Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Zeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und h der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. uches wird von ſt zu 24 Stun⸗ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen B jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages i den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———.——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 M 55 Pf. 2 W Pf. „ 3„ 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendun der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der. Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſin Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 536 ſelbſt zu ſorgen. 7 „verlorene und N — M — —— 11 „denn ſo viel ich weiß liebte er Fräulein Dayelle als ich in Caſtelnaudary in Garniſon lag.“ „Wartet, wartet,“ fiel Chicot ein.„Fräulein Dayelle, eine Griechin?“ 5 „So iſt es,“ antwortete der Geiſtliche,„von Cypern.“ „Verzeiht,“ ſagte nun der Handelsmann, der ſich freute auch ein Wort anbringen zu koͤnnen,„ich bin von Agen.“ „Nun?“ „Und ich kann dafuͤr ſtehen, daß der Koͤnig in Agen Fräulein von Tignonville gekannt hat.“ „Das nenne ich einen ruͤſtigen Liebhaber!“ ſagte Chi⸗ cot.„Um aber wieder von Fraͤulein Dahelle zu reden, de⸗ ren Aeltern ich kannte..“ „Sie war eiferſuͤchtig und drohete fortwährend. Sie hatte einen ſchoönen kleinen krummen Dolch, den ſie auf ih⸗ ren Arbeitstiſch legte. Eines Tags nahm der Koͤnig dieſen Dolch mit und ſagte, er wuͤnſche nicht, daß ſeinem Nach⸗ folger ein Ungluͤck widerfahre.“ „So gehoͤrt alſo der Koͤnig jetzt dem Fräulein Le Re⸗ bours Lanz an?“ fragte Chicot. „Im Gegentheil, im Gegentheil,“antwortete der Geiſ⸗ liche,„ſie haben ſich miteinander veruneiniget. Fräulein Le Rebours iſt eine Präſidententochter und verſteht ſich alſo auf Proceſſe. Sie hat ſo viel gegen die Königin auf An⸗ trieb der Koͤnigin Mutter geſprochen, daß das arme Mäd⸗ chen krank geworden iſt. Da benutzte die Koͤnigin Margot, die ſchon genug iſt, ihren Vortheil und beſtimmte den Kö⸗ nig von Pau nach Nerac zu reiſen, ſo daß eine Liebſchaft zerſtort iſt.“ 12 „Und der Koͤnig hat ſich der Foſſeuſe zugewendet?“ fragte Chicot. „Mein Gott ja, zumal da ſie guter Hoffnung iſt.“ „Und was ſagt die Königin?“ fragte Chicot. „Die Koͤnigin?“ wiederholte der Officier. „Ja, die Koͤnigin.“ „Die Koͤnigin legt ihren Schmerz am Fuße des Kru⸗ eifires nieder,“ ſagte der Geiſtliche. „Auch weiß ſie von allen dem nichts,“ ſetzte der Offi⸗ cier hinzu. „Das iſt nicht möglich,“ behauptete Chicot. „Warum nicht?“ fragte der Officier. „Weil Nerae keine ſo große Stadt iſt, daß etwas darin unbekannt bleiben könnte.“ „Ja,“ erwiderte der Geiſtliche,„es iſt da ein Park und in dieſem Park giebt es eine dreitanſend Schritte lange Allee von Cypreſſen, Platanen und praͤchtigen Sy⸗ comoren mit ſo dichtem Schatten, daß man bei hellem Tage nicht zehn Schritte weit ſehen kann. Wie dunkel mag es da in der Nacht ſein!“ „Auch iſt die Koͤnigin ſehr beſchaͤftiget,“ ſagte der Geiſtliche. „Beſchaͤftiget?“ „Womit?“ „Mit Gott,“ antwortete der Geiſtliche. „Mit Gott?“ fragte Chicot. „Warum nicht?“ „Die Koͤnigin iſt alſo fromm?“ 13 „Sehr fromm.“ „So viel ich weiß, wird doch im Schloſſe keine Meſſe geleſen, ſagte Chicot.— „Da wißt Ihr es nicht genau. Keine Meſſe! Haltet Ihr uns fuͤr Heiden? Wenn der König mit ſeinen Herrn in die Kirche geht, läßt die Koͤnigin in einer Privatkapelle Meſſe leſen.“ „Die Konigin?“ Ja, j „Die Koͤnigin Margarethe?“ Die Konigin Margarethe. Ich, ein unwuͤrdiger Prie⸗ ſter, habe ſelbſt zwei Thaler erhalten weil ich zweimal in dieſer Kapelle Meſſe geleſen habe. Sogar eine ſchöne Predigt hape ich über den Tert gehalten: Gott hat den guten Waßen von dem Unkraut geſondert. In dem Evan⸗ gelium ſteht zwar zu leſen: Gott wird ſondern, ich nehme aber an, es ſei bereits geſchehen, da es doch ſchon ſehr lange her iſt, daß das Evangelium geſchrieben wurde.“ „Und der König erfuhr etwas von dieſer Predigt?“ „Er hat ſie mit angehoͤrt.“ „Ohne ſich zu erzurnen?“ „Im Gegentheil, er gab ſeinen Beifall zu erkennen.“ „Ihr ſetzet mich in Verwunderung,“antwortete Chicot. „Ich muß hinzuſetzen,“ fiel der Officier ein,„daß man nicht blos in die Kirche und in die Weſſe geht; es giebt im Schloſſe auch gute Mahlzeiten, ungerechnet die Promena⸗ den und ich glaube nicht, daß die Schnurbaͤrte irgendwo in Frankreich mehr umhergeführt werden als in den Alleen von Nerac.“ 14 Chicot hatte mehr Andeutungen und Nachrichten er⸗ halten als er brauchte, um einen Plan darauf zu bauen. Er kannte Margarethen, weil er ſie in Paris hatte Hof halten ſehen und ubrigens wußte er, daß ſie gewiß ei⸗ nen Grund hatte, eine Binde uͤber die Augen zu legen, wenn ſie in Liebesangelegenheiten nicht hell ſah. „Hm,“ ſagte er,„nun gehen mir die Cypreſſenalleen mit dreitauſend Schritten Schatten unangenehm im Kopfe herum. Ich ſoll in Nerac Leuten die Wahrheit ſagen, welche Alleen von dreitauſend Schritten und ſo dichtem Schatten haben, daß die Frauen nicht einmal ihre Maͤnner mit den Geliebten darin gehen ſehen? Man wird mich hier ſehr uͤbel anſehen, um mich zu lehren, ſo angenehme Pro⸗ menaden zu ſtoͤren! Gluͤcklicherweiſe kenne ich die Philo⸗ ſophie des Koͤnigs und rechne auf ſie. Und dann bin ich ja auch Geſandter, ein geweihetes Haupt! Alſo vorwärts!“ Chicot ſetze ſeinen Weg fort. Abends gelangte er nach Nerac gerade zur Zeit jener Promenaden, die den Koͤnig von Frankreich und deſſen Ge⸗ ſandten ſo ſehr beſchaͤftigen. Auch konnte Chicot an der Art, wie er zu einer Au⸗ dienz gelaſſen wurde, ſich üͤberzeugen wie wenig ſtreng die Etikette da war. Ein gewoͤhnlicher Kammerdiener oͤffnete ihm die Thuͤr eines ländlichen Saales, an deſſen Eingange eine Menge Blumen ſtanden. Neben dieſem Saal befanden ſich die Vorzimmer des Königs und das Zimmer, welches er am Tage gern bewohnte, um jene unbedeutenden Audienzen zu geben, mit denen er ſo verſchwenderiſch umging. 15 Ein Ofſicier oder gar nur ein Page meldete es ihm, wenn ein Beſuch erſchien. Dieſer Officier oder Page ſuchte den Koͤnig bis er ihn irgendwo fand. Auf dieſe einfache Anzeige hin kam der Koͤnig und empfing den, welcher mit ihm ſprechen wollte. Chicot wurde durch dieſe Leutſeligkeit ſehr geruͤhrt. Er hielt den Konig für gutmüthig und ſehr verliebt. Das war noch weit mehr ſeine Meinung als er am Ende einer Allee, nicht von dreitauſend, ſondern hoͤchſtens zwolf oder funfzehn Schritten„an deren Seiten ſchoͤne blü⸗ hende Kirſchlorbeer ſtanden, den Koͤnig von Navarra mit einem ſchlechten Filzhute auf dem Kopfe, in einem bräun⸗ lichgelben Wamms und grauen Stiefeln ſehr vergnuͤgt da⸗ her kommen ſah. Die Stirn Heinrichs war völlig glatt, als wage keine Sorge ſie zu beruͤhren, ſein Mund laͤchelte und ſein Auge ſtrahlte von Geſundheit. Waͤhrend er daher kam, zupfte er mit der linken Hand Blumen ab. „Wer will mich ſprechen?“ fragte er ſeinen Pagen. „Sire,“ antwortete dieſer,„ein Mann, der halb wie ein vornehmer Herr, halb wie ein Soldat ausſieht.“ 6 Chicot horte dieſe letztern Worte und trat anmu⸗ thig vor. „Ich bin es, Sire,“ ſagte er. „Sehr gut,“ rief der Koͤnig aus indem er ſeine bei⸗ den Arme emporhielt,„Herr Chicot in Navarra, Herr Chicot bei uns, ventre saint gris! Willkommen, lieber Herr Chicot.“ 16 „Tauſend Dank, Sire.“ „Wohlauf, Gott ſei Dank?“ „Ich hoffe es wenigſtens, werther Sire,“ ſagte Chicot ſehr erfreut. „Nun,“ fuhr Heinrich fort,„wir wollen eine Flaſche Wein von Limour trinken und Ihr erzahlt mir. Ihr er⸗ freut mich wahrhaftig ſehr, Herr Chicot.. Setzet Euch da her.“ Und er wies auf eine Raſenbank. „O nein, Sire,“ antwortete Chicot ſich ſträubend. „Und Ihr ſeid zweihundert Stunden weit gereiſet, daß ich Euch ſtehen laſſen ſollte? Nein, Herr Chieot, niederge⸗ ſetzt, niedergeſetzt! Nur ſitzend laͤßt es ſich plaudern.“ „Aber, Sire, die Ehrfurcht.“ „Ehrfurcht bei uns in Navarra? Du viſ ein Narr, armer Chicot. Wer denkt denn daran?“ „Nein, Sire, ich bin kein Narr,“ antwortete Chicot, „ich bin Geſandter.“ Auf der reinen Stirn des Koͤnigs bildete ſich eine kleine Runzel, aber ſie verſchwand ſo ſchnell, daß Chicot, ein ſo guter Beobachter er auch war, nicht einmal die Spur davon bemerkte. „Geſandter?“ fragte Heinrich niſt einer Verwunbf rung, die er vergebens naiv erſcheinen zu ſuchte. „Weſſen Geſandter?“ „Geſandter des Koͤnigs Heinrichs III. Ich komme von Paris und aus dem Louvre, Sire.“ „Dann iſt es etwas anderes,“ ſagte der Konig, indem er mit einem Seufzer von der Raſenbank aufſtand.„Geht, ——— 17* Page und verlaßt uns. Bringt Wein in mein Zimmer hinauf, oder vielmehr in mein Cabinet. Kommt mit mir, Chicot.“ Chicot folgte dem Könige von Navarra. Heinrich ging ſchneller als da er aus der Allee kam. ₰ Wie traurig,“ dachte Chicot,„dieſen braven Mann in ſeinem Frieden und ſeiner Unkenntniß zu ſtören! Aber er wird Philoſoph ſein.“ Zweites Kapitel. Wie der König von Navarra errieth, daß. Turenne und Margota Margot heißen ſollte. Das Cabinet des Königs von Navarra war nicht eben prächtig, wie man ſich wohl denken kann. Se. Maj. von Bearn war nicht reich und verſchwendete das Wenige nicht, das er beſaß. Das Cabinet nahm mit dem Staatsſchlaf⸗ zimmer den ganzen rechten Fluͤgel des Schloſſes ein. Von dem Vorzimmer und dem Schlafzimmer fuͤhrte ein Corridor zu dem Cabinet. Von dieſem geraͤumigen und paſſend meublirten Ge⸗ mache— wenn man auch keine Spur von koͤnigl. Lurus darin ſah— überblickte das Ange praͤchtige Wieſen am Ufer des Fluſſes. Große Baͤume, Weiden und Platanen, verdeckten den Lauf des Fluſſes, ohne die Augen zu hindern von Zeit zu Zeit ſich blenden zu laſſen, wenn der Fluß, wie ein mytho⸗ logiſcher Gott, aus dem Gruͤn hervortrat und in der Mit⸗ tagsſonne ſein goldenes oder im Mondenlichte ſein ſilbernes Gewand blitzen ließ. Die Fenſter ſahen alſo auf einer Seite auf dieſes zau⸗ beriſche Panorama, das in der Ferne eine Huͤgelkette en⸗ digte, die am Tage von der Sonne etwas verbrannt war, Abends aber den Horizont mit bewundernswuͤrdig klaren bläulichen Tinten ſchloß. Auf der andern Seite gingen ſie auf den Schloßhof und das Gemach, das ſo in Oſten und Weſten durch dieſe doppelte Reihe einander entſprechender Fenſter erhellt war, gewaͤhrte einen reizenden Aufenthalt, wenn es die erſten Strahlen der Sonne oder das Blau des Himmels aufgehenden Mond widerſtrahlte. Dieſe natuͤrlichen Schoͤnheiten beſchaͤftigten allerdings Chicot weniger als die Einrichtung des Cabinets, der ge⸗ woͤhnlichen Wohnung Heinrichs. Der kluge Geſandte ſchien wirklich in jedem Geräthe einen Buchſtaben zu ſuchen und zwar um ſo aufmerkſamer als dieſe Buchſtaben zuſammen ihm die Aufloſung des Räthſels geben mußten, die er ſchon ſo lange ſuchte und die er vorzugsweiſe auf dem ganzen Wege geſucht hatte. Der Koͤnig ließ ſich mit ſeiner gewoͤhnlichen Gutmuͤ⸗ thigkeit und ſeinem ewigen Laͤcheln auf einen großen Lehn⸗ ſtuhl mit vergoldeten Nägeln und wollenen Franſen nieder und Chicot růckte, um ihm zu gehorchen, einen Seſſel in die Nähe, der ebenſo verziert war. Heinrich ſah Chicot aufmerkſam und laͤchelnd an, aber mit einer Aufmerkſamkeit, die ein Hoͤfling ermudend gefun⸗ den haben wuͤrde. „Ihr werdet meinen, ich ſei ſehr neugierig, werther 19 Herr Chicot,“ begann der Koͤnig,„aber ich kann es nicht unterdruͤcken. Ich habe Euch ſo lange fuͤr todt gehalten, daß ich noch immer kaum an Euer Leben glauben kann, wie ſehr ich mich auch uber Euere Auferſtehung freue. Warum ver⸗ ſchwandet Ihr ſo plötzlich aus dieſer Welt?“ „Nun, Sire,“ entgegnete Chicot mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Freimuthigkeit,„Ihr verſchwandet ja auch aus Vin⸗ cennes. Jeder entfernt ſich nach ſeinen Mitteln und beſon⸗ ders nach ſeinen Beduͤrfniſſen.“ „Ihr beſitzet noch immer mehr Geiſt als alle andern, werther Herr Chicot,“ ſagte Heinrich,„und gerade daran erkenne ich es, daß ich nicht mit Euerem Schatten rede.“ Dann nahm er eine ernſthafte Miene an und ſetzte hinzu: „Wollen wir aber den Geiſt bei Seite laſſen und von den Geſchäften ſprechen?“ „Ich ſtehe zu Befehl, wenn es Ew. Maj. nicht zu ſehr ermüdet.“ Das Auge des Konigs funkelte. „Mich ermuͤden?“ wiederholte er, aber gleich ſetzte er in anderem Tone und ruhig hinzu,„ich roſte allerdings hier ein wenig. Ermuͤdet bin ich aber nicht ſo lange ich nichts thue. Heute hat zwar Heinrich von Navarra ſeinen Leib ſchon hier und dort hin geſchleppt, aber der Koͤnig hat ſeinen Geiſt noch nicht angeſtrengt.“ „Das freut mich, Sire, antwortete Chicot,„denn als Geſandter eines Koͤnigs, Eueres Vetters und Freundes habe ich En. Maj. ſehr delicate Auftraͤge zu uberbringen.“ „So ſprecht raſch, denn Ihr reizt meine Neugierde.“ „Sin „Zuenſt Euer Beglaubigungsſchreiben; es iſt zwar bei Euch eine nutzloſe Förmlichkeit, aber ich will Euch doch zei⸗ gen, daß wir unſere Königspflicht kennen, wenn wir auch ein bearner Bauer ſind.“ „Sire, ich bitte Ew. Maj. um Verzeihung,“ antwor⸗ tete Chicot,„aber ich habe mein Beglaubigungsſchreiben ins Waſſer geworfen, im Feuer verbrannt, in der Luft zerſtreut.“ „Warum das, werther Herr Chicot?“ „Weil man, wenn man ſich als Geſandter nach Na⸗ varra begiebt, nicht ſo reiſet, als ginge man nach Lyon, um Tuch zu kaufen und weil man furchten muß, wenn man die gefaͤhrliche Ehre hat, königliche Schreiben bei ſich zu haben, dieſelben zu den Todten zu bringen.“ „Allerdings,“ ſagte Heinrich mit vollkommener Gut⸗ muͤthigkeit,„ſind die Straßen nicht ſicher und wir in Na⸗ varra muͤſſen uns aus Mangel an Geld auf die Ehrlichkeit der Bauern verlaſſen, die übrigens nicht arg ſtehlen.“ „O, rief Chicot aus,„ſie ſind Bauern, wahre kleine Engel, Sire, aber nur in Navarra.“ „Ah ha!“ antwortete Heinrich. „Ja, denn außerhalb Navarra trifft man Wolfe und Geier bei jeder Beute. Ich war eine Beute, Sire, und deshalb hatte ich auch meine Woͤlfe und Geier.“ „Die Euch indeß, wie ich mit Vergnuͤgen ſehe, nicht ganz aufgezehrt haben.“ „Ventre de biche, Sire, ſie hätten es gar gern ge⸗ than und boten auch alle ihre Kraͤfte auf; aber ſie fanden 21 mich zu zäͤhe und konnten meine Haut nicht zerreißen. Doch laſſen wir, Sire, wenn es Euch beliebt, die Einzelnheiten meiner Reiſe und kommen wir auf unſer Beglaubigungs⸗ ſchreiben zuruͤck.“ „Da Ihr keines habt, lieber Chicot,“ ſagte Heinrich, „ſo ſcheint es ſehr nutzlos zu ſein wieder darauf zuruckzu⸗ kommen.“ „Ich habe jetzt keines, aber ich hatte eines.“ „Nun ſo gebt her.“ Und Heinrich ſtreckte die Hand aus. „Das iſt ja eben das Ungluͤck, Sire,“ eutgegnete Chi⸗ cot;„ich hatte einen Brief, wie ich die Ehre hatte, Ew. Maj. zu ſagen und Wenige durften einen beſſern gehabt haben.“ „Ihr habt ihn verloren?“ „Ich vernichtete ihn ſehr bald, Sire, denn Herr von Mayenne eilte mir nach, um ihn mir abzunehmen.“ „Der Vetter Mayenne?“ „Er ſelbſt.“ „Gluͤcklicherweiſe kann er nicht gut laufen. Wird er uoch immer dicker?“ „In dieſem Augenblicke vermuthlich nicht.“ „Warum nicht?“ „Weil er das Unglück hatte mich einzuholen und dabei einen tüchtigen Degenſtoß erhielt.“ „Und von dem Briefe?“ „Keine Spur in Folge der Vorſichtsmaßregel, die ich angewendet hatte.“ „Bravo! Ihr thatet nicht wohl daran, mir Euere Reiſe 22 nicht erzaͤhlen zu wollen, Herr Chicot. Beſchreibet mir alles ausfuͤhrlich; es intereſſirt mich lebhaft.“ „Ew. Maj. iſt ſehr gůtig.“ „Nur etwas beunruhiget mich.“ „Was?“ „Wenn der Brief füͤr den Herrn Mayenne vernichtet iſt, ſo iſt er auch für mich vernichtet; wie kann ich alſo erfah⸗ ren, was mein guter Bruder Heinrich ſchreibt, da ſein Brief nicht mehr eriſtirt?“ Verzeihet, Sire; er eriſtirt in meinem Gedächtniſſe.“ „Wie ſo?“ „Ehe ich ihn zerriß, habe ich ihn auswendig gelernt.“ „Eine vortreffliche Idee, Herr Chicot. Daran erkenne ich den Geiſt des Landsmanns. Ihr braucht ihn mir alſo nur herzuſagen, nicht wahr?“ „Sehr gern, Sire.“ „So wie er war, ohne daran zu ändern?“ „Ohne eine einzige falſche Deutung.“ „Wie verſteht Ihr das?“ „Ich meine, ich werde ihn Euch getreu vorſagen; ob⸗ gleich ich die Sprache nicht verſtehe, habe ich doch ein gutes Gedäͤchtniß.“ „Welche Sprache?“ „Die lateiniſche.“ „Ich verſtehe Euch nicht,“ ſagte Heinrich, der ſeine hellen Augen auf Chicot richtete.„Ihr redet von der la⸗ teiniſchen Sprache, von dem Briefe?“ „Allerdings.“ 23 „Erklaͤrt Euch naher. War der Brief meines Bruders in lateiniſcher Sprache geſchrieben?“ Ste. „Warum das?“ „Ohne Zweifel weil das Lateiniſche eine kuhne Sprache iſt, die Sprache welche alles ausdrucken kann, die Sprache, in welcher Perſius und Juvenal die Thorheiten und Verir⸗ rungen der Koͤnige unſterblich machten.“ „Der Koͤnige?“ „Ja, und der Koͤniginnen, Sire.“ Die Augenbraunen des Königs runzelten ſich. „Ich meine der Kaiſer und der Kaiſerinnen,“ verbeſ⸗ ſerte ſich Chicot. „Ihr verſteht alſo Lateiniſch, Herr Chicot?“ fragte Heinrich kalt. „Ja und nein, Sire.“ „Ihr ſeid gluͤcklich bei dem Ja, denn Ihr habt da viel vor mir voraus, da ich dieſe Sprache nicht verſtehe. Auch konnte ich mich des verdammten Lateiniſch wegen nicht recht an die Meſſe gewöhnen. Ihr verſteht es alſo?“ „Man hat es mich leſen lehren, Sire, wie auch das Griechiſche und Hebraͤiſche.“ „Das iſt ſehr bequem, Herr Chicot. Ihr ſeid alſo ein lebendiges Buch.“ „Ew. Maj. hat das rechte Wort gefunden, ein lebendi⸗ ges Buch. Man druckt einige Seiten in mein Gedächtniß, ſchickt mich dahin, wo man mich haben will, ich komme an und man lieſet und verſteht mich.“ „Oder verſteht Euch auch nicht.“ 24 „Wie ſo, Sire.“ „Wenn man nun die Sprache nicht kennt, in welcher Ihr gedruckt ſeid?“ „O, Sire, die Koͤnige konnen Alles.“ „Das ſagt man dem Volke, Herr Chicot, und das ſagen die Schmeichler den Königen.“ „Dann freilich, Sire, iſt es unnoͤthig Ew. Maj. den Brief herzuſagen, den ich auswendig gelernt habe, weil wir Beide ihn nicht verſtehen werden.“ „Hat das Lateiniſche nicht große Aehnlichkeit mit dem Italieniſchen?“ „So verſichert man, Sire.“ „Und mit dem Spaniſchen?“ „Eine ſehr große, wie man ſagt.“ „Dann wollen wir es verſuchen; ich verſtehe ein wenig Italieniſch und mein gascogniſches Patvis gleicht ſo ziem⸗ lich dem Spaniſchen. Vielleicht verſtehe ich Lateiniſch, ohne es jemals gelernt zu haben.“ Chicot verbeugte ſich. „Ew. Maj. beſiehlt alſo?“ „Das heißt ich bitte Euch, Herr Chicot.“ Chicot begann: „Frater carissime, „Sincerus amor quo te prosequebatur germanus „noster Carolus nonus, functus nuper, colet usque re- „giam nostram et pectori meo pertinaciter adhaeret.« Heinrich zuckte nicht mit den Wimpern, aber bei dem letzten Worte winkte er Chicot inne zu halten. „Wenn ich mich nicht ſehr irre,“ ſagte er,„ſo ſpricht 6 25 man hier von Liebe, von Ausdauer und von meinem Bru⸗ der Karl IX.“ „Ich verneine das nicht,“ antwortete Chicot;„die la⸗ teiniſche iſt eine ſo ſchone Sprache, daß alles dies in einer einzigen Redensart liegen kann.“ „Fahret fort,“ ſagte der Konig und Chicot fuhr fort. Der Bearner hörte mit demſelben Gleichmuthe alle Stellen an, in welchen von ſeiner Gemahlin und Turenne die Rede war, bei dem letztern Namen aber fragte er: „Bedeutet nicht Turennius Turenne?“ „Ich glaube es, Sire.“ „Und Margota wird wohl der Liebkoſungsname ſein, den meine Bruͤder Karl IX. und Heinrich III. ihrer Schwe⸗ ſter, meiner geliebten Gemahlin Magarethe, gaben?“ „Ich ſehe darin nichts Unmogliches,“ antwortete Chi⸗ cot, der dann den Brief vollends bis zu Ende herſagte, ohne daß der Ausdruck im Geſichte des Konigs ſich einmal änderte. „Nun, iſt es zu Ende?“ fragte Heinrich. „Ja, Site.“ „Nun, es muß ſehr ſchön ſein.“ „Nicht wahr, Sire?“ „Wie Schade, daß ich nur die beiden Worte Turennius und Margota verſtanden habe!“ „Und dieſem Ungluͤcke iſt nicht abzuhelfen, Sire, wenn Ew. Maj. ſich nicht etwa entſchließen will, den Brief von einem Gelehrten uberſetzen zu laſſen.“ „Nein, nein,“ fiel Heinrich lebhaft ein;„Ihr ſelbſt, Herr Chicot, der Ihr bei Euerer Geſandtſchaft ſo vorſichtig zu Werke gegangen ſeid und das Original des Briefes ver⸗ Die Fuͤnfundvierzig. U. 3 26 nichtet habet, werdet mir nicht rathen, den Brief irgendwie bekannt werden zu laſſen.“ „Ich widerſpreche nicht, Sire.“ „Aber was meinet Ihr?“ „Ich bin der Meinung, da Ew. Maj. mich fragt, daß der Brief des Konigs, der mir ſo dringend anempfohlen war und Ew. Maj. durch einen beſondern Boten geſandt wurde, vielleicht hier und da einiges Gute enthält, das Ew. Maj. benutzen könnte.“ „Ja, aber ich muͤßte vollkommenes Vertrauenz zu der Perſon haben, der ich dieſe guten Sachen anvertraute.“ „Gewiß.“ „Ihr koͤnntet etwas thun,“ ſagte Heinrich als kame ihm plotzlich ein Gedanke bei. „Was, Majeſtät?“ „Geht zu meiner Frau Margota; ſie iſt gelehrt; ſeg ihr den Brief vor und ſie wird ihn gewiß verſtehen. Auch wird ſie ihn mir dann erklaͤren.“ „Das iſt bewundernswuͤrdig!“ vief Chicot aus.„Ew. Maj. ſpricht goldene Worte.“ „Nicht wahr? So geht.“ „Ich eile, Sire.“ „Veraͤndert aber kein Wort in dem Briefe.“ „Das wäre mir nicht möglich; ich mußte ja Lateiniſch verſtehen und ich verſtehe es nicht.“ „So geht, Freund.“ Chicot erkundigte ſich, um die Königin Margarethe 4 finden und verließ den Koͤnig in noch 13 ** Heinrich ein ſei. 27 dwie Drittes Kapitel. Die Allee der dreitauſend Schritte. Die Koͤnigin bewohnte den andern Flügel des Schloſſes, daß der ſo ziemlich eben ſo eingerichtet war wie jener, welchen hlen Chicot eben verlaſſen hatte. ndt Auf dieſer Seite hoͤrte man immer Muſik, ſah man im⸗ das mer Federbuͤſche umhergehen. Die beruͤhmte Allee der dreitauſend Schritte, von wel⸗ der cher ſo oft die Rede geweſen war, begann unter den Fen⸗ ſtern Margarethens und ihr Blick fiel immer nur auf an⸗ genehme Gegenſtände, auf Blumenbeete, gruͤne Lauben und ame dergl. Es war als wollte die arme Koͤnigin durch den An⸗ blick angenehmer und freundlicher Gegenſtäͤnde die vielen traurigen Gedanken verſcheuchen, welche ſie beſtuͤrmten. ſagt Ein Dichter aus Perigord— Margarethe war in der luch Provinz wie in Paris immer der Stern der Dichter— hatte ein Sonnett darauf gedichtet. Sie will, ſagte er, alle ihre ew traurigen Gedanken vertreiben indem ſie Garniſon in ihren Kopf legt. Margarethe, am Fuße des Thrones geboren, Tochter, Schweſter und Gemahlin eines Koͤnigs, hatte wirklich viel gelitten. Ihre Philoſophie war aber minder ſolid als die iſch des Konigs von Navarra, weil ſie nur auf dem Studium beruhete, während die des Konigs aus dem eigenen Her⸗ zen kam. zu So hatte Margarethe, obwohl ſie Philoſophin war oder ng vielmehr ſein wollte, von der Zeit und den Sorgen bereits die ausdrucksvollen Spuren auf ihrem Geſichte einpräͤgen laſſen. 28 Sie zeichnete ſich indeß noch immer durch eine bemer⸗ kenswerthe Schoͤnheit, beſonders durch eine phyſiognomiſche Schoͤnheit aus, die zwar bei Perſonen niedern Ranges we⸗ niger auffaͤllt, aber bei den Hochſtehenden gefällt, denen man die Ueberlegenheit der koͤrperlichen Schoͤnheit immer gern zugeſteht. Margarethe beſaß ein gutmuthiges heiteres Lächeln, ein feucht⸗glanzendes Auge und zierliche wohlge⸗ fallige Bewegungen; ſie war mit einem Worte noch immer eine liebenswerthe Perſoͤnlichkeit. Als Frau ging ſie wie eine Koͤnigin einher; als Kö⸗ nigin hatte ſie die Haltung einer ſchoͤnen Frau. Sie wurde deshalb auch in Nerae faſt vergöttert, wo ſie Eleganz, Heiterkeit und Leben eingefuͤhrt hatte. Es war ja fuͤr ſie, eine Prinzeſſin aus Paris, eine Tugend, daß ſie den Aufenthalt in der Provinz mit Geduld ertrug und die Leute in der Provinz rechneten ſie ihr hoch an. Ihr Hof war nicht blos ein Hof von adeligen Herren und Damen; das ganze Volk liebte ſie gleichzeitig als Kö⸗ nigin und als Frau. Auch waren ja die Töne ihrer Floten und Geigen wie die Wohlgeruͤche und Ueberreſte ihrer Feſt⸗ mähler fuͤr Jedermann. Sie verſtand die Zeit ſo anzuwenden, daß ihr jeder Tag etwas brachte und keiner fuͤr ihre Umgebungen ver⸗ loren war. Margarethe, die voll Gift und Galle gegen ihre Feinde aber geduldig war, um ſich beſſer rächen zu können, die inſtinetmäßig unter der Huͤlle der Sorgloſigkeit und Lang⸗ 3 muth Heinrichs von Navarra ein Uebelwollen gegen ahute, die ohne Freunde und Verwandte war, hatte ſich che ve⸗ nen ner res ge⸗ ner No⸗ wo var ſie die ren ten eſt⸗ der nde die g⸗ ſie — 20 daran gewoͤhnt mit der Liebe oder wenigſtens dem Scheine der Liebe zu leben und durch die Poeſie und das Behagen Familie, Gatten, Freunde und alles Uebrige zu erſetzen. Niemand außer Katharina von Medici, außer Chicot und einigen melancholiſchen Schatten, wenn dieſe aus dem dunkeln Reiche des Todes zuruͤck gekehrt wären, haͤtte ſagen koͤnnen, warum die Wangen Margarethens bereits ſo blaß waren, warum ſich unwillkuͤrlich ihre Augen mit Thränen unter lauter Traurigkeit fullten und warum endlich dies ſo tieffuhlende Herz ſelbſt in dem ſo ausdrucksvollen Blicke der Augen ſeine Leere ſehen ließ. Margarethe hatte keine Vertrauten mehr und die arme Koͤnigin wollte keine haben, ſeit die andern fur ſchnoͤdes Gold ihr Vertrauen und ihre Ehre verkauft hatten. Sie ging alſo allein und dies verdoppelte vielleicht in den Augen der Navarreſen, ohne daß ſie es ſelbſt wußten, die Majeſtät dieſer Haltung, die um ſo mehr in die Augen ſiel, da ſie frei von jeder Umgebung war. Das Uebelwollen übrigens, das ihrem Gefuͤhle nach Heinrich empfand, war ein völlig inſtinctmäßiges und ſchrieb ſich mehr von dem Bewußtſein ihrer Fehltritte als von nietlichen Thun des Bearners her. Heinrich ſchonte in ihr eine Tochter Frankreichs; er ſprach ſiets mit der ga⸗ lanteſten Artigkeit oder der anmuthigſten Hingebung mit ihr und handelte bei jeder Gelegenheit und bei allen Din⸗ gen als Gemahl und Freund gegen ſie. Deshalb war denn auch der Hof von Nerae wie jeder Hof, an welchem ein ungezwungenes Benehmen herrſchte, reich an geiſiger und phyſiſcher Harmonie. Dieſe Bemerkungen und Reflectionen machte Chicot, der die Menſchen mehr als irgend Jemand zu beobachten verſtand, obgleich ihm erſt geringe Anhaltepunkte gegeben waren. Nach den Weiſungen Heinrichs war er Anfangs in dem Palaſt erſchienen, aber er hatte Niemanden gefunden. Margarethe befand ſich, ſagte man ihm, am Ende der mit dem Fluſſe parallel laufenden ſchonen Allee, welche die be⸗ rühmte Allee von dreitauſend Schritten war. Als er zwei Dritttheile dieſer Allee ſelbſt zuruͤck gelegt hatte, bemerkte er unter einem Gebuͤſch von ſpaniſchem Flie⸗ der, Ginſter und Kletterpflanzen eine Gruppe, die bunt von Bändern, Federn und Degen ausſah. Dieſer ſchoͤne Tand war zwar vielleicht etwas abgenützt, etwas aus der Mode, für Nerac aber noch immer glänzend und ſelbſt blendend. Chicot ſogar, der geradewegs von Paris kam, erfreute ſich an dem Anblicke. Da ein königl. Page vor Chicot herging, ſo erkannte die Koͤnigin, deren Augen mit der ewigen Unruhe der me⸗ lancholiſchen Herzen umherirrten„die Farben Navarras und rief ihn. „Was willſt Du, d'Aubiac?“ fragte ſie. Der junge Mann, der Knabe ſollten wir vielleicht ſa⸗ gen, denn er war kaum zwölf Jahre alt, errothete und beugte ſein Knie vor Margarethen. „Madame,“ ſagte er in franzöſfiſcher Sprache, denn die 5 Koͤnigin verlangte, daß man im Dienſt und in Geſchaften keinen Gebrauch von dem Patvis des Landes mache, Herr von Paris, ein Geſandter aus dem Louvre an Se. cot, ten ben en. mit be⸗ egt on nd de, d. ich e⸗ as 31 Maj. den Koͤnig von Navarra, den St. Maj. der König an Euch ſendet, wuͤnſcht mit Ew. Maj. zu ſprechen.“ Eine plotzliche Roͤthe uberflog das ſchoͤne Antlitz Mar⸗ garethens; ſie kehrte ſich lebhaft und mit dem peinlichen Gefühle um, das bei jeder Gelegenheit lange verletzte Her⸗ zen empfinden. Chicot ſtand unbeweglich zwanzig Schritte von ihr. Ihre ſcharfen Augen erkannten an der Haltung und Form— denn der Gascogner zeichnete ſich an dem gelb⸗ rothlichen Hintergrund des Himmels ab— eine bekannte Geſtalt, ſo daß ſie den Kreis verließ, ſtatt dem Angekomme⸗ nen zu befehlen näher zu treten. Indem ſie ſich aber umdrehete, um der Geſellſchaft Le⸗ bewohl zu ſagen, winkte ſie leicht mit den Fingern einem der am reichſten gekleideten und ſchoͤnſten Herren. Der Abſchied fuͤr alle war wirklich ein Abſchied fuͤr einen einzigen. Da indeß der bevorzugte Herr nicht ohne Beſorgniß zu ſein ſchien, trotz dem Gruße, der ihn haͤtte beruhigen ſol⸗ len und da das Ange eines Weibes alles ſieht, ſo ſagte Margarethe: „Herr von Turenne, ſagt doch den Damen, daß ich au⸗ genblicklich wieder komme.“ Der ſchoͤne Herr im weiß und blauen Wamms ver⸗ bengte ſich leichter als es ein gleichgiltiger Hofling gethan haben wuͤrde. Die Koͤnigin kam darauf raſchen Schrittes auf Chicot zu, welcher ſich nicht ruhrte und dieſen ganzen Auftritt beob⸗ achtet hatte, der zu den Worten in dem Brief ſo wohl paßte. 36 „Herr Chicot!“ rief Margarethe erſtaunt aus indem ſie zu dem Seſ⸗ trat. „Zu den Füßen Ew. Maj.,“ entgegnete Chicot,„Ew. Maj., die immer gütig und ſchoͤn und immer Koͤnigin iſt in Neraec wie im Louver.“ „Es iſt ein Wunder Euch ſo weit entfernt von Paris zu ſehen.“ „Verzeihet, Madame, denn der arme Chicot iſt nicht ſelbſt auf den Gedanken gekommen dieſes Wunder zu ver⸗ richten.“ „Das glaube ich wohl. Ihr waret todt, wie man ſagte.“ „Ich verſteckte mich.“ „Was wuͤnſchet Ihr von uns, Herr Chicot? Wäre ich ſo gläcklich, daß man ſich der Konigin von Navarra in Frankreich erinnerte?“ „Ach, Madame,“ ſagte Chicot lächelnd,„beruhiget Euch, bei uns vergißt man die Königinnen nicht, wenn ſie in Euerem Alter ſtehen und Euere Schoͤnheit beſitzen.“ „Man iſt alſo in Paris noch immer galant?“ „Der Koͤnig von Frankreich,“ ſetzte Chicot hinzu ohne auf die letztere Frage zu antworten,„ſchreibt darber ſelbſt an den Koͤnig von Navarra.“ Margarethe erröthete. „Er ſchreibt?“ fragte ſie. „Ja, Madame.“ „Und Ihr habt den Brief uͤberbracht?“ „Ueberbracht nicht; aus Gruͤnden, welche der Koͤnig von Navarra Euch mittheilen wird, aber auswendig ge lernt und aus dem Gedächtniß hergeſagt.“ ⸗ ga ndem „Ew. iſt in aris nicht ver⸗ ich get ne bſt 33 „Ich verſtehe. Dieſer Brief war von Wichtigkeit und Iyr fürchtetet, ihn zu verlieren oder geraubt zu ſehen.“ „So iſt es, Madame; aber Ew. Maj. moͤge mich nun entſchuldigen, der Brief war in lateiniſcher Sprache ge⸗ ſchrieben.“ „Sehr wohl,“ entgegnete die Koͤnigin.„Ihr wißet, daß ich Lateiniſch verſtehe.“ „Verſteht es auch der Koͤnig von Navarra?“ fragte Chicot. „Werther Herr Chicot,“ antwortete Margarethe,„es laͤßt ſich ſchwer ergruͤnden, was der Koͤnig von Navarra verſteht oder was er nicht verſteht.“ „Ach!“ rief Chicot aus, denn er freute ſich, daß er nicht allein nach der Aufloͤſung des Räthſels ſuchte. „Wenn dem Scheine zu trauen iſt,“fuhr Margarethe ſort,„ſo weiß er ſehr wenig davon, denn er verſteht es nie oder ſcheint es wenigſtens immer nicht zu verſtehen, wenn ich mit Jemandem am Hofe in dieſer Sprache rede.“ Chieot biß ſich auf die Lippen. „Habt Ihr ihm den Brief vorgeſagt?“ fragte Mar⸗ garethe. „Er war an ihn gerichtet.“ „Und ſchien er ihn zu verſtehen?“ „Nur zwei Worte.“ „Welche?“ „Turennius et Margota.“ „Turennius et Margota?“ „Ja, dieſe beiden Worte kommen in dem Briefe vor.“ „Und was that er da?“ 34 „Er ſchickte mich zu Euch, Madame.“ das „Zu mir?“ eini „Ja, er ſagte, der Brief ſcheine zu wichtige Dinge zu enthalten, als daß er durch einen Fremden überſetzt werden ren durfe und es dürfte am Beſten ſein, daß es durch Euch ge⸗ fälli ſchehe, die Schoͤnſte der Gelehrten und die Gelehrteſte der Jal Schoͤnen.“ die „Ich werde Euch anhoren, Herr Chicot, da ich Euch auf Befehl des Koͤnig kuhren habe,“ ſagte Margarethe et⸗ Geſ was bewegt. Wa „Ich danke, Madame. Wo ſoll ich ſprechen?“ Mat „Hier, doch nein, lieber bei mir. Kommt in mein Hun Cabinet.“ lien Margarethe ſah Chicot forſchend an, der vielleicht aus gare Mitleid mit ihr im Voraus etwas von der Wahrheit ange⸗ deutet hatte. voll Die arme Frau fuhlte das Bedürfniß einer Stuͤtze, den einer letzten Ruckkehr zu der Liebe vielleicht, ehe ſie ſich der ihne Pruͤfung unterzog, die ihr drohete. Wir! „Vicomte,“ ſagte ſie deshalb zu Turenne,„gebt mir und Euern Arm his zum Schloſſe. Geht voraus, Herr Chicot.“ ſchen den ſ Viertes Kapitel. S Das Cabinet Margarethens. En⸗ Wir moͤchten nicht gern beſchuldigt werden, daß wir geiſti nur Wohnungen und Gaͤrten ſchilderten; wenn es aber nicht behrt nutzlos geweſen iſt die Allee der dreitauſend Schritte und zu den ge⸗ der auf wir icht ind 35 das Cabinet Heinrichs zu beſchreiben, ſo hat es vielleicht auch einiges Intereſſe das Cabinet Margarethens zu ſchildern. Es befand ſich parallel mit dem Heinrichs, hatte Thuͤ⸗ ren, welche ſich in Zimmer und Gaͤnge offneten, ſowie ge⸗ fällige und ſtumme Fenſter, gleich den Thuͤren, welche durch Jalouſien mit Schlöſſern geſchloſſen wurden, in denen ſich die Schlüſſel geräuſchlos dreheten. Das war das Aeußere. Im Innern: moderne Meubles, Tapeten im modiſchen Geſchmacke, Gemälde, Emails, Porzellan, verſchiedene Waffen, Bücher und griechiſche, lateiniſche und franzoſiſche Manuſcripte auf allen Tiſchen, Voͤgel in ihren Käfigen, Hunde auf den Teypichen, kurz eine ganze Welt, Vegetabi⸗ lien und Thiere, die ein gemeinſchaftliches Leben mit Mar⸗ garethen füͤhrten. Die Leute von überlegenem Geiſte oder einem Leben voll Ueberfluß können nicht allein eriſtiren; ſie begleiten je⸗ den ihrer Sinne, jede ihre Neigungen mit Allem, was mit ihnen harmonirt und was ihre Anziehungskraft in ihren Wirbel hineinzieht, ſo daß ſie ihre Gefuhle verzehnfacht und ihre Eriſtenz verdoppelt, ſtatt wie gewoͤhnliche Men⸗ ſchen gelebt und gefuͤhlt haben. Epieur iſt gewiß ein Held für die Menſchheit; die Hei⸗ den ſelbſt haben ihn nicht verſtanden; er war ein ſtrenger Philoſoph, der aber, weil in der Summe unſerer Triebe und Hilfsmittel nichts verloren gehen ſollte, in ſeiner unbeug⸗ ſamen Oeconomie jedem Vergnügen verſchaffte, er mochte geiſtig oder nur thieriſch handeln, wenn er ſelbſt nur Ent⸗ behrungen oder Schmerzen bemerkt haben wuͤrde. Man hat nun viel gegen Epicur geſprochen ohne ihn 36 zu kennen und ohne ſie mehr zu kennen, jene frommen Ein⸗ ſiedler hochgeprieſen, welche das Schoͤne der menſchlichen Natur vernichteten indem ſie das Haͤßliche neutraliſirten. Wer den Menſchen toͤdtet, toͤdtet allerdings mit ihm die Leidenſchaften, aber man toͤdtet doch,— etwas das Gott mit aller Macht und mit allen ſeinen Geſetzen verbietet. Die Königin war eine Frau, welche Epieur in griechi⸗ ſcher Sprache verſtand, was indeß das Geringſte ihrer Ver⸗ dienſte war; ſie fullte ihr Leben ſo wohl aus, daß ſie aus tauſend Schmerzen ein Vergnuͤgen zu ſchaffen wußte, was ihr als Chriſtin Veranlaſſung gab, oͤfters Gott zu ſegnen als ein Anderer, er mochte nun Gott oder Theos, Jehova oder Magos heißen. Dieſe Abſchweifung beweiſet deutlich die Nothwendig⸗ keit, in der wir uns befanden, das Zimmer Margarethens zu beſchreiben. Chicot wurde aufgefordert auf einem ſchonen bequemen Stuhle ſich nieder zu laſſen, auf dem ein Amor geſtickt war, welcher Blumen umher ſtreuete. Ein Page, nicht Aubiar, aber ſchoͤner und reicher gekleidet als dieſer, bot dem Ge⸗ ſandten neue Erfriſchungen. Chicot nahm nichts an und machte ſich bereit, ſobald der Vicomte Turenne ſich entfernt haben wuͤrde, mit un⸗ fehlbarem Gedaͤchtniſſe den Brief des Koͤnigs von Frank⸗ reich und Polen von Gottes Gnaden herzuſagen. Wir kennen dieſen Brief, den wir gleichzeitig mit Chi⸗ cot laſen, halten es alſo nicht für noͤthig, ihn in lateiniſcher Sprache nochmals mitzutheilen. Chicot ſprach dieſe Ueberſetzung mit dem möglich un⸗ en va ig⸗ n6 ar, ac, e⸗ n⸗ k⸗ er n⸗ 37 gewohnlichſten Accente, damit es um ſo laͤnger dauere, ehe die Königin ihn verſtehe; aber ſo geſchickt er auch ſein eige⸗ nes Werk verdarb, Margarethe errieth es ſofort und ver⸗ heimlichte ihren Zorn und Unwillen nicht. Je weiter Chicot mit dem Briefe kam, um ſo tiefer ver⸗ ſank er in die Verlegenheit, die er ſich geſchaffen hatte; an manchen gefährlichen Stellen ſenkte er die Naſe wie ein Beichtiger, der uber das Gehoͤrte erroͤthet und dieſes Spiel ſeiner Geſichtsmuskeln hatte den Vortheil fuͤr ihn, daß er die Augen der Konigin nicht funkeln ſah als ſie ihre ehe⸗ lichen Vergehen ſo beſtimmt angeben horte. Margarethe kannte die raffinirte Boswilligkeit ihres Bruders recht wohl; ſie hatte bei gar vielen Gelegenheiten Beweiſe davon erhalten; ſie wußte auch, denn ſie verheim⸗ lichte ſich ſelbſt nichts, woran ſie mit den Vorwaͤnden war, die ſie vorgebracht hatte und die ſie noch vorbringen konnte und ſo richtete ſie in dem Maße, wie Chicot ſprach, die Wage in ihrem Geiſte zwiſchen dem rechtmaͤßigen Zorne und der begruͤndeten Furcht. Sich unwillig zu zeigen, zur rechten Zeit mißtrauiſch zu ſein, die Gefahr zu vertreiben und den Schaden abzuwen⸗ den, die Ungerechtigkeit zu beweiſen und die Warnung zu benutzen, daran dachte ſie angeſtrengt waͤhrend Chicot den Brief weiter herſagte. Man darf nicht glauben, daß Chicot immer mit nieder⸗ geſchlagenen Angen daſtand, er ſchlug bald das eine bald das andere auf und ſo beruhigte er ſich indem er ſah, daß die Königin unter ihren halb zuſammengezogenen Augen⸗ brauen im Stillen einen Entſchluß faßte. 38 Er ſagte alſo endlich mit ziemlicher Ruhe die Begrü⸗ ßungsformel des koͤnigl. Briefes her. „Bei dem heiligen Abendmahl,“ ſagte die Koͤnigin als Chicot geendiget hatte,„mein Bruder druͤckt ſich im Latei⸗ niſchen ganz gut aus. Welcher Styl! Ich hätte ihm ſolche Staͤrke nie zugetraut.“ Chicot blinzelte mit den Augen und machte eine Be⸗ wegung mit den Händen wie ein Mann, der aus Höflichkeit etwas vorbringen will, aber das Geſagte nicht verſteht. „Ihr verſteht es nicht?“ fuhr die Koͤnigin fort, die nit allen Sprachen vertraut war, ſelbſt mit der Geberden⸗ ſprache.„Ich hielt Euch doch fur einen tuͤchtigen Lateiner.“ „Madame, ich habe es vergeſſen; ich habe von meinem ſonſtigen Wiſſen weiter nichts behalten, als daß ich noch weiß, daß das Lateiniſche keinen Artikel und einen Vocativ hat und daß der Kopf geſchlechtslos iſt.“ „Ah wirklich?“ rief im geraͤuſchvollen Eintreten eine heitere Perſon. Chicot und die Konigin dreheten ſich gleichzeitig um. Es war der Koͤnig von Navarra. „Was?“ ſagte Heinrich indem er näher trat,„ver Kopf iſt im Lateiniſchen geſchlechtslos, Herr Chicot? Dann iſt er nicht maͤnnlich?“ „Das weiß ich wahrhaftig nicht, Sire,“ antwortete Chicot,„und es wundert mich eben ſo wie Ew. Majeſtät.“ „Mich ſetzt es auch in Erſtaunen,“ fiel Murgz in vanken ein. „Es muß daher kommen,“ ſagte der Koͤnig,„diß ꝛ ve ni ge a fa gru⸗ als tei⸗ lche Be⸗ keit mit en⸗ 6 em roch tiv eine 39 der Mann bald die Frau herrſcht, je nach dem Tempera⸗ ment des Mannes oder der Frau.“ Chicot verbeugte ſich. „Das iſt ſicherlich,“ ſagte er,„der beſte Grund, den ich kenne, Sire.“ „Um ſo beſſer; es freut mich, mehr Philoſoph zu ſein als ich ſelbſt glaubte“ Aber nun wieder zu dem Briefe, denn ich brenne vor Verlangen Nachrichten von dem Hofe Frankreichs zu erhalten und nun bringt mir ſie der brave Chicot in einer unbekannten Sprache. Sonſt..“ „Sonſt?“ wiederholte Margarethe. „Würde ich mich eher ergotzt haben, ventre saint-gris! Ihr wißt ja, wie gern ich Neuigkeiten, beſonders etwas ſcandaloͤſe hore, die mein Bruder Heinrich von Valois ſo gut zu erzählen verſteht.“ Und Heinrich von Navarra ſetzte ſich nieder während er ſich die Haͤnde rieb. „Nun, Herr Chicot,“ fuhr er mit der Miene eines Mannes fort, der ſich eine recht ergotzliche Unterhaltung verſpricht,„Ihr habt den Brief meiner Frau vorgeſagt, nicht wahr?“ „Ja, Sire.“ „So ſagt mir, liebe Frau, was der Brief enthaͤlt.“ „Fürchtet Ihr nicht, Sire,“ ſagte Chicot, den das un⸗ gezwungene Benehmen, mit welchem ihm das gekronte Paar vorausging, aus aller Verlegenheit half,„daß die lateiniſche Sprache, in der das fragliche Schreiben abge⸗ faßt iſt ein übeles Anzeichen ſei?“ 40 „Warum das?“ fragte der Konig, der ſich dann zu ſeiner Frau mit der Frage wendete:„nun? Madame?“ Margarethe ſammelte ſich einen Augenblick, als wenn ſie jeden Redeſatz, den ſie von Chicot gehoͤrt, einzeln überdenke. „Unſer Bote hat Recht, Sire,“ ſagte ſie ſodann, als ſie ihren Entſchluß gefaßt hatte,„das Lateiniſche iſt ein übeles Anzeichen.“ „Wie,“ fiel Heinrich ein,„dieſer liebe Brief enthielt ſchlimme Worte? Der Koͤnig, Euer Bruder, iſt ja ein gro⸗ ßer Gelehrter und noch artigerer Mann.“ „Selbſt wenn er mich in meinem Tragſeſſel beleidigen läßt, wie mir das einige Stunden vor Sens geſchah als ich von Paris abreiſete, um mich zu Euch zu begeben, Sire?“ „Wenn man einen Bruder von ſtrengen Sitten hat,“ ſagte Heinrich in dem unbeſchreiblichen Tone, welcher die Mitte zwiſchen Ernſt und Scherz hielt,„einen Bruder, der Koͤnig iſt und alles ſehr ſtreng nimmt..“ „So muß er es beſonders genau mit der wirklichen Ehre ſeiner Schweſter und ſeines Hauſes nehmen, denn ich glaube nicht, Sire, daß wenn Katharina dAlbret, Euere Schweſter, irgend ein Aergerniß gabe, Ihr dies Aergerniß durch einen Capitain der Garde veröffentlichen laſſen wuͤrdet.“ „O ich bin ein patriarchaliſcher und gutmuthiger Bur⸗ gersmann,“ ſagte Heinrich,„ich bin kein König oder ein lächerlicher und ich lache.. Aber der Brief, der Brief! Da er an mich gerichtet iſt, moͤchte ich auch viſez was er enthaͤlt.“ zu enn als ein ielt r gen ich e 2 , die der chen ich uere rniß ſſen ur⸗ ein s er 41 „Es iſt ein ſchaͤndlicher Brief, Sire.“ „Ah 10. „Ja, der mehr Verleumdungen enthalt als räthig ſind, nicht nur einen Mann nit ſeiner Frau, ſondern auch einen Freund mit allen ſeinen Freunden zu veruneinigen.“ Oho!⸗ ſagte Heinrich indem er aufſtand und auf ſeinem von Natur ſo offenen Geſichte erzwungenes Mißtrauen er⸗ ſcheinen ließ,„einen Mann mit ſeiner Frau zu veruneinigen, alſo Euch und mich?“ „Euch und mich, Sire.“ „Und wodurch, Liebe?“ Chicot ſtand auf Dornen und er hätte viel darum ge⸗ geben, ob er gleich großen Hunger hatte, wenn er ſich ſo⸗ gleich, ohne gegeſſen zu haben, hatte niederlegen können. „Die Wolke wird platzen,“ murmelte er vor ſich hin, „die Wolke wird platzen.“ „Sire,“ ſagte die Königin,„ich bedauere ſehr, daß Ew. Maj. die lateiniſche Sprache vergeſſen hat, in der Ihr gewiß Unterricht genoſſen habt.“ „Ich errinnere mich von allem Lateiniſchen, das ich ge⸗ lernt habe, nur noch der Worte: deus et virtus aeterna, eine ſeltſame Zuſammenſtellung des Masculinnums und Fe⸗ mininums, welche mir mein Lehrer nur durch das Griechi⸗ ſche erklären konnte, das ich noch weniger verſtand als das Lateiniſche.“ „Sire,“ fuhr die Koͤnigin fort,„wenn Ihr den Brief verſtändet, würdet Ihr viele Complimente jeder Art für mich darin finden.“ „Sehr wohl,“ ſagte der Koͤnig. Die Fünfundvierzig. M. 4 42 „Optime!“ ſetzte Chicot hinzu. „Aber,“ſprach Heinrich weiter,„Complimente fuͤr Euch ſollten uns miteinander veruneinigen, Madame? So lange mein Bruder Heinrich Euch Complimente macht, werde ich immer ſeiner Meinung ſein. Etwas Anderes wäre es, wenn man etwas Schlimmes von Euch in dem Briefe ſagte und ich wurde dann die Politik meines Bruders verſtehen.“ „Wenn man Boͤſes von mir ſagte, wurdet Ihr die Po⸗ litik Heinrichs verſtehen?“ „Ja, Heinrich von Valvis hat mir wohlbekannte Gruͤnde uns miteinander zu veruneinigen.“ „Wartet, Sire, denn die Complimente ſind nur ein ver⸗ fuhreriſcher Eingang, um zu verleumderiſchen Andeutungen uͤber Euere und meine Freunde zu gelangen.“ Margarethe erwartete nach dieſen keck hingeworfenen Worten Luͤgen geſtraft zu werden. Chicot ließ den Kopf haͤngen, Heinrich zuckte die Achſeln. „Seht, meine Theuere,“ ſagte er,„Ihr ſcheint doch im Ganzen das Lateiniſche auch nicht ganz gut verſtanden zu haben und wenn die boſe Abſicht wirklich in dem Briefe meines Bruders ſich befindet..“ So mild und ſanft Heinrich auch dieſe Worte ſprach, die Königin von Navarra warf ihm einen Blick voll Miß⸗ trauen zu. „Verſtehet mich ganz, Sire,“ ſagte ſie. „Ich verlange gar nicht mehr, Gott iſt mein Zeuge, Madame,“ antwortete Heinrich. „Braucht Ihr Euere Diener, ja oder nein?“ 3 „Ob ich ſie brauche, meine Theuere? Eine ſchoͤne 3 mi uch nge ich enn und ne 43 Frage! Was ſollte ich ohne ſie, auf meine eigene Kraft beſchränkt, anfangen?“ „Nun, Sire, der Koͤnig will Euch von Euern beſten Dienern trennen.“ „Das mag er nur verſuchen.“ „Bravo, Sire!“ murmelte Chicot. „Ohne Zweifel,“ ſagte Heinrich mit der erſtaunlichen ihm eigenen Gutmuthigkeit, durch die ſich bis an ſein Ende Jeder täuſchen ließ,—„meine Diener ſind durch das Herz, nicht durch das Intereſſe an mich gebunden. Ich habe ih⸗ nen ja nichts zu geben.“ „Ihr gabt ihnen Euer ganzes Herz, Euern ganzen Glauben, Sire und das iſt die beſte Erwiderung der Freund⸗ ſchaft bei einem Koͤnige.“ „Ja, Liebe, nun?“ „Nun, Sire, vertrauet ihnen nicht mehr.“ „Ventre saint-gris, nur wenn ſie mich dazu zwingen, d. h. wenn ſie es verdienen.“ „So wird man Euch beweiſen, Sire, daß ſie es ver⸗ dienen.“ „Ah, erwiderte der Koͤnig,„und wodurch?“ Chicot ſenkte von neuem den Kopf, wie er es in allen gefährlichen Augenblicken that. „Das kann ich Euch nicht erzählen, Sire,“ antwortete Margarethe,„ohne.“ Sie ſah ſich um. Chieot erkannte, daß er hinderlich ſei und trat zuruͤck. „Werther Bote,“ ſagte der Koͤnig zu ihm,„erwartet mich in meinem Cabinet. Die Koͤnigin hat mir etwas unter vier Augen zu ſagen, etwas für meinen Dienſt ſehr Rütz⸗ liches wie ich ſehe.“ Margarethe blieb unbeweglich bis auf ein leichtes Nicken mit dem Kopfe, das Chicot allein bemerkt zu haben ſchien. Als er ſonach erkannte, daß er beiden Gatten einen Gefallen thue wenn er ſich entferne, verließ er das Zim⸗ mer nach einer an beide gerichteten Verbeugung. Fünftes Kapitel. Ueberſetzung. Dadurch, daß Margarethe dieſen Zeugen entfernte, der ihrer Meinung nach ſich beſſer auf das Lateiniſche verſtand als er es merken laſſen wollte, gewann ſie ſchon einen Sieg oder doch wenigſtens ein Pfand der Sicherheit fur ſich; denn Margarethe hielt, wie geſagt, Chicot keineswegs füͤr ſo we⸗ nig gelehrt als er ſcheinen wollte, während ſie ihrem Ge⸗ mahl allein gegenuber jedem lateiniſchen Worte eine um⸗ faſſendere Andeutung geben und es weiter erläutern konnte, als es alle Scholiaſten in us jemals mit Plautus und Per⸗ ſius, dieſen beiden Räthſeln in großen Verſen der lateini⸗ ſchen Welt, gethan haben. Heinrich und ſeine Gemahlin hatten demnach die Frende allein zu ſein. Der Konig, in deſſen Geſichte ſich keine Spur von Be⸗ ſorgniß, keine Andeutung von Drohung zeigte, verſtand ſicherlich nicht Lateiniſch. utz⸗ htes ben nen im⸗ der and ieg enn we⸗ He⸗ m⸗ tte, ni⸗ de ge⸗ 45* „Ich erwarte, daß Ihr mich fraget,“ ſagte Margarethe. „Dieſer Brief beſchaͤftiget Euch ſehr, meine Thenere,“ antwortete er;„beunruhiget Euch nicht alſo.“ „Sire, dieſer Brief iſt ein Ereigniß oder ſollte doch eines ſein; ein Konig ſendet keinen Boten an einen andern König ohne Gruͤnde von der hochſten Wichtigkeit.“ „So laſſen wir in dieſem Falle die Botſchaft und den Boten, liebe Frau,“ ſagte der Koͤnig.„Habt Ihr nicht ei⸗ nen Ball heute Abend?“ „Ja, ich beabſichtige einen zu halten, Sire,“ ſagte Margarethe erſtaunt,„aber es iſt dies nichts Außerordent⸗ liches; Ihr wißt ja, daß wir faſt jeden Abend tanzen.“ „Und ich habe morgen eine Jagd, eine große Jagd.“ „Ah 1 „Ja, ein Wolfstreiben.“ „Ihr liebt die Jagd, ich liebe den Ball; Ihr jaget, ich anze.“ „Ja, meine Theuere,“ ſagte Heinrich ſeufzend,„und es liegt wirklich nichts Boͤſes darin.“ „Gewiß nicht, aber Ew. Maj. ſagt dies mit einem Seußzer?“ „Horet mich an.“ Margarethe war ganz Ohr. „Ich bin beſorgt.“ „Woruber, Sire?“ „Ueber ein Geruͤcht, das umlaͤuft.“ „Ueber ein Geruͤcht? Ew. Maj. kämmert ſich um ein Geruͤcht?“ 8 5 Iſt das nicht ganz natürlich, wenn dieſes Gerucht Euch Schmerz bereiten kann?“ „Mir?“ Euch.“ „Sire, ich verſtehe Euch nicht.“ „Und Ihr habt nichts ſagen horen?“ fragte Heinrich in demſelben Tone. Margarethe zitterte jetzt im Ernſt und furchtete, ihr Gemahl wolle auf dieſe Art angreifen. „Ich bin durchaus nicht neugierig, Sire,“ ſagte ſie, „und hoͤre nie auf das, was man vor mir ſchwatzt. Ue⸗ brigens achte ich die ſogenannten Gerüchte ſo gering, daß ich kaum auf ſie hore, wenn ich davon hoͤre, ja ich halte mir abſichtlich die Ohren zu.“ „Ihr meint alſo, man muͤſſe alle Geruͤchte verachten?“ „Durchaus, Sire, beſonders wir auf dem Throne.“ „Warum wir beſonders?“ „Weil wir in jedem Munde ſind und zu viel zu thun haben würden, wenn wir auf alle Reden achten wollten.“ „Nun wohl, ich glaube, daß Ihr Recht habt und will Euch eine gute Gelegenheit bieten, Guere Philoſophie an⸗ zuwenden.“ Margarethe glaubte, der entſcheidende Angenblick ſei gekommen, nahm alſo ihren ganzen Muth zuſammen und antwortete in ziemlich feſtem Tone: „Es ſei, Sire, von Herzen gern.“ Heinrich begann im Tone eines Buͤßenden, der nur ſchwere Sunden zu geſtehen hat: n 47 — „Ihr wiſſet, welchen innigen Antheil ich an meiner Tochter Foſſeuſe nehme.“ „Ah!“ rief Margarethe aus als ſie ſah, daß es ſich nicht um ſie handelte und ſie nahm eine triumphirende Miene an.„Ja, ja, an Euerer kleinen Freundin Foſſeuſe.“ „Ja, Madame,“ antwortete Heinrich noch immer in demſelben Tone,„an der kleinen Foſſeuſe.“ „An meiner Ehrendame?“ „An derſelben.“ „Euerer Liebſchaft..“ „Ah, Madame, Ihr ſprecht da wie eins der Ge⸗ ruͤchte, die Ihr eben verachtetet.“ „Allerdings, Sire,“entgegnete Margarethe lächelnd, „und ich bitte Euch demüthig um Verzeihung.“ „Daran thut Ihr Recht; die Gerüchte lugen oft und wir auf dem Throne beſonders müſſen darnach handeln.“ Und er lachte laut. Margarethe las eine Ironie in dieſem Lächeln, beſon⸗ ders aber in dem daſſelbe begleitenden Blicke. Auch wurde ſie wieder etwas unruhig. „Die Foſſeuſe alſo?“ fragte ſie. „Die Foſſeuſe iſt krank, liebe Frau und die Aerzte ver⸗ ſtehen ihre Krankheit nicht.“ „Das iſt ſeltſam, Sire. Die Foſſeuſe, die, wie Ihr ſagt, immer zuchtig geweſen iſt, die, wenn man Euch ſpre⸗ chen hoͤrt, einem Koͤnige widerſtanden haͤtte, wenn auch der Koͤnig von Liebe geſprochen, die Foſſeuſe, dieſe Blume der Reinheit, dieſer klare Kryſtall muß doch das Auge der Wiſ⸗ 48 ſenſchaft bis in die Tiefe ihrer Freuden und Schmerzen dringen laſſen.“ „So iſt es aber nicht,“ ſagte Heinrich traurig. „Wie?“ rief die Konigin mit der ungeſtüͤmen Böswil⸗ ligkeit aus, die auch die überlegenſte Frau ſtets wie einen Pfeil auf ein anderes Weib ſchleudert,„die Foſſeuſe iſt nicht die Blume der Reinheit?“ „Das ſage ich nicht,“ antwortete Heinrich trocken; „Gott bewahre mich, irgend Jemanden zu beſchuldigen. Ich ſage nur, daß meine Tochter Foſſeuſe an einem Uebel leidet, das ſich hartnäckig vor den Aerzten verbirgt.“ „Vor den Aerzten, ja; aber vor Euch, ihrem Vertrau⸗ ten, ihrem Vater? Das kommt mir ſeltſam vor.“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Heinrich, indem er ſein anmuthiges Laͤcheln wieder annahm,„und wenn ich es weiß, halte ich es für zweckmaͤßig zu ſchweigen.“ „In dieſem Falle, Sire,“ ſagte Margarethe, die an dem Gange des Geſprächs zu errathen glaubte, daß ſie im Vortheil ſei und Verzeihung zu bewilligen habe, während ſie gefurchtet hatte, um Verzeihung bitten zu muͤſſen,„in dieſem Falle, Sire, weiß ich nicht was Ew. Maj. wunſcht und warte auf Euere naͤhere Erklaͤrung.“ Margarethe machte eine Bewegung, welche andeutete, daß ſie bereit ſei alles zu horen. 6 „Ihr muͤßtet,“ fuhr Heinrich fort,„aber es iſt dies viel von Euch verlangt..“ „Sprecht es nur immer aus, Sire.“ „Da Ihr darauf wartet, will ich Euch alles erzählen.“ en il⸗ en ht 49 „Ihr muͤßtet die Gewogenheit haben zu meiner Toch⸗ ter Foſſeuſe zu gehen.“ „Ich das Mädchen beſuchen, welches die Ehre haben ſoll Euere Geliebte zu ſein?“ „Gemach, gemach, liebe Freundin,“ ſagte der Konig. „Auf mein Wort, Ihr wurdet ein ärgerliches Aufſehen durch dieſe Worte machen und ich weiß wahrhaftig nicht, ob nicht der Hof von Frankreich ſich darüber freute, denn in dem Briefe des Koönigs, meines Schwagers, den Chicot mir vorgeſagt hat, hieß es: quotidie scandalum, was, wie ich zu errathen glaube, heißt: Täglich Scandal.“ Margarethe machte eine Bewegung. „Man braucht nicht Lateiniſch zu verſtehen um dies zu errathen,“ fuhr Heinrich fort. „Aber, Sire, auf wen ſollten dieſe Worte ſich bezie⸗ hen?“ fragte Margarethe. „Das eben konnte ich nicht begreifen. Ihr verſteht Lateiniſch und werdet mir beiſtehen, wenn wir dahin kommen.“ Margarethe errothete, waͤhrend Heinrich mit geſenktem Haupt und ausgeſtreckter Hand wirklich nachzudenken ſchien, auf welche Perſon an ſeinem Hofe das quotidie scandalum ſich beziehen könnte. „Ihr wollt mich, Sire,“ ſagte die Koͤnigin,„im Na⸗ men der Eintrachtzu einem demuͤthigenden Schritte treiben; ich werde im Namen der Eintracht gehorchen.“ „Ich danke, meine Theuere,“ entgegnete der Koͤnig. „Aber welchen Zweck hat dieſer Beſuch?“ „Das iſt ganz einfach.“ „Ihr werdet mir es aber doch ſagen muͤſſen, weil ich es nicht errathen kann.“ „Ihr werdet die Foſſeuſe inmitten Euerer Ehrendamen im Bette im Zimmer finden. Dieſe Frauenzimmer find, wie Ihr wiſſet, ſo neugierig und plauderhaft, daß man nicht weiß zu welchem verzweifelten Schritte die Foſſeuſe getrie⸗ ben werden koͤnnte.“ „Sie fürchtet alſo etwas?“ rief Margarethe mit ge⸗ ſteigertem Zorn und Haß aus.„Sie will ſich alſo ver⸗ bergen?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte Heinrich.„Ich weiß nur, daß ſie das Zimmer der Ehrendamen verlaſſen muß.“ „Wenn ſie ſich verbergen will, ſo rechne ſie nicht auf mich. Ich kann vor manchen Dingen die Augen zudrucken, werde mich aber nie zur Mitſchuldigen machen.“ Und Margarethe wartete auf die Wirkung ihres ulti⸗ matums; aber Heinrich ſchien nichts gehoͤrt zu haben; er ließ den Kopf von neuem finken und nahm die nachdenkliche Haltung wieder an, welche Margarethen ſchon vorher ein⸗ mal aufgefallen war. „Margota cum Turennio,“ flüſterte er.„Das ſind die beiden Namen, die ich ſuchte, Madame, Margota cum Purennio.“ Diesmal wurde Margarethe glühendroth. 8 „Verleumdungen, Sire!“ rief„Ihr ſprecht Verleumdungen nach.“* „Welche Verleumdungen?“ fragte Heinrich ganz na⸗ tuͤrlich;„findet Ihr darin Verleumdungen? Es iſt eine Stelle aus dem Briefe meines Schwagers, die mir eben 5¹ wieder einfiel. Margota cum Turennio conveniunt in vastello nomine Loignac. Ich muß mir wirklich dieſen Brief von einem Gelehrten uberſetzen laſſen.“ „Stellen wir dieſes Spiel ein, Sire,“ ſagte Marga⸗ rethe noch zitternd,„und ſagt mir deutlich, was Ihr von mir erwartet.“ „Nun, ich wünſche, daß Ihr die Foſſeuſe von den andern Maͤdchen trenntet, ſie in ein eigenes Zimmer brächtet und ihr nur einen Arzt ſendetet, einen verſchwiegenen Arzt, etwa den Euerigen.“ „Ich errathe wohl, was es iſt,“ fiel die Koͤnigin ein. „Die Foſſeuſe, die mit ihrer Tugend prahlte und eine luͤgne⸗ riſche Jungfräulichkeit zur Schau trug, iſt ſchwanger und ihrer Entbindung nahe.“ „Ich ſage das nicht,“ bemerkte Heinrich,„Ihr be⸗ hauptet es.“ „Es iſt ſo, es iſt ſo,“ rief Margarethe aus;„Euer ein⸗ ſchmeichelnder Ton und Euere falſche Demuth beweiſen es. Aber es giebt Opfer, die man, auch wenn man Koͤnig iſt, von ſeiner Frau nicht verlangt. Macht Ihr ſelbſt das Unrecht des Fraulein von Foſſeuſe wieder gut, Sire, Ihr ſeid ihr Mitſchuldiger, es iſt das Euere Sache; den Schuldigen treffe die Strafe, nicht den Unſchuldigen.“ „Den Schuldigen, gut.. da erinnert Ihr mich wieder an Ausdrücke jenes abſcheulichen Briefes.“ „Wie ſo?“ „Schuldig heißt nocens, nicht wahr?“ „Allerdings nocens.“ „Nun, in dem Briefe ſteht: Margota cum Turennio, 52 ambo nocentes, conveniunt in castello nomine Loignac. Ich bedauere, daß mein Geiſt nicht ſo gebildet als mein Ge⸗ daͤchtniß ſicher iſt.“ „Ambo nocentes,“ wiederholte Margarethe leiſe und bleicher als ihr Spitzenkragen;„er hat den Brief ver⸗ ſtanden.“ „Margota cum Turennio, ambo nocentes. Was zum Teufel wollte aber mein Schwager mit ambo ſagen?“ fuhr Heinrich von Navarra unbarmherzig fort.„Ventre saint-gris, es iſt zu bewundern, daß Ihr mir dieſe Worte, die mich beruhigen, noch nicht erklaͤrt habt, da Ihr doch La⸗ teiniſch verſtehet.“ „Sire, ich hatte bereits die Ehre Euch zu ſagen..“ „Bei Gott,“ uuterbrach ſie der Koͤnig,„da geht eben Turennius unter Euern Fenſtern auf und ab und ſieht em⸗ por als warte er auf Euch. Ich will ihm winken herauf zu kommen; er iſt ſehr gelehrt und wird mir ſagen, was ich wiſſen will.“ „Sire! Sire!“ rief Margarethe aus indem ſie von ih⸗ rem Stuhle aufſtand und die Haͤnde faltete,„Stre, ſeid großer als alle dieſe Storer und Verleumder in Frankreich.“ „Liebe Freundin, man iſt in Navarra nicht nachſichti⸗ ger als in Frankreich wie es ſcheint und Ihr ſelbſt waret ſo eben ſehr ſtreng gegen die arme Foſſeuſe.“ „Ich ſtreng?“ fragte Margarethe. „Erinnert Euch nur und gerade hier ſollten wir nach⸗ ſichtig ſein, Madame, Wir fuͤhren ein ſo angenehmes Le⸗ ben, Ihr auf den Baͤllen, die Ihr liebt, ich auf der Jagd, die ich liebe..“ 53 „Ja, ja, Sire,“ antwortete Margarethe,„Ihr habt Recht, wir wollen nachſichtig ſein.“ „Ich kannte Euer Herz.“ „Ja, Ihr kennt mich, Sire.“ „Ihr werdet alſo die Foſſeuſe beſuchen, nicht wahr?“ „Ja, Sire.“ „Sie von den andern Maͤdchen trennen?“ „Ja, Sire.“ „Ihr Euern Arzt ſenden?“ „Ja, Sire.“ „Und keine Huͤterin. Die Aerzte ſind ihrem Stande gemaͤß verſchwiegen, die Waͤrterinnen aber plauderhaft.“ „Allerdings, Sire.“ „Und wenn leider das wahr iſt, was man ſagt, wenn das arme Maͤdchen wirklich ſchwach geweſen und gefal⸗ len waͤre..“ Heinrich erhob die Augen gen Himmel. „Was wohl moͤglich iſt,“ fuhr er fort;„denn das Weib iſt ſchwach, res fragilis mulier, wie die heilige Schrift ſagt.“ „Nun wohl, Sire, ich bin ein Weib und weiß, daß ich gegen andere nachſichtig ſein muß.“ „Ah, Ihrwiſſet alles; Ihr ſeid wahrhaftig ein Muſter der Vollkommenheit und..“ „Und?“ „Ich kuͤße Euch die Hand.“ „Glaubt aber, Sire,“ ſetzte Margarethe hinzu,„daß ich ein ſolches Opfer nur aus Liebe zu Euch bringe.“ „O, ich kenne Euch,“ ſagte Heinrich,„und meinen 54 Bruder von Frankreich auch, der ſo viel Gutes und Schoͤnes von Euch in dem Briefe ſagt und hinzufügt: fiat sanum exemplum statim, atque res certius eveniet. Dieſes gute Beiſpiel iſt ohne Zweifel das, welches Ihr gabt.“ Und Heinrich kußte die halb erſtarrte Hand Margare⸗ thens. Auf der Schwelle der Thuͤre blieb er nochmals ſte⸗ hen und ſagte: „Alles Schoͤne von mir an die Foſſeuſe; beſchäftiget Euch mit ihr wie Ihr es verſprochen habt, ich breche zur Jagd auf. Vielleicht ſehe ich Euch erſt nach der Ruͤckkehr wieder, vielleicht nie, denn die Wölfe find boſe Thiere.. Laßt Euch umarmen.“ Er kußte Margarethen faſt zärtlich, ging dann hinaus und ließ ſie beſtürzt ͤber alles, was ſie gehort hatte, allein. Sechſtes Kapitel. Der ſpaniſche Geſandte. Der König kehrte zu Chicot in ſeinem Cabinet zuruck. Chicot war noch ganz bewegt von der Furcht vor der Erklärung. „Nun, Chicot?“ fragte Heinrich.„Du weißt nicht, was die Konigin behauptet?“ „Nein.“ „Sie behauptet, Dein verfluchtes Lateiniſch wurde un⸗ ſere ganze Ehe ſtören.“ „Nun, Sire,“ entgegnete Chicot,„ſo wollen wir das Lateiniſche vergeſſen. Mit einem Stuck Lateiniſch, das * X N t 55 hergeſagt wird, iſt es nicht wie mit einem Stuͤck, das man geſchrieben in der Hand hat; das erſte verklingt in der Luft, waͤhrend bieweilen das Feuer das letztere nicht ver⸗ nichten kann.“ „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich noch daran denke, ſagte der König. „So iſt's Recht.“ „Ich habe andere Dinge zu thun, als daran zu denken.“ „Ew. Maj. ſucht lieber Unterhaltung?“ „Ja, mein Sohn,“ antwortete Heinrich mit dem Tone ziemlich unzufrieden, in welchem Chicot dieſe Worte ge⸗ ſprochen hatte,„Jja, meine Majeſtät ſucht lieber Unter⸗ haltung.“ „Verzeiht; aber ich bin Ew. Maj. vielleicht hin⸗ derlich.“ „Ich habe Dir geſagt,“ erwiderte der Koͤnig,„daß es hier nicht wie im Louvre ſei. Hier betreibt man Alles oͤffentlich: die Liebe, den Krieg und die Politik.“ Der Blick des Konigs war ſo ſanft, ſein Lächeln ſo freundlich, daß Chicot wieder Muth erhielt. „Krieg und Politik wohl weniger als die Liebe, nicht wahr, Sire?“ ſagte er. „Ich geſtehe das, lieber Freund. Das Land iſt ſo ſchon, die Weine von Languedoe ſind ſo wohlſchmeckend und die Frauen von Navarra ſo ſchoͤn!“ 2. „Sire,“ fiel Chicot ein,„Ihr vergeßt die Königin, wie es ſcheint. Sind die Navarreſerinnen ſchoͤner und ge⸗ 56 wandter als ſie? In dieſem Falle mache ich ihnen mein Compliment.“ „Du haſt Recht, Chicot, ventre saint-gris! und ich vergaß, daß Du Geſandter biſt, daß Du den Koͤnig Hein⸗ rich III. vertrittſt, daß der Koͤnig Heinrich III. der Bruder Margarethens iſt und daß ich folglich in Deiner Gegen⸗ wart der Schicklichkeit gemäß Margarethen uͤber alle an⸗ deren Frauen ſtellen muß. Aber verzeihe mir meine Un⸗ vorſichtigkeit, Chicot; ich bin nicht gewohnt, mit Geſandten umzugehen.“ In dieſem Augenblicke wurde die Thuͤr des Cabinets geoffnet und der Page Aubiae meldete mit lauter Stimme: „Der Herr ſpaniſche Geſandte!“ Chicot ſprang auf ſeinem Stuhle empor und der Ko⸗ nig laͤchelte. „Da werde ich gleich Lugen geſtraft,“ ſagte Heinrich, „waͤhrend ich es gar nicht erwartete. Der ſpaniſche Ge⸗ ſandte? was, zum Teufel! will der hier?“ „Ja, was, zum Teufel! will der hier?“ wiederholte Chicot. „Nun, wir werden es ſogleich erfahren,“ ſagte Hein⸗ rich;„vielleicht hat unſer Nachbar der Spanier über ir⸗ gend eine Grenzſtreitigkeit mit mir zu reden.“ „Ich ziehe mich zuruͤck,“ ſagte Chicot demuͤthig.„Ohne Zweifel ein wirklicher den Se. Maj. Philipp II. zu Euch ſendet, während ich.. „— Der Geſandte Frankreichs vor de Spanier weichen und noch dazu in Navarra? Ventre saint-gris! das kann — 57 nicht ſein. Oeffne dieſen Bücherſchrank da, Chicot, und gehe hinein.“ „Ich werde da unwillkurlich Alles hoͤren, Sire.“ „Was liegt daran, ob Du hoͤrſt? Ich habe nichts zu verbergen.. Habt Ihr mir von dem Koͤnige Eurem Herrn nichts mehr zu ſagen, Herr Geſandter?“ „Nein, Sire, durchaus nichts.“ „Dann haſt Du eben nur noch zu ſehen und zu hoͤren, wie es alle Geſandten auf Erden thun und wirſt Deinen Auftrag in dieſem Schranke vortrefflich erfullen können. Strenge Deine Augen an und ſperre die Ohren weit auf, Chicot.“ Dann ſetzte er hinzu:„dAubiac, ſage mei⸗ nem Gardecapitain, er moͤge den ſpaniſchen Piſuhte einfuͤhren.“ Als Chicot dieſen Befehl hoͤrte, trat er ſchnell in den Buͤcherſchrank hinein und machte ſorgfältig die Tapetenthuͤr zu, auf welcher man Figuren ſah. Langſame und gemeſſene Tritte hallten auf dem Fuß⸗ boden. Der Geſandte Sr. Maj. Philipps II. nahete. Als die den Etiketten⸗Details beſtimmten Pralimina⸗ rien voruͤber waren und Chicot ſich hatte uberzeugen kon⸗ nen, daß der Bearner es ſehr wohl verſtand, eine Audienz zu geben, fragte der Geſandte in ſpaniſcher Sprache, welche jeder Gascogner und Bearner wie die Landesſprache ver⸗ ſtehen kann, weil ſie einander ſo äͤhnlich ſind:„Kann ich frei mit Ew. Maj. ſprechen?“ „Ihr könnt ſprechen,“ antwortete der Bearner. Chicot horchte geſpannt, denn dit Sache wurde ſehr intereſſant. 2 Die Fuͤnfundvierzig. MI. 8 —— „Sire,“ begann darauf der Geſandte,„ich bringe die Antwort Sr. kathol. Maj.“ „Sieh!“ dachte Chicot.„Wenn er eine Antwort muß eine Frage vorausgegangen ſein.“ „Ueber welchen Gegenſtand?“ fragte Heinrich. „Ueber Eure Eroffnungen vom letzten Monate, Sire.“ „Ich bin ſehr vergeßlich,“ ſagte Heinrich.„Habt doch die Gute, Herr Geſandter, mich daran zu erinnern, welcher Art dieſe Eroͤffnungen waren.“ „Ueber das Umſichgreifen der lothringiſchen Fürſten in Frankreich.“ „Richtig und beſonders uber die Guiſes. Sehr wohl; jetzt erinnere ich mich. Fahrt nun fort, Herr, fahrt fort.“ „Sire,“ ſprach der Spanier,„der Konig, mein Herr, hat, wenn er auch erſucht wurde, einen Buͤndnißvertrag mit Lothringen zu unterzeichnen, ein Bundniß mit Navarra für redlicher und, gerade heraus geſagt, fur vortheilhafter gehalten.“ „Ja wohl, ſagen wir Alles gerade heraus.“ „Ich werde offen gegen Ew. Maj. ſein, denn ich kenne die Gefinnungen des Koͤnigs, meines Herrn, gegen Ew. Maj.“ „Darf ich ſie auch kennen lernen?“ „Sire, der Koͤnig, mein Herr, hat Navarra nichts abgeſchlagen.“ Chicot legte das Ohr an die Tapetenthur und biß ſich dabei in die Fingerſpitzen, um ſich zu uberzeugen, daß er nicht ſchlafe. „Wenn man mir nichts abgeſchlagen hat,“ erwiderte 5 59 Heinrich,„ſo wollen wir uns uberlegen, was ich wohl for⸗ dern konnte.“ „Alles, was Ew. Maj. beliebt.“ „Der Teufel!“ „Sprecht alſo offen und frei, Sire.“ „Ventre saint gris! das bringt mich in Verlegen⸗ heit!“ „Se. Maj. der König von Spanien will ſeinen neuen Verbundeten gänzlich beruhigen und der Vorſchlag, den ich Ew. Maj. machen will, wird es beweiſen.“ „Ich hoͤre,“ ſagte Heinrich. „Der Koͤnig von Frankreich behandelt die Königin von Navarra als geſchworne Feindin; er erkennt ſie nicht als ſeine Schweſter an, ſobald er ſie mit Schmach überhaͤuft, das iſt offenbar. Die Beleidigungen des Koͤnigs von Frank⸗ reich, und ich bitte um Pn daß ich dieſen ſo zarten Gegenſtand beruͤhre. „Beruͤhrt ihn immerhin.“ „Die Beleidigungen des Koͤnigs von Frankreich ſind bekannt und offenkundig.“ Heinrich machte eine verneinende Bewegung. „Sie muͤſſen offenkundig ſein,“ fuhr der Spanier fort, „da wir ſie kennen. Ich wiederhole alſo, Sire: der Konig von Frankreich erkennt die Königin von Navarra nicht als ſeine Schweſter an, weil er ſie zu entehren ſucht, indem er oͤffentlich ihren Tragſeſſel anhalten und durch einen Capi⸗ tain der Garden durchſuchen läßt.“ „Wohin zielet Ihr damit, Herr Geſandter?“ „Es wird alſo Ew. Maj. nichts leichter ſein, als die 5* als Frau zu verſtoßen, welche der Bruder als Schweſter verſtoßt.“ Heinrich blickte nach der Tapetenthuͤr, hinter welcher Chicot mit weit aufgeriſſenen Augen und klopfendem Her⸗ zen auf den Ausgang eines ſo ungewoͤhnlichen Einganges wartete. „Wenn die Koͤnigin verſtoßen iſt,“ fuhr der Geſandte fort,„ſo iſt das Buͤndniß zwiſchen dem Koͤnige von Navarra und dem Koͤnige von Spanien..“ Heinrich verbeugte ſich. „— ſo iſt dieſes Buͤndniß,“ fuhr der Geſandte fort, „ſofort abgeſchloſſen und zwar in folgender Weiſe: der Koͤnig von Spanien giebt die Infantin, ſeine Tochter, dem Koͤnige von Navarra und Se. Maj. ſelbſt vermaͤhlt ſich mit Katharina von Navarra, der Schweſter Ew. Maj.“ Ein Gefüͤhl des Stolzes rieſelte dem Bearner durch alle Glieder, ein Gefühl des Entſetzens durch die Glieder Chicots; der Eine ſah am Horizonte ſein Gluͤck ſtrahlend wie die aufgehende Sonne ſich erheben, der Fe das Scepter der Valois ſinken und zerbrechen. Der Spanier, der gemeſſen und kalt da ſtand, ſo nichts— als die Inſtructionen ſeines Herrn. Einen Augenblick herrſchte tiefe Stille, dann entgeg⸗ nete der Koͤnig von Navarra: „Der Antrag iſt glänzend und überhäuft mich mit Ehre.. „Se. Maj.,“ ſetzte der ſtolze Unterhändler hinzu, wel⸗ cher auf eine begeiſterte Annahme rechnete,„Se. Maj. der 61 Koͤnig von Spanien erlaubt ſich Ew. Maj. eine Bedingung vorzulegen.“ „Ah, eine Bedingung?“ fragte Heinrich.„Nicht mehr als billig. Laſſet hoͤren.“ „Mein Herr wuͤnſcht, indem er Ew. Maj. gegen die lothringiſchen Fuͤrſten beiſteht, d. h. indem er Euch den Weg zum Throne bahnt, durch das Buͤndniß mit Euch den Beſitz Flanderns ſich zu erwerben, nach dem der Herzog von Anjou jetzt beide Haͤnde ausſtreckt.. Ew. Maj. ſieht ein, welchen Vorzug der Koͤnig, mein Herr, Euch vor den lothringiſchen Fuͤrſten giebt, da die Herren von Guiſe, als katholiſche Fuͤrſten ſeine naturlichen Bundesgenoſſen, fuͤr ſich allein ſchon in Flandern gegen den Herrn Herzog von Anjon auftreten.. Aber hoͤrt die einzige Bedingung, die ganz vernuͤnftig und leicht iſt: Se. Maj. der Koͤnig von Spanien wird ſich mit Euch durch eine doppelte Heirath verbinden, er wird Euch behilflich ſein“— der Geſandte ſuchte einen Augenblick nach dem paſſenden Worte—„dem Koͤnige von Frankreich auf dem Throne nachzufolgen, und Ihr garantirt ihm dafuͤr Flandern. Ich kann nun wohl, da mir die Weisheit Ew. Maj. bekannt iſt, meinen Auf⸗ trag fur glucklich ausgefuͤhrt halten.“ Es folgte dieſen Worten eine noch tiefere Stille als das erſte Mal, wahrſcheinlich um die Antwort, welche der Engel der Vernichtung erwartete, in ihrer ganzen Staͤrke ankommen zu laſſen, um hierhin oder dahin, auf Frankreich oder auf Spanien loszuſchlagen. Heinrich von Navarra that einige Schritte in ſeinem Cabinet. 62 „Das alſo,“ fragte er endlich,„iſt die Antwort, die Ihr mir zu bringen hattet?“ „Ja, Sire.“ „Sonſt nichts weiter?“ „Sonſt nichts.“ „Nun,“ ſagte Heinrich,„ich ſlag⸗ das Anerbieten Sr. Maj. des Koͤnigs von Spanien aus.“ „Ihr ſchlagt die Hand der Infantin aus?“ rief der Spanier ſo erſchrocken aus, als fuͤhle er ploͤtzlich eine ſchmerzliche Wunde. „Die Ehre iſt ſehr groß,“ antwortete Heinrich, indem er das Haupt emporrichtete,„aber ich kann ſie nicht hoͤher halten als die Ehre, mit einer Tochter Frankreichs ver⸗ maͤhlt zu ſein.“ „Ja, aber dieſe erſte Verbindung fuͤhrt Euch zum Grabe, die zweite zum Throne.“ „Ich weiß es, es iſt dies ein koſtbares und unvergleich⸗ liches Gluͤck, aber ich wurde es nur durch das Blut und die Ehre meiner kuͤnftigen Unterthanen erkaufen. Wie, ich ſollte das Schwert gegen den Koͤnig von Frankreich, meinen Schwager, fuͤr den fremden Spanier ziehen, ich ſollte die Fahne Frankreichs auf ihrem Wege des Ruhmes aufhalten, um die Thuͤrme Caſtiliens und den Lowen Leons das Werk vollenden zu laſſen, das ſie bereits begonnen ha⸗ ben; ich ſollte Bruder durch Bruder morden laſſen, die Fremden in mein Vaterland einfuͤhren? Hoͤrt mich an, Herr, und merkt wohl auf meine Worte: ich habe meinen Nachbar, den Koͤnig von Spanien, um Beiſtand gegen die Herren von Guiſe erſucht, welche Unruhſtifter ſind und nach 63 meinem Erbe ſtreben, aber nicht gegen den Herzog von Anjon, meinen Schwager, nicht gegen den Koͤnig Hein⸗ rich III., meinen Freund, nicht gegen meine Frau, die Schweſter meines Koͤnigs.. Ihr wuͤrdet die Guiſen unter⸗ ſtützen, ſagt Ihr, ihnen Euren Beiſtand gewähren? Thut es immerhin; ich treibe dann gegen Euch und gegen ſie alle Proteſtanten in Deutſchland und Frankreich. Der Konig von Spanien will Flandern wieder erobern, das ihm entgeht; er moge thun, was ſein Vater Karl V. ge⸗ than hat; er moge den König von Frankreich um die Er⸗ laubniß des Durchzuges bitten, um ſeinen Titel als erſter Burger von Gent in Anſpruch zu nehmen, und der Koͤnig Heinrich III., dafür verbürge ich mich, wird ihm den Zug eben ſo geſtatten, wie es der König Franz I. that. Ich ſtrebte nach dem Throne Frankreichs, ſagt Se. kathol. Maj.? es iſt möglich, aber ich habe nicht noͤthig, daß er mir dabei behilflich iſt; ich werde ihn ganz allein beſteigen, wenn er leer iſt und dies— allen Majeſtäten in der Welt zum Trotz.— Alſo lebt wohl, Herr. Sagt meinem Bruder Philipp, daß ich ſehr dankbar füͤr ſeine Anerbietungen ſei, daß ich ihm aber ewig zurnen wuͤrde, wenn er einen Augen⸗ blick mich für fahig gehalten hätte, ſie anzunehmen. Lebt wohl, Herr.“ Der Geſandte blieb verwundert ſtehen und ſtammelte: „Seht Euch vor, Sire; das gute Vernehmen zwiſchen zwei Nachbarn hängt oft von einem boͤſen Worte ab.“ „Herr Geſandter,“ fiel Heinrich ein,„merkt Euch dies: König von Navarra oder nicht König, mir iſt Alles einerlei. Meine Krone iſt ſo leicht, daß ich es nicht einmal fühlen 64 wuͤrde, wenn ſie mir vom Haupte fiele. Uebrigens werde ich in dieſem Augenblicke bedacht ſein, ſie zu halten, verlaßt Euch darauf.— Noch einmal lebt wohl und ſagt dem Könige Eurem Herrn, daß ich groͤßern Ehrgeiz habe als den, deſſen Erfullung er mir in der Ferne zeigte. — Lebt wohl.“ Und der Bearner, der nicht er ſelbſt, ſondern der Mann wieder wurde, wie man ihn kannte, nachdem er ſich einen Augenblick durch die Waͤrme ſeiner Begeiſterung hatte be⸗ herrſchen laſſen, laͤchelte freundlich und begleitete den ſpa⸗ niſchen Geſandten bis an die Schwelle ſeines Cabinets. Siebentes Kapitel. Die Armen des Koͤnigs von Navarra⸗ Chicot war von ſo gewaltigem Erſtaunen ergriffen, daß es ihm gar nicht einfiel, aus dem Schranke herauszu⸗ treten, als Heinrich wieder allein war. Der Bearner ſelbſt offnete die Tapetenthuͤr und klopfte ihm auf die Achſel. „Nun, Chicot, fragte er,„wie habe ich mich heraus⸗ gezogen?“ „Bewundernswuͤrdig, Sire,“ erwiderte Chicot noch ganz betäubt.„Es ſcheint mir, daß Ihr als Koͤnig, der nicht oft Geſandte empfaͤngt, ſie ganz gut empfanget.“ „Und mein Bruder Heinrich zieht mir dieſe Geſand⸗ ten zu.“ 65⁵ „Wie ſo, Sir?“ „Ja wohl; wenn er ſeine arme Schweſter nicht immer“ verfolgte, wuͤrden die Anderen nicht daran denken, ſie zu verfolgen. Glaubſt Du, daß man mir den Antrag gemacht haben wuͤrde, ſie zu verſtoßen, wenn nicht der Koͤnig von Spanien die oͤffentliche Beleidigung erfahren haͤtte, die der Koͤnigin von Navarra angethan wurde, als ein Capi⸗ tain ihren Tragſeſſel durchſuchte?“ „Ich ſehe mit Freuden, Sire,“ antwortete Chicot, „daß Alles, was man verſuchen wird, von Nutzen ſein und nichts das gute Vernehmen zwiſchen Euch und der Koͤni⸗ gin ſtoren wird.“ „Ah, Freund, das Intereſſe, das man dabei hat, uns zu veruneinigen, liegt zu deutlich vor..“ „Ich geſtehe Euch, Sire, daß ich nicht ſo ſcharfblickend bin, wie Ew. Maj. es glaubt.“ „Mein Schwager Heinrich wuͤnſcht ohne Zweifel nichts weiter, als daß ich ſeine Schweſter verſtoße.“ „Wie ſo? Erklaͤrt mir die Sache, ich bitte. Ich glaubte wahrhaftig nicht, in eine ſo gute Schule zu kommen.“ „Ihr wißt, daß man mir die Mitgift meiner Frau zu zahlen vergißt, Chicot.“ „Nein, das wußte ich nicht, Sire; ich ahnte es nur.“ „Daß dieſe Mitgift aus dreimalhunderttauſend Gold⸗ thalern beſtehen ſollte.“ „Ein huͤbſches Suͤmmchen!“ „Und aus mehreren Staͤdten, unter andern Cahors.“ „Eine ſchoͤne Stadt!“ 66 „Ich habe nun, nicht meine dreimalhunderttauſend Goldthaler gefordert— ſo arm ich bin, halte ich mich doch fuͤr reicher als der Konig von Frankreich— ſondern Cahors.“ „Ah, Ihr habt Cahors gefordert, Sire? Ventre de biche, daran habt Ihr wohl gethan. Ich an Euerer Stelle haͤtte es auch gethan.“ „Und deshalb,“ ſagte der Bearner mit ſeinem ſchlauen Laͤcheln,„deshalb, verſtehſt Du nun?“ „Nein; der Teufel ſoll mich holen, wenn ich Euch verſtehe.“ „Deshalb moͤchte man mich dermaßen mit meiner Frau veruneinigen, daß ich ſie verſtieße. Habe ich keine Frau mehr, Chicot, ſo habe ich keine Mitgift mehr zu fordern, folglich weder die dreimalhunderttauſend Thaler, noch die Städte und vor allem Cahors nicht. Man kommt auf dieſe Art ſo gut als auf eine andere um ſein Verſprechen herum und mein Herr Bruder von Valvis weiß ſolche Schlingen zer geſchickt zu ſtellen.“ „Und Ihr behieltet doch gar gern dieſe feſte Sindt, nicht wahr, Sire?“ „Ohne Zweifel, denn was iſt mein Kinigreich von Bearn? Ein armes kleines Fürſtenthum, das durch den Geiz ſo beſchnitten worden iſt, daß der daran hangende Kö⸗ nigstitel laͤcherlich geworden.“ „Ja, waͤhrend wenn Cahors hinzugefuͤgt wuͤrde..“ „Cahors wurde mein Bollwerk, die Schutzwehr meiner Glaubensgenoſſen ſein.“ „Mein werther Sire, trauert um Cahors, denn der Koͤnig von Frankreich wird es Euch nie uͤbergeben, Ihr d le le n 65 te ſo id ar er hr 67 mögt Euch mit der Koͤnigin vernneinigen oder nicht, wenn Ihr es Euch nicht ſelbſt nehmt.“ „Ich wurde es wohl nehmen, wenn es nicht ſo feſt waͤre und wenn ich nicht den Krieg haſſete.“ „Cahors iſt uneinnehmbar, Sire,“ ſagte Chicot. „O, uneinnehmbar, uneinnehmbar!“ ſagte Heinrich. „Wenn ich eine Armee haͤtte, wie ich ſie nicht habe..“ „Hoͤrt mich an, Sire; wir ſind nicht hier, um einander Schmeicheleien zu ſagen. Gascogner, wißt Ihr, reden frei von der Leber mit einander. Um Cahors zu nehmen, wo Herr von Veſin iſt, muͤßte man ein Hannibal oder Caſar ſein und Ew. Maj...“ „Nun meine Majeſtät?“ fragte Heinrich lächelnd. „Ew. Maj., Ihr habt es ſelbſt geſagt, liebt den Krieg nicht.“ Heinrich ſeufzete und eine Flamme leuchtete in ſeinem melancholiſchen Auge, aber er unterdruͤckte alsbald dieſe unwillkuͤrliche Bewegung, ſtrich mit ſeiner von der Sonne braun gebrannten Hand den rauhen braunen Bart und ſagte dabei: „Ich habe allerdings noch nie den Degen gezogen und ich werde ihn nicht ziehen; ich bin ein Strohkönig und Frie⸗ densmenſch, aber ſeltſamer Weiſe, Chicot, ſpreche ich gern von Kriegsangelegenheiten; es liegt das in meinem Blute; der heil. Ludwig, mein Ahnherr, hatte dieſes Gluͤck; ob⸗ gleich er fromm erzogen und ſanft von Natur war, hand⸗ habte er doch bei Gelegenheit tüͤchtig die Lanze und das Schwert. Wir wollen alſo, wenn Dir's Recht iſt, von Herrn von Veſin ſprechen, der ein Cäſar und Hannibal iſt.“ 68 „Site, verzeiht mir,“ ſagte Chicot,„wenn ich Euch nicht nur verletzte, ſondern auch beunruhigte. Ich ſprach von Vefin nur, um jede Spur einer thorichten Flamme zu verloͤſchen, welche die Jugend und die Unkenntniß der An⸗ gelegenheiten haͤtte in Euerm Herzen entzünden können. Cahors, ſeht Ihr, iſt ſo wohl vertheidiget und bewacht, weil es der Schluͤſſel des Suͤdens iſt.“ „Ach, ſagte Heinrich ſeufzend,„ich weiß das wohl.“ „Es iſt,“ fuhr Chicot fort,„der Bodenreichthum ver⸗ bunden mit Sicherheit der Wohnung; wer Cahors beſitzt, beſitzt Scheuern, Keller, Forſten, Wohungen und Verbin⸗ dungen; wer Cahors beſitzt, hat alles fur ſich; wer Cahors nicht beſitzt, hat alles gegen ſich.“ „Ventre saint-gris!“ murmelte der König von Na⸗ varra,„deshalb ſehne ich mich auch ſo ſehr Cahors zu be⸗ ſitzen, daß ich meiner armen Mutter ſagte, daſſelbe zu einer conditio sine qna non meiner Heirath zu machen— ſiehſt Du, da ſpreche ich nun gar Lateiniſch—. Cahors gehoͤrte zur Apanage meiner Frau, man hatte es mir verſprochen und iſt es mir ſchuldig.“ „Sire, ſchuldig ſein und bezahlen..,“ fiel Chicot ein. „Du haſt Recht, ſchuldig ſein und bezahlen iſt ein gro⸗ ßer Unterſchied und Du meinſt alſo, man wuͤrde mich nie bezahlen.“ „Ich furchte es.“ „Der Teufel auch!“ ſagte Heinrich „Und offen..„fuhr Chicot fort. „Nun?“ guch rach e zu An⸗ nen. cht, hl.“ ver⸗ ſitzt, bin⸗ hors Na⸗ be⸗ iner iehſt oͤrte chen ein. gro⸗ nie 69 „Offen ausgeſprochen, man thut auch Recht daran, Sire.“ „Warum thut man Recht daran?“ „Weil Ihr Euer Konigshandwerk nicht verſtandet, d. h. weil Ihr Euch die Mitgift nicht vorher auszahlen ließet.“ „unglucklicher,“ fiel Heinrich bitter lächelnd ein,„er⸗ innerſt Du Dich denn der Sturmglocke von St. Germain Aurerrois nicht? Ich meine ein Bräutigam, den man in der Brautnacht ermorden will, denkt eher an ſein Leben vals an die Mitgift.“ „Gut,“ antwortete Chicot,„aber nachher?“ „Nachher?“ fragte Heinrich. „Ja, wir haben Frieden gehabt.. Ihr hättet dieſen Frieden benutzen, Ihr hättet, verzeiht mir, Sire, ſtatt Lieb⸗ ſchaften zu treiben, unterhandeln ſollen. Es iſt das weniger unterhaltend, ich weiß es wohl, aber doch einträglicher. Ich ſage dies, Sire, ſowohl für den Konig meinen Herrn als für Euch. Wenn Heinrich von Frankreich in Heinrich von Navarra einen ſtarken Verbuͤndeten haͤtte, wuͤrde Heinrich von Frankreich ſtäͤrker ſein als alle und angenommen die Katholiken und Proteſtanten koͤnnten ſich in einem politiſchen Intereſſe ereinigen⸗ wobei es ihnen immer frei ſtande uͤber ihre religiöſen Intereſſen ſpäter zu debattiren, ſo wuͤrden Katholiken und Proteſtanten, d. h. die beiden Konige allein herrſchen.“ „Ach, ich fuͤr meine Perſon,“entgegnete Heinrich de⸗ muͤthig,„will nicht, daß Jemand vor mir zittere und wenn ich nur nicht ſelbſt zittere.. Aber, Chicot, wir wollen nicht 70 mehr von dieſen Dingen reden, ſie verwirren mich. 3 habe Cahors nicht und will es Sen 2 „Es iſt hart; mein König.. „Du glaubſt ja ſelbſt, daß Heinrich mir die Stadt nicht uͤbergeben wird.“ „Ich glaube es, Sire, ich bin davon Litett und zwar aus drei Gruͤnden.“ „Gebt mir ſie an, Chicot.“ „Recht gern; zuerſt bringt Cahors viel ein und der Koͤnig von Frankreich wird alſo die Stadt lieber fur ſich ſelbſt behalten als ſie irgend Jemandem uͤbergeben.“ „Es iſt dies aber doch nicht eben ehrlich, Chicot.“ „Aber koͤniglich, Sire.“ „Iſt es denn koͤniglich das zu nehmen was Einem gefaͤllt?“ „Ja, man nennt dies ſich den Löwentheil zutheilen und der Loͤwe iſt der Koͤnig der Thiere.“ „Ich werde mich deſſen erinnern, mein guter Chicot, wenn ich jemals den Konig ſpiele. Dein zweiter Grund?“ „Er iſt folgender. Catharina..“ „Miſcht ſich denn meine gute Mutter noch immer in die Politik?“ unterbrach ihn Heinrich. „Immer. Catharina ſaͤhe ihre Tochter lieber in Paris als in Nerac, lieber an ihrer Seite als bei Euch.“ „Meinſt Du? Sie liebt aber doch ihre Tochter nicht eben ſehr.“ „Nein; aber die Konigin Margarethe dient Euch gleichſam als Geißel.“ „Du biſt ſehr klug, Chicot. Der Teufel ſoll mich holen, . icht und der ſich nd ot, 2 die ris 6 71 wenn ich daran gedacht hatte; aber Du kannſt Recht haben; ja, ja, eine Tochter Frankreichs iſt im Nothfall eine Geißel. Nun?“ „Nun, Sire, wenn man die Hilfsmittel verringert, verringert man das Vergnügen des Aufenthaltes. Nerac iſt eine recht angenehme Stadt, die einen reizenden Park und Alleen beſitzt, wie man ſie nirgends findet; aber die Konigin Margarethe wird ohne alle Hilfsmittel in Nerar ſich lang⸗ weilen und nach dem Louvre zuruͤck ſehnen.“ „Dein erſter Grund gefaͤllt mir beſſer,“ ſagte Heinrich kopfſchuͤttelnd. „So will ich Euch den dritten ſagen. Ihr, Koͤnig von Navarra erhaltet ein gewiſſes Gleichgewicht zwiſchen dem Herzog von Anjon, der ſich einen Thron bauen will und Flandern aufregt, zwiſchen den Herren von Guiſe, die ſich eine Krone ſchmieden moͤchten und Frankreich aufregen und zwiſchen Sr. Maj. dem König von Spanien, der es mit der Univerſalmonarchie verſuchen mochte und die ganze Welt aufregt.“ „Oich, ohne Gewicht!“ „Eben deshalb. Seht da die ſchweizeriſche Republik. Werdet mächtig, d. h. gewichtig und Ihr zieht die Wag⸗ ſchale nieder. Ihr ſeid dann kein Gegengewicht, ſondern ein Gewicht.“ „Dieſer Grund gefallt mir ſehr wohl, Chicot und er iſt vortrefflich abgeleitet. Du biſtein wahrer Gelehrter, Chicot.“ „Ich bin, Sire, was ich kann,“ antwortete Chicot ge⸗ ſchmeichelt von der königl. Gemüthlichkeit, an die er nicht gewoͤhnt war. 72 „Das iſt alſo die Erklärung meiner Lage?“ fragte Heinrich. „Die vollſtaͤndige, Sire.“ „Und ich ſah von allem dem nichts, Chicot, ich hoffte noch immer. Begreifſt Du das?“ Wenn ich Euch einen Rath zu geben hätte, Sire, würde ich im Gegentheil rathen gar nicht mehr zu hoffen.“ „So werde ich es mit dieſer Schuldforderung an den Koͤnig von Frankreich machen, wie ich es mit denen an meine Pächter mache, die nicht bezahlt werden; ich ſchreibe ein B neben den Namen.“ „Das ſoll heißen; bezahlt?“ „Richtig.“ „Schreibt zwei B hin, Sire, und ſeufzet einmal dazu.“ Heinrich ſeufzete. „So werde ich es thun, Chicot,“ ſagte er.„Uebrigens ſiehſt Du, Freund, daß man in Bearn auch leben kann und daß ich Cahors gar nicht brauche.“ „Ich ſehe das und Ihr ſeid, wie ich es ſchon ahnete, ein weiſer Fürſt, ein philoſophiſcher Koͤnig.. Aber was be⸗ deutet dieſer Lärm?“ „Lärm? Wo?“ „In dem Hofe, wie es mir ſcheint.“ „Sieh durch das Fenſter hinaus, Freund.“ Chicot trat an das Fenſter und ſagte: „Sire, es ſind etwa zwolf Leute in nicht eben gutem Anzuge unten.“ „Ah, das find meine Armen,“antwortete der Koͤnig von Navarra indem er aufſtand. * den ine ein n6 nd te, 73 „Ew. Maj. hat eigene Arme?“ „Allerdings; empfiehlt Gott nicht mildthaͤtig zu ſein? Wenn ich auch nicht katholiſch bin, Chicot, bin ich doch nichts deſto weniger ein Chriſt.“ „Bravo, Sire!“ „Wir wollen hinunter gehen, Chiecot, mit einander Al⸗ moſen austheilen, dann zum Eſſen wieder herauf gehen.“ „Ich folge Euch, Sire.“ „Nimm den Beutel da auf dem Tiſche neben meinem Degen.“ Sie gingen darauf hinunter. Es war unterdeſſen dun⸗ kel geworden. Der Konig ſah gedankenvoll und bekuͤmmert aus. Chicot beobachtete ihn und wurde traurig. „Wie zum Teufel,“ dachte er bei ſich,„bin ich auf den Gedanken gekommen, mit dieſem braven Fuͤrſten von Po⸗ litik ſprechen zu wollen? Ich habe wirklich Sorgen in ſei⸗ nem Herzen geweckt. Bin ich doch ein Einfaltspinſel!“ In dem Hofe unten trat Heinrich von Navarra zu den Bettlern. Es waren wirklich zwölf Maͤnner von verſchie⸗ dener Groͤße und Tracht, Leute, die ein ungeuͤbter Beob⸗ achter nach ihrer Stimme, ihrem Gange, ihren Geberden fuͤr Zigenner, Fremde, ungewoͤhnliche Bauern gehalten haben würde, in denen ein geuͤbter Beobachter aber wahr⸗ ſcheinlich verkleidete Edelleute erkannt hätte. Heinrich nahm den Beutel aus Chicots Händen und winkte. Alle Bettler ſchienen dieſen Wink zu verſtehen. Sie begrußten alle Heinrich mit einer Miene der Demuth, welche indeß einen verſtändigen kuhnen Blick nicht aus⸗ 3 Die Fůnfundvierzig. IMI. 6 74 ſchloß, der an den König allein gerichtet war und ihm zu ſagen ſchien: unter der Hulle brennt das Herz. Heinrich antwortete durch ein Kopfnicken, dann griff er mit dem Daumen und Zeigefinger in den Beutel, den Chicot offen hielt und nahm ein Stuͤck heraus. „Wiſſet Ihr,“ fragte Chicot, daß Gold darin iſt?“ „Ja, Freund, ich weiß es.“ „So ſeid Ihr reich!“ „Siehſt Du denn nicht, Freund,“ antwortete Heinrich lächelnd,„daß mir dieſe Goldſtücke zu doppeltem Almoſen dienen? Ich bin vielmehr arm, Chicot und muß meine Goldſtuͤcke zerſchneiden, um durch das Leben zu kommen..“ „Allerdings,“ ſagte Chicot mit ſteigender Verwunde⸗ rung;„dieſe Goldſtücke ſind in eigener Art zerſchnitten.“ „Ich bin wie mein Bruder von Frankreich, der zur Un⸗ terhaltung Bilder ausſchneidet; ich habe auch meine Lau⸗ nen; ich beſchneide in meinen muͤßigen Stunden meine Dukaten. Ein armer und ehrlicher Bearner iſt induſtrids wie ein Inde.“ „Nun,“ ſagte Chicot kopfſchuttelnd, denn er ahnete ein neues Geheimniß,„eine ſeltſame Art des Almoſengebens bleibt es doch.“ „Wuͤrdeſt Du es anders machen?“ „Allerdings; ſtatt mir die Muͤhe zu nehmen, jedes Stück zu zerſchneiden, wurde ich es ganz geben und ſagen: da fuͤr zwei!“ „Die Armen wuͤrden ſich darum ſchlagen, lieber Freund und ich würde Aergerniß erregen ſtatt Gutes zu thun.“ „Freilich!“ murmelte Chicot, der in dieſes Wort, wel⸗ zu if en 75 ches die Quinteſſenz aller Philoſophen iſt, ſeine Oppofition gegen die ſeltſamen Einfälle des Koͤnigs zuſammenfaßte. Heinrich nahm alſo ein halbes Golbſtuͤck aus dem Beu⸗ tel, ſtellte ſich mit ſeinem gewoͤhnlichen ruhigen und freund⸗ lichen Weſen vor den erſten der Bettler und ſah ihn an ohne etwas zu ſagen, wohl aber mit einem fragenden Blicke. „Agen, ſagte dieſer mit einer Verbehgung. „Wie viel?“ fragte der Koͤnig. „Fuͤnfhundert.“* „Cahors.“ Und eruberreichte ihm das halbe Gold⸗ ſtuͤck, worauf er ein anderes aus dem Beutel nahm. Der Bettler verbeugte ſich noch tiefer als das erſtemal und entfernte ſich. Ihm folgte ein anderer, der mit Demuth ſich verbeugte und dabei ſagte: „Auch.“ „Wie viele?“ „Dreihundert und funfzig.“ „Cahors,“ und er übergab ihm das zweite Stück wor⸗ auf er ein anderes aus dem Beutel nahm. Der zweite verſchwand wie der erſte. Ein dritter trat vor und verbeugte ſich. „Narbonne,“ ſagte dieſer.* „Wie viele?“ „Achthundert.“ „Cahors,“ und er ubergab ihm das dritte Stuͤck, wor⸗ auf er ein anderes aus dem Beutel nahm. „Montauban,“ ſagte ein vierter. 6* 76 „Wie viele?“ „Sechshundert.“ „Cahors.“ Kurz alle traten vor, verbeugten ſich, nannten einen Namen, empfingen die ſeltſame Gabe und nannten eine Zahl, deren Geſammtbetrag ſich auf 8000 belief. Jedem antwortete Heinrich: Cähors, ohne daß der Ton ſeiner Stimme bei dem Ausſprechen dieſes Wortes einmal ſich änderte.* Nach der Vertheilüng befand ſich kein halbes Gold⸗ ſtuͤck mehr in dem Beutel und kein Bettler im Hofe. „So,“ ſagte Heinrich. „Das iſt alles, Sire?“ „Ja, ich bin fertig.“ Chicot zog den Koͤnig am Aermel und begann: Si „Nun?“ „Iſt es mir erlaubt neugierig zu ſein?“ „Warum nicht? Die Nengi iſt etwas ſehr Na⸗ tüͤrliches.“ „Was ſagten dieſe Bettler zu Euch und was zum Teu⸗ fel antwortetet Ihr ihnen?“ Heinrich laͤchelte. „Es iſt wirklich Alles geheimnißvoll 2 „Meinſt Du?“ „Ja; ich habe nie in dieſer Art Almoſen geben ſehen.“ „Man macht es in Nerac ſo, lieber Chicot. Du kennſt ja das Sprichwort: jede Stadt hat ihre Art.“ „Eine praͤchtige Art, Sire!“ 77 „Sie iſt hoͤchſt einfach. Alle die Leute, die Du ſiehſt, ziehen im Lande umher, um Almoſen zu empfangen; jeder aber iſt aus einer andern Stadt.“ „Nun?“ „Damit ich nun nicht immer einem und demſelben gebe, nennen ſie mir den Namen ihrer Stadt; in dieſer Weiſe kann ich, wie Du leicht begreifen wirſt, lieber Chicot, meine Wohlthaten ganz gleich vertheilen und allen Ungluͤcklichen aller Städte meines Staates nützen.“ „Das erklaͤrt wohl den Namen der Stadt, welchen dieſe Leute Euch nennen; aber warum antwortet Ihr allen: Cahors?“ „Ah, entgegnete Heinrich mit wohl erheuchelter Ver⸗ wunderung,„ich habe Cahors geantwortet?“ „Allerdings; ich habe es genau gehoͤrt.“ „Seit wir von Cahors geſprochen, ſchwebt mir dieſes Wort immer auf der Zunge. Es iſt wie mit allen Dingen, die man wünſcht und nicht erlangen kann; man denkt im⸗ mer daran und ſpricht ſie unbewußt aus.“ „Hm!“ entgegnete Chicot indem er voll Mißtrauen nach der Seite hin ſah, wo die Bettler verſchwunden wa⸗ ren;„das iſt doch nicht ſo deutlich als ich es gewuͤnſcht habe, Sire und außerdem..“ „Noch etwas?“ „Die Zahlen, welche die Bettler ausſprachen und die zuſammen uͤber 8000 ausmachten?“ „Dieſe Zahlen konnte ich mir eben ſo wenig erklären als Du, Chicot, wenn die Bettler nicht etwa die Zahl 78 ihrer Genoſſen in ihrer Stadt angeben wollten, was ich fuͤr wahrſcheinlich halte.“ „Sire! Sire!“ „Nun komm aber zum Eſſen, Freund; der Geiſt wird viel heller, wenn der Magen befriediget iſt. Wir wollen bei Tiſche nachdenken und Du wirſt Dich überzeugen, daß meine Flaſchen voll, wenn auch meine Goldſtucke beſchnit⸗ ten ſind.“ Der Koͤnig pfiff einem Pagen und verlangte ſein Abend⸗ eſſen; dann nahm er vertraulich den Arm Chicots und ging mit ihm wieder in ſein Cabinet hinauf, wo das Abendeſſen aufgetragen war. Als er an den Gemächern der Konigin vorüber ging und kein Licht an den Fenſtern ſah, fragte er den Pagen: „Iſt Ihre Maj. die Koͤnigin nicht in ihrer Wohnung?“ „Ihre Maj., antwortete der Page,„iſt zu Fräulein von Montmorench gegangen, die ſehr krank ſein ſoll.“ „Ach, die arme Foſſeuſe!“ fiel Heinrich ein;„es iſt wahr, die Koͤnigin hat ein gutes Herz. Nun zum Eſſen⸗ Chicot, zum Eſſen!“ Achtes Kapitel. Die eigentliche Geliebte des Koͤnigs von Die Mahlzeit war eine ſehr heitere. Heinrich ſchien nichts mehr in den Gedanken und auf dem Herzen zu haben und wenn er ſich in dieſer Stimmung befand, war der Bearner ein vortrefflicher Geſellſchafter. 79 Chicot ließ ſo wenig als möglich von ſeiner Beſorgniß merken, in die ihn das Erſcheinen des ſpaniſchen Geſandten gebracht hatte und welche bei der Vertheilung des Goldes an die Bettler noch viel groͤßer geworden war. Heinrich hatte mit Chicot allein ſpeiſen wollen, denn ſchon in Paris hatte er eine beſondere Vorliebe fuͤr Chicot gehabt, wie ſie geiſtreiche Leute fuͤr einander haben und Chicot liebte den Koͤnig von Navarra auch ſehr, abgeſehen von dem ſpaniſchen Geſandten, den Bettlern und den be⸗ ſchnittenen Goldſtücken. Als Chicot ſah, daß der Konig andern Wein nahm und ſich in allem wie ein guter Tafelgaſt und Geſellſchafter benahm, nahm er ſich vor auf ſich zu achten und nichts zu vergeſſen, was der Bearner vielleicht ſpreche. Heinrich trank tüchtig und hatte eine Art ſeine Gäſte mit fortzureißen, welche Chicot nicht erlaubte, um mehr als ein Glas auf drei zuruͤck zu bleiben; aber Chicot hatte einen wahren Eiſenkopf, wie wir ſchon wiſſen. Heinrich von Navarra ſeiner Seits ſagte, er trinke alle vieſe Weine wie Waſſer, da ſie ſeine Landsleute wären. „Wie beneide ich Euch,“ ſagte Chicot zu dem Koͤnige, „und wie liebenswerth iſt Euer Herz, wie bluͤthenreich Euer Leben, Sire; wie viele gute Geſichter ſehe ich in dieſem guten Hauſe und welchen Reichthum in dem ſchoͤnen Lande der Gascogne!“ „Wenn meine Frau hier waͤre, lieber Chicot, wurde ich Dir nicht ſagen, was ich jetzt ſagen will; in ihrer Ab⸗ weſenheit aber kann ich Dir geſtehen, daß der ſchoͤnſte Theil meines Lebens der iſt, welchen Du nicht ſiehſt.“ 8⁰ „Man ſpricht ſchoͤne Dinge von Ew. Majeſtät, Sire.“ Heinrich tehnte ſich in ſeinem Stuhle zuruck und ſtrich ſich laͤchelnd den Bart. „Ja, ja, nicht wahr?“ ſagte er,„man ſagt, ich be⸗ herrſche mehr meine weiblichen als meine maͤnnlichen Un⸗ terthanen?“ „So iſt es, Sire, und doch wundert es mich.“ „Warum?“ „Weil Ihr viel von dem unruhigen Geiſte habt, i cher die Koͤnige groß macht.“ „Du irrſt Dich, Chicot,“ ſagte Heinrich,„ich bin eigentlich mehr träge als unruhig und mein ganzes Leben beweiſt es; wenn ich mich verliebe, iſt es immer in die nächſte Schoͤne und wenn ich trinken will, greife ich immer nach der nachſten Flaſche. Auf Dein Wohl, Chicot!“ „Sire, Ihr erzeigt mir große Ehre,“ antwortete Chi⸗ cot indem er ſein Glas bis auf den letzten Tropfen aus⸗ trank, denn der Koͤnig ſah ihn mit dem ſchlauen Blicke an, der bis in die innerſten Gedanken zu dringen ſchien. „Welche Streitigkeiten und Zaͤnkereien giebt es des⸗ halb auch in meinem Hauſe!“ fuhr der König fort indem er die Augen zum Himmel erhob. „Das kann ich mir erklaͤren; alle Ehrenfraulein der Koͤnigin verehren Euch, Sire.“ „Sie ſind meine Nachbarinnen, Chicot.“ „Daraus folgt, Sire, daß der Konig wohl nicht ſo ruhig leben koͤnnte wie jetzt, wenn Ihr in St. Denis wohn⸗ tet ſtatt in Nerac.“ —„ 8S 8 81 Heinrich wurde ernſthafter. „Der Koͤnig? Das ſagt nicht, Chicot,“ entgegnete Hein⸗ rich von Navarra.„Der Koͤnig? Haltet Ihr mich für einen Guiſen? Ich wuͤnſche mir allerdings Cahors, aber nur weil Cahors ganz in meiner Naͤhe liegt. Es iſt immer mein Syſtem, Chicot; ich bin ehrgeizig, aber nur ſo lange als ich ſitze; bin ich einmal aufgeſtanden, ſo wuͤnſche ich nichts mehr.“ „Ventre de biche, Sire,“ antwortete Chicot,„die⸗ ſes ehrgeizige Verlangen nach Dingen in der Naͤhe gleicht ſehr dem des Cäſar Borgia, der ſich ein Konigreich durch eine Stadt nach der andern erwarb und ſagte„Italien ſei eine Artiſchocke, die man Blatt fur Blatt eſſen muͤſſe.“ „Dieſer Cäſar Borgia war kein ſo ſchlechter Politiker, wie mir ſcheint, Freund Chicot,“ ſagte Heinrich. „Nein, aber ein ſehr gefährlicher Nachbar und ein ſehr ſchlechter Bruder.“ „Aber willſt Du mich, das Haupt der Hugenotten, mit dem Sohne eines Papſtes vergleichen? Wartet einen Au⸗ genblick, Herr Geſandter.“ „Sire, ich vergleiche Euch mit Niemandem.“ „Und warum dies?“ Weil ich glaube, daß der ſich irrt, welcher Euch mit einem andern als mit Euch ſelbſt vergleicht. Ihr ſeid ehr⸗ geizig, Sire.“ „Welche Seltſamkeit!“ entgegnete der Bearner.„Der Mann will mich durchaus zwingen etwas zu wünſchen.“ „Gott bewahre mich, Sire; im Gegentheil, ich wuͤnſche von ganzem Herzen, daß Ew. Maj. nichts wuͤnſchen moge.“ 82 „Chicot,“ fiel der Konig ein,„es ruft Euch nichts nach Paris zuruck, nicht wahr?“ „Nichts, Sire.“ „So koͤnnt Ihr einige Tage bei mir bleiben.“ „Wenn Ew. Maj. mir die Ehre erzeigt, meine Ge⸗ ſellſchaft zu wunſchen, ſo bleibe ich mit Vergnugen acht Tage.“ „Acht Tage? Nun wohl; binnen acht Tagen werdet Ihr mich ſo genau haben kennen lernen wie einen Bruder. Laßt uns trinken, Chicot.“ „Ich habe keinen Durſt mehr, Sire, antwortete Chi⸗ cot, welcher es aufzugeben anfing, den Koͤnig betrunken machen zu können. „So verlaſſe ich Dich,“ ſagte Heinrich;„der Menſch darf nicht bei Tiſche bleiben, wenn er nichts da thut. Laß uns trinken, ſage ich.“ „Warum, Sire?“ „Damit wir beſſer ſchlafen. Dieſer Landwein erzeugt einen füßen Schlaf. Liebſt Du die Jagd, Chicot?“ „Nicht eben ſehr, Sire und Ihr?“ „Leidenſchaftlich, ſeit meinem Aufenthalte am hofe des Koͤnigs Karls IX.“ „Warum erzeigt mir Ew. Maj. die Ehre mich zu fra⸗ gen, ob ich die Jagd liebe?“ fragte Chicot. „Weil ich morgen jage und Dich mit mir nehmen moͤchte.“ „Sire, das wäre eine große Ehre, aber..“ „Sei unbeſorgt, Freund,; dieſe Jagd muß das Auge und das Herz jedes Soldaten erfreuen. Ich bin ein guter da 83 Jäger, Chicot, und es liegt mir daran, daß Du meine Vorzuge kennen lerneſt. Du willſt mich doch kennen lernen, nicht wahr?“ „Ventre de biche, Sire, das iſt, ich geſtehe es, einer meiner groͤßten Wuͤnſche.“ „Nun es iſt dies eine Seite, von der Du mich noch gar nicht kennſt.“ „Sire, ich werde alles thun, was dem Koͤnige gefällt.“ „Gut, abgemacht.. Da kommt aber ein Page; man ſtört uns.“ „Wahrſcheinlich etwas Wichtiges, Sire.“ „Etwas Wichtiges? Für mich? Wenn ich bei Tiſche bin? Es iſt merkwurdig, daß der gute Chicot immer an dem franzöſiſchen Hofe zu ſein glaubt. Chicot, merke Dir vor allem, daß man in Nerac..“ „Nun, Sire?“ „Sich niederlegt, wenn man gut gegeſſen hat.“ „Aber der Page?“ „Kann er nicht auch etwas anderes als Geſchäftliches zu melden haben?“ „Ich verſtehe, Sire und werde mich zur Ruhe begeben.“ Chicot ſtand auf, der Koͤnig that daſſelbe und nahm den Arm ſeines Gaſtes. Dieſe Eile ihn fortzubringen kam Chicot verdächtig vor, da ihm ſeit der Ankunft des ſpaniſchen Geſandten alles verdächtig vorzukommen anfing. Er nahm ſich alſo vor, das Cabinet ſo ſpaͤt als möglich zu verlaſſen. „Oho!“ ſagte er wankend,„es iſt doch wunderbar.“ Der Bearner laͤchelte. 84 „Was iſt wunderbar?“ „Ventre de biche, es dreht ſich alles mit mir. So lange ich ſaß, ging alles ganz gut, aber ſeit ich aufgeſtan⸗ den bin..“ „Ach,“ antwortete Heinrich,„wir haben ja von dem Weine nur genippt.“ „Das nennt Ihr nippen, Sire? Bravo! Ihr ſeid ein tuͤchtiger Zecher und ich bringe Euch als meinem Herrn und Meiſter meine Huldigung dar. Das alſo nennt Ihr nippen?“ „Chicot,“ ſagte der Bearner, der ſich durch einen der ihm eigenen ſchlauen Blicke zu uberzeugen ſuchte, ob Chicot wirklich betrunken ſei oder ſich nur ſo ſtelle,„Chicot, ich glaube Du kannſt jetzt nichts Beſſeres thun als Dich in das Bett legen.“ „Ja, Sire, gute Nacht, Sire.“ „Gute Nacht, Chicot; auf Morgen!“ „Ja, Sire, morgen und Ew. Maj. hat Recht, Chicot kann nichts Beſſeres thun als ſich in das Bett legen. Gute Nacht, Sire.“ Und Chicot legte ſich auf den Fußboden nieder. Heinrich ſah als er dies bemerkte nach der Thuͤr zu, Chicot aber bemerkte dieſen Blick, ſo flüchtig er auch war; dann trat Heinrich zu Chicot und ſagte: „Du biſt ſo betrunken, armer Chicot, daß Du die Decke auf meinem Fußboden für Deine Bettdecke haͤltſt.“ „Chicot iſt Soldat, Sire, Chieot ſieht da nicht ſo ge⸗ nau hin.“ „Bemerkſt Du Lenn nicht etwas?“ — be m rn r er ot ch 8 ot te en 85⁵ „Was denn?“ „Daß ich Jemanden erwarte?“ „Zum Abendeſſen? Gut, wir wollen eſſen.“ Und Chicot ſtrengte ſich an wieder aufzuſtehen. „Ventre saint gris!“ rief Heinrich aus;„da Du plotzlich betrunken wirſt, ſo geh; Du ſiehſt doch, daß ſie un⸗ geduldig wird.“ „Sie?“ fragte Chicot;„wer ſie?“ „Die Dame, welche ich erwarte und die an der Thuͤr da ſteht.“ „Eine Dame? Guter Heinrich, warum ſagteſt Du das nicht gleich? Verzeiht,“ ſetzte er dann hinzu,„ich glaubte, ich glaubte mit dem Koͤnige von Frankreich zu ſprechen. Dieſer gute Heinrich hat mich verwoͤhnt, ſeht Ihr. Warum ſagtet Ihr mir das nicht, Sire? Ich gehe ſogleich.“ „Du biſt ein ächter Edelmann, Chicot. So, ſtehe auf und geh, denn es erwartet mich eine ſchoͤne Nacht, verſtehſt Du? Eine lange Nacht..“ Chicot ſtand auf und wankte nach der Thuͤr zu. „Lebt wohl, Sire, eine gute Nacht,. eine gute Nacht!“ „Lebe wohl, lieber Freund und ſchlafe gut.“ „Ihr auch, Sire.“ „St!“ ſetzte der König hinzu und eröffnete die Thür. „Du wirſt den Pagen in der Galerie finden, der Dir Dein Zimmer zeigt.“ „Ich danke, Sire.“ Und Chicot ſchritt hinaus nachdem er ſich ſo tief ver⸗ beugt hatte als es ein Trunkener vermag. 85 Sobald aber die Thuͤr hinter ihm wieder geſchloſſen war, verſchwand jede Spur von Trunkenheit; er that drei Schritte vorwärts, dann kehrte er plotzlich um und legte das Auge an das große Schloß. Heinrich war bereits beſchäftiget die Thuͤr der Unbe⸗ kannten zu öffnen, welche Chicot, neugierig wie ein Ge⸗ ſandter, durchaus kennen lernen wollte. Statt einer Frau ſah er einen Mann eintreten. Und als dieſer Mann ſeinen Hut abgenommen hatte, erkannte Chicot das edele ernſte Geſicht Dupelſſis⸗Mor⸗ nays, des ſtrengen und wachſamen Rathes Heinrichs von Navarra. „Der Teufel!“ dachte Chicot,„der wird unſerm Ver⸗ liebten gewiß noch hinderlicher ſein als ich es war.“ Aber das Geſicht Heinrichs druͤckte bei dem Eintreten jenes Mannes nur Freude aus; er reichte ihm die Haͤnde, ſchob den Tiſch mit Verachtung zuruͤck und winkte Mornay ſo eifrig Platz zu nehmen wie es ein Liebhaber bei An⸗ näherung ſeiner Geliebten haͤtte thun koͤnnen. Er ſchien begierig zu ſein die erſten Worte zu verneh⸗ men, welche der Rath ausſprechen wuͤrde; mit einemmale aber und ehe Mornay noch geſprochen hatte, ſtand er auf, winkte jenem zu warten, ging an die Thuͤr und ſchob mit einer Vorſicht, welche Chicot viel zu denken gab, die Riegel vor. Dann wendete er ſeinen gluͤhenden Blick auf Karten, Pläne und Briefe, welche ihm der Miniſter nach einander vorlegte. Der Konig zundete andere Kerzen an und fing an zu ſchreiben und auf die Landkarten zu zeigen. * e, r⸗ f, 87 „Oho,“ dachte Chicot,„das alſo iſt die ſchöne Nacht des Koͤnigs von Navarra? Ventre de biche, wenn ſie alle dieſer gleichen, wird Heinrich von Valois wohl bald einige ſchlechte haben.“ In dieſem Augenblicke hoͤrte er hinter ſich gehen; es war der Page, welcher in der Galerie auf die Befehle des Koͤnigs wartete. um nicht uberraſcht zu werden, wenn er noch länger horche, richtete ſich der kluge Chicot empor und fragte den Knaben nach ſeinem Zimmer. Es hatte uͤbrigens auch nichts mehr zu erfahren; das Eintreten Mornays hatte ihm genug geſagt. „Kommt mit mir, wenn es Euch beliebt,“ ſagte der Page Aubiac;„ich habe den Auftrag Euch in Euer Zim⸗ mer zu geleiten.“ Und er fuͤhrte Chicot in das zweite Stockwerk, wo eine Wohnung für ihn bereit gemacht war. Fur Chicot gab es keinen Zweifel mehr; er kannte die Haͤlfte der Buchſtaben, weſche das Räthſel loſeten, das der Koͤnig von Navarra hieß. Statt einzuſchlafen, ſaß er des⸗ halb nachdenkend auf ſeinem Bette, waͤhrend der Mond ſein bläuliches Licht auf den Fluß und die Wieſen ausgoß. „Heinrich iſt ein aͤchter Koͤnig,“ ſagte Chicot finſter vor ſich hin;„Heinrich conſpirirt; dieſer ganze Palaſt, ſein Park, die ihn umgebende Stadt und die Provinz um die Stadt her, iſt ein Heerd der Verſchwörung; alle Frauen beſchaͤftigen ſich mit der Liebe, aber mit der poli⸗ tiſchen und alle Männer ſuchen ſich eine Zukunft zu ſchaffen. Heinrich iſt ſchlau; ſein Verſtand grenzt an Genie. Er ſteht 88 im Einverſtändniß mit Spanien, dem Lande des Betrugs. Wer weiß, ob nicht die ſo edele Antwort, welche er dem Geſandten gab, das Gegentheil von dem iſt was er denkt, ja ob er nicht durch Augenblinzeln oder durch irgend ein vorher verabredetes Zeichen, das mir entgangen iſt, eine andere Antwort gab? Heinrich unterhaͤlt Spione, beſoldet ſie oder laͤßt ſie durch irgend Jemanden beſolden. Jene Bettler waren nichts mehr und nichts weniger als verklei⸗ dete Edelleute. Ihre ſo kunſtlich beſchnittenen Goldſtuͤcke ſollen als Erkennungszeichen dienen. Heinrich ſtellt ſich verliebt und leichtſinnig und während man glaubt, er be⸗ ſchaͤftige ſich mit Liebeleien, arbeitet er in der Nacht mit Mornay, der nie ſchlaͤft und die Liebe nicht kennt. Das hatte ich zu ſehen; das habe ich geſehen. Die Koͤnigin Margarethe hat Liebhaber, der Koͤnig weiß es; er kennt und duldet ſie, weil er die Liebhaber oder die Frau oder beide noch braucht. Da er kein Kriegsmann iſt, muß erſich wohl mit Feldherrn unterhalten und da er nicht viel Geld beſitzt, muß er ihnen die Munze wählen laſſen, mit der ſie bezahlt ſein wollen. Heinrich von Valois ſagte mir, er ſchlafe nicht, ventre de biche, er thut wohl daran. Ein Gluͤck iſt es nur, daß dieſer treuloſe Heinrich ein braver Edelmann iſt, dem Gott Intriguengeiſt gab, aber auch die Kraft etwas anzufangen. Heinrich furchtet ſich, ſagt man, vor Schuͤſſen und als er in ſeiner Jugend zu den Armeen gefuͤhrt wurde, konnte er, wie man ſich erzählt, keine Vier⸗ telſtunde auf dem Pferde ſitzen, zum Gluͤck, denn wenn in unſern Zeiten ein ſolcher Mann neben dem Intrignengeiſte auch den kräftigen Arm beſäße, wuͤrde er der Konig der 1 te 89 Welt ſein. Wir haben wohl den Guiſe und dieſer beſitzt beide Eigenſchaften, den Arm und den Intriguengeiſt; aber er ſteht im Nachtheile, weil man ihn als tapfern und ge⸗ ſchickten Mann kennt, während dem Bearner Niemand et⸗ was zutraut. Ich allein habe ihn durchſchaut.“ Und Chicot rieb ſich die Hande. „Nun, fuhr er fort,„da ich ihn errathen, habe ich nichts mehr hier zu thun; während er arbeitet oder ſchlaͤft, werde ich mich alſo ſtill aus der Stadt ſchleichen. Ich glaube nicht, daß es viele Geſandte giebt, die ſich rühmen konnen, in einem Tage ihren ganzen Auftrag ausgeführt zu haben, wie ich es gethan habe. Ich werde alſo Nerac verlaſſen und wenn ich die Stadt erſt hinter mir habe, bis nach Frankreich in Galopp reiten.“ Nachdem er dies geſagt hatte, ſchnallte er die Sporen wieder an, welche er abgelegt als er ſich auf den Weg zu dem Koͤnige gemacht hatte. Neuntes Kapitel. Von der Verwunderung Chicots, daß er in der Stadt Nerae ſo bekannt ſei. Nachdem Chiecot ſich entſchloſſen hatte, den Hof des Koͤnigs von Navarra incognito zu verlaſſen, fing er auch ſofort an einzupacken. Er packte aber ſo wenig als moglich ein, weil er den Grundſatz hatte, man komme um ſo ſchnel⸗ ler weiter, je leichter man ſei. Sein Degen war denn auch der ſchwerſte Theil des Gepäckes, das er mit ſich nahm. Die Fuͤnfundvierzig. M. 7 90 „Wie viel Zeit gehort wohl dazu,“fragte ſich Chicot, während er ſein Buͤndel ſchnurte,„um dem Koͤnige die Nachricht von dem zu uͤberbringen, was ich geſehen habe und was ich folglich fürchte? Zwei Tage bis ich zu einer Stadt gelange, von welcher ein guter Gouverneur Courriere abſchicken kann. Dieſe Stadt magz. B. Cahors ſein, jenes Cahors, von dem der Koͤnig von Navarra ſoviel ſpricht und das ihn mit Recht ſoviel beſchaͤftiget. Bin ich einmal dort, ſo werde ich ausruhen koͤnnen, denn die Kraft des Men⸗ ſchen hat doch ein gewiſſes Maß. In Cahors alſo werde ich ausruhen und die Pferde mogen für mich laufen. Bis dahin, Freund Chicot, gute Beine, Leichtigkeit und kaltes Blut! Du glaubteſt Deinen ganzen Auftrag vollzogen zu haben, Tropf; Du biſt aber kaum bis zur Haͤlfte gelangt.“ Als Chicot dies geſagt hatte, loͤſchte er ſein Licht aus, offnete ſo leiſe und geraͤuſchlos als moglich die Thuͤr und tappte hinaus. Er war ein geſchickter Strategiker und hatte deshalb als er dem Pagen gefolgt war, nach rechts und links, vor ſich und hinter ſich geſehen und alle Oertlichkeiten beob⸗ achtet,— ein Vorzimmer, ein Corridor, eine Treppe und unten an dieſer Treppe der Hof. Kaum aber hatte Chicot vier Schritte in dem Vor⸗ zimmer gethan als er an etwas ſtieß, das ſich ſofort auf⸗ richtete. Dieſes Etwas war ein Page, der auf einer Matte vor dem Zimmer ſchlief, aufwachte und ſagte: „Guten Abend, Herr Chicot, guten Abend.“ Chicot erkannte Aubiac. 91 „Guten Abend, junger Herr Hantwortete er;„tretet etwas bei Seite, ich mochte ſpazieren gehen.“ „Es iſt verboten, Herr Chicot, in der Nacht im Schloße umhergehen.“. „Warum das?“ „Weil ſich der Koͤnig vor Dieben und die Konigin vor Galanen furchtet.“ „Der Teufel!“ „Nur Diebe und Liebhaber gehen in der Nacht umher ſtatt zu ſchlafen.“ „Gleichwohl, mein werther junger Freund,“ ſagte Chicot mit ſeinem freundlichſten Lächeln,„bin ich weder das eine noch das andere, ich bin Geſandter und ein recht angegriffener, weil ich mit der Koͤnigin Lateiniſch geſpro⸗ chen und mit dem Koͤnige zu Abend geſpeiſet habe, denn die Konigin iſt eine tüchtige Lateinerin und der König ein tͤchtiger Zecher; laſſet mich alſo hinaus, lieber Freund, denn ich wünſche ſehr ſpazieren zu gehen.“ „In der Stadt, Herr Chicot?“ „Nein, im Garten.“ „Im Garten ſpazieren zu gehen iſt noch ſtrenger ver⸗ boten als in der Stadt.“ „Mein kleiner Freund, entgegnete Chicot,„ich habe Euch das Compliment zu machen, daß Ihr fuͤr Euer Alter ſehr wachſam ſeid.. Habt Ihr denn keine Beſchaͤftigung?“ „Nein.“ „Ihr ſpielt alſo nicht und ſeid auch nicht verliebt?“ „Zum Spielen braucht man Geld, Herr Chicot, und wer verliebt iſt, muß eine Geliebte haben.“ 92 „Sehr richtig,“ antwortete Chicot, der in ſeiner Taſche ſuchte. Der Page ſah ihm zu. „Denkt nur recht nach, lieber junger Freund,“ fuhr er fort,„ich wette, daß Ihr irgend ein reizendes Maͤdchen. findet, dem Ihr damit viele Baͤnder kaufen moget.“ Und Chicot ließ in die Hand des Pagen zehn Piſtolen fallen, die nicht beſchnitten waren wie die des Bearners. „Ach geht, Herr Chicot,“ ſagte der Page,„man ſieht wohl, daß Ihr von dem franzoͤſiſchen Hofe kommt; Ihr wißt Euch ſo zu benehmen, daß man Euch nichts abſchlagen kann; verlaßt alſo Euer Zimmer, aber macht kein Ge⸗ räuſch.“ Chicot ließ ſich dies nicht zweimal ſagen, ſchluͤpfte wie ein Schatten in dem Corridor hin und von dem Corridor auf die Treppe; unten aber traf er einen Officier, der auf einem Stuhle ſchlief. Dieſer Mann verſchloß die Thuͤr ſeinen Korper; der Verſuch, uͤber ihn hinwegzuſchreiten, wuͤrde Thorheit geweſen ſein. „Kleiner Spitzbube von Pagen,“ murmelte Chieot, „Du wußteſt das und haſt es mir nicht geſagt.“ um das Unglück voll zu machen, ſchien der Officier einen ſehr leiſen Schlaf zu haben; er bewegte, wie krampf⸗ haft, bald einen Arm, bald einen Fuß; einmal ſtreckte er ſogar einen Arm wie Jemand aus, der eben erwachen will. Chicot ſah ſich um, ob es nicht einen Ausgang gebe, „ 3 durch den er mit Hilfe ſeiner langen Beine und feſten Arme hinausgelangen koͤnnte, ohne durch die Thuͤr zu gehen. Endlich bemerkte er auch was er ſuchte, nämlich ein Bogenfenſter, das offen geblieben war, entweder um Luft einzulaſſen, oder weil der Koͤnig von Navarra als ſehr ſorgloſer Beſitzer es nicht fuͤr noͤthig gehalten hatte, Schei⸗ ben einziehen zu laſſen. Chicot pruͤfte die Wand mit den Fingern, berechnete fuͤhlend jeden Raum zwiſchen den Vorſpruͤngen und be⸗ diente ſich derſelben als Staffeln, um den Fuß darauf zu ſtellen. Endlich zog er ſich empor— der Leſer kennt ſchon ſeine Gelenkigkeit und ſeine Leichtigkeit— ohne mehr Ge⸗ raͤuſch zu machen als etwa ein Blatt, das der Herbſtwind an der Wand herunter getrieben haͤtte. Aber das Fenſter war unverhaͤltnißmäßig conver, ſo daß die Ellipſe jener des Bauches und der Achſeln Chicot's nicht entſprach und die Achſeln, ob ſie gleich gefuͤgig wie die einer Katze waren und der Bauch ganz fehlte, ſich in das Fleiſch hineindruͤcken mußten, um weniger Raum ein⸗ zunehmen. Die Folge davon war, daß Chicot, als er den Kopf und eine Achſel hindurch geſteckt und den Fuß von dem Vor⸗ ſprunge weggenommen hatte, zwiſchen Himmel und Erde hing und weder vorwärts noch ruͤckwaͤrts konnte. Er begann nun allerlei Anſtrengungen und die erſte Folge davon war, daß er ſich das Wamms zerriß und die Haut verletzte. Noch ſchwieriger machte ſeine Lage der Degen, deſſen 94 Griff nicht hindurch wollte und wie ein Haken wirkte, der Chicot zuruͤckhielt. Er nahm ſeine ganze Kraft, ſeine ganze Gewandtheit zuſammen, um den Haken ſeiner Koppel aufzumachen, aber gerade auf dieſen Haken druͤckte eben ſeine Bruſt. Er mußte es anders anfangen. Es gelang ihm, ſeinen rech⸗ ten Arm hinten auf den Ruͤcken zu bringen und den Degen aus der Scheide zu ziehen; als dieſer heraus war, wurde es leichter, einen Raum zu finden, durch den der Griff ge⸗ ſteckt werden konnte. Der Degen fſiel alſo zuerſt auf die Steine unten und Chicot, der wie ein Aal durch das Loch ſchluͤpfte, folgte ihm. Dieſer Kampf hatte nicht ganz ohne Geraͤuſch erfolgen koͤnnen und als Chicot ſich wieder aufrichtete, ſtand er vor einem Soldaten. „Mein Gott, habt Ihr Schaden genommen, Herr Chicot?“ fragte ihn der Soldat, indem er ihm die Helle⸗ barde als Stutze hinhielt. „Noch Einer!“ dachte Chicot; da ihm aber der Mann ſo freundliche Theilnahme zeigte, antwortete er: „Nein, guter Freund, gar keinen.“ „Das iſt ein Gluͤck,“ fuhr der Soldat fort;„ich mochte den ſehen, der es Euch nachmachte, ohne den Hals zu bre⸗ chen; das konntet wirklich nur Ihr thun, Herr Chicot.“ „Aber woher, zum Teufel! kennſt Du meinen Na⸗ men?“ fragte Chicot verwundert, indem er vorbeizugehen ſuchte.* „Ich kenne ihn, weil ich Euch heute im Palaſte geſehen und gefragt habe: Wer iſt der Herr, der mit 95 dem Koͤnige ſpricht?— Herr Chicot, erhielt ich zur Ant⸗ wort. Daher kenne ich Euren Namen.“ „Artiger kann man nicht ſein,“ ſagte Chicot,„da ich aber große Eile habe, guter Freund, ſo wirſt Du mir er⸗ lauben..“ „Was, Herr Chicot?“ „Daß ich Dich verlaſſe und meinen Geſchaͤften nach⸗ gehe.“ „Man verlaͤßt den Palaſt in der Nacht nicht.“ „Du ſiehſt ja, daß man ihn verläßt, weil ich ihn ver⸗ laſſen habe.“ „Das iſt ein Grund, ich weiß es wohl, aber.. „Aber?“ werdet wieder hineingehen, Herr Chicot.“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Wenigſtens nicht auf dem Wege, auf dem ich heraus⸗ gekommen bin; der iſt mir zu beſchwerlich.“ „Wenn ich Officier wäre, ſtatt gemeiner Soldat zu ſein, wurde ich Euch fragen, warum Ihr auf dieſem Wege herausgekommen ſeid aber mich geht das nichts an; meine Sache iſt es, daß Ihr wieder hineingehet. Gehet alſo hin⸗ ein, Herr Chicot, ich bitte Euch darum.“ Und der Soldat legte in ſeine Bitte einen ſo ein⸗ dringlichen Ton, daß ſich Chicot gerührt fuhlte. Er griff alſo in ſeine Taſche und nahm wiederum zehn Piſtolen heraus. „Du biſt zu verſtändig, lieber Freund,“ ſagte er zu ihm,„als daß Du nicht einſehen ſollteſt, wie ich meinen 96 Anzug ganz zerreißen wuͤrde, wenn ich auf dieſem Wege zurückkehrte, da ich ihn auf dem Herauswege ſchon arg mit⸗ genommen habe, und wie ich nackt erſcheinen müßte, was doch unanſtändig an einem Hofe wäre, wo es ſo viele junge und ſchöne Frauen giebt. Laß mich alſo zu einem Schnei⸗ der gehen, guter Freund.“ Und er druckte ihm die zehn Piſtolen in die Hand. „So geht ſchnell, Herr Chicot, geht ſchnell,“ ſagte der Soldat und er ſteckte das Geld ein. Chicot befand ſich auf der Straße und ſuchte ſich zurecht zu finden. Er war durch die Stadt gekommen, als er ſich in den Palaſt begab; er mußte alſo dem entgegengeſetzten Wege folgen, da er durch das entgegengeſetzte Thor hinaus wollte. Die Nacht war hell und wolkenlos, einer Flucht alſo nicht eben günſtig. Chicot wuͤnſchte ſeine ſchönen trüben franzoſiſchen Nachte herbei, in denen man zu jetziger Zeit in den Straßen von Paris bis vier Schritte an Jemanden treten konnte, ohne ihn zu ſehen. Außerdem hallten ſeine eiſenbeſchlagenen Schuhe auf dem ſpitzigen Steinpflaſter wieder wie Hufeiſen. Der ungluckliche Geſandte war kaum um die nächſte Straßenecke herum gegangen, als er auf eine Patrouille traf. Er blieb freiwillig ſtehen, weil er meinte, er wuͤrde ſich verdaͤchtig machen, wenn er ſich zu verſtecken ſuchte. „Ah, guten Abend, Herr Chicot,“ ſagte der Fuͤhrer der Patrouille, indem er ihn mit dem Degen begrüßte, e 8 E i⸗ — 97 „ſollen wir Euch in den Palaſt zuruͤckgeleiten? Ihr ſcheint Euch verirrt zu haben und den rechten Weg zu ſuchen.“ „Kennt mich denn Jedermann hier?“ murmelte Chicot, „das iſt ſeltſam.“ Dann ſagte er laut und ſo unbefangen als moͤglich:„Nein, Ihr irrt Euch; ich gehe nicht in den Palaſt.“ „Daran thut Ihr Unrecht, Herr Chicot,“ antwortete der Offieier ernſt. „Warum?“ „Weil ein ſehr ſtrenges Ediet den Bewohnern von Rerae verbietet, außer in den dringendſten Fällen, ohne Erlaub⸗ niß und ohne Laterne auszugehen.“ „Entſchuldiget,“ entgegnete Chicot,„aber mich kann das Edict nicht beruͤhren.“ „Warum nicht?“ „Weil ich nicht von Nerae bin.“ „Aber Ihr ſeid in Nerac. Bewohner von Nerac iſt Jeder, der eben in Nerac iſt. Ihr werdet nicht leugnen, daß Ihr in Nerae ſeid, weil man Euch in den Straßen der Stadt trifft.“ „Ihr ſchließt ſehr richtig, ich habe aber leider große Eile. Uebertretet alſo einmal Eure Weiſung und laſſet mich weiter gehen.“ „Ihr werdet Euch verirren, Herr Chicot. Nerae iſt eine Stadt mit ſehr krummen Gaſſen. Ihr koͤnntet in ein Loch fallen und muͤßt durchaus einen Führer haben. Erlaubt, daß drei meiner Leute Euch nach Palaſte begleiten.“ „Ich gehe ja nicht nach dem Palaſte, ſage ich.“ 98 4 „Wohin gehet Ihr ſonſt?“ „Ich kann meiſt nicht ſchlafen und deshalb gehe ich in der Nacht ſpazieren. Nerae iſt eine ſehr huͤbſche Stadt, wie es ſcheint; ich will ſie alſo beſehen, kennen lernen.“ „Man wird Euch uberall hinfuͤhren, wohin Ihr gehen wollt, Herr Chicot. Heda, drei Mann!“ „Ich bitte Euch, nehmt mir das Maleriſche meines Spazierganges nicht; ich gehe am liebſten allein.“ „Ihr werdet von Dieben und Moͤrdern angefallen wer⸗ den.“ „Ich habe meinen Degen.“ „Das iſt wahr, den hatte ich nicht geſehen; dann wer⸗ det Ihr verhaftet werden, weil Ihr Waffen tragt.“ Chicot ſah ein, daß es nicht moglich ſei, durch Worte aus der Verlegenheit ſich zu ziehen; er nahm den Officier bei Seite. „Ihr ſeid jung und hubſch,“ ſagte er,„Ihr wiſſet, daß die Liebe eine ſtrenge Gebieterin iſt.“ „Ohne Zweifel, Herr Chicot.“ „Nun, mich treibt die Liebe.. Ich muß eine gewiſſe Dame beſuchen.“ „Wo?“ „In einer gewiſſen Straße.“ „Iſt ſie jung?“ „Dreiundzwanzig Jahre alt.“ „Schoͤn?“ „Wie die Liebesgoͤtter.“ „Ich wuͤnſche Euch Gluck, Herr Chicot.“ „Ihr werdet mich alſo voruͤber laſſen?“ ſi — 99 „Nun, es ſcheint ſehr dringend zu ſein.“ „Ja, es iſt ſehr dringend.“ „So geht.“ „Aber allein, nicht wahr?“ „Geht nur, Herr Chicot, geht.“ „Aber ſagt mir noch, woher Ihr mich kennet.“ „Ich habe Euch im Palaſte bei dem Koͤnige ge⸗ ſehen.“ „Das hat man von den kleinen Städten!“ dachte Chicot.„Wenn ich in Paris ſo bekannt waͤre wie hier, wie oft wuͤrde mir die zerloͤchert worden ſein ſtatt des Wammſes.“ Und er druͤckte die Hand des jungen Offieiers, der ihn noch fragte: „Nach welcher Gegend geht Ihr?“ „Nach dem Thor von Agen.“ „Verirret Euch nur nicht.“ „Bin ich nicht auf dem rechten Wege?“ „Allerdings, geht nur immer gerade aus; beſonders wuͤnſche ich, daß Euch nichts Schlimmes begegne.“ Und Chicot machte ſich raſch und vergnuͤgt auf die Beine. Kaum aber war er hundert Schritte gegangen, als er auf die Scharwache ſtieß. „Mein Gott, iſt dieſe Stadt gut bewacht!“ dachte Chieot. „Hier darf Niemand vorbei!“ rief ihn der Polizei⸗ lieutenant an. „Aber, Herr, ich moͤchte.entgegnete Chicot. „Ah, Herr Chicot, Ihr ſeid es. Wie kommt Ihr in ſo kalter Witterung auf die Straße?“ „Es muß eine Wette ſein,“ dachte Chicot bei ſich, der ſich verbeugte und weiter gehen wollte. „Herr Chicot, ſehet Euch vor,“ rief ihm der Führer der Scharwache zu. „Vor was?“ „Ihr irrt Euch im Wege, denn Ihr geht ja nach dem Thore zu.“ „Das will ich auch. „Dann muß ich Euch anhalten, Herr Chicot.“ „Tretet naͤher zu mir, werther Herr, damit Eure Sol⸗ daten nicht hoͤren, was wir reden.“ Es geſchah alſo. „Der Koͤnig,“ fuhr dann Chicot fort,„hat mir einen Auftrag an den Lieutenant im Thore von Agen gegeben.— Ihr wundert Euch daruͤber?“ „Allerdings.“ „Ihr ſolltet Euch nicht wundern, da Ihr mich kennt.“ „Ich kenne Euch, weil ich Euch im Palaſte bei dem Koͤnige geſehen habe.“ Chicot ſtampfte mit dem Fuße, denn die Geduld verließ ihn allmaͤlig. „Das muß genügen und Euch beweiſen, daß ich das Vertrauen des Koͤnigs genieße.“ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel; ſo richtet den Auftrag des Koͤnigs aus, Herr Chicot, ich halte Euch nicht auf.“ „Es iſt drollig, aber allerliebſt,“dachte Chicot,„ich bleibe wohl unterwegs haͤngen, komme aber doch weiter. Ventre — m l⸗ 101 de biche! da iſt ein Thor; das muß das Agen's ſein. Nach fuͤnf Minuten bin ich draußen.“ Er kam wirklich an dieſem Thore an, an welchem die Schildwache mit dem Gewehr auf der Achſel hin und her ging. „Verzeiht, guter Freund,“ ſagte Chicot,„wollt Ihr wohl befehlen, daß man wir das Thor offne?“ „Ich befehle nicht, Herr Chieot,“ antwortete die Schild⸗ wache,„weil ich nur ein gemeiner Soldat bin.“ „Du kennſt mich auch?“ fragte Chicot außer ſich. „Ich habe die Ehre, Herr Chicot; ich hatte dieſen Tag die Wache im Palaſte und ſah Euch mit dem Koͤnige ſprechen.“ „Da Du mich kennſt, ſo magſt Du auch etwas er⸗ fahren.“ „Was?“ „Daß der Koͤnig mir einen wichtigen Auftrag für Agen gegeben hat; mache mir alſo das Thüͤrchen auf.“ „Ich wuͤrde das mit Vergnuͤgen thun, Herr Chicot, aber ich habe den Schluͤſſel nicht.“ „Wer hat ihn?“ „Der Wachcommandant.“ Chicot ſeufzete und fragte:„Wo iſt der Wacheomman⸗ dant?“ Der Soldat zog eine Klingel, welche den ſchlafenden Officier auf ſeinem Poſten weckte. „Was giebt's?“ fragte er, indem er den Kopf durch das Fenſterchen herausſteckte. . 102 — „Mein Herr Lieutenant, es verlangt ein Herr, daß man ihm das Thor aufſchließe.“ „Ah, Herr Chicot,“ fiel der Officier ein;„es thut mir leid, daß ich Euch warten ließ, verzeiht; ich komme ſogleich herunter.“ Chicot kauete an den Nägeln, denn er konnte ſeinen Zorn kaum niederhalten. „Werde ich denn Niemanden finden, der mich nicht kennt? Dieſes Nerae iſt ja eine Laterne und ich bin das Licht darin.“ Der Officier erſchien jetzt an dem Thore und Chicot ſagte: „Waͤret Ihr wohl ſo gefällig, mir das Thor zu öffnen? Ich kann leider nicht ſchlafen. Ihr wiſſet wahrſcheinlich auch, daß der Koͤnig mich kennt.“ „Ich ſah Euch heute mit Sr. Maj. ſprechen.“ „Das iſt moglich; aber gehoͤrt habt Ihr doch wohl nicht, was wir ſprachen.“ „Nein, Herr Chicot; ich ſage nur was ich weiß.“ „Ich auch. Der Koͤnig befahl mir, als er mit mir ſprach, dieſe Nacht einen Auftrag von ihm in Agen auszu⸗ richten und das iſt ja wohl das Thor nach Agen?“ „Ja, Herr Chicot.“ „Schließet es mir auf.“ Anthenas, mache ſchnell das Thor fuͤr Herrn Chicot auf.“ Chicot machte große Augen und athmete tief wie ein Taucher, der nach fuͤnf Minuten aus dem ſe empor⸗ kommt. —— —— N aß tir ich en ht as 7 103 Das Thor knarrte in den Angeln, das Thor des Para⸗ dieſes fuͤr den armen Chicot, der hinter demſelben alle Frenden der Freiheit ſah. Er gruͤßte den Officier herzlich und ſchritt in der Thor⸗ woͤlbung fort. Verzeiht,“ rief ihm der Officier zu, indem er ihm nach⸗ kam,„ich vergaß, Herr Chicot, Euch nach Eurem Paſſe zu fragen.“ „Nach meinem Paſſe?“ „Ihr koͤnnt Euch denken, daß man aus einer Stadt wie Nerae nicht ohne koͤniglichen Paß hinausgeht, beſonders wenn der Koͤnig ſelbſt da iſt.“ „Und wer muß dieſen Paß unterzeichnet haben?“ „Der Koͤnig ſelbſt und da der Koͤnig Euch hinaus⸗ ſchickt, wird er auch nicht vergeſſen haben, Euch einen Paß zu geben.“ „Zweifelt Ihr, daß mich der Koͤnig ſchicke?“ fragte Chicot mit blitzendem Auge, denn er ſah ſich auf dem Punkte zu ſcheitern und der Zorn gab ihm den ſchlimmen Gedanken ein, den Officier und den Thorwaͤrter zu todten und durch das offene Thor auf die Gefahr hin zu entfliehen, von hundert Schuͤſſen verfolgt zu werden. „Ich zweifle an nichts, Herr Chicot, beſonders an den Dingen nicht, die Ihr mir erzaͤhlt; aber bedenkt, daß, wenn der Koͤnig Euch dieſen Auftrag gegeben hat..“ „Perſoͤnlich, perſoͤnlich.“ „So weiß auch Se. Maj., daß Ihr durch das Thor gehen ſolltet..“ „Ventre de biche! natuͤrlich weiß er das.“ 104 „So werde ich morgen fruͤh dem Herrn Gouverneur eine Ausgangskarte zu übergeben haben.“ „Wer iſt der Gouverneur der Stadt?“ „Herr von Mornay, der keinen Scherz verſteht, Herr Chicot, das werdet Ihr wiſſen, und der mich empfindlich ſtrafen wurde, wenn ich gegen eine Ordre handelte.“ Chicot faßte mit boͤswilligem Lächeln an ſeinen Degen⸗ griff; dabei drehete er ſich aber um und bemerkte, daß im Thore eine von außen kommende Runde ſtand, welche ihm das Hinauskommen unmoglich gemacht haben wuͤrde, wenn er auch den Officier, die Schildwache und den Thorwaͤrter umgebracht haͤtte. „Nun,“ dachte Chicot ſeufzend bei ſich,„es iſt gut ge⸗ ſpielt; ich bin ein Tropf und habe verloren.“ „Soll man Euch zurückbegleiten, Herr Chicot?“ fragte der Officier. „Es iſt nicht noͤthig, ich danke,“ antwortete Chicot, der wirklich nach dem Schloſſe zurückging, aber noch nicht am Ende ſeiner Leiden war.* Er traf auf den Fuͤhrer der Scharwache, der zu ihm ſagte: „Seht da, Herr Chicot, habt Ihr Euren Auftrag ſchon ausgefuͤhrt? Ihr ſeid geſchwind.“ Weiterhin, an einer Straßenecke, ſtieß er auf den Fuh⸗ rer der Patrouille, der ihn anredete: „Guten Abend, Herr Chicot! Nun, die Dame? Seid Ihr mit Nerae zufrieden?“ Endlich ſagte der Soldat am Palaſte, der noch immer Schildwache ſtand: fer r r N — 8 8 8 105 „Wahrhaftig, Herr Chicot, Euer Schneider hat ſeine Sache nicht gut gemacht; Ihr ſeht wahrhaftig noch zer⸗ riſſener aus als fruͤher.“ Chicot wollte nicht wieder durch das Fenſter krie⸗ chen, legte ſich vor der Thuͤr nieder und ſtellte ſich als ſchlafe er. Zufallig oder vielmehr aus Mitleiden wurde die Thuͤr geoffnet und Chicot kehrte kleinlaut in den Palaſt zurück. Sein Ausſehen ruhrte den Pagen, der noch immer auf dem Poſten war. „Werther Herr Chicot,“ ſagte er,„ſoll ich Euch die Auflöſung des Räthſels geben?“ „Gieb her, Du Schlange!“ „Der Koͤnig liebt Euch ſo ſehr, daß er Euch bewachen laßt, um Euch zu behalten.“ „Du wußteſt das und haſt es mir nicht geſagt?“ „Das durfte ich nicht; es war ein Staatsgeheimniß.“ „Ich habe Dich ja bezahlt, Böſewicht.“ „O⸗ das Geheimniß war mehr werth als zehn Piſtolen, das werdet Ihr ſelbſt geſtehen, Herr Chicot.“ Chicot kehrte in ſein Zimmer zurück und ſchlief im Aerger ein. Zehntes Kapitel. Der Oberjägermeiſter des Koͤnigs von Navarra. Margarethe hatte ſich ſofort, als der Koͤnig ſich ent⸗ fernt, in das Zimmer der Hoffräulein begeben. Die Fünfundvierzig. UMI. 8 106 Auch nahm ſie ihren Arzt Chirar mit, der im Schloſſe ſchlief und ſie trat mit demſelben zu der armen Foſſeuſe, die bleich, von neugierigen Blicken beobachtet, da lag, uͤber Leibſchmerzen klagte, aber— ſo groß war ihr Schmerz — auf keine Frage antworten und keinen Troſt anhoren wollte. Die Foſſeuſe war damals zwanzig bis zweiundzwanzig Jahre alt, ein ſchoͤnes und großes Mädchen mit blauen Augen, blondem Haar und geſchmeidigem weichen an⸗ muthigen Koͤrper; nur ging ſie ſeit etwa drei Monaten nicht mehr aus und beklagte ſich uber Mattigkeit, die ihr das Aufſtehen unmoglich mache. Anfangs hatte ſie auf einem Lehnſtuhle geſeſſen, endlich ſich aber in ihr Bett be⸗ geben. Chirae ſchickte zuerſt die Anweſenden fort, dann trat er zu Haͤupten des Bettes und blieb mit dem Mädchen und der Koͤnigin allein. Die Foſſeuſe, welche uͤber dieſe Vorbereitungen er⸗ ſchrak, denen das Geſicht Chirac's und der Königin etwas Feierliches gaben, richtete ſich auf und ſtammelte ihren Dank fuͤr die Ehre, welche ihr die Konigin, ihre Gebieterin, erzeige. Margarethe war noch blaͤſſer als die Foſſeuſe, weil der gekräͤnkte Stolz ſchmerzensreicher iſt als irgend eine Krankheit. Chirar befuͤhlte den Puls des Mädchens, aber faſtgegen den Willen derſelben. „Was fuͤhlet Ihr?“ fragte er ſodann.“ „Schmerzen im Leibe, Herr,“ antwortete das arme — es ſſe ſe, er rz en 107 Kind;„aber es wird wohl nichts ſein und wenn ich nur Ruhe hätte..“ „Welche Ruhe, Fräulein?“ fragte die Koͤnigin. Die Foſſeuſe fing an zu weinen. „Bekuͤmmert Euch nicht,“ fuhr Margarethe fort,„Se. Maj. hat mich erſucht, zu Euch zu gehen und Euren Muth aufzurichten.“ „Ach wie gutig!“ Chirae ließ die Hand des Maͤdchens los. „Und ich,“ ſagte er,„kenne nun Eure Leiden.“ „Ihr kennt ſie?“ flüſterte die Foſſeuſe zitternd. „Ja, wir wiſſen, daß Ihr viel leiden muͤſſet,“ ſetzte Margarethe hinzu, die dann Chirae winkte, worauf dieſer das Zimmer verließ. Da fürchtete ſich die Foſſeuſe ſo ſehr, daß ſie faſt ohnmaͤchtig wurde. „Fraͤulein,“ begann Margarethe,„ob Ihr gleich ſeit einiger Zeit gegen mich wie gegen eine Fremde handelt und man mir jeden Tag meldet, daß Ihr mir bei meinem Gemahle Boͤſes. „Ich, Madame?“ „Unterbrecht mich nicht;.. obgleich Ihr nach etwas ſtrebtet, das zu hoch uͤber Eurem Ehrgeize liegt, ſo veran⸗ laßt mich doch die Freundſchaft, die ich gegen Euch hegte und die ich noch gegen die Perſonen fuͤhle, mit denen Ihr verwandt ſeid„Euch in dem Ungluͤcke beizuſtehen, in dem man Euch in dieſem Augenblicke ſieht.“ „Madame, ich ſchwoͤre Euch.. „Leugnet nicht, ich habe ſo ſchon zu viel Kummer und es liegt mir an Eurer Ehre faſt ſo viel als Euch ſelbſt. 8* 108 Saget mir alſo alles und ich werde Euch wie meine Tochter behandeln.“ „Ach, Madame, glaubt Ihr wirklich was man ſagt?“ „Unterbrecht mich nicht, denn die Zeit draͤngt, wie es ſcheint. Ich wollte Euch ſagen, daß Chirac, der Euere Krankheit kennt, wie Ihr es von ihm ſelbſt gehoͤrt habt, im Vorzimmer iſt und allen ankündiget, die anſteckende Krankheit, von der man im Lande ſpricht, ſei im Palaſt und Ihr wurdet davon befallen werden. Wenn es noch Zeit iſt, werde ich Euch nach Mas dAgenois bringen, einem ent⸗ legenen Hauſe des Konigs, meines Gemahls; dort werden wir faſt allein ſein. Der Konig geht mit ſeinem Gefolge auf die Jagd, die ihn, wie er ſagt, mehrere Tage fern hal⸗ ten wird.. Nach Euerer Entbindung verlaſſen wir Mas d'Agenois wieder.“ „Madame, Madame,“ rief die Foſſeuſe aus, die aus Scham und Schmerz purpurroth glühete,„wenn Ihr das glaubt, was man von mir ſagt, ſo laſſet mich elendiglich ſterben.“ „Ihr vergeltet meinen Edelmuth ſchlecht, Fraͤulein und rechnet zu viel auf die Freundſchaft des Koͤnigs, der mich gebeten hat Euch nicht zu verlaſſen.“ „Der Konig, der Koͤnig haͤtte es geſagt?“ „Zweifelt Ihr daran, wenn ich es ſage? Wenn ich die Zeichen Eueres wirklichen Leidens nicht ſähe, wenn ich an Euern Schmerzen nicht erriethe, daß die Zeit kommt, ſo glaubte ich vielleicht Euerm Leugnen.“ In dieſem Augenblicke ſank die arme Foſſeuſe, als ob 109 der Koͤnigin vollſtändig Recht gegeben werden ſollte, in den fuͤrchterlichſten Schmerzen bleich und zitternd auf ihr Bett zuruͤck. Margarethe betrachtete ſie eine Zeit lang ohne Zorn, aber auch ohne Mitleiden. „Soll ich noch immer Euerem Leugnen glauben?“ fragte ſie endlich das arme Maͤdchen als dieſe ſich wieder aufrichten konnte und ihr ſo verſtoͤrtes und von Thraͤnen überſtrömtes Geſicht zeigte, daß ſie ſelbſt Katharinen ge⸗ ruͤhrt haben wurde. In dieſem Augenblicke, als wenn Gott dem ungluͤck⸗ lichen Kinde hätte Hilfe ſchicken wollen, wurde die Thuͤr geoffnet und der Koͤnig von Navarra trat haſtig ein. Heinrich, der nicht dieſelben Gruͤnde zum Schlafen hatte wie Chieot, hatte nicht geſchlafen. Nachdem er eine Stunde mit Mornay gearbeitet und in dieſer Stunde alle Anordnungen zu der Chicot ſo pomphaft angekundigten Jagd getroffen hatte, war er in den Theil des Schloſſes ge⸗ eilt, wo die Hoffraͤulein wohnten. „Nun, was ſagt man?“ fragte er im Eintreten.„Iſt meine arme Foſſeuſe noch immer leidend?“ „Seht Ihr, Madame,“ rief das Maͤdchen bei dem Anblicke ihres Geliebten, ermuthigt durch deſſen Gegen⸗ wart,„ſeht Ihr, daß der Koͤnig nichts geſagt hat und daß ich wohl thue zu leugnen?“ „Macht dieſem demuͤthigenden Kampfe ein Ende,“ fiel Magarethe ein indem ſie ſich gegen Heinrich umdrehete; „ich glaube verſtanden zu haben, daß Ew. Maj. mich mit Euerem Vertrauen beehrte und den Zuſtand des Mädchens 6—= 110 mir andeutete. Saget ihr alſo, daß ich alles wiſſe, damit ſie nicht mehr an meinen Wokten zweifelt.“ „Mein Kind,“ fragte Heinrich in einem zärtlichen Tone, den er nicht zu verheimlichen ſuchte,„Ihr leugnet alſo noch immer?“ „Das Geheimniß iſt nicht mein Eigenthum, Sire,“ antwortete das muthige Mädchen,„und ſolange ich nicht aus Euerem Munde die Erlaubniß erhalten habe alles zu ſagen..“ „Meine Foſſeuſe iſt ein muthiges Herz, Madame,“ ent⸗ gegnete Heinrich;„verzeihet Ihr, ich bitte darum und Ihr, mein Fraͤulein, ſchenket der Guͤte Euerer Koͤnigin volles Vertrauen; der Dank iſt meine Sache und ich nehme ihn auf mich.“. Und Heinrich ergriff die Hand Margarethens, die er innig druckte. In dieſem Augenblicke befiel von neuem ein heftiger Schmerz das Maͤdchen und ſie neigte, wie eine Lilie im Sturme, das Haupt mit leiſem Winſeln. Heinrich war im Innerſten bewegt als er die bleiche Stirn, die thranenfeuchten Augen und das verworrene Haar ſah und auf den Schlaͤfen und den Lippen der Foſ⸗ ſeuſe den Angſtſchweiß bemerkte. Er ſtuͤrzte mit offenen Armen auf ſie zu und flüſterte indem er an ihrem Bette auf die Kniee ſank:„meine liebe Foſſeuſe!“ Margarethe dräckte ſchweigend die glühende Stirn an die Fenſterſcheiben. Die Foſſeuſe hatte die Kraft ihre Arme empor zu he⸗ ben, um ſie um den Nacken ihres Geliebten zu legen, dann zu 111 druͤckte ſie ihre Lippen auf die jeinigen, weil ſie ſterben zu muſſen glaubte und in dieſem letzten Kuße von Heinrich Abſchied zu nehmen und ihm ihre Seele einzuhauchen wahnte. Dann ſank ſie bewußtlos wieder nieder. Heinrich, der ſo bleich war wie ſie und nicht zu reden vermochte, ließ ſein Haupt auf das Schmerzenslager ſinken. Da trat Margarethe zu der Gruppe, in welcher der korperliche und der Seelenſchmerz ſich zeigte und ſagte mit großer Majeſtät: „Steht auf und laſſet mich die Pflicht vollbringen, die Ihr mir auferlegt habt.“ Da Heinrich über dieſe Aeußerung beſorgt zu ſein ſchien und ſich halb auf ein Knie aufrichtete, ſetzte ſie hinzu: „Fuͤrchtet nichts; ſobald nur mein Stolz verletzt iſt, bin ich ſtark; gegen mein Herz wuͤrde ich fuͤr mich nicht haben burgen koͤnnen, aber zum Gluͤck hat mein Herz bei allem dem nichts zu ſchaffen.“ Heinrich richtete den Kopf empor und fragte:„Ma⸗ dame?“ „Sprecht kein Wort weiter, Herr,“ ſagte Margarethe indem ſie die Hand ausſtreckte,„ſonſt glaube ich, daß Euere Nachſicht berechnet war. Wir ſind Geſchwiſter und werden uns verſtandigen.“ Heinrich fuͤhrte ſie ans Bett und legte die eiskalte Hand der Foſſeuſe in die fieberheiße Margarethens. „Geht, Sire, geht,“ ſagte die Konigin,„brecht auf zur Jagd. Jemehr Ihr Leute mit Euch nehmet, umſomehr 112 neugierige Blicke werdet Ihr von dem Bette— des Fräu⸗ leins entfernen.“ „Ich habe aber Niemanden im Vorzimmer geſehen,“ fiel Heinrich ein. „Nein, Sire,“ antwortete Margarethe lächelnd,„man glaubt die Peſt ſei hier; beeilt Euch alſo Euer Vergnuͤgen anderswo zu ſuchen.“ „Ich gehe, Madame,“ ſagte Heinrich,„um fuͤr uns beide zu jagen.“ Er heftete einen letzten liebevollen Blick auf die Foſ⸗ ſeuſe, die noch immer bewußtlos war und eilte hinaus. Im Vorzimmer ſchuͤttelte er den Kopf, gleichſam um den Ueberreſt von Beſorgniß von ſeiner Stirn zu entfernen, dann begab er ſich mit dem ſpottiſchen Laͤcheln, das ihm eigen war, zu Chicot, der, wie erwähnt, mit geballten Fauſten ſchlief. Der Koͤnig ließ ſich die Thuͤr öffnen, ſchuͤttelte den Schläͤfer im Bett und ſagte: „Auf, auf, es iſt zwei Uhr fruh—, Freund.“ „Freund? Und Ihr haltet mich, einen Geſandten, ge⸗ fangen? Sire, Ihr verletzet das Volkerrecht.“ Heinrich lachte und Chicot, der vor allem ein Mann von Geiſt war, mußte mit lachen. „Du biſt ein Narr. Warum wollteſt Du fortgehen? Wirſt Du nicht gut behandelt hier?“ „Zu gut, zu gut; ich komme mir vor wie eine Gans, die man nudelt. Jedermann ſagt zu mir: der liebe Chicot, aber man beſchneidet mir die Fluͤgel und ſperrt mich ein.“ zu⸗ an en s 113 „Chicot,“ entgegnete Heinrich kopfſchüttelnd,„be⸗ ruhige Dich, Du biſt nicht fett genug für meine Tafel.“ „Aber, Sire,“ ſagte Chicot indem er ſich aufrichtete, „ich finde Euch dieſen Morgen in der heiterſten Laune; was giebt es Neues?“ Ich will Dir es ſagen; ich breche zur Jagd auf, ſiehſt Du und wenn es zur Jagd geht, bin ich immer luſtig. Her⸗ aus aus dem Bette!“ „Wolltet Ihr mich mitnehmen, Sire?“ „Du ſollſt mein Hiſtoriograph ſein, Chicot.“ „Ich ſoll alſo Rechnung uͤber die gefallenen Schuͤſſe fuͤhren?“ „Richtig.“ Chicot ſchüͤttelte den Kopf und der Konig fragte:„nun was haſt Du?“ „Ich habe ſolche Heiterkeit nie ohne Beſorgniß ge⸗ ſehen.“ „Ah „Es iſt wie mit der Sonne, wenn..“ „Nun?“ „Sire, Regen, Blitze und Donner ſind nicht weit.“ Heinrich ſtrich ſich laͤchelnd den Bart und antwortete: „Wenn auch ein Gewitter losbricht, Chicot, mein Man⸗ tel iſt groß und Du wirſt gedeckt ſein.“ Dann trat er nach dem Vorzimmer zu während Chicot ſich ankleidete und vor ſich hin murmelte. „Mein Pferd!“ rief der Koͤnig,„und man ſaget dem Herrn von Mornay, daß ich bereit ſei.“ 11¹4 7 „Ah, Herr von Mornay iſt bei dieſer Jagd Oberjäger⸗ meiſter?“ fragte Chicot. „Herr von Mornay iſt alles hier, Chicot,“ antwortete Heinrich.„Der König von Navarra iſt ſo arm, daß er die Mittel nicht beſitzt ſeine Aemter zu theilen. Ich habe nur einen Mann.“ „Und einen tüͤchtigen!“ ſeufzete Chicot. Elftes Kapitel. 3 Wie man in Navarra den Wolf jagte. Chicot konnte nicht umhin, als er die Vorbereitungen betrachtete, halblaut zu bemerken, daß die Jagden des Kö⸗ nigs von Navarra minder glaͤnzend wären als die des Ko⸗ nigs Heinrich von Frankreich. Nur zwolf oder funfzehn Herren, unter denen er den ieemte von Turenne erkannte, den Gegenſtand der ehe⸗ lichen Uneinigkeit, bildeten das Geſolge Sr. Maj. Ueberdies trugen dieſe Herren faſt alle, da ſie nur an der Oberfläche reich waren und nicht Einkünfte genug be⸗ ſatzen, um nutzloſe, ja bisweilen um nützliche Ausgaben machen zu koͤnnen, ſtatt des damals gebräͤuchlichen Jagd⸗ anzugs den Helm und Panzer und Chicot fragte deshalb, ob die Wolfe in der Gascogne Musketen und Kanonen in ihren Wäͤldern haͤtten. Heinrich hoͤrte die Frage, ob ſie gleich nicht direet an ihn gerichtet war, er trat zu Chicot, klopfte ihn auf die Achſel und ſagte: — e— — ni er die 11⁵ „Nein, die Woͤlfe in der Gascogne haben weder Mus⸗ keten noch Kanonen, aber Klauen und Zaͤhne und ſie ziehen die Jäger in Dickichte, wo man ſich die Kleider an den Dor⸗ nen zerreißet. Nun zerreißet man wohl ein Wamms von Seide oder Sammet, ſelbſt einen Koller von Tuch oder Buͤf⸗ felleder, nicht aber einen Panzer.“ „Das iſt ein Grund,“ brummte Chicot,„aber gut iſt er nicht.“ „Ich habe keinen andern,“ ſagte Heinrich. „So muß ich mich mit dem begnuͤgen.“ „Das iſt das Beſte, was du thun kannſt.“ „Sei es.“ „Dieſes„ſei es“ klingt nach Kritik,“ entgegnete Hein⸗ rich lachend;„Du grollſt mir wohl, weil ich Dich meiner Jagd wegen im Schlafe geſtort habe?“ „Ja, Sire.“ „Und machſt Deine Gloſſen?“ „Iſt das verboten?“ „Nein, die Gloſſen ſind die Courantmuͤnze in der Gascogne.“ 4 „Sire, da ich kein Jäger bin,“ antwortete Chicot,„ſo muß ich mich doch mit etwas beſchaͤftigen; ich habe ja gar nichts zu thun, während Ihr andern ſchon den Bart leckt, weil Ihr die Woͤlfe wittert, die Ihr zwoͤlf oder funfzehn erlegen wollt.“ „Ja, ja,“ ſagte der Koͤnig noch immer lächelnd,„erſt die Anzüge, nun die Zahl; ſpotte nur, Chicot.“ Ach, Sire!“ „Ich muß Dir aber bemerklich machen, daß Du gar 116 nicht nachſichtig biſt. Bearn iſt nicht ſo groß wie Frank⸗ reich; der Koͤnig dort unten zieht mit zweihundert Jägern ans, ich begnuͤge mich mit einem Dutzend, wie Du ſiehſt.“ „Ja, Sire.“ „Aber,“ fuhr Heinrich fort,„Du wirſt glauben, daß ich als aͤchter Gascogner rede; bisweilen verlaſſen Landedel⸗ leute, was bei Euch nicht vorkommt, wenn ſie hören, daß ich auf die Jagd ziehe, ihre Haͤuſer, ihre Schloſſer und ſchließen ſich mir an, ſo daß ich nicht ſelten eine ganz ſchoͤne Bedeckung habe.“ „Ihr werdet ſehen, Sire, daß ich nicht das Gluck habe, etwas der Art beizuwohnen,“ antwortete Chicot;„ich habe Ungluͤck.“ „Wer weiß!“ erwiderte Heinrich mit ſeinem ironiſchen Laͤcheln. Als man Nerac hinter ſich hatte und bereits eine halbe Stunde im Freien gezogen war, ſagte Heinrich zu Chicot, indem er die Hand uber die Augen hielt:„da ſieh einmal! Ich glaube nicht, daß ich mich irre.“ „Was iſt's?“ fragte Chicot. „Sieh da unten an dem Thore den Flecken Moiras! Bemerkſt Du nicht auch Reiter dort?“ Chicot richtete ſich in den Steigbuͤgeln empor. „Wahrhaftig,“ antwortete er,„ich glaube, Ihr habt Recht.“ „Ich bin uͤberzeugt davon.“ „Reiter, ja,“ ſagte Chieot indem er hin⸗ ſah,„aber Jaͤger? Nein.“ „Warum nicht Jäger?“ — ch l⸗ ß id te 117 „Weil ſie gerüſtet ſind wie Roland und Amadis,“ antwortete Chicot. „Was liegt am Anzuge, lieber Chicot? Du haſt ſchon an uns geſehen, daß nicht der Rock den Jäger macht.“ „Aber,“ fuhr Chicot fort,„ich ſehe wenigſtens zwei⸗ hundert Reiter da unten.“ „Nun, was beweiſt dies? Daß Moiras viele Leute ſtellt.“ Chicots Neugierde wurde immer mehr und mehr ge⸗ reizt. Die Schaar, welche Chicot zu niedrig geſchaͤtzt hatte, denn ſie beſtand aus zweihundert und funfzig Reitern, ſchloß ſich ſchweigend den Leuten des Koͤnigs an; jeder war gut beritten und gut bewaffnet und die ganze Schaar wurde von einem gut ausſehenden Manne angefuͤhrt, welcher dem Koͤnige die Hand kußte. Man ritt durch den Gers; zwiſchen dieſem und der Garonne, in einer Vertiefung, traf man auf einen zweiten Haufen von hundert Mann, deren Führer zu Heinrich ritt und ſich zu entſchuldigen ſchien, daß er ihm nicht mehr Reiter zufuͤhre. Heinrich ließ die Entſchuldigung gelten und reichte ihm die Hand. Man zog weiter und gelangte an die Garonne; wie man uͤber den Gers gekommen war, kam man auch uber die Garonne, da dieſe aber tiefer iſt, ſo verlor man in ihr bald den Boden und mußte dreißig bis vierzig Schritte weit ſchwimmen. Gegen jede Erwartung erreichte man indeß das Ufer ohne Unfall. „Mein Gott, Sire,“ ſagte Chicot,„welche Uebungen 118 ſtellt Ihr an? Warum macht Ihr Euch die Harniſche im Waſſer naß, da Ihr doch oberhalb und unterhalb Agen Bruͤcken habt?“ „Mein lieber Chicot,“ antwortete Heinrich,„wir find hier zu Lande halbe Wilde und Du darfſt uns ſo etwas nicht übel nehmen. Du weißt wohl, daß mich mein ſeliger Bru⸗ der Karl den Eber nannte und der Eber— aber Du biſt kein Jäger und weißt dies nicht— der Eber laͤßt ſich durch nichts ſtören, ſondern geht immer gerade aus. Da ich ſei⸗ nen Namen führe, ſo folge ich auch ſeinem Beiſpiele; ich laſſe mich durch nichts aufhalten. Komme ich an einen Fluß, ſo gehe ich gerade hindurch; ſteht eine Stadt vor mir, ventre saint-gris! ſo zehre ich ſie auf wie eine Paſtete.“ Man lachte laut uͤber dieſen Scherz des Bearners. Nur Mornay, der immer neben dem Koͤnige war, lachte nicht laut; er biß ſich nur auf die Lippen, was bei ihm das Zeichen ungewoͤhnlicher Heiterkeit war. „Mornah iſt ſehr heiterer Laune heute,“ ſagte der Bearner Chicot ins Ohr;„er hat über meinen Schmerz gelacht.“ Chicot wußte nicht, uͤber wen er lachen ſollte, über den Herrn, der ſich ſo gluͤcklich ſchaͤtzte ſeinen Diener zum La⸗ chen gebracht zu haben oder über den Diener, der ſo ſchwer zum Lachen zu bringen war. Das Staunen war aber die Hauptſache bei Chicot. An der andern Seite der Garonne, etwa eine halbe Stunde davon, zeigten ſich vor den Augen Chicots drei⸗ hundert Reiter, die in einem Fichtenwalde verborgen waren. — S 119 „Oho, Gnadigſter,“ ſagte er leiſe zu Heinrich,„ſollten dieſe Leute von Euerer Jagd gehoͤrt haben, eiferſuͤchtig ſein und ſich widerſetzen wollen?“ „Nein,“ antwortete Heinrich,„Du irrſt Dich auch diesmal; dieſe Leute ſind Freunde, die von Puymerol kom⸗ men, wahre Freunde.“ „Mein Gott, Sire, Ihr werdet mehr Leute in Euerm Gefolge haben als Baͤume im Walde ſind.“ „Chicot,“ entgegnete Heinrich,„ich glaube, Gott ver⸗ zeihe mir, das Gerücht von Deiner Ankunft hat ſich bereits im Lande verbreitet und dieſe Herren kommen von den vier Weltgegenden der Provinz herbei, um dem Koͤnig von Frankreich ihre Huldigungen darzubringen, deſſen Ge⸗ ſandter Du biſt.“ Chicot war ein zu geiſtreicher Mann, als daß er nicht haͤtte merken ſollen, daß man ſeit einiger Zeit ihn zum Beſten hatte.. Die Tagereiſe endigte in Monroy, wo die Herrn aus der Umgegend, die verſammelt waren als wenn ſie von der Ankunft des Konigs im Voraus unterrichtet geweſen, ihm ein ſchones Abendeſſen gaben, an welchem Chicot mit Ver⸗ gnügen Theil nahm, weil man unterwegs wegen einer ſo unwichtigen Sache, als das Eſſen iſt, nicht angehalten und folglich ſeit dem Aufbruche von Rerae nichts genoſſen hatte. Fuͤr Heinrich hatte man das ſchoͤnſte Haus in der Stadt bereit gehalten; die Haͤlfte der Mannſchaft ſchlief auf der Straße, in welcher der Koͤnig wohnte, die andern vor den Thoren. „Wann werden wir denn die Jagd beginnen?“ fragte 120 Chicot den König als dieſer ſich die Stiefeln ausziehen ließ. 4 „Wir find noch nicht auf dem Gebiete der Woͤlfe, mein lieber Chicot,“ antwortete Heinrich. „Und wann werden wir dahin kommen, Sire?“ „Neugieriger, Du!“ „Ich bin nicht neugierig, Sire, aber man will doch wiſſen, wohin man kommt.“ „Das wirſt Du morgen erfahren; bis dahin lege Dich nieder, da zu meiner Linken auf die Kiſſen. Mornay ſchnarcht ſchon zur Rechten.“ „Er ſchlaͤft heute gerauſchvoller als geſtern.“ „Er iſt kein Mann von vielen Worten, aber auf der Jagd muß man ihn ſehen und Du wirſt ihn da ſehen.“ Der Tag brach kaum an, als ein gewaltiges Pferdege⸗ trappel Chicot und den König von Navarra weckte. Ein alter Edelmann, der den Koͤnig ſelbſt bedienen wollte, brachte das Honigtörtchen und den gewuͤrzten Wein zum Morgenimbiß. Mornay und Chicot wurden von den Dienern des alten Herrn bedient. Nach dem Imbiß wurde zum Aufſitzen geblaſen. „Nun vorwaͤrts,“ ſagte Heinrich,„wir haben heute einen tuͤchtigen Ritt zu machen. Zu Pferde, ihr Herren!“ Chicot ſah mit Verwunderung, daß das Gefolge ſich um fuͤnfhundert Reiter verſtrkt hatte. Dieſe fuͤnfhundert waren in der Nacht angekommen. „Aber,“ ſagte er,„das iſt kein Gefolge mehr, das Ihr habt, Sire, es iſt eine Armee.“ 121 Heinrich antwortete: „Warte nur.“ In Lauzerte ſchloſſen ſich ſechshundert Mann Fußvolk den Reitern an. „Fußvolk?“ rief Chicot aus. „Treiber,“ entgegnete der Koͤnig.„Treiber, weiter nichts.“ Chicot runzelte die Stirn und ſprach von dieſem Au⸗ genblicke an nicht mehr. Zwanzigmal wendete ſich ſein Auge auf die Landſchaft umher, d. h. zwanzigmal verſuchte er zu entfliehen; aber er hatte ſeine Ehrenwache, wahrſcheinlich als Repräſentant des Koͤnigs von Frankreich und war, als ſehr wichtiger Mann, dieſer Wache ſo dringend anempfohlen, daß ſie ihn nicht aus den Augen ließ. Dies mißſiel ihm und er ſprach mit dem Koͤnige daruber. „Hm,“ antwortete Heinrich,„es iſt Deine Schuld. Du wollteſt aus Nerac entfliehen und ich fuͤrchte, daß Du auch hier zu entfliehen ſuchſt.“ „Sire,“ entgegnete Chicot,„ich gebe Euch mein Eh⸗ renwort, daß ich es nicht einmal verſuchen werde. Auch wurde ich ganz Unrecht handeln, denn wenn ich bleibe, ſehe ich gewiß merkwuͤrdige Dinge.“ „Ich freue mich, daß dies Deine enn iſt, lieber Chicot, denn es iſt auch die meinige.“ In dieſem Augenblicke zog man durch die Stadt Montcuq und vier kleine Geſchuͤtze. ſich der Armee an. Die Fuͤnfundvierzig. II. 9 122 „Ich komme wieder auf meine erſten Gedanken, Sire,“ ſagte Chicot,„daß die Wolfe hier zu Lande ganz beſondere Woölfe ſind und daß man ſie anders behandelt als gewoͤhn⸗ liche. Kanonen gegen ſie, Sire?“ „Haſt Du das bemerkt?“ entgegnete Heinrich.„Es iſt eine Manie der Leute von Monteug, daß ſie die Kanonen uberall umherſchleppen, ſeit ich ihnen zu ihren Uebungen dieſe vier Geſchuͤtze gegeben habe, die ich in Spanien kau⸗ fen ließ.“ „Werden wir heute an Ort und Stelle ankommen, Sire?“ fragte Chicot. „Nein, morgen.“ „Morgen fruͤh oder Abend?“ „Morgen fruͤh.“ „Wir jagen alſo in Cahors, nicht wahr, Sire?“ „Allerdings in dieſer Gegend.“ „Warum vergaßet Ihr aber die königliche Fahne, da Ihr Infanterie, Cavalerie und Artillerie zur Wolfsjagd habt? Die Ehre, die Ihr dieſen wuͤrdigen Thieren erzeig⸗ tet, wurde dann vollſtändig geweſen ſein.“ „Sie iſt auch nicht vergeſſen worden, Chicot; aber man behält ſie unter dem Ueberzuge, damit ſie nicht beſchmuzt werde. Wenn Du ſie ſehen willſt, ſoll man ſie Dir zeigen. Nehmt die Fahne heraus,“ befahl der Koͤnig;„Herr Chi⸗ cot will das Wappen von Navarra ſehen.“ „Nein, nein, es iſt nicht noͤthig,“ antwortete Chicot; „ſpaͤter. Laſſet ſie nur.“ „Du wirſt ſie zu rechter Zeit und an rechtem Orte aller⸗ dings ſehen.“ w 123 Die zweite Nacht verbrachte man in Catus ſo ziemlich wie die erſte und ſeit Chicot ſein Ehrenwort gegeben hatte, nicht zu entfliehen, achtete man nicht weiter auf ihn. Er ging um den Ort herum bis zu den Vorpoſten. Von allen Seiten kamen Schaaren von hundert, hundert⸗ undfunfzig, zweihundert Mann herbei, um ſich der Armee anzuſchließen. Dieſe Nacht fand ſich beſonders Infante⸗ rie ein. „Es iſt ein Gluͤck, daß wir nicht bis Paris gehen,“ dachte Chicot;„wir würden ſonſt mit hunderttauſend Mann ankommen.“ Am naͤchſten Tage um acht Uhr früh ſah man Cahors und die Begleitung des Koͤnig beſtand in tauſend Mann zu Fuß und zweitauſend Mann zu Pferd. Die Stadt war im Vertheidigungszuſtande, denn man hatte Lärm in der Umgegend gemacht; Herr von Vezins war gewarnt worden. „Ah,“ ſagte der König, dem Mornay dieſe Nachricht mittheilte,„das iſt widerwärtig.“ „Man wird eine regelmäßige Belagerung beginnen muͤſſen, Sire,“ meinte Mornay;„wir erwarten noch un⸗ gefaͤhr zweitauſend Mann, ſo viel, um wenigſtens ſo ziem⸗ lich das Gleichgewicht der beiden Theile herzuſtellen.“ „Wir wollen Kriegsrath halten,“ fiel Herr von Tu⸗ renne ein,„und die Laufgräben beginnen.“ Chicot ſah ſich Alles genan an und horte auf alle Worte, wenn er ſich auch zerſtreut ſtellte. Das nachdenkliche und faſt jammervolle Ausſehen des Konigs von Navarra beſtärkte ihn in der Vermuthung, daß 9* — 124 Heinrich von Navarra ein ſchlechter Kriegsmann ſei, und nur dieſe Vermuthung beruhigte ihn etwas. Heinrich hatte alle reden laſſen und war dabei ſtumm wie ein Fiſch geblieben. Mit einemmal erwachte er gleichſam aus ſeinem Sin⸗ nen und Traͤumen, richtete den Kopf empor und ſagte mit gebietendem Tone: „Meine Herren, ich will Euch ſagen, wäs zu thun iſt. Wir haben dreitauſend und zweitauſend werden noch er⸗ wartet, nicht wahr, Mornay?“ „Ja, Sire.“ „Das macht zuſammen fünftauſend. Bei einer regel⸗ rechten Belagerung werden wir binnen zwei Monaten tau⸗ ſend bis funfzehnhundert Mann verlieren; der Tod der⸗ ſelben wird die Anderen entmuthigen; wir werden die Belagerung aufheben und wieder abziehen muͤſſen. Auf dem Ruͤckzuge werden wir noch tauſend Mann verlieren, alſo die Haͤlfte unſerer Macht. Wir wollen deshalb ſofort fünfhundert Mann opfern und Cahors nehmen.“ „Wie meint Ihr das, Sire?“ fragte Mornay. „Lieber Freund, wir gehen gerade auf das Thor zu, welches das nächſte iſt. Wir werden da auf einen Graben treffen; dieſen füllen wir mit Faſchinen aus. Zweihundert Mann verlieren wir dabei, aber wir werden das Thor erreichen.“ „Und dann, Sire?“ „Haben wir das Thor erreicht, ſo ſprengen wir es mit Petarden auf und ziehen ein. Das iſt nicht ſchwer.“ Chicot ſah Heinrich verwundert an. — 125 „Ja, ja,“ brummte er vor ſich hin,„prahleriſch und ruhmredig wie ein ächter Gascogner. Willſt Du die Pe⸗ tarde unter das Thor legen?“ In dieſem Augenblicke ſetzte Heinrich hinzu, als haͤtte er die Worte Chicot's gehoͤrt: „Und nun keine Zeit verloren, Ihr Herren, das Fleiſch wuͤrde ſonſt kalt werden. Vorwärts, und wer mich liebt, folge mir.“ Chicot trat zu Mornay, mit dem er auf dem gan⸗ zen Wege kein Wort hatte ſprechen können, und flüſterte ihm zu: „Sagt, Herr Graf, wollet Ihr Euch Alle zur Ader laſſen?“ „Wir werden dabei vorwaͤrts kommen,“ antwortete Mornay ruhig. „Aber der Koͤnig kann dabei das Leben verlieren.“ „Ah, Se. Maj. traͤgt einen guten Harniſch.“ „Auch wird er wohl nicht ſo thoricht ſein,“ ſetzte Chicot hinzu,„den Kugeln ſich auszuſetzen.“ Mornay zuckte die Achſeln und drehete ſich um. „Nun,“ ſagte Chicot,„er gefällt mir doch noch beſſer wenn er ſchlaͤft als wenn er wacht, beſſer wenn er ſchnarcht als wenn er ſpricht; er iſt dann hoflicher.“ 126 Zwölftes Kapitel. Wie der König Heinrich von Navarra ſich benahm, als er zum erſtenmal das Feuer ſah. Die kleine Armee ruͤckte bis auf doppelte Kanonenſchuß⸗ weite an die Stadt. Da wurde gefruͤhſtuͤckt. Als dies geſchehen war, geſtattete man den Leuten zwei Stunden zum Ausruhen. Es war drei Uhr Nachmittags, d. h. man hatte kaum noch zwei Stunden am Tage, als der Konig die Offieiere unter ſein Zelt rufen ließ. Heinrich ſah ſehr bleich aus und waͤhrend er geſticulirte, zitterten ſeine Hände ſichtbar. „Meine Herren,“ ſagte er,„wir find gekommen, um Cahors zu nehmen; wir muͤſſen alſo Cahors nehmen, weil wir deshalb da ſind; aber mit Gewalt, hoͤrt Ihr wohl? mit Gewalt muß Cahors genommen werden.“ „Nicht ubel,“ dachte Chicot, der die Rede mit anhoͤrte und ſeine Gloſſen dazu machte.„Wenn die Geberden die Worte nicht Lugen ſtraften, ſo könnte man ſelbſt von Herrn von Crillon nichts Beſſeres erwarten.“ „Der Herr Marſchall von Biron,“ fuhr Heinrich fort, „der geſchworen hat, die Hugenotten bis auf den letzten Mann haͤngen zu laſſen, ſteht vierzig Stunden von hier im Felde. Herr von Vezins hat wahrſcheinlich jetzt bereits einen Boten an ihn geſandt; nach vier oder fuͤnf Tagen wird er eintreffen; er hat zehntauſend Mann bei ſich und wir werden zwiſchen ihn und die Stadt kommen. Haben r—— ——— ——)— —— — 127. wir aber Cahors genommen, ehe er ankommt, ſo konnen wir ihn empfangen wie Herr von Vezins uns zu empfangen ſich anſchickt, hoffentlich aber mit beſſerm Erfolge.. Im Gegentheil würde er wenigſtens gute katholiſche Balken finden, um die Hugenotten daran aufzuhaͤngen und wir ſind ihm dieſe Genugthuung ſchuldig. Alſo darauf, Ihr Herren! Ich werde mich an Eure Spitze ſtellen und ſchießt, Ventre saint-gris! als ob es Kugeln regnete!“ Das war die ganze Rede des Koͤnigs, ſie ſchien aber hinzureichen, denn die Soldaten antworteten mit begeiſter⸗ tem Gemurmel und die Officiere mit dem lauteſten Bravo darauf. „Wortmacher, immer Gascogner!“ dachte Chicot.„Wie gut, daß man nicht mit den Haͤnden redet! Der Bearner wuͤrde da ſchoͤn geſtottert haben. Wir werden ihn aber auch noch bei der Arbeit ſehen.“ Daskleine Heer ſetzte ſich unter dem Befehle Mornay's in Bewegung, um ſeine Stellung zu nehmen. In dieſem Augenblicke näherte ſich der Konig Chicot. „Verzeihe mir, Freund Chicot,“ ſagte er zu ihm;„ich habe Dich getäuſcht, als ich von der Jagd und von Wölfen ſprach; aber ich mußte es und es iſt ſelbſt Deine Meinung, wie Du mir in allen Briefen geſagt haſt. Der Koͤnig Heinrich will mir beſtimmt die Mitgift ſeiner Schweſter Margot nicht geben und Margot wuͤnſcht durchaus Cahors zu haben; ich muß ihr den Willen thun, um Ruhe im Hauſe zu haben, will alſo verſuchen, Cahors zu nehmen, lieber Chicot.“ „Warum verlangt ſie nicht den Mond von Euch, Sire, 128 da Ihr ein ſo gefaͤlliger Ghemann ſeid?“ antwortete Chicot gereizt. „Ich wuͤrde es auch verſuchen, ihren Wunſch zu be⸗ friedigen,“ ſahte der Bearner,„ich liebe ja die gute Margot ſo ſehr.“ „Ah, Ihr habt an Cahors genug und wir werden ſe⸗ hen, wie Ihr Euch dabei benehmt.“ „Darauf wollte ich eben kommen, lieber Chicot. Hoͤre mich alſo an. Es iſt ein hochſt unangenehmer Augenblick. Ich weiß den Degen nicht eben gut zu gebrauchen; ich bin nicht tapfer und meine ganze Natur ſträubt ſich bei jedem Schuſſe, den ich höre. Spotte alſo nicht zu ſehr, lieber Chicot, üͤber den armen Bearner, der Dein Landsmann und Freund iſt.. Wenn ich mich furchten ſollte und Du ſiehſt es, ſo ſage es nicht.“ „Wenn Ihr Euch furchten ſolltet?“ „Ja.“ „Fuͤrchtet Ihr Euch zu furchten?“ „Allerdings.“ „Warum laſſet Ihr Euch in dieſem Falle in ſolche Dinge ein?“ „Ich muß ja.“ „Herr von Vezins iſt ein ſchrecklicher Mann.“ „Ich weiß es.“ „Der Niemandem Pardon geben wird.“ „Meinſt Du, Chicot?“ „Das weiß ich ganz gewiß. Rother Federbuſch oder weißer, ihm iſt Alles gleich; er wird den Kanonen zuſchreien: Feuer!“ 129 „Du meinſt damit meinen weißen Federbuſch?“ „Ja, Sire, und da Ihr allein einen von dieſer Farbe habt, ſo moͤchte ich Euch rathen, ihn abzunehmen.“ „Ich habe ihn gewählt, damit man mich daran er⸗ kenne; wenn ich ihn abnehme, iſt mein Zweck verfehlt.“ „Ihr wollet ihn alſo gegen meinen Rath behalten?“ „Gewiß behalte ich ihn.“ Bei dieſen Worten, die einen feſten Entſchluß ver⸗ riethen, zitterte Heinrich noch ſtaͤrker als bei der Anrede an ſeine Officiere. „Sire,“ ſagte Chicot, der die muthigen Worte und das Zittern nicht zuſammenreimen konnte,„noch iſt es Zeit; begeht keine Thorheit.. In dieſem Zuſtande koͤnnt Ihr nicht zu Pferde ſteigen.“ „Ich ſehe wohl recht blaß aus, Chicot?“ fragte Heinrich. „Wie eine Leiche, Sire.“ In dieſem Augenblicke hoͤrte man von der Stadt her Kanonendonner und ſtarkes Kleingewehrfeuer, denn Herr von Vezins antwortete auf die Aufforderung ſich zu er⸗ geben. „Nun, Sire, was ſagt Ihr zu dieſer Muſik?“ „Das Mark in den Knochen erkaltet mir dabei,“ ant⸗ wortete Heinrich..„Mein Pferd! Mein Pferd!“ rief er mit gebrochener Stimme. Chicot ſah ihn an und hoͤrte ihm zu, ohne die ſeltſame Erſcheinung vor ſeinen Augen zu begreifen. Heinrich ſchwang ſich in den Sattel, aber erſt bei dem dritten Verſuche gelang es ihm. 130 „Steige auch zu Pferde, Chicot,“ ſagte er;„Du biſt ja wohl auch kein Soldat?“ „Nein, Sire.“ „So komm, wir wollen uns Beide in Geſellſchaft fürch⸗ ten; komm, wir wollen dem Schießen zuſehen.. Ein gutes Pferd fuͤr Herrn Chicot!“ Chicot zuckte die Achſeln und ſtieg, ohne mit den Wim⸗ vern zu zucken, auf ein ſchoͤnes ſpaniſches Pferd, das man ihm dem Befehle des Konigs gemaß brachte. Heinrich ſetzte ſein Pferd in Galopp und Chiecot folgte. Vor der Fronte der kleinen Armee ſchlug der Koͤnig das Viſir ſeines Helms zuruck. „Die Fahne enthuͤllt!“ rief er mit wankender Stimme. Man zog das Futteral ab und die neue Fahne mit dem doppelten Wappen von Navarra und Bourbon entfaltete ſich majeſtätiſch in der Luft. Sie war weiß und zeigte auf der einen Seite die goldenen Ketten, auf der andern die goldenen Lilien. „Dieſe Fahne wird heute, furchte ich, uͤbel eingeweiht werden,“ ſagte Chicot vor ſich hin. In dieſem Augenblicke donnerten die Kanonen der Stadt, als antworteten ſie den Gedanken Chicot's und riſſen eine breite Luͤcke in die Infanterie zehn Schritte von dem Koͤnige. „Ventre saint gris le rief er aus,„haſt Du es ge⸗ ſehen, Chicot? Das fängt gut an.“ Und die Zaͤhne in ſeinem Munde ſchlugen zuſammen. „Er wird ohnmaͤchtig!“ dachte Chicot. „Ah,“ murmelte Heinrich,„verfluchter Koͤrper, du 131 fürchteſt dich und zitterſt und bebſt? Warte, ich will dir wenigſtens Gelegenheit geben, Urſache zum Zittern zu haben.“ und er gab ſeinem Pferde beide Sporen, ritt uber die Cavallerie, Infanterie und Artillerie hinaus und gelangte bis auf hundert Schritte an die Feſte, roth in dem Feuer der Batterien, die von den Wällen herabdonnerten, roth von dem Feuer, das ſich wie die Strahlen der untergehen⸗ den Sonne auf ſeinem Harniſche ſpiegelte. Da hielt er ſein Pferd zehn Minuten lang unbeweglich feſt, den Kopf nach dem Thore der Stadt gerichtet, und rief: „Die Faſchinen, ventre saiut-gris! die Faſchinen!“ Mornay war ihm mit aufgeſchlagenem Viſir und dem Degen in der Fauſt gefolgt. Chicot that wie Mornay; er hatte ſich eine Ruͤſtung anlegen laſſen, aber er zog den Degen nicht. Hinter dieſen drei Mannern erſchienen, von dieſem Beiſpiele begeiſtert, die jungen Hugenotten⸗Adeligen und ſchrieen: „Es lebe Navarra!“ Der Vicomte von Turenne zog an ihrer Spitze, eine Faſchine auf dem Halſe ſeines Pferdes. Jeder kam und warf ſeine Faſchine in den Graben, der in einem Augenblicke ausgefuͤllt war. Nun drangen die Kanoniere vor und obwohl ſie drei⸗ ßig Mann von vierzig verloren, legten ſie doch ihre Petarden unter das Thor. Die Kanonen⸗ und Musketenkugeln flogen wie Hagel um Heinrich herum; zwanzig Mann fielen in einem Augen⸗ blicke vor ſeinen Augen. „Vorwärts! Vorwarts!“ rief er und er draͤngte ſein Pferd mitten unter die Kanoniere. Als er am Graben ankam, entzundete ſich die erſte Petarde und das Thor zer⸗ riß an zwei Stellen. Die Kanoniere ſteckten die zweite in Brand und es entſtand ein neuer Riß im Holze, aber alsbald erſchienen auch an der dreifachen Oeffnung zwanzig Musketen, welche Kugeln auf die Soldaten und Officiere ſchleuderten. Die Menſchen fielen um den Koͤnig her wie abgemaͤhete Aehren. „Sire,“ ſagte Chicot, ohne an ſich ſelbſt zu denken, „Sire, um des Himmels willen! kommt zuruͤck. Mornah ſagte nichts, aber er war ſtolz auf ſeinen Zoͤgling und verſuchte von Zeit zu Zeit ſich vor ihn zu ſtellen, doch drängte ihn Heinrich jedesmal wieder bei Seite. Mit einemmal fuͤhlte Heinrich, daß der Schweiß ihm auf die Stirn trat und ein Nebel vor ſeinen Augen er⸗ ſchien. „Ah, verfluchte Natur!“ fluſterte er.„Man ſoll doch nicht ſagen, daß du mich überwunden haͤtteſt.“ Dann ſprang er vom Pferde herunter und rief: „Ein Beil! Ein Beil!“ Und mit kraͤftigem Arme hieb er Muskenrohre, Holz⸗ ſtuͤcke und eiſerne Naͤgel herunter. Endlich fiel ein Balken, ein Theil des Thores, ein Feld n⸗ 133 der Mauer und hundert Mann drängten ſich unter dem Rufe durch die Breſche hinein: „Navarra! Navarra! Cahors iſt unſer! Es lebe Navarra!“ Chicot hatte den Konig nicht verlaſſen; er war bei ihm unter dem Thore, durch das Heinrich mit zuerſt in die Stadt drang; aber bei jedem Schuſſe ſah er ihn ſchaudern und den Kopf ſenken. „Ventre saint gris!“ rief endlich Heinrich wuͤthend aus,„haſt Du je eine ſolche Feigheit geſehen, Chicot?“ „Nein, Sire,“ antwortete dieſer,„ich habe nie einen ſolchen feigen Mann wie Euch geſehen; es iſt entſetzlich.“ In dieſem Augenblicke verſuchten die Soldaten Vezins' Heinrich mit deſſen Vortrabe wieder aus der Stadt hinaus zu draͤngen. Heinrich empfing ſie mit dem Degen in der Hand; aber die Belagerten waren die Staͤrkeren und ſie trieben Hein⸗ rich mit den Seinigen wirklich wieder bis uͤber den Graben zuruͤck. „Ventre saint-gris!“ rief der Koͤnig,„ich glaube, meine Fahne weicht; ſo werde ich ſie ſelbſt tragen.“ Und er entriß ſeine Fahne den Haͤnden deſſen, der ſie trug, hob ſie hoch empor und gelangte, von ihr halb verhuͤllt, zuerſt wieder in der Stadt. „Fuͤrchte dich nur, zittere du nur, Memme!“ ſagte er. Die Kugeln pfiffen und ſchlugen an ſeine Ruͤſtung und durch'ocherten die Fahne. Die Herren von Turenne, Mornay und tauſend An⸗ dere draͤngten ſich durch das offene Thor ihrem Konige nach. Die Kanonen außen mußten ſchweigen; Mann kämpfte gegen Mann. Ueber das Donnern der Schüſſe und das Klirren der Säbel hinweg hoͤrte man Herrn von Vezins, der rief: „Verſperrt die Straßen, grabt Graͤben, beſetzt die Haͤuſer!“ „O,“ ſagte Turenne, der ſo nahe war, daß er ihn hoͤren konnte,„die Belagerung der Stadt iſt zu Ende, mein armer Vezins.“ Und gleichzeitig ſchoß er ſein Piſtol auf denſelben ab und verwundete ihn am Arme. „Du irrſt Dich, Turenne, Du irrſt Dich,“ antwortete Vezins;„in Cahors ſelbſt giebt es noch zwanzig Belage⸗ rungen; iſt eine zu Ende, ſo find noch neunzehn zu be⸗ ſtehen.“ Herr von Vezins vertheidigte ſich wirklich fünf Tage und fünf Nächte von Straße zu Straße, von Haus zu Haus. Zum Gluͤck fuͤr Heinrich von Navarra hatte er zu viel auf die Mauern und die Beſatzung von Cahors gerechnet, ſo daß er keinen Boten an Herrn von Biron geſandt. Fuͤnf Tage und fünf Nächte befehligte Heinrich wie ein Feldherr und kämpfte wie ein Soldat; fünf Tage und fünf Naͤchte ſchlief er auf Steinen und erwachte mit dem Beile in der Hand. Jeden Tag eroberte man eine Straße, einen Platz und — eit 135⁵ jede Nacht verſuchte die Beſatzung das Verlorene wieder zu nehmen. In der Nacht zum fünften Tage endlich ſchien der er⸗ müdete Feind der proteſtantiſchen Armee einige Ruhe goͤn⸗ nen zu wollen. Da griff Heinrich ſeiner Seits an; man er⸗ ſtuͤrmte einen verſchanzten Poſten, der ſiebenhundert Mann koſtete. Faſt alle guten Officiere wurden dabei verwundet; Turenne erhielt einen Schuß in die Schulter und Mornay einen Wurf an den Kopf. Nur der Konig ſelbſt blieb unverletzt; der Furcht, welche er anfangs gefühlt und die er ſo heldenmuͤthig be⸗ kämpft hatte, war eine fieberhafte Aufregung, eine faſt un⸗ ſinnige Kühnheit gefolgt; faſt alle Gelenke an ſeinem Har⸗ niſche waren zerbrochen und er ſchlug immer ſo ſtark zu, daß er nie ſeinen Gegner blos verwundete, ſondern gleich toͤdtete. Als der letzte Poſten genommen war, trat der Koͤnig mit dem ewigen Chicot hinein, der ſchweigend und finſter ſeit fuͤf Tagen und Nächten mit Verzweiflung an ſeiner Seite das enſetzliche Geſpenſt einer Monarchie ſich erheben ſah, welche die Monarchie der Valois ſtürzen ſollte. „Nun, was meinſt Du, Chicot?“ fragte der Koͤnig, indem er das Viſir aufſchlug, als haͤtte er in der Seele des armen Geſandten leſen konnen. „Sire,“ flüſterte Chicot traurig,„ich denke, Ihr ſeid ein wirklicher Koͤnig.“ „Und ich, Sire,“ fiel Mornay ein,„ich ſage, Ihr ſeid unvorſichtig. Handſchuhe ab und Viſir auf, während man von allen Seiten auf Euch ſchießt? Seht da, noch eine Kugel!“ In dieſem Augenblicke riß wirklich eine Kugel pfeifend eine Feder von dem Helmbuſche Heinrichs. Auch wurde der Koͤnig gleichzeitig, gleichſam damit Mornay vollſtaͤndig Recht bekomme, von einem Dutzend Schuͤtzen umringt. Sie hatten im Hinterhalt gelegen und zielten gut. Das Pferd des Konigs ſtürzte und dem Mornay's wurde ein Fuß zerſchoſſen. Der Konig fiel und zehn Schwerter erhoben ſich ge⸗ gen ihn. Chicot allein war aufrecht geblieben; er ſprang vom Pferde, trat vor den Konig und ſchlug mit ſeinem Degen ein ſo kräftiges Rad, daß er die Vorderſten zuruͤcktrieb. Dann hob er Heinrich auf, der im Sattel ſeines Pfer⸗ des haͤngen geblieben war, gab ihm ſein eigenes Pferd und ſagte: „Sire, Ihr werdet mir bei dem Koͤnige von Frankreich bezeugen, daß ich zwar das Schwert gegen ihn zog, aber Niemand verletzt habe.“ Heinrich zog Chicot an ſich und umarmte ihn mit Thrä⸗ nen in den Augen. „Ventre saint-gris!“ ſagte er,„Du bleibſt bei mir, Chicot; Du lebſt und ſtirbſt bei mir. Mein Dienſt iſt ſo gut wie mein Herz.“ Sire, antwortete Chicot,„ich habe in dieſer Welt nur einen Dienſt, den meines Fürſten. Ach, ſein Glanz wird bleichen, aber ich werde ihm auch im Ungluͤck treu bleiben⸗ 137 Laſſet mich alſo meinem Konige dienen und ihn lieben, ſo lange er lebt; bald werde ich allein bei ihm ſein; gönnt ihm ſeinen letzten Diener.“ „Chicot,“ erwiderte Heinrich,„es ſei.. Ihr werdet auch bei Heinrich von Frankreich Heinrich von Navarra zum Freunde haben.“ Chicot küßte ehrerbietig die Hand des Koͤnigs. „Aber nun ſehet, Freund,“ ſagte Heinrich,„Cahors iſt unſer; Vezins wird alle ſeine Leute opfern und ich werde auch nicht weichen, ſo lange ich noch einen Mann habe.“ Die Drohung war unnothig. Die Truppen Heinrich's warfen die Beſatzung und Vezins wurde gefangen. Die Stadt ergab ſich. Heinrich nahm Chicot an der Hand und fuͤhrte ihn in ein zerſchoſſenes noch brennendes Haus, in dem er ſein Hauptquartier hatte und dictirte dem Herrn von Mornay einen Brief, den Chicot dem Konige von Frankreich üͤber⸗ geben ſollte. Dieſer Brief war in ſchlechtem Latein geſchrieben und ſchloß mit den Worten; „Quod mihi dixisti profuit multum. Cognosco meos devotos, nosce tuos. Chicotus caetera ex pediet.“ Dies wollte etwa ſagen:„Was Ihr mir geſagt habt, iſt mir von großem Nutzen geweſen. Ich kenne meine Ge⸗ treuen, lernt auch die Eukigen fennen. Das Uebrige wird Chicot auseinanderſetzen.“ „Und nun, Freund Chicot,“ fuhr Heinrich fort,„um⸗ Die Fünfundvierzig. M. 10 ——————— 138 armt mich, ſeht Euch aber vor, daß Ihr Euch nicht be⸗ ſchmuzet, denn, Gott verzeihe mir! ich bin voll von Blut wie ein Metzger. Gern wurde ich Cuch einen Theil der Beute anbieten, wenn ich wußte, daß Ihr etwas annehmen dürftet; aber ich leſe in Eurem Auge, daß Ihr Euch wei⸗ gern wurdet. Nehmt da meinen Ring und nun lebt wohl, Chicot; ich halte Euch nicht langer auf; reitet nach Frank⸗ reich; Ihr werdet Aufſehen am Hofe machen, wenn Ihr erzählt, was Ihr geſehen habt.“ Chicot nahm den Ring und brach auf. Drei Tage dauerte es, che er ſich uͤberzengte, daß er nicht geträumt habe und daß er nicht in Paris vor den Fenſtern ſeines Hauſes erwachen würde.. Dreizehntes Kapitel. Was ungefähr zu der Zeit, als Chicot in der Stadt Nerac erſchien, im Louvre geſchah. Da wir unſern Freund Chicot bis ans Ende ſeiner Sendung folgen mußten, ſo haben wir uns, was die Leſer verzeihen mogen, ziemlich lange vom Louvre entfernt. Es wuͤrde gleichwohl nicht Recht ſein, wenn wir laͤnger die Folgen des Unternehmens von Vincennes und die ver⸗ geſſen wollten, gegen welche daſſelbe gerichtet geweſen war. Nachdem der König ſo muthig der Gefahr getrotzt, hatte ſich bei ihm eine tiefe Erſchutterung eingefunden, wie das bisweilen ſelbſt den ſtärkſten Herzen geſchieht — en 8 er r⸗ t, n, ht 139 nachdem die Gefahr voruber iſt; er war ſchweigend in den Louvre zurückgekommen, hatte etwas länger als gewoͤhnlich gebetet und in ſeiner Andacht vergeſſen, ſeinen ſo wachſamen Ofſicieren und ſo ergebenen Soldaten zu danken. Dann legte er ſich in das Bett und ſetzte ſeinen Kam⸗ merdiener durch die Schnelligkeit in Erſtaunen, in welcher er mit ſeiner Toilette zu Stande kam, als eile er den Schlaf zu finden, um am andern Morgen beruhigter zu erwachen. Epernon, der bis zuletzt in dem Zimmer des Koͤnigs geblieben war und immer einen Dank erwartete, verließ es endlich in ſchlechter Laune, da der Dank nicht kam. Loignae, der an dem ſammetnen Thuͤrvorhange ſtand und ſah, daß Epernon fortging, ohne ein Wort zu ſagen, drehete ſich barſch zu den Fünfundvierzig um und ſagte zu ihnen: „Der Konig bedarf Eurer nicht mehr. Begebt Euch zur Ruhe.“ um zwei Uhr ſchlief Alles im Louvre. Das Geheimniß jenes Abenteuers wurde gewiſſenhaft bewahrt und es kam nichts aus davon. Die guten Buͤrger von Paris ſchnarchten alſo in aller Seelenruhe, ohne zu ahnen, daß beinahe eine neue Dynaſtie den Thron beſtiegen haͤtte. Epernon ließ ſich ſofort auskleiden und ſtatt, wie es ſeine Gewohnheit war, mit etwa dreißig Herren in der Stadt umherzuziehen, folgte er dem Beiſpiele ſeines Ge⸗ bieters und legte ſich nieder, ohne mit Jemandem ein Wort zu ſprechen. Nur Loignac, der nach dem justum et tenas des 10* 140 Horaz von ſeinen Pflichten ſich nicht abgewendet haben würde, wenn auch die Welt eingeſtürzt waͤre, beſuchte die Poſten der Schweizer und der franzoſiſchen Garden, die ihren Dienſt mit Regelmäͤßigkeit, aber ohne großen Eifer thaten. Drei leichte Uebertretungen der Disciplinargeſetze wurden in dieſer Nacht wie ſchwere Vergehen beſtraft. Am andern Morgen trank Heinrich, auf deſſen Erwachen ſo viele Leute mit Ungeduld warteten, um zu wiſſen, was ſie von ihm zu hoffen häͤtten, vier Taſſen Fouillon im Bette ſtatt der zwei, die er ſonſt zu ſich zu nehmen pflegte, und ließ den Herren v. O und v. Villequier ſagen, daß ſie wegen eines neuen Finanzedicts zu ihm kommen mochten. Die Koͤnigin erhielt die Meldung, daß ſie allein ſpei⸗ ſen werde, und als ſie gegen einen Herrn Beſorgniſſe uͤber das Befinden Sr. Maj. äußerte, antwortete Heinrich, er werde die Damen Abends empfangen und 1aeinem Ca⸗ binet ſpeiſen. 4 Dieſelbe Antwort wurde einem Herrn der Konigii Mutter gegeben, welche ſeit zwei Jahren in ihrem Palaſte wohnte, aber jeden Tag ſich nach dem Befinden ihres Soh⸗ nes erkundigen ließ. Die Herren Staatsſecretaire ſahen einander beſturzt an; der Koͤnig war an dieſem Morgen ungewohnlich zer⸗ ſtreut und die Zerſtreutheit eines Koͤnigs iſt beſonders be⸗ unruhigend fur Staatsſecretaire. Dafür ſpielte der Konig viel mit Love und ſagte jedes⸗ mal, wenn das Thier ſeine ſchmalen Finger zwiſchen die kleinen weißen Zaͤhne nahm: 141 Ah, Rebell Du! Willſt Du mich auch beißen? Hund⸗ chen, greifſt Du Deinen Konig auch an? Iſt denn jetzt kei⸗ nem Weſen mehr zu trauen?“ Dann bändigte Heinrich, ſcheinbar mit eben ſo großer Anſtrengung wie Herkules den Löwen, das fauſtgroße Un⸗ gethuͤm und ſagte zu ihm: „Beſiegt, Love, beſiegt, Du ſchlechter Ligueur, beſiegt, beſiegt!“ Das war Alles, was die Herren von O und von Ville⸗ quier, die beider vroßen Diplomaten, welche glaubten, daß ſich ihnen kein menſchliches Geheimniß entziehen konnte, bemerken konnten, denn außer dieſen an Love gerichteten Worten blieb der König vollkommen ſchweigſam. Er hatte zu unterzeichnen und unterzeichnete; er hatte anzuhdren, er horte die Vorträge an und ſchloß dabei die Augen ſo natürlich, daß man unmoglich errathen konnte, ob er auhs oder ſchlief. ich ſchlug es drei Uhr Nachmittags und der Konig Epernon rufen. Man antwortete ihm, daß der Herzog die Chevaulegers muſtere. 5 Er ließ Loignac rufen und man antwortete, Loignae verſuche Pferde aus Limouſin. Man glaubte, der König werde daruber verdrüßlich werden, aber nein, gegen die allgemeine Erwartung fing der Konig an eine Jagdfanfare zu pfeifen, was er nur that, wenn er ganz mit ſich zufrieden war. Offenbar hatte ſich die Schweigſamkeit des Königs in große Redelnſt umgewandelt. p 142 Er verlangte zu eſſen und waͤhrend er aß, ließ er ſich aus einem Erbauungsbuche vorleſen; er unterbrach aber den Vorleſer mit der Frage: „Nicht wahr, Plutarch hat das Leben Sulla's ge⸗ ſchrieben?“ Der Vorleſer, der in einem Erbauungsbuche las und der durch eine Frage aus der Profangeſchichte unterbrochen wurde, ſah den Koͤnig erſtaunt an. Dieſer wiederholte die Frage. „Ja, Sire,“ antwortete der Vorleſer. „Erinnert Ihr Euch der Stelle, in welcher der Ge⸗ ſchichtſchreiber erzählt, daß der Dictator dem Tode ent⸗ ging?“ Der Vorleſer zogerte. „Nein, Sire, nicht genau,“ ſagte er;„ich habe den Plutarch ſehr lange nicht geleſen.“ In dieſem Augenblicke wurde Se. Eminenz der Car⸗ dinal von Joyeuſe gemeldet. „Sehr gut,“ ſagte der König;„der iſt ein Gelehrter. Er wird uns dies ſogleich ſagen.“ „Sire, ſagte der Cardinal,„wäre ich ſo gluͤcklich, zu gelegener Zeit zu kommen? Das iſt in dieſer Welt etwas Seltenes.„ „Ja, habt Ihr meine Frage gehoͤrt?“ „Ew. Maj. fragte, glaube ich, in welcher Weiſe und unter welchen Umſtänden der Dictator Sulla dem Tode entging. „Richtig. Koͤnnt Ihr mir darauf Antwort geben, Cardinal?“ c 8 t fe — 147 „O, beruhiget Euch.“ Katharina wartete in Angſt, aber weder ein Wort noch eine Geberde verrieth ihre Beſorgniß. „Ich bemerkte,“ fuhr der Koͤnig fort,„ein ganzes Klo⸗ ſter von guten Moͤnchen, welche die Waffen mit kriegeri⸗ ſchem Zurufe vor mir praͤſentirten.“ Der Cardinal von Joyeuſe laͤchelte und der ganze Hof folgte alsbald ſeinem Beiſpiele. „Ach, ſagte der Koͤnig,„lachet, lachet, Ihr thut Recht daran, denn man wird lange davon reden; ich habe in Frankreich uber zehntauſend Moͤnche, aus denen ich im Nothfalle zehntauſend Mousquetare machen konnte; dann werde ich auch ein neues Amt, das eines Großmeiſters der tonſurirten Mousquetäre Sr. allerchriſtlichen Maj., ſchaf⸗ ſen und Euch daſſelbe uͤbertragen, Cardinal.“ „Ich nehme es an, Sire; jeder Dienſt iſt mir ange⸗ nehm, wenn es Ew. Maj. beliebt.“ Waͤhrend des Geſpraͤchs zwiſchen dem Koͤnige und dem Cardinal waren die Damen nach der damaligen Etikette aufgeſtanden und eine nach der andern verließ das Gemach, nachdem ſie ſich vor dem Koͤnige verbeugt hatte. Die Koͤnigin folgte ihnen mit ihren Ehrendamen. Die Koͤnigin Mutter blieb allein. Es lag in der un⸗ gewoͤhnlichen Heiterkeit des Koͤnigs etwas Raͤthſelhaftes, das ſie zu ergrunden wuͤnſchte. „Ach, Cardinal,“ ſagte ploͤtzlich der Koͤnig zu dem Pralaten, der ſich zum Fortgehen anſchickte, da er ſah, daß die Koͤnigin Mutter bleiben wollte und er errieth, ſie 148 wuͤnſche mit ihrem Sohne zu ſprechen,„was wird aus Euerm Bruder Du Bouchage?“ „Ich weiß nicht, Sire..“ „Ihr wißt es nicht?“ „Nein, ich ſehe ihn kaum oder ich ſehe ihn vielmehr gar nicht mehr,“ erwiderte der Cardinal. Eine ernſte traurige Stimme im Hintergrunde des Ge⸗ machs antwortete: „Sire, hier bin ich.“ „Ah, er iſt es,“ rief Heinrich aus.„Kommt iiher, Graf.“ Der junge Mann gehorchte. „Bei Gott,“ ſagte dann der Koͤnig indem er ihn mit Verwunderung anſah,„er iſt kein Koͤrper mehr, ſondern ein wandelnder Schatten.“ „Sire, er arbeitet viel,“ ſtammelte der Cardinal, wel⸗ cher ſelbſt uber die Veraͤnderung erſtaunte, die acht Tage in der Haltung und dem Geſicht ſeines Bruders hervorge⸗ bracht hatten. Du Bouchage ſah wirklich ſo blaß aus wie ein Wachsbild und ſein Koͤrper war unter Seide und Stickerei ſtarr und dunn wie ein Schatten. „Kommt hierher, junger Mann,“ ſagte der Koͤnig zu ihm,„kommt hierher. Ich danke Euch, Cardinal, fur die Anführung der Stelle aus Plutarch und verſpreche Euch, daß ich mich in ähnlichen Faͤllen immer an Euch wenden werde.“ Der Cardinal errieth, daß der König mit Heinrich allein zu bleiben wuͤnſchte und entfernte ſich. da 8 8S zu hi ſel 149 Der Koͤnig ſah ihm von der Seite nach und blickte ſo⸗ dann auf ſeine Mutter, die unbeweglich daſaß. Es befanden ſich in dem Zimmer nur noch die Koͤnigin Mutter, Epernon, der ihr tauſend Artigkeiten ſagte und Du Bouchage. An der Thuͤr ſtand Loignac, der halb Hofmann, halb Soldat war und mehr auf ſeinen Dienſt als auf etwas An⸗ deres achtete. Der Koͤnig ſetzte ſich und winkte Du Bouchage roher zu kommen. „Graf,“ ſagte er zu ihm,„warum verbergt Ihr Euch hinter den Damen? Wiſſet Ihr nicht, daß ich Euch gern ſehe?“ „Dieſes freundliche Wort iſt eine große Ehre fuͤr mich, Sire,“ antwortete der junge Mann, der ſich tief verbeugte. „Warum alſo ſieht man Euch nicht mehr im Lonvre? Ich beklagte mich daruͤber bei Euerm Bruder dem Cardinal, der noch gelehrter iſt als ich glaubte.“ „Wenn Ew. Maj. mich nicht ſah,“ ſagte Heinrich,„ſo liegt es nur daran, daß Ihr nicht in die Ecke dieſes Cabi⸗ nets zu blicken geruhtet; ich bin alle Tage zu der Stunde da, in welcher der Koͤnig erſcheint. Ich wohne auch regel⸗ maͤßig dem Lever Sr. Maj. bei und begruͤße Euch ehr⸗ furchtsvoll, wenn Ihr aus dem Rathe kommt. Ich bin nie ausgeblieben und werde nie ausbleiben, ſo lange ich mich aufrecht erhalten kann, denn es iſt eine heilige Pflicht für mich. „Und das macht Dich ſr traurig?“ fragte Heinrich freundſchaftlich. ————— 15⁰ „Ach, das glaubt Ew. Maj. nicht.“ „Nein, Ihr, Du und Dein Bruder, liebt mich.“ „Sire!“ „Und ich liebe Euch auch. Weißt Du, daß der arme Anna von Dieppe mir geſchrieben hat?“ „Das wußte ich nicht, Sire.“ „Aber es war Dir bekannt, daß er ungern abreiſete?“ „Er hat mir geſtanden, daß er Paris ungern verließ.“ „Weißt Du auch, daß er mir geſagt hat, Jemand würde Paris noch unlieber verlaſſen haben, ja Du würdeſt ge⸗ ſtorben ſein, wenn Du einen ſolchen Befehl erhalten hätteſt?“ „Vielleicht, Sire.“ „Er hat mir auch geſagt, denn Dein Bruder ſpricht viel, wenn er nicht ſchmollt, er hat mir geſagt, es waͤre moglich, daß Du mir ungehorſam geweſen ſein wuͤrdeſt. Iſt das wahr?“ „Sire, Ihr thatet Recht, daß Ihr meinen Tod vor meinen Ungehorſam ſtelltet.“ „Wenn Du aber aus Schmerz uber dieſen Befehl zur Abreiſe nicht geſtorben waͤreſt?“ „Sire, es wuͤrde tieferer Schmerz fur mich geweſen ſein, Euch ungehorſam zu ſein als zu ſterben und doch,“ ſetzte der junge Mann hinzu indem er ſein bleiches Geſicht ſenkte, wie um ſeine Verlegenheit zu verbergen,„wuͤrde ich Euch nicht gehorcht haben.“ Der Koͤnig ſchlug die Arme uͤber einander und ſah Joyenſe an. mi thi er zu nu irr ein ſas Ko kar nic ſfen . 151 „Du biſt nicht recht bei Verſtande, armer Graf, wie mir ſcheint.“ Der junge Mann lächelte traurig. „Ich bin es gar nicht, Sire,“ ſagte er,„und Ew. Maj. thut unrecht mich zu ſchonen.“ „Es iſt alſo ernſtlich?“ Joyeuſe unterdruͤckte einen Seufzer. „Erzäͤhle es mir.“ Der junge Mann trieb den Heldenmuth ſo weit, daß er laͤchelte. „Ein großer Koͤnig, wie Ihr es ſeid, Sire, kann ſich zu ſolchen vertraulichen Mittheilungen nicht herablaſſen.“ „Doch, Heinrich, doch,“ entgegnete der Koͤnig;„ſprich nur, erzäͤhle, Du wirſt mich zerſtreuen.“ „Sire,“ antwortete der junge Mann ſtolz,„Ew. Maj. irrt; es liegt in meiner Traurigkeit wahrhaftig nichts, was ein edeles Herz zerſtreuen koͤnnte.“ Der Koͤnig ergriff die Hand des jungen Mannes und ſagte: „Erzuͤrne Dich nicht, Du Bouchage; Duweißt, daß der Konig die Schmerzen einer ungluͤcklichen Liebe auch ge⸗ kannt hat.“ „Ich weiß es, ja, Sire, ſonſt.“ „Ich fuͤhle alſo mit Dir.“ „Das iſt zu viel Guͤte von Seiten eines Königs.“ „Nein. Da, als ich litt, was Du leideſt, über mir nichts ſtand als die Macht Gottes, ſo konnte mir nichts hel⸗ fen; Dir aber, mein Kind, kann ich helfen.“ „Sire!“ ———— 152 „Und folglich,“ fuhr Heinrich in liebevoller Traurig⸗ keit fort,„arfſt Du hoffen das Ende Deiner Schmerzen zu ſehen.“ Der junge Mann ſchuttelte zweifelnd den Kopf. „Du Bouchage,“ ſagte der König,„wahrhaftig Du wirſt gluͤcklich ſein oder ich will nicht mehr Koͤnig von Frankreich heißen.“ „Gluͤcklich, ich? Ach, Sire, daß iſt unmoͤglich,“ ent⸗ gegnete der Jüngling mit unbeſchreiblich bitterem Lächeln. „Warum unmoͤglich?“ „Weil mein Gluck nicht von dieſer Welt iſt.“ „Heinrich,“ fuhr der Konig fort,„Dein Bruder hat Dich mir als einem Freund anempfohlen; ich mache, da Du mich uͤber das, was Du zu thun haſt, nicht zu Rathe ziehſt, weder auf die Weisheit Deines Vaters, noch auf die Kenntniſſe Deines Bruders des Cardinals Anſpruch, ich will nur Dein älterer Bruder ſein. Schenke mir alſo Dein Vertrauen, erzaͤhle mir Alles und ich gebe Dir die Ver⸗ ſicherung, Du Bouchage, daß meine Macht und meine Liebe fur Dich ein Mittel gegen Alles, nur nicht gegen den Tod, ſinden werden.“ „Sire, antwortete der junge Mann indem er vor dem Konig auf die Knie ſank,„bringt mich durch ſolche Guͤte, der ich nicht entſprechen kann, nicht in Verlegenheit; mein ungluck iſt nicht zu beſeitigen, denn eben mein Ungluck iſt meine Freude.“ „Du Bouchage, Du biſt ein Narr und wirſt Dich durch Einbildungen umbringen, ſage ich Dir.“ ie r⸗ m te, in iſt 153 „Ich weiß es wohl, Sire,“antwortete der junge Mann ruhig.“ „Aber,“ fragte der Koͤnig mit einer Ungeduld,„willſt Du eine Heirath eingehen oder einen Einfluß ausüben?“ „Sire, ich habe Liebe zu wecken und Ihr ſeht, daß nichts in der Welt mir dieſe Gunſt zu verſchaffen vermag. Ich allein muß ſie erlangen und für mich allein erlangen.“ „Warum verzweifelſt Du dann?“ „Weil ich fuͤhle, daß es mir nicht gelingen werde, Sire.“ „Verſuche es, verſuche es, mein Sohn. Du biſt reich, jung, ſchoͤn und welche Frau kann der dreifachen Macht der Schoͤnheit, der Jugend, des Reichthums widerſtehen? Nicht eine, Du Bouchage, nicht eine.“ „Wie viele Leute wuͤrden an meiner Stelle Ew. Maj. ſegnen für die übergroße Huld und für die Gunſt, mit wel⸗ cher Ihr mich uberhaͤuft! Von einem Koͤnige wie Ew. Maj. geliebt zu werden, iſt faſt ſo viel wie von Gott geliebt zu ſein.“ „Du nimmſt alſo an? Gut. Sage nichts, wenn Du durchaus verſchwiegen ſein willſt; ich werde mich er⸗ kundigen und Schritte thun laſſen; Du weißt, was ich fur Deinen Bruder habe thun laſſen und ſo viel werde ich auch für Dich thun. Hunderttauſend Thaler werden mich nicht abſchrecken.“ Du Bouchage ergriff die Hand des Koͤnigs und druͤckte ſie an ſeine Lippen. „Moͤge Ew. Maj. eines Tages mein Blut von mir verlangen,“ ſagte er,„und ich werde es bis zum letzten Die Fuͤnfundvierzig. III. 11 15⁵4 Tropfen vergießen, um Euch zu beweiſen, wie dankbar ich für den Schutz bin, den ich zurückweiſe.“ Heinrich III. drehete ſich verdrießlich um. „Wahrhaftig,“ ſagte er,„dieſe Joyeuſe ſind noch eigenſinniger als die Valois. Der da wird mir alle Tage ſein langes abgefallenes Geſicht und ſeine hohlen Augen zeigen. Wie erfreulich wird das ſein! Es giebt ja ſo ſchon zu viel luſtige Geſichter am Hofe.“ „O Sire, daran ſoll es nicht liegen,“ entgegnete der junge Mann;„ich werde das Fieber über meine Wangen verbreiten als Schminke der Heiterkeit und Jedermann wird glauben, wenn er mich lachen ſieht, ich ſei der glucklichſte Menſch.“ „Ja, aber ich, ich weiß das Gegentheil, unſeliger Eigenſinniger und dieſe Gewißheit wird mich traurig machen.“ „Erlaubt mir Ew. Maj., daß ich mich entferne?“ fragie Du Bouchage. „Ja, ja, mein Sohn, und bemuͤhe Dich ein Mann zu werden.“ Der junge Mann kuͤßte nochmals die Hand des Koͤ⸗ nigs, begrußte dann die Königin Mutter, ſchritt ſtolz an Epernon voruber, der ihn nicht gruͤßte und ging hinaus. Kaum war er uͤber die Schwelle der Thuͤr geſchritten, als der Koͤnig gebot: „Zugeſchloſſen, Rambu!“ Der Thuͤrſteher, an den dieſer Befehl gerichtet war, rief ſofort in das Vorzimmer, daß der Koͤnig Riemanden mehr empfange⸗ 15⁵ Dann trat Heinrich zu Epernon, klopfte ihn auf die Achſel und ſagte: „Lavalette, Du wirſt heute Abend Geld unter Deine Fuͤnfundvierzig vertheilen laſſen und ihnen Urlaub für eine Nacht und einen Tag geben. Sie ſollen ſich luſtig machen. Sie haben mich gerettet wie das Pferd Sulla's.“ „Gerettet?“ fragte Katharina erſtaunt. „Ja, Mutter.“ „Von was gerettet?“ „Fragt nur Epernon.“ „Ich frage Dich, mein Sohn.“ „Nun, unſre ſehr werthe Couſine, die Schweſter Eures guten Freundes Guiſe.., vertheidiget Euch nur nicht, er iſt Euer guter Freund.“ Katharina läͤchelte als Frau, die ſagt:„er wird nie verſtehen.“ Der Koͤnig ſah das Lächeln, druͤckte die Lippen zuſam⸗ men und fuhr fort: „Die Schweſter Eures guten Freundes Guiſe hatte mir geſtern einen Hinterhalt legen laſſen.“ „Einen Hinterhalt?“ „Ja, Madame; geſtern waͤre ich beinahe gefangen, vielleicht ermordet worden.“ „Durch Guiſe?“ rief Katharina aus. „Ihr glaubt es nicht?“ „Nein,“ ſagte Katharina. „Epernon, Freund, erzählt der Koͤnigin Mutter um Gottes willen das Abenteuer ganz ausfuͤhrlich; wenn ich ſpraͤche und ſie zuckte ferner die Agſs wie ſie es 11* 15⁵6 eben thut, wuͤrde ich in Zorn gerathen und ich habe keinen Geſundheitsuberfluß.“ Dann wandte er ſich an Katharina und ſagte: „Lebt wohl, Madamez; liebt nur Herrn von Guiſe, ſo viel es Euch gefaͤllt; ich habe bereits den Saledde raͤdern laſſen, wie Ihr Euch erinnert.“ „Allerdings.“ „Nun, die Herren von Guiſe mögen thun wie Ihr und es nicht vergeſſen.“ Damit zuckte der König die Achſeln noch höher als es ſeine Mutter gethan hatte, und kehrte mit Love, der traben mußte, um ihm zu folgen, in ſeine Gemaͤcher zuruͤck. Vierzehntes Kapitel. Rother Federbuſch und weißer Federbuſch. Nachdem wir uns zu den Perſonen zuruͤckgewendet haben, wollen wir auch zu den Sachen zuruͤckkehren. Es war acht Uhr Abends und das Haus Robert Bri⸗ quet's, in dem kein Lichtſchein glaͤnzte, zeigte ſich an dem bewolkten Himmel, der offenbar groͤßere Luſt zum Regen als zum Mondſchein hatte. Dieſes arme Haus, dem man es anſah, daß es die Seele verloren hatte, paßte vollkommen zu jenem geheim⸗ nißvollen Gebäude, von dem wir unſere Leſer bereits unter⸗ halten haben und das ihm gegenüber ſtand. Die Philo⸗ ſophen, welche behaupten, es lebe, ſpreche und fühle nichts „ 157 ſo ſehr als die unbelebten Dinge, häͤtten vielleicht bei dem Anblicke dieſer beiden Haͤuſer geſagt, ſie gaͤhnten ein⸗ ander an. Nicht weit davon hoͤrte man einen gewaltigen Lärm von Eiſen, von verworrenen Stimmen, unverſtaͤndlichem Gemurmel und Geſchrei. Dieſer Larm lockte wahrſcheinlich auch einen jungen Mann mit violettem Barett, rother Fe⸗ der und grauem Mantel an, der ganze Minuten lang ſte⸗ hen blieb, auf den Laͤrm hoͤrte und dann langſam, ſinnend und geſenkten Hauptes nach dem Hauſe Robert Briquet's zurucktehrte. Die Symphonie von Eiſenklang war der Lärm von Caſſerolen; das unverſtaͤndliche Gemurmel kam von To⸗ pfen her, die auf Feuer kochten und Bratſpießen, die von Hunden gedreht wurden, das Geſchrei aber von Mei⸗ ſter Fournichon, dem Wirthe zum tapfern Ritter, der in ſeiner Kuͤche ſchaltete und von der Frau Fournichon, welche die Zimmer in den Thuͤrmchen bereit machte. Nachdem der junge Mann mit dem blauen Barett das Feuer betrachtet, den Duft der Speiſen in ſich geſogen und nach den Vorhaͤngen der Fenſter geſehen hatte, kehrte er um und begann die Muſterung von Neuem. So unabhaͤngig indeß auch ſein Gang auf den erſten Blick zu ſein ſchien, ſo uͤberſchritt der junge Mann doch nie eine gewiſſe Grenze, nämlich eine Art Bach, welcher die Straße vor dem Hauſe Briquet's durchſchnitt und zu dem geheimnißvollen Hauſe gegenuber fuͤhrte. Jedesmal, wenn er an dieſer Grenze anlangte, fand er hier als wachſame Schildwache einen andern jungen ———— 158 Mann, der ſo ziemlich in ſeinem Alter ſtehen mochte, ein ſchwarzes Barett mit weißer Feder und einen blauen Man⸗ tel trug und mit gerunzelter Stirn, mit feſtem Auge, die Hand am Schwerte, wie der Rieſe Adamaſtorzu ſagen ſchien: „Weiter wirſt Du nicht gehen, ohne auf den Sturm zu treffen.“ Der mit dem rothen Federbuſche, alſo jener, welchen wir zuerſt auftreten ſahen, ging vielleicht zwanzigmal ſo hin und her, ohne von allem dem etwas zu bemerken, ſo ſehr beſchäͤftigten ihn ſeine Gedanken. Er ſah allerdings einen Mann, der gleich ihm ſelbſt auf der Straße umherging, aber dieſer Mann war zu gut gekleidet als daß er hätte ein Dieb ſein konnen und es fiel ihm nicht ein ſich um etwas zu bekuͤmmern als etwa um das, was im„tapfern Ritter“ geſchah. Der Andere dagegen verduͤſterte ſein finſteres Geſicht bei jeder Umkehr des rothen Federbuſches noch mehr und endlich wurde die Aufregung bei dem Weißen ſo groß, daß ſie die Aufmerkſamkeit des Rothen auf ſich zog. Er richtete den Kopf empor und las in dem Geſichte deſſen, der ihm gegenuber ſtand, das ganze Uebelwollen, das er gegen ihn zu empfinden ſchien. Dies brachte ihn natüͤrlich auf den Gedanken, daß er dem jungen Manne hin⸗ derlich ſei und aus dieſem Gedanken entſtand der Wunſch ſich zu erkundigen, worin er ihm hinderlich ſei. Er ſah alſo das Haus Robert Briquet's aufmerkſam an und von dieſem ging er zu dem gegenuͤberſtehenden über. Als er beide genau betrachtet hatte, ohne ſich um die Art zu bekuͤmmern oder ſich zu bekuͤmmern zu ſcheinen, 15⁵9 wie ihn der junge Mann anſah, drehete er ihm den Ruͤcken zu und wendete ſich von Neuem nach dem Hauſe Meiſter Fournichon's hin. Der weiße Federbuſch, der ſich freute ſeinen Gegner in die Flucht geſchlagen zu haben, denn der Flucht ſchrieb er die ruͤckgängige Bewegung zu, welche er geſehen hatte, ging in ſeiner Richtung fort, d. h. nach Weſten zu, während der Andere von Weſten nach Oſten gegangen war. Als indeſſen ein jeder an dem Punkte angekommen war, den er ſich ſelbſt als Ziel ſeines Ganges geſetzt hatte, kehrte er um und ſchritt geradewegs dem Andern entgegen, ſo ganz geradewegs, daß, wenn nicht die Goſſe, ein neuer Rubicon, haͤtte überſchritten werden müſſen, ſie wahrſcheinlich mit der Naſe an einander geſtoßen wären, ſo genau hielten ſie die gerade Linie ein. Der weiße Federbuſch ſtrich den kleinen Schnurbart mit ſichtlicher Ungeduld. Der rothe Federbuſch nahm eine Miene der Verwun⸗ derung an und ſah von Neuem nach dem geheimnißvollen Hauſe. Der weiße Federbuſch that jetzt einen Schritt, um den Rubicon zu überſteigen, aber der rothe war ſchon weit ent⸗ fernt und der Gang in entgegengeſetzter Richtung begann von Neuem. Fuͤnf Minuten lang häͤtte man glauben können, ſie wurden einander bei den Antipoden begegnen, aber bald dreheten ſich beide mit derſelben Genauigkeit wie das erſte Mal gleichzeitig wieder um. Wie zwei Wolken, welche unter entgegengeſetztem Winde 160 demſelben Striche am Himmel folgen und die man gegen einanderziehen ſieht, während ſie ihre ſchwarzen Flocken als vorſichtige Vorpoſten ausbreiten, kamen die beiden Wan⸗ derer diesmal einander entgegen, entſchloſſen lieber einan⸗ der auf die Fuße zu treten als einen Schritt zuruͤckzuweichen. Der weiße Federbuſch, welcher ohne Zweifel ungedul⸗ diger war als der, welcher ihm entgegen kam, blieb dies⸗ mal nicht wie bisher an dem Rande der Goſſe ſtehen, ſondern ſchritt hinuͤber und ſtieß an den Gegner, der dieſen Angriff nicht erwartete, die beiden Arme unter dem Mantel hatte und beinahe das Gleichgewicht verloren haͤtte. „Nun,“ ſprach der Letztere,„ſeid Ihr ein Narr oder wollt Ihr mich beleidigen?“* „Ich moͤchte Euch vor Allem begreiflich machen, daß Ihr mir hier im Wege ſeid; ich glaubte erſt, daß ich nicht noͤthig haben wuͤrde, es Euch zu ſagen, da Ihr es bemerkt haben muͤſſet.“ „Durchaus nicht, denn ich habe den Grundſatz, das, was ich nicht ſehen will, nicht zu ſehen.“ „Es wuͤrden aber doch manche Dinge Euere Aufmerk⸗ ſamkeit erregen, hoffe ich, wenn man ſie vor Euern Augen glaͤnzen ließe.“ Den Worten folgte ſoſort die entſprechende Bewegung, denn der junge Mann mit dem weißen Federbuſch zog den Degen, der in dem Mondeslichte glaͤnzte, welches eben zwi⸗ ſchen zwei Wolken hervorbrach. Der rothe Federbuſch blieb unbeweglich. „Man ſollte faſt glauben,“ ſagte er mit Achſelzucken, „Ihr haͤttet noch nie eine Klinge aus der Scheide gezogen, — eit un im we we Er 161 ſo ſehr beeilt Ihr Euch ſie gegen Einen zu ziehen, der ſich nicht vertheidiget.“ „Aber er wird ſich hoffentlich vertheidigen.“ Der rothe Federbuſch laͤchelte mit einer Ruhe, welche die Heftigkeit des Gegners nur noch mehr reizte. „Warum? Welches Recht habt Ihr mich an meinem Spaziergange auf der Straße zu hindern?“ „Warum geht Ihr in dieſer Straße auf und ab?“ „Ueber die Frage! Weil es mir ſo gefaͤllt.“ „Es gefaͤllt Euch?“ „Ohne Zweifel; Ihr geht auch da, habt Ihr die Er⸗ laubniß vom Koͤnig allein die Pflaſterſteine der Buſſy⸗ Straße zu betreten?“ „Gleichviel ob ich die Erlaubniß habe oder nicht.“ „Ihr irret Euch; darauf kommt ſehr viel an; ich bin ein treuer Unterthan Sr. Maj. und moͤchte ihm nicht gern ungehorſam ſein.“ „Ihr ſpottet, glaube ich.“ „Und wenn dies wäre? Ihr drohet ja!“ „Himmel und Erde, ich ſage Euch, Herr, daß Ihr mir im Wege ſeid und daß ich Euch mit Gewalt fortbringen werde, wenn Ihr nicht gutwillig geht.“ „Ho, ho! das muͤßte man erſt ſehen.“ „Ich ſage es Euch ja ſchon ſeit einer Stunde.“ „Herr, ich habe ganz beſondere Geſchaͤfte in dieſer Straße, nun wißt Ihr's.. Wenn Ihr es durchaus haben wollt, mache ich auch ein Paar Gänge mit dem Degen mit Euch, aber vom Platze weiche ich nicht.“ „Herr, entgegnete der weiße Federbuſch, der einen 162 Luftſtreich machte und ſich feſt auf die Fuͤße ſtellte wie Je⸗ mand der ſich eben auslegen will,„ich bin der Graf Heinrich Du Bouchage, der Bruder des Herzogs von Joyeuſe.. Zum letzten Mal, wollt Ihr mir nicht Platz machen und Euch entfernen?“ „Und ich,“ anlworele der rothe Federbuſch,„heiße Vicomte Ernauton v. Carmainges, Ihr ſeid mir nicht im mindeſten im Wege und ich habe nichts dagegen, daß Ihr bleibt.“ Du Bouchage dachte einen Augenblick nach und ſteckte den Degen wieder in die Scheide. „Nehmt mir's nicht übel,“ ſagte er dann,„ich bin halb verruͤckt, weil ich verliebt bin.“ „Ich bin auch verliebt,“antwortete Ernauton,„halte mich aber deswegen doch gar nicht fur verrückt.“ Heinrich erbleichte. „Ihr verliebt?“ Sa „Und Ihr geſteht es? 2 „Seit wann iſt das ein Verbrechen?“ „Aber in dieſer Straße verliebt?“ „Fuͤr den Augenblick ja.“ „Um Gottes Willen, Herr, ſagt mir wen Ihr liebt.“ „Ach, Herr Du Bouchage, Ihr habt nicht bedacht was Ihr fragt; Ihr wiſſet doch, daß ein Edelmann ein Geheim⸗ niß nicht verrathen darf, das nur zur Haͤlfte ihm gehoͤrt.“ „Ihr habt Recht, Ihr habt Recht, verzeiht, Herr von Carmainges, aber es iſt wahrhaftig Niemand unter dem Himmel ungluͤcklicher als ich.“ — 163 Es lag ſoviel wahrer Schmerz und beredte Verzweif⸗ lung in den wenigen Worten des jungen Mannes, daß Ernauton tief ergriffen wurde. „Ich ſehe ein, ſagte er,„Ihr furchtet, daß wir Ne⸗ benbuhler ſein koͤnnten.“ „Das furchte ich.“ „Nun,“ ſagte Ernauton,„ich will aufrichtig ſein.“ Joyeuſe erbleichte und ſtrich mit der Hand uͤber die Stirn. „Ich habe ein Rendezvous,“ fuhr Ernauton fort. „In dieſer Straße?“ „In dieſer Straße.“ „Wurdet Ihr ſchriftlich aufgefordert?“ „Ja und von einer ſehr hubſchen Hand. „Einer weiblichen?“ „Nein, einer maͤnnlichen.“ „Von einer maͤnnlichen Hand? Wie meint Ihr das?“ „Ich meine es nicht anders als ich es geſagt habe. Ich bin ſchriftlich durch einen Mann zu einem Rendezvons mit einer Dame beſchieden worden. Das iſt nicht gerade ſehr geheimnißvoll, aber elegant; die Dame ſcheint einen Se⸗ cretair zu haben.“ „In des Himmels Namen, ſprecht weiter!“ flüͤſterte Heinrich. „Ihr bittet ſo dringend, daß ich Euch nichts abſchlagen kann. Ich will Euch alſo den Inhalt des Briefes mit⸗ theilen.“ „Ich hoͤre.“ „Ihr werdet daraus ſehen, ob wir Nebenbuhler ſind.“ „Haltet ein, ich bitte Euch.. Mir hat man kein Ren⸗ dezvous bewilliget und kein Brieſchen geſchrieben.“ Ernauton nahm ein Brieſchen hervor. „Da iſt der Brief,“ ſagte er;„es wuͤrde ſchwer ſein, Euch denſelben in dieſer dunkeln Nacht vorzuleſen, aber er iſt kurz und ich kann ihn auswendig. Verlaſſet Ihr Euch auf mich, daß ich Euch nicht taͤnſche?“ „Vollkommen.“ „Der Brief lautet alſo: Herr Ernauton, mein Seere⸗ tair iſt durch mich beauftragt Euch zu ſagen, daß ich ſehr wuͤnſche ein Stuͤndchen mit Euch zu plaudern.. Euer Ver⸗ dienſt hat mich geruͤhrt.“ „Das iſt Alles?“ fragte Du Bouchage. „Ja wohl; die letzten Worte ſind ſogar unterſtrichen. Eine etwas zu ſchmeichelhafte Redensart uͤbergehe ich.“ „Und Ihr werdet erwartet?“ „Ich warte vielmehr wie Ihr ſehet.“ „Man ſoll Euch alſo die Thuͤr aufmachen?“ „Nein, man ſoll dreimal durch das Fenſter pfeifen.“ Heinrich legte zitternd eine Hand auf den Arm Ernau⸗ ton's und zeigte mit der andern auf das geheimnißvolle Haus. „Von da?“ fragte er. „Nein,“ antwortete Ernauton und er wies auf die Thuͤrmchen des tapfern Ritters,„von da.“ Heinrich athmete tief auf. „Ihr geht alſo nicht hierher?“ fragte er. Nein, das Brieſchen nennt ausdruͤcklich das Gaſthaus zum iapferi Ritter.“ „O, ich danke Euch,“ ſagte der junge Mann indem er 165 ihm die Hand druͤckte.„Verzeiht mir meine Unartigkeit und meine Albernheit. Ihr wiſſet es ja ſelbſt, für den Mann, welcher wirklich liebt, giebt es nur ein Weib in der Welt. Als ich Euch immer bis an dies Haus da gehen ſah, glaubte ich, Ihr wuͤrdet von der Dame darin erwartet.“ „Ich habe Euch nichts zu verzeihen,“ ſagte Ernauton läͤchelnd,„denn ich hatte wirklich einen Augenblick auch den Gedanken, Ihr wäret aus derſelben Urſache wie ich hier.“ „Und Ihr beſaßet die unglaubliche Geduld mir nichts zu ſagen? O, Ihr liebt nicht, Ihr liebt nicht.“ „Ich habe noch keine großen Rechte und ich wartete auf eine Aufklärung ehe ich mich erzuͤrnte. Die vornehmen Damen ſind in ihren Launen ſo ſeltſam und eine Myſtiſica⸗ tion unterhaͤlt ſo angenehm!“ „Ihr liebt nicht wie ich, Herr von Carmainges und doch..“ „Und doch?“ wiederholte Ernauton. „Und doch ſeid Ihr gluͤcklicher.“ „Iſt man grauſam in dem Hauſe da?“ „Herr von Carmainges,“ ſagte Joyeuſe,„ſeit drei Monaten liebe ich die, welche da wohnt, mit Leidenſchaft und ich habe noch nicht das Gluͤck gehabt den Ton ihrer Stimme zu hoͤren.“ „Da ſeid Ihr allerdings noch nicht weit gekommen.. Aber wartet..“ „Was iſt's?“ „Hat man nicht gepfiffen?“ „Es ſchien mir allerdings ſo.“ Die beiden jungen Männer horchten und hoͤrten, daß 166 nach dem tapfern Ritter zu zum zweiten Mal ge⸗ pfiffen wurde. „Herr Graf,“ ſagte da Ernauton,„Ihr werdet mich entſchuldigen, daß ich Euch nicht länger Geſellſchaft leiſte, aber ich glaube mein Signal ruft mich.“ Es wurde zum dritten Mal gepfiffen. Ernauton entſfernte ſich lachend und Joyeuſe ſah ihn in dem Dunkel der Straße verſchwinden, ſowie bald darauf von Neuem in dem Lichte erſcheinen, das aus den Fenſtern des Gaſthauſes fiel und endlich ganz verſchwinden. Er ſelbſt war betruͤbter als vorher.„Nun, weiter in meinem gewoͤhnlichen Handwerke,“ ſagte er,„klopfen wir an der Pforte an, die ſich niemals offnet.“ Er ſchritt wankend nach der Thuͤr des geheimnißvollen Hauſes zu. Funfzehntes Kapitel. Die Thür offnet ſich. Als Heinrich an der Thür des geheimnißvollen Hauſes ankam, befiel ihn von Neuem ſeine gewoͤhnliche Unentſchloſ⸗ ſenheit. „Muth,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„angeklopft!“ Und er that noch einen Schritt. Ehe er aber anklopfte, ſah er ſich noch einmal um und erblickte an dem Gaſthauſe wiederum den hellen Lichtſchein. „Da unten,“ dachte er,„finden ſich zur Liebe und zur Frende Leute ein, die man ruft und die nicht einmal einen P 167 Wunſch gehegt haben; warum habe ich nicht auch ein ruhi⸗ ges Herz und ein ſorgloſes Laͤcheln, vielleicht ſchritte auch da unten hinein, ſtatt daß ich hier einen Eingang ſuche.“ Man hoͤrte die Glocke von St. Germain⸗des⸗Pres ſchlagen. „Es ſchlaͤgt zehn Uhr,“ fluͤſterte Heinrich. Ertrat auf die Schwelle der Thuͤr und hob den Klopſer. „Schreckliches Leben!“ fluͤſterte er;„Greiſen⸗Leben! Ach wann werde ich ſagen koͤnnen: ſchoͤner Tod, lachender Tod, ſuͤßes Grab willkommen!“ Er klopfte zum zweiten Male. „Wie gewoͤhnlich,“ dachte er weiter,„die Thur drinnen quiekt, die Treppenſtufen knarren, es nahen Tritte— im⸗ mer daſſelbe.“ Er klopfte zum dritten Male. „Noch dieſen Schlag,“ ſagte er,„den letzten.. Der Tritt wird leichter, der Diener fieht durch das eiſerne Git⸗ ter, er erkennt mein bleiches unausſtehliches Geſicht und entfernt ſich ohne jemals zu oͤffnen.“ Das Aufhoͤren jedes Geraͤuſches ſchien die Vorherſage des ungluͤcklichen Juͤnglings zu beſtatigen. „Lebe wohl, hartherziges Haus; lebe wohl bis morgen.“ Er buͤckte ſich ſo tief, daß ſeine Stirn die ſteinerne Schwelle beruͤhrte und druͤckte mit ganzer Seele einen Kuß darauf, welcher den kalten Granit haͤtte erwaͤrmen koͤnnen, der minder kalt und hart war als das Herz der Bewohner dieſes Hauſes. Dann trat er zuruͤck, wie er es am Tage vorher gethan N 168 eund wie er am nächſten Tage wieder thun zu müſſen tete. Kaum aber war er zwei Schritte zuruͤckgegangen, als zu ſeiner großen Verwunderung der Riegel knarrte, die Thür ſich öffnete und der Diener ſich tief verbeugte. Es war derſelbe, den wir bei ſeiner Unterredung mit Robert Briquet geſchildert haben. „Guten Abend, Herr,“ ſagte er mit rauher Stimme, deren Ton jedoch dem jungen Du Bouchage lieblicher er⸗ ſchien als die ſuͤßeſten Tone der Engel, die man in den Kin⸗ derträumen hoͤrt, wenn man noch vom Hime träumt. Zitternd und verlegen trat Heinrich, der ſich ſchon zehn Schritte weit entfernt hatte, raſch wieder n faltete die Häͤnde und wankte ſo ſichtbar, daß der Diener ihn hielt, da⸗ mit er nicht falle, und zwar mit dem Ausdrucke ehrerbieti⸗ gen Mitleides. „Da bin ich, Herr,“ ſagte er;„was wuͤnſchet Ihr?“ „Ich habe ſo lange und ſo ſehr geliebt,“ antwortete der junge Mann,„daß ich nicht weiß ob ich noch liebe. Mein Herz hat ſo ſehr geſchlagen, daß ich nicht weiß ob es noch ſchlägt.“ „Beliebt es Euch,“ fragte der Diener ehrerbietig, „neben mir Platz zu nehmen?“ „Recht gern.“ Der Diener winkte mit der Hand und Heinrich folgte dem Winke wie einer Geberde des Koͤnigs von Frankreich oder des roͤmiſchen Kaiſers. „Sprecht, Herr,“ fuhr der Diener fort als ſie neben einander ſaßen,„und theilt mir Euern Wunſch mit.“ 169 „Guter Freund,“ antwortete Du Bouchage,„w re⸗ chen nicht heute zum erſten Male mit einander. ſchon habe ich Euch, wie Ihr wißt, an der Ecke einer erwartet und uͤberraſcht; ich bot Euch ſo viel Gold, daß Ihr davon ein reicher Mann geworden waͤret und wenn Ihr noch habſuͤchtiger geweſen, oder ich verſuchte Euch ein⸗ zuſchüchtern,— niemals hoͤrtet Ihr auf mich, immer ſahet Ihr mich leiden ohne Erbarmen mit mir zu haben. Heute fordert Ihr mich auf mit Euch zu ſprechen und erſucht mich, Euch meinen Wunſch mitzutheilen; was iſt geſchehen? Welches neue Ungluͤck lauert hinter dieſer Herablaſſung und Nachg bigkeit?“ Der Piener ſeufzete. Er hatte offenbar ein Herz, ein mitleidiges Herz. Heinrich hoͤrte den Seufzer und er ermuthigte ihn. „Ihr wißt,“ fuhr er fort,„daß ich liebe und wie ich liebe; Ihr habt geſehen, daß ich einer Dame folgte und ſie entdeckte, wie ſehr ſie ſich auch bemuͤhete zu entfliehen; nie, ſelbſt in meinen groͤßten Schmerzen, iſt ein bitteres Wort uͤber meine Lippen gegangen, nie gab ich den Gedanken an Gewaltthat nach, die aus der Verzweiflung entſtehen, nie folgte ich den Rathſchlagen, die uns das Jugendfener zu⸗ fluſtert.“ „Ihr habt Recht,“ ſagte der Diener,„und darum laſſen wir, meine Gebieterin und ich, Euch vollkommen Gerech⸗ tigkeit widerfahren.“ 5o geſteht,“ ſprach Heinrich weiter indem er die Häni des wachſamen Dieners druͤckte,„daß ich eines Abends, wenn Ihr mir den Eingungi in dieſes Haus ver⸗ Di Fuͤnfundvierzig. IM. 12 17⁰ die Thür einſchlagen konnte, wie es jeden Tag ein etrunkener oder verliebter Schüler thut. Ich wuͤrde dann, wenn auch nur auf einen Augenblick, dieſe unerbittliche Dame geſehen und mit ihr geſprochen haben.“ „Auch das iſt wahr.“ „Endlich,“ fuhr der junge Graf mit unbeſchreiblicher trauriger Milde fort,„bin ich etwas in dieſer Welt, mein Name iſt groß, mein Vermogen iſt groß, mein Anſehen iſt groß; der Konig ſelbſt, der König, will mir wohl; noch eben forderte er mich auf, ihm meinen Schmerz mitzuthei⸗ len, mich an ihn zu wenden und er bot mir ſeinen Schutz an.“ „Ah!“ rief der Diener mit ſichtlicher Unruhe aus. „Ich wollte es nicht,“ ſetzte der junge Mann raſch hin⸗ zu;„nein, ich ſchlug alles, alles aus, um mit gefaltenen Händen zu bitten, daß dieſe Thur ſich öffnen mochte, die, wie ich wohl weiß, ſich nie offnet.“ „Herr Graf, Ihr ſeid wirklich ein treues Herz und verdient geliebt zu werden.“ „Nun,“ fiel Heinrich mit ſchmerzlicher Beklemmung ein,„wozu verurtheilt Ihr den Mann mit dem trenen Her⸗ zen, der Euerer Meinung nach geliebt zu werden verdient? Jeden Morgen bringt mein Page einen Brief und man nimmt ihn nicht einmal an; jeden Abend klopfe ich ſelbſt an dieſe Thur und ſie wird nicht aufgethan, kurz man läßt mich leiden, verzweifeln, ſterben in dieſer Straße, ohne ſo⸗ viel Mitleiden mit mir zu haben wie mit einem armen Hunde, der vor der Thur heult. Ach, dieſe Frau hat kein Frauenherz.. Man liebt einen Unglücklichen nicht, ich gebe das zu, und man kann leider auch ſeinem Herzen eben ſo — 171 wenig gebieten zu lieben als nicht mehr zu lieber man hat doch Mitleiden mit einem Unglucklichen, d und ſagt ihm wenigſtens ein Wort des Troſtes zman reicht einem Ungluͤcklichen, der fällt, die Hand, um ihn wieder aufzurichten und dieſe Frau erfreut ſich an meiner Qual; nein, ſie hat kein Herz, nein, denn wenn ſie ein Frauenherz haͤtte, wurde ſie mich durch eine Weigerung von ihren Lippen getodeet haben oder durch einen Dolchſtoß haben toͤdten laſſen; wenn ich todt wäre, wurde ich wenigſtens nicht mehr leiden.“ „Herr Graf,“ antwortete der Diener nachdem er auf⸗ merkſam alles angehort hatte was der junge Mann ſagte, „die Dame, welche Ihr beſchuldiget, iſt weit entfernt, glaubt es mir, ein ſo unempfindliches Herz, namentlich ein ſo grau⸗ ſames Herz zu haben, wie Ihr es ſagt; ſie leidet mehr als Ihr, denn ſie hat Euch bisweilen geſehen, ſie hat errathen was Ihr leidet und ſie nimmt den innigſten Antheil an Euch.“ „Ach, Mitleid, Mitleid!“ rief der junge Mann aus indem er den kalten Schweiß von ſeiner Stirn wiſchte, „ach, moͤge einſt der Tag kommen, an welchem ihr Herz, das Ihr ruͤhmt, die Liebe kennen lernt, die Liebe ſo wie ich ſie füͤhle und wenn man ihr dann fur dieſe Liebe Mitleid bietet, werde ich geraͤcht ſein.“ „Herr Graf, Herr Graf, wenn man eine Liebe nicht erwidert, ſo iſt das kein Grund, aus dem geſchloſſen werden darf, man habe nicht geliebt; die Dame hat vielleicht die Liebe mit groͤßerer Leidenſchaft gekannt, als Ihr ſie jemals 5 12* 172 Heinrich erhob die Augen gen Himmel. „Wennmanſogeliebt hat, liebt man immer,“ ſagte er. „Habe ich Euch geſagt, daß ſie nicht mehr liebe, Herr Graf?“ fragte der Diener. Heinrich ſeufzete ſchmerzlich und ſank in ſich zuſammen als wäre das Leben von ihm gewichen. „Sie liebt!“ rief er aus;„ſie liebt! ach, mein Gott!“ „Ja, ſie liebt, aber ſeid nicht eiferſuͤchtig auf den Mann, den ſie liebt, Herr Graf; dieſer Mann iſt nicht mehr unter den Lebendigen. Meine Gebieterin iſt Wittwe,“ ſetzte der Diener theilnehmend hinzu und er hoffte durch dieſe Worte den Schmerz des jungen Mannes zu be⸗ ſaͤnftigen. Auch gaben ihm dieſe Worte wie durch Zauberei Le⸗ bensmuth und Hoffnung wieder. „Verlaſſet mich nicht,“ ſagte er.„Sie iſt Wittwe, ſagt Ihr, ſo iſt ſie es ſeit kurzem und ſo wird die Quelle ihrer Thränen vertrocknen; ſie iſt Wittwe, ach, lieber Mann, dann liebt ſie Niemanden, weil ſie einen Todten, einen Schatten, einen Namen liebt. Der Tod iſt noch weniger als Ab⸗ weſenheit; wenn Ihr ſagt, ſie liebe einen Todten, ſo ſagt Ihr mir, ſie werde einſt mich lieben. Alle großen Schmer⸗ zen haben ſich mit der Zeit beruhiget; als die Wittwe des Mauſolus, welche am Grabe ihres Gatten ewigen Schmerz geſchworen, ihre Thränen erſchoͤpft hatte, war ſie geheilt; das Sehnen nach dem Verlornen iſt eine Krankheit; wer 173 nicht in der Kriſis hingerafft wird, geht aus derſe tiger und lebensvoller hervor denn vorher.“ Der Diener ſchuͤttelte den Kopf. „Dieſe Dame, Herr Graf,“ antwortete er,„hat wie die Wittwe des Königs Mauſolus dem Todten ewige Treue geſchworen und ich kenne ſie, ſie wird ihr Wort beſſer hal— ten als die vergeßliche Frau, von welcher Ihr erzaͤhlet.“ „Ich werde warten, ich werde zehn Jahre warten, wenn es ſein muß,“ entgegnete Heinrich.„Gott hat nicht zu⸗ gegeben, daß ſie vor Gram ſterbe oder mit Gewalt ihre Tage verkürze und da ſie nicht geſtorben iſt, will ſie leben und weil ſie lebt, darf ich hoffen.“ „Ach, junger Herr,“ antwortete der Diener in trauri⸗ gem Tone,„rechnet nicht alſo mit den traurigen Gedanken der Lebenden und mit den Forderungen der Todten; ſie lebt, ſagt Ihr, ja ſie lebt nicht erſt ſeit einem Tage nach jenem Tode, nicht ſeit einem Monate, nicht ſeit einem Jahre,— ſie lebt ſo ſchon ſieben Jahre.“ Joyeuſe er⸗ bebte.—„Aber wißt Ihr warum, zu welchem Zwecke ſie leben wollte? Sie wird ſich troͤſten, hoffet Ihr? Niemals, Herr Graf, niemals. Das ſage ich Euch, das ſchwoͤre ich Euch, ich, der ich nur der Diener des Todten war, der ich, ſo lange er lebte, eine fromme, glühende, hoffnungsreiche Seele war und ſeit er todt iſt, ein verhaͤrtetes Herz gewor⸗ den bin; ich, ihr Diener, wiederhole es Euch, daß ſie ſich nie troͤſten wird.“ „Dieſer ſoviel betrauerte Mann,“ unterbrach ihn Heinrich,„dieſer gluͤckliche Todte, dieſer Gatte..“ „Er war nicht der Gatte, ſondern der Geliebte, Herr ——— 174 eine Frau, wie ſie, die Ihr leider liebt, hat in eben nur einen Geliebten.“ „Freund,“ rief der junge Mann in Entſetzen über die rauhe Majeſtät dieſes Mannes mit hohem Geiſte in Dienſt⸗ kleidung aus,„Freund, ich beſchwoͤre Euch, verwendet Euch fuͤr mich.“ „Ich?“ rief er aus,„ich? Herr Graf, wenn ich Euch fur fahig gehalten hätte, Gewalt gegen meine Gebieterin zu brauchen, wurde ich Euch getödtet, mit dieſer Hand ge⸗ toͤdtet haben.“ Und er zog unter dem Mantel einen kraͤftigen Arm hervor, welcher der eines jungen Mannes von kaum funf⸗ undzwanzig Jahren zu ſein ſchien, während ihm das weiße Haar und die gebuͤckte Haltung das Ausſehen eines Man⸗ nes von ſechzig Jahren gaben. „Wenn ich dagegen haͤtte glauben konnen,“ fuhr er fort,„daß meine Gebieterin Euch liebte, wurde ſie geſtor⸗ ben ſein. Jetzt, Herr Graf, habe ich geſagt, was ich zu ſagen hatte. Verſucht nicht, mehr von mir zu erfahren, denn bei meiner Ehre und ob ich gleich kein Edelmann bin, ſo gilt meine Ehre doch etgs⸗ ich habe alles geſagt was ich ſagen konnte.“ Heinrich ſtand mit dem Tode im Herzen auf. „Ich danke Euch,“ ſagte er,„daß Ihr ſo viel Mitleid mit meinen Schmerzen hattet; jetzt bin ich entſchloſſen.“ „Ihr werdet deshalb auch ruhiger in Zukunft ſein, Herr Graf, wenn Ihr Euch von uns entfernen und uns allein mit unſerm Geſchicke laſſen werdet, das wahrhaftig ſchlimmer iſt als das Euerige.“ i 175 „Ja, ich werde mich von Euch entfernen, verl darauf,“ ſagte der junge Mann,„und fuͤr immer. „Ihr wollt ſterben, wie es ſcheint.“ S „Warum ſollte ich es Euch verheimlichen? Ich kann ohne ſie nicht leben und muß ſterben ſobald ich weiß, daß ich ſie nicht beſitzen kann.“ „Herr Graf, wir haben eben von dem Tode geſprochen; glaubt mir, der Tod iſt ſchlecht, den man ſich mit eigener Hand giebt.“ „Auch werde ich dieſen nicht wählen; es giebt fur einen jungen Mann von meinem Namen, meinem Alter und Ver⸗ moͤgen einen Tod, der zu jeder Zeit ein ſchoͤner geweſen iſt, den, welchen man bei der Vertheidigung ſeines Koͤnigs und Vaterlandes findet.“ „Wenn Ihr mehr leidet als Ihr ertragen koͤnnt, wenn Ihr den Ueberlebenden nichts ſchuldig ſeid, ſo ſterbt; wenn der Tod auf dem Schlachtfelde Euch entgegenkommt, ſterbt, Herr Graf; ich wuͤrde ſchon laͤngſt geſtorben ſein, wenn ich nicht verurtheilt wäre leben zu muͤſſen.“ „Lebt wohl und nehmt meinen Dank,“ antwortete Joyeuſe indem er dem unbekannten Diener die Hand reichte. „Auf Wiederſehen in einer andern Welt!“ Und er entfernte ſich raſch, waͤhrend er dem Diener, den dieſer Schmerz tief ruͤhrte, einen ſchweren Beutel mit Gold zu warf. Es ſchlug Mitternacht auf dem Thurme von St. Ger⸗ main⸗des⸗Pres. 176 Sechszehntes Kapitel. eine vornehme Dame im Jahre der Gnade 1566 liebte. Die drei Pfeifentoͤne, welche in gleichen Zwiſchenräu⸗ men durch die Stille geklungen, waren allerdings die ge⸗ weſen, welche als Zeichen für den glucklichen Ernauton dienen ſollten. Auch traf der junge Mann, als er an das Haus trat, die Frau Fournichon in der Thür, wo ſie die Gäſte mit einem Laͤcheln erwartete, das ſie einer mythologiſchen Got⸗ tin, dargeſtellt von einem flamaͤndiſchen Maler, ähnlich machte. Frau Fournichon hielt in ihren dicken weißen Haͤnden noch den Goldthaler, den eine andere auch weiße aber zier⸗ lichere Hand als die ihrige hineingedruckt hatte. Sie ſah Ernauton an, ſtemmte die Haͤnde auf die Huͤſ⸗ ten und fullte ſo den ganzen Thuͤrraum aus, ſo daß Nie⸗ mand hinein gehen konnte. Ernauton ſeiner Seits blieb ſtehen wie ein Mann, der entſchloſſen iſt jedes Hinderniß zu beſeitigen. „Was wollt Ihr, Herr?“ fragte ſie;„wen ſucht Ihr?“ „Iſt nicht eben von dem Fenſter in dieſem Thuͤrmchen da dreimal gepfiffen worden, gute Frau?“ „So iſt's.“ „Nun, damit wurde ich gerufen.“ „Ihr?“ „Ja, ich.“ „Dann iſt es etwas Anderes, wenn Ihr mir Euer Eh⸗ renwort gebt.“ n w en fü m eit wa ſie ge fün an erh ſie har 177 „Mein Edelmannswort, meine liebe Frau nichon.“ „So glaube ich Euch und Ihr moͤgt eintreten, ſchoner Herr.“ Und erfreut darüber endlich einen Kunden zu haben wie ſie ſich ſo eifrig fuͤr den ungluͤcklichen Roſenſtock der Liebe wuͤnſchte, welcher durch den tapfern Ritter entthront worden war, wies die Wirthin Ernauton die Wendeltreppe hinauf, welche in das am meiſten geſchmuͤckte und verſchwiegenſte der Thuͤrmchen fuͤhrte. Eine kleine Thuͤr fuhrte in eine Art Vorzimmer und von dieſem Vorzimmer gelangte man in das Thuͤrmchen ſelbſt, das mit etwas mehr Lurus meublirt, ausgeſchmückt und tapezirt war als man in dieſem entlegenen Theile von Paris haͤtte erwarten ſollen; aber Frau Fournichon hatte für dieſes ihr Lieblingszimmer alles gethan und das, was man gern thut, gelingt meiſt. Als der junge Mann in das Vorzimmer trat, kam ihm ein ſtarker Geruch von Benzoe und Me entgegen, ein Opfer wahrſcheinlich, das die Dame gebracht hatte, die, während ſie auf Ernauton wartete, durch Wohlgeräche die Kuchen— geruche hatte vertreiben wollen. Frau Fournichon folgte dem jungen Manne Schritt fur Schritt; ſie kam von der Treppe in das Vorzimmer und aus dem Vorzimmer in das Thuͤrmchen und ihre Augen erhielten ein ganz appetitliches Ausſehen. Dann entfernte ſie ſich wieder. Ernauton blieb mit der rechten Hand am Thurvor— hange, mit der linken auf dem Thürſchloſſe halb gebuͤckt 178 denn er hatte in dem verfuͤhreriſchen Halbdunkel mmers, das durch eine einzige Kerze erhellt wurde, eine der zierlichen Frauengeſtalten bemerkt, die immer we⸗ nigſtens Aufmerkſamkeit, wenn auch nicht Liebe und wenn nicht gar Verlangen erregen. Die Dame lag, von Seide und Sammet umhullt, auf Kiſſen; ihr zierlicher Fuß hing am Ende des Lagers herab und ſie war eben beſchaͤftiget an der Kerze den Reſt eines kleinen Alvezweiges zu verbrennen, deſſen Duft ſie biswei⸗ len an ihr Geſicht hielt, ſo daß ſie mit dem Geruche ihre Kapuze und ihr Haar erfullte, als wolle ſie ſich durch dieſen berauſchenden Duft ganz durchdringen laſſen. An der Art, wie ſie den Reſt des Zweiges ins Feuer warf, wie ſie das Kleid uͤber den Fuß und ihre Kapuze über das maskirte Geſicht zog, erkannte Ernauton, daß ſie ſein Eintreten gehoͤrte hatte und wußte, daß er da ſei.“ Sie hatte ſich indeß noch nicht umgedreht. Ernauton wartete einen Augenblick; ſie drehete ſich nicht um. „Madame,“ ſagte der junge Mann in einem Tone, den er aus Dankbarkeit ſo ſanft als moͤglich zu machen ſuchte,„Ihr habt Euern ganz ergebenen Diener rufen laſſen; da iſt er.“ „Ah, ſehr gut,“ antwortete die Dame,„ſetzt Euch, ich bitte, Herr Ernauton.“ „Verzeiht, Madame, aber ich muß Euch vor Allem fur die Ehre danken, die Ihr mir erzeigt.“ „Das erfordert die Artigkeit, Ihr habt Recht, Herr von he H al wi P re mi fre ter ale thi ube ein zier ze ſie 179 Carmainges und doch wiſſet Ihr, wie ich glaube, nchel wem Ihr dankt.“ „Madame, entgegnete der junge Mann allmaͤlig nä⸗ her tretend,„Ihr habt das Geſicht unter einer Maske, die Hand unter Handſchuhen verborgen und entzogt mir ſogar als ich eintrat, den Anblick des Fußes, der mich gewiß lei⸗ denſchaftlich verliebt gemacht hatte; ich ſehe nichts mehr, woran ich Euch erkennen konnte und kann alſo nur rathen.“ „Und Ihr errathet wer ich bin?“ „Die, welche mein Herz wuͤnſcht, die, welche meine Phantaſie mir jung, ſchoͤn, mächtig und reich vorſtellt, zu reich, zu maͤchtig ſogar, als daß ich glauben könnte, das was mir widerfahren, ſei wirklich und ich traͤume nicht.“ „Iſt es Euch ſchwer geworden hierher zu kommen?“ fragte die Dame ohne unmittelbar auf die Flut von Wor⸗ ten zu antworten, die aus dem zu vollen Herzen Ernauton's ſtroͤmten. „Nein, Madame, der Zutritt wurde mir ſogar leichter als ich erwartet hatte.“ „Für einen Mann iſt allerdings Alles leicht, fuͤr eine Frau nicht.“ „Ich bedauere Euch ſehr wegen jeder Muͤhe, die Ihr Euch gegeben habt und ich kann Euch nur meinen demuͤ⸗ thigen Dank dafür bringen.“ Die Dame ſchien bereits zu einem andern Gedanken üͤbergegangen zu ſein. „Was ſagtet Ihr?“ fragte ſie nachläſſig indem ſie einen Handſchuh abzog um eine entzuͤckend runde und doch zierliche Hand zu zeigen. 180 Ich ſagte, Madame, daß ich weiß, wer Ihr ſeid, ohne h Euere Zuͤge ſah und daß ich Euch ſagen kann wie ſehr ich Euch liebe, ohne daß ich zu fuͤrchten brauche mich zu taͤuſchen.“ „So glaubt Ihr dafur buͤrgen zu koͤnnen, ich ſei wirk⸗ lich die, welche Ihr hier zu finden erwartetet?“ „Da die Angen nicht ſehen koͤnnen, ſagt es mir das Herz.“ „Ihr kennt mich alſo?“ „Ja, ich kenne Euch. „Ihr ſolltet wirklich bereits die Damen von Paris fennen, da Ihr doch vor kurzem erſt aus der Provinz ange⸗ kommen ſeid?“ „Ich kenne von allen Damen in Paris bisher nur eine einzige.“ „Und dieſe bin ich?“ „Ich glaube es.“ „Und woran erkennt Ihr mich?“ „An Euerer Stimme, an Euerer Anmuth, an Euerer Schoͤnheit.“ „An meiner Stimme? Das laſſe ich gelten, ich kann ſie nicht verſtellen; an meiner Anmuth? Das halte ich fuͤr ein Compliment; an meiner Schoͤnheit? Die vermuthet Ihr nur, da meine Schoͤnheit verhuͤllt iſt.“ „Sie war es weniger an dem Tage, als ich Euch, um Euch nach Paris hereinzubringen, ſo nahe an mir hielt, daß Euer Buſen meine Schultern beruͤhrte und Euer Athem auf meinem Nacken brannte.“ re ne ie ch 18 er 181 „Ihr habt alſo beim Empfange meines Brieſes rathen, daß ich es ſei?“ „Nein, Madame, das glaubt' nicht.. Einen ſolchen Gedanken habe ich keinen Augenblick gehabt. Ich hielt mich für den Gegenſtand eines Scherzes, für das Opfer eines Verſehens; ich glaubte, ich ſei von einem jener Un⸗ faͤlle bedroht, die man Liebesgluͤck nennt und erſt ſeit ich Euch ſehe, ſeit ich Euch berühre..“ Und Ernauton that als wolle er eine Hand ergreifen, die ſich vor der ſeinigen zuruckzog. „Genug,“ ſagte die Dame,„ich habe eine große Thor⸗ heit begangen.“ „Warum, Madame?“ „Warum? Ihr ſagt, Ihr kenntet mich und fragt, war⸗ um ich eine Thorheit begangen?“ „Allerdings, ich bin ſehr klein und unbedeutend neben Ew. Hoheit.“ „Aber mein Gott, thut mir den Gefallen und ſchweigt.. Solltet Ihr ein Mann ohne Geiſt ſein?“ „In des Himmels Namen, was habe ich gethan, Ma⸗ dame?“ fragte Ernauton erſchrocken. „Nun, Ihr ſeht eine Maske.. „Allerdings.“ „Wenn ich eine Maske trage, will ich mich doch jeden⸗ falls verhuͤllen, will ich unbekannt ſein und Ihr nennt mich Hoheit! Warum reißt Ihr nicht lieber gleich das Fenſter auf und ruft meinen Namen auf die Straße hinaus?“ „Verzeiht, verzeiht!“ bat Ernauton, indem er auf die 182 ſank;„ich glaube an die Verſchwiegenheit dieſer kauern. „Ihr ſcheint leichtglaͤubig zu ſein.“ „Ach, Madame, ich bin verliebt.“ „Und Ihr ſeid uͤberzeugt, daß ich dieſe Liebe ſogleich mit gleicher Liebe erwiedere?“ Ernauton richtete ſich verletzt empor. „Nein, Madame,“antwortete er. „Und was glaubt Ihr?“ „Ich glaube, daß Ihr etwas Wichtiges zu ſagen habt, daß Ihr mich nicht in dem Palaſt Guiſe oder in Eurem Hauſe Bel⸗Esbat empfangen wolltet und eine geheime Un⸗ terredung an einem abgelegenen Orte vorzogt.“ „Das habt Ihr geglaubt?“ „J „Und was glaubt Ihr wohl, daß ich Euch zu ſagen haͤtte? Sprecht; ich moͤchte gern Euern Scharfſinn wurdi⸗ gen lernen.“ Und die Dame ließ trotz ihrer ſcheinbaren Sorgloſig⸗ keit unwillkurlich eine gewiſſe Unruhe merken. „Was weiß ich?“ antwortete Ernauton.„Wahrſchein⸗ lich etwas, was ſich auf den Herrn von Mayenne bezieht.“ „Habe ich keine Boten, die morgen Abend mir mehr geſagt haben werden als Ihr mir ſagen koͤnnt, da Ihr mir geſtern bereits alles geſagt habt was Ihr wußtet?“ „Vielleicht wollet Ihr mir auch eine Frage uͤber das Ereigniß der vorigen Nacht vorlegen.“ „Welches Ereigniß meint Ihr?“ fragte die Dame, deren Buſen ſich ſichtbar hob. „— ſer ich em in⸗ en di⸗ in⸗ t 7 ehr nir ne, 183 „Nun, von dem Schrecken des Herrn von Epernon und von der Verhaftung der lothringiſchen Herrn..“ „Man hat lothringiſche Herrn verhaftet?“ „Ja, zwanzig etwa, die ſich zu unrechter Zeit auf der Straße von Vincennes befanden.“ „Die auch nach Soiſſons fuͤhrt, nach der Stadt, wo Herr von Guiſe in Garniſon ſteht, denke ich. Ihr ſeid ja am Hofe, Herr Ernauton und werdet mir alſo ſagen koͤn⸗ nen, warum man dieſe Herrn verhaftet hat.“ „Ich am Hofe?“ „Ohne Zweifel.“ „Ihr wiſſet dies, Madame?“ „Um Euere Adreſſe zu erhalten, mußte ich wohl einige Erkundigungen einziehen.. Aber bringt Euere Redens⸗ arten doch um Gottes Willen zu Ende; Ihr habt die ſchlechte Gewohnheit, von einem auf das andere zu ſprin⸗ gen. Was war die Folge jenes Vorfalles?“ „Durchaus nichts; wenigſtens weiß ich nichts.“ „Ihr glaubt alſo, ich wurde mit Euch von einer Sache ſprechen, die durchaus keine Folgen hatte?“ „Ich habe diesmal unrecht wie immer, Madame und ich geſtehe es.“ „Ans welcher Gegend ſtammt Ihr?“ „Aus Agen.“ „So ſeid Ihr ein Gascogner, denn Agen liegt, glaube ich, in der Gascogne.“ „So ziemlich.“ „Ihr ſeid alſo ein Gascogner und nicht ſo eitel, um ganz einfach zu vermuthen, ich haͤtte Euch angenehm ge⸗ 184 funden, da ich Euch am Tage der Hinrichtung Salckdes am Thore St. Antoine geſehen?“ Ernauton erroͤthete und wurde verlegen. Die Dame aber fuhr ganz gelaſſen fort: „Ich haͤtte Euch ſchoͤn gefunden, da ich Euch auf der Straße begegnet.“ Ernauton wurde purpurroth. „Ich haͤtte Euch nach meinem Geſchmacke gefunden, als Ihr mir einen Brief von meinem Bruder Mayenne gebracht.“ „Madame, Gott bewahre mich, das denke ich nicht.“ „Ihr thut Unrecht,“ entgegnete die Dame indem ſie ſich zum erſten Male nach Ernauton umwandte und ihre unter der Maske flammenden Augen auf den ſeinigen ruhen ließ, wäͤhrend ſie vor dem jungen Manne auf dem ſammetnen Kiſſen ihre reizende Geſtalt im vortheilhafteſten Lichte ſehen ließ. Ernauton faltete die Hände. „Madame, Ihr ſpottet uͤber mich.“ „Wahrhaftig nicht,“ entgegnete ſie in demſelben unge⸗ zwungenen Tone;„ich ſage, daß Ihr mir gefallen habt, und es iſt die Wahrheit.“ „Mein Gott!“ „Ihr habt es ja ſelbſt gewagt, mir Euere Liebe zu ge⸗ ſtehen.“ „Als ich dies that, wußte ich nicht, wer Ihr wäret, Madame und jetzt da ich es weiß, bitte ich demuͤthig um Verzeihung.“ „Mein Gott, bleibt doch was Ihr ſeid und ſagt was n te ₰ t, 185 Ihr denft, ſonſt muß ich bedauern hierher gekommen zu ſein.“ Ernauton ſank auf ſeine Knie. „Sprecht, Madame,“ ſagte er,„ſprecht, damit ich mich uͤberrede, es ſei alles dies kein Spiel und vielleicht wage Euch zu antworten.“ „Es ſei; hoͤrt meine Pläͤne, die ich mit Euch habe,“ antwortete die Dame indem ſie Ernauton zuruckwies, wäh⸗ rend ſie die Falten ihres Kleides ſymmetriſch ordnete.„Ihr gefallt mir, aber ich kenne Euch noch nicht. Ich pflege meinen Wuͤnſchen nicht zu widerſtehen, bin aber doch nicht ſo thoͤricht, mich in Verirrungen einzulaſſen. Wenn wir einander gleich ſtänden, würde ich Euch bei mir empfangen und gemaͤchlich ſtudirt haben, bevor Ihr meine Abſichten nur geahnt hattet. Das iſt jetzt nicht moͤglich; es müßte anders angeordnet werden. Jetzt, da Ihr wißt, wie Ihr mit mir daran ſeid, werdet meiner wurdig; das iſt Alles was ich Euch empfehle.“ Ernauton erſchöpfte ſich in Betheuerungen. „Weniger Waͤrme, Herr von Carmainges, bitte ich Euch!“ fagte die Dame nachläſſig..„Es lohnt nicht die Muͤhe. Vielleicht fiel mir das erſte Mal, als wir mit einan⸗ der zuſammen trafen, nur Euer Name auf und gefiel mir. Im Ganzen glaube ich, daß es nur eine Laune iſt, die ich fuͤr Euch fuhle und die vergehen wird. Glaubt deshalb nicht, daß Ihr zu weit von der Vollkommenheit entfernt waͤret und verzweifelt nicht. Ich kann vollkommene Leute nicht ausſtehen, dagegen verehre ich hingebende Perſonen. Das merkt Euch, ſchoͤner Herr.“ Die Fuͤnfundvierzig. MI. 13 186 Ernauton war außer ſich; dieſe freie Sprache, dieſe uͤppigen Bewegungen, dieſe ſtolze Ueberlegenheit, dieſe Nachläſſigkeit ihm gegenüͤber von Seiten einer ſo hoch ge⸗ ſtellten Dame verſetzten ihn abwechſelnd in Wonne und Entſetzen. Er ſetzte ſich neben ſeiner ſchonen ſtolzen Geliebten nieder, die es duldete; dann verſuchte er ſeinen Arm hinter die Kiſſen zu legen, die ſie ſtutzten. „Ihr ſcheint mich gehoͤrt zu haben,“ ſagte ſie,„habt mich aber nicht verſtanden.. Keine Vertraulichkeiten, ich bitte; bleiben wir ein jedes auf ſeinem Platze. Allerdings werde ich Euch einſt das Recht geben mich die Euerige zu nennen, aber noch habt Ihr dies Recht nicht.“ Ernauton ſtand bleich und verdrießlich auf. „Verzeihet mir,“ ſagte er;„ich ſcheine nur Thorheiten zu begehen, aber es iſt dies ganz einfach; ich bin an dieſe Pariſer Sitten noch nicht gewoͤhnt. Wenn bei uns in der Provinz, freilich zweihundert Stunden von hier, eine Dame ſagt: ich liebe, ſo liebt ſie auch und verſagt ſich nicht. Sie benutzt ihre Worte nicht, um einen Mann zu ihren Füßen zu demuͤthigen. Das iſt Sitte in Paris, das iſt Euer Recht als Prinzeſſin. Ich laſſe es gelten. Geduldet Euch nur; es fehlt mir noch die Gewohnheit und die Gewohnheit wird ſich finden.“ Die Dame hoͤrte ihn ſchweigend an; ſie beobachtete offenbar Ernanton aufmerkſam, um zu wiſſen, ob ſein Ver⸗ druß ſich bis zum Zorn ſteigern würde. „Ich glaube gar, Ihr erzurnt Euch,“ ſagte ſie ſtolz. „Allerdings, Madame, aher unwillkürlich, denn ich — —— 8 lic ſie lel ſe ſe e⸗ d 187 fuhle fur Euch nicht blos eine flüchtige Laune, ſondern Liebe, wirkliche reine Liebe. Ich ſuche nicht Euere Perſon blos, ſondern Euer Herz. Auch wurde ich es mir nie ver⸗ zeihen, wenn ich heute durch mein Benehmen gegen die Achtung handelte, die ich Euch ſchuldig bin und die ich in Liebe nur dann umwandeln werde, wenn Ihr es mir be⸗ fehlt. Erlaubt nur, daß ich von dieſem Augenblicke an Euere Befehle erwarte.“ „Wir wollen nichts übertreiben, Herr von Carmain— ges, entgegnete die Dame;„Ihr ſeid nun eiskalt, waͤh⸗ rend Ihr noch eben Feuer und Flammen waret.“ „Es ſcheint mir doch, Madame..“ „Mein ſchoͤner Herr, ſagt doch nie einer Dame, wenn Ihr ſie liebt wie es Euch gefaͤllt, das iſt ungeſchickt; be⸗ weiſet es ihr, daß Ihr ſie liebt wie es ihr gefaͤllt.“ „Das ſagte ich eben.“ „Ja, aber Ihr dachtet es nicht.“ „Ich beuge mich vor Euerer Ueberlegenheit.“ „Laſſet den Wettkampf in Artigkeiten; es iſt mir wiver⸗ lich, hier die Koͤnigin zu ſpielen. Daiſt meine Hand, nehmt ſie; ſie iſt die eines gewoͤhnlichen Weibes, nur wärmer und lebensvoller als die Eurige.“ Ernauton faßte ehrerbietig die ſchone Hand. „Nun?“ ſagte die Herzogin. „Nun?“ „Ihr kuͤſſet ſie nicht? Seid Ihr von Sinnen? Habt Ihr geſchworen, mich zornig zu machen?“ „Eben noch.. 13* 188 „Eben noch entzog ich ſie Euch, waͤhrend ich jetzt ſie Euch gebe.“ Ernauton kuͤßte die Hand ſo voll Gehorſam, daß man ſie ihm ſofort entzog. „Ihr ſeht es ja,“ ſagte der junge Mann,„noch eine Lection.“ „Hatte ich alſo Unrecht?“ „Ihr treibt mich von einem Extrem zu dem andern und die Furcht wird die Liebe noch toͤdten. Zwar werde ich Euch noch immer knieend verehren, aber weder Liebe noch Vertrauen zu Euch haben.“ „Das will ich nicht,“ entgegnete die Dame in heiterem Tone,„denn Ihr wuͤrdet ein trubſeliger Liebhaber ſein und ſolche Liebhaber gefallen mir nicht. Nein, bleibt natuͤrlich, bleibt wie Ihr ſeid, ſeid Ernauton von Carmainges, weiter nichts. Ich habe meine Launen; mein Gott, habt Ihr mir nicht ſelbſt geſagt, ich ſei ſchoͤn? Jede ſchoͤne Frau hat ihre Eigenheiten; achtet viele, handelt gegen einige, beſonders frchtet mich nicht und wenn ich zu dem zu glühenden Er⸗ nauton ſage: beruhiget Euch, ſo achtet auf meine Augen, nicht auf meine Worte.“ Damit ſtand ſie auf. Es war Zeit; der junge Mann, indem er von Neuem zu glühen begann, hatte ſie mit ſeinen Armen umfaßt und die Maske der Herzogin beruͤhrte einen Augenblick die Lip⸗ pen Ernauton's; aber da bewies ſie die ganze Wahrheit deſſen was ſie geſagt hatte, denn ihre Angen warfen durch die Maske hindurch einen kalten Blick, der nur der Vorbote eines Unwetters ſein konnte. — rn ich ch m nd ch, ter nir hre ers Fr⸗ en, em ind ip⸗ meit rch ote 189 Dieſer Blick machte einen ſolchen Eindruck auf Car⸗ mainges, daß er die Arme ſinken ließ und das Feuer in ihm ganz erloſch. „Nun es iſt gut,“ ſagte die Herzogin,„wir werden uns wiederſehen. Ihr gefallt mir, Herr von Carmainges.“ Ernauton verbeugte ſich. „Wann ſeid Ihr frei?“ fragte ſie nachläſſig. „Leider ziemlich ſelten, Madame,“ antwortete Er⸗ nauton. „Freilich, der Dienſt iſt beſchwerlich, nicht wahr?“ „Welcher Dienſt?“ „Nun der Dienſt, den Ihr bei dem Könige thut. Ge⸗ hort Ihr nicht zu irgend einer Garde Sr. Maj.?“ „Ich gehoͤre zu dem Corps der Edelleute.“ „Das meinte ich und dieſe Edelleute ſind Gasrogner, glaube ich.“ „Alle, ja, Madame.“ „Wie viele ſind es? Man hat es mir geſagt, aber ich vergaß es.“ „Fuͤnfundvierzig.“ „Eine ſeltſame Zahl!“ „Es traf ſich ſo.“ „Nach einer beſondern Berechnung?“ „Das glaube ich nicht. Der Zufall fügte es ſo.“ „Und dieſe funfundvierzig Adeligen verlaſſen den Ko⸗ nig nie?“ „Das habe ich nicht geſagt, Madame.“ „Verzeiht, ich glaubte es gehort zu haben. Ihr ſagtet wenigſtens, daß Ihr ſelten frei wäret.“ 4 190 „Ich habe allerdings wenig Freiheit, Madame, weil wir am Tage im Dienſte ſind, wenn der Koͤnig ausfaͤhrt oder ſich auf die Jagd begiebt, und Abends den Louvre nicht verlaſſen duͤrfen.“ „Abends?“ „Ja.“ „Keinen Abend?“ „Faſt keinen.“ „Nun ſeht, wenn Euch ete Abend dieſer Dienſt zu⸗ ruͤck gehalten haͤtte! Ich wartete auf Euch und da ich das, was Euch hinderte zu kommen, nicht kannte, wuͤrde ich ge⸗ glaubt haben, Ihr verſchmaͤhtet mein Entgegenkommen.“ „Jetzt, Madame, werde ich alles wagen um Euch zu ſehen.“ „Das iſt nicht nothig; es waͤre thoͤricht und ich wuͤnſche es nicht.“ „Aber dann?“ „Thut Euern Dienſt; ich bin frei und Herrin meines Lebens und werde mich einzurichten wiſſen.“ „O, wie guͤtig!“ „Alles dies erklaͤrt mir aber nicht,“ fuhr die Herzogin mit ihrem einſchmeichelnden Lächeln fort,„warum Ihr heute Abend frei ſeid und kommen konntet.“ „Ich hatte dieſen Abend bereits die Abſicht Herrn von Loignac, unſern Capitain, der mir wohl will, um eine Er— lanbniß zu bitten, als uns Allen die heutige Nacht frei ge⸗ geben wurde.“ „Und wie erklart ſich dies Gluͤck?“ e. il t 191 „Als Belohnung, glaube ich, für einen ſehr anſtrengen⸗ den Dienſt, den wir geſtern in Vincennes gehabt haben.“ „Sehr wohl.“ „Dieſem Umſtande alſo verdanke ich das Gluͤck, Euch heute Abend ſehen zu können.“ „Nun hort mich an, Carmainges,“ ſagte die Herzogin mit ſüßer Vertraulichkeit, welche das Herz des jungen Mannes mit Freuden erfullte.„Jedes Mal, wenn Ihr frei zu ſein glaubt, meldet es der Wirthin hier durch ein Brieſchen. Es wird jeden Tag einer meiner Lente zu ihr gehen.“ „Das iſt zu viel Guͤte, Madame!“ Die Herzogin legte die Hand auf den Arm Ernauton's. „Wartet,“ ſagte ſie.„Was iſt das fur ein Geraͤuſch?“ Es kam wirklich ein Geräuſch von Sporen, Stimmen, Jubel und Thuͤrenzuſchlagen aus dem Zimmer unten herauf. Ernauton ſah durch die Thür in das Vorzimmer hinaus. „Es ſind meine Cameraden,“ ſagte er,„die hier den freien Abend feiern wollen.“ „Aber nach welchem Zufalle gerade in dem Wirths⸗ hauſe, in dem wir ſind?“ „Weil wir uns eben in dem tap fern Ritter bei un⸗ ſerer Ankunft hier zuſammen fanden und weil meine Ca⸗ meraden ſeit jenem gluͤcklichen Tage den Wein und die Kuͤche des Herrn Fournichon beſonders ins Herz ge⸗ ſchloſſen haben, vielleicht auch einige Zimmer der Frau Wirthin.“ „Ach, entgegnete die Herzogin mit ſchalkhaftem Lä⸗ cheln,„Ihr ſcheint dieſe Zimmer ſchon zu kennen.“ 192 „Bei meiner Ehre, Madame, ich befinde mich heute zum erſten Male in einem. Aber Ihr, die Ihr dies Haus gewählt habt?“ wagte er zu fragen. „Ich habe es gewaͤhlt und Ihr werdet es leicht ein⸗ ſehen warum. Ich waͤhlte den oͤdeſten Theil von Paris, einen Ort nahe am Fluſſe, wo Niemand mich erkennen kann. Aber mein Gott, welchen Larm machen Euere Ca⸗ meraden!“ ſetzte die Herzogin hinzu. Der Laͤrm wurde wirklich entſetzlich und ſchien einen wahren Orkan zu verkuͤndigen. Mit einem Male hoͤrte man Geraͤuſch auf der kleinen Treppe, die zu dem Zimmer herauf fuͤhrte und die Stimme der Wirthin, die unten rief: „Herr von Sainte⸗Maline! Herr von Sainte⸗Maline!“ „Nun?“ antwortete die Stimme des Angerufenen. „Geht nicht da hinauf, Herr von Sainte⸗Maline, ich beſchwoͤre Euch.“ „Warum nicht, liebe Frau Fournichon? Gehoͤrt nicht das ganze Haus heute Abend uns?“ „Das ganze Haus, ja, aber nicht die Thuͤrmchen.“ „Bah, die Thuͤrmchen gehoͤren zum Hauſe!“ riefen funf bis ſechs andere Stimmen, unter denen Ernauton die der Herrn Perdueas von Pincornay und Euſtache von Mi⸗ radour erkannte. „Nein, die Thuͤrmchen gehoͤren nicht dazu,“ fuhr die Wirthin fort,„die Thuͤrmchen ſind eine Ausnahme, die ſind mein. Stoͤrt meine Miether nicht.“ „Frau Fournichon,“ ſagte Sainte-Maline,„ich bin auch Euer Miethsmann, alſo ſtoͤrt mich nicht.“ — 193 „Sainte⸗Maline!“ fluͤſterte Ernauton beſorgt, denn er kannte die Heftigkeit dieſes Mannes. „Aber ich bitte Ench um des Himmels Willen!“ jam⸗ merte die Wirthin. „Frau Fournichon,“ entgegnete Sainte⸗Maline,„es iſt Mitternacht; um neun Uhr muß jedes Feuer ausgeloſcht ſein und ich ſehe da oben noch Licht. Nur die ſchlechten Diener des Koͤnigs uͤbertreten die Verordnungen des Ko⸗ nigs. Ich will wiſſen, wer die ſchlechten Diener ſind.“ Und Sainte⸗Maline ging weiter, waͤhrend ihm meh⸗ rere andere Gascogner folgten. „Mein Gott!“ rief die Herzogin aus.„Mein Gott, Carmainges, ſollten dieſe Leute hier einzudringen wagen?“ „Jedenfalls, Madame, bin ich da, wenn ſie einzudrin⸗ gen wagen und ich kann Euch ſagen: fuͤrchtet nichts.“ „Aber ſie werden die Thuͤren einſchlagen.“ Sainte⸗Maline, der zu weit gegangen war, als daß er nun hätte umkehren konnen, ſtieß wirklich ſo heftig an die Thuͤr, daß ſie zerſprang, da ſie von duͤnnem Tannen⸗ holze war. Siebzehntes Kapitel. Wie Sainte⸗Maline in das Zimmer trat und was weiter geſchah. Sobald Ernauton ſah, daß die Thuͤr des Vorzimmers unter Streichen Sainte-Maline's nachgab, blies er vor allen Dingen das Licht aus. Dieſe Vorſicht, welche gut ſein konnte, aber nur fur den 194 Augenblick half, beruhigte die Herzogin nicht; indeß griff Frau Fournichon, die alles erſchoͤpft hatte, zu einem letzten Mittel und rief: „Herr von Sainte⸗Maline, ich ſage Euch, daß die Per⸗ ſonen, welche Ihr ſtort, Euere Freunde ſind; die Noth zwingt mich es zu geſtehen.“ „Ein Grund mehr alſo, daß wir ihnen unſere Com⸗ plimente machen,“ ſagte Perducas von Pincornay mit an⸗ getrunkener Stimme indem er auf der letzten Treppenſtufe hinter Sainte⸗Maline wankte. „Und wer find dieſe Freunde?“ fragte Sainte⸗Maline. „Ja, wir wollen ſie ſehen, wir wollen ſie ſehen!“ rief Miradour. Die gute Wirthin, die noch immer hoffte einen Zuſam⸗ menſtoß zu verhindern, welcher zwar dem tapfern Ritter zur Ehre gereichen, aber dem Roſenſtock der Liebe ſehr benachtheiligen konnte, ſtieg unter die dichtgedraͤngten Reihen der Maͤnner hinauf und fluͤſterte Sainte-Maline den Namen Ernauton zu. „Ernauton!“ wiederholte Sainte⸗Maline laut, für den dieſer Name Oel ins Feuer war.„Ernauton? Nicht moͤglich!“ „Warum denn nicht?“ fragte die Wirthin. „Weil,“ antwortete Sainte⸗Maline,„Ernauton ein Muſter von Keuſchheit, ein Beiſpiel von Enthaltſamkeit, ein Verein aller Tugenden iſt. Nein, nein, Ihr irrt Euch, gute Frau, Herr von Carmainges iſt nicht da oben.“ Und er naͤherte ſich der zweiten Thür, um es mit der⸗ ſelben ebenſo zu machen wie mit der erſten, als dieſe Thür 195 ſich ploͤtzlich oͤffnete und Ernauton auf der Schwelle mit einem Ausdrucke in ſeinem Geſichte erſchien, welcher an⸗ deutete, daß die Geduld keineswegs zu dem Vereine von Tugenden gehoͤrte, die er beſitzen ſollte, wie Sainte⸗Maline eben geſagt hatte. „Mit welchem Rechte hat Herr von Sainte-Maline dieſe erſte Thuͤr eingeſchlagen?“ fragte er,„und welches Recht hat er hier einzudringen?“ „Er iſt es wirklich!“ rief Sainte⸗Maline aus;„ich er⸗ fenne ſeine Stimme, denn was ſeine Perſon betrifft, ſo ſoll mich der Teufel holen, wenn ich ſagen kann, welche Farbe ſie hat.“ „Ihr antwortet nicht auf meine Frage,“ wiederholte Ernauton. Sainte⸗Maline lachte laut, was die der Fünfundvierzig beruhigte, welche es nach der drohenden Stimme, die ſie vernommen, gerathen gefunden hatten, fur jeden Fall ein Paar Stufen zuruͤckzutreten. „Ich ſpreche mit Euch, Herr von Sainte⸗Maline, ver⸗ ſteht Ihr mich?“ rief Ernauton nochmals. „Ja, vollkommen,“antwortete dieſer. „Nun und was habt Ihr zu ſagen?“ „Ich habe zu ſagen, werther Camerad, daß wir uns überzengen wollten, ob Ihr wirklich in dieſem Hauſe der Liebe wohntet.“ „Nun, da Ihr Euch habt üherzengen koͤnnen, daß ich es bin, weil ich ja mit Euch rede und im Nothfalle Euch beruͤhren koͤnnte, ſo laßt mich in Ruhe.“ 196 „Cap de Diou!“ ſagte Sainte-Maline,„Ihr ſeid doch nicht Einſiedler geworden und wohnt allein hier?“ „Was das betrifft, ſo werdet Ihr mir erlauben, Euch in Ungewißheit zu laſſen.“ „Ach,“ fuhr Sainte⸗Maline fort, der weiter zu dringen verſuchte,„olltet Ihr wirklich allein ſein? Ihr habt kein Licht? Bravo!“ „Meine Herren,“ ſagte nun Ernauton in ſtolzem Tone, „ich gebe zu, daß Ihr betrunken ſeid und verzeihe Euch; aber ſelbſt die Geduld, die man Leuten ſchuldig iſt, welche ihren Verſtand nicht mehr haben, hat ein Ende.. Der Scherz iſt aus, nicht wahr? Thut mir den Gefallen und geht.“ Leider war Sainte-Maline gerade in ſeiner Laune neidiſcher Schadenfrende. „Gehen ſollen wir?“ entgegnete er.„Wie meint Ihr das, Herr Ernauton?“ „Ich ſage es Euch, damit Ihr Euch uͤber meinen Wunſch nicht irret, Herr von Sainte⸗Maline und wenn es ſein muß, wiederhole ich: geht, Ihr Herren, ich bitte darum.“ „Nicht eher bis Ihr uns die Ehre erzeigt habt, die Perſon zu begruͤßen, um derentwillen Ihr unſere Geſell⸗ ſchaft meidet.“ Der Kreis, der ſich trennen wollte, ſchloß ſich nach die⸗ ſen Worten von Neuem. „Herr von Monterabeau,“ ſagte Sainte Maline ge⸗ bieteriſch,„geht hinunter und holt ein Licht.“ „Herr von Monterabeau,“ ſetzte Ernauton hinzu,„be⸗ 197 denkt, baß Ihr mich perſoͤnlich beleidiget, wenn Ihr dies thut.“ Monterabeau zogerte, ſo drohend klang die Stimme des jungen Mannes. „Gut,“ erwiderte Sainte⸗Maline,„wir kennen unſern Schwur und Herr von Carmainges iſt im Dienſte ſo ge⸗ wiſſenhaft, daß er ihn nicht wird verletzen wollen; wir kön⸗ nen uns untereinander nicht ſchlagen, alſo leuchtet, Mont⸗ crabeau, leuchtet.“ Monterabeau ging hinunter und kam nach fünf Minu⸗ ten mit einem Lichte zuruͤck, das er Sainte⸗Maline geben wollte. „Nein, nein,“ſagte dieſer,„behaltet es, ich brauche vielleicht meine beiden Hände.“ Und er trat einen Schritt vor, um in das Zimmer hin⸗ ein zu gehen. „Ich rufe Euch Alle, die Ihr hier ſeid, als Zeugen an,“ ſagte Ernauton,„daß man mich unwürdig beleidiget und mir ohne Grund und Urſache Gewalt anthut,“— er zog dabei haſtig ſein Schwert aus der Scheide—„des⸗ halb ſtoße ich dem erſten, der noch einen Schritt thut, dieſen Degen in die Bruſt.“ Sainte⸗Maline wollte wuͤthend ebenfalls nach dem Degen greifen, aber er hatte ihn noch nicht zur Haͤlfte her⸗ ausgezogen, als er die Spitze des Degens Ernauton's auf ſeiner Bruſt funkeln ſah. Da er in dieſem Augenblicke einen Schritt vorwaͤrts that, ſo fuͤhlte er, ohne daß Carmainges den Arm zu be⸗ 198 wegen brauchte, das kalte Eiſen und wuͤthend wie ein verwundeter Stier zuruͤck. Ernauton trat einen Schritt vor, wie Sainte⸗Maline einen Schritt zuruͤckgetreten war und der Degen befand ſich von Neuem drohend auf der Bruſt des letztern. Sainte⸗Maline erbleichte; wenn Ernauton zuſtieß, bohrte er ihn an die Wand. Er ſchob den Degen langſam wieder in die Scheide. „Ihr verdientet tauſendfachen Tod fuͤr Euere Frech⸗ heit,“ ſagte Ernauton,„aber der Schwur, von dem Ihr eben ſprachet, bindet mich und ich werde Euch nicht mehr beruͤhren. Laßt mir den Weg frei.“ Er trat einen Schritt zuruͤck, um zu ſehen, ob man ge⸗ horche, waͤhrend er mit einer Geberde, die einem Könige zur Ehre gereicht haben wurde, ſagte: „Platz, Ihr Herren. Kommt, Madame, ich ſtehe für alles.“ Da ſah man auf der Schwelle des Zimmers eine Dame erſcheinen, deren Kopf von einem Kopfputze, deren Geſicht von einem Schleier bedeckt war und ke zitternd den Arm Ernauton's nahm. Der junge Mann ſteckte den Degen wieder ein und als wenn er ſicher geweſen waͤre, nichts mehr zu fürchten zu haben, ſchritt er ſtolz durch das Vorzimmer, das von ſeinen nengierigen und beſorgten Cameraden gefüllt war. Sainte⸗Maline, dem der Degen die Bruſt leicht geritzt hatte, war bis an die erſte Treppenſtufe zuruͤckgewichen und verſchluckte die Schmach, die er verdientermaßen vor allen ſeinen Cameraden und der unbekannten Dame erlitten hatte. 199 Er ſah ein, daß ſich alles gegen ihn vereinigte, Lacher und Ernſte, wenn die Sache zwiſchen ihm und Ernauton ſo blieb wie ſie war und dieſe Ueberzeugung trieb ihm zum Aeußerſten. Erzog den Dolch als Carmainges an ihm voruberging. Hatte er die Abſicht Carmainges zu verletzen oder wollte er nur das thun was er that? Das dürfte ſich nicht aufhellen laſſen, ohne in den Gedanken dieſes Mannes ge⸗ leſen zu haben, was er jetzt im Zorne vielleicht ſelbſt nicht konnte. Gewiß iſt, daß ſein Arm ſich auf das Paar ſenkte und daß die Klinge ſeines Dolches, ſtatt die Bruſt Ernauton's zu treffen, die ſeidene Kopfbedeckung der Herzogin und ein Band der Maske derſelben zerſchnitt. Die Maske fiel an den Boden. Die Bewegung Sainte⸗Maline's war ſo raſch geweſen, daß ſie Niemand hatte errathen und verhindern koͤnnen. Die Herzogin ſtieß einen Schrei aus. Sie verlor die Maske und hatte am Halſe die Dolchklinge gefühlt, die ſie indeß nicht verletzte. Sainte⸗Maline hatte alſo, waͤhrend Ernauton über den Schrei der Herzogin erſchrak, Zeit die Maske aufzuheben und ſie ihr zuruͤckgegeben, ſo daß er im Lichte Montera⸗ beau's das Geſicht der jungen Dame ſehen konnte, das nicht mehr verhuͤllt war. „Ah!“ ſagte er in ſpoͤttiſchem Tone,„die ſchoͤne Dame aus dem Tragſeſſel! Ich mache Euch mein Compliment, Ernauton; Ihr ſchreitet ſchnell vorwaͤrts.“ Ernauton blieb ſtehen und hatte den Degen zur Haͤlfte 200 aus der Scheide gezogen, als die Herzogin ihn fortzog und leiſe zu ihm ſagte: „Kommt, kommt, ich beſchwoͤre Cuch, Herr von Car⸗ mainges.“ „Ich werde Euch wieder ſehen, Herr von Sainte⸗Ma⸗ line,“ ſagte Ernauton im Fortgehen,„und verlaſſet Euch darauf, Ihr ſollet mir bußen mit den Andern.“ „Schon gut,“ ſagte Sainte⸗Maline.„Wir werden unſere Rechnungen mit einander ſchon ausgleichen.“ Carmainges hoͤrte die Worte, drehete ſich aber nicht einmal um, ſondern beſchaͤftigte ſich ausſchließlich mit der Herzogin. Unten an der Treppe widerſetzte ſich ihnen Niemand mehr. Die von den Fuͤnfundvierzig, welche unten geblie⸗ ben waren, tadelten ohne Zweifel das Benehmen ihrer Ca⸗ meraden. Ernauton geleitete die Herzogin zu ihrem Tragſeſſel, bei welchem ſich die Diener befanden. Hier fuͤhlte ſich die Dame in Sicherheit; ſie druckte Carmainges die Hand und ſagte: „Herr Ernauton, nach dem, was geſchehen iß, nach der Beleidigung, vor der Ihr mich trotz Euerem Muthe nicht ſchützen konntet und die ſich ohne Zweifel wiederholen wurde, konnen wir nicht wieder hierher zuruckkehren; ſehet zu, wo in der Nähe ein Haus zu verkaufen oder im Ganzen zu ver⸗ miethen iſt. Ihr werdet bald von mir hoͤren.“ „Muß ich Abſchied von Euch nehmen, Madame?“ fragte Ernauton, der ſich verbeugte zum Zeichen des Ge⸗ horſams gegen die Befehle, die ihm gegeben worden und 201 die für ſeine Eitelkeit zu ſchmeichelhaft war als daß er etwas dagegen hätte ſagen konnen. „Noch nicht, Herr von Carmainges, noch nicht; folgt meinem Tragſeſſel bis zur neuen Bruͤcke, damit der Eine, der mich als die Dame im Tragſeſſel erkannt hat, aber nicht weiß wer ich bin, uns nicht folge und ſo meine Wohnung ermittele.“ Ernauton gehorchte, aber Niemand folgte ihnen. An der neuen Bruͤcke, die damals dieſen Namen ver⸗ diente, weil ſie vor kaum ſieben Jahren von dem Baumei⸗ ſter Ducerceau angelegt worden war, reichte die Herzogin die Hand den Lippen Ernauton's und ſagte: „Nun geht.“ „Darf ich fragen, wann ich Euch wieder ſehen werde?“ „Das haͤngt von der Schnelligkeit ab, mit welcher Ihr meinen Auftrag ausführt und dieſe Schnelligkeit wird mir ein Beweis von Euerem großern oder geringern Wunſche mich zu ſehen ſein.“ „In dieſem Falle verlaſſet Euch ganz auf mich.“ „So geht, mein Ritter.“ Und die Herzogin gab Ernauton zum zweiten Male die Hand zum Kuſſe, worauf ſie ſich entfernte. „Es iſt wahrhaftig ſeltſam,“ dachte der junge Mann als er umkehrte;„die Frau hat offenbar eine Vorliebe fuͤr mich und ſie kümmert ſich nicht im Mindeſten darum, ob ich durch den Sainte⸗Maline umgebracht werden kann oder nicht.“ Ein leichtes Achſelzucken bewies, daß er dieſe Sorg⸗ lofigkeit nach ihrem Werthe beurtheilte. Die Fuͤnfundvierzig. MI. 14 202 Dann kam er zu dem erſten Gefuͤhle zuruͤck, das nichts Schmeichelhaftes fuͤr ſeine Eitelkeit hatte. „O,“ fuhr er fort,„ſie war wirklich ſehr aͤngſtlich, die Arme, und die Furcht compromittirt zu werden iſt nament⸗ lich bei den Prinzeſſinnen das ſtärkſte aller Gefuͤhle; denn,“ ſetzte er laͤchelnd hinzu,„ſie iſt eine Prinzeſſin.“ Und da dieſer Gedanke ſchmeichelhaft fuͤr ihn war, ſo behielt er die Oberhand; gleichwohl konnte er bei Car⸗ mainges die Erinnerung an die Beleidigung nicht ver⸗ wiſchen, die ihm angethan worden war. Er ging alſo ge⸗ radewegs nach dem Wirthshauſe zuruͤck, damit Niemand das Recht zu vermuthen habe, er furchte die Folgen, welche dieſe Sache haben koͤnnte. Er war natürlich entſchloſſen gegen alle mögliche Ver⸗ bote und Eide zu handeln und mit Sainte⸗Maline bei dem erſten Worte, das er ſage oder der erſten Geberde, die er ſich zu machen erlaube, zu Ende zu kommen. Die Liebe und die Eitelkeit, die gleichzeitig verletzt worden waren, gaben ihm einen Muth, der es ihm gewiß moglich gemacht hätte, gegen ſechs Gegner aufzutreten. Dieſer Entſchluß blitzte in ſeinen Augen als er die Schwelle des Wirthshauſes zum tapfern Ritter betrat. Frau Fournichon, welche mit Beſorgniß dieſe Ruͤckkunft erwartete, ſtand zitternd in der Thuͤr. Bei dem Anblicke Ernauton's fuhr ſie mit der Hand uͤber die Angen als hätte ſie viele Thranen vergoſſen, ſchlang beide Arme um den Nacken des jungen Mannes und bat ihn um Verzeihung trotz den Gegenbemühungen ihres Mannes, welcher behauptete ſeine Frau habe nichts . — — 203 Unrechtes gethan und brauche alſo Niemanden um Ver⸗ zeihung zu bitten. Die gute Wirthin war nicht ſo häßlich, daß Carmain⸗ ges ihr lange hatte grollen koͤnnen, wenn er auch wirklich Urſache gehabt haͤtte ſich üͤber ſie zu beklagen; er gab alſo der Frau die Verſicherung, daß er ihr nicht zurne und daß nur ihr Wein die Schuld trage. Dieſer Meinung ſchien auch der Wirth zu ſein und er dankte Ernauton mit wohlgefälligem Kopfnicken. Während dies an der Thur geſchah, ſaßen Alle am Tiſche und ſprachen mit Waͤrme von dem Ereigniſſe, wel— ches unbedingt der Hauptgegenſtand des Abends war. Viele gaben Sainte⸗Maline Unrecht und ſprachen dies mit jener Offenheit aus, welche der Hauptcharakter der Gas⸗ cogner iſt, wenn ſie unter einander reden. Mehrere ent⸗ hielten ſich eines Urtheils, weil ſie die Stirnrunzeln ihres Cameraden und einen gereizten nachdenklichen Zug an dem Kunde deſſelben ſahen. Uebrigens ſprach man mit nicht geringerem Eifer dem Abendeſſen Meiſter Fournichon's zu, wenn man auch dabei plauderte. „Ich fuͤr meinen Theil,“ ſagte heiter von Biran lant, „weiß, daß Herr von Sainte⸗Maline Unrecht hat und daß er jetzt, wenn ich Ernauton von Carmainges hieße, unter dieſem Tiſche läͤge, ſtatt an ihm zu ſitzen.“ Sainte⸗Maline richtete den Kopfempor und ſah Herrn von Biran an. „Ich ſage was ich ſage,“ antwortete dieſer,„und ſeht, 14* 204 da ſteht Einer auf der Thuͤrſchwelle, der 4 meiner Mei⸗ nung zu ſein ſcheint.“ Aller Blicke wendeten ſich nach der uMnte Stelle und man bemerkte Carmainges, der bleich in der Thuͤr ſtand. Bei dieſem Anblicke, der einer geſpenſtigen Erſchei⸗ nung glich, lief Allen ein kalter Schauer uber den Leib. Ernauton ſchritt von der Schwelle herab wie der Com⸗ mandeur von ſeinem Piedeſtal und ging gerade auf Sainte⸗ Maline, nicht beſonders herausfordernd, aber mit einer Feſtigkeit zu, daß mehr als ein Herz ſtaͤrker klopfte. Von allen Seiten rief man ihm zu: „Kommt hierher, Ernauton! Kommt hierher, Car⸗ mainges; bei mir iſt ein Platz!“ „Ich danke,“ antwortete der junge Mann,„ich will mich neben Herrn von Sainte⸗Maline ſetzen.“ Dieſer ſtand auf und Aller Augen richteten ſich auf ihn; bei der Bewegung aber, die er machte, nahm ſein Geſicht einen durchaus andern Ausdruck an. „Ich werde Euch den Platz frei machen, den Ihr wuͤn⸗ ſchet,“ ſagte er ohne Zorn,„und dabei meine offene und aufrichtige Entſchuldigung wegen meines albernen Angriffs von vorhin an Euch richten; ich war betrunken, wie Ihr es ſelbſt geſagt habt, alſo verzeiht mir.“ Dieſe Erklaͤrung, welche bei allgemeiner Stille er⸗ folgte, gnuͤgte Ernauton nicht, obgleich offenbar keine Silbe davon fuͤr die dreiundvierzig Andern verloren ge⸗ gangen war, welche mit auf den Ausgang dieſes Auftritts warteten. Nach den letzten Worten Sainte Nalines deutete aber 205 der laute Freuderuf ſeiner Cameraden Ernauton an, daß er ſich fuͤr befriediget halten muͤſſe und vollſtändig ge⸗ raͤcht ſei. Sein geſunder Verſtand nothigte ihn zu ſchweigen. Gleichzeitig dentete ihm ein Blick auf Sainte⸗Maline an, daß er mehr als je vor demſelben auf ſeiner Hut ſein muͤſſe. „Der Mann iſt tapfer und muthig,“ dachte Ernauton, „und wenn er in dieſem Augenblicke nachgiebt, ſo geſchieht es gewiß wegen eines ſchaͤndlichen Planes, der ihm mehr zu verſprechen ſcheint.“ Das Glas Sainte⸗Malines war voll; er ſchenkte das Ernauton's auch voll. „Friede alſo! Friede!“ riefen alle Stimmen.„Auf die Verſoͤhnung zwiſchen Carmainges und Sainte⸗Maline!“ Carmainges benutzte das allgemeine Gläſerklingen und das Rufen aller Stimmen, um ſich gegen Sainte⸗Ma⸗ line zu neigen und mit Läͤcheln auf den Lippen, ſo daß man den Sinn dieſer Worte nicht errathen konnte, zu ihm zu ſagen: „Herr von Sainte⸗Maline, zum zweiten Male habt Ihr mich nun beleidiget ohne mir Genugthuung zu geben. Seht Euch vor, bei dem dritten Male ſtoße ich Euch nieder wie einen Hund.“ „Thut das, Herr, wenn Ihr eine Gelegenheit findet,“ antwortete Sainte⸗Maline;„ich an Euerer Stelle wuͤrde es ebenfalls thun.“ Und die beiden Todfeinde ſtießen ihre Glaͤſer an als waͤren ſie die beſten Freunde. 206 Achtzehntes Kapitel. Was in dem geheimnißvollen Hauſe vorging. Waͤhrend aus dem Wirthshauſe zum tapfern Rit⸗ tes, dem ſcheinbaren Aufenthalte der vollkommenſten Ein⸗ tracht, durch die Ladenritzen das Licht der Kerzen und die Freude der Gaͤſte herausdrang, fand eine ungewoͤhnliche Bewegung in dem geheimnißvollen Hauſe ſtatt, das unſere Leſer bisher nur von außen geſehen haben. Der Diener mit der kahlen Stirn ging aus einem Zim⸗ mer in das andere und trug eingepackte Gegenſtände hin und her, die er in eine Reiſekiſte legte. Nach Beendigung der erſten Vorbereitungen, lud er ein Piſtol und verſuchte, ob ein breiter Dolch aus der Sam⸗ metſcheide ſich bequem herausziehen laſſe, dann hing er ihn mittelſt eines Ringes an die Kette, die ihm als Guͤrtel diente und an welcher er außerdem ſein Piſtol, einen Schluſſelbund und ein ſchwarz befeſtigte. Wäͤhrend er ſich ſo beſchaͤftigte, terihrtt ein leiſer Tritt den Fußboden des erſten Stockwerkes und ſchlupfte auf der Treppe hin. Mit einem Male erſchien eine blaſſe Frau, die in ihrem großen weißen Schleier wie ein Geſpenſt ausſah, auf der Thurſchwelle und eine weiche traurige Stimme, gleich dem Geſange eines Vogels in tiefem Walde, ließ ſich vernhß n. „Remy,“ fragte ſie,„ſeid Ihr bereit?“ „Ja und ich warte nur noch auf Euer Käſchen, um es dem meinigen beizufügen.“ 207 „Glaubt Ihr, daß dieſe Käͤſten ſich leicht werden auf unſere Pferde laden laſſen?“ „Dafuͤr ſtehe ich. Wir koͤnnen ja ubrigens auch, wenn Ihr irgendwie beſorgt ſeid, den meinigen zuruͤcklaſſen. Ich habe unten alles was ich brauche.“ „Nein, nein, Remy, unter keinem Vorwande ſoll Euch unterwegs das Nothige fehlen und ſind wir an Ort und Stelle, ſo werden alle Diener bei dem armen Alten be⸗ ſchaͤftiget ſein. Ach, Remy, ich ſehne mich zu meinem Va⸗ ter zu gelangen; mich beſtuͤrmen traurige Ahnungen und es iſt mir als haͤtte ich ihn ſeit einem Jahrhunderte nicht geſehen.“ „Ihr habt ihn erſt vor drei Monaten verlaſſen und es liegt zwiſchen dieſer Reiſe und der letzten kein groͤßerer Zwiſchenraum als zwiſchen den andern.“ „Remy, Ihr ſeid ein ſo guter Arzt und habt Ihr mir nicht ſelbſt geſtanden, als wir ihn zum letzten Male ver⸗ ließen, daß mein Vater nicht lange mehr zu leben habe?“ „Ohne Zweifel, aber es war dies eine ausgeſprochene Beſorgniß und keine Vorausſage. Gott vergißt die alten Leute bisweilen und ſie leben— es iſt ſeltſam es zu ſagen — aus Lebensgewohnheit. Ja, oftmals iſt der Alte wie ein Kind heute krank und morgen geſund.“ „Ach, Remy, und wie das Kind iſt auch der Greis heute geſund und morgen todt.“ Remy antwortete nicht, denn es konnte wirklich keine beruhigende Antwort aus ſeinem Munde gehen und es folgte auf das Geſpraͤch eine tiefe Pauſe von einigen Mi⸗ nuten. 208 „Für welche Stunde, Remy, habt Ihr die Pferde be⸗ ſtellt?“ fragte die geheimnißvolle Dame. „Um zwei Uhr nach Mitternacht.“ „Es hat ein Uhr geſchlagen?“ „Es lauert Niemand draußen, Remy?“ „Niemand.“ „Auch nicht der unglückliche junge Mann?“ „Auch er nicht.“ Remy ſeufzete. „Ihr ſagt mir das in ſeltſamer Weiſe, Remy.“ „Auch er hat einen Entſchluß gefaßt.“ „Welchen?“ fragte die Dame erbebend. „Euch nicht mehr zu ſehen, oder vielmehr nicht mehr zu verſuchen Euch zu ſehen.“ „Wohin geht er?“ „Dahin, wohin wir alle gehen; zur Ruhe.“ „Gott gebe ihm die ewige!“ antwortete die Dame mit ernſter kalter Stimme, die wie Grabgelaͤute klang,„und doch“— ſie hielt inne. „Und doch?“ fragte Remy. „Hatte er in dieſer Welt nichts zu ſchaffen?“ „Zu lieben, wenn man ihn geliebt hätte.“ „Ein Mann mit ſeinem Namen, in ſeinem Range und Alter ſollte auf die Zukunft rechnen.“ „Rechnet Ihr auf ſie, die Ihr ein Alter, einen Rang und einen Namen habt, welche den ſeinigen nichts zu be⸗ neiden haben?“ Die Angen der Dame blitzten unheimlich. 209 „Ja, Remy,“ ſagte ſi iez rechne auf die un weil ich lebe; aber wartet. Sie horchte. „Hoͤre ich nicht ein Pferd traben?“ „Ja, ſo ſcheint es.“ „Sollte es ſchon unſer Fuhrer ſein?“ „Wohl möglich; aber in dieſem Falle fände er ſich um eine Stunde zu fruͤh ein.“ „Man haͤlt an der Thuͤr, Remy.“ Remy ging eilig hinunter und gelangte eben unten an der Treppe an, als drei Mal raſch hinter einander geklopft wurde. „Wer da?“ fragte Remy. „Ich,“ antwortete eine gebrochene Stimme,„Grand⸗ champ, der Diener des Barons.“ „Mein Gott, Ihr, Grandchamp, in Paris! Wartet, ich offne ſogleich; aber ſprecht leiſe.“ Und er ſchloß die Thuͤr auf. „Woher kommt Ihr?“ fragte Remy ſodann leiſe. „Von Meridor. Ach, mein Gott!“ „Tretet ſchnell herein.“ „Nun, Remy,“fragte die Dame oben an der Treppe, „ſind es unſere Pferde?“ „Nein, ſie ſind es nicht.“ Dann wendete er ſich wieder an den Alten und fragte: „Was giebt es, guter Grandchamp?“ „Errathet Ihr es nicht?“ „Ob ich es errathe! Aber theilt ihr um Gottes Willen 210 dieſe Nachricht nicht ſogleich mit. Ach, was wird die Arme ſagen?“ „Remy, Remy,“ fragte die Stimme,„Ihr ſprecht wohl mit Jemandem?“ „Ja „Ich erkenne die Stimme.“ „Wirklich?— Ach, wie iſt ſie zu ſchonen, Grandchamp? Da kommt ſie.“ Die Dame, welche aus dem erſten Stock herunterge⸗ kommen war, wie fruͤher aus dem zweiten in das erſte, er⸗ ſchien am Ende des Corridors. „Wer iſt da?“ fragte ſie.„Ich erkenne die Stimme Grandchamp's.“ „Ja, ich bin es,“ antwortete demüthig und traurig der Alte, indem er ſein weißes Haupt entbloßete. „Grandchamp, Du? Mein Gott, meine Ahnungen hatten mich nicht getaͤuſcht; mein Vater iſt todt.“ „Ja, antwortete Grandchamp, der alle Empfehlungen Remy's vergaß,„Meridor hat keinen Herrn mehr.“ Die Dame war bleich, kalt, aber unbeweglich und feſt und ertrug den Schlag ohne zu wanken. Als Remy ſie ſo gefaßt und traurig vor ſich ſah, trat er zu ihr und ergriff ihre Hand. „Wie iſt er geſtorben?“ fragte die Dame endlich. „Der Herr Baron, der ſeinen Seſſel nicht mehr verließ, wurde vor acht Tagen vom dritten Schlaganfalle getroffen. Er konnte noch ein Mal Euern Namen ſtammeln, dann hoͤrte er auf zu ſprechen und in der Nacht darauf ſtarb er.“ Diana machte gegen den alten Diener eine dankende 211 Bewegung und ging, ohne ein Wort hinzuzuſetzen, wieet 8 in ihr Zimmer hinauf. „Nun iſt ſie frei,“ flüſterte Remy, der noch bleicher ge⸗ 6 worden war als ſie.„Kommt, Grandchamp, kommt.“ Das Zimmer der Dame befand ſich im erſten Stock hinter einem Cabinet, welches auf die Straße ſah, während das Zimmer ſelbſt ſein Licht nur durch ein Fenſterchen nach dem Hofe zu erhielt. Die Geräthe in dem Zimmer waren dunkelfarbig aber reich; die Tapeten von Arras, die ſchoͤnſten in damaliger Zeit, ſtellten die verſchiedenen Gegenſtände aus der Lei⸗ densgeſchichte des Herrn dar. Ein Betſtuhl von geſchnitztem Eichenholze, ein Bett mit gewundenen Säulen und gleichen Tapeten wie die an den Waͤnden, dann ein Teppich von Brügge und ein Stuhl von demſelben Holze und derſelben Arbeit wie der Betſtuhl waren alles, was das Zimmer enthielt,— keine Blumen, keinen Schmuckgegenſtand, keine Vergoldung. Holz und Eiſen erſetzten überall das Gold und Silber. Ein Rahmen von ſchwarzem Holze enthielt ein maͤnnliches Portrait an der Wand, auf das gerade das Licht des Fenſters ſchien. Vor dieſem Portrait kniete die Dame mit vollem Her⸗ zen, aber trocknen Augen nieder. Sie heftete auf dieſes lebloſe Geſicht einen langen unbeſchreiblichen Liebesblick, als wenn das Bild Leben er⸗ halten ſollte um ihr zu antworten. Der Maler hatte einen jungen Mann von achtund⸗ zwanzig bis dreißig Jahren halbnackt auf einem Ruhebett liegend dargeſtellt; aus ſeiner halb geoͤffneten Bruſt rannen 212 — noch einige Blutstropfen; die rechte Hand hing verſtüm⸗ melt herab, hielt aber noch ein zerbrochenes Schwert. Seine Augen ſchloſſen ſich wie die eines Sterbenden; die Bläſſe und der Schmerz gaben dem Geſichte jenen faſt himmli⸗ ſchen Ausdruck, den das Geſicht des Menſchen annimmt, wenn er die Welt mit der Ewigkeit vertauſcht. Unter dem Portrait las man nichts als in blutrothen Buchſtaben: Aut Caesar aut nihil. Die Dame ſtreckte die Arme nach dem Bilde aus und richtete wie an einen Gott die Worte: „Ich hatte Dich gebeten zu warten, obgleich Deine ge⸗ reizte Seele nach Rache duͤrſten mußte und da die Todten alles ſehen, Geliebter, ſo haſt auch Du geſehen, daß ich das Leben nur ertrug, um nicht Vatermoͤrderin zu werden; als Du todt wareſt, haͤtte ich ſterben ſollen, aber durch mein Sterben haͤtte ich meinen Vater getödtet. Und dann hatte ich, Du weißt es noch, auf Deinem blutenden Leichname ein Gelübde gethan, ich hatre geſchworen den Tod mit Tode, das Blut mit Blute zu vergelten; aber damals belaſtete ich mit einem Verbrechen das weiße Haupt eines ehrwuͤrdigen Alten, der mich ſein unſchuldiges Kind nannte. Du haſt gewartet, Dank Dir, Geliebter! Du haſt gewartet und nun bin ich frei; das letzte Band, das mich an die Erde feſſelte, hat der Herr gelöſet— Dank ſei dem Herrn ge⸗ bracht!— Ich bin ganz Dein; keinen Schleier mehr! Ich kann am hellen Tage handeln, denn nun werde ich nach mir Niemanden auf der Erde zuruͤcklaſſen und habe ein Recht, von ihr zu ſcheiden.“ 213 Sie richtete ſich auf ein Knie auf und küßte die Hand. welche aus dem Rahmen heraus zu hangen ſchien. „Du verzeihſt mir,“ ſagte ſie,„daß meine Augen trocken ſind; durch das Weinen auf Deinem Grabe haben ſich meine Augen erſchoͤpft, die Augen, welche Du ſo ſehr liebteſt. Nach wenigen Monaten werde ich zu Dir kommen und Du wirſt mir endlich antworten, geliebter Schatten, mit dem ich ſo oft geſprochen habe, ohne eine Antwort zu erhalten.“ Nach dieſen Worten ſtand Diana ehrerbietig auf als hätte ſie mit Gott geſprochen und ſetzte ſich auf ihrem eiche⸗ nen Stuhle nieder. „Armer Vater!“ fluͤſterte ſie in kaltem Tone und mit einem Ausdrucke, der keinem menſchlichen Weſen anzuge⸗ hoͤren ſchien. Darauf verſank ſie in duͤſteres Sinnen, in dem ſie ſcheinbar das gegenwärtige und das vergangene Ungluck vergaß. Mit einem Male richtete ſie ſich auf und ſtutzte die Hand auf die Stuhllehne. „So iſt es,“ ſagte ſie;„ſo wird alles am Beſten ſein. Remy!“ Der treue Diener horchte ohne Zweifel an der Thuͤr, denn er erſchien alsbald. „Mein wuͤrdiger Freund, mein Bruder,“ ſagte Diang, „der Einzige, der mich in dieſer Welt kennt, nehmt Abſchied von mir.“ „Warum das?“ „Weil die Stunde unſerer Trennung gekommen iſt, Remy.“ 214 „Unſerer Trennung?“ entgegnete der junge Mann in einem Tone, bei dem die Dame erbebte.„Was ſagt Ihr?“ „Ja, Remy. Jener Racheplan erſchien mir edel und rein, ſolange ein Hinderniß zwiſchen ihm und mir ſtand, ſolange ich ihn nur in der Ferne ſah. So iſt es mit den Dingen dieſer Welt; von weiten ſehen ſie groß und ſchoͤn aus. Jetzt, da ich an der Ausfuͤhrung ſtehe, da das Hin⸗ derniß verſchwunden iſt, weiche ich nicht etwa zuruck Remy, aber ich will keine edele fleckenloſe Seele mit mir auf den Weg des Verbrechens ziehen. Ihr werdet mich alſo ver⸗ laſſen, Freund; mein Leben, das ich in Thränen verbracht habe, wird mir vor Gott und vor Euch als Büßung ange⸗ rechnet werden und auch Euch, hoff' ich; Ihr, der Ihr nie etwas Boͤſes gethan habt und nie etwas Boͤſes thun werdet, iſt der Himmel doppelt ſicher.“ Remh hatte die Worte der Dame von Montſoreau mit duͤſterer faſt ſtolzer Miene angehört. „Glaubt Ihr,“ antwortete er,„mit einem zitternden, vom Mißbrauche des Lebens abgenuͤtzten Greiſe zu ſprechen? Ich bin ſechsundzwanzig Jahre alt, d. h. ich beſitze die ganze Kraft der Jugend, die in mir verſiegt zu ſein ſcheint; ich, ein dem Grabe entriſſener Leichnam, lebe nur noch wegen des Vollbringens einer ſchrecklichen That, um eine thaätige Rolle in dem Werke der Vorſehung zu ſpielen. Trennt alſo nie Euere Gedanken von den meinigen, da dieſe bei Euern Gedanken ſo lange unter einem Dache gewohnt ha⸗ ben. Wohin Ihr geht, gehe ich auch; bei Allem, was Ihr thut, werde ich Euch unterſtuͤtzen; wenn nicht, wenn Ihr trotz meinen Bitten dabei verharrt, mich von Euch zu treiben..“ 215 „Ach,“ fluͤſterte die junge Dame,„Euch von mir trei⸗ ben! Welches Wort habt Ihr da ausgeſprochen, Remy!“ „Wenn Ihr bei dieſem Vorſatze beharret,“ fuhr der junge Mann fort als hätte ſie nicht geſprochen,„ſo weiß ich was ich zu thun habe und alle meine nutzlos gewordenen Studien werden in zwei Dolchſtößen endigen. Der Einetrifft das Herz deſſen, den Ihr kennt, der andere das meinige.“ „Remy, Remy!“ rief Diana aus, trat einen Schritt auf den jungen Mann zu und ſtreckte gebieteriſch ihre Hand uͤber ſeinem Haupte aus,„Remy, ſagt dies nicht. Das Le⸗ ben deſſen, den Ihr bedrohet, gehort nicht Euch; es iſt mein, ich habe es theuer genug bezahlt, um es ſelbſt zu nehmen, wenn der Augenblick gekommen iſt, in dem er es verlieren ſoll. Ihr wißt was geſchehen iſt, Remy und es iſt kein Traum, ich beſchwoͤre es Euch. An dem Tage, als ich vor dem ſchon kalten Leichname deſſen da kniete.. Sie zeigte auf das Portrait. „An dieſem Tage drückte ich meine Lippen auf die Lip⸗ pen der Wunde, die Ihr offen ſahet und dieſe Lippen zit⸗ terten und ſagten: Diana, räche mich!“ „Madame!“ „Remy, ich wiederhole es Dir, es war keine Täuſchung; die Wunde hat geſprochen, ſage ich Dir; ich höre ſie noch murmeln: Diana, raͤche mich.“ Der Diener ſenkte das Haupt. „Mir alſo, nicht Euch gebuͤhrt die Rache,“ fuhr Diana fort.„Und fuͤr wen, durch wen iſt er geſtorben? Fur mich und durch mich.“ „Ich muß Euch gehorchen,“ antwortete Remy,„denn 216 ich war todt wie er. Wer hat mich unter den Leichen auf⸗ heben laſſen, mit denen dieſes Zimmer bedeckt war? Ihr, d. h. die Seele deſſen, fuͤr den ich ſo gern geſtorben war. Befehlt alſo und ich werde gehorchen ſobald Ihr mir nicht befehlt Euch zu verlaſſen.“ „So ſei es, Remy; folget meinem Geſchick. Ihr habt Recht; es darf uns nichts mehr ſcheiden.“ Remy zeigte auf das Bild. „Nun,“ ſagte er,„er iſt durch Verrath getoͤdtet wor⸗ den, durch Verrath ſoll er gerächt werden. Aber eines wiſſet Ihr nicht,— Ihr habt Recht, die Hand Gottes iſt mit uns— Ihr wiſſet nicht, daß ich in dieſer Nacht das Geheimniß der aqua tofana gefunden habe, jenes Giftes der Medieis, jenes Giftes Renc's, des Florentiners.“ „Sagt Ihr die Wahrheit?“ „Kommt und ſehet.“ „Aber was wird Grandchamp, der wartet, ſagen, wenn er uns nicht zuruckkommen ſieht, wenn er nichts mehr von uns hoͤrt? Denn hinunter, nicht wahr, willſt Du mich fuͤhren?“ „Der arme Alte iſt ſechszig Stunden weit geritten, iſt ermuͤdet und ſchlaͤft auf meinem Bett. Kommt.“ Diana folgte Remy. Neunzehntes Kapitel. Das Laboratorium. Remy fuͤhrte die unbekannte Dame in das anſtoßende Gemach, druͤckte auf eine verborgene Feber und oͤffnete da⸗ ₰ . 217 durch eine Fallthuͤr, welche ſich in der ganzen Breite des Zimmers bis an die Mauer hinzog. Als die Fallthur ſich geoffnet hatte, ſah man eine dunkele ſteile ſchmale Treppe. Remy trat zuerſt auf die⸗ ſelbe und reichte dann die Hand der Dame, welche ſich auf dieſelbe ſtützte und ihm folgte. Zwanzig Stufen dieſer Treppe oder vielmehr dieſer Leiter fuhrten in ein kreisrundes finſteres und feuchtes Ge⸗ wölbe, das nichts als einen Ofen, einen viereckigen Tiſch, zwei Rohrſtuͤhle, eine Menge Gläſer und eiſerne Käſten enthielt, nebſt einer Ziege und Voͤgeln ohne Stimme, welche in dieſem dunkeln unterirdiſchen Orte wie Thiergeſpenſter ausſahen, nicht wie Thiere ſelbſt. In dem Ofen erſtarb allmälig ein Ueberreſt von Feuer, während ein dicker ſchwarzer Rauch geräuſchlos durch ein Rohr in der Mauer hinauszog. Eine Retorte, die auf dem Herde lag, trieb langſam tropfenweiſe eine goldgelbe Fluſſigkeit über. Dieſe Tropfen fielen in eine Phiole von zwei Zoll dickem weißem aber voll⸗ kommen durchſichtigem Glaſe, welche durch die Retorte, die mit ihr in Verbindung ſtand, geſchloſſen war. Diana ſtieg hinunter und blieb unter allen den Gegen⸗ ſtänden von ſeltſamen Formen ohne Staunen und ohne Angſt ſtehen. Es war als könnten die gewohnlichen Ein⸗ drucke des Lebens keinen Einfluß mehr auf dieſes Weib ha⸗ ben, das außerhalb des Lebens lebte. Remy winkte ihr am Fuße der Treppe ſtehen zu bleiben und ſie that es. Der junge Mann zundete eine Lampe an, die ein fahles Die Fünfundvierzig MM. 15 218 Licht auf alle Gegenſtände umher verbreitete, die bis dahin im Dunkel geſchimmert oder ſich bewegt hatten. Dann trat er an einen Brunnen, der in dem Gewoͤlbe an der Mauer gegraben und unbedeckt war, befeſtigte einen Eimer an einen langen Strick, ließ den Strick in das Waſſer gleiten, das unten in der Tiefe ſchlummerte und dann dumpf klatſchte und endlich zog er den Eimer voll eiskalten und kryſtallreinen Waſſers herauf. „Tretet näher, ſagte Remy und Diana that es. Er ließ in dieſe ungeheuere Waſſermenge einen einzi⸗ gen Tropfen der Flüſſigkeit in der Glasphiole fallen und die ganze Waſſermaſſe nahm augenblicklich eine gelbe Farbe an; dann verdünſtete dieſe Farbe und das Waſſer war nach zehn Minuten wieder ſo klar geworden wie vorher. Nur der ſtiere Blick Diana's verrieth die geſpannte Aufmerkſamkeit, die ſie der Operation zuwendete. Remy ſah ſie an. „Nun?“ fragte ſie. „Benetzt nun mit dieſem Waſſer,“ antwortete Remy, „das weder Geſchmack noch Farbe hat, eine Blume, einen Handſchuh, ein Taſchentuch; befeuchtet mit dieſem Waſſer wohlriechende Seifen, gießet es in den Krug, aus dem man Waſſer zum Zähneputzen, zum Waſchen des Geſichts und der Hände nimmt und Ihr werdet ſehen, wie man ſonſt an dem Hofe Karls IX. ſah, daß die Blume durch ihren Duft erſtickt, daß der Handſchuh durch ſeine Berührung vergif⸗ tet, die Seife bei der Benutzung toͤdtet. Gießet einen ein⸗ zigen Tropfen dieſes reinen Oeles auf den Docht einer Kerze oder einer Lampe, ſo wird er bis etwa einen Zoll weit ein⸗ — — 219 dringen und eine Stunde lang wird die Kerze, die Lampe den Tod aushauchen, während ſie ſo unſchuldig brennt wie eine andere Lampe oder eine andere Kerze.“ „Seid Ihr deſſen gewiß, was Ihr ſagt, Remy?“ fragte Diana. „Ich habe alle dieſe Verſuche gemacht; ſehet dieſe Vogel, die nicht mehr ſchlafen konnen und nicht mehr freſſen wollen, ſie haben ſolches Waſſer getrunken. Sehet dieſe Ziege; ſie hat Gras geweidet, das mit dieſem Waſſer be⸗ goſſen war. Wenn wir ihr jetzt auch die Freiheit, das Licht wiedergeben, ihr Leben iſt verfallen, wenn nicht die Natur, der wir ſie wiedergeben, ihrem Inſtinete einige der Gegen⸗ gifte enthuͤllt, welche die Thiere errathen und die dem Men⸗ ſchen unbekannt find.“ „Kann man dieſe Phiole ſehen, Remy?“ fragte Diana. „Ja, denn jetzt iſt die ganze Fluͤſſigkeit ubergegangen, aber wartet.“ Remy trennte ſie mit unendlicher Vorſicht von der Re⸗ torte, ſtopfte ſie dann ſofort mit weichem Wachs zu, das er an der Oeffnung glattdrückte und umhuͤllte dieſe Oeffnung mit einem Wollenſtuͤcke. Dann erſt reichte er das Fläͤſchchen der Dame. Diana nahm es vollkommen ruhig, hob es bis an die Lampe empor, betrachtete eine Zeitlang die dicke Fluͤſſigkeit, die es enthielt und ſagte: „Es genügt. Wir wählen ſobald es Zeit iſt Bonquet, Handſchuhe, Lampe, Seife oder Waſſerkrug. Hält ſich die Fluͤſſigkeit in Metall?“ „Sie frißt es an.“ 15* 220 „Dann wird das Fläſchchen vielleicht auch zerbrechen.“ „Ich glaube es nicht. Seht nur, wie dick das Glas iſt. Uebrigens können wir es in eine goldene Hülle ein⸗ ſchließen.“ ₰„Ihr ſeid alſo zufrieden, Remy?“ 5 Und etwas wie ein blaſſes Lächeln zog uber die Lippen der Dame und gab ihr jenen Widerſchein von Leben, wel⸗ chen ein Mondesſtrahl den erſtarrten Gegenſtänden giebt. „Mehr als ich es je war,“ antwortete er.„Die Boͤſen zu ſtrafen, heißt an dem heiligſten Vorrechte Gottes Theil nehmen.“ „Horcht! Hoͤrtet Ihr kein Geräuſch? Pferdegetrappel auf der Straße, wie es ſcheint. Unſere Pferde kommen.“ „Wahrſcheinlich, denn es mag nun die Stunde ſein, in welcher ſie kommen ſollten; jetzt werde ich ſie zuruͤck⸗ ſchicken.“ „Warum?“ „Wir brauchen ſie nicht mehr.“ .„Statt nach Meridor zu reiſen, reiſeh wir nach Flan⸗ dern, Remy. Behaltet die Pferde.“. „Ah ich verſtehe.“ Und aus den Augen des Dieners leuchtete ein Blitz der Freude, der nur mit dem Lächeln Diana's verglichen wer⸗ den konnte. „Aber was fangen wir mit Grandchampan 2fragte ſie. „Grandchamp bedarf der Ruhe, wie ich Euch geſagt habe. Er wird in Paris bleiben und dies Haus verkaufen, deſſen wir nicht mehr bedurfen. Ihr werdet nur vorher die Freiheit allen dieſen unſchuldigen Thieren geben, denen wir 21 Leiden verurſachen mußten. Vielleicht ſorgt Gott für ihre Rettung.“ „Aber dieſe Oefen, dieſe Retorten 2 „Da ſie hier waren als wir das Haus kauften, moͤgen ſie Andere nach uns finden.“ „Und dieſe Pulver, Säuren und Eſſenzen?“ „In's Feuer damit! Entfernt Euch!“ „Ich?“ „Ja oder legt wenigſtens die gläſerne Maske vor.“ Remy reichte Dianen eine Maske, die ſie uf das Ge⸗ ſicht legte. Dann legte er ſich ſelbſt auf den Mund und die Naſe einen großen Buͤſchel Wolle, zog den Blaſebalg, fachte die Kohlenflamme wieder an und warf als das Feuer wieder ſtark glühete, die Pulver hinein, die zum Theil luſtig kni⸗ ſterten, zum Theil mit gruner Flaihme brannten oder in bleichen Flammen wie Schwefel ſich verfluͤchteten. Ihnen folgten die Eſſenzen, die ſtatt die Flamme zu verloſchen, wie Feuerſchlangen in dem Kamine emporſtiegen und wie ferner Donner grollten. Als endlich alles geſchehen war, ſagte Remy: „Ihr habt Recht; wenn jetzt Jemand dieſes verborgene Gewoͤlbe entdeckt, wird er glauben ein Alchemiſt habe da gewohnt. Heute verbrennt man die Zauberer noch, aber man verſchont die Alchemiſten.“ „Es wurde doch Recht ſein, Remy,“ entgegnete die Dame,„wenn man uns verbrennte; ſind wir nicht Gift⸗ miſcher? Wenn ich aber nur an dem Tage, an welchem ich den Scheiterhaufen beſteige, meine Anfgabe erfüllt habe, 222 iſt mir dieſe Todesart nicht mehr zuwider als eine andere. Die meiſten Maͤrthrer der alten Zeit find ſo geſtorben.“ Remy machte eine zuſtimmende Geberde, worauf er die Phiole aus der Hand ſeiner Gebieterin nahm und ſie ſorg⸗ fältig einpackte. In dieſem Augenblicke wurde an die Thuͤr des Hau⸗ ſes geklopft. „Es find Euere Leute, Ihr irrtet Euch nicht. Geht hinauf und antwortet, während ich die Fallthur wieder zu⸗ mache.“ Die Dame gehorchte. Ein und derſelbe Gedanke lebte ſo ſtark in dieſen bei⸗ den Koͤrpern, daß es ſchwer geweſen ſein würde zu ſagen, welcher von beiden der gehorchende ſei. Remy ging hinter der Dame hinauf und ſchloß die Fallthuͤr. An der Thuͤr traf Diana den alten Grandchamp, den der Laͤrm geweckt und der geoffnet hatte Der Alte wunderte ſich nicht wenig als er die nahe Abreiſe ſeiner Gebieterin erfuhr, die ihm dieſelbe meldete, ohne zu ſagen, wohin ſie gehe. „Grandchamp,“ ſagte ſie,„wir, Remy und ich, unter⸗ nehmen eine Pilgerreiſe, die wir laͤngſt ſchon gelobt haben. Sprecht mit Niemandem davon und nennt meinen Namen gegen keinen Menſchen.“ „Ich ſchwoͤre es,“ antwortete der alte Diener;„aber man wird Euch doch bald wieder ſehen?“ „Ohne Zweifel, Grandchamp, ohne Zweifel; ſieht man einander nicht immer wieder, wenigſtens in der andern ———— 223 Welt, wenn es in dieſer nicht geſchieht? Aber, Grandchamp, wir brauchen dieſes Haus nicht mehr.“ Diana nahm aus einem Schranke ein Buͤndel Papier. „Hier ſind die Urkunden, welche das Eigenthum be⸗ gruͤnden. Vermiethet oder verkauft das Haus. Wenn Ihr binnen einem Monate keine Abmiether oder Kaͤufer gefun⸗ den habt, ſo ſchließt es ganz einfach zu und kehrt nach Me⸗ ridor zuruͤck.“ „Und wie theuer ſoll ich es verkaufen?“ „Wie Ihr wollt.“ „So bringe ich das Geld nach Meridor.“ „Behaltet das Geld für Euch, alter Grandchamp.“ „Wie, eine ſolche Summe?“ „Ja! Bin ich Euch dies fuͤr Euere treuen Dienſte nicht ſchuldig? Und habe ich nicht außer meinen Verbindlichkei⸗ ten auch die meines Vaters gegen Euch zu tilgen?“ „Aber ohne Contract, ohne Vollmacht kann ich nichts thun.“ „Er hat Recht,“ ſagte Remy. „So erdenkt ein Mittel,“ fiel Diana ein. „Das iſt ſehr einfach. Dieſes Haus iſt in meinem Na⸗ men gekauft worden; ich verſchenke es an Grandchamp und er wird es dann verkaufen konnen wie es ihm beliebt.“ „So thut das.“ Remy nahm eine Feder und ſchrieb ſeine Schenkung unter den Verkaufscontract. „Nun lebt wohl,“ ſagte die Dame von Montſoreau zu Grandchamp, dem es ganz unbehaglich vorkam in dieſem Hauſe allein zu bleiben,„lebt wohl, Grandchamp. Laßt 224 die Pferde vorfuͤhren wahrend ich meine Vorbereitungen beende.“ Diana ging in ihre Wohnung hinauf, ſchnitt mit einem Dolche die Leinwand des Portraits aus dem Rahmen, rollte ſie zuſammen, wickelte einen ſeidenen Stoff daruͤber und legte die Rolle in den Reiſekaſten. Der nun leere Rahmen ſchien noch beredter als ſonſt von den Schmerzen zu erzäͤhlen, die er vernommen hatte. Das Zimmer hatte, nachdem das Portrait entfernt war, keine weitere Bedeutung und wurde ein ganz gewoͤhnliches. Als Remy die beiden Kiſten zuſammen geſchnuͤrt hatte, blickte er noch einmal auf die Straße, um ſich zu uͤberzeu⸗ gen, daß Niemand außer den Leuten da ſei. Dann half er ſeiner bleichen Gebieterin auf das Pferd und ſagte leiſe zu ihr: „Ich glaube, dies Haus wird das letzte ſein, in wel⸗ chem wir ſo lange gewohnt haben.“ „Das vorletzte, Remy,“ ſagte die Dame mit eintoni⸗ ger Stimme.“ „Und welches waͤre das andere?“ „Das Grab, Remy.“ Zwanzigſtes Kapitel. Was Franz von Frankreich, Herzog von Anjon und Brabant, Graf von Flandern in Flandern that. Jetzt muͤſſen die Leſer erlauben, daß wir den Koͤnig im Louvre, Heinrich von Navarra in Cahors, Chicot auf der — 225 Landſtraße und die Dame von Montſoreau auf der Straße in Paris laſſen, und uns nach Flandern zu dem Herzog von Anjon begeben, der küͤrzlich zum Herzog von Brahant ernannt worden war und dem wir den Großadmiral von Frankreich, Anna Dougues, Herzog von Joheuſe, zu Hilfe eilen ſahen. Achtzig Stunden von Paris nach dem Norden zu wehete die franzoͤſiſche Fahne über dem franzoſiſchen Lager an den Ufern der Schelde. Es war Nacht. Die in einem großen Kreiſe geordne⸗ ten Feuer zogen ſich an dem vor Antwerpen ſo breiten Fluſſe hin und ſpiegelten ſich in dem tiefen Waſſer. Die gewoͤhnliche Einſamkeit der gruͤnen Polders wurde durch das Wiehern der franzöſiſchen Roſſe geſtört. Von den Wällen der Stadt herab ſahen die Schild⸗ wachen in dem Feuer der Bivonaes die Gewehre der fran⸗ zoſiſchen Schildwachen glaͤnzen, einen flͤchtigen fernen Blis, welchen die Breite des Fluſſes zwiſchen der Armee und der Stadt ſo unſchaͤdlich machte wie das Wetterleuchten, das an einem ſchoͤnen Sommerabende am Horizonte glänzt. Die Armee war die des Herzogs von Anjou. Was ſie da machte, müſſen wir den Leſern wohl erzah⸗ len. Freilich wird es nicht ſehr unterhaltend ſein. Diejenigen unſer Leſerer, welche die„Koͤnigin Margot“ und„die Dame von Montſoreau“*) durchblättert haben, fennen bereits den Herzog von Anjou, jenen eiferſuchtigen, ſelbſiſüchtigen, ehrgeizigen und ungeduldigen Furſten, der Romane von Aler. Dumas D. 226 ſo nahe an dem Throne geboren war, dem ihm jedes Ereig⸗ niß naͤher zu bringen ſchien und nie mit Geduld auf den Tod warten konnte, der ihm den Weg freimache. So wuͤnſchte er Anfangs den Thron von Navarra un⸗ ter Karl IXK., dann den Karls IXK. ſelbſt, endlich den Frank⸗ reichs, auf welchem ſein Bruder Heinrich, der ehemalige Koͤnig von Polen, ſaß, der zum Neide ſeines Bruders, wel⸗ cher nicht eine erreichen konnte, zwei Kronen zu tragen hatte. Damals hatte er einen Augenblick die Augen nach Eng⸗ land gewendet, das von einer Frau regiert wurde und um den Thron zu erlangen, hatte er die Frau heirathen wollen, ob ſie gleich Eliſabeth hieß und zwanzig Jahre älter war als er. Auch hatte das Gluͤck angefangen ihm zu lächeln, wenn es ein Gluckslächeln war die ſtolze Tochter Heinrichs VIII. zu heirathen. Derjenige, welcher ſein ganzes Leben hin⸗ durch in ſeinen fruͤhreifen Wuͤnſchen nicht einmal ſeine Frei⸗ heit zu vertheidigen gewußt, ſeine Guͤnſtlinge, La Mole und Coconnas hatte tödten ſehen, vielleicht ſelbſt getödtet und feig den muthigſten ſeiner Herren, Buſſy, geopfert hatte, Alles ohne Gewinn für ſeine Erhebung und zum großen Nachtheile füͤr ſeinen Ruhm, dieſer Verſchmähete des Gluͤcks ſah ſich mit einem Male von den Gunſtbezeigungen einer großen Koͤnigin uberſchuttet, die bis dahin keinem ſterb⸗ lichen Blicke zugaͤnglich geweſen war und durch ein ganzes Volk zu der erſten Würde erhoben, die dieſes Volk ertheilen konnte. 6 Flandern bot ihm eine Krone und Eliſabeth hatte ihm ihren Ring gegeben. 3 . 5 — 5 27 Wir wollen nicht Geſchichtsſchreiber ſein und wenn wir es bisweilen werden, ſo geſchieht es nur weil die Ge⸗ ſchichte zu dem Romane herabſteigt oder noch beſſer, weil der Roman ſich zur Geſchichte emporhebt. Dann blicken wir in das fuͤrſtliche Leben des Herzogs von Anjon hinein, das reich an jenen bald duͤſtern bald glaͤnzenden Ereigniſſen iſt, welche man gewöhnlich nur in dem Leben von Koͤnigen bemerkt. Mit einigen Worten nur deuten wir dieſes Leben an. Er hatte ſeinen Bruder Heinrich III. in Verlegenheit im Kampfe mit den Guiſen geſehen und ſich mit den Gui⸗ ſen verbundet; bald aber hatte er bemerkt, daß dieſe keinen andern wirklichen Zweck hatten als ſich an der Stelle der Valois auf den Thron Frankreichs zu ſetzen. Da hatte er ſich von den Guiſen getrennt, aber dieſe Trennung war, wie man geſehen hat, nicht ohne einige Ge⸗ fahr erfolgt und an der Räderung Salekdes hatte man ge⸗ ſehen, welche Wichtigkeit die Empfindlichkeit der Herrn von Lothringen auf die Freundſchaft des Herzogs von Anjou gelegt. Außerdem hatte Heinrich III. ſchon laͤngſt die Augen geoffnet und der Herzog von Alengon ein Jahr vor der Zeit, in welcher dieſe Geſchichte beginnt, ſich verbannt, oder ſo ziemlich verbannt nach Amboiſe zuruckgezogen. Da hatten ihm die Flamander die Arme entgegenge⸗ ſtreckt, die, der ſpaniſchen Herrſchaft muͤde, durch den Herzog von Alba decimirt, durch den falſchen Frieden Don Iuan's von Oeſterreich getäuſcht, der dieſen Frieden benutzte, um Namur und Charlemont wieder zu nehmen, Wilhelm von Naſſau, Prinzen von Hranien, berufen und zum General⸗ ſtatthalter von Brabant gemacht hatten. Ein Wort nur uber dieſen Mann, der eine ſo große Stelle in der Geſchichte eingenommen hat und der bei uns nur fluͤchtig erſcheinen wird. Wilhelm von Naſſau, Prinz von Oranien, war damals etwas über funfzig Jahre alt, hatte als Sohn Wilhelms von Naſſau, des Alten, und Julianes von Stolberg als Vetter des bei der Belagerung von Saint⸗Dizier gefallenen Rena⸗ tus von Naſſau den Titel Prinz von Oranien geerbt und ſchon in ſeiner Ingend, in den ſtrengſten Lehren der Refor⸗ mation erzogen, ſeinen Werth gefühlt und die Große ſeines Geſchicks erkannt. Dieſes Geſchick, dieſe Sendung, die er vom Himmel ſelbſt empfangen zu haben glaubte, der er ſein ganzes Le⸗ ben hindurch tren blieb und fuͤr die er wie ein Maͤrthrer ſtarb, beſtand in der Gruͤndung der Republik Holland, die er denn auch wirklich bewirkte. In ſeiner Jugend war er von Karl V. an den Hof be⸗ rufen worden. Karl V. kannte die Wenſchen; er hatte Wilhelm beurtheilt und der alte Kaiſer, der damals in ſei⸗ ner Hand einen ſchwerern Scepter trug als jemals eine faiſerliche Hand gehalten, hatte oftmals den Juͤngling über die wichtigſten Angelegenheiten der Politik der Niederlande zu Rathe gezogen. Ja, der junge Mann zählte kaum vier⸗ undzwanzig Jahre als ihm Karl V. in Abweſenheit des be⸗ ruͤhmten Philibert Emmanuel von Savoien das Commando der Armee in Flandern anvertrauete. Wilhelm hatte ſich damals dieſer hohen Achtung würdig gezeigt; er hatte den Herzog von Nevers und Coligny, die beiden groͤßten Feld⸗ herrn jener Zeit, in Schach gehalten und vor ihren Augen Philippeville und Charlemont befeſtiget. Am Tage, als KarlV. ſeine Krone niederlegte, ſtützte er ſich auf Wilhelm von Naſſau, um von den Stufen des Thrones herabzuſteigen und er uͤberbrachte Ferdinand die Kaiſerkrone, der Karl V. freiwillig entſagte. Dann warPhilipp II. gekommen und er hatte trotz der Empfehlung Karls V. an ſeinen Sohn, Wilhelm fuͤr einen Bruder anzuſehen, bald gefühlt, daß Philip II. zu den Für⸗ ſten gehorte, die keine Freunde haben wollen. Da hatte ſich in ſeinem Geiſte jener große Gedanke der Befreiung Hol⸗ lands und der Emanecipation Flanders befeſtiget, den er vielleicht immer in ſeinem Buſen verſchloſſen getragen haͤtte, wenn der alte Kaiſer, ſein Freund und Vater, nicht auf den ſeltſamen Einfall gekommen wäre, den Koͤnigsmantel mit der Moͤnchskutte zu vertauſchen. Auf den Vorſchlag Wil⸗ helms verlangten die Niederlande die Ruͤckſendung der frem⸗ den Truppen; es begann jener erbitterte Kampf Spaniens, das die Beute feſthielt, welche ſich ihm entziehen wollte und das ungluͤckliche Volk erlitt die Statthalterſchaft Mar⸗ garethens von Oeſterreich und die blutige Herrſchaft des Herzogs von Alba. Es begann jener zugleich politiſche und religiöſe Kampf, zu welchem die Proteſtation im Palaſte Luremburg, welche die Abſchaffung der Inquiſition in den Niederlanden ford erte, der Vorwand war. Da trat die Prozeſſion von vierhundert Edelleuten in einfachſter Klei⸗ dung vor, die Paarweiſe am Fuße des Thrones der Statt⸗ halterin den Ausdruck des allgemeinen Wunſches nieder⸗ 230 legten, welcher in der Proteſtation enthalten war und bei dem Anblicke ſo ernſter, ſo einfach gekleideter Maͤnner ent⸗ ſchluͤpfte Berlaimont, einem der Räthe der Herzogin, jenes Wort gueux(Bettler), das von den flamändiſchen Herren aufgegriffen und angenommen wurde und von da an in den Niederlanden die patriotiſche Partei bezeichnete, welche bis dahin keinen Namen gehabt hatte. Von dieſem Augenblicke an begann Wilhelm die Rolle zu ſpielen, welche ihn zu einem der groͤßten Helden auf der politiſchen Schaubuͤhne gemacht hat. Obgleich fortwäh⸗ rend geſchlagen in dem Kampfe gegen die zermalmende Macht Philipps II., richtete er ſich doch immer wieder auf, war nach jeder Niederlage ſtärker, ſchuf ſtets wieder ein neues Heer, welches das vernichtete oder in die Flucht ge⸗ triebene erſetzte und wurde immer als Befreier begruͤßt. Immitten dieſer Abwechſelung von moraliſchen Siegen und korperlichen Niederlagen, wenn man ſich ſo ausdruͤcken kann, erhielt Wilhelm in Mons die Nachricht von der Metzelei in der Bartholomänsnacht. Das war eine ſchreckliche Wunde, welche die Nieder⸗ lande faſt in das Herz traf; Holland und der calviniſtiſche Theil von Flandern verloren durch dieſe Wunde das tapferſte Blut ihrer natuͤrlichen Bundesgenoſſen, der Hugenotten von Frankreich. Wilhelm antwortete auf dieſe Nachricht zuerſt durch den Ruͤckzug, wie er ihn zu machen pflegte. Von Mons zog er ſich an den Rhein und er wartete die Ereigniſſe ab. Die Ereigniſſe bleiben füͤr edele Sachen ſelten aus. „— „— 231 Eine Nachricht, die durchaus nicht zu erwarten war, verbreitete ſich plotzlich. Einige Meergeuſen(es gab Meer—⸗ und Land-Geuſen), die durch widrigen Wind in den Hafen von Briel getrieben worden waren und ſahen, daß ſie das hohe Meer nicht wie⸗ der erreichen koͤnnten, nahmen aus Verzweiflung die Stadt, die ſchon ihre Galgen bereit gemacht hatte, ſie daran aufzuhaͤngen. Als die Stadt genommen war, vertrieben ſie die ſpa⸗ niſchen Beſatzungen aus der Umgegend und da ſie unter ſich ſelbſt keinen Mann kannten, der ſtark genug ſei, Vor⸗ theil von dem Siege zu ziehen, den ihnen der Zufall ge⸗ geben hatte, beriefen ſie den Prinzen von Oranien. Wil⸗ helm eilte herbei. Es mußte ein großer Schlag geſchehen und die Wiederausſoͤhnung Hollands mit Spanien unmoͤg⸗ lich gemacht werden. Wilhelm erließ eine Verordnung, welche den katholi⸗ ſchen Cultus aus Holland verbannte, wie der proteſtantiſche in Frankreich geaͤchtet war. Nach dieſem Manifeſte begann der Krieg von Neuem. Der Herzog von Alba ſandte gegen die Empoͤrer ſeinen eigenen Sohn, Friedrich von Toledo, der Zuͤtphen, Naarden und Harlem nahm; aber dieſe Niederlage der Hollaͤnder ſchien ſie nicht niederzudruͤcken, ſondern ihnen vielmehr neue Kraft zu geben. Alles ſtand auf, Alles griff zu dem Waffen von dem Zuyderſee bis zur Schelde. Spanien fürchtete ſich einen Augenblick, rief den Herzog von Alba zurück und gab ihm zum Nachfolger Don Luis de Requeſens, einen der Sieger von Lepanto. 232 Es eroffnete ſich nun Wilhelm eine neue Reihe von Unfällen. Ludwig und Heinrich von Naſſan, welche dem Prinzen von Oranien Hilfe zufuͤhrten, wurden durch einen Feldherrn des Don Luis bei Nimwegen überfallen, geſchla⸗ gen und getoͤdtet. Die Spanier drangen in Holland ein, belagerten Leyden und pluͤnderten Antwerpen. Alles war in Verzweiflung als der Himmel zum zwei⸗ ten Male der jungen Republik zu Hilfe kam. Requeſens ſtarb in Brüſſel. Da erhoben ſich alle durch ein Intereſſe vereinigten Provinzen, entwarfen und unterzeichneten am. November 1576, d. h. vier Tage nach der Pluͤnderunz Antwerpens den Vertrag, der unter dem Namen des Friedens von Gent bekannt iſt und in dem ſie ſich verpflichteten einander beizu⸗ ſtehen, um das Land von der Knechtſchaft der Spanier und der andern Fremden zu befreien. Don Juan erſchien wieder und mit ihm von Neuem das Ungluck der Niederlande. In weniger als zwei Mo⸗ naten waren Namur und Charlemont genommen. Die Flamänder antworteten auf dieſe beiden Nieder⸗ lagen durch die Ernennung des Prinzen von Oranien zum Statthalter von Brabant. Don Juan ſtarb ebenfalls. Gott erklärte ſich ſicht⸗ bar fur die Freiheit der Riederlande. Alerander Farneſe folgte. Er war ein gewandter, im Venehmen liebenswür⸗ diger, zu gleicher Zeit milder und ſtarker Fürſt, ein großer Staatsmann und guter General. Flandern erbebte als es ſich zum erſten Male durch dieſe weiche italieniſche Stimme 233 Freund nennen hoͤrte, während es vorher immer als Rebell behandelt worden war., Wilhelm ſah ein, daß Farneſe mit ſeinen Verſpre⸗ chungen mehr für Spanien thun würde als der Herzog von Alba mit ſeinen Hinrichtungen gethan hatte. Er beſtimmte die Provinzen am 29. Jan. 1579 die Vereinigung von Utrecht zu unterzeichnen, welche die Grund⸗ lage des Staatsrechtes Hollands wurde. Damals war es, als er furchtete den Plan der Be⸗ freiung, fur die er fünfzehn Jahre gekämpft hatte, nicht allein durchfuͤhren zu koͤnnen und dem Herzog von Anjon die Sou⸗ veränetat der Niederlande unter der Bedingung antragen ließ, daß er die Vorrechte der Holländer und Flamänder ſo⸗ wie ihre Gewiſſensfreiheit nicht antaſte. Es war dies ein gewaltiger Schlag gegen Philipp II., der dafuͤr einen Preis von 25,000 Thalern auf den Kopf Wilhelms ſetzte. Die im Haag verſammelten Generalſtaaten erklärten darauf Philipp II. der ſouverainen Herrſchaft in den Nie⸗ derlanden fur verluſtig und befohlen, daß von nun der Eid der Treue nur ihnen geleiſtet werde ſtatt dem Koͤnig von Spanien. In dieſem Augenblicke erſchien der Herzog von Anjon in Belgien und wurde da von den Flamaͤndern mit dem Mißtrauen empfangen, mit welchem ſie alle Fremden be⸗ trachteten. Aber die Unterſtützung Frankreichs, die ihnen der franzöſiſche Prinz verhieß, war von zu großer Wichtig⸗ keit für ſie, als daß ſie ihn nicht, wenigſtens dem äußern Scheine nach, gut haͤtten aufnehmen ſollen. Die Fuͤnfundvierzig. MI. 16 234 Das Verſprechen Philipps II. trug ſeine Fruͤchte. Bei den Feſtlichkeiten des Empfanges knallte ein Piſtolenſchuß neben dem Prinzen von Oranien, Wilhelm wankte und man hielt ihn fur tödtlich verwundet, aber Holland brauchte ihn noch. Die Kugel des Moͤrders war nur durch die beiden Wangen gedrungen. Der, welcher den Schuß gethan, war Jaureguy, der Vorläufer Balthaſar Gerard's wie Johann Chatel der Vorlaͤufer Ravaillac's ſein ſollte. Von allen dieſen Ereigniſſen war für Wilhelm eine duͤſtere Traurigkeit geblieben, die nur ſelten durch ein ge⸗ dankenvolles Lächeln unterbrochen wurde. Flamänder und Holländer ehrten dieſen Traͤumer, wie ſie einen Gott ge⸗ ehrt haben wurden, denn ſie fühlten, daß auf ihm, auf ihm allein ihre ganze Zukunft beruhete und wenn ſie ihn in ſei⸗ nen weiten Mantel gehuͤllt, die Stirn durch ſeinen Hut be⸗ ſchattet, den Elnbogen in der linken Hand, das Kinn auf der rechten Hand ruhend daher kommen ſahen, traten die Maͤnner bei Seite um ihm Platz zu machen und die Muͤtter zeigten ihn mit einer gewiſſen Scheu ihren Kindern indem ſie zu denſelben ſagten:„ſiehe, mein Kind, das iſt der Schweigſame.“ Die Flamaͤnder hatten alſo auf den Antrag Wilhelms Franz von Valois zum Herzog von Brabant und Grafen von Flandern, d. h. zu ihrem ſouverainen Fürſten erwaͤhlt, was Eliſabeth nicht hinderte, im Gegentheil, ihm Hoffnung auf ihre Hand zu machen. Sie ſah in dieſer Vermählung ein Mittel mit den Calviniſten von England die von Flan⸗ 8 8b — 235 dern und Frankreich zu vereinigen und die kluge Eliſabeth traͤumte vielleicht von einer dreifachen Krone. Der Prinz von Oranien begünſtigte ſcheinbar den Her⸗ zog von Anjon und deckte ihn vorläufig mit dem Mantel ſeiner Popularität, um dieſen Mantel wieder an ſich zu nehmen, wenn er es füͤr gerathen hielt, ſich von der franzo⸗ ſiſchen Macht zu befreien, wie er ſich von der ſpaniſchen Tyrannei befreit hatte. Dieſer heuchleriſche Verbundete war furchtbarer für den Herzog von Anjou als ein Feind; er lähmte die Aus⸗ fuͤhrung aller Plaͤne, welche ihm eine große Gewalt oder einen zu hohen Einfluß in Flandern hätten geben koͤnnen. Philipp II. hatte, als ein franzöſiſcher Prinz in Bruͤſ⸗ ſel eingezogen war, den Herzog von Guiſe aufgefordert ihm beizuſtehen und er verlangte dieſen Beiſtand nach einem Vertrage, der fruͤher zwiſchen Don Juan von Oeſterreich und Heinrich von Guiſe abgeſchloſſen worden war. Die beiden jungen Helden, die ungefaͤhr in gleichem Alter ſtanden, hatten einander verſtanden, ihren Ehrgeiz vereiniget und ſich verpflichtet, ſich fr jeden ein Koͤnig⸗ reich zu erobern. Als Philipp II. nach dem Tode ſeines gefurchteten Bruders in den Papieren des jungen Prinzen den von Heinrich von Guiſe unterzeichneten Vertrag fand, ſchien er nicht mißtrauriſch zu ſein; warum auch, da der Ehrgeizige todt war? Umſchloß nicht das Grab den Degen, der dem Buchſtaben hätte Leben geben können? Nur konnte ein König wie Philipp II., der wußte von welcher Wichtigkeit in der Politik zwei von gewiſſen Händen 16* geſchriebene Zeilen ſein koͤnnen, die Unterſchrift Heinrichs von Guiſe, welche ſoviel Anſehen unter den Konigthums⸗ krämern zu finden begann, die man die Oranien, die Valois, die Habsburg, die Tudor nannte, nicht in einer Sammlung von Handſchriften im Escurial modern laſſen. Philipp II. forderte alſo den Herzog von Guiſe auf, den mit Don Juan geſchloſſenen Vertrag mit ihm fortzu⸗ ſetzen, nach welchem der Lothringer dem Spanier in dem Beſitze Flanderns unterſtutzen ſollte, während der Spanier dem Lothringer beiſtehen wollte den Erbrath zu gutem Ende zu fuͤhren, welcher kein anderer war als keinen Augenblick die ewige Arbeit einzuſtellen, die eines Tages die Arbei⸗ tenden auf den Thron Frankreichs fuͤhren mußte. Guiſe willigte ein— er konnte nicht anders, denn Philipp drohete eine Abſchrift des Vertrags an Heinrich von Frankreich zu ſenden und damals hatten der Spanier und der Lothringer den Spanier Saledde, der es mit dem Hauſe Lothringen hielt, an den Herzog von Anjou, den Sieger und Konig in Flandern, abgeſchickt, um ihn zu ermorden. Und ein Mord haͤtte Alles zur Zufriedenheit des Spa⸗ niers und des Lothringers geendiget. War der Herzog von Anjon todt, ſo gab es keinen Be⸗ werber um den Thron Flanderns, keinen Erben der Krone Frankreichs mehr. Zwar blieb der Prinz von Oranien noch uͤbrig, aber Philipp II. hatte, wie wir ſchon wiſſen, bereits einen an⸗ dern Salcoède bereit, der Johann Jaureguy hieß. Salecède wurde ergriffen und auf dem Gréveplatze zer⸗ riſſen, ohne daß er ſeinen Plan hatte ausführen können. 237 Johann von Jaureguy verwundete den Prinzen von Ora⸗ nien gefaͤhrlich, aber er verwundete ihn doch blos. Der Herzog von Anjon und der Schweigende blieben alſo am Leben, ſcheinbar gute Freunde, eigentlich aber ſchlimmere Todfeinde als ſelbſt die, welche ſie hatten er⸗ morden wollen. Der Herzog von Anjon war, wie erwaͤhnt, mit Miß⸗ trauen empfangen worden. Bruͤſſel hatte ihm zwar ſeine Thore geoͤffnet, aber Bruͤſſel war weder Flandern noch Brabant. Er fing deshalb an, theils durch Ueberredung, theils durch Gewalt in den Niederlanden eine Stadt nach der andern, ein Stuͤck von ſeinem widerſtrebenden Reiche nach dem andern zu nehmen und auf den Rath des Prinzen von Oranien, welcher die flamaͤndiſche Reizbarkeit kannte, Blatt fur Blatt, wie Caſar Borgia geſagt haͤtte, die wohl⸗ ſchmeckende flandriſche Artiſchocke zu verzehren. Die Flamaͤnder ihrer Seits vertheidigten ſich nicht ſehr ungeſtum; ſie fuͤhlten, daß der Herzog von Anjou ſie fieg⸗ reich gegen die Spanier vertheidigte und ſie nahmen ihn langſam als ihren Befreier an. Franz verlor die Geduld und ſtampfte mit dem Fuße als er ſah, daß er nur Schritt für Schritt weiter kam. „Ja, die Leute hier ſind bedächtig, langſam und ſcheu,“ ſagten die guten Freunde zu Franz;„wartet nur.“ „Die Leute ſind Verraͤther und unbeſtändig,“ ſagte der Schweigende zu dem Prinzen,„zwingt ſie.“ Die Folge davon war, daß der Herzog, dem die natur⸗ liche Eitelkeit die Langſamkeit der Flamaͤnder als eine Niederlage noch übertrieb, die Staͤdte mit Gewalt zu neh⸗ men anfing, die ſich ihm nicht freiwillig ergaben. Das erwartete ſein Verbuͤndeter, der ſchweigende Prinz von Oranien und ſein finſterſter Feind, Philipp M. Nach einigen Siegen lagerte alſo der Herzog von An⸗ jon vor Antwerpen, um dieſe Stadt zu uͤberwältigen, welche der Herzog von Alba, Requeſens, Don Juan und der Her⸗ zog von Parma abwechſelns unter ihr Joch gebracht hatten, ohne ſie je zu erſchoͤpfen, ohne ſie nur einen Augenblick für die Knechtſchaft zu formen. Antwerpen hatte den Herzog vou Anjon gegen Alexan⸗ der Farneſe zu Hilfe gerufen und als der Herzog von Anjon ſeiner Seits in Antwerpen einruͤcken wollte, richtete die Stadt ihre Geſchutze gegen ihn. In dieſer Lage befand ſich Franz von Frankreich in dem Augenblicke, in welchem wir ihn in dieſer Geſchichte am zweiten Tage nach der Ankunft Joyeuſels und der Flotte finden. Einundzwanzigſtes Kapitel. Vorbereitungen zur Schlacht. Das Lager des neuen Herzogs von Brabant befand ſich an den beiden Ufern der Schelde und in dem Heere herrſchte, wenn es auch wohl disciplinirt war, ein leicht zu begreifender Geiſt der Unentſchloſſenheit. Viele Calviniſten ſtanden dem Herzog von Anjon bei, nicht aus Theilnahme fur die Sache deſſelben, ſondern um 239 Spanien und den Katholiken in Frankreich und England ſo unangenehm als moglich zu ſein; ſie ſchlugen ſich des⸗ halb mehr aus Eitelkeit als aus Ueberzeugung oder Hin⸗ gebung und man fühlte recht wohl, daß ſie nach Beendigung des Feldzuges den Fuhrer verlaſſen oder ihm Bedingungen vorſchreiben wurden. Der Herzog von Anjon deutete übrigens immer an, er wurde zu rechter Zeit dieſen Bedingungen entgegen kom⸗ men. Sein Lieblingsausſpruch war, Heinrich von Navarra iſt katholiſch geworden, warum ſollte Franz von Frankreich nicht proteſtantiſch werden? Auf der andern Seite dagegen, d. h. bei dem Feinde gab es im Widerſpruche mit dieſen moraliſchen und politi⸗ ſchen Uneinigkeiten beſtimmte Grundſätze, eine vollkommen feſtſtehende Sache, rein von Ehrgeiz und Zorn. Antwerpen hatte zuerſt die Abſicht gehabt ſich zu erge⸗ ben, aber zu ſeiner Zeit und unter ſelbſtgewählten Bedin⸗ gungen; es wies Franz nicht gerade zuruck, wollte aber warten, da es durch ſeine Lage, den Muth und die kriege⸗ riſche Erfahrung ſeiner Einwohner ſtark war; es wußte übrigens, daß es, ſobald es den Arm ausſtrecke, außer dem Herzog von Guiſe, der beobachtend in Lothringen ſtand, Alerander Farneſe in Luxemburg finden werde. Warum ſollte es im Nothfalle nicht die Hilfe Spaniens gegen An⸗ jou annehmen, wie es die Hilfe Anjou's gegen Spanien angenommen hatte? Es ſtand ihm ja frei Spanien zuruͤck⸗ zuweiſen nachdem es mit Spaniens Hilfe Anjon zuruͤckge⸗ trieben hatte. 240 Dieſe Republikaner hatten die eherne Kraft des geſun⸗ den Verſtandes fuͤr ſich. Mit einem Male ſahen ſie eine Flotte in der Muͤndung der Schelde erſcheinen und erfuhren, daß dieſe Flotte mit dem Großadmiral von Frankreich ankomme und daß dieſer Großadmiral ihrem Feinde Hilfe bringe. Der Herzog von Anjou war natuͤrlich der Feind der Antwerpener geworden ſeit er ihre Stadt belagerte. Die Calviniſten des Herzogs von Anjon verzogen das Geſicht faſt ſo ſehr wie die Flamaͤnder als ſie die Flotte be⸗ merkten und die Ankunft Joyeuſe's erfuhren. Die Calvi⸗ niſten waren ſehr tapfer, gleichzeitig aber auch ſehr nei⸗ diſch; ſie gingen uͤber die Geldfragen leicht hin, wollten ſich aber durchaus ihre Lorbeeren nicht verkuͤrzen laſſen, be⸗ ſonders nicht durch Degen, die am Bartholomaͤnstage ſo vieles Hugenottenblut vergoſſen hatten. Es entſtanden deshalb viele Zaͤnkereien noch am Abende der Ankunft Joyeuſe's und ſie dauerten ſiegreich am erſten und zweiten folgenden Tage fort. Die Antwerpener ſahen jeden Tag von ihren Waͤllen herab zehn bis zwoͤlf Zweikaͤmpfen zwiſchen Katholiken und Hugenotten zu. Die Polders dienten als Kampfplatz und man warf mehr Todte in den Fluß, als ein Kampf in offe⸗ nem Felde den Franzoſen gekoſtet haben wurde. Wenn die Belagerung von Antwerpen wie die von Troja neun Jahre gedauert haͤtte, wurden die Belagerten nichts zu thun no⸗ thig gehabt haben als die Belagerer handeln zu ſehen; dieſe haͤtten ſich ſicherlich unter einander aufgerieben. Franz ſpielte bei allen dieſen Streitigkeiten den Ver⸗ W —* M Al mittler, aber immer mit großen Schwierigkeiten. Er hatte Verpflichtungen gegen die franzoſiſchen Hugenotten und wenn er dieſe verletzte, entzog er ſich die moraliſche Un⸗ terſtützung der flamaͤndiſchen Hugenotten, die ihm in Ant⸗ werpen beiſtehen konnten. Wenn er auf der andern Seite den Katholiken ent⸗ gegen trat, welche der König geſchickt hatte, damit ſie ſich in ſeinem Dienſte toͤdten ließen, ſo war dies fuͤr den Herzog von Anjon nicht nur unpolitiſch, ſondern gefaͤhrlich. Die Ankunft dieſer Verſtarkung, auf welche der Herzog von Anjon ſelbſt nicht mehr gerechnet, hatte die Spanier in Beſtuͤrzung geſetzt und die Lothringer waren außer ſich vor Wuth. Dieſe doppelte Genugthuung war dem Herzog von Anjon ein großer Genuß. Freilich konnte er nicht alle Parteien ſo ſchonen, ohne daß die Disciplin in ſeinem Heere ſehr litt. Joyeuſe, welcher ſeiner Sendung keinen Beifall hatte abgewinnen können, wie man ſich erinnert, befand ſich ſehr unbehaglich unter dieſen Maͤnnern von ſo verſchiedenen Ge⸗ ſinnungen; er ahnete, daß die Zeit der Erfolge voruber ſei, es lag gleichſam die Andeutung einer großen Niederlage in der Luft und er beklagte in ſeiner Hoflingsträgheit wie in ſeiner Befehlshabereitelkeit, daß er ſo weit hergekommen, um an einer Niederlage Theil zu nehmen. Er hatte deshalb auch die Ueberzeugung und ſprach es laut aus, daß der Herzog von Anjon ſehr unrecht gethan habe, Antwerpen zu belagern. Der Prinz von Oranien, der ihm dieſen hinterliſtigen Rath gegeben hatte, war ver⸗ ſchwunden ſeit derſelbe befolgt wurde und man wußte nicht was aus ihm geworden. Sein Heer lag in Garniſon in dieſer Stadt und er hatte dem Herzoge von Anjou die Un⸗ terſtutzung dieſes Heeres verſprochen. Gleichwohl hoͤrte man gar nicht, daß Uneinigkeit zwiſchen den Soldaten Wil⸗ helms und den Antwerpenern beſtehe und die Belagerer hatten nicht von einem Duell unter den Belagerten ver⸗ nommen ſeit ſie ihr Lager da aufgeſchlagen. Bei ſeinem Einſpruche gegen die Belagerung machte Joyeuſe beſonders geltend, daß die wichtige Stadt Ant⸗ werpen faſt eine Hauptſtadt ſei, daß es einen wirklichen Vortheil gebe, wenn man in Befitz einer großen Stadt mit Einwilligung derſelben gelange, daß man ſich aber der Ge⸗ fahr ausſetze, die Liebe der künftigen Unterthanen zu ver⸗ lieren, wenn man die zweite Hauptſtadt ſeiner zukünftigen Staaten mit Sturm nehme und Joyeuſe kannte die Flamaͤn⸗ der zu gut, als daß er hätte hoffen ſollen, ſie wuͤrden ſich, ſelbſt wenn Anjou Antwerpen naͤhme, nicht fruͤher oder ſpaͤ⸗ ter für dieſe Wegnahme raͤchen. Dieſe Anſicht ſprach Joyeuſe laut im Lelte des Herzogs in der Nacht aus, in welcher wir unſere Leſer in das fran⸗ zöſiſche Lager gefuͤhrt haben. Während ſeine Offiziere Rath hielten, ſaß oder lag vielmehr der Herzog in einem langen Stuhle, der im Noth⸗ falle als Bett dienen konnte und hoͤrte, nicht auf die An⸗ ſicht des Großadmirals von Frankreich, ſondern auf das Ge⸗ flüſter ſeines Lautenſpielers Aurilly. Aurilly hatte durch ſeine Gefalligkeiten, ſeine niedri⸗ gen Schmeicheleien die Gunſt des Fürſten gewonnen, aber ihm nie gedient wie die andern Freunde und war ſo der 243 Klippe entgangen, an welcher La Mole, Coconnas, Buſſy und ſoviele andere geſcheitert waren. Durch ſeine Laute, ſeine Liebesbötſchaften, ſeine ge⸗ nauen Nachrichten über alle Perſonen und Intriguen des Hofes und durch ſeine geſchickten Manoͤver, jede Beute, welche es auch ſein mochte, die der Herzog wuͤnſchte, in die Netze deſſelben zu führen, hatte ſich Aurilly unter der Hand ein großes Vermogen erworben und daſſelbe für moͤgliche Falle geſchickt angelegt, ſo daß er immer der arme Muſiker Aurilly zu ſein ſchien, der einem Thaler nachlief und wie die Cicaden vor Hunger ſang. Der Einfluß dieſes Mannes war ſehr groß, da er ge⸗ heim war. Da Joyeuſe ſah, daß er ihn in ſeinen ſtrategiſchen Ent⸗ wickelungen ſtörte und die Aufmerkſamkeit des Herzogs ab⸗ wendete, unterbrach er ſich plotzlich und trat zuruͤck. Franz that als hörte er nicht hin, er horte aber auf⸗ merkſam zu. Deshalb entging ihm auch die Ungeduld Joy⸗ euſe's nicht und er fragte ſegleich: „Was iſt Euch, Herr Admiral?“ „Nichts, gnädiger Herr, ich warte nur bis Ew. Hoheit Muße haben mich anzuhoren.“ „Ich hore, Herr von Joyeuſe, ich hoͤre,“ antwortete der Herzog heiter.„Haltet Ihr Pariſer mich durch den Krieg in Flandern für ſo verdummt, daß ich nicht auf zwei Perſonen auf ein Mal hoͤren koͤnnte, waͤhrend Cäſar ſieben Briefe auf ein Mal dietirte?“ „Gnädiger Herr,“ entgegnete Joyeuſe indem er dem armen Tonkunſtler einen Blick zuwarf, unter welchem dieſer 244 mit ſeiner gewoͤhnlichen Demuth ſich beugte,„ich bin kein Saͤnger und bedarf alſo keine Begleitung wenn ich ſpreche.“ „Gut, Herzog, gut. Schweigt, Aurilly.“ Aurilly verbeugte ſich. „Ihr billiget alſo meinen Handſtreich gegen Antwer⸗ pen nicht, Herr von Joyeuſe?“ „Nein, Hoheit.“ „Ich habe gleichwohl dieſen Plan im Rathe ange⸗ nommen.“ „Ich ergreife deshalb auch nur mit großer Scheu das Wort nach ſo erfahrenen Kriegern.“ Und Joyeuſe verbeugte ſich als Hofmann vor den An⸗ weſenden. Mehrere Stimmen erhoben ſich, um zu betheuern, daß ſie der Anſicht des Großadmirals wären. Andere ſagten nichts, gaben aber ihre Zuſtimmung zu erkennen. „Graf von Saint⸗Aignan,“ ſagte der Prinz zu einem ſeiner tapferſten Oberſten,„Ihr wenigſtens ſeid nicht der Anſicht des Herrn von Joyeuſe?“ „Doch, Hoheit,“ antwortete Herr von Saint⸗Aignan. „Nun ja, Ihr verzogt das Geſicht..“ Alle lachten. Joyeuſe erbleichte; der Graf erröthete. „Wenn der Herr Graf von Saint⸗Aignan,“ ſagte Joy⸗ euſe,„ſeine Meinung in dieſer Art ausſpricht, ſo iſt er blos ein nicht ſehr artiger Rath.“ „Herr von Joyeuſe,“ entgegnete Saint⸗Aignan leb⸗ haft,„Se. Hoheit thut Unrecht mir ein Gebrechen vorzu⸗ werfen, das ich mir im Dienſte zugezogen habe; ich erhielt bei der Einnahme von Chateau⸗Cambreſis einen Lanzen⸗ 24⁵ ſtich an den Kopf und ſeit dem habe ich Zuckungen, welche die Geſichtsverzerrungen hervorbringen, über die Se. Ho⸗ heit klagt. Ich gebe Euch übrigens damit keine Entſchul⸗ digung, Herr von Joyenſe, ſondern eine Erklaͤrung,“ ſetzte der Graf ſtolz hinzu indem er ſich umdrehete. „Nein, Herr Graf,“ ſagte Joyeuſe indem er ihm die Hand reichte,„Ihr ſprecht einen Vorwurf aus und mit Recht.“ Dem Herzoge Franz ſtieg das Blut in das Geſicht. „Und wem ſollte dieſer Vorwurf gelten 2“ fragte er. „Mir wahrſcheinlich, Hoheit.“ „Warum ſollte Saint⸗Aignan Euch einen Vorwurf machen, Herr von Joheuſe, da er Euch nicht kennt 8 „Weil ich einen Augenblick glauben konnte, Herr von Saint⸗Aignan liebe Ew. Hoheit ſo wenig, um Euch rathen zu koönnen Ankwerpen zu nehmen.“ „Aber, entgegnete der Prinz,„meine Stellung in dem Lande muß doch klar hervortreten. Ich bin dem Na⸗ men nach Herzog von Brabant und Graf von Flandern und muß es auch der Sache nach ſein. Der Schweigende, der ſich ich weiß nicht wo verbirgt, ſprach von einem Koͤ⸗ nigthum. Wo iſt dieſes Königthum? In Antwerpen. Wo iſt er? Wahrſcheinlich auch in Antwerpen. Wir muͤſſen alſo Antwerpen nehmen und wenn wir es haben, werden wir wiſſen, wie wir ſtehen.“ „Das wiſſet Ihr wahrhaftig ſchon, gnädiger Herr oder Ihr muͤßtet ein minder guter Staatsmann ſein als man ſagt. Wer hat Euch den Rath gegeben Antwerpen zu neh⸗ men? Der Prinz von Oranien, der verſchwunden iſt ſobald 246 er aufbrechen ſollte, der Ew. Hoheit zum Herzog von Bra⸗ bant gemacht, ſich aber die Statthalterſchaft vorbehalten hat; der Prinz von Oranien, der ein Intereſſe hat die Spa⸗ nier durch Euch und Euch durch die Spanier zu verderben; der Prinz von Oranien, der an Euere Stelle treten wird, wenn es nicht ſchon geſchehen iſt. Bisher habt Ihr da⸗ durch, daß Ihr dem Rathe des Prinzen folgtet, die Flamaͤn⸗ der gegen Euch eingenommen. Wenn ein Unfall eintritt, werden alle die, welche Euch nicht in das Geſicht zu ſehen wagen, Euch nachlaufen wie die furchtſamen Hunde, die nur die Fliehenden verfolgen.“ „Wie, Ihr meint, ich könnte von Wollhaͤndlern, von Biertrinkern geſchlagen werden?“ „Dieſe Wollhändler und Biertrinker haben dem Koͤnige Philipp von Valvis, dem Kaiſer Karl V. und dem Könige Philipp II. viel zu ſchaffen gemacht, welche Fuͤrſten aus ſo gutem Hauſe waren, daß ein Vergleich mit ihnen Euch nicht verletzen kann.“ „Ihr furchtet alſo einen Unfall?“ „Ja, gnaͤdiger Herr, ich fuͤrchte ihn.“ „Ihr werdet alſo nicht dabei ſein?“ „Warum ſollte ich nicht dabei ſein?“ „Weil ich mich wundere, daß Ihr an Euerer Tapfer⸗ keit ſoweit zweifelt um Euch ſchon auf der Flucht vor den Flamaͤndern zu ſehen; aber beruhiget Euch; dieſe vorſich⸗ tigen Krämer pflegen ſich, wenn ſie in den Kampf ruͤcken, in ſo ſchwere Ruͤſtungen zu ſtecken, daß ſie nicht hoffen kon⸗ nen Euch zu erreichen, wenn ſie Euch auch nachliefen.“ „Gnaͤdiger Herr, ich zweifele an meinem Muthe nicht; 247 ich werde in der erſten Reihe ſein, während Andere viel⸗ leicht in der letzten bleiben.“ „Ihr billiget aber doch, daß ich die kleinen Orte ge⸗ nommen habe.“ „Ich billige, daß Ihr nehmt, was ſich nicht ver⸗ theidiget.“ „Nachdem ich die kleinen Orte genommen, die ſich nicht vertheidigen, wie Ihr ſagt, werde ich auch vor dem großen nicht zuruͤckweichen, weil er ſich vertheidiget oder vielmehr weil er ſich zu vertheidigen drohet.“ „Ew. Hoheit thut Unrecht; es iſt beſſer auf einem ſichern Boden zuruͤckzugehen als bei dem Vorwaͤrtsſchreiten in einem Graben zu ſtraucheln.“ „So werde ich ſtraucheln, aber nicht zurückweichen.“ „Ew. Hoheit mag thun wie es beliebt,“ ſagte Joyeuſe ſich verbeugend,„und wir werden thun was Ihr verlangt; wir ſind da, um Euch zu gehorchen.“ „Das iſt keine Antwort, Herzog.“ „Es iſt die einzige, die ich Ew. Hoheit geben kann.“ „Beweiſt mir, daß ich Unrecht habe; ich will mich gern uͤberzeugen laſſen.“ „Gnaͤdiger Herrn, die Armee des Prinzen von Oranien war die Euere und iſt es nicht mehr. Statt mit Euch vor Antwerpen zu lagern, iſt ſie in Antwerpen, was etwas ganz Anderes iſt. Der Schweigende, wie Ihr ihn ſelbſt nennt, war Euer Freund und Rath und Ihr wißt nicht nur nicht was aus dem Rathe geworden iſt, Ihr glaubt ſogar der Freund habe ſich in einen Feind verwandelt. Als Ihr in Flandern waret, pflanzten die Flamänder Fahnen auf ihren 248 Böten und Mauern auf wenn ſie Euch ankommen ſahen; jetzt ſchließen ſie die Thore wenn ſie Euch ſehen und richten die Kanonen auf Euch als wäret Ihr der Herzog von Alba. Ich ſage Euch, die Flamaͤnder und die Hollaͤnder, Antwer⸗ pen und Oranien warten nur auf eine Gelegenheit um ſich gegen Euch zu vereinigen und es wird der Augenblick ſein, in welchem Ihr Eueren Geſchutzen zuruft: Feuer!“ „Nun,“ antwortete der Herzog von Anjou,„ſo ſchlaͤgt man mit einem Male Antwerpen und Oranien, Flamänder und Hollaͤnder.“ „Nein, gnädiger Herr, weil wir gerade nur ſo viel Leute haben, um einen Sturm auf Antwerpen unternehmen zu können, vorausgeſetzt, daß wir es nur mit dem Antwer⸗ penern zu thun haben, wird der Schweigende, wahrend wir ſtuͤrmen und ohne etwas zu ſagen mit ſeinen ewigen acht bis zehntauſend Mann, die immer vernichtet werden und immer wieder aufſtehen und mit denen er ſeit zehn Jahren den Herzog von Alba, Don Juan, Requeſens und den Her⸗ zog von Parma im Schach halt, üͤber uns herfallen.“ „Ihr verharret alſo auf Euerer Meinung?“ „Auf welcher?“ „Daß wir werden geſchlagen werden?“ „Unzweifelhaft.“ „So iſt es leicht zu vermeiden, von Euerer Seite we⸗ nigſtens, Herr von Joyeuſe,“ fuhr der Prinz bitter fort; „mein Bruder hat Euch geſandt mich zu unterſtützen; Euere Verantwortlichkeit iſt gedeckt wenn ich Euch entlaſſe und Euch ſage, ich glaube Euere Hilfe nicht zu bedürfen.“ „Ew. Hoheit kann mich entlaſſen,“ ſagte Joyeuſe,„vor X N S— r 249 der Schlacht aber wäre dies eine Schmach, die ich nicht über mich ergehen laſſen könnte.“ Ein langes beifälliges Gemurmel folgte den Worten Joyeuſe's und der Prinz ſah ein, daß er zu weit gegan⸗ gen ſei. „Mein lieber Admiral,“ ſagte er indem er aufſtand und den jungen Mann umarmte,„Ihr wollt nicht auf mich hoͤren. Ich glaube doch Recht zu haben oder ich kann viel⸗ mehr in der Lage, in welcher ich mich befinde, nicht einge⸗ ſtehen, daß ich Unrecht gehabt habe; Ihr haltet mir meine Fehler vor, ich kenne ſie; die Ehre meines Namens lag mir zu ſehr am Herzen; ich wollte die Ueberlegenheit der fran⸗ zoſiſchen Waffen beweiſen; das iſt mein Unrecht. Aber das Uebel iſt einmal geſchehen; ſoll ich ein noch ſchlimmeres begehen? Wir ſtehen hier vor Bewaffneten, vor Leuten, die uns das verſagen, was ſie mir erſt angetragen haben. Soll ich nachgeben? Dann nehmen ſie mir morgen eines nach dem andern was ich bereits erobert habe. Nein, das Schwert iſt gezogen, ſchlagen wir alſo zu, ſonſt werden wir geſchlagen. Das iſt meine Meinung.“ „Sobald Ew. Hoheit ſo ſpricht,“ ſagte Joyeuſe,„werde ich kein Wort hinzufuͤgen; ich bin hier um Euch zu gehor⸗ chen und werde es, glaubt mir, gleich gern thun, ob Ihr mich zum Tode oder zum Siege führt, aber nein, gnädiger Herr. „Was?“ „Nein, ich will und muß ſchweigen.“ „Sprecht, Admiral, ſprecht, ich verlange es.“ „Dann unter vier Augen, kon. Hoheit.“ Die Fuͤnfundvierzig. MI. 17 Alle ſtanden auf und traten an das Ende des geraͤu⸗ migen Zeltes des Prinzen zuruͤck. „Sprecht,“ ſagte dieſer. „Ihr konnt gleichgiltig eine Niederlage von Spanien hinnehmen und eine Schlappe, welche dieſe Biertrinker mit dem doppelzungigen Prinzen von Oranien ſiegreich machte; wurde es Euch aber auch gleichgiltig ſein, wenn der Herzog von Guiſe auf Euere Koſten lachte?“ Franz runzelte die Stirn. „Herr von Guiſe 2 fragte er.„Was hat er bei dieſer Sache zu ſchaffen?“ „Herr von Guiſe,“ fuhr Joyeuſe fort,„hat wie man ſagt, Ew. kdn. Hoheit ermorden zu laſſen verſucht; wenn Salcide auf dem Schaffot nicht geſtanden hat, ſo geſtand er doch auf der Folter. Es dürfte alſo eine große Freude fuͤr den Lothringer ſein, der hier, wenn ich nicht ſehr irre, eine große Rolle ſpielt, wenn wir uns vor Antwerpen ſchlagen laſſen und ihm, wer weiß? ohne daß er etwas dazu thut, den Tod eines Sohnes Frankreichs verſchaffen, den er dem Salcde ſo thener bezahlen wollte. Leſet die Geſchichte von Flandern, Herr und Ihr werdet finden, daß die Flamaͤnder ihre Felder mit dem Blute der erlauchteſten Furſten und beſten franzöſfiſchen Herrn zu dungen pflegen.“ Der Herzog ſchuͤttelte das Haupt. „Es mag ſein, Joyeuſe,“ ſagte er;„ich will, wenn es ſein muß, dem verfluchten Lothringer die Freude machen, mich todt zu ſehen, aber fliehen ſoll er mich nicht ſehen. Ich dürſte nach Ruhm, Joyenſe, denn da ich der einzige meines Namens bin, habe ich noch Schlachten zu gewinnen.“ 5 es en, Ich nes 251 „Ihr vergeßt Chateau⸗Cambreſis.. Allein freilich ſeid Ihr.“ „Ich bin kein Königlein von Navarra, ſondern ein franzoſiſcher Prinz.“ Dann drehete er ſich nach den Herren um, die zur Seite getreten waren und ſetzte hinzu: „Meine Herrn, es bleibt beim Sturme; der Regen hat aufgehoͤrt; der Boden iſt gut; Nacht an.“ Joyeuſe verbengte ſich. wir greifen in dieſer „Wollt Ihr die Befehle genauer angeben? 2. er. „Ihr habt acht Schiffe, die Admiralsgalere nicht mit gerechnet, nicht wahr, Herr von Joyeuſe?“ „Ja, gnaͤdiger Herr.“ „Ihr durchbrecht die Linie, was nicht ſchwer ſein wird, da die Antwerpener nur Handelsſchiffe im Hafen haben, legt Euch vor den La⸗Kai und wenn derſelbe verthei⸗ diget wird, ſchießt Ihr auf die Stadt und landet mit Eueren funfzehnhundert Mann. Die übrige Armee theile ich in zwei Haufen, einen unter dem Grafen von Saint⸗Aignan, den andern unter meiner Fuͤhrung. Mauern zu erſteigen, während die Beide verſuchen die erſten Kanonenſchüſſe fallen. Die Cavallerie bleibt zur Reſerve, um im Noth⸗ falle den Rückzug des geſchlagenen Haufens zu decken. Einer von dieſen drei Angriffen wird gewiß gelingen. Das erſte Corps, das eindringt, läͤßt eine Leuchtkugel ſteigen, um die Andern zu benachrichtigen.“ „Es muß fuͤr Alles geſorgt werden,“ fiel Joyeuſe ein. 17* 252 „Wenn nun, was Ihr nicht für möglich haltet, alle drei Heerhaufen zuruͤckgewieſen werden?“ „So ziehen wir uns unter dem Feuer unſerer Batterien auf unſere Schiffe zuruͤck und verbreiten uns in den Polders, wo die Antwerpener nicht wagen werden uns aufzuſuchen.“ Man verbeugte ſich. „Nun, meine Herren,“ ſagte der Herzog,„wecke man die ſchlafenden Truppen und ſchiffe ſich mit Ordnung und Ruhe ein; kein Schuß verrathe unſern Plan.. Ihr wer⸗ det in dem Hafen ſein, Admiral, ehe die Antwerpener Euern Aufbruch ahnen. Wir werden gleichzeitig mit Euch ankommen. Geht, Ihr Herren und habt guten Muth. Das Gluck, das uns bis hieher gefolgt iſt, wird ſich nicht ſcheuen mit uns über die Schelde zu gehen.“ Die Offiziere verließen das Zelt und gaben ſo vorſich⸗ tig als möglich ihre Befehle. Bald war alles in Bewegung. Der Admiral hatte ſich an Bord begeben. v 7 8 9 10 11 12 13 14 15