Leihbibüother deutſcher, engliſcher und franzöj ſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Veſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei abe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurliguhe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bi Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 2 W.—— Pf. 5 Answärtige Soinenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(nament lich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der e zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkfam gemacht, daß das Weiterverleihen I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ f von mir auch dafür zu ſtehen haben. „ pie Genoſſen Jehus. Roman von Alerander Pumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Edmund Zoller. Zweiter Band. * „ Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1857. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. — Yritte Abtheilung. Das Geſpenſt. Am andern Tage, ungefähr zur ſelben Stunde, da wir Roland verlaſſen, öffnete der junge Offizier, nachdem er ſich verſichert, daß alle Welt auf dem Schloſſe Noires Fontaines zu Bette gegangen, leiſe ſeine Thüre, ſtieg, den Athem zurückhaltend, die Treppe hinab, gelangte auf den Veſtibule, zog ge⸗ räuſchlos die Riegel der Hausthüre zurück, ſtieg den Perron hinab, wandte ſich noch einmal um, ſich zu verſichern, daß alles ruhig ſei und rüttelte, durch die Dunkelheit der Fenſter beruhigt, an dem Gitterthor. Das Gitterthor, deſſen Angeln aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach im Verlaufe des Tages geölt worden war, drehte ſich ohne das geringſte Aechzen und ſchloß ſich, wie es ſich geöffnet, nachdem Roland hinausge⸗ gangen, der dann raſch die Richtung nach dem Wege einſchlug, welcher von Pont dAin nach Bourg führt. Kaum hatte er hundert Schritte gemacht, als die Glocke von St. Juſt anſchlug: die von Montagnat E — 2 antwortete ihr, wie ein erzenes Echo; es ſchlug halb eilf Uhr. Bei dem raſchen Gange des jungen Mannes be⸗ durfte es kaum zwanzig Minuten, um die Karthauſe von Seillon zu erreichen, namentlich wenn der Offi⸗ zier, ſtatt um den Wald her zu gehen, den Fußpfad einſchlug, der gerade zum Kloſter führte. Roland war von ſeiner Jugend her mit den ge⸗ ringſten Schneuſen des Waldes von Seillon zu ver⸗ traut, um unnöthiger Weiſe ſeinen Weg um zehn Minuten zu verlängern. Er ſchlug deßhalb den geraden Weg durch den Wald ein und war nach Verlauf von fünf Minuten auf der andern Seite deſſelben. Dort angekommen, brauchte er nur noch eine kurze Strecke über die Ebene zu gehen, um an die Mauer des zum Kloſter gehörenden Obſtgartens zu gelangen. Es war wiederum kaum die Sache von fünf Minuten. Am Fuße der Mauer blieb er ſtehen, jedoch nur einige Secunden lang. Er hakte ſeinen Mantel auf, rollte ihn zuſam⸗ men und warf ihn über die Mauer. Nachdem er ſeinen Mantel abgenommen, beſtand ſein Anzug aus einem Sammtrock, einer weißen Leder⸗ hoſe und Stulpſtiefeln. Der Rock war um den Leib durch einen Gürtel feſtgehalten, in welchem zwei Piſtolen ſteckten. Ein Hut mit breiten Rändern bedeckte ſein Ge⸗ ſicht und warf ſeinen Schatten darüber. Mit derſelben Geſchwindigkeit, mit der er ſich des Kleidungsſtücks entledigt, das ihm beim Ueber⸗ —————— —— —— ſteigen der Mauer hinderlich ſein konnte, machte er ſich an dieſes Manöver ſelbſt. Sein Fuß ſuchte eine Fuge, was ihm auch leicht gelang; er ſchwang ſich hinauf, packte die Mauer⸗ kappe und ſprang auf der anderen Seite herab, ohne mit dem Körper den Firſt der Mauer berührt zu haben, über die er geſprungen. Er nahm ſeinen Mantel wieder auf, warf ihn über die Schultern, hakte ihn zu, und kam durch den Obſtgarten mit raſchen Schritten nach einer klei⸗ nen Thüre, welche den Garten mit dem Kloſter ver⸗ band. Als er über die Schwelle dieſer kleinen Thüre trat, ſchlug es eilf Uhr. Roland blieb ſtehen, zählte die Schläge und ging langſam mit offenen Augen und Ohren um das Kloſter her; er ſah nichts und hörte nicht das ge⸗ ringſte Geräuſch. Das Kloſter war ein Bild der Verwüſtung und Einſamkeit: alle Thüren ſtanden offen: die der Zellen, die der Kapelle, die des Refectoriums. In dem Refectorium, einem ungeheuren Gemache, wo die Tiſche noch ſtanden, ſah Roland fünf bis ſechs Fledermäuſe flattern; eine aufgeſcheuchte Nacht⸗ eule flog durch ein zerbrochenes Fenſter hinaus, ſetzte ſich unfern von da auf einen Baum und ließ einen düſtern Schrei hören. „Gut,“ ſagte Roland laut,„ich glaube, hier muß ich mein Hauptquartier aufſchlagen; Fledermäuſe und Nachteulen ſind der Vortrab der Geſpenſter.“ Der Klang einer menſchlichen Stimme inmitten dieſer Einſamkeit, dieſer Finſterniß und dieſer Wüſtenei — hatte etwas ſo ungewöhnlich Düſteres und Unheim⸗ liches, daß es ſelbſt den, der ſo eben geſprochen, hätte ſchauern machen müſſen, wenn Roland nicht, wie er ſelbſt geſagt, ein für alle Furcht unzugäng⸗ liches Herz gehabt. Er ſuchte einen Punkt, von wo er mit dem Blicke den Saal überſchauen konnte: ein einzelner Tiſch, auf einer Art Eſtrade, welcher ohne Zweifel dem Superior des Kloſters entweder dazu gedient, während des Mahles eine fromme Leſung zu halten, oder abgeſondert von den andern Brüdern ſein Mahl einzunehmen, erſchien ihm ein Beobachtungs⸗ punkt, der alle Vorzüge in ſich vereinigte, die er wünſchen konnte. An die Mauer gelehnt, konnte er von hinten nicht überraſcht werden, und ſein Blick beherrſchte, ſobald er an die Dunkelheit gewöhnt war, alle Punkte des Saales. Er ſuchte irgend einen Sitz, und fand drei Schritte von dem Tiſche den umgeſtürzten Schemel, der ent⸗ weder dem Speiſenden, oder dem vereinzelten Vor⸗ leſer gehört. Er ſetzte ſich vor den Tiſch, legte ſeinen Mantel ab, um volle Freiheit in ſeinen Bewegungen zu ha⸗ ben, nahm ſeine Piſtolen aus dem Gürtel, legte das eine vor ſich, während er mit dem Kolben des an⸗ dern dreimal auf den Tiſch ſchlug: „Die Sitzung iſt eröffnet,“ ſagte er mit lauter Stimme,„die Geſpenſter können kommen.“ Nur Diejenigen, welche in der Nacht zu zweien, über Kirchhöfe oder durch Kirchen gehend, bisweilen, ohne ſich Rechenſchaft zu geben, jenes eigenthümliche er n, n, he Bedürfniß, leiſe und ernſt zu ſprechen, das ſich an gewiſſe Localitäten knüpft, gefühlt, nur ſolche werden begreifen können, welchen ſeltſamen Eindruck dieſe ſpöttiſche und abgebrochene Stimme, die die Einſam⸗ keit und Dunkelheit ſtörte, auf denjenigen hervorge⸗ bracht haben müßte, der ſie gehört. Sie vibrirte einen Augenblick in der Dunkelheit, die ſie gewiſſer⸗ maßen erzittern machte; dann erloſch und erſtarb ſie ohne Echo, durch alle Oeffnungen entfliehend, welche die Flügel der Zeit auf ihrem Fluge in dem Saale gemacht. Wie er erwartet, gewöhnten ſich Rolands Augen raſch an die Dunkelheit und jetzt, Dank dem blaſſen Licht des Mondes, der ſo eben aufſtieg und in lan⸗ gen weißlichen Strahlen durch die zerbrochenen Fen⸗ ſter in das Refectorium ſchien, konnte er in dem großen Zimmer von einem Ende zum andern ſehen. Obgleich Roland offenbar weder innerlich noch äußerlich Furcht hatte, war er doch nicht ohne Vor⸗ ſicht und ſein Ohr vernahm das leiſeſte Geräuſch. Er hörte Halb ſchlagen. Unwillkürlich machte ihn der Schlag zittern; er kam aus der Kirche des Kloſters ſelbſt. Wie war in dieſer Ruine, wo alles todt, die Uhr, dieſer Puls der Zeit, lebendig geblieben? „O, o!“ murmelte Roland,„das ſagt mir deut⸗ lich, daß ich etwas zu ſehen bekommen werde.“ Dieſe Worte waren beinahe ein Beiſeite; die Mejeſtät des Ortes und die Stille wirkten ganz wunderbar auf das verſteinerte Erzherz, das beinahe ebenſo hart, als das, welches ihm dieſe Mahnung der Zeit an die Ewigkeit zugeſandt. — Eine Minute verfloß um die andere; ohne Zwei⸗ fel zog eine Wolke über den Mond hin, denn es war Roland, als ob die Dunkelheit noch größer würde. Dann glaubte er, je näher man der Mitternacht rückte, vielfaches, kaum vernehmbares wirres Geräuſch zu hören, das ohne Zweifel aus der nächtlichen Welt kam, welche erwacht, wenn die andere einſchlummert. Die Natur hat nicht gewollt, daß ein Stillſtand in der Natur eintrete, ſelbſt für die Ruhe nicht; ſie hat ihr nächtliches Univerſum gemacht, wie ſie ihre Tagwelt geſchaffen, von der Mücke, die an dem Kopf⸗ kiſſen des Schläfers ſummt, bis zum Löwen, der um den Douar des Arabers herſtreift. Aber Roland, die Feldwacht, der verlorene Po⸗ ſten in der Wüſte, Roland der Jäger, Roland der Soldat, kannte alle Geräuſche ſolcher Art; es konnte ihn nicht beunruhigen, als plötzlich mit dieſem Ge⸗ räuſche von Neuem der Klang der Glocke ſich miſchte, die zum zweiten Male über ſeinem Haupte anſchlug. Diesmal war es Mitternacht; er zählte zwölf Schläge hinter einander. Der letzte erklang, zitterte in der Luft wie ein Vogel mit ehernen Flügeln, erſtarb dann langſam, traurig, ſchmerzlich. Zu gleicher Zeit kam es dem jungen Manne vor, als hörte er eine Wehllage. Roland hielt das Ohr nach der Seite, von wel⸗ cher das Geräuſch kam. Die Wehklage ließ ſich näher hören. Er ſtand auf, aber die Hände auf den Tiſch ge⸗ ſtützt und unter jeder ſeiner Hände einen Piſtolen⸗ —— ———— 0 N kolben haltend. Ein Streifen, wie das eines Tuches oder eines Rockes, die auf Gras fortgezogen würden, ließ ſich zu ſeiner Linken, zehn Schritte von ihm, hören. Er richtete ſich wie von einer Springfeder be⸗ wegt auf. Im ſelben Augenblick erſchien ein Schatten auf der Schwelle des ungeheuren Saales. Dieſer Schat⸗ ten glich einer jener alten Statuen, welche auf Grab⸗ mälern liegen; ſie war mit einem ungeheuren Todten⸗ tuch umhüllt, das ſie hinter ſich dreinzog. Roland zweifelte einen Augenblick an ſich. Ließ ihn die Voreingenommenheit ſeines Geiſtes Dinge ſehen, die nicht waren? War er der Düpe ſeiner Sinne, das Spielzeug einer jener Hallucinationen, welche die Medicin conſtatirt, aber nicht zu erklären vermag. Eine Wehklage, welche das Phantom ausſtieß, ließ ſeine Zweifel verſchwinden. „Ha, meiner Treu!“ ſagte er laut lachend,„wir haben es mit einander zu thun, Freund Geſpenſt.“ Das Geſpenſt blieb ſtehen, und ſtreckte die Hand nach dem jungen Offizier aus. „Roland! Roland!“ ſagte das Geſpenſt mit dum⸗ pfer Stimme.„Das Mitleid ſollte Dir gebieten, die Todten, die Du ins Grab ſteigen machteſt, nicht auch noch bis dahin zu verfolgen.“ Und das Geſpenſt ſetzte ſeinen Weg fort, ohne ſeinen Schritt zu beſchleunigen. Roland, den dieſe Worte einen Augenblick ver⸗ blüfften, ſtieg von ſeiner Eſtrade herab und begann das Geſpenſt zu verfolgen. —— 10 Der Weg war ſchwierig, da er mit Steinen, quer übereinander geworfenen Bänken und umgeſtürzten Tiſchen verſperrt war. Und doch hätte man glauben ſollen, es ſei für das Geſpenſt ein unſichtbarer Pfad quer durch dieſe Hinderniſſe gebahnt geweſen, denn es ging unver⸗ änderten Schrittes fort, ohne ſich aufhalten zu laſſen. Jedesmal, ſo oft es an einem Fenſter vorüber⸗ kam, reflectirte ſich das äußere Licht, ſo ſchwach es auch war, auf dem Todtentuch und man gewahrte die Umriſſe des Geſpenſtes, die, ſobald es an dem Fenſter vorüber war, in der Dunkelheit wieder verſchwammen, um ebenſo bald wieder zu erſcheinen und ſich zu verlieren. Roland konnte, den Blick auf den geheftet, den er verfolgte, und befürchtend, ihn aus dem Auge zu verlieren, wenn er einen Moment den Blick von ihm abwendete, den Weg nicht finden, der für das Geſpenſt ſo leicht, für ihn mit Hinderniſſen über und über barricadirt war. Bei jedem Schritte ſtrauchelte er: das Geſpenſt hatte einen großen Vorſprung vor ihm. Das Geſpenſt kam an die Thüre, welche der ge⸗ genüber lag, durch die es eingetreten. Roland ſah den Eingang zu einem dunkeln Corridor ſich öffnen und begriff, daß der Schatten ihm nun zu entkommen drohte. „Menſch oder Geſpenſt, Dieb oder Mönch,“ ſagte er,„halt, oder ich gebe Feuer!“ „Man tödtet nicht zweimal denſelben Körper und der Tod, das weißt Du wohl,“ fuhr das Geſpenſt 1¹ mit dumpfer Stimme fort,„hat keine Macht über die Seele.“ „Wer biſt Du denn?“ fragte Roland. „Ich bin der Geiſt Desjenigen, den Du gewalt⸗ ſamer Weiſe aus der Welt geſchafft.“ Der junge Offizier lachte laut, mit jenem hefti⸗ gen und nervöſen Tone, der noch etwas Schreck⸗ hafteres in dieſer Dunkelheit hatte. „Meiner Treu,“ ſagte er,„wenn Du mir keine andere Andeutung zu geben haſt, ſo werde ich mir nicht mal die Mühe nehmen, zu ſuchen, das ſage ich Dir.“ „Erinnere Dich der Quelle von Vaucluſe,“ ſagte das Geſpenſt mit einem ſo ſchwachen Tone, daß dieſe Mahnung eher wie ein Seufzer, denn als artikulirte Worte aus ſeinem Munde zu kommen ſchien. Einen Augenblick fühlte Roland nicht ſeinen Muth ſinken, ſondern ſeine Stirne von Schweiß perlen; er nahm ſich mit Gewalt zuſammen und rief mit dro⸗ hender Stimme: „Zum letzten Male, Erſcheinung oder Wirklich⸗ keit, ſage ich Dir, daß, wenn Du mich nicht erwar⸗ teſt, ich Feuer auf Dich gebe!“ Das Geſpenſt blieb ſtumm und ſetzte ſeinen Weg ort. Roland blieb eine Secunde ſtehen, um zu zielen: das Geſpenſt war zehn Schritte von ihm entfernt. Roland hatte eine ſichere Handz er ſelbſt hatte das Piſtol geladen, einen Augenblick vorher hatte er noch den Ladſtock in die Läufe geſtoßen, um ſich zu verſichern, daß ſie geladen waren. In dem Augenblicke, als das Geſpenſt ſich in ſeiner ganzen Größe zeigte und 12 weiß von der dunkeln Wölbung des Corridors abhob, gab Roland Feuer. Die Flamme erleuchtete wie ein Blitz den Cor⸗ ridor, in welchem das Geſpenſt fortging, ohne den Schritt zu beſchleunigen, oder zu verlangſamen. Dann ſank Alles in um ſo tieferes Dunkel zurück, je heller das Licht geweſen. Das Geſpenſt war in der düſtern Arcade ver⸗ ſchwunden. Roland ſtürzte ihm nach, indem er ſein zweites Piſtol von der linken Hand in die rechte nahm. Aber ſo kurz auch das Stehenbleiben gedauert, das Geſpenſt hatte einen bedeutenden Vorſprung ge⸗ wonnen; Roland ſah es am Ende des Corridors ſich diesmal kräftig von der grauen Atmoſphäre abheben. Er verdoppelte ſeine Schritte und erreichte das Ende des Corridors in dem Augenblicke, wo das Ge⸗ ſpenſt hinter der Thüre der Ciſterne verſchwand. Roland verdoppelte ſeine Schnelligkeit; es war ihm, als wenn das Geſpenſt in dem Augenblick, da es die Schwelle der Thüre erreichte, in den Einge⸗ weiden der Erde unterſänke. Aber der ganze Torſo war noch ſichtbar. Er ſchoß ſein zweites Piſtol ab, welches die Ci⸗ ſterne, in der das Geſpenſt untergetaucht, mit Feuer und Rauch erfüllte. Als der Rauch ſich verzogen hatte, ſuchte Roland vergeblich; er war allein. Roland ſtürzte ſich vor Zorn heulend in die Ci⸗ ſterne; er ſondirte die Mauern mit den Kolben ſei⸗ ner Piſtole, und ſtampfte mit dem Fuß auf den ——— — —— — bo—S 13 Boden: überall gaben Boden und Stein den matten Ton feſter Gegenſtände von ſich. Er ſuchte vergeblich die Dunkelheit mit dem Blicke zu durchdringen: das ſchwache Licht, das der Mond hereingoß, reichte nur bis auf die erſten Stufen der Ciſterne. „O!“ rief Roland,„eine Fackel! eine Fackel!“ Niemand antwortete ihm; das einzige Geräuſch, das ſich hören ließ, war das Gemurmel der Quelle, welche drei Schritte von ihm rauſchte. Er ſah, daß ein längeres Nachſuchen unnöthig wäre, ſtieg aus der Ciſterne herauf, zog aus ſeiner Taſche ein Pulverhorn, zwei in Papier gewickelte Kugeln und lud raſch ſeine Piſtolen wieder. Dann ſchlug er den Weg ein, auf dem er bis hierher gelangt, fand den düſtern Gang wieder, der ſich am Ende des ungeheuren Refectoriums befand, und nahm den Platz auf der andern Seite des ſtum⸗ men Saales wieder ein, welchen er verlaſſen, um dem Geſpenſt zu folgen. Dort wartete er. Aber die Stunden der Nacht ſchlugen hinter ein⸗ ander, bis ſie zu Morgenſtunden wurden, und die erſten Sonnenſtrahlen des Tages mit ihren blaſſen Tönen die Mauern des Kloſters bemalten. „Auf,“ murmelte Roland,„für heute Nacht iſt's genug, vielleicht werde ich ein andermal glücklicher ſein.“ Zwanzig Minuten ſpäter kehrte er nach dem Schloſſe Roires Fontaines zurück. Die Luſtbarkeiten der Provinz. Zwei Perſonen erwarteten die Rückkehr Rolands, die eine mit Angſt, die andere mit Ungeduld. Dieſe beiden Perſonen waren Amelie und Sir John. Weder die Eine, noch der Andere hatten eine Secunde geſchlafen. Amelie gab ihre Angſt nur durch das Geräuſch zu erkennen, das ihre Thüre mächte, als ſie Roland die Treppe heraufkommen hörte. Roland hatte dies Geräuſch vernommen. Er hatte nicht den Muth an ſeiner Schweſter vorüberzugehen, ohne ſie zu beru⸗ higen. „Sei ruhig, Amelie, ich bin's!“ ſagte er. Er konnte ſich nicht denken, daß ſeine Schweſter für einen andern bange habe, als für ihn. Amelie ſtürzte in ihrem Nachtgewande zum Zim⸗ mer heraus. An der Bläſſe ihres Geſichtes und dem biſter⸗ artigen Kreiſe, der ſich bis zur Mitte der Wange hinabzog, war deutlich zu ſehen, daß ſie die ganze Nacht nicht ein Auge geſchloſſen. „Es iſt Dir doch nichts geſchehen, Roland!“ rief ſie, indem ſie ihren Bruder in die Arme ſchloß und ihn unruhig befühlte. „Nichts.“ „Weder Dir, noch ſonſt Jemand?“ —„—, 1— 3— „— 15 „Weder mir, noch ſonſt Jemand.“ „Und Du haſt nichts geſehen?“ „Das kann ich nicht ſagen,“ machte Roland. „Was haſt Du geſehen, mein Gott?“ „Ich werde Dir das ſpäter erzählen; indeſſen iſt niemand gefallen.“ „Ach, ich athme wieder auf.“ „Wenn ich Dir jetzt aber einen Rath geben ſoll, meine Schweſter, ſo iſt es der, gehe ruhig in Dein Bett und ſchlafe, wenn Du kannſt, bis zum Früh⸗ ſtück. Ich werde daſſelbe thun und ich verſpreche Dir, daß man nicht nöthig haben ſoll, mich zu wie⸗ gen, um mich einzuſchläfern: gute Nacht oder viel⸗ mehr guten Morgen!“ Roland umarmte zärtlich ſeine Schweſter, und indem er that, als ob er ſorglos ein Jagdſtückchen pfiffe, ſtieg er die Treppe in den zweiten Stock hinauf. Sir John erwartete ihn ganz offen in dem Cor⸗ ridor. Er ging gerade auf den jungen Mann zu. „Nun?“ fragte er ihn. „Nun, ich habe den Buſch nicht gerade ganz leer gefunden.“ „Sie haben ein Geſpenſt geſehen?“ „Ich habe wenigſtens etwas geſehen, was einem ſolchen ſehr ähnlich war.“ „Sie erzählen mir doch?“ „Ja, ich begreife, daß Sie nicht oder ſchlecht ſchlafen würden, wenn ich's Ihnen nicht erzählte; ſo hören Sie denn mit zwei Worten, was ſich er⸗ eignet.“ Und Roland gab ihm eine genaue und umſtänd⸗ liche Beſchreibung des Abenteuers der Nacht. „Gut!“ ſagte Sir John, als Roland geendet hatte;„ich hoffe, daß Sie mir noch etwas übrig ge⸗ laſſen.“ „Ich fürchte ſogar,“ ſagte Roland,„daß ich Ih⸗ nen das Schwerere übrig gelaſſen.“ Da Sir John, der auf alle einzelnen Details zu⸗ rücktam, die Localitäten beſchrieben haben wollte, fügte er hinzu: „Hören Sie, heute nach dem Frühſtück werden wir der Karthauſe einen Tagesbeſuch abſtatten, was uns jedoch nicht hindern ſoll, dort unſere Nachtſta⸗ tion aufzuſchlagen; im Gegentheil, der Tagesbeſuch wird Sie in den Stand ſetzen, die Localitäten zu ſtu⸗ diren. Nur ſagen Sie niemanden etwas davon.“ „O!“ machte Sir John,„habe ich denn das Aus⸗ ſehen eines Prahlers?“ „Nein, das iſt wahr,“ ſagte Roland lachend, „nicht Sie ſind ein Prahler, Sir John, ſondern ich bin ein einfältiger Menſch.“ Und damit kehrte er in ſein Zimmer zurück. Nach dem Frühſtück gingen die beiden Männer den Abhang des Gartens hinab, als wenn ſie eine Promenade an den Ufern der Reyſſouſſe machen woll⸗ ten; dann hielten ſie ſich links, ſtiegen, nachdem ſie vierhundert Schritte gegangen, wieder hinauf, kamen auf die Landſtraße, durchſchritten den Wald und ſtan⸗ den endlich am Fuße der Mauer der Karthauſe, am ſelben Orte, wo Roland am Tage zuvor hinüberge⸗ ſtiegen. „Mylord,“ ſagte Roland,„hier iſt der Weg. 17 „Gut,“ machte Sir John,„ſchlagen wir ihn ein.“ Und langſam, aber mit einer bewundernswürdi⸗ gen Kraft der Fauſt, die auf einen, der Gymnaſtik vollkommen mächtigen Menſchen deutete, faßte der Engländer die Mauerkappe, legte ſich quer über und ließ ſich auf der andern Seite herab. Roland folgte ihm mit der Behendigkeit eines Menſchen, der die Sache nicht zum erſten Male thut. Beide ſtanden jetzt auf der andern Seite. Die Verlaſſenheit des Ortes war am Tage noch ſichtbarer, als am Abend. Das Gras war in die Gänge hineingewach⸗ ſen und ging bis an die Kniee; die Spaliere waren mit Reben überwachſen, welche ſo dicht waren, daß die Trauben unter dem Schatten der Blätter nicht zur Reife kommen konnten; an mehreren Orten war die Mauer ſtark beſchädigt und der Epheu, der mehr ein Paraſit, als ein Freund der Ruinen, begann ſich nach allen Seiten zu verbreiten. Die Bäume, welche im Freien ſtanden, die Pflaumen⸗, Pfirſich⸗ und Aprikoſenbäume hatten mit der Kraft der Buchen und Eichen im Walde ge⸗ trieben, deren Höhe und Dicke ſie zu beneiden ſchie⸗ nen, und der Saft, den die zahlreichen und kräftigen Zweige und Aeſte abſorbirten, bot nur wenige und ſchlechte Früchte. Zwei⸗ oder dreimal glaubten ſie aus der Bewe⸗ gung des Graſes vor ihnen ſchließen zu dürfen, daß die Natter, dieſer ſchleichende Gaſt der Einſamkeit, 2 Dumas, Jehu. II. ihr Domicil hier aufgeſchlagen und vor den ſtören⸗ den Eindringlingen fliehe. Roland führte ſeinen Freund gerade auf die Thüre zu, welche von dem Obſtgarten in das Kloſter führte; aber ehe ſie eintraten, warf er den Blick auf das Zifferblatt der Uhr; die Uhr, welche bei Nacht ging, war bei Tage geſtellt. Vom Kloſter ging er in's Refectorium; hier zeigte ihm der Tag die Dinge nach ihrem wahren Ausſehen, während die Nacht ſie in phantaſtiſche Formen gekleidet. Roland zeigte Sir John den umgeſtürzten Sche⸗ mel, den Tiſch, welchen die Piſtolenſchüſſe geſtreift, die Thüre, durch welche das Geſpenſt verſchwunden war. Er ſchlug mit dem Engländer den Weg ein, den er in den Fußſtapfen des Geſpenſtes gemacht; er ſah, welche Hinderniſſe ihn aufgehalten, und, daß es keine ſolchen für den waren, der die Lokalitäten vorher kannte. Als ſie an den Ort kamen, wo er Feuer gegeben, fand er die Pfröpfe, aber er ſuchte vergeblich die Kugel. Bei der Bauart des Corridors, der ſchräg zu⸗ lief, war es indeſſen unmöglich, wenn die Kugel keine Spuren in der Mauer zurückgelaſſen, daß ſie das Geſpenſt nicht getroffen hätte. Und doch, wenn das Geſpenſt getroffen worden und einen feſten Körper bot, wie war es möglich, daß der Körper nicht umgeſunken? wie war er nicht wenigſtens verwundet worden? und wie kam es, wenn zu li ie uf cht ier en che he⸗ ift, en den er daß ten en, die zu⸗ gel ſie den lich, icht enn er verwundet worden, daß man keine Blutſpur auf dem Boden fand? Und doch war weder eine Blutſpur, noch eine Spur von einer Kugel zu ſehen. Lord Tannlay war nicht abgeneigt, zu behaupten, daß ſein Freund es mit einem wirklichen Geſpenſt zu thun gehabt. „Man iſt ſeit meinem Weggang hier geweſen,“ ſagte Roland,„und hat die Kugel aufgehoben.“ „Wenn Sie jedoch auf einen Menſchen gezielt, wie ſoll ihn die Kugel nicht getroffen haben?“ „O, das iſt ſehr einfach; der Menſch hatte einen Panzerrock unter ſeinem Todtenkleid.“ Das war möglich; Sir John jedoch ſchüttelte zum Zeichen ſeines Zweifels den Kopf; er wollte lieber an ein übernatürliches Ereigniß glauben, das ermüdete ihn weniger. Der Offizier und er ſetzten ihre Nachforſchung ort. Sie kamen am Ende des Corridors an und be— fanden ſich auf der andern Seite des Obſtgartens. Hier hatte Roland ſein Geſpenſt wiedergeſehen, das einen Augenblick unter dem dunkeln Gewölbe verſchwunden geweſen. Er ging gerade auf die Eiſterne zu, und ſchien dem Geſpenſt zu folgen; denn er zögerte ein wenig. Hier begriff er die Dunkelheit der Nacht, welche noch größer durch den Mangel jedes Lichtſcheins von außen wurde; denn man ſah kaum bei Tage etwas. Roland nahm unter ſeinem Mantel zwei fuß⸗ lange Fackeln hervor, machte mit Stahl und Zunder⸗ ſchwamm Feuer und zündete ein Schwefelhölzchen daran an. Die beiden Fackeln flackerten. Es handelte ſich darum, den Gang zu entdecken, durch den das Geſpenſt verſchwunden war. Roland und Sir John näherten die Fackeln dem Boden; die Ciſterne war mit großen Steinplatten be⸗ legt, welche feſt aneinander gefügt ſchienen. Roland ſuchte die zweite Kugel mit ebenſo großer Beharrlichkeit, als er die erſte geſucht. Ein Stein lag vor ſeinen Füßen, er ſtieß ihn weg und gewahrte einen Ring, der in einer Platte befeſtigt war. Ohne etwas zu ſagen, ſtecte Roland die Hand in den Ring, ſtemmte ſich mit ſeinen Füßen an und zog. Die Platte drehte ſich mit einer Leichtigkeit, welche darauf deutete, daß ſie oft daſſelbe Manveuvre machte. Und indem er ſo drehte, entdeckte er den Ein⸗ gang zu dem unterirdiſchen Gewölbe. „Ah!“ machte Roland,„hier iſt mein Geſpenſt entkommen.“ Und er ſtieg in die OHeffnung hinab. Sir John folgte ihm. Sie machten denſelben Weg, den Roland gemacht, als er zurückgekommen war, um von ſeiner Erpedi⸗ tion Rechenſchaft zu geben; am Ende des Ganges fanden ſie die Gitterthüre, die zu der Gruft führte. Roland rüttelte an dem Gitter, es war nicht ge⸗ ſchloſſen und gab nach. Sie gingen durch die unterirdiſche Gruft und iſt ht, di⸗ es te. ge⸗ und 2¹ erreichten die andere Gitterthüre; wie die erſte war auch ſie offen. Roland ging immer weiter voran, und ſo ge⸗ langten ſie über einige Stufen in den Chor der Kapelle, wo die Scene zwiſchen Morgan und den. Genoſſen Jehus vor ſich gegangen, welche wir er⸗ zählt haben. Nur waren die Chorſtühle leer, der Chor öde und der Altar, da kein Gottesdienſt mehr gehalten wurde, hatte weder ſeine flammenden Kerzen, noch ſein heiliges Tuch. Es war Roland in die Augen ſpringend, daß das falſche Geſpenſt, das Sir John für ein ächtes zu halten ſich nicht ausreden ließ, hier ſein Ziel er⸗ reicht. Aber mochte das Geſpenſt nun ächt oder falſch ſein, Sir John geſtand, daß der Gang deſſelben wirklich hier ſein Ziel erreicht haben müſſe. Er ſann einen Augenblick nach, und ſagte dann: „Nun gut! da es an mir iſt, dieſe Nacht zu wachen, ſo werde ich, weil ich das Recht habe, mei⸗ nen Ort zu wählen, hier wachen.“ Und er deutete auf eine Art Tiſch inmitten des Chors, welchen der eichene Fuß bildete, der einſt den Adler des Chorpultes getragen. „In der That,“ ſagte Roland mit derſelben Sorgloſigkeit, als wenn es ſich um ihn ſelbſt gehan⸗ delt,„Sie werden ſich hier nicht übel befinden; nur müſſen wir, da Sie heute Abend den Stein und die beiden Gitterthüren verſchloſſen finden könnten, einen Eingang ſuchen, der Sie direkt hierherführt.“ Nach Verfluß von fünf Minuten war dieſer auch gefunden.. Die Thüre einer alten Sakriſtei führte in den Chor und von dieſer Sakriſtei führte ein verfallenes Fenſter in den Wald. Die beiden Männer ſtiegen durch das Fenſter hinaus und befanden ſich im dichteſten Wald, gerade zwanzig Schritte von dem Orte, wo ſie das Wild⸗ ſchwein getödtet. „Das iſt's, was wir wollten,“ ſagte Roland; „nun, mein lieber Lord, da Sie ſich bei Nacht nicht in dem Walde zurecht finden werden, wo dies ſchon bei Tage ſchwierig iſt, ſo werde ich Sie bis hierher begleiten.“ „Ja; bin ich jedoch drinnen, ſo werden Sie ſich ſogleich zurückziehen,“ ſagte der Engländer;„ich er⸗ innere mich, was Sie mir von der Reizbarkeit der Geſpenſter geſagt; wüßten ſie Sie wenige Schritte von mir, könnten ſie zu erſcheinen zögern und da Sie eines geſehen, will ich wenigſtens auch eines ſehen.“ „Ich werde mich zurückziehen,“ antwortete Ro⸗ land,„ſeien Sie ruhig, nur,“ fügte er lachend hinzu, „habe ich eine Furcht.“ „Welche?“ „Daß die Geſpenſter auf Sie in Ihrer Eigen⸗ ſchaft als Engländer und Häretiker nicht gut zu ſprechen ſein werden.“ „O!“ ſagte Sir John ernſt,„welches Unglück, daß ich von jetzt bis Abend nicht mehr Zeit habe, abzuſchwören.“ Die beiden Freunde hatten alles geſehen, was 23 ſie zu ſehen brauchten; ſie kamen deßhalb wieder nach dem Schloſſe zurück. Niemand, ſelbſt Amelie nicht, hatte hinter dem Spaziergange etwas anderes geſucht, als eine ganz gewöhnliche Promenade. Der Tag verging deßhalb ohne Fragen und ſelbſt ohne auffallende Unruhe: auch war er bei der Rück⸗ kehr der Freunde ſchon ziemlich vorgerückt. Man ſetzte ſich zu Tiſche und berieth zur großen Freude Edouards eine neue Jagd. Dieſe Jagd lieferte die Koſten der Unterhaltung während des Mahles und eines Theiles des Abends. Um zehn Uhr, wie gewöhnlich, war Jedermann auf ſeinem Zimmer, nur Roland befand ſich bei Sir John. Der Unterſchied der Charaktere trat deutlich in den Vorbereitungen an den Tag; Roland hatte die ſeinen heiter, wie zu einer Vergnügungsparthie ge⸗ troffen, Sir John rüſtete ſich ernſt, wie zu einem Duell. Die Piſtolen wurden mit der größten Sorgfalt geladen und an den Gürtel geſteckt, und ſtatt eines Mantels, der ihn in ſeinen Bewegungen hindern konnte, zog er eine große Redingote mit Kra⸗ gen an. Um halb eilf Uhr verließen ſie beide mit der gleichen Vorſicht, welche Roland für ſich allein ge⸗ braucht, das Schloß. Fünf Minuten vor eilf Uhr waren ſie am Fuße des beſchädigten Fenſters, deſſen von der Wölbung herabgefallene Steine als Stufen dienen konnten. Dort ſollten ſie ſich nach der Uebereinkunft trennen. Sir John erinnerte Roland daran. „Ja,“ ſagte der junge Mann,„was mit mir abgemacht iſt, iſt einmal für alle Mal abgemacht; ich möchte Ihnen nur noch etwas empfehlen.“ „Was?“ „Ich habe die Kugeln nicht gefunden, weil man ſie aufgehoben; man hat ſie geholt, damit ich den Abdruck nicht ſehe, den ſie ohne Zweifel gezeigt hätten.“ „Und welchen Abdruck ſollten ſie nach Ihrer An⸗ ſicht gezeigt haben?“ „Den von den Ketten eines Panzerkleides; mein Geſpenſt war ein geharniſchter Mann.“ „Um ſo ſchlimmer,“ ſagte Sir John,„mir wäre ein Geſpenſt lieber.“ Nach einer Pauſe, während welcher der Seufzer des Engländers ſein tiefes Bedauern ausdrückte, auf das Geſpenſt verzichten zu müſſen, ſagte er: „Und was Sie mir empfehlen wollten?“ „Zielen Sie auf's Geſicht.“ Der Engländer machte ein Zeichen der Zuſtim⸗ mung, drückte die Hand des jungen Offiziers, ſtieg die Stufen hinan, ſchwang ſich in die Sakriſtei und verſchwand. „Gute Nacht!“ rief ihm Roland zu. Und mit der Gleichgültigkeit gegen Gefahr, welche der Soldat im Allgemeinen für ſich und ſeine Kame⸗ raden beſitzt, begab ſich Roland, wie er Sir John nach dem Schloſſe Noires Fontaines zurück. — t W 25 III. Das Urtheil. Am andern Tage erwachte Roland, der erſt gegen zwei Uhr Morgens eingeſchlafen, um ſieben Uhr. Als er aufwachte, ſammelte er ſeine zerſtreuten Erinnerungen, rief ſich ins Gedächtniß zurück, was am Tage vorher geſchehen war, und erſtaunte, daß Sir John ihn nicht bei ſeiner Heimkehr aufgeweckt. Er kleidete ſich raſch an und ging auf die Ge⸗ fahr hin, ihn in ſeinem erſten Schlafe zu ſtören, an die Thüre von Sir John und pochte. Aber Sir John antwortete nicht. Roland pochte heftiger. Die gleiche Stille. Diesmal miſchte ſich etwas Unruhe in die Neu⸗ gierde Rolands. Der Schlüſſel ſteckte von außen; der junge Offi⸗ zier öffnete die Thüre und warf einen raſchen Blick in das Zimmer. Sir John war nicht in ſeinem Zimmer, Sir John war gar nicht nach Hauſe zurückgekehrt. Das Bett war noch unberührt. Was war aber geſchehen? Es galt keinen Augenblick zu verlieren, und bei der Raſchheit der Entſchlüſſe, die wir an Roland kennen, ahnt man, daß er auch keinen Augenblick verlor. Er eilte nach ſeinem Zimmer, zog ſich vollends an, ſteckte ſein Jagdmeſſer in den Gürtel, hing ſeine Flinte um und ging. Niemand war wach, als die Kammerfrau. Roland begegnete ihr auf der Treppe. „Sie werden Frau von Montrevel ſagen,“ befahl er ihr,„daß ich ausgegangen bin, um einen Gang durch den Wald von Seillon mit meinem Gewehre zu machen; man ſoll ſich nicht beunruhigen, wenn Mylord und ich nicht zur Stunde des Frühſtücks zu⸗ rück ſind.“ Und Roland eilte, ſo raſch er konnte, aus dem Schloſſe fort. Zehn Minuten ſpäter war er an dem Fenſter, wo er am Tage vorher um eilf Uhr den Lord ver⸗ laſſen hatte. Er lauſchte: man hörte kein Geräuſch im In⸗ nern; außen konnte nur das Ohr eines Jägers den Morgenlärm hören, den das Wild im Walde macht. Roland ſtieg mit ſeiner gewöhnlichen Behendig⸗ keit am Fenſter empor, und ſprang von der Sakriſtei in das Chor. Ein Blick genügte ihm, um ſich zu verſichern, daß nicht nur das Chor, ſondern auch das ganze Schiff der kleinen Kapelle leer war. Hatten die Geſpenſter den Engländer den ent⸗ gegengeſetzten Weg von dem, welchen er ſelbſt ein⸗ geſchlagen, zu machen veranlaßt? Das war möglich. Roland ging raſch hinter dem Altar vorbei nach der Gitterthüre der Gruft; die Gitterthüre war offen. Er betrat den unterirdiſchen Kirchhof. th lic ih l 8 e u⸗ m g⸗ tei n, ze n⸗ ch ar 27 Die Dunkelheit hinderte ihn in die Tiefe zu blicken. Er rief dreimal Sir John; Niemand ant⸗ wortete ihm. Er ging nach der andern Gitterthüre, welche in den unterirdiſchen Gang führte; ſie war offen, wie die andere. Er trat in den gewölbten Gang. Da es ihm jedoch unmöglich geweſen wäre, ſich in der Dunkelheit ſeiner Flinte zu bedienen, hing er ſie um und nahm das Jagdmeſſer in die Hand. Taſtend vertiefte er ſich in den Gang, ohne auf Jemand zu ſtoßen; je weiter er jedoch vorging, deſto größer wurde die Dunkelheit, was darauf deutete, daß die Platte über der Eiſterne geſchloſſen war. Er kam auf dieſe Weiſe an die erſte Stufe der Treppe und ſtieg hinauf, bis er mit dem Kopfe an die Drehplatte ſtieß; nun machte er einen Verſuch, ſie zu bewegen, was ihm auch wirklich gelang. Roland ſah das Tageslicht wieder. Er eilte nach der Ciſterne. Die Thüre, welche nach dem Obſtgarten führte, war offen; Roland ging durch dieſe Thüre hinaus, durchſchritt den Theil des Obſtgartens, der ſich zwi⸗ ſchen der Ciſterne und dem Corridor befand, an deſſen anderem Ende er Feuer auf ſein Geſpenſt ge⸗ geben. Das Refectorium war leer. Wie er in dem unterirdiſchen Grabgewölbe ge⸗ than, rief Roland Sir John dreimal. Das erſtaunte Echo, das die Klänge der menſch⸗ lichen Stimme verlernt zu haben ſchien, antwortete ihm ſtotternd. W Es war nicht wahrſcheinlich, daß Sir John von dieſer Seite gekommen. Man mußte deßhalb an den Ausgangspunct zurückkehren. Roland ging denſelben Weg, den er gemacht, wieder zurück und war bald in dem Chor der Ka⸗ pelle. Hier mußte Sir John die Nacht zugebracht ha⸗ ben, hier mußte man ſeine Spur wieder finden. Roland ſchritt in dem Chor vorwärts. Kaum war er hier, ſo entflog ſeiner Bruſt ein Schrei. Eine breite Blutſpur zeigte ſich zu ſeinen Füßen und befleckte die Steinplatten des Chors. Auf der andern Seite des Chors, vier Schritte von dem erſten Blutflecken, welcher den Stein zu ſeinen Füßen röthete, war ein zweiter nicht weniger großer, nicht weniger rother, nicht weniger friſcher der das Pendant zum erſten zu bilden chien. Einer dieſer Flecken war zur Rechten, der andere zur Linken jener Art von Piedeſtal, welches, wie ge⸗ ſagt, beſtimmt ſchien, den Adler des Chorpultes zu tragen, das Piedeſtal, an welchem Mylord, ſein Quartier aufſchlagen zu wollen, geſagt hatte. Roland näherte ſich dem Piedeſtal; das Piedeſtal rieſelte von Blut. Hier mußte offenbar das Drama geſpielt haben. Das Drama mußte, nach den Spuren zu urthei⸗ len, die es hinterlaſſen, furchtbar geweſen ſein. Roland in ſeiner doppelten Eigenſchaft als Jäger und Pn mußte ein Geſchick im Spüren haben. 29 Er hatte berechnen können, was ein Todter und was ein Verwundeter an Blut vergießt. Dieſe Nacht hatte drei Menſchen todt oder ver⸗ wundet geſehen. Was war jetzt das Wahrſcheinliche? Die beiden Blutflecken im Chor, die zur Rechten und die zur Linken, waren wahrſcheinlich das Blut der Gegner Sir Johns. Von zwei Seiten angegriffen, von der Rechten und von der Linken, hatte er mit beiden Händen Feuer gegeben und mit jedem Schuß einen Menſchen getödtet oder verwundet. Daher die beiden Blutflecken, welche die Stein⸗ platten rötheten. Seinerſeits angegriffen, war er am Piedeſtal ge⸗ troffen worden und hatte ſein Blut auf dieſes aus⸗ geſtrömt. Nach einer Unterſuchung von fünf Minuten war Roland von dem, was wir ſo eben ſagten, ebenſo überzeugt, als wenn er den Kampf mit eigenen Au⸗ gen geſehen. Aber was hatte man mit den beiden Körpern und mit dem Körper Sir Johns angefangen? Was man mit den beiden andern Körpern ange⸗ fangen, kümmerte Roland wenig. Um ſo mehr intereſſirte ihn, was aus dem von Sir John geworden. Eine Blutſpur ging vom Piedeſtal aus bis zur Thüre. Der Körper Sir Johns war alſo hinausgetragen worden. Roland rüttelte an der maſſiven Thüre; ſie war nur geriegelt. Sie öffnete ſich bei ſeinem erſten Verſuche: auf der andern Seite des Bodens fand er die Blutſpu⸗ ren wieder. Dann gingen ſie durch das Geſträuch, den Weg entlang, welchen die Leute den Körper getragen. Die gebrochenen Zweige und das zertretene Gras führten Roland nach der Lichtung des Waldes, die ſich auf den Weg von Pont d'Ain nach Bourg öff⸗ nete. Dort ſchien der Körper, lebend oder todt, an der Böſchung des Grabens niedergelegt worden zu ſein. Dann hörte jede Spur auf. Ein Mann, der von der Richtung des Schloſſes Noires Fontaines kam, ging vorüber: Roland trat auf ihn zu. „Habt Ihr nichts auf dem Wege geſehen, Nie⸗ manden begegnet?“ fragte er. „Doch,“ antwortete er,„ich ſah zwei Bauern, welche einen Körper auf einer Bahre trugen.“ „Ah!“ rief Roland,„war es der Körper eines Lebenden oder Todten?“ „Der Menſch war blaß und bewegungslos und ſah ganz aus, wie wenn er todt wäre.“ „Floß das Blut noch?“ „Ich ſah Tropfen auf dem Wege.“ „Dann lebt er.“ Und einen Louisd'or aus der Taſche ziehend, ſagte er zu ihm: „Da, einen Louisd'or, lauft zum Doctor Milliet ——— —+——— — 31¹ in Bourg, ſagt ihm, er ſolle ſogleich aufſitzen und geſtreckten Trabes nach Noires Fontaines reiten; fügt hinzu, daß es einen Menſchen in Todesgefahr gelte.“ Und während der Bauer, durch die erhaltene Belohnung angeſpornt, ſeinen Lauf nach Bourg be⸗ ſchleunigt, eilte Roland, vor Freude aufſpringend, nach dem Schloſſe. Und da unſer Leſer aller Wahrſcheinlichkeit nach ebenſo begierig, wie Roland, ſein wird, was Sir John begegnete, wollen wir ihn jetzt mit den Ereig⸗ niſſen der Nacht aufs Laufende ſetzen. Sir John war, wie man geſehen, kurz vor eilf Uhr in die ſogenannte Correrie oder den Pavillon der Karthauſe getreten, welche nichts anderes war, als eine inmitten des Waldes errichtete Kapelle. Von der Sakriſtei begab er ſich nach dem Chor. Das Chor war leer und ſchien verödet. Der ziemlich hell leuchtende Mond, der jedoch zuweilen von Wolken verſchleiert wurde, goß ſeinen bläulichen Strahl durch die Spitzbogenfenſter und die halbzer⸗ brochenen farbigen Scheiben der Kapelle. Sir John ging bis in die Mitte des Chors und blieb dann aufrecht vor dem Piedeſtal ſtehen. Die Minuten verfloſſen; aber diesmal war es nicht die Uhr der Karthauſe, welche die Stunden ver⸗ kündete, ſondern die Kirche von Peronas, das heißt des der Kapelle, wo Sir John wartete, zunächſt lie⸗ genden Dorfes. Alles ging bis Mitternacht, wie es bei Roland gegangen, das heißt, Sir John wurde nur durch undeutliches Geräuſch und vorübergehende Unruhe geſtört. Es ſchlug Mitternacht. Dieſen Augenblick er⸗ wartete Sir John mit Ungeduld, denn es war der, wo das Ereigniß eintreten mußte, wenn überhaupt etwas geſchah. Beim letzten Schlage glaubte er unterirdiſche Schritte zu hören und ein Licht auf der Seite der Gitterthüre zu ſehen, welche zu den Gräbern führte. Alle ſeine Aufmerkſamkeit war nach dieſer Seite gerichtet. Ein Mönch trat aus dem Gang hervor, die Ka⸗ puze über die Augen herabgeſchlagen und eine Fackel in der Hand. Er trug die Kutte der Karthäuſer. Ein zweiter folgte ihm und dann ein dritter, Sir John zählte zwölf. Sie trennten ſich vor dem Altar. Es waren zwölf Stühle in dem Chor; ſechs zur Rechten von Sir John und ſechs zur Linken. Die zwölf Mönche nahmen ſtill Platz in den zwölf Stühlen. Jeder ſteckte ſeine Fackel in ein Loch, das zu die⸗ ſem Zwecke in den Lehnen der Stühle angebracht war und wartete. Ein Dreizehnter erſchien und ſtellte ſich vor den Altar. Keiner dieſer Mönche ahmte den phantaſtiſchen Gang der Geſpenſter und Schatten nach; alle ſchie⸗ nen offenbar noch der Erde anzugehören; alle waren lebendige Menſchen. Sir John betrachtete ſtehend, ein Piſtol in jeder te en on ölf ie⸗ cht en en ie⸗ ren — de Hand, an ſein Piedeſtal geſtützt, das ſich gerade in der Mitte des Chors befand, mit dem größten Phlegma dieſes Treiben, das ihn nach und nach in ſeinen Kreis hineinzog. Wie er, ſtanden die Mönche ſchweigend da. Der Mönch am Altare brach das Schweigen. „Brüder,“ fragte er,„warum ſind die Rächer verſammelt?“ „Um einen Profanen zu richten,“ antworteten die Mönche. „Welches Verbrechen hat dieſer Profane began⸗ gen?“ fuhr der Fragende fort. „Er ſuchte in die Geheimniſſe der Genoſſen Je⸗ hus zu dringen.“ „Welche Strafe hat er verdient?“ „Die Todesſtrafe.“ Der Mönch am Altar ließ ſozuſagen dem Ur⸗ theilsſpruch, welcher ſoeben ausgeſprochen worden, 6 um ans Herz desjenigen zu dringen, den er traf. Dann ſich nach dem Engländer umwendend, der noch immer ſo ruhig war, als wenn er einer Comö⸗ die anwohnte, ſagte er: „Sir John Tannlay, Sie waren ein Fremder, Sie waren ein Engländer und hatten ſomit doppelte Urſache, die Genoſſen Jehus in Ruhe mit der Re⸗ gierung, der ſie den Untergang geſchworen, ihre Sache auskämpfen zu laſſen. Sie hatten dieſe Klug⸗ heit nicht beſeſſen, ſondern einer eiteln Neugierde Gehör geſchenkt; ſtatt ihr auszuweichen, ſind Sie in die Höhle des Löwen gedrungen, der Löwe wird Sie zerreißen.“ Dumas, Jehu. I. 3 welcher er die Ant⸗ Rach einer Pauſe, während fügte er, da dieſer wort des Engländers erwartete, ſtumm verblieb, hinzu: „Sir John Tannlay, Du biſt zum Tode verur⸗ theilt, bereite Dich auf das Sterben vor.“ „Ha, ha!“ machte Sir John,„ich ſehe, daß ich unter eine. Diebsbande gerathen bin. Wenn dem ſo iſt, ſo kann man ſich durch ein Löſegeld los⸗ kaufen.“ Dann ſich nach dem Mönche am Altare umkeh⸗ rend, fügte er hinzu: „Wie hoch beſtimmen Sie daſſelbe, Capitän?“ Ein drohendes Gemurmel beantwortete dieſe be⸗ leidigenden Worte. Der Mönch am Altare ſtreckte die Hand aus und ſagte mit einem Tone, der an Ruhe und Kalt⸗ blütigkeit dem Engländer nichts nachgab: „Du täuſcheſt Dich, Sir John, wir ſind keine Räuberbande und der Beweis dafür iſt, daß, wenn Du bedeutende Summen oder koſtbare Juwelen bei Dir haſt, Du nur anzuordnen brauchſt, ob Geld oder Juwelen an Deine Familie oder an irgend eine an⸗ dere Perſon überſandt werden ſollen.“ „Und welche Garantie habe ich, daß mein letzter Wille vollzogen wird?“ „Mein Wort.“ „Das Wort eines Anführers von Meuchelmör⸗ dern; daran glaube ich nicht.“ „Diesmal, wie zuvor, täuſcheſt Du Dich, Sir John; ich bin nicht ein Anführer von Meuchelmör⸗ dern, ſo wenig, als ein Hauptmann von Dieben.“ „Und was biſt Du denn?“ pf un u+ alt⸗ eine enn bei oder an⸗ etzter lmör⸗ „Sir lmör⸗ 35 „Ich bin der Auserwählte der himmliſchen Rache; ich bin der Geſandte Jehus, des Königs von Ifrael, der von dem Propheten Eliſa geweiht wurde, um das Haus Achab auszurotten.“ „Wenn Du biſt, was Du ſagſt, warum verhüllſt Du dann Dein Geſicht, warum bepanzerſt Du Dei⸗ nen Leib unter Deiner Kutte? Auserwählte kämpfen mit offenem Viſir und wagen den Tod, indem ſie den Tod geben. Schlagt die Kapuzen zurück, zeigt mir Eure bloße Bruſt und ich will Euch als das aner⸗ kennen, wofür Ihr Euch ausgebt.“ „Brüder, Ihr habt gehört!“ ſagte der Mönch am Altare. Und ſeine Kutte abwerfend, öffnete er, raſch wie der Blitz, ſeinen Frack und ſeine Weſte bis auf das Hemd.. Jeder Mönch that das Gleiche und ſtand mit offenem Geſichte und entblößter Bruſt da. Es waren lauter hübſche junge Leute, von denen 6 Aelteſte kaum fünfunddreißig Jahre zu zählen ſchien. Ihr Anzug zeugte von der größten Eleganz; kei⸗ ner, merkwürdiger Weiſe, war bewaffnet. Es waren Richter, nichts anderes. „Sei ruhig, Sir John Tannlay,“ ſagte der Mönch am Altare,„Du wirſt ſterben: aber ſterbend wirſt Du, wie Du ſoeben den Wunſch ausgedrückt, uns erkennen und tödten. Sir John, Du haſt fünf Minuten, um Deine Seele Gott zu em⸗ pfehlen.“ Sir John, ſtatt die zugeſtandene Friſt zu benützen und an ſein ewiges Heil zu denken, öffnete ruhig die Zündpfanndeckel ſeiner Piſtolen, um zu, ſehen, ob das Zündpulver in gutem Zuſtande ſei, ließ die Hahnen ſpielen, um ſich von der Güte der Spring⸗ federn zu überzeugen und ſteckte den Ladſtock in die Läufe, um ganz verſichert zu ſein, daß die Kugeln feſt ſaßen. Ohne die fünf Minuten abzuwarten, die ihm zugeſtanden waren, ſagte er dann: „Meine Herren, ich bin bereit; ſind Sie es?“ Die jungen Leute ſahen ſich an, und ſchritten dann auf ein Zeichen ihres Anführers gerade auf Sir John los, indem ſie ihn von allen Seiten um⸗ ringten. Der Mönch am Altare blieb allein unbeweglich an ſeiner Stelle, indem er mit dem Blicke die Scene beherrſchte, die vor ſich gehen ſollte. Sir John hatte nur zwei Piſtolen, konnte alſo auch nur zwei Menſchen tödten. Er wählte ſeine Opfer und gab Feuer. Zwei Genoſſen Jehus ſtürzten auf die Stein⸗ platten nieder, die ſie mit ihrem Blute rötheten. Die Anderen, als wenn nichts geſchehen wäre, ſchritten zu gleicher Zeit gegen Sir John vor, indem ſie die Hand nach ihm ausſtreckten. Sir John hatte ſeine Piſtolen an den Läufen ergriffen und pediente ſich derſelben wie zweier Hämmer. Er war ſtark, der Kampf dauerte lange. Während beinahe zehn Minuten bewegte ſich eine wirre Maſſe im Chor umher; endlich hörte dieſe wirre Bewegung auf und die Genoſſen Jehus zer⸗ ſtreuten ſich nach rechts und links, indem ſie wieder — G S C n uf ⸗ ne ſo re, em fen ier ee zer⸗ eder nach ihren Chorſtühlen gingen und Sir John ge⸗ knebelt mit den Stricken ihrer Kutten und auf dem Piedeſtale in der Mitte des Chores liegen ließen. „Haſt Du Deine Seele Gott empfohlen?“ fragte der Mönch am Altare. „Ja, Meuchelmörder,“ antwortete Sir John, „Du kannſt den Todesſtoß führen.“ Der Mönch nahm vom Altare einen Dolch, trat mit hochgehobenem Arme auf Sir John zu und den Dolch über ſeiner Bruſt erhebend, fagte er: „Sir John Tannlay, Du biſt tapfer, Du wirſt Deinem Worte treu ſein; ſchwöre, daß Du nie etwas von dem, was Du geſehen, über Deine Lippen kom⸗ men laſſen willſt; ſchwöre, daß, untet welchen Um— ſtänden es auch ſei, du nie einen von uns erkennen willſt und wir ſchenken Dir Dein Leben.“ „Sobald ich von hier wegginge,“ antwortete Sir John,„würde ich Euch denunziren: meine Frei⸗ heit würde ich zu Curer Verfolgung benützen.“ „Schwöre!“ wiederholte der Mönch noch ein⸗ mal. „Nein,“ ſagte Sir John. „Schwöre!“ wiederholte der Mönch zum dritten Male. „Niemals!“ wiederholte Sir John. „Gut denn, ſo ſterbe, da Du es willſt!“ Und er ſtieß den Dolch bis ans Heft in Sir Johns Bruſt, der, ſei es, daß er ſich beherrſchte oder der Stoß ihn augenblicklich getödtet, nicht einen Seußzer ausſtieß. Dann ſagte er mit voller, ſonorer Stimme, mit dem Tone eines Mannes, der das Bewußtſein be⸗ ſitzt, ſeine Pflicht erfüllt zu haben: „Die Gerechtigkeit hat ihren Gang gehabt.“ Dann ſtieg er wieder zum Altar hinauf, indem ₰ er den Dolch in der Wunde ließ und ſagte: „Brüder, Ihr wißt, daß Ihr nach der Rue du Bac Nr. 35 zum Ball der Opfer eingeladen ſeid, welcher am nächſten 21. Januar zum Andenken an den Tod Ludwig XVI. gegeben wird. Dann kehrte er zuerſt in das unterirdiſche Ge⸗ wölbe zurück, wohin ihm die zehn Brüder folgten, welche ſtehen geblieben, um ihre Fackeln mitzu⸗ nehmen. Zwei Fackeln blieben zurück, um die drei Leichen zu beleuchten. Einen Augenblick ſpäter traten vier dienende Brüder beim Scheine dieſer Fackeln ein; ſie nahmen zuerſt die beiden auf den Steinplatten liegenden Leichname auf und trugen ſie in die Gruft. Dann kehrten ſie zurück, nahmen den Körper von Sir John auf, legten ihn auf eine Bahre, und trugen ihn durch die große P die ſie hinter ſich ſchloſſen, zur Kapelle hinaus⸗ Die beiden Mönche, welche vor der Bahre her⸗ gingen, hatten die beiden letzten Fackeln genommen.* Und wenn uns nun die Leſer fragen, warum dieſer Unterſchied zwiſchen dem, was Roland und dem, was Sir John begegnete, warum dieſe Milde gegen den Einen und dieſe Strenge gegen den An⸗ dern, ſo antworten wir ihnen: „Erinnert Euch, daß Morgan den Bruder Ame⸗ liens unter ſeinen Schutz genommen, und daß Ro⸗ —— — e an en ide ten en per ind ſich er⸗ en. um und ilde An⸗ me⸗ Ro⸗ 39 land, auf ſolche Weiſe geſchützt, unter keinen Um⸗ ſtänden von der Hand eines Genoſſen Jehus fallen konnte. IV. Das kleine Haus der Rue de la Victvire. Während man Sir John Tannlay nach dem Schloſſe Noires Fontaines trägt; während Roland in der Richtung eilt, die ihm angedeutet worden; während der von ihm abgeſandte Bauer nach Bourg läuft, um den Doctor Milliet von dem Ereigniß in Kenntniß zu ſetzen, das ſeine Gegenwart bei Frau von Montrevel erheiſcht, wollen wir den Raum überſpringen, der Bourg von Paris trennt und die Zeit, welche zwiſchen dem 16. October und dem 7. November, das heißt, zwiſchen dem 24. Vendemiaire und dem 16. Brumaire verfloſſen, und gegen vier Uhr Nachmittags das kleine Haus der Rue de la Victoire betreten, von dem ſchon zweimal die Rede geweſen.* Es iſt daſſelbe, welches erſtaunt ſcheint, noch heute nach ſo vielen Regierungsphaſen, die Conſular⸗ bündel auf jedem Flügel ſeiner Doppelthüre zu tra⸗ gen, und ſich auf der rechten Seite, als Nr. 60, der Neugierde der Vorübergehenden darbietet. Folgen wir der langen und geraden Lindenallee, welche von dem Straßeneingang nach der Thüre des Hauſes führt; betreten wir die Flur, und von dieſer den Gang zur Rechten, ſteigen wir zwanzig Stufen hinan, die in ein Arheitscabinet führen, das grün 40 tapezirt und mit Vorhängen, Stühlen, Fauteuils und Canapes von derſelben Farbe möblirt iſt. Die Wände ſind mit geographiſchen Karten und Städteplänen bedeckt; eine doppelte Bibliothek von Ahorn ſteht zu den beiden Seiten des Kamins, das ſie umſchließt: die Stühle, die Fauteuils, die Canapes, die Tiſche und Schreibpulte ſind mit Büchern beladen; kaum iſt auf den Sitzen Platz zum Sitzen und auf den Schreibtiſchen zum Schreiben. Mitten unter einer Maſſe von Rapporten, Brie⸗ fen, Broſchüren und Büchern, zwiſchen denen er ſich einen Platz zurecht gemacht, ſitzt ein Mann und ſucht, indem er ſich bisweilen die Haare vor Ungeduld rauft, ein Blatt mit Zeichen zu entziffern, neben denen die Hieroglyphen auf dem Obelisk von Luxor kinder⸗ leicht zu verſtehen ſind. In dem Augenblick, als die Ungeduld des Se⸗ cretärs den höchſten Grad erreicht hatte, öffnete ſich die Thüre und ein junger Offizier trat in der Uni⸗ form eines Adjutanten ein. Der Secretär ſah auf und ein lebhafter Aus⸗ druck von Frkude verbreitete ſich über ſein Geſicht. „O, mein lieber Roland,“ ſagte er,„Sie ſind es, endlich! ich bin aus zweierlei Gründen entzückt, Sie zu ſehen: der erſte iſt der, daß ich mich wegen Ihrer faſt zu Tode gelangweilt; und der zweite, weil der General Sie mit Ungeduld erwartet und unge⸗ ſtüm nach Ihnen fragt. Aber vor Allem umarmen Sie mich.“ Der Secretär und der Adjutant umarmten ſich. „Nun aber, mein lieber Bourrienne, ſetzen Sie mich in Beziehung auf die Zuſtände des Landes n 8 2 s, uf ie⸗ ich ht, ild en er⸗ Se⸗ ich ni⸗ us⸗ ind ckt, gen eil ge⸗ nen ich. Sie des 41 etwas aufs Laufende, damit ich nicht ausſehe, als käme ich von Monomotapa.“ „Fürs Erſte, kommen Sie von ſelbſt oder ſind Sie gerufen?“ „Gerufen, was man ſo eigentlich gerufen nennt.“ „Von wem?“ „Von dem General ſelbſt.“ „Beſondere Depeſche?“ „Von ſeiner eigenen Hand, ſehen Sie!“ Der junge Mann zog aus ſeiner Taſche ein nicht unterſchriebenes Papier, welches zwei Zeilen von derſelben Handſchrift enthielt, von welcher Bourrienne ein ganzes Heft vor ſich hatte. Dieſe beiden Zeilen beſagten: „Brich auf und ſei am 16. Brumaire in Paris: ich bedarf Deiner.“ „Ja,“ machte Bourrienne,„ich glaube, daß die Sache am 18. Brumaire geſchehen wird.“ „Am 18. Brumaire, was?“ „Ja, wirklich, da fragen Sie mich mehr, als ich weiß. Der Mann iſt, wie Sie wiſſen, wenig mit⸗ theilſam. Was am 18. Brumaire geſchehen wird, weiß ich noch nicht, indeſſen antworte ich, daß etwas geſchehen wird.“ „O, Sie haben wohl einige Vermuthung?“ „Ich glaube, daß er ſich an Sieyès Stelle zum Director oder an Gohiers Stelle zum Präſidenten machen will. Jedenfalls hat er bis jetzt noch nicht mehr merken laſſen; aber Sie wiſſen, lieber Freund, bei unſerem General muß man errathen, wenn man. etwas erfahren will „Ha, wahrhaftig, ich bin zu träge, um mir dieſe 42 Mühe zu nehmen, Bourrienne; ich bin ein ächter Janitſchar, was er thun wird, wird gut ſein. Warum zum Teufel ſoll ich mir die Mühe nehmen, eine Meinung zu haben, ſie zu bekämpfen, ſie zu verthei⸗ digen? Es iſt langweilig genug, daß man lebt.“ Und der junge Mann begleitete dieſe Aphoris⸗ men mit einem langen Gähnen; dann fügte er mit dem Tone der größten Gleichgültigkeit hinzu: „Glauben Sie, daß es Säbelhiebe ſetzen wird, Bourrienne?“ „Wahrſcheinlich.“ „Nun, ſo iſt doch eine Chance da, daß man um⸗ gebracht wird! Mehr brauche ich nicht. Wo iſt der General?“ „Bei Madame Bonaparte; er iſt vor einer Vier⸗ telſtunde hinabgegangen. Haben Sie ihm melden laſſen, daß Sie angekommen?“ „Nein, es iſt mir nicht unangenehm, daß ich Sie zuvor geſehen. Doch halt, ich höre ſeinen Schritt. Er iſt da.“ Im ſelben Augenblicke öffnete ſich raſch die Thüre und jene hiſtoriſche Perſönlichkeit, welche wir incog⸗ nito eine ſchweigſame Rolle in Avignon haben ſpie⸗ len ſehen, erſchien auf der Thürſchwelle in der ma⸗ leriſchen Uniform des Obergenerals von Egypten. Nur, da er zu Hauſe war, trug er den Kopf bloß. Roland fand ſeine Augen eingeſunkener und ſeinen Teint bleierner, denn gewöhnlich. Als er jedoch den jüngeren Mann gewahrte, leuchtete aus ſeinem düſteren oder vielmehr ſinnen⸗ den Auge ein Blitz der Freude. n⸗ iſt r⸗ en ie tt. re g⸗ ie⸗ ta⸗ en te, en⸗ 43 „Ach! Du biſt es, Roland,“ ſagte er,„treu wie Stahl, man ruft Dich, Du kömmſt. Sei willkommen.“ Und er bot dem jungen Manne die Hand. Dann fügte er mit einem unmerkbaren Lächeln hinzu: „Was thuſt Du bei Bourrienne?“ „Ich erwarte Sie, General!“ „Und während Du warteſt, ſchwatzt Ihr wie alte Weiber.“ „Ich geſtehe Ihnen, General, ich zeigte ihm meine Ordre, am 16. Brumaire hier zu ſein.“ Der General warf Bourrienne einen unzufriede⸗ nen Blick zu; dann ſagte er, ſich raſch an Roland wendend: „Apropos, und der Engländer?“ „Ja, der Engländer, mein General; ich wollte eben mit Ihnen von demſelben ſprechen.“ „Iſt er noch in Frankreich?“ „Ja, und ich glaubte ſogar einen Augenblick, er werde ſo lange hier bleiben, bis die Poſaune des jüngſten Gerichts die Tagwache im Thal Joſaphat blaſen werde.“ „Haſt Du ihn vielleicht gefehlt?“ „O nein! nicht ich; wir ſind die beſten Freunde von der Welt; und, mein General, das iſt ein ſo ausgezeichneter und zu gleicher Zeit ſo origineller Menſch, daß ich Sie um ein ganz klein wenig Wohl⸗ wollen für ihn bitten möchte.“ „Nun, wasiſt denn Deinem Freunde geſchehen?“ „Er wurde verhört, verurtheilt und hingerichtet!“ „Was Teufel erzählſt Du mir da?“ „Die reine, lautere Wahrheit, mein General.“ 4⁴ „Wie! er wurde verhört, verurtheilt und guillo⸗ tinirt?“ „O keineswegs: verhört, verurtheilt, ja, aber nicht guillotinirt; wenn er guillotinirt worden, wäre er noch kranker, als er ſchon iſt.“ „Was ſchwatzeſt Du nur da? von welchem Tri⸗ bunal wurde er verhört und verurtheilt?“ „Von dem Tribunal der Genoſſen Jehus.“ „Wer ſind das, dieſe Genoſſen Jehus?“ „Nun, Sie haben wohl ſchon unſern Freund Morgan vergeſſen, den Mann mit der Maske, der dem Bordeaurhändler ſeine zweihundert Louisd'ors zurückbrachte?“ „Nein,“ machte Bonaparte,„ich habe ihn nicht vergeſſen. Komm auf Deinen Engländer zurück, Schwätzer, hat dieſer Morgan ihn ermordet?“ „Nein, er nicht, aber ſeine Genoſſen.“ „Du ſprichſt von dem Tribunal, aber nicht von dem Urtheil.“ „Mein General, Sie ſind immer derſelbe,“ ſagte Roland mit dem Reſte von Vertraulichkeit, den er aus der Militärſchule mitbrachte,„Sie wollen immer wiſſen und laſſen einem nicht Zeit zu ſprechen.“ „Geh zu den Fünfhundert und Du kannſt ſo viel ſprechen, als Du willſt.“ „Gut! bei den Fünfhundert hätte ich vierhundert neunundneunzig Collegen, die eben ſo gerne ſprechen würden, als ich und mir das Wort abſchneiden müß⸗ ten. Ich will doch lieber von Ihnen, als von einem Advocaten unterbrochen werden.“ „Wirſt Du ſprechen?“ E ⸗ ß⸗ 45 „Ich wünſche nichts mehr. Denken Sie ſich, General, in der Nähe von Bourg iſt eine Karthauſe.“ „Die Karthauſe von Seillon; ich kenne ſie.“ „Wie! Sie kennen die Karthauſe von Seillon?“ fragte Roland. „Kennt der General nicht Alles?“ fragte Bour⸗ rienne. „Kommen wir zur Karthauſe zurück; ſind noch Mönche da?“ „Nein; nur Geſpenſter.“ „Willſt Du mir etwa eine Geiſtergeſchichte er⸗ zählen?“ „Und eine der ſchönſten.“ „Teufel! Bourrienne weiß, daß ich dafür ſchwärme.“ „Nun denn, man ſagte mir bei meiner Mutter, daß es in der Karthauſe Geſpenſter gebe; Sie kön⸗ nen ſich denken, daß wir darüber im Klaren ſein wollten, Sir John und ich oder vielmehr ich und Sir John: wir brachten deßhalb— Jeder eine Nacht dort zu.“ „Wo das?“ „Nun, in der Karthauſe.“ Bonaparte machte mit dem Daumen ein unmerk⸗ liches Zeichen des Kreuzes, eine corſiſche Gewohn⸗ heit, die er nicht verlor. „Ha, ha!“ machte er,„und haſt Du die Geſpen⸗ ſter geſehen?“ „Ich habe eines geſehen.“ „Und was haſt Du denn gemacht?“ „Ich ſchoß darauf.“ „Dann?“ „Dann ſetzte es ſeinen Weg fort.“ 46 „Und Du hieltſt Dich für geſchlagen?“ „Ach, wie Sie mich kennen! Ich habe es ver⸗ folgt und noch einmal darauf geſchoſſen; da es je⸗ doch ſeinen Weg durch die Ruinen beſſer kannte, als ich, ſo entkam es mir.“ „Teufel!“ „Am andern Tage war es an Sir John, unſerem Engländer.“ „Und hat er Dein Geſpenſt geſehen?“ „Er hat mehr geſehen: er hat zwölf Mönche ge⸗ ſehen, welche in die Kirche traten, Gericht über ihn hielten, weil er in ihre Geheimniſſe habe eindringen wollen, ihn zum Tode verurtheilten und ihn ſogar erdolchten.“ „Und er hat ſich nicht vertheidigt?“ „Wie ein Löwe; er hat zwei getödtet.“ „Und iſt er todt?“ „Nicht viel beſſer; aber ich hoffe, daß er ſich wieder herausreißen wird. Denken Sie ſich, General, daß man ihn am Saume des Weges gefunden hat und zu meiner Mutter brachte, mit einem Dolch in der Bruſt, wie einen Pfahl in einem Weinberg.“ „Aber das iſt ja eine Scene der h. Vehme, die Du mir da erzählſt, nicht mehr oder weniger.“ „Und auf der Klinge ſtand, damit man nicht im Zweifel ſei, eingegraben: Genoſſen Jehus.“ „Es iſt nicht möglich, daß dergleichen im letzten Jahre des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich geſchieht. Das ging wohl im Mittelalter zu den Zeiten der Heinriche und Otto in Deutſchland.“ „Nicht möglich, General! Nun, hier iſt der Dolch, W N en ch, 47 was ſagen Sie zu der Form? Sie iſt hübſch, nicht wahr?“ Und der junge Mann zog aus ſeiner Brieftaſche einen Dolch, an dem Klinge und Heft von Eiſen waren. Das Heft oder vielmehr der Griff, hatte die Form eines Kreuzes und auf der Klinge waren wirk⸗ lich die Worte: Genoſſen Jehus eingegraben. Bonaparte ſah die Waffe genau an. „Und Du ſagſt, daß ſie Deinem Engländer die⸗ ſes Spielzeug in die Bruſt geſtoßen?“ „Bis an den Griff.“ „Und er iſt nicht todt?“ „Nicht viel beſſer: aber er lebt.“ „Du haſt es gehört, Bourrienne?“ „Mit dem größten Intereſſe.“ „Man muß mir wieder davon ſprechen, Roland.“ „Wann General?“ „Wenn ich Herr ſein werde.“ Pierte Abtheilung. I. Eine wichtige Mittheilung. Einige Zeit nach Ereigniſſen, die nicht zu unſerer Erzählung gehören, die wir aber in ihren größten Details erzählen könnten, da wir in unſerer Eigen⸗ ſchaft als Romanſchriftſteller ſie beſſer zu kennen be⸗ haupten, als gewiſſe uns befreundete Hiſtoriker, Er⸗ eigniſſen, die in ganz Europa ungeheuren Widerhall fanden, da ſie es einen Augenblick völlig umkehren mußten, wie ein Sturm dem Heean ein völlig ver⸗ ändertes Ausſehen verleiht, rechtfertigte Bonaparte, indem er nicht allein die Functionen ſeiner Collegen Lebrün und Cambacéros, ſondern auch die der Mini⸗ ſter in ſich vereinigte, die Worte von Sieyos: „Das iſt ein Menſch, der Alles merkt, der Alles kann, der Alles will!“ Einige Zeit nun nach dieſen Ereigniſſen fand am Morgen des 30. Nivoſe oder für unſere Leſer an⸗ ders und deutlicher ausgedrückt, am 20. Januar 1800 öeia—— —. ——— 5— 49 Roland, da er in ſeiner Eigenſchaft als Gouverneur des Schloſſes Luxembvurg ſeine Morgencorreſpondenz öffnete, mitten unter fünfzig andern Bitten um Au⸗ dienz folgenden Brief: „Herr Gouverneur! „Ich kenne Ihre Loyalität und Sie ſollen ſehen, daß ich ſie zu würdigen weiß. „Ich muß fünf Minuten mit Ihnen ſprechen, während dieſer fünf Minuten werde ich maskirt bleiben. „Ich habe eine Bitte an Sie zu richten. „Dieſe Bitte werden Sie mir gewähren oder ab⸗ ſchlagen; in dem einen und andern Fall fordere ich, da ich den Palaſt des Luxembourg nur im Intereſſe des erſten Conſuls Bonaparte und der royaliſtiſchen Sache betrete, der ich diene, Ihr Ehrenwort, daß Sie mich ungehindert fortgehen laſſen werden, wie Sie mich eintreten ließen. Wenn ich morgen Abend um ſieben Uhr ein einzelnes Licht an dem Fenſter über der Uhr brennen ſehe, ſo hat mir der Oberſt Roland von Montrevel ſein Ehrenwort gegeben, und ich werde an der kleinen Thüre des linken Flügels des Palaſtes erſcheinen, welche in den Garten führt. „Ich werde dreimal in Zwiſchenräumen, wie die Freimaurer, pochen. „Damit Sie zum Voraus wiſſen, wem Sie Ihr Wort geben oder verweigern, ſo zeichne ich mit einem Namen, der Ihnen bekannt iſt, da dieſer Name be⸗ reits unter Umſtänden, die Sie wahrſcheinlich nicht vergeſſen haben, vor Ihnen ausgeſprochen wurde. „Morgan, „Anführer der Genoſſen Jehu.“ 4 Dumas, Jehu.. Roland las den Brief zweimal, blieb einen Augen⸗ blick in Gedanken verſunken ſtehen, trat dann unmit⸗ telbar in das Cabinet des erſten Conſuls und bot ihm den Brief, ohne ein Wort zu ſagen. Dieſer las ihn, ohne daß ſein Geſicht die geringſte ₰ Aufregung oder auch nur ein Erſtaunen gezeigt, und mit ächt lacedämoniſchem Laconismus ſagte er: „Man muß das Licht aufſtellen.“ Dann gab er Roland den Brief zurück. Am andern Tage um ſieben Uhr brannte das Licht an dem Fenſter, und um ſieben Uhr fünf Mi⸗ nuten wartete Roland in Perſon an der kleinen Thüre zum Garten. Er war kaum einige Augenblicke da, als drei Schläge an die Thüre pochten, wie bei den Frei⸗ maurern, das heißt zwei und dann einer. 3 Die Thüre öffnete ſich augenblicklich; ein Mann, in einen Mantel gehüllt, hob ſich in der graulichen Atmoſphäre dieſer Winternacht ab: Roland war ganz im Schatten verborgen. Da der Mann im Mantel Niemand ſah, ſo blieb er einen Augenblick unbeweglich ſtehen. „Treten Sie ein,“ ſagte Roland. „Ah! Sie ſind es, Oberſt!“ „Vie wiſſen Sie, daß ich es bin?“ fragte Roland. „Ich erkenne Sie an Ihrer Stimme.“„ „Meiner Stimme? aber während der wenigen Secunden, die wir uns in demſelben Zimmer in Avignon befanden, habe ich nicht ein Wort ge⸗ ſprochen.“ 3 „In dieſem Falle werde ich Ihre Stimme an⸗ derswo gehört haben.“ 5¹ Roland beſann ſich, wo der Anführer der Ge⸗ noſſen Jehus ſeine Stimme gehört haben könnte. Dieſer aber ſagte heiter: „Oberſt, iſt das ein Grund, weil ich Ihre Stimme nicht kenne, daß wir an dieſer Thüre ſtehen bleiben?“ „Nein,“ ſagte Roland;„nehmen Sie mich am Schooß meines Frackes und folgen Sie mir, ich habe abſichtlich verboten, daß man die Treppe und den Corridor beleuchte, die in mein Zimmer führen.“ „Ich bin Ihnen für die Abſicht dankbar, aber im Beſitze Ihres Ehrenwortes würde ich den Palaſt von einem Ende zum andern durchſchreiten, und wäre er à Liorno beleuchtet, wie die Italiener ſagen.“ „Sie haben es,“ antwortete Roland;„ſo ſteigen Sie alſo kühn hinan.“ Morgan brauchte nicht ermuthigt zu werden; er folgte kühn ſeinem Führer. Oben auf der Treppe ſchlug dieſer den Weg in einen Corridor ein, der ebenſo düſter, als die Treppe war, machte zwanzig Schritte, öffnete eine Thüre und befand ſich in ſeinem Zimmer. Morgan folgte ihm dahin. Das Zimmer war beleuchtet: aber nur durch zwei Lichter. Als er eingetreten, warf Morgan ſeinen Mantel zurück und legte ſeine Piſtolen auf den Tiſch. „Was thun Sie?“ fragte Roland. „Nun, mit Ihrer Erlaubniß,“ ſagte er heiter zu ſeinem Mitunterredner,„ich mache mir's bequem.“ „Aber die Piſtolen, deren Sie ſich entledigen!“ „Ah ja! glauben Sie, daß ich ſie für Sie mit⸗ genommen?“ „Für wen denn?“ „Nun für die Dame Polizei; glauben Sie, daß ich Luſt habe, mich durch den Eitoyen Fvuché feſt⸗ nehmen zu laſſen, ohne vorher dem erſten ſeiner Sbirren, der ſeine Hand an mich legt, den Bart etwas zu verbrennen?“ „Sie glauben alſo, nachdem Sie bei mir ſind, nichts mehr zu fürchten zu haben?“ „Nein,“ ſagte der junge Mann,„weil ich Ihr Ehrenwort habe.“ „Warum nehmen Sie denn nicht auch Ihre Maske ab?“ „Weil mein Geſicht nur zur Hälfte mir gehört. Die andere Hälfte gehört meinen Genoſſen. Wer weiß, ob nicht ein einziger von uns, der erkannt würde, die andern auf die Guillotine brächte? Denn Sie können ſich denken, Oberſt, daß dies das Spiel iſt, das wir ſpielen.“ „Warum ſpielen Sie es denn?“ „Das iſt eine hübſche Frage! warum gehen Sie in die Schlacht, wo eine Flintenkugel Ihnen die Bruſt durchbohren oder eine Kanonenkugel Ihnen den Kopf abreißen kann?“ „Das iſt ein großer Unterſchied, darf ich Ihnen wohl ſagen: auf einem Schlachtfelde riskire ich einen ehrenhaften Tod.“ „Glauben Sie etwa, daß ich mich an dem Tage, wo mir der revolutionäre Triangel den Hals durch⸗ ſchneidet, für entehrt halte? durchaus nicht; ich habe ſogar die Anmaßung, ein Soldat wie Sie zu ſein, nur können nicht alle ihrer Sache auf die gleiche Weiſe dienen: jede Religion hat ihre Helden und 8 53 ihre Märtyrer; glücklich in dieſer Welt ſind die Hel⸗ den, glücklich in der andern die Märtyrer!“ Der junge Mann hatte dieſe Worte mit einer Ueberzeugung ausgeſprochen, welche Roland rühren oder vielmehr in Erſtaunen ſetzen mußte. „Aber,“ fuhr Morgan fort, indem er ziemlich raſch von der Begeiſterung zurücktam, und wieder in den heitern Ton verfiel, der der vorherrſchende Zug ſeines Charakters zu ſein ſchien,„ich bin nicht ge⸗ kommen, um politiſche Philofophie zu treiben; ich bin gekommen, um Sie zu bitten, mich bei dem erſten Conſul einzuführen.“ „Wie? beim erſten Conſul?“ rief Roland. „Allerdings, leſen Sie meinen Brief noch ein⸗ mal; ich ſagte Ihnen, daß ich eine Bitte an Sie zu richten habe.“ O Aℳ „d. „Nun gut, dieſe Bitte iſt, mich bei dem General Bonaparte einzuführen.“ „Erlauben Sie mir; da ich dieſe Frage nicht er⸗ wartete... „Sie ſetzt Sie in Erſtaunen; noch mehr, ſie be⸗ unruhigt Sie, mein lieber Oberſt, Sie können, wenn Sie meinem Worte nicht trauen, mich von Kopf bis zu den Füßen durchſuchen und Sie werden ſehen, daß ich keine andere Waffen habe, als dieſe Piſtolen, die ich nicht mal mehr habe, weil ſie auf Ihrem Tiſche liegen. Mehr noch, nehmen Sie eines der Piſtolen in jede Hand, ſtellen Sie ſich zwiſchen mich und den erſten Conſul und zerſchmettern Sie mir bei der erſten verdächtigen Bewegung, die ich mache, das Hirn. Convenirt Ihnen die Bedingung?“ 5⁴ „Aber wenn ich den erſten Conſul derangire, damit er die Mittheilung vernehme, die Sie ihm zu machen haben, ſo verſichern Sie mich, daß dieſe Mit⸗ theilung der Mühe lohnt?“ „O, was das betrifft, ſo garantire ich dafür.“ Dann fügte er in einem heitern Tone hinzu: „Ich bin im Augenblick der Geſandte eines ge⸗ krönten oder vielmehr ſeiner Krone verluſtigen Haup⸗ tes, was die Sache für edle Herzen nicht weniger achtungswerth macht; auch werde ich Ihrem General, Herr Roland, wenig Zeit nehmen, und von dem Moment, wo das Geſpräch ſich in die Länge zu zie⸗ hen droht, kann er mich verabſchieden, ich werde es mir nicht zweimal ſagen laſſen, ſeien Sie ruhig.“ Roland blieb einen Augenblick in Gedanken ver⸗ ſunken und ſchwieg. „Und nur dem erſten Conſul können Sie dieſe Mittheilung machen?“ „Nur dem erſten Conſul, weil nur der erſte Con⸗ ſul mir zu antworten im Stande iſt.“ „Gut, erwarten Sie mich hier, ich will ſeine Befehle einholen.“ Roland machte einen Schritt nach dem Zimmer ſeines Generals; dann blieb er ſtehen und warf einen unruhigen Blick auf eine Menge von Papieren, die auf dem Tiſche aufgehäuft waren. Morgan erhaſchte dieſen Blick im Fluge. „Ah,“ ſagte er,„Sie fürchten, ich werde in Ihrer Abweſenheit dieſe Papiere leſen: wenn Sie wüßten, wie ſehr ich das Leſen verabſcheue! Es geht ſo weit, daß, wenn mein Todesurtheil auf die⸗ ſem Tiſche läge, ich mir nicht die Mühe nehmen 55 würde, es zu leſen; ich würde ſagen, das iſt die Sache des Greffier, jedem das Seine. Herr Roland, ich friere in den Füßen, ich werde ſie mir in Ihrer Abweſenheit wärmen, indem ich mich in Ihren Fau⸗ teuil ſetze; Sie werden mich bei Ihrer Rückkehr am gleichen Flecke treffen.“ „Gut, mein Herr,“ ſagte Roland, und trat bei dem erſten Conſul ein. Bonaparte unterhielt ſich mit General Hedou⸗ ville, dem Obercommandanten der Truppen in der Vendée. Als er die Thüre ſich öffnen hörte, kehrte er ſich ungeduldig um: „Ich hatte zu Bourrienne geſagt, daß ich für Nie⸗ manden da ſei.“ „Das hat er mir auch geſagt, als ich durch das Vorzimmer ging, General: aber ich ſagte ihm, daß ich nicht„Niemand“ bin.“ „Du haſt Recht; was willſt Du? ſprich raſch.“ „Er iſt bei mir.“ „Wer?“ „Der Mann von Avignon.“ „Ah, und was will er?“ „Sie ſehen.“ „Mich ſehen?“ „Ja, Sie, General, das ſetzt Sie in Erſtaunen?“ „Nein, aber was kann er mir zu ſagen haben?“ „Er wollte es mir durchaus nicht mittheilen. Aber ich möchte zu verſichern wagen, daß er weder ein Zudringlicher, noch ein Narr iſt.“ „Nein, aber vielleicht ein Meuchelmörder.“ Roland ſchüttelte den Kopf. 56 „Nun, da Du es biſt, der ihn einführt...“ „Ueberdies iſt er nicht dagegen, daß ich der Ver⸗ handlung anwohne; ich werde zwiſchen Ihnen und ihm ſtehen.“ Bonaparte ſann einen Augenblick nach. „Nun, ſo laß ihn eintreten,“ ſagte er. „Sie wiſſen, mein General, daß außer mir... „Ja, der General Hedouville wird die Güte haben, eine Secunde zu warten: unſere Verhandlung iſt nicht der Art, daß ſie in einer Sitzung erſchöpft würde. Geh', Roland.“ A Roland ging, ſchritt durch das Gemach Bourriennes, kehrte in ſein Zimmer zurück und fand Morgan, der ſich die Füße wärmte, wie er geſagt. „Kommen Sie, der erſte Conſul erwartet Sie,“ ſagte der junge Mann. Morgan ſtand auf und folgte Roland. Als ſie in das Cabinet Bonapartes traten, war er allein. Er warf einen raſchen Blick auf den Anführer der Genoſſen Jehus, und zweifelte keinen Augenblick, daß es derſelbe Menſch ſei, den er in Avignon ge⸗ ſehen. Morgan war einige Schritte vor der Thüre ſtehen geblieben und betrachtete ſeinerſeits Bonaparte mit neugierigem Blicke, wodurch ſich ſeine Ueberzeugung befeſtigte, daß es derſelbe ſei, den er an der Table d'Höte an jenem Tage geſehen, wo er das gefähr⸗ liche Wagſtück mit dem Zurückbringen der zweihun⸗ dert Louisd'ors gemacht, welche Jean Picot durch ein Verſehen geſtohlen worden. „Treten Sie näher,“ ſagte er. v— n it 9 le r⸗ ⸗ 57 Morgan verbeugte ſich und machte drei Schritte vorwärts. Bonaparte beantwortete ſeinen Gruß durch ein leichtes Nicken des Kopfes. „Sie ſagten meinem Adjutanten, dem Oberſten Roland, daß Sie mir eine Mittheilung zu machen haben.“ „Ja, Citoyen erſter Conſul.“ „Dieſe Mittheilung erfordert ein téte-Aéte.“ „Nein, Citoyen erſter Conſul, obgleich ſie von ſolcher Wichtigkeit...“ „Daß Sie lieber wollten, ich wäre allein?“ „Gewiß, aber die Klugheit...“ „Das Klügſte in Frankreich, Citoyen Morgan, iſt der Muth.“ „Mein Hierſein, General, iſt ein Beweis, daß ich ganz Ihrer Anſicht bin.“ Bonaparte drehte ſich nach dem jungen Oberſten um und ſagte: „Laß uns allein, Roland.““ „Aber, mein General,“ warf dieſer ein. ui Bonaparte näherte ſich ihm und ſagte dann ganz eiſe: „Ich ſehe, was es iſt. Du biſt neugierig, was dieſer geheimnißvolle Landſtraßenritter mir zu ſagen haben kann; wenn er fort iſt, werde ich es Dir mit⸗ theilen.“ „Das iſt es nicht; aber wenn, wie Sie ſo eben ſagten, dieſer Menſch ein Mörder wäre?“ „Haſt Du mir nicht„nein“ geantwortet? Sei kein Kind und laß uns allein.“ Roland ging. 58 „Nun ſind wir allein, mein Herr;“ ſagte der erſte Conſul,„ſprechen Sie!“ Morgan zog, ohne zu antworten, einen Brief aus der Taſche und bot ihn dem General. Der General beſah ihn, er war an ihn gerichtet und hatte ein Siegel mit den drei franzöſiſchen Lilien. „O, o!“ ſagte er,„was iſt das, mein Herr?“ „Leſen Sie, Citoyen erſter Conſul.“ Bonaparte öffnete den Brief und ſah ſogleich nach der Unterſchrift. „Ludwig,“ ſagte er. „Ludwig,“ wiederholte Morgan. „Welcher Ludwig?“ „Nun, vermuthlich Ludwig von Bourbon.“ „Der Herr Graf von Provence. Der Bruder Ludwig XVI.“ „Und folglich Ludwig XVIII., ſeit ſein Neffe, der Dauphin, todt iſt.“ Bonaparte betrachtete abermals den Unbekannten, denn es war offenbar, daß der Name Morgan, den er ſich gegeben, nur ein Pſeudonym, um ſeinen wah⸗ ren Namen zu verbergen. Dann las er, ſeinen Blick auf den Brief heftend: „3. Januar 1800. „Was auch, mein Herr, das Gebahren der Men⸗ ſchen ſein mag, die Ihnen niemals Unruhe einzu⸗ flößen im Stande ſein werden, Sie haben eine außer⸗ ordentlich hohe Stellung angenommen, wofür ich Ihnen dankbarer bin, als irgend Jemand; und Sie wiſſen, daß es der Kraft und Macht bedarf, um eine 59 Nation glücklich zu machen. Retten Sie Frankreich vor ſeinem eigenen Wüthen und Sie werden den Wunſch meines Herzens erfüllt haben; geben Sie ihm ſeinen König zurück und die künftigen Genera⸗ tionen werden Ihr Andenken ſegnen. Wenn Sie glauben, daß ich der Undankbarkeit fähig ſei, ſo be⸗ zeichnen Sie Ihre Stellung, beſtimmen Sie das Loos Ihrer Freunde. Was meine Grundſätze betrifft, ſo bin ich Franzoſe; gnädig von Charakter, werde ich es auch aus Klugheitsgründen ſein. Nein, der Sie⸗ ger von Lodi, von Caſtiglione, und von Arcole, der EFroberer von Italien und Egypten kann dem Siege nicht einen eiteln Ruhm vorziehen. Verlieren Sie nicht die koſtbare Zeit, wir können den Ruhm Frank⸗ reichs ſichern; ich ſage wir, weil ich Bonapartes zu dieſem Zwecke bedarf und er es nicht ohne mich könnte. General, Europa ſieht auf Sie, der Sieg erwartet Sie, und ich bin ungeduldig, meinem Volk den Sieg zu geben. „Ludwig.“ Bonaparte kehrte ſich nach dem jungen Manne um, der unbeweglich und ſtumm wie eine Statue wartete. „Kennen Sie den Inhalt dieſes Briefes?“ fragte er. Der junge Mann verbeugte ſich. „Ja, Citoyen erſter Conſul.“ „Er war doch geſiegelt.“ „Er wurde dem, der ihn mir übergab, mit einem fliegenden Siegel übergeben; er ließ ihn mich leſen, damit ich die Wichtigkeit deſſelben wiſſe.“ „Und darf man den Namen desjenigen wiſſen, der Ihnen denſelben anvertraut?“ „Georges Cadoudal!“ Bonaparte zitterte flüchtig. „Sie kennen Georges Cadoudal?“ fragte er. „Es iſt mein Freund.“ „Und warum hat er denſelben lieber Ihnen, als irgend einem Andern übergeben?“ „Weil er wußte, daß, wenn er mir ſagte, dieſer Brief ſolle Ihnen eigenhändig übergeben werden, er darauf zählen konnte, daß dies geſchehen würde.“ „In der That, mein Herr, Sie haben Ihr Ver⸗ ſprechen gehalten.“ „Noch nicht ganz, Citoyen erſter Conſul.“ „Wie das? Haben Sie mir ihn nicht gegeben?“ „Ja; ich verſprach jedoch, eine Antwort zu bringen.“ „Und wenn ich Ihnen ſage, daß ich nicht ant⸗ worten will?“ „So haben Sie geantwortet, nicht ſo eigentlich, wie ich wohl gewünſcht, daß Sie es gethan; aber es wäre doch immerhin eine Antwort geweſen.“ Vonaparte blieb einige Augenblicke in Nachden⸗ ken verſunken. Dann durch eine Schulterbewegung aus ſeiner Träumerei erwachend, ſagte er: „Es ſind Narren.“ „Wer, Citohen?“ fragte Morgan. „Die, welche mir ſolche Briefe ſchreiben. Nar⸗ ren, Erznarren. Glauben Sie denn, daß ich zu denen gehöre, welche ihre Beiſpiele aus der Vergan⸗ genheit nehmen, daß ich mich nach andern Menſchen richte? Wieder mit Monk beginnen? Wozu? um wieder einen Carl IMI. zu machen, das lohnt ſich 61¹ wahrhaftig nicht. Wenn man Toulon hinter ſich hat, den 13. Vendemiaire, Lodi, Caſtiglione, Arcole, Rivoli, die Pyramiden, iſt man ein anderer Menſch, als Monk und man hat auf etwas anderes Anſpruch als das Herzogthum Albemarle und den Oberbefehl der Land⸗ und Seearmee Seiner Majeſtät Lud⸗ wigs XVIII.“ „Man ſagt Ihnen ja auch, Sie ſollen Ihre Be⸗ dingungen ſtellen, Citoyen erſter Conſul.“ Bonaparte zitterte bei dem Klang dieſer Stimme, als ob er vergeſſen, daß Jemand zugegen. „Abgeſehen davon,“ fuhr Bonaparte fort,„daß es eine verlorene Familie, der abgeſtorbene Zweig eines faulen Baumes iſt; die Bourbonen haben ſich ſo oft unter einander geheirathet, daß es ein ent⸗ arteter Stamm iſt, der ſeinen ganzen Saft und ſeine ganze Kraft in Ludwig XIV. verzehrt hat. Sie kennen die Geſchichte, mein Herr?“ ſagte Bonaparte, indem er ſich an den jungen Mann wandte. „Ja, General,“ antwortete dieſer,„wenigſtens wie ſie ein Cidevant kennen kann.“ „Nun, Sie mußten in der Geſchichte bemerken, namentlich in der franzöſiſchen, daß jeder Stamm ſeinen Ausgangspunkt, ſeinen Höhepunkt und ſein Sinken hat. Sehen Sie die directen Capetinger: von Hugo ausgehend, erreichen ſie den höchſten Gipfel mit Philipp Auguſt und Ludwig IX. und ſinken mit Philipp V. und Carl IW. Sehen Sie die Valois: von Philipp VI. ausgehend, haben ſie ihren Culmi⸗ nationspunkt in Franz l. und ſinken mit Carl M. und Heinrich III. Endlich die Bourbonen: von Hein⸗ rich IV. ausgehend, haben ſie ihren Culminations⸗ 62 punkt in Ludwig XIV. und ſinken mit Ludwig XV. und Ludwig XVI., nur ſinken ſie tiefer, als die an⸗ dern, tiefer in der Ausſchweifung mit Ludwig XV. und tiefer im Unglück mit Ludwig XVI. Sie ſpre⸗ chen mir von den Stuarts, und Sie zeigen mir das Beiſpiel von Monk. Wollen Sie mir ſagen, wer auf Carl II. folgt? Johann II. und auf Johann II. Wilhelm von Oranien, ein Uſurpator. Wäre es nicht beſſer geweſen, frage ich Sie, wenn Monk ſo⸗ gleich die Krone auf ſein Haupt geſetzt? Nun gut, wenn ich ſo thöricht wäre, Ludwig XVIII. den Thron zurückzugeben, ſo hätte er keine Kinder, wie Carl II., wie Carl II. würde ihm ſein Bruder Carl X. folgen und wie Johann II. würde er ſich durch einen Wil⸗ helm von Oranien vertreiben laſſen. O nein, Gott hat nicht das Schickſal eines großen und ſchönen Landes, das man Frankreich nennt, in meine Hände gelegt, daß ich es denen zurückgebe, die damit ge⸗ ſpielt und es verloren.“ „Bemerken Sie, General, daß ich Sie das alles nicht fragte.“ „Aber ich frage.. „Ich glaube, daß Sie mir die Ehre erzeigen, mich für die Nachwelt zu halten... Bonaparte zitterte, drehte ſich um, ſah, mit wem er ſprach und ſchwieg. „Ich brauchte nur ein Nein oder Ja,“ fuhr Mor⸗ gan mit einer Würde fort, welche den überraſchte, mit welchem er ſprach. „Und weßhalb brauchten Sie das?“ „Um zu wiſſen, ob wir fortfahren werden, Ihnen als einem Feinde den Krieg zu machen oder ob n, em r⸗ te, en ob „ 63 wir vor Ihnen als einem Retter auf die Kniee fallen ſollen.“ „Krieg!“ ſagte Bonaparte,„Krieg! die Wahn⸗ ſinnigen, die mit mir ſich in einen Krieg einlaſſen; ſehen ſie nicht, daß ich der Auserwählte Gottes bin?“ „Attila ſagte das Gleiche!“ „Ja, aber er war der Auserwählte der Zerſtörung und ich bin der des neuen Jahrhunderts; das Gras ſtarb ab, wo er vorüberkam, die Ernte wird überall reifen, wo mein Pflug die Erde aufgewühlt. Krieg! ſagen Sie mir, was iſt aus denen geworden, die ſich mit mir in einen Krieg eingelaſſen? Sie liegen auf den Cbenen Piemonts, der Lombardei und Kairos.“ „Sie ſprechen nicht von der Vendée? Die Vendée ſteht immer noch auf den Beinen!“ „Auf den Beinen, meinetwegen! Aber ihre An⸗ führer Chatelineau, Lescure, Elbée, Bonchamp, Stofflet, Charette?“ „Sie ſprechen nur von Menſchen; die Menſchen ſind niedergemäht, aber das Prinzip ſteht immer noch aufrecht und rings um daſſelbe kämpfen heute dAutichamp, Suzannet, Grignon, Frotté, Chatillon, Cadoudal; die Jüngeren wägen vielleicht die Aelteren nicht auf, aber im Falle, daß ſie ebenfalls ſterben, ſo iſt das doch Alles, was man von ihnen verlangen kann.“ „Sie ſollen ſich in Acht nehmen; wenn ich mich für einen Krieg in der Vendée entſcheide, werde ich weder Santerres, noch Roſſignols dahin ſchicken!“ „Der Convent ſchickte Kleber, das Directorium Hoche!. 64 „Ich werde Niemanden hinſchicken, ſondern ſelber gehen.“ „Es kann ihnen nichts Schlimmeres geſchehen, als wie Lescure an einer Wunde zu ſterben oder wie Charette erſchoſſen zu werden.“ „Es kann ihnen geſchehen, daß ich ſie begnadige.“ „Cato hat uns gelehrt, wie man ſich der Gnade Cäſars entzieht.“ „Ah! Sie citiren einen Republikaner, nehmen Sie ſich in Acht!“ „Cato iſt einer von den Menſchen, deren Bei⸗ ſpiel man folgen kann, welcher Partei man auch an⸗ gehört.“ „Und wenn ich Ihnen ſage, daß ich die Vendée in meiner Hand habe!“ „Siel⸗ „Und daß, wenn ich will, ſie in drei Monaten pacificirt iſt.“ Der junge Mann ſchüttelte den Kopf. „Sie glauben mir nicht?“ „Ich nehme Anſtand, Ihnen zu glauben.“ „Wenn ich Sie verſichere, daß, was ich Ihnen ſage, wahr iſt; wenn ich es Ihnen beweiſe, indem ich Ihnen ſage, durch welches Mittel oder durch welche Menſchen mir dies gelingen wird?“ „Wenn ein Mann, wie der General Bonaparte mir etwas verſichert, werde ich es glauben; und wenn dieſe Sache ſelbſt die Pacificirung der Vendée wäre, würde ich ihm ſagen: Nehmen Sie ſich in Acht, die kämpfende Vendée iſt wichtiger für Sie, als die con⸗ ſpirirende Vendée: die kämpfende Vendée, das iſt ber en, der ade en ei⸗ an⸗ ten len em rch rte nn ire, die on⸗ iſt 65 der Degen, die conſpirirende Vendée, das iſt der Dolch!“ „O, ich kenne Ihren Dolch,“ ſagte Bonaparte, „hier iſt er!“ Und er holte aus einer Schieblade den Dolch, den er aus den Händen Rolands empfangen, und legte ihn auf einen Tiſch, in die Nähe von Morgan. „Aber,“ fügte er hinzu,„es iſt weit von der Bruſt Bonapartes bis zum Dolch eines Meuchelmörders; verſuchen Sie's.“ Und er trat auf den jungen Mann zu, indem er ſeinen Flammenblick auf ihn heftete: „Ich bin nicht hierher gekommen, um Sie zu morden,“ ſagte der junge Mann kalt;„ſpäter, wenn ich Ihren Tod unumgänglich nothwendig für den Sieg der Sache halte, werde ich mein Beſtes thun, und wenn ich Sie dann verfehle, ſo geſchieht es nicht, weil Sie Marius und ich der Cimbrier bin. Sie haben mir nichts anderes zu ſagen, Citoyen erſter fuhr der junge Mann, ſich verbeugend, ort. „Doch; ſagen Sie Cadoudal, daß, wenn er ſich gegen den Feind ſchlagen wolle, ſtatt gegen Fran⸗ zoſen, ſo ſei in meinem Bureau ſeine Ernennung zum Oberſten ausgefertigt.“ „Cadoudal commandirt nicht ein Regiment, ſon⸗ dern eine Armee; Sie wollten ſich nicht herunter⸗ geben, indem Sie aus Bonaparte ein Monk würden, warum wollen Sie, daß er aus einem General ein Oberſt werde? Sie haben mir nichts anderes zu ſagen, Citoyen erſter Conſul?“ Dumas, Jehu. II. 5 66 „Doch; haben Sie ein Mittel, meine Antwort dem Grafen von Provence zukommen zu laſſen?“ „Sie meinen dem König Ludwig XVIII.?“ „Streiten wir uns nicht um Worte; dem, der mir geſchrieben.“ „Sein Geſandter iſt im Lager von Les Aubiers.“ „Gut, ich ändere meinen Plan, ich antworte ihm; dieſe Bourbonen ſind ſo blind, daß er mein Schwei⸗ gen ſchlimm auslegen würde.“ Und Bonaparte ſetzte ſich an ſeinen Tiſch und ſchrieb folgenden Brief mit einer Deutlichkeit, welche bewies, es ſei ihm daran gelegen, daß er geleſen würde. „Ich habe Ihren Brief empfangen, mein Herr; ich danke Ihnen für die gute Meinung, die Sie von mir hegen, Sie dürfen Ihre Rückkehr nach Frankreich nicht wünſchen: Sie müßten über hunderttauſend Leichen gehen; opfern Sie Ihr Intereſſe der Ruhe und dem Glücke Frankreichs. Die Geſchichte wird es Ihnen Dank wiſſen. Ich bin nicht gleichgültig gegen das Unglück Ihrer Familie und würde mit Vergnügen erfahren, daß Sie an Ihrem Zufluchtsort von Allem umgeben ſind, was zu Ihrer Ruhe bei⸗ tragen kann. „Bonaparte.“ Und den Brief faltend und ſiegelnd, ſetzte er die Adreſſe darauf: An den Herrn Grafen von Provence, übergab ihn Morgan und ſagte, indem er Roland rief, der ſo raſch auf der Schwelle des Cabinets erſchien, daß er ganz in der Nähe gewar⸗ tet haben mußte: ort der 2 m; vei⸗ und lche ſen err; von eich end uhe ir ltig mit zort bei⸗ die n dem des var⸗ 67 „Oberſt, führen Sie den Herrn nach der Straße zurück; bis dahin ſind Sie für ihn verantwortlich.“ Roland verbeugte ſich zum Zeichen des Gehor⸗ ſams, ließ den jungen Mann vorangehen, der, ohne ein Wort zu ſprechen, ſchied, und ging hinter ihm drein. Aber ehe er über die Schwelle trat, warf er einen Blick auf Bonaparte. Er ſtand aufrecht, unbeweglich, ſtumm und mit gekreuzten Armen da, den Blck auf den Dolch ge⸗ heftet, der ſeine Gedanken mehr beſchäftigte, als er es ſich geſtehen wollte. Durch Rolands Zimmer ſchreitend, nahm der An⸗ führer der Genoſſen Jehus ſeine Piſtolen und ſeinen Mantel. Während er die erſteren in ſeinen Gürtel ſteckte, ſagte Roland zu ihm: „Es ſcheint, daß der Citoyen erſte Conſul Ihnen den Dolch gezeigt, den ich ihm gegeben.“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Morgan. „Und Sie haben ihn erkannt?“ „Dieſen nicht gerade: alle unſere Dolche glei⸗ en ſich.“ „Nun, ich will Ihnen ſagen, woher jener ſtammt; er ſtammt von der Bruſt eines meiner Freunde, in die ihn Ihre Genoſſen oder vielmehr Sie ſelbſt ge⸗ taucht.“ „Wohl möglich,“ antwortete der junge Mann gleichgültig;„aber Ihr Freund wird ſich dieſer Strafe ausgeſetzt haben.“ „Mein Freund wollte wiſſen, was während der Nacht in der Karthauſe von Seillon vorgehe.“ 68 „Da that er Unrecht.“ „Ich jedoch that daſſelbe Unrecht am Tage vor⸗ her; warum iſt mir nichts geſchehen?“ „Weil Sie ohne Zweifel ein Talisman ſchützte.“ „Mein Herr, ich will Ihnen eines ſagen, daß ich ein Mann bin, der den geraden Weg und den hellen Tag liebt; daraus folgt, daß ich das Geheim⸗ nißvolle haſſe.“ „Glücklich, wer am hellen Tage einhergehen und die große Heerſtraße wandern kann, Herr von Mont⸗ revel.“ „Deßhalb will ich Ihnen den Schwur nennen, den ich gethan, Herr Morgan, als ich den Dolch, den Sie geſehen, aus der Bruſt meines Freundes ſo zart als möglich zog, um nicht auch ſeine Seele herauszuziehen; ich habe geſchworen, daß fortan zwi⸗ ſchen ſeinen Meuchelmördern und mir ein Krieg auf Tod und Leben ſein ſoll; und zum großen Theil deßhalb, um Ihnen das ſelbſt zu ſagen, habe ich Ihnen mein Wort gegeben, das ſie ſchützte.“ „Das iſt ein Schwur, von dem ich hoffe, daß Sie ihn vergeſſen werden, Herr von Montrevel.“ „Es iſt ein Schwur, den ich unter allen Umſtän⸗ den halten werde, Herr Morgan, und Sie würden ſehr liebenswürdig ſein, wenn Sie mir ſobald als möglich eine Gelegenheit verſchafften.“ „Welcher Art, mein Herr?“ „Nun, zum Beiſpiel, indem Sie ſich mit mir ein Rencontre im Bois de Boulogne, oder im Bois de Vincennes gäben; wohl verſtanden, wir brauchen nicht zu ſagen, daß wir uns ſchlagen, weil Sie oder Ihre Freunde dem Lord Tannlay einen Dolchſtoß — or⸗ aß en m⸗ nd nt⸗ n, h, es e i⸗ uf eil ch n⸗ en ls in de en er ß 69 verſetzten. Nein, wir ſagen, was Sie wollen: daß es zum Beiſpiel...“ Roland ſuchte,„wegen der Monds⸗ finſterniß geſchehe, die am 12. des nächſten Monats ſtattfinden muß. Iſt Ihnen dieſer Vorwand genehm?“ „Der Vorwand würde mir genehm ſein, mein Herr,“ antwortete Morgan mit einem melancholiſchen Tone, deſſen man ihn für unfähig gehalten,„wenn das Duell ſelbſt mir genehm wäre. Sie haben einen Schwur gethan, und Sie werden ihn halten, ſagen Sie? Gut, ich habe jedoch ebenfalls einen ſolchen gethan, als ich in die Genoſſenſchaft Jehus einge⸗ treten: nämlich in keiner Privatſtreitigkeit ein Leben der Gefahr auszuſetzen, das nicht mir, ſondern der Sache gehört.“ „Ja, ſo gut, daß Sie morden, aber ſich nicht ſchlagen.“ „Sie täuſchen ſich, wir ſchlagen uns bisweilen.“ „Haben Sie die Güte, mir eine Gelegenheit zu nennen, wo ich dieſes Phänomen ſtudiren kann?“ „Das iſt ganz einfach; ſuchen Sie, mein Herr von Montrevel, ſich mit fünf bis ſechs Männern, wie Sie, in einer Diligence zu befinden, welche Geld der Regierung führt: vertheidigen Sie, was wir an⸗ greifen, und die Gelegenheit, welche wir ſuchen, wird da ſein; aber glauben Sie mir, Sie können etwas Beſſeres thun, als das; kommen Sie uns nicht in den Weg.“ „Das iſt eine Drohung, mein Herr?“ ſagte der junge Mann, den Kopf erhebend. „Nein, mein Herr,“ machte Morgan mit ſanfter, beinahe bittender Stimme;„es iſt eine Bitte.“ 70 „Gilt dieſe mir beſonders, oder würden Sie ſie an jeden Andern auch richten?“ „Nein, ich richte ſie beſonders an Sie.“ Und der Anführer der Genoſſen Jehus legte großen Nachdruck auf das letztere Wort. „Ha, ha!“ machte der junge Mann,„ich habe alſo das Glück, Sie zu intereſſiren?“ „Wie ein Bruder,“ antwortete Morgan, immer mit ſeiner gleich ſanften und ſchmeichelnden Stimme. „Nun,“ ſagte Roland,„das iſt entſchieden eine Wette.“ In dieſem Augenblicke trat Bourrienne ein. „Roland,“ ſagte er,„der erſte Conſul frägt nach Ihnen.“ „Nur ſo viel Zeit, um dieſen Herrn nach der Straßenthüre zu führen und ich bin bei ihm.“ „Beeilen Sie ſich; Sie wiſſen, daß er nicht gerne wartet.“ „Wollen Sie mir folgen, mein Herr?“ ſagte Ro⸗ land zu ſeinem geheimnißvollen Genvoſſen. „Ich ſtehe ſchon lange zu Ihren Dienſten, mein „So kommen Sie.“ Und Roland führte auf demſelben Wege, auf dem ſie gekommen waren, Morgan nicht nach der Thüre, welche in den Garten führte, der Garten war geſchloſſen, ſondern auf die Straße. „So habe ich es verſtanden, mein Herr.“ „Sie geben mir alſo mein Wort zurück?“ „Ich möchte es behalten, mein Herr: aber ich anerkenne, daß Sie das Recht haben, es zurückzu⸗ nehmen.“ — ſie gte be ter ne. ne er ich u⸗ 3 71 „Das iſt alles, was ich wünſche. Auf Wieder⸗ ſehen, Herr Morgan.“ „Erlauben Sie mir, einſt denſelben Wunſch aus⸗ zuſprechen, Herr von Montrevel.“ Die beiden jungen Leute grüßten ſich mit vollen⸗ deter Courtviſie, als Roland in den Luxembourg zu⸗ rückkehrte und Morgan der Schattenlinie folgend, welche die Mauer zog, eine der kleinen Straßen ein⸗ ſchlug, welche nach der Place Saint⸗Sulpice führt. Dieſem wollen wir folgen. II. Der Ball der Opfer. Kaum hatte er hundert Schritte gemacht, als Morgan ſeine Maske abnahm; in den Straßen von Paris lief er weit eher Gefahr mit einer Maske auf⸗ zufallen, als ohne Maske erkannt zu werden. Als er in die Rue Taranne gekommen, pochte er an die Thüre eines kleinen Hotel garni, welches die Ecke der Rue Taranne und der Rue du Dragon bildete, trat ein, nahm auf einem Möbel ein Licht, von einem Nagel den Schlüſſel zu Nr. 12 und ſtieg die Treppe hinauf, ohne mehr beachtet zu werden, als ein wohlbekannter Miethsmann, der nach Hauſe kommt, nachdem er ausgegangen war. Es ſchlug zehn Uhr auf ſeiner Standuhr, als er die Thüre ſeines Zimmers hinter ſich ſchloß. Er hörte aufmerkſam ſchlagen, da das Licht ſei⸗ 72 ner Kerze nicht bis zum Kamine reichte, und ſagte, als er bis auf zehn gezählt: „Gut, ich werde nicht zu ſpät kommen.“ Trotz dieſer Wahrſcheinlichkeit ſchien Morgan keine Zeit verlieren zu wollen; er legte ein brennendes Papier unter einen großen Haufen Scheite, welcher im Kamine aufgeſchichtet war und der ſich alsbald entzündete, ſteckte vier Kerzen an, das heißt alle, die im Zimmer waren, ſtellte zwei auf den Kamin, zwei auf die gegenüberſtehende Commode, öffnete eine Schieblade der letzteren und entfaltete auf dem Bette die vollſtändige Kleidung eines Incroyable vom neue⸗ ſten Geſchmack.. Dieſe Kleidung beſtand aus einem vorne kurzen und hinten langen Frack von zarter Farbe, einem Mittelton zwiſchen waſſergrün und perlgrau, einer Weſte von Chamoisſammt mit achtzehn Perlmutter⸗ knöpfen, einer ungeheuren weißen Cravatte vom fein⸗ ſten Battiſt, einer engſitzenden Hoſe von weißem Caſimir mit einer Maſſe von Bändern an der Stelle, wo ſie geknöpft wird, das heißt über der Wade: end⸗ lich perlgrauen ſeidenen Strümpfen, quer mit dem⸗ ſelben grün geſtreift, wie der Frack und feinen Es⸗ carpins mit Diamantſchnallen. Das unerläßliche Augenglas war nicht vergeſſen. Der Hut war derſelbe, den Carlo Vernet ſeinem Ele⸗ gant in der Zeit des Directoriums gegeben. Nachdem dieſe Vorbereitungen getroffen waren, ſchien Morgan mit Ungeduld zu warten. Nach Ver⸗ fluß von fünf Minuten läutete er, ein Garcon er⸗ ſchien. „Iſt der Perruquier,“ fragte er,„noch nicht da?“ ————— gte, ine des her ald die wei ine tte ue⸗ zen em ner er⸗ in⸗ em lle, nd⸗ m⸗ Fs⸗ en. le⸗ en, er⸗ 73 Zu jener Zeit waren die Perruquiers noch keine Friſeure. „Doch, Citoyen,“ antwortete der Garcon,„er war da; aber Sie waren noch nicht zurückgekehrt; er ſagte, er werde wiederkommen; als Sie läuteten, pochte es an der Thüre; es war ohne Zweifel...“ „Da bin ich! da bin ich!“ ſagte eine Stimme auf der Treppe. „Ah! Bravo!“ machte Morgan;„vorwärts Mei⸗ ſter Cadenette; Sie müſſen aus mir eine Art Adonis machen.“ „Das wird nicht ſchwer ſein, Herr Baron,“ ſagte der Perruquier. „Nun! nun! Sie wollen mich alſo durchaus com⸗ promittiren, Citoyen Cadenette?“ „Herr Baron, ich bitte Sie, nennen Sie mich kurzweg Cadenette, das wird mich ehren, denn es wird mir ein Beweis von Vertraulichkeit ſein; aber heißen Sie mich nicht Citoyen; pfui! das iſt eine re⸗ volutionäre Bezeichnung und in der wildeſten Schre⸗ ckenszeit habe ich meine Frau immer Madame Cade⸗ nette genannt; jetzt entſchuldigen Sie mich, daß ich Sie nicht erwartete: aber es iſt heute Abend ein großer Ball, der Opferball“— der Perruquier legte großen Nachdruck auf das letzte Wort,„ich hätte geglaubt, der Herr Baron werde auch dort ſein.“ „Ha!“ machte Morgan lachend,„Sie ſind alſo noch immer Royaliſt, Cadenette?“ Der Perruquier legte tragiſch ſeine Hand auf ſein Herz. — 74 „Herr Baron,“ ſagte er,„das iſt nicht nur eine Gewiſſensſache, ſondern eine Staatsſache.“ „Gewiſſensſache! das begreife ich lieber Cade⸗ nette; aber Staatsſache! was zum Teufel hat die ehrenwerthe Corporation der Perruquiers mit der Politik zu thun?“ „Wie Herr Baron,“ ſagte Cadenette, indem er ſeinen Kunden zu cviffiren begann,„Sie fragen mich das? Sie, ein Ariſtokrat?“ „Scht! Cadenette!“ „Herr Baron, unter Cidevants kann man ſich dergleichen wohl ſagen.“ „So ſind Sie alſo ein Cidevant.“ „So ſehr es nur Jemand ſein kann. Welche Cviffure wünſcht der Herr Baron?“ „Hundsohren und die Haare nach hinten ge⸗ ſtrichen.“ „Mit ein klein wenig Puder?“ „Etwas mehr, wenn Sie wollen Cadenette.“ „Ach mein Herr, wenn man bedenkt, daß ſeit fünf Jahren man nur bei mir Puder à 1a Mare- chal fand, Herr Baron; wegen einer Schachtel Pu⸗ der wurde man guillotinirt.“ „Ich kannte Leute, die wegen geringerer Dinge guillotinirt wurden. Aber erklären Sie mir, wie Sie dazu kommen, ein Cidevant zu ſein. Ich gebe mir gerne von Allem Rechenſchaft.“ „Das iſt ſehr einfach, Herr Baron. Wir halten die hohen Claſſen der Geſellſchaft an den Haaren; ich habe, wie Sie mich hier⸗ſehen, einſt Frau von Polignac, mein Vater Madame Dubarry, mein Großvater Frau von Pompadour friſirt; wir hatten — — 75 unſre Privilegien, mein Herr. Wir trugen den Degen. Zwar waren, um Unglücksfälle, die zwiſchen Hitzköpfen, wie die unſrigen, vorkommen könnten, zu vermeiden, die meiſte Zeit unſre Degen von Holz, aber wenn es auch nicht die Sache ſelbſt war, ſo war es wenigſtens das Sinnbild. Ja, Herr Baron,“ fuhr Cadenette mit einem Seufzer fort,„jene Zeit war eine ſchöne Zeit, nicht blos für die Perruquiers, ſondern für Frankreich. Wir wußten alle Geheim⸗ niſſe, waren mit bei allen Intriguen, man verbarg nichts vor uns; und es gibt kein Beiſpiel Herr Ba⸗ ron, daß ein Geheimniß von einem Perruquier ver⸗ rathen worden wäre. Sehen Sie, unſre arme Kö⸗ nigin, wem hat ſie ihre Diamanten anvertraut? dem großen, dem berühmten Leonard, dem Fürſten der Coiffure! Nun, Herr Baron, zwei Männer genügten, um das Gerüſte einer Macht niederzureißen, die in den Perrücken Ludwig XIV., in den„Puffen“ der Regentſchaft, in den„Crepes“ Ludwig XV. und in den„Galerien“ Marien Antoinettens ruhte.“ „Und dieſe beiden Männer, dieſe beiden Nivel⸗ leurs, dieſe beiden Revolutionärs, wer ſind ſie, Ca⸗ denette? damit ich ſie, ſoweit es in meinen Kräften ſteht, der öffentlichen Verachtung preißgebe.“ „Herr Rouſſeau und der Citoyen Talma: Herr Rouſſeau, der den abgeſchmackten Satz ausſprach: „Kehrt zur Natur zurück!' und der Citoyen Talma, der die Tituscoiffuren erfand.“ „Das iſt wahr, Cadenette, das iſt wahr.“ „Mit dem Directorium tauchte wieder einige Hoffnung auf. Herr Barras hat den Puder nie aufgegeben und der Citoyen Moulin behielt den Zopf 76 bei; aber Sie wiſſen, der 18. Brumaire hat alles vernichtet, ſelbſt das Mittel, die Haare des Herrn Bonaparte kraus zu machen!... Ah! ſehen Sie,“ fuhr Cadenette fort, indem er die Hundsohren ſeines Kunden wölbte;„wahrhaftig, das ſind ächte Ariſtv⸗ kratenhaare, weich und fein wie Seide, und dabei halten ſie das Eiſen aus, daß man glauben ſollte, Sie tragen eine Perrücke. Betrachten Sie ſich, Herr Baron, Sie wollen ſchön ſein, wie Adonis. Ach! wenn Venus Sie geſehen, wäre Mars nicht auf Adonis eiferſüchtig geweſen.“ Und als Cadenette ſeine Arbeit beendigt hatte und mit ſeinem Werke zufrieden war, bot er Morgan einen Handſpiegel, in welchem dieſer ſich mit Wohl⸗ gefallen betrachtete. „Ja, ja,“ ſagte er zu dem Perruquier,„wahr⸗ haftig, mein Lieber, Sie ſind ein Künſtler; behalten Sie dieſe Coiffure im Kopfe: wenn man mir jemals den Hals abſchneidet, wobei wahrſcheinlich Frauen ſein werden, ſo wähle ich mir dieſe Cvif⸗ ure.“ „Der Herr Baron will, daß man ihn beweint,“ ſagte der Perruquier ernſt. „Ja, inzwiſchen aber, mein lieber Cadenette, haben Sie hier einen Thaler für die Mühe, die Sie ſich gegeben. Haben Sie die Güte, wenn Sie hin⸗ unter gehen, zu ſagen, daß man einen Wagen für mich hole.“ Cadenette ſtieß einen Seufzer aus. „Herr Baron,“ ſagte er,„es gab eine Zeit, wo ich Ihnen geantwortet hätte:„Zeigen Sie ſich bei Hofe mit dieſer Cviffure und ich bin bezahlt; aber ——, —— 77 es gibt keinen Hof mehr, Herr Baron, und man muß leben; Sie ſollen Ihren Wagen haben.“ Nach dieſen Worten ſtieß Cadenette einen zwei⸗ ten Seufzer aus, ſteckte den Thaler Morgans in die Taſche, machte die tiefe Verbeugung der Perruguiers und der Tanzmeiſter und ließ den jungen Mann ſeine Toilette vollenden. Nachdem einmal die Coiffure in Ordnung, war dieß raſch geſchehen; die Cravatte allein nahm etwas Zeit in Anſpruch, aber Morgan zog ſich als erfah⸗ rener Mann leicht aus dieſer ſchwierigen Sache und Punkt eilf Uhr war er bereit, in den Wagen zu ſteigen. Cadenette hatte ſeinen Auftrag nicht vergeſſen: ein Fiaker wartete an der Thüre. Morgan ſprang hinein und rief:„Rue du Bac Nr. 60.“ Der Fiaker fuhr nach der Rue de Grenelle, von da die Rue du Bac hinauf und hielt bei Nr. 60. „Hier iſt die doppelte Fahrtaxe, mein Freund,“ ſagte Morgan,„aber unter der Bedingung, daß Sie nicht vor dieſer Thüre ſich aufſtellen.“ Der Fiaker erhielt drei Franken und verſchwand an der Ecke der Rue de Varrenes. Morgan richtete die Blicke auf die Fagade des Hauſes: man hätte glauben ſollen, er habe ſich in der Thüre getäuſcht, ſo dunkel und ſtill war die Fagade. Morgan zögerte indeß nicht; er pochte auf eine beſtimmte Weiſe an die Thüre. Dieſe öffnete ſich alsbald. 78 Im Hintergrund des Hofes lag ein großes hell erleuchtetes Gebäude. Der junge Mann richtete ſeine Schritte nach dem Gebäude; je näher er kam, deſto deutlicher ver⸗ nahm er Muſikklänge. Er ſtieg eine Treppe hinauf und befand ſich in der Garderobe. Er gab dem mit der Beſorgung der Ueberkleider beauftragten Controleur ſeinen Mantel. „Hier eine Nummer,“ ſagte der Controleur zu ihm,„legen Sie die Waffen in dem Gange nieder, doch ſo, daß Sie ſie wieder erkennen.“ Morgan ſteckte die Nummer in die Taſche ſeines Beinkleids und trat in einen großen Gang, der in ein Arſenal umgewandelt war. Es befand ſich hier eine wahre Waffenſammlung von allen Arten von Piſtolen, Donnerbüchſen, Cara⸗ binern, Degen, Dolchen. Da der Ball plötzlich durch einen Ueberfall der Polizei unterbrochen werden konnte, war es nöthig, daß jeder Tänzer augenblick⸗ lich ſich in einen Streiter verwandeln konnte. Seiner Waffen entledigt, trat Morgan in den Ballſaal. Wir zweifeln, daß die Feder im Stande wäre, unſern Leſern eine Idee von dem Anblick zu geben, den dieſer Ball bot. Im Allgemeinen wurde man, wie dies ſchon ſein Name andeutet, auf dieſem Ball nur Kraft des ſelt⸗ ſamen Rechtes zugelaſſen, das den Eintretenden die von dem Convent oder der Gemeinde von Paris auf das Schaffot geſchickten, von Collot d'Herbois niedergeſchoſſenen, von Carrier ertränkten Verwandten 79 gaben; da jedoch im Ganzen genommen die während der drei letzten Jahre Guillotinirten die anderen Opfer an Zahl überwogen, ſo war auch die Tracht, welche die Majorität bildete, die Tracht der Opfer des Schaffots. So trug der größte Theil der jungen Mädchen, deren Mütter und Schweſtern unter der Hand des Henkers gefallen waren, die Kleidung, welche ihre Mütter oder Schweſtern bei dem Gang zum Tode ge⸗ tragen, das heißt, einen weißen Rock, ein rothes Halstuch und die Haare rund am Halſe abge⸗ ſchnitten. Einige hatten, um dieſer bereits ſehr charakteriſti⸗ ſchen Kleidung noch eine bezeichnendere Einzelnheit hinzuzufügen, einen Faden von rother Seide, fein wie die Schheide eines Raſirmeſſers, um den Hals geſchlungen, welcher wie bei Gretchen im Fauſt am Sabbat die Stelle bezeichnete, wo das Meſſer zwi⸗ e der Beugemuskel und dem Schlüſſelbein durch⸗ nitt. Die Männer, die ſich im gleichen Falle befanden, hatten den Kragen ihres Frackes zurückgeſchlagen, ihren Hemdkragen frei herabfallen laſſen und trugen den Hals nackt, die Haare kurz abgeſchnitten. Aber viele hatten andere Rechte, den Ballſaal zu betreten, als daß ſie Opfer in ihrer Familie be⸗ ſaßen, viele hatten ſelbſt Opfer gemacht. Dieſe machten mehrere Rechtsanſprüche geltend. Es waren Männer von vierzig bis fünfundvier⸗ zig Jahren zugegen, welche in den Boudoirs der ſchönen Courtifanen des achtzehnten Jahrhunderts erzogen worden, die Madame Dubarry in den Man⸗ 80 ſarden von Verſailles, Sophie Arnoult bei Herrn von Lauraguais, die Duthé bei dem Grafen Artois gekannt und der Feinheit des Laſters den Firniß aufgetragen, mit dem ſie ihr Ungeſtüm bedeckten. Sie waren noch jung und ſchön; ſie traten, die duf⸗ tenden Haare und die parfumirten Taſchentücher ſchüttelnd, in den Salon und es war dies keine un⸗ nöthige Vorſicht, denn wenn ſie nicht Ambra oder Epheukraut gerochen, ſo würden ſie Blut gerochen haben. Es waren Männer von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren zugegen, welche zu der Brüderſchaft der„Rächer“ gehörten, die von der Monomanie des Meuchelmords, der Wuth des Erdroſſelns behertſcht ſchienen, die lauter Blutdurſt waren und dieſen Durſt nicht löſchen konnten; die, wenn ihnen der Befehl gegeben war, zu morden, den mordeten, der ihnen bezeichnet worden, mochte er Freund ſein oder Feind; die den Mord wie ein Rechengeſchäft abmachten; die die blutige Tratte, welche den Kopf dieſes oder jenes Jakobiners verlangte, acceptirten und ihn nach Sicht bezahlten. Es waren junge Männer von achtzehn bis zwan⸗ zig Jahren zugegen, beinahe noch Kinder; aber wie Achilles mit dem Marke wilder Thiere, wie Pyrrhus mit Bärenfleiſch aufgezogen; es waren Banditenzög⸗ linge Schillers, Vehmrichterlehrlinge, es war jene ſeltſame Generation, welche auf die großen politiſchen Convulſionen folgt, wie die Titanen dem Chaos, die Hydern der Sündfluth, wie endlich die Geier und Raben einem Gemetzel. Es war das eherne, theilnahmloſe, unverſöhnliche, . gen ein mie dar n is iß 81 unbeugſame Geſpenſt, das man die Vergeltung nennt. Und dieſes Geſpenſt verkehrte unter den Leben⸗ den, es trat in ihre vergoldeten Salons, es machte ein Zeichen mit dem Blicke, eine Geberde mit der Hand, eine Bewegung mit dem Kopfe und man folgte ihm. Man ſpielte, ſagt der Schriftſteller, dem wir dieſe ſo unbekannten und doch ſo wahren Einzelnheiten entnehmen, man ſpielte Bouillote um eine Ausrot⸗ tungspartie. Die Schreckenszeit hatte einen großen Cynismus in ihrer Kleidung, eine lacedämoniſche Strenge in ihren Mahlen, die tiefſte Verachtung eines wilden Volkes gegen alles, was Kunſt und Schauſpiel heißt, affektirt. Die thermidoriſche Reaktion dagegen war elegant, putzſüchtig und üppig; ſie erſchöpfte allen Luxus und alle Genüſſe, wie unter der Regierung Ludwig XV., nur fügte ſie den Luxus der Rache, den Genuß des Blutes hinzu. Freron gab ſeinen Namen dieſer ganzen Jugend, die man die Jugend Frerons oder die goldene Jugend nannte. Warum hatte Freron mehr als ein anderer dieſe ſeltſame unglückſelige Ehre? Ich kann es nicht auf mich nehmen, dies zu ſa⸗ gen; meine Nachforſchungen,— und wenn ich zu einem Zwecke gelangen will, das werden die, welche mich kennen, mir gerne bezeugen, iſt mir keine Mühe zu theuer— meine Nachforſchungen haben mich nicht darüber belehrt. Dumas, Lehu. II. 6 82 Es war eine Laune der Mode; die Mode iſt eine noch launenhaftere Göttin, als das Glück. G Unſere Leſer wiſſen heutzutage Laum, wer dieſer di Freron war; und der, welcher die Zielſcheibe von. Voltaires Spott war, iſt bekannter, als der, welcher» der Patron jener eleganten Meuchelmörder. Der Eine war der Sohn des Andern. Louis Stanislas war der Sohn von Eliſe Catherine; der Vater ſtarb vor Zorn, als er ſein Journal durch den 3 Siegelbewahrer Miromesnil unterdrückt ſah. Der Andere, gereizt durch die Ungerechtigkeiten, deren Opfer ſein Vater geworden, hatte anfangs mit ſtel Eifer ſich zu den revolutionären Prinzipien bekannt Er wo und an die Stelle des Année littéraire, das im t Jahre 1775 aufgehoben und ſtrangulirt worden, hatte er 1789 den Orateur du peuple gegründet. Er ward als außerordentlicher Agent nach dem Süden der, geſchickt und Toulon und Marſeille bewahren noch der das Andenken an ſeine Grauſamkeiten. Alles wurde ſein jedoch vergeſſen, als er ſich am 9. Thermidor gegen 4 Robespierre erklärte und den Coloß, der ſich vom Apoſtel zum Gott gemacht, von dem Altar des gött⸗ lichen Weſens ſtürzen half. Freron, vom Berge B verſtoßen, der ihn den plumpen Kinnbacken Moſes Bi Bayles überwies; Freron, mit Verachtung von der Gironde zurückgeſtoßen, die ihn dem Fluche Isnards* Snk auslieferte; Freron, wie der furchtbare und maleri⸗ wt ſche Redner du Var ſagte, Freron, ganz nackt und anhe überzogen mit dem Ausſatz des Verbrechens, wurde gut durch die Thermidorianer aufgenommen, geliebkoſt, beid und gehegt; von dem Lager dieſer ging er in das der Royaliſten und ſah ſich plötzlich, ohne einen gn * 83 Grund zu dieſer traurigen Ehre, an die Spitze einer durch Jugend, Energie und Rachſucht mächtigen Partei zwiſchen die Leidenſchaften der Zeit, welche zu Allem führten, und die Unmacht der Geſetze geſtellt, welche Alles duldeten. Unter dieſe goldene Jugend, dieſe Jugend Fre⸗ rons, welche mit der Zunge anſtieß, J und G wie 3 ausſprach und bei jeder Gelegenheit ihr Ehren⸗ wort gab, trat Morgan. All' dieſe Jugend war, das muß man einge⸗ ſtehen, trotz der Kleidung, die ſie trug und trotz der Erinnerungen, welche dieſe Kleidung hervorrief, ausgelaſſen heiter. Es mag unbegreiflich ſcheinen, aber es war ſo. Man erkläre, wenn man kann, jenen Todtentanz, der, im Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, mit der Wildheit eines von Muſard dirigirten Galopps ſeine Reigen ſogar auf dem Kirchhof der Unſchuldi⸗ gen entfaltend, fünfzigtauſend ſeiner Todtentänzer mitten unter den Gräbern zu Boden fallen ließ. Morgan ſuchte offenbar Jemanden. Ein junger Elegant, der ſeine Finger in eine Bonbonnière von Perlmutter tauchte, die ihm ein reizendes Opfer darbot, mit einem von Blut gerötheten Finger, dem einzigen Theil ſeiner zarten Hand, der von keiner Mandelſeife berührt wurde, wollte ihn anhalten, um ihm Einzelheiten über die Expedition mitzutheilen, von der er dieſe blutige Trophäe zurück⸗ gebracht; aber Morgan lachte, drückte diejenige ſeiner beiden Hände, welche einen Handſchuh trug und be⸗ gnügte ſich, zu ihm zu ſagen: „Ich ſuche Jemanden.“ 8⁴ „Wichtige Sache?“ „Genoſſenſchaft Jehus.“ Der junge Mann mit dem blutigen Finger ließ ihn vorüber. Eine anbetungswürdige Furie, wie Corneille ge⸗ ſagt hätte, die ihre Haare mit einem Dolche zuſam⸗ mengehalten, deſſen Spitze mehr als nadelfein war, verſperrte ihm den Weg, indem ſie zu ihm ſagte: „Morgan, Sie ſind der ſchönſte, der tapferſte und der Liebe aller Anweſenden würdigſte Mann. Was haben Sie der Frau zu antworten, die Ihnen dies ſagt?“ „Ich habe ihr zu antworten, daß ich liebe,“ ſagte Morgan,„und daß mein Herz zu eng iſt für meinen Haß und zweierlei Liebe.“ Und er ſetzte ſeinen Weg fort. Zwei junge Leute, welche ſich ſtritten, indem der eine ſagte: Es iſt ein Deutſcher, und der andere: Es iſt ein Engländer, hielten Morgan an. „Ah! ja,“ ſagte der Eine,„das iſt der Mann, der uns aus der Verlegenheit helfen kann.“ „Nein,“ antwortete Morgan, indem er die Barrière zu durchbrechen ſuchte, welche ſich vor ihm gebildet. „Nur ein Wort ſollſt Du uns antworten,“ ſagte der Andere.„Wir haben ſo eben gewettet, Saint Amand und ich, daß der in der Karthauſe von Seil⸗ lon Verurtheilte und Hingerichtete ein Deutſcher ſei, ſo behauptete er; ein Engländer, ſo behaupte ich.“ „Ich weiß nicht,“ antwortete Morgan;„ich war nicht dabei; wendet euch an Hector, der an jenem Abende präſidirte.“ „ ſich zur An Lif alle ließ am⸗ ar, rſte nn. nen be,“ für „ 85 „So ſage uns, wo iſt Hector?“ „Sage mir vielmehr, wo iſt Tiffanges; ich ſuche ihn.“ „Dort unten im Hintergrund,“ ſagte der junge Mann, auf einen Punkt des Saales deutend, wo der Contretanz am heiterſten und lebhafteſten hüpfte. „Du wirſt ihn an ſeiner Weſte erkennen; auch ſein Beinkleid iſt nicht zu verachten, ich werde mir ein gleiches von der Haut des erſten Matharon machen laſſen, mit dem ich zu thun habe.“ Morgan nahm ſich nicht die Zeit zu fragen, was die Weſte von Tiffanges Bemerkenswerthes habe, und durch welchen bizarren Schnitt oder koſtbaren Stoff ſie ſich die Anerkennung eines in dergleichen Dingen fo erfahrenen Menſchen verdient, als der war, welcher mit ihm ſprach. Er ging gerade auf den ihm von dem jungen Manne angedeuteten Punkt zu und ſah den, welchen er ſuchte, einen Pas d'été tanzen, der nach ſeiner Leichtigkeit und ſeiner„Trico⸗ tage“, man verzeihe mir dieſen techniſchen Ausdruck, aus den Salons von Veſtris ſelbſt hervorgegangen zu ſein ſchien. Morgan machte dem Tänzer ein Zeichen. Tiffanges blieb augenblicklich ſtehen, verbeugte ſich vor ſeiner Tänzerin, führte ſie an ihren Platz zurück, entſchuldigte ſich mit dem Drängenden der Angelegenheit, die ihn rufe, und nahm den Arm torgans. Es iſt unnütz, wenn wir ſagen, daß der Name Tiffanges, den ein altes Schloß in Bocage trägt, wie alle Namen der verbündeten Royaliſten, die wir in 86 dieſem Buche auftreten ſehen werden, ein falſcher Name iſt, der den ächten Namen zu verdecken dient. Die beiden jungen Leute traten in ein Kabinet, das für Konferenzen von der Art vorbehalten ſchien, wie diejenige war, zu der ſie die Einſamkeit auf⸗ ſuchten. „Haben Sie ihn geſehen,“ fragte Tiffanges Morgan. „Ich verlaſſe ihn ſo eben,“ antwortete dieſer. „Und Sie haben ihm den Brief des Königs übergeben?“ „Ihm ſelbſt.“ „Hat er ihn geleſen?“ „Er hat ihn augenblicklich geleſen.“ „Und er gab eine Antwort?“ „Zwei, eine mündliche und eine ſchriftliche, die letztere macht die erſtere überflüſſig.“ „Und Sie haben ſie?“ „Hier iſt ſie.“ ⸗ „Wiſſen Sie den Inhalt?“ „Es iſt eine abſchlägige Antwort.“ „Poſitiv?“ „So poſitiv als nur möglich.“ „Weiß er, daß von dem Augenblick, wo er uns jede Hoffnung nimmt, wir ihn als Feind behandeln werden?“ „Ich habe es ihm geſagt.“ „Und er antwortete?“ zer hat nicht geantwortet, ſondern die Achſeln ezuckt.“ „Welche Abſicht ſchreiben Sie ihm zu?“ „Das iſt nicht leicht zu ahnen.“ ₰ cher ent. net, ien, auf⸗ iges nigs die uns deln hſeln 87 „Sollte er die Abſicht haben, die Macht in Hän⸗ den zu behalten?“ „Das ſcheint mir der Fall zu ſein.“ „Die Macht, aber nicht den Thron.“ „Warum nicht den Thron?“ „Er würde ſich doch nicht zum König machen wollen.“ „Olich kann Ihnen nicht antworten, daß er ſich gerade zum König machen will; aber ich antworte Ihnen, daß er ſich zu Etwas machen wird.“ „Er iſt freilich ein Soldat, der Glück hat.“ „Mein Lieber, es gilt in dieſem Augenblick mehr, der Sohn ſeiner Thaten, als der Enkel eines Königs zu ſein.“ Der junge Mann blieb nachdenklich ſtehen. „Ich werde Alles an Cadoudal berichten,“ machte er. „Und fügen Sie hinzu, daß der erſte Conſul ſelbſt die Worte ausgeſprochen: Ich halte die Vendée in meiner Hand, und wenn ich will, wird in drei Monaten dort keine Lunte mehr brennen.“ „Das iſt gut, daß wir das wiſſen.“ „Sie wiſſen es, damit Cadoudal es wiſſe, und ſuchen Sie die Sache in Ihrem Intereſſe zu be⸗ nützen.“ In dieſem Momente hörte die Muſik plötzlich auf; das Geräuſch der Tänzer erſtarb; es entſtand eine große Pauſe, und inmitten dieſer wurden von einer ſonoren und deutlichen Stimme vier Namen ausgeſprochen. Dieſe vier Namen waren Morgan, Guyon, Amiet und Leprétre. „Verzeihung,“ ſagte Morgan zu Tiffanges,„es bereitet ſich wahrſcheinlich ein Unternehmen vor, zu dem ich gehöre; ich muß Ihnen deßhalb zu meinem großen Bedauern Lebewohl ſagen: nur laſſen Sie mich, ehe ich Sie verlaſſe, Ihre Weſte und Ihre Beinkleider, von denen man mir geſprochen, genau anſehen; es iſt eine Liebhaberneugierde, die Sie hoffentlich entſchuldigen werden.“ „Wie ſo,“ machte der junge Vendéer,„mit dem größten Vergnügen.“ Und er näherte ſich den Candelabern, welche auf dem Kamine brannten, mit einer Eile und Zuvor⸗ kommenheit, die ſeiner Höflichkeit alle Ehre machten. Weſte und Beinkleider ſchienen vom ſelben Stoffe zu ſein; aber welcher Art war dieſer Stoff? Dieſe Frage mußte ſelbſt den geübteſten Kenner in Verle⸗ genheit ſetzen. Das Beinkleid war ein gewöhnliches feſtanliegen⸗ des Beinkleid von zarter Farbe, welche zwiſchen Cha⸗ mois und Fleiſchfarbe ſpielte; ſie hatte nichts Be⸗ merkenswerthes, als daß ſie ohne Naht war und doch feſt anſchloß. Die Weſte hatte dagegen zweierlei charakteriſtiſche Eigenſchaften, welche die Aufmerkſamkeit mehr auf ſie zogen: ſie hatte drei Löcher von Kugeln, welche man nicht zugenäht, ſondern durch einen Karmin noch gehoben, der das Blut täuſchend nachahmte. Außerdem war auf die linke Seite das blutende Herz gemalt, das den Vendéern als Erkennungszei⸗ chen diente. Morgan betrachtete die beiden Gegenſtände mit en⸗ och ſche auf che nin nde zei⸗ mit 89 der größten Aufmerkſamkeit, aber die Unterſuchung war fruchtlos. „Wenn ich nicht ſo große Eile hätte,“ ſagte er, „ſo müßte ich die Sache genau wiſſen und dieſe Wiſ⸗ ſenſchaft mir verdanken, aber Sie haben gehört, es ſind ohne Zweifel Mittheilungen an das Comité ge⸗ kommen; Sie können Cadoudal Geld anzeigen, aber man muß es holen. Ich befehlige gewöhnlich dieſe Art von Expeditionen, und wenn ich zögerte, würde ein Anderer an meine Stelle treten. Sagen Sie mir doch, von was iſt das Zeug, in das Sie geklei⸗ det ſind?“ „Mein lieber Morgan,“ ſagte der Vendéer,„Sie haben vielleicht gehört, daß mein Bruder in Breſſuire gefangen genommen und durch die Blauen erſchoſſen wurde*)?“ „Ja, ich weiß es.“ „Die Blauen waren auf dem Rückzuge begriffen; ſie ließen die Leiche an der Ecke einer Hecke zurück; wir gingen ihnen ſcharf zu Leibe und kamen ihnen auf die Ferſen. „Ich fand die Leiche meines Bruders noch warm. „In eine ſeiner Wunden war ein Baumaſt mit der Inſchrift geſteckt: „Erſchoſſen als Räuber von mir Elaude Flageo⸗ let, Corporal im 3. Bataillon von Paris.“ „Ich nahm die Leiche meines Bruders auf; ich *) Die Blauen ſind die Soldaten der Republik während der Kriege in der Vendée, im Gegenſatz zu den Weißen oder Royaliſten. ließ ihr die Haut von der Bruſt abziehen, dieſe Haut, die, von drei Löchern durchbohrt, ewig vor meinen Augen um Rache ſchreien ſollte und 25 mir meine Kriegsweſte daraus machen.“ „Ah, ſo!“ machte Morgan mit einem gewiſſen Erſtaunen, in welches ſich zum erſten Male etwas wie Schrecken miſchte;„ah! dieſe Weſte iſt von der Haut Ihres Bruders gemacht! Und das Bein⸗ kleid?“ „Ah!“ antwortete der Vendéer:„das Beinkleid, das iſt etwas Anderes, denn es iſt von der Haut des Citoyen Claude Flageolet, Corporal im 3. Ba⸗ taillon von Paris.“ In dieſem Augenblicke erſcholl dieſelbe Stimme, welche zum zweiten Male und in derſelben Ordnung die Namen Morgan, Guyon, Amiet und Leprétre aufrief. Morgan ſtürzte aus dem Cabinet. L Guyon, Amiet und Leprẽétre. Morgan durchſchritt den Saal in ſeiner ganzen Länge und begab ſich nach einem kleinen Salon, der ſich auf der andern Seite des Garderobezimmers befand. Seine drei Genoſſen Leprétre, Amiet und Guyon erwarteten ihn bereits. Bei ihnen befand ſich ein junger Mann, welcher eſe or nir en as er in⸗ ut a⸗ ne, ng tre en er on er 91¹ die Tracht eines Kabinetscouriers trug, wie ſie die der Regierung hatten, nämlich von Grün und Gold. Er trug ſchwere ſtaubige Stiefel, eine Mütze mit Schild und die Depeſchentaſche, welche die Ausrü⸗ ſtung eines Kabinetscouriers bilden. Eine Karte von Caſſini, auf welcher man die kleinſten Unebenheiten des Terrains angegeben fand, lag auf einem Tiſche. Ehe wir ſagen, was der Courier hier that und zu welchem Zwecke die Karte aufgelegt war, wollen wir einen Blick auf die drei neuen Perſönlichkeiten werfen, deren Ramen ſo eben in dem Ballſaal er⸗ ſchollen waren, und die im Verlauf dieſer Geſchichte eine bedeutende Rolle zu ſpielen beſtimmt ſind. Der Leſer kennt bereits Morgan, den Achilles und Paris dieſer ſeltſamen Verbindung. Morgan mit ſeinen blauen Augen, ſeinen ſchwarzen Haaren, ſeiner hohen und edel gebauten Geſtalt, ſeiner anmu⸗ thigen, lebhaften und geſchmeidigen Tournüre, ſei⸗ nem Auge, das man nie ohne einen belebten Blick geſehen, und ſeinem Munde mit friſchen Lippen und weißen Zähnen, den man nie ohne ein Lächeln er⸗ blickt, ſeiner Phyſiognomie, die man nie vergeſſen konnte, wenn man ſie einmal geſehen, die aus einer Miſchung von Elementen beſtand, welche einander fremd zu ſein ſchienen, und aus der zu gleicher Zeit Kraft und Zartheit, Weichheit und Energie ſprach, und all' dies gemiſcht zum befremdlichen Ausdruck einer Heiterkeit, welche bisweilen erſchreckend wirkte, wenn man bedachte, daß dieſer Menſch immer dem Tode ins Auge ſah und zwar dem ſchrecklichſten Tode, dem auf dem Schaffot. 92 Leprétre war ein Mann von achtundvierzig Jah⸗ ren mit dichtem, graulichem Haare, dabei aber einem Backenbart und Brauen von der Schwärze des Eben⸗ holzes; die Augen waren von jener bewundernswer⸗ then Eigenthümlichkeit der indianiſchen Augen, wenn ſie auf den Marronneger zielen. Er war ein ehe⸗ maliger Dragonercapitän, herrlich gebaut für den phyſiſchen und moraliſchen Kampf; ſeine Muskeln deuteten auf große Kraft, ſeine Phyſiognomie auf Beharrlichkeit. Im Uebrigen beſaß er eine edle Tournüre, große Eleganz der Manieren, war wie ein Petit⸗maitre parfümirt und roch aus Manier oder aus üppiger Gewohnheit an einem Fläſchchen mit engliſchen Salzen oder an einer Riechbüchſe von ver⸗ goldetem Silber, welche die feinſte Parfüme ent⸗ hielt. Guyon und Amiet, deren wahre Namen man ſo wenig kannte, als die von Leprétre und Morgan, hießen gewöhnlich unter den Genoſſen„die Unzer⸗ trennlichen“. Man denke ſich Damon und Pithyas, Euryalus und Niſus, Oreſt und Pylades mit zwei⸗ undzwanzig Jahren; der Eine heiter, geſprächig, lär⸗ mend; der Andere traurig und ſchweigſam, träume⸗ riſch und Alles theilend, die Gefahr, das Geld, die Geliebte; Beide ſich durch einander ergänzend, in ſich die Grenzen aller Ertreme erreichend, Jeder in der Gefahr ſich ſelbſt vergeſſend, um den Andern zu be⸗ ſchützen, wie die jungen Spartiaten von der heiligen Schaar,— und man hat eine Idee von Guyon und Amiet. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß alle drei Genoſſen Jehus waren. h⸗ n⸗ W N — 93 Sie waren, wie Morgan vermuthet, in Sachen der Genoſſenſchaft zuſammenberufen. Morgan ging bei ſeinem Eintreten gerade auf den falſchen Courier zu und ſchüttelte ihm die Hand. „Ah! lieber Freund,“ ſagte dieſer mit einer“ Bewegung der Sitztheile, womit er andeutete, daß man nicht ungeſtraft, wenn man auch ein noch ſo guter Reiter iſt, fünfzig Meilen auf Poſtkleppern macht,„Ihr führt ein hübſches Leben, Ihr Pariſer, und im Vergleich mit Euch ſaß Hannibal in Capua auf Stacheln und Dornen; ich warf nur im Vor⸗ beigehen einen Blick über den Ballſaal, wie es ſich ein armer Kabinetscourier etwa erlauben darf, der Depeſchen des Generals Maſſena für den erſten Con⸗ ſul hat. Ihr habt da, wie mir ſcheint, eine vortreffliche Auswahl von Opfern; aber Ihr müßt vor der Hand, meine armen Freunde, auf alles das verzichten; es iſt unangenehm, es iſt traurig, es iſt zum Verzweifeln, aber das Haus Jehu vor allem.“ „Mein lieber Haſtier,“ ſagte Morgan. „Holla!“ ſagte Haſtier,„keine Familiennamen, wenns gefällig, meine Herren. Die Familie Haſtier iſt eine ehrenwerthe Familie in Lyon, welche auf dem Place des Terreaux vom Vater auf den Sohn Geſchäfte macht und die ſich ſehr gedemüthigt fühlen würde, wenn ſie erführe, daß ihr Erbe Kabinets⸗ courier geworden und ſich mit dem Nationalquerſack auf der Landſtraße umhertreibe; Lecog, ſo viel Ihr wollt, aber keinen Haſtier; ich kenne keinen Haſtier. Und Sie, meine Herren,“ fuhr der junge Mann fort, indem er ſich an Guyon, Amiet und Leprétre wandte,„kennen Sie ihn?“ 9⁴ „Nein,“ antworteten dieſe drei jungen Leute,„und wir bitten für Morgan, der ſich irrte, um Entſchul⸗ digung.“ „Mein lieber Lecoq,“ machte Morgan. „Nun gut,“ unterbrach ihn Haſtier,„auf dieſen Namen höre ich. Was wollteſt Du mir ſagen?“ „Ich will Dir ſagen, daß wenn Du nicht der Antipode vom Gotte Harpokrates wäreſt, den die Alten mit einem Finger auf dem Munde darſtellten, ſo wüßten wir, warum Du Dich in mehr oder min⸗ der blühenden Ergüſſen gefällſt; wozu dieſer Aufzug, und wozu dieſe Karte?“ „Nun bei Gott! Wenn Du es noch nicht weißt, junger Mann, ſo iſt das Deine Schuld und nicht die meine. Wenn man Dich nicht hätte zweimal rufen müſſen, weil Du ohne Zweifel Dich mit einer ſchö⸗ nen Eumenide verloren hatteſt, welche von einem ſchönen, jungen, lebenden Manne Rache für alle ver⸗ ſtorbenen Verwandten verlangte, ſo wäreſt Du bereits ebenſo weit, als dieſe Herren, und ich ſähe mich nicht genöthigt, meine Cavatine noch einmal zu ſingen. So höre denn: es handelt ſich nämlich um einen Reſt des Schatzes der Bären von Bern, welchen auf Befehl des Generals Maſſena der General Lecourbe an den Citoyen erſten Conſul abgeſandt. Lumpige hunderttauſend Franken, welche man nicht durch den Jura gehen laſſen will, und zwar wegen der Par⸗ tiſane des Herrn von Teyſſonnet, die, wie man be⸗ hauptet, im Stande wären, ſich derſelben zu bemäch⸗ tigen, und die man über Genf, Bourg, Maſſon, Di⸗ jon und Troyes expedirt; eine weit ſicherere Route, wie man ſich überzeugen wird.“ —— ce——— d l⸗ 95 „Sehr gut!“ „Die Sache wurde uns von Renard aviſirt, der alsbald von Ger aufbrach, die Nachricht an Hiron⸗ delle beförderte, welcher augenblicklich in Chalons⸗ ſur⸗Marne ſtationirt, und der oder die ſie mir in Auxerre mittheilte, und ich, Lecog, habe ſo eben fünf⸗ undvierzig Meilen zurückgelegt, um ſie Euch mitzu⸗ theilen. Die ſecundären Einzelnheiten ſind folgende. Der Schatz ging von Bern am letzten Octodi, dem 28. Nivoſe des Jahres VIII der dreifachen und theil⸗ baren Republik ab. Er muß heute am Duodi in Genf ankommen; morgen am Dridi geht er mit der Diligence von Genf nach Bourg, ſo daß, wenn meine lieben Söhne Iſraels noch heute Nacht abreiſen, ſie übermorgen, am Quintidi, auf den Schatz der Her⸗ ren Bären zwiſchen Dijon und Troyes gegen Bar⸗ ſur⸗Seine ſtoßen können. Was ſagen Sie davon, meine Herren?“ „Verzeihung,“ machte Morgan,„was wir davon ſagen— darüber kann, glaube ich, kein Zweifel ſein — wir ſagen, wir würden uns nie erlaubt haben, das Geld der Herren Bären von Bern anzurühren, ſo lange es in den Kiſten der Herren geblieben, aber von dem Augenblicke, da es einmal ſeine Beſtimmung gewechſelt, ſehe ich keinen Grund, warum es dieſelbe nicht auch zum zweiten Male wechſeln ſollte; aber wie werden wir von hier abreiſen?“ „Haben Sie deènn die Poſtchaiſe nicht?“ „Doch, ſie iſt hier in der Remiſe.“ „Haben Sie nicht zwei Pferde, um Sie bis zur nächſten Station zu bringen?“ „Sie ſtehen im Stall.“ —— 96 „Hat nicht Jeder ſeinen Paß?“ „Jeder hat vier Päſſe.“ „Nun gut!“ „Gut, aber wir können doch nicht die Diligence in der Poſtchaiſe anpacken; wir geniren uns durch⸗ aus nicht, aber wir treiben die Bequemlichkeit doch nicht bis auf dieſen Punct?“ „Gut, warum nicht?“ ſagte Guyon,„das wäre originell. Ich ſehe keinen Grund ein, wenn man ein Schiff mit einer Barke entert, warum man nicht eine Diligence mit einer Poſcchaiſe entern ſollte; das fehlt uns gerade, wie die Phantaſie; verſuchen wir es, Amiet?“ „Ich bin ſehr gerne bereit,“ antwortete dieſer; „aber der Poſtillon, was wirſt Du mit ihm ma⸗ chen?“ „Das iſt wahr!“ antwortete Guyon. „Der Fall iſt vorgeſehen, meine Kinder,“ ſagte der Courier;„man hat eine Staffette nach Troyes expedirt, Sie laſſen Ihre Poſtchaiſe bei Delbauce, Sie finden dort vier vollſtändig geſattelte Pferde, welche ſtrotzen von Haber; Sie werden Ihre Zeit be⸗ rechnen und übermorgen oder vielmehr morgen, denn Mitternacht iſt vorüber, morgen zwiſchen ſieben und acht Uhr Morgens wird das Geld der Herren Bären eine ſchlimme Viertelſtunde haben.“ „Aendern wir unſere Kleidung?“ fragte Le⸗ prétre. „Warum das?“ ſagte Morgan;„es ſcheint mir, daß wir, wie wir ſind, uns wohl zeigen dürfen; nie wird eine Diligence durch beſſer gekleidete Leute von ihrer unbequemen Laſt befreit worden ſein. Laßt uns n 97 einen letzten Blick auf die Karte werfen, dann wollen wir uns von Buffet eine Paſtete, ein kaltes Geflügel und ein Dutzend Flaſchen Champagner in die Tru⸗ hen des Wagens bringen laſſen, uns im Arſenal be⸗ waffnen, in gute Mäntel hüllen und auf und da⸗ von.“ „Ja,“ ſagte Guyon,„das läßt ſich hören.“ „Ich glaube,“ fuhr Morgan fort,„wir werden die Pferde zu Tode hetzen, wenn es ſein muß. Wir werden um ſieben Uhr Abends wieder hier ſein und uns in der Oper zeigen.“ „Was ein Alibi nachweiſen kann,“ ſagte Le⸗ prétre. „Allerdings,“ fuhr Morgan mit ſeiner unver⸗ änderlichen Heiterkeit fort,„es iſt das Mittel, die Leute einräumen zu laſſen, daß Menſchen, welche Vlle. Clotilde und HerrnVeſtris um acht Uhr Abends applaudiren, nicht Morgens damit beſchäftigt ſein konnten, ihre Rechnung mit dem Conducteur einer Diligence zwiſchen Bar und Chatillon zu ordnen. Werfen wir, meine Kinder, einen Blick auf die Karte, um unſern Ort zu wählen.“ Die vier jungen Leute beugten ſich über das Wert Caſſinis herab. „Wenn ich Ihnen einen topographiſchen Rath zu geben hätte,“ ſagte der Courier,„ſo wäre es der, daß Sie ſich etwas dieſſeits von Muſſu in den Hin⸗ terhalt legen; gegenüber von Riceys iſt eine Furt ſehen Sie, hier,“— und der junge Mann deutete auf den genannten Punct—„ich möchte wetter Chavurce iſt hier; von Chavurce haben Sie ei Departementalweg, gerade wie ein lateiniſches I, Dumas, Jehu. I. 7 Sie nach Troyes führt; in Troyes werden Sie Ihren Wagen wieder finden, Sie ſchlagen den Weg nach Sens ſtatt nach Coulommiers ein; die Maulaffen— es gibt ſolche auch in der Provinz,— die Sie am* Tage vorher haben kommen ſehen, werden nicht er⸗. ſtaunt ſein, daß Sie am andern Tage denſelben G Weg zurückkommen; Sie ſind um zehn Uhr in der f Oper, ſtatt um acht Uhr, was weit feinerer Ton iſt, und was ich nicht weiß, macht mir nicht heiß.“ n „Meinerſeits angenommen,“ ſagte Morgan. „Angenommen,“ wiederholten die drei andern jungen Leute im Chorus. Morgan zog eine der beiden Uhren heraus, deren Ketten tief herabhingen; es war ein Meiſterwerk von Petitot, was die Emaille betrifft, und auf dem dop⸗ pelten Gehäuſe, welches die Malerei ſchützte, befand ſich eine Chiffre in Diamanten. Die Abſtammung n dieſes wundervollen Juwels war wie die eines ara⸗ C biſchen Pferdes genau nachgewieſen: es war für i Marie Antoinette gemacht, die es der Herzogin von n Polaſtron geſchenkt, welche es der Mutter Morgans n gegeben. „Ein Uhr früh,“ ſagte Morgan;„auf, meine li Herren, wir müſſen um drei Uhr in Lagny um⸗ fi ſpannen.“„ Von dieſem Augenblick hatte die Expedition be⸗ ſt gonnen und Morgan leitete ſie; er berieth nicht mehr, er befahl. he Eine halbe Stunde ſpäter wurde ein Wagen mit vier feſt in ihre Mäntel gehüllten jungen Leuten an nn 8 der Barriere Fontainebleau durch den erſten Poſt⸗ beamten angehalten, der ſie nach den Päſſen befragte. G ren ach am ben der iſt, ern ren oon op⸗ ind ing ra⸗ für on ns ine m⸗ be⸗ hr, mit ſt⸗ te. 99 . „O der hübſche Scherz,“ machte einer derſelben, indem er den Kopf zum Schlag hinausſteckte, und den Ton, der damals in der Mode war, nachahmte, „man braucht alſo jetzt Päſſe, um nach Grosbois zum Citoyen Baas zu gehen? Ma paole d'honneur! Sie ſind ein Narr, mon ché hami! Fort, Kutſcher, fort!“ Der Kutſcher peitſchte und der Wagen fuhr ohne weitere Schwierigkeit davon. IV. En famille. Laſſen wir unſere vier Jäger auf dem Wege nach Lagny, wo ſie, Dank den Päſſen, die ſie der Güte der Beamten des Citoyen Fucher verdankten, ihre Privatpferde mit Poſtpferden und ihren Kutſcher mit einem Poſtillon vertauſchten und ſehen wir, warum der erſte Conſul Roland hatte rufen laſſen. Roland hatte ſich beeilt, indem er Morgan ver⸗ ließ, ſich zu den Befehlen ſeines Generals zu ver⸗ fügen. Er hatte dieſen nachdenklich vor dem Kamine ſtehend gefunden. Bei dem Geräuſch, das ſein Eintritt verurſachte, hatte der General Bonaparte ſeinen Kopf erhoben. „Was habt Ihr beide Euch geſagt?“ fragte Bo⸗ naparte ohne Einleitung, indem er ſich auf die Ge⸗ wohnheit verließ, welche Roland hatte, auf ſeine Gedanken zu antworten. „ 100 „Nun,“ ſagte Roland,„wir haben uns alle Arten von Artigkeiten geſagt, und ſchieden als die beſten Freunde von der Welt.“ „Welchen Eindruck macht er auf Dich?“ „Nun, den Eindruck eines wohlerzogenen Men⸗ ſchen.“ „Für wie alt hältſt Du ihn?“ „Höchſtens ſo alt wie ich.“ „Ja, das iſt wohl das Richtige; die Stimme iſt jung. Ach! Roland, ſollte ich mich täuſchen? ſollte es eine junge royaliſtiſche Partei geben?“ „Nun, mein General,“ antwortete Roland mit einer Bewegung der Schultern,„es iſt ein Reſt der alten.“ „Gut, Roland, ſo muß man eine neue daraus machen, welche meinem Sohne ergeben iſt, wenn ich je einen Sohn habe.“ Roland machte eine Bewegung, welche ſich ſo überſetzen ließ: „Ich widerſetze mich nicht.“ Bonaparte verſtand dieſe Geberde wohl. „Es iſt nicht genug, daß Du Dich nicht wider⸗ ſetzeſt,“ ſagte er,„Du mußt dazu beitragen.“ Ein nervöſes Zittern lief über Rolands Körper hin. „Und wie das, General?“ fragte er. „Indem Du Dich verheiratheſt.“ Roland lachte laut auf. „Ich, mit meiner Pulsadergeſchwulſt!“ ſagte er. Bonaparte ſah ihn an. „Mein lieber Roland,“ ſagte er,„Deine Puls⸗ adergeſchwulſt hat mir ganz das Ausſehen, als ob ſie ein Vorwand wäre, ledig zu bleiben.“ 2 „ ſir ſa ter ni rer vo taſ zen Ga ſire rten ſten iſt lite mit der us ich ſo er⸗ in. 101 „Sie glauben?“ „Ja; und da ich ein moraliſcher Menſch bin, ſo will ich, daß man heirathet.“ „Das heißt ſo viel, als, ich ſei unmoraliſch,“ antwortete Roland,„und verurſache Scandal mit meinen Liebſchaften.“ „Auguſtus,“ ſagte Bonaparte,„hat Geſetze gegen die Eheloſen gegeben; er nahm ihnen ihre Rechte als römiſche Bürger.“ „Auguſtus.“ „Nun!“ „Ich will ſo lange warten, bis Sie Auguſtus ſind; bis jetzt ſind Sie nur Cäſar.“ Bonaparte näherte ſich dem jungen Manne und ſagte zu ihm, indem er ihm die Hand auf die Schul⸗ ter legte:„Es gibt Namen, lieber Roland, die ich nicht ausſterben ſehen möchte und der Name Mont⸗ revel gehört zu dieſen.“ „Nun, General, iſt in Ermanglung meiner und vorausgeſetzt, daß ich wegen einer Laune, einer Phan⸗ taſie, eines Starrſinns mich weigere, ihn fortzupflan⸗ zen, nicht mein Bruder da?“ „Wie, Dein Bruder, haſt Du denn einen Bruder?“ „Allerdings habe ich einen Bruder; warum ſoll ich keinen Bruder haben?“ „Wie alt iſt er?“ „Elf bis zwölf Jahre.“ „Warum haſt Du mir nie von ihm geſprochen?“ „Weil ich dachte, das Thun und Treiben eines dieſes Alters werde Sie nicht ſehr intereſ⸗ iren.“ „Du täuſcheſt Dich, Roland, ich intereſſire mich 102 für alles, was meine Freunde berührt; Du hätteſt mich um Etwas für Deinen Bruder bitten ſollen.“ „Was General?“ „Seine Aufnahme in ein College von Paris.“ „O, Sie haben genug Bittſteller um ſich, daß ich nicht auch noch die Zahl derſelben vermehren will.“ „Du hörſt, er muß in ein Pariſer College ein⸗ treten; wenn er das Alter hat, werde ich ihn in die Militärſchule oder eine andere Schule, die ich bis dahin gründe, ſchicken.“ „Meiner Treu, General,“ antwortete Roland; „eben jetzt, als hätte ich Ihre guten Abſichten in Beziehung auf ihn geahnt, iſt er auf dem Wege oder bereit, ſich auf den Weg zu machen.“ „Wie das?“ „Ich ſchrieb vor drei Tagen meiner Mutter, daß ſie den Knaben nach Paris bringe; ich wollte ihm ein College wählen, ohne Ihnen etwas davon zu ſagen, und wenn er das Alter hätte, Ihnen von ihm ſprechen, vorausgeſetzt, daß meine Pulsadergeſchwulſt mich noch nicht von der Erde genommen. Aber in dieſem Falle... In dieſem Falle hätte ich Ihnen ein Teſtament hinterlaſſen, das Ihnen die Mutter, den Sohn und die Tochter, kurz den ganzen Anhang,, empfohlen.“ „Wie, die Tochter?“ „Ja, meine Schweſter.“ „Du haſt alſo auch eine Schweſter?“ „Gewiß.“ „Wie alt?“ „Siebenzehn Jahre.“ itteſt . . daß hren ein⸗ die bis and; in oder daß ihm zu ihm ulſt r in nen tter, ang, 103 „Hübſch?“ „Reizend.“ „Ich werde mich mit Ihrer Verſorgung beſchäf⸗ tigen.“ Roland lachte. „Was haſt Du?“ fragte ihn der erſte Conſul. „Ich ſage, General, daß ich über das große Thor des Lurembourg eine Inſchrift ſetzen werde.“ „Und dieſe Inſchrift lautet?“ „Heirathsbureau.“ „Nun, nun, wenn Du nicht heirathen willſt, ſo iſt das noch kein Grund, daß Deine Schweſter ledig bleibe. Ich mag die alten Jungfern ſo wenig, als die Hageſtolzen.“ „Ich ſage Ihnen ja nicht, General, daß meine Schweſter eine alte Jungfer bleiben werde; es iſt genug, daß ein Glied der Familie Montrevel Ihre Unzufriedenheit ſich zuzieht.“ „Nun, alſo, was ſagſt Du mir denn anders?“ „Ich ſage, daß, wenn Sie wollen, wir ſie dar⸗ über zu Rathe ziehen dg die Sache ſie betrifft.“ „Ach! ſollte eine Leidenſchaft in der Provinz ſie feſſeln?“ „Ich werde nicht nein ſagen! Ich hatte die arme Amelie friſch und lächelnd verlaſſen, ich fand ſie blaß und traurig wieder. Ich werde das mit ihr ins Reine bringen und da Sie wollen, daß ich Ihnen wieder davon ſpreche, nun gut, ſo werde ich Ihnen wieder davon ſprechen.“ „Ja, bei Deiner Rückkehr von der Vendée; das iſt recht.“ „Ah, ich gehe alſo nach der Vendée?“ 104 „Haſt Du dagegen auch Einwände zu machen, wie gegen das Heirathen?“ „Keineswegs.“ „Nun, dann gehſt Du alſo nach der Vendée!“ „Wann das?“ „Es hat keine Eile und wenn Du nur morgen früh gehſt...“ „Gut; früher, wenn Sie wollen; ſagen Sie mir, was ich dort thun ſoll.“ „Etwas von der höchſten Wichtigkeit, Roland.“ „Teufel! es iſt doch hoffentlich keine diplomatiſche Miſſion.“ „Allerdings, es iſt eine diplomatiſche Miſſion, für welche ich einen Menſchen brauche, der kein Diplomat iſt.“ „O General, ich ſtehe ganz zu Dienſten. Nur, begreifen Sie, je weniger ich Diplomat bin, deſto mehr brauche ich genaue Inſtructionen.“ „Ich werde ſie Dir auch geben. Sieh, dieſe Karte.“ Dabei zeigte er dem jungen Manne eine große Karte von Piemont, welche auf dem Boden ausge⸗ breitet lag und von einer am Plafond hängenden Lampe erhellt war. „Ja, ich ſehe ſie,“ antwortete Roland, gewöhnt, dem General in allen unerwarteten Sprüngen ſeines Genies zu folgen;„das iſt eine Karte von Piemont.“ „Ja, das iſt eine Karte von Piemont.“ „Es handelt ſich alſo um Italien.“ „Es handelt ſich immer um Italien.“ „Ich glaubte, es handle ſich um die Vendée.“ „In zweiter Linie.“ ——————— 105 „So, General, Sie wollen mich nach der Vendée ſchicken und gehen ſelbſt nach Italien.“ „Nein, ſei ruhig.“ „Gut, ich ſage Ihnen zum Voraus, daß ich in ſolchem Falle deſertire und zu Ihnen ſtoße.“ „Ich erlaube es Dir; aber wir wollen auf Melas zurückkommen.“ „Verzeihung, General, aber wir ſprechen zum erſten Male davon.“ „Ja, aber ich denke ſchon lange daran. Weißt Du, wo ich Melas ſchlage.“ „Zum Teufel, ja!“ „Wo?“ „Wo Sie ihn treffen.“ Bonaparte begann zu lachen. „Pinſel!“ ſagte er im Ton der intimſten Ver⸗ traulichkeit. Dann auf die Karte niederkniend, ſagte er zu Roland: „Komme hierher.“ Roland kniete neben ihn. „Sieh,“ ſagte er,„hier ſchlage ich ihn.“ „Bei Alexandrien?“ „Zwei bis drei Meilen davon. Er hat bei Aleſ⸗ ſandria ſeine Magazine, ſeine Hoſpitäler, ſeine Ar⸗ tillerie, ſeine Reſerven; er wird ſich nicht entfernen. Ich muß einen großen Schlag thun, ſonſt bekomme ich keinen Frieden. Ich gehe über die Alpen,— er ſtieg den großen St. Bernhard hinauf— ich über⸗ falle Melas in dem Augenblick, wo er es am wenig⸗ ſten erwartet und ſchlage ihn aufs Haupt.“ „O, ich verlaſſe mich darin ganz auf Sie.“ 106 „Aber Du begreifſt, damit ich mich ruhig ent⸗ fernen kann, Roland, darf keine Entzündung der Ein⸗ geweide vorhanden ſein, das heißt, ich darf keine Vendée hinter mir haben.“ „Ach! das iſt die Geſchichte, keine Vendée und» Sie ſchicken mich nach der Vendée, daß ich ſie un⸗ terdrücke.“ „Der junge Mann hat mir von der Vendée ſehr ernſte Dinge geſagt. Dieſe Vendéer, welche ein Mann von Kopf führt, ſind tapfere Soldaten, namentlich Georges Cadoudal. Ich habe ihm ein Regiment anbieten laſſen, das er jedoch ausſchlug.“ „Peſt! Er iſt ſehr klug.“ „Aber eines ahnt er nicht.“ „Wer, Cadoudal?“ „Cadoudal. Daß der Abbé Bernier Friedens⸗ präliminarien mit mir eröffnet.“ „Der Abbé Bernier?“ Ja.“ „Wer iſt das, der Abbé Bernier?“ „Das iſt der Sohn eines Bauern von Anjou, der gegenwärtig dreiunddreißig bis vierunddreißig Jahre zählen mag, bei der Inſurrection Pfarrer von Saint⸗Laud in Angers war, den Schwur zurückwies und ſich unter die Vendéer warf. Zwei bis dreimal wurde die Vendée paciſicirt, ein oder zweimal glaubte man ſie vernichtet. Man täuſchte ſich, die Vendée war pacificirt, aber der Abbé Bernier hatte den Frieden nicht unterzeichnet; die Vendée war todt, aber der Abbé Bernier lebte. „Eines Tages war die Vendée undankbar gegen ihn: er wollte zum Generalagenten aller royaliſtiſchen V nt⸗ in⸗ ine nd in⸗ hr nn ich ent 107 Armeen im Innern ernannt werden; Stofflet gab den Ausſchlag bei der Entſcheidung und ließ den Grafen Colbert von Maulevrier, ſeinen ehemaligen Herrn, ernennen. „Um zwei Uhr Morgens trennte ſich der Rath, der Abbé Bernier war verſchwunden. „Was er in jener Nacht that, wiſſen Gott und er allein; um vier Uhr Morgens umzingelte ein re⸗ publikaniſches Detachement die Meierei, wo Stofflet wehr⸗ und waffenlos ſchlief. „Um vier ein halb Uhr war Stofflet feſtgenom⸗ men, acht Stunden ſpäter in Angers hingerichtet. „Am andern Tage übernahm d'Autichamp das Obercommando und am ſelben Tage, um nicht in den gleichen Fehler zu verfallen, wie ſein Vorgänger Stofflet, ernannte er den Abbé Bernier zum General⸗ agenten: begreifſt Du?“ „Gewiß.“ „Nun gut! Der Abbé Bernier, der Generalagent der kriegführenden Mächte, und mit der Vollmacht des Grafen von Artvis ausgerüſtet, ließ Friedens⸗ präliminarien mit mir eröffnen.“ „Sie! den General Bonaparte, den erſten Con⸗ ſul, würdigt er... Wiſſen Sie, daß das ſehr ge⸗ ſcheidt iſt von dieſem Abbé Bernier? Und Sie nehmen dieſe Friedenspräliminarien des Abbé Ber⸗ nier an?“ „Ja, Roland, wenn die Vendée mir den Frieden gibt, ſo öffne ich ihre Kirchen und gebe ihr die Prie⸗ ſter wieder.“ „Und wenn ſie das Pomine salvum fac regem ſingen?“ 108 „Das iſt beſſer, als gar nichts zu ſingen. Gott iſt der Allmächtige und wird entſcheiden. Iſt Dir dieſer Auftrag genehm, nachdem ich Dir ihn ausein⸗ andergeſetzt.“ „Allerdings!“ „Gut denn, hier iſt ein Brief an den General Hedouville. Er wird mit dem Abbé Bernier als General der Weſtarmee unterhandeln; aber Du wirſt allen Conferenzen anwohnen, er hat nur das Wort; Du, Du biſt mein Gedanke. Jetzt gehe, ſobald als möglich; je früher Du zurückkömmſt, deſto früher wird Melas geſchlagen ſein.“ „General, ich bitte Sie um ſo viel Zeit, daß ich an meine Mutter ſchreiben kann.“ „Wo ſoll ſie abſteigen?“ „Hotel des Ambaſſadeurs.“ „Wann glaubſt Du, daß ſie ankömmt?“ „Wir ſind jetzt in der Nacht vom 21. auf den 22. Januar; ſie wird am 23. Abends oder 24. Mor⸗ gens ankommen.“ „Und ſie ſteigt im Hotel des Ambaſſadeurs ab?“ „Ja, General.“ „Ich werde alles beſorgen.“ „Wie, Sie werden alles beſorgen?“ „Gewiß! Deine Mutter kann nicht im Hotel bleiben.“ „Wo ſoll ſie denn bleiben?“ „Bei einem Freunde.“ „Sie kennt Niemand in Paris.“ „Bitte um Entſchuldigung, Herr Roland, ſie kennt den Citoyen Bonaparte, den erſten Conſul, und die Citoyenne Joſephine, ſeine Frau.“ —— b— 109 „Sie werden doch meine Mutter nicht im Lurem⸗ bourg einlogiren wollen; ich ſage Ihnen zum Voraus, daß ſie das ſehr geniren würde.“ „Nein, aber ich werde ihr in der Rue de la Victvire eine Wohnung geben.“ „O General!“ „Jort, fort, es iſt abgemacht, gehe und kehre ſo bald als möglich zurück.“ Roland nahm die Hand des erſten Conſuls, um ſie zu küſſen, aber Bonaparte, welcher ihn lebhaft an ſich zog, ſagte:„Umarme mich, mein lieber Ro⸗ land, auf gutes Glück!“ Zwei Stunden ſpäter fuhr Roland im Poſtwagen auf der Route von Orleans. Am andern Tage, um neun Uhr Morgens, kam er nach einer dreiunddreißigſtündigen Reiſe in Nantes an. V. * Die Diligente von Genf. Ungefähr um die Stunde, als Roland nach Nan⸗ tes kam, hielt eine ſchwer beladene Diligence an dem Gaſthof zum goldenen Kreuz in der Mitte der Haupt⸗ ſtraße von Chatillon⸗ſur⸗Seine an. Die Diligencen beſtanden damals aus nur zwei Abtheilungen, dem Coupé und dem Interieur. Die Rotonde iſt ein Anhängſel neuerer Erfindung. Kaum hatte die Diligence angehalten, ſo ſprang der Poſtillon ab und öffnete den Schlag. Die geöffnete Diligence ließ ihre Inſaſſen heraus. 110 Dieſe Inſaſſen, Inſaſſinnen mit eingerechnet, waren zuſammen ſieben Perſonen. Im Interieur drei Männer, zwei Frauen und ein Säugling. Im Coupé eine Mutter und ihr Sohn. Die drei Männer im Interieur waren ein Arzt von Troyes, ein Uhrmacher aus Genf und ein Architekt aus Bourg. Die beiden Frauen waren eine Kammerfrau, welche ſich nach Paris zu ihrer Herrſchaft begab, und eine Amme. Das Kind war der Säugling der Letztern; ſie brachte ihn ſeinen Eltern. Die Mutter im Coupé war eine Frau von vier⸗ zig Jahren, welche noch Züge von großer Schön⸗ heit beſaß, und der Sohn ein Knabe von eilf bis zwölf Jahren. Den dritten Platz im Coupé hatte der Conduc⸗ teur beſetzt. Das Dejeuner war wie gewöhnlich im großen Saale des Hötels aufgeſtellt, eines jener Dejeuners, welche der Conducteur, ohne Zweifel im Einverſtänd⸗ niß mit dem Wirth, den Gäſten nie die Zeit ließ, zu eſſen. Die Frau und die Amme ſtiegen aus, um zum Bäcker zu gehen und ſich ein warmes Brod zu kau⸗ fen, zu welchem die Amme eine Knoblauchwurſt fügte, worauf beide wieder in den Wagen ſtiegen, wo ſie ſich ruhig zurechtſetzten, um zu frühſtücken und ſich dadurch die ohne Zweifel für ihr Budget zu beträcht⸗ lichen Koſten des Frühſtücks im Hötel zu erſparen. Der Arzt, der Architekt, der Uhrmacher, die —„ 68— — — t⸗ 111 Mutter und ihr Sohn traten in den Gaſthof und nachdem ſie ſich raſch im Vorbeigehen an dem großen Kamine der Küche gewärmt, traten ſie in den Speiſe⸗ ſaal und ſetzten ſich zu Tiſche. Die Mutter begnügte ſich mit einer Taſſe Rahm⸗ kaffee und einigem Obſt. Der Knabe, entzückt, daß er wenigſtens durch den Appetit ſich als Mann erweiſen könne, machte einen tüchtigen Angriff auf das Gabelfrühſtück. Der erſte Augenblick galt natürlich, wie immer, der Stillung des Hungers. Der Uhrmacher von Genf nahm dann zuerſt das Wort. „Wahrhaftig, Citoyen,“ ſagte er,(an öffentlichen Orten nannte man ſich noch Citoyen)„ich geſtehe Ihnen offen, daß ich durchaus nicht unangenehm überraſcht war, als ich den Tag anbrechen ſah.“ 8„Schläft der Herr nicht im Wagen?“ fragte der rzt. „Doch, mein Herr,“ antwortete der Landsmann Jean Jacques';„gewöhnlich ſchlummere ich; aber die Unruhe war größer, als die Müdigkeit.“ „Sie fürchteten umgeworfen zu werden?“ fragte der Architekt. „Nein, ich habe in dieſer Beziehung Glück und ich glaube, daß es genügt, wenn ich darin bin, daß ein Wagen nie umfällt; nein, das iſt es nicht.“ „Was war es denn?“ fragte der Arzt. „Man ſagte in Genf, die Wege in Frankreich ſeien nicht ſicher.“ „O, das hängt von den Umſtänden ab,“ ſagte der Architekt. 112 „Ah! das hängt von den Umſtänden ab,“ machte der Genfer. „Ja,“ fuhr der Architekt fort,„ſo, zum Beiſpiel, wenn wir Geld bei uns führen würden, das der Regierung gehörte, ſo wären wir ſicherer, angefallen zu werden, oder vielmehr es wäre bereits ge⸗ ſchehen.“ „Sie glauben?“ ſagte der Genfer. „Ja, das fehlt ſich nicht; ich weiß nicht, wie dieſe verdammten Genoſſen Jehus es machen, um ſo gut unterrichtet zu ſein; aber es entgeht ihnen nichts.“ Der Arzt machte ein beſtätigendes Zeichen. „Ah! ſo,“ fragte der Genfer den Arzt,„auch Sie ſind der Anſicht dieſes Herrn?“ „Ja, ganz und gar.“ „Und wenn Sie wüßten, daß Geld der Regie⸗ rung in der Diligence iſt, würden Sie wohl die Un⸗ klugheit begangen haben, mit ihr zu fahren?“ „Ich geſtehe Ihnen, daß ich mich wohl gehütet haben würde,“ ſagte der Arzt. „Und Sie, mein Herr?“ fragte der Genfer den Architekten. „Ach,“ ſagte dieſer,„mich ruft ein dringendes Geſchäft und ich wäre deßhalb dennoch mitgereist.“ „Ich hätte große Luſt,“ ſagte der Genfer,„mein Gepäck und meine Kiſten abladen zu laſſen und die nächſte Diligence zu erwarten, da ich für zwanzig⸗ tauſend Franken Uhren in meinen Kiſten habe; wir hatten bis heute Glück, aber man muß Gott nicht verſuchen.“ „Haben Sie nicht gehört, mein Herr,“ ſagte die — S—,—.— chte iel, der len wie um nen uch ie⸗ In⸗ itet en des ein die vir cht die 113 Mutter, indem ſie ſich in das Geſpräch miſchte,„daß wir keine Gefahr laufen, angefallen zu werden(ieſe Herren ſagen es wenigſtens), wenn wir kein Geld der Regierung bei uns haben.“ „Nun, das iſt es ja gerade,“ verſetzte der Uhr⸗ macher, indem er ſich unruhig umſah;„wir haben welches bei uns.“ Die Mutter erblaßte leicht, indem ſie ihren Sohn anſah; ehe ſie für ſich fürchtet, fürchtet jede Mutter für ihr Kind. „Wie, wir haben ſolches bei uns?“ verſetzten der Arzt und der Architekt zu gleicher Zeit, aber mit verſchiedenartig bewegtem Tone;„ſind Sie deſſen ſicher, was Sie da ſagen?“ „Vollkommen ſicher, mein Herr.“ „Dann hätten Sie es uns früher ſagen ſollen, oder wenn jetzt, wenigſtens ganz leiſe.“ „Aber,“ meinte der Arzt,„vielleicht iſt der Herr deſſen, was er ſagt, nicht ganz ſicher?“ „Oder macht ſich der Herr vielleicht über uns luſtig?“ ſagte der Architekt. „Gott ſoll mich bewahren!“ „Die Genfer lachen gern,“ verſetzte der Arzt. „Mein Herr,“ ſfagte der Genfer, ſehr verletzt durch die Vermuthung, daß er gerne lache,„mein Herr, ich habe es vor meinen Augen aufladen ſehen.“ „Was?“ „Das Geld.“ „Und es iſt deſſen viel?“ „Ich ſah eine ziemliche Anzahl Stücke.“ „Aber woher kömmt dieſes Geld?“ Dumas, Jehn. Ul. 8 1¹4 „Es kömmt aus dem Schatz der Bären von Bern. Sie wiſſen doch ohne Zweifel, meine Herren, daß die Bären von Bern bis zu fünfzig⸗ oder ſechzig⸗ tauſend Livres Einkommen hatten?“ Der Arzt lachte laut. „Sicher,“ ſagte er,„macht der Herr uns Angſt.“ „Meine Herren,“ ſagte der Uhrmacher,„ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.“ „Einſteigen, wenn's gefällig, meine Herren,“ ſagte der Conducteur, die Thüre öffnend,„einſteigen, wir ſind um drei Viertelſtunden zurück.“ „Einen Augenblick, Conducteur, einen Augenblick,“ ſagte der Architekt,„wir berathen uns.“ „Worüber?“ „Schließen Sie doch die Thüre, Conducteur, und kommen Sie hierher.“ „Trinken Sie ein Glas Wein mit uns, Conduc⸗ teur.“ „Mit Vergnügen, meine Herren,“ ſagte der Conducteur,„ein Glas Wein ſchlägt man nicht aus.“ Der Conducteur hielt ein Glas hin, die drei Reiſenden ſtießen mit ihm an. Mund ſetzen wollte, hielt der Arzt ihn am Arme. „Nun, Conducteur, ehrlich und offen, iſt das wahr?“ „Was?“ „Was uns dieſer Herr ſagt?“ Er deutete auf den Genfer. „Herr Feraud?“ „Ich weiß nicht, ob der Herr Feraud heißt.“ „Ja, mein Herr, ſo heißt er, Ihnen zu dienen,“ In dem Augenblicke, als er das Glas an den on en, ig⸗ t A ,“ en, A , uc⸗ der 2 7 5. rei en as ſagte der Genfer, ſich verbeugend,„Feraud und Compagnie, Uhrmacher, Rue du Rempart Nr. 6, in Genf.“ „Meine Herren,“ ſagte der Conducteur,„ſteigen Sie ein.“ „Aber Sie antworten ja nicht?“ „Was zum Teufel ſoll ich denn antworten; Sie fragen mich ja nichts.“ „Doch, wir fragen Sie, ob es wahr iſt, daß Sie in Ihrem Wagen eine bedeutende Summe haben, die der franzöſiſchen Regierung gehört?“ „Schwätzer,“ ſagte der Conducteur zum Uhr⸗ macher;„Sie haben es geſagt?“ „Allerdings, mein lieber Herr.“ „Nun, meine Herren, ſteigen Sie ein.“ „Aber ehe wir einſteigen, möchten wir wiſſen...“ „Was? Ob ich Geld für die Regierung habe? Ja, ich habe welches; wenn wir aber angehalten werden, laſſen Sie kein Sterbenswörtchen davon verlauten und Alles wird gut gehen.“ „Sind Sie deſſen gewiß?“ „Laſſen Sie mich die Sache mit dieſen Herren arrangiren.“ „Was werden Sie thun, wenn man uns an⸗ hält?“ fragte der Arzt den Architekten. „Nun, ich werde dem Rath des Conducteurs folgen.“ „Das iſt das Beſte, was Sie thun können;“ verſetzte dieſer. „Und ich auch,“ ſagte der Arzt. „Und ich auch,“ fagte der Uhrmacher. 1¹6 „Nun, meine Herren, ſteigen Sie ein, beeilen wir uns.“ Der Knabe hatte die ganze Verhandlung mit zuſammengezogenen Augbrauen und geſchloſſenen Zähnen angehört. „Nun,“ ſagte er zu ſeiner Mutter,„ich weiß, was ich thun werde.“ „Und was wirſt Du thun,“ fragte dieſe. „Du ſollſt es ſehen.“ „Was ſagt dieſer kleine Knabe?“ fragte der Uhr⸗ macher. „Ich ſage, daß Sie lauter Poltrons ſind,“ ant⸗ wortete der Knabe unverzagt. „Nun, Edouard?“ machte die Mutter,„was ſoll das?“ „Ich wollte, man hielte die Diligence an,“ ſagte der Knabe mit vor Begierde ſtrahlendem Blicke. „Auf, auf, in's Himmels Namen, meine Herren! ſteigen Sie ein,“ rief der Conducteur zum letzten Male. 6 „Conducteur,“ ſagte der Arzt,„ich ſetze voraus, daß Sie keine Waffen haben.“ „Doch, ich habe Piſtolen.“ k „Unglücklicher!“ Der Conducteur beugte ſich zu ihm hin und ſagte eiſe: deien Sie ruhig, Doctor, ſie ſind nur mit Pul⸗ ver geladen.“ „Das iſt gut.“ Und er ſchloß die Thüre des Interieurs der Diligence. „Vorwärts, Poſtillon.“ en nit en as gte en! ten gte zul⸗ der 117 Und während der Poſtillon ſeine Pferde peitſchte und die ſchwerfällige Maſchine ſich in Gang ſetzte, ſchloß er die Thüre des Coupé. „Steigen Sie nicht zu uns ein, Conduckeur?“ fragte die Mutter. „Ich danke, Frau von Montrevel,“ antwortete der Conducteur,„ich habe auf der Imperiale zu thun.“ Dann ſagte er, indem er an der Heffnung vor⸗ überging: „Geben Sie Acht, daß Herr Edouard nicht die Piſtolen anrührt, die in der Seitentaſche ſind; er könnte ſich verwunden.“ „So,“ ſagte der Knabe,„als wenn man nicht wüßte, was Piſtolen ſind; ich habe ſchönere, als die Ihrigen; mein Freund, Sir John ließ ſie mir aus England kommen, nicht wahr, Mama?“ „Thut nichts,“ ſagte Frau von Montrevel,„ich bitte Dich, Edouard, rühre nichts an.“ „O ſei ruhig, Mütterchen.“ Er wiederholte jedoch leiſe: „Das iſt eins, wenn die Genoſſen Jehus uns anhalten, ſo weiß ich ſchon, was ich thue.“ Der Wagen hatte ſeinen ſchwerfälligen Trab wieder begonnen und rollte nach Paris. Es war einer jener ſchönen Wintertage, welche denjenigen, die die Natur todt glauben, zeigt, daß die Natur nicht ſtirbt, ſondern nur ſchläft. Der Menſch, der ſiebenzig oder achtzig Jahre lebt, hat in ſeinen langen Jahren Nächte von zehn bis zwölf Stunden, und beklagt ſich, daß die Länge ſeiner Nächte die Kürze ſeiner Tage noch verringert; die 118 Natur, die ein unendliches Daſein hat, die Bäume, die tauſend Jahre leben, haben Schläfe von vier oder fünf Monaten, welche für uns Winter und für ſie nur Nächte ſind. Die Poeten beſingen in ihren neidiſchen Verſen die Unſterblichkeit der Natur, welche jeden Herbſt ſtirbt und jeden Frühling wieder auf⸗ lebt; die Poeten täuſchen ſich, die Natur ſtirbt nicht im Herbſte, ſie ſchläft nur ein; ſie lebt nicht wieder auf im Frühling, ſondern ſie erwacht. An dem Tage, an dem unſer Erdball wirklich ſtirbt, wird er auch todt ſein und in den unendlichen Raum rollen oder in den Abgrund des Chaos fallen, unthätig, ſtumm, einſam, ohne Bäume, ohne Blumen, ohne Grün, ohne Poeten. An dieſem ſchönen Tage des 23. Februar 1800 nun ſchien die eingeſchlummerte Natur vom Früh⸗ ling zu träumen; eine glänzende, beinahe heitere Sonne ließ auf dem Graſe des Graben, der an bei⸗ den Seiten des Weges hinlief, jene trügeriſchen Per⸗ len des Rauhreifes funkeln, die an den Fingern der Kinder zerfließen und das Auge des Landmannes erfreuen, wenn ſie an den Spitzen ſeines kräftig aus der Erde hervorſprießenden Kornes zittern. Man hatte die Fenſter der Diligence geöffnet, um jenem vorzeitigen Lächeln Gottes ins Auge zu ſchauen, und rief dem ſo lange vermißten Strahle zu:„Sei will⸗ kommen, Wanderer, den wir in den Wäldern des Weſtens oder den ſtürmiſchen Wogen des Oceans verirrt glaubten!“ Plötzlich, nachdem man ungefähr eine Viertel⸗ ſtunde von Chatillon abgefahren und an eine Krüm⸗ mung des Fluſſes gekommen war, hielt der Wagen ne, ier ür en che uf⸗ cht er er ei⸗ 1¹9 ohne ein ſcheinbares Hinderniß: vier Reiter kamen ruhig auf ihn zugeritten und Einer derſelben, welcher den Andern um zwei oder drei Schritte voran war, hatte dem Poſtillon mit der Hand ein Zeichen gege⸗ ben, er ſolle halten. Der Poſtillon hatte gehorcht. „O Mama,“ ſagte der kleine Edouard, der trotz der Ermahnungen der Frau von Montrevel aufge⸗ ſtanden war und zum Fenſter des Wagens hinaus⸗ ſah:„o, Mama, die ſchönen Pferde! Aber weßhalb ſind denn die Reiter maskirt? Wir befinden uns ja doch nicht im Carneval.“ Frau von Montrevel träumte; eine Frau träumt immer ein wenig: eine junge von der Zukunft, eine alte von der Vergangenheit. Sie erwachte aus ihrer Träumerei, ſteckte den Kopf zum Wagen hinaus und ſtieß einen Schrei aus. Edouard kehrte ſich lebhaft um. „Was haſt Du denn, Mutter?“ fragte er. Dieſe faßte ihn erblaſſend am Arme, ohne ihm zu antworten. Man hörte Angſtgeſchrei im Innern des Wa⸗ gens. „Aber was gibt es denn? was gibt es denn?“ fragte der kleine Edouard, indem er ſich aus dem um ſeinen Hals geſchlungenen Arm der Mutter los⸗ zureißen ſuchte. „Mein kleiner Freund,“ ſagte mit außerordent⸗ lich weicher Stimme einer der maskirten Männer, indem er den Kopf in das Coupé ſteckte,„wir haben mit dem Conducteur etwas ins Reine zu bringen, was die Reiſenden in keiner Weiſe berührt; ſagen 120 Sie deßhalb zu Ihrer Frau Mutter, ſie könne ſich unſeres Reſpectes verſichert halten und möge nicht mehr auf uns achten, als wenn wir gar nicht da wären.“ Dann in das Interieur hineinblickend, ſagte er: „Meine Herren, Ihr Diener; fürchten Sie nichts für Ihre Börſe oder Ihre Juwelen und beruhigen Sie die Amme; wir haben nicht die Abſicht, ihre Milch ſauer zu machen.“ Darauf ſagte er zu dem Conducteur: „Nun, Vater Jerome, wir haben ungefähr hun⸗ derttauſend Franken auf der Imperiale und in den Truhen, nicht wahr?“ „Meine Herren, ich verſichere Sie...“ „Das Geld gehört der Regierung, es gehört zum Schatz der Bären von Bern; ſiebenzigtauſend Fran⸗ ken in Gold, das Uebrige in Silber; das Silber iſt auf dem Wagen, das Gold in den Truhen des Coupé; nicht wahr, und ſind wir gut unterrichtet?“ Bei den Worten: in den Truhen des Coupé, ſtieß Frau von Montrevel einen zweiten Schreckens⸗ ſchrei aus; ſie ſollte alſo in unmittelbare Berührung mit dieſen Menſchen kommen, die trotz ihrer Höflich⸗ keit ihr große Furcht einflößten. „Aber was haſt Du denn, Mutter? was haſt Du denn?“ fragte der Knabe ungeduldig. „Schweige, Edouard, ſchweige.“ „Weßhalb ſchweigen?“ „Begreifſt Du nicht?“ „Nein.“ „Die Diligence iſt angefallen.“ ———— 12¹ „Warum? Sage mir doch warum? Ah! Mutter, ich begreife.“ „Nein, nein!“ ſagte Frau von Montrevel,„Du begreifſt nicht.“ „Dieſe Herren ſind Diebe.“ „Hüte Dich, das laut zu ſagen.“ „Wie, das wären keine Diebe? Sie nehmen ja dem Conducteur das Geld.“ In der That legte auch wirklich einer auf dem Kreuze ſeines Pferdes die Geldſäcke zurecht, welche ihm der Conducteur von der Imperiale herab⸗ warf. „Nein,“ ſagte Frau von Montrevel,„nein, es ſind keine Diebe.“ Dann die Stimme dämpfend, fügte ſie hinzu: „Es ſind Genoſſen Jehus.“ „Ah!“ ſagte der Knabe,„das ſind alſo die, welche meinen Freund Sir John meuchlings ermor⸗ den wollten.“ Und der Knabe wurde nun ebenfalls leichenblaß und ſein Athem begann zwiſchen den feſtgeſchloſſenen Zähnen zu pfeifen. In dieſem Augenblicke öffnete einer der maskir⸗ ten Männer den Schlag des Coupé und ſagte mit der ausgeſuchteſten Höflichkeit: „Frau Gräfin, zu unſerem großen Bedauern ſind wir genöthigt, Sie zu derangiren; aber wir oder vielmehr der Conducteur hat in den Truhen ſeines Coupé zu thun; haben Sie daher die Güte, einen Augenblick auszuſteigen; Jerome wird die Sache ſo raſch als möglich beſorgen.“ 122 Dann ſagte er mit einem heiteren Tone, der ſich bei dieſer lächelnden Stimme nie ganz verwiſchte: „Nicht wahr, Jerome?“ Jerome antwortete von der Decke der Diligence herab und beſtätigte die Worte ſeines Mitunterred⸗ ners. Einem Inſtincte folgend und um ſich zwiſchen die Gefahr und ihren Sohn zu ſtellen, wenn eine Gefahr vorhanden wäre, hatte Frau von Montrevel, indem ſie der Aufforderung Folge leiſtete, Edouard hinter ſich ausſteigen laſſen. Dieſer Augenblick hatte dem Knaben genügt, ſich der Piſtolen des Conducteurs zu bemächtigen. Der junge Mann mit der kachenden Stimme half Frau von Montrevel mit der größten Rückſicht aus⸗ ſteigen, gab einem ſeiner Genoſſen ein Zeichen, ihr den Arm anzubieten, und wandte ſich nach dem Wa⸗ gen um. In dieſem Augenblicke jedoch ließ ſich ein dop⸗ pelter Schuß hören; Edouard hatte mit ſeinen beiden Händen auf den Genoſſen Jehus Feuer gegeben, der in einer Rauchwolke verſchwand. Frau von Montrevel ſtieß einen Schrei aus und ſank in Ohnmacht. Mehrere Schreie, der Ausdruck verſchiedener Ge⸗ fühle, antworteten auf den mütterlichen Schrei. Im Interieur war es ein Angſtſchrei; man war übereingekommen, keinen Widerſtand zu leiſten, und nun hatte doch Jemand Widerſtand geleiſtet. Bei den drei andern jungen Leuten war es ein Schrei der Ueberraſchung; es war zum erſten Male, daß etwas Derartiges vorkam. —„ — „—— en ne el, ar nd in le, — — — — 123 Sie ſtürzten auf ihren Kameraden, den ſie todt glaubten. Sie fanden ihn ſtehend, wohl und geſund. Er lachte laut, während der Conducteur mit gefalteten Händen rief: „Mein Herr, ich ſchwöre Ihnen, daß keine Ku⸗ geln in den Piſtolen waren; mein Herr, ich be⸗ theure, daß ſie nur mit Pulver geladen waren.“ „Nun ja!“ machte der junge Mann,„ich ſehe es wohl, daß ſie nur mit Pulver geladen waren; aber die gute Abſicht war wenigſtens vorhanden, nicht wahr, mein kleiner Edouard?“ Dann ſich an ſeine Genoſſen wendend, ſagte er: „Geſtehen Sie, meine Herren, daß das ein rei⸗ zender Knabe iſt, der ächte Sohn ſeines Vaters und der ächte Bruder ſeines Bruders. Bravo, Edouard, Du wirſt ein Mann werden!“ Und den Knaben in ſeine Arme nehmend, küßte er ihn trotz ſeines Sträubens auf die beiden Wangen. Edouard wehrte ſich wie ein Teufel, da er es ohne Zweifel demüthigend fand, von einem Manne geküßt zu werden, auf welchen er ſo eben zweimal geſchoſſen. Inzwiſchen hatte einer der drei Genoſſen die Mut⸗ ter Edouards einige Schritte von der Diligence weg⸗ getragen und ſie auf einen Mantel am Rande des Grabens gelegt. Der, welcher Edouard ſo eben mit ſo viel Liebe und Hartnäckigkeit geküßt, ſuchte ſie einen Augen⸗ blick mit den Blicken und ſagte, als er ſie ge⸗ wahrte: „Mit alle dem kommt Frau von Montrevel nicht 12⁴ zu ſich; wir können eine Frau nicht in dieſem Zu⸗ ſtande laſſen, meine Herren; Conducteur, ſorgen Sie für Edouard.“ Er übergab den Knaben ſeinen Ar⸗ men und, ſich an einen der Genoſſen wendend, ſagte er: „Ah, Du Mann der Vorſicht, haſt Du nicht ein Riechbüchschen oder ein Fläſchchen Meliſſenwaſſer bei Dir?“ „Doch, hier!“ antwortete der, an welchen dieſe Frage gerichtet war. Und er zog aus ſeiner Taſche ein Eſſigfläſchchen hervor. „Hier, mache Du die Sache mit Meiſter Jerome vollends ab,“ ſagte der junge Mann, welcher der Anführer der Bande zu ſein ſchien:„ich übernehme es, Frau von Montvevel Beiſtand zu leiſten.“ Es war in der That Zeit; die Ohnmacht der Frau von Montrevel nahm nach und nach den Charakter eines Nervenzufalls an: heftige Zuckungen erſchüt⸗ terten ihren Körper und dumpfe Schreie drangen aus ihrer Bruſt. Der junge Mann beugte ſich zu ihr hinab und ließ ſie die Salze einathmen. Frau von Montrevel öffnete die erſchrockenen Augen und riß, indem ſie„Edouard! Edouard!“ rief, mit einer unwillkürlichen Bewegung die Maske des Mannes ab, der ihr Hilfe brachte. Das Geſicht des jungen Mannes war entblößt. Der höfliche und lächelnde junge Mann— un⸗ ſere Leſer haben ihn bereits erkannt— war Mor⸗ gan Frau von Montrevel war beſtürzt bei dem An⸗ u⸗ ie Ar⸗ nd, ein bei blick dieſer ſchönen blauen Augen, dieſer hohen Stirne, dieſer anmuthigen Lippen, dieſer von einem Lächeln halbgeöffneten weißen Zähne. Sie begriff, daß ſie in den Händen eines ſol⸗ chen Mannes keine Gefahr lief und daß Edouard nichts Uebles hätte zuſtoßen können. Und Morgan nicht wie den Banditen behandelnd, der die Urſache der Ohnmacht iſt, ſondern wie den Mann von Welt, der einer ohnmächtigen Frau Bei⸗ ſtand leiſtet, ſagte ſie: „O mein Herr, wie gut Sie ſind!“ Und es lag in dieſen Worten und dem Tone, mit welchem ſie ausgeſprochen wurden, eine ganze Welt von Dank, nicht bloß für ſie, ſondern auch für den Knaben. Mit einer ſeltſamen Coquetterie, die ganz in ſei⸗ nem ritterlichen Charakter lag, antwortete Morgan, ſtatt raſch ſeine Maske wieder aufzunehmen und ſein Geſicht ſo ſchnell damit zu bedecken, daß Frau von Montrevel nur eine flüchtige und unklare Erinnerung von ihm zu bewahren im Stande geweſen wäre, antwortete er mit einer Verbeugung auf dieſes Com⸗ pliment, ließ ſeiner Phyſiognomie reichlich Zeit, ihre Wirkung zu thun, und band erſt, nachdem er das Flacon Leprétres Frau von Montrevel überge⸗ ben, die Schnüre ſeiner Maske wieder feſt. Frau von Montrevel verſtand dieſe Zartheit des jungen Mannes. „O mein Herr!“ ſagte ſie,„ſeien Sie ruhig, wo und in welcher Lage ich Sie wieder finde, Sie ſind mir unbekannt.“ „Dann, gnädige Frau,“ ſagte Morgan,„iſt es 126 an mir, Ihnen zu danken und Ihnen zu ſagen, daß Sie gut ſind.“ „Nun, meine Herren Reiſenden, eingeſtiegen,“ ſagte der Conducteur mit ſeiner gewöhnlichen Beto⸗, M nung, als wenn nichts Außerordentliches vorgefallen wäre.„b „Haben Sie ſich vollkommen erholt oder haben ha Sie noch einige Augenblicke nöthig? Die Diligence würde warten,“ fragte Morgan. M „Nein, mein Herr, es iſt unnöthig, ich danke Ihnen und fühle mich vollkommen wohl.“ Morgan bot Frau von Montrevel ſeinen Arm, die ſich darauf ſtütte, um über den Weg zu gehen S und wieder in den Wagen zu ſteigen. Der Conducteur hatte den kleinen Edouard be⸗ H reits hineingehoben. Als Frau von Montrevel ihren Sitz wieder ein⸗ genommen, wollte Morgan, der bereits mit der Mut⸗ ier Friede geſchloſſen, ſolchen nun auch mit dem Sohne ſchließen. nie „Ohne Groll, mein junger Held!“ ſagte er, in⸗ in dem er ihm die Hand bot. Aber der Knabe weigerte ſich. zuc „Ich gebe keinem Straßenräuber die Hand,“ oh ſagte er. 6 Frau von Montrevel machte eine Bewegung des Schrecens. fro „Sie haben einen reizenden Knaben, Madame,“„L ſagte Morgan,„nur hat er Vorurtheile.“ ter Und indem er mit der größten Höflichkeit grüßte, ſagte er, den Wagen ſchließend: 9e „Glückliche Reiſe.“ aß i, to⸗ len en nee nke rm, hen ein⸗ tut⸗ dem i des ne,“ üßte, 127 „Vorwärts!“ rief der Conducteur. Der Wagen ſetzte ſich in Bewegung. „O Verzeihung, mein Herr,“ rief Frau von Montrevel,„Ihr Flacon, Ihr Flacon!“ „Behalten Sie es, Madame,“ ſagte Morgan, „obgleich ich hoffe, Sie werden ſich ſo gut erholt haben, um es nicht mehr zu bedürfen.“ Aber der Knabe riß es aus den Händen ſeiner Mutter und ſagte: „Mama, nimm keine Geſchenke von einem Dieb.“ Dabei warf er es zum Schlag hinaus. „Teufel!“ murmelte Morgan, mit dem erſten Seufzer, den ſeine Genoſſen je von ihm gehört,„ich glaube, ich thue wohl daran, wenn ich nicht um die Hand meiner armen Amelie bitte.“ Dann ſagte er zu ſeinen Kameraden: „Nun, meine Herren, iſt alles fertig?“ „Ja,“ antworteten ſie einſtimmig. „Auf denn, zu Pferde und vorwärts, wir wollen nicht vergeſſen, daß wir heute Abend um neun Uhr in der Oper ſein müſſen.“ Und ſich in den Sattel ſchwingend, ſprengte er zuerſt über den Graben, ritt zum Fluſſe hin und ohne zu zögern in die von dem falſchen Courier auf der Karte von Caſſini bezeichnete Furt. Als ſie am andern Ufer angekommen waren, fragte Leprétre, während die Uebrigen ſich ſammelten: „Morgan, ſage doch, iſt Dir nicht die Maske herun⸗ tergefallen?“ „Ja, aber nur Frau von Montrevel hat mich geſehen,“ 128 „Hm!“ machte Leprétre,„es wäre beſſer, es hätte Dich Niemand geſehen.“ Und alle vier, ihren Pferden die Sporen gebend, verſchwanden durch die Felder nach der Seite von Chaource hin. VI. Der Rapport des Citoyen Fouché. Als Frau von Montrevel andern Tages gegen elf Uhr Morgens am Hötel des Ambaſſadeurs an⸗ kam, war ſie höchſt erſtaunt, ſtatt Rolands einen Fremden zu finden, der ſie erwartete. Dieſer Fremde näherte ſich ihr. „Sie ſind die Wittwe des Generäks von Montre⸗ vel, Madame?“ fragte er ſie. „Ja, mein Herr,“ antwortete Frau von Montre⸗ vel, ziemlich erſtaunt. „Und Sie ſuchen Ihren Sohn?“ „In der That, ich begreife nicht, nach dem Brief, den er mir geſchrieben. „Der Menſch denkt und der erſte Conſul lenkt,“ antwortete der Fremde lachend;„der erſte Conſul hat für einige Tage über Ihren Sohn verfügt und mich abgeſandt, um Sie an ſeiner Stelle zu em⸗ pfangen.“ Frau von Montrevel verbeugte ſich. „Und mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen?“ fragte ſie. end, von gen an⸗ nen —— 129 „Mit dem Citoyen Fauvelet de Bourrienne, ſei⸗ nem erſten Secretär,“ antwortete der Fremde. „Sie werden dem erſten Conſul in meinem Na⸗ men danken,“ verſetzte Frau von Montrevel,„und die Güte haben, ihm auszudrücken, wie ſehr ich be⸗ dauere, ihm nicht perſönlich danken zu können.“ „Aber nichts wird für Sie leichter ſein, Ma⸗ dame.“ „Wie das?“ „Der erſte Conſul hat mir befohlen, Sie nach dem Luxembourg zu führen.“ „Mich?“ „Sie und Ihren Herrn Sohn.“ „O, ich werde den General Bonaparte ſehen, o ich werde den General Bonaparte ſehen,“ rief der Knabe,„welches Glück!“ Und er ſprang, vor Freude in die Hände klatſchend, in die Höhe. „Nun, nun, Edouard!“ machte Frau von Mont⸗ revel. Dann ſich an Bourrienne wendend, ſagte ſie: „Entſchuldigen Sie, mein Herr, er iſt ein Wil⸗ der aus den Bergen des Jura.“ Bourrienne gab dem Knaben die Hand. „Ich bin ein Freund Ihres Bruders,“ ſagte er zu ihm,„wollen Sie mich umarmen?“ „Sehr gerne, mein Herr,“ antwortete Edouard, „Sie ſind kein Dieb, Sie.“ „Nein, ich hoffe nicht,“ antwortete der Sekretär lachend. „Noch einmal, entſchuldigen Sie ihn, mein Herr: wir wurden auf der Straße angefallen.“ Dumas, Jehu. IM. 9 130 „Wie, angefallen?“ „Ja.“ „Von Räubern?“ „Nicht gerade das.“ „Mein Herr,“ ſagte Edouard,„ſind Leute, die Geld ſtehlen, keine Räuber?“ „Im Allgemeinen nennt man ſie ſo.“ „Da ſiehſt Du, Mutter.“ „Nun, Edouard, ſchweige, ich bitte Dich!“ Bourrienne warf einen Blick auf Frau von Montrevel und ſah klar an dem Ausdruck ihres Geſichtes, daß dieſer Gegenſtand des Geſpräches ihr unangenehm war, er beharrte deßhalb auch nicht darauf. „Madame,“ ſagte er,„dürfte ich Sie daran er⸗ innern, daß ich den Befehl erhalten, Sie nach dem Lurembourg zu führen, wie ich bereits die Ehre ge⸗ habt, Ihnen zu ſagen, und hinzuzufügen, daß Ma⸗ dame Bonaparte Sie dort erwartet!“ „Mein Herr, gönnen Sie mir ſoviel Zeit, die Kleider zu wechſeln, und Edouard anzukleiden.“ „Und wie lange wird das dauern, Madame?“ „Iſt es zuviel, Sie um eine halbe Stunde zu bitten?“ „O nein, und wenn eine halbe Stunde Ihnen genügte, würde ich die Bitte ſehr natürlich finden.“ „Seien Sie ruhig, ſie wird mir genügen.“ „Nun denn, Madame,“ ſagte der Sekretär, in⸗ dem er ſich verbeugte,„ich mache einen Gang und in einer halben Stunde werde ich mich zu Ihren Befehlen ſtellen.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr.“ we ve ret ſol ve bo die von res ihr icht er⸗ dem ge⸗ Ma⸗ die zu nen in⸗ ind ren 131 „Entſchuldigen Sie mich, wenn ich pünktlich bin.“ „Ich werde Sie nicht warten laſſen.“ Bourrienne ging: Frau von Montrevel kleidete zuerſt Edouard, dann ſich an: als Bourrienne wie⸗ der erſchien, war ſie ſchon zehn Minuten bereit. „Nehmen Sie ſich in Acht, Madame,“ ſagte Bourrienne lachend,„daß ich nicht dem erſten Con⸗ ſul Mittheilung von Ihrer Pünktlichkeit mache...“ „Und was würde ich dabei zu fürchten haben?“ „Daß er Sie bei ſich behielte, um Madame Bonaparte Unterricht in der Pünktlichkeit zu geben.“ „O!“ machte Frau von Montrevel...„man muß den Creolinnen etwas zu Gute halten.“ „Sie ſind ja auch Creolin, Madame, ſo viel ich weiß.“ „Madame Bonaparte,“ ſagte Frau von Montre⸗ vel lachend,„ſieht ihren Gemahl alle Tage, wäh⸗ rend ich zum erſten Mal den erſten Conſul ſehen ſoll.“ „Fort, fort, Mutter,“ ſagte Edouard. Der Sekretär trat zurück, um Frau von Montre⸗ vel an ſich vorüber zu laſſen. Eine Viertelſtunde ſpäter war man im Luxem⸗ bourg. Bonaparte bewohnte im Luxembourg das Zim⸗ mer im linken Parterre, Joſephine hatte ihr Zimmer und ihr Boudvir im erſten Stock, eine Wendeltreppe führte von dem Cabinet des erſten Conſuls in ihre Gemächer. Sie war vorbereitet, denn als ſie Frau von Montrevel gewahrte, öffnete ſie ihr die Arme wie einer Freundin. 132 Frau von Montrevel war reſpectvoll an der Thüre ſtehen geblieben. „O kommen Sie, kommen Sie doch! Madame,“ ſagte Joſephine,„ich kenne Sie nicht von heute, ſondern von dem Tage an, da ich Ihren würdigen und ausgezeichneten Roland kennen lernte; wiſſen Sie, was mich beruhigt, wenn Bonaparte fort iſt? daß Roland ihm folgt, und wenn ich Roland bei ihm weiß, glaube ich, es könne ihm kein Unglück begeg⸗ nen. Nun, Sie wollen mich nicht umarmen?“ Frau von Montrevel war verlegen durch ſo viel Güte. „Wir ſind Landsmänninen, nicht wahr?“ fuhr ſie fort.„O, ich erinnere mich wohl noch der Frau von La Clemencière, die einen ſo ſchönen Garten und prachtvolles Obſt hatte! Ich erinnere mich wohl noch, daß mich mein Vater als Kind in dieſen Garten führte, um das Obſt zu koſten, und daß ich dabei ein junges hübſches Mädchen ſah, oder vielmehr begegnete, das die Königin deſſelben zu ſein ſchien; Sie haben ſich ſehr jung verheirathet, Madame?“ „Im vierzehnten Jahre.“ „Das muß wohl ſein, um einen Sohn von dem Alter Rolands zu haben: aber ſetzen Sie ſich doch!“ Sie gab das Beiſpiel, indem ſie Frau von Montre⸗ vel aufforderte, ſich neben ſie zu ſetzen. „Und dieſer reizende Knabe,“ fuhr ſie fort, in⸗ dem ſie auf Edouard deutete,„iſt das auch Ihr Sohn?“ Sie ſtieß einen Seufzer aus.„Gott war verſchwenderiſch gegen Sie, Madame,“ ſagte ſie, ihr ſch der e, ute, gen ſſen iſt? ihm eg⸗ viel uhr rau ten nich eſen daß der zu het, dem tre in⸗ Ihr war ſie, 133 „und da er alles thut, was Sie wünſchen, ſo ſollten Sie ihn bitten, mir auch einen zu ſchicken.“ Sie drückte neidiſch einen Kuß auf die Stirne Edouards. „Mein Mann wird ſehr glücklich ſein, Sie zu ſehen, Madame. Er liebt Ihren Sohn ſo ſehr! Man würde Sie auch nicht zu mir zuerſt geführt haben, wenn er nicht mit dem Polizeiminiſter be⸗ ſchäftigt wäre. Sie kommen übrigens in einem ſchlimmen Augenblick,“ fügte ſie hinzu,„er iſt wüthend.“ „O!“ rief Frau von Montrevel beinahe er⸗ ſchrocken,„wenn dem ſo iſt, würde ich lieber warten.“ „Nein, nein! im Gegentheil, Ihr Anblick wird ihn beſänftigen; ich weiß nicht, was geſchehen iſt; man überfällt, wie es ſcheint, die Diligencen wie im Schwarzwald beim hellen Tage, auf offener Straße. Fouché muß ſehr auf der Hut ſein, wenn es noch einmal geſchieht.“ Frau von Montrevel wollte antworten, aber in dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre und ein Huiſſier meldete: „Der erſte Conſul erwartet die Frau von Montre⸗ ve „Gehen Sie, gehen Sie,“ ſagte Joſephine,„die Zeit iſt ſo koſtbar für Bonaparte, daß er beinahe ebenſo ungeduldig iſt, als Ludwig XIV., der nichts zu thun hatte. Er wartet nicht gerne.“ Frau von Montrevel ſtand raſch auf und wollte ihren Sohn mit ſich nehmen. „Nein,“ ſagte Joſephine,„laſſen Sie mir den ſchönen Knaben: wir behalten Sie beim Eſſen, Bo⸗ 13⁴ naparte wird ihn um ſechs Uhr ſehen: überdies wenn er ihn früher will, wird er ihn rufen laſſen, für jetzt bin ich ſeine zweite Mutter. Womit werden wir Sie unterhalten?“ „Der erſte Conſul muß ſehr ſchöne Waffen haben, Madame?“ ſagte der Knabe. „Ja, ſehr ſchöne, nun, man wird Ihnen die Waffen des erſten Conſuls zeigen.“ Joſephine ging zur einen Thüre hinaus, indem ſie den Knaben mit ſich nahm, und Frau von Montre⸗ vel zur andern, indem ſie dem Huiſſier folgte. Auf dem Wege begegnete ſie einem blonden Mann, mit blaſſem Geſichte und mattem Blicke, der ſie mit einer Unruhe anſah, die ihm eigen zu ſein ſchien. Sie trat etwas auf die Seite, um ihn vorüber⸗ zulaſſen. Der Huiſſier ſah die Bewegung. „Es iſt der Polizeipräfect,“ ſagte er leiſe zu ihr. Frau von Montrevel ſah ihn mit einer gewiſſen Neugierde ſich entfernen; Fouché hatte zu jener Zeit ſchon eine fatale Berühmtheit. In dieſem Momente öffnete ſich die Thüre von Bonapartes Cabinet, und man ſah ſeinen Kopf in der halben Oeffnung. Er gewahrte Frau von Montrevel. „Frau von Montrevel,“ ſagte er,„treten Sie ein, treten Sie ein!“ Frau von Montrevel beeilte ſich und trat ein. „Kommen Sie,“ ſagte Bonaparte, indem er die Thüre hinter ſich ſchloß.„Ich ließ Sie warten, das iſt ganz gegen meinen Wunſch: ich war im Zuge, Fouché re ies ſen, den en, die dem tre⸗ den der ſein er⸗ hr. ſen eit on in Sie die iſt h 135 den Kopf zu waſchen; Sie wiſſen, daß ich mit Ro⸗ land ſehr zufrieden bin und daß ich ihn eheſtens zum General zu ernennen beabſichtige. Um welche Stunde ſind Sie angekommen?“ „So eben, General.“ „Woher kommen Sie? Roland hat es mir ge⸗ ſagt. Aber ich habe es vergeſſen.“ „Von Bourg.“ „Auf welchem Wege?“ „Auf dem Wege durch die Champagne.“ „Auf dem Wege durch die Champagne! Alſo wa⸗ ren Sie in Chatillon, als... „Geſtern Morgen, um neun Uhr.“ „In dieſem Falle mußten Sie von dem Ueber⸗ fall einer Diligence hören.“ „General... „Ja, eine Diligence wurde um zehn Uhr Mor⸗ gens zwiſchen Chatillon und Bar-ſur-Seine ange⸗ fallen.“ „General, das war die unſerige.“ „Wie, das war die Ihre?“ a „Sie befanden ſich in dem Wagen, der angefallen wurde?“ „Allerdings.“ „Ah! Ich werde alſo genaue Details erfahren. Entſchuldigen Sie mich, Sie begreifen mein Verlan⸗ gen, unterrichtet zu ſein, nicht wahr? In einem civi⸗ liſirten Lande, deſſen oberſte Behörde der General Bonaparte iſt, fällt man nicht ungeſtraft bei hellem Tage eine Diligence auf der Landſtraße an, oder...“ „General, ich kann Ihnen nichts ſagen, als daß 136 und maskirt waren.“ „Wie viele waren ihrer?“ „Vier.“ „Wie viele Perſonen waren im Wagen?“ „Vier, den Conducteur mit eingerechnet.“ „Und man hat ſich nicht vertheidigt?“ „Nein, General.“ „Der Polizeirapport ſpricht von zwei Schüſſen, welche abgefeuert worden.“ „Ja, General; aber dieſe beiden Schüſſe...“ „Nun?“ „Kamen von meinem Edouard.“ „Ihrem Sohne! Aber Ihr Sohn iſt in der Vendée.“ „Roland, ja; aber Edouard war bei mir.“ „Edouard! Wer iſt dieſer Edouard?“ „Der Bruder Rolands.“ Knabe.“ „Er iſt noch nicht zwölf Jahre alt, General.“ „Und er hat zweimal geſchoſſen?“ „Ja, General.“ „Warum haben Sie mir ihn nicht gebracht?“ „Er iſt bei mir.“ „Wo denn?“ „Ich ließ ihn bei Madame Bonaparte.“ Bonaparte läutete, ein Huiſſier erſchien. „Sagen Sie Joſephine, ſie möge mit de ben kommen.“ Dann im Zimmer auf⸗ und abgehend, melte er: „Er ſprach mir von ihm; aber der iſt ja ein diejenigen, welche den Wagen anfielen, zu Pferde SS c 8 S erde ſen, der ein ⸗ r 137 „Vier Männer! und dazu ein Knabe, der ihnen ein Beiſpiel von Muth gibt; und nicht einer der Ban⸗ diten wurde verwundet?“ „Es waren keine Kugeln in den Piſtolen.“ „Wie, es waren keine Kugeln in den Piſto⸗ len?“ „Nein, es waren die des Conducteurs, und der Conducteur hatte die Vorſicht, ſie nur mit Pulver zu laden.“ „Es iſt gut, man wird ſeinen Namen erfahren.“ In dieſem Augenblick ging die Thüre auf und Madame Bonaparte erſchien mit dem Knabeu an der Hand. „Komm hierher,“ ſagte Bonaparte zu dem Knaben. Edouard trat ohne Zögern näher und machte den militäriſchen Gruß. „Du alſo ſchießſt mit Piſtolen auf Räuber?“ „Siehſt Du, Mama, daß es Räuber ſind?“ un⸗ terbrach ihn der Knabe. „Gewiß ſind es Räuber, ich wollte, man ſagte mir das Gegentheil! Du haſt alſo auf die Räuber geſchoſſen, als die Männer Furcht hatten?“ „Ja, ich, General; aber der Poltron von Con⸗ ducteur hatte die Piſtolen nur mit Pulver geladen, ohne dies hätte ich ihren Anführer getödtet.“ „Du hatteſt alſo keine Furcht?“ „Ich? Nein!“ ſagte der Knabe,„ich habe nie⸗ mals Furcht.“ „Sie haben einer Löwenrace das Leben gegeben, Madame,“ machte Bonaparte, indem er ſich nach 138 Frau von Montrevel umwandte, welche auf den Arm von Joſephine geſtützt war. Dann fügte er, an den Knaben gewandt, hinzu, indem er ihn dabei umarmte: „Es iſt gut, man wird für Dich ſorgen; was willſt Du werden?“ „Zuerſt Soldat.“ „Wie, zuerſt?“ „Ja, und dann Oberſt wie mein Bruder und General wie mein Vater.“ „Es wird nicht meine Schuld ſein, wenn Du es nicht wirſt,“ antwortete der erſte Conſul. „Auch nicht die meine,“ verſetzte der Knabe. „Edouard!“ machte Frau von Montrevel ängſtlich. „Nun! Sie werden ihn doch nicht tadeln wollen, weil er gut geantwortet?“ Er nahm den Knaben, hob ihn zu ſich in die Höhe und umarmte ihn. „Sie ſpeiſen mit uns,“ ſagte er,„und dieſen Abend wird Sie Bourrienne, der Sie im Hotel auf⸗ ſuchte, nach der Rue de la Victoire bringen und da⸗ ſelbſt einlogiren; Sie bleiben dort bis zur Rückkehr Rolands, der Ihnen nach ſeinem Sinn eine Woh⸗ nung ſucht. Edouard tritt ins Prytanneum und ich verheirathe Ihre Tochter.“ „General!“ „Das iſt mit Roland abgemacht.“ Dann ſich an Joſephinen wendend, fügte er hinzu: „Führe Frau von Montrevel wieder in Deine Zimmer und ſorge, daß ſie ſich nicht zu ſehr lang⸗ weilt. Frau von Montrevel, wenn Ihre Freun⸗ ——— —„ 3—— 63— ———— —— 139 din,— Bonaparte legte einen Nachdruck auf dieſes Wort,— zu einer Modiſtin gehen will, ſo hindern Sie ſie daran; es kann ihr nicht an Hüten fehlen, ſie hat im letzten Monate achtunddreißig gekauft.“ Und mit einem kleinen freundlichen Klapps auf Edouards Wangen verabſchiedete er die beiden Frauen. VII. Der Sohn des Müllers von Kerleano. Wir ſagten, daß im ſelben Augenblick, in wel⸗ chem Morgan und ſeine drei Genoſſen die Diligence von Genf zwiſchen Bar⸗ſur⸗Seine und Chatillon an⸗ hielten, Roland in Nantes anlangte. Wenn wir das Reſultat ſeiner Miſſion wiſſen wollen, dürfen wir ihm nicht Schritt für Schritt durch die Kreuz⸗ und Querzüge folgen, durch welche der Abbé Bernier ſeine ehrgeizigen Wünſche zu verdecken ſuchte, ſondern müſſen ihn im Flecken Muzillac, zwiſchen Ambon und Le Guerno aufſuchen, zwei Mei⸗ len unterhalb des kleinen Golfs, in welchen ſich die Vilaine ergießt. Dort ſind wir mitten im Morbihan, das heißt an dem Orte, wo der Chouanskrieg begonnen, näm⸗ lich bei Laval, auf der Meierei der Poiviers, welche von Pierre, Cotterau, Jeanne und Moyne, den vier Chouansbrüdern, abſtammen. Einer ihrer Ahnen, ein miſanthroper Holzhacker und moroſer Bauer, 1¹0 hielt ſich von den andern Bauern entfernt, wie das Käuzchen von den übrigen Vögeln. Daher durch Verketzerung der Name Chouan*). Dieſer Name wurde der Name einer ganzen Par⸗ tei; am rechten Ufer der Loire ſprach man von den Chouans, um damit die Bretagner zu bezeichnen, wie man auf dem linken Ufer von den Brigands ſprach, um die Vendéer zu bezeichnen. Es iſt hier nicht unſere Aufgabe, den Tod und den Untergang dieſer herviſchen Familie zu erzählen, den beiden Schweſtern und dem einen Bruder aufs Schaffot, Jean und René aufs Schlachtfeld zu fol⸗ gen, wo ſie als Märtyrer ihres Glaubens ruhen. Seit den Hinrichtungen Perrines, Renés und Pier⸗ res, ſeit dem Tode Jeans ſind viele Jahre verfloſſen, und die Hinrichtung der Schweſtern und die Thaten der Brüder ſind zur Legende geworden. Wir haben es mit ihren Nachfolgern zu thun. Dieſe Burſche ſind der Tradition treu geblieben: ſo ſah man ſie an der Seite La Roueries, Bois⸗Har⸗ dys und Bernards von Villeneuve kämpfen, ſo käm⸗ pfen ſie an der Seite Bourmonts, Frottés und Geor⸗ ges Cadoudals: es iſt noch immer derſelbe Muth, dieſelbe Ergebenheit; es ſind noch immer die chriſt⸗ lichen Soldaten und exaltirten Royaliſten; ihr An⸗ blick iſt noch immer derſelbe, rauh und wild; ihre Waffen ſind noch immer dieſelben; ihre Flinte und der einfache Stock, den man in jenem Londe eine Ferte heißt; noch immer dieſelbe Tracht, das heißt die Mütze von brauner Wolle oder der Hut mit brei⸗ Chat-huant, das Käuzchen. c9— 7 s ar⸗ den en, ds ind en, ufs ol⸗ en. er⸗ en, ten 141 ten Rändern, der mit Mühe die langen platten Haare bedeckt, die unordentlich auf die Schultern herabfallen; es ſind die alten Aulerci Genomani, wie zu den Zei⸗ ten Cäſars, promisso capillo; es ſind noch immer die Bretagner mit den weiten kurzen Hoſen, von de⸗ nen Martial ſagt: Tam laxa est. 5 55 Quam veteris bracae Bretonis pauperis*. Um ſich gegen den Regen und die Kälte zu ſchü⸗ tzen, tragen ſie den Mantel von Ziegenfell, mit lan⸗ gen Haaren umſäumt; und als Zeichen der Verbin⸗ dung auf der Bruſt bald ein Weihgehänge und einen Roſenkranz, bald ein Herz, das Herz Jeſu, als be⸗ ſonderes Zeichen einer Brüderſchaft, die ſich zu re⸗ gelmäßigem täglichem Gebete verbindlich macht. Das ſind die Menſchen, die in dem Augenblick, da wir die Grenze überſchreiten, welche die Unter⸗ loire vom Morbihan ſcheidet, ringsumher von La Roche⸗Bernard bis Vannet, und von Quertemberg bis Billiers zerſtreut liegen, und damit auch den Flecken Muzillac einſchließen. Man braucht nur das Auge des Adlers, der in den Lüften ſchwebt, oder des Käuzchens, das durch die Finſterniß ſieht, um ſie unter dem Ginſter, dem Haidekraut und in den Gebüſchen, in denen ſie lie⸗ gen, zu unterſcheiden. Schreiten wir durch dieſes Netz von unſichtbaren Wachen ein, nachdem wir an einer Furt zwei Zu⸗ *) So weit.. Als die Hoſen der alten armen Bretonen. 142 flüſſe des Stromes ohne Namen, der ſich bei Billiers zwiſchen Arzal und Damgan ins Meer ergießt, durchſchnitten, keck das Dorf Muzillac zu betreten. Alles iſt dunkel und ruhig, ein einziges Licht glänzt durch die Spalten der Fenſterladen eines Hau⸗ ſes oder vielmehr einer Hütte, welche nichts im Uebri⸗ gen von den andern unterſcheidet. Es iſt die vierte zur Rechten vom Eingang. Nähern wir unſer Auge einem der Fenſter die⸗ ſes Taubenſchlags und ſehen wir hinein. Wir ſehen einen Mann in der Tracht der rei⸗ chen Bauern des Morbihan; nur eine goldene Borde von der Breite eines Fingers umſäumt das Wamms, die Knopflöcher ſeines Rockes und den Rand ſeines Hutes. Die übrige Tracht beſteht aus einer ledernen Hoſe und Stulpſtiefeln. Auf einem Stuhle liegt ſein Säbel. Ein Paar Piſtolen liegt dicht bei ihm. Am Kamine ſpiegeln die Läufe von zwei oder drei Karabinern ein helles Feuer. Er ſitzt vor einem Tiſche; eine Lampe erleuchtet Papiere, die er mit der größten Aufmerkſamkeit liest, und zu gleicher Zeit auch ſein Geſicht. Dieſes Geſicht iſt das eines Mannes von dreißig Jahren; wenn die Sorgen eines Parteigängerkriegs es nicht verdüſtert, ſo ſieht man, daß ſein Ausdruck offen und heiter wäre; hübſche blonde Haare um⸗ ſäumen es, große blaue Augen beleben es, der Kopf hat eine den Bretagnern eigenthümliche Form, die ſie, wenn man dem Syſtem Galls Glauben ſchenkt, der ſtarken Entwicklung der Organe der Beharrlich⸗ keit verdanken. e— —— c V — ½ ed. 143 Deßhalb hatte dieſer Mann auch zwei Namen. Seinen vertraulichen Namen, mit welchem ihn die Soldaten bezeichnen: der Rundkopf. Und dann ſeinen Namen, welchen er von ſeinen braven Eltern erhalten, Georges Cadudal, oder viel⸗ mehr Georges Cadoudal, da die Tradition die Or⸗ thographie ſeines hiſtoriſch gewordenen Namens ge⸗ ändert hat. Georges war der Sohn eines Bauern der Ge⸗ meinde Kerleano, in der Parochie Brech. Die Sage will, daß dieſer Bauer zu gleicher Zeit Müller war. Der Sohn kam nach dem College von Vannes, das nur wenige Meilen von Brech entfernt iſt, um hier eine gute und ſolide Erziehung zu genießen, als der erſte Aufruf der royaliſtiſchen Inſurrection in der Vendée erſcholl; Cadoudal hörte ihn, verſammelte einige Jagd⸗ und Luſtgenoſſen, ging an ihrer Spitze über die Loire und bot Stofflet ſeine Dienſte an; aber Stofflet verlangte, ihn zuerſt handeln zu ſehen, ehe er ihn an ſich feſſelte; das war es, was auch Georges wünſchte. Man brauchte in der Vendéer Armee nicht lange auf ſolche Gelegenheiten zu war⸗ ten und ſchon am andern Tage fand ein Kampf ſtatt, Georges Cadoudal machte ſich ans Werk und verbiß ſich ſo wild darein, daß der alte Wildmeiſter des Herrn von Maulevrier, als er ihn die Blauen an⸗ greifen ſah, nicht umhin konnte, laut zu Bonchamp zu ſagen, der neben ihm ſtand: „Wenn nicht eine Kanonenkugel dieſen dicken Rundkopf fortreißt, ſo wird er weit gehen, das pro⸗ phezeie ich.“ Der Name blieb Cadoudal. 144 So hatten fünf Jahrhunderte vorher die Herren von Malestroit, Penhoet, Beaumanoir und Rochefort den großen Connetable genannt, deſſen Löſegeld die Frauen der Bretagne ſpannen. „Seht den dicken Rundkopf,“ ſagten ſie,„wir wollen tüchtige Säbelhiebe mit den Engländern aus⸗ tauſchen.“ Unglücklicherweiſe waren es jetzt nicht mehr Eng⸗ länder, mit welchen die Bretagner tüchtige Säbelhiebe austauſchten. Es waren Franzoſen gegen Franzoſen. Georges blieb bis zur Riederlage von Savenay in der Vendée. Die ganze Vendéer Armee blieb auf dem Schlacht⸗ felde oder verſchwand wie ein Rauch. Georges hatte während beinahe drei Jahren Wunder von Muth, Gewandtheit und Kraft gethan; er ging über die Loire zurück und kehrte nach dem Morbihan mit einem einzigen von denen, die ihm gefolgt waren, heim. Dieſer wird ſein Adjutant oder vielmehr ſein Kriegsgenoſſe; er wird ihn nicht verlaſſen, und für den rauhen Krieg, den ſie zuſammen machen, wird er ſeinen Namen Lemercier mit Tiffauges vertauſchen. Wir ſahen ihn auf dem Ball der Opfer, mit einer Sendung an Morgan betraut. In ſeine Heimath zurückgekehrt, unterhält Ca⸗ doudal dort auf eigene Hand von nun ab die In⸗ ſurrection; die Kugeln haben den dicken Rundkopf reſpectirt und der dicke Rundkopf, die Prophezeiung Stofflets rechtfertigend, wird als Nachfolger der La Rochejaguelin, Elbée, Bonchamp, Lescure, und Stoff⸗ n rt ir g⸗ be en in; em 14⁵ let ſelbſt, ihr Rival an Ruhm, und überragt ſie ſogar an Macht. Denn es war ſo weit gekommen, daß er— was uns einen Maßſtab für ſeine Macht geben wird— beinahe allein gegen die Regierung Bona⸗ partes kämpfte, welcher ſeit drei Monaten zum erſten Conſul ernannt war. Die beiden der bourboniſchen Dynaſtie mit ihm treu gebliebenen Anführer waren Frotté und Bour⸗ mont. In dem Augenblick, bis zu welchem wir gekom⸗ men ſind, das heißt dem 26. Januar 1800, com⸗ mandirt Cadoudal drei bis viertauſend Mann, mit denen er den General Harty in Vannes zu blokiren ſich rüſtet. So lange er die Antwort des erſten Conſuls auf den Brief Ludwigs XVIII. erwartet, hat er die Feindſeligkeiten eingeſtellt; aber ſeit zwei Tagen iſt Tiffauges angekommen und hat ihm die Antwort überbracht. Sie iſt bereits nach England erpedirt, von wo ſie nach Mittau gebracht werden wird, und da der erſte Conſul den Frieden nicht unter den von Lud⸗ wig XVIII. dictirten Bedingungen will, ſo wird Ca⸗ doudal, der Obergeneral Ludwigs XVIII. im Weſten, den Krieg gegen Bonaparte fortſetzen und müßte er ihn auch allein mit ſeinem Freunde Tiffauges machen, während in Pouancé die Conferenzen zwiſchen Cha⸗ tillon, dAutichamp, dem Abbé Bernier und dem Ge⸗ neral Hedouville ſtattfinden. Er war in dieſem Augenblicke in tiefes Nachden⸗ ken verſunken; dieſer letzte Ueberlebende der großen Kämpfer des Bürgertriegs, und die Nachrichten, die 10 Dumas, Jehu. I, 146 er ſveben erhalten, ſind auch wirklich Grund zu ern⸗ ſtem Nachdenken. Der General Brune, der Sieger von Bergen und Caſtricum, der Retter Hollands, iſt ſoeben zum Obergeneral der republikaniſchen Armeen im Weſten ernannt worden und in Nantes angekommen. Er ſoll um jeden Preis Cadoudal und ſeine Chouans vernichten. 3 Er ſinnt nach, denn es gilt, dem neuen Ober⸗ general um jeden Preis zu beweiſen, daß man ſich nicht fürchtet und daß er von der Einſchüchterung nichts zu erwarten hat. In dieſem Augenblick hört man den Galopp eines Pferdes; ohne Zweifel weiß der Reiter die Parole, denn er reitet ohne Schwierigkeit durch die auf dem Wege von La Roche⸗Bernärd aufgeſtellten Patrouillen und ohne Schwierigkeit iſt er in das Dorf Muzillac hineingeritten. Er hält vor der Thüre der Hütte, wo ſich Georges befindet. Georges erhebt den Kopf und horcht; er legt für jeden Fall die Hand an die Piſtolen, obgleich es wahrſcheinlich iſt, daß er es mit einem Freunde zu thun haben wird. Der Reiter ſpringt vom Pferde, tritt in den Gang, und öffnet die Thüre des Zimmers, in wel⸗ chem ſich Georges befindet. „Ah! Du biſt es, Cveur⸗de⸗Roi!“ ſagte Cadoudal, „woher kommſt Du?“ „Von Pouancé, General!“ „Welche Neuigkeiten?“ „Einen Brief von Tiffauges.“ — ne er⸗ ich ng 1es e, em len lac egt es zu den vel⸗ dal, 147 „Gib.“ Georges nahm den Brief lebhaſt aus den Hän⸗ den Cveur⸗de⸗Rois und las ihn. „Ah!“ machte er. Und er las ihn zum zweiten Male. „Haſt Du den geſehen, deſſen Ankunft er mir meldet?“ fragte Cadoudal. „Ja, General,“ antwortete der Courier. „Was iſt das für ein Menſch?“ „Ein hübſcher junger Mann von ſechsundzwanzig ſiebenundzwanzig Jahren.“ „Sein Ausſehen?“ „Entſchloſſen!“ „Gut, wann kommt er?“ „Wahrſcheinlich heute Abend.“ „Haſt Du ihn auf dem ganzen Wege empfohlen?“ „Ja, er wird überall frei paſſiren.“ „Empfehle ihn noch einmal, es ſoll ihm kein Leid geſchehen, er iſt von Morgan geſchützt.“ „Soll geſchehen, General.“ „Haſt Du mir noch etwas anderes zu ſagen?“ „Die Vorhut der Republikaner iſt in La Roche⸗ Bernard.“ „Wie viel Mann?“ „Ungefähr tauſend Mann: ſie haben eine Guil⸗ lotine bei ſich und den Commiſſär der Erecutivgewalt, Millière.“ „Du weißt das gewiß?“ „Ich habe ſie unterwegs begegnet; der Commiſſär war zu Pferde mit dem Oberſt, ich habe ſie wohl erkannt. Er ließ meinen Bruder hinrichten und ich habe geſchworen, er ſolle nur von meiner Hand fallen.“ bi vo 148⁸ „Und Du wirſt Dein Leben wagen, um Deinen Schwur zu halten?“ „Bei der erſten Gelegenheit?“ „Vielleicht wird ſie nicht auf ſich warten laſſen.“ In dieſem Augenblick hörte kan den Galopp eines Pferdes in der Straße. 4 „Ah!“ ſagte Coeur⸗de⸗Roi,„das iſt wahrſchein⸗ lich der, den Sie erwarten.“ „Nein,“ ſagte er,„der Reiter, den wir hören, kommt von Vannes.“ In der That konnte man, als das Geräuſch deut⸗ licher wurde, erkennen, daß Cadoudal Recht hatte. Wie der erſte Reiter, hielt auch der zweite vor der Thüre, wie der erſte ſprang er vom Pferde, wie der erſte trat er ein. Georges erkannte ihn auf den erſten Blick, trotz des Mantels, in welchen er gehüllt war. „Du biſt es, Benedicite,“ ſagte er. „Jo, mein General.“ „Woher kömmſt Du?“ „Von Vannes, wohin Sie mich geſchickt, um die Blauen zu beobachten.“ „Nun, was machen die Blauen?“ „Sie fürchten vor Hunger zu ſterben, wenn Sie die Stadt blokiren, und um ſich Lebensmittel zu ver⸗ ſchaffen, hat der General Harty den Plan, heute Nacht die Magazine von Grandchamps wegzuführen; der General wird die Expedition in Perſon comman⸗ diren, und damit ſie leichter vor ſich geht, wird die Colonne nur aus ſechzig Mann beſtehen.“ „Biſt Du müde, Benedicite?“ „Niemals, General.“ ie 149 „Und Dein Pferd?“ „Es iſt ſehr 166h gelaufen, aber es kann noch vier bis fünf Meileh im ſelben Trabe machen, ohne zu krepiren.“ „Gib ihm zi Stunden Ruhe, die doppelte Ra⸗ tion Haber unpes wird zehn Meilen machen.“ „Unter ſolchen Bedingungen allerdings.“ „In zwei Stunden wirſt Du gehen, Du wirſt bei Tagesanbruch in Grandchamps ſein, in meinem Namen Befehl geben, das Dorf zu räumen; den General Harty und ſeine Colonne nehme ich auf mich: haſt Du mir ſonſt noch etwas zu ſagen?“ „Ja; ich habe Ihnen noch eine Neuigkeit mitzu⸗ theilen.“ „Was?“ „Daß Vannes einen neuen Biſchof hat.“ „Ah! man gibt uns alſo unſere Biſchöfe wieder?““ „Es ſcheint; aber wenn ſie alle ſind, wie dieſer, mögen ſie ſie nur behalten.“ „Und wer iſt dieſer?“ „Audrein.“ „Der Königsmörder?“ „Audrein, der Renegat.“ „Und wann kommt er?“ „Heute Nacht oder morgen.“ „Ich werde ihm nicht entgegengehen, aber daß er nur nicht in die Hände meiner Leute fällt.“ Benedicite und Coeur⸗de⸗Roi ſtießen ein lautes Gelächter aus, welches Georges' Gedanken ergänzte. „Scht!“ machte Cadoudal. Die drei Männer horchten. „Diesmal iſt er es wahrſcheinlich,“ ſagte Georges. 150 Man hörte den Galopp eines Pferdes, das aus der Richtung von La Roche⸗Bernard kam. „Das iſt er gewiß,“ wiederhilt Cveur⸗de⸗Roi. „Gut, meine Freunde, laßt mich allein: Du, Benedicite, gehſt ſobald als möglich nach Grandchamps, Du, Cveur⸗de⸗Roi, in den Hof ueig Mann; ich kann Boten nach verſchiedenen Richtungen zu ſenden haben; apropos, ſorge, daß man mir das Beſte bringt, was im Dorfe zum Abendeſſen aufzu⸗ treiben iſt.“ „Für wie viele Perſonen, General?“ „O, für zwei Perſonen.“ „Sie wollen fortgehen?“ „Nein, ich gehe dem entgegen, der kommt.“ Zwei bis drei Burſche hatten bereits die Pferde der beiden Boten in den Hof geführt. Die Boten wichen dem Fremden aus. Georges kam an die Straßenthüre, gerade in dem Augenblicke, als ein Reiter, ſein Pferd anhal⸗ tend und nach allen Seiten um ſich blickend, zu zö⸗ gern ſchien. „Hier, mein Herr,“ ſagte Georges. „Wer iſt hier?“ fragte der Reiter. „Der, den Sie ſuchen.“ „Woher wiſſen Sie, wer der iſt, den ich ſuche?“ „Ich ſetze voraus, daß es Georges Cadoudal iſt, ſonſt der dicke Rundkopf genannt.“ „Allerdings.“ „So ſeien Sie mir willkommen, Herr Roland von Montrevel, denn ich bin der, den Sie ſuchen.“ „Ah, ah!“ machte der junge Mann erſtaunt, in⸗ dem er vom Pferde ſprang. Er ſchien mit den Blicken 15¹ Jemand zu ſuchen, dem er ſein Pferd anvertrauen könnte.“ „Werfen Sie den Zügel über den Hals Ihres Pferdes und kümmern Sie ſich nicht weiter um das⸗ ſelbe, Sie werden es wiederfinden, wenn Sie ſein bedürfen; man verliert nichts in der Bretagne; Sie ſind hier auf loyalem Boden.“ Der junge Mann machte keine Bemerkung, warf den Zügel über den Hals ſeines Pferdes, wie er aufgefordert worden, und folgte Cadoudal, der vor ihm herging. „Ich will Ihnen den Weg zeigen, Oberſt,“ ſagte der Anführer der Chouans. Und beide traten in die Hütte, deren Feuer eine unſichtbare Hand wieder angefacht. VIII. Die Diplomatie Cadondals. Roland trat, wie wir geſagt, hinter Georges ein und warf, während er dies that, einen Blick flüch⸗ tiger Neugierde um ſich. Dieſer Blick genügte ihm, zu ſehen, daß ſie ganz allein ſeien. ⸗ „Das iſt Ihr Generalquartier?“ fragte Roland mit einem Lächeln, indem er die Sohlen ſeiner Stie⸗ fel an das Feuer hielt. „Ja, Oberſt.“ „Es iſt eigenthümlich bewacht.“ Georges lachte nun ſeinerſeits und ſagte: 152 „Sie meinen das, weil Sie von La Roche⸗Ber⸗ nard bis hierher den Weg frei fanden.“ „Das heißt, weil ich nicht eine Seele begegnete.“ „Das beweist keineswegs, daß der Weg nicht bewacht war.“ „Wofern es nicht durch die Nachteulen und Käuz⸗ chen geſchah, die von Baum zu Baum zu fliegen ſchienen, um mich zu begleiten, General: in dieſem Fall ziehe ich meine Behauptung zurück.“ „Allerdings,“ antwortete Cadoudal,„dieſe Nacht⸗ eulen und Käuzchen ſind meine Wachen, Wachen mit guten Augen, denn ihre Augen haben vor denen der Menſchen den Vortheil, daß ſie durch die Nacht ſehen.“ „Es iſt nicht minder wahr, daß ich mich zum Glücke in La Roche⸗Bernard nach dem Wege erkun⸗ digte, denn ohne das hätte ich keine Katze gefun⸗ den, die mir hätte ſagen können, wo ich Sie finden würde.“ „An jedem Orte des Weges, wo Sie laut ge⸗ fragt:„wo finde ich Georges Cadoudal?“ hätte Ihnen eine Stimme geantwortet: Im Dorfe Mu⸗ zillac, im vierten Hauſe rechts. Sie haben Niemanden geſehen, Oberſt: in dieſem Augenblicke wiſſen ungefähr fünfzehnhundert Menſchen, daß der Oberſt Roland, der Adjutant des erſten Conſuls, mit dem Sohne des Müllers von Kerleano ver⸗ handelt.“ „Wenn ſie jedoch wiſſen, daß ich Oberſt im Dienſte der Republik und Adjutant des erſten Con⸗ ſuls bin, wie kam es, daß ſie mich vorüberließen?“ „Weil ſie dazu Befehl erhalten hatten.“ „Sie wußten alſo, daß ich kam?“ — 153 „Ich wußte nicht allein, daß Sie kommen, ſon⸗ dern auch, weßhalb Sie kommen.“ Roland ſah ſeinen Mitunterredner feſt an. „So iſt es alſo unnöthig, daß ich es Ihnen ſage und Sie würden mir antworten, auch wenn ich ſchwiege?“ „Ungefähr, ja.“ „Nun, ich wäre wahrhaftig neugierig, dieſe Ueber⸗ legenheit Ihrer Polizei über die unſrige kennen zu lernen.“ „Ich werde Ihnen den Beweis davon geben, Oberſt.“ „Ich höre und dies mit um ſo größerer Befrie⸗ digung, als ich mich dabei an dieſem ausgezeichneten Feuer wärmen kann, das ebenfalls auf mich gewar⸗ tet zu haben ſchien.“ „Sie glauben nicht, wie hübſch Sie ſprechen, Oberſt, und alles bis auf das Feuer herab thut ſein Beſtes, um Sie willkommen zu heißen.“ „Aber nicht mehr als Sie, es ſagt mir nicht den Zweck meiner Sendung.“ „Ihre Sendung, die Sie mir die Ehre erweiſen, auf mich auszudehnen, Oberſt, galt anfangs dem Abbé Bernier allein. Unglücklicherweiſe hat der Abbé Bernier in dem Briefe, den er ſeinem Freunde Martin Duboys ſandte, ſeine Kräfte etwas über⸗ ſchätzt; er bot dem erſten Conſul ſeine Vermittlung an.“ „Entſchuldigen Sie,“ unterbrach ihn Roland, „aber Sie theilen mir da etwas mit, was ich nicht wußte, daß nämlich der Abbé Bernier an den Ge⸗ neral Bonaparte geſchrieben.“ „Ich ſage, er habe an ſeinen Freund Martin 15⁴ Duboys geſchrieben, was ein großer Unterſchied iſt; meine Leute haben ſeinen Brief aufgefangen und ze mir ihn gebracht; ich ließ ihn copiren und ſchickte 5 ihn ab: ich bin überzeugt, daß er in die rechten vr Hände gekommen; Ihr Beſuch beim General Hedou⸗ S ville iſt ein Beweis davon.“ ſ „Sie wiſſen, daß nicht mehr der General Hedou⸗ de ville, ſondern der General Brune in Nantes com⸗ mi mandirt.“. „Sie können ſogar ſagen, in La Roche⸗Ber⸗ nard commandirt, denn tauſend republikaniſche Sol⸗ daten ſind dieſen Abend gegen ſechs Uhr in dieſer 6 Stadt eingezogen, und zwar in Begleitung einer Guillotine und des Citoyen Generalcommiſſär Thomas ſ Milliere. Da man das Inſtrument hatte, brauchte man auch einen Henker.“ 5 „Sie ſagen alſo, General, daß ich zum Abbé Bernier gekommen ſei?“ zü „Ja, der Abbé Bernier hatte ſeine Vermittlung 8S angeboten, aber er vergaß, daß es heutzutage zweierlei Vendée gibt, die Vendée auf dem linken Ufer und ge die Vendée auf dem rechten Ufer; daß, wenn man mit d Autichamp, Chatillon und Souzannet in Pouancé bi unterhandeln kann, immer noch mit Frotté, Bour⸗ mont und Cadoudal zu unterhandeln übrig bleibt; aber wo das, das iſt, was Niemand ſagen kann.“ bi „Als Sie, General.“ „Ferner haben Sie mit der Ritterlichkeit, welche das Weſen Ihres Charakters bildet, es übernommen, mir den am 25. unterzeichneten Vertrag zu über⸗ un bringen. Abbé Bernier, d'Autichamp, Chatillon und N r⸗ ol⸗ ſer er as hte be ng lei nd an nc6 ur⸗ bt; A che en, er⸗ und 155 Souzannet haben Ihnen einen Durchlaßſchein unter⸗ zeichnet und ſo ſind Sie hier.“ „Wahrhaftig, General, ich muß ſagen, daß Sie vollkommen unterrichtet ſind; der erſte Conſul wünſcht von ganzem Herzen den Frieden; er weiß, daß er in Ihnen einen tapfern und loyalen Gegner hat, und da er Sie nicht ſprechen kann, da Sie vermuthlich nicht nach Paris kommen, ſo hat er mich zu Ihnen abgeſandt.“ „Das heißt zum Abbé Bernier.“ „General, es kann Ihnen wenig daran liegen, ob ich mich anheiſchig mache, was wir unter uns abgemacht, durch den erſten Conſul ratificiren zu laſſen. Wie lauten Ihre Friedensbedingungen?“ „O! ſie ſind ſehr einfach: der erſte Conſul gibt Ludwig XVIII. den Thron zurück, wird ſein Conne⸗ table, ſein Generallieutenant, der Chef ſeiner Armeen zu Land und zu Waſſer und ich werde ſein erſter Soldat.“ „Der erſte Conſul hat bereits auf dieſes Verlan⸗ gen geantwortet.“ „Dies iſt der Grund, weßhalb ich entſchloſſen bin, auf dieſe Antwort wieder zu antworten.“ „Wann?“ „Dieſe Nacht noch, wenn ſich die Gelegenheit ietet.“ „Auf welche Weiſe?“ „Indem ich die Feindſeligkeiten wieder aufnehme.“ „Aber Sie wiſſen, daß Chatillon, dAutichamp und Souzannet die Waffen niedergelegt?“ „Sie ſind die Anführer der Vendéer und im Namen der Vendéer können ſie thun, was ſie wollen; 156 ich bin der Anführer der Chouans und im Namen der Chouans werde ich thun, was mir beliebt.“ „So verurtheilen Sie dieſes unglückliche Land alſo zu einem Vertilgungskrieg, General?“ „Es iſt ein Martyrthum, zu dem ich Chriſten und Royaliſten auffordere.“ „Der General Brune iſt in Nantes mit den acht⸗ tauſend Gefangenen, welche die Engländer uns nach ihrer Niederlage bei Bergen und Caſtricum zurückge⸗ geben.“ „Es iſt das letzte Mal, daß ſie dieſes Glück ge⸗ habt haben werden: die Blauen haben uns die ſchlechte Gewohnheit gelehrt, keine Gefangenen zu machen: was die Zahl unſerer Feinde betrifft, ſo kümmern wir uns nicht darum, das iſt eine Detailangele⸗ genheit.“ „Wenn der General Brune und ſeine achttauſend Gefangenen in Verbindung mit den zwanzigtauſend Soldaten, die er aus den Händen des Generals Hedouville empfängt, nicht genügen, ſo iſt der erſte Conſul entſchloſſen, ſelbſt gegen Sie zu marſchiren und zwar mit hunderttauſend Mann.“ Cadoudal lächelte. „Wir werden ihm zu beweiſen ſuchen,“ ſagte er, „daß wir würdig ſind, ihn zu bekämpfen.“ „Er wird Ihre Städte anzünden!“ „Wir werden uns in unſere Hütten zurückziehen.“ „Er wird Ihre Hütten verbrennen.“ „Wir werden in unſern Wäldern leben.“ „Sie werden ſich beſinnen, General.“ „Geben Sie mir die Ehre, achtundvierzig Stun⸗ un⸗ —— den bei mir zu bleiben, Oberſt, und Sie ſollen ſehen, daß ich mich beſonnen habe.“ „Ich habe große Luſt, anzunehmen.“ „Nur, Oberſt, verlangen Sie nicht mehr, als ich Ihnen geben kann, den Schlaf unter einem Stroh⸗ dach, oder in einem Mantel, unter den Aeſten einer Eiche: eines meiner Pferde, um mir zu folgen, einen Geleitsbrief, um mich zu verlaſſen.“ „Ich nehme an.“ „Ihr Wort, Oberſt, ſich in nichts den Befehlen zu widerſetzen, die ich geben werde, die Ueberraſchun⸗ gen nicht zu vereiteln, die ich Ihnen bereiten werde.“ „Ich bin zu neugierig, Sie handeln zu ſehen, um Sie zu hindern; Sie haben mein Wort, General.“ „Etwas, was unter ihren Augen geſchieht?“ „Etwas, was unter meinen Augen geſchieht; ich verzichte auf die Rolle des Schauſpielers, um mich ganz in die des Zuſchauers zurückzuziehen: ich will zum erſten Conſul ſagen können: Ich habe geſehen!“ Cadoudal lächelte. „Nun gut, Sie ſollen ſehen,“ ſagte er. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und zwei Bauern trugen einen völlig gedeckten Tiſch herein, auf dem eine Kohlſuppe und ein Stück Schin⸗ ken dufteten; ein ungeheurer Krug Moſt, der eben abgezapft worden, ſchäumte und mouſſirte zwiſchen zwei Gläſern. Einige Buchweizenkuchen ſollten das Deſſert die⸗ ſes einfachen Mahles bilden. Der Tiſch trug zwei Couverts. „Sie ſehen, Herr von Montrevel,“ ſagte Cadou⸗ — 158 dal,„meine Burſche hoffen, Sie werden mir die Ehre erzeigen, mit mir zu Nacht zu ſpeiſen.“ „Und wahrhaftig, ſie haben nicht Unrecht; ich würde Sie darum gebeten haben, wenn Sie mich nicht eingeladen, und ich würde verſuchen, Ihnen mit Gewalt meinen Theil zu entreißen, wenn Sie mich nicht einlüden.“ „Dann zu Tiſche!“ Der junge Oberſt ſetzte ſich heiter. „Verzeihung für das Mahl, das ich Ihnen an⸗ biete,“ ſagte Cadoudal,„ich habe keinen Feldſold, wie Ihre Generale, meine Soldaten erhalten mich. Was haſt Du uns außerdem noch zu geben, Briſe⸗ Bleu?“ „Ein Fricaſſé von Huhn, General.“ „Da haben Sie den Küchenzettel Ihres Diners, Herr von Montrevel.“ „Das iſt ja ein Feſt. Ich habe jetzt nur eine Sorge, General.“ „Welche?“ „Es wird ſehr gut gehen, ſo lange wir eſſen, aber wenn es ſich um das Trinken handelt?“ „Sie lieben den Moſt nicht? Ah! verdammt, Sie ſetzen mich in Verlegenheit, Moſt oder Waſſer, das iſt alles, was mein Keller vermag.“ „Das iſt es nicht; auf weſſen Geſundheit werden wir trinken?“ „Iſt es nur das, mein Herr?“ ſagte Cadoudal mit großer Würde,„ſo trinken wir auf das Wohl unſerer gemeinſamen Mutter, auf Frankreichs Wohl; wir dienen ihr beide, in verſchiedenem Geiſte, aber ich hoffe mit demſelben Herzen. Auf Frankreich, ich ich nit ich m⸗ en, nt, er, en dal ohl hl; ber ch, 159 mein Herr,“ ſagte Cadoudal, indem er die beiden. Gläſer füllte. „Auf Frankreich! General!“ antwortete Roland, indem er ſein Glas an das von Georges ſtieß. Und beide ſetzten ſich heiter, und nachdem ſie ihrem Gewiſſen Genüge gethan, fielen ſie mit Appe⸗ titen, von denen der älteſte nicht dreißig Jahre zählte, über die Suppe her. IX. Die Diplomatie Georges Cadoudals. „Jetzt, General,“ ſagte Roland, nachdem das Eſſen beendigt war, und die beiden jungen Leute, die Ellbogen auf dem Tiſche, vor einem großen Feuer ausgeſtreckt, jenes Wohlbehagen zu empfinden ſchienen, welches die gewöhnliche Folge eines Mahles iſt, deſſen Würze der Appetit und die Jugend ſind, „Sie haben mir verſprochen, mich Dinge ſehen zu laſſen, die ich dem erſten Conſul berichten könnte.“ „Und Sie haben verſprochen, ſich ihnen nicht zu widerſetzen.“ „Aber ich behalte mir vor, wenn, was ich ſähe, mein Gewiſſen verletzte, mich zurückzuziehen.“ „Man braucht dann nur den Sattel auf den Rücken Ihres Pferdes zu werfen, Oberſt, oder auf den Rücken des meinigen, falls das Ihre zu ſehr ermüdet wäre, und Sie ſind frei.“ „Ganz wohl.“ „Wahrhaftig,“ ſagte Cadoudal,„die Ereigniſſe 160 werden Ihnen dienen; ich bin hier nicht allein Ge⸗ neral, ſondern auch Gerichtsherr und es iſt lange her, ſeitdem ich Recht zu ſprechen hatte. Sie ſagten mir, Oberſt, daß der General Brune in Nantes ſei; ich wußte es; Sie ſagten mir, daß ſeine Vorhut vier Meilen von hier in La Roche⸗Bernard liege, ich wußte es ebenfalls; aber eins, was Sie vielleicht nicht wußten, iſt, daß dieſe Vorhut nicht von einem Soldaten, wie Sie und ich, commandirt wird, ſondern von dem Citoyen Thomas Millière, dem Commiſſär der Executivgewalt. Etwas anderes, was Sie viel⸗ leicht nicht wiſſen, iſt das, daß der Citoyen Thomas Millière ſich nicht ſchlägt wie wir, mit Kanonen, Flinten, Bajonnetten, Piſtolen und Säbeln, ſondern mit einem Inſtrumente, das einer von Ihren republi⸗ kaniſchen Philanthropen erfunden und das man Guillotine nennt.“ „Es iſt unmöglich, mein Herr,“ rief Roland, „daß man unter dem erſten Conſul dieſe Art von Krieg führt.“ „Ah! verſtehen wir uns recht, Oberſt; ich ſage nicht, daß es der erſte Conſul iſt, der ſolchen Krieg führt, ich ſage, daß man ihn in ſeinem Namen führt.“ „Und wer iſt der Elende, der auf ſolche Weiſe die Autorität mißbraucht, die ihm anvertraut iſt, um mit einem Generalſtab von Henkern Krieg zu führen?“ „Ich ſagte Ihnen, er nennt ſich Citoyen Tho⸗ mas Millière; erkundigen Sie ſich, und in der gan⸗ zen Vendée und in der ganzen Bretagne wird nur eine Stimme über dieſen Menſchen herrſchen. Seit dem Tag des erſten Aufſtandes in der Vendée und 2 —— b ter die int M 161¹ Bretagne, alſo ſeit ſechs Jahren war dieſer Millière immer und überall einer der thätigſten Agenten der Schreckensherrſchaft; für ihn hat dieſe mit Robes⸗ pierre nicht aufgehört. Indem er ſich ſelbſt zum Denuncianten bei den höheren Behörden machte oder Denunciationen annahm, ließ er die bretagner und vendéer Soldaten, ihre Eltern, ihre Freunde, ihre Brüder, ihre Schweſtern, ihre Frauen, ihre Töchter, bis herab zu den Verwundeten und Sterbenden, alle ohne Urtheil erſchießen und guillotiniren. In Dau⸗ meray zum Beiſpiel hinterließ er eine Blutſpur, die noch nicht verwiſcht iſt und niemals verwiſcht wer⸗ den wird; mehr als achtzig Bewohner wurden vor ſeinen Augen erwürgt, Söhne in den Armen ihrer Mütter erſchlagen, die bis jetzt vergeblich ihre bluti⸗ gen Arme zum Himmel gehoben. Die Pacifikationen der Vendée und der Bretagne haben dieſen Mord⸗ durſt, der in ſeinen Eingeweiden glüht, noch nicht gelöſcht. Im Jahre 1800 iſt er derſelbe noch wie 1793. Und dieſen Menſchen. Roland betrachtete den General. „Dieſen Menſchen,“ fuhr Georges mit der größ⸗ ten Ruhe fort,„habe ich verurtheilt, da ich ſah, daß die Geſellſchaft ihn nicht verurtheilte; dieſer Menſch muß ſterben.“ „Wie, er wird ſterben, in La Roche⸗Bernard, inmitten der Republikaner, trotz ſeiner Wache von Meuchelmördern, trotz ſeiner Eskorte von Henkern?“ „Seine Stunde hat geſchlagen, er muß ſterben.“ Cadoudal ſprach dieſe Worte mit einer ſolchen Feierlichkeit, daß Roland kein Zweifel blieb, ſowohl 1 Dumas, Jehu. II. 1 162 über dies ausgeſprochene Urtheil, als auch über den Vollzug deſſelben. Er blieb einen Augenblick in Nachdenken ver⸗ ſunken. „Und Sie glauben das Recht zu haben, dieſen Menſchen zu richten und zu verurtheilen, ſei er nun ſchuldig oder nicht?“ „Jo, denn dieſer Menſch hat nicht nur Schuldige, ſondern auch Unſchuldige gerichtet und verurtheilt.“ „Wenn ich Ihnen ſagte: Ich werde bei meiner Zurückkunft nach Paris verlangen, daß dieſer Menſch in Anklageſtand verſetzt und gerichtet werde, ſchenk⸗ ten Sie in ſolchem Falle meinen Worten Glauben?“ „Ich würde Ihren Worten Glauben ſchenken; aber ich würde Ihnen auch ſagen: Ein wüthendes Thier bricht aus ſeinem Käfig, ein Mörder bricht aus ſeinem Gefängniß, die Menſchen ſind Menſchen, dem Irrthum unterworfen. Sie haben bisweilen Unſchuldige verurtheilt, ſie können einen Schuldigen ſchonen. Meine Juſtiz iſt ſicherer als die Ihrige, Overſt; denn es iſt die Juſtiz Gottes. Dieſer Menſch wird ſterbén.“ „Und mit welchem Rechte ſagen Sie, Ihre Juſtiz, die Juſtiz eines Menſchen, der wie alle Uebrigen dem Irrthum unterworfen iſt, ſei die Juſtiz Gottes?“ „Weil ich Gott bei meinem Urtheile zugezogen. O, er iſt nicht erſt ſeit geſtern verurtheilt.“ „Wie das?“ „Inmitten eines Sturmes, als der Donner un⸗ aufhörlich grollte und die Blitze von Minute zu Minute leuchteten, hob ich die Hände zum Himmel empor und ſagte zu Gott: Mein Gott, Du deſſen „ S S 8( SS— 1— 163 Blick dieſer Blitz und deſſen Stimme dieſer Donner iſt, laß, wenn dieſer Menſch ſterben ſoll, Deine Donner und Deine Blitze zehn Minuten lang auf⸗ hören; die Stille der Lüfte und die Dunkelheit des Himmels werden Deine Antwort ſein; und meine Uhr in der Hand zählte ich elf Minuten ohne Blitze und ohne Donner. Ich ſah auf dem Gipfel des großen Berges bei einem furchtbaren Sturme eine Barke, in der ein einziger Menſch ſaß und die jeden Augenblick unterzugehen drohte; eine Welle hob ſie, wie der Hauch eines Kindes eine Feder und ließ ſie auf einen Felſen herabfallen. Die Barke flog in Stücke, der Menſch klammerte ſich an einen Felſen an; die ganze Welt rief: Dieſer Menſch iſt ver⸗ loren! Sein Vater war da, ſeine beiden Brüder waren da, und weder Brüder noch Vater wagten ihm Hülfe zu bringen. Ich hob die Arme zum Herrn empor und ſagte:„Wenn Millière verdammt iſt, mein Gott, von Dir, wie von mir, ſo werde ich die⸗ ſen Menſchen retten und ohne andere Hülfe als die meine, werde ich mich ſelbſt retten. Ich entkleidete mich, band das Ende eines Strickes um meinen Arm und ſchwamm bis zum Felſen. Es war, als wenn das Meer unter meiner Bruſt ſich glättete; ich er⸗ reichte den Menſchen. Sein Vater und ſeine Brüder hielten das andere Ende des Stricks. Er erreichte das Ufer. Ich konnte wie er dahin zurückkommen, indem ich meinen Strick an den Felſen band. Ich warf ihn weit von mir und vertraute mich Gott und den Wellen an; die Wellen trugen mich ſo ſanft und ſicher an das Ufer, als die Waſſer des Nil die Wiege Moſis zu der Tochter des Pharao. Eine . 164 feindliche Wache ſtand vor dem Dorfe Saint Nolf und ich war in dem Walde von Grandchamp mit fünfzig Mann verborgen. Ich trat allein aus dem Walde hervor, indem ich Gott meine Seele mit den Worten befahl: Herr, wenn Du den Tod Millières beſchloſſen, ſo wird dieſe Wache auf mich ſchießen und mich fehlen, und ich werde zu den Meinigen zurückkehren, ohne dieſer Wache etwas anzuhaben; denn Du warſt einen Augenblick bei ihr. Ich ging auf den Republikaner los; als ich ihm bis auf zwan⸗ zig Schritte nahe gekommen, gab er Feuer auf mich und fehlte. Hier iſt das Loch ſeiner Kugel in mei⸗ nem Hut, einen Zoll von meinem Kopfe; Gottes eigene Hand hat die Waffe in die Höhe gehoben. Geſtern iſt die Sache geſchehen. Ich glaubte Millidre in Nantes. Dieſen Abend meldete man mir, daß Millière und ſeine Guillotine in La Roche⸗ Bernard ſeien. Ich ſagte: Gott führt ihn mir in die Hände; er ſoll ſterben.“ Roland hatte mit einem gewiſſen Reſpect die abergläubiſche Erzählung des bretagniſchen Anfüh⸗ rers angehört. Er begriff dieſen Glauben und dieſe Poeſie bei einem Manne, der gewöhnt war, im An⸗ geſicht des wilden Meeres und inmitten der Dolmen von Karnac zu leben. Er begriff, daß Millière wirklich verurtheilt war, und der Gott, der dreimal ſein Urtheil gebilligt hatte, allein ihn retten konnte. Nur eine Frage blieb ihm noch übrig. „Wie werden Sie ihn treffen?“ fragte er. „O,“ ſagte Georges,„das beunruhigt mich nicht, ich werde ihn treffen.“ Einer der Männer, welcher den Tiſch mit dem ——— —— it 3 e8 i9 ch i⸗ es n. te an e⸗ in die h⸗ eſe ln⸗ en re al te. ht, em „———— —— Nachteſſen hereingebracht, blicke ein. „Briſe⸗Bleux,“ ſagte Cadoudal zu ihm,„be⸗ nachrichtige Coeur⸗de⸗Roi, daß ich ihm etwas zu trat in dieſem Augen⸗ ſagen habe.“ Zwei Minuten ſpäter ſtand der Bretagner vor ſeinem General. „Cveur⸗de⸗Roi,“ fragte ihn Cadoudal,„haſt Du mir nicht geſagt, daß der Meuchelmörder Thomas Millière in La Roche⸗Bernard ſei?“ „Ich ſah ihn dort neben dem republikaniſchen Oberſten einziehen, der ſogar durch dieſe Nähe ge⸗ ſchmeichelt zu ſein ſchien.“ „Haſt Du nicht hinzugefügt, daß er die Guillo⸗ tine mit ſich führe?“ „Ich ſagte Ihnen, daß die Guillotine ihm zwi⸗ ſchen zwei Kanonen folgte, und ich glaube, wenn die Kanonen ſich von ihr hätten los machen können, ſie ſie ruhig ihres Weges hätten ziehen laſſen.“ „Welche Vorſichtsmoßregeln trifft Milliére in den Städten, die er bewohnt?“ „Er hat eine beſondere Wache um ſich, läßt die Straßen, die zu ſeinem Hauſe führen, barrikadiren, und hat immer ein Paar Piſtolen in ſeiner Nähe?“ „Trotz dieſer Wache, trotz dieſer Barrikade, trotz dieſer Piſtolen willſt Du es wagen, bis zu ihm zu dringen?“ „Ja, General.“ „Ich habe dieſen Menſchen wegen ſeiner Ver⸗ brechen verurtheilt, er muß ſterben.“ „Ah!“ rief Coeur⸗de⸗Roi,„der Tag der Gerech⸗ tigkeit iſt alſo erſchienen?“ 166 „Willſt Du mein Urtheil vollziehen, Cveur⸗de⸗ Roi?“ „Ja, General!“ „So geh', Coeur⸗de⸗Roi, nimm ſo viele Leute mit Dir, als Du willſt; aber dringe bis zu ihm und tödte ihn!“ „Wenn ich ſterbe, General?“ „Sei ruhig, der Pfarrer von Guehenno ſoll ſo viel Meſſen für Dich leſen, daß Deine Seele nicht im Fegefeuer bleibt; aber Du wirſt nicht ſterben, Cveur⸗de⸗Roi.“ „Gut, gut, General, ſobald man weiß, daß Meſſen geleſen werden, verlangt man nichts weite⸗ res; ich habe meinen Plan.“ „Wann gehſt Du?“ „Dieſe Nacht.“ „Wann wird er todt ſein?“ „Morgen.“ „Geh', und dreihundert Mann ſollen bereit ſein, mir in einer halben Stunde zu folgen.“ Cveur⸗de⸗Roi ging ebenſo einfach, als er gekom⸗ men war. „Sie ſehen,“ ſagte Cadoudal,„das ſind die Menſchen, die ich commandire; wird Ihrem erſten Conſul ebenſo gut gehorcht, als mir, Herr von Montrevel?“ „Von Einzelnen, ja.“ „Mir jedoch gehorchen nicht Einzelne ſo, ſondern Alle.“ Benedicite trat ein und richtete einen fragenden Blick auf Georges. ——— —— e⸗ tte m n, aß te⸗ in, ie ten on rn en 4 3 ——— „Ja,“ antwortete Georges zu gleicher Zeit mit der Stimme, wie mit dem Kopf. Benedicite ging. „Sie haben Niemanden geſehen, als Sie hierher kamen?“ ſagte Georges. „Niemanden.“ „Ich habe dreihundert Mann in einer halben Stunde verlangt, und in einer halben Stunde wer⸗ den ſie da ſein; hätte ich fünfhundert verlangt, tauſend, zweitauſend, ſie wären ebenſo bald bereit geweſen.“ „Aber,“ ſagte Roland,„Sie haben, wenigſtens was die Zahl betrifft, gewiſſe Grenzen, die Sie nicht überſchreiten dürfen.“ „Sie wollen den Beſtand meiner Streitkräfte wiſſen, das iſt ganz einfach, ich werde es Ihnen nicht ſelbſt ſagen, Sie würden es mir nicht glauben, aber warten Sie, ich werde es Ihnen ſagen laſſen.“ Er öffnete die Thüre und rief: „Branche⸗d'or.“ Zwei Secunden ſpäter erſchien Branche⸗d'vr. „Das iſt mein Generalmajor,“ ſagte Cadoudal lächelnd,„er verſieht bei mir die Funktionen, welche General Berthier beim erſten Conſul verſieht. Branche⸗ d'or?“ „Mein General!“ „Wie viel Mann ſtehen von La Roche⸗Bernard bis hierher, das heißt auf dem Wege, den dieſer Herr machte, um zu mir zu gelangen.“ „Sechshundert in den Steppen von Arzal, ſechs⸗ hundert in den Haiden von Marzan, dreihundert in Peaule, dreihundert in Billier.“ 168 „Im Ganzen achtzehnhundert; wie viel zwiſchen Noyal und Muzillac?“ „Vierhundert.“ „Zweitauſend zweihundert; wie viel von hier bis Vannes?“ „Fünfzig in Thei, dreihundert in La Trinité, ſechshundert zwiſchen La Trinité und Muzillac.“ „Dreitauſend zweihundert; wie viele von Ambon bis Leguerno?“ „Zweihundert.“ „Viertauſend vierhundert; und in dem Flecken rings um mich her in den Häuſern, den Gärten, den Kellern?“ „Fünf⸗ bis ſechshundert, General.“ „Danke, Benedicite.“ Er machte ein Zeichen mit dem Kopfe und Bene⸗ dicite ging. „Sie ſehen,“ ſagte Cadoudal einfach;„ungefähr fünftauſend. Nun gut, mit dieſen fünftauſend Lan⸗ deskindern, die jeden Baum, jeden Stein, jedes Ge⸗ büſch kennen, kann ich ruhig gegen die hundertau⸗ ſend Mann ins Feld ziehen, die der erſte Conſul gegen mich zu ſchicken droht.“ Roland lächelte. „Ja, das iſt ſtark, nicht wahr?“ „Ich glaube, daß Sie ſich etwas zu ſehr heraus⸗ ſtreichen, General, oder vielmehr, daß Sie Ihre Leute zu ſehr herausſtreichen.“ „Nein, denn ich habe die ganze Bevölkerung zu meinen Hülfstruppen; keiner von Ihren Generalen kann einen Schritt thun, ohne daß ich ihn erfahre, er kann keinen Zufluchtsort auffinden, wohin ich ihn P 1⸗ e⸗ 169 nicht zu verfolgen vermag; der Boden ſogar iſt roya⸗ liſtiſch und chriſtlich; er würde in Ermanglung der Bewohner mir ſagen: Die Blauen ſind hier vor⸗ übergekommen, die Würger ſind dort verborgen; Sie ſollen übrigens ſelbſt urtheilen.“ „Wie das?“ „Wir werden eine Expedition nach einem Orte ſechs Meilen von hier unternehmen. Wie viel Uhr iſt es?“ Die beiden jungen Leute zogen ihre Uhren zu gleicher Zeit heraus. „Eine Viertelſtunde vor Mitternacht,“ ſagten ſie. „Gut,“ machte Georges,„unſere Uhren gehen gleich; das iſt ein gutes Zeichen; vielleicht werden unſere Herzen einſt auch gleich wie unſere Uhren ſchlagen.“ „Sie ſagten, General?..4 „Ich ſagte, es ſei ein Viertel vor Mitternacht, Oberſt, ſechs Uhr, vor Tag, müſſen wir ſieben Mei⸗ len hier ſein; haben Sie der Ruhe nöthig?“ ch?“ „Ja, Sie können eine Stunde ſchlafen.“ „Ich danke.“ „Dann werden wir aufbrechen, ſobald Sie wollen.“ „Und Ihre Leute?“ „O, meine Leute ſind bereit.“ 2 „Ueberall.“ „Ich möchte ſie ſehen.“ „Das ſoll geſchehen.“ „Wann?“ 170 „Wann es Ihnen angenehm ſein wird; o meine Leute ſind ſehr diskrete Leute und zeigen ſich nur, wenn ich ihnen ein Zeichen gebe, daß ſie ſich zeigen ſollen.“ „So, daß, wenn ich ſie zu ſehen wünſchte?... „Sie es nur ſagen werden und ſie ſich zeigen ſollen.“ „Auf denn, General.“ „Auf!“ Die beiden jungen Leute hüllten ſich in ihre Mäntel und gingen. An der Thüre ſtieß Roland auf eine kleine Gruppe von fünf Männern. Dieſe fünf Männer trugen die republikaniſche Uniform; der Eine hatte an ſeinen Aermeln Sergean⸗ tenborden. „Was ſoll das?“ fragte Roland. „NRichts,“ antwortete Cadoudal lachend. „Aber, wer ſind dieſe Menſchen?“ „Cveur⸗de⸗Roi und ſeine Leute, welche zur be⸗ ſprochenen Expedition aufbrechen.“ „Sie gelten wohl mittelſt dieſer Uniform?...“ „O, Sie ſollen alles wiſſen, Oberſt, ich habe kein Geheimniß für Sie.“ Und ſich nach der Gruppe hinwendend, ſagte Cadoudal: „Coeur⸗de⸗Roi!“ Der Mann, deſſen Aermel mit zwei Borden ge⸗ ſchmückt waren, trat aus der Gruppe auf Cadou⸗ dal zu. falſche Sergeant. „Sie haben mich gerufen, General?“ fragte der. ne r, en en re pe che an⸗ be⸗ abe gte ou⸗ der 171¹ „Ja, ich will Deinen Plan wiſſen.“ „O, Genergl, er iſt ſehr einfach.“ „Laß hören! Ich werde urtheilen.“ „Ich ſtecke dieſen Ladſtock in mein Gewehr(Coeur⸗ de⸗Roi zeigte eine große, roth verſiegelte Enveloppe, die wahrſcheinlich eine von den Chouans aufgefan⸗ gene republikaniſche Depeſche enthalten hatte), und gebe mich bei den Schildwachen für eine Ordonnanz des Diviſionsgenerals aus! Ich gehe an dem erſten Poſten vorüber, ich frage nach dem Hauſe des Ci⸗ toyen Commiſſär, man zeigt es mir, ich danke; man muß immer höflich ſein; ich komme nach dem Hauſe, ich finde dort eine zweite Wache, ich mache ihr das⸗ ſelbe glauben, wie der erſten, ich ſteige zum Citoyen Milliöre hinauf oder hinunter, je nachdem er unter dem Dach oder im Keller wohnt, ich trete ohne ir⸗ gend eine Schwierigkeit ein; Sie begreifen: Ordon⸗ nanz des Diviſionsgenerals! Ich finde ihn in ſeinem Kabinet oder anderswo, ich präſentire ihm mein Papier und während er es entſiegelt, tödte ich ihn mit dieſem in meinem Aermel verborgenen Dolche.“ „Wohl, aber Du und Deine Leute?“ „Nun, meiner Treu, dafür laſſe ich Gott ſorgen; wir vertheidigen ſeine Sache, es iſt an ihm, ſich um uns zu kümmern.“ „Gut, Sie ſehen, Oberſt,“ ſagte Cadoudal,„das iſt nicht ſchwer, das. Zu Pferde, Oberſt. Gut Glück, Cveur⸗de⸗Roi.“ „Welches von den beiden Pferden ſoll ich neh⸗ men?“ fragte Roland. „Nehmen Sie, welches Sie wollen; eines iſt ſo 172 gut, wie das andere, und jedes hat in ſeinen Holf⸗ tern ein ausgezeichnetes Paar Piſtolen von engliſcher Fabrikation.“ „Alles geladen?“ „Und gut geladen, Oberſt, das iſt etwas, was ich Niemanden anvertraue.“ „Dann zu Pferde.“ Die beiden jungen Männer warfen ſich in den Sattel und ſchlugen den Weg ein, der nach Vannes führte; Cadoudal diente Roland als Führer und Branche⸗d or, der Gengralmajor der Armee, wie ihn Georges genannt hatté, ritt zwanzig Schritte hinter drein. 6 Als ſie an's Ende des Dorfes gelangt waren, ließ Roland ſeinen Blick über die Straße hinſchwei⸗ fen, die ſich beinahe in gerader, nach der Schnur ge⸗ zogener Linie von Muzillac nach La Trinité erſtreckte. Die vollſtändig offene Straße war öde und leer. Man machte auf dieſe Weiſe ungefähr eine halbe Meile. Am Ende dieſer halben Meile ſagte Roland: „Aber wo zum Teufel ſind denn Ihre Leute?“ „Zu unſerer Rechten, zu unſerer Linken, vor uns, hinter uns.“ „Machen Sie keinen Scherz,“ ſagte Roland. „Es iſt kein Scherz, Oberſt; glauben Sie, daß ich ſo unklug wäre, mich ohne Vortruppen ſo weit zu wagen?“ „Ich glaube, Sie ſagten mir, daß, wenn ich Ihre Leute ſehen wollte, ich es nur zu ſagen brauchte.“ „Ich habe Ihnen das allerdings geſagt.“ „Nun gut, ich wünſche ſie zu ſehen.“ ————————— — — 3 S— n es id n , i⸗ e⸗ e. r. be . 8 aß eit re —————————— 173 „Im Ganzen oder in Theilen?“ „Wie viele haben Sie geſagt, daß Sie mit ſich nehmen würden?“ „Dreihundert.“ P gut, ich wünſche hundertfünfzig zu ſehen.“ „Halt.“ Indem er ſeine Hände an ſeinen Mund legte, ließ er das Krächzen eines Käuzchens und den Schrei einer Nachteule hören; das Krächzen machte er nach der Rechten, den Schrei nach der Linken. Beinahe im ſelben Augenblicke ſah man zu bei⸗ den Seiten des Weges ſich menſchliche Geſtalten be⸗ wegen, welche, über den Graben ſetzend, der den Weg vom Gehölze ſchied, ſich zu den beiden Seiten der Pferde aufſtellten. „Wer commandirt zur Rechten?“ fragte Ca⸗ doudal. „Ich, Mouſtache,“ antwortete ein Bauer, welcher näher trat. „Wer commandirt zur Linken?“ wiederholte der General. „Ich, Chante⸗en⸗hiver;“ antwortete ein anderer Bauer, welcher näher trat. „Wie viele Leute haſt Du bei Dir, Mouſtache?“ „Hundert.“ „Wie viele Leute haſt Du bei Dir, Chante⸗en⸗ hiver?“ „Fünfzig.“ „Im Ganzen alſo hundertfünfzig?“ fragte Georges. „Ja,“ antworteten die beiden bretagniſchen An⸗ führer. 174 „Haben Sie, was Sie wünſchen, Oberſt?“ fragte Cadoudal lachend. „Sie ſind ein Zauberer, General.“ „Nein, ich bin ein armer Bauer, wie ſie, nur befehlige ich eine Truppe, wo jeder Kopf ſich Rechen⸗ ſchaft gibt, was er thut, wo jedes Herz für die bei⸗ den großen Prinzipien dieſer Welt, die Religion und das Königthum, ſich ſchlägt!“ Dann ſich nach ſeinen Leuten umwendend, fragte Cadoudal: „Wer befehligt die Vorhut?“ „Fend⸗lair,“ antworteten die beiden Chouans. „Und die Nachhut?“ „La Giberne.“ Die zweite Antwort wurde wie die erſte von beiden gleichzeitig gegeben. „So können wir ruhig unſern Weg fortſetzen?“ „Ja General, als wenn Sie in die Meſſe in unſerer Dorfkirche gingen.“ „Dann wollen wir unſern Weg fortſetzen, Oberſt,“ ſagte Cadoudal zu Roland. Und ſich nach ſeinen Leuten umwendend, rief er ihnen zu: „Seid luſtig, meine Jungen.“ Im ſelben Augenblick ſetzten alle über den Graben und verſchwanden. Man hörte einige Secunden lang das Raſcheln in dem Gehölz und das Geräuſch der Schritte in dem Geſtrüpp. Dann hörte man nichts mehr. „Nun,“ fragte Cadoudal,„glauben Sie, daß ich mit ſolchen Menſchen etwas von Ihren Blauen zu ei th er S S 175 fürchten haben ſollte, dieſe mögen noch ſo tapfer ſein, als ſie wollen?“ Roland ſtieß einen Seufzer aus; er war ganz Cadoudals Anſicht. Sie ritten weiter. Eine Meile ungefähr von La Trinité ſah man auf dem Wege einen ſchwarzen Punkt erſcheinen, der raſch größer wurde. Als er noch ſichtbarer geworden, hielt dieſer Punkt an und ſchien zu zögern. „Was iſt das?“ fragte Roland. „Sie ſehen wohl,“ antwortete Cadoudal,„es iſt ein Menſch.“ „Gewiß; aber wer iſt dieſer Menſch?“ „Sie konnten aus ſeinem raſchen Marſche ur⸗ theilen, daß er ein Bote ſein muß.“ „Warum bleibt er ſtehen?“ „Weil er uns gewahrt hat, und nicht weiß, ob er vor⸗ oder zurückgehen ſoll.“ „Was will er thun?“ „Er erwartet, um ſich zu entſcheiden.. „Was?“ „Ein Signal.“ „Und auf dieſes Signal wird er antworten?“ „Er wird nicht nur antworten, ſondern gehorchen. Wollen Sie, daß er zurückgehen ſoll? Wollen Sie, daß er auf die Seite gehe?“ „Ich wünſche, daß er vorgehe; das iſt das Mittel, um zu erfahren, was er bringt.“ Cadoudal ahmte den Ruf des Kukuks mit ſolcher Vollkommenheit nach, daß Roland ſich rings umſah. 176 bin es,“ ſagte Cadoudal,„ſuchen Sie nicht.“ „So wird nun der Bote kommen?“ „Er wird nicht kommen, er kommt.“ In der That hatte der Bote ſeinen Weg wieder fortgeſetzt und ging raſch voran; in einigen Augen⸗ blicken war er bei ſeinem General. „Ah!“ ſagte dieſer,„Du biſt es, Monte⸗à⸗ laſſaut!“ Der General beugte ſich vor. Monte⸗A⸗l'aſſaut ſagte ihm einige Worte ins Ohr. „Ich war ſchon durch Benedicite davon in Kennt⸗ niß geſetzt,“ ſagte Georges. Dann ſich an Roland wendend, rief er: „Es wird in einer Viertelſtunde im Dorfe La Trinité etwas Wichtiges geſchehen, was Sie ſehen müſſen; im Galopp vorwärts!“ Und das Beiſpiel gebend, ſetzte er ſein Pferd in Galopp. Roland folgte ihm. Als ſie nach dem Dorfe kamen, konnten ſie aus der Ferne eine Maſſe gewahren, die beim Schein von harzigen Fackeln ſich auf dem Platze umtrieb. Das Geſchrei und die Bewegungen dieſer Maſſe deuteten allerdings auf ein wichtiges Ereigniß. „Die Sporen, die Sporen!“ rief Cadoudal. Das war, was Roland wollte, er gab ſeinem Thiere die Sporen. Beim Geräuſch des Galopps der Pferde traten die Bauern auseinander; es waren ihrer fünf⸗ bis ſechshundert, alle bewaffnet. ———— ———— ———— ſic un bre üb jed noe ie m en is ,—— —————— ———— 177 Cadoudal und Roland befanden ſich plötzlich mitten in dem Kreiſe und der geräuſchvollen Aufregung. Der Tumult wurde immer größer, namentlich drängte man ſich am Eingang der Straße, welche nach dem Dorfe Tridon führte. Eine Diligence kam von zwölf Chouans begleitet die Straße herauf; zwei befanden ſich auf jeder Seite des Poſtillons, die zehn andern hüteten den Wagenſchlag. In der Mitte des Platzes hielt der Wagen. Alle Welt war ſo mit der Diligence beſchäftigt, daß man Cadoudal gar nicht beachtete. „Holla!“ rief Georges,„was gibt es hier?“ Bei dem Tone dieſer bekannten Stimme drehten ſich Alle um und die Köpfe entblößten ſich. „Der dicke Rundkopf?“ murmelten Alle. „Ja!“ ſagte Cadoudal. Ein Mann näherte ſich Georges: „Waren Sie nicht durch Benedicite, wie durch Monte⸗A⸗lAſſaut davon in Kenntniß geſetzt?“ fragte er. „Doch; iſt das die Diligence, welche von Ploer⸗ mel nach Vannes fährt, die Ihr da bringt?“ „Ja, mein General; ſie wurde zwiſchen Trefléon und Saint Nolff angehalten.“ „Iſt er darin?“ „Man glaubt.“ „Thut nach Eurem Gewiſſen; wenn es ein Ver⸗ brechen gegen Gott iſt, ſo nehmet es auf Euch; ich übernehme nur die Verantwortlichkeit gegenüber von Menſchen; ich werde dem, was geſchieht, anwohnen, jedoch ohne daran Theil zu nehmen, weder hindernd, noch fördernd.“ Dumas, Jehu. IM. 12 178 „Nun,“ fragten hundert Stimmen,„was hat er geſagt, Sabre⸗tout?“ „Er hat geſagt, wir könnten nach unſerm Ge⸗ wiſſen handeln und er waſche ſich die Hände.“ „Es lebe der dicke Rundkopf!“ riefen alle Um⸗ ſtehenden, indem ſie ſich auf die Diligence ſtürzten. Cadoudal blieb unbeweglich inmitten dieſes Sturmes. Roland ſaß aufrecht neben ihm im Sattel, un⸗ beweglich wie er, voll Neugierde, denn er wußte durchaus nicht, um wen und um was es ſich han⸗ delte. Derjenige, welcher mit Cadoudal geſprochen, und den ſeine Kameraden mit dem Namen Sabre⸗tout genannt hatten, öffnete den Schlag. Man ſah die Reiſenden ſich zitternd im Innern des Wagens aneinander drängen. „Wenn Sie ſich nichts vorzuwerfen haben, was gegen den König und die Religion iſt,“ ſagte Sabre⸗ tout mit voller und ſonorer Stimme,„ſo ſteigen ſie ohne Furcht aus; wir ſind keine Räuber, ſondern Chriſten und Royaliſten.“ Ohne Zweifel beruhigte dieſe Erklärung die Rei⸗ ſenden; denn es zeigte ſich ein Mann am Schlage und ſtieg aus, dann zwei Frauen, dann eine Mut⸗ ter, welche ihr Kind mit den Armen umſchlang, dann ein junges Mädchen und noch ein Mann. Die Chouans empfingen ſie am Fuß des Trittes, nahmen ſie aufmerkſam in Augenſchein, und da ſie den nicht erkannten, den ſie fuchten, ſagten ſie: „Paſſirt.“. Ein einziger Mann blieb im Wagen. es te nd ut rn as re⸗ ſie rn ge ut⸗ nn — es, ſie ie: 179 Ein Chouan hielt die Flamme einer Fackel hin⸗ ein und man ſah, daß dieſer Mann ein Geiſtlicher war. „Diener des Herrn,“ ſagte Sabre⸗tout,„warum ſteigſt Du nicht mit den Andern aus? Haſt Du nicht gehört, daß ich ſagte, wir ſeien nur Royaliſten und Chriſten?“ Der Geiſtliche bewegte ſich nicht von der Stelle; aber ſeine Zähne klapperten. „Warum dieſen Schreck,“ fuhr Sabre⸗tout fort; „ſpricht Dein Kleid nicht für Dich? Der Mann, der eine Soutane trägt, kann nichts gegen das Kö⸗ nigthum oder die Religion gethan haben.“ Der Geiſtliche raffte ſich auf und murmelte: „Gnade! Gnade!“ „Weßhalb Gnade?“ fragte Sabre⸗tout;„Du fühlſt Dich alſo ſchuldig, Elender?“ „O! o!“ machte Roland;„meine Herren Roya⸗ liſten und Chriſten, ſo ſprecht Ihr mit den Männern Gottes?“ „Dieſer Mann,“ antwortete Cadoudal,„iſt nicht der Mann Gottes, ſondern der Mann der Teufels!“ „Wer iſt es denn?“ „Das iſt ein Atheiſt und ein Königsmörder zu gleicher Zeit; er hat ſeinen Gott verleugnet und für den Tod ſeines Königs geſtimmt; es iſt das Con⸗ ventsmitglied Audrein.“ Roland ſchauerte. „Was wollen ſie ihm thun?“ fragte er. „Er hat den Tod gegeben, er ſoll den Tod em⸗ pfangen,“ antwortete Cadoudal. 180 Während dieſer Zeit hatten die Royaliſten Audrein aus der Diligence gezogen. „Ah! Du biſt es alſo wirklich, Biſchof von Van⸗ nes,“ ſagte Sabre⸗tout. „Gnade!“ rief der Biſchof. „Wir waren von Deiner Reiſe unterrichtet, und Du biſt es, den wir erwarteten.“ 5„Gnade!“ wiederholte der Biſchof zum dritten ale. „Haſt Du Deine prieſterlichen Gewänder bei „Ja, meine Freunde, ich habe ſie bei mir.“ „Gut, ſo kleide Dich als Prälaten, es iſt lange her, daß wir keinen ſolchen mehr geſehen.“ Man brachte für den Prälaten einen Koffer aus der Diligence; man öffnete, zog einen vollſtändigen biſchöflichen Ornat heraus und bot ihn Audrein, daß er ſich darein kleide. Als er den vollſtändigen biſchöflichen Ornat an⸗ hatte, reihten ſich die Bauern im Kreiſe um ihn her, jeder mit ſeiner Flinte in der Hand. Der Glanz der Fackeln ſpiegelte ſich in den Läufen, welche unheimliche Blitze ſprühten. Zwei Männer nahmen den Biſchof und führten ihn in den Kreis, indem ſie ihn unter dem Arme ſtützten. Er war blaß, wie ein Todter. Es trat ein Augenblick finſteren Schweigens ein. Eine Stimme unterbrach dieſe Pauſe; es war die von Sabre⸗tout. „Wir werden nun zum Spruch über Dich ſchrei⸗ ten,“ ſagte der Chouan;„Prieſter Gottes, Du haſt — da ſta ei ge u8 r ei⸗ aſt 181 die Kirche verrathen; Sohn Frankreichs, Du haſt Deinen König verurtheilt.“ „Leider, leider!“ ſtotterte der Geiſtliche. „Iſt es wahr?“ „Ich leugne es nicht.“ „Weil es unmöglich zu leugnen iſt. Was haſt Du zu Deiner Rechtfertigung zu ſagen?“ „Citoyen.. „Wir ſind keine Citoyens,“ ſagte Sabre⸗tout mit einer Donnerſtimme,„wir ſind Royäliſten.“ „Meine Herren „Wir ſind keine Herren, wir ſind Chouans.“ „Meine Freunde.. „Wir ſind nicht Deine Freunde, wir ſind Deine Richter; Deine Richter fragen Dich, antworte.“ „Ich bereue, was ich gethan, und bitte Gott und die Menſchen um Vergebung.“ „Die Menſchen können Dir nicht vergeben,“ ant⸗ wortete dieſelbe unverſöhnliche Stimme,„denn wenn man Dir heute vergäbe, würdeſt Du morgen auf's Neue beginnen; Du kannſt die Haut ändern, nicht das Herz. Du haſt nur noch den Tod von den Menſchen zu erwarten; was Gott betrifft, ſo bitte ihn um ſeine Gnade.“ Der Königsmörder ſenkte das Haupt, der Renegat beugte die Knie. Aber plötzlich ſich aufrichtend, ſagte er: „Ich habe für den Tod des Königs geſtimmt, das iſt wahr; aber mit einem Vorbehalt. „Welchem Vorbehalt?“ „Dem Vorbehalt der Zeit, wann die Hinrichtung ſtattfinden ſollte.“ 182 „Nah oder fern, Du haſt einmal für den Tod geſtimmt und der König war unſchuldig.“ „Das iſt wahr, das iſt wahr,“ ſagte der Geiſt⸗ liche,„aber ich hatte Furcht.“ „Dann biſt Du nicht nur ein Königsmörder, nicht nur ein Apoſtat, ſondern auch ein Feigling; wir ſind keine Geiſtlichen, aber wir werden gerechter ſein, als Du; Du haſt für den Tod eines Unſchuldi⸗ gen geſtimmt. Wir ſtimmen für den Tod eines Schuldigen. Du haſt zehn Minuten um Dich vorzu⸗ bereiten, vor Gott zu erſcheinen.“ Der Geiſtliche ſtieß einen Schrei aus und ſank auf ſeine Kniee nieder; die Glocken der Kirche er⸗ tönten, als wenn ſie ſich von ſelbſt bewegten, und zwei von dieſen Männern, welche die Kirchengeſänge zu ſingen gewöhnt waren, begannen die Gebete der Sterbenden anzuſtimmen. Der Biſchof brauchte einige Zeit, bis er die Worte fand, mit welchen er darauf antworten mußte. Er richtete auf ſeine Richter erſchrockene Blicke, die ſich bittend vom einen zum andern wandten; aber auf keinem Geſichte hatte er den Troſt, den ſanften Ausdruck des Mitleids zu gewahren. Die Fackeln, welche im Winde zitterten, verliehen im Gegentheil allen Geſichtern einen wilden und furchtbaren Ausdruck. Dann entſchloß er ſich, ſeine Stimme mit den Stimmen zu miſchen, welche für ihn beteten. Die Richter ließen ſie das Todtengebet bis zu Ende beten. Während dieſer Zeit errichteten einige Männer einen Scheiterhaufen. od ſt⸗ er, ; ter di⸗ 1es nd ige der die te. cke, ber ten hen und den zu ner 183 „O!“ rief der Geiſtliche, der dieſe Vorbereitun⸗ gen mit wachſendem Schrecken ſah,„ſolltet ihr die Grauſamkeit haben, mir einen ſolchen Tod zu be⸗ reiten?“ „Nein,“ antwortete der unerbittliche Ankläger, „das Feuer iſt der Tod der Märtyrer und Du biſt eines ſolchen Todes nicht werth. Auf, Apoſtat, die Stunde iſt gekommen.“ „O mein Gott, mein Gott,“ rief der Geiſtliche, indem er die Arme zum Himmel erhob. „Steh auf!“ ſagte der Chouan. Der Biſchof ſuchte zu gehorchen, aber die Kräfte mangelten ihm und er ſank auf ſeine Kniee. „Laſſen Sie denn dieſen Meuchelmord unter ihren Augen geſchehen?“ ſagte Roland zu Cadoudal. „Ich habe geſagt, daß ich meine Hände waſche,“ antwortete dieſer. „Das iſt das Wort des Pilatus und die Hände des Pilatus ſind roth von dem Blute Jeſu Chriſti geblieben.“ „Weil Jeſus Chriſtus ein Gerechter war, aber dieſer Menſch iſt nicht Jeſus Chriſtus, ſondern Bar⸗ rabas.“ „Senke Dein Kreuz, ſenke dein Kreuz!“ rief Sabre⸗tout. Der Prälat ſah ihn mit erſchrockener Miene an, ohne jedoch zu gehorchen; offenbar ſah er bereits nicht mehr und hörte nicht mehr. „O!“ rief Roland, indem er eine Bewegung machte, um vom Pferde zu ſteigen;„man ſoll nicht ſagen, daß man einen Mann vor mir gemordet hat, dem ich nicht Hülfe gebracht.“ 184 Ein drohendes Gemurmel erhob ſich rings um Roland; die Worte, welche er ſoeben geſprochen, waren gehört worden. Das war gerade, was nöthig war, um den ungeſtümen jungen Mann zu reizen. „Ah! ſo ſteht es?“ ſagte er. Und er legte die rechte Hand an eines ſeiner Piſtolenholfter. Aber mit einer Bewegung, raſch wie der Ge⸗ danke, ergriff Cadoudal ſeine Hand, und während er vergeblich verſuchte, ſie von der Umfaſſung des Eiſens loszumachen, ſagte Cadoudal: „Feuer!“ Zwanzig Gewehre wurden zu gleicher Zeit abge⸗ feuert und wie eine träge Maſſe ſank der Biſchof getroffen nieder. „Ha!“ rief Roland,„was haben Sie gethan?“ „Ich zwang Sie, Ihren Schwur zu halten,“ antwortete Cadoudal,„Sie hatten verſprochen, Alles zu ſehen und Alles zu hören, ohne ſich irgend etwas zu widerſetzen.“* „So ſoll jeder Feind Gottes und des Königs umkommen,“ ſagte Sabre⸗tout mit feierlicher Stimme. „Amen,“ antworteten alle Umſtehenden wie mit einer Stimme und mit unheimlicher Einmüthigkeit. Dann entkleideten ſie die Leiche des prieſterlichen Ornates, den ſie in die Flamme des Scheiterhaufens warfen, ließen die andern Reiſenden wieder in den Wagen ſteigen, ſetzten den Poſtillon auf ſein Pferd und ſagten, indem ſie auseinander traten, um die Diligence durch zu laſſen: „Geh' mit Gott!“ — dor der en er er 18 185 Der Wagen entfernte ſich raſch. „Vorwärts, vorwärts,“ ſagte Cadoudal,„wir haben noch vier Meilen zu machen und haben hier eine Stunde verloren.“ Dann ſich an die Henker wendend, fuhr er fort: „Dieſer Menſch war ſchuldig, dieſer Menſch wurde beſtraft, der göttlichen und menſchlichen Ge⸗ rechtigkeit iſt Genüge geſchehen. Man ſpreche die Todtengebete über ſeiner Leiche und gebe ihm ein chriſtlich Begräbniß; Ihr hört?“ Und ſicher, daß man ihm gehorche, ſetzte Cadoudal ſein Pferd in Galopp. Roland ſchien einen Augenblick zu zögern, ob er ihm folgen ſollte, dann, als ob er einer Pflicht ge⸗ horchte, ſagte er: „Wir wollen Alles ſehen.“ Und ſeinem Pferde in der gleichen Richtung die Sporen gebend, welche Cadoudal eingeſchlagen, hatte er ihn mit wenigen Sätzen eingeholt. Beide verſchwanden bald in der Dunkelheit, welche immer größer wurde, je weiter man ſich von dem Platze entfernte, wo die Fackeln den todten Prälaten beleuchteten und das Feuer ſeine Gewänder verzehrte X. Die Diplomatie Georges Cadoudals. Das Gefühl, mit welchem Roland Georges Ca⸗ doudal folgte, glich dem eines halbwachen Mannes, der ſich unter der Herrſchaft eines Traumes fühlt, 186 und ſich nach und nach den Grenzen nähert, die für ihn die Nacht vom Tage ſcheiden; er ſucht ſich Rechen⸗ ſchaft zu geben, ob er auf dem Boden der Phantaſie oder der Wirklichkeit geht, und je mehr er in die Finſterniß ſeines Gehirnes dringt, deſto mehr ver⸗ tieft er ſich in den Zweifel. Es exiſtirte ein Mann, für welchen Roland eine beinahe göttliche Verehrung beſaß; gewöhnt, in der glorreichen Atmoſphäre zu leben, die dieſen Mann umgab, gewöhnt, die Andern ſeinem Befehle gehor⸗ chen zu ſehen und ihnen ſelbſt mit einer beinahe orientaliſchen Dienſtfertigkeit und Selbſtverleugnung zu gehorchen, ſchien es ihm befremdend, an den bei⸗ den äußerſten Enden Frankreichs zwei Mächte zu ſehen, welche jener Macht feindlich waren, und gegen ſie zu kämpfen bereit ſtanden. Man denke ſich einen jener Juden von Judas Maccabäus, einen Verehrer Jehovas, den er ſeit früheſter Kindheit den König der Könige, den ſtarken Gott, den Gott der Rache, den Gott der Heerſchaaren, den Ewigen hatte nennen hören, und der nun plötzlich auf den geheimnißvollen Oſiris der Egypter oder den blitzeſchleudernden Jupiter der Griechen ſtieß. Seine Abenteuer in Avignon und Bourg mit Morgan und ſeinen Genoſſen Jehu, ſeine Abenteuer im Flecken Muzillac und dem Dorfe La Trinité mit Cadoudal und ſeinen Chouans erſchienen ihm wie eine ſeltſame Einweihung in eine unbekannte Reli⸗ gion: aber wie jene muthigen Neubekehrten, welche den Tod wagten, um das Geheimniß der Einweihung kennen zu lernen, war er entſchloſſen, das Aeußerſte zu wagen. ür en⸗ aſie die er⸗ ine der nn or⸗ ahe ing bei⸗ zu gen nen rer nig che, nen llen iter mit uer mit wie eli⸗ lche ung rſte 187 Ueberdies beſaß er eine gewiſſe Bewunderung für jene Ausnahmecharaktere; nicht ohne Staunen maß er die Größe jener empörten Titanen, die gegen ſeinen Gott kämpften; er fühlte wohl, daß es keine gewöhnlichen Menſchen ſeien, die, welche Sir John in der Karthauſe von Seillon erdolcht und den Biſchof von Vannes im Dorfe La Trinité erſchoſſen. Aber was ſollte er jetzt ſehen? das mußte er bald erfahren; man war ſeit fünf und einer halben Stunde unterwegs und der Tag brach an. Jenſeit des Dorfes Tridon hatten ſie querfeldein einen Weg eingeſchlagen, und waren, indem ſie Vannes zur Lin⸗ ken liegen ließen, nach Trefleon gekommen; in Tref⸗ leon hatte Cadoudal, dem ſein Generalmajor Branche d'or gefolgt war, Monte⸗lAſſaut und Chante⸗en⸗hiver getroffen, ihnen ſeine Befehle gegeben, und ſeinen Weg fortgeſetzt, indem er ſich zur Linken hielt, worauf er endlich den Saum des kleinen Waldes erreichte, der ſich von Grandchamp nach Larré aus⸗ dehnt. Dort machte Cadvudal Halt, ahmte dreimal hin⸗ tereinander den Schrei der Nachteule nach und ſah ſich nach einem Augenblick von dreihundert Mann umgeben. Ein graulicher heller Streif war auf der Seite von Trefleon und Saint⸗Nolff zu bemerken; es waren nicht die erſten Sonnenſtrahlen, ſondern das erſte Leuchten des Tages. Ein dichter Dunſt ſtieg aus der Erde auf, welcher hinderte, daß man fünfzig Schritte vor ſich ſah. Ehe man ſich weiter wagte, ſchien Cadoudal Nach⸗ richten zu erwarten. 188 Plötzlich hörte man ungefähr in einer Entfernung von fünfhundert Schritten das Krähen des Hahns. Cadoudal lauſchte, ſeine Leute ſahen ſich lachend an. Das Krähen ließ ſich zum zweiten Male, aber diesmal näher hören. „Er iſt es,“ ſagte Cadoudal,„antwortet.“ Das Geheul eines Hundes ließ ſich drei Schritte von Roland hören; es war ſo täuſchend ähnlich nach⸗ geahmt, daß der junge Mann das Thier mit ſeinen Blicken ſuchte, das dieſes Todtengeheul ausſtieß. Beinahe im ſelben Augenblicke ſah man ſich in⸗ mitten des Nebels einen Mann bewegen, der raſch näher kam und deſſen Geſtalt immer deutlicher ſich abhob. Er ſah zwei Männer zu Pferde und näherte ſich ihnen. Cadoudal machte einige Schritte vorwärts, indem er dem, welcher herankam, mit dem Finger ein Zei⸗ chen gab, daß er leiſe ſprechen ſolle. Dieſer blieb deßhalb erſt ganz dicht bei dem Ge⸗ neral ſtehen. „Nun, Fleur⸗d'epine,“ fragte Georges,„haben wir ſie?“ „Wie die Maus in der Mäuſefalle; und nicht einer wird nach Vannes zurückkehren, wenn Sie wollen.“ „Das iſt meine Abſicht. Wie viel ſind ihrer?“ „Hundert Mann, von dem General in Perſon befehligt.“ „Wie viel Wagen?“ „Siebenzehn.“ „Wann werden ſie ſich auf den Marſch machen?“ co hir ſich hör für Scd fer unt nac „un thei zu! ſich bent trin ng 80 er tte ch⸗ ie on 2 189 „Sie müſſen drei Viertelſtunden von hier ſein.“ „Welchen Weg haben Sie eingeſchlagen?“ „Den von Grandchamp nach Vannes.“ „So daß, wenn ich mich von Mengon nach Plet⸗ cop ausdehne—“ „Sie ihnen den Weg verſperren.“ „Das iſt's, was wir brauchen.“ Cadoudal rief ſeine vier Lieutenants Chante⸗en⸗ hiver, Monte⸗[Aſſaut, Fend⸗l'air und La Giberne zu ſi Als ſie bei ihm waren, gab er jedem ſeine Ordres. Jeder ließ ſeinerſeits den Schrei des Käuzchens hören und verſchwand mit fünfzig Mann. Der Nebel war noch immer ſo dicht, daß die fünfzig Mann, welche je eine Truppe bildeten, wie Schatten verſchwanden, als ſie hundert Schritte ent⸗ fernt waren. Cadoudal blieb mit hundert Mann Branche d'Or und Fleur d'epine zurück. Er kam zu Roland geritten. „Nun, General,“ fragte ihn dieſer,„geht alles 1 nach Ihrem Wunſche?“ „Oja, ſo ziemlich, Oberſt,“ antwortete der Chouan, „und in einer halben Stunde werden Sie ſelbſt ur⸗ theilen.“ „Es wird ſchwer ſein, bei dieſem Nebel etwas zu beurtheilen.“ Cadoudal warf einen Blick um ſich her. „In einer halben Stunde,“ ſagte er,„wird er ſich verzogen haben. Wollen Sie dieſe halbe Stunde benützen, ein Stück zu eſſen und einen Schluck zu trinken?“ 190 „Wahrhaftig,“ ſagte der junge Mann,„ich ge⸗ ſtehe, daß mich der Ritt etwas angeſtrengt hat.“ „Und ich,“ ſagte Georges,„habe die Gewohnheit, ehe ich mich ſchlage, ſo gut als möglich zu früh⸗ ſtücken.“ „Sie werden ſich alſo ſchlagen?“ „Ich glaube es.“ „Gegen wen?“ „Nun, gegen die Republikaner, und da wir es mit dem General Harty in Perſon zu thun haben, ſo zweifle ich, daß er ſich widerſtandslos ergeben werde.“ „Und wiſſen die Republikaner, daß ſie ſich mit Ihnen ſchlagen werden?“ „Sie denken nicht daran.“ „So iſt es alſo ein Ueberfall?“ „Keineswegs; vorausgeſetzt, daß der Nebel in die Höhe geht; ſie werden uns dann ſo gut ſehen, als wir ſie ſehen.“ Dann wandte ſich Cadoudal nach dem um, der das Departement der Lebensmittel zu verſehen hatte und fragte: „Briſe⸗Bleu haſt Du uns etwas zum Frühſtücken zu geben? Briſe⸗Bleu machte ein bejahendes Zeichen, trat in den Wald und zog einen Eſel daraus hervor, welcher mit zwei Körben beladen war. Einen Augenblick ſpäter war ein Mantel auf einem Erdhügel ausgebreitet und auf dem Mantel ein gebratenes Huhn, ein Stück kaltes Pöckelfleiſch, Brod und Buchwaizenkuchen aufgeſtellt. Diesmal hatte Briſe⸗Bleu einen gewiſſen Lurus eit, üh⸗ es en, ben mit in hen, der atte cken trat vor, auf ntel iſch, tus 191¹ entwickelt: er hatte ſich eine Flaſche Wein und ein Glas verſchafft. Cadoudal zeigte Roland die gedeckte Tafel und das improviſirte Mahl. Roland ſprang von ſeinem Pferde und gab einem Chouan ſeinen Zügel. Cadoudal that deßgleichen. „Jetzt,“ ſagte dieſer, indem er ſich an ſeine Leute wandte,„habt Ihr eine halbe Stunde, um daſſelbe zu thun, wie wir; die, welche nicht in einer halben Stunde gefrühſtückt haben, mögen wiſſen, daß ſie ſich mit leerem Magen ſchlagen werden.“ Die Aufforderung ſchien einem Befehl ſo ähnlich, daß ſie mit größter Eile und Pünktlichkeit befolgt wurde. Jeder zog ein Stück Brod oder einen Woi⸗ zenkuchen aus ſeinem Sack und ahmte das Beiſpiel ſeines Generals nach, der bereits das Huhn für ſich und Roland verſchnitten hatte. Da nur ein Glas vorhanden war, ſo tranken beide aus demſelben. Während ſie neben einander tranken, wie zwei Freunde, die einen Halt auf der Jagd machen, brach der Tag an und wie Cadoudal es vorausgeſagt, wurde der Nebel immer lichter. Bald begann man die nächſten Bäume zu un⸗ terſcheiden, dann erkannte man den Saum des Wal⸗ des, welcher ſich zur Rechten von Mengon nach Grand⸗ champ hinzieht, während zur Linken die Ebene von Plescop, von einem Bache abgeſchnitten, ſich bis Vannes hinabſenkte. Man fühlte dieſes natürliche Abſenken des Bodens, je mehr man ſich dem Ocean näherte. 192 Auf dem Wege von Grandchamp nach Plescop unterſchied man bald eine Reihe von Wagen, deren Ende ſich in dem Walde verlor. Dieſe Reihe von Wagen war unbeweglich; man konnte leicht ſehen, daß ein unvorhergeſehenes Hin⸗ derniß die Wagen im Gange unterbrach. Man konnte auch wirklich eine Viertelſtunde vor dem erſten Wagen die zweihundert Mann von Monte⸗ à⸗lAſſaut, Chante⸗en⸗hiver und La Giberne unter⸗ ſcheiden, welche den Weg verſperrten. Die Republikaner, welche geringer an Zahl waren, — wir ſagten, daß ſie nur hundert zählten— hatten Halt gemacht und erwarteten das gänzliche Verziehen des Nebels, um der Zahl ihrer Feinde und der Leute, mit denen ſie es zu thun hatten, gewiß zu ſein. Menſchen und Wagen bildeten ein Dreieck, von wel⸗ chem Cadoudal mit ſeinen hundert Mann eine der Spitzen ausmachten. Bei dem Anblick dieſer kleinen von dreifachen Streitkräften umzingelten Zahl, beim Anblick dieſer Uniform, deren Farbe den Republikanern den Namen die Blauen gegeben, ſtand Roland raſch auf. Cadoudak blieb nachläſſig ausgeſtreckt liegen und vollendete ſein Mahl. Von den hundert Mann, die den General um⸗ gaben, ſchien nicht einer mit dem Schauſpiele be⸗ ſchäftigt zu ſein, das ſie vor Augen hatten, man hätte vielmehr glauben können, ſie erwarten erſt den Befehl Cadoudals, um ihre Aufmerkſamkeit darauf zu richten. Roland brauchte nur einen Blick auf die Re⸗ an in⸗ or te⸗ er⸗ en, ten en te, in. el⸗ der en ſer ien ind m⸗ be⸗ tan den „ 193 publikaner zu werfen, um zu ſehen, daß ſie verloren ſein mußten. Cadoudal folgte auf dem Geſichte des jungen Mannes den verſchiedenen Gefühlen, die ſich darin ſpiegelten. „Nun,“ fragte ihn der Chouan nach einer Pauſe, „finden Sie meine Anordnungen gut getroffen, Oberſt?“ „Sie könnten ſogar ſagen Ihre Vorſichtsmaß⸗ regeln, General,“ antwortete Roland mit einem ſpöt⸗ tiſchen Lächeln. „Hat der erſte Conſul nicht die Gewohnheit, die Vortheile zu benützen, auf die er ſtößt?“ fragte Cadoudal. Roland biß ſich auf die Lippen und ſtatt auf die Frage des royaliſtiſchen Anführers zu antworten, ſagte er: „General, ich habe Sie um eine Gunſt zu bitten, die Sie mir, hoffe ich, nicht verſagen werden.“ „Welche?“ „Die Erlaubniß, mich mit meinen Genoſſen tödten zu laſſen.“ Cadoudal ſtand auf. „Ich erwartete dieſe Bitte,“ ſagte er. „So gewähren Sie ſie mir alſo,“ ſagte Roland, deſſen Augen vor Freude ſtrahlten. „Ja, aber vorher muß ich Sie wegen eines Dien⸗ ſtes in Anſpruch nehmen,“ ſagte der royaliſtiſche Anführer mit der größten Würde. „Sprechen Sie, mein Herr.“ „Daß Sie mein Parlamentär bei dem General Harty ſein wollen.“ Dumas, Jehu. II. 13 194 „Zu welchem Zwecke.“ „Ich habe ihm mehrere Vorſchläge zu machen, ehe der Kampf beginnt.“ „Ich ſetze voraus, daß unter dieſen Vorſchlägen, mit denen Sie mich beehren wollen, nicht der ſei, die Waffen niederzulegen?“ „Sie können ſich im Gegentheile denken, Oberſt, daß dieſer an der Spitze ſteht.“ „Der General Harty wird ihn zurückweiſen.“ „Das iſt wahrſcheinlich.“ „Und dann?“ „Dann werde ich ihm die Wahl zwiſchen zwei andern laſſen, die er, wie ich glaube, unbeſchadet ſeiner Ehre annehmen kann.“ „Welche?“ „Ich werde ſie Ihnen zu rechter Zeit ſagen; beginnen Sie mit dem erſten.“ „Formuliren Sie ihn.“ „Hören Sie denn. Der General Harty und ſeine hundert Leute ſind von dreifachen Streitkräften umzingelt; ich ſichere ihnen das Leben, aber ſie legen ihre Waffen nieder und ſchwören, innerhalb der nächſten fünf Jahre nicht wieder in der Vendée zu dienen.“ Roland ſchüttelte den Kopf. „Das wäre doch beſſer, als die Menſchen zu vernichten?“ „Wohl, aber er wird ſie lieber mit ſich zu Grunde gehen laſſen.“ „Glauben Sie nicht jedenfalls,“ ſagte Cadoudal lachend,„daß es gut wäre, ihn vor Allem darum zu befragen?“ tom zu und dem ſah von gebi und fähr war war repu Abg theil mit. Gen wied groß en, en, ſei, rſt, wei det en, und ten gen der zu zu nde dal zu —— 195 „Allerdings,“ ſagte Roland. „Nun, Oberſt, haben Sie die Güte, zu Pferde zu ſteigen, ſich dem General zu erkennen zu geben und ihm meine Vorſchläge zu überbringen.“ „Es ſei,“ ſagte Roland. „Das Pferd des Oberſten,“ ſagte Cadoudal, in⸗ dem er dem Chouan, der es hielt, ein Zeichen gab. Man brachte Rolands Pferd herbei. Der junge Mann ſchwang ſich hinauf und man ſah ihn raſch den Raum durchmeſſen, welcher ihn von dem Convoi trennte, der angehalten hatte. Auf den Seiten des Convoi hatte ſich eine Gruppe gebildet; ſie beſtand offenbar aus dem General Harty und ſeinen Offizieren. Roland ritt auf dieſe Gruppe zu, welche unge⸗ fähr drei Flintenſchüſſe von den Chouans entfernt war. Das Erſtaunen auf Seiten des General Harty war groß, als er einen Offizier in der Uniform eines republikaniſchen Oberſten auf ſich zureiten ſah. Er trat aus der Gruppe hervor und ging dem Abgeſandten drei Schritte entgegen. Roland gab ſich zu erkennen, erzählte, wie es komme, daß er ſich bei den Weißen befinde, und theilte dem General Harty den Vorſchlag Cadoudals mit. Wie es der junge Mann vorhergeſehen, wies der General den Vorſchkag zurück. Roland kam, das Herz voll Freude und Stolz, wieder zu Cadoudal. „Er weist den Vorſchlag zurück,“ rief er aus ſo großer Ferne, als man ihn nur hören konnte. 196 Cadoudal machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches ſagen wollte, er ſei keineswegs erſtaunt über dieſe abſchlägige Antwort. „Nun gut, ſo bringen Sie ihm meinen zweiten Vorſchlag,“ ſagte er:„ich will mir nichts vorzuwer⸗ fen haben, da ich einem Ehrenrichter wie Sie ver⸗ antwortlich bin.“. Roland verbeugte ſich. „Wie lautet der zweite Vorſchlag?“ ſagte er. „Hören Sie; der General Harty kommt mir auf dem freien Platz zwiſchen unſeren beiderſeitigen Trup⸗ pen entgegen; er wird dieſelben Waffen führen, wie ich: nämlich ſeinen Säbel und zwei Piſtolen, und die Sache ſoll unter uns beiden abgemacht werden; wenn ich ihn tödte, ſo ſind ſeine Soldaten unter der bereits angegebenen Bedingung unſere Gefangenen; tödtet er mich, ſo ſollen ſeine Leute frei ausgehen und Vannes, ohne von uns weiter beunruhigt zu werden, erreichen können. Das, hoffe ich, wird ein Vorſchlag ſein, den Sie annehmen, Oberſt!“ „Ich nehme ihn auch für mich an,“ ſagte Ro⸗ land. „Ja,“ machte Cadoudal,„aber Sie ſind nicht der General Harty; begnügen Sie ſich, vor der Hand ſein Parlamentär zu ſein, und wenn dieſer Vor⸗ ſchlag, den ich mir an ſeiner Stelle nicht entgehen ließe, ihm noch nicht angenehm iſt, nun, ich bin eine gute Haut! ſo werden Sie zurückkommen und ich werde ihm einen neuen Vorſchlag machen.“ Roland entfernte ſich zum zweitenmal; er wurde von Seiten der Republikaner mit ſichtbarer Ungeduld erwartet. ſch erſ ſch net Si ne th Au mi we fäl pi in Je jol liſt rüc Ha pfe, iber iten wer⸗ ver⸗ auf rup⸗ wie und den; rder nen; ehen tze ein Ro⸗ t der Hand Vor⸗ ehen eine verde ourde eduld .————— — 197 Er überbrachte dem General Harty ſeine Bot⸗ ſchaft. „Citoyen,“ antwortete der General,„ich bin dem erſten Conſul von meinem Thun und Laſſen Rechen⸗ ſchaft ſchuldig und ich beauftrage Sie, ihm von mei⸗ nem Thun und Laſſen Rechenſchaft zu geben, wenn Sie nach Paris kommen. Was würden Sie an mei⸗ ner Stelle thun? Was Sie thun würden, werde ich thun.“ Roland zitterte; ſein Geſicht nahm den ernſten Ausdruck des Mannes an, der über eine Ehrenſache mit ſich zu Rathe geht. Nach Verfluß von einigen Minuten ſagte er: „General, ich würde das Anerbieten zurück⸗ weiſen.“ „Ihre Gründe, Citoyen?“ fragte der General. „Weil die Chancen eines Zweikampfs rein zu⸗ fällig ſind, weil Sie das Schickſal von hundert Ta⸗ pfern nicht dieſen Chouans überlaſſen dürfen; weil in einer Sache, wie dieſe, wo Jeder für ſich ſteht, Jeder ſeine Haut, ſo gut er kann, vertheidigen ſoll.“ „Das iſt Ihre Anſicht, Oberſt?“ „Bei meiner Ehre!“ „Es iſt auch die meinige; bringen Sie dem roya⸗ liſtiſchen General meine Antwort.“ Roland kam im Galopp wieder zu Cadoudal zu⸗ rück und überbrachte ihm die Antwort des Generals Harty. Cadoudal lächelte. „Ich wußte es zum Voraus,“ ſagte er. 198 „Sie konnten es nicht zum Voraus wiſſen, denn ich habe ihm dieſen Rath gegeben.“ „Sie waren doch noch ſo eben ganz entgegenge⸗ ſetzter Anſicht?“ „Ja, aber Sie erinnerten mich, daß ich nicht der General Harty ſei.“ Cadoudal lächelte. „Nun laſſen Sie Ihren dritten Vorſchlag hören?“ fragte Roland mit Ungeduld; denn er begann gewahr zu werden, oder vielmehr, er war von Anfang an gewahr, daß der royaliſtiſche General die großmü⸗ thige Rolle in der Sache ſpielte. „Mein dritter Vorſchlag,“ ſagte Cadoudal,„iſt nicht ein Vorſchlag, ſondern ein Befehl, der Befehl, welchen ich zweihundert von meinen Leuten gebe, ſich zurückzuziehen. Der General Harty hat hundert Mann, ich behalte hundert Mann zurück; meine bre⸗ tagniſchen Vorahnen waren gewohnt, zu Fuß, Bruſt an Bruſt, Mann gegen Mann zu kämpfen und häu⸗ figer einer gegen drei, als drei gegen einen; wenn der General Harty Sieger bleibt, wird er über un⸗ ſere Leichen hinſchreiten und nach Vannes zurückkeh⸗ ren; wenn er beſiegt iſt, wird er nicht ſagen, daß es durch die Ueberzahl geſchah; gehen Sie, Herr von Montrevel, und bleiben Sie bei Ihren Freun⸗ den; Sie wiegen allein zehn auf.“ Roland lüftete ſeinen Hut. „Was thun Sie, mein Herr?“ fragte Cadoudal. „Ich habe die Gewohnheit, Allem, was mir groß erſcheint, zu huldigen, mein Herr, und ich grüße Sie.“ „Dann, Oberſt,“ ſagte Cadoudal,„ein letztes tr — enmn nge⸗ tder n 2 vahr an mü⸗ fehl, ſich idert bre⸗ ruſt häu⸗ venn un⸗ kkeh⸗ daß Herr eun⸗ dal. groß rüße tztes 3———— ———— 99 Glas Wein: jeder von uns trinkt auf das, was er liebt, was er bedauert, auf Erden zurücklaſſen zu müſſen, was er hofft, im Himmel wiederzuſehen.“ Dann nahm er die Flaſche und das einzige Glas, leerte es zur Hälfte und bot es Roland⸗ „Wir haben nur ein Glas, Hert von Montrevel, trinken Sie zuerſt.“ „Warum zuerſt?“ „Weil Sie erſtens mein Gaſt ſind, und dann, weil es ein Sprüchwort gibt, welches ſagt, daß der, welcher nach einem Andern trinkt, ſeine Gedanken weiß.“ Dann fügte er lachend hinzu: „Ich möchte Ihre Gedanken wiſſen, Herr von Montrevel.“ Roland leerte das Glas und gab das leere Glas Cadoudal zurück. Cadoudal goß das Glas, wie er für Roland ge⸗ than, halb voll und leerte es wieder. „Nun,“ fragte Roland,„wiſſen Sie meine Ge⸗ danken, General?“ „Nein,“ ſagte dieſer,„das Sprüchwort iſt falſch.“ „Gut,“ ſagte Roland mit ſeiner gewöhnlichen Vertraulichkeit,„mein Gedanke iſt, daß Sie ein ta⸗ pferer Mann ſind, General, und daß ich mich geehrt fühlen werde, wenn Sie mir im Augenblick, wo Einer gegen den Andern kämpft, die Hand reichen wollen.“ Die beiden jungen Männer reichten und drückten ſich die Hand weit mehr wie zwei Freunde, die für lange Zeit von einander ſcheiden, als wie zwei 200 Feinde, die ſich auf dem Schlachtfelde wieder fin⸗ den wollen. Es lag etwas einfach Großes und doch Majeſtä⸗ tiſches in dem, was hier vorging. Jeder von ihnen lüftete ſeinen Hut. „Viel Glück,“ ſagte Roland zu Cadoudal,„erlau⸗ ben Sie mir jedoch, daran zu zweifeln, daß mein Wunſch ſich realiſirt; ich muß Ihnen freilich geſte⸗ hen, daß dieſer Wunſch mir von den Lippen, aber nicht von dem Herzen kommt.“ „Gott ſchütze Sie, mein Herr,“ ſagte Cadoudal zu Roland,„und ich hoffe, daß mein Wunſch ſich erfüllen wird, denn es iſt der volle Ausdruck meines Gedankens.“ „Worin wird das Signal beſtehen, das mir Ihre Bereitſchaft ankündigt?“ fragte Roland. „Ein in die Luft abgeſchoſſenes Gewehr, auf wel⸗ ches Sie mit einem ähnlichen Schuß antworten.“ „Gut, General,“ antwortete Roland. Und ſein Pferd in Galopp ſetzend, durchritt er zum dritten Male den Raum zwiſchen dem royaliſti⸗ ſchen General und dem republikaniſchen General. Dann ſeine Hand nach Roland ausſtreckend, ſagte Cadoudal: „Meine Freunde, ſehet Ihr dieſen jungen Mann?“ Alle Blicke richteten ſich auf Roland, alle Köpfe antworteten mit einem bejahenden Zeichen, aller Mund murmelte das Wort:„Ja.“ „Nun denn, er iſt uns von unſern Brüdern im Süden empfohlen, ſein Leben ſoll Euch heilig ſein; 1— ce— — 1—— lau⸗ rein eſte⸗ ber dal ſich nes mir wel⸗ 1 t er iſti⸗ gte gen pfe und im in; 201 man kann ihn feſtnehmen, aber lebendig und ohne daß ein Haar von ſeinem Haupte fällt.“ „Ganz wohl, General,“ antworteten die Chouans. „Und nun, meine Freunde, erinnert Euch, daß Ihr die Söhne jener dreißig Bretagner ſeid, die ſich mit dreißig Engländern zwiſchen Ploermel und Joſſelin, zehn Meilen von hier, ſchlugen und Sieger blieben.“ Dann fügte er mit einem Seufzer und halber Stimme hinzu: „Unglücklicherweiſe haben wir es diesmal nicht mit Engländern zu thun.“ l Die Diplomatie Georges Cadoudals. Der Nebel hatte ſich plötzlich verzogen und, wie es beinahe immer in ſolchen Fällen geſchieht, färb⸗ ten einige Strahlen einer Winterſonne die Ebene von Plescop mit einer gelblichen Tinte. Man konnte jetzt alle Bewegungen erkennen, welche in den beiden Truppencorps vor ſich gingen. Zu gleicher Zeit, während Roland zu den Re⸗ publikanern ritt, ſprengte Branche⸗d'or im Galopp zu den zweihundert Mann hin, welche ihnen den Weg abſchnitten. Kaum hatte Branche-d'or mit den vier Lieute⸗ nants von Cadoudal geſprochen, als man hundert Mann ſich abſondern und rechtsumkehrt machen ſah, während hundert weitere Mann linksumkehrt machten. 202 Die beiden Truppenabtheilungen entfernten ſich jede nach ihrer Richtung. Die Eine marſchirte nach Plumeret, die Andere nach Saint⸗Ave und räumten dadurch den Weg. Jede machte eine Viertelmeile von dem Wege Halt, ſetzte das Gewehr bei Fuß und blieb unbeweg⸗ lich ſtehen. Branche⸗d'or kam zu Cadoudal zurück: „Haben Sie mir noch beſondere Befehle zu ge⸗ ben, General?“ ſagte er. „Einen einzigen,“ antwortete Cadoudal,„nimm acht Mann mit Dir und folge mir; wenn Du den jungen Mann, mit dem ich gefrühſtückt, vom Pferde ſtürzen ſiehſt, wirſt Du Dich auf ihn werfen, ehe er Zeit hat, ſich wieder aufzuraffen und ihn mit Dei⸗ nen acht Mann zum Gefangenen machen.“ „Ganz wohl, General.“ „Du weißt, daß ich ihn mit heiler Haut wieder ſehen will.“ „Soll geſchehen, General.“ „Wähle Deine acht Mann; iſt Herr von Montre⸗ vel Gefangener und hat er ſein Wort gegeben, ſo könnt Ihr thun, was Euch beliebt.“ „Wenn er aber ſein Wort nicht geben will?“ „So umgebt Ihr ihn auf eine Weiſe, daß er nicht entfliehen kann und bewacht ihn, bis der Kampf beendigt iſt.“ „Gut!“ ſagte Branche⸗d'or, indem er einen Seufzer ausſtieß,„nur wird es etwas traurig ſein, mit gekreuzten Armen da zu ſtehen, während die An⸗ dern ſich aufheitern.“ en rde ei⸗ der re⸗ ſo er npf nen ein, An⸗ —— 203 „Bah, wer weiß!“ ſagte Cadoudal,„es wird wahrſcheinlich für Alle etwas zu thun geben.“ Dann warf er einen Blick über die Ebene und ſagte, als er ſah, daß ſeine Leuts ſich zurückgezogen und die Republikaner ſich in Schlachtordnung auf⸗ geſtellt hatten: „Ein Gewehr!“ Man brachte ihm ein Gewehr. Cadoudal hob es in die Höhe und ſchoß es in die Luft ab. Beinahe im ſelben Augenblick antwortete ein ähn⸗ licher Schuß aus der Mitte der Republikaner wie ein Echo auf den Schuß Cadoudals. Man hörte zwei Tambours, welche zum Angriff ſchlugen: eine Trompete begleitete ſie. Cadoudal richtete ſich in den Bügeln auf. „Kinder!“ fragte er,„hat Jeder ſein Morgen⸗ gebet verrichtet?“ „Ja, ja!“ antworteten beinahe alle Stimmen. „Wenn Einer unter Euch es vergeſſen oder nicht die Zeit dazu gehabt, ſo thue er es jetzt.“ Fünf bis ſechs Bauern warfen ſich augenblicklich auf die Kniee und beteten. Man hörte die Tambours und die Trompeter ſich nähern. „General! General!“ ſagten mehrere Stimmen mit Ungeduld,„Sie ſehen, daß ſie ſich nähern.“ Der General deutete mit einer Handbewegung auf die knieenden Chouans. „Das iſt richtig!“ ſagten die Ungeduldigen. Die Betenden ſtanden nach und nach wieder auf, je nachdem ihr Gebet kurz oder lang geweſen. 204 Als der Letzte ſich erhoben, hatten die Republi⸗ kaner beinahe den dritten Theil des Weges gemacht. Sie marſchirten mit gefälltem Bajonnette in drei Linien, jede drei Mann hoch. Roland ritt an der Spitze der erſten Linie. Der General Harty zwiſchen der erſten und zweiten. Sie waren beide leicht zu erkennen, da ſie die einzigen, die zu Pferde waren. Unter den Chouans war Cadoudal der einzige Reiter. Branche⸗d'or war abgeſtiegen, als er den Be⸗ fehl über die acht Mann übernommen, welche Geor⸗ ges folgen ſollten. „General,“ ſagte eine Stimme,„das Gebet iſt verrichtet und Alle ſtehen bereit.“ Cadoudal vergewiſſerte ſich von der Wahrheit dieſer Worte. Dann rief er mit ſtarker Stimme: „Auf, ſeid luſtig meine Jungen.“ Dieſe Erlaubniß, welche für die Chouans und die Vendéer ſo viel wie ein Trommel⸗ oder Trom⸗ petenzeichen zum Angriff bedeutete, war kaum gege⸗ ben, als die Chouans ſich mit dem Rufe:„Es lebe der König!“ in die Ebene ausbreiteten, indem ſie mit der einen Hand ihren Hut, mit der andern ihr Gewehr ſchwangen. Nur, ſtatt in geſchloſſener Linie zu bleiben, wie die Republikaner, zerſtreuten ſie ſich wie Plänkler, indem ſie dadurch die Form eines ungeheuren Halb⸗ mondes bildeten, deſſen Mittelpunkt Georges und ſein Pferd waren. i⸗ . ei nd m⸗ e⸗ be ſie hr er, lb⸗ nd 205 In einem Augenblicke waren die Republikaner überlangt und das Gewehrfeuer begann. Beinahe alle Leute Cadoudals waren Wilderer, das heißt ausgezeichnete Schützen, mit engliſchen Karabinern bewaffnet, die doppelt ſo weit als die gewöhnlichen Gewehre trugen. Obgleich die, welche zuerſt geſchoſſen, außerhalb der Schußweite geſtanden zu haben ſchienen, drangen noch einige Todesgeſchoſſe in die Reihen der Repub⸗ likaner und drei bis vier Mann fielen. „Vorwärts!“ rief der General. Die Soldaten marſchirten mit gefälltem Bajon⸗ nette dem Feinde entgegen. Aber nach einigen Secunden hatten ſie nichts mehr vor ſich. Die hundert Mann Cadoudals waren Plänkler geworden und als Truppe verſchwunden. Der General befahl rechtsum und linksum. Dann hörte man das Commando: „Feuer!“ Zwei Salven erſchollen mit jener Regelmäßig⸗ keit und dem Enſemble einer gut exercirten Truppe; aber ſie waren beinahe ohne Erfolg, da die Repub⸗ likaner auf Vereinzelte ſchoßen. Dagegen ſchoßen die Chouans auf eine Maſſe; jeder Schuß traf. Roland ſah und begriff das Nachtheilige der Lage. Er ſchaute um ſich und ſah mitten im Rauche Cadoudal aufrecht und unbeweglich, wie eine Reiter⸗ ſtatue auf ſeinem Pferde ſitzen. 206 Er begriff, daß der royaliſtiſche Anführer ihn erwartete. Er ſtieß einen Schrei aus und ſprengte gerade auf ihn zu. Cadoudal ſetzte ſein Pferd in Galopp, um ihm einen Theil des Weges zu erſparen. Aber hundert Schritte von Roland hielt er an. „Achtung!“ ſagte er zu Branche⸗d'or und ſeinen Leuten. „Seien Sie ruhig, General, wir ſind zur Hand,“ ſagte Branche⸗d'or. Cadoudal zog ein Piſtol aus ſeinen Holftern und lud es. Roland hatte den Säbel gezogen und ritt, auf Hals des Pferdes herabgebeugt, auf den Feind os. Als er nur noch zwanzig Schritte von ihm ent⸗ fernt war, hob Cadoudal langſam die Hand in der Richtung Rolands. Auf zehn Schritte gab er Feuer. Das Pferd, welches Roland ritt, hatte einen weißen Stern in der Mitte der Stirne. Die Kugel traf in die Mitte des Sternes. Das Pferd ſtürzte tödtlich getroffen mit ſeinem Reiter vor Cadoudals Füßen zuſammen. Cadoudal drückte ſeine Sporen in die Weichen ſeines Thieres und ſetzte über Pferd und Reiter. Branche⸗d'or und ſeine Leute hielten ſich in der Nähe. Sie ſtürzten wie ein Rudel Jaguars auf Roland, der unter ſeinem Thiere lag. Der junge Mann ließ ſeinen Säbel los und wollte ſeine Piſtolen ergreifen; aber ehe er die Hand in erſ nic wo wir Br loy daß r f d d 207 an die Holfter gebracht, hatten ſich zwei Mann jedes ſeiner Arme bemächtigt, während die andern ihm das Thier zwiſchen den Beinen hervorzogen. Dies alles war ſo gleichzeitig geſchehen, daß man wohl ſah, es war ein zuvor verabredetes Ma⸗ növer. Roland erröthete vor Wuth. Branche⸗d'or näherte ſich ihm und nahm den Hut ab. „Ich ergebe mich nicht,“ rief Roland. „Es iſt unnöthig, daß Sie ſich ergeben, Herr von Montrevel,“ antwortete Branche⸗d'or mit der größten Höflichkeit. „Und warum das?“ fragte Roland, ſeine Kräfte in einem ebenſo verzweifelten als unnützen Kampfe erſchöpfend. „Weil Sie gefangen ſind, mein Herr.“ Die Sache war ſo vollkommen wahr, daß ſich nichts darauf antworten ließ. „Nun gut, ſo tödtet mich,“ rief Roland. „Wir wollen Sie nicht tödten, mein Herr,“ ant⸗ wortete Branche⸗d'vr. „Was wollt Ihr denn?“ „Daß Sie uns Ihr Wort geben, keinen Theil mehr am Kampfe zu nehmen; um dieſen Preis laſſen wir Sie los und Sie ſind frei.“ „Nie!“ ſagte Roland. „Entſchuldigen Sie, Herr von Montrevel,“ ſagte Branche⸗d'or,„aber was Sie da thun, iſt nicht loyal.“ „Wie!“ vief Roland außer ſich vor Wuth,„nicht loyal; Du verhöhnſt mich, Elender, weil Du weißt, daß ich mich nicht wehren, noch Dich züchtigen kann.“ 208 „Ich bin kein Elender und ich verhöhne Sie nicht, Herr von Montrevel; ich ſage nur, Sie berauben, indem Sie uns Ihr Wort nicht geben, den General der Un⸗ terſtützung von neun Mann, die ihm nützlich ſein könn⸗ ten und die gezwungen werden, hier zu bleiben, um Sie zu bewachen; das iſt nicht die Art, wie der dicke Rundkopf gegenüber von Ihnen gehandelt; er hatte zweihundert Mann mehr als Sie, und er ſchickte ſie weg; nun ſind wir nur noch einundneunzig gegen Hundert.“ Eine Flamme fuhr über Rolands Geſicht hin, dann wurde er plötzlich wieder blaß wie der Tod. „Du haſt Recht, Branche⸗d'or,“ antwortete er ihm,„Unterſtützung oder nicht, ich ergebe mich; Du magſt mit Deinen Genoſſen in den Kampf gehen.“ Die Chouans ſtießen einen Freudenſchrei aus und ſtürzten ſich auf die Republikaner, indem ſie ihre Hüte und ihre Flinten ſchwangen und„Es lebe der König!“ riefen. Roland, welcher nun von ihren feſſelnden Hän⸗ den frei, aber materiell durch den Sturz, moraliſch durch ſein Wort entwaffnet war, ſetzte ſich auf den kleinen Vorſprung, der noch immer mit dem Mantel vedeckt war, welcher als Tiſchtuch für das Früh⸗ ſtück gedient. Von hier überſchaute er den Kampf und verlor keine Einzelheit. Cadoudal ſaß aufrecht in ſeinem Sattel inmitten des Feuers und des Rauches gleich dem Kriegsdämon, unverwundbar und blutgierig wie dieſer. Da und dort ſah man die Leichen eines Dutzend Chouans zerſtreut auf der Erde liegen. Aber die Republikaner, welche noch immer in ge zu die fer der wie fiel ter, loſe lebe bal fige geſe wie Leb neu Har und wen Rei ten on, end in 2———— ———,——— — 209 geſchloſſenen Reihen kämpften, hatten offenbar ſchon mehr als das Doppelte verloren. Verwundete ſchleppten ſich am Boden hin, ſtießen zuſammen, richteten ſich wie getretene Schlangen auf und kämpften, die Republikaner mit ihren Bajonnetten, die Chouans mit ihren Meſſern. Diejenigen verwundeten Chouans, welche zu ent⸗ fernt waren, um ſich Mann gegen Mann mit an⸗ dern Verwundeten zu ſchlagen, luden ihre Flinten wieder, erhoben ſich auf ein Knie, gaben Feuer und fielen wieder zu Boden. Der Kampf war auf beiden Seiten ein erbitter⸗ ter, heißer und blutiger Kampf; man fühlte, daß der Bürgerkrieg, das heißt der mitleid⸗ und erbarmungs⸗ loſe Krieg ſeine Fackel über dem Schlachtfelde ſchwang. Cadoudal ritt mit ſeinem Pferde um die ganze lebendige Schreckſchanze, gab auf zwanzig Schritte bald mit ſeinen Piſtolen, bald mit einer doppelläu⸗ figen Flinte Feuer, die er jedesmal, wenn er ſie ab⸗ geſchoſſen, wegwarf und geladen im Vorüberreiten wieder aufnahm. Jeder ſeiner Schüſſe koſtete einem Feinde das Leben. Als er zum dritten Male dieſes Manveuvre er⸗ neuerte empfing ihn ein Pelotonfeuer; der General Harty beehrte ſeine Perſon ganz allein damit. Er verſchwand in der Flamme und dem Rauche und Roland ſah ihn und ſein Pferd umſinken, als wenn beide tödtlich getroffen wären. Zehn bis zwölf Republikaner ſtürzten aus den Reihen hervor und eben ſo viele Chouans. Dumas, Jehu. II. 14 210 Es war ein furchtbares Zuſammentreffen. Mann an Mann, in welchem die Chouans mit ihren Meſſern das Uebergewicht haben mußten. Plötzlich ſtand Cadoudal wieder, ein Piſtol in jeder Hand; es war der Tod für zwei Mann. Zwei Mann fielen. Dann ſtürzte er mit Dreißig von den Seinen durch die offene Breſche, welche die zehn bis zwölf Mann gemacht. Er hatte ein Gewehr aufgerafft und bediente ſich deſſelben wie einer Keule; mit jedem Hieb ſchlug er einen Mann nieder. Er durchbrach das Bataillon und erſchien auf der andern Seite wieder. Wie ein Bacher, der auf einen über den Haufen geworfenen Jäger losſtürzt und ihm die Eingeweide aufreißt, drang er dann in die offene Wunde und riß ſie noch weiter auf. Von da an war alles zu Ende. Der General Harty ſammelte zwanzig Mann um ſich und rückte mit gefälltem Bajonnette, zu Fuß, denn ſein Pferd war unter ihm erſchoſſen worden, auf den Kreis los, der ihn umzingelte. Zehn Mann fielen, ehe ſie dieſen Kreis durch⸗ brochen hatten. Der General befand ſich nun außerhalb des Kreiſes. Die Chouans wollten ihn verfolgen. Aber Cadoudal rief ihnen mit einer Donner⸗ ſtimme zu: „Man durfte ihn nicht durchbrechen laſſen, aber nac rück für höre den meh umh ſich die G und weil ſch, tront 6 bran ( lados 2 ſich g Tuch E worde N mit ſi ſtande 211 ann nachdem er mal durchgebrochen, mag er ſich frei zu⸗ ſern rückiehen.“ Die Chouans gehorchten mit der Pietät, die ſie für die Worte ihres Anführers beſaßen. „Und nun,“ rief Cadoudal,„laßt das Feuer auf⸗ hören: keine Todten, keine Gefangenen mehr.“ inen Die Chouans ſchaarten ſich zuſammen, indem ſie wölf den Haufen Todter und die wenigen Lebenden, die mehr oder minder verwundet ſich unter den Leichen ſich umherſchleppten, umringten. g er Sich ergeben hieß in dieſem Kriege ſo viel als ſich ſchlagen, denn man erſchoß auf beiden Seiten auf die Gefangenen; auf der einen, weil man die Chouans und Vendéer als Räuber betrachtete, auf der andern, ufen weil man nicht wußte, was mit ihnen beginnen. eide Die Republikaner warfen ihre Gewehre weit von und ſich, um ſie nicht zu übergeben. Als man ſich ihnen näherte, hatten alle die Pa⸗ trontaſche offen. um Sie hatten ihre Patronen bis auf die letzte ver⸗ Fuß, brannt. den, Cadoudal rief: „Der Titan iſt auf einen Titan geſtoßen, Enke⸗ uch⸗ lados focht mit Briareus.“ Der royaliſtiſche Anführer gab Branche⸗d'or, der des ſich gerade den Arm von einem Kameraden mit einem Tuch umwickeln ließ, einen Befehl. Sein Arm war von einer Kugel durchbohrt mne worden. Raſch verbunden, nahm Branche⸗d'or vier Mann aber nit ſich und eilte nach dem Orte, wo die Wagen ſtanden. 212 5 Während des ganzen heftigen Kampfes hatte er der junge Mann, die Augen auf das Gewirre ge⸗ heftet, die Haare vom Schweiß gefeuchtet, und tief„ Ein Cadoudal ging zu Roland. athemholend, zugewartet. nit Als er ſah, daß der Kampf eine ſchlimme Wen⸗ dung für die Seinen annahm, hatte er ſein Haupt er in ſeine Hände ſinken laſſen und ſaß mit zur Erde gebeugter Stirne da. ruf Cadoudal kam bis in ſeine Nähe, ohne daß Ro⸗ nac land ſeine Schritte zu hören ſchien; er berührte ſeine Schulter; der junge Mann hob langſam den Kopf, ohne zwei Thränen zu verbergen, die über ſeine entſ Wangen rollten. nier „General!“ ſagte Roland,„verfügen Sie über mich, ich bin Ihr Gefangener.“ zwe „Man macht einen Geſandten des erſten Conſuls ſagt nicht zum Gefangenen,“ antwortete Cadoudal lachend, ſie „aber man bittet ihn um einen Dienſt.“ bei „Befehlen Sie, General.“ „Ich habe kein Feldlazareth für die Verwundeten, Han kein Gefängniß für die Gefangenen: übernehmen Sie es, die gefangenen oder verwundeten republikaniſchen und Soldaten nach Vannes zu bringen.“ „Wie, General!“ rief Roland. Ser; „Ihnen übergebe ich ſie, oder vielmehr Ihnen nicht vertraue ich ſie an; ich bedauere, daß Ihr Pferd todt Eine iſt, ich bedauere, daß das meine erſchoſſen wurde; Siec aber es bleibt Ihnen das von Branche⸗d'or, nehmen Sie dies an.“ das Der junge Mann machte eine Bewegung. „Wenigſtens bis Sie ſich werden ein anderes 213 verſchaffen können,“ machte Cadoudal mit einer Ver⸗ atte beugung. Roland ſah ein, daß er wenigſtens durch die tief, Einfachheit ſich auf die Höhe desjenigen ſtellen müſſe, nit dem er es zu thun hatte. Len⸗„Werde ich Sie wiederſehen, General?“ fragte aupt er, indem er aufſtand. Erde„Ich zweifle, mein Herr, meine Operationen rufen mich nach Port⸗Louis, Ihre Pflicht ruft Sie Ro⸗ nach dem Luxembourg.“ „Was ſoll ich dem erſten Conſul ſagen, General?“ opf, „Was Sie geſehen haben, mein Herr; er wird ſeine entſcheiden zwiſchen der Diplomatie des Abbé Ber⸗ über nſuls hend, eten, Sie iſchen todt urde hmen deres nier und der Georges Cadoudals.“ „Nach dem, was ich geſehen habe, mein Herr, zweifle ich, daß Sie jemals meiner bedürfen werden,“ ſagte Roland;„jedenfalls erinnern Sie ſich, wenn ſie es nöthig haben ſollten, daß Sie einen Freund bei dem erſten Conſul beſitzen.“ Und er gab Cadoudal zum zweiten Male die Hand. Der royaliſtiſche Anführer ergriff ſie ebenſo offen und zutrauensvoll, wie das letzte Mal. „Leben Sie wohl, Herr von Montrevel,“ ſagte Ser zu ihm;„ich brauche Ihnen nichts zu ſagen, hnen nicht wahr, um den General Harty zu rechtfertigen? S ſolche Niederlage iſt ebenſo ehrenvoll, als ein ieg.“ Inzwiſchen hatte man dem republikaniſchen Oberſt das Pferd von Branche⸗d'or gebracht. Er ſchwang ſich in den Sattel. „Apropos,“ ſagte Cadoudal zu ihm,„ſuchen Sie 21⁴ doch im Vorbeigehen in La Roche⸗Bernard zu erfah⸗ ren, was aus dem Citoyen Thomas Milliere ge⸗ worden.“ „Er iſt todt,“ antwortete eine Stimme. Cveur⸗de⸗Roi und ſeine vier Mann, mit Schweiß und Koth bedeckt, waren eben angekommen, jedoch zu ſpät, um noch am Kampfe Theil nehmen zu können. Roland warf einen letzten Blick auf das Schlacht⸗ feld, ſtieß einen Seufzer aus und ſprengte, mit einem letzten Abſchiedswort an Cadoudal, im Galopp quer⸗ feldein, um auf dem Wege von Vannes den Wagen der Verwundeten und Gefangenen zu erwarten, wel⸗ chen er zu General Harty bringen ſollte. Cadoudal hatte jedem Mann einen Sechslivres⸗ thaler geben laſſen. Roland konnte nicht anders denken, als daß der royaliſtiſche Anführer mit dem Gelde des Directo⸗ riums, das Morgan und ſeine Genoſſen nach dem Weſten geſchickt, dieſe Freigebigkeit übe. XII. Heirathsplane. Der erſte Beſuch, als Roland nach Paris kam, galt dem erſten Conſul, er brachte ihm die doppelte Rachricht von der Pacification der Vendée, und der Inſurrektion der Bretagne, welche heftiger ſei, denn je. Bonaparte kannte Roland; die dreifache Erzäh⸗ lung von dem Meuchelmorde Thomas Millières, jut lut fah⸗ ge⸗ veiß zu nen. acht⸗ nem uer⸗ agen wel⸗ res⸗ der ecto⸗ dem kam, pelte d der ſei, rzäh⸗ res, — 215 der Hinrichtung Audreins und dem Kampfe von Grandchamp machten deßhalb einen tiefen Eindruck auf ihn; es lag überdies in der Erzählung des jungen Mannes eine Art von düſterer Verzweif⸗ lung, über die man ſich nicht täuſchen konnte. Roland war verzweifelt darüber, daß auch dieſe Hoffnung, getödtet zu werden, fehlgeſchlagen. Es war ihm, als ob eine unbekannte Macht über ihm wachte, da er ſicher und ungefährdet aus Ge⸗ fahren hervorgehe, wo Andere das Leben laſſen muß⸗ ten; wo Sir John zwölf Richter und ein Todesur⸗ theil gefunden, hatte er nichts als ein Phantom ge⸗ ſehen, das freilich unverletzbar, aber auch ungefähr⸗ lich war. Er machte ſich den bittern Vorwurf, einen Ein⸗ zelkampf mit Georges Cadopdal geſucht zu haben, welchen dieſer vorausgeſehen, ſtatt ſich in das all⸗ gemeine Gewirre zu werfen, wo er Hoffnung gehabt, zu tödten oder getödtet zu werden. Der erſte Conſul betrachtete ihn mit Ungeduld, während er ſprach; er ſah noch immer die Sehnſucht nach dem Tode in ihm vorwalten, die er durch die Berührung mit dem heimathlichen Boden, durch die Umarmungen der Familie heilen zu können gehofft. Er klagte ſich an, um den General Harty rein zu waſchen und zu rühmen; aber gerecht und unpar⸗ teiiſch wie ein Soldat, hob er auch den Muth und die Großmuth Cadoudals hervor, wie es der roya⸗ liſtiſche Anführer verdiente. Bonaparte hörte ihn ernſt, beinahe traurig an; ſo erpicht er war auf den auswärtigen Krieg, der ihm die glorreichſten Siege verſprach, ſo ſehr wider⸗ 216 ſtrebte ihm dieſer Krieg im Innern, in dem das Land ſein eigenes Blut vergießt, ſein eigenes Herz zerreißt. In ſolchem Falle ſchien ihm die Unterhandlung an die Stelle des Krieges treten zu müſſen. Aber wie mit einem Manne wie Cadoudal un⸗ terhandeln? Bonaparte wußte, welche bezaubernde Kraft in ihm wohnte, wenn er ſich die Mühe nehmen wollte; er faßte daher den Entſchluß, Cadoudal zu ſehen, und ohne Roland etwas davon zu ſagen, zählte er auf ihn, wenn die Stunde dazu gekommen wäre. Indeſſen wollte er wiſſen, ob Brune, auf deſſen militäriſche Talente er großes Vertrauen ſetzte, glück⸗ licher wäre, als ſeine Vorgänger. Er verabſchiedete Roland, nachdem er ihm die Ankunft ſeiner Mutter angekündigt und ihm mitge⸗ theilt, daß ſie in dem kleinen Hauſe der Rue de la Victoire wohne. Roland ſprang in einen Wagen und ließ ſich nach dem Hotel fahren. Dort fand er Frau von Montrevel glücklich und ſtolz, wie es nur eine Frau und eine Mutter ſein kann. Edouard war ſeit dem vorhergehenden Tage im franzöſiſchen Prytaneum. Frau von Montrevel rüſtete ſich, Paris zu ver⸗ laſſen, um zu Amelie zurückukehren, deren Geſund⸗ heit ihr fortwährend Beſorgniſſe einflößte. Sir John war nicht nur außer Gefahr, ſondern auch beinahe geheilt; er befand ſich in Paris, um Frau von Montrevel einen Beſuch abzuſtatten, hatte en, ſen ck⸗ die ge⸗ la ſich ind ein er⸗ nd⸗ ern um tte d 2——— — 217 ſie ausgegangen gefunden, um Edouard nach dem Prytaneum zu bringen, und eine Karte zurückge⸗ laſſen. Auf dieſer Karte befand ſich ſeine Adreſſe. Sir John wohnte Rue de Richelieu, Hotel Mi⸗ rabeau. Es war elf Uhr Morgens, die Stunde, zu wel⸗ cher Sir John frühſtückte; Roland hatte alſo alle Hoffnung, ihn zu Hauſe zu treffen. Er ſtieg wieder in den Wagen und befahl dem Kutſcher, ihn nach dem Hotel Mirabeau zu bringen. Er fand auch wirklich Sir John vor einem eng⸗ liſch ſervirten Tiſch, einer zu jener Zeit ſeltenen Sache; er trank große Taſſen Thee und aß blutige Cotelettes. Sir John ſtieß einen Freudenſchrei aus, als er Roland ſah, ſtand auf und eilte ihm entgegen. Roland hatte zu dieſer exceptionellen Natur, in der die guten Eigenſchaften des Herzens ſich unter den nationalen Wunderlichkeiten zu verbergen ſuch⸗ ten, eine tiefe Zuneigung gefaßt. Sir John war blaß und abgemagert, befand ſich im Uebrigen jedoch ganz wohl. Die Wunde war vollkommen vernarbt und ab⸗ geſehen von einem Druck, der mit jedem Tage ab⸗ nahm, und der bald ganz verſchwinden ſollte, hatte er Hoffnung, eheſtens wieder im vollen Beſitze ſeiner Geſundheit zu ſein. Er überhäufte Roland mit Zärtlichkeiten, die man bei dieſer verſchloſſenen Natur hätte gar nicht erwar⸗ ten ſollen, und behauptete, daß die Freude, die ihm 218 dies Wiederſehen bereitete, ihm wieder jene volle Geſundheit ſchenke, die ihm gefehlt. Jetzt erſt bot er Roland an, ſein Frühſtück zu theilen, indem er ſich anheiſchig machte, auf fran⸗ zöſiſche Weiſe ſerviren zu laſſen. Roland nahm an; aber wie alle Soldaten, welche jene rauhen Kriege der Revolution mitgemacht, wo ſo oft das Brod gefehlt, war Roland ein geringer Feinſchmecker, und hatte ſich daran gewöhnt, von allen Küchen zu eſſen, in der Vorausſicht auf die Tage, wo er von gar keiner Küche zu eſſen haben würde. Die Aufmerkſamkeit, welche Sir John hatte, ihm franzöſiſch ſerviren zu laſſen, war deßhalb beinahe eine verlorne. Aber was nicht unbeachtet blieb, was Roland bemerkte, war die Zerſtreutheit Sir Johns, der von ganz andern Dingen den Kopf voll zu haben ſchien. Offenbar hatte ſein Freund ein Geheimniß auf den Lippen, das nicht darüber hinwegkommen konnte. Roland dachte, man müſſe ihm helfen. Als deßhalb das Frühſtück beinahe zu Ende war, ſagte Roland mit jener Offenheit, die bei ihm bei⸗ nahe bis zur Barſchheit ging, indem er ſeine Ell⸗ bogen auf den Tiſch ſtemmte und das Geſicht in ſeinen Händen hielt: „Nun, mein lieber Lord, Sie haben Ihrem Freunde Roland etwas zu ſagen, was Ihnen nicht über die Lippen will?“ Sir John zitterte und vertauſchte ſeine Bläſſe mit Purpurroth. „Verteufelt,“ fuhr Roland fort,„das muß ſehr 219 ſchwierig ſein; Sie haben mich alſo um etwas zu bitten, Sir John, und ich wüßte wenig, was ich Ihnen abſchlagen dürfte. Sprechen Sie doch, ich höre.“ Und Roland ſchloß die Augen, als wollte er ſeine Aufmerkſamkeit auf das concentriren, was Sir John zu ſagen im Begriffe war. Aber es mußte von Lord Tannlays Standpunkt ſehr ſchwer auszuſprechen ſein; denn nach Verfluß von zehn Secunden öffnete Roland, als er bemerkte, daß Sir John ſtumm blieb, die Augen wieder. Sir John war blaß geworden; nur noch blaſſer, als er geweſen, ehe er roth geworden. Roland bot ihm die Hand. „Nun,“ ſagte er,„ich ſehe, Sie wollen ſich über die Art beklagen, wie Sie im Schloſſe Noires⸗Fon⸗ taines behandelt wurden.“ „Allerdings, mein Freund; ſofern von meinem Aufenthalt in dieſem Schloſſe das Glück oder Un⸗ glück meines Lebens datiren wird.“ Roland ſah Sir John feſt an. 5„Ah wahrhaftig,“ ſagte er,„ſollte ich ſo glücklich Und er hielt inne, da er begriff, daß er, vom gewöhnlichen Geſichtspunkte der Geſellſchaft, einen Convenienzfehler zu begehen im Begriffe war. „O, vollenden Sie, mein lieber Roland,“ ſagte Sir John. „Sie wollen es?“ „Ich bitte darum.“ „Und wenn ich mich täuſche, wenn ich albernes Zeug ſpreche?“ 220 „Mein Freund, mein Freund, vollenden Sie.“ „Nun gut, ich ſagte, Mylord, ſollte ich ſo glück⸗ lich ſein, daß Ihre Herrlichkeit meiner Schweſter die Ehre erweiſen, in ſie verliebt zu ſein?“ Sir John ſtieß einen Freudenſchrei aus und mit einer ſo raſchen Bewegung, wie man dieſen phleg⸗ matiſchen Menſchen ihrer gar nicht für fähig gehal⸗ ten, ſtürzte er in die Arme Rolands. „Ihre Schweſter iſt ein Engel, mein lieber Ro⸗ land,“ rief er,„und ich liebe ſie von ganzer Seele!“ „Sie ſind vollkommen frei, Mylord?“ „Vollkommen; ſeit zwölf Jahren, wie ich Ihnen ſagte, bin ich im Beſitze meines Vermögens und dieſes Vermögen beſteht in fünfundzwanzigtauſend Pfund Sterling jährlicher Einkünfte.“ „Das iſt viel zu viel, mein Lieber, für meine Familie, die Ihnen nur fünfzigtauſend Franken zu bieten hat.“ „O,“ machte der Engländer, mit jenem nationalen Accente, den er bisweilen in großen Aufregungen traf,„wenn man ſich des Vermögens entſchlagen muß, wird man es thun.“ „Nein,“ ſagte Roland lachend,„das iſt un⸗ nöthig; Sie ſind reich, das iſt ein Unglück; aber was da machen? RNein, davon iſt nicht die Frage. Sie lieben meine Schweſter?“ „Ich bete ſie an.“ „Aber ſie,“ verſetzte Roland,„liebt Sie meine Schweſter?“ „Sie begreifen wohl,“ verſetzte Sir John,„daß ich ſie nicht gefragt; ich mußte mich, mein lieber Roland, vor allen Dingen an Sie wenden, und wenn ———— die Sache Ihnen genehm war, Sie bitten, meine Sache bei ihrer Mutter zu vertreten; hatte ich Ihre beiderſeitige Zuſtimmung, dann wollte ich mich er⸗ klären, oder vielmehr, mein lieber Roland, ſollten Sie mich erklären, denn ich würde es niemals wagen.“ „Alſo ich empfange Ihr erſtes Geſtändniß?“ „Sie ſind mein beſter Freund, das iſt nicht mehr als billig.“ „Nun gut, mein Lieber, was mich betrifft, ſo begreifen Sie wohl, daß Ihr Prozeß gewonnen iſt.“ „Bleiben noch Ihre Mutter und Ihre Schweſter.“ „Das iſt eine Perſon, meine Mutter wird Ame⸗ lie ganz ihren freien Willen laſſen und ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß, wenn dieſe Wahl auf Sie fällt, ſie vollkommen glücklich darüber ſein wird; aber es bleibt noch Jemand, den Sie vergeſſen.“ „Wer iſt das?“ fragte Sir John wie Jemand, der das für und wider ſchon lange hin und her bei ſich erwogen, und glaubt, alle Fälle vollſtändig ge⸗ prüft zu haben, dem man aber plötzlich ein neues Hinderniß zeigt, auf das er nicht gefaßt war. „Der erſte Conſul,“ machte Roland. „God. ließ ſich der Engländer entſchlüpfen, verſchluckte jedoch die zweite Hälfte dieſes nationalen Fluchs. „Er hat mir gerade vor meiner Abreiſe nach der Vendée,“ fuhr Roland fort,„von der Verbin⸗ dung meiner Schweſter geſprochen, indem er ſagte, das gehe uns nicht weiter an, weder meine Mutter, noch mich, er werde die Sache übernehmen.“ „Dann,“ ſagte Sir John,„bin ich verloren.“ „Warum das?“ „Der erſte Conſul liebt die Engländer nicht.“ „Sagen Sie, die Engländer lieben den erſten Conſul nicht.“ „Aber wer wird dem erſten Conſul von meinem Verlangen ſprechen?“ „Ich.“ „Und Sie werden ihm von dieſem Verlangen als von einer Sache ſprechen, die Ihnen ange⸗ nehm iſt?“ „Ich werde aus Ihnen eine Friedenstaube zwi⸗ ſchen den beiden Nationen machen.“ „O Dank!“ rief Sir John, indem er die Hand des jungen Mannes ergriff. Dann ſetzte er mit ſchmerzlichem Bedauern hinzu: „Und Sie verlaſſen mich?“ „Lieber Freund, ich habe nur wenige Stunden Urlaub: ich widmete eine Stunde meiner Mutter, zwei Ihnen, eine gehört Ihrem Freunde Edouard. Ich will ihn umarmen, und ſeinen Lehrern empfeh⸗ len, daß ſie ihn ſich ganz nach Belieben mit ſeinen Kameraden herumtollen laſſen; dann kehre ich nach dem Luxembourg zurück.“ „Gut, bringen Sie ihm meine Grüße und ſagen Sie ihm, daß ich ein Paar Piſtolen habe für ihn kommen laſſen, damit er nicht mehr, wenn er von Banditen angefallen wird, ſich der des Conducteurs bedienen müſſe.“ Roland ſah Sir John an. „Was heißt das?“ fragte er. „Wie! Sie wiſſen nicht?“ „Nein; was weiß ich nicht?“ 1 c0—— „Etwas, worüber unſere arme Anmelie beinahe vor Schrecken geſtorben wäre.“ „Was?“ „Den Ueberfall der Diligence.“ „Welcher Diligence?“ „Der, in welcher ſich Ihre Mutter befand.“ „Der Diligence, in welcher ſich meine Mutter 3 befand?“ „Ja.“ „Die Diligence, in der ſich meine Mutter befand, wurde angegriffen?“ „Sie haben Frau von Montrevel geſehen und ſie hat Ihnen nichts geſagt?“ „Nicht ein Wort darüber.“ „Nun gut, mein lieber Edouard war ein Held; während Niemand ſich wehrte, hat er ſich gewehrt. Er nahm die Piſtolen des Conducteurs und gab Feuer.“ „Braver Knabe!“ rief Roland. „Ja, aber zum Unglücke, oder zum Glücke, hatte der Conducteur die Vorſicht gehabt, die Kugeln her⸗ auszunehmen; und der arme Edouard wurde von den Genoſſen Jehus als der Tapfere der Tapfern geküßt und geliebkost, hat jedoch Niemanden getödtet oder verwundet.“ „Und Sie wiſſen das gewiß, was Sie mir da ſagen?“ „Ich wiederhole Ihnen, daß Ihre Schweſter glaubte vor Schrecken ſterben zu müſſen.“ „Das iſt gut,“ ſagte Roland. „Wie, das iſt gut?“ machte Sir John. 22⁴ „Ja, ein Grund mehr, daß ich Edouard be⸗ ſuche.“ „Was haben Sie noch?“ „Einen Plan.“ „Sie werden mir ihn mittheilen?“ „Wahrhaftig, nein; meine Pläne ſchlagen nicht ſonderlich gut für Sie aus.“ „Indeſſen begreifen Sie, lieber Roland, wenn es eine Revanche zu nehmen gälte?“ „Nun, ſo werde ich ſie für uns beide nehmen; Sie ſind verliebt, mein lieber Lord, leben Sie in Ih⸗ rer Liebe.“ „Sie verſprechen mir alſo Ihre Unterſtützung?“ „Das iſt abgemacht; ich habe das größte Ver⸗ langen, Sie meinen Bruder zu nennen.“ „Sind Sie müde, mich Ihren Freund zu hei⸗ ßen?“ „Wahrlich, ja; es iſt zu wenig.“ „Ich danke.“ Und beide ſchüttelten ſich die Hände und ſchieden. Eine Viertelſtunde ſpäter war Roland im fran⸗ zöſiſchen Prytaneum, welches ſich da befand, wo jetzt das Lyceum Ludwigs des Großen liegt, das heißt oben an der Rue Saint Jacques, hinter der Sor⸗ bonne. Beim erſten Wort, das ihm der Director des Inſtituts geſagt, ſah Roland, daß ſein jüngerer Bru⸗ der ganz beſonders empfohlen worden. Man ließ den Knaben kommen. Edouard warf ſich mit jener anbetenden Vereh⸗ rung, die er für ſeinen größeren Bruder beſaß, in die Arme deſſelben. —— 225 Roland brachte nach den erſten Umarmungen das Geſpräch auf den Ueberfall der Diligence. Wenn Frau von Montrevel nichts geſagt, wenn Lord Tannlay nur dürftige Details mitgetheilt, ſo war das mit Edouard ganz anders. Dieſer Ueberfall der Diligence war ſeine Jliade. Er erzählte Roland die Sache in ihren geringſten Einzelnheiten, die Gefälligkeit Jeromes gegen die Banditen, die geladenen Piſtolen, aus denen die Ku⸗ geln gezogen waren, die Ohnmacht ſeiner Mutter, die Unterſtützung, welche ihr von denen ſelbſt zu Theil wurde, welche Schuld daran waren, die Bekanntſchaft der Angreifenden mit ſeinem Taufnamen, endlich die Maske, welche einen Augenblick von dem Geſichte desjenigen gefallen, der Frau von Montrevel beige⸗ ſprungen, wodurch Frau von Montrevel das Geſicht dieſes Mannes hatte ſehen müſſen. 4 Roland verweilte länger bei dieſem letzten Puncte. Dann kam in der Erzählung des Kindes die Au⸗ dienz beim erſten Couſul an die Reihe, wie dieſer ihn umarmt, geliebkost, gehätſchelt und ihn endlich dem Director des franzöſiſchen Prytaneums em⸗ pfohlen. Roland erfuhr von dem Knaben Alles, was er wiſſen wollte, und da die Rue Saint Jacques nur fünf Minuten vom Lurembourg entfernt war, ſo be⸗ fand er ſich fünf Minuten ſpäter im Luxembourg. Dumas, Jehu. II. 15 226 XIII. Der Geſandte. Als Roland zurückkehrte, fragte er nach dem er⸗ ſten Conſul und man antwortete ihm, der erſte Con⸗ ſul arbeite mit dem Polizeiminiſter. Roland war der Vertraute des Hauſes; wer auch der Beamte ſein mochte, mit welchem Bona⸗ parte arbeitete, er hatte die Gewohnheit, mochte er nun von einer Reiſe oder von einem einfachen Aus⸗ gang zurückkehren, die Thüre des Kabinets halb zu öffnen und den Kopf hineinzuſtecken. Häufig war der erſte Conſul ſo beſchäftigt, daß er gar nicht auf dieſen Kopf achtete, der hereingeſteckt wurde. Dann ſagte Roland das einzige Wort: „General!“ Was in dieſer intimen Sprache, welche die bei⸗ den Mitſchüler zu reden fortgefahren, ſo viel heißen wollte, als: „General, ich bin da; brauchen Sie mich; ich er⸗ warte Ihre Befehle.“ Wenn der erſte Conſul Roland nicht brauchte, antwortete er: „Schon gut.“ Brauchte er ihn dagegen, ſo ſagte er das einzige Wort: „Trete ein.“ Roland trat dann ein und wartete in einer Fen⸗ 4 „ — — en⸗ ſtervertiefung, bis ihm ſein General ſagte, warum er ihn hatte eintreten laſſen. Wie gewöhnlich, ſteckte Roland den Kopf herein und ſagte: „General!“ „Trete ein,“ antwortete der erſte Conſul mit ſichtlicher Zufriedenheit.„Trete ein, trete ein.“ Roland trat ein. Wie man ihm geſagt, arbeitete Bonaparte mit dem Polizeiminiſter. Die Sache, mit der ſich der erſte Conſul beſchäf⸗ tigte, und die ihm ſehr wichtig zu ſein ſchien, hatte auch für Roland ihr beſonderes Intereſſe. Es handelte ſich um neue Ueberfälle von Diligen⸗ cen durch die Genoſſen Jehus. Auf dem Tiſche lagen drei Protokolle, welche den Ueberfall einer Diligence und zweier Mallepoſten conſtatirten. In einer der Mallepoſten befand ſich der Kaſſier der italieniſchen Armee, Tribier. Die Ueberfälle hatten an verſchiedenen Orten ſtattgefunden: der erſte auf der Landſtraße zwiſchen Meximieux und Montluel. Der zweite am Ende des Silanſees auf der Seite von Nantug. Der dritte auf der Landſtraße von Saint⸗Etienne nach Bourg, an dem Orte, den man die Carronniére nennt. Eine Thatſache knüpfte ſich an einen dieſer Ueber⸗ älle. Eine Summe von viertauſend Franken und ein Käſtchen mit Bijouterien waren mit den Geldkiſten 228 der Regierung verwechſelt und den Reiſenden genom⸗ men worden. Die Reiſenden glaubten ſie verloren, als der Friedensrichter von Nantua einen Brief ohne Unter⸗ ſchrift erhielt, der ihm den Ort anzeigte, wo dieſe Gegenſtände vergraben waren, mit der Bitte, ſie ih⸗ ren Eigenthümern wieder zuzuſtellen, da die Genoſſen Jehus mit der Regierung, nicht mit Einzelnen Krieg führen. Dagegen bei dem Ueberfalle der Carronnière, wo die Diebe, um die Mallepoſt anzufallen, die trotz ihres Befehles, zu halten, doppelt raſch fuhr, gezwungen geweſen, auf ein Pferd zu ſchießen, glaub⸗ ten die Genoſſen Jehu, dem Poſtmeiſter eine Ent⸗ ſchädigung ſchuldig zu ſein, weßhalb dieſer fünfhun⸗ dert Franken für ſein getödtetes Pferd erhalten. Dies war gerade die Summe, welche das Pferd acht Tage vorher gekoſtet hatte, und dieſe Schätzung bewies, daß man es mit Leuten zu thun hatte, welche ſich auf Pferde verſtanden. Dieſe Protokolle waren von Erklärungen der Reiſenden begleitet. Bonaparte ſang jenes unbekannte Lied, von dem wir geſprochen, halblaut vor ſich hin, was bewies, daß er wüthend war. Da er neue Erkundigungen von Roland einzie⸗ hen konnte, hatte er deßhalb dreimal wiederholt, Ro⸗ land ſolle eintreten. „Nun,“ ſagte er,„Dein Departement iſt offen⸗ bar in der Empörung gegen mich begriffen.“ Roland warf einen Blick auf die Papiere und verſtand. 229 „Ich kam gerade,“ ſagte er,„um mit Ihnen davon zu ſprechen.“ „Gut, wir wollen davon ſprechen, aber bitte Bourrienne zuerſt um den Departementalatlas.“ Roland holte den Atlas und, die Abſicht Bona⸗ parte's errathend, ſchlug er das Ain-Departement auf. „Das iſt's,“ ſagte Bonaparte,„zeige mir, wo die Sachen geſchehen ſind.“ Roland deutete mit dem Finger ans Ende der Karte, gegen Lyon hin. „Sehen Sie, mein General,“ ſagte er,„das iſt genau der Ort des erſten Ueberfalls, hier gegenüber von dem Dorfe Beligneux.“ „Und der zweite?“ „Fand hier ſtatt,“ ſagte Roland, indem er mit dem Finger nach der andern Seite des Departements gegen Genf ſtreifte;„das iſt der Nantuaſee und hier der Silanſee.“ „Jetzt der dritte?“ Roland ging mit dem Finger nach der Mitte. „General, hier iſt der Ort, die Carronniéres ſind nicht auf der Karte angedeuket, weil ſie ſehr unbe⸗ deutend ſind.“ „Was ſind die Carronniéres?“ fragte der erſte Conſul. „General, man nennt bei uns die Ziegelbrenne⸗ reien Carronnières; ſie gehören dem Citoyen Ter⸗ rier; hier der Platz, den ſie einnehmen müßten.“ Und Roland deutete mit der Spitze eines Blei⸗ ſtiftes, welches eine Spur auf dem Papier zurück⸗ 230 ließ, auf den Ort, wo der Ueberfall ſtattgefunden haben mußte. „Wie,“ ſagte Bonaparte,„die Sache iſt kaum eine halbe Meile von Bourg geſchehen!“ „Kaum, ja, General; das erklärt, wie das ver⸗ wundete Pferd nach Bourg zurückgeführt werden konnte und erſt in den Ställen der Belle⸗Alliance gefallen iſt.“ „Sie hören all' dieſe Details, mein Herr,“ ſagte Bonaparte, indem er ſich an den Polizeipräfekten wandte. „Ja, Citoyen erſter Conſul,“ antwortete dieſer. „Sie wiſſen, daß ich will, daß dieſe Räubereien aufhören.“ „Ich werde mein Möglichſtes thun.“ „Es gilt nicht, Ihr Möglichſtes zu thun, ſondern zu reüſſiren.“ Der Präfect verbeugte ſich. „Nur unter dieſer Bedingung,“ fuhr Bonaparte fort,„werde ich anerkennen, daß Sie wirklich der ge⸗ wandte Mann ſind, für den Sie ſich ausgeben.“ „Ich werde Sie unterſtützen, Eitoyen,“ ſagte Ro⸗ and. „Ich wagte nicht, Sie um Ihre Unterſtützung zu bitten,“ ſagte der Präfect. „Wohl, aber ich biete ſie Ihnen an; thun Sie nichts, worüber wir uns nicht zuvor berathen.“ Der Präfect ſah Bonaparte an. „Das iſt recht,“ ſagte Bonaparte,„gehen Sie, Roland wird nach der Präfectur kommen.“ Der Präfect verbeugte ſich und ging. „Wirklich,“ fuhr der erſte Conſul fort,„es gilt . L 231 Deine Ehre, dieſe Banditen auszurotten, Roland; erſtens geht die Sache in Deinem Departement vor ſich, und dann ſcheinen ſie es beſonders auf Dich und Deine Familie abgeſehen zu haben.“ „Im Gegentheil,“ ſagte Roland,„das iſt's eben, was mich wüthend macht, daß ſie mich und meine Familie verſchonen.“ „Wir wollen darauf zurückkommen, Roland, jedes Detail hat ſeine Wichtigkeit; es iſt der Beduinen⸗ krieg, den wir wieder beginnen.“ „Bemerken Sie mal, General: ich bringe eine Nacht in der Karthauſe von Seillon zu, weil, wie man mir geſagt, dort Geſpenſter hauſen. Es er⸗ ſcheint auch wirklich ein Geſpenſt, aber ohne mir das Geringſte anzuhaben: ich ſchieße beide Piſtolen auf daſſelbe ab, es kehrt ſich jedoch nicht mal um. Meine Mutter befindet ſich in einer angefallenen Diligence, ſie fällt in Ohnmacht: einer der Diebe widmet ihr die zarteſte Aufmerkſamkeit, frottirt ihr die Schläfe mit Eſſig und läßt ſie Salze einathmen. Mein Bruder Edouard vertheidigt ſich, ſoviel in ſeinen Kräften ſteht, man ergreift ihn, man küßt ihn, man macht ihm alle Arten von Complimenten über ſeinen Muth: es fehlte wenig, ſo hätte man ihm Bonbons für ſein gutes Benehmen gegeben. Mein Freund Sir John dagegen ahmt mir nach, geht dahin, wo ich war, man behandelt ihn als Spion und erdolcht ihn.“ „Aber er iſt nicht todt.“ „Im Gegentheil, er befindet ſo wohl, daß er meine Schweſter heirathen will.“ „Ah, er hat um ſie angehalten?“ „Officiell.“ 232 „Und Du haſt geantwortet?... „Ich habe geantwortet, daß meine Schweſter von zwei Perſonen abhängt.“ Mutter und Dir, das iſt nicht mehr als illig.“ „Nein, von ihr und Ihnen.“ „Ihr, das begreife ich, aber von mir?“ „Sagten Sie nicht, General, daß Sie ſie ver⸗ heirathen wollten?“ Bonaparte ging einen Augenblick mit gekreuzten Armen und nachdenklich auf und ab; dann blieb er plötzlich vor Roland ſtehen und ſagte: „Was iſt Dein Engländer für ein Mann?“ „Sie haben ihn geſehen, General.“ „Ich ſpreche nicht von ſeinen phyſiſchen Eigen⸗ ſchaften, alle Engländer ſehen ſich ähnlich: blaue Augen, rothe Haare, weißer Teint und verlängerte Kinnlade.“ „Daran iſt das the ſchuldig,“ ſagte Roland ernſt. „Wie das the?“ „Ja; Sie haben das Engliſche gelernt, General.“ „Das heißt, ich verſuchte es zu lernen.“ „Ihr Sprachlehrer mußte Ihnen ſagen, daß das the ausgeſprochen werde, indem man die Zunge an die Zähne halte, und indem nun die Engländer ihre Zähne mit der Zunge zurückſtoßen, bekommen ſie zu⸗ letzt dieſes verlängerte Kinn, das, wie Sie ſo eben ſagten, eines der charakteriſtiſchen Merkmale ihrer Phyſiognomie iſt.“ Bonaparte ſah Roland an, um zu wiſſen, ob der beſtändige Spötter lache, oder im Ernſte ſpreche. 1— er 233 Rolands Phyſiognomie veränderte ſich nicht. „Das iſt Deine Anſicht?“ ſagte Bonaparte. „Ja, General, und ich glaube, daß ſie in phy⸗ ſiologiſcher Beziehung ſoviel werth iſt, als jede an⸗ dere; ich habe eine Menge Anſichten wie dieſe, die ich zum Beſten gebe, je nachdem ſich die Gelegenheit bietet.“ „Wirwollen auf Deinen Engländer zurückkommen.“ „Sehr gerne, General.“ „Ich fragte Dich, was für ein Mann er ſei.“ „General, er iſt ein ausgezeichneter Gentleman, ſehr tapfer, ſehr ruhig, ſehr kaltblütig, ſehr vornehm, ſehr reich, und außerdem, was bei Ihnen nicht ge⸗ rade als Empfehlung dienen wird, ein Neffe von Lord Greenville, dem erſten Miniſter Seiner briti⸗ ſchen Majeſtät.“ „Du ſagſt? „Ich ſage, dem erſten Miniſter Seiner britiſchen Majeſtät.“ Bonaparte ging wieder auf und nieder und ſagte, zu Roland zurückkommend: „Kann ich Deinen Engländer ſehen?“ „Sie wiſſen wohl, General, daß Sie alles können.“ „Wo iſt er?“ „In Paris.“ „Hole ihn und bringe ihn zu mir.“ Roland hatte die Gewohnheit, ohne Widerrede zu gehorchen; er nahm ſeinen Hut und ging nach der Thüre. „Schicke mir Bourrienne,“ ſagte der erſte Conſul in dem Augenblick, als Roland in das Cabinet des erſten Secretärs trat. 234 Fünf Minuten, nachdem Roland verſchwunden, trat Bourrienne ein. „Setzen Sie ſich hier, Bourrienne,“ ſagte der erſte Conſul,„und ſchreiben Sie.“ Bourrienne ſetzte ſich, legte ſein Papier zurecht, tauchte ſeine Feder in die Tinte und wartete. „Sind Sie bereit?“ fragte Bonaparte, indem er ſich an denſelben Schreibtiſch ſetzte, an welchem Bour⸗ rienne ſchrieb, was ebenfalls eine Gewohnheit von ihm war, eine Gewohnheit, die ſeinen Secretär zur Verzweiflung brachte, da Bonaparte während der ganzen Zeit, ſo lange er dictirte, ſich wiegte und durch dieſes Wiegen den Schreibtiſch ungefähr auf die gleiche Weiſe bewegte, als wenn er mitten auf einem hohlgehenden Meere ſich befände. „Ich bin bereit,“ antwortete Bourrienne, der ſich zuletzt an alle Excentricitäten des erſten Conſuls ſo viel als möglich gewöhnt. „Dann ſchreiben Sie.“ Und er dictirte: „Bonaparte, erſter Conſul der Republik an Seine Majeſtät den König von Großbritannien und Irland. „Durch den Willen der franzöſiſchen Nation be⸗ rufen, das oberſte Amt der Republik zu verwalten, halte ich es für geziemend, Eure Majeſtät direct davon in Kenntniß zu ſetzen. „Soll der Krieg, der ſeit acht Jahren die vier Theile der Erde verwüſtet, ewig fortdauern? Gibt es kein Mittel ſich zu verſtehen? „Wie können die beiden aufgeklärteſten Nationen Eurvpas, beide mächtiger und ſtärker, als es ihre Sicherheit und Unabhängigkeit heiſcht, Ideen eitler de r bt n re er * 235 Größe oder ſchlechtverſtandener Antipathieen, das Wohl des Handels, die innere Wohlfahrt, das Glück der Familien opfern. Wie ſollten ſie nicht fühlen, daß der Frieden das erſte Bedürfniß, wie der höchſte Ruhm iſt? „Dieſe Gefühle ſollten dem Herzen Eurer Maje⸗ ſtät fremd ſein, die eine freie Nation mit dem ein⸗ zigen Wunſche beherrſcht, ſie glücklich zn machen? „Eure Majeſtät wird in dieſer Eröffnung nur meinen aufrichtigen Wunſch ſehen, wirkſam zum zwei⸗ ten Male zur allgemeinen Paciſicirung durch ein raſches Vorgehen beizutragen, das ſich voll Vertrauen gibt und ſich jener Formen entſchlägt, die vielleicht für die Unabhängigkeit ſchwacher Staaten nöthig, in ſtarken Staaten nur das gegenſeitige Verlangen, ſich zu täuſchen, verräth. „Frankreich und England können noch lange, zum Unglück ihrer Völker, im Mißbrauch ihrer Kräfte die Erſchöpfung derſelben verzögern; aber ich wage es zu ſagen, das Schickſal aller civiliſirten Nationen hängt an einem Kriege, der die ganze Welt in Brand ſteckt.“ Bonaparte hielt inne. „Ich glaube, es iſt ſo gut,“ ſagte er;„leſen Sie es mir noch einmal, Bourrienne.“ Bourrienne las den Brief, den er ſo eben ge⸗ ſchrieben. Nach jedem Abſchnitt gab Bonaparte durch ein Nicken des Kopfes ſeine Billigung zu erkennen, in⸗ dem er ſagte: „Weiter.“ Ehe noch die letzten Worte geleſen waren, nahm 236 er den Brief aus den Händen Bourriennes und unterzeichnete mit einer neuen Feder. Es war ſeine Gewohnheit, ſich nur einmal der⸗ ſelben Feder zu bedienen; nichts war ihm unange⸗ nehmer, als ein Tintenfleck am Finger. „Gut,“ ſagte er;„ſiegeln Sie den Brief und addreſſiren Sie ihn: An Lord Greenville.“ Bourrienne that, wie ihm befohlen war. In dieſem Momente hörte man das Geräuſch eines Wagens, der im Hofe des Luxembourg hielt. Einen Augenblick ſpäter öffnete ſich die Thüre und Roland trat ein. „Nun?“ fragte Bonaparte. „Ich ſagte Ihnen ja, daß Sie alles können, was Sie wollen, General.“ „Du haſt Deinen Engländer?“ „Ich begegnete ihn an der Ecke der Rue Beſſey und da ich weiß, daß Sie nicht gerne warten, nahm ich ihn wie er war und zwang ihn in den Wagen zu ſteigen; wahrhaftig einen Augenblick glaubte ich ihn durch den Poſten der Rue Mazarine hierher führen laſſen zu müſſen; er iſt in Stiefeln und im Rocke.“ „Er ſoll eintreten,“ ſagte Bonaparte. „Treten Sie ein, Mylord,“ machte Roland, in⸗ dem er ſich umwandte. Lord Tannlay erſchien auf der Schwelle der Thüre. Bonaparte brauchte nur einen Blick auf ihn zu werfen, um den vollkommenen Gentleman zu erkennen. Etwas Magerkeit, ein Reſt von Bläſſe gaben Sir John alle Merkmale vornehmen Weſens. . re 8 ey m en ch er m n⸗ er zu n. en 6 237 Er verbeugte ſich und wartete als ächter Eng⸗ länder auf die Vorſtellung. „General,“ ſagte Roland,„ich habe die Ehre Ihnen Sir John vorzuſtellen, der, um die Ehre zu haben Sie zu ſehen, bis zum dritten Kataracte gehen wollte, und den ich heute am Ohre ziehen mußte, um ihn nach dem Luxembourg zu bringen.“ „Kommen Sie, Mylord, kommen Sie,“ ſagte Bonaparte,„es iſt weder das erſte Mal, daß wir uns ſehen, noch das erſte Mal, daß ich den Wunſch ausſpreche, Sie kennen zu lernen; es war beinahe Un⸗ dankbarkeit von Ihnen, meinen Wunſch auszu⸗ ſchlagen.“ „Wenn ich gezögert, General,“ antwortete Sir John, wie gewöhnlich in ausgezeichnetem Franzöſiſch, „ſo geſchah es, weil ich nicht an die Ehre glauben konnte, die Sie mir erwieſen.“ „Und dann verabſcheuen Sie mich, wie alle Ihre Landsleute von Hauſe aus und aus Nationalge⸗ fühl?“ „Ich muß geſtehen, General,“ antwortete Sir John,„daß ſie erſt bei der Bewunderung ange⸗ kommen ſind.“ „Und theilen Sie dieſes abgeſchmackte Vorurtheil zu glauben, daß die Nationalehre verlange, man ſolle den Feind haſſen, der morgen unſer Freund werden kann?“ „Frankreich war für mich beinahe ein zweites Vaterland, General, und mein Freund Roland wird Ihnen ſagen, daß ich den Augenblick herbeiſehne, wo von meinem doppelten Vaterlande Frankreich das ſein wird, dem ich am meiſten verdanke.“ 238 „Sie würden alſo ohne Widerſtreben Frankreich und England ſich die Hand bieten ſehen, um das Glück der Welt zu begründen?“ „Der Tag, an welchem ich das ſähe, wäre für mich ein glücklicher Tag.“ „Und wenn Sie dazu beitragen könnten, dieſes Ziel zu fördern, würden Sie die Hand dazu bieten?“ „Ich würde mein Leben dieſem Zwecke weihen.“ „Roland ſagte mir, daß Sie ein Verwandter des Lords Greenville ſeien.“ „Ich bin ſein Neffe.“ „Stehen Sie auf gutem Fuße mit ihm?“ „Er liebte meine Mutter ſehr, welche ſeine äl⸗ tere Schweſter war.“ „Haben Sie von der Zärtlichkeit geerbt, die er für Ihre Mutter beſaß.“ „Ja, nur glaube ich, daß er damit bis zu dem Tage zurückhält, wo ich nach England zurückkehre.“ „Würden Sie es übernehmen, ihm einen Brief von mir zu überbringen?“ „An wen addreſſirt?“ „An König Georg III.“ „Das wäre eine große Ehre für mich.“ „Würden Sie es übernehmen, Ihrem Oheim mündlich zu ſagen, was man nicht in einem Briefe ſchreiben kann?“ „Ohne ein Wort daran zu ändern; die Worte des Generals Bonaparte gehören der Geſchichte an.“ „Nun, ſo ſagen Sie ihm...“ Aber ſich unterbrechend und an Bourrienne wen⸗ dend, ſagte er: 6 ir es es m 4 ef 239 „Bourrienne, ſuchen Sie mir den letzten Brief des Kaiſers von Rußland.“ Bourrienne öffnete einen Carton und ohne zu ſuchen, ergriff er den Brief, den er Bonaparte gab. Bonaparte warf einen Blick auf den Brief und ſagte, indem er ihn Lord Tannley übergab: „Sagen Sie ihm zuerſt und vor Allem, daß Sie dieſen Brief geleſen.“ Sir John verbeugte ſich und las: „Citoyen erſter Conſul. „Ich habe die neuntauſend Ruſſen, welche in Holland zu Gefangenen gemacht wurden, und die Sie mir ohne Löſegeld, ohne Austauſch, ohne irgend welche Bedingung geſandt, in voller und neuer Aus⸗ rüſtung, jeden in der Uniform ſeines Corps zurück erhalten. „Das iſt ein Zeugniß ächter Ritterlichkeit und ich maße mir an, ein Ritter zu ſein. „Ich glaube, Citoyen erſter Conſul, das Beſte, was ich Ihnen für dieſes prachtvolle Geſchenk an⸗ bieten kann, iſt meine Freundſchaft. „Wollen Sie dieſe? „Als Angeld dieſer Freundſchaft ſende ich Lord Withworth, dem engliſchen Geſandten in St. Peters⸗ burg, ſeine Päſſe. „Außerdem, wenn Sie, ich will nicht ſagen mein Secundant, ſondern mein Zeuge ſein wollen, fordere ich alle Könige zum Duell heraus, welche nicht Partei gegen England ergreifen und ihm nicht ihre Häfen ſchließen. „Ich beginne mit meinem Nachbar, dem Könige 240 von Dänemark, und Sie können in der Hofzeitung den Cartel leſen, den ich ihm ſende. „Habe ich Ihnen noch etwas zu ſagen? „Nein. „Wenn es nur von uns beiden abhängt, können wir der Welt Geſetze vorſchreiben. „Und zum Schluſſe ſage ich Ihnen, daß ich Ihr Bewunderer und aufrichtiger Freund bin. „Paul.“ Lord Tannlay wandte ſich nach dem erſten Con⸗ ſul um. Sein Geſicht ſagte deutlich, daß trotz der Verbin⸗ dung mit Rußland ſein Nationalſtolz ihn über den Ausgang eines Kampfes zwiſchen Frankreich und England beruhigte. „Aber,“ verſetzte Bonaparte,„es handelt ſich heute nicht darum; alles geſchieht zu ſeiner Zeit.“ „Ja,“ murmelte Sir John,„wir ſind noch zu nahe bei Abukir.“ „O, ich werde Sie nicht auf dem Meere ſchlagen,“ ſagte Bonaparte,„ich brauchte fünfzig Jahre, um aus Frankreich eine Seemacht zu ſchaffen; ſondern hier!“ und er deutete mit der Hand auf den Orient. „Aber für den Augenblick wiederhole ich Ihnen, es handelt ſich nicht um Krieg, ſondern um Frieden; ich bedarf des Friedens, um meinen Traum zu ver⸗ wirklichen, und namentlich des Friedens mit Eng⸗ land; Sie ſehen, daß ich offenes Spiel ſpiele, ich bin ſtark genug, um offen zu ſein; an dem Tage, an welchem ein Diplomat die Wahrheit ſagen wird, wird er auch der erſte Diplomat ſein, vorausgeſetzt, . n 1⸗ n d nt. rd, tzt, — .————— 241 daß ihm niemand glaubt, wodurch er ohne Hinder⸗ niß zu ſeinem Ziele kommt.“ „Ich müßte alſo zu meinem Oheim ſagen, daß Sie den Frieden wollen?“ „Hier iſt der Brief, durch welchen ich ihn von Ihrem Könige verlange; er iſt ganz in dieſem Sinne dictirt, und um ſicher zu ſein, daß er in die Hände Seiner Majeſtät gelange, bitte ich den Neffen des Lord Greenville, mein Vote zu ſein.“ „Ihr Verlangen ſoll erfüllt werden, Citoyen, und wenn ich der Oheim wäre, ſtatt der Reffe, ſo würde ich zum Voraus verſprechen.“ „Wann können Sie gehen?“ „In einer Stunde werde ich fort ſein.“ „Sie haben mir vor Ihrer Abreiſe keinen Wunſch auszuſprechen?“ „Keinen. Jedenfalls wenn ich einen hätte, gebe ſch meinem Freunde Roland unbeſchränkte Voll⸗ macht.. „Geben Sie mir die Hand, Mylord; es wird von guter Vorbedeutung ſein, da Sie England und ich Frankreich repräſentire.“ Sir John nahm die Ehre, welche ihm der erſte Conſul erwies, mit jener ſtrengen Gemeſſenheit an, welche zu gleicher Zeit ſeine Sympathie für Frank⸗ reich und ſeine Zurückhaltung im Intereſſe der Na⸗ tionalehre bethätigte. Nachdem er Rolands Hand mit echt brüderlicher Liebe gedrückt, grüßte er noch einmal den erſten Conſul und ging. rie folgte ihm mit dem Blicke, ſchien Du 8, Jehn. II. 16 242 einen Augenblick nachzuſinnen und ſagte dann plötz⸗ lich: „Roland ich gebe nicht nur meine Zuſtimmung zu der Verbindung Deiner Schweſter mit Lord Tann⸗ lay, ſondern ich wünſche ſie ſogar, Du verſtehſt, ich wünſche ſie.“ Und er legte auf jedes der drei Worte einen ſolchen Nachdruck, daß ſie für den, der den erſten Conſul kannte, nicht nur beſagen wollten, ich wünſche ſie, ſondern ich will ſie. Dieſe Tyrannei war ſüß für Roland, er nahm ſie deßhalb auch mit innigem Danke auf. XIV. Die beiden Signale. Erzählen wir, was im Schloſſe Noires fontaines, drei Tage nach den Ereigniſſen in Paris, die wir ſo eben berichtet, vorgegangen. Seitdem nach einander Roland, Frau von Montre⸗ vel und ihr Sohn, zuletzt Sir John nach Paris ab⸗ gereist waren, Roland um ſich zu ſeinem General zu begeben, Frau von Montrevel um Edouard nach dem College zu bringen, und Sir John um Roland ſeine Heirathsplane zu eröffnen, war Amelie allein mit Charlotten auf dem Schloſſe der Montrevel geblieben. Wir ſagen allein, weil Michel und ſein Sohn Jacques nicht im Schloſſe ſelbſt, ſondern in einem Pavillon an dem Gitter wohnten, da Michel Fu: ver des erſt Zir des der e⸗ b⸗ zu m ne lit n m en Funktionen eines Gärtners die eines Thürhüters verband. Daher kam es, daß am Abend mit Ausnahme des Zimmers von Amelie, das, wie wir geſagt, im erſten Stock auf den Garten hinaus lag, und des Zimmers von Charlotten, das ſich in den Manſarden des dritten Stockes befand, die drei Reihen Fenſter, deren wir zwölf gezählt, dunkel blieben. Frau von Montrevel hatte die zweite Kammer⸗ frau mit ſich genommen. Die beiden jungen Mädchen waren allerdings ſehr iſolirt in dieſem Theil des Gebäudes, der aus einem Dutzend Zimmer und drei Stockwerken be⸗ ſtand, namentlich in dem Augenblick, wo das Gerücht von ſo vielen Angriffen auf der Landſtraße ſprach, auch hatte Michel ſeiner jungen Herrin das Aner⸗ bieten gemacht, in dem Mittelgebäude ſchlafen zu wollen, um ihr im Falle der Noth beiſpringen zu können, aber dieſe hatte mit feſter Stimme erklärt, daß ſie keine Furcht habe und wünſche, daß nichts in den gewöhnlichen Dispoſitionen des Schloſſes geändert werde. Dieſe Runden Michels hatten anfangs Amelie zu beunruhigen geſchienen, ſie erkannte jedoch bald, daß die angeblichen Runden Michels ſich darauf beſchränkten, daß er ſich mit Jacques nach dem Saume des Waldes von Seillon auf den Anſtand begab, und das häufige Erſcheinen eines Haſenziemers oder eines Rehſchlegels auf der Mittagstafel bewies, daß Michel in Bezug auf die verſprochenen Runden ſein Wort hielt. Amelie beunruhigte ſich deßhalb nicht mehr über 244 die Runden Michels, die dieſer gerade auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite von derjenigen machte, wo ſie ſie anfangs vermuthet. Drei Tage nach den Ereigniſſen, welche wir ſo eben erzählt oder, um genauer zu berichten, in der Nacht, welche dem dritten Tage folgte, hätten die⸗ jenigen, welche nur zwei Fenſter im Schloſſe Noires fontaines erhellt zu ſehen gewöhnt waren, das heißt das Fenſter Amelies im erſten Stock, und das Fenſter Charlottens im dritten, mit Erſtaunen be⸗ merken können, daß von elf Uhr Abends bis Mitter⸗ nacht die vier Fenſter des erſten Stocks erleuchtet waren. Freilich war jedes derſelben nur durch ein ein⸗ ziges Licht erleuchtet. Man hätte weiter die Geſtalt eines jungen Mäd⸗ chens ſehen können, das durch den Vorhang die Blicke nach dem Dorfe Ceyzeriat gerichtet hatte. Dieſes junge Mädchen war Amelie. Amelie ſchien blaß, mit bang pochendem Herzen, ängſtlich ein Signal zu erwarten. Nach Verfluß von einigen Minuten trocknete ſie die Stirne und athmete beinahe heiter. Ein Feuer flammte in der Richtung empor, wo ſich ihr Blick verlor. Augenblicklich ging ſie von einem Zimmer nach dem andern, löſchte ein Licht nach dem andern aus, und ließ nur das Eine brennen, das ſich in ihrem Zimmer befand. Als wenn das Feuer nur dieſe Dunkelheit er⸗ wartet hätte, erloſch es ebenfalls. ————— ber doc ode klei kel her die Zit ſue ſie fiel get der ihr cke na nt⸗ ſie ſo der ie⸗ res eißt das ter⸗ tet in⸗ äd⸗ die en, ſie ach us, em er⸗ ————— 245 Amelie ſetzte ſich an das Fenſter und blieb un⸗ beweglich, die Blicke auf den Garten geheſtet. Es war eine dunkle und mondloſe Nacht, und doch ſah ſie, nach Verfluß von einer Viertelſtunde, oder vielmehr ahnte ſie einen Schatten, der über den kleinen Grasplatz ging und ſich dem Schloſſe näherte. Sie ſtellte ihr einziges Licht in den fernſten Win⸗ kel ihres Zimmers und öffnete dann das Fenſter. Der, welchen ſie erwartete, war bereits auf dem Balcon. Wie in der erſten Nacht, wo wir ihn hier hatten heraufſteigen ſehen, umſchlang er mit ſeinem Arm die Hüfte des jungen Mädchens und zog ſie in das Zimmer. Aber dieſe leiſtete einen leichten Widerſtand: ſie ſuchte mit der Hand die Schnur der Jalouſie, löste ſie von dem Nagel, der ſie feſthielt, und die Jalouſie fiel mit mehr Geräuſch, als die Klugheit es vielleicht gewollt. Hinter der Jalouſie ſchloß ſie das Fenſter. Dann holte ſie das Licht aus dem Winkel, in dem ſie es verborgen. Das Licht beleuchtete, während ſie es zurücktrug, ihr Geſicht. Der junge Mann ſtieß einen Schrei des Schre⸗ ckens aus. Das Geſicht Amelies war mit Thränen bedeckt. „Was iſt geſchehen?“ fragte er. „Ein großes Unglück,“ ſagte dieſe. „O! ich zweifelte nicht daran, als ich das Sig⸗ nal ſah, durch welches Du mich herbeiriefſt, nachdem 246 Du mich in letzter Nacht bei Dir geſehen; aber ſprich, d läßt ſich dies Unglück nicht wieder gut machen?“ k „Vielleicht,“ verſeßzte Anelie. f „Wenigſtens, hoffe ich, bedroht es nur mich.“ b „Es bedroht uns alle beide.“. Der junge Mann fuhr mit der Hand über die x Stirne, um den Schweiß abzutrocknen. „Sprich,“ machte er,„ich habe Kraft.“ „Wenn Du auch die Kraft haſt, Alles zu hören, t ſo habe ich doch nicht die Kraft, Alles zu ſagen.“ Dann einen Brief vom Kamine nehmend, ſagte ſie: „Lies, das habe ich heute Abend durch den Cou⸗. rier erhalten.“ Der junge Mann nahin den Brief und ſah, ihn überfliegend, nach der Unterſchrift. „Er iſt von Frau von Montrevel,“ ſagte er. „Ja, mit einer Nachſchrift von Roland.“ Der junge Mann las: „Meine vielgeliebte Tochter. „Ich wünſche, daß die Neuigkeit, die ich Dir mittheile, Dir eine ähnliche Freude bereite, wie mir und unſerem lieben Roland. Sir John, dem Du. das Herz abſprachſt, und von dem Du behaupteteſt, 4 er ſei eine Maſchine aus den Werkſtätten von Vau⸗ canſon, anerkennt, daß Du vollkommen Recht hatteſt bis zu dem Tage, wo er Dich ſah, aber ſeit dieſem Tage behauptet er, daß er wirklich ein Herz habe und daß dieſes Herz Dich anbete. „Sollteſt Du es, meine liebe Amelie, aus ſeinem ariſtokratiſch höflichen Benehmen erkannt haben, in Cou⸗ Dir mir teſt, au⸗ tteſt ſem abe nem in —— * ———————— *——— 247 dem ſelbſt Deine Mutter nichts Zärtliches finden konnte? Dieſen Morgen, als er mit Deinem Bruder frühſtückte, hat er ihn förmlich um Deine Hand ge⸗ peten. Dein Bruder hat dieſe Eröffnung mit Freu⸗ den vernommen, aber für den erſten Augenblick nichts verſprochen. Der erſte Conſul hatte bereits, ehe er nach der Vendée abging, davon geſprochen, daß er für Deine Verheirathung Sorge tragen werde; aber der erſte Conſul wünſchte Lord Tannlay zu ſehen; er ſah ihn. Lord Tannlay gewann, trotz ſeiner na⸗ tionellen Zurückhaltung, auf den erſten Schlag die Gnade des erſten Conſuls in ſolchem Grade, daß dieſer ihn ſtehenden Fußes mit einer Miſſion an ſei⸗ nen Oheim Lord Greenville beauftragte. Lord Tann⸗ lay ging augenblicklich nach England ab. „Ich weiß nicht, wie viele Tage Sir John ab⸗ weſend bleiben wird, aber ſicher wird er bei ſeiner Rückkehr um die Erlaubniß bitten, ſich bei Dir als Dein Bräutigam vorſtellen zu dürfen. „Lord Tannlay iſt noch jung, von angenehmem Aeußern, ungeheuer reich; er hat die glänzendſte Verwandtſchaft in England; er iſt der Freund Ro⸗ lands. Ich kenne keinen Mann, der mehr Rechte, ich ſage nicht auf Deine Liebe, theure Amelie, aber auf Deine tiefe Achtung hätte. „Alles Uebrige noch in zwei Worten: der erſte Conſul iſt immer ſehr gut gegen mich und Deine beiden Brüder, und Madame Bonaparte ließ mich wiſſen, daß ſie nur Deine Verbindung erwarte, um Dich zu ſich zu rufen. „Es iſt davon die Rede, daß ſie den Luxembourg 248 verlaſſen und in die Tuilerieen ziehen. Begreiſſt Du die Tragweite dieſes Wechſels?“ 6„Deine Dich liebende Mutter „Clotilde von Montrevel.“ Ohne innezuhalten ging der junge Mann zu der Nachſchrift Rolands über. Sie lautete folgendermaßen: „Du haſt geleſen, liebe kleine Schweſter, was Dir unſere gute Mutter ſchrieb. Dieſe Heirath iſt in jeder Beziehung eine paſſende. Der erſte Conſul wünſcht, daß Du Lady Tannlay werdeſt, das heißt er will es. „Ich verlaſſe Paris für einige Tage, aber wenn ich Dich auch nicht ſehe, wirſt Du von mir hören. Ich küſſe Dich. „Roland.“ „Nun, Charles,“ fragte Amelie, als der junge Mann ſeine Lectüre beendet hatte,„was ſagſt Du davon?“ „Daß es etwas iſt, worauf wir von einem Tage zum andern gefaßt ſein mußten, mein armer Engel, was deßhalb aber nicht minder ſchrecklich iſt.“ „Was thun?“ „Man kann dreierlei thun.“ „Sprich.“ „Vor Allem widerſtehe, wenn Du die Kraft haſt; es iſt das kürzeſte und ſicherſte.“ Amelie ſenkte den Kopf. „Du wirſt es nie wagen, nicht wahr?“ ſt ei ſe 1 ſt ßt n e u „Nie.“ „Und doch biſt Du meine Frau, Amelie. Ein Prieſter hat unſere Verbindung geweiht.“„ „Aber man ſagt, dieſe Verbindung ſei null und nichtig vor dem Geſetze, weil ſie nur von einem Prie⸗ ſter geſegnet wurde.“ „Und Dir,“ ſagte der Fremde,„Dir, der Gattin eines Proſcribirten, genügt das nicht?“ Indem er ſo ſprach, zitterte ſeine Stimme. Amelie warf ſich in einem Anflug von Reue in ſeine Arme. „Aber meine Mutter!“ ſagte ſie,„meine Mutter war nicht zugegen, ſie ſegnete unſeren Bund nicht.“ „Weil Gefahr dabei war und wir der Gefahr allein trotzen wollten.“ „Und dann dieſer Mann. Haſt Du nicht ge⸗ hört, daß mein Bruder ſagt, er will?“ „O, wenn Du mich liebteſt, Amelie, würde die⸗ ſer Mann ſehen, daß er das Ausſehen eines Staates verändern, den Krieg von einem Ende der Welt an das andere tragen, eine Geſetzgebung gründen, einen Thron bauen, aber einen Mund nicht ja zu ſagen zwingen kann, wo das Herz nein ſagt.“ „Wenn ich Dich liebte!“ ſagte Amelie mit dem Tone ſanften Vorwurfs.„Es iſt Mitternacht, Du biſt in meinem Zimmer, ich weine in Deinen Armen, ich bin die Tochter des Generals von Montrevel, die Schweſter Rolands, und Du ſagſt:„Wenn Du mich üiebteſt!“ „Ich habe Unrecht, ich habe Unrecht, meine an⸗ gebetete Amelie: ja ich weiß, daß Du in der Ver⸗ ehrung dieſes Mannes aufgewachſen biſt; Du be⸗ 250 greifſt nicht, daß man ſich ihm widerſetzen kann und hältſt jeden, der ſich ihm widerſetzt, für einen Rebellen.“ „Charles, Du ſagteſt, daß wir dreierlei thun können; was iſt das zweite?“ „Scheinbar in die Verbindung einzuwilligen, die man Dir vorſchlägt, aber Zeit gewinnen, indem man ſie unter allerlei Arten von Vorwänden hinausſchiebt. Der Menſch iſt nicht unſterblich.“ „Nein, aber er iſt noch zu jung, als daß wir auf ſeinen Tod zählen könnten. Das Dritte, mein Freund iſt?“ „Fliehen; aber dieſem Auskunftsmittel, Amelie, ſtehen zwei Hinderniſſe im Wege; erſtens Dein Wi⸗ derwille.“ „Ich bin Dein, Charles; ich werde dieſen Wider⸗ willen überwinden.“ „Dann,“ fügte der junge Mann hinzu,„meine Verpflichtungen!“ „Deine Verpflichtungen!“ „Meine Genoſſen ſind an mich gebunden, Ame⸗ lie; aber ich bin auch an ſie gebunden, auch wir haben einen Mann, zu dem wir aufſehen, einen Mann, dem wir Gehorſam geſchworen. Dieſer Mann iſt der künftige König von Frankreich. Wenn Du die Ergebenheit Deines Bruders gegen Bonaparte gelten läſſeſt, ſo mußt Du auch die unſrige gegen Ludwig XVIII. gelten laſſen.“ Amelie ließ ihren Kopf in ihre Hände ſinken und ſtieß einen Seufzer aus. „Dann,“ ſagte ſie,„ſind wir verloren.“ „Warum das? Unter verſchiedenen Vorwänden, unter dem der Geſundheit namentlich kannſt Du ein d ⸗ ie „zu rächen.“ 251 Jahr gewinnen; ehe ein Jahr um iſt, wird er ge⸗ nöthigt ſein, einen Krieg, in Italien wahrſcheinlich, zu beginnen; eine einzige Niederlage nimmt ihm allen Zauber, auch kann in einem Jahre viel geſchehen.“ „Du haſt alſo die Nachſchrift Rolands nicht ge⸗ leſen, Charles?“ „Doch, aber ich finde darin nicht mehr als in dem Briefe Deiner Mutter.“ „Lies die letzte Phraſe noch einmal.“ Und Amelie bot den Brief noch einmal dem jun⸗ gen Manne. Er las: „Ich verlaſſe Paris für einige Tage, aber wenn ich Dich auch nicht ſehe, wirſt Du von mir hören.“ „Nun?“ „Weißt Du, was das heißen will?“ „Nein.“ „Das will heißen, daß Roland Dich verfolgt.“ „Was thut es, da er nicht von der Hand eines von den Unſrigen ſterben kann?“ „Aber Du, Unglücklicher, Du kannſt von der ſeinen ſterben!“ „Glaubſt Du, daß ich ihm darob ſehr grollen müßte, wenn er mich tödtete, Amelie?“ „O, der Gedanke war mir ſelbſt in meinen dü⸗ ſterſten Befürchtungen noch nicht gekommen?“ „Du glaubſt alſo, Dein Bruder macht Jagd auf uns?“ „Ich bin deſſen gewiß.“ „Woher kommt Dir dieſe Gewißheit?“ „Als er Sir John todt glaubte, ſchwor er ihn 252 „Wenn er geſtorben wäre, ſtatt nur mit dem Tode zu ringen,“ machte der junge Mann mit Bitter⸗ keit,„ſo wären wir jetzt nicht, wo wir Jind, Amelie.“ „Gott hat ihn gerettet, Charles; es war deßhalb gut, daß er nicht ſtarb.“ „Für uns? „Ich unterſuche die Rathſchlüſſe Gottes nicht. Ich ſage Dir, mein vielgeliebter Charles, hüte Dich vor Roland; Roland iſt in der Nähe.“ Charles lächelte mit einer Miene voll Zweifel. „Ich ſage Dir, daß er nicht nur in der Nähe, ſondern ſogar hier iſt; man hat ihn geſehen.“ „Man hat ihn geſehen? wo? wer?“ „Wer ihn geſehen?“ 7 „Charlotte, die Kammerfrau, die Tochter des Ge⸗ fängnißwärters; ſie bat mich geſtern am Sonntag um Erlaubniß, ihre Eltern beſuchen zu dürfen; ich mußte Dich ſehen und gab ihr Urlaub bis dieſen Morgen.“ „Nun?“ „Sie brachte die Nacht bei ihren Eltern zu. Um elf Uhr kam der Hauptmann der Gendarmerie, um Gefangene zu bringen. Während man ſie durch⸗ ſuchte, kam ein Mann in einen Mantel gehüllt und fragte nach dem Hauptmann. Charlotte glaubte die Stimme des Fremden zu erkennen; ſie beobachtete ihn aufmerkſam und in einem Augenblick, wo der Mantel ſich vom Geſichte ſchob, erkannte ſie meinen Bruder.“ Der junge Mann machte eine Bewegung. „Begreifſt Du, Charles, mein Bruder, der hier⸗ —— — —— 253 her nach Bourg kömmt, der in einen Mantel einge⸗ hüllt erſcheint, ohne mir zuvor Nachricht davon zu geben; mein Bruder, der nach dem Hauptmann der Gendarmerie fragt, der ihm in das Gefängniß folgt, der nur mit ihm ſpricht und verſchwindet? Iſt das nicht eine furchtbare Drohung für meine Liebe, ſprich?“ Wirklich, je länger Amelie ſprach, eine deſto düſterere Wolke überſchattete die Stirne ihres Ge⸗ liebten. „Amelie,“ ſagte er,„als wir uns zu dem mach⸗ ten, was wir ſind, hat ſich keines von uns die Ge⸗ fahren, die es lief, verheimlicht.“ „Aber Du haſt doch wenigſtens das Apyl ver⸗ tauſcht, Du haſt die Karthauſe von Seillon verlaſſen?“ fragte Amelie. „Unſere Todten allein ſind dort geblieben und bewohnen ſie zu dieſer Stunde.“ „Iſt die Grotte von Ceyzeriat ein ſicheres Aſyl?“ „So ſicher als jedes Aſyl, das zwei Ausgänge hat.“ „Die Karthauſe von Seillon hatte auch zwei Ausgänge und doch, ſagteſt Du, habt Ihr Todte dort gelaſſen.“ „Die Todten ſind in größerer Sicherheit, als die Lebendigen; ſie ſind gewiß, nicht auf dem Schaffot zu ſterben.“ Amelie fühlte einen Schauer über den ganzen Körper hinrieſeln. „Charles!“ murmelte ſie. „Höre,“ ſagte der junge Mann,„Gott iſt mein Zeuge und auch Bu, daß ich ſtets bei unſern Zuſam⸗ 25⁴ menkünften mit meinem Lächeln und meiner Heiter⸗ keit Deine Ahnungen und Befürchtungen zu ver⸗ ſcheuchen ſuchte: aber heute, Amelie, haben die Dinge ein anderes Ausſehen; wir ſtehen im Angeſicht des Kampfes. Was auch geſchehen mag, die Entwicke⸗ lung naht; ich verlange von Dir, Amelic ticht jene thörichten und egoiſtiſchen Dinge, welche vie Lieben⸗ den, die von einer großen Gefahr bedroht ſind, von der Geliebten fordern, ich verlange nicht, däß Du Dein Herz dem Todten, Deine Liebe der Leiche be⸗ wahren ſolleſt.“ „Freund,“ machte das junge Mädchen, indem ſie ihm die Hand auf den Arm legte,„hüte Dich, Du wirſt am Ende gar an mir zweifeln.“ „Nein, ich mache Dein Verdienſt größer, indem ich Dich aus freiem Willen das Opfer in ſeiner gan⸗ zen Ausdehnung bringen laſſe; ich will Dich durch keinen Schwur binden, durch keine Feſſel binden.“ „Gut,“ ſagte Amelie. „Aber, was ich von Dir verlange,“ fuhr der junge Mann fort, was Du mir auf unſere für Dich ſo unheilvolle Rebe ſchwören ſollſt, das iſt, daß, wenn ich feſtgenommen werde.. ich hoffe, daß man mich nicht lebendig in die Gewalt bekommen wird; doch wer weiß, ich kann in eine Falle gerathen. wenn ich feſtgenommen, entwaffnet, ins Gefängniß geworfen und zum Tode verurtheilt werde, um was ich Dich bitte, was ich von Dir verlange, Amelie, iſt, daß Du mir durch alle möglichen Mittel Waffen zukommen laſſeſt und zwar nicht bloß für mich, ſon⸗ dern auch für meine Genoſſen, damit wir immer Herr über unſer Leben ſeien.“ 4 ſtatt Bru app ter zwei vor nach Mät es 2 Dich daß gang unſe und ſchme . 7 wenn werd es ſe den „Aber, Charles, wirſt Du mir dann nicht ge⸗ ſtatten, Alles zu ſagen, an die zärtliche Liebe meines Bruders, an die Großmuth des erſten Conſuls zu oppelliren?“ Das junge Mädchen vollendete nicht, ihr Gelieb⸗ ter ergriff heftig ihre Hand⸗ „Amelie,“ ſagte er,„nicht einen Schwur, ſondern zwei fordere ich von Dir. Du wirſt mir zuerſt und vor Allem ſchwören, nicht um meine Begnadigung nachzuſuchen. Schwöre, Amelie, ſchwöre.“ „Muß ich ſchwören, Freund?“ ſagte das junge Mädchen in Schluchzen ausbrechend;„ich verſpreche es Dir.“ „Auf den Augenblick, wo ich Dir ſagte, daß ich. Dich liebe, auf den Augenblick, wo Du mir ſagteſt, daß Du mich liebeſt. „Auf Dein Leben, auf das meine, auf die Ver⸗ gangenheit, auf die Zukunft, auf unſer Lächeln, auf unſere Thränen! „Siehſt Du, Amelie, ich würde dennoch ſterben, und wenn ich mir auch den Kopf an der kauer zer⸗ ſchmettern müßte; nur würde ich entehrt ſtben.“ „Ich verſpreche es Dir, Charles.“ 8 „Nun bleibt noch meine zweite Bitte, Amelie; wenn wir gefangen genommen und verurtheilt ſind, werden mir Waffen oder Gift, kurz welches Mittel es ſei, um mich zu tödten, wenn es von Dir kommt, den Tod zu einem Glücke machen.“ „Nah oder fern, frei oder gefangen, lebend oder todt, bin ich Deine Sklavin, befiehl und ich gehorche.“ .„Das iſt alles, Amelie; Du ſiehſt, es iſt einfach und klar: keine Gnade und Waffen.“ — 256 „Einfach und klar, aber furchtbar.“ „Und ſo wird es ſein, nicht wahr?“ „Du willſt es?“ „Ich bitte Dich darum.“ „Befehl oder Bitte, mein Charles, Dein Wille wird geſchehen.“ „Der junge Mann ſtützte mit ſeinem linken Arme das junge Mädchen, das einer Ohnmacht nahe war, und näherte ſeinen Mund dem ihrigen. Aber im ſelben Augenblicke, als ihre Lippen ſich berühren wollten, hörte man den Schrei des Käuz⸗ chens ſo nahe am Fenſter, daß Amelie zitterte und Charles den Kopf erhob. Man hörte den Schrei noch einmal, dann zum dritten Male. „Ach!“ murmelte Amelie,„erkennſt Du den Schrei des unheilkündenden Vogels? wir ſind verurtheilt, mein Freund.“ Aber Charles ſchüttelte den Kopf. „Es iſt nicht der Schrei des Käuzchens, Amelie,“ ſagte er;„es iſt das Signal eines meiner Genoſſen; löſche das Licht aus.“ Amelik blies das Licht aus, während ihr Gelieb⸗ ter das Fenſter öffnete. „Ach, bis hierher!“ murmelte ſie;„man ſucht Dich hier.“ „O, das iſt unſer Freund, unſer Vertrauter, der Graf von Jahia; niemand, außer ihm, weiß, wo ich bin.“ Dann fragte er vom Balcon herab: „Biſt Du es, Montbar?“ „Ja; biſt Du es, Morgan?“ —— me ar, ich nd um rei ilt, ie, en; ieb⸗ ucht der ich Ein Mann trat aus einem Dickicht von Bäumen hervor. „Nachrichten von Paris, kein Augenblick zu ver⸗ lieren; es gilt unſer aller Leben.“ „Du hörſt, Amelie?“ Und das junge Mädchen in ſeine Arme ſchlie⸗ ßend, preßte er ſie convulſiviſch an ſein Herz. „Geh,“ ſagte ſie mit erſtickter Stimme.„Geh; haſt Du nicht gehört, daß es Euer aller Leben gilt?“ „Lebe wohl, meine innig geliebte Amelie, lebe wohl!“ „O, ſage nicht Lebewohl!“ „Nein, nein, auf Wiederſehen.“ „Morgan! Morgan!“ ſagte die Stimme des Mannes, der unter dem Balcon ſtand. Der junge Mann drückte zum letzten Male ſeine Lippen auf die von Amelie und nach dem Fenſter eilend, ſchwang er ſich über den Balcon und war mit einem Sprunge unten bei ſeinem Freunde. Amelie ſtieß einen Schrei aus und trat bis an die Bruſtwehr vor; aber ſie ſah nur zwei Schatten, die ſich in der Dunkelheit verloren, welche durch die Nachbarſchaft der großen Bäume, die den Park bil⸗ deten, noch größer wurde. Dumas, Jehu. I. 17 S In unſerem Verlage erſcheinen und ſind durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Ausgewühlte Werke von Alexander Dumas dem Jüngern. Deutſch von Dr. C. F. Grieb. Bis jetzt ſind erſchienen: Ein Frauenleben. 2 Bde. 22 Ngr. oder 1 fl. 6 kr. Diana von Lys.... 6 Ngr. oder— 18 kr. Drei ſtarke Männer.. 20 Ngr. oder 1 fl.— Indem wir hiemit der deutſchen Leſewelt in obiger Sammlung die vorzüglichſten Romane von Alexander Dumas dem Jüngern vorlegen, glanben wir darauf aufmerkſam machen zu müſſen, daß hier wirklich Außer⸗ gewöhnliches geboten wird. Dieſe Romane ſind pſycho⸗ logiſche Studien, denen wohl die franzöſiſche Literatur nichts Aehnliches an die Seite zu ſetzen hat. Hier ſind die geheimſten Falten des weiblichen Herzens blos gelegt mit einer Sicherheit und einer Wahrheit des Colorits, welche den Sohn ſeinem berühmten Vater als durchaus ebenbürtig erſcheinen laſſen. Unſere deutſche Ausgabe zeichnet ſich durch vor⸗ treffliche Uebertragung, ſchöne Ausſtattung und ſehr billigen Preis vortheilhaft aus. Ziſtoriſche RKomane von Alexander Dumas. Die beiden Dianen 16 Bändchen. Königin Margnt 0 Die Dame von Monſoreaun 16 Die Fünfundvierzig„ Die drei Musketiere 10„ Zwanzig Jahre nachher 15„ Der Graf von Bragelonne 41 5 Der Frauenkrieg.. 8 Olympia von Cleves 115 Eine Tochter des Regenten Denkwürdigkeiten eines Arztes 27„ Das Halsband der Königin 15 Wißt Pith Die Gräfin von Charny 32 5 Der Chevalier von Maiſon⸗Ronge 8 — 60 C. A. Wetterberg, (Onkel Adam) Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. ch. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Genrebilder aus dem Alltagsleben.. 6 Bochu. Neue Genrebilder aus dem Alltagsleben 18„ Ein Name Der Pfarradjunkt. Ein Genrebild.. 3„ Das Häuschen am Gatterthore bei 12 Das Altargemälde.... Geld und Arbeit. Ein Genrebild... 9„ Olga. Eine Erzählung.. 3 Der hölzerne Löffel unglückstind Liebe und Handel. 3 Simon Sellners Reichthümer. 7 Drei nene Genrebilder 6 Frenden und Ceiden eines Conmis Voyagenr. Zweite Auflage. eleg. geh. mit Titelbild. Preis: 18 Ngr. oder fl. 1. rhein. Allen Freunden einer heitern und angenehmen Lek⸗ türe wird ein Buch willkömmen ſein, in welchem ein bekannter deutſcher Dichter ſich ein Exemplar des„deut⸗ ſchen Commis Voyageur“ aus der ſocialen Ordnung der Welt zum Vorwurf ſeines Studiums machte und Werk gewiß jeden Leſer vollkommen befriedigen wird. Reiſende können ſich keine angenehmere Beſchäftigung auf ihren Reiſen gewähren, als die Lectüre dieſes Buchs. auf ſolch' originelle Weiſe charakteriſirte, daß das — 1.—(e in g nd as ng George Sand, Sämmtliche Romanr. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Zohanna Spiridion. Mit dem Porträt der Verfaſſerin 4„ Eietn Der Müller von Angibault. 7 Iſidora und Teverino. 4 Biherte Lucrezin Floriani und der Teufelsſumpf. Eine Dorfgeſchichte. Der Piecinino Bernhard Novellen 2 Fche 5 Die kleine Fadette. Dorfgeſchichte. 3 Schloß Oedenweiler. Neben vorzüglicher Ueberſetzung und zweck⸗ mäßiger Ausſtattung zeichnet ſich unſere Ausgabe durch außerordentliche Billigkeit aus; dieſelbe iſt um die Hälfte wohlfeiler als jede andere Ausgabe und wolle man daher bei Beſtellungen unſere Firma bemerken. W. M. Thackeray Sämmtliche Komane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. vder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegkhen. Bis jetzt ſind erſchienen: Die Geſchichte von Samuel Titmarſh und dem großen Hoggarty'ſchen Siauan he Der Jahrmarkt des Lebens Wanity Fair) 19 Femi. Henry Esmond. Eine Erzählung aus den Zeiten der Königin Anna.. 13 Die Neweomes. Denkwürdigkeiten einer höchſt achtungswerthen Familie. 31 Als ein Stern erſter Größe ſteht Thackeray am literariſchen Himmel Englands. In ſeinen Romanen zeigt er ſich Fielding und Smollet vollkommen ebenbürtig. Eine Fülle geſunden Humors, eine Wahrheit der Zeichnung und des Colorits, wie man ſie ſonſt nur bei Dickens findet, tritt dem Leſer auf jeder Seite entgegen. Aus dieſen Gründen ver⸗ dient er auch ein Liebling des deutſchen Leſepublikums zu werden. Unſere Ausgabe zeichnet ſich durch vor⸗ treffliche Ueberſetzung und außerordentliche Billigkeit aus und verdient daher vor allen andern den Vorzug. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. — 14 15 16