oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Biblioth ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. S hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ſ. hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ag von Morgens 5 beträgt: für 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. e. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „3 5. 6 Answärtige Wonnenten haben füt Hin⸗ ünd Zurückſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. * 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen“ mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 eiene Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. belletriſtiſche Welt. Die Elegante Hausbibliothet 3 der beſten Nomane unſerer Zeit, herausgegeben von Dr. A. Diezmunn. 45. bis 48. Baͤndchen. Die Fuͤnfundvierzig. Von Alerander Vumas. Zweiter Band. Leipzig. Druck und Verlag von B. G. Teubner. 1847. Die Fünfundvierzig. Von Alexander Dumas. Aus dem Franzoͤſiſchen 2 von 8 Dr. A. Diezmann. Zweiter Band. , . Leipzig. Druck und Verlag von B. G. Teubner. 1847. Erſtes Kapitel. Beim Fruͤhſſtuͤck. Gorenflot gab ſeine Befehle. Wenn der wurdige Prior ſich auf der aufſteigenden Linie befand, wie er behauptete, ſo galt es beſonders von den Einzelnheiten einer Mahlzeit und von den Fortſchritten der Kochkunſt. Modeſtus ließ den Bruder Euſebius rufen, der nicht vor ſeinem Vorgeſetzten, ſondern vor ſeinem Richter er⸗ ſchien. Er hatte an der Art, wie er beſchieden worden war, errathen, daß etwas ihn betreffendes Außerordentliche bei dem ehrwuͤrdigen Prior vorgehe. „Bruder Euſebius“, ſagte Gorenflot in ſtrengem Tone, „merket wohl auf das, was Euch mein Freund Robert Bri⸗ quet zu ſagen hat. Ihr werdet, wie es ſcheint, nachlaͤſſig. Ich habe von ſchweren Unziemlichkeiten bei dem letzten Mahle gehoͤrt. Seht Euch alſo vor, Bruder Euſebius, ſeht Euch vor; ein einziger Schritt, den der Menſch auf dem falſchen Wege thut, reißt ihn in das Verderben.“ Der Moͤnch errothete und erblaßte abwechſelnd und ſtammelte eine Entſchuldigung, welche nicht angenommen wurde. „Genug“, ſagte Gorenflot und Bruder Euſebius ſchwieg. 6 „Was habt Ihr heute zum Frühſtuͤck?“ fragte der ehr⸗ würdige Privr. „Eier mit Hahnenkamm.“ „Nachher?“ „Gefullte Champignons.“ „Darauf?“ „Krebſe in Madera.“ „Nichts als kleines Zeug; habt Ihr nichts Solides, was einen guten Grund legt?“ „Einen Schinken mit Piſtazien.“ „Puh!“ fiel Chicot ein. Verzeihet“ ſagte ſchuͤchtern Bruder Euſebius;„er iſt in Reres⸗Wein gekocht und mit Rindfleiſch pikirt, ſo daß man das fette Rindfleiſch mit dem magern Schinken und das Schinkenfett mit dem magern Rindfleiſch ißt.“ F Gorenflot richtete einen Blick mit einer zuſtimmenden Geberde an Chicot. „Das iſt gut, nicht wahr, Herr Briquet?“ Chicot machte eine halbzufriedene Geberde. „Und was habt Ihr ſonſt noch?“ „Man koͤnnte ſehr bald einen Aal zurichten.“ „Nichts vom Aale!“ rief Chicot aus. „Ich glaube, Herr Briquet“, antwortete der Bruder Euſebius, der allmaͤlig kühner wurde,„Ihr werdet von meinen Aalen eſſen können, ohne daß Ihr es bereut.“ „Was haben Euere Aale Seltenes an ſich?“ 7 „Ich futtere ſie in beſonderer Art.“ „O ho!“ „Ja'“ ſetzte Gorenflot hinzu,„die Romer ober Griechen, 7 ich weiß nicht genau, kurz aber ein italieniſches Volk, füt⸗ terten, glaube ich, die Lampreten ſo wie es Euſebius thut. Er hat es in einem alten Schriftſteller Namens Suetonius geleſen, der uber die Kochkunſt geſchrieben.“ „Wie, Bruder Euſebius“ fragte Chicot,„Ihr futtert Euere Aale mit Menſchenfleiſch?“ „Nein, Herr Briquet, ich hacke die Därme und die Lebern des Geflügels und Wildprets klein und menge etwas Schweinefleiſch darunter. Daraus mache ich eine Art Wurftfulle und werfe ſie meinen Aalen zu, die in ſuͤßem Waſſer binnen einem Monate fett werden und zugleich be⸗ deutend wachſen. Derz. B., welchen ich dem Herrn Prior heute anbiete, wiegt neun Pfund.“ „So iſt er ja eine Schlange“ ſagte Chicot. „Er verſchlang auf einmal ein Huhn von ſechs Tagen.“ „Und wie habt Ihr ihn zugerichtet?“ fragte Chicot. „Ja, wie habt Ihr ihn zugerichtet?“ wiederholte der Prior. „Abgebruht, leicht angekocht, in Anchovisbutter ge⸗ legt und in feingeriebenem Brod gewälzt und dann zehn Secunden auf dem Roſt gebraten. Ich werde die Ehre haben, ihn in einer mit Piment und Knoblauch gewürzten Sauce aufzutragen.“ „Aber die Sauce?“ „Ja, die Sauce ſelbſt?“ „Einfache Sauce von Provencer Oel mit Citronen⸗ ſaft und Senf.“ „Vortrefflich“, ſagte Chicot. Bruder Euſebius athmete freier. 8 „Nun fehlen nur noch die Confituren“ bemerkte Go⸗ renflot ſcharffinnnig. „Ich werde etwas erfinden, was dem Herrn Prior zu⸗ ſagen kann.“ 8 „Gut; ich verlaſſe mich auf Euch“, ſagte Gorenflot; eigt Euch meines Vertrauens wurdig.“ Euſebius verbengte ſich und fragte, ob er nun abtreten durfe. Der Prior ſah Chicot fragend an. „Er kann gehen“, ſagte dieſer. „Geht und ſchickt mir den Bruder Kellermeiſter.“ Euſebius verbeugte ſich nochmals und ging hinaus. Der Bruder Kellermeiſter erſchien bald nach ihm und empfing nicht minder beſtimmte und in's Einzelne gehende Befehle. Zehn Minuten darauf ſaßen die beiden Freunde vor einem Tiſch, auf welchem ein feines Tuch lag, auf zwei großen weichen Lehnſtuͤhlen einander gegenuber, mit Gabel und Meſſer in der Hand wie zwei Duellanten. Der Tiſch, der ſo groß war, daß ſechs Perſonen Platz daran hätten finden können, war ganz und ger beſetzt, ſo viele Flaſchen von verſchiedener Form und Etifette hatte der Bruder Kellermeiſter aufgetragen. Euſebius ſandte, dem Speiſezettel getren, die Eier, Krebſe und Champignons, welche einen lieblichen Geruch von Trüffel, friſcher Butter, Thymiancréme und Mabera verbreiteten. Chicot aß wie ein Halbverhungerter, der Priör dagegen wie ein Mann, der ſich ſelbſt, ſeinem Koche und ſeinem 1 —— 9 Tafelgenoſſen nicht recht traut. Nach einigen Minuten aber verſchlang Gorenflot, während Chicot den Beobachter ſpielte. Man begann mit Rheinwein und ging dann zum Bur⸗ gunder von 1550 uͤber, verſuchte den Saint Perch und kam endlich zu dem geſchenkten Weine aus Sicilien. „Was meint Ihr dazu?“ fragte Gorenflot, nachdem er dreimal gekoſtet hatte, ohne eine Anſicht äußern zu wollen. „Reich, aber leicht“ ſagte Chicot,„und wie heißt die Dame?“ „Ich kenne ſie nicht.“ „Ihr kennt ihren Namen nicht?“ „Nein, wir unterhandeln mittelſt Geſandter.“ Chicot machte eine Pauſe, in welcher er ſanft die Au⸗ gen ſchloß als wolle er den Schluck Wein recht koſten, den er im Munde hatte, eigentlich aber dachte er nach. „Alſo“ ſagte er nach funf Minuten,„habe ich die Ehre einem Feldherrn gegenuber zu ſpeiſen?“ „Mein Gott, ja.“ „Ihr ſeufzet dazu?“ „Es iſt ſehr ermuͤdend.“ „Allerdings, aber auch ehrenvoll und ſchoͤn.“ Prächtig, aber es herrſcht keine Ruhe und Stille mehr und vorgeſtern mußte ich beim Abendeſſen ein Gericht abziehen.“ „Ein Gericht abziehen? Warum?“ „Weil mehrere meiner beſten Soldaten die Kuͤhnheit hatten und behaupteten, das Muß von Burgundertrauben, 10— das Freitags zum dritten Gerichte gegeben wird, reiche nicht aus.“ „Seht doch! Reiche nicht aus? Und welchen Grund„ führten ſie an?“ „Sie behaupteten noch Hunger zu haben und verlang⸗ ten noch etwas, wie Hummer oder ſtarkgewuͤrzten Fiſch. Konnt Ihr Euch ſolchen Hunger vorſtellen?“ „Da die Moͤnche ſich ſtark in den Waffen üͤben, ſo iſt es kein Wunder, daß ſie Hunger haben.“ „Und wo laͤge dann das Verdienſtliche?“ fragte Mo⸗ deſtus.„Gut eſſen und gut arbeiten kann Jedermann. Zum Teufel, man muß den Herrn durch Entſagung wohlgefallig zu werden ſuchen“, fuhr der wuͤrdige Prior fort, indem er ſich ein tͤchtiges Stuͤck Schinken und Rindfleiſch vorlegte. „Trinkt, Modeſtus, trinkt“, ſagte Chicot,„Ihr erſtickt ſonſt, lieber Freund. Ihr werdet ſchon ganz kirſchbraun im Geſicht.“ „Vor Zorn“, antwortete der Prior, indem er ſein gro⸗ 3 ßes Glas leerte. Chicot ließ es geſchehen, als aber Gorenflot das Glas wieder hingeſtellt hatte, ſagte er: „Erzählt Euere Geſchichte weiter; ſie ſpannt meine Neugierde, auf Ehre. Ihr habt ihnen alſo ein Gericht ent⸗ 3 zogen, weil ſie noch nicht ſatt zu ſein behaupteten?“ „Ganz richtig.“ 1„Das iſt ſinnreich.“ V „Auch wirkte die Strafe empfindlich; ich glaubte, es käme zum Aufruhr; die Augen blitzten und die Zaͤhne klap⸗ perten.“ 11 „Sie hatten Hunger“, ſagte Chicot;„kein Wunder alſo.“ „An jenem Abende habe ich etwas Merkwürdiges beobachtet und ich mochte von der Wiſſenſchaft eine Erkla⸗ rung fordern. Ich rief alſo den Bruder Borromäus, gab ihm meine Anweiſung wegen der Entziehung eines Gerich⸗ tes und fugte, wegen des Tumultes, die Entziehung des Weines hinzu.“ „Nun?“ fragte Chicot. „Um das Werk zu krönen, befahl ich ſogleich eine neue Waffenuͤbung, weil ich die Hyder des Aufſtandes vernichten wollte.. Die Pſalmen ſagen dies, wie Ihr wißt.. War⸗ tet einmal, ja, Cabis poriabis diagonem.. Ihr kennt gewiß die Stelle.“ „Proculeabis draconem,“ ſagte Chicot, indem er ſich ſein Glas vollſchenkte. „Praconem, ſo iſt's brav! Aber beim Drachen fallt mir ein, eßt doch von dem Aalz er iſt köſtlich.“ „Ich danke, ich finde keinen Athem mehr; aber erzählt, erzählt.“ „Was?“ „Das Merkwürdige, von dem Ihr ſpracht.“ „Ich erinnere mich nicht mehr.“ „Ihr wollet die Erklärung von der Wiſſenſchaft ver⸗ langen.“ „Richtig, richtig.“ „Ich bin ganz Ohr.“ „Ich befahl alſo eine Waffenubung für den Abend, glaubte meine Burſche matt und müde zu finden und hatte 12 eine ſchone Predigt uͤber den Tert vorbereitet: Wer mein Brod ißt.. „Trockenes Brod“, fiel Chicot ein. „Sehr richtig, trockenes Brod“, entgegnete Gorenflot, indem er die ruͤſtigen Kinnladen in ehelopiſchem Lachen auf⸗ riß.„Ich hatte Wortſpiele gemacht und eine Stunde lang allein daruber gelacht, fand aber im Hofe eine Schaar kraͤf⸗ tiger aufgeweckter Burſche, die wie die Heuſchrecken umher⸗ ſprangen. Das muß eine Taͤnuſchung ſein und ich mochte die Gelehrten darüber zu Rathe ziehen.“ „Taͤuſchung?“ „Man roch den Wein von weitem.“ „Den Wein? Bruber Borromaͤus hatte Euch alſo nicht gehorcht?“ „Des Borromaͤus bin ich ſicher“, ſagte Gorenflot,„er iſt der blinde Gehorſam ſelbſt.. Wenn ich zu ihm ſagte, er ſolle ſich bei gelindem Feuer braten„wuͤrde er ſich ſelbſt auf den Roſt legen und Feuer darunter anmachen.“ „Das hat man davon, wenn man ſich auf die Geſichter ſchlecht verſteht“, ſagte Chicot, indem er ſich die Naſe rieb; „mir ſieht er gar nicht ſo aus.“ „Das iſt moglich, aber ich kenne meinen Borromaͤus, ſiehſt Du, wie ich Dich kenne, lieber Chicot“, antwortete Modeſtus, der allmälig betrunken und damit zaͤrtlich wurde. „Und ſie rochen nach Wein, ſagſt Du?“ „Borromaͤus?“ „Nein, Deine Moͤnche.“ Wie die Fäſſer, abgerechnet, daß ſie roth ausſahen 13 wie geſottene Krebſe.. Ich machte auch Borromäus darauf aufmerkſam.“ „Bravo!“ „O, mich ſchlaͤfert man nicht ein.“ „Und was gab er zur Antwort?“ „Worte, es war ſehr fein.“ „Das glaube ich.“ „Er antwortete, ein ſehr ſtarker Appetit bringe die⸗ ſelbe Wirkung hervor wie der Genuß.“ „O ho!“ fiel Chicot ein;„das iſt allerdings ſehr fein, wie Du ſagſt. Dein Borromäus iſt ein ſehr kluger Mann und ich wundere mich nicht mehr, daß er eine ſo duͤnne Naſe und ſo duͤnne Lippen hat. Und Du warſt mit der Antwort zufrieden?“ „Ganz und gar und Du wirſt es auch ſein.. Rucke einmal naͤher zu mir, denn ich kann mich nicht recht be⸗ wegen.“ Chicot rüͤckte näher und Gorenflot machte aus ſeiner großen Hand eine Art Horrohr, das er an das Ohr Chicot's hielt. „Nun?“ fragte dieſer. „Warte nur.. Erinnerſt Du Dich noch der Zeit, als wir jung waren, Chicot?“ „Recht wohl.“ „Der Zeit, als das Blut kochte. und die fleiſchlichen Luͤſte. „Prior! Prior!“ rief der zuchtige Chicot aus. „Borromaͤus ſpricht und ich behaupte, daß er Recht 14 hat. Brachte das Verlangen nicht bisweilen die Taͤuſchung der Wirklichkeit hervor?“ Chicot fing an ſo ſtark zu lachen, daß der Tiſch mit allen Flaſchen zitterte. „Gut, gut“, ſagte er.„Ich werde bei dem Bruder Borromäus in die Schule gehen und wenn er mir ſeine Theorien beigebracht hat, gedenke ich Euch um eine Gnade zu bitten, ehrwurdiger Herr Prior.“ „Und ſie wird Euch bewilliget werden, Chicot, wie Alles was Ihr von Euerm Freunde verlangt. Aber ſagt, welche Gnade wollet Ihr Euch erbitten?“ „Daß Ihr mir die Oeconomie der Priorei acht Tage lang anvertraut.“ „Und was wollet Ihr in dieſen acht Tagen thun?“ „Ich werde den Bruder Borromaͤus mit ſeinen Theo⸗ rien fuͤttern, ihm einen leeren Teller, ein leeres Glas vor⸗ ſetzen und zu ihm ſagen: wuͤnſcht Euch mit aller Kraft Eueres Hungers und Durſtes einen Truthahn mit Cham⸗ pignons und eine Flaſche Champertin, aber ſeht Euch vor, daß Ihr nicht betrunken werdet und daß Ihr Euch den Ma⸗ gen nicht uberladet, werther Bruder Philoſoph.“ „Du glaubſt alſo nicht an das Verlangen, Heide?“ fragte Gorenflot. „Ich glaube was ich glaube, aber laſſen wir die Theo⸗ rien.. „Gut“, antwortete Gorenflot,„reden wir von der Wirklichkeit.“ Und er ſchenkte ſich ſein Glas voll. 15⁵ „Auf die ſchoͤne Zeit, von der wir eben ſprachen, Chi⸗ cot“, ſagte er,„aufunſere Abendeſſen in dem„Fuͤllhorne“!“ Ich glaubte, Du haͤtteſt das ganz vergeſſen.“ „Profaner, unter der Majeſtät meiner Stellung ſchlaͤft alles, aber ich bin ſonſt ganz derſelbe.“ Und Gorenflot ſtimmte trotz dem: Still! Still! Chicot's ein Lieblingslied an: Wird der Eſel los und ledig Und der Wein vom Propfen frei, Spitzt das Eſelein ſein Ohr Und der Wein, der kommt hervor. Doch iſt nichts ſo toll und munter Wie der Monch beim Faß Burgunder. „So ſchweig doch, Unglckſeliger!“ rief Chicot aus. „Wenn der Bruder Barromäus hereinkäme, muͤßte er glauben, wir hätten ſeit acht Tagen nicht gegeſſen und ge⸗ trunken.“ „Wenn Borromaus einträte, würde er mitfingen.“ „Das glaube ich nicht.“ „Ich ſage Dir...“„ „Daß Du ſchweigſt und auf meine Fragen antworteſt.“ „So rede.“ „Du läſſeſt mir ja keine Zeit dazu.— Dein Kloſter ſcheint in eine wahre Caſerne verwandelt zu ſein.“ „Ja, Freund, Du brauchſt das richtige Wort, eine wirkliche und wahrhafte Caſerne; am vorigen Donnerſtag, — war es Donnerſtag? Ja Donnerſtag.. Ich weiß wahr⸗ haftig nicht, ob es Donnerſtag war.“ „Donnerſtag oder Freitag, es kommt nicht darauf an.“ „Richtig, nur auf die Sache kommt's an. Alſo Don⸗ 16 nerſtags oder Freitags traf ich im Gange zwei Novizen, die ſich mit dem Säbel ſchlugen und zwei Secundanten hatten, die ebenfalls losgehen wollten.“ „Und was thateſt Du?“ „Ich ließ mir eine Peitſche bringen, um die Novizen damit zu pruͤgeln, die aber davon liefen. Borromäus da⸗ gegen. „Ah, wieder Borromaͤus!“ „Immer.“ „Nun Borromaͤus?“ „Er holte ſie ein und hat ſie ſo durchgepeitſcht, daß die Unglucklichen heute noch im Bett liegen.“ „Ich moͤchte wohl ihren Rucken ſehen, um die Kraft des Armes des Bruders Borromaͤus beurtheilen zu können“, ſagte Chicot. „Ah, wollen wir uns bemühen, andere Rucken zu ſehen als Rehruͤcken? Nie. Koſte einmal dieſe Aprikoſenpa⸗ ſteten.“ „Nein, ich kann nicht mehr.“ „So trink.“ „Auch nicht; ich muß gehen. „Glaubſt Du, ich müßte nicht auch gehen? Und doch trinke ich.“ „Bei Dir iſt es etwas anderes. Zum Commandiren gehoͤren nur gute Lungen.“ „So trink nur noch ein Glas von dieſem magenſtärken⸗ den Likör, den Euſebins allein zu bereiten weiß.“ „Damit bin ich einverſtanden.“ — — ie ft . n 1 17 „Er iſt ſo wirkſam, daß man zwei Stunden nach der Mahlzeit wieder Hunger hat und wenn man noch ſo viel gegeſſen haͤtte.“ „Das waͤre ein gutes Mittel fuͤr die Armen.. Wenn ich Koͤnig ware, ließ ich dem Euſebius den Kopf vor die Fuͤße legen, denn ſein Likor konnte ja das ganze Land hun⸗ gerig machen... Was iſt das?“ „Die Uebungen beginnen“, ſagte Gorenflot. Man hoͤrte wirklich Geſchrei und Waffengeklirr im Hofe.. „Ohne den Befehlshaber?“ fragte Chicot.„Die Sol⸗ daten ſcheinen von der Disciplin nicht viel zu verſtehen.“ „Ohne mich? Nie“, ſagte Gorenflot.„Ich comman⸗ dire, ich unterweiſe, ſiehſt Du. Und, wenn ich mich nicht irre, hoͤre ich auch den Bruder Borromaͤus kommen, der Befehle von mir einholen will.“ In demſelben Augenblicke trat wirklich Borromaͤus ein, den Chicot einen hämiſchen Blick von der Seite zuwarf. „Dieſer Blick“, dachte Chicot,„war nicht klug; er hat Dich verrathen.“ „Herr Prior“, ſagte Borromäus,„man wartet nur noch auf Euch, um die Waffen und Ruͤſtungen zu pruͤfen.“ „Ruͤſtungen? O ho!“ dachte Chicot;„ich komme ſogleich.“ „ Und er ſtand ſchnell auf. „Ihr werdet meinen Manoͤvern beiwohnen“ ſagte Gorenflot, der ſich ebenfalls erhob, etwa wie ein Marmor⸗ block, der Beine bekommen hätte;„gebt mir Euern Arm, Freund; Ihr werdet etwas Schönes ſehen.“ Die Fuͤnfundvierzig. M. 2 „Ja, der Herr Prior iſt ein großer Taktiker“, ſagte Borromaus, der die unveränderlichen Zuge Chicot's beob⸗ achtete. „Modeſtus iſt in allen Stücken ein großer Mann“, antwortete Chicot mit einer Verbeugung und leiſe ſetzte er hinzu:„Wir muͤſſen uns vorſehen; dieſer Falke konnte mei⸗ nem Adler die Federn ausrupfen.“ Zweites Kapitel. Der Bruder Borromäus. Als Chicot, der den ehrwürdigen Prior fuͤhrte, auf der großen Treppe in den Kloſterhof hinunterkam, gewährte derſelbe einen Anblick wie eine in voller Thaͤtigkeit begrif⸗ fene Caſerne. Die Mönche, die ſich in zwei Haufen von je hundert Mann getheilt hatten, warteten, die Hellebarde, die Pike oder die Muskete beim Fuß haltend, wie Soldaten auf die Ankunft ihres Befehlshabers. Fünfzig ungefähr der füaͤrkſten und eifrigſten trugen Helme oder Pickelhauben; ein Gürtel hielt an ihrer Seite ein langes Schwert und wenn ſie einen Schild in der Hand gehalten hätten, wurden ſie genau wie die alten Meder ausgeſehen haben oder, wenn ſie ſchiefe Augen gehabt, würde man ſie für moderne Chineſen haben halten konnen. Andere trugen ſtolz Bruſtharniſche, auf die ſie gern mit dem eiſernen Handſchuh ſchlugen. Noch andere, welche Arm⸗ und Beinſchienen hatten, er rte if⸗ ert ike die gen eite and der abt, nen. mit ten, 19 ubten ihre Gelenke, welche durch dieſe Ruſtungen die Ge⸗ fügigkeit verloren hatten. Bruder Borromaͤus nahm einen Helm aus der Hand einer Novize und ſetzte ſich denſelben mit ſo ſchneller und regelmäßiger Bewegung auf, wie es ein Soldat nur hätte thun koͤnnen. Wäͤhrend er ihn befeſtigte, betrachtete Chicot den Helm und dabei lächelte ſein Mund; lächelnd ging er um Borro⸗ maus herum, als wolle er denſelben von allen Seiten be⸗ wundern. Ja er trat ſogar zu dem Schatzmeiſter und ſtrich mit der Hand uͤber den Helm. „Ihr habt da ein prächtiges Stuͤck, Bruder Borro⸗ maͤus“, ſagte er;„wo habt Ihr es gekauft, werther Herr Prior?“ Gorenflot konnte nicht antworten, weil man ihm in die⸗ ſem Augenblicke einen glänzenden Harniſch umſchnallte, der zwar ſo weit war, daß er den farneſiſchen Hereules be⸗ quem haͤtte aufnehmen koͤnnen, das uͤppig wuchernde Fleiſch des wuͤrdigen Priors aber doch ſchmerzlich zuſammendruͤckte. „Donnerwetter, ſchnurt mich nicht ſo feſt ein“, rief Gorenflot aus;„ich erſticke ja und verliere die Stimme ganz. Genug! Genug!“ „Ihr fragtet den hochwuͤrdigen Prior“, ſagte Borro⸗ maͤus,„wo er meinen Helm gekauft habe?“ „Ich fragte dies allerdings den Herrn Prior, aber nicht Euch“, antwortete Chicot,„weil ich glaube, daß in dieſem Kloſter wie in jedem andern nichts ohne den Befehl des Obern geſchieht.“ 2* „Allerdings“, ſagte Gorenflot,„nichts geſchieht ohne meinen Befehl. Was fragtet Ihr, Herr Robert Briquet?“ „Ich fragte den Bruder Borromaͤus, ob er wiſſe, wo⸗ her ſein Helm ſei.“ „Er gehoͤrte zu einer Anzahl Rüſtungen, welche der hochwuͤrdige Prior geſtern gekauft hat, um das Kloſter zu bewaffnen.“ „Ich fragte Gorenflot.“ „Ihr befahlet, wie Ihr Euch erinnern werdet, daß man mehrere Helme und Harniſche hierher bringe und man hat Euere Befehle vollzogen.“ „Richtig, richtig!“ antwortete Gorenflot. „Nun mein Helm iſt in dieſem Falle ſeinem Herrn ſehr treu, da er in den Palaſt Guiſe gebracht worden iſt und er mich gleichwohl in dem Jacobinerkloſter hier wieder auf⸗ ſucht.“ In dieſem Augenblicke ordneten ſich auf einen Wink des Bruders Borromaͤus die Reihen und es trat Stille ein. Chicot ſetzt ſich auf eine Bank, um bequem die Uebun⸗ gen ſehen zu konnen. Gorenflot ſtand feſt auf ſeinen Beinen da wie auf zwei Pfählen. „Achtung!“ ſagte Bruder Borromäus leiſe. Modeſtus zog einen rieſ enhaften Säbel aus der Scheide, ſchwang ihn in der Luft und rief mit Stentorſtimme: „Achtung!“ „Ew. Hochwurden wurden vielleicht ermüden, wenn Ihr ſelbſt commandirtet,“ ſprach darauf Bruder Borro⸗ maus mit freundlicher Zuvorkommenheit.„Ihr waret dieſen nn ro⸗ ſen 21 Morgen nicht ganz wohl; wenn Ihr Euere koſtbare Ge⸗ ſundheit ſchonen wollet, ſo will ich heute fur Euch das Com⸗ mando ubernehmen.“ „Das iſt mir allerdings genehm“, antwortete Mode⸗ ſtus;„ich fühle mich wirklich nicht wohl; ich kann kaum Athem ſchoͤpfen.“ Borromaͤus verbeugte ſich und ſtellte ſich, als ſei er an ſolche Zuſtimmung ſchon gewoͤhnt, vor die Kuttentruppen. „Welch gefälliger Diener!“ ſagte Chicot;„der Mann iſt eine wahre Perle.“ „Er iſt liebenswuͤrdig, ich ſagte Dir es ja“, antwortete Modeſtus. „Ich bin üͤberzeugt, daß er Dir alle Tage dieſen Dienſt erzeiget.“ „Ja, alle Tage,— er iſt unterwurfig wie ein Sclav; ich kann ihm nichts als ſeine zu große Zuvorkommenheit zum Vorwurfe machen. Demuth iſt nicht Knechtſchaft“, ſetzte Gorenflot ſententios hinzu. „So haſt Du eigentlich nichts zu thun hier und kannſt Dich auf das Ohr legen, um zu ſchlafen. Bruder Borro⸗ maus wacht fuͤr Dich.“ „Ach ja.“ „Das wollte ich nur wiſſen“ ſagte Chicot, deſſen Auf⸗ merkſamkeit ſich allein auf Borromaͤus richtete. Es war ein bewundernswurdiger Anblick wie der Kloſterſchatzmeiſter, gleich einem Schlachtroſſe, unter der Ruͤſtung ſich gerade aufrichtete. Aus ſeinen Augen ſchoſſen Flammen; ſein kraͤftiger Arm bewegte den Degen ſo ge⸗ ſchickt, wie es nur ein Fechtmeiſter hätte thun können. Gorenflot wiederholte auch jede Belehrung, die Borromäus gab und ſetzte hinzu: „Borromaͤus hat Recht, aber ich habe Euch dies ſchon geſagt; denkt nur an meinen geſtrigen Unterricht. Nehmt die Waffe aus der einen Hand in die andere, haltet die Pike, haltet ſie, die Spitze in gleicher Hoͤhe mit dem Auge! Und ſo ſteht gerade, beim heiligen Georg! Links um iſt gerade ſo wie rechts um, nur in entgegengeſetzter Rich⸗ tung.“ „Du biſt ja ein ſehr gewandter Ererciermeiſter!“ ſagte Chicot. „Ach ja“, antwortete Gorenflot, indem er ſein drei⸗ faches Kinn ſtrich,„ich verſtehe mich ſo ziemlich auf die Erereitien.“ „Und in Borromaäus haſt Du einen vortrefflichen Schuͤler.“ „Er hat mich verſtanden“, antwortete Gorenflot;„er begreift ungemein leicht.“ Die Monche fuͤhrten einen militairiſchen Lauf aus, ein in jener Zeit ſehr beliebtes Mandver, und machten die Handgriffe mit den Musketen, den Degen und den Piken durch; auch an Schießuͤbungen fehlte es nicht. Bei dieſer Gelegenheit ſagte der Prior zu Chicot: „Du wirſt nun meinen kleinen Jacob ſehen.“ „Wer iſt Dein kleiner Jacob?“ „Ein huͤbſcher Knabe, den ich an meine Perſon geſeſ⸗ ſelt habe, weil er ein ruhiges Aeußere und eine kräftige Hand hat, dahei aber hitzig und lebhaft iſt wie Schieß⸗ pulver.“ er in en ge 23 „Und wo iſt der liebe Knabe jetzt?“ „Warte nur, ich werde Dir ihn zeigen. Da unten jener, welcher eine Muskete in der Hand hat und eben ſchießen will.“ „Schießt er gut?“ „Auf hundert Schritte fehlt er nie einen Roſennobel.“ „Er muß ſehr gut bei der Meſſe dienen koͤnnen. Aber warte einmal.“ „Was iſt's?“ „Ja, ja, nein.“ „Kennſt Du meinen kleinen Jacob?“ „Ich, nicht im mindeſten.“ „Du glaubteſt ihn aber zu kennen?“ „Ja, es war mir als haͤtte ich ihn eines Tages oder vielmehr in einer Nacht, als ich im Beichtſtuhle einge⸗ ſchloſſen war, in einer gewiſſen Kirche geſehen. Aber nein, ich irrte mich; er war es nicht.“ Diesmal, das muͤſſen wir geſtehen, ſtimmten die Worte Chicot's mit der Wahrheit nicht ganz zuſammen. Chicot war ein zu guter Geſichterkenner, als daß er ein Geſicht, das er einmal geſehen, je wieder vergeſſen ſollte. Der kleine Jacob, wie ihn Gorenflot nannte, lud wirk⸗ lich, waͤhrend er, ohne es zu ahnen, von dem Prior und deſ⸗ ſen Freunde beobachtet wurde, eine ſchwere Muskete, die ſo lang war wie er ſelbſt; dann ſtellte er ſich hundert Schritt vom Ziele auf, trat mit dem rechten Fuße in ganz militairiſcher Genauigkeit zuruͤck und legte an. Der Schuß knallte und die Kugel fuhr unter dem lauten Beifalle der Moͤnche mitten in das Ziel. 24 „Das war bei Gott! ezielt!“ ſagte Chicot,„und der Juͤngling gefallt „Ich danke Herr“, antwyrtete Jarob, deſſen bleiche Wangen vor Freude ſich rotheten.. „Du brauchſt die Waffen gewandt, mein Sohn“, fuhr Chicot fort. „Ich lerne erſt“, antwortete Jacob. Nach dieſen Worten lehnte er die Muskete hin, nahm eine Pike aus der Hand ſeines Nachbars und drehete ſie wie ein Rad ſo geſchickt um ſich, daß Chieot nichts daran auszuſetzen hatte und ſeine Complimente wiederholt „Am trefflichſten fuhrt er den Degen“ ſagt Modenns, „und die Kenner halten ihn fuͤr ſehr geſchickt. Es iſt wahr er ſteht auf den Beinen als wären ſie von Eiſen, hat ein Hand wie von Stahl und ſicht von Früh bis zum Abend.“ „Ich mochte das wohl ſehen“, ſagte Chicot. „Es kann hier“, fuhr der Schatzmeiſter fort,„mich vielleicht ausgenommen, Niemand ſich mit ihm meſſen.. Beſitzet Ihr eine gewiſſe Gewandtheit?“ „Ich bin nur ein armer Buͤrgersmann“, antwortete Chicot kopfſchuͤttelnd.„Sonſt habe ich zwar meine Klinge geſchlagen wie ein anderer, jetzt aber zittern meine Beine, mein Arm wankt und auch mein Kopf iſtnicht mehrkraͤftig.“ „Ihr führt aber doch den Degen noch?“ fragte Bor⸗ romaͤus. „Ein wenig“, antwortete Chicot, indem er dem lächeln⸗ den Gorenflot einen Blick zuwarf, der dieſem den Namen Nicolaus David entlockte. Borromaͤus ſah das Lächeln nicht, wie er jenen Namen nd he hr 25 nicht hoͤrte; mit ruhigem Laͤcheln befahl er deshalb Fleu⸗ rets und Fechtmasken zu brinten. Jacob, der vor endes tterte, ſteckte ſeine Kutte bis an die Knie auf und pruͤfte ſeine Sandalen auf dem Sande mit einem Appel. „Da ich weder Moͤnch noch Soldat bin“ ſagte Chicot, „ſo habe ich mich lange nicht in den Waffen geuͤbt; habt alſo Ihr, Bruder Borromaͤus, der Ihr nur Muskeln und Sehnen ſeid, die Guͤte, nit Bruder Jacob zu fechten. Gebt Ihr Euere Einwilligung, werther Prior?“ fragte Chi Jeinen Freund Modeſtus. Ich befehle es ſogar“, rief der Prior aus, der nichts leber that als dieſes Wort anbrachte. Borromaus nahm den Helm ab, Chicot ſtreckte ſeine Hände aus, nahm den Helm und konnte ſich nun überzeu⸗ gen, daß es der ſeinige ſei. Unterdeß zog der Bruder Schatz⸗ meiſter die Kutte in den Guͤrtel hinauf und machte ſich zum Fechten bereit. Alle Moͤnche ſtellten ſich alsbald im Kreiſe um den Schuͤler und Lehrer her. Gorenflot buckte ſich zu dem Ohre ſeines Freundes. „Das iſt ſo unterhaltend wie das Vesperfingen, nicht wahr?“ fragte er. „So ſagen die Soldaten“, antwortete Chicot in glei⸗ chem Tone. Die beiden Fechter legten ſich aus. Der dürre ſehnige Borromaͤus hatte den Vortheil, daß er groͤßer war unge⸗ rechnet den der Erfahrung. Die Angen Jacob's blitzten und ſeine Wangen roͤtheten ſich ſieberhaft. Man ſah allmaͤlig die Kloſtermaske des Borromaͤus fallen, der mit dem Fleuret in der Hand, hingeriſſen von der Kampfesluſt, ſich in einen Kriegsmann verwandelte. Jeden Stoß verband er mit einer Ermahnung, einem guten Rathe oder einem Tadel; oftmals aber triumphirten die Kraft und Behendigkeit Jacob's uͤber die Vorzuge ſeines Lehrers und Bruder Borromaͤus erhielt manchen tüchtigen Stoß mitten auf die Bruſt. Chicot wendete die Augen von dieſem Schauſpiele nicht ab und zaͤhlte die Stoͤße, welche ſaßen. Als die beiden Fechter die erſte Pauſe eintreten ließen, ſagte er:„Jacob hat ſechsmal, Bruder Borromaͤus neun⸗ mal touchirt; das iſt viel fuͤr einen Schuͤler, fuͤr einen Meiſter aber nicht genug.“ In den Augen des Bruders Borromaͤus leuchtete Al⸗ len, mit Ausnahme Chicot's, unbemerkt, ein Blitz, der einen neuen Charakterzug verrieth. „Gut“, dachte Chicot,„er iſt ſtolz.“ „Herr“, ſagte Borromaͤus in einem Tone, den er mit Muͤhe freundlich und ſanft klingen laſſen konnte,„die Hand⸗ habung der Waffen iſt fur Jedermann beſchwerlich, nament⸗ lich aber fuͤr arme Moͤnche wie wir ſind.“ „Gleichviel“, entgegnete Chicot, der entſchloſſen war Borromaͤus ſo ſehr als moͤglich zu draͤngen,„der Meiſter darf nicht blos weniger als die Haͤlfte im Vortheil gegen ſeinen Zoͤgling ſein.“ „Ihr ſcheint ſehr beſtimmt in Euern Meinungen zu us on en ie it t⸗ 27 ſein, Herr Briquet“, antwortete Borromaͤus bleich vor Zorn, indem er ſich auf die Lippen biß. „Gut, er iſt auch zornig“, dachte Chicot;„zwei Tod⸗ ſunden; man ſagt, eine einzige reiche hin, einen Menſchen zu verderben. Ich habe alſo leichtes Spiel.“ Laut ſetzte er dann hinzu: „Und wenn Jacob ruhiger waͤre, würde er ſeinem Leh⸗ rer gewiß gleichkommen.“ „Das glaube ich nicht“ ſagte Borromaͤus. „Ich bin uͤberzeugt davon.“ „Herr Briquet, der ſich auf den Gebrauch der Waffen verſteht“, ſagte Borromaus in bitterm Tone,„ſollte viel⸗ leicht ſelbſt Jacob pruͤfen; er wuͤrde ihn dann beſſer beur⸗ theilen.“ „Oh, ich bin ein alter Mann“, entgegnete Chiecot. „Aber erfahren und geuͤbt“, ſagte Borromaͤus. „Du ſpotteſt!“ dachte Chicot;„warte! Aber“, ſetzte er hinzu,„meine Beobachtung verliert durch etwas an ihrem Werthe.“ „Wodurch?“ „Der Bruder Borromaͤus hat gewiß als wuͤrdiger Leh⸗ rer von Jacob aus Gefͤlligkeit ſich touchiren laſſen.“ „O ho!“ fiel Jacob ein, der nun ſeinerſeits die Stirn in Falten zog. „Gewiß nicht“, entgegnete Borromaͤus, der zwar an ſich hielt, aber im Herzen zuͤrnte;„ich liebe wohl Jacob, aber ich verwoͤhne ihn nicht durch ſolche Gefälligkeiten.“ „Es iſt erſtaunlich“, ſagte Chicot als ſpreche er mit ſich ſelbſt;„ich glaubte es; nehmt's nicht ubel.“ 28 „So verſucht es doch ſelbſt, Herr Briquet,“ ſprach Borromaͤus. „Schuͤchtert mich nicht ein.“ „Oh, Ihr duͤrft ruhig ſein, Herr Briquet, man wird nachſichtig gegen Euch ſein.. Wir kennen die Vorſchriften der Kirche.“ „Heide Du!“ dachte Chicot. „Nun, nur einen Gang, Herr Briquet.“ „Verſuche es doch,“ ſagte auch Gorenflot. „Ich werde Euch nichts zu Leide thun,“ fiel Jacob ein, der nun die Partie ſeines Lehrers nahm und den Frem⸗ den wohl etwas zu züchtigen wünſchte;„ich habe eine ſehr leichte Hand.“ „Liebes Kind, Du!“ fluͤſterte Chicot, indem er einen unbeſchreiblichen Blick auf den jungen Moͤnch richtete und dann laͤchelte.„Nun, da es Alle zu wuͤnſchen ſcheinen..“ „Bravo!“ riefen die Betheiligten in ahnender Sieges⸗ freude. „Ich muß aber vorausſchicken,“ ſagte Chicot,„daß ich nicht mehr als drei Gänge annehme.“ „Wie es Euch gefällt,“ antwortete Jacob. Chicot ſtand darauf ſchwerfaͤllig von der Bank auf, auf welcher er geſeſſen hatte, knoͤpfte ſein Wamms zu, nahm einen Fechthandſchuh und band gewandt die Maske vor. „Wenn er Deine geraden Stoͤße pariren kann,“ fluͤ⸗ ſterte Borromaͤus dem Schuͤler zu,„ſo fechte ich nicht mehr mit Dir.“ „Seid unbeſorgt.“ vird ften 29 Chicot legte ſich mit derſelben Langſamkeit und Be⸗ dächtigkeit aus, ſtreckte die langen Arme und Beine vor und wußte in wahrhaft bewundernswuͤrdiger Weiſe die un⸗ berechnenbare Länge und Eckigkeit derſelben zu verſtecken. Drittes Kapitel. Die Leetion. Die Fechtkunſt war in jener Zeit, deren Ereigniſſe wir nicht blos erzählen, ſondern deren Sitten und Gebraͤuche wir auch zu ſchildern verſuchen, das nicht, was ſie jetzt iſt. Weil die Schwerter zweiſchneidig waren, hieb man faſt eben ſo oft als man ſtach und uberdies diente die mit einem Dolche bewaffnete linke Hand ſowohl zur Vertheidigung als zum Angriffe. Die Folge davon waren viele wenn auch leichte Wunden, welche in einem ernſten Kampfe mehr und mehr reizten und erbitterten. QOuelus ſtand noch, ob er gleich aus achtzehn Wunden blutete, focht weiter und würde nicht gefallen ſein, wenn ihn nicht eine neunzehnte Wunde auf das Bett geſtreckt haͤtte, das er nur mit dem Grabe ver⸗ tauſchte. Die Fechtkunſt, die aus Italien gekommen war, ſich aber noch in der Kindheit befand, beſtand damals in einer Menge Bewegungen, welche den Fechter bedeutend von ſei⸗ ner Stelle entfernten und auf einem zufaͤllig gewählten Platze, bei den geringſten Unebenheiten, viele Hinderniſſe ſchufen. Nicht ſelten dehnte ſich der Fechter weit nach vorn oder zog ſich weit zuruck, ſprang zur rechten oder linken Seite oder ſtuͤtzte eine Hand auf den Boden, da nicht blos die Ge⸗ wandtheit der Hand, ſondern auch die der Beine und des ganzen Koͤrpers eine der erſten Erforderniſſe der Kunſt war. Chicot ſchien die Kunſt nicht in dieſer Schule gelernt zu haben, im Gegentheile bereits die moderne Art zu ahnen, bei welcher die ganze Ueberlegenheit und nament⸗ lich die ganze Grazie in der Gelenkigkeit der Hand und in der beinahe gänzlichen Unbeweglichkeit des Koͤrpers liegt. Er ſtellte ſich gerade und feſt auf das eine oder das andere Bein und der Degen erſchien in ſeiner gefuͤgigen und doch kräftigen Hand von der Spitze bis zur Mitte der Klinge ein biegſames Rohr, von dem Griffe bis zur Mitte dagegen unbiegſamer Stahl zu ſein. Bei den erſten Bewegungen handhabte Jacob, als er dieſen Mann von Erz vor ſich ſtehen ſah, an welchem nur das Handgelenk zu leben ſchien, die Waffe ungeduldig, und Chicot brauchte nur den Arm oder das Bein etwas vorzu⸗ ſtrecken, ſobald er eine Bloͤße ſeines Gegners bemerkte und man kann ſich vorſtellen, wie haͤufig ſolche Bloßen bei der Gewohnheit vorkamen, bald zu hauen, bald zu ſtechen. Bei jeder dieſer Bloßen ſtreckte ſich alſo dieſer lange Arm aus und brachte der Bruſt des jungen Moͤnchs einen ſo regelrechten Stoß bei, als wenn er durch einen Mechanis⸗ mus und nicht durch ein Organ von Fleiſch und Bein ge⸗ fuhrt werde. 6 der eite He⸗ des unſt rnt zu ent⸗ und ers das gen der itte s er nur und rzu⸗ rkte bei hen. Arm n ſo nis⸗ ge⸗ 31 Bei jedem dieſer Stoͤße ſprang Jacob zornesroth zuruͤck. Zehn Minuten lang bot der Jungling ſeine ganze be⸗ wundernswuͤrdige Gewandtheit auf; er ſprang vor wie eine Tigerkatze, wand ſich zuſammen wie eine Schlange, ſchluͤpfte unter die Bruſt Chicot's und prallte rechts und links zur Seite, dieſer aber benutzte mit ſeiner Ruhe und ſeinem langen Arme die rechte Zeit, druͤckte das Fleuret ſeines Gegners bei Seite und traf ihn immer unvermeid⸗ lich mitten auf die Bruſt. Der Bruder Borromaͤus erbleichte, da er alle Leiden⸗ ſchaften, die ſonſt in ihm getobt hatten, niederhalten mußte. Endlich ſtuͤrzte ſich Jacob zum letztenmal auf Chicot, der ſogleich erkannte, daß ſein Gegner nicht feſt auf den Beinen ſtand und der ihm eine Bloͤße bot, damit er weiter eindringe. Jacob that dies auch wirklich und Chicot, der ſteif parirte, brachte den armen Schuͤler ſo bedeutend aus dem Gleichgewichte, daß er die Haltung verlor und fiel.. Chicot war unbeweglich wie ein Felsblock auf dem⸗ ſelben Platze geblieben. Bruder Borromaͤus kauete an den Nägeln, daß ſie bluteten. „Ihr hattet uns nicht geſagt, Herr, daß Ihr ein eifriger Beſucher des Fechtſaales ſeid.“ „Er,“ ſiel Gorenflot voll Verwunderung, aber auch voll Freude uͤber den Sieg des Freundes ein,„er geht nie aus.“ „Ich, ein armer Buͤrgersmann,“ ſagte Chicot,„ich, Ach, Herr Schatzmeiſter!“ „Aber es gehoͤrt doch ungeheure Uebung dazu, um einen Degen ſo wie Ihr zu handhaben,“ fuhr Borromaͤus fort. „Nun ja,“ antwortete Chicot gutmuͤthig,„ich habe allerdings das Schwert bisweilen in der Hand gehabt, da⸗ bei aber auch immer etwas geſehen.“ „Was?“ „Daß der Stolz fuͤr den, welcher den Degen in der Hand hat, ein uͤbeler Rathgeber und der Zorn ein ſchlech⸗ ter Gehilfe iſt. Und nun hoͤrt mich an, mein kleiner Bru⸗ der Jacob,“ ſetzte er hinzu;„Ihr habt eine huͤbſche Hand, ſteht aber ſchlecht auf den Beinen und ſeid nicht aufmerk⸗ ſam. Ihr ſeid ſchnell, bedenkt aber nichts.. Die Fecht⸗ kunſt erfordert drei weſentliche Dinge, zuerſt den Kopf, dann die Hand und endlich die Beine. Mit dem erſten kann man ſich vertheidigen, mit dem erſten und der zweiten kann man ſiegen, beſitzt man aber alle drei zuſammen, ſo ſiegt man ſtets.“ „Ach, Herr,“ ſagte Jacob,„noch einen Gang mit dem Bruder Borromäus. Das muß ſchoͤn anzuſehen ſein.“ Chicot wollte veraͤchtlich den Antrag abweiſen, aber es fiel ihm auch ein, daß der ſtolze Schatzmeiſter dieſe ſeine Ablehnung vielleicht zu ſeinem Vortheile benutze. „Meinetwegen,“ ſagte er alſo,„wenn Bruder Borro⸗ maͤus einwilliget, ſtehe ich ihm zu Dienſten.“ „Nein,“ antwortete der Schatzmeiſter,„ich wuͤrde beſiegt werden und geſtehe es lieber ein, als daß ich es beweiſe.“ Robert Briquet, ein eifriger Beſucher des Fechtſaales? ——— es? um us abe da⸗ der . nd, rk⸗ ht⸗ pf, en ten em er n ro⸗ 33 „Wie beſcheiden und liebenswurdig er iſt!“ rief Go⸗ renflot aus. „Du irrſt Dich“, antwortete ihm der unbarmherzige Chicot leiſe;„er iſt außerordentlich eitel; wenn ich in ſei⸗ nem Alter eine ſolche Gelegenheit gefunden haͤtte, wurde ich auf den Knien um die Lection gebeten haben, die Jacob erhalten hat.“ Darauf nahm Chicot ſeinen krummen Ruͤcken, ſiue ſchiefen Knie und ſein verzogenes Geſicht wieder an und ſetzte ſich von neuem auf die Bank nieder. Jacob folgte ihm; die Bewunderung war bei dem Juͤng⸗ linge maͤchtiger als die Scham uber ſeine Niederlage. „Gebt mir Unterricht, Herr Briguet“, ſagte er;„d Herr Prior erlaubt es gewiß.“ „Ja, mein Sohn“, antwortete Gorenflot,„mit Ver⸗ gnuͤgen.“ „Ich will Euerem Lehrer nicht in das Gehege kom⸗ men“, ſagte Chicot und er verbengte ſich vor Borromäus. Dieſer entgegnete darauf: „Ich bin nicht der einzige Lehrer Jacob's und gebe nicht allein Unterricht in der Handhabung der Waffen hier. Da ich alſo nicht allein die Ehre habe, ſo erlaubt, daß ich auch die Niederlage nicht allein auf mich nehme.“ „Und wer iſt ſein anderer Lehrer?“ fragte Chicot als er das Erroͤthen des Bruders Borromaͤus bemerkte, welches die Beſorgniß verrieth, eine Uror ichtigkeit begangen zu haben. „Niemand“, entgegnete Bortmäus,„Niemand.“ Die Fuͤnfundvierzig. I. 34 „Doch, doch“, ſagte Chicot,„ich habe Euere Worte ſehr wohl gehoͤrt. Wer iſt der andere Lehrer Jacob's?“ „Nun“, antwortete Gorenflot,„ein kleiner dicker Mann, den Ihr mir vorgeſtellt habt, Borromaus, und der bisweilen hierher kommt. Er hat ein suc ge Geſicht und trinkt recht angenehm.“ „Ich erinnere mich ſeines Namens nicht mehr“, ſagte Borromaͤus. Bruder Euſebius, der mit dem Meſſer in Guͤrtel und ſeiner gottſeligen Miene daſtand, trat dumm vor und ſagte; „ich kenne ihn.“ Borromaͤus winkte ihm, aber der Koch ſah es nicht. „Meiſter Buſſy⸗Leclerc“, fuhr er fort,„der Fecht⸗ meiſter in Bruſſel geweſen iſt.“ „Ah, Buſſy⸗Leclerc!“ rief Chicot aus.„Er fuhrt eine gute Klinge.“ Waͤhrend Chicot dies ſo gelaſſen als möglich ſprach, beobachtete er einen wuͤthenden Blick, welchen Borromaͤus dem gefalligen Bruder Euſebius zuwarf. „Ich wußte es nicht, daß er Buſſy⸗Leclerc heißt. Man hatte vergeſſen, mir dies zu ſagen“ bemerkte Gorenflot. „Ich glaubte nicht, daß der Name den Herrn Prior intereſſiren wuͤrde“, ſagte Borromäus. „Ein Fechtmeiſter iſt allerdings ſo gut als ein ande⸗ rer“, ſagte Chicot,„wenn er eben gut iſt.“ „Ja, wenn er gut iſt“, wiederholte Gorenflot, der ſich nach der Treppe zu ſeinem Zimmer wendete. Die Waffenuͤbung war beendiget. Am Fuße der Treppe wiederholte Jacob ſeine Bitte orte icker der ſicht agte und gte: cht⸗ hrt ach, aus Nan rior nde⸗ an Chicot zum großen Mißfallen des Bruders Borromaͤus, aber Chicot antwortete: „Ich kann nicht unterrichten, mein Sohn; was ich kann, habe ich mir durch Nachdenken und Uebung erworben; nacht es ſo wie ich.“ Borromaus commandirte eine Bewegung, welche alle. Moͤnche nach den Gebauden zuwendete, in die ſie zuruck⸗ kehren ſollten; Gorenflot ftützte ſich auf Chicot und ſtieg majeſtätiſch die Treppe hinauf. „Ich hoffe“, ſagte er,„daß dies ein dem Dienſte des Koͤnigs gewidmetes Haus und zu etwas gut iſt.“ „Das glaube ich“, antwortete Chicot.„Man ſieht vortreffliche Dinge, wenn man zu Euch kommt.“ „Alles dies iſt in einem Monate, in weniger als einem Monate geſchehen.“ „Und durch Euch?“ „Durch mich, durch mich allein, wie Ihr ſeht“, ant⸗ wortete Gorenflot, der ſich ſtolz emporrichtete. „Das iſt mehr als ich erwartete, Freund, und wenn ich von meiner Sendung zuruckgekommen ſein werde..“ „Ah, es iſt wahr, ſprechen wir von Euerer Sendung.“ „Um ſo lieber, da ich vor meiner Abreiſe eine Botſchaft oder vielmehr einen Boten an den König zu ſchicken habe.“ „An den König? Einen Boten? Ihr correſpondirt alſo mit dem Koͤnige?“ „Unmittelbar.“ „Und Ihr braucht einen Boten?“ „Wünſchet Ihr Einen von unſern Bruͤdern? Es wäre 3 3* 36 eine Ehre für das Kloſter, wenn Einer unſerer Bruder den Koͤnig ſaͤhe.“ „Gewiß.“ „Ich werde zwei unſerer beſten Beine Euch zur Ver⸗ fugung ſtellen; aber erzaͤhlt mir, wie der Koͤnig, der Euch fur todt hielt..“ „Ich habe es bereits erzählt; ich lag nur in Starr⸗ ſucht und in dem rechten Augenblicke erwachte ich wieder.“ „Um auch von neuem in Gunſt zu treten?“ fragte Gorenflot. „In hoͤhere als je“, antwortete Chicot. „In dieſem Falle“, ſagte Gorenflot, indem er ſtehen blieb,„konntet Ihr dem Koͤnige ſagen, was wir hier in ſeinem Intereſſe thun.“ „Das werde ich auch nicht verfehlen, Freund, verlaßt Euch darauf.“ „Ach, lieber Chicot!“ rief Gorenflot aus, der ſich ſchon als Biſchof ſah. „Vor allem habe ich Euch aber um zweierlei zu bitten.“ „und das iſt?“ „Zuerſt um Geld, das Euch der Koͤnig erſtatten wird.“ „Geld? 7“ rief Gorenflot aus, indem er ſchnell auf⸗ ſand;„meine Kaſſen ſind gefuͤllt.“ „Dañn ſeid Ihr ſehr gluͤcklich“, ſagte Chicot. „Wollt Ihr tauſend Thaler haben?“ „Nein, das iſt viel zu viel, werther Freund; ich bin beſcheiden in meinen Beduͤrfniſſen und mein Titel als Ge⸗ ſandter macht mich nicht ſtolz. Ich verberge mich lieber als ich mich ruͤhme. Hundert Thaler genuͤgen mir.“ er⸗ uch rr⸗ gte hen in ——— aßt hon n.“ d. bin He⸗ ber 37 „Da ſind ſie. Undzdas zweite?“ „Ich bitte um einen Diener, einen Begleiter, denn ni liebe Geſellſchaft.“ „Wenn ich noch frei waͤre wie ſonſt!“ ſagte Gorenſit ſeufzend. „Ja, Ihr ſeid es nicht mehr.“ „Meine hohe Stellung feſſelt mich“, ſagte Gorenflot. „Man kann freilich nicht alles gleichzeitig haben“, antwortete Chicot,„und da ich mir Euere ehrenwerthe Geſellſchaft verſagen muß, werther Prior, ſo will ich mich mit der des kleinen Bruders Jacob begnuͤgen.“ „Des kleinen Bruders Jacob?“ „Ja, der Burſche gefaͤllt mir.“ „Und Du haſt Recht, Chicot, er wird es einmal weit bringen.“ „Zuerſt will ich ihn zweihundertundfuͤnfzig Stunden weit mit mir nehmen, wenn Du es erlaubſt.“ Der Prior ſchlug an eine Glocke und es erſchien als⸗ bald ein dienender Bruder. „Man laſſe den Bruder Jacob und den Bruder kom⸗ men, welcher die Gaͤnge nach der Stadt beſorgt.“ Nach zehn Minuten erſchienen Beide an der Thuͤr. „Jacob“, ſagte Gorenflot,„ich gebe Euch einen außer⸗ ordentlichen Auftrag.“ „Mir, Herr Prior?“ fragte der junge Mann erſtaunt. „Ja, Ihr werdet Herrn Robert Briquet auf einer großen Reiſe begleiten.“ „Ach“, rief der junge Bruder begeiſtert aus,„ich ſoll mit Herrn Briquet reiſen, frei und im Freien ſein? Herr Robert Briquet und wir fechten alle Tage?“ „Ja, mein Sohn.“ „Und ich darf mein Gewehr mitnehmen?“ „Du wirſt es mitnehmen.“ Jacob huͤpfte jubelnd vor Freude hinaus. „Bruder Panurge“, fuhr Gorenflot fort,„tretet vor, um die Befehle in Empfang zu nehmen.“ „Panuͤrge?“ fragte Chicot, in welchem dieſer Name angenehme Erinnerungen weckte.„Panuͤrge?“ „Ja wohl“, ſagte Gorenflot;„ich waͤhlte dieſen Bru⸗ der, der wie der Andere Panuͤrge heißt, um von ihm die Wege beſorgen zu laſſen, die der andere beſorgte.“ „Unſer alter Freund iſt alſo dienſtunfähig?“ „Geſtorben iſt er“, antwortete Gorenflot,„geſtorben.“ „Ah“ ſetzte Chicot bedauernd hinzu,„er wurde frei⸗ lich alt.“ „Neunzig Jahre, Freund, neunzig Jahre war er alt.“ „Das iſt ein merkwuͤrdig langes Leben“, entgegnete Chicot,„wie es nur in Kloſtern vorkommen kann.“ Viertes Kapitel. Der Buͤßende. Panuͤrge erſchien. Gewiß war er nicht wegen ſeiner geiſtigen und körper⸗ lichen Bildung erwaͤhlt worden, ſeinen verſtorbenen Na⸗ mensbruder zu erſetzen, denn nie war ein geiſtvolleres kluͤgeres Geſicht durch einen Eſelsnamen beſchimpft worden. ——————— —————— 39 Der Bruder Panuͤrge glich wegen ſeiner kleinen Au⸗ gen, ſeiner ſpitzen Naſe und ſeiner vorſtehenden Kinnladen einem Fuchſe. Chicot betrachtete ihn einen Augenblick und ſchien in demſelben, ſo kurz er auch war, den Kloſterboten ganz nach Verdienſt geſchätzt zu haben. Panürge blieb demuthig an der Thur ſtehen. „Tretet hierher“, ſagte Chicot.„Kennt Ihr den Louvre?“ „Ja, Herr“, antwortete Panuͤrge. „Und kennt Ihr in dem Louvre einen gewiſſen Heinrich von Valvis?“ „Den Koͤnig?“ „Ich weiß wirklich nicht, ob er eigentlich der Koͤnig iſt“, ſagte Chicot,„aber man nennt ihn ſo.“ „Zu dem Koͤnige alſo ſoll ich gehen?“ „Kennt Ihr ihn?“ „Recht wohl.“ „Nun, ſo bittet vor ihn gelaſſen zu werden.“ „Wird man mich zu ihm laſſen?“ „Bis zu ſeinem Kammerdiener, ja; Euer Gewand iſt ein Paß, da Se. Maj., wie Ihr wißt, ſehr fromm iſt.“ „Und was ſoll ich dem Kammerdiener Se. Maj. ſagen?“ „Ihr waͤret von dem Schatten geſandt.“ „Von welchem Schatten?“ „Die Neugierde iſt ein ſchlimmes Laſter, Bruder.“ „Verzeiht.“ „Ihr ſagt alſo, der Schatten ſende Euch.“ 40 „Und Ihr wartet auf den Brief.“ „Auf welchen Brief?“ „Schon wieder neugierig?“ „Verzeiht.“ „Hochwuͤrdiger Herr“, ſagte Chicot zu dem Prior ge⸗ wendet,„der andere Panuͤrge geſiel mir beſſer.“ „Sonſt habe ich nichts zu thun?“ fragte der BVote. „Ihr ſetzet noch hinzu, der Schatten werde unterdeß langſam auf der Straße nach Charenton zu reiſen.“ „Und auf dieſer Straße ſoll ich Euch finden?“ Panuͤrge ging nach der Thuͤr zu und hob den Vorhang auf um hinauszugehen. Chicot glaubte zu bemerken, daß bei dieſer Bewegung ein Horcher enthuͤllt worden ſei. Der Thuͤrvorhang fiel aber ſo ſchnell wieder nieder, daß Chicot keine Gewißheit erlangte, ob er recht geſehen oder ſich getäuſcht habe. Nur errieth er ſofort, daß Niemand als Borromaͤus gehorcht haben konnte. „Ach“, dachte er,„Du horchſt? Um ſo beſſer, ſo ſollſt Du auch etwas hoͤren.“ „Ihr ſeid alſo mit einer Sendung des Koͤnigs beauf⸗ tragt, werther Freund?“ begann Gorenflot nochmals. „Ja, mit einer vertraulichen.“ „Sie bezieht ſich wahrſcheinlich auf Politik?“ „Ich glaube das auch.“ „Ihr wißt nicht, welche Sendung Euch uͤbertragen iſt?“ „Ich weiß nichts weiter, als daß ich einen S zu bergeben habe.“ ¹9 ß er nd aß 41 „Ein Staatsgeheimniß ohne Zweifel?“ „Ich glaube es. Sind wir ganz allein, ſo daß ich ſagen kann, was ich denke?“ „Redet; ich bin verſchwiegen wie das Grab.“ „Nun, der Koͤnig hat ſich endlich entſchloſſen, dem Herzoge von Anjou Hilfe zu ſenden.“ „Wirklich?“ „Ja, Herr von Joyeuſe iſt zu dieſem Zwecke in voriger Nacht abgereiſet.“ „Und Ihr, werther Freund?“ „Ich reiſe nach Spanien hin.“ „Und wie reiſet Ihr?“ „Wie wir es ſonſt thaten, zu Fuß, zu Pferd, im Wagen, je nachdem es ſich findet.“ „Jacob wird ein guter Geſellſchafter fuͤr Euch ſein und Ihr thatet wohl, daß Ihr ihn wähltet. Der Kleine verſteht ſogar Lateiniſch.“ „Er gefaͤllt mir auch ſehr wohl.“ „Schon aus dieſem Grunde wurde ich ihn Euch geben, aber ich glaube auch, daß er Euch kraͤftig beiſtehen wird, wenn Ihr angefallen werden ſolltet.“ „Ich danke Euch, Freund, und ich habe nur noch Ab⸗ ſchied von Euch zu nehmen.“ „Lebt wohl.“ „Aber was thut Ihr?“ „Ich will Euch meinen Segen geben.“ „Unter uns iſt das nicht noͤthig.“ „Ihr habt Recht“, antwortete Gorenflot und die beiden Freunde umarmten einander zärtlich. 42 „Jacob!“ rief der Prior.„Jacob!“ Panuͤrge zeigte ſein Fuchsgeſicht zwiſchen dem Thür⸗ vorhange. „Ihr ſeid noch nicht fort?“ fragte Chicot. „Verzeiht, Herr.“ „Macht ſchnell“, gebot Gorenflot,„Herr Briquet hat Eile. Wo iſt Jacob?“ Nun erſchien Bruder Borromaͤus mit ſuͤß laͤchelnder Miene. „Bruder Jacob hat ſich entfernt“, antwortete der Schatzmeiſter. „Wie ſo entfernt?“ fragte Chicot. „Wuͤnſchtet Ihr nicht, daß Jemand in den Loupre „Bruder Panurge ſollte gehen“, ſagte Gorenflot. „Ach, ich verſtand Jacob“, ſagte Borromaus, indem er ſich an die Stirn ſchlug. Chicot runzelte die Augenbrauen, aber Borromaͤus ſchien ſein Verſehen ſo aufrichtig zu bedauern, daß ein Vorwurf grauſam geweſen ſein wurde. „So werde ich warten, bis Jacob zuruͤckgekommen iſt⸗, ſagte Chicot. Borromaͤus verneigte ſich und runzelte ſeiner Seits die Stirn. „Ich vergaß dem Herrn Prior zu melden“, fuhr er fort,„obgleich ich deshalb gekommen bin, daß die unbe⸗ kannte Dame angekommen iſt und mit dem Herrn Prior zu ſprechen wuͤnſcht.“ Chicot hoͤrte ſehr aufmerkſam zu. 43 „Allein?“ fragte Gorenflot. „Mit einem Diener.“ „Iſt ſie jung?“ fragte Gorenflot. Borromäus ſchlug verſchäͤmt die Augen nieder. „Er iſt alſo auch ein Heuchler“, dachte Chicot. „Sie ſcheint noch jung zu ſein“, antwortete Borromäus. „Du ſiehſt ein, werther Freund“, ſprach Gorenflot, indem er ſich zu Robert Briquet wendete. „Ich ſehe es ein“, antwortete Chicot,„und verlaſſe Euch; ich werde in einem anſtoßenden Zimmer oder in dem Hofe warten.“ „So iſt es recht, mein Freund.“ „Es iſt ziemlich weit von hier bis nach dem Louvre“, bemerkte Borromaäus,„und der Bruder Jacob könnte wohl ziemlich lange ausbleiben, um ſo mehr als die Perſon, an die Ihr ſchreibt, vielleicht ſich bedenkt, einen wichtigen Brief einem Kinde zu ubergeben.“ „Ihr macht dieſe Bemerkung ziemlich ſpaͤt, Bruder Borromaͤus.“ „Wenn man mir den Auftrag gegeben häͤtte..“ „Schon gut; ich werde mich langſam auf den Weg nach Charenton machen und der Bote wird mir da be⸗ gegnen.“ Er ging nach der Treppe zu. „Nicht hierher, Herr“ ſprach Borromaͤus raſch;„die unbekannte Dame kommt hier herauf und ſie wuͤnſcht mit Niemandem zuſammenzutreffen.“ „Ihr habt Recht“, ſagte Chicot lächelnd;„ich werde auf der kleinen Treppe hinuntergehen.“ 44 Und er ging nach einer andern Thuͤr zu. „Ich“, fiel Borromaͤus ein,„werde die Ehre haben, die Buͤßende zu dem hochwuͤrdigen Herrn Prior zu ge⸗ leiten.“ „Wißt Ihr den Weg?“ fragte er beſorgt. „Sehr gut.“ Chicot ſchritt hinaus. An das Cabinet, durch das er ging, ſtieß ein Zimmer und an demſelben begann die ſogenannte kleine Treppe. Es war, wie Chicot ſich uͤberzengte, ſeit ſeinem letzten Beſuche ganz veraͤndert; ſo friedlich es ſonſt ausgeſehen hatte, einen ſo kriegeriſchen Anblick gewaͤhrte es jetzt; an den Wänden hingen Waffen, auf den Tiſchen lagen Säbel und Piſtolen und in jeder Ecke waren Musketen und Buͤch⸗ ſen aufgebaut. Chicot blieb einen Augenblick in dieſem Zimmer ſtehen, denn er fuͤhlte das Beduͤrfniß ſeine Gedanken zu ſammeln. „Man verbirgt mir Jacob, man verbirgt mir die Dame, man treibt mich uber die kleine Treppe, damit die große frei bleibe. Ich muß alſo nothwendig gerade das Gegen⸗ theil von dem thun, was ich thun ſoll. Ich werde demnach auf die Ruckkunft Jacob's warten und mich ſo ſtellen, daß ich die geheimnißvolle Dame ſehen kann. Ah! Da liegt im Winkel ein ſchoͤnes geſchmeidiges feines Panzerhemd.“ Er hob es bewundernd auf. „Ich ſuchte gerade eins“, fuhr er fort;„es iſt leicht wie von Leinwand, für den Prior viel zu eng; man koͤnnte ſagen, es waͤre fur mich gearbeitet worden; leihen wir es von Modeſtus; ich gebe es ihm nach meine Zuruͤkkunft wieder.“ ht te on e 45 Er hatte das Panzerhemd eben angelegt als Bruder Borromaͤus auf der Schwelle erſchien. „Ah“, murmelte Chicot,„da biſt Du wieder? Arer Du kommſt zu ſpät, Freund.“ Er legte dabei die langen Arme auf den Ruͤcken uber⸗ einander, bog ſich hinten uͤber und that als bewundere er die aufgeſtellten Waffen. „Sucht Herr Robert Briquet eine ihm zuſagende Waffe?“ fragte Borromaͤus. „Ich?“ entgegnete Chicot;„was ſollte mir eine Waffe nuͤtzen?“ „Nun wenn man ſie ſo gut zu handhaben verſteht..“ „Theorie, frommer Bruder, Theorie weiter nichts; ein armer Buͤrgersmann wie ich kann ſeine Arme und Beine recht gut zu brauchen wiſſen, aber es fehlt ihm immer das Soldatenherz und das wird ihm ſtets fehlen. Das Fleuret glaͤnzt recht zierlich in meiner Hand, aber mit einem Degen wuͤrde mich Jacob zwiſchen hier und Charenton bald matt machen.“ „Freilich“, ſagte Borromaͤus, welcher durch die ein⸗ fältig gutmuͤthige Miene Chicot's halb uͤberredet war, der ſich uberdies buckeligerund ſchielender gemacht hatte als je. „Auch fehlt es mir an Athem“, fuhr Chicot fort,„und meine Beine taugen nichts mehr; das iſt mein Fehler.“ „Wollet Ihr mir die Bemerkung erlauben“, fiel Bor⸗ romaͤus ein,„daß dieſes Gebrechen beim Reiſen ſich noch mehr geltend macht als bei dem Fechten?“ „Ihr wißt, daß ich eine Reiſe unternehmen will?“ fragte Chicot nachlaͤſſig. 46 „Panuͤrge hat es mir geſagt“, antwortete Borromaͤus erroͤthend. „Das iſt merkwurdig; ich glaubte gegen Panuͤrge nichts davon erwaͤhnt zu haben; aber gleichviel, ich habe keine Urſache es zu verheimlichen. Ja, frommer Bruder, ich un⸗ ternehme eine kleine Reiſe; ich begebe mich in meine Hei⸗ math, wo ich einiges Vermoͤgen beſitze.“ „Wißt Ihr, Herr Robert Briquet, daß Ihr dem Bru⸗ der Jacob eine große Ehre erweiſet?“ „Weil er mich begleiten ſoll?“ „Erſtlich ja und dann weil er den Koͤnig ſieht.“ „Oder deſſen Kammerdiener, denn es iſt moͤglich, ſogar wahrſcheinlich, daß der Bruder Jacob ſonſt Niemanden ſieht.“ „Ihr ſeid im Louvre ſonach ſehr genau bekannt?“ „O ganz und gar, frommer Bruder; ich liefere dem Koͤnige und den jungen Herren vom Hofe Struͤmpfe.“ „Dem Koͤnige?“ „Ja, ſchon als er noch Herzog von Anjou war. Nach ſeiner Ruͤcktehr aus Polen erinnerte er ſich meiner und machte mich zum Hoflieferanten.“ „Ihr habt da eine gute Bekanntſchaft, Herr Robert Briquet.“ „Die Sr. Majeſtat?“ „Ja.“ „Das ſagt nicht Jedermann, Bruder Borromaͤus.“ „O, freilich die Anhaͤnger der Ligue!“ „Das iſt heut zu Tage faſt jedermann.“ „Ihr ſeid es wohl wenig?“ us hts ine n⸗ ei⸗ ich nd rt 47 „Ich? Warum?“ „Wenn man den Koͤnig perſoͤnlich kennt..“ „Ich habe meine Anſichten ſo gut wie Andere.“ „Das wohl, aber die Euerigen ſtimmen mit denen des Konigs überein?“ „Glaubt das nicht; wir ſtreiten uns häufig.“ „Wie kann man Euch eine Sendung uͤbertragen, wenn Ihr miteinander ſtreitet?“ „Einen Auftrag wollt Ihr ſagen.“. „Sendung oder Auftrag, gleichviel; beide ſetzen Ver⸗ trauen voraus.“ „Der Konig verlangt weiter nichts, als daß ich meine Maßregeln gut zu nehmen verſtehe.“ „Euere Maßregeln?“ „Ja.“ „Politiſche oder finanzielle?“ „Ihr wißt, daß der Konig eine Pilgerfahrt zu U. l. Fr. von Chartres gemacht hat.“ „Ja, um ſich einen Erben zu erbitten.“ „Richtig. Ihr wißt wahrſcheinlich auch, daß es ein ſicheres Mittel giebt, das Reſultat zu erlangen, das der Koͤnig erſtrebt.“ „Der Koͤnig ſcheint ſonach dieſes Mittel nicht anzu⸗ wenden.“ „Bruder Borromaͤus!“ „Nun?“ „Ihr wißt, daß es darauf ankommt, einen Kronerben durch ein Wunder zu erlangen, nicht auf andere Weiſe.“ „Und dieſes Wunder?“ 48 „Erbittet man von der Madonna von Chartres.“ „Ach ja, das Hemd!“ „So iſt es. Der Konig hat der guten Jungfrau von Chartres das Hemd genommen und daſſelbe der Konigin gegeben und für dieſes Hemd will er ihr ein Gewand gleich dem ſenden, daß die heil. Jungfrau von Toledo trägt, wel⸗ ches das ſchoͤnſte und reichſte Madonnengewand in der Welt ſein ſoll.“ „Ihr alſo..7“ „Ich reiſe nach Toledo, werther frommer Bruder, um das Maß jenes Kleides zu nehmen, um ein ganz gleiches machen zu laſſen.“ Borromäns ſchien nicht zu wiſſen, ob er Chicot auf das Wort glauben ſollte oder nicht. Wir können mit Grund annehmen, daß er ihm nicht glaubte. „Ihr könnt nun beurtheilen“, fuhr Chicot fort, als wenn ihm gänzlich unbekannt ſei, was in den Gedanken des Schatzmeiſters vorging,„daß mir die Geſellſchaft von Maͤnnern der Kirche ſehr angenehm geweſen ſein wuͤrde.. Aber die Zeit vergeht und Bruder Jacob kann nun nicht lange mehr ausbleiben. Ich will ihn draußen erwarten, an dem Kreuz Faubin z. B.“ „Ich glaube auch, daß Ihr beſſer daran thut“ ſagte Borromäus. „Ihr werdet alſo die Gefälligkeit haben, ihm dies nach ſeiner Ankunft ſ ogleich zu melden?“ „Ja.“ „Und mir ihn ſenden?“ na on in ich el⸗ elt um es as icht als ken von ichi an gte ach 49. „Ich werde nicht ermangeln.“ „Ich danke Euch, Bruder Borromäus und ſchätze mich glucklich Euere Bekanntſchaft gemacht zu haben.“ Beide verbengten ſich und Chicot ging auf der kleinen Treppe hinab. L ihm verriegelte Borromaͤus die „Es ſcheint von großer Wichtigkeit zu ſein“, dachte Chicot,„daß ich die Dame nicht ſehe; ich muß ſie alſo ſehen.“ Um dies moͤglich zu machen, verließ Chieot die Jaco⸗ binerpriorei ſo ſichtbar als moglich, plauderte einen Augen⸗ blick mit dem Bruder Pfortner und ſchritt mitten auf dem Wege nach dem Kreuze Faubin zu. Dort aber verſchwand er an der Ecke der Mauer einer Meierei und in der Ueberzengung, daß er jeden Argus des Priors täuſche, wenn er auch Falkenaugen haͤtte wie Bor⸗ romaͤus, ſchlich er an den Gebäuden hin, folgte in einem Graben einer Hecke und gelangte, ohne bemerkt worden zu ſein, in ein ziemlich dichtes Buchenwaͤldchen gerade dem Kloſter gegenuͤber. Hier, wo er einen Beobachtungspoſten fand, wie er ihn nur wuͤnſchen konnte, ſetzte er ſich oder legte er ſich vielmehr nieder und wartete, daß der Bruder Jarob in das Kloſter zuruͤckkomme und die Dame daſſelbe verlaſſe. Fünftes Kapitel. DerHinterhart. Chicot pflegte ſchnell einen Entſchluß zu faſſen. Jetzt nahm er ſich vor zu warten und zwar ſo bequem als moͤglich. Die Fuͤnfundvierzig.. 4 1 50 Er ſuchte ſich eine Stelle, wo er durch das Gebuͤſch hindurchſehen und die Hin, und Hergehenden muſtern konnte, ohne ſelbſt bemerkt zu werden. Die Straße war öͤde. So weitg zeigte ſich weder ein Reiter, noch ein Bauersmann. Die ganze Volksmenge vom vorigen Tage war mit dem Schau⸗ ſpiele verſchwunden, das ſie herbeigelockt hatte. Chicot ſah alſo nichts als einen ziemlich anmaßlich gekleideten Mann, der quer uͤber die Straße ging und mit einem langen ſpitzigen Stabe die königliche Heerſtraße zu meſſen ſchien. Chicot hatte durchaus nichts zu thun und er freute ſich deshalb, den Mann vor ſich zu haben. „Was mißt er? Warum mißt er?“ ſo fragte ſich Ro⸗ bert Briquet im Anfange und er nahm ſich vor den Mann nicht aus den Augen zu verlieren. Leider beſchaftigte in dem Augenblicke als der Mann mit ſeiner Ausmeſſung zu Ende war und den Kopf wieder emporrichtete, eine weit wichtigere Entdeckung ſeine ganze Aufmerkſamkeit und nothigte ihn die Augen nach einem andern Punkte zu wenden. Die beiden Fluͤgel des Balconfenſters Gorenflot's offneten ſich und man ſah die anſehnliche Rundung des Hochwürdigen erſcheinen, der mitweit aufgeriſſenen Augen, mit Feſttagslächeln und ſo galant als moglich eine Dame führte, die unter einem mit Pelz gefütterten Sammetmantel faſt ganz verhuͤllt war. 5 „Ah“ flüſterte Chicot,„die Buͤßende! Dem Gange nach iſt ſie jung. Wir wollen doch den Kopf ein s Chicot ſehen konnte, 51 betrachten; wendet ihn noch ein wenig nach dieſer Seite; ſo. Es iſt doch ſeltſam, daß ich in allen Geſichtern, die ich erblicke, Aehnlichkeiten finde. Eine ſeltſame Manie das! Und da iſt auch d er und in ihm irre ich mich gewiß nicht; es iſt 2 Fa, ja, er iſt es.. Und wenn ich mich in Mayn uſche, warum ſollte ich mich in n Montpenſier irren? Denn die Dame da iſt wahrhaftig die 2 Chieot achtete, wie man wohl glauben wird, von dieſem Augenblicke an nicht mehr auf den Mann, der die Straße maß, um die beiden Perſonen auf dem Balcon nicht aus den Augen zu verlieren. Nach einer Secunde ſah er hinter demſelben das bleiche Geſicht des Bruders Borromaus erſcheinen, an den May⸗ neville mehrmals Fragen richtete. „Es iſt ſo“, dachte er bei ſich;„bravo, nur immer Verſchwoͤrungen; ſie find jetzt in der Mode; aber will denn die Herzogin das Kloſter meines Freundes Modeſtus be⸗ ziehen, da ſie doch hundert Schritt von da ſchon das Haus Belesbat hat.“ In dieſem Augenblicke wurde die Aufmerkſamkeit Chi⸗ cot's von neuem angeregt. Waͤhrend nämlich die Herzogin mit Gorenflot ſprach oder vielmehr dem Prior zuhoͤrte, winkte Herr von Mayneville Jemanden draußen. Chicot hatte gleichwohl Niemanden geſehen als den Mann, welcher die Straße maß. Dieſem galt auch der Wink und der Mann das Meſſen ein. 4* 52 Er war dem Balcon gegenuber ſtehen geblieben, ſo daß er das Geſicht nach Paris hin wendete. Gorenflot ſetzte ſeine iebere Aufmerkſamkeit gegen die Buͤßende fort. Herr von Mayneville flüſt Einiges zu und dieſer bega dem Prior in einer fuͤr Chicot unverſtändlichen, für den Meſſenden aber deutlichen Weiſe zu geſticuliren, denn derſelbe entfernte ſich und ſtellte ſich an einem andern Punkte auf, wo ihn ein neuer Wink des Borromaͤus und des Herrn von Mayneville ſeſtgebannt hielt. Nachdem er einige Secunden unbeweglich dageſtanden hatte, begann er auf einen neuen Wink des Bruders Bor⸗ romaus einige Bewegungen, deren Zweck Chicot durchaus nicht errathen konnte. Von der Stelle aus, wo der Mann geſtanden hatte, lief er an die Pforte des Kioſters, waͤhrend Herr von Mayneville ſeine Uhr in der Hand hielt. „Teufel!“ murmelte Chicot,„das kommt mir verdaͤch⸗ tig vor. Wenn ich nur das Geſicht des Mannes, der mißt und läuft, ſehen konnte, ſo fände ich vielleicht auch die Auf⸗ loͤſung des Raͤthſels.“ In dieſem Augenblicke drehete ſich der Mann um, als ſolle der Wunſch Chicot's ſogleich erfüllt werden und dieſer erkannte in ihm Nicolaus Poulain, denſelben, an welchen er am Abende vorher ſeinen alten Harniſch verkauft hatte. rBorromaus „Nun, es lebe die Ligue!“ dachte er bei ſich.„Jet hat⸗ ich genug geſehen, um das Uebrige ohne große Mähe errathen zu können. Und dieſe Muhe will ich wohl varun wenden.“ ₰ a hei geſ iſt an thu nac fole me ß keit äus in ber ſich ein ille den or⸗ aus ann end ch⸗ nißt luf⸗ als eſer chen tte. etzt uͤhe wan 53 Nach einigem weitern Hin⸗ und Herreden zwiſchen der Herzogin, Gorenflot und Mayneville ſchloß der Bruder Borromaͤus das ier wieder und der Balcon blieb leer. Die ndihr Begleiter kamen aus dem Kloſter el zu ſteigen, der ſie erwartete. forte begleitet hatte, erſchoͤpfte Die Herzogin hie die Vorhänge des Tragſeſſels noch offen, um den Complimenten des Priors antworten zu koͤn⸗ nen, als ein Jacobiner⸗ das Thor St. Antoine aus Paris kam, vor den Pferden erſchien, die er neugierig betrachtet dann vor dem Tragſeſſel, in den er hinein⸗ blickte. Chicot erkannte in dem Moͤnche den kleinen Bruder Jacob, der ſchnell au aus dem Louvre zuruͤckgekommen war und entzuckt vor der£ erzogin von Montpenſier ſtehen blieb. „un dachte er,„ich habe Gluͤck. Wenn Jacob frü⸗ her zuruͤckgekommen wäre, würde ich die Herzogin nicht geſehen haben, da ich ihm hätte entgegengehen müſſen. Jetzt iſt die Herzogin fort, nachdem ſie ihre kleine Verſchwoͤrung angezettelt hat und ich habe es mit Nicolaus Poulain zu thun. Mit dem werde ich bald fertig werden.“ Die Herzogin fuhr an Chicot vorbei, ohne ihn zu ſehen, nach Paris zu und Nicolaus Poulain ſchickte ſich an ihr zu folgen. Chicot ſah ihn kommen wie der Jäger das Wild kom⸗ men ſieht und ſich zum Schuſſe fertig macht. Als Poulain nahe genug herangekommen war, redete ihn Chicot an. 54 „Nun, Ihr lieber Mann, thut nur einen Blick hier⸗ her“, ſagte er. Poulain erſchrak und blickte nach dem Graben hin. „Ihr habt mich geſehen? Sehr vohl fuhr Chicot fort.„Verſtellt Euch nur Herz N ßoulain!“ Nicolaus Poulain ſprang f irſch bei dem Knalle eines Schuſſes. „Wer ſeid Ihr und was wollt Ihr?“ fragte er. Ver ich bin?“ Fa. „Ich bin Einer Euerer Freunde, einn vertrauter. Was ich will? Das zu erh zu weit fuhren.“ „Sprecht, was wollt Ihr?“ 4ℳ „Ich wuͤnſche, daß Ihr zu mir fommt. „Zu Euch? 24. „Ja hierher, in den Graben herunter.“, „Warum?“ „Ihr werdet es erfahren; kommt nur erſt herunter. 3 „Aber?“ „Und ſetzt Euch daher mit dem Ruͤcken an die Hecke.“ „Nun?“ „Ohne mich anzuſehen, ohne zu thun als ware ich da.“ Gr 17 „Es iſt viel verlangt, ich weiß es wohl, aber Nu Briquet hat ein Recht viel zu verlangen.“ „Robert Briquet?“ rief Poulain aus, waͤhrend er zu⸗ gleich that, was von ihm verlangt wurde. er⸗ cot em etzt . 63 a. bert zu 55 „So, ſetzet Euch daher.. Nun, Ihr maßet auf der Straße von Vincennes?“ „Ich „Ohne 3 aber es iſt das gerade kein Wunder.“ „Nun ja“, ulain beruhiget,„ich maß.“ „Und unte ſehr hochgeſtellter Perſonen.“ „Hochge 7 Ich verſtehe Euch nicht.“ „Ihr ſo en..2 „Ich weiß nicht, was Ihr meint.“ „Ihr w 3 wer die Dane und der Herr waren, die auf dem con ſtanden und eben nach Paris aufge⸗ brochen find „Ich ſchwoͤre es Euch zu. 4 „So ſchaͤtze ich mich gluͤcklich, Euch eine wichtige Nach⸗ richt mittheilen zu können. Denkt Euch, Herr Poulain, Ihr wurdet bei Euern Meßarbeiten von der Frau Herzogin von Montpenſier und dem Herrn Grafen von Mayneville bewundert. Bleibt nur gefaͤlligſt ſtill ſitzen.“ „Herr“, ſagte Nicolaus Poulain, der nicht gehorchen mochte,„dieſe Reden und die Art, wie Ihr ſie an mich richtet..“ „Wenn Ihr nicht ſtill ſitzet, mein werther Herr Pou⸗ lain“, fiel Chicot ein,„werdet Ihr mich zu etwas Unange⸗ nehmen zwingen. Verhaltet Euch alſo ruhig.“ Poulain ſeufzete. „So iſt es gut“, ſagte Chicot.„Ich ſagte alſo, mein werther Herr, daß es fuͤr Euch von großem Vortheile ſein wuͤrde, wenn Euch eine andere hochgeſtellte Perſon, z. B. der Koͤnig bemerkte, nachdem Ihr ſo unter den Augen der — 56 erwähnten Perſonen gearbeitet habt, ohne daß ſie Euch beachteten, wie Ihr wenigſtens behauptet.“ „Der Koͤnig?“ „Se. Majeſtät, ja Herr Poulain; er bewundert gern jede 3 und iede Muͤhe. „Aber in's Himmels Namen was wt3 von mir?“ „Euer Wohl, weiter nichts. Habe ich Euch nicht ge⸗ ſagt, daß ich Euer Freund ſei?“ „Herr“, rief Nicolaus Poulaii in Verzweiflung aus, „ich weiß wirklich nicht, was ich dem Koͤnige, Euch oder irgend Jemand in der Welt zu Leide gethan habe.“ „Werther Herr Poulain, Ihr werdet Euch daruͤber gegen Diejenigen ausſprechen, die ein Recht zu fragen haben; mich geht das nichts an; ich habe ſo meine Gedan⸗ ken fur mich, ſeht Ihr und ſtelle mir vor, der Koͤnig wuͤrde es gar nicht billigen, wenn Einer ſeiner Beamten beim Feldmeſſen den Winken und Geberden des Herrn von May⸗ neville gehorchte; wer weiß, ob es der Koͤnig nicht gar hoͤchſt unrecht fände, daß ſein Beamter verſaͤumt habe in ſeinem taͤglichen Berichte zu melden, daß die Frau Herzogin von Montpenſier und Herr von Mayneville geſtern fruh in ſei⸗ ner guten Stadt Paris angekommen ſind. Sehet Ihr, Herr Poulain, das ſchon koͤnnte Euch gewiß in eine unangenehme Stellung zu dem Koͤnige bringen.“ e— — te ern us, der ber en n⸗ rde im ay⸗ chſt em on ſei⸗ —— err me 57 „Herr Briquet, ein Verſaͤumniß iſt kein Verbrechen und Se. Maj. iſt zu aufgeklaärt..“ „Werther Herr Poulain, ich glaube Ihr tragt Euch mit Einbildungen; ich ſehe in dieſer Sache klarer.“ „Was ſehet Ihr?“ „Einen ſchonen ize Galgen.“ „Herr Briquet!“ „Beim Teufel, ſo wartet doch!.. Einen Galgen mit einem neuen Stricke, vier Soldaten nach den vier Himmels⸗ gegenden, ziemlich viele Pariſer um den Galgen herum und einen gewiſſen Nicolaus Poulain, den ich kenne, an dem Stricke.“ Poulain zitterte ſehr. „Herr!“ ſagte er mit gefaltenen Haͤnden. „Aber ich bin Euer Freund, werther Herr Poulain“, fuhr Chicot fort,„und als Freund gebe ich Euch einen gu⸗ ten Rath.“ „Einen Rath?“ „Ja, einen Rath, der leicht zu befolgen iſt, Gott ſei Dank.. Ihr geht auf der Stelle,— verſteht Syr wohl? auf der Stelle— zu..“ „Zu wem?“ fragte Nicolaus aͤngſtlich. Wartet einen Augenblick, damit ich nachdenke“, un⸗ tettrach ihn Chicot;„ja, zu.. Epernon.“ „Zu Epernon, dem Freunde des Firige 2“ „Richtig. Ihr nehmt ihn bei Seite.. „Herrn von Epernon?“ „Ja und erzahlt ihm die ganze Sache vom Straßen⸗ meſſen.. 58 „Seid Ihr ein Thor, Herr 2 „Im Gegentheil, die Klugheit ſpricht aus mir.“ „Ich verſtehe Euch nicht.“ „Es iſt doch klar und deutlich genug.. Wenn ich Euch einfach als den Mann mit dem Maße und mit dem Har⸗ niſche anzeige, werdet Ihr gehenkt; wenn Ihr dagegen gut⸗ willig thut was ich Guchſage, werbet Ihrmit Belohnungen und Ehren überhaͤuft werden. Ihr ſeid noch nicht uber⸗ zeugt? So werde ich mir die Muͤhe geben muͤſſen in den Louvre zurückzukehren, aber es ſchadet nichts, ich thue Alles gern fur Euch.“ Und Nicolaus Poulain horte, wie Chicot aufſtand. „Nein, nein“ ſagte er,„bleibt Ihr hier, ich gehe.“ „So iſt es Recht, aber Ihr ſeht ein, werther Herr Poulain, keine Ausflucht und Schleichwege, denn morgen werde ich ein Briefchen an den Koͤnig ſenden, deſſen ver⸗ traueter Freund ich zu ſein die Ehre habe, wie Ihr mich da ſehet oder vielmehr nicht ſehet, ſo daß Ihr nur um ſo hoher und kürzer gehangen werden wurdet, wenn Ihr erſt übermorgen an den Galgen kämt.“ „Ich gehe, Herr“ ſagte Poulain beſturzt. „Werther Herr Poulain, Ihr habt Urſache mir Altäre zu erbauen; Ihr waret noch vor fuf Minuten ein Ver⸗ räther und ich mache Euch zu einem Retter des Vaterlandes. Lauft nun recht geſchwind, werther Freund, denn ich habe Eile von hier fort zu kommen und kann nicht aufbrechen bevor Ihr fort ſeid.. Alſo im Palaſte Epernon's, vergeßt es nicht.“ Nicolaus Poulain ſtand auf und lief wie ein Verzwei⸗ 59 4 felter ſo ſchnell als ihn ſeine Beine tragen wollten, nach dem Thore St. Antoine zu. „Es war Zeit“, ſagte Chicot,„denn da kommt Jemand aus dem Kloſter. Mein kleiner Jacob iſt es nicht. Wer iſt der Menſch von der Geſtalt, welche der Baumeiſter Alexanders dem Berge Athos geben wollte?“ Damit eilte Chicot nach dem Kreuze Faubin zu. Da er ſich auf einem Bogenwege dahin begeben mußte, ſo hatte die gerade Linie den Vortheil über ihn, und der rieſige Monch, welcher mit großen Schritten auf der Straße herging, kam zuerſt an dem Kreuze an. Auch verſäumte Chicot einige Zeit damit, daß er un⸗ terweges ſeinen Mann beobachtete, deſſen Geſicht ihm gar nicht gefiel. Dieſer Moͤnch war aber auch ein wahrhafter Philiſter. In der Eile, in welcher er aufgebrochen war, hatte er ſeine Kutte nicht gut zuſammengebunden und man ſah die mus⸗ kuldſen Beine, welche ſich in ganz weltlichen Beinkleidern befanden. Die ſchlecht uͤber den Kopf gezogene Kapuze ließ einen Wald von Haaren ſehen, welchen die Kloſterſcheere noch nicht beruͤhrt hatte. ueberdies lag in den tiefen Mundwinkeln ein nichts weniger als geiſtlicher Ausdruck und wenn ſich aus dem Läͤcheln ein Lachen bilden wollte, bemerkte man drei Zähne, die wie Palliſaden hinter dem Walle der dicken Lippen aus⸗ ſahen. Arme, die ſo lang waren wie die Chicot's, aber dicker, Schultern, welche die Thore von Gaza hätte heben koͤnnen 60 und ein gewaltiges Kuͤchenmeſſer in dem Guͤrtelſtricke waren nebſt einem als Schild um die Bruſt geſchlungenen Sacke die Schutz⸗ und Trutzwaffen dieſes Goliath der Jacobiner. „Er iſt wirklich ſehr haͤßlich“, dachte Chicot bei ſich, „und wenn er mir nicht eine ſehr gute Nachricht zu uͤber⸗ bringen hat, ſo bin ich der Meinung, daß ein Ge⸗ ſchoͤpf ſehr unnuͤtz auf Erden iſt.“ Der Monch, den Chicot immer naͤher konen ſah, grüßte ihn faſt militairiſch. „Was wollt Ihr, mein Freund?“ fragte Chicot. „Seid Ihr Herr Robert Briquet?“ „Der bin ich.“ „So habe ich einen Brief von dem Herrn Prior zu uͤbergeben.“ „Gebt her.“ Chicot nahm den Brief, der folgende Worte enthielt: „Mein werther Freund, ich habe ſeit unſerm Abſchiede „reiflicher nachgedacht. Es iſt mir wirklich nicht moglich „das Lamm, welches mir der Herr anvertraut hat, den „gefräßigen Woͤlfen der Welt preis zu geben. Ich meine, „wie Ihr mich wohl verſtehen werdet, unſern kleinen Jacob „Clement, der eben von dem Koͤnige empfangen worden „iſt und Euern Auftrag ſehr gut ausgerichtet hat. „Statt des Jacob, der noch in ſo zartem Alter ſteht „und ſeine Dienſte dem Kloſter widmen muß, ſende ich Euch „einen guten und wuͤrdigen Bruder unſerer Gemeinde. Er „iſt ſanft und ohne Arg und ich bin üͤberzengt, daß Ihr ihn „als Reiſegefaͤhrten annehmen werdet..“ 8—„ ——— 61 „Ja, ja“, dachte Chicot, indem er von der Seite den Moͤnch anſah,„rechne Du nur darauf.“ Dann las er weiter: „Ich fuge dieſem Schreiben meinen Segen bei und be⸗ „dauere, daß ich Euch denſelben nicht muͤndlich ertheilt habe. „Gehabt Euch wohl, Freund.“ „Der Brief iſt ſchoͤn geſchrieben“, ſagte Chicot als er zu Ende geleſen hatte,„und ich wette, daß er von dem Schatzmeiſter geſchrieben iſt. Er hat eine prächtige Hand.“ „Bruder Borromaͤus hat allerdings den Brief geſchrie⸗ ben“, antwortete der Goliath. „In dieſem Falle, guter Freund“, fuhr Chicot fort, der den großen Mönch freundlich anlächelte,„koͤnnt Ihr in das Kloſter wieder zuruͤckkehren.“ „Ja und ſagt dem Herrn Prior, ich haͤtte mich anders beſonnen und wuͤrde allein reiſen.“ „Ihr nehmt mich alſo nicht mit?“ fragte der Moͤnch mit einem Ausdrucke der Verwunderung, in dem viel von Drohung lag. „Nein, guter Freund, nein.“ „Und warum?“ „Weil ich ſparen muß.. Die Zeiten find ſchlecht und Ihr mußt ſehr viel eſſen.“ Der Rieſe zeigte ſeine drei großen Zaͤhne. „Jacob ißt ebenſo viel als ich.“ „Ja, aber Jacob war ein Moͤnch“ ſagte Chicot. „und was bin ich?“ „Ihr, guter Freund, ſeid ein Lanzknecht und, unter 62 uns geſagt, die heilige Jungfrau, zu der ich geſandt werde, konnte ſich vor Euch fuͤrchten.“ „Was redet Ihr da vom Lanzknechte?“ antwortete der Nieſe.„Ich bin ein Jacobiner; ſeht Ihr das nicht an mei⸗ ner Kleidung?“ „Das Kleid macht nicht den Mann, guter Freund“, erwiederte Chicot,„aber das Schwert macht den Soldaten; ſeid ſo gut und ſagt das dem Bruder Borromaͤus.“ Chicot machte darauf eine Verbeugung vor dem Rie⸗ ſen, der den Ruͤckweg nach dem Kloſter wieder antrat und dabei knurrte wie ein Hund, den man fortjagt. Unſer Reiſender dagegen ließ den verſchwinden, wel⸗ chen man ihmzum Begleiter hatte geben wollen und als er ihn durch die große Kloſterpforte hatte hinein gehen ſehen, verbarg er ſich hinter einer Hecke, zog da ſein Wamms aus und das feine Panzerhemd, das wir ſchon kennen, unter ſein Leinwandhemd. Als dies geſchehen war, ging er querfeldein, um auf die Straße von Charenton zu kommen. Sechſtes Kapitel. Die Guiſen. Am Abende deſſelben Tages, an welchem Chicot nach Navarra abreiſete, finden wir in dem großen Gemache des Palaſtes Guiſe jenen kleinen jungen Mann mit lebhaftem Auge, den wir hinter Carmainges auf deſſen Pferde in die Stadt Paris gelangen ſahen und der, wie wir bereits wiſſen, die Büͤßende des Priors Gorenflot war. — m ——— 63 Diesmal hatte ſie keine Vorſicht gebraucht, ihre Perſon oder ihr Geſchlecht zu verbergen. Die Herzogin von Mont⸗ penſier, die ein elegantes Kleid und in dem Haar Sterne von Evelſteinen trug, wie es damals die Mode verlangte, ſtand in einer Fenſtervertiefung und wartete mit Ungeduld auf Jemanden, der lange ausblieb. Die Schatten begannen dichter zu werden und die Her⸗ zogin erkannte nur noch mit Muͤhe das große Thor des Pa⸗ laſtes, auf welches ihre Augen unverwandt gerichtet waren. Endlich ließ ſich der Schall von Pferdehufen verneh⸗ men und zehn Minuten ſpaͤter meldete ein Diener der Her⸗ zogin geheimnißvoll den Herzog von Mayenne. Die Herzogin eilte ihrem Bruder ſo ſchnell entgegen, daß ſie vergaß auf der Spitze des rechten Fußes zu gehen, wie es ihre Gewohnheit war, wenn es ihr darauf ankam nicht zu hinken. „Allein, Bruder?“ fragte ſie. „Ja, Schweſter“ antwortete der Herzog, indem er ſich ſetzte, nachdem er die Hand der Herzogin gekuͤßt hatte. „Aber Heinrich? Wo iſt Heinrich? Wißt Ihr, daß ihn Jedermann hier erwartet?“ „Heinrich hat in Paris noch nichts zu thun, Schweſter, waͤhrend er dagegen in den Städten Flanderns und der Pi⸗ cardie ſehr beſchaͤftiget iſt. Unſere Arbeit geht langſam und im Dunkel von Statten; wir haben Arbeit dort unten; warum ſollten wir ſie aufgeben, um nach Paris zu kommen, wo Alles ſchon gethan iſt?“ „Ja, aber Alles wird wieder zerfallen, wenn Ihr Euch nicht beeilt.“ 64 „Bäh!“ „Sprecht ſo oft: Bah als Ihr wollt, ich ſage Euch, daß die Bürger mit allen dieſen Gruͤnden ſich nicht mehr begnügen, daß ſie ihren Herzog Heinrich ſehen wollen.“ „Sie werden ihn zu rechter Zeit ſehen. Hat ihnen Maynsville nicht Alles erklart?“ „Allerdings, aber Ihr wißt, ſeine Stimme vermag nicht ſo viel als die Euerige.“ „Erſt das Dringlichſte, Schweſter— und Salesde?“ „Iſt todt.“ „Ohne geſprochen zu haben?“ „Kein Wort hat er geſagt.“ „Gut und die Ruͤſtung?“ „Iſt vollendet.“ „Paris?“ „In ſechszehn Bezirke getheilt.“ „Und jeder Bezirk hat den Fuhrer, den wir bezeichnet haben?“ „So wollen wir doch in Ruhe leben und das moͤchte ich unſern guten Buͤrgern ſagen.“ „Sie werden nicht auf Euch horen. Sie ſind ungedul⸗ dig und eigenfinnig.“ „Schweſter, Ihr beurtheilt die Andern zu ſehr nach Euerer eigenen Ungeduld.“ „Macht Ihr mir daraus im Ernſt einen Vorwurf?“ „Das verhute Gott, aber was mein Bruder Heinrich ſagt, muß ausgefuͤhrt werden und Bruder Heinrich will, Li man ſich in keiner Art ubereile.“ h, hr en ht ch l⸗ h ß 65 „Was iſt da zu thun?“ fragte die Herzogin mit Un⸗ geduld. „Draͤngt etwas, Schweſter?“ „Alles, wenn man will.“ „Womit ſoll Euerer Meinung nach angefangen wer⸗ den?“ „Mit der Gefangennehmung des Koͤnigs.“ „Das iſt Euere ſire Idee.. Ich nenne ſie nicht ſchlecht, wenn ſie ausgefuͤhrt werden könnte, aber einen Plan ent⸗ werfen und ihn ausfuͤhren iſt zweierlei. Bedenkt, wie oft wir ſchon geſcheitert ſind.“ „Die Zeiten haben ſich geaͤndert. Der Koͤnig hat Nie⸗ manden mehr zu ſeiner Vertheidigung.“ „Nur die Schweizer, die Schotten und die franzöſiſchen Garden.“ „Wenn Ihr wolltet, Bruder, wuͤrde ich ihn Euch auf einer Heerſtraße in Begleitung von nur zwei Dienern zeigen.“ „Das hat man mir bereits hundertmal geſagt, 16 habe es aber noch nicht einmal geſehen.“ „Ihr werdet es ſehen, wenn Ihr nur drei Tage in Paris bleibt.“ „Wieder ein Plan?“ „Ein ſicherer.“ „So theilt ihn mir mit.“ „Es iſt ein Frauenplan und Ihr werdet alſo darüber lachen.“ „Gott verhuͤte das.. Laßt den Plan horen.“ „Ihr ſpottet uͤber mich, Mayenne.“ Die Fuͤnfundvierzig. I. 5 66 „Nein, ich hore aufmerkſam zu.“ „Nun mit vier Worten..“ In dieſem Augenblicke hob der Diener die Tapetenthuͤr empor. Beliebt es Ew. Hoheiten Herrn von Mayneville zu empfangen?“ fragte er. „Mein Mitſchuldiger mag eintreten“, ſagte die Her⸗ zogin. Herr von Mahneville trat wirklich ein und kuͤßte dem Herzoge von Mayenne die Hand. „Ein einziges Wort, gnädiger Herr“, ſagte er;„ich komme aus dem Louvre.“ 2„Nun?“ fragten Mayenne und dieHerzogin gleichzeitig. „Man ahnt Euere Ankunft.“ „Wie ſo 2 „Ich ſprach mit dem Befehlshaber des Poſtens von Saint⸗Germain[Auxerrois; da gingen zwei Gascogner vorbei.“ „Kanntet Ihr ſie?“ „Nein, ſie waren gans neu und fremd. Ihr habt da ein prächtiges Wamms, ſagte der eine, aber es wird Euch bei Gelegenheit nicht dieſelben Dienſte leiſten wie Euer Harniſch von geſtern.“ „Bah“, antwortete der Andere,„es iſt ſo feſt, daß ſ elbſt der Degen Mayennes, wollen wir wetten? den Atlas nicht mehr verletzen wird als meinen Harniſch.“ „Darauf erging ſich der Gascogner in Prahlereien, welche verriethen, daß man Euere Naͤhe kennt.“ „und wem gehoͤren dieſe Gascogner an 7“ r⸗ m ich on ner uer lbſt icht ien, 67 „Das weiß ich nicht.“ „Und ſie zogen ſich zuruͤck?“ „O nein; ſie ſprachen ganz laut; man hoͤrte den Na⸗ men Ew. Hoheit; einige der Vorübergehenden blieben ſtehen und fragten, ob Ihr wirklich angekommen waͤret. Sie woll⸗ ten darauf antworten als ploͤtzlich ein Mann zu dem Gas⸗ cogner trat und ihn auf die Achſel ſchlug. Wenn ich mich nicht irre, war dieſer Mann Loignac.“ „Weiter!“ ſagte die Herzogin. „Als ſie einige Worte leiſe gewechſelt hatten, antwor⸗ tete der Gascogner mit einer Geberde des Gehorſams und folgte dem, welcher ihn unterbrochen hatte.“ „Und 2 „So konnte ich nicht mehr erfahren; aber ſeid auf Euerer Hut.“ „Ihr gingt ihnen nach?“ „Ich that es, aber von weitem, weil ich als Kammer⸗ herr Ew. Hoheit erkannt zu werden fuͤrchtete. Sie gingen nach dem Louvre zu und verſchwanden hinter dem Moͤbel⸗ hauſe. Mehrmals aber hoͤrte ich noch Euren Namen nennen.“ „Ich habe ein ſehr einfaches Mittel darauf zu ant⸗ worten“, ſagte der Herzog. „Welches?“ fragte ſeine Schweſter. „Heute Abend dem Koͤnige meine Aufwartung zu machen.“ „Dem Koͤnige?“ „Allerdings.. Ich bin in Paris angekommen und bringe ihm Nachricht von ſeinen guten Städten der Pi⸗ cardie.“ 5* . 8 68 „Das Mittel iſt gut“, ſagte Mayneville. „Aber unklug“, meinte die Herzogin. „Und durchaus noͤthig, Schweſter, wenn man wirklich meine Ankunft in Paris kennt. Uehrigens war auch mein Bruder Heinrich der Meinung, daß ich in Reiſekleidern vor dem Louvre abſteige und dem Konige die Huldigungen der ganzen Familie darbringe. Iſt dieſe Pflicht gethan, ſo bin ich frei und kann empfangen wen ich will.“ „Die Mitglieder des Ausſchuſſes z. B. warten auf Euch.“ Ich werde ſie in dem Palaſte St. Denis nach meiner Ruͤckkunft aus dem Lonvre ſehen“, ſagte Mahenne.„Man führe mir alſo mein Pferd vor, Mayneville, ſo wie es iſt, ohne es zu putzen. Ihr begleitet mich in den Lonvre und Ihr, Schweſter, wartet auf uns.“ „Hier, Bruder?“ „Nein, in dem Palaſt St. Denis, wo ich ſchlafe, wie man glaubt. Nach zwei Stunden werden wir dort ſein.“ Siebentes Kapitel. Im Louvre. Auch an dieſem Tage verließ der Konig ſein Cabinet und ließ Herrn von Epernon rufen. Es mochte Mittag ſein. Der Herzog leiſtete dem Rufe ſchnell Folge und begab ſich zu dem Konige. Er fand denſelben in einem erſten Zimmer, in welchem 69 er aufmerkſam einen Jacobiner⸗Moͤnch betrachtete, welcher unter dem ſcharfen Blicke des Koͤnigs die Augen nieder⸗ ſchlug und erroͤthete. Der Koͤnig nahm Epernon bei Seite. „Herzog“ ſagte er, indem er auf den Jungling deutete, „betrachte einmal dieſe drollige Moͤnchsfigur.“ „Woruͤber wundert ſich Ew. Majeſtat?“ entgegnete Epernon.„Ich finde den Moͤnch ganz gewoͤhnlich.“ „Wirklich?“ Und der Koͤnig verſank in ſein träumeriſches Sinnen. „Wie heißt Du?“ fragte er den Moͤnch. „Bruder Jacob, Sire.“ „Haſt Du keinen andern Namen?“ „Meinen Familiennamen?— Clement.“ „Bruder Jacob Clement“, wiederholte der Konig. „Findet Ew. Maj. nicht auch in dem Namen etwas Seltſames?“ fragte lächelnd der Herzog. Der Koͤnig antwortete nicht. „Du haſt Deinen Auftrag ſehr wohl ausgerichtet“, ſagte er zu dem Moͤnche, ohne die Augen von ihm abzuwenden. „Welchen Auftrag, Sire?“ fragte der Herzog mit der Keckheit, die man ihm zum Vorwurfe machte und die eine Folge des taglichen vertrauten Umganges war. „Nichts“, antwortete Heinrich,„ein kleines Geheim⸗ niß zwiſchen mir und Jemanden, den Du nicht kennſt oder vielmehr nicht mehr kennſt.“ „Sire“, ſagte Epernon,„Ihr ſeht den Juͤngling da wirklich ſonderbar an und bringt ihn in Verlegenheit.“ „Das iſt wahr. Ich weiß nicht, warum meine Blicke 7⁰ von ihm ſich nicht abwenden laſſen; es iſt mir, als haͤtte ich ihn ſchon geſehen oder als würde ich ihn wiederſehen.. Er iſt mir vielleicht einmal im Traume erſchienen. Aber ich rede da unverſtändig“. Geh, kleiner Moͤnch; Dein Auftrag iſt zu Ende. Man wird den Brief dem ſenden, welcher ihn verlangt. Sei Du ruhig, Epernon.“ Sire „Man gebe ihm zehn Thaler.“ „Ich danke“ entgegnete der Moͤnch. „Du ſcheinſt nur halb mit den Lippen gedankt zu ha⸗ ben“, fiel Epernon ein, der nicht begreifen konnte, daß ein Moͤnch zehn Thaler zu verſchmaͤhen ſchien. „Ich habe nur halb mit den Lippen gedankt“, antwor⸗ tete der kleine Jacob,„weil mir einer dieſer ſpaniſchen Dolche lieber waͤre, die da an der Wand haͤngen.“ „Du liebſt das Geld nicht, um die Gaukler zu be⸗ ſuchen?“ fragte Epernon. „Ich habe das Geluͤbde der Armuth und der Keuſch⸗ heit abgelegt“ erwiederte Jacob. „So gieb ihm einen dieſer Dolche und laß ihn gehen, Lavalette“, ſagte der Koͤnig. Der Herzog wählte als Skonomiſcher Mann unter den Dolchen den mindeſt koſtbaren und gab ihn dem kleinen Moͤnche. Es war ein cataloniſcher Dolch mit breiter ſcharfer Klinge in einem Griff von ſchöngeſchnitztem Horne. Jacob nahm ihn hocherfreut über den Beſitz einer ſol⸗ chen Waffe und entfernte ſich. WM 71 Als er ſich entfernt hatte, verſuchte der Herzog noch⸗ mals den Koͤnig auszufragen. „Herzog“, unterbrach ihn der Koͤnig,„haſt Du un⸗ ter Deinen Fuͤnfundvierzig zwei oder drei, welche reiten koͤnnen?“ „Wenigſtens zwoͤlf, Sire, und binnen einem Monate reiten ſie alle.“ „Waͤhle zwei aus und ſchicke ſie ſogleich zu mir.“ Der Herzog verbengte ſich, ging hinaus und rief Loig⸗ nae in das Vorzimmer. Loignac erſchien nach wenigen Secunden. „Loignac“, ſagte der Herzog,„ſchickt mir ſogleich zwei tuͤchtige Reiter; ſie haben einen geheimen Auftrag Sr. Maj. auszufuͤhren.“ Loignar ſchritt raſch uͤber die Galerie und kam bei dem Gebaͤnde an, das wir von nun an die Wohnung der Fuͤnf⸗ undvierzig nennen werden. Hier oͤffnete er die Thuͤr und rief mit gebietender Stimme: „Herr von Carmainges!— Herr von Biran!“ „Herr von Biran iſt ausgegangen“, antwortete die Schildwache. „Ohne Erlaubniß?“ „Er will den Stadttheil kennen lernen, den der Herr Herzog von Epernon ihm dieſen Morgen anempfohlen hat.“ „Sehr wohl. So ruft Herrn von Sainte-Maline.“ Die beiden Namen ertoͤnten unter den Hallen und die beiden Gerufenen erſchienen alsbald. 6 72 „Folgt mir, ihr Herren, zu dem Herrn Herzoge von Epernon“ ſagte Lvignac. Und er führte ſie zu dem Herzoge, welcher Loignac ent⸗ ließ und mit den beiden Männern zu dem Konige ging. Auf einen Wink des Koͤnigs entfernte ſich der Herzog, waͤhrend die beiden jungen Maͤnner blieben. Sie ſtanden zum erſtenmale vor dem Konige und Heinrich hatte etwas Impoſantes. Man ſah ihnen in verſchiedener Weiſe an was ſie empfanden. Sainte⸗Maline ſtand mit blitzendem Auge und mit ſtraffem Fuße da; Carmainges dagegen war bleich, ebenſo entſchloſſen, wenn auch weniger ſtolz und wagte es nicht, den Koͤnig anzuſehen. „Ihr gehoͤrt zu meinen Funfundvierzig?“ fragte der Koͤnig. 3 „Ich habe dieſe Ehre, Sire“, antwortete Sainte⸗ Maline. „Und Ihr, Herr?“ „Ich glaubte, der Herr antworte füͤr uns Beide; nur deshalb blieb ich mit meiner Antwort zuruͤck; ich ſtehe Euch ſo viel wie irgend Jemand in der Welt zu Dienſten.“ „Gut. Steigt zu Pferde und reitet auf die Straße von Tours. Kennt Ihr ſie?“ „Ich werde fragen“, ſagte Sainte⸗Maline. „Ich werde mich zurechtfinden“, ſagte Carmainges. „Zuerſt reitet durch Charenton.“ „Ja, Sire. „Ihr reitet, bis Ihr einen allein gehenden Mann trefft.“ e⸗ ch inn 73 „Will Ew. Maj. uns denſelben beſchreiben?“ fragte Sainte⸗Maline. „Er hat einen großen Degen an der Seite oder auf dem Ruͤcken, lange Arme und lange Beine.“ „Duͤrfen wir ſeinen Namen kennen, Sire 7“ fragte Ernauton von Carmainges, dem das Beiſpiel ſeines Ge⸗ fährten veranlaßte trotz der Etikette den Koͤnig zu fragen. „Er heißt der Schatten“, antwortete Heinrich. „Wir werden alle Reiſende fragen, die wirtreffen, Sire.“ „Und in allen Wirthshaͤuſern ſuchen.“ „Habt Ihr den Mann gefunden und erkannt, ſo uber⸗ gebt ihm dieſen Brief.“ Die beiden jungen Männer ſtreckten gleichzeitig die Hand aus. Der Konig ſtand einen Augenblick verlegen da. „Wie heißt Ihr?“ fragte er den einen. „Ernauton von Carmainges“, antwortete derſelbe. „Und Ihr?“ „Rent von Sainte⸗Maline.“ „Herr von Carmainges, Ihr werdet den Brief tragen und Herr von Sainte⸗Maline wird ihn ubergeben.“ Ernauton nahm das Schreiben und wollte es in ſein Wamms ſtecken. Sainte⸗Maline hielt aber den Arm des Begleiters in dem Augenblicke zurück als der Brief ver⸗ ſchwinden ſollte und küßte ehrerbietig das Siegel. Dann gab er das Schreiben an Ernauton zurück. Heinrich III. lächelte und ſagte: „Ich ſehe, daß ich gut werde bedient werden.“ „Iſt dies Alles, Sire?“ fragte Ernauton. 74 „Ja, nur noch eine Empfehlung.“ Die beiden jungen Maͤnner verbeugten ſich und war⸗ teten. „Dieſes Schreiben“, ſagte Heinrich,„iſt koſtbarer als ein Menſchenleben. Bei Euerm Kopfe, verliert es nicht, uͤbergebt es geheim dem Schatten, der Euch einen Em⸗ pfangsſchein geben wird, welchen Ihr mir uͤberbringt und beſonders reiſet als Leute, die in eigenen Angelegenheiten unterweges ſind. Geht!“ Die beiden jungen Maͤnner verließen das Zimmer des Koͤnigs, Ernauton erfreut, Sainte⸗Maline voll Neid, der eine mit blitzenden Augen, der andere mit gierigem Blicke, der ſich von dem Wamms des Gefaͤhrten nicht abwandte. Herr von Epernon erwartete ſie und wollte ſie aus⸗ fragen. „Herr Herzog“, antwortete Ernauton,„der Koͤnig hat uns nicht erlaubt zu ſprechen.“ Sie begaben ſich ſofort in die Ställe, wo ihnen der Piqueur des Koͤnigs zwei kraͤftige Pferde überwies. Epernon wäre ihnen gewiß gefolgt, um noch mehr zu erfahren, wenn man ihm nicht in demſelben Augenblicke, als Carmainges und Sainte⸗Maline ihn verließen, ge⸗ meldet haͤtte, daß ein Mann ſogleich und um jeden Preis mit ihm zu ſprechen verlange. „Welcher Mann?“ fragte der Herzog ungeduldig. Man bezeichnete ihm die Wuͤrde des Angemeldeten. „Bin ich ein Schoͤffe?“ entgegnete er. „Nein, gnaͤdiger Herr, aber Ihr ſeid ein Freund des Koͤ⸗ nigs“, antwortete eine demuͤthige Stimme zu ſeiner Linken. —— r — V 75 „Als ſolcher, ich beſchwoͤre Euch, hoͤrt mich an.“ Der Herzog drehete ſich um. Neben ihm ſtand, den Hut in der Hand, de⸗ und weh⸗ muͤthig, ein armer Bittſteller, der jeden Augenblick die Farbe wechſelte. „Wer ſeid Ihr?“ fuhr ihn der Herzog barſch an. „Nicolaus Poulain, Euch zu dienen, gnaͤdiger Herr.“ „Und Ihr wollt mit mir ſprechen?“ „Ich bitte um dieſe Gnade.“ „Ich habe keine Zeit.“ „Auch nicht, um ein Geheimniß zu vernehmen, gnaͤdi⸗ ger Herr?“ „Ich hoͤre taͤglich hundert Geheimniſſe; das Euerige wird eines zu viel ſein.“ „Selbſt wenn es das Leben Sr. Maj. betrifft?“ fragte Nicolaus Poulain, indem er ſich nach dem Ohre Epernon's neigte. „In dieſem Falle hoͤre ich Euch an. Tretet mit mir in mein Cabinet.“ Nicolaus trocknete den Schweiß von ſeiner Stirn und folgte dem Herzoge. Achtes Kapitel. 3 Die Enthullung. Epernon wendete ſich, indem er durch ſein Vorzimmer ging, an einen der Edelleute, die ſich da aufhielten. „Wie heißt Ihr, Herr?“ fragte er ein unbekanntes Geſicht. 76 „Pertinar von Monterabeau, gnädiger Herr“, ant⸗ wortete der Gefragte. „So ſtellt Euch, Herr von Montecrabeau, an meine Thuͤr und laſſet Niemanden eintreten.“ „Sehr wohl, Herr Herzog.“ „Niemanden, verſtanden?“ „Vollkommen.“ Pertinar, der praͤchtig gekleidet war und den Stutzer ſpielte mit orangenfarbigen Struͤmpfen und einem Wamms von blauem Atlas, gehorchte dem Befehle Epernons. Er lehnte ſich an die Wand und ſchlug die Arme uͤber der Bruſt zuſammen. Nicolaus Poulain folgte dem Herzoge, der in ſein Cabinet trat. Er ſah die Thuͤr ſich oͤffnen und ſich wieder ſchließen, dann den Vorhang vor der Thuͤr niederfallen und fing nun an ernſtlich zu zittern. „Nun laßt Euere Verſchwoͤrung hoͤren“, ſagte Eper⸗ non trocken,„aber daß ſie gut iſt, denn ich hatte heute viel Angenehmes vor und wehe Euch, wenn ich die Zeit mit Euch verliere.“ „Herr Herzog“, ſagte Nicolaus Poulain,„es handelt ſich um die entſetzlichſte Schandthat.“ „Nennt die Schandthat.“ „Herr Herzog..“ „Man will mich ermorden, nicht wahr?“ unterbrach ihn Epernon, indem er ſich ſteif hinſtellte.„Mein Leben gehoͤrt Gott und dem Koͤnige; man nehme es.“ „Von Euch iſt nicht die Rede, gnaͤdiger Herr.“ „Das wundert mich.“ f nt⸗ ine zer ms Er ein nd iel nit elt ach 77 „Es handelt ſich um den Koͤnig. Man will ihn auf⸗ heben und entfuͤhren, Herr Herzog.“ „Wieder die alte Entfuͤhrungsgeſchichte!“ fiel Eper⸗ non verachtlich ein. „Diesmal iſt die Sache ziemlich ernſthaft, Herr Her⸗ zog, wenn ich dem Anſcheine traue.“ „Und an welchem Tage will man Se. Majeſtaät ent⸗ führen?“ „Sobald Se. Majeſtät ſich nach Vincennes begiebt.“ „Wie will man ihn entfuͤhren?“ „Indem man ſeine beiden Piqueurs todtet. 4. „Wer will es unternehmen?“ „Die Herzogin von Montpenſier.“ Epernon lachte. „Was ſchreibt man der armen Herzogin nicht Alles zu!“ ſagte er. „Weniger als ſie vor hat, gnädiger Herr.“ „Und ſie beſchaͤftiget ſich damit in Soiſſons?“ „Die Frau Herzogin iſt in Paris.“ „In Paris?“ „Ich buͤrge Ew. Gnaden dafuͤr.“ „Habt Ihr ſie geſehen?“ „Ja.“ „Das heißt Ihr habt geglaubt ſie zu ſehen.“ „Ich habe die Ehre gehabt mit ihr zu ſprechen.“ „Die Ehre?“ „Das Ungluͤck, wollte ich ſagen.“ „Jedenfalls wird nicht die ie den Koͤnig ent⸗ füͤhren wollen.“ 78 „Verzeiht, gnaͤdiger Herr.“ „Sie ſelbſt?“ „In Perſon, mit ihren Getreuen natuͤrlich.“ „Und wohin wird ſie ſich ſtellen, um dieſe Entfuͤhrung zu leiten?“ „An ein Fenſter im Jacobinerkloſter, das wie Ihr wißt an der Straße nach Vincennes liegt.“ „Welches Maͤhrchen erzählt Ihr mir da!“ „Kein Maͤhrchen, gnaͤdiger Herr, ſondern die Wahr⸗ heit. Alle Maßregeln ſind getroffen, damit der Konig in dem Augenblicke angehalten werde, wenn er dem Kloſter gegenuͤber erſcheint.“ „Und wer hat dieſe Maßregeln angeordnet?“ „Ach!“ „So redet doch!“ „Ich, gnaͤdiger Herr.“ Epernon trat ſchnell einen Schritt zuruͤck. „Ihr?“ fragte er. Poulain ſeufzete. „Ihr klagt Euch alſo ſelbſt an?“ fuhr Epernon fort. „Gnaͤdiger Herr“, ſprach Poulain,„ein guter Diener muß Alles wagen.“ „Nun, Ihr wagt den Strick.“ „Ich ziehe der Erniederung oder dem Tode des Kö⸗ nigs meinen eigenen Tod vor und deshalb bin ich ge⸗ kommen.“ „Das ſind gute Geſinnungen und es gehoͤren gewich⸗ tige Gruͤnde dazu, ſie zu haben.“ „Ich glaubte, gnädiger Herr, daß Ihr der Freund des n r in ſter 79 Konigs waͤret, daß Ihr mich nicht verrathen, aber die Ent⸗ deckung, die ich Euch mache, zu Aller Wohl benutzen wuͤrdet.“ Der Herzog ſah Nicolaus Poulain lange forſchend an. „Es muß darin noch etwas Anderes liegen“ ſagte er; „die Herzogin wurde allein ein ſolches Unternehmen nicht wagen, wie entſchloſſen ſie auch iſt.“ „Sie erwartet ihren Bruder“, antwortete Nicolaus Poulain. „Den Herzog Heinrich?“ fragte Epernon ſo entſetzt als waͤre von dem Herankommen eines Löwen die Rede. „Nicht den Herzog Heinrich, gnädigſter Herr, nur den Herzog von Mayenne.“ „Ach ſo“, entgegnete Epernon, der leichter athmete; „aber man muß doch uber dieſe ſchonen Pläne nachdenken.“ „Gewiß, gnaͤdiger Herr“, meinte Poulain,„und des⸗ halb beeilte ich mich.“ „Wenn Ihr die Wahrheit geſprochen habt, werdet Ihr belohnt werden.“ „Warum ſollte ich lügen, gnädiger Herr? Ich eſſe das Brod des Königs, welhes Intereſſe habe ich alſo? Ihm bin ich meine Dienſte ſchuldig. Ich gehe alſo ſicherlich bis zum Konige, wenn Ihr mir nicht glaubt und will ſterben, wenn ich damit meine Ausſage beweiſen ſoll.“ „Nein, Ihr werdet nicht zum Konige gehen, hort Ihr? MWit mir allein habt Ihr es zu thun.“ „Sehr wohl, gnaͤdiger Herr; ich ſagte es auch nur, weil Ihr zu zogern ſcheint.“ 8⁰ „Nein ich zogere nicht und ich bin Euch vor allem kau⸗ ſend Thaler ſchuldig.“ „Ihr wuͤnſchet alſo, gnädiger Herr, daß ich das Ge⸗ heimniß nur Euch mittheile?“ „Ja, und ich behalte es fuͤr mich. Ihr tretet mir es ab, nicht wahr?“ „Ja, gnaͤdiger Herr.“ „Mit der Buͤrgſchaft, daß es ein wahres Geheimniß iſt?“ „Mit jeder Buͤrgſchaft.“ „Ihr ſeid alſo mit tauſend Thalern zufrieden, unge⸗ rechnet das Zukuͤnftige?“ „Ich habe eine Familie.“ „Nun wohl, tauſend Thaler.“ „Wenn man in Lothringen wüßte, daß ich eine ſolche Enthuͤllung gemacht habe, wuͤrde mich jedes Wort, das ich geſprochen, ein Noͤſel Blut koſten.“ „Armer Mann!“ —„Meine Familie muß alſo leben koͤnnen, wenn mir ein Ungluͤck zuſtoßen ſollte und deshalb nehme ich die tauſend Thaler an.“ „Sobald Ihr das Geld nicht zuruͤckweiſet, iſt mir es gleichgiltig, was Ihr damit anfangt. Die tauſend Thaler find Euer.“ Da Poulain den Herzog nich einer Geldkaſſe hingehen und in dieſelbe hineingreifen ſah, ſo trat er hinter ihn; der Herzog nahm aber nur ein kleines Buch heraus, in das er mit großen haͤßlichen Buchſtaben ſchrieb: „Dreitauſend Livres an Herrn Nicolaus Poulain.“ . che ich in nd 81 Man wußte darnach nicht, ob er dieſe Summe gege⸗ ben habe oder ob er ſie ſchuldig ſei. „Es iſt ſo gut, als haͤttet Ihr das Geld ſchon.“ Poulain, der die Hand bereits ausgeſtreckt hatte, zog ſie wieder zuruͤck. „Ihr werdet mir weitere Mittheilungen machen?“ fragte der Herzog. Poulain zögerte, denn man wollte ihn zum Spion machen. „Nun“ fragte der Herzog,„iſt dieſe große Ergeben⸗ heit ſchon erſchoͤpft?“ „Nein, gnaͤdiger Herr.“ „So kann ich auf Euch zählen?“ Poulain kämpfte mit ſich und antwortete dann:„Ihr koͤnnt auf mich zählen.“ „Und ich allein weiß Alles?“ „Ihr allein, ja, gnaͤdiger Herr.“ „So geht und Herr von Mayenne moͤge ſich vorſehen.“ Er ſprach dieſe Worte, indem er den Thürvorhang aufhob, damit Poulain hinausgehe. Als er dieſen durch das Vorzimmer hatte gehen ſehen, begab er ſich ſchnell wie⸗ der zu dem Koͤnige. Dieſer hatte mit den Hunden geſpielt und unterhielt ſich mit einem andern Spiele. Epernon nahm eine ſorgenvolle Miene an, die der Ko⸗ nig aber nicht bemerkte. Da aber Epernon nicht ſprach, richtete Heinrich den Kopf empor und ſah ihn an. „Nun“, ſagte er,„was haben wir wieder, Lavalette? Biſt Du geſtorben?“ Die Fuͤnfundvierzig. II. 6 82 „Ich wollte ich waͤre todt, Sire“, antwortete Eper⸗ non;„dann ſaͤhe ich nicht, was ich ſehe.“ „Was? Mein Spiel da?“ „Sire, bei großen Gefahren kann ein Unterthan ier die Sicherheit ſeines Gebieters beſorgt ſein.“ „Wieder Gefahren? Hol'Dich der Schwarze, Herzog!“ „Wißt Ihr wirklich nicht was geſchieht?“ fragte der Herzog. „Vielleicht“, ſagte der Knig. „Eure ſchlimmſten Feinde haben Euch in dieſem Au⸗ genblicke umringt.“ „Wer denn?“ „Zuerſt die Herzogin von Montpenſier.“ „Es iſt wahr; ſie ſah geſtern den Saleode hinrichten.“ „Wie Ihr das ſo ruhig erzählt!“ „Was geht es mich an?“ „Ihr wußtet es alſo?“ „Ich erzaͤhle Dir es ja.“ „Wußtet Ihr auch, daß Herr von Mahenne ankommt?“ „Seit geſtern Abend.“ „Mein Geheimniß!“ dachte der Herzog in Verzweif⸗ lung. „Giebt es Geheimniſſe fuͤr einen Koͤnig?“ fragte Heinrich nachläͤſſig. „Aber wer konnte Euch davon Nachricht geben?“ „Du weißt, daß wir Fuͤrſten Offenbarungen haben.“ „Oder eine Polizei.“ „Das iſt einerlei.“ er 1 er 83 „Ihr habt Euere Polizei und ſagt nichts davon?“ ent⸗ gegnete Epernon verletzt. „Wer ſoll mich lieben, wenn ich es nicht thue?“ „Ihr beleidiget mich, Sire.“ „Wenn Du auch den guten Willen haſt, Lavalette, was eine große Tugend iſt, ſo biſt Du doch langſam und das iſt ein großer Fehler. Deine Neuigkeit wurde geſtern um vier Uhr ganz gut geweſen ſein, aber heute..“ „Nun heute, Sire?“ „Kommt ſie zu ſpät.“ „Oder vielmehr zu bald, weil ich Euch nicht geneigt finde mich anzuhoren.“ „Ich hoͤre Dich bereits ſeit einer Stunde an.“ „Ihr ſeid bedrohet, man legt Euch Hinterhalte und Ihr bleibt ganz ruhig?“ Warum nicht, da Du mir eine Leibwache gegeben und erſt geſtern behauptet haſt, meine Unſterblichkeit ſei geſichert? Du runzelſt die Stirn. Sind Deine Fünfund⸗ vierzig nach der Gascogne zuruͤckgekehrt oder tangen ſie nichts mehr? Geht es mit ihnen wie mit den Maulthieren? An dem Tage, wann man ſie verſucht, ſind ſie Feuer und Flammen, ſobald man ſie gekauft hat, werden ſie ſtörriſch.“ „Ew. Maj. wird ſehen, was Ihr an den Leuten habt.“ „Und werde ich das bald ſehen?“ „Fruͤher vielleicht als Ihr es glaubt, Sire.“ „Duwillſt mich aͤngſtlich machen.“ „Ihr werdet ſehen, Sire. Wann geht Ihr auf's Land?“ „Naͤchſten Sonnabend.“ „Nach drei Tagen alſo?“ 6* 84 „Nach drei Tagen.“ „Das gnuͤgt, Sire.“ Epernon verbeugte ſich und ging hinaus. Im Vorzimmer bemerkte er, daß er vergeſſen hatte, Herrn Pertinar zu entlaſſen, aber Pertinar hatte ſich ſelbſt entlaſſen. 2 Neuntes Kapitel. Zwei Freunde. Jetzt wollen wir den beiden jungen Maͤnnern folgen, welche der Koͤnig, der ſich freute, ſeine kleinen Geheimniſſe fur ſich zu haben, ſeinem Boten Chicot nachſchickte. Kaum hatten ſich Ernauton und Sainte-Maline zu Pferde geſetzt, ſo erdruckten ſie einander faſt im Thore, da keiner den andern vorauslaſſen wollte. Ihre Pferde gingen nebeneinander und drangten die Knie der Reiter zuſammen. Sainte⸗Maline errothete, Ernauton erblaßte. „Ihr habt mir weh gethan“, ſagte der erſtere als ſie das Thor hinter ſich hatten;„wollet Ihr mich erbrücken?“ „Ihr thatet mir auch weh“, antwortete Ernauton, „aber ich beklage mich nicht.“ „Ihr wollet mir wohl gar gute Lehren geben?“ „Ich habe keine Luſt Euch irgend etwas zu geben.“ „Wiederholt mir doch dieſe Worte noch einmal“, ſagte Sainte⸗Maline, der ſein Pferd zur Seite drangte, um leiſer ſprechen zu können. „Wozu das?“ „Weil ich ſie nicht verſtanden habe.“ 85 „Ihr ſucht Streit mit mir, nicht wahr?“ entgegnete Ernauton phlegmatiſch. „Warum ſollte ich Streit mit Euch ſuchen? Kenne ich Euch denn?“ erwiederte Sainte⸗Maline veraͤchtlich. „Ihr kennt mich ſehr wohl“, ſagte Ernauton;„erſtlich weil dort, von wo wir kommen, mein Haus nur zwei Stun⸗ den von dem Euerigen entfernt iſt und ich im Lande bekannt bin, weil ich aus alter Familie ſtamme; dann weil Ihr aͤrgerlich daruͤber ſeid, mich in Paris zu ſehen, waͤhrend Ihr allein berufen worden zu ſein glaubtet; endlich weil mir der Koͤnig den Brief anvertraut hat.“ „Es ſei“, entgegnete Sainte⸗Maline, bleich vor Wuth, „ich will Alles das fuͤr wahr gelten laſſen. Daraus geht aber hervor..“ „Was?“ „Daß ich mich nicht wohl neben Euch befinde.“ „So entfernt Euch, wenn Ihr wollt; ich halte Euch nicht zuruͤck.“ „Ihr ſtellt Euch als verſtandet Ihr mich nicht.“ „Im Gegentheil, ich verſtehe Euch ſehr wohl.. Ihr naͤhmet mir gern den Brief ab, um ihn ſelbſtzu tragen; leider geht das nicht ſo ſchnell, denn Ihr mußtet mich erſt umbringen.“ „Wer ſagt Euch, daß ich nicht Luſt dazu hatte?“ „Luſt haben und ausfuhren iſt zweierlei.“ „Kommt mit mir nur an den Rand des Waſſers und Ihr werdet ſehen, daß Wollen und Thun nur eins iſt. „Werther Herr, wenn mir der Koͤnig einen Brief an⸗ vertrant..“ 86 „Nun?“ „So behalte ich ihn und bringe ihn dahin, wohin er gebracht werden ſoll.“ „Ich werde ihn Euch mit Gewalt entreißen, Ihr ein⸗ gebildeter Narr.“ „Ihr werdet mich hoffentlich nicht in die Verlegenheit verſetzen, Euch den Kopf einzuſchlagen wie einem tollen Hunde.“ Ih „Allerdings; ich habe da ein großes Piſtol bei mir und Ihr habt keins.“ „Dafuͤr ſollſt Du mir buͤßen!“ ſagte Sainte⸗Maline, indem er von dem Gegner hinwegritt. „Ich hoffe es, nachdem der Auftrag ausgefuhrt iſt.“ „Schelm!“ „Fuͤr den Augenblick haltet an Euch, ich bitte darum, Herr von Sainte-Maline, denn wir haben die Ehre, im Dienſte des Koͤnigs zu ſtehen und wuͤrden eine ſchlechte Meinung von dem Hauſe geben, wenn wir Veranlaſſung zu einem Volksauflaufe wären. Und dann bedenkt, welcher Triumph es fur die Feinde des Koͤnigs ſein wuͤrde, wenn ſie Zwieſpalt unter den Vertheidigern des Thrones ſähen.“ Sainte⸗Maline biß in ſeinen Handſchuh. „Nun, nun“ fuhr Ernauton fort,„ſchont Euere Haͤnde, damit Ihr zu rechter Zeit den Degen halten koͤnnt.“ „Ich ertrage es nicht und komme um!“ rief Sainte⸗ Maline aus. „So bleibt mir nichts zu thun ubrig“ entgegnete Er⸗ nauton. ie 87 Es laͤßt ſich nicht errathen, wie hoch der immer wach⸗ ſende Zorn Sainte⸗Maline's geſtiegen ſein wuͤrde, als Er⸗ nauton einen Tragſeſſel in der Straße St. Antoine erblickte, einen Ausruf des Erſtaunens ausſtieß und ſein Pferd an⸗ hielt, um eine halbverſchleierte Dame zu betrachten. „Mein Page von geſtern!“ flͤſterte er. Die Dame ſchien ihn nicht zu erkennen und kam vor⸗ uͤber ohne mit den Wimpern zu zucken; doch legte ſie ſich mehr zuruͤck. „Gott's Blut!“ rief Sainte⸗Maline;„ich glaube, Ihr laßt mich warten, um nach Weibern zu ſehen.“ „Ich bitte Euch um Entſchuldigung“, ſagte Ernauton, indem er weiter ritt. Die jungen Maͤnner ritten von dieſem Augenblicke an im ſcharfen Trabe durch die Straße der Vorſtadt Marceau und ſprachen nicht mehr miteinander. Sainte⸗Maline ſchien aͤußerlich ziemlich ruhig zu ſein, aber ſeine Muskeln zuckten vor Wuth. Ueberdies hatte er erkannt— und war dadurch, wie man leicht einſieht, nicht milder geſtimmt worden— daß er, ein ſo guter Reiter er auch war, in einem gegebenen Falle Ernauton nicht wurde folgen koͤnnen, daß ſein Pferd um vieles ſchlechter war als das ſeines Gefaͤhrten und be⸗ reits ſtark ſchwitzte. Dies beſchaͤftigte ſeine Gedanken ſehr und um ſich zu überzeugen, was er mit ſeinem Pferde machen konnte, trieb er es mit der Reitpeitſche und den Sporen an. Dies fuͤhrte einen Kampfzwiſchen ihm und dem Pferde herbei. Dieſes war nicht gelaſſen wie Ernauton, ſondern 88 machte kurzen Prozeß, den der Reiter verlor. Es ſprang zuerſt bei Seite, dann bäumte es ſich und endlich bei Bievre entledigte es ſich des Reiters, indem es mit ihm bis in den Fluß rollte, wo ſie ſich trennten. Die Fluͤche Sainte⸗Maline's haͤtte man eine Stunde weit hören können, ob ſie gleich durch das Waſſer halb er⸗ ſtickt wurden. Als er wieder auf die Beine kam, traten ihm die Augen faſt aus dem Kopfe heraus und einige Bluts⸗ tropfen rannen von der geſchundenen Stirn über das Geſicht. Sainte⸗Maline ſah ſich um; ſein Pferd war bereits am Ufer wieder hinaufgeſtiegen und man erblickte nur noch ſeinen Hintertheil, ſo daß man mit Recht ſchließen konnte, es habe den Kopf nach dem Louvre zu gewendet. Sainte⸗Maline, der mit Schmuz bedeckt, bis auf die Haut durchnaͤßt, voller Beulen war und blutete, ſah die Unmöglichkeit ein, ſein Pferd wieder zu fangen; ſchon der Verſuch wäre laͤcherlich geweſen. Da fielen ihm die Worte wieder ein, welche er gegen Ernauton geſprochen hatte; da er in der Straße St. An⸗ toine keine Secunde auf ſeinen Gefaͤhrten hatte warten wollen, warum ſollte dieſer die Gefälligkeit haben, ein Paar Stunden auf der Straße zu warten? Dieſer Gedanke brachte Sainte⸗Maline von dem Zorne zur heftigſten Verzweiflung, zumal als er von dem tie⸗ fen Flußufer aus Ernauton dem Pferde beide Sporen ge⸗ ben und auf einem Feldwege hinreiten ſah, der wahrſchein⸗ lich kuͤrzer war. Bei den wahrhaft zornigen Leuten iſt der Culmina⸗ tionspunkt des Zornes ein Blitz des Wahnſinnes. Einige —— — M 89 gelangen bis zum Wahnſinn und zur Tobſucht, andere bis zum volligen Darniederliegen der Körper⸗ und Geiſteskraft. Sainte⸗Maline zog mechaniſch ſeinen Dolch und einen Augenblick hatte er die Abſicht, denſelben ſich bis al d Heft in die Bruſt zu ſtoßen. Was er dabei litt, könute Niemand ſagen, er ſelbſt nicht. Man ſtirbt in einer ſolchen Criſis oder, wenn man ſie überlebt, wird man um zehn Jahre aͤlter. Er ſtieg am Ufer hinauf und half ſich mit den Händen und Knien bis er oben angekommen war. Da blickte er wirr auf die Straße hin, auf der nichts mehr zu ſehen war. Rechts war Ernauton verſchwunden und ruckwärts ſein Pferd. Waͤhrend Sainte⸗Maline in ſeinem erbitterten Geiſte ſich mit tauſend ſchwarzen Gedanken trug, hoͤrte er den Galopp eines Pferdes und ſah auf dem Wege rechts, auf welchem Ernauton hingeritten ſein mußte, ein Pferd und einen Reiter herankommen. Der Reiter hielt ein anderes Pferd am Zügel. Es war dies die Folge des Galopps des Herrn von Carmainges, der querfeldein geritten war, weil er wohl wußte, daß er das ledige Pferd nur ſchneller vor ſich her⸗ getrieben haben wurde, wenn er es verfolgt hätte. Er ſuchte ihm deshalb entgegenzukommen. Bei dem Anblicke ſeines Pferdes floß das Herz Saint⸗ Malines von Freude über; er fühlte Dankbarkeit und ſein Blick erhielt etwas Mildes; aber plotzlich verduſterte ſich ſein Geſicht wieder; er hatte die Ueberlegenheit Ernau⸗ ton's erkannt und geſtand ſich, daß er in gleichem Falle 90 gar nicht einmal daran gedacht haben wurde, wie er zu handeln. Das edele Benehmen druͤckte ihn nieder. Er ſtam⸗ melte ſeinen Dank, auf den Ernauton nicht achtete, griff haſtig nach dem Zuͤgel ſeines Pferdes und ſchwang ſich trotz ſeinem Schmerz wieder in den Sattel. Ernauton ritt im Schritt voraus, ohne ein Wort zu ſagen und ſtreichelte ſein Pferd. Sainte⸗Maline war, wie bereits erwaͤhnt, ein vor⸗ trefflicher Reiter; nach kurzem Kampfe, in dem er diesmal ſiegte, hatte er ſein Pferd voͤllig uͤberwaͤltiget und trieb es zum Trabe an. „Ich danke Euch“, ſagte er zum zweitenmale zu Er⸗ nauton, nachdem er lange mit ſeinem Stolze zu Rathe ge⸗ gangen war, ob er dieſe Worte wagen duͤrfe. Ernauton verneigte ſich blos und legte die Hand an ſeinen Hut. Dem ungeduldigen Sainte⸗Maline kam der Weg ſehr lang vor. Ungefähr gegen halb drei Uhr bemerkten ſie einen Mann, der in Begleitung eines Hundes auf der Straße hinging. Er war groß und hatte einen Degen an der Seite. Chicot war es nicht, aber er hatte Arme und Beine, die Chicot's wuͤrdig waren. Sainte⸗Maline, der ganz beſchmuzt war, konnte nicht an ſich halten; er ſah, daß Ernauton an dem Manne vor⸗ uͤber ritt und auf denſelben gar nicht achtete. Er hoffte, en ße te. die or⸗ fte, 9¹ ſeinen Begleiter auf einem Mangel an Aufmerkſamkeit zu betreffen, ritt alſo dicht an den Mann und redete ihn an. „Reiſender“, fragte er,„erwartet Ihr nicht Etwas?“ Der Reiſende blickte Sainte⸗Maline an, der allerdings jetzt nicht eben anmuthig ausſah. Das von dem Zorne noch verzerrte Geſicht, der Schmuz an ſeinem Anzuge, das Blut in ſeinem Geſichte, die dicken zuſammengezogenen Augenbrauen, die Hand, die er fieberhaft mit einer mehr drohenden als fragenden Geberde ausſtreckte, Alles kam dem Wanderer verdaͤchtig und unheimlich vor. Wenn ich Etwas erwarte“ ſagte er,„ſo iſt es doch nicht Jemand und wenn ich Jemanden erwarte, ſo ſeid Ihr es gewiß nicht.“ „Ihr ſeid grob, Mann“, ſagte Sainte-Maline, der mit Freuden endlich eine Gelegenheit fand, ſeinem Zorne die Zügel ſchießen zu laſſen und uͤberdies wüͤthend darüber war, daß er ſich geirrt und ſeinem Gegner einen neuen Triumph bereitet hatte. Waͤhrend er ſprach, holte er mit der Reitgerte aus, um nach dem Wanderer zu ſchlagen; dieſer aber erhob ſeinen Wanderſtab, gab damit Sainte⸗Maline einen tüchtigen Schlag und pfiff dann ſeinem Hunde, der das Pferd und den Reiter in die Beine biß und dem Kr wie dem zweiten ein Stuͤck Fleiſch abriß. Das von dem Schmerze 6 Pferd ſchoß zum zweitenmale auf der Straße dahin, wenn ſich Sainte⸗ ₰ line diesmal auch feſt im Sattel hielt. Er jagte ſo an Ernauton voruh uber den Unfall laͤchelte. der nicht einmal 92 Als er endlich ſein Pferd wieder beſänftiget und Car⸗ mainges ihn erreicht hatte, fing er an, ſeinen Stolz mehr zu beherrſchen. „Nun“, ſagte er und er verſuchte zu laͤcheln,„ich habe heute, wie es ſcheint, einen Ungluͤckstag. Der Mann ſah doch ganz ſo aus, wie Se. Maj. den geſchildert hat, mit welchem wir zu thun haben ſollen.“ Ernauton ſchwieg. „Ich rede mit Euch“, ſagte Sainte-Maline, den die Kaltbluͤtigkeit erbitterte, welche er mit Recht fuͤr einen Beweis von Geringſchätzung anſah und der er ein Ende machen wollte, ſollte es ihm auch das Leden koſten.„Ich rede mit Euch, hoͤrt Ihr nicht?“ „Der Mann, welchen Se. Maj. uns bezeichnet hat“, antwortete Ernauton,„hatte keinen Stock und keinen Hund.“ „Allerdings“, ſagte Sainte-Maline,„und wenn ich das bedacht haͤtte, wuͤrde ich einen braunen Fleck an der Schulter und eine Wunde weniger an der Wade haben. Es hat doch ſein Gutes, ruhig und bedächtig zu ſein, wie ich ſehe.“ Ernauton antwortete nicht; er richtete ſich aber in den Steigbuͤgeln empor, hielt die Hand über die Augen und ſagte: „Da unten wartet der, welchen wir ſuchen, auf uns.“ „Die Peſt!“ murmelte Sainte-Maline, neidiſch über dieſen neuen Vortheil ſeines Begleiters;„Ihr habt ein gutes Auge. Ich ſehe nichts als einen ſchwarzen Punkt und den kaum.“ hr be h it in kt 93 Ernauton ritt ohne zu antworten weiter und bald konnte auch Sainte-Maline den vom Koͤnige bezeichneten Mann ſehen und erkennen. Er trieb ſein Pferd an, um ihn zuerſt zu erreichen. Ernauton erwartete das und ſah ihn ohne Drohung und ohne erkennbare Abſicht an. Dieſer Blick brachte Sainte⸗Maline wieder zu ſich ſelbſt und er ließ ſein Pferd im Schritt gehen. Zehntes Kapitel. Sainte⸗Maline. Ernauton hatte ſich nicht geirrt; der bezeichnete Mann war allerdings Chicot. Auch er beſaß ein gutes Gehoͤr und Geſicht; er hatte die Reiter von weitem geſehen und geahnt, daß ſie ihn auf⸗ ſuchten. Deshalb wartete er. Als kein Zweifel mehr daruber beſtehen konnte und er ſah, daß die beiden Reiter auf ihn zu kamen, legte er ohne Affectation die Hand auf den Degengriff, gleichſam als wollte er eine edele Haltung annehmen. Ernauton und Sainte⸗Maline ſahen einander eine Secunde ſchweigend an. „Sprecht Ihr, wenn Ihr wollt“ ſagte Ernauton mit einer Verbeugung zu ſeinem Gegner, denn das Wort „Gegner“ duͤrfte paſſender ſein als„Begleiter“. Sainte⸗Maline erſtickte faſt; dieſe unerwartete Artig⸗ keit ſchnürte ihm die Kehle zuſammen; er antwortete nicht und ließ den Kopf ſinken. Ernauton nahm deshalb das Wort. „Herr“ ſagte er zu Chicot,„wir, der Herr da und ich, ſind Euere Diener.“ Chicot gruͤßte mit dem anmuthigſten Lächeln. „Wuͤrdet Ihr es für zudringlich halten“, fuhr der junge Mann fort,„wenn ich nach Euerm Namen fragte?“ „Ich heiße der Schatten, Herr“, antwortete Chicot. „Und Ihr erwartet Etwas?“ „Ja. „Und Ihr ſeid wohl ſo gefaͤllig mir zu ſagen, was Ihr erwartet, nicht wahr?“ „Ich erwarte einen Brief.“ „Ihr begreift unſere Neugierde, die für Euch nichts Beleidigendes hat.“ Chicot verbeugte ſich immer und ſein Lächeln wurde immer freundlicher. „Von wo erwartet Ihr den Brief?“ fuhr Ernauton fort. „Aus dem Louvre.“ „Unter welchem Siegel?“ „Unter dem koniglichen Siegel.“ Ernauton griff in ſeinen Buſen. „Ihr wuͤrdet jenen Brief ohne Zweifel erkennen?“ „Jd, wenn ich ihn ſaͤhe.“ Ernauton zog den Brief heraus. „Das iſt er“, ſagte Chicot,„und Ihr wiſſet wahrſchein⸗ lich, daß ich Euch zu großerer Sicherheit Etwas dagegen zu geben habe.“ „Einen Empfangſchein.“ ch, er 2 hr ts de in⸗ en 95 „Richtig.“ „Herr“, fuhr Ernauton fort,„ich wurde von dem Rö⸗ nige beauftragt dieſes Schreiben zu tragen, der Herr da aber hat den Auftrag, Euch daſſelbe zu ubergeben.“ Er reichte den Brief Sainte⸗Maline, der ihn nahm und Chicot uͤbergab. „Ich danke, Ihr Herren“, ſagte der Letztere. „Ihr ſehet“ ſetzte Ernauton hinzu,„daß wir unſern Auftrag getreulich ausgefuhrt haben. Es iſt Niemand auf der Straße und Niemand hat uns alſo mit Euch ſprechen und Euch den Brief ubergeben ſehen.“ „Ich erkenne das an und werde es im Nothfalle be⸗ ſcheinigen. Jetzt iſt die Reihe an mir.“ „Die Quittung“ ſagten die beiden jungen Männer gleichzeitig. „Wem habe ich fie zu uͤbergeben?“ „Das hat der Konig nicht geſagt“, antwortete Sainte⸗ Maline, indem er ſeinen Gefährten drohend anblickte. „Stellt den Empfangſchein doppelt aus“, ſagte Er⸗ nauton,„und gebt jedem von uns einen; es iſt weit von hier bis in den Louvre und es kann mir oder dem Herrn da ein Unglück unterweges begegnen.“ Bei dieſen Worten leuchtete in den Augen Ernauton's ein Blitz. „Ihr ſeid ein vorſichtiger Mann“ ſagte Chicot zu Er⸗ nauton. Darauf nahm er ein Taſchenbuch, riß zwei Blätter heraus und ſchrieb auf jedes: 96 „Aus der Hand des Herrn Renk von Sainte„Maline „den Brief empfangen zu haben, den Herr Ernauton von „Carmainges gebracht hat, beſcheiniget „Der Schatten.“ „Lebt wohl, Herr“ ſagte Sainte⸗ Maline, indem er den Schein nahm. „Lebt wohl, Herr, und reiſet gluͤcklich“, ſetzte Ernauton hinzu;„habt Ihr ſonſt noch etwas im Louvrezu beſtellen?“ „Nichts; ich danke Euch“, antwortete Chicot. Ernauton und Sainte-Maline wendeten nun ihre Pferde wieder nach Paris und Chicot entfernte ſich ſchnel⸗ len Schrittes. Als er verſchwunden war, hielt Ernauton ſein Pferd an und ſagte zu Sainte⸗Maline: „Jetzt ſteiget ab, wenn Ihr noch Luſt habt.“ „Warum?“ fragte Sainte⸗Maline erſtaunt. „Unſere Aufgabe iſt vollbracht und wir koͤnnen nun miteinander reden. Der Ort hier ſcheint zu einer Unter⸗ redung unſerer Art ſich ganz vortrefflich zu eignen.“ „Wie Ihr wollt“ ſagte Sainte⸗Maline, indem er dem Beiſpiele ſeines Gefährten folgte und vom Pferde ſtieg. Als dies geſchehen war, trat Ernauton zu ihm und ſagte: „Ihr wiſſet, daß Ihr mich ohne Veranlaſſung von meiner Seite, ganz ohne Grund den ganzen Weg daher übermäͤßig ſchwer beleidiget habt; ja noch mehr, Ihr woll⸗ tet mich nothigen, zu ungelegener Zeit den Degen zu er⸗ greifen und ich weigerte mich deſſen. Jetzt iſt die Zeit gut und ich bin Euer Mann.“ 97 Sainte⸗Maline hoͤrte dieſe Worte mit finſterer Miene 6 und zuſammengezogenen Augenbrauen an, da er aber nicht „ mehr den Zorn empfand, der ihn uͤber alle Schranken hin⸗ ausgetrieben hatte, ſo wollte er ſich nicht mehr ſchlagen; 2 nach reiflicher Ueberlegung hatte der geſunde Verſtand die Oberhand behalten und er erkannte das Unvortheilhafte ſeiner Stellung. S„Herr“, antwortete er nach kurzer Pauſe,„Ihr habt meine Beleidigungen durch Gefälligkeiten und gute Dienſte re vvergolten, ich kann alſo nicht mehr die Sprache gegen Euch l⸗ fuͤhren wie ſonſt.“ Ernauton runzelte die Stirn. 5„Nein“, ſagte er,„aber Ihr denkt noch immer, was Ihr vor kurzem ausſprachet.“ „Wer ſagt Euch das?“ „Weil alle Euere Worte von Haß und Neid dictirt waren und dieſer Haß und Neid in den zwei Stunden, die ſeitdem vergangen find, in Euerm Herzen nicht erloſchen ſein konnen.“ K Sainte⸗Maline errothete, antwortete aber nicht. Ernauton wartete einen Augenblick und fuhr dann nd fort: „Der Koͤnig zog mich Euch wahrſcheinlich vor, weil zit mein Ausſehen ihm beſſer gefiel als das Euerige; ich fiel 7 et nicht in den Fluß, weil ich beſſer reite als Ihr; ich nahm die Aufforderung in dem Augenblicke nicht an als Ihr mir dieſelbe entgegenwarfet, weil ich ruhiger und verſtändiger 5 bin; ich ließ mich von dem Hunde jenes Mannes nicht beißen, weil ich mir eine Sache erſt uberlege, ehe ich handele Die Fuͤnfundvierzig. M. * 98 2 und ich fordere Euch jetzt auf, mir Genugthuung zu geben und den Degen zu ziehen, weil ich mehr wirkliche Ehre be⸗. ſitze ja— wenn Ihr länger zögert— mehr Muth.“ Sainte⸗Maline zitterte und aus ſeinen Augen ſchoſſen Blitze; alle boͤſen Leidenſchaften, welche Ernauton er⸗ wähnte, aͤußerten ſich nacheinander auf dem bleichen Ge⸗ ſichte; bei dem letzten Worte des Gegners zog er wuͤthend das Schwert. Ernauton hielt das ſeinige bereits in der Hand. „Nehmt das letzte Wort, das Ihr geſagt habt, zuruͤck“ ſagte Sainte⸗Maline;„es iſt zu ſtark, wie Ihr ſelbſt ge⸗ ſtehen werdet; Ihr kennt mich ja vollkommen, weil wir, wie Ihr ſelbſt erwaͤhntet, nur zwei Stunden von einander zu Hauſe ſind; nehmt dies Wort zuruͤck und begnügt Euch mit meiner Demuthigung; entehrt mich nicht ganz und † gar.“ „Herr“, antwortete Ernauton,„da ich mich nie von dem Zorne beherrſchen laſſe, ſo ſage ich auch nie etwas, was ich nicht ſagen will, folglich nehme ich auch von dem Geſagten nichts zuruͤck. Ich bin auch reizbar und da ich mich erſt ſeit Kurzem am Hofe befinde, will ich nicht jedes⸗ mal erröthen, wenn ich Euch begegne. Ein Degenſtoß ge⸗ hoͤrt ſo gut zu meiner Genugthuung als zu der Euerigen.“ „Ich habe mich bereits elfmal geſchlagen“, ſagte Sainte⸗Maline mit unheimlichem Laͤcheln,„und von mei⸗ nen elf Gegnern ſind zwei todt auf dem Platze geblieben* Wahrſcheinlich wiſſet Ihr das.“ „Ich habe mich nie geſchlagen“, erwiederte Ernauton „denn es hat ſich mir nie eine Gelegenheit dargeboten — + end c ge⸗ wir, nder Fuch und von was, dem a ich des⸗ ge⸗ en. ſagte mei⸗ eben uton oten 99 jetzt finde ich eine nach meinem Sinne, die mir enigegen⸗ kommt ohne daß ich ſie aufſuche und ich ergreife ſie. Ich warte alſo, daß es Euch gefaͤllig ſein werde.“ „Seht“, ſagte Sainte⸗Maline kopfſchuͤttelnd,„wir ſind Landsleute, wir ſtehen Beide im Dienſte des Koͤnigs, wollen uns alſo nicht weiter ſtreiten; ich halte Euch für einen braven Mann und würde Euch ſelbſt die Hand rei⸗ chen, wenn dies nicht faſt unmoͤglich wäre. Was wollt Ihr auch? Ich habe mich Euch gezeigt wie ich bin, mit tiefen Wunden im Herzen; das iſt nicht meine Schuld. Ich bin neidiſch und kann es nicht aͤndern; die Natur hat mich an einem ſchlimmen Tage geſchaffen. Herr von Chalabre, Herr von Monterabeau oder Herr von Pincorney wuͤrden mich nicht zum Zorne gereizt haben; ich ärgerte mich uber Euere Vorzüge. Tröſtet Euch damit, da Euch mein Neid nichts ſchaden kann und Euere Verdienſte Euch leider blei⸗ ben. Wir wollen es alſo dabei bewenden laſſen, nicht wahr? Ich wuͤrde mich zu tief beſchaͤmt fuͤhlen, wenn Ihr den Grund unfres Streites erzähltet.“ „Unſern Streit wird Niemand erfahren.“ „Niemand?“ „Nein, weil, wenn wir uns miteinander ſchlagen, ich Euch umbringe oder Ihr mich umbringt. Ich gehöre nicht zu Denen, fuͤr welche das Leben geringen Werth hat; im Gegentheil es liegt mir ſehr viel daran. Ich bin dreiund⸗ zwanzig Jahre alt und habe einen ſchoͤnen Namen; ich bin nicht ganz arm, hoffe auf mich und auf die Zukunft und werde mich alſo, glaubt mir, wie ein Löwe vertheidigen.“ „Ich dagegen ſtehe bereits im dreißigſten Jahre und 5 100 bin des Lebens ziemlich uberdruͤſſig, denn ich glaube weder an mich ſelbſt noch an die Zukunft; da mir alſo das Leben gleichgiltig iſt und ich an das Gluͤck nicht glaube, ſo ziehe ich es vor, mich mit Euch nicht zu ſchlagen.“ „So werdet Ihr Euch gegen mich entſchuldigen?“ d fragte Ernauton. „Nein, ich habe bereits genug geſagt. Wenn Ihr da⸗ mit nicht zufrieden ſeid, auch gut; ſo ſteht Ihr nicht mehr uͤber mir.“ 3 „Ich muß Euch daran erinnern, daß man einen Streit nicht ſo ausmacht, ohne ſich dem Ausgelachtwerden auszu⸗ ſetzen.“ „Gerade das erwarte ich“, ſagte Sainte-Maline. „Ihr erwartet?“ „Einen Lachluſtigen.“ „Ihr wollet Euch alſo nicht mit mir ſchlagen?“ ſo „Ich wuͤnſche es nicht mich zu ſchlagen, mit Euch, ver⸗ z ſteht ſich.“ gl „Nachdem Ihr mich gefordert habt?“ d. „Ich geſtehe das.“ „Wenn mir aber die Geduld ausgeht und ich Euch ſ angreife?“ Sainte⸗Maline druͤckte das Schwert krampfhaft in der Hand. Er „Dann“, ſagte er,„werde ich mein Schwert weg⸗ werfen.“ 8 „Bedenkt Euch wohl, denn in dieſem Falle wuͤrde ich nicht die Spitze brauchen.“ an „Gut, ich haͤtte dann einen Grund Euch zu haſſen und eder eben iehe n 20 da⸗ ehr treit szu⸗ ver⸗ ———— 101 wurde Euch töbtlich haſſen; ich wurde auf einen ſchwachen Tag bei Euch warten und Euch dann niederſtoßen.“ Ernauton ſtieß ſein Schwert wieder in die Scheide. „Ihr ſeid ein ſeltſamer Menſch“ ſagte er;„ich be⸗ klage Euch von Herzen.“ „Ihr beklagt mich?“ „Ja, denn Ihr muͤſſet viel leiden.“ „Sehr viel.“ „Ihr koͤnnt nie lieben.“ „Nie.“ „Aber Leidenſchaften beſitzet Ihr doch?“ „Eine einzige.“ „Die Eiferſucht, wie Ihr ſagtet.“ „Ja ſo daß ich alle andern in einem Grade der Schmach und des unbeſchreiblichen Ungluͤcks habe ich liebe ein Weib, ſobald ſie einen Andern liebt; ich liebe das Gold, ſobald eine andere Hand daſſelbe ergreift; ich bin immer im Ver⸗ gleich ſtolz; ich trinke, um in mir den Zorn zu entflammen, d. h. um ihn hitzig zu machen, wenn er nicht chroniſch iſt, d. h. um ihn wie einen Blitz zum Ausbruche und zum Zuͤn⸗ den zu bringen.. Ja ja, Ihr habt es geſagt, Herr von Carmainges, ich bin unglücklich.“ „Und Ihr habt nie verſucht, gut zu werden? fragte Ernauton. „Es iſt mir nicht gelungen.“ „Und was hofft Ihr nun? Was gedenkt Ihr zu thun?“ „Was thut die Giftpflanze? Sie hat Bluͤten wie die andern und manche Leute wiſſen Nutzen aus ihr zu ziehen. Was thut der Bär und der Raubvogel? Sie beißen, aber 102 manche Zuͤchter wiſſen ſie zur Jagd abzurichten. Das bin ich und werde ich wahrſcheinlich in den Haͤnden der Herren von Epernon und von Loignac bis man eines Tages ſagt: dieſes Gewaͤchs iſt ſchaͤdlich, wir wollen es ausreißen; die⸗ ſes Thier iſt toll, wir wollen es todtſchlagen.“ Ernauton hatte ſich allmaͤlig beruhiget. Sainte⸗Ma⸗ line war fuͤr ihn nicht mehr ein Gegenſtand des Zornes, ſondern des Studiums; er fühlte faſt Mitleiden für den Mann, den die Umſtaͤnde genoͤthiget hatten, ſo Kin Geſtändniſſe zu machen. „Ein großes Gluͤck und das koͤnnt Ihr bei Euern be⸗ deutenden Anlagen wohl machen, wird Euch heilen“, ſagte er;„entwickelt Euch in dem Sinne Euerer Triebe, Herr von Sainte⸗Maline und Ihr werdet im Kriege oder in der Intrigue Gluͤck haben; Ihr werdet weniger haſſen, wenn Ihr herrſchet.“ „So hoch ich auch ſteige, ſo tiefe Wurzeln ich auch treibe, es wird immer glaͤnzendere Geſchicke uber mir geben, die mich reizen und unter mir hoͤhniſches Lachen, das mir die Ohren zerreißt.“ „Ich beklage Euch“, ſagte Ernauton noch einmal. Das war Alles. Ernauton trat an ſein Pferd, das er an einem Baume angebunden hatte, band es los und ſchwang ſich wieder in den Sattel. Sainte⸗Maline hatte den Zuͤgel des ſeinigen nicht losgelaſſen. Beide ritten nach Paris zuruͤck, der eine ſtumm und ——, bin ren gt: ie⸗ Na⸗ les, den me be⸗ gte err der enn be, die die me in F— cht. und 103 verdrßlich uber das, was er gehoͤrt, der Andere über das, was er geſagt hatte. Mit einemmale reichte Ernauton Sainte⸗Maline die Hand hin. „Wollt Ihr, daß ich Euchzu heilen verſuche?“ fragte er. „Kein Wort mehr“, antwortete Sainte⸗Maline;„nein, verſucht es nicht, es würde Euch nicht gelingen. Haſſet mich vielmehr und ich werde Euch dann bewundern.“ „Noch einmal, ich beklage Euch“, ſagte Ernauton. Eine Stunde ſpater kamen die beiden Reiter wieder in dem Louvre an und begaben ſich nach der Wohnung der Fuͤnfundvierzig. Der Koͤnig war ausgegangen und ſollte erſt Abends zuruͤckfommen. Elftes Kapitel. Herr von Loignae hält eine Anrede an die Fuͤnfundvierzig. Jeder der beiden jungen Männer ſtellte ſich an das Fenſter ſeines kleinen Gemachs, um auf die Ruͤckkehr des Konigs zu warten jeder aber mit ſehr verſchiedenen Ge⸗ danken;— Sainte⸗Maline mit ſeinem Haſſe, mit ſeiner Beſchaͤmung, mit ſeinem Ehrgeize, mit gerunzelter Stirn und brennendem Herzen;— Ernauton ohne an das Ge⸗ ſchehene zu denken und nur mit einem Gedanken beſchaͤfti⸗ get, näͤmlich wer wohl die Dame ſei, welche er in Pagen⸗ kleidung nach Paris gebracht und die er in einem reichen Tragſeſſel wieder geſehen hatte. Es war dies Stoff genug zum Nachdenken fuͤr ein Herz. 104 das mehr Neigung zu Liebesabenteuern als zu ehrgeizigen Berechnungen hatte. Auch verſank Ernauton ſo tief in ſeine Gedanken, daß er erſt, als er den Kopf emporrichtete, bemerkte, daß Sainte⸗ Maline nicht mehr da ſei. Ein Blitz zuckte durch ſeinen Geiſt. Sainte⸗Maline hatte wahrſcheinlich nur an die Ruckkehr des Koͤnigs ge⸗ dacht, der König war zuruͤckgekommen und Sainte⸗Maline befand ſich bei ihm. Er richtete ſich raſch empor, ſchritt durch die Galerie und kam an der Thuͤr des Konigs in dem Augenblicke an, als Sainte⸗Maline heraustrat. „Da“ ſagte er freudeſtrahlend zu Ernauton,„ſeht was mir der Koͤnig gegeben hat.“ 6 Und er zeigte ihm eine goldene Kette. „Ich wuͤnſche Euch Gluͤck dazu“, ſagte Ernauton, ohne daß ſeine Stimme irgend eine Aufregung verrieth. Und er trat ſeinerſeits hinein. Sainte⸗Maline hatte eine Aeußerung von Neid von dem Herrn von Carmainges erwartet, ſtaunte alſo gewaltig uͤber die Ruhe deſſelben und wartete bis er wieder heraus⸗ kommen wuͤrde. Ernauton blieb ungefaͤhr zehn Minuten bei dem Kö⸗ nige und dieſe zehn Minuten waren fuͤr Sainte-Maline Jahrhunderte. Endlich kam er. Sainte⸗Maline ſtand noch auf derſelben Stelle; er muſterte raſchen Blickes ſeinen Gefaͤhrten und ſein Herz freute ſich, denn Ernauton brachte nichts mit ſich, wenigſtens war an ihm nichts zu ſehen. gen aß te⸗ ine e⸗ ine ne 105⁵ „Nun“ fragte Sainte⸗Maline,„was hat Euch der Koͤnig gegeben?“ „Er reichte mir die Hand zum Kuſſe“, antwortete Er⸗ nauton laͤchelnd. Sainte⸗Maline druckte die Kette ſo ſtark in ſeiner Hand, daß er einen Ring davon zerbrach. Beide gingen dann ſchweigend nach ihrer Wohnung zu. Als ſie in den Saal traten, ſchmetterte die Trompete und auf dieſen Signalruf kamen die Fuͤnfundvierzig aus ihren Gemaͤchern heraus wie Bienen aus dem Bienenſtocke. Jeder fragte ſich was wohl Neues geſchehen ſei und benutzte dieſen Augenblick allgemeiner Wiedervereinigung, um die Veränderung zu bewundern, welche in dem Aus⸗ ſehen der Gefuͤhrten vorgegangen war. Die Meiſten trugen großen Lurus zur Schau, der viel⸗ leicht nicht ganz geſchmackvoll war, aber durch den Glanz die Eleganz erſetzte. Sie hatten üͤbrigens was Epernon geſucht hatte, der zwar ein ſchlechter Soldat aber ein ziemlich kluger Staats⸗ mannwar,— einige beſaßen namlich Jugend, andere Kraft oder Erfahrung und ſo wurde bei jedem wenigſtens eine Unvollkommenheit ausgeglichen. Sie ſahen im Ganzen aus wie eine Anzahl Officiere im Stadtanzuge, da die militairiſche Haltung bis auf wenige Ausnahmen die war, welche ſie am meiſten erſehnt hatten. Die Meiſten erſchienen mit langen Degen, klingenden Sporen, keckgedreheten Schnurrbärten, Stiefeln und Hand⸗ ſchuhen von Hirſch- oder Buͤffelleder mit viel Gold, viel Pomade und viel Bänderſchmuck. 1 106 Die Beſcheidenſten erkannte man an den dunkeln Far⸗ ben, die Geizigſten an dem feſten dauerhaften Tuche, die Eitelſten an den Spitzen und dem roſa und weißem Atlas. Perducas von Pincorney hatte bei irgend einem Juden eine Kette von vergoldetem Kupfer gefunden, die ſo dick war wie eine Gefaͤngnißkette. Pertinar von Monterabeau ſah ganz bebaͤndert und geſtickt aus; er hatte ſeinen Anzug von einem Handels⸗ manne gekauft, der einmal einen von Dieben verwundeten vornehmen Herrn aufgenommen. Der Herr hatte ſich einen andern Anzug aus ſeiner Wohnung holen laſſen und die empfangene Gaſtfreundſchaft mit dem von Koth und Blut ziemlich beſudelten Anzuge vergolten; aber der Kaufmann hatte die Flecken daraus entfernen laſſen, ſo daß er ziemlich annehmbar geworden war. Es waren zwar zwei Locher darin geblieben, die Spuren von zwei Dolchſtoͤßen; Perti⸗ nar hatte aber dieſe beiden Stellen mit Goldſtickerei be⸗ decken laſſen und ſo einen Mangel durch einen Schmuck erſetzt. Euſtache von Miradourglaͤnzte nicht; er hatte Lardille, Militor und die beiden Kinder kleiden muͤſſen. Lardille hatte einen ſo reichen Anzug gewaͤhlt, als die Frauen da⸗ mals nach der beſtehenden Kleiderordnung tragen durften; Militor hatte ſich mit Sammet und Damaſt bedeckt und mit einer ſilbernen Kette, wie mit einem Federbaret und geſtickten Strümpfen geſchmuckt, ſo daß fuͤr den armen Eu⸗ ſtache nur eine Summe uͤbrig geblieben war, die kaum hin⸗ reichte, einen nicht zerriſſenen Anzug zu kaufen. Herr von Chalabre hatte ſein eiſengraues Wamms * — 7— — 7— „ 107 beibehalten, das durch einen Schneider etwas aufgefriſcht und neu gefuttert worden war; einige hier und da geſchickt angebrachte Sammetſtreifen gaben dem unverwuſtlichen Anzuge einen neuen Putz. Herr von Chalabre verſicherte freilich, er haͤtte ſich ſehr gern ein neues Wamms ange⸗ ſchafft, es wäre ihm aber trotz ſeinem Suchen nicht moͤglich geweſen ein beſſeres Tuch zu finden. Uebrigens hatte er Geld fur ponceaurothe Beinkleider, fuͤr Stiefeln, Mantel und Hut ausgegeben, welches Alles harmoniſch zuſammen⸗ paßte, wie es ja gewoͤhnlich bei den Kleidungsſtücken der Geizigen der Fall iſt. Seine Waffen waren untadelig. Als alter Kriegsmann hatte er einen vortrefflichen ſpaniſchen Degen, einen Dolch von einem guten Meiſter und einen vollkommenen Ring⸗ kragen gefunden. Dieſe Herren bewunderten alſo ſich untereinander, als Herr von Loignar mit finſterer Stirn eintrat. Er ließ einen Kreis bilden und ſtellte ſich mit einem Geſichte, das nichts Gutes verkuͤndete, in die Mitte. Wir brauchen nicht zu ſagen, daß alle Augen ſich auf ihn richteten. „Seid Ihr alle hier?“ fragte er. „Alle“, antworteten funfundvierzig Stimmen mit ei⸗ nem Einklange, der das Beſte für die kunftigen Mannsver verſprach. „Meine Herren“ fuhr Loignae fort,„Ihr ſeid hierher beſchieden worden, um dem Koͤnige als beſondere Leibwache zu dienen; es iſt das große Ehre, die aber auch viel er⸗ fordert.“ 108 5 Loignac machte eine Pauſe, welche durch ein allgemei⸗ nes beifaͤlliges Gemurmel ausgefuͤllt wurde. „Mehrere unter Euch ſcheinen freilich ihre Pflichten noch nicht hinlaͤnglich verſtanden zu haben; ich werde ſie daran erinnern.“ Jeder horchte geſpannt und man konnte leicht ſehen, daß Alle ſich beeiferten ihre Pflichten kennen zu lernen, wenn auch nicht gerade ſie auszufuͤhren. „Das muͤßt Ihr ohne Weiteres einſehen, meine Herren, daß der Koͤnig Euch nicht in den Dienſt genommen hat und bezahlt, damit Ihr wie Wildfaͤnge handelt und nach Laune Verleumdungen, Schmaͤhreden und Hiebe austheilt; die Disciplin iſt ſtreng nothwendig, ob ſie gleich im Geheimen bleibt und Ihr ſeid ein Verein von Edelleuten, welche im Lande in Gehorſam und Ergebenheit vorangehen muͤſſen.“ Die Geſellſchaft ſprach kein Wort, denn es ließ ſich aus dem Eingange und der Feierlichkeit deſſelben abnehmen, daß der weitere Fortgang von ernſter Bedeutung ſein wuͤrde. „Von heute an lebt Ihr vertraut im Louvre, d. h. im Laboratorium der Regierung ſelbſt. Wenn Ihr auch nicht allen Berathungen beiwohnt, ſo werdet Ihr doch oft zur Ausfuͤhrung der Beſchluͤſſe erwaͤhlt werden; Ihr befindet Euch alſo in der Lage der Beamten, welche nicht blos die Verantwortlichkeit fur ein Geheimniß, ſondern auch die Macht der ausfuͤhrenden Gewalt haben.“ Ein zweites beifaͤlliges Gemurmel lief durch die Rei⸗ hen der Gascogner; man ſah die Haͤupter ſich emporrichten, als wenn der Stolz dieſe Maͤnner um mehrere Zoll groͤßer gemacht haͤtte. —— „— — — 109 „Jetzt nehmt nun an“, fuhr Loignac fort,„daß einer dieſer Beamten, auf welchem bisweilen die Sicherheit des Staates oder die Ruhe der Krone beruht, das Geheimniß der Beſchluſſe verrathe oder ein Soldat, der einen Auftrag erhalten hat, denſelben nicht ausführe. Darauf ſteht Todes⸗ ſtrafe, wißt Ihr das?“ „Allerdings“, antworteten mehrere Stimmen. „Nun, meine Herren“, fuhr Loignac in ſchrecklichem Tone fort,„hier ſogar und heute hat man einen Beſchluß des Konigs verrathen und eine Maßregel vielleicht unmoͤg⸗ lich gemacht, welche Se. Maj. ergreifen wollte.“ An die Stelle des Stolzes und der Bewunderung ſchien ängſtliche Beſorgniß zu treten und die Fuͤnfundvierzig ſahen einander mit Unruhe und Mißtrauen an. „Zwei von Euch, Ihr Herren, ſind betroffen worden, wie ſie auf offener Straße wie alte Weiber ſchwatzten und einen Nebel von Worten verbreiteten, die ſo ernſt ſind, daß jedes einen Mann treffen und um das Leben bringen kann.“ Sainte⸗Maline trat ſofort zu Herrn von Loignae und ſagte zu ihm: „Mein Herr, ich glaube die Ehre zu haben, im Namen meiner Cameraden zu ſprechen; es iſt von Wichtigkeit, daß Ihr den Verdacht nicht lange auf allen Dienern des Koͤnigs ſchweben laſſet; ſprechet alſo ſchnell, damit wir wiſſen, woran wir find und die Guten nicht mit den Schlechten vermengt werden.“ „Das iſt ſehr leicht“, ſagte Loignac. Die Aufmerkſamkeit verdoppelte ſich. „Der Koͤnig hat heute die Meldung erhalten, daß einer 11⁰ ſeiner Feinde, gerade einer von denen, die zu bekämpfen Ihr berufen ſeid, in Paris erſchienen iſt, um ihm zu trotzen oder gegen ihn zu conſpiriren. Der Name dieſes Feindes iſt in's Geheim ausgeſprochen, aber von einer Schildwache, d. h. von einem Manne gehoͤrt worden, den man für eine Mauer haͤtte halten und der deshalb taub, ſtumm und un⸗ erſchuͤtterlich haͤtte ſein ſollen; gleichwohl hat derſelbe Mann auf offener Straße den Namen dieſes Feindes des Koͤnigs mit Prahlereien und Lachen wiederholt, wodurch die Aufmerkſamkeit der Voruͤbergehenden erregt und eine Art Aufſehen hervorgebracht wurde; ich weiß es, da ich denſelben Weg ging wie jener Mann und Alles mit eigenen Ohren gehoͤrt habe; ich legte meine Hand auf ſeine Achſel, um ihn zu veranlaſſen nicht weiter zu reden, denn wie er im Zuge war wuͤrde er mit noch einigen Worten mehr ſo viele heilige Intereſſen verletzt haben, daß ich in die Nothwendig⸗ keit hatte kommen konnen, ihn auf der Stelle niederzuſtoßen, wenn er auf meinen Wink nicht ſofort geſchwiegen haͤtte.“ Man ſah in dieſem Augenblicke Pertinar von Mont⸗ crabean und Perducas von Pincorney erbleichen und faſt ohnmächtig ſich aufeinander ſtutzen. Monterabeau verſuchte wankend einige Entſchuldigun⸗ gen zu ſtammeln. Die beiden Schuldigen verriethen ſich dadurch und alle Blicke wendeten ſich auf ſie. „Herr, nichts kann Euch rechtfertigen“ ſagte Loignae zu Montcrabeau;„wenn Ihr betrunken waret, ſo verdient Ihr Strafe wegen der Trunkenheit; handeltet Ihr nur aus Eitelkeit und Stolz, ſo verdient Ihr ebenfalls Strafe.“ — —————— 111 Es trat eine ſchauerliche Stille ein. Herr von Lvignac hatte, wie man ſich erinnert, im Anfange eine Strenge an⸗ gedeutet, welche mit ſchlimmen Folgen zu drohen ſchien. „Deshalb“, fuhr Loignae fort,„werdet Ihr, Herr von Monterabeau und auch Ihr, Herr von Pincorney, geſtraft werden.“ „Verzeihet“, antwortete Pertinar,„aber wir kommen aus der Provinz, ſind Neulinge am Hofe und kennen die Kunſt noch nicht, in der Politik zu leben.“ „Ihr durftet die Ehre nicht annehmen, im Dienſte Sr. Maj. zu ſtehen, ohne die Pflichten und Beſchwerden des Dienſtes zu erwaͤgen.“ „Wir werden in Zukunft ſtumm wie das Grab ſein, ſchwoͤren wir.“ 3„Das iſt Alles recht gut, aber werdet Ihr morgen das Schlimme gut machen, das Ihr heute angerichtet habt?“ „Wir werden uns Muͤhe geben.“ „Es iſt unmoglich, ſage ich, unmöglich.“ „So verzeihet uns fur diesmal.“ „Ihr lebt“ entgegnete Loignac ohne auf die Bitte der beiden Schuldigen geradezu zu antworten,„in offenbarer Lockerheit, der ich durch ſtrenge Mannszucht ein Ende machen will; verſteht Ihr mich? Diejenigen mögen gehen, welche den Dienſt zu ſtreng finden; ich bin um Freiwillige nicht verlegen, die ſie erſetzen werden.“ Es antwortete Keiner, aber viele ließen den Kopf haͤngen. „Es iſt demnach gut“, fuhr Loignac fort,„daß Ihr dies im Voraus wiſſet; die Juſtiz wird unter uns geheim, 112 raſch, ohne Schreiberei und Prozeß gehandhabt werden und die Verräther ereilt der Tod auf der Stelle. Gründe dazu giebt es genug und Niemand wird ſich daruͤber wundern. Nehmen wir an, die Herren Monterabeau und Pincorney hätten, ſtatt freundſchaftlich auf der Straße von Dingen zu ſprechen, die ſie hätten vergeſſen ſollen, einen Streit uber Gegenſtände gehabt, an die ſie zu denken kein Recht hatten; dieſer Streit haͤtte zu einem Zweikampfe zwiſchen Pincor⸗ ney und Montcrabeau fuͤhren können; bei einem Zwei⸗ kampfe iſt es möglich, daß Beide ſchwer verwundet werden; am Tage darauf faͤnde man die beiden Herren todt auf der Schreiberwieſe, wie man Quelus, Schomberg und Maugi⸗ ron todt gefunden hat und die Sache wird ruchbar, wie bei einem Duelle geſchieht.. Ich werde alſo, merkt Euch das wohl, im Zweikampfe oder auf andere Weiſe jeden toͤdten laſſen, welcher das Geheimniß des Konigs verräth.“ Monterabeau wurde faſt ganz ohnmächtig und ſtützte ſich auf ſeinen Gefaͤhrten, deſſen Geſicht ſich mit immer bleicherer Bläſſe bedeckte und der die Zähne faſt krampfhaft aufeinander biß. „Fur minder bedeutende Vergehen werde ich minder ſtrenge Strafen haben“, fuhr Loignae fort,„₰. B. Gefaͤng⸗ niß und ich werde dies anwenden, da es den Schuldigen ſtraft ohne dem Koͤnige etwas zu entziehen. Heute ſchenke ich Herrn von Montcrabeau, der geſprochen und Herrn von Pincorney, der zugehoͤrt hat, das Leben; ich verzeihe ihnen, ſage ich, weil ſie ſich irren konnten und noch nicht gehoͤrige Kenntniß beſaßen; ich ſtrafe ſie nicht mit Gefaͤngniß, weil ich ſie dieſen Abend oder morgen brauchen kann. Ich wende 6 113 deshalb die dritte Strafe, welche ich brauchen werde, gegen ſie an, die Geldſtrafe.“ Bei dem Worte„Geldſtrafe“ wurde das Geſicht des Herrn von Chalabre lang wie die Schnauze eines Marders. „Ihr habt tauſend Livres empfangen und werdet hun⸗ dert davon zuruͤckgeben. Dieſes Geld benutze ich, um die⸗ jenigen, welchen ich nichts vorzuwerfen habe, nach Verdienſt zu belohnen.“ „Hundert Livres!“ murmelte Pincorney,„Gott's Blut, ich habe die hundert Livres nicht mehr, da ich das Geld zu meiner Bekleidung und Einrichtung verwendete.“ „So verkauft Euere Kette“, ſagte Loignac. „Dem Dienſte des Koͤnigs werde ich ſie gern überlaſ⸗ ſen“, antwortete Pincorney. „Nein, der Konig kauft die Habſeligkeiten ſeiner Unter⸗ thanen nicht, damit ſie ihre Strafgelder bezahlen konnten; verkauft Ihr ſelbſt und bezahlt ſelbſt.. Ich habe nun noch einige Worte hinzuzufugen. Ich habe verſchiedene Keime von Unfrieden und Streit verſchiedenen Mitglie⸗ dern dieſer Compagnie bemerkt; ſo oft ein Streit ſich er⸗ hebt, wird man mir ihn vorlegen und ich allein werde das Recht haben, uͤber den Ernſt deſſelben zu urtheilen und den Kampf befehlen, wenn ich finde, daß der Zweikampf noͤthig iſt. Es iſt jetzt Mode, daß die Leute im Duell einander umbringen, ich wuͤnſche aber nicht, daß der Mode wegen meine Compagnie fortwaͤhrend unvollzählig ſei. Der erſte Zweikampf, die erſte Ausforderung ohne mein Vorwiſſen und meine Genehmigung wird mit ſtrengem Gefaͤngniß, mit ſtarker Geldbuße und ſelbſtmit noch Strafe belegt Die Fuͤnfundvierzig Il. 114 werden, wenn in Folge davon ein bedeutender Nachtheil fuͤr den Dienſt eintritt. Diejenigen, welche ſich getroffen fühlen, moͤgen ſich dies zu Herzen nehmen. Jetzt geht. Doch halt! Funfzehn von Euch werden heute Abend am Fuße der Treppe Sr. Maj. ſich aufſtellen und auf den erſten Wink ſich im Nothfalle in den Vorzimmern zerſtreuen. Fuͤnfzehn werden draußen bleiben, ohne ſichtbaren Zweck und ſich un⸗ ter die Leute miſchen, die in den Louvre kommen; fuͤnfzehn andere bleiben in der Wohnung.“ „Herr von Loignac“, ſagte Sainte-Maline, der vor⸗ trat,„erlaubt mir nicht etwa einen guten Rath zu geben, Gott bewahre mich, ſondern um eine Aufklaͤrung zu bitten. Jede gute Truppe muß gut angefuhrt werden; wie können wir zuſammengreifend handeln, wenn wir keinen Fuͤhrer haben?“ „Und was bin ich?“ fragte Loignar. „Ihr ſeid unſer General.“ „Nein, da irret Ihr, das iſt Herr von Epernon.“ „So ſeid Ihr unſer Oberſter, aber das iſt nicht genug. Jede Abtheilung von Funfzehn muß einen Officier haben.“ „Ihr habt Recht“ antwortete Loignac;„ich kann mich nicht jeden Tag dreifach theilen und doch ſoll unter Euch keine andere höhere Stellung gelten als die des Verdienſtes.“ „Ach, wenn Ihr ſie vielleicht auch nicht zugebt, ſie wird ſich ganz von ſelbſt herausbilden und wenn es nicht der Fall ſein ſollte, wuͤrdet Ihr bald Maͤngel in der Ausfuͤh⸗ rung entdecken.“ „So werde ich fliegende Chefs einſetzen“, ſagte Loig⸗ nac, nachdem er einen Augenblick uber die Worte Sainte⸗ — e 8S—„—— 8 c 8 8 115 Malines nachgedacht hatte;„mit der Parole werde ich den Namen des Füͤhrers nennen; ſo wird jeder nach der Reihe gehorchen und befehlen lernen; aber ich kenne noch Nie⸗ mandes Faͤhigkeiten; dieſe muſſen ſich erſt zeigen, bevor ich die Wahl treffe. Ich werde mir die Sache uͤberlegen.“ Sainte⸗Maline verbengte ſich und trat in Reih und Glied zuruck. „Ihr habt es gehoͤrt“, fuhr Loignac fort,„daß ich Euch in Haufen von Fuͤnfzehn getheilt habe. Ihr kennt Euere Nummern; die erſte Abtheilung an der Treppe, die zweite in den Hof, die dritte in die Wohnung, die letztere halbangekleidet, den Degen auf dem Pfuͤhle, alſo bereit auf den erſten Wink zu marſchiren. Nun geht! Herr von Monterabeau und Herr von Pincorney, morgen erwarte ich die Zahlung der Strafgelder; ich bin Schatzmeiſter.“ Alle gingen hinaus, nur Ernauton von Carmainges blieb zuruͤck. „Ihr wuͤnſchet noch Etwas?“ fragte Loignac. „Ja“, antwortete Ernauton mit einer Verbeugung,„es ſcheint mir, als haͤttet Ihr vergeſſen, genau anzugeben, was wir zu thun haben. Es iſt ohne Zweifel ruhmvoll, im Dienſte des Koͤnigs zu ſtehen, aber ich wuͤnſche doch zu wiſſen, wozu dieſer Dienſt verpflichtet.“ „Dies“, erwiederte Loignac,„iſt eine ſehr kitzliche Frage, auf die ich keine beſtimmte Antwort geben kann.“ „Darf ich fragen warum?“ Dieſe Worte richtete Ernanton mit ſolcher Artigkeit an Loignac, daß dieſer gegen ſeine Gewohnheit vergebens nach einer ſtrengen Antwort ſuchte. 8* „Weil ich ſelbſt oft fruͤh nicht weiß was ich Abends werde zu thun haben.“ „Ihr ſeid“, fuhr Carmainges fort,„uns gegenuͤber ſo hoch geſtellt, daß Ihr vieles wiſſen muſſet was wir nicht wiſſen.“ „Thut was ich thue, Herr von Carmainges; erfahret die Dinge, ohne daß man ſie Euch ſagt; ich hindere Euch nicht daran.“ „Ich wende mich an Euere Wiſſenſchaft“, ſagte Er⸗ nauton,„weil ich ohne Freundſchaft und ohne Haß, ohne irgend eine Leidenſchaft an den Hof gekommen bin und Euch deshalb, ohne beſſer zu ſein als die Andern, nuͤtz⸗ licher werde ſein konnen.“ „Ihr hegt weder Freundſchaft noch Haß?“ „Ja.“ „Ihrlliebt aber doch vermuthlich wenigſtens den Koͤnig.“ „Das muß ich und will ich, Herr von Loignac, als Diener, als Unterthan wie als Edelmann.“ „Nun, das iſt einer der Hauptpunkte, nach denen Ihr Euch zu richten habt; wenn Ihr ein gewandter Mann ſeid, ſo werdet Ihr darnach das Entgegengeſetzte finden.“ „Sehr wohl“, entgegnete Ernauton ſich verbeugend, „das iſt ein Anhaltepunkt. Eines nur bleibt noch uͤbrig, was mich beunruhiget.“ „Was?“ „Der paſſive blinde Gehorſam.“ „Er iſt die erſte Bedingung.“ „Ich habe das wohl gehoͤrt; der paſſive Gehorſam ſo ht r⸗ e id 117 wird aber bisweilen Leuten ſchwer, die im Punkte der Ehre ſehr reizbar ſind.“ „Das geht mich nichts an, Herr von Carmainges“, ſie Loignac. „Wenn Euch nun aber ein Befehl mißfällt?“ ₰ch leſe die Unterſchrift des Herrn von Epernon und das troͤſtet mich.“ „Und Herr von Epernon?“ „Epernon ſieht die Unterſchrift Sr. Maj. und troͤſtet ſich wie ich.“ „Ihr habt Recht“, entgegnete Ernauton,„und ich bin Euer ergebener Diener.“ Ernauton wollte ſich entfernen, Loignae hielt ihn aber zuruͤck. „Ihr habt einige Gedanken in mir angeregt“ ſagte er,„und ich will Euch Dinge mittheilen, die ich Andern nicht ſage, weil die Andern weder den Muth noch die Hoͤf⸗ lichkeit beſaßen, ſo wie Ihr mit mir zu ſprechen.“ Ernauton verbeugte ſich. „Herr“, fuhr Loignae fort, indem er dem jungen Manne naͤher trat,„vielleicht erſcheint heute Abend ein Großer. Verliert ihn nicht aus den Augen und folgt ihm, wenn er den Louvre verlaͤßt.“ „Erlaubt mir es auszuſprechen, das ſcheint mir auf Spionierei hinauszukommen.“ „Spionierei? Glaubt Ihr?“ ſagte Loignaec kalt;„es iſt moglich, aber da ſehet..“ Er zog aus ſeinem Wamms ein Papier, das er Car⸗ mainges hinhielt; dieſer es und las: 118 „Laßt heute Abend Herrn von Mayenne folgen, wenn er wagen ſollte im Louvre zu erſcheinen.“ „Unterzeichnet?“ fragte Loignac. „Von Epernon“, las Carmainges. „Nun?“ „Es iſt richtig“, antwortete Ernauton, indem er ſich tief verbeugte;„ich werde dem Herrn von Mayenne folgen.“ Und er ſchritt hinaus. Zwölftes Kapitel. Die Herren Bürger von Paris. Herr von Mayenne, mit dem man ſich am Hofe ſo viel beſchaͤftigte und der dies nicht im entfernteſten ahnete, ver⸗ ließ den Palaſt Guiſe durch eine hintere Pforte und begab ſich zu Pferde, geſtiefelt und geſpornt, als kaͤme er eben erſt von der Reiſe, mit drei Herren nach dem Louvre. Epernon, dem ſeine Ankunft gemeldet worden war, ließ den Beſuch dem Koͤnige anzeigen. Loignac, der ſeiner Seits Nachricht erhalten, hatte den Fuͤnfundvierzig eine zweite Anzeige zukommen laſſen und fünfzehn befanden ſich demnach in den Vorzimmern, fuͤnf⸗ zehn im Hofe und vierzehn in ihrer gemeinſchaftlichen Woh⸗ nung,— vierzehn nur, weil, wie erwaͤhnt, Ernauton einen beſondern Auftrag erhalten hatte und ſich nicht unter ſeinen Gefaͤhrten befand. Da indeß das Gefolge des Herrn von Mayenne kei⸗ un ich ne r, en nd if h⸗ 119 nesweges Furcht erregen konnte, ſo erhielt die zweite Ab⸗ theilung die Erlaubniß ſich zuruͤckzuziehen. Herr von Mayenne, der Sr. Maj. einen ehrerbietigen Beſuch machte, wurde freundlich empfangen. „Nun, Herr Vetter“ fragte ihn der Konig,„Ihr wollt Paris wieder einmal beſuchen?“ „Ja, Sire“, antwortete Mayenne;„ich glaubte im Namen meiner Bruͤder und in dem meinigen Ew. Maj. daran erinnern zu muͤſſen, daß Ihr keine treuern Unter⸗ thanen habt als uns.“ „Bei Gottes Tode“, rief Heinrich aus,„das iſt ſo be⸗ kannt, daß Ihr, abgeſehen von dem Vergnügen, das Ihr mir durch Euern Beſuch machet, Euch wirklich dieſe kleine Reiſe hättet erſparen können. Es mag wohl noch eine an⸗ dere Veranlaſſung geben.“ „Sire, ich fürchtete, Euer Wohlwollen füͤr das Haus Guiſe konnte durch die ſeltſamen Gerüchte geſchwächt wer⸗ den, welche unſere Feinde ſeit einiger Zeit ausſtreuen.“ „Welche Gerüchte?“ fragte der Konig mit der Gut⸗ muthigkeit, welche ihn für ſeine Vertrauten ſo gefährlich machte. „Wie“, fragte Mayenne etwas außer Faſſung,„Ew. Maj. hat nichts fur uns Unguͤnſtiges gehört?“ „Herr Vetter“, antwortete der König,„ein⸗ füͤr alle⸗ mal, ich dulde es nicht, daß man von deu Herrn von Guiſe Boſes hier ſpreche und da man dies beſſer weiß als Ihr es zu wiſſen ſcheint, ſo ſagt man mir nichts, Herr Herzog.“ „In dieſem Falle“, ſagte Mayenne,„bedauere ich es nicht, in den Louvre gekommen zu ſein, Sire, da ich das 120 Gluͤck gehabt habe meinen Koͤnig zu ſehen und ihn ſo ge⸗ finnt zu finden; freilich muß ich nun auch geſtehen, daß meine Eile unnoͤthig war.“ „O, Herzog, Paris iſt eine gute Stadt, wo man immer einen Vortheil finden kann“, bemerkte der Koͤnig. „Ja, Sire, aber wir haben unſere Geſchaͤfte in Soiſ⸗ ſons.“ „Welche, Herzog?“ „Die Ew. Maj., Sire.“ „Richtig, richtig, Mayenne; beſorgt ſie nur ſofort wie Ihr angefangen habt; ich werde das Verhalten meiner Diener nach Verdienſt zu wuͤrdigen und zu lohnen wiſſen.“ Der Herzog entfernte ſich laͤchelnd. Der Koͤnig begab ſich händereibend in ſein Gemach. Loignac winkte Ernauton, der ſeinem Diener etwas zufluͤſterte und den vier Herren folgte. Der Diener eilte in den Stall und Ernauton folgte zu Fuß. Es war nicht zu furchten, daß Mayenne aus den Angen verloren werden könnte; die Ausplanderei Pincorney's hatte die Ankunft eines Fürſten aus dem Hauſe Guiſe be⸗ kannt gemacht und die Anhaͤnger der Ligne verließen ihre Haͤuſer, um die Spur des Herzogs ausfindig zu machen. Mayenne war auch an ſeinen breiten Schultern, an ſeiner Wohlbeleibtheit und an ſeinem Loffelbart leicht zu erkennen.. Man war ihm alſo bis an das Thor des Louvre gefolgt; hier erwarteten ihn dieſelben Begleiter, um mit ihm ſich an ſeinen Palaſt zu begeben. as te en s e⸗ re 121 Mayneville trieb vergebens die Eifrigſten bei Seite und ſagte zu ihnen:„nicht zu viel Feuer, gute Leute, nicht zu viel Feuer! Ihr werdet uns in Gefahr bringen.“ Der Herzog hatte gleichwohl ein Gefolge von zwei⸗ bis dreihundert Perſonen, als er in dem Palaſte St. Denis ankam, den er zur Wohnung erwählt hatte. Dies erleichterte die Ausfüͤhrung des Auftrags Er⸗ nauton's, der dem Herzoge folgen konnte ohne bemerkt zu werden. In dem Augenblicke als der Herzog in das Haus hin⸗ einritt und ſich umdrehete um zu grüßen, glaubte er in einem der Herren, welche gleichzeitig grußeten, den Reiter zu er⸗ kennen, der den Pagen oder den der Page begleitete, wel⸗ chen er durch das Thor St. Antoine hereingebracht hatte und der bei der Hinrichtung Salesdes ſo große Neugierde zeigte. Faſt gleichzeitig und eben als Mahenne verſchwand, kam ein Tragſeſſel durch die Menge. Mayneville ging ihm entgegen, einer der Vorhaͤnge wurde zuruͤckgeſchoben und Ernauton glaubte in dem Mondlichte ſo wohl ſeinen Pagen als die Dame zu erkennen, die er kurzlich am Thore St. Antoine geſehen. Mayneville und die Dame wechſelten einige Worte und der Tragſeſſel verſchwand unter dem Thore des Hauſes. Mayneville folgte und das Thor wurde geſchloſſen. Im nächſten Augenblicke erſchien Mayneville auf dem Balcon, dankte den Pariſern im Namen des Herzogs und forderte ſie auf, da es ſchon ſpät ſei, nach Hauſe zu gehen, damit die Boswilligkeit aus ihrer Verſammlung da keinen Nutzen ziehe. 122 Alle entfernten ſich auch wirklich nach dieſer Aufforde⸗ rung mit Ausnahme von zehn Perſonen, welche hinter dem Herzoge in das Haus hineingegangen waren. Ernauton entfernte ſich gleich den Uebrigen oder er ſtellte ſich vielmehr als entferne er ſich auch. Die zehn Auserwaͤhlten, welche mit Ausſchluß aller Andern zurückgeblieben, waren die Abgeordneten der Ligue, die an Herrn von Mayenne geſchickt wurden, um ihm fuͤr ſeine Ankunft zu danken, gleichzeitig aber auch um ihn zu beſchworen, ſeinen Bruder zur Rückkehr zu bewegen. Dieſe wuͤrdigen Buͤrger, welche wir ſchon an einem Abende verſammelt ſahen und denen es an einer Art Phan⸗ taſie nicht fehlte, hatten in ihren vorbereitenden Verſamm⸗ lungen eine Menge Pläne ausgedacht, denen nur die Zu⸗ ſtimmung und Unterſtützung eines Führers fehlte, auf welchen man rechnen koͤnnte. Buſſy⸗Leclere meldete, daß er drei Kloͤſter in der Hand⸗ habung der Waffen geubt und funfhundert Bürger in Com⸗ pagnien getheilt, alſo ungefähr tauſend Mann bereit ge⸗ macht habe. Lachapelle⸗Marteau hatte ſich mit den Richtern, Schreibern und andern Perſonen in den Gerichtshoͤfen in Vernehmen geſetzt. Er konnte Rath und That zugleich bieten, den Rath von zweihundert Schwarzroͤcken und die thätige Hilfe von zweihundert Polizeireitern. Brigard hatte die Handelsleute aus der Lombarden⸗ ſtraße, den Hallen und der Straße St. Denis. Cruct theilte die Advokaten mit Lachapelle⸗Marteau und verfügte überdies über die Univerſität. 123 Debar bot alle Schiffer und Leute aus dem Hafen, eine gefahrliche Schaar von etwa füͤnfhundert Mann. Louchard verfuͤgte über funfhundert Pferdehaͤndler und Pferdemäkler, die ſämmtlich die eifrigſten Katholiken waren. Ein Zinngießer, Pollard mit Namen und ein Metzger Gilbert vertraten füͤnfzehnhundert Metzger und Fleiſch⸗ haͤndler der Stadt und der Vorſtädte. Nicolaus Poulain, der Freund Chicot's, bot Alle und Alles an. Als der Herzog in einem ſichern Gemache dieſe Mit⸗ theilungen und Anerbietungen vernommen hatte, ſagte er: „Ich bewundere die Stärke der Ligue, aber ich ſehe den Zweck nicht, den ſie mir ohne Zweifel vorſchlagen wollte.“ Meiſter Lachapelle⸗Marteau ſchickte ſich ſogleich an eine Rede zu halten. Er war ſehr weitſchweifig und die Sache bekannt, Mayenne ſchauderte alſo. „Schnell!“ ſagte er. Buſſy⸗Leelere nahm Marteau das Wort aus dem Munde und ſagte: „Der Zweck iſt folgender. Wir ſehnen uns und duͤrſten nach einer Veraͤnderung; wir ſind die Staͤrkſten und wollen alſo dieſe Veraͤnderung. Das iſt kurz, klar und beſtimmt.“ „Aber“, fragte Mayenne,„was wollet Ihr thun, um zu dieſer Veränderung zu gelangen?“ „Meiner Meinung nach“, ſagte Buſſy⸗Leclere mit dem Freimuthe, der bei einem Manne von ſo niederer Stellung füuͤr Keckheit gelten konnte,„meiner Meinung nach lag es an unſern Fuͤhrern, nicht an uns, den Zweck anzugeben, da der Gedanke der Union von ihnen ausgegangen iſt.“ 124 „Ihr Herren“, ſprach Mayenne, Ihr habt vollkommen Recht; der Zweck und das Ziel muß von denen angegeben werden, welche die Ehre haben Euere Fuͤhrer zu ſein und hier muß ich Euch wiederholen, daß der Feldherr zu beur⸗ theilen hat, wann die Schlacht zu liefern iſt. Wenn er auch ſeine Truppen in Reih und Glied aufgeſtellt, bewaffnet und von Muth beſeelt ſieht, giebt er das Zeichen zum Angriffe doch erſt dann, wann der rechte Zeitpunft gekommen iſt.“ „Aber, gnaͤdiger Herr“ fiel Cruck ein,„die Ligue hat Eile, wie wir bereits die Ehre gehabt haben Euch zu ſagen.“ „Warum hat ſie Eile, Herr Crucé?“ fragte Mayenne. „Sie will das Ziel ſchnell erreichen.“ „Welches?“ „Unſer Ziel; wir haben auch unſern Plan.“ „Dann iſt es etwas anderes“, ſagte Mayenne;„wenn Ihr Euern Plan habt, ſo brauche ich nichts zu ſagen.“ „Ja, gnädiger Herr; aber konnen wir auf Euere Hilfe rechnen?“ „Ohne Zweifel, wenn der Plan meinem Bruder und mir genehm iſt.“ „Wahrſcheinlich wird er Euern Beifall haben.“ „So theilt mir Euern Plan mit.“ Die Verbundeten ſahen einander an. Einige winkten Lachapelle⸗Marteau, um ihn aufzufordern zu ſprechen. Er trat auch vor und ſchien den Herzog um die Erlaub⸗ niß zu bitten, ſich ausfprechen zu durfen. „Sprechet“, ſagte der Herzog. „Die Sache iſt die, gnadiger Herr“, ſagte Marteau. „Wir, Leclerc, Erues und ich, find darauf gekommen. Wir fe d en 125 haben reiflich daruͤber nachgedacht und wahrſcheinlich iſt das Reſultat gewiß.“ „Zur Sache, Herr Marteau, zur Sache.“ „Es giebt mehrere Punkte in der Stadt, welche alle Streitkraͤfte der Stadt untereinander verbinden, z. B. das große und kleine Chatelet, den Temple⸗ Palaſt, das Stadt⸗ haus, das Arſenal und den Louvre.“ „Das iſt wahr“, ſagte der Herzog. „Alle dieſe Punkte werden von den ſtehenden Garni⸗ ſonen vertheidiget, ſind aber nicht ſchwer zu nehmen, da ſie einen Handſtreich nicht erwarten.“ „Auch dies gebe ich zu“, ſagte der Herzog. „Gleichwohl iſt die Stadt außerdem zuerſt von dem Hauptmann von der Schaarwache mit ſeinen Schuͤtzen ver⸗ theidiget, welche die wahre Vertheidigung von Paris an die gefaͤhrdeten Stellen bringen. Wir ſind nun der Mei⸗ nung, daß der Hauptmann der Schaarwache in ſeiner Woh⸗ nung zu ergreifen ſein dürfte. Dieſer Handſtreich kann ohne Aufſehen ausgefuͤhrt werden, da der Mann an einem ent⸗ legenen Orte wohnt.“ Mayenne ſchüttelte den Kopf. „So entlegen und ſtill auch der Ort ſein mag“, ſagte er,„es macht immer Aufſehen, wenn man eine gute Thuͤr einſchlaͤgt und vielleicht zwanzig Schuſſe abfeuert.“ „Dieſen Einwurf haben wir vorausgeſehen, gnädiger Herr“, antwortete Marteau z„einer der Schuͤtzen des Haupt⸗ mannes iſt unſer. In der Nacht klopfen wir zwei⸗ oder dreimal an die Thuͤr; der Schütz oͤffnet und meldet dem Hauptmann, daß Se. Maj. ihn zu ſprechen wuͤnſche. Das 126 iſt nichts Ungewohnliches. Der Konig läßt dieſen Beamten ziemlich jeden Monat einmal kommen, um ſich von ihm Be⸗ richt erſtatten zu laſſen. Iſt nun die Thuͤr geoͤffnet, ſo laſſen wir zehn Mann von den Schiffern hineingehen, welche in dem St. Pauls⸗Viertel wohnen und den Hauptmann beſei⸗ tigen.“ „Ermorden, wollet Ihr ſagen?“ „Ja, gnaͤdiger Herr. So werden die erſten Befehle zur Vertheidigung verhindert. Allerdings konnen von den ängſtlichen Bürgern andere Beamte vorgeſchoben werden; wir haben den Herrn Praͤſidenten, den Herrn von O, den Herrn von Chiverney, den Procurator Laguesle; aber deren Häuſer werden gleichzeitig erſturmt; die St. Bartholomaͤus⸗ nacht hat uns gelehrt, wie man da zu Werke geht und man verfäͤhrt mit ihnen wie mit dem Herrn Hauptmanne von der Schaarwache.“ „Ah!“ rief der Herzog aus, dem die Sache von Wich⸗ tigkeit erſchien. „Das giebt eine vortreffliche Gelegenheit, gnädiger Herr, uber die Politiſchen herzufallen, die alle in unſern Straßen bezeichnet ſind und den religioſen und politiſchen Hereſiarchen das Garaus zu machen.“ „Alles dies iſt vortrefflich“, ſagte Mayenne,„aber Ihr habt mir noch nicht geſagt, ob Ihr auch den Louvre, eine wahre Feſte, in welchem unablaͤſſig Garden und Edelleute wohnen, in einem Augenblicke zu nehmen gedenkt. So furchtſam auch der Konig iſt, wird er ſich doch nicht ermor⸗ den laſſen wie der Hauptmann von der Schaarwache; er wird zum Schwerte greifen und— das bedenkt wohl!— S 8„ 8„ n v er rn en hr ne ute So or⸗ er 127 er iſt der Koͤnig. Seine Perſon wird großen Eindruck auf die Buͤrger machen und Ihr werdet geſchlagen werden.“ „Wir haben zum Angriffe gegen den Louvre viertau⸗ ſend Mann gewaͤhlt, gnädiger Herr und zwar viertauſend, welche den Valovis nicht ſo lieben, daß ſeine Perſon die er⸗ waͤhnte Wirkung auf ſie machen koͤnnte.“ „Und Ihr glaubt, daß das hinreiche?“ „Ohne Zweifel, wir werden zehn gegen einen ſein“, bemerkte Buſſy⸗Leclerec. „Und die Schweizer? Es giebt deren viertauſend.“ „Ja, aber ſie ſind in Lagny und Lagnhiiſt acht Stunden von Paris entfernt. Auch angenommen, daß der König ihnen Nachricht geben laſſen koͤnnte, ſo brauchen die Boten zwei Stunden, um hinzureiten und die Schweizer brauchen acht, um den Weg zu Fuß zu machen, im Ganzen zehn Stun⸗ den und ſie werden gerade zu rechter Zeit ankommen, um an den Thoren verhaftet zu werden, denn nach zehn Stun⸗ den ſind wir Herren der ganzen Stadt.“ „Gut, ich gebe das Alles zu; der Hauptmann von der Wache iſt ermordet, die Politiſchen ſind vernichtet, die Be⸗ hoͤrden der Stadt verſchwunden, alle Hinderniſſe beſeitiget, aber was dann? Das habt Ihr wahrſcheinlich auch be⸗ ſchloſſen.“ „Wir bilden eine Regierung von ehrlichen Leuten wie wir ſind“ ſagte Brigard,„und wenn unſer kleiner Handel geht, wenn wir ſicheres Brod für unſere Kinder und Frauen haben, ſo wünſchen wir nichts weiter. Ein wenig Ehrgeiz treibt vielleicht Einige an, womöglich ein Aemtchen zu er⸗ halten, Corporal und dergleichen zu werden; das kann ſich 128 auch machen, Herr Herzog, und das iſt Alles. Ihr ſeht, daß wir nicht viel verlangen.“ „Herr Brigard, Ihr ſprecht goldene Worte“, ſagte der Herzog;„Jja, Ihr ſeid ehrlich, ich ſehe es und Ihr werdet in Gueren Reihen keine Melange dulden.“ „Nein, nein!“ riefen mehrere Stimmen,„keine Hefen in gutem Weine.“ „Sehr gut“ ſagte der Herzog,„das heißt reden. Nun laßt uns einmal zuſehen. Herr von der Polizei, giebt es viel Tagediebe und Nichtsnutzer auf Jle⸗ de France?“ Nicolaus Poulain, der nicht einmal vorgetreten war, mußte jetzt auch vorkommen. „Ja, gewiß, gnädiger Herr“ ſagte er,„nur zu viele.“ „Koͤnnet Ihr uns ungefähr die Zahl dieſer Leute an⸗ geben?“ „Ja, ſo ziemlich.“ „So ſchätzet ſie einmal.“ Poulain begann an den Fingern zu zählen. „Diebe, drei, bis viertauſend. Mäßiggänger und Bettler, zweitauſend bis dritthalbtauſend. Leute, die ſteh⸗ len, wenn ſich eine gute Gelegenheit darbietet, funfzehn⸗ hundert bis zweitauſend. Morder, vier⸗ bis fünfhundert.“ „Gut, da habt Ihr, gering angeſchlagen, ſechstauſend bis ſiebenthalbtauſend Galgenvögel. Und welchen Glauben haben dieſe Leute?“ „Was beliebt?“ fragte Poulain. „Ich frage, ob ſie Katholiken oder Hugenotten ſind.“ Poulain lchelte. ind eh⸗ ben 129 „Sie haben vielmehr jeden Glauben, gnädiger Herr“, ſagte er,„als einen einzigen. Ihr Gott iſt das Gelb und das Blut ihr Prophet.“ „Das wegen ihres religioͤſen Glaubens. Wie ſteht es mit dem politiſchen? Sind ſie fuͤr die Valois oder fuͤr die Ligue, ſind ſie Politiſche*) oder Navarreſer?“ „Sie ſind Raͤuber und Banditen.“ „Gnädiger Herr“, ſiel Crucs ein,„glaubt nicht, daß wir ſolche Leute zu Verbuͤndeten annehmen.“ „Gewiß nicht; ich glaube das auch nicht, Herr Cruce und das thut mir leid.“ „Und warum thut Euch dies leid?“ fragten verwun⸗ dert einige Mitglieder der Deputation. „Ihr ſehet wohl ein, ihr Herren, daß dieſe Leute, welche keinen Glauben und keine Meinung haben und folglich mit Euch nicht gemeinſchaftliche Sache machen werden, ſobald ſie ſehen, daß es keine Behoͤrde, keine bewaffnete Macht, keinen Koͤnig, kurz nichts mehr giebt, was ſie im Zaume haͤlt, Euere Laden pluͤndern während Ihr kämpft und Euere Haͤuſer, waͤhrend Ihr den Louvre beſetzt haltet; bald werden ſie ſich mit den Schweizern gegen Euch, bald mit Euch gegen die Schweizer verbinden, ſo daß ſie immer die Staͤrkſten ſind.“ ²) Politiſche oder Unzufriedene, eine Partei, die ſich zur Zeit der Ligue aus Perſonen bildete, welche von dem Glau⸗ ben abſahen und nur politiſche Reformen verlangten. Sie trugen ſpäter viel dazu bei, Heinrich IW. auf den Thron zu bringen. Der Ueberſ. Die Fuͤnfundvierzig. I. 9 130 „Der Teufel auch!“ riefen die Abgeordneten aus und ſahen einander an. „Das iſt wohl des weitern Nachdenkens werth, nicht wahr?“ fuhr der Herzog fort.„Ich fur meine Perſon be⸗ ſchaftige mich ſehr damit und werde ein Mittel ausfindig zu machen ſuchen, dieſen Uebelſtand zu beſeitigen, denn Euer Nutzen liegt mir noch mehr am Herzen als der unſerige, Das iſt der Wahlſpruch meines Bruders und der meinige.“ Die Abgeordneten ließen ein beifälliges Gemurmel hoͤren. „Jetzt erlaubt einem Manne, der Tag und Nacht vier⸗ undzwanzig Stunden weit geritten iſt, einige Stunden zu ſchlafen; es giebt keine Gefahr hier, wenigſtens jetzt, waͤh⸗ rend es gefahrlich werden wuͤrde, wenn Ihr handeltet. Vielleicht iſt das auch Euere Anſicht nicht?“ „Nein, Herr Herzog“ ſagte Brigard. „Sehr gut.“ „Wir verabſchieden uns ergebenſt von Euch, gnaͤdiger Herr“, fuhr Brigard fort.„Wann werdet Ihr eine neue Verſammlung halten?“ „Sobald als möglich, ſeid unbeſorgt“ ſagte Mayenne; „morgen vielleicht, ſpäteſtens uͤbermorgen.“ Er entließ ſie darauf wirklich und ſie waren uͤberraſcht von ſeiner klugen Vorausſicht, die eine Gefahr entdeckt, an welche ſie nicht gedacht hatten. Kaum aber war er verſchwunden, als eine geheime Thur in der Wand ſich offnete und eine Dame in den Saal trat. „Die Herzogin!“ riefen die Abgeordneten aus. fi — „ er ue ht an ne al 131 „Ja, meine Herren“, ſagte ſie,„und ſie wird Euch aus der Verlegenheit reißen.“ Die Abgeordneten, welche ihre Entſchloſſenheit kann⸗ ten, zugleich aber auch ihren Feuereifer furchteten, draͤngten ſich um ſie. „Meine Herren“ fuhr die Herzogin laͤchelnd fort,„was die Hebraer nicht thun konnten, that Judith allein. Hoffet alſo. Auch ich habe meinen Plan.“ Sie reichte darauf den Anhängern der Ligue ihre wei⸗ ßen Haͤnde hin, welche die Galanteſten kuͤßten und entfernte ſich durch die Thuͤr, durch welche Mayenne hinausgegan⸗ gen war. „Bei Gott!“ rief Buſſy⸗Leelere, indem er an ſeinem Schnurrbarte leckte und der Herzogin folgte,„ich glaube, ſie iſt der eigentliche Mann in der Familie.“ „Ah!“ ſeufzete Nicolaus Poulain, indem er ſich den Schweiß abwiſchte, der ihm bei dem Anblicke der Herzogin von Montpenſier auf die Stirn getreten war;„wenn ich doch fort wäre!“ Dreizehntes Kapitel. Der Bruder Borromaus. Es war ungefaͤhr zehn Uhr Abends. Die Abgeordneten kehrten ganz demuͤthig nach Hauſe zuruͤck und an jeder Straßenecke, die ſie ihren Wohnungen naͤher brachte, ver⸗ abſchiedeten ſich einige. Nicolaus Poulain, der am weiteſten von allen wohnte, ging zuletzt noch allein und dachte uͤber die unangenehme 9* 132 Lage nach, die ihn zu dem Ausrufe gebracht hatte, mit wel⸗ chem das vorige Kapitel ſchließt. Der Tag war wirklich fuͤr Jedermann, namentlich aber für ihn, ſehr ereignißreich geweſen. Er kam deshalb ſchaudernd uͤber das, was er gehort hatte, nach Hauſe und dachte bei ſich, wenn der Schatten recht gehabt habe, ihn zu einer Anzeige des Complottes von Vincennes zu treiben, wurde ihm Robert Briquet ge⸗ wiß nicht verzeihen, daß er den durch Lachapelle⸗Marteau vor dem Herzoge von Mayenne auseinandergeſetzten Plan nicht auch offenbare. Als er eben mit dieſen Gedanken beſchaͤftiget war und in der Straße Pierre⸗au⸗Real hinging, die kaum vier Fuß breit war, ſah Nicolaus Poulain in entgegengeſetzter Rich⸗ tung eine Jacobinerkutte herkommen, die bis an die Knie aufgeſchurzt war. Einer mußte bei Seite treten, denn in dieſem Gäßchen konnten nicht zwei Perſonen nebeneinander gehen. Nicolaus Poulain hoffte, die Mönchsdemuth wuͤrde ihm, dem Manne mit dem Degen, Platz machen, aber ſo geſchah es nicht; der Moͤnch lief wie ein gehetzter Hirſch, ſo ſtark, daß er eine Mauer umgeſtuͤrzt haben wuͤrde und Nicolaus Poulain trat fluchend bei Seite, um nicht uber den Haufen gerannt zu werden. Da begann denn in dem engen Raume jenes ärgerliche Herüber⸗ und Hinüberſchwenken, das zwiſchen zwei Perſo⸗ nen entſteht, die einander ausweichen wollen und ungläck⸗ licherweiſe immer einander entgegentreten. Poulain fluchte, der Moͤnch wetterte und der Kutten⸗ ten tes ge⸗ au lan ind uß ch⸗ nie hen rde r ſo ſch, und ber iche rſo⸗ uͤck⸗ ten⸗ 133 mann, welcher minder geduldig war als der Mann vom Degen, packte dieſen endlich, um ihn an die Seite zu drücken. Eben als ſie handgemein werden wollten, erkannten ſie einander. „Bruder Borromaus!“ rief Poulain aus. „Herr Nicolaus Poulain!“ ſagte der Moͤnch. „Wie geht es Euch?“ fragte Poulain mit der bewun⸗ dernswürdigen Gutmuͤthigkeit und der unveränderlichen Höflichkeit des pariſer Buͤrgers. „Sehr ſchlecht“, antwortete der Moͤnch, der weit ſchwe⸗ rer zu beſaͤnftigen war als der Laie,„denn Ihr habt mich aufgehalten und ich habe Eile.“ „Ihr ſeid ein verteufelter Mann“ erwiederte Poulain, „immer kriegeriſch wie ein Roͤmer. Aber wohin lauft Ihr ſo eilig in dieſer ſpaͤten Stunde? Brennt Euer Kloſter?“ „Nein, aber ich war zu der Frau Herzogin gegangen, um mit Mayneville zu ſprechen.“ „Zu welcher Herzogin?“ „Es giebt, denke ich, nur eine, bei der man mit Mahne⸗ ville ſprechen kann“, ſagte Borromäus, der anfangs dem Manne von der Polizei beſtimmt antworten zu können ge⸗ glaubt hatte, aber gegen den Neugierigen doch nicht gar zu mittheilend ſein wollte. „Und was wolltet Ihr bei der Herzogin von Mont⸗ penſier?“ „Mein Gott, das iſt ja ſehr einfach“, ſagte Borromäus, der eine paſſende Antwort ſuchte;„unſer hochwuͤrdiger Prior iſt von der Frau Herzogin erſucht worden, ihr Beich⸗ tiger zu werden; er hatte es zugeſagt, lehnt es aber jetzt 134 ab, weil er auf ein Bedenken ſtieß. Die Zuſammenkunft ſollte morgen ſtattfinden und ich habe alſo von Seiten des Herrn Modeſtus Gorenflot der Herzogin zu ſagen, ſie moͤge nicht mehr auf ihn rechnen.“ „Ihr ſcheint aber nicht auf dem Wege nach dem Palaſte Guiſe zu ſein, werther Bruder; im Gegentheil, Ihr geht in gerade entgegengeſetzter Richtung hin.“ „Allerdings“, entgegnete Bruder Borromäus,„weil ich bereits daher komme.“ „Und wohin geht Ihr nun?“ „Man hat mir geſagt, die Frau Herzogin ſei zum Be⸗ ſuche bei Herrn von Mayenne, der dieſen Abend angekom⸗ men und in dem Palaſte St. Denis abgeſtiegen.“ „Das iſt wieder wahr; der Herzog“, ſagte Poulain, „iſt wirklich dort und die Herzogin bei ihm; aber warum ſpielt Ihr den Vorſichtigen gegen mich? Man ſchickt doch nicht den Schatzmeiſter, um Auftraͤge des Kloſters beſorgen zu laſſen.“ „Zu einer Fürſtin, warum nicht?“ „Ihr, der Vertraute des Herrn von Mayneville, glaubt doch nicht an die Beichte der Herzogin von Montpenſier?“ „Was ſollte ich ſonſt glauben?“ „Mein Lieber, Ihr kennt recht wohl die Entfernung des Kloſters von der Mitte der Straße, da Ihr mich die⸗ ſelbe habt ausmeſſen laſſen. Seht Euch vor; Ihr ſagt mir ſo wenig, daß ich vielleicht zu viel glaube.“ „Daran wuͤrdet Ihr nicht wohlthun, Herr Poulain; ich weiß weiter nichts. Jetzt haltet mich aber nicht länger auf, ſonſt treffe ich die Frau Herzogin nicht mehr an.“ nft es ge ſte eht eil Be⸗ ain, tum doch gen ubt ung die⸗ mir ain; nger ———— 135 „Ihr werdet ſie immer in ihrem Hauſe finden, wohin ſie zuruͤckkehrt und Ihr hättet ſie da erwarten ſollen.“ „Nun“, ſagte Borromaus,„es wurde mir auch ange⸗ nehm ſein, den Herrn Herzog zu ſehen.“ „Geht!“ „Ihr kennt ihn ja. Wenn ich ihn einmal zu ſeiner Geliebten fortlaſſe, iſt er nicht wieder zu haben.“ „Das iſt geſprochen. Jetzt weiß ich, mit wem Ihr zu thun habt und ich halte Euch nicht auf. Lebt wohl! Gute Verrichtung!“ Als Borromaͤus den Weg frei ſah, wuͤnſchte er Poulain fluͤchtig einen guten Abend und eilte weiter. „Es giebt noch etwas Neues“, dachte Nicolaus Pou⸗ lain bei ſich, indem er der Moͤnchskutte nachſah, die all⸗ maͤlig im Dunkel verſchwand.„Aber was brauche ich zu wiſſen, was vorgeht? Sollte ich gar Geſchmack an dem Handwerke finden, das ich treiben muß? Pfui!“ Er kam bald darauf nach Hauſe und legte ſich nieder nicht mit der Ruhe eines guten Gewiſſens, ſondern mit der Sicherheit, welche in allen Lagen der Welt, wie falſch ſie auch ſein moͤgen, die Unterſtützung eines Stärkern giebt. Unterdeß eilte Borromaͤus ſo ſchnell weiter, daß er die verlorene Zeit einholen zu konnen hoffte. Er kannte wirklich die Lebensweiſe des Herrn von May⸗ enne und hatte ohne Zweifel jetzt ſeine Gruͤnde und Abſich⸗ ten, die er dem Nicolaus Poulain nicht mittheilen mochte. In Schweiß gebadet und athemlos kam er an dem Pa⸗ laſte St. Denis in dem Augenblicke an als der Herzog und die Herzogin, die von ihren wichtigen Angelegenheiten ge⸗ 136 ſprochen hatten, auf Antrieb des Herzogs ſich trennen woll⸗ ten, damit er noch Zeit behalte ſeine Dame in der Cité zu beſuchen, ͤber die, wie wir wiſſen, Joyeuſe ſich beklagte. Der Bruder und die Schweſter waren nach längerem Reden uber die Aufnahme bei dem Koͤnige und uͤber den Plan der Zehn uͤber Folgendes einig geworden: Der König hege keinen Verdacht und ſei jeden Tag leichter anzugreifen. Von beſonderer Wichtigkeit ſei es, die Ligue in den nordlichen Provinzen zu organiſiren, während der Koͤnig ſeinen Bruder in Stich laſſe und Heinrich von Navarra vergeſſe. Von dieſen beiden letzten Feinden ſei nur der Herzog von Anjou mit ſeinem Ehrgeize zu füͤrchten, denn Heinrich von Navarra beſchaͤftige ſich, wie man durch wohlunterrich⸗ tete Spione wiſſe, nur mit ſeinen drei oder vier Geliebten. „Paris ſei bereit“ ſagte Mayenne laut;„aber ihre Verwandtſchaft mit der koniglichen Familie unterftutze die Politiſchen und die ächten Royaliſten; man muͤſſe auf einen Bruch zwiſchen dem Konige und ſeinen Verwandten warten und dieſer Bruch koͤnne bei dem unbeſtandigen Cha⸗ rakter Heinrichs nicht lange auf ſich warten laſſen.— Es drangt nichts“, fuhr der Herzog fort;„warten wir.“ „Ich“, ſagte leiſe die Herzogin,„brauche nur zehn Mäͤnner, die ſich in die verſchiedenen Stadttheilezerſtreuen, um nach dem Handſtreiche, den ich vorhabe, Paris aufzu⸗ wiegeln; ich habe dieſezehn Maͤnner gefunden und verlange nichts mehr.“ Soweit waren ſie als Mayneville plotzlich eintrat und —— V 137 meldete, daß Borromaͤus mit dem Herrn Herzoge zu ſprechen wuͤnſche. „Borromaͤus?“ fragte der Herzog verwundert;„wer iſt das?“ „Gnaͤdiger Herr“, antwortete Mayneville,„derjenige, den Ihr von Naney ſandtet als ich Ew. Hoheit um einen klugen und einen entſchloſſenen Mann erſuchte.“ „Ich erinnere mich. Ich antwortete Euch, daß ich Beide in einem Einzigen haͤtte und ſandte Euch den Capitain Borroville. Hat er den Namen geaͤndert und nennt er ſich Borromaͤus?“ „Ja, gnaͤdiger Herr, er hat den Namen und die Klei⸗ dung geaͤndert. Er heißt Borromaͤus und iſt Jacobiner.“ „Borroville Jacobiner?“ „Ja, gnaͤdiger Herr.“ „Und warum iſt er Jacobiner? Der Teufel muß recht gelacht haben, als er ihn unter der Kutte erkannte.“ „Warum er Jacobiner iſt?“(— Die Herzogin winkte Mayneville—)„Das werdet Ihr ſpaͤter erfahren; es iſt unſer Geheimniß. Bis dahin wollen wir den Capitain Borroville oder den Bruder Borromaͤus, wie es Euch ge⸗ fallt, anhoren.“ „Ja, um ſo mehr da ſein Beſuch mich beunruhiget“, ſagte die Herzogin von Montpenſier. „Mich auch, ich geſtehe es“, ſagte Mayneville. „So führt ihn ſogleich herein“, ſagte die Herzogin. Der Herzog ſeiner Seits ſchwankte zwiſchen dem Wun⸗ ſche den Boten zu hoͤren und der Beſorgniß das Stelldichein bei ſeiner Geliebten zu verſäumen. — 138 Er ſah nach der Thuͤr und der Uhr. „Nun, Borroville“, ſagte der Herzog, der trotz der übeln Laune ein Lächeln nicht unterdrcken konnte,„wie ſeid Ihr vermummt?“ „Gnädiger Herr“, antwortete der Capitain,„ich be⸗ finde mich allerdings ſehr unbehaglich in dieſer verfluchten Kutte, aber wos ſein muß, muß ſein, wie der Herr von Guiſe, der Vater, ſagte.“ „Ich wenigſtens habe Euch nicht in dieſe Kutte geſteckt, Borroville“, ſagte der Herzog;„rollt mir alſo auch ihret⸗ wegen nicht.“ „Nein, gnaͤdiger Herr, die Frau Herzogin hat es ge⸗ than, aber ich zürne ihr auch nicht, da ich ihr diene.“ „Ich danke, Capitain und nun laßt hoͤren, was Ihr uns ſo ſpaͤt zu ſagen habt.“ „Was ich leider nicht früher ſagen konnte, gnaͤdiger Herr, denn das ganze Kloſter lag mir auf dem Halſe.“ „So ſprecht nun.“ „Herr Herzog“ begann Borroville,„der König ſendet dem Herzoge von Anjon Hilfe.“ „Ach“, antwortete Mayenne,„wir kennen dieſes Lied ſchon, denn man fingt es uns ſeit drei Jahren vor.“ „Ja, aber diesmal kann ich Euch die Nachricht fuͤr ge⸗ wiß geben.“ „Hm!“ ſagte Mayenne mit einer Kopfbewegung gleich der eines Pferdes, das ſich bäumt,„wie ſo ſicher?“ „Heute, d. h. in der vorigen Nacht, um zwei Uhr früh, iſt Herr von Joyeuſe nach Rouen abgereiſet. Er geht zu Dieppe zu Schiffe und bringt dreitauſend Mann nach Antwerpen.“ d— 8 X 5 E 7 139 „O ho! Und wer hat Euch dies geſagt, Borroville?“ „Ein Mann, der ſelbſt nach Navarra geht, gnädiger Herr.“ „Nach Navarra, zu Heinrich?“ „Ja, gnadiger Herr.“ „Und wer ſendet ihn?“ „Der Koͤnig, ja,. Herr der Koͤnig mit einem Schreiben.“ 3 „Wer iſt der Mann?“ „Er heißt Robert Briquet.“ „Und?“ „Er iſt ein vertrauter Freund des Prieſters Gorenflot.“ „Des Priors?“ „Ja, ſie nennen einander Du.“ „Als Geſandter des Koͤnigs?“ „Das iſt ſicher. Er ſchickte von der Priorei aus in den Louvre, um ein Schreiben holen zu laſſen und einer unſerer Monche hat den Weg gemacht.“ „Und dieſer Moͤnch?“ „Iſt unſer kleiner Krieger Jacob Clement, derſelbe, den Ihr bemerkt habt, Frau Herzogin.“ „Und der Ungeſchickte hat Euch den Brief nicht uber⸗ geben?“ „Gnaͤdiger Herr, der Koͤnig gab ihm denſelben nicht. ſondern ließ ihn dem Boten durch eigene Leute uͤber⸗ bringen.“ „Dieſen Brief muͤſſen wir haben.“ „Gewiß muͤſſen wir ihn haben.“ 140 „Warum habt Ihr nicht daran gedacht?“ fragte May⸗ neville. „Ich habe ſowohl daran gedacht, daß ich dem Boten einen meiner Leute, einen Hercules, zum Begleiter geben wollte; aber Robert Briquet traute nicht und ſchickte ihn zuruͤck.“ „Ihr haͤttet ſelbſt gehen ſollen.“ „Das war nicht moglich.“ „Warum?“ „Er kennt mich.“ „Als Monch, aber nicht als Capitain hoffentlich.“ „Ich weiß es nicht, dieſer Robert Briquet hat ein ſehr ſcharfes Auge.“ „Was fuͤr ein Mann iſt er?“ fragte Mayenne. „Ein großer durrer Mann, nur Knochen und Sehnen, gewandt, ſpottſuchtig und ſchweigſam.“ „Ah und weiß er den Degen zu führen?“ „Wie der, welcher ihn erfunden hat, gnaͤdiger Herr.“ „Langes Geſicht?“ „Gnädiger Herr, er kann jedes Geſicht annehmen.“ „Freund des Priors?“ „Aus der Zeit her als dieſer noch Moͤnch war.“ „Ich ahne etwas“, ſagte Mayenne, indem er die Stirn runzelte,„und ich werde mir Gewißheit zu verſchaffen ſuchen.“ „Thut das ſchnell, gnädiger Herr, denn mit ſeinen langen Beinen muß der Mann gewaltige Schritte machen.“ „Borroville“, ſagte Mayenne,„Ihr werdet nach Soiſſons reiſen, wo mein Bruder iſt. —,— . h „ 141 „Aber das Kloſter, gnädiger Herr?“ „Wird es Euch ſo ſchwer, dem Modeſtus ein Mährchen zu erzaͤhlen“, fiel Mayneville ein,„und glaubt er nicht Alles, was Ihr ihm ſagt?“ „Ihr ſagt meinem Bruder“, fuhr Mayenne fort,„was Ihr von der Sendung des Herrn von Joheuſe wißt.“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Und Navarra vergeßt Ihr, Mayenne?“ fragte die Herzogin. „Ich vergeſſe es ſo wenig, daß ich es ſelbſt übernehme“, antwortete Mayenne.„Laſſet mir ein friſches Pferd ſat⸗ teln, Mayneville.“ Dann ſetzte er leiſe hinzu: „Sollte er noch leben? Ja, ja, er muß noch leben.“ Vierzehntes Kapitel. Chicot als Lateiner. Man erinnert ſich, daß Chicot nach der Entfernung der jungen Maͤnner, die ihm den Brief des Konigs uͤber⸗ bracht hatten, ſchnellen Schrittes weiter gegangen war. Sobald ſie aber in dem Thale verſchwunden waren, blieb Chicot, welcher wie Argus den Vorzug zu haben ſchien, von hinten zu ſehen und der weder Ernauton noch Sainte⸗Maline mehr ſah, auf dem hochſten Punkte ſtehen, muſterte den Horizont, die Gräben, die Ebene, die Buͤſche, den Fluß, Alles, ſelbſt die Wolken, welche ſchief hinter den großen Ulmen am Wege hinzogen und als er ſich berzeugt hatte, daß ihn Nirmand beläſtige und beobachte, ſetzt er 142 ſich an einem Graben nieder, lehnte ſich an einen Baum⸗ ſtamm und begann was er ſeine Gewiſſenspruͤfung nannte. Er beſaß zwei Beutel mit Geld, denn er hatte bemerkt, daß der Beutel, welchen ihm Sainte⸗Maline ubergeben, außer dem koniglichen Briefe gewiſſe runde Gegenſtände enthielt, welche gemunztem Golde oder Silber glichen. Das Saͤckchen war eine wirkliche königliche Boͤrſe mit zwei geſtickten H., eines oben, eines unten. „Das iſt hubſch“, ſagte Chicot, indem er den Beutel betrachtete,„ſehr huͤbſch von dem Koͤnige. Sein Name, ſein Wappen! Man kann nicht freigebiger und einfältiger ſein. Ich werde gewiß nie etwas aus ihm machen koͤnnen. Auf Ehre, ich wundere mich nur, daß der gute und vortreff⸗ liche Konig nicht auch den Brief, den ich ſeinem Schwager uberbringen ſoll und meine QOuittung hat auf den Beutel ſticken laſſen. Warum wollen wir uns vorſehen? Die ganze politiſche Welt iſt jetzt unter freiem Himmel; thun wir wie Alle.. Wenn man den armen Chicot ermor⸗ dete, wie man den Boten ermordet hat, den derſelbe Heinrich nach Rom an Joyeuſe ſandte, wäre ein Freund weniger, weiter nichts und die Freunde ſind in jetziger Zeit ſo haͤufig, daß man verſchwenderiſch damit umgehen kann. Wie ſchlecht waͤhlt Gott, wenn er wählt!— Vor allen Dingen wollen wir aber zuſehen, was für Geld im Beutel iſt, dann unterſuchen wir den Brief.. Hundert Thaler,— gerade die Summe, die ich von Gorenflot geliehen habe. Es iſt wirklich koniglich. Ach, Vergebung, wir wollen nicht verleumden. Es iſt ein kleines Paket,— ſpaniſches Gold, fünf Quadrupel. Nun, es iſt zierlich und artig, Heinrich.. 143 Wenn die Chiffern und die Lilien nicht wären, die mir uͤber⸗ flüſſig zu ſein ſcheinen, wurde ich ihm einen Kuß ſchicken. Der Beutel iſt mir hinderlich. Ich glaube, die Voögel, welche uͤber mir hinfliegen, halten mich für einen Voten des Konigs und lachen mich aus oder verrathen mich an die Vorubergehenden, was noch ſchlimmer waͤre.“ Chieot ſchuͤttete den Inhalt des Beutels in ſeine hohle Hand, nahm aus ſeiner Taſche den Leinwandbeutel Go⸗ renflot's, ſteckte das Silber und Gold hinein und ſagte zu den Thalern: „Ihr koͤnnt ruhig beiſammen ſein, Kinder, denn Ihr ſtammt aus einem Lande.“ Dann nahm er den Brief aus dem Beutel, ſteckte dafuͤr einen Stein hinein, den er aufhob, band die Schnuren des Beutels darüber zuſammen und warf ihn in die Orge, welche unter der Bruͤcke hinfloß. Das Waſſer ſpritzte empor, es bildeten ſich einige Kreiſe auf der ruhigen Fläͤche, die ſich mehr und mehr er⸗ weiterten und endlich an den Ufern verſchwanden. „So viel fur mich“, ſagte Chicot;„nun fuͤr Heinrich.“ Er nahm den Brief, den er an den Boden gelegt hatte, um den Beutel bequemer in den Fluß ſchleudern zu koͤnnen, aber auf dem Wege daher kam ein mit Holz beladener Eſel. Zwei Frauen führten den Eſel, der ſo ſtolzen Schrittes einherging, als trüge er Reliquien ſtatt des Holzes. Chicot verſteckte den Brief unter ſeiner großen Hand, die er auf den Boden legte und ließ ſie voruͤberziehen. Als er wieder allein war, nahm er den Brief, riß das 144 Couvert ab und zerbrach das Siegel in aller Ruhe als ſei der Brief ein ganz gewohnlicher und an ihn gerichtet. Dann nahm er das Convert, rollte es zwiſchen ſeinen beiden Händen zuſammen, zerdrüͤckte das Siegel zwiſchen zwei Steinen und warf Alles dem Säͤckchen nach. „Nun wollen wir nach dem Style ſehen“, ſagte Chicot und er entfaltete den Brief und las: „Seht geliebter Bruder, die innige Liebe, welche un⸗ „ſer geliebter Bruder und verſtorbener Koͤnig, Karl IX. „gegen Euch hegte, wohnt noch unter den Gewolben des „Lonvre und fitz feſt in meinem Herzen.“ Chicot verbeugte ſich. ₰ „Deshalb widerſtrebt es mir, von traurigen und un⸗ „angenehmen Dingen Euch ſchreiben zu müſſen; aber Ihr „ſeid ſtark im Unglücke und ich zögere deshalb nicht laͤnger „Euch das mitzutheilen, was man nur muthigen und er⸗ „probten Freunden ſagt.“ Chicot unterbrach ſich und verbeugte ſich nochmals. „Uebrigens habe ich ein königliches Intereſſe, davon „zu ſprechen, nämlich die Ehre meines Namens und des „Euerigen, Herr Bruder. „Wir gleichen uns in dem Punkte, daß wir Beide von „Feinden umringt find. Chicot wird Euch dies erklären.“ —„Chicotus explicabit“, ſagte Chicot,„oder viel⸗ mehr evolvet, denn das iſt eleganter geſagt.“ „Euer Diener, der Herr Vicomte von Turenne, giebt „Euerm Hofe täglich Anlaß zu Aergerniß; Gott verhüte „es, daß ich mich um Euere Angelegenheiten aus einem „andern Grunde als wegen Eueres Wohles und Euerer in⸗ hr ger er⸗ von des . . iel⸗ iebt hute nem erer von 145 „Ehre kuͤmmere, aber Euere Frau,= die ich zu meinem Be⸗ „dauern meine Schweſter nenne, follte an meiner Stelle „dieſe Sorge fuͤr mich uͤbernehmen,— was ſie nicht thut.“ —„O ho“, ſagte Chicot, der in ſeinen lateiniſchen ueberſetzungen fortfuhr,„quaeque omittit facere. Das iſt hart.“ „Ich fordere Euch alſo auf, Herr Bruder, dafuͤr zu „ſorgen, daß das Einverſtaͤndniß zwiſchen Margot und dem „Vicomte von Turenne, welcher mit unſern gemeinſchaft⸗ „lichen Feinden eng verbunden iſt, dem Hauſe Bourbon „nicht etwa Schande und Schaden bringe. Statuirt ein „Erempel ſobald Ihr der Sache gewiß ſeid und uberzengt „Euch ſobald Ihr Chicot gehoͤrt habt, der meinen Brief „naͤher erläutern wird.“ —„Statim atque audiveris Chicotum litteras ex- plicantem. Nun weiter“, ſagte Chicot. „Es waͤretraurig, wenn der geringſte Verdacht auf der „Rechtmäßigkeit Euerer Erben laſtete, Herr Bruder,— „eines koſtbaren Gutes, fuͤr das ich nicht zu ſorgen habe, da „ich leider in voraus verdammt bin, nicht in meiner Nach⸗ „kommenſchaft fortzuleben. „Die beiden Mitſchuldigen, welche ich als Bruder und „Koͤnig Euch bezeichne, kommen meiſt in einem kleinen „Schloſſe zuſammen, welches Loignae heißt; ſie nehmen „die Jagd zum Vorwande. Dieſes Schloß iſt außerdem „ein Heerd der Intriguen, denen die Herren von Guiſe „nicht fremd ſind, denn Ihr wißt, mein werther Heinrich, „mit welcher ſeltſamen Liebe meine Schweſter Heinrich von „Guiſe und meinen eigenen Bruder Anjou verfolgte als Die Funfundvierzig U. 10 —— 146 „ich ſelbſt dieſen Namen fuhrte und er Herzog von Alengon „hieß.“ —„Quo et quam irregulari amore sit prosecuta et Henricum Guisium et germanum meum etc.“ „Ich umarme Euch und empfehle Euch meinen Rath, „bin auch übrigens bereit Euch in Allem und zu Allem be⸗ „hilflich zu ſein. Bis dahin bedient Euch des Rathes Chi⸗ „cot's, den ich Euch ſende.“ —„Gut, nun bin ich Rath des Reiches Navarra.“ „Euer wohlgeneigter u. ſ. w.“ Nachdem Chicot ſo geleſen hatte, ſtemmte er e Kopf in beide Haͤnde. „Hm“, ſagte er,„das ſcheint mir ein ſehr ſchlimmer Auftrag zu ſein, der beweiſet, wie Horatius Flaceus ſagt, daß man in ein anderes Uebel geraͤth, wenn man dem einen entflieht. Wirklich Mayenne iſt mir noch lieber. Und doch iſt der Brief, abgeſehen von dem verfluchten geſtickten Beu⸗ tel, den ich ihm nicht verzeihe, d er eines klugen Mannes. Wenn der Heinrich von Navarra wirklich aus dem Teige geknetet iſt, aus dem man gewoͤhnlich die Ehemänner macht, ſo wird ihn dieſer Brief mit einem Schlage mit ſeiner Frau, mit Turenne, Anjou, Guiſe und ſelbſt mit Spanien verun⸗ einigen. Heinrich von Valois muß, um im Louvre ſo genau von Allem unterrichtet zu ſein was bei Heinrich von Na⸗ ihr der hat bis in' varra in Pau geſchieht, einen Spion da haben und auf die⸗* the ſen Spion wird der gute Heinrich ſehr neugierig ſein. Auf der andern Seite zieht mir dieſer Brief viele Unannehm⸗ lichkeiten zu, wenn ich einem Spanier, einem Bearner oder einem Flamaͤnder begegne, der ſo neugierig iſt und wiſſen von ſetz ſein on uta th, be⸗ hi . opf mer agt, nen doch e nes. eige icht, rau, un⸗ nau Na⸗ 147 will, warum man mich nach Bearn ſchickt. Ah, ich wurde ſehr unvorſichtig ſein, wenn ich nicht erwartete mit einem ſolchen Neugierigen zuſammenzutreffen. Der Herr Borro⸗ maͤus namentlich wird, wenn ich mich nicht ſehr irre, etwas gegen mich im Schilde fuͤhren. Zweiter Punkt. Wasſuchte Chicot als er den Koͤnig Heinrich um eine Sendung an⸗ ging? Die Ruhe war ſein Zweck. Nun wird Chicot den Koͤnig von Navarra mit ſeiner Gemahlin veruneinigen. Das iſt nicht Chicot's Sache, weil Chicot, wenn er ſo mach⸗ tige Perſonen unter einander veruneiniget, ſich Todfeinde macht, die ihn hindern werden das gluͤckliche Alter von achtzig Jahren zu erreichen. Das iſt aber wieder gut, denn es lebt ſich gut doch nur wenn man jung iſt. Freilich hätte ich da auch in Gottes Namen auf den Dolchſtoß Mayen⸗ ne's warten koͤnnen.— Nein, die Gegenſeitigkeit in allen Dingen, das iſt Chicot's Wahlſpruch. Chicot wird ſeine Reiſe fortſetzen, aber Chicot iſt ein Mann von Geiſt und Chicot wird ſeine Vorſichtsmaßregeln brauchen. Er wird folglich nur das Geld bei ſich behalten, damit man nur ihm ein Leids thut, wenn man ihn ermordet. Chicot wird demnach die letzte Hand an das legen, was er begonnen hat, er wird nämlich dieſes ſchone Schreiben vom Anfange bis zu Ende in das Lateiniſche uberſetzen und ſich daſſelbe in's Gedaͤchtniß prägen, in welchem bereits zwei Dritt⸗ die⸗„ theile haften; dann kauft er ein Pferd, weil man wirklich Auf hm⸗ oder ſſen von Si bis Pau den rechten Fuß zu oft vor den linken ſetzen Vor allen Dingen aber wird Chicot den Brief ſeine reundes Heinrich von Valois in eine unendliche kleiner Stuͤcke zerreißen und dafuͤr S tragen, 10* — 148 daß dieſe Stückchen in Atomen theils in die Orge kommen, theils in der Luft umherfliegen, theils der Erde, unſerer ge⸗ 7 meinſamen Mutter, anvertraut werden, in deren Schoß Alles zuruckkehrt ſelbſt die Dummheiten der Konige. Wenn Chicot das, was er beginnt, beendiget hat..“ Und Chicot unterbrach ſich, um ſein Zertheilen des Briefes zu beginnen. Das eine Dritttheil des Schreibens wanderte in das Waſſer, das zweite in die Luft und das dritte verſchwand in einem Loche, das zu dieſem Zwecke mit einem Inſtrumente gegraben wurde, welches weder Dolch noch Meſſer war, im Nothfalle aber beide vertreten konnte und das Chicot in ſeinem Guͤrtel trug. Als dies geſchehen war, fuhr er fort: „Chicot wird ſich mit aller erdenklichen Vorſicht auf den Weg begeben und in der guten Stadt Corbeil ſpeiſen † als guter Magen, der er iſt. Bis dahin veſchaͤftigen wir uns mit der lateiniſchen Aufgabe, die wir uns geſtellt haben; ich glaube, daß wir etwas Schones zu Stande bringen.“ Mit einemmale hielt Chicot inne; er bemerkte namlich, daß er das Wort„Louvre“ nicht in das Lateiniſche uber⸗ ſetzen konnte, was ihm ſehr verdrießlich war. Er mußte auch den Namen Margot in Margota uber⸗ ſetzen, wie er ſchon Chicot in Cbicotus umgewandelt hatte. An Margarita dachte er nicht und eine ſolche Ueberſetzung wuͤrde auch nach ſeiner Anſicht hoͤchſt unvollkommen gewe ſen ſein. Dieſes Latein mit der ciceroniſchen Rei Chicot bis nach Corbeil, einer angenehmen S muthige Bote ein wenig die Wunder des Dome e⸗ oß nn ns as mit lch nte 149 bedächtig die des Wirthes betrachtete, der mit ſeinen appe⸗ titlichen Gerüchen die Naͤhe der Kirche durchduftete. Wir werden die Mahlzeit nicht beſchreiben, die er hielt, auch das Pferd nicht zu ſchildern ſuchen, das er aus dem Stalle des Wirthes kaufte; wir würden uns damit eine zu ſchwere Aufgabe ſtellen; wir ſagen blos, daß die Mahlzeit ſo lange währte und das Pferd ſo fehlerhaft war, daß wir, wenn unſere Gewiſſenhaftigkeit minder groß waͤre, Stoff zu faſt einem Bande davon nehmen konnten. Fünfzehntes Kapitel. Die vier Winde. Nachdem Chicot in Corbeil geſchlafen hatte, machte er am andern Tage mit ſeinem kleinen Pferde, das ſehr ſtark ſein mußte, einen ſo großen Mann tragen zu koͤnnen, eine Biegung rechts und gelangte bis zu einem kleinen Dorfe Orgerol. Er hätte an dieſem Tage gern noch einige Stunden zuruͤckgelegt, denn er ſchien ſehr zu wuͤnſchen, von Paris ſich zu entfernen, aber ſein Pferd konnte nicht wohl weiter und ſo hielt er es fur das Beſte Halt zu machen. Uebrigens hatten ſeine ſo guten und geuͤbten Augen auf dem ganzen Wege nichts entdeckt. Menſchen, Wagen und Barrikren waren ihm vollkommen harmlos erſchienen. So ſicher aber auch Chicot dem Anſcheine nach war, ch von dieſer Sicherheit doch nicht einſchlaͤfern; verließ ſich, wie unſere Leſer nun ſchon wiſſen 4 15⁰ Ehe er ſich niederlegte und ſeinem Pferde ein Unter⸗ kommen verſchaffte, prufte und unterſuchte er mit großer, Aufmerkſamkeit das ganze Haus. Man zeigte ihm prächtige Zimmer mit drei bis vier Einguͤngen, aber der Meinung Chicot's nach hatten dieſe Zimmer nicht blos zu viele Thuͤren, die Thüren ſchloſſen auch nicht gut genug. Der Wirth hatte eben ein großes Cabinet wiederher⸗ ſtellen laſſen, das nur eine Thuͤr auf die Treppe beſaß; dieſe Thur war von innen mit furchtbaren Riegeln verſehen. In dieſem Cabinet, das er auf den erſten Blick den praͤchtigen Zimmern ohne Schutz und Wehr, die man ihm gezeigt hatte, vorzog, ließ ſich Chicot ein Bett aufſchlagen. Er verſuchte die Riegel und da ſie ihm leicht beweglich † und ſtark genug vorkamen, nahm er ſein Abendeſſen da ein und verbot den Tiſch abzudecken, weil er, wie er ſagte, bis⸗ weilen in der Nacht Hunger bekäme, kleidete ſich dann aus, legte ſeine Kleidungsſtücke auf einen Stuhl und begab ſich in das Bett. Dann uͤberhörte er ſich dreimal den Brief. Der Tiſch bildete gewiſſermaßen eine Verſtaͤrkung der Thuͤr und gleichwohl ſchien ihm Alles noch nicht gehoͤrige Sicherheit zu gewaͤhren. Er ſtand deshalb nochmals auf, faßte einen Schrank und ruͤckte denſelben vor die Thuͤr. So war er gegen einen Ueberfall durch eine Thuͤr, einen 5 Schrank und einen Tiſch geſichert. Das Wirthshaus ſchien ihm nicht eben beſucht u ſein, der Wirth hatte indeß ein ehrliches Geſicht. Es gi ßen ein Wind, der den Ochſen haͤtte die Hoͤrner abrei ter⸗ ßer ier ieſe ſſen er⸗ aß; en. den ihm en. lich ein bis⸗ aus, ſich der rige auf, 151 konnen und man horte in den benachbarten Bäumen jenes entſetzliche Rauſchen und Knacken, das fuͤr den Wanderer, der in einem guten Zimmer in einem guten Bette liegt, ein ſo angenehmer Ton ſein ſoll. Nach allen dieſen Vertheidigungsvorbereitungen ſtreckte ſich auch Chicot behaglich in dem ſeinigen aus. Es war wirklich weich und von der Art, daß es einen Mann gegen alle Beſorgniſſe vor Menſchen und Dingen ſchuͤtzen konnte. Chicot barg ſich hinter großen gruͤnen Serſche⸗Vor⸗ haͤngen und eine weiche Eiderdunendecke umhuͤllte mit an⸗ genehmer Wärme die Glieder des ſchlummernden Rei enden. Chicot hatte zu Abend gegeſſen wie es Hippoerates an⸗ räth, nämlich beſcheiden; er hatte auch nur eine Flaſche Wein getrunken und ſein in gehoͤrigem Maße ausgeweiteter Magen ſandte dem ganzen Körper jenes Gefühl von Wohl⸗ behagen zu, das unfehlbar jenes gefaͤllige Organ mittheilt, welches bei vielen Leuten, die man gute ehrliche Menſchen nennt, die Stelle des Herzens vertritt. In dem Zimmer brannte eine Lampe auf dem Tiſche neben dem Bette und Chicot las ehe er wirklich einſchlief und um ſich einzuſchläfern in einem merkwuͤrdigen ganz neuen Buche, das eben erſchienen und das Werk eines Maire von Bordeaur war, den man Montagne oder Montaigne nannte. Dieſes Buch war in Bordeaur im Jahre 1581 ge⸗ druckt und enthielt die beiden erſten Theile eines ſeitdem ſehr bekannt gewordenen Buches unter dem Titel„Essais“. Das Buch war ſo unterhaltend, daß es Jemand wohl an einem Tage leſen und wieder leſen konnte; hatte aber auch 152 den Vorzug ziemlich langweilig zu ſein, ſo daß es den Schlaf von einem Manne nicht fern hielt, der fuͤnfzehn Stunden zu Pferde zuruckgelegt und ſeine Flaſche guten Wein zum Abendeſſen getrunken hatte. Chicot ſchaͤtzte das Buch ſehr, das er bei der Abreiſe aus Paris in die Taſche ſeines Wammſes geſteckt hatte und deſſen Verfaſſer er perſoͤnlich kannte. Der Cardinal Du Perron hatte es das Brevier der ehrlichen Leute genannt und Chicot, der in Allem den Geſchmack und Geiſt des Cardinals zu wurdigen im Stande war, nahm die Schrift des Maire von Bordeaur gern zu ſeinem Brevier. Gleichwohl ſchlief er ein als er im achten Kapitel las. Die Lampe brannte noch immer, die durch den Schrank und den Tiſch verrammelte Thuͤr war noch feſt zu und der Degen lag noch nebſt dem Gelde auf dem Kiſſen. Der hei⸗ lige Erzengel Michael haͤtte wie Chicot geſchlafen ohne an Satan zu denken, ſelbſt wenn er gewußt, daß der brüllende Loͤwe ſich an der andern Seite der Thuͤr und der Riegel befinde. Wir haben ſchon erwaͤhnt, daß es gewaltig ſturmte. Das Pfeifen des Windes drang gleich dem Ziſchen einer rieſigen Schlange mit ſchauerlichen Melodien unter der Thuͤr herein und ruttelte gewaltig an den Bretern. Der Wind iſt die vollkommenſte Nachahmung oder vielmehr Verhoͤhnung der menſchlichen Stimme; bald winſelte er wie ein Kind das weint, bald ahmte er den Ton eines Mannes nach, der ſich mit ſeiner Frau zankt. Chicot verſtand ſich auf den Sturm und nach einer Stunde war dieſer ganze Lärm ein Element der Ruhe für ihn en en 153 geworden. Er kaͤmpfte gegen alle Unannehmlichkeiten der Jahreszeit: gegen die Kaͤlte durch ſeine Bettdecke, gegen den Wind durch ſein Schnarchen. Indeſſen war es ihm doch im Schlafe, als nehme der Sturm zu und beſonders als komme er in ungewoͤhnlicher Weiſe naͤher. Mit einemmale erſchuͤtterte ein Windſtoß von unwider⸗ ſtehlicher Kraft die Thuͤr, riß Schloß und Riegel ab, ſtieß an den Schrank, der das Gleichgewicht verlor und auf die Lampe, welche erloſch und auf den Tiſch fiel, den erzerſchlug. Chicot hatte die Faͤhigkeit, trotzdem daß er gut ſchlief, ſchnell und mit voͤlligem Bewußtſein zu erwachen. Dieſes Bewußtſein rieth ihm, lieber hinter dem Bette ſich zu ver⸗ ſtecken als an der vordern Seite deſſelben herauszuſteigen. Waͤhrend er dies that, bemaͤchtigten ſich ſeine Haͤnde raſch links des Sackes mit dem Gelde und rechts des Degens. Chicot hatte die Augen offen. Es war finſtere Nacht. Er horchte alſo aufmerkſam und es war ihm, als würde dieſe Nacht buchſtaͤblich durch den Kampf der vier Winde zerriſſen, die einander dieſes Zimmer ſtreitig machten, von dem Schranke an, welcher den Tiſch mehr und mehr zer⸗ druͤckte, bis zu den Stuͤhlen, welche umhertaumelten und ſich an die andern Meubels hingen. Auch kam es Chicot bei dem Lärme vor, als wären die vier Winde perſoͤnlich mit Fleiſch und Bein bei ihm er⸗ ſchienen und als haͤtte er es mit Eurus, Notus, Aquilo und Boreas ſelbſt zu thun. Ergeben, weil er uͤberzengt war, daß er gegen die olympiſchen Goͤtter doch nichts vermoͤchte, kauerte ſich 154 Chicot zwiſchen Bett und Wand nieder, hielt aber die Spitze ſeines Degens nach dem Winde oder vielmehr den Winden hin, damit die mythologiſchen Perſonen, wenn ſie ihm unbedacht zu nahe kaͤmen, ſich ſelbſt aufſpießeten und wenn die Folge davon dieſelbe ſein ſollte wie als Diomedes Venus verwundet hatte. Nachdem das Getoͤſe einige Minuten toller als es je menſchliche Ohren zerriſſen, gedauert hatte, benutzte Chicot einen Augenblick die Ruhe, um uber die entfeſſelten Ele⸗ mente und die knarrenden Meubles hinwegzuſchreien. „Hilfe! Hilfe!“ rief er. Er machte ſogar allein ſo viel Laͤrm, daß die Elemente ſich beruhigten, als wenn Neptun ſie mit dem beruͤhmten quos ego angedonnert haͤtte und nach ſechs oder acht Mi⸗ nuten, in denen die vier Winde ſich zuruckzuziehen ſchienen, fand ſich der Wirth mit einer Laterne ein und beleuchtete den Schauplatz. Dieſer Schauplatz gewaͤhrte einen kläglichen Anblick, der viel Aehnlichkeit mit dem eines Schlachtfeldes hatte. Der große Schrank, der auf dem zertruͤmmerten Tiſche lag, ent⸗ huͤllte die angelloſe Thür, die nur noch an einem Riegel hing und wie das Segel eines Schiffes ſchwankte. Die drei oder vier Stuͤhle, welche ſich in dem Zimmer befanden, lagen mit der Lehne am Boden und reckten die Beine empor; das Eßgeſchirr endlich, das auf dem Tiſche geſtanden hatte, lag zerbrochen am Boden. „Iſt denn die Hoͤlle hier?“ fragte Chicot als er den Wirth im Lichte der Laterne erkannte. „Ach, lieber Herr“, rief der Wirth aus als er das —%Z—— ₰ — . 15⁵ ſchreckliche Unheil ſah, das angerichtet worden war,„was iſt geſchehen?“ Und er hob die Haͤnde und damit auch die Laterne empor. Wie viele Teufel wohnen da bei Euch? Sagt an“, rief Chicot. „Ach, Herr Jeſus, welches Wetter!“ antwortete der Wirth mit derſelben pathetiſchen Geberde. „Halten denn Euere Riegel nicht feſt?“ fuhr Chicot fort.„Iſt das Haus von Pappe? Ich will es lieber ver⸗ laſſen und unter freiem Himmel bleiben.“ Chiecot richtete ſich hinter dem Bette auf und erſchien zwiſchen demſelben und der Wand mit dem Degen in der Hand. „Ach, meine armen Meubels!“ jammerte der Wirth. „Und meine Kleider!“ rief Chicot dazwiſchen.„Wo ſind ſie? Meine Kleider lagen auf dieſem Stuhle.“ „Euere Kleider, werther Herr? wiederholte der Wirth naiv.„Wenn ſie da waren, muͤſſen ſie auch jetzt noch da ſein.“ „Wenn ſie da waren?“ Glaubt Ihr denn etwa“, fragte Chieot,„ich ſei geſtern in dem Aufzuge angekommen, in welchem Ihr mich jetzt ſehet?“ Und Chicot verſuchte, leider vergebens, ſich in das Hemd zu huͤllen. „Mein Gott, werther Herr“, antwortete der Wirth verlegen,„ich weiß recht wohl, daß Ihr bekleidet waret.“ „Es iſt ein Gluͤck, daß Ihr Euch deſſen erinnert.“ „Aber..“ 156 „Was aber?“ Der Wind hat Alles aufgeriſſen und umhergeſtreut.“ „Soll das ein Grund ſein?“ „Ihr ſehet es ja ſelbſt“, ſagte der Wirth. „Höoͤret mich an und achtet auf meine Worte“, fuhr Chicot fort.„Wenn der Wind irgendwo eindringt und er muß hier hereingedrungen ſein, nicht wahr, um die Unord⸗ nung anzurichten, die ich da ſehe?“ „Allerdings.“ „Nun, wenn der Wind irgendwo eindringt, ſo kommt er von Außen?“ „Gewiß.“ „Ihr beſtreitet das nicht?“ „Nein, es wäre ja Thorheit.“ „Der Wind mußte alſo, wenn er hereinkam, die Klei⸗ dungsſtuͤcke anderer Leute mitbringen in mein Zimmer, ſtatt die meinigen ich weiß nicht wohin mitzunehmen.“ „Freilich, ſo ſcheint es mir auch. Gleichwohl iſt das Gegentheil geſchehen, wie es ſcheint.“ „Herr Wirth“, fuhr Chiecot fort, der mit forſchendem Blicke den Fußboden unterſucht hatte,„welchen Weg hat der Wind genommen, um mich hier aufzuſuchen?“ „Was beliebt?“ „Ich frage Euch, woher der Wind gekommen iſt?“ „Aus Mitternacht, werther Herr, aus Mitternacht.“ „Nun, ſo iſt er durch Dick und Duͤnn gegangen; ſeht nur die Spuren von ſchmuzigen Schuhen da.“ Und Chicot zeigte auf die ganz friſchen Fußtapfen von ſchmuzigen Schuhen auf den Dielen. — — 157* Der Wirth erbleichte. „Jetzt Herr Wirth“, ſagte Chicot,„will ich Euch einen guten Rath geben. Habt ein wachſames Auge auf ſolche Art Winde, welche in die Wirthshaͤuſer kommen und in die Zimmer dringen, indem ſie die Thuͤr einſchlagen und bei dem Fortgehen die Kleider der Reiſenden mitnehmen.“ Der Wirth wich zwei Schritte zuruͤck, um ſich von den umgeworfenen Meubles freizumachen und wieder an die Thuͤr zu gelangen. Als er ſich den Ruͤckzug geſichert hatte, fragte er: „Warum nennet Ihr mich gewiſſermaßen einen Dieb?“ „Seht einmal; was habt Ihr ploͤtzlich mit Euerem ehrlichen Geſichte gemacht?“ fragte Chicot;„ich finde Euch ganz veraͤndert.“ „Weil Ihr mich beleidiget.“ „Ich?“ „Gewiß; Ihr nennt mich einen Dieb“, erwiederte der Wirth in noch keckerem Tone, der faſtwie Drohung klang. „Ich nenne Euch Dieb, weil Ihr fuͤr meine Habſelig⸗ keiten verantwortlich ſeid, denke ich, und weil meine Hab⸗ ſeligkeiten geſtohlen worden ſind. Das werdet Ihr nicht leugnen.“ Jetzt machte Chicot wie ein Fechtmeiſter, der die Staͤrke ſeines Gegners pruͤft, eine drohende Geberde. „He!“ rief der Wirth,„he, zu mir!“ Auf dieſen Ruf erſchienen vier mit Stoͤcken bewaffnete Maͤnner auf der Treppe. „Ah, da kommen alle vier Winde!“ rief Chicot aus. „Da ſich mir eine Gelegenheit darbietet, will ich die Erde von dem Nordwinde befreien; ich leiſte damit der Menſch⸗ heit einen Dienſt; es wird dann ewig Fruͤhling herrſchen.“ Und er handhabte ſeinen langen Degen ſo kraͤftig nach dem nächſten der Angreifenden zu, daß derſelbe unfehlbar durchbohrt worden ſein wuͤrde, wenn er nicht leicht wie ein echter Sohn des Aeolus zuruͤckgeſprungen waͤre. Da er bei dieſem Sprunge leider Chicot anſah und folglich nicht hinter ſich ſehen konnte, ſo kam er auf den Rand der oberſten Treppenſtufe und da er ſich hier nicht im Gleichgewicht erhalten konnte, ſtuͤrzte er polternd hin⸗ unter. Dies war das Zeichen des Ruͤckzuges für die drei An⸗ dern, welche ſchnell wie Geſpenſter verſchwanden, die eine Fallthur verſchwinden. Der Letzte, welcher verſchwand, hatte indeß Zeit, wah⸗ rend ſeine Gefaͤhrten hinunterliefen, dem Wirthe einige Worte in's Ohr zu ſagen. „Schon gut, ſchon gut“, ſagte dieſer.„Man wird Euere Kleider wiederfinden.“ „Ich verlange nichts weiter.“ „Man wird ſie Euch bringen.“ „Das freut mich, denn es dürfte ein ganz verſtandiger Wunſch ſein, nicht nackt zu gehen.“ Man brachte wirklich die Kleidungsſtuͤcke, die aber ſichtbar gelitten hatten. „Oho!“ ſagte Chicot,„es muͤſſen viele Näͤgel auf Euerer Treppe ſein. Die verfluchten Winde! Aber nun bin ich Euch eine Ehrenerklärung ſchuldig. Wie konnte ich Euch in Ver⸗ dacht haben, da Ihr ein ſo ehrliches Geſicht habt!“ * 1⁵9 Der Wirth lächelte freundlich. „Und nun werdet Ihr hoffentlich wieder ſchlafen?“ fragte er. „Nein, ich danke, ich habe genug geſchlafen.“ Was werdet Ihr vornehmen?“ „Borgt mir Euere Laterne, ich werde weiter leſen“, antwortete Chicot mit gleicher Freundlichkeit. Der Wirth ſagte nichts, reichte Chicot die Laterne hin und entfernte ſich. Chicot richtete den Schrank wieder auf und ſtellte ihn von neuem an die Thuͤr. Die Nacht war ſtill, der Wind hatte ſich gelegt, als wenn der Degen Chicot's in den Schlauch eingedrungen waͤre, der ihn enthielt. Bei Tagesanbruche verlangte Chicot ſein Pferd, be⸗ zahlte ſeine Zeche und entfernte ſich mit den Worten: „Wir wollen ſehen, wie es heute Abend geht.“ Sechszehntes Kapitel. Wie Chicot ſeine Reiſe fortſetzte und was ihm begegnete. Chicot wuͤnſchte ſich den ganzen Morgen über Gluͤck, daß er in der vergangenen enrht Kaltblütigkeit und Geduld gehabt habe. „Aber“, dachte er,„man faͤngt einen alten Wolf nicht zweimal in einer und derſelben Falle und es iſt demnachziem⸗ lich gewiß, daß man heute eine neue Teufelei gegen mich erfinden wird. Wir muͤſſen alſo auf der Hut ſein.“ 160 In Folge dieſes klugen Nachdenkens machte Chicot den ganzen Tag hindurch einen Weg, den Fenophon nicht fuͤr unwürdig gefunden haben wurde, in ſeinem Ruͤckzuge der Zehntauſend unſterblich zu machen. Jeder Baum, jede Erhoͤhung, jede Mauer diente ihm als Beobachtungspunkt oder natürliche Wehr. Er hatte ſogar unterwegs Buͤndniſſe, wenn auch keine Trutz⸗ ſo doch Schutzbundniſſe, geſchloſſen. Vier dicke Krämer von Paris, welche in Orleans ihre eingemachten Fruͤchte von Cotignae und in Limoges ihre getrockneten Früchte beſtellen wollten, geruheten die Geſell⸗ ſchaft Chicot's anzunehmen, der ſich fuͤr einen Schuhmacher von Bordeaur ausgab und von Geſchaͤften nach Hauſe rei⸗ ſen wollte. Da nun Chicot als geborener Gascogner ſeinen eigenthuͤmlichen Accent nur verloren hatte, wenn ihm der Mangel deſſelben durchaus noͤthig war, ſo erregte er in ſeinen Reiſegefährten durchaus kein Mißtrauen. Die Schaar beſtand aus fuͤnf Herren und vier Hand⸗ lungsdienern und war ebenſowenig wegen ihres Geiſtes als wegen der Zahl zu verachten, weil ſeit der Ligue in die Sitten der Pariſer Krämerwelt ein gewiſſer kriegeriſcher Sinn gekommen war. Wir wollen nicht gerade behaupten, daß Chicot große Achtung vor dem Muthe und der Tapferkeit ſeiner Gefaͤhr⸗ ten hatte, aber gewiß hat das Sprichwort Recht, welches verſichert, daß drei Feige zuſammen weniger Furcht haben als ein Muthiger allein. Chicot hatte gar keine Furcht mehr ſobald er bei vier Feigen war. Er verſchmähete es ſeitdem ſogar ſich umzu⸗ u 161 ſehen, wie er es vorher häufig gethan hatte, um zu ermit⸗ teln, wer ihm wohl folge. Die Folge davon war, daß manunter vielen politiſchen Geſpraͤchen und Prahlereien ohne Abenteuer die Stadt erreichte, in welcher die Geſellſchaft ihr Abendeſſen ein⸗ nehmen und Nachtquartier machen wollte. Man aß, trank und legte ſich nieder. Chicot hatte waͤhrend des Abendeſſens weder ſeine Spottſucht, welche ſeine Gefaͤhrten ſehr beluſtigte, noch den Muscat und Burgunder geſpart, welche ſeinen Geiſt immer neu anfachten und man hatte unter den Kaufleuten, d. h. unter freien Leuten, Se. Maj. den Koͤnig von Frankreich wie alle andern Majeſtäten, mochten ſie in Lothringen, in Navarra, in Flandern oder ſonſt wo ſein, ſehr geringſchätzig behandelt. Chiecot legte ſich alſo nieder, nachdem er verſprochen hatte am andern Tage ſeine vier Krämer weiter zu beglei⸗ ten, die ihn gleichſam in Triumph in ſein Zimmer brachten. Chicot war demnach gleichſam wie ein Fürſt in ſeinem Corridor von den vier Reiſenden bewacht, deren vier Zim⸗ mer ſich vor dem ſeinigen befanden, das am Ende des Gan⸗ ges lag und folglich wegen des Schutzes unangreifbar war. Da zu jener Zeit die Straßen nicht eben ſicher waren, ſelbſt für die, welche in ihren eigenen Angelegenheiten rei⸗ ſeten, ſo war ein jeder im Falle eines Unglucks der Hilfe des Nachbars gewiß. Chicot, der ſeine Abenteuer der vergangenen Nacht nicht erzählt, hatte die Aufnahme dieſes Artikels des Vertrags veranlaßt, der denn auch einmuͤthig genehmigt wurde. Die Fuͤnfundvierzig. I. 11 162 Er konnte ſich demnach, ohne von ſeiner gewohnlichen Vorſicht abzuweichen, niederlegen und ſchlafen. Er konnte dies um ſo mehr als er aus Vorſorge das Zimmer ſehr ſorg⸗ fältig unterſucht, die Riegel an der Thür vorgeſchoben und den Laden an ſeinem Fenſter zugemacht hatte. Es verſteht ſich auch von ſelbſt, daß er an der Wand gepocht und daß dieſe uberall einen beruhigenden Ton gegeben hatte. Gleichwohl ereignete ſich wäͤhrend ſeines erſten Schlum⸗ mers ein Vorfall, den die Sphinr ſelbſt in ihrem Scharf⸗ ſinne nicht hätte vorausſehen können, weil der Teufel ſich einmal vorgenommen hatte ſich in die Angelegenheiten Chi⸗ eot's zu miſchen und der Teufel kluͤger und pfiffiger iſt als alle Sphinre der Welt. Gegen halb zehn Uhr wurde leiſe und ſchuchtern an die Thuͤr der Handlungsdiener gepocht, die bei einander in einer Bodenkammer über den Zimmern der Prinzipale ſchliefen. Einer von ihnen machte ziemlich verdrüßlich auf und ſtand dem Wirthe gegenuͤber. „Meine Herren“ ſagte der Letztere,„ich ſehe mit Ver⸗ gnuͤgen, daß Ihr Euch angekleidet niedergelegt habt; ich will Euch einen großen Dienſt erzeigen. Euere Herren Prinzipale haben ſich bei Tiſche in politiſchen Geſpraͤchen ſehr erhitzt. Ein Schoͤffe der Stadt ſcheint ihre Reden ge⸗ hort und ſie dem Maire hinterbracht zu haben. Unſere Stadt will nun ſehr treu ſein und der Maire hat eben Euere Prinzipale in das Rathhaus holen laſſen, damit ſie ſich dort verantworten. Das Gefängniß iſt dicht neben dem Rathhauſe. Geht Ihr voraus, Euere Prinzipale werden Euch ſchon einholen.“ chen nnte org⸗ und ſteht daß um⸗ arf⸗ ſich Chi⸗ als nan r in pale auf Ver⸗ ich rren chen ge⸗ ſere eben it ſie dem rden 163 Die vier Handlungsdiener ſprangen wie Rehe auf, die Treppe hinunter und zitternd auf ihre Maulthiere. Sie ſchlugen den Weg nach Paris ein, nachdem ſie den Wirth beauftragt hatten, ihren Herren ihre Abreiſe und die Richtung, die ſie genommen, zu melden, wenn die Her⸗ ren in das Wirthshaus zuruͤckkommen ſollten. Als dies geſchehen war und der Wirth die vier jungen Leute an der Straßenecke hatte verſchwinden ſehen, klopfte er mit derſelben Vorſicht an die erſte Thur des Corridor. Er klopfte ſo gut, daß der erſte Kaufmann mit Stentor⸗ ſtimme rief: „Wer da?“ „Still Ungluͤckſeliger antwortete der Wirth;„kommt an die Thuͤr, geht aber leiſe auf den Zehen.“ Der Kaufmann gehorchte, da er aber ein vorſichtiger Mann war, ſo legte er nur ſein Ohr an die Thuͤr, machte dieſelbe aber nicht auf und fragte: „Wer ſeid Ihr?“ „Erkennt Ihr denn die Stimme Eueres Wirthes nicht?“ „Ah, es iſt wahr.. Mein Gott, was giebt es denn?“ „Ihr habt beim Weine etwas frei von dem Koͤnige geſprochen, der Maire iſt davon durch einen Spion benach⸗ richtiget worden und hat die Wache geſchickt. Zum Gluͤck kam ich auf den Einfall, ſie in die Kammer Euerer Diener zu fuͤhren und dieſe ſind deshalb an Euerer Statt verhaftet worden.“ „Was erzählt Ihr mir da?“ fragte der Kaufmann. 3 164 „Die reine einfache Wahrheit.. Rettet Euch geſchwind, ſo lange die Treppe noch frei iſt.“ „Aber meine Freunde?“ „Ihr werdet nicht Zeit haben, ihnen Nachricht zu geben.“ „Die armen Leute!“ Und der Kaufmann kleidete ſich eilig an. Unterdeß klopfte der Wirth, als komme ihm plotzlich ein guter Gedanke, mit dem Finger an die Scheidewand, welche den erſten Kaufmann von dem zweiten trennte. Dieſer zweite, welcher durch die gleichen Worte und die⸗ ſelbe Fabel geweckt wurde, rief den dritten und dieſer den vierten und alle vier ſchlichen auf den Fußſpitzen davon während ſie die Haͤnde uͤber dem Kopfe zuſammenſchlugen. „Der arme Schuhmacher!“ ſagten ſie untereinander. „Auf ihn wird Alles kommen; er hat freilich auch das Schlimmſte geſagt. Er mag ſich in Acht nehmen, denn der Wirth hatte nicht Zeit ihn wie uns zu warnen.“ Chicot war wirklich, wie man ſich denken kann, nicht gewarnt worden. In dem Augenblicke als die Kaufleute entflohen und ihn Gott befohlen, lag er im tiefſten Schlafe. Der Wirth uberzengte ſich davon, indem er an der Thür horchte, dann ging er in die Gaſiſtube unten, deren ſorgfältig geſchloſſene Thür auf ein Zeichen ſich offnete. Der Wirth nahm ſeine Mütze ab und trat hinein. In der Gaſtſtube befanden ſich ſechs Bewaffnete, von denen der eine das Recht zu haben ſchien, den Andern zu befehlen. id, zu der ren von n zu 165 „Nun?“ fragte der Letztere. „Herr Offizier, ich habe in allen Stuͤcken gehorcht.“ „Euer Wirthshaus iſt leer?“ „Ganz und gar.“ „Die Perſon, die wir Euch bezeichnet haben, iſt weder gewarnt noch geweckt worden?“ „Weder gewarnt noch geweckt.“ „Herr Wirth, Ihr wiſſet in weſſen Namen wir han⸗ deln; Ihr wiſſet, welcher Sache wir dienen, denn Ihr ſeid ſelbſt ein Vertheidiger dieſer Sache.“ „Gewiß, Herr Officier; Ihr ſehet ja, daß ich, um meinem Schwure treu zu ſein, das Geld geopfert habe, das meine Gaͤſte bei mir haͤtten verzehren koͤnnen; aber es heißt in dem Schwure: ich werde meine Habe zur Vertheidigung der heiligen katholiſchen Religion opfern.“ „Und das Leben. Das vergeſſet Ihr“, ſagte der Of⸗ fizier in ſtolzem Tone. „Du lieber Gott!“ rief der Wirth aus, indem er die Haͤnde faltete.„Verlangt man denn mein Leben von mir? Ich habe Frau und Kinder.“ „Man wird es nicht von Euch verlangen, wenn Ihr blindlings dem gehorcht, was man Euch befiehlt.“ „Ich werde gewiß gehorchen; verlaſſet Euch darauf.“ „So koͤnnt Ihr Euch zu Bett begeben; ſchließt die Thuͤren zu und was Ihr auch ſehen oder hoͤren moͤget, kommt nicht heraus und ſollte Euer Haus brennen und uͤber Euchzuſammenſtuͤrzen. Ihr ſeht, daß die Rolle nicht ſchwer iſt, die Euch zugetheilt wird.“ „Ach, ich bin ruinirt!“ jammerte leiſe der Mann. 166 „Man hat mich beauftragt, Euch zu entſchädigen“, ſagte der Offizier;„nehmt die dreißig Thaler da.“ „Mein Haus auf dreißig Thaler geſchatzt!“ rief der Wirth jammernd aus. „Mein Gott, Jammermenſch, man widd Euch auch nicht eine Fenſterſcheibe zerbrechen. Pfui, was für ſchlechte Helden der heiligen Ligue haben wir mitunter!“ Der Wirth ging hinaus und ſchloß ſich ein wie ein Parlementair, dem mitgetheilt iſt, daß die Stadt geplun⸗ dert werden ſoll. Der Offizier befahl den beiden ſeiner Leute, die am beſten bewaffnet waren, ſich unter das Fenſter Chicot's zu ſtellen. Er ſelbſt ging mit den drei Andern an das Zimmer des armen Schuhmachers hinauf, wie ihn die Reiſegefaͤhrten nannten, welche ſchon laͤngſt aus der Stadt hinaus waren. „Ihr kennt die Ordre?“ fragte der Officier.„Wenn er aufmacht, wenn er ſich durchſuchen läßt, wenn wir bei ihm finden was wir haben wollen, ſo ſoll ihm kein Leid ge⸗ ſchehen; wenn das Gegentheil geſchieht einen tuͤchtigen Dolchſtoß, einen Dolch ſtoß, verſtanden? Keinen Piſtolen⸗ oder Buͤchſenſchuß. Ein ſolcher iſt auch gar nicht nöthig, da wir vier gegen einen ſind.“ Man kam an der Thuͤr an und der Officier klopfte. „Wer da?“ fragte Chicot, der aus dem Schlafe auf⸗ fuhr. „Nun muͤſſen wir pfiffig ſein“, meinte der Offizier zu ſeinen Leuten und dann ſetzte er hinzu:„Euere Freunde, . er ch ſte n⸗ m zu 167 die Kaufleute, die Euch etwas Wichtiges mitzutheilen haben.“ „O ho!“ ſagte Chicot;„der Wein von geſtern Abend hat Euch eine rechte tiefe Stimme gegeben.“ Der Offizier fuhr in der Fiſtel und ſo freundlich als moglich fort: „Macht nur auf, werther Freund.“ „Der Teufel, Euer Geſchaͤft verräth das Kriegshand⸗ werk von weitem“, meinte Chicot. „Du willſt nicht aufmachen?“ rief nun der Offizier ungeduldig.„Drauf, ſchlagt die Thuͤr ein!“ Chicot lief an das Fenſter, offnete daſſelbe und ſah unten die beiden entbloͤßten Degen. „Ich bin gefangen!“ dachte er. „Nun“, fuhr der Offizier draußen fort, welcher gehoͤrt hatte, daß das Fenſter geoͤffnet worden war,„Du fuͤrchteſt Dich vor dem gefährlichen Sprunge? Mit Recht. Mache alſo auf, mache auf!“ „Nein“, ſagte Chicot.„Die Thuͤr iſt feſt und wenn Ihr Lärm macht, erhalte ich Hilfe.“ Der Offizier lachte laut auf und befahl die Thuͤrbaͤnder abzureißen. Chicot ſchrie laut und rief die Kaufleute. „Dummkopf!“ antwortete der 6„glaubſt Du, wir haͤtten Dir Hilfe gelaſſen? Irre Dich nicht, Du biſt allein und folglich verloren. Mache 5 Miene zum boͤſen Spiele. Drauf, ihr Andern!“ Chicot hoͤrte drei Musketenkolben an die Thuͤr donnern. „Hier giebt es drei Musketen und einen Offizier“, 168 dachte er bei ſich;„dort unten nur zwei Degen. Fünfzehn Fuß hoch hinabzuſpringen, iſt ein Kinderſpiel. Die Degen ſind mir lieber als die Musketen.“ Er band dabei ſeinen Beutel an den Guͤrtel, ſtieg ohne Zoͤgern auf das Fenſterbret und hielt dabei den Degen in der Hand. Die beiden Soldaten unten hielten ihre Degen empor. Chicot hatte indeß recht gerathen. Ein Mann, und wäre er ein Goliath, wird den Fall eines Andern, und wenn dieſer ein Zwerg waͤre, nicht abwarten, ſobald dieſer Mann ihn toͤdten kann während er ſelbſt den Tod findet. Die Soldaten aͤnderten ihre Taktik und traten mit dem Vorſatze zuruck, uͤber Chicot herzufallen, ſobald er unten angekommen. So erwartete es der Gascogner. Er ſprang als ge⸗ ſchickter Mann auf die Fußſpitzen und blieb niedergekauert. In demſelben Augenblick verſetzte ihm einer der Soldaten einen Stich, der durch eine Mauer haͤtte dringen können. Aber Chicot gab ſich nicht einmal die Muͤhe zu pari⸗ ren. Er empfing den Stoß gerade auf die Bruſt, aber we⸗ gen ſeines Panzerhemdes zerbrach der Degen ſeines Geg⸗ ners wie Glas. „Er iſt geharniſchet!“ ſagte der Soldat. „Allerdings“, antwortete ihm Chicot, der ihm mit einem raſchen Hiebe den Kopf ſpaltete. Der Andere fing an zu ſchreien und dachte nur noch an ſe die eigene Vertheidigung, denn Chicot griff ihn an. Leider verſtand er vom Fechten nicht einmal ſo viel als Jacob Clement und beim zweiten Stoße ſtreckte ihn Chicot. neben dem Andern nieder, ſo daß als die 2yir eingeſchlagen 8 8 169 war, der Offizier, der durch das Fenſter hinausſchauete, ſeine beiden Wachen in ihrem Blute daliegen ſah. Fuͤnfzig Schritte von dem Sterbenden lief Chicot ʒiem⸗ lich ruhig davon. „Er iſt ein Teufel“, ſagte der Officier,„feſt gegen Hieb und Stich.“ „Ja, aber nicht gegen die Kugel“ antwortete ein Sol⸗ dat, der nach dem Fliehenden anlegte. „Unſeliger!“ rief der Ofſizier aus, indem er das Ge⸗ wehr bei Seite druͤckte;„keinen Lärm! Du wuͤrdeſt die ganze Stadt erwecken. Wir treffen ihn morgen ſchon.“ „Ihr haͤttet vier Mann unten hinſtellen und nur zwei oben herauf“, bemerkte einer der Soldaten altklug. „Du biſe ein Eſel!“ antwortete ihm der Offizier. „Wir werden ja horen, wie der Herzog ihn nennt“, brummte der Soldat vor ſich hin, um ſich zu troſten und er nahm ſeine Muskete wieder beim Fuß. Siebenzehntes Kapitel. Der dritte Reiſetag 8 Chicot ſloh ſo wenig eilig und ängſtlich, weil er in Etampes, d. h. in einer Stadt, mitten unter Leuten, unter dem Schutze einer Anzahl obrigkeitlicher Perſonen war, die auf ſeine erſte Aufforderung der Juſtiz wurden ihren Lauf gelaſſen haben und wahrſcheinlich Herrn von Guiſe ſelbſt verhaftet haͤtten. Seine Gegner erkannten auch recht gut ihre ſchlimme 17⁰ Lage und der Officier verbot, wie wir geſehen haben, auf die Gefahr hin, daß Chicot ihm entkomme, von den ge⸗ ränſchvollen Waffen Gebrauch za machen. Aus demſelben Grunde enthielt er ſich der Verfolgung Chicot's, welcher bei dem erſten Schritte, den man hinter ihm her gethan hätte, durch ſein Geſchrei die ganze Stadt geweckt haben würde. Die kleine nun um ein Drittel verringerte Schaar ver⸗ ſchwand im Dunkel und ließ, um ſich nicht zu gefaͤhrden, die beiden Todten im Stich, auch die Degen neben ihnen liegen, damit man glaube, ſich hatten ſich untereinander umgebracht. Chicot ſuchte vergeblich ſeine Handelsleute und deren Diener in der Nähe und als er muthmaßete, daß die, mit welchen er zu thun gehabt hatte, nachlem ihr Anſchlag mißlungen, nicht in der Stadt geblieben ſein würden, meinte er, er ſelbſt konne recht wohl da bleiben. Er that noch mehr. Nachdem er einen ziemlichen Um⸗ weg gemacht und an der Ecke der nächſten Straße die Sol⸗ daten hatte fortreiten ſehen, hatte er die Keckheit in das Wirthshaus zuruckzukehren. Der Wirth hatte ſeine kaltblutige Faſſung noch nicht wieder gefunden, ihn das Pferd im Stalle ſatteln und ſah ihm zu, als ſei der Fremde ein Geſpenſt. Chicot benutzte dieſe wohlwollende Verblufftheit, um ſeine Zeche nicht zu bezahlen, welche auch der Wirth gar nicht in Anſpruch nahm. Dann verbrachte er die Nacht vollends in der Gaſtſtube eines andern Wirthshauſes unter allen anweſenden Zechern, 171 die weit entfernt waren in dem großen Unbekannten mit dem freundlichen Geſichte einen Mann zu errathen, der eben beinahe ermordet worden wäre und zwei Maͤnner umge⸗ bracht hatte. Mit Tagesanbruche befand er ſich auf der Heerſtraße, freilich unter Beſorgniſſen, die jeden Augenblick zunahmen. Zwei Verſuche gegen ihn waren glucklicherweiſe geſcheitert, aber ein dritter konnte ihm verderblich werden. In dieſem Augenblicke haͤtte er mit allen Guiſen Frie⸗ den geſchloſſen. Ein Gebuͤſch erregte in ihm ſchwer zu beſchreibende Furcht; ſah er einen Graben, ſo äberlief es ihn kalt und wenn er in die Nähe einer Mauer gelangte, wäre er gern umgekehrt. Von Zeit zu Zeit nahm er ſich vor, ſobalb er in Orle⸗ ans angekommen ſein wuͤrde, einen Boten an den Koͤnig zu ſenden und ſich eine Bedeckung von Stadt zu Stadt zu erbitten; da indeß die Straße bis Orleans oͤde und voll⸗ kommen ſicher war, ſo meinte Chicot endlich, er ſehe wohl vergebens wie eine Memme aus und eine Bedeckung könne ihm ſehr läͤſtig werden; uͤbrigens war er bereits vor hun⸗ dert Gräben, funfzig Hecken, zwanzig Mauern und zehn Gebuͤſchen vorübergekommen, ohne unter den Zwei⸗ gen oder auf den Steinen irgend et zeigt haͤtte. Hinter Orleans verdoppelte ſich die Angſt Chicot's wieder; es kam die vierte Stunde, alſo der Abend heran. Zu beiden Seiten der Straße ſtand dichtes Gebuͤſch und ſie füͤhrte einen ſteilen Berg hinan. s Verdaͤchtiges ge⸗ Der Reiſende, der von dem grauen Wege abſtach, mußte Jedem, der ihm eine Kugel zuſchicken wollte, wie das Schwarze einer Scheibe erſcheinen. Mit einemmale hoͤrte Chicot in der Ferne ein Geraͤuſch wie von Hufen mehrerer Pferde in Galopp. Er drehete ſich um und ſah unten an dem Berge, den er zur Hälfte erklommen hatte, Reiter mit verhaͤngtem Zu⸗ gel herankommen. Er zählte ſie. Es waren ſieben. Vier davon trugen Musketen. Die untergehende Sonne bildete auf jedem Rohre gleichſam einen blutigen Streifen. Die Pferde der Reiter kamen dem Pferde Chicot's ſchnell naher, der uͤbrigens nicht daran dachte, in einen Wettlauf ſich einzulaſſen, der ſeine Ausſichten im Falle eines An⸗ griffes nur verſchlimmern konnte. Er ließ nur ſein Pferd im Zickzack gehen, damit die Buchſeninhaber nicht ſicher auf ihn zielen könnten. Chicot wendete dieſes Verfahren nicht ohne Kenntniß der Büchſen und Buchſenſchützen an, denn in dem Augen⸗ blicke, als die Reiter noch etwa fuͤnfzig Schritte von ihm entfernt waren, wurde er von vier Schuſſen begrußt, die, nach der Richtung** die Reiter ſchoſſen, uber ſei⸗ nem Kopfe hingingen. Chicot erwartete, wie man geſehen hat, dieſe vier Schuͤſſe und hatte deshalb ſeinen Plan ſchon in voraus feſt⸗ geſtellt. Als er die Kugeln pfeifen hoͤrte, ließ er die Zuͤgel los und that als falle er von dem Pferde herunter. Dabei hatte er die Vorſicht gebraucht, ſein Schwert aus der Scheide 173 zu ziehen und in der linken Hand hielt er einen Dolch, der ſcharf wie ein Raſirmeſſer und ſpitzig wie eine Nadel war. Er fiel alſo, wie geſagt, und ſo, daß ſeine Beine gleich zuſammengelegten Stahlfedern waren, die jeden Augenblick ſich losſchnellen ließen. Gleichzeitig war ſeiner Lage nach ſein Kopf durch den Bug des Pferdes geſchuͤtzt. Ein Freudengeſchrei erhob ſich aus der Reiterſchaar, die Chicot fuͤr todt hielt, als ſie ihn fallen ſah. „Ich ſagte es Euch ja, Schwachkopf“, äußerte ein Mann mit einer Maske als er herangaloppirte;„Ihr habt Alles verfehlt, weil Ihr meinen Befehlen nicht buchſtäblich nach⸗ gekommen ſeid. Diesmal liegt er da. Man durchſuche ihn, er mag todt oder lebendig ſein und wenn er ſich noch ruͤhrt, ſo gebt ihm den Gnadenſtoß.“ „Ja, Herr“, antwortete ehrerbietig ein Mann in der Schaar. Alle ſtiegen darauf ab mit Ausnahme eines Soldaten, der alle Zuͤgel nahm und die Pferde bewachte. Chicot war kein gerade frommer Mann, aber in dieſem Augenblicke dachte er, daß es einen Gott gebe, daß Gott ihm die Arme öffne und daß der Suͤnder, vielleicht ehe fuͤnf Minuten vergingen, vor ſeinem Richter ſtehen werde. Er murmelte ein inbrunſtiges Gebet, das gewiß erhoͤrt wurde. g Jetzt traten zwei Maͤnner an ihn heran, welche den Degen in der Hand hatten. Man ſah wohl an der Art wie Chicot ächzete, daß er nicht todt war. Da er ſich aber nicht ruͤhrte und ſich auch nicht an⸗ 174 ſchickte ſich zu vertheidigen, ſo beging der eifrigſte der Bei⸗ den die Unvorſichtigkeit, ſich ihm ſo weit zu nähern, daß ihn Chicot mit der linken Hand beruͤhren konnte und alsbald fuhr ihm der Dolch, als wuͤrde er durch eine Feder geſchnellt, bis an den Griff in den Hals. In demſelben Augenblicke verſchwand die Hälfte des Degens, welchen die rechte Hand Chieot's hielt, in der Seite des zweiten Reiters, der ent⸗ fliehen wollte. „Verrath!“ rief der Anfuͤhrer.„Ladet Euere Buchſen; der Menſch lebt noch.“ „Gewiß lebe ich noch“ ſagte Chicot, aus deſſen Augen Blitze ſchoſſen und der ſich gedankenſchnell auf den Führer warf, um ihm die Maske abzureißen. Aber ſogleich drangen zwei Soldaten auf ihn ein, von denen er ſich befreite, indem er dem einen den Schenkel mit ſeiner Degenſpitze aufriß. „Kinder“ rief der Fuͤhrer,„ſchießt!“ „Ehe die Gewehre geladen ſind“, ſagte Chicot,„werde ich Dir den Leib, Straßenräuber, aufgeriſſen und die Baͤn⸗ der Deiner Maske zerſchnitten haben, um zu ſehen wer Du biſt.“ „Steht feſt, Herr, ſteht feſt; ich helfe Euch 1“ rief eine Stimme, als komme ſie vom Himmel herab. Es war die Stimme eines ſchonen jungen Mannes auf einem tüchtigen Rappen. Er hatte zwei Piſtolen in der Hand und rief Chicot zu: „Buckt Euch, buckt Euch! Donnerwetter, ſo buckt Euch doch!“ Chicot gehorchte. 175 Ein Piſtolenſchuß knallte und ein Mann ſturzte vor Chicot's Fůßen nieder, indem er den Degen fallen ließ. Die Pferde wurden unterdeß unruhig. Die drei noch uberlebenden Reiter wollten ſich in den Sattel ſchwingen, aber es gelang ihnen nicht und der junge Mann ſchoß zum zweitenmale in den Haufen, ſo daß noch ein Mann fiel. „Zwei gegen zwei“, ſagte Chicot.„Edeler Retter, nehmt Euern Mann, jch habe den meinigen.“ Und er ſturzte auf den maskirten Reiter, der vor Wuth oder Furcht zitterte, ihm aber wie ein Mann Stand hielt, der in der Handhabung der Waffen geübt iſt. Der junge Mann ſeiner Seits hatte ſeinen Mann ge⸗ faßt und ihn niedergeworfen, ohne den Degen in die Hand zu nehmen und knebelte ihn mit ſeinem Degengurt wie ein Schaf, das zur Schlachtbank gebracht werden ſoll. Als Chicot ſich einem einzigen Feinde gegenuͤber ſah, fand er ſeine Kaltbluͤtigkeit und folglich ſeine Ueberlegen⸗ heit wieder. Er drang hitzig auf ſeinen Gegner ein, der ziemlich wohlbeleibt war, an dem Graben der Straße ſtand und ſehr bald mitten auf die Rippen einen Stich erhielt. Der Mann fil. Chicot ſtellte ſich mit dem Fuße auf den Degen des Beſiegten, damit dieſer ihn nicht wieder faſſen könnte, ſchnitt mit ſeinem Dolche die Maskenbänder durch und ſagte: „Herr von Mayenne! Dacht' ich's doch!“ Der Herzog antwortete nicht; er war ohnmaͤchtig ge⸗ worden halb von Blutverluſt, halb von dem ſchweren Falle. 176 Chicot rieb ſich die Naſe wie gewoͤhnlich wenn er etwas Wichtiges zu thun hatte. Nach einem Nachdenken von etwa einer halben Minute ſtreifte er den Aermel auf, nahm ſeinen Dolch und trat zu dem Herzoge, um ihm ganz einfach den Kopf abzuſchneiden. Aber eine Eiſenfauſt faßte da ſeinen Arm und eine Stimme ſagte: „Halt, Herr, man todtet einen Gegner nicht, der am Boden liegt.“ „Junger Mann“, antwortete Chicot,„Ihr habt mir allerdings das Leben gerettet und ich danke Euch von gan⸗ zem Herzen dafuͤr; aber nehmt von mir eine kleine Lehre an, die in der entarteten Zeit, in welcher wir leben, von Nutzen iſt. Wenn ein Mann drei Tage hintereinander an⸗ gefallen worden, wenn er dreimal in Lebensgefahr geweſen und noch ganz warm von dem Blute der Feinde iſt, die, ohne daß er irgendwie dazu Veranlaſſung gab, vier Büch⸗ ſenſchuſſe aus der Ferne auf ihn abfeuerten als ſei er ein toller Wolf, ſo kann er, erlaubt mir das zu ſagen, mit Fug und Recht thun was ich jetzt thun will.“ Und Chicot faßte den Hals ſeines Feindes, um die Operation vorzunehmen, der junge Mann hielt ihn aber nochmals zurück. „Ihr werdet es nicht thun“, ſagte er,„wenigſtens ſo lange nicht als ich da bin. Man vergießt ein Blut, wie das, welches aus der Wunde rinnt, die Ihr ihm zugefuͤgt habt, nicht ganz.“ „Nun“, fragte Chicot verwundert,„kennt Ihr den Elenden?“ — ie n 177 „Dieſer Elende iſt der Herzog von Mayenne, Fuͤrſt und vielen Koͤnigen gleichgeſtellt.“ „Ein Grund mehr“, ſagte Chicot mit duͤſterer Stimme. „Aber Ihr, wer ſeid Ihr?“ „Ich bin der, der Euch das Leben gerettet hat“, ant⸗ wortete der junge Mann kalt. „Und der, wenn ich mich nicht irre, bei Charenton mir vor beinahe drei Tagen einen Brief des Konigs uͤber⸗ brachte.“ „Allerdings.“ „So ſteht Ihr in dem Dienſte des Koͤnigs?“ „Ich habe dieſe Ehre“, antwortete der junge Mann mit einer Verbeugung. „Und Ihr ſchont den Herrn von Mayenne, da Ihr doch im Dienſte des Koͤnigs ſeid? Wahrhaftig, Herr, erlaubt mir, daß ich es ſage, das zeigt nicht von einem guten Diener.“ „Ich glaube im Gegentheil, daß ich in dieſem Augen⸗ blicke der gute Diener des Koͤnigs bin.“ „Vielleicht“, antwortete Chicot traurig,„vielleicht, aber wir haben jetzt keine Zeit zu philoſophiren. Wie nennt man Euch?“ „Ernauton von Carmainges.“ „Nun, Herr Ernauton von Carmainges, was wollen wir mit dieſem Aas anfangen, das ſo groß iſt wie alle Ko⸗ nige der Erde? Ich muß weiter.“ „Ich werde für den Herrn von Mayenne ſorgen.“ „Und was thut Ihr mit dem Begleiter, der dort unten zuhoͤrt?“ Die Fuͤnfundvierzig. U. 12 178 „Der arme Teufel hort nichts; ich habe ihn, fuͤrchte ich, zu feſt gebunden und er iſt ohnmächtig geworden.“ „Herr von Carmainges, Ihr habt mir heute das Leben gerettet, ſetzet es aber für ſpaͤtere Zeit in große Gefahr.“ „Ich thue heute meine Pflicht; für das Zukuͤnftige wird Gott ſorgen.“ „So mag es drum ſein, wie Ihr es wuͤnſchet. Uebri⸗ gens widerſtrebt es mir auch dieſen Mann wehrlos zu töd⸗ ten, ob er gleich mein ſchlimmſter Feind iſt. Alſo lebt wohl, Herr.“ Und Chicot druͤckte Ernauton die Hand. „Er hat doch vielleicht Recht“, dachte er bei ſich, indem er fortging, um ſein Pferd zu nehmen; aber er kehrte bald um und ſagte: „Ihr habt da ſieben gute Pferde und ich glaube vier davon für meinen Theil verdient zu haben. Helft mir eines ausſuchen. Verſteht Ihr Euch darauf?“ „Nehmt das meinige“, antwortete Ernauton;„ich weiß was es leiſten kann.“ „O, das iſt zu viel Edelmuth; behaltet es fuͤr Euch.“ „Nein, ich brauche nicht ſo ſchnell weiter zu kommen als Ihr.“ Chicot ließ ſich nicht bitten, ſchwang ſich auf das Pferd Ernauton's und ritt davon. wi fe to te en rd d⸗ M, m d 179 Achtzehntes Kapitel. Ernauton von Carmainges. Ernauton ſtand auf dem Kampfplatze ohne recht zu wiſſen, was er mit den beiden Feinden anfange, welche die Augen in ſeinen Armen wieder aufſchlagen ſollten. unterdeß, da nicht zu fürchten war, daß ſie davon lie⸗ fen und Robert Briquet,— unter welchem Namen Ernau⸗ ton, wie man ſich erinnert, Chicot kannte— hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich nicht zuruͤckkam, um ihnen das Lebenslicht vollends auszublaſen, ſah ſich der junge Mann nach einem Gehilfen um und er entdeckte denn auch bald auf der Straße was er ſuchte. Ein Karren, an welchem Chicot hatte vorüberreiten muͤſſen, erſchien oben auf dem Berge und trat ſehr deutlich an dem von der untergehenden Sonne gerotheten Himmel hervor. Der Karren wurde von zwei Stieren gezogen und von einem Bauer gelenkt. Ernauton redete dieſen Mann an, der, als er ihn er⸗ blickte, große Luſt zu haben ſchien ſein Geſchirr im Stiche zu laſſen und in's Gebüſch hineinzufluͤchten, erzählte ihm, daß ein Kampf zwiſchen Hugenotten und Katholiken ſtatt⸗ gefunden habe, daß vier dabei geblieben wären, zwei aber noch lebten. Der Bauer, der uͤber die Verantwortlichkeit wegen einer guten That gewaltig erſchrak, mehr aber noch, wie ſchon erwähnt, vor dem kriegeriſchen Ausſehen Ernauton's, half endlich Herrn von Mayenne und dann den Soldaten, 12 180 der noch immer mit geſchloſſenen Augen dalag, er mochte ohnmächtig ſein oder nicht, auf ſeinen Wagen heben. Nun waren noch die vier Todten uͤbrig. „Herr“, fragte der Bauer,„waren die vier Maͤnner Hugenotten oder Katholiken?“ Ernauton hatte geſehen, daß der Bauer in ſeinem er⸗ ſten Schrecken ſich bekreuzigte. „Hugenotten“ ſagte er. „In dieſem Falle“, fuhr der Bauer fort,„iſt es keine Sünde, daß ich die Ketzer durchſuche, nicht wahr?“ „Keinesweges“, antwortete Ernauton, welcher es lie⸗ ber ſah, daß der Bauer, der ihm behilflich war, erbe als der erſte beſte Fremde. Der Bauer ließ es ſich nicht zweimal ſagen und kehrte die Taſchen der Todten um. Die Todten hatten bei ihren Lebzeiten guten Sold er⸗ halten, wie es ſchien, denn das Geſicht des Bauers heiterte ſich ſichtbar auf als er fertig war und in Folge des Beha⸗ gens, das ſich gleichzeitig durch ſeinen Koͤrper und ſeine Seele verbreitete, trieb er ſeine Ochſen ſtärker an, um ſchneller nach Hauſe zu kommen. In dem Stalle dieſes guten Katholiken, auf einem fri⸗ ſchen Strohlager, kam der Herzog von Mayenne wieder zu ſich. Der Schmerz in Folge der Erſchuͤtterung auf dem Wagen hatte ihn nicht zum Bewußtſein zu bringen ver⸗ mocht, als aber friſches Waſſer auf ſeine Wunde gegoſſen wurde und einige Tropfen hellen Blutes daraus floſſen, ſchlug er die Augen auf und ſah die Dinge und Menſchen um ihn her mit leicht begreiflicher Verwunderung an. ſc r⸗ rte a⸗ ne m ri⸗ em er⸗ ſen en, en 181 Sobald Herr von Mayenne die Augen wieder aufge⸗ ſchlagen hatte, entließ Ernauton den Bauer. „Wer ſeid Ihr Herr?“ fragte Mayenne. Ernauton lächelte. „Erkennt Ihr mich nicht wieder 2 fragte er. „Allerdings“, ſagte der Herzog, indem er die Stirn run⸗ zelte,„Ihr ſeid der, welcher meinem Feinde zu Hilfe kam.“ „Ja“, antwortete Ernauton,„ich bin aber auch der, welcher Euern Feind hinderte Euch zu todten.“ „Das muß wohl der Fall ſein“, ſagte Mayenne,„da ich lebe; er muͤßte mich denn für todt gehalten haben.“ „Er reiſete weiter und wußte, daß Ihr noch lebtet.“ „So hat er wenigſtens meine Wunde für todtlich ge⸗ halten.“ „Das weiß ich nicht; jedenfalls wurde er Euch eine tödtliche beigebracht haben, wenn ich ihn nicht davon abge⸗ halten haͤtte.“ „Warum halft Ihr meine Leute toͤdten, da Ihr dann jenen Mann hindertet, mich umzubringen?“ „Das iſt ſehr einfach, Herr und ich wundere mich, daß ein Edelmann— und der ſcheint Ihr zu ſein— mein Verhalten nicht begreift. Der Zufall fuͤhrte mich auf die Straße, welcher Ihr folgtet; ich ſah mehrere Maͤnner einen Einzelnen angreifen und ich vertheidigte dieſen Einzelnen; als dann dieſer Tapfere, dem ich zu Hilfe gekommen war— denn tapfer iſt der Mann, er mag ſein wer er will,— mit Euch kämpfte, den Sieg durch den Stich entſchied, der Euch nieder⸗ warf und ſeinen Sieg mißbrauchen wollte, indem er Euch umzubringen gedachte, legte ich mein Schwert dazwiſchen.“ 182 „Ihr kennt mich alſo?“ fragte Mayenne mit forſchen⸗ dem Blicke. „Ich brauche Euch nicht zu kennen; ich weiß, daß Ihr ein Verwundeter ſeid und das genuͤgt.“ „Seid aufrichtig, Herr“, ſiel Mayenne ein,„Ihr kennt mich.“ „Es iſt ſeltſam, daß Ihr mich durchaus nicht verſtehen wollet; ich fuͤr meinen Theil finde es nicht edeler einen wehrloſen Mann zu todten als zu ſechs einen Einzelnen anzugreifen.“ „Ihr gebt aber doch zu“, entgegnete Mayenne,„daß jede Sache ihre Gruͤnde haben kann.“ Ernauton verbeugte ſich, antwortete aber nicht. „Habt Ihr nicht geſehen“, fuhr Mayenne fort,„daß ich allein mit dieſem Manne kämpfte?“ „Das habe ich allerdings geſehen.“ „Uebrigens iſt dieſer Mann mein Todfeind.“ „Ich glaube es, denn er hat mir daſſelbe von Euch geſagt.“ „Und wenn ich meine Wunde überlebe?“ „Das gehtmich nichts an; Ihr moͤget dann thun, was Euch beliebt.“ „Glaubt Ihr, daß ich gefaͤhrlich verwundet bin?“ „Ich habe Euere Wunde unterſucht und glaube, daß ſie den Tod nicht herbeifuhrt, ob ſie gleich gefährlich iſt. Der Degen iſt an den Rippen abgeglitten, wie ich glaube, und nicht in die Bruſt eingedrungen. Holt einmal tief Athem und ich hoffe, daß Ihr keinen Schmerz in der Lunge fuͤhlen werdet.“ uch vas daß be, tief nge 183 Mayenne athmete mit Anſtrengung, aber ohne Schmerz im Innern zu empfinden.“ „Ihr habt Recht“, ſagte er.„Aber die Männer, die bei mir waren?“ „Sind mit Ausnahme eines Einzigen geblieben.“ „Hat man ſie an der Straße liegen laſſen 2“ fragte Mayenne. „Hat man ſie durchſucht?“ „Der Bauer, den Ihr geſehen haben muͤſſet, als Ihr die Augen wieder aufſchluget und der Euer Wirth iſt, hat dieſe Sorge uͤbernommen.“ Was hat man bei ihnen gefunden 34 „Einiges Geld.“ „Und Papiere 2 „Davon weiß ich nichts.“ „Ah!“ ſagte Mayenne mit ſichtlicher Freude. „Uebrigens koͤnnt Ihr Euch bei dem noch Lebenden erkundigen.“ „Wo iſt Dieſer 2 „In der Scheune, zwei Schritte von hier.“ „Bringt mich zu ihm oder bringt ihn vielmehr zu mir und wenn Ihr ein Mann von Ehre ſeid, wie ich glaube, ſo ſchwort mir, ihm keine Frage vorzulegen.“ „Ich bin nicht neugierig und weiß ubrigens von dieſer Sache Alles, was mir zu wiſſen nothig iſt.“ Der Herzog ſah Ernauton mit einiger Beſorgniß an. „Herr“, ſagte dieſer,„ich wurde mich glücklich ſchätzen, wenn Ihr einem Andern den Auftrag geben wolltet.“ 184 3ch habe Unrecht, Herr“, ich erkenne es an“, ſagte Mahenne;„habt die große Gefaͤlligkeit mir den Dienſt zu leiſten, um den ich Euch bitte.“ Fuͤnf Minuten ſpäter trat der Soldat in den Stall. Er ſchrie laut auf als er den Herzog von Mayenne er⸗ blickte, dieſer aber hatte die Kraft den Finger auf die Lip⸗ pen zu legen und der Soldat ſchwieg ſogleich. „Mein Herr“, ſagte Mayenne zu Ernauton,„ich bin Euch ewigen Dank ſchuldig und wir werden uns ohne Zwei⸗ fel einmal unter beſſern limſtänden zuſammenfinden. Darf ich Euch fragen, mit wem ich zu ſprechen die Ehre habe?“ „Ich bin der Vicomte Ernauton von Carmainges.“ Mayenne erwartete eine ausfuͤhrlichere Angabe, aber der junge Mann blieb zurückhaltend. „Ihr rittet auf dem Wege nach Beangench zu“, fuhr Mayenne fort. „Ja. „Ich habe Euch aufgehalten und Ihr koͤnnt nun wohl Euere Reiſe die Nacht nicht fortſetzen?“ „Im Gegentheil, ich gedenke ſogleich wieder außʒu⸗ brechen.“ „Nach Beaugench?“ Ernauton ſah Mayenne an um ihm anzudeuten, daß ihm dieſe Fragen laͤſtig wären. „Nach Paris“, antwortete er. Der Herzog ſchien ſich zu wundern. „Verzeihet“, ſagte Mayenne,„aber es iſt ſellſun, daß Ihr Euer Reiſeziel aufgebt, da Ihr auf dem Wege nach — 185 Beaugench waret und durch ein unvorhergeſehenes Ereig⸗ niß aufgehalten wurdet.“ „Das iſt ſehr einfach“, antwortete Ernauton;„ich be⸗ gab mich zu einem Stelldichein. Unſer Vorfall, der mich nothigte hier zu bleiben, iſt Schuld daran, daß ich das Stell⸗ dichein verſaumte und ich kehre um.“ Mayenne bemuͤhete ſich vergeblich auf dem unverän⸗ derlichen Geſichte Ernautons einen andern Gedanken als den zu leſen, welchen ſeine Worte ausſprachen. „Ach, Herr“, ſagte er endlich,„warum bleibt Ihr nicht einige Tage bei mir! Ich wuͤrde meinen Soldaten hier nach Paris ſchicken, um einen Arzt holen zu laſſen, aber ich kann doch nicht allein bei dem Bauer hier bleiben, den ich nicht kenne.“ „Und warum“ entgegnete Ernauton,„ſoll nicht Euer Soldat bei Euch bleiben, waͤhrend ich Euch einen Arzt ſende?“ Mayenne zogerte. „Kennt Ihr den Namen meines Feindes?“ fragte er. „Nein.“ „Was? Ihr habt ihm das Leben gerettet und er hat Euch nicht einmal ſeinen Namen geſagt?“ „Ich habe ihn nicht darum gefragt.“ „Ihr habt ihn nicht darum gefragt?“ „Ich habe Euch auch das Leben gerettet und fragte ich Euch nach Euerem Namen? Ihr Beide kennt dagegen den meinigen. Was liegt daran, daß der Retter den Namen Deſſen weiß, der ihm verpflichtet iſt? Der Verpflichtete nur muß den Namen ſeines Retters kennen.“ 3 * 186 „Ich ſehe wohl“ ſagte Mayenne,„daß von Euch nichts zu erfahren iſt und daß Ihr ſo verſchwiegen als tapfer ſeid.“ „Und ich ſehe, daß Ihr dieſe Worte in einem Tone des Vorwurfes ausſprechet; das bedauere ich, denn das was Euch beunruhiget, ſollte Euch vielmehr beruhigen. Man iſt nicht gegen den Einen verſchwiegen, ohne es gegen den Andern auch zu ſein.“ „Ihr habt Recht. Gebt mir Euere Hand, Herr von Carmainges.“ Ernauton gab ihm die Hand, ohne daß etwas in ſeiner Geberde verrieth, er wiſſe, daß er die Hand einem Prinzen reiche. „Ihr habt mein Benehmen getadelt“ fuhr Mayenne fort,„ich kann mich aber nicht rechtfertigen, ohne wichtige Geheimniſſe zu verrathen. Ich glaube, es iſt beſſer, wir gehen in unſern vertraulichen Mittheilungen nicht weiter.“ „Bemerkt wohl“ antwortete Ernauton,„daß Ihr Euch vertheidiget, waͤhrend ich Euch doch nicht anklage. Es ſteht Euch vollkommen frei, glaubt mir, zu ſprechen oder zu ſchweigen.“ „Ich danke Euch und ſchweige. Nur das wiſſet, daß ich ein Edelmann aus guter Familie und in der Lage bin, Euch Gefaͤlligkeiten zu erweiſen.“ „Brechen wir ab davon“, ſagte Ernauton,„und glaubt mir, daß ich in Bezug auf Euer Anſehen eben ſo verſchwie⸗ gen ſein werde wie in Bezug auf Euern Namen. Ich diene einem Herrn und bedarf Niemandes.“ „Euer Herr?“ fragte Mayenne beſorgt.„Wer iſt die⸗ ſer Herr?“ bt e⸗ 1e 187 „Ihr habt ſelbſt geſagt, daß es beſſer ſei, in unſern vertraulichen Mittheilungen nicht weiter zu gehen“, ant⸗ wortete Ernauton. „Ihr habt Recht.“ „Und Euere Wunde faͤngt an ſich zu entzunden. Sprecht weniger, Herr.“ „Ihr habt Recht. Wenn ich doch einen Arzt haͤtte!“ „Ich kehre nach Paris zuräck, wie ich bereits die Ehre hatte Euch zu ſagen; gebt mir ſeine Adreſſe.“ Mayenne winkte dem Soldaten, der zu ihm trat und ſie ſprachen leiſe mit einander. Ernauton entfernte ſich, um nichts zu hoͤren. Nach einigen Minnten drehete ſich der Herzog wieder zu Ernauton um und ſagte: „Herr von Carmainges, wollt Ihr mir Euer Ehren⸗ wort geben, einen Brief, den ich Euch anvertrauen koͤnnte, getreulich der Perſon zu überreichen, an die er gerichtet iſt?“ „Ich gebe es Euch.“ „Und ich glaube Euch; Ihr ſeid ein Ehrenmann, ſo daß ich Euch blindlings vertrauen kann.“ Ernauton verbeugte ſich. „Ich will Euch einen Theil meines Geheimniſſes an⸗ vertrauen“, fuhr Mayenne fort;„ich gehore zu der Leib⸗ wache der Frau Herzogin von Montpenſier.“ „Ah, ich wußte nicht, daß die Frau Herzogin eine Leib⸗ wache hat!“ ſagte Ernauton. „In unruhigen Zeiten“, fuhr Mayenne fort,„ſichert ſich Jedermann ſo gut als moͤglich und da die Familie Guiſe eine ſouveraine Familie ſ 188 „Ich verlange keine Erklärung; Ihr gehort zu der Leibwache der Frau Herzogin; das gnügt mir.“ „Ich fahre alſo fort. Ich hatte den Auftrag, eine Reiſe nach Amboiſe zu machen, als ich unterweges meinen Tod⸗ feind traf. Das Uebrige wißt Ihr.“ „Ja“, ſagte Ernauton. „Da ich durch meine Wunde zurückgehalten werde, ehe ich meinen Auftrag ausgefuͤhrt habe, ſo muß ich der Frau Herzogin Rechenſchaft wegen meines Ausbleibens geben.“ „Ganz recht.“ „Ihr wuͤrdet alſo den Brief, den ich die Ehre haben werde an ſie zu richten, ihr ſelbſt bergeben?“ „Wenn Dinte und Papier hier zu haben iſt“, ſagte Er⸗ nauton, indem er ſich anſchickte, dieſe Gegenſtaͤnde zu ſuchen. „Bemühet Euch nicht“, entgegnete Mayenne;„mein Soldat muß meine Schreibtafel bei ſich haben.“ Der Soldat nahm wirklich die verſchloſſene Schreib⸗ tafel aus ſeiner Taſche. Mayenne drehete ſich an der Wand herum, um an eine Feder zu druͤcken; die Schreibtafel off⸗ nete ſich; er ſchrieb einige Zeilen mit Bleiſtift und ſchloß die Schreibtafel ebenſo geheimnißvoll wieder zu. War ſie geſchloſſen, ſo konnte man ſie, wenn man das Geheimniß nicht kannte, nicht öffnen ohne ſie mit Gewalt zu zerreißen. „Herr“ ſagte Ernauton,„nach drei Tagen wird Euere Schreibtafel uͤbergeben ſein.“ „Der Herzogin ſelbſt?“ „Der Frau Herzogin von Montpenſier ſelbſt.“ —— — 189 Der Herzog druͤckte ſeinem wohlwollenden Gefährten die Hand und da ihn das Geſpraͤch und das Schreiben er⸗ muͤdet hatten, ſank er mit Schweiß auf der Stirn auf die Streu zuruͤck. „Herr“, ſagte der Soldat in einer Sprache, welche Ernauton mit der Kleidung des Mannes nicht in Ueberein⸗ ſtimmung zu ſtehen ſchien,„Ihr habt mich allerdings wie ein Kalb gebunden, aber Ihr mögt wollen oder nicht, ich halte dieſe Feſſel fuͤr ein Freundſchaftsband und werde es Euch zu gehoͤriger Zeit und an gehorigem Orte beweiſen.“ Er reichte ihm darauf die Hand, deren Weiße dem jungen Manne bereits aufgefallen war. „Sei es“, ſagte Carmainges lächelnd;„ich habe dem⸗ nach zwei Freunde mehr.“ „Spottet nicht“, entgegnete der Soldat;„man hat nie zu viel Freunde.“ „Allerdings, Camerad“, antwortete Ernauton, der ſich darauf entfernte. Neunzehntes Kapitel. Der Pferdehof. Ernauton brach ſogleich auf und da er das Pferd des Herzogs ſtatt des ſeinigen genommen, das er Robert Bri⸗ quet gegeben hatte, kam er ſo ſchnell weiter, daß er um die Mitte des dritten Tages in Paris anlangte. um drei Uhr Nachmittags erſchien er im Louvre in der Wohnung der Fünfundvierzig. Seine Ruͤckkehr hatte kein wichtiges Ereigniß bezeichnet. 190 Die Gascogner gaben, als ſie ihn eintreten ſahen, ihre Verwunderung laut zu erkennen und in Folge dieſes lauten Geſpraͤchs trat Loignac ein. Als er Ernauton erblickte, nahm er das ernſteſte Geſicht an, aber Ernauton ging trotz⸗ dem gerade auf ihn zu. Herr von Loignac winkte dem jungen Mann, ihm in das kleine Cabinet am Ende des Schlafſaales zu folgen, das eine Art Audienzzimmer war, in welchem dieſer Richter ſeine Urtel faͤllte, gegen die nicht appellirt werden konnte. „Betraͤgt man ſich ſo, Herr 2 begann er.„Wenn ich recht gezählt habe, ſeid Ihr fünf Tage und fuͤnf Naͤchte ab⸗ weſend geweſen und Ihr gebt ein ſolches Beiſpiel der Miß⸗ achtung der Disciplin, da ich Euch für einen der Verſtän⸗ digſten hielt?“ „Herr“, antwortete Ernauton mit einer Verbeugung, „ich habe gethan, was mir geboten war.“ „Und was war Euch geboten?“ „Man hat mir aufgetragen, dem Herrn von Mayenne zu folgen. Das habe ich gethan.“ „Funf Tage und fünf Naͤchte lang?“ „Fuͤnf Tage und Fünf Nächte hindurch.“ „Der Herzog hat alſo Paris verlaſſen?“ „Noch denſelben Abend und das kam mir verdächtig vor.“ „Da hattet Ihr Recht und dann Ernauton erzählte kurz, aber mit Wärme das Aben⸗ teuer unterweges und die Folgen, welche daſſelbe gehabt hatte. Je weiter er in ſeiner Erzählung kam, um ſo deut⸗ licher konnte man in dem beweglichen Geſichte Loignac's ⸗ bt t⸗ 191 alle Eindruͤcke erkennen, welche die Erzaͤhlung in ſeiner Seele hervorbrachte. Als Ernauton endlich zu dem Briefe gelangte, den ihm Mayenne anvertraut hatte, rief Loignac aus: „Und Ihr habt dieſen Brief?“ „Ja, Herr.“ „Der Teufel! Das verdient Beachtung“, ſagte der Capitain.„Wartet auf mich oder kommt lieber gleich mit mir.“ Ernauton folgte und gelangte hinter Loignae in den ſogenannten Pferdehof des Louvre. Man machte eben alle Anſtalten zu einer Ausfahrt des Koͤnigs; die Equipagen wurden in den Stand geſetzt und Herr von Epernon ſah zwei Pferde verſuchen, die kurzlich als Geſchenk Eliſabeth's an Heinrich III. aus England angekommen waren. Dieſe beiden Pferde, welche ſich durch vollige Gleichheit auszeichneten, ſollten an dieſem Tage zum erſtenmale an den Wagen des Koͤnigs geſpannt werden. Loignac trat, während Ernauton am Eingange des Hofes blieb, zu Epernon und zupfte ihn an dem Mantel. „Neuigkeiten, Herr Herzog“ ſagte er,„wichtige Neuig⸗ keiten.“ Der Herzog verließ die Gruppe, in welcher er ſich be⸗ fand und trat naͤher an die Treppe, auf welcher der Koͤnig herunter kommen ſollte. „Erzahlt, Herr Loignac, erzählt.“ „Herr von Carmainges kommt eben von jenſeits Or⸗ leans; Herr von Mayenne befindet ſich, gefaͤhrlich verwun⸗ det, in einem Dorfe.“ 192 Der Herzog konnte einen Ausruf der Verwunderung nicht unterdruͤcken. „Verwundet?“ wiederholte er. „Er hat uͤberdies“ fuhr Loignac fort,„an die Herzogin von Montpenſier einen Brief geſchrieben, den Herr von Carmainges in ſeiner Taſche hat.“ „Oh ho!“ ſagte Epernon.„Ruft den Herrn von Car⸗ mainges, damit ich ſelbſt mit ihm rede.“ Loignac nahm die Hand des Herrn von Carmainges, der, wie geſagt, bei Seite ſtehen geblieben, waͤhrend ſeine Vorgeſetzten miteinander geſprochen hatten. „Herr Herzog“ ſagte er,„da iſt unſer Reiſender.“ „Ihr habt alſo einen Brief von dem Herrn Herzoge von Mayenne?“ fragte Epernon. „Ja, gnädiger Herr.“ „An die Herzogin von Montpenſier?“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Uebergebt mir den Brief.“ Und der Herzog ſtreckte die Hand mit der ruhigen Gleichgiltigkeit eines Mannes aus, der nur ſeinen Willen ausſprechen zu duͤrfen glaubt, um ihn ſofort erfüͤllt zu ſehen. „Verzeihet, gnädiger Herr“, antwortete Carmainges; „ſagtet Ihr nicht, ich ſolle Euch den Brief des Herzogs an deſſen Schweſter üͤbergeben?“ „Allerdings.“ „Der Herr Herzog weiß nicht, daß dieſer Brief mir anvertraut worden iſt.“ „Was liegt daran?“ di vt a 8 8 S—. 193 „Sehr viel. Ich gab dem Herrn Herzoge mein Wort, dieſen Brief nur der Frau Herzogin ſelbſt zu uͤberreichen.“ „Steht Ihr im Dienſte des Koͤnigs oder des Herrn von Mayenne „Ich ſtehe in dem Dienſte des Koͤnigs.“ „Nun, der Koͤnig will dieſen Brief ſehen?“ „Gnädiger Herr, Ihr ſeid nicht der Koͤnig.“ „Ihr ſcheint zu vergeſſen, mit wem Ihr ſprecht, Herr von Carmainges“ ſagte Epernon, der vor Zorn erblaßte. „Ich weiß es ſehr wohl, gnädiger Herr und gerade deshalb weigere ich mich.“ „Ihr weigert Euch? Ihr ſagt, daß Ihr Euch weigert, Herr von Carmainges?“ „Ich habe es geſagt.“ „Ihr vergeßt Euern Schwur der Treue.“ „Gnaͤdiger Herr, ich habe bis jetzt, ſo viel ich weiß, nur einer einzigen Perſon Treue geſchworen und dieſe Per⸗ ſon iſt Se. Maj. Wenn der Koͤnig dieſen Brief von mir verlangt, wird er ihn erhalten, denn der Konig iſt mein Herr; aber der Koͤnig iſt nicht hier.“ „Herr von Carmainges“ ſagte der Herzog, der ſichtbar ſeinen Zorn kaum beherrſchen konnte, waͤhrend Ernauton im Gegentheile immer ruhiger zu werden ſchien,„Ihr ſeid wie alle Euere Landsleute, blind im Gluͤcke; Euer Gluͤck blendet Euch und der Beſitz eines Staatsgeheimniſſes be⸗ täubt Euch wie ein Keulenſchlag.“ „Mich betaubt, Herr Herzog, die Ungnade, in die ich Sbei Ew. Herrlichkeit fallen werde, und nicht mein Gluͤck, das meine Weigerung Euch zu gehorchen gefaͤhrdet, Die l. „ 194 wie ich mir nicht verheimliche; aber gleichviel, ich thue was ich muß und werde nur dies thun. Niemand außer dem Konige wird den Brief erhalten, den Ihr von mir ver⸗ langt; ich ubergebe ihn der Perſon, an welche er gerich⸗ tet iſt.“ Epernon machte eine zornige Geberde. „Loignac“ ſagte er,„laſſet ſogleich Herrn von Car⸗ mainges in's Gefaͤngniß abfuͤhren.“ „In dieſem Falle“, entgegnete Carmainges lächelnd, „werde ich allerdings den Brief, den ich beſitze, der Frau Herzogin von Montpenſier nicht ubergeben köͤnnen, wenig⸗ ſtens ſo lange nicht, als ich im Gefaͤngniſſe bin; habe ich dies aber verlaſſen..“ „Wenn Ihr es je verlaſſet“, fiel Epernon ein. „Ich werde es verlaſſen, Ihr muͤßtet mich denn ermor⸗ den laſſen“ ſagte Ernauton mit einer Entſchloſſenheit, die in dem Maße wie er ſprach, kälter und ſchrecklicher wurde; „ja, ich werde es verlaſſen. Die Mauern ſind nicht feſter als mein Wille, und bin ich frei..“ „Nun?“ „So werde ich mit dem Konige ſprechen und der Koͤnig wird mir antworten.“ „In's Gefängniß! In's Gefaͤngniß!“ ſchrie Epernon, der ſich ganz vergaß.„In's Gefängniß! Und man nehme ihm den Brief ab.“ „Niemand wird ihn anruͤhren“, ſagte Ernauton, indem er raſch zurücktrat und die Schreibtafel Mayenne's aus ſeinem Buſen zog.„Ich zerreiße die Schrift, da ich ſie nur um dieſen Preis retten kann und der Herr Herzog von ar⸗ nd, rau ig⸗ ich tor⸗ die de; ſter nig non, hme dem aus nur von 195 Mayenne wird mein Verhalten billigen wie Se. Maj. mir verzeihen.“ Der junge Mann wollte wirklich in ſeinem ehrlichen Widerſtreben die Brieftafel zerreißen, als eine Hand ſanft ſeinen Arm zuruckhielt. Waͤre der Druck heftig geweſen, ſo wuͤrde der junge Mann ſich ohne Zweifel um ſo mehr angeſtrengt haben, den Brief zu vernichten; da er aber ſah, daß man ſchonend zu Werke ging, hielt er inne und ſah ſich um. „Der Koͤnig!“ ſagte er. Der Koͤnig war wirklich auf der Treppe herunterge⸗ kommen und hatte, als er einen Augenblick auf der letzten Stufe ſtehen blieb, das Ende des Zankes gehoͤrt. Seine koͤnigliche Hand hielt jetzt den Arm Ernauton's zuruͤck. „Was giebt es, ihr Herren?“ fragte er mit der Stimme, welcher er, wenn er wollte, eine unwiderſtehliche Gewalt zu geben verſtand. „Dieſer Mann“, antwortete Epernon, ohne ſeinen Zorn zu verheimlichen,„Einer Euerer Fuͤnfundvierzig, wenigſtens jetzt noch, erhielt von mir in Euerem Namen den Auftrag den Herzog von Mayenne waͤhrend deſſen Anwe⸗ ſenheit in Paris zu beobachten, iſt ihm aber bis uͤber Orle⸗ ans hinaus gefolgt und hat von ihm einen Brief an die Frau Herzogin von Montpenſier erhalten.“ „Ihr habt von dem Herrn von Mayenne einen Brief an die Herzogin erhalten?“ fragte der Koͤnig. „Ja, Sire“, antwortete Ernauton,„aber der Herr Herzog von Epernon ſagt Euch nicht unter welchen Um⸗ ſtänden.“ 13* 196 „Wo iſt der Brief?“ fragte der Koͤnig. „Das eben iſt die Urſache des Streites. Herr von Car⸗ mainges weigert ſich hartnackig, ihm mir zu geben und will ihm der Herzogin uͤberbringen. Dieſe Weigerung verräth meiner Meinung nach einen ſchlechten Diener.“ Der Konig ſah Carmainges an und dieſer ließ ſich auf ein Knie nieder. „Sire“ ſagte er,„ich bin ein armer Edelmann, aber ein Mann von Ehre. Ich rettete Euerm Boten das Leben, welchen Herr von Mayenne mit fünf ſeiner Leute faſt er⸗ mordet haͤtte und da ich zu rechter Zeit ankam, entſchied ich den Kampfzu ſeinen Gunſten.“ „Und es iſt während des Kampfes Herrn von Mayenne nichts geſchehen?“ fragte der Koͤnig. „Er wurde verwundet, Sire, ſchwer verwundet.“ „Nun?“ „Euer Bote, der beſondere Gruͤnde zu haben ſcheint, Herrn von Mayenne zu haſſen..“ Der Konig lächelte. „Euer Bote, Sire, wollte ſeinen Feind vollends um⸗ bringen; er hatte vielleicht ein Recht dazu, ich aber meinte, daß dieſe Rache in meiner Gegenwart, d. h. in der Gegen⸗ wart eines Mannes, deſſen Schwert dem Koͤnige gehort, ein politiſcher Mord wuͤrde und..“ Ernauton zogerte. „Sprecht weiter!“ fiel der Konig ein. „Und ich rettete den Herrn von Mayenne von Euerm Boten wie ich dieſen von Herrn von Mayenne gerettet hatte.“ nt, te, en⸗ rt, erm ettet 197 Epernon zuckte die Achſeln, Loignat biß ſich in den langen Schnurrbart und der Koͤnig blieb ruhig und kalt. „Da der Herr von Mayenne nur noch einen Begleiter hatte— die vier Andern waren getoͤdtet worden— ſo wollte er ſich von ihm nicht trennen und da er nicht wußte, daß ich in Euerem Dienſte ſtehe, ſo ſchenkte er mir ſein Vertrauen und empfahl mir, ſeiner Schweſter einen Brief zu uͤberbringen. Ich habe dieſes Schreiben hier und biete es Ew. Maj. an, damit Ihr daruber verfuͤgen moͤget wie über mich. Meine Ehre iſt mir theuer, Sire; in dem Au⸗ genblicke aber, in welchem ich zur Antwort fuͤr mein Ge⸗ wiſſen die Burgſchaft des königlichen Willens habe, gebe ich meine Ehre auf. Sie iſt dann in guten Haͤnden.“ Ernauton, der noch immer kniete, hielt dem Koͤnige das Taſchenbuch hin, aber der Konig wies es ſanft zurück. „Was ſagtet Ihr, Epernon? Herr von Carmainges iſt ein ehrlicher Mann und treuer Diener.“ „Ew. Maj. fragt, was ich ſagte?“ wiederholte Eper⸗ non. „Ja, hoͤrte ich nicht, als ich auf der Treppe herunter kam, das Wort Gefaͤngniß ausſprechen? Wenn man einen Mann wie Herrn von Carmainges findet, muß man viel⸗ mehr wie bei den alten Romern von Belohnungen und Kraͤnzen ſprechen. Der Brief, Herzog, gehoͤrt dem, welcher ihn überbringt oder dem, welchem er uberbracht wird.“ Epernon verbeugte ſich grollend. „Ihr werdet den Brief uͤbergeben, Herr von Car⸗ mainges.“ „Aber bedenkt, Sire, was er enthalten kann“, fiel 198 Epernon ein.„Wir durfen nicht zu zartfuͤhlend ſein, wenn es ſich um das Leben Ew. Maj. handelt.“ „Ihr werdet den Brief übergeben, Carmainges“, wie⸗ derholte der Konig ohne ſeinem Günſtlinge zu antworten. „Ich danke, Sire“ ſagte Carmainges, indem er zu⸗ ruck trat. „Wohin tragt Ihr ihn?“ „Zu der Frau Herzogin von Montpenſier, wie ich Ew. Maj. zu ſagen die Ehre gehabt zu haben glaube.“ „Ich drucke mich nicht recht aus. Ich meine, geht Ihr in den Palaſt Guiſe, in den Palaſt St. Denis oder..“ Ein Blick Epernon's unterbrach den König. „Ich habe keine beſondere Anweiſung daruͤber von dem Herrn Mayenne, Sire. Ich werde den Brief in den Palaſt Guiſe tragen und da erfahren, wo die Frau Herzogin iſt.“ „Ihr werdet alſo die Herzogin aufſuchen?“ „Ja, Sire „Und wenn Ihr ſie gefunden habt?“ „Werde ich ihr den Brief überreichen.“ „Und nun Herr von Carmainges“, ſagte der Konig, indem er den jungen Mann feſt anſah. „Sire?“ „Habt Ihr dem Herrn von Mayenne noch etwas An⸗ deres geſchworen oder verſprochen, als dieſen Brief ſeiner Schweſter zu uͤbergeben?“ „Nein, Sire.“ „Ihr habt z. B. nicht verſprochen“, fuhr der Koͤnig fort,„uber den Ort zu ſchweigen, wo Ihr die Herzogin fin⸗ den koͤnntet?“ * 199 „Nein, Sire, ich habe nichts der Art verſprochen.“ „Ich werde Euch alſo eine einzige Bedingung aufer⸗ legen.“ „Sire, ich bin der unterthänige Diener Ew. Maj.“ „Ihr üͤbergebt den Brief der Frau Herzogin von Mont⸗ penſier und kommt, ſobald dies geſchehen, nach Vincennes, wo ich dieſen Abend ſein werde.“ „Ja, Sire.“ „und Ihr werdet mir getreulich melden, wo Ihr die Herzogin gefunden habt.“ „Sire, Ew. Maj. kann darauf rechnen.“ „Ohne eine andere Erklärung, ohne ſonſt etwas zu ſagen, verſteht Ihr?“ „Sire, ich verſtehe es.“ „Welche Unklugheit!“ ſprach Epernon vor ſich hin. „Ach, Sire.“ „Ihr verſteht Euch nicht auf die Menſchen, Herzog, wenigſtens nicht auf gewiſſe Menſchen. Dieſer iſt treu gegen Mayenne und wird treu gegen mich ſein.“ „Gegen Euch, Sire“, antwortete Ernauton,„werde ich mehr als treu, ich werde ergeben ſein.“ „Und nun, Epernon“ ſagte der Koͤnig,„keinen Streit hier; verzeihet ſofort dieſem treuen Diener das, was Ihr fur einen Mangel an Ergebenheit hieltet, was ich aber fuͤr einen Beweis von Treue halte.“ „Sire“, fiel Carmainges ein,„der Herr Herzog von Epernon ſteht zu hoch, als daß er in meinem Ungehorſam gegen ſeine Befehle, einem Ungehorſam, fuͤr den ich ihn um Vergebung bitte, nicht geſehen haben ſollte, wie ſehr 200 ich ihn achte und ehre; ich that nur vor allen Dingen was ich für meine Pflicht hielt.“ „Es war dies“, ſagte der Herzog, welcher ſeinen Ge⸗ ſichtsausdruck ſo leicht änderte, als hätte er eine Maske ab⸗ genommen,„eine Pruͤfung, mein werther Carmainges, die Euch Ehre macht und Ihr ſeid wirklich ein huͤbſcher junger Mann, nicht wahr Loignac? Wir haben ihn freilich ſehr in Furcht geſetzt.“ Und der Herzog lachte. Loignae drehete ſich um, damit er nicht zu antworten brauche; ob er gleich auch Gascogner war, ſo beſaß er doch nicht die Faͤhigkeit, mit gleicher Frechheit wie ſein Vorge⸗ ſetzter zu lügen. „Es war eine Pruͤfung?“ fragte der Koͤnig zweifelnd. „Um ſo beſſer, Epernon, wenn es eine Pruͤfung war, aber ich rathe Euch, nicht mit Allen ſolche Prufungen vorzuneh⸗ men; es wuͤrden zu Viele dabei unterliegen.“ „um ſo heſſer“, erwiederte ſeiner Seits Carmainges, „um ſo beſſer, Herr Herzog, wenn es eine Pruͤfung war; ich bin dann Euerer Gnade gewiß.“ Wäͤhrend aber der junge Mann dieſe Worte ſprach, ſchien er eben ſo wenig daran zu glauben als der Koͤnig. „Da nun Alles vüber i⸗ ſagte der Konig,„wollen wir aufbrechen.“. Epernon verbengte ſich. „Ihr begleitet mich, Herzog.“ „Das heißt, ich begleite Ew. Maj. zu Pferde. So habt Ihr, glaube ich, befohlen.“ s, h, E 8 201 „Ja. Und wer wird an der andern Seite des Wagens reiten?“ fragte Heinrich. „Ein ergebener Diener Ew. Maj.“ ſagte Epernon, „Herr von Sainte⸗Maline.“ Und er ſah Ernauton an, um zu bemerken, welchen Eindruck dieſer Name auf ihn mache. Ernauton blieb voͤllig unveraͤndert. „Loignac“, ſetzte er hinzu,„ruft Herrn von Sainte⸗ Maline.“ „Herr von Carmainges“, ſagte der Koͤnig, welcher die Abſicht Epernon's errieth,„Ihr werdet Euern Auftrag ausrichten und dann unmittelbar nach Vincennes kommen.“ „Ja, Sire.“* Und Ernauton entfernte ſich, trotz ſeiner Philoſophie ziemlich erfreut, dem Triumphe nicht beiwohnen zu muͤſſen, welcher das ehrgeizige Herz Sainte⸗Maline's ſo hoch er⸗ freuen ſollte. Zwanzigſtes Kapitel. Die Suͤnden Magdalena's. Der Koͤnig hatte mit einem Blicke die Pferde gemu⸗ ſtert, wollte, da er ſah, daß ſie ſo ungeduldig waren, nicht allein im Wagen ſitzen und winkte, nachdem er, wie wir geſehen, Ernauton vollkommen Recht gegeben hatte, dem Herzoge, mit ihm in den Wagen zu ſteigen. Loignae und Sainte⸗Maline ritten an den beiden Sei⸗ ten und voraus ritt ein einziger Piqueur. Der Herzog ſaß allein auf dem Vorderſitze derplumpen 202 Naſchine, wäͤhrend der Konig mit ſeinen Hunden den Hin⸗ terſitz einnahm. Unter dieſen Hunden befand ſich ein Bevorzugter, der, welchen wir bei dem Könige am Fenſter des Stadthauſes geſehen haben und der ein beſonderes Kiſſen hatte, auf wel⸗ chem er ſanft ſchlummerte. Rechts vom Koͤnige ſtand ein Tiſch, deſſen Fuͤße in dem Fußboden des Wagens feſtgemacht waren. Er war mit ausgemalten Zeichnungen bedeckt, welche Se. Maj. mit bewundernswuͤrdiger Geſchicklichkeit trotz dem Stoßen des Wagens ausſchnitt. Es waren meiſt Gegenſtande aus der Geſchichte der Heiligen, da man aber in jener Zeit ziemlich viel heidniſche Ideen mit der Religion verband, ſo war auch die Mytho⸗ logie unter den Heiligenbildern des Koͤnigs ſtark ver⸗ treten. Für den Augenblick hatte der immer methodiſche Hein⸗ rich eine Wahl unter ſeinen Zeichnungen getroffen und beſchaͤftigte ſich das Leben der Suͤnderin Magdalena aus⸗ zuſchneiden. Der Gegenſtand eignete ſich an ſich fur das Maleriſche und die Phantaſie des Malers hatte uͤberdies noch hinzu⸗ gethan. Man ſah die ſchöne jugendliche gefeierte Magda⸗ lena, prächtige Bader, Bälle und Vergnügungen aller Art. Der Künſtler hatte überdies den ſinnreichen Einfall gehabt, wie es Callot ſpäter mit den Verſuchungen des heiligen Antonius machen ſollte; er hatte, ſagen wir, den ſinnreichen Einfall gehabt, die Launen ſeines Grabſtichels mit dem Mantel der kirchlichen Autorität zu bedecken und 203 und ſo warjede Zeichnung, auf welcher eine der ſieben Tod⸗ ſunden geſchildert ſtand, durch eine beſondere Legende er⸗ laͤutert. Magdalena erliegt der Suͤnde des Stolzes. Magdalena erliegt der Sünde der Ueppigkeit und ſo fort. Das Bild, das der Konig ausſchnitt, als man durch das Thor St. Antoine fuhr, ſtellte Magdalena vor, wie ſie der Suͤnde des Zornes erliegt. Die ſchoͤne Sunderin, halb liegend auf Kiſſen und ohne einen andern Schleier als ihr praͤchtiges goldfarbiges Haar, mit dem ſie ſpäter die geſalbten Fuße des Herrn abtrocknen ſollte, ließ zur Rechten in einen Teich mit Lampreten, deren Koͤpfe man gierig gleich Schlangenkoͤpfen aus dem Waſſer herausragen ſah, einen Selaven werfen, welcher eine koſtbare Vaſe zerbrochen hatte, während ſie zur Linken ein Weib geißeln ließ, die noch weniger bekleidet war als ſie ſelbſt, weil ſie das Haar aufgenommen hatte. Sie er⸗ hielt dieſe Zuͤchtigung, weil ſie bei dem Ordnen des Haares ihrer Gebieterin einige dieſer ſchoͤnen Haare ausgeriſſen hatte, deren Fülle Magdalena für ein Vergehen dieſer Art nachſichtiger haͤtte machen ſollen. Im Hintergrunde ſah man Hunde, welche gepeitſcht wurden, weil ſie arme Bettler, die ein Almoſen ſuchten, hatten hereinkommen laſſen und Haͤhne, die man erwurgte, weil ſie zu früͤh und zu ſtark gekrähet hatten. Als man bei dem Kreuze Faubin ankam, hatte der Kö⸗ nig bereits alle Figuren dieſes Bildes ausgeſchnitten und wollte zu einem andern üͤbergehen, welches betitelt war: Magdalena erliegt der Sunde der Gutſchmeckerei. 204 Dies ſtellte die ſchone Sünderin auf einem jener Lager von Purpur und Gold dar, auf welchem die Alten ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegten. Alles, was die romiſchen Gutſchmecker an ausgeſuchten Speiſen, Fiſchen und Fruͤch⸗ ten kannten, ſchmuͤckte die Tafel. Am Boden zankten ſich Hunde um einen Faſan, waͤhrend die Luft von tauſendfar⸗ bigen Vögeln verdunkelt wurde, die von der Tafel Feigen, Erdbeeren und Kirſchen forttrugen, die ſie bisweilen unter ein Volk von Mäuſen fallen ließen, welche auf dieſes ihnen von oben herabfallende Manna warteten. Magdalena hielt in ihrer Hand ein mit topazblaſſer Flſſigkeit geflltes Glas von jener ſeltſamen Form, die Petronius bei dem Feſtmahle Trimalcions beſchrieben hat. Der Koͤnig, welcher ganz mit dieſer wichtigen Arbeit beſchäftiget war, hatte nurleicht die Augen emporgeſchlagen als der Wagen an der Priorei der Jacobiner vorbeifuhr, deren Glocken eben zur Vesper läuteten. Alle Thuͤren und Fenſter des genannten Kloſters waren ſo feſt verſchloſſen, daß man es für unbewohnt haͤtte halten koͤnnen, hätte man nicht eben das Laͤuten der Glocken gehort. Nach dieſem fluͤchtigen Blicke ging der Koͤnig wieder an das Ausſchneiden. Hundert Schritte aber weiter hatte ein aufmerkſamer Beobachter ſehen koͤnnen, daß er neugieriger als das erſte⸗ mal nach einem ſchönen Hanſe blickte, das links an der Straße mitten in einem reizenden Garten ſtand und deſſen eiſernes Gitter mit goldenen Spitzen ſich auf die Straße oͤffnete. Dieſes Landhaus hieß Bel⸗Espat und alle ſeine Fenſter —— er te⸗ er en ße ſter 205 ſtanden offen mit Ausnahme eines einzigen, vor welchem ſich eine Jaloufie befand. In dem Augenblicke als der König vorüber kam, zitterte dieſe Jalouſie kaum bemerklich. Der Koͤnig wechſelte einen Blick und ein Laͤcheln mit Epernon, dann machte er ſich an eine andere Todſuͤnde. Dies war die Suͤnde der Ueppigkeit. Der Kuͤnſtler hatte ſie mit ſo entſetzlichen Farben dar⸗ geſtellt, die Suͤnde ſo muthig und ſtark gebrandmarkt, daß wir nur einen Lug daraus mittheilen konnen, welcher uber⸗ dies nur eine Epiſode war. Der Schutzengel Magdalena's entfloh entſetzt gen Himmel und hielt beide Augen mit den Haͤnden zu. Dieſes Bild voll kleinlicher Details beſchaͤftigte die Aufmerkſamkeit des Königs ſo ſehr, daß er eine gewiſſe Eitelkeit nicht bemerkte, die ſich an dem linken Wagenſchlage zeigte. Es war ſehr Schade, denn Sainte-Maline war gluck⸗ lich und ſtolz auf ſeinem Pferde. Er ſo nahe bei dem Koͤnige, er ein juͤngerer Sohn aus der Gascogne, ſo nahe, daß er Se. Maj. den allerchriſtlich⸗ ſten König verſtehen konnte, als derſelbe zu ſeinen Hunden ſagte: „Love, du beläſtigeſt mich.“ Oder als er zu dem Herzoge von Epernon ſagte: „Herzog, mit dieſen Pferden werde ich wohl den Hals brechen.“ Von Zeit zu Zeit indeß ſah Sainte⸗Maline, gleichſam um einen Dämpfer auf ſeinen Stolz zu ſetzen, nach der 206 andern Seite des Wagens, nach Loignac, den die Gewoͤh⸗ . nung an ſolche Ehre gleichgiltig dafuͤr machte und als er erkannte, daß dieſer Mann mit ſeinem ruhigen Geſichte und ſeiner beſcheidenen militairiſchen Haltung ſchoͤner ausſah als er ſelbſt, ſo bemuͤhete ſich Sainte⸗Maline ſich zu mäßi⸗ gen, aber bald gaben gewiſſe Gedanken ſeiner Eitelkeit ihre ganze Entfaltung von neuem. „Man ſieht mich, man betrachtet mich“, dachte er bei ſich,„und man fragt ſich: wer iſt der gluͤckliche Herr, wel⸗ cher den Koͤnig begleitet?“ Nach der Schnelligkeit, mit welcher man fuhr und welche die Befurchtung des Konigs gar nicht rechtfertigte, mußte das Glück Sainte⸗Maline's lange dauern, denn die Pferde Gliſabeth's, welche mit ſchwerem Geſchirr mit Silberverzierung und Poſamentirarbeiten belaſtet und in läſtige Stränge gefeſſelt waren, kamen nicht ſehr raſch auf dem Wege nach Vincennes weiter. Aber als werde Sainte⸗Maline zu ſtolz, mäßigte etwas, gleich einer Andeutung bon oben, etwas namentlich für ihn ſehr Trauriges, ſeine Freude; er horte den Koͤnig den Namen Ernauton ausſprechen. Der Konig nannte dieſen Namen in zwei oder drei Minuten zwei⸗ oder dreimal. Man hätte Sainte⸗Maline jedesmal ſich buͤcken ſehen ſollen, als wolle er dieſes intereſſante Räthſel im Fluge erhaſchen. Wie alles wirklich Intereſſante wurde aber auch dies Räthſel durch irgend etwas unterbrochen. Der Koͤnig ließ einen Ausruf hören, den ihm der Ver⸗ — t f te 9 207 druß daruͤber entlockte, daß er an einer Stelle ſeines Bildes zu tief geſchnitten hatte, oder er gebot mit der moͤglichſten Zaͤrtlichkeit dem Hunde Love, der heftig bellte, Schweigen. Der Name Ernauton's wurde auf dem Wege von Pa⸗ ris nach Vincennes wenigſtens ſechsmal von dem Koͤnige und wenigſtens viermal von dem Herzoge genannt, ohne daß Sainte⸗Maline errathen konnte, warum man ſich ſo viel mit dieſem Namen beſchaͤftige. Er bildete ſich ein— wie man ſich ſelbſt ja immer gern etwas Angenehmes ſagt— der Koͤnig erkundige ſich nur nach dem Verſchwinden des jungen Mannes und Eper⸗ non gebe einen wirklichen oder falſchen Grund an. Endlich kam man in Vincennes an. Der Koͤnig hatte noch drei Todſuͤnden auszuſchneiden, und, unter dem Vorwande ſich mit dieſer wichtigen Arbeit zu beſchaͤftigen, ſchloß er ſich gleich nachdem er den Wagen verlaſſen hatte in ſeinem Zimmer ein. Es wehete ein ſehr kalter Wind und Sainte⸗Maline begann es ſich an einem großen Kamine bequem zu machen, wo er ſich zu erwaͤrmen und dabei zu ſchlafen gedachte, als Loignac ihm die Hand auf die Achſel legte. „Ihr habt heute Frohnde“ ſagte er in der kurzen Weiſe zu ihm, die nur dem Manne eigen iſt, welcher lange ge⸗ horcht hat und nun ſich ſelbſt Gehorſam zu verſchaffen weiß. „Schlafet einen andern Abend und ſteht jetzt auf, Herr von Sainte⸗Maline.“ „Ich wache vierzehn Tage hintereinander wenn es ſein muß“, antwortete dieſer. 208 „Es thut mir leid, daß ich Niemanden bei der Hand habe“, ſagte Loignac, indem er that als ſuche er Jemanden. „Herr“, antwortete Sainte⸗Maline,„Ihr brauchet keinen Andern zu ſuchen; wenn es ſein muß, ſchlafe ich einen ganzen Monat nicht.“ „So viel werden wir nicht verlangen; beruhiget Euch.“ „Was iſt zu thun?“ „Ihr habt wieder zu Pferde zu ſteigen und nach Paris zuruͤckzukehren.“ „Ich bin bereit; mein Pferd ſteht geſattelt im Stalle.“ „Gut. Ihr begebt Euch geraden Weges in die Woh⸗ nung der Funfundvierzig.“ e „Ihr weckt ſie Alle, aber ſo, daß mit Ausnahme der vrei Fuͤhrer, welche ich Euch bezeichnen werde, keiner weiß, wohin es geht und was zu thun iſt.“ „Ich werde dieſen erſten Anweiſungen puͤnktlich nach⸗ kommen.“ „Die andern find folgende: Ihr laſſet vierzehn jener Herren an dem Thore St. Antoine, fuͤnfzehn in der Mitte des Weges zwiſchen hier und der Stadt und die andern vierzehn bringt Ihr hierher.“ „Seht dies fur bereits ausgefuͤhrt an, Herr von Loig⸗ nac. Aber um welche Stunde ſoll man Paris verlaſſen?“ „Mit eintretender Dunkelheit.“ „Zu Pferd oder zu Fuß?“ „Zu Pferd.“ „Welche Waffen?“ „Sämmtliche: Dolch, Degen und Piſtolen.“ — 3 c— 209 „Mit dem Harniſch?“ „Mit dem Harniſch.“ „Und das Weitere?“ „Hier ſind drei Briefe, einer an Herrn von Chalabre, einer an Herrn von Biran und einer an Euch ſelbſt. Herr von Chalabre wird die erſte Abtheilung, Herr von Biran die zweite befehligen und Ihr die dritte.“ „Sehr wohl.“ „Die Briefe werden erſt unterweges, um ſechs Uhr, geoͤffnet. Herr von Chalabre erbricht den ſeinigen an dem Thore St. Antoine, Herr von Biran den ſeinigen an dem Kreuze Faubin und Ihr offnet den Euerigen an dem Thore 8 des Schloſſes.“ „Sollen wir ſchnell ankommen?“ „So ſchnell als Euere Pferde laufen, doch ohne irgend wie Verdacht zu erregen und ohne daß Ihr Euch ſehr be⸗ merklich macht. Jede Abtheilung verlaͤßt die Stadt auf einem andern Wege, Herr von Chalabre durch bas Thor Bourdelle, Herr von Biran durch das Temple-Thor und Ihr, der Ihr den weiteſten Weg zu machen habt, folgt dem geradeſten, d. h. Ihr reitet durch das Thor St. Antoine.“ „Sehr wohl.“ „Das Uebrige wird ein jeder Führer in dem Briefe finden. Und nun brecht auf.“ Sainte⸗Maline verbeugte ſich und wollte hinausgehen. „Noch etwas“ ſagte Loignac.„Von hier bis zum Kreuze Faubin reitet ſo ſchnell als Ihr Luſt habt, von da bis an das Thor aber im Schritt. Ihr habt noch zwei Stunden vor Euch ehe es Nacht wird und ſo viel Zeit braucht Ihr nicht.“ Die Fuͤnfundvierzig. U. 14 2¹0 „Sehr wohl.“ „Habt Ihr mich in Allem verſtanden oder ſoll ich Euch den Befehl nochmals wiederholen 7 „Das iſt nicht nothig.“ „Gluͤckliche Reiſe, Herr von Sainte⸗Maline.“ Und Loignac kehrte ſporenklingend in die Gemächer zuruͤck. „Vierzehn in der erſten Abtheilung, fuͤnfzehn in der zweiten und funfzehn in der dritten.. Man zaͤhlt offenbar Ernauton nicht mit; er gehort wahrſcheinlich nicht mehr zu den Fuͤnfundvierzig.“ Sainte⸗Maline führte, aufgebläͤhet von Stolz, ſeinen Auftrag alswichtiger, aber auch als puͤnktlicher Mann aus. Eine halbe Stunde nachdem er Vincennes verlaſſen, ritt er durch das Thor und nach einer weitern Viertelſtunde war er in der Wohnung der Funfundvierzig. Die Meiſten dieſer Herren ſaßen bei dem Eſſen, das ihnen gebracht worden war. Die edele Lardille von Chaventrade hatte ein Gericht Schoͤpsfleiſch mit Mohren und viel Gewuͤrz, alſo nach gascogneſcher Art bereitet, ein vortreffliches Gericht, mit dem ſich auch Militor beſchaͤftigte, indem er von Zeit zu Zeit mit einer Gabel hineinfuhr, um zu ſehen, ob das Fleiſch und Gemüſe weich genug gekocht ſei. Pertinar von Monterabeau bot mit Hilfe jenes ſelt⸗ ſamen Dieners, den er ſelbſt nicht Du nannte, von demer aber Du genannt wurde, ſeine Talente in der Kochkunſt für eine Anzahl Kameraden auf gemeinſchaftliche Koſten auf⸗ ſ her der bar zu nen us. ſen, nde icht nach mit it zu das ſelt⸗ mer ſtfür uf. 211 Herr von Chalabre aß nie ſo daß man es ſah; man hätte ihn fur ein mythologiſches Weſen halten koͤnnen, das ſeiner Natur nach über allen Bedurfniſſen ſteht. Nur ſeine Magerkeit konnte Zweifel an ſeiner gott⸗ lichen Natur erregen. Er ſah ſeine Kameraden frühſtücken, zu Mittag und Abend eſſen wie eine ſtolze Katze, die nicht betteln will, aber doch hungert und, um den Hunger zu vertreiben, an dem Schnurrbarte leckt. Wenn man ihm etwas anbot, was freilich ſehr ſelten geſchah, ſchlug er es allerdings aus, weil er, ſagte er, den letzten Biſſen noch im Munde habe und dieſe Biſſen waren nie etwas geringeres als Rebhuͤhner, Faſanen, Paſteten, feine Fiſche ꝛc. Das Ganze war ge⸗ woͤhnlich reichlich mit ſpaniſchen und griechiſchen Weinen hinuntergeſpuͤlt worden. Die ganze Geſellſchaft verwendete, wie man ſieht, das Geld Sr. Maj. Heinrichs III. nach ihrer Weiſe. Den Charakter eines Jeden konnte man uberdies nach dem Ausſehen ſeiner kleinen Wohnung beurtheilen. Einige liebten die Blumen und pflegten in einem Topfe am Fenſter irgend einen duͤrren Roſenſtock oder eine vergilbende Sca⸗ bioſe. Andere hatten wie der Konig eine Vorliebe fuͤr Bil⸗ der, wenn auch nicht ſeine Geſchicklichkeit im Ausſchneiden, und noch Andere hatten, wie ächte Domherren, die Haus⸗ hälterin oder Nichte mitgebracht. Epernon hatte leiſe zu Loignac geſagt, er konne daruͤber die Augen zudrücken, da die Fünfundvierzig nicht im In⸗ nern des Louvre wohnten und er drückte ſie zu. 8 14* 212 Sobald indeß die Trompete ſchmetterte wurde Jeder Soldüt und Sclav einer ſtrengen Disciplin, ſprang auf ſein Pferd und hielt ſich zu Allem bereit. um acht Uhr ging man im Winter zu Bett, im Som⸗ mer um zehn; aber nur fünfzehn ſchliefen, fünfzehn Andere ſchlummerten nur mit einem Auge und die Andern ſchliefen gar nicht. Da es erſt halb ſechs Uhr war, ſo fand Sainte⸗Maline noch Alle auf und in der eßluſtigſten Stimmung von der Welt; aber er warf mit einem Worte alle Loͤffel bei Seite. „Zu Pferde!“ rief er. Dann überließ er den gemeinen Haufen der Maͤrtyrer der Verwirrung und Beſtüͤrzung und theilte Biran und Chalabre den Befehl mit. Einige ſtopften, während ſie den Säbel umſchnallten und den Harniſch anlegten, einige tuͤchtige Biſſen in den Mund und nahmen einen kräftigen Schluck Wein dazu; Andere, deren Abendeſſen noch nicht ſo weit vorbereitet war, bewaffneten ſich in ſtiller Ergebung. Nur Herr von Chalabre, der ſeinen Saͤbelgurt etwas enger ſchnallte, behauptete bereits vor einer Stunde gegeſ⸗ ſen zu haben. Es wurde verleſen und nur vierundvierzig, mit Ein⸗ ſchluß Sainte⸗ Maline's, antworteten. „Ernauton von Carmainges fehlt“, ſagte Chalabre, welcher diesmal das Verleſen beſorgt hatte. Eine unnennbare Freude erfullte das Herz Sainte⸗ Maline's und trat ihm bis auf die Lippen, die ſich zu einem 2 8 er — d en en et as ſ⸗ 2¹3 Lächeln verzogen, was bei dieſem Manne mit düſtepn und neidiſchem Charakter ſehr ſelten geſchah. In den Augen Sainte⸗Maline's ſtürzte ſich Ernauton unfehlbar durch dieſe nicht gerechtfertigte Abweſenheit zur Zeit einer ſo wichtigen Unternehmung. Die Fuͤnfundvierzig oder vielmehr die Vierundvierzig brachen auf, jede Abtheilung auf dem ihr angewieſenen Wege, d. h. von Chalabre mit dreizehn Mann durch das Thor Bourdelle, Herr von Biran mit vierzehn durch das Temple⸗Thor und endlich Sainte⸗Maline mit vierzehn An⸗ dern durch das Thor St. Antoine. Einundzwanzigſtes Kapitel. Bel Eshat. Ernauton, den Sainte⸗Maline fur verloren hielt, ver⸗ folgte unterdeß den Weg ſeines unerwarteten Glückes. Anfangs war er naturlich der Meinung geweſen, daß die Herzogin von Montpenſier, die er aufſuchen ſollte, ſich in dem Palaſte Guiſe befinden muͤſſe, ſobald ſie in Paris ſei. Ernauton begab ſich alſo zuerſt dahin. Als er an dem großen Thore gepocht hatte, das ihm mit der groͤßten Vorſicht geoffnet wurde, bat er um die Ehre einer Unterredung mit der Frau Herzogin von Montpenſier und man lachte ihm anfangs in's Geſicht. Da er darauf drang, ſo ſagte man ihm, er müſſe doch wiſſen, daß Ihre Hoheit in Soiſſons wohne, nicht in Paris. Ernauton erwartete dieſen Empfang und er ftörte ihn alſo nicht. 214 ieſe Abweſenheit thut mir ſehr leid“ ſagte er,„da ich Ihrer Hoheit eine Mittheilung von der hochſten Wich⸗ tigkeit von Seiten des Herrn Herzog von Mayenne zu machen habe.“ „Von Seiten des Herzogs von Mayenne?“ fragte der Portier,„wer hat Euch mit dieſer Mittheilung beauf⸗ tragt?“ „Der Herzog von Mayenne ſelbſt.“ „Beauſtragt? Der Herzog 2 rief der Portier mit ſehr gut erheucheltem Erſtaunen aus,„und wo hat er Euch da⸗ mit beauftragt? Der Herr Herzog befindet ſich ebenſowenig in Paris als die Frau Herzogin.“ „Ich weiß das“, antwortete Ernauton,„aber ich konnte ja auch von Paris abweſend ſein, ich konnte den Herzog an⸗ derswo als in Paris treffen, z. B. auf dem Wege nach Blois.“ „Auf dem Wege nach Blois?“ wiederholte der Portier aufmerkſamer. „Ja und auf dieſem Wege kann er mir einen Brief an die Frau Herzogin von Montpenſier gegeben haben.“ In den Zugen des Portiers zeigte ſich eine leichte Un⸗ ruhe und er hielt noch immer die Thuͤr in der Hand, als fürchte er, man dringe mit Gewalt ein. „Und dieſen Brief?“ fragte er. „Habe ich.“ „Ihr habt ihn bei Euch E „Hier“, antwortete Ernauton, indem er auf das Wamms ſchlug. Der treue Diener ſah Ernauton forſchend an. „Iſt der Brief von Wichtigkeit?“ 7 [s as 2¹⁵ „Von der hoͤchſten.“ „Wollet Ihr mir ihn zeigen?“ „Recht gern.“ Und Ernautonzog den Brief Mayenne's aus dem Buſen „Welche ſeltſame Dinte!“ rief der Portier aus. „Es iſt Blut“, antwortete Ernauton ruhig. Der Diener erbleichte bei dieſen Worten und wahr⸗ ſcheinlich noch mehr bei dem Gedanken, daß dies Blut Blut ſeines Herren ſein konnte. Zu jener Zeit wurde ſehr wenig Dinte, dagegen ſehr viel Blut vergoſſen und deswegen kam es gar nicht ſelten vor, daß die Liebhaber an ihre Schoͤnen und Verwandte an ihre Familien mit der am haͤußtgſten vergoſſenen Flüſſigkeit ſchriehen. „Herr“, ſagte der Diener haſtig,„ich weiß nicht ob Ihr die Frau Herzogin von Montpenſier in Paris oder in der Naͤhe der Stadt finden werdet; in jedem Falle begebt Euch ohne Verzug in ein Haus in der Vorſtadt St. Antoine, das man Bel Esbat nennt und das der Frau Herzogin ge⸗ hoͤrt; Ihr werdet es leicht erkennen, weil es das erſte links am Wege nach Vincennes nach dem Jacobinerkloſter iſt. Sicherlich findet Ihr dort wenigſtens Jemand im Dienſt der Frau Herzogin, der Euch wird ſagen koͤnnen, wo die Frau Herzogin in dieſem Augenblicke ſich aufhaͤlt.“ „Sehr wohl“, antwortete Ernauton, der wohl einſah, daß der Diener nicht mehr ſagen konnte oder wollte.„Ich danke.“ „In der Vorſtadt St. Antoine“, fuhr der Diener fort, kennt Jedermann Bel Esbat, obgleich man vielleicht nicht — 216 weiß, daß es der Frau Herzogin gehoͤrt, da ſie das Haus erſt ſeit kurzem gekauft hat, um da zuruͤckgezogen zu leben.“ Ernauton nickte und wendete ſich der Vorſtadt St. An⸗ toine zu. Er fand, ſelbſt ohne fragen zu muͤſſen, Bel Esbat ſehr leicht, das an die Jocobiner Priorei ſtieß. Er zog die Glocke und die Thuͤre wurde geoͤffnet. „Kommt herein!“ ſagte man zu ihm. Dann wurde die Thuͤr hinter ihm geſchloſſen. Als er in dem Hauſe war, ſchien man zu erwarten, daß er eine Parole abgebe, da er aber nur um ſich ſah, fragte man ihn was er wuͤnſche. „Ich wuͤnſche mit der Frau Herzogin zu ſprechen“, antwortete der junge Mann. „Und warum ſucht Ihr die Fran Herzogin in Bel Es⸗ bat?“ fragte der Diener. „Weil mich der Portier im Palaſt Guiſe hierher ge⸗ ſchickt hat“, erwiederte Ernauton. „Die Frau Herzogin iſt ebenſo wenig in Bel Esbat als in Paris“, ſagte der Diener. „So muß ich es auf eine guͤnſtigere Zeit verſchieben, den Auftrag auszurichten, den mir der Herzog von Mayenne gegeben hat.“ „Fuͤr die Frau Herzogin?“ „Fuͤr die Frau Herzogin.“ „Ein Auftrag von dem Herzoge von Mayenne?“ Der Diener dachte einen Augenblick nach. „Herr“, ſagte er dann,„ich kann es nicht uͤber mich 217 nehmen Euch zu antworten; ich muß mich erſt Raths er⸗ holen. Habt die Guͤte zu warten.“ „Bei Gott, dieſe Leute ſind gut bedient!“ dachte Er⸗ nauton.„Welche Ordnung, welche Puͤnktlichkeit! Und ge⸗ fährlich muͤſſen die Leute ſein, welche nöthig zu haben glau⸗ ben ſich ſo bewachen zu laſſen. Man gelangt nicht ſo leicht zu dem Herrn von Guiſe wie in den Louvre und ich fange an zu glauben, daß ich nicht dem rechten Koͤnige von Frank⸗ reich diene.“ Er ſah ſich um. Der Hof war leer und ode, aber alle Stallthüren ſtanden offen als erwarte man eine Schaar, die nur anzukommen brauche. Ernauton wurde in ſeiner Muſterung durch den Diener unterbrochen, der mit einem Andern zuruͤckkam. „Uebergebt mir Euer Pferd und folgt meinem Came⸗ raden“, ſagte er.„Ihr werdet eine Perſon finden, die Euch beſſer wird antworten koͤnnen als ich.“ Ernauton folgte dem Diener, wartete einen Augenblick in einer Art Vorzimmer und wurde bald nachher in ein anſtoßendes Zimmer gefuͤhrt, in welchem eine anſpruchslos aber doch mit einer gewiſſen Eleganz gekleidete Dame an einer Stickerei arbeitete. Sie wendete Ernauton den Ruͤcken zu. „Da iſt der Herr, welcher von dem Herrn Herzoge von Mayenne kommt, Madame“, ſagte der Diener. Sie drehete ſich um und Ernauton konnte einen Aus⸗ ruf des Staunens nicht bergen. „Ihr, Madame!“ rief er aus als er ſowohl ſeinen 218 Pagen als ſeine Unbekannte im Tragſeſſel in dieſer dritten Verwandlung erkannte. „Ihr!“ ſagte die Dame ihrerſeits, indem ſie ihre Ar⸗ beit fallen ließ und Ernauton anſah. Dann winkte ſie dem Diener und ſagte: „Geht!“ „Ihr gehort zu dem Hauſe der Frau Herzogin von Montpenſier, Madame?“ fragte Ernauton verwundert. „Ja“, antwortete die Unbekannte;„aber wie geht es zu, daß Ihr ein Schreiben vom Herrnv. Mayenne bringt?“ „In Folge einer Reihe von umſtaͤnden, die ich nicht vorherſehen konnte und die zu erzählen zu weit fuͤhren wurde“ ſagte Ernauton mit großer Vorſicht. „O, Ihrſeid verſchwiegen“ fuhr die Dame lͤchelnd fort. „Jedesmal, wenn es nöthig iſt, ja, Madame.“ „Jetzt aber ſehe ich keinen Grund zu ſo großer Verſchwie⸗ genheit“ fuhr die Unbekannte fort,„denn wenn Ihr wirklich eine Botſchaft von dem Manne bringt, den Ihr nanntet. Ernauton machte eine Bewegung. „Wir wollen uns nicht erzurnen. Wenn Ihr wirklich eine Botſchaft von dem Manne bringt, den Ihr nanntet, ſo iſt die Sache intereſſant genug, daß Ihr mir dieſelbe in Erinnerung an unſere wenn auch nur kurze Bekanntſchaft mittheilet.“ Die Dame legte in die letztern Worte die ganze ver⸗ füͤhreriſche Anmuth, welche eine ſchone Frau einer Bitte geben kann. „Madame“, antwortete Ernauton,„Ihr koͤnnt mich nicht veranlaſſen das zu ſagen, was ich nicht weiß.“ „Und noch weniger das, was Ihr nicht ſagen wollet.“ 19 „Ich antworte darauf nicht“ entgegnete Ernauton mit einer Verbeugung. „Haltet es mit den mundlichen Mittheilungen wie Ihr wollt.“ „Ich habe keine muͤndliche Mittheilung zu machen, Madame; mein Auftrag beſteht in nichts weiter als einen Brief Sr. Hoheit abzugeben.“ „Und dieſer Brief?“ fragte die unbekannte Dame, indem ſie die Hand ausſtreckte. „Dieſer Brief?“ wiederholte Ernauton. „Uebergebt ihn mir.“ „Madame“, antwortete Ernauton,„ich glaube bereits die Ehre gehabt zu haben Euch zu ſagen, daß der Brief fuͤr die Frau Herzogin von Montpenſier beſtimmt iſt.“ „Wenn die Herzogin abweſend iſt“, entgegnete die Dame ungeduldig,„ſo vertrete ich ſie hier und Ihr koͤnnt alſo..“ „Ich kann nicht.“ „Ihr mißtrauet mir?“ „Ich ſollte es, Madame,“ ſagte der junge Mann mit einem Blicke, deſſen Ausdruck nicht zu verkennen war, „aber trotz Euerem geheimnißvollen Benehmen habt Ihr nts ich geſtehe es, andere Gefuͤhle eingefloͤßt als die, von denen Ihr ſprecht.“ „Wirklich?“ entgegnete die Dame, unter dem glühen⸗ den Blicke Ernautons ein wenig errothend. Ernauton verbeugte ſich. „Gebt wohl Acht, Herr Bote,“ ſagte ſie laͤchelnd, „Ihr macht mir da eine Liebeserklaͤrung.“ 220 „Ja, Madame,“ ſagte Ernauton;„ich weiß nicht ob ich Euch jemals wieder ſehen werde und die Gelegenheit iſt zu koſtbar als daß ich ſie mir entgehen laſſen ſollte.“ „Ich verſtehe.“ „Ihr verſteht, Madame, daß ich Euch liebe und das iſt wirklich leicht zu errathen.“ „Nun, ich errathe, wie Ihr hierher gekommen ſeid.“ „Verzeiht, Madame,“ ſagte Ernauton,„jetzt ver⸗ ſtehe ich Euch nicht.“ „Ich meine, daß Ihr mich wieder zu ſehen wuͤnſchtet und einen Vorwand ſuchtet, um hierher zu kommen.“ „Ich, Madame, einen Vorwand? Ihr beurtheilt mich falſch; ich wußte nicht, daß ich Euch wieder ſehen ſollte und erwartete alles nur vom Zufalle, der mich bereits zweimal Euch entgegengeführt hat; aber einen Vorwand ſuchen? Niemals. Ich denke nicht wie die Andern.“ „Ah Ihr ſagt, Ihr wäret verliebt und wollt Bedenk⸗ lichkeiten uͤber die Art haben, die Perſon wieder zu ſehen, welche Ihr liebt? Das iſt ſehr ſchoͤn,“ ſagte die Dame mit einem gewiſſen ſpottenden Stolze.„Ich ahnete es, daß Ihr Bedenklichkeiten haͤttet.“ „Und woraus, Madame?“ fragte Ernauton. „Ihr begegnetet mir kurzlich als ich in meinem Trag⸗ ſeſſel ſaß; Ihr erkanntet mich und folgtet mir doch nicht.“ „Seht Euch vor, Madame,“ ſagte Ernauton,„Ihr geſtehet, daß Ihr auf mich geachtet habt.“ „Ein ſchoͤnes Geſtaͤndniß! Haben wir einander nicht unter Umſtänden geſehen, die mir wohl erlauben aus mei⸗ nem Tragſeſſel heraus zu ſehen, wenn Ihr voruber geht? 221 Aber nein, der Herr ritt im Galopp davon, nachdem er ein Ach! ausgeſtoßen hatte, von dem ich in meinem Trag⸗ ſeſſel erbebte.“ „Ich mußte mich entfernen, Madame.“ „Wegen Eueren Bedenklichkeiten?“ „Nein, Madame, wegen meiner Pflicht.“ „Ach geht,“ ſagte die Dame laͤchelnd,„ich ſehe daß Ihr ein kaltverſtaͤndiger und vorſichtiger Verliebter ſeid und beſonders furchtet, Euch zu gefährden.“ „Wenn Ihr mir gewiſſe Beſorgniſſe eingefloͤßt haͤttet, Madame,“ antwortete Ernauton,„wuͤrde nichts Verwun⸗ derliches darin liegen. Iſt es denn etwas Gewoͤhnliches, daß eine Dame Herrnkleidung anlegt, mit Liſt und Gewalt durch die Thore dringt und einen Ungluͤcklichen auf dem Greveplatze hinrichten ſieht und zwar mit vielen mehr als unverſtaͤndlichen Geberden?“ Die Dame erblaßte leicht und dann verbarg ſich, ſo zu ſagen, ihre Bläſſe unter einem Laͤcheln. Ernauton fuhr fort: „Iſt es etwas Natuͤrliches, daß dieſe Dame nach die⸗ ſem ſeltſamen Vergnuͤgen verhaftet zu werden fuͤrchtet und wie eine Diebin entflieht, da ſie doch in dem Dienſte der Frau Herzogin von Montpenſier, einer Dame ſteht, die maͤchtig iſt, obwohl ſie mit dem Hofe in Spannung lebt?“ Diesmal lächelte die Dame wiederum, aber mit ſicht⸗ barer Ironie. „Ihr beſitzet eben keinen großen Scharfſinn, obgleich Ihr ein guter Beobachter ſein wollet,“ ſagte ſie,„denn bei nur einiger Klugheit wuͤrde Euch alles, was Euch dun⸗ kel ſcheint, ſofort deutlich geworden ſein. War es zuerſt 222 nicht natuͤrlich, daß die Frau Herzogin von Montpenſier Antheil an dem Schickſale Salckdes, an dem was er ſagen wurde, an ſeinen wahren oder falſchen Ausſagen nahm, welche das ganze Haus Lothringen gefaͤhrden konnten? Und wenn dies naturlich war, war es weniger natuͤrlich, daß die Fürſtin einer ſichern und vertrauten Perſon Auftrag gab, der Hinrichtung beizuwohnen und ſich mit eigenen Augen von den geringſten Einzelnheiten der Sache zu uber⸗ zeugen? Dieſe Perſon war ich, die Vertraute ihrer Hoheit. Und glaubt Ihr, daß ich nach Paris gelangen konnte da alle Thore geſchloſſen waren? Glaubt Ihr, daß ich in Frauenkleidung auf den Greveplatz gehen konnte? Glaubt Ihr endlich, daß ich, da Ihr nun meine Stellung bei der Herzogin kennt, bei den Leiden des ungluͤcklichen und ſeiner Neigung, Aufklärungen zu geben, gleichgiltig bleiben konnte?“ „Ihr habt vollkommen Recht, Madame,“ ſagte Er⸗ nauton mit einer Verbeugung,„und ich bewundere wahr⸗ haftig Euern Geiſt, wie ich eben Euere Schonheit be⸗ wunderte.“ „Ich danke, Herr. Und nun, da wir einander kennen und Alles zwiſchen uns aufgeklärt iſt, gebt mir den Brief, wenn Ihr wirklich einen Brief habt und einen ſolchen nicht blos vorſchutztet.“ „Das iſt nicht moͤglich, Madame.“ Die Unbekannte bemühete ſich, nicht heftig zu werden. „Nicht moglich?“ wiederholte ſie. „Nein, nicht moͤglich, denn ich habe dem Herrn von v8— en. on 23 Mayenne geſchworen, dieſen Brief nur der Frau Herzogin von Montpenſier ſelbſt zu uͤbergeben.“ „Sagt lieber,“ fiel die Dame ein, die wieder ruhiger wurde,„daß Ihr keinen Brief habt, daß dieſer Brief trotz Euern angeblichen Bedenklichkeiten nur ein Vorwand war, in dieſes Haus zu kommen, ſagt, daß Ihr mich blos ſehen wolltet. Euer Verlangen iſt befriediget; Ihr ſeiv nicht nur hereingekommen, Ihr habt mich nicht nur geſehen, ſondern habt mir auch geſagt, daß Ihr mich liebt.“ „Ich habe darin wie in allem übrigen die Wahrheit geſagt, Madame.“ „Mag ſein; Ihr liebt mich, Ihr habt mich ſehen wollen, Ihr habt mich geſehen und ich habe Euch fuͤr einen Dienſt ein Vergnügen gewährt. Wir ſind quitt. Lebt wohl.“ „Ich werde Euch gehorchen,“ ſagte Ernauton,„und gehe, da Ihr mich verabſchiedet.“ Diesmal wurde ſie denn wirklich zornig. „Wenn Ihr auch mich kennt, ſo kenne ich Euch doch nicht, ſagte ſie.„Meint Ihr nicht ſelbſt, daß Ihr gegen mich im Vortheil ſeid? Ihr glaubt alſo, es reiche hin, unter irgend einem Vorwande in das Haus einer Fuͤrſtin zu gehen, denn Ihr ſeid hier in dem Hauſe der Herzogin von Montpenſier, und zu ſagen: meine Intrigue iſt gelun⸗ gen und ich gehe? Herr, ſo handelt kein Ehrenmann.“ „Madame,“ entgegnete Ernauton,„Ihr gebt dem einen ſehr harten Namen, was doch nur eine Liebesliſt ſein wuͤrde, wenn es nicht, wie ich zu ſagen die Ehre hatte, eine Sache von der hoͤchſten Wichtigkeit und der reinſten 224 Wahrheit wäre. Ich will Euern harten Ausdruck uberſehen, Madame und vergeſſe durchaus alles Zäͤrtliche und Liebe⸗ volle, was ich Euch geſagt habe, da Ihr mir ſo wenig ge⸗ neigt ſeid. Aber ich will das Haus nicht mit den Beſchul⸗ digungen verlaſſen, die Ihr auf mich gehaͤuft habt. Ich habe wirklich einen Brief des Herrn Herzogs von Mayenne an die Frau Herzogin von Montpenſier zu ubergeben und hier iſt der Brief, von ſeiner Hand geſchrieben und an die Herzogin gerichtet.“ Ernauton hielt der Dame den Brief hin, aber ohne ihn los zu laſſen. Die Unbekannte ſah den Brief an und rief aus: „Seine Hand! Blut!“ Ohne darauf zu antworten, ſteckte Ernauton den Brief wieder ein, verbeugte ſich zum letzten Male mit ſeiner ge⸗ woͤhnlichen Artigkeit und ging bleich und betrubt nach der Thuͤr zu. Diesmal ging man ihm nach und faßte ihn wie Joſeph am Mantel. „Was beliebt, Madame?“ fragte er. „Aus Barmherzigkeit, verzeihet, Herr 1“ rief die Dame aus;„verzeiht. Iſt dem Herzog ein Unfall zuge⸗ ſtoßen?“ „Ob ich verzeihe oder nicht, Madame„„ſagte Ernau⸗ ton,„iſt gleichgiltig in Bezug auf den Brief, da Ihr nur um Verzeihung bittet, um ihn zu leſen und nur die Frau Herzogin ihn leſen wird.“ „Unſeliger Unglücklicher,“ rief da die Herzogin in ma⸗ jeſtätiſchem Zorne aus,„erkennſt Du mich nicht oder er⸗ 22⁵ rathſt Du vielmehr in mir die Herrin nicht oder fiehſt Du hier die Augen einer Dienerin glänzen? Ich bin die Her⸗ zogin von Montpenſier; gieb mir den Brief.“ „Ihr ſeid die Herzogin?“ wiederholte Ernauton und trat erſchrocken zuruck. „Allerdings gieb her. Siehſt Du nicht, daß ich ſchnell erfahren muß, was meinem Bruder widerfah⸗ ren iſt?“ Aber ſtatt zu gehorchen wie es die Herzogin erwartete, ſchlug der junge Mann, der ſeine Ruhe wieder gefunden hatte, die Arme auf der Bruſt ubereinander. „Und wie ſoll ich Euern Worten glauben,“ fragte er, „da Euer Mund ſchon zwei Mal mir eine Unwahrheit geſagt hat?“ Die Augen, welche die Herzogin bereits zur Unter⸗ ſtuͤtzung ihrer Worte angerufen hatte, ſchoſſen zwei toͤdt⸗ liche Blitze, aber Ernauton hielt die Flamme muthig aus. „Ihr zweifelt noch, Ihr verlangt Beweiſe, wenn ich et⸗ was verſichere?“ rief die gebieteriſche Frau, indem ſie mit ihren ſchonen Händen die Spitzenmanſchetten zerriß. „Ja, Madame,“antwortete Ernauton kalt. Die Herzogin griff haſtig nach einer Klingel, die ſie faſt zerbrach, ſo heftig bewegte ſie dieſelbe. Der Schall drang gellend durch alle Gemächer und ehe er verklungen war, trat ein Diener ein. „Was gebietet Madame?“ fragte er. Die Dame ſtampfte zornig mit dem Fuße. „Mayneville,“ ſagte ſie,„Mayneville ſoll kommen. Iſt er nicht hier?“ Die Fuͤnfundvierzig. I. 15 26 „Ja, Madame!“ „So komme er ſofort.“ Der Diener eilte hinaus und eine Minute ſpäter trat Mayneville ſchnell ein. „Ich bin zu Euerm Dienſte, Madame,“ſ agte Mayne⸗ ville. „Madame Herr von Maynevill Aufregung. „Zu Euerm Befehl Ew. Hoheit,“ erwiederte Mayne⸗ ville mit einer tiefen Verbeugung und höchlich erſtaunt. „Es iſt gut,“ ſagte Ernauton,„denn ich ſehe da vor mir einen Mann und wenn er lägt, ſo weiß ich an wen ich mich zu halten habe.“ „Ihr glaubt alſo endlich 2 fragte die Herzogin. „Ja, Madame, ich glaube und hier iſt zum Beweiſe der Brief.“ Der junge Ma zogin von Montpen Seit wann nennt man mich blos Madame, e2“ antwortete die Dame in heftiger nn verbeugte ſich und uͤbergab der Her⸗ ſier dieſen ſo viel beſtrittenen Brief. —— Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Der Brief des Herzogs von Mayenne. Die Herzogin nahm den Brief, erbrach ihn, uberlas ihn haſtig und bemühete ſich nicht die Eindruͤcke zu ver⸗ heimlichen, welche auf ihrem Geſichte auf einander folgten wie Wolken an einem Sturmhimmel. Als ſie zu Ende geleſen hatte, reichte ſie Mayneville, „la „ſa las E ten ille, 227 der ſo unruhig war als ſie ſelbſt, das von Ernauton uͤber⸗ brachte Schreiben, das alſo lautete: „Liebe Schweſter, ich wollte ſelbſt das Geſchaͤft eines „Capitains oder Fechtmeiſters ausfuͤhren und bin dafuͤr „geſtraft worden. „Ich habe einen tuͤchtigen Degenſtoß von dem Menſchen „erhalten, den Du kennſt und mit dem ich lange in Rech⸗ „nung ſtehe. Das Schlimmſte dabei iſt, daß er mir auch „fuͤnf Leute getoͤdtet hat, darunter Boularon und Desnoi⸗ „ſes, alſo zwei von meinen beſten; nachher entfloh er. „Ich muß allerdings ſagen, daß ihm bei dieſem Siege „der Ueberbringer dieſer Zeilen ſehr behilflich war, ein „junger ſchoͤner Mann, wie Ihr ſehen koͤnnt, den ich Euch „empfehle; er iſt die Verſchwiegenheit ſelbſt. „Eine Empfehlung wird es hoffentlich, liebe Schwe⸗ „ſter, fuͤr ihn bei Euch ſein, daß er meinen Sieger ver⸗ „hinderte mir den Kopf abzuſchneiden, wozu dieſer Sieger „große Luſt hatte, da er mir die Maske abgeriſſen, wäh⸗ „rend ich ohnmaͤchtig da lag und er mich erkannt hatte. „Ich empfehle Euch, liebe Schweſter, den Namen und „Stand des ſo verſchwiegenen jungen Mannes zu ermit⸗ „teln; er iſt mir verdaͤchtig, ſo wohl er mir auch gefaͤllt. „Er antwortete auf alle meine Anträge weiter nichts als „daß der Herr, dem er diene, ihn keinen Mangel leiden „laſſe. „Mehr kann ich Euch uͤber ihn nicht ſagen, denn ich „ſage alles was ich weiß. Er behauptet mich nicht zu „kennen. Bemerkt dies wohl. „Ich leide ſehr, bin aber, glaube ich, nicht in Lebens⸗ 228 „gefahr. Sendet mir ſchnell meinen Arzt; ich liege wie „ein Pferd auf Stroh. Der ueberbringer wird Euch den „Ort nennen. „Euer wohlgeneigter Bruder „Mayenne.“ Nachdem der Brief geleſen war, ſahen die Herzogin und Mayneville einander erſtaunt an. Die Herzogin unterbrach zuerſt das Schweigen, das Ernauton endlich übel ausgelegt haben wurde. „Und wem,“ fragte ſie, verdanken wir den wichtigen Dienſt, den Ihr uns geleiſtet habt?“ „Einem Manne, Madame, der, ſo oft es ihm moͤglich iſt dem Schwaͤchern gegen den Stärkern zu Hilfe kommt.“ Wollt Ihr mir etwas Ausfuͤhrlicheres mittheilen?“ „W bat die Herzogin von Montpenſier. Ernauton erzählte was er wußte und nannte den Ort, wo der Herzog lag. Die Herzogin und Mayneville horten ihm mit leicht begreiflicher Theilnahme zu. Als er geendiget hatte, fragte die Herzogin: „Darf ich hoffen, daß Ihr das ſo wohl angefangene Werk fortſetzet und Euch unſerm Hauſe anſchließet?“ Dieſe Worte, welche in jenem anmuthigen Tone ge⸗ ſprochen wurden, welchen die Herzogin bei paſſender Gele⸗ genheit anzunehmen verſtand, enthielten nach dem Geſtänd⸗ niſſe, das Ernauton der Dame, gemacht hatte, ohne ſie zu kennen, eine ſehr ſchmeichelhafte Bedeutung, aber der junge Mann beachtete die Eitelkeit nicht und gab den Worten nur den Sinn der bloßen Neugierde. Er ſah wohl, daß er der Herzogin die Augen uber die a— c9 ir rt, ten ene g ele⸗ nd⸗ eſie der den 229 Folgen dieſes Ereigniſſes offne, wenn er ſeinen Namen und Stand nenne und er errieth, daß der Koͤnig als er die kleine Bedingung von der Angabe des Aufenthaltes der Herzogin ſtellte, etwas anderes als eine einfache Angabe im Auge hatte. Zwei Intereſſen bekampften ſich alſo in ihm; als Ver⸗ liebter konnte er das eine opfern; als Mann von Ehre das andere aufgeben. Die Verſuchung mußte um ſo ſtaͤrker ſein als er durch Nennung ſeiner Stellung bei dem Koͤnige an Anſehen und Bedeutung bei der Herzogin bedeutend gewinnen mußte und gewiß war es keine kleine Lockung fuͤr einen jungen Mann, der direct aus der Gascogne kam, fuͤr eine Herzogin von Montpenſier von Wichtigkeit zu ſein. Sainte Maline wuͤrde keine Secunde widerſtanden haben. Alle dieſe Gedanken beſchaͤftigten den Geiſt des Herrn von Carmainges, hatten aber keine andere Wirkung als daß ſie ihn ein wenig ſtolzer machten, d. h. ein wenig ſtärker. Es war viel fur ihn in dieſem Augenblicke etwas zu ſein, da man ihn ſicherlich einigermaßen fuͤr ein Spiel⸗ werk gehalten hatte. Die Herzogin wartete alſo auf ſeine Antwort auf ihre Frage:„ſeid Ihr geneigt, Euch unſerm Hauſe anzu⸗ ſchließen?“ „Madame,“ ſagte Ernauton,„ich hatte bereits die Ehre Herrn von Mayenne zu ſagen, daß mein Herr ein guter Herr ſei und mich ſo behandele, daß ich mich nach kei⸗ nem andern umzuſehen brauche.“ 230 „Mein Bruder ſchreibt mir in ſeinem Briefe, daß Ihr Euch geſtellt hättet als kenntet Ihr ihn nicht. Da Ihr ihn dort nicht kanntet, warum bedientet Ihr Euch ſeines Namens um zu mir zu gelangen?“ „Herr von Mayenne ſchien unbekannt bleiben zu wol⸗ len und ich hielt es fuͤr Pflicht ihm nicht merken zu laſſen, daß ich ihn kenne; auch durfte es wirklich ein Uebelſtand ſein, wenn die Bauern, bei denen er ſich befindet, wiſſen, welchen erlauchten Verwundeten ſie aufgenommen haben. Hier beſtand dieſer Uebelſtand nicht mehr; im Gegentheil der Name des Herrn von Mayenne konnte mir einen Weg zu Euch bahnen und ich benutzte ihn. Ich glaube alſo in dieſem Falle, wie in dem andern, als rechtlicher Mann gehandelt zu haben.“ Mayneville ſah die Herzogin an als wollte er ihr ſagen: „Er iſt ſchlau, Madame.“ Die Herzogin verſtand ihn ſehr gut; ſie ſah Ernauton lächelnd an und ſagte: „Es kann ſich Niemand beſſer aus einer ſchlimmen Frage ziehen; ich muß geſtehen, Ihr ſeid ein Mann von vielem Geiſt.“ „In dem, was ich die Ehre habe geſagt zu haben, ſehe ich nichts Geiſtreiches, Madame,“ antwortete Ernauton. „So viel,“ ſagte die Herzogin mit einer Art Ungeduld, „ſehe ich in allem deutlich, daß Ihr nichts ſagen wollet. Vielleicht bedenkt Ihr es nicht genug, daß die Dankbarkeit eine ſchwere Laſt für Jemanden iſt, der meinen Namen träͤgt, daß ich eine Dame bin, daß Ihr mir zwei Mal einen l⸗ n, d n, il eg in un 231 Dienſt erwieſen habt und daß ich wenigſtens Euern Namen und was Ihr ſeid wiſſen moͤchte.“ „Alles dies werdet Ihr ſehr leicht erfahren konnen; aber Ihr werdet es von einem Andern erfahren, ſo daß ich nichts geſagt habe.“ „Er hat immer Recht,“ ſagte die Herzogin, indem ſie auf Ernauton einen Blick ruhen ließ, der in ſeiner ganzen Bedeutung aufgefaßt, dem jungen Manne groͤßeres Ver⸗ gnügen machen mußte als je ein anderer. Auch verlangte er nicht mehr und wie ein Gutſchmecker, der vom Tiſche aufſteht, wenn er den beſten Wein getrun⸗ ken zu haben glaubt, verbengte ſich Ernauton und empfahl ſich der Herzogin nach dieſer geneigten Aeußerung. „Weiter habt Ihr mir nichts zu ſagen?“ fragte die Herzogin. „Ich habe meinen Auftrag ausgerichtet,“ entgegnete der junge Mann,„und es bleibt mir alſo nichts übrig als Ew. Hoheit meine innigſte Huldigung darzubringen.“ Die Herzogin folgte ihm mit den Augen, ohne ſeinen Gruß zu erwiedern und als die Thür hinter ihm ſich ge⸗ ſchloſſen hatte, ſagte ſie mit dem Fuße ſtampfend: „Mayneville, laßt dieſem jungen Manne folgen.“ „Das iſt nicht moͤglich, Madame,“ antwortete dieſer; „alle unſere Leute ſind auf den Beinen; ich ſelbſt warte auf das Ereigniß; es iſt immer ein ſchlechter Tag, wenn man etwas anderes thun muß als man ſich vorgenommen hatte.“ „Ihr habt Recht, Mayneville; ich bin eine Thorin, aber ſpaͤter..“ 232 „Das iſt etwas anderes; ganz nach Euerem Be⸗ lieben.“ „Ja, denn er iſt mir verdaͤchtig wie meinem Bruder.“ „Verdächtig oder nicht,“ entgegnete Mayneville,„er iſt ein tüchtiger Mann und ſolche find ſelten. Uebrigens müſſen wir geſtehen, daß wir Gluͤck haben; es fällt da ein Fremder, ein Unbekannter aus den Wolken, um uns einen ſo wichtigen Dienſt zu leiſten.“ „Gleichviel, Mayneville; wenn wir ihn jetzt aus der Acht laſſen müſſen, ſo beaufſichtiget ihn ſpäter.“ „Spaͤter,“ antwortete Mayneville,„haben wir hof⸗ fenklich nicht nöthig, irgend Jemand zu beaufſichtigen.“ „Ich weiß wirklich heute Abend nicht was ich ſpreche; Ihr habt Recht, Mayneville; ich verliere den Kopf.“ „Es iſt einem Feldherrn wie Ihr ſeid, Madame, wohl erlaubt, kurz vor einer entſcheidenden Schlacht mit vielen Gedanken beſchaͤftiget zu ſein.“ „Es iſt wahr.. Die Nacht bricht an und der Valois kommt in der Nacht von Vincennes zuruͤck.“ „Ach wir haben noch viel Zeit vor uns; es iſt noch nicht acht Uhr und unſere Leute find auch noch nicht ange⸗ kommen.“ „Alle find benachrichtiget, nicht wahr?“ „Ale „Und es ſind zuverläſſige Leute?“ „Erprobte, Madame.“ „Wie kommen ſie an?“ „Einzeln, als Spazierganger.“ „Wie viele erwartet Ihr?“ 233 „Funfzig, mehr als wir brauchen, da wir außer den funfzig Mann zweihundert Moͤnche haben, die ſo gut, wenn nicht beſſer ſind als eben ſo viele Soldaten.“ „Sobald unſere Leute angekommen ſind, laſſet die Moͤnche an der Straße aufſtellen.“ „Sie ſind bereits benachrichtiget, Madame; ſie wer⸗ den den Weg verſperren, die Unſrigen draͤngen den Wagen auf ſie, die Kloſterpforte wird geoͤffnet und braucht hinter dem Wagen nur geſchloſſen zu werden.“ „So wollen wir zum Abendeſſen gehen, Mayneville, damit uns die Zeit nicht lang wird. Ich bin ſo ungedul⸗ dig, daß ich den Weiſer der Uhr fortruͤcken mochte.“ „Die Zeit wird kommen, beruhiget Euch nur.“ „Aber unſere Leute?“ „Sie werden zu rechter Zeit hier ſein; es hat kaum acht Uhr geſchlagen und es iſt noch nichts verſaͤnmt.“ „Mayneville, Mayneville, mein armer Bruder ver⸗ langt ſeinen Arzt von mir; der beſte Arzt, das beſte Heil⸗ mittel fuͤr die Wunde Mayenne's wuͤrde ein Buͤſchel von dem Haar des tonſurirten Valvis ſein und der Mann, May⸗ neville, der ihm dieſes Geſchenk braͤchte, wurde die freund⸗ lichſte Aufnahme finden.“ „Nach zwei Stunden, Madame, wird dieſer Mann aufbrechen, um unſern werthen Herzog aufzuſuchen. Wäh⸗ rend er Paris als Fluͤchtling verlaſſen hat, wird er im Triumph daher zuruͤckkehren.“ „Noch ein Wort, Mayneville,“ ſagte die Herzogin, indem ſie auf der Thuͤrſchwelle ſtehen blieb. „Welches?“ 234 „Sind unſere Freunde in Paris benachrichtiget?“ „Welche Freunde?“ „Unſre Verbundeten.“ „Gott bewahre mich, Madame. Wenn man einen Spießbuͤrger von ſo etwas im Voraus ſagt, iſt es ſo gut als läute man mit allen Glocken. Bedenkt doch, daß wir, wenn der Streich gelungen iſt, ehe Jemand etwas erfahrt funfzig Boten abzuſenden haben; dann wird der Gefangene im Kloſter in Sicherheit ſein und wir können uns gegen eine Armee vertheidigen. Wenn es ſein muß, wagen wir da nichts mehr und können von allen Daͤchern des Kloſters ausrufen:„der Valvis iſt in unſern Händen.“ „Ihr ſeid ein kluger und gewandter Mann, Mayne⸗ ville und der Bearner hat ganz Recht, wenn er Euch den Ligueführer nennt. Ich wollte auch Manches von dem thun was Ihr da ſagt, war aber ganz unklar.. Wißt Ihr, Mayneville, daß meine Verantwortlichkeit groß iſt und daß zu keiner Zeit ein Weib eine ſolche That unternommen und vollbracht hat?“ „Ich weiß es wohl, Madame und ſtehe Euch deshalb nur zitternd mit meinem Rathe bei.“ „Alſo noch einmal alles,“ ſagte die Herzogin gebiete⸗ riſch:„ſind die Monche unter ihren Kutten bewaffnet „Sie ſind es.“ „und die Bewaffneten auf der Straße?“ „Sie muͤſſen jetzt da ſein.“ „und wie die Bürger nach dem Vorfalle benachrich⸗ tigen?“ „Das iſt die Aufgabe für drei Boten; binnen zehn —— 235 Minuten iſt die Sache an Lachapelle, Marteau, Brigard und Buſſy⸗Leclerc gemeldet und ſie werden für weitere Verbreitung ſorgen.“ „Zuerſt laſſet die beiden großen Männer umbringen, die wir an den Seiten des Wagens reiten ſahen. Wir koͤnnen dann den Vorfall ſo erzählen, wie es unſern Inter⸗ eſſen am guͤnſtigſten ſein wird.“ „Die armen Teufel umbringen?“ erwiederte Mayne⸗ ville.„Glaubt Ihr, daß ihr Tod nothig ſei, Madame?“ „Loignac! Waͤre das ein Verluſt?“ „Er iſt ein tapferer Soldat.“ „Vom Gluͤck empor gehoben, wie der andere, der an der linken Seite des Wagens ritt, mit den gluͤhenden Augen und der ſchwarzen Farbe.“ „Gegen deſſen Tod hätte ich nichts einzuwenden; ich kenne ihn nicht. Uebrigens bin ich Euerer Meinung, Madame, daß er ein keineswegs einnehmendes Aeußere beſitzt.“ „Ihr überlaßt ihn mir alſo?“ fragte die Herzogin lächelnd. „Von Herzen gern.“ „Ich danke Euch.“ „Mein Gott, ich ſtreite nicht, Madame; was ich ſage, ſage ich immer Eueres Rufes wegen und um der Moralitat der Partei willen, welche wir vertreten.“ „Schon gut, Mayneville; man weiß, daß Ihr ein tu⸗ gendhafter Mann ſeid und man wird Euch ein Zeugniß daruͤber geben, wenn es nöthig werden ſollte. Ihr kommt bei der Sache gar nicht in das Spiel; ſie werden den Va⸗ 236 rtheidiget und dabei ihren Tod gefunden haben.. empfehle ich den jungen Mann an.“ „Welchen jungen Mann?“ „Den, welcher uns eben verlaſſen hat. Seht nach, ob er wirklich fort und ob er nicht ein Spion iſt, den unſere Feinde uns ſandten.“ „Ich ſtehe zu Euerem Befehl, Madame“, ſagte May⸗ neville. Er ging auf den Balcon, machte die Jalouſien halb auf, ſteckte den Kopf hinaus und verſuchte hinauszuſehen. „Es iſt finſtere Nacht!“ ſagte er. „So iſt es gut“, antwortete die Herzogin;„je finſterer, deſto beſſer, alſo guten Muth!“ „Ja, aber wir werden nichts ſehen, Madame und das Sehen iſt doch diesmal gerade ſehr nöthig.“ „Gott, deſſen Sache wir vertheidigen, ſieht für uns, Mayneville.“ Mayneville, der, wie man wenigſtens glauben kann, kein ſo ſtarkes Vertrauen wie die Herzogin von Montpenfier auf die Mitwirkung Gottes in Angelegenheiten dieſer Art hatte, trat wieder an das Fenſter, blickte mit Anſtrengung durch das Dunkel und blieb unbeweglich. „Seht Ihr Leute voruberkommen?“ fragte die Her⸗ zogin, indem ſie aus Vorſicht die Lichter auslöſchte. „Nein, aber ich hoͤre Pferde gehen.“ „So ſind es unſere Leute, Mayneville. Alles geht gut.“ Und die Herzogin ſah nach, ob ſie am Guͤrtel die be⸗ ruhmte goldene Scheere noch habe, welche in der Geſchichte eine ſo große Rolle ſpielen ſollte. Dreiundzwanzigſtes Kapitel.— Wie Modeſtus Gorenflot den Koͤnig ſegnete als derſelb in dem Jacobinerkloſter vorͤberkam. Ernauton verließ Bel-Esbat mit ziem ich ſchwerem Herzen aber mit ruhigem Gewiſſen; er hatte das merk⸗ wuͤrdige Gluͤck gehabt, einer Prinzeſſin ſeine Liebe zu ge⸗ ſtehen und durch die wichtige Unterredung, welche zugleich darauf gefolgt war ſein Geſtändniß ſo weit in Vergeſſen⸗ heit zu bringen, daß es fuͤr jetzt keinen Nachtheil brachte und in Zukunft wohl Fruͤchte tragen mußte. Noch nicht genug. Er hatte auch das Gluͤck gehabt, weder den Koͤnig, noch den Herzog von Mayenne, noch ſich ſelbſt zu verrathen. Er war alſo zufrieden, aber er wuͤnſchte noch Vieles, darunter namentlich eine ſchnelle Ankunft in Vincennes, um dem Koͤnige Bericht erſtatten zu konnen, dann ſich nie⸗ derlegen und nachzudenken. Das Nachdenken iſt ja das hochſte Gluͤck thaͤtiger Leute, die alleinige Ruhe, die ſie ſich geſtatten. Auch hatte Ernauton das Thor von Bel-Esbat kaum hinter ſich als er ſein Pferd in Galopp ſetzte und kaum war ſein Pferd, das er ſeit einigen Tagen ſo ſehr erprobt hatte, einige hundert Schritte gegangen, als es ſich ploͤtzlich von einem Gegenſtande aufgehalten ſah, das ſeine noch von dem Lichte in Bel-Esbat geblendeten und an das Dunkel noch nicht gewoͤhnten Augen nicht hatten bemerken können. Es war eine Schaar von Reitern, die von beiden Sei⸗ ten der Straße her nach der Mitte draͤngten, ihn umringten 238 und ihm ein halbes Dutzend Degen und Piſtolen auf die Bruſt ſetzten. Das war viel fuͤr einen einzigen Mann. „O ho“, ſagte Ernauton,„man wird eine Stunde von Paris auf der Straße angefallen.. Der Koͤnig ſcheint ſchlechte Polizei zu haben und ich werde ihm rathen, andere Leute anzuſtellen.“ „Still!“ gebot eine Stimme, welche Ernauton zu er⸗ kennen glaubte;„Euern Degen, Euere Waffen und ſchnell!“ Ein Mann faßte das Pferd am Zügel und zwei Andere nahmen Ernauton die Waffen ab. „Verflucht! Die Leute ſind gewandt 1“ murmelte er; dann wendete er ſich an die, welche ihn aufhielten und ſagte: „Ihr Herren, Ihr werdet mir wenigſtens die Gnade erweiſen und mir ſagen..“ „Es iſt ja Herr von Carmainges“, ſagte der Haupt⸗ dieb, der eben den Degen des jungen Mannes gefaßt hatte und ihn noch hielt. „Herr von Pincorneh!“ rief Ernauton aus.„Welch' abſcheuliches Gewerbe treibt Ihr da?“ „Ich habe Ruhe geboten“, ſiel einige Schritte davon die Slimme des Befehlshabers ein;„man bringe den Mann in Gewahrſam.“ „Aber Herr von Sainte⸗Maline“, ſagte Perducas von Pincorney,„der Mann, den wir angefallen haben..“ „Nun?“ „Iſt unſer Camerad, Herr Ernauton v. Carmainges.“ 239 „Ernauton hier!“ rief Sainte⸗Maline vor Zorn er⸗ bleichend aus.„Er? Was thut er da 2“ „Guten Abend, Ihr Herren“, ſagte Carmainges ruhig; „ich geſtehe, ich glaubte nicht in ſo guter Geſellſchaft zu ſein.“ Sainte⸗Maline ſchwieg. „Man ſcheint mich verhaften zu wollen“, fuhr Ernau⸗ ton fort,„denn ausplündern will man mich doch hoffentlich nicht.“ „Der Teufel!“ brummte Sainte„Maline;„das war nicht vorausgeſehen.“ „Von meiner Seite wahrhaftig auch nicht“, antwortete Carmainges lachend. „Das iſt ſchlimm. Sagt, was thut Ihr hier auf der Straße?“ „Wuͤrdet Ihr mir antworten, Herr von Sainte⸗Ma⸗ line, wenn ich Euch dieſe Frage vorlegte?“ „Nein.“ „So genehmiget, daß ich ebenſo handele.“ „Ihr wollet mir alſo nicht ſagen, was Ihr auf der Straße hier thatet?“ Ernauton lächelte, antwortete aber nicht. „Auch nicht, wohin Ihr reiten wollet?“ Keine Antwort. „Da Ihr keine Antwort gebt“ ſagte Sainte⸗ Maline, „ſo bin ich genothiget, Euch wie jeden Andern zu behan⸗ deln.“ „Thut das; aber Ihr werdet Rechenſchaft uͤber das ablegen muͤſſen, was Ihr thut.“ 240 „Gegen Loignac?“ „Hoͤher hinauf.“ „Gegen Herrn von Epernon?“ „Noch hoͤher.“ „Meinetwegen; ich habe meine Befehle und werde Euch nach Vincennes ſchicken.“ „Das trifft ſich gut, denn ich wollte auch nach Vincen⸗ nes reiten.“ „Ich freue mich“, antwortete Sainte⸗Maline,„daß dieſe kleine Reiſe mit Euern Wunſchen übereinſtimmt.“ Zwei Mann mit dem Piſtol in der Hand faßten darauf den Gefangenen und fuͤhrten ihn zu zwei Andern, die etwa fuͤnfhundert Schritt von den Erſtern hielten. Dieſe thaten daſſelbe und ſo hatte Ernauton bis in den Hof von Vincen⸗ nes die Geſellſchaft ſeiner Cameraden. In dem Hofe bemerkte Carmainges fuͤnfzig entwaff⸗ nete Reiter, die bleich und niedergeſchlagen von hundert⸗ undfuͤnfzig Chevaulegers von Nogent und Brie bewacht wurden, ihr Ungluͤck bejammerten und eine ſchlimme Ent⸗ wickelung einer Unternehmung erwarteten, welche einen ſo guten Anfang gehabt hatte. Unſere Fuͤnfundvierzig hatten als erſte Heldenthat alle dieſe Leute feſtgenommen, theils durch Liſt, theils durch Gewalt, theils indem ſie ſich zu Zehn gegen zwei oder drei vereinigten, theils indem ſie ſich freundlich den Reitern naͤherten, die ſie fur furchtbar hielten und ihnen das Piſtol auf die Bruſt ſetzten, als die Andern glaubten mit Came⸗ raden zuſammenzutreffen. Die Folge davon war, daß es zu keinem Kampfe kam, 241 daß kein Schrei ausgeſtoßen wurde und daß bei einem Zu⸗ ſammentreffen von acht gegen zwanzig ein Füͤhrer der Li⸗ gueurs, welcher die Hand an den Dolch gelegt, um ſich zu vertheidigen und den Mund geoffnet hatte um zu ſchreien, von den Fünfundvierzig mit einer Gewandtheit geknebelt, faſt erſtickt und weggebracht worden war, mit welcher eine Schiffsmannſchaft ein Tau durch die Haͤnde einer Anzahl Leute laufen läßt. Das wuͤrde Ernauton ſehr ergotzt haben, wenn er es Wewußt hätte, aber der junge Mann ſah, errieth aber nicht, ſo daß er etwa zehn Minuten lang recht verdrußlich wurde. Als er alle Gefangene gemuſtert hatte, zu denen man ihn zählte, ſagte er endlich zu Sainte⸗Maline: „Ich ſehe, daß Ihr die Wichtigkeit meines Auftrags kanntet, als tapferer Camerad ein ſchlimmes Zuſammen⸗ treffen fuͤr mich fuͤrchtetet und deshalb Euch die Muͤhe nahmt, mich begleiten zu laſſen; Ihr hattet vollkommen Recht, wie ich Euch wohl ſagen kann; der Koͤnig erwartet mich und ich habe ihm Wichtiges mitzuthetlen. Ich ſetze ſelbſt hinzu, daß ich die Ehre haben werde dem Koͤnige zu ſagen, was Ihr Gutes in ſeinem Dienſte gethan habt, da ich ohne Euern Beiſtand wahrſcheinlich nicht an Ort und Stelle angekommen wäre.“ Sainte⸗Maline erroͤthete wie er vorher erblaßt war; als geiſtreicher Mann aber, der er war, wenn ihn keine Leidenſchaft verblendete, errieth er, daß Ernauton die Wahrheit ſage und wirklich erwartet werde. Mit den Herren von Loignac und von Epernon war nicht zu ſpaßen und er antwortete alſo: Die Fuͤnfundvierzig. I. 16 242 „Ihr ſeid frei, Herr von Carmainges und es freut mich, daß ich Euch gefällig ſein konnte.“ Ernauton trat ſchnell aus den Reihen heraus und eilte die Treppe hinauf, die zu dem Gemache des Konigs fuͤhrte. Sainte⸗Maline hatte ihm nachgeſehen und auf der Mitte der Treppe konnte er ſich uͤberzeugen, daß Loignac Carmainges begegnete und ihm winkte weiter zu gehen. Loignac ſeiner Seits kam herunter; er wollte zur Auf⸗ nahme der Priſe ſchreiten. Es ergab ſich und Loignac beſtätigte dies, daß in Folge der Verhaftung der fuͤnfzig Mann die Straße bis zum nächſten Tage frei ſein würde, weil die Zeit, in welcher die Funfzig in Bel⸗Esbat ſich hatten verſammeln ſollen, vor⸗ uͤber war. Der Konig konnte demnach ohne Gefahr nach Paris zuruckkehren. Loignac rechnete freilich ohne das Jacobinerkloſter und ohne das Geſchütz der ehrwuͤrdigen Väter, wovon Epernon durch Nicolaus Poulain Kunde erhalten hatte. Als deshalb Loignae zu ſeinem Chef ſagte:„der Weg iſt frei“, antwortete Epernon: „Sehr wohl. Der Koͤnig beſiehlt, daß die Fuͤnfund⸗ vierzig drei Abtheilungen bilden, eine vor dem Wagen, eine zu jeder Seite deſſelben und daß ſie ſich ſo dicht aneinander halten, daß die Kugeln, wenn es Kugeln geben ſollte, den Wagen nicht erreichen.“ „Sehr wohl“, antwortete Loignar mit der Kaltbluͤtig⸗ keit des Soldaten;„da ich aber keine Gewehre ſehe, ſo furchte ich auch keine Kugeln.“ 8 243 „Vor dem Jacobinerkloſter werdet Ihr die Leute dicht gedraͤngt reiten laſſen“, fuhr Epernon fort. Dieſes Geſpraͤch wurde durch eine Bewegung auf der Treppe unterbrochen. Der Koͤnig kam reiſefertig herunter. Ihm folgten einige Herren und unter dieſen erkannte Sainte-Maline mit leicht begreiflichem Herzklopfen auch Ernauton. „Sind meine tapfern Fuͤnfundvierzig beiſammen?“ fragte der Koͤnig. „Ja, Sire“, antwortete Epernon, indem er auf eine Gruppe Reiter zeigte. „Sind die Befehle gegeben?“ „Sie werden vollzogen werden, Sire.“ „So wollen wir aufbrechen“ ſagte Se. Maj. Loignac ließ zum Aufſitzen blaſen. Als heimlich verleſen wurde, ergab es ſich, daß alle Fuͤnfundvierzig beiſammen waren und keiner fehlte. Man überließ den Chevaulegers die Leute Mahne⸗ ville's und der Herzogin in's Gefaͤngniß zu bringen, verbot ihnen aber bei Todesſtrafe ein Wort mit ihnen zu reden. Der König ſtieg in den Wagen und legte ſeinen bloßen Degen neben ſich. Epernon fluchte und verſuchte, ob der ſeinige leicht aus der Scheide zu ziehen ſei. Als es neun Uhr ſchlug, brach man auf. Eine Stunde nach dem Aufbruche Ernauton's ſtand Herr von Mayneville noch immer an dem Fenſter, von dem aus wir ihn dem jungen Manne nachblicken ſahen; er war indeß nach Verlauf dieſer Stunde weit weniger ruhig, aber 16* 244 geneigter auf die Hilfe Gottes zu hoffen, denn er fing an zu glauben, daß ihm die Hilfe der Menſchen fehlen wurde. Keiner ſeiner Soldaten warerſchienen; auf der finſtern ſtillen Straße hoͤrte man nur in langen Zwiſchenräumen den Schall von Pferdehufen, der ſich nach Vincennes zu entfernte. Mayneville und die Herzogin ſtrengten ſich da an durch das Dunkel hindurchzuſehen, um ihre Leute zu erkennen oder die Urſache der Zoͤgerung derſelben zu errathen. Dieſes erfolgloſe fortwaͤhrende Hin- und Herreiten hatte endlich Mayneville ſo beſorgt gemacht, daß er einen von den Leuten der Herzogin zu Pferde ſteigen ließ und ihm auftrug ſich bei dem erſten Reiterhaufen zu erkundigen, auf den er treffen wurde. Der Bote war nicht zuruͤckgekommen. Die ungeduldige Herzogin hatte deshalb einen zweiten abgeſchickt, aber dieſer war ebenſowenig wie der erſte zu⸗ ruͤckgekommen. „Unſer Officier“, ſagte da die Herzogin, welcher die Sachen immer von der ſchoͤnſten Seite anzuſehen geneigt war,„wird gefuͤrchtet haben nicht genug Leute zu haben und behalt die, welche wir ihm ſchicken als Verſtaͤrkung; klug iſt es, aber beunruhigend.“ „Beunruhigend ja, ſehr beunruhigend“, antwortete Mayneville, deſſen Augen von dem dunkeln Horizonte ſich nicht abwendeten. „Mayneville, was kann geſchehen ſein?“ „Ich will ſelbſt hinausreiten und wir werden es erfah⸗ ren.“ Und Mayneville wollte fortgehen. 24⁵ „Das verbiete ich Euch“, ſagte die Herzogin, indem ſie ihn zuruckhielt;„wer ſollte bei mir bleiben? Wer ſoll alle unſere Officiere, alle unſere Freunde kennen, wenn der Augenblick gekommen iſt? Nein, nein, bleibt Mayneville. Man ſchafft ſich Beſorgniſſe, wenn es ſich um ein ſo wich⸗ tiges Geheimniß handelt, der Plan ſelbſt aber war doch ſo gut berechnet und Alles ſo geheim gehalten, daß er gelin⸗ gen muß.“ „Neun Uhr!“ ſagte Mayneville und er antwortete da⸗ mit mehr ſeiner eigenen Ungeduld als den Worten der Her⸗ zogin.„Jetzt kommen die Jacobiner aus ihrem Kloſter heraus und ſtellen ſich an den Mauern des Hofes auf; viel⸗ leicht haben ſie beſondere Nachricht.“ „Still!“ rief die Herzogin aus, indem ſie die Hand nach dem Horizonte hin ausſtreckte. „Was iſt's?“ „Still! Hoͤrt!“ Man hoͤrte in der Ferne ein Rollen gleich dem des Donners. „Es iſt die Reiterei“, rief die Herzogin aus.„Man bringt ihn uns, man bringt ihn uns!“ Sie ging nach ihrem heftigen Charakter von der grauſamſten Angſt zu der ausgelaſſenſten Freude uͤber, klatſchte in die Hände und rief:„ich habe ihn, ich habe ihn!“ Kayneville horchte noch. „Ja“, ſagte er)„ja, es iſt ein Wagen, der rollt; es ſind Pferde, die galoppiren.“ Dann commandirte er mit lauter Stimme: 246 „Vor die Mauern heraus, meine Väter, heraus!“ Alsbald oͤffnete ſich das große Gitterthor des Kloſters und in guter Ordnung kamen die hundert bewaffneten Moͤnche heraus, an deren Spitze Borromaus ging. Sie ſtellten ſich quer auf der Straße auf und man hoͤrte die Stimme Gorenflot's, der rief: „Wartet, ſo wartet doch auf mich! Ich muß an der Spitze des Kapitels ſtehen, um Se. Maj. würdig zu em⸗ pfangen.“ „Auf den Balcon, Herr Prior, auf den Balcon!“ rief Borromäus.„Ihr wißt ja, daß Ihr uͤber uns Alle hin⸗ ausragen muͤßt. Die heilige Schrift hat geſagt: Du wirſt über ſie ragen wie die Ceder über den Yſop.“ „Das iſt wahr“, antwortete Gorenflot,„das iſt wahr; ich hatte vergeſſen, daß ich dieſen Poſten gewählt; zum Gluͤck habe ich Euch, Bruder Borromaͤus, der mich daran erinnert.“ Borromaͤus gab leiſe Befehle und bald war die Straße, welche in einiger Entfernung von dem Kloſter eine Kruͤm⸗ mung machte, von einer Anzahl Fackeln erhellt, ſo daß die Herzogin und Mayneville Degen und Harniſche blitzen ſehen konnten. Die Herzogin, die ſich nicht zu mäßigen vermochte, rief dem Letztern zu:„Gehthinunter Mayneville und bringt mir ihn gebunden, in guter Bedeckung hierher.“ „Etwas beunruhiget mich doch“, antwortete Mayne⸗ ville;„ich hoͤrte das verabredete Signal nicht, wie ich unſern Officier nicht ſehe.“ „Ich ſehe ihn. Dort die rothe Feder.“ 247 „Die rothe Feder? Madame, das iſt Epernon mit dem Degen in der Hand.“ „Sollte man ihm den Degen gelaſſen haben?“ „Er commandirt ſogar.“ „Unſere Leute? Verrath alſo?“ „Es ſind gar nicht unſere Leute. In dieſem Angenblicke rief Loignac an der Spitze der erſten Abtheilung der Fünfundvierzig, während er ſein brei⸗ tes Schwert ſchwang:„es lebe der Koͤnig!“ Und die Fuͤnf⸗ undvierzig ſtimmten jubelnd ein. Die Herzogin erblaßte und ſank auf den Fenſterrand als ſei ſie einer Ohnmacht nahe. Mayncville griff ent⸗ ſchloſſen zu dem Schwerte, da er nicht wiſſen konnte, ob man das Haus angreifen wollte. Der Zug kam näher; er hatte Bel⸗Esbat erreicht und gelangte nun an das Kloſter. Borromäus trat drei Schritt vor und Loignae ritt ge⸗ rade auf den Moͤnch zu, der in dieſem Augenblicke erkannte, daß Alles verloren ſei und den Degen in die Scheide unter der Kutte ſteckte. Gorenflot ſeiner Seits, den das Geſchrei electrifirte und das Fackellicht blendete, ſtreckte ſeine breite Rechte aus und ertheilte dem Koͤnige von dem Balcon herab den Segen. Heinrich, der es ſah, grüßte ihn löchelnd und Go⸗ renflot ſtimmte entzückt uͤber dies gnaͤdige Lächeln ſeiner Seits ein kräͤftiges; es lebe der Koͤnig! an. Die Moͤnche, die etwas ganz Anderes erwartet hatten blieben anfangs ſtumm, bis Borromäus erkannte, daß Zo⸗ gern hier das Schlimmſte ſein wuͤrde und antwortete: es 2⁴48 auch die Andern in den Ruf . lebe der Koͤnig! Da ſtimmten ein und Heinrich ſprach: „Ich danke, ehrwuͤrdige Väter!“ Darauf fuhr der Wagen raſch an dem Kloſter voruber, das diesmal ſein Ziel hatte ſein ſollen. Die Herzogin in Bel⸗Esbat aber war auf die Knie niedergeſunken und be⸗ trachtete forſchend jedes Geſicht in dem hellen Fackellichte. „Ah!“ rief ſie endlich, indem ſie einen der Reiter im Gefolge bezeichnete,„ſeht da, Mayneville!“ „Der junge Mann, der Bote des Herzogs von Mah⸗ enne im Dienſte des Koͤnigs!“ antwortete dieſer. „Wir ſind verloren!“ fluͤſterte die Herzogin. „Wir muͤſſen fliehen und ſogleich“, ſagte Mayneville; „der Valvis, der heute Sieger iſt, wird morgen ſeinen Sieg mißbrauchen.“ „Wird find verrathen worden“, rief die Herzogin noch⸗ mals aus,„durch den jungen Mann verrathen. Er wußte Alles.“ Der Koͤnig war unterdeß unter dem Thore St. Antvine verſchwunden, das ſich vor ihm geoffnet und hinter ihm ge⸗ ſchloſſen hatte. ⸗