an und er⸗ ner uch das uen ich⸗ Die Fü Von Alexander Dumas. Aus dem Franzoͤſiſchen von Dr. A. Diezmann. Vierter Band. Leipzig. Druck und Verlag von B. G. Teubner. 1847. Erſtes Kapitel. Der gnädige Herr. Die Antwerpener ſahen den feindſeligen Vorbereitun⸗ gen des Herzogs von Anjon nicht ruhig zu und Joyeuſe irrte ſich nicht, wenn er ihnen jedes moͤgliche Uebelwollen zu⸗ trauete. Antwerpen war wie ein Bienenkorb, wenn der Abend kommt, außerlich ruhig und ſtill, innen aber voll von Ge⸗ ſumme und Bewegung. Die Flamaͤnder patrouillirten bewaffnet in den Stra⸗ ßen, verrammelten ihre Thuͤren, verdoppelten die Wachen und ſtanden auf dem freundſchaftlichſten Fuße mit den Ba⸗ taillonen des Prinzen von Oranien, von denen ein Theil bereits in Antwerpen lag, waͤhrend ein anderer truppweiſe in die Stadt hineinzog. Als Alles zu einer kräftigen Vertheidigung bereit war, erſchien auch der Prinz von Oranien an einem finſtern, mondloſen Abende und zwar mit der Ruhe und Feſtigkeit, welche alle ſeine Entſchlüſſe charakteriſirten, ſobald ſie ein⸗ mal gefaßt waren. Die Fuͤnfundvierzig IV. 1 2 Er ſtieg an dem Rathhauſe ab, wo ſeine Vertrauten vereits Alles zu ſeinem Empfange vorbereitet hatten. Hier empfing er alle Viertelsmeiſter und Hauptleute der Bürger⸗ ſchaft, muſterte die Ofſiciere der beſoldeten Truppen und theilte endlich den höheren Officieren ſeine Plaͤne mit. Unter dieſen Plaͤnen ſtand vor allen der feſt, das Be⸗ ginnen des Herzogs von Anjou dazu zu benutzen, um mit ihm zu brechen. Der Herzog von Anjon war da ange⸗ kommen, wohin ihn der Schweigende hatte bringen wollen, und dieſer ſah mit Freuden den einen Mitbewerber um die ſouveraine Macht ſich gleich dem andern verderben. An demſelben Abende, an welchem ſich der Herzog von Anjon, wie wir geſehen haben, zum Angriffe vorbereitete, hielt der Prinz von Oranien, der ſeit zwei Tagen in der Stadt war, mit dem Platzcommandanten von Seiten der Buͤrger Rath. Bei jedem Einwurfe, den dieſer gegen den Angriffs⸗ plan des Prinzen von Oranien machte, ſchüttelte der Prinz den Kopf und dann antwortete der Commandant jedesmal: „Ihr wiſſet, es iſt verabredet, daß der gnädige Herr kommen ſoll; wir wollen auf ihn warten.“ Der Schweigſame runzelte die Stirn, nagte ungeduldig an den Nägeln, wartete aber. Und Jeder richtete ſeine Augen auf eine große, ſchwer⸗ fallig ſich bewegende Uhr, als wuͤnſche er das Fortruͤcken der Zeiger und damit die Ankunft der ſo ungeduldig erwar⸗ teten Perſon zu beſchlennigen. Es ſchlug neun Uhr. Die Ungewißheit war wirkliche we ne La wo ha la we ne ni ru S ni we ten ier er⸗ ind Be⸗ mi ge⸗ len, die — von ete, der der iffs⸗ rinz nal: Herr Udig wer⸗ ͤcken war⸗ kliche 3 Beſorgniß geworden und einige Vorpoſten wollten Bewe⸗ gung in dem franzöſiſchen Lager bemerkt haben. Ein kleines flaches Boot, das einer Wagſchale glich, war auf die Schelde geſchickt worden, denn die Antwerpe⸗ ner, die noch minder beſorgt uͤber das waren was auf dem Lande vorging, als uͤber das was auf dem Meere geſchah, wollten beſtimmte Nachrichten uͤber die franzoͤſiſche Flotte haben, und das kleine Boot war nicht zuruͤckgekommen. Der Prinz von Oranien ſtand da, biß unwillig in ſeine Handſchuhe von Buͤffelleder und ſagte zu den Leuten: „Der gnädige Herr wird ſo lange auf ſich warten laſſen, daß Antwerpen genommen und verbrannt ſein wird, wenn er kommt. Die Stadt wird dann beurtheilen kön⸗ nen, welcher Unterſchied zwiſchen den Franzoſen und Spa⸗ niern iſt.“ Dieſe Worte waren nicht geeignet die Leute zu be⸗ ruhigen, die einander deshalb auch beſorgt anſahen. In dieſem Augenblicke kam ein Kundſchafter, den man auf die Straße von Mecheln geſchickt hatte und der bis St. Nicolas geritten war, zuruͤck, um zu melden, daß er nichts geſehen und gehoͤrt habe, was die Ankunft der er⸗ warteten Perſon andeuten konnte. „Ich ſehe,“ ſprach der Schweigſame nach dieſer Mel⸗ dung,„wir werden vergeblich warten; wir wollen unſere Sache ſelbſt fuͤhren; die Zeit draͤngt. Es iſt zwar gut, Vertrauen auf uͤberlegene Talente zu haben, aber Ihr ſeht wohl, daß man ſich vor Allem auf ſich ſelbſt verlaſſen muß. Laßt uns weiter berathen.“ Er hatte kaum geſprochen, als der Thuͤrvorhang empor⸗ 1* ² gehoben wurde und ein Diener der Stadt erſchien, der die drei Worte ausſprach, welche in dieſem Augenblicke tau⸗ ſend andere aufzuwiegen ſchienen: „Der gnaͤdige Herr!“ In dem Tone dieſes Manns, in der Freude, mit wel⸗ cher er ſeinen Dienſt verrichtete, konnte man die Begeiſte⸗ rung des Volkes und deſſen Vertrauen auf den erkennen, welchen man den gnaͤdigen Herrn nannte. Gleich darauf trat ein Mann von hoher, gebietender Geſtalt ein, der mit vollendeter Anmuth den Mantel trug, welcher ihn ganz einhuͤllte und die Anweſenden artig be⸗ grußte. Auf den erſten Blick erkannte ſein ſtolzes, ſcharfes Auge den Fuͤrſten; er ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Der Prinz druckte die Hand faſt mit Ehrfurcht. Sie nannten einander gegenſeitig„gnädiger Herr.“ Nach dieſer kurzen Begruͤßung legte der Unbekannte den Mantel ab. Er trug drunter ein Buͤffelwamms, Beinkleider von Tuch und lange Lederſtiefeln, ſo wie ein langes Schwert, das weniger zu ſeinem Anzuge als zu ſeinen Gliedern zu gehoͤren ſchien. Im Gurtel ruhete ein kleiner Dolch nahe bei dem Täſchchen, das voll von Papieren war. In dem Augenblicke, als er den Mantel hinwarf, konnte man ſehen, daß ſeine langen Stiefeln von Staub und Koth beſchmuzt waren. Seine vom Blute ſeines Pferdes geroͤtheten Sporen klirrten nur noch dumpf bei jedem Schritte, den er that. * dig vet nic ſie vor un der 3h hal unt den den die au⸗ el⸗ ſte⸗ en, ug, be⸗ fes die nte on wt⸗ he nte oth ren — 5 Er nahm an dem Tiſche Platz. „Nun, wie ſtehen wir?“ fragte er. „Ihr werdet bei Eurer Ankunft geſehen haben, gnä⸗ diger Herr,“ antwortete der Schweigſame,„daß die Straßen verbarricadirt ſind.“ „Das habe ich geſehen.“ „Die Hallen ſind verdoppelt,“ bemerkte ein Anderer. „Sehr gut,“ aͤußerte der Unbekannte gleichgiltig. „Billiget Ihr dieſe Maßregeln der Vertheidigung nicht, gnädiger Herr?“ fragte eine Stimme im Tone der Beſorgniß. „Doch,“ ſagte der Unbekannte,„nur glaube ich, daß ſie in den Umſtänden, in welchen wir uns befinden, nicht von großem Nutzen ſein werden; ſie ermuͤden den Soldaten und ängſtigen den Burger. Ihr habt wahrſcheinlich einen Angriffs⸗ und Vertheidigungsplan?“ „Wir warteten auf Euch, gnädiger Herr, um Euch denſelben mitzutheilen,“ antwortete der Bürgermeiſter. „So ſprecht.“ „Ihr ſeid etwas ſpat gekommen,“ fiel der Prinz ein, „und ich mußte unterdeß handeln.“ „Daran habt Ihr wohl gethan und man weiß ja, daß Ihr vortrefflich handelt, ſobald Ihr handelt. Auch ich habe die Zeit unterwegs nicht verloren.“ Der Burgermeiſter wendete ſich dann zu den Bürgern und ſagte: „Wir wiſſen durch unſere Kundſchafter, daß ſich in dem Lager der Franzoſen eine Bewegung vorbereitet; ſie denken an einen Angriff; da wir aber nicht wiſſen, auf 6 welcher Seite er erfolgen wird, ſo haben wir die Geſchütze ſo ſtellen laſſen, daß ſie auf den Waͤllen gleich vertheilt ſind.“ „Das iſt weiſe,“ antwortete der Unbekannte mit leich⸗ tem Lacheln, waͤhrend er von der Seite nach dem Prinzen ſah, der ſchwieg und den Burgermeiſter reden ließ. „Daſſelbe gilt von unſeren Buͤrgertruppen,“ fuhr der Buͤrgermeiſter fort;„ſie find in doppelten Poſten rings um die Mauern herum vertheilt und haben den Befehl, ſofort auf den Angriffspunkt zu eilen.“ Der Unbekannte antwortete nichts und ſchien zu er⸗ warten, daß der Prinz von Oranien zuerſt das Wort nehme. „Die größte Anzahl der Mitglieder des Rathes iſt indeß der Meinung,“ fuhr der Buͤrgermeiſter fort,„daß die Franzoſen keinen ernſtlichen Angriff beabſichtigen koͤnnten.“ „Und welchen Zweck ſollte ein verſtellter haben?“ fragte der Unbekannte. „Uns einzuſchuͤchtern, damit wir den Franzoſen die Stadt freiwillig überlieferten.“ Der Unbekannte ſah den Prinzen von Neuem an und ſchien mit einer an Geringſchatzung grenzenden Sorgloſig⸗ keit den Reden zuzuhoren. „Man hat indeß,“ fiel eine angſtliche Stimme ein, „heute Abend im Lager Vorbereitungen zum Angriffe zu temerken geglaubt.“ „Muthmaßungen!“ entgegnete der Burgermeiſter; „ich ſelbſt habe das Lager durch das vortreffliche Fernrohr gem ſah zur in Pri chel ren gle Eu ſeit wa hal wa der die un! lun er⸗ iſt aß en die nd ig⸗ in, hr 7 gemuſtert, das wir von Straßburg erhielten; die Kanonen ſahen aus wie an den Boden genagelt, die Leute gingen zur Ruhe und der Herzog von Anjon gab ein Abendeſſen in ſeinem Zelte.“ Der Unbekannte warf wiederum einen Blick auf den Prinzen von Oranien und diesmal ſchien ein leichtes Lä⸗ cheln um die Lippen des Schweigſamen zu ſpielen, waͤh⸗ rend eine kaum bemerkliche Achſelbewegung daſſelbe be⸗ gleitete. „Meine Herren,“ ſagte der Unbekannte,„Ihr befindet Euch in vollſtändigem Irrthume; man will in allem Ernſte zu ſtürmen verſuchen.“ „Wirklich?“ „Euer Plan iſt unvollſtändig, ſo naturlich er auch zu ſein ſcheint, unvollſtändig darin, daß Ihr einen Angriff er⸗ wartet und fuͤr dieſen Fall Eure Maßregeln getroffen habt.“ „Ohne Zweifel.“ „Dieſen Angriff, meine Herren, werdet Ihr nicht er⸗ warten; Ihr werdet ſelbſt angreifen.“ „Das heißt ſprechen,“ ſiel der Prinz von Oranien ein. „In dieſem Augenblicke,“ fuhr der Unbekannte fort, der errieth, daß der Prinz ihn unterſtützen wuͤrde,„lichten die Schiffe des Herrn von Joyeuſe die Anker.“ „Woher wiſſet Ihr dies?“ fragten der Buͤrgermeiſter und einige Andere vom Rathe. „Ich weiß es,“ antwortete der Unbekannte. Ein zweifelndes Gemurmel lief durch die Verſamm⸗ lung, aber ſo leiſe es auch war, traf es doch das Ohr 8 des erfahrenen Kriegers, der aller Wahrſcheinlichkeit nach die erſte Rolle ſpielen ſollte. „Ihr zweifelt daran?“ fragte er mit der groͤßten Ruhe und als Mann, der gewohnt iſt, mit Befürchtun⸗ gen, mit der Eitelkeit und dem Vorurtheile der Buͤrger zu kämpfen. „Wir zweifeln nicht daran, da Ihr es ſagt, gnädiger Herr. Aber erlaubt, Hoheit, Euch zu ſagen. „Sprecht.“ „Wenn dem ſo waͤre..“ „Nun?“ „Wuͤrden wir Nachricht davon haben.“ „Durch wen?“ „Durch unſere Marinekundſchafter.“ In dieſem Augenblicke trat ein Mann plump in den Saal und ging ehrerbietig einige Schritte halb auf den Bürgermeiſter, halb auf den Prinzen von Oranien zu. „Ah, Du biſt es?“ ſagte der Buͤrgermeiſter. „Ja, ich bin's, Herr Buͤrgermeiſter,“ antwortete der Mann. „Es iſt der Mann, gnädiger Herr,“ ſagte der Buͤrger⸗ meiſter,„den wir auf Kundſchaft ausgeſandt haben.“ Bei den Worten„gnaͤdiger Herr“, welche nicht an den Prinzen von Oranien gerichtet waren, machte der Kund⸗ ſchafter eine Bewegung der Ueberraſchung und Freude und trat raſch weiter vor, um den beſſer ſehen zu können, den man mit jenen Worten bezeichnete. Der Neuangekommene war einer jener flamändiſchen Seeleute, die unverkennbar ſind an dem dicken Kopf, den —— 4 n wo rie nach ößten htun⸗ er zu diger den f den te der —— rger⸗ nden dund⸗ e und den iſchen „den 9 blauen Augen, dem kurzen Halſe und den breiten Schul⸗ tern. Er drehete ſeine Mutze von feuchter Wolle in den Haͤnden herum und man ſah, daß er Spuren von Waſſer uͤberall zuruͤckgelaſſen, wo er geſtanden hatte. Er war wirklich ganz durchnaͤßt. „Der brave Mann iſt zuruͤckgeſchwommen,“ ſagie der Unbekannte, indem er den Seemann anſah. „Ja, gnaͤdiger Herr, ja,“ antwortete der Schiffer,„und die Schelde iſt breit und reißend.“ „Rede, Goes,“ fuhr der Unbekannte fort, der wußte, was er that, wenn er einen gewoͤhnlichen Matroſen bei ſeinem Namen nannte. Auch ſchien von dieſem Augenblicke an fuͤr Goes nur der Unbekannte zu eriſtiren; er wendete ſich an ihn, obgleich er durch einen Andern geſandt worden war und dieſem hätte Rechenſchaft ablegen ſollen. „Gnaͤdiger Herr,“ ſagte er,„ich fuhr in meinem klein⸗ ſten Bote fort, kam durch die Schiffe hindurch, mit denen wir die Schelde verſperrt haben und gelangte bis zu den verfluchten Franzoſen.. Ach, verzeiht, gnaͤdiger Herr. Und Goes ſchwieg. „Nur weiter,“ ſprach der Unbekannte läͤchelnd,„ich bin nur ein halber Franzoſe und werde alſo auch nur halb verdammt ſein.“ „Alſo, gnadiger Herr, da Ihr mir verzeihen wollet..“ Der Unbekannte nickte und Goes fuhr fort: „Ich hatte mein Ruder mit Leinwand umwickelt und waͤhrend ich ſo dahin fuhr, horte ich eine Stimme, die rief:„Heda, Boot, was ſoll's?“ Ich glaubte, der Anruf Die Fuͤnfundvierzig. W. 2 gelte mir und wollte irgend etwas antworten, als ich hinter mir rufen hoͤrte:„Admiralsboot!“ Der Unbekannte ſah die Anweſenden mit einem Blicke an, der zu fragen ſchien:„Nun, was habe ich geſagt?“ „In demſelben Augenblicke,“ fuhr Goes fort,„fühlte ich einen entſetzlichen Stoß; mein Boot ſank, das Waſſer ſchlug mir uͤber dem Kopfe zuſammen, aber die Fluten der Schelde merkten in mir einen alten Bekannten und ich ſah den Himmel wieder. Das Admiralsboot, welches den Herrn von Joyeuſe an Bord brachte, war uͤber mich hin gefahren. Gott allein weiß, warum ich nicht zermalmt worden oder ertrunken bin.“ Ich danke Dir, braver Goes,“ ſagte der Prinz von Hranien, der ſich freute, daß ſeine Erwartungen in Erful⸗ lung gegangen und dem Manne einen Beutel mit Geld gab;„ſchweig nun und gehe.“ Der Mann ſchien indeß auf noch etwas zu warten, auf die Entlaſſung durch den Unbekannten. Dieſer winkte denn auch wohlwollend mit der Han und Goes ging, offenbar über dieſen Wink noch mehr er⸗ Freut als über das Geſchenk des Prinzen von Oranien. „Nun,“ fragte der Unbekannte den Buͤrgermeiſter, „was ſagt Ihr zu dieſem Berichte? Zweifelt Ihr noch, daß die Franzoſen die Anker lichten werden und glaubt Ihr, daß Herr von Joyeuſe aus dem Lager auf das Admi⸗ ralsſchiff ging, um blos die Nacht da zuzubringen?“ „Ihr rathet alſo, gnädiger Herr.“ — „So wenig als der Prinz von Oranien, der gewiß in ter icke 2 hlte ſſer ten ich den hin lmt von rfuͤl⸗ Geld auf Han rer⸗ eiſter, noch, laubt ldmi⸗ iß in 11 Allem meiner Meinung iſt. Ich bin wie Se. Hoheit gut unterrichtet und beſonders kenne ich die drüben genau.“ Und er deutete nach den Polders. „So daß ich mich ſehr wundern wurde,“ fuhr er fort, „wenn ſie in dieſer Nacht nicht angriffen. Haltet Euch alſo bereit, Ihr Herren, denn wenn Ihr ihnen Zeit laſſet, wird der Angriff ein ſehr ernſtlicher werden.“ „Die Herren werden mir das Zeugniß geben, gnaͤdiger Herr,“ ſagte der Prinz von Oranien,„daß ich vor Eurer Ankunft ganz daſſelbe geſagt habe.“ „Aber, gnaͤdiger Herr,“ fragte der Buͤrgermeiſter, „warum glaubt Ihr, daß die Franzoſen angreifen werden?“ „Die Infanterie iſt katholiſch, ſie wird ſich allein ſchla⸗ gen, d. h. ſie wird auf der einen Seite angreifen. Die Cavalerie iſt calviniſtiſch und wird ſich ebenfalls allein ſchlagen. Zwei Seiten. Die Marine gehoͤrt dem Herrn von Joyeuſe, der von Paris kommt; der Hof weiß, zu wel⸗ chem Zwecke er abgereiſet iſt und er wird auch ſeinen Theil vom Kampfe und Ruhme haben wollen. Drei Seiten.“ „Wir wollen alſo drei Heerhaufen bilden,“ ſagte der Buͤrgermeiſter. „Bildet vielmehr einen einen einzigen aus allen Euren beſten Soldaten und laſſet die, auf welche Ihr im freien Felde nicht ſicher rechnen konnet, Eure Mauern be⸗ wachen. Mit jenem Heerhaufen macht einen kraͤftigen Ausfall in dem Augenblicke, da es die Franzoſen am wenig⸗ ſten erwarten. Sie glauben anzugreifen; kommt ihnen zuvor und greift ſie ſelbſt an; wenn Ihr ſie beim Sturme erwartet, ſeid Ihr verloren, denn beim Sturme findet der 2* 12 Franzoſe nicht ſeines Gleichen, wie Ihr Eures Gleichen, Ihr Herren, nicht habt, wenn Ihr im freien Felde Eure Städte vertheidiget.“ Die Geſichter der Flamaͤnder ſtrahlten. Was ſagte ich?“ warf der Schweigſame ein. „Es iſt eine große Ehre fuͤr mich,“ antwortete der Unbekannte,„einerlei Meinung mit dem erſten Feldherrn unſerer Zeit zu ſein.“ Beide verbeugten ſich gegen einander. „Es iſt alſo abgemacht,“ fuhr der Unbekannte fort, „Ihr unternehmt einen heftigen Ausfall gegen das Fußvolk und die Reiterei und ich hoffe, Eure Officiere werden den Ausfall ſo fuͤhren, daß Ihr die Belagernden zurucktreibt.“ „Aber ihre Schiffe, ihre Schiffe!“ fiel der Buͤrger⸗ meiſter ein;„ſie werden unſere Linie durchbrechen und da der Wind aus Nordweſt weht, werden ſie in zwei Stunden mitten in der Stadt ſein.“ „Ihr habt ſehr alte Schiffe und dreißig Barken bei Sainte⸗Marie, d. h. eine Stunde von hier, nicht wahr? Das iſt Eure Barricade auf der Schelde.“ „So iſt es, gnädiger Herr; woher wißt Ihr das S Der Unbekannte laͤchelte. liegt die Entſcheidung der Schlacht.“ „So muͤſſen wir unſeren tapferen Leuten Verſtärkung ſchicken,“ ſagte der Bürgermeiſter. „Im Gegentheil, Ihr konnet uͤber die vierhundert Mann, die dort ſind, weiter verfügen; zwanzig kluge, mu⸗ thige und ergebene Maͤnner werden hinreichen.“ „Ich weiß es, wie Ihr hoͤrt,“ antwortete er;„dort rn rt, k en r⸗ da en ei r? ug ert u⸗ 13 Die Antwerpener machten große Augen. „Wollet Ihr die ganze franzöſiſche Flotte zerſtören und Eure alten ſechs Schiffe und Eure dreißig alten Barken dabei aufopfern?“ fragte der Unbekannte. „Hm,“ meinten die Antwerpener, die einander anſahen, „ſo ſehr alt find unſere Schiffe nicht, die Barken auch nicht.“ „Schätzt ſie, man wird ſie Euch bezahlen,“ ſagte der Unbekannte. „Da ſeht Ihr die Manner,“ ſagte der Prinz von Ora⸗ nien leiſe zu dem Unbekannten,„mit denen ich täglich zu kämpfen habe. Ach, wenn es nur die Ereigniſſe waͤren, wuͤrde ich längſt geſiegt haben.“ „Nun,“ fuhr der Unbekannte fort, indem er nach ſei⸗ ner vollen Taſche griff,„ſchaͤtzt Eure Schiffe, aber ſchnell; Ihr ſollet in Wechſeln auf Euch ſelbſt bezahlt werden, die Ihr doch für gut haltet.“ „Gnaͤdiger Herr,“ ſagte der Buͤrgermeiſter nach kurzer Berathung mit den Buͤrgern,„wir ſind Handelsleute, Ihr muͤßt uns alſo einiges Schwanken zu Gute halten.. Wir wiſſen indeſſen unter Umſtaͤnden auch Opfer zu bringen fuͤr das Allgemeine. Verfügt alſo über unſere Schiffe wie Ihr gedenkt.“ „Das konntet nur Ihr bewirken, gnädiger Herr,“ ſagte der Schweigſame.„Ich haͤtte ſechs Monate gebraucht, um das zu erlangen, was Ihr in zehn Minuten erlangt.“ „Ich verfüge über Eure Schiffe in folgender Weiſe,“ ſprach der Unbekannte.„Die Franzoſen, das Admirals⸗ ſchiff an der Spitze, werden Eure Linie zu durchbrechen ſuchen. Ich verdoppele die Sperrketten, laſſe ihnen aber —.—————— ———— — — — 14 ſo viel Läͤnge, daß die Flotte mitten unter Eure Schiffe und Barken gelangt. Da werfen die zwanzig Tapferen, die ich auf Euren Schiffen gelaſſen habe, Enterhaken aus und ſiiehen, ſobald dies geſchehen iſt, in einem Boote, nachdem ſie Eure mit brennbaren Stoffen beladenen Fahrzeuge in Brand geſteckt haben.“ „Und Ihr ſehet ein,“ fiel der Schweigſame ein,„die ganze franzoͤſiſche Flotte verbrennt.“ „Ja die ganze,“ ſagte der Unbekannte.„Es giebt alſo keinen Ruͤckzug auf dem Meere, wie es keinen über die Polders giebt. Denn Ihr werdet die Schleußen von Mecheln, Berchem, Lier, Duffel und Antwerpen oͤffnen. Zuerſt durch Euch zuruͤckgetrieben, durch Eure zerriſſenen Daͤmme verfolgt, von allen Seiten von der unerwarteten und immer ſteigenden Flut, von dem Meere umringt, das auf ſie einſturzt, werden alle Franzoſen umkommen.“ Die Buͤrger jubelten. „Nur ein Umſtand iſt dabei,“ ſagte der Prinz. „Welcher?“ fragte der Unbekannte. „Man wuͤrde einen ganzen Tag brauchen, um die ver⸗ ſchiedenen Befehle an die verſchiedenen Städte zu ſchicken, und wir haben nur eine Stunde.“ „Eine Stunde reicht hin,“ antwortete der Unbekannte. „Wer wird aber der kleinen Flotte Nachricht geben?“ „Sie hat dieſelbe bereits erhalten.“ „Durch wen?“ „Durch mich. Wenn die Herren mir die Erlaubniß nicht gegeben haͤtten ihre Schiffe zu verbrennen, haͤtte ich ſie ihnen abgekauft.“ 2 iß ich 15 „Aber Mecheln, Lier und Duffel?“ „Ich bin durch Mecheln und Lier gekommen und nach Duffel habe ich einen ſichern Boten geſandt. Um elf Uhr werden die Franzoſen geſchlagen ſein, um zwoͤlf Uhr wird die Flotte verbrannt ſein, um ein Uhr werden ſich die Fran⸗ zoſen in vollem Ruckzuge befinden, um zwei Uhr wird Mecheln ſeine Daͤmme zerſthren, Lier ſeine Schleußen offnen und Duffel ſeine Canäle aus ihrem Bett leiten; dann wird die ganze Ebne ein wuthendes Meer werden, das allerdings Häuſer, Felder, Wälder, Doͤrfer zerſtoren, aber gleichzeitig auch, ich wiederhole es, die Franzoſen er⸗ ſuͤufen wird, ſo daß nicht einer nach Frankreichzuruͤckkommt.“ Ein Schweigen der Bewunderung, faſt des Entſetzens begleitete dieſe Worte und dann brachen die Flamaͤnder mit einem Male in Beifallsäußerungen aus. Der Prinz von Oranien ging auf den Unbekannten zu und reichte ihm die Hand. „Es iſt alſo,“ ſagte er,„auf unſerer Seite Alles vor⸗ bereitet?“ „Alles,“ antwortete der Fremde,„und ſeht, ich glaube, daß auch auf der Seite der Franzoſen Alles bereit iſt.“ Er zeigte auf einen Offieier, welcher den Thuͤrvorhang emporhob. „Wir erhalten ſo eben die Nachricht,“ ſagte der Offi⸗ eier,„daß die Franzoſen auf dem Marſche find und gegen die Stadt ruͤcken.“ „Zu den Waffen!“ rief der Buͤrgermeiſter. „Zu den Waffen!“ wiederholten die Anderen. „Noch einen Augenblick,“ fiel der Unbekannte mit 16 ſeiner maͤnnlichen und gebietenden Stimme ein,„Ihr laßt mich eine letzte Empfehlung und zwar die wichtigſte von allen nicht machen.“ „Sprecht! Sprecht!“ riefen alle Stimmen. „Die Franzoſen werden uͤberrumpelt werden, es wird alſo keinen Kampf geben, nicht einmal einen Ruͤckzug, ſon⸗ dern eine Flucht. Um ſie verfolgen zu koͤnnen, muͤſſen wir leicht ſein. Die Harniſche herunter! Eure Harniſche, in denen Ihr Euch nicht ruͤhren koͤnnt, ſind Schuld, daß Ihr die Schlachten verloret, die Ihr verloren habt. Alſo die Harniſche herunter!“ Und der Unbekannte zeigte ſeine breite Bruſt, die nur durch ein Buͤffelkoller geſchutzt war. „Im Kampfe werden wir einander wiederſehen, Ihr Herren Hauptleute,“ fuhr er fort;„Jjetzt geht auf den Platz vor dem Rathhauſe, Ihr werdet da alle Eure Leute in Schlachtordnung finden. Wir ſchließen uns Euch an.“ „Ich danke Euch, gnaͤdiger Herr,“ ſagte der Prinz zu dem Unbekannten;„Ihr habt gleichzeitig Belgien und Holland gerettet.“ „Ihr erzeigt mir zu viel Ehre, Prinz.“ „Werdet Ihr das Schwert gegen die Franzoſen ziehen wollen?“ fragte der Prinz. „Ich werde es ſo einrichten, daß ich den Hugenotten gegenuͤber kaͤmpfe,“ antwortete der Unbekannte, indem er ſich mit einem Laͤcheln verbeugte, um das ihn ſein ſchweig⸗ ſamer Gefaͤhrte haͤtte beneiden können und deſſen Beden⸗ tung nur Gott kannte. R Le zu —————————— 17 Zweites Kapitel. Franzoſen und Flamänder. In dem Augenblicke, als die ganze Verſammlung das Rathhaus verließ und die Officiere ſich an die Spitze ihrer Leute ſtellen wollten, um die Befehle des Unbekannten aus⸗ zuführen, welcher den Flamändern von der Vorſehung ſelbſt geſandt worden zu ſein ſchien, verbreitete ſich ein dumpfes Geräuſch, welches die ganze Stadt einzuſchließen ſchien und in einen lauten Schrei zuſammenlief. Gleichzeitig donnerten die Kanonen. Dieſe Kanonen überrumpelten die Franzoſen auf ihrem naͤchtlichen Marſche, waͤhrend ſie ſelbſt die ſchlafende Stadt zu überrumpeln glaubten. Aber ſie beſchleunigten ihren Marſch. Wenn man die Stadt nicht durch Ueberrumpelung und Erſteigung der Mauern nehmen konnte, ſo konnte man, wie der König von Navarra es bei Cahors gemacht hatte, den Graben mit Faſchinen ausfullen und die Thore ſprengen. Die Kanonen von den Wällen donnerten immer fort, aber ſie hatten bei dem Dunkel faſt gar keine Wirkung und die Franzoſen ruͤckten, nachdem ſie durch lautes Geſchrei dem Geſchrei der Feinde geantwortet hatten, ſtill nach den Waͤllen in der feurigen Unerſchrockenheit hin, die ihnen bei dem Angriffe eigen iſt. Mit einem Male aber offneten ſich die Thore und Aus⸗ fallspforten und von allen Seiten eilten Bewaffnete herbei 18 die nun nicht durch das feurige Ungeſtüm der Frarzoſen, ſondern durch eine gewiſſe ſchwerfallige Trunkenheit ge⸗ trieben zu werden ſchienen, welche die Bewegung des Krie⸗ gers nicht hindert, ihn aber ſo maſſiv macht wie eine rollende Mauer. Es waren die Flamaͤnder, die in geſchloſſenen Ba⸗ taillonen und compacten Maſſen heranruͤckten und üͤber denen die Geſchutze fortwaͤhrend donnerten. Der Kampf begann, die Schwerter klirrten anein⸗ ander, Lanzen und Klingen beruͤhrten ſich und Musketen⸗ ſchuſſe beleuchteten die mit Blut geroͤtheten Geſichter. Aber man hoͤrte kein Geſchrei, kein Gemurmel, keine Klage; der Flamaͤnder ſchlug ſich mit Wuth, der Fran⸗ zoſe mit Aerger. Der Flamaͤnder war wuͤthend darüber, daß er kämpfen mußte, denn er kämpft nicht aus Neigung und zum Vergnuͤgen; der Franzoſe war außer ſich, daß er angegriffen wurde, waͤhrend er angreifen wollte. In dem Augenblicke, als man handgemein wurde und Jeder mit einer Erbitterung kaͤmpfte, die wir vergebens zu ſchildern verſuchen wurden, hoͤrte man raſch auf einander fol⸗ gende Schüͤſſe nach Sainte⸗Marie zu und ein heller Schein verbreitete ſich üͤber die Stadt. Joyeuſe griff an, ver⸗ ſuchte die Schiffe zu durchbrechen, welche die Schelde ver⸗ theidigten und wollte mit ſeiner Flotte bis mitten in die Stadt dringen. So hofften wenigſtens die Franzoſen; aber es war nicht ſo. Joyeuſe hatte die Anker bei Weſtwinde gelichtet, bei dem guͤnſtigſten alſo, den er zu einer ſolchen Unternehmung ſen, ge⸗ rie⸗ eine Ba⸗ ber in⸗ en⸗ eine an⸗ ber, ing er und zu fol⸗ ein er er⸗ die var bei ng 19 haben konnte, und fuhr mit ſeinem Schiffe voraus. Alles war zum Kampfe bereit und ſeine Leute ſtanden mit dem Enterſaͤbel bewaffnet auf dem Hintertheile. Seine Ka⸗ noniere hielten ſich mit brennenden Lunten an den Ge⸗ ſchuͤtzen; ausgewählte Matroſen ſtanden mit Beilen be⸗ waffnet bereit, um auf die feindlichen Fahrzeuge zu ſprin⸗ gen, Ketten und Taue zu zerſtoͤren und einen Weg durch die Flotte zu bahnen. Man fuhr ſchweigend weiter. Die ſieben Schiffe Joyeuſe's, die keilfoͤrmig geordnet waren, ſo daß das Admiralsſchiff die Spitze bildete, glichen einer Gruppe rieſiger Geſpenſter, die auf dem Waſſer hinglitten. Der junge Mann hatte nicht auf ſeinem Poſten bleiben können. Er trug eine prächtige Rüſtung, hatte auf dem Schiffe den Platz des erſten Lieutenants eingenommen und bemuͤhete ſich durch den Nebel des Fluſſes und die Dunkelheit der Nacht hindurch zu blicken. Bald erkannte er in dieſem doppelten Dunkel den Damm, der ſich quer uber den Fluß zog. Er ſchien ode und verlaſſen zu ſein, aber dieſe Oede hatte etwas Unheim⸗ liches in dieſem Lande der Hinterhalte. Man fuhr immer weiter, man war kaum noch zehn Kabellaͤngen von den feindlichen Schiffen und kam ihnen jede Secunde näher, ohne daß die Franzoſen noch einmal ein„Wer da?“ gehoͤrt hatten. Die Matroſen ſahen in dieſer Stille nur eine Sorg⸗ loſigkeit, uͤber die ſie ſich freuten; der junge Admiral aber erwartete eine Liſt, vor der er ſich fuͤrchtete. Endlich kam der Vordertheil des Admiralsſchiffes in 20 Berührung mit dem Takelwerk der beiden Fahrzeuge, welche die Mitte des beweglichen Dammes bildeten„trieb ſie vor ſich her und bewegte dadurch den ganzen Damm, deſſen einzelne Theile durch Ketten verbunden waren und der nachgab ohne zu zerreißen und ſich an die franzoͤſiſchen Schiffe legte. Mit einem Male und in dem Augenblicke, als die Ma⸗ troſen mit den Beilen den Befehl erhielten, die Schranken zu durchhauen, hefteten ſich eine Menge Enterhaken, die durch unſichtbare Fäuſte geworfen wurden, an das Takel⸗ werk der franzofiſchen Schiffe. Die Flamaͤnder thaten ſonach ſelbſt, was die Franzoſen eben thun wollten. Joyeuſe glaubte, ſeine Feinde wollten erbittert mit ihm kämpfen. Die Enterhaken, die von ſeiner Seite ge⸗ worfen wurden, knüpften durch eiſerne Bande die feind⸗ lichen Fahrzeuge an die ſeinigen. Dann entriß er ſelbſt einem Matroſen das Beil, ſprang zuerſt auf das Schif, das er am feſteſten hielt, und rief:„Geentert! Ge⸗ entert!“ Die ganze Mannſchaft folgte ihm, Officiere und Ma⸗ troſen, aber kein Schrei antwortete dem ihrigen und Nie⸗ mand widerſetzte ſich dem Angriffe. Man ſah nur drei Böte, dicht mit Männern gefuͤllt, ſtill üͤber den Fluß gleiten wie drei Seevoͤgel, die ſich ver⸗ ſpaͤtiget haben. Dieſe Boͤte entfernten ſich ſo ſchnell als moͤglich. Die Angreifer ſtanden unbeweglich auf den Schiffen, die ſie ohne Kampf genommen hatten. un ten tun die zoſe zoſi welche ſie vor deſſen id der ſiſchen eMa⸗ anken n, die Takel⸗ nzoſen t mit te ge⸗ feind⸗ ſelbſt Schiff, Ge⸗ Ma⸗ Nie⸗ fullt, ver⸗ iffen, 21 So war es auf der ganzen Linie. Mit einem Male horte Joyeuſe unter ſeinen Füßen ein dumpfes Getoſe und in derLuft verbreitete ſich ein Schwefel⸗ geruch. Ein Gedanke zuckte durch ſeinen Kopf; er eilte an eine Luke und ſah hinab; das Schiff brannte innen. In demſelben Augenblicke rief man die ganze Linie entlang:„Auf die Schiffe! Auf die Schiffe!“ Jeder eilte ſchneller zuruͤck als er herabgeſtiegen war; Joheuſe, der das feindliche Schiff zuerſt betreten„verließ es zuletzt. In dem Augenblicke, als er das ſeinige erreichte, brach die Flamme aus dem Verdecke empor. Und wie aus zwanzig Vulkanen ſchoſſen Flammen em⸗ por; jedes Boot, jede Sloop, jedes Schiff war ein Krater und die franzofiſcher Flotte, die aus Schiffen von hoͤherem Borde beſtand, ſchien über einem gluͤhenden Abgrunde zu ſchweben. Es war Befehl gegeben worden, die Taue zu kappen, die Ketten zu zerbrechen, die Enterhaken zu zerſchlagen, und die Matroſen arbeiteten mit der Schnelligkeit von Leu⸗ ten, die uͤberzeugt ſind, daß von der Schnelligkeit ihre Ret⸗ tung abhängt. Aber die Arbeit war unermeßlich; vielleicht hätte man die von den Feinden auf die franzoͤſiſche Flotte geworfenen Enterhaken geloſet, aber es gab auch die, welche die Fran⸗ zoſen auf die feindlichen Schiffe geworfen hatten. Mit einem Male donnerte es zwanzigfach und die fran⸗ zoſiſchen Schiffe zitterten bis in den Grund. 22 Es waren die Kanonen, welche den Damm vertheidig⸗ ten, bis an die Muͤndung gefullt und verlaſſen worden waren und nun von ſelbſt ſich loͤſeten wie das Feuer ſie er⸗ reichte und alles zerſchmetterten, was ihre Kugeln vor ſich fanden. Die Flammen ſtiegen wie rieſige Schlangen an den Maſten empor, legten ſich um die Raaen und leckten mit ihren ſpitzigen Zungen an den mit Kupfer beſchlagenen Seiten der franzoͤſiſchen Schiffe. Joyeuſe, der mit ſeiner praͤchtigen, vergoldeten Ruͤ⸗ ſtung daſtand und ruhig mit gebieteriſcher Stimme ſeine Befehle unter dieſen Flammen gab, glich einem jener fabelhaften Salamander mit Millionen Schuppen, die bei S— ———— jeder Bewegung, die ſie machten, einen Funkenregen von, ſich ſchuͤttelten. Bald aber verdoppelten ſich die Schuͤſſe ſtärker und vernichtender; es donnerten nicht mehr die Kanonen, ſon⸗ dern die Pulverräume fingen Feuer und die Schiffe ſelbſt borſten und flogen in die Luft. So lange Joyeuſe gehofft hatte, die toͤdtlichen Bande loͤſen zu koͤnnen, welche ihn an ſeine Feinde feſſelten, hatte er gekampft, aber er hegte keine Hoffnung mehr, daß es ihm gelingen werde; die Flammen hatten die franzöſiſchen Schiffe ergriffen und aus jedem feindlichen Fahrzeuge, das in die Luft flog, fiel ein Feuerregen auf ſein Verdeck und es war jenes Feuer, das griechiſche Feuer, das unverſoͤhn⸗ liche, das ſich durch das nahrt, was andere Feuer löſcht, und ſeine Beute ſelbſt im Waſſer verzehrt. Die Antwerpener Schiffe hatten dadurch, daß ſie in die eidig⸗ Luft flogen, die Sperrung geoffnet, die franzöſiſchen Schiffe orden aber ſetzten ihren Weg nicht fort, ſondern trieben ſelbſt bren⸗ ie er⸗ nend an das Ufer und zogen Stuͤcke des Branders nach ſich, r ſich der ſie mit ſeinen gluͤhenden Armen umfaßt hielt. Joheuſe ſah ein, daß kein Kampf mehr moglich ſei; den*er gab Befehl, alle Boͤte auszuſetzen und an das linke ufer mit zu rudern. genen Der Befehl wurde den anderen Schiffen durch das Sprachrohr mitgetheilt und die, welche ihn nicht hoͤrten, Ru⸗ folgten ihm doch. ſeine Die ganze Mannſchaft bis auf den letzten Mann wurde jener gerettet, ehe Joyeuſe ſeine Schiffe verließ. ie bei Seine Kaltblätigkeit ſchien Alle beruhiget zu nvon haben. Ehe er das Ufer des Fluſſes erreichte, flog das Admi⸗ und ralsſchiff in die Luft und beleuchtete auf der einen Seite ſon⸗ die Stadt, auf der andern den unermeßlichen Horizont des ſelbü; Fluſſes, der ſich mehr und mehr erweiterte und ſich envlich im Meere verlor. 6 Unterdeß hatte das Geſchutz auf den Wällen das Feuer eingeſtellt, nicht weil der Kampf minder lebhaft fort⸗ aß. dauerte, ſondern im Gegentheil weil die Flamänder und ſt Franzoſen handgemein geworden waren und man nicht mehr auf die Einen ſchießen konnte, ohne die Anderen zu 3 treffen. Die ealviniſtiſche Reiterei hatte ebenfalls angegriffen und Wunder gethan; die Reiter brachen ſich mit ihren die Schwertern Bahn, die Pferde traten Alles nieder, aber die 24 verwundeten Flamaͤnder riſſen den Pferden mit ihren brei⸗ ten Meſſern den Leib auf. Trotz dieſem glaͤnzenden Reiterangriffe ſtellte ſich einige Unordnung in den franzoſiſchen Reihen ein und ſie hielten ſich nur noch ſtatt vorzudringen, waͤhrend aus den Thoren der Stadt fortwährend friſche Bataillone hervorkamen und auf das Heer des Herzogs von Anjou ſtuͤrzten. Mit einem Male ertönte ein gewaltiger Lärm faſtunter den Mauern der Stadt; das Geſchrei:„Anjou! Anjon! Frankreich! Frankreich!“ erſcholl an den Seiten der Ant⸗ werpener und ein furchtbarer Andrang erſchuͤtterte die ganze ſo gedraͤngte Maſſe. Dieſe Bewegung brachte Joyeuſe hervor und jenes Geſchrei erhoben ſeine Matroſen; funfzehnhundert Mann mit breiten und kurzen Schwertern bewaffnet und von Jvoyeuſe gefuͤhrt, dem man ein herrenloſes Pferd gebracht hatte, fielen plotzlich üͤber die Flamänder her, um ihre brennende Flotte und ihre zweihundert Cameraden zu raͤ⸗ chen, die verbrannt oder ertrunken waren. Sie hatten nicht gewaͤhlt, ſondern den erſten Haufen angegriffen, in dem ſie der Sprache und Kleidung nach Feinde erkannten. Niemand handhabte das lange Schlachtſchwert beſſer als Joyeuſe; bei jedem Hiebe ſpaltete er einen Kopf, bei jedem Stiche durchbohrte er eine Bruſt. Der Haufen Flamaͤnder, auf den Joyeuſe fiel, wurde vernichtet wie ein Getreidefeld unter einem Hagelwetter. Trunken von dem erſten Siege drangen die Seeleute weiter. brei⸗ nige ten oren und nter jou! Ant⸗ die enes ann von acht ihre raͤ⸗ ufen nach eſſer bei urde eute 25 Während ſie vorruckten, wich die calviniſtiſche Reiterei allmälig zuruͤck, das Fußvolk des Grafen von Saint⸗Aignan dagegen kämpfte noch ſtandhaft mit den Flamändern. DerPrinz hatte den Brand der Flotte wie einen fernen Lichtſchein geſehen, er hatte den Donner der Kanonen und die Erploſtonen der Schiffe gehoͤrt, ohne an etwas Anderes als an einen hitzigen Kampf zu denken, der ſich dort natuͤr⸗ lich in einem Siege Joyeuſe's endigen muͤßte; wie konnte er glauben, daß einige flamändiſche Fahrzeuge mit einer franzoſiſchen Flotte kämpfen könnten! Er erwartete alſo jeden Augenblick eine Diverſion von Joyeuſe, als man ihm mit einem Male ſagte, die Flotte ſei vernichtet und Joyenſe mit ſeinen Seeleuten kampfe mitten unter den Flamändern. Da bemächtigte ſich des Prinzen eine gewiſſe Unruhe; die Flotte war der Ruͤckweg und folglich die Sicherheit der Armee. Der Herzog ſandte der calviniſtiſchen Armee den Be⸗ fehl einen neuen Angriff zu verſuchen und die erſchopften Reiter und Pferde ſammelten ſich, um ſich von Neuem auf die Antwerpener zu ſtuͤrzen. Man hoͤrte Joyheuſe im Gedraͤnge rufen:„Feſt, Herr von Aignan! Frankreich! Frankreich!“ Und wie eine Senſe, die ein Aehrenfeld ſchneidet, mä⸗ hete ſein Schwert Menſchen um ſich her nieder; der ſchwache Guͤnſtling, der zarte Sybarit ſchien mit ſeiner Ruͤſtung Rieſenkraft erhalten zu haben. Das Fußvolk, welches die über den Laͤrm ſchallende Stimme hoͤrte und den Degen blitzen ſah, faßte wieder Die Fůnfundvierzig. W. 3 26 Muth und machte wie die Reiterei einen neuen An⸗ griff. Da aber kam der Mann, den man„gnädiger Herr“ nannte, auf einem ſchoͤnen Rappen aus der Stadt. Er trug eine ſchwarze Ruͤſtung, d. h. Helm, Arm⸗ ſchienen, Harniſch und Beinſchienen von geſchwaͤrztem Stahl; ihm folgten fuͤnfhundert wohlberittene Reiter, die der Prinz von Oranien unter ſeinen Befehl geſtellt hatte. Wilhelm der Schweigende ſelbſt brach aus dem Neben⸗ thore mit ſeinem Fußvolke hervor, das noch nicht gekampft hatte. Der ſchwarze Ritter eilte in das dichteſte Gedraͤnge, dahin, wo Joyeuſe mit ſeinen Seeleuten kämpfte. Die Flamaͤnder erkannten ihn, machten ihm Platz und riefen frendig:„Gnädiger Herr!“ Joyeuſe und die Sei⸗ nigen ſahen den Feind weichen, hoͤrten das Geſchrei und befanden ſich ploͤtzlich vor der neuen Schaar, die wie durch Zauberei erſchien. Joyenſe trieb ſein Pferd gegen den ſchwarzen Ritter und Beide begannen einen erbitterten Kampf. Bei dem erſten Zuſammentreffen flogen Funken von ihren Schwertern. Joyeuſe, der ſich auf ſeine gute Ruͤſtung und auf ſeine Fechtkunſt verließ, hieb gewaltig ein, aber alle Hiebe wur⸗ den gewandt parirt. Gleichzeitig traf ihn ein Stoß ſeines Gegners mitten auf die Bruſt, der Degen glitt an dem Harniſch ab und verwundete ihn an der Achſel. und Sei⸗ und urch itter von eine vur⸗ ines dem 27 „Ah,“ rief ber junge Abmiral aus, als er das Eiſen fühlte,„dieſer Mann iſt ein Franzoſe, ja ſein Fechtmeiſter iſt der meinige geweſen.“. Man ſah den Unbekannten bei dieſen Worten ſich ab⸗ wenden und verſuchen, ſich nach einem andern Punkte zu richten. „Wenn Du Franzoſe biſt,“ rief ihm Joyeuſe zu,„ſo biſt Du ein Verräther, denn Du kämpfſt gegen Deinen Koͤ⸗ nig, gegen Dein Vaterland, gegen Deine Fahne.“ Der Unbekannte antwortete nicht, drehete ſich aber um und griff Joyeuſe ungeſtüm an. Diesmal war aber Joheuſe auf ſeiner Hut; er wußte, daß er es mit einem gewandten Fechter zu thun hatte. Er parirte nach einander drei bis vier gewandt und kraͤftig gefuͤhrte Stöße und der Unbekannte wich nun zuruͤck. „Da!“ rief ihm Joyeuſe zu,„ſo handelt man, wenn man fuͤr ſein Vaterland kämpft; ein reines Herz und ein trener Arm reichen hin, ein Haupt ohne Helm, eine Stirn ohne Viſir zu vertheidigen.“ Damit riß er ſeinen Helm ab, warf ihn weit von ſich und zeigte unverhuͤllt ſein edles ſchönes Geſicht, in welchem die Augen voll Kraft, Stolz und Jugendmuth funkelten. Der ſchwarze Reiter antwortete nicht und folgte eben ſo wenig dem gegebenen Beiſpiele, aber er erhob das Schwert gegen das unbedeckte Haupt. „Ah,“ ſagte Joyeuſe, indem er den Hieb parirte, „ſagte ich es doch, Du biſt ein Verräther und als Verräther ſollſt Du ſterben.“ 3* Er drang dabei auf ihn ein und verſetzte ihm ſchnell auf einander einige Stoͤße, von denen der eine zwiſchen den Oeffnungen des Viſirs durchdrang. „Ich ſtoße Dich nieder,“ fuhr der junge Mann fort, „und entreiße Dir den Helm, der Dich ſchuͤtzt und Dich ſo gut verbirgt und ich haͤnge Dich an dem erſten Baume auf, den ich auf meinem Wege finde.“ Der Unbekannte wollte antworten, als ein Reiter an ihn heran ritt, ſich an ſein Ohr neigte und zu ihm ſagte: „Gnädiger Herr, Euere Gegenwart iſt dort unten von Nutzen.“ Der Unbekannte ſah in der von dem Reiter angeden⸗ teten Richtung hin und die Flamaͤnder vor der ealvini⸗ ſtiſchen Cavallerie zoͤgern. „Dieſe ſuchte ich allerdings,“ ſprach er vor ſich hin. In dieſem Augenblicke drang eine Schaar Reiter auf die Seelente Joyeuſe's ein, die allmaͤlig muͤde wurden und zuruͤckzuweichen anfingen. Der ſchwarze Ritter benutzte dieſe Bewegung, um in dem Gedraͤnge und dem Dunkel zu verſchwinden. Eine Viertel Stunde ſpäter wichen die Franzoſen auf der ganzen Linie zurck, ohne indeß noch zu fliehen. Herr von Saint⸗Aignan ergriff alle Maßregeln, um einen Ruͤckzug in guter Ordnung zu erhalten; aber ein letzter Haufen von fuͤnfhundert Reitern und zweitauſend Mann Fußvolk kam friſch aus der Stadt heraus und über⸗ ſiel das bereits ermuͤdete und weichende Heer. Es waren die alten Schaaren des Prinzen von Hranien, die bereits nell den ort, hſo uf, an von eu⸗ ni⸗ auf ind in auf um ein end er⸗ ren its 29 gegen den Herzog von Alba, gegen Don Juan, gegen Re⸗ queſens und gegen Alexander Farneſe gekämpft hatten. Man mußte ſich nun entſchließen das Schlachtfeld zu benutzen und auf dem Lande zurückzugehen, da die Schiffe vernichtet waren, auf die man in einem Ungluͤcksfalle ge⸗ rechnet hatte. Trotz der Kaltblütigkeit der Führer und trotz der Ta⸗ pferkeit der größern Anzahl entſtand eine ſchreckliche ord⸗ nungsloſe Flucht. In dieſem Augenblicke fiel der Unbekannte mit der ganzen Reiterei, die faſt noch gar nicht in den Kampf ge⸗ kommen war, uber die Flüchtlinge her und traf von Neuem bei dem Nachtrabe auf Joyeuſe und deſſen Seeleute, von denen zwei Drittel geblieben waren. Der junge Admiral hatte kurz vorher ſein drittes Pferd beſtiegen, da die beiden erſtern unter ihm gefallen waren. Sein Schwert war zerbrochen und er hatte aus den Häͤnden eines ſeiner Leute ein ſchweres Enterbeil genommen. Von Zeit zu Zeit drehete er ſich um, um gegen die nachdrängenden Feinde zu fechten gleich jenen Ebern, die ſich nicht zur Flucht entſchließen können und verzweiflungs⸗ voll immer von Neuem ſich gegen den Jäger wenden. Die Flamänder ihrer Seits, die auf die Empfehlung deſſen, den ſie„gnädiger Herr“ genannt, ohne Ruͤſtung ge⸗ kämpft hatten, waren ſchnellfüßig auf der Verfolgung und ließen dem Heere Anjou's keinen Augenblick Ruhe. Etwas wie Reue oder doch wie ein Zweifel ſchien das Herz des Unbekannten bei dem Anblicke dieſes großen Un⸗ glůͤckes zu erfaſſen. „Genug, ihr Herren, genug!“ rief er in franzoſiſcher Sprache ſeinen Leuten zu;„ſie ſind heute Abend von Ant⸗ werpen verjagt und binnen acht Tagen werden ſie aus Flandern vertrieben ſein. Mehr wollen wir von dem Gott der Schlachten nicht verlangen.“ „Ah, es war ein Franzoſe,“ rief Joyeuſe aus.„Ich hatte Dich errathen, Verraͤther! Moͤgſt Du verflucht ſein und den Tod der Verraͤther ſterben!“ Dieſer Fluch ſchien den Mann zu entmuthigen, den tauſend gegen ihn erhobene Schwerter nicht hatten ein⸗ ſchuͤchtern koͤnnen; er riß ſein Pferd herum und entfloh als Sieger faſt ſo ſchnell als die Beſiegten. Aber dieſer Ruckzug eines Einzigen änderte in der Hauptſache nichts. Die Furcht iſt anſteckend; ſie hatte das ganze franzoſiſche Heer ergriffen und die Soldaten liefen in Verzweiflung davon. Die Pferde erhielten trotz ihrer Ermattung wieder Kraft, denn auch ſie ſchienen von der Furcht getrieben zu werden und nach einigen Stunden beſtand das Heer als Heer nicht mehr. Es war dies der Augenblick als auf Befehl des Unbe⸗ kannten die Dämme und Schleußen geoͤffnet wurden. Von Lier bis Termonde, von Garsdonk bis Mecheln ſandte jeder kleine Fluß und jeder Canal ſeinen Beitrag von Waſſer in das flache Land. Als die fluͤchtigen Franzoſen anfingen ſtehen zu blei⸗ ben, als ſie geſehen hakten, daß die Antwerpener endlich mit den Soldaten des Prinzen von Oranien in ihre Stadt zuruͤckfehrten, als die, welche mit heiler Haut der nacht⸗ cher lnt⸗ aus ott Ich ſein den in⸗ als der das fen 31 lichen Metzelei entgangen waren, endlich gerettet zu ſein glaubten und einen Augenblick aufahmeten, einige mit einem Gebete, andere mit einem Fluche, wurde ein neuer blinder unbarmherziger Feind entfeſſelt, der mit der Schnel⸗ ligkeit des Wildes und dem Ungeſtuͤme des Meeres auf ſie zukam; aber die Fluͤchtigen ahneten noch nichts, trotz der Naͤhe der Gefahr, die ſie umringte. Joyeuſe hatte ſeine Seeleute Halt machen laſſen, die nur noch achthundert Mann ſtark waren und allein einige Ordnung bewahrt hatten. Der Graf von Saint⸗Aignan verſuchte keuchend, vollig heiſer, mehr mit Geberden als mit Worten ſeine zerſtreute Mannſchaft wiederum zu ſammeln. Der Herzog von Anjon, der ſich auf einem herrlichen Pferde an der Spitze der Fliehenden befand und einen Diener mit einem zweiten Pferde neben ſich hatte, ritt vor⸗ wärts ohne ſich um irgend etwas zu kuͤmmern. „Der Elende hat kein Herz,“ ſagten Einige. „Er iſt muthig und vortrefflich kaltbluͤtig,“ meinten Andere. Einige Stunden Ruhe gegen Morgen gaben dem Fuß⸗ volke wieder Kraft den Ruͤckzug fortzuſetzen; aber es fehlte nun an Lebensmitteln. Die Pferde ſchienen noch mehr ermattet zu ſein als die Leute; ſie konnten ſich kaum weiter ſchleppen, da ſie ſſeit dem vorigen Tage kein Futter erhalten hatten. Man hoffte Bruͤſſel zu erreichen, das dem Herzoge ge⸗ horte und in welchem man zahlreiche Anhaͤnger hatte; frei⸗ lich war man der guten Geſinnung der Stadt auch nicht 32 ganz ſicher; man hatte einen Angenblick auf die Antwer⸗ pener rechnen zu können geglaubt, wie man auf die Bruſſeler rechnen zu können glaubte. In Braͤſſel, d. h. acht Stunden von der Stelle, wo man ſich befand, wollte man die Truppen mit Lebensmit⸗ teln verſehen und ein gunſtiges Lager beziehen, um den einen Angenblick unterbrochenen Feldzug zu paſſender Zeit wieder zu beginnen. Die Truͤmmer der Armee ſollten als Kern eines neuen Heeres dienen. Um dieſe Zeit ahnte noch Niemand den entſetzlichen Angenblick, in welchem der Boden unter den Fuͤßen der unglücklichen Soldaten einſinken, ein Meer uͤber ihnen zu⸗ ſammenſchlagen und der Ueberreſt ſo vieler Tapfern durch ſchlammiges Waſſer mit fortgeriſſen und bis in das Meer geſpult werden ſollte. Der Herzog von Anjon ließ ſich in dem Hauſe eines Bauers zwiſchen Gaboken und Geikhaut ein Fruhſtuͤck vor⸗ ſetzen. Das Haus war leer und verlaſſen, denn ſchon am Abende vorher waren die Bewohner entflohen. Die Soldaten und Officiere wollten dem Beiſpiele ih⸗ res Anfuͤhrers folgen und vertheilten ſich in den genannten beiden Orten, aber ſie ſahen mit Staunen und Schrecken, daß alle Haͤuſer verodet waren und die Bewohner alle Le⸗ bensmittel mit fortgenommen hatten. Der Graf von Saint⸗Aignan ſuchte auf gut Gluck wie die Andern; die Sorgloſigkeit des Herzogs in einer Zeit, da ſo viele Tapfere fur ihn ſtarben, widerte ihn an und er ver⸗ die wo it⸗ den eit en en 33 hatte ſich von ihm entfernt. Er gehoͤrte zu denen, welche ſagten: der Elende hat kein Herz. Er durchſuchte etwa drei Haͤuſer, die er leer fand und er klopfte an die Thuͤr eines vierten als man ihm ſagte, daß zwei Stunden im Umkreiſe alle Haͤuſer ebenfalls verlaſſen waren. Saint⸗Aignan rynzelte die Stirn und verzog wie ge⸗ woͤhnlich ſein Geſicht. „Vorwärts! Vorwarts!“ rief er ſeinen Offfeieren zu. „Aber,“ antworteten dieſe,„wir find ermüdet, General und halb verhungert.“ „Ja, aber Ihr lebt noch und wenn Ihr eine Stunde länger hier bleibt, werdet Ihr des Todes ſein. Vielleicht iſt es jetzt ſchon zu ſpaͤt.“ Herr von Saint⸗Aignan konnte nichts bezeichnen, aber er ahnte eine große Gefahr. Man brach wieder auf. Der Herzog von Anjon befand ſich an der Spitze, Herr von Saint⸗Aignan fuͤhrte das Centrum und Joyeuſe den Nachtrab. Aber noch zwei bis dreitauſend Mann loͤſeten ſich von den Gruppen ab und legten ſich, durch ihre Wunden ge⸗ ſchwaͤcht oder durch die Anſtrengung erſchoͤpft, im Graſe oder unter Baͤumen nieder. Mit ihnen blieben die Reiter zuruͤck, deren Pferde nicht mehr gehen konnten oder die verwundet worden waren. Es blieben kaum dreitauſend Kamfpffaͤhige um den Herzog von Anjon zuruͤck. 34 Drittes Kapitel. Die Reiſenden. Während dieſes Ungluͤck geſchah, der Vorlaͤufer eines noch weit entſetzlicheren Ungluͤcks, kamen zwei Reiſende auf vortrefflichen Pferden in kühler Nacht aus dem Thore von Bruͤſſel heraus und ritten nach Mecheln zu. Sie ritten neben einander und waren ſcheinbar nicht bewaffnet mit Ausnahme eines breiten flamändiſchen Meſ⸗ ſers, deſſen kupfernen Griff man in dem Gürtel eines jeden glänzen ſah. Jeder hing ſeinen Gedanken nach und ſie ſprachen kein Wort. Sie ſahen aus wie jene Handelsleute aus der Pieardie, welche damals Handel zwiſchen Frankreich und Flandern trieben. Wer ſie ſo friedlich im Mondenſcheine auf der Straße haͤtte hintraben ſehen, wurde ſie für Leute gehalten haben, die nach einem muͤhevollen Tage ein gutes Bett ſuchen. Er haͤtte indeß nur einzelne Redensarten aus ihrem Geſpräche zu hoͤren gebraucht, wenn es ein Mal zum Ge⸗ ſpraͤche kam, um die irrige Meinung ſofort aufzugeben, welche er nach dem erſten Anblicke gefaßt. Das ſeltſamſte Wort von allen, das zwiſchen ihnen ge⸗ wechſelt wurde als ſie etwa eine halbe Stunde von Bruͤſſel ſich entfernt hatten, war ſogleich das erſte. „Madame,“ ſagte die tiefſte Stimme zu dem Schlan⸗ kern der beiden Gefaͤhrten,„Ihr hattet wahrhaftig Recht dieſe Nacht noch aufzubrechen; wir gewinnen ſieben Stun⸗ — v— ines auf von ticht Neſ⸗ den ein 35 den auf dieſe Weiſe und kommen in Mecheln in dem Au⸗ genblicke an, da man wahrſcheinlich den Erfolg des Hand⸗ ſtreichs gegen Antwerpen kennen wird. Man wird dort unten in Siegestrunkenheit ſein. Nach zwei kleinern Tage⸗ reiſen und Ihr koͤnnt, um auszuruhen, nur kleine Tage⸗ reiſen machen, erreichen wir Deutſchland und wahrſchein⸗ lich in der Zeit, wann der Prinz von ſeiner Freude zuruͤck⸗ kommt und auf die Erde zu blicken geruht nachdem er ſich bis in den ſiebenten Himmel emporgeſchwungen hat.“ Der Gefährte, welcher Madame genannt wurde und gegen dieſe Benennung ſich nicht ſtraubte trotz der Herren⸗ kleidung, antwortete in ruhiger, ernſter und doch ſanfter Stimme: „Glaubt mir, Gott wird es muͤde werden, dieſen er⸗ barmlichen Prinzen zu beſchuͤtzen und ihn endlich grauſam heimſuchen; beeilen wir uns alſo unſere Pläne auszufuͤhren, denn ich gehoͤre nicht zu denen, welche an die Vorbeſtim⸗ mung glauben; ich bin vielmehr der Meinung, daß die Menſchen ſelbſt ihren Willen und ihre Thaten leiten. Wenn wir nicht handeln und Gott allein handeln ließen, verlohnte es nicht der Mühe, bis heute in ſolchem Leid zu leben.“ In dieſem Augenblicke kam ein eiskalter Wind pfeifend von Nordoſten her. „Ihr ſchandert,“ ſagte der Aeltere der beiden Reiſen⸗ den;„nehmt Euern Mantel.“ „Nein, Remy, ich danke; Du weiſt es ja, ich fuhle keine Schmerzen des Koͤrpers, kein Leiden des Geiſtes mehr.“ 36 Remy ſchlug die Augen zum Himmel auf und verſank in duͤſteres Schweigen. Bisweilen hielt er ſein Pferd an und drehete ſich in den Steigbugeln um, während ſeine Begleiterin ſtumm wie eine Reiterſtatue auf dem Pferde ſaß. Nach einem ſolchen kurzen Halte ſagte ſie als ihr Be⸗ gleiter ſie wieder eingeholt hatte: „Du ſiehſt Niemanden mehr hinter uns?“ „Nein, Madame, Ntemanden.“ „Und der Reiter, der ſich uns in der Nacht in Valen⸗ eiennes angeſchloſſen, nachdem er uns ſo lange verwundert beobachtet hatte?“ „Ich ſehe ihn nicht mehr.“ „Ich glaubte ihn doch wieder bemerkt zu haben ehe wir nach Mons gelangten.“ „Und ich bin überzengt, ihn geſtern vor Brüſſel geſehen zu haben.“ „Vor Bruͤſſel?“ „Ja, aber er wird in dieſer Stadt geblieben ſein.“ „Remy,“ ſagte die Dame indem ſie ſich ihrem Gefähr⸗ ten näherte, als furchte ſie, es könne auf dieſer oͤden Straße Jemand ſie hoͤren,„Remy, kam es Dir nicht vor, als gleiche er. „Wem, Madame?“ „Nur der Geſtalt nach, denn ſein Geſicht ſah ich nicht, ſchien er jenem unglücklichen jungen Manne zu gleichen.“ „Ach nein, nein, Madame,“ antwortete Remy ſchnell, „nicht im mindeſten und wie haͤtte er auch errathen koͤnnen, daß wir Paris verlaſſen und dieſen Weg eingeſchlagen?“ 37 „Da er wußte, wo wir waren, Remy, als wir unſere Wohnung in Paris geaͤndert hatten.. „Nein, nein,“ entgegnete Remy,„er iſt Euch nicht ge⸗ Gin polgt und hat Euch nicht folgen laſſen; ich habe, wie ich ſchon ſagte, gute Gruͤnde zu glauben, daß er einen ver⸗ zweifelten Entſchluß gefaßt hat, aber nur gegen ſich ſelbſt.“ Br⸗„Ach, Remy, jeder traͤgt ſeinen Theil Leiden in dieſer Welt. Gott erleichtere den des armen Kindes!“ Remy antwortete auf den Seufzer ſeiner Gebieterin mit einem Seufzer und ſie ſetzten ſtill ihren Weg fort. So vergingen zwei Stunden. dert In dem Augenblicke als die Reiſenden Vilverde er⸗ reichten, drehete Remy raſch den Kopf um. Er hoͤrte den Galopp eines Pferdes, hielt an und rſank len⸗ ehe horchte, ſah aber nichts. Seine Augen ſtrengten ſich vergeblich an durch das hen Dunkel der Nacht zu blicken, da aber kein Geränſch die tiefe Stille ſtorte, ritt er mit ſeiner Begleiterin in den Ort hinein. „Madame,“ ſagte er,„der Tag wird bald anbrechen und wenn es Euch beliebt, bleiben wir hier; die Pferde ſind ermüdet und Ihr ſelbſt beduͤrft der Ruhe.“ „Remy,“antwortete die Dame,„Ihr bemuͤhet Euch umſonſt mir zu verheimlichen was Ihr empfindet. Remy, Ihr ſeid beſorgt..“ „Ja, um Euere Geſundheit. Ein Weib kann ſolche Anſtrengungen nicht ertragen; ich ſelbſt vermag ja kaum..“ „Thut wie Ihr wollt, Remy,“ antwortete die Dame. n,„So kommt in dieſe Gaſſe, an deren Ende ich eine La⸗ — 38 terne ſehe, die dem Verloͤſchen nahe iſt. Es iſt das Zeichen an welchem man die Gaſthäuſer erkennt kommt ſchnell, ich bitte Euch.“ „Habt Ihr etwas gehoͤrt?“ „Jc Hufſchlaͤge wie ich glaube. Ich kann mich wohl geirrt haben, werde aber fur jeden Fall etwas zuruͤckblei⸗ ben, um mich zu überzeugen, ob ich Recht hatte oder mich 0 Ohne zu antworten und ohne zu verſuchen, Remy von ſeiner Abſicht abzubringen, beruͤhrte die Dame die Seiten ihres Pferdes, das in das lange krumme Gaͤßchen hin⸗ einging. Remy ließ ſie reiten, ſtieg ab und legte den Zugel auf den Hals des Pferdes, welches dem ſeiner Begleiterin folgte. Er ſelbſt verſteckte ſich hinter einem großen Eckſteine und wartete. Die Dame gelangte an das Gaſthaus, hinter deſſen Thuͤr nach der gaſtlichen Sitte Flanderns eine Dienerin mit breiten Schultern und kraftigen Armen wachte oder vielmehr ſchlummerte. Das Mädchen hatte die Tritte der Pferde auf dem Straßenpflaſter gehoͤrt, war übellaunig erwacht und offnete die Thür um den Reiſenden oder vielmehr die Reiſende zu empfangen. Dann oͤffnete ſie den beiden Pferden die große bogen⸗ formige Thur, durch welche ſie raſch hineingingen, da ſie einen Stall witterten. „Ich warte auf meinen Begleiter,“ ſagte die Dame; „ich will mich bis zu ſeiner Ankunft am Feuer niederſetzen.“ ———— —— 1 chen , ich wohl blei⸗ mich von iten hin⸗ auf te. ine ſen rin er m te zu 39 Die Magd warf den Pferden Stroh hin, ſchloß die Stallthur wieder zu, kam in die Kuche zuruͤck, ſchnupfte mit den Fingern das Licht und ſchlummerte wieder ein. Unterdeß lauerte Remy auf den Reiſenden, deſſen Pferd er hatte galoppiren hoͤren. Er ſah ihn in den Flecken gelangen, in Schritt reiten und aufmerkſam horchen; als er an das Gäßchen gelangte, erblickte der Reiter die Laterne und ſchien unentſchloſſen zu ſein, ob er weiter reite oder ſich nach jener Seite hinwende. Zwei Schritte von Remy hielt er an und dieſer griff nach ſeinem Dolche im Guͤrtel. „Er iſt es,“ dachte er bei ſich;„er folgt uns auch hier⸗ her. Was will er von uns?“ Der Reiſende ſchlug die Arme auf der Bruſt überein⸗ ander, waͤhrend ſein Pferd den Hals ausſtreckte und laut athmete. Er ſprach kein Wort, aber nach ſeinen Blicken, die er bald da bald dorthin wendete, konnte man errathen, daß er ſich fragte, ob er umkehren, weiter reiten oder nach dem Gaſthauſe zu ſich wenden ſolle. „Sie find weiter geritten,“ murmelte er endlich halb⸗ laut,„alſo vorwärts.“ Und er ritt weiter.“ „Morgen,“ dachte Remy bei ſich,„muͤſſen wir einen andern Weg einſchlagen.“ Und er begab ſich zu ſeiner Begleiterin, die mit Unge⸗ duld auf ihn wartete. „Nun?“ fragte ſie leiſe,„folgt man uns?“ 40 „Nein; ich irrte mich; es iſt Niemand auf der Straße und wir können ruhig ſchlafen.“ „Ach, ich finde keinen Schlaf Remy, Ihr wißt es ja.“ „Wenigſtens werdet Ihr etwas genießen, denn geſtern habt Ihr nichts gegeſſen.“ „Gern, Remy.“ Man weckte die Magd, die diesmal ſo ubellaunig wie das erſte Mal erwachte und als ſie vernahm, was man ver⸗ langte, aus dem Schranke ein Stuck geſalzenen Schwein⸗ ſleiſches, Brod und Eingemachtes nahm und überdies einen Krug ſchaͤumenden Bieres von Löwen brachte. Remh ſetzte ſich neben ſeiner Herrin an den Tiſch. Dieſe ſchenkte ſich von dem Biere ein Henkelglas halb⸗ voll, befenchtete ſich damit die Lippen, brach ein Stuͤck Brod ab und aß einige Krumen davon, dann ſchob ſie beides von ſich und lehnte ſich auf dem Stuhle zuruͤck. „Ihr eßt nicht mehr, Herr?“ fragte die Magd. „Nein, ich danke.“ Dann ſah die Magd Remy an, welcher das Brod ſei⸗ ner Herrin nahm, daſſelbe langſam aß und ein Glas Bier trank. „Eßt Ihr denn kein Fleiſch?“ fragte ſie. „Nein, mein Kind, ich danke.“ „Findet Ihr es nicht gut?“ „Es iſt gewiß vortrefflich, aber ich habe keinen Hunger.“ Die Magd ſchlug die Hände zuſammen in Verwunde⸗ rung uber dieſe ſeltſame Maͤßigkeit; denn die Reiſenden, ihre Landsleute, pflegten ganz anders zu eſſen. — tern wie er⸗ in⸗ nen lb⸗ rod on ei⸗ e⸗ i, 41 Remy, der in der Geberde des Maͤdchens einigen Ver⸗ druß zu bemerken glaubte, warf ein Geldſtück auf den Tiſch. „Ach, darauf muß ich Euch herausgeben! Ihr habt nicht der Mühe werth verzehrt, behaltet alſo lieber Euer Geld.“ „Nimm nur das Geldſtück ganz, mein Kind,“ ſagte die Reiſende;„wir, ich und mein Bruder, ſind allerdings maͤßig, wollen aber Deinen Verdienſt nicht ſchmälern.“ Die Magd wurde roth vor Freuden„gleichwohl traten gleichzeitig Thränen des Mitleids in ihre Augen, ſo ſchmerz⸗ lich waren jene Worte geſprochen worden. „Sag', mein Kind,“ fragte Remy,„giebt es einen Neben⸗ oder Querweg von hier nach Mecheln?“ „Ja wohl, aber er iſt ſehr ſchlecht, waͤhrend die Straße, wie Ihr wiſſen werdet, glatt wie der Tiſch da iſt.“ „Ich weiß das, aber ich muß den andern einſchlagen.“ „Da Euer Gefaͤhrte eine Dame iſt, muß ich Euch noch⸗ mals ſagen, daß der Weg ſehr ſchlecht iſt, namentlich füͤr ſie.“ „Warum?“ „Weil in dieſer Nacht viele Landleute da reiſen, um ſich nach Bruͤſſel zu begeben.“ „Nach Bruͤſſel?“ „Ja, ſie wandern auf kurze Zeit dahin aus.“ „Warum wandern ſie aus?“ „Das weiß ich nicht; es iſt ſo befohlen.“ „Von wem? Von dem Prinzen von Oranien?“ „Nein, von dem gnaͤdigen Herrn.“ „Wer iſt dieſer gnädiger Herr?“ Die Fünfundvierzig. 1WV. 4 42 „Da fragt Ihr mich zu viel, Herr; das weiß ich nicht; ſoviel iſt gewiß, daß man ſeit geſtern Abend auswandert.“ „Wer ſind die Auswanderer?“ „Die Bewohner der Doͤrfer und Flecken, welche keine Dämme haben.“ „Das iſt ſeltſam,“ ſagte Remy. „Wir ſelbſt,“ fuhr das Maͤdchen fort,„werden mit Ta⸗ gesanbruche uns aufmachen wie alle Lenteé hier. Geſtern um elf Uhr iſt alles Vieh auf den Canälen und Neben⸗ wegen nach Brüſſel geſchickt worden und deshalb muß der Weg, nach dem Ihr fragt, voll von Pferden, Wagen und Menſchen ſein.“ „Warum nicht die Straße, da ſie den Leuten leichteres Fortkommen gewaͤhren wurde?“ „Das weiß ich nicht; es iſt ſo befohlen.“ Remy und ſeine Begleiterin ſahen einander an. aber koͤnnen nach Mecheln weiter reiſen, nicht „ch glaube es, wenn Ihr nicht vorzieht es wie Alle zu machen, d. h. nach Bruͤſſel zu gehen.“ Remy ſah ſeine Gefäͤhrtin an. „Nein, nein, wir werden ſofort wieder aufbrechen nach Mecheln,“ ſagte die Dame indem ſie aufſtand;„mache den Stall auf, mein Kind.“ Remy ſtand ebenfalls auf und flüſterte vor ſich hin: „Ich ziehe die Gefahr vor, die ich kenne; ubrigens iſt der junge Mann uns voraus und wenn er zufaͤllig auf uns wartete, nun, ſo werden wir ja ſehen.“ Da die Pferde nicht einmal abgeſattelt worden waren, — —————— ht; 4. ine ht zu ch 43 ſo hielt er ſeiner Begleiterin den Steigbuͤgel und ſchwang ſich dann ſelbſt in den Sattel. Der anbrechende Morgen fand ſie am Ufer der Dyle. Viertes Kapitel. Erklärung. Die Gefahr, welcher Remy trotzte, war eine wirkliche, denn als der nächtliche Reiſende durch den Flecken hindurch und eine Viertel Stunde weit auf der Straße weiter ge⸗ kommen war, auch Niemanden auf derſelben erblickte, be⸗ merkte er, daß die, welchen er folgte, in dem Orte geblie⸗ ben waren. Er wollte nicht umkehren, wahrſcheinlich damit ſeine Verfolgung nicht zu ſehr auffalle, aber er legte ſich in einem Kleefelde nieder und fuͤhrte ſein Pferd in einen der tiefen Graben, welche in Flandern die Felder einſchließen. So konnte er alles ſehen ohne ſelbſt geſehen zu werden. Der junge Mann— man hat ihn gewiß ſchon erkannt, wie Remy ihn erkannt und die Dame ihn errathen hatte— war Heinrich Du Bouchage, den ein ſeltſames Geſchick noch ein Mal mit der Frau zuſammen führte, die er zu flie⸗ hen geſchworen hatte. Nach ſeiner Unterredung auf der Schwelle des geheim⸗ nißvollen Hauſes, d. h. nach dem Verluſte aller ſeiner Hoff⸗ nungen, war Heinrich in den Palaſt Joyeuſe mit dem feſten 4* 44 Vorſatze zurückgekommen ein Leben zu verlaſſen, das ſich ihm ſo traurig und werthlos darſtellte und als Edelmann von Muth, als guter Sohn, denn er hatte den Namen ſei⸗ nes Vaters rein zu erhalten, entſchloß er ſich einen ehren⸗ vollen Tod auf dem Schlachtfelde zu ſuchen. Man ſchlug ſich in Flandern; der Herzog von Joyheuſe, ſein Bruder, befehligte dort und konnte ihm alſo eine gute Gelegenheit ausſuchen von dem Leben erlöſet zu werden. Heinrich zoͤgerte alſo nicht und verließ zu Ende des folgen⸗ den Tages ſein Haus, d. h. vierundzwanzig Stunden nach der Abreiſe Remy's und der Gebieterin deſſelben. Briefe, die aus Flandern angekommen waren, melde⸗ ten einen entſcheidenden Handſtreich gegen Antwerpen. Heinrich ſchmeichelte ſich zur rechten Zeit anzukommen. Er gefiel ſich in dem Gedanken, daß er mit dem Degen in der Hand in den Armen ſeines Bruders unter einer franzoͤfi⸗ ſchen Fahne ſterben, daß ſein Tod großes Aufſehen machen und dieſes Aufſehen ſelbſt in das Dunkel dringen werde, in welchem die Dame des geheimnißvollen Hauſes lebte. In dem Angenblicke, als Heinrich, ganz mit dieſen ſchoͤnen Todesgedanken beſchaͤftiget, den ſpitzen Kirchthurm von Valenciennes bemerkte, an dem es eben acht Uhr ſchlug, erkannte er, daß man die Thore ſchließen wollte; er gab deshalb ſeinem Pferde die Sporen und rannte auf der Zug⸗ brüͤcke beinahe einen Mann um, welcher eben den Gurt ſei⸗ nes Pferdes wieder feſtſchnallte. Heinrich gehoͤrte nicht zu den frechen Adeligen, die Alles keck mit Fuͤßen treten, was kein Wappen hat. Er entſchul⸗ digte ſich im Vorbeireiten bei dem Manne, der ſich bei dem ich nn ei⸗ n⸗ ſe, te n⸗ c — 45 Klange ſeiner Stimme umdrehete, ſich aber ſofort wieder umwandte. Heinrich, der vergebens ſein Pferd anzuhalten ver⸗ ſuchte, erbebte als haͤtte er geſehen was er durchaus nicht erwartet. „Ich bin ein Narr,“ dachte er.„Remy in Valencien⸗ nes! Remy, den ich vor vier Tagen in der Buſſy⸗Straße verlaſſen habe, Remy, ohne ſeine Herrin— denn er hatte einen jungen Begleiter bei ſich.— Der Schmerz verwirrt mir wirklich den Kopf ganz und gar und laͤßt uͤberall Ge⸗ ſtalten ſehen, die nicht aus meiner Erinnerung ſchwinden wollen.“ Er ritt weiter und kam in der Stadt an, ohne daß die Muthmaßung, die er fluͤchtig geaußert hatte, einen Augen⸗ blick ſich beſtätiget hätte. Er hielt bei dem erſten Stalle an, den er vor ſich ſah, warf den Zuͤgel ſeines Pferdes einem Stallknechte zu und ſetzte ſich vor der Thuͤr auf einer Bank nieder, waͤhrend man ſein Zimmer und ſein Abendeſſen bereitete. Waͤhrend er nachdenkend auf dieſer Bank ſaß, ſah er die beiden Reiſenden herankommen, die neben einander rit⸗ ten und er bemerkte, daß der, welchen er fuͤr Remy gehal⸗ ten hatte, haͤufig das Geſicht abwendete. Das Geſicht des Andern war im Schatten eines breit⸗ kraͤmpigen Hutes verſteckt. Remy ſah im Voruͤberreiten Heinrich auf der Bank ſitzen und wendete das Geſicht wiederum ab, aber dieſe Vorſicht diente nur dazu ihn erkennen zu laſſen. „Diesmal,“ fluſterte Heinrich,„täuſche ich mich nicht; 46 mein Blut iſt kalt, mein Auge klar; ich ſehe deutlich.. Dennoch glaube ich auch diesmal in dem einen Reiſenden Remy zu erkennen, den Diener in dem Hauſe der Vor⸗ ſtadt.— Ich kann unmoglich in dieſer Ungewißheit blei⸗ ben; ich muß ſogleich meine Zweifel aufhellen.“ Sobald Heinrich dieſen Entſchluß gefaßt hatte, ſtand er auf und ging in der Straße den beiden Reiſenden nach, aber er erblickte ſie nicht mehr, weil ſie entweder bereits in einem Hauſe eingekehrt waren oder einen andern Weg ge⸗ nommen hatten. Er eilte an das Thor; es war verſchloſſen. Die Reiſenden hatten nicht hinauskommen koͤnnen und mußten alſo noch in der Stadt ſein. Heinrich ging in alle Gaſthäuſer, fragte, ſuchte und erfuhr endlich, daß man zwei Reiſende in eine beſcheidene Herberge in einer gewiſſen Straße habe reiten ſehen⸗ Der Wirth dieſes Hauſes ſchloß eben die Thuͤr als Du Bouchage ankam. Waͤhrend der Mann, den das gute Ausſehen des jungen Fremden beſtach, ihm ſein Haus und ſeine Dienſte anbot, blickte Heinrich in das Gaſtzimmer und konnte noch ſehen, wie Remy eben in Begleitung einer leuchtenden Magd die Treppe hinaufging. Seinen Begleiter konnte er nicht ſehen, da er wahr⸗ ſcheinlich vorausgegangen und bereits verſchwunden war. Oben auf der Treppe blieb Remy ſtehen und der Graf, der ihn diesmal beſtimmt erkannte, konnte einen Ausruf nicht unterdrücken, ſo daß ſich Nemy umdrehete. Heinrich ſah das Geſicht, das ſich durch die große Narbe — X8S„ X 8— 68 ie — 47 darin auszeichnete, hegte gar keinen Zweifel mehr, war aber zu bewegt, als daß er ſofort hatte einen Entſchluß faſſen können, entfernte ſich und fragte ſich dabei mit be⸗ klommenem Herzen, warum wohl Remy ſeine Gebieterin verlaſſen habe und warum er ſich allein auf derſelben Straße befinde wie er ſelbſt. Wir ſagen„allein“, weil Heinrich dem zweiten Reiter keine Aufmerkſamkeit zugewendet hatte. Am andern Tage als die Thore geoͤffnet wurden und als er den beiden Reiſenden gegenuͤber zu ſein glaubte, er⸗ fuhr er mit Verwunderung, daß die beiden Unbekannten in der Nacht von dem Gouverneur die Erlaubniß erhalten hatten die Stadt zu verlaſſen und daß man ihnen gegen alles Herkommen das Thor geoffnet. Da ſie um ein Uhr in der Nacht aufgebrochen waren, hatten ſie einen Vorſprung von ſechs Stunden vor Heinrich. Dieſe ſechs Stunden mußten wieder eingebracht wer⸗ den. Heinrich ſetzte ſein Pferd in Galopp und erreichte in Mons die Reiſenden, an denen er dann vorüberritt. Er ſah Remy nochmals; dieſer aber hatte ein Zaube⸗ rer ſein müſſen, wenn er ihn haͤtte erkennen wollen. Heinrich hatte ſich in einen Soldaten⸗Mantel gehuͤllt und ein anderes Pferd gekauft. Das mißtrauiſche Auge des Dieners vereitelte aber trotzddem beinahe dieſen Plan und der Begleiter Remy's, der durch ein einziges Wort aufmerkſam gemacht wurde, hatte eben noch Zeit das Geſicht abzuwenden, das Heinrich alſo auch diesmal nicht erkennen konnte. Der junge Mann verlor den Muth nicht; er fragte in da er ſein Fragen mit einem unwiderſtehlichen Mittel un⸗ terſtutzte, erfuhr er, daß der Gefährte Remh's ein ſehr ſchoͤner aber ſehr trauriger, mäßiger junger Mann ſei, der nie von Muͤdigkeit ſpreche. Heinrich erbebte und ein Blitz erhellte ſeine Gedanken. „Sollte es nicht eine Dame ſein?“ fragte er. „Das iſt wohl moglich,“ entgegnete der Wirth;„jetzt reiſen viele Frauen ſo verkleidet, um ſich zu ihren Liebha⸗ bern bei der Armee in Flandern zu begeben und da wir Wirthe nichts ſehen durfen, ſo ſehen wir natürlich auch nichts.“ Dieſe Erklärung brach dem jungen Grafen das Herz. War es nicht wirklich wahrſcheinlich, daß Remy ſeine in Mäͤnnertracht verkleidete Gebieterin begleite? Ohne Zwei⸗ fel reiſete ſie auch, wie der Wirth vermuthete, zu ihrem Geliehten in Flandern. Remy hatte alſo gelogen als er von ewiger Trauer geſprochen hatte; jene Fabel von einer vergangenen Liebe, welche ſeine Gebieterin füͤr immer in Trauer gekleidet haben ſollte, war jedenfalls nur erfunden worden, um einen laͤſtigen Zudringlichen zu entfernen. „Nun,“ dachte Heinrich bei ſich und dieſe Hoffnung er⸗ ſchutterte ihn mehr als es die Hoffnungsloſigkeit je gethan hatte,„um ſo beſſer; es wird ein Augenblick kommen, in dem ich dieſes Weib werde anreden und ihr die Ausflucht vorhalten konnen, welche die auf immer erniedrigt, die ich in meinem Geiſte und in meinem Herzen ſo hoch geſtellt hatte.“ Und der junge Mann zerraufte ſich das Haar bei dem dem erſten Wirthshauſe, welches Reiſende aufnahm und — W 1„ — —— —— 49 Gedanken, daß er vielleicht eines Tages die Liebe und die Illuſionen verlieren werde, die ihn doch in den Tod trieben, — ſo wahr iſt es, daß ein todtes Herz noch mehr werth iſt als ein leeres. Soweit war er mit ſeinen Gedanken indem er die bei⸗ den Reiſenden überholt hatte und die Urſache zu errathen ſuchte, welche dieſelben gleichzeitig mit ihm nach Flandern trieb, als er ſie in Bruͤſſel einreiten ſah. Wir wiſſen, daß er ihnen weiter folgte. In Bruͤſſel hatte ſich Heinrich uͤber den Feldzug des Herzogs von Anjon ſorgfältig erkundiget. Die Flamaͤnder waren dem Herzog von Anjou zu feind⸗ lich geſinnt, als daß ſie einen vornehmen Franzoſen beſon⸗ ders freundlich haͤtten aufnehmen ſollen; ſie waren zu ſtolz auf den Sieg, den die Nationalſache erhalten hatte, denn es war bereits ein Sieg, daß Antwerpen ſeine Thore vor dem Furſten ſchloß, den Flandern als Herrſcher berufen hatte, ſie waren zu ſtolz, ſagen wir, als daß ſie es ſich hatten verſagen ſollen den Herrn ein wenig zu demuͤthigen, der aus Frankreich kam und ſie in dem reinſten Pariſer Accent fragte, welcher damals dem belgiſchen Volke hochſt lächer⸗ lich vorkam. Heinrich wurde da ernſtlich beſorgt uͤber das Gelingen jenes Unternehmens, das ſein Bruder zum großen Theile mit leitete und er nahm ſich alſo vor, ſeine Reiſe nach Ant⸗ werpen noch mehr zu beſchleunigen. Es blieb für ihn eine unerklärliche Ueberraſchung als er ſah, daß Remy und deſſen Begleiterin, wie ſehr ſie es 50 auch zu vermeiden ſchienen von ihm erkannt zu werden, fort⸗ waͤhrend demſelben Wege folgten wie er. Sie mußten alſo daſſelbe Ziel im Auge haben. Vor dem Flecken, in dem Klee, wo wir ihn verlaſſen haben, war Heinrich uberzeugt, diesmal das Geſicht des jugendlichen Begleiters Remy's zu ſehen. Und das ſollte ſeiner Ungewißheit ein Ende machen. Als die beiden Reiſenden an dem jungen Mann vor⸗ uͤber kamen, den ſie da gar nicht vermutheten, war die Dame eben beſchaͤftiget ihr Haar zu glaͤtten, das ſie in dem Wirthshauſe nicht aufzubinden gewagt hatte. Heinrich ſah ſie, erkannte ſie und wäre beinahe in den Graben gefallen, in welchem ſein Pferd ruhig weidete. Die Reiſenden ritten voruber. Da bemaͤchtigte ſich der Haß des Herzens Heinrichs, der ſo gutmuͤthig, ſo geduldig geweſen war ſo lange er ge⸗ glaubt hatte, in dem geheimnißvollen Hauſe wohne die Treue und Redlichkeit, die er ſelbſt ubte. Nach den Betheuerungen Remy's, nach den heuchle⸗ riſchen Troſtworten der Dame machte dieſe Reiſe oder viel⸗ mehr dieſes Verſchwinden gewiſſermaßen einen Verrath an dem Manne aus, welcher ſo ausdauernd, aber gleichzeitig in ſo ehrerbietiger Weiſe Einlaß in das Haus begehrt hatte. Als der Schmerz von dem Schlage, der Heinrich ge⸗ troffen, etwas nachgelaſſen hatte, ſchuͤttelte der junge Mann ſein ſchoͤnes blondes Haar, wiſchte den Schweiß von der Stirn und ſtieg mit dem feſten Entſchluſſe wieder auf ſein Pferd, von nun an keine der Vorſichtsmaßregeln mehr an⸗ zuwenden, die ihm ein Reſt von Achtung bisher noch ange⸗ —— — ——— 51 rathen hatte und er folgte deshalb den Reiſenden ohne alle Scheu mit unverhuͤlltem Geſicht. Er hatte ſich vorgenommen weder mit Remy noch mit deſſen Begleiterin zu ſprechen, aber ſich ihnen zu erkennen zu geben. „Ja, ja,“ ſprach er bei ſich,„wenn ſie beide noch eini⸗ ges Gefaͤhl haben, wird meine Gegenwart, obgleich blos von dem Zufalle herbeigefuhrt, ein tiefgreifender Vor⸗ wurf ſein.“ Er war den Reiſenden nicht lange gefolgt, als Remy ihn bemerkte. Auch die Dame erkannte ihn. „Iſt dies nicht der junge Mann, Remy?“ fragte ſie. Remy bemühete ſich auch jetzt noch ſie zu beruhigen. „Ich glaube es nicht, Madame,“ ſagte er.„Nach der Kleidung iſt es ein walloniſcher junger Soldat, der ſich ohne Zweifel nach Amſterdam begiebt und uͤber den Kriegsſchau⸗ platz reiſet, um Abenteuer zu ſuchen.“ „Gleichviel, mich beunruhiget es, Remy.“ „Beruhiget Euch.. Wenn der junge Mann der Graf Du Bouchage wäre, würde er uns ſchon angeredet haben. Ihr wißt ja, wie ausdauernd er iſt.“ „Ich weiß auch, daß er voll Achtung und Ehrfurcht iſt, Remy, denn haͤtte er nicht Achtung gezeigt, wurde ich ein⸗ fach geſagt haben: Remy, entfernt ihn und dann häͤtte ich mich nicht mehr um ihn gekümmert.“ „Nun, wenn er ſo voll Achtung war, wird er dieſe Ach⸗ tung behalten haben und Ihr werdet, vorausgeſetzt daß er es iſt, auf der Straße von Bruͤſſel nach Antwerpen ebenſowenig zu furchten haben als in Paris.“ 52 „Gleichviel,“ ſetzte die Dame hinzu indem ſie ſich noch ein Mal umſah,„wir ſind hier in Mecheln, und wollen im Nothfalle andere Pferde nehmen, um ſchneller vorwaͤrts und ſobald als moͤglich nach Antwerpen zu kommen.“ „Im Gegentheil, Madame, ich moͤchte Euch vorſchla⸗ gen, gar nicht nach Mecheln hinein zu reiten Unſere Pferde ſind von guter Art; wir wollen bis zu dem Orte rei⸗ ten, den man links dort unten ſieht und der, wenn ich nicht irre, Villebrock heißt.. Wir vermeiden in dieſer Weiſe die Stadt, das Wirthshaus, die Fragen, die Neugierigen und werden leichter die Kleider und die Pferde wechſeln koͤnnen, wenn dies nothwendig werden ſollte.“ „Alſo vorwaͤrts, Remy.“ Sie wendeten ſich links auf einen kaum gebahnten Weg, der indeß offenbar nach Villebrock fuͤhrte. Heinrich verließ ebenfalls die Straße, ſchlug denſelben Weg ein und blieb immer in einer beſtimmten Entfernung hinter ihnen. Remy ſah ſich oftmals beſorgt und wie drohend um. So gelangten ſie nach Villebrock. Von den zwei hundert Haͤuſern, aus denen dieſer Flecken beſtand, war auch nicht eins bewohnt; nur einige vergeſſene Hunde, einige verlorene Katzen liefen ängſtlich in dieſer Einſamkeit umher. Remy klopfte an zwanzig Thuͤren an, ſah aber nichts und wurde von Niemandem gehoͤrt. Heinrich, der den Reiſenden wie ein Schatten folgte, hatte an dem erſten Hauſe Halt gemacht und an die Thür geklopft, aber eben ſo vergeblich. Er errieth, daß der Krieg die Urſache dieſer Auswanderung ſei und wartete, daß die —— N S „ r 3 — 53 Reiſenden einen Entſchluß gefaßt haben wurden, um wieder aufzubrechen. Dies geſchah erſt als ihre Pferde ſich an dem Hafer geſaͤttiget, den Remy in einem verlaſſenen Wirthshauſe gefunden hatte. „Madame,“ ſagte da Remy,„wir beſinden uns nicht mehr in einem ruhigen Lande, nicht mehr unter gewoͤhn⸗ lichen Umſtänden; wir duͤrfen uns nicht wie Kinder Ge⸗ fahren ausſetzen. Wir werden ſicherlich auf eine Schaar Franzoſen oder Flamaͤnder ſtoßen, ungerechnet die ſpani⸗ ſchen Parteigaͤnger, denn in der Lage, in welcher ſich Flan⸗ dern befindet, muß es von Strauchdieben aller Art und Abenteuerern aller Länder wimmeln.. Wenn Ihr ein Mann wäͤret, wuͤrde ich eine andere Sprache gegen Euch reden, aber Ihr ſeid ein Weib, ſeid jung und ſchoͤn und geht alſo einer doppelten Gefahr fuͤr Euer Leben und Euere Ehre entgegen.“ „O, mein Leben iſt nichts,“ ſagte ſie. „Es iſt vielmehr Alles,“ antwortete Remy,„wenn das Leben einen Zweck hat.“ „Nun, was ſchlagt Ihr vor? Denkt und handelt fuͤr mich, Remy; Ihr wißt, daß meine Gedanken nicht in die⸗ ſer Welt ſind.“ „So wollen wir hier bleiben,“ ſagte der Diener,„wenn es Euch recht iſt.„Ich ſehe da viele Haͤuſer, welche ein ſicheres Obdach gewähren koͤnnen; ich habe Waffen und wir vertheidigen oder verſtecken uns je nachdem wir ſtark genug oder zu ſchwach ſind.“ „Nein, Remy, ich muß weiter; nichts darf mich auf⸗ 54 halten,“ antwortete die Dame kopfſchuͤttelnd.„Wenn ich etwas furchtete, wuͤrde ich nur für Euch furchten.“ „So wollen wir aufbrechen.“ und er trieb ſein Pferd an, ohne ein Wort hinzu zu ſetzen. Die unbekannte Dame folgte ihm und Heinrich Du Bouchage, der mit ihnen Halt gemacht hatte, brach mit ihnen wieder auf. Fünftes Kapitel. Das Waſſer. Je weiter die Reiſenden kamen, um ſo mehr änderte ſich das Land. Die ganze Gegend ſchien verlaſſen zu ſein wie der Flecken und die Dörfer. Nirgends ſah man Rinder auf den Wieſen weiden, nirgends auf dem Feld einen Bauer hinter dem Pfluge ge⸗ hen, nirgends einen Fuhrmann auf der Straße neben ſei⸗ nen Pferden wandern. Soweit das Auge in der herrlichen Ebene reichte, weder auf den kleinen Anhohen, noch in dem Graſe, noch an dem Waldesrande ſah man ein menſchliches Weſen oder hoͤrte man eine Stimme. Die Natur erſchien wie etwa vor dem Tage, an wel⸗ chem der Menſch und die Thiere geſchaffen wurden. Der Abend kam und Heinrich fragte in Verwunderung m vi zu Du nit rte der en, ge⸗ ſei⸗ der em rte ung 55 die Luft, die Baͤume, den fernen Horizont, die Wolken ſelbſt um die Erklaͤrung dieſer ſeltſamen Erſcheinung. Die einzigen Perſonen, welche dieſe traurige Einode belebten, waren Remy und deſſen Gefaͤhrtin, die den Kopf zur Seite neigte, um zu hoͤren, ob ſie nicht irgend ein Ge⸗ raͤuſch vernoͤhmen und dann hundert Schritt hinter ihnen Heinrich, der in gleicher Haltung immer in gleicher Ent⸗ fernung blieb. Die Nacht ſank dunkel und kalt hernieder, der Nord⸗ weſtwind pfiff und erfullte die Einode mit ſeinem Gerauſch, das noch ſchauerlicher war als die Stille. Remy legte die Hand auf die Zugel des Pferdes ſeiner Begleiterin und ſagte: „Madame, Ihr wißt, daß ich keiner Furcht zugaͤnglich bin, Ihr wißt, ob ich wohl einen Schritt zuruͤckginge, um mein Leben zu retten; dieſen Abend aber geht etwas Unge⸗ wohnliches in mir vor, eine unbekannte Erſtarrung feſſelt meinen Geiſt, laͤhmt mich und wehrt mir weiter zu gehen. Nennt es Angſt, Schuͤchternheit, Feigheit; Madame, ich geſtehe, daß ich zum erſten Male in meinem Leben mich furchte.“ Die Dame drehete ſich um; vielleicht waren ihr alle dieſe drohenden Andeutungen entgangen, vielleicht hatte ſie nichts bemerkt. „Er iſt noch immer da?“ fragte ſie. „Ach von ihm iſt nicht mehr die Rede,“ antwortete Remy;„denkt nicht mehr an ihn; er iſt allein und ich meſſe mich allein mit ihm. Nein, die Gefahr, die ich fürchte oder vielmehr fuhle und mehr durch den Inſtinet errathe,— die 56 Gefahr, die ſich nähert, die uns bedrohet, die uns vielleicht umſchlingt, iſt eine andere; ſie iſt etwas Unbekanntes und deshalb nenne ich ſie eine Gefahr.“ Die Dame ſchuttelte den Kopf. „Seht Ihr dort unten die Weiden, die dunkeln Wipfel beugen?“ fuhr Remy fort. „Ja.“ „Neben dieſen Bäumen bemerke ich ein Haͤuschen; kommt dahin, ich beſchwoͤre Euch; iſt es bewohnet, ſo wollen wir um gaſtliche Aufnahme bitten, iſt es auch verlaſſen, ſo wollen wir uns deſſelben bemaͤchtigen. Ich beſchwoͤre Euch, ſtraͤubet Euch nicht dagegen.“ Die Aufregung Remy's, ſeine zitternde Stimme und die Beredtſamkeit ſeiner Rede bewogen die Dame nach⸗ zugeben. Sie wendete ihr Pferd nach der von Remy angedeute⸗ ten Richtung hin. Einige Minuten nachher klopften die Reiſenden an der Thuͤr dieſes Hauſes an, das unter Weiden ſtand. Ein Bach, ein Beifluß der Nette, der zwiſchen ſchilf⸗ bewachſenen gruͤnen Ufern floß, beſpuͤlte den Fuß der Wei⸗ den mit ſeinem murmelnden Waſſer. Hinter dem von ge⸗ brannten Backſteinen gebauten und mit Ziegeln gedeckten Hauſe befand ſich ein Gaͤrtchen, das von einer lebendigen Hecke eingeſchloſſen war. Alles aber war ode, leer und verlaſſen. Niemand antwortete auf das wiederholte Klopfen der Reiſenden. Remy zoͤgerte nicht; er zog ſein Dolchmeſſer, ſchnt —————— — icht nd eln en; len uch, und ich⸗ te⸗ der ilf⸗ ei⸗ ge⸗ kten gen der nitt 57 eine Weidenruthe ab, ſteckte ſie zwiſchen der Thuͤr und dem Schloſſe hinein und druckte ſie ſo auf. Dann trat er raſch hinein. Seit einer Stunde ſprach und handelte er mit einer fieberhaften Haſt. Das Schloß, eine ſehr einfache Arbeit, hatte faſt ohne Widerſtand nachgegeben. Remy trieb ſeine Gefaͤhrtin eilig in das Haus hinein, ſchlug die Thuͤr hinter ſich zu, ſchob einen großen ſtarken Riegel vor und als er ſo verſchanzt war, athmete er tief auf, als habe er das Leben gewonnen. In dem Hauſe fuͤhrte er ſeine Gebieterin in das ein⸗ zige Zimmer in dem erſten Stocke, wo er ein Bett, einen Stuhl und einen Tiſch fand. Dies beruhigte ihn etwas, er ging wieder hinunter in das Erdgeſchoß und ſah ſich von dem Fenſter aus nach dem Grafen um, der ſich ebenfalls dem Hauſe genähert hatte. Die Gedanken Heinrichs entſprachen ſo ziemlich den Gedanken Remy's. „Gewiß ſchwebt irgend eine Gefahr uber dem Lande,“ dachte er,„die uns unbekannt, den Bewohnern aber be⸗ kannt iſt; der Krieg wuͤthet da, die Franzoſen haben Ant⸗ werpen genommen oder wollen es nehmen und die Bauern haben in ihrer Furcht eine Zuflucht in den Städten geſucht.“ Dieſe Erklaͤrung war wahrſcheinlich und doch genugte ſie dem jungen Manne nicht. Auch brachte ſie ihn auf eine andere Gedankenreihe. „Was wollen Remy und ſeine Gebieterin hier thun?“ fragte er ſich.„Welche gebieteriſche Nothwendigkeit treibt ſie in dieſe ſchreckliche Gefahr? Nun, ich werde es erfahren, Die Fuͤnfundvierzig. 1v. 5 58 denn der Augenblick iſt endlich gekommen mit dieſer Frau zu ſprechen und meinen Zweifel mit einem Male zu loſen. Nirgends hat ſich eine ſo ſchone Gelegenheit dargeboten.“ Er ritt an das Haus, aber mit einem Male hielt er inne. „Nein, nein, ſagte er in der Unentſchloſſenheit, die den verliebten Herzen ſo eigen iſt,„nein, ich will ein Maͤr⸗ tyrer bleiben bis zum Ende. Und iſt ſie nicht ihre eigene Herrin und weiß ſie, welche Fabel der elende Remy über ſie erfunden hat? Mit ihm, mit ihm allein habe ich zu thun, da er mich verſicherte, ſie liebe Niemanden. Aber, vor Allem gerecht! mußte der Mann, der mich nicht kennt, die Geheimniſſe ſeiner Gebieterin verrathen? Nein, nein; mein Ungluͤck iſt gewiß und das Schlimmſte dabei iſt, daß es von mir allein kommt und ich die Schuld Niemandem zu⸗ ſchreiben kann. Es gebricht ihm nichts äls die vollſtändige Enthüllung der Wahrheit; es fehlt nichts, als daß ich dieſe Schöne in dem Lager ankommen„irgend einem Herrn in die Arme fliegen ſehe und zu ihm ſagen hoͤre: ſieh' was ich gelitten habe und ermiß darnach meine Liebe. Ich werde ihr alſo folgen bis dahin, ich werde ſehen was ich zu ſehen furchte und daran ſterben.. Die Kugeln werden eine Mühe weniger haben.— Ach, Du weiſt es, mein Gott,“ ſetzte Heinrich hinzu,„ich ſuchte dieſe Angſt und Pein nicht, ich ging laͤchelnd einem wohlbedachten, ruhigen, ruhmvollen Tode entgegen. Ich wollte auf dem Schlachtfelde fallen mit einem Namen auf den Lippen,— dem Deinigen, mein Gott, und, mit einem Namen im Herzen, dem ihrigen. Du haſt es nicht gewollt, Du haſt mich für einen verzweiflungs⸗ 59 und qualvollen Tod beſtimmt,— und ich ergebe mich darein.“ Dann gedachte er der Tage der Erwartung und der angſtvollen Nächte, die er vor jenem unerbittlichen Hauſe zugebracht und geſtand ſich, daß ſeine Lage, abgeſehen von dem Zweifel, der ihn quaͤlte, minder grauſam ſei als in Paris, denn er ſah ſie bisweilen, er horte den Klang ihrer Stimme, den er noch nie vernommen; deshalb fuhr er auch fort, die Augen noch immer auf das Haͤuschen gerichtet: „Waͤhrend ich aber auf den Tod warte und waͤhrend ſie in dem Haͤuschen da ausruht, laſſe ich mich von dieſen Bäumen bergen und beklage mich, da ich doch ihre Stimme hoͤre, wenn ſie ſpricht und ihren Schatten hinter dem Fen⸗ ſter ſehe. Ach nein, nein, Herr, ich beklage mich nicht. Ich bin noch zu glucklich.“ Und Heinrich legte ſich unter den Weiden nieder, deren Zweige das Haus berührten und horchte mit unbeſchreib⸗ lichen Gefühlen auf das Murmeln des Waſſers neben ſich. Mit einem Male erbebte er, denn nach Norden hin donnerte ein Kanonenſchuß. „Ach,“ dachte er bei ſich,„ich werde zu ſpät kommen, man greift Antwerpen ſchon an.“ Er wollte aufſtehen, ſein Pferd beſteigen und dahin eilen, wo man ſich ſchlug; aber da hatte er die unbekannte Dame verlaſſen und im Zweifel ſterben muͤſſen. Haͤtte er ſie auf ſeinem Wege nicht gefunden, würde er ohne Zweifel ſeinen Weg fortgeſetzt haben, ohne einen Blick hinter ſich zu thun, ohne der Vergangenheit einen Seufzer, ohne der Zukunft ein Bedauern zu widmen die Be⸗ 5 60 gegnung hatte Zweifel in ihm angeregt und der Zweifel Unentſchloſſenheit. Er blieb. Zwei Stunden lang lag er da und horchte auf den Kanonendonner, der bis zu ihm drang und fragte ſich da⸗ bei, was wohl der ſtärkere Donner bedeute, welcher ſich von Zeit zu Zeit unter den andern miſchte. Er ahnete natürlich nicht, daß dieſer Donner von den Schiffen ſeines Bruders herruͤhrte, welche in die Luft flogen. Endlich gegen zwei Uhr früh wurde alles ſtill. Bis in das Innere des Hauſes war, wie es ſchien, der Kanonendonner nicht gedrungen, denn ſonſt wurden ſich die beiden Reiſenden, die ſich hineingefluchtet hatten, wohl ge⸗ ruhrt haben. „In dieſem Augenblicke,“ dachte Heinrich bei ſich,„iſt Antwerpen genommen und mein Bruder hat geſiegt; aber nach Antwerpen wird Gent folgen, nach Gent Brügge und mir wird es nicht an Gelegenheit fehlen glorreich zu ſter⸗ ben. Ehe ich ſterbe, muß ich indeß erfahren, was dieſe Dame im Lager der Franzoſen ſuchen will.“ Als die Natur nach allen dieſen Erſchuͤtterungen, welche die Luft bewegt hatten, zu ihrer Ruhe zuruckgekehrt war, lag auch Joyeuſe, in ſeinen Mantel gehuͤllt, wieder ruhig da. Er war in jene Art von Erſtarrung geſunken, welcher der Wille des Menſchen gegen das Ende der Nacht nicht zu widerſtehen vermag, als ſein Pferd die Ohren ſpitzte und traurig wieherte. Heinrich ſchlug die Augen auf. r e⸗ iſt er nd r⸗ eſe che ar, da. her zu und 61 Das Thier drehete den Kopf herum und athmete laut den Wind ein, der gegen Morgen ſich nach Suͤdweſt umge⸗ ſetzt hatte. „Was giebt es, mein gutes Pferd?“ fragte der junge Mann indem er aufſtand und den Hals des Thieres ſtrei⸗ chelte;„ſahſt Du eine Otter, die Dich erſchreckte oder ſehnſt Du Dich nach einem warmen Stalle?“ Das Pferd richtete den Kopf raſch nach Lier zu und horchte mit weit aufgeriſſenen Nuͤſtern und ſtierem Blick als haͤtte es die Frage ſeines Herrn verſtanden und als wollte es darauf antworten. „Ach,“ ſagte Heinrich,„es ſcheint ernſthafter zu ſein; ſollten ſich Woͤlfe bis hierher verlaufen haben?“ Das Pferd wieherte, ließ den Kopf ſinken und wollte dann nach Weſten hin entfliehen, aber ſein Herr konnte es noch am Zuͤgel faſſen und aufhalten. Heinrich ſchwang ſich raſch in den Sattel und da er ein guter Reiter war, bemeiſterte er das Pferd bald. Nach einigen Augenblicken hoͤrte aber auch Heinrich was das Pferd gehoͤrt hatte und empfand denſelben cken, den das Pferd empfunden hatte. Es entſtand ein ununterbrochenes Geraͤuſch wie vom Winde auf verſchiedenen Punkten in einem Halbkreiſe, der ſich von Suͤden nach Norden zu ziehen ſchien; bisweilen brachte der Wind eine Friſche wie von Waſſer mit ſich und das Rauſchen wurde immer ſtaͤrker als wenn das Meer bei der Flutzeit uͤber eine kieſige Kuͤſte ſteigt. „Was iſt das?“ fragte ſich Heinrich;„ſollte es der Wind ſein? Nein, denn der Wind traͤgt mir dieſes Ge⸗ 62 raͤuſch zu und es ſcheinen zwei verſchiedene Toͤne zu ſein. Vielleicht ein auf dem Marſche befindliches Heer! Aber nein“— Er neigte ſein Ohr nach der Erde herunter— „ich wuͤrde dann den tactmäßigen Schritt hoͤren. Iſt es das Kniſtern einer Feuersbrunſt? Auch nicht, denn man ſieht keinen hellen Schein am Horizonte und der Himmel ſcheint ſich ſogar noch zu verdunkeln.“ Das Geraͤuſch wurde ſtäͤrker und deutlich; es war ein unaufhoͤrliches breites grollendes Rollen als wenn zahlloſe Geſchutze üͤber Steinpflaſter hingefahren wurden. Heinrich glaubte eine Zeit lang die Urſache dieſes Ge⸗ raͤuſches gefunden zu haben, indem er daſſelbe ſo erklaͤrte, aber bald ſprach er bei ſich: „Das iſt auch nicht moͤglich; es giebt hier keinen ge⸗ pflaſterten Weg und das Heer hat nicht ſo viele Geſchuͤtze.“ Das Geräuſch kam immer näher. Heinrich ritt in Galopp nach einer Anhoͤhe hin. „Was ſehe ich?“ rief er aus als er den Gipfel erreicht hatte. Was der junge Mann ſah, hatte das Pferd vorher ge⸗ ſehen, denn er hatte es nur mit Gewalt in dieſer Richtung hin fortbringen konnen und als er den Hügel erreicht hatte, baͤumte es ſich. Roß und Reiter ſahen am Horizonte einen unermeß⸗ lichen endloſen bleichen Streifen allmälig nach der Ebene zu kommen und im weiten Kreiſe ſich nach dem Meere hin⸗ wenden. Und dieſer Streifen erweiterte ſich bei jedem Schritte vor den Augen Heinrichs wie ein Zeugſtuͤck, das man ausbreitet. 63 Der junge Mann ſah noch unentſchloſſener dieſer ſelt⸗ ſamen Erſcheinung zu, als er ſeine Augen auch wieder auf die Stelle richtete, die er verlaſſen hatte und bemerkte, daß die Wieſe naß wurde, daß der kleine Fluß uͤber die Ufer zu treten anfing. Das Waſſer dehnte ſich immer mehr nach dem Haͤus⸗ chen zu aus. „Ich unglucklicher Thor, der ich bin,“ rief Heinrich aus;„ich hatte es nicht errathen. Es iſt Waſſer, es iſt Waſſer! Die Flamaͤnder haben ihre Daͤmme durchſtochen.“ Sogleich ritt er ſchnell dem Hauſe zu und klopfte un⸗ geſtuͤm an die Thuͤr an. „Macht auf, macht auf!“ rief er. Niemand antwortete. „Remy, macht auf!“ rief der junge Mann in groͤßter Angſt,„macht auf, ich bin es, Heinrich Du Bouchage.“ O, Ihr braucht Euch nicht zu nennen, Herr Graf,“ antwortete Remy in dem Hauſe,„ich habe Euch ſchon lange erkannt, aber ich ſage Euch, wenn Ihr Euch an dieſer Thuͤr vergreift, werdet Ihr mich mit einem Piſtol in jeder Hand dahinter finden.“ „Aber, ſeht Ihr denn nicht, Ungluͤcklicher,“ rief Hein⸗ rich in Verzweiflung aus,„das Waſſer? das Waſſer?“ „Keine Vorwaͤnde, keine entehrende Liſt, Herr Graf! Ich ſage Euch, daß Ihr nur uͤber mich hinweg in dieſes Haus herein kommt.“ „So werde ich uͤber Euch hinwegſchreiten,“ entgegnete Heinrich,„und doch hinein gelangen. In des Himmels 64 Namen, bei Euerem und Euerer Herrin S wollt Ihr aufmachen?“ „Nein.“ Der junge Mann ſah ſich um und bemerkte einen ge⸗ waltigen Stein; den hob er mit Anſtrengung auf, lief da⸗ mit nach der Thuͤr zu und warf ihn an dieſelbe. Die Thür flog in Stucke. Gleichzeitig pfiff eine Klugel an dem Kopfe Heinrichs hin, doch ohne ihn zu treffen. Heinrich ſprang auf Remy zu, der ſein zweites Piſtol abſchoß, welches aber verſagte. „Seht Ihr denn nicht, Unfinniger, daß ich keine Waf⸗ fen habe,“ rief Heinrich aus;„wehrt Euch doch nicht länger gegen Jemanden, der nicht angreift, ſondern ſeht Euch um.“ Und er zog ihn an das Fenſter. „Seht Ihr nun, ſeht Ihr?“ Er zeigte mit dem Finger auf die unermeßliche Flut, die am Horizonte ſchimmerte und wie ein gewaltiges Heer heranruͤckte. „Das Waſſer!“ fluͤſterte Remy. „Ja, das Waſſer,“ wiederholte Heinrich;„ſeht, der Fluß zu unſern Füßen will über die ufer und nach fünf Mi⸗ nuten werden wir nicht von dannen koͤnnen.“ „Gnaͤdige Frau!“ rief Remy. „Rufet nicht, Remy, ſetzt ſchnell die Pferde in Stand.“ „Er liebt ſie,“ dachte Remy,„er wird ſie retten.“ Remy lief in den Stall und Heinrich eilte die Treppe hinauf. t e⸗ hs aſ⸗ cht eht ut, eer der Ri⸗ ſ ppe 65⁵ Die Dame hatte auf den Ruf Remy's ihre Thuͤr ge⸗ oͤffnet. Der junge Mann nahm ſie auf ſeine Arme wie ein Kind; ſie aher glaubte an Verrath, ſtraubte ſich mit aller Kraft und klammerte ſich an der Thuͤr an. „Remy, ſagt ihr doch, daß ich ſie retten will!“ rief Heinrich. Remy hoͤrte den Ruf als er eben die Pferde aus dem Stalle fuͤhrte. „Ja ja, antwortete er,„ja, Madame, er rettet Euch oder er wird vielmehr Euch retten. Kommt, kommt!“ Sechſtes Kapitel. Die Flucht. Heinrich trug die Dame, ohne ſich die Zeit zu nehmen ſie zu beruhigen und ihr alles zu erzaͤhlen, aus dem Hauſe hinaus und wollte ſie mit ſich auf ſein Pferd nehmen. Sie aber entwand ſich ihm und Remy hob ſie auf ihr Pferd. „Ach, ſprach Heinrich,„verſteht Ihr mein Herz nicht? Ich dachte wahrhaftig nicht an die Wonne, Euch an mein Herz zu drücken, ob ich gleich bereit bin, fur dieſe Gunſt mein Leben zu opfern; ich wollte nur ſchnell mit Euch ent⸗ ſtiehen.. Seht Ihr die Vogel, die ängſtlich flatternd ent⸗ fliehen?“ Man ſah wirklich in der kaum beginnenden Morgen⸗ dammerung Schaaren von Tauben und andern Voͤgeln dahin fliegen und dieſes Flattern und Fliegen in der Nacht hatte etwas Unheimliches. Die Dame antwortete nicht, trieb aber ihr Pferd vor⸗ waͤrts ohne ſich umzuſehen. Ihr Pferd aber und das Remy's, die bereits zwei Tage gegangen, waren ermudet. Heinrich drehete ſich oftmals um und als er ſah, daß ſie ihm nicht zufolgen vermochten, ſagte er: „Seht, wie mein Pferd den Eurigen zuvorkömmt und doch halte ich es eher zuruͤck als daß ich es antreibe.. Ich will Euch nicht mehr bitten, Euch zu mir zu ſetzen, aber um Gottes willen, nehmt mein Pferd und laßt mir das Eurige.“ „Ich danke Euch,“ antwortete die Reiſende in ihrer immer ruhigen Stimme. „Aber, Madame,“ entgegnete Heinrich indem er voll Verzweiflung zuruͤckſah,„das Waſſer holt uns ein, hoͤrt Ihr es nicht?“ In dieſem Augenblicke entſtand wirklich ein entſetzliches Gepraſſel, denn die Flut zerriß einen Damm in der Nahe und das Waſſer ſturzte ſich brauſend uͤber die Truͤmmer in einen Eichenwald. Die entwurzelten Bäume ſtießen mit den Balken von Haͤuſern zuſammen, die auf dem Waſſer ſchwammen; das Wiehern von Pferden, das Gebrull von Rindern und das Geſchrei von Menſchen in der Ferne, die vor der Ueber⸗ ſchwemmung flohen und von ihr vielleicht uberholt wurden, bildeten ein Gemiſch von ſo ſeltſamen ſchauerlichen Tonen, daß ergr dop! witt zehr hab Bes Wa riß hat em ein dic zur zwe unt noe cht or⸗ age daß — 67 daß ſelbſt die bisher ſo kalte und gleichgiltige Unbekannte ergriffen wurde. Sie trieb ihr Pferd an, das ſeine Anſtrengungen ver⸗ doppelte, um der Gefahr zu entfliehen, deren Nahe es witterte. Immer naͤher und näher kam das Waſſer und ehe zehn Minuten vergingen, mußte es die Reiſenden eingeholt haben. In dem Augenblicke hielt Heinrich an, um auf ſeine Begleiterin zu warten und dann ſagte er: „Schneller, Madame, um Gottes willen ſchneller; das Waſſer koͤmmt,. da iſt es ſchon.“ Es kam wirklich ſchäumend, wirbelnd, zornig heran, riß das Haus, in welchem Remy ſeine Gebieterin geborgen hatte, ſogleich hinweg, hob wie einen Strohhalm das Boot empor, das am Ufer angebunden war, ringelte ſich wie eine unermeßliche Schlange weiter und weiter und rauſchte dicht hinter den Pferden Remy's und der Unbekannten. Heinrich ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus und ritt zuruͤck als wollte er das Waſſer bekämpfen. „Ihr ſeht ja, daß Ihr verloren ſeid,“ ſagte er in Ver⸗ 1* zweiflung.„Kommt, Madame, noch iſt es Zeit, ſteigt ab und kommt zu mir.“ „Nein, Herr,“ antwortete ſie. „In einer Minute wird es zu ſpaͤt ſein, ſeht nur.“ Die Dame drehete ſich um, das Waſſer war vielleicht „ noch funfzig Schritt von ihr. „Moͤge mein Geſchick ſich erfullen,“ ſagte ſie;„fleht Ihr, Herr, flieht.“ 68 Das Pferd Remy's ſtolperte aus Muͤdigkeit und brach auf den beiden Vorderbeinen zuſammen, ohne daß es ſich wieder aufzurichten vermochte. „Rettet ſie, rettet ſie, auch gegen ihren Willen!“ rief. Remy aus. In demſelben Augenblicke ſtürzte das Waſſer, als er ſich von den Steigbügeln losmachte, wie ein gewaltiger Bau uͤber dem Haupte des treuen Dieners zuſammen. Seine Herrin ſtieß in dieſem Augenblicke einen ſchreck⸗ lichen Schrei aus und ſprang von ihrem Pferde herunter, um mit Remy zu ſterben. Heinrich aber, der errieth was ſie vorhatte, war gleich⸗ zeitig mit ihr abgeſtiegen und faßte ſie mit ſeinem rechten Arme, hob ſie auf ſein Pferd und ritt raſch davon. „Remy! Remy!“ rief die Dame, indem ſie die Arme nach der Gegend hin ausſtreckte, wo er verſchwunden war. Ein Schrei antwortete ihr. Remy war an die Ober⸗ fläche des Waſſers wieder emporgekommen und ſchwamm auf einem Balken mit der unverwuͤſtlichen, wenn auch tho⸗ richten Hoffnung, welche den Sterbenden erſt mit dem Le⸗ ben verlaͤßt. Neben ihm ſchlug ſein Pferd heftig mit den Vorder⸗ füßen das Waſſer, während dies das Pferd der Dame er⸗ reichte und Heinrich mit dieſer auf dem dritten dahin jagte⸗ Remy ſehnte ſich nicht mehr nach dem Leben, weil er ſterbend hoffte, daß die, welche er allein liebte, gerettet werden wuͤrde. „Lebt wohl, lebt wohl!“ rief er;„ich breche zuerſt auf und werde dem, der uns erwartet, ſagen, daß Ihr lebt, um. ſich i des ſterl im! jun die brach s ſich „rief ls er ltiger hreck⸗. unter, leich⸗ echten Arme war. Ober⸗ wamm em Le⸗ order⸗ me er⸗ jagte. weil er erettet erſt auf um..“ 69 Er vollendete nicht, denn ein Berg von Waſſer waͤlzte ſich über ſein Haupt und ſprützte im Fallen bis an die Fuͤße des Pferdes Heinrichs. „Remy, Remy,“ rief die Dame aus,„ich will mit Dir ſterben.. Herr, ich warte auf ihn, laßt mich abſteigen; im Namen des lebendigen Gottes laßt mich!“ Sie ſprach dieſe Worte in gebietendem Tone, daß der junge Mann die Arme offnete und ſie mit den Worten auf die Erde gleiten ließ: „Nun, ſo ſterben wir alle drei hier und ich danke Euch, daß Ihr mir dieſe Freude bereitet, die ich nicht erwartet haͤtte.“ Als er dieſe Worte ſprach, erreichte ihn das Waſſer wie es Remy erreicht hatte, er faßte aber in einer letzten An⸗ ſtrengung den Arm der jungen Dame, die abgeſtiegen war. Die Flut riß ſie in ihrem Ungeſtüm mit fort. Ein großartiger Anblick war die Kaltblutigkeit des ſo jungen Mannes, der mit dem Oberkörper über die Flut hinwegragte, wäͤhrend er ſeine Gefährtin an der Hand hielt und mit der andern den Zuͤgel des Pferdes faßte, damit daſſelbe ihn in ſeinem letzten Kampfe unterſtuͤtze. Der Kampf war einen Angenblick fürchterlich. Das Waſſer ſtieg mehr und mehr und es ſchwammen nicht ſelten todte Korper an ihnen vorüber. Ein ſolcher Korper rief ihnen ſeufzend zu: „Lebt wohl! Lebt wohl!“ „Beim Himmel, das iſt Remy!“ ſagte der junge Mann..„Ich werde auch Dich retten.“ Und ohne die Gefahr zu beachten, welche die geſteigerte 70 p Laſt mit ſich bringen mußte, faßte er Remh an dem Aermel und hob ihn auf ſeinen linken Schenkel empor, ſo daß er frei athmen konnte. Das Pferd aber ſank unter dieſer dreifachen Laſt bis an den Hals ein, die Beine knickten zuſammen und es ver⸗ ſchwand endlich ganz. „Wir muͤſſen ſterben,“ fluſterte Heinrich.„Mein Gott nimm mein Leben zu Dir; es iſt rein geblieben.“ In demſelben Augenblicke fühlte Heinrich, daß Remy ihm entſchluͤpfte; er ſuchte auch nicht ihn feſtzuhalten, denn jede Anſtrengung mußte nun vergeblich ſein. Seine einzige Sorge ging dahin, die Dame uber dem Waſſer zu halten, damit ſie wenigſtens zuletzt ſterbe und er ſich in ſeinem letzten Augenblicke ſagen könne, er habe alles gethan, um ſie dem Tode ſtreitig zu machen. Mit einem Male und als er ſelbſt nur an das Ster⸗ ben dachte, hoͤrte er neben ſich einen Freudenruf. Remy hatte ein Boot erreicht, das Boot von dem klei⸗ nen Fluſſe, das wir von dem Waſſer emporheben ſahen. Das Waſſer hatte es fortgetragen und Remh erreichte es gluͤcklich. Zwei Ruder lagen darin, die Dame wurde hinein⸗ gehoben und Remy wie Heinrich folgten ihr dahin. Die erſten Strahlen des anbrechenden Tages ließen die uberſchwemmten Ebenen und das Boot ſehen, das wie ein Stäubchen auf dem mit Trummern bedeckten Oceane ſchwamm. In einer Entfernung von etwa zweihundert Schritten zur wie rmel ß er tbis ver⸗ ott, em denn dem der alles ter⸗ klei⸗ hen. e es ßen wie ane tten ——— 71 zur linken Seite erhob ſich ein kleiner Hügel, der im Waſſer wie eine Inſel ausſah. Heinrich ruderte nach dieſem Huͤgel hin, nach welchem ihn überdies die Strömung trieb. Remy ſtand am Vordertheile und ſtieß die Balken und Holzer bei Seite, die an das Fahrzeug antreiben konnten. So gelangte man an den Huͤgel. Remy ſprang ans Land, ergriff die Kette des Bootes und zog daſſelbe an ſich. Heinrich wollte die Dame in ſeine Arme nehmen, aber ſie reichte ihm nur die Hand und ſprang aus dem Boote. Heinrich ſeufzete; einen Augenblick hatte er den Ge⸗ danken, ſich in die Tiefe zu ftürzen und vor den Angen der Dame zu ſterben, aber ein unwiderſtehliches Gefuhl feſſelte ihn an das Leben ſo lange er dieſe Frau ſah, deren Gegen⸗ wart er ſo lange gewünſcht hatte ohne ſie jemals erlangen zu konnen. Er ſetzte ſich einige Schritte von der Dame und Remy, bleich und triefend nieder. Aus der dringendſten Gefahr waren ſie gerettet, d. h. aus dem Waſſer, denn wie groß auch die Ueberſchwemmung werden mochte, den Gipfel des Hügels erreichte ſie gewiß nie. Heinrich aber wunderte ſich, daß die beiden Perſonen, die dem Tode ſo wunderbar entgangen waren, nur ihm dankten und für Gott kein einziges Wort des Dankes hatten. Die Dame ſtand anfangs und bemerkte, daß am Hori⸗ zonte nach Weſten zu etwas wie Feuer im Nebel zu erkennen ſei. Dieſe Feuer mochten etwa eine Stunde entfernt ſein. Remy glaubte einen Damm oder eine Straße, d. h. eine 72 doppelte Reihe Baͤume ſich nach dem Feuer hinziehen zu ſehen. „Was haltet Ihr von dieſen Feuern, Herr Graf?“ fragte er. „Ich traue ihnen nicht; ſie ſcheinen mir eine Gefahr zu verkuͤndigen.“ „Warum?“ „Seht nur die vielen Leichen, die da auf dem Waſſer ſchwimmen; alle ſind Franzoſen; ſie verkundigen uns ein großes Ungluͤck; die Damme ſind durchſtochen worden, um die franzoſiſche Armee vollends zu vernichten, wenn ſie be⸗ ſiegt worden iſt und um den Sieg zu vernichten, wenn ſie geſiegt hat.. Warum ſollten nicht auch dieſe Feuer mehr von Feinden als von Freunden angezundet oder warum ſoll⸗ ten ſie nicht eine Liſt ſein, um die Fluͤchtigen anzulocken?“ „Hier koͤnnen wir aber auch nicht bleiben,“ ſagte Remy;„die Kälte und der Hunger wuͤrden meine Gebie⸗ terin umbringen.“ „Ihr habt Recht; bleibt hier mit ihr; ich will den Damm zu erreichen ſuchen und Euch Nachricht bringen.“ „Nein,“ fiel die Dame ein,„Ihr durft Euch nicht allein der Gefahr ausſetzen; wir ſind mit einander gerettet wor⸗ den und wollen alle mit einander ſterben. Remy, Euern Arm, ich bin bereit.“ Jedes Wort dieſes ſeltſamen Weibes hatte einen un⸗ widerſtehlichen gebietenden Ton; auch Heinrich verbeugte ſich und er ging voraus. Der Damm oder die Straße war nicht weit von dem Huͤgel entfernt. Alle drei ſtiegen wieder in das Boot, das wut Ba Da ten auf hun Lag Ger ich Gro entg aufe und wur ſeite kom den zu F. ahr ſſer ein um be⸗ ſie tehr ſoll⸗ n? gte bie⸗ den 3 lein vor⸗ tern un⸗ gte dem vot, — 73 das von Neuem unter die Truͤmmer und Leichen getrieben wurde. Eine Viertelſtunde ſpäter gelangten ſie an den Damm. Sie befeſtigten das Boot mit der Kette an einem Baumſtamme, ſtiegen von Neuem aus, gingen auf dem Damme ungefähr eine Stunde lang hin und gelang⸗ ten zu einer Anzahl flamaͤndiſcher Hauſer, in deren Mitte auf einem freien Platze um ein großes Feuer etwa drei⸗ hundert franzoͤſiſche Soldaten verſammelt waren. Die Wache, welche etwa hundert Schritte von dem Lager ſtand, legte die Lunte an das Gewehr und rief: „Wer da?“ „Frankreich!“ rief Du Bouchage. Dann drehete er ſich zu Diana um und ſagte: „Nun ſeid Ihr gerettet; ich erkenne die Fahne der Gendarmen von Aunis, des adeligen Corps, unter welchem ich Freunde habe.“ Auf den Ruf der Schildwache und die Antwort des Grafen kamen Einige aus der Gruppe den Ankommenden entgegen, die doppelt wohl in dieſem ſchrecklichen Unglück aufgenommen wurden, weil ſie daſſelbe üͤberlebt hatten und weil ſie Landsleute waren. Heinrich gab ſich zu erkennen und erzählte, in welcher wunderbaren Weiſe er gerettet worden ſei. Remy und deſſen Gebieterin ſetzten ſich ſchweigend ab⸗ ſeits nieder und Heinrich forderte ſie auf an das Feuer zu kommen, da ſie Beide noch ganz durchnäßt waren. „Madame,“ ſagte er,„Ihr werdet hier geach et wer⸗ den als waͤret Ihr in Eurem Hauſe; ich habe mir erlaubt Die Fuͤnfundvierzig. IW. 6 74 zu ſagen, daß Ihr mit mir verwandt waͤret; verzeihet mir.“ Und ohne den Dank derer abzuwarten, denen er das Leben gerettet hatte, entfernte ſich Heinrich von ihnen, um ſich zu den Officieren zu begeben. Sie erzählten ihm, wie ſie ſich gerettet und zufällig an dieſem Orte eine Zuflucht vor den Feinden gefunden. „Und die uͤbrige Armee?“ fragte Heinrich. „Seht auf die Leichen, die voruͤber ſchwimmen; ſie antworten für uns.“ „Aber. aber mein Bruder?“ fragte Du Bouchage erbebend. „Gewiſſe Nachricht können wir Euch von ihm nicht geben; er hat ſich wie ein Loͤwe geſchlagen. Nuach der Schlacht lebte er gewiß noch; was weiter aus ihm gewor⸗ den, wiſſen wir nicht.“ Heinrich ſenkte den Kopf und ſchwieg eine Zeit lang, dann fragte er ploͤtzlich: „Und der Herzog?“ „Der Herzog hatte ſich zuerſt in Sicherheit gebracht. Er ritt auf einem Schimmel, der nur einen ſchwarzen Fleck an der Stirn hatte.. Eben haben wir das Pferd unter den Trümmern daher nn ſehen; im Steigbuͤgel hing noch das Bein eines Reiters.“ „Großer Gott!“ „Großer Gott!“ ſprach auch Remy, war und Alles gehoͤrt hatte. „Nun?“ fragte Heinrich. „An dem Damme da, wo das Pferd anſchwamm, er⸗ — — e Y gi erf zw ein das llig ſie age richt der vor⸗ ang, cht. leck nter ügel men er⸗ 75 faßte ein Mann den Zuͤgel. Wir zogen es empor und er⸗ kannten den weißen Stiefel und den goldenen Sporn des Herzogs. In demſelben Augenblicke ſchwoll aber plotzlich das Waſſer an, als wolle es ſich ſeine Beute nicht ent⸗ reißen laſſen. Der Soldat ließ los, um nicht ſelbſt mit hineingezogen zu werden und Alles verſchwand. Wir haben nicht einmal den Troſt, unſerm Prinzen ein chriſtliches Be⸗ graͤbniß geben zu können.“ „Todt! Auch er, der Erbe der Krone! Welches Ungluͤck!“ Remy kehrte zu ſeiner Herrin zuruͤck und ſprach in einem unmoͤglich zu beſchreibenden Tone: „Er iſt todt.“* „Gelobt ſei Gott, der mir ein Verbrechen erſpart,“ antwortete ſie, indem ſie die Augen und Hände dankbar gen Himmel erhob. „Ja, aber er hat uns auch die Rache entzogen,“ ſagte Remy. „Gott hat immer ein Recht ſich zu erinnern und der Menſch darf ſich nur raͤchen, wenn Gott zu ſtrafen ver⸗ gißt.“ „Aber was wollt Ihr thun, Graf?“ fragte man Heinrich. Er erbebte und antwortete:„Ich?“ „Ja. Ihr?“ „Ich werde hier warten bis die Leiche meines Bruders erſcheint,“ antwortete der junge Mann in düſterer Ver⸗ zweiflung;„dann werde ich ihn ans Land ziehen, um ihm ein chriſtliches Begraͤbniß zu gewähren.“ 6* 76 Die Dame hoͤrte, ſeit ſie den Tod des Herzogs von Anjou vernommen hatte, auf nichts mehr; ſie betete. Siebentes Kapitel. Die Verwandlung. Nachdem die Herrin Remy's ihr Gebet beendiget hatte, erhob ſie ſich ſchoͤner als je. Sie ſchien aus einem langen Schlafe zu erwachen, in dem finſtere Traͤume ſie gequält und ſah ſich mit ſo mildem engelgleichem Blicke um, daß Heinrich, der leichtglänbig war wie alle Verliebten, ſich einbildete, ſie habe Mitleiden mit ihm und werde endlich wenigſtens einem Gefuͤhle der Theilnahme nachgeben. Waͤhrend die Krieger nach ihrem frugalen Mahle ſich hier und da hinlegten, um zu ſchlafen und Remy ſelbſt den Kopf ſenkte, trat Heinrich zu der jungen Dame und ſagte mit leiſer Stimme: „Madame, Ihr lebt; erlaubt, daß ich die Freude mei⸗ nes Herzens ausſpreche, da ich Euch in Sicherheit ſehe.“ „Ich lebe durch Euch,“ antwortete ſie, dann ſetzte ſie mit traurigem Lächeln hinzu,„und ich mochte Euch ſagen konnen, daß ich dankbar ſei.“ In erhabener Ergebung fuhr Heinrich fort: „Iſt es mir doch gelungen, Euch zu retten, damit Ihr Euch zu denen begeben koͤnnt, die Ihr liebt und denen Ihr durch ſo viele Gefahren entgegen zoget.“ —.——————— n 32 en ilt aß ch ch ch en te ei⸗ ſie en hr hr —.———— 77 „Die, welche ich liebte, ſind todt und die, zu denen ich gehe, ſind es auch.“ „Ach,“ ſprach Heinrich indem er auf ſeine Knie ſank, „ſeht auf mich, der ich ſo viel, der ich Euch ſo ſehr geliebt habe. Wendet Euch nicht ab; Ihr ſeid jung und ſchon wie die Engel im Himmel. Leſet in meinem Herzen, das ich Euch oͤffne und Ihr werdet ſehen, daß kein Funke von der Liebe darin liegt, wie andere Männer ſie verſtehen. Ihr glaubt mir nicht? Fragt alle meine vergange⸗ nen Stunden, ob ſie mir Gluͤck und Hoffnung gegeben, und ich dauerte doch aus. Ihr habt mir Thraͤnen ausge⸗ preßt, Ihr habt mir Schmerzen bereitet, Ihr habt mich zum Tode getrieben und ich beklagte mich nicht. Selbſt in dieſem Augenblicke, da Ihr den Kopf abwendet und jedes meiner Worte, wie glühend es auch ſein mag, nur ein kalter Tropfen fuͤr Euer Herz zu ſein ſcheint, lebe ich nur weil Ihr lebt. Sollte und wollte ich nicht eben neben Euch ſterben? Und was verlangte ich? Nichts. Habe ich nur Eure Hand beruͤhrt? Nur um Euch aus Todes⸗ gefahr zu reißen. Ich hielt Euch in meinen Armen, um Euch vor den Fluten zu bewahren; habt Ihr den Druck meiner Bruſt gefuͤhlt? Nein. Alles in mir iſt von dem verzehrenden Feuer meiner Liebe gereiniget wor⸗ den.“ „Seid barmherzig, Herr, und ſprecht nicht alſo mit mir.“ „Seid auch Ihr barmherzig und verurtheilt mich nicht. Man hat mir geſagt, Ihr liebtet Niemanden. Ach, wiederholt mir dieſe Verſicherung; es iſt eine ſeltſame 78 Gunſt, nicht wahr, fuͤr einen Mann, der liebt, hören zu wollen, daß er nicht geliebt werde, aber ich ziehe ſie vor, weil Ihr mir damit ſagt, daß Ihr unempfindlich gegen Alle ſeid.“ Trotz den dringenden Bitten Heinrich's war ein Seufzer die alleinige Antwort, die er empfing. „Ihr ſagt mir nichts,“ fuhr der Graf fort.„Remy war doch noch mitleidiger als Ihr; er verſuchte mich zu troͤſten. Ach, Ihr antwortet mir nicht, weil Ihr mir nicht ſagen wollet, daß Ihr in Flandern Jemanden ſuchtet, der gluͤcklicher iſt als ich und ich ſterbe zu Enren Füßen, ohne daß Ihr mir ſagt: ich habe geliebt, liebe aber nicht mehr, oder: ich liebe, werde aber aufhoͤren zu lieben.“ „Herr Graf,“ entgegnete die Dame majeſtätiſch, „ſprecht gegen mich nicht von Dingen, die man einer Frau ſagt; ich bin ein Weſen aus einer andern Welt und lebe nicht mehr in dieſer. Wenn ich Euch minder adelig, min⸗ der gut, minder edel geſehen haͤtte, wenn ich in meinem Herzen nicht die Neigung einer Schweſter fuͤr den Bruder fuͤhlte, wuͤrde ich zu Euch ſagen: ſtehet auf, Herr Graf, und belaͤſtiget nicht länger die Ohren, die ein Grauen vor jedem Liebesworte haben; aber ich will dies nicht ſagen, Herr Graf, denn es ſchmerzt mich Euch leiden zu ſehen. Ja ich ſage noch mehr: jetzt da ich Euch kenne, wuͤrde ich Eure Hand ergreifen, ſie auf mein Herz legen und Euch gern ſagen: bleibet bei mir, wenn Ihr es wünſchet und wohnet, wenn es Euch Freude macht, dem ſchmerzlichen Hinſcheiden eines Koͤrpers bei, den die Qualen der Seele zu * en y zu ir 4 n, ht h, u be n⸗ er f, or n, ch ch d n 79 ertoͤdtet haben; aber dieſes Opfer, das Ihr als ein Gluck annehmen wuͤrdet.. „Ja, ja,“ fiel Heinrich ein. „Dieſes Opfer muß ich zuruͤckweiſen; heute hat ſich etwas in meinem Leben geaͤndert, ich habe nicht mehr das Recht mich auf irgend einen Arm in der Welt zu ſtuͤtzen, nicht einmal auf den Arm des edelen Freundes, der dort ruht und der einen Augenblick das Gluͤck genießt zu ver⸗ geſſen. Ach, armer Remy,“ fuhr ſie fort und ihr Ton er⸗ hielt zum erſten Male einen Anklang von Mitgefuͤhl,„ar⸗ mer Remy, auch Dein Erwachen wird traurig ſein; Du folgſt meinen Gedanken nicht, Du lieſeſt nicht in meinen Augen, Du weiſt nicht, daß Du nach Deinem Schlafe allein auf dieſer Erde ſtehen wirſt, denn ich allein muß zu Gott mich aufſch wingen.“ „Was ſagt Ihr? Denkt auch Ihr an den Tod?“ Remy, den der ſchmerzliche Ausruf des jungen Grafen geweckt hatte, richtete den Kopf empor und horchte. „Ihr habt mich beten ſehen.. nicht wahr?“ fuhr die Dame fort. Heinrich nickte. „Dieſes Gebet war mein Abſchied von dieſer Welt; die Freude, die Ihr auf meinem Geſichte bemerkt habt, die mich in dieſem Augenblicke uͤberſtroͤmt, iſt dieſelbe, welche Ihr an mir bemerken werdet wenn der Todesengel mir zuruft: erhebe Dich, Diana und folge mir zu den Fuͤßen Gottes!“ „Diana! Diana!“ fluͤſterte Heinrich;„ich weiß nun 80⁰ doch, wie Ihr Euch nennt. Diana, geliebter, theuerer Name!“ „Schweigt,“ fuhr Diana in ihrem fruͤhern ernſten Tone fort,„vergeßt dieſen Namen, der mir entſchlupft iſt; Niemand unter den Lebenden hat das Recht mir durch das Lautſprechen dieſes Namens das Herz zu durchbohren.“ „Ach, da ich Euren Namen kenne,“ fiel Heinrich ein, „ſprecht nicht davon, daß Ihr ſterben wollet.“ „Ich ſage dies nicht,“ entgegnete die Dame;„ich ſage, daß ich dieſe Welt der Thränen, des Haſſes, der fin⸗ ſtern Leidenſchaften, des gemeinen Eigennutzes und der namenloſen Wuͤnſche verlaſſe, ich ſage, daß ich unter den Geſchoͤpfen nichts mehr zu thun habe, die Gott nach ſei⸗ nem Bilde geſchaffen hat; ich habe keine Thraͤnen mehr in den Augen, das Blut treibt mein Herz nicht mehr zum Schlagen, mein Kopf kennt keinen Gedanken mehr, ſeit der einzige gewichen iſt, der ihn ganz erfullte; ich bin nur noch ein Opfer ohne Werth, da ich nichts aufgebe indem ich der Welt entſage, weder Wüͤnſche noch Hoffnungen; aber ſo wie ich bin, biete ich mich dem Allmaͤchtigen dar; er wird mich barmherzig aufnehmen, da er mich ſo ſchwer leiden ließ und mich doch im Leiden nicht untergehen ließ.“ Remy, der dieſe Worte gehoͤrt hatte, ſtand langſam auf und begab ſich zu ſeiner Gebieterin. „Ihr verlaßt mich?“ fragte er. „Ich gehe zu Gott,“ entgegnete Diana indem ſie zum Himmel die Hand erhob, die blaß und hager war wie die Hand Magdalena's. ſten iſt; das ein, „ich ſn⸗ der den ſei⸗ ehr um ſeit nur em en; ar; wer ß am um die 81 „Wirklich?“ fragte Remy weiter indem er ſein Haupt auf die Bruſt ſinken ließ. Und als Diana die Hand ſenkte, umfaßte er die Dame mit beiden Armen. „O was bin ich neben dieſen beiden Herzen!“ ſeufzete der junge Mann. „Ihr ſeid,“ antwortete Diana,„der einzige Menſch, den ich zweimal angeſehen habe, ſeit ich meine Augen ver⸗ urtheilte ſich zu ſchließen.“ Heinrich kniete nochmals nieder. „Ich danke Euch,“ ſagte er,„Ihr habt mir mein Ge⸗ ſchick nun deutlich enthuͤllt; von dieſem Augenblicke an wird kein Wort aus meinem Munde mehr den verrathen, der Euch liebte. Ihr gehoͤrt Gott an und auf Gott darf ich nicht eiferſuͤchtig ſein.“ Er hatte eben dieſe Worte geſprochen als in der Ebene, in welcher ſich der Nebel mehr und mehr verzog, ſich ferne Trompetenklaͤnge hoͤren ließen. Die Krieger griffen alsbald zu den Waffen und ſaßen zu Pferde, ehe noch das Commando gegeben war. Heinrich horchte. „Meine Herren,“ ſagte er,„das ſind die Trompeter des Admirals, ich erkenne ſie. Moͤgen ſie mir die Ankunft meines Bruders melden!“ „Ihr ſeht wohl, daß Ihr noch etwas wuͤnſchet,“ ſagte Diana zu ihm,„und daß Ihr noch Jemanden liebt; warum wolltet Ihr alſo die Verzweiflung waͤhlen wie die, welche nichts mehr wuͤnſchen und Niemanden mehr lieben?“ 8² „Ein Pferd!“ rief Heinrich;„man leihe mir ein Pferd.“ „Ihr koͤnnt nicht fort, da uns das Waſſer von allen Seiten umgiebt,“ ſagte man ihm. „Ihr ſeht ja, daß die Ebene wieder gehbar iſt, weil die Soldaten marſchiren und die Trompeten klingen.“ „Steigt auf die Anhoͤhe da, vielleicht konnt Ihr die Kommenden ſehen.“ Heinrich begab ſich wirklich nach der angegebenen Stelle und die Trompeten klangen noch immer von Zeit zu Zeit, ohne ſich zu entfernen und ohne naͤher zu kommen. Remy hatte wieder ſeinen Platz neben Diana einge⸗ nommen. Achtes Kapitel. Die beiden Brüder. Eine Viertelſtunde ſpaͤter kam Heinrich zuruͤck; er hatte geſehen, was Jeder ſehen konnte, namlich eine be⸗ deutende Anzahl franzoͤſiſcher Truppen auf einem Huͤgel, auf dem ſie ſich verſchanzt hatten. Mit Ausnahme eines breiten Waſſergrabens, welcher den Ort umgab, in welchem ſich die Gendarmen von Aunis befanden, fing die Ebene an ſich zu entleeren wie ein Teich, der abgelaſſen wird, da der natuͤrliche Fall des Bodens nach dem Meere zu das Waſſer dorthin zog und mehrere hoͤher gelegene Punkte kamen wie Inſeln allmaͤlig aus den Fluten heraus. Schlamm hatte die ganze Flaͤche bedeckt und es ge⸗ wa ter geb Un erb auf che ube Th zue Huͤ leic ſelk Rer lich ein Hei Fle wel ßen eil ie en zu 83 währte einen traurigen Anblick als man etwa funfzig Rei⸗ ter erkannte, die in dem Schlamme einſanken und ver⸗ gebens den Huͤgel oder den Flecken zu erreichen verſuchten. Von dem Huͤgel aus hatte man den Nothſchrei der Unglucklichen gehoͤrt und deshalb blieſen die Trompeter. Sobald der Wind den Nebel vollends vertrieben hatte, erblickte Heinrich auf dem Huͤgel die Fahne Frankreichs. Die Gendarmen ihrer Seits pflanzten ihre Standarte auf und von beiden Seiten ſchoß man mehrmals zum Zei⸗ chen der Frende. Gegen elf Uhr erſchien die Sonne, goß ihre Strahlen uͤber den Schauplatz der Verwuͤſtung aus, trocknete einige Theile der Ebene und machte eine Art Fußweg gehbar. Heinrich, der ſich auf denſelben wagte, bemerkte zuerſt, daß ein gepflaſterter Weg von dem Flecken zu dem Huͤgel fuͤhre und ſchloß daraus, daß die Pferde zwar viel⸗ leicht tief einſinken, aber doch weiter kommen wuͤrden. Er bat den Verſuch wagen zu dürfen und da man ihm den⸗ ſelben nicht ſtreitig machte, empfahl er einem Bekannten Remy und die unbekannte Dame und ging an ſein gefaͤhr⸗ liches Unternehmen. In derſelben Zeit als er den Flecken verließ, ſah man einen Reiter von dem Huͤgel herabkommen und, wie es Heinrich that, ſeiner Seits den Verſuch machen zu dem Flecken zu gelangen. An dem Huͤgel ſtanden dicht gedraͤngt die Soldaten, welche zitternd zuſahen. Die beiden Abgeordneten der beiden Haufen des gro⸗ ßen franzoſiſchen Corps ſetzten muthig ihren Weg fort und 84⁴ bemerkten bald daß ihre Aufgabe minder ſchwierig ſei als ſie es gefurchtet hatten. Schon waren die Reiter nur noch etwa zweihundert Schritte von einander entfernt. „Frankreich!“ rief der Reiter, der von dem Huͤgel her kam, waͤhrend er ſein Barett mit einer weißen Feder ſchwenkte. „Ah, Du biſt es?“ rief Heinrich in unausſprechlicher Freude aus. „Du, Heinrich, mein Bruder?“ rief der Andere. Und Beide trieben ihre Pferde ſo raſch als möglich weiter, ſo daß ſie denn wirklich bald unter dem Jubel der Zuſchauenden einander in die Arme ſinken konnten. Das Beiſpiel der beiden Muthigen fand Nachahmer und bald waren die beiden Heerhaufen vereiniget und rie⸗ fen jubelnd:„Es lebe Frankreich!“ „Meine Herren,“ fiel endlich ein Officier ein,„Ihr muͤßt rufen: es lebe der Herr Admiral, denn dem Herrn Herzoge von Joyeuſe allein verdanken wir die Rettung des Lebens in dieſer Nacht, wie die Freude nun unſere Lands⸗ leute umarmen zu koͤnnen.“ Die Anweſenden ſtimmten jubelnd ein. Die beiden Bruͤder wechſelten einig Er dann fragte Joyeuſe: „Und der Herzog?“ „Er ſcheint todt zu ſein,“ antwortete Heinrich. „Iſt die Nachricht ſicher?“ „Die Gendarmen von Aunis haben ſein ertrunkenes Pferd geſehen und daſſelbe an einem Zeichen erkannt. Das Pfe Koy der und ſer wol und Ca geſi ſini „al ent ger „ſi als dert uͤgel eder icher glich der mer rie⸗ Ihr errn des nds⸗ ann enes Das 85⁵ Pferd ſchleppte im Steigbuͤgel einen Reiter nach, deſſen Kopf im Waſſer hing.“ „O es war ein trauriger Tag fur Frankreich!“ ſetzte der Admiral hinzu, der ſich dann zu ſeinen Leuten wandte und ſagte:“ „Wir duͤrfen keine Zeit verlieren. Hat ſich das Waſ⸗ ſer verlaufen, werden wir wahrſcheinlich angegriffen. Wir wollen uns alſo verſchanzen, bis wir weitere Nachrichten und Lebensmittel erhalten.“ „Aber, gnädiger Herr,“ antwortete eine Stimme,„die Cavalerie wird nicht weiter konnen; die Pferde haben ſeit geſtern vier Uhr kein Futter erhalten und die armen Thiere ſind halb verhungert.“ „Wir haben Getreide,“ ſagte einer der Gendarmen; „aber was genießt die Mannſchaft?“ „Wenn Getreide da iſt, ſo wollen wir zufrieden ſein,“ entgegnete der Admiral;„das koͤnnen die Menſchen auch genießen..“ „Ich moͤchte einen Augenblick mit Dir ſprechen,“ ſagte Heinrich zu dem Bruder. „Ich werde den Flecken beſetzen,“ antwortete dieſer; 3 „ſuche mir da eine Wohnung und erwarte mich.“ Heinrich kehrte zu ſeinen beiden Gefährten zurück. „Ihr ſeid nun mitten in einer Armee,“ ſagte er zu Remy;„verbergt Euch in der Wohnung, die ich aufſuchen will, denn es wird ſich nicht ziemen, daß die Dame von Jemandem geſehen werde. Abends, wenn Alle ſchlafen, wollen wir uberlegen, wie wir Euch mehr Freiheit ſchaffen konnen.“ 86 Remy begab ſich mit Diana in die Wohnung, welche ihnen ein Officier abtrat. Gegen zwei Uhr ruͤckte der Herzog von Joheuſe ein und gab ſtrenge Befehle, damit jede Unordnung vermieden wuͤrde. Dann ließ er Gerſte unter die Mannſchaft, Hafer fur die Pferde und Waſſer vertheilen, beſtimmte das Bier und den Wein, den man in einigen Kellern fand, für die Verwundeten und ſtillte den eigenen Hunger mit einem Stuͤck Schwarzbrot. Ueberall wurde er gls Retter begrußt, als er die Poſten muſterte. „Nun,“ ſagte er zu ſeinem Bruder als er zurückkam, „mogen die Flamänder kommen, ich ſch lage ſie gewiß. Aber laß uns plaudern und erzähle mir, wie Du Flandern kommſt.“ „Bruder,“ antwortete Heinrich dem Anirale,„das Leben war mir in Paris unerträglich geworden und ich wollte Dich in Flandern aufſuchen.“ „Immer noch der Liebe wegen?“ fragte Joyeuſe. „Nein aus Verzweiflung. Jetzt bin ich nicht mehr verliebt; die Liebe iſt geſchwunden, aber die Traurigkeit iſt geblieben.“ „Erlaube mir zu bemerken, daß Du an ein erbärm⸗ liches Weib gerathen biſt.“ „Wie ſo?“ „Ja, aus uͤbergroßer Tugend die Leiden Anderer nicht achten, zeigt von einem Mangel an chriſtlicher Liebe.“ „Verleumde die Tugend nicht, Bruder.“ „O ich verleumde die Tugend nicht, Heinrich, ich be⸗ S c che ein den afer ier die tem die im, 87 ſchuldige nur das Laſter. Ich wiederhole alſo, daß dieſes Weib ein erbaͤrmliches Weib iſt und ihr Beſitz, wie wuͤn⸗ ſchenswerth er auch ſein mag, nie die Leiden wird ausglei⸗ chen koͤnnen, die ſie Dir bereitet hat. In einem ſolchen Falle muß man ſeine Kraft und Macht gebrauchen, denn man greift da nicht an, ſondern vertheidiget ſich blos. Ich an Deiner Stelle, Heinrich, wuͤrde das Haus jener Dame mit Sturm nehmen, ſie ſelbſt eben ſo erobern und dann, wenn ſie vor ihrem Sieger ſich gedemüthiget hätte, wenn ſie die Arme um Deinen Hals legte und ſagte: Hein⸗ rich, ich bete Dich an, ſollteſt Du ſie von Dir ſtoßen und ſagen; daran thut Ihr ganz wohl; es kommt nun die Reihe an Euch; ich habe ſo viel gelitten, daß es ganz recht iſt, wenn Ihr auch leidet.“ Heinrich ergriff die Hand ſeines Bruders und ſagte: „Du denkſt kein Wort von dem, was Du da ſagſt, Joyeuſe.“ „Wahrhaftig, ich meine es ſo.“ „Du biſt ſo gut und edelfinnig.“ „Edelmuth gegen Herzloſe iſt Dummheit, Bruder.“ „Joyeuſe, Du kennſt dieſe Dame nicht.“ „Ich mag ſie auch gar nicht kennen lernen.“ „Warum nicht?“ „Weil ich etwas begehen wurde, was ich eine Handlung der Gerechtigkeit nenne, was aber Andere ein Verbrechen nennen duͤrften.“ „Ach wie glucklich biſt Du, Bruder, daß Du nicht liebſt.. Aber laſſen wir meine thoͤrichte Liebe und ſprechen wir von dem Kriege.“ 88 „Recht gern, Du wuͤrdeſt mich auch mit Deiner Thor⸗ heit anſtecken.“ „Du ſiehſt, daß es uns an Lebensmitteln fehlt.“ „Iſt weiß es und habe ſchon daran gedacht ſie herbei⸗ zuſchaffen.“ „Und haſt Du ein Mittel gefunden?“ „Ich glaube es. Ich kann mich von hier nicht ent⸗ ſernen, bevor ich Nachricht von der Armee erhalten habe, weil die Stellung hier gut iſt und ich mich gegen fuͤnffach uberlegene Kraͤfte vertheidigen wurde, aber ich kann Trup⸗ pen auf Recognoscirung ausſchicken; ſie werden zuerſt Nachrichten erhalten und dann auch Lebensmittel, denn Flandern iſt doch ein ſchoͤnes Land.“ „Nicht eben gar zu ſchoͤn.“ „Ich meine nur das Land wie es Gott geſchaffen hat und nicht die Menſchen, welche das Werk Gottes immer verderben. Siehſt Du ein, welche Thorheit der Prinz be⸗ gangen, welche Partei er verloren hat? Nun, Gott hat ſeine Seele zu ſich genommen, ſprechen wir alſo nicht mehr davon; aber er konnte unſterblichen Ruhm und eines der ſchonſten Reiche in Europa erwerben, während er nur fuͤr den— Wilhelm den Schleicher gearbeitet hat. Weiſt Du uͤbrigens, daß die Antwerpener ſich vortrefflich geſchlagen haben?“ „Du auch, Bruder, wie man ſagt.“ „Ja, ich hatte gerade meinen guten Tag und etwas regte mich beſonders auf.“ „Was?“ tr ni m lei ze ric eit D zut * da i⸗ er du en 89 „Ich traf auf dem Schlachtſelde mit einem befannten Degen zuſammen.“ „Mit einem Franzoſen?“ „Mit einem Franzoſen.“ „Unter den Flamaͤndern?“ „An der Spitze derſelben und es iſt dies ein Geheim⸗ niß, das man wiſſen muß, um es neben die Hinrichtung Saleède's auf dem Greveplatze ſtellen zu können.“ „Du biſt zu meiner großen Freude wohlbehalten dem Kampfe entgangen; ich habe nichts gethan und muß doch auch etwas thun.“ „Was willſt Du thun?“ „Gieb mir ein Commando uͤber Deine Recognoscirungs⸗ truppen.“ „Nein, das iſt zu gefaͤhrlich, Heinrich und ich will Dich nicht eines unbekannten alſo haͤßlichen Todes ſterben laſſen. Die Leute konnen auf einen Haufen Flamaͤnder ſtoßen, die mit Senſen und Flegeln dreinſchlagen; Du toͤdteſt viel⸗ leicht Tauſend und es bleibt Einer uͤbrig, aber dieſer Eine zerhaut Dich oder macht Dich zum Kruppel. Nein, Hein⸗ rich, wenn Du durchaus ſterben willſt, ſuche Dir wenigſtens einen beſſern Tod.“ „Gewaͤhre mir meine Bitte, Bruder; ich verſpreche Dir alle Vorſichtsmaßregeln zn gebrauchen und hierher zuruͤckkommen.“ „Ah, ich verſtehe.“ „Was verſtehſt Du?“ „Du willſt verſuchen ob eine glaͤnzende Waffenthat das Herz der Unzugaͤnglichen erweicht. Geſtehe, ſo iſt es.“ Die Fuͤnfundvierzig. W. 7 90 „Ich will es gern geſtehen, wenn Du es wünſcheſt.“ „Du haſt Recht. Die Frauen, die einer großen Liebe widerſtehen, ergeben ſich bisweilen einem kleinen Ruhme.“ „Das hoffe ich nicht.“ „Dann biſt Du ein dreifacher Thor, wenn Du es ohne dieſe Hoffnung thuſt.“ „Du übertraͤgſt mir das Commando, nicht wahr?“ „Ich muß wohl, da Du es verlangſt.“ „Ich kann noch dieſen Abend aufbrechen?“ „Das iſt nothwendig. Du ſiehſt ein, daß wir nicht lange warten können.“ „Wie viel Mann giebſt Du mir?“ „Hundert, nicht mehr. Ich kann mich hier nicht ſchwächen.“ „Ich begnuͤge mich mit wenigern.“ „Nein, denn ich moͤchte Dir die doppelte Anzahl geben konnen. Aber gieb mir Dein Ehrenwort, daß Du Dich zuruͤckziehen willſt, wenn Du es mit mehr als dreihundert Feinden zu thun bekommen ſollteſt.“ „Du willſt mir ein wenig Ruhm theuer verkaufen, Bruder,“ ſagte Heinrich lächelnd.„Aber gieb nur Deine Befehle, ich werde ſie ausfuͤhren.“ „Du wirſt Dich nur in einen Kampf einlaſſen, wenn der Feind ſo ſtark iſt wie Du, oder doppelt, oder hoͤchſtens dreimal ſo ſtark.“ „Ich ſchwore es Dir.“ „Gut; welches Corps willſt Du haben?“ „Laß mich hundert Mann von denen von Aunis nehmen; * mei Tag beſti laß treil Prir Men leger St. be . ne cht cht en ich ert en, ine nn ens en; 91 ich habe viele Freunde in dieſem Regimente und wenn ich meine Leute auswahle, kann ich Alles thun.“ „Meinetwegen.“ „Wann breche ich auf?“ „Sogleich. Laß nur den Leuten eine Ration für einen Tag, den Pferden aufzwei geben und vergiß nicht, daß ich beſtimmte und ſichere Nachrichten haben will.“ „Haſt Du noch einen geheimen Befehl zu geben?“ „Erzaͤhle nichts von dem Tode des Herzogs, ſondern laß die Leute bei dem Glauben, er ſei in dem Lager. Ueber⸗ treibe meine Streitkräfte und wenn Du den Leichnam des Prinzen findeſt, ſo laß ihn, wenn er auch ein ſchlechter Menſch und ſchlechter General war, in eine eichene Kiſte legen und durch Deine Gendarmen fortbringen, damit er in St. Denis beſtattet werden kann.“ „Das iſt Alles?“ „J Sie umarmten einander. „Noch einmal, Heinrich, Du verſprichſt mir, was ich verlange und ſuchſt keine Liſt, um Deinem Verſprechen zu entgehen und den Tod zu finden?“ „Ich hatte dieſen Gedanken als ich zu Dir kam; jetzt iſt er beſeitiget.“ 3 „Seit wann?“ „Seit zwei Stunden.“ „Bei welcher Gelegenheit?“ „Das kann ich Dir nicht ſagen.“ 74 92 „So geh. und behalte Deine Geheimniſſe ſür Dich.“ Die beiden Bruͤder trennten ſich. Nenntes Kapitel. Die Expedition. Heinrich eilte voll Freuden zu Remy und Diana. „Haltet Euch bereit,“ ſagte er zu ihnen,„nach einer Viertelſtunde brechen wir auf; Ihr werdet zwei geſattelte Pferde unten finden; ſchließt Euch uns an und ſagt kein Wort.“ Darauf befahl er zum Aufſitzen zu blaſen und die Leute ſtellten ſich bald vor dem Hauſe auf. Remy und Diana miſchten ſich unter das Gefolge. „Mein Bruder, der Admiral,“ ſagte Heinrich,„hat mir auf eine kurze Zeit das Commando über Eure Com⸗ pagnie uͤbertragen und mir befohlen auf Entdeckungen aus⸗ zuziehen; hundert von Euch werden mich begleiten; der Auftrag iſt gefährlich, aber Ihr werdet ihn zum Wohle Aller unternehmen. Wer erbietet ſich freiwillig?“ Alle dreihundert Mann erboten ſich. „Ich danke Euch,“ ſprach Heinrich;„man ſagt mit Recht, Ihr waͤret das Beiſpiel des Heeres geweſen, aber ich kann nur hundert Mann von Euch nehmen. Waͤhlen will ich nicht; der Zufall mag entſcheiden. Laſſet loſen“ ſetzte er zu den Officieren gewendet hinzu. — ich.“ einer telte kein Leute ian „hat Fom⸗ aus⸗ der ohle tmit aber ählen ſen,“ 93 Während dies geſchah, gab Joyeuſe ſeinem Bruder die letzten Inſtructionen. Die Felder trocknen ab,“ ſagte er;„es muß, wie die Leute verſichern, einen Verbindungsweg zwiſchen Con⸗ ticg und Rupelmonde geben. Hoffentlich habt Ihr nicht nothig bis zu dem letzten Orte zu reiten, um Lebensmittel oder Muͤhlen zu finden.“ Heinrich wollte aufbrechen. „Warte,“ rief ihm ſein Bruder zu,„Du vergiſſeſt die Hauptſache. Meine Leute haben drei Bauern eingefangen; ich gebe Dir einen als Führer mit. Kein falſches Mitleid! Bei dem erſten Schein von Verrath einen Piſtolenſchuß oder Dolchſtoß!“ Die hundert Mann mit Du Bouchage an der Spitze brachen nun auf. Der Fuͤhrer ging zwiſchen zwei Reitern, welche die Hand immer am Piſtol hatten. Remy und deſſen Begleiterin hatten ſich unter das Ge⸗ folge gemiſcht. Man kam nur ſehr langſam vorwaͤrts, da die Pferde faſt keinen Boden unter den Füßen fanden. Von Zeit zu Zeit bemerkte man einzelne Geſtalten, die über die Ebene flohen,— Bauern, die ſich zu ſchnell wieder auf ihre Be⸗ ſitzungen wagten und nun in die Hände der Feinde zu fal⸗ len fuͤrchteten, welche ſie hatten vernichten wollen. Oder. es waren auch ungluckliche Franzoſen, halb verhungert und halb erfroren, die nicht wußten, ob die Reiter Feinde oder Freunde waren. Man kam in drei Stunden ungefähr eine Stunde weit und gelangte an den Rupelfluß, an dem ſich eine gepflaſterte 94 Straße hinzog; aber nun folgten auf die Schwierigkeiten Gefahren; einige Pferde brachen ein Bein in Loͤchern zwi⸗ ſchen den Steinen oder ſie glitten aus und ſturzten in den noch hoch aufgeſchwollenen Fluß. Auch fiel hier und da aus einem Boote ein Schuß und mehrere Leute wurden ver⸗ wundet.. Drei Stunden von Rupelmonde traf das Streifcorps auf ein halbes Dutzend franzoͤſiſcher Soldaten, die um ein Torffeuer herumkauerten und eine Pferdekeule brieten, das einzige Eßbare, was ſie ſeit zwei Tagen gefunden hatten. Als ſie Landsleute in den Ankommenden erkannten, ent⸗ ſtand ein ungeheuerer Jubel. Sie wurden mitgenommen wie weiterhin vier Reiter, die nur noch ein Pferd hatten. Endlich gelangte man an die Schelde; es war finſtere Nacht; die Franzoſen trafen auf zwei Leute, welche in ſchlechtem Vlaͤmiſch einen Schiffer erſuchten ſie überzuſetzen, was derſelbe unter Drohungen verweigerte. Der Officier der Gendarmen ſprach Vlämiſch, ritt vor⸗ ſichtig naͤher und hoͤrte die Worte: „Ihr ſeid Franzoſen und mußt hier ſterben; Ihr konnt nicht hinuber.“ Einer der Franzoſen aber ſetzte ihm einen Dolch auf die Kehle und ſagte franzoͤſiſch:„ „Du wirſt hier ſterben muͤſſen, wenn Du uns nicht ſogleich uberſetzeſt.“ „Haltet feſt, haltet feſt!“ rief der Officier,„nach fuͤnf Minuten ſind wir bei Euch.“ Aber waͤhrend die beiden Franzoſen auf die Worte iten zwi⸗ den d da ver⸗ rps ein das ten. ent⸗ men n. tere in zen, vor⸗ nnt auf icht unf rte 95 horten, die ihnen zugerufen wurden, entſchluͤpfte der Fla⸗ maͤnder, ſprang in ſein Boot und fuhr ſchnell hinweg. Ein Gendarm, welcher erkannte, wie nuͤtzlich dieſes Boot ſein koͤnnte, ſchoß den Schiffer nieder. Das Boot drehete ſich eine Zeit lang umher und wurde endlich von der Stroͤmung wieder an das Ufer getragen. Die beiden Maͤnner bemaͤchtigten ſich deſſelben alsbald und traten zuerſt hinein. „Wer ſeid Ihr?“ fragte der Officier. „Officiere vom Marineregiment. Ihr ſeid Gen⸗ darmen von Aunis?“ „Ja und wir freuen uns Euch dienen zu können. Wol⸗ let Ihr uns nicht begleiten?“ „Recht gern.“ „So ſetzt Euch auf die uns folgenden Wagen, wenn Ihr nicht gehen könnt.“ „Darf ich Euch fragen, wohin Ihr reitet?“ „Nach Rupelmonde.“ „So ſeht Euch vor; heute Morgen marſchirte eine Abtheilung Spanier vor Antwerpen vorbei. Wir glaub⸗ ten uns erſt Abends uber den Fluß wagen zu konnen. Zwei Mann erregen keine Beſorgniſſe, aber Ihr?“ „Ich werde unſern Fuͤhrer rufen.“ Er rief Heinrich, welcher herbeikam. „Die Herren haben heute Morgen eine Abtheilung Spanier auf demſelben Wege hinziehen ſehen.“ „Wie ſtark waren ſie?“ fragte Heinrich. „Etwa funfzig Mann.“ „Haͤlt das Euch auf?“ 96 „Nein, Herr Graf, ich glaube aber doch, daß wir wohl che thun, uns des Bootes zu verſichern; zwanzig Mann können erf darin ſtehen und wenn es nothwendig wird uͤber den Fluß 68 zu ſetzen, würde die Sache mit fünf Fahrten beendiget ſein, wobei wir die Pferde am Zuͤgel halten und ſie nachſchwim⸗ die men laſſen.“ um „So behaltet das Boot. Zwiſchen der Rupel und Schelde muͤſſen Häͤuſer ſtehen.“ mi „Es liegt ein Dorf da.“ „Dahin wollen wir uns wenden. Zwei Mann moͤgen ter in dem Boote auf dem Fluſſe hinunterfahren, waͤhrend wir auf der Straße hin reiten.“ Kr „Wir wollen in dem Boote bleiben,“ ſagten die beiden lic Officiere. ge „Thut dies, aber verliert uns nicht aus dem Geſichte und kommt uns nach.“ nic „Sehr wohl,“ ſagte einer der Officiere wäͤhrend er das Boot vom Ufer abſtieß. Eine Stunde darauf erreichte man das Dorf, das wirk⸗ ſin lich von den Spaniern beſetzt war. Sie erwarteten durch⸗ na aus keinen Ueberfall und leiſteten keinen Widerſtand. we Heinrich ließ ſie entwaffnen und in dem feſteſten Hauſe ſen einſperren, vor das er einen Poſten von zehn Mann ſtellte. ma Ein anderer Poſten von zehn Mann ſollte das Boot Wi bewachen und zehn andere wurden als einzelne Schild⸗ wachen auf verſchiedenen Punkten vertheilt. He Dann beſtimmte Heinrich, daß je zwanzig Mann auf her einmal in dem Hauſe dem gegenuͤber eſſen ſollten, in wel⸗ der ohl ten luß m⸗ nd 97 chem ſich die Spanier befanden. Das Abendeſſen fuͤr die erſten funfzig oder ſechzig war bereit,— das, welches die Spanier hatten verzehren wollen. Heinrich waͤhlte eine Wohnung für Diana und Ronn die nicht mit den Uebrigen eſſen wollten und ging dann fort, um die Wachen zu beſuchen. Nach einer halben Stunde kam er zuruͤck. Man hatte mit dem Eſſen auf ihn gewartet. Kupferne Lampen, die an der Decke hingen, verbreite⸗ ten Helle und noch mehr Rauch. Die Tafel, auf der man Brod, Schweinfleiſch und einen Krug Bier fuͤr Jeden ſah, wuͤrde ſelbſt fuͤr Leute appetit⸗ lich ausgeſehen hahen, die nicht vierundzwanzig Stunden gefaſtet. Die beiden Marincofficiere befanden ſich auch da, aber nicht am Tiſche und am dunkelſten Theile des Zimmers. „Ihr eſſet ja nicht, Ihr Herren?“ redete Heinrich ſie an. „Wir danken, Herr Graf,“ antwortete Einer;„wir ſind ſehr ermuͤdet und ſehnen uns mehr nach Schlaf als nach Eſſen. Wir erkennen die Ehre Eurer Einladung, wenn Ihr uns aber einen Ort zum Schlafen anweiſen laſ⸗ ſen wolltet..“ Heinrich hoͤrte mit der groͤßten Aufmerkſamkeit zu, aber man ſah es, daß ihn mehr die Stimme beſchaͤftigte als die Worte, welche dieſelbe ſprach. „Iſt das auch die Meinung Eures Begleiters?“ fragte Heinrich, während er dieſen, der den Hut tief auf die Stirn engeric hatte und kein Wort ſprach, mit auffallen⸗ der Aufmerkſamkeit anſah. 98 Als der Zweite ſonach antworten mußte, murmelte er kaum verſtändlich: „Ja, Graf.“ Der junge Mann erbebte, ſtand auf und ging dahin, wo die Beiden ſtanden. „Herr,“ ſagte er zu dem, welcher zuerſt geſprochen hatte, „thut mir einen Gefallen.“ „Welchen?“ „Sagt mir, daß Ihr nicht der Bruder Aurilly's oder vielleicht Aurilly ſelbſt ſeid.“ „Aurilly!“ riefen die Anweſenden aus. „Und Euer Begleiter,“ fuhr Heinrich fort,„moͤge ein wenig den Hut aus dem Geſichte ruͤcken,— ſonſt nenne ich ihn Hoheit und verneige mich vor ihm.“ Heinrich nahm den Hut ab und verbeugte ſich wirklich vor dem Unbekannten, der den Kopf emporrichtete. „Der Herr Herzog von Anjou!“ riefen die Officiere aus. „Er lebt!“ „Nun,“ ſagte der Mann,„da Ihr Euren beſiegten und gefluͤchteten Fürſten erkennt, ſo will ich mich nicht lan⸗ ger verbergen; ja, Ihr irrt Euch nicht, ich bin der Herzog von Anjon.“ „Es lebe der Herzog von Anjou!“ jubelten die Offi⸗ ciere. te er hin, atte, oder ein e ich klich iere gten laͤn⸗ rzog ffi⸗ 99 Zehntes Kapitel. Paulus Aemilius. Der Prinz erſchrak uͤber dieſen Zuruf, ſo aufrichtig er auch gemeint war. „Schweigt, ſchweigt,“ ſagte er,„und freut Euch uͤber das Gluͤck, das mir widerfahren iſt, nicht mehr als ich es thue. Es iſt mir ſehr lieb, daß ich nicht todt bin, glaubt es mir, aber wenn Ihr mich nicht erkannt haͤttet, wuͤrde ich mich nicht zuerſt meines Lebens geruhmt haben.“ „Wie, Hoheit,“ fiel Heinrich ein,„Ihr haͤttet mich erkannt, befindet Euch unter Franzoſen, die troſtlos uber Euren Verluſt ſind und wolltet uns in dem Schmerze uͤber Euren Verluſt laſſen?“ „Außer einer guten Anzahl Gruͤnde, die mich wuͤnſchen ließen unbekannt zu bleiben, geſtehe ich auch, da man mich einmal für todt hielt, daß mir dieſe Gelegenheit nicht unangenehm war, die ſich bei meinen Lebzeiten ſchwerlich wiederholt, zu erfahren, welche Leichenrede man wohl an meinem Grabe gehalten haͤtte.“ „Gnaͤdiger Herr!“ „Wahrhaftig,“ fuhr der Herzog fort,„ich bin ein Mann wie Alexander von Macedonien; ich fuͤhre den Krieg mit Kunſt und bin eitel dabei wie es alle Kuͤnſtler ſind.. Aber, ohne Eitelkeit, ich glaube, daß ich Fehler gemacht habe.“ „Sagt dies nicht, Hoheit,“ entgegnete Heinrich, der das Auge niederſchlug. 100 „Warum nicht? Nur der Papſt iſt unfehlbar und ſeit Bonifacius VIII. wird auch dieſe Unfehlbarkeit ſehr beſtritten. Glaubt Ihr, ich haͤtte mich nicht ſchon ſelbſt ſchwer genug getadelt, nicht daß ich die Schlacht geliefert, ſondern daß ich ſie verloren habe?“ „Dieſe Guͤte erſchreckt uns, Hoheit und ich bitte be⸗ merken zu dürfen, daß dieſe Heiterkeit nicht natuͤrlich iſt. Habt die Gewogenheit, uns durch die Verſicherung zu be⸗ ruhigen, daß Ihr nicht leidet.“ Eine ſchwere Wolke zog uͤber die Stirn des Prinzen. „Nein,“ ſagte er,„nein.. Ich habe mich nie wohler befunden, Gott ſei Dank! als jetzt und ich fuhle mich ganz behaglich unter Euch.“ Die Officiere verbeugten ſich. „Wie viel Leute habt Ihr da, Du Bouchage?“ fragte der Herzog. „Hundertundfunfzig, gnaͤdiger Herr.“ „Ach hundertundfunfzig von zwolftauſend! Das iſt das Verhaͤltniß von Cannàä. Man wird einen Scheffel Eurer Ringe nach Antwerpen ſchicken, aber ich bezweifele, daß die flamändiſchen Schonen ſie gebrauchen können, ſie mußten ſich denn die Finger duͤnner ſchneiden mit den De⸗ gen ihrer Maͤnner, die verteufelt ſchnitten, Ihr Herren „Wenn unſere Schlacht eine Schlacht von Cannä iſt,“ ſagte Heinrich,„ſo konnen wir uns doch glucklicher preiſen als die Roͤmer, denn wir haben unſern Paulus Aemilius behalten.“ „Bei meiner Seele, Ihr Herren,“ entgegnete der Her⸗ zog,„der Paulus Aemilius von Antwerpen iſt Joyeuſe und ———— 101 nd damit die Aehnlichkeit ganz vollſtaͤndig ſei, iſt Guer Bruder hr todt, Du Bouchage, nicht wahr?“ bſt Dieſe kalte Frage ſchmerzte Heinrich tief. rt,„Nein, Hoheit,“ antwortete er,„er lebt.“ „Nun um ſo beſſer,“ ſagte der Herzog mit ſeinem kal⸗ e⸗ ten Lächeln.„Unſer tapferer Joyenſe hat es uͤberlebt? ſt. Wo iſt er, daß ich ihn umarme?“ „Er iſt nicht hier.“ „So iſt er verwundet?“ „Nein er iſt geſund und wohl.“ ler„Aber flüchtig wie ich irrt er hungerig umher?“ nz„Ich ſchätze mich glücklich, Cw. Hoheit anzeigen zu konnen, daß mein Bruder das Gluͤck hatte 3000 Mann zu retten, mit denen er ſieben Stunden von hier in einem gro⸗ gte ßen Flecken ſteht und Ihr ſeht in mir den Fuͤhrer eines Streifeorps, das er ausgeſchickt hat.“ Der Herzog erbleichte. iſt ſe„Dreitauſend Mann!“ wiederholte er.„Und Joyeuſe le, hat dieſe dreitauſend Mann gerettet. Wißt Ihr, daß Euer ſie Brnder ein Tenophon iſt? Es iſt wahrhaftig ein großes e⸗ Gluͤck, daß mein Bruder den Eurigen zu mir geſchickt hat, ſonſt käme ich ganz allein nach Frankreich zuruͤck. Es t,“ lebe Joyeuſe!“ ſen„Ach gnädiger Herr,“ ſprach Du Bouchage leiſe im us Schmerz als er ſah, daß unter der Luſtigkeit des Prinzen eine kaum zu verbergende Eiferſucht lag. er⸗„Habe ich nicht Recht, Aurilly? Wir kommen nach nd Frankreich zuruͤck wie Franz J. nach der Schlacht von Pavia. 102 Alles iſt verloren, nur die Ehre nicht. Ich habe die Deviſe des Hauſes Frankreich wiedergefunden, ha, ha, ha!“ Ein duͤſteres Schweigen begleitete dieſes Lachen, als wäre es Weinen geweſen. „Gnädiger Herr,“ fiel Heinrich ein,„erzählt uns, wie der Frankreich ſchutzende Gott Euch erhalten hat.“ „Lieber Graf, das iſt ganz einfach; der Schutzgott Frankreichs war ohne Zweifel grade mit etwas Wichtigerm beſchaͤftiget, ſo daß ich mich ganz allein gerettet habe.“ „Aber wie?“ Nit Hilfe meiner Beine.“ Dieſer Scherz fand kein Lächeln und der Herzog hätte ſicherlich auch jeden Andern mit dem Tode beſtraft, wenn er ſich erlaubt, dieſen Scherz auszuſprechen. „Ja ja, es iſt ſo. Wie ſind wir gelaufen,“ fuhr er fort,„nicht wahr, Aurilly?“ „Wir kennen Alle die kaltblutige Tapferkeit und das militairiſche Genie Ew. Hoheit und bitten Euch alſo uns das Herz nicht dadurch ſchwer zu machen, daß Ihr Euch ein Unrecht zuſchreibt, deſſen Ihr nicht ſchuldig ſeid. Der beſte Feldherr iſt nicht unbeſieglich und Hannibal ſelbſt wurde bei Zama uberwunden.“ „Ja,“ antwortete der Herzog,„aber Hannibal hatte die Schlachten an der Trebia, bei Traſimene und Cannä gewonnen, waͤhrend ich nur die von Chateau⸗ Cambreſis gewonnen habe, was zu einem Vergleich durchaus nicht hinreicht.“ „Ew. Hoheit ſcherzet, wenn Ihr ſagt, Ihr wäret ge⸗ flohen.“ ubr Aur gla den kon lich dre den häſt Gel wie ben als der der Sit Eir ent 6 8 n E 103 „Wahrhaftig nicht, ich ſcherze nicht. Meint Ihr übrigens, Du Bouchage, es ließe ſich daruber ſcherzen?“ „Konnte man anders handeln, Herr Graf?“ ſiel Aurilly ein, der ſeinem Herrn zu Hilfe kommen zu muͤſſen glaubte. „Schweig Du, Aurilly,“ ſagte der Herzog;„frage den Schatten Saint⸗Aignan's, ob man anders handeln konnte.“ Aurilly ſenkte das Haupt. „Ah, Ihr kennt die Geſchichte von Saint⸗Aignan frei⸗ lich nicht; ich will ſie Euch erzählen. Man kann ſie in drei Grimaſſen theilen.“ Die Officiere runzelten bei dieſem Scherze, der unter den Umſtänden, in welchen man ſich befand, etwas Ge⸗ haͤſſiges erhielt, ohne ſich darum zu kuͤmmern, ob es ihrem Gebieter mißfalle oder nicht. „Denkt Euch alſo, Ihr Herrn,“ ſagte der Fuͤrſt ohne wie es ſchien irgendwie dieſes Zeichen der Mißbilligung bemerkt zu haben,„denkt Euch, daß er in dem Angenblicke als die Schlacht bereits ſo gut als verloren war, fuͤnfhun⸗ dert Reiter ſammelte und ſtatt davonzugehen wie die An⸗ deren, zu mir kam und zu mir ſagte: „Wir muͤſſen angreifen, Hoheit.“ „Angreifen?“ antwortete ich ihm;„ſeid Ihr bei Sinnen, Saint⸗Aignan? Sie find ja Hundert gegen Einen.“ „Und wenn ſie Tauſend waͤren,“ antwortete er mit entſetzlich verzerrtem Geſichte,„ich greife an.“ 104 „So greift an, mein Lieber, greift an; ich thue es nicht, im Gegentheil..“ „Euer Pferd aber werdet Ihr mir geben, das kaum noch laufen kann; nehmt dafuͤr das meinige, das noch friſch iſt. Da ich nicht fliehen will, iſt jedes Pferd fuͤr mich gut.“ „Und er nahm meinen Schimmel, gab mir ſeinen Rap⸗ pen und ſagte: „Dieſer Renner, Prinz, wird in einer Stunde zehn Meilen weit laufen, wenn Ihr es verlangt.“ „Dann drehete er ſich zu ſeinen Leuten um und ſagte: „Folgt mir! Vorwaͤrts, wer nicht fliehen will!“ Und er ſprengte gegen den Feind mit einem noch ſchlimmer ver⸗ zerrten Geſichte. Er glaubte Menſchen zu treffen und traf Waſſer. Ich hatte das vorausgeſehen. Saint⸗Aignan mit ſeinen Paladinen blieb. Wenn er auf mich gehoͤrt haͤtte, wuͤrden wir ihn hier an dieſer Tafel haben und er wurde jetzt nicht das Geſicht wahrſcheinlich noch häßlicher verziehen als je vorher.“ Die Umſtehenden ſchauderten. „Der Elende hat kein Herz,“ dachte Heinrich.„Ach, warum ſchutzen ihn ſein Ungluͤck, ſeine Schande und vor Allem ſeine Geburt gegen die Benennung, die man ihm ſo gern zurufen moͤchte!“ „Meine Herren,“ ſagte Aurilly leiſe, der recht wohl fühlte, welchen entſetzlichen Eindruck die Worte des Herzogs machen mußten,„Ihr ſehet, wie ſehr Se. Hoheit ange⸗ griffen iſt, achtet alſo nicht auf ſeine Worte. Ich glaube un ler Fi ni wi ert au de † 105 53 wirklich, daß es ſeit dem großen Ungluck bisweilen mit ſei⸗ nem Verſtande nicht ganz richtig iſt.“ 4„So iſt der Herr von Saint⸗Aignan geſtorben und ſo tiſch ſterbe ich noch!“ fuhr der Herzog fort, indem er ſein Glas mich austrank;„übrigens hat er mir im Sterben noch einen letz⸗ ten Dienſt geleiſtet; er hat, weil er mein Pferd ritt, zu tap⸗ dem Glauben Anlaß gegeben, ich ſelbſt ſei todt. Das Ge⸗ rucht hat ſich nicht nur in der franzöſiſchen Armee, ſondern zehn auch in der flamändiſchen verbreitet, welche ſofort die Ver⸗ folgung einſtellte; aber beruhiget Euch, unſre guten Fla⸗ gte: mänder werden die Sache nicht bis zum Paradieſe treiben, Und wir werden Wiedervergeltung uben, eine blutige und ich ver⸗ ſetze mir, in Gedanken wenigſtens, ſeit geſtern die furcht⸗ und barſte Armee zuſammen, die jemals erxiſtirt hat.“ nn„Bis dahin wird Ew. Hoheit den Befehl uber meine hoͤrt Leute ubernehmen,“ fiel Heinrich ein,„es ſteht mir nicht d er mehr zu, da zu befehlen, wo ein franzoſiſcher Prinz weilt.“ icher„So befehle ich vor allen Dingen, daß Jedermann eſſe und Ihr beſonders Du Bouchage, denn Ihr habt Euern Tel⸗ ler noch nicht beruͤhrt.“ Ach,„Ich bin nicht hungerig.“ vor„So beſucht die Poſten, Du Bouchage; meldet den ihm Führern, daß ich lebe, aber erſucht ſie, ſie moͤchten ſich nicht zu ſehr freuen bevor wir eine beſſere Citadelle ge⸗ wonnen oder den Heerhaufen Eures unbeſieglichen Joyeuſe erreicht haben. Denn ich geſtehe Euch, daß ich jetzt durch⸗ zos aus nicht gefangen genommen werden moͤchte, nachdem ich 1 dem Feuer und Waſſer entgangen bin.“ „Es wird Euren Befehlen ſtreng nachgegangen wer⸗ Die Fuͤnfundvierzig. W. 8 106 den und außer dieſen Herrn ſoll Niemand wiſſen, daß Ihr unter uns ſeid.“ „Und die Herrn werden das Geheimniß bewahren?“ fragte der Herzog. Jedermann verbeugte ſich und Du Bouchage ging hinaus. Der Beſiegte, der Fluͤchtige war, wie man geſehen hat, in einem Augenblicke wieder ſtolz, ſorglos und gebieteriſch geworden. Hundert Mann oder hundert tauſend Mann befehligen, heißt doch immer befehlen. Der Herzog wurde auch Joyeuſe gegenuber ſo gehandelt haben. Die Fürſten verlangen nie was ſie zu verdienen glauben, ſondern was man ihnen, wie ſie glauben, ſchuldig iſt. Waͤhrend Du Bouchage die Befehle mit puͤnktlicher Gewiſſenhaftigkeit ausfuͤhrte, fragte Franz und Aurilly, der Schatten des Gebieters, der allen Bewegungen deſſelben folgte, fragte auch. Der Herzog wunderte ſich, daß ein Mann von dem Namen und Range Du Bouchage's das Commando uͤber eine ſolche Handvoll Leute und eine ſo gefährliche Erpedition übernommen hatte. Bei dem Prinzen war alles Argwohn und jeder Arg⸗ wohn will aufgeklärt ſein. Er erkundigte ſich alſo und erfuhr, daß der Großadmi⸗ ral, als er ſeinen Bruder an die Spitze des Streifeorps geſtellt, einer dringenden Bitte deſſelben nachgegeben habe. Dieſe Auskunft gab ohne boͤſe Abſicht der Officier der Die Ant hiel mir leg lich auc zeig ſag ſpré entt Der 107 Ihr Gendarmen von Aunis. Der Prinz aber glaubte in dem . Herzen deſſelben einen leichten Anflug von Verdruß über Du Bouchage zu erkennen, deshalb fragte er weiter: „Welche Abſicht hatte aber der Graf? warum bat er ing um ein ſo geringes Commando?“ „Um vorallem der Armee einen Dienſtzu leiſten,“ ant⸗ hat⸗ wortete der Officier,„und daran zweifele ich nicht im iſch geringſten.“ „Vor allem?“ ſagtet Ihr.„Und dann.“ P„Ich weiß nicht, Hoheit..“ ſ„Ihr tänſchet mich oder tänſchet Euch ſelbſt..“ Ich kann ſelbſt Ew. Hoheit nur die Gruͤnde meines i Dienſtes angeben.“ 5„Ihr ſeht, Ihr Herrn,“ wendete ſich der Prinz an die det Andern,„ich that ganz recht daran, daß ich mich verſteckt pen hielt, da es in meinem Heere Geheimniſſe giebt, die man mir verheimlicht.“ ben„O,“ entgegnete der Officier der Gendarmen,„Ihr e legt mein Schweigen ganz anders aus; nur in Bezug auf i Du Bouchage giebt es Geheimniſſe. Wäre es nicht mög⸗ lich, daß der Graf, während er dem Allgemeinen nutzte, t auch einem Verwandten, einem Freunde einen Dienſt er⸗ zeigte, indem er ihm ein ſicheres Geleit verſchaffte?“ i„Wo iſt der Verwandte oder Freund des Grafen? Man rps ſage es mir. Ich will ihn warnen.“ pen„Gnädiger Herr,“ fiel Aurilly ein, der ſich in das Ge⸗ ſpraͤch miſchte,„ich habe einen Theil des Geheimniſſes z entdeckt und Ew. Hoheit hat nicht nöthig beſorgt zu ſein. Der Verwandte, den Du Bouchage geleiten wollte..“ 8* L 108 „Nun, Aurilly?“ „Iſt eine Verwandte.“ „Warum ſagt man mir dies nicht ganz offen? Der liebe Heinrich! Nun, das iſt ganz natürlich. druͤcken wir die Augen zu, da es eine Verwandte iſt und ſprechen wir nicht mehr davon.“ „Das wird ſehr wohlgethan ſein,“ entgegnete Aurilly, „da die Sache im hochſten Grade geheimnißvoll iſt.“ „Wie ſo?“ „Ja, die Dame verbirgt ſich in Maͤnnerkleidern.“ „Gnädiger Herr,“ fiel der Gendarmenofficier ein,„ich bitte Euch; Heinrich Du Bouchage ſchien die Dame mit großer Achtung zu behandeln und moͤchte aller Wahrſchein⸗ lichkeit gegen die Planderer ſich ſehr erzürnen.“ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel, Herr Officier; wir werden auch ſtumm ſein wie das Grab, ſtumm wie der arme St. Aignan, nur werden wir uns bemuͤhen keine Geſichter zu ſchneiden, wie er, wenn wir die Dame ſehen ſollten. Hein⸗ rich hat eine Verwandte bei ſich mitten unter den Gendar⸗ men! Wo iſt dieſe Verwandte, Aurilly?“ „Da oben.“ „Hier in dieſem Hauſe?“ „Ja, gnädiger Herr, aber ſtill, da kommt Du Bon⸗ chage.“ „Still!“ wiederholte der Prinz leiſe lachend. H un jo ſic ei m u ol H lu 109 Elftes Kapitel. Eine Erinnerung des Herzogs von Anjou. 9 3 Du Bouchage konnte als er zuruͤckkam das Lachen des wir Herzogs noch hören, aber er kannte denſelben nicht genau, um zu wiſſen, welche Drohungen in dieſer Heiterkeit An⸗ illy, jou's lagen. Er haͤtte zwar auch an der Verlegenheit einiger Ge⸗ ſichter ahnen konnen, daß der Herzog in ſeiner Abweſenheit — ein ihm feindliches Geſpraͤch gefuͤhrt habe, das durch ſeine „ich Ankunft unterbrochen worden war, aber Heinrich war nicht mit mißtrauiſch genug, um zu errathen, um was es ſich handele ein⸗ und Niemand war mit ihm ſo befreundet, daß er es ihm in Beiſein des Prinzen geſagt haͤtte. wir Auch hielt Aurilly gute Wache und der Herzog, der ari ohne Zweifel über ſeinen Plan bereits im Reinen war, hielt chter Heinrich in ſeiner Naͤhe, bis alle Officiere ſich entfernt hatten. ein⸗ Der Herzog hatte einige Aenderungen in der Aufſtel⸗ idar⸗ lung der Poſten vorgenommen. So hatte es Heinrich, als er allein war, fuͤr gerathen gehalten, ſich ſelbſt zum Mittelpunkte zu machen, weil er der Befehlende war und ſein Hauptquartier in das Haus Bou⸗ Diana's zu verlegen. Auf den wichtigſten Poſten außer 5 dieſen, an den Fluß, hatte er den Officier der Gendarmen geſchickt. Als der Herzog an die Stelle Heinrichs trat, ſchickte 3 er dieſen dahin, wo der Gendarmenofficier geweſen war, Heinrich wunderte ſich daruber nicht. Der Prinz habe grkannt, meinte er, daß dies der wichtigſte Poſten ſei und 11⁰ ihm denſelben anvertraut. Nur glaubte er dem Officier eine Empfehlung geben zu muͤſſen und trat zu ihm, bei den erſten Worten aber, die Heinrich mit ihm uͤber die Perſonen zu ſprechen verſuchte, die unter ſeinem Schutze ſtanden und er die er verlaſſen mußte, fiel der Herzog ein. „Geheimniſſe!“ rief er mit ſeinem Laͤcheln aus. n Der Gendarmenofſicier ſah ein, daß er Unrecht gethan hatte zu plaudern und bereuete es; um dem Grafen zu Huͤlfe z zu kommen, ſagte er: L „Nein, Hoheit, der Herr Graf fragte mich blos, wie n viel trockenes Pulver ich noch habe.“ ſe Dieſe Antwort hatte einen doppelten Zweck, wenn nicht ein doppeltes Reſultat, erſtlich das Mißtrauen des Her⸗ zogs zu beſeitigen und dann dem Grafen anzudeuten, daß u er einen Freund habe, auf den er zaͤhlen duͤrfe.“ n „Das iſt etwas Anderes,“ antwortete der Herzog, der dieſen Worten glauben mußte und als er ſich nach der Thur h wendete, ſetzte der Officier gegen Heinrich hinzu: ſt „Der Herzog weiß, daß Ihr Jemanden begleitet.“ Du Bouchage erbebte, aber es war zu ſpaͤt. Dieſes Erbeben war dem Herzoge nicht entgangen und um ſich ſelbſt zu uͤberzeugen, ob ſeine Befehle überall vollzogen waren, ſchlug er dem Grafen vor, ihn bis auf ſeinen Poſten zu begleiten, was der Graf wohl annehmen mußte. 5 Heinrich haͤtte Remy gern andeuten laſſen, daß er auf ſeiner Hut ſein und eine Antwort vorbereiten moͤge; aber 1 n es war ihm nicht mehr moͤglich; er konnte ſich nur mit den 6 Worten von dem Officier verabſchieden: „Ihr ſorget fuͤr das Pulver, nicht wahr, wie ich ſewi 1 111 icier„Ja, Herr Graf,“ erwiderte der Andere. den Unterwegs fragte der Herzog den jungen Du Bouchage: onen„Wo iſt das Pulver, das Ihr unſerm jungen Officier und empfahlet?“ „In dem Hauſe, in dem Ihr Euer Hauptquartier ge⸗ nommen habt, Hoheit.“ than„Seid unbeſorgt, Du Bug„antwortete der Her⸗ ulfe zog,„ich kenne die Wichtigkeit eines ſolchen Beſitzes bei der Lage, in welcher wir uns befinden, zu gut, als daß ich ihm wie nicht meine ganze Aufmerkſamkeit zuwenden ſollte. Ich ſelbſt werde dafuͤr ſorgen.“ nicht„Die Erhaltung beruht darauf.“ Her⸗ Man gelangte ohne weiter zu ſprechen an den Fluß daß und der Herzog empfahl dem Grafen dringend, den Poſten nicht zu verlaſſen, worauf er umkehrte. der Er fand Aurilly, welcher das Zimmer nicht verlaſſen hůr hatte, auf einer Bank lag und in einen Mantel gehuͤllt ſhlief. 4 Der Herzog klopfte ihn auf die Achſel und weckte ihn. eſes„Haſt du gehoͤrt?“ fragte dieſer. ſich„Ja, Hoheit,“ antwortete Aurilly. ogen„Weißt du wenigſtens was ich meine?“ inen Doch wohl die unbekannte Dame, die Verwandte des ßte. Grafen Du Bouchage?“ auf„Ich ſehe mit Vergnügen, daß das Faro von Bruͤſſel aber uund das Bier von Löwen deinen Kopf nicht gar zu ſehr an⸗ den gegriffen haben.“ „Sprecht, Hoheit, oder gebt mir einen Wink und Ihr ſi werdet ſehen, daß ich noch ſo erfinderiſch bin als jemals.“ „So nimm deine ganze Phantaſie zu Hilfe und rathe.“ „Ich errathe, daß Eure Hoheit neugierig iſt.“ „Das iſt ein Temperamentsfehler. Es iſt mir jetzt nur zu ſagen, was meine Neugierde reizt.“ „Ihr wollt wiſſen, wer die Muthige iſt, welche den beiden Joyeuſes durch Feuer und Waſſer folgt.“ „Per mille pericula Martis, wie meine Schweſter ii ſagen wuͤrde, wenn ſie da wäre.. Du haſt den Nagel auf den Kopf aetrfen, Aurilly. Haſt du an ſie geſchrieben?“ „An wen, Hoheit?“ „An meine Schweſter Margot.“ „Hatte ich an ihre Majeſtät zu ſchreiben?“ „Ohne Zweifel.“ „Woruͤber?“ „Nun daß wir geſchlagen worden ſind, damit ſie weiß woran ſie ſich zu halten hat.“ „Bei welcher Gelegenheit?“ „Weil Spanien, welches mich im Norden los iſt, ihr im Süden uͤber den Hals kommen wird.“ „Richtig.“ „Du haſt nicht geſchrieben?— Nun ja, du ſchliefſt.“ „Ich geſtehe es, aber wenn ich auch haͤtte ſchreiben wol⸗ len, womit haͤtte ich ſchreiben ſollen? Ich habe hier weder 6 noch Tinte noch Feder.“ „Nun ſo ſuche. Suchet, ſo werdet Ihr finden, ſagt die Schrift.. „Wo aber ſoll ich das im Hauſe eines Bauern finden, — ri m nur den ſter den ſie eiß ihr ol⸗ der —— der, wie tauſend gegen eins zu wetten iſt, gar nicht ſchrei⸗ ben kann?“ „Suche nur, Schwachkopf, und wenn du es nicht fin⸗ deſt, ſo..“ „So 2 „So wirſt du etwas Anderes finden.“ „O ich Dummkopf!“ rief Aurilly indem er ſich auf die Stirn ſchlug;„wahrhaftig, Ew. Hoheit hat recht, mein Kopf wird ganz dumm, weil ich ſo ſchlaftrunken bin.“ „Ich glaube es, aber vertreibe einmal den Schlaf und da du nicht geſchrieben haſt, ſo werde ich ſchreiben; ſuche mir nur was ich zum Schreiben brauche; ſuche, Aurilly, ſuche und komme nicht eher zuruͤck bis du gefunden haſt; ich bleibe hier.“ „Ich eile, Hoheit.“ „Und wenn du bei dem Suchen... ſo warte doch!.. Wenn du bei dem Suchen bemerkſt, daß das Haus in male⸗ riſchem Style gebaut iſt, du weißt ja, daß ich die fla⸗ maͤndiſchen Häuſer liebe..“ „Ja, Hoheit.“ „So rufſt du mich.“ „Augenblicklich. Ihr koͤnnt Euch darauf verlaſſen.“ Aurilly ſtand auf und ging nach dem Nebenzimmer, von wo eine Treppe hinaufging. Man horte kaum ein leich⸗ tes Knarren, als er auf dir erſten Stufen trat. Nach fuͤnf Minuten kam er zu ſeinem Herrn zurück. „Nun?“ fragte dieſer. „Wenn ich dem Scheine glauben darf, muß das Haus außerordentlich maleriſch ſein.“ 114 „Warum?“ „Weil man nirgends hinein kann.“ „Wie ſo.“ „Ein Drache muß es bewachen.“ „Laß den ſchlechten Spaß.“ „Gnädiger Herr, es iſt kein ſchlechter Spaß, ſondern traurige Wahrheit. Der Schatz befindet ſich im erſten Stock in einem Gemach hinter einer Thuͤr, unter welcher man das Licht heraus ſchimmern ſieht.“ „Weiter!“ „Vor dieſer Thuͤr auf der Schwelle liegt ein Mann in einem großen grauen Mantel.“ „O ho! Sollte ſich Du Bouchage erlaubt haben einen Gendarmen an die Thuͤr ſeiner Geliebten zu ſtellen?“ „Es iſt kein Soldat, ſondern ein Diener der Dame und des Grafen ſelbſt.“ „Was fuͤr ein Diener?“ „Sein Geſicht iſt nicht zu ſehen; man ſieht nichts als ein großes flamaͤndiſches Meſſer im Guͤrtel, an dem er die kraͤftige Hand hat.“ „Das iſt pikant,“ ſagte der Herzog.„Wecke mir den Burſchen, Aurilly.“ „Nein, Hoheit, das thue ich nicht.“ „Was ſagſt du?“ „Abgeſehen von dem, was mir mit dem großen Dolch⸗ meſſer widerfahren könnte, moͤchte ich mir auch die Herrn von Joyeuſe, die das Herz auf dem rechten Flecke haben, nicht zu Todfeinden machen. Wenn wir Koͤnig der Nieder⸗ lande geworden wären, hatte es noch angehen moͤgen, aber rn ock an me s die en on cht er⸗ ber 11⁵ wir muͤſſen ganz artig und demüthig ſein, namentlich ge⸗ gen die, welche uns gerettet haben, denn die Joyeuſes haben uns gerettet.. Wenn Ihr es nicht ſelbſt ſagt, gnaͤ⸗ diger Herr, werden ſie es ſagen.“ „Du haſt recht, Aurilly,“ erwiderte der Herzog,„wie immer recht und doch..“ „Und doch, freilich, habt Ihr ſeit vierzehn ewig lan⸗ gen Tagen kein Frauengeſicht geſehen. Von den Geſchoͤpfen rede ich nicht, welche in den Polders hauſen; die verdienen nicht Maͤnner und Frauen genannt zu werden, ſondern nur Maͤnnchen und Weibchen.“ „Ich will dieſe Geliebte des Du Bouchage ſehen, Aurilly. Ich will ſie ſehen, hörſt du?“ „Ja gnadiger Herr, ich hoͤre es.“ „So antworte.“ „Ich antworte, daß Ihr ſie vielleicht ſehet, aber von der Thuͤr aus nicht.“ „Mag ſein,“ ſagte der Prinz,„wenn ich ſie nicht von der Thuͤr aus ſehe, ſehe ich ſie vom Fenſter aus.“ „Das iſt ein guter Gedanke und ich werde ſofort eine Leiter holen.“ Aurilly ging in den Hof des Hauſes, wo er nach eini⸗ gem Suchen eine Leiter fand, die er forttrug, um ſie auf der Straße an das Fenſter zu legen. Nur ein Prinz, der ſich uber die gewoͤhnlichen Bedenk⸗ lichkeiten hoch hinausſetzt, wie es gewohnlich die Despoten von Gottes Gnaden thun, konnte es wagen in Beiſein einer Schildwache, die vor der Thuͤr des Hauſes auf⸗ und abging 116 in welchem die Gefangenen eingeſchloſſen waren, eine fur Du Bouchage ſo beleidigende Handlung vorzunehmen. Aurilly dachte daran und machte den Prinzen auf die Schildwache aufmerkſam, welche die beiden Männer nicht kannte und eben: wer da rufen wollte. Frarnz zuckte die Achſeln und ging gerade auf den Sol⸗ daten zu. Aurilly folgte ihm. „Das iſt der hoͤchſte Punkt im Orte, guter Freund, nicht wahr?“ fragte der Prinz. „Ja, Hoheit,“ antwortete der Soldat, welcher den Prinzen erkannte und ſalutirte.„Wenn die Linden da nicht wäͤren, würde man im Mondenſcheine ins Freie hin⸗ ausſehen können.“ „Ich dachte mir das,“entgegnete der Herzog,„und ich ließ deshalb die Leiter herbringen, um daruͤber hinweg⸗ ſehen zu können. Steige hinauf, Aurilly oder laß mich lie⸗ ber ſelbſt hinaufſteigen. Ein Fürſt muß alles ſelbſt ſehen.“ „Wo ſoll ich die Leiter anlegen?“ „Wo du willſt, da her an die Mauer.“ Die Leiter wurde angelegt und der Prinz ſtieg hinauf. Aurilly blieb unten. Das Gemach, in welches Heinrich Diana gebracht hatte, enthielt ein großes eichenes Bett mit Vorhaͤngen, einen Tiſch und einige Stühle. Die junge Dame, von deren Herzen eine ſchwere Laſt genommen zu ſein ſchien ſeit der falſchen Nachricht von dem Tode des Prinzen, die ſie in dem Lager der Gendarmen von Aunis erhalten, hatte Remy um ein wenig Spei⸗ ſen erſucht, die dieſer ihr mit großer Freude geholt hatte. 68 8 — — i h ſi 117 5 Zum erſten Male ſeit ſie die Nachricht von dem Tode ihres Vaters erhalten, hatte Diana etwas Kraͤftigeres als Brod genoſſen und einige Tropfen von dem Weine getrun⸗ ht ken, welchen die Soldaten in dem Keller gefunden und Du Bouchage hier gebracht hatte. ⸗ Nach dieſem Mahle drang das Blut maͤchtiger nach ihrem Herzen, zu dem es den Weg vergeſſen zu haben id, ſchien und Remy ſah, daß ihr die Augen zuftelen. Er entfernte ſich deshalb und ließ ſich, wie wir geſehen haben, vor der Thur nieder, wie er es immer gethan, ſeit da ſie Paris verlaſſen hatten. n Diana hatte den Elnbogen auf den Tiſch, den Kopf auf die Hand geſtutzt und ſchlummerte. nd Ihr zarter Koͤrper war von der Seite an die Stuhl⸗ 85 lehne zuruͤckgeſunken; die kleine eiſerne Lampe, die neben dem Teller auf dem Tiſche ſtand, beleuchtete das Gemach, das ſo ruhig ausſah, indem wirklich ein Sturm ſich gelegt hatte, der aber bald wieder ſich erheben ſollte. uf Wit geſchloſſenen Augen, mit halb geoffnetem Munde, mit zuruͤckgeworfenem Haar ſaß Diana da und mußte den Blicken, die in ihr Gemach zu dringen wagten, wie eine icht Erſcheinung vorkommen. Der Herzog konnte als er ſie erblickte einer Bewegung der Bewunderung ſich nicht enthalten, er ſtützte ſich auf das aſt Fenſter und betrachtete muſternd die ſeltene Schönheit. en, Mit einem Male aber runzelte ſich ſeine Stirn und er ſtieg zwei Sproſſen herunter. p In dieſer Stellung fiel das Licht nicht mehr auf ihn, tte. das er zu meiden ſchien. 118 Aurilly, der ihn nicht außer Augen verlor, ſah daß der Prinz nachzudenken und gleichſam ſeine Erinnerungen zu ſammeln ſchien. Nach einigen Minuten ſtieg der Prinz wieder hinauf, blickte von neuem durch das Fenſter hinein, aber er fand wahrſcheinlich nicht, was er ſuchte, denn derſelbe Schatten t blieb auf ſeiner Stirn. Mit einem Male trat Aurilly raſch an die Leiter und ſagte: „Kommt herunter, Herr, ich hore Schritte unten in der Straße.“ Statt der Aufforderung nachzukommen, ſtieg der Her⸗ da zog langſam herunter. „Es war Zeit,“ ſagte Aurilly. „Woher kommen die Schritte?“ fragte der Herzog. „Daher,“ und er wies nach einem dunkeln Gäßchen hin. zuj Der Prinz horchte. „Ich hoͤre nichts mehr,“ ſagte er. „Man wird ſtehen geblieben ſein; es belanſcht uns Jemand.“ „Nimm die Leiter weg,“ ſagte der Prinz. Aurilly gehorchte und der Prinz ſetzte ſich unterdeß auf die Steinbank an der Thuͤr nieder. Das Gerauſch wiederholte ſich nicht und es erſchien Niemand. Aurilly kam zuruͤck. „Nun,“ fragte er,„iſt ſie ſchoͤn?“ „Sehr ſchoͤn,“ antwortete der Prinz finſter. ge ſab ß en f. id n d 18 uf 119 „Und was macht Euch da ſo traurig? Hat ſie Euch geſehen?“ „Sie ſchlaͤft.“ „Braun oder blond?“ fragte Aurilly weiter. „Es iſt ſeltſam, Aurilly, ich habe die Dame ſchon irgendwo geſehen.“ „So habt Ihr ſie erkannt?“ „Nein, denn ich finde keinen Namen fur ihr Geſicht; aber ihr Anblick gab mir einen Stich in das Herz.“ Aurilly ſah den Prinzen verwundert an und lächelte. „Lache nicht,“ erwiderte Franz.„Siehſt du nicht, daß ich leide?“ „Iſt das moͤglich?“ „Es iſt, wie ich dir ſage, ich weiß nicht, was ich em⸗ pfinde, aber ich glaube, ich habe nicht wohl gethan, ſie an⸗ zuſehen.“. „Gerade wegen des Eindrucks, den ſie auf Euch ge⸗ macht hat, muß man erfahren, wer ſie iſt.“ „Das muß allerdings geſchehen,“ antwortete Franz. „Denkt nur nach.. Habt Ihr ſie am Hofe geſehen?“ „Nein, das glaube ich nicht.“ „In Frankreich, in Navarra, in Flandern?“ „Nein „So iſt ſie vielleicht eine Spanierin?“ „Ich glaube nicht.“ „Eine Englaͤnderin? Eine Dame der Königin Eli⸗ ſabeth?“ „Nein, nein, ſie muß inniger mit meinem Leben ver⸗ 120 Umſtänden erſchienen.“ „Dann werdet Ihr ſie leicht ſtände gehabt.“ Aurilly verbeugte ſich. Traume geſehen und ich habe in ſetzliche Träume gehabt, die mir Dame geſehen.“ Hoheit verſcheuchen.“ „Du haſt Recht, Aurilly. Aurilly hatte bereits einige bunden ſein. Ich glaube, ſie iſt mir unter ſchrecklichen erkennen, denn Gott ſei Dank! das Leben Ew. Hoheit hat nicht viel ſolche Um⸗ „Meinſt du?“ fragte Franz mit unheimlichem Lachen. „Siehſt du,“ ſagte der Herzog,„jetzt bin ich ſo ſehr meiner Herr, daß ich meine Gefühle genauer pruͤfen kann. Das Weib iſt ſchon, aber ſchoͤn wie eine Todte, ſchoͤn wie ein Schatten, ſchon wie die Geſtalten, welche man im Traume ſieht. Mir iſt es auch als haͤtte ich ſie in einem meinem Leben einige ent⸗ das Herz erkälteten. Ja, jetzt bin ich gewiß, in einem ſolchen Traume habe ich die „Gnädiger Herr,“ fiel Aurilly ein,„erlaubt mir zn ſagen, daß ich Euch ſelten ſo uͤber den Schlaf habe ſprechen hoͤren. Das Herz Ew. Hoheit iſt zum Gluͤck von der Art, daß es mit dem haͤrteſten Stahle kämpfen kann und die Lebenden eben ſo wenig Eindruck darauf machen als die Schatten.. Wenn ich nicht glaubte, daß wir hier beob⸗ achtet würden, wuͤrde ich ſelbſt auf der Leiter hinaufſteigen und ſicherlich den Traum, den Schatten, den Schauer Ew. Hole die Leiter, lege ſie an und ſteige hinauf. Was kümmert uns der Lauſcher?“ Schritte gethan, um ſeinem wei Leu der Klu Bri reit Ihr ſich en ſei im⸗ en. ſehr inn. wie im nem ent⸗ Ja, die rzn echen Art, d die s die beob⸗ eigen Ew. ſie an 7 einem ———— 121 Gebieter zu gehorchen, als man plotzlich eilige Schritte hoͤrte und Heinrich Du Bouchage dem Herzog zurief: „Laͤrm, gnädiger Herr, Lärm!“ Mit einem Sprunge war Aurilly wieder bei dem Herzoge. „Ihr hier, Graf? Warum habt Ihr Euren Poſten verlaſſen?“ „Wenn Ew. Hoheit mich ſtrafen zu muͤſſen glaubt,“ antwortete Heinrich mit Feſtigkeit,„ſo thut es. Meine Pflicht war es hierher zu kommen und da bin ich.“ Der Herzog warf einen bedeutungsvollen Blick nach dem Fenſter hinauf.“ „Eure Pflicht, Graf? Das erklaͤrt mir,“ ſagte er. „Es ſind Reiter an der Schelde erſchienen und man weiß nicht, ob es Feinde oder Freunde find.“ „Sind ſie zahlreich?“ fragte der Herzog unruhig. „Sehr zahlreich.“ „So habt Ihr recht gethan, daß Ihr kamt; laßt Eure Leute ordnen. Wir wollen an dem kleinen Fluſſe hinziehen, der minder breit iſt und uns entfernen; das dürfte das Klugſte ſein.“ „Ohne Zweifel; aber es wird noͤthig ſein, meinem Bruder Nachricht zu geben.“ „Dazu reichen zwei Mann hin.“ „In dieſem Falle will ich ſelbſt mit einem Soldaten reiten.“ „Nein,“ fiel Franz lebhaft ein,„nein, Du Bouchage, Ihr bleibt bei uns. In ſolchen Augenblicken trennt man ſich nicht von einem Vertheidiger wie Ihr ſeid.“ Die Fuͤnfundvierzig. W. 9 122 „Ew. Hoheit nimmt die ganze Bedeckung mit?“ ein „Die ganze.“ Th „Wann gedenkt Ihr aufzubrechen?“ gee „Sogleich, Graf.“ kar Heinrich rief und der junge Gendarmenofſicier erſchien Hä als häͤtte er auf dieſen Ruf gewartet. 6h Du Bouchage gab ihm ſeine Befehle und bald ſah man die Gendarmen mit den Vorbereitungen zum Aufbruche beſchäftiget. 6h „Meine Herren,“ ſagte der Herzog zu den Officieren, ſich „der Prinz von Oranien laßt mich, wie es ſcheint, ver⸗ folgen; aber ein franzoͤſiſcher Prinz darf ſich hochſtens in ben einer Schlacht wie in der von Poitiers oder Pavia gefangen nehmen laſſen. Wir wollen der Mehrzahl weichen und fen uns auf Bruſſel zuruͤckziehen. So lange ich unter Euch das bin, werde ich meines Lebens und meiner Freiheit ſicher Ge ſein.“ Dann wendete er ſich an Aurilly und ſagte: gab „Du bleibſt hier. Die Dame kann uns nicht folgen und ubrigens kenne ich die Joyeuſes genau genug, um zu wiſſen, daß dieſer ſeine Geliebte in meiner Gegenwart leie nicht mit ſich nehmen wird. Wir gehen ja auch nicht zum Balle und unſer Ritt duͤrfte ſie ermuͤden.“ „Wohin geht Ihr?“ „Nach Frankreich. Meine Angelegenheiten ſcheinen en hier vollig verungluͤckt zu ſein.“ „Aber in welchen Theil von Frankreich? Haltet Ihr Gr es fuͤr klug, an den Hof zuruͤckzukehren?“ „Nein. Aller Wahrſcheinlichkeit nach werde ich auf rich chien ſah ruche eren, ver⸗ ns in ngen und Euch ſicher olgen m zu wart zum einen Ihr hauf 123 einer meiner Beſitzungen bleiben, vielleicht in Chateau⸗ Thierry. Dies paßt in jeder Beziehung. Es liegt in geeigneter Entfernung von Paris, achtzig Stunden; ich kann da die Herren von Guiſe beobachten, welche ſich die Haͤlfte des Jahres in Soiſſons aufhalten. Alſo nach Chateau⸗Thierry wirſt Du mir die Schoͤne bringen.“ „Sie laͤßt ſich vielleicht nicht dahin bringen.“ „Biſt Du ein Narr? Da Du Bouchage mich nach Chateau⸗Thierry begleitet und ſie Du Bouchage folgt, wird ſich die Sache von ſelbſt machen.“ „Sie kann ſich anderswohin wenden wollen, wenn ſie bemerkt, daß ich Luſt habe, ſie zu Euch zu fuͤhren.“ „Du fuͤhrſt ſie auch nicht zu mir, ſondern zu dem Gra⸗ fen. Man koͤnnte wahrhaftig glauben, Du wärſt mir das erſte Mal in ſolchen Dingen behilflich. Haſt Du Geld?“ „Die zwei Rollen Gold, die Ihr mir beim Aufbruche gabt.“ „So geh ans Werk und biete Alles auf, Alles, um mir die Schoͤne nach Chateau⸗Thierry zu bringen; viel⸗ leicht erkenne ich ſie, wenn ich fie in der Naͤhe ſehe.“ „Den Diener auch?“ „Ja, wenn er Dir nicht hinderlich iſt.“ „Wenn er mir aber hinderlich iſt?“ „So thue mit ihm, was Du mit dem Steine thuſt, den Du auf Deinem Wege findeſt,— wirf ihn in einen Graben.“ Waͤhrend ſo Beide ihre Pläne entwarfen, ging Hein⸗ rich die Treppe hinauf und weckte Remy⸗ klopfte 9 124 dann in eigenthuͤmlicher Weiſe an der xhir an, welche die Dame ſofort oͤffnete. Sie erblickte hinter Remy den Grafen Du Bon⸗ chage. „Guten Abend,“ ſagte ſie mit einem Lächeln. „Verzeiht mir,“ ſagte Heinrich,„ich wollte Euch nicht beläſtigen, nur Abſchied nehmen.“ „Abſchied nehmen? Ihr verlaßt uns, Herr Graf?“ „Ich kehre nach Frankreich zuruͤck, ja.“ „Und laßt mich hier?“ „Ich muß; meine erſte Pflicht iſt dem Prinzen zu ge⸗ horchen.“ „Dem Prinzen? Es iſt ein Prinz hier?“ fragte Remy. „Welcher Prinz? 2. fragte Diana erbleichend. „Der Herzog von Anjou, den man fuͤr todt gehalten hatte, der aber wunderbarer Weiſe gerettet worden iſt, hat ſich uns angeſchloſſen.“ Diana ſtieß ein einen entſetzlichen Schrei aus und Remy wurde ſo bleich, als waͤre plotzlich das Leben aus ihm gewichen. „Wiederholt mir, ſtammelte Diana,„daß der Herzog von Anjon lebt, daß er hier iſt.“ „Wenn er nicht hier waͤre und wenn er mir nicht be⸗ fohlen haͤtte ihm zu folgen, wuͤrde ich Euch bis in das Kloſter begleitet haben, in welches Ihr Euch, wie Ihr ſagt, zu begeben gedenkt.“ Diana nickte und zeigte dadurch an, daß ſie ſeinen Wink verſtanden habe. Hei ruh ſei ſie dieſ anſ 309 Ihr noch fuͤr zuri wol kant irrt Pri laff 125 die„Ich wurde Euch um ſo lieber begleitet haben,“ fuhr Heinrich fort,„da Ihr von den Leuten des Prinzen beun⸗ ou⸗ ruhiget werden koͤnntet.“ „Wie ſo?“ „Ja, ich habe Grund zu glauben, daß er weiß, es icht ſei eine Dame hier im Hauſe und er glaubt wahrſcheinlich, ſie ſei meine Freundin.“ f7“„Warum glaubt Ihr dies?“ „Unſer junger Officier hat geſehen, daß er draußen an dieſes Fenſter eine Leiter legen ließ und hereinſchaute. ge⸗„Mein Gott! Mein Gott!“ rief Diana aus. „Aber beruhiget Euch, er hat auch geſagt, er kenne gte Euch nicht.“ „Gleichviel,“ ſagte die Dame während ſie Remy anſah. ten„Aengſtiget Euch nicht,“ fuhr Heinrich fort,„der Her⸗ hat zog wird ſofort aufbrechen; noch eine Viertelſtunde und Ihr ſeid allein und frei. Erlaubt mir nur, daß ich Euch und noch einmal ſage, mein Herz werde bis zum letzten Hauche aus † fuͤr Euch ſchlagen. Lebt wohl!“ Und der Graf verbeugte ſich tief und trat zwei Schritte zog zuruͤck. „Nein, nein,“ fiel Diana ein,„das hat Gott nicht ge⸗ be⸗ wollt; Gott hatte dieſem Manne das Leben genommen und das kann es ihm nicht wieder gegeben haben; nein, nein, Ihr gt irrt Euch gewiß, er iſt todt.“ Gerade in dieſem Augenblicke ließ ſich die Stimme des nen Prinzen auf der Straße hoͤren.„Graf,“ rief er,„Ihr laſſet auf Euch warten!“ 126 „Ihr hort es,“ ſagte Heinrich.„Zum letzten Male, lebt wohl.“ Er reichte Remy die Hand und eilte nach der Treppe. Diana trat zitternd an das Fenſter und ſah den Herzog zu Pferde. „Ach, er lebt, der Teufel, er lebt!“ fluͤſterte ſie Remy in ſo ſchrecklichem Tone zu, daß der wuͤrdige Diener ſelbſt erſchrak;„er lebt, wir muͤſſen alſo auch leben; er reiſet nach Frankreich, wir müſſen ihm dahin folgen, Remy.“ Zwölftes Kapitel. Die Verführung. Nach dem Aufbruche der Soldaten trat die tieſſte Stille ein. Dann ging auch Remy hinunter, um die Ab⸗ reiſe ſeiner Gebieterin vorzubereiten, als er aber die Thuͤr aufmachte, erblickte er mit Verwunderung einen Mann, der am Feuer ſaß. Er trat zu ihm und begann: „Verzeiht, ich glaubte allein hier zu ſein.“ „Ich auch,“ antwortete der Andere,„ſehe aber mit Vergnuͤgen, daß ich Geſellſchaft finde.“ „Eine traurige Geſellſchaft Herr,“ entgegnete Remy, „denn außer einem kranken jungen Manne, den ich nach Frankreich zuruͤckbegleite.. „Ihr meint die junge Dame?“ fiel Aurilly ein, denn † er war der Mann am Feuer. „Welche junge Dame?“ fragte Remy. ale, ppe. tzog emy elbſt eiſet iefſte Ab⸗ Thuͤr „der mit emy, nach denn † „Nun, nun, erzurnt Euch nicht gleich, guter Freund. Ich bin der Haushofmeiſter des Herrn von Joyeuſe und dem Herrn Grafen von deſſen Bruder zugeſandt worden. Nach ſeiner Abreiſe empfahl mir der Graf eine junge Dame und einen alten Diener, welche die Abſicht hätten nach Frankreich zuruͤckzukehren, nachdem ſie ihm nach Flan⸗ dern gefolgt..“ Aurilly drehete ſich dabei um und Remy konnte das lächelnde Geſicht ſehen. Statt aber näher zu treten, that Remy einen Schritt zuruck und ein Ausdruck des Entſetzens malte ſich im Augen⸗ blicke in ſeinem verſtuͤmmelten Geſichte. „Ihr antwortet nicht; man könnte glauben, Ihr fürch⸗ tetet Euch,“ ſagte Aurilly noch freundlicher. Verzeiht,“ ſagte Remy, der ſeine Stimme ſo ſehr als ngtic verſtellte,„verzeiht einem alten Manne, den ſein ungluͤck und ſeine Wunden mißtrauiſch gemacht haben.“ „Das iſt ein Grund mehr,“ erwiderte Aurilly,„den Beiſtand eines rechtlichen Begleiters anzunehmen. Uebri⸗ gens bin ich auch, wie ich bereits ſagte, von einem Herrn beauftragt, der Euch Vertrauen einfloͤßen muß.“ „Gewiß,“ ſagte Remy indem er einen Schritt zuruͤck⸗ trat. „Ihr verlaßt mich?“ „Ich will mich mit meiner Gebieterin bepaen denn ich allein kann nichts unternehmen.“ „Naturlich; erlaubt aber, daß ich mich ſelbſt ihr vor⸗ ſtelle und ihr meinen Auftrag ausführlich mittheile.“ 128 „Nein, nein, ich danke.. Sie ſchlaͤft vielleicht noch und ihr Schlaf iſt mir heilig.“ „Wie Ihr wollet. Ich habe Euch weiter nichts zu ſagen als was ich im Auftrage meines Herrn Euch mitzu⸗ theilen habe.“ „Mir?“ „Euch und der jungen Dame.“ „Euer Herr iſt der Graf Du Bouchage, nicht wahr?“ „Er ſelbſt.“ „Ich danke.“ Als er die Thuͤr wieder geſchloſſen hatte, ſchuͤttelte Remy das Ausſehen eines alten gebrechlichen Mannes ab und lief die Treppe ſo ſchnell hinauf, daß er jetzt kaum fuͤnfundzwanzig Jahre alt zu ſein ſchien. „Madame!“ ſagte er mit bewegter Stimme ſobald er Diana erblickte. „Was giebt es noch, Remy? Iſt der Herzog noch nicht fort?“ „Er iſt fort, aber es iſt Einer hier, der tauſend⸗ mal ſchlimmer iſt und tauſendmal mehr zu furchten iſt als er,— ein Mann, ein Teufel, auf den ich alle Tage ſeit ſechs Jahren die Rache des Himmels herabgerufen habe wie Ihr auf ſeinen Herrn.“ „Aurilly vielleicht?“ fragte Diana. „Aurilly ſelbſt. Der Ehrloſe iſt unten, vergeſſen von ſeinem ſchaͤndlichen Mitſchuldigen.“ „Vergeſſen, ſagſt Du, Remy? Du irrſt Dich. Du kennſt doch den Herzog, Du weiſt, daß er es nie dem Zufalle berläſſet Boͤſes zu thun, wenn er es ſelbſt thun kann. 129 noch Nein, nein, Remy, Aurilly iſt nicht vergeſſen, er iſt zuruck⸗ gelaſſen worden aus irgend einer Abſicht.“ ts zu„Von ihm glaube ich Alles.“ itzu⸗„Kennt er mich?“ „Ich glaube es nicht.“ „Und hat er Dich erkannt?“ „Ach mich, Madame erkennt Niemand wieder.“ hr?“„Errathen aber hat er mich vielleicht?“ „Nein, denn er wollte Euch ſehen.“ „Remy, ich ſage Dir, wenn er mich nicht erkannt hat, ttelte ahnet er mich.“ s ab„In dieſem Falle iſt nichts einfacher,“ ſagte Remy kaum finſter,„und ich danke Gott, daß er uns den Weg ſo deut⸗ lich vorzeichnet.. Der Flecken iſt veroͤdet, der Elende iſt ld er allein wie ich allein bin; ich habe einen Dolch in ſeinem Guͤrtel geſehen, ich habe auch meine Waffe..“ noch„Einen Augenblick, Remy, einen Angenblick,“ ſagte Diana;„ich mache Dir das Leben dieſes Mannes nicht ſend⸗ ſtreitig, aber ehe er getodtet wird, müſſen wir wiſſen, was ſt als er will und ob wir in der Lage, in welcher wir uns be⸗ e ſeit finden, das Boͤſe, das er uns anthun will, nicht benutzen habe können. Wie hat er ſich Dir vorgeſtellt?“ „Als Intendant des Grafen Du Bouchage.“ „Du ſiehſt, er lügt und er hat alſo ein Intereſſe zu lü⸗ von gen. Wir wollen zu erfahren ſuchen, was er will, waͤh⸗ rend wir ihm unſern Willen verheimlichen.“ Du„Ich werde ganz nach Euren Befehlen handeln.“ falle„Was verlangt er jetzt?“ ann.„Er will uns begleiten.“ 130 „Als was?“ „Als Intendant des Grafen.“ „Sage ihm, daß ich es annehme.“ „Madame!“ „Sage, ich wollte nach England reiſen, wo ich Ver⸗ wandte hätte, ich zögerte aber noch; lüge wie er; um zu ſiegen, Remy, muͤſſen wir mit gleichen Waffen kämpfen.“ „Aber er wird Euch ſehen.“ „Und meine Maske? Uebrigens muthmaße ich, daß er mich ſchon kennt.“ „Wenn er Euch kennt, legt er Euch eine Schlinge.“ „Wir ſchutzen uns am ſicherſten, wenn wir uns ſtellen, als gingen wir in dieſelbe.“ „Aber?“ „Was fuͤrchteſt Du? Kennſt Du etwas Schlimmeres als den Tod?“ „Nein.“ „Biſt Du nicht entſchloſſen für die Ausfuͤhrung unſeres Gelubdes zu ſterben?“ „Ja, aber nicht ohne Rache.“ „Remy,“ ſagte Diana mit blitzendem Auge,„wir wer⸗ den uns raͤchen, ſei unbeſorgt. Geh nun.“ Remy ging noch zoͤgernd wieder hinunter. Er hatte bei dem Anblicke Aurilly's das Grauen gefuͤhlt, das man bei dem Anblicke einer Schlange empfindet und er wollte toͤdten, weil er fuͤrchtete. Je weiter er aber auf der Treppe hinunterkam, um ſo feſter ſtellte ſich der Entſchluß in ſeiner ſtarken Seele und 3 als er die Thuͤr wieder oͤffnete, hatte er ſich vorgenommen 5 tro de mi ſte zu vo n 131 trotz dem Rathe Diana's Aurilly zu fragen und ihn auf der Stelle niederzuſtoßen, wenn er ſich uͤberzengte, daß jener mit ſchlimmen Abſichten umgehe. zet⸗ Aurilly erwartete ihn mit Ungeduld; er hatte das Fen⸗ ſter geoffnet, um alle Ausgänge uberblicken zu koͤnnen. 3 Remy trat mit feſtem Entſchluſſe, aber ruhigen Worten zu ihm. daß„Meine Gebieterin kann nicht annehmen, was Ihr vorſchlagt,“ ſagte er. „Warum nicht?“ ei„Weil Ihr nicht der Intendant des Grafen ſeid.“ Aurilly erblaßte. Wer hat Euch dies geſagt?“ fragte er. „Herr Du Bouchage empfahl mir als er Abſchied nahm, die Perſon, die ich vegleite, ſagte aber kein Wort von Euch.“ „Er hat mich erſt geſehen, als er Euch ſchon verlaſſen eres hatte.“ „Luͤgen, Herr, Luͤgen!“ Aurilly ſprang auf und ſagte finſter: „Ihr ſprecht in einem ſeltſamen Tone. Seht Euch atte vor; ich bin jung und Ihr ſeid alt; ich bin ſtark und Ihr 6 ſeid ſchwach.“ ollte Remy antwortete nicht. 6„Wenn ich Euch oder Eurer Dame etwas zu Leide mſo thun wollte,“ fuhr Aurilly fort,„brauchte ich nur den Arm und zu erheben.“ ſin k„Nun, ſo irrte ich mich vielleicht. Ihr wollt uns alſo wohl?“ 132 „Gewiß.“ „So erklaͤrt mir, was Ihr wuͤnſchet.“ „Ich will ſchnell Euer Gluͤck machen, wenn Ihr mir dient.“ „Und wenn ich Euch nicht diene?“ „Da Ihr offen redet, ſo ſollt Ihr auch eine offene Antwort haben; in dieſem Falle werde ich Euch be⸗ ſeitigen.“ „Mich beſeitigen?“ wiederholte Remy mit unheim⸗ lichem Lächeln. „Ich habe Vollmacht dazu.“ Remy athmete wieder freier. „Ich muß doch wenigſtens Eure Pläne kennen, wenn ich Euch dienen ſoll?“ Ihr habt recht gerathen; ich gehoͤre nicht dem Gra⸗ fen Du Bouchage.“ „Wem ſonſt?“ „Einem maͤchtigern Herrn.“ „Ihr werdet wieder lugen.“ „Warum?“ „Ueber der Familie Joyeuſe ſtehen nicht viele An⸗ dere.“ „Doch das Haus Frankreich?“ „Oho!“ ſagte Remy. „Und ſo bezahlt dies,“ ſetzte Aurilly hinzu indem er eine Goldrolle Anjou's in Remy's Hand legte. Dieſer er⸗ bebte bei der Beruͤhrung dieſer Hand und trat einen Schritt zuruͤck. „Ihr ſeid im Dienſte des Koͤnigs?“ fragte er in einem ein ſo n reic Anj Her die den nic liel ſah hat 133 ſo natuͤrlichen Tone, daß er einem Schlauern zur Ehre ge⸗ reicht haben wurde. nir„Nein, im Dienſte ſeines Bruders, des Herzogs von Anjonu.“ „Ah, ich bin der unterthaͤnige Diener des Herrn ene Herzogs.“ be⸗„Sehr gut.“ „Und dann?“ m⸗„Wie ſo dann?“ „Was wuͤnſcht der Herr Herzog?“ „Mein gnädiger Herr,“ ſagte Aurilly indem er Remy die Rolle zum zweiten Male zuzuſchieben verſuchte,„iſt in nn Eure Herrin verliebt.“ „Er kennt ſie alſo?“ ra⸗„Er hat ſie geſehen.“ „Er hat ſie geſehen?“ wiederholte Remy, deſſen Hand den Dolch faßte;„und wann hat er ſie geſehen?“ „Heute Abend.“ „Das iſt nicht moͤglich; meine Herrin hat das Zimmer nicht verlaſſen.“ lu⸗„Eben deshalb; mein Herr handelt wie ein Ver⸗ liebter.“ „Erzaͤhlt, was that er?“ „Er nahm eine Leiter, lehnte ſie an das Fenſter und er ſah hinein.— Die Dame ſcheint ſehr ſchoͤn zu ſein.“ er⸗„Ihr habt ſie alſo auch geſehen?“ itt 3„Nein; aber nach dem, was mein Herr mir geſagt hat, brenne ich vor Verlangen ſie zu ſehen.. Alſo wir ſind em einig, Ihr gehoͤrt uns an und dient uns.“ 134 „Ich diene Euch gewiß,“ ſagte Remy, der wiederum das Gold zuruͤckwies, das Aurilly ihm zum dritten Male anbot,„aber ich muß vor Allem wiſſen, was ich zu thun habe.“ „Zuerſt antwortet mir: iſt die Dame oben die Ge⸗ liebte des Grafen Du Bouchage oder des Bruders deſ⸗ ſelben?“ Das Blut ſtieg Remy ins Geſicht. „Weder des Einen noch des Andern,“ ſagte er.„Die Dame oben hat keinen Geliebten.“ „Keinen Geliebten! Dann iſt ſie ja etwas ganz Be⸗ ſonderes. Ein Weib, das keinen Geliebten hat! Da haͤtten wir ja den Stein des Weiſen gefunden!“ „Alſo der Herr Herzog von Anjon iſt in meine Gebie⸗ terin verliebt?“ „Ja.“ „Und was will er?“ „Er will ſie in Chateau⸗Thierry haben, wohin er ſich begiebt.“ „Nun, die Liebe iſt ſchnell gekommen.“ „So kommt die Liebe dem Herzoge immer.“ „Ich ſehe nur ein Hinderniß.“ „Welches?“ „Meine Gebieterin will ſich nach England ein⸗ ſchiffen.“ hier zu bleiben.“ „Ihr kennt meine Gebieterin nicht; ſie halt feſt an dem, was ſie ſich einmal vorgenommen hat. Auch iſt es) 3 „Da könnt Ihr uns gerade nätzlich ſein; beſtimmt ſie nie da we rum tale thun Ge⸗ deſ⸗ Die Be⸗ Da bie⸗ ſich nicht genug, daß ſie nicht nach London geht. Glaubt Ihr, daß ſie dem Wunſche des Prinzen Gehoͤr ſchenken werde, wenn ſie in Chateau⸗Thierry ware?“ „Warum nicht?“ „Sie liebt den Herzog nicht.“ „Einen koniglichen Prinzen liebt man immer.“ „Wie iſt aber der Herzog auf den Gedanken gekommen meine Dame zu entführen, wenn er glaubt, ſie liebe den Grafen Du Bonchage oder den Herzog von Joyeuſe?“ „Mann, Ihr habt ſehr gewoͤhnliche Begriffe und wir werden Muͤhe haben uns zu verſtändigen wie ich ſehe. Ich habe die Milde der Gewalt bisher vorgezogen, wenn Ihr mich aber zwingt anders aufzutreten, ſo bin ich auch dazu bereit.“ „Was wolltet Ihr thun?“ „Ich habe bereits geſagt, daß ich Vollmacht von dem Prinzen habe.. Alſo ich ſtoße Dich irgendwo nieder und entfuͤhre die Dame.“ „Ihr glaubt das ſo ungeſtraft thun zu können?“ „Ich glaube Alles was mir mein Herr zu glauben be⸗ ſiehlt. Wirſt Du alſo Deine Dame veranlaſſen nach Frank⸗ reich zu reiſen?“ „Ich will es verſuchen, aber ich kann fuͤr nichts ſtehen.“ „Wann werde ich Antwort erhalten?“ „Ich gehe jetzt hinauf zu ihr und will mit ihr reden.“ „Gut; ich warte hier. Noch ein Wort, Alter. Ihr wißt, daß ich Euer Gluͤck und Leben in meiner Hand habe?“ 136 „Ich weiß es.“ „Gut.. Ich werde nun nach den Pferden ſehen.“ „Beeilt Euch nicht zu ſehr.“ „Ich kenne ſchon ihre Antwort.. Finden denn die Prinzen irgendwo Sproͤde?“ „Bisweilen duͤrfte es doch geſchehen.“ „Aber ſelten,“ meinte Aurilly. Während Remy wieder hinauf ging, beſchaͤftigte ſich Aurilly wirklich mit den Pferden als erwarte er ganz ſicher eine guͤnſtige Antwort. „Nun?“ fragte Diana als ſie Remy erblickte. „Der Herzog hat Euch geſehen.“ „Und?“ „Er liebt Euch.“ „Der Herzog hat mich geſehen, liebt mich!“ rief Diana aus.„Sprichſt Du im Fieber?“ „Ich erzaͤhle nur, was mir geſagt worden iſt.“ „Wenn er mich geſehen, hat er mich auch erkannt.“ „Glaubt Ihr, daß Aurilly vor Euch zu erſcheinen und von der Liebe des Herzogs zu ſprechen wagen würde, wenn der Herzog Euch erkannt haͤtte? Nein, er hat Euch nicht erkannt.“ „Du haſt Recht, Remy. Gs ſind ſeit ſechs Jahren ſo viele Dinge durch ſein teufliſches Herz gegangen, daß 3 er mich vergeſſen hat. Folgen wir ihm, Remy.“ „Aber er wird Euch erkennen.“ „Warum ſollte er ein beſſeres Gedächtniß haben als ſein Herr?“ es it Herz gißt verg er C ſeher Mas ben, Bouc nimn die P terne zu ſeh — — a Baͤnd ſein.“ die ſich cher ana . und enn icht ren daß als 3 137 „Weil es ſein Intereſſe iſt ſich zu erinnern, waͤhrend es im Intereſſe des Prinzen liegt zu vergeſſen; daß der Herzog, der Wuͤſtling, der Moͤrder ſeiner Geliebten, ver⸗ gißt, begreift ſich. Wie könnte er leben, wenn er nicht vergaße! Aurilly aber wird nicht vergeſſen haben; wenn er Euer Geſicht ſieht, wird er einen raͤchenden Geiſt zu ſehen glauben.“ „Ich glaube Dir geſagt zu haben, Remy, daß ich eine Maske habe und Du ſagteſt, Du hätteſt ein Meſſer.“ „Allerdings, ſagte Remy,„und ich fange an zu glau⸗ ben, daß Gott ſelbſt uns beiſteht, die Boͤſen zu ſtrafen.“ Er rief dann Aurilly von oben und ſagte: „Meine Gebieterin dankt dem Herrn Grafen Du Bouchage, daß er ſo für ihre Sicherheit geſorgt hat und nimmt Euer Anerbieten an.“ „Sehr wohl,“ entgegnete Aurilly;„ſo meldet ihr, daß die Pferde bereit ſind.“ Aurilly wartete unten an der Treppe mit einer La⸗ terne in der Hand, begierig das Geſicht der Unbekannten zu ſehen. „Der Teufel!“ murmelte er,„ſie trägt eine Maske, — aber zwiſchen hier und Chateau⸗Thierry werden die Paͤnder der Maske abgenutzt oder— durchſchnitten ſein.“ Die Fünfundvierzig. W. 10 Dreizehntes Kapitel. Die Reiſe. Man brach auf. Aurilly benahm ſich gegen Remy ganz als deſſen Gleichen und gegen Diana mit der tiefſten Ehrfurcht. Remy aber konnte recht wohl ſehen, daß dieſe Ehrfurcht eigennuͤtzig war. Den Steigbüͤgel einer Dame zu halten, wenn ſie auf ein Pferd hinauf oder von ihm hinunter ſteigt, alle ihre Bewegungen ſorgſam zu beobachten, keine Gelegenheit voruͤberzulaſſen um ihr den Handſchuh aufzuheben oder ihren Mantel zu halten, iſt das Amt eines Liebhabers, eines Dieners oder Nengierigen. Wenn Aurilly den Mantel berͤhrte, ſah er die Hand; wenn er den Mautel zuhakte, ſchielte er unter die Maske; wenn er den Steigbügel hielt, lauerte er auf eine Gelegen⸗ heit das Geſicht zu ſehen, das der Herzog nicht erkannt hatte und das er, Aurilly, aber gewiß wieder zu erkennen gedachte. Was aber auch der Muſiker that, Remy verrichtete ſtets jeden Dienſt bei ſeiner Gefaͤhrtin. Diana ſelbſt nohm, ohne wie es ſchien gerade arg⸗ woͤhniſch uber die Urſachen jener Beeiferung zu ſein, Partei für den, welchen Aurilly für einen alten Diener hielt und ſie erſuchte dieſen Remy allein thun zu laſſen was ihm zukomme. al w ſie im R ne ſie eſſen rcht. urcht auf ihre nheit oder bers, and; aske; egen⸗ kannt ennen chtete arg⸗ ßartei tund ihm Aurilly ſah dabei ein, daß er erkannt war, wenn er auch die Dame noch nicht erkannt hatte; er verſuchte des⸗ halb durch das Schluͤſſelloch in das Zimmer zu ſehen, in welches ſich Diana in den Wirthshaͤuſern zurückzog, aber ſie wendete regelmäßig der Thuͤr den Ruͤcken zu; er ſuchte durch die Fenſter hinein zu ſehen, aber die Fenſter waren immer dicht verhangen. Weder Fragen noch Beſtechungsverſuche fuhrten bei Remy zum Ziele. „Aber werden denn dieſe Vorſichtsmaßregeln nur mei⸗ netwegen gebraucht?“ fragte Aurilly. „Nein, auch wegen aller Andern.“ „Der Herzog hat ſie aber doch geſehen. Damals hielt ſie ſich nicht verſteckt.“ „Eben weil meine Herrin nach einem Zufalle von dem Herzoge geſehen worden iſt, hat ſie nun Vorſichtsmaßregeln gebraucht.“— Die Tage vergingen indeß, man naͤherte ſich dem Ziele und Aurilly hatte ſeine Neugierde noch nicht befriedigen koͤnnen. Schon zeigte ſich den Blicken der Reiſenden die Picar⸗ die. Aurilly verlor allmälig die Geduld und die ſchlechten Leidenſchaften gewannen die Oberhand in ihm. Es war als ahne er, daß unter dem Schleier dieſer Dame ein ſchreck⸗ liches Geheimniß verborgen ſei. Eines Tages blieb er etwas zuruͤck mit Remy und ver⸗ ſuchte von Neuem ſeine Verfuͤhrungskunſte, die der treue Diener aber wie gewoͤhnlich zuruͤckwies.. 10 140 „Ich muß aber doch endlich einmal Eure Gebieterin ſehen,“ ſagte Aurilly. „Ohne Zweifel, antwortete Remy,„aber an dem Tage, den ſie dazu wählt, nicht an dem, welchen Ihr beſtimmt.“ „Wenn ich Gewalt anwendete..“ begann Aurilly und in dem Auge Remy's leuchtete ein Bli. „Verſucht es,“ antwortete er. Aurilly ſah den Blitz des Auges und erkannte, daß in dem, welchen er fur einen Greis hielt, noch Kraft lebte. Er lachte. „Bin ich nicht ein Thor!“ ſagte er.„Was liegt mir daran, wer ſie iſt. Sie iſt die, welche der Herzog geſehen hat, nicht wahr?“ „Gewiß.“ „Und die ich nach Chateau⸗Thierry bringen ſollte?“ „Das genügt; ich bin nicht in ſie verliebt und wenn Ihr mir nicht zu entfliehen verſucht. „Sehen wir ſo aus?“ fragte Remy. „Nein.“ „Wir würden, auch wenn Ihr nicht da waͤret, unſern Weg nach Chateau⸗Thierry fortſetzen, denn wenn uns der Herzog zu ſehen wuͤnſcht, wünſchen wir auch ihn zu ſehen.“ „Will Eure Herrin nicht einige Augenblicke hier aus⸗ ruhen?“ fragte nun Aurilly indem er auf ein Wirthshaus an der Straße zeigte. „Ihr wißt,“ antwortete Remy,„daß meine Herrin nur in Staͤdten bleibt.“ ir en in „Nun, ich fuͤr mein Theil habe kein Geluͤbde ab⸗ gelegt und werde hier einkehren. Reitet unterdeß immer weiter.“ Aurilly wollte ſehen, ob die, welche er begleitete, wirk⸗ lich keinen andern Weg einſchluͤgen; ſtieg vom Pferde und trat zu dem Wirthe, der ihm ehrerbietig entgegen kam als kenne er ihn. Remy ritt wieder zu Diang. „Was ſagte er?“ fragte ſie. „Er wiederholte ſeinen gewoͤhnlichen Wunſch.“ „Mich zu ſehen?“ „Ja.“ Diana lächelte unter ihrer Maske. „Seht Euch vor,“ fuhr Remy fort,„er ſcheint jetzt außer ſich zu ſein.“ „Er wird mich nicht ſehen. Ich will es nicht.“ „Wird er Euch aber im Chateau⸗Thierry nicht ohne Maske ſehen?“ „Was ſchadet es, wenn die Entdeckung für ſie zu ſpaͤt iſt? Uebrigens hat mich der Herzog nicht erkannt.“ „Aber der Diener wird Euch erkennen.“ „Du ſiehſt, daß ihm bis jetzt weder meine Stimme, noch meine Geſtalt aufgefallen iſt.“ „Gleichviel,“ erwiderte Remy,„alle dieſe Geheim⸗ niſſe, die ſeit acht Tagen für Aurilly beſtehen, gab es füͤr den Prinzen nicht; ſie hatten ſeine Neugierde nicht gereizt, ſein Gedächtniß nicht angeregt, während Aurilly ſeit acht Tagen finnt und ſucht und rechnet. Sobald er Euch er⸗ blickt, wird er Euch erkennen.“ 142 Sie wurden in dieſem Augenblicke von Aurilly unter⸗ brochen, der einen Nebenweg eingeſchlagen hatte und ihnen gefolgt war ohne ſie aus den Augen zu verlieren. Sobald er erſchien, wurde das Geſprach unterbrochen. Der Plan Aurilly's ſtand nun feſt. Er fuͤrchtete wirklich etwas, wie Remy geſagt hatte, nur konnte er ſich keine genaue Rechenſchaft daruber geben, denn ſeine Muthmaßungen ſchwankten unſicher umher. Er konnte ſich nicht erkläͤren, warum man ihm ſo hartnaͤckig das Geſicht verbarg, das er doch fruͤher oder ſpäter ſehen mußte. um ſeinen Plan ſicherer auszufuͤhren, ſtellte er ſich als habe er ihn aufgegeben und zeigte ſich als heitern Be⸗ gleiter. Remy bemerkte dieſe Veraͤnderung und ſie beunru⸗ higte ihn. Man gelangte in eine Stadt, wo man die Nacht zu⸗ bringen wollte. An andern Morgen brach man zeitig auf. Mittags mußte man die Pferde ausruhen laſſen und um zwei Uhr ritt man weiter bis vier Uhr. In der Ferne zeigte ſich ein großer Wald, der Wald von La Fere. Remy und Diana wechſelten einen Blick, als haͤtten ſie Beide geahnt, daß ſie hier das Ereigniß er⸗ warte, welches ſeit der Abreiſe uͤber ihnen ſchwebte. Man kam in den Wald hinein. Es mochte ſechs Uhr Abends ſein. Nach einer weitern halben Stunde begann es zu dunkeln. Der Wind trieb die Blaͤtter vor ſich her nach einem großen Teiche mitten in dem Walde zu. Es hatte W wär, zur L 16 der A ſich k Pier war, und und Ma nac t auf f al rie en nd d ck, hr nn er Fs 14³ hatte ſeit einem Paar Stunden geregnet und der Boden w ſchluͤpfrig geworden. Diana, die ihres Pferdes ſicher war, ließ es ruhig gehen. Aurilly ritt zur Rechten, Remy zur Linken. Aurilly befand ſich am Rande des Teiches, Remy in der Mitte des Weges. So weit man ſehen konnte, zeigte ſich kein menſchliches Weſen. Mit einem Male fühlte Diana, daß der Sattel ihres Pierdes, der wie gewohnlich durch Aurilly aufgelegt worden war, wankte. Sie rief Remy, der aus dem ſeinigen ſprang und ſich buͤckte, um den Riemen feſtzuſchnallen. In dieſem Augenblicke näherte ſich Aurilly Diana und ſchnitt mit ſeinem Dolche das Band durch, das die Maske hielt. Ehe ſie dieſe Bewegung errathen oder mit der Hand nach dem Geſichte gegriffen hatte, nahm Aurilly ihr die Naske ab und neigte ſich zu ihr. Die Augen Beider begegneten einander in einem ſchrecklichen Blicke. Aurilly fuͤhlte, daß kalter Schweiß auf ſeine Stirn trat, er ließ die Maske und den Dolch fallen, ſchlug ſich mit beiden Haͤnden auf das Geſicht und rief: „Himmel und Erde!.. Die Dame von Montſoreau!“ „Dieſen Namen wirſt Du nicht noch einmal wieder⸗ holen,“ fiel Remy ein, der Aurilly am Gürtel faßte und ihn vom Pferde herunterhob. Aurilly ſuchte ſeinen Dolch wieder zu ergreifen, Remy aber ſagte, indem er ihm die Knie auf die Bruſt ſetzte: „Nein, nein, Aurilly, hier mußt Du bleiben.“ 144 Der letzte Schleier, der über der noch geſchwebt hatte, ſchten zu zerrei „Le Haudoin rief er aus: „Lange wirſt Du es nicht Remy, der das Meſſer aus de ſelbe in die Kehle ſtieß. Diana ſaß zitternd, ab Pferde und hatte die Angen v ſpiele nicht a ßen. mehr machen,“ r Scheide zog und er unbarmher Erſt als ſie das Blut a lehnte ſie ſi nder Klin nk wie todt vom Pferde. s, nah band ihm einen Stein 5 Das Pferd Aurilly's lief davon. Als Diana wieder zu ſich fam, ſezten die beiden Reiſen⸗ den ohne ein Wort zu fprechen ihren Weg nach Chateau⸗ Thlerry fort. Erinnerung Aurilly's S „ich bin verloren.“* erwiberte ihn daſ⸗ ge emporſpritzen 5 em A genblicke nicht mit aſchen Aurilly“ ⸗ zig auf ihrem on dieſem entſetzlichen Schau⸗ bgewandt. — utilly's * S — wiverte m daſ⸗ ihrem chau⸗ N 3 nit ihm d en tic⸗ zſu ei⸗ hr ne N M 145 Vierzehntes Kapitel. Wie der König Heinrich MI. Erillon nicht zum Fruͤhſtuͤck einlud, Ghieot aber ſich ſelbſt einlud. Am Tage nach den Ereigniſſen in dem Walde bon La Fere kam der König von Frankreich etwa um neun Uhr fruͤh aus dem Bade. Nachdem ihn der Kammerdiener in eine feine wollene Decke gewickelt und mit zwei Streifen jener dicken perſi⸗ ſchen Wolle abgetrocknet hatte, welche einem Lammvließe gleicht, uberließ er ihn den Coiffeurs und Ankleidern, die ihn wiederum den Parfumeurs und den Hoͤflingen über⸗ gaben. Als auch die Letzten ſich entfernt, hatte der König ſei⸗ nen Haushofmeiſter gerufen und ihm geſagt, er würde etwas Anderes genießen als ſeine gewöhnliche Fleiſchbruͤhe, weil er etwas Appetit verſpuͤre. Dieſe erfreuliche Nachricht verbreitete ſich ſofort im Louvre und aus der Küche drang bald Fleiſchgeruch, als Crillon, der Oberſt der franzöſiſchen Garden, ſich zu Sr. Maj. begab, um Befehle zu empfangen. „Nun, mein guter Crillon,“ ſagte der Konig,„wache dieſen Morgen ſo gut Du willſt für die Sicherheit meiner Perſon, aber zwinge mich nicht den Konig zu ſpielen; ich bin heute ganz heiter; ich fühle mich federleicht, als konnte ich davon fliegen. Ich habe Hunger, begreifſt Du das, Freund?“ „Ich begreife dies um ſo beſſer, Sire,“ antwortete der Oberſt,„da ich ſelbſt großen Hunger habe.“ „Ach Du, Crillon,“ ſagte der Koͤnig lachend,„Du haſt immer Hunger.“ „Nicht immer, Sire, ach nein, Ew. Maj. uͤbertreibt; aber dreimal des Tages und Ew. Majeſtaͤt?“ „Ach ich— einmal im Jahre und auch da nur, wenn ich gute Nachricht erhalten habe.“ „So habt Ihr jetzt gute Nachricht erhalten, Sire? Um ſo beſſer, um ſo beſſer, denn die guten Nachrichten ſchei⸗ nen von Tage zu Tage ſeltener zu werden.“ „Gar keine, Crillon, aber Du kennſt das Sprich⸗ wort.“ „Ach ja, keine Nachricht iſt eine gute Nachricht.. Sire, ich verlaſſe mich auf die Sprichwoͤrter nicht, beſon⸗ ders nicht auf dieſes.. Habt Ihr nichts aus Navarra er⸗ fahren, Sire?“ „Nichts.“ „Nichts?“ „Man ſcheint dort zu ſchlafen.“ „Und aus Flandern?“ „Auch nichts.“ „Man ſcheint ſich dort zu ſchlagen. Und aus Paris?“ „Nichts.“ „So ſcheint man da Complotte zu ſchmieden.“ „Weiſt Du was, Crillon, ich glaube ein Kind zu be⸗ kommen.“ „Ihr, Sire?“ rief Crillon im höchſten Erſtaunen aus. gut dar la da w ve ſe 147 „Ja, die Königin hat dieſe Nacht geträumt, ſie ſei guter Hoffnung.“ „Endlich, Sire!“ ſagte Crillon.„Ich freue mich darüber ſo ſehr wie über Euren Hunger. Lebt wohl, Sire!“ „Geh, mein guter Crillon.“ „Da Ihr ſo großen Hunger habt, ſo ſolltet Ihr mich zum Frůhſtück einladen, Majeſtt.⸗ „Warum, Crillon?“ „Weil man ſagt, Ihr lebtet von der Luft und wuͤrdet hager, weil die Luft ſchlecht iſt; ich wuͤrde mich alſo unge⸗ mein freuen, wenn ich ſagen koͤnnte, das ſind Verleum⸗ dungen, der Konig ißt wie Jedermann.“ „Nein, Crillon, nein, im Gegentheil laß die Leute glauben; ich ſchame mich wie ein gewoͤhnlicher Sterblicher vor meinen Unterthanen zu eſſen. Ein Koͤnig muß immer poetiſch bleiben und ſich ſtets edel zeigen, z. B.. „Ich bin ganz Ohr, Sire.“ „Denke an den Konig Alexander.“ „An welchen Konig Alerander?“ „An Alexander Magnus,— aber Du verſtehſt nicht lateiniſch.. Alerander badete ſich gern vor ſeinen Sol⸗ daten, weil er ſchoͤn und gut gewachſen und ziemlich voll war, ſo daß man ihn mit Apollo und ſelbſt mit Antinous verglich.“ „Ah, Sire, Ihr wuͤrdet ſehr unrecht thun, dies nach⸗ zumachen und Euch vor den Eurigen zu baden, denn Ihr ſeid ſehr hager, mein armer Sire.“ „Geh, mein guter Crillon,“ ſagte Heinrich indem er ihn auf die Achſel klopfte,„Du biſt ein vortrefflicher 148 plumper Menſch, Du ſchmeichelſt nicht, Du biſt kein Hof⸗ mann, alter Freund.“ „Deshalb ladet Ihr mich auch nicht zum Fruͤhſtuck ein,“ ſagte Crillon mit gutmuthigem Lächeln indem er ſich vom dem Koͤnige verabſchiedete und zwar ziemlich zufrie⸗ den, denn das Klopfen auf die Achſel wog wohl das Früh⸗ ſtuͤck auf. Als Crillon ſich entfernt hatte, wurde ſofort der Tiſch gedeckt. Der konigl. Küchenmeiſter hatte ſich ſelbſt üͤbertroffen; ein Gericht von Feldhühnern mit Truͤffeln und Maronen erregte ſofort die Aufmerkſamkeit des Koͤnigs, den bereits ſchoͤne Auſtern gelockt hatten. Er war bei dem vierten Biſſen als ein leichter Schritt hinter ihm uber den Boden hinſchwebte und eine wohl⸗ bekannte Stimme rief: „Noch ein Couvert.“ Der Koͤnig drehete ſich um. „Chicot!“ rief er aus. „Er ſelbſt.“ Und Chicot nahm Platz auf einem Stuhle, rückte ihn an den Tiſch, griff nach einem Teller, nach einer Gabel, langte Auſtern zu und betropfelte ſie mit Citronenſaft, ohne ein Wort zu ſagen. „Du hier? Du biſt alſo zuruͤckgekommen?“ ftagte der Koͤnig. „Still!“ winkte Chicot mit der Hand, denn er hatte den Mund voll. Auch benutzte er ſofort das Reden und Aufſe ziehe ein it halte gab ein, dieſe finde ſind Hof⸗ ſück ſich frie⸗ ruͤh⸗ Liſch ffen; onen reits hritt ohl⸗ ihn bel, hne gte atte und 149 Aufſehen des Koͤnigs, um die Feldhuhner an ſich zu ziehen. „Halt, Chicot, das iſt mein Gericht!“ fiel der Koͤnig ein indem er die Hand ausſtreckte, um das Gericht feſtzu⸗ halten. Chicot theilte bruͤderlich mit ſeinem Könige, denn er gab ihm die Haͤlfte zurück. Dann ſchenkte er ſich Wein ein, ging von den Feldhuͤhnern zu einer Fiſchpaſtete, von dieſer zu Krebſen uͤber, dann ſeufzete er tief und ſagte: „Leider habe ich keinen Appetit mehr.“ „Gott ſei Dank, endlich!“ antwortete der König. „Ah. guten Tag, mein Konig, wie geht es Dir? Ich finde Dich heute ganz munter.“ „Nicht wahr?“ „Mit friſcher Farbe.“ „He 2 „Biſt Du es wirklich?“ „Nun freilich.“ „So mache ich Dir mein Compliment.“ „Ich fühle mich heute ungemein wohl.“ „Um ſo beſſer, um ſo beſſer.“ „Aber Dein Frähſtuͤck iſt noch nicht zu Ende.. Es ſind da noch einige Leckereien.“ „Da jſind eingemachte Kirſchen.“ „Sie ſind zu ſuß.“ „Mit Korinthen gefuͤllte Nuͤſſe.“ „Man hat die Kerne in den Beeren gelaſſen.“ „Du biſt mit nichts mehr zufrieden.“ 150 „Weil alles ſchlecht wird, ſogar die Kuͤche und man an Deinem Hofe immer ſchlechter lebt.“ „Sollte man an dem des Koͤnigs von Navarra beſſer leben?“ fragte Heinrich lachend. „Nun. ich will nicht nein ſagen.“ „So muͤſſen große Veränderungen da vorgegangen ſein.“ „Das iſt wohl moͤglich.“ „Erzahle mir etwas von Deiner Reiſe, das wird mich unterhalten.“ „Sehr gern, ich bin nur deshalb gekommen. Womit ſoll ich anfangen?“ „Bei dem Anfange. Wie haſt Du den Weg zuruck⸗ gelegt?“ „Ach, wie einen Spaziergang.“ „Du haſt keine Unannehmlichkeit unterwegs gehabt?“ „Ich habe eine wahre Feenreiſe gemacht.“ „Du haſt kein ſchlimmes Abentener beſtanden?“ „Ach, wer wuͤrde ſich erlauben einen Geſandten Sr. Allerchriſtlichen Majeſtät nur ſchief anzuſehen. Du ver⸗ leumdeſt Deine Unterthanen, mein Sohn.“ „Ich ſagte dies,“ entgegnete der König erfreut über die Ruhe, welche in ſeinem Reiche herrſchte,„weil Du doch in Gefahren kommen konnteſt, indem keinen officiellen Charakter hatteſt.“ „Ich ſage Dir, Heinrich, daß Du das ſchönſte Reich in der Welt beſitzeſt; die Reiſenden werden da unentgeldlich geſpeiſet und man beherbergt ſie um einen Gotteslohn; ſie gehen nur auf Blumen und die Gleiſe ſind mit Sammet und Gold eingefaßt, es iſt unglaublich, aber wahr.“ kl ſir 151 „Du biſt alſo zufrieden, Chicot?“ „Entzuͤckt.“ eſſer„Ja, ja, meine Polizei iſt gut.“ „Vortrefflich; dieſe Gerechtigkeit muß man ihr wider⸗ fahren laſſen.“ „Und die Straße iſt ſicher?“ in. „Wie der Weg nach dem Paradieſe; man begegnet nur mich kleinen Engeln, die im Vorbeigehn das Lob des Koͤnigs ſingen.“ ſoll„Wir kommen zum Virgil zurück, Chicot.“ „Zu welcher Stelle Virgils?“ uͤck⸗„Zu den Bucolica. O fortunatos nimium!“ „Sehr wohl. Aber warum dieſe Ausnahme zu Gun⸗ ſten der Bauern?“ t2„Weil es leider in den Staͤdten nicht ſo iſt.“ „Die Städte ſind der Heerd der Sünde und des Laſters.“ „Beurtheile es ſelbſt. Du haſt funfhundert Stunden Sr. ohne Hinderniß zuruͤckgelegt.“ „Ja, wie in einem Großvaterſtuhle.“ „Ich reiſte nur nach Vincennes, drei Viertel Stunde ber weit..“ boch„Nun?“ llen„und wurde beinahe ermordet.“ „Ah!“ fiel Chicot ein. „Ich werde Dir das erzählen; ich laſſe eben eine aus⸗ ver⸗ in lich führliche Erzählung davon drucken; ohne meine Fünfund⸗ ie vierzig waͤre ich todt.“ met„Und wo geſchah das?“ „Bei Bel⸗Esbat.“ 152 „Sehr richtig.“ „Und wie benahm ſich unſer Freund dabei?“ „Wie immer vortrefflich, Chicot. Ich weiß nicht, ob er ſeiner Seits von etwas gehoͤrt hatte, aber ſtatt zu ſchnar⸗ chen, wie es um dieſe Zeit alle die faulen Moͤnche thun, ſtand er auf dem Valcon und ſeine ſämmtlichen Leute waren auf der Straße aufgeſtellt.“ „Sonſt that er nichts?“ „Wer?“ „Modeſtus.“ „Er gab mir den Segen mit einer nur ihm eigenen Majeſtät. „Und ſeine Moͤnche?“ „Sie ſchrieen aus vollem Halſe ein Lebehoch.“ „Etwas Anderes haſt Du nicht bemerkt?“ „Was ſonſt?“ „Trugen ſie nicht Waffen?“ „Sie waren vollſtändig bewaffnet, Chicot und daran erkenne ich die Vorſicht des würdigen Priors. Ich dachte dann auch bei mir: dieſer Mann wußte alles und doch hat er mir nichts geſagt, hat nichts verlangt; er kam nicht am andern Tage wie Epernon, um mir alle Taſchen umzuwen⸗ den mit den Worten: Sire, weil ich den Koͤnig gerettet!“ „Deſſen war er nicht faͤhig.. Auch wuͤrde er ſeine Haͤnde in Deine Taſchen nicht hineinbringen.“ „Chicot, keine Spaͤße uber Modeſtus. Er iſt einer der groͤßten Maͤnner meiner Zeit und ich erklaͤre Dir, daß ich ihm bei der erſten Gelegenheit ein Bisthum geben laſſe.“ „In der Näͤhe des Kloſters unſres Freundes Gorenflot?“ — to riſ „ 1, 2 153 „Daran wirſt Du wohl thun, mein Koͤnig.“ „Bemerke eins, Chicot,“ ſagte der Koͤnig;„wenn un⸗ gewöhnliche Leute aus dem Volke hervorgehen, ſind fie voll⸗ kommen; wir Edelleute, ſiehſt Du, bringen ſchon in unſerm Blute gewiſſe Tugenden und gewiſſe Laſter mit, die hiſto⸗ riſche Eigenthuͤmlichkeiten ſind und der Familie angehoͤren. So ſind die Valois fein und ſchlau, tapfer aber traͤge; die Lothringer ſind ehrſuͤchtig, geizig und zur Intrigue geneigt; die Bourbons ſind ſinnlich und vorſichtig, aber gedanken⸗, kraft⸗ und willenlos; ſiehe nur den Heinrich an. Wenn da⸗ gegen die Natur einen Mann bildet, der aus niederem Stande iſt, ſo nimmt ſie ihren feinſten Thon dazu. So iſt dein Gorenflot vollkommen.“ „Meinſt Du?“ „Ja, er iſt gelehrt, beſcheiden, klug und muthig; man konnte aus ihm machen was man wollte, einen Miniſter, einen General, einen Papſt.“ „Hort auf, Sire,“ ſiel Chicot ein;„wenn Euch der brave Mann hoͤrte, wuͤrde er in ſeiner Haut platzen, denn der Prior Modeſtus iſt ſehr ſtolz, was Ihr auch ſagen moͤget.“ „Du biſt neidiſch, Chicot.“ „Gott bewahre mich vor Neid! Pfui, das iſt eine ſchlechte Leidenſchaft.“ „Ich bin gerecht; der Adel des Blutes blendet mich nicht; stemmata quid faciunt?“ „Bravo! Du ſagteſt alſo, Heinrich, Du wäreſt bei⸗ nahe ermordet worden?“ „Ja „Von wem?“ Die Fünfundvierzig. IV. 11 154 „Durch die Ligue.“ „Und wie befindet ſich die Ligne?“ „Immer wie ſonſt.“ „Das heißt, es geht immer beſſer mit ihr; ſie wird fett, Heinrich, ſie wird fett.“ „Die politiſchen Koͤrper, die zu bald fett werden, leben nicht lange. Es iſt wie mit den Kindern, Chicot.“ „Du biſt alſo zufrieden, mein Sohn?“ „So ziemlich.“ „Du befindeſt Dich wie im Himmel?“ „Ja, Chicot, dieſen Morgen und ich freue mich ſehr, Dich in meiner Freude zu ſehn.“ „Habemus consulem facetum, wie Cato ſagte.“ „Du bringſt gute Nachrichten, nicht wahr?“ „Ich glaube es.“ „Du ließeſt mich lange darauf warten.“ „Wobei ſoll ich anfangen, mein Koͤnig?“ „Ich habe Dir ſchon geſagt, bei dem Anfange; aber Du ſchweifſt immer ab.“ „Gleich mit meiner Abreiſe ſoll ich beginnen?“ „Nun, die Reiſe iſt gluͤcklich geweſen, wie Du ge⸗ ſagt haſt.“ „Du fiehſt ja, daß ich wohlbehalten zuruͤckkomme.“ „Alſo beginne mit Deiner Ankunft in Navarra. Was that Heinrich als Du ankamſt?“ „Er beſchaͤftigte ſich mit der Liebe.“ „Zu Margot?“ „Ach nein.“ „Es wuͤrde mich auch in Verwunderung geſetzt haben; ird ben hr, Du ge⸗ as n 15⁵ er iſt alſo noch immer ſeiner Frau untreu, der Boͤſewicht, einer Tochter Frankreichs untreu; zum Gluͤck vergilt ſie es ihm. Und wie hieß die Nebenbuhlerin Margots?“ „Foſſeuſe.“ „Eine Montmorency. Das iſt nicht uͤbel von dieſem Bearner Baͤr. Man ſprach von einem Bauer⸗ einem Gaͤrt⸗ ner⸗, einem Buͤrgermaͤdchen.“ „Das alles iſt ſchon alt.“ „So wird alſo Margot hintergangen?“ „So ſehr als eine Frau hintergangen werden kann.“ „Und ſie iſt außer ſich?“ „Wuͤthend.“ „Und ſie raͤcht ſich?“ „Ich glaube es.“ Heinrch rieb ſich erfreut die Haͤnde. „Was wird ſie thun?“ fragte er lachend;„wird ſie Himmel und Erde bewegen, Spanien gegen Navarra, Artois und Flandern gegen Spanien treiben? Wird ſie ihren Bruder Heinrich gegen ihr Maͤnnchen rufen?“ „Das iſt moglich.“ „Du haſt ſie geſehen?“ „Und was that ſie als Du ſie verließeſt?“ „Das wirſt Du nicht errathen.“ „Sie wollte ſich wohl einen andern Liebhaber ſuchen?“ „Nein, ſie wollte Hebamme werden.“ „Was? Obstetrix?“ „Obstetrix, ja, mein Konig; eine Juno Lueina, wenn Du willſt.“ 11* 156 „Chicot!“ „Reibe Du die Augen wie Du willſt, ich ſage Dir, Deine Schweſter Margot wollte eben eine Entbindung vornehmen als ich von Nerac abreiſete.“ „Ihre eigene?“ fragte Heinrich erbleichend.„Sollte Margot Kinder bekommen?“ „Nein, nur eine, die nur ihren Mann anging; Du weiſt ja, daß die letzten Valois die Gabe der Fruchtbarkeit nicht beſitzen; bei den Bourbons iſt das aber anders.“ „So entbindet Margot, ſie wird nicht entbunden?“ „So iſt es.“ „Und wen entbindet ſie?“ „Fraͤulein Foſſeuſe.“ „Das begreife ich nicht,“ ſagte der Koͤnig. „Ich auch nicht,“ entgegnete Chicot,„aber ich habe mich auch nicht verpflichtet dich begreifen zu lehren, ſondern nur, Dir zu ſagen was ich weiß.“ „Vielleicht hat ſie nur gezwungen in dieſe Demuthi⸗ gung gewilliget.“ „Allerdings gab es einen Streit, aber beim Streite unterliegt der eine oder der andere Theil; denke nur an Hercules und Antäus, an Jacob und den Engel. Deine Schweſter unterlag auch.“ „Das freut mich wahrhaftig.“ „Du biſt ein ſchlechter Bruder.“ „So werden ſie einander haſſen.“ „Ich glaube allerdings auch nicht, daß ſie einander ſehr lieb haben.“ „Aber dem Scheine nach?“ — 157 „Sind ſie die beſten Freunde von der Welt, Heinrich.“ „Ja, aber eines Tages wird eine neue Liebe kommen und ſie gaͤnzlich veruneinigen.“ „Dieſe neue Liebe iſt ſchon gekommen, auf Ehre. Soll ich Dir ſagen was ich fürchte?“ „Sprich.“ „Ich fürchte, daß dieſe neue Liebe ſie vereinigt, ſtatt ſie zu veruneinigen.“ „Es iſt eine neue Liebe des Bearners?“ „Des Bearners.“ „Fuͤr wen?“ „Warte nur; Du willſt alles wiſſen, nicht wahr?“ „Ja, erzahle, Chicot, erzaͤhle, Du erzaͤhlſt ſehr gut.“ „Ich danke, mein Sohn. Wenn Du alles wiſſen willſt, muß ich wieder zu dem Anfange zuruͤckgehen. „So thue es, aber geſchwind.“ „Du haſt einen heftigen Brief an den Bearner ge⸗ ſchrieben.“ „Woher weißt Du das?“ „Weil ich ihn geleſen habe.“ „Was ſagſt Du dazu?“ „Das Verfahren war nicht eben zart, aber die Sprache war klug.“ „Sie mußte beide veruneinigen.“ „Ja, wenn Heinrich und Margarethe gewoͤhnliche buͤrgerliche Eheleute waren.“ „Was meinſt Du damit?“ „Ich meine, der Bearner iſt gar nicht dumm.“ 15⁵⁸ „Und er hat es errathen.“ „Was?“ „Daß Du ihn mit ſeiner Frau veruneinigen wollteſt.“ „Das war klar genug.“ „Weniger klar war aber der Zweck, nach dem Du ſie veruneinigen wollteſt.“ „Der Zweck?“ „Ja der verfluchte Bearner bildete ſich ein, Du haͤtteſt ihn mit ſeiner Frau nur veruneinigen wollen, um Deiner Schweſter die ihr ſchuldige Mitgift nicht zu zahlen.“ „Ach! 1. „Ja, das hat ſich dieſer Teufels⸗Bearner in den Kopf geſetzt.“ „Weiter,“ ſagte der Koͤnig, der finſter wurde,„wei⸗ ter, Chicot. Und nachher?“ „Kaum hatte er das errathen als er, wie Du jetzt, traurig und betruͤbt wurde.“ „Nachher, Chicot?“ „Es heilte ihn von ſeiner Liebe fur die Foſſeuſe.“ 5 „Wie ich dir ſage. Es kam ihm da die andre Liebe ins Herz.“ „Dieſer Mann iſt ja ein Perſer, ein Heide, ein Tuͤrke. Lebt er in Vielweiberei? Was ſagt Margot dazu?“ „Du wirſt Dich wundern, mein Sohn; Margot war ſehr erfreut.“ „Ueber das Ungluͤck der Foſſeuſe? das glaube ich.“ „Nein, nein, uͤber die andere Liebe des Bearners.“ „Iſt ſie ſo gern Hebamme?“ „ be ar 159 „Dabei wird ſie es nicht ſein.“ „Was ſonſt?“ „Sie wird Pathe ſein; ihr Mann hat es ihr verſpro⸗ chen. Die Bonbons ſind jetzt ſchon vertheilt.“ „Wenigſtens hat er ſie nicht von ihrer MWitgift gekauft.“ „Meinſt Du?“ „Ohne Zweifel, we wie heißt die neue Geliebte.“ „O ſie iſt ſchon und ſtark, hat einen prächtigen Gürtel und iſt wohl im Stande ſich bei einem Angriffe zu ver⸗ theidigen.“ „Und ſie hat ſich vertheidigt?“ Freilich.“ „Und der liebe Heinrich hat abziehen muͤſſen „Anfangs wurde er wenigſtens zurückgewieſen.“ „Und nachher?“ „Heinrich war eigenfinnig, und endlich ſiegte er.“ „Wie ſo?“ „Mit Gewalt.“ „Mit Gewalt?“ „Ja mit Kugeln.“ „Was zum Teufel erzählſt Du mir da, Chicot?“ „Die reine Wahrheit.“ „Was iſt das für eine Schoͤne, die man mit Kugeln erobert?“ „Fraͤulein Cahors.“ „Fraͤulein Cahors?“ „Ja, eine ſchone große Perſon, die noch Jungfrau ge⸗ il ich ſie ihm verweigere. Aber 2 wiederholte den Angriff 160 weſen ſein ſoll, deren Vormund Herr von Vezins iſt und der weit mehr war, ein tapferer Mann, den Du kennſt.“ „Was?“ rief Heinrich außer ſich aus;„meine Stadt! Er hat meine Stadt genommen?“ „Nun, Heinrich, Du wollteſt ſie ihm nicht geben, nach⸗ dem Du ſie ihm verſprochen und er mußte ſich wohl entſchlie⸗ ßen ſie ſelbſt zu nehmen. Aber da iſt auch ein Brief, den er Dir ſelbſt zu üͤbergeben mir aufgetragen hat.“ Chicot nahm einen Brief aus der Taſche und überreichte ihn dem Koͤnig. Es war⸗derſelbe, den Heinrich nach der Eroberung von Cahors geſchrieben hatte und der mit den Worten ſchloß;„Quod mihi dixisti, profuit multum; cognosco meos devotos; nosce tuos, Chicotus caetera expediet.“ Fünfzehntes Kapitel. Wie Heinrich Rachrichten aus dem Norden erhielt, nachdem er Nachrichten aus dem Suͤden empfangen hatte. Der Koͤnig konnte in ſeiner Erbitterung den Brief kaum leſen, den Chicot ihm üͤbergeben hatte. Während er das Lateiniſche des Bearners entzifferte, ſtand Chicot vor einem großen venetianiſchen Spiegel und bewunderte ſeine endlos grazioͤſe Haltung in der Uniform. „Endloſe“Grazie, denn Chicot hatte wirklich nie ſo groß ausgeſehen. Auf ſeinem etwas kahlen Kopfe ruhete ein kegelformiger Helm und eben war er beſchaftiget über ſein Buffelwamms einen Reiſehalbharniſch zu ſchnallen, den er be lie eir fe der dt! ch⸗ ie⸗ en hte der en Ta 161 bei dem Fruͤhſtuͤcke abgelegt hatte. Während er dies that ließ er auf dem Fußboden Sporen klingen, mit denen er einem Pferde die Seiten haͤtte aufreißen konnen. „Ich bin verrathen!“ rief Heinrich aus als er zu Ende geleſen hatte.„Der Bearner hatte einen Plan und ich er⸗ rieth nichts davon!“ „Mein Sohn,“ erwiderte Chicot,„Du kennſt das Sprichwort: ſtille Waſſer ſind am tiefſten.“ „Geh zum Teufel mit Deinen Sprichwoͤrtern!“ Chicot ging nach der Thuͤr zu als wollte er dem Be⸗ ſehle gehorchen.„ „Nein, bleibe.“ Chicot blieb ſtehen. „Cahors genommen!“ fuhr Heinrich fort. „Und ſehr gut,“ ſetzte Chicot hinzu. „Er hat alſo Generale und Ingenieurs?“ „Nein, ſagte Chicot,„dazu iſt der Bearner zu arm. Wie ſollte er ſie bezahlen? Nein,— er macht alles ſelbſt.“ „Und. er ſchlaͤgt ſich!“ ſagte Heinrich mit einer ge⸗ wiſſen Geringſchätzung. „Ich kann nicht ſagen, daß er gleich mit Begeiſterung aufinge; er gleicht den Leuten, die das Waſſer erſt verſu⸗ chen, ehe ſie ſich darin baden; er macht ſich die Finger naß mit einem Schweiß von ſchlechter Vorbedeutung, benetzt ſich die Bruſt mit einigen mea culpa und die Stirn mit philoſophiſchen Betrachtungen; darüber vergehen zehn Mi⸗ nuten nach dem erſten Kanonenſchuſſe; dann ſturzt er ſich hinein und ſchwimmt im Feuer und geſchmolzenen Blei wie ein Salamander.“ „Der Teufel!“ ſagte Heinrich. „Und ich verſichere, Heinrich, es ging warm her dort.“ Der Koͤnig ſprang auf und ging mit großen Schritten in dem Zimmer auf und ab. „Das iſt eine Schlappe fuͤr mich,“ ſagte er indem er laut einen Gedanken beendigte, den er ſtill begonnen hatte; „man wird daruͤber lachen; man wird Spottlieder auf mich machen. Die Gascogner haben ſpitze Zungen. Ich hoͤre ſie ſchon. Zum Gluͤck habe ich dem Franz die ſo lange verlangte Hilfe geſchickt; Antwerpen wird mich fuͤr Cahors entſchaͤdigen und der Norden die Fehler im Suͤden ausgleichen.“ „Amen!“ fiel Chicot ein, der mit den Fingern nach den Bonbons des Koͤnigs griff. In dieſem Augenblicke wurde die Thuͤr geoͤffnet und der Diener meldete den Grafen Du Bouchage. „Ah!“ rief Heinrich aus,„ich ſagte Dir es wohl, Chicot, da kommt meine gute Nachricht. Herein, Graf, herein!“ Der junge Mann ſtand in der Thuͤr wie ein Portrait in ganzer Figur von Holbein oder Titian im Rahmen. Er trat langſam vor und beugte das Knie. „Immer noch blaß,“ ſagte der Koͤnig zu ihm,„immer noch duͤſter. Nimm auf einen Augenblick Dein Oſtern⸗ geſicht an, Freund und berichte mir gute Nachrichten nicht mit ſo finſterer Miene; ſprich ſchnell, Du Bouchage, weil mich nach Deiner Erzählung ſehr verlangt. Du kommſt doch aus Flandern, mein Sohn?“ kan: wer ſan tha ten mit ein Fle er Di her tten ner i auf e ſo fur iden nach und ohl, raf, rait mer ern⸗ icht weil uſt 163 „Ja, Sire.“ „Und ſchnell, wie ich ſehe.“ „So ſchnell als ein Menſch auf der Erde fortkommen kann.“ „Sei willkommen. Wie ſteht es mit Antwerpen „Antwerpen gehoͤrt dem Prinzen von Oranien, Sire.“ „Dem Prinzen von Oranien? Was ſoll das heißen?“ „Wilhelm, wenn Ihr ihn ſo lieber nennen hort.“ „Ruͤckte nicht mein Bruder gegen Antwerpen?“ „Ja, Sire, aber jetzt zieht er nicht mehr gegen Ant⸗ werpen, ſondern nach Chateau⸗Thierry.“ „Er hat die Armee verlaſſen?“ „Es giebt keine Armee mehr, Sire.“ „Ah!“ rief der Konig aus indem er auf ſeinen Stuhl ſank.„Und Joyeuſe?“ „Mein Bruder hat mit ſeinen Seelenten Wunder ge⸗ than, den ganzen Ruͤckzug gedeckt, die wenigen Mannſchaf⸗ ten geſammelt, welche dem Unglücke entgangen ſind und mit ihnen den Herrn Herzog von Anjon begleitet.“ „Eine Niederlage!“ fluͤſterte der Koͤnig, der dann mit einem ungewöhnlichen Blitze im Auge fortfuhr:„So iſt Flandern fuͤr meinen Bruder verloren.“ „Unwiederbringlich, fuͤrchte ich.“ Die Stirn des Königs heiterte ſich allmaͤlig auf und er ſagte laͤchelnd: „Der arme Franz hat viel Unglück mit den Kronen. Die von Navarra entging ihm; er ſtreckte die Hand nach der Englands aus, er hatte die von Flandern faſt erreicht; 164 ich wette, Du Bouchage, daß der arme Bruder nie regiert, ſo ſehr er ſich auch darnach ſehnt.“ „Es iſt immer ſo, wenn man ſich nach etwas ſehnt!“ fiel Chicot in feierlichem Tone ein. „Wie viele Gefangene?“ fragte der Koͤnig. „Zweitauſend ungefähr.“ „Wie viel Todte?“ „Wenigſtens eben ſo viele. Herr von Saint⸗Aignan iſt unter ihnen.“ „Der arme Saint-Aignan iſt auch todt?“ „Ertrunken.“ „Ertrunken? Ihr habt Euch alſo in die Schelde ge⸗ ſtuͤrzt?“ „Nein, die Schelde ſtuͤrzte ſich auf uns.“ Und der Graf ſchilderte dem Koͤnige ausſuͤhrlich die Schlacht und die Ueberſchwemmung. Heinrich hoͤrte ihn mit einer Ruhe und einer Miene an, welche nicht ohne Majeſtaͤt waren. Dann ſtand er auf, kniete vor dem Betſtuhle in ſeinem Betgemache nieder und kam bald darauf mit vollkommen aufgeheitertem Geſichte zuruͤck. „Nun,“ ſagte er,„ich hoffe, daß ich die Sachen als Konig ertrage. Ein Koͤnig, dem der Herr beiſteht, iſt wirklich mehr als ein Menſch.. Folge meinem Beiſpiele, Graf, da Dein Bruder gerettet iſt wie der meinige und laß uns von etwas Anderm reden.“ „Ich ſtehe Euch zu Befehl, Sire.“ „Was verlangſt Du als Lohn fuͤr Deine. Du Bouchage?“ „ich die! meit Bei nach Bei auß wel bele geh hat „ab Un Du giert, hut!“ gnan ee⸗ h die Niene auf, und ſichte nals iſ iele, d laß Du 165 „Sire,“ antwortete der junge Mann kopfſchüttelnd, „ich habe keine Dienſte geleiſtet.“ „Dafuͤr hat Dein Bruder Dienſte geleiſtet.“ „Sehr große, Sire.“ „Er hat die Armee gerettet, ſagſt Dn, oder vielmehr die Ueberreſte der Armee.“ „Jeder von den Uebriggebliebenen ſagt, er verdanke meinem Bruder das Leben.“ „Es iſt mein Wille, meine Wohlthaten auf Euch Beide auszudehnen und ich werde darin den Allmaͤchtigen nachahmen, der Euch ſo ſichtbar ſchuͤtzte, indem er Euch Beide gleich machte, naͤmlich reich, ſchoͤn und muthig; außerdem werde ich handeln wie die großen Staatsmänner, welche immer die Ueberbringer ſchlimmer Nachrichten zu belohnen pflegten.“ „Ich kenne doch Beiſpiele,“ fiel Chicot ein,„daß Boten gehangen wurden, weil ſie ſchlimme Nachrichten gebracht hatten.“ „Das iſt moglich,“ erwiderte Heinrich majeſtatiſch, „aber der Senat dankte Varro.“ „Du fuͤhrſt Republikaner an. Valois, Valois, das ungluck macht Dich ſehr demüthig.“ „Nun, Du Bouchage, was willſt Du, was wuͤnſcheſt Du?“ „Da Ew. Maj. mir die Ehre erzeigt, ſo liebevoll mit mir zu ſprechen, ſo moͤchte ich Eure wohlwollenden Geſin⸗ nungen zu benutzen wagen; ich bin des Lebens muͤde, Sire, und doch mag ich nicht ſelbſt die Hand daran legen, denn Gott verbietet es; alle Ausflüchte, die ein Mann von Ehre in einem ſolchen Falle anwendet, ſind Todſuͤnden; ſich bei dem Heere todten laſſen, abſichtlich verhungern, zu ſchwim⸗ men vergeſſen, wenn man uͤber einen Fluß zu ſchwimmen hat, ſind nur Verhuͤllungen des Selbſtmordes, in die das Auge Gottes deutlich hineinſieht, denn unſere geheimſten Gedanken ſind Gott bekannt; ich gebe es alſo auf vor der Zeit zu ſterben, welche Gott meinem Leben geſetzt hat, aber die Welt langweilt mich und ich verlaſſe die Welt.“ „Lieber Freund!“ rief der Koͤnig aus. Chicot richtete den Kopf empor und ſah theilnehmend den ſo ſchoͤnen, ſo muthigen, ſo reichen jungen Mann an, der doch ſo voll Verzweiflung ſprach. „Sire,“ fuhr der Graf in entſchloſſenem Tone fort, „Alles, was mir ſeit einiger Zeit begegnet iſt, beſtärkt die⸗ ſen Wunſch in mir; ich will mich alſo in die Arme Gottes werfen, des Troſtes aller Betruͤbten und des hoͤchſten Herrn aller Gluͤcklichen dieſer Erde; geruht mir die Mittel zu erleichtern, Sire, ſchnell in ein Kloſter zu treten, denn mein Herz iſt zum Tode betruͤbt, wie der Prophet ſagt.“ Chicot der Spoͤtter unterbrach einen Augenblick die fortwaͤhrende Bewegung ſeiner Arme und Beine, um auf dieſen ergreifenden Schmerz zu hoͤren, der ſich in ſo edelen und aufrichtigen Worten und in der lieblichſten, uͤberredend⸗ ſten Stimme kund gab, die Gott jemals der Jugend und Schoͤnheit gegeben hat. Sein glaͤnzendes Auge erloſch vor dem troſtloſen Blicke des Bruders Joyeuſe's und ſein ganzer Koͤrper ſank zu⸗ ſammen in Mitgefuͤhl fuͤr jene tiefe Entmuthigung. lic gel we dut der der kor det lat jet gu h bei vim⸗ imen das nſten der aber nend man, fort, die⸗ ottes errn l zu denn die auf elen end⸗ und licke zu⸗ 167 Auch der König wurde tief betrübt als er dieſe ſchmerz⸗ liche Bitte vernahm. „Ich verſtehe,“ ſagte er,„Du willſt in ein Kloſter gehen, fuhlſt Dich aber noch als Mann und ſcheuſt die Pruͤfungen.“ „Ich ſcheue ſie nicht ihrer Strenge wegen, ſondern weil ſie Zeit vergehen laſſen; ich bitte um Eure Verwen⸗ dung, nicht damit die Pruͤfungen gemildert werden, denn ich hoffe weder dem Koͤrper korperliche Schmerzen noch dem Geiſte ſeine Leiden zu erſparen, ſondern damit jeder der Vorwände ſchwinde, auf die Vergangenheit zurüͤckzu⸗ kommen, damit, um es kurz zu ſagen, mit einem Male das Gitter aus der Erde ſpringe, welches mich fuͤr immer von der Welt ſcheiden ſoll und das nach den Kloſterregeln nur langſam ſich hebt, wie eine Dornenhecke wächſt.“ „Armer Junge!“ ſagte der Koͤnig, der aufmerkſam jedem Worte gefolgt war;„ich glaube, er wird einmal ein guter Prediger, Chicot.“ Chicot antwortete nicht und Du Bouchage fuhr fort: „Ihr ſeht ein, Sire, daß der Kampf in meiner Fa⸗ milie ſelbſt entſtehen wird, daß ich unter meinen Verwand⸗ ten den groͤßten Widerſtand finden werde; mein Bruder der Cardinal, der eben ſo gutherzig als weltlich iſt, wird tauſend Gruͤnde hervorſuchen, um mir abzureden und wenn ihm dies nicht gelingt, materielle Hinderniſſe aufſuchen. Ihr habt mich gefragt, was ich wunſche, Sire, Ihr habt verſprochen meinen Wunſch zu erfullen; ſetzet es in Rom durch, daß mir das Noviziat erlaſſen werde.“ — 168 Der Koͤnig ſah läͤchelnd empor, ergriff die Hand des Grafen und ſagte: „Ich werde thun was Du verlangſt, mein Sohn; Du willſt Gott angehoͤren, Du haſt Recht, er iſt ein beſſerer Herr als ich. Ich werde Deinen Wunſch erfullen.“ „Du machſt ihm und Gott da ein ſchoͤnes Compliment,“ murmelte Chicot.. „Ew. Maj. erfullt mich mit Freude,“ entgegnete der junge Mann indem er die Hand des Koͤnigs küßte als wäre er zum Herzoge, Pair oder Marſchall ernannt worden. Ein begeiſterungsvolles Lächeln uͤberſtrahlte ſein Geſicht, er verbengte ſich tief und verſchwand. „Das iſt ein gluͤcklicher, ſehr gluͤcklicher junger Mann!“ ₰ ſ d d ſagte Heinrich. „Nun Du haſt ihn um nichts zu beneiden, wie es ſcheint,“ entgegnete Chicot;„er iſt nicht mehr zu beklagen als Du.“ „Aber bedenke doch, Chicot, er wird Moͤnch, er widmet ſich dem Himmel.“ „Was verhindert Dich daſſelbe zu thun? Er bittet ſeinen Bruder den Cardinal um die Gunſt; ich kenne einen Cardinal, der Dir alle noͤthigen Dispenſationen geben wuͤrde; er ſteht mit Rom noch beſſer als Du; kennſt Du ihn nicht? Ich meine den Cardinal von Guiſe.“„ ß„Chicot!“ 3 4„Und wenn Du wegen der Tonſur beſorgt biſt, denn dieſe iſt doch immer eine delicate Sache, ſo werden Dir die Du rer der are Fin er n es gen net tet ten en Du nn die ſchonſten Hände von der Welt, die ſchönſten Scheeren, gol⸗ dene Scheeren dieſes koſtbare Symbol geben, welches die Zahl der Kronen, die Du getragen, auf drei bringen und die Deviſe rechtfertigen wird: Manet ultima coelo.“ „Schoͤne Haͤnde ſagſt Du?“ „Nun, willſt Du etwa die Hände der Frau Herzogin von Montpenſter nicht ſchoͤn finden, wie Du ihre Schul⸗ tern getadelt haſt? Ach, welcher Koͤnig biſt Du, wie ſtreng zeigſt Du Dich gegen Deine weiblichen Unter⸗ thanen!“ Der Konig runzelte die Stirn und ſtrich über ſeine Schlaͤfen mit einer Hand, die ſo weiß war wie die, von welcher Chicot ſprach, die aber jedenfalls mehr zitterte. „Aber laſſen wir das,“ fiel Chicot ein,„denn ich ſehe, daß Du von dieſer Sache nicht gern reden hoͤrſt und kom⸗ men wir auf Dinge, die mich perſoͤnlich angehen.“ Der Koͤnig machte eine halb gleichgiltige, halb zu⸗ ſtimmende Bewegung. Chicot ſah ſich um, ſchob ſeinen Stuhl näher und ſagte halblaut: „Sage mir, mein Sohn, dieſe Herren von Joyeuſe ſind nur ſo nach Flandern gereiſet?“ „Was ſoll vor allen Dingen Dein nur ſo heißen?“ „Ich meine, der Eine haͤlt es ſo ſehr mit dem Ver⸗ gnügen, der Andere mit der Traurigkeit, daß ich mich wun⸗ dere, wie ſie Paris verlaſſen konnten, ohne einigen Laͤrm zu machen.“ „Nun?“ Die Fuͤnfundvierzig. W. 12 17⁰ „Da Du zu ihren Freunden gehoͤrſt, mußt Du doch wiſſen, wie ſie aufgebrochen ſind.“ „Ich weiß das allerdings.“ „Nun, mein Sohn, haſt Du gehoͤrt..“ Chicot unterbrach ſich. „Was?“ „Daß ſie z. B. irgend einen bebeutenden Mann ge⸗ chlagen haben?“ „Davon habe ich nichts gehoͤrt.“ „Oder daß ſie mit Gewalt eine Dame entfuͤhrten?“ „Ich weiß von nichts.“ „Haben Sie vielleicht. etwas verbrannt?“ „Was?“ „Was weiß ich? Was man ſo verbrennt zur Unter⸗ haltung wenn man ein vornehmer Herr iſt,z. B. das Haus eines armen Teufels.“ „Biſt Du bei Sinnen, Chicot? Ein Haus in meiner Stadt Paris niederzubrennen! Würde man ſich ſo etwas erlauben?“ „Man weiß nicht „Chicot!“ „Du haſt alſo keinen Lärm gehoͤrt und keinen Rauch geſehen?“ „Nein.“ „Um ſo beſſer,“ antwortete Chicot, der leichter ath⸗ mete als wahrend dieſes ganzen Verhoͤrs, dem er den Ko⸗ nig unterwarf. „Weißt Du etwas, Chicot?“ „Nein, ich weiß nichts.“ ge⸗ ter⸗ aus ner s 171 „Du wirſt boshaft.“ „Ich 2 „Ja Du.“ „Der Aufenthalt im Grabe hat mich ausgeſuͤßt, aber Deine Gegenwart macht mich wieder ſauer.“ „Du wirſt unerträglich, Chicot und ich ſchreibe Dir ehrgeizige Plaͤne zu, die ich Deinem Charakter nicht zu⸗ getraut hatte.“ „Mir ehrgeizige Plaͤne! Chicot ehrgeizig! Hein⸗ rich, mein Sohn, bisher warſt Du nur dumm, jetzt verlierſt Du den Verſtand ganz und gar; Du machſt alſo Fort⸗ ſchritte.“ „Und ich ſage Euch, Herr Chicot, daß Ihr alle meine Diener von mir zu entfernen verſucht, indem Ihr ihnen Abſichten unterlegt, die ſie nicht haben und Verbrechen zu⸗ ſchreibt, an die fie nicht dachten; ich ſage Euch rund her⸗ aus, daß Ihr Euch meiner Perſon allein bemächtigen wollet.“ „Ich mich Deiner allein bemäͤchtigen?“ entgegnete Chicot.„Und was ſollte ich mit Dir anfangen? Gott bewahre mich, Du biſt ein viel zu laͤſtiges Weſen, bone deus! ungerechnet, daß mich Dein Unterhalt teufelmaͤßig hoch zu ſtehen kommen wuͤrde. Nein, nein.“ „Hm!“ ſagte der Koͤnig. „Sage mir, wie Du auf dieſe Gedanken kommſt.“ „Ihr habt anfangs kalt meine Lobſpruche üͤber Euren ehemaligen Freund Modeſtus mit angehoͤrt, dem Ihr ſo viel verdanket.“ „Ich verdanke Modeſtus viel? Nun und weiter?“ 12* 172 „Dann verſuchtet Ihr meine Joyeuſes, zwei wirkliche Freunde, bei mir zu verleumden.“ „Das leugne ich nicht.“ „Dann habt Ihr Euch an den Guiſen vergriffen.“ „Liebſt Du denn dieſe jetzt auch? Du ſcheinſt heute Jedermann zu lieben.“ „Mein, ich liebe ſie nicht; da ſie ſich aber jetzt ſtill und ruhig verhalten, da ſie mir jetzt gar nichts zu Leide thun, da ich ſie keinen Angenblick aus dem Auge verliere und ich immer an ihnen nichts bemerke als die gewoͤhnliche Mar⸗ morkälte und ich mich vor Statüen nicht zu fürchten pflege, wie drohend ſie auch ausſehen mögen„ſo halte ich mich an die, deren Geſicht und Haltung ich kenne. Siehſt Du, Chicot, wenn man mit einem Geſpenſt genau bekannt geworden, iſt es kein unertraͤglicher Geſellſchafter mehr. Die Guiſen mit ihrem wilden Ausſehen und ihren ge⸗ waltigen Schwertern ſind Leute in meinem Lande, die mir bis jetzt gar nichts zu Leide gethan haben und ſie gleichen.. ſoll ich Dir ſagen wem ſie gleichen?“ „Sage es, mein Heinrich, Du wirſt mir eine Freude machen. Du weißt ja, daß Du außerordentlich feine Ver⸗ oleiche anſtellſt.“ „Sie gleichen den Hechten, welche man in die Teiche ſetzt, um die großen Fiſche zu jagen, damit ſie nicht zu fett werden; glaubſt Du aber, die großen Fiſche fürchteten ſich 2 „Nun?“ „Die Hechte haben nicht ſo gute Zähne, daß ſie die Schuppen der großen durchbeißen könnten.“ — che ———— 173 „Ah Heinrich, das iſt wieder ſo ein aͤußerſt geiſtreicher Vergleich.“ „Waͤhrend Dein Bearner.. „Haſt Du auch einen Vergleich fuͤr den Bearner bei der Hand?“ „Waͤhrend Dein Bearner wie ein Kater miaut und wie ein Tiger beißt.“ „Nun,“ ſagte Chicot,„da vertheidigt ein Valois die Guiſen! Du biſt auf dem beſten Wege, mein Sohn, laſſe Dich nur ſogleich ſcheiden und vermaͤhle Dich mit der Her⸗ zogin von Montpenſier. Iſt ſie nicht einmal in Dich ver⸗ liebt geweſen?“ Heinrich richtete ſich ſtolz auf. „Ja,“ ſagte er;„aber ich war anders beſchaͤftiget; das iſt die urſache aller ihrer Drohungen; Du haſt den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie grollt mir und ſucht mich gleichwohl bisweilen wieder zu locken, aber ich lache daruͤber.“ Nambu rief in dieſem Augenblicke an der Thuͤr: „Ein Bote des Herrn Herzogs von Guiſe an Se. Ma⸗ jeſtät!“ „Ein Courier oder ein Herr?“ fragte der Koͤnig. „Ein Capitain, Sire.“ „Er mag eintreten und ſoll willkommen ſein.“ Gleichzeitig trat ein Capitain der Gendarmen ein und verbeugte ſich. 174 Sechszehntes Kapitel. Die beiden Genoſſen. Chicot hatte ſich bei dieſer Anmeldung wieder geſetzt, drehete nach ſeiner unartigen Gewohnheit der Thuͤr den Rucken zu und beſchäftigte ſich mit ſeinen Gedanken, aber bei den erſten Worten des Boten Guiſe's zuckte er zuſammen und ſchlug die Augen auf, die er halb zugedruͤckt gehabt hatte. Gluͤcklicher oder unglücklicher Weiſe achtete der Konig, der mit dem Neuangekommenen beſchäͤftiget war, nicht auf dieſe Bewegung Chicot's. Der Bote befand ſich zehn Schritte von dem Stuhle, auf welchem Chicot gekauert ſaß, ſo daß kaum ſein Auge uͤber die Lehne vorragte, und er den Boten ganz ſah, während dieſer nur das Auge Chicot's ſehen konnte. „Ihr kommt aus Lothringen?“ fragte der Koͤnig den Boten, der ziemlich martialiſch ausſah. „Nein, Sire, von Soiſſons, wo der Herr Herzog, der die Stadt ſeit einem Monate nicht verlaſſen hat, mir dieſes Schreiben uͤbergeben hat, das ich die Ehre habe zu den Fußen Ew. Maj. niederzulegen.“ Das Auge Chicot's funkelte und er verlor keine Ge⸗ berde des Boten aus den Augen, während ſeinem Ohr kein Wort entging. Der Capitain öffnete ſein mit ſilbernen Haken ge⸗ ſchloſſenes Buffelkoller und nahm aus einem mit Seide —— c — tzt, en ber en bt ig, uf le, ge h, en 175 gefuͤtterten ledernen Beutel, den er auf ſeinem Herzen ge⸗ tragen hatte, nicht einen Brief, ſondern zwei Briefe, denn der eine zog den andern mit heraus, an den er durch das Siegel angeklebt war, ſo daß der eine, den der Capitain nicht hielt, auf den Teppich fiel. Das Auge Chicot's folgte dieſem Brief, wie das Auge einer Katze dem Fluge eines Vogels folgt. Er ſah auch, wie bei dem unerwarteten Falle die⸗ ſes Briefes der Bote erröthete und wie er verlegen ihn aufhob. Heinrich ſah nichts. Da er gerade vertrauensvoll geſtimmt war, ſo achtete er auf nichts. Er erbrach nur den Brief, der ihm überreicht wurde und las ihn. Der Bote ſeiner Seits beobachtete den Koͤnig wahrend derſelbe las und ſchien die Gedanken errathen zu wollen, welche der Brief in ihm hervorrufe. „Ah Borromaͤus, Borromaus!“ dachte Chicot bei ſich, während er allen Bewegungen des Getreuen der Herren von Guiſe folgte;„Du biſt Capitain und giebſt dem Koͤ⸗ nige nur einen Brief, wenn Du zwei in der Taſche haſt. Warte, mein Sohn, warte.“ „Es iſt gut, es iſt gut!“ ſagte der Konig indem er iede Zeile des Briefes mit ſichtlicher Befriedigung noch einmal las;„geht, Capitain und ſagt dem Herrn von Guiſe, daß ich dankbar für das Anerbieten bin, welches er mir macht.“ „Ew. Maj. beehrt mich nicht mit einer ſchriftlichen Antwort?“ fragte der Bote. 176 „Nein; ich werde ihn in vier bis ſechs Wochen ſehen und ihm dann muͤndlich danken.“ Der Capitain verbeugte ſich und ging hinaus. „Du ſiehſt nun, Chicot,“ ſagte der Koͤnig, weil er glaubte, dieſer ſei noch immer auf dem Stuhle,„daß Herr von Guiſe nichts im Schilde fuͤhrt. Der brave Herzog hat von der Sache in Navarra gehort; er furchtet, daß die Hugenotten wieder kühner werden und das Haupt erheben, denn er hat erfahren, daß die Deutſchen dem Koͤnige von Navarra Hilfe ſchicken wollen. Was thut er? Rathe was er thut.“ Chicot antwortete nicht und Heinrich glaubte, er warte auf naͤhere Angaben. „Nun,“ fuhr er fort,„er bietet mir das Heer an„das er in Lothringen zur Beobachtung Flanderns aufgeſtellt hat und meldet mir, daß dieſes Heer nach ſechs Wochen mit dem Fuͤhrer zu meiner Verfuͤgung ſtehen werde. Was ſagſt Du dazu, Chicot?“ Chicot ſagte gar nichts. „Wirklich, mein lieber Chicot,“ fuhr der Koͤnig fort, i„Du biſt ſo ſtoͤrriſch wie ein ſpaniſches Maulthier und 3 wenn man das Unglück hat, Dich eines Jrrthums zu über⸗ fuͤhren, was oft geſchieht, ſo ſchmollſt Du, ja Du ſchmollſt, Thor!“ Kein Athemzug widerſprach Heinrich in der Meinung, die er ſo unverholen ausgeſprochen hatte. Heinrich wurde aber durch etwas noch mehr gereizt als durch Widerſpruch, durch gaͤnzliches Schweigen. „Ich glaube,/ ſagte er,„der Menſch iſt ſo ungezogen, —— — — ſehen il er Herr erzog ß die ben, von athe arte das tellt mit agſt ort, und er⸗ Uf ng, rde ch, en, 177 gar einzuſchlafen. Chicot,“ fuhr er fort indem er auf den Seſſel zuging,„Dein König ſpricht mit Dir; willſt Du antworten?“ Aber Chicot konnte nicht antworten, weil er nicht mehr da war. Heinrich ſah, daß der Seſſel leer war. Er ſchauete ſich in dem Zimmer um; der Gascogner war da eben ſo wenig als in dem Seſſel. Den Koͤnig uͤberlief es in abergläubiſcher Furcht kalt; es fiel ihm ein, daß Chicot doch wohl ein uberirdiſches Weſen ſei, ein diaboliſches Geſchoͤpf, wenn auch im Gan⸗ zen ein gutartiges. Er rief Nambu. Dieſer hatte mit Heinrich nichts gemein. Er war im Gegentheil ein Mann, der an nichts glaubte, wie gewoͤhn⸗ lich die, welche in den Vorzimmern der Koͤnige Wache hal⸗ ten, am wenigſten an Geſpenſter. Nambu verſicherte beſtimmt, daß er Chicot fuͤnf Mi⸗ nuten vor dem Boten des Herzogs von Guiſe habe fort⸗ gehen ſehen, aber ſo als habe er nicht geſehen werden wollen. „Chicot hat ſich ſicherlich geaͤrgert, daß er Unrecht hatte,“ dachte der Koͤnig indem er in ſein Betzimmer ging.„Mein Gott, wie kleinlich find doch die Menſchen und alle, ſelbſt die geiſtreichſten!“ Nambu hatte Recht. Chicot war geränſchlos durch das Vorzimmer gegangen, aber ſeine Sporen klirrten doch, ſo daß Viele ſich nach ihm umſahen und ihn gruͤßten, denn man wußte, auf wie vertraulichem Fuße Chicot mit dem 178 Könige ſtand und Viele bückten ſich tiefer vor ihm als ſie ſich vor dem Herzoge von Anjon gebückt haben wurden. An dem Ausgange des Louvre blieb Chicot ſtehen, als wolle er einen locker gewordenen Sporn wieder feſt⸗ ſchnallen. Der Capitain Guiſe's war, wie geſagt, kaum fünf Minuten nach Chicot fortgegangen, auf den er nicht ge⸗ achtet hatte. Er ſchritt ſtolz und erfreut einher, ſtolz weil er gar kein übeler Soldat war und ſeine Schoͤnheit gern vor den Schweizern und den Garden Sr. Maj. zeigte, und erfreut, weil der Konig durch die Art, wie er ihn empfan⸗ gen, bewieſen hatte, er hege keinen Argwohn gegen Herrn von Guiſe. Am Ausgange horte er Sporen klirren. Er drehete ſich um, weil er meinte, der Koͤnig ſende ihm nach und erſtaunte gar ſehr als er das Geſicht des Robert Bri⸗ quet erkannte. Man erinnert ſich, daß die beiden Männer bei ihrem erſten Begegnen nicht gerade ſehr freundſchaftlich gegen einander geweſen waren. Borromaus riß den Mund weit auf und da er glaubte, der, welchen er kannte, wolle etwas von ihm, ſo blieb er ſtehen, ſo daß Chicot ihn mit zwei Schritten eingeholt hatte. Man weiß ja, was für Schritte Chicot machte. „Donnerwetter!“ ſagte Borromaͤus. „Ventre de biche!“ entgegnete Chicot. „Mein lieber Herr..“ „Mein hochwuͤrdiger Pater!“ „Mit dieſem Helm?“ 179 „In dieſem Koller?“ „Ich freue mich Euch zu ſehen.“ „Und ich treffe mit Vergnügen mit Euch zuſammen.“ Und die beiden Mäͤnner ſahen einander einige Secun⸗ den mit der feindſeligen Unentſchloſſenheit von zwei Haͤhnen an, die auf einander losfahren wollen und, um einander einzuſchuͤchtern, ſich keck hinſtellen. Borromaͤus ging zuerſt zur Freundlichkeit uber. Die Muskeln ſeines Geſichtes ließen von ihrer Span⸗ nung nach und er ſagte: „Bei Gott, Ihr ſeid ſchlan, Herr Robert Briguet „Ich, Hochwürdiger?“ antwortete Chicot.„Wie meint Ihr das?“ „Nun in dem Jacobinerkloſter wolltet Ihr uns ein⸗ reden, Ihr wäret ein gewöhnlicher Bürgersmann.“ „Und was ſoll ich von Euch ſagen, Herr Borro⸗ maus?“ „Von mir?“ „Ja von Euch.“ „Warum?“ „Weil Ihr mir glaublich machen wolltet, Ihr waret nur ein Moͤnch.“ Borromäus reichte ihm die Hand. „Ihr behandeltet mich ſchlecht im Kloſter,“ ſagte Chicot. „Weil ich Euch füͤr einen Spießbürger hielt und Ihr wißt ja, wie die Burger bei uns Soldaten angeſchrieben ſind.“ „Freilich,“ entgegnete Chicot,„es iſt gerade wie mit 180 den Moͤnchen und doch habt Ihr mich in der Schlinge ge⸗ fangen.“ „In der Schlinge?“ „Gewiß, denn in der Verkleidung legtet Ihr eine Schlinge. Ein tͤchtiger Capitain vertauſcht nicht ohne triftige Gruͤnde ſeinen Harniſch mit einer Kutte.“ „Gegen einen Soldaten habe ich keine Geheimniſſe,“ ſagte Borromäus.„Ja, ich hatte in dem Jacobinerkloſter einige perſoͤnliche Intereſſen; aber Ihr?“ „Ich auch,“ antwortete Chicot,„aber ſtill!“ „Aber warum wollen wir nicht davon ſprechen? Trinkt Ihr gern ein Glas Wein?“ „O ja, wenn er gut iſt.“ „Ich kenne ein Wirthshaus in der Naͤh Paris nicht ſeines Gleichen hat.“ „Ich kenne auch eins wie heißt das Eurige?“ „Zum Fuͤllhorn.“ „Ah!“ entgegnete Chicot erbebend. „Nun was iſt's?“ „Nichts.“ „Habt Ihr etwas gegen das Haus?“ „Nein, im Gegentheil.“ „Ihr kennt es?“ „Nicht im mindeſten und ich wundere mich varuber.“ „Wollen wir hingehen?“ „Sogleich. Wo liegt es?“ „Nach dem Thore Bourdelle zu. Der Wirth iſt ein kluger Mann, der genau weiß, welcher unterſchied zwiſchen e, das in ganz — e ge⸗ eine hne ſe,“ ſter 181 unſerem Gaumen und dem eines durſtigen Voruͤbergehen⸗ den iſt.“ „Und wir konnen da ungehoͤrt plaudern?“ „Im Keller, wenn wir wollen; wir koͤnnen ſogar die Thuͤr ſchließen.“ „Ich ſehe, daß Ihr ein Mann ſeid, der ſich zu helfen weiß und in den Schenken ſo gut zu Hauſe iſt wie in den Kloͤſtern.“ „Glaubt Ihr, daß ich mit dem Wirthe im Einver⸗ ſtändniſſe bin?“ „Es ſcheint mir ganz ſo.“ „Wahrhaftig nicht; diesmal ſeid Ihr im Irrthume; Meiſter Bonhomet verkauft mir Wein, wann ich will und ich bezahle ihn wenn ich kann.“ „Bonhomet?“ fiel Chicot ein,„der Name verſpricht viel.“ „Und ſo hält er es auch... So kommt.“ „Hier mußt Du Dich zuſammennehmen, Chicot,“ dachte dieſer bei ſich indem er dem falſchen Mönche folgte; „denn wenn Bonhomet Dich ſogleich erkennt, iſt es um Dich geſchehen.“ 182 Siebenzehntes Kapitel. Das Fuͤllhorn. Der Weg, auf welchem Borromäus Chicot fuͤhrte ohne zu ahnen, daß dieſer ihn eben ſo gut kenne, erinnerte unſern Gascogner an die ſchoͤnen Tage ſeiner Jugend. Wie oftmals hatte er mit leerem Kopfe, gelenkigen Beinen und baumelnden Armen im Winterſonnenſchein oder in dem kuͤhlen Sommerſchatten das Haus des„Fuͤll⸗ horns“ aufgeſucht, in das ihn jetzt ein Fremder fuhrte! Damals machten ihn einige Gold⸗, ja nur einige Silber⸗ ſtͤcke im Beutel glůcklicher als einen Koͤnig; er gab ſich dem wonnigen Genuſſe des Nichtsthun ſo lange hin als es ihm geſiel, da weder eine Hausfrau noch hungrige Kin⸗ der noch argwoͤhniſche und keifiſche Verwandte auf ihn warteten. Chicot ſetzte ſich damals ſorglos auf der hölzernen Bank oder dem Schemel des Wirthshauſes nieder und wartete auf Gorenflot oder fand ihn vielmehr faſt immer ſchon da. Gorenflot wurde dann ſichtlich aufgeheitert und Chicot ſtudirte jeden Grad der Trunkenheit ſeines Freundes, ſo wie die ſeltſame Natur deſſelben und unter dem Einfluſſe des guten Weines, der Warme und der Freiheit ſtieg die Jugend glanzvoll, ſiegend und troſtreich vor ihm wie⸗ der auf. Als Chieot jetzt vor dem Buſſy⸗Platze vorüber ging, — c„8 „„——-— — ne ern en in r⸗ 183 richtete er ſich ſo lang als moglich empor, um das Haus zu erblicken, das er der Aufſicht Remy's anempfohlen hatte, aber die Straße war krumm und das Stehenbleiben wuͤrde unklug geweſen ſein; er folgte alſo dem Capitain mit einem halb unterdruͤckten Seufzer. Bald zeigten ſich die große St. Jacobsſtraße vor ſeinen Blicken, dann das Kloſter St. Benediet und dieſem faſt gegenuͤber das Gaſthaus zum„Fuͤllhorn“, das zwar ziem⸗ lich alt, ſchmuzig und voll Spruͤnge war, aber noch immer von Platanen und Kaſtanienbaͤumen beſchattet wurde und innen ſeine glaͤnzenden Zinnkruͤge und rein geſcheuerten Caſſerols hatte. Nachdem Chicot am Eingange ſich umgeſchaut hatte, machte er einen krummen Ruͤcken und verlor noch ſechs Loll von ſeiner Länge, die er bereits vor dem Capitain ver⸗ ringert hatte, nahm einen ganz andern Geſichtsausdruck an und bereitete ſich ſo vor, vor den ihm wohlbekannten Meiſter Bonhomet zu treten. Borromaͤus ging voran, um ihm den Weg zu zeigen, und bei dem Anblicke der beiden Helme bemuͤhete ſich der Wirth nur den erſten zu erkennen. Wenn die Fagade des„Fuͤllhorns“ zerſprungen war, ſo hatte auch die Außenſeite des Wirthes von der Zeit große Veränderungen erleiden muͤſſen. Außer den Runzeln, welche auf dem menſchlichen Ge⸗ ſichte den Spruͤngen entſprechen, welche die Zeit an den Bau⸗ werken hervorbringt, hatte Bonhomet das Benehmen eines Mächtigen angenommen, das ihn fuͤr Alle außer Soldaten ſchwer zugänglich machte. 184 Bonhomet achtete dagegen noch immer den Degen; das war ſeine ſchwache Seite. Wenn ungluͤcklicher Weiſe in dieſem Wirthshauſe ein Streit entſtand, ehe man die Schweizer oder die Schaarwache holen konnte, hatte der Degen bereits ſeine Rolle geſpielt und zwar ſo, daß er meh⸗ rere Waͤmmſer durchbohrt; dieſer Unfall war Bonhomet ſieben oder acht Mal widerfahren und hatte ihn jedes Mal hundert Livres gekoſtet; er achtete alſo den Degen, weil er ihn fuͤrchtete. Mit den andern Gaͤſten des„Fullhorns“, Schuſtern, Schreibern, Moͤnchen und Kaufleuten, wurde Bonhomet ganz allein fertig; er hatte einen gewiſſen Ruf dadurch er⸗ langt, daß er den Unruhſtiftern und ſchlechten Zahlern ein Abzeichen anhing, was immer einige Stammgäſte auf ſeine Seite brachte, die unter den Kräftigſten in der Nachbar⸗ ſchaft gewählt worden waren. Uebrigens wußte man, daß der Wein gut und rein war, da ihn jeder ſelbſt aus dem Keller holen konnte und man kannte ſeine Langmuth gegen manche ſeiner Schuld⸗ ner ſo gut, daß Niemand uͤber ſeine Seltſamkeit ſich er⸗ zurnte. Dieſe Seltſamkeit und Launen ſchrieben einige alte Stammgäſte den Sorgen zu, die Bonhomet in ſeinem Hauſe gehabt habe. Und dieſe Erklaͤrung glaubte Borro⸗ maͤus Chicot geben zu muͤſſen. Dieſe finſtere und menſchenfeindliche Laune Bonho⸗ met's hatte freilich in Bezug auf die Ausſchmückung und Bequemlichkeit des Gaſthauſes uͤbel eingewirkt. Da er ſeiner Meinung nach hoͤher uber ſeinen Kunden ſtand, ſo n; iſe die er h⸗ net es en, rn, net er⸗ ein ne ar, d⸗ r⸗ 185 kuͤmmerte er ſich wenig um die Ausſchmuͤckung ſeines Hau⸗ ſes und als Chicot eintrat, erkannte er Alles ſofort wieder. Nichts war in der Wirthsſtube veraͤndert, als daß die graue Farbe der Decke ſchwarz geworden. In jener gluͤcklichen Zeit hatten die Wirthshaͤuſer den ſo ſcharfen häßlichen Tabaksgeruch noch nicht angenommen, von dem jetzt Alles durchdrungen iſt. Chicot trat hinter Borromaͤus ein, wie geſagt, und wurde von dem Wirthe des Fuͤllhorns nicht geſehen oder vielmehr nicht erkannt. Er kannte die dunkelſte Ecke der Stube und ging ſo⸗ gleich auf dieſelbe zu, als Borromäus ihn zurückhielt und ſagte: „Halt, Freund! Hinter dieſer Wand iſt ein Plätzchen, in dem zwei Perſonen ſelbſt bei dem Trinken mit einander ins Geheim plaudern konnen.“ „So wollen wir gleich dahin gehen,“ ſagte Chicot. Borromaus winkte dem Wirthe, als wollte er fragen: „Iſt das Cabinet frei?“ Der Wirth nickte und Borromaͤus ſagte: „Kommt!“ Er fuͤhrte Chicot, der ſich ſtellte als ſtoße er an alle Ecken des Corridors an, in das wohlbekannte Cabinet. „Hier,“ ſagte Borromaͤus,„wartet auf mich, waͤhrend ich ein Vorrecht benutze, das den Stammgaͤſten hier zuge⸗ ſtanden wird.“ „Welches?“ „Selbſt in den Keller zu gehen und den Wein zu holen.“ Die Fuͤnfundvierzig. W. 13 Chicot ſah ihm nach und als jener die Thuͤr hinter ſich zugemacht hatte, hob er an der Wand ein Bild der Er⸗ mordung des Credits durch die ſchlechten Zahler empor, das in einem ſchwarzen Rahmen einem andern gegenüber hing, welches ein Dutzend armer Teufel vorſtellte. Hinter dieſem Bilde befand ſich ein Loch und durch die⸗ ſes Loch konnte man in die Trinkſtube hineinſehen ohne daß man von dort aus geſehen wurde.“ „Ah ha!“ ſagte Chicot,„Du führſt mich in ein Gaſt⸗ haus, in dem Du bekannt biſt; Du gehſt mit mir in ein Cabinet, in dem ich nicht geſehen werden könnte und wo ich eben ſo wenig ſehen dürfte, aber in dieſem Cabinet iſt ein Loch, durch das ich Dich beobachten werde. Capitain, Du biſt noch lange nicht klug genug.“ Und Chicot legte das Auge an die Oeffnung, die kunſt⸗ reich in der Wand angebracht war. Er bemerkte Borromaus, welcher vorſichtig den Fin⸗ ger auf den Mund legte und dann mit Bonhomet ſprach, der zuſtimmend nickte. Chicot erklaͤrte ſich dieſe Zeichenſprache durch die Worte: „Gebt uns Wein in dieſes Cabinet und was Ihr auch hoͤrt, kommt nicht hinein!“ Borromaͤus nahm darauf ein Licht, das da brannte, hob eine Fallthuͤr auf und ging ſelbſt in den Keller hin⸗ unter. Chicot klopfte ſogleich in eigenthuͤmlicher Weiſe an die Wand. —,————— ſich Er⸗ or ber ie⸗ daß aſt⸗ ein wo in, in⸗ ch, die 187 Bonhomet zuckte zuſammen als er dieſes eigenthuͤm⸗ liche Klopfen hoͤrte, ſah auf und horchte. Chicot klopfte zum zweiten Male wie Jemand, der ſich wundert, daß man nicht auf den erſten Ruf gehorcht hat. Bonhomet eilte nun in das Cabinet und fand da Chi⸗ cot mit drohendem Geſichte. Der Wirth ſtieß einen Schrei aus; er hielt Chicot wie alle Anderen fuͤr todt und glaubte einem Geſpenſte gegenuͤber zu ſtehen. „Seit wann laßt Ihr Leute wie ich bin zwei Mal rufen?“ „Ach lieber Herr Chicot,“ antwortete Bonhomet,„ſeid Ihr es ſelbſt oder Euer Geiſt?“ „Gleichviel ob ich es ſelbſt bin oder mein Geiſt,“ ſagte Chicot,„ich hoffe, daß Ihr mir puͤnktlich gehorcht, nach⸗ dem Ihr mich erkannt habt.“ „Gewiß, werther Herr, befehlt nur.“ „Welches Geraͤuſch Ihr auch hier in dem Cabinet horen moget, Bonhomet, und was auch geſchehen mag, ich hoffe, daß Ihr nicht eher erſcheint bis ich rufe.“ „Das wird um ſo leichter ſein, werther Herr Chicot, da Euer Geſellſchafter mir daſſelbe anempfohlen hat.“ „Ja, aber dieſer wird nicht rufen, verſteht Ihr wohl, Bonhomet; ich werde rufen. Wenn er riefe, wäre es gerade ſo gut als riefe er nicht.“ „Sehr wohl.“ „Und nun entfernt alle Eure anderen Kunden unter irgend einem Vorwande, damit wir zehn Minuten lang ganz frei und ungeftoͤrt bei Euch find.“ 13* „Nach zehn Minuten wird keine Katze mehr in dem Hauſe ſein.“ Als Bonhomet ruͤckwärts hinausging, begegnete er Vorromaͤus, der wieder aus dem Keller kam, in das Cabi⸗ net zuruckkehrte und traf, der laͤchelnd auf ihn wartete. Wir wiſſen nicht, wie es Bonhomet angefangen hat, aber nach zehn Minuten ging der letzte Schuͤler uber die Schwelle der Thuͤr, und ſagte zu dem ihm begleitenden Schreiber: „Bei dem Bonhomet droht heute ein Unwetter; wir wollen lieber gehen, ehe es einſchlaͤgt.“ Achtzehntes Kapitel. Was in dem Cabinet Vonhomet's geſchah. Als der Capitain in das Cabinet mit einem Korbe mit einem Dutzend Flaſchen in der Hand zuruͤckkam, empfing ihn Chicot ſo freundlich, daß Borromaͤus ihn fuͤr einen Tropf zu halten verſucht wurde. Er entſtoͤpſelte dann die Flaſchen, die er aus dem Kel⸗ ler geholt hatte und Chicot war ihm dabei behilflich, ſo daß die Vorbereitungen nicht lange waͤhrten. Die beiden Gefährten forderten als erfahrene Trinker etwas Geſalze⸗ nes in der lobenswerthen Abſicht den Durſt nicht erloſchen zu laſſen. Dieſes Geſalzene brachte ihnen Bonhomet, den jeder noch einmal bedeutungsvoll anſah und der auch jedem antwortete. Aber wenn Jemand die beiden Blicke hätte —— ſe tr — dem er bi⸗ ihn at, die den wir nit en el⸗ en ze⸗ en m te —— 189 beobachten koͤnnen, wuͤrde er einen großen Unterſchied zwi⸗ ſchen denſelben gefunden haben. Als Bonhomet ſich entfernt hatte, fingen ſie an zu trinken. Anfangs tranken ſie mehrere Glaͤſer aus ohne ein Wort dabei zu ſprechen als ſei die Beſchaftigung zu wichtig als daß ſie unterbrochen werden duͤrfe. Bei der dritten Flaſche ſchlug Chicot die Angen auf und ſagte: „Wir trinken wahrhaftig als wollten wir uns betrin⸗ ken. Aber ich kann ſchon etwas vertragen.“ Und ſie tranken weiter. Der Wein machte auf die beiden Männer einen ganz verſchiedenen Eindruck. Chi⸗ cot loöſete er die Zunge, dem Borromaͤus band er ſie. „Ah, Du ſchweigſt,“ dachte Chicot bei ſich;„Du zwei⸗ felſt an mir.“ „Ah, Du ſchwatzeſt,“ dachte Borromäus,„alſo wirſt Du betrunken. Wie viele Flaſchen braucht Ihr, Freund?“ „Wozu?“ „Zum Luſtigwerden.“ „Mit vier bin ich zufrieden.“ „Aber zum Angetrunkenwerden?“ „Vielleicht ſechs.“ „Und um einen tüchtigen Rauſch zu bekommen?“ Für dieſen Fall wollen wir das Doppelte annehmen.“ „Aufſchneider du!“ dachte Borromäus;„er ſtammelt ſchön und iſt erſt bei der vierten Flaſche.“—„Da haben wir noch viel vor uns,“ ſetzte er laut hinzu indem er eine 190 funfte Flaſche fur ſich und eine fuͤnfte für Chicot aus dem Korbe nahm. Nur bemerkte Chicot, daß von den fuͤnf Flaſchen, die auf der Seite des Capitains ſtanden, einige halb, einige zu zwei Drittel, keine zwar ganz leer war. Dies beſtärkte ihn in dem Gedanken, daß der Capitain boͤſe Abſichten habe. Er richtete ſich auf, um die fuͤnfte Flaſche zu nehmen, die ihm Borromaͤus reichte und wankte dabei auf den Beinen. „Habt Ihr es auch gefuͤhlt?“ W „Das Erdbeben?“ „Wahrhaftig! Zum Gluck iſt das„Füllhorn“ feſt, ob es gleich auf einer Angel gebaut iſt.“ „Auf einer Angel?“ fragte Borromaͤus. „Ohne Zweifel, es dreht ſich ja immer herum.“ „Allerdings,“ ſagte Borromaͤus indem er ſein Glas bis auf den letzten Tropfen austrank,„ich fühlte die Wir⸗ kung wohl, errieth aber die Urſache nicht.“ „Weil Ihr nicht Lateiniſch verſteht,“entgegnete Chi⸗ cot,„weil Ihr die Abhandlung de natura rerum nicht geleſen habt. Haͤttet Ihr die geleſen, wurdet Ihr auch wiſ⸗ ſen, daß es keine Wirkung ohne urſache giebt.“ „Nun, lieber Camerad,“ ſagte Borromaͤus,„denn Ihr ſeid doch Capitain wie ich, nicht wahr?“ „Capitain von der Fußſohle bis zu der Spitze der Haare,“ antwortete Chieot. U m 191 „Nun, mein lieber Capitain,“ fuhr Borromaͤus fort, „ſagt mir, da es keine Wirkung ohne Urſache giebt, welche Urſache Eure Verkleidung hatte?“ „Welche Verkleidung?“ „Die, in welcher Ihr bei Modeſtus waret.“ „Wie war ich denn verkleidet?“ „Als Buͤrger.“ „Richtig.“ „Sagt mir dies und Ihr werdet mir etwas Wichtiges mittheilen.“ „Recht gern, aber Ihr ſagt mir auch, nicht wahr, warum Ihr Euch als Moͤnch verkleidet hattet.. Vertrauen gegen Vertrauen.“ „Topp!“ ſagte Borromaͤus. „Eingeſchlagen!“ ſetzte Chicot hinzu und er hielt dem Capitain die Hand hin, der ſofort einſchlug.„Ihr wollt alſo wiſſen, warum ich als Buͤrger verkleidet war?“ ſtam⸗ melte Chicot mehr und mehr wie angetrunken. „Ja, ich bin ſehr neugierig.“ „Und Ihr werdet mir auch Alles ſagen?“ „Auf Ehre.“ „Zwei Worte werden hinreichen.“ „Ich bin neugierig.“ „Ich bin ein Spion des Koͤnigs.“ „Ihr ſeid ein Spion?“ „Ja, aus Liebhaberei.“ „Was ſpionirtet Ihr nun in dem Kloſter?“ „Alles. Zuerſt beobachtete ich Modeſtus, dann den 192 Bruder Borromäns, dann den kleinen Jacob, überhaupt das ganze Kloſter.“ „Und was entdecktet Ihr, wuͤrdiger Freund?“ „Zuerſt, daß der Abt ein Eſel iſt.“ „Das zu entdecken iſt nicht ſchwer.“ „Verzeiht, denn Se. Majeſtät Heinrich HI., der nicht dumm iſt, halt den Abt für ein Kirchenlicht und will ihn zum Biſchof machen.“ „Dagegen habe ich nichts zu ſagen, im Gegentheil, ich werde viel daruͤber lachen. Aber was entdecktet Ihr noch?“ „Ich entdeckte, daß ein gewiſſer Bruder Borromaͤus kein Moͤnch, ſondern ein Soldat ſei.“ „Das haͤttet Ihr wirklich entdeckt?“ „Auf den erſten Blick.“ „Und dann?“ „Dann entdeckte ich, daß der kleine Jacob ſich mit dem Fleuret ͤbte, bis er zu dem Degen greifen könnte und nach der Scheibe ſchoß, um ſpäter nach einem Menſchen zu ſchießen.“ „Das haſt Du entdeckt?“ fragte Borromaus mit ge⸗ runzelter Stirn,„und was weiter?“ „Schenke ein, ſonſt faͤllt mir nichts ein.“ „Du wirſt bemerken, daß Du die ſechſte Flaſche an⸗ ſteckeſt,“ ſagte Borromaͤus lachend. „Auch bin ich angetrunken,“ entgegnete Chicot,„ich behaupte nicht das Gegentheil. Sind wir hierher gekom⸗ men, um zu philoſophiren?“ „Nein, um zu trinken.“ „So wollen wir trinken.“ de ich tpt cht hu ich . 193 Chicot ſchenkte ſein Glas voll. „Nun,“ fragte Borromaͤus als er ſich auch eingeſchenkt und getrunken hatte,„faͤllt dir das Weitere ein?“ „Was?“ „Was Du noch in dem Kloſter geſehen haſt?“ „Ich ſah, daß die Moͤnche Soldaten waren und nicht dem Abte, ſondern Dir gehorchten.“ „Das iſt aber wahrſcheinlich nicht Alles.“ „Nein, aber trinken, trinken muſſen wir, ſonſt vergeſſe ich Alles.“ „Trinke, ſo!— Was haſt Du noch geſehen?“ „Ich ſah, daß ein Complott beſtand.“ „Ein Complott? fragte Borromäus erbleichend. „Ja, ein Complott,“ antwortete Chicot. „Gegen wen?“ „Gegen den Koͤnig.“ „Zu welchem Zwecke?“ „Ihn zu entfuͤhren.“ „Und wann?“ „Wann? Auf dem Ruͤckwege von Vincennes.“ „Donnerwetter.“ „Was beliebt?“ „Nichts. Habt Ihr das geſehen?“ „Ich habe es geſehen.“ „Und dem Koͤnige Anzeige davon gemacht?“ „Das verſteht ſich; ich war ja nur deshalb gekommen.“ „So ſeid Ihr Schuld, daß der Handſtreich mißglückte?“ „Ich bin es,“ ſogte Chicot. 194 „Daß ihn das Wetter erſchlage!“ murmelte Borro⸗ maͤus zwiſchen den Zaͤhnen. „Was ſagt Ihr?“ fragte Chicot. „Ich meine, Ihr habt gute Augen, Freund.“ „Ah,“ ſprach Chicot ſtammelnd,„ich habe noch man⸗ ches Andere geſehen. Holt mir einmal eine Eurer Flaſchen und Ihr werdet ſtaunen, wenn ich Euch ſage was ich ge⸗ ſehen habe.“ Borromaͤus beeilte ſich, dieſen Wunſch zu erfullen. „Zuerſt,“ fuhr Chicot fort,„habe ich Herrn von May⸗ enne verwundet geſehen.“ 8 „Nun das war eben kein Wunder, ich ſah ihn auf mei⸗ nem Wege.. Dann ſah ich Cahors einnehmen.“ „Cahors einnehmen? Ihr kommt alſo von Cahors?“ „Allerdings. Ach, Capitain, das war ſchoͤn mit an⸗ zuſehen und ein tapferer Mann wie Ihr wurde ſeine Freude daran gehabt haben.“ „Ich zweifele nicht daran. Ihr waret alſo bei dem Koͤnige von Navarra?“ „Ganz nahe, Freund, ſo wie wir jetzt ſitzen.“ „Und warum verließet Ihr ihn?“ „Um dem Koͤnig von Frankreich dieſe Neuigkeit zu melden.“ „Und Ihr kommt aus dem Louvre?“ „Eine Viertelſtunde vor Euch.“ „Seit dem ſind wir bei einander geweſen und ich frage Euch alſo nicht, was Ihr da geſehen habt.“ dat gel ant an auf er, den ger rotl Kol die Her hoffe ro⸗ an⸗ en ge⸗ zu ge 10⁵ „Im Gegentheil, fragt nur, denn jetzt kommt gerade das Merkwuͤrdigſte.“ „So ſprecht.“ „Sprecht, ſprecht! Das iſt leicht geſagt.“ „So ſtrengt Euch an.“ „Noch ein Glas, ein volles Glas, das mir die Zunge geläufiger macht. Nun. ich ſah, Kamerad, daß Du einen andern Brief fallen ließeſt als Du den Brief Sr. Hoheit an den Koͤnig aus dem Beutel nahmſt.“ „Einen andern?“ wiederholte Borromäus indem er aufſprang. „Ja,“ ſagte Chicot,„und er war da.“ Damit zeigte er, nach dem er ein Paar mal daneben getappt hatte, mit dem Finger auf das Buffelkoller des Borromäus und zwar gerade auf die Stelle wo ſich der Brief befand. Vorromäus erbebte als wäre der Finger Chicot's von rothgluͤhendem Eiſen geweſen und als hätte dieſer nicht das Koller, ſondern die Bruſt ſelbſt beruͤhrt. „Nun, da fehlte nur noch eins.“ „An was?“ „An dem, was Ihr geſehen habt.“ „Was?“ „Das Ihr wuͤßtet, an wen der Brief gerichtet iſt.“ „Das iſt leicht zu ſagen,“ antwortete Chicot indem er die Arme auf den Tiſch fallen ließ;„er iſt an die Frau Herzogin von Montpenſier gerichtet.“ „Blut Chriſtt!“ rief Borromäus aus;„Ihr habt hoffentlich dem Könige davon nichts geſagt.“ „Kein Wort, aber ich werde es ihm ſagen.“ 196 „Wann?“ „Wann ich ein Schlaͤfchen gemacht haben werde,“ ant⸗ wortete Chicot, der den Kopf auf die Arme ſinken ließ, wie er die Arme hatte auf den Tiſch ſinken laſſen. „Ihr wißt alſo, daß ich einen Brief an die Herzogin habe?“ fragte der Capitain in einem eigenthümlichen Tone. „Das weiß ich genau,“ brummte Chicot. „Und wenn Ihr auf Euern Beinen ſtehen könntet, wuͤrdet Ihr in den Louvre gehen?“ „Ich werde in den Louvre gehen.“ „Und mich anzeigen.“ „Euch anzeigen.“ „Es war alſo kein Scherz?“ „Was?“ „Daß nach Euerm Schlafe..“ „Nun?“ „Der Koͤnig Alles erfahren ſoll?“ „Aber lieber Freund,“ antwortete Chicot indem er den Kopf emporrichtete und Borromaus matt anſah,„be⸗ greift doch. Ihr ſeid ein Verſchworer, ich bin ein Spion; ich bekomme ſo und ſo viel fuͤr das Complott, das ich anzeige; Ihr zettelt ein Complott an und ich zeige Euch an. Jeder treibt ſein Gewerbe.. Gute Nacht, Capitain.“ Nach dieſen Worten nahm Chicot nicht blos ſein fruͤhe⸗ res Lager wieder an, er richtete ſeinen Sitz vielmehr ſo ein, daß der vordere Theil ſeines Kopfes durch ſeine Hand bedeckt und der hintere Theil durch den Helm geſchutzt war. Nur der Ruͤcken bot ſeine Fläche dar und rundete ſich ange⸗ nehm, da er den Harniſch auf einen Stuhl gelegt hatte. ant⸗ wie ogin one. ntet, ner „be⸗ ion; ige; eder the⸗ ein, and var. ge⸗ tte. 197 „Du willſt mich alſo verrathen, Freund?“ begann Borromaͤus noch einmal. „Sobald ich ausgeſchlafen habe,“ ſagte Chicot. „Ich werde dafuͤr ſorgen, daß Du diesmal nicht aus⸗ ſchlaͤſſt“ rief Borromäus aus, während er gleichzeitig ſei⸗ nem Trinkgenoſſen einen gewaltigen Dolchſtoß in den Rücken verſetzte. Aber er hatte ohne das Panzerhemd gerechnet, das Chicot aus dem Kloſter mitgenommen. Der Dolch zerbrach wie Glas auf dem Panzerhemd, dem Chicot zum zweiten Male ſein Leben verdankte. Ehe der Moͤrder von ſeinem Staunen ſich erholt hatte, beſchrieb der rechte Arm Chicot's, der wie eine niederge⸗ druͤckte Springfeder hervorſchoß, einen Halbkreis und ver⸗ ſetzte dem Borromäus einen gewaltigen Schlag in das Ge⸗ ſicht, ſo daß derſelbe blutend an die Wand taumelte. In der naͤchſten Secunde hatte ſich Borromaͤus wieder aufgerafft und gleich darauf hatte er den Degen in der Hand. Chicot war ebenfalls aufgeſprungen und hatte zum Degen gegriffen. Der Rauſch war wie durch Zauberei verſchwunden; Chicot hielt ſich auf dem linken Fuße etwas zuruͤckgebeugt und ſtand mit feſtem Blicke, mit ſicherer Hand da, ſeinen Gegner zu empfangen. Der Tiſch lag wie ein Schlachtfeld mit den leeren Flaſchen darauf zwiſchen den beiden Gegnern und diente jedem als Verſchanzung. Borromaͤus dagegen wurde durch den Anblick des Blu⸗ tes, das uͤber ſein Geſicht ſtrömte, wie berauſcht; er ver⸗ * 198 lor jede Klugheit, ſtuͤrzte ſich auf ſeinen Feind und näherte ſich demſelben ſo viel als möglich. „Siehſt Du denn nicht,“ rief Chicot aus,„daß du be⸗ trunken biſt, denn Du kannſt mich uͤber den Tiſch hinweg nicht erreichen, waͤhrend mein Arm ſechs Zoll länger iſt als der Deinige, wie mein Degen ſechs Zoll laͤnger. Da iſt der Beweis!“ Und Chicot ſtreckte den Arm mit Blitzesſchnelligkeit aus und traf Borromaͤus mitten auf die Stirn. Der Capitain ſchrie, mehr aus Zorn als aus Schmerz und da er allerdings ſehr muthig war, griff er um ſo hitzi⸗ ger an. Chicot, der ſich an der andern Seite des Tiſches be⸗ fand, nahm einen Stuhl und ſetzte ſich ruhig nieder. „Mein Gott,“ ſagte er achſelzuckend,„wie dumm doch die Soldaten ſind. Sie wollen einen Degen handhaben konnen und der geringſte Buͤrger könnte ſie niederſtoßen wie Fliegen wenn er Luſt hätte. Nun wirſt Du mir ein Auge ausſtoßen! Du ſteigſt auf den Tiſch? Nun weiter fehlte nichts.. Sieh Dich vor, dummer Kerl, die Stoͤße von unten nach oben ſind ſchrecklich und wenn ich wollte, konnte ich Dich ſpießen wie eine Lerche.“ Und er traf ihn an den Leib wie er ihn früher an die Stirn getroffen hatte. Borromäus ſprang wuthend wieder von dem Tiſche herunter. „So iſt's recht,“ ſagte Chicot,„ſo ſtehen wir wieber auf ebenem Boden und koͤnnen beim Fechten plaudern.. rat ſch dei wer herte tbe⸗ weg tals der gkeit nerz itzi⸗ be⸗ doch ben ßen ein iter oße te, die ſche 199 Capitain, Capitain, begehen wir bisweilen eine kleine Mordthat zum Zeitvertreibe zwiſchen zwei Complotten?“ „Ich thue füͤr meine Sache was Ihr für die Eurige thut, ſagte Borromäus der unwillkürlich über das duſtere Feuer in den Augen Chicot's erſchrak. „Das nenne ich reden,“ entgegnete dieſer,„und doch ſehe ich mit Vergnuͤgen, Freund, daß Du mir nicht gleich⸗ kommſt.— Richt ubel!“ Borromaͤus hatte mit der Degenſpitze die Bruſt Chi⸗ cot's beruͤhrt.. „Nicht uͤbel, aber ich kenne den Stoß; es iſt der, wel⸗ chen Ihr dem kleinen Jacob lehrtet. Ich ſagte alſo, Ihr kommt mir nicht gleich, denn ich habe den Streit nicht an⸗ gefangen, welche Luſt ich auch dazu hatte; ja ich habe Euch Euern Plan ausführen laſſen und Euch jede Gelegenheit dazu gegeben; auch in dieſem Augenblicke parire ich nur.. Ich moͤchte Euch ein Abkommen vorſchlagen.“ „Nichts da!“ rief Borromäus aus erbittert über die Ruhe Chicot's und er verſetzte ihm einen Stoß, welcher den Gascogner durchbohrt haben wurde, wenn dieſer nicht mit ſeinen langen Beinen einen Schritt gethan hätte, der ihn außer dem Bereiche ſeines Gegners brachte. „Ich will Dir doch das Abkommen mittheilen, Came⸗ rad, damit ich mir gar nichts vorzuwerfen habe.“ „Schweig!“ ſiel Borromäus ein;„es iſt nicht nöthig, ſchweig!“ „Es iſt meines Gewiſſens wegen; ich duͤrſte nicht nach deinem Blute, verſtanden? und mag Dich nicht todten, wenn es nicht durchaus ſein muß.“ 200 „So toͤdte doch, wenn Du kannſt!“ rief Borromaͤus. „Nun, ich habe in meinem Leben ſchon einen Klopf⸗ fechter wie Du biſt niedergeſtoßen, einen der ſogar noch ge⸗ ſchickter war als Du. Du kennſt ihn ja, er hielt es auch mit dem Hauſe Guiſe und war ein Advokat.“ „Ah, Nicolaus David!“ murmelte Borromaͤus, der ſich nun mehr blos vertheidigte. „Richtig.“ „Du haſt ihn getoͤdtet?“ „Mein Gott ja, durch einen kleinen Stoß, den ich Dir zeigen will, wenn Du meinen Vorſchlag nicht annimmſt.“ „Laß Deinen Vorſchlag hoͤren.“ „Du trittſt aus dem Dienſte des Herzogs in den des Koͤnigs, ohne eigentlich den Dienſt Guiſe's zu verlaſſen.“ „Ich ſoll Spion werden wie Du?“ „Nein, ein Unterſchied wuͤrde immer ſein; mich be⸗ zahlt man nicht und Dich wuͤrde man bezahlen. Zuerſt zeigſt Du mir den Brief des Herrn von Guiſe an die Her⸗ zogin von Montpenſier, laͤßt mir eine Abſchrift davon neh⸗ men und ich laſſe Dich bis zu neuer Gelegenheit in Ruhe. Iſt das nicht annehmbar?“ „Da haſt Du meine Antwort.“ Der Stoß, den Borromaus fuͤhrte, beruͤhrte die Achſel Chicot's. „Ich ſehe wohl,“ ſagte dieſer,„daß ich Dir den Stoß des Nicolaus David zeigen muß, einen huͤbſchen ganz ein⸗ fachen Stoß.“ Und Chicot, der ſich bisher nur vertheibiget hatte, trat einen Schritt vor und griff ſeiner Seits an. der fal ſch De oͤffn Ko] eine län die gedr Sch Umſ ſein los, War der barm e letzte „ Die Dir iſt.“ des n. terſt er⸗ eh⸗ uhe. hſel Stoß ein⸗ trat 201 „Gieb Acht; jetzt mache ich eine Finte, dann folgt der Stoß. Gieb wohl Acht; ſiehſt Du, jetzt parirſt Du falſch, ich falle aus und Du biſt getroffen, Du biſt todt.“ Der Stoß folgte und der ſpitze ſchmale Degen Chicot's ſchlupfte wie ein Aal zwiſchen zwei Rippen des Gegners hindurch. Borromaus breitete die Arme aus und ließ ſeinen Degen fallen; ſeine Augen dehnten ſich aus, ſein Mund oͤffnete ſich, ein rother Schaum trat auf ſeine Lippen, ſein Kopf neigte ſich auf ſeine Achſel mit einem Seufzer, der einem Roͤcheln glich, dann weigerten ſich die Fuͤße ihn länger zu tragen, ſein Körper ſank zuſammen und riß dabei die Wunde groͤßer, da der Degen hinten in die Wand ein⸗ gedrungen war, ſo daß der Ungluͤckliche wie ein großer Schmetterling an die Wand genagelt blieb. Chicot blieb kalt und ruhig, wie er in ungewohnlichen Umſtänden zu ſein pflegte, beſonders wenn er das Bewußt⸗ ſein in ſich trug recht gehandelt zu haben, machte den Degen los, ſchnallte den Gürtel des Capitains ab, durchſuchte das Wamms deſſelben, nahm den Brief und las die Aufſchrift: „Herzogin von Montpenſier.“ Das Blut floß in ſtarkem Strome aus der Wunde und der Todeskampf verzerrte die Züge des Verletzten. „Ich ſterbe,“ murmelte dieſer;„Herr mein Gott, er⸗ barme Dich meiner.“ Dieſer letzte Aufruf an die göttliche Barmherzigkeit on Seiten eines Mannes, der ohne Zweifel nur in dieſem letzten Augenblicke an ſie dachte, rührte Chicbt. „Wir wollen mitleidig ſein,“ ſagte er,„und da der Die Fuͤnfundvierzig. IV. 14 202 Mann ſterben muß, ſoll er wenigſtens ſo bequem als moͤg⸗ lich ſterben.“ Er zog mit Anſtrengung den Degen aus der Wand und faßte Borromäus an, damit er nicht ſchwer zur Erde falle. Dieſe Vorſicht war aber nutzlos, denn der Tod war bereits eingetreten und der Koͤrper entglitt den Armen Chicot's. Chicot offnete nun die Thuͤr und rief Bonhomet. Er rief nicht zweimal; der Wirth hatte an der Thür gehorcht und den Lärm am Tiſche, das Klirren der Degen und dann den ſchweren Fall eines Koͤrpers gehoͤrt. Auch kannte er die Leute vom Degen, beſonders Chicot, zu ge⸗ nau, als daß er nicht hätte errathen ſollen was vorging. Er wußte nur nicht, welcher von den beiden Maͤnnern gefallen war. Zum Lobe Bonhomet's müſſen wir ſagen, daß ſein Ge⸗ ſicht einen Ausdruck aufrichtiger Freude annahm als er die Stimme Chicot's hoͤrte und dann ſah, daß der Gascogner wohlbehalten die Thuͤr oͤffnete. Chicot, dem nichts entging, bemerkte dieſe Frende und war dem Wirth dankbar dafür. Bonhomet trat zitternd in das Cabinet. „Du mein Jeſus!“ rief er aus als er den Koͤrper des Capitains im Blute liegen ſah. „Ja, armer Bonhomet,“ ſagte Chicot,„der Capitain iſt ſehr krank wie du ſiehſt.“ „Ach mein guter Herr Chicot, mein guter Herr Chi⸗ cot!“ rief Bonhomet aus, der einer Ohnmacht nahe war. „Nun was?“ fragte Chicot. Ae eir die ver Her erm eine ſieh 203 „Es iſt doch nnrecht, daß Ihr mein Haus zu dieſer That wähltet! Und ein ſo ſchoner Capitain!“ „Wuͤrdeſt Du mich lieber da liegen und Borromaͤus wohlbehalten ſehn?“ „Ach nein!“ entgegnete der Wirth aus der Tiefe ſei⸗ nes Herzens. „Das haͤtte aber doch ohne ein Wunder der Vorſehung geſchehen muͤſſen.“ „Wirklich?“ „Sieh auf meinen Ruͤcken; er ſchmerzt mich ſehr.“ Und er buͤckte ſich vor dem Wirthe, ſo daß ſeine beiden Achſeln in die Hoöhe der Augen deſſelben gelangten. Zwiſchen den Schultern war das Wamms geſchlitzt und ein runder Blutfleck von der Größe eines Thalers faͤrbte die Raͤnder des Loches. „Blut!“ rief Bonhomet aus.„Blut! Ihr ſeid dort verwundet!“ „Warte, warte!“ Und Chicot zog das Wamms, dann das Hemd aus. „Nun ſiehe hin,“ ſagte er. „Ach, Ihr hattet ein Panzerhemd! Welch Glick, Herr Chicot! Und Ihr ſagt, der Capitain wollte Euch ermorden?“ „Nun ich werde mir doch wohl nicht ſelbſt zum Spaße einen Dolchſtich zwiſchen die Schulterblätter geben?“ Was ſiehſt Du?“ „Eine Maſche iſt zerriſſen.“ „Der Capitain verſtand gut zu ſtoßen. Und Blut?“ „Ja viel Blut unter den Maſchen.“ 14* „So muß ich den Panzer ausziehen.“ Chicot that dies und entbloͤßte gänzlich ſeinen Ober⸗ koͤrper, der nur aus Knochen, auf dieſe Knochen geſpannten Muskeln und aus daruͤber gezogener Haut zu beſtehen ſchien. „Ich ſehe da einen Fleck ſo groß wie ein Teller, Herr Chicvt.“ „Es iſt eine Ecchimoſe, wie die Aerzte zu ſagen pfle⸗ gen. Gieb mir weiche Leinwand, gieße in ein Glas zu gleichen Theilen gutes Olivenoͤl und Weinhefe und waſche mir dieſen Flecken damit.“ „Aber was thun wir mit dieſem todten Korper?“ „Das geht Dich nichts an.“ „Warum ſollte es mich nichts angehen?“ „Nein. Gieb mir Dinte, Feder und Papier.“ „Sogleich, Herr Chicot.“ Bonhomet eilte aus dem Cabinet hinaus. Unterdeß waͤrmte Chicot, der wahrſcheinlich keine Zeit zu verlieren hatte, an der Lampe die Spitze eines kleinen Meſſers und ſchnitt in der Mitte des Siegels den ſeidenen Faden des Briefes durch. Nun hielt die Depeſche nichts mehr, Chicot zog ſie aus dem Couvert und las ſie mit allen Zeichen der Befrie⸗ digung. Als er zu Ende war, kam Bonhomet mit dem Oel und Wein, mit Dinte, Papier und Feder. Chicot ſetzte ſich an den Tiſch und bot mit ſtoiſchem Pflegma dem Wirthe ſeinen Ruͤcken dar. Bonhomet ver⸗ ſtand dieſe Pantomime und begann das Einreiben. „ „ 6 „ „ ꝰ „ „ 7* Chicot ſchrieb unterdeß, ohne um den Schmerz ſich zu fömmern, den Brief des Herzogs an die Herzogin von Mont⸗ penſier ab und machte ſeine Bemerkungen dabei. Der Brief lautete wie folgt. „Liebe Schweſter, das Unternehmen von Antwerpen „iſt füͤr Jedermann gelungen, fuͤr uns aber fehlgeſchlagen. „Man wird Dir ſagen, der Herzog von Anjon ſei todt; „glaube es aber nicht, er lebt. „Er lebt, verſtehſt Du? Darin liegt Alles. „Es liegt eine ganze Dynaſtie in dieſen beiden Wor⸗ „ten; dieſe beiden Worte trennen das Haus Lothringen „von dem Throne Frankreichs mehr als es der tiefſte Ab⸗ „grund vermoͤchte.“ „Beunruhige Dich indeß nicht zu ſehr daruͤber. Ich „habe gefunden, daß zwei Perſonen, die ich fuͤr todt gehal⸗ „ten hatte, noch leben und nach dem Leben dieſer beiden „Perſonen läßt ſich viel fur den Tod des Prinzen hoffen. „Denke alſo nur an Paris; nach ſechs Wochen wird „es Zeit ſein, daß die Ligue handele. Die Ligueurs moͤgen „alſo benachrichtiget werden, daß der Augenblick nahet, „damit ſie ſich bereit halten. „Die Armee ſteht bereit; wir haben zwoͤlftauſend Mann „ſichere und wohl ausgeruſtete Truppen; ich werde mit ihr „in Frankreich einruͤcken unter dem Vorwande die deutſchen „Hugenotten zu bekaͤmpfen, welche Heinrich von Navarra „unterſtützen wollen; ich werde die Hugenotten ſchlagen „und wenn ich einmal in Frankreich bin, werde ich als „Herr handeln.“ 206 „Ah!“ rief Chicot. „Mache ich Euch Schmerz, Herr Chicot?“ fragte Bonhomet indem er das Reiben einſtellte. „Ja, lieber Freund.“ „Ich werde ſanfter reiben.“ Chicot las und ſchrieb weiter: Nachſchrift.„Ich billige vollkommen Deinen Plan in „Bezug auf die Fuͤnfundvierzig; nur erlaube mir zu ſagen, „liebe Schweſter, daß Du dieſen Menſchen mehr Ehre er⸗ „eigſt als ſie verdienen.“ „Der Teufel!“ murmelte Chicot;„das wird dunkel.“ Er las noch einmal:„ich billige vollkommen.“ „Welchen Plan?“ fragte ſich Chicot.„Welche Ehre?“ Dann las er noch „Dein Dich liebender Bruder F. v. Lothringen.“ „Alles iſt klar,“ ſagte Chicot,„bis auf die Nach⸗ ſchrift. Dieſe Nachſchrift muͤſſen wir in den Augen be⸗ halten.“ „Lieber Herr Chicot,“ wagte der Wirth Bonhomet zu bemerken,„Ihr habt mir noch nicht geſagt, was ich mit dem Leichname thun ſoll.“ „Das iſt ſehr einfach.“ „Ihr moͤgt es ſo finden, ich nicht.“ „Wenn nun der ungluͤckliche Capitain auf der Straße Streit mit Schweizern oder Reitern bekommen und man hätte ihn verwundet zu Dir gebracht, wurdeſt Du Dich ge⸗ weigert haben ihn aufzunehmen?“ agte n in gen, e er⸗ kel.“ re?“ ach⸗ be⸗ et zu mit raße man ge⸗ 207 „Gewiß nicht, wenn Ihr es mir nicht verboten haͤttet.“ „Angenommen er waͤre in einen Winkel gelegt worden und Dir trotz der Pflege, die Du ihm zugewendet, unter den Handen geſtorben; es wäre ein Ungluck, weiter nichts, nicht wahr?“ „Allerdings.“ „Und ſtatt Vorwuͤrfe zu erhalten, wurdeſt Du Lob⸗ ſpruͤche fur Deine Menſchenfreundlichkeit verdienen. Nimm nun an, der Sterbende habe vor dem Verſcheiden einen Dir wohl bekannten Namen, den des Priors der Jacobiner genannt.“ „Des Herrn Modeſtus Gorenflot?“ fragte Bonhomet verwundert. „Ja, des Heren Modeſtus Gorenflot. Du meldeſt es Gorenflot, er wird hierher kommen und da man in einer Taſche des Todten ſeine Börſe findet, ſo iſt es von Wichtig⸗ keit, daß dieſe Boͤrſe gefunden wird.. Ich ſage Dir das, damit Du Dich darnach richteſt. Wenn man alſo in der einen Taſche die Boͤrſe, in der andern dieſen Brief findet, wird gar kein Argwohn entſtehen.“ „Ich begreife, Herr Chicot.“ „Ja Du erhaͤltſt eine Belohnung ſtatt einer Strafe.“ „Ihr ſeid ein großer Mann, werther Herr Chieot. Ich eile ſogleich in das Kloſter.“ „So warte doch! Ich habe die Borſe und den Brief genannt.“ 3 „Ja und den Brief, den Ihr da habt?“ „Richtig.“ 208 „Ich barf nicht ſagen, vaß er geleſen und abgeſchrieben worden iſt?“ „Blos wenn dieſer Brief unverletzt bleibt, wirſt Du eine Belohnung erhalten.“ „Es iſt alſo ein Geheimniß in dem Briefe?“ „In unſerer Zeit giebt es uberall Geheimniſſe, mein lieber Bonhomet.“ Und Chicot befeſtigte nach dieſer Antwort von Neuem den ſeidenen Faden in dem Siegel, dann vereinigte er das Wachs ſo kunſtreich, daß auch das geubteſte Auge nicht die geringſte Verletzung bemerken konnte. Als dies geſchehen war, ſteckte er den Brief wieder in die Taſche des Todten, ließ die mit Oel und Weinhefe getränkte Leinwand als Umſchlag auf die Wunde legen, zog von Neuem das ſchu⸗ tzende Panzerhemd auf die bloße Haut, daruͤber das Hemd und das Wamms, nahm ſeinen Degen, wiſchte ihn ab, ſteckte ihn in die Scheide und entfernte ſich. Er kehrte indeß um und ſagte: „Wenn Dir die Fabel, welche ich erdacht habe, nicht gefaͤllt, ſo kannſt Du auch ſagen, der Capitain habe ſich den Degen ſelbſt in den Leib geſtoßen.“ „Ein Selbſtmord?“ „Du bringſt Niemanden in Verlegenheit.“ „Aber man beſtattet den Unglucklichen nicht in ge⸗ weiheter Erde.“ „Hm! Geſchieht ihm damit ein ſo großes Ver⸗ gnügen?“ „Ich glaube es.“ „Thue was Du willſt, Bonhomet.“ 1 eben tDu ge er⸗ 209 Er kehrte dann noch einmal um und ſetzte hinzu: „Daß ich es nicht vergeſſe, ich will bezahlen, da er todt iſt.“ Und Chicot warf drei Goldthaler auf den Tiſch. Darauf legte er den Zeigefinger auf die Lippen, um dem Wirthe nochmals Schweigen anzuempfehlen und ging hinaus. Neuuzehutes Kapitel. Der Ehemann und der Geliebte. Nicht ohne eine gewiſſe Ruͤhrung ſah Chicot die ſo ſtille und ſo öde Auguſtinerſtraße, die Ecke derſelben und endlich ſein eigenes liebes Haus mit dem dreieckigen Dache und dem wurmſtichigen Balcon wieder. Er hatte ſo ſehr gefurchtet nur einen leeren Raum da zu finden, er hatte ſo ſehr gefurchtet, die Nachbarhäuſer von Rauch geſchwaͤrzt zu ſehen, daß ihm die Straße und das Haus als wahre Muſter von Zierlichkeit und Reinlichkeit erſchienen. Chicot hatte in der Höhlung eines Steines, welcher als Grundlage einer der Säulen ſeines Balcons diente, den Schluͤſſel ſeines geliebten Hauſes verſteckt. Damals kam der Schluͤſſel eines Koffers oder irgend eines Haus⸗ geraͤthes an Schwere und Umfang unſeren groͤßten jetzigen 210 Hausſchluͤſſeln gleich und die damaligen Hausſchlüͤſſel moch⸗ ten die Große der jetzigen Stadtſchluſſel haben. Chicot hatte deshalb wohl bedacht, wie ſchwer es wer⸗ den duͤrfte fur ſeine Taſche den Schluͤſſel zu faſſen und ſich entſchloſſen, ihn da zu verbergen, wo er ihn jetzt ſuchte. Er fuhlte, das koͤnnen wir nicht verheimlichen, einen leichten Schauer, als er in die Hoͤhlung des Steines hinein⸗ griff, aber der Schauer verwandelte ſich in unvergleichliche Frende, als er das harte Eiſen berührte. Der Schlüſſel war noch da, wo Chicot ihn verſteckt hatte. Eben ſo war es mit den Geräthen in dem erſten Ge⸗ mache und mit dem Brete an dem Balken, wie auch die tauſend Thaler noch immer in dem eichenen Verſtecke ſchlumerten. Chicot war kein Geizhals, im Gegentheil, er hatte oftmals das Geld mit vollen Händen ausgeſtreuet und ſo das Materielle dem Siege der Idee geopfert, was die Philo⸗ ſophie jedes Mannes von einem gewiſſen Werthe iſt; als aber die Idee nicht mehr des Materielle beherrſchte, d. h. als er kein Geld mehr brauchte, erhielt das Geld, die erſte, unaufhorliche und ewige Quelle aller koͤrperlichen Genuſſe, ſeinen Werth in den Augen Chicot's wieder und Niemand wußte es beſſer als er, in wie viel wohlſchmeckende Theil⸗ chen dieſes unſchätzbare Ganze zerfällt, das man einen Thaler nennt. „Ventre de biche! murmelte Chicot, als er mitten in ſeinem Stübchen kauerte und ſeinen Schatz vor ſich hatte,„ich habe da einen vortrefflichen Nachbar, der mein kl ſel ha moch⸗ wer⸗ d ſich e. einen nein⸗ liche ſteckt Ge⸗ die tecke atte d ſo ilo⸗ als h. rſte, iſſe, and eil⸗ nen ten ſich ein 3 211 Geld wohl bewacht hat. Es iſt dies eine unſchätzbare Handlung in jetziger Zeit. Ich bin ihm Dank und Be⸗ lohnung ſchuldig und er ſoll ſie noch heute Abend be⸗ kommen.“ Chieot befeſtigte darauf das Bretchen wieder an dem Balken, trat an das Fenſter und ſah hinüber. Das Haus hatte noch immer die graue düſtere Farbe. „Es kann noch nicht Schlafzeit ſein,“ dachte Chieot, „und uͤbrigens werden die Leute keine eifrigen Schläfer ſein. Wir wollen uns uͤberzengen.“ Er ging hinunter, um an der Thuͤr des Nachbars an⸗ zuklopfen. Er bemerkte das Knarren eines etwas lebhaften Trit⸗ tes auf der Treppe, wartete aber ziemlich lange, ehe er das Recht zu haben glaubte, zum zweiten Male zu klopfen. Nach dieſem zweiten Rufe wurde die Thur geoffnet und ein Mann erſchien im Schatten. „Guten Abend,“ ſagte Chiecot, indem er die Hand aus⸗ ſtreckte,„ich bin zuruͤckgekommen und will Euch meinen Dank ſagen, werther Nachbar!“ „Was beliebt?“ fragte eine Stimme, deren Ton Chicot ſehr uͤberraſchte. Gleichzeitig trat der Mann, welcher die Thur geoffnet hatte, einen Schritt zuruͤck. „Ich ſcheine mich zu irren,“ fuhr Chicot fort;„Ihr waret mein Nachbar nicht als ich abreiſete und doch kenne ich Euch, Gott verzeihe mir!“ — S—————— 212 Mann. „Ihr ſeid der Vicomte Ernauton von Carmainges?“ „Und Ihr ſeid der Schatten.“ „So iſt es,“ ſagte Chiecot,„ich falle aus den Wolken.“ „Was wuͤnſchet Ihr, Herr?“ fragte der junge Mann etwas ungeduldig. „Verzeiht, ich ſtöre Euch vielleicht?“ „Nein, aber Ihr werdet mir wohl erlauben zu fragen, was zu Euren Dienſten ſteht.“ „Nichts, ich wollte nur mit dem Herrn des Hauſes ſprechen.“ „So wendet Euch an mich. Ich bin der Herr des Hanſes.“ „Ihr? Und ſeit wann?“ „Seit drei Tagen.“ „Das Haus war alſo zu verkaufen?“ „Es ſcheint ſo, weil ich es gekauft habe.“ „Aber der ehemalige Eigenthuͤmer?“ „Wohnt nicht mehr hier.“ „Wo iſt er?“ „Das weiß ich nicht.“ „Wir wollen uns verſtändigen,“ ſagte Chicot.“ „Recht gern,“ antwortete Ernauton mit ſichtlicher Un⸗ geduld,„aber nur ſchnell.“ „Der ehemalige Eigenthuͤmer war ein Mann von fuͤnfundzwanzig bis dreißig Jahren, der aber wie vierzig⸗ jährig ausſah. „Ich kenne Euch auch,“ ſprach der Andere, ein junger dere ſuchen Haa heuer Men ten?“ ( das( ihn p nen L Nachl aber i Hand geben unger e ken.“ Kann igen, uſes des Un⸗ von ig⸗ 3 ſuchen.“ 213 „Nein, er war ein Mann von funfundſechszig Jahren, der auch ſo alt ausſah.“ „Kahlkoͤpfig.“ „Im Gegentheil mit einem Walde von weißen Haaren.“ „An der linken Seite des Kopfes hatte er eine unge⸗ heuere Narbe.“ „Eine Narbe habe ich nicht geſehen, aber Runzeln in Menge.“ „Das begreife ich nicht.“ „Nun was wolltet Ihr von dieſem Manne, Herr Schat⸗ ten?“ fragte Ernauton nach einer Pauſe. Chicot wollte geſtehen, was er vorgehabt hatte, aber das Geheimniß der Verwunderung Ernauton's erinnerte ihn plotzlich an ein gewiſſes Sprichwort, das verſchwiege⸗ nen Leuten ſehr werth iſt und ſo antwortete er: „Ich wollte ihm meinen Beſuch machen, wie das unter Nachbarn wohl vorkommt.“ So log Chicot nicht und ſagte doch nichts. „Mein werther Herr,“ entgegnete Ernauton artig, aber indem er die Thur mehr zumachte, die er noch in der Hand hielt,„ich bedauere Euch keine genaure Auskunft geben zu können.“ „Ich danke,“ erwiderte Chicot;„ich werde ſie anderswo „Trotzdem,“ ſetzte Ernauton hinzu,„freue ich mich äber den Zufall, der mich wiederum mit Euch zuſammen⸗ führt.“ „Du wuͤnſcheſt mich aber doch zum Teufel,“ dachte 214 Chicot indem er ſich verabſchiedete. Gleichwohl blieb er noch immer ſtehen und ſo ſagte Ernauton, indem er das Geſicht zwiſchen die Thur und die Thürpfoſten brachte: „Auf Wiederſehen!“ „Noch einen Augenblick, Herr von Carmainges!“ „Es thut mir ſehr leid,“ antwortete Ernauton,„aber ich habe keine Zeit; ich erwarte Jemanden, der hier an⸗ klopfen wird und den ich ſo geheim als moͤglich empfangen muß.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Chicot;„verzeiht die Störung; ich gehe.“ Und Chicottrat einen Schritt zuruͤck, während Ernauton die Thuͤr zumachte. Er horchte, um zu hoͤren, ob der junge Mann auf ſein Fortgehen achte, aber Ernauton ging wieder die Treppe hinauf. Chicot konnte alſo in ſein Haus zuruͤckkehren, in welchem er ſich mit dem Vorſatze einſchloß ſeinen neuen Nachbar nicht zu ſtören, ihn aber auch nicht aus den Augen zu verlieren. Chicot war wirklich nicht der Mann, der eine Sache unbeachtet ließ, welche ihm irgendwie von Wichtigkeit zu ſein ſchien; er betrachtete und unterſuchte und bedachte ſie vielmehr von allen Seiten und unter allen Geſichts⸗ punkten. Bisher hatte ihn in dem Briefe des Herzogs von Guiſe vorzugsweiſe die Stelle beſchaͤftiget:„ich bil⸗ lige ganz den Plan in Bezug auf die Fünfundvierzig“; jetzt gab er ſie auf, um ſie ſpäter wieder vorzunehmen und dachte ſofort uͤber den neuen Umſtand nach, der ſich ihm dargeboten hatte. naut Ben auf z0g8 Herz Zufa Er! Zufa kann nam Moͤg vorhi Plaͤn mal Stol Bere deren 6 Grur der n wolle uns wicke ( dem. Er hi die b offenb ber das ber an⸗ gen ton ein pe in en en he zu te 3. 8 — 2¹⁵5 Er meinte, es wäre doch mehr als ſeltſam, daß Er⸗ nauton als Herr in dem geheimnißvollen Hauſe ſei, deſſen Bewohner ſo plotzlich verſchwunden war, um ſo mehr als auf dieſe Bewohner eine Stelle in dem Briefe des Her⸗ zogs von Guiſe ſich beziehen ließ, die Stelle, welche den Herzog von Anjon betrat. Das war ein bemerkenswerther Zufall und Chicot glaubte an bedentungsreiche Zufälle. Er hatte ſogar recht ſinnreiche Theorien daruber. Der Zufall ſteht in Gottes Hand, dachte er und der Allmaͤchtige kann ſich ſeiner nur unter wichtigen Umſtänden bedienen, namentlich ſeit die Menſchen ſo klug geworden ſind die Moͤglichkeiten nach der Art der Umſtände zu berechnen und vorherzuſehen. Gott vereitelt aber die Berechnungen und Pläne der ehrgeizigen Menſchen, deren Stolz er ſchon ein⸗ mal geſtraft hat indem er ſie erſaͤufte und deren kuͤnftigen Stolz er durch das Feuer ſtrafen wird. Er vereitelt ihre Berechnungen durch Mittel, die ihnen unbekannt find und deren Eintreten ſie nicht vorherſehen können. Dieſe Theorie enthaͤlt wie man ſieht wohl annehmbare Gründe und kann glänzende Theſen geben, der Leſer aber, der wahrſcheinlich eben ſo gern wie Chicot wird wiſſen wollen, was Carmainges in dieſem Hanſe that, wird es uns Dank wiſſen, wenn wir die Theorien nicht weiter ent⸗ wickeln. Chicot meinte alſo, es ſei ſeltſam, daß Ernauton in dem Hauſe ſich befinde, in welchem er Remy geſehen hatte. Er hielt es aus zwei Gründen für ſeltſam, erſtens weil die beiden Männer einander gar nicht gekannt hatten und offenbar eine Mittelsperſon zwiſchen ihnen thaͤtig geweſen — 216 war, und zweitens weil Ernauton kein Geld hatte, ein ſol⸗ ches Haus zu kaufen. 5 „Allerdings,“ dachte er weiter,„erwartet der junge Mann einen Beſuch und dieſer Beſuch iſt wahrſcheinlich eine Dame. Die Damen ſind zahlreich und erlauben ſich manche Seltſamkeiten. Ernanton iſt jung, ſchoͤn und elegant, Ernauton hat gefallen, man hat ihm ein Stell⸗ dichein gegeben und ihm aufgetragen dies Haus zu kaufen. Er kaufte das Haus und nahm das Stelldichein an.“ „Ernauton,“ fuhr Chicot fort,„lebt am Hofe; es muß alſo eine Dame vom Hofe ſein, die ihn beſucht. Sollte er ſie lieben? Gott bewahre ihn davor! Er ſtuͤrzt ſonſt in das tiefſte Verderben. Aber warum moraliſire ich daruͤber? Er hört es nicht und zweitens wurde ich beſſer thun, wenn ich mich niederlegte und an den armen Borro⸗ maus dächte.— Hm!“ fuhr Chicot fort, der ſehr ernſt geworden war,„ich bemerke etwas; es giebt keine Ge⸗ wiſſenspein oder es iſt dies ein ſehr relatives Gefühl; ich habe gar keine Gewiſſenspein darüber, daß ich den Borro⸗ mäus getödtet, da ich ihn und die That jetzt ganz vergeſſen hatte. Wenn er mich an den Tiſch gebohrt hatte, wie ich ihn an die Wand nagelte, wuͤrde er wahrſcheinlich auch nicht mehr Reue fuͤhlen.“. So weit war Chicot als ihn die Ankunft eines Trag⸗ ſeſſels von dem Gaſthauſe zum„tapfern Ritter“ her unter⸗ brach. Er hielt vor dem geheimnißvollen Hauſe. Eine verſchleierte Dame ſtieg aus und verſchwand alsbald hinter der Thür, welche Ernauton halb offen hielt. nich Bet lich kein ſcher unſe ehrt. wir! oder Reue eines Man und Trag Ern Spor ( leiſe nur ſ auch ſrk Die nge lich ſich ind l⸗ n. 217 „Der Arme!“ ſagte Chicot bei ſich.„Ich hatte mich nicht getäͤuſcht; er erwartete eine Dame und ich kann zu Bett gehen.“ Er ſtand von ſeinem Stuhle auf, blieb aber unbeweg⸗ lich ſtehen. „Nein, ich werde doch nicht ſchlafen,“ ſagte er,„aber keineswegs, weil mir Gewiſſensangſt den Schlaf ver⸗ ſcheucht, ſondern aus Neugierde. Ich muß wiſſen, welche unſerer vornehmen Damen Ernauton mit ihrer Liebe be⸗ ehrt.— Ich werde alſo auf meinem Poſten bleiben.“ Er ſetzte ſich wieder. Es mochte ungefaͤhr eine Siunpe vergangen ſein und wir koͤnnen nicht ſagen, ob Chicot an die unbekannte Dame oder an Borromaͤus dachte, ob ihn die Nengierde oder die Reue beſchaͤftigte, als er am Ende der Straße den Galopp eines Pferdes hoͤrte. Es erſchien auch bald darauf ein Reiter in einem Mantel; er hielt ſein Pferd in der Mitte der Straße an und ſchien ſich umzuſehen; als er die Träger und den Tragſeſſel bemerkte, trieb er ſein Pferd auf dieſelben zu. Er war bewaffnet, denn man hoͤrte ſeinen Säbel an die Sporen ſchlagen. Die Träger wollten ihn zuruͤckhalten, aber er ſprach leiſe einige Worte mit ihnen und ſie machten ihm nicht nur ſogleich ehrerbietig Platz, ſondern der eine nahm ihm auch das Pferd ab, als er abgeſtiegen war. Dann trat der Unbekannte an die Thuͤr und klopfte ſtark an. „Es iſt doch recht gut, daß ich gewartet habe,“ dachte Die Fuͤnfundvierzig. W. 15 218 Chicot. Eine Ahnung ſagte mir, daß hier etwas geſchehen werde und ſie hat mich nicht getäuſcht. Da kommt der Ehemann, armer Ernauton! Wir werden ſogleich Blut fließen ſehen. Wenn er aber der Mann iſt, iſt er wirklich ſehr gutherzig, da er ſeine Ankunft ſo laut verkundiget.“ Trotz dem heftigen Klopfen ſchien man drinnen ſich doch nicht zu beeilen ihm zu öffnen. „Aufgemacht!“ rief der Anklopfende. „Aufgemacht! Aufgemacht!“ ſtimmten die Träger ein. „Es muß der Mann ſein,“ dachte Chicot;„er hat den Traͤgern gedroht ſie auspeitſchen oder haͤngen zu laſſen und nun halten ſie es mit ihm. Armer Ernauton, wie wird es Dir ergehen! Ob ich ihn leiden laſſe?“ ſetzte Chicot hinzu.„Er hat mir beigeſtanden und es iſt meine Pflicht ihm wieder zu helfen.“ Chicot war entſchloſſen und edelmuthig, uͤberdies ſehr neugierig; er nahm alſo ſeinen langen Degen unter den Arm, ging raſch die Treppe hinunter und ſtellte ſich unter dem Balcon hinter eine Säule. Kaum war er da als die Thur druben ſich oͤffnete. Der Mann blieb auf der Schwelle ſtehen und im nächſten Augen⸗† blicke erſchien die Dame in der Thuͤr. Sie nahm den Arm des Herrn, der ſie an den Tragſeſſel führte und dann ſich wieder auf ſein Pferd ſchwang. „Kein Zweifel, es war der Mann,“ dachte Chicot;„er; iſt übrigens ein ſehr gutmuͤthiger Menſch, da er nicht erſt das Haus durchſuchte, um den armen Carmainges zu zuchtigen.“ ritt ſelbſ gewi Car um! Trag ten ſ Thůr und war. mit e die A chehen nt der Blut irklich et. n ſich räger r hat laſſen „wie ſetzte meine s ſehr rden unter Der ugen⸗ Arm nſich z„er nicht es zu 219 Der Tragſeſſel ſetzte ſich in Bewegung und der Mann ritt neben demſelben. „Ich muß den Leuten folgen„ſagte Chicot zu ſich ſelbſt;„ich muß wiſſen, wo ſie ſind und wohin ſie gehen; gewiß ergiebt ſich daraus ein guter Rath fuͤr meinen Freund Carmainges.“ Chicot folgte wirklich, natuͤrlich mit großer Vorſicht, um keine Aufmerkſamkeit zu erregen. Seine Verwunderung war nicht gering als er den Tragſeſſel an dem Gaſthauſe zum„tapfern Ritter“ hal⸗ ten ſah. Faſt ſogleich, als habe Jemand gewartet, wurde die Thur geoͤffnet. Die verſchleierte Dame ſtieg wiederum aus, trat ein und ging in das Zimmer hinauf, deſſen Fenſter erleuchtet war. Der Mann folgte ihr und die Frau Fournichon ging mit einem Lichte in der Hand voraus. „Ich verſtehe von der Sache nichts,“ ſagte Chicot, der die Arme auf der Bruſt uͤbereinander legte. 15* 20 Zwanzigſtes Kapitel. Wie Ghicot den Brief des Herzogs von Guiſe beſſer zu verſtehen begann. Chicot glaubte den ſo gefaͤlligen Herrn ſchon irgendwo geſehen zu haben, aber da er ſeit dem Beginne ſeiner Reiſe nach Navarra ſo viel geſehen hatte, war ihm ſein Gedächt⸗ niß etwas untreu geworden, ſo daß er den Namen nicht gleich finden konnte, den er ſuchte. Während er im Schatten verſteckt die Augen auf das. erleuchtete Fenſter richtete und fragte, wer wohl der Herr und die Dame wären, darüber auch Ernauton in dem ge⸗ heimnißvollen Hauſe ganz vergaß, öffnete ſich die Thuͤr des Wirthshauſes und unſer Gascogner bemerkte in dem Licht⸗ ſcheine die ſchwarze Geſtalt eines kleinen Mönches, der nach demſelben Fenſter hinaufblickte wie Chicot. „Das ſieht mir aus wie eine Jacobinerkutte,“ mur⸗ melte Chicot;„erlaubt Gorenflot ſeinen Schaͤfchen zu ſol⸗ cher Stunde in der Nacht und ſo weit von dem Kloſter umherzuſtreifen?“ Er ſah dem Jacobiner nach waͤhrend derſelbe in der Auguſtinerſtraße hinunter ging und eine eigenthuͤmliche Ahuung ſagte ihm, daß er in dieſem Moͤnche die Auf⸗ löſung des Räthſels finden würde, die er bisher vergebens geſucht hatte. me wi ſuc ſer ge gel gre bre Ze ſich ſich gei der Tor bin mic ndwo Reiſe aͤcht⸗ nicht das. Herr P ge⸗ r des icht⸗ der nur⸗ ſol⸗ oſter der liche † Auf⸗ bens 221 Uebrigens glaubte er, wie er den Reiter zu kennen meinte, in dem Moͤnche eine gewiſſe Haltung zu bemerken, wie ſie nur die haben, welche fleißig die Fechtſäle be⸗ ſuchen. „Ich will verdammt ſein,“ murmelte er,„wenn in die⸗ ſer Kutte der Kleine nicht ſteckt, den man mir zum Reiſe⸗ geſellſchafter geben wollte und der die Waffen ſo gut zu gebrauchen weiß.“ Kaum war er auf dieſen Gedanken gekommen, als er große Schritte machte, die ihn bald zu dem kleinen Moͤnche brachten. Das war freilich nicht ſchwer, weil dieſer von Zeit zu Zeit ſtehen blieb und ſich umſah als entferne er ſich nur ſehr ungern. Chicot hatte noch nicht zehn Schritte gethan als er ſich uberzengte, daß er in ſeinen Vermuthungen ſich nicht geirrt. „Heda, Jacob, heda, kleiner Clement! Halt!“ Und das letztere Wort ſprach er ſo militairiſch, daß der Moͤnch erbebte. „Wer ruft mich?“ fragte er in ziemlich barſchem Tone. „Ich,“ antwortete Chicot indem er ſich vor dem Jaco⸗ biner in ſeiner ganzen Länge aufrichtete;„erkennſt Dn mich, mein Sohn?“ „Ah, Herr Robert Briquet?“ ſagte der Kleine. „Ich ſelbſt. Wohin gehſt Du ſo ſpat, mein Sohn?“ „Ins Kloſter, Herr Briquet.“ „Und woher kommſt Du?“ „Ich 2 222 „Nun ja, kleiner Bruder Liederlich.“ Der kleine Moͤnch erſchrak. „Ich weiß nicht, wie Ihr das meint,“ ſagte er;„ich erhielt einen wichtigen Auftrag von dem Herrn Prior, wie er ſelbſt beſtaͤtigen wird.“ „Nun, nun, Kleiner, nur ſachte! Nicht gleich auf⸗ gebrauſet!“ „Ich habe es wohl Urſache, da Ihr mich liederlich nennt.“ „Wenn man ein Kleid wie das Deinige zu ſolcher Zeit aus einem Wirthshauſe kommen ſieht..“ „Ich aus einem Wirthshauſe?“ „Heißt das Haus, aus dem Du kamſt, nicht der„tapfere Ritter“? Ich habe es genau geſehen.“ „Aus dem Hauſe komme ich, aber nicht aus dem Wirths⸗ hauſe.“ 5 „Das Gaſthaus zum„tapfern Ritter“ iſt doch ein Wirthshaus?“ „Ein Wirthshaus iſt ein Haus, in dem man trinkt und da ich in dem Hauſe nicht getrunken habe, iſt es fuͤr mich kein Wirthshaus.“ „Das nenne ich fein unterſcheiden und Du wirſt ein⸗ mal ein großer Theolog werden.. Aber was wollteſt Du in dem Hauſe, da Du nicht trankſt?“ Clement antwortete nicht und Chicot konnte trotz dem Dunkel auf dem Geſichte des kleinen Moͤnchs den feſten Entſchluß leſen, kein Wort weiter zu ſagen. Das war unſerm Freunde ſehr ungelegen, der gern etwas wiſſen wollte. ——— ir m „ich wie auf⸗ rlich Zeit fere ths⸗ ein rinkt s fuͤr ein⸗ tDu dem eſten war iſſen 223 Clement war in ſeinem Schweigen nicht muͤrriſch, im Gegentheile er ſchien ſich zu freuen ſo unerwartet mit ſeinem Fechtmeiſter Robert Briquet zuſammenzu⸗ treffen. Das Geſpraͤch war gänzlich ins Stocken gerathen und Chicot wollte, um es wieder anzuknupfen, den Namen des Bruders Borromaus ausſprechen, aber derſelbe erſtarb ihm auf den Lippen, obgleich Chicot keine Gewiſſenspein fuͤhlte oder zu fuhlen glaubte. Obwohl der junge Monch ſchwieg, ſchien er doch noch auf etwas zu warten oder er hielt es fuͤr ein Gluͤck länger in der Nähe des„tapfern Ritters“ bleiben zu konnen. 6 Robert Briquet verſuchte mit ihm von der Reiſe zu ſprechen, welche der Kleine mit ihm hatte machen ſollen und die Augen Clement's funkelten bei den Worten Frei⸗ heit und Raum. Chicot erzahlte, daß in den Gegenden, die er durch⸗ wandert, die Fechtkunſt in hohen Ehren gehalten werde; nachläſſig warf er ſogar hin, er habe einige neue vortreff⸗ liche Stoͤße da gelernt. Damit faßte er Clement an der ſchwachen Seite. Auch wollte er dieſe Stoͤße ſogleich kennen lernen und Chicot machte ſie ihm mit ſeinem langen Arme vor. Das ge⸗ nugte indeß dem Kleinen nicht und er ſchwieg fortwährend uͤber das, was er in dem„tapfern Ritter“ geſucht habe. Chicot mußte alſo ein anderes Mittel verſuchen, um etwas herauszubringen. „Nun, Kleiner,“ ſagte er, als ob er von ſeinem erſten Gedanken zurückkame,„Du bleibſt ein hubſches Moͤnch⸗ lein; aber Du gehſt in Wirthshänſer und in welche Wirths⸗ hänſer! In Wirthshaͤuſer, in denen man ſchone Damen ſindet und Du bleibſt entzuckt vor dem Fenſter ſtehen, an welchem man ihren Schatten ſehen kann. Kleiner, Kleiner, das ſag' ich dem Herrn Prior!“ Das wirkte mehr noch als es Chicot vermuthet hatte. Jacob drehete ſich um wie eine Schlange, auf die man tritt. „Das iſt nicht wahr,“ ſagte er roth vor Scham und Zorn,„ich ſehe nicht nach den Frauen.“ „Doch, doch,“ fuhr Chicot fort;„es war eine ſehr ſchoͤne Dame in dem„tapfern Ritter“ als Du heraus kamſt und Du haſt Dich umgedreht, um ſie noch ein⸗ mal zu ſehen. Ich weiß auch, daß Du mit ihr geſprochen haſt.“ Jacob konnte nicht mehr an ſich halten. „Gewiß habe ich mit ihr geſprochen,“ ſagte er;„iſt es denn eine Sünde mit Frauen zu ſprechen?“ „Nein, wenn man nicht aus eigener Bewegung und vom Teufel verſucht mit ihnen ſpricht.“ „Der Teufel hat dabei nichts zu ſchaffen und ich mußte mit der Dame ſprechen, weil ich ihr einen Brief zu ͤber⸗ geben hatte.“ „Von dem Herrn Prior?“ fragte Chicot. „Ja,— und nun geht und klagt mich bei ihm an!“ 0 225⁵ Chicot, der bisher im Dunkel getappt hatte, ſah in dieſem Augenblicke einen Blitz leuchten. „Das wußte ich!“ ſagte er. „Was wußtet Ihr?“ „Daß Du es mir nicht ſagen wollteſt.“ „Ich theile meine Geheimniſſe nicht mit, viel weniger die der Anderen.“ „Das iſt recht, aber mir?“ „Warum gerade Euch?“ „Weil ich ein Freund des Priors bin und weil 6 „Nun?“ „Weil ich im Voraus Alles wußte, was Du mir ſagen konnteſt.“ Der kleine Jacob ſah Chicot an und ſchuttelte unglaͤubig den Kopf. „Soll ich Dir erzaͤhlen, was Du mir nicht ſagen willſt?“ „Das thut,“ antwortete Jacob. „Zuerſt,“ begann Chicot,„der arme Borromaͤus. Das Geſicht Jacob's wurde finſter und er ſagte: „Wenn ich dabei geweſen ware, duͤrfte es nicht ſo gekom⸗ men ſein.“ „Du haͤtteſt ihn gegen die Schweizer vertheidiget, mit denen er Streit hatte?“ „Gegen Jedermann haͤtte ich ihn vertheidiget.“ „So daß er nicht getoͤdtet worden waͤre?“ „Lieber haͤtte ich mein Leben geopfert.“ 226 „Du warſt aber nicht dabei; der arme Teufel iſt in einer ſchlechten Schenke geſtorben und hat vor ſeinem Tode den Namen des Prior Modeſtus ausgeſprochen.“ „Man hat dies dem Prior gemeldet.“ „Es kam ſogleich ein Mann, der das ganze Kloſter in Aufruhr brachte.“ „Modeſtus ließ ſeinen Tragſeſſel bringen und ſich in das„Fuͤllhorn“ tragen.“ „Woher wiſſet Ihr alles das?“ „Ah, Du kennſt mich noch nicht, Kleiner; ich bin eine Art Hexenmeiſter.“ Jacob trat zwei Schritte zuruͤck. „Das iſt aber noch nicht Alles,“ fuhr Chicot fort, dem die Sache klarer wurde je weiter er ſprach;„man fand einen Brief in der Taſche des Todten.“ „Einen Brief ja.“ „Und der Herr Prior trug ſeinem kleinen Jacob auf den Brief an die Perſon zu ubergeben, fur die er beſtimmt war.“ Ja. „Und der kleine Jacob lief geſchwind in den Palaſt Guiſe.“ „Da fand er aber Niemanden als Herrn von Mayne⸗ ville.“ Jacob ſah Chicot mit großen Augen an. „Herr von Mayneville fuͤhrte Jacob vorher in den „tapfern Ritter.“ * * 227 „Herr Briquet, Herr Briquet,“ ſagte Jacob,„wenn Ihr das wiſſet..“ 8 „Du hoͤrſt ja, daß ich es weiß,“ antwortete Chicot hoch erfreut, den Unbekannten endlich errathen zu haben. „Ihr ſehet denn auch ein, daß ich nicht ſchuldig bin.“ „Du haſt weder eine Begehungs⸗ noch Unterlaſſungs⸗ ſunde auf dem Herzen, aber in den Gedanken haſt Du doch geſuͤndiget.“ „Ich „Gewiß, denn Du findeſt die Herzogin ſehr ſchoͤn.“ „Und Du dreheteſt Dich um, weil Du ſie noch einmal am Fenſter ſehen moͤchteſt.“ „Nun ja,“ ſagte der kleine Monch erroͤthend;„ſie gleicht einer Jungfrau Maria, die uͤber dem Bette meiner Mutter hing.“ „O,“ murmelte Chicot,„wie viel verlieren doch die Leute, welche nicht neugierig ſind!“ Und er ließ ſich von Jacob Alles erzählen, was er eben ſelbſt erzahlt hatte, aber mit Einzelnheiten, die er nicht wiſſen konnte. „Siehſt Du,“ ſagte Chicot als Jener geendiget hatte, „welchen ſchlechten Fechtmeiſter Du an dem Bruder Borro⸗ maͤus hatteſt?“ „Herr Briquet,“ entgegnete der kleine Jarob,„von den Todten ſoll man nichts Boͤſes ſagen.“ „Nein, aber Eins geſtehe. 2²8 „Was?“ „Daß Borromaͤus den Degen nicht ſo gebrauchen verſtand als der, welcher ihn todtete.“ „Das iſt wahr.“ „Weiter hatte ich Dir nichts zu ſagen. Gute Nacht, mein kleiner Jacob. Auf baldiges Wiederſehen und wenn Du willſt, werde ich Dir in Zukunft Fechtunterricht geben. Jetzt mache Dich auf die Beine, denn man wird Un⸗ geduld im Kloſter auf Dich warten.“ Und der kleine Moͤnch verſchwand. Chicot hatte ihn nicht ohne Urſache verabſchiedet. Er wußte Alles was er von ihm erfahren konnte, aber auf einer andern Seite war noch etwas zu erfahren. Er kehrte deshalb mit großen Schritten nach ſeinem Hauſe zuruͤck. Die Träger mit dem Tragſeſſel ſtanden noch immer an dem „tapfern Ritter“. In dem Hauſe dem ſeinigen gegenuͤber brannte noch immer Licht und er hatte nun nur Augen fuͤr daſ⸗ ſelbe. Zuerſt ſah er, daß Ernauton an dem Fenſter hin und her ging als erwarte er ungeduldig etwas. Dann ſah er den Tragſeſſel zuruͤckkommen, ſah Mayne⸗ ville fortreiten und die Herzogin in das Zimmer treten, in welchem Ernauton wartete. Dieſer kniete vor der Herzo⸗ gin nieder, die ihm die Hand zum Kuſſe reichte. Dann hob ſie ihn auf und nahm mit ihm Platz an einem nreich teſehten Tiſche. „Es iſt ſeltſam,“ dachte Chicot,„es wie eine Verſchwoͤrung an und endiget wie ein Liebesrendezvous.— 229 Ja, aber wer hat dies Rendezvous gegeben? Die Herzogin von Montpenſier.“ Und er dachte an die Stelle in dem Briefe Guiſe's: „Ich billige, liebe Schweſter, Deinen Plan in Bezug auf „die Funfundvierzig; nur erlaube mir die Bemerkung, daß „es viel Ehre fur dieſe Burſche iſt.“ Ich komme doch wieder auf meinen erſten Gedanken zuruͤck,“ ſagte Chicot;„es iſt nicht Liebe, es iſt eine Ver⸗ ſchwoͤrung.— Die Herzogin liebt Herrn Ernauton von Carmainges. Die Liebſchaft der Herzogin müſſen wir be⸗ aufſichtigen.“ Und Chicot wachte bis Mitternacht. Da entfernte ſich Ernauton in ſeinen Mantel gehüllt und die Herzogin ſtieg wieder in ihren Tragſeſſel. „Nun,“ dachte Chicot,„was heißt die Hoffnung auf den Tod, welcher den Herzog von Guiſe von dem muth⸗ maßlichen Thronerben befreien ſoll? Wer ſind die Leute, die er füͤr todt hielt und die noch leben? Ob ich wohl auf der rechten Spur bin?“ Einnndzwanzigſtes Kapitel. Der Cardinal von Joyeuſe. Die Jugend beſitzt im Guten wie im Boͤſen eine hart⸗ naͤckige Ausdauer, welche ſo viel werth iſt wie die Ent⸗ ſchloſſenheit des reifen Alters. 8 230 Iſt dieſe Ausdauer dem Guten zugewendet, ſo erzeugt ſie große Thaten und giebt dem Manne, der zuerſt im Leben auftritt, eine Bewegung, die ihn zu irgend einem Helden⸗ muthe treibt. 6 So wurden Duguesclin und Bayard große Feld⸗ herren, weil ſie die ſtorriſcheſten und unfuͤgſamſten Kinder geweſen waren, die man jemals geſehen hatte und ſo wurde jener Schweinhirt, den die Natur zum Viehhuter gemacht hatte und den das Genie zu Sirtus V. machte, ein großer Papſt, weil er durchaus das Schweinhirtenamt ſchlecht verwaltete. So entwickelten ſich die ſchlimmſten ſpartiſchen Na⸗ turen im Heldenmuthe, nachdem ſie mit Hartnaͤckigkeit in Verſtellung und Grauſamkeit begonnen hatten. Wir haben nur einen gewoͤhnlichen Mann zu ſchildern, aber mehr als ein Biograph würde in Heinrich Du Bou⸗ chage als er zwanzig Jahre alt war das Zeug zu einem großen Manne gefunden haben. Heinrich verharrte ausdauernd in der Liebe und der Abgeſchloſſenheit von der Welt; wie es ſein Bruder, wie es der Koͤnig von ihm verlangt hatte, blieb er einige Tage mit ſeinem ewigen Schmerze allein und da ſein Gedanke ſich mehr und mehr befeſtigte, entſchloß er ſich eines Mor⸗ gens ſeinen Bruder den Cardinal, einen angeſehenen Mann, zu beſuchen, der in ſeinem ſechsundzwanzigſten Jahre be⸗ reits ſeit zwei Jahren Cardinal war und vom Erzbiſchofe von Narbonne zu der höchſten Stufe kirchlicher Groͤße in Folge ſeines Adels und der Macht ſeines Hauſes gelangt war. —— — 231 Franz von Joyeuſe, den wir ſchon einmal auftreten ließen, war jung und weltlich, ſchoͤn und geiſtvoll und einer der bemerkenswertheſten Maͤnner ſeiner Zeit, ehrgeizig von Natur, aber vorſichtig aus Berechnung und ſeiner Stellung zufolge und er konnte als Deviſe annehmen: „Nichts iſt zu viel“. Er allein unter allen Hofleuten, und Franz von Joyeuſe war vor Allem Hofmann, hatte ſich die beiden Throne, den kirchlichen und weltlichen, von denen er als franzoſiſcher Edelmann und Kirchenfuͤrſt abhing, zu zwei Stützen zu machen gewußt; Sirtus ſchutzte ihn gegen Heinrich IHI. und Heinrich III. ſchuͤtzte ihn gegen Sirtus. In Paris war er Italiener, in Rom Pariſer, prachtliebend und ge⸗ wandt uͤberall. Nur der Degen Joyeuſe's, des Groß⸗ admirals, gab dem letztern in der Wagſchaale mehr Ge⸗ wicht, aber an manchem Laͤcheln des Cardinals ſah man, daß, wenn ihm auch dieſe ſchweren weltlichen Waffen fehl⸗ ten, die ſein Bruder trotz ſeiner Eleganz ſo wohl zu hand⸗ haben wußte, er geiſtliche Waffen, die ihm von dem Kirchen⸗ oberhaupte anvertraut worden waren, zu brauchen und ſelbſt zu mißbrauchen verſtand. Der Cardinal von Joyeuſe war ſchnell reich geworden, zuerſt durch ſein vaͤterliches Erbe, dann durch ſeine ver⸗ ſchiedenen Pfruͤnden. In jener Zeit beſaß die Kirche viel und wenn ihre Schaͤtze erſchoͤpft waren, kannte ſie Quellen, die jetzt verſiecht find, um ſie zu erneuern. Franz von Joyeuſe lebte alſo auf großem Fuße. Er uͤberließ ſeinem Bruder den Stolz des militairiſchen Haus⸗ weſens und fullte ſeine Vorzimmer mit Pfarrern, Biſchoͤfen 232 und Erzbiſchoͤfen. Als er Cardinal, alſo Kirchenfürſt war und demnach in hoͤherem Range ſtand als ſein Bruder, nahm er nach der italieniſchen Sitte Pagen und nach der franzoſiſchen Sitte Garden in ſeinen Dienſt. Dieſe Gar⸗ den und Pagen wurden fuͤr ihn ein Mittel mehr zur Frei⸗ heit. Oftmals ließ er Garden und Pagen einen großen Tragſeſſel begleiten, an deſſen Vorhange ſich die behand⸗ ſchuhete Hand ſeines Seecretairs zeigte, waͤhrend er zu Pferde, den Degen an der Seite, durch eine Perruͤcke, einen großen Halskragen und Reiterſtiefeln entſtellt, in der Stadt umherritt. Der Cardinal ſtand alſo in hohem Anſehn, denn in einer gewiſſen Hoͤhe zieht das Gluͤck der Menſchen, als be⸗ ſtände daſſelbe aus einzelnen Atomen, alles andere Gluͤck wie Satelliten an ſich und ſo verbreiteten der ruhmreiche Name ſeines Vaters und der junge große Ruhm ſeines Bruders Anna ihren ganzen Glanz um ihn. Da er ferner gewiſſenhaft jene Vorſchrift befolgt hatte, das Leben zu verheimlichen und den Geiſt leuchten zu laſſen, ſo kannte man ihn nur von der ſchoͤnen Seite und er galt ſelbſt in ſeiner Familie fuͤr einen großen Mann, ein Gluck, das nicht einmal viele Kaiſer gehabt hatten, obwohl ſie von Ruhm bedeckt und durch das ganze Volk gekroͤnt waren. Zu dieſem Praͤlaten alſo wollte ſich der Graf du Bou⸗ chage nach ſeiner Unterredung mit dem Koͤnige von Frank⸗ reich fluͤchten. Nur ließ er, wie erwaͤhnt, einige Tage ver⸗ gehen, ehe er ſeinem älteren Bruder und ſeinem Koͤnige gehorchte. ſel un Fl lin na ſo kle B mi ne Fr ſo die wr ba ſie ſei let ha — N* 233 Franz bewohnte ein ſchoͤnes Haus in der Cite. Der ſehr große Hof dieſes Hauſes wurde kaum leer von Reitern und Tragſeſſeln; aber der Praͤlat, deſſen Garten an das Flußufer grenzte, ließ ſeine Hoͤfe und Vorzimmer mit Hoͤf⸗ lingen und Schmeichlern ſich füllen und da er ein Thuͤrchen nach dem Fluſſe zu und ein Boot hatte, das ihn geraͤuſchlos ſo weit und ſo ſanft forthrachte als es ihm gefiel, ſo geſchah es oft, daß man vergebens auf ihn wartete, waͤhrend er er⸗ klären ließ, daß ein ernſtliches Unwohlſein oder ſtrenge Buße ihn hindere zu empfangen. Auch dies war Italien mitten in der guten Stadt des Koͤnigs von Frankreich, Ve⸗ nedig zwiſchen den beiden Armen der Seine. Franz war ſtolz aber keinesweges eitel; er liebte ſeine Freunde wie Bruͤder und ſeine Feinde faſt ſo ſehr wie ſeine Freunde. Da er um fuͤnf Jahr älter war als Du Bouchage, ſo vorenthielt er ihm weder guten und ſchlechten Rath, noch die Boͤrſe, noch Laͤcheln. Da er aber das Cardinalsgewand vortrefflich zu tragen wußte, ſo fand ihn Du Bouchage ſchoͤn, adelig, faſt unnah⸗ bar und achtete ihn vielleicht mehr als ſie beide den aͤlteſten Bruder achteten. Heinrich vertraute zitternd dem Bru⸗ der Anna ſeine Liebe an, aber dem Bruder Franz wuͤrde er ſie nicht zu geſtehen gewagt haben. Als er nach dem Hauſe des Cardinals zu ging, ſtand ſein Entſchluß feſt und er wollte entſchloſſen zuerſt den Beichtiger und dann den Freund anreden. Er gelangte in den Hof, aus dem ſich eben mehre Edel⸗ leute entfernten, die vergebens um eine Audienz gebeten hatten. Er ſchritt durch die Vorzimmer, durch die Säle Die Fuͤnfundvierzig. 1V. 16 234 und Zimmer. Man hatte ihm wie den Andern geſagt ſein Bruder habe eben eine Conferenz, aber es wuͤrde keinem Diener eingefallen ſein, eine Thuͤr vor Du Bouchage zu verſchließen. Heinrich ging alſo durch alle Gemächer und gelangte bis in den Garten, einen wahren italieniſchen Pralaten⸗ garten mit Schatten, Kuͤhle und Wohlgeruchen, wie man ſie noch heute in der Villa Pamphili und dem Palaſte Borgheſe findet. Unter einer Baumgruppe blieb er ſtehen. In dieſem Augenblicke offnete ſich die Thuͤr nach dem Fluſſe zu und es trat ein Mann in einem großen braunen Mantel mit einem Pagen ein. Dieſer Mann bemerkte Heinrich, der zu tief in ſeine Gedanken verſunken war als daß er an ihn gedacht haͤtte, ſchluͤpfte unter den Baumen hin und vermied es von Du Bouchage vder ſonſt Jemand geſehen zu werden. Heinrich achtete nicht auf dieſes geheimnißvolle Ein⸗ treten und erſt als er ſich umdrehte, ſah er den Mann in die Gemächer hineingehen. Nach zehn Minuten wollte er ebenfalls hineingehen und einen Diener fragen, wann ſein Bruder zu ſprechen ſei, als ihn ein Anderer bemerkte, der ihn zu ſuchen ſchien und ihn bat in den Bücherſaal ſich zu begeben, wo der Car⸗ dinal auf ihn warte. Heinrich folgte langſam dieſer Aufforderung, denn er ahnete einen neuen Kampf. Er fand ſeinen Bruder, dem eben ein Kammerdiener ein Prälatenkleid anlegte, das viel⸗ leicht etwas zu weltlich, aber jedenfalls elegant und vor Allem bequem war. * — gie wo den leb bel vor kon der mi ent ric na we die ma nem zu ngte ten⸗ man laſte eſem des nem ef in acht von Ein⸗ nin ehen echen chien Car⸗ nn er dem viel⸗ dvor 235 „Guten Tag, Graf,“ ſagte der Cardinal.„Was giebt es wieder, Bruder?“ „Fuͤr unſere Familie vortreffliche Neuigkeiten,“ ant⸗ wortete Heinrich.„Anna hat ſich, wie Du weißt, auf dem Ruͤckzuge von Antwerpen mit Ruhm bedeckt und er lebt.“ „Und auch Du biſt, Gott ſei Dank, geſund und wohl⸗ behalten, Heinrich.“ „Ja, Bruder.“ „Du ſiehſt daraus, daß Gott Plaͤne mit uns hat.“ „Ich bin Gott auch ſo dankbar, Bruder, daß ich mir vorgenommen habe mich ſeinem Dienſte zu widmen; ich komme, um ernſtlich mit Dir uber dieſen Plan zu ſprechen, den ich nun fuͤr reif halte und von dem ich ſchon ein Mal mit Dir geſprochen habe.“ „Du denkſt alſo noch immer daran, Du Bouchage?“ entgegnete der Cardinal in einem Tone, aus welchem Hein⸗ rich ſchloß, daß er einen Kampf zu beſtehen haben werde. „Immer, Bruder.“ „Es iſt aber nicht moͤglich, Heinrich,“ fuhr der Cardi⸗ nal fort,„habe ich es Dir nicht ſchon geſagt?“ „Ich habe nicht auf das, was man mir ſagte, gehört, weil eine ſtaͤrkere Stimme, die in mir ſpricht, mich hindert, die Worte zu vernehmen, welche mich von Gott abwendig machen ſollen.“ „Du biſt mit den Angelegenheiten der Welt nicht ſo unbekannt,“ ſagte der Cardinal im ernſteſten Tone,„als daß Du glauben koͤnnteſt, dieſe Stimme ſei wirklich die des Herrn, im Gegentheil mochte ich behaupten, daß ein ganz weltliches 16* 236 Gefuhl in Dir ſpricht. Gott hat in dieſer Sache nichts Klo zu ſuchen, mißbrauche alſo ſeinen heiligen Namen nicht und mir verwechſele die Stimme des Himmels mit jener der Erde diet nicht.“ mit „Ich verwechſele nichts, Bruder; ich meine nur, daß ter etwas Unwiderſtehliches mich zur Einſamkeit zieht.“ Ge „So kommen wir zur Wahrheit und ich will Dich zum dar gluͤcklichſten Sterblichen machen.“ wer „Ich danke Dir, Bruder.“ beh „Hoͤre mich an, Heinrich.— Nimm Geld und zwei ſtre Diener und reiſe in ganz Europa umher wie es ſich dem zun Sohne der Familie ziemt, welcher wir angehoͤren. Be⸗ ſuche ferne Läͤnder, die Tartarei, ſelbſt Rußland, die Lapp⸗ Du laͤnder, jene fabelhaften Voͤlkerſchaften, zu denen nie die aut Sonne dringt und verſenke Dich in Deine Gedanken, bis lich der verzehrende Keim, der in Dir arbeitet, erloſchen oder hal befriediget iſt. Dann komm zu uns zuruck.“ das Heinrich, der ſich geſetzt hatte, ſtand ernſter auf als unt ſelbſt ſein Bruder geweſen war. „Du haſt mich nicht verſtanden,“ ſagte er. „Du haſt geſagt, Du ſuchteſt die Zuruckgezogenheit der und die Einſamkeit. vie „Ja, das habe ich geſagt, aber ich meinte damit das abe Kloſter und nicht Reiſen. Reiſen heißt noch immer das Leben genießen und ich will beinahe den Tod erleiden, ihn mi wenigſtens koſten, wenn ihn nicht ganz erleiden.“ „Das iſt ein thoͤrichter Gedanke, erlaube, daß ich nich Du ſo ausdrcke, Heinrich, denn der, welcher ſich von der Welt get abſondern will, iſt berall allein. Aber es ſei— das Dr nichts t und Erde „daß zum zwei em Be⸗ Lapp⸗ e die „bis oder if als nheit tdas r das , ihn mich Welt das 237 Kloſter.. Ich erkenne, daß Du gekommen biſt, um mit mir daruͤber zu ſprechen. Ich kenne ſehr gelehrte Bene⸗ dictiner, ſehr geiſtreiche Auguſtiner, deren Häuſer heiter, mit Blumen geſchmuͤckt und bequem ſind. Du kannſt un⸗ ter wiſſenſchaftlichen Arbeiten ein ſchoͤnes Jahr in guter Geſellſchaft verbringen, was von Wichtigkeit iſt, denn man darf ſich nicht beflecken an dem Schmuze dieſer Welt und wenn Du nach Ablauf dieſes Jahres bei Deinem Vorſatze beharrſt, nun, lieber Heinrich, ſo werde ich Dir nicht wider⸗ ſtreben und ſelbſt Dir die Pforte offnen, welche Dich ſanft zum ewigen Heile führt.“ „Du mißverſtehſt mich durchaus, Bruder,“ antwortete Du Bouchage kopfſchuͤttelnd,„oder Du willſt mich vielmehr aus Edelmuth nicht verſtehen; ich ſuche keinen heitern lieb⸗ lichen Aufenthalt, ſondern das ſtrengſte Kloſterleben, den halben Tod; ich will das Geluͤbde ablegen, das Geluͤbde, das mir zur Zerſtreuung nur das Graben meines Grabes und ein langes Gebet zulaͤßt.“ Der Cardinal runzelte die Stirn und ſtand auf. „Ja,“ ſagte er,„ich hatte Dich vollkommen verſtan⸗ den und verſuchte durch meinen einfachen Widerſtand ohne viele Worte Deinen thoͤrichten Entſchluß zu bekämpfen; aber jetzt zwingſt Du mich dazu, alſo hoͤre mich an.“ „Bruder,“ fiel Heinrich traurig ein,„verſuche nicht mich zu uͤberzeugen, denn es iſt unmoͤglich.“ „Ich ſpreche zuerſt im Namen Gottes, des Gottes, den Du beleidigeſt, wenn Du ſagſt, dieſer Entſchluß ſei von ihm gekommen; Gott nimmt keine unuͤberlegten Opfer an. Du biſt ſchwach, weil Du Dich durch den erſten Schmerz 238 uͤberwaͤltigen laͤſſeſt; wie koͤnnte Gott ein faſt unwuͤrdiges Opfer angenehm ſein, das Du ihm bieteſt?“ Heinrich machte eine Bewegung. „Ich will und kann Dich nicht mehr ſchonen, Bruder, da Du Niemanden von uns ſchonſt,“ fuhr der Cardinal fort,„da Du an den Kummer nicht denkſt, den Du unſerm Vater, unſerm aͤlteſten Bruder und mir machen wirſt.“ „Verzeihe,“ unterbrach ihn Heinrich, deſſen Wangen eine Roͤthe uberflog,„verzeihe; iſt denn der Dienſt Gottes eine ſo entehrende Laufbahn, daß eine ganze Familie daruber trauern ſollte? Biſt Du, Bruder, deſſen Portrait ich in dieſem Zimmer ſehe mit dieſem Golde, dieſen Diamanten und dieſem Purpur, nicht die Ehre und der Stolz unſeres Hauſes, obgleich Du den Dienſt Gottes erwaͤhlt haſt wie mein aͤlterer Bruder den Dienſt der Koͤnige dieſer Erde?“ „Kind, Kind!“ rief der Cardinal mit Ungeduld aus, „Du wirſt mich noch zu dem Glauben bringen, daß Dir der Kopf verdreht worden iſt. Du vergleichſt mein Haus mit einem Kloſter? Meine hundert Diener, meine Piqueurs, meine Garden und Pagen mit der Zelle und dem Beſen, welche die einzigen Waffen und Reichthuͤmer des Kloſters ſind? Biſt Du wahnfinnig? Haſt Du nicht eben geſagt, daß Du allen dieſen Ueberfluß von Dir wieſeſt, der mir eine Nothwendigkeit iſt, die Gemaͤlde, die koſtbaren Vaſen, die Pracht und den Larm? Hegſt Du gleich mir den Wunſch und die Hoffnung, die dreifache Krone des heiligen Petrus auf Dein Haupt zu ſetzen? Das iſt eine Laufbahn, Hein⸗ rich; da ruͤhrt man ſich, da kaͤmpft, da lebt man. Aber 239 iges Du denkſt an das Grabſcheit des Trappiſten, an das Grab des Todtengräbers, an keine Luft, an keine Freude, an keine Hofſnung. Ich ſchaͤme mich darum Deiner, da Du ein Mann biſt und Alles dies wegen einer Frau ſuchſt, die Dich inal nicht liebt. Wirklich, Heinrich, Du gehoͤrſt unſerer Fa⸗ ſern milie nicht an!“ „Bruder,“ entgegnete der junge Mann bleich waͤhrend 3 ein unheimliches Feuer in ſeinen Augen gluͤhte,„wuͤrdeſt Du ottis es lieber ſehen, wenn ich mir eine Kugel durch den Kopf e jage oder mir den Degen, den ich trage, in das Herz ſtoße? h in Du biſt Cardinal und Furſt, gieb mir die Abſolution fur t dieſe Todſunde und es wird ſo ſchnell geſchehen, daß Du — den unwürdigen Gedanken nicht ausdenken kannſt: ich ent⸗ ehrte unſer Geſchlecht, was Gott ſei Dank! ein Joyenſe ieſer* niemals thun wird.“ „Heinrich,“ ſagte der Cardinal indem er ſeinen Bru⸗ der an ſich zog und ihn in ſeinen Armen hielt,„Bruder, rder den wir alle lieben, vergiß und ſei nachſichtig gegen die, n welche Dich lieben. Ich bitte Dich als Egoiſt und hoͤre ut mich an. Wir find, was hier ſelten iſt, alle glůcklich, der eſet Eine durch befriedigten Ehrgeiz, der Andere durch die Seg⸗ ſters nungen aller Art, welche Gott uns gegeben hat; ſreue ſaht Du nicht das tödtliche Gift der kloͤſterlichen Einſamkeit auf i die Freuden Deiner Familie; bedenke, daß unſer Vater aſen daruͤber weinen wird, bedenke, daß wir alle den ſchwarzen unſch Flecken dieſer Trauer, die Du uns machen wirſt, an der etrit Stirne tragen muͤſſen. Ich beſchwoͤre Dich, Heinrich, laß zein Dich erweichen; das Kloſter taugt nichts. Ich ſage Dir Aber nicht, daß Du darin ſterben wirſt, denn Du, Ungluͤcklicher, 240 wuͤrdeſt mir mit einem leider zu wohl verſtaͤndlichen Lächeln antworten; nein, ich ſage Dir, daß das Kloſter ſchlimmer iſt als das Grab; das Grab verloͤſcht nur das Leben, das Kloſter verloͤſcht den Geiſt, das Kloſter drckt die Stirn nieder ſtatt ſie zum Himmel zu erheben; die Feuchtigkeit der Mauern geht allmälig in das Blut über, dringt ſelbſt in das Mark der Knochen ein und macht den Kloſterbewoh⸗ ner zu einer Steinſtatue mehr in ſeinem Kloſter. Bruder, ſieh Dich vor; wir haben nur einige Jahre, wir haben nur eine Jugend.. Die Jahre der ſchonen Jugend werden vergehen, denn Du ſtehſt unter der Herrſchaft eines großen Schmerzes, aber wenn Du dreißig Jahre zaͤhlſt, wirſt Du ein Mann werden, wird der Saft und die Kraft der Reife kommen; ſie wird den Reſt des Schmerzes verdrangen und dann wirſt Dunen aufleben wollen, aber es wird zu ſpät ſein, denn Du biſt dann traurig, häßlich, krank; in Deinem Herzen brennt keine Flamme mehr, aus Deinen Augen leuchten keine Blitze mehr! Die, welche Du aufſuchſt, wer⸗ den Dich fliehen wie ein uͤbertunchtes Grab, deſſen dunkle Tiefe der Blick ſcheut. Heinrich, ich ſpreche als Freund zu Dir, hoͤre mich an.“ Der junge Mann blieb bewegungslos und ſchwieg. Der Cardinal hoffte ihn geruͤhrt und ſeinen Vorſatz er⸗ ſchuͤttert zu haben. „Verſuche es mit einem andern Mittel, Heinrich,“ fuhr der Cardinal fort,„und nimm den vergifteten Pfeil, den Du im Herzen mit Dir herumtragſt, üͤberall hin, in den Laͤrm und zu den Feſten, ſetze Dich mit ihm bei unſern Gaſtmählern nieder; mache es wie das verwundete Wild, —„ 1 241 eln das durch die Dickichte läuft, um womoͤglich den Wurfſpieß mer zu entfernen, der in der Wunde haͤngt; bisweilen faͤllt er das wirklich ab.“ irn„Um Gottes willen, Bruder,“ fiel Heinrich ein, keit„dringe nicht weiter in mich; was ich von Dir verlange, bſt iſt keine Laune des Augenblicks, ſondern ein feſtſtehender oh⸗ Entſchluß, die Frucht einer reiflichen und ſchmerzlichen er, Ueberlegung. Ich beſchwore Dich deshalb, bewillige mir ur die Gnade, um die ich Dich bitte.“ en„Und um welche Gnade bitteſt Du?“ en„Um einen Dispens.“ Du„Wozu?“ ife„Das Noviziat abzukuͤrzen.“ nd„Ich wußte es wohl, Du Bouchage, Du biſt ſelbſt in n, Deinem Rigorismus noch weltlich.. Ichkenne den Grund m recht wohl, den Du mir angeben wirſt. Ja, Du biſt ein en Mann aus unſerer Welt; Du gleichſt den jungen Maͤn⸗ r⸗ nern, die Freiwillige werden und Kugeln und Schwert⸗ le hiebe, nicht aber die Arbeit in den Laufgräben und das id Reinigen der Zelte ſuchen.“ „Ich bitte Dich auf den Knien um dieſe Dispen⸗ . ſation.“ r⸗„Ich verſpreche ſie Dir, ich werde nach Rom ſchreiben. Ehe die Antwort ankommt, vergeht ein Monat; aber ver⸗ ſprich mir dafuͤr auch etwas.“ l„Was 7 1 ½ 6„Daß Du in dieſem Monat kein Vergnuͤgen von Dir n weiſeſt, das ſich Dir darbietet; bleibſt Du nach einem Mo⸗ „ nate noch bei Deinem Vorſatze, nun ſo werde ich Dir ſelbſt 242 die Dispenſation überreichen. Biſt Du nun zufrieden und haſt Du nichts mehr zu bitten?“ „Nein, Bruder, ich danke; aber ein Monat iſt ſo lang und die Zoͤgerung bringt mich um.“ „Wäre Dir es genehm vor der Hand und zum Zeit⸗ vertreibe mit mir zu fruhſtücken? Ich habe gute Geſell⸗ ſchaft.“ Und der Pralat lächelte in einer Art, um die ihn der weltlichſte Guͤnſtling Heinrichs III. beneidet haben wuͤrde. „Bruder!“ ſagte Du Bouchage abwehrend. „Ich nehme keine Entſchuldigung an; Du haſt nur mich hier, da Du aus Flandern kommſt und Dein Haus⸗ weſen noch nicht wieder eingerichtet ſein kann.“ Der Cardinal erhob ſich bei dieſen Worten, zog einen Vorhang weg, welcher ein großes prächtig meublirtes Ge⸗ mach verhuͤllte und ſagte:„Kommt, Gräfin, und helft mir den Grafen Du Bouchage bereden, bei uns zu blei⸗ ben.“ In dem Augenblicke aber als der Cardinal den Vor⸗ hang gehoben, hatte Heinrich den Pagen, welcher mit dem Herrn durch die Thuͤr am Fluſſe hereingekommen war halb⸗ liegend auf Kiſſen bemerkt und in dem Pagen eine Frau erkannt, ehe noch der Cardinal ihr Geſchlecht verrieth. Es erfaßte ihn ein unheimlicher Schauer und wahrend der weltlich geſinnte Cardinal den ſchoͤnen Pagen an der Hand nahm, eilte Du Bouchage aus dem Zimmer, das ganz leer war als die Dame erſchien, welche ſich ſchon freute ein Herz der Welt wieder zu gewinnen. Franz runzelte die Stirn, ſetzte ſich an einem mit Pa⸗ ng it⸗ ⸗ —— — 243 pieren und Briefen bedeckten Tiſche nieder und ſchrieb raſch einige Zeilen. „Klingelt, werthe Graͤfin,“ ſagte er,„Ihr habt die Hand an der Klingel.“ Der Page gehorchte und ein Diener trat ein. „Sogleich ſoll ſich Jemand zu Pferde ſetzen,“ ſagte er, „und dieſen Brief dem Herrn Großadmiral in Chateau Thierry uͤberbringen.“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Nachrichten von Aurilly. Am Tage darauf arbeitete der Koͤnig im Louvre mit dem Oberintendanten der Finanzen, als man ihm meldete, der ältere Joyeuſe ſei mit einer Botſchaft des Herzogs von Anjon aus Chateau⸗Thierry angekommen und warte in dem großen Audienzeabinet. Der König ließ ſogleich ſeine Arbeit liegen und eilte dem ihm ſo werthen Freunde entgegen. Es befanden ſich viele Offiziere und Hoͤflinge in dem Audienzzimmer; auch die Koͤnigin Mutter war an dieſem Abende mit ihren Hoffraͤuleins gekommen und dieſe Sonne wurde immer von einer Anzahl Trabanten begleitet. 244 Der König reichte Joyenſe die Hand zum Kuſſe und muſterte zufrieden die Anweſenden.* An der Eingangsthuͤr, an ſeinem gewoͤhnlichen Platze ſtand Heinrich Du Bouchage, der ſtreng ſeinen Dienſt und ſeine Pflichten erfuͤllte. Der Koͤnig dankte und grußte ihn mit freundſchaftli⸗ chem Kopfnicken, dem Heinrich mit einer tiefen Verbengung antwortete. Joyeuſe, der dies ſah, drehete ſich um und lachelte ſeinem Bruder zu ohne ihn indeß auffallend zu gruͤßen, um nicht gegen die Etikette zu handeln. „Sire,“ ſagte Joyeuſe,„ich werde zu Ew. Majeſtät durch den Herrn Herzog von Anjon geſendet, der von dem flandriſchen Feldzuge zuruͤckgekehrt iſt.“ „Mein Bruder befindet ſich wohl, Herr Admiral?“ fragte der Koͤnig. „So wohl, Sire, als es ſeine Stimmung erlaubt; doch darf ich Ew. Maj. nicht verheimlichen, daß Se. Hoh. lei⸗ dend zu ſein ſcheint.“ „Er wird Zerſtrenung nach ſeinem Ungluͤcke brauchen,“ ſagte der Koͤnig, der ſich freute von dem Unfalle ſeines Bruders ſprechen zu können, während er ihn zu beklagen ſchien. „Ich glaube es auch.“ „Man hat uns geſagt, Herr Admiral, das Ungluͤck ſei entſetzlich geweſen.“ „Sire „Durch Euch aber ſei ein großer Theil des Heeres ge⸗ — 25 rettet worden; ich danke Euch, Herr Admiral. Wuͤnſcht der arme Anjou uns zu ſehen?“ „Sehr, Sire.“ „So werden wir ihn ſehen. Seid Ihr nicht auch der Meinung, Madame?“ fragte Heinrich indem er ſich zu Katharinen wendete, deren Herz ſchmerzlich litt, wenn es auch ihr Geſicht zu verheimlichen ſuchte. „Sire,“ antwortete ſie,„ich wuͤrde meinem Sohne allein entgegengereiſet ſein, da aber Ew. Maj. geruht, ſich mit mir zu vereinigen in dem Wunſche guter Freund⸗ ſchaft, ſo wird dieſe Reiſe eine Luſtpartie fuͤr mich ſein.“ „Ihr begleitet uns,“ ſagte der Koͤnig zu den Hoͤflin⸗ gen;„wir brechen morgen auf; ich werde in Meaur Nacht⸗ lager halten.“ „Ich werde alſo Sr. Hoheit die gute Rachricht melden.“ „Nein! mich ſobald verlaſſen, Admiral? Nein. Ich ſehe ein, daß eine Joyenſe von meinem Bruder geliebt wird, aber wir haben ja zwei, Gott ſei Dank! Du Bou⸗ chage, Ihr werdet nach Chateau⸗Thierry reiſen.“ „Sire,“ fragte Heinrich,„darf ich nach Paris zuruͤck⸗ kehren nachdem ich Sr. Hoheit die Ankunft Ew. Majeſtaͤt gemeldet habe?“ „Ihr handelt wie es Euch beliebt, Du Bouchage,“ erwiderte der Koͤnig. Heinrich verbengte ſich und ging nach der Thür zu, aber Joyeuſe beobachtete ihn. „Erlaubt Ihr, Sire, daß ich meinem Bruder ein Wort ſage?“ fragte er. 246 „Sprecht.. aber was iſt's?“ fragte der König leiſer. „Er will ſo raſch als moglich hin und zuruͤck reiten, Sire, was gegen meine Pläne und die des Cardinals iſt.“ Anna ging darauf ſeinem Bruder nach und holte ihn in den Vorzimmer ein. „Du beeilſt ja Deine Abreiſe ſehr, Heinrich,“ ſagte Joyeuſe. „Ja, Bruder.“ „Weil Du bald zuruͤck kommen willſt?“ „Allerdings.“ „Und gedenkſt nicht einige Zeit in Chateau⸗Thierry zu bleiben?“ „So kurz als moͤglich.“ „Warum?“ „Da, wo man ſich vergnuͤgt, iſt mein Platz nicht, Bruder.“ „Im Gegentheil, da gerade iſt dein Platz, Heinrich, weil Se. Hoheit da hohe Feſte geben wird, mußt Du in Chateau⸗Thierry bleiben.“ „Es iſt mir nicht moͤglich, Bruder.“ „Wegen Deiner Kloſtergedanken?“ „Ja, Bruder.“ „Du haſt den Koͤnig um Dispenſation gebeten?“ „Wer hat Dir das geſagt?“ „Ich weiß es.“ „Es iſt wahr.“ „Du wirſt ſie nicht erhalten.“ „Warum nicht, Bruder?“ — ſo w S 247 „Weil dem Koͤnig nichts daran liegen kann, ſich einen ſolchen Diener zu entziehen.“ „So wird der Cardinal thun, was der König ver⸗ weigert.“ „Und Alles dies um eines Weibes willen!“ „Anna, ich beſchwoͤre Dich, dringe nicht weiter in mich.“ „Sei unbeſorgt, ich werde nicht wieder davon anfan⸗ gen; da wir aber einmal davon reden, laß uns ernſtlich ſprechen.— Du reiſeſt nach Chateau⸗Thierry; ſtatt ſo ſchnell als moglich zuruckzukommen, wünſche ich, daß Du in meiner Wohnung dort auf mich warteſt.. Wir haben lange nicht zuſammen gewohnt.. Ich moͤchte wieder bei Dir ſein.“ „Bruder, Du ziehſt des Vergnuͤgens wegen nach Chateau⸗Thierry. Wenn ich dort bleibe, ſtöre ich Deine Freuden.“ „Ach nein, ich habe ein gluͤckliches Temperament und könnte wohl Deine Melancholie vertreiben.“ „Bruder!“ „Erlaube,“ fiel der Admiral mit einem gewiſſen Ernſt ein,„ich vertrete hier unſern Vater und befehle Dir alſo in Chateau⸗Thierry auf mich zu warten; Du nimmſt meine Wohnung. Sie geht im Erdgeſchoſſe in den Park. „Wenn Du befehlſt,“ entgegnete Heinrich ergeben. „Nimm es wie Du willſt, Wunſch oder Befehl, aber warte auf mich.“ „Ich werde gehorchen.“ 248 „Und ich bin uͤberzengt, daß Du mir nicht zurnſt,“ ſetzte Joyeuſe hinzu, indem er den Bruder umarmte. er ſe Dieſer entzog ſich der bruderlichen Umarmung viel⸗ 3 leicht etwas ärgerlich, verlangte ſeine Pferde und brach ſogleich nach Chateau⸗Thierry auf. Am Abende, ehe es noch dunkel geworden, ritt er den. Huͤgel hinauf, auf welchem Chateau⸗Thierry liegt, das auf die Marne herunterſchaut. fehl Vor ſeinem Namen oͤffnete ſich das Thor des Schloſſes, das der Prinz bewohnte, eine Audienz aber erhielt er erſt nach einer Stunde. zu b Der Prinz, ſagten Einige, wäre in ſeinen Gemaͤchern; Sch er ſchliefe, meinten Andere; er beſchäftigte ſich mit Muſik, wiederholte der Kammerdiener. Eine beſtimmte Antwort theil konnte Niemand geben.. Heinrich ließ ſich nicht abſchrecken, um ſich ſeines Auf⸗ Zim trages ſo ſchnell als moͤglich zu entledigen und ſich dann ſtatt ganz ſeiner Traurigkeit hingeben zu koͤnnen. den Man ließ ihn endlich in einen Saal des erſten Stockes Wiß treten, wo der Prinz ihn empfangen wollte. Eine halbe Stunde verging, und es wurde dunkel. Der ſchleppende ſchwere Tritt des Herzogs von Anjon ſchallte auf dem Gange und Heinrich, der ihn erkannte, ſchickte ſich zu den gewoͤhnlichen Ceremonien an; aber der ſterk Prinz, der große Eile zu haben ſchien, erließ dem Ge⸗ woh ſandten dieſe Foͤrmlichkeit, indem er ihn umarmte. „Guten Tag, Graf,“ ſagte er;„warum belaͤſtiget man Euch damit, einen armen Beſiegten aufzuſuchen?“ el⸗ ach en as es, erſt n; ſit, ort uf⸗ nn jou te, der e⸗ get 2“ 249 „Der Koͤnig ſendet mich, um Euch zu melden, daß er ſehr wuͤnſche Ew. Hoheit zu ſehen und deshalb morgen ſpaͤteſtens in Chateau⸗Thierry erſcheinen werde.“ „Der König wird morgen kommen?“ rief Franz un⸗ geduldig aus; aber er ſammelte ſich bald und ſetzte hinzu: „Es wird nichts im Schloſſe, nichts in der Stadt zum Empfange Sr. Majeſtät bereit ſein.“ Heinrich verbengte ſich wie ein Mann, der einen Be⸗ fehl nur zu uͤbergeben hat, aber keine Erläuterung zu geben vermag. „Nun, ſo liegt es mir ob, die Zeit ſo gut als moͤglich zu benutzen; ich verlaſſe Euch und danke Euch fur Eure Schnelligkeit. Ruhet aus.“ „Hat mir Ew. Hoheit ſonſt keine Befehle zu er⸗ theilen?“ „Nein. Legt Euch nieder. Man wird Euch in Eurem Zimmer bedienen. Es findet heute keine Tafel bei mir ſtatt; ich bin krank und unruhig; ich habe den Appetit und den Schlaf verloren und fuͤhre alſo ein elendes Leben. Wißt Ihr etwas Neues?“ „Was meint Ihr, Hoheit?“ „Aurilly iſt von den Woͤlfen gefreſſen worden.“ „Aurilly?“ wiederholte Heinrich verwundert. „Ja. gefreſſen.. Es iſt ſeltſam, wie alle ſchnell ſterben, die mir nahe ſtehen.. Gute Nacht, Graf; ſchlaft wohl!“* und der Prinz entfernte ſich ſchnell. Die Funfundvierzig. IW. 17 250 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Der Zweifel. Heinrich ging hinunter und auf dem Wege durch die Vorzimmer traf er viele ihm bekannte Officiere, welche auf ihn zu kamen und ſich erboten, ihn in das Zimmer ſeines Bruders zu fuͤhren, das ſich in einer Ecke des Schloſſes befand. Der Herzog hatte Joyeuſe während deſſen Aufenthaltes in Chateau⸗Thierry die Bibliothek angewieſen. Zwei zur Zeit Franz I. meublirte Zimmer ſtanden mit einander in Verbindung und ſtießen an die Bibliothek. Das letztere Zimmer ſah in den Garten. In der Bibliothek hatte Joyeuſe ſein Bett aufſchlagen laſſen, denn er war gemaͤchlich und gebildet zugleich; wenn er nur den Arm ausſtreckte, berührte er die Wiſſenſchaft und wenn er das Fenſter aufmachte, genoß er die Natur. Hoͤhere Naturen beduͤrfen vollſtändigere Genuſſe und die Morgenluft, der Geſang der Voͤgel oder der Blumenduft gaben den Trioletten Clement Marots und den Oden Foü ſart einen neuen Reiz. Heinrich nahm ſich vor alles zu laſſen wie er es ge⸗ funden hatte, nicht aus der poetiſchen Genußſucht ſeines Bruders, ſondern aus Gleichgiltigkeit. Da indeß der Graf gewoͤhnt war, in welcher Stim⸗ mung er ſich auch befinden mochte, nie ſeine Pflichten ge⸗ gen den König oder die Prinzen des koͤnigl. Hauſes von Frankreich zu vernachlaͤſſigen, ſo erkundigte er ſich genau — ch die he auf ſeines; hloſſes haltes en mit Das lagen wenn nſchaft Natur. nd die enduft Ron⸗ ge⸗ ſeines Stim⸗ en ge⸗ 6 von genau — 251 welchen Theil des Schloſſes der Prinz ſeit ſeiner Ruͤckkehr bewohne. Der Zufall ſandte Heinrich einen vortrefflichen Fuh⸗ rer, den jungen Officier nämlich, welcher durch eine Aus⸗ plauderung in dem kleinen Flecken Flanderns dem Prinzen das Geheimniß des Grafen verrathen hatte. Er hatte den Herzog ſeit deſſen Rückkehr nicht verlaſſen und konnte Hein⸗ rich die beſte Auskunft geben. Nach der Ankunft in Chateau⸗Thierry hatte der Prinz zuerſt Zerſtreuungen geſucht; er bewohnte da die großen Gemaͤcher, empfing Fruh und Abends und jagte am Tage den Hirſch im Walde; aber ſeit der Nachricht von dem Tode Aurilly's, welche der Prinz erfahren hatte, man wußte nicht auf welchem Wege, hatte er ſich in ein Haus mitten im Park zurückgezogen. Dieſes Haus, in welches nur die Vertrauteſten ſeiner Leute Zutritt hatten, ſtand unter den Baumen verſteckt, und zeigte ſich kaum unter den rieſigen ulmen und den dicken Hecken. In dieſem Hauſe wohnte der Prinz ſeit zwei Tagen; die, welche ihn nicht kannten, ſagten, der Schmerz uber den Tod Aurilly's treibe ihn in dieſe Einſamkeit; die, welche ihn kannten, meinten, er verrichte in dieſem Hauſe irgend eine ſchändliche oder teufliſche That, die ſchon einmal an den Tag kommen wuͤrde. Beide Annahmen waren um ſo wahrſcheinlicher, da der Prinz ganz der Verzweiflung hingegeben zu ſein ſchien, ſobald ihn Geſchäͤfte oder Beſuche in das Schloß riefen und er nach Empfang des Beſuchs und nach Beendigung des Geſchuftes in die Einſamkeit zuruͤckkehrte, in welcher ihn 17* 6 252 nur zwei Kammerdiener bedienten, die ihn hatten zur Welt kommen ſehen. „Wenn der Prinz ſich in dieſer Stimmung befindet,“ ſagte Heinrich,„werden die Feſtlichkeiten nicht eben hei⸗ ter ſein.“ „Allerdings,“ antwortete der Officier,„denn jedes wird Mitleid mit dem Prinzen haben, der in ſeinem Stolze und ſeiner Liebe verletzt iſt.“ Heinrich fragte weiter ohne es eigentlich zu wollen und nahm ein ganz beſonderes Intereſſe an dieſen Fragen. Der Tod Aurilly's, den er am Hofe gekannt und in Flandern wieder geſehen hatte, die Gleichgiltigkeit, mit welcher der Prinz ihm den Verluſt gemeldet, den er erlitten„die Abge⸗ ſchiedenheit, in welcher derſelbe ſeit jenem Todesſalle leben ſollte, alles dies verknuͤpfte ſich in ſeinem Geiſte, ohne daß er wußte wie mit einem geheimnißvollen dunkeln Geflechte, das ſeit einiger Zeit ſein Leben umgab. „Und,“fragte er den Officier,„man weiß nicht, wie der Herzog den Tod Aurilly's erfahren hat?“ „Nein.“ „Erzaͤhlt man nicht wenigſtens etwas?“ „Allerdings; es mag wahr oder falſch ſein, Ihr wißt es ja, man erzählt immer etwas.“ „Nun und hier?“ „Man ſagt, der Prinz habe unter den Weiden an dem Fluße gejagt und ſich von den andern Jägern entfernt, denn er iſt bei der Jagd ungeſtüm wie bei dem Spiele, wie im Kriege, wie im Schmerze, als er plotzlich mit be⸗ ſtur ihn, fach Han rilh der befſ mit gef bei fre daſ in ehr bri da wo un Welt det,“ hei⸗ jedes tolze und Der dern der bge⸗ eben daß chte, wie wißt dem rnt, ele, be⸗ 253 ſtürzten Mienen zuruͤckgekommen ſei. Die Hoflinge fragten ihn, weil ſie glaubten, es handele ſich blos um ein ein⸗ faches Abentener. Er hielt zwei Rollen Gold in der Hand. „Begreift Ihr das, Ihr Herrn?“ fragte er.„Au⸗ rilly iſt von den Woͤlfen gefreſſen worden.“ Alle ſtaunten. „Es iſt gewiß ſo,“ fuhr der Prinz fort,„ſonſt mag mich der Teufel holen; der arme Lautenſpieler iſt immer ein beſſerer Muſiker als Reiter geweſen. Sein Pferd ſcheint mit ihm durchgegangen zu ſein und er iſt in einen Graben gefallen. Am andern Tage kamen zwei Reiſende da vor⸗ bei, fanden ſeinen Körper von den Wölfen halb aufge⸗ freſſen und der Beweis dafur, daß es ſo geſchehen iſt und daß Raͤuber dabei nicht im Spiele geweſen ſind, liegt da in den beiden Rollen Gold, die er bei ſich hatte und die ehrlich uͤbergeben worden find.“ „Da man nun Niemand zwei Rollen Gold hat zuruͤck⸗ bringen ſehen,“ fuhr der Officier fort,„ſo vermuthet man, daß ſie dem Prinzen von den beiden Reiſenden uͤbergeben worden ſind, die ihm am Fluße begegneten, ihn erkannten und ihm die Nachricht von Aurilly's Tode mittheilten.“ „Es iſt ſeltſam,“ fluͤſterte Heinrich. „Um ſo ſeltſamer,“ fuhr der Officier fort,„weil man den Prinzen— ich weiß nicht, bb es wahr oder eine Er⸗ findung iſt— die kleine Parkpforte will offnen und zwei Schatten hereinlaſſen geſehen haben. Es waren wahr⸗ ſcheinlich die beiden Reiſenden, denn ſeitdem iſt der Prinz in das Gartenhaus gezogen und wir ſehen ihn nur fluͤchtig.“ 25⁵4 „Und hat dieſe Reiſenden Niemand geſehen?“ fragte Heinrich „Als ich von den Prinzen die Parole füͤr den Abend holte, begegnete ich einem Manne, der nicht zu den Leuten Sr. Hoheit zu gehoren ſchien, aber ich konnte ſein Geſicht aber nicht ſehen, da er ſich abwendete, als er mich ſah und die Kapuze ſeines Wammſes uber die Angen zog.“ „Die Kapuze ſeines Wamſes, ſagt Ihr?“ „Ja, der Mann ſah wie ein flamaͤndiſcher Bauer aus und erinnerte mich, ich weiß nicht warum, an den, welcher 2 Euch begleitete, als wir einander da unten trafen.“ geſt Heinrich erbebte und dieſe Bemerkung ſteigerte ſeine P Aufmerkſamkeit auf dieſe ſeltſame Geſchichte. Auch ihm, der Diana und deren Begleiter Aurilly anvertraut geſehen gen hatte, war der Gedanke gekommen, daß die beiden Reiſen⸗ den, welche dem Prinzen den Tod des unglucklichen Lauten⸗ ſpielers überbracht, ſeine Bekannten wären. Er ſah alſo den Officier aufmerkſam an. ſa „Was dachtet Ihr als Ihr jenen Mann erkannt zu he haben glaubtet?“ fragte er. S „Hoͤrt, was ich denke,“ antwortete der Ofſicier,„ob⸗ 6 gleich ich nichts behaupten moͤchte. Der Prinz hat wahr⸗ ſcheinlich ſeine Plaͤne auf Flandern noch nicht aufgegeben; er unterhält folglich Spione; der Mann mit der Kapuze de iſt ein Spion, der auf ſeinen Wanderungen den Unfall des Muſikers erfahren und dem Prinzen Nachricht davon gege⸗ ben haben wird.“ „Das iſt nicht unwahrſcheinlich,“ ſagte Heinrich in Gedanken;„aber was that der Mann als Ihr ihn ſahet?“ agte en uten ſicht die aus cher eine hm, hen ſen⸗ ten⸗ alſo zu „ob⸗ hr⸗ en; uze des ge⸗ in 2 255 „Er ging an der Hecke hin, die Ihr von Euerm Fen⸗ ſter aus ſehet und nach dem Gewaͤchshauſe zu.“ „Aber Ihr ſprecht von zwei Reiſenden?“ „Man ſagt, es wären zwei angekommen, ich habe aber nur den einen geſehen.“ „Dieſer Mann wohnte alſo in dem Gewaͤchshauſe?“ „Wahrſcheinlich.“ „Hat es einen Ausgang „Ja, nach der Stadt zu.“ Heinrich ſchwieg eine Zeit lang; ſein Herz klopfte un⸗ geſtum; dieſe Einzelnheiten, die an ſich ſo unbedeutend waren, nahmen ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Unterdeß war es Abend geworden und die beiden jun⸗ gen Maͤnner ſprachen ohne Licht im Zimmer mit einander. Der Graf hatte ſich aus Mädigkeit auf das Bett ſei⸗ nes Bruders gelegt und ſah nach dem Himmel hinauf, der von Diamanten zu flimmern ſchien. Der junge Officier ſaß auf dem Fenſter. In dem Park und in der Stadt herrſchte tiefe Stille; die Thore wurden geſchloſſen, es wurden allmaͤlig Lichter angezundet und in der Ferne hoͤrte man die Hunde bellen. Mit einem Male machte der Officier ein Zeichen, um die Aufmerkſamkeit des Grafen zu erregen, bog ſich aus dem Fenſter hinaus und rief leiſe Du Bouchage. „Kommt, kommt!“ ſagte er. „Was giebt's?“ fragte Heinrich, der wie aus einem Traume erwachte. „Der Mann! der Mann!“ „Welcher Mann?“ 256 „Der Mann mit der Kapuze, der Spion.“ Heinrich ſprang auf, eilte an das Fenſter und ſtͤtzte ſich auf die Achſel des Officiers. „Seht,“ fuhr dieſer fort,„ſeht Ihr ihn dort unten? Er geht an der Hecke hin. Wartet; er wird ſogleich wie⸗ der zum Vorſcheine kommen. Seht auf die Stelle hin, auf die das Licht ſcheint. Da kommt er.“ „Sieht er nicht unheimlich aus?“ „Unheimlich; das iſt das rechte Wort,“ antwortete Dr *= Bouchage, der ſelbſt ſehr ernſt wurde. „Glaubt Ihr, daß er ein Spion iſt?“ „Ich glaube nichts und glaube Alles.“ „Seht, er geht von dem Gartenhauſe des Prinzen nach dem Gewaͤchshauſe.“ „Das Gartenhaus ſteht alſo hier?“ fragte Du Bon⸗ chage indem er mit dem Finger nach der Stelle zeigte, wo der Fremde erſchien. „Seht Ihr das Licht, das unter den Blättern zittert?“ „Nun?“ „Das befindet ſich im Speiſeſaale.“ „Da kommt er wieder!“ ſagte Heinrich. „Er geht gewiß in das Gewachshaus zu dem Andern. Hoͤrt Ihr?“ „Was?“ „Das Kreiſchen eines Schluͤſſels im Schloſſe?“ „Es iſt ſeltſam; alles das iſt etwas ganz Gewoͤhnli⸗ ches und doch..“ „Und doch uͤberlaͤuft es Euch kalt dabei, nicht wahr?“ uͤtzte ten? wie⸗ auf tete ou⸗ wo t2 rn. 257 Man hoͤrte eine Art Schelle ertoͤnen. „Das iſt das Zeichen zum Abendeſſen im Hauſe des Prinzen.. Eſſet Ihr mit uns, Graf?“ „Ich danke; ich brauche nichts und wenn ich Sin ſpuͤren ſollte, te ich rufen.“ „Wartet das nicht ab; geht lieber mit uns und erhei⸗ tert Euch in unſerer Geſellſchaft.“ „Das iſt nicht moͤglich.“ „Warum nicht?“ „Se. koͤnigl. Hoheit hat mir faſt befohlen, mir die Speiſen in das Zimmer bringen zu laſſen; aber laſſet Euch von mir nicht abhalten.“ „Gute Nacht, Graf! Bewacht unſern Spion.“ „Ja und ich buͤrge fur ihn, es muͤßte mich denn der Schlaf uͤberwaͤltigen,“ ſetzte der Graf hinzu, der ſchon zu viel geſagt zu haben fuͤrchtete.„Das kommt mir auch wahrſcheinlicher und geſuͤnder vor als auf Geſpenſter und Spione zu lauern.“ „Allerdings,“ ſagte der Officier lachend, der ſich nun entfernte. Kaum war er aus der Bibliothek hinaus, als Hein⸗ rich in den Garten ſprang. „Es iſt Remy,“ dachte er bei ſich,„es iſt Remy; ich wuͤrde ihn in der Finſterniß der Hoͤlle erkennen.“ Und der junge Mann, dem die Fuͤße ſ druͤckte beide Haͤnde auf ſeine Stirn. „Mein Gott,“ ſagte er,„iſt es nicht vielmehr ein Lraumbild meines kranken Hirnes? Steht es denn geſchrie⸗ ben, daß ich im Schlafe und im Wachen, am Tage und in 258 der Nacht unablaͤſſig dieſe beiden Geſtalten ſehen ſoll, die eine ſo dunkele Spur durch mein Leben gezogen haben? Warum,“ fuhr er dann fort wie Jemand, der das Bedurf⸗ niß fuhlt, ſich ſelbſt zu uͤberzeugen,„warum ſollte Remy in dieſem Schloſſe, bei dem Herzoge von Anjou ſein? Was ſollte er da wollen? In welcher Verbindung kann der Her⸗ zog mit Remy ſtehen? Sollte er Diana verlaſſen haben, der ihr ewiger Begleiter war? Nein, er iſt es nicht.“ Nach einem Augenblicke gewann eine feſte Ueberzen⸗ gung das Uebergewicht uͤber den Zweifel und er flüſterte in Verzweiflung, waͤhrend er ſich an die Mauer lehnte um nicht zu fallen:„er iſt es doch.“ Als er dieſen Alles beherrſchenden Gedanken ausſprach, ließ ſich von Neuem ein Schluͤſſel in dem Schloſſe horen und ein kalter Schauer durchrieſelte die Glieder des jungen Mannes. Er horchte nochmals. Es war um ihn her ſo ſtill, daß er ſein eigenes Herz klopfen hoͤrte. Es vergingen einige Minuten, ohne daß er etwas von dem erſcheinen ſah was er erwartete. Seine Ohren aber ſagten ihm, daß ſich etwas nähere. Er hoͤrte den Sand unter Tritten kniſtern. Plotzlich ſchien ſich unter den dunkeln Ulmen eine noch dunklere Gruppe zu bewegen. „Da kommt er wieder,“ murmelte Heinrich;„iſt e allein oder nicht?“ Die Gruppe ging auf eine Stelle zu, welche der Mond hell der geg Jet nic ti ric ſel ſch m h, en en rz on er nd 259 hell beſchien und in dem Augenblicke als der Mann mit der Kapuze uͤber dieſen Platz in entgegengeſetzter Richtung gegangen war, hatte Heinrich Remy zu erkennen geglaubt. Jetzt ſah er deutlich zwei Geſtalten ſich bewegen; er konnte nicht zweifeln. Eine todtliche Kaͤlte ergriff ſein Herz. Die beiden Geſtalten gingen ſchnell, aber mit feſten Schritten; die erſtere trug einen wollenen Mantel mit Kapuze und dies Mal wie das erſte Mal glaubte Heinrich Remy zu erkennen. Die zweite, welche ganz in einen Maͤnnermantel ge⸗ hullt war, blieb vollig unkenntlich, und doch glaubte Hein⸗ rich unter dieſem Mantel das zu errathen, was er nicht ſehen konnte. 1 Sobald die beiden Geſtalten unter den Baͤumen ver⸗ ſchwunden waren, eilte der junge Mann nach. „Ach,“ murmelte er waͤhrend er dahin ging,„irre ich mich nicht? Iſt es moglich?“ 260 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Gewißheit. Heinrich huͤtete ſich ſehr ein Geraͤuſch in dem Sande oder unter den Blättern zu machen. Da er auf ſich ſelbſt genau Acht haben mußte, konnte er nicht wohl um ſich ſehen, aber er blieb dabei, daß der Mann mit der Kapuze kein anderer ſei als Remy. Es erhoben ſich dabei in ihm in Bezug auf den Be⸗ gleiter jenes Mannes Vermuthungen, die fur ihn ſchreck⸗ licher waren als Gewißheit. Der Weg ſtieß auf eine hohe Dornenhecke und eine Reihe Pappeln, welche das Gartenhaus des Herzogs von Anjon von dem uͤbrigen Park trennte und daſſelbe mit einem gruͤnen Schleier umhuͤllte, in dem es, wie ſchon er⸗ waͤhnt, faſt ganz verſchwand. Es gab da ſchoͤne Waſſer⸗ baſſins, dunkele Gebuͤſchdickichte, durch welche geſchlaͤngelte Wege fuͤhrten und hundertjäͤhrige Baͤume, auf deren Wipfel der Mond ſein ſilberweißes Licht ausgoß, waͤhrend unten der Schatten dicht und undurchdringlich war. An dieſer Hecke verließ Heinrich faſt der Muth. Wenn er ſo kuͤhn gegen die Befehle des Prinzen han⸗ delte und eine ſtrafbare Nengierde bewieſe, zeigte er ſich nicht als loyaler Edelmann, ſondern als Spion oder Eifer⸗ ſuͤchtiger, der Alles zu wagen entſchloſſen iſt. Als aber der Mann die Thuͤr oͤffnete, welche den großen Park von dem kleinen trennte und dabei eine Bewegung me die kei ſti ra we e⸗ ine on nit er⸗ er⸗ lte fel ten n ich er⸗ en ng 261 machte, welche ſein Geſicht ſehen ließ und als der Graf in dieſem Geſichte wirklich das Remy's erkannte, fuhlte er keine Bedenklichkeit mehr und ging auf Alles gefaßt weiter. Die Thuͤr war wieder geſchloſſen worden, Heinrich ſtieg daruber und folgte den beiden Perſonen weiter, die raſch gingen. Unter einer Allee dichter Kaſtanienbaͤume, an deren Ende er das ſchwach erleuchtete Gartenhaus erblickte, konnte Heinrich nicht ſo leicht folgen, weil die beiden Perſonen ihn haͤtten ſehen muͤſſen, ſobald ſie ſich umdreheten. Auch bemächtigte ſich ſeiner eine andere Beſorgniß. Der Herzog ſelbſt trat aus dem Hauſe als die beiden Perſonen demſelben nahe gekommen waren. Heinrich trat deshalb hinter den dickſten Baum und wartete. Er konnte nichts ſehen, als daß Remyh ſich tief verbeugte, daß der Begleiter einen weiblichen Gruß machte und daß der Herzog erfreut der letztern Perſon den Arm bot als wäre ſie eine Dame. Dann gingen alle drei nach dem Hauſe zu und ver⸗ ſchwanden in der Vorhalle, deren Thuͤr hinter ihnen ge⸗ ſchloſſen wurde. „Es muß zu Ende gebracht werden,“ ſagte Heinrich zu ſich ſelbſt;„ich muß eine Stelle ſuchen, von wo aus ich Alles ſehen kann ohne geſehen zu werden.“ Er erſah ſich eine Baumgruppe, in deren Mitte ein Springbrunnen emporſpritzte. Hinter der Statue, die daſtand und auf dem Fußgeſtelle derſelben konnte Heinrich ſehen was in dem Gartenhauſe 262 vorging, deſſen Hauptfenſter ſich ihm gerade gegenuͤber befand. Da Niemand bis daher ſich wagen konnte oder vielmehr durfte, ſo hatte man keine Vorſichtsmaßregeln gebraucht. In dem Zimmer, durch deſſen Fenſter Heinrich ſehen konnte, ſtand ein reich gedeckter Tiſch mit Weinen in vene⸗ tianiſchen Glaͤſern. An dem Tiſche warteten nur zwei Stuͤhle auf die Gaͤſte. Der Herzog ging nach dem einen hin, ließ den Arm des Begleiters Remy's los, deutete auf den andern Stuhl und ſchien den Unbekannten aufzufordern den Mantel ab⸗ zulegen. Die Perſon warf auch wirklich den Mantel auf einen Stuhl und das Licht der Kerzen beleuchtete nun das bleiche und majeſtätiſch ſchoͤne Geſicht einer Dame, welche die er⸗ ſtaunten Augen Heinrichs ſofort erkannten. Es war die Dame aus dem geheimnißvollen Hauſe in der Auguſtinerſtraße zu Paris, der Reiſende aus Flan⸗ dern, kurz jene Diana, deren Blicke todtlich waren wie Dolchſtiche. Sie erſchien diesmal in der Tracht ihres Geſchlechts, in einem Kleide von Brocat und mit Diamanten an ihrem Halſe, in ihrem Haar und an ihrem Arme. Unter dieſem Schmucke trat die Blaͤſſe ihres Geſichtes noch mehr hervor und ohne die Flamme, welche aus ihren Augen blitzte, haͤtte man glauben konnen, der Herzog habe durch irgend ein Zaubermittel mehr den Schatten dieſer Dame als ſie ſelbſt heraufbeſchworen. —„— ehr 263 Haͤtte Heinrich ſich nicht an die Statue feſthalten kon⸗ nen, er würde in das Baſſin des Springbrunnens geſtuͤrzt ſein. Der Herzog ſchien freudetrunken zu ſein; er wendete die Augen von dem reizenden Weſen nicht ab, das ihm ge⸗ genüber ſaß und berührte die vor ihm ſtehenden Gegenſtaͤnde kaum. Von Zeit zu Zeit ſtreckte Franz die Arme uͤber den Tiſch hinüber aus, um eine Hand der ſtummen blaſſen Dame zu ergreifen und zu küſſen, die gegen dieſe Kuſſe ſo unem⸗ pfindſam zu ſein ſchien, als wäre ihre Hand von Alabaſter geweſen, deſſen Weiße und Durchſichtigkeit ſie wirklich hatte. Von Zeit zu Zeit zuckte Heinrich zuſammen, griff nach ſeiner Stirn, wiſchte den kalten Schweiß ab und fragte ſich: „Lebt ſie oder iſt ſie todt?“ Der Herzog bot alle ſeine Beredtſamkeit auf, um den finſtern Ernſt von dem Geſichte ihm gegenuͤber zu ver⸗ ſcheuchen. Remy, der einzige Diener, denn der Herzog hatte alle ſeine Leute entfernt, bediente die beiden Perſonen, ſtieß von Zeit zu Zeit mit dem Elnbogen im Voruͤbergehen ſeine Gebieterin leiſe an und ſchien ſie dadurch gleichſam zu er⸗ muntern. Dann ſtieg die Rothe in das Geſicht der Dame, aus ihren Augen leuchtete ein Blitz und ſie lächelte als habe ein Zauberer eine unbekannte Feder dieſes verſtändigen Automaten beruͤhrt. Dann verſank ſie wieder in ihre Un⸗ beweglichkeit. 3 —— — 264 Der Prinz naͤherte ſich ihr indeß und ſchien leidenſchaft⸗ lich zu werden. Da ſchien Diana, welche von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Uhr an der Wand warf, eine gewaltſame Anſtren⸗ gung zu machen und nahm lächelnd lebhaften Antheil an dem Geſpraͤche. Heinrich verfluchte die ganze Schoͤpfung von den Frauen an, die Gott geſchaffen hat, bis zu Gott, der ihn ſelbſt geſchaffen. Es erſchien ihm unglaublich und unerhoͤrt, daß die fromme und ſittenſtrenge Diana ſich dem Prinzen ſo hingab weil er Prinz war. So verging fur Heinrich in Wuth und Verzweiſtung das Abendeſſen, das den Prinzen ſo ſehr zu begluͤcken ſchien. Diana klingelte endlich und der Prinz ſtand, vom Weine erhitzt auf, um Diana zu umarmen. Alles Blut erſtarrte in den Adern Heinrichs. Diana aber hielt den Prinzen mit einem Lächeln zu⸗ ruͤck, das gewiß aͤhnlich ui auf keinem Geſichte erſchienen war. „Hoheit,“ ſagte ſe„erlaubt, daß ich, ehe wir den Tiſch verlaſſen, dieſe ſchoͤne Frucht da mit Euch theile.“ Sie griff dabei nach einem Koͤrbchen von Golddraht, in welchem etwa zwanzig herrliche Pfirſichen lagen und nahm eine. Dann loͤſete ſie von ihrem Gürtel ein zierliches kleines Meſſer mit ſilberner Klinge und Malachitgriff, ſchnitt die Pfirſiche in zwei Haͤlften und reichte die eine dem Prinzen, der ſie nahm und ſchnell nach ſeinen Lippen fuͤhrte. bewe Blic einis liche der den ſcho gehe Arn en hn ie b 265 Diana ſah ihn mit ihren klaren Augen und ihrem un⸗ beweglichen Laͤcheln an. Remy, der an einem Pfeiler lehnte, ſah mit finſterm Blicke zu. Der Prinz ſtrich mit einer Hand uber die Stirn, wiſchte einige Schweißtropfen ab und aß von der Piirſichhälfte. Dieſer Schweiß war offenbar das Zeichen eines plotz⸗ lichen Unwohlſeins, denn waͤhrend Diana die andere Haͤlfte der Pfirſich aß, ließ der Prinz den Reſt der ſeinigen auf den Teller fallen, ſtand mit Anſtrengung auf und ſchien die ſchoͤne Dame aufzufordern mit ihm hinaus in den Park zu gehen. Diana ſtand auf und Lahm ohne ein Wort zu ſagen den Arm, den ihr der Prinz bot. Remy ſah ihnen nach, namentlich dem Prinzen, der ſich in der friſchen Luft ganz wieder erholte. Im Gehen wiſchte Diana das Meſſerchen an einem goldgeſtickten Taſchentuche ab und ſteckte es wieder in die Scheide. So gelangten ſie in die Nähe des Platzes, wo Heinrich verſteckt war. Der Prinz druckte verliebt den Arm der Dame an ſein Herz. „Ich fuͤhle mich wieder wohler,“ ſagte er,„und dvoch weiß ich nicht, welche Schwere mich im Kopfe druckt.“ Diana pflückte einige Jasminbluͤten und Roſen dicht neben dem Springbrunnen ab, an welchem Heinrich ſich verſteckte. „Was thut Ihr?“ fragte der Prinz. Die Fuͤnfundvierzig. IV. 18 266 „Man hat mir immer geſagt,“ antwortete Diana,„der Blumenduft ſei das beſte Mittel gegen druͤckendes Kopf⸗ weh. Ich pfluͤcke einen Strauß in der Hoffnung, daß er die zauberiſche Wirkung haben werde, die ich wuͤnſche.“ Dabei ließ ſie eine Roſe fallen, nach der der Prinz galant ſich buͤckte. Die Bewegung des Prinzen erfolgte ſchnell, doch nicht ſo ſchnell, daß Diana nicht einige Tropfen aus dem goldenen Flacon, das ſie am Guͤrtel trug, auf eine andere Roſe haͤtte fallen laſſen koͤnnen. Dann nahm ſie die Roſe, welche der Prinz aufgehoben hatte und ſteckte ſie in den Guͤrtel. „Dieſe iſt fuͤr mich,“ ſagte ſie;„laßt uns tauſchen.“ Und ſie reichte dem Prinzen fuͤr die Roſe den Strauß. Der Prinz nahm ihn haſtig, roch mit Entzuͤcken daran und ſchlang den Arm um Diana; aber dieſer Druck ver⸗ wirrte wahrſcheinlich den Sinn des Prinzen vollends, denn ſeine Kniee brachen und er mußte ſich auf eine Raſenbank⸗ in der Naͤhe niederſetzen. Heinrich verlor die beiden Perſonen nicht aus den Au⸗ gen und doch blickte er auch nach Remy, der in dem Gar⸗ tenhauſe auf das Ende dieſes Auftrittes begierig zu warten ſchien. Als er den Prinzen ſich ſetzen ſah, trat er in die Thuͤr des Hauſes, waͤhrend Diana ſich neben Franz ſetzte. Die Betäubung des Herzogs dauerte diesmal laͤnger als das erſte Mal; er ließ den Kopf auf die Bruſt hängen und ſchien den Faden ſeiner Gedanken und faſt das Be⸗ wußtſein verloren zu haben. Guplich ichtete er den Keyf langſan enpor und ver⸗ ſuch abe mer geh ſehr den Fie der ber mie ken zen ſo ſich hie in! „der Kopf⸗ aß er Prinz olgte opfen „auf oen hen.“ rauß. aran ver⸗ denn bank! Au⸗ Gar⸗ arten Thuͤr inger ngen Be⸗ ver⸗ 267 ſuchte mit ſeinen Lippen die ſeiner Gefährtin zu berühren, aber dieſe ſtand auf als hätte ſie jene Bewegung nicht be⸗ merkt und ſagte: „Ihr ſeid unwohl, Hoheit, laßt uns wieder hinein⸗ gehen.“ „Ja laßt uns hineingehen,“ wiederholte der Prinz ſehr erfreut. Er ſtand wankend auf und ſtutzte ſich auf den Arm Diana's, ſtatt ſie zu fuͤhren. So ſchien er das Fieber zu vergeſſen und druͤckte ſeine Lippen auf den Nacken der Dame. Dieſe erbebte als wäre ſie von einem gluhenden Eiſen beruͤhrt worden. „Remy, Licht!“ rief ſie,„Licht!“ Remy holte ein Licht und erſchien ſchnell damit an der Thuͤr des Hauſes. „Wohin geht Ihr?“ fragte Diana indem ſie das Licht aus Remy's Haͤnden nahm. „In mein Zimmer! in mein Zimmer und Ihr geleitet mich, nicht wahr?“ erwiderte der Prinz in Liebestrun⸗ kenheit. „Recht gern,“ antwortete ſie und ging vor dem Prin⸗ zen her. Remy oͤffnete ein Fenſter und es entſtand dadurch ein ſo ſtarker Zug, daß die Flamme dem Prinzen in das Ge⸗ ſicht getrieben wurde. So gelangten die Liebenden,— für die Heinrich ſie hielt— nachdem ſie uͤber eine Galerie geſchritten waren, in das Zimmer des Herzogs und verſchwanden. 18* 268 Heinrich hatte alles mit ſteigender Wuth geſehen, die ihm aber die Kraft ganz benommen zu haben ſchien. Er hatte ſein Verſteck verlaſſen und wollte in das Schloß zuruͤckkehren, als ſogleich die Thuͤr, hinter welcher Diana und der Prinz verſchwunden waren, ſich offnete, die Dame raſch in das Speiſezimmer zuruͤckkam und Remy mit ſich fortzog, der auf ſie gewartet zu haben ſchien. „Komm,“ ſagte ſie,„alles iſt voruber.“ Und beide eilten in den Garten. Bei ihrem Anblicke hatte Heinrich ſeine ganze Kraft wieder gefunden, er trat ihnen entgegen und erwartete ſie mit uber einander geſchlagenen Armen. Er faßte Diana am Arm und hielt ſie auf, trotz dem Angſtſchrei, den ſie ausſtieß und trotz dem Dolche, den ihm Remy auf die Bruſt ſetzte. „Ihr erkennt mich wohl nicht,“ ſagte er zaͤhneknir⸗ ſchend,„ich bin der junge Mann, der Euch liebte und dem Ihr Eure Liebe nicht gewähren wolltet, weil es fuͤr Euch keine Zukunft, ſondern nur eine Vergangenheit gebe. Ah, Heuchlerin und Du Lugner, ich kenne Euch endlich und fluche Euch; dem einen ſage ich, ich verdamme Dich und der andern: mir graut vor Dir.“ „Platz da, junger Thor!“ fiel Remy ein,„oder..“ „Vollende Dein Werk,“ antwortete Heinrich;„toͤdte meinen elenden Leib, da Du meine Seele getodtet haſt.“ „Still!“ murmelte Remy indem er den Dolch tiefer druͤckte, ſo daß er bereits die Bruſt des jungen Mannes beruͤhrte; aber Diana ſtieß den Arm Remy's zuruͤck und ergriff den des Grafen Du Bouchage. wi gr eir ha die loß ana ame ſich raft e ſie ana ſie die nir⸗ dem uch Ah, und der oͤdte ſt.“ efer mes und 269 Sie ſah todtenbleich aus und ihre Hand war kalt wie die einer Leiche. „Herr,“ ſagte ſie,„Ihr urtheilt vorſchnell uber die Werke Gottes.. Ich bin Diana von Meridor, die Ge⸗ liebte Buſſy's, den der Herzog von Anjou ſchaͤndlich er⸗ morden ließ, da er ihn doch retten konnte. „Vor acht Tagen ermordete Remy Aurilly, den Mit⸗ ſchuldigen des Prinzen und dieſen ſelbſt habe ich ſo eben durch eine Frucht, eine Blume und eine Kerze vergiftet. Weicht von mir, vor Diana von Meridor, die ſich ſofort in das Kloſter der Hoſpitaliterinnen begiebt.“ Sie ließ darauf den Arm Heinrichs los und nahm den Remy's, der auf ſie wartete. Heinrich ſank auf ſeine Knie nieder und ſah den Moͤr⸗ dern nach, welche in dem Dickichte verſchwanden. Erſt nach einer Stunde fand der junge Mann die Kraft wieder ſich nach ſeinem Zimmer zu ſchleppen und nur nach großer Anſtrengung gelang es ihm durch das Fenſter hin⸗ einzuſteigen. Kachdem er einige Schritte in dem Zimmer gethan hatte, ſank er auf das Bett. In dem Schloſſe ſchlief alles. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Schickſalsfuͤgung. Am andern Morgen um neun Uhr ſtreuete die Sonne das reinſte Gold ihrer Strahlen auf die Gaͤnge in Chateau⸗ Thierry. Zahlreiche Arbeiter, die am Tage vorher berufen wor⸗ den waren, harkten die Wege im Park und ſetzten die Zim⸗ mer in Stand, welche der Koͤnig bewohnen ſollte. In dem Gartenhauſe, das der Herzog bewohnte, ruhrte ſich noch nichts, denn er hatte am vorigen Abende ſeinen beiden alten Dienern verboten ihn zu wecken. Sie ſollten warten bis er rufe. Halb zehn Uhr erſchienen zwei Courriere in der Stadt und meldeten die nahe Ankunft Sr. Majeſtät. Die Schoͤffen, der Gonverneur und die Garniſon ſtell⸗ ten ſich auf. Um zehn Uhr kam der Konig unten an dem Huͤgel an. Er war jetzt zu Pferde, wie meiſt wenn er ſeinen Einzug in eine Stadt hielt, denn er war ein ſchoͤner Reiter. Die Koͤnigin Mutter folgte ihm im Tragſeſſel; funf⸗ zig reichgekleidete Herrn begleiteten ſie zu Pferde. — Eine Compagnie der Garde unter dem Commando Crillons ſelbſt, hundert und zwanzig Schweizer, eben ſo viele Schotten unter Larchont, dann Maulthiere, Kiſten und Kaſten und Diener bildeten eine kleine Armee, die ſich erre ten tra erk jon ſei die er 271 auf dem geſchlaͤngelten Wege hinzog, der von dem Fluße zu dem Gipfel des Berges empor fuhrt. Unter Glockengeläute, Kannonendonner und Mufik erreichte der Zug die Stadt. Das Volk jubelte; der Koͤnig zeigte ſich damals ſo ſel⸗ ten, daß er wirklich etwas Goͤttliches zu haben ſchien. une Vergebens ſah er ſich nach ſeinem Bruder um. Er au⸗ traf am Eingange des Schloſſes nur den Grafen Du Bouchage. or⸗ Sobald der König in dem Schloſſe angekommen war, im⸗ erkundigte er ſich nach dem Befinden des Herzogs von An⸗ jon bei dem Officier, welcher den Koͤnig empfing. rte„Sire,“ antwortete dieſer,„Se. Hoheit bewohnt nen ſeit einigen Tagen das Gartenhaus und wir haben ihn ten) dieſen Morgen noch nicht geſehen. Wahrſcheinlich befindet er ſich aber wohl, da er geſtern Abend noch ganz wohl war.“ adt„Liegt das Gartenhaus ſo weit ab,“ fragte der Koͤnig unzufrieden,„daß man die Kanonen dort nicht hoͤrt?“ ell⸗„Sire,“ wagte einer der beiden Diener des Herzogs zu bemerken,„Se. Hoheit erwartete vielleicht Ew. Maj. an. nicht ſo bald.“ zug„Alter Narr,“ grollte Heinrich,„glaubſt Du denn, daß ein Konig ſo unangemeldet zu den Leuten kommt? Der nf⸗ Herzog von Anjon iſt ſeit geſtern von meiner Ankunft unter⸗ richtet.“ ndo um aber die Umſtehenden nicht zu betruͤben, wollte ſo Heinrich ſanft und mild erſcheinen und ſetzte hinzu: ten„Da er uns nicht entgegenkommt, wollen wir ihm ent⸗ ſich gegengehen.“ 272 „Zeigt uns den Weg,“ ſagte Katharine aus dem Trag⸗ ſeſſel heraus. Das ganze Gefolge machte ſich auf nach dem alten Parke zu. In dem Augenblicke als die erſten Garden an die Hecke gelangten, drang ein gellender Schrei durch die Luft. „Was iſt's?“ fragte der Koͤnig zu ſeiner Mutter ge⸗ wendet. „Das iſt ja ein Schrei der Verzweiflung,“ fluͤſterte Katharina, die auf den Geſichtern der Umſtehenden zu leſen ſuchte. „Mein Prinz! Mein armer Herzog!“ rief der andere alte Diener des Herzogs aus, der mit den Zeichen des heftigſten Schmerzes an einem Fenſter erſchien. Der Koͤnig trat in das Haus und kam eben an, als man den Koͤrper des Herzogs von Anjon aufhob, den ſein Diener, welcher hineingegangen war um die Ankunft des Königs zu melden, auf dem Teppiche ſeines Schlafzim⸗ mers gefunden hatte. Der Prinz war kalt und ſteif und gab kein Lebens⸗ zeichen von ſich außer einer ſeltſamen Bewegung der Augenlider. Der Koͤnig blieb auf der Schwelle des Zimmers ſtehen. „Das iſt eine ſchlimme Vorbedeutung,“ ſagte er. „Entfernt Euch, mein Sohn,“ ſagte Katharina. „Der arme Franz!“ ſagte Heinrich, der gern den Anblick des Hinſcheidens mied. Die ganze Menge folgte dem Koͤnige. w al 30 die ft. ge⸗ rte zu ere des als ein des im⸗ n8⸗ der den 273 „Seltſam, ſeltſam!“ flüſterte Katharina, die neben dem Prinzen oder vielmehr neben dem Leichname kniete nebſt den beiden alten Dienern und während man nach der Stadt nach Aerzten ſchickte und ein Bote nach Paris jagte, um die Ankunft der Leibaͤrzte des Konigs zu beſchleunigen, die mit der Koͤnigin in Meaur geblieben waren, beobach⸗ tete ſie die Zeichen der ſeltſamen Krankheit, welcher ihr Sohn unterlag. Die Florentinerin hatte Erfahrung; auch fragte ſie vor allem kalt die beiden Diener, die ſich in Verzweiflung die Haare ausrauften. Beide antworteten, der Prinz ſei in voriger Nacht zu⸗ ruͤckgekommen, nachdem er zu ſehr ungelegener Zeit durch den Grafen Du Bouchage geſtört worden. Dann ſetzten ſie hinzu, nach der Audienz im Schloſſe habe der Prinz ein gutes Abendeſſen beſtellt und befohlen, daß ſich Niemand im Gartenhauſe ungerufen zeige, auch beſtimmt verbot ihn früh zu wecken. „Er erwartete ohne Zweifel eine Geliebte? fragte die Koͤnigin Mutter. „Das glauben wir, antworteten die Diener,„aber wir waren nicht ſo neugierig, uns davon zu uͤberzengen.“ „Habt Ihr beim Abdecken geſehen, ob mein Sohn allein geſpeiſet hatte?“ „Wir haben noch nicht abgedeckt, weil der Herr Her⸗ zog verboten hatte in das Gartenhaus zu kommen.“ „Es iſt alſo Niemand hier geweſen?“ „Niemand.“ „Entfernt Euch.“ 274 Und Katharina blieb ganz allein und beobachtete noch⸗ mals genau alle Symptome oder Spuren, die ſich ihren Augen zeigten. Sie fand auf der Stirn ihres Sohnes eine bläuliche Farbe, ſeine Augen mit Blut unterlaufen und blau geraͤndert und auf ſeinen Lippen eine Spur gleich der, welche brennender Schwefel auf lebendigem Fleiſche zurucklaͤßt. Dieſelben Zeichen ſah ſie an den Naſenloͤchern und Naſenfluͤgeln. „Wir wollen uns umſehen,“ ſprach ſie bei ſich. Und ſie erblickte zuerſt den Leuchter, in welchem die ganze Kerze verbrannt war. „Dieſe Kerze hat lange gebrannt,“ ſagte ſie,„nach⸗ dem Franz in dem Zimmer geweſen iſt. Ah, da liegt auch ein Bouquet auf dem Teppiche.“ Sie hob es auf und ſah, daß alle Blumen noch friſch waren mit Ausnahme einer Roſe, die ſchwarz geworden und gewelkt war. „Was iſt das?“ fluͤſterte ſie.„Was hat man auf die Blätter dieſer Roſe getraͤufelt?.. Ich glaube etwas zu kennen, das die Roſen zum Welken bringt.“ Sie entfernte ſich von dem Bouquet, vor dem ſie ſchauderte. „Das wuͤrde mir das Ansſehen der Naſe und der Stirn erklaͤren, aber die Lippen?“ Katharina ging in das Speiſezimmer. Die Diener hatten nicht gelogen; nichts ſchien da angeruͤhrt zu ſein. Am Ende des Tiſches zog eine halbe Pfirſich, in die gebiſſen war, die Blicke Katharina's beſonders auf ſich. Dieſe innen ſo roſige Frucht war wie die Roſe ge⸗ eit m da w Loͤ bl w ei ſic ⸗ ch ch ad zu ſie rn 275 ſchwaͤrzt und hatte innen bläuliche und braune Flecken. Beſonders an der Schnittfläche zeigte ſich die aͤtzende Kraft, wo das Meſſer ſie beruͤhrt hatte. „Das fur die Lippen,“ ſagte ſie,„aber Franz hat nur einen Biſſen von der Frucht genommen. Er hat das Bouquet nicht lange in der Hand gehalten, da die Blu⸗ men noch friſch ſind, das Uebel iſt alſo nicht rettungslos, das Gift kann nicht tief eingedrungen ſein. Warum aber, wenn es nur oberflaͤchlich gewirkt hat, dieſe vollſtändige Laͤhmung und die ſchon ſo weit vorgeſchrittene Zerſetzung?“ Waͤhrend Katharina dies ſagte, ſah ſie ſich um und er⸗ blickte den Lieblingspapagei ihres Sohnes. Auch der Vogel war todt. „Der Rauch!“ ſagte Katharina,„der Rauch! der Docht der Kerze war vergiftet, mein Sohn iſt todt.“ Sie rief und das Zimmer fullte ſich mit Menſchen. „Miron! Miron! Der Leibarzt!“ ſagten Einige. „Einen Prieſter!“ riefen Andere. Katharina hielt unterdeß an die Lippen des Herzogs eines der Flacons, die ſie immer in ihrem Taͤſchchen bei ſich trug und beobachtete die Zuͤge ihres Sohnes dabei. Der Herzog oͤffnete noch einmal die Augen und den Mund, aber in den Augen glaͤnzte kein Blick mehr und der Kund vermochte nicht zu ſprechen. Katharina entfernte ſich und winkte den beiden Die⸗ nern ihr zu folgen. Sie ging in ein anderes Zimmer, ſetzte ſich nieder und ſagte: 276 „Der Herzog von Anjon iſt bei dem Abendeſſen vergif⸗ tet worden. Ihr habt das Eſſen aufgetragen.“ Die beiden Maͤnner wurden todtenbleich. „Man moͤge uns foltern,“ ſagten ſie,„man moͤge uns toͤdten, aber man beſchuldige uns nicht.“ „Ihr ſeid Troͤpfe; glaubt Ihr, es wuͤrde nicht geſche⸗ hen, wenn ich Euch in Verdacht haͤtte? Ihr habt Euern Herrn nicht ermordet, ich weiß es, aber Andere haben ihn getoͤdtet und ich muß die Moͤrder kennen. Wer iſt in dem Hauſe geweſen?“ „Ein aͤrmlich gekleideter alter Mann, den Se. Hoheit ſeit zwei Tagen empfing.“ „Aber.. das Weib?“ „Wir haben keins geſehen.. Welches Weib meint Ew. Majeſtat?“ „Es iſt eine Dame mit einem Strauße da geweſen.“ Die beiden Diener ſahen einander mit einem Blicke an, an welchem Katharina ihre Unſchuld erkannte. „Man bringe den Gouverneur der Stadt und den des Schloſſes zu mir.“ Die beiden Diener entfernten ſich ſchnell. Nach einem Augenblick ſagte Katharina:„Ihr allein nebſt mir wiſſet was ich Euch geſagt habe; ich werde es nicht ſagen; wenn es Jemand erfährt, iſt es durch Euch und an dieſem Tage ſterbt Ihr beide.“ Die beiden Gouverneure fragte Katharina minder offen. Sie ſagte ihnen, der Herzog habe von einer gewiſſen Perſon eine ſchlimme Nachricht erhalten, die ihn tief er⸗ griffen; das ſei die Urſache ſeines Leidens und wenn man . die erl Un Re zu au zot t ke in 277 die Perſon nochmals frage, werde der Herzog ſich wohl erholen. Die Gouverneure ließen die Stadt, den Park und die umgegend durchſuchen, aber Niemand wußte, was aus Remy und Diana geworden. Nur Heinrich kannte das Geheimniß und es war nicht zu furchten, daß er es verrathe. Jedermann ſprach uͤber das Ereigniß, aber Niemand außer Du Bouchage und Katharina wußte, daß der Her⸗ zog verloren ſei. Der ungluͤckliche Prinz kam nicht wieder zur Beſinnung. Der Koͤnig, auf den der Vorfall einen truͤben Eindruck gemacht hatte, was er vor allem furchtete, wäre gern ſo⸗ gleich wieder nach Paris aufgebrochen, aber die Koͤnigin Mutter widerſetzte ſich ſeiner Abreiſe und ſo mußte er in dem Schloſſe bleiben. Es kamen viele Aerzte an; nur Miron errieth den Grund des Uebels aber er war ein zu guter Hoͤfling, als daß er nicht haͤtte ſchweigen ſollen, zumal nachdem er die Koͤnigin angeſehen hatte. Man fragte ihn von allen Seiten und er antwortete, der Herzog von Anjon habe wahrſcheinlich ſchweren Kum⸗ mer gehabt. Als Heinrich III. ihn aufforderte, eine beſtimmte Ant⸗ wort auf die Frage zu geben: wird der Herzog leben? antwortete der Arzt:„nach drei Tagen werde ich Ew. Majeſtaͤt beſtimmte Auskunft geben.“ „Und was ſagt Ihr mir?“ fragte ihn Katharina leiſe. „Euch antworte ich ohne Zoͤgern.“ 278 „Was?“ „Was Ew. Maj. mich fragt.“ N „Nun, wann wird mein Sohn ſterben, Miron?“ A „Morgen Abend.“ kl „So bald?“ in „Die Gabe war zu ſtark, Majeſtät. de Katharina legte einen Finger auf ihre Lippen, ſah den Sterbenden an und ſprach leiſe ihr unheimliches, Wort: „Schickſal!“ w zu Sechsundzwanzigſtes Kapitel. ſ0 ic Die Hoſpitaliterinnen. V Der Graf hatte eine ſchreckliche Nacht in einem„ ra Zuſtande verbracht, welcher an Wahnſinn und Tod D grenzte. Sobald er aber die Ankunft des Koͤnigs melden hoͤrte S ſtand er ſeiner Pflicht gemaͤß auf und empfing ihn wie m geſagt an dem Thore; nachdem er aber dem Koͤnig ſeine be Huldigungen dargebracht, die Koͤnigin⸗Mutter begrüßt in und dem Admiral die Hand gedruͤckt hatte, ſchloß er ſich von Neuem in ſeinem Zimmer ein, nicht um zu ſterben, ſondern um ſein Vorhaben, das nichts zu erſchuͤttern ver⸗ mochte, zur Ausfuͤhrung zu bringen. 3 es 279 Gegen elf Uhr früh, d. h. als auf die ſchreckliche Nachricht von dem nahen Tode des Herzogs von Anjou Alle ſich zerſtreut hatten und der Koͤnig ganz betäubt war, klopfte Heinrich an der Thuͤr ſeines Bruders an, der ſich in ſein Zimmer begeben, weil er einen Theil der Nacht auf der Straße zugebracht hatte. „Ah, Du biſt es,“ ſagte Joyeuſe halb im Schlafe; „was giebt es?“ Ich will Abſchied von Dir nehmen, Bruder,“ ant⸗ wortete Heinrich. „Wie ſo Abſchied? Reiſeſt Du ab?“ „Ja, Bruder und nichts haͤlt mich hier mehr zuruͤck.“ „Nichts?“ „Nein, da die Feſte nicht ſtattfinden werden, denen ich auf Deinen Wunſch beiwohnen ſelte, bin ich meines Verſprechens entbunden.“ „Du irrſt Dich, Heinrich,“ antwortete der Großadmi⸗ ral;„ich erlaube Dir heute ſo wenig abzureiſen, als ich es Dir geſtern erlaubt hätte.“ „So werde ich zum erſten Male in meinem Leben den Schmerz haben Deinen Befehlen ungehorſam ſein zu muͤſſen, denn von dieſem Angenblicke an, erkläre ich Dir beſtimmt, Anna, haͤlt mich nichts mehr von dem Eintritte in das Kloſter ab.“ „Aber die Dispenſation von Rom?“ „Ich werde im Kloſter auf ſie warten.“ „Du biſt wahrhaftig nicht recht bei Sinnen,“ rief Joyenſe aus indem er ſtaunend aufſtand. 280 „Im Gegentheil, lieber Bruder, ich bin wohl der Weiſeſte von Allen, denn ich allein weiß genan was ich thue.“ „Heinrich, Du hatteſt mir einen Monat verſprochen.“ „Es iſt nicht moͤglich, Bruder.“ „Noch acht Tage!“ „Nicht eine Stunde.“ „Leideſt Du wirklich ſo viel?“ „Im Gegentheil, ich leide nicht mehr und daran er⸗ kenne ich, daß das Uebel nicht zu heilen iſt.“ „Aber die Dame iſt doch nicht von Erz; man kann ſie errreichen, man kann ſie bewegen.“ „Du wirſt das Unmogliche nicht moglich machen konnen, und wenn ſie ſich auch erweichen ließe, ſo wuͤrde ich ſie jetzt nicht mehr lieben.“ „Was? Wenn ſie Dich lieben wollte, wuͤrdeſt Du ſie verſchmaͤhen? Das iſt ja reine ollheit.“ „Ach nein,“ rief Heinrich mit einem Schauer aus,„es kann zwiſchen dieſem Weibe und mir nichts mehr beſtehen.“ „Was ſoll das heißen?“ fragte Joyeuſe verwundert; „wer iſt ſie denn? Sprich, Heinrich; wir haben ja nie Ge⸗ heimniſſe vor einander gehabt.“ Heinrich fürchtete zu viel geſagt und ein Thuͤrchen ge⸗ offnet zu haben, durch welches das Auge ſeines Bruders bis zu dem ſchrecklichen Geheimniſſe blicken konnte, das ſein Herz umſchloß; er verfiel alſo in das entgegengeſetzte Ertrem und ſprach, wie es in ſolchen Fällen haufig geſchieht, um ein ihm entſchluͤpftes unvorſichtiges Wort unſchädlich zu machen, ein noch unvorſichtigeres aus. er ch r⸗ ſie en, tzt ſie es n 7. rt; Se⸗ ge⸗ bis er rem um zu 281 „Bruder,“ ſagte er,„dringe nicht in mich; die Dame fann mir nicht angehoͤren, weil ſie Gott angehort.“ „Mährchen! Die Dame eine Nonne? Sie hat ge⸗ logen.“ „Nein, Bruder, ſie hat nicht gelogen; ſie iſt Hoſpita⸗ literin. Laß uns alſo nicht mehr von ihr ſprechen und Alle ſchonen, die ſich Gott in die Arme werfen.“ Anna hatte ſo viel Selbſtbeherrſchung, um die Freude uͤber dieſe Entdeckung ſich nicht merken zu laſſen. Er fuhr fort: „Das iſt etwas Neues, denn davon haſt Du nie ge⸗ ſprochen.“ „Es iſt allerdings neu, denn ſie hat erſt kürzlich den Schleier genommen und ihr Entſchluß ſteht feſt wie der meinige. Halte mich alſo nicht zuruͤck, Bruder; umarme mich und laß mir Dir danken für alle Deine Gute, für alle Deine Geduld und fuͤr alle Deine unendliche Liebe gegen einen armen Unfinnigen.“ Joyeuſe betrachtete das Geſicht ſeines Bruders und ſchien von ſeiner Ruͤhrung zu erwarten, daß ſie das Vorha⸗ ben des Andern erſchuͤttere; aber Heinrich blieb unerſchüt⸗ terlich und antwortete mit ſeinem ewigen traurigen Lächeln. Joyeuſe umarmte ihn und ließ ihn gehen. „Geh,“ dachte er bei ſich,„noch iſt nicht Alles verlo⸗ ren und ich werde Dich trotz Deiner Eile bald wieder ein⸗ holen.“ Er begab ſich zu dem Koͤnige, der im Bett fruhſtuckte. Chicot ſaß neben ihm. „Guten Tag! Guten Tag!“ ſagte Heinrich zu Joyeuſe; Die Funfundvierzig. W. 19 „ich freue mich Dich zu ſehen, Anna; ich furchtete ſchon, Du wuͤrdeſt den ganzen Tag im Bette bleiben, Faulpelz. Wie geht es meinem Bruder?“ „Ach, Sire, ich weiß es nicht; ich moͤchte von dem mei⸗ nigen mit Euch ſprechen.“ „Will er noch immer Moͤnch werden?“ „Mehr als je.“ „Er thut auch recht daran.“ „Wie ſo, Sire?“ „Ja, auf dieſem Wege kommt man ſchnell in den Himmel.“ „Ach,“ ſagte Chicot zu dem Koͤnige,„noch ſchneller auf dem Wege, den Dein Bruder geht.“ „Will mir Ew. Majeſtät eine Frage geſtatte „Zwanzig, Joyeuſe, zwanzig; ich langweile mich in Chateau⸗Thierry ſehr und Deine Fragen werden mich etwas zerſtreuen.“ „Site, Ihr kennt alle Orden im Reiche.“ „Wie die Wappenkunde, Joyeuſe.“ „Was ſind die Hospitaliterinnen?“ Eine ſehrkleine ausgezeichnete, ſehr ſtrenge Gemeinde, die aus zwanzig Canoniſſinnen von St. Joſeph beſteht.“ „Legen ſie Gelübde ab?“ „Ja, auf Vorſchlag der Koͤnigin.“ „Darf ich Euch fragen, wo dieſe Gemeinde iſt, Sir „In der Straße Chervet⸗Saint⸗Landry in der Cits hinter dem Kloſter Notre Dame.“ „In Paris?“ „In Paris.“ n?“ e?“ 6 z 1 3( 3 en ler in ich de, 2 Cite ———— 283 „Ich danke, Sire.“ „Aber warum fragſt Du das? Hat ſich Dein Bruder anders beſonnen und will er nicht mehr Kapuziner, ſondern werden?“ „Nein, Sire, aber ich glaube, eine aus dieſem Orden hat ihm den Kopf verdreht; ich moͤchte ſie alſo kennen ler⸗ nen und mit ihr ſprechen.“ „Ich habe,“ ſagte der Konig mit einer Stutzermiene, „vor bald ſieben Jahren eine Superiorin gekannt, die ſehr ſchoͤn war.“ „Vielleicht iſt es dieſelbe. 6 „Das weiß ich nicht; ich bin ſeitdem auch beinahe Moͤnch geworden, Joyeuſe.“ „Gebt mir, Sire,“ fuhr Joyenſe fort,„fur jeden Fall einen Brief an dieſe Superiorin und Urlaub auf zwei Tage.“ „Du willſt mich verlaſſen?“ rief der Konig aus;„Du willſt mich hier allein laſſen?“ „Undankbarer!“ fiel Chicot achſelzuckend ein,„bin ich nicht da?“ „Den Brief, Sire!“ bat Joyeuſe. Der Koͤnig ſeufzte, ſchrieb aber den Brief und 8 hinzu als er ihm denſelben übergab: „So geh und komme bald zuruck.“ Joyeuſe ließ ſich dieſe Erlaubniß nicht zweimal ſagen; er beſtellte ohne Aufſehen ſeine Pferde und als er ſich über⸗ zeugt hatte, daß Heinrich ſchon fort ſei, jagte er in Galopp bis an den Ort ſeiner Beſtimmung. In Paris ließ er ſich ſogleich in die S die ihm der Koͤnig genannt hatte. 19* Ein dunkeles ehrwürdiges Haus, hinter deſſen Mauern man einige hohe Bäume bemerkte, nebſt einigen wenigen vergitterten Fenſtern und ein kleines Thor;— das war das Aeußere des Kloſters der Hospitaliterinnen. Auf einem Steine uͤber dem Eingange war in plum⸗ pen Buchſtaben eingehauen: Matronae hospites. Joyeuſe klopfte an dem Thore und ließ ſeine Pferde in die nächſte Straße fuͤhren, um vor dem Kloſter kein zu großes Aufſehen zu machen. „Man melde der Frau Superiorin,“ ſagte er,„daß der Herzog von Joyeuſe, Großadmiral von Frankreich, im Auf⸗ trage des Koͤnigs mit ihr zu ſprechen wuͤnſche.“ Die Nonne, welche hinter dem Gitter erſchienen war, errothete und entfernte ſich. 1 Funf Minuten ſpaͤter wurde die Thuͤr geoͤffnet. Joyeuſe trat in den Sprechſaal. Ein ſchoͤne Frau von hoher Geſtalt machte vor Joyeuſe eine tiefe Verbeugung, welche der Großadmiral erwiderte. „Der Konig weiß,“ ſagte er,„daß Ihr unter die Euri⸗ gen eine Perſon aufnehmen ſollt oder bereits aufgenommen habt, mit welcher ich zu ſprechen habe.“ „Und wie heißt ſie?“ „Das weiß ich nicht.“ „Wie kann ich in dieſem Falle Euern Wunſch er⸗ fuͤllen?“ „Das iſt leicht. Wen habt Ihr ſeit einem Monate aufgenommen?“ „Ihr bezeichnet mir dieſe Perſon zu deutlich oder nicht ⸗ de zu er f⸗ r, uſe uſe ri⸗ ten er⸗ ate icht 285 deutlich geuug,“ ſagte die Superiorin,„und ich kann Euern Wunſch nicht erfullen.“ „Warum?“ „Weil ich ſeit einem Monat Niemand aufgenommen habe außer dieſen Morgen.“ „Dieſen Morgen?“ „Ja, Herr Herzog, und Ihr ſeht ein, daß Euere An⸗ kunft zwei Stunden nach der ihrigen gar zu ſehr wie eine Verfolgung ausſieht, als daß ich Euch die Erlaubniß be⸗ willigen konnte, mit ihr zu ſprechen.“ „Ich bitte Euch darum.“ „Es iſt nicht moͤglich.“ „Zeigt mir nur dieſe Dame.“ „Es iſt nicht moͤglich, ſage ich Euch. Euer Name reichte hin, Euch die Pforte dieſes Hauſes zu oͤffnen; aber nur auf einen ſchriftlichen Befehl des Koͤnigs darf Jemand mit Einer meiner Damen ſprechen.“ „Da iſt dieſer Befehl,“ antwortete Joyeuſe indem er das Schreiben des Koͤnigs uͤberreichte. Die Superiorin las es und verneigte ſich. „Der Wille Sr. Majeſtaͤt geſchehe,“ ſagte ſie, ⸗ er ſogar gegen den Willen Gottes ſein.“ Und ſie ging nach dem Kloſterhofe zu.“ „Ihr ſeht,“ ſagte Joyeuſe,„daß ich ein Recht habe, aber ich fuͤrchte doch ein Verſehen; vielleicht iſt die Dame nicht die, welche ich ſuche; ſagt mir alſo wie und warum ſie gekommen iſt und wer ſie begleitete.“ „Alles dies iſt unnothig, Herr Herzog,“ antwortete die Superiorin;„Ihr irret Euch nicht; die Dame, welche erſt 286 dieſen Morgen angekommen iſt, nachdem ſie vierzehn Th 5 auf ſich warten ließ und die mir durch eine Perſon empfßh⸗ len wurde, welche Alles über mich vermag, iſt die, mit wel⸗ cher der Herr Herzog ſprechen zu muͤſſen glaubt.“, Die Superiorin machte eine neue Verbeugung und verſchwand. Zehn Minuten ſpaͤter kam ſie mit einer Hospitaliterin zuruck, die ihrGeſicht gänzlich mit demSchleier verhullt hatte. Es war Diana im Ordensgewande. Der Herzog danfte der Superiorin, bot der Unbekann⸗ ten einen Seſſel, ſetzte ſich ſelbſt und die Superiorin ent⸗ fernte ſich. „Madame,“ begann Joyeuſe ohne Einleitung,„Shr ſeid die Dame aus der Auguſtinerſtraße, die Geheimniß⸗ volle, welche mein Bruder, der Graf Du Bouchage, leiden⸗ ſchaftlich liebt.“ Die Hospita ſprach aber nichts Joyeuſe hielt dies für einen Mangel an Artigkeit und da er gegen die Dame ſchon eingenommen war, fuhr er fort: „Ihr habt nicht bedacht, daß es nicht hinreicht ſchon zu ſein, ohne ein Herz bei der Schoͤnheit zu haben, eine heftige Leidenſchaft in der Seele eines jungen Mannes meines Namens zu erregen und dann zu ihm zu ſagen: Schlimm genug fuͤr Dich, daß Du ein Herz haſt; ich habe keines und will keines haben.“ „So habe ich nicht geantwortet, Ihr ſeid nicht recht unterrichtet,“ ſagte die Hospitaliterin in ſo edlem und ruh⸗ rendemTone, daß dergornJoyeuſe's ſogleich gebrochen wurde. erin neigte zur Antwort das Haupt, in 287 „Die Ausdrucke aͤndern den Sinn nicht; Ihr habt meinen Bruder zuruͤckgewieſen und zur Verzweiflung ge⸗ bracht.“ „Unſchuldig, Herr, denn ich habe mich immer bemuͤht den Grafen von mir zu entfernen.“ „Das iſt Koketterie.“ „Es hat Niemand ein Recht mich anzuklagen, Herr; ich bin mir keiner Schuld bewußt; Ihr ereifert Euch und ich werde Euch nicht mehr antworten.“ „Ihr habt,“ fuhr Joyeuſe fort,„meinen Bruder un⸗ gluͤcklich gemacht und glaubt Euch durch dieſe herausſor⸗ dernde Majeſtät rechtfertigen zu koͤnnen; nein, nein, der Schritt, den ich thue, muß Euch über meine Abſichten auf⸗ klären; ich ſpreche ernſtlich und Ihr werdet gute Gruͤnde vorbringen muͤſſen, um mich zu erweichen.“ Die Hospitaliterin ſtand auf. „Wenn Ihr gekommen ſeid, ein Weib zu beleidigen,“ ſagte ſie in derſelben kalten Ruhe,„ſo beleidiget mich; ſeid Ihr gekommen, mich auf andere Geſinnungen zu bringen, ſo vergendet Ihr die Zeit.“ „Ihrſeid kein menſchliches Weſen, ſondern ein Daͤmon.“ „Ich habe geſagt, daß ich nicht antworten wuͤrde; jetzt entferne ich mich ſogar.“ Und die Hospitaliterin that einen Schritt nach der Thuͤr zu. Joyeuſe hielt ſie zuruck. „Noch einen Augenblick; ich ſuche Euch ſchon zu lange, als daß ich Euch ſo ſchnell fortgehen laſſen konnte. Da Euere Unempfindlichkeit mich in meinem Glauben beſtärkt, daß Ihr ein teufliſches Weſen ſeid, welches der Feind der 258 Menſchen ſandte, um meinen Bruder ungluͤcklich zu machen, ſo will ich das Geſicht ſehen, auf welches die Hölle ihre ſchwaͤrzeſten Drohungen geſchrieben hat; ich will das Feuer des verderblichen Blickes ſehen, welcher die Geiſter verwirrt.“ Und Joyeuſe, der mit der einen Hand das Zeichen des Kreuzes machte, zog mit der andern den Schleier zuruͤck, welcher das Geſicht der Hospitaliterin verhuͤllte, welche ſtumm und kalt, ohne Zorn und Vorwurf ihren ſanften Blick auf dem ruhen ließ, der fie ſo beleidigte. „Herr Herzog,“ ſagte ſie,„was Ihr thut, iſt eines Edelmannes unwuͤrdig.“ So viel Sanftmuth entwaffnete den Zorn Joyeuſe's, ſo große Schoͤnheit verwirrte ihn. „Gewiß,“ ſprach er nach einer langen Pauſe,„Ihr ſeid ſchoͤn und Heinrich mußte Euch lieben; aber Gott hat Euch die Schoͤnheit nur gegeben, damit Ihr ein anderes Leben begluͤcktet.“ „Habt Ihr nicht mit Euerem Bruder geſprochen? Oder hat er Euch nicht zu ſeinem Vertrauten gemacht? Sonſt wuͤrdet Ihr wiſſen, daß ich geliebt habe und nicht mehr lieben werde, daß ich gelebt habe und nun ſterben muß.“ Joyeuſe hatte fortwaͤhrend Diana angeſehen; die Flamme ihrer Blicke drang tief in ſeine Seele ein. „Ja, ja,“ ſagte er noch einmal, aber leiſer, indem er ſeinen Blick auf ihr ruhen ließ, in welchem das Feuer des Zornes mehr und mehr erloſch,„ja, ja, Heinrich mußte Euch lieben. Seid barmherzig, ich bitte Euch auf den Knien, liebt ihn wieder.“ Diana blieb kalt und ſchwieg. 289*„ „Bringt eine Familie nicht zur Verzweiflung, ver⸗ nichtet nicht die Hoffnung unſeres Geſchlechtes; laßt nicht den Einen durch Verzweiflung, den Andern durch Kummer ſterben.“ Diana antwortete nicht und ſah unabgewandt den Bittenden an. „Ach,“ fuhr Joyenſe fort,„habt Mitleid mit meinem Bruder und mitmir. Euer Blick verzehrt mich.. Lebt wohl!“ Und wie ein Unſinniger eilte er davon zuruͤck zu ſeinen Leuten. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Se. Hoheit der Herzog von Guiſe. Am Sonntage, den 10. Juni, um 11 Uhr ungefähr, war der ganze Hof in dem Zimmer vor dem Cabinet ver⸗ ſammelt, in welchem der Herzog von Anjon langſam ſtarb. Weder die Wiſſenſchaft der Aerzte, noch die Verzweif⸗ lung der Mutter, noch die durch den Koͤnig angeordneten Gebete hatten den Tod abzuhalten vermocht. Miron erklaͤrte am 10. fruͤh dem Koͤnige, daß die Krankheit nicht zu beſeitigen ſei und daß Franz von Anjon den Tag nicht uͤberleben werde. Der Koͤnig aͤußerte großen Schmerz, wendete ſich zu den Umſtehenden und ſagte: „Das wird meinen Feinden große Hoffnungen geben.“ Die Koͤnigin⸗Mutter antwortete darauf: „ 290 „Unſer Schickſal liegt in Gottes Hand, mein Sohn.“ Chicot,der ergriffen neben HeinrichlII.ſtand, ſetzte hinzu: „Stehen wir Gott bei, wenn wir koͤnnen, Sire!“ Der Kranke verlor gegen halb zwoͤlf Uhr die Farbe und das Geſicht; ſein Mund ſchloß ſich und die Glieder erſtarrten. Heinrich ſaß am Bette ſeines Bruders; Kathatina hielt die eine kalte Hand des Sohnes. Der Biſchof von Chateau⸗Thierry und der Cardinal von Joyeuſe ſprachen Gebete, welche alle Anweſenden kniend und mit gefalteten Haͤnden nachſagten. Gegen Mittag ſchlug der Kranke die Augen noch ein⸗ mal auf. Die Sonne ſchien auf ſein Bett. Franz, der bis dahin keinen Finger hatte ruͤhren kon⸗ nen und deſſen Verſtand umſchleiert geweſen war wie die Sonne, die wieder erſchien, erhob mit der Geberde eines Erſchrockenen einen Arm gen Himmel. Er ſah ſich um, hoͤrte das Gebet, errieth ſeinen Zu⸗ ſtand und ſah vielleicht jene ſchauervolle Welt ſchon vor ſich, in welche manche Seelen gelangen, nachdem ſie die Erde verlaſſen haben. Da ſtieß er einen gewaltigen Schrei aus und ſchlug ſich heftig auf die Stirn. Dann runzelte er die Augen⸗ brauen als leſe er in einem Geheimniſſe ſeines Lebens und murmelte:„Buſſy!— Diana!“ Dieſe letztern Worte hoͤrte nur Katharina, ſo ſchwach wurden ſie geſprochen. Mit der letzten Silbe dieſes Namens hauchte Franz von Anjon ſeine Seele aus. Wl In demſelben Augenblicke verſchwand merkwuͤrgger Weiſe auch die Sonne, welche die Lilien auf dem franzo⸗ ſiſchen Wappen beſchienen hatte, ſo daß dieſelben, die noch eben glaͤnzend ausgeſehen hatten, ganz dunkel wurdex. Katharina ließ die Hand ihres Sohnes ſinken. Heinrich III. ſchauderte und ſtutzte ſich auf Chicot, der ebenfalls ſchauderte, aber aus Ehrfurcht vor dem Tode. Miron ſprach: „Se. Hoheit iſt verſchieden.“ Da erhob ſich allgemeines Schluchzen in dem Vorzim⸗ 6 mer als Begleitung des Pſalmes, welchen der Cardinal! murmelte:. Gedant iniquitates meae ad vocem deprecationis meae. 8„Todt!“ wiederholte der Koͤnig, indem er ſich bekreu⸗ zigte;„mein Bruder!“ „Der einzige Erbe des Thrones Frankreichs,“ fluͤſterte Katharina, die zu ihrem letzten Sohne getreten wät. „Ach,“ ſagte Heinrich,„dieſer Thron iſt ſehr groß für einen Koͤnig ohne Erben; die Krone iſt ſehr weit für ein einziges Haupt. Keine Kinder, keine Erben! Wer wird mein Nachfolger ſein?“ Als er die Worte ſprach, entſtand Laͤrm auf der Treppe und in den Saͤlen. Nambu meldete: „Se. Hoheit der Herzog von Guiſe!“ Der Koͤnig erbleichte als er dieſe Worte vernahm, die eine Antwort auf ſeine Frage zu ſein ſchienen, ſtand auf und ſah ſeine Mutter an. — ———— 292 Katharina war noch bleicher als ihr Sohn. Sie er— faßte die Hand des Koͤnigs als wollte ſie ſagen: „Das iſt die Gefahr,. aber fuͤrchte nichts, ich bin bei Dir.“ Der Herzog trat mit ſeinem Gefolge ein, mit ſtolz em⸗ porgehobenem Haupte, obgleich ſeine Augen mit einer ge⸗ wiſſen Verlegenheit nach dem Koͤnige und nach dem Todten blickten. Heinrich III., der in der hohen Majeſtät daſtand, welche er allein in manchen Augenblicken hatte, hielt den Herzog auf ſeinem Gange durch einen Wink auf, welcher ihn auf das Sterbebett wies. Der Herzog beugte ſich und ließ ſich langſam auf ein Knie nieder. Alle um ihn her neigten das Hauptund bengten die Knie. Heinrich III. allein mit ſeiner Mutter blieb ſtehen und ſeine Augen blitzten zum letzten Male von Stolz. Chicot bemerkte dieſen Blick und fluͤſterte die Stelle aus einem andern Pſalm: Pezjiciet potentes de sede et exaltabit humiles. (Er wird die Mächtigen von dem Throne ſtoßen und die erheben, welche ſich demüthigen.) Ende. v 7 8 9 10 11 12 13 14 15