Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: I MN—. 1 f 2 N P „ 3„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ſ* — —— —— — —— Bögling der Geſellſchaft. Roman von L. Mühlbach. Erſter Band. .—— ſ6 Verlegt 5 von A. SFimion in Berlin. — 1850. Vie Flucht aus den Eaſematten. Die Sonne neigte ſich dem Untergange zu. Sie warf ihre rothen Streiflichter auf die grünen Wälle der Feſtung Raſtatt und auf die choliſche lange Linie der Kaſematten, in deren trü⸗ ben und kellerartigen Räumen viel hundert ungilcA licher Irregeleiteter jetzt den phantaſtiſchen Traum einiger romantiſcher Wochen mit monatelanger Ge⸗ fangenſchaft abbüßen ſollten. Die eine der engen niedrigen Thüren der Kaſematten war ſo eben ge⸗ öffnet und unter Vortritt zweier bewaffneten Sol⸗ daten traten fünf Männer in den engen Hofraum, den ſie ſchnell durchwandelten und an der Höhe des Walles emporklimmten, gefolgt und begleitet von den ſie beaufſichtigenden Soldaten. Dieſe fünf Männer mit ihren bleichen Geſichtern, ihren nieder⸗ geſchlagenen Blien⸗ ſo verſchieden ſonſt in ihrem 1*⁸ Ausſehen, waren offenbar zu dieſer Stunde alle von Einem und demſelben Gedanken beſeelt, und als ſie jetzt auf dem Walle ſtanden und einen Augenblick aufathmend das Auge über die Landſchaft hatten dahin ſchweifen laſſen, richteten ſich ihre Blicke ganz unwillkürlich auf einen und denſelben Gegenſtand, auf dieſe hohe und ſtolze Geſtalt des Einen aus ihrer Mitte, der mit ineinander geſchlagenen Armen ſchweigend und unbeweglich in das Gluthenmeer des Sonnenuntergangs hineinſtarrte. Die Sonnenſtrah⸗ len beleuchteten ſein Antlitz, und als ſeine vier Be⸗ gleiter den Schmerz und die Qual ſahen, welche wie Wetterleuchten durch ſeine Züge zuckten, wandten ſie unwillkürlich das Haupt ſeitwärts, als hätten ſie Furcht, den ſtarken Mann ſo weich und weibiſch in ſeinem Schmerz zu ſehen. Einmal flog ein Zittern durch ſeine Geſtalt und ein gellender Schrei drang von ſeinen Lippen. Seine vier Freunde falteten ſtill dazu die Hände als ob ſie beteten, aber Nie⸗ mand fragte ihn nach ſeinem Schmerz, denn ſie kannten ihn Alle, und nicht ſie allein, die Schild⸗ wachen, die in gleichgiltiger Ruhe neben ihnen auf⸗ und abwandelten, die Gefangenen, welche da unten ſeufzend und ihr Geſchick verfluchend in den Kaſe⸗ matten ſaßen, ſie Alle kannten den Schmerz dieſes iie Mannes, welcher ſo eben mit Verzweiflung im Her⸗ zen dem Sonnenuntergang zuſchaute.— Aber es war, als ob ſein eigener Schrei ihn erweckt habe aus der Lethargie ſeiner Quaal, er richtete ſich höher auf und ſchien mit einem unwilligen Kopf⸗ ſchütteln die Laſt der Schmerzen, welche ihn nieder⸗ drückte, von ſich abwehren zu wollen. Dann ſtreckte er ſeinen Arm aus und legte ſeine Hand auf die Schulter der eben vorübergehenden Schildwache. Freund, ſagte er, du weißt, daß ich zum Tode verurtheilt bin? Ich weiß es, ſagte der Soldat ruhig, indem er ſich anſchickte, weiter zu gehen. Und du weißt auch, daß ein ganz plötzicher und unerwarteter Befehl meine auf heute Abend feſtgeſetzte Hinrichtung bis auf morgen früh Krſöt⸗ ben hat? Ich weiß das Alles! ſagte der Solbat, und ſuchte ſich loszumachen. Freund, ſagte der Verurtheilte mit einem ſchmerzlichen Lächeln, wie ungeduldig du biſt, und haſt vielleicht noch ein langes Leben vor dir, wäh⸗ rend ich in meinem letzten Lebensabende ſtehe! Deshalb, ich bitte dich, ſei milde gegen einen Ster⸗ benden, laß mich auf einen Augenblick noch die 6 kurze Täuſchung der Freiheit haben. Laß mich dieſe laue Luft einathmen, dieſen Sonnenuntergang ſehen im Beiſein meiner Freunde, und ohne von deinem Blick und deinem Ohr beläſtigt zu werden. Der Soldat beobachtete ein mürriſches trotziges Schweigen. Der Verurtheilte fuhr fort: Sei nicht harther⸗ ziger gegen mich, wie es dein Oberſt, wie es dein General iſt! Dieſer hat mir die letzte Bitte gewährt und mir geſtattet, mit meinen Freunden hier einen letzten Spaziergang zu machen. Du weißt, man verſagt einem Sterbenden nicht die letzte Bitte! Aun, ich bitte dich, tritt ein wenig zurück und ge⸗ ſtatte mir, meinen Freunden mein Teſtament zu ſa⸗ gen, das ſie dereinſt, wenn ſie frei ſind, meinen Kin⸗ dern ſollen hinübertragen in die Verbannung. Sei menſchlich, Freund, laß mich allein mit Gott und meinen Prieſtern hier, denn es iſt eine Sche⸗ welche ich ihnen ablegen will. Ees iſt wider meine Ordre! ſagte der Soldat, ich darf Euch nicht aus den Augen verlieren. So behalte uns im Auge, nur tritt ſo weit zurück, daß du mein letztes Gebet nicht belauſchen kannſt, ſagte der Verurtheilte, indem er ſich langſam auf ein Knie niederließ. 7 Der Soldat, einem natürlichen Inſtinkt der Andacht nachgebend, ſchlich leiſe auf den Zehen einige Schritte rückwärts, um das Gebet des Ver⸗ urtheilten nicht zu belauſchen. Die vier Freunde aber, welche mit ihm gekom⸗ men, traten ſchnell und wie auf ein verabredetes Zeichen näher zu dem Knieenden heran. Keiner von ihnen hatte bis dahin ein Wort geſprochen. Der Knieende erhob jetzt die Arme gen Him⸗ mel und fragte leiſe: Soll das die letzte Sonne ſein, welche ich ſehe? Vein, flüſterten ſeine Freunde, wie aus einem Munde. Er ſah ſich nach ihnen um und ein verklärter Ausdruck ſtand auf ſeinem Antlitz. Ihr glaubt alſo, daß die Flucht möglich iſt? fragte et Init vor Erwartung erſtickter Stimme. Sie iſt möglich, ſagte der Eine der Vier. Wir haben Alles überlegt, flüſterte der Zweite. Dieſe Aacht um zwei Uhr ſei bereit und mun⸗ ter, ſagte der Dritte. Ein leiſes dreimaliges Huſten ſei das Zeichen, fügte der Vierte hinzu. Dann erheben wir uns Alle zu gleicher Zeit von unſerm Strohlager und — ſtill, die Schildwache beobachtet uns. In der That kam der Soldat jetzt mit eiligen Schritten zu ihnen heran. Was ſprecht ihr hier? fragte er rauh. Das iſt kein Gebet und kein Abſchiednehmen. Doch, Freund, es iſt Gebet, ſagte der Verur⸗ theilte, aber jetzt iſt es zu Ende, und es bleibt mir nur noch übrig, meine Teſtamentsvollſtrecker hier zum letztenmal zu umarmen. Und er warf ſich dem Erſten ſeiner Freunde in die Arme. Um zwei Uhr flüſterte er, indem er ihn ſtürmiſch an ſich drückte. Aus den Kaſematten drang ſo eben ein leiſer, feierlicher Geſang zu ihnen empor. Es waren einige der Gefangenen, welche ihre Qual und ihre Angſt zu Gott empor trugen auf den feierlichen Melodieen eines Chorals. Diesmal war es eine wirkliche andagt veicht 3 den Verurtheilten auf ſeine Knie niederdrückte, dies⸗ mal betete er mit inbrünſtiger Seele, aber es war ein Gebet um Freiheit, nicht mehr für die Seele allein, ſondern auch für den Körper. Dann ſtand er auf und als er jetzt die Freunde zum letzten Mal umarmte, drückte ihm der Eine raſch und unbemerkt einen kleinen Dolch in die Hand. —2 9 Zerſchneide das Linnen deines Strohſackes, flüſterte er. Die Viertelſtunde iſt vorüber, die Sonne iſt hinunter, ſagte die Schildwache, ihr müßt jetzt wie⸗ der hinein. Die fünf Freunde folgten ihm ſchweigend, aber auf ihrem Antlitze ſtanden große und trotzige Ge⸗ 5 danken, und ein leiſes Lächeln ſelbſt ſpielte um ihre Als ſie an der Thüre ihres Gefängniſſes ſtan⸗ den, blickte der Verurtheilte noch einmal zurück auf den dunkelrothen Himmel, aber ſeine Blicke leuchteten in Hoffnung und ſeine Lippen murmelten leiſe: Um zwei Uhr! Die Nacht war hereingebrochen, und eine tiefe Dunkelheit herrſchte in den langen niedrigen Schlaf⸗ ſälen der Kaſematten. Die Gefangenen lagen auf ihren Strohſäcken und ſchliefen oder träumten mit offenem Auge von der Freiheit und der Luft da draußen, von der lieben Heimath und dem Glücke! Ein ſeltſames und intereſſantes Studium wäre es geweſen für den Künſtler, wie für den Philoſophen, dieſe langen Säle zu durchwandeln und auf den ſtillen Geſichtern dieſer armen Gefangenen die Ge⸗ danken und Gefühle zu leſen, welche ihre Seele be⸗ wegten. Die meiſten dieſer Gefangenen waren jung und gerade die Jugend und der Enthuſiasmus ihrer Ideale war es geweſen, welcher ſie verführt zu erfolg⸗ loſen und unüberlegten Handlungen und zu Schlachten, welche niemals mit einem Siege enden konnten, weil die Unerfahrenheit ihr Heerführer und großentheils der Eigennutz ihr Palladium geweſen! Sie waren, wie ge⸗ ſagt, irre geleitet worden durch ihre edlen und Gedanken; dieſe armen Gefangenen, ſie hatten geglau an die Verwirklichung der höchſten und edelſten Ideen, aber ſie hatten in ihrem Enthuſiasmus nicht gewahrt, daß diejenigen, welche gekommen waren, ihnen dieſe Ideen zu predigen, ſie nur benutzen wollten zu ihren eigenen ſelbſtſüchtigen Zwecken, und daß ſie aus den erhabenſten Ideen der Menſchheit die ſchmutzigen Triebfedern des Geizes und der Ehrfucht ſich ge⸗ drechſelt hatten! Und die Baalsprieſter, welche das Volk und die ſchwärmeriſche Jugend verführt, dieſe unpraktiſchen Intriguanten, welche die Brandfackel über das unglückliche Baden geſchleudert, ſie hatten ſich ſelber durch rechtzeitige Flucht der rächenden Ge⸗ walt entzogen, und ſchmählich ihre Fahne und ihr Heer verlaſſend, hatten ſie dieſes dem Zorn und der Züch⸗ S Preis— Und der S 11 dieſer Unglücklichen verſchwinden, um entweder in einem ſchnell geöffneten Grabe oder mit langjähriger Zucht⸗ hausſtrafe die leichtſinnigen Thaten ihres irregeleite⸗ ten Enthuſiasmus abzubüßen. Bei jedem Sonnen⸗ aufgang faſt vernahm man jetzt von den nahen Feſtungswällen das laute Krachen einer Gewehr⸗ ſalve, und wenn die Gefangenen in den Kaſematten es hörten, ſchauderten ſie zuſammen, und falteten erbleichend die Hände zu einem kurzen Gebet, denn ſie wußten dann, daß ſo eben wieder Einer aus ihrer Mitte in das Grab hinunter geſtiegen, die junge hlutende Bruſt durchbohrt von den Kugeln des Siegers. Die nächſte Morgenſonne hätte wieder eine ähnliche Scene beleuchten ſollen, und das Kriegs⸗ gericht hatte das Urtheil geſprochen über den Major v. Bernthal, den Anführer eines mordenden und plündernden Inſurgentenhaufens, der ſich den ſtolzen und hochfahrenden Namen:„das Corps der Rache“ gegeben. Er lag anſcheinend ſchlummernd auf ſeinem Lager, das nicht, wie es ſonſt bei den Verurtheilten üblich, in einem von den Uebrigen abgetrennten Ge⸗ mach ſich befand; als eine letzte Gunſt hatte er es ſich erbeten, die letzte Aacht ſeines Lebens in Mitte ſeiner Unglücksgenoſſen an der Seite ſeiner vier Freunde hinbringen zu können, und weshalb hätte man es ihm verſagen ſollen, ſeine letzten Stunden im Dunkel dieſes ſchweigenden, öden Schlafſaales, den Schildwachen mit geladenem Gewehr betuchien zuzubringen? Wie geſagt, Oede und Stille herrſchte in dem Schlafſaal der Gefangenen. Von Außen hörte man den regelmäßigen Schritt der auf und nieder wan⸗ delnden Schildwachen, ſonſt war Alles ſtill. Aur in dem Winkel, in welchem der Verurtheilte, der Major v. Bernthal mit ſeinen vier Freunden lag, hätte ein aufmerkſames Ohr dann und wann ein leiſes Rauſchen und Raſcheln vernehmen können und ſchnelles verſtohlenes Flüſtern. Draußen ſchlug die Uhr eben die erſte Stunde nach Mitternacht. Man hörte den taktmäßigen Schritt und das laute Anrufen der ablöſenden Pa⸗ trouillen, dann ward wieder Alles ſtill. Ein Uhr, flüſterte der Major von Bernthal. Seid ihr Alle bereit? Bereit und gewaffnet, flüſterten die r vier Stim⸗ men ſeiner Freunde. Eure Strohſäcke ſind zerſchnitten und zu 2 zuſammen geknotet! So iſt es! Wohl, auch ich bin fertig. Rückt näher zu mir heran, und laßt uns noch einmal überlegen. Die vier Freunde rutſchten vorſichtig und ängſt⸗ lich auf dem Fußboden zu Bernthal's Lager hin. Gebt mir eure Hände, ſagte er. Gut, ich fühle eure Hände. Keiner von euch hat Furcht, denn keine dieſer Hände iſt kalt und zittert, Ihr ſeid ent⸗ ſchloſſen! Wir ſind entſchloſſen! flüſterten ſie. Aber wißt ihr auch, was ihr wagt? fragte Bernthal. Es iſt ein tollkühnes Unternehmen, eine That mit ſo wenig Ausſicht auf Erfolg, daß Nie⸗ mand auch nur die kleinſte Wette für das glückliche Gelingen unſeres Planes riskiren würde. Daß ich mein Leben wage, das iſt natürlich; ich wage dabei nichts weiter, als höchſtens eine einzige Stunde der Morgendämmerung, denn ob ich um zwei Uhr von der Schildwache oder um drei Uhr von zehn kom⸗ mandirten Soldaten erſchoſſen werde, das iſt ein ge⸗ ringer Unterſchied. Aber ihr habt mehr zu ver⸗ lieren, und ihr ſetzt das Leben gegen einige kurze Jahre der Gefangenſchaft ein. Kurze Jahre! ſagte eine bittere und ſpöttiſche Stimme. Jeder Tag der Gefangenſchaft iſt eine 14 Ewigkeit, und ich will lieber ſogſeich erſchoſſen wer⸗ den, als noch länger die Qual dieſer Kaſematten⸗ Gefangenſchaft erdulden müſſen. Ach, das war Freund Wilmers, welcher eben ſprach, flüſterte Bernthal, ja freilich für Sie, den daheim eine ſchöne Braut und ein zärtlicher reicher Vater erwartet, für Sie müſſen die Kaſematten eine Hölle ſein, und ich begreife vollkommen, daß Sie mit mir Alles wagen wollen. Aber Du, Freund Karl, Du, welcher nichts verſchuldet hat, Du, welchen wir faſt gezwungen haben, mit uns zu gehen, Du ſollteſt bleiben, denn in wenigen Wochen, ſobald an Dich die Reihe der Unterſuchung und des Verhörs kommt, wird man Dich freigeben, und Deiner Hobel⸗ bank und Deiner Tiſchlerwerkſtatt wieder überlaſſen müſſen! Du alſo ſollteſt dieſes Wagniß nicht be⸗ ginnen! Oder erwartet Dich auch daheim eine Braut und biſt Du ungeduldig nach Deinem Glücke! Vein, nicht nach meinem Glücke, aber nach meiner Rache! ſagte der junge Tiſchler Karl. Und das iſt auch ein heiliges Geſchäft, welches keinen Aufſchub leidet. Deshalb ſprechen Sie tichtz mehr davon, ich fliehe mit Ihnen! Und Sie, Herr Graf! flüſterte Major Bernthal. Auch Sie ſind entſchloſſen zu fliehen. Sie wollen 15 nicht länger der Märtyrer ſein für unſere große und erhabene Sache? Auch Sie wollen die Fahne verlaſſen? Die Fahne, welche unſere eignen Heerführer in den Staub getreten haben, ja, die will ich verlaſſen! ſagte der Angeredete leiſe. Und endlich Sie, lieber Osmar, Sie, den die Menſchlichkeit und die Wißbegierde in unſere Reihen getrieben, der nichts gethan, als unſere Wunden zu verbinden und unſere zerſchmetterten Glieder ab⸗ zulöſen, auch Sie wollen fliehen, ſtatt öffentlich vor den Schranken Ihre Unſchuld und Ihren Edelmuth zu beweiſen? Mir liegt nichts an dieſem Beweis, aber Alles an der Freiheit, ſagte der junge Arzt Osmar faſt laut. Die Freiheit iſt meine Braut, ihr jage ich nach aller Orten, und ich will ſie heut Nacht noch umarmen, und müßte ich daran ſterben! Aun, wir ſind alſo alle feſt und unerſchütterlich entſchloſſen, flüſterte Major Bernthal. Und horcht, da ſchlägt ſchon das letzte Viertel von zwei Uhr. Loch eine Viertelſtunde, und die Freiheit oder der Tod erwartet uns. Ihr glaubt alſo, daß es gelin⸗ gen kann. Laßt es uns noch einmal überlegen! Mit 16 unſern Strickleitern laſſen wir uns aus dieſem Fen⸗ 2. ſter hinunter in den Feſtungswall! 4 Genau eine Minute, nachdem es zwei Uhr ge⸗ ſchlagen! ergänzte Osmar, denn gerade dann wendet die Schildwache uns den Rücken im Auf⸗ und Rieder⸗ gehen. Und wenn ſie ſich umwendet? Sind wir verloren! Vicht ſo ganz! flüſthrte Bernthal, denn ich werde meinen Dolch bereit halten, und ehe er Zeit hat uns anzurufen, werde ich dieſen Menſchen durch⸗ bohrt haben! Das iſt ganz einfach! Ich nehme alſo an, daß wir dieſes erſte Hinderniß beſiegten, und glücklich bis zum Feſtungsgraben hinunter ge⸗ langten. Wie kommen wir aber glücklich über den zweiten Feſtungswall? Der Mond geht um zwei Uhr unter, und es wird finſter ſein! Wir haben die Hoffnung, daß die Dunkelheit unſere Flucht bedecket, oder daß die Sol⸗ daten fehl ſchießen! Und wenn es hell genug iſt, um zu zielen und uns ſicher zu treffen? Dann werden wir entweder erſchoſſen, oder unſere Beine ſind behend genug, um uns aus dem — — — — 17 Bereich ihrer Kugeln und bis zum nahen Kornfeld zu bringen, dort ſind wir gerettet. Alſo unter den Kornähren, da drüben neben der einzelu ſtehenden Eiche, oder da drüben neben dem Throne Gottes ſehen wir uns wieder! ſagte Major Bernthal. Lebt wohl jetzt! Sie reichten ſich Alle noch einmal die Hände zum feſten, innigen Ineinanderſchließen, dann ſchwie⸗ gen ſie Alle, und lauſchten in athemloſer Erwar⸗ tung auf den nächſten Glockenſchlag. Die Uhr begann mit dumpfem Dröhnen die zweite Stunde anzuſagen. Die Freunde richteten ſich zu gleicher Zeit und wie von einem elektriſchen Schlage getroffen, empor. Wie Schattengeſtalten, leiſe und unhörbar, ſchlichen ſie an der Wand ent⸗ lang bis zu dem nächſten Fenſter. Mit einem Rucke ward es geöffnet, und ſchneller wie ein Gedanke war die Strickleiter an dem Holzkreuze befeſtigt. Vorwärts jetzt! flüſterte Bernthal. Jetzt ſah man einen dunkeln Schatten einen Moment in der Fenſteröffnung erſcheinen und dann verſchwinden. Ihm folgte ein zweiter, dann ein dritter, vierter und fünfter.— Die Gefangenen ſchliefen oder gaben ſich mindeſtens den Anſchein I. 2 6 18 zu ſchlafen— Niemand hatte die Flucht der fünf Freunde bemerkt. Glücklich waren ſie hinunter gelangt in den in⸗ neren Wall der Feſtung. Der Mond war unterge⸗ gangen und in der plötzlich eingetretenen tiefen Dun⸗ kelheit gelangten ſie, vorſichtig an der Erde kriechend, zu dem ausgetrockneten Graben, der hier die beiden Wälle in der Tiefe durchſchnitt. Im trocknen Bette dieſes Grabens ruhten ſie einen Moment, um Kräſte zu ſammeln zu dem gefahrvollen Wege, der jetzt ihrer harrte. Es galt, die Höhe des zweiten Walles zu erklimmen, dann denſelben an der andern Seite hin⸗ unter zu ſteigen, den Graben, der dort mit reichlichem Waſſer verſehen war, zu durchſchwimmen und dabei den Argusaugen der Schildwachen zu entgehen, welche in Entfernungen von zwanzig zu zwanzig Schritt auf den Wällen aufgeſtellt waren. Jetzt vorwäts! flüſterte Bernthal. Und möch⸗ ten wir gefeit ſein gegen die Kugeln unſerer Feinde. So viel iſt gewiß, daß die Büchſe, welche nach einem von uns abgeſchoſſen wird, die Flucht der andern Vier ſichert, ſagte Osmar halb laut, indem er raſch und leiſe den Wall hinan zu klimmen be⸗ gann.— Wie ſchwarze Rieſenſchnecken klebten ſie an der ſteilen Graswand, langſam ſich vorwärts be⸗ — 19 wegend, als fürchteten ſie, das Gras unter ihren Fü⸗ ßen möchte ſie verrathen. Oſft hielten ſie Minuten lang inne, und dieſe dunkeln über der ſteilen Gras⸗ fläche empor ragenden Punkte hätte man alsdann in der Dunkelheit für einzelnes Strauchwerk halten können, das hier die Höhe des Walles hinauf ange⸗ pflanzt worden. Aur daß dieſes Strauchwerk ſich weiter bewegte, nur daß es faſt die Höhe des Wal⸗ les erreicht hatte.„ Von oben vernahm man jetzt den langſamen taktmäßigen Schritt der Schildwache; er kam näher und näher. Dicht über ihren Häuptern hörten die Fliechenden dieſen Schritt des Soldaten, der durch einen Blick, durch ein Zeichen ihre Zukunſt, ihr Le⸗ ben vernichten konnte. Unbeweglich lagen ſie lang hingeſtreckt, lautlos. Dicht über ihnen blieb der Soldat ſtehen, und wie in Gedanken verloren ſummte er ſich halblaut ein Lied ſeiner Heimath. An dieſe dachte er vielleicht, denn ſtatt weiter zu gehen, blieb er gedankenvoll, unbeweglich auf derſelben Stelle ſtehen. Es war ein entſetzlicher, qualvoller Moment für die Flüchtlinge. Hatte der Soldat dieſe dunkeln Schatten zu ſeinen Füßen bemerkt, und war es, weil er ſie beobachtete, daß er ſo lange auf demſelben Flecke ſtand? Aber er ſang noch immer ſein ein⸗ 2* 20 faches Liedchen, ja, ſeine Stimme ward lauter und voller, die Erinnerungen an die Heimath hatten ihn der ſtrengen Disziplin vergeſſen laſſen, und der Soldat war in dieſem Augenblick nur ein weiches, ſehnendes Menſchenkind. Schauerlich und entſetzlich klang den Flücht⸗ lingen dieſer Geſang, welcher ſo leicht für ſie ihr Sterbelied, der Grabgeſang ihres Lebens ſein konnte. Wie viel Gelübde, wie viel Flüche, wie viel Gebete waren es nicht, die in dieſem Moment ihre Seelen bewegten. Es war gewiſſermaßen das irdiſche Fege⸗ feuer, mit welchem ſie ſich die Seligkeit der Freiheit vielleicht erwerben konnten!— Plötzlich hielt der Soldat mitten in ſeiner Melodie inne— hatte er ſie jetzt gewahrt, ſie, welche zu ſeinen Füßen kauerten? Bernthal legte die Hand entſchloſſen auf den Griff ſeines Dolches und richtete ſich langſam ein wenig empor. Aber der Soldat war nur aus ſeinen ſchönen Erinnerungen erwacht, und jetzt wandte er ſich um und begann wieder ſeinen langſamen, mono⸗ tonen Rückweg anzutreten. Vorwärts! flüſterte Bernthal. Raſch, wie vom Winde getragen, wirbelten die fünf dunkeln Geſtalten empor, erreichten ſie die Höhe 2 des Walles und waren jetzt mit einigen ſchnellen Schritten zu der entgegengeſetzten abwärts gehenden Seite des Walles gelangt. Wieder warfen ſie ſich zur Erde und ruhten einen Moment. Nun ſchließt Eure Arme in einander und laßt uns den Abhang hinunter rollen. Eins, zwei, drei, vorwärts! Es war eine ſchauerliche, entſetzliche Fahrt. Wie die Steine des Siſiphus rollten ſie den Abhang hinunter, wer wird ſie wieder zur Höhe empor tragen? Alles war ſtill, plötzlich hörte man einen Schrei, dann ſah man das Aufblitzen einer Muskete, nun ein Knall, dem ein lautes Aechzen folgte. Dann war es, als ob man das dumpfe Rauſchen des Waſſers in dem Graben vernähme, als ob ein ſchwerer Ge⸗ genſtand hinein gefallen in die Tiefe des Waſſers. Aun wieder ein Blitz, ein Schuß, und jetzt zeigten ſich oben auf dem Feſtungswalle hin und her flackernde Lichter, Signale ertönten, jetzt hörte man den donnernden Knall eines Kanonenſchuſſes und der Ruf:„Gefangene ſind entflohen!“ von Poſten zu Poſten. In der Feſtung ward es lebendig, die hore wurden geöffnet, und eine Patrouille Huſaren jagte 22 im geſtrecktem Galopp hinaus zur Treibjagd auf das geängſtigte Menſchenwild.— Das Waſſer im Graben rauſchte fort und fort, und wäre der Mond nicht ſchon untergegangen, ſo würden die Schildwachen auf den Wällen geſehen haben, wie hier und da ein dunkler Punkt aus dem Waſſer empor tauchte, und ſich an das jenſeitige Ufer anklammerte, wie dieſer dunkle Punkt höher und höher emporwuchs und menſchliche Form und Geſtalt annahm. Jetzt, wie vom Bogen geſchoſſene Pfeile, flogen ſie dahin dieſe dunkeln Geſtalten, aber ſchon ver⸗ nahm man das raſche Herantraben der Patrouille. Es kam näher und näher. Aun ein lautes wildes Triumphgeſchrei, dann knallten wieder Schüſſe, fünf, ſechs, raſch hintereinander,— Alles ward wieder ſtill, die Huſaren jagten weiter, ſie hatten vielleicht in der Dunkelheit eine verdorrte Weide für einen Menſchen angeſehen und nach ihr geſchoſſen,— ett ſtürmten ſie weiter, den Flüchtlingen nach!— Die Sonne ging auf, leuchtend und purpo⸗ glühend, aber nicht ſo purpurroth wie dieſe Blut⸗ flecken, die ſich dort am Ufer des Feſtungsgrabens hinziehen, nicht ſo glühend, wie dieſe Blutlache hier am Rande des Kornfeldes.— Das Korn⸗ 23 feld rauſcht wie Meereswogen vom Morgenwind bewegt— wer will ſagen, daß es ein menſchlicher Arm iſt, und nicht der Wind, welcher hier und da die Wogen zertheilt und auf einen Moment eine ſchmale Gaſſe durch das Kornfeld zieht, welches ſchnell wieder in einander rauſcht, als wollte es großmüthig und milde die Spur der Flüchtenden verhüllen, und dieſe lange Blutſpur nicht zeigen, welche auf der Erde ſich hinzieht. Immer neue Patrouillen jagten aus der Feſtung hervor, den Entflohenen nach. Aber ſelbſt der Him⸗ mel ſchien Erbarmen mit ihnen zu haben, ein furcht⸗ bares Unwetter zog heran und ein wolkenbruchartiger Regen trieb die Blutlache hinunter in das Waſſer des Grabens und verwiſchte die Spuren am Rande des Kornfeldes. Der Tag verging, die ausgeſandten Patrouillen zogen heim nach Raſtatt. Die Flüchtlinge waren nicht endeckt worden. Als die Sonne wieder untergegangen, ſah man hier und da eine menſchliche Geſtalt aus dem Korn⸗ feld ſich emporheben, ſie ſchlugen alle dieſelbe Rich⸗ tung ein, nach der Eiche, welche inmitten des Ackers vereinzelt und einſam daſtand und welche Major —— ——— ——— 24 Bernthal als den Sammelplatz der Flüchtlinge be⸗ zeichnet hatte. Unter dieſer Eiche fanden ſie ſich zuſammen, reichten ſie einander die Hände— aber es waren nur vier, welche ſich hier S Wilmers fehlte bei dem Rendezvous. Hatte eine Kugel ihn getödtet, hatte er ſich verirrt auf der Wanderung durch das Kornfeld? Wer könnte es entſcheiden? Die Flüchlinge lauſchten auf jedes Rauſchen des Korns, auf jeden Laut, jeden Schrei, der in der Ferne erſchallte, aber Niemand kam.— Es iſt umſonſt, ſagte Major Bernthal, er wird nicht kommen. Wir müſſen ihn aufgeben, und was im Grunde könnte uns auch ſein Kommen nützen. Wir müſſen hier ohnedies von einander ſcheiden und Abſchied nehmen. Wer weiß ob wir uns jemals wieder ſehen! Der Zufall hat uns in dieſen gott⸗ verdammten Kaſematten zuſammengeführt, die Ge⸗ fangenſchaft hat uns zu Freunden gemacht, die Frei⸗ heit trennt uns wieder von einander, das iſt ganz 3 Gewiß müſſen wir wenigſtens für diesmal uns pir trennen, ſagte Osmar, der junge Arzt, denn Alles kommt darauf an, daß wir unbemerkt weiter 25 kommen, umd das geht einzeln leichter, als zu Vieren; aber ich denke, die Bande der Freundſchaft ſollten nicht mit dieſer Trennung zerreißen. Wir haben einige Stunden mit einander verlebt, welche wohl geeignet ſind, eine dauernde Zugehörigkeit für das ganze Leben zu erzeugen, und ich meinestheils ſchwöre hier feierlich, daß ich zu jeder Zeit bereit und willig ſein werde, den Freunden dieſer Todesnacht mit meinen beſten Kräften zu dienen, wo ich kann, und wo ſie meiner bedürfen. Ich ſchwöre daſſelbe! rief der Tiſchler Karl feierlich.— Und ich ſchließe mich dieſem Schwure an, ſagte Graf Feldkirch nach einigem Zögern. Sie reichten ſich noch einmal die Hände, dann ſchieden ſie. Aur Bernthal blieb zurück im Kornfeld neben der einſamen Eiche. Er ſchaute mit trübem Blick den Geſtalten der Freunde nach, welche, Jeder nach einer andern Richtung hin, ſich entfernten, b bald ſeinen Augen ganz entrückt waren. Dann ſagte er mit einem triumphirenden ich bin allein und ich bin frei! Das Leben iſt wieder mein und dieſer luſtige Spaß des Daſeins ſoll mich wieder umgaukeln mit all' ſeiner Luſt und all' ſeiner Erbärmlichkeit. Ich werde wieder lieben und betrügen, wieder verrathen werden und verra⸗ then, ich werde wieder ein Gott ſein und ein Teu⸗ fel, ein Thier und ein Engel, je nachdem die Stunde es mit ſich bringt. Ja, ja, ich bin wieder frei und ich fühle ſchon, wie der alte Haß in mir ſich mit mächtigem Flügelſchlag aufſchwingt und die Lüfte durchbranſen möchte, um zu ſeinem Ziele zu ge⸗ langen. Auch werde ich mein Ziel erreichen, ich will es, und alſo werde ich es. Höre es, mein er⸗ habener Veffe in deinem glänzenden Palaſt, lege dein Szepter bei Seite und falte deine Hände zu einem Gebet um Gnade, denn dein Oheim lebt noch, er kommt, um deine Nächte zu beunruhigen und dich zittern zu machen auf der Höhe deines Thrones. Er kommt, um ſeine verachtete Geburt, um ſeinen beſchimpften Namen zu rächen. Ja, er kommt! Und mit einer heſtigen Geberde in ſeinen Bu⸗ ſen greifend, zog er den Dolch hervor und begann mit haſtiger Hand das innere Futter ſeiner Buſen⸗ taſche von einander zu löſen. Dann zog er aus dieſem Verſteck einen kleinen glänzenden Gegenſtand 27 hervor und ſchwenkte ihn mit einem triumphirenden Lachen empor. 8 Der Schlüſſel, rief er, ich habe den Schlüſſel! Aun erzittere, mein fürſtlicher Neffe, ich werde dich zu finden wiſſen. Mit raſchen Schritten eilte er durch das Korn⸗ feld dahin und bald verſchwand auch ſeine Geſtalt in der Ferne. I. Glänzendes Elend. Wir führen unſern Leſer an das Hoflager. eines kleinen Fürſten im Norden von Deutſchland; eines dieſer kleinen ſouverainen Fürſten, an denen unſer ſchönes Vaterland ſo reich iſt, daß es darüber niemals zu einer Einheit in ſich ſelber gelangen wird. Dieſer kleine ſouveraine Fürſt hat auf den wenigen Quadratmeilen ſeines Fürſtenthums dieſel⸗ ben Herrſcherrechte und unumſchränkte Machtvoll⸗ kommenheit, als die mächtigſten Kaiſer und Könige Europa's; er hat ſeine Armee von einigen hundert Mann, er hat ſein Miniſterium, ſeinen Gerichtshof und die Gewalt über Leben und Sterben ſeiner Unterthanen, die vor ihm ſich neigen, als wäre er der mächtigſten Herrſcher Einer, die vor ihm zittern, wenn er zürnt, und ſelig ſind, wenn er lächelt.— 29 Uebrigens war es ſehr ſelten, daß Fürſt Friedrich lachte, und ſeine Unterthanen flüſterten einander kopfſchüttelnd in's Ohr, daß ihr geliebter Landesherr trotz ſeiner großen Jugend ſchon manches Leid er⸗ fahren habe, und daß es ihm fehle an der rechten Freudigkeit des Gemüths und an einer gewiſſen Wärme des Herzens, welche ſonſt den jungen Männern, und wären ſie auch immerhin Fürſten, eigen zu ſein pflegt. In der That, Fürſt Friedrich hatte niemals geliebt, niemals hatte irgend ein Weib ihn zu einem Seufzer, zu einem Lächeln verleitet. Das war der ſtille Gram, der nagende Kummer ſeiner fürſtlichen Mutter, das war es, was ihr Antlitz trübe und ihre erhabene Stirn verdunkelte.—— Die Fürſtin Mutter war allein in ihrem Bou⸗ doir. Sie hatte ſoeben ihre Toilette vollendet und ihre Kammerfrauen entlaſſen; ſie hatte alsdann ihren Hofdamen befohlen, ſie im Gartenſalon zu erwarten, und war in ihr Boudoir gegangen, deſſen Thüre ſie ſorgfältig hinter ſich geſchloſſen hatte. Kaum ſah ſie ſich allein, als ſie mit haſtigen Schrit⸗ ten das Gemach durchſchritt und ſich dem Fenſter näherte, ſich vorſichtig in den faltigen Sammetvor⸗ en deſſelben verbergend, als fürchte ſie, irgend 3 30 ein neugieriges Auge möchte ihr eigenes Lauſchen belauſchen. Das Fenſter, an welchem Fürſtin Amalie ſtand, bot die Ausſicht auf den Park, welcher un⸗ mittelbar dieſes fürſtliche Luſtſchloß begrenzte, in welchem der Hof jetzt einige Sommermonate ver⸗ lebte. Die Fürſtin indeß achtete weder auf die Eſtrade mit den ſeltenſten und auserleſenſten Topf⸗ gewächſen, welche unter ihrem Fenſter ſtand, noch hörte ſie auf den melodiſchen Geſang der Nachtigall, welche ganz nahe bei ihr in dem blühenden Flieder⸗ gebüſch flötete. Ihr Blick war ſtarr auf dieſe breite Allee gerichtet und ſie beobachtete mit geſpannteſter Erwartung dieſes Paar, welches, gefolgt von einigen Herren und Damen, ſich ſo eben dem Schloſſe nä⸗ herte. Es war eine bildſchöne junge Dame mit lang herabwallenden blonden Locken, mit einer Taille ſo ſchlank und zart, daß man ſie nicht mit Unrecht oft einer Silphyde verglichen hatte. Ihr zur Seite ging ein junger Mann in Offizierstracht, eine hohe, kriegeriſche Geſtalt, ein Antlitz, aus deſſen jugendlichen edlen Zügen Energie und Entſchloſſen⸗ heit leuchtete, obwohl in dieſem Moment ſeine Züge ſanft und ſein Lächeln milde und freundlich war. Und wie hätte dies auch anders ſein können, wenn ₰ 4* 31 Prinzeſſin Louiſe, an deren Seite er ging, ihm ſo hold und zauberhaft lächelte, wie ſie es zu dieſer Stunde that; wenn ſie ſo freundliche Worte zu ihm ſprach, wie eben jetzt?— Die Fürſtin Mutter, welche noch immer hinter dem Fenſtervorhang ſtand, hätte viel darum gegeben, wenn ſie die Unterhaltung ihrer Prinzeſſin Tochter mit dem ſchönen fremden Offizier, der ſeit einigen Tagen an dem fürſtlichen Hoflager verweilte, hätte belauſchen können. Sie ärgerte ſich, daß die Hofdamen und Cavaliere der Prinzeſſin in ſo weiter und rückſichtsvoller Entfer⸗ nung blieben und dadurch die Unterhaltung des jungen Paares zu einem ungeſtörten téte à téte machten, das noch dazu den Charakter eines harm⸗ loſen Spazierganges hatte und über welches ſie folglich ihrer Tochter ſelbſt keine Vorwürfe machen durfte. Ich werde ſelber hinunter gehen müſſen, und dieſes ärgerliche téte à téie ſtören, murmelte die Fürſtin, und war ſchon im Begriff, hinter dem Vor⸗ hang zurück zu treten. Eine Bewegung ihrer Prin⸗ zeſſin Tochter hielt ſie zurück, eine raſche leichte Be⸗ wegung mit der Hand nach jenem Boskett hin, das unweit des Fenſters ſich befand, hinter welchem die Fürſtin ſtand. 2 32 Sie will mit ihm in jene Laube gehen, flüſterte ſie. Aun, wir werden ſehen! Wirklich lenkte die Prinzeſſin ihre Schritte jetzt in dieſen kleinen Seitenweg, der zu der Roſenlaube führte, und indem ſie ihre Schritte beſchleunigte, ent⸗ zog ſie ſich und ihren Begleiter einen Moment den ſpähenden Augen ihrer Damen. Aun warf ſie einen raſchen und prüfenden Blick nach dem Schloſſe hin⸗ über, und als ſie ſich überzeugt zu haben glaubte, daß auch von dort ſie Niemand beobachtete, ſenkte ſie ihre ſchmale kleine Hand ſchnell einen Moment in ihren Buſen und zog ſie dann erröthend und lächelnd wieder hervor. Der junge Mann an ihrer Seite hatte jede ihrer Bewegungen beobachtet und eine dunkle Gluth der Freude überzog jetzt ſeine Wangen. Er blieb wie bewundernd vor einem Roſengebüſch ſtehen, und indem er eine dieſer köſtlichen eben erblüheten Roſen pflückte, reichte er ſie mit einer leichten Kniebeugung der Prinzeſſin dar. Sie nahm ſie erröthend aus ſeinen Händen und leiſe und unvermerkt ließ ſie in ſeine Hand dieſes kleine zuſammengedruckte Papier gleiten, das ſie zu⸗ vor aus ihrem Buſen genommen. Eein Brief! kief die Fürſtin. Sie hat ihm ge⸗ —— ————— 2 33 ſchrieben. Es iſt alſo klar, ſie liebt ihn, iſt im Einverſtändniß mit ihm. Und mit einer zornigen Bewegung trat ſie vom Fenſter zurück und klingelte, indem ſie dem eintretenden Kammerdiener befahl, der Hofdame der Prinzeſſin ſofort zu melden, daß die Fürſtin ihre Tochter zu ſprechen wünſche. Wenige Minuten ſpäter trat Prinzeß Louiſe in das Boudvir der Fürſtin ein. Ihre Wangen waren noch geröthet vor innerer Bewegung, ihre Augen glänzten in lebhaftem Feuer, und vergebens ſuchte ſie dieſes Lächeln des Glückes zurückzudrängen, welches wider ihren Willen ihr ganzes Geſicht verklärte. Die Fürſtin warf einen unwilligen prüfenden Blick auf die Prinzeſſin, welche jetzt die Hand ihrer erlauchten Mutter küſſend, mit ihrer ſilberhellen Stimme nach den Befehlen derſelben fragte. Sie anwortete ihr nicht, und indem ſie unwillig der Prinzeſſin ihre Hand entzog, machte ſie einige raſche Gänge durch das Zimmer. Dann blieb ſie vor der Prinzeſſtn ſtehen. Prinzeß Louiſe, ſagte ſie in ſtrengem Tone, kennen Sie Ihre Stellung an dieſem Hofe? Zu Befehl, erwiderte die Prinzeſſin mit erzwun⸗ I 3 34 genem Ernſt. Ich bin die einzige Schweſter des re⸗ gierenden Fürſten, und da er unverheirathet iſt, habe ich das unbeſchreibliche Glück, den zweiten Platz ein⸗ einzunehmen und gleich nach meiner hohen Frau Mutter den Handkuß zu empfangen. Sollte mein Herr Bruder ſich indeß vermählen, ſo werde ich den dritten Handkuß bekommen, was freilich mehr für die welken Lippen unſerer Hofdamen als für mich ein Mißgeſchick iſt. Haben Sie die Güte, ernſthaft zu ſein, ſagte die Fürſtin, und beantworten Sie gefälligſt meine Fragen in einer minder ſchalkhaften Weiſe. Ich möchte von Ihnen erfahren, ob Sie ſich zur Genüge klar gemacht haben, welches die Anforderungen ſind, die man an die Prinzeſſin Schweſter eines regierenden Fürſten zu ſtellen hat? Die Prinzeſſin, welche jetzt die Bedeutung der Frage ihrer Mutter vollkommen zu begreifen ſchien, nahm eine ernſte, faſt finſtere Miene an. Oh ja, ich kenne dieſe Anforderungen an eine Prinzeſſin ganz genau. Ich weiß, daß man von ihr verlangt ein Herz von Stein in ihrem Buſen zu tragen und ſich ſchweigend verhandeln zu laſſen an denjenigen, welcher die kleinſte Mitgift fordert und die größte Krone zu bieten hat. — 5½ Ah, Sie wiſſen alſo, unterbrach ſie die Für⸗ ſtin, daß die Schweſter eines ſouverainen Fürſten niemals anders als an einen ſouverainen und ge⸗ krönten Fürſten vermählt werden kann? Ich weiß, daß man dies ſo annimmt, ſagte die Prinzeſſin mit Feſtigkeit. Es iſt ein richtiges Rechen⸗ erempel, vorausgeſetzt, daß die kleine Zahl der zu verheirathenden Perſon damit übereinſtimmt. Es iſt niemals Sitte, daß die Prinzeſſinnen es wagen, ihre Uebereinſtimmung mit dem von ihren erlauchten Angehörigen gefaßten Beſchluß zu ver⸗ weigern! Dies beweiſt nur, ſagte die Prinzeſſin, daß man in den fürſtlichen Häuſern die Töchter gewöhnt hat, ſich als Sklavinnen zu betrachten. Aber wir ſprechen da von vergangenen Zeiten, gnädigſte Mama. Un⸗ ſere Zeit, welche ſo Vieles geändert, wird hoffentlich doch auch einen Lichtſtrahl der Freiheit in die dü⸗ ſtern Zellen der zu verheirathenden Fürſtentöchter geworfen haben, und man wird uns nicht mehr ver⸗ weigern können, ein Herz zu haben und es nach unſerer Neigung zu verſchenken. Dieſe Freiheit, ſagte die Fürſtin mit einem bos⸗ haften Lächeln, dieſe Freiheit haben Sie leider ſchon lange geübt und es wäre ein kühnes Wagniß, wem 3* 36 Sie dieſen jungen prinzlichen Lieutenant wollten glauben machen, er ſei zufällig Ihre erſte Liebe. Die Prinzeſſin erbleichte und ſenkte ſchweigend das Haupt. Eine Pauſe trat ein, in welcher die Fürſtin, ihre Tochter mit gerunzelter Stirn und finſtern Blicken beobachtete. Plötzlich richtete die Prinzeſſin ihr Haupt wieder empor und ihre Augen ſtrahlten jetzt von Entſchloſſenheit und Muth. Und weshalb, ſagt ſie, ſollte er nicht glauben, was doch die Wahrheit iſt? Weil Sie dieſe Wahrheit ſchon einigen andern Männern vor ihm verkündet haben! Der Prinzeſſin Augen füllten ſich mit Thränen. Sie ſind ſehr grauſam, meine Mutter, ſagte ſie. Die Wahrheit hat leider immer etwas Grau⸗ ſames, rief die Fürſtin, und Sie reizen mich durch Ihr unbeſonnes und kindiſches Benehmen dazu, Ihnen die Wahrheit zu ſagen. Es beliebt Ihnen, einen Roman ſpielen zu wollen, einen Roman mit dem ganzen Apparat von Liebesbriefen und heimlichen Zuſammenkünften, aber, nehmen Sie mein Wort darauf, dieſer Roman wird nicht mit einer Heirath ſchließen. Vielleicht mit einer Entführung oder einer —— — — 37 Trauung in Gretna Green, warf die Prinzeſſin leicht hin. Denn Sie wiſſen wohl, meine gnädigſte Mutter, daß in unſern Zeiten die Liebenden ſich von der Idee emancipirt haben, nur mit dem elterlichen Segen glücklich zu werden. Die Liebe fragt nicht nach den Eltern, ſie fragt nur nach ſich ſelbſt. Gretna Green! wiederholte die Fürſtin ſchau⸗ dernd. Ja, in der That, ich glaube, Sie wären es im Stande, uns dieſen Skandal zu bereiten. Wenn man mich zu dem Außerſten treibt, ja! rief die Prinzeſſin trotzig. Die Fürſtin unterdrückte mühſam einen Aus⸗ ruf des Zornes, und indem ſie ihrer Tochter näher trat, faßte ſie heftig ihre Hand. Louiſe, ſagte ſie, ich warne Dich! Treibe mich nicht zu dem Aeußerſten, gieb deiner Vernunft Ge⸗ hör und laß dieſe unfinnigen Wünſche ſchweigen. Eine Heirath zwiſchen Dir und dieſem jungen Offizier, der nicht einmal ein appanagirter Fürſt iſt und keiner alten Dynaſtie ſich zurechnen darf, ſondern nur der Sohn eines gefürſteten Grafen iſt, eine ſolche Heirath iſt unmöglich! Du wirſt das ein⸗ ſehen, mein Kind, und nicht länger ſolche unſinnige Pläne hegen. Die Prinzeſſinnen von Geblüt haben nicht das Recht, ihrem Herzen zu folgen und ihre 38 Hand Dem zu geben, welchen ſie lieben. Sie ſind ein Beſitzthum des Thrones, und ſie müſſen es ſich gefallen laſſen, daß man über ſie gebiete, wie es dem Lande und der Dynaſtie am vortheilhafteſten iſt. 3 Dann wehe mir, daß ich eine Prinzeſſin bin! rief die Prinzeſſin. So ſagte auch ich, als ich in Deinem Alter war, ſagte die Fürſtin weich. Ich weinte und rang die Hände gleich Dir, aber Viemand hatte Mitleid mit mir. Nein, nein, man verhöhnte das arme Mädchen, welches ſo kindiſch war, darüber zu weinen, daß man aus ihr eine regierende Herzogin machen wollte. Und weil ich denn ſah, daß weder bei Gott, noch Menſchen Mitleid war mit einem armen Geſchöpf, welches nur deshalb litt, weil es eine Fürſtin war; weil ich denn ſah, daß meine Thränen nur eine Thorheit und mein Flehen nur ein kindiſcher Trotz genannt wurden, ſo nahm ich mein Geſchick an, und ward eine regierende Herzogin, das heißt, ich ertödtete mein Herz und zerknickte alle Blüthen des Gefühls, das heißt, ich lernte begreifen, daß wir zu einer Ausnahmeſtellung verdammt ſind, daß wir auf einer Höhe ſtehen, welche uns nicht er⸗ laubt, die kleinlichen Empfindungen der übrigen Menſchen zu theilen; aber daß die Vorſehung, in⸗ — ——— 39 dem ſie uns alſo von der Menſchheit iſolirte, uns zugleich einen Tröſter verlieh, den die niedern Seelen der übrigen Menſchen auch nicht kennen, dieſer Tröſter der Fürſtinnen iſt der Ehrgeiz! Weil ich nicht lieben durfte, wollte ich herrſchen, und weil ich Niemanden an mein Herz drücken durfte, ſollten ſie mindeſtens Alle zu meinen Füßen liegen. Auch du, mein Kind, wirſt die Süßigkeiten dieſes Tröſters kennen lernen, und wenn ſich eine goldene Krone um deine Stirn legt, wird dein Herz aufhören zu bluten. Die Königinnen lieben nicht, aber ſie regieren! Deshalb will ich niemals eine Königin werden! rief die Prinzeſſin Louiſe mit einem anmuthigen Lächeln. Man wird Sie nicht nach Ihrem Willen fragen! ſagte die Fürſtin, man wird Ihnen gebieten, und das iſt Alles! Sie wiſſen, daß ein König, ſchon am Rande des Grabes ſtehend, um Sie wirbt, ſein Bevollmächtigter trifft in dieſen Tagen hier ein, und alsdann wird die Verbindung abgeſchloſſen werden. Das wird nicht geſchehen, denn ich gebe dieſer ergrauten eiskalten Mumie, welche man die Narr⸗ heit hat, einen König zu nennen, nicht meine L ſagte die Prinzeſſin entſchloſſen. Man wird Sie dazu zwingen, rief die Fürſtin mit einem eiskalten Lächeln. Und wie zwingt man eine freie Menſchenſeele, ſich unterjochen zu laſſen? Man zerbricht ſie, man macht ſie weich und geſchmeidig, indem man ſie in den Staub tritt. Sie ſind entſetzlich! rief die Prinzeſſin, indem ſie erbleichend von ihrer Mutter zurückwich. Die Fürſtin, ſtolz aufgerichtet, ging langſam im Gemache auf und ab. Ach, ſagte ſie dann mit chneidendem Hohne, es beliebt Ihnen, eine erhabene Rolle ſpielen, eine Märtyrerin der Liebe ſein zu wollen? und Sie fragen mich, wie ich Sie von dieſer Erhabenheit herunter ziehen will? Ich werde die⸗ ſem jungen Manne, welchen Sie lieben, Ihre Vergan⸗ genheit erzählen, das iſt Alles; ich werde ihm ſagen, daß Prinzeſſin Louiſe keineswegs das keuſche und tugendhafte Geſchöpf iſt, welches er anbetet; ich werde ihm ſagen— Gnade! Gnade! rief die Prinzeſſin, indem ſie ganz zerbrochen auf ihre Knie ſank. 8 Die Fürſtin fuhr unerbittlich fort: Ich werde ihm ſagen: daß ich ſelbſt, die beklagenswerthe Mut⸗ ter einer ehrvergeſſenen Tochter, mitten in der Nacht einen Mann in dem Schlafzimmer ſeiner angebeteten Heiligen fand, daß dieſer Mann Sprechen Sie nicht weiter, Mutter! ſagte die Prinzeſſin, ihre zitternden Arme zu ihrer Mutter erhebend. Sprechen Sie nicht weiter, dieſe Erinne⸗ rungen tödten mich! O mein Gott, zwei Jahre des Kummers und der Thränen haben alſo nicht genügt, dieſen dunkeln Fleck aus meinem Leben wegzu⸗ waſchen, ich ſoll alſo immerdar die zerbrochene Sklavin meiner Vergangenheit ſein. Die Fürſtin näherte ſich ihrer Tochter, und zog ſie ſanft empor. Vein, ſagte ſie, Louiſe, Sie ſollen keine Sklavin, ſondern eine Königin werden. Ich bin überzeugt, daß Sie es nicht zu der Aus⸗ führung meiner Drohung kommen laſſen. Ich ge⸗ ſtatte Ihnen, dieſem jungen Manne das Ideal zu bleiben, welches er anbetet. Indem Sie ihm ent⸗ ſagen, werden Sie ihn nur noch unauflöslicher an ſich feſſeln, und Ihr Bild wird in ſeinem Herzen von einer Glorie umſtrahlt ſein. Ich geſtatte Ihnen ſelbſt, in einer Zuſammenkunft ihn damit bekannt zu machen, daß Sie gehorſam ſich den Befehlen Ihrer Familie fügen, und einen zärtlichen Abſchied zu nehmen. Sie dürfen dieſen Roman einer lieben⸗ den Heiligen ganz zu Ende ſpielen, nur müſſen Sie 42 ſich entſchließen, nachher eine regierende Königin zu werden. Viemals! rief die Prinzeſſin entſchloſſen. Sie wollen alſo, daß ich dieſem unſchuldigen Prinzen Ihre Schmach enthülle? Die Prinzeſſin ſchwieg einen Augenblick. Plötz⸗ lich überzog eine dunkle Röthe ihre Wangen, ein triumphirendes Lächeln verklärte ihre Züge. Aun wohl, ſagte ſie, in derſelben Stunde, in welcher Sie dem Prinzen von der Vergangenheit erzählen, in derſelben Stunde werde ich zu meinem Bruder, dem regierenden Fürſten, gehen und ihm auch von der Vergangenheit erzählen; ich werde ihm ſagen, warum er noch unvermählt iſt, und wer ihn getrennt hat von— Still! flüſterte die Fürſtin, ängſtlich umher blickend, als fürchte ſie, die Wände möchten dieſe Worte, welche die Prinzeſſin geſprochen, verrathen. Still, ſprechen Sie nicht weiter! Sie werden dieſe Drohung nicht ausführen. Es iſt unmöglich, daß eine Tochter ſich ſo verſündige gegen ihre Mutter. Es iſt eben ſo möglich, als daß eine Mutter ihre Tochter beſchimpft in den Augen deſſen, den ſie liebt. Ja, den ſie liebt mit einer heiligen und keu⸗ ſchen Liebe und mit einer jungfräulichen Seele! 43 Lachen Sie immerhin, meine gnädigſte Mutter! Sie, welche Ihr Herz getödtet haben, können weder meine Qualen, noch meine Entzückungen kennen. Aber das ſollen Sie wiſſen, daß ich dieſen Mann liebe, wie Sie die Größe und das Herrſchen lieben, und daß ich um den Beſitz meines Geliebten kämpfen werde, wie eine Löwin. Ah, es iſt alſo ein Kampf auf Leben und Tod, welchen Sie mir da anbieten? fragte die Fürſtin. Ja, auf Leben und Tod! wiederholte die Prin⸗ zeſſin, denn ich werde lieber ſterben, als meiner Liebe entſagen. Nun wohl, es ſei, rief die Fürſtin. Wir wer⸗ den ſehen, wer von uns beiden die ſchärfſten Waffen hat, und den Kampf am längſten aushalten kann. Sie ſind alſo entſchloſſen, Ihre Mutter an den Fürſten zu verrathen? Sobald meine Mutter mich an meinen Gelieb⸗ ten verräth. Die Fürſtin runzelte die Stirn, und ihr Fuß trat heftig auf den Teppich des Fußbodens. Dann, in Folge langjähriger Gewohnheit, ihre Selbſtbeherr⸗ ſchung und Ruhe wieder gewinnend, reichte ſie r die Hand. Schließen wir einen Waffenſtillſtand, ſagte ſie. Warten wir noch vier Tage, ehe wir den Kampf beginnen. Ich gebe Ihnen vier Tagk⸗ mit dieſem jungen Prinzen ungeſtört zu ſchwärmen und zu lie⸗ ben, vier Tage— Vier Tage, unterbrach ſie die Prinzeſſin mit einem ſchlauen Lächeln, vier Tage, um zu verſuchen, ob die ſchöne Lucinde nicht im Stande iſt, das Herz des unempfindlichen Fürſten zu erwärmen. Mein Gott, Sie wiſſen auch dies? fragte die Fürſtin. Die Prinzeſſin verbeugte ſich. Sie ſehen, gnä⸗ digſte Frau, daß Ihre Vertrauten nicht alle ſo ver⸗ ſchwiegen ſind, wie ich es war und noch vier Tage ſein werde! In dieſem Augenblick ließ ſich ein leiſes Klopfen an der Thüre hören, und man vernahm die Stimme der Oberhofmeiſterin, welche um Einlaß bat. Die Fürſtin trat raſch vor den großen Wand⸗ ſpiegel und ordnete flüchtig ihr Haar und prüfte ihre Mienen, ob ſie den Sturm ihrer Seele nicht verriethen; dann heftete ſie ihre prüfenden Blicke auf ihre Tochter. Sie ſind ſehr bleich, Louiſe, ſagte ſie, haben Sie die Güte, ein wenig zu lächeln und ein fröhli⸗ ches Anſehen zu zeigen. Die Fürſtinnen haben 4⁵ nicht das Recht, ihre Empfindungen zu verrathen, und Niemand darf ahnen, was hier zwiſchen uns geſchehen iſt. Die Prinzeſſin zwang ſich zu einem kummer⸗ vollen Lächeln, und die zufrieden geſtellte Fürſtin geſtattete der Oberhofmeiſterin einzutreten. Sie allein hat Louiſen meinen Plan mit Lu⸗ einden verrathen, dachte die Fürſtin, während die Oberhofmeiſterin ihre ceremoniöſe Verbeugung machte. Laut ſagte ſie: nun meine liebe Gräfin, was brin⸗ gen Sie uns Veues, und was giebt es ſo Wichtiges, das berechtigt iſt, ein vertrauliches Zwiegeſpräch zwiſchen Mutter und Tochter zu ſtören? Hoheit haben vergeſſen, daß heute große Cour iſt bei der Prinzeſſin Louiſe. Hoheit, die Damen warten bereits in der Antichambre, voll Sehnſucht, die Hand ihrer Hoheit an die beglückten Lippen zu drücken. Aber, mein Himmel, was ſeh ich, die gnä⸗ digſte Prinzeſſin ſind noch im Promenadeanzug! Beruhigen Sie ſich, ſagte Prinzeſſin Louiſe kalt, wenn dieſe Damen mich in der That ſo zärtlich lie⸗ ben, wie Sie meinen, ſo wird es ihnen gleich ſein, in welchem Anzuge ich ſie empfange. Und nachdem ſie ſich tief vor der Fürſtin ver⸗ neigt, verließ die Prinzeſſin gehobenen Hauptes und 46 ſtolzen Blickes das Zimmer, um ſich zur Cour zu begeben. Die Oberhofmeiſterin blickte ihr nach, bis ſie hinter der Portiére verſchwunden war, dann wandte ſie ſich an die Fürſtin und ſagte raſch und geheim⸗ nißvoll: Hoheit, die Baronin Winter iſt angekommen und bittet um Audienz. Lucinde! rief die Fürſtin. Iſt ſie noch immer ſchön? Bezaubernd! Ah, Gott ſei gelobt! Eilen Sie Gräfin, führen Sie die Baronin ſogleich her zu mir, und daß Vie⸗ mand es wage, mich zu ſtören. So lange Lucinde bei mir iſt, bin ich für Niemand ſichtbar, ſelbſt nicht für den Fürſten. Eilen Sie, rufen Sie Lucinde, und geſegnet ſei ihr Eintritt in dieſes Schloß. IMI. Lurinde. Die Fürſtin verweilte noch immer in ihrem Kabinet, im geheimen Zwiegeſpräch mit der ſchö⸗ nen Baronin Lucinde Winter. Die Kammer⸗ herren und Hofdamen warteten in der Antichambre mit einem Mißvergnügen, das ſich ſchlecht unter einem Lächeln verbarg, auf das Ende dieſer myſte⸗ riöſen Audienz. Nur die Oberhofmeiſterin ging an der Thür des ſürſtiche Boudoirs auf und ab, und ließ aus er triumphirenden Miene verrathen, daß ſie dieſes Beheinniß, welches den Hof auf die Folter ſpannte, ſehr gut kenne. Ein märriſches Schweigen herrſchte daher in der Antichambre. Selbſt die beiden Hofdamen ver⸗ gaßen endlich ihr anmuthiges Lächeln und zeigten ein verdrießliches Geſicht, und der Kammerherr mur⸗ 48 melte ſogar halblaute Flüche und Verwünſchungen gegen die Caprice ſeiner hohen Gebieterin. Plötzlich ward dieſe verdrießliche Stille im Vor⸗ ſaale durch ein lautes Geräuſch im Hofe unterbrochen. Man vernahm Hundegebell und Pferdegeſtampfe, eine ſchmetternde Fanfare ertönte, und unter Peit⸗ ſchengeknall und Jubelrufen fuhren mehrere Wagen in den Vorhof ein. Der Fürſt, flüſterten die im Vorſaal Verſam⸗ melten, und ganz mechaniſch wandten ſie ſich Alle den Fenſtern zu, aus welchen man in den Hof blickte. Dort war plötzlich ein reges Leben erwacht. Livreebediente und Jäger, Hunde und Pferde be⸗ wegten ſich dort im bunteſten Gewimmel und an dem weit geöffneten Hoſthor ſtand die gaffende Menge, welche ſo eben dem von der Jagd heim⸗ kehrenden Fürſten ihre jubelnden Grüße entgegen gerufen. 8. Der junge Fürſt hatte die Suwtulhe ver⸗ laſſen und ſtand im ernſten Geſpräche mit dem Ober⸗Jägermeiſter, der in te Worten lauſchte, welche langſam und ſchwer von den Lippen ſeines jugendlichen Herrſchers floſſen. Die Jagd war gut, ſagte Fürſt Friedrich mit bietung den —— 49 feierlicher Würde, ich bin zufrieden, mein lieber Graf. Wir wollen nächſtens wieder ein ſolches Treibjagen halten, und ich bitte Sie daher, ein recht wachſames Auge für dieſes edle Geſchöpf zu haben, dem wir heute zumeiſt unſer Vergnügen verdanken, natürlich nächſt Ihnen, mein lieber Ober⸗Jäger⸗ meiſter. Aber, ſehen Sie, da kommt dieſes prächtige Geſchöpf eben heran gefahren. Laſſen Sie uns ſehen, ob es ſehr gelitten hat! Und der junge Fürſt vergaß einen Moment ſeine angenommene ernſte Würde und näherte ſich mit jugendlicher Lebhaftigkeit dem Wagen, welcher ſo eben, mit ſechs Rappen beſpannt, langſam und feierlich in den Hof einfuhr. Es war ein ſeltſamer Anblick, welcher ſich jetzt dem überraſchten Auge eines nicht in die Jagd⸗ myſterien Eingeweihten darbot. Auf dieſem großen mit Stroh ausgeflochtenen Leiterwagen ruhte, ma⸗ jeſtätiſch hingelagert, ein Edelhirſch von ſeltener Schönheit und Größe. Nur das Haupt mit den blitzenden Augen und dem ſtolzen Geweih war ſicht⸗ bar, während man den Leib des Thieres ſorgſam in wollene Decken eingehüllt und die keuchende Bruſt mit weichen Kiſſen geſtützt hatte. 3 35 Dieſes Thier war der erſte Hetzhirſch des Fürſten⸗ E 4 3 50 Spanien hat ſeine Stiere und Büffel für die Arena, Fürſt Friedrich in Norddeutſchland hat ſei⸗ nen Hetzhirſch für den von Hochwild entvölkerten Wald. Die Jagd war die einzige Freude dieſes ju⸗ gendlichen Herrſchers. Richts hat ihm bis dahin Freude gemacht, weder die Liebe, noch das Herrſchen; die erſtere hat er ſeiner Prinzeſſin Schweſter, das zweite ſeiner Fürſtin Mutter überlaſſen. Aur die Jagd iſt ſeine Freude, und keine Art derſelben iſt ihm lieber als die Hetzjagd. Wenn der Wald widerhallte von den Fanfaren⸗ klängen der Jäger, von dem taktmäßigen Geklappern der Treiber, dann verbreitete ſich zuweilen ein ſchwa⸗ ches Lächeln über das Antlitz des Fürſten und einſt⸗ mals ſogar hatte man ihn den luſtigen Refrain eines Jägerliedes murmeln hören. Aber zu einer Hetzjagd gehört vor allen Din⸗ gen das geeignete Wild, der ſchnellfüßige Cdelhirſch mit dem ſtolzen Geweih, und doch waren, wie ge⸗ ſagt, die fürſtlichen Forſten entvölkert von Hochwild. Aur dieſes einzige ſeltene Prachtexemplar hatte der Ober⸗Jägermeiſter an einem glücklichen Tage einge⸗ fangen, und deshalb konnte jetzt der Fürſt, trotz des Mangels an Hochwild, ſeine Hetzjagden feiern. 51 Der Hirſch ward deshalb niemals getödtet, ſondern am Schluſſe jeder Jagd, wenn man ihn mit Schreien und Pfeifen und Klappern einen gan⸗ zen Tag lang herum gehetzt und es ſoweit getrieben, daß das arme Thier zuſammenbrach vor Ermattung und Todesangſt, ward er zu neuem Leben begnadigt. Man gönnte ihm nicht die Wohlthat des Todes, man ſparte ihn auf zu neuen Martern und ſtatt ihn zu Kugel und Blei zu begnadigen, verdammte man ihn zum Leben der Gefangenſchaft. Der Edel⸗ hirſch ſchmachtete im fürſtlichen Kerker, und wenn ſeine Wunden geheilt, ſeine matt gehetzte Bruſt ge⸗ ſtärkt war, erſt dann ward er wieder hinaus gelaſ⸗ ſen in die Freiheit des Waldes, um auf's Neue faſt zu Tode gehetzt, auf's Neue gefangen zu werden. Oſt hatte das arme Thier jedoch, bis es zu dieſem Tage einer gequälten und martervollen Freiheit ge⸗ langte, tagelange Reiſen zu machen, je nachdem der Fürſt in dieſem oder jenem Walde eine Hetzjagd zu feiern wünſchte, und es war deshalb nöthig geweſen, einen eigenen Wagen, in ſtarken Federn hängend, zu bauen für den edlen, fürſtlichen Hetzhirſch. Und dieſe Geſchichte, welche ich Euch erzähle, ſpielt nicht in den Feudalzeiten des Mittelalters, ſondern im Jahre des Herrn 1849, und in einem 4* 52 — Lande, welches ebenſo gut wie jedes andere deutſche Land im Jahre 1848 ſeine Revolution und ſeine Volksſouverainität gehabt hatte. Die Fürſten und die Völker haben beidt etwas gelernt in dieſem denkwürdigen Jahre. Die Fürſten haben gelernt, ihre Völker zu verachten, und die Völker haben gelernt, ihre Fürſten zu fürchten. Die Schwäche und Erbärmlichkeit der Einen hat die Andern groß und erhaben gemacht! Vachdem der Fürſt ſich durch eigene Anſchauung überzeugt, daß der Edelhirſch die Qualen dieſes Ta⸗ ges noch einmal überleben, und zu neuen Martern ſich erkräftigen würde, entließ er mit einem gnädi⸗ gen Kopfnicken den Oberjägermeiſter und das Jagd⸗ gefolge und ſtieg langſam die Stufen des Luſtſchloſ⸗ ſes hinan, um ſich in ſeine Gemächer zu begeben und auszuruhen von den Anſtrengungen des Tages. Aber nicht blos die Hofleute in der Anticham⸗ bre hatten am Fenſter geſtanden, den heimkehrenden Fürſten zu ſehen, ſondern auch die Fürſtin Mutter war eine aufmerkſame Beobachterin deſſelben gewe⸗ ſen und mit ihr dieſe ſchöne Baronin Winter, deren ſo lange und geheimnißvolle Andienz das Hoſperſo⸗ nal in Verzweiflung brachte. g Als der Prinz im Portale des Schloſſes ver⸗ S S — ſchwunden war, wandte ſich ſeine Fürſtin Mutter mit inem Lächeln mütterlichen Stolzes an die Baronin. Aun, Lucinde, wie gefällt Ihnen mein Sohn? Die junge Dame ſchwieg, und um ihren ſchö⸗ nen Mund zeigte ſich einen Moment ein verächtli⸗ ches Lächeln, welches das Antlitz der Fürſtin ſchnell umdüſterte. Mein Gott, fragte ſie änglich, er miffällt Ihnen, und Sie werden nun meinen Wunſch nicht erfüllen? Die Baronin ſchwieg noch immer und ſenkte mit einem ſtillen Seufzer ihr Haupt auf die Bruſt. Die Fürſtin heſtete ihre forſchenden Blicke auf ſie, und indem ſie dieſe üppige und doch zarte Geſtalt, dieſes Ebenmaß der ſchwellenden Glieder, dieſe be⸗ zaubernden Schultern, dieſe vollen, weichen Arme und endlich dieſes reizende Antlitz betrachtete, das ſo edel in ſeinen Formen, und ſo bezaubernd in ſeinem jugendlichen Liebreiz war, ſagte ſie halblaut zu ſich ſelbſt: er wird ihr nicht widerſtehen können, denn ſie iſt wundervoll. Die Baronin hatte ſie verſtanden; ſie heftete auf die Fürſtin ihre großen dunkeln Gaezllenaugen und ſagte mit faſt flehendem Ausdruck: Frau Für⸗ ſtin, ich bitte um Gnade für den Fürſten! — 54 Die Fürſtin lachte. Mein Gott, ſagte ſie der⸗ urtheile ich ihn denn? Iſt es eine Strafe, Si be ben zu ſollen? Ja, gewiß iſt es eine en rief das junge Weib ernſt, denn ich werde ihn nicht wieder lieben. Und wiſſen Sie das ſo genau? fragte die Für⸗ ſtin pikirt. Ich weiß das ſo genau, als ich weiß, daß die Steine nicht aufſtehen und wandeln, und die Fiſche nicht ſprechen werden, ſagte Lucinde mit einem ſchwermüthigen Ausdruck. Mein Herz iſt kalt und wird ſich niemals erwärmen können. Die Fürſtin dachte: eben weil ich das weiß, wählte ich Dich für meinen Sohn. Laut ſagte ſie: 5 Sie ſind noch ſo jung, der Zauberer, welcher Ihr b⸗ wecken wird, kann jede Stunde Ihnen er⸗ ſi einen. Vein, ſagte Lucinde traurig, er wird niemals kommen. Glauben Sie mir, es iſt dies das entſetz⸗. lichſte Geheimniß meines Lebens— ich bin ohne Empfindung geboren. Ach, Sie wiſſen nicht, welche Qualen der Hölle in dieſem Bekenntniß liegen. Ich ſtehe vor den Schätzen der Welt mit ſtumpfen Sinnen. Dieſe füßen Laute der Liebe, welche das Ohr jedes Weibes mit Entzücken erfüllen, ich habe ſie nie vernommen, denn meine Seele iſt taub, ſie iſt blind und wird niemals dieſe köſtlichen und hei⸗ ligen Geheimniſſe, welche auf einem geliebten Men⸗ ſchenantlitze geſchrieben ſind, leſen können; umringt von den höchſten Genüſſen des Lebens, werde ich ſtets nur die Tantalusqualen des Entbehrens kennen. Die Fürſtin lachte. Sie ſind wunderbar, ſagte ſie. Sie, welche jung, ſchön, reich, bewundert und angebetet von aller Welt ſind, Sie ſen von Entbehrungen. Und ich ſpreche die Wahrheit, rief ſie ſchmerz⸗ lich. Oh, wie oft habe ich nicht dieſe Schönheit verwünſcht, welche alle Welt entzückt, denn in dieſer Schönheit ruht das Geheimniß meines Unglücks. Indem die Natur meine äußere Geſtalt verſchwen⸗ deriſch ausſtattete, hat ſie mein Inneres vernachläſ⸗ ſigt, hat ſie vergeſſen, dieſer wandelnden Marmor⸗ ſtatue ein Herz zu geben. Zuweilen glaube ich al⸗ les Ernſtes, daß ich irgend eine dieſer griechiſchen Statuen des Alterthums bin, welche wir um ihrer Schönheit willen anbeten, und daß ein neidiſcher Zauberer ſich den Spaß gemacht hat, die Statue von ihrem Poſtament herabzubeſchwören und ſie wandeln zu laſſen. 56 Sie haben alſo niemals geliebt? fragte die Fürſtin ungläubig. Viemals, Hoheit, ſagte Lueinde mit einem be⸗ zaubernden Lächeln, niemals, obwohl ich ſehr viele Liebhaber gehabt habe. Doch waren Sie verheirathet, Baronin. Das heißt, um das Heer meiner ju ngen Lieb⸗ haber zu ärgern und ihre eitle Arroganz zu demü⸗ thigen, wählte ich mir einen zitternden Greis zu mei nem Gemahl, der zehn Tage nach der Hochzeit ſtarb. Ach, es ſcheint alſo, Sie haſſen die Männer? Oh mein Gott, ich haſſe ſie nicht, ich verachte ſie nur, rief Lucinde. Ich habe ſie zu viel winſeln und ſeußzeit gehört, ſie zu viel in ihrer Erniedrigung vor mir geſehen. Und indem ſie in ein bezaubern⸗ des Lachen ausbrach, fuhr Lucinde fort: Glauben Sie wohl, gnädigſte Frau, daß ich zuweilen in der Verzweiflung meines Herzens gewünſcht habe, irgend einem Manne zu begegnen, der brutal und empfin⸗ dungslos genug wäre, ſtatt mich anzubeten, mich ins Angeſicht zu ſchlagen? Ich glaube einen ſolchen Mann würde ich geliebt haben. Die Fürſtin ſtimmte in das luſtige Lachen ein, dann ſagte ſie ernſthaft: Aber laſſen Sie uns jetzt von meinem Plane ſprechen. Auf Ihnen ruht meine 57 letzte Hoffnung. Sie allein ſind im Stande, das fühlloſe Herz meines Sohnes zu erweichen und ihn die Liebe kennen zu lehren. Ich bitte Sie darum mit der flehentlichen Angſt einer Mutter und einer Fürſtin zugleich. Das Land verlangt eine Sicherung der Dynaſtie, es verlangt eine Fürſtin und einen Thronerben. Sie wünſchen alſo, daß ſich der Fürſt ſo ſehr in mich verliebe, daß er den Unſinn begeht, mir ſeine Hand und ſeine Krone anzubieten? fragte Lu⸗ cinde mit einem ſchalkhaften Lächeln. Die Fürſtin gerieth in Verwirrung. Ich wünſche vor allen Dingen, daß ſein Herz aus ſeinem Winter⸗ ſchlafe erwache, und Sie ſind die Zauberin, welche es wecken ſoll. Da Sie ihn nicht lieben, weiß ich, daß Sie in Ihrem ſtolzen Unabhängigkeitsgefühl ihn auch nicht heirathen wollen! Aber wenn ich, welche die Liebe nicht kennt, nun vielleicht den Ehrgeiz kennte? fragte Lucinde, indem ſie ihre großen leuchtenden Augen mit durch⸗ bohrendem Ausdrucke auf die Fürſtin heftete. Oh, es giebt Frauen, welche ſich, wenn ihnen die Liebe verſagt iſt, in den Ehrgeiz flüchten, um doch Etwas zu haben, was ihre Seele ausfüllt. Wenn ich zum Beiſpiel das Glück hätte, die Mutter eines regieren⸗ 58 den Fürſten zu ſein, welcher den Einfall hat, das Szepter den Händen ſeiner erlauchten Mutter ent⸗ reißen zu wollen, ſo würde ich ehrgeizig genug ſein, dieſes Gelüſte meines Sohnes nicht dulden zu wollen, ſondern jedes Mittel anzuwenden, es zu vereiteln und im Keime zu erſticken. Und welches Mittel würde Ihnen dazu am geeignetſten erſcheinen? fragte die Fürſtin mit nieder⸗ geſchlagenen Augen. Lucinde ſah ihr mit einem boshaſten Licheln in das verwirrte Antlitz. Ich würde, ſagte ſie, dar⸗ nach trachten, ihm eine Geliebte zu geben, welche ihn in ſüße Träume einwiegt und ihn verhindert, an die ſchwerfälligen Geſchäfte des Regierens zu denken, und welche er andererſeits hinlänglich an⸗ betet, um zu vergeſſen, däß das Land eine Fürſtin und einen Thronfolger fordert. Ich würde, wie ge⸗ ſagt, meinem Sohne eine Maitreſſe geben, welche ihn am Regieren und am Heirathen hindert, eine Armide, welche den Rinald in Banden ſchlägt. Die Fürſtin wandte ſich erröthend ab und ſchwieg. Sie fühlte, daß Lucinde ihre Plane durch⸗ ſchaut und ſie errathen habe. Eine Pauſe trat ein, plötzlich kehrte die Fürſtin ſich entſchloſſen zu Lucinde hin und reichte ihr die Hand. —— 59 Lucinde, ſagte ſie, Ihre Mutter war meine Freundin und ich liebe ſie noch in Ihnen, davon möge Ihnen das grenzenloſe Vertrauen, welches ich in Sie ſetze, ein Beweis ſein. Werden Sie dieſes Ver⸗ trauen verrathen? Lucinde drückte die Hand der Fürſtin an ihre Lippen. Ich werde es rechtfertigen, ſagte ſie. Und mein Sohn? fragte die Fürſtin. Wird mich lieben, wenn er ein Mann iſt, wie alle Männer! Wohlan denn, ans Werk, rief die Fürſtin⸗ Der Moment iſt günſtig, und ich habe meinen Sohn bereits auf Sie vorbereitet. Er iſt ſoeben von der Jagd heimgekehrt und ich ſah an ſeinen erſchöpften Mienen, daß er ermüdet iſt. Einer lang⸗ hergebrachten Gewohnheit gemäß hält er ſeine Sieſta in meinem Arbeitszimmer da drüben, auf einem Di⸗ van, der von Blumen und Vögeln wie mit einer Laube umhüllt iſt. Sie werden dieſe Blumen ordnen und dieſen Vögeln ihr Futter geben. Und wenn dieſer königliche Adler auch Durſt bekommen ſollte? So werden Sie ihn tränken, Lucinde. — V. Der neue Foſeph und Potiphars Weib. Fürſt Friedrich hatte ſich, wie ſeine fürſtliche Mutter es vorhergeſagt, in das Arbeitszimmer der⸗ ſelben begeben, um auszuruhen. Und in der That, es konnte nichts Behaglicheres, nichts mehr zur Ruhe Einladendes geben, als dieſes Gemach, in welchem neben fürſtlichem Luxus der ſinnigſte Comfort herrſchte. Die dunkelroth ſeidenen Vorhänge der Fenſter ver⸗ breiteten ein angenehmes Dämmerlicht, das dem Auge wohl that, ohne es zu ermüden, die türkiſchen Tep⸗ piſche des Fußbodens, die ſchweren Sammtvorhänge der Thüren verhinderten jedes ſtörende Geräuſch, die köſtlichſten Blumen erfüllten den Raum mit einem ſanft berauſchenden Dufte, und zuweilen ließ einer dieſer ſeltenen und koſtbaren Vögel, die in goldenen Käfigen zwiſchen den Orangen und Myrthen aufge⸗ hangen waren, irgend ein klagendes Lied, einen me⸗ 61 lodiſchen Seufzer ertönen. Dieſes Gemach hatte et⸗ was von einem italieniſchen Hain und etwas von dem Boudoir einer Sultanin, Amor und Pſyche hät⸗ ten unter dieſem künſtlichen Myrthenbosket ihre begei⸗ ſterten Dityramben und Lamartine ſeine Meditations hier dichten können. Der junge Fürſt, welcher auf dem ſchwellenden Divan, unter dieſen blühenden Orangen lag, über⸗ ließ ſich ganz der bezaubernden Ruhe, welche ihn umgab. Er blickte mit irrendem Auge bald auf die bunten Vögel, die in ihren Käfigen ſich ſchaukelten, bald auf die Blüthen, die ſich über ſein Haupt neig⸗ ten. Er hatte ganz das behagliche Gefühl der ſelbſt gewählten Einſamkeit und des Unbeachtetſeins. Er gab ſich ſeinen Träumen hin, und dieſe Träume mußten bezaubernder Art ſein, denn er lächelte zu⸗ weilen, und ſeine ſonſt immer ſo ernſten und unbe⸗ weglichen Züge zeigten bald einen ſchwermüthigen, bald einen freudigen Ausdruck, je nachdem die Ge⸗ danken in ſeiner Seele auf und ab wogten,— All⸗ mälig überließ er ſich dieſem träumeriſchen Zuſtand mehr und mehr, der Orangenduft betäubte ſeine Sinne wie Opium, er erhitzte ſein Blut und machte ſeine Pulſe, welche ſonſt ſtets ihren tuhige Gang gingen,, ſchlagen. 62 Der Fürſt träumte— vielleicht zum erſten Mal in ſeinem Leben— die erhitzten Träume eines jun⸗ gen Mannes von ſechs und zwanzig Jahren. Die Jagd hatte ihn aufgeregt, der Blüthenduft ſchläferte ihn ein zu jener ſüßen Ermattung, welche ſo voll Schwärmerei und Sehnſucht iſt. Plötzlich ſchien es ihm, als ſähe er im Traume eine himmliſche Erſchei⸗ nung: ein junges Weib von wunderbarer Schönheit ſchwebte, den Fußboden kaum berührend, zu ihm heran. Er hatte nie etwas Köſtlicheres geſehen, als dieſe Erſcheinung. Irgend eine Fee war hernieder geſtiegen, um ſeine Sinne aufzuregen, um ihn wahn⸗ ſinnig zu machen vor Pntzücken und Luſt. Es war die Göttin der verkörperten Sinnlichkeit, die gekom⸗ men war, ihn aus ſeinem unnatürlichen Schlafe zu wecken. Wie lockend und vielverheißend war das Lächeln dieſer leicht aufgeworfenen, purpurrothen Lippen, welch' eine geheimnißvolle Gluth ſprühte aus dieſen tiefdunkeln Augen, und wie bezaubernd waren nicht die üppigen Formen dieſer Schultern und Arme. Kein neidiſches Gewand verhüllte die⸗ ſelben, denn dieſe Fee, welche aus irgend einem Blüthenkelche hervorgeſtiegen war, glaubte offenbar allein zu ſein mit den Blüthen und Vögeln, und vor dieſen durfte ſie ihre wundeybare Schönheit 63 immer unverhüllt zeigen. Sie war daher nur im weißen) leichten Nachtgewand, welches mit roſa Schleifen zuſammengehalten, ſich bei jeder Bewe⸗ gung dieſes ſchönen Körpers lüftete und die bezau⸗ bernden Formen dieſer Glieder errathen ließ. Ihre mit duschſichtigen ſeidenen Strümpfen bekleideten zierlichen Füße ruhten in weißen Atlaspantoffeln, ihr über der hohen Stirn geſcheiteltes Haar fiel aufgelöſt in lang wallenden Locken faſt bis auf die Füße hernieder. Ganz gewiß, dies war keine menſch⸗ liche, natürliche Erſcheinung, denn wie ſollte die Hof⸗ etikette einem weiblichen Weſen es geſtatten können, in ſolchem Negligée, wie reizend es immer ſein mochte, in den Zimmern der Fürſtin zu erſcheinen. Es war eine Göttin, welche gerührt von der Einſamkeit des jungen Mannes gekommen war, ihn die Süßigkeit des Lebens und die Berauſchungen der Liebe kennen zu lehren. Der Fürſt überließ ſich daher ohne Rückhalt ſeinem Entzücken. Seine Blicke wurden immer glü⸗ hender, ſeine Wangen rötheten ſich mehr und mehr. Er trank ein füßes Gift aus dem Anblick dieſer Zauberin. Sie neigte ſich nieder! zu den Blumen, welche zu den Füßgn der Orangen ſtanden, und das aufflatternde Gewand enthüllte die ſchönen Formen ihres Buſens; ſie hob ſich empor auf die Spitze ihrer Füße, und küßte die Blüthen der hochſtämmi⸗ gen Myrthen. Dann öffnete ſie den Käfig des weißen Kakadu's und hielt ihm den roſigen Finger hin. Selbſt dieſer ſonſt ſo ſchüchterne Vogel war bewältigt von dem Liebreiz dieſer Zauberin, er hüpfte auf ihre Hand und ſie trug ihn tänzelnd im Zimmer umher. Leicht wie Atalante hüpfte ſie jetzt durch das Gemach, im bezaubernden Spiel mit dem Vogel. Bald ſetzte ſie ihn auf ihre Schultern und hüllte ihn ein in den köſtlichen dunkeln Schleier ihres Haares, bald reichte ſie ihm die Lippen zum Kuſſe dar oder neigte ihr ſchönes Haupt auf das glänzende Gefieder, und alles dies mit einer unnach⸗ Grazie, einer berauſchenden Anmuth. Die Frau Fürſtin Mutter ſtand lauſchend hin⸗ ter der Portiére. Sie öffnete dieſelbe ganz leiſe ſo weit, daß ihr glühendes Auge das Gemach über⸗ ſchauen konnte, und dieſes Auge folgte mit bewun⸗ derndem Entzücken dem reizenden Liebesſpiel der Zauberin. Er wird ihr nicht widerſtehen können! dachte ſie. Meine glühendſten Hoffnungen werden ſich end⸗ lich erfüllen und mein Sohn wird endlich einmal die Liebe kennen lernen. Ach, gelobt ſei Gott, ich werde dann wieder unumſchränkte Herrſcherin ſein und mein guter Sohn wird mich, in ſeinem verlieb⸗ ten Entzücken, nicht mehr hindern, zu thun, was ich will. Ah, wie ſeine Wangen glühen, wie ſein Athem in ſchweren Seufzern aus ſeiner Bruſt emporſteigt. Jetzt richtet er ſich halb empor aus ſeiner liegenden Stellung und blickt zu ihr hin, er hebt die Hand, er winkt ihr, und ſie— mit welchem himmliſchen Lächeln ſchwebt ſie zu ihm heran. Er öffnet ihr die Arme. Mit welcher jungfräulichen Verſchämt⸗ heit ſie zurückweicht, wie ſie ihre vollen ſchwanen⸗ weißen Arme ſanft abwehrend ausſtreckt. Jetzt bewegt ſie ihre Lippen zu einem ſanften Geflüſter. Oh, könnte ich doch hören, was ſie ſpricht! Und die Fürſtin, der nöthigen Vorſicht ver⸗ geſſend, öffnete ein wenig mehr die Portiére, um nicht blos zu ſehen, ſondern auch zu hören. Aber ſie verſtand doch nicht dieſes Geflüſter der Zauberin Lucinde. Fürſt Friedrich indeſſen verſtand es. Mitten in dem Taumel ſeiner Entzückung vernahm er dieſe leiſen Worte:„Seien Sie auf Ihrer Hut, Fürſt Friedrich, man will Sie verführen. Sehen Sie dorthin nach jener Portiére, die Fürſtin beobachtet 1. 5 66 Sie. Seien Sie auf Ihrer Hut und laſſen Sie Sich nicht verführen von mir!“ Wie der giftige Stich einer Schlange trafen dieſe Worte ſein Ohr. Er wollte noch zweifeln, aber als er das Auge nach der Portiére hinwandte, ſah er das Antlitz der Fürſtin, ſeiner Mutter. Das ſchöne Weib ſtand noch immer vor ihm, und mit ihrem berauſchenden Lächeln flüſterte ſie: Verabſchieden Sie mich, Fürſt, bevor Sie dem Zau⸗ ber erliegen; aber morgen, gnädigſter Herr, bitte ich Sie um die Ehre Ihres Beſuches. Die Fürſtin verſtand trotz ihres angeſtrengten Lauſchens dennoch kein Wort von dieſem Geflüſter der ſchönen Lucinde, aber ganz deutlich vernahm ſie 3 alsdann die herriſche und gebieteriſche Stimme ihres Sohnes. Ich bitte Sie, ſagte er, dieſes Blumenbegießen und Vögelfüttern auf eine andere Zeit zu verſchieben. Ich bin müde und will ſchlafen. Verlaſſen Sie da⸗ her dieſes Zimmer und ſtören Sie mich nicht länger. Und indem er ſich zurückwarf in den Divan, weftete er ſe ne Augen mit einem flehenden Ausdruck auf Lucinde. Morgen! flüſterte er. Sie winkte ihm lächelnd mit den Augen, dann 67 wandte ſie ſich, gleichſam entſetzt von ſeinen grau⸗ ſamen Worten, um und entfloh. Hinter der Portiére lehnte die Fürſtin, halb ohnmächtig vor Zorn und getäuſchter Erwartung. Jetzt öffnete ſich der Vorhang und Lueinde ſtürzte ſich in ihre Arme. Die Fürſtin drückte ſie feſt an ihre Bruſt und flüſterte mit einer von Thränen erſtickten Stimme: Ach, Lucinde, es iſt Alles vergeblich, gleich dem Jo⸗ ſeph, ſeligen Angedenkens, hat mein Sohn kein Blut in ſeinen Adern! Se VI. Die Todten ſtehen wieder aut. Fürſt Friedrich hatte, nach den ſtürmiſchen Auf⸗ regungen des Vormittags, endlich ſeine Ruhe wieder gefunden und ſich gleich nach dem Galladiner, welches in den Appartements der Fürſtin Mutter ſtatt ge⸗ habt, in ſeine Gemächer zurückgezogen. Der dienſt⸗ thuende Kammerherr hatte mit Entſetzen in den finſtern Mienen die tiefe Mißſtimmung des Fürſten geleſen und ſann mit ängſtlicher Rathloſigkeit dar⸗ über nach, wie man heute wohl die trüben Wolken von der Stirne Sr. Hoheit vertreiben könne. Er begann daher mit den on dit des Tages, mit der chronique scandaleuse des Hofes, er er⸗ zählte ihm die anmuthigſten Anekdoten von den Hoffräuleins und den tugendhaften Damen des Hoſ⸗ zirkels. Aber der Fürſt achtete nicht auf ihn, ſon⸗ * pern ging mit gerunzelter Stirn auf und ab. 69 Der Kammerherr, eingeſchüchtert von dem hart⸗ näckigen Schweigen ſeines Herrn, fragte endlich zag⸗ haft, ob Se. Hoheit vielleicht auf heute Abend Ge⸗ ſellſchaft befehle, ob man muſiziren, Billard oder Karten ſpielen ſolle. Der Fürſt wandte ſich langſam zu ven uner⸗ bittlichen Frager hin und ſagte mit ſeiner tonloſen, ernſten Weiſe: Vichts von dem Allen, Herr Graf! Ich will keine Geſellſchaft. Ich will allein ſein, und zwar ganz ungeſtört. Geben Sie mir die Zei⸗ tungen der verfloſſenen Tage, denn ſeit dieſen zwei Tagen, die ich auf der Jagd war, weiß ich nicht mehr, was in der Welt geſchieht. Und die Welt iſt jetzt leider ſo entartet und krank, ſeufzte der Kammerherr, daß man in jeder Stunde einen neuen Paroxismus, einen neuen Wuth⸗ anfall befürchten muß! Ja, die Welt iſt krank, wiederholte der Fürſt, als er allein war, krank in ihren innerſten Einge⸗ weiden, und ich bin ein ſiecher Sohn dieſer ſiechen Welt. Ich leide ihre Schmerzen und werde nieder⸗ gebeugt von Verirrungen, die ich nicht einmal ſelber begangen habe. Und der Fürſt, um ſich zu zerſtreuen von ſeinen finſtern Gedanken, nahm ein Zeitungsblatt und ließ 70 ſich langſam in einem Fauteuil nieder. Anfangs las er mit zerſtreuten Sinnen, das ſchöne Traumbild dieſes Morgens gaukelte noch immer vor ſeiner Seele; allmälig aber nahmen ſeine Züge einen geſpannteren Ausdruck an, mit Haſt durchflog er die Zeilen, und immer heiterer, immer ſtrahlender ward ſein Ange⸗ ſicht. Zum Tode verurtheilt, ſie haben ihn zum Tode verurtheilt! rief er aufſpringend und das Zei⸗ tungsblatt noch immer in der Hand haltend. Seine Züge nahmen einen gehäſſigen Ausdruck an, eine grauſame, höhniſche Schadenfreude blitzte aus ſeinen Augen. Der ganze Haß, die ganze Wuth ſeiner Seele, welche er ſo lange hatte verbergen und verhüllen müſſen, ſtieg jetzt empor in ſein Angeſicht. Oh, ſagte er, indem ſeine Hand ſich in das Zeitungsblatt hinein krampfte, oh, dies iſt endlich einmal ein unerwartetes Glück, eine Freude in mei⸗ nem armſeligen Leben. Er wird alſo ſterben. Ich werde nicht mehr nöthig haben, ſeinen trotzigen Spott, ſein ſarkaſtiſches Lächeln, ſeine furchtbaren Drohungen zu fürchten. Ich werde nicht mehr ge⸗ nöthigt ſein, für die Ehre meiner Familie zu zittern. Dieſer Menſch, ſo überlegt und klug ſonſt bei all ſeiner Tollkühnheit, ſo raffinirt egoiſtiſch bei aller Verwegenheit, dieſer Menſch iſt alſo doch jetzt in 71 ſein Verderben gerannt. Er, welcher niemals ge⸗ ſchwärmt, hat ſich endlich der Schwärmerei der Volks⸗ beglückung hingegeben. Ach! er wollte nicht blos ein Don Juan, er wollte auch ein Cola Rienzi ſein. Und jetzt wird er den Tod dafür leiden. Ja, Bern⸗ thal, der gehaßte, der gefürchtete Feind meiner Ehre, er wird ſterben, ſterben unter dem Henkerbeil, einen ehrloſen, ſchimpflichen Tod. Nein, nein, er wird nicht ſterben, er iſt ſchon geſtorben und an der Kirchhofs⸗ mauer haben ſie ihn eingeſcharrt. Voch nicht! ſagte eine ernſte, feierliche Stimme hinter ihm, und als der Fürſt enſetzt ſich umwandte, ſchaute er in das lächelnde, bleiche Antlitz deſſen, den er am meiſten auf Erden gehaßt. Halb ohnmächtig vor Zorn und Uebetraſchung ſank der Fürſt in den Fauteuil zurück, während Bernthal ſtolz und lächelnd vor ihm ſtand, und ihn mit ſeinen durchbohrenden Blicken muſterte. Plötzlich ſprang der Fürſt auf, und mit einem verächtlichen Blicke an Bernthal vorübergehend, nä⸗ herte er ſich der Thür. Bernthal hielt ihn zurück. Gnädigſter Herr, ſagte er, Sie wollen Ihre Kammerherren Ihren gerechten Zorn darüber empfin⸗ den laſſen, daß ich unangemeldet in dieſes Kabinet gelangen konnte. Eure Hoheit mögen ſich beruhi⸗ gen, Ihre getreuen Diener ſind ganz unſchuldig an dieſem Frevel. Niemand hat mein Kommen bemerkt. Sie machen es alſo wie der Teufel, ſagte der Fürſt, Sie fliegen durch die Luft zum Fenſter herein. Vicht ganz, Hoheit! Ich komme nur zuweilen durch geheime Gänge und benütze Schlüſſel zu ge⸗ heimen Thüren. Sehen Sie dorthin, gnädigſter Herr, dieſes Bild hängt noch nicht ganz feſt wieder in ſeinen Angeln. Das iſt der Weg, auf welchem ich zu Ihnen gelangt bin. Ich wußte nicht, daß dieſes Zimmer geheime Eingänge habe, murmelte der Fürſt. Ich wußte es, ſagte Bernthal, indem er dem Fürſten ſtarr in's Geſicht ſah, ich wußte es, denn dieſes Gemach war früher das Schlaßimmer Ihrer— Still! unterbrach ihn der Fürſt, ich bin nicht neugierig, zu erfahren, auf welche Weiſe Sie die Spezialkenntniß dieſes Schloſſes erhielten, aber um ſo neugieriger, zu hören, was Ihnen den Muth gab, ſich auf ſo ſeltſame Weiſe zu mir zu drängen. Bernthal zuckte die Achſeln. Was mir den Muth gab? ſagte er verächtlich, es gehört wenig Muth dazu, ſeinen Schuldner aufzuſuchen, und ihn an die Abtragung ſeiner längſt fälligen Schuld zu mahnen. Des Fürſten Antlitz glühte. Sie erlauben ſich eine ſeltſame Sprache! rief er zornig. Bernthal erwiderte ruhig: Es iſt gerade die angemeſſene und paſſende; oder glauben Sie, mein Herr, daß ich demüthigſt und gehorſamſt vor Ihnen kriechen und winſeln und Sie um mein Recht als um eine Gnade anflehen ſoll? Der junge Fürſt bebte vor Wuth. Sie ver⸗ geſſen, daß ſie zu Ihrem Fürſten ſprechen, ſagte er athemlos. Ich erinnere mich nur, daß ich zu meinem Veffen ſpreche, rief Bernthal ſtolz, ich erinnere mich, daß daſſelbe fürſtliche Blut in meinen, wie in Ihren Adern fließt, nur daß dieſes Blut Sie zu Größe und Glanz, mich zu Schande und Erniedrigung ge⸗ bracht hat. Sie ſind ein legitimer Enkel Ihres Großvaters, ich bin ſein natürlicher Sohn. Wollen Sie behaupten, daß das fürſtliche Blut in meinen Adern deshalb dünner iſt, als das Ihrige? Ich behaupte das Gegentheil, denn das Ihrige iſt ver⸗ ſetzt mit dem Waſſer der legitimen Taufe, meines aber iſt außerdem gemiſcht mit den heißen blutigen 74 Thränen meiner armen Mutter, mit den Thränen, die ſie weinte über ihre Schmach und Schande. Kennen Sie das Schickſal meiner Mutter? fragte Bernthal plötzlich, indem er dem Fürſten ſon Ant⸗ litz zuwandte. Fürſt Friedrich war im Begriff, ihm eine un⸗ willige Antwort zu geben, aber er verſtummte, als ſein Blick den Augen Bernthals begegnete. Dirſe Augen ſtanden voll Thränen und eine tiefe muth ſprach aus ſeinen Zügen. Kennen Sie das Schickſal meiner Mutter? wiederholte er leiſe. Nein, ich weiß, Sie kennen es nicht, denn Niemand wird Ihnen haben ſagen dür⸗ fen, daß Ihr Großvater, obwohl ein Fürſt, h ein Betrüger und Ehebrecher war. Der Fürſt fuhr wild empor. Schweigen Sie, rief er, ſchweigen Sie, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt! Ich dulde dieſe unverſchämte Sprache nicht. Und was wollen Sie wenn ich nicht ſchweige? Ein Ruf von mir, und meine Diener kommen herbei, und ich übergebe ihnen den zum Tode ver⸗ urtheilten Verbrecher. Hüten Sie ſich davor, ſagte Bernthal ruhig. Denn in derſelben Stunde, in welcher mein Haupt S 75 fällt, wird ein treuer und mir ganz ergebener Freund in alle Zeitungen eine Abſchrift gewiſſer Briefe ſen⸗ den. Seien Sie überzeugt, Fürſt Friedrich von Gottes Gnaden, daß alle Zeitungen ſich beeilen werden, dieſe intereſſanten Briefe mitzutheilen, denn ſie enthalten ſehr pikante Details über ein ſehr ge⸗ n 6 und zärtliches Verhältniß des Hochverräthers Baron Bernthal und einer erlauchten fürſtlichen Perſon. Ah dieſe Briefe! dieſe Briefe! murmelte der Fürſt zähneknirſchend, indem er mit der geballten Fauſt gegen ſeine Bruſt ſchlug. Ja, dieſe Briefe, rief Bernthal triumphirend, dieſe Briefe ſind das Damoklesſchwert, welches über Ihrem Haupte ſchwebt, und der Talismann, welcher mich vor dem Verderben ſchützt. Ach, ich weiß, mein fürſtlicher Veffe gäbe eine Tonne Goldes darum, wenn er dieſe Briefe in ſeinen geballten Fäuſten zermalmen könnte. Aber beruhigen Sie ſich, Durchlaucht, ſie ſind ſo ſicher verwahrt, daß Niemand ſie entdecken kann.— Wollen Ew. Hoheit jetzt die Geſchichte meiner Mutter hören? Der Fürſt, welcher bis jetzt mit verhülltem Geſicht dageſtanden, ließ jetzt langſam ſeine Hände 8 76 herabgleiten. Sein Antlitz war erdfahl, ſeine bläu⸗ lichen Lippen bebten. Ich will ſie hören, ſagte er tonlos, indem er auf einen Seſſel ſank. Dann aber ſich plötzlich er⸗ mannend, ſagte er: Ja ich will ſie hören, nur er⸗ lauben Sie mir zuvor eine Depeſche zu befördern, deren Abfertigung ich verſprochen habe.* Und indem der Fürſt an den Schreibtiſch trat und mit eiliger Hand einige Zeilen ſchrieb, fuhr er fort: Mein fürſtliches Wort darauf, daß dieſe De⸗ peſche Sie nicht betrifft und weder mit Ihrer Per⸗ ſon, noch mit Ihrer Sicherheit im mindeſten Zu⸗ ſammenhange ſteht. Ich glaube es, ſagte Bernthal, denn Eure Ho⸗ heit wiſſen ſehr wohl, daß mein Verderben, ſo wie jetzt die Sachen ſtehen, für Sie ſelber ſehr unange⸗ nehme Folgen haben müßte. Treten Sie jetzt hinter dieſen Vorhang, damit der Diener, welcher dieſe Depeſche befördern ſoll Sie nicht ſieht und, weniger diskret als ich, Sie ver⸗ rathen möchte. Bernthal gehorchte ſchweigend und der Fürſt ſchlug dreimal gegen eine kleine ſilberne Glocke, ei Zeichen, daß der vertraute Kammerdiener einzutre habe. Beim dritten Schlag öffnete ſich die 77 und die herkuliſche Geſtalt des Dieners zeigte ſich in derſelben. Der Fürſt ſah ihn an und ein verwegener Ge⸗ danke, ein Gedanke, wie ihn nur die äußerſte Ver⸗ zweiflung, der glühendſte Haß eingeben kann, durch⸗ zuckte ſeine Seele. Werner, mein Kammerdiener, iſt ſtark wie ein Rieſe, dachte der Fürſt, und ohne Zweifel würde es ihm ein Leichtes ſein, dieſen verhaßten Feind zu be⸗ wältigen. Ein Wink, ein leiſes Wort von mir, und Werner ſchleicht nach jener Portiére hin. Ehe Jener es ahnt, hat er ihn in ſeine rieſenſtarken Arme ge⸗ vrückt und ihn gefeſſelt. Und dann, bin ich nicht auch noch da, ihm beizuſtehen, wenn dieſer Menſch ſich wehren ſollte? Aber ſei es nun, daß die angeborene Ritter⸗ lichkeit des jungen Fürſten über ſeine ſchlimmen Ge⸗ danken ſiegte oder, daß er ſich der Drohungen Bernthals erinnerte, daß mit ſeinem Tode dieſe ge⸗ fürchteten Briefe Bernthals veröffentlicht werden wür⸗ den,— er unterdrückte ſeine blutdürſtigen Gedanken und übergab das zuſammengefaltete Papier ſeinem Diener. Beſorge es an die Adreſſe, und ſogleich, befahl er, und daß Niemand es wage, mich zu ſtören. 78 Der Diener entfernte ſich und Bernthal trat wieder hinter der Portiére hervor. Glauben Sie an die Wiſſenſchaft der Phy⸗ ſiognomik, Hoheit? fragte er. Der Fürſt ſah ihn verwundert an und ewie⸗ derte nichts. Ich bin ein großer Gelehrter in dieſer Wiſſen⸗ ſchaft, fuhr Bernthal fort, und um Ihnen einen Be⸗ weis davon zu geben, will ich Ihnen ſagen, was ich auf ich auf Ihrem Antlitz geleſen, während ich hinter jenem Vorhang dort ſtand. Ich las darin von Ihrer zärtlichen Beſorgniß für mich. Als Sie dieſen Rieſen, Ihren Kammerdiener, betrachteten und ſich entſannen, daß er Ihnen mit Leib und Seele ergeben iſt, dachten Sie, daß dieſer Menſch, wenn er mich zufüllig hinter dem Vorhange endeckte, mich tödten, mich in ſeinen Armen erſticken würde, ehe ich Zeit hätte, nur einen einzigen Schrei auszuſtoßen. Aber beunruhigen Sie ſie ſich nicht um mich, Hoheit, ich bin nicht minder kräftig als Ihr Rieſe, und zudem gehe ich niemals unbewaffnet in die Höhle des Tiegers. Und indem er ſo ſprach, zog er ein Terzerol aus ſeiner Buſentaſche hervor. . 79 Der Fürſt biß ſich in die Lippen, daß ſie bluteten. Wollen Sie mir jetzt in Gnaden Gehör geben? fragte Bernthal mit ironiſcher Demuth. Ich bin bereit, Sie anzuhören, ſagte Fürſt Friedrich, indem er ſich in den Divan ſetzte und Bernthal winkte, ihm gegenüber Platz zu nehmen. VII. Ein natürlicher Sohn. Eine Pauſe trat ein, dann ſagte Bernthal mit leiſerm, weichen Ton: Ich habe Ihnen geſagt, daß ich Ihnen von meiner Mutter erzählen will. Aber indem ich es jetzt thun will, bereue ich es ſchon. Denn meine Lippen ſind nicht würdig, ſie zu nennen, und Ihre Ohren nicht heilig genug, mit rechter An⸗ dacht die Geſchichte eines Weibes zu hören, welche eine Heilige war, obwohl die Welt ſie verdammte und verhöhnte. Ja, ich, welcher an nichts auf Er⸗ den mehr glaubt, ich, für den es keine Ideale und keine Illuſionen mehr gibt, ich ſage Ihnen, meine Mutter war eine Heilige, ſie würde die Zierde eines Thrones geweſen ſein, obwohl ſie nur die Tochter eines Gärtners war. Aber ſie war ſchön und köſt⸗ lich wie ein junger Frühlingsmorgen, und wenn der Fürſt, Ihr Großvater, durch den Garten ging und — 81¹ in der Roſenlaube die Tochter ſeines Gärtners ſah, ſo hüpfte ihm das Herz in ſeiner Bruſt und der ſechzigjährige Greis fand in ſich die lebhafte Gluth und die heißen Wünſche ſeiner Jünglingszeit wieder. Erlaſſen Sie mir die lange und weitläufige Ge⸗ ſchichte dieſer Verführung. Des Mädchens eigener Vater war mit dem Fürſten im Bunde, deſſen Gold ihn verblendet und gegen das Flehen ſeiner Tochter taub gemacht hatte. Eines Tages fuhr er mit ihr auf ein fürſtliches Jagdſchloß. Niemand war dort als Se. Hoheit. Die hohen einſamen Säle hallten wieder von den Klagen, dem Jammergeſchrei dieſes unglücklichen jungen Mädchens, dem man zu der⸗ ſelben Stunde ihre Vergangenheit und ihre Zukunft, ihre Liebe und ihre Unſchuld ſtahl. Sie lag zu den Füßen des Fürſten und geſtand ihm, daß ſie ſich einem armen jungen Manne verlobt habe, den ſie liebe, und daß ſie die Armuth mit dieſem dem reichen Elend an der Seite eines fürſtlichen Greiſes vorziehe. Der Fürſt war taub gegen ihr Flehen, taub gegen ihre Flüche und Verwünſchungen, aber in der Gluth ſeiner Leidenſchaft ſchwur er mit einem heiligen Eide, die Tochter ſeines Gärtners zu ſeiner rechtmäßigen Gemahlin zu erheben. Und weil ſie ihn verhöhnte mit ſeinem Eide und ſeinen Kügeriſchen Schwüren, geri 8² ſchrieb der Fürſt, welcher jetzt hoffte, den Ehr⸗ geiz des jungen Mädchens anzuregen, ihr ein feierliches und unzweideutiges Eheverſprechen auf, welches er mit ſeiner eigenen Namensunterſchrift und ſeinem Siegel rechtskräftig und gültig machte. Aber dieſes arme, junge Mädchen kannte keinen andern Ehrgeiz, als dieſen, ſich rein und unſchuldig in die Arme ihres Geliebten legen zu können. Sie wei⸗ gerte ſich daher, trotz des Eheverſprechens.— Doch was half der Widerſtand der hülfloſen Unſchuld gegen den Willen eines Fürſten und gegen die Be⸗ fehle ihres Vaters. Ich habe geleſen, daß Herzog Buckingham Wache hielt, als König Karl M. von England zu den Füßen ſeiner Schweſter, der Her⸗ zogin von Orleans, lag und ihr Liebe ſchwor, aber niemals habe ich gehört, daß ein Vater die Thüre bewachte, hinter welcher man die Unſchuld ſeiner eigenen Tochter mordete. Und doch geſchah dies hier. Entſetzlich! rief der junge Fürſt ganz unwillkürlich. Sie ſehen jetzt, daß ich Recht hatte, Ihren Grovfater einen Meineidigen zu nennen, ſagte Bern⸗ thal, einen Meineidigen und einen Betrüger, denn als ſeine neue Maitreſſe, die arme Gärtnerstochter, nach wenigen Monaten ihn an ſein Verſprechen er⸗ innerte, verlachte er ſi, und nannte ihre Forderung 5 5 83 einen kindiſchen Wahnſinn. Aber dieſes junge, zit⸗ ternde, gebrochene Mädchen war plötzlich ein ſtarkes, entſchloſſenes Weib geworden, ein Weib, welches ihr Geſchick angenommen hatte, und mit ihm kämpfen wollte, weil ſie ſich Mutter fühlte. Der Fürſt ent⸗ ſann ſich jetzt ihres früheren Geſtändniſſes, er erin⸗ nerte ſich, daß dieſes junge Mädchen ihm von einem armen unbemittelten Geliebten geſprochen, deſſen Gattin zu werden ihr höchſter Lebenswunſch ſei. Jetzt ſollte dieſer Lebenswunſch befriedigt werden. Man zog dieſen Geliebten aus der Dunkelheit ſei⸗ ner Armuth hervor, man gab ihm ein Amt, und eröffnete ihm eine Cariére, und alles dieſes nur un⸗ ter der einzigen Bedingung, daß er die Tochter des fürſtlichen Gärtners heirathe.— Er ſagte es freudig zu und flog zu ſeiner Geliebten, ſie mit ihrem bei⸗ derſeitigen Glücke bekannt zu machen. Aber ſie hörte mit einem finſteren Schweigen ſeiner beredten Schilderung ihres künftigen Glückes zu, und dann ſagte ſie ihm die ganze Wahrheit, und daß er nichts weiter ſein ſolle, als der Deckmantel ihrer Schande. Vielleicht hatte ihr Geliebter dies ſchon gewußt und ſich für Amt und Würden verkauft, vielleicht liebte er ſie genug, um ſie, trotz ihrer Erniedrigung noch ſeiner würdig zu finden; er grte ihr, daß „ 84⁴ er ſie dennoch zu ſeiner Gattin machen würde. Seine einſtige Geliebte ſah ihm ſchweigend und ſtarr in die Augen, dann ſchlug ſie ihn in's Geſicht, wie man einen Hund ſchlägt, den man verachtet, und winkte ſchweigend und gebieteriſch nach der Thüre hin. Fürſt Friedrich hatte bis jetzt mit ſichtbarer Unruhe zugehört. Es war offenbar, daß noch an⸗ dere Gedanken ihn beſchäftigten, daß er nur mit halbem Ohre der Erzählung zugehört. Sein Blick richtete ſich oft nach dem Fenſter, und ſeine Mienen drückten geſpannte, lauſchende Erwartung aus. Plötz⸗ lich vernahm man jetzt das laute Geraſſel eines Wagens, der vom Schloßhof abfuhr. Des Fürſten Angeſicht hellte ſich zu einem Lächeln auf, und er nickte leiſe und beifällig mit dem Kopfe. Dann wandte er ſich an Bernthal, welcher eben einen Moment inne gehalten in ſeiner Erzählung. Erzählen Sie weiter, ſagte er freundlich, ich bin ſehr begierig auf die Fortſetzung. Ihre Mutter war ein edles Weib. Deshalb eben mußte ſie leiden, rief Bernthal, denn edle Geſinnung iſt dem Menſchen die ſchlech⸗ teſte Mitgift für dieſe erbärmliche Erde. Weil ich — 8⁵ das erkannte, habe ich mich alles Edelmuthes und aller Grofmuth entäußert und mein Herz zu Stein verhärtet. Ich war ein verſtoßener Sohn ſchon be⸗ vor ich geboren ward, und für ſolche Unbill des Schickſals werde ich Rache nehmen an der ganzen Menſchheit. Und Ihre Mutter? fragte der Fürſt. 5 Sie gebar mich unter Verwünſchungen gegen ihren wortbrüchigen Verführer, unter Thränen der heißeſten Mutterliebe und der glühendſten Weltver⸗ achtung. Und weil ſie denn weder ein unſchuldiges Mädchen, noch eine liebende Gattin ſein konnte, ſo beſchloß ſie, ganz und ungetheilt nur Mutter zu ſein. Für ihren Sohn wollte ſie jetzt alles das⸗ was ſie ſelber verachtete, wollte ſie Glanz, Reich⸗ thum, Ehre und Rang. Mit dem Eheverſprechen des Fürſten in der Hand ging ſie von einem Gerichtshof zu dem andern, überall Gerechtigkeit ſuchend, überall den rechtmäßigen Namen des Va⸗ ters für ihren Sohn beanſpruchend. Die Gerichts⸗ höfe mußten die Giltigkeit ihrer Forderungen aner⸗ kennen, aber ſie nannten dennoch lachend das Be⸗ gehren meiner Mutter tollen Wahnſinn und ten ſich, ihre Klage aufzunehmen. Aber was nützt es, von dieſen vergeblichen Anſtrengungen zu ſprechen,— ſie war eine arme Bürgerstochter, er ein regierender Fürſt— damit iſt Alles geſagt. Ich beſitze dieſe rechtsgiltigen Do⸗ kumente, aber heute ſind ſie nutzlos, denn der, wel⸗ cher ſie geſchrieben, ruht in fürſtlicher Gruft, und die, welche ſie empfangen, meine arme Mutter, ſtarb im Wahnſinn. Entſetzlich! rief der Fürſt. Sie ſind empfindſam, Hoheit, ſagte Bernthal mit einem ironiſchen Lachen. Dann nach einer Pauſe fragte er: Wollen Sie jetzt wiſſen, warum ich Ihnen die Geſchichte meiner Mutter erzählte? Um Ihnen zu beweiſen, daß zwiſchen uns eine Ver⸗ ſöhnung und ein Friede unmöglich iſt, und daß die⸗ ſer Kampf, welchen wir miteinander kämpfen, nur mit dem Tode enden kann. Ich werde niemals aufhören Sie zu haſſen, denn dieſer Glanz, welcher Sie umgiebt, iſt mein rechtmäßiges Eigenthum, mir gebührt Ihr Name, Ihr Thron, Ihr Anſehen in der Welt; und dennoch hat man aus mir einen Baſtard machen können, einen Menſchen ohne Na⸗ men, ohne Familie, ohne Ehre, ein vogelfreies Ge⸗ ſchöpf, das man verlacht mit ſeinen Anſprüchen, und das dankbar wie ein Hund die Brocken aufleſen ſoll von dieſer reichen Tafel, an welcher ihm der Ehren⸗ 6₰ 87 platz gebührt. Der Fluchginer Mutter ruhe auf Dir und Deinem Hauſe, Fürſt Friedrich. Nenne Dich immerhin Fürſt von Gottes Gnaden, ich aber, ich gebe Dir keine Gnade, und Du ſollſt ewig vor mir zittern! Der junge Fürſt zuckte leicht die Achſeln. Ich verzeihe Ihnen dieſe Aufregung, ſagte er. Die Er⸗ innerung an das Unrecht, welches man Ihrer Mutter gethan, macht Sie ſo exaltirt. Ich leugne dieſes Unrecht nicht, aber ich weiß auch, daß mein Großvater, hochſeligen Andenkens, wie auch mein jüngſt verſtorbener Herr Vater Alles gethan, um dieſes Unrecht wieder gut zu machen. O ja, man war ſo gnädig, mich nicht verhun⸗ gern zu laſſen, man ließ ſich ſelbſt herab, für meine Erziehung zu ſorgen, aber immer doch blieb ich ein Geächteter, ein Paria, der Baſtard eines Fürſten, der Sohn einer Wahnſinnigen. Das hat meine Kindheit verbittert, das hat meiner Jugend die Blüthe, meinem Mannesalter die Friſche geraubt. Auf dem Grabe meiner Mutter habe ich Rache ge⸗ ſchworen dem fürſtlichen Hauſe, deſſen Sohn ich bin, und bis zu dieſer Stunde habe ich meinen Schwur gehalten. Das haben Sie gethan, rief der Fürſt empört. 88 Sie haben unſere Wohlthaten mit ſchmählichem Un⸗ dank belohnt, Sie haben verrathen, geſchmäht, ver⸗ leumdet, Sie haben keinen Betrug, keine Hinterliſt, keine Bosheit geſcheut, um ſich an Unſchuldigen zu rächen für die Schuld eines Todten. Wie ein fin⸗ ſterer Dämon ſind Sie durch dieſes Haus gegangen, und unſere Qual und unſere Angſt geleiten Sie auf jedem Schritt. Sie haben einen teufliſchen Plan erſonnen, indem Sie auf die Unſchuld und die Leichtgläubigkeit eines jungen unbewachten Mäd⸗ chenherzens ſpekulirten, um ſie, und mit ihr unſere ganze Familie zu verderben. Es iſt Ihnen gelun⸗ gen! Sie haben ſich mit falſchen Schwüren eines armen Mädchens Liebe erſchlichen und mit Judas⸗ küſſen haben Sie ſie hingeopfert Ihrer Bosheit und Ihrer Rache. Gehen Sie, Ihre Stirne iſt gezeich⸗ net und die Vergeltung wird Sie finden und Sie ſtrafen in dem, worin Sie geſündigt haben. Ich überlaſſe Gott Ihre Beſtrafung. Meine Hand wird ſich niemals an Ihnen vergreifen, ich verachte Sie zu ſehr, um Sie ſtrafen zu mögen! Sie verachten mich, aber Sie fürchten mich dennoch, ſagte Bernthal ruhig, und wenn dieſs un⸗ glückſeligen Briefe nicht wären, würde Fürſt ſich vielleicht ſo weit herablaſſen, um mich zu ver⸗ 89 nichten, trotz ſeiner Verachtung. Aber dieſe Briefe, dieſe ſprechenden Beweiſe einer doppelten Schuld! Ah! wie würde die Welt ſich freuen an dieſem un⸗ vergleichlichen Roman. Der Baſtard eines Fürſten, dem es gelungen, der beglückte Liebhaber zweier Fürſtinnen zu werden, und der. Schweigen Sie, ſagte der Fürſt, mit dem Fuße auf den Boden ſtampfend. Schweigen Sie und ſagen Sie mir, was Sie hergeführt und welche neue Brandſteuer Sie mir im Namen dieſer unſeligen Briefe auferlegen wollen. Ich bitte nur um eine Kleinigkeit, ſagte Bern⸗ thal höhniſch lächelnd. Cw. Hoheit wiſſen, daß das Kriegsgericht in Raſtatt mich zum Tode verurtheilt hatte, und daß ich ſehr nahe daran war, dieſer ſchönen Welt ein letztes Lebewohl zu ſagen. Indeß, mein guter Stern, und vielleicht auch das Gebet Ihrer Schweſter ſchützte mich. Es gelang mir, mit vier andern Gefangenen zu entfliehen. Aber jetzt bin ich ein vogelfreies Wild, nach dem jeder Jäger ungeſtraft ſein Mordgewehr richten kann, und auf deſſen Kopf man einen Preis geſtellt hat. Ich erbitte von Ihnen, daß Sie mich aus dieſer unangenehmen Situation befreien und mich wieder zu einem berech⸗ tigten Bewohner dieſer Erde erheben. — Des jungen Fürſten Antlitz leuchtete in Haß und Schadenfreude. Und wenn ich Ihren Wunſch nun nicht befriedige? fragte er. Ich habe Ihnen geſagt, daß ich Sie nicht ſtrafen will, aber niemals werde ich mich ſo weit er⸗ niedrigen, Sie zu retten. Sie haben ſich muthwillig in Ihr Verderben geſtürzt, gehen Sie darin unter, — ich reiche Ihnen nicht meine rettende Hand. Sie werden es dennoch thun, ſagte Bernthal kalt. Ich muß zu meinem Bedauern Ihnen wieder⸗ holen, was ich Ihnen ſchon zuvor die Ehre hatte zu ſagen. Ein treuer und zuverläſſiger Freund hat eine Abſchrift jener Briefe, und er hat mir mit einem heiligen Eide geloben müſſen, ſie zu veröffent⸗ lichen, ſobald ich geſtorben ſein werde. Er wird Wort halten, denn gleich mir haßt er die Fürſten, und hält es für ein heiliges Werk, ihnen irgend eine Demüthigung zuzufügen. Zudem— habe ich nicht eine Zunge? und würde man es mir verſagen kön⸗ nen, meinem Kerkermeiſter, oder dem Henker, der mich zum Richtplatze führt, meine Geſchichte zu er⸗ zählen? Glauben Sie mir, Hoheit, mit Sturmes⸗ flügeln würde dieſe Geſchichte durch ganz Deutſch⸗ land getragen werden, und das Gelächter und das Hohngeſchrei eines ganzen Volkes würde dennoch eines 9¹ Tages Ihr Ohr erreichen, wie ſehr es immer auch umlagert ſei von Kämmerlingen und Schmeichlern! Dieſer Menſch wird mich wahnſinnig machen, murmelte der Fürſt, indem er die geballte Fauſt krampfhaft gegen ſeine Bruſt preßte. Bernthal weidete ſich einen Augenblick an der ſichtbaren Qual des Fürſten, dann ſagte er mit einer Unterpürfigkeit, die in dieſem Moment der ſchneidendſte Hohn war: Wollen Ew. Hoheit die Gnade haben, meine demüthige Bitte anzuhören? Sprechen Sie, murmelte der Fürſt, vergeblich bemüht, die leidenſchaftliche Bewegung ſeines Innern zu bemeiſtern. Ich bitte um ein eigenhändiges Schreiben von Ihrer fürſtlichen Hand an Se. Majeſtät den König von Preußen. Ein Gnadengeſuch von Ihrer Hand wird geeignet ſein, mir die Freiheit und das Leben zu ſichern, und da ich als ein Unterthan Ew. Hoheit, ſobald ich frei bin, nicht mehr unter dieſem Kriegs⸗ gericht in Baden ſtehe, ſo hängt es allein von Ihrer Huld ab mich nicht allein zu begnadigen, ſondern auch mich mit einem giltigen Paſſe zu verſehen, der mir geſtattet, mich nach Belieben zu bewegen und zu gehen, wohin ich will. Ew. Hoheit werden gewiß die Gnade haben, meine Bitte ſogleich zu erfüllen. 92 Der Fürſt erwiederte nichts, ſondern ging zu ſeinem Schreibtiſche und ſetzte ſich nieder, um zu ſchreiben. Bernthal ſchaute, die Arme übereinander geſchlagen, ſtolz aufgerichtet zu ihm hin, und ein ſpöttiſcher und triumphirender Ausdruck ſtand auf ſeinen Zügen, während das Angeſicht des jungen Fürſten ganz die Demüthigung und Angſt verrieth, welche derſelbe dieſem verwegenen und unerbittlichen Feinde gegenüber in der That empfand. Sind Sie jetzt zufrieden? fragte der Fürſt, in⸗ dem er Bernthal das goldgeränderte Papier hin⸗ reichte. Dieſer überflog mit einem, Blick den 6 des Briefes. Vollkommen! ſagte er, und ich ſelber werde 8 Kourier ſein, der dieſe Depeſche befördert. Gw. Ho⸗ heit werden wohl die Gnade haben, mich mit den nöthigen Papieren, die zu meiner Legitimation nöthig ſind, zu verſehen.. Sie werden ſie morgen empfangen, ſagte der Fürſt tonlos. Und werden mir Ew. Hoheit erlauben, morgen der Frau Fürſtin Mutter und der Prinzeſſin Schwe⸗ ſter meine Ehrfurcht zu bezeugen. Der Fürſt begegnete den hohnlachenden Augen Bernthals mit einem ſtolzen und ruhigen Ausdrnck. Dies wird unmöglich ſein, ſagte er, denn die Fürſtin ſowohl, wie die Prinzeſſin ſind abgereiſt. Ach, abgereiſt! rief Bernthal, ohne das mindeſte Zeichen von Ueberraſchung. Dieſe Depeſche, welche Sie Ihrem Rieſenkammerdiener gaben, iſt alſo ſehr raſch befördert worden, und man hat ſich beeilt, Ihre Befehle zu vollführen. Sehen Sie Hoheit, Sie wer⸗ den mich ſtolz machen, indem Sie mir eine ſo große Wichtigkeit beilegen. Die Frau Fürſtin Mutter, die mächtigſte Dame, und die Prinzeſſin Schweſter, das ſchönſte Mädchen Ihres Landes, ſie ſind alſo beide vor mir geflohen. Ich muß alſo ſehr mächtig und ſehr gefährlich ſein, wenn die, welche Macht haben, und die, welche durch ihre Schönheit Allen gefähr⸗ lich ſind, ſich vor mir fürchten. Wenn man eine Natter auf ſeinem Wege findet, ſagte der Fürſt mit Hoheit, ſo weicht man ihr aus! Das iſt Alles. Bernthal verneigte ſich, als habe ihm der Fürſt die verbindlichſten Worte geſagt. Daran thut man ſehr wohl, ſagte er, beſonders wenn man der Natter ausweichen kann, was oftmals ſeine Schwierigkeiten haben ſoll. Ich werde die Ehre haben, den beiden Fürſtinnen meine Aufwartung in Berlin zu machen. 9 Sie werden Sie nicht annehmen, rief der junge Fürſt barſch. Sie werden mich annehmen, denn ich will es, und Cw. Hoheit müſſen wiſſen, daß ich nie etwas aufgegeben habe, was ich ernſtlich wollte. Der Wille des Menſchen iſt ſtärker und mächtiger als alle Machtbefehle der Fürſten. Geruhen Ew. Hoheit ſich daran zu erinnern, wenn Sie meiner gedenken. Und daß Sie meiner gedenken, dafür werde ich Sorge tragen. Denn wie ich Ihnen ſchon ſagte, zwiſchen uns iſt keine Verſöhnung möglich, und auf dem Grabe meiner armen Mutter habe ich Ihrem Hauſe einen unverſöhnlichen Haß geſchworen. Hüten Sie ſich alſo, Hoheit, ich warne Sie vor Ihres Groß⸗ vaters natürlichem Sohn. So ſprechend verneigte ſich Bernthal mit an⸗ ſcheinender Unterwürfigkeit tief vor dem Fürſten und näherte ſich wieder der geheimen Thüre, die er durch einen leiſen Druck öffnete und hinter derſelben ver⸗ ſchwand. Richt ſobald war er verſchwunden, als Fürſt Friedrich, dem es nur durch übermäßige Anſtrengung bis dahin gelungen war, ſich den äußern Anſchein gelaſſener Würde zu bewahren, ganz überwältigt und kraftlos auf einen Seſſel niederſank. Sein Ge⸗ — 95 ſicht war erdfahl geworden, alles Blut drängte zu ſeinem Herzen hin, und ſeine ganze Geſtalt zitterte. Er glaubte einen Moment, daß dieſes mächtige Zor⸗ neswallen, das in ſeinem Hirn und vor ſeinen Ohren brauſte, entweder ſeinen Verſtand oder ſein Leben vernichten müßte, es war eine fremde, diabo⸗ liſche Gewalt, welche ihn gepackt hatte, der Dämon des Zornes ſchien gleichſam ſeinen triumphirenden Einzug in der Bruſt des jungen Mannes zu halten. Allmälig erholte er ſich von dieſer erſten Be⸗ täubung ſeiner Leidenſchaft, allmälig wurden ſeine Sinne wieder ruhiger und ſeine Pulſe klopften we⸗ niger ſtark. Aber dieſe Ruhe und Beſonnenheit ſchien ihm das Qualvolle ſeiner Lage nur noch deut⸗ licher zu zeigen. Er ſchlug mit der Hand auf den Tiſch, und rief mit vor Ingrimm und Wuth zitternder Stimme: Das iſt alſo die Größe und Macht eines Fürſten, daß iſt unſere Gottähnlichkeit! Inmitten meines Pa⸗ laſtes, umringt von meinen Dienern, zittre ich vor der Unverſchämtheit eines Menſchen, den ich nicht einmal den Muth habe, unter meine Füße zu treten⸗ Ein lautes und höhniſches Gelächter, welches ſich hinter der Tapete vernehmen ließ, unterbrach den Fürſten in ſeinem Selbſtgeſpräche.. 96 Er ſank wieder zurück auf den Seſſel und in⸗ dem er mit einer verzweiflungsvollen Geberden ſeine zitternden Hände über ſein Geſicht legte, weinte er laut. Dann ſprang er plötzlich auf. Sein bleiches Geſicht zeigte ſich entſtellt von Schmerz und Leiden⸗ ſchaft. Er drückte ſeine geballten Hände gegen ſeine hochathmende Bruſt, und murmelte zwiſchen den feſt auf einander gepreßten Zähnen hervor: die Briefe! Ich muß die Briefe haben, und ſollte ich mein Land und meinen Thron dafür hingeben müſſen. Wer hilft mir, wer ſteht mir bei? Und indem er mit einem ſchmerzhaften Kopf⸗ ſchütteln das Haupt auf die Bruſt ſenkte, ſeufzte er leiſe: Ich bin ein Fürſt und doch ein ſehr armer Menſch! Ich habe Niemand, dem ich mich anver⸗ trauen kann, Niemand, dem ich meine Qualen zei⸗ gen darf. Ein Fürſt iſt ſtets allein! Während der junge Fürſt ſich dieſen ſchmerz⸗ lichen und demüthigenden Gedanken überließ, ver⸗ nahm man an dem Haupteingang ein leiſes und ſchüchternes Klopfen. Der Fürſt fuhr empor, und fragte barſch, wer es wage, ihn zu ſtören. Verzeihen Cw. Hoheit, ſagte die unterwürfige und einſchmeichelnde Stimme des erſten Kammer⸗ * E herrn. Es iſt die Stunde, in welcher Sie der Ba⸗ ronin Lucinde die Gnade Ihres Beſuches zugeſagt haben, und da Cw. Hoheit zu befehlen geruhten, daß ich Sie pünktlich an die feſtgeſetzte Stunde mahnen ſollte, war ich ſo kühn, es zu thun. Ich komme, ich komme, rief der Fürſt, deſſen verſtörte Züge plötzlich einen heitern und Ausdruck annahmen. Und indem der Fürſt das Gemach durchſchrit flüſterte er leiſe und gedankenvoll: Lucinde! Sollte ſie vielleicht der Engel ſein, den Gott mir ſendet, um mich zu erlöſen aus dieſem Fegefeuer? VIII. Eine Menſchenſeele. Bevor wir weiter gehen in unſerer Erzählung, müſſen wir einen Augenblick inne halten und uns einen Moment bei Demjenigen verweilen, den wir im Vordergrunde unſeres Bildes und der Begeben⸗. heiten eine ſo bedeutende Rolle einnehmen ſehen und der es wagen durfte, gegen einen regierenden Für⸗ ſten ſelbſt in die Schranken zu treten. Wenn Diejenigen Recht haben, welche da mei⸗ nen, daß es kein ſchöneres und größeres Bild gäbe, als ein Menſchenangeſicht, und daß kein Meer ſo tief und unergründlich ſei als eine Menſchenſeele, ſo be⸗ dürfen wir keiner weitern Entſchuldigung dafür, daß wir uns jetzt nur mit einem Menſchenangeſicht unz mit einer Menſchenſeele beſchäftigen wollen. Und in der That, es verlohnte ſich wohl der Mühe, dieſes Antlit Bernthals zu betrachten, in — 99 deſſen feinen Lineamenten die ganze traurige Ge⸗ ſchichte eines wilden abenteuerlichen Lebens zu leſen war, und hinabzuſteigen in die Tiefen einer Seele in der die Gottheiten des Lichtes und der Finſter⸗ niß zu jeder Stunde um die Herrſchaft zu ſtreiten ſchienen. Die Natur hatte aus dieſem Menſchen ein voll⸗ kommenes Bild Gottes machen wollen, aber irgend ein böswilliger Dämon hatte einen neidiſchen Gift⸗ hauch über dieſes Meiſterwerk der Natur ausgegoſſen und es zu einer Larve verzerrt. Dieſe Larve war noch immer ſchön, noch immer erhaben und edel, aber wie viel Untiefen und Klippen, wie viel Hohn und Jammer, wie viel Haß und Wuth verbargen ſich darunter. Bernthals Kindheit war eine unglückliche, ge⸗ ſchmähete geweſen. Die Schuld ſeines Vaters und das Elend ſeiner Mutter hatten einen verzehrenden Mehlthau über ſein ganzes Daſein gelegt und ihn verurtheilt und verdammt, noch bevor er gefehlt und geſündigt hatte. Vicht auf einmal, nicht vlötzlich war ſeine arme Mutter wahnſinnig geworden, ſon⸗ dern nur ganz allmälig, ganz leiſe hatte ſich dieſer zerſtörende Wurm in ihr Gehirn eingefreſſen es hatte vieler Jahre, vieler zerſchellter Hoffnungen und zer⸗ 7* 400 nichteter Plane, es hatte vielen Hohnes und vielen unverſchuldeten Jammers bedurft, um dieſe Seele zu brechen, welche ſo ſtark angelegt war, daß ſie es wagen durfte, gegen die Macht und die irdiſche Größe zu kämpfen. Und der Knabe, der verleugnete Sohn des Fürſten, hatte all' dieſe Jahre des wachſenden und keimenden Wahnſinns an der Seite ſeiner Mutter zugebracht. Sie, welche nichts liebte und lieben wollte als ihr Kind, ſie, die nur noch mit dem Herzen einer Mutter an dieſer Erde hing, ſie hatte wenigſtens das Glück, ihre ſo leidenſchaftliche, unge⸗ theilte Liebe leidenſchaſtlich und ungetheilt erwidert zu ſehen. Der Knabe betete ſie an, wie man eine Heilige anbetet, welche durch das Märtyrerthum verklärt worden; er blickte zu ihr empor wie zu einer Lichtgeſtalt, welche die Finſterniß durchwandelt. Er ſaß ſtundenlang zu ihren Füßen und horchte den Erzählungen ihres Leids und ihrer Schmach, und ihre leiſe zitternde Stimme trieb alsdann Thränen in ſeine Augen, welche ſich wie ätzendes ſeine Seele brannten. Seine Mutter, welche von der Welt nur die Schreckniſſe und von den Men⸗ ſchen nur das Haſſenswürdige geſehen, lehrte ihn früh die Welt nur als die Bühne alles Böſen, und 10¹ die Menſchen als die Schauſpieler betrachten, welche auf dieſer Bühne eine Rolle ſpielten, je nachdem es ihrem Eigennutz und ihrer Eitelkeit zuſagte. Sie tränkte ihn mit der Milch ihres Menſchenhaſſes und taufte ihn mit den Thränen ihres Zornes. So lernte ihr Sohn die Menſchen verachten noch bevor er ſie geliebt hatte, gegen ihre Schwächen auf der Hut zu ſein, noch bevor er erkannt hatte, daß ſie auch der Größe und des Edelmuthes fähig ſein möchten.— Mit dem Scharfblick einer Mutter hatte ſie früh die großen Talente und Begabungen ihres Sohnes erkannt, und ſie zu wecken geſucht. Aber ſie benutzte dazu nicht den Sporn der Liebe oder der Eitelkeit, ſondern ſie bediente ſich nur des Haſſes. Sie ſagte zu ihrem Sohne: Du mußt ge⸗ lehrt, Du mußt talentvoll, Du mußt geſchickt und tapfer, Du mußt gewandt und kühn, geiſtreich und liebenswürdig werden, um Alle bezaubern, um an Allen Rache nehmen zu können. Die Menſchen haben Dir Deine Geburt und Deine Rechte geſtoh⸗ len, Du muft ein ſo geſchickter Juriſt werden, daß es Dir gelingt, dieſen Prozeß zu gewinnen, den Du in Deinem und Deiner Mutter Namen gegen die ganze Menſchheit zu führen haſt. Dein Vater hat Dir ſeinen Namen verſagt, Du muft alfo trachten 102 ſo groß und glänzend zu werden, ſo ſehr alle an⸗ deren Menſchen zu überragen, daß Du ihm bewei⸗ ſeſt, Du ſeieſt dieſer Stellung würdig, welche er Dir verſagt, daß er hingeriſſen von Liebe und Bewun⸗ derung Dich anfleht, Dich ſeinen Sohn nennen zu dürfen. Und wenn dies geſchieht, dann wirſt Du ihn in's Angeſicht ſchlagen und ihm all' den Hohn und die Verachtung zurückgeben, an welcher ich ſterbe, mein Sohn! Jedes dieſer Worte hatte ſich mit Flammen⸗ ſchrift in die Seele des Knaben eingeätzt, und wenn er zu ihren Füßen ſaß und mit verhaltenen Thrä⸗ nen und unterdrückten Seußzern ihren Reden lauſchte und gewahrte, wie der Wahnſinn mit langen Spin⸗ nenbeinen immer enger ihr Gehirn umſpann, immer mehr ſie einſchloß in ſeine unheimlichen Zauberkreiſe, dann hatte er ſich in der Tiefe ſeiner Seele mit heiligen Eiden gelobt, Rache zu nehmen an det 4 Welt und diejenigen zu ſtrafen, welche ſeiner Mut⸗ ter Böſes gethan; dann hatte er an dieſem Schwur ſeine Energie ſich beleben, ſeine S 5 ſtärken gefühlt. Endlich war der Tod zeun Mutter zu erlöſen und aus den Irrgängen ihres Wahn⸗ ⸗— nns ſie emporzutragen zu den reinen Sphären des Lichtes und der Erkenntniß. Bevor ſie ſtarb, war ihre Seele befreit von dieſen Banden des Irrſinns, der ſie in der letzten Zeit faſt immer gefeſſelt gehalten. Sie richtete ſich empor und blickte ihren Sohn mit großen klaren Augen an, aus denen eine unendliche Liebe leuchtete. Sie breitete ihm die Arme entgegen und weinte an der Bruſt des laut ſchluchzenden Kna⸗ ben die letzten Erdenthränen. Aber ſelbſt in dieſer Stunde des heiligen Av⸗ ſchiedes vergaß das in ihren heiligſten Rechten ge⸗ kränkte Weib nicht ihres Haſſes und ihrer Rache. Sie legte ihrem Sohne die Hand auf das Haupt, und indem ſie ihn ſegnete, ließ ſie ihn ſchwören, niemals zu verzeihen, niemals mit denen Frieden zu ſchließen, welche das Herz und den ſeiner Mutter gebrochen hatten. Es war ein finſterer Schwur, welchen die Sterbende mit brechender Stimme ihm vorſagte und welchen der Knabe mit entſchloſſenem Ton und ganz genau wiſſend, was er gelobte, wiederholte. Er ſchwur, zu vergelten, er ſchwur, lieber Hun⸗ gers zu ſterben, als ſich ſeine heiligen Rechte mit Geld abkaufen zu laſſen. Und als er es geſchworen, drückte ihn ſe Mutter feſt an ihr Herz und lächelte. Dieſes Lä⸗ 104 cheln ſtand noch auf ihren Zügen, als ſie ſchon ge⸗ ſtorben war! Der Knabe war nun allein, aber er ſihle in ſich die Kraft und Entſchloſſenheit eines Mannes, er hatte ein großes, ein fürchterliches Ziel vor Augen, und Diejenigen, welche, wie er, genau wiſſen, weshalb ſie leben und wonach ſie zu ringen haben in dieſem Leben, dieſe entſchloſſnen Seelen, Zeit und gleichen durch ihre Erfahrungen den n gel der Jahre nur allzufrüh aus. Bernthal war daher alt, bevor er noch jung ſchiedenen Lebensplan vorgezeichnet, nach welchem er all' ſein Thun ordnete und regelte. Es war eine ſyſtematiſche Rache, welche er ſich erſonnen, Manen ſeiner Mutter errichten wollte. Mit dem Racheſchwur, welchen er ſeiner ſter⸗ benden Mutter geleiſtet, hatte er ſich den unterirdi⸗ ch mit erkältender Schwere auf ſein Herz und ver⸗ welche das Leben nicht blos annehmen, ſondern es ſich dienſtbar machen, dieſe reifen immer vor der geweſen war. Er hatte ſich einen feſten und ent⸗ — und dieſe ſollte das Denkmal ſein, welches er den S ſchen Mächten hingegeben, und ſein Herz den ſanf⸗ ren Regungen verſchloſſen. Dieſer Schwur legte 105 härtete es, bevor es noch erweicht worden von einer andern Liebe, als der zu ſeiner Mutter. Aber Bernthal entſann ſich der Worte ſeiner Mutter: Du muft gelehrt und talentvoll, Du mußt geſchickt und tapfer, Du mufßt geiſtreich und liebens⸗ würdig werden, um Alle bezaubern, um an Allen Rache nehmen zu können. Er begann alſo damit, ſeinen Stolz zu verleug⸗ nen und die Vorſchläge des Fürſten anzunehmen, welcher ihn gemeinſchaftlich mit ſeinem Sohne erzie⸗ hen und bilden laſſen wollte. Aber daß er dies thun mußte, daß ſeine Armuth ihn zwang, die Wohlthaten ſeines Vaters anzuneh⸗ men, das vermehrte nur noch den Haß ſeines Soh⸗ nes, der mit grollender Seele alle dieſe Vorzüge gewahrte, welche eine rechtmäßige Geburt dem legi⸗ timen Sohne des Fürſten gewährte. Indeſſen hütete er ſich wohl, dieſen Groll und dieſen ſo natürlichen Veid irgend Jemand ahnen zu laſſen. Unter einem freundlichen Lächeln und einem ſtets zuvorkommenden Weſen wußte er dieſe Leiden⸗ ſchaften, welche in ihm tobten, zu verbergen. So ward er früh ein vollendeter Heuchler, ein Schau⸗ ſpieler, welcher die Rolle, die er ſpielen wollte, 3 zur wehe ſich einſtudirt hatte. 6 106 Auch fehlte es ihm nicht an Gelegenheit, ſeinem fürſtlichen Stiefbruder den Aerger und Veid zurück⸗ zugeben, den er durch ihn zu dulden hatte. Er konnte ihm nicht das Recht ſeiner bevorzugten Ge⸗ burt ſtreitig machen, aber er konnte mit ihm ringen um alle geiſtigen Beſitzthümer, er, der nur Gedul⸗ dete, der von der Gnade des Fürſten lebende Na⸗ menloſe, er konnte ſich den Fürſtenſohn unterordnen durch ſein Wiſſen und ſeine Talente. Er arbeitete mit eiſernem Fleiß und nie ermüdendem Eifer, und es war daher ſehr natürlich, daß er bald dem Erb⸗ prinzen von ſeinen Lehrern als Muſter aufgeſtellt ward, daß Bernthal alle Preiſe gewann, alles Lob einerndtete, und durch ſeine gründlichen Kenntniſſe, ſein tiefes Wiſſen die Oberflächlichkeit und die Halb⸗ bildung des Erbprinzen nur noch greller hervorhob. Bernthal, welchem Nichts entging, der keinen Vortheil, der ſich ihm darbot, entſchlüpfen ließ, ſah oft die düſtere Wolke, die ſich auf der Stirne des Fürſten bildete, wenn er zu einem Vergleiche zwiſchen ſeinem fürſtlichen Nachfolger und Bernthal gezwun⸗ gen ward, und dieſe trübe Wolke war für alles Streben und Ringen, für alles Studiren und Ler⸗ nen der ſchönſte Lohn des natürlichen Sohnes. Selbſt die Aatur ſchien ihn gegen den legitimen Sohn begünſtigen zu wollen. Dieſer war von un⸗ ſcheinbarem Aeußern, Bernthal aber war ſchön, von jener bezaubernden Schönheit, welche die Frauen hinreißt und den Männern ſelber Bewunderung ab⸗ ringt. Es war nichts Weichliches, nichts Weibiſches in ſeiner Schönheit, ſeine Geſtalt, obwohl ſchlank und zart, zeigte doch die Energie und Muskelkraft eines Herkules, ſein Geſicht, obwohl fein gezeichnet und von den weichſten Formen, verrieth doch eine ent⸗ ſchloſſene, ernſte Seele, und aus ſeinen großen funkeln⸗ den Augen leuchtete eine Gluth und ein Feuer, welches die Frauen erbeben machte, indem es ſie zu⸗ gleich entzückte. Zudem war ſeine Stimme von einer einſchmeichelnden Weichheit, einem bezaubernden Schmelz, eine von jenen Stimmen, denen, wenn ſie zur Bitte und zu Liebesſchwüren ſich hergeben, die Frauen ſehr ſelten widerſtehen. Auch widerſtanden ſie ihm nicht, ſelbſt des Erbprinzen jugendliche Ge⸗ mahlin verleugnete es ſich nicht, daß ſie den jungen Baron Bernthal weit ſchöner, weit liebenswürdiger und verführeriſcher fand, als ihren Gemahl, den das harte Geſetz der Dynaſtie ihr aufgedrungen hatte. Bernthal, welcher Alles ſah, auf Alles lauſchte, hatte auch geleſen, was in den Augen der jungen 108 Erbprinzeſſin geſchrieben ſtand, und er hatte darauf ſeinen Plan gegründet. Er ſpielte mit kaltem Herzen, mit Sinnen ſeinen erſten Liebesroman. Auf der Seite der jungen Fürſtin war die Gluth, die Hingebung, das bewältigende Feuer einer erſten Liebe, auf ihres Liebhabers Seite die Beſonnenheit, die Ruhe und Kälte, welche ſich indeſſen ſehr wohl unter der Maske einer berauſchenden Leidenſchaft zu verber⸗ gen wußte. Es war ein ganzer Liebesroman, welcht man ſpielte, von den zärtlichſten Briefen, den verſtohlenen Händedrücken, den ſchwärmeriſchen Liebesgaben, Haarlocken und Buſenſchleifen an, bis zu den ver⸗ ſtohlenen Rendezvous, den ſchriftlich verabredeten Zu⸗ ſammenküuften und der gänzlichen Vertraulichkeit be⸗ glückter Liebender. Indeß hatte das aufmerkſame und in ſolchen Dingen nur allzu erfahrene Auge des regierenden Fürſten endlich dieſe Intrigue entdeckt, und er ließ Bernthal vor ſich kommen, um ihn wo möglich zu einem Geſtändniß zu veranlaſſen. Bernthal kam ſeinem Wunſche nur zu leicht entgegen, und indem er mit der rückhaltloſeſten, nichts verſchweigenden Offenheit dieſes ganze Liebesverhältniß offenbarte, 109 zeigte er dem entſetzten Fürſten, welche Gefahr dem Rufe der Erbprinzeſſin von einem ſo indiskreten und ſchonungsloſen Liebhaber drohe. Er verlangte daher vor allen Dingen von Bernthal die Liebesbriefe ſeiner fürſtlichen Schwie⸗ gertochter. Aber Bernthal hatte frühzeitig Sorge getragen, dieſe in einem ſicheren Verſteck neben dem Cheverſprechen des Fürſten und den Dokumenten ſeiner Geburt zu verbergen. Er verweigerte daher die Brieſe, und weder des Fürſten Drohungen, noch ſein flehentliches Bitten konnten ſein Weigern in ein Nachgeben umwandeln. Der Fürſt, außer ſich vor Zorn, machte Bern⸗ thal die heftigſten Vorwürfe, die dieſer mit eiſiger Kälte und höhniſchem Lachen hinnahm, und nun entſpann ſich eine jener entſetzensvollen und fürchter⸗ lichen Scenen, welche weder der Pinſel eines Ma⸗ lers, noch das Wort eines Dichters zu ſchildern ver⸗ mag. Bernthal, welcher mit den Briefen, den Haar⸗ locken und Schleifen der Prinzeſſin nun eine Waffe zu ſeiner Vertheidigung hatte, ließ die Maske der Dankbarkeit, der demüthigen Unterwürfigkeit von ſeinem Antlitz gleiten, und zeigte dem entſetzten Für⸗ ſten all den glühenden Haß, den brennenden Rache⸗ durſt, den er ſo lange und ſo geheimnißvoll in ſeinem 110 Buſen genährt. Er ſprach ihm zum erſten Male von ſeiner Mutter, und indem er es that, geſchah es, um ſeinem Vater zu fluchen, und ihm den Schwur zu widerholen, welchen er ſeiner ſterbenden Mutter geleiſtet. Der alte Fürſt hörte ihm zu mit athemloſer Bruſt, mit weit aufgeriſſenen Augen— plötzlich that er einen durchdringenden Schrei und ſank leb⸗ los zuſammen. Ein Schlagfluß hatte ihn getroffen. Wenige Tage ſpäter ſtarb er. Viemand kannte den Inhalt der Unterredung des verſtorbenen Fürſten mit Bernthal, aber vor ſeinem Tode flüſterte er mit lallender Zunge in das Ohr des vor ſeinem Lager fnieenden Erbprinzen dieſe Worte: Hüte Dich vor Bernthal; er iſt Dein ge⸗ fährlichſter Feind. Entferne ihn von Deinem Hofe, aber reize niemals ſeinen Zorn, ſondern ſei ihm ſtets hülfreich und gnädig, denn er iſt Dein Bruder Vichts war dem jungen Fürſten willkommener, als dieſer letzte Befehl ſeines Vaters. Er kannte ſeit einigen Tagen das Verhältniß ſeiner Gemahlin zu Bernthal, denn dieſer hatte Sorge getragen, ein ärtliches Brieſchen der Fürſtin in dem Zimmmer 1¹¹ ihres Gemahles und da zu verlieren, wo nur er es finden konnte. Der junge Fürſt, dieſes abſichtliche Verlieren des Briefes nicht ahnend, hütete ſich wohl, ſeiner Gemahlin oder Bernthal ſeine Entdeckung ahnen zu laſſen. Aber er fühlte ſeinen Haß nur ſich ſteigern gegen den, der überall, ſelbſt in dem Herzen ſeiner Gemahlin den Preis gegen ihn gewann. Er ent⸗ fernte ihn unter einem ſchicklichen Vorwand; er hieß ihn eine Univerſität beziehen und ſeine Studien machen. Früher hatten ſie dieſe Studienzeit gemein⸗ ſchaftlich machen ſollen, aber die frühzeitige Vermäh⸗ lung des Erbprinzen und der Tod des Fürſten, welcher den Erbprinzen zur Regierung berief, verhin⸗ derte ihn jetzt, ſeine Studien zu vollenden, und in⸗ dem er als ein Jüngling von kaum vierundzwanzig Jahren den Thron ſeiner Väter beſtieg, mußte er hoffen, dieſe Weisheit und Erkenntniß, welche er jetzt nicht in den Hörſälen und in den Vorträgen der Profeſſoren mehr ſuchen durfte, von ſelbſt durch die Gnade Gottes auf ſich herabträufeln zu ſehen. Bernthal aber, welcher eben ſein zwanzigſtes Jahr zurückgelegt und weder einen Thron zu erben, noch eine Gemahlin zu beſchützen hatte, verließ den Hof und bezog die Univerſität. 112 Der zweite Akt ſeines Lebens begann; es war ein wildes, von Leidenſchaften zerwühltes und zer⸗ klüftetes Drama. Bernthal ſtürzte ſich in alle Tie⸗ fen, in alle Abgründe des Lebens, er erſchöpfte alle Genüſſe und alle Freuden, aber er that es zugleich mit der Ruhe und Beſonnenheit eines Stoikers; in⸗ mitten der wildeſten Gelage verlor er niemals ſeine Geiſtesgegenwart, zu den Füßen des liebeglühendſten Weibes niemals ſeine Kälte. Er hatte ein Herz von Bronze und einen Kopf von Stahl, beide wa⸗ ren unverwundbar, und deshalb um ſo gefährlicher. Er hatte, wie geſagt, ein feſtes, unverrücktes Ziel vor Augen, und das ſchärfte ſeinen Blick und ent⸗ nüchterte ſeine Seele. Er, welcher die Menſchen frühzeitig verchtet, konnte niemals lernen, ſie zu lieben, denn wohin ſein Auge traf, begegnete es der kleinlichen Schwäche, der Gemeinheit, dem Eigennutz, dem Neid und der Bosheit. Aur Wenigen iſt das Glück vorbehalten, unter dieſer Unzahl kleinlicher Menſchen einmal einer großen Seele, einem Ebenbilde Gottes zu begegnen; Bernthal war es nicht beſchieden. Jemehr er die Menſchen kennen lernte, deſto mehr lernte er ſie verachten und ihre Schwächen benutzen. Aber nichts deſtoweniger genoß er das Leben. Er nahm es hin wie einen Opiumrauſch, der mit ſeinen lockenden Bildern zaubert und entzückt, ob⸗ wohl man dabei niemals vorgißt, daß es nur ein Rauſch iſt, dem alsdann nur die Entnüchterung und das Gefühl der Erſchlaffung folgen wird. Aber Bernthal wollte niemals ernüchtern, niemals aus . dieſem Rauſche erwachen; er ſtürzte ſich daher in immer neue Genüſſe und Betäubungen. Er er⸗ ſchöpfte das Leben, aber ſeine herkuliſche Kraft wi⸗ derſtand dennoch der Erſchöpfung und noch nachdem er das vierzigſte Lebensjahr überſtiegen, fanden ihn die Frauen noch immer ſchön und liebenswerth, rühmten die Männer ſeine Jugendfriſche und die niemals ermattende Springkraft ſeines Geiſtes. In der That, es konnte keine leicht beweglichere, flam⸗ mendere und in dem verſchiedenſten Glanze ſich dar⸗ ſtellende Erſcheinung geben, als Bernthal es war. Wir ſagten ſchon zuvor, daß die Natur es darauf angelegt, aus ihm einen vollkommenen Menſchen zu ſchaffen, und daß nur ein neidiſcher Dämon ihn daran verhindert hätte. Aber zuweilen ſiegte das Göttliche in ihm und Er, welcher eben noch den Menſchen geflucht und die Welt gehöhnt hatte, er konnte dann mit thränenden Augen und voll erha⸗ benen Mitleids ſanft und weich wie ein Kind vor irgend einem Unglücklichen ſtehen und ihm mit der Stimme eines Engels Troſt zuſprechen und mit der Freigebigkeit eines Fürſten ihm helfen und dienſtbar ſein. Es gab Stunden, in denen der Dämon in ihm ſchwieg urd nur der Gott in ihm mächtig war, wo ſein ſchönes Angeſicht in einem höhern Glanze der edelſten Menſchenliebe leuchtete; aber es gab auch Stunden, wo man erſchrecken mußte vor dem wilden und gehäſſigen Ausdruck dieſes harten, eis⸗ kalten Geſichtes. Es würde zu weit führen, ſein Leben u licher darzulegen und zu erzählen von all' dieſen kleinen Martern, mit denen er, obwohl aus der Ferne, den Fürſten quälte, indem er ihn bald be⸗ drohte mit der Veröffentlichung der Liebesbriefe der Fürſtin, bald das Heirathsverſprechen des verſtorbe⸗ nen Fürſten als Waffe hervorzog. Auch ſchweigen wir über ſeine Liebesintriguen, ſeine Abenteuer, ſeine gebrochenen Eide und verhöhnten Gelübde. Er liebte das wilde und thatenreiche Leben eines Aben⸗ teuers, damit iſt Alles geſagt! Endlich nach langen Jahren kehrte er an gn fürſtlichen Hof zurück. Der Fürſt war geſtorben und an der Seite der Fürſtin, ſeiner einſtigen Ge⸗ liebten, ſtand jetzt eine ſechszehnjäheige Tochter, ein — ahnte, verborgen hielt. 11¹⁵ um wenige Jahre älterer Sohn, dem ſeine Mutter als Regentin zur Seite ſtand. Bernthal zählte jetzt achtunddreißig Jahre, aber er war eine dieſer ſeltenen Schönheiten, welche nie⸗ mals altern, niemals ihre Kraft und ihren Jugend⸗ glanz verlieren. Er war noch immer ſchön und hinreißend, und als er auf dieſes ſo junge, ſo ſchöne und unſchuldige Mädchen blickte, welches neben ſei⸗ ner einſtigen fürſtlichen Geliebten ſtand, ſtieg in ſei⸗ ner Seele ein infernaliſcher Plan auf. Er ſah ſie an mit den Augen eines Baſilisken, Selr das Vöglein bezaubert und in ſeinen Rachen lockt.— Die arme unſchuldige Taube widerſtand dieſem Baſilisken nicht. Er hatte den Vater wie den Sohn in ſeiner Gewalt gehabt, jetzt wollte er auch den Enkel be⸗ herrſchen, und er griff ihn an mit denſelben Waffen, mit welchen er den Vater verwundet hatte, indem er ſeine perſönliche Ehre und die Ehre ſeines Hauſes gefährdete.— Er zeigte dem jungen bis ins Tieſſte ſeiner Seele verwundeten Fürſten die Briefe ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter, aber, wohl verſtanden, nur eine Abſchrift derſelben, während er die Origi⸗ nale an einem Orte, den Niemand kannte, Niemand 11¹6 Der junge Fürſt bot ihm Geld und Ehrenſtellen für die Herausgabe der Briefe, aber Bernthal war klug genug, um zu wiſſen, daß er dies ihm auch ohnedies bewilligen müſſe, und daß es vortheilhafter für ihn ſei, den jungen Fürſten fortwährend am Leitſeile der Furcht zu erhalten, ſtatt ihn mit hohem Kaufgeld ſeiner Schuld auf einmal zu entlaſſen. ueberdies gab es doch mindeſtens Einen Punkt, wo Bernthal einer leidenſchaſtlichen Regung fähig war. Er, welcher alle Genüſſe erſchöpft und abge⸗ nutzt, alle Empfindung in ſich ertödtet hatte, er hatte nur noch Eine Leidenſchaft in ſich wach erhalten, er war ehrgeizig. Er ſtrebte nach Macht und An⸗ ſehen, nach Ruhm und Auszeichnung vor der Welt. S Das fürſtliche Blut ſeines Vaters ſprach in ihm und Reß ihn nicht ſich begnügen an einer unſcheinbaren, ungekannten, mittelmäßigen Stellung. Er wollte, daß die ganze Welt von ihm ſprechen, ſeinen Na⸗ men nennen und verewigen ſollte, er wollte glänzen, er wollte der reichſte, der mächtigſte, der tapferſte aller Männer genannt werden. Da er nicht ein Fürſt ſein wnit wllt⸗ er wenigſtens eine ähnliche Größe erreichen; der Haß gegen das verſagte Fürſtenthum machte ihn zum Republikaner, und zum erſten Male ſeine Beſonnen⸗ ——— 117 heit und Kälte verlierend, ſtürzte er ſich in die wil⸗ den Wogen des badiſchen Aufruhrs, um daraus als kühner Schwimmer vielleicht für ſich den längſt er⸗ ſehnten Ruhm hervorzuziehen, und ſtatt eines Für⸗ ſtentitels den Titel eines Präſidenten der Republik ſich zu erkämpfeu. Er war Republikaner geworden, nicht aus Ueberzeugung, ſondern aus Haß gegen den beneideten Fürſten. Wir haben geſehen, daß er ſeinen Ehrgeiz und Republikanismus beinahe mit dem Leben gebüßt hätte, und daß nur ein Zufall oder ſein Dämon ihn errettete. Und damit möge dieſes Hild einer gefalle⸗ nen Menſchenſeele beendet ſein. KN. Ein Bündniß. ——— Die Baronin Lucinde von Winter, die neue Ehrendame der Fürſtin Mutter, bewohnte als ſolche einige Zimmer im Schloſſe ſelbſt. Fürſt Friedrich konnte ſich daher zu ihr begeben, ohne den neugieri⸗ gen Gaffern und Lauſchern, deren es nirgens mehr als an einem Hoſſtaate gibt, Stoff zu allerlei Ver⸗ muthungen und pikanten Prophezeiungen zu geben. Dieſer junge ſchüchterne Fürſt, welcher vor nichts eine größere Scheu trug, als eben ſeine Perſon beob⸗ achtet oder zum Gerede der Welt gemacht zu ſehen fand es daher ſehr bequem, ſich ganz allein und ohne weitere Begleitung in den von der Baronin bewohnten Schloßflügel zu begeben. Da er erwartet wurde, fand er es nicht nöthig, ſich noch einmal anmelden zu laſſen und trat unbemerkt in das Boudoir ein, in welchem die ſchöne Lucinde ihn erwartete. Wufßte ſie, daß er da war? Hatte ſie ſeine Schritte vernommen? Sie lag auf einem dunkelroth⸗ ſammetenen Divan, lang hingeſtreckt, die ganze Ge⸗ ſtalt in ein ſchwarzes Atlasgewand eingehüllt, das bis zum Halſe hinaufreichte und ihre wundervollen Glieder dicht umſchließend, ihr das Anſehen einer Matrone gegeben hätte, wenn nicht dieſes ſo liebliche und üppige Angeſicht im ſchneidenden Contraſt dazu geſtanden. Sie hatte das Haupt zurückgelehnt an die Kiſſen, ihre Augen waren halb geſchloſſen und von dunklen langen Wimpern wie von einem Spitzen⸗ ſchleier beſchattet. Um ihre vollen rothen Lippen ſpielte ein leiſes Lächeln, ihr dunkles Haar fiel in langen Locken zu beiden Seiten der hohen alabaſter⸗ nen Stirn herab und faßte dieſes ſo edle und an⸗ muthige Oval ihres Geſichts wie mit einem glän⸗ zenden Rahmen ein. Hatte ſie geſtern einer Göttin der ſinnlichen Schönheit geglichen, ſo erſchien ſie heute als eine Heilige, der man nur mit ehrerbietigen Gedanken und reſpektvoller Anbetung zu nahen wagt. Der junge Fürſt ſtand wie an den Boden ge⸗ wurzelt. Er wagte nicht zu athmen, nicht ſich ihr 120 zu nahen. Er hatte etwas ganz Anderes erwartet, er hatte gehofft, dieſelbe verführeriſche, berauſchende Schönheit von geſtern zu finden, um in ihrer bezau⸗ bernden Rähe ſeine Sorgen und Bedrängniſſe ver⸗ geſſen zu können. Er ſtand daher mit einigem Za⸗ gen vor dieſer ſo keuſchen, ſo ſittigen Schönheit, deren melancholiſcher und weicher Ausdruck ihn den⸗ noch wider ſeinen Willen feſſelte. Lucinde erhob jetzt den Blick, und ihr Auge, welches den Fürſten traf, zeigte nicht die mindeſte Ueberraſchung über ſeine unerwartete Erſcheinung. Sie erhob ſich langſam und verneigte ſich vor dem jungen Fürſten mit dem Stolze und der Hoheit einer Dame, welche ſehr wohl weiß, daß ſie eine Gunſt ertheilt, indem ſie einem Sterblichen, und ſei dieſer immerhin ein Fürſt, geſtattet, ſich ihr zu nahen. Fürſt Friedrich fühlte ſich wie betäubt; es ſchien ihm unmöglich, daß dies daſſelbe Weib ſei, welches er geſtern in ſo reizender koketter Grazie und Leicht⸗ fertigkeit geſehen. Vielleicht hatte dieſe Lucinde eine Schweſter, die ihr ſehr ähnlich, gewiß, aber doch eine andere, eine Heilige neben einem Weltkinde. Lucinde reichte ihm lächelnd die Hand hin. Sie ſind pünktlich bei unſerm Rendezvous„Boheit, 12¹ Es war alſo kein Irrthum, es war dieſelbe Lueinde, und dennoch ſo ganz eine Andere! Sie ſah ihn mit einem Blicke an, der in ſeiner innerſten Seele leſen wollte, dann ſagte ſie mit einem feinen Lächeln: Geſtehen Ew. Hoheit nur, daß Sie mir noch zürnen wegen der Störung, die ich Ihnen geſtern verurſachte. Oh mein Gott, ich höre noch immer dieſen ſtrengen, gebieteriſchen Ton, mit welchem Sie mir befahlen, Zimmer zu ver⸗ laſſen. Ich folgte ganz willenlos Ihren Befehlen, ſagte der Fürſt verwirrt. Lueinde brach in ein fröhliches Gelächter aus, in das der Fürſt ganz unwillkürlich einſtimmen mufßte. Geſtehen Sie, Hoheit, ſagte ſie, es war eine pikante Scene. Ich ſelber, ich, die Syrene, warnte den tapfern Odiſſeus. Vielleicht wäre es mitleidiger geweſen, rief der junge Fürſt, wenn Sie ihn ungewarnt in dieſem Meere des Entzückens hätten zu Grunde gehen laſſen. Sie ward plötzlich ernſt und ſchüttelte— Haupt. Das würde ich gethan haben bei einem gewöhnlichen Manne, ſagte ſie, aber nicht bei einem 6 122 Fürſten, von welchem ein ganzes Volk nicht allein erwartet, daß er es lieben, ſondern auch, daß er es frei und ſtark machen ſoll. Der Fürſt blickte ihr erſtaunt in das glühende Angeſicht. Es war in der That ein Zauber, der ſie umgab, er fühlte in ihrer Vähe nichts von dieſer Schüchternheit, dieſer ängſtlichen Beklommenheit, die ihn ſonſt immer in der Nähe Anderer bedrückte, nichts von dieſem vorſichtigen Mißtrauen, das ihn ſonſt ſo leicht überall einen lauernden Bittſteller, einen eigennützigen Schmeichler vermuthen ließ. Die⸗ ſes junge, ſchöne, reiche und unabhängige Weib konnte nichts zu fordern haben, ſelbſt nicht von einem regierenden Fürſten; ſie war immer die Ge⸗ bende, die Glückſpendende und Gunſtaustheilende. Ihr gegenüber brauchte er gar nicht auf der Hut zu ſein vor irgend einer F Großmuth oder ſeiner Unerfa Deshalb war es, daß er ſich bei Lurinden ſo leicht und unbeengt fühlte.„* Sie ſah ihm lange und forſchend in das ju⸗ und doch ſo ernſte Geſicht, dann fragte ſie raſch: woran denken Sie, Hoheit? 5 Ich denke an Sie, 1 der junge Fürſt welche man ſeiner 123 hend, indem er ihre Hand faßte. Ich dachte wie bezaubernd Sie geſtern waren. Das will ſagen, daß ich es heute nicht nin ſagte ſie neckiſch. Indeß, Sie mögen Recht haben. Eine ſchmeichelnde Lüge iſt immer bezaubernder als die Wahrheit. Und ich war geſtern eine Lüge. Ihre Schönheit war und iſt eine Wahtheit, rief der Fürſt erglühend. Sie zuckte leicht die Achſeln und ſah ge vor ſich hin; dann hob ſie das Auge zu ihm und ihr Blick war ernſt und ſtolz. Hoheit, ſagte ſie, ich habe geſtern eine ſehr un⸗ würdige Rolle geſpielt, und im Innerſten Ihres Herzens müſſen Sie mich verachten. Der Fürſt wollte ſprechen, ſie winkte ihm mit der Hand, zu ſchweigen, und fuhr fort: ich will aber nicht, daß Sie mich verachten ſollen, und des⸗ halb war es, daß ich Sie um Ihren Beſuch bat. Wir niſjtwuns verſtändigen, Hoheit, und ich will durchaus, daß Sie beſſer von mir denken ſollen. Nein, antworten Sie mir noch immer nicht, Hoheit, hören Sie mich ruhig zu Ende. Machen Sie keine Verſicherungen meiner Unwiderſtehlichkeit, keine Lo⸗ beserhebungen meiner Schönheit. Laſſen wir ein⸗ mal meine Schönheit bei Seite, obwohl Sie deshalb 124 nicht denken ſollen, daß ich geringſchätzend von mei⸗ ner Schönheit ſprechen will. Im Gegentheil, ich achte ſie ſehr hoch, denn ſie iſt das Mittel geweſen, welches mich die Menſchen, und beſonders die Män⸗ ner, ſehr frühzeitig kennen und verachten lehrte; Sie nehme ich aus, Hoheit, denn Sie ſind noch kein Mann. Sie haben noch niemals betrogen, noch niemals verleumdet, noch keine Unſchuld vergiftet, noch kein vertrauendes Herz gebrochen. Nein, Sie ſind noch kein Mann, und darum dauerten Sie mich inmitten dieſer kalten, berechnenden, Sie beobachten⸗ den und benutzenden Hofwelt, und darum nahm ich dieſe Rolle an, welche Ihre hohe Frau Mutter mir gnädigſt zuertheilte. Ah, eine Intrigue meiner Frau Mutter! rief der Fürſt mit verdüſterten Blicken. Zürnen Sie ihr deshalb nicht, gnädigſter Herr. Sie that in ihrem Sinne das Gute, aber ich will es in dem meinen thun, indem ich Ihnen ganz ftei und rückhaltslos die Wahrheit ſage. Fürſt Friedrich! Ihre Frau Mutter wünſcht, daß ich Ihr Herz für die Liebe empfänglich mache, daß Sie für mich in einer erſten berauſchenden Leidenſchaft erglühen möchten. Und wenn ich nur allzu willig dem Wunſche 3 125 meiner Mutter genüge? fragte der junge Fürſt er⸗ röthend. Dann würde ich Sie beklagen, Hoheit, und Sie verlaſſen. Mein Gott, Sie wollen alſo nicht geliebt werden? Vicht von Ihnen, Hoheit, weil ich Sie nicht unglücklich ſehen will. Und unglücklich würden Sie ſein, wenn Sie ein Weib liebten, welches niemals Ihre Liebe erwidern wird. Der Fürſt zuckte zuſammen und murmelte leiſe: weshalb ſind Sie alsdann gekommen, meine Ruhe zu ſtören? Ich bin gekommen, um Sie zu warnen, ſagte ſie mit einem erhabenen Ausdruck. Ich habe dieſe Rolle übernommen, damit man ſie nicht andern, füg⸗ ſameren Händen anvertrauen möchte! Und wovor wollen Sie mich warnen? fragte der Fürſt, indem er mit ſtaunender Bewunderung in das edle, erglühte Antlitz Lucindens blickte. Wovor wollen Sie mich warnen? Vor Ihrer Mutter! flüſterte Lucinde kaum hörbar. 63 Der Fürſt fuhr zurück und blickte faſt ängſtlich umher. Sie ſind kühn, Baronin, murmelte er. 1²6 Fürchten Sie nichts, Hoheit, ſagte ſie mit einem leiſen Spott, Ihre Frau Mutter wird uns nicht hören, denn ſie iſt ja abgereiſt. Heute wird ſie uns nicht belauſchen. Aber geſtern that ſie es. Weshalb geſchah das? fragte der Fürſt unwillig. Was bedeutete dieſe Scene? Sie bedeutete, daß Ihre Frau Mutter fürchtete, es mögten die Bande des Gehorſams, welche den Sohn der Mutter unterthänig machen, ſich ein wenig lockern, oder es mögten dieſe Zügel der Re⸗ gierung, welche die hohe Frau ſo lange und mit ſo ſtarker Hand gelenkt, ihr entgleiten, um in die Hände ihres Sohnes überzugehen. Ja, ſagte der Fürſt halblaut, man will mich dazu verdammen, immer ein willenloſes Werkzeug ihres Willens zu ſein. Ich ſoll das Siegel ſein, mit welchem ſie ihre Ordonnanzen unterzeichnet, weiter nichts. Sie haben Recht, Hoheit, rief Lucinde erſtaunt, aber ich ahnte nicht, daß Sie dies durchſchauten. Der junge Fürſt ging in heftiger Bewegung auf und ab, und blieb dann vor Lueinden ſtehen mit gerunzelter Stirne und gerötheten Wangen. Ach, ſagte er, ich durchſchaue alle dieſe Intri⸗ 1W guen, all' dieſen Wuſt, der mich umgiebt, ich durch⸗ ſchaue meine tägliche und ſtündliche Demüthigung, und das eben iſt es, was mich zu Boden drückt, was mich zerſchmettert. Hören Sie mich an, Lu⸗ cinde, laſſen Sie dieſes Herz, welches im Geheim ſo viel gelitten, ſich vor Ihnen öffnen, geſtatten Sie mir die Gunſt, vor Ihnen einen Moment meiner Würde und meines Fürſtenthums zu vergeſſen, und mich nur zu erinnern, daß ich ein armer, bedauerns⸗ werther, ſchwacher Menſch bin. Wollen Sie mir das geſtatten, Baronin? Sie blickte tief bewegt in dieſe zuckenden, von Wehmuth und Schmerz zerriſſenen Züge des jungen Mannes. Mein Gott, ſagte ſie, Sie nennen ſich unglücklich und haben doch die Macht in Händen, ſo glücklich zu ſein. Das ſagen ſie Alle, rief der Fürſt, zornig mit dem Fuße ſtampfend. Sie ſollten das nicht ſagen, Sie, welche meine Mutter zu ihrer Vertrauten ge⸗ macht hat, und Sie damit einen tiefen Blick in das geheime Elend unſerer Familie hat thun laſſen. Ja, in das Elend, ſage ich. Ach, man nennt mich jung und glücklich, unabhängig und mächtig. Man weiß alſo nicht, daß ich alt bin an Erfahrungen, daß ich niemals das Glück, ſondern immer nur Entbehrungen, 128 verſagte Wünſche, Vereinſamung und Alleinſein ge⸗ kannt habe. Und unabhängig und mächtig wäre ich, ich, auf den der Wille meiner Mutter mit zer⸗ malmender Wucht niederdrückt, ich, welcher nichts ſein ſoll, als das Spielzeug in ihren Händen, der nicht ſelbſtſtändig über das Kleinſte beſtimmen kann, ohne mich ihrem Zorne, ihren Vorwürfen auszuſetzen, ohne fürchten zu müſſen, mich einen Undankbaren, einen Vorwitzigen nennen zu hören. Oh, glauben Sie mir, Lucinde, beneiden Sie niemals dieſe Für⸗ ſten, welche jung ſchon auf den Thron geſtellt wer⸗ den, um zu herrſchen, welche man zu Herrſchern macht, ehe die Natur ſie mindeſtens zu Männern gereift. Es iſt immer ein beklagenswerthes Lvos ein Fütſt zu ſein, aber doppelt beklagenswerth, wenn das Schick⸗ ſal uns ſchon dazu beruft, bevor wir die Kraft und den Willen erlangt haben, all dieſen Kabalen und Intriguen, mit denen man uns umgibt Trotz zu bieten. Herrſcher ſollen wir ſein, wir, welche noch nicht einmal gelernt haben, uns ſelbſt zu beherrſchen, weiſe ſollen wir ſein, wir, die wir weder Erfahrung noch Einſicht haben können. Aber nein, ich irrte mich, man verlangt das nicht, man will nur, daß dies Alles ſo ſcheine, man will aus dem jungen, knaben⸗ haften Fürſten einen Deckmantel machen, unter dem 5 4 129 man die bunten Würfel des Lebens nich er ſoll nichts ſein, als die Schreibfeder, welche den frem⸗ den Gedanken außzeichnet. S es iſt ſo bequem, zu regieren unter dem Namen eines Andern, man iſt geſichert vor jeder Verantwortung, und wenn das Volk Zeter ſchreit und Flüch drückung und Unbill, ſo iſt ma ſten, dieſen armen, unmündigen Knaben, der nichts davon verſteht, meint man, nichts davon fühlt, dem man ja nur deshalb den Thron egeben, damit man hinter demſelben unangefochten agiren kann. Und nun ſetzen Sie den Fall, dieſer Knabe ließe es ſich einmal einfallen, ein Mann zu ſein, das Szepter führen zu wollen, welches man in ſeine Hand gelegt, und er mit ſeinem Namen regieren muß, es auch nit ſeinem Willen thun zu wollen. Welches Ge⸗ ſchrei über Undank, wie viel Vorwürfe, wie viel Mutterthränen, wie viel Anrufungen der Sohnes⸗ pflicht, des kindlichen Gehorſams, bis man endlich ermattet, zerbrochen, und um nur endlich mindeſtens ein wenig Frieden zu finden inmitten dieſes glänzen⸗ den Elends, ſich unterwirft, und ſtatt eines regieren⸗ den Fürſten weiter nichts mehr iſt, als ein gehor⸗ ſamer Sohn 9 ausſtößt gegen Be⸗ ſicher, nicht davon berührt zu werden, denn das trifft ja nur den Für⸗ das iſt mein Looß“ daß ich mächtig bin? Lucinde ſah ihm m Fr einem tiefen Blicke in vns zuckende Angeſicht. Mein Fürſt, ſagte ſie langſam und feierlich, auf, ein gehorſamer Sohn Sie nun noch w zu und werde ein regierender Fürſt. Ich habe es verſucht, ſagte er, ich habe meinen Vilen dem meiner Mutter entgegen ſetzen wollen, 3 ich fand nichts als Widerſtand und Demüthi⸗ gungen, denn ſelbſt neine Diener, welche meine WMutter mehr ſürchtt mich, wagen nicht, meinen * Willen zu thun, wenn er dem meiner 6 widerſpricht. u Und doch fürchtet man Sie bereits, Hoheit, rief Lucinde lächelnd. Ja man fürchtet, daß der junge Qler die Schwingen regen und dem mütti rlichen Neſte entfliehen möchte. Deshalb wollte man Sie binden, mit den Banden der Liebe, deshalb wollte man Sie einſchläfern mit dem Sinnenrauſch der Leidenſchaft, und damit Sie nicht nach dem Szepter verlangten, wollte man Ihnen eine Geliebte geben. Und Sie ſollten dieſe Geliebte ſein? Ich ſollte es ſein, Hoheit, aber ich kann es nicht, denn ich liebr Sie nicht. Und Sie, Fürſt 131 Friedrich, Sie lieben mich auch nicht, Sie ſind nut ein wenig bezaubert von mir, Sie haben nur bei mir die erſte Ahnung eines Gefühls empfangen, das Sie einſt kennen lernen werden, das iſt Alles! Es iſt wahr, murmelte der Fürſt, e ganz anderes Gefühl, als jenes, welches ſo glücklich gemacht. Ach, Sie haben es alſo ſchon kennen gele t fragte Lucinde lächelnd. Man that Ihnen alſo Un⸗ recht, indem man Sie unempfindlich nannte? Man that mir Unrecht oder vielmehr eine Täu⸗ ſchung hat mich unempfindlich gemacht. Ich liebte ein junges Mädchen, und glaubte mich von ihr ge⸗ liebt. Ich war damals kaum achtzehn Jahre, ſie noch jünger. Wir ſchwuren uns ewige Treue und Gott weiß, daß ich bereit war, ſie zu halten, ob⸗ wohl ich wußte, daß ich um ihretwillen gegen meine ganze Familie werde kämpfen müſſen, denn dieſes junge Mädchen war weder reich noch mächtig, ſie war nur die Tochter eines armen apanagirten Für⸗ ſten. Aber ich liebte ſie und würde ſelbſt meiner Mutter getrotzt haben um ihretwillen. Und ſie, dieſes junge Mädchen? fragte F als der Fürſt ſchwieg. Sie iſt i langen Wartens berdrüſſig 6 ge⸗ 9* 132 worden, es dauerte ihr zu lange, bis ich ſelbſtſtän⸗ dig ward, oder vielleich vergaß ſie meiner, was weiß ich! Wir ſchrieben uns allwöchentlich, dann hörten Briefe plötzlich auf, ſie verſtummte mir; eine meinem Herzen war zerſprungen— weiter iſt unnütz, davon zu reden, es iſt r eine Frage, Hoheit, ſagte Lucinde ſinnend. Wer war die Vertraute dieſer Liebe? Wer beförderte S Vueet . WMeine Schweſter. Ah, Prinzeſſin Louiſe! rief Lucinde nachdenkend. Dann fragte ſie raſch: Sind Sie überzeugt, daß die Prinzeſſin Sie mehr liebt, als ſie ihre Mutter fürchtet? Der Fürſt ſah ſie befremdet an. Ich muß es glauben, ſagte er, denn ſie weiß, wie viel ich um ſie leide, wie viel Qual und Marter ich täglich um ſie erdulde. Ach, ich ſehe in Ihren Zügen, daß meine Mutter Ihnen Alles vertraut hat, daß Sie die ganze geheime Geſchichte unſeres Hauſes kennen. Ja, Sie wiſſen alſo, daß meine Schweſter dieſem Dämon, der durch unſer Haus ſchreitet eine neue Waffe gegeben hat, daß ſie den Fluch erneuert hat, der über uns ſchwebt. Sehen Sie, das iſt dieſer mächtige, beneidete, regierende Fürſt, er zittert vor einem Buben, der zu jeder Stunde, wenn es ihm beliebt, ſeine Ehre und ſeinen fürſtlichen Namen zwiefach in den Staub treten und machen kann, daß. die ganze Welt hohnlachend auf mich weiſt. und ich darf dieſen ehrloſen Buben, der mir mein ein⸗ ziges perſönliches Beſitzthum, meine Ehre ſtahl, ich darf ihn nicht einmal tödten, denn gleich der Schlange, welche im Todeskampf ihr geführlichſtes Gift ausſpritzt, würde er im Tode noch mein ganzes Daſein verwüſten. O mein Gott, ich haſſe ihn, und ich muß noch für ſein Leben beſorgt ſein! Lucinde ſchaute mit einer tiefen Theilnahme in das von Leidenſchaft verzerrte Antlitz des Fürſten. Hoheit, ſagte ſie, man hat mich zu Ihrer Geliebten machen wollen, aber ich will mehr ſein als das, ich will Ihre Freundin ſein. Ich nahi dieſe Rolle an, welche man mir auferlegte, weil ich Sie die Stimme der Warnung und der Offenheit wollte hören laſſen, weil ich zu Ihnen ſagen wollte: Entreißen Sie ſich dieſen unwürdigen Banden, mit denen man Sie feſſeln will. Hören Sie den Ruf Ihres Volkes! Treten Sie hinaus unter Ihr Volk, welches zittert und zagt um ſeine höchſten Güter, um ſeine Verfaſſung und ſeine Freiheit. Man will dem Volke dieſe Güter, welche „ 6 134 man ihm zugeſchworen in den Stunden der Angſt und Bedrängniß, man will ſie ihm wieder entreißen, jetzt, da die Gefahr vorüber, da man das Volk wie⸗ der mit Bajonetten zurückgeſtoßen in ſeinen Käfig der Unterthänigkeit. Man will feilſchen und mäkeln an dem Geſchenke, welches ſich das Volk mit ſeinem Blute errungen hat, und man thut es in Ihrem Namen. Treten Sie alſo hinaus unter Ihr Volk, Fürſt Friedrich, ſagen Sie ihm, daß Sie Ihr fürſt⸗ iches Wort niemals brechen, ſondern daß Sie Wort halten wollen in dem, was Sie gelobt! Sagen Sie Ihrem Volke, daß in Ihrem Lande die Freiheit eine Wahrheit und die Verfaſſung kein Schattenſpiel ſein ſoll, und hören Sie dann an dem Jubel und dem Entzücken, das Sie umrauſchen wird, ob das Volk wirklich das iſt, wie man es geſchildert, eine Heerde unmündiger Kinder, die man mit Ruthenſchlägen züchtigen muß.— Sehen Sie, das wollte ich Ihnen ſagen, daran wollte ich Sie mahnen jeden Tag, deshalb wollte ich ſelbſt die ſchimpfliche Rolle einer fürſtlichen Maitreſſe auf mich nehmen. Aber jetzt ſage ich Ihnen noch wehr, ich ſage Ihnen, daß ich Ihre Freundin ſein, und daß ich Ihnen dienen will mit aller meiner Kraft. Und dieſe Kraft iſt deshalb groß, weil die Männer ſo ſchwach ſind. Vertrauen Sie mir alſo, Hoheit, erzählen Sie mir Alles, was dieſen Mann anbetrifft, den Sie den Dämon Ihres Hauſes nennen. Der Fürſt ſah ſie lange an, er las in ihrem ſchönen und ſtrahlenden Geſicht, daß ſie ihn nicht täuſchen und hintergehen wolle. Wohlan, ſagte er, indem er ihr ſeine Hand hinreichte, ich will Ihnen rückhaltslos vertrauen. Hören Sie! Es war eine lange und traurige Geſchichte, welche jetzt der junge Fürſt der ſchönen Lueinde, oft unterbrochen von ihren Fragen, ihren theilnahms⸗ vollen Aeußerungen, erzählte. Er ſchilderte ihr den Charakter Bernthals, berichtete ihr den Inhalt ſei⸗ ner letzten Unterredung mit ihm und flüſterte ihr mit zitternder und bewegter Stimme die demüthi⸗ gende und ſchmachvolle Geſchichte in's Ohr, welche ihn, den Schuldloſen, gewiſſermaßen zum Sklaven des Schuldbeladenen gemacht hatte. Lucinde hörte ihm mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit zu. Damn ſaß ſie lange und ſinnend da. Hoheit, ſagte ſie dann plötzlich, glauben Sie wohl, daß dieſer Mann noch etwas Anderes zu ſe⸗ hen vermag, als ſeine düſtere Rache? Ich will ſa⸗ gen; glauben Sie, daß er ſich noch verlieben kann? 136 In jedes andere Weib nur dann, wenn es in ſeine Plane paßt, aber Ihre Zaubergewalt, Lucinde, ſteht über aller Berechnung! Wenn ich ihn nur einmal unbeobachtet ſchen könnte, bevor ich meinen Plan entwerfe, ſagte Lu⸗ einde nachdenkend. Dies wird leicht zu erfüllen ſein. Er kommt morgen früh, um den Brief an den König von mir abzuholen. Und Sie werden ihm denſelben geben? Ich habe ihm mein Wort darauf gegeben, ich werde alſo um ſeine Begnadigung bitten. Und ich kann ihn ſehen, wenn er bei Ihnen iſt? Sie ſollen ihn ſehen und hören. Ich werde ihn in meinem Toilettenzimmer empfangen, welches nur durch eine Portiére von dem Arbeitszimmer getrennt iſt. Von dort aus können Sie ihn beob⸗ achten.—— Am andern he begab ſich der Fürſt in ſein Toilettenzimmer, und entließ ſowohl den dienſt⸗ thuenden Kammerherrn, als das Heer der aufwar⸗ tenden Toilettendiener. Dann verſchloß er ſelber die Thüren, und eilte durch die Gemächer der Fürſtin Mutter zu Lucinden hin. Sie trat ihm mit einem reizenden Lächeln ent⸗ 137 gegen, und folgte ihm ſchweigend und durch die Reihe der Zimmer. Jetzt warten Sie hier hinter der Portiére, ſagte er, indem er Lucindens Hand an ſeine Lippen drückte und in ſein Toilettenzimmer zurücktrat. Mit klopfendem Herzen erwartete er ſeinen Feind, und indem er ängſtlich im Zimmer umher blickte, flüſterte er: Ich bin doch begierig, ob es auch in dieſem Zimmer geheime Thüren giebt. Ueberall giebt es deren, wo es verliebte Weiber giebt, welche die Eiferſucht des Gemahls fürchten! ſagte Bernthals ruhige Stimme hinter ihm. Der Fürſt wandte ſich erſchrocken um. Bern⸗ thal verneigte ſich leicht und zeigte mit einem ſpöt⸗ tiſchen Lächeln auf den Spiegel, der ſich zur Seite geöffnet und ihm den Durchgang gelaſſen hatte. Laſſen Sie dieſe Spiegel vermauern, ſagte er, laſſen Sie dieſe Bilder mit eiſernen Ringen an die Wand ſchmieden, die Liſt der Weiber wird doch neue Wege erſinnen, auf welchen ſie täuſchen und verrathen und diejenigen hintergehen können, welchen ſie Treue gelobt. Trauen Sie nie einem Weibe, dies iſt das erſte wohlmeinende Wort, welches ich Ihnen ſage und ich bereue ſchon, es gethan zu haben. Das iſt vielleicht das erſte Mal, daß Sie Reue empfinden! rief der Fürſt ſpöttiſch. Oh nicht doch, Hoheit, ich habe ſchön oft be⸗ reut, ja, mein ganzes Leben iſt eigentlich weiter nichts, als eine einzigesgroße Reue! Ich bereue die Nichtswürdigkeit meines Vaters, Ihres Groß⸗ vaters, Hoheit, und ich ſuche ſie wieder gut zu machen, indem ich mich bemühe, für das eit eine Strafe zu finden. Lucinde, welche hochklopfenden Herzens hinter dem Vorhange ſtand, murmelte leiſe in ſich hinein: Ich fürchte mich vor ihm! Er hat ein grauſames Lächeln. Doch iſt er ſchön, wie ein gefallener Engel! Jedem Verbrecher wird endlich ſeine Straſe werden, ſagte der Fürſt ernſt, indem er Bernthal die Briefe und Papiere hinreichte. Ich werde das der Frau Fürſtin Mutter und der Prinzeſſin Schweſter ſagen, erwiderte Bernthal, ſich tief verneigend. Sie werden zittern vor dieſem Ihrem Urtheilsſpruche. Und ſomit Gott befohlen, Fürſt Friedrich. Ein neuer Akt meines Lebens be⸗ ginnt, der Vorhang iſt ſchon aufgezogen, und das ungeduldige Publikum ruft ſeinen Helden. Ach, ich komme, ich komme ſchon! 6 . Und mit einem übermüthigen Lachen den Für⸗ ſten begrüßend, verſchwand Bernthal hinter der Spiegelthür. Der Fürſt blickte ihm mit dem Ausdrucke eines finſteren Haſſes nach, dann fuhr er mit der Hand über ſeine Stirne, und ſchlug die Portiére zurück, welche in das Arbeitszimmer führte. Lurinde ſtand in tiefe Gedanken verloren, die eine Hand hatte ſie gegen die Stirn gepreßt, die andere an dem Buſen, der ſtürmiſch auf und nie⸗ der wogte. Aun? fragte der Fürſt. Sie haben ihn gehört? Lucinde ſchrak zuſammen und ſchien aus einem ſchmerzlichen Traume zu erwachen. Ja, ſagte ſie, ich habe ihn nicht blos gehört, ſondern auch geſehen. Sie haben Recht, dies iſt ein ſehr gefährlicher Feind. Aber die Gefahr gerade reizt meinen Muth, und ich will es verſuchen, gegen dieſen gefallenen Erzengel zu kämpfen. Hier meine Hand, Hoheit. Ich ſchwöre Ihnen eine treuc, un⸗ verbrüchliche Freundſchaft. Von dieſer Stunde an bin ich Ihre Bundesgenoſſin. Kein Mittel, keine Liſt ſoll unverſucht pleiben. Alles, was ein Weib an Intrigue, an Koketterie und Verführungskunſt erfinnen kann, das will ich thun, um dieſen Ihren Dämon zu beſiegen. Es iſt der erſte große Kampf, den ich zu kämpfen habe, und zum erſten Male ver⸗ lohnt es ſich für mich der Mühe, ſchön zu ſein. Ich will ihn beſiegen und Sie befreien von dieſem Dämon. Fürſt Friedrich, bevor ein Monat vergan⸗ gen iſt, lege ich dieſe unſeligen Briefe, welche dieſer Mann von Ihrer Mutter und Schweſter hat, in Ihre Hände! Das iſt ein gewagtes Wort, rief der Fürſt. Ich werde es erfüllen oder zu Grunde gehen, ſagte Lucinde glühend. Erwarten Sie mich in vier Wochen hier in dieſem Zimmer, ich werde Ihnen dann dieſe Briefe bringen, und wenn er ſie in ſei⸗ ner eigenen Bruſt verriegelt hätte. Ich werde ſie mit ſeinem Herzen aus ſeiner Bruſt reißen. X. Mutter und Tochter. Berlin hatte wieder ſein ruhiges und friedliches Anſehen gewonnen. Die Baſſermannſchen Geſtalten, die Rehberger und Straßendemokraten, der Linden⸗ klub und die Volksverſammlungen waren verſchwun⸗ den. Es war wieder die ſtolze prachtvolle Königs⸗ ſtadt mit ihren glänzenden Hofequipagen, ihren ſtol⸗ zen Prinzeſſinnen, ihren hochmüthigen, aber armen Ariſtokraten und ihren luxuriöſen Juden und Ban⸗ kiers. Es war aber auch wieder die glänzende Königsſtadt mit ihren hungernden und frierenden Proletariern, mit ihren vieltauſend brodloſen Arbei⸗ tern und ihren zehntauſend beſtraften Dieben und Verbrechern. Wie geſagt, Berlin hatte ſein fried⸗ ücches Anſehen wieder gewonnen. Die Armen ar⸗ beiteten oder bettelten wieder, die Reichen amüſirten 142 ſich und genoſſen des Lebens. Und wo hätte ein Berliner mehr Unterhaltung, mehr Zerſtreuung fin⸗ den können, als entweder im Ballet und in der Oper, oder auch in den glänzenden Feſtſälen bei Kroll draußen vor dem Brandenburger Thor. Wer aus dem Brandenburgerthor ſich dieſem Kroll'ſchen Freudenpalaſt nahte, der blieb wie ange⸗ zaubert ſtehen über den wunderbaren Anblick, welchen dieſes Haus heute darbot. Wie ein Feenſchloß lag es da, funkelnd von tauſen und tauſend Kerzen, ſtrahlend hell inmitten des dunklen Rahmens, mit welchem die hohen Bäume des Thiergartens es rings umgeben. Die Nacht war düſter und trübe, aber dieſes Haus leuchtete blendend hell aus der Dunkelheit hervor, und ganz deutlich konnte man den ganzen wunder⸗ baren Bau überſchauen, der wie eine Sultanslaune ſtolz und prächtig, barock und kühn zugleich ſich mit⸗ ten in der Wüſte des Berliner Sandes hingelagert hat, und mit ſeinen Thürmen und Zinnen, ſeinen Tempeln und Veranden zart und durchſichtig wie aus Mondenſchein und Sonnenſtrahlen gewebt, in⸗ mitten der Nacht emporleuchtete. Auch ſchien dieſes Haus heute in der Lhat eine zauberhafte Anziehungskraft auszuüben; Alles eilte ihm zu, die Equipagen rollten hin und wieder; auf dem mit gelbem Sand ſorgſam beſtreuten Fußpfad ſah man ganze Schaaren dichtverhüllter Geſtalten dahin ſtrömen, und wenn ſich hie und da ein Man⸗ tel lüftete oder vom Winde zurückgeſchlagen ward, konnte man beim hellen Schein der Gaslaternen die ſeltſamſten und abenteuerlichſten Koſtüms erblicken, flimmernd von falſchem Gold und falſchen Juwelen, und alle Farbenpracht des Orients entfaltend. Aber nicht blos auf dieſen erleuchteten Pfaden und in dieſen ſtolzen Cquipagen wandte ſich das Publikum dem Krollſchen Etabliſſement zu,— da war noch ein anderes Publikum, welches ſcheu zwiſchen den Bäumen zur Seite des Weges hinſchlüpfte, und nur lüſterne und nrugierige Blicke auf die Equipagen und die verhüllten Fußgänger warf. Dies war das Publikum, welches draußen ſteht. Das Publikum der hungernden und frieren⸗ den Armuth, welches wie Lazarus die Broſamen der Luſt aufſchnappen wollte von der Tafel des Reichen, indem es mindeſtens einen flüchtigen Anblick haben wollte von den köſtlichen Anzügen der Damen, die unter der Einfahrt aus ihren Karoſſen ſtiegen, der Herren, die auf der erwärmten Hausflur ihren Be⸗ dienten ihre Mäntel zuwarfen. In ganzen Schaa⸗ ren umlagerte dieſes Publikum die Eingänge; mit 144 ſtaunender und ſchweigender Bewunderung blickte es auf all' die Pracht da drinnen hinter den erleuch⸗ teten Fenſtern hin, ſchon glücklich, nur ſehen zu dür⸗ fen, wie ſich Andere ergötzten. Aber ſelbſt dieſes Sehen, wie oft ward es ihnen nicht verbittert und geſtört, wie oft mußte man nicht das Lachen unter⸗ drücken, den Aufſchrei der Ueberraſchung über irgend eine fabelhafte und wunderbare Geſtalt, die aus einer Equipage hervor und in das Haus ſchlüpfte, zurückhalten, nur um nicht den Zorn und die ſchimpfende Zunge der berittenen Herren Konſtabler zu erwecken, welche ſich ſtolz auf ihren Pferden blä⸗ heten und dieſes gaffende Publikum der Armuth ge⸗ wiſſermaßen als eine Heerde Schafe betrachteten, die ſie als wohlbeſtallte Schäferhunde bewachen müßten. Die Konſtabler waren da, um Ordnung zu halten, das heißt um zu verhüten, daß nicht irgend ein neu⸗ gieriges Menſchenkind ſich allzunah an dieſe Pforte dränge, deren Schwelle nur die geputzten und berech⸗ tigten Leute überſchreiten durften. Doch hatten es zwei Weiber gewagt, ſich näher heran zu drängen an die überdachte Einfahrt. Dort ſtanden ſie hinter einen der großen Tragepfeiler der Ueberdachung gedrückt und ſchauten nach den heran⸗ fahrenden Equipagen. Das eine dieſer Weiber war . 145⁵ eine alte gebückte Frau mit grauem, farbloſem An⸗ geſicht, mit zahnloſem Munde und großen ſchwarzen Augen, die in ſtechendem Glanze aufleuchteten, ſo oft irgend eine reichgeſchmückte Dame aus ihrer Equi⸗ page ſtieg. Das andere war ein junges Mädchen, jünger vielleicht als ihr gram- und ſchmerzdurch⸗ furchtes Angeſicht es ahnen ließ, jünger als dieſes verächtliche Lächeln es verrieth, mit welchem ſie nach dem Schmuck und Glanz der Damen hinſchaute. Sie war nicht geſchmückt und nicht glänzend anzu⸗ ſchauen in ihrem ärmlichen dunklen Wollenkleide, doch war ſie ſchön, und manche Dame hätte ſie be⸗ neiden mögen um ihre dunkeln ſchwarzen Augen, um die hohe weiße Stirn, die von glänzend ſchwarzem Haar umſchattet war, um den kleinen edelgeformten Mund, hinter dem zwei Reihen untadelhafter Zähne hervorleuchteten. Aber man ſah es wohl, daß die arme Marie wenig Acht hatte ihrer Schönheit und ſich wenig kümmerte um die Reize, mit welchen die Natur ſie geſchmückt. Ihr Haar hing in langen ungeordneten Streifen über ihre blaſſen durchſichtigen Wangen hin, ihr ganzer Anzug, ihre ganze Erſchei⸗ nung trug das Gepräge der Vernachläſſigung und gramvoller Achtloſigkeit. Eben fuhr eine Equipage vor und zwei leichte I 10 146 Frauengeſtalten in glänzenden Koſtüms ſWhhe heraus. Wie ſchön und prachtvoll! flüſterte das arme gaffende Volk. Ja, ſchön und prachtvoll, murmelte die Alte. Und doch ſind's nur armer Leute Kind, und ein ar⸗ mer Schneidergeſelle war ihr Vater. Jetzt ſtolziren ſie in Sammet und Seide umher und ſind berühmte und große Tänzerinnen, blos weil ſie ſchön ſind und jung, und ihre Augen und ihr ſchönes Angeſicht zu gebrauchen wiſſen. Du könnteſt es auch ſo haben, Marie, wenn Du nur wollteſt. Du biſt ſchöner als alle dieſe Tänzerinnen, und Du könnteſt Sie Alle verdunkeln, wenn Du nur wollteſt. Ich will aber nicht, Mutter! erwiderte das Mädchen mit müder Stimme. Das iſt eben Dein großes Unrecht, wimmerte die Alte. Du läßt Deine arme alte Mutter darben und hungern, während es doch in Deiner Hand liegt, uns Glück und Reichthum, und Ehre und An⸗ ſehen zu geben. Ehre, Mutter? fragte das junge Mädchen ironiſch. Ja, Ehre, eiferte de Alte. Denn Du, Du hiſt jung und ſchön, und wenn Du nur zum Ballet ge⸗ 147 hen wollteſt, ſo würdeſt Du bald ſehen, wie die vornehmſten und größten Herren, ja, Prinzen ſogar, ſich um Dich bemühen und Dir hofiren und ſchn thun würden. Ich will mir von Niemand auf der Welt mehr ſchön thun laſſen, Mutter, ſagte Marie ſtrenge. Du willſt Deine alte Mutter verhungern laſſen, das willſt Du, wimmerte die Alte. Du biſt ein gottverlaſſenes, undankbares Kind. Ja, das bin ich, ſagte Marie ruhig, gottverlaſ⸗ ſen bin ich, aber nicht undankbar, Mutter, denn wofür ſollte ich Dir wohl dankbar ſein? Sie frägt, wofür ſie mir dankbar ſein ſoll, rief die Alte. Bin ich nicht Deine Mutter, habe ich Dich nicht erzogen, und ernährt, und Dich gepflegt, als Du ein kleines Kind wareſt? Was wäre aus Dir geworden, ohne mich, ohne Deine Mutter? Vielleicht wäre ich geſtorben und das wäre das Beſte geweſen, ſagte das junge Mädchen mit herz⸗ zerſchneidender Ruhe. Aber ſtill jetzt, Mutter. Ich habe Dich nicht hieher gebracht, damit Du mir hier Deinen Jammer vorheulen ſollſt. Weshalb ſind wir überhaupt hier? ftagte die Alte. WMich friert und mich hungert ſo ſehr. * 148 Haſt Du daheim eine warme Stube und 5 Deinen Hunger zu ſtillen? Nein, nein, ich habe nichts daheim als Elend, ſagte die Alte zuſammenſchauernd. Und das Elend folgt uns überall hin, h alſo beklage Dich nicht. Aber ſage mir nur, weshalb wir hier ſnd. Um zu ſehen und zu beobachten, ſagte Marie feierlich. Ah, jetzt begreife ich, rief die Alte plötlich in freudigem Ton. Wir ſind nicht blos hier, um zu ſehen, ſondern auch, um geſehen zu werden. Ach, Du willſt endlich meine gute Tochter ſein. Du haſt die Lehren Deiner Mutter begriffen, und willſt end⸗ lich das Kapital Deiner Schönheit benutzen. Laß mich los, Mutter, ſagte Marie, indem ſie die Hand abſchüttelte, welche ihre Mutter liebkoſend auf ihre Schulter gelegt. Ich wrill nicht geſehen werden, Mutter, denn wer ſieht, der icht uur meine Schande. Aber wirſt Du dies denn niemals wieder ver⸗ geſſen? jammerte die Alte leiſe. Vein, niemals! Das iſt thöricht und ienißigh Vas weſen iſt, das iſt geweſen. Du biſt zurückge⸗ 2 kehrt und wir wollen jetzt ein neues Leben nen, Marie. Ein neues Leben, ſagte Marie. Ein neues Leben, wenn Alles todt iſt, Mutter, das Herz und die Jugend, die Ehre und das Vertrauen. Ein neues Leben, Mutter, wenn nichts mehr lebt, als das Gewiſſen. Wie thöricht Du n vit ſagte die Mutter, man hat Dir nichts beweiſen können. Aber man hat mich doch in's Zuchthaus geſchickt. Still, ſtill, ſagte die Alte, ſich ſcheu umblickend. Vergiß das Alles, Marie, ſei jetzt meine gute Tochter. Deine gute Tochter, rief Marie mit einem höhniſchen Lachen. Ich habe zwei Jahre im Zucht⸗ hauſe geſeſſen, und Du verlangſt von mir, daß ich gut ſei. Mutter, Mutter, glaube mir, als ein leichtſinniges Mädchen bin ich gegangen, als eine verſtockte Sünderin kehrte ich zurück. Das iſt ganz in der Ordnung, und wit wollen uns nicht darüber beklagen, Mutter. Nein, nein, wir wollen uns nicht mehr bekla⸗ gen, Marie, ſagte die Alte. Wir wollen uns freuen, daß Du wieder da biſt, wir wollen— 15⁰ Plötzlich fühlte ſie die Hand ihrer Tochter, welche ſich krampfhaft um ihren Arm legte. Still! ſagte Marie mit gebieteriſchem Ton. Sieh dorthin, Mutter. Die Alte folgte der Richtung von Mariens Blicken, welche unverwandt auf die Einfahrt geheſ⸗ tet waren. Dort hatte eben eine elegante Equipage Halt gemacht, und der Livréebediente war eben be⸗ ſchäftigt, den Schlag zu öffnen. Ich habe am Kutſchenfenſter Geſicht geſe⸗ ſchen, murmelte Marie. Weſſen Geſicht? Marie. Sieh, Mutter, ſieh, ſagte das junge Mädchen, und ihre Mutter hörte, wie ſie ihre Zähne knir⸗ ſchend auf einander preßte. 6 Aus der Kutſche war jetzt ein tief in einen Mantel gehüllter Mann hervorgetreten. Während er damit beſchäftigt war, zweien Damen beim Aus⸗ ſteigen behilflich zu ſein, fiel der Schein der Gas⸗ laternen gerade auf ſein Geſicht. Marie ſchrak in ſich zuſammen und preßte den Arm ihrer Mutter“ ſo feſt in ihrer Hand, daß dieſe aufſchrie vor Schmerz. Laß mich los, Marte, ſagte ſ Still, Mutter, und höre, flüſterte Marie athemlos. 1 15¹ Der Herr hatte ſo eben die eine der beiden Damen in das Haus geführt, und indem er jetzt zurückkehrte und der andern ſeinen Arm gab, wandte er ſich zu ſeinem Bedienten: Der Wagen ſoll erſt um drei Uhr hier ſein, Jean, und nicht erſt um ein Uhr, wie ich Dir frü⸗ her befahl. Denn nicht wahr, meine ſchöne Gräfin, wir ſoupiren doch? Ja, wir ſoupiren, rief die Dame mit einem fröhlichen Lachen, indem ſie mit ihrem Kavalier in das Haus trat. Er iſt immer noch derſelbe, murmelte die Alte. Immer wohlgemuth und guter Dinge. Wie luſtig er lachte, Marie. Er ſoll nicht mehr lachen, Muttet, ſagte Marie 1 athemlos, indem ſie ihre Mutter von der Stelle, wo ſie bisher geſtanden, fortzog in das Dickicht der Bäume. Und was ziehſt Du mich jetzt von dort weg, Marie? fragte die Alte, indem ſie ſich vergeblich ge⸗ .* gen die überlegene Gewalt der Tochter ſträubte. Du gehſt jetzt nach Hauſe, Mutter, ſagte Marie. Nach Hauſe! und weshalb nach Hauſe? Weil ich es will. Ah, ſieh nur, jammerte die Alte. Sie will die 152 Herrin ſein. Ihre alte Mutter ſoll ihr gehorchen und ihre Magd ſein, ihre alte Mutter ſoll ohne zu fragen ihren Willen thun, und doch will ſie mir das nicht einmal vergelten mit Liebe, doch iſt ſie hart und grauſam gegen mich. Ach, ach, ich habe ein kaltes, herzloſes Kind, ich bin eine unglückliche Mutter. Das biſt Du und Du wirſt noch viel unglück⸗ licher werden, als Du es heute biſt, Mutter! ſagte Marie feierlich. Aber jetzt gehe nach Hauſe. Warum haſt Du mich denn hierher geſchleppt, wenn ich jetzt ſchon wieder gehen ſoll? Ich habe Dich nicht hergeſchleppt, ſondern Du biſt mir, ohne daß ich es wünſchte, gefolgt. Weil ich wiſſen wollte, wohin Du gingeſt. Weil ich endlich erfahren wollte, was die Schuld daran trägt, daß meine Marie ſeit den zwei Tagen, daß ſie zurückgekehrt iſt, ſich gar nicht um ihre arme Mutter bekümmert, ſondern immer wieder fortgeht und ſie allein läßt in ihrer dunkeln, kalten Kammer. Jetzt weißt Du es, Mutter, weshalb ich zwei Tage auf den Straßen umher irrte. Ich wollte wiſſen, ob er noch hier iſt, und ob er noch immer lachen kann. Aun habe ich ihn geſehen und er iſt S 153 noch immer ſchön und die ſchönen Mädchen 2 ihn noch. Biſt Du eiferſüchtig? fragte ihre Mutter mit einem heiſeren Lachen. Liebſt Du ihn denn noch, Marie? Mariens Hand legte ſich ſchwer und gewichtig auf die Schulter ihrer Mutter, daß ſie faſt zuſam⸗ menbrach unter der Erſchütterung. Gott verzeihe mir, ich glaube, ſie ſchlägt mich! kreiſchte die Alte. Ich würde Dich erwürgen, wenn Du nicht meine Mutter wäreſt, ſagte Marie mit ſchauerlicher Ruhe. Und ich rathe Dir, Mutter, thue niemals wieder ſo wahnſinnige Fragen, nenne nie ſeinen Namen, ohne daß ich Dich dazu auffordere, und nur, wenn Du lebensſatt biſt und ſterben willſt, Mutter, dann ſage zu mir, daß ich dieſes Ungeheuer einſt geliebt hätte, nur dann, Mutter, wenn Du ſterben willſt von meiner Hand. Du willſt doch Deine alte Mutter nicht um⸗ bringen? Und warum nicht? rief Marie mit höhniſchem Lachen. Iſt es denn ſchwerer, ſeine Mutter zu tödten, als— Die Hand der Alten verſchloß die Lippen ihrer 2hie Still, mein Kind, ſagte ſie. Ich weiß, daß Du nur geſcherzt haſt, und ich will auch nicht mehr klagen. Komm, laß uns nach Hauſe gehen Ich nicht, Du gehſt allein! Vein, nein, Marie, Du wirſt mit mir gehen. Die Vacht iſt kalt und Du biſt ſo leicht angezogen, Du könnteſt erfrieren, mein liebes, ſchönes Kind, komm mit mir! Vein, Mutter, ich bleibe hier. Ich muß erfah⸗ ren, wo er wohnt. Und wie willſt Du das erfahren? Ich werde den Bedienten fragen, wenn er mit dem Wagen zurückkehrt. Aber haſt Du nicht gehört, daß er den Wagen erſt um drei Uhr beſtellt hat? Ich habe es gehört. Und ſo lange willſt Du hier bleiben? In die⸗ ſer Kälte und ſo einſam und verlaſſen! Die ganze Nacht willſt Du wachen? Oh, ich habe ſchon manche Nacht vach Mutter, manche Racht, die noch ſchrecklicher war, wie die heutige. Gehe alſo, Mutter, und gönne mir Ruhe. Es nützt nichts, ſo viel zu ſprechen. Ich gehe, Marie! ſagte die Alte wohl, Marie! Ihre Tochter rief ſie 1 einmal zurück.„ Da Mutter, ſagte ſie, nimm dies Zweigroſchen ſtück, ich fand es heute auf der Straße. Iß Dich erſt ſatt, ehe Du zu Bette gehſt. Die Alte ſchrie laut auf vor Entzücken. Ein Zweigroſchenſtück, ſagte ſie. Du biſt ja ein wahres Glückskind, Marie. So etwas zu fin⸗ den! Und wenn ich Tage und Wochen lang durch die Straßen ſchlendere und jeden Stein betrachte, ich finde nie und nimmer etwas. Aber das macht, Du haſt ſo ſchöne, junge und glänzende Augen, die ſehen Alles, und wen ſie anſehen, dem hüpft das Herz vor Freuden. Gieb mir jetzt einen Kuß, Marie, Du haſt mich noch nicht einmal geküßt, ſeit Du zurück biſt, noch nicht einmal haſt Du mir erlaubt, meine alten Lippen auf Deinen weichen, rothen Mund zu drücken. Komm, meine liebe, ſchöne Tochter, laß Deine alte, arme Mutter Dich küſſen. Vein, nein, Mutter, ſagte Marie, ſie ſanft zu⸗ rückdrängend. Ich habe einen heiligen Eid gethan, daß Niemand auf dieſer Welt meine Lippen wieder küſſen ſoll, Niemand, als der Tod oder der Henker. 156 Wie ſie jetzt wieder ſpricht, heulte die Alte. Was für furchtbare Gedanken ſie wieder hat. Gehe zu Hauſe, Mutter, und kaufe Dir Brod, damit Du nicht hungerſt. Ja, das will ich, ſagte die Alte, ſchnell erhei⸗ tert. Brod will ich kaufen und einen Kaffee will ich kochen, einen wirklichen, herzſtärkenden Trank. Und ich werde Dir davon in die Kohlen ſetzen, ja, das werde ich, und einen warmen Trank ſollſt Du finden, wenn Du heim kommſt. Ja, das ſollſt Du, gewiß das ſollſt Du! Und gleichſam gekräftigt von vfen Gedanken ſchritt die Alte mit jugendlicher Munterkeit von dannen. Marie blieb ſtarr und unbeweglich ſtehen auf der Stelle, wo ihre Mutter ſie verlaſſen; der kalte Nordwind fuhr ziſchend durch die kahlen Bäume und ſpielte in Mariens langem Haar und Züte ſich ſchnei⸗ dend in ihre Wangen ein. Sie ſtand immer noch auf derſelben Stelle und ſchien den Stimmen zu lauſchen, welche durch die Nacht und im Geheul des Windes zu ihr ſprachen. — Einmal hob ſie die Hand und ſtreckte den Arm nach dem glänzenden Krollſchen Feenpalaſte hin. 157 Dort iſt er, ſagte ſie laut. Und er iſt noch ſchön und glücklich und er lacht noch immer. Dann ließ ſie den Arm wieder ſinken und ſtand wieder unbeweglich da. Eine grauenhaſte Stille war um ſie her. Die dunklen Gipfel der Bäume hatten ein fabelhaftes geſpenſtiges Ausſehen. Ein⸗ mal ließ eine Krähe ihr hartes, ächzendes Geſchrei vernehmen, dann wieder pfiff der Wind wie Orgel⸗ ſtimmen durch den Wald. Zuweilen auch hörte man einzelne Töne der Tanzmuſik herüberſchallen, und dieſe Töne ſelbſt, ſo luſtig und lockend ſie immer klangen, hatten etwas Dämoniſches und Grauenerre⸗ gendes in dieſer tiefen, dunkeln Grabesſtille. Vielleicht hörte und gewahrte Marie von alle dem nichts. Sie ſtand noch immer ſtarr und unbe⸗ weglich da; ihr langes Haar flatterte im Winde, und der Mond, welcher eben zwiſchen zerriſſenen Wolken hervortrat, beleuchtete ihr Antlitz, das ruhig und edel war, wie aus Marmor geformt. Wieder trug der Wind die Töne der Tanzmuſik herüber, und jetzt drang ihr ſchriller, höhnender Ton an Mariens Ohr. Er tanzt vielleicht, murmelte ſie, und er fteut ſich und lacht dazu. 138 Mit einer heftigen Geberde warf ſie ihr Haupt zurück und blickte empor zum Himmel. Wie lange wird denn ſein Lachen noch dauern? ſagte ſie ganz laut, und ſtarrte aufwärts zum Monde, als müſſe er ihr Antwort ertheilen. Dann ſenkte ſie wieder ihr Haupt auf ihre Bruſt und ſtand ſtarr und unbeweglich da. Der Wind heulte weiter, die Wolken jagten ſich am Himmel und der Mond blickte trübe hernieder auf dieſes arme, unglückliche Menſchenkind, das an der Welt, an Gott und an ſich ſelber verzweifelt war! Ein glücklicher Zutall. Der Morgen begann zu grauen, und aus dem Kroll ſchen Feenpalaſte ſah man die Menſchen zu ganzen Schaaren ſich entfernen und der Stadt zu⸗ eilen. Der Wind trug die Töne einer Uhr herüber, welche die dritte Stunde anſchlug. Marie richtete ſich aus ihrem Sinnen empor und näherte ſich wie⸗ der der Eingangsthür. Dicht an die Mauer gedrückt, ſchlich ſie ſich derſelben ganz nahe und hinter dem erſten Pfeiler der Ueberdachung ſich verbergend, beobachtete ihr brennender Blick unverwandt dieſe Thür. Plötzlich ſah ſie in derſelben eine maskirte weibliche Geſtalt erſcheinen, gefolgt von einem reich gallonirten Diener. Sie trat unter das Portal, um der herausſtrömenden Menge Platz zu machen, wäh⸗ rend ihr Diener mit lauter Stimme nach dem Wa⸗ gen rief. Dieſer konnte ſich nur langſam aus der 160 Reihe der harrenden Equipagen hervorwinden, und während die Dame ihn erwartete, ſtand ſie neben der Säule, hinter welcher Marie ſich befand. Aber dieſe achtete nicht auf ſie, ihr Blick ruhte noch immer auf der Eingangsthür, und ihre feſt zuſammengepreß⸗ ten Lippen murmelten leiſe Worte der Ungeduld und des Zornes. Plötzlich vernahm ſie dicht neben ſich einen Namen, der ſie erbeben und in ſich ſchauern machte. Sie hielt den Athem an und lauſchte. Es war die maskirte Dame, deren Wagen jetzt vorge⸗ fahren war, und die mit halblauter Stimme Diener ihre Befehle ertheilte. Du kennſt alſo den Major Bernthal ganz genau? fragte die ſanfte und wohllautende Stimme der Dame. So genau, gnädigſte Frau Baronin, ſagte der Diener, daß ich ihn unter jeder Sr wieder erkennen würde. Er hat ſich nicht einmal die Nihe genommen, eine Maske zu tragen, erwiderte die Dame, aber die beiden Damen, welche er führt, ſind maskirt, und ich muß wiſſen, wer ſie ſind und wo ſie wohnen. Wir werden alſo ihrem Wagen folgen, und Du wirſt Dir die Adreſſen, ſowohl die der Damen als auch die des Barons, merken. Achtung, Friedrich, 161 da erſcheinen ſie in der Thür. Laß meinen Wagen einige Schritte ſeitwärts fahren und warten, bis der ihrige vorgefahren. Dann folgen wir ihnen. Während die Dame ſo ſprach, hatte ſie ihren Wagen beſtiegen. Der Bediente ſchloß den Schlag und der Wagen lenkte ſeitwärts in eine ſchattige Allee ein, wo er nach wenigen Schritten Halt machte. Marie hatte jedes Wort vernommen, ein raſcher Blick auf die Eingangsthür zeigte ihr dort den, auf deſſen Erſcheinen ſie dieſe ganze lange Nacht hier geharrt. Ihre Lippen murmelten einen wilden Ausruf des Zornes und der Verwünſchung, dann ſchlüpfte ſie leiſe hinter dem Pfeiler hervor, und lief zu dem in der Allee harrenden Wagen der Dame. Der Diener hatte ſich zu dem Kutſcher auf den Bock ge⸗ ſchwungen, um ihm beſſer ſeine Ordre ertheilen zu können. Der hintere Wagentritt war daher leer, Marie ſchwang ſich hinauf, und indem ſie ſich feſt an den Handgriffen anklammerte, ſagte ſie faſt freu⸗ dig: Ich werde alſo jetzt erfahren, wo er wohnt und wo ich ihn finden kann. Eben rollte ein Wagen unter S hervor, auf ein Zeichen des Dieners flog der Wagen auf welchem Marie ſtand, ihm nach, und folgte ihm 1. 11 162 in die Stadt hinein. Es war ein wildes Jagen, ein raſender Wettlauf. Der Kutſcher des erſten Wagens, welcher glaubte, daß der zweite beabſichtige ihn zu überholen, um die größere Schnellkraft ſeiner Pferde zu zeigen, fühlte ſich daher in ſeiner Ehre eines Wagenlenkers gekränkt und hieb immer wü⸗ thender auf ſeine Pferde ein. Wie von Furien ge⸗ peitſcht, flogen ſie dahin, und in raſendem Lauf folgte ihnen der zweite Wagen. Marie ſtand ſchwankend und halb betäubt auf dem ſchmalen Brette des Wagens, welches unter ihren Füßen erzitterte. Nur mit der äußerſten Kraſtanſtrengung vermochte ſie ſich noch an den ſei⸗ denen Handgriffen anzuklammern. Mit lautem Donner rollten die Wagen über das Steinpflaſter hin. Jetzt bog der erſte um eine Straßenecke, in raſcher Wendung folgte ihm der zweite. Aber dieſe plötzliche, unvermuthete Schwen⸗ kung gab dem Wagen einen ſchnellen Ruck. Mariens Hände gleiteten ab von den Handgriffen, ihre Füße rutſchten von dem Tritte ab, mit einem gellenden Schrei ſtürzte ſie auf das Steinpflaſter. Im ſelben Moment hielt der Wagen. Die Dame, welche dieſen durchdringenden Jammerſchrei vernommen, hatte an der Schnur gezogen und an⸗ 163 zuhalten befohlen. Alles Andere vergeſſend hatte ſie ihren Diener beauftragt, zu ſehen, was es gebe, und ob man vielleicht unglücklicher Weiſe bei dieſem ra⸗ ſenden Wettlauf irgend Jemand beſchädigt habe. Der Diener trat jetzt an den geöffneten Wa⸗ genſchlag. Gnädigſte Frau Baronin, ſagte er, es iſt nur eine Bettlerin, ein armes Weib, welches blu⸗ tend und halb ohnmächtig auf der Straße liegt. . Oh mein Gott, ein armes Weib! rief die Dame, indem ſie raſch den Wagen verließ und ſich der Unglücklichen näherte. Sie iſt in der That ohnmächtig, ſagte ſie, und wie ſie blutet! Und ein zartes, durchſichtiges Spitzentuch von ihrem Halſe löſend, band die Dame es mit ſorgſa⸗ mer Hand um Mariens blutende Schläfe. Dann zog ſie ein goldenes Flacon hervor und goß den Inhalt deſſelben über des Mädchens marmorweißes Geſicht. Während dieſer eifrigen Bemühungen der Dame hatte die Schleife, welche ihre Maske unter dem Kinn zuſammenhielt, ſich gelöſt und dieſe war herab⸗ geſunken. Unter derſelben zeigte ſich jetzt das ſchöne und von innigem Mitleid durchglühte Angeſicht Lucindens. 11½ 164 Sie achtete gar nicht auf dieſen Verluſt der Maske, ihre Blicke waren unverwandt auf dieſes arme, bleiche Mädchen gerichtet, deſſen Haupt ſie ſorgfältig auf ihrem Schvoße gebettet hatte und deren Schläfe ſie mit ſtärkender Eſſenz rieb. Ach, ſie erholt ſich, flüſterte die Baronin jetzt, ihre Wangen röthen ſich. Jetzt, Friedrich, nimm ſie vorſichtig auf Deinen Arm ih trage ſie in den Wagen. Aber Marie, welche die Augen aufgeſchlagen und die Worte Lucindens verſtanden hatte, wehrte den ſich ihr nähernden Diener mit Heftigkeit zurück. Nein, ſagte ſie rauh, kümmert Euch nicht um mich. Es hat ſich Niemand darum zu kümmern, ob ich leide und blute. Jagt nur, ſo ſchnell Ihr könnt, ſeinem Wagen nach, das iſt das Wichtigſte. Und indem ſie noch immer betäubt von dem heftigen Fall ihr Haupt zurückſinken ließ, flüſterte ſie in ſich hinein: ich muß wiſſen, wo er wohnt. Schnell, fahrt zu, jagt ihm Sagt mir, wo Bernthal wohnt. 5 Lucinde blickte ihr kuet indns zuckende An geſicht, auf deſſen Zügen jcht ein nrſte Haß zu leſen war. Sie neigte ſich über Muren hin und nur 165 leiſe: Du kennſt alſo den Major Bernthal, mein Kind? Ich kenne ihn, ſagte ſie, und ich haſſe ihn! Lucinde faßte heſtig ihre Hand. Dann ſind wir Schweſtern, ſagte ſie, denn auch ich haſſe ihn! Marie ſtieß mit einer unſanften Bewegung dieſe kleine Hand, welche die ihre drückte, zurück. Berührt mich nicht, ſagte ſie. Die ſchöne, reiche Frau kann keine Gemeinſchaft haben mit der Bettlerin. Was kümmert's Sie, ob ich ihn haſſe? Es hat mich Niemand darum zu fragen, und mich geht's nichts an, ob Sie ihn lieben. Wir müſſen uns durchaus verſtändigen, ſagte Lucinde ſanft. Folge mir in meine Wohnung. Mein Diener ſoll Dich in den Wagen tragen, und wir wollen vor allen Dingen dafür ſorgen, daß Deine Wunde nachgeſehen und verbunden werde. Meine Wunde? ſagte Marie erſtaunt, und fuhr ſich mit der Hand an die Stirn. Sie hatte in ihrer Betäubung weder ihre Wunde, noch den leich⸗ ten Verband derſelben bemerkt. Jetzt riß ſie heftig das von ihrem Blute gerö⸗ thete Tuch fort, indem ſie es mit einem verächtlichen Lächeln bei Seite warf, ſagte ſie: ſolch ein Bischen Blut und davon macht Ihr ſolch Aufhebens. Es 166 thut nichts, geht fort und laſſet mich allein, ich bin daran gewöhnt, Blut zu ſehen, und brauche keine Hilfe. Aber Lucinde legte mit einem ſanften Lächeln das Tuch wieder auf die blutende Wunde. Erlaube mir wenigſtens aus Mitleiden mit mir, daß ich für Dich ſorge, ſagte ſie. Ich trage die Schuld an dieſem Mißgeſchick, es iſt daher meine heiligſte Pflicht, Dir beizuſtehen. Marie blickte erſtaunt und miftrauiſch in Lu⸗ eindens edles Angeſicht. Pflicht! murmelte ſie, es hat mir noch Niemand geſagt, daß er Pflichten ge⸗ gen mich habe, aber ſehr Viele haben mir geſprochen von den Pflichten, welche ich zu erfüllen hätte, und wenn ſie es thaten, ſo geſchah es, um mich zu ſtra⸗ ſen, weil ich ſie nicht erfüllt hatte. Pflichten gegen ein erbärmliches Geſchöpf, wie ich es bin! Gehen Sie, wir haben nichts mit einander zu theilen, auch nicht das Mitleid. Aber den Haß, flüſterte Lucinde. Indeß näherte ſich der Diener mit ehrfurchts⸗ voller Miene ſeiner Herrin. Gnädigſte Baronin, ſagte er, ich wage es, Ew. Gnaden zu erinnern, daß der Morgen hereinbricht, 167 und daß Ew. Gnaden ſich hier auf offener Straße befinden. Lucinde lachelt. Du haſt Recht, mein guter Alter, ſagte ſie, dieſes Lager iſt nicht weich genug für eine arme Kranke. Laß uns nach Hauſe eilen, und ihr ein beſſeres bereiten. Laß Dich von ihm in den Wagen tragen, mein Kind. Aber Marie war aufgeſprungen und ſtieß den Diener zurück. Ich bin nicht krank, ſagte ſie, und ich will weder Eure, noch irgend eines Menſchen Hilfe. Laßt mich gehen. Sie that einige Schritte, aber ihre Füße ſchwankten und ihr Kopf ſank ſchwer auf ihre Bruſt. Komm, ich will Dich führen, ſagte Lucinde ſanft. Vein, nein, rief ſie hart, ich will nicht in Euer Haus, ich will zu meiner Mutter. Ah, Du haſt alſo eine Mutter, ſagte Lueinde, dann iſt es billig, daß wir Dich zu ihr führen, demn gewiß wird ſie ſchon in großen Sorgen um ſein.— Marie ſchlug ein lautes, höhniſches pelichte auf, aber erwiderte nichts. Dann nach einer Pauſe ſagte ſie: Meine Füße tragen mich nicht. Wollen Sie mich zu meiner Mutter bringen? Ich werde Ihre glänzenden, ſchönen Kiſſen nicht mit meinem 168 Blute beflecken. Es iſt genug, wenn Sie mir er⸗ lauben, hinten auf dem Wagentritt zu ſitzen, und wenn Sie ein wenig langſam fahren. Lucinde gab ſtatt aller Antwort ihrem Diener einen Wink und trug mit ihm das ſchwankende und taumelnde Mädchen zu dem Wagen hin. Wohin ſollen wir Dich fahren? fragte ſie. Marie gab mit ſchwerer Zunge die Adreſſe an und der Wagen rollte fort. Bald hielt der Wagen in einer abgelegenen, engen Quergaſſe vor einem finſtern, halbverfallenen Hauſe. Eine lautloſe, melancholiſche Stille herrſchte in der Straße, die Fenſter waren überall geſchloſſen, nirgends zeigte ſich eine Spur des Lebens, der Thä⸗ tigkeit; nur vor dieſem Hauſe, an welchem der Wa⸗ gen angehalten, kauerte auf der Schwelle der Thür ein zuſammengedrücktes in Lumpen gehülltes altes Weib. Sie hatte wenig Acht auf die glänzende Equipage vor ihrer Thür, ſondern blickte mit ſchar⸗ fem Späherauge die Straße entlang, als ob ſie von dorten Jemand erwarte.* Marie zeigte mit der Hand nach dem alten Weibe hin. Das iſt meine Mutter, ſagte ſie. Dann rief ſie mit lauter, gebieteriſcher Stimme ihre Mutter herbei. Die Alte zuckte zuſammen, und ſprang empor. Sie hat mich gerufen, rief ſie. Sie will alſo ihre alte Mutter nicht verlaſſen. Sie kommt wieder. Komm hierher, befahl Marie, aber laß das Ge⸗ winſel. 4 Die Alte ſchwieg ſogleich und humpelte mit einem zärtlichen Grinſen nach dem Wagen hin, dann, als ſie Mariens verbundenen und blutenden Kopf ge⸗ wahrte, brach ſie in ein lautes Jammergeheul aus. Mein Kind iſt verwundet. Meine ſchöne Marie blutet, ſchrie ſie. Schweig Mutter, und hilf mir, daß ich aus⸗ ſteige, ſagte Marie matt, indem ſie der Alten ihre Hand hinreichte. Dieſe hob ſie mit jugendlicher Rührigkeit in ihre Arme. Komm mein Kind, komm, ſagte ſie. Laß Dich endlich an mein Herz drücken. Ja, und ich will endlich dieſe Lippen küſſen, Deine ſchönen, rothen Lippen, welche mir noch nicht den Willkom⸗ menkuß gegeben. Sie drückte Marie feſt in ihre Arme und küßte ſie. Marie wehrte ſich nicht. Sie war ohnmächtig geworden. Sie iſt todt, ja ſie iſt todt! ſchrie die Alte. Ihr habt mir mein Kind gemordet. Wer hat das 170 gethan? wer hat ſie geſchlagen, daß ſie ihr ſchönes, rothes Blut vergoſſen hat? Lucinde, welche auch den Wagen weuſ hatte, berichtete der Alten von dem Unfall Mariens und bat ſie, die Ohnmächtige vor allen Dingen ins Haus und auf ihr Bett zu bringen. Ihr Bett! ſchrie die Alte. Wir haben tein Bett, und unſer Lager iſt nicht weicher als das Steinflaſter. Aber wir wollen ſie ins Haus tragen und ich will ſie in meinen Armen erwärmen. Sie öffnete die Hausthür und trug die noch immer Ohnmächtige mit dem Diener auf die Haus⸗ flur. Dort ließen ſie ſie auf der Treppe nieder, und die Alte riß jetzt mit ſchweigender Haſt das Tuch ab und unterſuchte die Wunde. Es iſt nichts, murmelte ſie leiſe, es iſt nur ein leichter Fall oder ein Stoß. Meine ſchöne Wie wird nicht daran ſterben. Ihr glaubt alſo, daß es keine Gefahr hat? fragte Lucinde theilnehmend. Seht Ihr denn, daß ich mir die Haare aus⸗ raufe und meine Glieder zerſchlage? fragte die Alte. Ihr ſeht's nicht, und alſo könnt Ihr wiſſen, daß es keine Gefahr hat. 6 171 Doch ſcheint ſie bis zum Tode erſchöpft, ſagte Lucinde. Die Alte heſtete jetzt den erſten prüfenden Blick auf die theilnahmsvolle Fragerin, dann einen zweiten auf die elegante Equipage und auf die reich gallo⸗ nirte Dienerſchaft, und jetzt trat ein lauernder, gieri⸗ ger Ausdruck in ihr Geſicht. Oh, ſagte ſie, Sie ſind reich, Sie wiſſen nicht, was wir Armen leiden. Meine Tochter iſt erſchöpft, weil ſie ſeit zwei Tagen nichts gegeſſen hat, weil ſie dem Verhungern nahe iſt.. Oh, mein Gott, dem Verhungern nahe, rief Lucinde, indem ſie der Alten ihre Börſe darreichte. Dieſe griff mit der haſtigen Gier eines Raub⸗ thieres nach dem Gelde, indem ſie zugleich einen ſcheuen und ängſtlichen Blick auf ihre Tochter warf. Sie hat's nicht geſehen, flüſterte ſie, ſonſt wäre ſie im Stande und verlangte, daß ich es wieder ab⸗ gebe. Ach, ich bin eine ſehr unglückliche Frau, ich habe ein ſo ſtolzes, ſtörriges Kind. Lucinde faßte raſch ihre Hand. Ich will Euch beiſtehen und Ihr ſollt nicht mehr hungern, ſagte ſie. Aber zuerſt ſagt mir, wo war Eure Tochter dieſe Nacht? 2 172 Sie ſtand die ganze lange Nacht draußen im Thiergarten und erwartete ihn. Wen? Gebt mir noch etwas Geld und ich ſag's Euch, flüſterte die Alte mit habgierigen Blicken. Ihr ſollt morgen mehr haben, ich gab Euch heute Alles, was ich bei mir trug. Sngt ſchnell, wen erwartete ſie? Den Baron von Bernthal, murmelte die Alte, indem ſie wieder einen ſcheuen Blick auf ihre Toch⸗ ter warf. Welch' ein ſeltſamer Zufall, flüſterte Lucinde ſinnend. Dann wandte ſie ſich an die Alte. Sorgt jetzt für Euer Kind, ſagte ſie. Schafft ihr Nahrung und Morgen beſprechen wir das Weitere. Wo? fragte die Alte. Hier bei Euch, ſagte Lucinde nach kurzem Be⸗ ſinnen. Ich komme zu Euch. Haltet Euch in den Morgenſtunden daheim und erwartet mich. Wo wohnt Ihr? Auf dem Hofe im früheren Pferdeſtall, ſagte die Alte grinſend. Will die geputzte reiche Dame da das arme Bettelvolk beſuchen? Ich komme ganz gewiß. Jetzt aber laßt uns 173 die Schläfe Eurer Tochter mit dieſer Eſſenz reiben, damit ſie ſich erholt. Die Alte ſchob Lucindens Hand mit dem Fla⸗ con zurück. Nein, ſagte ſie haſtig, weckt ſie noch nicht. Sie leidet dann nicht, daß ich ſie küſſe. Aber ich muß ſie küſſen, ihre Lippen ſind ſo ſüß und weich. Geht, geht, laßt mich allein mit meiner Tochter. Als Lucinde den Wagen beſtiegen hatte und den Blick noch einmal zurückwandte, ſah ſie, wie die Alte ihr ohnmächtiges Kind an die Bruſt gedrückt hatte und ihr bleiches Geſicht mit Küſſen bedeckte. — 5* XII. Intriguen.* Es war am Morgen nach den in dem vorigen Kapitel geſchilderten Ereigniſſen. Frau Welmer, Mariens alte Mutter, erwartete die ſchöne Dame, welche ihr in dieſer Nacht ihre Tochter zurückgebracht hatte. Sie hatte ihrer Wohnung ein gewiſſermaßen feſtliches Anſehen gegeben, um des vornehmen Be⸗ ſuches würdig zu ſein, das heißt, ſie hatte dieſes kleine, kaum einen Fuß hohe Fenſter, durch welches allein der ganze Raum ſein Licht erhielt, von dem Staub und den Spinneweben gereinigt und es ge⸗ Pffnet, um ein wenig Luft einziehen zu laſſen in dieſen Raum, welchen das Weib mit ſpöttiſchem Lachen ihren„Saal“ zu nennen pflegte, welcher aber in der That ein Pferdeſtall war. Ein Pferdeſtall, den der Hauswirth nicht hatte vermiethen können, „ und den er, um doch ein wenig von den Zinſen zu retten, jetzt an die alte Lumpenſammlerin vermiethet hatte. Uebrigens war dieſer Pferdeſtall noch nicht die ſchlechteſte Wohnung, welche das Weib gehabt hatte, ſie kannte deren, gegen welche dies hier ein Palais, ein wahres Luſtſchloß zu nennen war. Ein⸗ mal hatte ſie ein Zimmer bewohnt, das ſie mit drei andern Familien theilte. Ein Kreideſtrich, welcher kreuzweiſe über den Fußboden gezogen war, bezeich⸗ nete jeder Abtheilung dieſer vier Familien den ihr zugewieſenen Raum, aber er verhinderte nicht, daß ſie Alle von dem Kindergeſchrei der einen Abtheilung, von den oft in blutigen Schlägereien ausartenden ehelichen Zwiſtigkeiten der andern, von dem Jammer⸗ geſtöhn des kranken Inhabers der dritten Abtheilung, und von den ſtinkenden und eklen Lumpen, welche Frau Welmer in der vierten Abtheilung aufgeſtapelt, zu leiden hatten. Aus dieſer Höhle des Elends hatte ſich das alte Weib in den Pferdeſtall geretet, froh, mindeſtens einen Raum für ſich allein zu ha⸗ ben, der ihr ungeſtörte Einſamkeit und ruhige Vächte ſicherte. Freilich, es gehörte eine vollkommene Er⸗ fahrung und Kenntniß des menſchlichen Elends dazu, um dieſen Ort erträglich zu finden, und dieſen dunk⸗ len melancholiſchen fea als eine eines Men⸗ ſchen würdige Wohnung: zu betrachten. Die Wände welche einſt geweißt geweſen, zeig⸗ ten ſich aller Orten des oberflächlichen Anſtrichs ent⸗ kleidet und man ſah die rohe Lehmwand darunter hervorſcheinen, der Fußboden war weder mit Bret⸗ tern, noch auch mit Steinen belegt, ſondern beſtand ganz einfach und kunſtlos aus der feſtgeſtampften Erde; in der einſt für die Pferde beſtimmten Krippe war etwas Stroh aufgehäuft, denn dieſe Krippe war jetzt das Lager des alten Weibes und ihrer Toch⸗ ter. Unter derſelben ſah man alle Arten von Lumpen und ſchmutzigem Geräth zu ganzen Haufen aufge⸗ ſtapelt; dies war das„ Waarenlager“ der Lumpen⸗ ſammlerin, der einzige Schatz dieſer jammervollen Wohnung. Aber nein, es gab deren noch mehr Schätze. Da war dieſer weiße Tiſch im Vorgrund, neben dem vier binſengeflochtene Stühle prangten, und auf dem man den unerhörten Luxus einer brau⸗ nen Kaffeekanne und mehrerer Taſſen gewahrte. Da war auch an der Wand ein alter halbzerfallener Schrank, hinter deſſen zerbrochenen Glasſcheiben einige Töpfe, Teller und Gläſer prangten. Auch ſah man einen kleinen eiſernen Ofen, der zugleich den Herd bildete, und deſſen ſchwarze Röhre ſich 177 wie ein langes Spinnebein an der Wand hinzog, die einzige Unterbrechung dieſer ſchmutzigen und kah⸗ len Wand bildend. Frau Welmer, wie geſagt, erwartete die ſchöne Baronin Lucinde, und ſie hatte deshalb ihren ge⸗ wöhnlichen morgendlichen Geſchäftsgang zur Unter⸗ ſuchung der Rinnſteine und Schutthaufen der Höfe unterlaſſen. Der Korb mit der Hacke ſtand unbenutzt in der Ecke. Frau Welmer hatte für heute dem kleinen Ge⸗ ſchäftsleben entſagt, weil ſie hoffte, daheim ein beſſe⸗ res Geſchäft zu machen. Indeß war es ſchon ziemlich ſpät geworden, Frau Welmer ſtand daher mit ſichtbarer Ungeduld und Angſt in der offenen Thüre ihres„Saales“ und murmelte einzelne Ausrufe des Unwillens und Aer⸗ gers vor ſich hin. Marie ſchien dieſe Ungeduld. Alten nicht zu theilen. Sie ſaß nachläſſig hingeſtreckt auf einem der Stühle und ſtarrte gedankenvoll in den leeren Raum. Ihr edles, ſchöngeformtes Antlitz war auch heute von einer durchſichtigen Bläſſe, gegen welche dieſer blutrothe Streif der Wunde an der S der Sitrn um ſo ſtärker kontraſtirte. Ihr Haar hing wieder in langen ungeflochtenen Streifen über ihre Schläfe I. 12 — und ihren Nacken nieder, ihr graues Kattunkleid, welches hier und da zerriſſen war, ließ ihre Arme und ihren Hals, um welchen ſie ein dunkelrothes Tuch geſchlungen, frei. Der Arm der mediceiſchen Venus war nicht ſchöner geformt als dieſer Arm der Bettlerin, und niemals konnte man edlere und ſtolzere Formen ſehen, als dieſer Nacken und dieſe ganze Geſtalt Mariens ſie zeigte. Inmitten eines Palaſtes, umrauſcht von Sammet und Seide würde ſie die Königin der Schönheit geweſen ſein und Jedermann würde ſie angebetet haben; in dieſem elenden Raume, in dieſen Lumpen war ſie nichts als ein verlorenes Weib und Niemand achtete ihrer. Sie verlangte auch kein Mitleid und keine Theilnahme, ſie wollte ganz einſam ſein mit ihrer Qual, ganz unbeklagt mit ihrem Haß. Sie glaubte an kein Bedauern, und ſie würde Jeden verlacht haben, der ihr geſagt hätte, daß ihr Schickſal ihm Erbarmen einflöße. Sie hatte eine ſtolze, kalte Seele, welche von keinem Strahl des Glückes mehr erwärmt werden konnte. Wie ſie jetzt in die Luft ſtarrte, bewegte ſie leiſe die Lippen. Was flüſterte ſie? Niemand hätte es verſtehen können, wie nah er auch immer bei ihr geſtanden. Sie flüſterte, und ſprach mit ihren * 19 Gedanken und mit dem rachedurſtigen Haß in ihrer Bruſt. Aur einmal hörte ihre Mutter ſie zwiſchen den zuſammengepreßten Zähnen hervormurmeln: und ich weiß immer noch nicht, wo er wohnt. Du wirſt es erfahren, mein Kind, ſagt die Alte, dieſe fremde, vornehme Dame wird ganz gewiß kom⸗ men und ſie wird es Dir ſagen. Sie wird nicht kommen, ſagte Marie. Sie wird kommen, und ſieh nur— da iſt ſie ſchon! In der That, die Thüre des großen Vorder⸗ hauſes hatte ſich eben geöffnet und die Baronin Lucinde war, ſich ängſtlich nach allen Seiten um⸗ ſchauend, in den Hof getreten. Gehe ihr nicht entgegen, Mutter! ſagte Marie, ich will ſie erſt anſehen, und auf ihrem Geſicht le⸗ ſen. Zieh die Thür ein wenig heran, daß ſie uns nicht ſogleich ſieht. Die Alte gehorchte murrend und die Grillen ihrer Tochter verwünſchend.* Du wirſt machen, daß ſie am Ende wieder fortgeht, ohne uns geſehen zu haben, murtte ſie. Marie winkte ihr mit der Hand zu ſchweigen, und ſah durch die halbgeöffnete Thüre mit ſcharfem 12 * 180 Blicke auf Lucinde hin, welche unſchlüſſig, wohin ſie ſich zu wenden habe, noch immer ſcheu und ängſtlich an der Hausthüre ſtand. Sie iſt ſehr ſchön, ſagte Marie. Nicht ſo ſchön wie Du, rief die Alte eifrig, gewiß nicht ſo ſchön, wie Du ſein würdeſt, wenn Du, wie ſie, in weichen Betten ſchlafen und ſeidene Kleider tragen könnteſt. Und Du könnteſt das Alles haben, wenn Du nur wollteſt. Still, Mutter, geh hin und führe die Dame her. Die Alte ſchlug ſogleich die Thür zurück, daß ſie ſich klirrend in den Angeln drehte, und humpelte mit einem grinſenden Lächeln zu Lucinden hin, die ihr mit einem freudigen Ausruf entgegen kam, und der Alten zu ihrer düſtern Behauſung folgte. Marie blieb unbeweglich auf ihrem Stuhle ſitzen. Ihr Schritt iſt leicht, wie ein Lufthauch, flüſterte ſie, aber er wird auch ſchon ſchwer werden und gramgebückt. 3 Eben trat Lucinde durch die Thür und reichte Marien mit einem freundlichen Lächeln die Hand hin, während ſich die Alte in Jubel und Dankſa⸗ gungen ergoß über die große Ehre, welche ihr zu Theil würde, den Beſuch einer ſo vornehmen Dame zu empfangen⸗ 181 Mariens erſte Bewegung war, ihre Hand aus⸗ zuſtrecken, um ſie in Lucindens Rechte zu legen, plötzlich aber zog ſie ſie raſch zurück und verbarg ſie unter ihrem Buſentuche. Du willſt mir Deine Hand nicht geben? fragte Lucinde ſanft, Du zürneſt mir alſo noch immer, weil ich die unverſchuldete Urſache Deines Lics⸗ in dieſer Nacht geweſen? Marie ſchüttelte langſam das Haupt. Nein, ſagte ſie, ich zürne Ihnen nicht um einer ſo kleinen Sache willen. Aber ich kann Ihnen meine Hand nicht geben. Und weshalb nicht? Weil Sie ſich nicht beſudeln ſollen, indem Sie ein Geſchöpf. wie ich es bin, berühren! Hören Sie nicht auf ſie, allergnädigſte Frau, heulte die Alte, ſie findet ein Vergnügen daran, ſich ſchlecht zu machen, ſie iſt ein hartes und grauſames Kind gegen ihre Mutter und gegen ſich ſelber. Lucinde ſchien weder das Unfreundliche und Schauerliche dieſes ſogenannten„Saals,“ noch das Unſaubere und Gebrechliche dieſer Stühle zu bemerken. Sie ſetzte ſich dicht neben Marien nieder und ſah ihr mit jenem zauberhaften Lächeln, dem noch Nie⸗ mand widerſtanden hatte, in das blaſſe edle An⸗ geſicht. Du ſiehſt, ſagte ſie, daß ich gekommen bin, eigens um Dich zu ſehen, Du wirſt mich doch nicht zurückweiſen? Wenn ich es thue, ſo geſchieht es zu Ihrem WBeſten, murmelte Marie, indem ſie ſtarr vor ſich hinblickte. Vein, ſie wird Euch nicht zurückweiſen, kreiſchte die Alte, ſie wird Eure Hände und den Saum Eures Kleides küſſen und Euch danken für Eure Huld und Gnade. Marie runzelte die Stirn und hielt der Alten eine drohende Fauſt hin, dann wandte Sie ſich an die Baronin, und ſagte in ihrer raſchen, rauhen Weiſe ſagen Sie's gerade heraus, was wollen Sie von mir? Denn eine ſo vornehme und ſchöne Dame geht nicht in ein finſteres Loch, wie dieſes hier, um verworfenes Geſindel, wie wir, aufzuſuchen, und zu fragen, wie ſie ſich befinden. Dazu haben Sie Ihre Diener und Lakeien, die wie Windſpiele wedeln und immer hülfreich ſind, wenn es gilt, ein armes Mädchen zu verführen. Sagen Sie's alſo ſchnell, was wollen Sie von mir? Lucinde ſah einen Moment verwirrt vor ſich hin. Dann ſchaute ſie wieder empor und lächelte. Sie hatte einen Entſchluß gefaßt, ſie wollte die Wahrheit ſagen, um ſie auch von Marien zu er⸗ fahren. Es iſt wahr, ſagte ſie, ich komme nicht blos aus Theilnahme, ſondern auch aus Neugierde hierher. Ich wußte es, murmelte Marie, während die Alte ihre lauernden und ſtechenden Blicke unverwandt auf die Baronin heftete. Es war ein wunderbarer Anblick, dieſe drei Frauen zu ſehen, ſo verſchieden alle drei in ihrem Aeußern und in ihrem Innern und doch zu dieſer Stunde in denſelben Gedanken und Wünſchen ſich begegnend. Wie eine Lichterſcheinung ſtand Lueinde zwiſchen dieſen beiden von Elend und Unglück zerbrochenen 1 Geſtalten, und neben Wanei zürnender, dämoni⸗ ſcher Schönheit leuchtete ihr reines, klares Angeſicht wie das eines Engels hervor. Aber Niemand von dieſen Dreien dachte daran; ſie hatten, wie geſagt,* alle ein und denſelben Gedanken, Jede wollte die Andern erforſchen. Sie kamen aus Neugierde, ſagte endlich Marie mit ihrer müden, tonloſen Stimme. Ich habe Ihnen wohl in dieſer Nacht einen Aamen genannt, den Sie kennen, nicht wahr? Lueinde nickte. Und von dem ich durch Dich noch Weiteres erfahren möchte, flüſterte ſie leiſe. Marie ſah ſie mit einem durchbohrenden Blick an. Lieben Sie ihn? fragte ſie. Lueinde ertrug dieſen Blick mit einem ruhigen Lächeln. Nein, ſagte ſie, ich liebe ihn nicht, ſondern ich haſſe ihn! Zum erſten Male flog ein Strahl innerer Ge⸗ nugthuung über Mariens farbloſes Geſicht, und um ihre Lippen ſpielte etwas wie ein mattes Lächeln. Er hat Sie alſo auch verlaſſen und betrogen? fragte ſie. Er hat aus Ihnen auch ein verworfenes Geſchöpf gemacht, und ein inbe ach ſo es zertretenes Weib. Lucindens edle und klare Stirn umwölkte ſich und dieſe reine und ſtolze Schönheit erröthete vor dieſer unwürdigen und demüthigenden Vermuthung. Sie hatte ein Gefühl, als müſſe ſie ſich erheben wie eine zürnende Gottheit, und den Staub von ihren Füßen ſchüttelnd, der Viedrigkeit und dem ent⸗ ehrenden Elend dieſer Höhle entfliehen, aber dann ſchaute ſie in dieſes edle, in Unglück verſteinerte Antlitz Mariens und bezwang ihren Unmuth. 185 Nein, ſagte ſie ſanft, er hat mich weder ver⸗ laſſen, noch mich unglücklich gemacht, aber ich haſſe ihn dennoch, weil ich das Böſe haſſe, und weil ich weiß, daß er ſo viele meiner unglücklichen Mit⸗ ſchweſtern in Elend und Schande geführt hat. Elend und Schande komme über ihn! murmelte Marie. Er iſt ein Teufel, kreiſchte die Alte, ein Unge⸗ heuer, welches mein ſchönes, unſchuldiges Kind ver⸗ dorben hat. Ach, ſie war ſo gut und ſo ſchön, ſie war wie ein Engel ſo ſanft und ſo unſchuldig, und alle Engel im Himmel hatten ihre Freude daran, wenn meine Marie Sonntags mit ihrem Geſangbuch unterm Arm in die Kirche ging. Aur Du nicht, Mutter, ſagte Marie, Du ſchlugſt mich oft, weil ich es that. Aber ſchweig jetzt, und laß mich mit dieſer Frau reden. Hören Sie und geben wohl Acht, was ich Ihnen ſage. Wenn dieſer Mann, den wir Beide meinen, Sie nicht ſo tief gekränkt und verletzt hat, daß Sie lieber unter tauſend Martern und Qualen ſterben wollen, als ihm zu vergeben wenn Sie ihn nicht ſo tief haſſen, daß Sie Ihr Blut tropfenweiſe hin⸗ geben möchten, um ihm damit Unglück und Jammer zu erkgufen; wenn Sie nicht, wie ich, 3 186 zwei Jahre, lange und ſchweigſame Wächte, ohne Schlaf und ohne Frieden, auf Ihrem Lager geſeſſen und darüber gebrütet haben, wie Sie ihn vernichten und verderben könnten; wenn Sie ihn nicht ſo haſ⸗ ſen, daß Sie jede Stunde für verdammt und verlo⸗ ren erachten, die Sie nicht damit hingebracht, ihn zu verfluchen: dann ſprechen Sie nicht zu mir, daß Sie ihn haſſen, und daß wir den Weg, den ich ge⸗ hen muß, zuſammen gehen wollen! Lucinde fühlte ſich wie bezaubert von dieſer tie⸗ fen, zermalmenden Gluth, welche in den Worten, in den Geberden, in der ganzen Ausdrucksweiſe Ma⸗ riens lag. Sie reichte ihr entſchloſſen die Hand hin. Wir wollen zuſammen gehen, ſagte ſie. Und jetzt ſträubte Marie ſich nicht, dieſe kleine, durchſichtige, zarte Hand zu ergreifen und ſie feſt in der ihren zu drücken, während ihre Mutter mit einem widerlichen Lachen rief: Das wird ein luſtiger Hexen⸗ tanz werden, und wir wollen dem Teufel einen Bra⸗ ten zuführen, an dem die ganze Hölle ihre Freude haben ſoll. Und nun ſagen Sie mir, weshalb Sie ihn haſſen, und warum Sie ihn verderben wollen, da „ 187 Sie doch ſagen, daß er Sie nicht betrogen hat, ſagte Marie. Er hat Schmach und Unglück über eine ganze Familie gebracht, welche ich kenne und liebe, rief Lucinde, im inneren Unwillen erglühend. Um ein verharrſchtes, längſt beweintes Unrecht, das einſt ſeiner Mutter geſchehen, zu rächen, hat er ein jun⸗ ges Weib verführt, nur um ihren Gatten zu be⸗ ſchimpfen, hat er dann ſpäter die Tochter dieſer ſei⸗ ner erſten Geliebten in ſein teufliſches Netz gezogen und ſie ſo lange umgarnt mit ſeinen Liebesſchwüren und ſeinen Zauberkünſten, bis ſie ihm auch verfallen war und ihre Ehre und ihren guten Namen an ihn hingegeben hatte. Und nun droht er dieſen armen, getäuſchten und von ihm verrathenen Frauen mit der Veröffentlichung ihrer Schande, und brandſchatzt ſie, indem er, ſobald ſie nicht ſeinen Willen thun, droht, die Briefe, welche ſie ihm in den Tagen der Liebe geſchrieben, zu veröffentlichen und der ganzen Welt Preis zu geben.„ Es iſt ein ſchlauer Fuchs, eiſchte die Alte. Marie hatte mit der geſpannteſten Aufmerkſam⸗ keit zugehört; jetzt erhob ſie ſich von ihrem Seſſel und ſtreckte mit einer Art erhabenem Pathos ihre Arme empor. 188 Sein Maß iſt voll, ſagte ſie feierlich. Die Stunde der Rache hat geſchlagen. Bis jetzt hat er Leiden verurſacht, von nun an ſoll er leiden und groß ſollen ſeine Qualen ſein! Wie ſie ſo daſtand in ihrer erhabenen Haltung, glich ſie einer finſteren Gottheit, welche die Geiſter der Rache herauf beſchwört, ihr zu dienen. Lucinde erbebte, und ein Schauer der Furcht durchrieſelte ſie. Es kam ihr vor, als ſei ſie plötz⸗ lich in eine Zauberhöhle gerathen, ſie fühlte ſich umringt von unheimlichen Dämonen. Dieſer finſtere Raum erinnerte ſie an jene Hexenküchen, von denen ſie in ihren Kindertagen gehört, dieſes marmorblaſſe, ſchöne Mädchen mit dem flatternden Haar und den zornglühenden Augen glich ganz einer böſen Fee, und die Alte, welche eben vor dem Ofen kauerte und unter höhniſchem Lachen und Flüſtern die ver⸗ glimmenden Kohlen anblies, war die Hexe, welche den Zauberbrei kochte. Marie war indeß aus ihrer Extaſe erwacht, ſie ſank wieder zurück in ihren Seſſel und ſtarrte ſchwei⸗ gend in die Luft. Plötzlich wandte ſie ſich zu Lu⸗ einden hin. Er ſoll dieſe Briefe peteutgin Er wird es nicht thun, rief Lucinde. 189 Er wird es thun, und weil er es nicht freiwil⸗ lig thut, werden wir ihn dazu zwingen. Wir wer⸗ den ihn martern und quälen, bis er in der Angſt ſeines Herzens uns Alles gewährt. Ach, ich danke Euch, Ihr habt mir einen Weg gezeigt, wie ich ihn ſtrafen kann. Es wäre nicht genug geweſen, ihn zu tödten, er muß auch leiden und Qualen erdulden, bevor er ſtirbt. Und doch wird er niemals ſo viel leiden, als ich gelitten habe. Sie ſchwieg wieder und ſtarrte wieder vor ſich hin, während jetzt auf ihren bleichen Wangen zwei Purpurroſen, die unheimlichen Blumen eines frühen Grabes, aufblühten. Und haſt Du denn ſo viel gelitten, armes Kind? fragte Lucinde. Sie fragen, ob ſie gelitten hat, kreiſchte die Alte. Sehen ſie doch ihre bleichen Wangen an und ihre abgemagerte Geſtalt. Oh, Sie hätten ſie ſehen ſollen vor drei Jahren, wie ihre Wangen glühten und ihre Augen funkelten und wie voll und rund ihre prächtigen Glieder waren. Oh damals hätten Sie ſie ſehen müſſen, als ſie mit ihrem Liebſten, dem ſchmucken Tiſchler Karl, des Sonntags Arm in Arm— Mutter! ſchrie Marie, indem ſie, einer Furie iſt ein gottverdammtes und undankbares Kind, welches 190 gleich, emporſprang und den Arm der Alten packte und ſo heftig drückte, daß dieſe laut aufſchrie vor Schmerz. Habe ich es Dir nicht verboten, von ihm zu ſprechen, ſchrie Marie, die winſelnde Alte noch immer feſthaltend. Habe ich Dir nicht geſagt, daß Du niemals ſeinen Aamen über Deine ſchmutzigen Lippen bringen ſollſt, und daß ich Dich umbringen würde, wenn Du's thäteſt? Was reizeſt Du mich jetzt, wenn Du nicht ſterben willſt? Lucinde war, zitternd vor Angſt, der Alten zu Hülfe geeilt, und ſuchte das zornige Mädchen mit ſanften Worten zu beſchwichtigen, indem ſie zugleich ihre Hand von dem Halſe ihrer Mutter frei zu machen trachtete. Laßt ſie nur, laßt ſie nur, keuchte die Alte, ſie ihre Mutter haßt, obwohl ſie weiß, wie ſehr ich ſie liebe, und wie gerne ich mein Leben hingeben möchte, wenn ſie dadurch glücklich werden könnte. Sie lügt, ſie lügt, ſchrie Marie. Sie iſt eine Heuchlerin und Seelenverkäuferin. Seht ſie nur an, graut's Euch nicht vor ihr? Sie liebt mich, ſagt ſie, mit ihren lüſternen Augen und dem hämiſchen Lachen, glaubt's ihr nicht, denn ſie iſt es geweſen, ſie, meine eigene Mutter, welche für ſchnödes Geld mich ver⸗ 191 kauft hat an dieſen gottverdammten Mann. Und als ſie ſah, daß es mit Gewalt nicht ging, und daß ich ihren Befehlen nicht folgte, da hat ſie es gemacht wie die Schlange im Paradieſe und hat mir ge⸗ ſchmeichelt und liſtige Worte in mein Ohr geflüſtert und mich betäubt, indem ſie mir eine ſo glänzende und ſchöne Zukunft vormalte, indem ſie mir ſagte, daß dies Alles nur geſchähe, um Geld zu verdienen, und daß ich reich werden ſollte, um den zu heirathen, den ich liebte, und der niemals erfahren würde, wo⸗ her ich das Geld gewonnen. Seht, ſo hat ſie meine Seele berückt, und dann iſt dieſer Mann gekommen, und hat mich umſtrickt mit ſeinen Zauberkünſten, und hat ein ſüßes Gift in mein Ohr geträufelt, von dem mein Blut wie Feuer durch meine Adern ſchoß, und machte, daß es mir im Gehirn und im Herzen hammerte und pochte, als ſollte ich raſend werden. Ja, mit einem hölliſchen Zauber hat er mich ver⸗ führt, denn ich liebte ihn nicht und mußte ihm doch gehorchen, ich verabſcheute ihn, und zitterte doch vor Entzücken, wenn er kam. Ein Zauberer war er, und ſie, meine Mutter, hat ihm geholfen, und hat's geſehen, wie er mich verführte, und hat's gelitten, denn er gab ihr Geld! Für Geld hat ſie ihr Kind der Hölle verkauft! 192 Und nachdem ſie in fieberhafter Haſt, mit fliegen⸗ dem Athem und zitternden Gliedern ſo geſprochen, ſank ſie mit einem dumpfen Aechzen in ſich zuſammen, und wand ſich am Boden mit ihren krampfhaft zuſam⸗ mengeballten Händen, ihre Bruſt zerſchlagend und ihr Haar zerraufend und wilde Schmerzensſchreie aus⸗ ſtoßend. Lurinde, ſelber bebend und ſchreckensbleich, längſt bereuend hierher gekommen zu ſein, fühlte ſich den⸗ noch von unwiderſtehlichem Mitleid zu dieſem Mäd⸗ chen hingezogen, das bei aller Verworfenheit und Verlorenheit ihr dennoch Züge von Größe und Edel⸗ muth verrathen hatte. Die Alte kauerte an der Erde neben ihrer Tochter, laut ſchluchzend und wehklagend, ſie bald ein undankberes Kind nennend, bald wieder ſie anru⸗ fend mit den zärtlichſten Namen und Betheuerungen. Plötzlich ward Marie ſtill, das Zucken ihrer Glieder ließ nach, und ſie lag einen Moment wie in ſanftem Schlummer mit geſchloſſenen Augen da. Die Alte hob ſie mit einer Kraft empor, als ob ſie ein Kind in ihren Armen halte, und ließ 3 ſanft auf einem der Stühle nieder. Jetzt iſt 6 wieder gut, Wel ſie, 6 6 Krampf iſt vorüber, und Marie wird jetzt wieder meine ſanfte gute Tochter ſein! Marie ſchlug die Augen auf und ſah mit ihrem gewohnten ruhigen und kalten Blick umher. Dann heftete ſie ihr Auge auf Lucinde, deren Geſicht von Thränen des Mitleids überfluthet war. Weinen Sie nicht, ſagte ſie rauh, ich kann keine Thränen ſehen. Es iſt ſchon ſo lange her, daß ich nicht mehr weinen kann, und darum werde ich ärgerlich und neidiſch, wenn ich Andere weinen ſehe. Trocknet alſo Eure Augen und laßt uns ver⸗ nünftig ſprechen. Vicht jetzt, nicht heute, ſagte Lucinde, welche einen neuen Wuthanfall befürchtete. Nein, jetzt, antwortete Marie ernſt. Die Stunde der Rache iſt gekommen, und wir müſſen handeln und thätig ſein. Sagt mir Euren Plan. Was wollt Ihr thun? Ich wollte vor allen Dingen ſuchen, ihn kennen zu lernen, und dann wollte ich ſehen, ob mein armes Geſicht, von dem die Thoren ſagen, daß es ſchön ſei und verführeriſch, ihn vielleicht auch ein wenig berücken und ſeine Vernunft umgarnen könnte. Auf Mariens Antlitz leuchtete ein Strahl bos⸗ hafter Schadenfreude auf. Oh, ſagte ſie, dieſer 1. 13 —— Plan wird Ihnen gelingen, denn Sie ſind ſehr ſchön, und er wird Ihnen nicht wiederſtehen. Er wird Sie alſo lieben, und Sie werden ihn martern mit Ihrer Grauſamkeit, nicht wahr? Sie werden ihn zů Ihren Füßen vergeblich um ein wenig Gnade, ein wenig Mitleid flehen laſſen, und Sie werden lachen zu ſeinem Flehen und ihn verhöhnen mit ſeiner Liebe, nicht wahr, das werden Sie? Vor allen Dingen, ſagte Lucinde mit einem zauberiſchen Lächeln, vor allen Dingen muß er erſt zu meinen Füßen liegen, ehe ich ihn ſtrafen kann. Und dazu eben wollte ich Deine Hilfe in Anſpruch nehmen. Als ich Dich dieſe Vacht ſeinen Namen nennen hörte, und Du mir ſagteſt, daß Du ihn haß⸗ teſt, da dachte ich, daß wir einander hülfreich ſein und einander beiſtehen müßten in unſern Planen. Deshalb kam ich, Dich aufzuſuchen. Und Sie haben wohl gethan, erwiderte Marie, wir wollen Beide zuſammen verſuchen, ihn zu ver⸗ nichten! 36 Ich helfe Euch, ich bin auch dabei, wenn es gilt, ihn in die Hölle zu ſpediren, kreiſchte die Alte. Ich will wie ein Hund vor ſeiner Thür liegen, ſagte Marie, und jede ſeiner Bewegungen überwachen und Euch davon Rachricht geben, ich will ihn be⸗ S 195 lauern auf jedem Schritt, ich will ſelbſt ſeinen Schlaf überwachen, und jeden Blick beobachten, bis ich er⸗ fahren habe, wo er dieſe Briefe verborgen hat. Und wenn ich es weiß, dann will ich hingehen und ſie ihm ſtehlen, und will ſie Euch bringen, und wenn ſie dann in Sicherheit ſind, dann werde ich vor ihn hintreten und ſagen, daß ich es gethan, und will mich weiden an ſeinem Zorn und ſeinem Ingrimm. So iſt's recht, ſo iſt's recht, ſagte die Alte mit dem Kopfe wackelnd. Wir wollen ihn wie Spü«r⸗ hunde umlauern und ihn lebendig in die Hölle hetzen. Und wenn wir dennoch nicht zum Ziele gelan⸗ gen? fragte Lucinde. Wenn wir die Briefe nicht entdecken? ſchleifen, ſagte Marie ruhig. Ein Verbrecher iſt er, das weiß ich, und ich weiß auch, daß er Dinge thut, von denen er fürchtet, daß irgend eines Menſchen Auge ſie ſehen und verrathen möchte. Ich weiß, daß er damals, vor drei Jahren ſchon einen großen Plan hatte, eine Verſchwörung, wie ſie's nennen, zu der er ſich mit vielen Andern vereinigt hatte, die 133 So werden wir irgend ein anderes Verbrechen bei ihm entdecken und werden ihn daran zu Tode 196 Alle ihm gehorchen und ſeine Befehle erfüllen muß⸗ ten. Ich werde dieſes Alles erforſchen und Ihnen davon Nachricht geben. Und wie willſt Du es anfangen, ihn zu ſehen? Marie ſenkte das Haupt auf ihre Bruſt, und ſchauderte in ſich zuſammen, wie vor einer furchtba⸗ ren Erſcheinung. Dann ſagte ſie dumpf und leiſe: Ich werde zu ihm gehen und ihm ſagen, daß Alles vergeſſen und vergeben iſt, und daß ich wieder ſeine gute, liebe Marie ſein will. Und indem ſie ſo ſprach, fuhr ſie ſich mit den Händen über das Geſicht und krallte ihre Finger in ihre Wangen ein, daß ſie bluteten. Du wirſt ihn das nicht glauben machen kön⸗ nen, ſagte Lucinde, denn Dein Haß iſt zu glühend. O, ſie wird es können, rief die Alte, meine Marie kann Alles, was ſie will. Bört, ſagte Marie, indem ſie ihre kalte Hand auf Lucindens Schulter legte, hört, ich war zwei Jahre im Zuchthauſe, und da habe ich gelernt, zu heucheln und zu lügen und zu lächeln, wenn man innerlich flucht, und dem die Hand zu drücken, den man erwürgen möchte, ja, ſelbſt zu beten, wenn man nichts als gottesläſterliche Gedanken im Herzen trägt. —————— 197 Ja, ich war auf der hohen Schule der Verſtellungs⸗ kunſt, ich war im Zuchthauſe. Im Zuchthauſe? rief Lucinde, und weshalb? Marie wandte langſam den Blick zu ihr hin. Sie hatten mich wegen Kindesmord angeklagt, ſagte ſie. Aber man hat ihr nichts beweiſen können, kreiſchte die Alte, und darum iſt ſie ſo leicht davon gekommen. Nein, man hat mir nichts beweiſen können, rief Marie mit einem wahnſinnigen Lachen, denn das Kind war fort, und ſie konnten ſeine Leiche nirgends finden. Niemand kann ſagen, daß ich eine Kindes⸗ mörderin bin. Lucinde hatte ſtarr vor Entſetzen da geſtanden. Jetzt wandte ſie ſich ab und entfloh mit ſchaudern⸗ der Angſt dieſer Höhle des Elends und des Ver⸗ brechens. Hinter ihr her tönte das Hohngelächter der Alten. XIII. Bernthal und Marir. Bernthal ahnte nichts von dieſen Intriguen, welche gegen ihn geſponnen wurden, oder wenn er ſie ahnte, ſo achtete er ihrer nicht. Er überließ ſich auf einige kurze und glückliche Tage mindeſtens dem ſorgloſeſten und üppigſten Genuſſe des Lebens. In den Kaſematten von Raſtatt hatte er genug der Entbehrungen, der Sorge, ja der Todesangſt kennen gelernt; jetzt, da das Leben wieder ſein war, wollte er es wieder mit friſchem Sinnen genießen. Das Gnadengeſuch des Fürſten hatte ſeine Wirkung ge⸗ than, ſein Prozeß war niedergeſchlagen worden, und verſehen mit den Legitimationspapieren hinderte man ihn nicht, in Berlin ſeinen Aufenthalt zu nehmen. Aber er wollte nicht blos leben und genießen, er wollte auch glänzen und Aufſehen erregen. Die ganze ſchöne und elegante Welt ſollte von ihm reden 199 und ſich mit ihm beſchäſtigen. Sein Name ſollte einen ſo lauten Klang haben, daß er immer und immer wieder vor den Ohren derjenigen erklingen mußte, welche vor jedem Laut ſeiner Stimme, vor jedem Zittern ſeiner Wimpern erbebten. Prinzeſſin Luiſe war mit der Fürſtin Nutter in Berlin. Er hatte es bis jetzt vermieden, ſie auf⸗ zuſuchen. Sie ſollten Beide noch in der Furcht vor ſeinem Kommen alle Qualen der Ungewißheit erdul⸗ den, ſie ſollten immer an ihn denken müſſen als an ein ungewiſſes, kommendes Schreckniß. Er wufßte ſehr wohl, daß nichts mehr geeignet iſt, ſich in der Erinnerung der Menſchen feſtzuhalten, als indem man ſich von ihnen gefürchtet macht. Er wollte ihnen daher das Schwert des Damokles ſein, wel⸗ ches ewig drohend über ihrem Haupte aufgerichtet war. Er wollte ſie alſo nicht ſehen und nicht zu ihnen ſprechen, aber ſie ſollten von ihm hören. N Und in der That, es war ihm ſehr bald ge⸗ lungen, in dieſer vornehmen, eleganten Welt von ſich reden zu machen. Die ſogenannte erkluſive Ge⸗ ſellſchaft hat ſo gut ihre Klatſchereien, ihre tlenli⸗ chen Verleumdungen, ihre Aufpaſſerinnen und ihr Spionirſyſtem, wie man es nur irgend als den Ty⸗ pus des„Kleinſtädtiſchen“ bezeichnen mag, denn dieſe N erkluſive Geſellſchaft bildet in der großen Welt eine kleine Stadt für ſich, und es iſt daher kein Wunder, wenn man in derſelben einander kennt, überwacht, bekrittelt und verläumdet. Man wußte alſo auch ſehr bald in dieſen Kreiſen der Berliner guten Ge⸗ ſellſchaft, daß der Baron v. Bernthal eine Wohnung unter den Linden bezogen und dieſelbe auf das Prächtigſte meublirt habe, daß er daſelbſt Diners veranſtalte, bei denen die ſeltenſten Delikateſſen und die auserleſenſten Weine in Ueberfluß vorhanden ſeien. Man bewunderte ſeine elegante Equipage, ſein herrliches Reitpferd, auf welchem er alle Tage zu der Stunde, in welcher die elegante Welt im Thiergarten zu promeniren pflegt, dort ſich zeigte, und nicht blos durch ſein ſchönes Thier und durch die geſchmackvolle und prächtige Livree des ihm fol⸗ genden Jockey's, ſondern mehr noch durch ſeine edle und ſtolze Haltung, durch die impoſante Schönheit ſeines Antlitzes Aufſehen erregte. Er war, wie ge⸗ ſagt, für den Augenblick der Held des Tages gewor⸗ den, der gefeierte Lion aller Rowts und Soireen. Indeß war es eine beſondere Gunſt, wenn er bei denſelben erſchien, und es gab ſehr viele ele⸗ gante und hervorragende Zirkel, welche ſich bis jetzt vergeblich um dieſen Vorzug bei ihm beworben — hatten. Man wufßte endlich, daß er beharrlich alle Einladungen ausſchlage zu ſolchen Geſellſchaften, in denen es möglich war, daß er mit dem königlichen Hof oder mit den daſelbſt jetzt verweilenden fürſt⸗ lichen Gäſten in Berührung kommen konnte, und man zuckte lächelnd die Achſel über dieſe„republikaniſche“ Laune des reichen Sonderlings. Woher aber kam Bernthals plötzlicher Reich⸗ thum, wo war die Goldquelle, welche für ihn ſo unerſchöpflich zu ſein ſchien? Diejenigen, welche ihn vor Jahren, bevor er dieſe große Reiſe um die Welt, welche ihn mehrere Jahre fern gehalten, gekannt hatten und ſein damaliges ärmliches und bedürftiges Erſcheinen mit ſeinem jetzigen Glanze verglichen, zuckten mißtrauiſch die Achſeln, oder meinten, er müſſe wohl unvermuthet zu einer Erbſchaft gekommen ſein, oder es habe ihn ſein Weg auf ſeiner Reiſe um die Welt vielleicht nach Kalifornien geführt, und er habe dort, vorſichtiger als Robinſon, lieber den Hunger ertragen, als ſich für einen Goldklümpen ein Stück Brod gekauft. Auch gab es Einige, welche ihre Neugierde ſo weit trieben, daß ſie Bernthal um die Wahrheit ſolcher Gerüchte befragten. Bernthal geſtand dann zu, daß ihm allerdings von einem Dheim in Amerika eine bedeutende Erbſchaft zuge⸗ fallen, und eines Tages zeigte er bei einem ſeiner glänzenden und luxuriöſen Diners ſeinen ſtaunenden Gäſten ein Stück kaliforniſchen Goldes, das er ſelbſt ſich dort auf einem von ihm angekauften großen Landſtrich ausgegraben. Bernthal, wie geſagt, genoß das Leben, und war der gefeierte Held des Tages. Indeſſen gab es doch Stunden, ja ganze Tage, in denen Riemand, ſelbſt nicht die vertrauteren Genoſſen ſeiner Feſte, bei ihm Zutritt erlangen konnten. Was that er in dieſen Stunden? Wo brachte er dieſe Tage zu? Vielleicht war er mit ernſten Studien beſchäftigt, denn ſeine Freunde, welche ge⸗ kommen waren, ihn aufzuſuchen, waren zwar von ſeinem vor ſeiner Thür wachehaltenden Diener zu⸗ rückgewieſen worden, aber ſie bemerkten dennoch Licht in ſeinem Boudoir und in dem Schatten, welcher ſich dann und wann hinter den herabgelaſſenen Vorhängen zeigte, wollten ſie Bernthals hohe und majeſtätiſche Geſtalt erkannt haben. Es war etwas Seltſames, Geheimnißvolles, welches ihn umgab, aber gerade dies machte ihn ſeinen Freunden nur noch intereſſanter und ver⸗ mehrte die Theilnahme, welche man für ihn ban Vielleicht wußte er dies, vielleicht war dieſes — Dunkel, in welches er ſich manche Tage einhüllte, auch nur eine Maske, eine Verkleidung, durch welche er die Neugierde der Menſchen erregen und ihre Gedanken an ſich feſſeln wollte. Aur zwei Augen gab es, welche er niemals zu täuſchen, niemals zu betrügen vermochte, welche ewig ihn verfolgten mit ihrem brennenden, lauernden Blick, und ihn niemals verließen oder ſich von ihm wandten. Ein Weſen gab es, welches ihm treuer folgte, als der Hund ſeinem Herrn, welches ſich an ſeine Ferſen heftete, wie ſein Schatten. Er kannte ſie nicht, er ſah es nicht, wenn ſie Nachts, einem unheimlichen bleichen Schatten gleich, auf der Schwelle ſeiner Thür kauerte und zu ſeinen Fenſtern empor blickend heimliche Flüche und Verwünſchungen flüſterte; er achtete nicht auf dieſe dunkle Geſtalt, welche hinter ihm herſchlich, wenn er Abends, tief in ſeinen Mantel gehüllt, raſch und eilig durch die Straßen ging, welche ihm folgte zu dieſem einſamen, abgelegenen Hauſe auf dem Köpniker Felde, einer der verrufenſten und einſamſten Gegenden von Ber⸗ lin. Er hatte keine Augen für dies in Lumpen ge⸗ hüllte alte Weib, welches gerade ſeiner Wohnung gegenüber halbe Tage lang auf einer Bank in der Mitte der Linden kauerte und Jeden beobachtete, 204 welcher das Haus betrat. Er hatte inmitten ſeines tollen und wüſten Lebens der armen Marie und ihrer Mutter längſt vergeſſen. Aber ſie gedachte ſeiner mit jedem Athemzug ihrer kranken und fiebern⸗ den Bruſt, ſie hatte es jetzt zu ihrer heiligſten Auf⸗ gabe gemacht, ihn zu beobachten und zu überwachen, und langſam und durchſichtig, wie Spinngewebe ſo zart, ein Vetz um ihn zu ziehen, welches aber einſt ſo ſtark werden ſollte, daß er es nicht mehr zerreißen konnte, ſondern darin erſticken mußte. Sie hatte mit der Ba⸗ ronin Lucinde, welche, ihr Entſetzen überwindend, am andern Tage zurückgekehrt war zu Marien, genau ihren Plan der Rache geprüft und erwogen, und nichts dachte, nichts wollte ſie weiter, als dieſen Plan jetzt ins Werk ſetzen. Einer Eumenide gleich heftete ſie ſich an ſeine Ferſen, ſicher ihn eines Tages tödtlich und n tend zu treffen. Aber dieſes ewige Beobachten und heiniche Verfolgen dauerte jetzt ſchon ſechs Tage und immer noch hatte ſie ſich ihm nicht perſönlich genähert. Sie konnte immer noch ihren Abſcheu nicht über⸗ winden, immer noch nicht die Kraft finden, ihm freundlich zu ſein. Du wirſt noch ſo lange zaudern und warten, 205 ſagte ihre Mutter unwillig, bis er Berlin verläßt und wir mit aller unſerer Rache nichts weiter, als das Vachſehen haben. Er wird Berlin nicht verlaſſen, ſagte Marie, denn er hat große Plane hier. Ich kenne jetzt ſein ganzes Leben, ich weiß, was er thut und treibt, und mit wem er verkehrt, nur Eins muß ich noch er⸗ forſchen— ich muß wiſſen, was er in jenem ein⸗ ſamen Hauſe thut. Heute iſt der Tag, an dem er hinzugehen pflegt. Ich werde auch dort ſein! Und Marie, des Regens nicht achtend, der in wilden Strömen herabfloß, eilte durch die Straßen zu Bernthals Wohnung hin. Der Abend begann ſchon zu dämmern, ſie lehnte ſich an einen der Bäume und blickte hinüber zu ſeinen Fenſtern.. Ich ſehe ſeinen Schatten am Fenſter, murmelte ſie, er wird bald kommen. Wann denn, wann werde ich ihn tödten? Er lebt ſchon ſo lange und freut ſich des Lebens, und ich? Oh, oh, warum iſt meine Hand ſo feig, daß ſie ihn nicht trifft, wenn er jetzt aus dem Hauſe tritt, warum locke ich ihn nicht zu mir und lächle ihm, blos um ihn dann in meinen Armen zu erwürgen? Aber nein, nein, wir müſſen die Briefe haben, und er ſoll dieſe ſchöne Frau lie⸗ ben, welche ihn verabſcheut. Dieſe Strafe iſt für ihn härter als der Tod. Ich weiß das, ich, welche das Alles erfahren hat, und Alles durch ihn, durch dieſes Ungeheuer. Nein, nein, er ſoll nicht auf ein⸗ mal ſterben, ganz langſam, Tag für Tag, wie er mich mordet, will ich ihn wieder morden. Ha, da iſt er. Und indem ſie ihn ſah, preßte ſie knirſchend ihre Zähne aufeinander, und hob ihren Arm dro⸗ hend gegen ihn empor. Wehe ihm, wehe, murmelte ſie leiſe. Er ging an ihr vorüber, ohne ſie anzuſehen. Sein Schritt war leicht und elaſtiſch, ſein Antlitz heiter und ruhig. Hinter ihm her ſchlüpfte das arme Weib mit dem marmorbleichen Angeſicht, ihre glü⸗ henden Blicke feſt und durchbohrend auf ihn geheftet. So eilten ſie dahin durch Straßen und Gaſſen, er mit dem ſtolzen Blick eines Siegers, ſie hinter ihm her, bleich und zornig, der unheilvolle Dämon ſeines Lebens! XV. Das geheimnißvolle Haus. Marie hatte ganz richtig beobachtet. Bernthal lenkte, wie ſie vorher geſagt, ſeine Schritte einem einſamen, öden Hauſe zu, das unfern des Landwehr⸗ grabens allein und frei auf dem Köpnicker Felde ſtand. Dieſes Haus war dunkel und öde. Virgends be⸗ merkte man Licht an den Fenſtern, nirgends ließ ſich eine Spur von Leben gewahren. Die Hausthür war geſchloſſen, die Jalouſien vor den Fenſtern nie⸗ dergelaſſen. Das Haus ſchien eines von den vielen, deſſen einzige Errungenſchaft der Märztage darin beſtand, daß ſein Beſitzer, bei der ſo ſehr vermin⸗ derten Einwohnerzahl Berlins, keine Miether für ſein Haus finden, und es als todtes Kapital unbe⸗ nutzt mußte daſtehen laſſen. Vor der Thür dieſes Hauſes angekommen, blieb Bernthal ſtehen und blickte ſpähend nach allen Sei⸗ 208„ ten umher. Nichts regte ſich. Der Abend war jetzt ganz hereingebrochen, und da die ſtädtiſche Gas⸗ beleuchtung noch nicht bis in dieſe öde Gegend vor⸗ gedrungen war, herrſchte jetzt eine tiefe, nur dann und wann von einer trüben Oellampe unterbrochene Finſterniß, welche, indem ſie einen kleinen Punkt er⸗ hellte, das Dunkel nur um ſo dicker und undurch⸗ dringlicher erſcheinen ließ. Mariens Augen durchdrangen die Finſterniß. Hinter dem Pfeilervorſprung eines im Bau begriffe⸗ nen Hauſes verborgen, beobachtete ſie Bernthal. Sie ſah, wie er lauſchend und ſpähend vor dem Hauſe ſtand, wie er endlich, ſich vollkommen ſicher glaubend, einen Schlüſſel hervorzog, mit demſelben die Hausthür öffnete und in derſelben verſchwand. Marie wartete noch eine kurze Zeit, dann nä⸗ herte ſie ſich vorſichtig gleichfalls dem Hauſe und ſchlich lauſchend an den untern Fenſtern deſſelben hin. Alles blieb ſtill und ſtumm. Aber indem ſie ſich jetzt der Rückſeite des Hauſes, welches, wie ge⸗ ſagt, allein und abgeſperrt auf freiem Felde lag, näherte, bemerkte ſie Licht an einem der obern Fen⸗ ſter. Indeß war dieſe Hinterſeite von einem mit einem ſehr hohen Gitter umgebenen Garten begrenzt und hohe Bäume beſchatteten die erleuchteten Fenſter. Ich muß wiſſen, was er dort treibt, murmelte Marie, und ſchnell und leiſe, wie eine Katze, kletterte ſie an dem Gitter empor und ſchwang ſich dann auf den Aſt eines nahe ſtehenden Baumes. Vor⸗ ſichtig rutſchte ſie denſelben entlang und dann hin⸗ über auf einen zweiten. Sie hatte ſich nicht getäuſcht; von dieſer Stelle konnte ſie genau jenes Zimmer überſchauen, in wel⸗ chem das Licht brannte; denn da die hohen Bäume gleichſam einen lebendigen Vorhang bildeten, hatte man es nicht für nöthig gehalten, die Jalouſien herabzulaſſen. Marie konnte daher Alles ſehen, Alles beob⸗ achten. Sie ſah ein großes hellerleuchtetes Zimmer, deſſen elegante und koſtbare Einrichtung ſie, die arme Bewohnerin ſchmutziger Höhlen und niederer, dumpfer Kammern, mit Staunen und Bewunderung erfüllte. Den Fußboden bedeckte ein herrlicher tür⸗ kiſcher Teppich; an den mit Sammettapeten beklei⸗ deten Wänden ſtanden ſchwellende Polſter und Di⸗ vans umher, über denen man hübſche in Goldrah⸗ men gefaßte Gemälde und Spiegel erblickte. Auf den Tiſchen ſah man hier und da zerſtreut kleine zierliche Kunſtgegenſtände, koſtbare Nipps, Spielzeuge I.. 14 10 der vornehmen erwachſenen Kinder. In einem gol⸗ denen großen Käfig ſaß ein weißbefiederter Kakadu, in der Mitte eines mit den auserleſenſten blühenden Topfgewächſen geſchmückten Tiſches. Aber ſchöner als dieſes Alles, ſchöner als die koſtbarſte dieſer Blüthen war dieſes junge Mädchen, welches dort auf dem ſeidenen Divan ſaß, und eifrig zu leſen ſchien. Es war eine zarte Sylphengeſtalt, das Antlitz faſt noch das eines Kindes, ſo jugend⸗ lich zart, ſo unſchuldig und rein. Indeß ſah man doch, daß dieſe hohe, reine Stirn ſchon Gedanken hegte, daß dieſer reizende kleine Mund auch ernſt ſein könne. Ihre Wangen, von einer durchſichtigen Zartheit, waren überhaucht von jenem ſanften, ro⸗ ſigen Schmelz, wie wir es an den Seemuſcheln be⸗ wundern; ihr blondes Haar, über der Stirn getheilt, ſchloß ſich ſchlicht und glänzend um ihre Stirn und war dann am Hinterkopf in einem griechiſchen Kno⸗ ten zuſammen geſchlungen. Ein einfaches weißes Gewand umhüllte ihre Glieder, die Arme und Schultern bedeckend und am Halſe geziert mit einer einfachen Roſaſchleife. Zuweilen ließ ſie das Buch ſinken und blickte mit ihren dunkeln blauen Augen ſinnend und träumeriſch empor. Plötzlich öffnete . * ſich bie Thür und eine ältliche, zierlich gekleidete Frau trat ein.* Sie ſchien dem jungen Mädchen eine freund⸗ liche Nachricht zu bringen, denn dieſe flog empor und eilte mit ausgebreiteten Armen der Thür zu. Ein Mann trat ein, er ſchloß ſie in ſeine Arme und ſie ſchmiegte ſich feſt und innig an ihn. Marie, welche Alles ſah, aber Nichts zu hören vermochte, ſenkte traurig ihr Haupt auf ihre Bruſt. Armes Kind, murmelte ſie, er wird ſie auch verderben! Er vergiftet Alles, was ſich ihm naht! Dann ſchaute ſie wieder empor und bohrte ihre glühenden Blicke wieder in jenes Gemach ein. Sie hielten ſich noch umſchlungen, und die alte Frau ſtand daneben mit gefaltenen Händen, wie in ſelige Andacht verſunken. Dann richtete ſich das junge Mädchen empor aus ſeinen Armen und blickte ihn an. Er neigte ſich zu ihr nieder und legte ihr Haupt in ſeine Hand und ſprach zu ihr Worte, die Marie nicht verſtand, aber die das Antlitz des jungen Mädchens ſtrahlen machten vor Entzücken. Marie ſtarrte mit einer Art Entſetzen nach Bernthal hin. Er iſt ein Zauberer, murmelte ſie, 65 2¹2 ein hölliſcher Geiſt, der ſein Geſicht verändern und wie ein Engel ausſehen kann. In der That, Marie hatte ihn nie ſo hen, niemals hatte er ſo gelächelt, niemals war in ſeinen Mienen eine ſor anbetende und doch ehrfurchtsvolle Zärtlichkeit zu leſen geweſen. Wir ſagten ſchon, daß in ihm ein Engel und ein Dämon ſich vereint, und daß dieſe urſprünglich edle, göttliche Natur nur von dem Teufel in ihm beſiegt worden. Aber es gab doch Stunden, wo die Eumeniden ſchliefen und ſeine Seele befähigten, ſich leicht und frei zu höherer Begeiſterung, zu edlem Schauen aufzuſchwingen. Marien gegenüber war er immer nur der Dä⸗ mon geweſen; bei dieſem reinen, zarten Mädchen aber ſänftigte ſich ſeine Natur und alles Andere vergeſſend außer ihr, fühlte er ſich wie in einer rei⸗ nen, ſeligen Sphäre. Was ſprach er? Wie ſehr ſich auch Marie anſtrengen mochte, kein Laut drang zu ihr her; ſie konnte nur ſehen, was auf den Geſichtern zu leſen war, und als ſie jetzt das junge Mädchen anſah, murmelte ſie: Armes Kind, ſie liebt ihn, ſie wird alſo auch leiden müſſen. Aber nicht ſo, nein, nicht ſo, als ich gelitten habe! Und ſie ſtarrte empor zu dem Himmel und zu 4 —= =. 2¹3 den flammenden Sternen, und leiſe flüſterten ihre Lippen: Wann werde ich denn Ruhe finden? wann endlich werde ich ſterben? So nahe bei einander liegt Kummer und Glück, und dicht neben der, welche in thränenloſem Jammer hinaufſtarrt zum Himmel, flüſtern zwei ſelige Men⸗ ſchen von ihrem Glück und danken Gott für ein freudenvolles Wiederſehen! Und doch waren es erſt wenige Tage, daß ſie ſich nicht geſehen. Aber das junge Mädchen hatte nicht die Tage, ſondern die Stunden gezählt, welche er fern von ihr geweſen, und ſie klagte jetzt zu ihm über dieſe ewig langen, nimmer endenden Stunden. Bernthal hörte ihr zu, wie in einer ſeligen Be⸗ rauſchung. Ihre Stimme klang ihm wie Muſik, wie reine Harmonie, und er lauſchte ihr mit einer faſt andächtigen Seele. Er, welcher überall nur Verderbniß und Schande ſah, welcher überall mißtraute, überall zweifelte, er ſtand vor dieſem Mädchen mit einem gläubigen, ſe⸗ ligen Vertrauen, mit einem andachtsvollen Herzen. Sie ſagte ihm, daß ſie ihn grenzenlos liebe, und er wußte, daß ſie die Wahrheit ſprach. Doch ſagte er mit einem ſchwermuthsvollen Lächeln: Du ſagſt, daß Du mich ewig lieben wirſt, ½ 2¹4 Aber dies gilt nur für heute und morgen. Ein Anderer wird kommen, dies Herz zu erobern, und dann wirſt Du Dich von mir wenden, und mich verlaſſen. Sie ſchmiegte ſich ängſtlich und zitternd an ihn. O nie, niemals! flüſterte ſie, ich werde niemals einen Andern lieben, als Dich! Und indem ſie ihn ſanft auf den Divan nieder⸗ zog und ſich an ſeine Seite ſchmiegte, fuhr ſie fort: Vein, ich werde nur Dich lieben, denn Du biſt für mich der Inbegriff alles Großen, alles Erhabenen, alles Edlen und Schönen. Von Dir kommt mir alles Gute, und Du wehrſt alles Böſe von mir ab. Du umgiebſt mich mit Deiner Liebe, wie mit einem Zauberring, und ſo weit dieſer reicht, iſt Alles Glück, Schönheit und Freude; aber ich weiß, daß darüber hinaus Alles Verſtellung und Schmach und Unglück und Qual iſt. Haſt Du mir nicht geſagt, daß die Welt voller Trug iſt und Lüge, und haſt Du mich nicht vor ihr gerettet in dieſe Einſamkeit, um mich zu bewahren vor Kummer und Enttäuſchung? Und wie kannſt Du jetzt ſagen, daß ich Dich verlaſſen würde um eines Andern willen, da Du doch weißt, daß ich Niemand werde kennen lernen außer Dir? — 4 Du haſt alſo meine Bitte getreulich erfüllt? fragte Bernthal indem er ſie ſcharf beobachtete. Du verläßt niemals dieſes Haus, und läßt niemand Fremdes zu Dir ein? Sie begegnete ſeinem Auge mit einem lächelnden Ausdruck, und ſchüttelte verneinend das Haupt. Und warum ſollte ich es denn auch? fragte ſie un⸗ befangen. Bin ich es denn nicht gewohnt, ſo ein⸗ ſam und ſtill zu leben, habe ich nicht bis vor weni⸗ gen Wochen mein Leben in einem Kloſter zugebracht, wo ich Viemand geſehen, als meine lieben alten Vonnen, welche mich groß gezogen und unterrichtet haben, und welche mich gelehrt haben, die Welt und die Menſchen zu fürchten, und Niemand zu vertrauen außer Gott? Auch mir nicht? fragte Bernthal, indem er mit ſeiner flachen Hand zärtlich über ihren glänzenden blonden Scheitel ſtrich. O Du, ſagterſie, Du biſt ja kein Menſch, wie andere Menſchen ſind. Du haſt niemals die Treue gebrochen, niemals geheuchelt und verleumdet. Du biſt groß und erhaben, und weil Du das biſt, darum verachteſt Du die Menſchen, welche Dir nicht glei⸗ chen, und zu welchen Du hernieder ſchauſt voll gren⸗ zenloſen Mitleides und Erbarmens, aber nicht voll 26— Liebe, denn die Menſchen verdienen nicht, daß man ſie liebe.— Seltſam, er, welcher immer ein Wort des Hohns und des beißenden Spottes auf ſeiner Lippe trug, er war jetzt ſtumm dieſem holden Geplauder gegenüber, er ſchlug die Augen nieder und erröthete. Das junge Mädchen fuhrt fort: Sieh, dieſes Alles iſt mir wie durch eine göttliche Offenbarung gekommen und ich weiß und kenne Dich, ſo lange ich lebe obwohl ich Dich ſo ſelten, ach, faſt nie geſehen. Aber meine guten Nonnen haben mir immer von Dir erzählt. Sie wiegten als Kind mich ein mit Deinem Namen, und in meinen kindiſchen Träumen ſah ich Dich glänzend und ſtrahlend wie eine Gott⸗ heit. Sie ſpornten mich zur Thätigkeit und zum Fleiße an, indem ſie mir ſagten, daß Du eines Ta⸗ ges kommen würdeſt mich abzuholen, und daß es Dich dann freuen würde, wenn ich fleißig und un⸗ terrichtet ſei. O, wenn ich bei meiner Zeichnung ſaß und arbeitete, da ſind mir dieſe langen, einſamen und lautloſen Tage doch ſchnell vergangen wie ein Gedanke, und ſie waren auch nur ein Gedanke, ein einziger Gedanke an Dich. Und als ſich nun end⸗ lich eines Tages die Zelle öffnete, als Du an der Band der guten Aebtiſſin herein trateſt, welche 217 lächelnd auf Dich deutete und zu mir ſagte: Anna, ſieh, das iſt Dein Vater, welcher kommt, Dich heim⸗ zuholen, weißt Du es noch, wie ich da aufjauchzte, und wie ich auf meine Knie ſank und betete? Die gute Aebtiſſin meinte, daß ich zu Gott betete, aber ſie irrte ſich, ich betete zu Dir, zu meinem Vater! Und indem ſie ſo ſprach, ſchlang ſie beide Arme feſt um Bernthals Nacken und lehnte ihr liebliches Köpſfchen an ſeine Schulter. Er ſaß da, ohne ſich zu regen. Er hörte ihr noch immer zu, obwohl ſie nicht mehr ſprach, ſeine Augen glänzten wie in einer Verklärung. Sie richtete ihr Angeſicht wieder empor und ſtrich das Haar von ſeiner Stirne fort und küßte ſie und fuhr ihm ſchelmiſch lächelnd mit dem zarten, roſigen Finger über die Augen und wühlte tändelnd in ſeinem dunkeln glänzenden Haar. Sie hatte wohl Recht gehabt, zu ſagen, ſie lebe wie in einem Zauberring, nur daß nicht Bernthals Liebe, ſondern ihre eigene Unſchuld und Lieblichkeit dieſer Zauberring war, in den ſie jetzt Bernthal her⸗ ein gezogen hatte. Indem Bernthal ſo neben dem jungen Mäd⸗ chen ſaß und ihren Worten lauſchte, hatte er ein Geſicht, als ſei er plötzlich dieſer Welt entrückt, es 2¹8 war eine neue, nie gehörte Sprache, welche er ver⸗ nahm, es waren neue Gedanken und Empfindungen, welche ſie in ihm anregte, es war ein neues, reines Unſchuldsleben, welches ihn umrauſchte. Als ſie jetzt ſchwieg, ſagte er ganz leiſe und träumeriſch: Sprich weiter, meine Anna! O laß dieſe himmliſche Muſik nicht enden! So lange Du ſprichſt, ſchweigen die Dämonen und die Welt iſt ſo köſtlich und rein, wie Du es biſt, mein Kind! Und ſie plauderte weiter, holdes, ſüßes Geſchwätz, ſo voll unendlicher Weisheit, weil ſo voll Unſchuld und Liebe. Und willſt Du wiſſen, fragte ſie, was mein Entzücken noch vermehrte, als ich Dich nun endlich ſah? Das war, daß Du nicht alt und gebeugten Rückens warſt, ſondern jung und ſchön und ſchlank und ſtolz wie der Erzengel Michael. Mein Gott, niemals hatte ich gewußt, daß ein Vater ſo jung und ſchön ſein könne. Meine guten Nonnen hatten mir immer geſagt, daß ein Vater eine ſehr ehrwürdige Perſon ſei, und daß man ihn ſehr lieben und ver⸗ ehren müſſe. Ich aber, ich verehre Dich nicht, nein, ich bete Dich an. O, und wie entzückt war ich dann, als Du meine Arbeiten und meine Bücher muſterteſt und ſagteſt, daß Du mit meinen Kennt⸗ 2¹9 niſſen zufrieden ſeieſt. Und dann dieſes Entzücken, als Du jetzt meinen eben vollendeten Kupferſtich in die Hand nahmſt, weiß Du, es war der Johannes nach dem Kupferſtich von Müller. Du ſahſt ihn an, und rieſſt: aber dies iſt ja das Original, wo iſt denn die Kopie? Niemals, mein Vater, niemals habe ich mich ſtolzer und glücklicher gefühlt, als in dem Moment. Ich war ſo ſelig, daß ich Dir gar nicht antworten, ſondern Dich nur anſehen konnte, während Schweſter Euſebia, meine Lehrerin, zu Dir ſagte, dies ſei die Kopie, und ich habe freilich genau jeden Strich des Originals mit meiner Feder nach⸗ gezeichnet, ſo daß die Kopie kaum vom Original zu unterſcheiden ſei. Da riefſt Du: welch' ein ſeltenes und unbezahlbares Talent iſt dies! Und Du warfſt auf mich einen Blick, o einen Blick, den ich bis in das Innerſte meiner Eingeweide empfand und der mich durchrieſelte, wie der Thau die Blume, indem er ſie mit friſchem Lebensbalſam tränkt. O meine guten Nonnen hatten mich oft ihre kleine Künſtlerin genannt, und es hatte mich kalt gelaſſen, aber als Du es ſagteſt, da fühlte ich mich ſtolz und glücklich, aber auch recht demüthig und beſcheiden, und ich ſchwur mir heimlich in meinem Herzen, daß ich ganz —22 gewiß einſt eine Künſtlerin werden wolle, nur um Dir Freude zu machen. Ueber Bernthals Antlitz flog ein finſterer Schat⸗ ten, und er zuckte zuſammen, als habe eine Schlange ihn verwundet. Der Zauber war gebrochen, und indem Bern⸗ thal aus dieſem ſeligen Reiche der Träume und Täuſchungen, zu welchem Anna ihn hinübergetragen, erwachte, fühlte er die Welt und den Dämon wieder Macht über ſich gewinnen. Er ſtand auf und machte einige raſche Gänge durch das Zimmer; dann fragte er mit einer Stimme welche jetzt minder weich und zärtlich klang als zu⸗ vor: Und Deine Arbeit, Anna? Iſt vollendet! ſagte das junge Mädchen nicht ohne Stolz, und indem ſie lächend an den Schreib⸗ tiſch eilte, und aus deſſen verſchloſſener Chatoulle eine glänzende Kupferplatte hervorzog. Bernthal griff haſtig darnach und eilte damit nnter den Kornleuchter. Eiine Pauſe trat ein. Bernthal blickte mit prü⸗ fenden, ſcharfen Blicken auf dieſe Kupferplatte, welche er in ſeiner Hand hielt, und die er mit dem Blatt Papier, das er daneben hielt, ſorgſam zu vergleichen ſchien. Anna aber ſchaute nur auf das Antlitz ihres 221 Vaters, und als ſie auf demſelben Freude und Be⸗ friedigung zu leſen meinte, lächelte ſie vor innerer Genugthuung. Oh, ſagte ſie, ich hoffe, Du wirſt finden, daß ich ganz genau und Strich um Strich an das Ori⸗ ginal mich gehalten und nur eine ängſtliche Kopie gemacht habe, obwohl ich Dir ſagen muß, mein Vater, daß dieſer Kupferſtich mit ſeinen närriſchen Emblemen, ſeinen Schnörkeleien und Zahlen mich faſt lachen ge⸗ macht hat. Dieſe Engel hier zu beiden Seiten erinnern ſehr wenig an Rubens oder Murillo's liebliche En⸗ gelgeſtalten, und was dieſe Reihe kleiner abgeſäbel⸗ ter Köpfe da oben betrifft, ſo muß man zum Min⸗ deſten geſtehen, daß der Künſtler, welcher ſie gezeich⸗ net, nicht viel Mannichfaltigkeit hat walten laſſen. Vorzüglich aber nimmt mich dieſer breite ſchwarze Strich hier in der Arabeske und die vier großen Kleckſe in den vier Ecken Wunder, mich dünkt, da hätten noch einige Verzierungen ſein können. Aber Du haſt doch keine angebracht? fragte Bernthal ängſtlich. O nein, ſagte ſie, Du hatteſt mir befohlen, die⸗ ſen Raum leer zu laſſen, und alſo habe ich es gethan! Bernthal war jetzt zu Ende mit ſeiner ſorgfäl⸗ tigen Muſterung. Er ſteckte die Platte in ſeinen Buſen, und drückte Annas Hand zärtlich an ſein Herz.— Ich danke Dir, Anna, mein holdes Kind, ſagte er weich, und möge mir Gott verzeihen, daß ich Deine ſchönen Augen zu dieſer unerfreulichen Arbeit gemißbraucht habe! Aber es wird eine Zeit kom⸗ men, und möge dieſe bald ſein, wo meine Anna ſtolz und glänzend wie eine Königin einherſchreitet, und wo Alles ſich beugen ſoll vot ihrer Schönheit und ihrem Reichthum! Und indem er ſeine Hand auf ihr Haupt legte, fuhr er in ſchwärmeriſcher Be⸗ geiſterung fort: Ja, eine Fürſtin ſollſt Du ſein, nicht blos durch das Blut Deiner Väter, ſondern auch durch die Macht Deines Geldes. Denn das Geld iſt Macht und Glanz und Glück, und wer es ſich zu eigen gemacht, der ſchreitet mit furchtloſem Lächeln durch die Wüſte dieſes Lebens dahin, und was die Erde zu bieten hat an Glück, an Liebe, an Freude und Genuß, das iſt ſein! Deshalb ſollſt Du reich werden, meine Tochter, damit ſich vor Dir die Menſchen im Staube beugen, wie es den Sün⸗ dern geziemt vor einer Heiligen! Anna ſchüttelte traurig das Haupt. Ich kenne das Geld nicht, ſagte ſie, und habe nie anderes ge⸗ — 6 8 223 ſehen, als die Kreuzer, welche die ſonntäglichen Be⸗ ſucher unſerer kleinen Kloſterkirche in das ausgeſtellte Becken warfen. Aber dieſes Geld war ſchmutzig und widerlich anzuſehen, und ich fürchtete— ſeine Berührung mich zu beſudeln! O, Weisheit, Weisheit! rief Bernthal, er ganz verklärt in Anna's holdes Antlitz ſah, o Weisheit, Du wohnſt nur auf den Lippen eines Kindes, und indem Du die erbärmliche Menſchheit floheſt, haſt du eine Zuflucht gefunden in der Bruſt dieſes Mädchens! Dann küßte er das junge Mädchen auf die Stirn und eilte der Thür zu. Sie hielt ihn zurück, und bat ihn zärtlich, zu bleiben, und als er ſich weigerte, fragte ſie, ob er ihr mindeſtens keine an⸗ dere Arbeit mitgebracht, damit ſie bei derſelben an ihn denken könne, wenn er fern ſei. Er griff haſtig in ſeinen Buſen und zog ein kleines dunkles Blatt Papier hervor, an Größe faſt der Kupferplatte, an welcher Anna gearbeitet hatte, gleich. Aber indem er es ihr hinreichte, wandte er ſein Geſicht ab, und ſeine Hand zitterte. Sie nahm es lächelnd und dankte ihm, dann warf ſie ſich zum Abſchied wieder in ſeine Arme, und gab ihm und tauſend zriih Namen, und bat ihn, ihrer zu gedenken, und bald zu ihr zurückzukehren!— Als Bernthal ſie endlich verlaſſen und in das anſtoßende Zimmer getreten war, blieb er einen Augenblick wie betäubt und ſinnverwirrt ſtehen. Der reinen Sphäre des jungen, unſchuldigen Mädchens entrückt, ſchien die Luft, welche er jetzt einathmete, ſeine Bruſt zu bedrücken, ſchien dieſe Welt, in welche er jetzt wieder hinabgeſchleudert war, ſein Auge zu verwunden, wie dem Reichen und Glücklichen der Anblick des ächzenden Bettlers, dem er auf ſeinem Wege begegnet, wehe thut. Aber dann nahmen ſeine Züge wieder ihren entſchloſſenen und verwegenen Ausdruck an. Er warf 2 46 ſein Haupt ſtolz zurück und ſagte: es muß ſein. 3 Jetzt noch zurückzutreten, wäre eine ſchmähliche Ver⸗ neinung meiner ganzen Vergangenheit. Ich werde daher vorwärts gehen.— 5 Die arme Marie, wie geſagt, welche durch das Fenſter in dieſes Gemach ſah, in dem Bernthal und Anna weilten, konnte Alles ſehen, aber nichts ver⸗ nehmen von dem, was ſie ſprachen. Anfangs hatte ſie mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit hinein geſchaut und verſucht, durch den wech⸗ ſelnden Ausdruck ihres Mienenſpiels das Geſpräch 225 der Beiden zn errathen. Dann aber, ermüdet von dieſer Anſtrengung, und das Autzloſe derſelben ein⸗ ſehend, hatte ſie ſich zurückgelehnt in die Zweige des Baumes, und ſtarr, wie ſie pflegte, zum Him⸗ mel empor geſehen. Indeß war eine kurze Zeit vergangen, als ſie durch ein ſeltſames und eigen⸗ thümliches Geräuſch aus ihrem Sinnen geweckt wurde. Es war ihr, als ob ſie da drunten im Erdge⸗ ſchoß dieſes Hauſes ein leichtes Pochen und Häm⸗ mern vernähme, wie wenn ein Hammer auf einen Amboß fiele, dann wieder meinte ſie den ſchrillen und pfeifenden Ton einer Feile zu hören, und als ſie ſich jetzt lauſchend nieder neigte, ſah ſie einige dunkle Geſtalten, welche durch den Garten ſich dem Hauſe näherten und dreimal vier raſch auf einander folgende Schläge gegen dieſe Thür thaten. Sogleich verſtummte das Geräuſch innerhalb des Hauſes, und eine Männerſtimme rief: Woher kommt Ihr? Von Raſtatt! war die Antwort der Männer. Sogleich öffnete ſich die Pforte und die Geſtal⸗ ten verſchwanden in derſelben. Hier geht etwas vor, das ich wiſſen muß, flü⸗ ſterte Marie, vielleicht liefert ihn ſein böſer 6½ noch heute in meine Hand. 15 . ———— Als ſie jetzt noch einen Blick durch das Fenſter warf, ſah ſie, wie Bernthal ſeine Hand auf Anna's Haupt gelegt und ſie mit ſeligen Blicken anſchaute. Marie hob ihre Hand drohend gegen ihn em⸗ por, und murmelte zähneknirſchend: Gott verdamm mich, wenn ich ihn nicht heute noch beſtrafe, dieſen elenden Heuchler! Ja, heute noch. Er ſoll nicht Zeit haben, dieſe unſchuldige Blume mit ſeinem gif⸗ tigen Athem zu verpeſten! Einen wilden Fluch murmelnd, ließ ſie ſich leiſe an dem Baumſtamme nieder und kauerte ſich lau⸗ ſchend hinter ein Strauchwerk. Von hier aus konnte ſie Alles beobachten, was an der Thür vorging, und als ſie jetzt wiederum zwei Geſtalten durch die breite Allee des Gartens heranſchleichen ſah, hielt ſie den Athem an und lauſchte. Ich will verwünſcht ſein, ſagte der Eine, wenn das nicht heute Abend ein Stückchen von der ägyp⸗ tiſchen Finſterniß iſt. Ich habe mich ſchon zweimal an einen Baum geſtoßen, daß mir der Kopf brummt wie eine alte Kirchenglocke. Ich liebe die Finſterniß, ſagte der Andere, den ſie verräth nichts. Ich liebe ſie ganz und gar nicht, tunnt der Erſte, ich mag gern ſehen, wo ich trete. Und des⸗ halb— warte einen Augenblick. Was willſt Du thun? Das! ſagte der Andere, indem er dem Frager ein kleines angezündetes Licht in's Geſicht hielt. Um Gotteswillen! biſt Du raſend? flüſterte ſein Begleiter, indem er ſchnell das Licht auslöſchte. Willſt Du etwa die Polizei auf uns aufmerkſam machen? Ach was, die Polizei wittert hier nichts Schlimmes! ſagte der Andere, indem ſie Beide an Mariens Verſteck vorüber gingen, und in derſelben Weiſe, wie die erſten Männer, an die verſchloſſene Thür geklopft, die ſich, nachdem ſie die Parole ge⸗ geben, auch für ſie öffnete. Als ſich die Thüre wieder hinter den gingnn tenen geſchloſſen, richtete Marie ſich hinter dem Strauchwerk auf und blickte mit einer wilden Freude nach den erleuchteten Fenſtern empor. Wiege Dich nur ein in ſüße Liebesträume, flüſterte ſie, verſuche nur Deine Zauberkünſte bei dieſem ſchönen Mädchen. Während Du noch küſſeſt und lachſt, ſoll ſich Dir das Verderben nahen und des Unglück über Dich hereinbrechen! Ah, pi Licht brannte nur einen einzigen ₰ 15* 2²8 Augenblick, aber es war Zeit genug, um meine zwei lieben Freunde aus dem Zuchthauſe wieder zu er⸗ kennen. Ah, ah, mit Falſchmünzern und Leuten, welche falſche Dokumente gemacht, verkehrt jetzt der ſtolze Baron von Bernthal. Gut, ich will ihm noch etwas andere Geſellſchaft dazu holen. Als ſie jetzt wieder nahende Fußtritte vernahm, an der Erde nieder. Es waren wieder zwei Männer welche ſich dem Hauſe näherten. Gerade vor dem Geſträuche, hinter welchem Marie verborgen war, blieben ſie ſtehen und flüſterten lange und eifrig mit einander. Kein Wort ihrer Unterredung ging an Mariens lauſchendem, geſpanntem Ohr vorüber. Sie ſaß da mit angehaltenem Athem, zitternd, nicht vor Froſt, ſon⸗ dern vor Ungeduld. Ihre ſonſt ſo ſteinernen Züge zuckten jetzt in leidenſchaftlicher Haſt und ihre leuchteten durch die Dunkelheit. Endlich gingen die Männer weiter und wurden, gleich den Uebrigen, ins Haus gelaſſen. Marie trat wieder hervor. Sie war jetzt wie⸗ der ruhig und kalt, ſie hatte einen Entſchluß gefaßt. Der Lichtſchein aus den Fenſtern da oben be⸗ ſchlüpfte ſie wieder hinter ihren Verſteck und kauerte leuchtete ihr Geſicht, welches wieder blaß 1* ruhig * 6 229 3 wie Marmor erſchien, und die wilden Stürme nicht ahnen ließ, welche in ihrem Buſen tobten. Sie hob den Arm drohend empor zu den hellen Fenſtern und murmelte: Du ſollſt nicht mehr lachen und glücklich ſein. Es iſt vorbei mit Dir. Ich kenne jetzt Dein Geheimniß und gehe, es Denen zu ver⸗ 2 rathen, welche Dich ſtrafen ſollen! So ſprechend wandte ſie ſich ſchnell um und ſchlüpfte an der Gartenmauer bis zu der Pforte hin, welche jetzt nicht mehr verſchloſſen, ſondern nur an⸗ gelehnt war. Als ſie wieder auf der Straße war, blickte ſie 3 noch einmal zurück nach dem Hauſe. Er lacht und liebt, flüſterte ſie, und ſchon naht 1 3 ſein Verderben! in. in Berl in in — = S — — 8 8 8 — * — 3 S 8 ſſſſſ ſi 2 8 9 10 11 12 13 14 15 1 1 6 — — 2 * 6 ₰ . 3— 3 8 7 . 3 6* 8*