—————————— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . 0 ednard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet do wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: N— Pf W 5 V f 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 4 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. † 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verkorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 4 3 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 3 1 lorene vder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 3 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 5 7. Ausleihezeit. Dieſelbe ijt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird„ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 4 6 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗„ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5 4 8 ——— Der Zögling der Geſellſchaft. Roman von L. WMühlbach. Zweiter Band. 6 5 Verlegt von K. Simion in Berlin. 1850. —— . Haß und Liebr. Als Marie, nachdem ſie Bernthal und die ſelt⸗ ſamen Räthſel ſeines Hauſes belauſcht hatte, in die Nacht hinaus ſtürzte, war ſie nur der erſten, natür⸗ lichen Regung ihrer zertretenen und zerriſſenen Seele gefolgt. Sie kannte jetzt das gefährliche und ver⸗ brecheriſche Geheimniß Bernthals. Sie konnte ſich rächen für all die Qualen, die ſie ſeit manchem Jahr erduldet, ſich rächen für ihre gebrandmarkte Jugend, ihre verlorene Unſchuld, ihr entweihtes Be⸗ wußtſein, ſich rächen endlich für das von ihr began⸗ gene Verbrechen, für die Marter eines zweijährigen, ſchmachvollen Gefängniſſes, für ihre entblätterten Hoffnungen und die Qual ihres marternden Ge⸗ wiſſens. Das waren ihre Gedanken, als ſie mit fliegen⸗ 1* dem Athem, mit knirſchenden Zähnen und einem ſchadenfrohen Lächeln durch die Straßen eilte, um 3 ſich nach dem Polizeigericht zu begeben, Gedanken des Haſſes, des wilden Zornes und der Verzweiſ⸗ lung über ihr eigenes, vernichtetes Daſein. Aber der Weg war weit und erſchöpfte nach und nach ihre erſte fieberhafte Erregtheit. Sie mußte endlich ihren Schritt mäßigen, ſie mußte einen Augen⸗ blick ſtill ſtehen, um Athem zu ſchöpfen.— Oder war es nicht blos Erſchöpfung, welches plötzlich ihren 4 Schritt lähmte, und ſie am Weitergehen hinderte?* Sie ſtand an die Mauer eines Hauſes gelehnt, und ſtarrte hinüber zu dem Hauſe jenſeits der Straße, hinüber zu jenem niedrigen, kleinen Fenſter, hinter deſſen trüben Scheiben man den Schimmer eines kleinen Lämpchens gewahrte. Sie mußte wohl noch mehr gewahren als nur dieſen Schimmer, denn ſie ſtand wie angefeſſelt, bewegungslos. Es war eine enge, menſchenleere, kleine Gaſſe mit ſchmutzigen, elenden Häuſern, deren untere Fenſter durch die oft vorgenommene Straßenerhöhung mit der Straße in gleicher Linie ſich befanden. Marie konnte daher von ihrem 8 aus das ganze kleine Zim⸗ mer gegenüber durchblicken und Alles gewahren, was in demſelben vorging.— Viemand ſtörte ſie in ihrem — Anſchauen, die Straße war öde und menſchenleer, die armen freudloſen Bewohner dieſer elenden Häu⸗ ſer hatten lange ſchon auf ihrem harten Lager ein wenig Erholung von ſchwerer Arbeit, ein wenig Vergeſſenheit ihres freudloſen Lebens geſucht. Niemand ſtörte Marie, Niemand konnte ihr Geſicht beobachten, wie es nach und nach ſeinen harten, gehäſſigen Ausdruck verlor, Niemand ihre Augen ſehen, welche allmählig ihren ſtechenden Glanz verloren und ſich zu einem milderen Feuer ſänftigten. Ihre Wangen waren wo möglich noch bleicher ge⸗ worden, all ihr Blut war zum Herzen gedrungen und machte es fieberhaft pochen und hämmern. Ihr ſtarrer Blick war unverwandt auf dies trübe, matt beleuchtete Fenſter geheftet. Sie ſah hinein in dieſes kleine ärmliche Zimmer, ſie ſah das niedrige, ſchmale Bett, welches im Hintergrunde des⸗ ſelben ſtand, und den verwelkten Roſenkranz, der an der Wand über dem Bette hing. Sie ſah den alten halbzerfallenen Schrank, auf deſſen Geſims einige Gläſer und Taſſen ſich gar ſchmuck und ſtattlich ausnahmen. Aber auf alles dies achtete Marie nur wenig, denn ihre Augen waren auf dieſen Man⸗ gerichtet, welcher neben der in der Mitte des kleien Zimmers aufgeſtellten Hobelbank ſtand und ffrig arbeitete. Es war eine traurige Arbeit, welche er vorhatte, denn er war beſchäftigt an einem Sarge, und traurig war das Geſicht des jungen Mannes, nicht von jener heftigen und leidenſchaftlichen Trau⸗ rigkeit, welche noch Thränen und Klagen kennt, ſondern jene ſtille, bittere Traurigkeit, welche ſich lange, Tag für Tag und Stunde um Stunde in die Seele eingefteſſen, und von dort aus ihre ätzenden Furchen durch das Antlitz gezogen hatte. Er mochte einſt blühend ausgeſehen haben, dieſer Mann, ſein blaues Auge mochte fröhlich geglänzt, ſein Mund mit den zwei Reihen untadelhafter Zähne mochte ſich früher zu heiterm Scherz und Lachen geöff fnet haben; jetzt war er ein ſtiller, einſamer Mann, welcher an einem Sarge arbeitete. Sein langes, braunes Haar hing verwildert um ſeine Schläfe, ſein Rücken war gebeugt, aber nicht vom Alter, denn er mochte kaum mehr als dreißig Jahre zählen, aber von der ſtummen Reſignation, mit welcher er ſich unter das Unglück gebeugt hatte. Marie hatte ihn gekannt, damals als er noch ſchön und fröhlich geweſen, aber ſchöner noch und ſtrahlender erſchien er ihr heute mit den eingefallenen Wingen und den matten, gramdurchfurchten Zügen. W die Lampe ſein Antlitz beleuchtete, ſchien er ihr —— wie in einer Glorie zu ſtrahlen, und lichtumfloſſen, wie ein Cherub, ſtand er vor ihrer Seele und vor ihrem Auge. Es war ihre Jugend und ihr verlo⸗ renes Glück, ihre Unſchuld und ihre heiligen Erinne⸗ rnngen, welche von ihm zu ihr herüber glänzten, ſie ſah in ihm den Engel ihrer Vergangenheit, ehe dieſe ſchuldbelaſtet und gramvoll geworden. Sie hatte dieſen Mann geliebt, damals als ihr Herz noch rein und ihre Seele noch ohne Schuld geweſen. Sie war ſeine Braut geweſen und er hatte ſie grenzenlos geliebt. Aber dann waren die fin⸗ ſtern Verſuchungen gekommen, die dämoniſchen Ein⸗ flüſterungen und Bitten ihrer Mutter, das glühende Verlangen, ihrem Geliebten eine Mitgift und ein minder zerquältes Arbeiterleben zu verſchaffen, und dann die lockende, bezaubernde Stimme Bernthals, ſeine ſüßen, verlockenden Worte, welche ihre Unſchuld ertödtet und ihr Blut in Wallung gebracht hatten, dann die beſchönigenden Gedanken, mit denen ſie ihr eigenes Gewiſſen betäubt, und ſich überredet hatte, daß ihr Geliebter nichts erfahren, und daß ſie ihm treu bleiben würde mit ihrem ganzen Herzen, wenn ſie auch aus Liebe zu ihm ihn anſcheinend verrathe, und ſich von ihm wende.— So war ſie gefallen, ſo war die Sünde über ſie gekommen, und zu ſpät 8 hatte ſie erkannnt, daß das Verbrechen niemals ein Geheimniß bleibt, ſondern, daß es mit ſeiner eigenen Zunge ſich ausruft in die Welt und ſich ſelber ver⸗ räth durch ſeiner Thaten Bewußtſein. So hatte ſie ihn verloren und war eine Entehrte, eine Verbreche⸗ rin geworden. Er hatte ſie von ſich geſtoßen, er hatte ihr geflucht. Dieſe bittern, zornigen Worte, welche er zu ihr geſprochen, ſie tönten immer noch vor ihren Ohren, ſie waren keinen Augenblick ver⸗ ſtummt, ſie hatte ſie immer vernommen! Den Schrei ihres neugeborenen Kindes hatten ſie übertönt und den Schrei ihres eigenen Gewiſſens, und wenn ſie in dieſen langen, entſetzensvollen zwei Jahren ihrer ſchmachvollen Gefangenſchaft auf ihrem Lager ſeß und ſich das Haar zerraufte und die Hände wund rieb und kein Schlaf in ihre Augen kam, ſo geſchah es, weil ſie immer und immer dieſe fürchterlichen Worte, dieſe Verwünſchungen der zornigen und verzweifeln⸗ den Liebe hörte, welche ihr Geliebter zu ihr ge⸗ ſprochen, als er von ihr, der Schmachbelaſteten, ſich auf ewig losgeſagt. Sie hatte ihm deshalb nicht zürnen, ſie hatte ſeine Härte und ſeine Grauſamkeit nicht tadeln kön⸗ nen, denn dies Alles war gerecht, war ſeiner Mann⸗ heit würdig geweſen, ſie hatte ihn vielleicht niemals 4 ſo hoch geachtet, niemals ihn ſo inbrünſtig geliebt, als in jener Stunde, in der er ſie, welche vor ihm kniete, wie einen Hund mit ſeinem Fuße von ſich geſtoßen, und ihrer Mutter das Geld, welches man ihm geboten, wenn er die Schande mit ſeinem Na⸗ men bedecken wollte, vor die Füße geſchleudert hatte. Sie würde ihn verachtet haben, wenn er ſie zu ſeinem Weibe gemacht, entehrt, beſchmutzt und ernie⸗ drigt, wie ſie war, ſie betete ihn an, weil er ſie mit wilder Verwünſchung von ſich geſtoßen, weil er ihr geſagt, daß er ſie tödten würde, wenn ſie es wage, jemals ſeinen Namen zu nennen, oder irgend Jemand zu ſagen, daß ſie einſt ſeine Braut ge⸗ weſen. Armes, verlorenes Geſchöpf! Seine letzten Worte waren ihr heilig geweſen, heiliger wie ihre Unſchuld, ihre Jugend, heiliger wie das Lächeln ihres Kindes! Sie hatte ſie als einen unabänder⸗ lichen Befehl betrachtet, und niemals war ſein Name über ihre Lippen gekommen; ſelbſt nicht in der Stille der Nacht, wenn verzweiflungsvolle und bit⸗ tere Klagen ihrer geängſtigten Seele über ihre zit⸗ ternden Lippen ſtrömten, ſelbſt dann nicht hatte ſie es gewagt, ſeinen Namen zu nennen. Aber ſie hatte doch ihren Gedanken nicht wehren können, ſich mit 40 ihm zu beſchäftigen. In ihrer umnachteten und gramvollen Seele war er wie das umhüllte und dem profanen Auge verborgene Allerheiligſte geweſen, vor dem ſie mit blutender Bruſt und wunden Knien ge⸗ betet, nach deſſen Anblick ſie ſich ewig geſehnt, das ſie aber niemals zu entſchleiern gewagt hatte. Und jetzt ſtand ſie ihm gegenüber und konnte ihn anſchauen und konnte auf ſeinem gualvollen Antlitz leſen, wie ſehr er ſie geliebt, wie ſehr er um ſie gelitten hatte. Rein, er hatte ſie nicht vergeſſen, ſie ſah es an dieſem verdorrten Roſenkranz, der über ſeinem Bette hing. Einſt hatte ſie dieſen Kranz in ihrem Haar getragen, und das war an jenem Tage geweſen, an welchem Karl aufgehört hatte, ein Ge⸗ ſelle zu ſein und ein Tiſchlermeiſter geworden war. An jenem Tage hatten ſeine Freunde und Kamera⸗ den ihm ein Feſt gegeben, und Marie war die Kö⸗ nigin dieſes Feſtes geweſen, und Karl hatte ihr an dieſem Abend geſagt, daß er ſie liebe und zu ſeinem Weibe begehre. Sie hatte ihm nichts erwidern können vor Glück und Scham, aber als das Feſt beendet war und Karl ſie bis zu ihrer Thür beglei⸗ tete, da hatte ſie ſchweigend den Roſenkranz aus ihrem Haar genommen und ihn an Karl gegeben. Er mußte ſie wohl verſtanden haben, denn von die⸗ — ſem Tage an nannte er ſie ſeine Braut und ſprach von ihrer Hochzeit. Vein, er hatte ſie nicht vergeſſen, denn der Ro⸗ ſenkranz hing noch über ſeinem Bette! Wie ſie ihn anblickte, da war es, als ob ein Sonnenſtrahl in ihr armes kaltes Herz gefallen und die Eisrinde zu ſchmelzen begann, welche Unglück und Verbrechen um daſſelbe gelegt hatte. Sie hatte manchen langen Tag nur Gedanken des Zornes und des Haſſes gehabt und empfand jetzt mit einer Art Schrecken, daß vielleicht ihre arme, zertretene Seele auch noch milderer Empfindungen möchte fähig ſein. Es war, als ob eine geheime unſichtbare Hand ſie erfaſſe und hinüber ziehe zu je⸗ nem Hauſe, und ſie gehorchte willenlos. Kaum wiſ⸗ ſend, was ſie that, ſtand ſie jetzt vor dieſer niedri⸗ gen, dunklen Thür, welche in ſein Zimmer führte. Sie hörte das Geräuſch ſeiner Arbeit, ſie meinte ſeine lauten Athemzüge zu vernehmen. Ich will ihn ſehen und zu ihm ſprechen, mur⸗ melte ſie, und in ihr war eine tiefe, todesmuthige Entſchloſſenheit. Sie wufte, daß die nächſte Stunde über ihre ganze Zukunft zu entſcheiden habe und daß ſie jetzt zum letzten Malle vielleicht zu dem Engel ihrer guten und unſchuldigen Tage flehen wollte. 12 Mit einem raſchen Druck öffnete ſie die Thür und trat in ſein Gemach. Er hatte ihr den Rücken zugewandt, und das Gekrache des Holzes unter dem Hobel übertönte das Geräuſch der ſich öffnenden und ſchließenden Thür. Sie trat dicht zu ihm heran, und legte ihre Hand auf ſeine Schulter. Jetzt ſchreckte er empor und blickte ſie an. Es war eine lange, entſetzensvolle Stille. Beide ſchauten ſich einander an. Marie mit der Angſt, mit der Verzweiflung einer zum Tode Verurtheilten. Hätte ſie einen Zug der Rührung, des Mitleids in ſeinem Antlitz geleſen, dann wäre ſie gerettet gewe⸗ ſen, aber es ſtand nichts darin, als Entſetzen und Verachtung, nicht einmal Haß, nicht einmal Zorn. Was willſt Du hier? fragte er endlich S und unwillkürlich zurückweichend. Ich wollte Dich ſehen, ſagte ſie, nach athen ringend. Er deutete ſtumm nach der Thür hin. Geh, rief er gebieteriſch, oder willſt Du, daß ich Dir noch einmal fluche? Thue es, ſagte ſie demuthsvoll, ich höre doch dann wenigſtens einmal wieder Deine Stimme. Er lachte laut und höhniſch auf und rief ver⸗ ächtlich: Komödiantin! 13 Dann nahm er wieder den Hobel zur Hand und arbeitete weiter, ohne Acht auf ſie zu haben. Sie ſtand und ſah ihm zu. Ich wollte, es wäre mein Sarg, welchen Du da arbeiteſt, ſagte ſie. Wenn ich wüßte, daß er für Dich ſein ſollte, rief er, ſo würde ich ihn verbrennen, ſo würde ich mir die Hand abhauen, lieber als noch einen Hobel⸗ ſtrich daran thun, ſo würde ich mich beſchimpft, entehrt halten mein ganzes Leben lang. Ich arbeite nicht für Sträflinge und Mörderinnen. Karl, ſagte ſie, ich werde einſt ſterben, und dann möchteſt Du es bereuen, daß Du heute ſo grau⸗ ſam gegen mich biſt. Um Deiner ſelbſt willen, Karl, vergieb mir! Viemals, ſchrie er wild, und ich verbiete Dir, mich Karl zu nennen! Ich werde es nicht mehr thun, flüſterte ſie de⸗ müthig und ſenkte das Haupt auf ihre Bruſt. Ich will auch gehen und niemals wieder wagen, vor Dein Angeſicht zu kommen. Aur dies Eine ſage, daß Du mir vergeben willſt. Ich Dir vergeben? rief er, Ich Dir all dieſe Qual, dieſen Jammer, dieſes Hohngelächter der Menſchen vergeben? Nein, nein, ich verfluche Dich i — 14 heute, wie ich es vor zwei Jahren gethan. Du haſt Pmein Leben vergiftet, und ich ſterbe langſam, Tag für Tag, an dieſem Giſt, welches Du mir eingeflößt. Ich war ein fröhlicher Jüngling und ich liebte die Menſchen, jetzt bin ich ein grämlicher Greis und ich haſſe die Menſchen, Dich aber, Dich am meiſten! Geh fort von mir, geh fort! denn wenn ich Dich länger anſehe, fühle ich, daß ich Dich ermorden könnte. Möchteſt Du es thun, ſagte ſie ganz nhig vielleicht würdeſt Du mich wieder lieben, wenn Du mich ermordet hätteſt! Er lachte nur und antwortete gar nicht. Sie ſchauerte in ſich zuſammen und fuhr fort: Du biſt nicht ſo grauſam wie Du ſprichſt und thuſt. Wenn Du mich nicht ſiehſt, dann denkſt Du milder, ich weiß es. Wenn ich nicht da bin, dann haſt Du mir vergeben. Wovon weißt Du das? fragte er indem er ſie mit wilden Blicken anſtierte. Sie hob langſam die Hand empor und zeigte nach dem Roſenkranz. Ich weiß es, ſagte ſie, weil mein Kranz dort hängt. Er ſprang mit einem einzigen Satze wie ein 15 Tiger nach ſeinem Bette hin, und riß den Kranz herunter. O, ſagte er zähneknirſchend, indem er den ver⸗ welkten Kranz mit zitternden Händen zerriß und die einzelnen Stücke zu Mariens Füßen niederſchleuderte, o könnte ich ſo jedes Wort, was ich damals zu Dir geſprochen, zerfetzen und Dir vor die Füße ſchleudern, könnte ich all Deine lügneriſchen Schwüre und Deine heuchleriſchen Liebesworte Dir ins Geſicht werfen, und ſie zerreißen, wie dieſen Kranz, dann möchte ich noch wieder geſund werden und glücklich. Aber jetzt ſitzet das Alles drin in meinem Herzen und frißt ſich in mein Blut ein und ich muß daran ſterben. Du wirſt meine Mörderin ſein, wie Du die Mörderin Deines Kindes warſt. Dieſe Erinnerung ſchien ihn noch zorniger zu machen. Er ſtampfte wild mit dem Fuße und hob die Fauſt drohend gegen ſie empor. Marie lehnte athemlos an der Wand ſtarrte ihn an. Keine Muskel ihres Geſichtes zuckte, aber auf ihren ſonſt ſo bleichen Wangen zeigte ſich jetzt eine glänzende Purpurröthe. Was ſtehſt Du da und ſiehſt mich an, ſchrie er wüthend. Was habe ich zu ſchaffen mit der Mörderin? 16 Es hats mir Niemand beweiſen können, daß ich mein Kind gemordet, ſagte ſie. Sie ſagen, ich hätte es in der Aufregung gethan, und ich glaube es ihnen, aber Niemand hat die Leiche geſehen. Weil Du ſie in die Spree geworfen, ſchrie er mit einem rauhen Lachen, weil Du die Fiſche ge⸗ füttert mit der Frucht Deiner Liebe. Sie haben Dir nichts beweiſen können, aber ſie haben Dich doch ins Zuchthaus geſchickt, und wie kannſt Du es wa⸗ gen, jetzt zu mir zu kommen? Willſt Du mich auf's Neue zum Geſpötte der Menſchen machen? Sollen ſie ſagen, daß ein ehrlicher Mann, wie ich, die ehr⸗ loſe und beſtrafte Verbrecherin wieder bei ſich auf⸗ genommen? Niemand ſoll es wagen, das zu ſagen! rief ſie entſetzt. Nun alſo, weshalb kommſt Du? Fehlt Dir ein Obdach? Kommſt Du zu mir, um zu betteln? Geh doch hin zu Deinem reichen und glänzenden Lieb⸗ haber, er iſt wieder hier und er iſt ſchön und präch⸗ tig in ſeiner ſtattlichen Equipage. Geh doch zu ihm und laß Dich von ihm lieben und küſſen und theile mit ihm ſeinen Glanz und ſein Glück. Karl, rief ſie drohend, habe Erbarmen, ſprich nicht von ihm! 17 Er fuhr fort: Und warum ſollte ich nicht von ihm ſprechen, von Deinem prächtigen und vornehmen Liebhaber?— Du wußteſt wohl nicht, daß er hier war, ſonſt würdeſt Du nicht zu dem armen Tiſchler Karl, ſon⸗ dern zu dem reichen Baron Bernthal gegangen ſein und ihn um Unterſtützung angefleht haben. O, er wird Dich unterſtützen, denn Du biſt noch jung und hübſch genug, er wird Dir ſeidene Kleider geben und Dich neben ſich ſitzen laſſen in ſeinem ſchönen Wagen, und es wird ein luſtiges, luſtiges Leben ſein. Und wieder lachte er laut auf und Thränen der Wuth ſtanden in ſeinen Augen. Marie ſah ihn mit ſtolzen, faſt verächtlichen Blicken an. Ich gehe, ſagte ſie, Du ſollſt mich nicht wieder ſehen, aber Du wirſt einſt erfahren, ob ich ihn geliebt habe. Die ganze Welt ſoll es Dir ins Ohr ſchreien, wie ſehr ich ihn haſſe und verabſcheue. Lebe wohl, Du hätteſt mich errathen können, aber Du haſt es nicht gewollt und das iſt gut. Man muß kein Erbarmen haben mit einer Sünderin. Du haſt mich eine Mörderin genannt, Gott weiß, ob ich es geweſen bin, aber das weiß ich, daß ich es jetzt werden will. Und wenn ich es bin, dann wirſt Du mir vielleicht vergeben, Lebewohl! .„ 2 18 Sie hatte lange ſchon das Zimmer verlaſſen und noch immer ſtand Karl und blickte nach der Thür hin, durch welche ſie verſchwunden war, und ſein Antlitz zuckte und ſeine Geſtalt zitterte. Er ſah ſie noch immer vor ſich mit dieſem bleichen, ſchönen Angeſicht, das nach und nach unter der Fluth ſeiner Verwünſchungen erglüht war. Seine Augen ſtanden noch voll Thränen. Marie hatte gemeint, er weine vor Zorn. Sie ſah nicht, wie er jetzt auf ſeine Knie ſank, auf derſelben Stelle, wo Marie geſtanden, ſie hörte nicht, mit welchem ſchmerzlichen und liebevollen Ausdruck er ihren Namen nannte, ſie ſah nicht, wie er die einzelnen Stücke des zerriſſenen Kranzes von der Erde aufſuchte und ſie küßte, bevor er ſie ſorg⸗ ſam in dem kleinen Käſtchen von gemalter Pappe verbarg, das ſie ihm auch einſt an einem glücklichern Tage geſchenkt.„N Marie ſah das Alles nicht. Sie wußte nicht, wie dieſes ſtolze und redliche Herz Tag um Tag und Jahr um Jahr mit ſeiner Liebe gerungen und von ſich ſelber verlangt hatte, daß es die Verrätherin und Verbrecherin vergeſſen ſolle. Sie wußte nicht daß Karl ſie nur um deßwillen ſo glühend paßt weil er ſie vielleicht unbewußt noch immer glühend liebte. ———— 19 Nein, ſie wufte das Alles nicht. Sie ſtand draußen auf der einſamen, dunklen Straße, an das Haus gelehnt, in welchem er wohnte, und blickte empor zu dem ſternenhellen Himmel. In ihrer Seele war keine Klage, kein Vorwurf. Sie würde Karl verachtet haben, wenn er ihr vergeben und ſie freund⸗ lich angeredet hätte, ſie betete ihn an, weil er in ſeinem Stolz und ſeiner Würde ſie verachtete und verfluchte. Sie ſtand und ſtarrte immer noch empor zum Himmel. Einmal flüſterte ſie: Er glaubt, daß ich ſo elend bin, ihm wieder freundlich ſein, ihn lieben zu können. Und indem ſie das ſagte, ſchauderte ſie vor Entſetzen und Qual, und ſtarrte wieder bewe⸗ gungslos empor. Dann, nach einer langen Pauſe, ſagte ſie: Er muß ſterben, ich werde ihn tödten, dann wird Karl wiſſen, ob ich dieſes Ungeheuer geliebt habe, dann wird Karl mir vergeben. Er muß alſo ſterben! Und wie gekräftigt von dieſem Gedanken ging ſie leichten Schrittes die Straße hinunter, und ſchlug den Weg nach ihrer finſtern Wohnung ein. 2* I. Mutter und Tochter. Die fünf Tage, welche die Fürſtin ihrer Toch⸗ ter bewilligt hatte, um ſich zu entſcheiden, ob ſie den Befehlen ihrer Mutter freiwillig gehorchen wolle, waren lange vorüber. Die Fürſtin und die Prinzeſ⸗ ſin verweilten noch immer in Berlin, und es ſchien, als ob Beide das ſchweigende Uebereinkommen ge⸗ troffen, die ſich gegenſeitig gewährte Friſt noch um einige ſtille und friedliche Wochen zu verlängern. Beide der Entſcheidung ihres Schickſals ſo nahe, zitterten ſie Beide, die Hand auszuſtrecken, und es zu erfaſſen. Und vielleicht war es noch ein anderer Grund, welcher ſie zurückhielt. Bernthal war wie⸗ der da, und das Bewußtſein, einen gemeinſamen Feind zu haben, der ſie Beide gleich ſehr bedrohte, machte, daß ſie eine Zeit lang ihrer andern Zwiſtig⸗ keiten vergaßen, um ſich gegen dieſen Feind zu ver⸗ 21 einigen. Aber dies war nur eine kurze Friſt, welche das Schickſal der armen geängſtigten Prinzeſſin zu bewilligen ſchien.— Bernthal's fortgeſetztes Schwei⸗ gen, ſein gänzliches Vermeiden irgend eines Zuſam⸗ mentreffens mit der Fürſtin und ihrer Tochter gaben der erſteren bald genug das Gefühl der Sicherheit und Ruhe wieder. Sie überließ ſich nur allzu wil⸗ lig der ſchwärmeriſchen Hoffnung, dieſer grauſame und rachedurſtige Dämon, welcher ſie und ihr gan⸗ zes fürſtliches Haus bis dahin mit ſo raſtloſer Wuth verfolgt, ſei endlich geſättigt und ermattet, und, zu⸗ frieden, ſie Alle einmal gedemüthigt zu haben, laſſe er die Hand jetzt ruhen, welche ihnen Allen ſo tiefe Wunden geſchlagen! Die Fürſtin nahm alſo ihre Pläne und ſtolzen Wünſche wieder auf und begeiſterte ſich wieder an dem Gedanken, ihre Tochter mit einer Königskrone geſchmückt zu ſehen! Was kümmerte es ſie, ob die Prinzeſſin ſich zu Boden geſchmettert fühle von der Laſt dieſes golde⸗ nen Stirnbandes, was kümmerte es ſie, ob ihre Augen erblinden mochten von Thränen— ſie hatte nur das Eine große Ziel vor Augen,— ſie wollte ſich die Mutter einer Königin nennen können! Es genügte ihrem Ehrgeiz nicht mehr, die unbeſchränkte 3 ———— ——— „ 2 Gebieterin in dem kleinen Lande ihres Sohnes zu ſein; ſie wollte durch ihre Tochter über ein König⸗ reich herrſchen, und wie jetzt Tauſende, ſo ſollten ſich dann Millionen vor ihr beugen müſſen. Aber die Fürſtin Amalie kannte den entſchloſ⸗ ſenen und trotzigen Sinn ihrer Tochter; ſie wufte, daß es ein Kampf auf Leben und Tod ſei, welchen ſie mit ihr kämpfen wollte, und daß die Prinzeſſin ſich niemals unterwerfen und ſich beugen werde. Die Fürſtin war alſo entſchloſſen, ſie zu Boden zu ſchleudern, wenn es kein anderes Mittel mehr gäbe, um zum Ziele zu gelangen!— Prinzeſſin Luiſe war allein in ihrem Boudoir. Sie ſaß an einem kleinen mit allerlei Geräthſchaften und Malerutenſilien bedeckten Tiſch in der Riſche des Fenſters und malte. Ihre ganze Seele war bei ihrer Arbeit, und obwohl ſie ſchon mehrere Stunden ſich mit derſelben beſchäftigte, war ihr dennoch dieſe Zeit wie ein kurzer Moment vorüber⸗ geeilt. Jetzt indeſſen ſchien ſie erſchöpft von der anhaltenden Beſchäftigung, ſie ließ die Hand, welche die Palette hielt, in den Schooß ſinken, und lehnte ſich zurück in dem Fauteuil. Ihre langen blonden 8 Locken beſchatteten das liebliche Oval ihres Geſich⸗ tes, ihre tiefdunklen blauen Augen waren träumeriſch — % 23 in das Leere gerichtet. Aber für ſie ſchien dieſes Leere von zauberiſchen Bildern erfüllt und glückliche Träume mußten in ihrem Herzen ſein, denn ſie lächelte, und ihre Wangen übergoß eine dunkle Röthe. Dann nahm ſie mit einer raſchen Bewegung die angefangene Malerei vom Tiſche empor, und hielt ſie gerade vor ſich hin, ihren ſtrahlenden Blick darauf richtend.* Ja, flüſterte ſie leiſe, es iſt ſein Bild, genau eine Kopie deſſen, welches in meinem Herzen ruht und es ſo glücklich und ſo namenlos elend macht! Es iſt das Bild meines Erzengels, an den ich glaube, zu dem ich bete, Gott weiß es, mit welchem inbrün⸗ ſtigen Gebet! Und die Prinzeſſin vertiefte ſich wieder im An⸗ ſchauen des Bildes, und bemerkte es gar nicht, daß die Portiére leiſe zurückgeſchlagen wurde und die Fürſtin Mutter in das Boudoir eintrat. Der dicke türkiſche Teppich machte ihren Schritt unhörbar,— ſie ſtand hinter dem Fauteuil der Prinzeſſin, bevor dieſe noch eine Ahnung von der 2— Miutter hatte. Auch die Fürſtin betrachtete das Bild mit merkſamen Blicken; ihre Stirne verfinſterte ſich, und ein grauſames, höhniſches Lächeln umſpielte ihre 24 ſchmalen Lippen. Dann ſagte ſie in ihrer ſtolzen, ruhigen Weiſe: Und wird dieſer moderne Erzengel Michael wirklich den Drachen beſiegen? Ich hoffe es! ſagte die Prinzeſſin ſo ruhig, als ob die Gegenwart ihrer Mutter ſie nicht im Min⸗ deſten erſchreckt habe. Ich hoffe es, gnädigſte Mut⸗ ter, denn den Engeln müſſen die Dämonen weichen! Sie war aufgeſtanden, indem ſie ſo ſprach und begrüßte jetzt ihre Mutter mit einer tiefen zeremo⸗ niöſen Verbeugung. Meine gnädigſte Frau Mutter iſt unendlich gütig, mich ſo unerwartet mit ihrem Beſuche zu überraſchen! ſagte ſie mit feiner Betonung der letzten Worte. Das will ſagen, bemerkte die Fürſtin, Du deſt es höchſt unbequem, daß ich unangemeldet zu Dir eintrete, während Du allein zu ſein wünſchteſt, oder, wenn nicht allein, doch mindeſtens nicht in neiner Geſellſchaft! Ohne Zweifel hat meine fürſtliche Mutter das Recht, ſagte die Prinzeſſin, meine Hofdame zu ver⸗ anlaſſen, aller ſonſtigen Etikette zuwider, mich auf Ihren beglückenden Beſuch nicht vorzubereiten! Ich habe das Recht, und ich machte Gebrauch davon, wie Du ſiehſt, erwiederte die Fürſtin. Ich 25 wünſchte Dich zu überraſchen, um zu ſehen, mit wel⸗ chen Schwärmereien Du die Stunden Deiner Ein⸗ ſamkeit ausfüllſt! Verliebte ſchwärmen bekanntlich immer, und wie ich ſehe, genügt es meiner Prin⸗ zeſſin Tochter nicht, nur mit ihren Gedanken zu ſchwärmen, ſondern ſie thut es ſogar mit dem Pin⸗ ſel in der Hand, und macht aus ihren unſchuldigen Mädchenträumen allerliebſte kleine Bilderchen! Und darf man fragen, was dieſes Bild hier bedeuten ſoll, und wozu es beſtimmt iſt? Es iſt die Skizze zu einem größeren Gemälde, welches ich unternehmen will, ſagte die Prinzeſſin ruhig, und es bedeutet, wie ich Ew. Hoheit ſchon bemerkte, den Sieg des Edlen über das Unedle, des Engels über den Dämon. Ich ſehe! Der Erzengel Michael, der den Dämon unter ſeine Füße tritt!— Sie werden dieſes Bild nicht malen, Prinzeſſin Luiſe! Und weshalb nicht meine gnädigſte Mutter? Weil ich nicht will, daß ſie ſich abermals zum Geſpötte machen, und der Welt abermals von ſich zu reden geben. Dieſer Erzengel iſt ein genaues Bild des Prinzen Adrian! Sie haben ihn alſo erkannt? rief die Prinzeſſin. ₰ s 26 Ich danke Ihnen, gnädigſte Frau, für dieſe Aner⸗ kennung meines geringen Talentes! Die Fürſtin blickte mit einem zornigen Ausdruck in das lächelnde Antlitz ihrer Tochter. Aber ich will nicht, daß auch Andere ihn erkennen, und er⸗ fahren ſollen, mit welchen neuen und ich darf ſagen, ſündigen Thorheiten Sie ſich beſchäftigen! Sündigen? ſagte die Prinzeſſin mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Und weshalb nennt es meine gnädigſte Mutter eine Sünde, wenn mein Erzengel die Züge des Prinzen Adrian trägt? Iſt der Prinz nicht frei, bin ich es nicht? Weshalb alſo ſollten wir uns nicht lieben? Ich habe geglaubt, nur das ſei eine Sünde, wenn ein verheirathetes Weib einen Andern, und nicht ihren Gemahl liebt, wenn ſie dieſem Andern ſich hingiebt und ihren Gemahl be⸗ trügt! Iſt das nicht auch Ihre Meinung, Frau Fürſtin? Die Fürſtin warf einen zornigen ſtechenden Blick auf ihre Tochter, und ſo groß war ihre Bewegung, daß ſie zitterte und das Blut einen Moment ihren Wangen entwich. Die Prinzeſſin ſchien indeß die Aufregung ihrer Mutter gar nicht zu bemerken. Sie deutete auf das Bild hin und ſagte lächelnd: Und Weshalb erwähn⸗ — 3 ten Ew. Hoheit nur dieſer einen Aehnlichkeit auf meinem Bilde hier? Oder hätte ich unglücklicher Weiſe meine Abſicht verfehlt, dieſem Dämon ein erkennbares Antlitz gegeben zu haben? Bernthal! murmelte die Fürſtin, unwillkührlich ſchaudernd. Ja, Bernthal! rief die Prinzeſſin. Ich danke Ihnen zum zweiten Mal! Auch dies Portrait iſt alſo ähnlich und Ew. Hoheit hat ſofort das Portrait dieſes Mannes erkannt, den wir Beide gleich ſehr zu fürchten haben!. Und indem ſie ſo ſprach, verbeugte ſie ſich lächelnd vor der Fürſtin, legte über das angefangene Bild ein Seidenpapier und ſchloß es dann in Schreibtiſch ein. Die Fürſtin ging einige Male haſtig auf und ab, während ihre Tochter damit beſchäftigt war, Pinſel und Farben wieder in den Malkaſten einzu⸗ ordnen. Plötzlich blieb ihre Mutter vor ihr ſtehen und ſagte mit einer Simme, welche vor innerer Auf⸗ regung zitterte: ich nannte Dein Verhältniß zu die⸗ ſem Prinzen Adrian deshalb ein ſündiges, weil es einer Braut nicht geziemt zu irgend einem andern Manne in vertraulicher Beziehung zu ſtehen als zu ihrem Verlobten. 28 Ich theile ganz dieſe tugendhaften Grundſätze meiner gnädigſten Mutter! ſagte die Prinzeſſin. Dann wirſt du alſo begreifen, daß Dein Ver⸗ hältniß zum Prinzen Adrian ſich entſchieden anders geſtalten muß! Im Gegentheil, Hoheit! Nur zu andern Men⸗ ſchen müſſen meine Verhältniſſe ſich anders geſtalten, zu allen andern Männern, denn wie Ew. Hoheit ſel⸗ ber bemerken, es darf eine Braut nur ihrem Verlob⸗ ten ſich unterwerfen! Was ſoll dies bedeuten? Das ſoll bedeuten, ſagte die Prinzeſſin mit ihrem einſchmeichelnnſten Ton, indem ihre Züge zugleich einen energiſchen und entſchloſſenen Charakter annahmen, — das ſoll bedeuten, daß ich mich als die Braut des Prinzen Adrian betrachte! Die Fürſtin machte eine heftige Bewegung, und ein leiſer Schrei des Zornes drang von ihren Lippen. Aber ſie bemeiſterte ſchnell ihren Zorn und ſagte kalt und ruhig: Prinz Adrian hat alſo in aller Form um Deine Hand geworben? Vein, aber ich liebe ihn, und ich weiß, daß auch er mich liebt!. Er hat es dir alſo nicht geſtanden? 29 Nein, aber ich habe in ſeinen Augen geleſen, wie er in den meinen! Ah, die Sache iſt alſo nicht ſo ſchlimm als ich fürchtete, murmelte die Fürſtin, indem ſie wieder haſtig auf und abging. Prinzeß Luiſe ſtand ruhig neben ihrer Staffelei. Wer ſie ſah, hätte ſie für kalt und unempfindlich hal⸗ ten müſſen! Aber ſie hatte nur gelernt, ihre Stürme nach Innen austoben zu laſſen, und während ihre Züge ruhig ſchienen, tobte ihr Herz mit wildem Ham⸗ merſchlag in ihrer Bruſt. Sie ſagte zu ſich ſelbſt: dies iſt die entſcheidende Stunde! Der Kampf muß zu Ende geführt werden, und ich will lieber in dem⸗ ſelben getödtet werden, als noch länger die Qualen dieſer Ungewißheit ertragen müſſen! Jetzt blieb ihre Mutter vor ihr ſtehen, und alle ihre Züge waren kalt und ruhig— ſie hatten Beide einen Entſchluß gefaßt. Du biſt alſo entſchloſſen, dieſen apanagirten Prinzen Deinen Gemahl zu nennen? Ich bin es! Auch wenn ich Dir ſage, daß ich meine Ein⸗ willigung nicht gebe, und daß ich meinen Sohn ver⸗ anlaſſen werde, die ſeinige zu verweigern? Er wird fortan meine Familie und meine Hei⸗ 30 math ſein! Ich werde an ſeiner Bruſt einen Bru⸗ der und einen Vater wieder finden! Und wenn Dein Bruder, wie er es kann und darf, Dir Deine Apanage vorenthält? Dann werde ich zu meinem Geliebten hingehen als eine Bettlerin, und ich weiß, er wird mich nicht verſtoßen! Und wenn wir Dich verſtoßen, hb Dich laut eine Entartete, eine Verbrecherin nennen? So werde ich mein Haupt beugen und freudig dulden um meiner Liebe willen! Die Fürſtin ſtieß einen Ausruf des Zornes aus, die Prinzeſſin lächelte in ſeliger Entzückung. Nun denn, es ſei! ſagte die Fürſtin endlich Gehe denn hin und erfülle Dein Geſchick! Gründe Dir eine neue Zukunft, wenn Du glaubſt, mit der Vergangenheit abgeſchloſſen zu haben!— Kennt dieſer gute, gläubige Adrian, welcher Dich als eine Heilige anzubeten ſcheint, kennt er Deine Vergan⸗ genheit? 4 Die Prinzeſſin erblaßte, und ſtotterte. Die Für⸗ ſtin brach in ein ſpöttiſches Gelächter aus! Er kennt ſie nicht! ſagte ſie. Aun wohlan, Prinzeſſin Tochter, ich bin geneigt Ihnen meine Ein⸗ . willigung zu dieſer romantiſchen Berbindung zu ge⸗ ben! Aber ich mache eine Bedingung. Und welche Bedingung? fragte die Prinzeſſin, indem ſie ihre ungläubigen und angſtvollen Blicke auf die Fürſtin heftete. Welche Bedingung? Dieſe: daß Sie ſofort und ohne Zögern, und ohne das Geringſte zu verſchweigen, dem Prinzen die Geheimniſſe Ihrer Vergangenheit offenbaren! Von den Lippen der Prinzeſſin drang ein ein⸗ ziger Laut, es war nicht ein Seufzer, nicht ein Schrei, es war wie das Angſtgeſtöhne eines Ster⸗ benden, ſo qualvoll, ſo gepreßt, ſo herzzerreißend! Prinzeſſin Luiſe! rief die Fürſtin, indem ſie in ihrer ganzen Hoheit ſich aufrichtete, ich befehle Ihnen, dem Prinzen Adrian die geheime Geſchichte Ihrer Vergangenheit zu erzählen! Nimmermehr! ſagte die Prinzeſſin, indem ſie kraftlos auf den Fauteuil ſank. Sie können nicht wollen, daß ich ſelber mein Todesurtheil unter⸗ ſchreibe! St wollen alſo nicht ſprechen? †ch kann nicht! Sie wiſſen, Mutter, daß ich es nicht kann. Nun wohl! ſo werde ch es thun! 32 Gnade! Gnade! ſtammelte die Prinzeſſin. Seien Sie barmherzig Mutter! Seien Sie barmherzig mit ſich ſelber, Luiſe! Zwingen Sie Ihr Herz, daß es endlich der Vernunſt Gehör gebe! Sprechen Sie dies eine Wort: ich willige ein, dieſe königliche Hand anzunehmen, ich willige ein, Königin zu werden! Sprechen Sie dies, uud Alles ſoll vergeben, und von Ihrer Vergangen⸗ heit ſoll niemals mehr die Rede ſein! Sprechen Sie! Eine Pauſe trat ein. Dann ſagte die Prin⸗ zeſſin mit ruhiger, klarer Stimme: hören Sie, Ho⸗ heit, was ich Ihnen jetzt ſagen will! Achten Sie genau auf meine Worte, denn jedes derſelben be⸗ deutet ſo viel, als ob ich einen Eid ausſpräche! Ich habe viel gefehlt, und viel geſündigt; ich habe in Demuth die Hand erkannt, welche mich züchtigte, und ich habe nicht gemurrt, ſondern mein Haupt in Demuth gebeugt unter der Hand des ſtrafenden Gottes! Aber endlich hat ſich Gott meiner Leiden und meines Jammers erbarmt, endlich hat er mir den Erlöſer geſandt, welcher es frei machen ſollte von Sünde und Irrthum, dieſer Erlöſer, es war die Liebe! Eine reine, tugendhafte, eine heilige und un⸗ ſchuldige Liebe, deren Schmerzen und Qualen ich geduldet habe, wie das Fegefeuer, durch welches ich — 33 zum Paradieſe eingehen ſollte! Und jetzt habe ich das Paradies gewonnen, die Tage des Irrthums und der Sünde liegen wie ſchlimme Träume, wie vergeſſene Märchen hinter mir; ich bin wieder ge⸗ reinigt, wieder geläutert, eine Neugeborene, Neu⸗ erſtandene, denn der Heiland wohnt in mir, und hat mich geſegnet mit einem neuen Leben! Niemals aber, und möge Gott meinen Schwur hören und ihn annehmen, niemals werde ich ſo feig und niedrig ſein, meinen Heiland zu verleugnen, wie einſt Petrus es gethan! Die Liebe iſt mein Meſſias geweſen, ich werde ihr folgen, und ihr anhangen durch alle Ein⸗ öden und über alle Klippen; wenn es ſein muß, werde ich auch für ſie zu ſterben wiſſen, niemals aber ſie verleugnen! Das iſt mein letztes Wort, Mutter, und ich habe es nicht zu Dir geſprochen als ein entartetes Kind, welches ſich auflehnt ge n die Befehle ſeiner Mutter, ſondern ich habe es geſprochen als ein freies, gleichberechtigtes Weſen, welches für ſich kein weiteres Recht in Anſpruch nimmt, als nur dieſes: die Freiheit zu haben, ſelbſtſtändig über ſein Glück oder Unglück entſcheiden zu können, nicht eine Sklavin der Verhältniſſe zu ſein! Ich will nicht mehr heucheln und lügen und betrügen, wie Ihr Alle es thut, ich will nicht eine machtloſe 1. 3 34 Puppe in den Händen der Konvenienz, der Diplo⸗ matie und der Dynaſtie ſein, ich will frei ſein und ſelbſtſtändig! Dies iſt mein letztes Wort! Ihr könnt mich tödten, Ihr könnt mich wahnſinnig machen, aber dieſen meinen feſten, meinen unerſchütterlichen Willen, den könnt und ſollt Ihr nicht zu brechen vermögen! Sie hatte mit fliegendem Athem, mit lebhaft gerötheten Wangen geſprochen. Ein edles Feuer blitzte aus ihren Augen, und ſelbſt ein Lächeln um⸗ ſpielte ihre Lippen. Sie ſchwieg jetzt, aber ihre Seele ſprach noch, und leuchtete noch aus ihrem be⸗ geiſterten Angeſicht, und ihre Augen waren aufwärts gerichtet, wie im ſeligen Schauen. Die Fürſtin hatte ihr mit kalter Ruhe, mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln zugehört; keine Muskel ihres Angeſichtes hatte gezuckt, keine Fiber ihres Herzens ſich bewegt! Sie auch, wie ihre Tochter, hatte einen Willen, den ſie durchſetzen wollte, und der Widerſtand des Einen kräſtigte die Härte des Andern! Sie hatte in den Worten ihrer Tochter nichts weiter vernommen, als die Weigerung:„ich mache Dich, Fürſtin Amalie, nicht zur Mutter einer Königin! Du mußt Dir genügen laſſen an dem kleinen Lande Deines Sohnes! Du wirſt einen König nicht Deinen Sohn gen können!“ Und —— 35 dieſe Weigerung machte ihr Herz pochen vor Zorn und Stolz, und gab ihr ein Gefühl des Haſſes gegen ihre Tochter. Als dieſe jetzt ſchwieg und ihr Haupt erſchöpft an die Lehne des Seſſels zurücklegte, näherte ſich ihr die Fürſtin, und legte auf Luiſens Schulter ihre Hand, deren Eiſeskälte die Prinzeſſin erbeben machte. Dann ſprach ſie; jedes Wort fiel langſam und kalt, wie ein eiſiger Waſſertropfen, von ihren Lippen auf Luiſens Herz, daß es erſtarrte vor Kummer und Leid. Ich habe Sie zu Ende gehört, ſagte die Für⸗ ſtin, und erkläre Ihnen, daß Ihr ausgezeichnetes Rednertalent, ſo wie Ihre religiöſe Begeiſterung meine Bewunderung erregt haben! Sie haben mir dieſelbe Emotion erregt, wie etwa ein Seiltänzer, den ich in ſchwindelnder Höhe ſich bewegen ſehe, jeden Augenblick in Gefahr herunterzufallen, ſich die Glie⸗ der zu zerſchmettern, und ſich doch immer auf dem Seile erhaltend, vermöge ſeiner Balancirſtange. Es war ein ganz ergötzlicher Anblick, und ich danke Ihnen dafür! Nun aber, während Sie ausruhen von Ihren halsbrecheriſchen Künſten, vernehmen Sie auch mein letztes Wort! Sie nehmen die Krone an, welche eines Königs Hand Ihnen bietet, und ich verpflichte mich, en den Prinzen Adrian als 3* 36 Ihren erſten Kavalier in Ihre unmittelbare Nähe zu bringen, oder Sie ſchlagen dieſen Vergleich aus und beharren darauf, die Gattin dieſes jungen prinz⸗ lichen Offiziers zu werden! Dann fordere ich von Ihnen, daß Sie ihn zum Richter über ſich ſelber machen, daß Sie ihm Ihre Vergangenheit beichten! Riemals! ſagte die Prinzeſſin. Dann werde ich es thun, ſagte die Fürſtin mit ihrer eiskalten Ruhe, und zwar heute noch! Wir wollen doch ſehen, ob dieſer kleine Prinz wenigſtens ein Mann von Ehre iſt, oder ob er ſo niedrig und ehrlos iſt, diejenige zu ſeinem Weibe machen zu wol⸗ len, welche.. Haben Sie Erbarmen, Hoheit, flüſterte die Prinzeſſin. Wir ſind nicht mehr allein! Es kommt Jemand! In der That, man vernahm ſich nähernde Fuß⸗ tritte, die Portiére ward ſchüchtern zurückgeſchlagen, und die Oberhofmeiſterin trat ein mit einem Briefe in der Hand, den ſie der Fürſtin übergab, mit dem Bemerken, daß er ſo eben durch einen Kurier über⸗ bracht, welcher darauf beſtanden, daß man ihn ſo⸗ gleich Ihrer Hoheit übergebe. Er iſt vom König Auguſt! ſagte die Fürſtin, 37 indem ſie der Oberhofmeiſterin winkte, ſich zu ent⸗ fernen. Die Fürſtin erbrach das Siegel mit raſcher Hand, und während ſie dann den Brief las, färbte eine dunkle Gluth ihre Wangen, und ihr Antlitz ſtrahlte in ſtolzer Befriedigung. Es iſt ein Brief vom König Auguſt! ſagte ſie dann. Er hält darin in aller Form um Deine Hand an, und benachrichtiget mich, daß er noch heute in Berlin eintreffen wird, um perſönlich ſeine Werbung anzubringen. Du wirſt Dich alſo jetzt entſcheiden müſſen, Luiſe! Ich bin entſchieden, Mutter! Du willſt alſo meinen Wünſchen nicht nuh. geben? Vein, ich will nicht, weil ich nicht kann! Dann alſo biſt Du entſchloſſen, dem Prinzen Adrian Deine Vergangenheit zu beichten? O mein Gott, mein Gott! jammerte die Prin⸗ zeſſin. Du willſt auch dieſes nicht! Es gelüſtet Dich noch länger, vor ihm die Tugendhafte, die Heilige zu ſpielen? Ich werde die Maske von Deinem Ge⸗ ſichte reißen, und ihm Dein wirkliches Antlitz zeigen, ich ſelbſt, Deine Mutter, und er wird mich nicht der — Lüge zeihen, denn er wird in Deinen bleichen und zerknirſchten Zügen leſen, daß ich die Wahrheit ſprach! In dieſem Augenblicke ward die Portiére raſch zurückgeſchlagen, und die eintretende Hofdame mel⸗ dete: Prinz Adrian! Die Prinzeſſin ſtieß einen Schrei aus und ſtreckte abwehrend ihre Hand vor ſich hin. Aber die Fürſtin erfaßte ſie, und indem ſie ſie krampfhaft in der ihren drückte, ſagte ſie lächelnd zu der Hof⸗ dame: Prinz Adrian iſt willkommen! Er mag ein⸗ treten! Die Hofdame trat zurück, und man ſah durch die offene Portiére die ſtolze und ſchlanke Geſtalt des Prinzen, welcher ſo eben das Vorzimmer durch⸗ um in das Boudoir der Vue— II. Die verkleidete Peinzeſſin. Während Prinz Adrian das Vorzimmer durch⸗ ſchritt, ereignete ſich in dem Boudoir der Prinzeſſin eine jener dramatiſchen und tragiſchen Scenen, wie wir ſie auf keiner Bühne und in keiner Tragödie finden, ſondern wie ſie nur die Wirklichkeit und das wahrhafte Leben zu bieten vermag, eine Scene, deren tragiſcher Pathos mehr in den Mienen und dem Ge⸗ berdenſpiel als in den Worten beſteht. Aur auf der Bühne iſt die Qual und Verzweiflung beredt mit Worten, in der Wirklichkeit iſt ſie lakoniſch, aber jeder Zug des Angeſichts, jede Bewegung iſt ein Aufſchrei, eine Exklamation. Die Fürſtin nahm mit ſteifer Grandezza auf dem Divan Platz; ihre Züge zeigten eine ſtolze Ruhe, und ſie blickte dem Prinzen lächelnd entgegen, wäh⸗ 40 rend die Prinzeſſin in ſeltener Zuvorkommenheit ein kleines Tambouret nahm, um es unter die Füße ihrer Mutter zu ſchieben. Sie knieete halb nieder neben der Fürſtin, anſcheinend nur, um der Fürſten mit dem Tabouret dienſtbar zu ſein, aber jede Muskel ihres Angeſichtes bebte, und mit zitternder Stiume flehte ſie um Erbarmen, um Gnade. Die Fürſtin ſagte ein kurzes und entſchloſſenes Nein! Der Prinz ſtand ſchon in der Thür des Bou⸗ doirs. Die Prinzeſſin neigte ſich an das Ohr ihrer Mutter und flüſterte: Hören Sie! Wenn Sie ihm Alles ſagen, ſo tödte ich mich vor Ihren Augen! Das ſchwöre ich! Sein Sie uns willkommen, mein Prinz! ſagt die Fürſtin, indem ſie ihre Tochter mit feſter Hand neben ſich auf den Divan niederdrückte. 4 Luiſe ſtieß einen tiefen Seufzer aus, und lehntt ſich zurück in die Polſter. Aber als ihr Auge den Blicken dds Prinzen begegnete, übergoß eine dunkle Röthe ihre Wangen, und ein Lächeln ſtand auf ihren Lippen. Die Liebe begrüfte ſie mit einem ihrer ſon⸗ nigen Strahlen, und ſie fühlte daran ihr Herz er⸗ wärmt und geſtärkt zu freudigem Hoffen. Es iſt nicht möglich, daß eine Mutter ſo grau⸗ — ſam ſei! flüſterte ihr Herz, und als ſie jetzt auf ihre Mutter ſah, welche in heiterer und harmloſer Unter⸗ haltung mit dem Prinzen begriffen war, ſagte ſie ganz zuverſichtlich zu ſich ſelber: ſie wird es nicht thun! ſie hat mich nur erſchrecken wollen! Und jetzt miſchte ſie ſich lächelnd in die Unter⸗ haltung und vielleicht war es die geiſtige Spannung und Aufregung in welcher ſie ſich befand, vielleicht auch nur die Freude des Zuſammenſeins mit dem Geliebten, welche ſie ſo ſprühend an Geiſt und Laune an Anmuth und Liebenswürdigkeit machte. Prinz Adrian war eine jener ſeltenen Erſchei⸗ nungen, denen die Natur einen Freibrief des Gefal⸗ lens und der heiteren Liebenswürdigkeit auf die Stirn geſchrieben. Sein edel geformtes, jugendliches Ge⸗ ſicht trug den Ausdruck der Offenheit und einer faſt kindlichen Güte. Seine dunkelblauen Augen ſtrahlten von Jugendluſt und Jugendmuth, ſeine friſchen Lip⸗ pen zeigten faſt immer ein keckes und doch gutmüthi⸗ ges Lächeln, und obwohl er erſt fünfundzwanzig Jahre zählte, hätte man ihn doch für weit jünger halten mögen, wenn nicht die zuweilen ſich verfin⸗ ſternden Augenbraunen und die hohe, ausgearbeitete edle Stirn es verrathen hätten, daß auch der Ernſt des Mannes zu Zeiten in dieſem Jüngling wohnen 42 könne.— Uebrigens gehörte Prinz Adribn zu jenen Männern, von denen ſich wenig ſagen läßt, weil ihnen das Leben noch ſo wenig geſagt hat! Der Sohn eines von irgend einem Könige ge⸗ fürſteten Grafen, hatte er ſeine Knabenzeit in unge⸗ ſtörtem Kinderglück, bewacht und behütet von ſeinem Hofmeiſter, auf den reichen Beſitzungen ſeines Vaters hingebracht, dann in Begleitung ſeines Lehrers eine Hochſchule bezogen, und nachdem dieſe Studienzeit vollendet, hatte er ſich, als jüngerer Sohn, dem von den Lehnsgütern ſeines Vaters eine mäßige Appanage zu Theil ward, entſchloſſen, im Soldatenſtande ſein Glück, ſeinen Ruhm und ſeine Größe zu ſuchen. Er war daher in den preußiſchen Militairdienſt ein⸗ getreten, und bekleidete nach halbjährigem Dienſt jetzt die Stelle eines Premierlieutenants in demſelben Re⸗ giment, deſſen Chef jetzt der regierendi Fürſt Fried⸗ rich war.„ Dadurch hatte dieſer ihn kennen gelernt, und ſich ſchnell mit dem offenen und liebenswürdigen Charakter des Prinzen befreundend, hatte er ihn zum Beſuch in ſeine Reſidenz und an ſeinen Hof ein⸗ geladen. Das war des Prinzen Adrian ganze Geſchichte, eine harmloſe Geſchichte voll Sonnenglanz und Kin⸗ 43 derlächeln, über welche ſogar die Liebe bisher noch keine tiefere Färbung gelegt. Bisher! Aber Prinz Adrian fühlte, daß er jetzt bis zu einem Wendepunkte ſeines Daſeins gekommen, und daß das Leben ihm jetzt vielleicht eine ernſtere und bewegtere Miene zei⸗ gen würde. Indeß ſchreckte er nicht zurück; jung, muthig, entſchloſſen und feurig wie er war, hieß er vielmehr die Stürme willkommen, mit denen ſein Ge⸗ ſchick zu ihm heranrauſchte, fühlte er den Muth in ſich, dieſe Stürme zu bewältigen und zu ſeinem Ziele zu gelangen! Welches war dieſes Ziel? Sicher nicht dieſes, als glücklicher Bettler mit der Hand einer hochgebo⸗ renen Prinzeſſin begnadigt zu werden, um an dem Hofe ſeines regierenden Schwagers ein gedemüthigtes Daſein, gewiſſermaßen das Leben eines homme en- iretenu zu führen, ſicher nicht dieſes, nur geduldet zu werden als der Gatte, den ſich die Prinzeſſin in einer ihrer fürſtlichen und ſouverainen Launen gewählt, und den ſie mit dem Sonnenſchein des Glückes be⸗ gnadigt und zu ihrem Gemahl erhoben hatte! Vein, ſicher nicht dieſes war das Ziel, nach welchem Prinz Adrian ſtrebte. Er würde lieber eine Krone zertreten haben, ſtatt ſie als Gnadengeſchenk anzunehmen, er würde lieber gehungert und gedarbt 44 haben, ſtatt zu ſchwelgen auf Koſten Anderer, und als appanagirter Prinz an dem Hofe ſeines Schwa⸗ gers zu leben, würde ihm nicht als eine Ehre, ſon⸗ dern als eine Demüthigung erſchienen ſein!— das Weib, welches ihn liebte, mußte bereit ſein, ihm zu folgen, wohin er immer gehe, ſie mußte ſich ihm unter⸗ ordnen in Liebe, ſie mufte ihn nicht zu ihrem Ge⸗ mahl erheben wollen, ſondern ſich ſtolz und geehrt fühlen, wenn er ihr das höchſte Geſchenk, welches ein Ehrenmann einem Weibe zu bieten hat, wenn er ihr ſeinen Namen gäbe!— Das war das Ziel, nach welchem Prinz Adrian ſtrebte, ſeit er die Prin⸗ zeſſin Luiſe geſehen. Es war ein ſehr heiteres, ſehr geiſtvolles Ge⸗ ſpräch, welches Prinz Adrian ſo eben mit den beiden Fürſtinnen führte. Man ſah nur drei vollkommen heitere, lächelnde Geſichter, frohe Scherze flogen hin und wieder, und unbefangenes Lachen ertönte, und doch verhüllten dieſe heiteren Züge nur ernſte und entſchloſſene Seelen, und dieſe drei, im unbefangenen Geplauder vereinigten Menſchen bargen hinter der lächelnden Außenſeite Jeder einen feſten, unerſchütter⸗ lichen, dem Anderen widerſtrebenden Willen, und Jeder war entſchloſſen, den ſeinen durchzuführen Es war ſo eben nach frohem Scherzen eine 45 kleine Pauſe eingetreten. Die ſcheidende Abendſonne warf ein letztes Streiflicht durch die Fenſter und legte es wie einen Glorienſchein um das Antlitz der Prinzeſſin. Prinz Adrian ſah mit entzückten Blicken zu ihr hin, er hatte ſie niemals ſo ſchön, ſo lieb⸗ reizend und anmuthig geſehen. Ihre Blicke begeg⸗ neten ſich, und der beredte Ausdruck ſeines edlen Angeſichtes machte Luiſens Herz höher pochen und zauberte ein Lächeln des Glückes auf ihre Lippen. Die Fürſtin hatte dieſe Blicke liebenden Einver⸗ ſtändniſſes aufgefangen, und ſie ſagte zu ſich ſelber: jetzt iſt es Zeit! Sie unterbrach daher die Stille, indem ſie mit einem ſo anmuthigen Lächeln, wie ihr Stolz es ihr ſelten erlaubte, ſich an den jungen Prinzen wandte. Sehen Sie, ſagte ſie, der Abend beginnt bereits zu dunkeln, und wir ſollten jetzt, wie es unſere Ab⸗ ſicht war, in die Oper gehen. Indeß, wer weiß, ob wir dort das Amuſement wieder finden, welches wir hier aufgeben! Prinzeß Luiſe, ich erlaub mir, mich bei Ihnen zum Thee einzuladen, und e Sie nichts dawider haben⸗ bringe ich Prinz Abrian als Gaſt mit! Die Prinzeſſin verbeugte ſich, und der Prinz küßte mit lebhafter Dankbarkeit die Hand, welche die gnädige Fürſtin ihm dargereicht. Aber ich bitte, liebe Luiſe, laſſen Sie uns für eine Stunde aller Etiquette entſagen, fuhr die Für⸗ ſtin fort. Entlaſſen Sie Ihre Damen, und ſchließen wir die Portiöre dieſes Boudoirs. Wir wollen einmal en famille ſein, wie andere glückliche Sterb⸗ liche, aber wenn wir uns auch das Glück heiterer Scherze und unbefangenen Lachens erlauben wollen, ſo dürfen wir doch nicht ſo weit unſerer ſürſtlichen Würde vergeſſen, um unſere Untergebenen daran Theil nehmen zu laſſen! Sie werden mir heute mit ihren eigenen niedlichen Händen den Thee ſerviren, wie ſie es früher oft in Palermo gethan! Die Prinzeſſin, welche ſo eben ihre Hofdame aus dem Vorzimmer herbeigerufen, um ihr halblaut die nöthigen Inſtruktionen zu ertheilen, ſchreckte bei die⸗ ſer letzten Bemerkung ihrer Mutter zuſammen, als habe ein Dolchſtoß ſie getroffen, und nur mühſam und mit zitternder Simme konnte ſie weiter reden. 6w. Königliche Hoheit waren in Palermo? ſag r Prinz, als ſie jetzt wieder allein waren, und in dem hell erleuchteten Boudoir um den Thee⸗ tiſch ſaßen, auf welchem die ſilberne Theemaſchine ſiedete und dampfte. 47 Ja, in Palermo, dem Lande des Sonnenſcheins und der Schönheit! ſagte die Fürſtin. O, ich er⸗ innere mich ſehr gerne dieſer Tage, in denen es uns vergönnt war, einmal der fürſtlichen Etiquette ent⸗ kleidet, ganz ohne Zwang uns den Genüſſen dieſes entzückenden Naturlebens hinzugeben. Wir verweil⸗ ten dort mehrere Monate unter dem Namen einer Freifrau und Freifräulein von Senden, und es war uns gelungen, unſer Inkognito ſo gut feſtzuhalten, daß Niemand uns für etwas Anderes hielt, als was wir ſcheinen wollten, die Baronin von Senden mit ihrer Tochter. Aicht wahr, Luiſe, es waren herrliche Monate? Gewiß! ſagte die Prinzeſſin, deren Geſicht jetzt bleich und farblos geworden. Ich entſinne mich noch mit Entzücken einer Waſſerfahrt, die wir einſt in dem Golf von Pa⸗ lermo machten! Es war eine bezaubernde Vacht, der Mond ſtand wie eine goldene Weiſſagung des Glücks am Himmel, die Tatur lag im andächtigen Schwei⸗ gen wie im Gebete da. Vor uns her in einer Barke ſuhren die berühmteſten der Volksſänger von Pa⸗ lermo, welche wir gemiethet hatten, um uns den Reiz dieſer köſtlichen Nacht durch ihre Geſänge und Improviſationen zu erhöhen. Plötzlich, mitten im 48 Lauf hielt dieſe Barke inne und ließ unſern Nachen nahe zu ſich heran kommen. Signora, ſagte der eine Sänger, Pezzo hier, der erſte Improviſatore von Palermo, wird Ihnen jetzt eine Probe ſeiner Knnſt geben. Er wird Ihnen eine wahre und wirkliche Begebenheit vortragen, welche ſich vor einigen Tagen in unſerer ſchönen Stadt zugetragen, und ich werde ſeinen Geſang und ſeine Reime mit meiner Mandoline begleiten. Hören Sie, Signori, es iſt die Geichte von der verkleide⸗ ten Prinzeſſin! Prinzeſſin Luiſe ſchrak in ſich zuſunnen und ihre Wangen erbleichten noch mehr. Sie heftete ihre Augen mit einem flehenden Ausdruck auf die Fürſtin. Aber dieſe begegnete ihrem Blick mit einem grauſamen kalten Lächeln. Du entſinnſt Dich doch dieſer Geſchichte Luiſe? ſagte ſie dann in einem faſt zärtlichen Ton. Ich entſinne mich! ſagte die Prinzeſſin, mühſam nach Faſſung ringend. Und willſt Du es übernehmen, unſerm lieben Prinzen hier die Geſchichte von der Prin⸗ zeſſin zu erzählen? Die Prinzeſſin murmelte einige bnhu Worte, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Sie ſehen, ſagte die Fürſtin, ſich an Adrian wendend, ſchon die Erinnerung an dieſe Geſchichte treibt meiner Luiſe Thränen in die Augen. Und ſie hat Recht, es war eine Geſchichte voller Thränen und Weh! Und wird Ew. Hoheit die Gnade haben, mir dieſe Geſchichte zu erzählen? fragte der Prinz. Prinzeß Luiſe ſah ihn erſchrocken und vorwurfs⸗ voll an. Aber Adrian ſah dieſen Blick nicht. Seine Augen waren auf die Fürſtin gerichtet, und er wie⸗ derholte ſeine Bitte, um die Mittheilung der Ge⸗ ſchichte von der verkleideten Prinzeſſin. Nun wohl, ich gebe Ihren Bitten nach! ſagte die Fürſtin, aber Sie werden es ſich ſelbſt zuzu⸗ ſchreiben haben, wenn meine Geſchichte Sie langweilt! Hören Sie alſo. Die Geſchichte ſpielt zur Zeit un⸗ ſerer Anweſenheit in Palermo! Uns gegenüber, im Palazzo Adriano, wohnte gleich uns eine deutſche Baronin mit ihrer Tochter. Wir hatten beide Da⸗ men oft auf dem Balkon geſehen, und mit Vergnü⸗ gen den anmuthigen Geſängen gelauſcht, welche die ſchöne und liebliche Tochter dieſer fremden Dame in der Dämmerungsſtunde anzuſtimmen pflegte. Dieſe Stimme war rein und friſch, wie die Jugend ſelber, voll Tieft und Metall wie das Glück. Und plötzlich II. 4 50 eines Tages verſtummte dieſer Geſang, und aus dem Hauſe da drüben erſchallte nichts als Weinen und Klagen. Zuweilen vernahm man in der Stille der Nacht einen lauten Schrei, welcher wie die Klage eines Gemarterten hinter den verhangenen Fenſtern hervortönte, dann wieder ward Alles ſtill. Die Leute umſtanden zuweilen neugierig die Pforte des Hauſes, und flüſterten einander ins Ohr, die arme deutſche Baronin leide an einer entſetzlichen Krank⸗ heit, ſie ſei tiefſinnig geworden aus Kummer über ihre Tochter! Geſtehen Sie, Prinz, es t ein tragiſches Bild, eine Mutter, welche faſt den Verſtand verlor, weil ihre einzige Tochter ihr Schmach und Schande be⸗ reitet! Prinzeß Luiſe war leiſe aufgeſtanden während der Erzählung der Fürſtin. Sie hatte wie zufällig den kleinen zierlichen Dolch mit dem mit Brillanten verzierten Griff von ihrem Schreibtiſch genommen, und war dann mit demſelben zu ihrem Seſſel zu⸗ rückgekehrt. Als jetzt die Fürſtin einen e inne hielt in ihrer Erzählung, ſagteLuiſe: Bevor Sie fortfahren, Hoheit, erlauben Sie mir wohl, Sie an dazsjenige 51 zu erinnern, was ich Ihnen beim Eintritt des Prin⸗ zen zu ſagen die Ehre hatte! Ich erinnere mich nicht! ſagte die Fürſtin ganz harmlos. Prinzeß Luiſe ſtand auf und näherte ſich ihrer Mutter, indem ſie den Dolch noch immer in der Hand hielt. Wenn Sie weiter fortfahren, flüſterte ſie, dicht an das Ohr der Fürſtin geneigt, wenn Sie dieſe Geſchichte wirklich beenden wollen, ſo tödte ich mich hier vor Ihren Augen. Mädchenthorheit! rief die Fürſtin lachend, wäh⸗ rend ihre Tochter langſam und ernſt zu ihrem Sitze zurückkehrte. Aber Ew. Hoheit ſpannen mich auf die Folter! ſagte Prinz Adrian. Ich ſterbe vor Verlangen, dieſe tragiſche und geheimnißvolle Geſchichte weiter zu vernehmen. Ich meine den Angſtſchrei dieſer ver⸗ zweifelnden Mutter zu vernehmen! O, ich begreife vollkommen, daß man den Verſtand verliert, wenn diejenigen, welche wir lieben, uns ſtatt der Gegen⸗ liebe und des Glückes nur die Schande geben! Sie begreifen das! rief die Fürſtin. Aber be⸗ greifen Sie auch, daß ein junges Mädchen von ſechs⸗ zehn Jahren ſo mitleidslos gegen ihre Mutter, ge⸗ 4* 52 gen ſich ſelber ſein kann, die Krone, welche die Ju⸗ gend und die Schönheit auf ihr Haupt gedrückt, mit eigener Hand zu entblättern? Aber laſſen Sie uns bei unſerer Geſchichte bleiben!— Wer war bei dieſer kranken, verzweifelnden, der Welt und den Menſchen fluchenden Mutter? Vicht ihre Tochter, nicht dieſes Kind, welches ſie liebte, indem ſie es verwünſchte! Nein— ihre Tochter war verſchwunden, Niemand wußte, wohin ſie gegangen war. Man hatte nur eines Tages lautes Flehen und Jammern, dann hefti⸗ ges Zürnen und Drohen in dem Zimmer der Baro⸗ nin vernommen, dann hatte ihre Tochter Karoline ſtolz und kalt dieſes Zimmer und das Haus ihrer Mutter verlaſſen. Wohin war ſie gegangen? Hatte ſie ſich getödtet, um ihrem Leben, ihrer Schande und ihrem Verbrechen ein Ende zu machen? Das fragte ihre Mutter die Luft, welche ſie athmete, die Sterne, zu welchen ſie verzweifelnd und jammernd empor blickte! Arme Mutter, ſchaue hinüber auf jene lieb⸗ liche Villa, auf das Weib, welches dort unter dem Laubdach ſitzt! Wer iſt es, der zu ihren Füßen liegt, der ſeine Arme auf ihre Kniee gelegt, zu ihr aufſchaut? Wie, darf der Lazzaroni es wagen, dieſe. Tochter einer Fürſtin ſeine Geliebte zu nennen? Kann die Tochter ihrer edlen und erhabenen Ahnen 3 53 ſo weit ſich erniedrigen, einen Bettler zu lieben? Prinz Adrian, die Tochter einer Fürſtin war ſie, jetzt und die Geliebte eines Lazzaroni! Entſetzlich! ſagte der Prinz. Was würden Sie gethan haben, wenn dieſes Mädchen Ihre Schweſter geweſen? Der Prinz ſchwieg einen Augenblick; die Fürſtin blickte mit geſpannter Erwartung zu ihm hinüber. Luiſe ſchien ganz gleichgiltig. Sie ſpielte, wie in Gedanken verſunken, mit ihrem Dolch. Ich würde— Das Hereintreten der Hofdame unterbrach den angefangenen Satz des Prinzen. Baronin Lucinde von Winter! meldete die Hofdame. Ueber das Antlitz der Prinzeſſin flog ein Strahl der Freude. Ihre Wangen rötheten ſich, und zum erſten Male wagte ſie es jetzt wieder, den Blick zn erheben. Die Fürſtin runzelte die Stirn. Aber wußten Sie nicht, Comteſſe, ſagte ſie heftig, daß wir unge- ſtört zu ſein wünſchten? Verzeihen Ew. Hoheit, flüſterte die erſchrockene und zitternde Dame, Prinzeſſin Luiſe Hoheit hatte der S nketthle in dieſer Stunde ſich hier ein⸗ 54 zufinden, um mit der Prinzeſſin in die Oper zu fahren.. Und ich habe es vergeſſen, ſagte die Prin⸗ zeſſin. Es iſt daher billig, ich die Baronin em⸗ pfange. Immerhin, rief die Fürſtin. Ich erzähle Ihnen den Schluß der Geſchichte ein anderes Mal! Laſſen Sie die Baronin eintreten! Die Hofdame öffnete die Portiöre, und gleich darauf erſchien die ſchlanke und feenhafte Geſtalt Lucindens unter der geöffneten Thür. —— W. Ein Wiederſehen. Die Baronin Lucinde verneigte ſich vor der Fürſtin mit jener ſtolzen Anmuth, welche nur ihr allein eigen war, dann näherte ſie ſich der Prinzeſſin, welche ihr beide Hände entgegenſtreckend, ſie herzlich willkommen hieß. Lueinde ſah ihr tief in die Augen. Sie ſind eben von einer wahrhaſt ſtrahlenden Schönheit, Prin⸗ zeſſin! ſagte ſie. Man ſollte meinen, der Morgen⸗ ſtern habe ſich auf Ihr Antlitz herniedergelaſſen, um uns Allen aus demſelben Glück und Hoffnung zu verkünden! O, ich bin auch ſo glücklich! rief die Prinzeſſin, indem ihr Auge zu Adrian hinüberflog.— Er ſtand neben der Fürſtin, und bat ſie angelegentlich, ihm — 56 die ſo überaus anziehende Geſchichte zu Ende zu er⸗ zählen. Ich beſchwöre Sie, Lucinde, flüſterte die Prin⸗ zeſſin, retten Sie mich, machen Sie, daß der Prinz nicht länger mit meiner Mutter ſpricht! Lucinde antwortete nicht, ſondern drückte nur leiſe ihre Hand; dann näherte ſie ſich der Fürſtin. Hoheit, ſagte ſie mit halbleiſem Geflüſter, Ihre Wünſche werden ſich erfüllen! Glauben Sie? rief die Fürſtin lebhaft. Ich weiß es, ſagte Lucinde, und indem ſie der Fürſtin noch näher trat, flüſterte ſie: Wollen Sie mir eine Minute Gehör bewilligen? Ich möchte Ew. Poheit einen Brief mittheilen, welchen ich ſo eben von dem Fürſten erhielt. Er ſchreibt Ihnen alſo noch immer? fragte die Fürſtin mit freudeſtrahlendem Geſicht. Alle Tage, Hoheit! Wir werden ihn alſo beſiegen! murmelte die Fürſtin, und indem ſie ſich an den Prinzen wandte, ſagte ſie: Schen Sie doch, Prinz, welch eine Zau⸗ berin mich Ihnen entführt, und es mir unmöglich macht, weiter zu erzählen. Auf ein anderes Mal denn! Die Baronin hat das Wort der Prinzeſſin, mit ihr in die Oper zu gehen, und es iſt ſehr gefährlich, ihr * 8 nicht Wort zu halten, denn Zauberinnen pflegen eine unerbittliche Rache zu nehmen! Du mußt alſo mit Lucinden in die Oper gehen. Und vielleicht erlaubt mir Ew. Hoheit, Sie in Ihrer Loge aufzuſuchen? fragte der Prinz indem er ſich verabſchiedete. Sie ſind willkommen! ſagte Luiſe mit jenem glücklichen Lächeln, das nur die Liebenden kennen und verſtehen. Vachdem der Prinz ſich entfernt, nahm die Für⸗ ſtin den Arm der Baronin, um mit ihr in ihre Ge⸗ mächer zu gehen. In einer Viertelſtunde ſchicke ich Ihnen die Ba⸗ ronin wieder, ſagte ſie zu ihrer Tochter. Halten Sie ſich alsdann bereit, mit Lucinden in die Oper zu fah⸗ ren. Ich werde Ihnen ſpäter nachfolgen. Als Lucinde nach einer Viertelſtunde zu der Prin⸗ zeſſin zurückkehrte, war dieſe noch mit ihrer Toilette beſchäftigt, welcher die junge Fürſtin heute eine be⸗ ſondere und ſeltene Aufmerkſamkeit widmete. Sie fühlte ſich ſo glücklich, deshalb wollte ſie ſich ſchmücken, deshalb wollte ſie ſtrahlend vor dem erſcheinen, wel⸗ chen ſie liebte. Aber als ihr Anzug vollendet war und die Kam⸗ merfrauen das Zimmer verlaſſen hatten, ſtürzte die — 58 Prinzeſſin ſich mit einem leidenſchaftlichen Ausdrucke des Entzückens in die Arme Lucindens. Sie drückte ſie feſt an ihr Herz, und unter Thränen und Lachen flüſterte ſie: Lueinde, ich danke Dir! Du haſt mich gerettet! Du haſt mich vom Tode erlöſet, Ich danke Dir mein Leben! Wie ein erlöſender Engel biſt Du mir erſchienen! O, Lucinde, ich danke Dir! Auf Lucindens Antlitz ſtand ein leiſer Ing der Wehmuth und des ſtillen Kummers. Ich wollte, ſagte ſie nachdenklich, ich wollte, daß ich auch einmal ſolche Entzückungen und ſolche Verzweiflung empfin⸗ den könnte. O, es muß ſehr ſchön ſein, ſo zu leiden und ſo zu hoffen! Sollte man vcht meinen, ich hätte Ihnen das Paradies geöffnet, und doch habe ich wei⸗ 5 ter nichts gethan, als Ihnen eine Gelegenheit ver⸗ ſchafft, den Prinzen eine Viertelſtunde ungeſtört in Ihrer Loge zu ſehen? O, Du weißt nicht, was Du mir mht gethan! rief die Prinzeſſin. Frage nicht, forſche nicht, ich kann es Dir jetzt doch nicht ſagen, meine holde, kleine Fee! Komme jetzt und laße mich der Welt Deine zauber⸗ hafte Schönheit zeigen, und laße mich ſehen, wie Du Jeden entzückeſt, welchen Du anſchauſt. Auch Prinz Adrian? flüſterte Lucinde mit ſchel⸗ miſchem Ausdrucke. Sie ſehen, Prinzeſſin, meine viel⸗ geprüften Reize bewähren ſich doch nicht! Prinz Adrian bleibt ganz kalt! Weil er einen ſchlechten Geſchmack hat, Lucinde! rief die Prinzeſſin erröthend, indem ſie lachend der Baronin voranhüpfte, um ſich mit ihr zu dem har⸗ renden Wagen zu begeben.— Die Oper hatte ſchon begonnen. Es war eine jener leichten und tändelnden franzöſiſchen Opern, welche ganz dazu geeignet ſind, uns in eine ſüße ſchwärmeriſche Gedankenloſigkeit einzuſpinnen, und die man am beſten hört und genießt, wenn man wenig darauf zu hören ſchein ſondern ſich von dieſen ſüßen Melodieen wie von& geliedern in liebliche Träume einwiegen läßt. Auch achtete weder die Prinzeſſin, noch Lucinde auf die Muſik. Sie ſaßen in einer über den könig⸗ lichen Logen des Prosceniums befindlichen Loge, welche die Fürſtin für die Dauer ihres Aufenthalts in Ber⸗ lin gemisthet hatte, obwohl ihr der freie und unbe⸗ hinderte Zutritt zu den königlichen Logen offen ſtand. Aber die Fürſtin, zu ſtolz, um ſich ohne tiefe De⸗ müthigung bei dem Erſcheinen einer der Prinzeſſinnen des königlichen Hauſes von den vorderen Sitzen in die zweite Reihe verdrängt zu ſehen, hatte es vorge⸗ * 60 zogen, dieſen Kränkungen durch den Beſitz einer ihr allein zugehörigen Loge zuvorzukommen. Wie ſegnete Prinzeſſin Luiſe heut den Stolz ihrer Mutter! Sie ſollte ihm eine Viertelſtunde des ungeſtörten Beiſammenſeins mit Adrian zu verdanken haben. Sie ſchob den dunkelrothen Vorhang weiter vor, und lehnte ſich in den Seſſel zurück, um ſo lange von ihm zu träumen, an ihn zu denken, bis er ſelber komme, ſie aus ihren Träumen zu wecken. Lueinde ſaß neben ihr und ihr ſtrahlender Blick überflog dieſes ſchöne Haus, das in allen ſeinen Rei⸗ hen von einem glänzenden Publikum angefüllt war. Sie ſah, wie die Operngläſer der Herren in den Lo⸗ gen ſich auf ſie richteten, und wie ſie dann mit ein⸗ ander flüſterten und mit Blicken unverſtellter Bewun⸗ derung wieder zu ihr hinſchauten. Sie wußte, daß man ſie ſchön fand, aber dieſes Wiſſen machte ſie nicht ſtolz und glücklich, ſondern mehr traurig. Sie war zu ſehr dieſer Triumphe ihrer Schönheit gewohnt, um noch Gefallen daran finden zu können. Sie ſchaute mit gleichgiltigen Blicken auf die Menge hin, und es machte ſie wehmüthig zu denken, daß unter all' dieſen Vielen nicht ein Einziger ſei, von dem ſie wünſchte bewundert zu werden, nicht 61 ein Einziger an dem ihr Herz ein näheres Intereſſe nehmen könnte. Sie fühlte ſich unverſtanden, unbe⸗ griffen, ſie war in einer Wüſte, denn ſie war allein. Und als ſie das dachte, bebte ſie in ſich zuſammen, und es ſchauderte ihr vor all dieſen Blicken, die auf ſie gerichtet waren, vor all dieſen Menſchen, von denen doch Keiner ſie verſtand, von denen ſie Keinen liebte! Aber plötzlich hatte ſie ein Gefühl, als ob ein elektriſcher Schlag ihr Herz berühre, und ihre Blicke waren wie gebannt an die ihnen gegenüber befindliche Prosceniumsloge. Wer war dieſer Mann dort drüben mit dem ernſten bleichen Geſichte, mit dieſen edlen Zügen, welche in ihrer vollen Lebendigkeit jeden Moment einen neuen Ausdruck annahmen? Sein Antlitz erſchien ihr anders, wie das aller übrigen Menſchen, ſchöner, ausdrucksvoller, ſprechender. Ein Zug unausſprech⸗ licher Verachtung ſpielte um ſeine Lippen, und mit einem geringſchätzenden Lächeln blickte er auf das Publikum hin, welches eben bei der Schlußkadenz einer Sängerin in ſtürmiſches Beifallklatſchen ausbrach. Es war Lucinden als hörte ſie die Worte bitte⸗ ren Spottes, welche ſie auf ſeinen Lippen las, und ſie ſagte zu ſich ſelber:„er muß viel erfahren, viel gelebt haben, um die Menſchen ſo verachten zu dür⸗ 62 fen!“ Sie dankte es ihm, daß er ſie gar nicht zu be⸗ merken ſchien, dadurch hatte ſie Muße ihn ungehin⸗ dert beobachten zu können. Lucinde war eine feine Menſchenkennerin; ihr niemals von Leidenſchaft getrübtes Auge hatte einen ſicheren Blick für das Seelenleben der Menſchen, wie es in ſeinen Schriftzeichen in dem Antlitz der Men⸗ ſchen zu leſen iſt. Heute aber beobachtete ſie zum erſten Male mit Neugierde und einem ihr ſelber un⸗ erklärlichen Staunen ein Menſchenangeſicht. Sie hatte niemals einen edleren und ſprechenderen Kopf geſehen; dieſe etwas erſchlafften Züge erzählten ihr von Stürmen und Leidenſchaften, welche über dieſes Leben dahin gebrauſt, und Furchen durch dieſes edle Angeſicht und auf dieſe hohe Stirn gezogen hatten! Das iſt das Angeſicht eines Mannes, ſagte ſie zu ſich ſelber; denn mir ſcheint, es iſt zum erſten Male, daß ich in dieſer nichtigen Welt einem Manne begegne! Und doch iſt mir, als hätte ich dies An⸗ geſicht ſchon ſonſt irgendwo geſehen! Sie neigte ſich zu der Pringeſſin hin. Hoheit, ſagte ſie, ich will Ihnen ein Bild zei⸗ gen, welches merkwürdiger iſt als all dieſes glän⸗ zende Dekorationsweſen auf der Bühne dort. Und indem ſie leiſe den Vorhang, welcher die — 63 Prinzeſſin von dem Publikum trennte, bei Seite ſchob, fuhr ſie fort: ich will nicht, daß Ihre ſchönen Augen ſo träumeriſch blicken. Wenn Prinz Adrian kommt, wird er mit aller zuverſichtlichen Kühnheit eines Mannes, einen Abgrund von Liebe in Ihren Augen zu leſen glauben, und es iſt niemals gut, daß unſere Anbeter ſolche Schriftzeichen auf unſern Mienen entziffern dürfen. Nein, nein, Luiſe, drängen Sie dieſes ſchwärmiſche Entzücken ein wenig in die Tiefe Ihres Herzens zurück, und zeigen Sie ihm ein we⸗ niger ſchwärmeriſches und glückliches Angeſicht! Die Prinzeſſin lächelte. Sie ſind eine Thörin, Lucinde, ſagte ſie, eine bezaubernde kleine Tyrannin, die mich immer zwingt ihren Willen zu thun. Nun wohl, ich werde Ihren Rath befolgen, ich werde ihm ein mürriſches und verdrießliches Geſicht machen, und er verdient es, weil er ſo lange auf ſich war⸗ ten läßt! Das wäre eine Liebesverſicherung anderer Art, ſagte Lucinde lachend, und eine dem männlichen Stolz noch viel ſchmeichelhaftere. O, ich ſehe, die Frauen, welche lieben, ſind ſehr beklagenswerthe Ge⸗ ſchöpfe, denn ſie laſſen ihre Waffen aus den Händen fallen, und werden kampfunfähig gemacht. Dann 64 iſt es freilich ein Leichtes, zu ſiegen, wie die Männer es thun! O, o, ſagte die Prinzeſſin, es ein T Tag kommen, wo auch dieſe Ihre ſtolzen Schultern das Joch werden tragen möſſen, und ich freue mich auf dieſen Tag, an welchem ich Sie ſo mitleidslos verſpotten will, wie Sie heute es mir thun! Dieſer Tag wird niemals kommen, Prinzeſſin! Aber jetzt ſollen Sie auch das Bild ſehen, welches ich Ihnen verſprach. Schauen Sie hinüber in jene Loge. Sehen Sie dieſes bleiche durchfurchte Ange⸗ ſicht jenes Mannes, der zugleich ein Greis und ein Jüngling zu ſein ſcheint, ſo viel Leidenſchaft und ſo viel Erſchlaffung ſpricht aus ſeinen Zügen. Er iſt ſehr ſchön, aber es iſt die Schönheit eines gefallenen Engels. Ein Gott und ein Dämon wohnt hinter dieſem Angeſicht. Aun, was ſagen Sie Luiſe? Die Prinzeſſin antwortete ihr nicht, und als Lucinde den Blick zu ihr hinwandte, erſchrack ſie über die Veränderung in den Zügen der Prinzeſſin. Sie war wie eine Leiche, ihre Lippen zitterten, und ihre Augen ſtarrten wie Gün hinüber 6 jenem räthſelhaften Manne. Als Lucinde wieder zu ihr ſprechen wollte, wehrte ſie ſie leiſe mit ihrer Hand zurück und flüſterte: ſtill! Wieder ſchaute ſie hinüber, und Lucinde folgte ihrem Blick. Er ſaß noch da drüben, dieſer Mann, welchen Lucinde einen„gefallenen Engel“ genannt, und jetzt in der That war er wie ein Dämon anzuſchauen. Eine wunderbare Veränderung war mit ſeinem gan⸗ zen Weſen vorgegangen. Aus ſeiner vorherigen Apathie und nichtsachtenden Weltverachtung er⸗ wacht, ſchien er jetzt ein blutgieriger Tieger zu ſein, im Begriff ſeine Beute zu erwürgen. Seine Augen glühten wie Flammen, Hohn und Verachtung lag in ſeinem ſtolzen Lächeln. Sein ganzes Weſen ſchien zu einem einzigen Gedanken, einem feſten, unerbitt⸗ lichen Willen zuſammengefaßt. Es war das Antlitz eines Magiers, welcher eine Menſchenſeele bannen und ſich unterthänig machen will. Lucinde fühlte ſchaudernd dieſe allgewaltige Kraft eines Menſchen⸗ auges, und indem ſie wieder hinüberſchaute zitterte ſie, wie die von dem Blicke eines Menſchen gebannte Löwin es thut. Er war aufgeſtanden und einige Schritte rück⸗ wärts getreten, den gebieteriſchen Blick immer noch zu den beiden Damen hinüber gewandt. Jetzt be⸗ 1. 5 66 wegte er ſeine Hände in raſchem Spiel der Ge⸗ ſtikulation.— Prinzeſſin Luiſe murmelte einige leiſe unver⸗ ſtändliche Worte, und ihre Zähne ſchlugen 3 ander wie im Fieberfroſt. Jetzt trat er wieder vor an die Brüſtung der Loge, und das Licht des Kronleuchters fiel hell und glänzend auf ſein Geſicht, welches jetzt von einer erſchreckenden Strenge war. Lueinde murmelte erbebend: und dieſen Menſchen konnte ich ſchön finden! Er iſt häßlich wie die höh⸗ nende Sünde! Fort, fort, ächzte die Prinzeſſin leiſe. Laſſen Sie uns fliehen, bevor Adrian kommt! Er ſoll ihn nicht ſehen, denn er würde ihn tödten! Sie ſprang heftig auf, und zog Lucinden mit ſich fort. Dieſe hielt ſie zurück, und indem ſie ſie zwang, langſamer zu gehen, flehte ſie leiſe zu der Prinzeſſin, nach Faſſung, nach Selbſtbeherrſchung zu ringen. Selbſtbeherrſchung! rief die Prinzeſſin mit einem rauhen Lachen, indem ſie den Arm der Freundin . krampfhaft drückte und ſie wieder raſcher mit ſich fort zog. Der Wagen fuhr vor, und ſe ſtiegen ein. Wohin befehlen Hoheit? fragte der Diener. 67 Beſtimmen Sie für mich! ſagte die Prinzeſſin. Ueberall hin, nur nicht, wo der kalte und höhnende Blick meiner Mutter mich trifft! In meine Wohnung alſo, Hotel de Ruſſie! rief die Baronin, und als der Wagen jetzt dahin rollte wandte ſich Lucinde an die Prinzeſſin. Wollen Sie mir jetzt ſagen, Luiſe, was dies Alles bedeutet? Die Prinzeſſin faßte Lucindens beide Hände. Das bedeutet, ſagte ſie mit einem herzzerreißenden Klageton, das bedeutet, daß meine Vergangenheit wieder mit ihrem Fluch gegen mich aufſteht. Das bedeutet, daß mein Dämon wieder ſeine Hand nach mir ausſtreckt, und mich mit ſeinen eiſernen Klam⸗ mern zu ſich heran zieht. Sahſt Du nicht, wie er zu mir ſprach mit den ſchnellen Bewegungen ſeiner Finger? Nun wohl! Er ſagte zu mir: gedenke des Schwurs, den Du mir einſt geleiſtet! Du biſt mein, und ich habe Gewalt über Dich! Ich will, daß Du zu mir kommſt, und ich befehle Dir, mir zu ge⸗ horchen! Und wer, rief Lucinde mit dem ganzen Zorn verletzter Weiblichkeit, wer darf es wagen, ſo zu Ihnen, ſo zu einer Dame zu ſprechen? Die Prinzeſſin klammerte ſich ſchaudernd an ſie 68 an. Bernthal! rief ſie mit einem lauten Aufſchrei innerer Qual. Bernthal? Jener Mann in der Loge, das war Bernthal? Die Prinzeſſin gab keine Antwort auf Lucindens Frage. Sie war ohnmächtig geworden. 6 v. Ein letzter Verſuch. Eine Stunde war nach jenen in dem vorigen Kapitel erzählten Vorfällen vergangen. Die Prin⸗ zeſſin hatte ſich wieder erholt, und indem ſie der Freundin ihr ganzes Innere enthüllt, und ſie hatte Theil nehmen laſſen an ihrer Noth und Verzweiflung, hatte ſie ſich gekräftigt und ermuthigt gefühlt von Lucindens theilnehmender Liebe, und ihren ebenſo beſonnenen als zweckmäßigen Rathſchlägen. Er hat Ihnen befohlen, zu ihm zu kommen, ſagte endlich Lucinde, und ich begreife jetzt, daß er ein Recht hatte, ſo zu Ihnen zu ſprechen! Ich ziehe den Tod einer ſolchen Demüthigung vor! rief die Prinzeſſin, die Hände ringend. Lueinde ſchüttelte ernſt das Haupt. Sie ſollen leben, und glücklich ſein, ſagte ſie. Sie müſſen zu ihm gehen. Aun wohl, gehen Sie ſogleich! Liemals! Wiemals! rief die Prinzefſin ſchau⸗ dernd. Mein Gott, begreifen Sie denn nicht, daß er dieſe Fordernug nur ſtellt, um mich auf's Neue zu demüthigen, und mich meine ſchmachvolle Abhän⸗ gigkeit von ihm bitter empfinden zu laſſen? Ich begreife, ſagte Lurinde ſinnend, daß dieſer Mann eben ſo ſtolz als grauſam iſt, und daß er unerbittlich ſein wird. Fügen Sie Sich alſo anſchei⸗ nend ſeinem Willen, und laſſen Sie uns alsdann auf Mittel ſinnen, dieſen Willen zu brechen! O es giebt kein ſolches Mittel! Dieſer Mann iſt wie ein Fels ſo hart und ſo undurchdringlich. Glauben Sie mir, Lucinde, es ſchlägt kein Herz in ſeiner Bruſt! Vielleicht doch! ſagte Lucinde ſnen Es kommt nur darauf an, daß man es finden kann, dieſes Felſenherz! Kommen Sie, Luiſe, ein unge⸗ wöhnliches Schickſal erheiſcht ungewöhnliche Mittel! Ich begleite Sie! 3 Zu Bernthal? Ja, zu Ihrem Dämon! Laſſen Sie uns ſehen, was er von Ihnen fordert, und wie bi es machen können, ihn zu bezaubern! We was wird meine Mutter ſagen! Und . 71 wenn die Welt es erführe? Oh, er wird neue Schmach auf mich häufen! 3 Ich übernehme es, die Fürſtin zu benachrichti⸗ gen, und was die Welt anbetrifft, ſo wird ſie nichts davon erfahren! Wir kehren jetzt in das Schloß zurück, und während Jedermann Sie in Ihren Zim⸗ mern glaubt, wechſeln wir raſch die Kleider und ge⸗ hen eine andere Treppe und durch ein anderes Por⸗ tal hinunter auf die Straße. Dort finden wir Droſchken! Kommen Sie, Luiſe, ſein Sie entſchloſ⸗ ſen und muthig, es gilt Ihre Zukunft und Ihre Liebe! Es gilt mehr als dies: es gilt das Wohl Ihrer ganzen Familie! Kommen Sie! Sie faßte lebhaft den Arm der Prinzeſſin, und dieſe folgte ihr willenlos.— Bernthal war aus dem Opernhauſe heimgekehrt in ſeine Wohnung. Seiner ſonſtigen Gewohnheit zuwider war er heute nicht hinausgegangen zu dem geheimnißvollen Hauſe in der Köpnicker Straße. Er hatte ein Gefühl von Scheu, dem unſchuldigen und engelgleichen Blicke Anna's zu begegnen, und indem er jetzt langſam in ſeinem Gemache auf und abging, ſagte er leiſe zu ſich ſelber: ich bin ihres Anblickes nicht werth, und ihr unſchuldiges Geplauder würde mich vernichten! Ich habe heute an dieſem armen 72 sitternden Weibe gehandelt, wie ein Kannibale, wie ein herzloſes Ungeheuer. Oh, wie ich ſie beklagte, indem ich ſie zu Boden ſchleuderte! Ja, während ich ſie demüthigte, ſchien es mir, als ob Anna leiſe zu mir flüſterte und mich um Erbarmen flehte für ein gemartertes Weib! Und ich war doch erbar— mungslos, fuhr er nach kurzem Schweigen fort, und ich mußte es ſein! Das Blut meiner Mutter war mir wieder in's Gehirn getreten, und Alles was ich ſah, war blutdürſtig und ſchrie um Rache! Wes⸗ halb auch dauerte ſie mich? Sie hat Strafe ver⸗ dient und ich ſtrafe ſie, ſie und ihr ganzes Haus! Komme über mich, Geiſt meiner Mutter, und treibe dieſes thörichte Mitleid von meiner Seele aus! Ich bin ein ſchwerbelaſteter Sünder, und über mei⸗ nem Haupte ſchwebt ein Verbrechen, welches mich jeden Augenblick zerſchmettern kann! Sie haben mich dazu gemacht, ſie, dieſe ſtolzen und jammervollen Menſchen, welche ſich Fürſten der Erde nennen! Ich ſchleudere Euch den Handſchuh in's Geſicht! Ihr habt mein Glück zerſtört, wohlan, ich fordere dafür das Eure! In Bernthal's doppelſeitiger Natur war es der Gott, welcher in dieſer Stunde Macht über den Dämon gewonnen, die Stimme des Böſen war * 42 73 einen Augenblick in ihm verſtummt, und ſeine ur⸗ ſprünglich edle und erhabene Natur behauptete einen kurzen vorübergehenden Moment ihr angeſtammtes Recht. Seine Züge nahmen einen weichen und milden Ausdruck an, und indem er jetzt ſeiner lieb⸗ lichen Anna gedachte, und ſich bewußt war, zu wel⸗ chen gefahrvollen und verbrecheriſchen Thaten er ihre Unſchuld und ihre künſtleriſche Begabung mißbrauchte, fühlte er ſein Herz zerriſſen von bittern Qualen und ſeine Bruſt belaſtet von einer Schuld, welche ihn ſchwerer dünkte, als Alles das, womit die Welt und die Menſchen ſein eigenes Leben heimgeſucht. Mitten aus dieſem Sinnen und dieſen ſchwer⸗ müthigen Betrachtungen ward er durch ein wieder⸗ holtes Klopfen an die Thür empor geſchreckt. Es war ſein Diener, welcher ihm meldete, daß zwei verſchleierte Damen gekommen ſeien, und ihn dringend zu ſprechen verlangten. Der gute Moment war vorüber, und ſofort nahmen ſeine Züge einen anderen Ausdruck an. Vichts mehr von dem Mitleid und dem Erbarmen, welches er kurz zuvor empfunden, war jetzt noch in ihm. Er wußte, wer es war, die zu ihm gekommen; ein grauſames Lächeln flog über ſeine Züge; er fühlte, daß er mitleidslos ſie zerſchmettern werde. 74 Das Blut ſeiner Mutter war wieder in Gehirn getreten! Er ſchob den Riegel tic und befahl— Diener die Damen herein zu führen. Wenige Minuten ſpäter traten zwei dichtver⸗ hüllte Frauengeſtalten in das Gemach ein. Bernthal empfing ſie ſchweigend, und nachdem er die Thür hinter ihnen abgeſchloſſen, ſagte er in vollkommen gelaſſenem Tone: wir ſind allein! Entſchleiern Sie ſich! Prinzeſſin Luiſe ſchug den Schleier zurück. Ihr Geſicht war farblos, alle ihre Muskeln zuckten und bebten. Sie blickte flehend zu ihm empor, er erwiederte dieſen Blitz mit einem kalten grauſamen Lächeln. Weshalb ſind Sie nicht allein gekommen? fragte er. Hatten Sie Furcht, ſich allein in die Arme Ihres Geliebten zu wagen? Oh, einſt waren Sie minder furchtſam! Auch fürchte ich nichts! ſagte die Prinzeſſin. Es war nur, weil ich mich ſo ſchwach fühlte, daß ich Thereſe bat, mich zu begleiten und mir in Arm zu leihen. Und Thereſe iſt? Meine Kammerfrau! 4½ — 75 Oh, eine Kammerfrau! Mag ſie verſchleiert bleiben! Ich fürchte das Megärengeſicht einer Duenna zu ſehen! Und jetzt, Luiſe, kommen Sie in meine Arme, heißen Sie Ihren Geliebten will⸗ kommen! Er näherte ſich ihr und wollte ſie in ſeine Arme ſchließen. Sie ſtieß ihn heſtig zurück, und ſah ihn mit flammenden Blicken an. Sie wiſſen, daß ich Sie haſſe! ſagte ſie athemlos. Vein, ich wußte es nicht! rief er laut lachend, denn Ihre Liebesſchwüre klingen noch vor meinen Ohren! Mein Gott, zwei kurze Jahre ſind doch nicht im Stande, ſolche ſüße und zauberhafte Erin⸗ nerungen aus meiner Seele zu verbannen! Oh, wir waren ſehr glücklich, Luiſe! Die Prinzeſſin ſchauerte in ſich zuſammen. Zwei Jahre, ſagte ſie. Sehen Sie, was dieſe zwei Jahre aus mir gemacht haben? Damals war ich ein unſchuldiges Mädchen! So unſchuldig, daß ich Ihren Worten und Ihren Schwüren glaubte, daß ich dieſe Maske, welche es Ihnen beliebte über Ihr Angeſicht zu legen, für Wahrheit hielt. Ja, damals war ich ein argloſes Kind, und ich vertraute Ihnen, weil ich glaubte, Sie zu lieben, und ich legte in Ihre Hand mein Leben, meine Ehre und meine Unſchuld. Ich wagte Alles um der Liebe willen, und ich war ſo unſchuldig, daß ich kaum wufßte, was ich wagte! Sehen Sie jetzt, was zwei Jahre der Qual, der Vorwürfe und Gewiſſensbiſſe aus mir gemacht haben! Wohlan, ich ſehe es, und ich will es Ihnen ſagen! rief Bernthal nach einer Pauſe. Dieſe zwei Jahre haben aus Ihnen ein treubrüchiges Weib, eine herzloſe Mutter gemacht, dieſe zwei Jahre haben Ihre Seele verhärtet, daß der Todesſchrei Ihres Kindes nicht zu Ihnen hindrang, nicht Sie erweckte inmitten Ihrer phantaſtiſchen Träume und Ihrer ſtolzen Triumphe! Sie haben gelebt, als ob die Vergangenheit nichts weiter geweſen, als ein wüſter Traum, von dem Sie eines Morgens auf Ihrem jungfräulichen Lager erwachten! Sie haben ſich Ro⸗ ſen und blühende Myrten über einen Abgrund ge⸗ deckt, und es nicht hören wollen, daß da unten in der Tiefe ein armes vereinſamtes Geſchöpf vielleicht in Hunger und Qual vergeht, während Sie ſchwel⸗ gen, und daß dieſes Weſen— Balten Sie ein, Sie tödten mich! unterbrach ihn die Prinzeſſin, indem ſie ganz zerbrochen und kraftlos vor ihm niederſank. Oh, Sie wiſſen alſo nicht, was ich gelitten habe, was ich noch leide!⸗ 77 Es iſt wahr, ich lernte es, zu lächeln und meine Thränen zu verſchlucken, ich habe mein Haupt mit Blumen geſchmückt, während tauſend Qualen meine Bruſt zerfleiſchten! Oh, ſehen Sie doch, wie tief ge⸗ demuthigt ich bin! So ſchwach, daß ich nicht mehr ringen will mit dem Unglück, ſondern um Erbarmen flehe und um Gnade! Es iſt Ihnen gelungen, Sie haben den Stolz meiner Seele zerbrochen, und hier liege ich zu Ihren Füßen wie eine Bettlerin! Jetzt, Alexander, jetzt zeigen Sie mir, daß ich einſt Ihre Seele recht verſtanden habe, als ich Sie zu lieben wähnte, verſöhnen Sie mich mit meiner eigenen Ver⸗ gangenheit, indem Sie mir ſtutt eines Dämons den Gott zeigen, der Sie mir ſein können! Oh, jetzt ſtrecken Sie mir die Hand entgegen, richten Sie mich empor aus meiner Erniedrigung, ſagen Sie zu mir:„Du haſt viel geſündigt, aber auch viel ge⸗ litten! Ich vergebe Dir um Deiner Schmerzen willen! Du biſt frei!“ Oh, ſprechen Sie, Alexander, ſprechen Sie dieſes Eine Wort: Du biſt frei! und ich will Sie ſegnen mein ganzes Leben lang, und ich will Sie lieben wie meinen beſten Freund, wie meinen Bruder! Als ſie jetzt, immer noch*f ihren Knieen lie⸗ gend, verſtummte, und ihr Haupt weinend in ihre 78 Hände ſenkte, trat Bernthal zu ihr, und legte ſeine Hand auf ihre Schulter. Nein, ſagte er, ich reiche Dir nicht meine Hand, ich richte Dich nicht empor! Bleibe auf Deinen Knieen, Tochter Deiner Mutter, und Deines Groß⸗ vaters ebenbürtige Enkelin! Demüthige Dich vor dem Baſtard und flehe ihn um Gnade! Er wird ſie Dir nicht gewähren, denn nur mit ſeinem Leben endet ſeine Rache! Hätte ich Dich anders gefunden, als das Blut, dem Du entſproſſen, vielleicht würde ich dann Gnade geübt, vielleicht Dir vergeben haben! Aber jetzt keine Vergebung! Kein Erbarmen mit dem herzloſen Weibe, der trlichen Mutter; die Ver⸗ gangenheit bindet Dich an mich, und ſie iſt eine Kette, an welche ich Deine Familie gefeſſelt habe! Oh, Ihr habt mir Alles genommen, Ihr habt mich betrogen um meinen Namen, um meine Familie, Ihr habt mir mein rechtmäßiges Erbtheil entzogen und mir meine Mutter gemordet, aber meine Rache follt Ihr mir nicht nehmen können, und dieſe ſoll, krächzend wie ein Rabe, Euch unſchweben bei jedem Feſtmahl, und bei jeder Freude, ſie wird niemals wanken und von Euch laſſen! Nein Prin⸗ zeſſin Luiſe, Deine Briefe, dieſe heiligen Liebesver⸗ ſicherungen einer ſchönen Zeit, ſie bleiben in meiner 79 Hand, und es kann ſein, daß ſie bald ſich als Waffe gegen Dich kehren!— Ich ſchaue in die Zukunft, und ich ſehe dort ein ſeltſames Bild! Ich ſehe einen Mann, den man zur Richtſtätte ſchleppt, ich ſehe eine tobende Menge ihm folgen, denn ſie Alle wollen die Hinrichtung dieſes großen Verbrechers anſchauen. Seht, da ſteht er neben dem Schaffot, das Beil blinkt ihm entgegen und er lacht! Der Tod erwartet ihn, und ſein Antlitz ſtrahlt vor Freude, denn er hat das Ziel ſeines Lebens erreicht, er ſteht auf dem Gipfelpunkt ſeiner Rache. Und über die wogende Volksmaſſe erhebt er ſtolz ſein Haupt und ruft mit donnernder Stimme: Ich ein Verbrecher und doch der Sohn eines Fürſten, und die ſchöne, die jungfräuliche Prinzeſſin Luiſe war meine Geliebte! Dieſes Haupt, welches jetzt dem Henker verfallen, hat einſt in ihrem Schvoße geruht, dieſer Nacken, der jetzt dem Henker gehört, iſt oft umrankt von ihrem Arm geweſen! Ja Prinzeſſin Luiſe war Verbrechers Weib! Wie er jetzt drohend den Arm empor hob, das Antlitz ſtrahlend von einem wilden Enthuſiasmus, die Augen glühend von einem düſtern, unheimlichen Fhuer, glich er in der That einem Dämon der Rache, 5er* die Geiſter beſchwört, ihm zu dienen. 8⁰ Eine Pauſe trat ein, Prinzeſſin Luiſe lag mit verhülltem Haupte noch immer auf ihren Knieen, und Bernthal ſtand noch immer vor ihr, wie in einer Verzückung, mit empor gerichteten Armen, das ſtrahlende Angeſicht nach oben gewandt, während Luiſens Begleiterin noch immer verſchleiert und ſtumm in der Fenſterniſche lehnte. Plötzlich brach Bernthal in ein wildes, ſpötti⸗ ſches Gelächter aus. O, ſagte er, ich werde dieſes Ziel erreichen! Das Verbrechen iſt da, und auch derjenige, der be⸗ reit iſt, es zu vollführen! Ja, ich will dieſen Weg gehen, welcher zum Blutgerüſte führt, ich will ihn gehen, um in meiner letzten Stunde Dich als mein Weib an meine rufen! O, daß dieſe Zeit erſt da wäre, daß ich dieſe meine Rache erſt voll⸗ führt hätte! Dieſe Zeit wird niemals kommen! ſagte eine Stimme hinter ihm, und als Bernthal ſich um⸗ wandte, ſchaute er in das edle, ſchöne Angeſicht Lucindens. Sie hatte den Hut mit dem Schleier von ihrem 4 Haupte geriſſen und die Lampe beleuchtete ihr G⸗ ſicht, das von Zorn und Verachtung glühte. Ihre großen durchbohrenden Augen ſchoſſen funkelnde Zo * nesblitze. Wie eine zürnende Göttin ſtand ſie da, und Bernthal ſchaute ſie an, wie geblendet. Stehen Sie auf, Prinzeſſin Luiſe, ſagte Lucinde, indem ſie dieſelbe mit ſanfter Gewalt empor richtete, ſtehen Sie auf, demüthigen Sie ſich nicht vor einem Barbaren, einem hirnloſen Ungeheuer. Kommen Sie und laſſen Sie uns nach einem Arzte ſenden, für dieſen armen, wahnſinnigen Mann. Ja, er iſt krank, dieſer arme Mann, und wäre ſeine Krank⸗ heit nicht ſo fürchterlicher Art, ſo wäre man verſucht, über ſeine tollen Phantaſien zu lachen. Sagen Sie, Luiſe, iſt es nicht zum Lachen, einen Menſchen zu ſehen, welcher ſich einbildet, eine Hyäne zu ſein und welcher uns glauben machen will, daß er ein Vam⸗ pyr iſt, der alte Gräber aufwühlt, um das Fleiſch verweſter Leichen zu eſſen? Und die Baronin Lucinde brach in ein aller⸗ liebſtes Lachen aus, welches die Perlenreihe ihrer Zähne und die Grübchen in ihren Wangen ſichtbar machte. Dann wandte ſie ſich mit einem Blick kal⸗ ter und ſtolzer Verachtung an Bernthal, der erſtaunt und gleichſam geblendet von dieſer zauberhaften Schönheit, ſchweigend da ſtand. Herr von Bernthal, ſagte ſie, wenn es Sie ſo ſehr nach dem Blutgerüſte verlangt, ſo ſäumen Sie IH. „ nicht, ſich dahin zu begeben. Aur entſagen Sie zu⸗ vor der phantaſtiſchen Hoffnung, dieſen ſchmachvollen Gang zu einem Gladiatorſieg Ihrer Rache zu machen. 5 Sie werden ſterben als ein ganz gemeiner Verbrecher. Schreien Sie immerhin über die Menge;„ich bin ein Fürſtenſohn und Prinzeſſin Luiſe war meine Geliebte!“ man wird Sie für wahnſinnig halten, und das Hohngelächter des Volkes wird Ihr Grab⸗ lied ſein. Um ſolche alberne Behauptungen glaub⸗ lich machen zu wollen, muß man Beweiſe haben. Dem Himmel ſei Dank, daß es mir an dieſen Beweiſen nicht fehlt, rief Bernthal. 8 Die Briefe der Prinzeſſin ſollen dereinſt die Wahrheit meiner Worte bezeugen! Lucinde zuckte die Achſeln und ein verächtliches Lächeln umſpielte ihre Lippen. Kommen Sie, Luiſe, ſagte ſie, indem ſie den Arm der Prinzeſſin in den ihren legte, kommen Sie. Ich that dieſem Menſchen zu viel Ehre an, indem ich ihn für einen wahnſinnigen Mann hielt, während er doch nur ein ganz nüchterner, bramarbaſirender* Feigling iſt! 4 Bernthal ſtieß einen Schrei der Wuth aus und ſtürzte zu ihr hin, indem er ihre Hand faßte. Hü⸗ 83 ten Sie ſich, mich noch ferner zu reizen, ſagte er mit bebender Stimme, ich warne Sie— Wovor? fragte Lucinde, indem ſie ſeinen zorn⸗ blitzenden Augen mit lächelndem Blicke begegnete. Vor Ihrem Zorne? Sie ſehen, den fürchte ich nicht. Und was dieſe Briefe anbetrifft, ſo gebe ich, die Baronin Lucinde von Winter, Ihnen hiermit mein Wort, daß ich ſie Ihren Händen entreißen will. Ja, hier vor Ihrem eigenen Angeſichte ſchwöre ich es Ihnen, ich will dieſe Briefe beſitzen, mit denen Sie ſo feige ſind, einem armen Weibe zu drohen, ich, ja ich allein, will Sie und Ihre elende Rache beſiegen und unter meine Füße treten. Gott iſt mächtig, und er wird aus mir das Werkzeug machen, durch welches Sie geſtraft werden ſollen! Sie werden dieſe Briefe nicht haben, ſagte Bernthal entſchloſſen. Ich werde ſie haben, erwiderte ſie, indem ſie die Prinzeſſin fortführte. An der Thür wandte ſie ſich noch einmal um. Herr Baron von Bernthal, ſagte ſie mit ihrem bezaubernden und verlockenden Lächeln, von heute an bin ich Ihre geſchworene Feindin, und in jeder Stunde bereit, den Kampf mit Ihnen zu beginnen. Püten Sie dieſe Briefe dem Geizhalz gleich, der über 6* 84 ſeinen Schätzen mit Argusaugen wacht, ich werde ſie doch entdecken, und wenn Sie ſie in dem inner⸗ ſten Schrein Ihrer Bruſt verbergen, ich werde ſie Ihnen doch entreißen. Dieſe Briefe find mein. Und von nun an hüten Sie Ihren Schlaf, daß nicht ein Traum Sie verräth; hüten Sie jedes Zittern Ihres Augenlides, daß es mir nicht Kunde giebt, wo Sie Ihre Schätze begraben; ich werde ſie doch finden und ſie Ihnen dennoch entreißen. Und jetzt leben Sie wohl, ich erwarte Sie morgen in meinem Hotel, um von Ihnen die feierliche Betheuerung zu hören, daß ich Ihre Briefe nicht entdecken und nicht beſitzen ſoll, und um Ihner zu ſagen, daß wenn die Baro⸗ nin Lucinde einmal in ihrem Kopfe eine Sache be⸗ ſchloſſen hat, ſie Himmel und Erde in Bewegung ſetzt, um ihren Willen zu vollführen! Sie war ſchon lange fort, und Bernthal ſchaute noch immer nach der Thür, durch welche ſie ver⸗ ſchwunden. Dann ſagte er, wie aus ſchweren Träu⸗ men erwachend: ſie iſt zahlrhaft ſchön, aber ſie ſoll. mich nicht beſiegen, ich werde morgen zu ihr gehen, und ſie ſoll in mir ihren Meiſter finden. VI. Weiberkünſte. Lucinde hatte eine ſchlafloſe Nacht hingebracht; zu viel wechſelnde Gedanken hatten ihre Seele be⸗ ſtürmt, um ſie ſchlummern zu laſſen. Eine ſeltſame, erwartungsvolle Unruhe war in ihr, und zum erſten Male ſah ſie mit herzklopfender Ungeduld dem kom⸗ menden Tage entgegen. Sie welche noch immer ge⸗ ſiegt, ſie zweifelte jetzt, ſie wußte ſelbſt nicht, ob an ihrer Schönheit, oder an ihrem Willen, dieſe zu gebrauchen. Als Prinzeſſin Luiſe im Laufe des Vormittags zu ihr kam, fand ſie Lucinde in ihrem Toiletten⸗ zimmer, und ihr Geſicht zeigte einen Ernſt, als ſei ſie eben mit den wichtigſten Dingen beſchäftigt geweſen. Die Prinzeſſin war unangemeldet zu ihr ein⸗ 86 getreten, ſie hatte daher Lucinden mitten in ihrer Toiletten⸗Beſchäftigung überraſcht. O, ſagte ſie lächelnd, ich ſehe heute zum erſten Male, daß eine Fee auch zuweilen ſich herablaſſen kann, zu denken und zu ſein wie wir übrigen Sterb⸗ lichen, und ſich mit ihrem Putz zu beſchäftigen, wie jedes andere ſtaubgeborene Weib. Sprechen Sie ernſthaft von dieſen Dingen, Hoheit! ſagte Lucinde mit komiſchem Pathos, es iſt ſehr nöthig, was ich hier thue. Und was thun Sie? Ich putze meine Waffen, wie ein Soldat, der auf die Parade geht. Oder, ich überſchlage, wie ein Feldherr, meine Streitkräfte, und entwerfe mei⸗ nen Schlachtplan!. Sie glauben alſo, daß Bernthal kommen fragte die Prinzeſſin erbleichend. Ich bin es feſt überzeugt, ſagte Lucinde. Er iſt zu ſtolz, um ſchweigend die Demüthigung hinzu⸗ nehmen, von einem Weibe verhöhnt zu ſein! Er wird kommen, um meine ſpöttiſchen Worte, meine Sarkasmen und mein Hohnlachen an mir zu vergel⸗ ten, um mich zu verhöhnen mit meinen prahleriſchen Siegesverheißungen, und mir zu beweiſen, daß ich nur ein ſchwaches Weib bin, und daß er ein Heros 87 jenes Geſchlechtes iſt, welches ſich das allmächtige zu nennen beliebt! Und Sie glauben in der That, Lucinde, daß es möglich wäre, ihn dieſer Briefe zu berauben? Sie glauben, daß es Ihnen gelingen könnte, ihn zu beſiegen? Wenn er ein Mann iſt, wie alle Männer,— ja!— Ah, Sie verachten die Männer! Und weshalb ſollte ich ſie achten? fragte Lu⸗ einde. Ich habe ſie Alle ſchwach und jammervoll gefunden, abhängig von jedem Eindruck ihrer Sinne, und zu beſtechen mit jedem Lächeln und jedem Hän⸗ dedruck. Ich habe geſehen, daß ein durchſichtiges Florkleid, oder ein goldgeſticktes Sammetgewand mehr Macht über ſie hat, als die ſchlagendſten Vernunft⸗ gründe, und daß ein paar glänzende Augen und volle blendende Schultern mehr über ſie vermögen, als alle Weisheit, welche einer menſchlichen Lippe entſtrömen kann. Oh, wenn Sie wüßten, Hoheit, welche trübe und demüthigende Erfahrungen ich in dieſer Weiſe gemacht habe! Einmal, zum Beiſpiel, war ich während eines ganzen Winters in der Re⸗ ſidenz eines fleinen deutſchen Fürſten. Er hatte einen Miniſter, dem das ganze Land fluchte, weil er 88 das Land ausſog, um ſich zu bereichern, weil er, ein zweiter Mazarin, Millionen für ſich zuſammenſcharrte, während das Volk hungernd nach Brod ſchrie. Er war eben ſo tyranniſch und grauſam, als heuchle⸗ riſch und verſchlagen. Er beleidigte Jedermann, ſelbſt die Gemahlin des Fürſten, und Jedermann mufßte ſeine Beleidigungen ruhig ertragen, denn er war der allmächtige und unbezwingliche Günſtling des Fürſten, und ſeine Gemahlin ſelbſt vermochte nichts gegen den ſtolzen und verhaßten Miniſter! Sie war ein edles und hochſinniges Weib. Ich verehrte ſie eben ſo ſehr, als ich ſie liebte, und ich ſchwur, daß ihre Leiden enden ſollten!— Ich ertrug einige Wochen die Schmach, den allmächtigen Günſtling jeden Abend in meinem Salon zu ſehen, und während er zu meinen Füßen lag, und vor mir, Gott weiß es, wie vergeblich, alle Engel und Dämonen als Zeugen ſeiner Liebe anrief, nannte mich die Welt ſeine all⸗ mächtige Geliebte! Nun ja, ich übte einige Macht über ihn, ich verleitete ihn zu immer neuen Thor⸗ heiten, ich trieb ihn immer weiter vorwärts auf ſeinem Pfade, ich ſpornte ihn an zu den ſchreiend⸗ ſten Ungerechtigkeiten, zu den empörendſten Gewalt⸗ thaten, aber ich trug zugleich Sorge von all dieſen Dingen mir die Beweiſe ünd die von ſeiner eigenen — 89 Hand geſchriebenen unwiderleglichen Zeugniſſe zu verſchaffen. Endlich beredete ich ihn zu einem Kom⸗ plott gegen die Fürſtin. Ich ſagte ihm, daß er dieſe entfernen müſſe, um ganz unbeſchränkt über den Fürſten zu herrſchen. Ich bat ihn darüber nachzu⸗ denken, und mir am nächſten Morgen ſchon ſeinen Plan ſchriftlich mitzutheilen. Er war unbeſonnen genug, dies zu thun. Er hatte ſich eine eben ſo freche, als hinterliſtige Intrigue ausgeſonnen, welche wohl geeignet war, die Fürſtin zu verderben, und ſie der Schande zu überliefern, und dieſe Intrigue theilte er mir in einem langen ausführlichen Schreiben mit. — An dem Abend dieſes Tages war ein glänzender Hofball. Der ganze Adel und die höhern Beamten des Fürſten waren daſelbſt verſammelt. Ich hörte, wie man zu einander flüſterte und ziſchelte, als ich an der Hand des Miniſters durch die Säle ſchritt, und wie ſich mitten in die Bewunderung meiner Schönheit Verwünſchungen einmiſchten über den un⸗ heilsvollen Gebrauch, welchen ich von derſelben machte! Aber dies ſchmerzte mich nicht, denn ich wußte, daß die nächſte Stunde mir eine glänzende und vollſtändige Rechtfertigung bringen würde.“ An der Hand des allmächtigen Premiers nä⸗ herte ich mich dem Fürſten, welcher in der Mitte 90 des Saals unter einem Baldachin ſaß. Ihm zur Seite ſaß ſeine Gemahlin, und ſie wandte die Augen ſeitwärts, als ſie mich kommen ſah; ich las in ihren Blicken, daß ſie mich verachtete, und um mich trauerte. Ich hatte den Muth zu ſcherzen und die vorwurfs⸗ vollen Blicke der Fürſtin ruhig zu ertragen. Dann bat ich den Fürſten, ihm eine Geſchichte erzählen zu dürfen; und als er es mir erlaubte, mußte er mir ſein Ehrenwort geben, mich nicht zu unterbrechen, ſondern mich bis zum Schluſſe ruhig anzuhören. Ich nahm ein Tabourett und ſetzte mich zu den Füßen der Fürſtin nieder. Oh, ich werde dieſe Scene nie vergeſſen. Das fürſtliche Paar, neben welchem ich ſaß, der Miniſter, welcher lächelnd hin⸗ ter meinem Seſſel ſtand, dieſe ganze geſchmückte und glänzende Hofgeſellſchaft, welche ſich auf einen Wink des Fürſten näher heran gedrängt hatte, und uns in ſchweigenden Gruppen umſtand, dazu die ſtrah⸗ lende Helle der Kronleuchter, die tiefe erwartungs⸗ volle Stille, die vielen Augen, welche auf mich ge⸗ richtet waren,— Alles dieſes hat ſich meiner Seele mit unauslöſchlichen Zügen eingeprägt. Ich erzählte meine Geſchichte! Ich war es mir bewußt, daß es eine Stunde war, welche nicht allein meine Recht⸗ fertigung vor der Welt zu erfüllen, ſondern auch 91 einem armen geknechteten Volke endlich Freiheit und Glück zu bringen hatte. Dieſes Bewußtſein gab meinen Worten Kraft und Bedeutung. Meine Seele flammte auf in einem einzigen Gedanken, in einem Gedanken der Rache und der Verſöhnung zugleich! Ich wollte einen grauſamen und tyranniſchen Heuch⸗ ler unerbittlich ſtrafen, und ein edles Weib mit ihrem Gatten verſöhnen. Ich hatte alle Beweiſe von der Schuld des Günſtlings mitgebracht, alle dieſe Be⸗ weiſe, welche er mir geſchrieben, und in welchen er mir immer ſeine Plane und Hoffnungen mitgetheilt. Ich erzählte die Geſchichte jedes Einzelnen dieſer Briefe, und ich ſah, wie er erblaßte und zitterte, und wie die Geſichter um mich her ſich zu erhellen begannen. Er neigte ſich zu mir nieder, und bat mich um Erbarmen, um Gnade. Aber ich dachte an dieſes Volk da draußen, welches um Brod ge⸗ wimmert hatte, während er in vergoldeten Sälen von den ihrer Armuth erpreßtem Nothpfennig geſchwelgt, und ich war unerbittlich! Und als ich meine ganze Geſchichte erzählt, als ich dieſen boshaften Plan ge⸗ gen die Fürſtin, geſchrieben von der Hand des Mi⸗ niſters, vorgeleſen, als ich dann mit flammenden Worten dem Fürſten erklärt, weshalb ich ſo gehan⸗ delt hatte, und was mich getrieben, für eine kurze 92 Zeit die Schmach der Welt zu erdulden, und als ich ihm ſprach von einem Volke, welches ihn liebte, und an ihn glaubte, und welches inmitten ſeiner Leiden niemals die Flüche für den tyranniſchen Günſtling mit den Gebeten für den geliebten Lan⸗ desherrn vermiſchte: da ſah ich Thränen in den Augen aller Zuhörer, da ſank der Mann, welcher ſo lange die Geißel geſchwungen über dem Haupte ſeiner Brüder, vernichtet und bewußtlos zuſammen; da ſchloß mich die Fürſtin in ihre Arme, und nannte mich laut und freudig ihre geliebte Freundin! Ich war gerechtfertigt, und mein Zweck war erreicht. Der Miniſter ward auf ſeine Güter verwieſen, und ein eben ſo weiſer als beim Volke beliebter Mann trat an ſeine Stelle. Das Volk war glücklich, und Viemand ſtand mehr hindernd zwiſchen dem Fürſten und ſeiner Gemahlin! Sie ſind ein wunderbares, ein herrliches Weib! rief Prinzeſſin Luiſe, indem ſie Lucinde zärtlich in ihre Arme ſchloß. Ja, Sie verdienen ganz die Be⸗ wunderung, welche die Welt Ihnen zollt. Oh, ich entſinne mich jetzt, von dieſer Geſchichte gehört zu haben. Aber Sie haben mir nicht Alles erzählt, Lueinde, Sie haben mir nichts geſagt von der Ver⸗ ehrung, welche das ganze Land für Sie hegte, nichts von dieſen Triumphen, welche man Ihnen bereitet, von dieſen Deputationen, welche aus Stadt und Land kamen, Ihnen Ihren Dank zu bringen! Oh, Sie müſſen mir auch dieſen ſilbernen Myrthenkranz zeigen, welchen die Fürſtin Ihnen als Andenken je⸗ ner Stunde gegeben und das Diplom, durch wel⸗ ches die Reſidenzſtadt des Fürſten Ihnen das Ehren⸗ bürgerrecht verliehen! Oh, das Alles iſt unwichtig, und gehört gar nicht hieher! ſagte Lucinde. Ich erzählte Ihnen dieſe Geſchichte nur, Prinzeſſin, um Ihnen einen Beweis zu geben, wie mächtig ein geſchmackvolles Florkleid und ein paar glühende Augen über das Hirn der Männer ſind. Dieſer Miniſter war ein ſehr kluger Mann, und er ließ ſich doch überliſten! Weil er Sie liebte! Oh, meine Prinzeſſin, entweihen Sie nicht die⸗ ſes edle Wort, indem Sie es mit dieſem Unmenſchen in Verbindung bringen! Er liebte mich nicht, denn er kannte mich nicht. Meine Seele lag vor ihm ſo verborgen und unſichtbar, wie der Leib der Schild⸗ kröte in ihrer undurchdringlichen Schale. Er wußte nichts von meinem innerſten Sein und Weſen! Ich hatte ihn gefangen in dem Netz meiner Blicke, und ein keidlich hübſches Geſicht, ein verheißendes Lächeln 2 ₰* 6 94 und ein paar Schultern, welche er niemals anders als verhüllt geſehen, das waren die Dämonen gewe⸗ ſen, welche ihn verleitet! Zweierlei Dinge waren es, welche ich aus jener kleinen Begebenheit gelernt. Ich hatte die Macht erkennen gelernt, welche eine ſchöne Frau über jeden Mann ausüben kann, wenn ſie will, und ich hatte gelernt, das Urtheil der Welt zu verachten! Man hatte mich verdammt, ohne mich geprüft zu haben, und die Welt, welche nur immer nach dem Schein rrichtet, hatte mich verurtheit, weil der Schein gegen ntch war! Seitdem iſt mir das Urtheil der Welt * gleichgiltig geweſen, und wenn ich für Jemand In⸗ tereſſe faſſen ſoll, ſo muß ich erſt hören, daß die Welt ihn ſchmäht. Die Welt verurtheilt niemals das Unbedeutende und Gemeine, ſondern nur das Ungewöhnliche, das Strahlende, das Seltene, welches den tollen Muth hat, anders ſein zu wollen, als ſie alle es ſind, dieſe thörichten und kleinlichen Menſchen! Sie urtheilen hart über die Menſchen! ſagte die Prinzeſſin. Aber gerecht! rief Lucinde. Gehen Sie, Luiſe, vertheidigen Sie nicht dieſe Menſchen, von denen man ſagen muß: ſie wiſſen nicht, was ſie thun, aber 6 — 95 ſie kreuzigen uns, weil wir beſſer ſind als ſie!— Ach, wie viel Liebhaber hat ſie mir nicht angedichtet, dieſe hämiſche und kleinliche Welt, wie viel Anekdoten hat man nicht erzählt von meiner Leichtfertigkeit und meinem Flatterſinn! Oh! es gibt kaum einen ſchönen und bemerkenswerthen jungen Mann, den man nicht meinen Geliebten genannt hätte, während ich doch in der Einſamkeit und Oede meines Herzens immer noch vergeblich auf den Meſſias warte, welcher mir das Geheimniß meines Daſeins enthüllen und mich aus dieſer kalten und jammervollen Welt zu dem Reiche der Liebe emportragen ſoll! Oh wo iſt er nur, wo finde ich ihn nur, meinen Erlöſer und Herrn, mit welchem Namen ſoll ich ihn nennen, und. Major von Bernthal! meldete in dieſem Augen⸗ blick der eintretende Diener. Die Prinzeſſin erhob ſich. Ich kann ihn nicht ſehen, flüſterte ſie leiſe, und doch dürfen Sie ihn nicht abweiſen! Gehen Sie in den Salon während ich Sie hier erwarte! Oder gibt es ein Mittel von hier fortzugehen, ohne ihm zu begegnen? Ein ganz einfaches, Hoheit. Sie haben die Gnade, durch mein Wohnzimmer zu gehen, während Bernthal im Salon iſt. Sie befahl dem Diener, den Major von Bern⸗ thal in den Salon zu führen, und dann geleitete ſie die Prinzeſſin durch die Reihe der bis zur Ausgangsthür. Und nun gehen Sie, meine holde Fee, ſagte die Prinzeſſin Abſchied nehmend, gehen Sie und machen Sie aus einer Hyäne einen fühlenden Menſchen! VI. Ein neues Leben. Lueindens Herz klopfte hörbar in ihrer Bruſt, als ſie durch die Zimmer zurückging, um ſich in den Salon zu begeben. Eine ſeltſame Befangenheit hielt ihr ganzes Weſen wie gefeſſelt, und machte ſie beben, ſie wußte ſelbſt nicht weshalb. Sie warf ihr Haupt ſtolz zurück, als wolle ſie dieſe Wolke abſchütteln, die ſie befangen machte, und als ſie dann in den Salon trat, war ihr Blick wie⸗ der klar und hell, und um ihre Lippen ſpielte wieder jenes anmuthige Lächeln, welches ſchon ſo Viele be⸗ zaubert hatte. Bernthal lehnte in einer Liſche des Fenſters und blickte hinunter auf die Straße. Er ſchien ihr Kommen gar nicht bemerkt zu haben, ſie mufßte ſich ihm hörbar machen, indem ſie leiſe ſeinen Name nannte. I. 7 98 Jetzt wandte er ſich um, nicht ſchnell, als ob er überraſcht von ihrer Gegenwart ſei, ſondern ganz langſam und gleichgiltig als ob ſie ihn aus lieben Träumen aufſtöre. Als er mit einer leiſen Verbeugung ſie anſah, erſchrak ſie faſt. Sie war niemals einem ſo eiſig kalten, ruhig indifferenten Blicke begegnet. Er haßt mich nicht einmal! dachte ſie. Oh, ich will nicht, daß er mich ſo anblicken ſoll! Und ſie warf auf ihn einen Blick, in welchem er jedenfalls den tiefen Haß zu leſen vermochte, den ſie in dieſem Moment wirklich für ihn empfand. Jetzt begegneten ſich ihre Augen, und haſfteten eine Sekunde faſt durchbohrend auf einander. Sie waren zwei Feinde, welche, indem ſie im Begriff ſind, einen Zweikampf auf Tod und Leben mit ein⸗ ander zu kämpfen, einander prüfen und mit kalter Grauſamkeit beobachten, um die am leichteſten ver⸗ wundbare Stelle, den ſicher tödtenden Punkt an dem dem Gegner zu erſpähen! Oh, er ſoll mich wenigſtens haſſen! dachte ſie. Sie ſoll es nicht wieder wagen, mich zu höhnen, dachte er, ſie ſoll es lernen, mich zu fürchten! Und wie viel glatte und gleichgiltige Worte ſprachen ihre Lippen, während ſie das dachten, und wer hätte in den tändelnden Geſellſchaftsphraſen, mit 99 denen ſie ſich unterhielten, die glühenden Gedanken ihrer Seele errathen mögen! Allmälig aber begann ihre Unterhaltung leb⸗ hafter zu werden. Es gab ſo viele Punkte, in denen ſich ihre Anſchauungsweiſe berührte, ſo viele Ueber⸗ einſtimmung in ihren Anſichten und Anſprüchen! Sie fühlten Beide eine ſo tiefe Verachtung für die Sphäre, welche ſich vorzugsweiſe„die Geſellſchaft“ zu nennen pflegt, Beide einen ſo glühenden Durſt nach Freiheit und Unbeſchränktheit. Sie theilten Beide die enthuſiaſtiſche Begeiſterung für die Kunſt, deren Blüthe und Vollendung ſie in Italien an Ra⸗ phael's und Michel Angelo's, an Titian's und Paul Veroneſes Meiſterwerken geſehen. Sie hatten Beide alle Länder Europas durchreiſt, um unter allen Him⸗ melsſtrichen und bei allen Völkern zu ſuchen nach dem, was ſie in ihrem Vaterland nicht zu finden vermocht, nach wahrer Menſchengröße, nach Freiheit, Liebe oder Glück. Sie hatten überall nur das Elend und die Erbärmlichkeit, die Kleinlichkeit und die Miſére gefunden! Nur daß dieſe Ueberzeugung auf Beide eine verſchiedene Wirkung ausgeübt hatte, nur daß Lucinde aus dieſer Erkenntniß der nichtigen und kleinlichen Welt ſich einen Schild gemacht hatte, mit dem ſie ſich gegen alle Verlockungen und Verſuchun⸗ 7* 40⁰ gen verpanzerte, während Bernthal darin unterge⸗ gangen war. Sie hatte ſich über dieſe Welt erho⸗ ben in der Freiheit ihres edlen Selbſtbewußtſeins, er war ein Sklave dieſer Welt geworden, und trug an ſeiner eigenen Seele die Feſſeln ihrer Erbärmlichkeit! Erſt als Bernthal ſie verlaſſen hatte, erinnerte ſich Lucinde daran, daß zwiſchen ihnen von der Prin⸗ zeſſin gar nicht die Rede geweſen. Aber er hatte gebeten, wiederkommen zu dürfen, und er kam wieder. Gleich am nächſten Morgen, — aber obwohl er noch länger wieder blieb, als das erſte Mal, hatten ſie Beide doch wieder keine Zeit gehabt, von der Prinzeſſin und von dieſen unheil⸗ vollen Briefen zu ſprechen! Doch dazu war ja noch immer Zeit, denn ſie hatte ihm abermals erlaubt wieder zu kommen, um ihr ein ſeltenes Muſikſtük von Pergoleſi zu bringen, das er in Rom von einem Antiquar gekauft hatte, und zwar als ungedrucktes Manuſkript, von des Meiſters eigener Hand ge⸗ ſchrieben. Diesmal verhinderte die Muſik ſie daran, von anderen Dingen zu ſprechen, und Beide waren ſie vielleicht deſſen froh, Beide ſchienen ſie es zu ſcheuen, die Vergangenheit zu berühren! Beide gewohnt, ven, dem Moment nur den 101 Moment zu fordern, und dankbar zu ſein, wenn die⸗ ſer inhaltsreich und genußvoll, gingen die Gedanken nicht über dieſen hinaus, verlangten ſie von der Ge⸗ genwart nicht, daß ſie ihnen die Zukunft zu dauern⸗ dem Glücke begründe. Sie ſtrebten Beide nicht nach Glück, ſie, weil ſie es nicht kannte, er, weil er nicht mehr daran glaubte! Aber ſie waren ſich Beide bewußt, daß ſie fähig waren, einander zu verſtehen, und daß in ihren kühnſten Phantaſien und ihren begeiſterteſten Träu⸗ men Einer dem Blicke des Andern zu folgen ver⸗ mochte. Sie hatten Beide das Leben in ſeiner Vielſei⸗ tigkeit kennen gelernt, ſie hatten Beide die Menſchen ſo klein und niedrig, die Natur ſo groß und ſo er⸗ haben geſehen, ſie liebten Beide die Welt, ſie waren ſie Beide durchwandert, um ihre Schönheiten zu ſehen, nur daß Lueinde ſie von den Höhen und Berg⸗ gipfeln herab betrachtet hatte, und daß Bernthal in den Abgründen und in der Tiefe ihr nachge⸗ jagt war! ₰ Aber immer doch hatten ſie daſſelbe gewollt, daſſelbe erſtrebt, immer doch waren ſie jetzt auf dem⸗ ſelben Punkte angelangt, um ſich die Hände zu reichen, wie ein Paar müde Wanderer es thun, und zu ein⸗ ½„ 102 — ander zu ſagen: ſuche das Glück nicht in der Ferne, denn dort iſt es nicht; hoffe nicht, es in der Vähe zu finden, denn auch dort iſt es nicht! Das Glück iſt immer dort drüben, aber wir können nicht hin⸗ über, denn ein Abgrund liegt zwiſchen uns und dem Glück! Deshalb laß uns hier ausruhen am Rande des Abgrundes, und hinüberſchauen nach dem Glück! Vielleicht, daß es zu uns herüberſchwebt, oder daß es uns mindeſtens einige phantaſtiſche Träume und einige berauſchende Täuſchungen ſendet! VMI. Leben und Tod. Und die Tage rauſchten dahin, ſo ſchnell, ſo pfeilgeſchwind, wie es Lueinden nie geſchehen, denn zum erſten Male hatten ihre Tage für ſie einen In⸗ halt, eine Bedeutung; ſie waren immer der Vorgän⸗ ger eines andern Tages, eines inhaltreichen Morgen! Sie ſegnete die Sonne, wenn ſie ſich ſenkte, und die Nacht, wenn ſie kam, dem ruheloſen Treiben des Tages ein Ende zu machen; ſie dankte Gott für den Schlummer, der ſie die Länge der Nacht nicht empfinden ließ, und wenn ſie am ſpäten Morgen erwachte, ſuchte ihr erſter Blick die Uhr, und dann ſagte ſie freudig:„nur noch wenige Stunden, und er wird kommen!“ Und bei alle dem wußte ſie nicht, daß ſie ihn liebte. Gleich jenen Nachtwandlern, welche am Rande des Daches ſicher ihren Weg verfolgen, bis man ſie mit lautem Ruf erwecket, und in die Tiefe ſie hinab⸗ ſtürzen macht, gleich Jenen ging ſie träumend um⸗ her, würde das Erwachen und die Erkenntniß ſie in einen Abgrund geſchleudert und ſie elend gemacht haben! Sie würde nicht an die Möglichkeit einer ſolchen Liebe geglaubt, ſie würde ſie für einen Ver⸗ rath an ſich ſelber gehalten haben. Sie überredete ſich, daß es nur ſein feuriger Geiſt, ſeine anregende Unterhaltung ſei, welche ſie feſſelte, und daß ſie nur ihn an ſich feſſeln wolle, um endlich eines Tages ihr großes Ziel zu erreichen, und ihn zu der Herausgabe der Briefe zu vermögen. Zudem hatte er ihr niemals ein zärtliches Wort ge⸗ ſagt, oder nur eine leiſe Andeutung gemacht, daß er ſie liebe, und wie würde die ſchöne, die gefeierte und ſiegreiche Baronin Lucinde von Winter einen Mann lieben können, der ſie nicht lange zuvor angebetet, der nicht mit Thränen und Liebesſchwüren, mit Ver⸗ zweiflung und Entzücken um ſie geworben hatte Er ſtand vor ihr, kalt, ehern und feſt, wie ein Fels. Wußte ſie denn nicht, daß die Liane ſich am zuverſichtlichſten und inbrünſtigſten um den Fuß des Felſens rankt, und daß der Ephen es liebt, die ſtolze, himmelanſtrebende Eiche zu umarmen? — 105 Er hatte ſie eben verlaſſen. Sie ſtand am Fenſter und blickte ihm nach. Sie ſah ihn hinaus⸗ treten auf die Straße, und als er ſich auf ſein Pferd ſchwang, bewunderte ſie die Leichtigkeit und Grazie ſeiner Geſtalt, die noble Eleganz ſeiner ganzen Er⸗ ſcheinung. Er wandte ſich nicht um, nicht einen Blick richtete er zu ihrem Fenſter empor. Sein Antlitz war gleichgiltig und ernſt, ſein Auge blickte gedankenvoll in die Ferne. Sie war es ſich bewußt, daß er ſie vergeſſen habe, ſobald er die Schwelle ihres Hauſes hinter ſich gelaſſen, daß er nur ſo lange bei ihr ſei mit ſeinen Gedanken, als er neben ihr ſei mit ſeinem Körper. Dennoch lächelte ſie, und als ſie ihn die Straße hinunterſprengen, und hier und da die Leute ſtill ſtehen ſah, um dieſen tollküh⸗ nen und gewandten Reiter und ſein edles muthiges Roß zu betrachten, ſagte ſie mit einem köſtlichen Er⸗ röthen laut und freudig die Worte, welche Hamlet von ſeinem Vater ſagt:„er iſt ein Mann, nehmt Alles nur in Allem, ich werde niemals ſeines Glei⸗ chen ſehen!“ Plöblich ſtieß ſie einen Schrei aus, und ihre Wange erbleichte. Sie ſtarrte hinunter auf die Straße, auf jenes blaſſe Weib, welches da drüben an der Mauer des Hauſes lehnte. Sie hatte geſe⸗ 106 hen, wie dieſes blaſſe Weib, gleich ihr ſelber, dem davon jagenden Bernthal nachgeſehen, wie ſie dann drohend den Arm erhoben und ihre Lippen bewegt hatte, wie zu einer Verwünſchung. Sie konnte die Worte nicht vernehmen, welche dieſes bleiche Weib geſprochen, aber ſie las die Bedeutung derſelben in dem Hohnlächeln ihrer ſchmalen farbloſen Lippen, in dem Leuchten ihrer dunkeln flammenden Augen. Lucinde kannte dieſes bleiche Weib, und zum erſten Mal ſeit vielen Tagen erinnerte ſie ſich jetzt, daß Bernthal noch eine andere Feindin habe, als die Prinzeſſin Luiſe. Zum erſten Mal entſann ſie ſich wieder des verhängnißvollen Bundes, welchen ſie mit Marien geſchloſſen. Es war Marie, welche da unten ſtand, und als ſie jetzt, nachdem Bernthal verſchwunden, lang⸗ ſam ſich umwandte, und die Straße überſchreitend gerade auf Lucindens Wohnung zuſchritt, hatte di ein Gefühl, als ob der Tod plötzlich mit eiſernem Fußtritte alle ihre Wünſche und Hoffnungen zertre und die Blüthen und Knospen ihres Herzens ver⸗ nichte. Sie ſtieß einen Schrei aus, und ſtürzte nach der Thür hin, mit dem unbeſtimmten Verlangen, dieſe zu verſchließen, damit Marie dieſe Schwelle 107 nicht überſchreite, welche ſein Fuß noch ſo eben be⸗ rührt. Aber dann hatte ſie ein Gefühl der Beſchä⸗ mung über ihre eigene Feigheit, und ſie ſagte ent⸗ ſchloſſen: ich will ſie ſprechen! Als daher der Diener kam, Marie Willmers anzumelden, befahl ſie ihm, dieſelbe hereinzuführen, und wenige Minuten ſpäter trat Marie in das Ge⸗ mach der Baronin. Lucinde ging ihr lächelnd entgegen, und reichte Marien die Hand, welche dieſe leiſe mit ihren eis⸗ kalten Fingerſpitzen berührte und ſich dann langſam auf den Seſſel gleiten ließ, den ihr Lucinde dicht neben dem Divan, auf welchem ſie ſelber ſaß, ange⸗ wieſen hatte. Wir haben uns lange nicht geſehen! ſagte die Baronin nach einer Pauſe. gedenk, ich weiß es! erwiederte Marie in ihrer tonloſen Weiſe. Wir haben Beide an ſeinem rben gearbeitet! Er iſt täglich bei Ihnen! Liebt er Sie ſchon? Oh, er muß Sie lieben, denn Sie ſind ſchön wie ein Engel, und Sie lächeln ihn ſo verführeriſch an. Er kann Ihnen nicht wiederſtehen! Sagen Sie mir, laſſen Sie ihn leiden, quälen Sie Nein, aber wir waren Beide unſeres Schwurs 108 ihn, und lachen Sie höhniſch zu ſeinen S und ſeinem Jammergeſchrei? Sie ſah Lucinden mit ſo forſchenden dintin genden Blicken an, daß dieſe verwirrt den Blick zu Boden ſenkte. Er hat mir noch niemals geſagt, daß er mich liebe! flüſterte ſie kaum hörbar. Marie brach in ein kurzes gellendes Lachen aus, dann ließ ſie ihr Haupt an die Lehne des Seſſels zurückfallen, und ſtarrte, wie ſie es zu thun pflegte, in das Leere hin. Lueinde wagte es nicht, ſie anzureden, oder in ihren Gedanken zu ſtören. Sie hatte eine furcht⸗ ſame Scheu vor dieſem bleichen Weibe mit den zu⸗ ſammengezogenen Augenbrauen und den feſt aufein⸗ ander gepreßten Lippen. Sie erſchien Lucinden wie eine jener bleichen Schickſalsnornen, deren Berüh⸗ rung Unglück und deren Athem Tod und r bringt. Plötzlich, und ohne ihre Stellung zu verä immer noch hinſtarrend in das ichts, begann zu ſprechen, und Lucinde hörte ihr zu mit herz fender Bruſt, in athemloſer Spannung. Als ich zurückkehrte aus dem Zuchthaus, ſagte ſie, da bat mich meine Mutter, ihr zum Willkommen einen Kuß zu geben. Ich verweigerte ihr dieſen Kuß, und ſagte zu ihr, daß ich einen Schwur ge⸗ 109 than, Viemand als der Tod oder der Henker ſolle jemals meine Lippen wieder küſſen! Ich werde mei⸗ nen Schwur halten! Als Karl neulich mit grauſamem Hohn mich beſchuldigte, daß ich dieſes Ungeheuer noch liebte, erwiderte ich ihm, daß ich ihm beweiſen wolle, wie ſehr ich dieſen Menſchen haſſe, und daß die ganze Welt ihm meinen Haß bezeugen ſolle. Ich werde es Karl beweiſen, und vielleicht wird er dann einſt auf mein Grab kommen, und den Fluch von mir nehmen. Ich verlange nicht, daß er alsdann mir verzeihe und mich ſegne, denn ich bin ein ſchmach⸗ beladenes Geſchöpf, und an meinen Händen klebt verbrecheriſches Blut! Ich verdiene ſeinen Segen nicht, aber er wird vielleicht aufhören mir zu fluchen, und das iſt genug, und darum werde ich thun, was ich beſchloſſen habe zu thun! Und was haſt Du beſchloſſen? fragte Lueinde Marie ſchwieg einen Augenblick. Ich werde ihn n ſagte ſie dann langſam und tonlos. Lucinde ſtieß einen Schrei aus, und verhüllte ihr Geſicht. Marie fuhr fort: Ich habe alle dieſe Vächte auf meinem Strohlager geſeſſen, und den Stimmen zugehört, welche um mich her flüſterten und siſchelten, ich habe alle dieſe böſen Geiſter, welche 11¹0 immer um mein Bett ſtehen, und mich nicht ſchlafen laſſen, ich habe ſie Alle angehört, und ſie haben Alle geſagt:„Er muß ſterben! Er hat den Tod ver⸗ dient! Tödte ihn!“ Nein, nicht eine einzige Stimme hat für ihn geſprochen, keines Engels Stimme hat für ihn um Erbarmen gefleht, denn ſein guter Engel wacht nicht mehr, und dem Teufel gehört ſeine Seele! Aber ich flehe für ihn um Erbarmen! rief Lu⸗ einde, ich, welche alle ſeine Verbrechen kennt, und ſeine Schuld verabſcheut, ich ſage demioch zu Dir: habe Mitleid mit ihm! Gieb ihm Zeit, daß er bereue und ſich beſſere! Nein, nein, tödte ihn nicht! Gieb ſeinem edlen Selbſt Zeit ſich wieder emporzuringen aus dieſer Verderbniß, gieb ihm Friſt, daß er ſich wieder erhebe aus ſeiner Erniedrigung, und wieder ſo edel, ſo groß und ſo ſchön werde, wie die Nat ihn beſtimmt hat, zu ſein! Marie lachte wieder. Es war ein Lachen, Lucinde ſchaudern machte. So mögen die Dämon der Unterwelt gelacht haben zu den Qualen der Verdammten, welche ſich Erbarmen erflehend zu ihren Füßen wanden. Kein Erbarmen, rief Marie, inden ſie ſich em⸗ porrichtete, und die Arme vor ſich hinſtreckte, als — wolle ſie jede Bitte um Gnade von ſich zurückweh⸗ ren. Ich habe geſchworen, ihn zu tödten, und er muß heute noch ſterben! Heute noch? rief Lucinde mit einem Aufſchrei des Entſetzens. Nein, nein, dies kann nicht ſein! Du wirſt Dich erweichen laſſen von meiner Angſt, von meinen Thränen! Marie ſchüttelte langſam das Haupt. Ich habe früher auch viel geweint, ſagte ſie, ich habe mich an der Erde gewunden, wie ein Wurm, und Niemand, ſelbſt Gott nicht, hat Erbarmen mit mir gehabt. Jetzt ſind meine Thränen längſt vertrocknet, und ich will keines Menſchen Mitleid mehr, aber ich will auch für keinen Menſchen Mitleid empfin⸗ den! Mein Leben iſt fertig, und der Henker wird meine Lippen küſſen, denn ich werde den Mann tödten, der aus mir eine Verbrecherin und eine Mör⸗ 2 derin gemacht hat! Das wirſt Du nicht thun! rief Lucinde, indem 2 in leidenſchaftlicher Erregung von ihrem Sitze emporflog. Nein, Marie, zum lehth Male, habe Erbarmen! Marie ſtampfte wild mit dem Fuße, und ihre ruhigen marmornen Züge nahmen plötzlich einen wilden Ausdruck an. 112 Jammern Sie nicht mehr, ſagte ſie, und laſſen Sie es endlich genug ſein mit dieſer Litanei. Es iſt doch Alles umſonſt, und was geſchehen muß, das wird geſchehen! Ich bin nicht gekommen, um von Ihnen einen Rath zu erbitten, oder Sie um Erlaub⸗ niß zu bitten zu meinem Werk, ſondern ich bin ge⸗ kommen, um Ihnen einen Rath zu ertheilen, und Sie zu erinnern an den Schwur, welchen Sie ge⸗ leiſtet: Sie wollen kein Mittel unverſucht laſſen, ihm dieſe Briefe zu entreißen, mit welchen er Ihre Freundin bedroht. Haben Sie dieſe Briefe ſchon? — Antworten Sie mir! wiederholte ſie heftig, als Lucinde ſchwieg. Haben Sie dieſe Briefe ſchon? Ich habe ſie nicht! flüſterte Lucinde. Marie lachte wieder. Ihre wilde dämoniſche Luſtigkeit hatte etwas Grauenhaftes. Hören Sie mich! ſagte ſie dann. Ich ſtand vorhin drüben auf der Straße, und ſah, wie er da⸗ von ritt, und wie Sie hier am Fenſter ſtanden u ihm nachblickten. Er wandte ſich nicht nach F um, nein, nicht ein einziges Mal! Wiſſen Sie, wes⸗ halb er es nicht that? Weil er ein anderes Liebchen hat, weil er nicht an Sie dachte, ſondern an dieſes junge, wunderſchöne Engelsangeſicht ſeiner Geliebten, welche er hütet, daß kein Menſch ſie ſieht, und 113 welche er in einem einſamen Hauſe, wie in einem Käfig verſchloſſen hält! Lueinde ſah ihr mit ſtolzen flammenden Blicken ins Angeſicht. Ah, Du willſt mich gegen ihn auf⸗ reizen, ſagte ſie. Aber dies ſoll Dir nicht gelingen! Ich glaube Dir nicht! Er hat keine Geliebte! Marie zuckte verächtlich die Achſeln. Ich habe ſie ſelber geſehen, ſagte ſie. Und wovon weißt Du, daß ſie ſeine Ge⸗ liebte iſt? Weil ich ſein Angeſicht ſah, als er ſie in ſeine Arme ſchloß und ſie küßte, weil ich ihn vor ihr knieen ſah und den Blick beobachtete, mit welchem er zu ihr empor ſchaute. Ich kenne dieſen Schlangenblick, mit welchem er ein unſchuldiges Vögelein bezaubert, und ich ſage Ihnen, dieſes arme junge Engelskind iſt ſeine Geliebte. 5 Lucinde ſtieß einen wilden Schrei aus und ſank halb bewußtlos auf den Divan zurück. Das war es, was ich Ihnen ſagen wollte, fuhr Marie fort. Wenn ſie wiſſen wollen, wo dieſe Briefe ſind, welche Sie ſuchen, ſo gehen Sie zu dieſem Mädchen hin, denn ich glaube, daß ſie mehr davon weiß, als wir Beide!— Und mun noch Eins! Ich I. 8 1¹4 ſagte Ihnen, daß ich ihn tödten will, und zwar noch heute! So wie es gethan iſt, gehe ich hin, und über⸗ liefere mich den Gerichten. Sie können mich nicht zum zweiten Male zum Leben verdammen, welches ſie„begnadigen“ nennen, nein, dieſes Mal werden ſie mich tödten müſſen, denn es wird eine unleug⸗ bare und richtige Mordthat ſein, und ich werde ſie ihnen mit dem Blute beweiſen, welches an meinen Händen klebt! Sie ſagte das ſo ruhig und kalt, als ob ſie von den allergewöhnlichſten und gleichgiltigſten Din⸗ gen ſpreche! Lucinde ließ ihre Hände von ihrem An⸗ geſicht gleiten, und ſtarrte ſie an. Sie war unge⸗ wiß, ob Marie im Ernſte ſo geſprochen, oder ob es nur die Phantaſien des Fiebers oder des Wahnſinns geweſen, welche aus ihr geredet. Plötzlich veränderte ſich der Ausdruck ihres Ge⸗ ſichtes, und es flog wie ein Lichtſtrahl über ihre marmornen Züge. Als ſie dann ſprach, klang ihre Stimme ſelbſt verändert, nicht mehr abſtoßend und hart, ſondern weich und milde, und wie in Seußern erzitternd. tun Und jetzt habe ich noch eine Bitte an Sie, ſagte ſie. Morgen, wenn es gethan ſein, und die ganze Stadt es wiſſen wird, dann ſchicken Sie zu dem 115 Manne, deſſen Name hier auf dieſem Zettel ſteht! Hier nehmen Sie dieſen Zettel und dieſes kleine Packet und bewahren Sie Beides wohl bis morgen! Und dann ſchicken Sie zu ihm, und ſagen Sie ihm, er ſolle zu ihnen kommen! Er wird kommen, denn er weiß ja nicht, daß es eine Botſchaft iſt von mir. Er wird kommen, und Sie werden ihn ſehen, und das iſt dns Einzige, um welches Ich Sie beneide. Er heißt Karl, nicht wahr, das iſt ein ſchöner und gottgeſegneter Name? Sein Sie freundlich zu ihm, ſagen Sie ihm, daß ich heute bei Ihnen war, geben Sie ihm dieſes Packet, und wenn er es fortwerfen will, weil es von mir kommt, ſo ſagen Sie ihm, daß es nichts enthält, als einen vertrockneten Blu⸗ menſtrauß, den er mir einſt gegeben, eine Schleife und ein kleines Gedicht, das er zu meinem Geburts⸗ tag für mich gemacht. Sagen Sie ihm, daß dieß meine größten und heiligſten Schätze geweſen, und wenn ich ſie jetzt fortgäbe, ſo geſchähe es nur, weil ich nicht wollte, daß der Henker ſie auf meiner Bruſt finden und berühren ſollte. Und dann zuletzt, wenn Sie dies Alles zu ihm geſagt, dann fügen Sie noch dieſe meine letzten Worte hinzu: Ein einziges Mal in meinem Leben iſt er hart und grauſam gegen mich geweſen, und das war neulich, als ich wie ein 8* . 116 zertretener Wurm zu ihm kam, und nichts weiter wollte, als ſeine Verzeihung erflehen! Ja, da war er grauſam und ungerecht, denn er ſagte, er ſei arm und könne mir nichts geben, ich ſolle zu Bern⸗ thal gehen, zu meinem reichen Geliebten! Und dann, als ich ſagte, daß ich dieſes Ungeheuer nicht liebte, daß ich ihn haßte, wie die Sünde, wie mich ſelber, da lachte Karl. Dieſes Lachen zerſchnitt mir die Seele, und ich ging fort, und ſchwur, ihm zu be⸗ weiſen, daß ich dieſen Bernthal verabſcheue und haſſe, wie nur das geſchlachtete Lamm ſeinen Schlächter haſſen kann! Das ſagen Sie ihm, und daß ich die⸗ ſen Menſchen nur ermordet habe, damit Karl ihn S meinen Geliebten nennen ſolle! fuhr ſie hoch aufathmend fort, nun iſt es zu zn2 Ich habe nichts mehr zu ſagen! Leben Sie wohl! Lucinde hielt ſie mit zitternden Händen zurück. Dies kann, dies darf nicht ſein, ſagte ſie. Du darſſt ihn nicht tödten, nicht bevor wir die Briefe haben! Erinnere Dich unſeres Uebereinkommens, Du woll⸗ teſt mir helfen, ihm dieſe Briefe zu entreißen! Und Sie wollten machen, daß er Sie liebe, und verzweifle in der Hoffnungsloſigkeit ſeiner Liebe! Haben Sie Ihr Wort erfüllt? Ich ſah Sie am — —.——— —— 117 Fenſter ſtehen, um ihm nachzuſehen, aber er ſchaute nicht nach Ihnen um! Wir können Beide unſern Schwur nicht erfüllen! Hilf mir, dieſe Briefe zu bekommen, und bis dahin ſchone ihn! flehte Lucinde, indem ſie ſich an Mariens Arm hing. Marie zog die Augenbraunen finſter zuſammen, und ſtieß die Baronin unſanft zurück. Ihre Geduld war erſchöpft, dieſer Widerſtand machte ihr Blut fieberiſch glühen. Was kümmern mich Ihre albernen Briefe! ſagte ſie rauh. Sehen Sie zu, wie Sie ſie bekom⸗ men. Er muß ſterben! das iſt mein letztes Wort! Sie näherte ſich wieder der Thür. Aber jetzt flog Lucinde, welche einen Moment wie zerbrochen zuſammen geſunken war, empor; jetzt war ſie es, welche Marien zurückſtieß, und mit glühenden Wan⸗ gen, mit zornflammenden Augen, die Arme feſt in einander gepreft, ſtand ſie jetzt vor der Thür, welche Marie eben hatte öffnen wollen. Nun wohl denn, rief Lucinde mit lauter kräfti⸗ ger Stimme, wenn kein Bitten und kein Flehen mehr hilft, ſo werde ich Gewalt gebrauchen! Ich ſage Dir, ich will nicht, daß Du ihn tödteſt, er ſoll leben, und ich dulde es nicht, daß Du ſeine Mör⸗ 118 derin wirſt! Mag auch kommen, was da wolle, ich laſſe Dich dieſe Schwelle nicht überſchreiten! Ich klammere mich an Dich und zwinge Dich zu bleiben! Du wirſt dieſes Zimmer nicht verlaſſen, Du biſt meine Gefangene, und nun wollen wir ſehen, wer von uns Sieger bleibt! Marie hatte Anfangs nur mit dem Ausdruck ruhigen Erſtaunens da geſtanden. Aber plötzlich hatten ihre Züge ſich verändert. Ihre bleichen Wangen glühten, ihre Augen ſchoſſen Blitze, und ein ſo wilder Ausdruck der Wuth war in ihrem Geſicht, daß Lueinde unwillkürlich ſchauderte. Das war nicht mehr das Antlitz eines Weibes, es war der Kopf einer Tigerin, welche mit ſprühen⸗ den Feueraugen und mörderiſchem Wuthgeſchrei ſich auf ihren Feind ſtürzt. Lucinde ſah dieſes entſetzliche Geſicht näher auf ſich heran ſchreiten, wie ein Meduſengeſicht machte es ihr Herz ſtille ſtehen, und das Blut in ihren Adern erſtarren! Sie ſchloß die Augen, ſie fühlte ſich von zwei Armen empor getragen, und von der Thür fortgeſchleudert. Sie wollte ſchreien, aber die Hand, welche ſich ſchwer und eiſern auf ihren Hals, ihren Mund legte, brachte ſie dem Erſticken nahe, ee 119 und eine leiſe, aber zornige Stimme ziſchelte in ihr Ohr: einen Laut, einen Schrei, und ich erwürge Sie! Es dunkelte vor ihren Blicken— ſie ward ohnmächtig. Eine geraume Zeit mochte vergangen ſein, als Lucinde wieder erwachte.— Sie ſchlug die Augen auf, und ihr noch trüber und irrender Blick ſchien etwas in dem Zimmer zu ſuchen. Aber dieſes Zim⸗ mer war leer, ſie war allein! Lucinde legte die Hand an ihre Stirn, und ſuchte ihr trübes Gedächt⸗ niß, ihr ſchlummerndes Denkvermögen zurück zu ru⸗ fen. Und jetzt erinnerte ſie ſich, jetzt flog ſie empor, und das Blut, welches eben noch zu Eis erſtarrt geweſen, ſchoß jetzt wie ein glühender Feuerſtrom durch ihre Adern. Ja, ſie war allein, Marie hatte ſie ver⸗ laſſen, und ſie war hingegangen, um Bernthal zu tödten! Ihn zu tödten! Lueinde ſtürzte wie eine Raſende zur Thür, und zog die Klingel ſo heftig, daß alle ihre Leute entſetzt herbei eilten. Sie fragte mit zitternder Haſt, wie lange es her ſei, daß Marie Willmer ſie ver⸗ laſſen, und ob es noch möglich ſei, ſie einzuholen. Aber die Antwort war, daß Marie ſchon vor einer Stunde fortgegangen ſei, nachdem ſie dem Diener im Vorzimmer den Befehl ſeiner Herrin ge⸗ 120 bracht, ſie ungeſtört zu laſſen, bis ſie nach ihm klin⸗ geln würde! Erſt eine Stunde war verfloſſen! Es mochte noch Zeit ſein, Lurinde konnte vielleicht noch Mariens mörderiſche Plane vereiteln! Kein Zaudern und Schwanken war in ihr. Sie befahl ſogleich den Wagen vorfahren zu laſſen, warf mit zitternden Händen einen Mantel um, und indem ſie ſich in den Wagen ſchwang, befahl ſie dem Kutſcher, ohne im Mindeſten zu erröthen oder zu zaudern, ſo raſch die Pferde jagen könnten, nach Britiſh Hotel unter den Linden zu fahren. Als der Wagen hielt, und der Kellner an den Schlag trat, ihn zu öffnen, fragte ſie ohne Scheu nach dem Baron von Bernthal, und bat, ihn ſogleich zu benachrichtigen, daß eine Dame ihn zu ſprechen wünſche! 2 Aber der Baron von Bernthal war nicht zuge⸗ gen. Er hatte vor einigen Stunden ſchon das Ho⸗ tel verlaſſen, und die Weiſung zurückgelaſſen, daß er nicht im Hotel ſpeiſen, ſondern erſt zur Nacht zurück⸗ kehren würde. Und wiſſen Sie nicht, ob er heute ſchon Briefe oder Beſuche empfing? fragte Lueinde, wenig Acht habend auf das ſpöttiſche Lächeln, mit welchem der ———— —— 121 Kellner ſie betrachtete, ſie vielleicht für eine Donna Elvira haltend, welche verzweiflungsvoll ihrem treu⸗ loſen Don Juan nachjagte. Ja, er hatte in der Frühe ſchon einen Brief empfangen, und eine alte Frau war eine Zeit lang bei ihm geweſen. Der Kellner legte einen beſondern Nachdruck auf das„alte Frau,“ als wolle er dieſer angſt⸗ vollen Dame verſichern, daß ſie von dieſem Beſuch nichts zu fürchten gehabt. Und er ſagte, daß er nicht zum Diner heim⸗ kehre? Ja, gnädigſte Frau, er ſagte, daß ſein Diener ihn erſt ſpät am Abend zu erwarten habe. Lucinde ſank ächzend in den Wagen zurück. Der Kellner lächelte, der Bediente fragte, wohin die gnädige Frau jetzt zu fahren befehle! For! ſagte ſie wild, und der Wagen brauſte dahin. Sie war ganz betäubt, ganz bewußtlos, und erſt dann erwachte ſie aus ihrem Sinnen, als der Wagen hielt, und der Diener den Schlag öffnete. Wo ſind wir? fragte ſie aufſchreckend. Ew. Gnaden befahlen nach Hauſe zu fahren! Vach Hauſe! Was ſollte ſie da? Würde ſie 122 ihn da finden können? Wußte ſie nicht, daß er heute nicht mehr zu ihr kommen werde? Aber der Zufall konnte ihr günſtig ſein, irgend ein mitleidiger Stern konnte ihn in ihren Weg füh⸗ ren, damit ſie ihn warnen, ihn beſchwören könnte, auf ſeiner Hut zu ſein. Ich will ſpazieren fahren, ſagte Lucinde. Nicht in's Freie, nicht in den Thiergarten, ſondern durch die Straßen; aber laßt die Pferde langſam, im Schritt fahren, mein Kopf ſchmerzt mich! Und ſie fuhr durch die belebteſten Straßen Ber⸗ lins, endlich durch Gaſſen und Gäßchen, ſie ſpähete durch die geſchloſſenen Glasfenſter nach jedem Vor⸗ übergehenden!— Es war Alles umſonſt, und nach⸗ dem ſie Stunden lang ſich vergeblich bemüht, befahl ſie endlich, in das Hotel zurück zu fahren. In ihrem Zimmer angelangt, überfiel ſie eine troſtloſe Bangigkeit, eine rathloſe Angſt. So lange ſie im Wagen geweſen, und nach ihm auf die Straße hinaus geſpäht, hatte ſie mindeſtens noch eine Hoff⸗ nung gehabt, einen ſchwachen Schimmer der Mög⸗ lichkeit, ihn zu entdecken. Jetzt war auch dieſer ver⸗ ſchwunden, ſie hatte nichts zu thun, als die Hände zu Gott empor zu ringen, und ihn um Gnade, um Erbarmen zu flehen! ———— 1 3 123 Aber wie ſie jetzt, inmitten ihrer Angſt, ihrer Rathloſigkeit an ihn dachte, und ſich Bernthals blei⸗ ches und edles Geſicht vergegenwärtigte, was war es, was ſie da plötzlich wie mit einem ſüßen Schauer durchrieſelte? Was war es, das ſie erbleichen und erröthen, und ihre Augen höher glühen machte? Es war, weil ein Strahl der Erkenntniß durch ihre Seele gefahren, weil ſie in dieſer Stunde ſich ſelber hatte verſtehen gelernt! Sie ſank auf ihre Knie nieder, und indem ſie ihre Arme und ihr ſtrahlend ſchönes Antlitz zum Himmel erhob, rief ſie aus tief bewegter Seele: ich danke Dir, Gott, ich danke Dir! Ich bin nicht mehr allein, nicht mehr einſam. Du haſt die Oede meines Herzens ausgefüllt, Du haſt den Felſen meiner Bruſt berührt und gemacht, daß ihm ein Quell des Glückes entſtröme! Du haſt mich gelehrt zu empfinden, zu lieben! Ja, ich liebe, liebe mit der ganzen Kraft meiner Seele! Segen und Glück über ihn, den ich liebe! IX. Ein Wordverſuch. In dem„Salon“ der Frau Wilmers, das heißt in dieſem in eine Menſchenwohnung umgewandelten Pferdeſtall, ging es heute luſtig zu. Man hörte da drinnen ſingen und lachen und luſtiges Gläſer⸗ klingen. Frau Wilmers hatte ein paar gute Freunde zu ſich eingeladen, ein paar liebe, vertraute Freunde, und alte Bekannte zugleich von Marie, denn ſie hatte mit ihnen zuſammen zwei Jahre im Zuchthauſe gelebt. Es waren ein paar wild blickende, wüſte Ge⸗ ſellen, welche da neben dem Tiſche der Frau Wil⸗ mers ſaßen. Etwas Tückiſch⸗Lauerndes und Ent⸗ ſchloſſenes lag auf ihren rohen, verwilderten Geſich⸗ — tern ausgeprägt. Man ſah es ihnen an, daß ſie vor keinem Verbrechen zurückbeben und kein„Ge⸗ ſchäft“, welcher Art es immer ſei, zurückweiſen würden, vorausgeſetzt,„daß etwas damit zu machen“, nämlich Geld zu verdienen ſei.— Für ſie gab es keine Schande und kein Verbrechen mehr, und ſie würden den verlacht haben, welcher ihnen von einem Gewiſſen oder von einem Gott geſprochen hätte. Sie waren Beide noch jung, aber doch hatten ſie ſchon den größten Theil ihres Lebens im Zucht⸗ hauſe zugebracht, und ſie nannten ſich ſelbſt, nicht ohne Stolz,„ ausgelernte Meiſter der Diebeskunſt.“ Und das waren die Freunde, welche Frau Wil⸗ mers zu ſich eingeladen. Sie ſaß neben ihnen an dem wackelnden Tiſche, auf welchem die gefüllte Branntweinflaſche neben einem großen Brod und ein paar Meſſern und Glä⸗ ſern lag. Sie ſchwatzte und ſang mit dieſen wüſten Geſellen, aber Marie nahm keinen Theil an ihrer Luſtigkeit. Sie ſaß auf dem binſengeflochtenen Stuhl vor dem kleinen eiſernen Ofen, deſſen Thüre ſie geöffnet hatte, um ſich an dem Feuer zu wärmen. Die in⸗ einander geſchloſſenen Hände über die Kniee gelegt, ſaß ſie unbeweglich da, und ſtarrte in die Kohlen⸗ 126 glut, welche ihr bleiches Geſicht mit röthlichem Glanze beleuchtete. Sie ſchien die Geſpräche der Andern gar nicht zu hören oder ſie nicht der Beachtung werth zu hal⸗ ten. Aber wie ſie in die Gluth ſtarrte, bewegten ſich zuweilen ihre Lippen und ſie flüſterte leiſe Worte, welche Niemand verſtand. Frau Wilmers beobachtete ſie nicht. Sie hatte ihr ganzes Augenmerk auf dieſe beiden Männer neben ihr gerichtet, und ſie ſah jetzt an deren glühenden Blicken und gerötheten Geſichtern, daß der Brannt⸗ wein ſeine Wirkung gethan und daß ſie jetzt ein paar entſchloſſene und kühne Männer vor ſich habe. Sie ſchob daher die Branntweinflaſche bei Seite, und nickte ihren Freunden lächelnd zu, indem ſie jedem ein Stück Brod darreichte. Jetzt hört auf zu trinken, ſagte ſie, und laßt uns von ernſthaften Dingen ſprechen. Ihr wift, was wir heute vorhaben und weshalb ihr hier ſeid. Ich habe Euch heute früh ſchon Alles erzählt. Habt Ihr's Euch überlegt? Seid Ihr bereit, zu thun, was ich von Euch fordere? Was ſagſt Du, Eduard? Wir ſind bereit! ſagte der Angeredete mit grin⸗ ſendem Lachen. Und weshalb ſollten wir— da Geld dabei zu verdienen iſt? 127 Und was ſagſt Du, Wilhelm? fragte Frau Wilmers den Zweiten. Ich ſage, daß ich für hundert Thaler meine Schweſter ſelbſt ermorden würde! erwiderte Wilhelm. Denn ich brauche Geld, und mir iſt's gleich, ob ich dafür ein Lamm oder einen Menſchen abſchlachte! Siiſt nicht das erſte Mal. Aber wir müſſen vorſichtig ſein, daß nichts her⸗ auskommt, ſagte Frau Wilmers. Man muß uns nichts beweiſen können. Pah, beweiſen! brummte Eduard. Das iſt eine verdammte neue Geſchichte. Die beſte Zeit iſt für uns vorüber und Alles iſt jetzt Hinterliſt und Be⸗ trug! Seit ſie dieſe neue Mode, was ſie Geſchwor⸗ nengericht nennen, eingeführt haben, kann ein noch ſo geſchickter Dieb nicht mehr mit Ehren beſtehen. Ich habe neulich einen Kameraden verurtheilen ſehen. Er hatte ſeine Sache ſehr ſchlau angefangen und er war nur wegen Verdacht arretirt, ſie konnten ihm nichts beweiſen und er hatte ein prächtiges Alibi vorgebracht. Aber dieſe Geſchworenen verurtheilten ihn doch, weil ſie ſagten, ſie wären überzeugt von ſeiner Schuld. Ja, ja, es iſt eine verfluchte Sache mit dieſen Geſchwornen! ſagte Wilhelm. Marie kann von Glück ſagen, daß ſie vor zwei Jahren und nicht jetzt daran war. Dieſe Kerls hätten ſich nicht da⸗ mit begnügt, ſie wegen mangelnder Beweiſe zwei Jahre auf's Zuchthaus zu ſchicken. Sie würden ſie zum Tode verurtheilt haben! Trotz ihrer anſcheinenden Gleichgiltigkeit mußte Marie dem Geſpräche doch zugehört haben, denn ſie flüſterte: Diesmal werden ſie mich verurtheilen! Ah, meine Marie zum Tode verurtheilt! kreiſchte die Alte. Gott ſei Dank, daß es damals dieſe Ge⸗ ſchwornen nicht gab! Und jetzt braucht Ihr ſie auch nicht zu fürchten. Wir haben Alles ſo fein überlegt und angeordnet, daß wir wohl gewiß ſein dürfen, ohne Strafe davon zu kommen. Und es trägt Geld ein, murmelte Eduard. Viel Geld, mein Junge! Denn erſtens bringt er hundert Thaler mit, weil ich ihm ſagte, daß Marie für das große Geheimniß, welches ſie ihm anvertrauen wollte, hundert Thaler haben will; das macht alſo auf jeden von uns fünfundzwanzig. Für ſolch' Lumpengeld thue ich es nicht, ſchrie Wilhelm, mit der Hand auf den Tiſch ſchlagend, daß die Gläſer klirrten. Still, ſtill, mein Junge, ſchmeichelte die Alte, das iſt ja nur der Anfang! Die Sache iſt, daß dieſer Herr ſehr wichtige Papiere hat, an welcher einer ſehr hohen Herrſchaft ſehr viel gelegen iſt. Wenn er nun hier iſt und ich das verabredete Zeichen gebe ſo ſtürzt Ihr vor und packt ihn von hinten. Aber Ihr müßt gut zugreifen, ſage ich Euch, denn er iſt ſehr kräftig, und ich weiß, daß er niemals unbewaffnet ausgeht. Ihr müßt ſeine Arme zuerſt faſſen, ſonſt ſeid Ihr verloren! Weiter, weiter! rief Eduard ungeduldig. Macht keine Redensarten! Wir wollen ihn ſchon faſſen! Dann werft Ihr ihn zur Erde und ſchnürt ihm die Arme auf den Rücken, und wir ſchwören, ihn zu ermorden, wenn er uns die Briefe nicht gleich herausgiebt, und nicht ſagt, wo wir ſie finden können. Er wird's ſagen, denn wenn er Marie anſieht, wird er wiſſen, daß die Sache ernſthaft iſt. Er wird alſo ſagen, wo die Briefe ſind, und dann gehe ich hin und hole ſie, während Ihr mit Marien bei ihm Wache haltet. Aber warum Wache halten? fragte Wilhelm. Wär's nicht beſſer, ihm gleich das Garaus zu machen, ſobald er geſagt hat, wo die Papiere liegen, und dann zuſammen hingehen und ſie zu holen? Und wenn er uns nun einen falſchen Ort an⸗ gäbe, mein Schätzchen? Nein er muß leben, bis ich U. 9 — mit den Papiere wiederkomme, und bis Marie geſagt hat, daß es die richtigen ſind. Aber wenn wir ſie haben, dann, meine Jungens, dann mögt Ihr ihm die Kehle zuſchnüren ſo feſt Ihr wollt, und ihn hintragen, wo die Spree am tiefſten iſt, und dann gehen wir zuſammen zu dieſer vornehmen Dame und bringen ihr die Briefe. Q, ſie ſoll ſie uns gut bezahlen, das verſpreche ich Euch. Marie war, während die Alte ſo ſprach, auf⸗ geſtanden und hatte ſich langſam der Gruppe ge⸗ nähert. So ſoll es nicht ſein, ſprach ſie mit ihrem ru⸗ higen, milden Ton. Ihr mögt mit ihm machen, was Ihr wollt, aber Niemand von Euch darf ihn tödten. Das iſt meine Arbeit. Nein, das leide ich nicht! ſchrie die Alte. Eben deswegen habe ich dieſe beiden Freunde hier einge⸗ laden und ihnen unſer Geheimniß mitgetheilt. Nein, nein, liebe, ſchöne Tochter, nein, Du ſollſt ihn nicht ermorden. Du biſt ſo gut und ſo mitleidig, Du würdeſt nachher zu viel leiden, Dir zu viel Vorwürfe machen. Still, Mutter, ſtill, ich befehle Dir zu ſchweigen! rief Marie. Du haſt gegen meinen Willen dieſe beiden Männer eingeladen und das iſt ſchon ſchlimm 131 genug. Willſt Du mich jetzt noch böſer machen oder willſt Du ſchweigen? Ich will ſchweigen, ſagte die Alte, nur ſieh mich nicht ſo böſe an, mein liebes Kind, gieb mir einmal die Hand und nenne mich deine liebe Mutter. Marie ſtieß die dargeſtreckte Hand der Alten heftig zurück. Keine Narrheiten jetzt, ſagte ſie, die Zeit iſt koſtbar. Hört mich alſo! Ihr mögt ihn martern und quälen, ſo viel ihr wollt, Ihr mögt ihn zu Bo⸗ den werfen und ihn binden wie einen wilden Stier. Das iſt gut, denn es wird ſeinen Stolz demüthigen und ihn wüthend machen. Aber keiner von Euch darf einen Tropfen ſeines Blutes vergießen oder ihn erwürgen. Er darf nur von meinen Händen ge⸗ tödtet werden. Und wenn wir Dir nicht gehorchen? fragte Wilhelm, von Mariens gebieteriſchem Ton beleidigt. So gehe ich ſofort hin und zeige Euch beim Kriminalgericht an, ſagte ſie ganz gelaſſen. Die beiden Männer traten entſetzt einen Schritt zurück, während die Alte mit einem kreiſchenden Lachen rief: Ihr werdet doch nicht ſo dumm ſein, ihr zu glauben? Sie treibt ja nur Spaß mit Euch! Es ſind viele Jahre her, daß ich Spaß getrieben, 9* ſagte Marie, und du weißt, Mutter, daß ich jetzt auch im Ernſt geſprochen. Aber wenn Ihr meinen Willen thut, habt Ihr nichts zu fürchten, und was auch immer kommen möge, ich ſchwöre Euch hiermit feierlich, daß Viemand Euch verrathen ſoll. Sie mögen mich foltern und martern, ſo viel ſie wollen, ich werde keinen Namen nennen. Ich allein will ſeine Mörderin ſein und heißen. Aber wer wird denn Dich verrathen? fragte die Alte. Wer wird es denn ſagen, daß er hier ermordet iſt? Niemand wird's Niemand 8 erfahren. Ueber Mariens Antlitz flog ein mattes Lichen, welches ihre Mutter ſchaudern machte. Wer weiß, ob man's nicht erfährt, ſagte Marie. Das Blut hat eine ſo laute es ſchreit über die ganze Welt hin. In dieſem Augenblicke hörte man draußen eine Stimme rufen: Frau Wilmers! Frau Wilmers! Sie ſtanden Alle und lauſchten in athemloſer Spannung. Er iſt es, ſagte die Alte mit einem grinſenden Lächeln. Verſteckt Euch! Schnell und geräuſchlos huſchten die beiden 133 Männer in den Verſchlag, Frau Wilmers ſogenann⸗ tes Schlafzimmer. Marie hatte ſich wieder auf den Stuhl vor dem Ofen hingeſetzt, nur daß ſie diesmal nicht in die Kohlen ſtarrte, ſondern mit dem Meſſer ſpielte, welches ſie vom Tiſche genommen hatte. Wieder hörte man draußen Frau Wilmers rufen. Oeffne ihm! befahl Marie. Die Alte ſtieß die Thüre auf und ging hinaus. Eine tiefe Stille herrſchte für einen Moment in dieſem wüſten Raum. Jetzt hörte man draußen Schritte, welche ſich näherten. Er geht in ſein offenes Grab, ſagte Marie feierlich, indem ſie das Meſſer in ihrem Buſen verbarg. Gleich darauf überſchritt eine hohe männliche Geſtalt die Schwelle. Der Major von Bernthal! rief die Alte, indem ſie die Thüre hinter ihm ins Schloß fallen ließ. Gine Mutter. Bernthal warf den Mantel ab und reichte ihn der Alten hin, indem er einen verwunderten und ſtaunenden Blick durch dieſen wüſten, elenden Raum warf, welcher die Wohnung ſeiner frühern Geliebten war. Aber dieſes unbehagliche und beklommene Gefühl war ſchnell überwunden, als er jetzt auf dieſes marmorbleiche Mädchen blickte, welches er einſt ſo ſchön, ſo jung und reizend geſehen und welches jetzt wie ein ſteinernes Bild, wie ein Mo⸗ nument ſeiner Vergangenheit ſich vor ihm aufrichtete. Nicht einen Blick hatte ſie ihm zugewandt, nicht ein Wort der Begrüßung hatte ſie an ihn gerichtet. Sie ſaß ſtarr und unbeweglich und ſchaute mit ſtie⸗ rem Blick in die verglimmenden Kohlen. Als Bernthal ſie jetzt anſchaute, hatte er zum erſten Male das volle Bewußtſein der Schuld, 135 welche dieſem Mädchen gegenüber auf ihm haftete. Er hatte bis jetzt ihrer kaum noch gedacht, ſie war für ihn eine Blume geweſen, welche er pflückte, weil er ſie an ſeinem Wege fand, und welche er zertrat, als ſie für ihn keinen Reiz mehr hatte. Tauſend Männer hatten vor ihm ſo gehandelt, und würden es nach ihm thun. Ein reicher Mann hatte ein armes Mädchen verführt, ein vornehmer Herr hatte eine Magd ſich für einige kurze Tage zu ſeinem Liebchen erkauft. Das war eine ſo gewöhnliche und alltägliche Geſchichte, daß Bernthal ſie faſt vergeſſen hatte. Aber doch freilich war Etwas geweſen, was dieſer Geſchichte einen weniger gewöhnlichen Schluß gegeben, und welches, nachdem die Kataſtrophe längſt vorüber, ihn noch oft genöthigt hatte, an ſie zu denken. Sie war eines Verbrechens beſchuldigt worden, man hatte ſie des Mordes angeklagt.— Hätte ſie nur das gewöhnliche Schickſal ſolcher Mädchen ge⸗ habt, ſo würde er ſie niemals wieder geſehen haben, ſo würde er ihre Einladung, zu ihr zu kommen, abgelehnt, und ihr vielleicht einige Thaler geſandt haben. Aber ihr Schickſal war nicht ein gewöhnli⸗ ches geweſen, und es war ein ſtärkeres Band, als eine Verführungsgeſchichte, welches ihn an ſie feſſelte. 136 Als er jetzt auf ſie blickte, und in dieſen erſtarr⸗ ten Zügen, auf dieſen blaſſen, von dem ſchwarzen Haar wie von einem Trauerflor umhüllten Geſicht nach dem jungen, ſchönen Mädchen ſuchte, welches er einſt geliebt, fühlte er zum erſten Male, daß er hier mehr gethan, als nur eine Roſe zu zertreten, — ward er ſich bewußt, daß es eine Seele geweſen, welche er zerbrochen hatte. Wir haben uns lange nicht geſehen, Marie! ſagte er, indem er ſich ihr näherte und ihr die Hand entgegen ſtreckte. Vein, lange nicht, ſagte ſie, ohne aufzublicken. Gieb mir Deine Hand zum Wiederſehen! laß uns Freunde ſein! Jetzt blickte ſie auf, und zwar mit einem ſo wilden, ſo zornigen Strahl in ihren Augen, daß Bernthal unwillkürlich ſchauderte. Wir Freunde! ſagte ſie. Und weshalb nicht? fragte Bernthal, findeſt Du mich ſo ſehr verändert in dieſen Jahren, welche wir uns nicht ſahen? O, Sie ſind immer noch ſehr ſchön und ſehr ſtolz und ſtattlich anzuſchauen, ſagte die Alte mit einem grinſenden Lachen, indem ſie einen Stuhl aus 137 einem Winkel herbeiſchleppte und ihn dicht neben Marien hinſtellte. Darf ich mich zu Dir ſetzen, Marie? fragte Bernthal. Warum nicht, ſagte ſie, es haben im Zuchthaus viele Verbrecher neben mir geſeſſen! Im Zuchthaus! Armes Kind, es iſt wahr, Du warſt im Zuchthaus, arme Marie! Laß das Jammern und Seußzen, es iſt vorbei, ich bin wieder da! Und ſie haben ihr nichts beweiſen können, kreiſchte die Alte, Sie wiſſen ja, Herr Baron, daß das unmöglich war. O, es war ein guter Einfall von mir, daß ich Ihnen das Kind brachte. Sie haben nur die Blutſpuren, aber keine Leiche geſehen. Ja, ja, es war ſehr gut, daß ich die Leiche zu Ihnen brachte! Sie konnten ſie unbemerkt bei Stite ſchaffen! Und das habe ich gethan, ſagte Bernthal. Nie⸗ mand außer mir kennt ſein Grab. Sein Grab? Sie haben ihm alſo ein ordent⸗ liches Grab gegeben? fragte die Alte. Bernthal antwortete nicht. Er hatte ſeine ſcharfen und Blicke auf Marie ge⸗ heftet. 138 Sie ſaß wieder unbeweglich da, und ſchien gar keinen Antheil an dem Geſpräch zu nehmen. Aber ihre Lippen zitterten, und Bernthal ſah, wie ihre in ihrem Schooß gefaltenen Hände krampfhaft zuckten. Wenn der kleine Knabe lebte, wäre er jetzt ſchon zwei Jahre alt, ſagte er, die Blicke immer noch auf Marie geheftet, oh, es müßte ein allerlieb⸗ ſtes Kind ſein. Er hatte ſo ſchöne Augen. Marie ſtieß einen dumpfen Schrei aus, und preßte ihre Hände konvulſiviſch gegen ihre wogende Bruſt. Haben Sie den ſin Augen geſehen? fragte die Alte. Sie waren ja geſchloſſen, und mit Blut verklebt. Bernthal ſchwieg einen Augenblick, und als er dann ſprach, war ſeine Stimme feierlich und ernſt. Das Kind war noch nicht ganz todt, als Ihr es nir brachtet, ſagte er. Ohne Zweifel hatte die Mutterliebe Mariens Arm ſchwach gemacht, und ihre Kraft gelähmt, daß ſie ſein Köpſchen nicht ganz hatte zerſchmettern können; als ich ihm das Blut von ſeinem Geſichtchen wuſch, ſchlug der Knabe die Augen auf. Marie ſtieß einen Schrei aus, einen ſo wilden, jubelnden Freudenſchrei, daß er ſelbſt Bernthal Thränen in die Augen trieb, und er ſich abwenden mußte, um ſeine Rührung zu verbergen. Und dann weiter? fragte die Alte, während Marie mit gefaltenen Händen und flehenden Blicken, keines Wortes, keiner Frage mächtig, auf Bernthal hinſah. Und dann weiter, Herr Baron! das Kind lebte? Ja, eine Stunde noch, eine ganze Stunde der Qual und des Todeskampfes, dann war's vorüber. Marie ſchlug die Hände vor ihr Geſicht und ächzte laut. Die Alte näherte ſich ihr, und indem ſie leiſe ihren Arm um Mariens Nacken legte, flü⸗ ſterte ſie ihr Worte des Troſtes oder der Rache in's Ohr.— Bernthal war aufgeſtanden und ging ſinnend auf und ab. Dieſer ſtille, verzweiflungsvolle und verſchloſſene Kummer des armen Mädchens rührte ihn, und wie er jetzt auf ſie hinblickte und daran dachte, daß er es zunächſt geweſen, welcher ſie in Unglück und Verderben geſtürzt, flüſterte er leiſe: Sie hat viel gelitten und ich bin ihr einen Erſatz ſchuldig. Sie ſoll ihr Kind wieder haben. Nit raſchen, entſchloſſenen Schritten auf ſie zu⸗ gehend, legte er ſeine Hand auf ihre Schulter. Be⸗ reueſt Du Deine That, Marie? Würdeſt Du Dein 14⁰ Kind, wenn es jetzt zu Dir käme, zum zweiten Male morden? Sie blickte zu ihm auf und ein Schauer durch⸗ rieſelte ihre ganze Geſtalt. Ihre Augen begegneten ſich— ſie fühlte wieder den Zauber dieſes Blickes, welchem ſie einſt erlegen war. Aber jetzt machte dieſes Gefühl ihr Herz höher ſchlagen, nicht in Liebe, ſondern in Haß, nicht in Freude, ſondern in Zorn. Sie ſchüttelte das Haupt und ſagte wild: Ihre Augen betrügen mich nicht mehr, es iſt Alles vor⸗ bei, Sie ſind grauſam und erbärmlich. Sie ſprechen von dieſem Kinde, weil Sie denken, ich würde Sie weniger haſſen, wenn Sie mir davon erzählen. Und weil Sie ſehen, daß ich Sie haſſe, und weil Sie ſich fürchten, ſo wollen Sie mir ein Mährchen er⸗ zählen und mir einbilden, das Kind hätte noch ge⸗ lebt, und Sie hätten's gepflegt! Alberne Geſchichte! Sie wollen mir Mitleid einflößen, weil Sie Furcht haben. Bernthal lächelte ſtolz. Und weshalb ſollte ich Furcht haben? Weil Sie wiſſen, daß Sie jene Thür dort nicht lebendig wieder überſchreiten! Der Ton, mit welchem Marie ſo hatte etwas ſo Ernſtes und Feierliches, daß Bernthal un⸗ 141 willkürlich erbebte, und nach der Piſtole in ſeiner Buſentaſche griff. Dann aber, gleichſam erröthend über ſich ſelber, ſchob er die Piſtole wieder zurück, und ſagte geringſchätzend: bah, ich ſollte Furcht haben vor zwei Weibern! Marie ſah ihn mit flammenden Blicken an. Sie ſchüttelte das Haar, welches ihr in einzelnen Streifen über das Geſicht hing, zurück, wie eine Löwin, welcher die Mähne das Auge beſchattet, daß ſie ihren Feind nicht ſehen kann. Ich bin kein Weib, ſagte ſie, alſo habe Furcht vor mir! Du haſt aus mir ein Ungeheuer gemacht, ein Scheuſal, welches ſein eigenes Junges erwürgt. Ein Tiger iſt nicht ſo blutdürſtig, eine Hyäne nicht ſo grauſam, als eine Mutter, welche ihr Kind ge⸗ tödtet hat! Du haſt aus mir ein wildes Thier ge⸗ macht, vor dem die Menſchen ſcheu bei Seite treten, und das Jeden ſchändet, der es berührt! Habe Furcht vor mir, denn ich ſage Dir, ich bin ein wil⸗ des Thier und mich dürſtet nach Deinem Blute! Immer noch dieſes leidenſchaftliche, exaltirte Weſen, murmelte Bernthal. Sie hat Recht, mit dieſen flammenden Augen gleicht ſie wahrhaftig mehr einer Tigerin, als einem Weibe. Du biſt allzuſehr aufgeregt, ſagte er ſanft. Die 142 Erinnerung an Dein Kind hat Dich zu tief bewegt, und Du wirſt kaum zu einem ruhigen Geſpräch fä⸗ hig ſein! Es iſt daher beſſer, ich verlaſſe Dich heute und komme morgen wieder! Und Bernthal ſchritt auf die Thür zu und ſuchte ſie zu öffnen. Die Alte brach in ein lautes, höhniſches Ge⸗ lächter aus. Was bedeutet dies? rief Bernthal wüthend. Weshalb habt Ihr dieſe Thür verſchloſſen? Weshalb ſteckt der Schlüſſel nicht in Schloß? Gebt her den Schlüſſel! Hier iſt er, Herr! ſagte die Alte. Bernthal ſtreckte ihr die Hand entgegen. Aber jetzt packte die Alte dieſe Hand und hielt ſie wie mit eiſernen Banden umſchloſſen. Her zu mir! ſchrie ſie, und in demſelben Mo⸗ ment ſtürzten die beiden Männer aus ihrem Verſteck hervor und auf Bernthal hin. Dies Alles war ſo blitzſchnell und überraſchend geſchehen, daß Bernthal ſich völlig überwältigt und machtlos gemacht ſah, noch bevor er Zeit gehabt überhaupt an einen ernſthaften Widerſtand zu denken! So ſo, ſagte die Alte, das iſt recht, haltet ihm die Arme feſt, meine Jungens, bindet ſie ihm auf — 7 143 den Rücken. Hier iſt ſein ſeidenes Taſchentuch, da⸗ mit bindet ihn! Aber hütet Euch es zu zerreißen. Es wäre ſchade um das Tuch, und wenn es mit ihm zu Ende iſt, können wir noch Staat damit machen! Und während die beiden Männer ihm die Arme auf den Rücken banden, ſprang die Alte an ihm em⸗ por und zog das Piſtol aus ſeinem Buſen! So, ſagte ſie, ich habe dieſe Schlange unſchäd⸗ lich gemacht, ich habe ihr den Stachel ausgeriſſen! Jetzt wird ſie uns nicht mehr ſtechen können! Bernthal, wie geſagt, war ſo ſchnell und un⸗ vorbereitet überwältigt worden, daß an einen Wider⸗ ſtand nicht zu denken geweſen. Seine Arme waren ſchon gebunden, ehe er Zeit gehabt, ſie gebrauchen zu können. Er ſah ein, daß jedes Sträuben und jeder Widerſtand nur mitzlos und nur dazu dienen könnte, ſeine Lage zu verſchlimmern. Er ließ daher ruhig es geſchehen, daß man ihn auf einen Stuhl nieder⸗ drückte, und ſeine gebundenen Arme an der Lehne deſſelben befeſtige. Er wandte ſeine Blicke nur fra⸗ gend und forſchend auf Marie hin, um in ihren Zügen das Schickſal, welches ihn erwartete, zu leſen. 144⁴ Sie ſtand, mit ineinander geſchlagenen Armen, ruhig und unbeweglich vor ihm. Keine Muskel ihres Angeſichtes zuckte, kein Zug deſſelben verrieth auch nur die leiſeſte Regung des Mitleids oder des Er⸗ barmens. Bernthal ließ ſein Haupt auf ſeine Bruſt ſinken. Sie hat die Wahrheit geſagt, murmelte er, will mich ermorden! Und glaubteſt Du wirklich, mein Schätzchen,* höhnte die Alte, daß Marie nur aus übergroßer Zärtlichkeit Dich bitten ließ, zu ihr zu kommen? Ich glaubte, ſie wollte mich ſprechen, ſagte er, damit ich ihr von ihrem Kinde erzähle! Marie zuckte zuſammen, und ein Schauder durch⸗ flog ihre Geſtalt. Sie ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden und ſchrie wild: Sprich nicht mehr da⸗ von, oder ich erwürge Dich ſogleich! und warum nicht? Wenn Du mich tödten willſt, nun wohl, warum zögerſt Du? Weil Du erſt allerlei Dinge bekennen muft, mein Schätzchen! grinſete die Alte, während ſie mit den beiden Männern damit beſchäftigt war, Bern⸗ thals Taſchen zu durchſuchen und auszuleeren. Weil Du uns erſt ſagen muft, wo Du die Briefe ver⸗ borgen haſt, welche dieſe ſchöne und prächtige Baro⸗ nin von Dir haben will! Lucinde! rief Bernthal. Marie lächelte. Das ſchmerzt ihn! ſagte ſie mit grauſamer Freude, und ſich an Bernthal wen⸗ dend, fuhr ſie fort: ja, die Baronin Lucinde bereitet Dir dieſe Ueberraſchung hier! Sie iſt es, welche uns gekauft hat! Wir haben ihr geſchworen, Dich zu tödten, aber erſt ihr die Briefe von Dir zu verſchaffen! Ah, Du ſeußzeſt? Ha, eitler Thor, Du glaubteſt wohl, die ſchöne Baronin liebte Dich, weil ſie ſo freundlich war, und Dich alle Morgen zu ſich kom⸗ men ließ? Eitler Narr, Du merkteſt alſo nicht, daß ſie es that, um Dich in Dein Verderben zu ſtürzen, daß ſie, wie die Delila, Dir ſchmeichelte, um Dir Dein Geheimniß zu entlocken? Bernthal ſtieß einen leiſen Schrei aus, und ließ, wie der geblendete Simſon, ſein Haupt kraftlos auf ſeine Bruſt ſinken. Und jetzt, ſchnell, mein ſchöner, verliebter Knabe, ſchrie die Alte, wo ſind die Briefe! Wo haſt Du ſie verborgen? Sage es ſchnell, damit ich ſie holen kann! Bernthal richtete ſein Haupt empor. Dieſe Briefe! ſagte er. Ihr werdet ſie nicht I. 10 8 446 haben. Ihr könnt mich tödten, aber dieſe Briefe bekommt Ihr nicht! Mein Leben aber will ich Euch theuer verkaufen! Und mit einem gewaltigen Ruck, wie Simſon, ſich von ſeinen Feſſeln befreiend, und das Tuch zer⸗ reißend, welches ſeine Arme gebunden hielt, richtete er ſich empor, wie ein kampfgerüſteter Löwe. Nun, komme, wer ein Leben zu verlieren wünſcht! rief er frohlockend, indem er den hölzer⸗ nen Schemel als Waffe in ſeiner Hand empor ſchwang. Auf ihn, meine Jungens, packt ihn! ſchrie die Alte. Mit lautem Wuthgebrüll ſtürzten die Männer auf ihn zu. Ein fürchterlicher Kampf begann. Man hörte nichts als das laute Athmen und Ringen der Käm⸗ pfenden, von Zeit zu Zeit einen wilden Fluch der beiden Mordgeſellen, einen Ausruf verächtlichen Zor⸗ nes von den Lippen Bernthals. Plötzlich brach die Alte in ein gellendes Freu⸗ dengeſchrei aus. 4 Der Sieg war errungen. Bernthal war zu Boden geſchleudert, und die beiden Männer knieten laut ächzend und athemlos auf einer Bruſt. ——————— 147 Laßt ihn ſagen, wo die Briefe zu finden ſind und dann tödtet ihn! ſagte die Alte. Die Briefe! Wo ſind die Briefe! keuchte Wilhelm. Bernthal, obwohl überwältigt und ſeines nahen Todes gewärtig, hatte doch nichts von ſeiner Ent⸗ ſchloſſenheit und ſeinem Stolz verloren. Seine Augen ſchoſſen Blitze und ein höhniſches Lächeln ſtand auf ſeinen Lippen. Ihr werdet dieſe Briefe nicht haben! ſagte er. So ſtirb! ſchrieen die beiden Kerle, raſend vor Wuth. Und ſie ſtürzten ſich über ihn, und ihre Hände legten ſich wie eiſerne Klammern um ſeinen Hals. Er fühlte, daß ſeine letzte Stunde gekommen ſei. Es flammte und blitzte vor ſeinen Blicken, es brauſte vor ſeinen Ohren, ſeine Bruſt röchelte,— er ſchloß die Augen. Aber dieſes Röcheln war es, welches Marie aus ihrer Erſtarrung zu erwecken ſchien. Sie ſprang zu Bernthal hin, und mit einer wilden Haſt ſchleu⸗ derte ſie Wilhelms Hand zurück, welche ſich um Bernthals Hals gekrallt hatte. Habe ich Euch nicht verboten, ihn zu tödten? ſchrie ſie wild. Ich will ihn tödten, ich allein! Ueber mich komme ſein Blut! 10* 148 Und ſie zog das Meſſer aus ihrem Buſen, und ſchwang es mit einem wilden Lachen empor. Bernthal ſchlug die Augen wieder auf. Die eiſernen Klammern, welche ihn faſt getödtet hatten, waren nicht mehr an ſeinem Halſe, er erwachte wieder zum Bewuftſein ſeiner Lage. Er ſah dieſes bleiche Weib mit dem blinkenden Meſſer in ihrer Hand, er ſah in ihren flammenden Blicken und dem erſtarrenden Meduſenlächeln ihrer farbloſen Lippen, daß ſie ſeine Mörderin ſein wolle. Mit einer letzten, einer übermenſchlichen An⸗ ſtrengung richtete er ſein Haupt ein wenig empor, zwang er ſeine Lippen, welche faſt ſchon im Todes⸗ kampf geſchloſſen geweſen, zu ſprechen. Marie, ſagte er, Du willſt mich tödten? Joa, rief ſie laut und freudig, das will ich! Und ſie neigte ſich über ihn; er ſah das Meſ⸗ ſer einen blinkenden Kreis in der Luft beſchreiben und dann ſich hernieder ſenken auf ſeine Bruſt. Dein Kind lebt, Marie! ſchrie er mit letzter Kraft. Wenn Du mich tödteſt, wirſt Du Dein Kind niemals ſehen!* Glaube ihm nicht! Er lügt! kreiſchte die Alte. Macht zu Ende, meine Jungens, blaſt ſein Licht aus!— ——— 149 Ich ſchwöre Dir, Dein Kind lebt! rief Bernthal. Die beiden Männer ſtürzten ſich auf ihn. Aber plötzlich fühlten ſie ſich zurückgeſchleudert, plötzlich ſahen ſie Marie ſich über den gefeſſelten, am Boden liegenden Bernthal hinwerfen, um mit ihrem eigenen Leibe ihn zu vertheidigen und zu ſchützen. Sie hielt das Piſtol, welches man Bernthal zuvor abgenommen hatte, in ihrer Hand, und indem ſie es auf dieſe beiden Männer richtete, rief ſie ent⸗ ſchloſſen: wer von Euch es wagt, ihn wieder anzu⸗ rühren, den ſchieße ich wie einen tollen Hund zu Boden, und wenn es meine eigene Mutter wäre! Die beiden Männer wichen ſcheu zurück. Sie hatten in Mariens Blicken geleſen, daß ſie thun würde, was ſie geſagt. Komm' her, Mutter, befahl Marie, binde den Strick von ſeinen Füßen, löſe das Tuch von ſeinen Armen, und hilf ihm aufzuſtehen.. Die Alte fühlte ſich von Mariens Entſchloſſen⸗ heit wie von einem Zauber beherrſcht. Demüthig wie eine Sklavin kam ſie herbei, und that, wie Marie ihr befohlen. Bernthal richtete ſich auf, ſeine Bruſt hob ſich zu einem ſchweren Seußzer, er breitete die Arme aus, als wolle er ihre Muskelkraft prüfen, als wolle er ſich überzeugen, daß er noch die Kraft habe, das Leben zu umfangen, und an ſeine Bruſt zu drücken. Die Alte ſtand murrend und ſcheue Blicke auf ihre Tochter werfend, neben ihm, während die Män⸗ ner, in die andere Ecke des Raumes zurückgezogen, lebhaft mit einander flüſterten und ſprachen. Marie ſtand da, bebend, betäubt. Wie aus einem Traume erwachend, legte ſie ihre Hand an ihre Stirn, dann richtete ſie ihre irrenden ſchwim⸗ menden Blicke auf Bernthal. Ihr bleiches Geſicht war jetzt von einem matten Schimmer geröthet, der energiſche und ſtolze Ausdruck ihres Geſichtes hatte zu einem milden, faſt demüthigen Weſen ſich umge⸗ wandelt, und als ſie jetzt ſprach, war ihre Stimme ſelbſt verändert, ſo weich und ſanft, und wie in Thränen zitternd. Mein Kind lebt? ſagte ſie. O ſei barmherzig. Sag' die Wahrheit! Mein Kind lebt? So wahr ein Gott über uns iſt, es lebt! ſagte Bernthal. Noch geſtern habe ich den Knaben in meinen Armen gehalten, und ſeine Lippen haben mich geküßt! Welch ein wunderbarer, ehetuſmne und — doch ſo freudenvoller Schrei war dies, der jetzt von Mariens Lippen ſprang, wie der erſte Ton der vom Sonnenſtrahl berührten Memnonsſäule. Sie breitete ihre Arme aus, und flog zu dieſem Manne hin, welchen ſie kurz vorher noch ſo glühend gehaßt, ſo tief verwünſcht hatte. Sie ſchloß ihn an ihr Herz, und preßte ihre zitternden Lippen auf die⸗ ſen Mund, welcher von den Küſſen ihres Kindes geheiligt worden. Mein Kind hat ſeine Lippen geküßt! jauchzte ſie. Mein Sohn lebt! Ich bin keine Mörderin! Und jetzt, wie von einem himmliſchen Blitzſtrahl berührt, brachen ihre Kniee zuſammen, und am Bo⸗ den liegend richtete ſie ihre ausgebreiteten Arme und ihr vor Wonne ſtrahlendes Angeſicht zum Him⸗ mel empor, und rief mit einer Stimme, welche jedes Herz erzittern machte: o Gott, ich danke Dir, Du haſt Erbarmen gehabt mit einer Sünderin! Und Ihr, welche die Menſchen verdammt, weil ſie geſündigt haben, Ihr, welche kein Mitleid habt mit dem Verbrecher, kommt her, und ſeht in dieſes elende, wüſtr Gemach. Leſt es in dem Antlitz die⸗ ſes Weibes, welches da auf ihren Knien liegt, leſt es in dem zuckenden Geſichte dieſer in Sünden er⸗ grauten Frau, in den feuchten Blicken dieſer Söhne 152 des Zuchthauſes dort, und endlich in dem ſtolzen und kühnen Angeſicht Bernthals, deſſen Augen jetzt von Thränen umdüſtert ſind; leſt es auf allen den Geſichtern dieſer Menſchen, daß Gott ihnen eine Seele gegeben und ſie geſchaffen hat nach ſeinem Bilde! Ein Engel ſchlummert in jedes Menſchen Bruſt, und ſelbſt der verhärtete Verbrecher fühlt 5 noch zuweilen an ſeinen feuchten Blicken und ſeinem zitternden Herzen das Erwachen ſeines Engels! Marie richtete ſich empor, ihre ganze Seele lag in dieſen Blicken, welche ſie auf Bernthal heftete; ihr Herz dürſtete, von ihrem Sohne zu hören. Sage es noch einmal! flehte ſie. Mein Kind lebt? Mein Sohn? Ja, er lebt, und bald vleicht ſollſt Du ihn ehen! Ihn ſehen! Meinen Sohn! Wie heißt er, wie?— Plötzlich unterbrach ſie ſich, und blickte angſtvoll und wie beſchämt in dieſem öden, wüſten Raum umher.— Vein, der Name ihres Kindes ſollte nicht entweiht werden, indem er in dieſer Höhle der Sünde und des Verbrechens ausgeſprochen ward. Vicht hier wollte ſie den Namen ihres Sohnes zum erſten Male vernehmen, nicht hier ſollte von ihm geſprochen werden! 153 Sie, welche noch kurz zuvor nicht gebebt hatte vor einem Morde, ſie ſcheute es jetzt, den Namen ihres Kindes zu entweihen! Du ſollſt mir von meinem Sohne erzählen! ſagte ſie. Aber nicht hier. Ich würde mich hier zu ſehr ſchämen, wenn Du ſeinen Namen nennſt. Vein, nicht hier; ich gehe mit Dir! Und wir? ſchrieen die beiden Kerle. Was ſoll aus uns werden? Wird er nicht hingehen, und uns verrathen? Wird er uns nicht als Raubmörder verklagen? Ich kenne Euch nicht! ſagte Bernthal, und ich würde Euch niemals wieder erkennen. Wenn ihr aber einſt in Aoth ſeid, und einer Zuflucht oder Unterſtützung bedürft, dann kommt zu mir. Wenn Ihr einen Mord begangen habt, werde ich Euch verbergen; wenn Ihr des Geldes bedürft, werde ich es Euch geben! Erinnert mich an dieſe Stunde, und ich werde handeln, als ob ich Euer Bruder wäre! Und unſer Geld? unſer Lohn für heute? frag⸗ ten die Kerle. Wir wollen nicht umſonſt gearbeitet haben! Hier iſt Alles, hier! kreiſchte die Alte, indem 154* ſie ihre dürren Arme über die auf dem Tiſche lie⸗ genden Gelder und Papiere ausbreitete. Laßt uns theilen, theilen! ſchrieen und brüllten die beiden Männer, indem ſie zu dem Tiſche hin⸗ ſtürzten.* Komm, ſagte Marie mit einem köſtlichen Lächeln. Sie zählen ihr Geld! Komm und ſprich mir von meinem Sohn! Sie lehnte ſich an Bernthals Arm, und verließ mit ihm dieſe Höhle des Mordes und Verbrechens. Xl. Mutter und Sohn. Die Glücklichen leben wie auf einer Inſel! Ein weites Meer trennt ſie von der übrigen Welt, und wehe ihnen, wenn ſie es verſuchen eine Brücke aufzubauen über dieſem Meer, und in Gemeinſchaft zu leben mit den Menſchen, den Söhnen des Kum⸗ mers und der Sorgen, des Eigennutzes und der Schuld.— Das Glück blüht nur in der Einſam⸗ keit und der Stille, und gleich der Senſitive ſchließt es ſeine Blätter und welkt dahin vor der rauhen Berührung der Welt. Wielleicht waren es dieſe Gedanken geweſen welche Bernthal beſtimmt hatten, Anna, dieſes junge Mädchen mit den blauen Augen und dem unſchuld⸗ vollen Kinderlächeln, in Einſamkeit und Stille zu 156 beſchützen vor dem Unglück. Vielleicht fand er ihre * Wange zu zart, um ſie berühren zu laſſen von dem Athem der Menſchen, ihr Herz zu weich, um deren rauhe Hand darüber hinfahren zu laſſen! Vielleicht war es deshalb geweſen, daß er ihr ſtreng geboten, die Menſchen zu vermeiden und allein zu bleiben in der Einſamkeit und dem Unſchuldsfrieden Zimmers.— Er hatte es wohl vermeiden können, daß Anna die Welt nicht aufſuchte, aber er hatte es doch nicht verhindern können, daß die Welt ſich zu ihr heran— drängte, um mit Schmerzen und Thränen, mit bitte⸗ ren Erfahrungen und herber Qual dieſes unſchul⸗ dige Kind zu taufen, daß es ein Weib werde, ein leidender, liebender, ringender und irrender Menſch wie wir Alle! ½ Anna hatte ihre Wohnung nicht verlaſſen; ge⸗ treu dem Gebote ihres Vaters hatte ſie den Fuß nicht über die Schwelle dieſes Hauſes geſetzt. Sie war in ihrem Zimmer, welches ſie ſo lange ihr Paradies, ihre Welt genannt hatte. Sie nannte es noch ſo! Aber dies Paradies war nicht mehr ein⸗ ſam. Ihr Lachen hatte nicht mehr blos den leeren Raum zu ſeinem Echo. Nobſt ihrer alten Geſell⸗ ſchaftsdame Madame Wallberg war ſie ſonſt die ein⸗ ——————— ———— 157 zige Bewohnerin dieſer Gemächer geweſen, aber jetzt war noch ein Anderer gekommen, ihre Einſamkeit und ihren Frieden mit ihnen zu theilen, oder vielleicht zu verſcheuchen. Es war ein junger Mann von kräftigem, edlem Aeußeren, von imponirender Geſtalt, und jenem entſchloſſenen und glücklichen Ausdruck in ſeinen Zügen, welcher eine kräftige und lebensfriſche Seele verräth. Seine Wangen waren ein wenig bleich; dies mochte von Krankheit oder Schmerzen herrühren, denn er trug den Arm in einer Binde, und an der einen Seite ſeiner Stirne bemerkte man eine kaum verharſchte Aarbe. Jedenfalls alſo war er ein Tapferer, der dem Feinde ſeine Stirn und ſeine Bruſt dargeboten und den man vielleicht beſiegt aber nicht zu einem Feigling gemacht hatte.— In⸗ deſſen auch der tapferſte Mann hat Stunden, in welchen ſeine Seele von banger Furcht heimgeſucht wird, und dies nicht, wenn ihn materielle Gefahren bedrohen, ſondern wenn er ſich einem Schreckniß gegenüber ſieht, das er weder durch die Tapferkeit ſeines Armes, noch durch die Schärfe ſeiner Waffen überwinden kann, ſondern das mit dem Geiſte und dem Herzen will bekämpft ſein, weil es nur dieſe bedroht.— Eine ſolche, rein geiſtige Gefahr war es vielleicht, welche die Seele dieſes jungen Mannes erbe⸗ 158 ben machte, und ſeine ſonſt ſo heitere und Stirn heute mit düſtern Schatten bewölkte. Er hatte den Damen vorgeleſen, ſelbſt ſeine Stimme war minder kräſtig und friſch geweſen, ſondern hatte zuweilen wie vor innerer Haſt und Bewegung gezittert. Anna hatte an den ſchmerzli⸗ chen Seußzern ihrer ältern Freundin veſtgnhen⸗ daß ſie ſo gut, wie Anna ſelber, dieſe Veränderung be⸗ merkt hatte, welche mit dem jungen Manne vorge⸗ gangen war. Sie legte den Bleiſtift bei Seite und blickte zu dem jungen Manne hinüber, welcher, obwohl ſeine Augen auf das Buch geheftet waren, aus welchem er vorlas, denoch ihr Anblicken zu empfinden ſchien, denn er zuckte leicht zuſammen, und ſeine bleichen Wangen färbten ſich ein wenig. Als er endlich auf⸗ ſchaute, begegneten ſich ihre Blicke. Anna lächelte, die Stirne des jungen Mannes bewölkte ſich noch mehr. Ich bitte Sie, ſagte Anna mit ihrer klaren Stimme, ich bitte Sie, leſen Sie nicht mehr. Sie wiſſen kaum, was Sie leſen, und wir ſind Beide heute ſchlechte Zuhörerinnen, glaube ich! Habe ich nicht Recht, meine liebe, mütterliche Freundin? Es iſt wahr, ſeufzte die Angeredete, meine Ge⸗ danken waren mit andern Dingen beſchäftigt! Mit den Wolken da auf der Stirne Ihres Soh⸗ nes! ſagte Anna, indem ſie mit einer reizenden An⸗ muth mit dem Finger nach dem jungen Manne hin⸗ deutete. Vicht doch, Fräulein Anna, ſagte er verwirrt und befangen, Sie täuſchen ſich. Meine Stimmung iſt unverändert. Ich bin ſo heiter und glücklich, wie ich es immer war, wenigſtens es war, ſeit ich die⸗ ſes Haus betreten durfte! Sie ſchüttelte ihr liebliches Köpfchen und blickte ihn faſt wehmüthig an. Haben Sie denn ſo wenig Vertrauen zu mir, daß Sie mir nicht die Wahrheit ſagen, und mich nicht wollen Theil nehmen laſſen an dieſem Kummer? Wenn mich irgend etwas beunruhigt und be⸗ trübt, ſo iſt es,— er zögerte, weiter zu ſprechen. Anna war aufgeſtanden und hatte ſich ihm ge⸗ nähert. Sie ſtand jetzt dicht vor ihm, und blickte ihm feſt und lächelnd in die Augen. So iſt es? fragte ſie. Wos iſt es? So iſt es die Furcht, Sie nicht mehr ſehen zu dürfen! rief er entſchloſſen. Ja, Fräulein Anna, das iſt es! O, ich wußte, ich fühlte es lange ſchon, 160 daß dieſes himmliſche Glück nicht dauern könne, daß dieſe beſeeligende Ruhe bald von irgend einem Blitz⸗ ſchlag, einem Donnerrollen müßte unterbrochen wer⸗ den, daß dieſer himmliſche Friede nicht dauernd ſein könnte. Und weshalb nicht? fragte ſie. Habe ich die⸗ ſes Glück und dieſen Frieden nicht immer genoſſen? Nun wohl, und doch fürchte ich niemals, daß ſich das ändern könnte! O! Sie haben das nicht zu fürchten, rief er leidenſchaftlich. Sie ſind nicht mit uns armen Menſchenkindern in eine Reihe zu ſtellen; Sie können niemals aus dem Paradieſe vertrieben werden, denn das Paradies liegt in Ihnen, und Alles, was wir 3 Menſchen vom Schickſal oder den Stürmen dieſer 4 Welt zu fürchten haben, das muß machtlos abgleiten * an dieſem Engelslächeln und dieſer ſonnenklaren 1 Stirn! Anna blickte mit einem köſtlichen Erröthen auf ihre Begleiterin. Hören Sie einmal, Mutter, wie er ſchwärmt, und was für Mährchen er da erzählt! Die Matrone ſchüttelte ſeufzend ihr Haupt. Er hat Recht, Anna, ſagte ſie, Wenigen iſt es vergönnt, in ſo heiterem glücklichem Frieden durch die Welt zu gehen wie Sie, und ich fürchte— ——— 161 Was fürchten Sie? Daß er allerdings bald uns verlaſſen muß! Uns verlaſſen! damit er wieder neuen Gefahren, neuen Kämpfen entgegen gehe, damit dieſe böſen Menſchen ihn wieder, wie ein edles Wild herum⸗ hetzen, damit er wieder verwundet und erſchöpft, unter wogenden Kornfeldern und bei den Thieren des Waldes Schutz ſuchen muß gegen die Menſchen? Nein, meine Mutter, das kann Ihr Ernſt nicht ſein, Sie können Ihren Sohn doch nicht verſtoßen wollen. Ich nicht! Aber Ihr Vater— Ah, das iſt es! da habe ich Sie endlich ge⸗ fangen! rief Anna lebhaft. Sie fürchten meinen Vater! Weil er endlich geſtern geſchrieben, und uns ſeinen Beſuch auf heute angemeldet hat, fürchten Sie, daß er unzufrieden ſein wird, weil Sie Ihren Sohn, welcher krank, verfolgt und unglücklich war, bei ſich aufgenommen haben? Sie kennen alſo meinen Vater nicht? Sie wiſſen nicht, wie edel ſeine Seele, wie großmüthig ſein Herz iſt? Sie wiſſen nicht, daß er in der unbegrenzten Großmuth ſeines Herzens ſelbſt einem Mörder Schutz verleihen, und eines Geächte⸗ ten ſich erbarmen würde? Ein Geächteter bin ich! ſagte der junge Mann dumpf. 1 Um ſo mehr werden Sie ihm willkommen ſein! Oh er iſt ſo erhaben und ſo groß, daß das, was Ihnen vielleicht in den Augen der übrigen Menſchen ſchaden könnte, bei ihm nur eine Empfehlung iſt, die Sie ihm theuer macht! Ich, welche die Welt nicht kennt, und die Menſchen nur aus den Warnungen meines Vaters und meiner Freundin kennt, ich ſage Ihnen, daß mein Vater großmüthig iſt, wo die Welt erbarmungslos ſein würde, daß er erhaben iſt, wo die Menſchen ſich klein und mitleidslos zeigen würden!. Aber er hat mir die ſtrenge Weiſung gegeben, Niemand, unter welchem Vorwand es immer ſei, dieſe Zimmer betreten zu laſſen, und ich habe ihm mein feierliches Verſprechen gegeben, ſeinen Befehl zu erfüllen! Dann thateſt Du ſehr Unrecht, Mutter, mich aufzunehmen! rief der junge Mann erglühend. Es wäre Deine Pflicht geweſen, mich fortzuweiſen von dieſer Thür! Die alte Dame ſah ihn zärtlich an, und lächelte faſt mitleidig. Du weißt nicht, mein Sohn, was Du ſprichſt, ſagte ſie. Eine Mutter kann ihr Kind nicht leiden ſehen, und müßte ſie deshalb auch ein Unrecht oder eine Sünde begehen! Anna warf ſich mit einem Freudenſchrei an ihre Bruſt. Jetzt haben Sie geſprochen, meine Mutter, wie es recht iſt, rief ſie, das ehrwürdige Antlitz der Matrone mit Küſſen bedeckend. Wo es gilt, einen Sohn zu retten, darf eine Mutter nicht zaudern und ſchwanken! Hätteſt Du mir mindeſtens nur geſagt, was Du Herrn Alexander verſprochen haſt, murmelte ihr Sohn. Es würde Deiner Aufforderung nicht bedürft haben, ich würde alsdann von ſelber gegangen ſein! Aber als ich bei Deiner Schweſter in Köln verfolgt, blutend, todesmatt ankam, und dort iu ihrem ent⸗ ſetzten Geſicht, ihren bleichen Zügen las, wie unwill⸗ kommen ich ihr ſei, als ich von ihr erfuhr, wo ich Dich finden könnte, war es da nicht natürlich, daß ich zu Dir eilte? Und war's da nicht natürlich, Sohn, daß ich Dich aufnahm? daß ich es mir vorbehielt, Herrn Alexander um ſeine Einwilligung zu bitten? Konnte ich es wiſſen, daß er nicht, wie er es ſonſt täglich zu thun pflegte, zu uns kommen, ſondern faſt vier⸗ zehn Tage von uns fern bleiben würde? Nein, nein, ich weiß, Gott wird es mir verzeihen, daß ich nicht den grauſamen Muth hatte, mein Kind von mir zu ſtoßen! 11* 164 Weinen Sie nicht, Mutter, weinen Sie nicht! rief Anna, das Haupt der Matrone an ihren Buſen vrückend. Er iſt ein undankbarer, ſchlechter Sohn, welcher gar nicht verdient, daß wir ihn lieben, und uns um ihn betrüben. Ich habe ihn geliebt, wie eine Schweſter, aber jetzt iſt das vorbei, und ich bin ernſtlich böſe auf ihn, weil er meiner ſanften lieben Mutter Thränen erpreft. O Anna, Sie ſind grauſam! murmelte er. Sie wiſſen nicht, was ich leide, wie tief ich mich beſchämt und gedemüthigt fühle von meinem Unglück, von dieſem Mißgeſchick, welches mich krank, unfähig zur Arbeit, und zu einer Laſt für diejenigen gemacht hat, welche ich liebe! O mein Gott, es iſt ſehr hart zur Unthätigkeit verurtheilt zu ſein, aber härter iſt es, von dieſer grauſamen und mitleidsloſen Ar⸗ muth ſich in ſeinen geheiligſten Gefühlen, in ſeiner Ehre und ſeinem Menſchenſtolz herabgewürdigt zu ſehen! Ja, hart und grauſam iſt es, von Wohlthaten leben zu müſſen, und erröthend und ſchamvoll über ſich ſelber um Schutz für ein müdes Haupt, um Brod für den hungernden Leib betteln zu müſſen! Und der junge Mann verbarg ſein Antlitz in ſeiner Hand, damit Anna die Thränen nicht ſehen ſollte, welche der Stoz und die Scham ſeinen gi erpreßten. Seine Mutter, überwältigt von ihrem Schmerz und ihrer Bewegung, ſtand auf, und verließ laut ſchluchzend das Gemach. Anna blieb allein mit dem jungen Mum. Aber dies Alleinſein machte ſie weder befangen, noch ängſtlich. Unſchuldigen und reinen Herzens, wie ſie war, und unbekannt mit den Formen und Sitten der Geſellſchaft, ſah ſie in dieſem Alleinſein weder eine Ungehörigkeit, noch eine Gefahr. Sie legte leiſe ihre Hand auf ihres jungen Freundes Schulter. Er zuckte zuſammen vor ihrer Berührung und blickte mit von Thränen undiſtertn Augen zu ihr empor. Sie ſind ſehr grauſam, und ſehr ungerecht, ſagte ſie leiſe. Sie beklagen ſich, weil Sie Ihren Freunden geſtattet haben, Ihnen ihre Freundſchaft beweiſen zu können, und ſchleudern uns unſere eigene Liebe als eine Laſt, welche Sie drückt, ins Ange⸗ ſicht! Das iſt ſehr hart und ungroßmüthig von Ihnen! Ich ungroßmüthig, ich hut gegen Sie! Mein Gott, Sie ahnen alſo nicht, was ich empfinde, Sie 166 haben keinen Begriff von dieſen Stürmen, welche mich verzehren! Sagen Sie es mir! Laſſen Sie mich Theil nehmen an Ihren Schmerzen! Und ſie lehnte ſich mit der Unſchuld und der unbefangenheit eines Engels an ſeine Schulter. Mein Gott, mein Gott, murmelte der junge Mann, gib mir Kraft dies zu ertragen! Was zu ertragen? Fühlen Sie ſich gelangweilt von der Einſamkeit und Stille unſers Lebens? Ja, das wird es ſein! Sie, welcher gewohnt iſt, mit der Welt und den Menſchen zu verkehren, und Theil zu nehmen an ihren Schmerzen und ihren Freuden, Sie fühlen ſich beängſtigt und bedrückt von unſerm abgeſchloſſenen Daſein, und das, was wir Friede nennen, ſcheint Ihnen nur eine Oede! Er faßte lebhaft ihre Hand. Glauben Sie, daß es ſo iſt? Glauben Sie, daß, wie verhärtet und abgeſtumpft ich immer auch geworden ſein mag von dieſen Kämpfen und Stürmen der Welt, ich voch nicht ein Auge habe, um die Schönheiten des Paradieſes zu ſehen, ein Ohr, um andächtig und etzückt dieſen Klängen zu lauſchen, welche wie die Verheißungen und Verkündigungen einer höhern Welt mich auf meine Knie ſinken machen, um Gott zn danken für dieſen erſten Strahl des Glückes? O Anna, Sie, welche über die Welt dahin ſchwe⸗ ben mit dem Lächeln und der Unſchuld eines En⸗ gels, Sie wiſſen nicht, daß wir armen Kinder dieſer Welt zu Ihnen aufblicken, wie zu einer Heiligen, einer Gottdurchleuchteten, deren Nähe uns über uns ſelber erhebt, und deren Anſchauen unſere eige⸗ nen Gedanken heiligt! Sie ahnen nicht— Das heftige und wiederholte Anſchlagen der Hausklingel unterbrach ihn hier, und weckte Anna aus dieſem ſüßen und ahnungsvollen Erſtaunen, mit welchem ſie des Jünglings leidenſchaftlichen Worten, die ihr wie eine ganz neue nie vernommene Sprache erklangen, zugehört hatte. Mein Vater kommt! ſagte ſie aufathmend, und ſelber nicht wiſſend, ob dieſe Unterbrechung ſie er⸗ freute oder betrübte. Ihr Vater! rief der junge Mann erhlaſſend So wird denn jetzt die Entſcheidung nahen. Anna war zur Thüre geeilt und hatte lauſchend ihr Ohr an dieſelbe gelegt. Ja, es iſt mein Vater! Ich höre ihn mit Ihrer Mutter ſprechen. Jetzt kommt er die Treppe her⸗ auf. O mein Vater! 168 Und das junge Mädchen, jetzt keines andern Gedankens fähig, und nur der Freude des Wieder⸗ ſehens ſich bewußt, ſtieß die Thüre auf und eilte ihrem Vater entgegen. XII. O m ar. Faſt vierzehn Tage waren vergangen, ohne daß Bernthal dieſes ſtille Haus, welches er gern ſeine „Inſel der Glückſeligkeit“ zu nennen pflegte, beſucht hatte, ſeit vierzehn Tagen hatte Anna ihren Vater nicht geſehen! Es war daher ſehr natürlich, daß ſie, als ſie jetzt am Arm ihres Vater wieder das Zimmer betrat, es nicht gewahrte, daß der Sohn ihrer Pflege⸗ mutter es verlaſſen hatte. In dieſen erſten Mo⸗ menten dachte und fühlte ſie nichts, als daß ſie nach ſo langem Entbehren endlich ihren Vater wieder habe. Sie hing an ſeinen Blicken, ſie trank mit durſtigem Ohr jedes ſeiner Worte. Und wie viel Zärtlichkeit, wie viel Glück lag nicht in ſeinen Augen, die wie in einer Art ſeliger Trunkenheit auf dieſes junge Mädchen, ſeine Tochter, gebannt waren. Er fand ſie ſchöner, reizender, ihr Lächeln ſchien ihm an 170 Zauber, ihr ganzes holdes Antlitz an Ausdruck ge⸗ wonnen zu haben. Wie ſie ihm jetzt gegenüber ſtand, und er ſie prüfend betrachtete, und mit zärtlicher Sorge nach ihrem Wohlergehen während ſeiner Ab⸗ weſenheit fragte, ſchlug ſie die Augen nieder und erröthete bei ihrer Antwort. Dies Erröthen machte ihn ſtutzig. Er las auf ihrem Angeſichte, daß ihre Seele nicht ſo offen und unverhüllt vor ihm daliege, als er es ſonſt gewohnt geweſen. Seine Stirne verfinſterte ſich, und als ſie jetzt ſcheu und befangen den Blick zu ihm erhob, ſchien ſelbſt der Ausdruck ihres Auges ihm ein anderer, fremder! Er faßte ihre Hand, und zog das junge Mädchen faſt ängſtlich an ſeine Bruſt. Anna, Du liebſt mich doch, Du haſt Deinen Vater nicht vergeſſen? Ich Dich vergeſſen! O mein Vater, wenn Du wüßteſt, wie viel wir von Dir geſprochen haben, und mit welchem Stolze und welchem Entzücken ich, Deine glückſelige Tochter, das Bild meines Vaters entworfen habe. O, es iſt nicht eine Stunde ver⸗ gangen, in welcher wir Deiner nicht gedacht hätten, in der ich nicht die ſchöne und lohnende Aufgabe gehabt hätte, den ängſtlichen Befürchtungen und un⸗ 8 gerechten Muthmaßungen gegenüber von Deinem Edelmuth und Deiner Größe zu ſprechen, und Dich zu preiſen als den edelſten, den gütigſten aller Väter, den hülfreichſten und erbarmungsvollſten aller Menſchen. Und bei wem bedurfte es ſolcher Anpreiſungen? Zweifelte Madame Walberg an mir? Anna antwortete nicht. Sie blickte im Zimmer umher. Sie bemerkte erſt jetzt, daß außer ihr und Bernthal Niemand mehr da war. Er iſt fortgegangen, flüſterte ſie. Er? Wer? rief ihr Vater mit einer Stimme, deren zorniger Klang Anna erbeben machte. Wer hat es gewagt, hier einzudringen? Von wem ſprichſt Du? Von dem Sohn meiner Pflegemutter! Bernthal ſtieß einen dumpfen Schrei aus, und ſtürzte, dem erſten Impuls ſeines Zornes nachgebend, nach der Thüre, um dieſe Frau zu rufen, welche es gewagt hatte, ſeinem ſtrengen Befehl zuwider zu handeln. Anna errieth ſeine Abſicht. Sie eilte ihm nach und hielt ſeine Hand zurück, welche eben die Thüre öffnen wollte. Nein, Vater, rufe Niemand, laß Niemand zwi⸗ ſchen uns treten! ſagte ſie zärtlich. Deine Tochter allein ſoll das Recht haben, Deine edle Stirne ſo verfinſtert und Dein Geſicht ſo düſter zu ſehen! Zudem, mein Vater,— es iſt für mich ein Ehren⸗ punkt, daß ſie Beide nicht ahnen, daß Du in der That unzufrieden geweſen. Ich hatte mein Wort darauf verpfändet, daß Du gerade das Gegentheil von dem thun würdeſt, was meine gute alte Wal⸗ berg glaubte! Und was glaubte ſie? Anna drückte ihren Vater auf den Divan nie⸗ der, und ſetzte ſich, einen Arm um ſeinen Racken ſchlingend, auf ſeinen Schooß. Sie glaubte, Du würdeſt ihr zürnen, weil ſie ihren Sohn bei ſich aufgenommen, weil ſie einem Verfolgten, Verwundeten, einem Geächteten, Obdach⸗ loſen, eine Zuflucht gewährte. Sie glaubte, Du würdeſt von einer Mutter verlangt haben, daß ſie den grauſamen Muth habe, ihren Sohn zu verſto⸗ ßen, welcher verfolgt von Unglück und Jammer hier⸗ her kam, um ſich an die Bruſt derjenigen zu flüch⸗ ten, welche allein auf Erden das Recht hat, ihn zu beſchützen, ohne ihn zu kränken, um ihn zu weinen, ohne ihn zu demüthigen! Denn er iſt ſtolz, mein Vater, es nagt an ſeiner Seele, daß er für den Augenblick nicht die Kraft beſitzt, ſich auf ſich ſelber zu ſtützen, daß er gezwungen iſt, Andere, und wäre es auch ſelbſt eine Mutter, für ſich ſorgen zu laſſen! O Du wirſt ihm ſagen, daß er Unrecht hat, Du wirſt ihm begreiflich machen, daß er wohl Denen, die ihn lieben, das Glück gönnen darf, ihm helfend zur Seite zu ſtehen, ohne ſich dadurch entehrt zu ſehen! Von wem ſprichſt Du? fragte Bernthal, müh⸗ ſam eine äußere Faſſung erzwingend. Ich ſpreche von ihm, ſagte ſie, dem Verſtoße⸗ nen, dem Tapfern, der lieber mit dem Tode kämpfen mochte, als eine ſchmachvolle Gefangenſchaft zu er⸗ tragen. O mein Vater! ſelbſt eine Spartanerin würde ſich dieſes Sohnes nicht zu ſchämen haben, denn er trägt alle ſeine Wunden auf der Bruſt und auf der Stirn! Ja, eine Spartanerin ſelbſt würde ſtolz ſein auf dieſen Sohn, der nicht buhlen mag um Fürſtengunſt und Ehrenſtellen, ſondern der das Schwert in die Hand nahm, um zu kämpfen gegen Ungerechtigkeit und Bedrückung, und das Volk erret⸗ ten zu helfen von der Tyramei der Fürſten! O, ſiehſt Du? ich habe ſchon von ihm gelernt, er hat mir erzählt von dieſen großen Stürmen und Kämpfen, welche die Welt erſchütterten, von dem Unglück der Völker und von dem Löwenmuth, mit welchem ſie 174 ſich zu befreien trachteten, und doch, entnervt von jahrelanger Knechtſchaft, dem Rufe ihrer Wärter nicht zu widerſtehen vermochten, ſondern endlich, nachdem ſie ihre erſte Wuth der Freiheit ausgetobt haben, jetzt gedemüthigt in die Käfige zurückkehren, denen ſie durch die Kraft ihres Willens waren! Bernthal blickte wie betäubt auf anns in edlem Feuer glühendes Angeſicht; ein neuer Geiſt ſprach aus ihren Worten, ihren Blicken. Sie war eine Andere geworden, etwas ganz Fremdes hatte Macht über ihre Seele gewonnen, ſie war nicht mehr das weiche, durchſichtige Wachs, das von den Händen ihres Vaters allein ſich formen und geſtal⸗ ten ließ; ein neuer Bildner war gekommen, und ihr ganzes Weſen hatte ſich ihm zu neuer Geſtaltung und Formung gefügt. Sie war nicht mehr blos ein lächelndes, tändelndes, unſchuldiges junges Mädchen, ſie war jetzt ein denkendes, empfindendes, glühendes Weib! Ihr Herz war ein öder Fels geweſen, und Moſes war gekommen, um durch ſein Zauberwort dieſem Felſen eine Quelle des Glückes entſtrömen zu machen! 3 Eine dumpfe Wuth bemächtigte ſich Vrrnthals Seele, und während Anna's unſchuldigem Geplauder „ 175 hatte er ein Gefühl, als müßte ihm die Bruſt zer⸗ ſpringen von dieſen zurückgehaltenen Verwünſchungen und zornigen Klagen. Er wehrte Anna faſt unſanft zurück, und ſtand auf, um mit haſtigen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen, und wenigſtens in leiſe gemurmelten Worten, in Ausrufungen ſeiner inneren Qual Luft zu machen. Alle ſeine Sorgen, ſeine Mühen waren alſo umſonſt geweſen. Das Schickſal hatte das Begeh⸗ ren ſeiner eiferſüchtigen oder mißtrauiſchen Liebe ver⸗ eitelt, es hatte nicht geduldet, daß Anna, eingefrie⸗ digt in die Stille und Einſamkeit dieſes Hauſes, nichts weiter begehre, als von ihrem Vater geliebt zu werden, als ein wenig Luft, um zu athmen, ein wenig Sonne, um ſich zu erwärmen. Der Menſch iſt ein W des Schickſals, und es war da, um von dieſem Vater ſeinen Tribut zu fordern. Er hatte die Welt um ſeine Tochter betrügen wollen, aber die Welt kam jetzt, um ihren Antheil zu for⸗ dern, und der Vater fühlte, daß er im Begriff ſei, dieſes Kind zu verlieren, welches er geliebt hatte, als die einzige edle Blüthe ſeines Daſeins, als den einzig hellen Stern auf ſeinem umnachteten düſtern Lebenspfade. Er blickte auf ſeine Tochter hin, welche jetzt, 176 in ſeinen arbeitenden, kämpfenden Zügen ſeine tiefe innere Bewegung leſend, es nicht wagte, ihn zu ſtö⸗ ren, oder mit zärtlichem Wort ihn in ſeinem Sinnen zu unterbrechen, und dann murmelte er leiſe: Ich habe ſie verloren! Sie iſt nicht mehr mein! Plötzlich ward die Thüre haſtig geöffnet, und Madame Walberg trat ein. Ihre Züge waren we⸗ der ängſtlich noch befangen, ſondern zeugten von einer freudigen Zuverſicht und Sicherheit, welche Anna in Erſtaunen ſetzte. Sie erwiderte Anna's fragenden Blick mit einem ruhigen Lächeln, und in⸗ dem ſie gerade auf Bernthal zuſchritt, reichte ſie ihm ein kleines zuſammengefaltetes Papier dar. Herr Alexander, ſagte ſie, ich bin beauſtragt, Ihnen dieſes Papier zu überreichen. Der, welcher es mir gegeben, bittet Sie dringend un Ihren Bei⸗ ſtand und Schutz. Bernthal hatte das Papier langſam entfaltet. Plötzlich färbten ſich ſeine Wangen, und ein Ausruf freudigen Erſtaunens entfuhr ſeinen Lippen. Das Zeichen! Ja, es iſt das Zeichen, an wel⸗ chem wir uns erkennen wollten, und welches uns ver⸗ pflichten ſollte, einander zu dienen! rief er. Wer hat es gebracht? O, was frage ich noch? Es iſt ja gleich⸗ giltig, wie er heißt. Ich will ſelber gehen und ihn holen! 177 Die alte Frau hielt ihn zurück. Vein, ſagte ſie, ich werde ihn herführen. Aber Sie müſſen mir zuvor ſa⸗ gen, ob Sie ihm beiſtehen und ihm helfen wollen! Ich will es nicht blos, ſondern es iſt meine heilige Pflicht, dies zu thun! Er hat mir ein Zei⸗ chen gebracht, welches mich zu ſeinem Bruder, ſei⸗ nem Freunde in Noth und Tod macht! Eilen Sie, eilen Sie, führen Sie ihn her, und ſagen Sie ihm, daß er mir ein lieber und willkommener Gaſt ſein wird.— Dann, ſagte Frau Walberg, indem ſie die Thüre öffnete, dann tritt herein, mein Sohn, Herr Alexander heißt Dich willkommen! Omar! rief Bernthal, den Eintretenden erblik⸗ kend, und ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen eilend. Das Schickſal ſei geprieſen, daß es mir vergönnt, doch mindeſtens Einen meiner Leidensge⸗ noſſen und Befreier an mein Herz zu drücken! Und jetzt, mein Vater, nicht wahr, jetzt wirſt Du meiner guten Walberg verzeihen, daß ſie ihren Sohn bei ſich aufnahm? fragte Anna, ſich zärtlich an ſeine Seite ſchmiegend. Sie waren alſo der große Volkstribun, der würdige Spartanerſohn, von welchem meine Anna mir mit ſolchem Entzücken erzäblte? Aher— 178 konnten Sie fürchten, Omar, daß ich Sie nicht von ganzem Herzen willkommen heißen würde? Zwei⸗ feln Sie an der Freundſchaft, die wir einander in— ſo feierlicher Stunde beſchworen, deren Wahrzeichen Sie mir nur darzureichen hatten, um mich ſogleich zu jedem Dienſt und jeder Hilfe bereit zu finden? Ich ahnte nicht, daß Herr Alexander und mein Freund aus den Kaſematten dieſelbe Perſon ſei, ſagte Omar. Erſt als ich Sie vorher bei Ihrem Gintreten in dieſes Zimmer erblickte, wußte ich, wer Herr Alexander ſei. Still, mein Freund, nennen Sie meinen Na⸗ men nicht, flüſterte Bernthal. Dann ſagte er laut, indem er ſich an Madame Walberg wandte: Von heute an bin ich Ihnen doppelt verpflichtet. Sie ſind meiner Anna nicht allein eine zweite Mutter geweſen, ſondern Sie haben mir auch das Glück verſchafft, dankbar zu ſein. Es iſt ſehr viel, was ich Ihrem Sohne verdanke. Er hat mir geholfen, mich aus drückender Gefangenſchaft und drohender Todes⸗ noth zu erretten. ſ O, Segen über Sie, Omar! rief Anna mit freudeſtrahlendem Angeſicht. Segen über Sie, den Erretter meines Vaters! Un indem ſie mit einem unausſprechlichen S% 8 — — — 6 179 Lächeln dem jungen Manne ihre beiden Hände dar⸗ reichte, ſagte ſie zu ſeiner Mutter mit dem Ausdrucke freudigen Triumphes: Nun, meine Mutter, ſagte ich es Ihnen nicht, daß mein Vater ihn willkommen heißen und ihn lieben würde? Bernthal ſeufzte und wandte ſich mit verfinſter⸗ tem Geſichte ab. Beſſer als Anna ſelber verſtand er es, in ihrem Herzen zu leſen, und er wußte, daß ihr Schickſal ſie gerufen, damit ſie ihre Beſtimmung erfülle, damit ſie lebe, liebe, leide und kämpfe. 12 XIII. Cin Geſtändniss. — Prinzeſſin Luiſe war allein in ihrem Boudvir, allein, ein ſeltenes Glück für eine Prinzeſſin, deren trauriges Loos es iſt, immer von der Etiquette, von Hofdamen und Kammerfrauen bewacht zu werden. Es war ihr gelungen, ſich eine einſame, un⸗ beachtete Stunde zu verſchaffen, und ſie hatte dieſelbe benutzt, wie es die Unglücklichen zu thun pflegen,— ſie hatte geweint. Ihre Augen waren noch geröthet von dieſen herben, ſalzigen Fluthen, welche in Strö⸗ men über ihre blaſſen Wangen dahin gerollt waren ihre ſchmalen durchſichtigen Hände zitterten noch vovn dieſen innern Kämpfen und Stürmen, welche ihr ganzes Weſen durchrüttelt hatten. Aber jetzt weinte ſie nicht mehr, ſie hatte ihre Thränen getrocknet, und ihr Herz überwunden— ſie hatte einen Entſchluß gefaßt, einen bittern und wehevollen Entſchluß, aher immer doch war dies beſſer, als zu ringen in Qual, und zu vergehen in unbeſtimmten Schreckniſſen. „Beſſer ein Ende mit Schrecken, als ein Schrek⸗ ken ohne Ende!“ murmelte ſie leiſe vor ſich hin, mit den Worten eines deutſchen tapfern und weiſen Krie⸗ gers, dem es ergangen iſt, wie allen Deutſchen, wenn ſie es wagten, durch Geiſtesgröße, Freiheits⸗ ſinn und Genialität hervorzuragen, der ein Unglück⸗ licher, Verfolgter, Verkannter und Geſchmähter war. „Beſſer ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!“ ſagte Prinzeß Luiſe mit Franz von Sickingens Worten, als ſie ihre Thränen trocknete und mit entſchloſſenem Ausdruck an die Thüre ging und ſie öffnend, nach ihrer Hofdame rief. Liebe Komteſſe, ſagte ſie zu der Eintretenden, Prinz Adrian wird heute, wie jeden Morgen, um dieſe Stunde kommen. Aber Ew. Hoheit wiſſen, daß— Daß die Frau Fürſtin, meine Mutter, befohlen hat, den Prinzen nicht vorzulaſſen? Ich weiß es, aber ich fordere von Ihnen den Liebesdienſt, daß Sie dem Befehl meiner Mutter zuwider handeln, und ihn dennoch zu mir führen. Ihre Hoheit, die Frau Fürſtin, werden erzürnt ſein. 182 Und Sie werden ſchweigend und unterwürfig ihre Zornesausbrüche hinnehmen, wie ich verurtheilt bin, es täglich zu thun. Sie lieben mich, Erneſta, nicht wahr, Sie lieben mich und werden mir dies kleine Opfer bringen? O mit Freuden! ſagte die Hofdame, die Hand ergreifend und an ihre Lippen drückend, welche die Prinzeſſin ihr mit einem ſchwermuthsvollen Lächeln dargereicht. Ich bin bereit zu jedem Opfer, vor⸗ ausgeſetzt, daß man mich nicht damit ſtraft, mich von Ihnen zu entfernen, Hoheit! Und das, wiſſen Sie wohl, wird meine erlauchte Mutter nicht wagen! Sie fürchtet Sie, weil ſie ſehr gut weiß, daß ich Ihnen unbedingt vertraue. Sie fürchtet Sie, weil Sie mit uns in Neapel wa⸗ ren, und daher nicht blos meine Geheimniſſe ken⸗ nen, ſondern auch die meiner fürſtlichen Mutter ſel⸗ ber, dieſe kleinen allerliebſten romantiſchen Geheim⸗ niſſe, die mich immer lebhaft an die Fabeln vom Jupiter erinnern, der ſeiner Gottheit ſich entäußerte, um mit den ſchönen Menſchenkindern Menſch zu ſein. Vein, Erneſta, ſeien Sie unbeſorgt, man wird uns nicht trennen, man wird mich nicht dieſes letzten Troſtes berauben, eine Freundin zu haben, vor wel⸗ cher ich meine Thränen und meine Qualen nicht zu 183 verbergen genöthigt bin. Sie können es darauf hin wagen, wollen Sie es? Ja, Hoheit, ich will es! Die Frau Fürſtin hat befohlen, den Prinzen nicht bei Ihnen vorzulaſ⸗ ſen, aber ſie hat es nicht verboten, daß ich ihn in meinem Zimmer empfange, und das werde ich thun. Vielleicht haben Ew. Hoheit die Güte, mich um die⸗ ſelbe Zeit mit Ihrem Beſuche zu beehren! Die Prinzeſſin lächelte ſchwermuthsvoll. Ich muß allein mit ihm ſein. Nein, Erneſta, ſieh nicht ängſtlich und mißbilligend aus. Ich verlange dieſes Alleinſein nicht, um von ihm jene glücklichen und beſeligenden Liebesgeſtändniſſe zu hören, welche keine anderen Zeugen, als unſer eigenes Herz dulden, ich muß mit ihm allein ſein, wie es ein reuiger Sünder mit ſeinem Beichtvater iſt. Wie, Sie wollten— Ihm meine Vergangenheit beichten, das will ich, Erneſta, ich bin es müde, dieſes Schwert immer über mir in der Luft ſchweben zu ſehen, mag es hernieder fallen, um mich zu zerſchmettern, oder mag es von eines Engels Hand hinweg genommen wer⸗ den. Ich muß eine Entſcheidung haben. Horch, Erneſta, da kommt ein Wagen. Es iſt ſein Wagen. 184 Ich kenne das Rollen dieſer Räder, ich habe es ſchon ſo oft belauſcht. Geh, Erneſta, empfange den Prinzen. Erneſta verließ ſie mit einem ſtummen, mitleids⸗ vollen Blick, den die Prinzeſſin wohl zu deuten verſtand. Sie beklagt mich, flüſterte ſie leiſe, ſe iſt alſo gewiß, daß das Schwert mich zerſchmettern wird. Sie ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt und ſtand in tiefen Gedanken verloren. Mag es ſein, ſagte ſie dann entſchloſſen. Wenn ſeine Liebe nicht ſtark genug iſt, dies zu überwinden, dann habe ich genug gelebt. Und mit ſeſtem Schritt und erhobenen Hauptes durchſchritt ſie den Salon, um ſich in das Zimmer ihrer Hofdame zu begeben. 4 Der Prinz war ſchon dort. Er eilte ihr ent⸗ gegen mit einem Angeſichte, aus deſſen Zügen ihr ſeine Liebe und ſeine Freude, ſie zu ſehen, entgegen ſtrahlte. O, ſagte er, ich habe alſo dennoch das Glück, Sie zu ſehen, und alle dieſe ſchlimmen Gerüchte, welche mich heute faſt ſchon zur Verzweiflung getrie⸗ ben, ſind alſo unwahr? Welche Gerüchte, Prinz? Man ſagte, König Auguſt ſei hier, um Ihre 185 Hand zu werben, und Ihre Hoheiten Ihr Bruder und die Frau Fürſtin, Ihre Mutter hätten die Wer⸗ bung angenommen. Man hat Ihnen die Wahrheit geſagt, Prinz! Die Wahrheit! rief der Prinz, die Wahrheit!— Und nicht im Stande, ſeiner ſtürmiſchen Erre⸗ gung ſofort Herr zu werden, ging der Prinz mit heftigen Schritten ſchweigend im Zimmer auf und ab. Die Prinzeſſin blickte unverwandt zu ihm hin, ſie las in ſeinem ſchönen offenen Angeſicht den tiefen und leidenſchaftlichen Kummer ſeines Herzens, aber dieſer Kummer eben verſicherte ſie ſeiner Liebe und machte ſie glücklich und ſtolz und zuverſichtlich. Sie ſah ihn an mit einem Lächen, welches ihn entzückt haben würde, wenn er es gewahrt hätte, aber er blickte nicht zu ihr hin, er ſah nichts, nicht einmal die, welche er liebte; ſein Blick war inwärts gekehrt auf die Schmerzen ſeiner Seele. Plötzlich fühlte er ihre Hand auf ſeiner Schul⸗ ter, und ihr Blick leuchtete in ſeine Seele hinein, daß er auf einmal aller Schmerzen und alles Zwei⸗ fels ſich entledigt fühlte. Man hat Ihnen geſagt, daß meine Mutter und mein Bruder die Werbung des Königs angenommen. Was aber hat man Ihnen von mir geſagt? 186 Ihnen, Prinzeſſin? O, ich ſehe an dieſer erſtaunten Frage, daß Sie, wie alle Welt, vermeinen, wenn die hohen Häupter der Familie geſprochen, ſo müſſe dieſes arme, kleine, unbedeutende Familienglied, genannt Prinzeſſin, ſich ſchweigend und unterwürfig beugen. Eine Prinzeſſin hat micht das Recht, ſich ihr Schick⸗ ſal zu beſtimmen, ſie muß es demuthsvoll annehmen von Denen, welche dazu berechtigt find, es zu beſtimmen. Vicht wahr, ſo heißt dieſe Phraſe, mit der man in den Fürſtenfamilien die Herzen der Prinzeſſinnen tödtet und ſie zu ſeelenloſen, gemüthsarmen Puppen umgeſtaltet? Und auch Sie, Adrian, Sie konnten mich ſo beurtheilen? Und konnte ich anders? Man ſpricht von hrer Verlobung wie von einer abgemachten Sache, und ſeit der König hier iſt, ſieht man ihn immer an Ihrer Seite. Er folgt Ihnen, wie Ihr Schatten, er iſt ſtets neben Ihnen, und nicht Einmal iſt es mir in dieſen Tagen gelungen, eine dieſer köſtlichen und un⸗ vergeßlichen Spazierritte mit Ihnen zu theilen, mit denen Sie mich ſonſt begnadigten. Wer weiß, ob wir jemals wieder fo miteinan⸗ der ſein werden! ſeufzte die Prinzeffin. Sie wollen mich alſo Sie wollen mich aus Ihrer Nähe verbannen, mich zu Boden werfen, und dieſes Herz, welches nur für Sie ſchlägt und athmet, unter Ihre Füße treten? Sie wollen eine Königin ſein. Sie verwechſeln mich mit meiner Mutter, Adrian! Ich bin nicht ehrgeizig und ich achte mein Glück und meine Liebe höher als eine Königskrone. Ich würde dieſes Diadem mit ſtolzer Freude tragen, wenn es mir die Hand deſſen darreichte, welchen ich liebe, aber ich verachte es, wenn es nur der Kauf⸗ preis für ein gebrochenes Herz und eine zerknickte Seele ſein ſoll. O Luiſe, rief der Prinz hochathmend, kaum im Stande, das ſtürmiſche Schwellen ſeiner Bruſt zu beherrſchen, Luiſe, ſeien Sie barmherzig, erregen Sie nicht Hoffnungen, wenn Sie nicht auch gewillt ſind, ſie zu erfüllen. Wie darf ich Ihre Worte deuten? Sie klingen wie Muſik vor meinen Ohren, aber was heißen ſie? Sie heißen, Prinz, daß ich mich nicht verkaufen laſſe, daß ich meine Jugend, mein Leben und mein Herz nicht wie eine alte Trödlerwaare an dieſen kin⸗ diſchen, ſilberhaarigen, eiskalten Greis hingeben will. Meine Mutter und mein Bruder, ſie mögen ihre Einwilligung gegeben haben, und morgen wird die⸗ 188 ſes Skelett eines Königs kommen, mich um die mei⸗ nige zu fragen. Nun wohl, ich gebe meine Ein⸗ willigung nicht!. Der Prinz ſtürzte mit einem Ausruf des Ent⸗ zückens zu ihren Füßen nieder, und Worte der glü⸗ hendſten Liebe, der ſtolzeſten Freude, der ſüßeſten Hoffnung, Worte, lange zurückgehalten, lange be⸗ kämpft, ſtrömten jetzt in ſtürmender Eile von ſeinen Lippen. Sie hörte ihm erröthend, lächelnd und wie von einen ſüßen Traume umgaukelt, ſinnend zu. Aber ſelbſt in dieſem Moment war ihre Stirne noch umwölkt und der Ausdruck ihrer Züge ſchmerzlich beklommen. Sie reichte dem Prinzen die Hand und bat ihn aufzuſtehen. Und Sie erwidern mir kein Wort Luiſe? Sie ſagen mir auch nicht eine Silbe des Troſtes, der Hoffnung? Erſt muß ich überzeugt ſein, daß Sie mich wahr⸗ haft lieben. Sie glauben alſo nicht an meine Liebe? Vielleicht glaube ich, aber ich will Beweiſe haben, ſagte ſie, indem ſie ihn mit einem eigenthüm⸗ lichen, ſchmerzvollen und wehmüthigen Ausdruck an⸗ blickte, der ihn erſchreckte. Sie ſetzte ſich auf den Divan, und winkte ihm, neben ihr Platz zu nehmen. 189 Dann reichte ſie ihm die Hand dar und ſah ihm feſt in die Augen. Prinz Adrian, ſagte ſie, keine Liebe iſt ächt, wenn ſie nicht die Wahrheit und das Vertrauen in ſich ſchließt. Aber die Wahrheit iſt oft ein ſcharfer Dolch, welcher die Liebe tödtet. O Sie, Luiſe, Sie haben ſolchen Dolch nicht zu fürchten. Sie, ſo jung, ſo unſchuldig und engelsmild, ſo erhaben und ſtolz, was könnten Sie von der Wahrheit zu fürchten haben? Sie antwortete nicht ſogleich, ſie hatte das Haupt geſenkt und ihre im Schooß gefaltenen Hände zitterten. Es muß ſein! murmelte ſie, und als ſie den Blick jetzt erhob, zeigten ihre Züge Entſchloſſenheit und Muth, Adrian, ſagte ſie, hat man Ihnen niemals von meiner Vergangenheit erzählt? Von Ihrer Vergangenheit, Prinzeſſin? Ich meine, hat man Sie nicht zu ergötzen ge⸗ ſucht mit dieſen müßigen, boshaften und romanhaften Anekdoten, mit welchen die Welt ſich an den Prin⸗ zeſſinnen für ihre anſcheinend ſo glänzende und erha⸗ bene Ausnahmeſtellung zu rächen vermeint? Man hat es niemals gewagt, anders als mit 190 8 Ehrfurcht und Anbetung vor mir Ihren Namen zu nennen. Dann geſchah es, weil man wußte, daß ich Sie zu meinen Freunden zähle.— Aun wohl, Adrian, wenn Niemand Ihnen von meiner Vergan⸗ genheit geſprochen hat, ſo muß ich ſelbſt es thun. Hören Sie mir zu! Es iſt eine traurige Geſchichte von Täuſchungen und Irrungen, von mißleitetem Enthuſiasmus und betrogenem Vertrauen, welche ich Ihnen zu erzählen habe; aber auch von bitteren Irrthümern und verzweiflungsvoller Scham. O mein Gott, mein Gott, murmelte der Prinz, es iſt alſo alles nur Trug und Schein und ſelbſt ein Engel kann irren und ſündigen! ⸗ Und er heftete ſeine Blicke mit einem ſo ſchmerz⸗ lich betroffenen Ausdrucke auf die Prinzeſſin, daß ſich ſofort ihre Augen mit Thränen füllten. Erinnern Sie Sich noch der Geſchichte, welche die Fürſtin Ihnen vor einigen Tagen erzählte, und in welcher wir durch die Baronin Lucinde un⸗ terbrochen wurden? Ich erinnere mich! Es war die grſchicht einer jungen deutſchen Prinzeſſin, welche inkognito mit ihrer Mutter in Neapel lebte und ſich von einem 191 Lazaroni entführen ließ. Aber, mein Gott— nein, dies iſt nicht möglich, dies kann nicht ſein!— Und der Prinz ſtand auf und ging heſtig be⸗ wegt auf und ab. Die Prinzeſſin ſah ihm zu und langſam rannen ein paar Thränen über ihre Wan⸗ gen hin. Ich errathe Ihre Gedanken, Adrian, ſagte ſie dann ſanft. Sie dachten, daß dieſe unerhörte und entſetzliche Geſchichte am Ende in irgend einem Zu⸗ ſammenhange ſtehen möchte mit der Geſchichte, welche ich Ihnen erzählen will.— Sie haben Recht, mein Prinz, meine Mutter hat Ihnen meine eigene Ge⸗ ſchichte erzählt! Der Prinz ſtieß einen dumpfen Schrei aus und ſchlug ſeine Hände vor ſein Geſicht. Die Prinzeſſin ſank wie zerbrochen in den Divan zurück, vergebens nach Athem ringend. Eine Panſe trat ein; man hörte nur das unterdrückte Aechzen des Prinzen, die lauten Seufzer der Prinzeſſin. Plötzlich ließ der Prinz die Hände von ſeinem A gleiten; es war erdfahl und geiſterhaft an⸗ zuſchauen. Seine Augen glühten wie im Zorn und ſeine Lippen zuckten wie im verhaltnen Weh. Prinzeſſin, ſagte er, ich danke Ihnen! Sie haben ſich da ein artiges Mährchen erſonnen, mit . N 192 welchem Sie mich vertreiben wollen. Sie wollen den Glanz Ihrer Königskrone nicht durch den Schat⸗ ten meiner Thränen verdunkelt ſehen, und weil ich einſt hoffte, daß es mir gelingen könnte, mir Ihre Liebe zu erringen, wollen Sie mich jetzt ſtrafen für dieſe Verwegenheit, indem Sie mir nicht blos meine Hoffnung, ſondern auch meine Liebe rauben. Dies iſt ein ſehr grauſames Mittel, um mich von Ihnen zu entfernen. Es wäre milder und menſchlicher ge⸗ weſen, wenn Sie zu mir geſagt hätten:„Ich will morgen eine Königin werden! Verlaſſen Sie mich alſo und trüben Sie nicht den Glanz meines ſtolzen Glückes durch Ihre vorwurfsvolle Traurigkeit! Gehen Sie!“ O gewiß, ich wäre gegangen, traurigen, ge⸗ brochenen Herzens zwar, aber ohne Vorwurf, ohne Klage. Wozu aber bedurfte es dieſer Täuſchung, wozu dieſes Mährchens, welches mich nicht allein der Zukunft, ſondern auch der Vergangenheit be⸗ rauben ſoll, indem es meine Liebe zu einer Illuſion und meinen Engel zu einem gefallenen Weibe um⸗ wandelt. Wozu dieſes Mährchen Prinzeſſin? Sie glauben alſo nicht an Erzählung meiner Mutter? 5 Nein, ich glaube daran, k ich glaube — ——— an Sie, Prinzeſſin, und ich weiß, daß Sie ſich nie⸗ mals können entwürdigt haben. Die Prinzeſſin verhüllte ihr Geſicht und weinte laut. Prinz Adrian ſah ſie mit ungewiſſen, irrenden Blicken an. Wie er ſie ſo zerbrochen und weinend vor ſich ſah, begann ſeine ſtolze Zuverſichtlichkeit zu wanken, und ein furchtbarer, marternder Zweifel bemächtigte ſich ſeiner Seele. Und wenn ſie nun doch die Wahrheit geſprochen? Wenn dieſes Weib, welches ich angebetet habe wie eine Heilige, an die ich ge⸗ glaubt, auf die ich gehofft, zu der ich gebetet habe, wenn ſie nun wirklich nichts weiter wäre, als ein grauſamer Betrug, eine ſchmeichleriſche Täuſchung? Prinzeß Luiſe eine Entehrte, Gefallene?— Nein, nein, es iſt nicht möglich! rief er laut, und mit einem ſolchen Ausdrucke der Angſt und des Ent⸗ ſetzens, daß die Prinzeſſin ihre Hände von ihrem Geſicht gleiten ließ und ihn anſah. Ehe Sie mich verdammen, Prinz, hören Sie mich! ſagte ſie ma dem ſie wieder auf den Seſſel neben ſich deutet Er folgte ganz mechanſſch ihrem Winke und ſetzte ſich zu ihr. Sprechen Sie! ſagte er tonlos. Und jetzt begann ſie ihre Erzählung, jetzt ent⸗ B. 43 3 194 hüllte ſie vor ihm die unheilvolle und traurige Ge⸗ ſchichte ihrer Vergangenheit. Klagend und melancho⸗ liſch fielen die Worte von ihren Lippen, und rüh⸗ rend war der demüthige und ergebene Ausdruck ihres ganzen Weſens. Sie erzählte ihm von ihrer einſamen, verödeten Kindheit, von dem freudloſen Daſein eines Fürſten⸗ kindes, das, durch ſeine Stellung getrennt von den Kindern und den Freunden ſeines Alters, ein abge⸗ ſchloſſenes, ſtrenges Leben voller Zwang und Ent⸗ behrung führt. Sie ließ ihn die Sehnſucht ihres jungen, nach Freundſchaft, nach Liebe ringenden und zu ewiger Kälte verurtheilten Herzens ſehen, das nicht einmal eine zärtliche Mutterbruſt hatte finden können, um ſich daran zu erwärmen und außzurichten. Sie ſprach zu ihm von dem tiefen und bewältigen⸗ den Eindruck, den der Anblick Neapels auf ſie aus⸗ geübt, von dem Zauber dieſes plötzlich ganz verän⸗ derten, freien, unbehinderten, glücklichen Lebens, das ſie mit jener Entzückung, jenem Delirium hinge⸗ nommen, mit welchem ein Gefangener nach langer Kerkerhaft die Freiheit begrüßt. Und dann, mit ſtockender Stimme, mik verſagendem Athem ſprach ſie ihm von dieſem Manne, der ſich ihr in roman⸗ tiſcher Weiſe genähert, der ſich in das niedrige Ge⸗ ———————— 195 wand eines Gondoliers gehüllt hatte, um ihr nahen, um täglich neben ihr ſein zu können, wenn ſie ihre abendlichen Spazierfahrten im Golf von Neapel ge⸗ macht. Es war für ein junges, argloſes Herz, wie das ihre, ſo bezaubernd geweſen, dieſen ſo ſtolzen, ſo feurigen und edlen Mann zu ſehen, der ſich um ihretwillen zu niederm Dienſte herabgelaſſen hatte. Seine glühenden Worte, ſeine leidenſchaftlichen Be⸗ theuerungen, das Romantiſche ihres ganzen Verhält⸗ niſſes zu ihm und endlich die Sorgloſigkeit ihrer Mutter, dieſe ſo plötzlich über ſie gekommene Frei⸗ heit, dieſes Zerreißen aller Bande der Etikette, welche ſie ſonſt wie mit eiſernem Zwange gefeſſelt gehalten — dieſes Alles hatte ihr Herz beſtochen, ihre Seele wie mit einem Zauber umgeben.— Sie hatte ihrer Liebe und ſeinen glänzenden Betheuerungen, ſeinem leidenſchaftlichen Flehen nicht zu widerſtehen vermocht; ſie war ihm gefolgt und hatte ſich von ihm entfüh⸗ ren laſſen in ſeine Villa, weil er ihr geſagt hatte, daß dies das einzige Mittel ſei, um ihre Mutter zur Einwilligung einer Vermählung mit ihrem Ge⸗ liebten zu zwingen. Aber die Fürſtin, welche ſie ſchon am Tage nach ihrer Flucht von ihrem Aufent⸗ halt benachrichtigt und um die Einwillignng zu ihrer Che angefleht, hatte dieſe mit ſtrengen und verach⸗ * tungsvollen Worten verweigert und ihre Tochter gewaltſam ihrem Geliebten und— Glücke ent⸗ riſſen.— Sie war nun Wochenlang eine Gefangene ge⸗ weſen im Hauſe ihrer Mutter, man hatte ſie mit grauſamen Hohn, mit verachtungsvollen Vorwürfen gemartert, aber immer doch hatte ſie einen Troſt ge⸗ habt, denn ſie hatte den Glauben an ihren Geliebten nicht verloren. Er hatte Mittel gefunden, ihr zu ſchreiben und ihre Briefe zu empfangen, und dieſes Schreiben an ihn war das einzige, traurig⸗ſüße Glück ihres verödeten Daſeins geweſen. Als die Prinzeſſin ſo weit gelangt war in ihrer Erzählung, ſtockte ſie, und eine tödtliche Bläſſe be⸗ deckte ihre Wangen. Alle ihre Glieder bebten und ſie heftete ihre Blicke mit einem ſchüchternen, angſt⸗ vollen Ausdruck auf den Prinzen. Er ſaß unbeweglich, ganz erſtarrt, ganz betäubt da. Zuweilen drang ein mattes Aechzen aus ſeiner Bruſt hervor und ſeine Hände ballten ſich krampf⸗ haft in einander. Dieſer dumpfe, ſtumme Schmerz hatte etwas Unheimliches, Entſetzliches. In ſeinen kalten, unbeweglichen Zigen las ſie ſein Urtheil— er verachtete ſie. Aber ſie hatte jetzt den Nuth der Verzweiflung, 4 ſie fürchtete jetzt nichts mehr, ſie hatte nichts mehr zu verlieren, dieſe Beichte mußte vollendet, ihr Ur⸗ theil mußte geſprochen werden. Sie fuhr fort in ihrer Erzählung. Mit ſtocken⸗ der Stimme, mit verſagendem Athem ſprach ſie wei⸗ ter. Eine glühende Purpurröthe ſchoß einen Mo⸗ ment lang über ihre Geſicht und machte ihre darauf folgende Bläſſe nur noch ſichtbarer. Ihre Worte waren undeutlich und leiſe, aber Prinz Adrin mußte ſie doch verſtanden haben, denn er ſtieß einen dumpfen Schrei aus und rang die Hände in krampfhafter, wilder Qual. Sie erzählte ihm von dieſer grauenhaft fürch⸗ terlichen Stunde, in welcher die Fürſtin, ihre Mutter, ſich ſo weit hatte demüthigen müſſen, den Geliebten ihrer Tochter zu ſich zu rufen und ihm eine heim⸗ liche Vermählung mit der Prinzeſſin anzutragen. Von dieſer Stunde, in welcher er ſie mit höhniſchem Lachen von ſich geſtoßen, und es verweigert hatte, ſie zu ſeiner Gemahlin zu machen, indem er ihr mit kaltem Spott, mit ſchonungsloſer Härte erklärt, daß er ſie nicht liebe, daß er ſie niemals ge⸗ liebt habe, daß ſie nichts weiter geweſen, alt das Werkzeug, mit welchem er Rache geübt an ihrer Familie, welche ihn einſt verſtoßen und ge⸗ 198 ſchändet habe, nichts weiter als das jammervolle Mittel, um ihre Mutter, um ihren Bruder, um ſie ſelbſt in ewiger Abhängigkeit und Furcht vor ihm zu erhalten, indem er ſie mit öffentlicher Schande und Entehrung und mit der Veröffentlichung ihrer Briefe bedrohte. Mit grauſamer Berechnung, mit diaboliſcher Geſchicklichkeit hatte er ihr Herz und ihre Seele umgarnt, nur um ſie zu vernichten, nur um ſie unter ſeine Füße zu treten.— Sie hatte ihn wie einen Gott geliebt und er hatte an ihr wie ein Dä⸗ mon gefrevelt.— Sie erzählte nichts von ihren Leiden, von ihrer Qual, nichts von ihrer grenzen⸗ loſen Demüthigung und ihrer vernichtenden Krän⸗ kung. Sie klagte Niemand an, ſie vertheidigte ſich nicht, und ſuchte weder ihr Vergehen, noch ihre Schmach zu bemänteln. Ihre Schande hatte ſie zu der Sklavin deſſen gemacht, den ſie jetzt ſo glühend haßte, wie ſie ihn einſt geliebt; ſie hatte ihm willenlos gehorchen, ſchweigend ſich ihm fügen müſſen. Er hatte verlangt, daß er in der entſetzlichen Stunde der Entſcheidung neben ihr ſein könne, um das Recht des Vaters zu üben und ſein Kind mit ſich zu nehmen. Heimlich, von einer Kammerfrau begleitet, war ſie eines Tages nach Berlin gekommen, während man am Hofe ihres —— —— 199 Bruders ſie in ihrem Zimmer krank darnieder lie⸗ gend glaubte. In Berlin hatte er ſie erwartet und in eine ſtille, abgelegene Wohnung geführt. Zwei qualvolle Tage und Nächte hatte ſie hier zugebracht, dann war es vorüber geweſen, dann hatte ſie ſich zu ihrem Wagen geſchleppt und war mit ihrer Begleiterin wieder durch Nacht und Sturm dahin gejagt, um ſich heimlich und verſtohlen wieder in das Schloß ihres Brudes einzuſchleichen und um am andern Tage, das Haupt mit Blumen geſchmückt, als glück⸗ liche, glanzumfloſſene Prinzeſſin bei einem Hoffeſte zu erſcheinen. Prinz Adrian ſaß noch immer wie erſtarrt da. Keine Muskel ſeines Geſichtes bewegte ſich, ſeine Züge waren wie gelähmt, nur ſein Blick war mit einem ſo flammenden, zornigen Ausdruck auf ſie geheftet, daß ſie faſt angſtvoll zuſammenſchauerte. Ich bin zu Ende, ſagte ſie matt. Ich habe Ihnen mein ganzes Elend, meinen endloſen Jammer geſchildert, aber ich habe Ihnen nichts geſagt von meiner Reue, von meiner Zerknirſchung, nichts davon wie ſich meine zertretene Seele langſam aus ihrer Erniedrigung wieder aufrichtete, wie ich endlich dahin gelangte, in meiner Schmach eine gerechte Strafe zu 200 erkennen für mein Vergehen und mich ſchweigend zu unterwerfen. Ich habe Ihnen geſagt, wie ich ge⸗ ſündigt, aber nicht, wie ich gebüßt habe. Und jetzt, Adrian, ſprechen Sie, brechen Sie endlich dieſes fürchterliche Schweigen, verdammen Sie mich, fluchen Sie mir, nur ſprechen Sie, laſſen Sie mich ein Wort, ein einziges Wort, und ſei es ſelbſt ein vernichtendes, von Ihnen vernehmen. Aur nicht, o ich beſchwöre Sie, nur nicht dieſe ſchweigende, tödtliche Ver⸗ achtung.— Sie lauſchte auf ſeinen Athem, e dir ut⸗ ſeſte Bewegung ſeiner Lippen. Sie blieben ſtumm, er hatte für ſie kein Wort, nicht einmal einen n Dieſes fürchterliche Schweigen brachte ſe zur Verzweiflung, zerſchmetterte ſie und machte ſie end⸗ lich raſend vor Qual und Entſetzen. Sie ſtürzte vor ihm nieder auf ihre Knie, ſie rang ihre Hände und flehte ihn an, nicht mehr um ſeine Bem ter um ſeinen Fluch. Dann ſank ſie ganz ermattet, verniht zu⸗ ſammen, und bedeckte ſich das Geſicht mit ihren Hän⸗ den.— Ein leichtes Geräuſch weckte ſie aus ihrer Betäubung, ſie blickte empor, ſie fah ihn, immer noch 201 mit dieſem kalten, unbeweglichen Geſicht das Zimmer durchſchreiten und die Thüre öffnen. Adrian! kreiſchte ſie, von ihren Knien aufſprin⸗ ſpringend.— Aber die Thüre hatte ſich ſchon hinter ihm geſchloſſen— ſie war allein, er hatte ſie ver⸗ laſſen, er hatte ſie verurtheilt! Plötzlich vernahm ſie aus dem Vorzimmer einen dumpfen Fall, dann Ausrufe des Entſetzens, dann verworrenes Durcheinander mehrerer Stimmen. Sie war wie gelähmt, wie an den Boden ge⸗ feſſelt. Jetzt ſtürzte die vertraute Hofdame mit blei⸗ chem, erſchrockenem Geſichte herein. Was gibt's, Erneſta? fragte die Prinzeſſin, an⸗ ſcheinend ganz ruhig, ganz gelaſſen. Prinz Adrian iſt ohnmächtig im Vorſaal nieder⸗ gefallen, nachdem er Euer Hoheit verlaſſen hatte. Man hat ihn beſinnungslos in ſeinen Wagen getragen. Ueber ihr Antlitz flog es wie Sonnenglanz, und indem ſie die Arme gen Himmel erhob, rief ſie: O mein Gott, ich danke Dir! Er liebt mich alſo, denn er leidet um mich, und bevor ich ſterbe, wird er mir verzeihen! Und nun entſtürzten Ströme von Thränen 202 ihren Augen, und ſie warf ſich laut in die Arme ihrer Freundin. Plötzlich ward die Thüre heftig aufgeriſſen, und Leonora, die Kammerfrau der Prinzeſſin, ſtürzte Perein. Um Gottes willen, Hoheit, eilen Sie. Es iſt die höchſte Zeit zur To ette. Der Coiffeur wartet ſchon ſeit einer Stunde, und die gnädigſte Frau Fürſtin ſelber iſt in das Garderobenzimmer gekom⸗ men, um das blaue Sammetkleid mit der Garnitur weißer Roſen zu betrachten, welches der Tailleur ſo eben gebracht hat für Eure Hoheit. Eilen Sie, Ho⸗ heit, die Frau Fürſtin erwartet Sie, und beabſich⸗ tigt heute ſelber bei Ihrer Toilette zugegen zu ſein. pin Die Prinzeſſin richtete ſch aus den Armen der Comteſſe empor, und trocknete ſich die Augen und die naſſen Wangen. Ja, ſagte ſie, eilen wir, uns zu ſchmücken, ehe es zu ſpät wird. Und Leonore, ſage es Niemand, daß Du mich weinen ſahſt; Se. Majeſtät, der alte König, möchte es erfahren, und glauben, es ſeien Freudenthränen über ſeine Ankunft geweſen. Kom⸗ men Sie, Erneſta, begleiten Sie mich in mein Toilettenzimmer. 203 Und mit der Kraft langer Gewöhnung und jahrelang verheimlichter Qual ſich zuſammenraffend, zeigte die Prinzeſſin jetzt, ihrer inneren Verzweiflung zum Trotz, ein kaltes, ruhiges Geſicht, und durch⸗ ſchritt erhobenen Hauptes und ſtolzen Ausdruckes das Gemach, um ſich zur vilette zu begeben. Spät am Abend erſt war Marie an jenem Tage, wo ſie mit Bernthal ihre Wohnung verließ, dahin zurückgekehrt. Ihre Mutter hatte ſie in ban⸗ ger Sorge erwartet, und war ihr mit lautem Freu⸗ dengeheul entgegen geeilt. Zum erſten Male hatte Marie ſie nicht zurückgeſtoßen, ſondern ihr mit einem freundlichen Lächeln die Hand gereicht. Zum erſten Mal hatte ſie der Alten geſtattet, ſie zu küſſen und an ihr Herz zu drücken. Dann aber hatte ſie ſich ſchweigend und verſchloſſen, wie immer, auf den Stuhl vor dem Ofen hingeſetzt und in die Kohlen 8 geſtarrt. Vergebens hatte die Alte verſucht, durch ihr Geſchwätz Marie aus ihrem Sinnen außuſchrek⸗ ken; ihre Tochter ſchien ihre Worte, ihre Fragen und Ausrufungen gar nicht zu hören; als aber die Alte endlich mit ſchüchterner Stimme nach ihrem Sohne fragte, fuhr Marie empor und ſah ſie mit dem ge⸗ wohnten trotzigen und gebieteriſchen Blicke an. Sprich nicht von ihm! ſagte ſie rauh. Er hat nichts zu ſchaffen mit Dir, und Gott möge ihm gnädig ſein, damit er niemals erfahre, wer ſeine Mutter und ſeiner Mutter Mutter iſt! Dann war nce und hatte ſich auf ihr dürftiges Nachtlager gele zu ſchlafen oder von ihrem Sohne zu ſpät in der Nacht hörte die Alte ſie flüſtern: gute Nacht, mein Kind!— Am andern Tage zeigte ſie wieder ihre ge⸗ wohnte tonloſe Ruhe, ſaß ſie wieder träumend, wie ſie es liebte, vor dem kleinen, eiſernen Ofen und ſtarrte in die Gluthen. Ihre Mutter hatte ſie l enhetn in ihrem unbeweglichen Hinſtarren, welches für ſie et⸗ was Beängſtigendes und Peinigendes hatte. Heute wirſt Du wohl nicht wieder auf die Lauer gehen? fragte ſie endlich mit einem widerlichen Grinſen. Vein, Mutter. Du haſt die Sache aufgegeben, nicht wahr? Ja, Mutter. Du willſt Dich alſo nicht mehr an richen? 206 Du haſt ihm all den Jammer und die Noth verge⸗ ben, welche er über Dich und über mich gebracht hat? Du haſt es ihm vergeben, daß er Dich in's Zuchthaus und mich in Verzweiflung und Elend ge⸗ bracht hat, weil ich mein Kind, mein liebes, ſchönes Kind nicht mehr ſehen konnte? Das Alles willſt Du vergeſſen, und keiſe Rache mehr üben! Du warſt eine Tigerin, und willſt ein Lamm werden, Du— ach Golt! ach Gott! wie ſie mich jetzt wie⸗ der anſieht! Was hebſt Du die Fauſt auf, und drohſt mir, Marie? Ja, ja, Du biſt noch eine Tigerin, aber nur gegen Deine arme, unglückliche Mutter! Komm hieher, Mutter, ſagte Marie gebieteriſch. Stelle Dich dicht vor mir hin, und höre, was ich Dir ſagen will! Es iſt Alles vorbei, Mutter, Alles anders geworden! Ich habe ihm nichts mehr zu vergeben, ſondern ihm zu danken, und ich werde daher ſuchen, dieſen Haß zu überwinden, und mit andern Gedanken, als mit Flüchen und Verwün⸗ ſchungen an ihn zu denken. Du wirſt das auch thun, Mutter, ich befehle es Dir! Wenn er kommt, uns einen Auftrag zu geben, ſo werden wir ihn vollführen, wenn er befiehlt, ſo werden wir gehor⸗ chen. Nicht aus Liebe und Freude!— Gott weiß * 207 es, wie mein Herz vor ihm ſchaudert, und wie ver⸗ zweifelt ich bin, wenn ſeine Hand mich berührt,— aber wir werden gehorchen, wie der Tiger ſeinem Wärter, von dem er ſo lange geſchlagen iſt, bis er demüthig und ſtill geworden, und ihn zu ſeinem Herrn angenommen hat. Du ſagſt, ich ſei eine Ti⸗ gerin, aber vergiß nicht, daß ich Bernthal zu meinem Herrn angenommen habe, und ihm gehorchen werde. Er hat eine Zuchtruthe in der Hand, mit welcher er mich bezwungen und gedemüthigt hat! Er hat mein Kind gerettet, und er iſt der Vater meines Kindes! Die Alte brach in ein höhniſches Gelächter aus. Du glaubſt alſo an dieſe Geſchichte, welche er er⸗ funden hat, um ſich vom Tode zu retten? Ich glaube an ſie, weil ich geſehen habe, daß ſie wahr iſt! Was haſt Du geſehen? Alle Papiere und Zeugniſſe, daß er lebt, daß er damals geneſen und vom Tode gerettet iſt! Papiere laſſen ſich verfälſchen, Zeugniſſe laſſen ſich nachmachen! Aber ich habe hier in meinem Herzen ein Zeug- niß, welches ſich nicht nachmachen läßt, ſagte Marie mit dem unbewußten Pathos einer heiligen Ueber⸗ 208 zeugung. Ich fühle, daß mein Kind lebt, ich weiß es! Gott hat nicht gewollt, daß ⸗ich eine Mörderin werde. Gott! kreiſchte die Alte, Gott kümmert ſich nicht um arme Leute. Wenn der Teufel uns nicht hilſt, oder unſere eigene Klugheit, ſind wir verloren. Und was ſoll jetzt aus uns werden, Marie? Wenn wir die Briefe vom Baron Bernthal bekommen hät⸗ ten, ſo würden wir jetzt reich ſein und glücklich, denn die vornehme Dame würde uns viel Geld gegeben und wir würden niemals mehr nöthig gehabt haben, zu hungern und zu durſten. Ach wir würden uns eine hübſche kleine Wohnung gemiethet und ganz ruhig und ſtill von unſerm Gelde gelebt haben. Aber was ſoll jetzt aus uns werden? Und indem die Alte näher herantrat zu ihrer Tochter, welche jetzt wieder mit kaltem, theilnahmlo⸗ ſem Geſicht da ſaß, fuhr ſie ſchmeichelnd fort: aber ich weiß, meine liebe ſchöne Marie wird jetzt ver⸗ nünſftig ſein, ſie wird ihre alte arme Mutter nicht in Elend und Voth umkommen laſſen, ſie wird ſel⸗ ber nicht mehr in Lumpen gehen, wenn ſie doch ſei⸗ dene Kleider tragen und ſich putzen und ſchmücken, und aller Welt zeigen kann, wie ſchön ſie iſt. Ja, meine Marie wird vernünftig ſein und nicht mehr 209 wie damals, all' die ſchönen tige Geld zurückweiſen, Bernthal anbot. Marie preßte ihre Hand ſo feſt um den Arm ihrer Mutter, daß dieſe laut aufſchrie. Höre Mutter, ſagte ſie mit knirſchenden Zäh⸗ nen und aufflammenden Augen, nimm Dich in Acht, oder Du machſt uns doch noch Beide unglücklich, und ich vergeſſe, daß es meine Mutter iſt, welche ſolche niederträchtige und ſchamloſe Worte geſprochen. Laß meinen Arm los, Marie! Du willſt mich doch nicht morden? Nimm Dich in Acht, Mutter, und ſage niemals wieder, daß ich von ihm etwas annehmen ſollte. Ich werd's niemals thun. Und wenn ich in drei Tagen nichts gegeſſen hätte, und er käme, mir ein Stück Brod anzubieten, ich würd's nicht nehmen; und wenn meine Hand ſich wider meinen Willen darnach ausſtreckte, ſo würde ich ſie mit meinen Zähnen feſthalten, und wenn ſich meine Augen dar⸗ auf richteten, ſo würde ich ſie mir blutig ſchlagen, damit ich es nicht ſehen könnte. Ich würde mit einem Hunde kämpfen um das Stück Brod, das er in ſeinem Maule trägt, aber ich würde lieber ſter⸗ ben vor Qual, als von Bernthal die kleinſte Hülfe 14 ir, Mutter, und ich rathe ieder! nichts, und als Marie, verwundert über die es Schweigen, ſich umwandte, begegnete ihr Blick den dunkeln glühenden Augen Bernthals, welcher unbemerkt von ihr eingetreten war, und ihrer Mutter ein Zeichen gebend, ſich ru⸗ hig zu verhalten, ihre letzte Rede mitangehört hatte. Du haſt Recht, Marie, ſagte er, und ich ehre Deinen Stolz. Ich habe Vieles an Dir verſchuldet, und ich begreife ſehr wohl, daß Du mich haſſeſt! Nein, nein, ſagte die Alte in ihrer ſchmeichle⸗ riſchen, kriechenden Weiſe. Sie haßt Euer Gnaden nicht. Sie hat mir eben erſt befohlen, allen Haß und allen Zorn gegen Euer Gnaden zu vergeſſen⸗ Sie ſagt, es iſt Alles anders geworden, und ſie will Ihnen nicht mehr fluchen! Er ſchritt zu ihr hin, und reichte ihr die Hand dar. Sie zögerte und ſchauerte leiſe in ſich zuſam⸗ men. Bernthal bemerkte es lächelnd und nickte ihr zu. Fürchte Dich nicht, dieſe Hand zu berühren, Marie, ſie hat eben erſt die Wange Deines Kindes geſtreichelt. l ergriff Marie dieſe Hand und drückte „ 211 ſie mit einer leidenſchaftlichen Heftigkeit an ihre Lippen. Du willſt keine Hülfe von mir annehmen, fuhr Bernthal fort, Du würdeſt lieber Hungers ſterben, als von mir Dir ein Stück Brod reichen laſſen! Und doch bin ich gekommen, Dir einen Liebesdienſt zu erzeigen, und ich glaube, Du wirſt ihn nicht ausſchlagen. Schüttle nicht ſo wild das Haupt, Marie, ich will Dich nicht demüthigen und Dich nicht zwingen, etwas von mir anzunehmen, ohne mir dafür etwas zu geben. Du ſollſt mir auch einen Dienſt erzeigen! Was für einen? Sprechen Sie! Du ſagteſt geſtern, die Baronin Lucinde habe Dich veranlaßt und gedungen, mich zu ermorden. Sie habe Dir eine große Geldſumme gegeben, wenn Du mich tödten und mir vorher gewiſſe Briefe, die in meinem Beſitze ſind, entreißen könnteſt. Iſt dies wahr, Marie? Kannſt Du mir Beweiſe dafür geben? Und was wollen Sie mir für einen Dienſt lei⸗ ſten, wenn ich dieſe Fragen redlich beantworte? Ich werde Dir Deinen Sohn zeigen! Marie erwiederte nichts, aber eine dunkle Röthe 14 übergoß für einen Moment ihr blaſſes Geſicht, und ihre Hände zitterten. Ich werde die Wahrheit ſagen, die reine lau⸗ tere Wahrheit, ſagte ſie endlich mit bebender Stimme. Die Baronin von Winter hat nicht gewollt, daß ich Sie ermordete, und als ich zu ihr kam, und ihr ſagte, daß ich's thun wollte, da hat ſie mich erſt mit Bitten, dann mit Drohungen davon zurückzuhal⸗ ten geſucht, und als das Alles nichts half, und ich doch gehen wollte, da hat ſie ſich vor die Thür ge⸗ worfen und geſchworen, daß ich Sie nicht ermorden ſollte, ich müßte denn ſie ſelber erſt getödtet haben. O, ſie war ſehr ſchön, als ſie ſo ſtolz und groß, und doch ſo bitterlich weinend an der Thüre ſtand, und obwohl ich ſie hart behandeln und mit Gewalt von der Thür fortbringen mußte,„ ſie mich doch gedauert! Aber ſie hatte mi Dir einen gun entworfen mir die Briefe zu entwenden? Ja, das hatte ſie, und ſie hatte mir verſprochen, zu machen, daß Sie ſie liebten, und dann ſich mit ſtolzem Hohn von Ihnen abzuwenden. So war's verabredet, aber das iſt ſchon lange her, und damals kannte die Baronin Sie noch nicht. Jetzt iſt das Alles anders gekommen. Ich habe die Baronin 21¹3 ſeitdem oft am Fenſter ſtehen ſehen, um Ihnen nachzuſehen und vielleicht einen Gruß von Ihnen zu haſchen. Sie ſtand am Fenſter ſo lange ſie Sie nur ſehen konnte,— aber Sie ſchauten nicht nach ihr um. Ueber Bernthals Antlitz flog ein Ausdruck ſtol⸗ zen Triumphes. Er ging mit haſtigen Schritten und einzelne unverſtändliche Worte murmelnd, auf und ab, als aber ſein Blick ganz zufällig den Augen Mariens begegnete, welche unverwandt und mit einem ſeltſamen, faſt bittenden Ausdruck auf ihn ge richtet waren, blieb er ſtehen. Du haſt Recht, ſagte er mit einem ſanften Lächeln, ja Du haſt ganz Recht, mich mit Deinen Blicken an mein Verſprechen zu mahnen. Komm, Marie, Du ſollſt Deinen Sohn ſehen. Folge mir. Sie ſtand haſtig auf und warf ihr Tuch um. Dann nickte ſie ihrer Mutter mit einem ſeltenen Lächeln zu, und verließ mit Bernthal„die Höhle ihrer Schmerzen.“ In einer der eleganten Vorſtädte hrlt der Wagen, und auf Bernthals Arm geſtützt ſtieg Marie aus. Sie ſtanden vor einem kleinen einſtök⸗ kigen, rings von einem Garten umgebenen Hauſe, deſſen untere Fenſter ſo niedrig waren, daß ſie einen 2¹4 bequemen Einblick in dieſelben geſtatteten. Bernthal öffnete mit einem Schlüſſel das Gitter, welches den Garten umſchloß, und führte ſie an die hintere Seite des Hauſes. Hier an dieſem Fenſter bleibe ſtehen, ſagte er, ich werde hinein gehen und Dich Deinen Sohn ſe⸗ hen laſſen. Marie war keiner Antwort fähig. Sie lehnte ſich an die Mauer und faltete ihre zitternden Hände über ihre wogende Bruſt. Ihr Herz ſchlug ſo hef⸗ tig, daß ſie ſeine Schläge auf ihren brennenden Lip⸗ pen empfand.— Ihre Seele, welche ſo lange im Fegefeuer geſchmachtet, ſah mit bangem Entzücken der Erlöſung entgegen. Sie war ſo lange verdammt geweſen, daß ſie noch kaum den Muth hatte, an einen Himmel zu glauben! 8 Und doch ſollte ſich der Himmel jetzt vor ihr öffnen! Sie hörte ein Geräuſch hinter dem Fenſter, ſie hörte den Ton einer lieblichen Kinderſtimme,— ſie hörte es mit ihrem Herzen, mit ihrer Seele, aber ſie hatte nicht den Muth, hinzublicken, ihre Lippen bewegten ſich; vielleicht betete ſie, denn ſie ſchlug das Auge mt einem vollen, unausſprechlichen Blicke gen Himmel.— Und jetzt, ja jetzt endlich wandte ſie langſam und ſcheu ihr Auge dem Fenſter zu, 2¹⁵5 und ein Schrei, ein einziger Schrei drang von ihren Lippen. Dort ſtand er an der Hand Bernthals mitten in dieſem Zimmer,— dort dieſer kleine Knabe mit den langen blonden Locken, den großen blauen Augen, den purpurrothen lächelnden Lippen,— es war ihr Sohn! Vein, nicht ihr Sohn, nicht das Kind dieſer Tochter der Schmerzen und Irrungen, ſondern ein Engel des Friedens, welcher gekommen war, eine Seele aus ihren Schmerzen zu entlaſſen, und den Fluch in einen Segen umzuwandeln! Ein Engel, welcher der Reuigen die Vergebung Gottes verkünden ſollte! Und ſie vernahm ſie, die Stimme des vergeben⸗ den Gottes, und ſie ſank nieder auf ihre Kniee und faltete ihre Hände, und ihre Lippen ſprachen Worte, ungewohnte, nie geſprochene Worte des Dankes, des Friedens, der heiligen Reue! Und was war das, was jetzt wie ein Feuer⸗ meer in ihre Augen ſchoß, und doch ihre brennend⸗ Bruſt mit tröſtender Kühlung labte; was war es, was heiß und brennend und doch ſo erquickend und wohlthuend ihre Wange befeuchtete? Sie faßte ſich erſtaunt, verwundert in's Geſicht, blutete ſie? Nein, 3 216 ihre Hände waren naß, aber es war kein Blut,— es war das Blut ihrer Seele, es waren Thränen! Oh mein Gott, mein Gott, ich danke Dir, ich weine! ich kann wieder weinen! Aber ſie raffte ſich zuſammen, ſie ſchüttelte die Thränen aus ihren Augen fort. Sie wollte noch einmal ihren Sohn ſehen! Da ſtand er noch immer, der Engel mit dem lächelnden Munde und den ſtrahlenden Augen. Schön war er, wie ein lichter Traum, und ſo hold und zierlich, wie ſie nie etwas geſehen. Aber was ſtarrte jetzt ihr Blick, und welch ein Ausruf des Entſetzens ſchrillte von ihren Lippen?— Sie ſah einen Engel, aber die Sünde der Menſchen hatte ihn ſchon gezeichnet! Dieſe reine, klare Kinderſtirn war von einem Verbrechen gebrandmarkt worden! Und das arme Weib wandte ſchaudernd ihren Blick ab. Sie konnte es nicht ertragen, dieſe breite rothe Narbe an der Schläfe ihres Kindes zu ſehen; ach, dieſes Kind, das Kind ihrer Schmerzen und ihrer Verzweiflung,— es war ihr auf immer verloren; es ſtand vor ihr, wie ein Denkmal ihres Ver⸗ brechens! Ganz zerbrochen und vernichtet ſank ſie tiefer 217 in ſich zuſammen, laut weinend in unendlichem Jammer. Das Kind hatte ſich lächelnd und plaudernd dem Fenſter genähert. Bernthal öffnete es und hob das Kind in die Höhe. Des Knaben ſcharfer Blick gewahrte dieſes zu Boden geſunkene, wehklagende Weib. Er ſtreckte ſeine Händchen aus und deutete auf ſie hin, und ſeine helle Kinderſtirne umwölkte ſich. Sieh, Papa, ſagte er mit klarer, lallender Stimme. Arme Frau weint! Arme Frau! Und ſie hob ihre gefaltenen Hände empor zu ihrem Kinde, und flüſterte unter Thränen: Beklagſt Du mich, mein Engel? Haſt Du Mitleid mit nirs Oh ſag's noch einmal: arme Frau! Und das Kind wiederholte mit einem himmli⸗ ſchen Lächeln: arme Frau weint! XV. Eine Entdeckung. . Dieſe gewaltige Erſchütterung, welche der An⸗ blick ihres Kindes auf Marien ausgeübt, hatte ſelbſt Bernthals Gemüth tief ergriffen und zu weichem Mitgefühl es geöffnet. Es war eine jener Stunden, in denen der gute Genius in ihm die Stimme des Dämons übertäubte, und ſein Weſen in ſeinem an⸗ gebornen Adel und ſeiner urſprünglichen Größe ſich entfaltete. Er reichte Marien mit einem warmen Freundes⸗ drucke die Hand. Marie, ſagte er mit ſeiner weichen, zauberhaften Stimme, ich habe Vieles an Dir ver⸗ brochen, und Vieles an Dir wieder gut zu machen! Gott weiß es, daß ich dies will, daß ich ſuchen will, Dich mit der Welt, mit Deinem eigenen Herzen aus⸗ 219 zuſöhnen! Du darſſt nicht zu Deiner Mutter, nicht in dieſe Höhle gemeinen Laſters zurückkehren; die Mutter meines Kindes darf nicht in entehrender Gemeinſchaft mit Verbrechern und Dieben geſehen werden. Du biſt es Deinem Sohne ſchuldig, Deinen Aamen und Deine Exiſtenz zu reinigen, und ich will Dir dazu behülflich ſein! Ich will Dich in ein ſtilles glückliches Haus, zu einem ſchönen und unſchuldigen jungen Mädchen bringen. Vein! fürchte nicht, daß ich Dich demüthi⸗ gen und von Dir verlangen will, daß Du dies als eine Wohlthat annehmeſt! Dieſes junge Mädchen bedarf einer Dienerin, und Du ſollſt es ihr werden! Komm, wir wollen ſogleich zu ihr. Marie ſchwieg und ließ ſtill den Willen Bern⸗ thals walten. Sie bemerkte es gar nicht, daß der Wagen vor demſelben Hauſe hielt, zu welchem ſie Bernthal einſt in der Nacht nachgeſchlichen war; ſie folgte ihm ganz mechaniſch und theilnahmlos durch dieſelbe Thür, welche ſie damals mit finſtern Rache⸗ gedanken umlauert hatte. Viemand hatte ihr Eintreten bemerkt. Bernthal hatte die Thür mit dem Schlüſſel, welchen er ſtets bei ſich trug, leiſe geöffnet, und indem er Marie in ein Zimmer des untern Stockwerkes W er 220 ſie daſelbſt ſeiner Rückkehr warten, dann ging er leiſen, geräuſchloſen Schrittes die Stiegen hinan. Er wollte Anna überraſchen, er wollte an ihrem freudigen Schreck ihre Liebe erkennen. Er hatte eine wahre, inbrünſtige Sehnſucht nach der ſo zärtlichen, ſo keuſchen und reinen Umarmung ſeines Kindes. Der Kuß ſeiner Tochter ſollte ihn entſündigen, ihn reinigen von der Schuld und Sünde, zu welchem die Welt ihn verlockt hatte! Geräuſchlos öffnete er die Thür zu dieſem kleinen Gemach, welches ein Vorzimmer zu dem Salon bil⸗ dete, den Anna bewohnte. Die Thür, welche von demſelben in den Salon führte, war mit Glasfenſtern verſehen und dieſe hatten auf der Seite des Vorzim⸗ mers ſeidene Vorhänge, dicht genug, um zu verhin⸗ dern, daß man im Salon durch dieſelben hindurch ſehen konnte, und doch wieder durchſichtig genug, um aus dem Vorzimmer den Salon beobachten zu können. Bernthal trat mit lächelndem, freudeſtrahlendem Geſicht zu dieſem Vorhang. Er wollte ſich an dem Anblick ihrer jungfräulichen Schönheit er⸗ quicken, er wollte Anna's ſtilles ſanftes Lächeln ſehen, welches ſtets wie Sonnenglanz in ſeine Seele. 221 Plötzlich nahmen ſeine Züge einen ſtarren ſchrek⸗ kensvollen Ausdruck an, und ſeine ganze Geſtalt er⸗ bebte. Er lehnte ſich einen Moment ganz überwäl⸗ tigt, ſchreckensbleich an die Wand. Dann richtete er ſich wieder auf und ſtarrte durch den Vorhang. Die Thür war nur angelehnt. Er konnte daher nicht nur Alles ſehen, ſondern auch Alles hören. Drinnen im Salon war Anna. Aber nicht allein, nicht mehr, wie ſonſt mit ſehnſuchtsvoller Liebe nur ihres Vaters gedenckend! Omar war an ihrer Seite, und noch bevor Bernthal ein Wort ver⸗ nommen von dem was ſie ſprachen, hatte er in den Augen ſeiner Tochter geleſen, daß ſie dieſen jungen Mann liebe, und daß ſie bereit ſei, um ihn ihres Vaters zu vergeſſen. Er empfand einen nagenden Schmerz und zugleich einen tödtlichen Haß gegen dieſen Jüngling, welcher gekommen war, ihn ſeines einzigen Glückes, ſeiner einzigen, reinen und von keinem Vebengedanken entweihten Liebe zu berauben- Er hatte ein Gefühl, als müſſe er hinein ſtürzen in dieſes Zimmer und dieſen Räuber ſeiner Tochter mit ſeinen Händen erwürgen, um ihn von ſeinem Kinde zu trennen. Aber der Zorn, das Erſtaunen feſſelte ſeine Füße. Er wollte erſt Alles hötg Alles wiſſen.— 222 Er blieb ſtehen und lauſchte. O, dies waren nicht blos Worte einer glühen⸗ den Liebe, welche er vernahm, nicht blos Schwüre ewiger Treue, wie ſie die Liebenden zu wechſeln pfle⸗ gen, ſondern Worte der Ueberredung, der warnenden Sorge, der flehenden Angſt, und dieſe Worte kamen von den Lippen Omar's! Er beſchwor dieſes junge Mädchen, welches ihm lauſchte, an ſeiner Hand dieſes Haus zu verlaſſen und ihm zu folgen in die Welt als ſein Weib, als der Engel ſeines Daſeins. Er flehete zu ihr, Mitleid zu haben, nicht blos mit ihm, ſondern mit ſich ſelber, mit ihrer betrogenen, argloſen, das Verbrechen nicht ahnenden Jugend. Ja, fliehen wollten ſie, fliehen in ein ſtilles, ſeliges Thal, wohin die Welt nicht zu dringen vermöchte mit ihrer Sünde und ihrem Verbrechen, fliehen zu einer Hütte, um abgeſchieden von allem Trug und allem Schein, das ſtillbefriedigte Leben genügſamer Landbauer zu führen. Beſſer wäre ein Leben voll Arbeit und Mühe, als ein Leben des nichtigen Glanzes, des betrüglichen Reichthums. Und ſie, ſo unſchuldig und rein, ſo engelhaft und gut, ſie ſei das Opfer eines hinter⸗ liſtigen Betruges, eines verbrecheriſchen Unterneh⸗ mens, deſn Urheber er ihr nicht nennen wollte, um 2²3 ihre junge Seele nicht zu betrüben, dem ſie aber entriſſen werden müſſe um jeden Preis. Und als Anna ſtaunend und ſinnend ihn um die Deutung ſeiner geheimnißvollen Worte fragte, als ſie mit angſtzitternder Stimme eine Erklärung forderte, zog er dieſe kleine Stahlplatte hervor, an welcher Anna zuvor gearbeitet, und bei welcher Ar⸗ beit er ſie überraſcht hatte. Er fragte ſie in athem⸗ loſer Angſt, ob ſie die Bedeutung dieſer Arbeit kenne, und als ſie in lächelnder Unbefangenheit es ver⸗ neinte, ſchien er erleichtert und gleichſam getröſtet aufzuathmen. Bernthal trat von der Thür zurück,— nicht um ſie zu öffnen, ſondern weil er einen Entſchluß gefaßt hatte, den Entſchluß, zu handeln, um mit einer raſchen, entſcheidenden That ſich von der Ge⸗ fahr, welche lihn bedroht, zu erretten.— Dieſer junge Mann kannte alſo Bernthal's gefährliches Ge⸗ heimniß, und er war ſein gefährlicher Feind, denn er wollte ihm nicht blos ſeine Tochter, ſondern er wollte ihm auch ihre Liebe und ihre Achtung ent⸗ reißen. Ein zorniger Haß flammte in ſeiner Seele auf und er ſchwur, ſich dieſes Feindes zu entledigen um jeden Preis. Mit feſtem, aber geräuſchloſem Tritt 224 verließ er das Zimmer und ſchritt die Stiegen hinab. Kein Schwanken und Zagen war in ihm. Bernthal oder Omar, einer von ihnen Beiden mußte verder⸗ ben, warum er, warum nicht Omar? Iſt nicht die Pflicht der Selbſterhaltung die nächſte, die heiligſte und unabweisbarſte? Mußte er nicht Rache neh⸗ men an dieſem Feinde, welcher ihn bedrohte? Leiſe, wie er gekommen, verließ er das Haus. Sein Wagen hielt in einiger Entfernung. Er warf ſich hinein und jagte in geſtrecktem Galopp von dannen.— Omar war noch immer bei Anna, aber ſie wa⸗ ren nicht mehr allein, ſondern Omars Mutter war zu ihnen gekommen, und ihr Geſpräch hatte alſo eine andere Wendung genommen. Omar hatte ſchnell die kleine Kupferplatte in ſeiner Bruſttaſche verborgen, und eines jener harmloſen und unbefän⸗ genen Geſpräche begonnen, mit welchen man ſo oft in tändelnder Verwegenheit die ſchweren Leiden des Herzens zu verhüllen trachtet. 66r hatte endlich Lamartine's Raphael, dieſe ſo enpfindſame und rührende Geſchichte zweier, an Geiſt geſunder, aber an Körper kranker Liebenden, genommen, um den beiden Damen vorzuleſen. Sie hörten ihm Beide mit geſpannter Aufmerk⸗ 225 ſamkeit zu, und ſo ſehr war ihr Ohr gefeſſelt von den Klagen und Entzückungen des ſiechen Liebes⸗ paares, daß ſie gar nicht auf das Geräuſch der Schritte achteten, welches ſich im Vorzimmer bemerk⸗ lich machte. Plötzlich ward die Thür heftig aufgeriſſen, und Bernthals ſtolze und majeſtätiſche Geſtalt zeigte ſich in derſelben, gefolgt von Polizeibeamten und Kon⸗ ſtablern.— Er wandte ſich an dieſen kleinen wohl⸗ behäbigen, lächelnden Herrn, welcher neben ihm ging und indem er mit der erhobenen Hand auf Omar hindeutete, ſagte er mit feſter, eiskalter Stimme: Herr Polizeirath, verhaften Sie dieſen Herrn. Er iſt von den Kaſematten in Raſtatt entſprungen. Aber wenn Sie ihn unterſuchen, werden Sie Be⸗ weiſe eines ſchlimmern Verbrechens bei ihm entdecken. Der Polizeirath ſchritt auf Omar zu, und die Hand auf ſeine Schulter legend, ſagte er: Im Na⸗ men des Geſetzes, ich verhafte Sie! Anna ſtieß einen Schrei aus, und wandte ihren halb zornigen, halb ſchmerzlichen Blick auf ihren Vater. Sie fühlte erſt jetzt, wie innig und glühend ſie Omar liebte, und ihr Vater war es, welcher ihn in's Verderben ſtieß!— Madame Walberg aber, in der Angſt ihrer Mutterliebe, ſtürzte zu ihrem I. 515 Sohne hin, um ſich laut weinend an ſeine Bruſt zu werfen.— Omar allein war ruhig und unerſchüttert geblieben. Sein feſter und prüfender Blick begegnete Bernthals drohendem, gehäſſigen Angeſicht. Einen Moment ſchien es, als wolle er ſeine Lippen öffnen, vielleicht nur, um ſeine eigene Unſchuld zu betheuern, vielleicht auch, um den wirklich Schuldigen zu nen⸗ nen. Als er aber dann den Blick auf dieſes wei⸗ nende, zitternde junge Mädchen hinwandte, welches er liebte, als er ſich erinnerte, daß es ihr Vater ſei,. welchen er verderben müfte, da hatte ſeine ringende ½ Seele einen Entſchluß gefaßt, und r und deutlich er, was er zu thun habe. WMit ruhigem Ausdruck wandte er ſich an den See Mein Herr, verhaften Sie mich. Es iſt 8 ſo, wie man Ihnen geſagt hat, ich bin ein Flücht⸗ ling aus den Kaſematten von Raſtatt. Sie ſind noch eines andern Verbrechens ange⸗ ſ klagt. Bekennen Sie ſich auch in dieſem Punkte ſchuldig? Welches Verbrechens? Der Falſchmünzerei! Ein herzzerreißender Schrei drang von den Lippen der unglücklichen Mutter. Sie klammerte ſich an ihren Sohn an, als wolle ſie ihn an ihrem 8 227 Buſen wahren und ſchützen gegen dieſe Gefahr, welche ihn bedrohete, und ſank ohnmächtig zuſammen. Anna hatte die Hände von ihrem Geſicht glei⸗ ten laſſen und blickte verwundert und ſtaunend auf ihren Vuter. Sie begriff nicht, was für ein Ver⸗ brechen dies ſei, deſſen man Omar anklagte. Bernthal verſtand dieſe ihre engelgleiche Uner⸗ fahrenheit, und er fühlte, daß es nothwendig ſei, ſie in derſelben zu erhalten. Er trat daher zu ihr heran, und faßte ihre Hand. Mein Kind, ſagte er feierlich, dieſer Ort iſt jetzt nicht mehr ein Deiner würdiger Aufenthalt, denn er iſt von einem Verbrechen entweiht. Man hat mein Vertrauen freventlich gemißbraucht, und dieſes Haus zu einer Zufluchtsſtätte der Schuld und des Ver⸗ brechens gemacht. Ich werde Dir daher eine andere Wohnung und eine treuere Gefährtin wählen müſſen! Komm, mein Kind! Es war eine ſo überlegene, gebieteriſche Art in ſeinem ganzen Weſen, daß Anna keinen Muth zum Widerſtande, nicht einmal zur Bitte fand. Still weinend, geſenkten Hauptes durchſchritt ſie an der Hand ihres Vater das Gemach. Plötzlich drang eine Stimme, ach, eine nur zu ſehr geliebte Stimme an ihr Ohr. 6 hoffe, Sie werden es verſtehen! 28 Anna, ſagte Omar, Sie wollen mich verlaſſen, ohne mir eine Lebewohl zu ſagen? Vuken auch Sie mich für ſchuldig? Sie ſah ihm mit dem Ausdrucke des vollſten, zärtlichſten Vertrauen ins Geſicht. Nein, Omar, ich werde niemals an Ihnen zweifeln, niemals! Ich weiß, daß Sie keines Verbrechens ſchuldig ſind. Ich glaube an Ihre Unſchuld, wie ich an die Güte Gottes glaube! Das iſt mein Lebewohl, Omar! Ein ſtolzes und glückliches Lächeln ſtand in dem Antlitz des jungen Mannes, als er jetzt ſeinen hellen, durchdringenden Blick Bernthäl heftete.— Mein Herr, ſagte er, und dieſes junge Mäd⸗ chen, welches an meine Unſchuld glaubt, iſt Ihre Tochter! Das iſt mein Lebewohl an Sie, und ich Bernthal antwortete ihm nicht. Er führte Anna hinunter und hob ſie in ſeinen bereit ſtehenden Wa⸗ gen. Dann kehrte er zurück, und öffnete das Zim⸗ mer, in welchem Marie ſeiner hartte. Marie, ſagte er, Deine junge Herrin ſitzt in meinem Wagen, und erwartet Dich. Setze Dich zu ihr und fahre mit ihr in mein Hotel. Ich werde den Bedienten heordern, Euch Zimmer anweiſen zu laſſen. 2²9 Sorge für die junge Dame, aber ſprich nur das NVothwendige mit ihr, und beantworte keine ihre Fra⸗ gen anders, als: ich weiß es nicht!— Marie ſchritt ohne ein Wort zu erwidern zu dem Wagen hin und ſchwang ſich hinein. Sie ſah dort ein junges Mädchen, welches ſich laut ſchluch⸗ zend in die Ecke des Wagens zurückgelehnt hatte. Was kümmerte dieſes Alles ſie? Was gingen die Schmerzen der ganzen Welt ſie an, ſie, die Glück⸗ liche, welche einen Engel geſehen hatte? „ Bernthal hatte mit halblauter Stimme dem Bedienten ſeine Befehle gegeben. Der Wagen rollte davon, und Bernthal kehrte in das Haus zurück. Der Verbrecher iſt überführt! rief ihm der Po⸗ lizeirath mit triumphirender Miene entgegen. Sehen Sie hier das Zeugniß ſeiner Schuld! Dieſe Stahl⸗ platte, welche ich ſoeben aus ſeiner Buſentaſche ge⸗ nommen. Bernthal nahm dieſe kleine ihm dargereichte Platte, und beſichtigte ſie. Omar ſah mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu ihm hin. Aber dieſes Antlitz Bernthals war wie aus Erz geformt, unbe⸗ weglich, unergründlich. Es iſt unleugbar, ſagte Bernthal ruhig dies iſt 230 der angefangene Stich zu einem Kaſſenſcheine. Das Verbrechen iſt unzweifelhaft. Und jetzt, mein Herr, erſuche ich Sie, dieſes ganze Haus genau unterſuchen zu laſſen, ob ſich noch weitere Indizien auffinden. Ich habe dieſes Haus lediglich zur Wohnung meiner Tochter beſtimmt, und um ſie vor jeder Be⸗ rührung mit der Welt zu bewahren, habe ich ſogar die von ihr nicht benutzten Zimmer an keine frem⸗ den Miether abgelaſſen. Es ſteht alſo nichts Ihren Lachforſchungen im Wege, und ich bitte Sie, ſtrenge zu verfahren.. Der Polizeirath gab zweien ſeiner Leute den Be⸗ fehl, bei Omar zu bleiben, und ihn zu bewachen, und folgte dann mit ſeiner übrigen Mannſchaft dem Baron Bernthal. Man unterſuchte das ganze Haus, ſogar bis in die Keller hinein geleitete ſie Bernthal. Nichts Ver⸗ dächtiges ward entdeckt, und Niemand dachte daran, dieſen ſchweren, mit Kohlen gefüllten eiſernen Kaſten zurückzuſchieben. Hätte man es gethan, ſo würde man hinter demſelben eine eiſerne Thür gefunden haben, und hätte man die Tiefe dieſer Keller mit der Tiefe des ganzen Hauſes verglichen, ſo würde man gefunden haben, daß dieſer erſtere Raum bedeutend enger war, und daß ſich hinter dieſer Mauer vielleicht noch eine andere, nicht unbedeutende Abtheilung des Kellers befinden dürfte. Aber wie geſagt, Niemand dachte daran.— Kein weiteres Zeichen des Verbrechens ward ent⸗ deckt, als dieſer angefangene Stahlſtich, den man bei Omar gefunden hatte. Eine Stunde ſpäter war das ganze Haus faſt leer; Omar war in das Kriminalgefängniß abgeführt worden, und ſeine Mutter war ihm weinend gefolgt. Sie wußte kaum, wohin ſie ſich wenden ſolle, nur das war ihr klar, daß ſie keine Stunde mehr in die⸗ ſem Hauſe, und unter dem Dache des Mannes ver⸗ weilen könne, der ihren Sohn eines Verbrechens an⸗ geklagt hatte. B Nur Bernthal war noch in dem einſamen Hauſe. Er hatte die Magd ausgeſandt, um Leute und einen Wagen zu holen, Anna's Sachen aufzunehmen und in ihre neue Wohnung zu bringen. Er erwartete ihre Rückkehr, und ging mit in⸗ einandergeſchlagenen Armen ſtolz und feſt im Salon auf und ab. Alles war ſtill. Man hörte nichts als den Klang ſeiner feſten, das Haupt ſtolz zurückgeworſen, ein Antlitz* bleich, und um ſeine Lippen ſpielte ein ſpöttiſches, 232 triumphirendes Lächeln. So glich er einem böſen Dämon, welcher eines Sieges ſich freut, und über die Welt hohnlachend, des Triumphes der böſen That ſich rühmt. XVI. Ein Beſrehützer. Und dies iſt wirklich Dein ernſter, feſter Wille? fragte die Fürſtin. Ja, meine gnädigſte Mutter! erwiderte die Prin⸗ zeſſin, und dieſer Wille iſt ſo feſt, daß nichts der Welt ihn zu erſchüttern vermag. Du willſt es in der That wagen, die Hand des Königs auszuſchlagen, trotz des Befehles Deiner Mutter und Deines Bruders? Und warum nicht? fragte die Prinzeſſin, indem ſie dem zornigen Auge der Fürſtin mit muthigem und ſtolzem Blicke begegnete. Und warum nicht, gnädigſte Mutter? Das Wagniß iſt nicht gar ſo groß, denn ſprechen Sie ſelbſt, was iſt es, das ich durch meinen Ungehorſam verliere? Etwa Ihre Liebe? Sie wiſſen, Hoheit, daß es mir niemals hat gelingen können, dieſelbe zu erwerben! Ohne Zweifel verbietet 234 Ihnen Ihre hohe Stellung, ein mütterliches Herz zu haben! Oh hätten Sie mir dieſes gezeigt, hätten Sie meinem jungen, nach Liebe dürſtenden, nach Ver⸗ trauen ſich ſehnenden Herzen jemals die zärtliche Sorge, die theilnehmende Liebe einer Mutter gezeigt, ſo würde mein Schickſal ſich minder traurig und jammervoll geſtaltet haben, denn die Mutterliebe iſt wie die Gottheit, ſie ſegnet mit ihrem bloßen Lächeln und beſchützt mit ihrem Anſchauen!— Aber dies ſoll kein Vorwurf ſein! Es war mein Schickſal, allein und unbehütet an dem Rande eines Abgrundes zu ſtehen! Niemand war da, mich zu warnen, mich mit Hand zurückzuziehen, und ſo mußte ich fallen! Aber bedenke, wie gnädig ſich das Schickſal Dir erweiſt! Du ſelber nennſt Dich eine Gefallene! Aun wohl, das Schickſal will Dich wieder erheben! Es bietet Dir eine Königskrone! † Die Prinzeſſin faßte heſtig die Hand ihrer Mut⸗ ter. Und hätte ich alle Königskronen der Welt, ſie würden doch nicht im Stande ſein, mir dieſe Eine Krone, welche ich beweine, wieder zu geben. Sie önnen eine Königskrone auf mein Haupt ſetzen, aber die Myrtenkrone iſt für immer verloren! Ur⸗ 3 theilen Sie, Mutter, ob für mich dieſer goldene 16 Schmuck begehrenswerth ſein kann, wenn er nicht einmal fo viel werth iſt, als ein grüner Kranz! Es kommt wenig darauf an, wie viel Werth 6 Ihnen eine Krone hat, ſondern darauf, wie viel Werth ſie ihrer Familie hat! Kraft meiner mütter⸗ lichen Autorität befehle ich Ihnen, die Hand des Königs anzunehmen! Und kraft meines freien Menſchenwillens ſchwöre ich, daß ich es niemals thun werde! Sie haben alſo wirklich den freventlichen Muth, ſich meinen Befehlen zu widerſetzen? Es gehört mehr Muth dazu, ſein eigenes Kind verkaufen und ins Unglück ſtürzen zu wollen Sie thun! Aber weil ich mich nicht als Sklavin fühle, will ich mich auch nicht als ſolche ver⸗ kaufen laſſen! Und nun wollen wir ſehen, ob es in der That Mittel gibt, um ein menſchliches Weſen, welches um ſeine Freiheit kämpft, zu Boden zu tre⸗ ten und willenlos zu machen! Die Fürſtin war blaß geworden, ihre Augen flammten, und ſie, welche ſonſt jede Regung ihres Imnern unter einem Lächeln zu verbergen verſtand, konnte jetzt den Zorn, der ihre ganze Geſtalt zittern machte, nicht bemeiſtern! Jetzt war ſie nicht die ſtolze Fürſtin, ſondern das leidenſchaftliche Weib, die 236 Feſſeln der Konvenienz fielen einen Augenblick ab von ihr ab, und ihre Züge, aus dem ſtereotypen Lächeln entlaſſen, zeigten ganz die maßloſe Wuth und den verachtungsvollen Ingrimm, der in ihrer Seele tobte! Sie, welche immer die Gebieterin, die gefürchtete Herrſcherin geweſen, ſie ſollte jetzt von ihrer eigenen Tochter die Demüthigung erfahren, daß ihr Wille nicht Geſetz, ihr Wunſch nicht Befehl ſei? Sie, welche Jahre lang gerungen nach dieſem Ziel, ſie ſollte jetzt dieſe Königskrone ſich entriſſen ſehen, entriſſen von ihrer eigenen Tochter! Sie ſollte nicht einen König ihren Sohn nennen, und ihn zu ihrem Vaſ machen können, wie ſie es ihrem Gemahl und ihrem Sohn gethan?! Sie ſollte dazu verdammt ſein, nichts weiter fortan zu ſein, als die verwittwete Fürſtin, welche jeden Augenblick mit Hohn von einer jungen Ge⸗ mahlin ihres Sohnes konnte verdrängt werden. Zornige und heftige Worte ſtrömten wie glů⸗ hende Lava von ihren Lippen, und einmal ſogar hob ſie die Hand als wolle ſie ihre Tochter mit der Schwere ihres Armes zu Boden ſchleudern, da ſie ſich der Schwere ihres Willens nicht beugen wollte.— S Prinzeſſin Luiſe aber hielt ihren erhobenen Arm — auf und ſah ſie mit einer Miene ſo ſtolzer und edler Ruhe an, daß die Fürſtin ſich wider ihren Willen davon ergriffen und zur maßhaltenden Be⸗ ſonnenheit erweckt fühlte. Sie ging heftig einige Male auf und ab, vn blieb ſie vor Luiſen ſtehen. Ihre Züge zeigten wie⸗ der ihre gewohnte, ſtolze Ruhe, und als ſie ſprach, war ihre Stimme wieder feſt und kalt. Sie haben die romanhafte Idee, die Hand des Königs ausſchlagen zu wollen, weil Sie dieſen klei⸗ nen Prinzen Adrian lieben! Aber Sie haben ver⸗ geſſen, daß es nicht genug iſt, zu lieben, ſondern daß man gewöhnlich auch nach Gegenliebe ſich ſehnt! Und wenn Sie niedrig genug dächten, dieſem jungen Offizier Ihre Hand anzubieten, wer weiß, ob er ſie annehmen würde. Wer weiß, ob, wenn er Ihre Geſchichte kennte, er es nicht als einen Flecken auf ſeinem kleinen fürſtlichen Wappenſchilde erkennen möchte, der Gemahl einer Prinzeſſin Luiſe zu ſein. Ich habe lange genug gedroht, es iſt Zeit, meine Drohung wahr zu machen! Ich werde noch heute dem Prinzen Ihre Vergangenheit erzählen. Die Prinzeſſin ſchüttelte leiſe das Haupt. Un⸗ nöthig, Hoheit, ſagte ſie mit einem ſchwachen Lächeln. Er weiß ſie bereits. Ich ſelber habe ihm Alles erzählt. — Und er? Was that er? Er that, was er, wie Sie ſagen, als Mann von Ehre thun mußte! Er verließ mich, und ver⸗ achtete mich! Die Prinzeſſin ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt, und zwei Thränen zitterten langſam über ihre Wange hin. Die Fürſtin betrachtete ſie ſchweigend und der Ausdruck ihrer Züge milderte ſich.— Einmal das größte aller Hinderniſſe henweggeräumt, begann ſie wieder zu hoffen. Der Prinz hatte Luiſen verlaſſen, der König hatte alſo keinen Nebenbuhler mehr in dem Herzen ihrer Tochter, und es mochte endlich doch gelingen, ſie zu dieſer Vermählung, ſei es auch nur aus Depit gegen den Prinzen, zu bewegen. Sie näherte ſich ihrer Tochter und nahm faſt zärtlich ihre Hand. Luiſe, ſagte ſie, ich begreife, daß Sie in dieſer Stunde wohl nicht im Stande ſein mögen, mit feſtem und ungetrübtem Blick in die Zukunft zu ſchauen, und das Nothwendige als das zugleich Gute und Segensreiche anzuerkennen. Aber Sie werden ſich ſammeln und wieder aufrichten. Wollen wir alſo Ihrem Herzen Ruhe geben, ſeine Wunden zu verbinden, damit ſie heilen, und Ihrem Kopft Zeit, um alte Gedanken zu vergeſſen, und neue zu faſſen. Ich werde Sie heute nicht mehr 239 drängen, und verlaſſe Sie jetzt. Sie bedürfen der Ruhe. Suchen Sie zu ſchlafen. Suchen Sie zu ſchlafen! wiederholte die Prinzeſ⸗ ſin, als ſie allein war. Zu ſchlafen, wenn mir ein Dolch im Herzen bohrt, und wenn meine Seele ſo voll Kum⸗ mer iſt, daß ſelbſt Thränen und Klagen keine Linderung mehr gewähren. Ach, könnte ich ſchlafen den ewigen, den unerweckbaren Schlaf, dann würde ich wenigſtens nicht fühlen, wie langſam und gräßlich dieſe Tage dahin ſchleichen! Mein Gott, es ſind erſt zwei Tage, daß er mich verlaſſen, und mir ſcheint es eine Ewigkeit. Dieſes Leben hat keinen Inhalt mehr. Plötzlich verſtummte ſie, und ein Ausdruck ſü⸗ ßen Erſchreckens flog über ihr Geſicht. Sie hatte einen Schritt im Vorzimmer gehört, ſie hatte eine, ach nur zu geliebte Stimme vernommen. Sie hielt den Athem an und lauſchte. Dieſe Schritte kamen näher. Die Portiére ward haſtig geöffnet, und Komteſſe Erneſta trat ein. Prinz Adrian! ſagte ſie, und indem ſie raſch durch die Thüre zurücktrat, winkte ſie dem Prinzen, einzutreten. Luiſe ſtand ſtarr, unbeweglich, und blickte nach der Thür hin. Sie fühlte ſich wie von einem Zau⸗ ber befangen, ſie fuhr ſich mit der Hand an die 240 Stirn, als wolle ſie ihre Gedanken, ihre Sinne aus einem entzückenden Traume wecken. Aber nein, nein, dies war kein Traum! Er war es, er war wieder da! Das waren ſeine Augen, das ſeine ſtolze Geſtalt, das ſein Lächeln. Sie war keine Verdammte, keine Verſtoßene mehr; Gott hatte ſich ihrer erbarmt, er hatte ihr einen Engel geſandt, um ſie zu erretten. Er ſprach nichts, kein Wort kam über ſeine Lippen, aber er ſah ſie an, er breitete die Arme nach ihr aus. Und ſie? Sie ſtieß einen lauten Freudenſchrei aus und ſtürzte zu ihm hin. Und nun ruhte ſie an ſeinem Herzen, nun fühlte ſie ſich von ſeinem ſchützenden Arm umfangen, und ſenkte ihr mattes Haupt an ſeine ſtarke Mannesbruſt. O wohl mir, wohl mir, flüſterte ſie, unter Thränen lächelnd, ich bin nicht mehr einſam und verlaſſen! Ich habe eine Heimath gefunden! Der Prinz drückte ſie feſt an ſein Herz, und mit einer ſanften, faſt väterlichen Zärtlichkeit auf ſie niederſehend, ſagte er: Und dieſe Heimath, Luiſe, ſollen Sie niemals verlieren können. Sie ſind ſo lange unglücklich geweſen, Sie haben ſo viel geweint, aber die Thränen haben Ihr Herz entſündigt, und das Unglück hat Ihre Seele geläutert. So ſind Sie wieder das reine und jungfräuliche Weib ge⸗ worden, als welches ich Sie liebe! Was immer auch geſchehen ſein mag, die höhere Unſchuld, welche in der Seele und in den Gedanken wohnt, die haben Sie niemals verloren. Werfen wir alſo einen Schleier über die Vergangenheit, dieſe liegt hinter uns, wie die lebloſe Hülle eines Verſtorbenen; ſie ſoll nicht als Geſpenſt hineinragen in unſere Gegen⸗ wart. Die Zukunft iſt unſer, und meiner Liebe wird es gelingen, daß dieſe Zukunft Ihnen eine ſe⸗ gensvolle und glückliche ſei! Und werden Sie mich niemals verachten, wer⸗ den Sie noch Glauben an mich haben? Einen unerſchütterlichen, niemals wankenden Glauben, Luiſe. Man mag zweifeln an der niemals geprüften Unſchuld, nicht aber an Denen, welche den Kampf mit dem Schickſal beſtanden, und nach Stür⸗ men und Niederlagen dennoch wieder ſich zum Siege erhoben haben! Sie, Luiſe, haben mir ein heiliges Wahrzeichen Ihrer Liebe gegeben, Sie haben mir vertraut; zu ſtolz und zu erhaben, um es zu dulden, daß ich Sie anbetete als das, was Sie nicht waren, haben Sie mir zeigen wollen, daß ſelbſt die Unſchul⸗ digen ſchuldig und die Engel Sünder ſein können. Ich habe Sie nicht geliebt um das, was Sie waren, M. 16 242 ſondern um das, was Sie ſind, und ſo, Luiſe, werde ich Sie ewig lieben! Sie ſchmiegte ſich feſter an ſein Herz, und rief begeiſtert: Und ſo verlobe ich mich Ihnen als Ihre Braut, als Ihr Weib, das in Ihnen ſeinen Freund, ſeinen Geliebten und ſeinen Beſchützer ſieht! Keine Macht der Welt ſoll mich von dieſem Herzen reißen können, und ſelbſt meiner Mutter Fluch wird doch den Segen unſerer Liebe nicht ertödten können. Und wie ſie jetzt neben einander ſaßen, wie ſie einander anſchauten, und, Herz an Herz gedrückt, dem holden Geflüſter ihrer Liebe lauſchten, waren ſie da nicht raſch ausgelöſcht, dieſe Tage des Un⸗ glücks, waren ſie da nicht getrocknet, dieſe Thränen der Verzweiflung und der Reue? Das Glück iſt ein ſo mächtiger Zauberer, mit einem einzigen Lächeln ſtreicht es die Furchen hin⸗ weg, welche der Kummer langer Jahre durch unſer Antlitz gezogen; in einer einzigen Minute macht es dieſe Jahre der Schmerzen vergeſſen. Aber jetzt, da Sie mir das heilige Recht gege⸗ ben, Sie meine Braut zu nennen, ſagte Adrian endlich, jetzt habe ich das Recht, als Ihr Beſchützer der ganzen Welt entgegen zu treten. Dieſer Menſch, weſcher Sie beleidigt und hintergangen hat, lebt, 243 und Ihre Briefe ſind in ſeinem Beſitze. Sie werden mir ſeinen Namen nennen, Luiſe, und ich werde ihn zwingen, mir dieſe Briefe zurück zu geben. Es ſoll nicht geſagt werden, daß ein Menſch auf Erden lebt, vor dem meine Luiſe erröthend das Auge nie⸗ derſchlagen, vor dem ſie zittern müßte. Nennen Sie mir ſeinen Namen, Luiſe, und wo er auch ſein möge, ich werde ihn zu finden wiſſen. Sie verſtaud vollkommen die Nothwendigkeit dieſes Entſchluſſes, ſie wußte, daß Adrian's Ehre dieſen entſcheidenden Schritt nothwendig mache, und daß jeder Einwand und jedes Abmahnen für ihn nur eine Beleidigung und eine Demüthigung ſein könne. Adrian konnte fallen, aber ſie durfte ihn nicht zurückhalten; gleich den Weibern Spartas, mußte ſie mit trockenem Auge ihrem Geliebten den Schild hinreichen und zu ihm ſagen: Aut cum hoc, aut sub hoc! Und ſie that es, ſie nannte ihm den Namen ihres Feindes, welcher nun auch der ſeinige gewor⸗ den; ſie bat ihn nicht, ſeiner zu ſchonen, ſie flehete nicht, einen mildern, verſöhnlicheren Ausweg zu ver⸗ ſuchen. Sie wußte, daß dieſe beiden Männer nicht neben einander leben durften, und daß nur der Tod dieſen Zwieſpalt ſühnen könnte. 16* — 244 Sie reichte ihm die Hand hin und ſagte mit einem unausſprechlichen Ausdrucke in ihren von ed⸗ ler Begeiſterung ſtrahlenden Zügen: Gehen Sie hin, Adrian! Gott wird gerecht ſein! XvIl. Vater und Tochter. Sie ſtand vor ihm mit einem flammenden, in edlem Zorne ſtrahlenden Geſicht, und Bernthal mußte vor dieſen verachtenden, zerſchmetternden Blicken ſeines Kindes die Augen zu Boden ſchlagen. Er konnte ihr nichts mehr verhehlen, nichts mehr beſchönigen. Das Unglück war geſchehen und konnte nicht mehr zurückgenommen werden. Anna hatte durch die Zei⸗ tungen erfahren, weſſen man ihren Geliebten ange⸗ klagt, welches Verbrechens er beſchuldigt worden. Bernthal, welcher Anna der Einſamkeit ihres abge⸗ legenen Hauſes entriſſen, hatte nicht bedacht, daß er damit die Schranke durchbrochen, welche ſie bis jetzt von der Welt getrennt. Er hatte geglaubt, es ge⸗ nüge, ſie wieder auf ein paar Zimmer zu beſchränken und mit ihren gewohnten Beſchäftigungen zu um⸗ 246 geben, um ſie wieder einzufriedigen in die Ruhe und Stille ihres gewohnten Lebens. Aber er hatte nicht auf dieſe kleinen Zufälligkeiten gerechnet, welche ſo oft in der Welt die am feinſten ausgeſponnenen Pläne, die ſicherſten Berechnungen zu Schanden machen. Er hatte vergeſſen, dem Kellner zu verbieten, die Zeitungen wie ſonſt an Bernthals Dienerſchaft abzuliefern. Da der Diener nicht zugegen geweſen, hatte Marie ſie in Empfang genommen, und arglos, in der Abſicht, Anna, welche immer ſchweigend und theisnahmlos vor ſich hinſtarrte, zu zerſtreuen, an Anna gegeben.— Damit hatte ſie üder Schickſal entſchieden. Mechaniſch, und kaum wiſſend, was ſie las, hatten Anna's Augen dieſe Blätter, welche„ eine ganz fremde, neue Welt eröffneten, durchlaufen, bis plötz⸗ lich ihr Blick auf den Namen ihres Geliebten haftete. Jetzt hatte ſie geleſen, ihre Seele war in ihre Augen getreten, und zitternd, oſt laut aufſchreiend vor in⸗ nerer Qual, hatte ſie dieſe ganze, ſo unole und troſtloſe Geſchichte erfahren. Sie, welche die Welt nicht kannte, und von ihren Geſetzen nichts wußte, ſie begriff jetzt mit dem, allen reinen Seelen innewohnennden Inſtinkt, daß es ſich hier in der That um ein Verbrechen handle, nicht einmal um ein großes, erhabenes, ſondern um ein niedriges und gemeines Verbrechen, um einen Betrug, um eine hinterliſtige Bosheit. Und plötzlich auf einen Schlag wandte ſich die in ihrem Rechtsgefühl verletzte Seele von dieſem Manne ab, welchen ſie ſo lange geliebt und angebetet als ihren Vater, und der ihr jetzt nichts weiter war, als der wiſſentliche Ver⸗ derber ihres Geliebten. Und ſo ſchritt ſie ihrem Vater entgegen, als er mit argloſem Lächeln zu ihr kam, mit flammenden Augen und zornſtrahlendem Geſicht, ſo ſtand ſie vor ihm, als die Rachegöttin ſeiner Thaten, als die Ver⸗ geltung ſeiner Verbrechen. Das ſanfte Kind hatte ſich in ein glühendes, flammendes Weib umgewan⸗ delt, und Worte ſtrömten von ihren Lippen, ſo flammend und vernichtend, daß ſie ihn zu Boden ſchleuderten. Sie fand in der Tiefe ihrer Entrüſtung und ihrer zornſtrahlenden Unſchuld eine von ihm nie gehörte Sprache, ſie ſaß über ihm zu Gericht mit dem unbeſtechlichen Scharfblick einer reinen Seele, und eines fleckenloſen Bewuftſeins. Er verſuchte es, ſein Vergehen zu umhüllen, ſeine Argliſt zu bemänteln, aber ſie ließ ſich nicht mehr beirren und täuſchen. Sie trieb ihn mit kla⸗ . 248— rem Blick und Alles durchſchauender Seele aus ſei⸗ nen Sophismen heraus und machte alle ſeine Ent⸗ ſchuldigungen zu nichte. Sie war ſo jung, ſo unerfahren, ſo rein, und deshalb hatte ihre Seele noch dieſe erſte ſtarke Gluth der Tugend und des Rechtsbewußtſeins; die Berührung mit der Welt hatte ſie noch nicht abge⸗ ſchliffen, und ihre Tugend das Schroffe, ihr Rechtsbewußtſein die Duldſamkeit gelehrt. Sie hatte die Sünde noch nicht kennen gelernt, und deshalb verabſcheute ſie dieſelbe; für ſie gab es nur die Tu⸗ gend und das Laſter; das Eine war für ſie die Höhe, das Andere die Tiefe, und von dieſem bequemen Mittelweg zwiſchen Beiden, den die duldſame Welt und die ſtrauchelnde Menſchheit ſich aufgeworfen, wußte ſie noch nichts. Sie hatte Bernthal geliebt als einen vollkom⸗ menen Menſchen. Sie verabſcheute ihn jetzt als einen Verbrecher. Aber nichts deſtoweniger möchte ihre angeborne Sanſtmuth und das kindliche Gefühl zuletzt den Sieg davon getragen haben, wenn ihr Zeit geworden, ihren erſten leidenſchaftlichen Zorn ſich ſänftigen zu laſſen. Sie würde ohne Zweifel auf der Tiefe ihrer Seele dieſe alte Liebe zu ihrem Vater wieder gefun⸗ 249 den und aus Ehrfurcht vor dieſem geheiligten Namen all dieſen Jammer und dieſe Verachtung verſchwie⸗ gen haben, welche ſie empfand. Aber Bernthal war zu ihr gekommen, während ihr Blut noch im erſten Zorne wallte, während ſie ſich noch nicht wieder entſann, daß dieſer Mann, welcher ihren Geliebten des Verbrechens angeklagt, deſſen er ſelber ſchuldig war, daß dieſer Mann, welcher ihre eigene Unerfahrenheit und Geſchicklich⸗ keit dazu benutzt hatte, um ſie zum handelnden Werkzeug dieſes Verbrechens zu machen, daß dieſer Mann ihr Vater ſei! Gott hatte dieſes Ungewitter geſandt, damit es den Schuldigen treffe, und der Donnerkeil des rächenden Schickſals ſollte herniederfahren auf des Verbrechers Haupt. Bernthal fühlte ſich zerbrochen, vernichtet. Er, welcher furchtlos oft dem Tode ins Auge geſchaut, er hatte nicht den Muth, dem hellen, zürnenden Blick ſeiner Tochter zu begegnen. Er wandte ſich ab, und ging hinauf. Mit einem ruhigen, lächelnden Geſicht, aber Verzweiflung im Herzen begab er ſich in ſein Zimmer, welches er hinter ſich verſchloß, und hier, nicht mehr unter dem Zauber ihres Blickes, nicht mehr getroffen von der 250 verachtenden Gluth ihres ganzen Weſens ſank der ſonſt ſo ſtarke, ſo willenskräftige Mann wie zer⸗ brochen zuſammen. Das einzige Weſen auf Erden, das er groß und rein geliebt, ſeine Anna, das Vermächtniß eines angebeteten Weibes, welches die Geburt dieſes Kin⸗ des mit ihrem eignen Leben hatte bezahlen müſſen— ſeine Tochter hatte ſich von ihm gewandt. Und mit reuevollem Gemüth und zerkniſchter Seele mußte er ſich jetzt ſelber ſagen, daß dieſe Strafe nur zu ge⸗ recht ſei. Sein Gewiſſen hatte lange genug geſchla⸗ fen; die zürnende Stimme ſeines Kindes hatte es erweckt. Es war, als ob eine dunkle Wolke plötzlich von ſeinen Augen niederſänke, damit er klar ſehen ſolle durch dieſes Labyrinth ſeiner Irrungen, ſeines Egoismus und ſeiner Tücke. . Strenger, wie ſelbſt Anna ihn gerichtet, ſaß er jetzt ſelber zu Gerichte über ſich. Er ſchaute hinein in die Tiefe ſeiner Seele, und zu den Höhen hinauf, von welchen er herabgeſtiegen war, und eine unend⸗ liche Traurigkeit kam über ihn. Dieſe Sophismen der Welt, mit welchen er es ſonſt gewohnt geweſen, ſeine Handlungen zu beſchönen und ſeinen böſen Thaten den ſchillernden Glanz göttlicher Rache zu geben, ſie erſtarben jetzt auf ſeiner zitternden Lippe. 251 Sonſt hatte er zu ſich geſagt:„die Welt iſt ein ſteter Kampf des Menſchen gegen den Menſchen, und nur wer keine Waffe verſchmäht, weder das Schwert, noch den Dolch, weder das Piſtol noch den ritzenden Nadel⸗ ſtich, und nur wer die Liebe aus ſeinem Herzen reißen, und dafür den kaltberechnenden Egoismus in daſſelbe hinein ſenken kann, nur der iſt befähigt, in dieſem Duell mit der ganzen Welt zu ſiegen und über ſeine Feinde zu triumphiren.“ Es iſt wahr, das Schickſal hatte ihn mit einem feindſeligen Lächeln hin⸗ eingeſchleudert in das Leben, eine dunkle Wolke war bei ſeiner Geburt über ſeinen Stern hingezogen, nicht ein Engel der Liebe, ſondern ein Dämon der Rache hatte an ſeiner Wiege Wache gehalten, und ſeine ſterbende Mutter hatte den Schwur der Vergeltung, des Haſſes und der Rache als heiligſtes Vermächt⸗ niß in ſeine Seele gelegt. Sie hatte ihn getränkt mit der Bitterkeit ihres vergifteten Daſeins, ein Paria war er geweſen in der menſchlichen Geſellſchaft, und er hatte ſich an ihr gerächt, indem er ihre eigenen Waffen gegen ſie kehrte, indem er ſie angriff in all dieſen Dingen, welche die Geſellſchaft als heiliges Paladium, als unantaſtbares Gut vor ihm aufgeſtellt. Er war hineingeſchleudert in dieſe Geſellſchaft ohne Namen, ohne Familie, und für dieſe Unbill rächte — 252 er ſich, indem er, wo er es vermochte, die Bande der Familie zerriß, und Haß und Unfrieden ſäete in Herzen, welche ſich ſonſt geliebt. Seine Stirn war durch ſeine Geburt mit dem Stempel der Schande behaftet, und er ſtrafte die Geſellſchaft indem er ſie verwundete mit den Nadelſtichen ihrer eigenen Vor⸗ urtheile, und ihrer Geſetze ſpottend, Schmach und Schande häufte auf ſolche Namen, welche die Welt nur mit thörichter Demuth und der Anbetung des Vorurtheils nannte. Für ihn war ſein Vater und ſein Fürſt nichts weiter geweſen, als ein ehrloſer Betrüger und ein wortbrüchiger Verbrecher, wie konnte die Geſellſchaft fordern, daß er Ehrfurcht habe vor den Fürſten, den Göttern dieſer Erde, daß er glaube an das Mährchen von„Gottes Gnaden.“ Sein Vater auch war ein„Fürſt von Gottes Gna⸗ den“ geweſen, und doch ein wortbrüchiger, treuloſer, meineidiger Menſch. Die Kleinlichkeit, die Schwäche, die Niedrigkeit der Fürſten hatte aus dieſem Sohne einen Republikaner gemacht. Die Geſellſchaft, welche ihn ausgeſtoßen und gezeichnet, hatte ihn zu ihrem unverſöhnlichen Feinde gemacht, und indem er ihre Laſter und Verbrechen, ihre Irrthümer und ihren Egoismus in ſich aufnahm, um all' dieſes Gift menſchlicher Glückſeligkeit der heuchleriſchen, kriechen⸗ 253 den, ſtolzen und übermüthigen Geſellſchaft in's Ant⸗ litz zu ſchleudern, indem er ſie belauſchte in ihren geheimſten Schwächen und ihren verborgenſten Trieb⸗ federn, hatte er es nur gethan, um den Punkt aus⸗ zufinden, auf welchem er ſie am ſicherſten treffen, am tiefſten verwunden könnte. Er hatte ſich zu einem„Zögling der Geſellſchaft“ gemacht, um dereinſt ihr Dämon ſein zu können. Es war ſein trauriges Schickſal geweſen, von der Geſellſchaft nur die Kleinlichkeit und Bosheit, den Aberglauben und das Vorurtheil, die Lüge und Käuflichkeit zu ſehen, und dieſes Alles hatte er von ihr gelernt, in all dieſen Dingen war er ihr Zögling geweſen. Die Natur hatte ihn groß und prächtig angelegt, ſie hatte ihn ausgeſtattet mit Geiſt und Schönheit, ſie hatte ihm erhabene Eigenſchaften und glänzende Talente gegeben, aber die Geſellſchaft hatte ihn zu einem kleinlichen, ränkeſüchtigen, tückiſchen Wegela⸗ gerer gemacht. Er hätte ein Heros ſein können, und war nichts geworden, als ein Gladiator, welcher die Geſellſchaft als einen Stier betrachtete, den man mit rothen Tüchern ſchrecken, und mit Sand ihm die Augen verblenden könne, um ihn zu bewältigen. Die Ge⸗ ſellſchaft hatte ihn alle ihre Künſte und ihre ſchil⸗ lernden Laſter gelehrt, und als ein ächter Sohn —— 254 ſeiner Mutter verachtete er ſie, dieſer„Zögling der Geſellſchaft.“ 4 Und dieſes Alles fühlte Bernthal jetzt, dieſes Alles war ihm klar geworden durch den heiligen Zorn ſeines Kindes, durch die thränenvolle, aber unbeſtechliche Verachtung ſeiner Tochter. Und plötz⸗ lich jetzt erſchien ihm ſein ganzes Daſein, ſein gan⸗ zes Streben klein und nichtig. Was war für ihn jetzt noch die Rache werth, jetzt, da er den Werth der Liebe erkannt hatte? Sein ganzes Leben war nichts als ein kleinliches Ringen und Kämpfen nach einem kleinen und jämmerlichen Ziele geweſen. Um dieſes Zieles willen hatte er Alles in ſich ertödtet, das Glück und die Liebe. Er hatte den Haß zu ſeiner Liebe, die Rache zu ſeinem Idol machen wollen, aber die wahre Liebe war doch gekommen, ihr heiliges Recht von ihm einzufordern, ſie war ge⸗ kommen, um die Menſchheit zu rächen an ihrem ent⸗ arteten Sohn, und ihm zu zeigen, daß der Menſch ein ſchwaches, zerbrechliches, von jedem Windhauch bewegtes Rohr iſt, wenn es ihm fehlt an dem edle⸗ ren Inhalt ſeines Daſeins, wenn er„der Liebe nicht hat.“ Die Menſchen ſind nicht geboren mit der Kraft der Titanen, und wenn ſie ringen wollen ge⸗ gen die Gottheit, wird immer nur der Giftſtachel — 255 eines Inſektes, nicht aber die Rieſenkeule der Gigan⸗ ten ihre Waffe ſein. Der Menſch kann immer nur kleinlich im Böſen, und nur groß im Guten ſein. Es giebt keine Heroen des Verbrechens, aber es giebt Herven der Tugend. Der Haß macht aus dem Menſchen einen Zwerg, der gegen Rieſen kämpft, die Liebe aber erfüllt und durchglüht ihn mit göttlicher Kraft. Sie verleiht ſeinem Arme Stärke, und ſeiner Seele Begeiſterung. Sie durch⸗ glüht ihn mit dem Athem Gottes, und durch die Liebe allein wird der Sohn des Staubes das Eben⸗ bild Gottes. Und die Liebe war es, welche jetzt als Rache⸗ göttin vor Bernthals Blicken ſtand, und mit zer⸗ knirſchter Seele und ſchaamerfülltem Gemüth dachte er jetzt an Marie, an Anna, an Lri ſe und Lueinde. Und dann ſah er es vor ſich, das kiriche Geſpenſt ſeines Vaters, und er faltete ſeine Hände und ſtam⸗ melte leiſe:„Ich will verſöhnen!“ Da ward heftig an die Thür geklopft, und er vernahm die Stimme ſeines Dieners, welcher einem Fremden den Eingang verwehren wollte, indem er ihn verſicherte, daß der Baron Bernthal ausge⸗ gangen ſei und erſt ſpät am Abend zurücktehren werde.— 256 So werde ich hier bis ſpät am Abend warten, hörte Bernthal die Stimme des Fremden ſagen. Ich verlaſſe dieſes Vorzimmer nicht, bevor ich Euren Herrn geſprochen. Merkt Euch das, guter Freund, und nun geht, und ſeht noch einmal nach, ob der Herr Baron vielleicht zu Hauſe iſt. Sagt ihm, Prinz Adrian verlange dringend ihn zu ſprechen. Prinz Adrian! Der Geliebte Luiſens! ſagte Bernthal, haſtig aufſpringend. O, ich errathe wes⸗ halb er kommt. Vielleicht iſt es mein Dämon, welcher ihn juſt zu dieſer Stunde hieher führt. Er ging und öffnete die Thür. Treten Sie näher, Prinz, Sie ſind willkommen! Wer weiß, ſagte der Prinz, indem er ein⸗ trat, und die Thür ſorgfältig hinter ſich ſchloß. Ich komme nicht in freundlicher Abſicht zu Ihnen, mein Herr. Ich weiß es, ſagte Bernthal mit einem ruhigen Lächeln. Es iſt ſehr ſelten, daß ein Menſch zum Andern in freundlicher Abſicht kommt, und ich wüßte nicht, weshalb Sie mich ſo ausnahmsweiſe. deln ſollten! Ich komme, um von Ihnen gewiſſe n ein⸗ zufordern. Welche Briefe? Der Prinz erröthete. Es that ſeinem männ⸗ lichen Stolze weh, den Namen ſeiner Geliebten nennen zu müſſen. Welche Briefe? wiederholte Bernthal. Ich be⸗ ſitze deren von mehreren Generationen. Kommen Sie als Abgeſandter der Mutter oder der Tochter? Oh, ich ſehe an Ihrem Erſtaunen, daß Prinzeſſin Luiſe ſehr diskret geweſen, und nur ſich ſelber an⸗ gektagt hat, nicht aber ihre Mutter. Luiſe iſt ein edles und hochherziges Mädchen, eine Seele, ſo unſchul⸗ dig und rein, wie nur je eine Jungfrau geweſen. Ein Lob aus Ihrem Munde iſt eine Beleidi⸗ gung! rief der Prinz erglühend. Und dennoch ſage ich es Ihnen! erwiderte Bernthal mit ſtolzer Ruhe. Und ich ſage es nicht, weil ich mir von Ihnen Verzeihung oder Ausſöh⸗ nung erringen möchte, ſondern, weil es meine innerſte Ueberzeugung iſt! Aber fürchten Sie nichts! Dieſe Ueberzeugung ſoll Ihren Haß gegen mich nicht ſänf⸗ tigen. Ich leſe in Ihren Blicken, daß wir unver⸗ ſöhnliche Feinde ſind. So iſt es! Und dennoch fordern Sie von mir einen Liebes⸗ dienſt! Ich ſoll Ihnen die Briefe der Plinzeſſin, I. 17 258 mein ganzes koſtbares geheimes Beſitzthum aus⸗ liefern! Sie werden esthun, oder— Oder? Sie werden ſich mit mir ſchlagen! Alſo das Letztere! Ich nehme Ihre Herausforde⸗ rung an! Aber ich ſage Ihnen, mein Hert, dies wird niu gewöhnliches Duell ſein! Ich weiß es, wir werden uns 86 Leben und Tod ſchlagen! Wann? In zwei Tagen! Wenn Sie mir dieſe Friſt bewilligen wollen! Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, bis die Stadt nicht zu verlaſſen! Bernthal erröthete. Zum erſten Mal verleß ihn ſeine ſtolze Ruhe, und mitg erunzelter Stirn und flammenden Augen fragte er: wagen Sie es etwa, mich für einen Feigling zu halten, der vor Ihnen fliehen möchte? Ich bedarf dieſer zwei Tage, um meine Angeleheiten zu ordnen, denn, wie Sie ſelbſt wiſſen, wir ſchlagen uns Leben und Tod! Alſo in zwei Tagen! Beſimmen Sie die Wſh 4 259 Säbel! Piſtolen! Dolche! Was Sie wollen! Ich bin in allen dieſen Kämpfen geübt! Alſo Piſtolen! Und drei Schritt Diſtanze, übers Schnupftuch! Ah! Sie ſind alſo durchaus gewillt mich von dieſer Erde zu vertreiben! Nur einer von uns darf den Platz lebend ver⸗ laſſen! Alſo in zwei Tagen, Morgens neun Uhr in der Haſenhaide! Ich werde pünktlich ſein!. Ich bin dieſer Welt herzlich ſatt, ſagte Bern⸗ thal, als er allein war, das Leben hat mir nichts zu bieten mehr, und ich bin zufrieden, es hinzugeben. Meine Träume ſind zu Ende, und ein gerechtes Schickſal hat meine einzigſten, meine köſtlichſten Hoffnungen zerſtört! Anna liebt mich nicht mehr, nein, ſie verachtet mich, ſie flucht ihrem Vater und erröthet um ihn!— Aber nicht ſo ſoll es enden, fuhr er nach einer Pauſe ſtummen Nachſinnens fort, und jetzt nahmen ſeine Züge einen edlen, erhabenen Ausdruck an. Anna ſoll meinem Andenken nicht fluchen, ich will ſie zwingen, mich zu achten, und wenn ſie ſich erinnert, wie ich gefehlt, ſo ſoll ſie auch daran denken, wie ich gebüßt habe! Ich will nicht ſter⸗ ben um hinabzufahren in die Gruft und Staub dem 17* Staube zuzugeſellen, ſondern ich will ſterben um mich 4 260 zu lichtern Höhen zu erheben, um aus dem Staube mich aufzuſchwingen und frei zu werden von Ver⸗ brechen und Sünde!— Zwei Tage ſind mein! Zwei Tage um zu ſühnen und wieder gut zu machen! * XVIII. Marir. Als Marie geſehen, welches Unheil ſie unwiſſent⸗ lich dadurch veranlaßt, daß ſie jenes unſelige Zei⸗ tungsblatt an Anna gegeben, hatte ſie, vielleicht einem erſten Schrecken nachgebend, vielleicht noch durch andere Beweggründe geleitet, das Hotel ver⸗ laſſen. Einmal auf der Straße angelangt, athmete ſie, wie von einem läſtigen Zwange befreit, hoch auf, und ein mattes Lächeln flog über ihr bleiches Geſicht. Ich bin alſo endlich wieder frei! murmelte ſie. Ich bin nicht mehr verdammt ihn zu ſehen, ihn, dem ich nicht mehr fluchen, und den ich doch niemals an⸗ ders als haſſen kann. Seine Augen ſind wie Dolche. Sie bohren ſich immer tief in mein Herz ein, und thun ſo weh, ſo jammervoll weh, denn ſie ſprechen immer zu mir von meiner Vergangenheit, von 262 Schande und Verbrechen, und Thränen und Noth! Nein, nein, ich werde nicht bei ihm bleiben! Karl könnte es erfahren, und er würde denken, daß er doch Recht gehabt, und er würde mir niemals ver⸗ zeihen, nicht einmal wenn ich todt bin! Und das wird vielleicht bald ſein! In der That, ſie hatte ſich verändert; ihre Ge⸗ ſtalt war zuſammengefallener, ihr Blick matter, und auf dieſen ſonſt ſo weißen und durchſichtigen Wan⸗ gen zeigten ſich jetzt zwei purpurrothe Flecken, die unheilsvollen Blüthen einer unverſöhnlichen, raſtlos fortſchreitenden Krankheit. Sie ſchlich mit einem langſamen und ſchlurfen⸗ den Tritt die Straße hinab, und dennoch mußte ſie oft erſchöpft ſtille ſtehen, und ſich ausruhend an ein Haus lehnen. Ihr Athem ging wie leiſes Röcheln aus ihrer Bruſt hervor, und wenn ſie zuweilen in einem kurzen ſchwachen Aufhuſten ſich Luft zu ver⸗ ſchaffen ſuchte, färbten ſich ihre Lippen dunkelroth, nicht von dem Blute das in ihren Adern ſchlich, ſon⸗ dern von dem, was hell und heiß aus ihrer Bruſt in ihren Mund hinaufgeſtiegen. Und wenn Marie dies ſah, dann lächelte ſie, aber es war ein trauri⸗ ges, herzzerreißendes Lächeln, ſo voll von Hoffnungs⸗ loſigkeit und Jammer!— Einmal als ſie, ſtärker 263 huſtend, es wie einen Feuerſtrom aus ihrer Bruſt empor ſteigen fühlte, und ihr Tuch, welches ſie raſch an ihre Lippen gedrückt, ganz geröthet ward von ihrem Blut, flüſterte ſie: Ich glaube, es wird bald vorüber ſein! Und wie ſie dann weiter ging, ſagte ſie nach einer Pauſe: ob Karl wohl auf mein Grab kommen wird, einen Roſenſtock darauf zu pflanzen? Aber bald waren all' dieſe Gedanken und dieſe Todesahnung vergeſſen, denn ſie näherte ſich jetzt dem Hauſe, in welchem ihr Kind wohnte! Und jetzt hatte ſie ein Gefühl, als ob Frühlingsluft und Sonnenglanz ſie umfing, ihr Auge leuchtete wieder und ihr Schritt ward kräftiger und ſchneller. Da war es, dieſes Haus, welches den höchſten Schatz ihres armen, zerbrochenen Daſeins enthielt. Sie ſtand und ſchaute über das Gitter zu den Fen⸗ ſtern hin, und, o welches Entzücken, das Gitterthor war nur angelehnt, ſie konnte es leiſe öffnen und unbemerkt zu jenem Fenſter hinſchlüpfen, durch wel⸗ ches ſie damals ihren Sohn geſehen! Sie ſtand und ſtarrte hinein in dieſes Fenſter, ihr Herz tobte ſo laut, daß ſie auf ihren brennenden Lippen ſeinen Schlag empfand. Aber dieſes Zimmer, in welches ſie hineinblickte, war leer, nichts rührte 264 ſich darin! Marie ſenkte ſeufzend das Haupt auf ihre Bruſt, und ein paar Thränen fielen langſam über ihre eingefallenen Wangen nieder. Aber plötz⸗ lich ſchreckte ſie zuſammen und blickte auf. Ein Aus⸗ ruf des Entzückens drang von ihren Lippen,— ſie hatte die Stimme ihres Kindes vernommen! O, ſie konnte ſich nicht täuſchen, es war dieſelbe reine, ſilberhelle Kinderſtimme, welche zu ihr geſagt hatte: „arme Frau,“ es war dieſelbe Muſik, welche damals ihr Herz erquickt und es mit einer iberic Freude erfüllt hatte! Dieſe Stimme erſchallte hinter der Thüre, die ſich unweit des Fenſters befand, neben welchem ſie lehnte. Ihr Kind war alſo in ihrer Nähe! Sie hätte mit ihren ſehnſüchtigen Liebesblicken dieſe grau⸗ ſame Thüre durchbohren mögen, welche ihr den An⸗ blick ihres Sohnes ſtahl! Sie faltete die Hände und ſtarrte ſie an. Vielleicht betete ſie, und Gott hatte ihr Gebet erhört, denn die Thüre ward geöffnet, und eine Stimme ſagte: geh' hinaus, Karl, und ſpiele im Garten. Ich komme bald nach, und dann wollen wir in die Stadt gehen! Marie ſchlüpfte ſchnell hinter den Mauervor⸗ ſprung, um nicht geſehen zu werden. Aber ſie ſah Alles. Sie ſah dieſe Frau, welche die Tühre öffnete, 265 und vorſichtig in den kleinen Garten hinausſpähte, um ſich zu vergewiſſern, daß nichts, dem Kinde Ge⸗ fahrbringendes dort vorhanden ſei, ſie ſah dieſe dann zurücktreten, und jetzt hüpfte dieſer kleine, blondlockige, lächelnde Knabe in dem pelzverbrämten Röckchen, mit dem federgezierten Hütchen in den Garten hinein. Es war ein heller, ſchöner Wintertag. Die Sonne blitzte mit Diamantengefunkel auf dem Schnee, und das Kind lachte laut vor Freude über dieſes wun⸗ dervolle Leuchten und Flimmern, und ſprang mit ausgebreiteten Armen ſeinem eigenen dunkeln Schatten nach, der auf dem Schnee vor ihm hertanzte. Jetzt trat Marie aus ihrem Verſtecke hervor, 2 und der Knabe blich ſtehen und ſah erſchrocken nach dieſem bleichen ſtillen Weibe empor. Marie ſtürzte auf ihre Kniee nieder, und indem ſie nach dem Kinde ihre Hände ausſtreckte, flüſterte ſie leiſe: fürchte Dich nicht! Und jetzt lächelte der Knabe, ein Ausdruck ern⸗ ſten Aachdenkens trat in ſeine Züge, dann ſagte er mit einem freundlichen Kopfnicken,„arme Frau! arme Frau!“. Er hat mich noch nicht vergeſſen! jauchzte Marie, und ganz überwältigt von der Rührung und doch zagend und ſcheu zog ſie das Kind an 266 ihre Bruſt und bedeckte es mit ihren Thränen und Küſſen. Der Knabe lag ruhig in ihren Armen und blickte aus großen, ſanften Augen ſie freundlich an. Sie drückte ihn feſter an ihre Bruſt! Sie neigte ſich über ihn, um den Blick ihres Kindes tief, tief in ſich hinein zu ſaugen. Aber das Kind, welches in ihren Augen ſein eigenes Bild geſehen, tupfte mit ſeinem kleinen Fingerchen nach ihren Augen und ſagte lachend: „kleiner Engel da!“ Und Marie lachte vor Entzücken, ſo hell und rein, wie ſie ſeit manchem Jahr nicht gelacht. Sie küßte ſeine goldenen Locken, und ſtrich ſie zärtlich koſend von ſeiner Stirn und Schläfe weg! Ein leiſer Schrei entfuhr dann ihren Lippen! Da war es wie⸗ der dieſes fürchterliche, entſetzliche Zeichen, dieſe dunkelrothe Narbe in der Schläfe ihres Kindes. Der Traum war zu Ende! Mit einer heftigen Bewegung ließ ſie das Kind aus ihren Armen auf den Boden nieder. Geh, geh, ſagte ſie erbebend, ih bin nicht werth, Dich anzuſehen! Das Kind verſtand ſie nicht; es blieb ruhig lächelnd vor ihr ſtehen, und blickte ſie an. Willſt Du mich nicht verlaſſen, mein Engel? murmelte ſie. Willſt Du gnadenvoll ſein, und Dich 267 meiner erbarmen? Ach Du fürchteſt Dich nicht vor mir! Du weißt nicht, daß eine Mutter ſo ſchlecht ſein kann, ihr eigenes Kind zu ermorden! Du ſollſt es niemals erfahren, mein Kind, fuhr ſie mit thrä⸗ nenerſtickter Stimme fort. Gott wird gnädig ſein, und mich bald von der Erde nehmen, damit Du's nie erfährſt, mein Kind, wer Deine Mutter geweſen! O ja, ja, ich werde bald ſterben! Das Kind ſah ſie erſtaunt an. Was iſt ſterben? Sterben iſt ausruhen! ſagte ſie ſchluchzend, in⸗ dem ſie das Kind wieder an ihren Buſen zog. Sterben iſt ſchlafen! Ich will nicht ſchlafen! rief das Kind abweh⸗ rend.— Du ſollſt auch nicht! Ich nur, ich allein! Ich will hingehen und ſchlafen, Du ſollſt leben, und Du ſollſt niemals wiſſen, was ich um Dich gelitten und erduldet habe! Vergib mir, mein Kind! Ach, mein Sohn, mein Sohn, ſei barmherzig, öffne Deine klei⸗ nen Lippen, vergib mir, ſage: Ja! Ja! lallte das Kind. Ja, arme Frau! Marie ſchwieg. Sie hatte die Hände gefaltet, und blickte dankend zum Himmel empor. Dann ſtrich ſie wieder das Haar von der Schläfe ihres 268 Kindes fort, und küßte die Narbe, und murmelte leiſe: Er hat mir vergeben! Lebe 6 mein Srh lebe wohl! Wohin gehſt Du? fragte das Kind. Dorthin! ſagte ſie, indem ſie feierlich den Arm gen Himmel erhob. Jetzt hörte man ein ängſtliches Rufen: Wo biſt Du, mein Sohn, wo biſt Du? Hier, Mama, hier! rief das Kind. Die Pflegemutter des Knaben kam haſtig um die Ecke des Hauſes gerannt. Marie wollte auf⸗ ſtehen und ſich entfernen, aber ſie hatte ein Gefühl, als ob eine Wolke über ihren Augen hing. Ihr Kopf ſank ſchwer auf ihre Bruſt, ein lautes Röcheln drang aus ihrer Bruſt, dann fühlte ſie wieder dieſen heißen Gluthſtrom, der aus ihrer Bruſt in den empor ſtieg. Diesmal konnte ſie es nicht zurückdrängen, es floß in einem hellen Strahl über ihre Lippen, und ergoß ſich mit ſeiner dunkelrothen Gluth über den flimmernden Schnee! Sieh, ſieh, wie ſchön! jauchzte das Kind in ſeine Hände klatſchend. 8 Die Frau aber rief entſetzt nach Hilfe, und bald ſtürzten die übrigen Bewohner des Hauſes und 269 die Nachbarn herbei, um mit neugierigen Fragen und verwunderungsvollen Ausrufungen dieſes arme zuſammengeſunkene, blutende Weib zu umgeben. Sie hatte die Beſinnung nicht verloren, ihr Auge war geöffnet, und blickte ernſt und feſt umher.— Ein Arzt, da kommt ein Arzt, murmelten die Leute, und ein Mann drängte ſich durch die Menge, und beugte ſich zu ihr nieder, um ſie prüfend zu betrachten. Sie hat einen Blutſturz gehabt, ſagte er zu den Umſtehenden. Marie flüſterte leiſe: es war nicht das erſte Mal, und wird nicht das letzte Mal ſein. Du hatteſt das ſchon öfter? fragte der Arzt. Sie nickte mit dem Kopfe. Dann iſt es ge⸗ fährlich, murmelte der Arzt, und wir müſſen eilen, ſie auf ein Lager zu bringen. Haſt Du eine Wohnung, mein Kind, kannſt Du mir ſagen, wohin ich Dich bringen ſoll? Sie nannte leiſe die Wohnung ihrer Mutter. Dahin alſo, ſagte der Arzt. Ich werde Dich ſelbſt dahin fahren. Und er winkte einigen der Umſtehenden, ſie auf⸗ zuheben, und zu ſeinem Wagen zu tragen.„Faßt 270 ſie leiſe und behutſam an,“ ſagte er,„recht vorſich⸗ tig, nicht zu raſch, damit die Erſchütterung das Blut nicht wieder in Bewegung ſetzt. Voch ein ſolcher Blutſturz und ſie iſt rettungslos verloren.“ Marie hatte die Augen geſchloſſen, aber ſie mußte den Arzt wohl verſtanden haben, denn ein ſchwaches Lächeln umſpielte plötzlich ihre Lippen. —— IXX. verſöhnung. Vor der niedrigen Wohnung des armen Tiſch⸗ ler Karl hielt eine glänzende Equipage. Die Nach⸗ barn ſteckten die Köpfe zu den elenden Fenſtern heraus, erſtaunt über dieſe ungewöhnliche Erſchei⸗ nung in ihrer ärmlichen Straße, noch mehr aber erſtaunt, als ſie jetzt einen Herrn mit einem kleinen Knaben auf dem Arm aus dem Wagen ſteigen ſa⸗ hen. Der Herr fragte nach der Wohnung des Tiſchlers Karl, und ſogleich waren einige„theilneh⸗ mende Freunde“ bereit, ihn in das Haus zu beglei⸗ ten. Bernthal winkte ihnen aber zurückzubleiben, und öffnete leiſe, ohne anzuklopfen, die Thüre zu der Wohnung des Tiſchlers. Karl war raſtlos thätig, wie immer, und heute, wie alle Tage arbeitete er an einem Sarge. Rings um ihn her waren Särge jeder Art und jeder Größe aufgeſtellt, und er war 272 jetzt an dieſem Sarge beſchäftigt, der in der Mitte des Zimmers ſtand, und den er mit bleiernen Ver⸗ zierungen und ſchwarzen Florſchleifen gar prächtig dekorirte. Er war ſo vertieft in ſeine Arbeit, daß er Bernthal nicht eher bemerkte, als bis dieſer ihn mit lauter Stimme bei ſeinem Namen rief. Dann blickte er empor, aber mit jenem kalten, theilnahms⸗ loſen Blick, der deutlicher als alle Worte bewies, wie gleichgültig ihm Alles ſei, was um ihn her vor⸗ gehe. Er gab ſich nicht einmal die Mühe, dem Fremden in's Angeſicht zu ſchauen. Er ſah nur einen Herrn, mit einem Knaben an der Hand, was kümmerte es ihn weiter? Suchen Sie ſich aus, mein Herr, ſagte er, mit dem Kopfe nach den Särgen hindeutend, es iſt, wie Sie ſehen, viel Vorrath da, vornehme und geringe Särge, klein und groß, wie Sie's haben wollen. Sehen Sie ſich Alle an. Und er arbeitete ruhig weiter. Bernthal be⸗ trachtete ihn ſchweigend. Er hatte ihn einſt gekannt, und kaum hätte er in dieſem gebeugten, ſtillen Mann mit den gramdurchfurchten Zügen den ftiſchen, that⸗ kräftigen und von Leben und Geſundheit ſtrotzenden Jüngling wieder erkannt, der er damals geweſen. Und dieſes auch war ſeine Schuld. Sein Ver⸗ 273 brechen war es geweſen, welches das arbeitſame und demüthige Leben dieſes Mannes aus dem Volke ſeiner einzigen Blüthe, ſeines einzigen Schmuckes be⸗ raubt hatte, um ihn ſich für eine kurze Stunde an die Bruſt zu ſtecken, und dann nichtachtend bei Seite zu werfen. Um ſich eine Laune zu befriedigen, hatte er mit frevelnder Hand das Lebensglück eines An⸗ dern zerſtört. Mit theilnehmenden Blicken betrachtete er den armen Tiſchler Karl, der ruhig weiter arbeitete, und ſich gar nicht weiter um ſeinen Beſuch kümmerte. Ihr haltet wohl ein ganzes Sargmagazin? fragte Bernthal endlich, um doch mit irgend einer Frage die Aufmerkſamkeit des Tiſchlers auf ſich zu lenken. Ja, mein Herr, wie Sie ſehen, ein Sargma⸗ gazin! Und Karl arbeitete ruhig weiter. Aber dies iſt, wie mich dünkt, eine ſehr trau⸗ rige Beſchäftigung! Karl ſchüttelte verneinend mit dem Kopf. a traurig für mich. Wer ſich in den Sarg legen kann, iſt glücklich. Ich beneide Jeden, der einen meiner Särge bedarf. Und wie ich ſehe, ſchlaft Ihr auch in einem I. 18 Sarge, ſagte Bernthal, auf dieſes traurige S in der Ecke des Zimmers hindeutend. Ja, ich ſchlafe in meinem Sarge. Sie ſehen daran, daß meine Arbeit haltbar iſt. Haben Sie ſich ſchon einen Sarg ausgewählt, mein Herr? Ich bin nicht gekommen, um einen Sarg aus⸗ zuwählen. Nicht? Und weshalb denn? fragte Karl, in⸗ dem er den Hammer hinlegte, und dem Fremden in's Angeſicht ſchaute. Und jetzt mußte er ihn er⸗ kannt haben, denn er zuckte, wie in tiefem Schreck, zuſammen und ſeine Stirn zog ſich in finſtere Falten. Ich bin gekommen, ſagte Bernthal feierlich, um Sie an die Vergangenheit zu erinnern. Ich will nichts davon hören! rief Karl wild, und er faßte wieder nach dem Hammer, und ſchlug damit ſo heftig auf die Sargnägel ein, daß die Wände dröhnten, und die aufgeſtapelten Särge zit⸗ terten.. Bernthal trat zu ihm hin, und hielt ſeinen Arm feſt. Ihr ſollt mich hören, ſagte er mit überlegener Ruhe, denn ich komme, Euch von Marien* ſprechen. Iſt ſie todt? fragte Karl Nein, ſie lebt. 275 Dann habe ich nichts zu ſchaffen mit ihr! Laſ⸗ ſen Sie mich! Gehen Sie hinaus, Herr, Ihr An⸗ blick macht mich raſend! Sie haben ſie mir geſtoh⸗ len, Sie haben Sie verblendet mit Ihrem Gelde, und um Ihre jämmerlichen Schätze hat ſie Ihnen ihre Unſchuld und ihre Jugend verkauft! Gehen Sie fort, es ſchaudert mir vor Ihnen, wie vor einem Räuber und Mörder! Bernthal legte ſanft ſeine Hand auf Karls Schulter, und als er dann ſprach, war in ſeinem ganzen Weſen eine ſo erhabene und feierliche Ruhe, daß Karl ſich unwillkührlich davon ergriffen und beſchwichtigt fühlte. Mein Freund, ſagte Bernthal, Ihr nennt mich einen Räuber und Mörder, und in der Zerknirſchung meines Herzens will ich nicht ſuchen mich in Euren Augen zu rechtfertigen. Das Gebäude meines Stolzes, es iſt dahin, es iſt zuſammengeſunken, und ich beuge mein Haupt und demüthige mich. Und nun hört wohl zu, was ich ſagen will. Ihr nennt Marie eine ſchamloſe, freche Dirne. Ich aber ſchwöre Euch, daß ſie nie⸗ mals aufgehört hat, Euch zu lieben. Ihr lacht! Mann, ich ſage Euch, ſie liebte Euch ſelbſt als ſie in meinen Armen lag. Ihre Mutter hatte mir 18* 276 ihren Körper verkauft, aber ihre Seele war frei ge⸗ blieben, und dieſe Seele liebte Euch. Wäre Eure Tugend minder ſtolz, Eure Liebe minder hart geweſen, hättet Ihr Erbarmen gehabt mit ihrer Jugend, ihrer Un⸗ ſchuld, ihrer Unerfahrenheit, ſo würdet Ihr ſie errettet und entſühnt haben. Aber Ihr machtet es wie alle Tu⸗ gendhaften, Ihr wart erbarmungslos und grauſam, Ihr ſtießet ſie mit dem Fuße von Euch, Ihr triebt ſie zur Verzweiflung und zum Verbrechen! Und das nennt Ihr tugendhaften frommen Chriſten Gerechtig⸗ keit! Die Tugend darf ſich alſo an dem Laſter rächen, und das Laſter ſollte dieſes Recht nicht auch beanſpruchen dürfen? O geht mir mit Eurer ſtren⸗ gen Tugend, Ihr habt damit viel Unheil angerich⸗ tet. Wie viel hat dieſes arme Mädchen um Euch gelitten! Und ich? Habe ich nicht auch gelitten? Scht mich an! Seht, meine Haare ſind grau geworden, und mein Rücken iſt gebeugt, der Kummer um ſie hat's gethan! Sehen Sie ſich um in dieſer trauri⸗ gen Wohnung, ich lebe zwiſchen Särgen, ein leben⸗ dig Begrabener. Sie hat mein Herz getödtet, neben ihrem Kinde hat ſie's eingeſcharrt! Dann mag es wieder lebendig werden, wie ihr Kind es geworden iſt. 277 Was wollt Ihr damit ſagen? Ich will damit ſagen, daß Ihr die arme Marie mit Unrecht eine Mörderin nennt, denn ihr Kind lebt, und ſteht vor Euch. Und er führte den Knaben, welcher bis jetzt lächelnd zwiſchen den Särgen geſpielt hatte, zu Karl hin. Das iſt Mariens Sohn? Er iſt es! Sie hat ihn alſo nicht ermordet? Ihr wißt, daß Niemand ſie überführen konnte. Man klagte ſie an, weil man wußte, daß ſie gebo⸗ ren hatte, und weil ihr Kind verſchwunden war. Aber ſie war unſchuldig. Man hatte ihr, während ſie betäubt, ſinnlos auf ihrem Lager lag, das Kind geraubt, nicht um es zu ermorden, ſondern um das Kind zum Werkzeug einer Rache zu machen, die mit Marien nichts zu ſchaffen hat. Aber der, welcher dies that, hatte wohl ein Recht auf dieſes Kind, denn es war ſein eigener Vater. Sie? Sie konnten ſo grauſam ſein, Marien einer That anklagen zu laſſen, von der Sie wuften, daß ſie nicht ſchuldig war? Sie konnten es dulden, daß man ihren Namen ſchändete, daß man mit Fin⸗ 278 gern auf ſie wies, daß man ſie verhöhnte, und mich, oh auch mich, ſo tief verhöhnte? Ich ſagte Euch ſchon, ich bin nicht gekommen, um mich zu rechtfertigen, ſondern, um Euch mit Marien zu verſöhnen. Marie iſt keine Mörderin, murmelte Karl. Marie liebt Euch, und ihre Seele ſehnt ſich nach Euch, wie nach einem Erlöſer. Geht alſo hin zu ihr, nehmt ſie auf in Eurem Herzen, dieſe reuige Sünderin, und die, welche Ihr eben eine Verbreche⸗ rin nanntet, werdet Ihr dereinſt noch als den Engel Eures Glückes ſegnen. WTVein, Nein! Mariens Kind lebt, und es iſt Ihr Kind! Sie ſind ſein Vater! Und es wird bald eine Waiſe ſein! Forſcht nicht nach meinem Schickſal! Ich ſage Euch, vor Euch ſteht ein Mann, der nicht zu Euch gekommen wäre, wenn er nicht mit dem Leben abgeſchloſſen hätte, und, wie es die Sterbenden thun, ſein Teſta⸗ ment machen wollte! Es giebt Menſchen, welche es zufrieden ſind, ſich aus dem Schiffbruch ihres Glük⸗ kes ein paar elende Bretter zu retten, und ſich dar⸗ aus eine neue Hütte zu bauen. Andere ziehen es vor, wenn das Gebäude ihres Glüces zuſunmen⸗ ſtürzt, unter den Trümmern begraben zu werden. 279 Fragt nicht weiter. Ich hinterlaſſe Euch dieſen Knaben, und Ihr ſollt aus ihm einen braven Arbei⸗ ter machen. Hier iſt ſein Vermögen. Es ſind nur zweitauſend Thaler, aber es bedarf nicht mehr um ihn vor Mangel zu ſchützen. Nimmermehr! rief Karl heſftig, ich nehme kein Geld von Ihnen. Auch habe ich nicht gewagt, Euch Geld anzu⸗ bieten. Dieſes Geld da iſt das kleine Erbtheil mei⸗ nes Sohnes, und Ihr habt nicht das Recht, es ihm zu entziehen. Und jetzt, mein Freund, kommt, ich führe Euch zu Marien. Karl ſchüttelte zögernd den Kopf. Dies kann nicht ſein, murmelte er. Ich habe zu viel um ſie gelitten, und meine Jugend und mein Glück iſt auf immer verloren. Und dennoch,— wenn ich bedenke daß ſie keine Mörderin iſt, und daß ſie hier war, um mich mit ſo demüthigen, zitternden Worten um Vergebung zu flehen, und ich ſie doch hart und rauh in zorniger Liebe von mir ſtieß, wie einen Hund, der ſich zu unſern Füßen windet.— Ja, ich will zu ihr gehen, und wär's auch nur, um ihr ein fried⸗ liches Lebewohl zu ſagen. und um ihr zu verkünden, daß Ihr Mariens Sohn in Eure Obhut nehmt, ſagte Bernthal, indem 280 er Karl den Knaben hinreichte, und ihm zum Wa⸗ gen voran ſchritt. Lautes Jammern und Schreien tönte ihnen aus der Wohnung der Frau Wilmers entgegen, vor welcher Bernthal und Karl jetzt mit dem Knaben ſtanden; Karl, leichenblaß und zitternd, als ſei er gekommen, ſein Urtheil zu empfangen, und dennoch freudig bewegt, als gelte es, ein ſchönes, lange be⸗ weintes Glück wiederzufinden. Wie? ſagte Bernthal, lauſchend ſtille ſtehend. Ich höre nur der Alten Stimme, nicht die Mariens! Sollte ſie nicht, wie ſie mir ſagen ließ, hierher gegangen ſein? Und er öffnete mit einem raſchen Druck die Thür. Sie traten ein. Niemand bewillkommnete ſie, Aiemand achtete auf ſie. Aber das Klagegeſchrei tönte fort und fort, und als ihre Augen ſich an die Dunkelheit dieſes elenden Raumes gewöhnt hatten, ſahen ſie erſt das alte Weib, welches auf der andern Seite des Gemaches auf ihren Knieen lag vor die⸗ ſem jammervollen, mit Stroh gefüllten Lager, und in herzzerreißendem Wehegeſchrei ihre Arme gen Him⸗ mel ſtreckte, nicht aber, um zu beten, ſondern um zu fluchen, um Gott und die Menſchen, die Welt und 6 ſich ſelber zu verwünſchen in ihrem vollen Schmerz. 281 Und was war dies für eine Geſtalt, welche da lang ausgeſtreckt bewegungslos auf dem Boden lag? Ihr Antlitz war blaß und durchſichtig, lange Streifen ihres aufgelöſten ſchwarzen Haares fielen hier und da über ihre farbloſen Wangen auf den Buſen herab, den kein Seufzer mehr bewegte. Ihre geſchloſſenen Augen, ihre nur von einem matten, bläulichen Schein gefärbten Lippen, ihre regungsloſe Lage, die marmorne Ruhe ihrer Züge, Alles verrieth, daß die„Ruheloſe, Schwerbeladene“ die Laſt des Lebens abgeworfen, und Ruhe gefunden, dort, wo für ſie allein Ruhe zu finden war,— im Grabe.. †ſt ſie todt? fragte Bernthal erſchüttert. Die Alte blickte empor. Ja, todt! kreiſchte ſie. Todt haben ſie mir mein armes Kind in's Haus gebracht. Todt iſt meine ſchöne Marie! Sie hätte das prächtigſte und ſchönſte Mädchen in ganz Ber⸗ lin ſein können, ſie hätte ihre Mutter reich und glücklich machen können, aber ſie hat's nicht gewollt. Sie iſt immer grauſam gegen ihre arme Mutter ge⸗ weſen, und auch jetzt ſo grauſam, ach ſo grauſam, zu ſterben, ohne Abſchied zu nehmen, ohne mich noch einmal anzuſehen, ohne mir zu vergeben; nicht ein⸗ mal die Hand mir zu reichen, und zu mir zu ſagen, — wie ſie's als Kind gethan: liebe Mutter!— Ach es iſt grauſam, ſo grauſam, ganz allein zu ſein! Karl hatte ſich mit dem Kinde im Arm dem Lager genähert. Er blickte lange in dieſes ſtarre, kalte Angeſicht, das er einſt ſo jung und ſo ſchön geſehen, auf dieſe tiefen Furchen, welche Gram und Leid durch ihre Züge gezogen, noch ehe das Alter gekommen, es zu thunz er ſah auf dieſen Mund, auf welchem der Tod ihr letztes ſchmerzlich verächt⸗ liches Lächeln verſteinert hatte, und der einſt für ihn ſo holde und liebliche Worte geſprochen. Und jetzt überwältigte ihn die Rührung. Er ſank nieder an ihrem Lager, und indem er ihre kalte Hand nahm, und ſie auf die Stirn ihres Sohnes legte, ſagte er mit lauter, feierlicher Stimme: Marie, Du kannſt mich nicht mehr hören, aber ich ſpreche doch zu Dir! Deine Schuld iſt geſühnt, der Tod hat uns ver⸗ ſöhnt, und obwohl Du geſtorben biſt, wirſt Du ewig in meinem Herzen leben, und ich werde Dich egnen an jedem Abend und an jedem Morgen! Dein Sohn ſoll mein Sohn ſein, und einen braven Arbei⸗ ter will ich aus ihm erziehen, damit Du da oben Freude an ihm habeſt, an ſn und an mir! Das ſchwöre ich! Die Alte heulte noch immer;;dns Kind we „ ſich ſcheu und ängſtlich an Karls Bruſt, welcher ſich jetzt über die Todte beugte, und ihr den letzten Ab⸗ ſchiedskuß auf die Stirn drückte. Bernthal ſtand mit verſchränkten Armen und ſah tief erſchüttert auf dieſe Gruppe. Marie, flüſterte er leiſe in ſich hinein, ich bin Schuld an Deinem Tode geweſen, und an der Qual Deines Lebens, aber Du wirſt gerächt werden! Er wandte ſich ab, und verließ unbemerkt die Stätte des Todes. XNMX. Geſtorbene Liebr. Prinzeſſin Luiſe hatte ſich ſeit ihrem letzten Be⸗ gegnen mit Adrian bei der Fürſtin Mutter krank melden laſſen, und hielt ſich ſtreng zurückgezogen in ihren Zimmern. Niemand durfte bei ihr ſein, außer ihrer vertrauten Hofdame. Sie wollte Niemand ſehen, Niemand ſprechen, bevor nicht ihr Geſchick entſchieden war, bevor ſie nicht wußte, ob Adrian das Unternehmen, welches ihre und ſeine Ehre von ihm forderte, mit dem Leben büßen, oder ob er un⸗ gefährdet zu ihr zurückkehren würde. Und kehrt er zurück, ſagte ſie zur Commteſſe Erneſta, kehrt er ſiegreich zurück, dann, Erneſta, bin ich ſein auf alle Cwigkeit, und wohin er befiehlt, dahin gehe ich, und was er wünſcht, das vollführe ich, denn dann will ich nichts mehr ſein, als ſein demüthiges, gehorſames und liebendes Weib! Ihn 285 glücklich zu machen, das ſoll mein einziger Ehrgeiz ſein! Ich habe keinen andern! Ich würde das be⸗ klagenswertheſte Geſchöpf der Erde ſein, wenn ich mein Haupt mit einer Königskrone belaſten müßte, und ich werde das glückſeligſte Weib ſein, wenn man mir geſtattet, in beſcheidener Stille und zufriede⸗ ner Ruhe mit meinem Adrian zu leben. Wie aber, Hoheit, wenn man es Ihnen nicht geſtattet? Wenn der Wille Ihrer fürſtlichen Mutter unbeugſam iſt? Ich werde ihn beugen, Erneſta, denn auch ich habe einen Willen. Den Willen, glücklich zu ſein, und meinen Antheil zu fordern an der Freude des Daſeins. Will meine Mutter Adrian nicht ihren Sohn nennen, wohlan, ſo verſtößt ſie damit auch mich, und er wird dann nicht nur mein Geliebter, er wird auch mein Bruder, mein Vater, meine ganze Familie ſein, und an ſeine Bruſt werde ich mich le⸗ gen, alles Andere vergeſſend, nichts beklagend, nichts wünſchend außer ſeiner Liebe. Sie war von einer wunderbaren Schönheit, als ſie ſo ſprach. Ihre Augen flammten, ihr Geſicht ſtrahlte von Entſchloſſenheit und Energie; die Be⸗ geiſterung einer edlen Seele leuchtete von ihrer kla⸗ ren Stirn. Die Portiére öffnete ſich, und der eintretende Lakai reichte der Comteſſe ein zuſammengefaltetes Papier dar, indem er ihr leiſe einige Worte zu⸗ flüſterte. Ein Billet für Ew. Hoheit; ſagte Erneſta. Der Herr, welcher es gebracht, will ſich durchaus nicht abweiſen laſſen. Er wartet im Vorzimmer. Luiſe hatte das Papier geöffnet und blickte ſtarr auf daſſelbe hin. Sie war blaß geworden, und ein Zittern durchflog ihre Geſtalt. Sie winkte dem Diener, hinauszugehen, und ſank dann, ganz zer⸗ brochen, ganz überwältigt, auf den Divan zurück. Aber dies dauerte nur einen Moment, dann richtete ſie ſich ſtolz und kalt empor, und ſagte zu der Grä⸗ fin: Dieſes Billet iſt vom Baron Bernthal. Er verlangt mich ſogleich zu ſprechen, und zwar ohne Zeugen. Und Sie wollten, Hoheit— Ich will thun, was ich nicht verweigern darft Gehe alſo, Erneſta, und ſage ihm, daß ich bereit bin, ihn zu empfangen. Eine Minute ſpäter trat Bemnthal in das Boudoir der Prinzeſſin. Sie erwiederte ſeinen ſtum⸗ men Gruß mit einem ſchwachen Neigen des Kopfes, 287 und deutete ſtumm auf einen Seſſel neben ſich hin. Bernthal ſchüttelte abwehrend das Haupt. Nein, ſagte er, ich will Sie nicht beleidigen durch meine ſo unmittelbare Nähe, denn es könnte ſein, daß noch etwas von Leichenduft und Verwe⸗ ſung an mir haftete. Ich komme eben vom Bette einer Todten. Luiſe fand nicht die Kraft, etwas zu erwidern, Sie blickte nur fragend zu Bernthal empor, der mit verſchränkten Armen, ſie ſtreng beobachtend, vor ihr ſtand.— Wollen Sie wiſſen, wer dieſe Todte war, Luiſe? Es war vor drei Jahren ein junges, unſchuldiges der Freude und dem Leben entgegenlachendes Mäd⸗ chen, welches von Gott nichts weiter verlangte, als das Glück, ihren Geliebten, einen armen Arbeiter, dereinſt ihren Mann nennen zu können, um mit ihm zu arbeiten, um mit ihm zu darben, und Gott zu danken für jedes Stückchen Brod, das ſie ſich ſelber im Schweiße ihres Angeſichtes verdienen würden! Vicht wahr, das war ein beſcheidenes Gebet an die allmächtige Gottheit, von welcher man ſagt, daß ſie das Füllhorn des Glückes in ihren Händen hält? Und doch war dieſer Wunſch zu groß. Ein neidi⸗ ſcher Dämon hatte ihn gehört, und beſchloß ihn zu vernichten. Was wollen Sie? der Arme iſt nicht dazu da, glücklich zu ſein, ſondern Laſten zu tragen, er iſt nicht dazu da, um nach einem Tage der Müh⸗ ſal auszuruhen in den Armen der Liebe! Die Liebe iſt ein Privilegium des Reichthums geworden, und ein reicher Mann kam und kaufte des armen Man⸗ nes Glück und vernichtete mit lachendem Munde den Frieden und die Unſchuld dieſer Tochter der Armuth. Das iſt etwas ſehr Gewöhnliches, ich weiß es, und ich klage mich nicht an, weil ich es that! Sie war ja nur eine arme Magd, nicht eine Prinzeſſin, wen tümmert es, ob eine Bettlerin entehrt wird? Es iſt möglich, daß ihr Herz darüber bricht, aber was thut das, es gibt ſo viele Bettlerinnen! Das Herz der armen Marie war gebrochen, denn ihr Geliebter hatte ſie verlaſſen und ſie ſchleuderte einen wilden Fluch auf ihren Verführer, den ſie niemals anders als ge⸗ haßt hatte! Es iſt ſehr pikant, ein Weib in den Armen zu halten, welches uns haßt, welches uns verabſcheut, welches uns flucht, indem es unſere Zärtlichkeit duldet. Ihnen, Hoheit, verdanke ich indeß dieſe Wiſſenſchaft nicht, ſondern nur der armen Marie. Indeß lang⸗ weilt es dennoch, ſich immer verwünſcht zu hören, und ich verließ ſie! Was fragte ich nach ihr,— 289 ſie war eine Blume, welche ich gepflückt hatte, weiter nichts! Aun ſie verwelkt war, ſchleuderte ich ſie fort. Sie finden das begreiflich, nicht wahr Luiſe? Die Prinzeſſin murmelte einige unverſtändliche Worte und heftete ihre, von Thränen verdunkelten Augen mit einem flehenden Ausdruck auf Bernthal, welcher noch immer mit verſchränkten Armen kalt und ſtolz vor ihr ſtand. Ich erzähle Ihnen die Geſchichte nur, fuhr er fort, damit Sie erkennen mögen, welch ein ungeheurer Abſtand, und doch, welche große Aehnlichkeit zwiſchen einer Prinzeſſin und einer Bettlerin iſt! Beide ſtehen ſie auf den äußerſten Stufen des Lebens, beide ſind ſie denſelben Gefahren unterworfen, und für beide gibt es nur Eine Ehre, die Ehre ihrer Unſchuld! Aber jetzt ſehen Sie, wie verſchieden beide den Ver⸗ luſt derſelben ertragen werden! Die Prinzeſſin legt ein Lächeln über ihr Angeſicht, und ihre Schmach iſt keine Schmach, wenn die Welt ſie nicht erfährt; daß die Welt dies nicht thue, das iſt ihre einzige Sorge, ihr einziges Sinnen. Dies zu erfüllen, unterdrückt ſie ihre Schmerzen, lehrt ſie ihren Mund lächeln im Krampf ihres Leidens. Dies zu erfüllen, wird ſie eine unnatürliche Mutter, damit die Welt ſie für eine tadelloſe Jungfrau halte. Was kümmert ſie dieſes n. 19 290 arme kleine Geſchöpf, dem ſie das Daſein gegeben. Kein Schlag ihres Herzens ſpricht für daſſelbe! Sie würde es tödten, wenn ſie nicht zu feig dazu wäre, aber weil ſie es iſt, ſtößt ſie es nur von ſich, und überläßt bezahlten Miethlingen die Sorge für den Sohn der Fürſtin.— So handelt eine Prinzeſſin! Soll ich Ihnen nun ſagen, wie's eine Bettlerin thut? Für ſie gibt's keine Welt und keine Menſchen, denn die Welt kümmert ſich nicht um ſie. Sie wagt es, ihren Kummer und ihre Schmach offen zur Schau zu tragen, ihre Verzweiflung hinaus zu ſchreien in die Luft, und weil ſie denn in der Bitterniß ihres Kummers nicht eine zärtliche Mutter ſein kann, ſo wird ſie eine haſſende Mutter. Sie ſtößt ihr Kind nicht, wie eine Prinzeſſin, mit einem kalten Lächeln von ſich, ſondern mit einem wahnfinnigen Schrei ſchleudert ſie es zur Erde und ſieht mit frohlockendem Zorn das Blut ihres Kindes fließen. Prinzeſſin, welche Mutter nennen Sie ſtrafbarer? Sie begegnete ſeinem Blick mit einem offenen, feſten Auge. Die Prinzeſſin! ſagte ſie. Sie ſind beide gleich ſtrafbar, ſagte Bernthal, und ich übernahm es, beide zu beſtrafen. Ich ließ Marie in dem Wahne, daß ſie ihr Kind getödtet habe, und erſt als ſie geläutert von Strafe und Reue, in innigſter Liebesſehnſucht zu ihrem Kinde erglühte, erſt da ſagte ich ihr, daß ihr Kind lebe, daß ſie es nicht gemordet habe! Das arme Weib! Ihr fehlten die ſtarken Nerven einer Fürſtin, ſie ſtarb an der Freude!— Ich ließ die Prinzeſſin in dem Wahne, daß ihr Kind lebe, und machte aus dieſem verlaſſenen und verſtoßenen Sohn eine Kette, um damit dieſe unnatürliche Mutter, dieſe ſtolze Prinzeſſin zu meiner Gefangenen zu machen! Und mein Kind lebt nicht? rief Luiſe bebend. Ihr Kind, Prinzeſſin? Bekennen Sie ſich dazu, Mutter zu ſein? Ja, ich thue es! Mag die ganze Welt es er⸗ fahren, mag ſie hohnlachend auf mich deuten. Ich will endlich dieſe Feſſeln der Verſtellung zerreißen, ich will den Muth haben, ich ſelbſt zu ſein. Was frage ich nach der Welt, vorausgeſetzt— Daß Prinz Adrian Sie liebt, nicht wahr? Be⸗ ruhigen Sie ſich, Prinzeſſin, er wird es nie erfahren, daß mein Sohn auch der Ihre iſt. Er weiß es! ſagte ſie mit einem köſtlichen Lächeln. Er weiß es, und er hat mir verziehen. Sie haben es ihm geſagt?“ Ich that es. Eine Pauſe trat ein, Bernthal ging haſtig einige 19* 292 Mal im Zimmer auf und ab, und ſeine Lippen mur⸗ melten leiſe Worte, welche Niemand verſtand, wäh⸗ rend Prinzeſſin Luiſe geſenkten Hauptes, die Hände im Schooß gefaltet, in ſchmerzlichem Schweigen den flüſternden Stimmen ihres Innern horchte. Plötzlich blieb Bernthal vor ihr ſtehen und nannte leiſe ihren Aamen. Sie richtete das Haupt empor und ſah ihn an. Ihre Augen begegneten ſich und wurzelten feſt in einander. Luiſe, fragte er endlich, und jetzt war ſeine Stimme weich und zärtlich, wie in den Tagen des Glückes, Luiſe, haben Sie mich einſt geliebt? Ja, Alexander, mit Jauchzen und Entzücken, mit Schmerzen und Verzweiflung habe ich Sie geliebt! Dann gedenken Sie jener Tage, Luiſe, und ver⸗ geben Sie mir. Ich beuge mein Haupt! Ich habe an Ihnen geſündigt und mit Ihrem Glück ein fte⸗ ventliches Spiel getrieben. Glauben Sie mir, Luiſe, die Vergeltung iſt über n gekommen. Vergeben Sie mir. beiden Hände dar. Ich vergebe Ihnen, Wae und möge Gott Sie glücklich machen. Er drückte ihre Hände an ſeine Lippen und legte ſie einen Moment auf ſeine brennenden Augen. Sie reichte ihm unter Thränen lächelnd ihre —— 293 O, Luiſe, ſagte er dann, iſt's nicht traurig im Leben? Zwei Menſchen, die ſich einſt geliebt, ſtehen ſich hier gegenüber, und ihre Herzen ſind erkaltet, und ihre Lippen ſind ſtumm geworden. Pfui über das Leben, wenn die heiligſten Gefühle ſterben können und uns als wandelnde Leichen umhergehen heißen! Aber genug mit dieſen Empfindſamkeiten! Ich bin gekom⸗ men, um Ihre Feſſeln zu löſen, Luiſe, freiwillig und ohne Zwang ſie zu löſen. Sie ſind frei! Und indem er ein kleines Käſtchen aus ſeinem Buſen hervorzog und es der Prinzeſſin darreichte, fuhr er fort: Hier ſind Ihre Briefe, Luiſe, alle, ich behielt nicht Einen zurück. Auch finden Sie außer⸗ dem in dieſem Käſtchen den Taufſchein und den Todtenſchein Ihres Kindes. Es iſt alſo wirklich todt? fragte ſie tief bewegt. Ach, es iſt geſtorben und ſeine Mutter hat ihm nicht die Augen geſchloſſen, es iſt geſtorben, einſam, viel⸗ leicht verlaſſen, hungernd! O, und ich hoffe noch auf Glück, und habe doch ſo viel geſündigt! Und die Prinzeſſin bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen und weinte laut. Luiſe, ſagte Bernthal nach einer Pauſe, ich muß Sie jetzt verlaſſen, denn Sie wiſſen, meine Stunden 294 ſind gezählt, und ich habe noch viel zu thun. Leben Sie alſo wohl. Er wandte ſich um, und näherte ſich langſam der Thüre. Die Prinzeſſin ſprang auf und eilte ihm nach. Wie ſoll ich Ihre Worte deuten? fragte ſie in athemloſer Spannung. Das was ſie beab⸗ ſichtigten, darf nicht ſein. Ich dulde es nicht! Sie haben Alles wieder gut gemacht, Alles geſühnt. Die Rache iſt getilgt, wir haben uns Beide verge⸗ ben, und nicht das Blut ſoll entſcheiden. Nein, nein, ſchütteln Sie nicht das Haupt. Sie werden mein Flehen hören, Sie werden Erbarmen haben mit meiner Angſt. O, ſagte Bernthal mit einem wunderbaren Aus⸗ druck, fürchten Sie nichts Luiſe. Sein Leben iſt nicht durch mich gefährdet. Sie ſah ihm fragend in die Augen, als upl⸗ ſie in denſelben ſeine tiefſten Gedanken leſen. Vielleicht errieth ſie was in dem Innerſten ſeiner Seele ſich be⸗ wegte, denn ſie ſagte auf einmal feſt und entſchloſſen: dieſes Duell darf nicht ſtattfinden! Dieſes Duell wird ſtattfinden! Sie wollen ſich alſo morden? Wenn ich das wollte, bedürfte es nicht des Prinzen Adrian. Aber hören Sie jetzt meine Worte, — 295 Luiſe. Als ich geſtern in der Verzweiflung eines bittern Schmerzes erkannte, daß das Leben für mich hinfort eine unerträgliche Laſt, eine widerliche Bürde ſei, welche ich abwerfen müſſe, da erſchien mir der Prinz Adrian als ein vom Himmel geſandter Bote, welcher kam, mein Leben von mir einzufordern. Ich werde es ihm geben. Fürchten Sie alſo nichts für Ihren Geliebten und denken Sie auch nicht, daß ich ſo großmüthig bin, ſterben zu wollen, um der Ehre des Prinzen genug zu thun! Ich will ſterben, weil ich genug gelebt habe. Die Prinzeſſin legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſah ihm feſt in die Augen. Wollen Sie ſterben, weil Sie hoffnungslos zu lieben glauben? Ja, hoffnungslos. Dann leben Sie!— Lucinde— Still von ihr. Ich ſprach von einer andern hoffnungsloſen Liebe, von meiner Tochter. Sie haben eine Tochter? Ich hatte eine— Leben Sie nh. Luiſe— XXI. Oalathea. Vachdem Bernthal die Prinzeſſin verlaſſen, be⸗ gab er ſich durch den Korridor nach dem andern Flügel des Hotels und ließ bei der Fürſtin Mutter um eine Audienz nachſuchen. Die Antwort war: Ihre Hoheit ſei für den Augenblick mit dem eben angekommenen Fürſten, ihrem Sohn, in ernſten Ge⸗ ſchäften in ihrem Kabinet, bitte aber den Baron Bernthal, die Fürſtin im Salon zu erwarten. Dahin alſo begab ſich jetzt Bernthal.— Der Salon war leer. Dieſe behagliche, durch Nichts unterbrochene Stille, welche Bernthal umgab, that ihm wohl. Er ſetzte ſich auf einen der ſammtenen Divans und das Haupt zurückgelehnt in die Kiſſen, überließ er ſich den bittern und kummervollen Ge⸗ danken ſeiner Seele.— Plötzlich hörte er leiſe ſeinen —— 297 Vamen nennen, und als er ſich umwandte, ſtand die Baronin Lucinde vor ihm. Sie hatten ſich ſeit jenem Tage, an welchem der Mordanfall auf Bernthal ſtattgefunden, nicht geſehen. Lucinde hatte ihn jeden Morgen, bebend vor Hoffnung, vor Luſt und Sehnſucht in ihrem Salon erwartet, aber niemals war er gekommen, und dieſe Schmerzen und dieſe Sehnſucht, dieſe Thränen, welche ſie um ihn weinte, dieſes Alles hatte nur dazu gedient, ihn ihr noch theurer zu machen, und die Liebe zu ihm immer tiefer in ihr Herz ein⸗ zuſenken. Aber Lucinde war dennoch eine ſtarke ſtolze Seele geblieben, die Liebe hatte ihr Herz ge⸗ troffen ohne es ſchwach zu machen, und indem ſie ſich dieſem neuen Gefühl hingab, ließ ſie ſich doch in dem edlen Stolz echter Weiblichkeit von demſelben weder demüthigen, noch unterjochen.— Sie würde es ſich ſelber niemals verziehen haben, wenn ſie Bernthal mit einem Wort, mit einem Seufzer ver⸗ rathen hätte, wie viel Thränen und Seußzer ſeine plötzliche Zurückhaltung ſie gekoſtet, ſie würde ſich ſelber verachtet haben, wenn ſie mit einem Worte, einem Blick ihn zurückzurufen geſucht hätte. 6s war daher mit einem heitern Lächeln und einem leichten Scherz, daß ſie Bernthal jetzt entgegen 298 trat, und ihm verkündete, daß ſie auf Geheiß der Fürſtin gekommen ſei, ihm Geſellſchaft zu leiſten, bis die Fürſtin ſelber erſcheinen werde. Aber Bernthal verſtand es, in dem Antlitz der Menſchen zu leſen, und er las auf ihren kaum geröthéten Wangen, in ihrem trüben Blick, und dem ſchmerzlichen Lächeln ihrer Lippen, die geheime Geſchichte ihrer ſchlafloſen Nächte und ihres ſo tapfer verborgenen Schmerzes. Aber nicht mehr gewahrte er dies mit dem Egois⸗ mus und dem Stolz früherer Tage, ſondern mit hoff⸗ nungsloſer Trauer, mit theilnehmendem Weh.— Er trat ihr entgegen und reichte ihr ſeine Hand dar. Ich wußte, daß ich Sie hier treffen würde, ſagte er. Ich ſah Ihren Wagen vorfahren, als ich mich eben zur Prinzeſſin begab, und dies war der Hauptgrund, weshalb ich hierher kam. Ich wollte das Glück genießen, Baronin, Sie zu ſehen. Lucinde lachte. Bequem wie ein Morgenländer ſagte ſie. Aur nach dem Glück verlangend, was zufällig auf Ihrem Wege blüht! Oder ihm ausweſchend und rauhe Pfade wan⸗ delnd, weil ich den Weg des Glückes nicht gehen darf! ſagte Bernthal ernſt. O, in wechem ſchwermüthigen Tone Sie heute ſcherzen! rief ſie mit einem mühſamen Lächeln. 4 8 299 Wenn man kommt, um auf lange Zeit Abſchied zu nehmen, hat man das Recht, ſchwermüthig zu ſein! Abſchied? Und auf lange Zeit? fragte ſie, und wider ihren Willen verrieth ihre Bläſſe und der zitternde Ton ihrer Stimme ihr tiefes Erſchrecken. Sie wollen uns alſo verlaſſen, Bernthal? Ich muß es. Mein Dämon hat mich gerufen, Lucinde. Und wohin? Weiß ich es? In das Land der Ruhe vielleicht oder des ſeligen Träumens. Sicher aber nicht zu den Inſeln der Glückſeligkeit, denn meine Augen werden Sie nicht mehr ſehen. Ich gleiche dem ewigen Juden der Sage. Von der Stätte, wo ich ruhen möchte, treibt mich mein Dämon empor und jagt mich weiter durch die Wüſte des Lebens. O, es iſt ein troſtloſes Jagen und Ringen, nirgends Raſt, nirgends Frieden. Für mich, Lueinde, öffnet ſich kein Paradies mehr. Der Engel mit dem flammen⸗ den Schwerdt treibt mich hinweg von der Pforte des Glückes, und ruft ſein unerbittliches Wehe! Wehe! über den Verbrecher aus. O, ſagte ſie, mit einem vollen köſtlichen Blick, Sie ſprechen nur von Ihrem Dämon. Aber es wohnt auch ein Engel in Ihnen. Laſſen Sie dieſen Gewalt über ſich haben, und ihn den Dämon vertreiben. Geben Sie Frieden mit der Welt, und das Glück wird ſich Ihnen wie⸗ der nahen. Verſöhnen Sie ſich mit den Menſchen. Das will ich, und hier, Lucinde, der Beweis! Nehmen Sie dieſes Käſtchen; es enthält alle jene Papiere, nach welchen Sie begehrten, und welche die arme Marie für Sie von mir fordern ſollte. O, mein Gott! Sie wiſſen dies? Und ich weiß auch, Lueinde, daß Sie, edel und großmüthig, wie Sie es immer ſind, mich erretten wollten aus der Gefahr, welche mich bedrohte. Sie forderten nicht meinen Tod. Ich? rief ſie ganz überwältigt. Sie wiſſen alſo nicht, Bernthal, mit welchen Qualen und Thränen ich jenen übermüthigen Scherz, durch den ich mich verpflichtete, dieſe Briefe von Ihnen zu er⸗ langen, gebüßt habe! O mein Gott! Als ich jene Wette mit dem Fürſten einging, kannte ich Sie noch nicht. Damals wufßte ich noch nicht, daß aus der Mitte dieſer kleinlichen, ſchwachen und eitlen Män⸗ ner, welche ich ſtets gewohnt war, zu meinen Füßen zu ſehen, auch ein Mann zu mir heran treten könnte, nicht demüthig, wie die Aandern es thun, ſondern ſtolz und mächtig, hoch emporragend über mir, un zu mir hernieder blickend mit dem mitleidigen Lächeln eines Heros. Und als ich ihn ſah, da neigte ſich meine Seele vor ihm, und zum erſten Mal fühlte ich mich unterjocht in der Demuth meines Herzens. Und ich ſagte zu mir:„Ob die Menſchen ihn haſ⸗ ſen und ihm fluchen, was gilt das mir? ob ſie ihn einen Verbrecher nennen, was habe ich darnach zu fragen? Die Geſetze von heute ſind nicht die Ge⸗ ſetze von morgen, und was man heute als Sünde verdammt, wird morgen als Tugend geſegnet. Wenn Abgründe in ſeiner Seele ſind, nun wohl, ſo müſſen auch Höhen da ſein, und wenn finſtere Gedanken in ſeinem Herzen ſind, ſo wohnt doch das Lächeln Got⸗ tes in ſeinem Angeſicht.— Das Alles dachte ich, als ich Sie ſah, Bernthal.— Werden Sie mir nun verzeihen, daß ich zu Ihren Feinden gehörte? Wer⸗ den Sie es mir nun glauben, daß ich nichts wußte von dieſem verbrecheriſchen Anſchlag auf Ihr Leben? — O mein Gott, Sie antworten mir nicht? Bern⸗ thal, muß ich Ihnen denn ſagen, daß ich Sie liebe mit— Mit jener Dankbarkeit, unterbrach ſie Bernthal, mit welcher Galathea einſt den Jüngling ſegnete, deſſen Liebesinbrunſt ihr ſteinernes Herz zum Leben erweckt, und es mit dem Feuer des Empfindens 302 durchglüht hatte. Er liebte ſie, und die ächte Liebe des Mannes iſt ſtets von dieſer göttlichen Kraft, daß ſie das Herz des Weibes aus ſeiner Kälte er⸗ weckt, und es das Empfinden lehrt. Sie ſind meine Galathea, und meine anbetende Liebe hat den Mar⸗ mor Ihrer Bruſt belebt,— das iſt Alles!— Mich treibt der Fluch meines Daſeins weiter, und meine eigene Schuld trennt mich von Ihnen. Leben Sie alſo wohl, Lucinde, und was Sie auch von mir hö⸗ ren mögen, bewahren Sie mir, ich bitte Sie darum, Ihr Mitleid. Ihr Auge iſt rein und klar, und die Nebel der Vorurtheile umdüſtern nicht Ihren Blick. Sie werden dies düſtere Gewebe meines Lebens durchſchauen, und wenn Sie dann finden, daß es ein jammervolles und elendes war, und daß ich zu den Verdammten gehöre, ſo werden Sie mindeſtens erkennen, daß nicht blos meiner eigenen Thaten Sünde, ſondern fremde Schuld mich in's Verderben ſtürzte. Dies möge mir Ihr Mitleid ſichern. Und wenn Sie hören, wie dieſe kalten, Tugend heucheln⸗ den, Empfindung lügenden und doch ſo herzloſen egviſtiſchen Menſchen meinen Namen mit Schande und Verachtung überhäufen, ſo werden Sie denken: er war ein Sünder, aber er litt an den Sünden dieſer Welt und ſeine Verbrechen waren die Schuld ſeines Schickſals!— Ach, ich höre die Stimme der Fürſtin und ihres Sohnes. Ich kann ſie jetzt nicht mehr ſehen, es iſt nicht genug von der Bitterniß meines Haſſes mehr in mir, und ich könnte vielleicht ſo ſchwach ſein, dieſer übermüthigen Frau, welche mich zum Mindeſten fürchtet, zu verrathen, daß ich nicht ganz ein Teufel bin. Geben Sie alſo dem Für⸗ ſten dieſes Käſtchen. Er wird darin nicht blos die Dokumente finden, welche ſich auf meine Mutter und auf meine Geburt beziehen, ſondern auch die Briefe, welche ihm Prinzeſſin Amande, ſeine erſte junge Geliebte geſchrieben, und um welche ihn die Herrſchſucht ſeiner Mutter betrog. Ich danke Ihnen, Bernthal, ſagte Lucinde, ihm mit einem ſüßen Lächeln ihre Hand darreichend. Dieſe Briefe erleichtern mir meinen Plan. Der Fürſt wird ſehnſuchtsvoll zu dieſer, im Grunde ſeines Her⸗ zens noch friſch und jung fortlebenden Liebe zurück⸗ kehren, und an der Seite ſeiner Gemahlin wird er den Muth gewinnen, der Herrſchſucht ſeiner Mutter ein Ziel zu ſetzen. Geben Sie ihm dieſe Briefe nicht ohne eine Bedingung. Knüpfen Sie daran die Forderung, daß er ſeine Einwilligung zu der Vermählung Lui⸗ ſens mit Adrian gebe. 304 O, dieſe habe ich ſo eben von ihm erhalten. Luiſe wird glücklich ſein. Und ſo wären denn alle dieſe trüben Wolken durchbrochen und das Glück wird am Ende kommen, die zerſchlagenen Seelen zu heilen. Dies iſt ein Troſt für mich.— Leben ſie wohl, Lucinde! Und wann, fragte ſie, mit kaum unterbrücktem Weinen, wann kehren Sie zurück? R Wann ich zurückkehre? fragte er ſinnend, und ſeine Augen hafteten mit einem unausſprechlichen Ausdruck auf ihrem ſchönen, in Wehmuth und Schmerz zuckenden Angeſicht. Glauben Sie an ein Wiederſehen, Lucinde? Ich glaube daran, weil ich darauf hoffe! Nun denn, auf Wiederſehen alſo. Sei's, wo es ſei. Auf Wiederſehen!—* Sein Kuß brannte noch auf ihren Lippen, ſeine Stimme zitterte noch in ihrem Ohr,— aber die Thür hatte ſich ſchon hinter ihm geſchloſſen. Sie war allein.— Als die Fürſtin mit ihrem Sohne in den Sa⸗ lon trat, fanden ſie Niemand darin, als ein bleiches, ernſtes Weib, in welchem die Fürſtin kaum ihre ſonſt ſo roſige und lächelnde Lueinde wieder erkennen konnte. 305 Sie ſchritt mit dem Käſtchen in der Hand kalt und ſtolz zu der Fürſtin hin. Hoheit, ſagte ſie, ich habe meine Wette nicht gewonnen, ich habe die Briefe nicht erobert. Baron Bernthal iſt nicht ein Mann, den man beſiegen kann, ſondern der geſchaffen iſt, um zu herrſchen! Sie wiſſen das, Frau Fürſtin, und auch ich habe es jetzt erfahren. Aber ich bringe Ihnen dennoch dieſe Briefe und Dokumente, Bernthal ſendet ſie Ihnen. Iſt dies Wahrheit? rief der Fürſt freudig. Kann dies ſein? Dieſer Fluch wäre endlich von meinem Leben hinweggenommen? Alles danke ich Ihnen, Lucinde. O, was kann ich thun, um Ihnen meine grenzenloſe Dankbarkeit, meine Anbetung zu beweiſen? Sie wollen meine Liebe nicht, und mein heißeſtes Flehen haben Sie zurück⸗ gewieſen. Sagen Sie, was ich thun kann, um Ihnen zu vergelten. Das Beſte, was der Menſch auf Erden thun kann, iſt dieſes: nach dem Glück zu ſtreben, für ſich und für Andere. Streben Sie danach, mein Fürſt. Laſſen Sie zuerſt Ihr Volk glücklich ſein, und wenn Sie dieſe heilige Miſſion Ihres Fürſtenſtandes erfüllt haben, dann dürfen Sie ſich die Genugthuung ver⸗ ſchaffen, ſich unzuſchauen in der Welt nach Ihrem M. 20 306 perſönlichen Oluc Ich Ihnen den Weg dazu zeigen. Und welcher iſt es, Lneinde? Gehen Sie zur Prinzeſſin Amanda. Lucinde! rief die Fürſtin erglühend vor Erſtan⸗ nen und Aerger. Sie wagen es— Hoheit, unterbrach ſie Lucinde, indem ſie ſich tief verneigte, das Wagniß war auf Ihrer Seite. Die Wahrheit zu unterdrücken, iſt immer ein tes Spiel. Welch' eine Sprache iſt das? Was bedeuten dieſe räthſelhaften Worte? fragte die Fürſtin. Sie bedeuten: Daß der Fürſt in jenem Käſtchen alle jene Briefe der Prinzeſſin Amanda finden wird, welche Ew. Hoheit ſtatt des jungen Fürſten in Em⸗ pfang genommen. Amandas Briefe! rief der Fürſt. O, meine Mutter, Sie täuſchten mich alſo, und diesmal wie immer, war ich nur ein Spielzeug in Ihrer Hand. Aber dieſe unwürdigen Demüthigungen ſollen endlich ihr Ende finden, und ich will endlich dieſe Bande zerreißen, mit welchen Sie mich feſſeln möchten. Ich ſelber will der Herr meines Handelns ſein. Mein Sohn, rief die Fürſtin erbleichend. Dieſe Sprache von Dir? Du wet A nicht, wie ich ² Dich liebe? 5 Fno Ich entſinne mich nur, Frau Fürſtin, daß Sie mir dieſe Briefe geraubt haben, und mit ungerührtem Herzen die Thränen ſehen konnten, welche* um Amanda's Untreue weinte. Lueinde öffnete das Käſtchen und he ihm die Briefe dar. Leſen Sie jetzt, Hoheit, wie treu ſie Ihnen war. Der Fürſt nahm die Briefe, und indem er das Band zerriß, welches ſie zuſammenhielt, hafteten ſeine Blicke mit ungeduldigem Verlangen auf dieſen Schrift⸗ zügen ſeiner Geliebten. Lucinde ſah es, und ſagte mit einem ſchwachen Lächeln: Er wird zu ihr zurückkehren. Dann wandte ſie ſich an die Fürſtin, welche ſprachlos vor Zorn, und nur mühſam einen lauten Ausbruch deſſelben zurückhaltend, in einen Fanteuil geſunken war. Hoheit, ſagte ſie, ich bitte um meine Entlaſſung aus Ihrem Dienſt! Ich beabſichtige eine Reiſe an⸗ zutreten. 8 Sie werden mich verpflichten, wenn Sie dies ſo bald als möglich thun, ſagte die Fürſtin kalt und 20* * Dienſt. ſchroff. Ich eutiſe ei mit 4 aus meinem Fürſt Friedrich, welcher ſich immer noch mit den Briefen beſchäftigte, hatte dennoch Lucindens Worte vernommen. 2 ollen fort, Lucinde? fragte er. Wohin gehen Wohin? ſagte ſie trübe. In die Welt hinaus gleichviel wohin! Der Fürſt faßte ihre Hand und drückte ſie innig an ſeine Lippen. Lueinde, ich fragte Sie vorhin, wie ich Ihnen dankbar ſein könnte? Jetzt weiß ich es. Sie ſollen ſehen, daß ich Sie verſtanden habe! Ich werde meinem Volk Freiheit und Ehre geben, und an demſelben Tage, an welchem ich die Rechte des Volkes beſchwöre, werde ich meinem Volke eine Für⸗ ſtin, und mir, ſo Gott will, ein liebendes Weib in der Perſon der Prinzeſſin Amanda geben. Und Prinzeſſin Luiſe? fragte Lueinde. Wird an demſelben Tage die Gemahlin des Prinzen Adrian! Die Fürſtin Mutter ſtieß einen Schrei aus und ſank ohnmächtig zuſammen. XII. r Es war ſpät am Abend. Der Gefangenwärter hatte ſo eben die Runde gemacht, und jede einzelne Zelle revidirt, um ſich zu überzeugen, ob auch keiner der traurigen und ſchweigſamen Bewohner derſelben, ſich mit irgend einem frevelhaften Fluchtverſuch be⸗ ſchäftige.— Omar hatte es wieder vergeblich verſucht, dieſen harten und grauſamen Mann zu irgend einer Antwort, einer Erwiederung ſeiner haſtigen und ſtürmiſchen Fragen zu erweichen. Unverbrüchliches Schweigen war das Geſetz des Hauſes und der Ge⸗ fangenwärter gehorchte ihm mit unerbittlicher Strenge! Omar, welcher wußte, daß nun bis zum anderen Tage kein Laut, kein Ton dieſe öde Stille ſeiner Zelle unterbrechen würde, ſetzte ſich ſeufzend auf den hölzernen Schemel, welcher nebſt einem elenden klei⸗ nen Tiſch das einzige Ameublement ſeiner Zelle aus⸗ 310 machte, und hing ſeinen trüben und ſehnſuchtsvollen Gedanken nach. Plötzlich hob er den Kopf empor und lauſchte. Ein ungewöhnlicher Ton hatte ſein Ohr getroffen. Er hatte den Laut menſchlicher Stimmen, den Schall ferner Fußtritte gehört— es kam näher und näher, jetzt war es dicht vor ſeiner Thür. Er hörte in athemloſer Spannung den Schlüſſel im Schloſſe ſich drehen,— die Thür ſprang auf, eine verhüllte Ge⸗ ſtalt trat ein,— die Thür ward wieder verſchloſſen. Bernthal! rief Omar, als der Eingetretene den Mantel zurückgeworfen! Bernthal! wiederholte er mit einem Ausdruck des Entſetzens, indem er ſich abwandte. Bernthal ſah ihn ruhig und lächelnd an. Es iſt nur eine kurze Friſt, welche man mir zu einer Unerredung mit Ihnen verwilligt hat, ſagte er, und auch dieſe konnte ich nur mit großer Mühe erlangen! Laſſen Sie uns eilig ſein und nicht mit unnützem Wortgefecht die koſtbaren Minuten vergeuden. Sie haſſen und verabſcheuen mich? Und kämen Sie, gleich den Verſucher, zu mir heran, und böten mir alle Schätze der Welt, damit ich Sie anbeten ſollte, ich würde dennoch zu Ihnen ſagen: Ich haſſe Sie! Ich verabſcheue Sie! Nicht um Ihrer frevelhaften Thaten willen, dieſe mögen ———— Sie vor Gott und Ihrem eigenen Gewiſſen verant⸗ worten, aaer ich verabſcheue Sie, weil Sie ſelbſt der Unſchuld eines Engels nicht ſchonten, weil Sie ſelbſt die reine und ſonnenheitere Stirne Ihrer Tochter mit den dunkelen Zeichen Ihres Verbrechens befleckten! Weil Sie, in Folge eines infernaliſchen Planes, die⸗ ſes junge Mädchen in Abgezogenheit und Stille, in gänzlicher Unerfahrenheit mit den Gebräuchen und Sitten der Welt, wie eine Einſiedlerin aufwachſen ließen, um eines Tages aus ihr ein um ſo bequeme⸗ res Werkzeug Ihres Verbrechens zu machen. Oh, um eines ſchönen Tages vielleicht, wenn das Verbrechen an den Tag käme, es mit ihr zu machen, wie Sie es mir gethan, und auf Annas Haupt die Schuld zu häufen, welche in Ihrer furchtbaren Schwere ſie zu Boden drücken ſollte. Und wer ſagt Ihnen denn, daß ſie dies nicht thut? fragte Bernthal ruhig. Wer ſagt Ihnen denn, daß die endliche Erkenntniß meiner Schuld nicht eines Tages über mich kommen, und mich zerſchmettern würde? Aber denken Sie nicht, junger Mann, daß dies eins jener weichmüthigen, jammervollen Reuege⸗ fühle iſt, welches die feigen Menſchen die Hände fal⸗ ten und wimmern läßt: ich will's nicht mehr thun! — Und hätte ich mein ganzes Leben, noch einmal 312 zu leben, ich würde denſelben Groll, dieſelbe Verach⸗ tung gegen die Menſchen empfinden, welcher mich heute durchglüht, ich würde von Neuem mich für ihre Kleinlichkeit, ihre Bosheit, ihre Hinterliſt und Aufge⸗ blaſenheit zu rächen ſuchen, indem ich ſie verwundete und ſtrafte mit denſelben Waffen. Wer das Elend und die Gemeinheit der Welt beherrſchen will, der muß ſeine Waffen nicht aus dem Himmel, ſondern aus der Hölle holen, und nicht mit Tugenden, ſon⸗ dern mit Laſtern muß er die Menſchheit bekämpfen. Ich hab's gethan, und dies bereue ich nicht! Aber ich ſage Ihnen, Omar, nicht dies, was Sie als meine Hauptſchuld verdammen, nicht dies iſt es, was ich mein Verbrechen nenne. Es war eine That der Rache. Dieſe beiden Kupfertafeln, welche Sie kennen, waren dazu beſtimmt, eine fürſtliche Familie, welche ich zu verabſcheuen und zu ſtrafen berechtigt bin, zu verder⸗ ben, indem ich ſie an der Stelle angriff, an welcher die Menſchen allein noch verwundbar ſind, an dem Geldpunkt. Ich hatte ihre Familienbande zerriſſen, ihre Ehre vernichtet, ihr Haupt mit Schmach und Schande gezeichnet, und dennoch gingen ſie einher, lächelnd und mit heiterer Stirn, und die Welt hul⸗ digte ihnen. Es blieb mir nur noch übrig, ſie zu züchtigen, indem ich Ihnen den Verv aller Macht, 313 das Geld entzog, indem ich ihre Finanzen zerrüttete, und mit einem Staatsbankerott ſie zur Verzweiflung trieb. Dazu waren jene beiden Platten beſtimmt, die, wie Sie wiſſen, nach den Kaſſenſcheinen des be⸗ nachbarten Ländchens, deſſen Herrſcher Fürſt Friedrich iſt, geſtochen waren. Es war mein letztes Mittel, aber ich hatte es noch nicht angewandt.— Dies Alles ſage ich Ihnen, damit Sie mich nicht mit jenen gemeinen Verbrechern verwechſeln mögen, welche in elendem Golddurſt nur das kleinſte Ziel ihrer eigenen Exiſtenz vor Augen haben, und von dem Betrug nichts weiter verlangen, als ein wenig Wohlleben und materiellen Genuß. Oh, ich hatte ein großes Ziel. Vicht blos die Rache an dieſer entarteten Fürſtenfamilie, ein ganzes Volk wollte ich glücklich machen. Und wenn es mir gelungen, mit der Macht meines Geldes dieſes Volk außzuſtacheln zur Wuth, wenn ſie dieſen Fürſten, dieſen Sklaven ſeiner Mut⸗ ter verjagt und ihre Ketten zerbrochen hätten, dann wollte ich den Thron meiner Väter beſteigen, nicht um dieſes Volk zu knechten, ſondern um dieſe Heerde unmündiger Kinder zu freien, tapfern und großen Männern zu erziehen. Ich wollte mich an die Spitze ſtellen, nicht aus eitler Prunkſucht, ſondern zum Wohle des Volkes, das ich zu einem freien und 314 glücklichen machen wollte.— Dies, junger Mann, waren meine ehrgeizigen Pläne, und um ſie zu vollfüh⸗ ren, bedurfte ich der einzig entſcheidenden irdiſchen Macht, des Geldes.— Ich ließ es prägen, als der Fürſt der Zukunft. Wenn ich es gethan, nachdem ich den Thron beſtiegen, wer würde mich dann getadelt, wer mir das Recht ſtreitig gemacht haben, den Menſchen dieſes jammervolle, mit allerlei Figuren und Zeichen be⸗ kritzelte Papier hinzuwerfen und zu ihnen zu ſagen: „Das iſt Gold, das ſind Schätze, nehmt dieſes aus Lappen und Schmutz zuſammen geleimte, koſtbare Metall, nehmt dieſes Papier und gebt mir dafür die Kraft Eurer Arme, die Gedanken Eures Geiſtes, die Gewandtheit Eures Kopfes, gebt mir dafür Eure freien Menſchenrechte, Eure Ehre, Eure Unabhän⸗ gigkeit!“— Wer, frage ich, würde mich getadelt haben, wenn ich gethan hätte, was alle Fürſten thun?— Ich wiederhole Ihnen, ich that es als der Fürſt der Zukunft, und nur für dieſen war das Geld, welches man in meinen Kellern finden wird, und die Kupferplatten beſtimmt. Sie wollen Ihr Verbrechen beſchönigen, ſagte Omar, und mit ſtolzen Sophismen wollen Sie einen elenden Betrug zu einer großen That empor ſchwin⸗ deln. Mit den Jeſuiten rufen auch Sie: Der Zw 3 315 heiligt die Mittel, und alle meine Verbrechen ſind Heldenthaten in majorem dei gloriam! Aber erin⸗ nern Sie ſich, daß der Fluch aller Zeiten dennoch dieſe Söhne Loyolas getroffen, und daß die er⸗ wachenden Völker das Morgenroth ihrer Freiheit immer mit der Vertreibuug der Jeſuiten gefeiert haben!— Der Fluch Ihrer Sünde würde auch Sie getroffen haben, und das Volk, welches in ſeinem innerſten Kern W erhaben und edel han⸗ delt, das Volk würde ſich geſchämt haben, die Frei⸗ heit anzunehmen aus Ihren, von Verbrechen befleck⸗ ten Händen! Oh wie jung ſind Sie, und wie wenig kennen Sie das Volk, ſagte Bernthal mit einem mitleidigen Lächeln. Aber ſprechen wir nicht mehr davon. Auch Sie werden die harte Schule der Erfahrungen zu durchlaufen haben, und auch Sie werden zuletzt ſagen: Das Volk iſt weder edel noch groß! Es iſt eine Herde egoiſtiſcher Menſchen, welche allein von ihrem Vortheil regiert werden, und der Eigennutz iſt die Wetterfahne, nach welcher ſich der Wind ihrer Gunſt kund giebt!— Vichts mehr davon.— Es ſind andere und heiligere Dinge, ich mit Ihnen zu ſprechen habe. Er ſchwieg und ging einige Male haſtig in dem 316. kleinen Raume auf und ab. Sein Geſicht war von einer erſchreckenden Bläſſe, und ſeine Züge arbeiteten und kämpften in tiefer innerer Bewegung. Ich wollte Ihnen von meiner Tochter ſprechen, ſagte er endlich leiſe, faſt ſchüchtern. Oh Anna! Armes unſchuldiges Mädchen! rief Omar leidenſchaftlich. Wie das Ideal meiner Träume ſtandeſt Du vor mir, und nun— Und nun? fragte Bernthal geſpannt. Iſt ſie nicht fleckenlos und rein von aller Schuld? Und dennoch wird die Stirn dieſes Engels be⸗ ſchattet von dem Verbrechen ihres Vaters. Oh, Sie haben den Frieden dieſer reinen Seele getrübt, Sie haben ſie um ihr heiligſtes Gefühl, um ihre Kindes⸗ liebe betrogen. Und ich? Habe ich denn nichts verloren? ſagte Bernthal gedankenvoll und leiſe, wie zu ſich ſelber. Habe ich nicht das Einzige verloren, was für mich noch Werth hatte? Sie war der Stern, welcher mir in der Nacht erglänzte. Der Stern hat ſich mir verhüllt,— es iſt Vacht. Ich will alſo hin⸗ gehen und ſchlafen.— Nach einer ſchmerzlichen Pauſe fuhr Bernthal fort: Anna ſteht jetzt allein in der Welt. Sie hat mich aufgegeben, ſie verabſcheut mich. Es iſt daher billig, daß ihre Zukunft nicht 317 mehr umſchattet werde von dem Bilde eines Vaters, den ſie nicht liebt, ſondern den ſie verachtet. Sie wird mich niemals wieder ſehen. Und wer wird alsdann dieſes junge Mädchen ſchützen? Wer wird ſie bewahren vor der Welt, und ihre Unſchuld ſichern vor den heimtückiſchen Angriffen der Menſchen? Sie werden das thun, Omar! Ich? Anna liebt Sie, und ich weiß, daß Sie ihrer würdig ſind. Zum letzten Mal nehme ich das Recht eines Vaters in Anſpruch. Ich gebe Ihnen meine Tochter. Machen Sie ſie glücklich! Omar ſtieß einen Ausruf der Freude aus, und warf ſich, dem erſten Drang ſeiner Empfindung nachgebend, an Bernthals Bruſt. Oh ſie ſoll glück⸗ lich ſein, ſagte er. Ich danke Ihnen die Seligkeit meines Lebens, und ich werde Ihnen die Wonne, welche ich eben empfinde, zu lohnen ſuchen, indem ich Anna glücklich mache. Oh Bernthal. Vergeſſen ſei aller Zorn und alle Mißſtimmung. Reichen Sie mir Ihre Hand. Kommen Sie! Laſſen Sie uns fern von hier in ländlicher Stille und Einſamkeit leben, ein neues, anderes Leben. An dem Glücke Ihrer Kinder werden Sie ſich aufrichten, und die —ůů˖Ü—— 318 holde und zauberhafte Nähe Annas wird Ihre Seele läutern und Sie lehren die Vergangenheit mit all ihren Abgründen und ihren Irrungen zu vergeſſen. Bernthal ſchüttelte trübe das Haupt. Und wenn ich vergeſſen könnte, ſie würde es niemals. Sie würde immer den Flecken auf der Stirne ihres Vaters ſehen.— Es iſt beſſer, ſich unter den Trümmern eines eingeſtürzten Tempels zu begraben als ſich daraus eine elende Hütte zu bauen.— Ich habe Ihnen nur noch wenig zu ſagen, mein Freund. Hier nehmen Sie dieſe Papiere. Dieſer Brief hier iſt an den Staatsanwalt und ent⸗ hält ein genügendes Zeugniß Ihrer Unſchuld und mei⸗ ner Schuld. Ich beabſichtigte Anfangs, denſelben Ihnen zur Beſorgung zu übergeben, allein es mag beſſer ſein, und ſchneller wirken, wenn ich dies ſelber thue. Ich werde alſo dies Papier wieder zurücknehmen. Dies Kouvert hier enthält alle auf Anna bezüglichen Pa⸗ piere. Sie finden darin ihren Taufſchein und ein Verzeichniß ihres Vermögens. O fürchten Sie nichts. Anna darf ſich nicht ſcheuen, daſſelbe anzunehmen. Es haftet keine Schuld daran. Es iſt das Erbtheil ihrer Mutter. Sie werden das aus den Dokumenten 3¹9 erſehen.— Dies Papier hier bitte ich Anna zu übergeben. Es iſt mein Abſchiedswort an ſie, mein Segen ihrer Liebe. Und es mag eine Stunde kom⸗ men, wo ſie ihrer Verachtung vergeſſen hat, und nur noch der Liebe ihres Vaters gedenkt. Dann wird es ihr wohl thun, dieſe Zeilen zu leſen und zu wiſſen, daß ich ſie niemals heißer und inbrün⸗ ſtiger geliebt habe, als in jener Stunde, wo ſie zür⸗ nend mir gegenüberſtand, der rächende Engel meiner Thaten. Oh, indem ſie mich zerſchmetterte, betete ich ſie an. Ich ſegne ſie mit allem Segen der Liebe. Sagen Sie ihr das. Oh— man kommt, die bewilligte Stunde iſt abgelaufen. Leben Sie alſo wohl, mein Freund. Machen Sie meine Tochter glücklich. Ich fordere ſie dereinſt von Ihnen. Ja, ſie ſoll glücklich ſein! rief Omar. Die Liebe hat dieſe göttliche Kraft, daß ſie das Glück an ſich feſthält. Sie wollen mir Annas Zukunft anvertrauen. Gott iſt mein Zeuge, daß ich mich dieſes Vertrauens würdig zeigen werde; daß— Still, man kommt. Kein Wort weiter, mein Freund. Ich rechne auf Sie. Sobald Sie morgen frei ſind, gehen Sie zu Anna. Ihre Mutter hat meinen Bitten nachgegeben, und iſt zu Anna zu⸗ rückgekehrt. — Es iſt die höchſte Zeit! drängte der Schließer. Eilen Sie, ich kann nicht länger warten. Leben Sie wohl, Omar! Und ſoll Anna ihren Vater niemals Vielleicht! Wo? Dort oben! ſagte Bernthal feierlich. Dann winkte er noch einmal einen Abſchiedsgruß und die Thür ſchloß ſich hinter ſeiner hohen majeſtätiſchen Geſtalt. XXIII. Schluss. Der Morgen dämmerte bereits. Bernthal hatte die ganze Nacht mit dem Ordnen ſeiner Papiere und ſeiner Angelegenheiten hingebracht. Jetzt war Alles beendet. Sein Reiſewagen ſtand fertig gepackt vor der Thür, der Diener hatte ſchon den Schlag geöffnet und wartete ungeduldig auf ſeinen Herrn, um mit ihm hinaus zu fahren in die Welt.— Dem Hotelbeſitzer und ſeiner Dienerſchaft hatte Bernthal geſagt, daß er eine große Reiſe antreten wolle, und als ſein entzückter Kammerdiener ihn um das Ziel ſeiner Reiſe fragte, antwortete Bernthal: Das Ende der Welt! Jetzt, wie geſagt, war Alles beendet. Vichts hielt ihn mehr zurück, nichts nöthigte ihn zu länge⸗ rem Verweilen. Und dennoch fühlte er ſich wie ge⸗ bannt an dieſen Ort. Keine Stimme der Liebe bat I. 21 322 ihn, zu bleiben, und denoch war es die Liebe, welche ihn feſſelte. Dort hinter jener Thür, dort war ſeine Tochter. Er hatte ſie ſeit jener entſetzli⸗ chen Stunde nicht wieder geſehen, er hatte ſich ge⸗ ſchworen, niemals wieder in ihr Antlitz zu ſchauen. Aber die Sehnſucht überwältigte ihn jetzt.— Leiſe öffnete er die Thür. Frau Walberg war ſchon auf⸗ geſtanden; ſie wußte, daß Bernthal verreiſen wolle, aber ſie hatte, Bernthals Wunſche gemäß, es Anna verſchwiegen. Bernthal reichte ihr die Hand und ſagte weich: in wenigen Stunden werden Sie Ihren Sohn wie⸗ derſehen. Vergeſſen Sie in Ihrem Glücke meiner Tochter nicht. Seien Sie ihr eine Mutter. Und jetzt, ich bitte, laſſen Sie mich einen Augenblick allein. Frau Walberg verließ das Zimmer. Er ſchaute ihr nach, bis die Thür ſich hinter ihr ſchloß; dann ſchlich er leiſe, hochklopfenden Herzens zu dem Lager ſeiner Tochter. Da lag ſie, nachläſſig hingegoſſen, das Haupt ſeitwärts geneigt auf den weißen Arm, ſanft athmend im friedlichen Schlummer. Und Bernthal ſtand und ſchaute zu ihr hin mit dem ganzen Stolz und dem Entzücken eines Vaters. Wie er jetzt daran dachte, —— 323 daß er ſie niemals wieder ſehen, niemals mehr dem Klange ihrer ſilberhellen Stimme lauſchen würde, da füllten ſich ſeine Augen mit Thränen und ein Zit⸗ tern durchflog ſeine Glieder. Die Rinde war ge⸗ borſten, welche ſein Herz ſo lange umſchloſſen, und endlich, überwältigt von Schmerz und Reue, ſank der ſtarke Mann wie zerbrochen an dem Lager ſei⸗ nes Kindes nieder, und preßte bebend ſeine Hände an ſeine Lippen, um das laute Schluchzen, welches krampfhaft aus ſeiner Bruſt hervor kam, zu unter⸗ drücken. Anna lächelte im Schlummer und ihre Lippen flüſterten leiſe: Omar! Dieſer Laut weckte Bernthal aus ſeiner ſchmerz⸗ lichen Verſunkenheit. Er richtete ſich auf, und ſchüt⸗ telte die Thränen aus ſeinen Augen fort. Nun noch einen letzten, einen unausſprechlichen Blick auf ſein ſchlummerndes Kind, ein letzter leiſe gemurmelter Segen,— dann ſchritt er leiſe durch das Gemach, und ohne ſich noch einmal umzuwen⸗ den, ging er hinaus. Er ſeußte nicht, er klagte nicht, aber er preßte ſeine Hand feſt auf ſein Herz. Er hatte ein Gefühl, als ob eine Saite in ſeiner Bruſt zerſprungen ſei, als ob er eben ſterbe. Draußen auf dem verabredeten Platze in der 21* 324 Haſenhaide ſtand Prinz Adrian mit ſeinen Sekun⸗ danten und harrte ſeines Gegners. Sie wollen durchaus in keinen Verſöhnungsver⸗ ſuch willigen, mein Prinz? fragte einer der beiden Herren. Nein, Herr Graf! Eine Verſöhnung iſt un⸗ möglich. Ich verlange ſein Blut. Baron Bernthal iſt berühmt als ein ſehr ſieg⸗ reicher und gefährlicher Duellant. Niemand kommt ihm gleich im Gebrauch der Waffen. Und meinen Sie, daß dies mich ſchrecken könnte? Gott iſt gerecht, und meine Sache wird ſiegen, weil ſie gut iſt. Sie haben uns den Grund Ihres Streites nicht entdecken wollen, mein Prinz, es wird daher in der That ſchwer ſein, eine Verſöhnung zu verſu⸗ chen, und dennoch iſt es unſere Pflicht, dies zu thun. Ich bitte Sie, rief der Prinz ungeduldig, ver⸗ ſäumen Sie diesmal dieſe Pflicht! Es iſt ein Got⸗ tesurtheil, welches hier entſcheiden muß. Ach, dort kommt ein Wagen— er iſt es! Bernthal ſtieg aus, und als er jetzt mit feſtem und entſchloſſenem⸗ Schritt ſich den Herren näherte, hatte ſein Angeſicht wieder ſeinen gewohnten ſtolzen und energiſchen Ausdruck ang n Er verneigte 32⁵ ſich mit ſteifem Zeremoniell gegen bie Herren, und indem er ſich dann dem Prinzen gegenüber ſtellte, ſagte er kurz: Ich bin bereit. Sie kommen ohne Sekundanten, mein Herr? Ich bedarf nicht eines ſolchen. Mein Bedien⸗ ter hat meine Befehle, und wird ſie ausführen. Falle ich, ſo wird er mich in meinen Wagen tragen, und ſtatt eines lebendigen Menſchen eine Leiche in die Welt hinausfahren. Das iſt der ganze Un⸗ terſchied. Aber die angenommene Sitte verbietet ein ſol⸗ ches Duell, ſagte der Prinz. Einer dieſer Herren wird die Güte haben müſſen, Ihr Sekundant zu ſein. Bernthal nickte lächelnd, und Graf Loberg ſtellte ſich an ſeine Seite. Meſſen Sie die drei Schritte ab. Sie wollen alſo durchaus meinen fe Bernthal lächelnd. Einer von uns muß fallen! rief der düſter. Sie haben Recht. Nur mein Blut kann eine Sühne ſein. Aber wie, wenn Sie zu viel auf die Gerechtigkeit des Schickſals hofften? Ich ſage Ihnen, in dieſer Welt iſt der Teufel mächtiger als 326 Gott, und er liebt es, das Glück der Menſchen zu zerſtören. Wie, wenn Sie ſtatt meiner fielen? Keine Worte. Laſſen Sie uns anfangen! rief der Prinz, heftig mit ½ Fuß auf den Boden ſtampfend. k Bernthal lächelte. Wenn Sie ſo leidenſchaft⸗ lich ſind, werde ich ohne Zweifel ſiegen, denn ich bin ein ſicherer, und wie Sie ſehen, ein ruhiger Schütze. Und indem er eine Piſtole aus ſeiner Bruſt hervorzog, fuhr er fort: Sehen Sie dort den Vogel in der Luft? Es iſt ein Habicht, welcher nach un⸗ ſchuldigen Tauben jagt. Sehen Sie, er ſteigt höher und höher auf. Jetzt ſchwebt er nur noch wie ein kleiner Punkt dort oben. Schauen Sie genau hin; ich werde dieſen Habicht aus der Luft hernieder ſchießen. Unmöglich! riefen die Herren. Ich bitte, ſchauen Sie hin! Unwillkürlich richteten alle drei das Haupt em⸗ por und blickten nach jenem dunklen Punkte. Ein Schuß knallte neben ihnen. Nun ein lei⸗ ſes Aechzen, ein verhaltener Schrei. Bernthal lag am Boden, bewegungslos, ein ſtolzes Lächeln auf den erſtarrenden Zügen. 8 —— 327 Der Wundarzt neigte ſich über ihn. Er iſt todt! ſagte er. Die Kugel iſt ihm gerade durch die Bruſt gegangen. Aber wie war dies möglich? fragte der Prinz, welcher tief erſchüttert neben der Leiche ſtand. Ob dies ein Zufall war, ob die Piſtole ſich ſelbſt entlud? Dann hätte ſie durch den Kopf gehen können, ſagte der Wundarzt. Um ſich ſo zu treffen, mußte er das Piſtol gegen ſich ſelbſt gerichtet haben. Eine Viertelſtunde ſpäter verließen zwei Wagen das Gehölz. Der eine fuhr nach Berlin zurück und enthielt Prinz Adrian mit ſeinen Sekundanten. Der andere fuhr nach der entgegengeſetzten Richtung. Der Poſtillon blies luſtig in die Welt hinaus; der Bediente ſaß auf dem Bock. Darin in Wagen aber lag eine Leiche. Ein kaltes, ſtilles, ru⸗ higes Angeſicht, eine bewegungsloſe Geſtalt.— Sein letzter Beſehl ward erfüllt. Man fuhr die Leiche ihres Sohnes zu dem Grabe ſeiner Mutter! 45 in. in in Berl Druck von G. Bernſte — — 10 11 —. 8* 3 S