier Monaten keine Proclama⸗ tionen gemacht, und weil ſich in den gewöhnlichen Formeln etwas geändert haben könnte.“ „Die Proclamation iſt gut ſo wie ſie iſt,“ ſagte Bonaparte,„fügen Sie nichts hinzu.“ Und eine Feder nehmend, kratzte er weit eher ſeine Unterſchrift unter die Proclamation, als daß er ſie ſchrieb. Dann gab er ſie Bourrienne zurück und ſagte: „Das ſoll morgen im Moniteur erſcheinen.“ Bourrienne ging mit der Proclamation. Bonaparte blieb mit Lord Tannlay allein, ging einen Augenblick auf und ab, als wenn er ver⸗ geſſen, daß der Engländer anweſend ſei; aber plötz⸗ lich blieb er vor ihm ſtehen und ſagte: „Mylord, glauben Sie bei Ihrem Oheim alles erreicht zu haben, was ein Anderer an Ihrer Stelle hätte erreichen können?“ „Mehr, Citoyen erſter Conſul.“ „Mehr, mehr; was haben Sie denn erreicht?“ „Ich glaube, daß der Citoyen erſte Conſul die königliche Note nicht mit der Aufmerkſamkeit geleſen, die ſie verdient.“ upn ern ieſe na⸗ en gte er . 77 „Doch!“ machte Bonaparte,„ich weiß ſie aus⸗ wendig.“ „Dann hat der Citoyen erſte Conſul den Sinn eines gewiſſen Abſatzes nicht erwogen, die Worte nicht erwogen.“ „Sie glauben?“ „Ich bin davon überzeugt; und wenn der Ci⸗ toyen erſte Conſul mir erlauben würde, ihm den Abſatz vorzuleſen, auf welchen ich abziele. Bonaparte öffnets die Hand, in welcher ſich die zerknitterte Note befand, entfaltete ſie und gab ſie Lord Tannlay, indem er ſagte: „Leſen Sie.“ Sir John warf den Blick auf die Note, die er genau zu kennen ſchien, blieb bei dem zweiten Abſatz ſtehen und ſagte: „Das beſte und ſicherſte Unterpfand der Ver⸗ wirklichung des Friedens, wie ſeiner Dauer wäre die Reſtauration jenes Fürſtengeſchlechtes, das ſo viele Jahrhunderte lang der franzöſiſchen Nation die Wohlfahrt nach Innen und die Achtung nach Außen erhielt. Ein ſolches Ereigniß hätte die Hinderniſſe auf die Seite geſchafft, und wird die Hinderniſſe auf die Seite ſchaffen, welche ſich auf dem Wege der Unterhandlung und des Friedens finden, es würde Frankreich wieder in den ruhigen Genuß ſeines al⸗ ten Territoriums ſetzen und allen andern Nationen Europas durch Ruhe und Frieden jene Sicherheit verleihen, die ſie jetzt durch andere Mittel zu ſuchen verbunden ſind.“ „Nun,“ machte Bonaparte ungeduldig,„ich hatte ganz genau geleſen und wohl verſtanden. Sei Monck, 78 habe für einen Andern gearbeitet und man wird Dir Deine Siege, Deinen Ruhm, Dein Genie verzeihen; beuge Dich und man wird Dir erlauben, groß zu ſein.“ „Citoyen erſter Conſul,“ ſagte Lord Tannlay, „Niemand weiß beſſer als ich den Unterſchied zwi⸗ ſchen Ihnen und Monck und wie ſehr Sie ihn an Genie und Ruhm übertreffen.“ „Was leſen Sie mir dann?“ „Ich leſe Ihnen jenen Abſatz nur,“ verſetzte Sir John,„um Sie zu bitten, dem darauffolgenden ſei⸗ nen Werth zu geben.“ „Wir wollen den nächſten hören,“ ſagte Bona⸗ parte mit zurückgehaltener Ungeduld. Sir John fuhr fort: „Aber wie wünſchenswerth auch ein ſolches Er⸗ eigniß für Frankreich und die Welt ſein möchte, ſo beſchränkt doch Seine Majeſtät nicht ausſchließlich auf dieſen Modus allein die Möglichkeit einer dauern⸗ den und ſichern Pacification. 4 Sir John legte großen Nachdruck auf die letzten Worte. „Ah, ah!“ machte Bonaparte. Und er trat raſch an John heran. Der Engländer fuhr fort: „Seine Majeſtät maßt ſich nicht an, Frankreich vorzuſchreiben, welches die Form ſeiner Regierung ſein ſolle, noch in welche Hände die Macht gelegt werden ſolle, die Angelegenheiten einer großen und mächtigen Nation zu lenken.“ „Leſen Sie nochmals, mein Herr,“ ſagte Bona⸗ parte lebhaft. die Dir hen; z zu lay, zwi⸗ an Sir ſei⸗ ona⸗ Er⸗ „ſo li ern⸗ tzten eich ung legt und n⸗ W „Leſen Sie ſelbſt,“ antwortete Sir John. Und er gab ihm die Note. Bonaparte las. „Sie veranlaßten, mein Herr,“ ſagte er,„daß dieſer Abſatz zu der Note hinzugefügt wurde?“ „Ich habe wenigſtens darauf gedrungen.“ Bonaparte ſann nach. „Sie haben Recht,“ ſagte er,„es iſt ein großer Schritt gethan; die Rückkehr der Bourbonen iſt nicht mehr eine conditio sine dua non. Ich bin nicht bloß als militäriſche Macht, ſondern auch als poli⸗ tiſche anerkannt.“ Dann bot er Sir John die Hand und ſagte: „Haben Sie mich etwas zu fragen, mein Herr?“ „Das Einzige, was ich wünſche, iſt Ihnen von meinem Freunde Roland genannt worden.“ „Und ich habe ihm bereits geantwortet, mein Herr, daß ich Sie mit Vergnügen als Gatte ſeiner Schweſter ſehen werde. Wenn ich reicher wäre, oder wenn Sie es weniger wären, ſo würde ich Ihnen anbieten, ſie auszuſteuern,“— Sir John machte eine Bewegung—„aber ich weiß, daß Ihr Ver⸗ mögen für zwei genügt und ſogar,“ fügte er lächelnd hinzu,„für mehr noch genügen kann. Ich laſſe Ihnen deßhalb die Freude, die Frau, die Sie lieben, nicht bloß glücklich, ſondern auch reich machen zu können.“ Dann rief er: „Bourrienne!“ Vourrienne erſchien. „Er iſt abgegangen, General,“ ſagte er. 80 „Gut,“ machte der erſte Conſul;„aber das iſt es nicht, weßhalb ich Dich rufe.“ „Ich erwarte Ihre Befehle.“ „Um welche Stunde des Tages oder der Nacht Lord Tannlay erſcheint, ich werde ſtets glücklich ſein, ihn zu empfangen und zwar auf der Stelle zu em⸗ pfangen; Sie verſtehen, Bourrienne; Sie verſtehen, Mylord?“ Lord Tannlay verbeugte ſich zum Zeichen des Dankes. „Und jetzt,“ ſagte Bonaparte,„nehme ich an, daß Sie Eile haben, nach dem Schloſſe Noires Fon⸗ taines zu kommen, ich halte Sie deßhalb nicht zu⸗ rück; nur eine Bedingung möchte ich ſtellen.“ „Welche, General?“ „Daß, wenn ich Ihrer zu einer neuen Miſſion bedarf... „Das iſt keine Bedingung, Citoyen erſter Con⸗ ſul, das iſt eine Gunſt.“ Lord Tannlay verbeugte ſich und ging. Als Bourrienne ihm eben folgen wollte, öffnete ſich die Thüre und Fouché erſchien. „Nun,“ ſagte Bonaparte,„was gibt es, Citoyen Fouché: Sie haben ein ganz verſtörtes Geſicht. Hätte man zufällig einen Meuchelmord?...“ „Citoyen erſter Conſul,“ ſagte der Miniſter, ſchienen auf die Vernichtung jener Banden, die ſich die Genoſſenſchaft Jehus nennen, einen großen Werth zu legen.“ „Ja, denn ich ſchickte Roland ſelbſt zu ihrer Ver⸗ folgung ab. Hat man Nachrichten von ihnen?“ „Ja.“ Sie mel wür Sai geſu kenn was erhi ein as iſt Nacht ſein, em⸗ tehen, tdes h an, Fon⸗ t zu⸗ iſſion Con⸗ ffnete toyen Hätte „Sie e ſich Lerth Ver⸗ 81 „Durch wen?“ „Durch ihren Anführer ſelbſt.“ „Wie, durch ihren Anführer?“ „Er hatte die Kühnheit, mir von ſeiner letzten Expedition Bericht zu erſtatten.“ „Gegen wen war dieſe Expedition gerichtet?“ „Gegen die fünfzigtauſend Franken, die Sie den Vätern vom St. Bernhard geſchickt.“ „Und was iſt aus ihnen geworden?“ „Den fünfzigtauſend Franken?“ „Ja.“ „Sie ſind in ſeinen Händen und ihr Anführer meldet mir, daß ſie bald in denen Cadoudals ſein würden.“ „So iſt Roland getödtet?“ „Nein.“ „Wie, nein.“ „Mein Agent iſt getödtet und der Brigadechef Saint⸗Maurice iſt getödtet; aber Ihr Adjutant iſt geſund und wohl.“ „Dann wird er ſich erhängen,“ ſagte Bonaparte. „Warum das? Der Strick würde brechen, Sie kennen ſein Glück.“ „Oder ſein Unglück. Ja, wo iſt dieſer Rapport?“ „Sie wollen ſagen dieſer Brief?“ „Dieſer Brief, dieſer Rapport, die Sache, kurz, was es auch ſein mag, wodurch Sie dieſe Nachrichten erhielten, die Sie mir ſo eben mittheilten.“ Der Polizeipräfect übergab dem erſten Conſul ein kleines, elegant in einer parfümirten Enveloppe enthaltenes Papier. 3 8 „Was ſoll das?“ Dumas, Jehu. IlI. 82 „Das iſt, was Sie verlangen.“ Bonaparte las: „An den Citoyen Fouché, Polizeipräfecten, in ſeinem Hotel in Paris.“ Er öffnete den Brief und las: „Citoyen Präfect. Ich habe die Ehre, Ihnen anzuzeigen, daß die fünfzigtauſend Franken, welche für die Väter vom St. Bernhard beſtimmt waren, am 21. Februar 1800 alten Styles in unſere Hände übergegangen ſind, und daß von heute bis über acht Tagen ſie in denen des Citoyen Cadoudal ſein werden. „Es iſt, abgeſehen von dem Tode Ihres Agen⸗ ten und des Brigadechefs Saint⸗Maurice, vortrefflich gegangen; was Herrn Roland von Montrevel be⸗ trifft, ſo habe ich das Vergnügen, Ihnen anzuzeigen, daß ihm kein Unglück begegnet iſt. Ich habe nicht vergeſſen, daß er es war, der mich in den Louxem⸗ bourg eingeführt. „Ich ſchreibe Ihnen, Citoyen Präfect, weil ich annehme, daß Herr Roland von Montrevel im Augen⸗ blick zu ſehr beſchäftigt iſt mit unſerer Verfolgung, um Ihnen ſelbſt zu ſchreiben. „Aber ſobald er ſich Ruhe gönnen wird, bin ich überzeugt, werden Sie einen Bericht von ihm erhal⸗ ten, indem er Ihnen alle Details mittheilen wird, auf die ich aus Mangel an Zeit und Bequemlichkeit zum Schreiben nicht eingehen kann. „Als Gegendienſt für den, welchen ich Ihnen leiſte, Citoyen Präfect, möchte ich Sie bitten, mir einen andern zu leiſten: nämlich ohne Zögern Frau vor Ket Lyr Bu dieſ Pol betl räc um wir hnen elche aren, ände acht rden. lgen⸗ fflich l be⸗ igen, nicht rem⸗ il ich gen⸗ ung, n ich rhal⸗ wird, chkeit hnen mir Frau 83 von Montrevel von dem Leben ihres Sohnes in Kenntniß zu ſetzen. „Morgan.“ „Maiſon Blanche, Landſtraße von Macon nach Lyon, Samſtag um neun Uhr Abends.“ „Ha, bei Gott,“ ſagte Bonaparte,„ein kecker Burſche.“ Dann fügte er mit einem Seufzer hinzu: „Was für Hauptleute und Oberſten wären alle dieſe Leute für mich!“ „Was befiehlt der erſte Conſul?“ fragte ſder Polizeipräfect. „Nichts; das geht Roland an, ſeine Ehre iſt dabei betheiligt; und da er nicht todt iſt, wird er ſich rächen.“ „So kümmert ſich der erſte Conſul nicht mehr um dieſe Sache?“ „In dieſem Augenblick wenigſtens nicht.“ Und indem er ſich nach ſeinem Secretär hin wandte, ſagte er: Wir haben ganz andere Dinge und viel wich⸗ tigere im Kopfe: nicht wahr, Bourrienne?“ Bourrienne machte mit dem Kopfe ein beſtätigen⸗ des Zeichen. „Wann wünſcht mich der erſte Conſul wieder zu ſehen?“ fragte der Polizeipräfect. „Seien Sie dieſen Abend um zehn Uhr hier; wir werden in acht Tagen ausziehen.“ „Wohin?“ „Nach den Tuillerien.“ Fouché machte eine Bewegung der Beſtürzung. „ 84 „Es iſt gegen Deine Anſicht, ich weiß es,“ ſagte der erſte Conſul;„aber ich ſage es Ihnen rund heraus und Sie haben mir zu gehorchen.“ Fouché grüßte und wollte gehen. „Apropos!“ machte Bonaparte. Fouché kehrte ſich um. „Vergeſſen Sie nicht, Frau von Montrevel in Kenntniß zu ſetzen, daß ihr Sohn geſund und wohl iſt; es iſt das Geringſte, was Sie für den Citoyen Morgan thun können nach dem Dienſte, den er Ihnen geleiſtet.“— Und er kehrte dem Polizeipräfecten, der ſich die Lippen blutig biß und wegging, den Rücken. V Der Spurſucher. Wir ſagten, in welcher Lage die Escorte des ſiebenten Chaſſeurregiments die Mallepoſt von Cham⸗ bery fand. Das Erſte, womit man ſich beſchäftigte, war, das Hinderniß zu ſuchen, das ſich dem Ausſteigen Ro⸗ lands widerſetzte; man fand das Schloß und erbrach den Schlag. Roland ſprang aus dem Wagen wie ein Tiger aus dem Käfig. Wir ſagten, daß der Boden mit Schnee bedeckt war.. Roland, welcher Jäger und Soldat war, hatte nur einen Gedanken: das heißt die Spuren der Ge⸗ noſſen Jehus zu verfolgen. W die kle Br un ih zu ſto ne vo ge bli p ſie an Be Ve ver 92 au ode Zu nic ſei geh ſagte rund l in wohl oyen er die iger deckt hatte Ge⸗ 85 Er hatte ſie in der Richtung von Thoiſſet ſich in den Wald vertiefen ſehen; aber er dachte, ſie könnten dieſe Richtung nicht verfolgen, weil zwiſchen dieſer kleinen Stadt und ihnen die Saone floß und keine Brücke die Verbindung herſtellte, als in Belleville und Magon. Er gab der Escorte und dem Conducteur Befehl, ihn auf der Landſtraße zu erwarten und verfolgte zu Fuß, ohne auch nur daran zu denken, ſeine Pi⸗ ſtolen wieder zu laden, die Spur Morgans und ſei⸗ ner Genoſſen. Er hatte ſich nicht getäuſcht; eine Viertelſtunde von der Landſtraße hatten die Flüchtigen die Saone gefunden; dort hatten ſie angehalten, einen Augen⸗ blick ſich berathen— man ſah es an dem von den Pferdehufen feſtgetretenen Schnee— dann hatten ſie ſich in zwei Abtheilungen getrennt: die eine war am Fluſſe nach Magon hinauf, die andere war nach Belleville hinab geritten. Dieſe Trennung hatte offenbar den Zweck, die Verfolgenden irre zu führen, falls man ſie überhaupt verfolgte. Roland hatte das Feldgeſchrei des Anführers gchört:„Morgen Abend. Wo, wißt Ihr.“ Er zweifelte deßhalb nicht, daß, welche Spur er auch verfolgen mochte, ob er an der Scone hinauf oder hinab ginge, die Spur ihm den Weg zu dem Zuſammenkunftsort zeigen müſſe, falls ſie der Schnee nicht über Nacht ſchmölze, da die Genoſſen Jehus, ſei es zuſammen oder einzeln, auf daſſelbe Ziel los⸗ gehen mußten. Er ging deßhalb auf demſelben Wege, den er gekommen, zurück, befahl dem Conducteur, die von dem falſchen Poſtillon auf der Landſtraße liegen ge⸗ laſſenen großen Stiefel anzuziehen, außzuſitzen und den Wagen nach der nächſten Station, das heißt nach Belleville zu fahren. Der Quartiermeiſter der Chaſſeurs und vier Chaſſeurs, welche ſchreiben konnten, ſollten ihn be⸗ gleiten, um das Protokoll mit ihm zu unterzeichnen. Dabei verbot er ihnen ſtrengſtens, ſeiner und was aus ihm geworden mit einem Worte zu erwäh⸗ nen, da nichts den Plünderern der Diligencen ſeinen künftigen Planen auf die Spur helfen ſollte. Dann ließ er einen Chaſſeur abſteigen, nachdem er unter der ganzen Escorte das Pferd gewählt, das ihm als das beſte erſchien. Endlich lud er ſeine Piſtolen wieder, die er in die Holfter des Sattels ſtatt der Piſtolen des abge⸗ ſtiegenen Chaſſeurs ſteckte. Nachdem er hierauf dem Conducteur und den Soldaten eine baldige Rache verſprochen, deren Form er jedoch als ein Geheimniß für ſich bewahrte, ſtieg er zu Pferde und verſchwand in derſelben Richtung, die er ſchon einmal eingeſchlagen. Als er an dem Punkte angekommen war, wo die beiden Abtheilungen ſich getrennt hatten, mußte er zwiſchen den beiden Spuren eine Wahl treffen. Er wählte die, welche an der Saone hinabführte und ihn nach Belleville brachte. Er hatte zu dieſer Wahl, die ihn vielleicht um zwei bis drei Meilen entfernte, einen ausgezeichneten Grund. Erſtens war er näher bei Belleville, als bei Macon. von ge⸗ und heißt vier be⸗ nen. und wäh⸗ inen em das rin bge⸗ den orm ſtieg ung, ie te er hrte ieſer eilen bei Dann hatte er ſich vietundzwanzig Stunden in Magon aufgehalten und konnte erkannt werden. Während er ſich niemals länger in Belleville aufgehalten, als zum Umſpannen nöthig geweſen, wenn er zufällig mit der Poſt durchkam. Alles, was wir ſo eben erzählt, hatte kaum eine Stunde eingenommen; es ſchlug acht Uhr auf dem Thurme von Thoiſſet, als Roland ſich zur Verfol⸗ gung der Flüchtigen auf den Weg machte. Der Weg, den dieſe eingeſchlagen, war deutlich zu erkennen: fünf bis ſechs Pferde hatten ihre Spuren auf dem Schnee zurückgelaſſen; eines dieſer Pferde war ein Paßgänger. Roland ſetzte über die zwei bis drei Flüßchen, die das Feld durchſchneiden, über das er ritt. Hundert Schritte von Belleville hielt er an; hier hatte eine abermalige Trennung ſtattgefunden. Zwei von den ſechs Reitern hatten ſich nach rechts gewandt, das heißt, ſich von der Saone ent⸗ fernt; vier nach links, das heißt ihren Weg nach Belleville fortgeſetzt. Bei den erſten Häuſern von Belleville hatte eine neue Scheidung ſtattgefunden. Drei Reiter waren um die Stadt geritten; ein einziger war auf der Straße fortgeritten. Roland folgte der Spur des Letztern, feſt über⸗ zeugt, die Spur der Andern wiederzufinden. Der, welcher auf der Straße fortgeritten, hatte vor einem hübſchen Hauſe zwiſchen Hof ünd Garten angehalten, welches die Nummer 67 hatte. Er hatte geläutet, man war ihm zu öffnen ge⸗ kommen: man ſah durch das Gitter die Schritte der Perſon, welche ihm geöffnet, und neben dieſen Schrit⸗ ten eine zweite Spur. Das war die des Pferdes, das man in den Stall geführt. Offenbar hatte hier einer der Genoſſen Jehus eingeſtellt. Roland konnte, wenn er zum Maire ging, ſeine Vollmacht zeigte, die Gendarmerie requirirte, ihn augenblicklich arretiren laſſen. Aber das war nicht ſein Zweck; nicht einen Ein⸗ zelnen wollte er arretiren laſſen, ſondern die ganze Bande, die er an einem Faden hielt.— Er merkte ſich die Nummer 67 und ſetzte ſeinen Weg fort. Er ritt durch die ganze Stadt, machte hundert Schritte über das letzte Haus hinaus, ohne eine Spur zu finden. Er kehrte zurück, aber er dachte, dieſe Spuren, wenn ſie ſich zeigten, könnten ſich nur an dem Brü⸗ ckenkopfe zeigen. Er fand auch wirklich an dem Brückenkopfe ſeine drei Pferde. Es war hier keine Täuſchung möglich: es mußten dieſelben ſein, denn eines der Pferde war ein Paßgänger. Roland galoppirte auf demſelben Wege wie die, welche ihn verfolgten. Als er nach Mongeaux kam, dieſelbe Vorſicht: ſie waren um das Dorf geritten; aber Roland war ein zu guter Spürhund, um ſich darum zu kümmern; er verfolgte ſeinen Weg und am andern Ende von Monceaur fand er die drei Flüchtigen wieder. Kurz vor Chatillon verließ eines der drei Pferde ein vor ter die Lu der bef nat wü hal wã nei ger Er au bät ger die von Pfe des lore rück hrit⸗ tall hus eine ihn in⸗ nze nen ert ine en, rü⸗ ine ch: de ie, m, ich nd rei 89 die Straße, ſchlug den Weg nach rechts ein und wandte ſich nach einem kleinen Schloſſe, das auf einem Hügel lag, einige Schritte von der Landſtraße von Chatillon nach Trevoux. Diesmal waren die beiden zurückbleibenden Rei⸗ ter, welche genug gethan zu haben glaubten, um diejenigen irre zu führen, welche ihnen zu folgen Luſt hatten, ruhig durch Chatillon geritten und hatten den Weg nach Neuville eingeſchlagen. Die von den Flüchtigen eingeſchlagene Richtung befriedigte Roland ſehr; ſie begaben ſich offenbar nach Bourg; wenn ſie ſich nicht dorthin begaben, würden ſie den Weg von Marlieur eingeſchlagen haben. Bourg war das Hauptquartier, das Roland ge⸗ wählt, um daraus den Mittelpunkt ſeiner Operatio⸗ nen zu machen; Bourg war die Stadt, mit der er genau vertraut war, und mit dieſer Sicherheit der Erinnerungen aus der Kindheit kannte er Alles bis auf das kleinſte Gebüſch, bis auf das kleinſte Ge⸗ bäude, bis auf die kleinſte Grotte in der Umgebung. In Neuville waren die Flüchtigen um das Dorf geritten. Roland kümmerte ſich nicht um dieſe Liſt, die er bereits ausgewittert; auf der andern Seite von Neuville fand er jedoch nur die Spur eines Pferdes. Aber man konnte ſich nicht täuſchen, es war die des Poßgängers. Sicher, die Spur, die er einen Augenblick ver⸗ loren, wiederzufinden, verfolgte Roland die Spur rückwärts. Die beiden Freunde hatten ſich auf dem Wege Wege fortgeritten, der Andere dagegen um das Dorf hergeritten und hatte, wie wir ſagten, wieder den Weg nach Bourg eingeſchlagen. Dieſem galt es zu folgen; überdies bot der Gang des Pferdes eine große Leichtigkeit für den, der ihn„ verfolgte, weil ſein Schritt mit keinem andern ver⸗ wechſelt werden konnte. Er ſchlug deßhalb den Weg nach Bourg rin, und von Neuville nach Bourg war kein anderes Dorf als Saint⸗Denis. Uebrigens war es nicht wahrſcheinlich, daß der Letzte der Flüchtigen weiter als Bourg gehen würde. Wenn man genau berechnete, konnte ihn ſein Pferd nicht weiter tragen, vorausgeſetzt, daß es früh und ausgeruht vom Maiſon Blanche ausgegangen:; es waren zwei Meilen vom Maiſon Blanche nach Belleville, vier Meilen von Belleville nach Chatillon, ſechs Meilen von Chatillon nach Bourg: zwölf Mei⸗ len, dreizehn mit den Umwegen. Man konnte in der ſchlechten Jahreszeit nicht mehr von einem Pferde verlangen. Wirklich hatte ſich auch in der Nähe von Saint⸗ Denis der Schritt des Thieres ſichtlich verlangſamt, und Roland glaubte deßhalb einen Augenblick, der Reiter habe in dem Dorfe angehalten; aber es war ein Irrthum, der Reiter war wie die Andern um das Dorf hergeritten und man fand ſeine Spur jen⸗ ſeits des letzten Hauſes. Er begab ſich offenbar nach Bourg. Roland ſetzte ſeinen Weg mit um ſo größerem Eifer fort, als er offenbar ſeinem Ziele nahe war. von Vannes getrennt; der eine war auf dieſem ieſem Dorf den Hang ihn ver⸗ und f als 3 der ürde. ſein früh igen; nach illon, Mei⸗ te in ferde aint⸗ ſamt, „der war um jen⸗ eem war. 9 Der Reiter war auch wirklich nicht um Bourg her⸗ geritten, ſondern hatte ſich in die Stadt hineinbe⸗ geben. Dort kam es ihm vor, als wenn der Reiter zu zögern geſchienen, welchen Weg er einſchlagen ſollte, wenn dies Zögern nicht eine Liſt geweſen, um ſeine Ver⸗ folger irre zu führen. Aber, nachdem er zehn Minuten mit Verfolgung dieſer Wege und Umwege verloren, war Roland ſei⸗ ner Sache ſicher; es war nicht eine Liſt, ſondern eine wirkliche Ungewißheit. Die Schritte eines Fußgängers kamen aus einer Querſtraße; der Reiter und der Fußgänger hatten einen Augenblick conferirt; dann hatte der Reiter den Fußgänger vermocht, daß er ihm als Führer diente. Man ſah von dieſem Momente an die Schritte eines Menſchen neben denen des Thieres. Die einen und andern führten vor den Gaſthof zur Belle⸗Alliance. Roland erinnerte ſich, daß man nach dem An⸗ griff bei der Carronnière hierher das verwundete Pferd gebracht. Es beſtand deßhalb aller Wahrſcheinlichkeit nach ein Einverſtändniß zwiſchen dem Gaſthofe und den Genoſſen Jehus. Im Uebrigen würde aller Wahrſcheinlichkeit nach der Reiſende der Belle⸗Alliance hier bis zum andern Tage bleiben.»Roland fühlte an ſeiner ice Mü⸗ digkeit, daß er das Bedürfniß haben mußte, ſich aus⸗ zuruhen. Und Roland hatte, um ſein Pferd nicht zu for⸗ 92 eiren und den eingeſchlagenen Weg zu ſondiren, ſechs Stunden gebraucht, um die zwölf Meilen zu machen. Es ſchlug drei Uhr auf dem ſtumpfen Thurm von Notre⸗Dame. Was ſollte Roland thun? In einem Wirthshauſe der Stadt übernachten? Unmöglich; er war zu be⸗ kannt in Bourg; überdies mußte ſein mit einer Ca⸗ vallerieſchabrake bedecktes Pferd Verdacht erregen. Eine der Bedingungen ſeines Erfolgs war, daß man nicht das Geringſte von ſeiner Anweſenheit in Bourg erfuhr. Er konnte ſich im Schloſſe Noires Fontaines verbergen und von dort aus ſeine Beobachtungen machen; aber würde Charlotte, die Tochter des Ge⸗ fängnißwärters, nicht plaudern? Es war drei Uhr Morgens, alle Welt ſchlief: das Sicherſte war, ſich mit Michel in Verbindung zu ſetzen. Michel fand wohl leicht ein Mittel, ihn zu ver⸗ bergen. Zum großen Bedauern ſeines Pferdes, das ohne Zweifel ein Wirthshaus gewittert, gab Roland dem Pferde eine andere Richtung und ſchlug den Weg nach Pont d'Ain ein. Als er vor der Kirche von Brou vorbeikam, warf er einen Blick auf die Gendarmeriekaſerne. Aller Wahrſcheinlichkeit nach ſchliefen die Gendarmen und ihr Hauptmann den Schlaf der Gerachten. Roland ritt durch das kleine Stück Wald, das ſich über den Weg hereinzog. Der Schnee dämpfte das Geräuſch der Schritte eines Pferdes. Als er auf die andere Seite kam, ſah er zwei ei unt ſechs hen. urm auſe be⸗ Ca⸗ . daß t in nes gen ne em eg f er nd as te 93 Männer an dem Graben hingehen, welche ein an ſeinen vier Füßen zuſammengebundenes Reh an einem Aſte trugen. Er glaubte die Haltung dieſer Männer zu er⸗ kennen. Er gab ſeinem Pferde die Sporen, um zu ihnen zu kommen. Die beiden Träger hatten wachſame Ohren; ſie drehten ſich um, ſahen einen Reiter, der ihnen etwas anhaben zu wollen ſchien, warfen das Thier in den Graben und flohen querfeldein, um nach dem Walde von Seillon zu kommen. „Halt, Michel!“ rief Roland, immer mehr über⸗ zeugt, daß er es mit ſeinem Gärtner zu thun habe. Michel blieb einen Augenblick ſtehen, der Andere eilte weiter. „He, Jacques!“ rief Roland. Der Andere hielt ebenfalls an. Wenn ſie erkannt waren, half es nichts, zu flie⸗ hen; der Ruf klang überdies nicht feindſelig, die Stimme war mehr freundlich, als drohend. „Sieh, iſt das nicht Herr Roland?“ machte Jacques. „Ja freilich iſt er es,“ ſagte Michel. Und die beiden Männer, ſtatt länger nach dem Walde zu fliehen, kamen nach der Landſtraße zurück. Roland hatte nicht gehört, was die beiden Wild⸗ diebe geſagt, aber er hatte es geahnt. „Nun, wahrhaftig, ja, ich bin es,“ rief er. Nach Verfluß eines Augenblickes waren Michel und Jacques bei ihm. Die Fragen des Vaters und des Sohnes kreuz⸗ ten ſich und man muß zugeben, daß ſie begründet waren. Roland in Civilkleidern, auf einem Chaſſeurpferd, um drei Uhr Morgens auf dem Wege von Bourg nach Noires Fontainps. Der junge Offizier ſchnitt die Fragen kurz ab. „Stille! Wilddiebe“ ſagte er,„man lege die⸗ ſes Reh hinter mich auf das Pferd und mache ſich auf den Heimweg; niemand darf auf Noires Fon⸗ taines meine Anweſenheit wiſſen, ſelbſt meine Schwe⸗ ſter nicht.“ Roland ſprach mit der Entſchiedenheit eines Sol⸗ daten, und Jeder wußte, daß, wenn er einmal einen Befehl gegeben, nichts eingewendet werden durfte. Man nahm das Reh, legte es hinter Roland auf das Pferd und die beiden Männer folgten in großem Trott dem kleinen Trabe des Pferdes. Es war kaum noch eine Viertelſtunde zu machen. Sie wurde in zehn Minuten zurückgelegt. Hundert Schritte vom Schloſſe hielt Roland an. Die beiden Männer wurden als Plänkler voraus⸗ geſchickt, um ſich zu überzeugen, daß Alles ruhig war. Nachdem dies geſchehen, gaben ſie Roland ein Zeichen, daß er komme. Roland kam und ſtieg vom Pferde, fand die Thüre des Pavillons offen und trat ein. Michel führte das Pferd in den Stall und trug das Reh nach der Küche; denn Michel gehörte zu der ehrenwerthen Claſſe der Wilderer, welche das Wild erlegen aus Vergnügen an der Jagd, nicht um es zu verkaufen. ſte ſic lei pe rie de Eh indet ferd, ourg ab. die⸗ ſich Fon⸗ hwe⸗ Sol⸗ inen land in hen. an. aus⸗ uhig ein die rug zu das icht 95 Man brauchte ſich nicht um das Pferd, noch um das Reh zu kümmern; Amelie kümmerte ſich nicht mehr um das, was im Stall vorging, als das, was man ihr auf den Tiſch brachte. Während dieſer Zeit zündete Jacques das Feuer an. Als er zurückkam, brachte Michel ein Stück Schöp⸗ ſenkeule und ein halbes Dutzend Eier herbei, aus welchen eine Omelette gemacht werden ſollte; Jac⸗ ques bereitete ein Bett in einem Cabinet. Roland wärmte ſich und ſpeiſte zu Nacht, ohne ein Wort zu ſprechen. Die beiden Männer ſahen ihn mit einem Er⸗ ſtaunen an, in das eine gewiſſe Unruhe gemiſcht war. Die Kunde von der Expedition von Seillon hatte ſich verbreitet und man dachte, Roland habe ſie ge⸗ leitet. Er kam deßhalb offenbar wegen einer neuen Er⸗ pedition derſelben Art. Als Roland zu Nacht gegeſſen, ſah er auf und rief Michel. Michel trat näher. „Ah! Du warſt da?“ machte Roland. „Ich erwartete Ihre Befehle.“ „Das ſind meine Befehle, gib wohl Achtung.“ „Ich bin ganz Ohr.“ „Es handelt ſich um Leben und Tod; es han⸗ delt ſich noch um mehr, es handelt ſich um meine Ehre.“ „Sprechen Sie, Herr Roland.“ Roland zog ſeine Uhr heraus. 96 „Es iſt fünf Uhr. Sobald der Gaſthof zur Belle Alliance geöffnet wird, biſt Du wie zufällig dort; Du thuſt, als ob Du vorübergingeſt und ſprichſt mit dem, der öffnet.“ „Das wird wahrſcheinlich Pierre ſein.“ „Pierre oder ein anderer, Du wirſt von ihm er⸗ fahren, wer der Reiſende iſt, der auf einem Paß⸗ gänger dieſe Nacht bei ſeinem Herrn angekommen iſt; Du weißt, was das heißt, ein Paßgänger.“ „Natürlich, ja! ein Pferd, das wie die Bären geht, indem es die beiden Füße der gleichen Seite zur nämlichen Zeit aufhebt.“ „Bravo! Du könnteſt auch in Erfahrung zu bringen ſuchen, nicht wahr, ob man Anordnungen getroffen, dieſen Morgen ſchon wieder abzureiſen, oder ob man den Tag im Hotel zubringen zu müſſen ſcheint?“ „Sicher werde ich das in Erfahrung bringen.“ „Nun! wenn Du das Alles weißt, ſo kommſt Du, es mir mitzutheilen; aber Du beobachteſt das größte Stillſchweigen über meinen Aufenthalt. Wenn man Dich nach mir fragt, ſo ſagſt Du, daß man geſtern einen Brief von Paris erhalten; ich ſei in Paris bei dem erſten Conſul.“ ut Michel ging. Roland legte ſich und ſchlief ein, indem er Jacques die Bewachung des Pavillons anvertraute. Als Roland erwachte, war Michel zurück. Er wußte alles, was ihn ſein Herr in Erfah⸗ rung zu bringen geheißen. Der Reiſende, welcher in der NRacht angekommen Va Wa der lich ſag edel liſti bote ihre Kän Dr Belle dort; richſt ner⸗ Paß⸗ imen ären Seite ngen oder üſſen 63 umſt das zenn man i in ein, lons fah⸗ 97 war, wollte Abends abreiſen, und im Fremdenbuch, das jeder Wirth zu jener Zeit pünktlich zu führen gezwungen war, ſtand: „Samſtag, 30 Pluvioſe, zehn Uhr Abends: der Citoyen Valenſolle kömmt von Lyon, geht nach Genf.“ So war das Alibi vorbereitet, da das Fremden⸗ buch bezeugte, daß der Citoyen Valenſolle um zehn Uhr Abends angekommen war, daß er deßhalb un⸗ möglich um acht ein halb die Mallepoſt bei der Maiſon Blanche angefallen haben und um zehn Uhr im Hotel à la Belle⸗Alliance eingekehrt ſein konnte. Aber was Roland am meiſten beſchäftigte, war, daß der, dem er einen Theil der Nacht gefolgt, und deſſen Zufluchtsort und Namen er ſo eben er⸗ fahren, niemand anders war, als der Zeuge Alfreds von Bariols, welcher von ihm an der Huelle von Vaucluſe getödtet worden; der Zeuge, welcher aller Wahrſcheinlichkeit nach die Rolle des Geſpenſtes in der Karthauſe von Seillon geſpielt. Die Genoſſen Jehus waren alſo keine gewöhn⸗ lichen Diebe, ſondern im Gegentheil, wie das Gerücht ſagte, Edelleute von guter Fämilie, die, während die edeln Bretagner ihr Leben im Weſten für die roya⸗ liſtiſche Sache wagten, ihrerſeits dem Schaffote Trotz boten, um das am andern Ende Frankreichs auf ihren gewagten Erpeditionen geſammelte Geld den Kämpfenden zufließen zu laſſen. Dumas, Jehu. II. VII. Eine Eingebung. Wir ſahen, daß Roland bei der Verfolgung wäh⸗ rend der verfloſſenen Nacht ein bis zwei von den⸗ jenigen, die er verfolgte, hätte arretiren laſſen können. Er konnte das Gleiche mit Herrn von Valenſolle thun, der es wahrſcheinlich wie Roland machte, das heißt nach einer angeſtrengten Nacht einen Tag lang ausruhte. Dazu brauchte er bloß ein kleines Billet an den Hauptmann der Gendarmerie oder an den Brigade⸗ chef der Dragoner zu ſchreiben, der die Expedition von Seillon mitgemacht; ihre Ehre war in dieſer Sache im Spiele, man cernirte Herrn von Valenſolle in ſeinem Bette, man käme mit zwei Piſtolenſchüſſen davon, das heißt mit zwei getödteten oder verwun⸗ deten Menſchen, und Herr von Valenſolle wäre ge⸗ fangen. Aber die Arretirung des Herrn von Valenſolle würde die übrigen Genoſſen aufſchrecken und dieſe würden ſich in Sicherheit bringen, indem ſie augen⸗ blicklich über die Grenze gingen. Man mußte ſich deßhalb mehr an den erſten Gedanken Herrn von Rolands halten, d. h. tempori⸗ ſiren, den verſchiedenen Spuren folgen, die alle nach einem Mittelpunkte gehen mußten, und mit Gefahr eines wirklichen Kampfes das Netz über die ganze Genoſſenſchaft werfen. nut Fre auf dem Sti ſie e den ließ gehi hina kehr den Mitt und wäh⸗ den⸗ aſſen ſolle heißt lang den ade⸗ ition ieſer ſolle üſſen vun⸗ ge⸗ ſolle dieſe gen⸗ rſten pori⸗ nach fahr anze 99 Zu dieſem Ende durfte man Herrn von Valen⸗ ſolle nicht arretiren; ſondern ihm auf ſeiner vorgeb⸗ lichen Reiſe nach Genf folgen, welche aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach nur ein Vorwand war, um die Nachforſchungen irre zu leiten. Es war rathſam, daß Roland, der, ſo gut er auch verkleidet war, erkannt werden konnte, im Pa⸗ villon bleibe, und Michel und Jacques für dieſe Nacht das Wild umgingen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach würde ſich Herr von Valenſolle bei eingebrochener Nacht auf die Reiſe begeben. Roland ließ ſich über das Leben, das ſeine Schweſter ſeit der Abreiſe ſeiner Mutter führte, Mit⸗ theilungen machen. Ihre Gewohnheiten waren dieſelben geblieben, nur vermied ſie die Spcziergänge, die ſie ſonſt mit Frau von Montrevel machte. Sie ſtand um ſieben oder acht Uhr Morgens auf, zeichnete oder muſicirte bis zum Frühſtück; nach dem Frühſtück las ſie oder beſchäftigte ſich mit einer Stickerei, und wenn es ſchön Wetter war, benützte ſie einen Sonnenſtrahl, um mit Charlotten bis an den Fluß hinabzugehen; bisweilen rief ſie Michel, ließ die kleine Barke losbinden, und feſt in ihre Pelze gehüllt, fuhr ſie die Reyſſouſſe bis nach Montagnac hinauf, oder fuhr nach Saint Juſt hinab und kehrte dann wieder zurück, ohne mit irgend Jeman⸗ den geſprochen zu haben; aß zu Mittag; nach dem Mittageſſen ging ſie mit Charlotten in ihr Zimmer und kam dann nicht mehr zum Vorſchein. Um ſechs ein halb konnten Michel und Jacques 100 verſchwinden, ohne daß irgend Jemand in der Welt ſich darum kümmerte, was aus ihnen geworden. Um ſechs Uhr nahmen Michel und Jacques ihre Blouſen, ihre Waidtaſchen, ihre Flinten und gingen. Sie hatten ihre Inſtructionen erhalten. Sie ſollten dem Poßgänger folgen, bis man wüßte, wo er ſeinen Reiter hintrüge oder bis man ſeine Spur verlöre. Michel ſollte ſich gegenüber von der Belle⸗Alliance in Hinterhalt legen; Jacques ſich an dem Gänſefuß aufſtellen, den die drei Straßen von Saint⸗Amour, Saint Claude und Nantua bilden, wenn man von Bourg herauskömmt. Der Vater ging nach der einen Seite, der Sohn nach der andern. Michel ging auf dem Weg von Pont dAin nach der Stadt, an der Kirche pon Brou vorüber. Jacques ging über die Reyſſouſſe, dann am lin⸗ ken Ufer des kleinen Fluſſes entlang und befand ſich, nachdem er hundert Schritte außerhalb der Vorſtadt gemacht, an dem ſpitzen Winkel, welchen die drei in die Stadt mündenden Wege bildeten. Ungefähr im ſelben Augenblicke, als der Sohn ſeinen Poſten einnahm, mußte der Vater an dem ſeinen angekommen ſein. In dieſem Augenblicke, das heißt gegen ſieben Uhr Abends hielt ein, die gewöhnliche Einſamkeit und Stille des Schloſſes Noires Fontaines unter⸗ brechender Poſtwagen vor dem Gitter, und ein Die⸗ ner in Livree zog die eiſerne Kette der Glocke. Es wäre Michels Pflicht geweſen, zu öffnen, aber man weiß, wo Michel war. * nä be de der un ſag rin ihr em lau wet Sie kom lieb Auf dert Welt ihre gen. man man ance efuß our, von Sohn nach lin⸗ ſich, ſtadt i ein ohn dem eben nkeit iter⸗ Die⸗ nen, 101 Amelie und Charlotte zählten wahrſcheinlich auf ihn; denn das Klingeln der Glocke wiederholte ſich dreimal, ohne daß Jemand zu öffnen kam. Endlich erſchien die Kammerfrau oben an der Treppe. Sie näherte ſich ängſtlich, Michel rufend. Michel antwortete nicht. Endlich wagte ſie, durch das Gitter geſchützt, ſich näher. Trotz der Dunkelheit erkannte ſie den Diener. „Ah! Sie ſind es, Herr James?“ rief ſie, etwas beruhigt. James war der vertraute Diener Sir Johns. „Ja, ich bin's,“ ſagte der Diener;„ja ich, Ma⸗ demoiſelle Charlotte, oder vielmehr iſt es mein Herr, der Lord.“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich der Schlag und man hörte die Stimme Sir Johns, welche ſagte: „Mademoiſelle Charlotte, ſagen Sie Ihrer Her⸗ rin, daß ich von Paris komme, und daß ich mich bei ihr melden laſſen wolle, nicht um noch heute Abend empfangen zu werden, ſondern um ſie um die Er⸗ laubniß zu bitten, mich morgen einfinden zu dürfen, wenn ſie mir dieſe Gunſt gewähren wolle; fragen Sie, um welche Stunde ich am wenigſten ungelegen komme.“ Mademoiſelle Charlotte hatte eine große Vor⸗ liebe für Mylord; ſie beeilte ſich deßhalb, ſich ihres Auftrages zu entledigen. Fünf Minuten ſpäter wußte Mylord, daß er an⸗ dern Tages um ein Uhr empfangen werden würde. Roland wußte, was Mylord ſo eben gethan; in ſeinem Sinne war die Verbindung entſchieden und Sir John ſein Schwager. Er war einen Augenblick unentſchieden, ob er ſich zu erkennen geben und ihn an ſeinen Planen Theil nehmen laſſen ſollte; aber er bedachte, daß Lord Tannlay nicht der Mann ſei, um ihn allein operiren zu laſſen. Er hatte ſich an den Genoſſen Jehus zu rächen, er würde Roland bei der Expedi⸗ tion begleiten wollen, welcher Art dieſe auch ſein möchte. Die Erpedition war jedenfalls gefährlich, und es konnte ihm ein Unglück begegnen. Das Glück, das auf Rolands Seiten war und das Roland auf die Probe geſtellt, dehnte ſich nicht auch auf ſeine Freunde aus; Sir John, welcher ſchwer verwundet war, hatte ſich von dieſer Wunde kaum erholt; der Brigadechef der Chaſſeurs war jäh⸗ lings getödtet worden. Er ließ deßhalb Sir John ſich entfernen, ohne ein Lebenszeichen zu geben. Charlotte ſchien durchaus nicht erſtaunt, daß Michel nicht da war, um zuöffnen; man war offenbar an ſeine öftere Abweſenheit gewöhnt, und dieſe Ab⸗ weſenheit kümmerte weder die Kammerfrau, noch ihre Herrin. Ebenſo wenig war Roland über dieſe Art von Sorgloſigkeit erſtaunt; Amelie, die gegenüber einem moraliſchen Schmerze ſchwach war, den Roland nicht ergründen konnte, welcher übrigens die Aenderung im Charakter ſeiner Schweſter einfachen nervöſen Kriſen zuſchrieb— Amelie wäre groß und ſtark gegenüber von einer wirklichen Gefahr geweſen. „ * und ob er lanen daß allein toſſen pedi⸗ ſein rlich, und nicht elcher unde jäh⸗ ohne daß nbar Ab⸗ ihre von inem nicht rung öſen ſtark * „ 103 Daher kam die geringe Furcht, welche zwei junge Mädchen hatten, allein in einem einſamen Schloſſe zu wohnen, ohne andern Schutz, als zwei Männer, welche ihre Nächte mit Wildern zubrachten. Wir aber wiſſen, wie Michel und ſein Sohn, in⸗ dem ſie ſich entfernten, den Wünſchen Ameliens weit beſſer dienten, als wenn ſie blieben; ihre Abweſen⸗ heit bahnte Morgan den Weg und das war alles, was Amelie verlangte. Der Abend und ein Theil der Nacht verfloß, ohne daß Roland im Haus etwas erfuhr. Er verſuchte zu ſchlafen; ſchlief jedoch ſchlecht; er glaubte jeden Augenblick die Thüre ſich öffnen zu hören. Der Tag begann wirklich durch die Jalouſien zu dringen, als ſie ſich öffnete. Es waren Michel und Jacques, welche heim⸗ kehrten. Man vernehme, was geſchehen: Jeder hatte ſich an ſeinen Poſten begeben. Michel an die Thüre des Gaſthofes, Jacques an den Gänſefuß. Zwanzig Schritte von dem Wirthshauſe hatte Michel Pierre gefunden; mit drei Worten hatte er ſich verſichert, daß Herr von Valenſolle noch immer im Gaſthofe war. Er hatte geſagt, da er einen großen Weg zu machen habe, wolle er ſein Pferd ausruhen laſſen und in der Nacht abreiſen. Pierre hegte keinen Verdacht, daß der Reiſende nicht nach Genf gehen ſollte, wie er gedacht. Michel machte Pierre den Vorſchlag, ein Glas 104 Wein mit ihm zu trinken; was er Abends ver⸗ ſäumte, könne er ja Morgens thun. Pierre nahm an. Von nun an war Michel ſicher, zur rechten Zeit zu erfahren, was er wiſſen wollte. Pierre war Stallknecht; nichts konnte in dem Departement geſchehen, das ihm anvertraut war, ohne daß er davon Nachricht hätte. Dieſe Nachricht verſprach ihm ein Junge, der Dienſte im Hotel verſah, zu bringen; dafür erhielt er von Michel drei Schuß Pulver, um Raketen da⸗ von zu machen. Um Mitternacht war der Reiſende noch nicht fort; man hatte vier Flaſchen Wein getrunken, aber Michel hatte ſich mäßig gehalten; von den vier Fla⸗ ſchen hatte er einzurichten gewußt, daß drei in Pierres Glas floſſen, wo ſie wohlverſtanden nicht blieben. Um Mitternacht kehrte Pierre zurück, um nach⸗ zuſehen; aber was ſollte Michel machen? die Schenke wurde eheſtens geſchloſſen; und Michel hatte noch vier Stunden bis zum Anſtand zu warten. Pierre bot Michel ein Strohbett im Stalle an; er würde warm haben und weich liegen. Michel nahm an. Die beiden Freunde gingen Arm in Arm durch das große Thor; Pierre ſtrauchelte, Michel that, als ob er auch ſtrauchelte. Um drei Uhr Morgens rief der Diener des Hotels nach Pierre. Der Reiſende wolle gehen. Michel ſchützte vor, daß die Zeit zum Anſtand da ſei und ſtand auf. * er S S 8 er ver⸗ ichel iſſen e in war, der hielt da⸗ nicht aber Fla⸗ in icht enke noch an; rch als des ind 105 Die Toilette dauerte nicht lange; er brauchte nur das Stroh abzuſchütteln, das ſich an ſeine Blouſe, ſeine Waidtaſche oder ſeine Haare gehängt haben konnte. Dann nahm Michel Abſchied von ſeinem Freunde Pierre und verſteckte ſich hinter einer Straßenecke. Eine Viertelſtunde ſpäter öffnete ſich die Pforte, ein Reiter trat aus dem Hotel; das Pferd dieſes Reiters war ein Paßgänger. Der Reiter war Herr von Volenſolle. Er ſchlug die Straße ein, die auf den Weg nach Genf führte. Michel folgte ihm ſcheinbar gleichgültig, indem er ein Jagdlied pfiff. Nur konnte Michel nicht laufen; er wäre ſonſt bemerkt worden; daher die Verlegenheit, daß er in wenig Augenblicken Herrn von Valenſolle verlieren mußte. Nun blieb noch Jacques, der ihn am Gänſefuß erwarten mußte. Aber Jacques ſtand ſeit mehr als ſechs Stunden in einer Winternacht von fünf bis ſechs Grad Kälte an dem Gänſefuß. Sollte Jacques wirklich den Muth haben, ſechs Stunden mit den Füßen im Schnee zu ſtehen und und die Sohlen an die Bäume am Weg zu ſchlagen. Michel ſprang im Galopp durch Straße und Sträßchen, um den Weg abzuſchneiden; aber wie uf er auch ging, Pferd und Reiter waren raſcher als er. Er kam an den Gänſefuß. Der Schnee, der während des geſtrigen Tages, 106 eines Sonntages, zertreten worden, erlaubte nicht, die Spur des Pferdes zu verfolgen, welche im Schmutze des Weges ſich verlor.. Michel kümmerte ſich deßhalb nicht um die Spur des Pferdes, das wäre vergeblich verlorene Zeit geweſen. Er dachte nur daran, was wohl Jacques gethan haben möchte. Das war leicht. Jacques hatte ſich am Fuße eines Baumes auf⸗ geſtellt; wie lange? das war ſchwer zu ſagen, lange genug, um kalt zu haben; der Schnee war von ſei⸗ nen groben Jagdſtiefeln zuſammengetreten. Er hatte ſich zu erwärmen geſucht, indem er auf und ab lief. Dann hatte er ſich ohne Zweifel plötzlich erin⸗ nert, daß auf der andern Seite des Weges eine jener kleinen aus Erde erbauten Hütten ſtand, wo die Wegwärter einen Schutz gegen den Regen fanden. Er war in den Graben hinabgeſtiegen und über den Weg gegangen; man konnte auf feder Seite des Weges die Spur verfolgen, welche einen Augen⸗ blick mitten auf der Straße ſich verlor. Dieſe Spur bildete eine Diagonale, welche gerade auf die Hütte zuging. Er hatte offenbar in dieſer Hütte die Nacht zu⸗ gebracht. Aber ſeit wann hatte er die Hütte verlaſſen? und warum hatte er ſie verlaſſen? Seit wann hatte er ſie verlaſſen? das war ſchwer zu ermeſſen, während dagegen der ungeſchick⸗ * i Spur Zeit than auf⸗ ange ſei⸗ auf erin⸗ eine wo den. über eite gen⸗ rade zu⸗ en war hick⸗ teſte Rüdenknecht erkannt hätte, warum er ſie ver⸗ laſſen. Er hatte die Hütte verlaſſen, um Herrn von Volenſolle zu folgen. Dieſelbe Fußſpur, die nach der Hütte zu führte, führte auch wieder in der Richtung von Ceyzeriat. Der Reiter hatte alſo wahrſcheinlich den Weg nach Genf eingeſchlagen. Die Fußſpur von Jacques ſagte dies deutlich. Die Schritte ſchienen ſich zu erweitern, wie die eines Laufenden, und gingen außen am Graben an den Feldern hin, hinter den Bäumen, die ihn dem Anblick des Reiſenden entziehen konnten. Gegenüber einer Winkelſchenke, eines jener Wirths⸗ häuſer, über deren Einfahrt die Worte ſtehen: Hier gibt man zu trinken und zu eſſen, lo⸗ girt Fußgänger und Reiter, hielten die Schritte. Erſt nach Verfluß eines Augenblickes, wahrſchein⸗ lich als die Thüre ſich hinter Reiter und Pferd ge⸗ ſchloſſen, hatte Jacques ſeinen Baum verlaſſen, war über den Weg gegangen, dießmal mit einer gewiſſen Unſchlüſſigkeit und mit kleinen Schritten, und hatte ſeine Schritte nicht nach der Thüre, ſondern nach dem Fenſter gerichtet. Michel folgte der Spur ſeines Sohnes, und kam an das Fenſter; durch die ſchlecht ineinandergefügten Läden konnte man, wenn das Innere erhellt war, in daſſelbe ſehen; aber das Innere war dunkel und man ſah nichts. Um hineinzuſehen, war Jacques dem Fenſter genaht; ohne Zweifel war das Innere einen Augen⸗ blick erhellt und Jacques hatte hineingeſehen. 108 Wohin war er gegangen, als er das Fenſter verließ? das war leicht zu ſehen. Er war um das Haus her an der Mauer hin⸗ gegangen. Es war leicht, ihm in dieſer Richtung zu folgen; der Schnee war friſch gefallen. Was ſein Zweck bei dieſem Gang um das Haus war, ließ ſich unſchwer errathen. Jacques als kluger Burſche hatte ſich gedacht, daß der Reiter nicht um drei Morgens fortgeritten mit der Ausſage, er gehe nach Genf, um ſich dann eine Viertelſtunde von Bourg in einem ſolchen Wirthshauſe aufzuhalten. Er mußte zu einer Hinterthüre hinausgegangen ſein. Jacques ging deßhalb um die Mauer her, in der Hoffnung, auf der andern Seite des Hauſes die Spur des Pferdes oder wenigſtens des Reiters wie⸗ der zu finden. 8 In der That, von einer kleinen Hinterthüre aus in der Richtung des Waldes, der ſich von Cotrez nach Ceyzeriat ausdehnt, konnte man eine Fußſpur verfolgen, welche in directer Linie nach dem Saume des Waldes zu ging. Dieſe Spur war die eines elegant chauſſirten Mannes, der Reiterſtiefel trug. Seine Sporen hatten Spuren auf dem Schnee zurückgelaſſen. Jacques hatte nicht gezögert, er war dem Schritte gefolgt. Man ſah die Spur ſeiner groben Stiefel neben der des feinen Stiefels, des großen Bauernfußes neben dem eleganten Fuß des Städters. — — Sr„ er nſter hin⸗ lgen; aus uger tum gehe von ngen iſ die wie⸗ aus otrez ſpur ume rten hnee ritte eben 109 Es war fünf Uhr Morgens, der Tag brach an; Michel beſchloß nicht weiter zu gehen. Von dem Augenblicke an, da Jacques auf der Spur war, taugte der junge Wilderer ſo viel wie der alte. Michel machte einen großen Weg über die Ebene, als käme er von Ceyzeriat zurück, und beſchloß in das Wirthshaus zu gehen und dort Jac⸗ ques zu erwarten. Jacques dachte ſich, daß ſein Vater ihm habe folgen müſſen und war in der Nähe des einſamen Hauſes geblieben. Michel klopfte an die Läden und ließ ſich öffnen; er kannte den Wirth, der gewöhnt war, ihn bei ſei⸗ nen nächtlichen Jagden zu ſehen, verlangte eine Flaſche Wein, beklagte ſich, das Neſt leer gefunden zu haben, und bat um die Erlaubniß, ſeinen Sohn erwarten zu dürfen, der wahrſcheinlich auf dem An⸗ ſtand ſtehen und vielleicht glücklicher als er ſein würde. Man kann ſich denken, daß die Erlaubniß leicht zu erlangen war. Michel hatte die Jalouſien aufmachen laſſen müſſen, um auf den Weg hinaus zu ſehen. Nach Verfluß eines Augenblicks klopfte man an die Fenſter. Es war Jacques. Sein Vater rief ihn. Jacques war ebenſo unglücklich, als ſein Vater; er hatte nichts erlegt. Jacques hatte eiskalt. Ein Reiſigbündel wurde auf das Feuer geworfen, 110 ein zweites Glas herbeigebracht. Jacques zündete das Feuer an und trank.„ Da man mit Tagesanbruch nach dem Schloſſe Noires Fontaines zurückkehren mußte, damit man die Abweſenheit der beiden Wilderer nicht bemerke, ſo bezahlte Michel die Flaſche Wein und das Einheizen und beide gingen. Weder der Eine noch der Andere hatte vor dem Wirthe nur ein Wort von dem geſagt, was ſie beide ſo ſehr beſchäftigte: man durfte nicht ahnen, daß ſie etwas anderes aufgeſpürt, als Wild. Aber kaum waren ſie über die Schwelle, als Michel ſich raſch ſeinem Sohne näherte. Nun erzählte ihm Jacques, daß er die Spuren bis ziemlich tief in den Wald hinein verfolgt habe; an einem Kreuzwege habe er jedoch plötzlich einen mit einer Flinte bewaffneten Mann ſich erheben ſehen und dieſer Mann habe ihn gefragt, was er um dieſe Stunde im Wald thue. Jacques hatte geantwortet, er ſuche einen An⸗ ſtand. „Dann geht weiter,“ hatte der Mann geant⸗ wortet,„denn Ihr ſeht, dieſer Platz iſt beſetzt.“ Jacques hatte die Billigkeit dieſes Verlangens eingeſehen und war wirklich hundert Schritte weiter gegangen. Aber im ſelben Augenblicke, wo er eine ſchräge Richtung nach links einſchlug, um in die Einkreiſung zurückzukehren, aus der er weggewieſen worden war, hatte ſich ganz ebenſo unerwartet ein anderer Menſch vor ihm erhoben, der die nämliche Frage an ihn richtete. rei dro jur iſt nig tete ſchl die von Ste geg er wir Noi die dra mit geh mu Leu hob ſchie ete ſſe die ſo en em ide ſie e; en en eſe nt⸗ n8 ter ge „ 111 Jacques hatte keine andere Antwort als die be⸗ reits gegebene. „Ich ſuche einen Anſtand.“ Der Mann hatte dann mit dem Finger auf den Saum des Waldes gedeutet und mit einem beinahe drohenden Tone zu ihm geſagt: „Wenn ich Euch einen Rath geben ſoll, mein junger Freund, ſo geht dort hinab! ich glaube, dort iſt es beſſer, als hier.“ Jacques war dem Rathe gefolgt oder hatte we⸗ nigſtens dergleichen gethan; denn an dem angedeu⸗ teten Orte angekommen, war er am Graben hinge⸗ ſchlichen, und von der Unmöglichkeit überzeugt, in dieſem Augenblicke wenigſtens die Spur des Herrn von Valenſolle zu finden, hatte er ſich aus dem Staube gemacht, war querfeldein nach der Landſtraße gegangen und in das Wirthshaus zurückgekehrt, wo er ſeinen Vater zu finden hoffte und wo er ihn auch wirklich fand. Sie waren, wie geſagt, beide nach dem Schloſſe Noires Fontaines in dem Augenblicke gekommen, wo die erſten Sonnenſtrahlen durch die Jalouſien drangen. Alles was wir ſo eben ſagten, wurde Roland mit einer Maſſe von Details erzählt, die wir über⸗ gehen, und die nur den jungen Offizier überzeugen mußten, daß die beiden mit Flinten bewaffneten Leute, die ſich beim Herannahen von Jacques er⸗ hoben hatten, obgleich ſie ächte Wilderer zu ſein ſchienen, nichts anderes als Genoſſen Jehus waren. Aber wo konnte dieſes Reſt ſein? es war in 112 dieſer Richtung weder ein verlaſſenes Kloſter, noch eine Ruine. Plötzlich ſchlug ſich Roland an den Kopf. „O Dummkopf, der ich bin,“ ſagte er;„wie konnte ich nicht darauf kommen?“ Ein triumphirendes Lächeln flog über ſeine Lip⸗ pen hin, und ſich an die beiden Männer wen⸗ dend, die ganz unglücklich waren, daß ſie ihm keine genaueren Nachrichten bringen konnten, ſagte er: „Meine Kinder, ich weiß Alles, was ich wiſſen wollte. Legt euch und ſchlaft ruhig; ihr habt es wahrhaftig wohl verdient.“ Und ſelbſt das Beiſpiel gebend, ſchlief Roland wie Einer, der ſo eben ein Problem von der höchſten Wichtigkeit gelöst, das er lange vergeblich geſucht. Der Gedanke war ihm gekommen, daß die Ge⸗ noſſen Jehus die Karthauſe von Seillon mit der Grotte von Ceyzeriat vertauſcht und zu gleicher Zeit hatte er ſich erinnert, daß eine unterirdiſche Verbin⸗ dung zwiſchen dieſer Grotte und der Kirche von Brou exiſtirte. VIII. Die Entdeckung. Am ſelben Tage, wie er die Erlaubniß erhalten hatte, erſchien Sir John zwiſchen Mittag und ein Uhr bei Fräulein von Montrevel. Alles ging, wie Morgan es gewünſcht. Sir John wurde als Freund der Familie behandelt, Lord — och nte ip⸗ en⸗ ine ſen nd ten He⸗ der eit in⸗ on ten ein Sir ord 113 Tannlay aber als Bewerber behandelt, deſſen Werbung ehre. Amelie wandte nichts gegen die Wünſche ihres Bruders und ihrer Mutter, nichts gegen die Befehle des erſten Conſuls ein, als den Zuſtand ihrer Ge⸗ ſundheit; das hieß Zeit verlangen; Lord Tannlay beugte ſich unter dies Verlangen; ihm ward ſo viel als er gehofft, er ward gnädig aufgenommen. Er ſah indeß ein, daß ſeine zu lange Anweſen⸗ heit in Bourg unpaſſend wäre, da Amelie ſich allein im Schloſſe befand. Er kündigte deßhalb Amelie einen zweiten Beſuch für den andern Tag und ſeine Abreiſe für den⸗ ſelben Abend an. Er wollte, ſie wiederzuſehen, warten, bis Amelie nach Paris oder Frau von Montrevel nach Bourg käme; dieſer zweite Umſtand war wahrſcheinlicher: Amelie ſagte, ſie bedürfe des Frühjahrs und der heimiſchen Luft, um zu geneſen. Dank dem großen Zartgefühle Sir Johns wur⸗ den Amelies und Sir Johns Wünſche erfüllt: die beiden Liebenden hatten Zeit und Einſamkeit vor ſich. Michel kannte dieſe Details von Charlotten und Roland wußte ſie von Michel. Roland beſchloß, Sir John abreiſen zu laſſen, ehe er irgend etwas beginne. Aber dies hinderte ihn nicht, einen letzten Zwei⸗ fel zu haben. Als die Nacht angebrochen war, nahm Roland einen Jagdanzug, zog darüber die Blouſe Michels, verbarg ſein Geſicht unter einem breitkrämpigen Hut, ſteckte ein Paar Piſtolen in den Gürtel Jagd⸗ Dumas, Jehu. III. 114 meſſers, das wie ſeine Piſtolen unter dem Gürtel verborgen war und wagte ſich auf den Weg von Noires Fontaines nach Bourg hinaus. Er hielt vor der Kaſerne der Gendarmerie und verlangte mit dem Hauptmann zu ſprechen. Roland ging hinauf und gab ſich zu erkennen; da es erſt acht Uhr Abends war und er von Vorübergehenden erkannt werden konnte, löſchte er die Lampe aus. Die beiden Männer blieben im Dunkeln. Der Hauptmann wußte bereits, was drei Tage vorher auf dem Wege von Lyon geſchehen war, und überzeugt, daß Roland nicht getödtet worden, erwar⸗ tete er ſeinen Beſuch. Zu ſeinem großen Erſtaunen verlangte Roland nur eines oder vielmehr zweierlei: Den Schlüſſel zur Kirche von Brou und ein Brecheiſen. Der Hauptmann gab ihm die beiden verlangten Sachen und erbot ſich, Roland auf ſeiner Expedition zu begleiten; Roland wies es jedoch ab: er war bei ſeiner Expedition an der Maiſon Blanche von Jeman⸗ den verrathen worden; er wollte ſich dem nicht zum zweiten Male ausſetzen. Alles, was er von dem Hauptmann verlangte, war, mit Niemand von ſeiner Anweſenheit zu ſpre⸗ chen und ſeine Rückkehr zu erwarten, wenn dieſe ſich auch um ein oder zwei Stunden verzögern ſollte. Der Hauptmann verpflichtete ſich dazu. Roland kam mit dem Schlüſſel in der Rechten und dem Brecheiſen in der Linken ohne Geräuſch nach der Seitenthüre der Kirche, öffnete ſie, ſchloß ſie und befand ſich gegenüber der Futtermauer. tel on ind ind erſt en ge nd ar⸗ nd ein ten on bei n⸗ um te, re⸗ ich 115 Er horchte: die tiefſte Stille herrſchte in der öden Kirche. Er rief ſich ſeine Jugenderinnerungen zurück, vrientirte ſich, ſteckte den Schlüſſel in die Taſche und erſtieg die Heumauer. Die Mauer war fünfzehn Fuß hoch; ſie bildete eine Art Plattform; dann ließ er ſich, wie man bei einem Feſtungswall an einer Böſchung hinabſteigt, bis zum Boden hinabgleiten, der mit lauter Leichen⸗ ſteinen gepflaſtert war. Der Chor war leer, Dank der Chorbühne, die ihn von der einen Seite ſchützte und den Mauern, die ihn rechts und links umſchloſſen. Die Thüre der Chorbühne war offen; Roland konnte deßhalb ohne Schwierigkeit in den Chor treten. Er ſtand vor dem Monumente Philipps des Schönen. An dem Kopfende des Fürſten befand ſich ein großer viereckiger Stein: durch dieſen ſtieg man in das unterirdiſche Grabgewölbe hinab. Roland kannte dieſe Paſſage: denn als er bei dem Stein angekommen, kniete er nieder, und ſuchte mit ſeiner Hand die Fuge der Platte. Er fand ſie, ſtand auf, ſteckte das Brecheiſen in die Fuge und hob den Stein auf. Mit der einen Hand hob er ihn in die Höhe, während er in das Gewölbe hinabſtieg. Dann ließ er ihn wieder langſam ſinken. Es ſah aus, wie wenn der nächtliche Beſuch freiwillig von der Welt ſchiede und in die Welt der Todten hinabſtiege. 116 Und was dem ſeltſam erſcheinen mußte, der ins Lichte und Verborgene, auf der Erde wie unter der Erde ſieht, das war die Gefühlloſigkeit dieſes Man⸗ nes, der an den Todten vorüberging, um die Leben⸗ digen aufzuſuchen, und der, trotz der Dunkelheit, Einſamkeit und Stille ſelbſt bei der Berührung der Marmorfärge nicht ſchauerte. Er ging taſtend unter den Gräbern umher, bis er das Gitter fand, das in das unterirdiſche Gewölbe führte. Er unterſuchte das Schloß; es war nur verrie⸗ gelt. Er ſtemmte das Ende ſeines Brecheiſens zwi⸗ ſchen den Riegel und die Schließkappe und drückte mit Leichtigkeit auf. Das Gitter öffnete ſich. Er legte die Thüre an, ohne ſie jedoch zu ſchlie⸗ ßen, um ſich den Rückweg zu ſichern und ſtemmte ſein Eiſen dazwiſchen. Dann ging er langſam mit geſpannten Ohren, weit geöffneten Augen, durch die Begierde zu hören, das Bedürfniß zu athmen, die Uinmöglichkeit zu ſehen, aufs höchſte gereizten Sinnen, die Piſtole in der einen Hand, während er ſich mit der andern an die Mauerwand ſtützte, vorwärts. So ging er eine Viertelſtunde lang. Einige Tropfen eiſigen Waſſers, welche durch das unterirdiſche Gewölbe herabfielen und ſeine Hände und Schultern netzten, hatten ihm zu erkennen gege⸗ ben, daß er unter der Reyſouſſe hin gehe. Man hätte glauben können, wenn man nur die Geſtalt dieſes dunkeln Lauſchers ſah, er ſei unent⸗ — — 117 ſchloſſen, aber wenn man ſeine Phyſiognomie geſchen, würde man begriffen haben, daß das Hoffnung war. Er machte ſich wieder auf den Weg, indem er die Richtung der Helle, die er geſehen zu haben glaubte, und des Geräuſches einſchlug, das er gehört zu haben glaubte. Je näher er kam, deſto deutlicher wurde das Geräuſch, deſto ſtärker erſchien ihm das Licht. Der Steinbruch war offenbar bewohnt: von wem? wußte er noch nicht, aber er ſollte es erfahren. Er war nur noch zehn Schritte von dem Granit⸗ kreuzwege, von dem wir bei unſerem erſten Hinab⸗ ſteigen in die Grotte von Ceyzeriat geſprochen. Er drückte ſich an die Mauer, indem er unmerk⸗ lich vorwärts ſchritt; er ſah in der Dunkelheit wie ein bewegliches Basrelief aus. Endlich drehte ſein Kopf um eine Ecke und ſein Blick fiel auf das Lager der Genoſſen Jehus. Sie waren zu zwölf oder fünfzehn mit Eſſen be⸗ ſchäftigt. Roland erfaßte eine tolle Luſt, ſich unter all' dieſe Menſchen zu ſtürzen, ſie allein anzugreifen, und ſie bis auf den Tod zu bekämpfen. Aber er unterdrückte dieſes ſinnloſe Verlangen, zog den Kopf ebenſo langſam zurück, als er ihn vor⸗ gebeugt, und mit Augen voll Feuer, das Herz voll Freude kehrte er, ohne gehört worden zu ſein, ohne geſehen worden zu ſein, ohne auch nur geahnt wor⸗ den zu ſein, zurück, indem er wieder denſelben Weg einſchlug, den er ſchon einmal gemacht. So war ihm nun alles erklärlich, das Verlaſſen der Karthauſe von Seillon, das Verſchwinden des 118 Herrn von Volenſolle, die falſchen Wilddiebe in der Umgegend der Grotte von Ceyzeriat. Diesmal wollte er ſich rächen, furchtbar rächen, tödtlich rächen. Denn wie er vermuthete, daß man ihn ſchonte, wollte er befehlen, daß man die Andern ſchonte. Nur hatte man ihn geſchont, um ihm das Leben zu laſſen; er wollte ſie aber ſchonen, um ſie um ſo ſicherer dem Tode zu überliefern. Ungefähr auf der Mitte des Weges war es ihm, als hörte er Geräuſch hinter ſich, er kehrte ſich um, und glaubte einen Lichtſtrahl zu ſehen. Er verdoppelte ſeine Schritte; hatte er die Thüre hinter ſich, ſo brauchte er nichts mehr zu fürchten; es war nicht mehr ein Steinbruch mit tauſend Gän⸗ gen, ſondern ein gerades, regelrechtes Gewölbe, an deſſen Ende ein Gitter in eine Gruft führte. Nach Verfluß von zehn Minuten ging er wieder unter dem Fluſſe durch; ein oder zwei Minuten ſpäter berührte er das Gitter mit ſeiner ausgeſtreckten Hand. Er drückte, das Gitter öffnete ſich. Er nahm ſein Brecheiſen, wo er es gelaſſen, trat in die Gruft, zog das Gitter hinter ſich zu, ſchloß es ſanft und ohne Geräuſch, fand durch die Grabmäler hindurch die Treppe wieder, hob die Platte mit ſei⸗ nem Kopfe und befand ſich auf dem Boden der Le⸗ bendigen. Dort war es verhältnißmäßig taghelle. Er trat aus dem Chor hervor, ſtieß die Thüre der Chorbühne auf, um ſie dann wieder ſo anzulegen, wie er ſie getroffen, ſtieg an der Böſchung hinauf, en, te, en ſo m, üre n; in⸗ an der ter nd. rat es ler ei⸗ Le⸗ re en, uſ, ging über die Plattform, und ſtieg an der andern Seite herab. Er hatte den Schlüſſel eingeſteckt: er öffnete die Thüre und ſtand draußen. Der Hauptmann der Gendarmerie erwartete ihn; er verhandelte einige Augenblicke mit ihm, dann gin⸗ gen beide zu gleicher Zeit hinaus. Beide kehrten auf dem Rundenweg, um nicht ge⸗ ſehen zu werden, nach Bourg zurück, gingen durch das Hallenthor, die Rue de ia Revolution, die Rue de la Liberté und die Rue d'Espagne, welche jetzt Rue Simoneau hieß. Dann ſtellte ſich Roland an eine Ecke der Rue du Greffe und wartete. Der Hauptmann der Gendarmerie ſetzte allein ſeinen Weg fort. Er ging durch die Rue des Urſules, welche ſeit ſieben Jahren Rue des Caſernes hieß; hier hatte der Brigadechef der Dragoner ſeine Wohnung. Dieſer wollte in dem Augenblicke, wo der Haupt⸗ mann in ſein Zimmer trat, ſich in das Bett legen; er ſagte ihm leiſe zwei Worte und der Brigadechef kleidete ſich in aller Eile an und ging hinaus. In dem Augenblicke, wo der Brigadechef der Dragoner und der Hauptmann der Gendarmerie auf dem Platze erſchienen, löste ſich ein Schatten von der Mauer ab und näherte ſich ihnen. Dieſer Schatten war Roland. Die drei Männer verhandelten zehn Minuten mit einander: Roland gab Befehle, die beiden an⸗ dern hörten zu und gaben ihren Beifall zu erkennen. Dann trennten ſie ſich. 120 Der Brigadechef kehrte heim; Roland und der Hauptmann der Gendarmerie gingen durch die Rue de lEtoile, über die Jacobinertreppe und die Rue de Bourgneuf nach dem Rundenweg, dann ſuchten ſie quer nach dem Wege von Pont d'Ain zu kommen. Roland ließ im Vorbeigehen den Brigadier der Gendarmerie in der Kaſerne und ſetzte ſeinen Weg allein fort. Zwanzig Minuten ſpäter, um Amelie nicht zu wecken, pochte er, ſtatt an dem Gitter zu läuten, an die Läden Michels. Michel öffnete den Laden und mit einem Sprung war Roland, von jenem Fieber erfaßt, das ihn, wenn er Gefahr ſah oder nur träumte, gewöhnlich ergriff, in dem Pavillon. Er hätte Amelie nicht aufgeweckt, wenn er an der Thüre geläutet, denn Amekie ſchlief nicht. Charlotte, die ebenfalls von der Stadt kam, wo ſie ihren Vater zu beſuchen vorgab, in der That aber, um Morgan einen Brief zukommen zu laſſen, hatte Morgan aufgefunden und brachte ihrer Herrin die Antwort. Amelie las dieſe Antwort; ſie lautete folgender⸗ maßen: „Innigſtgeliebte! „Ja, alles geht gut von Deiner Seite, denn Du biſt ein Engel; aber ich fürchte ſehr, daß es von meiner Seite ſchlecht gehen wird, denn ich bin ein Dämon. „Ich muß Dich durchaus ſehen, Dich in meine Arme drücken, Dich an mein Herz preſſen; ich weiß nicht, welche Ahnung auf mir laſtet, ich bin zum Tode traurig. zu an nd te, n 0 at n, in „Sende morgen Charlotte nach der Stadt, daß ſie ſich verſichere, ob Sir John abgereiſt iſt; wenn Du dies gewiß weißt, ſo gib Dein gewöhnliches Zeichen. „Fürchte nichts, ſprich mir nichts vom Schnee, ſage mir nicht, daß man meine Schritte ſehen werde. „Ich bin es diesmal nicht, der zu Dir kommen wird, Du biſt es, die zu mir kommen muß; verſtehſt Du wohl? Du kannſt in dem Park ſpazieren gehen; Niemand wird die Spur Deiner Schritte verfolgen. „Du hüllſt Dich in Deinen wärmſten Shawl, in Deine dickſten Pelze, dann werden wir in der unter den Weiden angebundenen Barke eine Stunde zu⸗ bringen, indem wir unſere gewöhnlichen Rollen ver⸗ tauſchen; ich vertraue Dir meine Befürchtungen an und Du ſagſt mir Deine Hoffnungen; morgen, meine angebetete Amelie, wirſt Du mir Deine Hoffnungen anvertrauen und ich ſage Dir meine Befürchtungen. „Sobald das Signal gegeben, komme herab; ich werde Dich in Montagnac erwarten und von Mon⸗ tagnac nach der Reyſouſſe ſind für mich, der ich Dich liebe, nur fünf Minuten Weges. „Auf Wiederſehen, meine arme Amelie; wenn Du mich nicht kennen gelernt, wäreſt Du die Glück⸗ lichſte unter den Glücklichen geweſen. „Das Schickſal hat mich auf Deinen Weg ge⸗ führt und ich habe, fürchte ich, aus Dir eine Mär⸗ tyrin gemacht. „Dein Charles. „Morgen nicht wahr? wenn nicht ein übermenſch⸗ liches Hinderniß in den Weg kömmt.“ Wo die Ahnungen Morgans ſich verwirklichen. Es gibt häufig nichts Ruhigeres und Heitereres, als die Stunden, welche einem großen Sturme vor⸗ angehen. Der Tag war ſchön und heiter: es war einer jener ſchönen Februartage, wo trotz der ſchneidenden Kälte der Luft, trotz des weißen Leichentuchs, das die Erde bedeckt, die Sonne den Menſchen lächelt und ihnen den Frühling verſpricht. Sir John kam im Verlauf des Tages, um Ame⸗ lien ſeinen Abſchiedsbeſuch zu machen. Sir John hatte oder glaubte das Wort Amelies zu haben: dieſes Wort genügte ihm. Ihre Ungeduld war eine rein perſönliche; aber Amelie hatte, indem ſie ſeine Bewerbung annahm, obgleich ſie die Zeit ihrer Ver⸗ bindung im Ungewiſſen ließ, alle ſeine Hoffnungen gekrönt. Er verließ ſich im Uebrigen auf den Wunſch des erſten Conſuls und die Freundſchaft Rolands. Er kehrte deßhalb nach Paris zurück, um Frau von Montrevel den Hof zu machen, da er hier nicht bleiben konnte, um ihn Amelie zu machen. Eine Viertelſtunde, nachdem Sir John das Schloß Noires Fontaines verlaſſen, ſchlug Charlotte gleich⸗ falls den Weg nach Bourg ein⸗ Gegen vier Uhr kehrte ſie zurück, um Amelie zu berichten, daß ſie mit eigenen Augen Sir John habe vor dem Hotel de France in den Wagen ſteigen und Macon zu fahren ſehen. res, oor⸗ ner den das helt me⸗ ohn en: eine eine Ver⸗ igen Frau nicht hloß 2 e zu habe und 123 Amelie konnte jetzt vollkommen ruhig ſein. Sie athmete wieder auf. Amelie hatte Morgan eine Ruhe einzuflößen ge⸗ ſucht, die ſie ſelbſt nicht beſaß; ſeit dem Tage, wo Charlotte ihr die Nachricht von der Anweſenheit Rolands in Bourg gebracht, hatte ſie ein Vorgefühl, daß man ſich einer furchtbaren Kataſtrophe nähere. Sie kannte alle Einzelheiten der in der Karthauſe von Seillon vorgefallenen Ereigniſſe, ſie ſah den Kampf, der zwiſchen ihrem Bruder und ihrem Ge⸗ liebten obwaltete, und beruhigt über das Schickſal ihres Bruders durch den Schutzbefehl des Hauptes der Genoſſen Jehus zitterte ſie für das Leben ihres Geliebten. Ueberdies hatte ſie den Anfall auf die Malle⸗ poſt von Chambery, den Tod des Brigadechefs der Chaſſeurs von Magon erfahren: ſie wußte, daß ihr Bruder gerettet, aber verſchwunden war. Sie hatte keinen Brief von ihm erhalten.— Dieſes Verſchwinden und dieſe Stille war für ſie, die ſie Roland kannte, etwas weit Schlimmeres, als ein offener und erklärter Krieg. Morgan hatte ſie ſeit der Sceène nicht mehr ge⸗ ſehen, die wir erzählten und bei welcher ſie ſich ver⸗ pflichtet, ihm, wo er auch ſein möchte, Waffen zu⸗ kommen zu laſſen, wenn er je zum Tode verurtheilt werden würde. Dieſes Rendezvous, das Morgan gewünſcht hatte, erwartete Amelie deßhalb mit eben ſo großer Unge⸗ duld, als der, welcher darum gebeten. Sobald ſie deßhalb glauben konnte, daß Michel und ſein Sohn zu Bette gegangen ſeien, zündete ſie 124 an den vier Fenſtern die Lichter an, welche Morgan als Signal dienen ſollten. Dann hüllte ſie ſich, wie es ihr der Geliebte empfohlen, in einen Caſchemir, den ihr Bruder vom Schlachtfelde der Pyramiden mitgebracht und den er ſelbſt vom Kopfe eines von ihm getödteten Bey ab⸗ genommen, warf über ihren Caſchemir einen pelzge⸗ fütterten Mantel, ließ Charlotte zurück, um ihr von dem was etwa geſchehen könnte, ſogleich Kunde zu bringen, und in der Hoffnung, daß nichts geſchehen würde, öffnete ſie die Thüre des Parks und ging nach dem Fluſſe. Während des Tages war ſie zwei bis dreimal nach der Reyſouſſe hinabgegangen, und wieder zu⸗ rückgekehrt, um ein Netz von Schritten zu ziehen, in dem ihre nächtlichen Schritte nicht erkannt werden könnten. Sie ſtieg deßhalb, wenn auch nicht ruhig, ſo doch kühn den Abhang hinunter, welcher nach der Rey⸗ ſouſſe führte; am Ufer des Fluſſes angekommen, ſuchte ſie mit den Augen die Barke, welche unter den Weiden angebunden war. Ein Mann erwartete ſie dort. Es war Morgan. Mit drei Ruderſchlägen kam er an einen Ort, der für das Hinabſteigen geeignet war; Amelie ſprang hinein, er fing ſie in ſeinen Armen auf. Das Erſte, was das junge Mädchen ſah, war der heitere Strahl, der ſo zu ſagen das Geſicht ihres Geliebten erhellte. „O,“ rief ſie,„Du haſt mir etwas Glückliches mitzutheilen.“ — fürc tete, Wid wür ten ſie daß ten, daß Lud gan ebte vom ner lzge⸗ von e zu ehen ging imal zu⸗ rden doch Rey⸗ men, den gan. Ort, rang war ihres iches — 125 „Warum das, liebe Freundin?“ fragte Morgan mit ſeinem ſüßeſten Lächeln. „Es ſtrahlt aus Deinem Geſichte, mein vielge⸗ liebter Charles, etwas mehr, als das Glück mich wiederzuſehen.“ „Du haſt Recht,“ ſagte Morgan, indem er die Kette der Barke an dem Stamm der Weide befeſtigte und die Ruder die Seite des Bovtes ſchlagen ließ. Dann nahm er Amelie in ſeine Arme. „Du haſt Recht, meine Amelie,“ ſagte er zu ihr, „und meine Gefühle täuſchten mich. O ſchwache und blinde Menſchen, die wir ſind: in dem Augenblick, wo wir das Glück mit den Händen faſſen, zweifeln und verzweifeln wir.“ „O ſprich, ſprich!“ ſagte Amelie;„was iſt ge⸗ ſchehen?“ „Erinnerſt Du Dich, meine Amelie, was Du mir bei unſerer letzten Zuſammenkunft ſagteſt, als ich Dir vom Fliehen ſprach und Deinen Widerwillen fürchtete?“ „O ja, ich erinnere mich, Charles; ich antwor⸗ tete, daß ich die Deine ſei und daß, wenn ich einen Widerwillen hätte, ich ihn zu überwinden wiſſen würde.“ „Und ich antwortete Dir, daß ich Verbindlichkei⸗ ten hätte, die mich zu fliehen hinderten: daß, wie ſie an mich gebunden ſeien, ich an ſie gebunden ſei, daß ein Mann lebe, den wir wieder aufrichten woll⸗ ten, dem wir abſoluten Gehorſam ſchuldig ſeien und daß dieſer Mann der künftige König von Frankreich, Ludwig XVIII. ſei.“ „Ja, Du haſt mir all' das geſagt.“* 7 „Nun, wir ſind unſerer Verpflichtungen entbunden, Amelie, nicht nur durch den König Ludwig XVII., ſondern auch durch unſern General Georges Ca⸗ doudal.“ „O mein Freund, Du wirſt alſo ein Menſch weiden, wie alle andern, über allen andern ſtehen!“ „Ich werde ein einfacher Proſcribirter werden, Amelie. Wir haben die Amneſtie, welche der Vendée und Bretagne gegeben wird, nicht zu gewärtigen.“ „Und warum das?“ „Wir ſind keine Soldaten, mein vielgeliebtes Kind, wir ſind nicht mal Rebellen, wir ſind Genoſ⸗ ſen Jehus.“ Amelie ſtieß einen Seufzer aus. „Wir ſind Banditen, Räuber, Plünderer von Mallepoſten,“ ſagte Morgan offenbar abſichtlich mit beſonderem Nachdruck. „Stille!“ machte Amelie, ihre Hand auf den Mund ihres Geliebten legend;„ſtille! laß uns nicht davon ſprechen; ſage mir, wie euer König euch der Verpflichtungen entbunden, wie euer General euch den Abſchied gegeben.“ „Der erſte Conſul wollte Cadoudal ſehen. Zuerſt ſchickte er ihm Deinen Bruder, um ihm Vorſchläge zu machen: Cadoudal wies es von ſich ab, auf güt⸗ liche Ausgleichungen einzugehen: aber Cadoudal er⸗ hielt wie wir von Ludwig KVIII. den Befehl, die Feindſeligkeiten einzuſtellen. Zu gleicher Zeit mit dieſem Befehl kam eine neue Botſchaft vom erſten Conſul! Dieſe war ein Sicherheitsgeleite für ihn, eine Einladung, nach Paris zu kommen, ein Vertrag zwiſchen zwei Mächten. Cadoudal hat angenommen — Du er es Jel gni der in len abz feu gel ten nic ehr me den, i, Ca⸗ enſch en rden, ende iebtes noſ⸗ von h mit den nicht ich det l euch Zuerſt ſchläge uf gůt⸗ v dal er⸗ , die it mit erſten ir ihn, Vertrag ommen 127 und muß in dieſem Augenblicke auf dem Wege nach Paris oder bereits dort angekommen ſein. Es iſt alſo Frieden oder wenigſtens Waffenſtillſtand,“ „Und von Seiten Ludwigs XVIII.?“ „Noch mehr; es exiſtirt ein Befehl, die Feind⸗ ſeligkeiten einzuſtellen, wie ihn Cadoudal erhalten.“ „O welche Freude, mein Charles!“ „Freue Dich nicht zu ſehr, meine Liebe!“ „Und warum das?“ „Weil dieſer Befehl ſeinen Grund hat, und weißt Du, welchen?“ „Nein.“ „Dieſer Fouché iſt ein ſehr verſchmitzter Menſch; er ſah ein, daß, weil er uns nicht beſiegen könnte, es galt, uns zu entehren. Er hat falſche Genoſſen Jehus organiſirt, die er in das Maine⸗ und Anjou⸗ Departement geſchickt und die ſich nicht damit be⸗ gnügen, das Geld der Regierung zu nehmen, ſon⸗ dern die Reiſenden ausplündern und beſtehlen, Nachts in Schlöſſer, Pachthöfe dringen, den Beſitzern dieſer Pachthöfe und Schlöſſer die Füße auf glühende Koh⸗ len ſetzen und ihnen durch Torturen das Geſtändniß abzwingen, wo ſie ihr Geld verborgen haben. Dieſe Menſchen, dieſe lenden, dieſe Banditen, dieſe Chauf⸗ feurs nehmen denſelben Namen an, wie wir, und gelten dafür, als ob ſie für daſſelbe Princip kämpf⸗ ten, wie wir; auf dieſe Weiſe erklärt uns Fouché nicht nur für vogelfrei, ſondern macht uns auch ehrlos.“ „Ol“ „So höre denn, was ich Dir zu ſagen habe, meine Amelie, ehe ich Dir zum zweiten Male den 128 Vorſchlag mache, mit mir zu fliehen. In den Augen Frankreichs, in den Augen des Auslands, in den Augen des Fürſten ſelbſt, dem wir gedient und für den wir das Schaffot gewagt, werden wir in Zukunft und ſind es wahrſcheinlich ſchon, Elende, die das Schaffot verdienen.“ „Ja, aber für mich, mein vielgeliebter Charles, biſt Du der Mann der Aufopferung, der Mann der Ueberzeugung, der ſtrenge Royaliſt, der zu kämpfen fortgefahren, während alle Welt die Waffen nieder⸗ gelegt; für mich biſt Du der loyale Baron von Saint Hermine; für mich, wenn Du lieber willſt, biſt Du der edle, der muthige, der unüberwindliche Morgan.“ „Das iſt Alles, was ich wiſſen wollte, meine Vielgeliebte: Du wirſt deßhalb nicht einen Augenblick zögern, trotz der Wolke der Schmach, welche man zwiſchen uns und die Ehre bringt, Du wirſt nicht zögern, ich ſage nicht, Dich mir hinzugeben, Du haſt Dich mir hingegeben, ſondern meine Frau zu ſein?“ „Was ſagſt Du da? nicht einen Augenblick, nicht eine Secunde: es wäre ja die Freude meiner Seele, das Glück meines Lebens! Deine Frau! ich bin Deine Frau vor Gott; Gott wird alle meine Wünſche an dem Tage erfüllen, wo er erlaubt, daß ich Deine Frau vor den Menſchen ſein werde.“ Morgan fiel auf die Kniee. „Nun,“ ſagte er,„zu Deinen Füßen, Amelie, mit gefalteten Händen, mit der bittendſten Stimme meines Herzens, komme ich Dir zu ſagen: Amelie, willſt Du fliehen? Amelie, willſt Du Frankreich ver⸗ laſſen? Amelie, willſt Du meine Frau ſein?“ Amelie richtete ſich ganz auf und legte beide ſie ter lie üb un iſt hei gel ge er biſ än gen gen wir und affot rles, der pfen eder⸗ aint Du an.“ neine nblick man nicht haſt ein?“ nicht Seele, bin inſche † Deine melie, timme melie, h ver⸗ beide 129 Hände an ihre Stirne, als wenn das ungeſtüme Blut, das in ihr Hirn ſtrömte, es zerſprengen wollte. Morgan ergriff ihre beiden Hände und fragte ſie, indem er ſie unruhig anſah, mit dumpfer, zit⸗ ternder, beinahe gebrochener Stimme: „Biſt Du unſchlüſſig?“ „O, nein, nein! nicht eine Secunde,“ rief Ame⸗ lie;„ich bin Dein, wie früher, ſo jetzt, immer und überall. Nur iſt der Schlag um ſo heftiger, als er unerwartet kömmt.“ „Bedenke wohl, Amelie; was ich Dir vorſchlage, iſt das Aufgeben von Vaterland und Familie; das heißt alles deſſen, was theuer und heilig iſt; indem Du mir folgſt, verläſſeſt Du das Schloß, wo Du geboren biſt, die Mutter, die Dich dort erzogen und genährt, den Bruder, der Dich liebt, und der, wenn er wiſſen wird, daß Du die Frau eines Räubers biſt, Dich vielleicht haßt, ſicher verachtet.“ Und während er ſo ſprach, beobachtete Morgan ängſtlich das Geſicht Amelies. Dieſes Geſicht hellte ſich nach und nach auf, ein ſanftes Lächeln ergoß ſich über daſſelbe, und, wie wenn es vom Himmel herabſtiege, beugte es ſich auf den jungen Mann herab, der noch immer zu ihren Füßen lag. „O Charles,“ ſagte das junge Mädchen mit einer Stimme, ſanft, wie das Murmeln des Fluſſes, der klar und hell zu ihren Füßen hinſtrömte,„die Liebe, die unmittelbar von Gott ausſtrömt, muß etwas Mächtiges ſein, denn trotz der furchtbaren Worte, die Du ſo eben ausgeſprochen, ſage ich Dir, ohne Furcht, ohne Zögern, beinahe ohne Schmerz, Charles, hier Dumas, Jehu. III. 9 130 bin ich, Charles, ich bin Dein; Charles, wann wer⸗ den wir gehen?“ „Amelie, unſer Schickſal iſt nicht der Art, daß man lange darüber verhandelt oder ſpricht; wenn wir gehen, wenn Du mir folgſt, ſo geſchieht es augen⸗ blicktich; morgen müſſen wir jenſeits der Grenze ſein.“ „Und unſere Mittel zur Flucht?“ „Ich habe in Montagnac zwei völlig geſattelte Pferde, eines für Dich, Amelie, eines für mich; ich habe für zweimalhunderttauſend Franken Creditbriefe auf London oder Wien. Wo willſt Du, daß wir hin⸗ gehen?“ „Wo Du biſt, Charles, werde ich ſein; was gilt mir das Land, was gilt mir die Stadt?“ „Dann komm.“ „Fünf Minuten, Charles, iſt das zu viel?“ „Wohin gehſt Du?“ „Ich habe von mancherlei Abſchied zu nehmen, Charles; ich habe Deine geliebten Briefe zu holen, den Elfenbeinroſenkranz meiner erſten Communion; ich habe einige theure, fromme, heilige Erinnerungen, Erinnerungen aus der Kinderzeit, die hienieden alles ſind, was mir von meiner Mutter, von meiner Fa⸗ milie, von Frankreich bleibt; ich will ſie holen und komme dann zurück.“ „Amelie?“ „Was?“ „Ich möchte Dich nicht verlaſſen; es iſt mir jest in dem Augenblicke, wo wir vereinigt werden ſollen, als ob es Dich verlieren hieße, wenn ich Dich einen Augenblick verließe; Amelie, willſt Du, daß ich Dir folge?“ en, en, on; en, les Fo⸗ ind etzt en, ich daß 131 „O komm; was thut es, wenn man jetzt Deine Schritte ſieht; morgen werden wir ferne von hier ſein; komm!“ Der junge Mann ſprang aus der Barke und gab Amelie die Hand; dann unſchlang er ſie mit ſeinem Arm und beide ſchlugen den Weg nach dem Hauſe ein. Auf dem Perron blieb Charles ſtehen. „Geh!“ ſagte er zu ihr;„die Religion der Erin⸗ nerungen hat ihre Scham; obgleich ich ſie begreife, würde ich Dich ſtören; ich erwarte Dich hier, ich wache hier über Dich; von dem Augenblicke an, wo ich nur die Hand auszuſtrecken brauche, um Dich zu faſſen, bin ich ſicher, daß Du mir nicht entgehen wirſt; gehe, meine Amelie, aber komme bald wieder.“ Amelie antwortete, indem ſie dem jungen Manne die Lippen darbot, dann ſtieg ſie raſch die Treppe hinan, kehrte in ihr Zimmer zurück, nahm ein kleines, eichenes Kiſtchen mit Schnitzwerk und mit Eiſen be⸗ ſchlagen, in dem ſich ihr Schatz befand, die Briefe von Charles vom erſten bis zum letzten, nahm vom Spiegel über dem Kamin den weißen und jungfräu⸗ lichen Elfenbeinroſenkranz, der dort aufgehängt war, und hing an ihren Gürtel eine Uhr, die ihr der Vater geſchenkt, als ſie noch ein Kind war. Dann ging ſie in das Zimmer ihrer Mutter, beugte ſich auf das Kopfkiſſen ihres Bettes herab, küßte den Pfühl, den der Kopf von Frau von Montrevel berührt, kniete vor dem Chriſtus nieder, der am Fußende ihres Bettes ſtand, begann ein Dankgebet, das ſie nicht fortzuſetzen wagte, unterbrach es durch ein Glaubens⸗ bekenntniß, und hielt dann plötzlich inne. 132 Es war ihr vorgekommen, als wenn Charles ſie riefe. Sie lauſchte und hörte zum zweiten Male ihren Namen mit einer bangen Betonung rufen, von der ſie ſich keine Rechenſchaft geben konnte. Sie zitterte, richtete ſich auf und ſtieg raſch die Treppe hinab. Charles war noch am ſelben Platze; aber vor⸗ wärts gebeugt, mit lauſchendem Ohre ſchien er ein fernes Geräuſch mit bangem Gefühle zu vernehmen. „Was gibt es?“ fragte Amelie, indem ſie die Hand des jungen Mannes ergriff. „Horch, horch!“ ſagte dieſer. Amelie lauſchte gleichfalls. Es war ihr, als hörte ſie verſchiedene Schüſſe, die einander in Unterbrechungen folgten, wie ein Musketenfeuer. Es kam aus der Richtung von Ceyzeriat. „O!“ rief Morgan,„ich hatte wohl recht, bis zum letzten Augenblick an meinem Glücke zu zweifeln. Meine Freunde ſind angegriffen, Amelie; lebe wohl, lebe wohl!“ „Wie, lebe wohl?“ rief Amelie erblaſſend;„Du verläſſeſt mich?“ Der Lärm des Gewehrfeuers wurde deutlicher. „Hörſt Du nicht? Sie ſchlagen ſich und ich bin nicht bei ihnen, um mich an ihrer Seite zu ſchlagen!“ Als Tochter eines Soldaten begriff Amelie alles und verſuchte nicht, Widerſtand zu leiſten. „Gehe,“ ſagte ſie, indem ſie die Arme fallen ließ; „Du hatteſt Recht, wir ſind verloren.“ Der junge Mann ſtieß einen Wuthſchrei aus, — r⸗ in ie j8 is n. hl, u 133 umfaßte zum Zweitenmale das junge Mädchen, drückte ſie an ſeine Bruſt, als wollte er ſie erſticken; dann ſprang er vom Perron herab, ſtürzte nach der Rich⸗ tung des Gewehrfeuers mit der Schnelligkeit eines von Jägern verfolgten Damhirſches und rief: „Da bin ich, Freunde, da bin ich!“ Und er verſchwand wie ein Schatten unter den großen Bäumen des Parks. Amelie fiel auf die Kniee, die Arme nach ihm ausſtreckend, ohne jedoch die Kraft zu haben, ihn zu⸗ rückzurufen, oder wenn ſie die Kraft gehabt, ſo ge⸗ ſchah es mit ſo ſchwacher Stimme, daß Morgan ihr nicht antwortete und ſeinen Schritt nicht verlang⸗ ſamte, um ihr zu antworten. Man ahnt, was geſchehen war. Roland hatte ſeine Zeit mit dem Gendarmerie⸗ Hauptmann und dem Dragoneroberſt nicht verloren. Dieſe ihrerſeits hatten nicht vergeſſen, daß es galt, ſich zu revanchiren. Roland hatte dem Gendarmeriehauptmann den unterirdiſchen Gang entdeckt, welcher die Kirche von Brou mit der Grotte von Ceyzeriat verband. Um neun Uhr Abends ſollten der Hauptmann und die achtzehn Mann, die er unter ſeinem Befehle hatte, in die Kirche gehen, durch die Gruft der Her⸗ zoge von Savoyen hinabſteigen, und mit ihren Ba⸗ jonetten die Verbindung der Steinbrüche mit dem unterirdiſchen Gewölbe abſchneiden. Roland wollte an der Spitze von zwanzig Dra⸗ gonern das Gehölz umzingeln, es durchſtreifen, in⸗ dem man den Halbkreis immer enger machte, bis 13⁴ die beiden Flügel dieſes Halbkreiſes an der Grotte von Ceyzeriat anſtießen. Um neun Uhr ſollte die erſte Bewegung von dieſer Seite aus ſtattfinden und ſich mit der des Gendarmeriehauptmanns in Verbindung ſetzen. Man hat aus den zwiſchen Amelie und Morgan gewechſelten Worten erſehen, in welcher Lage die Ge⸗ noſſen Jehus ſich um dieſe Zeit befanden. Die Nachrichten, welche zu gleicher Zeit aus Millau und der Bretagne anlangten, hatten alle Welt beruhigt; jeder fühlte ſich frei und indem man ein⸗ ſah, daß der Krieg ein verzweifelter war, freute man ſich ſeiner Freiheit. Es war eine vollſtändige Verſammlung in der Grotte von Ceyzeriat, beinahe ein Feſt; um Mitter⸗ nacht trennten ſich alle und jeder machte ſich, je nach der Gelegenheit, die ihm geboten war, über die Grenzen zu kommen, auf den Weg, um Frankreich zu verlaſſen. Man hat geſehen, wozu ihr Anführer ſeine letz⸗ ten Augenblicke verwandte. Die Andern, welche nicht dieſelben Herzensbande hatten, hielten in dem hellerleuchteten Kreuzwege ein Abſchiedsmahl; denn war man mal außerhalb Frankreichs, wo würden ſich, wenn die Vendée und Bretagne pacificirt und die Armee Condés zerſtreut war, die Verbannten auf fremdem Boden wieder⸗ ſehen? Gott weiß es. Plötzlich drang der Knall eines Flintenſchuſſes an ihr Ohr. Wie durch einen electriſchen Schlag ſtand Jeder auf den Beinen. otte oon des an Ge⸗ aus elt ein⸗ an der ter⸗ die eich letz⸗ nde ege alb und eut er⸗ ſſes 135 Man hörte einen zweiten Schuß. Dann drangen die drei Worte„Zu den Waffen!“ ſchauerlich wie der Flügelſchlag eines Unglücks⸗ vogels in die Tiefe des Steinbruchs. Für die Genoſſen Jehus, welche auf alle Wechſel⸗ fälle eines Banditenlebens gefaßt waren, hatte die Ruhe eines Augenblicks nicht die⸗ Bedeutung des Friedens. Dolche, Piſtolen und Carabiner lagen immer zur Hand. Bei dem Schrei, den wahrſcheinlich die Wache ausgeſtoßen, ſprang Jeder auf ſeine Waffen los, und blieb dann, mit vorgeſtrecktem Halſe, tief ath⸗ mender Bruſt und offenem Ohre ſtehen. Mitten in dieſer Stille hörte man das Geräuſch eines Schrittes, der ſich ſo raſch näherte, als es die Dunkelheit erlaubte, in der er ſich bewegte. Dann erſchien in der Helle, welche die Fackeln und die Lichter verbreiteten, ein Mann. „Zu den Waffen!“ rief er zum zweiten Male, „wir ſind angegriffen!“ Die beiden Schüſſe, welche man gehört, waren von der Wache mit ihrer doppelläufigen Flinte ab⸗ geſchoſſen worden. Sie war es, die mit noch rauchender Flinte her⸗ beieilte. „Wo iſt Morgan?“ riefen zwanzig Stimmen. „Abweſend,“ antwortete Lepretre,„und deshalb führe ich das Commando. Löſcht alles aus und zieht Euch in die Kirche zurück. Ein Kampf iſt unnöthig und vergoſſenes Blut wäre verlorenes Blut.“ 136 daß jeder die Gefahr zu würdigen wußte. Dann drängte man ſich in der Dunkelheit an ein⸗ ander. Lepretre, dem die unterirdiſchen Wege ebenſo F gut bekannt waren, als Morgan, übernahm es, die 7 Man gehorchte mit jener Raſchheit, welche zeigte, p Truppe zu führen und ging mit ſeinen Genoſſen tiefer in den Steinbruch. Plötzlich glaubte er fünfzig Schritte vor ſich ein leiſe ausgeſprochenes Commando zu hören, dann das Geräuſch einer Anzahl von Flinten zu hören, die ſ man lädt. Er ſtreckte die beiden Arme aus, indem er „Halt!“ murmelte. Im ſelben Augenblicke hörte man deutlich das* Commando: „Feuer!“ Der Befehl war kaum ausgeſprochen, als das unterirdiſche Gewölbe von einem furchtbaren Knall erdröhnte. Zehn Carabiner hatten zu gleicher Zeit Feuer gegeben. Bei der Helle dieſes Blitzes konnten Lepretre und ſeine Genoſſen die Uniform der Gendarmen ⸗ ſehen und erkennen. „Feuer!“ rief nun auch Lepretre. Sieben bis acht Schüſſe ertönten auf dieſen Befehl. Das dunkle Gewölbe erhellte ſich abermals. Zwei Genoſſen Jehus lagen am Boden, der eine todt, der andere tödtlich verwundet. 5 „Der Rückzug iſt abgeſchnitten,“ ſagte Lepretre; 18 ll er re „ n 137 „umgekehrt, meine Freunde; wenn wir noch einen Ausweg haben, ſo iſt es der auf der Seite des Waldes.“ Die Bewegung ging mit der Regelmäßigkeit eines militäriſchen Manövers vor ſich. Lepretre ſtand an der Spitze ſeiner Genoſſen und kehrte um. In dieſem Augenblick gaben die Gendarmen zum zweiten Male Feuer. Niemand erwiderte den Schuß; die, welche ge⸗ ſchoſſen, luden ihre Waffen wieder, die, welche nicht geſchoſſen, hielten ſich zum eigentlichen Kampfe be⸗ reit, der am Eingang der Grotte ſtattfinden ſollte. Ein oder zwei Seufzer ließen allein erkennen, daß dieſes Feuer der Gendarmerie nicht erfolglos geweſen. Nach Verfluß von fünf Minuten hielt Lepre⸗ tre an. Man war ungefähr auf der Höhe des Kreuz⸗ wegs angekommen. „Sind alle Flinten und Piſtolen geladen?“ fragte er. „Alle,“ antwortete ein Dutzend Stimmen. „Ihr erinnert Euch des Loſungsworts für die⸗ jenigen, welche in die Hände der Juſtiz fallen wer⸗ den; wir gehören zu den Truppen des Herrn Theyſ⸗ ſonet; wir ſind hierhergekommen, um der royali⸗ ſtiſchen Sache Anhänger zu rekrutiren, wir wiſſen nicht, was man ſagen will, wenn man von ange⸗ fallenen Mallepoſten und Diligencen ſpricht.“ „Das iſt abgemacht.“ „Im einen wie andern Falle trifft uns der Tod, 138 das wiſſén wir wohl; aber der Tod des Soldaten, nicht der des Diebes, das Erſchießen, nicht die Guil⸗ lotine.“ „Und das Erſchießen,“ ſagte eine ſpottende Stimme,„wir wiſſen, was das heißt. Es lebe das Erſchießen!“ „Vorwärts! meine Freunde,“ ſagte Lepretre, „wir wollen unſer Leben ſo theuer als möglich ver⸗ kaufen, das heißt, um den Preis, den es werth iſt.“ „Vorwärts!“ wiederholten die Genoſſen. Und ſo raſch als es in der Dunkelheit möglich war, machte ſich die kleine Truppe wieder auf den Marſch, während Lepretre immer voranging. Je weiter ſie vorwärts kamen, deſto deutlicher roch Lepretre einen Rauch, der ihn beunruhigte. Zu gleicher Zeit reflectirten ſich gewiſſe Lichter an den Mauerwänden und den Ecken der Pfeiler, welche zu erkennen gaben, daß etwas Ungewöhnliches an der Heffnung der Grotte vor ſich ging. „Ich glaube, daß dieſe Schufte uns räuchern,“ ſagte Lepretre. „Ich fürchte auch,“ antwortete Guyon. „Sie glauben es mit Füchſen zu thun zu haben.“ „O!“ antwortete dieſelbe Stimme;„ſie ſollen an unſern Krallen ſehen, daß wir Löwen ſind.“ Der Rauch wurde immer dichter, die Helle immer größer. Man kam an die letzte Ecke. Eine Maſſe von Holz war im Innern des Stein⸗ bruchs angezündet, ungefähr fünfzig Schritte von der Oeffnung, nicht um zu räuchern, ſondern um hell zu machen. — 6,0 —0 aten, zuil⸗ ende das etre, ver⸗ iſt.“ glich den icher hter iler, ches rn, en.“ Ulen mer tein⸗ der hell — 139 Bei dem Lichte, das der weißglühende Herd ver⸗ breitete, ſah man am Eingang die Waffen der Dra⸗ goner glänzen. Zehn Schritte vor ihnen wartete ein Ofſizier, auf ſeinen Carabiner geſtützt, nicht nur den Schüſſen ausgeſetzt, ſondern ſie ſogar herauszufordern ſcheinend. Es war Roland. Man konnte ihn leicht erkennen; er hatte ſeinen Hut weit von ſich geſchleudert, ſein Kopf war ent⸗ blößt und die flackernde Flamme warf ihre ſpielen⸗ den Lichter auf ſein Geſicht. Aber was ihn hätte verderben ſollen, rettete ihn. Lepretre erkannte ihn und trat einen Schritt zurück. „Roland von Montrevel,“ ſagte er;„erinnert Euch des Schutzbefehls Morgans.“ „Wir kennen ihn,“ antworteten die Genoſſen Jehus mit dumpfer Stimme. „Und jetzt,“ rief Lepretre,„laßt uns ſterben, aber mordend ſterben.“ Und damit ſtürzte er ſich zuerſt in den von der Flamme erhellten Raum, ſchoß einen Lauf ſeiner Doppelflinte auf die Dragoner ab, welche mit einer allgemeinen Salve antworteten. Es wäre unmöglich, zu erzählen, was nun ge⸗ ſchah: die Grotte füllte ſich mit Rauch, in welchem jeder Schuß wie ein Blitz leuchtete; die beiden Trup⸗ pen rückten näher und wurden handgemein: nun galt es Piſtolen und Dolche. Bei dem Lärm des Kampfes eilte die Gendarmerie herbei; aber es war ihr un⸗ möglich, Feuer zu geben, ſo kämpften Freunde und Feinde durcheinander. 140 Es ſchienen ſich nur einige Dämonen mehr in dieſen Kampf von Dämonen zu miſchen. Man ſah wirre Gruppen inmitten dieſer rothen und rauchigen Atmoſphäre kämpfen, bald ſich nieder⸗ beugen, bald ſich wieder aufrichten; man hörte ein Wuthgeheul oder einen Schrei des Todeskampfes: es war der letzte Seufzer eines Menſchen. Der Ueberlebende ſuchte einen neuen Gegner, begann einen neuen Kampf. Dieſes Würgen dauerte eine Viertelſtunde, zwan⸗ zig Minuten vielleicht. Nach Verfluß dieſer zwanzig Minuten konnte man in der Grotte von Ceyzeriat zweiundzwanzig Leichen zählen. 8 Dreizehn gehörten den Dragonern und Gen⸗„ darmen, neun den Genoſſen Jehus an. Fünf der Letztern lebten:; überwältigt von der Anzahl, durch Wunden erſchöpft, waren ſie leben⸗ dig feſtgenommen worden. Die Gendarmen und Dragoner, fünfundzwanzig an der Zahl, umgaben ſie. Dem Hauptmann der Gendarmerie war der Arm gebrochen, dem Brigadechef der Dragoner eine Kugel durch den Schenkel gegangen. Nur Roland, der mit Blut, aber nicht mit dem ſeinen bedeckt war, hatte nicht die geringſte Verletzung erhalten. Zwei der Gefangenen waren ſo ſchwer verwundet, daß man darauf verzichtete, ſie zu Fuße gehen zu laſſen; man mußte ſie auf Tragbahren transportiren. Man zündete Fackeln an, die man zu dieſem St na ein ble hä no der au jun r in then eder⸗ ein fes: ner, van⸗ nnte nzig Hen⸗ der ben⸗ nzig der eine dem ung det, zu ren. ſem 144 Zwecke mitgenommen, und ſchlug den Weg nach der Stadt ein. Im Augenblicke jedoch, wo man aus dem Walde nach der Landſtraße kam, hörte man den Galopp eines Pferdes. Dieſer Galopp näherte ſich raſch. „Setzt Euern Weg fort,“ ſagte Roland,„ich bleibe zurück, um zu ſehen, was es iſt.“ Es war ein Reiter, der, wie geſagt, mit ver⸗ hängtem Zügel herbeiſprengte. „Wer da?“ rief Roland, als der Reiter nur noch zwanzig Schritte von ihm entfernt war. Und er richtete ſeinen Carabiner. „Ein Gefangener mehr, Herr von Montrevel,“ antwortete ein Reiter;„ich konnte nicht mehr an dem Kampfe Theil nehmen, ſo will ich wenigſtens auf dem Schaffot bei meinen Freunden ſein.“ „Dort, mein Herr,“ antwortete Roland, der den jungen Mann nicht an dem Geſichte, ſondern an der Stimme erkannt hatte, einer Stimme, die er zum dritten Male hörte. Und er deutete mit der Hand auf die Gruppe, welche die Mitte der kleinen Truppe bildete, die auf dem Weg von Ceyzeriat nach Bourg ging. „Ich ſehe mit Vergnügen, daß Ihnen nichts ge⸗ ſchehen, Herr von Montrevel,“ ſagte der junge Mann mit vollendeter Courtviſie,„das iſt mir eine große Freude, ich ſchwöre es Ihnen.“ Und indem er ſeinem Pferde die Sporen gab, war er mit einigen Sätzen bei den Dragonern und Gendarmen. „Verzeihung, meine Herren,“ ſagte er, indem 142 er abſaß,„aber ich verlange einen Platz unter mei⸗ nen drei Freunden, dem Vicomte von Jayal, dem Grafen von Valenſolle und dem Marquis von Ribier.“ Die drei Gefangenen ſtießen einen Schrei der Bewunderung aus und boten ihrem Freunde die Hand. Die beiden Verwundeten richteten ſich auf ihrer Bahre auf und murmelten: „Schön, Saint Hermine... ſchön!“ „Ich glaube, Gott verzeihe mir!“ rief Roland, „daß die gute Seite der Sache bis an's Ende bei dieſen Banditen ſein wird!“ Cadoudal in den Tuillerien. Am zweiten Tage nach dieſer furchtbaren Nacht, in der die Ereigniſſe geſchehen, die wir ſo eben be⸗ richtet, gingen zwei Männer neben einander in dem großen Salon der Tuillerien, welcher auf den Gar⸗ ten hinausſieht. Sie ſprachen lebhaft; von beiden Seiten waren die Worte von raſchen und lebhaften Geberden be⸗ gleitet. Dieſe beiden Männer waren der erſte Conſul Bonaparte und Georges Cadoudal. Georges Cadoudal, gerührt von dem Unglück, das ein längerer Widerſtand für die Bretagne her⸗ mei⸗ dem von der die hrer and, bei acht, be⸗ dem Gar⸗ aren be⸗ nſul 143 beiführen konnte, hatte ſo eben den Frieden mit Brune unterzeichnet. Nach dieſer Unterzeichnung des Friedens hatte er die Genoſſen Jehus ihres Schwures entbunden. Unglücklicherweiſe war der Abſchied, den er ihnen gab, wie wir geſehen, vierundzwanzig Stunden zu ſpät gekommen. In dieſem Frieden hatte Georges, ſeinem Cha⸗ rakter treu, nichts für ſich ſtipulirt, als die Freiheit, ſich hinzubegeben, wo ihm beliebte. Am Tage, nachdem dieſer Friede unterzeichnet war, erhielt Cadoudal, als er mit zerriſſenem Herzen in ſein Lager zurückkehrte, einen Brief vom engliſchen Admiral, der in der Bai von Quiberon kreuzte. Der Admiral meldete ihm durch dieſen Brief, daß England ſechsmalhunderttauſend Franken zu ſeiner Verfügung ſtelle, um den Krieg fortzuſetzen. Dieſe Nachricht hätte, wenn ſie zwei Tage vorher eingetroffen wäre, aller Wahrſcheinlichkeit nach die Sache weſentlich gefördert, aber es war zu ſpät. Cadoudal antwortete: „Ich habe geſtern den Frieden unterzeichnet, ich kann heute nicht ein Geld annehmen, das zum Kriege beſtimmt war. „Ich verlange jetzt von Ihnen keine andre Gunſt, als daß Sie mich nach England bringen.“ Aber Brune hatte ſo ſehr in ihn gedrungen, daß Cadoudal in eine Unterredung mit dem erſten Con⸗ ſul willigte. Er war dem zu folge nach Paris abgereist. Am Morgen ſeiner Ankunft hatte er ſich in den 144 Tuillerien eingefunden, ſich genannt, und war em⸗ pfangen worden. Rapp führte ihn in Abweſenheit Rolands ein. Als Rapp ſich zurückzog, ließ er die beiden Flü⸗ gel offen, um von dem Cabinet Bourriennes alles zu ſehen und dem erſten Conſul, wenn es nöthig wäre, Hilfe zu bringen. Aber Bonaparte, der die Abſicht Rapps merkte, ſchloß die Thüre. Dann kam er raſch zu Cadoudal zurück und ſagte: „Ah! Sie ſind es, ich freue mich, Sie zu ſehen; einer Ihrer Feinde, mein Adjutant, Roland von Montrevel, hat mir das Beſte von Ihnen geſagt.“ „Das ſetzt mich keineswegs in Erſtaunen; wäh⸗ rend der kurzen Zeit, die ich Herrn von Montrevel geſehen, glaubte ich in ihm die ritterlichſten Gefühle zu erkennen.“ „Ja, und das hat Sie gerührt?“ antwortete der erſte Conſul. Dann ſein Falkenauge auf den royaliſtiſchen An⸗ führer heftend, ſagte er: „Hören Sie, Georges, ich brauche energiſche Menſchen, um das Werk zu vollenden, das ich unter⸗ nehme. Wollen Sie der Meinige ſein? Ich habe Ihnen den Grad eines Oberſten anbieten laſſen; Sie ſind mehr werth; ich biete Ihnen den Grad eines Diviſionsgenerals an.“ „Ich danke Ihnen aus tiefſter Seele. Citoyen erſter Conſul,“ antwortete Georges,„aber Sie wür⸗ den mich verachten, wenn ich annähme... „Warum das?“ fragte Bonaparte lebhaft. gele wo Ro! Ih er La Pa den ant Ab die geſ ſiel but bel det em⸗ 3 Flü⸗ lles thig rkte, und hen; von t. 7 väh⸗ evel ühle der iſche ter⸗ habe ſſen: zrad oyen wür⸗ 145 „Weil ich dem Hauſe Br urbon einen Schwur geleiſtet.“ Der erſte Conſul verbeugte ſich ernſt. „Werde ich mich überallhirt zurückziehen können, wo es mir beliebt?“ Bonaparte ging an die Th üre und öffnete. „Der dienſtthuende Adjuta nt!“ rief er. er ſah Roland erſcheinen. „Ah!“ ſagte er,„Du biſt es?“ Dann ſich nach Cadoudal unawendend, fuhr er fort: „Ich brauche Ihnen, Obe ſt, meinen Adjutanten Roland von Montrevel nicht vo rzuſtellen: er gehört zu Ihren Bekannten. Roland ſalge dem Oberſten, daß er in Paris ebenſo frei iſt, als Du es in ſeinem Lager in Muzillac warſt und daß, wenn er einen Paß nach irgend einem Lande der Velt will, Fouché den Befehl hat, ihm denſelber zu geben.“ „Ihr Wort genügt mir,(Bitoyen erſter Conſul,“ antwortete Cadoudal und verbeugte ſich;„dieſen Abend gehe ich.“ „Und darf man Sie fragzen, wohin Sie gehen?“ „Nach London, General.“ Georges grüßte den erſten Conſul und ging. „Nun, General,“ fragte Roland, nachdem ſich die Thüre geſchloſſen,„iſt er der Mann, wie ich ihn geſchildert?“ „Ja,“ antwortete Bonaparte nachdenklich,„nur ſieht er die Sachen falſch am; aber die Uebertrei⸗ bung in ſeinen Grundſätzen hat ihre Quelle in no⸗ beln Gefühlen, die ihm einen großen Einfluß unter den Seinen geben müſſen.“ Dann fügte er mit leiſer Stimme biz Dumas, Jehu. II. 10 146 „Man muß der Sache ein Ende machen!“ Darauf wandte er ſich an Roland. „Und Du?“ fragſte er. „Ich,“ antworte te Roland,„habe der Sache ein Ende gemacht.“ „Ah, ah! auf wieſe Weiſe hätten die Genoſſen Jehus?...“ „Aufgehört zu exiſtiren, General; drei Viertel davon ſind todt, die Uebrigen gefangen.“ „Und Du kamſt mit heiler Haut davon?“ „O ſprechen Sie nicht davon, General; ich be⸗ ginne zu glauben, daß ich, ohne es zu wiſſen, einen Pact mit dem Teufel gemacht.“ Am ſelben Abend ging Cadoudal, wie er zum erſten Conſul geſagt, nach England. Bei der Nachricht, daß der bretagniſche Anführer glücklich in London angekommen ſei, ſchrieb ihm Ludwig XVIII.: „Ich habe mit der größten Freude erfahren, daß Sie endlich den Händen des Tyrannen entſchlüpft ſind, der Sie verkannte, als er Ihnen anbot, in ſeine Dienſte zu treten; ich vernahm mit tiefſtem Schmerze die unglücklichen Umſtände, die Sie zwangen, mit ihm in Unterhandlung zu treten; aber ich hegte nie die geringſte Furcht; das Herz meiner treuen Bre⸗ tagner und das Ihrige insbeſondere ſind mir ſehr wohl bekannt. Heute ſind Sie frei; Sie ſind bei meinem Bruder; alle meine Hoffnung erwacht wie⸗ der; ich brauche einem Franzoſen, wie Sie, nicht mehr zu ſagen. „Ludwig.“ lie bei ein oſſen ertel „— 147 Dieſem Briefe war das Patent eines General⸗ lieutenants und das Großkreuz des heiligen Ludwig beigefügt. XI. Die Reſervearmee. Der erſte Conſul war damit ſo weit gekommen, als er wünſchte: die Vendée war pacificirt, die Ge⸗ noſſenſchaft Jehus vernichtet. Während er den Frieden von England verlangte, hatte er den Krieg gehofft. Der Plan, den Bonaparte eines Tages Roland in ſeinem Cabinet im Luxembourg entwickelte, war in ſeinem Geiſte unverändert geblieben. Er zählte darauf, Italien in einer einzigen Schlacht wieder zu erobern. Dieſe Schlacht ſollte ein großer Sieg ſein. Nachdem er am 6. Mai von Paris abgegangen, campirte der General en Chef am 26. deſſelben Mo⸗ nats mit ſeiner Armee zwiſchen Turin und Caſal; es hatte den ganzen Tag geregnet; gegen Abend beruhigte ſich der Sturm und der Himmel, wie es in Ralien geſchieht, ging in wenigen Augenblicken von einem Sturzregen in den ſchönſten Azur über und die Sterne ſtanden leuchtend am Himmel. Der erſte Conſul gab Roland ein Zeichen, er ſolle ihm folgen; beide verließen die kleine Stadt Chivaſſo und gingen am Ufer des Fluſſes hin; hun⸗ dert Schritte von den erſten Häuſern bot ein umge⸗ — 1¹8 hauener Baum den Spaziergängern eine Bank. Bo⸗ naparte ſetzte ſich und machte Roland ein Zeichen, er ſolle neben ihm Platz nehmen. Der General en Chef hatte offenbar ſeinem Ad⸗ jutanten eine vertrauliche Mittheilung zu machen. Beide ſchwiegen einen Augenblick ſtille. Bonaparte unterbrach dieſes Schweigen zuerſt. „Erinnerſt Du Dich, Roland,“ ſagte er zu ihm, „eines Geſpräches, das wir im Luxembourg hatten?“ „General,“ ſagte Roland lachend,„wir hatten viele Geſpräche im Luxembourg; eines unter Ande⸗ rem, wo Sie mir anzeigten, daß wir im Frühjahr nach Italien gehen würden und daß wir den Ge⸗ neral Melas in Torre di Garofolo oder San Giu⸗ liano ſchlagen würden; bleibt es immer noch dabei?“ „Ja; aber von dieſem Geſpräch war nicht die Rede.“ „Wollen Sie mich auf die Spur bringen, Ge⸗ neral.“ „Es war von einer Heirath die Rede.“ „Ach, ja, von der Heirath meiner Schweſter; dieſe muß jetzt vollzogen ſein, General.“ „Nicht von der Heirath Deiner Schweſter, Ro⸗ land, ſondern von der Deinen.“ „Ach, ja,“ ſagte Roland mit einem bittern Lä⸗ cheln,„ich glaubte dieſe Sache zwiſchen uns begra⸗ ben, General.“ Und er machte eine Bewegung, um aufzu⸗ ſtehen. Bonaparte hielt ihn am Arme zurück. „Als ich Dir davon ſprach, Roland,“ fuhr er mit einem Ernſte fort, der ſein Verlangen bewies, gel ſtir ſie Bo⸗ hen, = S ſt. hm, n?“ tten nde⸗ jahr Ge⸗ Hiu⸗ ei?“ 1¹9 gehört zu werden,„weißt Du, wen ich Dir be⸗ ſtimmte, Roland?“ „Nein, General.“ „Nun denn, es lebt in der Welt ein reizendes Kind, das ich wie meine Tochter liebe; es iſt eben ſiebenzehn Jahre alt, Du biſt ſechsundzwanzig und biſt Brigadegeneral, ehe der Krieg zu Ende Divi⸗ ſionsgeneral. Nun, Roland, nach Beendigung des Krieges kehren wir nach Paris zurück und Du hei⸗ ratheſt...“ „General,“ unterbrach ihn Roland,„ich glaube, Byurrienne ſucht Sie.“ Der Sekretär des erſten Conſuls war wirklich nur zehn Schritte von den Plaudernden entfernt. „Sie ſind es, Bourrienne?“ fragte Bonaparte beinahe ungeduldig. „Ja, General; ein Courier aus Frankreich.“ „Und ein Brief von Madame Bonaparte.“ „Gut,“ ſagte der erſte Conſul, indem er raſch aufſtand;„gib.“ Und er riß ihm beinahe den Brief aus den Händen. „Und für mich,“ fragte Roland,„nichts?“ „Nichts.“ „Das iſt ſeltſam,“ machte der junge Mann, in⸗ dem er die Stirne runzelte. Der Mond war aufgegangen, und bei dem Lichte des ſchönen italieniſchen Mondes konnte Bo⸗ naparte leſen und las. Während der beiden erſten Seiten zeigte ſein — 150 Geſicht die reinſte Heiterkeit; Roland folgte auf dem Geſichte des Generals den Eindrücken ſeiner Seele. Aber gegen das Ende des Briefes verfinſterte ſich ſein Geſicht, ſeine Brauen zogen ſich zuſammen, er warf einen flüchtigen Blick auf Roland. „Ah,“ machte der junge Mann;„es ſcheint in dieſem Brief von mir die Frage zu ſein.“ Bonaparte antwortete nicht und las zu Ende. Nachdem dies geſchehen, legte er den Brief zu⸗ ſammen und ſteckte ihn in die Seitentaſche ſeines Fracks. „Gut,“ ſagte er,„wir wollen zurückkehren, wahr⸗ ſcheinlich werde ich einen Courier abfertigen. Er⸗ warten Sie mich und ſchneiden Sie mir indeſſen Federn.“ Bourrienne grüßte und ſetzte ſeinen Weg nach Chivaſſo fort. Bonaparte näherte ſich Roland und ſagte, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte: „Ich habe kein Glück mit den Heirathen, die ich wünſche.“ „Warum das?“ ſagte Roland. „Die Verbindung Deiner Schweſter hat fehlge⸗ ſchlagen.“ „Sie hat ſich geweigert?“ „Nein, nicht ſie.“ „Wie, nicht ſie? Etwa Lord Tannlay?“ A a. „Er hat meine Schweſter ausgeſchlagen, nachdem er mich zuvor um ihre Hand gebeten,— mich, meine Mutter und Sie, und ſogar ſie ſelbſt.“ — em ele. erte en, in nes hr⸗ Er⸗ ſen em ne 15¹ „Nun, ereifere Dich nicht gleich, und ſuche zu begreifen, daß dahinter ein Geheimniß ſein muß.“ „Ich ſehe kein Geheimniß, ich ſehe nur eine Be⸗ leidigung.“ „Da ſehe ich wieder meinen Mann; das erklärt mir, weßhalb weder Deine Mutter, noch Deine Schweſter Dir ſchreiben wollten; aber Joſephine, welche die Sache für wichtig hielt, glaubte, Du müß⸗ teſt davon unterrichtet werden. Sie theilt mir deß⸗ halb dieſe Neuigkeit mit, indem ſie mich auffordert, ſie Dir gleichfalls mitzutheilen, wenn ich es für paſſend erachte. Du ſiehſt, daß ich nicht gezögert.“ „Ich danke Ihnen aufrichtig, General; und gibt Lord Tannlay einen Grund zu dieſer Weigerung an?“ „Einen Grund, der kein Grund iſt.“ „Welchen?“ „Das kann nicht der wahre Grund ſein.“ „Aber welchen denn?“ „Man braucht dieſen Menſchen nur zu ſehen und fünf Minuten mit ihm zu ſprechen, um ihn ſo zu beurtheilen.“ „Aber was ſagt er denn, General, um ſich ſeines Wortes zu entbinden?“ „Daß Deine Schweſter nicht ſo reich ſei, als er geglaubt.“ Roland brach in jenes nervöſe Lachen aus, das bei ihm die heftigſte Aufregung verrieth. „Ah!“ machte er,„richtig, das iſt das Erſte, was ich ihm geſagt.“ Was?“ Daß meine Schweſter keinen Sou habe. Sind V 7 152 wir denn reich, wir Kinder republikaniſcher Ge⸗ nerale?“ „Und was hat er geantwortet?“ „Daß er reich genugg für zwei ſei.“ „Du ſiehſt alſo, daß dies nicht der Grund ſeiner Weigerung ſein kann.“ „So hat er ausgeſchlagen?“ „Ausgeſchlagen, ja.“ „Entſchieden?“ „Entſchieden.“ „Nun, General, Sie hegreifen, nicht wahr, daß dieſe Weigerung eine Beleidigung iſt?“ „Ich ſage nicht nein.“ „Und Sie ſind der Anſicht, daß einer Ihrer Ad⸗ jutanten nicht eine Beleidigung in der Perſon ſeiner Schweſter erhalten kann ohne Rechenſchaft zu for⸗ dern?“ „In dieſer Art vo Lagen, mein lieber Roland, iſt es die Sache der Berſon, die ſich beleidigt fühlt, das für und wider ſelbſt abzuwägen.“ „General,“ fragte Roland,„in wieviel Tagen glauben Sie, daß wir einen entſcheidenden Schlag führen werden.“ „Nicht vor vierzehn Tagen oder drei Wochen.“ „General, ich bitte Sie um einen Urlaub von vierzehn Tagen.“ „Unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ „Daß Du über Bourg reiſeſt und Deine Schwe⸗ ſter fragſt, um zu erfahren, von welcher Seite die Weigerung kömmt.“ „Das war auch meine Abſicht.“ v 8 e 8 8„. S 8 lie lie n eb iner Ad⸗ ner nd, it, en ag on e⸗ ie „In dieſem Falle iſt nicht ein Augenblick zu ver⸗ lieren.“ „Sie ſehen wohl, daß ich keinen Augenblick ver⸗ liere,“ ſagte der junge Mann, indem er einige Schritte machte, um nach dem Dorfe zurückzukehren. „Noch eine Minute: Du wirſt meine Depeſchen nach Paris mitnehmen, nicht wahr?“ „Ich verſtehe: ich bin der Courier, von dem ſie eben zu Bourrienne ſprachen.“ „Allerdings.“ „Dann kommen Sie.“ „Warte noch. Die jungen Leute, die Du ver⸗ haftet?“ „Die Genoſſen Jehus?“ „Ja. Nun, ſie ſcheinen alle vornehmen Familien anzugehören; es ſind mehr Fanatiker, als Verbrecher. Es ſcheint, daß Deine Mutter, das Opfer ich weiß nicht welcher gerichtlichen Ueberraſchung, in ihrem Proceſſe gegen ſie gezeugt und zu ihrer Verurthei⸗ lung beigetragen hat.“ „Das iſt möglich. Meine Mutter, wie Sie wiſſen, wurde von ihnen angefallen und hatte das Geſicht ihres Anführers geſehen.“ „Nun, Deine Mutter bittet mich durch Joſephinen, dieſe armen Narren zu begnadigen: das iſt der Ausdruck, deſſen ſie ſich bedient. Sie ſind um Caſſa⸗ tion des Urtheils eingekommen. Du wirſt ankom⸗ men, ehe das Caſſationsgeſuch abgewieſen iſt, und wenn Du es für geeignet erachteſt, wirſt Du dem Juſtizminiſter von mir ſagen, er möge die Sache aufſchieben. Bei Deiner Rückkehr werden wir ſehen, was definitiv zu thun iſt.“ — 15⁴ „Ich danke, General. Haben Sie mir nichts Anderes zu ſagen?“ „Nein, außer daran zu denken, daß wir das Ge⸗ ſpräch wieder aufnehmen wollen, das ſo eben unter⸗ brochen wurde.“ „Nun, wir werden bei meiner Rückkehr davon ſprechen, wenn ich überhaupt zurückkomme.“ Eine halbe Stunde ſpäter fuhr Roland auf dem Wege nach Jvrée in einem Poſtwagen; er mußte ſo bis Aoſta reiſen, in Aoſta ein Maulthier nehmen, über den Sanct Bernhard reiten, und von Genf nach Bourg, von Bourg nach Paris fahren. Während Roland nach der Heimath fährt, wollen wir ſehen was in Frankreich geſchehen und die Punkte beleuchten, welche für unſere Leſer in dem eben erzählten Geſpräche zwiſchen Bonaparte und dem Adjutanten dunkel geblieben ſein könnten. XII. Wo Amelie ihr Morgan gegebenes Verſprechen hält. Die Gefangenen, welche Roland in der Grotte von Ceyzeriat feſtgenommen, hatten einen Halt von nur einer Racht im Gefängniſſe von Bourg gemacht und waren unmittelbar in das von Beſancon ge⸗ bracht worden, wo ſie vor ein Kriegsgericht geſtellt werden ſollten. Man erinnert ſich, daß zwei dieſer Gefangenen ſchwer verwundet waren, die man hatte auf Bahren weiter ſchaffen müſſen. Einer war am ſelben Abend ichts Ge⸗ nter⸗ avon dem te ſo men, nach ollen die dem und . Frotte t von macht n ge⸗ eſtellt genen ahren Abend 155 geſtorben, der Andere drei Tage nach ſeiner Ankunft in Beſancon. Die Zahl der Gefangenen hatte ſich deßhalb auf vier reducirt. Morgan, der ſich freiwillig ergeben und wohl und geſund war; Lepretre, Guyon und Amiet, die während des Kampfes mehr oder weniger verwundet worden, von denen jedoch keiner eine tödtliche Wunde erhalten. Unter dieſen vier Pſeudonymen verbargen ſich, wie man ſich erinnert, die Namen des Baron von Saint⸗Hermine, des Grafen von Jahyat, des Vicomte von Valenſolle und des Marquis von Ribier. Während man vor der Militär⸗Commiſſion von Beſancon die Unterſuchung mit den vier Gefangeng begann, langte die Aufhebung des Befehles an, wel die Vergehen der Diligencenüberfalle auf der ſtraße den Kriegsgerichten unterwarf. Die Gefangenen gingen von dieſem Au in die Hände der Civilgerichte über. Es war ein großer Unterſchied für Beziehung auf die Strafe an ſich, ſg ziehung auf die Vollziehung der St. Wurden ſie von den Kriegs ſo wurden ſie erſchoſſen; von de urtheilt, wurden ſie guillotinirt Das Erſchießen war nicht i die Guillotine. Von dem Augenblick, da ſie von geurtheilt werden mußten, fiel ihr von Bourg zu. Gegen das Ende des März wa 156 ten deßhalb aus den Gefängniſſen von Beſangon nach denen von Bourg verſetzt worden und der Pro⸗ ceß hatte begonnen. Aber die vier Angeklagten hatten ein Syſtem angenommen, das den Unterſuchungsrichter nothwen⸗ dig verwirren mußte. Sie erklärten, daß ſie Baron von Saint⸗Hermine, Graf von Jahyat, Vicomte von Valenſolle und Mar⸗ quis von Ribier heißen, aber niemals in Beziehung zu den Diligenceplünderern geſtanden, die Morgan, Lepretre, Guyon und Amiet hießen. Sie geſtanden, zu einer bewaffneten Verbindung zu gehören. Dieſe Verbindung gehöre jedoch zu den Banden des Herrn von Theyſſonnet, und ſei ein eig der Bretagner Armee, welche im Süden oder n zu vperiren beſtimmt geweſen, während die niſche Armee, welche ſo eben den Frieden un⸗ et, im Weſten zu kämpfen gehabt. hätten nur die Unterwerfung Cadoudals im ſich ſelbſt auch zu unterwerfen, und die ihres Anführers ſei ohne Zweifel in eeingetroffen, wo man ſie angegriffen m Gegentheil war ſchwer zu lie⸗ g der Diligencen war immer geſchehen, und abgeſehen von und Sir John hatte nie Jemand dieſer Abenteurer geſehen. rt ſich, unter welchen Umſtänden Nacht von ihnen gerichtet, verur⸗ eſtochen worden, Frau von Montre⸗ vel ven beit abe klät —„—— e— 8— ffen lie⸗ mer von and den rur⸗ ntre⸗ vel bei dem Anfall auf die Diligence in einem Ner⸗ venanfall Morgan die Maske abgeriſſen. Beide waren vor den Inſtructionsrichter gerufen, beide mit den vier Angeklagten confrontirt worden, aber Sir John und Frau von Montrevel hatten er⸗ klärt, daß ſie keinen von ihnen erkennen. Woher kam dieſe Zurückhaltung? Von Seiten der Frau von Montrevel war ſie begreiflich: Frau von Montrevel bewahrte eine dop⸗ peite Dankbarkeit für den Mann, der ihren Edouard gerettet, und der ihr Hilfe geleiſtet. Von Seiten Sir Johns war dieſes Schweigen ſchwieriger zu erklären, denn Sir John erkannte ſicher unter den vier Gefangenen wenigſtens zwei ſeiner Richter. Sie hatten ihn gleichfalls erkannt, und ein ge⸗ wiſſer Schauer hatte ſie bei ſeinem Anblick durchrie⸗ ſelt, aber ſie hatten ihre Blicke nichts deſtoweniger feſt auf ihn geheftet, als zu ihrem großen Erſtaunen Sir John, trotz des Drängens von Seiten des Rich⸗ ters, hartnäckig antwortete: „Ich habe nicht die Ehre, dieſe Herren zu erkennen.“ Amelie,— wir haben noch nicht von ihr ge⸗ ſprochen(es gibt Schmerzen, welche die Feder zu malen nicht mal verſuchen darſ) Amelie, blaß, in fieberhafter Aufregung und gebrochen ſeit der un⸗ glückſeligen Nacht, in der Morgan feſtgenommen worden, Amelie erwartete mit banger Sorge die Zurückkunft ihrer Mutter und Lord Tannlays von dem Inſtructionsrichter. Lord Tannlay kehrte zuerſt zurück; Frau von 158 Montrevel war etwas zurückgeblieben, um Michel Befehle zu geben. Sobald ſie Sir John gewahrte, eilte Amelie auf ihn zu und rief: „Nun?“ Sir John ſah ſich um, um ſich zu verſichern, daß Frau von Montrevel ihn weder ſehen noch hören konnte. „Weder Ihre Mutter noch ich haben Jemanden erkannt,“ antwortete er. „Ach! wie edel, wie großmüthig, wie gut Sie ſind, Mylord!“ rief das junge Mädchen, indem ſie die Hand Sir Johns zu küſſen ſuchte. Er zog ſeine Hand jedoch zurück und ſagte: „Ich habe nur gehalten, was ich Ihnen ver⸗ ſprochen; aber ſtille, Ihre Mutter!“ Amelie trat einen Schritt zurück. „So haben Sie alſo,“ ſagte ſie,„nicht dazu ge⸗ holfen, dieſe Unglücklichen zu compromittiren?“ „Wie,“ antwortete Frau von Montrevel,„woll⸗ teſt Du, daß ich einen Mann auf das Schaffot ſchicke, der mir Hilfe gebracht und der, ſtatt Edouard niederzuſchießen, ihn geküßt.“ „Und doch, Mama,“ fragte Amelie zitternd, „haben Sie ihn erkannt?“ „Ganz genau,“ antwortete Frau von Montrevel; „es iſt der Blonde mit den ſchwarzen Brauen und Augen, der, welcher ſich Baron Charles von Saint⸗ Hermine nannte.“ Amelie ſtieß einen erſtickten Schrei aus; dann ſagte ſie, ſich bezwingend: hel auf aß ren den Sie ſie er⸗ oll⸗ ffot ard nd, vel: und int⸗ ann 159 „So iſt alſo Alles für Sie und Mylord beendigt, und Sie würden nicht mehr gerufen?“ „Wahrſcheinlich nicht,“ antwortete Frau von Montrevel. „In jedem Fall,“ antwortete Sir John,„glaube ich, daß Frau von Montrevel, wie ich, der ich wirk⸗ lich Niemanden erkannt, auf ihrer Behauptung be⸗ harren würde.“ „O gewiß,“ machte Frau von Montrevel;„Gott behüte mich, daß ich die Urſache des Todes dieſes unglücklichen Mannes werden ſollte! ich würde es mir niemals verzeihen; es iſt genug, daß er und ſeine Genoſſen von Roland feſtgenommen wurden.“ Amelie ſtieß einen Seufzer aus, aber es ergoß ſich eine gewiſſe Ruhe über ihr Geſicht. Sie warf einen dankbaren Blick auf Sir John und ſtieg in ihr Zimmer hinauf, wo Charlotte ſie erwartete. Charlotte war für Amelie mehr als eine Kam⸗ merfrau geworden, ſie war ihr beinahe eine Freundin. Alle Tage brachte Charlotte, ſeitdem die Ange⸗ klagten nach dem Gefängniß von Bourg verbracht worden, eine Stunde bei ihrem Vater zu. Während dieſer Stunde war nur von den Ge⸗ fangenen die Rede, welche der würdige Schließer als Royaliſt von ganzem Herzen beklagte. Charlotte ließ ſich die geringſten Kleinigkeiten mittheilen, und jedesmal brachte ſie Amelie Nachrichten von den Angeklagten. Inzwiſchen waren Frau von Montrevel und Sir John auf Noires Fontaines angekommen. Der erſte Conſul hatte bei ſeiner Abreiſe Frau 160 von Montrevel durch Roland ſagen und durch Joſe⸗ phine noch einmal ſagen laſſen, daß er wünſche, die Hochzeit möge in ſeiner Abweſenheit und ſobald als möglich ſtattfinden. Sir John hatte, als er mit Frau von Montrevel nach Noires Fontaines reiste, erklärt, daß ſeine heißeſten Wünſche durch dieſe Verbindung erfüllt würden, und daß er nur Amelies Befehle erwarte, um der glücklichſte der Menſchen zu werden. Als die Sachen ſo weit gediehen waren, hatte Frau von Montrevel am Morgen des Tages, an welchem Sir John und ſie als Zeugen berufen waren, ein téte-a.tste zwiſchen Sir John und ihrer Tochter geſtattet. Die Unterredung hatte mehr als eine Stunde gedauert und Sir John Amelie erſt verlaſſen, als er mit Frau von Montrevel in den Wagen ſteigen ſollte, um ſich vor Gericht zu begeben. Wir ſagen, daß dieſe Zeugenausſagen völlig ent⸗ laſtend für die Angeklagten waren. Am Abend hatte Frau von Montrevel ebenfalls eine Beſprechung mit ihrer Tochter gehabt. Auf die dringenden Fragen ihrer Mutter hatte Amelie ſich zu antworten begnügt, daß ihr leidender Zuſtand ſie die Verſchiebung ihrer Hochzeit mitwün⸗ ſchen laſſe, daß ſie aber in dieſer Beziehung ganz auf die Delicateſſe Lord Tannlays vertraue. Am andern Tage hatte ſich Frau von Montre⸗ vel gezwungen geſehen, Bourg zu verlaſſen, um nach Paris zurückzukehren, da ihre Stellung bei Madame Bonaparte ihr eine längere Abweſenheit nicht ge⸗ ſtattete. 3 161 ſe⸗ Am Morgen ihrer Abreiſe hatte ſie durchaus ge⸗ die wollt, daß Amelie ſie nach Paris begleite; Amelie als hatte ſich auf ihre ſchwache Geſundheit geſtützt. Man trat jetzt in die milden und belebenden Monate des vel Jahres, in die Monate April und Mai; ſie bat, dieſe ine beiden Monate auf dem Lande zubringen zu dürfen, üllt da ſie überzeugt ſei, daß dieſe beiden Monate wohl⸗ rte, thätig auf ſie wirken würden. Frau von Montrevel konnte Amelie nichts ab⸗ atte ſchlagen, namentlich wenn es ſich um ihre Geſund⸗ an heit handelte. en, Dieſer neue Aufſchub wurde der Kranken ge⸗ hter währt. Wie Frau von Montrevel ihre Reiſe nach Bourg nde mit Lord Tannlay gemacht, ſo begleitete er ſie auch als nach Paris; aber zu ihrem großen Erſtaunen hatte gen ihr Sir John während der ganzen Reiſe nicht ein Wort von jener Heirath mit Amelie geſagt. ent⸗ Als Madame Bonaparte ihre Freundin wieder⸗ ſah, hatte ſie die gewöhnliche Frage an ſie gerichtet: alls„Wann werden wir Amelie mit Sir John ver⸗ heirathen? Sie wiſſen, daß es ein Wunſch des erſten atte Conſuls iſt.“ nder Worauf Frau von Montrevel antwortete: ün⸗„Die Sache hängt ganz von Lord Tannlay ab.“ ganz* Dieſe Antwort hatte Madame Bonaparte viel zu denken gegeben. Wie war Lord Tannlay, nachdem tre⸗ er anfangs ſo ſtürmiſch geweſen, plötzlich ſo kalt nach geworden? ame Die Zeit allein vermochte ein ſolches Geheimniß ge⸗ zu erklären. Dumas, Jehu. III. ² 14 Die Zeit verfloß und der Prozeß der Gefangenen hatte ſeinen ruhigen Verlauf. Man hatte ſie mit allen Reiſenden confrontirt, welche von den verſchiedenen Protocollen, die wir in den Händen des Polizeipräfecten geſehen haben, als unter den Angefallenen bezeichnet worden; aber keiner der Reiſenden hatte ſie erkennen können, da ſie keiner mit entblößtem Geſichte geſehen. Die Reiſenden hatten außerdem bezeugt, daß ihnen nichts von ihrem Eigenthum, weder Geld noch Juwelen genommen worden. Jean Picot hatte bezeugt, daß man ihm die hundert Louisd'ors zurückgebracht, die ihm aus Ver⸗ ſehen genommen worden. Der Prozeß dauerte zwei Monate, und nach Ver⸗ fluß von zwei Monaten laſteten auf den Angeſchul⸗ digten, deren Identität Niemand nachweiſen konnte, nur noch ihre eigenen Geſtändniſſe: Das heißt, daß ſie bei dem bretagner und vendeer Aufſtand einfach zu den bewaffneten Ban⸗ den gehörten, welche unter dem Befehle des Herrn von Theyſſonnet den Jura durchſtreiften. Die Richter hatten, ſo viel es in ihrer Macht ſtand, die Eröffnung der Verhandlungen verzögert, da ſie noch immer hofften, daß ein Belaſtungszeuge erſcheinen werde; ihre Hoffnung ſah ſich getäuſcht. Niemand hatte unter den Thatſachen gelitten, die ihnen zur Laſt gelegt wurden, mit Ausnahme des Schatzes, für den ſich Niemand intereſſirte. Man mußte deshalb die Verhandlungen eröffnen. Die Angeklagten hatten indeß die Zeit gut benützt. en irt, vir en, ber daß och die er⸗ er⸗ hul⸗ nte, und an⸗ errn acht ert, euge ht. tten, hme nen. gut 163 Wir ſahen, daß durch ein geſchicktes Vertauſchen von Päſſen Morgan unter dem Namen von Ribier, von Fibier unter dem Namen von Saint Hermine reiste und ſo die Andern; in den Zeugenausſagen der Wirthe war dadurch eine Verwirrung eingetreten, welche ihre Bücher noch vergrößerten. Die Ankunft der Reiſenden, welche in den Frem⸗ denbüchern eine Stunde früher oder ſpäter verzeich⸗ net war, wies ein unbeſtreitbares Alibi nach. Die Richter waren moraliſch von der Schuld überzeugt, aber dieſe Ueberzeugung war machtlos vor dieſen Zeugniſſen. Wir müſſen auf der andern Seite geſtehen, die Beklagten hatten im Volke die allgemeine Sympathie. Die Verhandlungen wurden eröffnet. Das Gefängniß von Bourg ſtößt an das Ge⸗ richtshaus; durch die innern Corridors konnte man die Gefangenen in den Gerichtsſaal führen. Wie groß auch dieſer Saal, er war doch am Tag der Verhandlungen überfüllt; die ganze Stadt Bourg drängte ſich nach den Thüren des Tribunals: auch war man von Macon, Lons⸗le⸗Saulnier, Be⸗ ſancon und Nantua herbeigeſtrömt, ſo viel hatten die Angriffe auf die Diligencen von ſich ſprechen machen, ſo populär waren die Thaten der Genoſſen Jehus geworden. Der Eintritt der vier Gefangenen wurde mit einem Murmeln begrüßt, in welchem nicht ein Ab⸗ ſcheu lag: ſondern es lag darin ebenſo ſehr Neugierde, als Theilnahme. Und ihre Perſönlichkeit war ganz geeignet, das müſſen wir ſagen, dieſe beiden Gefühle zu erwecken. Bei dieſen ſchönen Männern, die nach der neueſten Mode gekleidet waren, ſicher, nicht unverſchämt, auf⸗ traten, gegen das Auditorium hin lächelten, gegen die Richter höflich, wenn auch bisweilen etwas ſpöt⸗ tiſch waren,— bei ihnen lag die beſte Vertheidi⸗ gung in ihrem Anblick. Der Aelteſte von den Vieren war kaum dreißig Jahre alt. Ueber ihre Namen, Vornamen, Alter und Ort der Geburt befragt, antworteten ſie: „Charles von Saint Hermine, geboren zu Tours, Departement Indre und Loire, alt vierundzwanzig Jahre.* „Louis Andre von Jahyat, geboren zu Bagé le Chateau, Seinedepartement, alt neunundzwanzig Jahre. „Raoul Frederie Auguſte von Valenſolle, geboren zu Sainte Colombe, Rhonedepartement, alt ſieben⸗ undzwanzig Jahre. „Pierre Hector von Ribier, geboren zu Bollene, Departement Vaucluſe, alt ſechsundzwanzig Jahre.“ Ueber Stand und Geſinnung befragt, antworteten Alle, ſie ſeien Edelleute und Royaliſten. Wir ſagten, welches Vertheidigungsſyſtem ſie verfolgten: jede Theilnahme an der Plünderung der Diligencen und Mallepoſten leugnen, um die An⸗ klage des Diebſtahls zu vermeiden, und nur die der Empörung mit bewaffneter Hand auf ſich laſten zu haben. Dieſe vier hübſchen jungen Leute, die ſich gegen die Guillotine, aber nicht gegen das Erſchießen ſträubten, welche den Tod forderten, ihn verdient 1 zu haben erklärten, aber den Tod des Soldaten wollten, bildeten eine herrliche Gruppe von Muth, Jugend und Geiſtesgröße. Die Richter ſahen jedoch ein, daß, bei der ein⸗ fachen Anklage auf Rebellion mit bewaffneter Hand, ſie jetzt nach der Pazification der Bretagne und der Unterwerfung der Vendée freigelaſſen werden mußten. Und das war es nicht, was der Polizeiminiſter wollte; der Tod, den ein Kriegsgericht ausſprach, genügte ihm nicht einmal, er wollte den infamiren⸗ den Tod, den Tod der Verbrecher, den Tod der Ehrloſen. Die Verhandlungen dauerten ſeit drei Tagen und ſie hatten noch nicht einen Schritt im Sinne des Miniſteriums weiter geführt. Charlotte, die durch das Gefängniß zuerſt in den Gerichtsſaal gelangen konnte, wohnte jeden Tag den Verhandlungen bei und kam jeden Abend, um Amelie ein Wort der Hoffnung zu bringen. Am vierten Tage konnte ſich Amelie nicht mehr zurückhalten: ſie hatte ſich eine Kleidung genau wie Charlotte machen laſſen; nur die ſchwarze Spitze, die den Hut umſäumte, war etwas länger und dichter als bei den gewöhnlichen Hüten. Er bildete einen Schleier und hinderte ihr ins Geſicht zu ſehen. Charlotte ſtellte Amelie ihrem Vater als eine ihrer jungen Freundinnen vor, die den Verhandlun⸗ gen anzuwohnen wünſchte; der gute Courtois er⸗ kannte Fräulein von Montrevel nicht, und damit ſie die Angeklagten gut ſähen, brachte er ſie in den Cor⸗ ridor, wo ſie vorüber kommen mußten, da er von 166 dem Zimmer der Präſidialwache nach dem Gerichts⸗ ſaal führte. Der Corridor war in dem Augenblicke, wo man von dem Zimmer der Wache nach dem Orte kam, den man die Holzkammer nannte, ſo ſchmal, daß die vier Gendarmen, welche die Gefangenen beglei⸗ teten, ſich vertheilten; zuerſt kamen zwei derſelben, dann die Gefangenen, je einer hinter dem andern, endlich die beiden letzten Gendarmen. Bei der Holzkammer ſtellten ſich Charlotte und Amelie auf. Als ſie die Thüren öffnen hörte, mußte ſich Amelie auf die Schulter Charlottens ſtützen; es war ihr, als wenn der Boden unter ihren Füßen und die Mauer hinter ihr ſchwankte. Sie hörte das Geräuſch der Schritte, die klir⸗ renden Säbel der Gendarmen; endlich öffnete ſich die Verbindungsthüre. Ein Gendarme ging vorüber. Dann ein zweiter. Saint Hermine kam zuerſt, als wenn er noch Morgan wäre. Im Augenblick, als er vorüber kam, flüſterte ſie: „Charles!“ Der Gefangene erkannte die angebetete Stimme, ſtieß einen ſchwachen Schrei aus und fühlte, daß man ihm ein Billet in die Hand ſteckte. Er drückte dieſe theure Hand, flüſterte den Namen Amelie und ging vorüber. Dann kamen die Andern, welche die beiden jun⸗ gen Mädchen nicht bemerkten, oder thaten, als ob ſie ſie nicht bemerkten. ne, aß en — Die Gendarmen hatten nichts geſehen, nichts gehört. Sobald er an einem hellen Orte war, entfaltete Morgan das Billet. Es enthielt nichts, als die Worte: „Sei ruhig, mein Charles, ich bin und werde Deine treue Amelie im Leben wie im Tode ſein. Ich habe Lord Tannlay alles geſtanden; es iſt der edelſte Menſch auf Erden; ich habe ſein Wort, daß er die Verbindung brechen und die Verantwortlich⸗ keit dieſes Bruchs auf ſich nehmen wird. Ich liebe Dich!“ Morgan küßte das Billet und legte es auf ſein Herz, dann warf er einen Blick nach dem Corridor; die beiden jungen Bretagnerinnen ſtanden an der Thüre. Amelie hatte alles gewagt, ihn noch einmal zu ſehen. Man hoffte, dieſe Sitzung werde die letzte ſein, falls ſich keine neuen Belaſtungszeugen einfinden ſollten: es war unmöglich, die Angeklagten zu ver⸗ urtheilen, da es an allen Beweiſen fehlte. Die erſten Advokaten des Departements, aus Lyon und Beſancon, waren von den Angeklagten zu ihrer Vertheidigung berufen worden. Jeder hatte geſprochen, Punkt für Punkt den Anklageakt vernichtet, wie in einem Turniere des NMittekalters ein gewandter und ſtarker Kämpe Stück für Stück die Rüſtung des Gegners fallen macht. Schmeichelhafte Unterbrechungen hatten, trotz der Ermahnungen des Präſidenten und der Gref⸗ fiers, die bedeutendſten Stellen des Plaidoyers be⸗ grüßt. Amelie dankte mit gefalteten Händen Gott, der ſich ſo ſichtbar zu Gunſten des Angeklagten offen⸗ barte; ein ſchweres Gewicht fiel von ihrem gebroche⸗ nen Herzen, ſie athmete auf, ſie betrachtete den Chriſtus, der über dem Präſidenten hing, durch die Thränen der Dankbarkeit hindurch. Die Verhandlungen ſollten geſchloſſen werden. Plötzlich trat ein Huiſſier ein, näherte ſich dem Präſidenten, und ſagte ihm einige Worte ins Ohr. „Meine Herren,“ ſagte der Präſident,„die Sitzung iſt aufgehoben, die Angeklagten ſollen ab⸗ treten.“ Es entſtand eine Bewegung fieberhafter Unruhe im Publikum. Was war Neues geſchehen, was ſollte Unerwartetes ſich ereignen? Jeder betrachtete ſeinen Nachbar mit Angſt; eine Ahnung ſchnürte Amelie das Herz zuſammen, ſie legte die Hand auf die Bruſt, ſie hatte etwas, wie ein eiskaltes Eiſen bis an die Quelle ihres Lebens dringen fühlen. Die Gendarmen ſtanden auf, die Angeklagten folgten und gingen wieder nach ihrem Gefängniſſe. Einer nach dem Andern kam wieder an Amelie vorbei. Die Hände der beiden jungen Leute berührten ſich; die Hand Amelies war kalt, wie die einer Todten. „Was auch geſchehen mag, Dank,“ ſagte Char⸗ les im Vorübergehen. † er e⸗ en ie ——— Amelie wollte ihm antworten; die Worte ver⸗ ſagten ihr auf den Lippen. Während dieſer Zeit war der Präſident aufge⸗ ſtanden und nach dem Berathungszimmer gegangen. Er hatte dort eine verſchleierte Dame gefunden, welche an der Thüre des Tribunals aus dem Wagen geſtiegen, und die man an den Ort führte, wo ſie ſtand, ohne daß ſie ein einziges Wort mit zrgend Jemanden gewechſelt. „Madame,“ ſagte er zu ihr,„ich bitte tuuſend⸗ mal um Entſchuldigung wegen der etwas barſchen Art, wie ich Sie in Kraft meines richterlichen Amtes von Paris hierherbringen ließ; aber es gilt hier das Leben eines Menſchen und vor dieſer Rückſicht mußten alle andern ſchweigen.“ „Sie brauchen ſich nicht zu entſchuldigen, mein Herr,“ antwortete die verſchleierte Dame,„ich kenne die Vorrechte der Juſtiz und ich ſtehe hier zu Ihren Dienſten.“ „Madame,“ verſetzte der Präſident,„das Tri⸗ bunal und ich wiſſen das Gefühl edler Zartheit zu würdigen, das Sie leitete, als Sie bei Ihrer Con⸗ frontation mit den Angeklagten den nicht erkennen wollten, der Ihnen Unterſtützung brachte; die Ange⸗ klagten leugneten damals ihre Identität mit den Plünderern der Diligencen, inzwiſchen haben ſie es eingeſtanden; nur müſſen wir noch denjenigen wiſſen, der Ihnen dieſen Beweis von Artigkeit gab, daß er Ihnen zu Hilfe kam, um ihn der Gnade des erſten Conſuls zu empfehlen.“ „Wie?“ rief die verſchleierte Dame,„ſie hätten geſtanden?“ 170 „Ja, Madame, nur weigern ſie ſich, den zu nennen, der Ihnen zu Hilfe gekommen; ohne Zweifel fürchten ſie Sie in Widerſpruch mit Ihrem Zeugniß zu bringen und wollen nicht, daß einer ſeine Gnade um dieſen Preis erkaufe.“ „Und was verlangen Sie von mir, mein Herr?“ „Daß Sie Ihren Retter retten.“ „O, ſehr gerne,“ ſagte die Dame aufſtehend; „was habe ich zu thun?“ „Auf die Frage zu antworten, die ich an Sie richte.“ „Ich bin bereit, mein Herr.“ „Warten Sie einen Augenblick hier, in einer Sekunde ſollen Sie eingeführt werden.“ Der Präſident kehrte zurück; ein an jede Seite der Thüre geſtellter Gendarme hinderte, daß Jemand mit der verſchleierten Dame verkehrte. Der Präſident nahm ſeinen Platz wieder ein. „Meine Herren,“ ſagte er,„die Sitzung iſt wieder eröffnet.“ Es entſtand ein großes Gemurmel, die Huiſſiers geboten Stille. Bald trat wieder Stille ein. „Führen Sie den Zeugen herein,“ ſagte der Präſident. Ein Huiſſier öffnete die Thüre des Berathungs⸗ zimmers, die verſchleierte Dame wurde hereinge⸗ führt. Aller Blicke richteten ſich nach ihr. Wer war dieſe Dame, was wollte ſie thun, zu welchem Zwecke war ſie berufen? auf ten Si An Be bec del als mi ner eite and iſt iers der igs⸗ nge⸗ „zu Zuerſt unter Aller Augen waren die Amelies auf ſie gerichtet. „O mein Gott,“ murmelte ſie,„ich hoffe, daß ich mich täuſche.“ „Madame,“ ſagte der Präſident,„die Angeklag⸗ ten werden in den Saal zurückkommen; bezeichnen Sie der Juſtiz denjenigen unter ihnen, der bei dem Angriff auf die Genfer Diligence Ihnen ſo rührende Beweiſe ſeiner Theilnahme gegeben.“ Ein Schauer durchlief die Verſammlung; man begriff, daß es ſich hier um eine ſchlimme Falle han⸗ delte, die den Füßen der Angeklagten gelegt wurde. Zehn Stimmen riefen:„Sprechen Sie nicht!“ als auf ein Zeichen des Präſidenten der Huiſſier mit gebieteriſcher Stimme rief: „Stille!“ Eine Todeskälte erfaßte das Herz Amelies, ein eiſiger Schweiß perlte auf ihrer Stirne, ihre Kniee beugten ſich und zitterten unter ihr. „Laſſen Sie die Angeklagten eintreten,“ ſagte der Präſident, indem er mit dem Blick, wie der Huiſſier mit der Stimme, Stille gebot,„und Sie, Madame, treten Sie vor und lüften Sie Ihren Schleier.“ Die verſchleierte Dame gehorchte beiden Auffor⸗ derungen. „Meine Mutter!“ rief Amelie, aber mit ſo dum⸗ pfer Stimme, daß nur die, welche um ſie her ſtan⸗ den, ſie hören konnten. „Frau von Montrevel!“ murmelte das Audito⸗ rium. In dieſem Augenblicke erſchien der erſte Gen⸗ 172 darme an der Thüre, dann der zweite; nach ihm kamen die Angeklagten, aber in einer andern Ord⸗ nung: Morgan hatte ſich in die dritte Reihe geſtellt, um durch Lepretre und Guyon, die vor ihm gingen, und durch d'Aſſas, der hinter ihm ging, von den Gendarmen getrennt, Amelies Hand leichter drücken zu können. Lepretre trat deßhalb zuerſt ein. Frau von Montrevel ſchüttelte den Kopf. Dann kam Guyon. Frau von Montrevel machte daſſelbe verneinende Zeichen. In dieſem Augenblicke kam Morgan an Amelie vorbei. „O! wir ſind verloren!“ ſagte ſie. Er betrachtete ſie erſtaunt; eine convulſiviſche Hand drückte die ſeine. Er trat ein. „Dieſer Herr war's,“ ſagte Frau von Montrevel, als ſie Morgan oder, wenn man will, den Baron Charles von Saint⸗Hermine gewahrte, der nur eine und dieſelbe Perſon von dem Augenblick an bildete, wo Frau von Montrevel dieſen Beweis der Iden⸗ tität gegeben. Durch das ganze Auditorium drang ein Schrei des Schmerzes. Lepretre lachte laut auf. „O, meiner Treu,“ ſagte er,„das wird Dich lehren, lieber Freund, den Galanten bei Frauen zu machen, denen nicht wohl iſt.“ Und ſich nach Frau von Montrevel umwendend, ſagte er zu ihr: ihm Ord⸗ ellt, gen, den cken ende elie iſche vel, won eine ete, den⸗ hrei ich zu nd, hene Urtheil hatte einen furchtbaren Eindruck ge⸗ 1 „Madame, mit dieſen drei Worten haben Sie vier Menſchen um ihren Kopf gebracht.“ Es entſtand eine furchtbare Stille, die nur von einem Schluchzen unterbrochen wurde. „Huiſſier,“ ſagte der Präſident,„haben Sie dem Publikum nicht geſagt, daß jede Beifalls⸗ oder Miß⸗ fallsbezeugung unterſagt iſt?“ Der Huiſſier ſuchte zu erfahren, wer durch die⸗ ſes Schluchzen den Gerichtsgang ſtöre. Es war eine Frau in der Tracht der Breſſe, die man zu dem Gefangenwärter getragen. Von dieſem Augenblick an verſuchten die Ange⸗ klagten nicht einmal zu leugnen; nur wie Morgan ſich mit ihnen verbunden, ſo verbanden ſie ſich jetzt mit ihm. Ihre vier Köpfe mußten zuſammen fallen oder zuſammen gerettet werden. Am ſelben Tage um zehn Uhr Abends verkün⸗ digte der Präſident der Jury das Todesurtheil. Drei Tage ſpäter gelang es den Advocaten durch Bitten die Angeklagten zu vermögen, daß ſie um Caſſation einkämen. Aber ſie konnten ſie nicht dazu vermögen, daß ſie um Gnade einkamen. XIII. Wo Amelie ihr Wort hält. Das von der Jury der Stadt Bourg ausgeſpro⸗ macht, nicht nur im Gerichtsſaale ſelbſt, ſondern in der ganzen Stadt. Unter den vier Angeklagten herrſchte eine ſolche Uebereinſtimmung chevaleresker Brüderlichkeit, eine ſolche Vornehmigkeit des Benehmens, eine ſolche Ueberzeugung von der Anſicht, zu der ſie ſich be⸗ kannten, daß ihre Feinde ſelbſt dieſe ſeltſame Auf⸗ opferung bewunderten, welche aus Edelleuten von Geburt und Namen Landſtraßenräuber gemacht. Unglücklicherweiſe konnte man nicht auf ein Gna⸗ dengeſuch hoffen. Frau von Montrevel, welche ganz verzweifelt war, als ſie erfuhr, welche Stellung ſie bei dem Proceſſe einnahm und welche Rolle ſie unfreiwillig in dieſem mit todbringender Löſung endigenden Drama ſpielte, hatte nur ein Mittel ge⸗ ſehen, um das Unglück, das ſie angerichtet, wieder gut zu machen, nämlich augenblicklich nach Paris zurückzukehren, ſich dem erſten Conſul zu Füßen zu werfen und um Gnade für die vier Verurtheilten zu bitten. Sie nahm ſich ſogar nicht mal die Zeit, Amelie auf dem Schloſſe Noires Fontaines zu umarmen, da ſie wußte, daß die Abreiſe des erſten Conſuls auf die erſten Tage des Mai feſtgeſetzt war und man den ſechſten zählte. Als ſie Paris verließ, waren alle Vorbereitungen zur Abreiſe getroffen. Sie ſchrieb ein Wort an ihre Tochter; erklärte ihr, durch welch' unglückſelige Unterſchiebung, indem ſie einen Angeklagten zu retten ſuchte, ſie alle vier hatte zum Tode verurtheilen machen. Dann, als wenn ſie ſich ſchämte, das Verſpre⸗ nac keh zur Dij mel mu Rei nac Bo Ite den mo haf Ro deß ma klac unt wu n in olche eine ſolche h be⸗ Auf⸗ von Gna⸗ ganz nug ſie le ſie öſung tel ge⸗ wieder Paris zen zu ten zu Amelie ten, da ils auf d man itungen erklärte indem lle vier Verſpre⸗ chen nicht erfüllt zu haben, das ſie Amelie gegeben, und das ſie vor allem ſich ſelbſt gegeben, ſchickte ſie nach friſchen Poſtpferden, ſtieg in den Wagen und kehrte nach Paris zurück. Sie kam am achten Mai Morgens nach Paris zurück. Bonaparte war am ſechſten Abends abgereiſt. Er hatte beim Wegreiſen geſagt, daß er nur nach Dijon, vielleicht nach Genf gehe, jedenfalls aber nicht mehr als drei Wochen auswärts bleibe. Die Verwerfung des Recurſes der Verurtheilten mußte mindeſtens fünf Wochen dauern. Es war alſo noch nicht jede Hoffnung verloren. Aber ſie war es, ſobald man erfuhr, daß die Revue in Dijon nur ein Vorwand, daß die Reiſe nach Genf niemals ernſtlich gemeint war und daß Bonaparte, ſtatt nach der Schweiz zu gehen, nach Italien gehe. Frau von Montrevel, welche den Schwur kannte, den ihr Sohn ausgeſprochen, als Lord Tannlay ge⸗ mordet wurde, und den Antheil, den er an der Ver⸗ haftung der Genoſſen Jehus hatte, wollte ſich nicht an Roland wenden; Frau von Montrevel wandte ſich deßhalb an Joſephine und Joſephine verſprach, an Bonaparte zu ſchreiben. Am ſelben Abend noch hielt ſie Wort. Aber der Proceß hatte viel von ſich reden ge⸗ macht: es handelte ſich um keine gewöhnlichen Ange⸗ klagten. Die Gerechtigkeit ging raſch ihren Weg, und am fünfunddreißigſten Tage nach dem Urtheil wurde das Caſſationsgeſuch verworfen. Die Verwerfung wurde augenblicklich nach Bourg erpedirt, mit dem Befehl, die Verurtheilten in vier⸗ undzwanzig Stunden hinzurichten. Aber wie ſehr das Juſtizminiſterium die Sache beſchleunigte, die richterliche Macht erfuhr doch nicht zuerſt davon. ſter Während die Gefangenen im innern Hofe ſpazie⸗ der ren gingen, fiel ein Stein über die Mauer gerade vor ihre Füße. Ver Ein Brief war an dieſem Stein befeſtigt. Morgan, der in Beziehung auf ſeine Genoſſen Fen ſelbſt im Gefängniß den Vorrang eines Anführers daß behalten, nahm den Stein auf, öffnete den Brief wie und las ihn. Dann wandte er ſich an ſeine Genoſſen und ſie ſagte: um „Meine Herren, unſer Caſſationsgeſuch iſt ver⸗ um worfen, wie wir es erwarten mußten, und aller Wahrſcheinlichkeit nach wird die Feierlichkeit ſchon lie morgen ſtattfinden.“ ſttze Valenſolle und Ribier, die mit Sechslivresthalern um und Louisd'ors Wurfſpiel ſpielten, hatten ihr Spiel verlaſſen, um die Neuigkeit zu hören. utt Nachdem ſie den Inhalt des Briefes wußten, gpyoſ nahmen ſie ihr Spiel wieder auf, ohne weiter dar⸗„Wr über nachzudenken. Jahyat, der die„neue Helviſe“ las, ſetzte ſeine ſich Lecture fort und ſagte: izn „Ich glaube, daß ich nicht die Zeit hahen werde, um das Meiſterwerk Jean Jacques Rouſſeau's ganz zu leſen; aber ich bedaure es nicht, denn es iſt das gen falſcheſte und langweiligſte Buch, das ich je in mei nem Leben geleſen.“ wö T ier⸗ ache icht zie⸗ rade oſſen rers rief und ver⸗ aller ſchon alern Spiel ßten, dar⸗ ſeine verde, nz zu ſt das mei Saint⸗Hermine fuhr mit der Hand über die Stirne, indem er murmelte: „Arme Amelie!“ Dann gewahrte er Charlotte, die an dem Fen⸗ ſter des Pförtnerſtübchens ſtand, das auf den Hof der Gefangenen ging und ſagte zu ihr: „Sagen Sie Amelie, daß ſie dieſe Nacht ihr Verſprechen halten müſſe.“ Die Tochter des Gefängnißwärters ſchloß das Fenſter und küßte den Vater, indem ſie ihm ſagte, daß ſie ihn aller Wahrſcheinlichkeit nach am Abend wiederſehen würde. Sie eilte nach Noires Fontaines, einen Weg, den ſie alle Tage zweimal machte einmal gegen Mitkag, um nach dem Gefängniß zu gehen, einmal am Abend, um nach dem Schloſſe zurückzukehren. Jeden Abend, wenn ſie zurückkam, fand ſie Ame⸗ lie am ſelben Platze, das heißt an dem Fenſter ſitzend, das in den glücklichſten Tagen ſich geöffnet, um ihren geliebten Charles einzulaſſen. Seit dem Tage ihrer Ohnmacht in Folge des Urtheils der Jury hatte Amelie keine Thräne ver⸗ goſſen und wir könnten beinahe hinzufügen, kein „Wort geſprochen. Statt der Marmor des Alterthums zu ſein, der ſich belebt, um Frau zu werden, hätte man glauben können, daß ſie das belebte Weſen ſei, das ſich nach und nach verſteinerte. Jeden Tag ſchien ſie etwas blaſſer, etwas eiſiger geworden zu ſein. Charlotte betrachtete ſie mit Erſtaunen: die ge⸗ ℳ wöhnlichen Menſchen, auf welche laute Demonſtra⸗ Dumas, Jehu. lll. tionen, das heißt Schreien und Weinen großen Ein⸗ druck machen, begreifen nichts von ſtummem Schmerze. Für ſie ſcheint Stummheit Indifferentismus zu ſein. Sie war deßhalb erſtaunt über die Ruhe, mit welcher Amelie die Botſchaft empfing, die ſie ihr zu bringen hatte. Sie ſah nun, daß ihr Geſicht, das von der mat⸗ ten Farbe der Dämmerung übergoſſen war, von Bläſſe in eine Leichenbläſſe überging. Sie ſah nicht den tödtlichen Druck, der ihr wie eine eiſerne Zange das Herz zuſammenpreßte. Sie begriff nicht, daß, als ſie von ihrem Stuhle aufſtand und nach der Thüre ging, eine mehr als gewöhnliche automatiſche Schnellkraft ihr das Gehen möglich machte. Sie rüſtete ſich nur, ihr zu folgen. An der Thüre angekommen, ſtreckte Amelie die Hand aus. „Erwarte mich hier,“ ſagte ſie. Charlotte gehorchte. Amelie ſchloß die Thüre hinter ſich und ſtieg in das Zimmer Rolands hinauf. Das Zimmer Rolands war ein ächtes Soldaten⸗ und Jägerzimmer, deſſen Hauptſchmuck Waffen und Siegeszeichen waren. Man fand dort Waffen aller Art, einheimiſche und fremde, von den Piſtolen mit blauen Läufen aus Verſailles bis zu den Piſtolen mit ſilbernen Kolben aus Cairo; von dem cataloniſchen Meſſer bis zum türkiſchen Cangiar. Sie nahm aus den Trophäen vier Dolche mit wä ein ch di ſic erze. zu mit r zu mat⸗ von wie uhle ehen e die gin aten⸗ und niſche iufen ernen teſſer mit ſpitzen und ſcharfen Klingen. Aus den Waffen wählte ſie acht Piſtolen von verſchiedenen Formen. Sie nahm Kugeln aus einem Sack, Pulver aus einem Horn. Dann ſtieg ſie zu Charlotten hinab. Zehn Minuten ſpäter hatte ſie mit Hilfe ihrer Kammerfrau ihre breſſiſche Tracht wieder an. Man erwartete die Nacht; die Nacht trat, da es Juni war, erſt ſpät ein. Amelie ſtand unbeweglich, ſtumm auf den Kamin⸗ mantel geſtützt, da und blickte durch das offene Fen⸗ ſter nach dem Dorfe Ceyzeriat, das nach und nach in dem Dämmerſchatten verſchwand. Als Amelie nichts mehr ſah, als die Lichter, welche da und dort angezündet wurden, ſagte ſie: „Auf, es iſt Zeit. Die beiden jungen Mädchen gingen hinaus; Michel achtete nicht auf Amelie, die er für eine Freundin Charlottens hielt, welche zu ihr gekommen und die ſie zurückbegleitete. Es ſchlug zehn Uhr, als die beiden jungen Mäd⸗ chen an der Kirche von Brou vorüberkamen. Es war ungefähr zehn Uhr, als Charlotte an die Thüre des Gefängniſſes pochte. Vater Cvurtvis kam um zu öffnen. Wir haben früher geſagt, welche politiſchen An⸗ ſichten der würdige Gefängnißwärter hatte. Vater Courtois war Royaliſt. Er hatte deßhalb eine lebhafte Sympathie für die vier Verurtheilten gefaßt; er hoffte, wie alle Welt, daß Frau von Montrevel, deren Verzweiflung man kannte, ihre Begnadigung vom erſten Conſul erlangen werde und ſoweit es ging, ohne ſeine Pflich⸗ ten zu verſäumen, hatte er die Gefangenſchaft ſeiner Gefangenen gemildert, indem er jede unnütze Strenge vermied. Auf der andern Seite hatte er freilich trotz dieſer Sympathie ſechzigtauſend Franken in Gold zurück⸗ gewieſen, eine Summe, die zu jener Zeit dreimal ſo viel werth war, als jetzt, und die man ihm an⸗ geboten, wenn er ſie frei ließe. Aber wir ſahen ihn durch ſeine Tochter Charlotte ins Vertrauen gezogen, er hatte Amelie geſtattet, als Bretagnerin verkleidet der Gerichtsverhandlung an⸗ zuwohnen. Man erinnert ſich der Aufmerkſamkeit und Rück⸗ ſicht, mit welcher der würdige Mann Amelie behan⸗ delt hatte, als ſie ſelbſt mit Frau von Montrevel Gefangene geweſen. Diesmal ließ er ſich, da er die Verwerfung des Caſſationsgeſuchs nicht kannte, leicht erweichen. Charlotte ſagte ihm, daß ihre junge Herrin noch in derſelben Nacht nach Paris abreiſen werde, um die Begnadigung zu beſchleunigen, und daß ſie vorher noch von dem Baron von Saint Hermine Abſchied nehmen und ihn um ſeine Inſtruktionen, was ſie thun ſolle, bitten wolle. Fünf Thüren mußte man erbrechen, bis man an die der Straße kam; dann mußte man noch an einer Wache im Hofe, einer innern Wache und einer äußern vorüber; Vater Courtois hatte deßhalb keine Furcht, daß die Gefangenen ihm entkommen würden. ſpr ba ſat dre vo rei ein Ar Be fä bet un nie ar lei wr la ge ſor ner nge ſer nal an⸗ tte als an⸗ iner a men Er erlaubte darum auch, daß Amelie Morgan ſprach. Man entſchuldige uns, wenn wir bald Morgan, bald Charles, bald Baron von Saint Hermine ſagen; unſre Leſer wiſſen wohl, daß wir durch dieſe dreifache Benennung denſelben Mann bezeichnen. Vater Courtvis nahm ein Licht und ging Amelie voran. Dieſe hielt, als wenn ſie mit der Mallepoſt ab⸗ reiſen würde, da ſie aus dem Gefängniß herauskam, einen Nachtſack in der Hand. Charlotte folgte ihrer jungen Herrin. „Sie werden das Gefängniß wieder erkennen, Fräulein von Montrevel; es iſt daſſelbe, in dem Sie mit Ihrer Frau Mutter eingeſchloſſen waren. Der Anführer dieſer unglücklichen jungen Leute, der Baron Charles von Saint Hermine, hat das Ge⸗ fängniß Nr. 1 ſich als eine große Gunſt von mir er⸗ beten. Sie wiſſen, daß das der Name iſt, den wir unſern Zellen geben. Ich glaubte, ihm dieſen Troſt nicht verſagen zu dürfen, da ich wußte, daß der arme Junge Sie liebt. O ſeien Sie ruhig, Fräu⸗ lein Amelie, dies Geheimniß wird nicht über meine Lippen kommen. Dann hat er mich ausgefragt: ich mußte ihm ſagen, wo das Bett Ihrer Mutter, wo das Ihrige ſtand, ich ſagte es ihMm. Dann ver⸗ langte er, daß ſein Lager ganz an denſelben Ort gemacht werde, wie das Ihrige, das war nicht ſchwer; denn es ſteht nicht nur an demſelben Orte, ſondern iſt auch daſſelbe. Seitdem er in dem Ge⸗ fängniſſe iſt, liegt der junge Mann deßharb auch beinahe beſtändig auf dem Bette.“ 182 Amelie ſtieß einen Seufzer aus, der wie ein Stöhnen klang; ſie fühlte, was ſie ſchon lange nicht mehr gefühlt, eine Thräne an ihrer Wimper hängen. Sie war alſo geliebt wie ſie liebte, und ein fremder, unbetheiligter Mund gab ihr den Beweis davon. Im Augenblicke einer Trennung auf ewig war dieſe Ueberzeugung der ſchönſte Diamant, den ſie in dem Käſtchen des Schmerzes finden konnte. Eine Thüre nach der andern öffnete ſich vor Vater Courtois. An der letzten angekommen, legte Amelie ihre Hand dem Gefangenwärter auf die Schulter. Es war ihr, wie wenn ſie einen Geſang hörte. Sie horchte mit der größten Aufmerkſamkeit: eine Stimme ſprach Verſé. Aber dieſe Stimme war nicht die Morgans: es war eine unbekannte Stimme. Es lag zu gleicher Zeit etwas Trauriges wie eine Elegie, und etwas Religiöſes wie ein Pſalm in dem Liede. Das Gottvertrauen, das über Feinde ſiegt, ſprach ſich in dem ſchönen Liede, dem ſie lauſchte, aus. Endlich ſchwieg die Stimme; ohne Zweifel war es die letzte Strophe geweſen, die ſie eben recitirt. Amelie, welche die letzte Betrachtung der Ver⸗ urtheilten nicht unterbrechen wollte und die ſchöne Ode Gilberts erkannt hatte, welche er auf dein elenden Bette eines Hoſpitals am Tage vor ſeinem Tode geſchrieben, gab dem Gefängnißwärter ein Zeichen, daß er öffnen könne. Vater Courtois, welcher, obgleich ein ſtrenger Ker zu nur fän hie ebe geſ Hit Au An höt da de oh ſtö au un fin al ge zu icht en. ein eis war in wie nin rach war irt. Ver⸗ höne dem inem ein enger Kerkermeiſter, die Rührung des jungen Mädchens zu theilen ſchien, drehte den Schlüſſel ſo leiſe als nur möglich im Schloſſe um: die Thüre öffnete ſich. Amelie umfaßte mit einem Blicke das ganze Ge⸗ fängniß und die Perſonen, die es bewohnten. Volenſolle, welcher aufrecht an der Mauer ſtand, hielt noch das Buch in der Hand, aus dem er ſo eben die Verſe vorgeleſen, welche Amelie gehört; Jahyat ſaß an einem Tiſche, den Kopf auf die Hand geſtützt; Ribier ſaß auf dem Tiſche; neben ihm im Hintergrund lag Sainte Hermine, mit geſchloſſenen Augen und wie im tieſſten Schlafe, auf dem Bette. Beim Anblick des jungen Mädchens, das ſie als Amelie erkannten, ſtanden Jahyat und Ribier auf. Morgan blieb unbeweglich; er hatte nichts ge⸗ hört. Amelie ging gerade auf ihn zu und wie, wenn das Gefühl, das ſie für ihn hegte, durch die Nähe des Todes geheiligt wäre, näherte ſie ſich Morgan, ohne ſich durch die Anweſenheit der drei Freunde ſtören zu laſſen, und flüſterte, indem ſie ihre Lippen auf die Lippen des Gefangenen drückte: „Erwache, mein Charles; Deine Amelie kommt, um Dir ihr Wort zu halten.“ Morgan ſtieß einen Freudenſchrei aus und um⸗ fing das Mädchen mit ſeinen beiden Armen. „Herr Courtois,“ ſagte Lepretre,„Sie ſind ein braver Mann; laſſen Sie die beiden jungen Leute allein; es wäre eine Gottloſigkeit, durch unſere Ge⸗ genwart die wenigen Minuten zu ſtören, die ſie noch zuſammen auf Erden ſind.“ Courtvis öffnete, ohne etwas zu ſagen, das an⸗ ſtoßende Gefängniß. Valenſolle, Jahyat und Ribier traten ein, er ſchloß die Thüre hinter ihnen. Dann gab er Charlotte ein Zeichen, daß ſie ihm folgen ſolle, und ging gleichfalls. Die beiden jungen Leute waren allein. Es gibt Scenen, die man nicht zu ſchildern ver⸗ ſuchen muß, Worte, die man nicht zu wiederholen wagen darf; nur Gott hört ſie von der Höhe ſeines ewigen Thrones herab und neigt ſein Haupt, um ſie zu hören; wer weiß, welch' düſtre Freude, welch' bittere Genüſſe ſie in ſich bergen. Nach Verfluß einer Stunde hörten die beiden jungen Leute wie der Schlüſſel ſich wieder im Schloſſe umdrehte. Sie waren traurig aber ruhig, und die Ueberzeugung, daß ihre Trennung nicht lange dauern würde, verlieh Ihnen jene erhöhte Heiterkeit. Der würdige Schließer ſah noch düſterer und trauriger aus, als das erſte Mal. Morgan und Amelie dankten ihm lächelnd. Er ging an die Thüre des Gefängniſſes, wo die drei Freunde eingeſchloſſen waren, und öffnete dieſe Thüre, indem er murmelte: „Es iſt wahrhaftig das Geringſte, daß ſie dieſe Nacht mit einander zubringen, denn es iſt ihre letzte.“ Volenſolle, Jahyat und Ribier traten wieder ein. Amelie, welche Morgan mit ihrem linken Arme umſchlungen hielt, bot allen Dreien die Hand. Alle drei küßten, einer nach dem andern, ihre kalte und feuchte Hand, dann führte Morgan ſie bis an die Thüre. „Auf Wiederſehen,“ ſagte Morgan. „Bald, bald!“ ſagte Amelie. ein ne hã gle un zu Ne ſch di H ül A bier ihm ver⸗ en nes um elch' den loſſe die lern und und die ieſe dieſe zte.“ ein. me ihre bis —— Dann wurde dieſes Rendezvous im Grabe mit einem langen Kuſſe beſiegelt, worauf ſie ſich mit ei⸗ nem ſo ſchmerzlichen Schluchzen trennten, daß man hätte glauben können, die beiden Herzen ſeien im gleichen Augenblicke gebrochen. Die Thüre ſchloß ſich hinter Amelie, die Riegel und Schlüſſel knarrten. „Nun?“ fragten Valenſolle, Jahyat und Ribier zu gleicher Zeit. „Seht!“ antwortete Morgan, indem er den Nachtſack auf den Tiſch ausleerte. Die drei jungen Leute ſtießen einen Freuden⸗ ſchrei aus, als ſie dieſe glänzenden Piſtolen und dieſe ſpitzen Klingen ſahen. Das war es ja, was ſie am meiſten nach der Freiheit wünſchen mußten. Es war die ſchmerzliche und letzte Freude, ſich Herr über ihr Leben und ſtreng genommen auch über das der Anderen zu wiſſen. Während dieſer Zeit führte der Gefängnißwärter Amelie nach dem Straßenthor zurück. Dort angekommen zögerte er einen Augenblick, dann ſagte er, indem er ſie am Arme zurückhielt: „Fräuhein von Montrevel, verzeihen Sie, daß ich Ihnen einen ſolchen Schmerz bereiten muß; aber es iſt unnöthig, daß Sie nach Paris gehen. 3 „Weil das Caſſationsgeſuch verworfen iſt und die Hinrichtung morgen ſtattfindet, nicht wahr?“ ant⸗ wortete Amelie. Der Gefängnißwärter trat einen Schritt zurück. „Ich wußte es mein Freund,“ fuhr Amelie fort. 186 Dann ſich nach der Kammerfrau umwendend, ſagte ſie: „Führe mich nach der nächſten Kirche, Charlotte: Du wirſt mich morgen abholen, wenn alles vor⸗ über iſt.“ Die nächſte Kirche war nicht ſehr entfernt, es war Sainte⸗Claire. Seit ungefähr drei Monaten war ſie auf Befehl des erſten Conſuls dem Gottesdienſt wieder zurück⸗ gegeben. Da es beinahe Mitternacht, ſo war die Kirche geſchloſſen; aber Charlotte kannte die Wohnung des Sacriſtans und ging dieſen aufzuwecken. Amelie wartete, an die Mauer geſtützt, ebenſo unbeweglich, als die Figuren von Stein, welche die Fagade zieren. Nach Verfluß einer halben Stunde kam der Sa⸗ criſtan. Während dieſer halben Stunde hatte ſie etwas vorüberkommen ſehen, was ihr unheimlich erſchienen. Es waren drei ſchwarz gekleidete Männer, welche einen Karren führten, den ſie beim Mondlicht als roth bemalt erkannte. Dieſer Karren trug unförmliche Dinge: große Bretter, ſeltſam mit derſelben Farbe angeſtrichene Leitern. Dieſer Karren fuhr nach der Baſtei Montrevel, alſo nach dem Richtplatze. Amelie ahnte, was das war, ſie fiel auf die Knie und ſtieß einen Schrei aus. Bei dieſem Schrei wandten ſich die ſchwarzge⸗ kleideten Männer um, es war ihnen, als wenn eine der los ſche „ne ſetz des noc Hei ſie we vel Ka ihr am all ſte der der wi ehl ck⸗ he es iſo ie as n. he ls ße ne el, e⸗ der Sculpturen des Portals ſich aus ihrer Niſche losgemacht und niedergekniet wäre. Der, welcher der Anführer dieſer ſchwarzen Men⸗ ſchen zu ſein ſchien, machte einige Schritte auf Amelie zu. „Nähern Sie ſich nicht, mein Herr!“ rief dieſe: „nähern Sie ſich nicht.“ Der Mann trat ehrfurchtsvoll wieder zurück, und ſetzte ſeinen Weg fort. Der Karren verſchwand an der Ecke der Rue des Priſons; aber das Geräuſch ſeiner Räder ſcholl noch lange über das Fflaſter hin und klang im Herzen Amelies nach. Als der Sacriſtan und Charlotte kamen, fanden ſie ſie auf den Knieen. Der Sacriſtan machte einige Schwierigkeiten wegen des Heffnens zu ſolcher Stunde, aber ein Goldſtück und der Name des Fräuleins von Montre⸗ vel überwältigten ſeine Scrupel. Ein zweites Goldſtück beſtimmte ihn, eine kleine Kapelle zu öffnen und zu beleuchten. Es war dieſelbe, in welcher Amelie als Kind ihre erſte Communion gefeiert. Als die Kapelle beleuchtet war, kniete Amelie am Fuße des Altars nieder und bat, man möchte ſie allein laſſen. Gegen drei Uhr Morgens ſah ſie ſich das Fen⸗ ſter erhellen, das gemalte Glasfenſter, das ſich über dem Altare befand. Das Fenſter ging zufällig nach Oſten, ſo daß der erſte Sonnenſtrahl gerade auf ſie fiel und ihr wie ein Bote Gottes erſchien. Nach und nach erwachte die Stadt; Amelie 188 bemerkte, daß ſie geräuſchvoller denn gewöhnlich war. Gegen ſieben Uhr hörte ſie eine Abtheilung Reiter vorüberkommen; dieſe Abtheilung ritt in der Richtung des Gefängniſſes. Gegen neun Uhr hörte ſie einen großen Lärm und ſie glaubte zu erkennen, daß alle Leute nach derſelben Seite eilten. Sie ſuchte ſich noch mehr in das Gebet zu ver⸗ tiefen, um nichts von dem verſchiedenen Ge⸗ räuſche zu hören, das eine ihrem Herzen fremde Sprache ſprach, während doch die Bangigkeit, die ſie fühlte, ihr leiſe ſagte, daß ſie jedes Wort verſtand. Es bereitete ſich wirklich in dem Gefängniſſe et⸗ was Furchtbares vor, was wohl verdiente, daß alle Welt es zu ſehen eilte. Als gegen neun Uhr Morgens Vater Courtvis in ihr Gefängniß trat, um den Verurtheilten anzu⸗ zeigen, daß ihr Caſſationsgeſuch verworfen worden und ſie ſich zum Tode vorzubereiten hätten, fand er ſie bis an die Zähne bewaffnet. Der Gefängnißwärter wurde raſch ergriffen, ins Gefängniß gezogen, die Thüre hinter ihm geſchloſſen, dann entrieß ihm Morgan, ohne daß jener ſich nur zu vertheidigen wagte, ſo unerhört war ſeine Ueber⸗ raſchung, ſein Schlüſſelbündel, und die Thüre öffnend, die ſich der gegenüber befand, durch welche der Ge⸗ fängnißwärter eingetreten war, ſchloſſen ſie ihn an ihrer Statt ein, und befanden ſich nun in dem an⸗ ſtoßenden Gefängniß, wo am Tage vorher Valenſolle, Jahyat und Ribier) während der Zuſammenkunft Morgans und Amelies gewartet. Thi auf Thi von Zim Stu grof ſchlo lufft mög weg öffn Hofe auf führ jung gefä Hälf Zim theil Zeit C N barer lich ng der irm er⸗ He⸗ n8 ur er⸗ id, e⸗ an n⸗ le, ft Einer der Schlüſſel des Bundes öffnete die zweite Thür dieſes andern Gefängniſſes; die Thüre ging auf den Hof der Gefangenen. Der Hof der Gefangenen war durch drei maſſive Thüren geſchloſſen, welche alle drei auf eine Art von Geheimtreppe führten, die wiederum in das Zimmer des Standgerichtsſtockmeiſters führte. Von dieſem Zimmer ſtieg man über fünfzehn Stufen in den Gefängnißhof des Parketts, einen großen durch ein Gitter geſchloſſenen Hof. Gewöhnlich war dieſes Gitter nur bei Nacht ge⸗ ſchloſſen. Wenn durch Zufall die Umſtände nicht Veran⸗ laſſung zum Schließen deſſelben geweſen, ſo war es möglich, daß dieſe Oeffnung ihrer Flucht einen Aus⸗ weg bot. Morgan fand den Schlüſſel zum Gefängnißhofe, öffnete ihn, eilte mit ſeinen Genoſſen von dieſem Hofe nach dem Zimmer des Stockmeiſters und ſtürzte auf den Perron, der in den Hof des Tribunals führte. Von dieſer Art Plattform herab ſahen die vier jungen Leute, daß alle Hoffnung verloren war. Das Gitter des Hofes war geſchloſſen, und un⸗ gefähr achtzig Mann, die Hälfte Gendarmen, die Hälfte Dragoner, waren vor dem Gitter aufgeſtellt. Bei dem Anblick dieſer vier freien und aus dem Zimmer des Stockmeiſters hervorſtürzenden Verur⸗ theilten erhob ſich ein lauter Schrei, der zu gleicher Zeit Staunen und Schrecken kundgab. In der That war auch ihr Anblick ein furcht⸗ barer. 190 Um ſich die ganze Freiheit der Bewegung zu be⸗ wahren und vielleicht auch den Blutverluſt zu ver⸗ bergen, der ſo raſch unter weißem Linnen zu erken⸗ nen iſt, waren ſie bis an den Gürtel nackt. Ein um die Hüfte gebundenes Tuch ſtarrte von Waffen. Ein Blick genügte ihnen um zu ſehen, daß ſie Herren ihres Lebens ſeien, aber daß ſie nicht auch Herren ihrer Freiheit waren. Inmitten des Geſchreis, das ſich aus der Menge erhob, des Geklirrs der Säbel, die aus ihren Schei⸗ den fuhren, beriethen ſie einen Augenblick. Nachdem er ihnen die Hand gedrückt, verließ Montbar ſeine Genoſſen, ſtieg die fünfzehn Stufen hinab und ging nach dem Gitter. Als er nur noch vier Schritte davon entfernt war, warf er feinen Genoſſen einen letzten Blick und ein letztes Lächeln zu, grüßte artig die ſtumm gewordene Menge und ſagte, indem er ſich an die Soldaten wandte: „Sehr gut, meine Herren Gendarmen, ſehr gut, meine Herren Dragoner.“ Und indem er ſich die Mündung des Laufes einer ſeiner Piſtolen in den Mund ſteckte, zerſchmet⸗ terte er ſich das Hirn. Wirres und beinahe wahnſinniges Geſchrei folgte dieſer Exploſion, erſtickte aber beinahe ebenſo bald wieder: Valenſolle ſtieg nun ebenfalls hinab, er hielt einfach einen t mit gerader, ſcharfer und ſchnei⸗ dender Spitze in der Hand. Seine Piſtolen, von denen er keinen Gebrauch zu machen geneigt ſchien, ſtacken in ſeinem Gürtel. get ſtel rich in unt Br abe dan vor beid rich dar ſtür Um beir Kat ben und mut alle ver⸗ ken⸗ von ſie uch nge hei⸗ ließ ifen ernt lick mm die gut, ufes net⸗ lgte bald ielt nei⸗ auch Er ging nach einer Art kleinen von drei Säulen getragenen Schoppens, blieb bei der erſten Säule ſtehen, ſtemmte den Handgriff des Dolches daran, richtete die Spitze auf ſein Herz, nahm die Säule in die Arme, grüßte zum letzten Male ſeine Freunde und preßte die Säule, bis die Klinge ganz in ſeiner Bruſt verſchwunden war. Er blieb noch einen Augenblick aufrecht ſtehen, aber eine Todtenbläſſe ergoß ſich über ſein Geſicht, dann lösten ſich ſeine Arme ab und er brach todt vor der Säule zuſammen. Diesmal blieb die Maſſe ſtumm. Sie war ſtarr vor Schrecken. Nun kam die Reihe an Ribier: er hielt ſeine beiden Piſtolen in der Hand. Er ging bis an das Gitter; dort angekommen richtete er die Läufe ſeiner Piſtolen auf die Gen⸗ darmen. Er zielte nicht, aber die Gendarmen zielten. Man hörte drei bis vier Schüſſe und Ribier ſtürzte von zwei Kugeln getroffen zu Boden. Eine gewiſſe Bewunderung machte unter den Umſtehenden den verſchiedenen Gefühlen Platz, welche beim Anblick dieſer drei auf einander folgenden Kataſtrophen in den Herzen aufgetaucht. Sie ſahen ein, daß dieſe jungen Leute gerne ſter⸗ ben wollten, aber ſo ſterben, wie ſie es ſelbſt gewollt, und vor allem wie die alten Gladiatoren, mit An⸗ muth. Sie ſchwiegen deßhalb als Morgan, der noch allein übrig war, lächelnd die Stufen des Perron 192 herabſtieg und ein Zeichen machte, daß er ſprechen wolle. Was fehlte dieſer blutgierigen Maſſe auch? Man bot ihr mehr, als ihr verſprochen war. Man hatte ihr vier Hinrichtungen verſprochen, aber vier gleichförmige Hinrichtungen, vier abgehauene Köpfe. Und nun bot man ihr vier verſchiedene Todes⸗ arten, die ebenſo maleriſch als unerwartet waren; nichts natürlicher deßhalb, als daß ſie ſchwieg, als man Morgan herabkommen ſah. Morgan hielt in der Hand weder Piſtole noch Dolch; Dolch und Piſtolen ruhten im Gürtel. Er ging an der Leiche Valenſolles vorüber und ſtellte ſich zwiſchen die von Jahyat und Ribier. „Meine Herren“, ſagte er,„vergleichen wir uns.“ Und es entſtand eine Stille, als wenn der Athem aller Umſtehenden ſtockte. „Sie hatten einen Mann, der ſich das Hirn zer⸗ ſchmettert;“ er deutete auf Jahyat,„einen andern, der ſich erdolcht,“ er deutete auf Valenſolle:„einen dritten, der erſchoſſen wurde,“ er deutete auf Ribier; „Sie möchten den vierten gerne guillotiniren ſehen, ich begreife das!“ Ein furchtbarer Schauer überlief die Menge. „Nun gut,“ fuhr Morgan fort,„ich will Ihnen gerne dieſe Genugthuung geben. Ich bin bereit, dies mit mir geſchehen zu laſſen, aber ich verlange, ganz wie ich will und ohne daß mich Jemand berührt, auf das Schaffot gehen zu dürfen; dem, der ſich mir nähert, zerſchmettere ich das Hirn, ausgenommen dieſ den wir eine nich rufe kürz wen Här gan ſich den Orte Mar in d der die 8 Freu Wor hen tan en, ene es⸗ dieſem Herrn,“ fuhr Morgan fort, indem er auf den Henker deutete;„das iſt eine Angelegenheit, die wir unter uns auszumachen haben, und auf der einen und andern Seite nur Lebensart heiſcht.“ Sein Verlangen erſchien der Menge ohne Zweifel nicht übertrieben, denn man hörte von allen Seiten rufen: „Ja, ja, ja!“ Der Offizier der Gendarmerie ſah ein, daß die kürzeſte Art, über die Sache wegzukommen, die ſei, wenn man Morgans Verlangen erfüllte. „Verſprechen Sie,“ ſagte er,„wenn man Ihnen Hände und Füße frei läßt, nicht zu entfliehen?“ „Ich gebe mein Ehrenwort darauf,“ ſagte Mor⸗ gan. „Nun gut,“ ſagte der Offizier,„entfernen Sie ſich und laſſen Sie uns die Leichen Ihrer Kamera⸗ den wegnehmen.“ „Das iſt nicht mehr als billig,“ ſagte Morgan. Und er entfernte ſich auf zehn Schritte von dem Orte, wo er ſich befand, und ſtützte ſich an die Mauer. Das Gitter öffnete ſich. Die drei in Schwarz gekleideten Männer traten in den Hof und nahmen die drei Leichen eine nach der andern auf. Von Ribier war noch nicht ganz todt, er öffnete die Augen wieder und ſchien Morgan zu ſuchen. „Hier bin ich,“ ſagte dieſer,„ſei ruhig, lieber Freund, ich bin eben daran.“ Von Ribier ſchloß die Augen wieder, ohne ein Wort hören zu laſſen. Dumas, Jehu. UI. 1 194 Als die drei Leichen weggetragen waren, fragte der Offizier der Gendarmerie Morgan: „Mein Herr, ſind Sie bereit?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Morgan, indem er mit ausgeſuchter Höflichkeit grüßte. „So kommen Sie.“ „Hier bin ich,“ ſagte Morgan. Und er trat zwiſchen die Abtheilung Gendarmerie und die Abtheilung der Dragoner. „Wollen Sie in den Wagen ſteigen oder zu Fuß gehen, mein Herr?“ fragte der Hauptmann. „Zu Fuß, zu Fuß, mein Herr, es liegt mir viel daran, daß man wiſſe, es iſt eine Laune, der ich folge, indem ich mich guillotiniren laſſe, aber ich habe keine Furcht.“ Der traurige Zug ging über die Place des Lices, und an den Mauern des zum Hotel Montbaron ge— hörenden Gartens hin. Der Wagen, auf welchem die drei Leichen lagen, fuhr voran. Dann kamen die Dragoner. Dann Morgan, der in einem freien Zwiſchen⸗ raum von zehn Schritten allein ging, dann die Gendarmen, mit ihrem Hauptmann voran. Am Ende der Mauer wandte ſich der Zug nach links. Plötzlich gewahrte Morgan durch die Oeffnung zwiſchen dem Garten und der großen Halle das Schaffot, das ſeine beiden rothen Pfähle wie zwei blutige Arme zum Himmel emporſtreckte. „Puh!“ ſagte er,„ich habe nie eine Guillotine 5 geſel lich aus in d weg ſpor Erſt und rühr drei zuri gan aber entft ſagt helfe eren Min er rie zu iel ich ich es ge⸗ en, en⸗ die ng as vei ine geſehen und habe nicht gewußt, daß das ſo häß⸗ lich iſt.“ Und ohne ein anderes Wort, zog er den Dolch aus dem Gürtel, und ſtieß ihn ſich bis an das Heft in die Bruſt. Der Hauptmann der Gendarmerie ſah die Be⸗ wegung, ohne ihr zuvorkommen zu können, und ſpornte ſein Pferd gegen Morgan, der zum großen Erſtaunen der Maſſe aufrecht ſtehen geblieben. Aber Morgan zog ein Piſtol aus ſeinem Gürtel und ſpannte den Hahn, indem er rief: „Halt! es iſt ausgemacht, daß mich niemand be⸗ rührt; ich werde allein ſterben, oder wir ſterben zu dreien; Sie können wählen.“ Der Hauptmann ließ ſein Pferd einen Schritt zurückhufen. „Vorwärts,“ ſagte Morgan. Und er ging wirklich voran. Am Fuß der Guillotine angekommen, zog Mor⸗ gan den Dolch aus ſeiner Wunde und ſtieß ihn ſich abermals ſo tief in die Bruſt, als das erſte Mal. Eiin Wuthſchrei mehr als ein Schmerzensſchrei entflog ſeiner Bruſt. „Wahrhaftig, ich muß ein zähes Leben haben,“ ſagte er. Als die Gehülfen ihm die Treppe hinaufſteigen helfen wollten, wo ihn der Henker erwartete, ſagte er noch einmal: „Man berühre mich nicht!“ Und er ſtieg die ſechs Stufen hinan, ohne im Mindeſten zu ſchwanken. Auf der Plattform angekommen, zog er den 196 Dolch aus ſeiner Wunde und verſetzte ſich einen dritten Stoß. Dann drang ein furchtbares Lachen aus ſeinem Munde und den Dolch vor die Füße des Henkers werfend, welchen er eben aus ſeiner dritten Wunde zog, die ebenſo nutzlos war, als die beiden erſten, ſagte er; „Meiner Treu, nun habe ich genug gethan; jetzt iſts an Dir, ziehe Dich ſo gut heraus, als Du kannſt.“ Eine Minute ſpäter fiel das Haupt des uner⸗ ſchrockenen jungen Mannes auf das Schaffot und ein Phänomen jener unverwüſtlichen Lebensfähigkeit, die ſich in ihm gezeigt, ſprang er auf und ſtürzte über das Gerüſte hi ah. Geht nach Bourg, wie ich es gethan, und man wird euch ſagen, daß dieſer Kopf im Aufſpringen den Namen Amelie ausgeſprochen. Die Todten wurden nach dem Lebenden hinge⸗ richtet, ſo daß die Zuſchauer, ſtatt bei den Ereigniſ⸗ ſen, die wir ſveben erzählt, etwas zu verlieren, ein doppeltes Schauſpiel hatten. XIV. Das Bekenntniß. Drei Tage nach den eben erzählten Ereigniſſen gegen ſieben Uhr Abends hielt ein mit Staub be⸗ deckter und mit zwei von Schaum weißen Poſtpfer⸗ den Noit Eile Arm kniee wach Sche einer Wag den den ( hina das ſchiet und Mich c Ster dem deſſe ihm und den einer nen em ers nde en, n; Du er⸗ nd eit, zte an en in r⸗ den beſpannter Wagen vor dem Gitter des Schloſſes Noires Fontaines. Zum großen Erſtaunen desjenigen, der ſo ſehr Eile zu haben ſchien, ſtand die Thüre weit offen, Arme füllten den Hof und der Perron war mit knieenden Männern und Frauen bedeckt. Als der Sinn des Gehörs im ſelben Grade er⸗ wachte, in welchem das Erſtaunen dem des Geſichtes Schärfe verlieh, glaubte der Reiſende das Geläute einer Glocke zu hören. Er öffnete raſch die Thüre, ſprang aus dem Wagen, ging eiligen Schrittes über den Hof, ſtieg den Perron hinauf und ſah die Treppe, welche in den erſten Stock führte, mit Menſchen bedeckt. Er eilte dieſe Treppe hinan, wie er den Perron hinaufgeeilt war, und hörte ein frommes Gemurmel, das ihm aus dem Zimmer Amelies zu kommen ſchien. Er ging nach dieſem Zimmer; es ſtand offen. An dem Bette knieeten Frau von Montrevel und der kleine Edouard, etwas entfernter Charlotte, Michel und ſein Sohn. Der Pfarrer von Saint Claire gab Amelie die Sterbſacramente; dieſe ernſte Szene war nur von dem Lichte der Wachskerzen beleuchtet. Man hatte Roland in dem Reiſenden erkannt, deſſen Wagen vor der Thüre hielt; man trat vor ihm auseinander, er trat entblößten Hauptes ein und kniete neben ſeiner Mutter nieder. Die Sterbende, welche mit gefalteten Händen, den Kopf durch ihr Kiſſen unterſtützt, die Augen mit einer gewiſſen Ekſtaſe zum Himmel erhoben, auf dem 198 Rücken lag, ſchien die Ankunft Rolands nicht gewahr zu werden. Man hätte glauben können; der Körper ſei noch auf dieſer Welt, aber die Seele ſchwebe bereits zwi⸗ ſchen Himmel und Erde. Die Hand von Frau von Montrevel ſuchte die Rolands, und als die arme Mutter ſie gefunden, ließ ſie ihr Haupt ſchluchzend auf die Schulter ihres Sohnes ſinken. Dieſes mütterliche Schluchzen wurde ohne Zweifel von Amelie ebenſowenig gehört, als ſie die Anweſen⸗ heit Rolands bemerkt hatte, denn das junge Mäd⸗ en war vollkommen unbeweglich. Erſt als ihr das Abendmahl gereicht wurde, erſt als ihr von dem tröſtenden Munde des Geiſtlichen die ewige Glückſeligkeit verkündet ward, ſchienen ſich ihre Marmorlippen zu beleben, und ſie flüſterte mit vernehmlicher, aber ſchwacher Stimme: „So ſei es.“ Dann ertönte das Glöckchen wieder, der Chor⸗ knabe, der es trug, ging zuerſt hinaus, dann die beiden andern, welche die Kerzen trugen, darauf der Kreuzträger. Zuletzt der Prieſter, welcher Gott trug. Alle Fremden folgten dem Zuge. Die Perſonen des Hauſes und die Familien⸗ glieder blieben allein. Das Haus, das einen Augenblick vorher noch voll Geräuſch und Menſchen, war nun ſtill und bei⸗ nahe öde. Die Sterbende hatte ſich nicht bewegt, ihre Lip⸗ ahr noch zwi⸗ die den, res ifel ſen⸗ äd⸗ erſt hen ſich mit or⸗ die der pen hatten ſich geſchloſſen, ihre Hände ruhten in einander, ihre Augen waren zum Himmel erhoben. Nach einigen Minuten beugte ſich Roland zum Ohre von Frau von Montrevel herab und ſagte ihr mit leiſer Stimme: „Kommen Sie, meine Mutter, ich habe mit Ihnen zu ſprechen.“ Frau von Montrevel ſtand auf und drängte den kleinen Edouard nach dem Bette ſeiner Schweſter; das Kind erhob ſich auf ſeine Zehenſpitzen und küßte Amelie auf die Stirne. Dann nahm Frau von Montrevel ſeinen Platz ein, beugte ſich auf ihre Tochter herab, und küßte ſie ſchluchzend auf dieſelbe Stelle. Roland kam nun an die Reihe; mit gebrochenem Herzen aber trockenem Auge that er daſſelbe; er hätte viel gegeben, wenn er die Thränen hätte ver⸗ gießen können, die aus ſeinem Herzen floſſen. Amelie ſchien gegen ſeinen Kuß ebenſo unem« pfindlich, wie gegen die beiden vorhergehenden. Der Knabe voran, dann Frau von Montrevel und Roland, gingen ſie nach der Thüre. Im Augenblick, als ſie über die Schwelle treten wollten, blieben alle zitternd ſtehen. Sie hatten den Namen Roland deutlich ausſpre⸗ chen hören. Roland wandte ſich um. Amelie ſprach zum zweiten Male den Namen ihres Bruders aus. „Rufſt Du mich, Amelie?“ fragte Roland. „Ja,“ antwortete die Stimme der Sterbenden. „Allein oder mit meiner Mutter?“ urtheilten Körper übrig blieb, ſich in 200 „Allein.“ Dieſe Stimme ohne Betonung, kommen vernehmbar, hatte etwas Ei ein Echo aus einer andern Welt. „Gehen Sie, meine Mutter,“ ſagte Roland,„Sie ſehen, daß Amelie mit mir allein ſprechen will.“ „O, mein Gott!“ murmelte Frau von Montrevel, „ſollte noch eine Hoffnung ſein?“ Obgleich dieſe Worte ganz leiſe ausge wurden, hörte ſie doch die Sterbende. „Nein, meine Mutter,“ ſagte ſie;„Gott hat mir vergönnt, daß ich meinen Bruder wiederſehe; aber dieſe Nacht werde ich vor Gott ſtehen.“ Frau von Montrevel ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Roland! Roland!“ machte ſie glauben, ſie ſei ſchon dort?“ Roland machte ein Zeichen, daß man ſie allein laſſe; Frau von Montrevel entfernte ſich mit dem kleinen Edouard. Roland trat wieder ein, ſchloß die Thüre, und kam mit einem unausſprechlichen Gefühle der Rührung an das Bette Amelies zurück. Ueber den ganzen Körper war ber chenartige Starrheit ergoſſen; der Athem hätte kaum einen Spiegel getrübt, ſo ſchwach war er, nur die Augen, übermäßig weit geöffnet, leuchteten, als wenn alles, was von Leben in dieſem vorzeitig ver⸗ ihnen concentrirt aber doch voll⸗ ſiges; ſie ſchien ſprochen „„ſollte man nicht eits eine lei⸗ hätte. Roland hatte von jenem ſeltſamen Zuſtande — ſpre nicht zeiti willſ tete ich h fragt komm vergö lies.“ R ſeine 7 Mäde R wohl U⸗ en ie n ir r wohl Delirium; ſprechen hören, den man die Ekſtaſe nennt und die nichts anderes als die Katalepſie iſt. Er ſah ein, daß Amelie eine Beute dieſes vor⸗ zeitigen Todes war. „Hier bin ich, meine Schweſter,“ ſagte er,„was willſt Du von mir.“ „Ich wußte, daß Du kommen würdeſt,“ antwor⸗ tete das junge Mädchen, das ſich nicht bewegte,„und ich harrte Deiner.“ „Wie wußteſt Du, daß ich kommen würde?“ fragte Roland. „Ich ſah Dich kommen.“ Roland ſchauerte. „Und,“ ſagte er,„wußteſt Du, warum ich komme?“ „Ja; ich habe deßhalb Gott gebeten, daß er mir vergönne, aufzuſtehen und an Dich zu ſchreiben.“ „Wann das?“ „In der letzten Nacht.“ „Und der Brief?“ „Er iſt unter meinem Kopfkiſſen; nimm ihn und lies.“ Roland war einen Augenblick unſchlüſſig; lag ſeine Schweſter nicht im Dekirium? „Arme Amelie!“ murmelte Roland. „Ich darf mich nicht beklagen,“ ſagte das junge Mädchen,„ich werde mit ihm vereinigt werden.“ „Mit wem?“ „Mit dem, den ich liebe und den Du gemordet.“ Roland ſtieß einen Schrei aus: das war doch von wem ſprach ſeine Schweſter. 202 „Amelie,“ ſagte er,„ich war gekommen, um Dich zu fragen.“ „Wegen Lord Tannlays, ich weiß es,“ antwortete das junge Mädchen. „Du weißt es, und wie das?“ „Habe ich Dir nicht geſagt, daß ich Dich kommen ſah und daß ich wußte, weßhalb Du kamſt.“ „So antworte mir.“ „Wende mich nicht von Gott und von ihm ab, Roland; ich habe Dir geſchrieben: lies meinen Brief.“ Roland ſteckte ſeine Hand unter das Kopfkiſſen, überzeugt, daß ſeine Schweſter im Delirium ſpreche. Zu ſeinem großen Erſtaunen fühlte er ein Papier, das er an ſich zog. Es war ein Brief in einer Enveloppe; auf der letztern ſtanden die Worte geſchrieben: „An Roland, der morgen kommt.“ Er näherte ſich der Lampe, um leichter zu leſen. Der Brief war vom vorhergehenden Tage um eilf Uhr datirt. Roland las: „Mein Bruder, wir haben uns gegenſeitig etwas Furchtbares zu verzeihen.“ Roland betrachtete ſeine Schweſter, ſie lag noch immer unbeweglich da. Er fuhrt fort: „Ich liebte Charles von Saint⸗Hermine, ich ging weiter, als ihn bloß zu lieben, er war mein Ge⸗ liebter.“ „O,“ murmelte der junge Mann zwiſchen den Zähnen,„dann muß er ſterben.“ „Er iſt todt,“ ſagte Amelie. rtete men ab, ief.. ſſen, he. pier, der eſen. um was noch ging Ge⸗ den Roland ſtieß einen Schrei des Erſtaunens aus: er hatte die Worte, die er Amelie antwortete, ſo leiſe geſprochen, daß er ſie ſelbſt kaum gehört. Seine Blicke fielen wieder auf den Brief: „Es war keine Verbindung zwiſchen der Schwe⸗ ſter Rolands von Montrevel und dem Haupte der Genoſſen Jehus möglich: darin beſtand das Geheim⸗ niß, das ich nicht ausſprechen konnte und das mich verzehrte. „Eine einzige Perſon mußte es wiſſen und wußte es; dieſe Perſon iſt Sir John Tannlay. „Gott ſegne den Mann mit dem loyalen Herzen, der mir verſprochen, eine unmögliche Verbindung zu brechen und der ſein Wort gehalten. „Das Leben Lord Tannlays ſei Dir heilig, und Roland, er iſt der einzige Freund, den ich in meinem Schmerze hatte, der einzige Mann, deſſen Thränen ſich mit den meinen verbanden. „Ich liebte Charles von Saint⸗Hermine, ich war die Geliebte von Charles: das iſt das Furchtbare, was Du mir zu verzeihen haſt. „Dagegen biſt Du die Urſache ſeines Todes, das iſt das Furchtbare, was ich Dir zu vergeben habe. „Und jetzt komm raſch, o Roland, denn ich kann nicht ſterben, ehe Du da biſt. „Sterben, das heißt ihn wiederſehen, ſterben, das heißt ſich auf ewig mit ihm verbinden; ich bin glücklich, daß ich ſterben kann.“ Alles war klar und deutlich, und im ganzen Briefe keine Spur von Delirium. Roland las ihn zweimal, und ſtand einen Augen⸗ 204 blick ſtumm, unbeweglich, tiefathmend und voll Angſt da; endlich ſiegte das Mitleid über den Zorn. Er näherte ſich Amelie, ſtreckte die Hand nach ihr aus und ſagte mit weichem Tone: „Meine Schweſter, ich vergebe Dir.“ Ein leichtes Zittern bewegte den Körper der Ster⸗ benden. „Und jetzt,“ ſagte ſie,„rufe unſere Mutter, in ihren Armen will ich ſterben.“ Roland ging nach der Thüre und rief Frau von Montrevel. Ihr Zimmer war offen, ſie wartete augenſchein⸗ lich und kam herbeigeeilt. „Was gibt es?“ fragte ſie lebhaft. „Nichts,“ antwortete Roland,„als daß Amelie in Ihren Armen ſterben will.“ Frau von Montrevel trat ein und ſank vor dem Bette ihrer Tochter auf die Kniee. Dieſe aber, als ob ein unſichtbarer Arm die Bande gelöst, die ſie an ihr Sterbebett zu feſſeln ſchienen, erhob ſich langſam, nahm ihre Hände von ihrer Bruſt und ließ eine derſelben in die ihrer Mutter gleiten. „Meine Mutter,“ ſagte ſie,„Sie haben mir das Leben gegeben, Sie haben es mir genommen, ſeien Sie geſegnet; es war das Mütterlichſte, was Sie für mich thun konnten, weil für Ihre Tochter kein Glück mehr auf dieſer Welt möglich war.“ Als Roland dann auf der andern Seite des Bettes niederkniete, ſagte ſie indem ſie ihre zweite Hand in die ſeine gleiten ließ, wie ſie es bei ihrer Mutter gethan: ſag ich lege lie em ie ln on as en ür ick es d todt „Wir haben uns beide vergeben, Bruder,“ ſagte ſie. „Ja, arme Amelie,“ antwortete Roland,„und ich hoffe, aus der Tiefe unſerer Seele.“ „Ich habe Dir nur noch eines ans Herz zu legen.“ A „Was? „Vergiß nicht, daß Lord Tannlay mein beſter Freund war.“ „Sei ruhig,“ ſagte Roland,„das Leben Lord Tannlays iſt mir heilig.“ Amelie athmete leicht. Dann ſagte ſie mit einem Tone, in welchem man keine andere Veränderung als eine zunehmende Schwäche bemerken konnte: „Lebe wohl, Roland, lebe wohl, meine Mutter, Du wirſt Eduard in meinem Namen küſſen.“ Dann ſagte ſie mit einem Schrei, der aus dem Herzen drang und in welchem mehr Freude als Trauer lag: „Da bin ich, Charles, da bin ich!“ Und ſie ſank auf ihr Bett zurück, indem ſie bei der Bewegung, die ſie machte, die beiden Hände an ſich zog, die ſich auf ihrer Bruſt vereinigten. Roland und Frau von Montrevel ſtanden auf und beugten ſich zu beiden Seiten über ſie herab. Sie hatte ihre erſte Lage wieder eingenommen, nur waren ihre Augenlider geſchloſſen, und der ſchwache Hauch, der aus ihrer Bruſt drang, war erſtorben. Das Märtyrthum war vollbracht, Amelie war W Wo die Hoffnungen Rolands, ſo ſicher ſie auch zu ſein ſchienen, noch einmal getäuſcht werden. Amelie war in der Nacht von Montag auf Dins⸗ tag, das heißt vom 2. auf den 3. Juni 1800 ge⸗ ſtorben. Am Abend des Donnerstag, das heißt des 5., war eine große Menſchenmenge in der großen Oper verſammelt, wo man zum zweiten Male Oſſian oder die Barden gab. Man kannte die tiefe Bewunderung, welche der erſte Conſul für die von Macpherſon geſammelten Geſänge an den Tag legte und aus Schmeichelei ebenſo ſehr, als aus literariſchem oder muſikaliſchem Sinne hatte die Academie royale eine Oper befohlen, welche trotz aller Mühe, die man ſich gab, ungefähr einen Monat ſpäter aufgeführt wurde, als der Ge⸗ neral Bonaparte Paris verließ, um zur Reſervearmee zu gehen. Man hat geſehen, was aus dieſer Reſervearmee geworden, die wir zwiſchen Turin und Caſal gelaſſen. Auf dem linken Balcon hatte ſich ein Muſiklieb⸗ haber durch die große Aufmerkſamkeit bemerklich ge⸗ macht, welche er dem Schauſpiel widmete, als im erſten Zwiſchenact die Schließerin zwiſchen den bei⸗ den Reihen von Fauteuils ſich hindurchwand, und ihm näherte, indem ſie ihn mit leiſer Stimme fragte: „Verzeihung, mein Herr, ſind Sie nicht Lord Tannlay?“ und deut zu ſe des ſteru anlaf der i 5—„——— E Rolat die V damit könnt per der der lten elei em len, ähr Ge⸗ mee mee ſen. ieb⸗ ge⸗ im bei⸗ und te: ord „Ja,“ antwortete der Muſikliebhaber. „In dieſem Falle, Mylord, bittet Sie ein jun⸗ ger Mann, der Ihnen eine Mittheilung von der höchſten Wichtigkeit zu machen hat, die Güte zu haben, und in den Corridor hinauszukommen.“ „Olo!“ machte Sir John;„ein Offizier.“ „Er iſt in Civil, Mylord; aber ſeine Haltung deutet allerdings auf einen Offizier.“ „Gut,“ ſagte Sir John,„ich weiß, wer es iſt.“ Er ſtand auf und folgte der Schließerin. Am Eingang des Corridors wartete Roland. Lord Tannlay ſchien durchaus nicht erſtaunt, ihn zu ſehen; aber der ſtrenge Ausdruck in dem Geſichte des jungen Mannes unterdrückte in ihm die Begei⸗ ſterung inniger Freundſchaft, die ihn ſonſt wohl ver⸗ anlaßt hätte, ſich an den Hals desjenigen zu werfen, der ihn rufen ließ. „Hier bin ich, mein Herr,“ ſagte Sir John. Roland verbeugte ſich. „Ich komme von Ihrem Hotel, Mylord,“ ſagte Roland,„Sie haben, wie es ſcheint, ſeit einiger Zeit die Vorſicht gebraucht, zu ſagen, wohin Sie gehen, damit Perſonen, welche mit ihnen zu thun haben könnten, wiſſen, wo man Sie treffen kann.“ „Allerdings, mein Herr.“ „Dieſe Vorſicht iſt gut, namentlich für die Leute, die von ferne kommen und Eile haben, deßhalb auch keine Luſt fühlen, ihre Zeit zu verlieren.“ „So haben Sie alſo,“ fragte Sir John,„um mich wieder zu ſehen, die Armee verlaſſen und ſind nach Paris gekommen?“ „Einzig um dieſe Ehre zu haben, Mylord; und 208 ich hoffe, daß, wenn Sie meine Eile bemerken, Sie auch die Urſache derſelben ahnen, und mir jede Er⸗ klärung erſparen werden.“ „Mein Herr,“ ſagte Sir John,„von dieſem Augenblicke an ſtehe ich zu Ihrer Diſpoſition.“ „Um wie viel Uhr werden ſich zwei von meinen Freunden morgen bei ihnen einfinden können, My⸗ lord?“ mein Herr, wenn Sie es nicht vorziehen ſollten, daß es ſogleich geſchehe.“ „Nein, Mylord; ich komme ſo eben an und ich brauche Zeit, dieſe beide Freunde zu finden und ihnen meine Inſtruktionen zu geben. Sie werden Sie alſo aller Wahrſcheinlichkeit nach morgen zwiſchen eilf und zwölf nicht ſtören; nur wäre ich Ihnen ſehr verbunden, wenn die Sache, die wir durch ihre Vermittlung zu ordnen haben, noch am ſelben Tage ausgetragen werden könnte.“ „Ich halte es für möglich, mein Herr, und ſo⸗ bald es ſich darum handelt, Ihren Wunſch zu be⸗ friedigen, wird die Verzögerung nicht von meiner, Seite kommen.“ „Das iſt alles, was ich zu wiſſen wünſchte, My⸗ lord; ich wäre deßhalb untröſtlich, Sie länger auf⸗ zuhalten.“ Und Roland grüßte. Sir John erwiederte ſeinen Gruß und während der junge Mann ſich entfernte, kehrte er nach dem Balcone zurück und nahm ſeinen Platz wieder ein. Alle dieſe Worte wurden von der einen und andern Seite mit ſo zurückgehaltener Stimme und „Von ſieben Uhr Morgens an, bis Mitternacht, —— Sie Er⸗ eſem inen My⸗ acht, daß d ich hnen Sie ſchen hnen ihre Tage ſo⸗ be⸗ iner My⸗ auf⸗ rend einem ſo theilnahmloſen Geſichte ausgeſprochen, daß ſelbſt die nächſten Perſonen nicht anders denken konnten, als es ſei ein einfaches Geſpräch zwiſchen den beiden Unterrednern, die ſich auf dieſe höfliche Weiſe begrüßten. Es war der Tag, an welchem der Kriegsminiſter empfing; Roland kehrte in ſein Hotel zurück, ver⸗ wiſchte die geringſte Spur der Reiſe, von der er ſo eben kam und ſtieg in den Wagen, und wenige Mi⸗ nuten vor zehn Uhr konnte er ſich bei dem Citoyen Carnot melden laſſen. Zwei Gründe führten ihn dahin. Erſtens hatte er von Seiten des erſten Conſuls dem Kriegsminiſter eine mündliche Mittheilung zu machen. Zweitens die Hoffnung, in ſeinem Salon die bei⸗ den Zeugen zu finden, deren er benöthigt war, um ſein Duell mit Sir John in's Reine zu bringen. Alles ging, wie Roland gehofft; der Kriegsmi⸗ niſter erhielt die genauſten Mittheilungen von dem Uebergang über den Satt Bernhard und der Lage der Armee, und er fand die beiden Freunde, die er ſuchte, in den miniſteriellen Salons. Einige Worte genügten, um ſie aufs Laufende zu ſetzen; Soldaten ſind in dieſer Art von Ge⸗ ſtändniſſen zu Hauſe. Roland ſprach von einer ſchweren Beleidigung, die ſelbſt für die ein Geheimniß bleiben müſſe, welche bei ihrer Sühne zugegen ſein ſollten. Er erklärte, der Beleidigte zu ſein und verlangte für ſich in der Wahl der Waffen und der Art des Kampfes alle den Beleidigten vorbehaltenen Vorrechte. Dumas, Jehu. II. 14 210 Die beiden jungen Männer hatten den Auftrag, ſich am andern Tage um neun Uhr im Hotel Mirabeau Rue Richelieu einzufinden und ſich mit den beiden Zeugen von Mylord Tannlay zu verſtändigen. Dann“ ſollten ſie zu Roland kommen, Hotel de Paris, in derſelben Straße. Roland kehrte um eilf Uhr nach Hauſe zurück, ſchrieb ungefähr eine Stunde, legte ſich und ſchlief ein. Um halb neun Uhr erſchienen ſeine beiden Freunde bei ihm. Sie kamen von Sir John. Sir John hatte alle Rechte Rolands anerkannt, hatte ihnen erklärt, daß er gegen keine der Bedin⸗ gungen des Kampfes eine Einwendung machen werde, und daß, ſobald Roland ſich als der Beleidigte fühle, an ihm ſei, die Bedingungen zu dictiren. Auf die von ihneén gemachte Bemerkung, daß ſie es mit zweien ſeiner Freunde und nicht mit ihm zu thun zu haben geglaubt, hatte Lord Tannlay geant⸗ wortet, er kenne niemand in Paris genau genug, um ihn bei einer ſolchen Sache ins Vertrauen zu ziehen, er hoffe aber an dem zum Drell beſtimmten Orte werde wohl einer der Freunde Rolands auf ſeine Seite treten und ihm ſecundiren. Kurz in allen dieſen Punkten hatten ſie Lord Tannlay als ächten Gentleman erkannt. Roland fand, daß das Verlangen ſeines Gegners in Beziehung auf den einen Secundanten nicht nur billig, ſondern auch paſſend ſei, und ermächtigte einen der jungen Männer, Sir John zu ſecundiren und ſein Intereſſe zu vertreten. — e— e — er—— — ſich eau den de ück, lief den nt, in⸗ de, Ne, ſie zu nt⸗ 9, en uf rs ur en nd Es blieb jetzt nur noch auf Seiten Rolands übrig, daß er die Bedingungen dictirte. Man ſollte ſich auf Piſtolen ſchlagen. Wenn die beiden Piſtolen geladen waren, ſollten ſich die Gegner fünf Schritte von einander auf⸗ ſtellen. Wenn die Zeugen zum dritten Male in die Hand ſchlugen, ſollte man Feuer geben. Es war, wie man ſieht, ein Duell auf Tod und Leben, bei dem der, welcher nicht tödtete, offenbar ſeinem Gegner Gnade ſchenkte. Die beiden jungen Männer machten deßhalb eine Menge von Einwendungen; Roland aber be⸗ harrte darauf, indem er erklärte, daß, da er allein die Schwere der Beleidigung, die ihm geworden, zu ermeſſen im Stande ſei, er dieſe für groß genug halte, um eine ſolche Sühne und keine andere zu verlangen. Man mußte dieſem Starrſinn weichen. Derjenige von den beiden Freunden Rolands, welcher Roland ſecundiren ſollte, machte alle mög⸗ lichen Vorbehalte, indem er erklärte, daß er ſich durchaus nicht für ſeinen Clienten verbindlich mache und wenn er nicht abſoluten Befehl erhalte, werde er eine ſolche Würgerei niemals geſtatten. „Erhitzen Sie ſich nicht, lieber Freund,“ ſagte Roland zu ihm,„ich kenne Sir John, und ich glaube, daß er coulanter als Sie ſein wird.“ Die beiden jungen Männer gingen und erſchienen wieder bei Sir John. Sie fanden ihn bei einem engliſchen Frühſtück, das heißt bei Beefſteak, Kartoffeln und Thee. 212 Er ſtand, als er ſie eintreten ſah, auf, lud ſie ein, ſein Mahl zu theilen und ſtellte ſich, als ſie es ausſchlugen, zu ihrer Dispoſition. Die beiden Freunde Rolands begannen damit, Lord Tannlay mitzutheilen, daß er auf einen von ihnen als Secundanten zählen könne. Dann beſtimmte der, welcher die Intereſſen Ro⸗ lands vertrat, die Bedingungen des Duells. Bei jedem Verlangen Rolands verbeugte ſich Sir John zum Zeichen der Zuſtimmung und be⸗ gnügte ſich mit„ſehr gut“ zu antworten. derjenige der beiden jungen Männer, welcher ſeine Intereſſen zu vertreten beauftragt war, wollte einige Bemerkungen über eine Art des Kampfes machen, welche, wenn nicht ein unmöglicher Zufall einträte, zu gleicher Zeit den Tod der beiden Kämpfenden herbeiführen müßte: aber Lord Tannlay bat ihn, nicht darauf zu beharren. „Herr von Montrevel iſt ein galanter Mann,“ ſagte er;„ich wünſche nicht, ihm in irgend etwas zuwider zu ſein; was er thut, wird das Richtige ſein.“ Es blieb nur noch die Stunde des Zweikampfes zu beſtimmen. In dieſem Punkt wie in allen andern ſtellte ſich Lord Tannlay ganz zur Verfügung Rolands. Die beiden Zeugen verließen Sir John, noch ent⸗ zückter über ihn, als ſie es bei ihrem erſten Beſuche geweſen. Roland erwartete ſie; ſie erzählten ihm alles. „Was hatte ich Ihnen geſagt?“ machte Roland. Sie fragten ihn um Stunde und Ort. Roland beſtimmte ſieben Uhr Abends und die ſie nit, on Ro⸗ ich be⸗ ne 5 n, te, en te er 8 Allee de la Muette; es war die Stunde, wo das Gehölz beinahe einſam und noch heller Tag war,— man erinnert ſich, daß man ſich im Monat Juni be⸗ fand— die beiden Gegner konnten ſich deßhalb auf jede Waffe ſchlagen. Niemand hatte von den Piſtolen geſprochen; die beiden jungen Männer ſchlugen Roland vor, bei einem Waffenſchmiede welche zu holen. „Nein,“ ſagte Roland,„Lord Tannlay hat ein Paar ausgezeichnete Piſtolen, deren ich mich ſchon einmal bedient; wenn es ihm nicht zuwider, ſich mit dieſen zu ſchlagen, ſo würde ich ſie allen andern vorziehen.“ Derjenige von den jungen Männern, welcher Sir John als Zeuge dienen ſollte, ſuchte ſeinen Clienten auf und legte ihm die drei letzten Fragen vor, näm⸗ lich: ob Stunde und Ort ihm genehm ſeien und ob er wolle, daß man ſich ſeiner Piſtolen beim Kampfe bediene. Lord Tannlay antwortete damit, daß er ſeine Uhr nach der ſeines Gegners richtete, und ihm die Piſtolenkapſel übergab. „Soll ich Sie abholen, Mylord?“ fragte der junge Mann.* Sir John lächelte melancholiſch. „Es iſt unnöthig,“ ſagte er;„Sie ſind der Freund des Herrn von Montrevel, der Weg wird Ihnen angenehmer mit ihm als mit mir ſein; ich werde zu Pferde mit meinem Diener kommen und Sie werden mich bereit finden.“ Der junge Offizier brachte Roland diefe Ant⸗ wort. 2¹4 „Was hatte ich Ihnen geſagt?“ machte dieſer. Es war zwölf Uhr, man hatte ſieben Stunden vor ſich; Roland verabſchiedete ſeine beiden Freunde, daß ſie ihren Geſchäften oder Vergnügungen nach⸗ gehen könnten. Punkt ſechs ein halb ſollten ſie an der Thüre Rolands mit drei Pferden und zwei Dienern ſein. Es galt, um nicht geſtört zu werden, allen Vor⸗ bereitungen zum Duell den Schein eines Spazier⸗ ritts zu verleihen. Punkt halb ſieben benachrichtigte der Garcon des Hotels Roland, daß man ihn unten erwarte. Es waren die beiden Secundanten und die bei⸗ den Diener; einer der letzteren hielt ein Pferd am Zügel. Roland drückte lebhaft den beiden Offizieren die Hand und ſprang in den Sattel. Dann fuhr man über die Boulevards nach der Place Louis XV. und den Champs Elyſées. Unterwegs zeigte ſich das ſeltſame Phänomen, das Sir John bei dem Druell Rolands mit Herrn von Barjols in ſo großes Staunen verſetzt, wieder. Roland war von einer Heiterkeit, die man hätte für übertrieben halten können/ wenn ſie nicht ſo deutlich das Gepräge des Ungemachten getragen. Die beiden jungen Männer, welche ſich ihres Muthes bewußt waren, fühlten ſich doch ganz ver⸗ blüfft durch dieſe Sorgloſigkeit. Sie hätten ſie bei einem gewöhnlichen Duelle begriffen, wo die Kaltblütigkeit und die Gewandt⸗ heit dem, der ſie beſitzt, die Hoffnung verleiht, den en, rrn er. tte ſo res er⸗ lle dt⸗ 215⁵5 Sieg über ſeinen Gegner davonzutragen; aber bei einem Kampfe wie der, dem man entgegenging, konnten weder Gewandtheit noch Kaltblütigkeit die Kämpfenden, wenn auch nicht vor dem Tode, ſo doch mindeſtens nicht vor einer furchtbaren Wunde ſchützen. Roland ſpornte außerdem ſein Pferd, wie ein Menſch, der große Eile hat, ſo daß er fünf Minuten vor der beſtimmten Stunde am einen Ende der Allee de la Muette war. Ein Reiter, gefolgt von ſeinem Diener, ritt dort umher. Roland erkannte Sir John. Die beiden jungen Männer betrachteten zu glei⸗ cher Zeit die Phyſiognomie Rolands beim Anblicke ſeines Gegners. Zu ihrem großen Erſtaunen war der einzige Aus⸗ druck, der ſich auf dem Geſichte des jungen Mannes zeigte, der eines beinahe zärtlichen Wohlwollens. Ein kurzer Galopp genügte, daß die vier Haupt⸗ acteure der Scene, welche vor ſich gehen ſollte, bei einander waren und ſich begrüßen konnten. Sir John war vollkommen ruhig, aber ſein Ge⸗ ſicht hatte eine tief melancholiſche Färbung. Offenbar war dieſes Duell ihm ebenſo ſchmerz⸗ lich, als es Roland angenehm ſchien. Man ſtieg ab; einer der Secundanten nahm die Kapſel mit den Piſtolen aus den Händen eines der Diener und befahl ihnen, die Allee weiter hinabzu⸗ reiten, als wenn ſie die Pferde ihrer Herren ſpazie⸗ ren führten. Sie ſollten erſt herbeikommen, wenn ſie die Schüſſe hörten. Der Groom Sir Johns und thun wie ſie. Die beiden Gegner und die beiden Secundanten traten in das Gehölz und gingen ſo weit, bis ſie einen paſſenden Platz fanden. ebrigens war das Gehölz, wie Roland es vor⸗ ausgeſehen, öde und leer; die Speiſeſtunde hatte alle Spaziergänger nach Hauſe gehen heißen. an fand eine Art von Lichtung, die wie dazu gemacht ſchien. Die Secundanten ſahen Roland und Sir John an. Beide machten mit dem Kopf ein Zeichen der Zuſtimmung. „Nichts hat ſich geändert?“ fragte einer der Zeu⸗ gen, indem er ſich an Lord Tannlay wandte. „Fragen Sie Herrn von Montrevel,“ ſagte Lord Tannlay,„ich bin hier ganz abhängig von ihm.“ „Nichts,“ machte Roland. Man nahm die Piſtolen aus der Kapſel und be⸗ gann ſie zu laden. Sir John ſtand abſeits, indem er die hohen Gräſer mit ſeiner Reitpeitſche fuchtelte. Roland betrachtete ihn, ſchien einen Augenblick unſchlüſſig zu ſein, faßte dann einen Entſchluß und ging auf ihn zu. Sir John erhob den Kopf und wartete dann nit ſichtlicher Hoffnung. „Mylord,“ ſagte Roland,„ich kann mich in ge⸗ wiſſen Beziehungen über Sie zu beklagen haben, aber ich halte Sie deſſenungeachtet für einen Mann von Wort.“ ſollte mit ihnen gehen —— u: iſt ih ett en ſie r⸗ le „Und Sie haben Recht, mein Herr,“ antwortete Sir John. „Sind Sie der Mann, wenn Sie mich überleben, mir das Verſprechen zu halten, das Sie mir einſt in Avignon gegeben?“ „Es iſt keine Wahrſcheinlichkeit, daß ich Sie über⸗ lebe, mein Herr,“ antwortete Lord Tannlay;„aber Sie können über mich verfügen, ſolange ein Athem in mir iſt.“ „Es handelt ſich um die letzten Verfügungen, die ich wegen meiner Leiche treffen möchte.“ „Sollten es dieſelben ſein wie in Avignon?“ „Allerdings, Mylord.“ „Sie können vollkommen ruhig ſein.“ Roland grüßte Sir John und kam zu ſeinen bei⸗ den Freunden zurück. „Haben Sie im Falle eines Unglücks uns einen beſondern Auftrag zu geben?“ fragte einer von ihnen. „Einen einzigen.“ „Welchen?“ „Sie werden ſich in nichts den Anordnungen, welche Lord Tannlay in Beziehung auf meine Leiche und mein Begräbniß trifft, widerſetzen. Uebrigens iſt hier in meiner linken Hand ein Billet, das für ihn beſtimmt iſt, falls ich getödtet werde, ohne noch etwas ſprechen zu können; Sie werden meine Hand öffnen und ihm das Billet geben.“ „Iſt das Alles?“ „Alles.“ „Die Piſtolen ſind geladen.“ „Nun, ſo benachrichtigen Sie Mylord davon.“ Einer der jungen Männer ging weg und auf Sir John zu. Der Andere maß fünf Schritte. Roland ſah, daß die Entfernung größer war, als⸗ er glaubte. „Verzeihung,“ machte er,„ich ſagte drei Schritte.“ „Fünf,“ antwortete der Offizier, der die Entfer⸗ nung maß. „Verzeihung, mein Freund, Sie ſind im Irrthum.“ Er kehrte ſich gegen Sir John und ſeinen Zeugen um und fragte ſie mit dem Blicke. „Drei Schritte ſind ganz gut,“ antwortete Sir John, ſich verbeugend. Es ließ ſich nichts ſagen, da die beiden Gegner derſelben Anſicht waren. Man reducirte die fünf Schritte auf drei. Dann legte er zwei Säbel auf die Erde, um als Grenzbezeichnung zu dienen. Sir John und Roland näherten ſich einander, bis ſie die Spitzen ihres Stiefels an der Säbelklinge hatten. Dann gab man Jedem ein geladenes Piſtol in die Hand. Sie verbeugten ſich vor einander, um zu ſagen, daß ſie bereit ſeien.. Die beiden Secundanten entfernten ſich, ſie mußten dreimal in die Hand ſchlagen. Beim erſten Schlag luden die Gegner die Ku⸗ geln, beim zweiten ſpannten ſie den Hahnen, beim dritten ſchoſſen ſie ab. Die drei Schläge der Hände folgten einander in gleichem Zeitraum inmitten der tiefſten Stille; — So man hätte glauben ſollen, ſogar der Wind ſchweige, ſelbſt die Blätter ſeien ſtumm. Die Gegner waren ruhig; aber eine ſichtliche Angſt malte ſich auf dem Geſichte der beiden Secun⸗ danten. Beim dritten Schlag erſchollen die beiden Schüſſe ſo gleichzeitig, daß es nur einer war. Aber zum großen Erſtaunen der Secundanten ſtanden die beiden Duellanten unbeweglich da. Im Augenblick, als man ſchoß, hatte Roland ſein Piſtol abgewandt und ließ es ſinken. Lord Tannlay hatte das ſeine gehoben und einen Aſt hinter Roland, drei Fuß über ſeinem Kopfe, weg⸗ geſchoſſen. Jeder der beiden Gegner ſchien offenbar über eines erſtaunt: nämlich noch lebendig zu ſein, nach⸗ dem er ſeinen Gegner geſchont. Roland war der Erſte, der wieder das Wort nahm. „Mylord!“ rief er,„meine Schweſter hatte es mir ja geſagt, daß Sie der großherzigſte Menſch von der Welt ſeien.“ Und ſein Piſtol fern von ſich werfend, breitete er die Arme gegen Sir John aus. Sir John ſtürzte ſich hinein. „Ach! ich begreife,“ ſagte er,„diesmal wollten Sie wieder ſterben; aber zum Glücke hat Gott nicht geſtattet, daß ich Ihr Mörder werde.“ Die beiden jungen Männer kamen herbei. „Was gibt es denn?“ fragten ſie. „Nichts,“ antwortete Roland,„als daß ich, ent⸗ ſchloſſen zu ſterben, wenigſtens von der Hand deſſen ſterben wollte, den ich am meiſten auf Erden liebe. Zum Unglück zog er es vor, ſelbſt zu ſterben, ſtatt mich zu tödten. Nun,“ fügte Roland mit dumpfer Stimme hinzu,„ich ſehe wohl, daß das eine Auf⸗ gabe iſt, die man den Oeſterreichern aufbehalten muß.“ Dann warf er ſich noch einmal in die Arme Lord Tannlays, und die Hand ſeiner beiden Freunde drückend, ſagte er: „Entſchuldigen Sie, meine Herren; aber der erſte Conſul iſt im Begriff, in Italien eine Schlacht zu liefern, und ich habe keine Zeit zu verſäumen, wenn ich dabei ſein will.“ Und indem er Sir John den beiden Offizieren die Erklärungen geben ließ, die dieſe etwa von ihm wünſchen mochten, kehrte Roland in die Allee zurück, ſchwang ſich auf ſein Pferd und ritt im Galopp nach Paris zurück. Beſtändig von jener unglückſeligen Todesmanie beherrſcht, ſetzte er ſeine letzte Hoffnung noch auf eines, was wir bereits genannt. Einige Tage ſpäter ſchlug er ſich bei Marengo wie ein Verzweifelter. Am Tage der Schlacht, um neun Uhr Abends, ſchrieb Bonaparte folgenden Brief an Frau von Montrevel: „Madame, „Ich habe heute meinen ſchönſten Sieg gewon⸗ nen, aber dieſer Sieg koſtet mich die beiden Hälſten meines Herzens, Deſſair und Roland. Sit⸗ „Weinen Sie nicht, Madame, ſeit lange wollte t Ihr Sohn ſterben und er konnte nicht ruhmvoller r ſterben. 1„Bonaparte.“ Man machte vergebliche Nachſuchungen, um den Leichnam des jungen Adjutanten aufzufinden; wie Romulus war er in einem Sturme verſchwunden. Niemand hat jemals erfahren, welche Urſache ihn mit ſo viel Ungeſtüm einen Tod ſuchen ließ, den er zu finden ſo viel Mühe hatte. Ende. In unſerem Verlage erſcheinen und ſind durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Sämmtliche Romane von Alexander Dumas. In ſorgfältiger Uebertragung aus dem Franzöſiſchen. Erſte Abtheilung: Hiſtoriſche Bomane. Claſſiker⸗Format. In Lieferungen von 5 Bogen à 4 Ngr. oder 12 kr. Dieſe neue Auflage der Romane des unſtreitig jetzt in Deutſchland beliebteſten franzöſiſchen Schriftſtellers wird ſich in Betreff der Ausſtattung ganz an unſere Claſſiker⸗ Ausgabe von Flygare⸗Carlén's Romanen anſchließen, und ſomit die ſchönſte und zugleich billigſte aller bis jetzt erſchienenen Ausgaben werden. Wir beginnen die Sammlung mit dem unübertroffe⸗ nen Romane: Die drei Musketiere, und den dazu gehörigen zwei Fortſetzungen: Zwanzig Jahre nachher, und Der Graf von Bragelonne. Jeden Monat erſcheinen 3 bis 4 Lieferungen, und geben wir jede Lieferung einzeln ab; jedoch erhalten diejenigen Abnehmer, welche ſich zur Abnahme der im Laufe dieſes Jahres erſcheinenden Lieferungen verpflichten, zu Ende des Jahres das nach einer Phokographie treff⸗ lich ausgeführte Portrait des Verfaſſers gratis. Ausgewählte Werke von Alexander Dumas dem Jüngern. Deutſch von Dr. C. JF. Grieb. * Bis jetzt ſind erſchienen: Ein Frauenleben. 2 Bde. 22 Ngr. oder 1 fl. 6 kr. Diana von Lys. 6 Ngr. oder— 18 kr. Drei ſtarke Männer 20 Ngr. oder 1 fl.— Sophie Printems. 2 Bde. 18 Ngr. oder— 54 kr. Indem wir hiemit der deutſchen Leſewelt in obiger Sammlung die vorzüglichſten Romane von Alexander Dumas dem Jüngern vorlegen, glauben wir darauf aufmerkſam machen zu müſſen, daß hier wirklich Außer⸗ gewöhnliches geboten wird. Dieſe Romane ſind pſycho⸗ logiſche Studien, denen wohl die franzöſiſche Literatur nichts Aehnliches an die Seite zu ſetzen hat. Hier ſind die geheimſten Falten des weiblichen Herzens blos gelegt mit einer Sicherheit und einer Wahrheit des Colorits, welche den Sohn ſeinem berühmten Vater als durchaus ebenbürtig erſcheinen laſſen. Unſere deutſche Ansgabe zeichnet ſich durch vor⸗ treffliche Uebertragung, ſchöne Ausſtattung und ſehr billigen Preis vortheilhaft aus. Stuttgart, 1857. Franckh ſche Perlagshandlung. 16