SG Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Olimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceiß und Teſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:.. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————.——— auf 1 Monat: 1 Wi.— Pf. 1 Mk. 50 P 2 Mk Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛ0.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche vie⸗ 8 ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. 5 F 1 — — — * — — 8 * S Gedruckt bei K. F Hering& Comv. Roman Erſter Band. 0— . Stuttgart. vertag von Adolphb Rrabbe. 1841. nen Ihrer Röniglichen Boheit der Frau Grossherzogin von Mecklenburg⸗Strelitz. Ew. Röniglichen Hoheit haben in Ihrer Huld mir geſtattet, Dero erlauchten Namen meinem Buche vorzuſtellen, und indem ich von dieſer Gunſt Gebrauch mache, geſchieht es nicht in dem Glauben, es ſei daſſelbe Dero Zufriedenheit und Billigung werth, ſondern ich möchte es damit unter Ihro Königlichen Hoheit Schutz ſtellen, und es derjenigen Nachſicht und Gunſt, die Ihro König⸗ liche Hoheit ſtets den Meinigen bezeigten, in tief⸗ ſter Ergebenheit empfehlen. Ja, Dero Schutz erbitte ich für dieſes Buch, das ich zagend Ihro Königlichen Hoheit hiemit zu überreichen wage, und Ihre Billi⸗ gung wird mein ſchönſter Lohn ſein! Und an wen ſollte ich mich wenden mit dieſem Buche, wenn nicht an die edelſte der Frauen, die allen 5 ren Unter⸗ thanen(und zu dieſen werde ich ſtets mit Stolz mich zählen, wie weit auch das Schickſal mich von der denen tann⸗ ehag⸗ urch⸗ nicht mehr 4 3 ver⸗ den 8 nien mer das ines ſei⸗ Heimath entfernte) die Allen voran leuchtet in Tu⸗ gend und Anmuth? „Bunte Welt“ nannte ich mein Buch! Nicht bloß außen iſt die Welt— eine größere gibt es im Herzen, und Frühling und Herbſt ſchillern und wechſeln nicht bunter in ihren Farben, wie die Ge⸗ fühle in der Bruſt des Menſchen! Blüthen welken. 7† und neue ſproſſen, dort, wie hier; Früchte reifen, und Pflanzen erſticken im Keim, und immer ſproßt neues vergehendes Leben, und ſchillert und glüht in neuen Farben. Wandel und Wechſel iſt überall!— Da draußen in der— da drinnen im Herzen in der klei⸗ nen, ſo gren Welt! Eins nur iſt böher als Wech⸗ ſel und Wand die Sonne da draußen, die Liebe 3 da drinnen! Und wie die Sonne aufſteigt nach dem ——— kalten Winter und, was erſtarrt, war, durchglüht; was farblos war, färbt, was erſtorben, belebt, und aus der todten Welt ſchafft eine bunte Welt der Blüthe; ſo die Liebe im Herzen! Kampf und Unterliegen, Blühen und Verwelken, Leben und Sterben, Friede und Unfriede, ruheloſes Suchen nach Ruhe, friedloſes Streben nach Frieden! Und aus allen dieſen Wirren, dieſem Sterben und Ver⸗ gehen, dieſen Winterſtürmen, dieſer Eiſeskälte hebt ſich erwärmend und läuternd, neues Leben ſchaffend, die reine Liebe empor, verſöhnend und beruhigend durchleuchtet ſie die dunklen Tiefen des Herzens, und machet frei von Zweifel und Sünde, die reine Liebe, welche ihre Verklärung findet in der Ehe! Und die Ehe ſoll erkannt werden als die Sonne, von welcher Segen und Glück ausſtrömt über die Menſchen, und durch elche die ſchönſten Kräfte des Menſchen ſproſſen und gedeihen! Aller Schmerz und alles Erſtarren ſchwindet vor dem Sonnenſchein der Ehe, welche die höhere Sitlichteit iſt; und end⸗ lich die Ruhe wahren Glückes und den Frieden wahrer Liebe bringt!— So wird in meiner Dich⸗ tung die Ehe der Heiland, der da frei macht von Sünde und zu Glück und Tugend führt! In tiefſter Ehrfurcht Ihro Königlichen Hoheit ergebene Dienerin Clara Mundt, geb. Müller. L. Mühlbach. Zerlin. BGeſchrieben im März 1841. In einem jener Lodging Häuſer in London„an denen die Leadenhall Streat ſo reich iſt, ſaßen im ſogenann⸗ ten Rvom oder Sprachzimmer drei Reiſende in behag⸗ licher gemüthlicher Ruhe. Man ſah es dieſen durch⸗ arbeiteten und ſprechenden Geſichtern an, daß ſie nicht Neulinge und Schüler in der Welt ſeien, vielmehr drückte ſich in ihren Zügen jener Ernſt und jener Ver⸗ ſtand aus, den nur das Leben und Erfahrungen ver⸗ leihen. Der eine von ihnen ſaß abgeſondert von den beiden andern am Kamin; die Hände über den Knien gefaltet, ſtarrte er aus großen dunklen Augen vor ſich hin, oder ſchoß zuweilen ſchnelle Blicke im Zimmer umher, die mit ihrem dunklen tückiſchen Feuer an das Springen einer Hyäne, oder den Racheblick eines Tigers erinnerten. Sein ſchwarzes Haar, das zu bei⸗ den Seiten des Geſichts herabfiel, hob die Bläſſe ſei⸗ ner Wangen nur noch mehr hervor, und verlieh, ver⸗ bunden mit dem ſchwarzen ärmlichen Anzug, dem Ganzen etwas Unheimliches und Abſtoßendes. Anders Mühlbach. I. Menſt Menſi und e lich d wahre tung Sünd Geſchrie 2 und doch nicht minder unheimlich war Haltung und Ausdruck des zweiten Reiſenden, der den Kopf in die aufgeſtützte Hand gelehnt, aus glanzloſen, tiefliegen⸗ den Augen auf das Buch niederſtarrte, das vor ihm aufgeſchlagen lag, und in dem er längſt ſchon nicht mehr geleſen, ſondern in das er, verloren in Gedan⸗ ken, bewußtlos niederblickte. Gram und Sorgen ſpra⸗ chen aus ſeinen Zügen, und die ſchweren Seufzer, die dann und wann ſeine Bruſt hoben, verriethen, daß auch ſeine gegenwärtigen Betrachtungen nicht frei von Kummer und Leid, dieſem Mehlthau der Luſt. Der Schnurrbart und die Offiziersuniform verriethen den Krieger, und die breite dunkelrothe Narbe, die quer über die Stirn hinlief, bezeugte, daß er als ſolcher tapfer geweſen. Dicht neben ihm ſaß der dritte dieſer ſchweigenden Genoſſen, eine kräftige Geſtalt, in den Zügen ſeines edlen, männlich ſchönen Angeſichts jenen Ernſt und jene Ruhe, die nicht den Kindern des Glückes eigen, ſondern, gleich der ruhmvollen Wunde des Siegers nach gewonnener Schlacht nur denen wird, die aus den Kämpfen des Lebens ſiegend hervorge⸗ gangen. Seine Miene drückte ernſtes Nachdenken aus, und nur, wenn er das große klare Auge auf ſeinen ſchweigend in das Buch ſtarrenden Gefährten, oder auf den unruhigen, zuweilen leiſe Worte murmelnden Gaſt am Kamin heſtete, umzog ein feines ironiſches —— 3 Lächeln ſeinen Mund. Mit geräuſchloſen Schritten, ſorgſam bemüht, Niemand ihrer Gäſte zu ſtören, ging die runde flinke Wirthin hin und wieder, hier das Glas des Einen mit neuem Porter füllend, dort die ſchnurrende Katze abwehrend, die ſich dicht an die Füße des Kriegers zu ſchmiegen verſuchte. Bei der tiefen Stille umher mußte das Hallen von Schüſſen, das plötzlich ganz in der Nähe ertönte, um ſo ge⸗ räuſchvoller erklingen, und erſchreckte die Sinnenden deſto heftiger. Der Soldat fuhr empor, und erinnerte ſich vielleicht, daß er vergeſſen zu leſen, denn er nahm plötzlich das Buch in die Hand, und ſuchte durch eifriges Umſchlagen und Ueberfliegen der Seiten das Verſäumte nachholen zu wollen; der Andre am Ka⸗ min ſchreckte ſichtlich zuſammen, und murmelte zwiſchen den geſchloſſenen Lippen ein: Diavolo! hervor, und die rothwangige Wirthin flüſterte: der Herr Armand übt ſich wieder! Indeß fielen die Schüſſe in regelmäßigen Pauſen immerfort, und man achtete ſchon nicht mehr auf dies gleichmäßige Geräuſch, als andre und neue Töne abermals die Aufmerkſamkeit der Gäſte auf ſich zogen. Zwiſchen den Schüſſen, und gleichſam dieſe begleitend ließ ſich plötzlich das ſanfte Klingen und Tönen eines Waldhorns vernehmen, und die ſchmel⸗ zenden Klänge, die in rührender einfacher Melodie dahinzogen, hallten wunderbar ſchmerzlich und ergreifend S 1* neben dem erſchütternden Geräuſch der Schüſſe, etwa wie die leiſe geſchluchzte Abſchiedsklage des Mädchens, deſſen Geliebter ſo eben ſein Leben in donnernder Schlacht wagt. Die Wirthin konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, und leiſe zu dem Dritten der Gäſte tretend, flüſterte ſie: Hören Sie, Herr Nordheim, der gute Herr Mac⸗ deam fehlt auch nicht! Der Angeredete nickte leicht mit dem Kopf, und ſagte halblaut: Die ſtets ſich erneuernde Melodie unſrer Morgenſtunden! Eine Melodie, die viel Weis⸗ heit und viel Thorheit in ſich ſchließt! Die Weisheit, daß der Kampf nie ohne Klage und Schmerz, und ie Thorheit, daß man eben klagt beim Kampfe! Das iſt die Melodie dieſer Piſtolenſchüſſe und Hörnerklänge. Die Wirthin ſagte, dieſe Sentenz übergehend, mitleidsvoll: Der gute Macdeam! Ich verſichere Sie, Herr Nordheim, ich kann mich oft der Thränen nicht erwehren, wenn ich ſein ſtilles, kummervolles Weſen ſehe, und ſeine von Gram eingefallenen Züge be⸗ tachte„ Hat er denn Gram? fragte Nordheim, und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort, dann ſcheint es in der Luft Altenglands zu liegen, dem Fremden Gram und Sorgen zu geben; denn ſeltſam! keiner der Bewohner Ihres lobenswerthen Hauſes ſcheint zur — 5 Freude geſtimmt, ich müßte denn mich ſelber aus⸗ nehmen! Sie, Herr Nordheim? fragte die Wirthin un⸗ gläubig, und fuhr dann fort: Es iſt wahr, es geht ernſt und traurig zu unter meinen jetzigen Gäſten, und zuweilen wird mir ganz bange, wenn, während ſie Alle an der Mittagstafel ſitzen und eſſen, auch Kei⸗ ner eine Sylbe ſpricht, oder dem Andern ein freund⸗ liches Wort ſagt. Vielleicht beruht aber in dieſem Schweigen unſere freundliche Geſinnung gegen einander, antwortete Nord⸗ heim, und bezeugen wir uns dadurch unſere gegen⸗ ſeitige Achtung, daß wir unſer Stummſein ehren. Ich verſichere Sie, Frau Wirthin, daß ſolch' äußerliches Verſtummen gewöhnlich innerlich ſeine ſehr beredten Widerſacher hat! Mag ſein! ſagte die Wirthin. Aber dieſer liebe Macdeam jammert mich immer, wenn er ſo ſtumm ſitzt, während mich oft das Schweigen der Andern faſt ärgert. Er iſt ſo ſanft, ſo weich, und oft, wenn er im Garten auf ſeinem geliebten Inſtrumente, das er ſo ſorgſam behandelt, als wenn es ſeine Ge⸗ liebte ſelber wäre, ſein Lieblingsliedchen, wie jetzt eben, ſpielt, habe ich ihn überraſcht, wie große Thrä⸗ nen aus ſeinen Augen ſtürzten, und über ſeine blaſſen Wangen rollten! Der arme Herr! ——— 6 Weiberthränen in Männeraugen? ſagte Nord⸗ heim, das ſcheint mir ſo unnatürlich, wie ein Piſtol in Mädchenhand! Und warum ſollten Männer nicht weinen? fragte die Wirthin, während ſie des Soldaten Glas füllte, das derſelbe ſo eben auf einen Zug geleert! Ja wohl, warum ſollten ſie nicht weinen, ſagte Nordheim, wie zu ſich ſelber, warum ſollten ſie nicht weinen über zertretene Rechte, verlorene Würde! Ja wahrlich, es gibt Nationen, wo auch die Männer ein Recht haben, Thränen zu vergießen, und wo Thrä⸗ nen die einzigen Thaten, die ihnen möglich, ſind. So ſollten wir Deutſche Alle an den Rhein gehen, unſere Schwerter hineinwerfen und unſere Thränen hinein⸗ weinen! Wahrlich, wenn dann von unſern Männer⸗ thränen die Waſſer höher anſchwellen, ihre Ufer über⸗ fluthen, und, weit das ſchöne Deutſchland überſchwem⸗ mend, Unfug und Bedrückung hinwegſchwemmen, wahr⸗ lich, dann können wir uns rühmen, wir deutſche Männer, daß wir etwas gethan haben, freilich nicht wie Männer mit dem Schwerte, ſondern wie Weiber mit Thränen! Mag es ſein, wenn nur etwas gethan wird, gleichviel wie?! So lange wir, die wir weinen möchten, das Land unſerer Thränen noch verlaſſen, und in ftemde Ländern weinen gehen, wird Alles 5 — 7 bleiben, wie es iſt, und der Rhein wird ruhig ſeine Dampfſchiffe treiben heute wie morgen. Nordheim war, während dieſes halbgemurmelten, halb nur gedachten Selbſtgeſprächs, aufgeſtanden und mit großen Schritten auf- und abgegangen, als ein plötzliches, heftiges Geräuſch, das von der Straße her erſchallte, ihn raſch an's Fenſter trieb! Zwei wild gewordene Pferde ſtürmten daher, und das Geräuſch des Wagens, an den ſie befeſtigt waren, donnergleich ertönend, überhallte faſt den Hülferuf der Dame in demſelben, die bittend ihre Arme aus dem Kutſchen⸗ ſchlag ſtreckte.— Nordheim ſtürzte hinaus auf die Straße, und dem Wagen nacheilend, fiel er den Pfer⸗ den, die eben wild dahin brauſend um die nächſte Ecke biegen wollten, in die Zügel, und mit ſeiner ganzen Gewalt und ſeiner mächtigen ſtarken Geſtalt brachte er die Thiere zum Stehen. Ein Haufen Men⸗ ſchen, der dem Wagen mit müßigem Geſchrei nach⸗ gelaufen, ſammelte ſich jetzt um denſelben; Nordheim gab dem Zunächſtſtehenden die Zügel in die Hand, und eilte, den Kutſchenſchlag zu öffnen. Die Dame lag ohnmächtig, bewegungslos da; Nordheim bedeckte raſch mit ihtem Schleier ihr bleiches Geſicht, hob ſie in ſeinen Arm, und trug ſie ſchnell in das Lodging Haus, um mit Hülfe der Wirthin die Erſchreckte, Beſinnungsloſe in's Leben zurückzurufen. Das Room, 8 wo vorher ſolche Stille geherrſcht, bot nun plötzlich einen bewegteren lebensvolleren Anblick dar, denn auf den Divan deſſelben hatte Nordheim die Ohnmächtige gelegt, und bemühte ſich mit der Wirthin, ihre Lebens⸗ geiſter zurückzurufen. Auch die beiden Andern, die vorher ſo ſtumm und antheillos da geſeſſen, drängten ſich neugierig herzu, und ſchauten die Unbekannte an, der die Wirthin ſo eben mit kaltem Waſſer die Schläfe rieb. Sie regt ſich! flüſterte Nordheim, und ſich zu den beiden Männern wendend, ſagte er, laßt uns zurück⸗ treten, damit ſie nicht durch den Anblick unſerer ihr fremden Geſichter auf's Neue erſchreckt wird. Die Beiden folgten ihm an das andere Ende des Zimmers; doch der Offizier, immer zurückſchauend nach der Dame, war noch bleicher geworden, und als jetzt die Fremde wirklich die Augen aufſchlug, und unſichere verwunderte Blicke umhergleiten ließ, bebte er, wie im tödtlichen Schreck zuſammen, und einen leiſen Schrei ausſtoßend, verließ er eilig das Gemach. Die Dame richtete ſich langſam vom Divan auf, und die Hand der Wirthin, die noch immer um ſie beſchäftigt war, ergreifend, ſagte ſie mit einem mat⸗ ten Lächeln und mit etwas fremdem engliſchen Accent: Habt Dank für Eure Güte, und verzeiht dieſe un⸗ freiwillige Unruhe, die ich Euch verurſacht. Ich entſinne 9 mich kaum deſſen, was geweſen; nur weiß ich, daß die Pferde plötzlich ſich ſcheuten, und wüthend dahin brauſeten; der Kutſcher ward vom Bock geſchleudert, ein Kind, das über die Straße lief, ward überge⸗ fahren; dann das Geſchrei der Menſchen, die dem Wagen nachliefen, die Pferde nicht zu halten ver⸗ mochten! Entſetzlich!— Dann verlor ich die Beſin⸗ nung, und weiß nicht, was weiter mit mir geſchehen! Der Wagen brauste hier vorüber, ſagte die Wirthin, und da ſtürzte Herr Nordheim dort hinaus, fiel den Pferden in die Zügel, und rettete Sie ſo! Herr Nordheim! ſagte die Dame, und richtete ihre großen dunklen Augen auf die Männer, deren Gegenwart ſie jetzt erſt bemerkte. Nordheim trat näher, und der Dame Hand an ſeine Lippen drückend, ſagte er: Ich habe Ihrem Unfall das Glück zu dan⸗„ ken, Sie aus demſelben befreien zu können! Und mich in recht weibiſcher Schwäche ohn⸗ mächtig zu finden! ſagte die Dame lächelnd. Doch, wir Weiber haben einmal das Recht, in Ohnmacht zu fallen, wenn wir uns fürchten, fuhr ſie fort, und ich will mich deshalb nicht weiter entſchuldigen, ſon⸗ dern Ihnen lieber meinen tiefgefühlteſten Dank ſagen für Ihre Hülfe!— Sie reichte Nordheim wieder ihre Hand, und dieſer, mit der ihm eigenen edlen Anmuth einen Augenblick die Hand an ſeine Bruſt — 10 drückend, ſagte: Irre ich nicht, ſo macht mich dieſer Zufall noch eines andern Glückes theilhaftig, indem ich in Ihnen eine Landsmännin begrüßen darf. Dem Arcente nach möchte ich in Ihnen eine Deutſche— ich will nicht ſagen begrüßen, denn ich weiß nicht, ob das einer Begrüßung werth iſt, ein Kind Deutſch⸗ lands zu ſein— aber erkennen! Sie ſind ein Deutſcher? fragte die Fremde ein wenig erſchreckt, wie es ſchien; woher? Aus welcher Gegend, aus Süden oder Norden? Aus dem Norden, wenn Sie wollen, ſagte Nord⸗ heim lächelnd über die eiligen Fragen, aus Preußen. Ach, aus Preußen, ſagte die Dame, und athmete erleichtert auf, das iſt weit von meiner Heimath, denn ich bin aus dem Süden! Indeß hatte man die Pferde gänzlich zur Ruhe gebracht, der Kutſcher war auch herangekommen, und hatte ſeinen unfreiwillig verlaſſenen Sitz wieder ein⸗ genommen, und der Bediente, der zu Anfang des ſchnellen Laufs ſchon ſeinen Platz hinten auf dem Wagen verlaſſen, um nach dem übergefahrenen Kinde zu ſehen, trat jetzt in's Zimmer, wohin, wie man ihm geſagt, ſeine ohnmächtige Herrin gebracht worden. Das Kind ſei nur wenig beſchädigt, berichtete der Diener, und der Wagen ſei bereit, wenn es ſeiner gnädigen Hetrin gefalle, weiter zu fahren. So wollen wir fort! ſagte die Fremde befehlend, richtete einige gütige, dankende Worte an die Wirthin, und ſich dann an Nordheim wendend, reichte ſie aus ihrem Portefeuille ihm eine Karte dar, und ſagte: Ich hoffe, mein Herr, Sie ſuchen mich in meiner Wohnung auf, wo ich Ihnen, wieder geſammelt, in beſſer gewählten Worten meinen Dank ſagen kann! Dann verneigte ſie ſich anmuthig und ſtolz zu⸗ gleich, und Nordheims Arm, der ſich die Gunſt aus⸗ bat, ſie an den Wagen führen zu dürfen, annehmend, verließ ſie das Zimmer. A revoir! rief ſie aus dem Wagen noch einmal Nordheim entgegen, und bald entſchwand ſie um die nächſte Straßenecke den Blicken der ihr Nachſchauenden. II. Als Nordheim in das Room zurückkehrte, fand er die Geſellſchaft noch um zwei vermehrt: Macdeam, der Liebling der Wirthin war von dieſer eingeladen hinunter zu kommen, um von ihr die weitläufige Be⸗ ſchreibung des ſo eben erlebten Abentheuers zu ver⸗ nehmen, und er horchte ihrer ausführlichen Erzählung mit dem gleichgültigen Aufmerken eines Menſchen, der innerlich mit ganz andern Dingen beſchäftigt iſt. Der andere Ankömmling ging auf Nordheim zu, und ihm die Hand bietend, ſagte er in franzöſiſcher Sprache: vraiment, mein lieber Nordheim, Sie ſind zu benei⸗ den! Einem ſchönen Weibe gewiſſermaßen das Leben Set ji huten iſt immer ein Glück, und ein Glück, auf dus ſich Capital⸗Anforderungen an zärtliche Dank⸗ parkeit der Geretteten knüpfen laſſen. Ich wünſche Ihnen alſo Glück! Und ich bedaure die Dame, er⸗ widerte Nordheim lächelnd, daß Sie nicht ſtatt meiner ihr Lebensretter waren und den Lohn dieſer Dankbar⸗ keit, auf die ich keine Anſprüche mache, erndten können. Aber wer war jene unbekannte Schöne? fragte Armand, und der Offizier, der ſo eben in's Zimmer trat, wiederholte mit ungeduldiger Neugierde dieſe Frage. Dies iſt mein Geheimniß, erwiderte Nordheim, die Karte, die er vorher in ſeinen Buſen geſteckt, einen Augenblick hervorziehend und flüchtig betrachtend. Hat mich einmal der Zufall zum Ritter dieſer Dame er⸗ nannt, ſo will ich auch die erſte Ritterpflicht, welche die Verſchwiegenheit iſt, getreulich üben. Und wir, mein werther Chevalier sans peur et sans reproche, wollen Sie durch weiteres Bitten nicht wankend machen in Ihrem Pflichtgefühl, ſagte Armand lachend. Wollen wir lieber die Geſundheit der Dame trinken! Der Abend bricht herein, und da das Schickſal uns Fünf einmal auf einander an⸗ gewieſen zu haben ſcheint, ſo dächte ich, hielten wir uns auch an einander, und verplauderten den langen Abend mit einander. Alle ſtimmten ein; man ließ ſich von der Wirthin eine Bovle Punſch bereiten, und bald ſaßen die Fünf in traulichem Geſpräch um den dampfenden gelben Keſſel mit dem echt engliſchen Labetrank. Nordheim, deſſen Ueberlegenheit anzuerkennen, Alle geneigt waren, ſchlug vor, ſich einander, ſo viel als thunlich, mit ihrer gegenſeitigen Vergangenheit — — —— 14 bekannt zu machen, und der Vorſchlag ward bereit⸗ willig angenommen. Wer aber ſoll den Anfang ma⸗ chen? fragte Armand. Laſſen wir das Loos entſcheiden. Oder beſſer noch, wir gehen nach dem Alphabet, er⸗ widerte Nordheim. Nach den Anfangsbuchſtaben unſrer Namen richten wir uns und erzählen nach der Reihen⸗ folge der Buchſtaben im Alphabet. Dann werde ich ohne alle Frage den Anfang machen müſſen, ſagte Armand, dann folgt, wenn ich nicht irre, Herr Ginſeppo Daſſa, dann Herr von Farenberg, dann Macdeam, und dann Sie, Herr Nordheim. Ach, ſehen Sie Ihre Liſt! Sie haben es wohl gewußt, daß Sie der Letzte ſein werden, der zu erzählen hat, und, wer weiß, ob Sie nicht, bevor die Reihe an Sie kommt, uns wieder verlaſſen haben⸗ Nun, mag es ſein, ich beginne alſo. Armand ſtand auf, und das gefüllte Glas em⸗ porhebend, rief er laut: Vive Fempereur! Nieder mit den Orleans! Tod dem Friedensfürſten Louis „Philipp! Da habt Ihr mein Glaubensbekenntniß, meine Religion, meine Liebe! Noch mehr, da habt Ihr meine Lebensgeſchichte! Sie liegt in dieſen Wor⸗ ten! Vive Fempereur! rief mein Vater, als in der Schlacht von Marengo er von einer Kugel getroffen zu Boden ſank, und als man im Lazareth ihm den zerſchoſſenen Arm ablöste, wiederholte er freudigen Muthes ſein vive l'empereur!— Als meine Mutter ſpäter dem Invaliden einen Sohn gebar, da zerdrückte er eine Thräne im Auge und rief: es lebe der Kaiſer, und er lebe ſo lange, bis ich meinen Sohn als Krie⸗ ger kann in des Kaiſers Armee ſenden! Vive l'em- pereur! Dies waren die erſten Worte, die mich mein Vater lehrte, es waren die letzten, die er ſelber ſprach, als ſchon der Tod ſeine Lippen gebleicht. Er ſtarb aus Gram über den Tod des Kaiſers. Und ich, ein zehnjähriger Knabe ſtand an der Leiche meines Vaters und vor meinen Ohren klangen fort und fort ſeine letzten Worte: viye l'empereur! und ich weinte heiße Thränen, daß ich mun dies Wort nicht mehr von meines Vaters Lippen hören ſollte. Ich grub es aber tief in meine Seele ein, ich machte es meinem Gebet, zu meinem Lebensathem, zu dem Buche, aus dem ich lernen wollte die Geſchichte der Welt und der Menſchen, zu dem Impuls meiner Liebe und meines Haſſes. Oft, ein kaum erwachſener Jüng⸗ ling, kniete ich am Fuß der Säule auf dem Platz Vendome, und betete zu Gott, er möge mir Kraft verleihen, den Tod des großen Kaiſers zu rächen, und ſeinen Sohn im Triumphe einzuführen in ſeine Stadt Paris! Einſt an dem Todestage des Kaiſers ſchlich ich im Schatten der Nacht, belaſtet mit Immortellen⸗ kränzen, zu der Vendome⸗Säule hin. Ich hing meine 16 Kränze auf an dem Geländer, das die Säule umgibt, und murmelte: vive Pempereur! Eine andere Stimme wiederholte leiſe dieſelben Worte, und flüſterte mir dann zu: von dieſer Stunde an ſfind wir Brüder! Folgen 3 Sie mir! 12 Halb bewußtlos folgte ich der verhüllten Geſtalt, 1 und nachdem wir mehtere Straßen durchwandert, öff⸗ nete mein Begleiter eine Hausthüre, und wir traten ein. In einem weitläuftigen Zimmer, deſſen Fenſter ſorgfältig verhangen waren, befand ſich eine zahlreiche Verſammlung, und mein Begleitt führte mich mitten unter ſie, und ſagte: ſeht, dieſen traf ich ſo eben, als ich beten ging an unſers Kaiſers Säule; er ſchmückte dieſe Säule mit Immortellenkränzen, und murmelte: ire Pempereur! Heißen wir ihn denn als Bruder willkommen! So ward ich ein Glied der großen Kette, die ganz Frankreich noch heute durchzieht und umſpannt; 66 durfte ich hoffen, meinen heißeſten Wunſch erfüllt zu ſehen, und behülflich zu ſein, den Sohn des Kaiſers auf den ererbten Thron zu ſetzen. Ganze Armeekorps, Offiziere und Generale, erwarteten Napoleon II., ihren Kaiſer, waren bereit ihr Leben und ihr Blut für ihn hinzugeben. Da ſtarb er, der Herzog von Reichſtadt, und als ſeine getreuen Unterthanen ſich erholt hatten von dieſem furchtbaren Schlag, wandten ſie ſich an den Neffen des Kaiſers, an den Prinzen Ludwig Na⸗ polevn, und forderten ihn auf, irgend etwas zu unter⸗ nehmen gegen den Uſurpator des fanzöſiſchen Throns, Louis Philipp! Ich wanderte fort aus Frankreich im Dienſt der heiligen Sache, unter Gefahr und Mühſal überbrachte ich dem Prinzen wichtige Schrei⸗ ben ſeiner Anhänger, trug dann, auf meiner Bruſt verborgen, das Antwortſchreiben zurück, und kehrte wieder zu Louis Napoleon um, als die Zeit gekom⸗ men war, unter ſeinem Beſehl den Angriff in Straß⸗ burg zu wagen. Ihr Alle wißt den traurigen Aus⸗ gang des damaligen Unternehmens; die Helden jenes Tages mußten flüchten, und die Heimath verlaſſend, ging ich nach England! Nicht um zu ruhen, nein, um raſtlos zu ſinnen, wie mein Vaterland zu retten ſei, wie zu befreien aus den Händen des liſtigen Uſurpators! So ſinne ich fort und fort, und werde nicht nachlaſſen, bis ſich ein Mittel mir zeigt!— Da habt Ihr nun meine Geſchichte, und nun füllt die Gläſer, ſtoßt an, und ruft mit mir: vive Pem- pereur! Nordheim hob ſein Glas nicht mit den andern, er ſtimmte nicht ein in ihren lauten Ruf, ſeine Miene drückte einen kummervollen Ernſt aus und während die Andern immer auf's Neue ihren jubelnden Ruf ertönen ließen: murmelte er leiſe: wehe dem Lande, 2. Mählbach.) 2 18 dem durch ſo lche Patrioten Rettung und Heil kom⸗ men ſoll, wehe uns Allen, wenn der Unverſtand ſich Heldenthum dünkt, und die Thorheit ſich umhüllt mit dem Mantel der Weisheit! So wird das wahre Hel⸗ denthum und die Weisheit ein Kinderſpott, und ſo wird es der Tyrannei und den Fürſten gelingen, auch das für Thorheit und Scheinleben auszugeben, was wahrhaft Weisheit und Leben iſt! Und wozu Ihre ſich täglich erneuernden S übungen? fragte der Offizier. Armand ſtand ſchweigend auf und nahm unter ſeinem Mantel, den er beim Eintritt neben ſeiner Piſtole niedergelegt, etwas hervor, und es auf den Tiſch ſtellend, ſagte er: ſeht her, dieſe hölzerne Birne iſt meine Zielſcheibe! Manche Früchte hängen ſo hoch, daß man, um ſie zu treffen, ſich erſt üben muß. Der Offizier und der Fremde mit den dunkeln unheimlichen Zügen, den Armand Giuſeppo Daſſa genannt, lachten und neckten Armand mit der ſelt⸗ ſamen Zielſcheibe. Macdeam, der ſchwermüthige Lieb⸗ ling der Wirthin, ſchien in Träumen verloren, gar nicht zu beachten, was um ihn her vorging, und Nordheim, die Fröhlichkeit der Andern nicht theilend, betrachtete aufmerkſam die hölzerne Form, die ihm beim längern und ſchärfern Betrachten eine immer ernſtere, und traurige Bedeutung gewann. War ſie 19 ihm anfangs nur wie ein Stück Holz in Geſtalt einer Birne erſchienen, ſo gewahrte er nach und nach, daß in dieſer Birnenform noch einzelne Linien eingeſchnit⸗ ten waren, die ihm, je näher er hinſchaute, allge⸗ mach Form und Geſtalt gewannen, und ſich ihm end⸗ lich als den Contvur eines menſchlichen Geſichts ver⸗ deutlichten; nachdem er erſt dies entdeckt, konnte es ihm nicht ſchwer fallen, zu erkennen, wen dieſer Um⸗ riß darſtellen ſollte, der in der That die unverkenn⸗ baren Züge Louis Philipps, des Königs der Franzoſen trug. Die täglichen Schießübungen Armands wurden ihm jetzt verſtändlich, und mit dem Finger auf die Stelle deutend, wo eine Kugel gerade durch den Um⸗ riß des einen Auges auf der Birnenform gegangen war, ſagte Nordheim, Armand mit einem bedeutungs⸗ vollen Blicke anſehend: dieſe Form hier beſtätigt Ihre vorige Erzählung. Und inwiefern, fragte Armand, kann Ihnen eine hölzerne Birne ein Beleg meiner Lebensgeſchichte ſein? Vive Pempereur! iſt Ihr Wahlſpruch, und dieſe Birne hier ſagt mir, daß der Ruf: vive le roi! nie⸗ mals der Ihre war! antwortete Nordheim. Armand erwiderte nichts, ſondern trug ſeine höl⸗ zerne Form ſchweigend an ihre vorige Stelle zurück. Und jetzt iſt die Reihe an Sie, mein Herr Ita⸗ liäner! ſagte der Offizier, der Nordheims Bemerkung 20 nicht beachtet oder nicht verſtanden hatte, und Armand, froh dem Geſpräche eine andere Wendung geben zu können, ſtimmte ein. Auch ſträube ich mich um ſo weniger, antwortete Daſſa, als ich gerade in dieſen Tagen mir zur Un⸗ terhaltung meine Lebensgeſchichte in kurzen Umriſſen niedergeſchrieben habe, um mich im Schreiben des Franzöſiſchen, das man hier in dieſem barbariſchen Lande ſonſt vergißt, zu üben! Recht ſo! jubelte Armand, ich ſehe, wir werden Freunde werden! mein Herr Italiäner. Sie lieben meine Sprache und haſſen das Kauderwälſch dieſes Landes! Der Italiäner hatte ein Manuſeript hervorge⸗ zogen, und es vor ſich ausbreitend, ſagte er: um meine Erzählung aber zu verſtehen, müßten Sie beſſer mit dem Charakter eines Italiäners bekannt ſein, wie ich dies gewöhnlich bei Fremden bemerkt habe. Sie ſind ein Neapolitaner? fragte Nordheim. Daſſa warf ihm einen jener Blicke zu, deſſen wilder, feuriger Ausdruck etwas wirklich Abſchrecken⸗ des hatte: Sono di Napoli! ſagte er ſtolz. Aber wo⸗ her wiſſen Sie das? Ich glaubte es in Ihren Augen zu leſen, er⸗ widerte Nordheim mit einem feinen Lächeln, der Cha⸗ rakter eines Neapolitaners ſpricht daraus. Und welches iſt der Charakter eines ſolchen? ſagte 21 Daſſa raſch. Man pflegt uns gewöhnlich falſch zu beurtheilen! Man nennt uns leidenſchaftlich, raſch, hitzig, leicht gereizt, leicht beſänftigt, geſprächig und fröhlich. Man iſt aber im Irrthum! Dies iſt mir erſt in der Fremde, wo man uns ſo falſch beurtheilt, klar geworden. Wir ſind weder leicht gereizt und leidenſchaftlich, noch, wenn wir es ſind, leicht be⸗ ſänftigt. Beharrlichkeit iſt ein Grundzug unſeres We⸗ ſens, und vor Allem Beharrlichkeit in der Rache! Dieſe iſt uns eine heilige Sache, ſie iſt die Religivn des Neapolitaners, und ſie zu erlangen, ſetzt er ſein Leben dran. Fragt Ihr, welches die größte Wonne des Lebens iſt? Der Deutſche wird ſagen: die Ge⸗ liebte zu umarmen! der Engländer: eine neue Ma⸗ ſchine erfunden zu haben! der Franzoſe: Conſeilprä⸗ ſident zu ſein! der Neapolitaner ſagt: ſeine Rache geſtillt zu haben! Dies iſt mehr als Liebe, als Po⸗ litik, als alle Erfindungen, es iſt Lebensbalſam, und oft auch Lebenszweck! Ha, welche Luſt, Jahre lang das Opfer unſerer Rache, mit unſichtbaren Fäden zu umſpinnen, jeder Regung deſſelben einen neuen Faden anzuknüpfen, und ſo allgemach und ungeſehen, dichter und dichter das Netz zuſammen zu ziehen, in dem unſer Opfer zuletzt erſticken muß. Und dann es flehend wimmernd zu unſern Füßen liegen ſehen und keine Gnade geben, das iſt Luſt! ————— 22 Der Italiäner hatte, während er ſo ſprach, un⸗ willkührlich ſeine Hände feſt geballt, und die letzten Worte nur zwiſchen den Zähnen hervormurmelnd, nah⸗ men ſeine e Züge wirklich den Ausdruck einer Hyäne an, die im Begriff iſt, ihre Beute zu erwürgen, und in ſeinen Augen zeigte ſich ein ſo wildes, tückiſches Leuchten, daß Nordheim angewidert, ſich abwenden mußte! Die augenblickliche Rache iſt nichts! fuhr Daſſa, nachdem er ſich geſammelt, etwas ruhiger fort; dem, der uns ſchadete, ſogleich wieder zu ſchaden, das iſt nur Strafe! Aber Jahre lang ſich den Anſchein zu geben, als hätte man vergeſſen, als ſei man verſöhnt, und dann langſam zu vernichten, das iſt Rache! Und dieſe zu üben, dazu bedarf es der Ruhe und des Kaltſinns! Ihre Erzählung! ſagte Nordheim, dem des Ita⸗ liäners rohe Geſinnung wirklich phyſiſch bedrückend war Ja, meine Erzählung! ſagte Daſſa. Sie ſollen ſie haben! Ich habe ſie als gänzlich von mir abgelöst, niedergeſchrieben, und ſo mich ſelber, als den Helden derſelben, der Bequemlichkeit wegen, als dritte Perſon erzůhlend angeführt. Nun alſo! Auch einen Titel habe ich meiner Erzählung gegeben. Hören Sie denn! III. Die Rache. Giuſeppo war ein Kind der Armuth, er war ge⸗ wohnt zu hungern, er hatte es als Kind gethan, als er an der Hand ſeiner Mutter durch Neapels Straßen betteln ging, er hatte es als Jüngling gethan, als er eine Waiſe geworden und Niemand mehr beſaß, der ſeine Klagen um ein Stückchen Brod theilte. Aber der Hunger hatte ihn ernſt gemacht, und ein ſechszehnjähriger Jüngling kannte er die Laſt des Lebens und den Ueberdruß. Aber Giuſeppo liebte die Muſik, und wenn er unter den Olivenbäumen lag, und in ſetbſerfihhhnen Weiſen ſeine Stimme ertönen ließ, ſo vergaß er Kummer und Sorgen, Hun⸗ ger und Entbehrung, und Alle, die ihn hörten, waren entzückt von ſeiner herrlichen Stimme. Ein Muſik⸗ lehrer, der ihn gehört, nahm ſich ſeiner an, und Giu⸗ 3 ſepp lernte von ihm die Wiſſenſchaft der Muſik. 24 Er gab nun Unterricht im Geſange, und friſtete ſo kummervoll ſein Leben! Zuweilen fröhlich bis zum Uebermaß, zuweilen Tage lang ernſt und finſter war er eben, wie alle ſeine Landsleute, wie der Veſuv, der bald in Feuerſtrömen ſeine leidenſchaftliche Luſt verkündet, bald nur in finſterem unterirdiſchem Grollen dahin brütet. Auch eine Geliebte hatte Giuſeppo, der ſiebenzehnjährige Jüngling gefunden, und er gab ihr ſeine erſten Küſſe, ſeine erſten Umarmungen und Seufzer. Als er ſie aber treulos fand, und ſie in den Armen eines Andern überraſchte, erdolchte er ſie im Uebermaaß des Zorns. Er war noch ſo jung, und kannte in ſeiner Wuth keine Ueberlegung. In einem Dorfe unweit Neapel hielt er ſich nur einige Wochen verborgen, dann kehrte er nach Neapel zu⸗ rück. Eine Veränderung war in ſeinem Weſen vor⸗ gegangen,— hatte er einſt Sehnſucht gehabt nach einer Geliebten, ſo haßte er jetzt die Weiber, und bei der Berührung einer Weiberhand durchzuckte es ihn mit glühendem Zorn. Giuſeppo ſchwur ſich, die Un⸗ treue der Einen zu rächen an Allen, und er hielt Wort. Manches Mädchen ward bezaubert von ſeinem Geſang, von ſeinem Angeſicht, und wenn ſie berauſcht von Liebe und Zärtlichkeit, ganz Hingebung und 1 Gluth, in ſeinen Armen gelegen, dann wandte ſich Ginſeppo talt und lachend von ihr, wanderte hine 25 zum Veſuv, den er liebte, und auf dem er Tage lang weilte, und murmelte zwiſchen ſeinen Zähnen: Rache allen Weibern! Und das Grollen des Veſuvs, und das Blinken der Sonne, und das Fächeln der Luft in den Olivenhainen, deren Düfte ihn erreichten, Alles dieſes vermehrte nur ſeinen innern Zorn. Oſt lag er einſam am Strande des Meeres, tief in ſich hinein⸗ grollend, ſtumm, und wie Welle nach Welle ans Ufer plätſcherte, ſagte er zu ſich ſelber: ſüß muß es ſein, mit den Wogen zu ziehen, in ihren rauſchenden Sän⸗ gen zu vergehen in rauſchender Luſt! Süß mit den Waſſern abwärts zu fluthen in ferne Lande hin! Hin zu Geſilden, wo der Himmel nicht immer ſo blau, die Sonne nicht immer ſo hell, die Gegend von min⸗ der ermattender Schönheit, wie hier: Süß unter Schnee und beeisten Fluren umher zu wandeln, und in bewältigender Gluth zu ſchmelzen Schnee und Eis! O Reiſen, könnt' ich reiſen!— Giuſeppo wußte aber, daß er es nicht konnte, denn er war arm, und dies Wiſſen vermehrte ſeinen Groll. Oſft, hinunter⸗ ſchauend in die Welle, murmelten ſie ihm ein an⸗ deres Lied, ein Lied der Erinnerung, und er ſah im ſchauenden Geiſte ſich an der Hand ſeiner Mutter, ein hungernder, zitternder Knabe, bettelnd durch die Straßen gehen, und er hörte, wie man mit rauhem Wort ihm Hülfe und Speiſe verſagte. Er ſah ſeine 26 Mutter auf der Bahre liegen, und ſein Herz regte 8 ſich in Wehmuth. Dann aber, o Himmel, ſah er Mariette, ſeine Geliebte, in den Armen eines Andern, ſah ſie blutend zu ſeinen Füßen niederſinken, und es krampfte ihm die Bruſt zuſammen, er ſprang empor, faßte an ſeinen Dolch und rief: ihr iſt recht geſchehen! Rache allen Weibern! Jetzt ſammelte er ſich, er ver⸗ hüllte den wilden Blitz ſeines Auges, gebot dem Zorn ſchweigend in ſeine Höhle, welches Giuſeppo's Herz war, zurückzukriechen, und auſſen ruhig, innen brau⸗ ſend in gewaltiger Bewegung, kehrte er heim zum ſchönen Napoli, denn die Stunde hatte geſchlagen, wo Giuſeppo's Pein begann, und wo er für einige Scudi irgend eine Schülerin die Wiſſenſchaft der Töne lehren mußte, und ſie unterweiſen, das do re mi fa sol la si richtig zu ſingen.— Und wenn ſo das Werk ſeines Tages vollendet war, ging er auf ſeine einſame Kammer, ſchweigend, ſtill, grollend in ſich, klanglos, ober er wanderte in eine der Oſterien, wo er für wenige Bajvechi glühenden Wein und glü⸗ hende Mädchen zum Und der Wein ließ ſein Gehirn erglühen, und die Mädchen ſeine Sinne, und die Sonne fachte beides zu höherer Gluth, und er jauchzte vor Luſt, ſein Auge ſtrahlte in Wonne, im einen Arm das glühende Mädchen, hohmer mit der andern Hand den vollen Becher, u H ſprudelnder Luſt das Lob des Weins und der Liebe! Er ſang und lachte und jauchzte und tobte, und die ſchöne Stadt, der blaue Himmel, die helle Sonne, Alles vermehrte ſeine Luſt!— So lebte Giuſeppo, ſo war Giuſeppo, und Tauſend und aber Tauſend in Neapel leben und ſind wie er! Verſchloſſen und kalt bedarf der Neapolitaner keines Freundes, dem er ſeine Leiden klagt, dem er ſeine Wonne vertraut; klagen, das weiß er, erniedrigt den Mann, Wonne vertrauen, heißt die Wonne zerſtören! Was er aber ſich ſelber gelobt, das hält er, und Rache vollführt er, ſei es nach Monden, nach Jahren, vollführt ſie oft mit Grauſamkeit gegen ſich ſelber, denn er duldet Mühſal und Gefahr, duldet Tod und Pein, um ſie zu erreichen. Und hält er dann mit vor Freude zit⸗ ternden Händen ſein Opfer, ſieht er mit vor Frende blitzenden Augen auf den Dolch, den die gelungene Rache ſo roth gefärbt, ſo knieet er nieder vor dem Bilde der Jungfrau, und in inbrünſtigem Gebet dankt er ihr für das Gelingen ſeiner heiligen Sache! Ein reich lud Giuſeppo einſt zu Lord Dynhurſt, wo er der einzigen Tochter Unter⸗ richt in ſeiner Kunſt ertheilen ſollte. Giuſeppo ging hin, der Lord nahm ihn freundlich auf, und führte ihn ſelbſt zu ſeiner Tochter. Als Giuſeppo vor ihr ⸗ als er die ſchüchterne Jungfrau, die mit 28 verſchämten Blicken, ſittſam in ihrer Schönheit er⸗ röthend, wie Keines der Mädchen, die er bis jetzt ge⸗ liebt, erröthet war, als er ſie ſo vor ſich ſtehen ſah, halb noch ein Kind, halb erblüht in üppiger Schön⸗ heit, da zitterte ſein Herz in Luſt, und er ſchwur ſich, ſie ſolle die Seine werden. Als ſie aber das dunkle, ahnungsvolle Auge zu ihm erhob, da war es, als flüſtere eine Stimme in ihm: ſchone ſie!—— Täglich ging Giuſeppo nun in das Haus des Lords, ſeine Tochter Ellinor im Geſange zu unterrichten. Sie war ein wunderbares Weſen, das Kind einer Neapolitanerin, die ſich der Lord zum Weibe genommen, hatte ſie von dieſer Gluth und Leiden⸗ ſchaft einer Italienerin, von ihrem Vater, dem kalten Nordländer, ſchmachtende Sehnſucht und Schwärmerei geerbt. Ihre Mutter war früh geſtorben, und unter den Augen ihres Vaters erwachſen, hatte ihr dieſer engliſche Lehren von mädchenhafter Zurückhaltung und ſcheuer Sittſamkeit gegeben, Lehren, denen zu jeder Stunde das wallende Blut, das ihre Mutter ihr gegeben, und das gereift, wider⸗ ſprach. Und nun ein ſolc Weſen gegenüber dem Sänger, ihre Stimmen ſich einend in ſüßen Liebes⸗ liedern, während durch die geöſtert Fenſter das Rauſchen der Myrtenhaine, das ngen der Vögel, und die ſchmelzende weiche aſt hnen hinein dr „ „ 29 während die italieniſche Cameriera im andern Ge⸗ mache weilte, und wenig an ihre Schutzbefohlene den⸗ kend, ihren Liebſten durch einen Brief zum Stelldichein beſchied. Oft ſtockte Ellinor mitten im Geſang und Purpurröthe bedeckte ihre Wangen, dann ſchaute ſie verwundert, fragend, denn ſie wußte nicht, warum ſie ſchwieg, warum ſie erröthete, ſie wußte nicht, warum das Herz ihr ſo mächtig ſchwoll, und der Athem ihr ſo glühend heiß aus der Bruſt hervorzitterte. Giu⸗ ſeppo aber wußte es, er hatte jede Regung dieſes unbewußten Herzens belauſcht, war jeder Stadie ihres wachſenden Gefühls gefolgt, und wußte, daß ſie ihn liebte. Seltſam, es regte ſich Mitleid in ſeinem Herzen, Mitleid mit ihrer Unſchuld, ihrem Erröthen, ihrem Vater, deſſen einziges Kind ſie war, und der ſie arglos ihm vertraute! Dieſer letzte Gedanke machte Giuſeppo ſtark und männlich ſtolz, er ſchwur mit ei⸗ nem heiligen Eide, das Mädchen zu ſchonen. Nun begann eine Zeit der Leiden! Kalt und finſter trat er von jetzt an dem glühenden Mädchen entgegen, Gluth im Herzen, Ruhe in Tauſendmal hätte er ſie umſchlingen mögen, und tauſendmal rief er ſich den Schwur, ſie zu meiden, zurück. Ihre Fragen beantwortete er kalt, ihrem thränenden Blick mied er zu begegnen. Und unter dieſem Entſagen liebte er ſie täglich heißer, und ſeine Kämpfe wurden täglich härter. Ja, zuweilen war es ihm, als empfände er einen glühenden Haß gegen das Mädchen, das ihn ſo heiß zu lieben gelehrt, zuweilen war es ihm, als müſſe er ſie ermorden mit ſeiner eigenen Hand im Haß der finſterſten Liebe!— Der Lord war verreist, unter den Augen der alten engliſchen Gyuvernante, und der jungen italieniſchen Kameriera hatte er Elli⸗ nor zurückgelaſſen. Die alte Miß aber war erkrankt, und die Kameriera wandelte im Garten mit ihrem Liebſten, als Ginſeppo zu Ellinor kam. Sie flog ihm entgegen, ſtrahlend in Luſt über ſein Kommen; er erwiderte ihr freudiges Begrüßen mit kalter Ver⸗ neigung; gegen ihre Lieblichkeit verſchanzte er ſich in grollender Härte, ihre Freundlichkeit erwiderte er mit unmuthigen Worten, ihr Herz erbebte in Qual, Thrä⸗ nen drangen in ihre Augen, Giuſeppo ſah es und lachte höhniſch,— er litt in dieſem Moment ſo un⸗ geheure Qual, daß er einen verzehrenden Haß gegen das Mädchen ſeiner Leidenſchaft empfand, und der Blick, den er jetzt auf Ellinor richtete, mußte wohl furchtbar ſein, denn ſie ſc zuſammen, und ſagte erbleichend, matt: v Gott, was that ich denn, daß mir der maestro zürnt?— Giunſeppo packte, im Uebermaß ſeiner Pein, ihren Arm, daß ſie erbebte, und ſagte kalt: Chantiamo! Es war das Erſtemal, daß er ſie berührte, und es durchfuhr ihn wie 31 Blitzesgewalt, ſein Blut kochte, ſeine Sinne verwirr⸗ ten ſich, es dunkelte vor ſeinen Augen. Chantiamo! wiederholte Giuſeppo zornig, und ſprang empor. Elli⸗ nor zitterte, ſie öffnete die Lippe zum Singen, die Stimme verſagte ihr, und plötzlich in Thränen aus⸗ brechend, ſank ſie nieder zu Ginſppo's Füßen, und flehte mit weicher, ſchmelzender Stimme: was that ich denn, daß Du mir zürnſt? Sie hob die ſchönen Arme zu ihm empor, ſie ſchaute ihn an, kindlich fromm, kindlich flehend, mit einem Unſchuldsblick, wie nur die Engel ihn haben, ihr ſchönes Geſicht überfluthek von Thränen, ein wei⸗ nendes, bangendes Kind! Giuſeppo ſtieß ſie wild von ſich, und ſagte rauh: laß mich, ich haſſe Dich! Sie aber umklammerte ſeine Kniee, und wieder⸗ holte: was that ich denn, daß Du mich haſſeſt? Was Du mir thateſt, ſagte er jetzt außer ſich, überwältigt, ſeine Lippen zitterten, ſeine ganze Geſtalt erbebte, ein ſolches Feuer ſprühte in ſeinen Augen, daß ſie ihn phyſiſch ſchmerzten, und er hatte die Empfindung, als könne er ſterben in dieſem Moment. Was Du mir thateſt, wiederholte er. O ich haſſe Dich! Ich könnte Dich ermorden, weil ich Dich liebe! Weil Dein lockendes, reizendes Bild Tag und Nacht vor meinen Blicken ſteht, weil ich meinen Racheſchwur vergeſſen habe über Deinem Himmelsblick, weil Du meine Ruhe zerſtört, meinen Frieden vernichtet haſt, weil ich Dich fliehen will, und nicht kann! Ellinor war aufgeſtanden, während er ſo ſprach, ihre Züge verklärten ſich, ſie ſchien größer und größer zu werden, ihre Augen ſtrahlten in Luſt, und als er jetzt geendet, da jauchzte ſie laut: v mein Gott, er liebt mich! Sie umſchlang ihn, preßte ihn feſt an ihr Herz. Laß mich, laß mich! ſagte er.— Unſonſt! Dann überwältigte ihn ihre Gluth, er ſagte nur noch: ſtoße mich zurück, ſage mir, daß Du mich haſſeſt! Ich liebe Dich, ſagte ſie, ich ſchwör's, daß ich Dich ewig liebe! Der Gedanke war Giuſeppo neu. Ewig lieben! So ſpricht keine Italienerin; dies Wort hatte ſie von ihrem Vater geerbt.— Ewig, Du willſt mich ewig lieben? ſagte er. Willſt Du's mir ſchwören? Und ſie ſchwur es mit einem feierlichen Eide, ſie ſchwur, Niemand zu gehören, als ihm, und als ſie ſo geſprochen, da nun wohlan ſo ſei es! Fahre denn hin, Vernunft und Wille! Wohlan, ſo ſei die Meine! Aber Schmach und Wehe über Dich, wenn Du Deinen Schwur einſt brichſt. Unge⸗ heuer, wie meine Liebe ſoll dann meine Rache ſein! Wehe Dir, wenn Du mich einſt täuſcheſt! 33 Ellinor lächelte und ſagte: ich fürchte Deine Rache nicht. Dann,— doch wozu das Weitere! Die urt⸗ länder werden mich nicht verſtehen, unterbrach Giu⸗ ſeppo Daſſa hier ſelbſt ſeine Erzählung, Eure Liebe iſt anders, wie die unſre, Ihr miſcht gleich Tugend, Zurückhaltung, Sittſamkeit hinein, und Eure Sonne, und Eure Luft macht Euch das leicht. Ihr wiſſet nichts von dem Einfluß, den die Sonne, die heiße Gluth der Luft, den der Himmel Neapels auf das Blut ſeiner Kinder übt. Ihr ſeufzt, wenn Ihr liebt, wir jauchzen, Ihr nennt es Weisheit, zu entbehren, wir aber kennen die Weisheit des Genuſſes.— Elli⸗ nor ward die Meine! Glücklich ſchöne Tage folgten nun! Sie ſahen ſich oft, noch öfter wechſelten ſie Briefe; Ellinor, die nun vom Kinde plötzlich ein vollendetes Weib ge⸗ worden, ſtrömte in dieſen Briefen alle ihre Gluth und ihre Empfindung aus.— Ellinor kränkelte, ihr Vater bangte um ſie,— Monden vergingen, da rief eine wichtige, dringende Angelegenheit den Lord nach England, Ellinor tränkelte noch immer; er bat eine alte Dame, Conteſſa Spatza, die eine Freundin ſeiner verſtorbenen Frau geweſen, Mutterſtelle bei ſeiner Tochter zu vertreten, und reiste ab. Ellinor faßte uen zu der Fontſa als dieſe ihr geſchworen, whtbec I. 3 was ſie ihr ſagen wollte, Niemand, ſelbſt nicht dem Beichtvater, zu verrathen, und vertraute ihr Alles. Als der Lord von ſeiner Reiſe zurückkehrte, war Ellinor ſchon geneſen, und am Tage nach ſeiner An⸗ kunft brachte die Conteſſa Spatza, in feine Linnen gewickelt, ein ganz kleines Mägdelein. Sie hatte es, ſagte ſie, an der hintern Gartenpforte ſo eben ge⸗ funden. Irgend eine unglückliche Mutter mußte das Kind dort ausgeſetzt haben, dem wohlthätigen Sinne des Lords vertrauend,— er erbarmte ſich des Kin⸗ des, und ſchwur, der unbekannten Waiſe ein Vater zu ſein, und Ellinor verſprach, es zu lieben wie eine Schweſter. Wenige Tage darauf verkündete aber der Lord, daß er mit ſeiner Tochter Italien auf immer ver⸗ laſſen und nach England zurücktehren wolle. Giu⸗ ſeppo erbebte, denn die Möglichkeit einer Trennung von Ellinor kam ihm jetzt zum Erſtenmal. Er bat den Lord, ihn nach England begleiten zu dürfen, dieſer willigte zögernd ein, und ſo reiste Giuſeppo mit Lord Lindhurſt, Ellinor und dem angenommenen Kinde nach England zurück, wo des Lords Bruder geſtorben war, und dieſem ſeine reichen Beſitzungen hinterlaſſen hatte. Giuſeppo war jetzt oft finſter und mißmuthig, er ſehnte ſich nach Italiens Himmel und Sonne, und in ſeinem Groll ward er oft hart und bitter gegen 35 Ellinor, der er vorwarf, daß ſie die Schuld trage an ſeinem Leiden.— Ellinor ward ſcheu und zuüc⸗ haltend gegen ihn, ſie mochte wohl zuweilen daran denken, was Giuſeppo einſt geſchworen in jener Stunde der erſten Liebe, wo er Wehe über ſie gerufen, wenn ſie jemals ihn verlaſſen würde, und ſie betrachtete ihn zuweilen mit furchtſamen argwöhniſchen Blicken. Auch bemerkte Giuſeppo, daß ſie vermied mit ihm allein zu ſein, und ein wilder Argwohn bemächtigte ſich ſeines Weſens. Einige Wochen nach ihrer Ankunft verkündete ihm der Lord, er habe ſeine Tochter ver⸗ lobt, und lud ihn ein, Theil zu nehmen an dieſem frendigen Feſte, zugleich reichte er ihm eine volle Börſe dar, und deutete ihm an, daß er ſeiner Dienſte nicht weiter bedürfe. Einen Augenblick ſtand Gin⸗ ſeppo ſtarr, athemlos, er hatte nicht Kraft zu fragen, wer der Verlobte ſei, er dachte nicht einmal daran, dann lachte er laut, und ſtürzte fort zu Ellinor. Er faßte krampfhaft ihren Arm, und fragte leiſe: iſt es wahr, Du willſt Dich einem Andern verloben?— Sie zitterte, dann ſagte ſie eben ſo leiſe: o ſchone mich! Er ſchleuderte ihre Hand von ſich, murmelte etwas zwiſchen den feſt auf einander gepreßten Lip⸗ pen hervor, und ging mehrere Male im Zimmer auf und ab. Ihm war faſt fröhlich, denn er fühlte 3* tzich wieder Mannesſtärke und Mannesgluth, Jahre der Ruhe hatten ihn eingeſchläfert, er war wie in ein anderes ſtilles Land verſetzt geweſen, jetzt ſchien es, athme er wieder die Luft ſeiner Heimath, empfinde er wieder Leben und Wärme in ſeinen Adern, ſein Blut tobte wie ſonſt, ſeine Augen ſprühten wie früher, und er fühlte alle Luſt, alles Entzücken der Rache, allen brennenden Durſt, dieſer zu genügen. Addio! ſagte er dann, und blieb mit übereinander geſchlage⸗ nen Armen vor Ellinor ſtehen, die bleich geworden war, wie der Tod. Addio! wiederholte er mit höh⸗ niſchem Lachen. Ich ſcheide! Aber Du ſollſt mi 3 nicht vergeſſen! Gedenke meines Schwurs! Wehe Dir Ellinor! Du haſt mich verrathen! Denkſt Du, ein Neapolitaner werde das verzeihen! Treuloſes Weib, Rache über Dich! O weine nur, ſagte er lachend, als Ellinor in Thränen ausbrach, ſo weinteſt Du in jener Stunde auch, als Du mir ewige Liebe ſchwurſt! Weißt Du noch jene Stunde, Du zärtliche Ellinor?— Weine nicht, ſagte er, zitternd vor Zorn, lache mein Liebchen, denn ein neuer Freund harret Dein! Sie warf ſich vor ihm nieder, und flehte: o ſchone mein!— Er ſtieß ſie von ſich und ſah ſie an mit höhniſchen Blicken: ſprachſt Du nicht ſo zu mir damals, als Du mir Treue ſchwurſt!— In jener Stunde ſchwur auch ich, aber mein Gelübde 37 galt der Rache! Ich werde beſſer, als Du, Wort zu halten wiſſen! Addio! Kalt wandte er ſich ab und wollte gehen; Elli⸗ nor klammerte ſich an ihn an und rief: grauſamer, furchtbarer Mann! Was willſt Du thun? Mich rächen! ſagte er ruhig, und ſtieß ſie zu⸗ rück.— Er ging auf ſein Zimmer, packte ſeine Sa⸗ chen, machte ſich reiſefertig, Alles mit jener Ruhe, die einem Manne eigen, der ſich ſeines Willens klar iſt, und entſchloſſen iſt, zu handeln. Ellinors Briefe verwahrte er ſorgfältig, ihr Bild, das ſie ihm gegeben, zertrat er unter ſeinen Füßen, und murmelte nur: maledetto! Einen Augenblick griff er nach ſeinem Dolch, er beſann ſich aber ſogleich, und ſteckte ihn wieder ruhig in ſeine Scheide. Er war ruhig und beſonnen, wie jeder Neapolitaner es iſt, wenn er einen beſtimmten Racheplan verfolgt.— Seine Sachen waren geordnet, Giuſeppo konnte gehen. Er ließ durch einen Diener ſein Gepäck in einen Gaſthof tragen, empfahl ſich kalt und ruhig dem Lord, reichte Ellinor ruhig und freundlich die Hand, und ſagte ihr einige liebevolle Worte. Dem Blitz ſeines Auges konnte er aber nicht gebieten, und Ellinor verſtand ihn vielleicht, denn ſie erbebte.— Dann ging er.— Als der Abend gekommen, unſchlich Giuſeppo das Hötel des Lords, ſah, wie Wagen nach Wagen heranfuhr, und geſchmückte Gäſte brachte für die er⸗ leuchteten Säle da oben, in denen man heute Elli⸗ nors Verlobung feierte. Einen Moment dachte er hinauf zu gehen, und ſie vor aller Welt, und vor dem Verlobten, deſſen Namen er nicht einmal wußte, auzuklagen, und zu verhöhnen. Er beſann ſich aber, daß das keine Rache, ſondern Strafe ſein würde. Die Rache ſchleicht langſam, verhüllt ſich Jahre lang, und läßt vor ſich zittern in unaufhörlicher Pein, und erſt, wenn ſie ihr Opfer matt gehetzt hat, dann trifft ſie. Ginſeppo faßte alle ſeine Kraft zuſammen, nur ruhig und kaltblütig zu ſein,— und er war es. Nur einmal packte er in krampfhaftem Zorn ſeine eigene Bruſt, und zog die Finger, vom eignen Blut geröthet, zurück, dann murmelte er einen wilden Fluch, und dann hatte er ſeine Faſſung äußerlich wieder gewon⸗ nen. Und als die Muſik zu ihm herniederrauſchte aus den erleuchteten Sälen, ſchlich er hinein in das Hotel und in das Zimmer, wo das kleine Mädchen, das angenommene Töchterlein, ſchlummernd in ſeinem Bettchen lag. Riemand war zugegen, und unbemerkt nahm Giuſeppo das ſchlummernde Kind in ſeinen Arm, hüllte es in ſeinen Mantel und verließ mit ſeiner Beute unbemerkt, wie er gekommen, das Hoͤtel. Auf der Straße angelangt, blickte er noch einmal hinauf zu den hell erleuchteten Fenſtern, er hob die geballte 39 Fauſt empor und ſagte ingrimmig: die Rache jauchzt, wie Ihr dort oben! Addio! Dann ſchritt er fort durch die Nacht. Straße nach Straße durchwandelte er, das ſchlummernde Kind im Arm. Als er in einen der abgelegneren Theile der Stadt gelangt war, wo⸗ hin ſelten der Fuß eines Fremden kommt, wo in ſchmutzigen Höhlen nur Bettler und Diebesgeſindel haust, blieb er ſtehen, und ließ ein leiſes Pfeifen ertönen. Sogleich antwortete ihm ein ähnlicher Ton, und hinter der Niſche eines Hauſes ſchlüpfte ein ſchmutzi⸗ ges altes Weib hervor, und ſchlurfte leiſe zu Gin⸗ ſeppo heran.— Die Parole! flüſterte ſie. Teufels⸗ liſe! antwortete Giuſeppv. Es iſt richtig, ſagte das alte Weib. Bringt Ihr das Balg?— Da iſt es, antwortete Giuſeppo, und legte das noch immer ſchlum⸗ mernde Kind in des Weibes Arm. Habt wohl Acht auf das Kind, fuhr er fort, es ſoll Euch dermaleinſt, wenn es erwachſen iſt, reiche Früchte tragen.— Und welcher Sorte iſt denn das Bäumchen? grinſete die Alte. Soll es goldne Früchte tragen, muß es von edlem Stamme ſein. Auch iſt es ſo, antwortete Gin⸗ ſeppp. Ihre Mutter iſt eine reiche Lady. Drum verwahrt das Mädchen wohl, und wenn es erwachſen iſt, kehre ich zurück, die Jungfrau ihrer Mutter zu präſentiren, und da wird denn für Euch manch hüb⸗ ſches Sümmchen klingen. Im Uebrigen etzieht das *. Kind ſo gut Ihr es vermögt, das heißt zu Laſter und Verderben, und wenn Ihr es hin betteln führt, ver⸗ geßt nicht ihm hübſch einzuſchärfen, daß es einer * reichen Lady Tochter iſt, lehrt ſie ihrer Mutter flu⸗ chen, und ſtreut den Saamen des Haſſes in ihr Ge⸗ müth. IV. Was ſoll ich Euch nun weiter erzählen? ſagte Daſſa, und ſchlug das Manuſeript zuſammen! Was kümmern Euch die weitern Leiden Jes Neapolitaners, der ſeitdem mancherlei Sorge und Beſchwerden be⸗ ſtanden hat. Er war mit in dem Bunde, der 1830 in Modena zum Ausbruch kam, und die beiden Söhne Hortenſens unter ihre Anführer zählte; er mußte, als dieſe ſogenannten Inſurgenten von den Päpſtlichen geſchlagen waren, mit ihnen flüchten, und hielt ſich lange nur verborgen in ſeinem geliebten Napoli auf! Aber Ellinor's Briefe bewahrte er in der Schlacht und auf der Flucht, und nun iſt er gekommen, um Ellinor aufzuſuchen, und die Rache über ſie herein brechen zu laſſen. Das iſt die Geſchichte von Giu⸗ ſeppo Daſſa! Und ſie iſt wirklich amüſant genug, ſagte Ar⸗ mand, und reichte Daſſa die Hand. Wir müſſen Freunde ſein, mein Herr Neapolitaner! Ihr habt alle meine Sympathien für Euch, und ich geſtehe, Ihr ſeid ein Ehrenmann im wahren Sinne! Am beſten gefällt mir, daß Ihr habt die Freiheit mit er⸗ kaufen wollen. Gebt mir Eure Hand, Ihr ſeid ein Cavalier! kommt, nehmt Eure Gläſer, und laßt uns trinken auf das Wohl der Freiheit! Vive la liberté! Nordheim erhob ſein Glas nicht mit den Uebri⸗ gen, und Armand, es bemerkend, ſagte: wie, Freund Nordheim, Sie ſtoßen nicht mit uns an, und trinken nicht mit uns auf das Wohl der Freiheit? Ich will es thun, ſagte Nordheim ernſt, wenn Sie mir ſagen, was Sie verſtehen unter der Frei⸗ heit, der Sie ein Lebehoch bringen. Freiheit, ſagte Armand, iſt die Religion des Franzoſen, der oft ſchon ſein Blut daran ſetzte, ſie zu erobern, und ſo kann Niemand als ich, ein Franzoſe, Euch beſſer ſagen, was Freiheit iſt! Sie iſt der In⸗ begriff aller Mannheit, die Würde des Menſchen, die Glorie der Völker, und das Panier, mit dem ſie in die Schlacht ziehen! Worte, Worte, unterbrach ihn Nordheim faſt unwillig, mit Worten werdet Ihr ſie nicht erobern, dieſe heilige, keuſche Jungfrau, die nur ihren Ge⸗ weihten ſich vertraut. Sie ſagen nicht, was Freiheit iſt, ſondern nur, was Sie von der Freiheit denken, und was die Franzoſen in alle Welt ausſchreien und 43 als Thaten betrachtet ſehen möchten. Welches aber iſt das Weſen der Freiheit? Das Weſen der Freiheit? ſpöttelte Armand! O über Euch klügelnde Deutſche, die Ihr Euch nie genug ſein laßt an dem, was Ihr habt, ſondern die Ihr Alles zergründen und zergliedern müßt, jeden zuckenden Nero verfolgen bis zu ſeinem Urſprung hin, jeder Blutwelle nachſpüren bis zu ihrem Quell. Weil Ihr ewig grübelt, werdet Ihr nie erlangen! Die Freiheit iſt eben Freiheit! Was kümmert mich ihr Weſen?! Und ſo lange Ihr dies nicht verſteht, wer⸗ det Ihr auch die Freiheit nimmer erlangen, ſagte Nordheim erglühend. Denkt Ihr, prahleriſche Söhne Frankreichs, mit Worten ſei es gethan, und wenn Ihr die Stimme erhebt und ſchreit: vwe la liberté! ſo ſei ſie, eine feile Magd, mit Buhlerinnen Freund⸗ lichkeit bereit, Eurem Rufe zu folgen, und Platz zu nehmen in Eurer Mitte! Denkt Ihr, weil Ihr einſt mit thieriſcher Mordluſt Eure Hände getaucht in das Blut Eurer Brüder, und mit bacchantiſchem Lallen, beſprützt von dem Blute Eurer Opfer, durch die Straßen brülltet: es lebe die Freiheit! ſo ſei ſie ge⸗ kommen auf den Ruf Eurer Danton und Robespierre die nimmer Freiheitsdiener, ſondern nur Frei⸗ knechte waren, und habe das Meſſer Euerer 44 Guillotine geführt, und habe Euch umſchwebt, als Ihr vernunftlos in den Tempel der Vernunft beten ginget? Ihr habt Throne geſtürzt, Könige verjagt, aber was Ihr verlangtet, war nur ein Zerrbild der Freiheit, und während Ihr prahlet mit der Freiheit Eurer In⸗ ſtitutionen, und der Weisheit Eurer conſtitutionellen Verfaſſung, dingt Ihr in Eurer Mitte Meuchelmör⸗ der für Euren König! Nicht Euch allein ſchadet Ihr durch ſolch freventliches Thun, ſondern uns Alle, uns arme, zertretene Völker, die wir unter dem Schatten der Nacht, in der Stille der Seele, mit zitternden Lippen unſere Gebete ſtammeln um die wahre, die heilige Freiheit, uns Alle zieht Ihr in Euer Ver⸗ derben mit hinein! Und wo iſt denn die Freiheit, wenn nicht bei uns? fragte Armand höhniſch. Sucht Ihr Deutſche ſie etwa in Rußland, dem Ihr ſo eng befreundet ſeid? 10 wohl, die ruſſiſche Knute mag ſehr ein⸗ dringliche Lehren von der Freiheit enthalten! Oder iſt ſie bei Euch, dieſe kenſche Jungfrau, wie Sie ſie nennen?! Ich habe wohl gehört, daß man in Deutſch⸗ land die Freiheit anſeufzt in lyriſchen Herzensergüſſen und mit hochtrabenden Phraſen. Nimmer aber habe ich vernommen, daß ſie auf Euer poetiſches Geklingel gekommen, unter Euch Platz zu nehmen. Es iſt wahr, ſagte Nordheim ernſt, und wie zu 45 ſich ſelber, der Deutſche hat nur zu ihr gebetet, und nicht gehandelt, darum iſt ſie nicht gekommen! Nun alſo, wo wohnt die Freiheit, mein Herr Philoſpph? fragte Armand heftig, erhitzt von dem zu reichlich genoſſenen, glühenden Getränke. Wo ſie wohnt? ſagte Nordheim faſt zornig. Da! fuhr er fort, und ſtieß ſein Glas um, daß deſſen glühender Inhalt den Tiſch überfluthete. Da! für Kinder und Thoren wohnt die Freiheit in dieſem glühenden Naß! Berauſcht von Wein ſingen ſie ihre Marſellaiſe und bringen der Freiheit ein Loblied dar, und ihre Freiheitsbegeiſterung iſt nichts, als eine Wein⸗ begeiſterung, beides verfliegt mit der Stunde! Ohne eine Antwort abzuwarten, ſchritt er hin⸗ aus!— Auch die Uebrigen trennten ſich bald, da es ſchon ſpät in der Nacht war. V. Am folgenden Tage ging Nordheim, die Dame aufzuſuchen, deren Bekanntſchaft er auf ſo eigenthüm⸗ liche Weiſe gemacht, und deren anziehendes Weſen ihm eine Fortſetzung derſelben willkommen machte. Aurelia, verwittwete Baronin von Stopford, wie auf der Karte, die ſie Nordheim zurückgelaſſen, zu leſen war, bewohnte in einer der ſchönſten Straßen Lon⸗ dons ein glänzendes Hoͤtel, und die reich gallonirten Diener, die Nordheim entgegen traten, die elegante Ausſtattung des Vorſaals, in dem er die Rückkunft des Dieners, der ihn melden ging, erwartete, bekun⸗ deten den Reichthum und Geſchmack der Beſitzerin. Nach kurzem Verweilen kehrte der Diener zurück, und führte Nordheim vurch eine Reihe prachtvoll geſchmück⸗ ter Zimmer in das Boudvir der Baronin. Sie trat ihm entgegen mit jener Ungezwungenheit und Würde, die das Kennzeichen wahrer Weltbildung, und ihre hohe königliche Geſtalt, ihre großen funkelnden Augen, der edle Ausdruck ihres ſchönen bleichen Angeſichts, 2 47 das ſanfte Lächeln, das ihren ſchön geformten Mund umſpielte, erinnerte Nordheim an eins jener griechi⸗ ſchen Bildwerke, die er in Rom voft bewundert hatte. Nur die Heiterkeit, die jene erhabenen Schönheiten des Alterthums ausſtrahlen, fehlte dieſen ſchönen Zü⸗ gen; vielmehr war es ein tiefer Schmerzenszug, der ihr edles Geſicht umdüſterte, vielleicht aber ihm auch noch mehr Reiz verlieh.— Nachdem die Dame ihm noch einmal mit herzlichen Worten gedankt für den wichtigen Dienſt, den Nordheim ihr geleiſtet, wandte ſich das Geſpräch auf ihr gemeinſames Vaterland, Deutſchland, und die Baronin ſagte: ich liebe mein Vaterland, ſo wie man Freunde liebt, deren Unarten uns oft betrüben, deren große Eigenſchaften uns aber zu jeder Stunde zur freudigſten Verſöhnung treiben, und deren Beſitz und Werth wir erſt dann recht zu ſchätzen wiſſen, wenn ſie von uns fern ſind, und ob⸗ wohl ich nie an dem eigentlichen deutſchen Heimweh gelitten habe, ſo hat mich doch das franzöſiſche mal de pays Jahre lang gequält, ja thut es theilweiſe noch heut. Sie unterſcheiden fein und wahr, ſagte Nord⸗ heim. Das Heimweh iſt eine tief in deutſcher Natur begründete Krankheit, deren Heilung nicht von unſerem Willen abhängt, und die, wenn ſie, ohne unſern Willen vielleicht uns überfällt, wirklich auch manch phyſiſches Weh erzeugt, während dieſes franzöſiſche mal de pays eigentlich nur eine Unart, und mehr ein egviſtiſches Ueberheben der eignen franzöſiſchen Zuſtände über die Fremden iſt, als ein Leiden. Es iſt ein Uebel, das durch feſten Willen beſeitigt wer⸗ den kann, keine Krankheit. Und darum werden Sie mir verzeihen, fuhr Nordheim mit verbindlicher Ver⸗ neigung fort, wenn ich Ihnen zu widerſprechen wage, und behaupte, daß Sie auch darin eine Deutſche ge⸗ blieben, der die franzöſiſchen Sympathien ganz ferne liegen, daß Sie wirklich an Heimweh gelitten. Kann ſein, ſagte die Baronin nach kurzem Sin⸗ nen, daß mein Beſtreben dieſe deutſche Krankheit ab⸗ zuleugnen nur der gute Wille war, ſie zu beſſern. Wundern muß ich mich aber, daß Sie von mir als einer Deutſchen vorausſetzen, daß mir alle franzöſi⸗ ſchen Sympathien ferne liegen, während doch alle Welt jetzt von ſolchen Sympathien ſpricht und ſchwärmt. Schwärmt, betonte Nordheim, Sie haben recht, man ſchwärmt davon. Es iſt dies eine Chimäre, der man ſich einige Zeit überließ, die aber in der That ganz unbegründet iſt. Der Deutſche allerdings, der in ſeiner beſcheidenen Weiſe für alles Fremde, außer ihm Liegende die größte Bewunderung und Anerken⸗ nung hegt, legt dieſe auch für Frankreich ſtets unver⸗ holen an den Tag, und überläßt ſich dem angenehmen 49 Glauben, als ſei dies bei ſeinen franzöſiſchen Nach⸗ barn wiederum für Deutſchland der Fall. Es iſt dies aber ein Irrthum, von dem man ſehr bald zurück⸗ kommt, wenn man nach Frankreich kommt, dort jene viel beſprochene Sympathien für deutſches Weſen zu ſuchen. Abgeſehen davon, daß ſchon unſte Sprache, deren Schwierigkeit der Franzoſe nicht zu bewältigen vermag, darum ſchon gleich einer hohen Mauer, jede freie und ungezwungene Communication hemmt, iſt der franzöſiſche Charakter, ſo beweglich und biegſam er erſcheinen mag, doch ſo ſehr abgeſchloſſen und in ſich fertig, daß es ihm unmöglich iſt, ſich fremden Eindrücken hinzugeben, geſchweige denn ſolche außer ihm liegende ſympathiſirend in ſich aufzunehmen. Der Franzoſe iſt durchaus Egviſt, und daher, ſo ſeltſam es klingen mag, ſieht er Alles nur von einem be⸗ ſchränkten, einſeitigen Geſichtspunkte, und legt an Alles nur prüfend den Maßſtab ſeiner Verhältniſſe an, und nach dem hieraus ſich ergebenden Reſultat des zu kurz oder zu lang ergibt ſich ſein Urtheil. Wie ſoll nun da eine Sympathie ſein mit dem biederen beſcheidenen und ſich unterordnenden Charakter der Deutſchen? Es müßte denn ſein, daß man hierauf das Wort anwenden wollte: les extrémes se tou- chent! Freilich kommt man mit ſolchen Sentenzen am weiteſten, und ſich mit dieſen zu begnügen, iſt L. Mühlbach. I. 4 50 eine Tugend, in welcher der Deutſche von Niemand übertroffen wird. Ich theile Ihre Meinung vollkommen, ſagte die Baronin, die Nordheims Worten mit Aufmerkſamkeit gefolgt war, und habe dieſe Bewunderung franzöſi⸗ ſchen Weſens, der man in Deutſchland nur zu häufig begegnet, niemals begreifen können. Hingegen ſcheint mir, zur Ehre Deutſchlands, eine Grundähnlichkeit deutſchen und engliſchen Charakters unverkennbar, und ich meine, Sie ſind gekommen, dieſem nachzu⸗ ſpüren und ſtimmen meiner Anſicht bei. Gewiß, ſagte Nordheim. Wir Deutſche, die wir jeder vereinzelt mit einem Herzen voller Sym⸗ pathien umherlaufen, ohne bei uns einen gemein⸗ ſchaftlichen Stützpunkt zu finden, an den wir uns alle lehnen könnten, müſſen allerdings gehen, ſolchen in der Fremde zu ſuchen, und wenn wir ihn irgend finden, ſo iſt dies gewiß in Alt⸗England der Fall, deſſen großartige und die wahre Menſchenwürde und Freiheit ehrende Verfaſſung für mich etwas wirklich Erhebendes hat. Hüten Sie ſich nur, ſagte die Dame lächelnd, den Engländern in allen Verhältniſſen ſolche groß⸗ artige und geniale Anſchauungsweiſe zuzutrauen, wo Sie allerdings in einem gewaltigen Irrthum wären. Der äußere Zwang der Formen wird nirgends ſo ſtreng beobachtet, wie eben hier; und darum möchte ich, falls Ihnen daran liegt, in der höhern Londner Geſellſchaft eine Ihrer würdige Stellung zu erlangen, Ihnen faſt rathen, Ihre jetzige Wohnung recht bald mit einer andern zu vertauſchen, und niemals zu verrathen, daß Sie jemals in einem Lodginghauſe der City gewohnt. Es iſt dies ein Umſtand, den kein, noch ſo freiſinniger Ariſtocrat Ihnen verzeiht, und der ganz dazu geeignet iſt, Ihnen den Zugang zu allen Familien auf immer zu verſchließen. tordheim's Züge überflog ein ſpöttiſcher Aus⸗ druck, als er erwiderte: Ich glaube dem Ausſpruche jenes Weiſen, der da ſagte:„wer es Allen recht machen will, macht es Keinem recht;“ und ſuche deshalb nur immer es mir ſelber Recht zu machen. Darum kann ich auch, mit allem tiefgefühlten Dank für Ihre Güte, Ihrem freundlichen Rathe nicht Folge leiſten. Außer, daß mir die City den eigentlichen Kern⸗ und Grundtypus engliſchen Weſens zu enthal⸗ ten ſcheint, fühle ich mich beſonders durch die Mit⸗ bewohner und Fremden, die mit mir in jenem Lod⸗ ginghauſe wohnen, und deren Verhältniſſe und Charactere mir die lebhafteſte Theilnahme einflößen, zu längerem Verweilen dort veranlaßt. Die Dame billigte dieſen Grund, und nach kurzem Verweilen ſtand Nordheim auf, ſich zu entfernen. Machen Sie mir doch die Frende, ſagte die Baronin Abſchied nehmend, mir morgen Abend zu einer ächt engliſchen Geſellſchaft Ihre Gegenwart zu ſchenken. Nordheim drückte ihre ihm dargereichte Hand an ſeine Lippen, und verließ die Baronin mit dem Ver⸗ ſprechen, zur morgenden Geſellſchaft zu erſcheinen. Als am Abend die fünf Bewohner des Lodging⸗ hauſes wieder im Room verſammelt waren, und neben einander um die dampfende Bowle Platz genommen, ſagte Armand: Und nun zur Fortſetzung unſerer Bio⸗ graphien; Herrn Giuſeppo Daſſa's pikante Erzählung hat mich wirklich begierig gemacht auf ein Mehreres der Art; und ich hoffe, mein Herr Carl von Fitin⸗ berg, denn Sie trifft jetzt die Reihe des Erzählens, daß Ihr Leben, obwohl Sie nur ein Deutſcher ſind, doch nicht weniger reich an intereſſanten Stoffen ſein wird, als das unſeres Italiäners, wenn ich auch von dem meinen gänzlich ſchweigen will. Der Angeredete blickte düſter vor ſich hin, und murmelte etwas zwiſchen den Lippen hervor, das Niemand verſtand; dann den Blick, in dem ein faſt wahnſinniger Ausdruck leuchtete, zu Nordheim erhe⸗ bend, fragte er plötzlich: glauben Sie an Geiſterer⸗ ſcheinungen, Herr Nordheim? Was verſtehen Sie unter ſolchen? fragte dieſer, Farenberg prüfend betrachtend. 53 Halten Sie es für möglich, daß Geiſter Ge⸗ ſtorbener den Ueberlebenden erſcheinen? Und was wäre in den Erſcheinungen der Natur und der Welt, ſagte Nordheim, das wir, bevor wir es kannten, für möglich oder nur glaublich halten könnten? Meinen Sie nicht, daß der erſte Blitz in den Menſchen gleich einer Geiſtererſcheinung zündete, und der erſte rollende Donner ihnen war, wie das Sprechen eines unſichtbaren Geiſtes? Und wer kann wiſſen, in wie vielerlei Geſtalt ſich die Natur den Menſchen verkündet, die Natur, die ohne Ende iſt, ewig gebärend und ſchaffend, zeugend aus ſich ſelber das Neue, das als ſolches uns immer wie ein Wun⸗ der erſcheint! Darum glanbe ich auch, daß Niemand ein Recht hat, Ihre Frage verneinend zu beantwor⸗ ten, und daß überhaupt eine Antwort auf dieſe Frage nur denen zuſteht, die in den Begegniſſen ihres Lebens Momente finden, die ſie zu der Frage be⸗ rechtigen. So habe ich, ſagte Farenberg faſt heftig, das Recht, zu fragen und zu antworten. Denn ein ſol⸗ cher Moment iſt in meinem Leben, und hat es zu einem Geſpenſt ſeiner Selbſt gemacht. Und wenn ich vor meinem Geiſte das Bild eines Weſens auftauchen ſehe, das einſt der Mittelpunkt meines Lebens war, wenn ich des im Tode gebrochenen Auges mich erinnere 54 und der mit ſterbenden Lippen gemurmelten Worte: „wehe über Dich, und Fluch Deinem Leben!“ ſo meine ich, ich habe ein Recht zu fragen, ob ein in ſolcher Stunde geſprochenes Wort Kraft hat über das Leben hinaus, und ob eine ſo Geſtorbene die Macht hat, wieder zu erſcheinen und von ihrem Daſein Kunde zu geben! Gewiß, ſagte Nordheim, überdauert die Er⸗ ſchütterung einer ſolchen Sterbeſtunde in dem Ueber⸗ lebenden Tage und Jahre, und darum, weil ſie ſich eingeätzt hat in ſein innerſtes Daſein, kann es kom⸗ men, daß ſie ſich ihm in der Phantaſie als etwas auch äußerlich Lebendes darſtellt. Auch glaube ich, daß die letzten Gedanken eines Sterbenden Gewalt über den Tod haben, und daß der im Fliehen be⸗ griffene Geiſt es vermag, denen ſich zu verkünden, auf welche die letzten Gedanken der noch im Körper weilenden Seele gerichtet waren. Farenberg war aufgeſprungen, und rief, die Arme vor ſich hinſtreckend, mit ſtarren Blicken; und ihr letzter Gedanke war Fluch über mich, und ihr letztes Seufzen eine Verwünſchung meines Lebens! Im Dämmerlicht des Abends durchleuchten ihre gebroche⸗ nen Augen die Schatten meines Gemachs, im Dun⸗ kel der Nacht ſteht ſie an meinem Bette und wehrt den Schlaf von meinen Augen, und in der Helle des 55 Tages vernehme ich hinter mir ihren leiſen Schritt, mich begleitend auf meinen Wegen! Und wenn ich niederſinke zum Gebet, und flehe zu den unſichtbaren Mächten, mich zu befreien von dieſer Erſcheinung, ſo flüſtert es neben mir: Fluch über Dein Leben! Wenn ich den Becher an die Lippen ſetze, um im Wein Vergeſſen zu ſuchen, ſo murmelt es aus dem Becher hervor: wehe über Dich! und meine zitternde Hand verſchüttet den Wein! Zuweilen kommt es, daß ich ſchlummern kann, vielleicht, weil dann der mich verfolgende Geiſt ruht,— aber furchtbarer ſind die Tränme meines Schlummers, als das Wachen ſelbſt. Aber wollen Sie, ſagte Nordheim, abſichtlich⸗ das Selbſtbekenntniß Farenbergs unterbrechend, ſolche Spiele Ihrer vom Schmerz um eine geliebte Todte aufgeregten Phantaſie, für eine Erſcheinung aus der Geiſterwelt halten? Weiter! hören Sie mich weiter! rief Farenberg un⸗ geduldig. In Stunden der Ruhe halte ich dies Alles ſelber für Täuſchung, ich überrede mich, daß ihre Stimme nur in meinem Herzen erklingt, und ihr Blick nur meinem innern Auge erſcheint, und die Er⸗ ſcheinungen in meinen Träumen nur ein Spiel meines Blutes ſind. Aber neulich, als jene Dame, die Sie, Herr Nordheim, hier ohnmächtig hereintrugen, als 36 8 ſie erwachend die Augen aufſchlug, v Himmel, da war es der Blick, der gebrochene Blick einer längſt Geſtorbenen, der für mich allein ſichtbar, in den Augen jener Fremden lag, das Geſpenſt meines Le⸗ bens hatte ſich in dieſe Augen geſetzt und glotzte mich 1 hohnlächelnd an. Außer mir, ſinnverwirrt ſtürzte ich fort, und es war mir, als höre ich ſie laut hinter mir rufen: Fluch über Dein Leben!— Nichts von den Qualen der geſtrigen Nacht, von den Qualen dieſes Morgens! Mich zu zerſtreuen ging ich aus, in der Hoffnung, die Friſche der Luft und der Glanz des Tages möge jenen Blick verſcheuchen. Umſo überall ſah ich es vor mir, dieſes halb gebrochene Ange, und matt gehetzt von dieſem Blick ſank ich erſchöpft auf eine der Bänke, im Hyde Park nieder. Seht, da höre ich leiſe Schritte nahen; mein Athem ſtockt in mir ſelber unerklärlicher Angſt, es war, als ſtände mein Herz ſtill in ahnendem Grauſen, und als ich den Blick ſuchend umhergleiten ließ nach der Urſache meines Schreckens, da ſchwebt eine weibliche Geſtalt mir entgegen, hoch und ſtolz und königlich, wie die ihre. Sie wandte das Auge nach mir hin,— ha! wieder der Blick jener Geſtorbenen, ſie war es, die Todte, ihre Geſtalt, ihr Angeſicht! Es ſchwin⸗ 4 delte vor meinen Blicken, ein ſeltſames Tönen war vor meinen Ohren, regungslos, keiner Bewegung 57 fähig, war ich, wie an meinen Platz gebannt, und erſt, als die Geſtalt verſchwunden, war ich von der Zauberfeſſel befreit. Ihre Schilderung, unterbrach ihn Nordheim, erinnert mich an die Mythologie der Alten. Nicht ſchöner und treffender kann wohl ein ſolcher Seelen⸗ zuſtand geſchildert werden, als in jenem Oreſtes, der von den Furien verfolgt, nirgends Ruhe fand. Wie wollen Sie aber, ſagte Armand lachend, die Fieberphantaſien eines durch den Tod ſeiner Ge⸗ liebten erkrankten Deutſchen mit den Qualen des Oreſt in Beziehung bringen? Ich ſollte doch meinen, es ſei ein Unterſchied zwiſchen den Schmerzen eines Lie⸗ benden, und denen eines Mörders! denn Sie erinnern ſich wohl, Oreſtes hatte einen Mord auf ſeiner Seele! Nordheim erwiderte nichts; er wandte ſeinen ſprechenden Blick auf Farenberg, ihre Augen begeg⸗ neten ſich und wurzelten einen Moment feſt in ein⸗ ander; dann ſagte Nordheim: und wie ſchön iſt die Fortſetzung dieſer Mythe der Alten! Oreſt fand einen Freund, und durch ihn Geneſung. Er hatte Jemand, dem er ſeine Klagen vertrauen durfte, der ihn liebte un feiner Qualen willen! Und ſo löſet die Freund⸗ ſchaft und Liebe zuletzt alles Leid, wie ſchan Mittheilen des Schmerzes dieſen ſelber lindert. Faren⸗ berg reichte ihm ſtumm die Hand, und Nordheim 58 drückte ſie mit einem milden Lächeln einen Moment in der ſeinen. Armand aber rief: aber Ihre Geſchichte, mein Herr von Farenberg, Sie haben uns Ihre Ge⸗ genwart geſchildert! Laſſen Sie uns nun aber auch Ihre Vergangenheit wiſſen! Ich habe nichts weiter zu ſagen, antwortete Farenberg, denn meine Vergangenheit iſt die Gegen⸗ wart, von der ich Ihnen erzählte! Das heißt auf eine recht deutſche Weiſe erzählen, rief Armand, nichts als Phantaſiegebilde und Er⸗ ſcheinungen, keine Thaten, nichts als Seufzer und Thränen und Geiſter, aber kein Leben! Doch es mag drum ſein! Jetzt alſo folgen Sie, Herr Mae⸗ deam! Laſſen Sie mich hoffen, daß Ihre Erzählung reichhaltiger ſein wird, und Ihre Unterhaltungen ſich nicht blos auf jenes Lied beſchränken, das Sie ſtets auf Ihrem Inſtrument, welches auch jetzt neben Ihnen liegt, ſpielen! Sprechen Sie! Der Irländer ſah auf ſein Inſtrument, und ſchwieg. Gewiß, ſagte Nordheim, Sie würden uns Allen eine Freude machen, wenn Sie zu irgend einer Mit⸗ theilung ſich veranlaßt fühlten. 2 Macdeam ſchüttelte leiſe das Haupt; dann ſagte er mit in Wehmuth zitternder weicher Stimme: ich verſtehe zu wenig von den andern Sprachen, um 359 mich recht verſtändlich zu machen, und vielleicht, wenn ich Ihre Sprache zu reden vermögte, würden Sie mich doch nicht verſtehen. Nur ein Irländer begreift den Irländer. Aber an Geiſtererſcheinungen glaube ich, und daß ich daran glaube, iſt mein einziger Troſt. Ja, wenn ich mein Lied ertönen laſſe, und die Klänge höher und höher anſchwellen, dann meine ich, Gei⸗ ſtergeflüſter um mich zu hören, das Wehen eines ge⸗ liebten Athems neben mir zu verſpüren, und den leiſen Druck eines Kuſſes auf meiner Wange zu em⸗ pfinden! O um die Wonne ſolchen Momentes gäbe ich gern alle übrigen Stunden des Tages hin, und die Ahnung ſolcher Nähe getrennter Geiſter iſt mein einziges Glück. Darum ſpiele ich mein Lied ſo oft, denn nur dann habe ich das Gefühl dieſer Geiſternähe. Armand lachte laut: alſo Sie citiren Geiſter mit Ihrem Waldhorn! rief er, und dem Herrn Deut⸗ ſchen kommen ſie uncitirt! Da wird einem ja ganz unheimlich bei ſo viel unſichtbaren Geiſtern. Mir nicht, ſagte Macdeam unſchuldig und ſanft wie ein Kind, mir wird ganz heimiſch und wohl dabei!— Dann einen faſt zärtlichen Blick auf das Waldhorn werfend, das neben ihm lag, ſetzte er es an ſeine Lippen, und ließ einzelne, abgebrochene Töne erklingen. Spielen Sie uns doch Ihr ſchönes Lied, bat 60 Nordheim. Macdeam aber hörte ihn nicht, ſondern fuhr fort einzelne, gleichſam rufende, und lockende Töne zu ſpielen. Seine Züge nahmen einen freudigen, faſt verklärten Ausdruck an, ſein Auge ſtrahlte, wie in Wonne des Schauens, ſeine Wangen rötheten ſich wie in Begeiſterung, und wie von ſelbſt einten ſich nach und nach jene einzelnen Töne, und geſtalteten ſich zu einer ſanften innigen Melodie. Schmelzend und ſehnend zogen die Töne dahin, und alle Sehn⸗ ſucht, aller Kummer, die Macdeam ſchweigend in ſeiner Bruſt getragen, und für die er keine Worte hatte, hauchte er aus in den Tönen ſeines Liedes, das An ſeiner rührenden, naiven und einfachen Weiſe wie die unſchuldige Thräne einer kindlichen Jungfrau war. Still wurde es unter den Hörern, wie gebannt lauſch⸗ ten ſie Alle dieſen ziehenden, ſchmelzenden Klängen, die, eine Welt von Empfindungen in ihnen erweckend, zugleich dieſe zur Ruhe und zum Frieden einſangen, als ſchönſtes Schlummerlied. O Weisheit der Men⸗ ſchen, dachte Nordheim, und Beredtſamkeit des Weiſen, wie dünkt Ihr Euch Beide ſo mächtig. Alles erfor⸗ ſchend, Alles erfaſſend, und mit Eurem mächtigen Wort Alles ebnend und ausgleichend! O es gibt Klippen, an denen Ihr zerſchellt, und Bannſprüche, die ſelbſt die Beredtſamkeit eines Weiſen nicht löst. Kommt hieher und ſeht! Seht, was mächtiger ſpricht, 61 als Weisheit und Beredtſamkeit. Der tolle Revolutiv⸗ när iſt ſtill geworden und ſinnig, das Auge des rache⸗ dürſtenden Neapolitaners leuchtet in milderm un friedlicherem Glanz, und— o ſchaut, jener belaſtete, von Schuld zerquälte Menſch, kämpft umſonſt gegen die Rührung, die ihn bewältigt und Thränen in ſeine trockenen Augen treibt. Seht, er verhüllt das Haupt in ſeiner Hand und weint. Das iſt der Zauber der Muſik! Sie Alle erliegen der mächtigen Gewalt wahrer Erfindung, die aus ihnen ſpricht in den Klän⸗ gen dieſes einfachen Liedes!— Und ich? fragte Nord⸗ heim ſich ſelber und legte ſeine Hand auf ſein Herz. Und ich bleibe ungerührt? Habe ich denn ſo lange mein Herz genährt an den Erfahrungen dieſer Welt, und mich geſättiget an dieſem Borne des Lebens, daß Empfindung und Phantaſie in mir ertödtet iſt? Wa⸗ rum bleibt mein Auge allein kalt, und mein Herz ruhig? O Leben, Weisheit, Welt, was biſt du denn werth, wenn du das Herz ſo erkalteſt und die Empfindung ertödteſt! Und er ſtand auf und ging hinaus. VI. In einem reich decorirten Gartenſalon, durch deſſen geöffnete Thüren die heiße Sommerluft, ver⸗ miſcht mit den Düften blühender Orangen, hereindrang, lag auf ſammtner Chaiſe longue eine Dame. Ihr ſchönes Angeſicht war überfluthet von Thränen, und dieſe ſtrömten hernieder auf den Brief, den ſie in ihrer Hand hielt, und in dem ſie eifrig zu leſen ſchien. Er hat Wort gehalten! flüſterte ſie mit klagender Stimme. Wie er die Ruhe meiner Seele auf ewig vernichtet hat, ſo wird er nun kommen, Kuir mein letztes Glück zu entreißen!— Schritte im Garten ſchreckten ſie empor; ſie ſteckte das Papier in ihren Buſen, und richtete ſich auf. Es iſt mein Gemahl, ſagte ſie leiſe, er darf mich nicht in Thränen finden.— Raſch trocknete ſie ihre Augen, und eilte zur Thüre, die hinabführte in den Garten, ihrem Gemahle entgegen. Ihre ſchwarzen Augen, vorher von Thränen verdunkelt, leuchteten jetzt in * 63 frendigem Glanze, und auf ihre ſo bleiche Wange trat ein leiſes Roth. Sie ſank dem hereintretenden Manne in die Arme, und rief, ihn feſt umſchlingend: biſt Du da, endlich da, mein Edward! War ich denn ſo lange fort? fragte er liebe⸗ voll, und ſtrich mit der Hand ihre blonden Locken von der ſchönen Stirn, einen Kuß darauf zu drücken. Drei Stunden, mein Geliebter! ſagte ſie in faſt vorwurfsvollem Ton. Drei ganze Stunden, o das iſt eine Ewigkeit für die Sehnſucht! Und haſt Du mich nicht immer, Du holde Träu⸗ merin, ſelbſt wenn ich fern von Dir bin? fragte der Gemahl. Weißt Du nicht, daß meine Gedanken im⸗ mer bei Dir ſind, und meine Sehnſucht Dich überall erreicht? Ich weiß es, ſagte ſie. Aber die Angſt, es könnte Dir Schlimmes widerfahren, martert mich, wenn Du fern von mir biſt! Und was ſollte mir widerfahren? ſagte er la⸗ chend. In unſerm, von hoher Mauer umgebenen Park möchte es ſchwer ſein, zu einem erheblichen Un⸗ glück zu gelangen. Es müßte denn ſein, Ellinor, daß die Hexe, die in der hohlen Eiche hauſet, eine Zuneigung zu mir faßte. Du kennſt doch die Eiche im Park, von der die Sage geht, daß eine Hexe drin hauſet, die, wenn ihr ein Mann gefällt, ihn zu 64 ſich ih, und zärtlich erwürgt? Sag, fürchteſt Du dieſe? Schilt mich, antwortete ſie, ſich zärtlich an ihn ſchmiegend, nenne mich ein thörichtes, albernes Kind, aber bedenke, mein Edward, daß es Liebe iſt, die mich ſo furchtſam macht. Siehſt Du, weil das Glück, Dich zu beſitzen, ſo unendlich iſt, ſo weit erhaben über Alles, was ich je verdienen kann, darum fürchte ich ſtets, ich könnte es verlieren. Es fehlt mir dieſe Sicherheit des Glücks, die ſich furchtlos dem Genuſſe hingibt, und nicht bangt vor der kommenden Stunde. Vielleicht aber auch, mein Edward, liebe ich Dich, weil mir dieſe fehlt, doppelt heiß, und mein Herz ſchlägt Dir täglich in neuer und heißer Liebe ent⸗ gegen, und täglich neu wirſt Du mein Geliebter, und danke ich Gott für Deinen Beſitz! Und ſo wie Du biſt, liebe ich Dich, ſagte er, und ich möchte Dein Bangen und Sehnen nach mir nicht miſſen! Sich der Sicherheit des Glückes hin⸗ geben, heißt, es ſchon theilweiſe verlieren, denn dieſe Sicherheit macht das Glück zur Gewohnheit, und die Gewohnheit tödtet die Liebe! Aber wie, fuhr er fort, und hob ihr Geſicht, das ſie an ſeinem Buſen ver⸗ borgen, empor, meine Ellinor weint? Laß mich, laß mich! rief ſie, ihn krampfhaft umſchlingend. O laß mich weinen, mir wird ſo leicht und frei unter Thränen. Er küßte ihre weinenden Augen. Nicht weinen, Ellinor! Es betrübt mich, daß ich Dich ſo oft in Thränen finde, ohne daß Du mir ſagſt, warum Du weinſt! Komm, mein geliebtes Weib, ſagte er, ſie ſanft nach dem Divan führend, und ſich neben ihr ſetzend, komm, ſage mir, was Dich quält, lege alle Deine Sorge, allen Deinen Kummer in meiner Bruſt nieder, und fürchte nicht, daß Dein Geliebter, Dein treuſter Freund Dich mißverſtehen könnte! Ihre Thränen floßen heftiger; dann ſagte ſie, das Geſicht an ſeinem Buſen verbergend: o Edward, muß ich nicht weinen? Es fehlt Dir etwas zu Deinem Glück und ich kann es Dir nicht geben! Kein Kind, das Dich Vater nennt! Edward ſchwieg einen Augenblick, und ein weh⸗ müthiger Zug überflog einen Moment ſein Geſicht, er verſchwand aber ſchnell, als er ſeinen Blick zu Ellinor herniederwandte, die ſchluchzend an ſeinem BVuſen lag. B Nicht darum weine, Ellinor, ſagte er weich. Du biſt mein Glück und meine Freude, und ich ent⸗ behre nichts außer Dir! Du biſt mein Weib, meine Geliebte, mein Kind! Dies Alles umſchling ich in Dir, und wünſche und will nichts anders. Aber weine L. Sn I. 5 66 nicht, bat er zärtlich, und trocknete mit ihrem Tuch ihre Augen. Komm, laß mich Deine Augen ſehen, dieſe räthſelhaften Augen des Südens, die immer im Kampf liegen mit dieſen blonden Locken des Nordens, Du ſchönes italiſches Kind Alt⸗Englands. So, lächle mir, Ellinor, und ſei heiter, damit ich die Erinnerung an Dein Lächeln mit mir nehme, und nicht mit Weh⸗ muth fern von Dir Deines kummervollen Blicks ge⸗ denke. Willſt Du ſchon wieder fort? fragte Ellinvr. Du weißt, ich muß nach London, antwortete ihr Gemahl. Geſchäfte, die ich nicht länger verſchieben kann, erheiſchen meine Gegenwart. Und wann kehrſt Du zurück? Morgen ſchon, antwortete er, und ich hoffe, baz meine Ellinor mir dann fröhlich und heiter entgegen tritt. Laß alle Sorgen, alle Thränen! Wollen wir uns doch unſeres Glückes freuen, und froh ſein im Gefühl unſrer Liebe! Ja, das wollen wir! rief Ellinor, und umſchlang den Gatten.„ Als aber ihr Gemahl ſie verlaſſen, und ſie nur noch in der Ferne das Rollen ſeines Wagens ver⸗ nahm, da ſank Ellinor nieder auf den Divan, und rief laut und ſchmerzvoll: Gott, mein Gott, wie kann man in ſeiner Bruſt ſo viel Glück und ſo viel Elend 67 bergen! Zerriſſen von Qualen, beſeligt von Liebe, möchte ich ſterben vor Leid und jauchzen in Lebens⸗ luſt! Muß ich nicht weinen, wenn ich zu jeder Stunde fürchten muß, ihn zu verlieren? Nein, fuhr ſie hefti⸗ ger fort, ich will ihn nicht verlieren, eher Alles dulden, Alles leiden, nur nicht ihn verlieren. Alles, was von Kraft, von Ueberlegung in mir iſt, will ich daran wagen, mein Schickſal zu bezwingen, und kalt und ruhig will ich dem Unvermeidlichen entgegen gehn.— Sie ſchwieg und barg das Haupt in den Kiſſen des Divans. Stille war es, nur zuweilen unterbrachen Elli⸗ nors Seufzer, oder einzelne, unzuſammenhängende Worte, die ſie in ſich hineinmurmelte, das Schweigen um ſie her. Noch immer lag ſie, das Haupt in den Kiſſen verbergend, als leiſe und geräuſchlos ein Mann ſich durch den Garten dem Hauſe näherte, und, ſich vorſichtig umſchauend, durch die Thür in den Salon trat. Es war Giuſeppo Daſſa, und als ſein wilder dunkler Blick, der forſchend im Gemach umherflog, die zuſammengeſunkene Geſtalt Ellinor's auf dem Divan gewahrte, flog ein wildes grauſames Lachen durch ſeine Züge, und die Arme in einander ſchlagend, blieb er ſtehen, ſeinen ſtechenden Blick un⸗ verwandt auf die Ruhende gerichtet. Zwiſchen den Lippen hervor murmelte er leiſe unverſtändliche Worte, 8 5* . 68 die wie das Ziſchen einer Schlange ertönten, und ſeine Geſtalt erbebte vor innerer Leidenſchaft. Noch ſtand er ſtill, als Ellinor ſich aufrichtete, mit einem tiefen Seufzer die Locken aus ihrer Stirn ſtrich, und wie zerſtreut im Zimmer umherblickte. Jetzt gewahrte ſie Giuſeppo, ſie zuckte zuſammen, und ein einziger, ſchrillender Angſtſchrei rang ſich aus ihrer Bruſt, alles Blut wich von ihren Wangen, und ihre Lippen beb⸗ ten. Sie fühlte, daß ſie keine Kraft beſaß, ſich zu erheben, keine Kraft zu ſprechen, und unbeweglich ſtarr blieb ſie an ihrer Stelle, in athemloſem Schweigen den Blick auf Giuſeppo gerichtet, der mit höhniſchem Lächeln, ſtumm wie ſie, an ſeiner Stelle blieb. Ein grauſiges Schweigen war um ſie her, ihre Blicke be⸗ gegneten ſich und hafteten feſt ineinander; innen Wuth, Zorn und Verzweiflung, waren ſie außen ſtill; gleich der Schlange, die mit ihrem Blick den Vogel bannt, daß er nicht weicht von ſeiner Stelle, und, ſein Ver⸗ derben wiſſend, ihm nicht mehr zu entrinnen vermag; ſo hatte er ſie mit ſeinen giftigen Augen umſponnen und die Schwungkraft ihrer Seele gelähmt. Ellinor dachte, empfand nichts; es war als wenn ein Krampf ihre Seele umfangen und alles Leben, alles Empfin⸗ den in ihre Augen getrieben hätte. So ſchaute einſt Dido, als das abwärts fluthende Schiff ihr den treu⸗ loſen Geliebten entzog, ſie ſchaute und ſchaute, denn 69 ſie wußte, daß ſie mit dieſem Blick und dieſem letzten Schauen Abſchied nahm von ihrer Jugend, von ihrem Glück, von Freude und Luſt; ſie ſah nicht die Wo⸗ gen, die ihn abwärts trieben, nicht wie in der Ferne er verſchwand, ſie fühlte nichts, ſie wußte nichts, ſie ſtand und ſchalte eine neue Welt, eine Welt, in der Alles Trümmer und Aſche, Verderben und Tod, ſie fühlte ein neues Leben in ſich erwachen, aber es war das Leben des Sterbens aller Luſt. Haſt Du meinen Brief bekommen? fragte end⸗ lich Giuſeppo. Ellinor zuckte zuſammen bei dem Ton ſeiner Stimme, die ihr war, wie das heiſere Krächzen des Todesvogels, und ſie antwortete kaum hörbar: Ja! Giuſeppo trat näher und ſeine Augen blitzten, als er ſagte: und ſo empfängt Ellinor ihren Gelieb⸗ ten, den ſie in fünfzehn Jahren nicht ſah, und dem ſie ewige Treue geſchworen? Komm, Liebchen, um⸗ arme mich. Er legte den Arm um ihren Nacken; bei ſeiner Berührung fuhr ſie empor, und ihn ſtolz von ſich wehrend ſagte ſie befehlend: wage es nicht, mich zu berühren! Wir haben keine Gemeinſchaft mit einander! Nicht?! ſagte Giuſeppo höhniſch. Hätteſt Du ſo geſprochen vor ſechszehn Jahren, ſo wäre es Dir 70 beſſer geweſen! Damals aber ſchwurſt Du ewige Liebe! Erinnere mich nicht daran, ſagte ſie kalt und ſtolz, rufe mir nicht Dinge zurück, vor denen ich noch jetzt in Schmach erröthe. Es war ein Irrthum mei⸗ ner unerfahrnen Jugend, und ich mein ich habe ihn abgebüßt. Ich wiederhole es Dir, wir haben keine Gemeinſchaft mit einander! Schmach über die Tage, die geweſen, und in denen ich Dich zu lieben glaubte. Was willſt Du weiter? Geh! Giuſeppo biß ſich im Zorn die Lippe, daß das Blut hervorſpritzte; er hob die geballte Fauſt empor, ſeine Augen ſprühten in Zorn und Leidenſchaft, und er murmelte einen wilden Fluch zwiſchen ſeinen Lip⸗ pen. Es war aber nur ein Moment; dann zwang er ſein Geſicht, ruhig zu ſein, ſenkte den erhobenen Arm, und Ellinor mit kaltem Blick anſehend, ſagte er ruhig: gut, ich wollte Dich ſchonen. Du willſt keine Schonung! So werde ich denn zu Lord Dyn⸗ hurſt, Deinen Gemahl gehen, ihn zu fragen, ob Du Schonung verdienſt? Er wird das am beſten aus Deinen Briefen, die ich mit mir trage, ermeſſen können. Langſam wandte er ſich um, und ſchritt zur Thür. Ellinor folgte mit anſcheinender Ruhe jeder ſeiner Bewegungen, und erſt, als er ſchon die Stufen zum Garten hinab ſchritt, ſagte ſie ruhig: bleib! 71 Giuſeppo wandte ſich um und ſagte höhniſch: wirklich? Du fürchteſt alſo doch noch Deine Brief⸗ geheimniſſe? Ich fürchte nichts! ſagte die Lady ruhig. Komme, was kommen mag! Lieber iſt mir die Entſcheidung, ſei ſie auch zerſtörend, als die Qual und Furcht vor der Zerſtörung. Giuſeppo nickte wohlgefällig mit dem Kopf und trat näher. Du haſt alſo Qual empfunden? ſagte er; mein Plan iſt alſo gelungen, und Du haſt ge⸗ büßt für Deinen Treubruch. Haſt Du nun eingeſehen, was es heißt, wenn Giuſeppo zürnt?— Nicht wahr, es iſt beſſer, ſich ihm zu verſöhnen, und ihm, wenn auch nicht die Treue zu halten, ihn doch zu lieben mit neuer Liebe? Nimmermehr, rief Ellinor zürnend, niemals die Deine! So laß mich gehen, antwortete Giuſeppo tückiſch. Deinen kinderloſen Gemahl wird es überraſchen, wenn er aus Deinen Briefen erfährt, daß wir uns eines Kindes freuen! Schon wollte er abermals das Zimmer ver⸗ laſſen, als Ellinor plötzlich auf ihn zueilte, ſeine Hand ergriff, und, ihn mit einem flehenden Blick anſehend, faſt tonlos ſagte: Du ſprachſt von mei⸗ nem Kinde. Wo iſt es? Bei Allem, was Dir 72 heilig iſt, beſchwöre ich Dich, ſage mir, wo iſt mein Kind? Nein, fuhr ſie bittend fort, ſieh mich nicht ſo ſpottend an, o Ginſeppo, nicht dieſen kalten Blick! Sieh, es iſt eine Mutter, die vor Dir fleht, eine Mutter, die in troſtloſem Jammer Jahre lang nach ihrem Kinde geſeufzt. Giuſeppo tödte mich, ver⸗ nichte mich, aber erſt laß mich mein Kind umarmen. Und willſt Du, wenn ich Dir Nachricht bringe von Deiner Tochter, Dich nicht weigern, mich bei Dir zu ſehen, mich Deinem Gemahl vorzuſtellen, mich wie einen Gaſt in Deinem Hauſe zu empfangen? Alles, Alles! rief ſie, bringe mir nur Nachricht von meinem Kinde? Wohlan, ſagte er, ſie mit grauſamen brennenden Blicken betrachtend, komme und beſiegle dieſes Wort mit einem Kuß! Sie ſchreckte zuſammen! Denk' an Deine Tochter! ſagte er kalt. Ja, mein Kind! rief ſie, beide Arme ausbreitend, komm, umarme mich, Vater meines Kindes! Als er ſie aber umfing, und ſeine Lippen auf die ihren preßte, zuckte ſie ſchaudernd zuſammen, und ein Ausruf des Entſetzens rang ſich aus ihrer Bruſt. Giuſeppo ſtieß ſie wild von ſich, und ſagte in⸗ grimmig: geh, Deine Lippen ſind kalt, und Deine 73 Küſſe wie der Schnee Eures Nordens! Morgen ſiehſt Du mich wieder! Bis dahin Addio! Er nickte leicht mit dem Kopf, und ſtieg lachend die Stufen hinab in den Garten. Ellinor ſchaute ihm nach, athemlos, ſchweigend, bis er am Ende der langen Taxusallee verſchwunden war; dann ſank ſie in lautem Jammer nieder, und ihre Thränen überſtrömten ihr Geſicht! VII. Ich will doch hingehen, mich nach dem Mädchen zu erkundigen, ſagte Giuſeppo Daſſa, als er Ellinor verlaſſen hatte, und, obwohl es nicht meine Abſicht iſt, ſie Ellinor zuzuführen, ſo möchte ich doch ſelber wiſſen, was aus der Dirne geworden, und ob ſie geeignet iſt, zur gehörigen Zeit eine Rolle nach mei⸗ nem Willen zu übernehmen.— So ſprechend wandte er ſich ab von dem beleb⸗ teren Theile der Stadt und durch ein Labyrinth von Straßen und Irrgängen gelangte er in eine jener Vorſtädte Londons, die mit ihren engen ſchmutzigen Gaſſen, entfernt von dem Treiben der Stadt und Welt, der Schlupfwinkel ſind für Diebe und Bettler. Vor⸗ ſichtig ſich mitten auf der Straße haltend, um um⸗ ſchauen zu können, ging er die Straße hinab, und am Ende derſelben vor einer der Hütten ſtehen blei⸗ bend, ſchlug er dreimal gegen die Thür, und ſodann den Finger an den Mund legend, ließ er ein leiſes Pfeifen ertönen. Sogleich öffnete ſich die obere Hälfte 75 der Thür, und ein Mann mit rothem ſtruppigem Haar, wilden, faſt thieriſchen Zügen ſchaute heraus. Die glimmende kurze Pfeife, die ihm im Munde hing, einen Augenblick herausnehmend, grunzte er; ein altes Zeichen, Freund! Lange verbraucht! Haben längſt ein neues! Siiſt ſchon ſechs Jahre aus der Mode! Die Fangeiſen haben Witterung davon gehabt und es nachgeäfft, wurden ſechs aufgeknüpft. Hab' aber doch aufgemacht, weil Ihr's alte Zeichen gut gemacht habt.—— Die Parole, mein allerliebſter Junge? Teufelsliſe! antwortete Giuſeppo. Der Kerl warf den Kopf zurück, und verzog ſeinen breiten Mund zu einem kurzen Gelächter, das dem Grunzen eines Schweins vergleichbar war: iſt nichts, mein Junge! ſagte er dann. Längſt aus der Mode! Die Teufelsliſe iſt längſt zum Teufel ge⸗ fahren! Seid wohl lange auf'm Feſtlande geweſen, ihr Maulwurf, daß Ihr mit ſo alten Scharteken hier heran ſcharwenzelt? Nu, nu! laßt nur immer die 6 Hand von Eurem kleinen Zahnſtocher da, fuhr er fort, als Giuſeppo den Dolch aus ſeiner Bruſt her⸗ vorzog, laßt doch die Spielerei, Ihr ſeht mir aus wie'n guter Freund, und ich möchte Euch gerne die⸗ nen, aber mit der Teufelsliſe iſt's vorbei. Sie iſt alſo todt? fragte Giuſeppo. Seit ſechs Jahren in der Hölle! grinste der Kerl. 76 Und wißt Ihr nichts von dem kleinen Mädchen, das ſie bei ſich hatte? Ihr meint das kleine Balg, wo ſie ſechs Jahre darauf gebettelt hat? Weiß nichts davon, wo's jetzt herumpfeifen mag.— Sie hat guten Verdienſt ge⸗ habt an dem guarrigen Wurm, geprügelt bis es blutete, damit die feinen Damen gerührt wurden, und ihr ein paar verdammte Pence dafür gaben. Und Ihr könnt mir keine Nachricht geben, was aus ihr geworden iſt, ob ſie noch lebt? Nichts, weiß nichts! war die lakoniſche Antwort. Auch nicht wenn ich Euch zehn Pfund Webe falls Ihr mir Nachricht bringt? Halt! das ände as Ding! ſagte der andre. idnen Füchſen jagen wollt, nun, ſo will ich wohl mal Euer Jagdhund ſein! Sie verabredeten nun das Nähere; Giuſeppo ſollte in acht Tagen wieder kommen, und wieder an⸗ fragen, und der Mann wollte ſich in dieſer Zeit be⸗ mühen,„die quarrige Fahne,“ wie er ſagte, aus⸗ zuſpüren. Und hört, beſchloß er ſeine Rede, vergeßt nur nicht, die Golbfüchſe vor Euch herzutreiben, ſonſt fangt Ihr nichts bei mir ein! Giuſeppo verſprach das Geld zu bringen, und kehrte zurück in's Lodging⸗Haus. Im Room traf er Armand allein, der ihm mit freundlichem Gruß ent⸗ 77 gegentrat, und ihm die Hand reichend ſagte: Ihr Anblick erquickt mich wahrhaft, mein Herr Giuſeppo Daſſa! Ich verſichere Sie, ich habe den Tag über ein wahres Verlangen nach Ihnen getragen, und war ſchon feſt entſchloſſen, das Haus hier für immer zu verlaſſen, wenn ich Sie heute wieder nicht ſehen würde. Mort de ma vie! Iſt das ein Leben hier! Schleichen nicht die andern wie Nachteulen, die das Tageslicht ſcheuen, umher? Der Offizier, an dem übrigens nichts Soldat iſt, als ſein Schnurrbart, und der Irländer ſehen am hellen Tage Geſpenſter, und ſcheinen darüber ganz ſprachlos geworden, und der Deutſche, Herr Nordheim, iſt nun erſt gar unleidlich. Er hat, wie man zu ſagen pflegt, die Weisheit mit Löffeln ge⸗ geſſen, und iſt davon ſo überſatt geworden, daß er, wo er geht und ſteht, ſie wieder von ſich geben muß. Giuſeppo lachte und wollte etwas erwidern, als Armand ihn plötzlich umarmte, und rief: Dieu soit benit! Jetzt gefallen Sie mir ganz und gar! Ich ſehe, Sie können auch lachen! Die größte Bewun⸗ derung habe ich immer für Sie gefühlt, aber wenn ich Ihre dunklen Angen, die wie der Cerberus leuch⸗ ten, anſah, meinte ich immer, Sie könnten Alles nur nicht fröhlich ſein. Nun, da ich aber ſehe, daß Sie auch lachen können, biete ich Ihnen meine Freund⸗ ſchaft aus vollem Herzen an! 78 Und ich nehme ſie an, ſagte Ginſeppo unge⸗ wöhnlich freundlich. Beide reichten ſich die Sände, und dann neben einander Platz nehmend, riefen ſie die Wirthin, und trugen ihr auf, eine Bowle Punſch zu bereiten! Wir wollen Leben in Ihr Trappiſtenkloſter brin⸗ gen, gute Frau, ſagte Armand fröhlich, und Sie ſollen Gott danken, daß wir Ihre Todtenkammer ein bis⸗ chen durchjubeln. Nur nicht allzulaut, meine werthen Herrn! bat die freundliche Frau. Der Friedensrichter in unſerm Viertel merkt gewaltig auf, und dann,— hören Sie wohl, der gute Macdeam bläst ſchon wieder ſein Liedchen,— es wäre doch grauſam, ihn zu ſtören! Armand hob das dampfende Glas und rief, mit Giuſeppo anſtoßend: auf das Gelingen Ihrer Rache, Freund! Und auf das Wohl Ihrer Schießübungen! re Giuſeppo, Armand bedeutungsvoll anſehend. Armand nickte ihm zu, und leerte ſein Glas. dieſe auch in derſelben Sache thätig bewährt! Sie tämpften in Boulogne für die Napoleoniden, und ich in Straßburg. Dann ſagte er: ich glaube faſt, das Schickſal hat uns für einander beſtimmt, denn nicht allein hat es uns dieſelben Sympathieen gegeben, ſondern wir haben 2 Und, fuhr er leiſer fort, warum ſind — wir jetzt hier in London? Halten Sie mich nicht für ſo thöricht, daß ich Ihrem niedlichen Geſchichtchen da vertrauen und glauben könnte, Sie ſeien um jener Liebesgeſchichte von Italien hierher gekommen! Sie ſind ein ganzer Mann, und ich denke, es iſt nicht Männerſache, an ſolche Kleinigkeiten ſeine Tage zu vergeuden. Sie meinen, antwortete Giuſeppo, ich habe viel⸗ leicht an die Geſchichte in Bologna und Straßburg gedacht, als ich hierher kam? Armand nickte lebhaft mit dem Kopf, und rief: gerathen, mein Herr Daſſa! Gelt, Sie ſind einer der unſern? Was ich nicht bin, kann ich werden! antwortete Giuſeppo lakoniſch. Gut, Gut! ſagte Armand wohlgefällig, ich habe alſo recht geſehen! Begleiten ſie mich denn heute Abend zur Sängerin Gordon, es iſt heute Verſammlung bei ihr. Möglich, daß Sie dort auch den Prinzen treffen. Sind Sie ſtark hier? fragte Giuſeppo. Hinlänglich! Heute Abend das Weitere! Jetzt, mein Bundesbruder, laſſen Sie uns trinken, auf das Wohl unſerer Sache und der Napolevniden! Vive l'empereur! rief Giuſeppo, und Armand rief es jubelnd nach. VIII. Und warum wollen Sie nicht die Meine werden? fragte Lord Douglas, und blieb vor Aurelia von Stop⸗ ford, die auf der Chaiſe longue lag, ſtehen, ſie mit feſten durchdringenden Blicken anſtarrend. Eine kindiſche Frage, mein Lord, ſagte die Dame lachend, weil ich überhaupt keines Mannes Sclavin ſein will, weil ich meine Freiheit liebe und ſie nicht aufgeben will für Ketten, deren Schwere man nie⸗ mals abwiegen kann, bevor man daran gefeſſelt iſt. Keine Ketten, rief Lord Donglas heftig, keine Ketten will ich Ihnen anheften; ich will Ihr Selave, Ihr erſter Diener ſein! Die Dame war aufgeſtanden, und ging einige Male ſchweigend auf und ab, dann trat ſie zum Flü⸗ gel, und einige Töne mechaniſch anſchlagend, ſagte ſie: Sie ſind ein Thor mit dem, was Sie da ſagen! Ein Mann kann ſich niemals dem Weibe unterordnen, und wenn er es thut, ſo wird das Weib ihn ver⸗ achten! —,——————½ 5 * — 81 Nun begann ſie einen rauſchenden Walzer zu ſpielen, und Lord Douglas ſagte heftig: nein, Aurelia, Sie plagen mich mit Grauſamkeit. Wozu nun dieſe tückiſche luſtige Weiſe in dieſem Augenblick, warum mich höhnen mit Tönen? Aurelia hielt inne, faßte ſeine Hand und ſagte in faſt mütterlichem Ton: Kind, Kind, wollen Sie mich denn niemals verſtehen? Sie wiſſen es wohl, daß ich Sie nicht verhöhnen will, eben ſo gut wie Sie wiſſen, daß ich niemals die Ihre ſein kann! Warum nicht? warum kann es nicht ſein? Bedenken Sie, ſagte Aurelia ernſt, welche Kluft ſchon, abgeſehen davon, daß ich gar nicht heirathen will, in dem Unterſchied der Jahre zwiſchen uns liegt! Sie ſind vierundzwanzig, ich vierunddreißig Jahre. Was kümmert mich der Unterſchied dieſer Jahre, rief der junge Lord heftig, wenn Ihr Antlitz das eines Mädchens, und Ihr Herz und ihre Geſinnung ſo blühend und jung iſt? Das verſtehen Sie nicht, ſagte Aurelia kurz, und der Himmel verhüte, daß ich Sie durch Erfah⸗ rung zu dieſem Verſtändniß brächte! Stolze, theure Aurelia! Laſſen Sie ſich erweichen, bat der Lord. Sie haben mir ſo oft geſagt, daß Sie mich liebten, wie eine Schweſter, daß mein Glück Ihr heißeſter Wunſch ſei; wollen Sie nun, da es L. Mühlbach. I. 6 82 darauf ankommt, Ihre Worte zu bethätigen, mein Lebensglück auf immer zerſtören? Willigen Sie ein, werden Sie die Meine, verſuchen Sie, an meiner Seite zu leben, ich gebe Ihnen mein Wort als Mann von Ehre, kann es in einem Jahre meinem heißeſten Beſtreben nach Ihrem Willen zu thun, kann es mei⸗ ner Liebe nicht gelingen, Sie glücklich zu machen, ſo will ich alsdann ruhig in eine Trennung von Ihnen mich fügen, und ohne Murren mich darein ergeben. Geſprochen, wie ein Mann, ſagte Aurelia faſt ſpöttiſch, wie ein rechter Mann, dem nichts heilig iſt, außer ſein Wille, und nichts theuer als die Befrie⸗ digung ſeines Wunſches. Und wie nun, mein Lord, wenn ich in Zeit dieſes Jahres Sie wirklich lieben lernte, und dann Ihr Erkalten, das unvermeidlich iſt, mir die traurige Pflicht auferlegte, Sie wieder frei zu geben, und zurückzukehren in die Einſamkeit meiner Vergangenheit? Nie, nie, unterbrach ſie der Lord, meine Liebe iſt treu, iſt ewig! Ewig? Sie wiſſen nicht, was Sie da ſagen! rief Aurelia. Ich glaube an keine Ewigkeit der Liebe und Geſinnung, das heißt, nicht bei Euch Männern! Wir armen Weiber freilich hegen noch zuweilen in der ſtolzen Demuth unſeres Herzens den Wahn, als 83 ſeien unſere Gefühle für die Ewigkeit, wir lernen aber mit Thränen, daß es nicht ſo iſt! Und warum ſollte es auch ſein? fragte Aurelia in heitrem Ton, warum ſollten wir uns gleich bleiben, während Alles um uns her ändert und wechſelt? Während Ein Sonnenſtrahl oft die bethaute Roſe in eine üppig Blühende verwandelt, und Ein Feuerbrand den ſtolzen Pallaſt verwüſtet, und Ein Stocken des Herzens die rothe Wange zum Tode bleicht?— O, ſagte ſie, und ein tiefer Schmerzenszug trat in ihr Geſicht, v wenn Sie wüßten, wie oft ich das, was ich Ihnen da eben ſage, ohne daran zu glauben, wie oft ich es mir wiederholt und von meinem Herzen gefordert habe, dieſe Lehre zu begreifen, wie oft ich in Stun⸗ den der Qual mich daran getröſtet, daß mit der Stunde auch vielleicht die Qual verfliege! Ach, Stunde nach Stunde, Jahr nach Jahr iſt vergangen, und der Schmerz iſt geblieben und die Qual. Mein Herz gleicht einem Kirchhof, auf dem Jugend, Liebe, Glaube und unſchuld eingeſargt ſind, es iſt aber kein Friedhof, denn Ruhe und Friede iſt mir fern. Lord Douglas faßte mitleidig ihre Hand und ſagte weich: arme Aurelia, ſo Vieles haben Sie ge⸗ litten! Laſſen Sie mich verſuchen, das Unglück frühe⸗ rer Tage Ihnen zu vergelten durch Glück und Freude. Aurelia wies ſeine Hand faſt unwillig zurück. Können Sie Todtes erwecken zum Leben? fragte ſie. Und wenn Sie jenem Zauberer glichen, der es ver⸗ ſtand, die Gräber zu öffnen und die Leichen zu er⸗ wecken zum Tanze,— es würde doch nur das Tanzen von Gerippen im Leichenhemd ſein, und mir ſelber würde grauen vor ſolcher Freudigkeit! Aber warum, fuhr ſie, ſich plötzlich zur Heiterkeit zwingend, fort, warum erzählen wir uns Geiſtergeſchichten, die in eine Kinderſtube gehören und nicht paſſen zu ver⸗ nünftigen Leuten, wie wir es doch ſind? Laſſen wir doch den Ammen ihre ſchaurigen Geſpenſtergeſchichten, Kinder damit zu Bett zu treiben, wir werden ſchon ohnedies ſchlafen, und zwar recht feſt, denn die Luſt und der Jubel des Lebens hetzt uns matt und macht ſchläfrig. Im Ernſt, mein Lord, es iſt etwas Luſtiges um das Leben, etwas erſtaunt Fröhliches, und ich denke, wir wollen das noch oft zuſammen erkennen. Meinen Sie nicht? Lord Douglas ſah in ihr ſchönes Geſicht, durch das der Gram ſeine Furchen gezogen, und ihre fröh⸗ lichen Worte erſchütterten ihn darum doppelt, auch fand er nicht die Kraft, ihr eben ſo heiter zu ant⸗ worten, und reichte ihr ſtumm die Hand. Sie zürnen mir alſo nicht? fragte Aurelia herz⸗ lich; wir wollen alſo Freunde ſein wie bisher? Und Sie bleiben mein Bruder? 85 Der Lord nickte mit dem Kopfe und wollte etwas erwidern, als der Diener eintrat und Nordheim meldete. Ach, ſagte Aurelia freudig, da werden Sie mei⸗ nen Lebensretter kennen lernen, und ich hoffe, mein Freund, Sie haben mich lieb genug, um meinem Retter gegenüber ein bischen dankbar zu ſein, und Ihre gewohnte Schroffheit Fremden gegenüber bei Seite zu ſetzen. Nordheim trat ein, Aurelia begrüßte ihn lebhaft und ſtellte ihm Lord Douglas vor, der ſich zwar an⸗ ſcheinend bemühte, freundlich und zuvorkommend zu ſein, aber bald, unter einem leichten Vorwand ſich entfernte. Aurelia ſah ihm lächelnd nach und ſagte: ſelt⸗ ſam, ſo viel Schroffheit und Kälte bei ſo viel innerer Weichheit und Gluth. Erklären Sie mir das, Herr Nordheim! Es iſt ein Engländer, ſagte dieſer lakvniſch. Aurelia lachte, und gab ihm Recht. IX. Nordheim ward bald ein täglicher Gaſt bei Au⸗ relia, ſie gab ſich rückhaltlos dem Zauber ſeiner Nähe hin, und es ſchien ihr, daß ſie nur die Stunden, in denen er bei ihr war, wirklich lebe, Alles Uebrige war für ſie werthlos und todt.„Sproſſen denn Blu⸗ men auf den Gräbern meines Herzens, ſagte ſie ſich, nun ſo will ich ſie pflegen mit aller meiner Lebens⸗ traft.“ Bald aber hielt ſie ihr Herz nicht mehr für einen Kirchhof, ſie nahm ihn für einen Garten, der erſtarrt lag unter winterlicher Kälte, und über den nun, neubelebend die helle Frühlingsſonne aufſtrahlte, und alles Erſtarrte zu neuem Keim und Daſein weckte. Ja, es war Frühling, heller, ſchaffender Frühling in ihr geworden. Ihr Herz ſchlug wieder urkräftig und jung, ſie empfand wieder das Wehen reiner kräftigen⸗ der Luft, die ſie warm fächelte in ihrem Innern, ſie empfand wieder Lebenskraft, und Lebensdrang, und fröhlich, wie erwachte Schmetterlinge, flogen ihre Ge⸗ danken auf Blumen, die ſie in der Zukunft ſprießen 87 ſah. Sie war wieder jung geworden und fröhlich, heiter und vertrauensvoll, wie ein Kind, und wenn ſie in Nordheims ſchöne düſtere und kalte Augen ſah, ſo meinte ſie in dieſen, wunderbare Räthſel eines neuen Lebens, das jung in ihr erwachte, und doch wieder ſo alt war wie ſie ſelber, zu finden. Kann es denn ſein, fragte ſie ſich ſelbſt, daß dieſer kalte Blick, dies ſtrenge Auge mir eine Frühlingsſonne ward? Kann es denn ſein, daß mein Gefühl aufthaute unter dem Eis ſeines Herzens? Und dann ſagte ſie jauchzend und beglückt: Ja, es iſt ſo. Er iſt meine Sonne. Er hat mir, der Geſtorbenen, neues Leben eingeathmet. Nun, ſo will ich freudig leben in ſeinem Leben! Sein und denken in ihm!— Hatte ſie früher oft ihrem Schickſal gezürnt, daß es ſie zu einem Weibe gemacht, dem alles Handeln, alles thatkräftige Wirken verſagt, ſo rief ſie jetzt in jungfräulichem Beben: Heil mir, ich bin ein Weib! Ich kann ihn lieben, wie kein Mann ihn lieben kann! Ich kann ihm mich ergeben, wie kein Mann es durch ihn leiden, wie kein Mann leiden kann! Und ſein Geſchöpf kann ich mich nennen, ich, ein Weib!— Oft in dem Uebermaß ihres Entzückens meinte ſie vor ihm nieder⸗ ſinken, ſeine Kniee umſchlingen und rufen zu müſſen: „ich bin Dein!“ Und nur weil ſie fürchtete ihm zu mißfallen, ihm, der ruhig und beſonnen ihr gegenüber 88 ſtand und der ihr oft geſagt:„Die Weisheit des Lebens beſteht in Ruhe und Selbſtbeherrſchung,“ nur darum beſänftigte ſie ihr heißes Herz. Jahre lang hatte ſie nicht geſungen, nun aber ſang ſie, und die Töne, die aus ihrer Bruſt hervorklangen, waren wie das Jubellied einer Lerche, die ſich gen Himmel ſchwingt. Oft drängte es ſie, Worte zu finden für ihre Gluth, Worte, die ihr Empfinden ausſtrahlen, ihre Liebe ſchildern ſollten. Dann kam ihr die Sprache ſo arm vor, und ſie ſagte faſt traurig: wie kann ich ausſprechen was nur gedacht werden kann, wie will ich ſchildern, was nimmer erſchaut, nur empfunden wird? und lächelnd in Luſt, ihre Stimme bebend vor Bewegung, ſang ſie: Würden meine Seufzer Worte, O dann thäten ſie es kund, Was am tief verſchwiegenen Orte Ruht auf meines Herzens Grund. Tiefem Meere iſt vergleichbar, Dieſes rmerfüllt, Auf dem G unerreichbar Ruht die Perle, tief verhüllt! Kannſt aus tiefem Meeresgrunde Perlen ziehen an das Licht; Doch auf deines Herzens Grunde, Ruht die Liebe, bis es bricht. Aurelia war ein Weib, ein natürvolles, wahres 89 Weib, und als ſie ſich geſtand, daß ſie Nordheim liebe, da empfand ſie auch, daß ſie geliebt ſein wolle, daß ihr die Einſeitigkeit des Gefühls nicht genüge, daß ihre Liebe blühen und wachſen und gedeihen müſſe unter dem Sonnenſcheine ſeiner Gegenliebe.— Viel⸗ leicht, dachte ſie, iſt es ein erhabeneres Gefühl und eine größere Gottähnlichkeit zu lieben nur um der Liebe willen, und nichts weiter zu begehren als dies. Ich aber vermag es nicht! Wenn es mich drängt mit meiner ganzen Seele zu ihm, mit allen meinen Sinnen ch zu umſchlingen, und wenn ich meine, unter ſeinem Blick zu vergehen, und zu ſterben, ſo weiß ich, es iſt nicht genug an dieſem Gefühl— ich will geliebt ſein! Und nun prüfte ſie mit ängſt⸗ lichem Zagen jeden ſeiner Blicke, jedes ſeiner Worte; gleich den Schriftforſchern und Zeichendeutern ſuchte ſie in dem großen vor ihr aufgeſchlagenen Buche der Liebe zu leſen. Es waren aber viele Hieroglyphen darin, die ſie nicht verſtand, denn das menſchliche Herz und die Liebe gleicht Keil⸗ ſchrift, deren Zeichen wir„und nicht zu deuten vermögen. Aurelia aber meinte, gleich andern For⸗ ſchern, ſie richtig zu deuten in ihrem Sinne und ſeufzte nur ſchwer: ach, er verſteht mich nicht!— Nordheirn aber verſtand ſie wohl! Er hatte lange in ihrem Herzen geleſen, lange bevor ſie ſelber die 90 Schrift, die darin eingeäzt war, entziffert hatte. Er hatte jedes Zucken dieſes Herzens, jedes Beben ihres Gefühls beachtet und verſtanden, und wohl durchdacht hatte er den immer höher ſchwellenden Fluthen ihres Gefühls den Damm der Beſonnenheit und Ueberle⸗ gung entgegen geſetzt. Nordheim war getränkt aus dem bittern Kelche der Erfahrung, und er durſtete nicht nach neuen Schmerzen. Er meinte längſt abgeſchloſſen zu haben mit dem tiefern Inhalt des Lebens, und von der Oberfläche deſſelben wollte er jetzt nur ſchöpfen, was es ihm darböte an Minutenglück und Freude der Stunde. Und doch glaubte er nicht an die Freude, und verachtete die Luſt. Er hatte überhaupt keinen Glauben mehr, und das Vertrauen war ihm wie ein Mährchen aus ſeiner Kindheit. Zu viel hatte er gelitten von den Schwächen der Menſchheit, als daß er ihnen noch vertrauen konnte, zu viel von ſeiner eigenen Natur, als daß er noch glauben konnte an einen gütigen Gott.— Er glaubte nur an ſich ſelber, und die Grund⸗ und Wurzel⸗ ſprache des Daſeins, e die Erfahrung iſt, erlernt habe, ſei nun auch jede Sprache der, Empfindung ihm verſtändlich, und darum nicht begehrenswerth.— Vor dem roſigen Angeſicht und dem lächelnden Jungfrauen⸗ blick, vor der Schönheit und Unſchuld hätte er ich nimmer gebengt, denn dies Alles ſchien ihm inhaltsleer, 91 kalt und todt, die Furchen, die der Schmerz in ein menſchliches Geſicht, und durch die Schönheitslinien, dieſe zerſtörend, gezogen, dünkten ihm ein Schmuck, und er liebte Aurelien um ihres oft ſo kummervollen Blickes, um der Trauer, die er in ihren Zügen las, um ihrer Schmerzen und Erfahrungen willen, die in ſeinen Augen ſich ihr wie eine Glorie um das Haupt wanden.— Und, nun fand er es ſchön, das ſich zu träumen, an welches er nicht glaubte, und mit grau⸗ ſamer Luſt ſich einzuſpinnen in Gefühle, die in jeder Stunde, meinte er, zerreißen können, wie ein Spinn⸗ gewebe, ſchön, alle Stadien erwachender Empfindung mit ihr zu durchwandeln, und er ſagte zu ſich ſelber: nicht auf einmal will ich dieſe Frucht pflücken, die mit dem Genuß verſchwinden würde. Ich will ſie pflegen wie ein Gärtner, damit ſie nur allmählig mir reife, und ich mich ſo länger ihres Daſeins freuen kann; denn die Blume, die ganz erſchloſſen iſt, welkt mit der kommenden Stunde, ich glaube nicht mehr an ein ewiges Blühen, aber wohl an neue Keime, und neue Knospen, und ich will mich wieder jung träumen, ich will alle meine zerſtörten Wünſche und meine zerknickten Lebensblüthen auf einige Stunden vergeſſen! Vergeſſen die zertretene entwürdigte Menſch⸗ heit, und das rein Menſchliche in mir walten laſſen. Nordheim ſaß neben Aurelien auf dem Divan im ſtillen, traulichen Boudoir, und Aurelie erwiderte auf eine ſeiner Aeußerungen faſt heftig: nein! nein! In Allem bin ich Ihre willige Schülerin und glaube Ihrem Wort! Nur Ihre Verachtung der Welt und der Menſchheit kann ich nicht theilen! Ich meine ſelbſt, mein Freund, es ſei Ihnen nicht ſo gar Ernſt mit dieſer Verachtung, und wie könnte es auch! Die Welt iſt zu ſchön dazu, und Sie ſelber zu gut. Sie nennen die Welt ſchön, antwortete Nord⸗ heim, weil die Schönheit Ihres eigenen Gemüths ſich Ihnen darin wieder ſpiegelt. Die Welt iſt immer nur das, was ſie Jedem bedeutet, und ihr Werth oder Unwerth ruht in uns, nicht in ihr. Ich meines theils halte dieſe Welt für eine coquette, reizende Schöne, mit der zu liebeln es ſich ſchon der Mühe lohnt, und wenn ſie auch zuweilen grollt und ſchmollt, ganz wie die Schönen es thun, ſo lächelt ſie ihren Bewunderern auch wieder gar verführeriſch und lockend, 93 und läßt ſie in gewaltiger Liebesgluth an ihrem Buſen ruhn; freilich nur, um ſie dann nachher wie⸗ der hohnlachend zurückzuſchleudern und in neue Qual zu jagen. Aber das Glück einer Minute iſt nicht zu theuer mit jahrelangem Elend erkauft, und dem locken⸗ den Lächeln einer Schönheit zu widerſtehen iſt nicht des Mannes Sache, wüßte er auch, daß es ihn ver⸗ nichten kann. Aurelia ſah ihn faſt ſchmerzlich an, als ſie ſagte: Und warum wollen Sie auch mich täuſchen, mein Freund? Bin ich Ihnen denn nicht ſo viel werth, daß Sie mir gegenüber wahr ſein können? Meinen Sie, ich könnte den leichtfertigen Worten glauben, die Ihre Lippen ſprechen, wenn Ihre Augen ſo ganz anders und weit aufrichtiger ſprechen?— Mögen Sie immerhin der Welt und Natur ſpotten, Ihre Augen ſagen mir, der Spott ſei nur verhüllter Schmerz, und die Verachtung nur hoher Stolz, der ſich der Klage ſchämt! Sollte ich, wie ein verliebter Knabe, meiner launigen Kokette, Welt genannt, zärtliche Lieder girren? ſagte Nordheim bitter.) Sollte ich ihr, die mir mit buhleriſchem Lächeln Jugendkraft und Jugend⸗ glauben und die ſchönſten Jünglingsjahre tückiſch ent⸗ wandt, ſollte ich ihr noch länger anhängen und er⸗ geben ſein? Nein, ich verachte ſie, und ihr Lächeln iſt mir das eines buhleriſchen alten Weibes, die ver⸗ gebens Liebhaber anzulocken ſucht. Sie ſind hart! antwortete Aurelia mit leiſem Vorwurf, und doch kann ich Ihnen nicht zürnen, denn wie der Schmerz ſich auch äußern möge, er bleibt immer ehrwürdig als Schmerz, und wie die Orange nur unter dem Sonnenſchein gedeiht und ohne dieſen einen bittern Geſchmack bekommt, ſo verbittert auch das Gemüth, wenn das Glück ihm nicht leuchtet! Wer hat uns Menſchen überhaupt ein Privile⸗ gium gegeben auf das Glück? fragte Nordheim ſpöttiſch. Wer hat uns berechtigt, auf Glück zu ſpekuliren, und unſer Leben dabei als Wechſelſchein zu wagen? Von Jahr zu Jahr ſinken dieſe Wechſelpapiere mehr und mehr, und wir ſelber werden auf dieſe Weiſe nur ein Bankrotteur, den man verachtet.— Nein, nein, das Leben iſt ein Roulette, rouge et noir, heute ſo, mor⸗ gen ſo! Beim rouge nicht jauchzen, beim noir nicht verzweifeln, ſo gewinnt man! Aber man verliert ſehr viel, wenn man ſo ge⸗ winnt, antwortete Aurelia, man verliert Glauben und Vertrauen, und gewinnt nur Zweifel und Mißtrauen! Glauben und vertrauen Sie noch? fragte Nord⸗ heim. Aurelia ſah ihn an, imig und fragend zugleich. Ihre Blicke begegneten ſich, und was ſie in ſeinen 95 Augen geleſen, mochte ſie zuverſichtlich machen, denn ſie ſagte ganz freudig: ja, ich glaube und vertraue wieder! Wohl Ihnen, antwortete Nordheim, dann hat Ihr Schickfal Sie milde geführt, und Sie haben wenig gekoſtet vom Unglück und Schmerz! Und wer, rief Aurelia in heftiger Bewegung, wer hat gelitten, wenn nicht ich? Wer war unglück⸗ lich, wenn nicht ich? O Nordheim, Gott allein weiß es, was mich plötzlich ſo vertrauensvoll und muthig gemacht hat, während ich doch manches Jahr ſo verzagt und verzweifelnd durchſeufzte! Während meine Seele belaſtet war vom Unglück und mein Herz zerbrochen vom Schmerz?!— Thränen entſtürzten ihren Augen und überflutheten ihre bleiche Wange. Einen Augenblick überließ ſie ſich ihrem Schmerz, während Nordheim, dem ſolche Ausbrüche des Ge⸗ fühls ſtets etwas Peinliches hatten, ſich abwandte, und ſchweigend die Gruppe von Amor und Pſyche, die über dem Kamin angebracht war, zu betrachten ſchien.— Dann trocknete Aurelia ihre Augen, und ſagte gefaßt: ſetzen wir uns! Ich will Ihnen erzählen, was Niemand außer Ihnen von mir erfahren hat. Ich will mein Leben vor Ihnen ausbreiten, und Sie ſollen ſehen, daß mein Gang durch daſſelbe dornen⸗ voll war! Nordheim küßte ihr ſchweigend die Hand, und Aurelia athmete hoch auf und begann: Ich war meines Vaters einzigſtes Kind, und dies iſt, wenn Sie wollen, immer ſchon ein Unglück, zumal wenn der Vater reich iſt und im Stande, alle kindiſchen Wünſche des einzigen Lieblings zu erfüllen. Meine Mutter war bei meiner Geburt geſtorben, und ſo fehlte dem verzogenen Liebling des Vaters die mütterliche Pflege und Leitung. Aber ich entbehrte nicht, was ich nicht kannte, und umſchloß in meinem Vater den Lehrer, Freund, Vater und Mutter! Er allein leitete meine Erziehung, meinen Unterricht, lehrte mich denken und empfinden, und vermied es ſorgfältig, mich mit irgend Jemand außer ihm in Berührung zu bringen. Er hatte bei meiner Geburt gehofft, Vater eines Knaben zu werden, und da ihm dieſer Wunſch nicht erfüllt worden, ſuchte er ſich ſelbſt über dieſen Mangel meiner Geburt, wie er es nannte, zu täuſchen. Ich trug Knabenkleidung, und ward gehalten wie ein Knabe. Oft ſtreifte ich Tage⸗ lang mit dem Vater zu Pferde durch ſeine großen Be⸗ ſizungen, oder ging mit Jagdtaſche und Flinte mit ihm in den Wald, Hirſchen und Haſen aufzulauern, und kehrten wir dann Abends ermüdet heim in unſer großes, alterthümliches Stammſchloß, ſo erzählte mir der Vater ausruhend, von den Heldenthaten unſerer — Vorfahren, oder ich las mit ihm lateiniſche oder griechiſche Autoren, in welchen beiden Sprachen er mich ſorgſam unterrichtete. Ich wußte nichts von den Beſchäftigungen eines Weibes, und nichts von den Gefühlen eines Mädchens. Die Jagd, der Wald, der Fiſchfang war meine Freude, und wenn ich oft zu ganzen Stunden unter einem der hohen Bäume in unſerm Park lag, ſo träumte ich von den Helden⸗ thaten meiner Zukunft, und wie ich mich auszeichnen wollte durch Tapferkeit oder Gelehrſamkeit! Das Säuſeln der Bäume war mir dann wie Muſik, die meine Heldenthaten verherrlichte, und das Geräuſch der Menſchen, das aus dem nahen Dorfe zu mir drang, malte mir innerlich ſchnell die wogende Men⸗ ſchenmaſſe, die einſt mich anzuſtaunen kommen würde. Dieſe Träume waren ſehr kindiſch, aber ſehr beglückend. Auch machten ſie, wie ich älter ward, zuweilen andern Platz, die freilich verworrener, unklarer und mir ſelber ganz unbegreiflich waren. Mein Kammer⸗ mädchen, das einzige, weibliche Weſen, das mein Vater um mich duldete, ſagte eines Morgens, als ſie mir behülflich war, meine Knabentracht anzuziehen, wie bedauernd zu mir: wie herrlich müßten Sie ſich in der Kleidung ausnehmen, die Ihnen zuſteht! Dann würde man erſt recht erkennen, wie ſchön Sie ſind!— Ich konnte dies Wort nicht vergeſſen, umſonſt ſuchte L. Mühlbach. I. 7 ich mich zu zerſtreuen durch Leſen, durch Jagdluſt und wildes Reiten, immer tönte es mir in den Ohren: „dann würde man erſt recht erkennen, wie ſchön ſie ſind!“— Es verlangte mich, ſo erkannt und be⸗ wundert zu werden, und als mein Vater mich um den Grund meines Schweigens und meiner Zerſtrent⸗ heit fragte, ſagte ich: laß mich ſchöne Mädchenkleider anziehen!— Umſonſt ſuchte er durch Bitten meinen Wunſch zu beſiegen, ich beſtand auf meinem Willen, um ſo mehr, da es das Erſtemal war, daß dieſem etwas entgegengeſetzt ward, und mein Vater gab endlich ſeufzend nach. Ich ſprang ihm jauchzend um den Hals, und konnte die Zeit kaum erwarten, bis Schneider und Putzmacherin die erſehnten Gegenſtände beſchafft. Als ich dann zitternd vor Vergnügen, zum erſten Male, in die neue Kleidung mich hüllen ließ, und mit entblößten Schultern und Armen im ſeidenen Kleide zuerſt vor dem Spiegel ſtand, und mit neu⸗ gierigen Blicken mich ſelber, als eine Fremde, be⸗ trachtete, da zitterte mein Herz in bangen und doch freudigen Gefühlen, und als das Kammermädchen, wie entzückt, rief: ach, wie ſchön ſind Sie! da ſagte ich recht aufrichtig und erfreut: ja, das iſt wahr!— Von nun an ward ich eine Andere, die Kleidung hatte wie mit einem Zauberſchlag mein ganzes Weſen umgewandelt, und wenn ich mun noch, wie früher 99 auch, zu ganzen Stunden unter den ſchattigen Bäu⸗ 5 men ſaß, ſo träumte ich nicht mehr von Heldenthaten und Ruhm, ſondern ein nie gefühltes Sehnen und Verlangen war in meinem Herzen, Thränen drangen in meine Augen, ohne daß ich wußte warum, und mein ganzes Weſen ſchien ſich auflöſen zu wollen in weichem, unbeſtimmten Verlangen. Mein Athem kam ſo bang aus der Bruſt hervor, ich fühlte mich oft innerlich ſo heiß und begehrend, und als ich einmal im Ahnenſaal unter den Bildern meiner Ahnen das eines jungen ſchönen Mannes ſah, der vor einigen hundert Jahren gelebt, drängte es mich wie mit un⸗ widerſtehlicher Gewalt hin zu dem ſchönen Geſicht, und ich preßte meine heißen Lippen auf die ſchönen Augen des Bildes. Die kalte Leinwand aber erſchreckte mich, und ich ſeufzte leiſe: ach, warum lebt er nicht!— Nun ſah ich oft im Traume dieſe Züge vor mir, das Bild gewann dann Leben und Bewegung, athmete und ſprach, ach, und mit welchem herzgewinnenden Ton! Erwachte ich dann aus dieſen ſchönen Träumen, ſo war mir, als ſei ich meinem Himmel und meinem Glück entriſſen, und ich wünſchte nur wieder zu träu⸗ men, um ihn zu ſehen, und ſeine Stimme zu hören. Oft ſtand iſt zu ganzen Stunden im Ahnenſaal vor dem theuren Bilde, und wenn ich es recht lange und ſtarr betrachtete, ſchien es vor meinen Augen ſich zu — 100 bewegen und zu regen, ja zuweilen glaubte ich es ganz deutlich die Augen nach mir hinwenden zu ſehen, dann jubelte ich laut und ſtürzte hin zu dem Bilde, und erſt, wenn die Lippen, auf die ich die meinen drückte, ſo kalt und ſtarr waren, wie immer, erwachte ich traurig aus meiner ſüßen Täuſchung.— Umſonſt bat mich mein Vater, ihn, wie früher, in Feld und Wald zu begleiten, ich ſuchte und wünſchte nur Ein⸗ ſamkeit, und wenn ich durch das Schloßthor ihn mit ſeinen Jägern und Hunden dahin ziehen ſah, ſo ward mir ganz glücklich und wohl, denn ich konnte nun recht ungeſtört an meinen ſchönen Jüngling denken und meine Einſamkeit genießen. Dann ging ich hin⸗ aus in den Park, der mir, ſo groß er war, mit ſeinen hohen Bäumen und dem ewigen Säuſeln darin gar eng und klein erſchien, durchwandelte ihn raſch, und durch die kleine Pforte trat ich hinaus auf das freie Feld. Den nahen Hügel beſtieg ich ſchnell und ſehnſuchtsvoll, denn von der Höhe konnte ich hinab ſchauen in die kleine Stadt, die jenſeits an ſeinem Fuße lag, und die mir erſchien, wie eine neue Welt, die ich mir zu einem Eldorado träumte. Wenn der Wind den Schall der Glocke, die die Stunde andeu⸗ tete, zu mir herauftrug, durchbebte der Klang wie bezaubernd mein Herz und erfreute mich tief, und wenn ich Sonntags das anhaltende Geläute der 101 Glocken vernahm, ſo lauſchte ich in wunderbaren wachen Träumen, mit einer Art heiliger Scheu, dieſen Klängen. Dann ſah ich die vffene Kirchthür, ſah die Menge dahin wallen, ſah meinen Jüngling in ihrer Mitte und mich an ſeiner Seite! Ich hatte kaum die Kraft dies letzte ganz zu denken, es war mir dann, als müßte ich ſterben.— Syo ſaß ich einſt dort oben auf dem Hügel, als ein nahendes Geräuſch mich aufſchreckte, und wie ich nach dem Grund deſ⸗ ſelben umſchaute, ſah ich einen Jüngling in glänzen⸗ der Uniform den Hügel herauf kommen. Ich ſchrie laut auf vor Freude und Ueberraſchung, und lenkte ſo die Blicke des Fremden auf mich. Er kam raſch auf mich zu und bat mit wohltönender Stimme um Entſchuldigung über ſeine Störung. Ich aber fand nicht die Kraft ihm zu antworten, es ſchwindelte vor meinen Augen, alles Blut ſtrömte zu meinem Herzen hin, ich wollte nur athmen und ſtieß unwillkürlich einen Schrei aus, dann ſtürzte ich ſchnell, wie ein geſcheuchtes Reh, den Hügel hinab, und erſt als die Pforte, die in den Park führte, ſich hinter mir ſchloß, fand ich meine Beſinnung wieder, und warf mich laut weinend und ſchluchzend auf den Raſen hin.— In nächſter Nacht ſah ich im Traume meinen Jüng⸗ ling wieder, aber er trug nun die Uniform des Frem⸗ den.— Kaum wiſſend, was ich that, ging ich andern 102 Tags wieder zum Hügel, und o meine Freude! der Fremde war ſchon dort. Er ſprach zu mir, ich ver⸗ ſtand ihn nicht, ich hörte nur die Muſik ſeiner Stimme, und konnte nichts, als ihn anlächeln, und als er, verwirrt über mein Schweigen, auch verſtummte, bat ich leiſe: Sprechen Sie, ſprechen Sie!— Doch wo⸗ zu, unterbrach ſich Aurelia hier ſelber, wozu Ihnen ſchildern, was nun folgt? Die Liebe, ewig wech⸗ ſelnd und verſchieden, iſt doch ſtets dieſelbe, und ich will Ihnen nicht erzählen, was Sie ſchon wiſſen. Daß ich ihn liebte, wußte ich nicht, ich wußte nur, daß ich für ihn ſterben könnte, und daß mir das Leben ganz werthlos ſei ohne ihn. Als er aber dort auf dem Hügel, wo wir uns nun täglich ſahen, mich einſt unfing und mir ſagte, daß er mich liebe, da wußte ich, daß mit dieſem Wort auch nun das Räthſel meiner eignen Bruſt mir gelöst ſei, und unter ſeinen Küſſen ſtammelte ich: ach, könnte ich jetzt ſter⸗ ben!— Als er aber rief: nein, leben, für mich leben! Da ſagte ich: kommen zu meinem Vater! Er ſoll es wiſſen, daß ich Dich liebe!— Mein Vater haßte die Welt, von der er viel Böſes erfahren, um deſſentwillen er ſich zurückgezogen von allen Menſchen und ſeit mehr denn zwanzig Jahren ſtill und abgeſchloſſen auf ſeinem Schloß ge⸗ lebt hatte. Er verweigerte ſeine Einwilligung zu dieſem Bunde; als ich aber ſchwur, lieber zu ſterben, als ohne Albert zu leben, gab er ſeufzend ſeine Einwilli⸗ gung, und wünſchte nur, unſere Ehe ſobald als möglich vollzogen zu ſehen, damit nicht, wie er finſter ſagte, er durch die Unruhe des Brautſtandes noch lange in ſeiner Einſamkeit geſtört würde.— So ſtand ich, eine kaum erwachte Jungfrau, unbewußt faſt deſſen, was ich that, nach wenigen Tagen ſchon mit Albert vor dem Altare, um in ſeine Hand das Schick⸗ ſal meines Lebens, ja, auch meiner Seele zu legen. Denn die Che entſcheidet über unſer ganzes Daſein, was bis dahin verworren und unklar ſich in uns regte, wird nun zum Bewußtſein und zur Klarheit in uns geweckt, aber welcher Art dies Erwecken ſei, das wird beſtimmt eben durch die Ehe. Dies Alles frei⸗ lich bedachte ich damals nicht; den Ernſt des Lebens glaubte ich hinter mir zu laſſen bei dem finſtern Stirnrunzeln und dem traurigen Blick meines Vaters, und nur Freude und Luſt war es, was ich von der Zukunft erwartete. Mein Hetz ſchlug in banger und freudiger Erwartung den Vergnügungen der Welt entgegen, und ich liebte Albert nicht bloß um ſeiner Schönheit willen— denn von ſeinem eigentlichſten Weſen wußte ich ja nichts— ſondern auch darum, daß er es war, der mich der Freude und den Ver⸗ gnügungen entgegen führte. So folgte ich ihm in das Eldorado meiner Träume, in das kleine Städt⸗ chen, wo Albert als Hauptmann mit ſeinem Regi⸗ ment in Gargniſon lag, und das mit ſeinen winzigen Straßen und kleinen Häuſerchen mir damals uner⸗ meßlich groß erſchien; und faſt noch ein Kind, betrat ich, eine verheirathete Frau, das Haus, das mein Vater für mich und meinen Gatten auf das Glän⸗ zendſte hatte zurichten laſſen.— Nun begann ein neues Leben, das freilich ganz verſchieden war von dem meiner frühern Tage, und durch dieſen Gegenſatz mich doppelt reizte. Ich dachte nichts als Geſell⸗ ſchaften, Bälle, Aſſembleen, und wenn ich ermüdet von den vielen Freuden ausruhte, ſo ergötzte mich die Zärtlichkeit meines jungen Gemahls, deſſen einzige Freude darin zu beſtehen ſchien, alle meine Wünſche zu erfüllen, und der keinen andern Willen zu haben ſchien, als den meinen. Schmeichelte mir dies einer⸗ ſeits, und war es mir bequem, ſtets nur die Wol⸗ lende und die Gebieterin zu ſein, ſo hatte ich andrer⸗ ſeits doch zuweilen ein unbeſtimmtes Gefühl, daß nicht Alles ſo ſei, wie es ſein ſolle. Ich erinnerte mich zu Zeiten der Helden meiner Mädchenträume, und konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, daß mein Gemahl, obgleich Soldat, wenig ober keine Aehnlichkeit mit dieſen Helden habe. Sein Helden⸗ muth beſtand nur in einem friedlichen Commandiren 105 vor der Fronte ſeiner Schwadron, und erſchien mir doppelt lächerlich, wenn er über die Beſchwerden des Dienſtes klagte. Tapferkeit und Selbſtbeherrſchung, hatte mich mein Vater gelehrt, ſei die Zierde des Mannes, und letzteres nun gar vermißte ich an Albert. Er war jähzornig, und kamnte in ſeiner leichtgereizten Wuth keine Schranken. Ich hatte ihn mehrere Male um kleiner Urſachen willen in unglaublicher Wuth aufbrauſen ſehen, und in dieſen Momenten nahmen ſeine Züge für mich einen thieriſchen Ausdruck an; dies entſetzte mich, und mochte er mir nun noch ſo freundlich und liebevoll nahen, immer meinte ich in ſeinem Geſichte jene thieriſchen Züge wieder zu finden. Nach und nach fingen die ſich wiederholenden Geſell⸗ ſchaften, in denen ich ſtets dieſelben Menſchen mit denſelben Phraſen und Redensarten fand, an mir langweilig zu werden; ich ſehnte mich nach andern, nach geiſtigen Genüſſen, und bemerkte nun zu meinem Entſetzen, daß Albert hierin nicht mit mir überein⸗ ſtimmte. Ihm genügte unſere Lebensweiſe vollkom⸗ men, und als ich ihn einſt aufforderte, irgend eine Tragödie des Sophokles mit mir zu leſen, meinte er lachend, davon verſtände er nichts, und habe es immer ſo viel als möglich vermieden, auf den Schul⸗ bänken zu ſitzen.— Ich war wie erſtarrt vor Schreck; dann ſtand vor meiner Seele das Bild meines Vaters, 106 der mir nie ſo ehrwürdig erſchienen war, wie in die⸗ ſem Augenblick, und eine Fluth von Thränen ent⸗ ſtrömte meinen Augen. Albert lachte über meinen Kummer, und ſpottete über meine Gelehrſamkeit, wie er es nannte. Von nun an begann ich das Leben und Betragen meines Gatten ſchärfer zu beobachten, und da fand ich, daß er ſehr viele Fehler und Schwä⸗ chen, und gar wenig Vorzüge und Tugenden beſaß. Wenn aus der Ehe die Duldſamkeit der Liebe ver⸗ ſchwunden iſt, ſo iſt auch das Glück auf immer ent⸗ flohen. Wie viel Nachſicht, wie viel Geduld, wie viel gegenſeitiges Nachgeben und Ertragen in Liebe verlangt dies tägliche Beiſammenſein zweier Menſchen, und, ſelbſt bei der innigſten Liebe, wie viel Klugheit. Ich aber war wie ein Kind, die Kinderſpiele ver⸗ laſſend, in die Ehe getreten, deren Heiligkeit, Würde und Bedeutſamkeit mir fremd war, und von deren Pflichten mich Niemand unterrichtet hatte.— Alberts Zärtlichkeit widerte mich nun an, ich wehrte ihn ſtolz zurück, und er meinte roh, das zieme mir nicht, als ſeiner Frau! Das empörte meinen Stolz, und an demſelben Tage noch fuhr ich hinaus zu meinem Vater, ihn zu bitten, er möge mich wieder dulden und laſſen in ſeiner Nähe. Vor der kleinen Pforte die in den Park führte, ließ ich den Wagen halten, um zu Fuß durch den Garten hinauf zu gehen in 107 das Schloß. O, wie war mir ſo wohl und glück⸗ lich, als ich den Park wieder betrat, und unter den hohen Bäumen wandelte, deren ſtetes Säuſeln mir nun ein Schlummerlied für allen meinen Kummer zu enthalten ſchien, und Thränen wehmüthiger Freude entſtrömten meinen Augen, als ich die Stufen zum Schloß hinauf ſchritt. Es war das Erſtemal ſeit meiner Verheirathung, daß ich zurückkehrte in das Vaterhaus, und das Wiederſehen dieſer geliebten ſtillen Räume that meinem Herzen unendlich wohl.„Hier werde ich wieder glücklich ſeyn!“ ſagte ich zu mir ſelber, und athmete froher und freudiger, wie ſeit Wochen. Mein Vater, der, wie mir der Kammer⸗ diener Stephan ſagte, ſeit meiner Verheirathung noch weit ernſter und finſterer geworden denn früher, war krank, und hatte ſchon ſeit mehreren Tagen ſein Zim⸗ mer nicht mehr verlaſſen können. Ich ſank ſchluch⸗ zend neben ſeinem Lehnſeſſel nieder, verbarg mein Geſicht in ſeinen Schvoß und flehte leiſe, er möge mir geſtatten, wieder mit ihm zu leben.— Der Vater aber ſchüttelte mißbilligend ſein Haupt und ſprach von meinen Pflichten.— Und was für Pflich⸗ ten können das ſein, rief ich empört, die einem den⸗ kenden und fühlenden Weſen gebieten können, ſein Leben hinzuſiechen an der Seite eines Mannes, den man nicht liebt?— Die Pflichten einer Eheftau, 108 die Du vor Gott beſchworen! antwortete mein Vater traurig halb und halb ironiſch.— Mir ſchauderte, und ich ſeufzte matt: aber ich habe geſchworen ohne zu wiſſen, was ich beſchwur, und darum will ich und kann ich nicht verpflichtet ſein, es zu halten.“— Niemand, der in die Ehe tritt, weiß, was er be⸗ ſchwört, erwiderte mein Vater, es iſt dies ein Wiſſen, das nur durch Erfahrung unſer eigen wird!— Fort und fort ermahnte er mich, zurückzukehren zu meinem Gatten. Ich war wie zerbrochen in mir ſelber, be⸗ ſinnungs⸗ und muthlos. Ein Geräuſch im Vor⸗ zimmer machte mich erbeben, ich hörte Stimmen, mahnende Fußtritte. O Gott, es war Albert, und er kam lachenden Mundes und mit Scherzworten, ſeine kleine Schwärmerin, wie er mich nannte, zurück⸗ zufordern. Er ahnte alſo nichts von meinen innern Leiden und Qualen, er verſtand nichts von meiner Pein, und keine Ahnung der Möglichkeit einer Tren⸗ nung kam in ſeine Seele. Dies beugte mich vollends, und mit einer Art verzweiflungsvoller Ruhe, mich faſt ſchämend meiner kleinmüthigen Verzagtheit, nahm ich Abſchied von meinem Vater und kehrte mit Albert zurück zur Stadt. Verzweifelnd und aufgeregt hatte ich mein Haus verlaſſen, ruhig und kalt betrat ich es wieder, aber mit belaſteter Seele und trotzigem Schmerze. Ich beſchloß, ohne Klage ein Geſchick zu 5 3 —— 109 ertragen, dem zu entrinnen ich nicht mehr hoffen. konnte. Aber in der ſchweigenden Pein meines Schmerzes fühlte ich einen verzehrenden Haß gegen den Urheber meiner Leiden, gegen Albert, eine tiefe Verachtung gegen das Band der Ehe, das mich feſſelte, und zornig warf ich den goldenen Reif, dies Binde⸗ zeichen, das ich vor dem Altar empfangen, und der mir glühend am Finger zu brennen ſchien, weit von mir, daß er klirrend zur Erde fiel! Und Albert ſtand dabei, und nannte mich lachend ein verzogenes und ungezogenes Kind.— Laſſen Sie mich ſchweigen von den nun kommenden Tagen, deren jeder für mich neue Qual und neue Verzweiflung enthielt, ſchweigen von der tiefen und vernichtenden Demüthigung, die ich empfand, wenn ich Liebkoſungen erdulden, Küſſe empfangen mußte, ohne auch nur für einen Moment meine verachtende Kälte und ſtarre Gefühlloſigkeit ſchmelzen zu fühlen. Dies iſt eine Qual, die nur ein Weib begreifen kann, weil dieſes allein weiß, welche Hingabe, welche Richtachtung ſeiner ſelbſt, und welche Achtung und Begeiſterung des Weibes für den Mann es bedarf, um ſich ihm ganz zu ergeben, Schaam und Wuth tobten in meinem Herzen unter ſeinen Küſſen, und tauſendmal ſchwur ich mir ſelber, dieſe Schmach zu rächen.— Unter ſolchen Qualen mußte der Tod meines Vaters, der nach kurzer Krank⸗ 110 heit dahinſchied, mich auf's Furchtbarſte erſchüttern. Denn der Gedanke an ihn war mir der letzte Schim⸗ mer von Hoffnung geweſen, die letzte Ausſicht einer doch vielleicht noch zu erlangenden Freiheit, der An⸗ haltspunkt aller meiner Plane. Ich hatte nun Nie⸗ mand mehr auf der Welt, als Albert, denn die ein⸗ zige Verwandte, eine Schweſter meiner Mutter, wohnte weit fort in einem Schloſſe am Rhein, und nur als Kind hatte ich ſie einmal geſehen. Der Ge⸗ danke aber, nun für immer und allein an Albert ge⸗ wieſen zu ſein, machte mich faſt raſend, und in ſinn⸗ loſem Schmerze beſchwor ich Albert, mich frei zu geben. Als er aber ſagte, die Trauer um den Vater habe nur meinen Verſtand verwirrt, und in ruhigern Stunden werde ich ihn ſchon wieder lieben, und er werde daher nie in eine Trennung von mir willigen, wandte ich ihm kalt und ſchweigend den Rücken, und verſchloß mich in meinem Gemach. Furchtbar waren die Stunden dieſes Tages und undenkbar meine Qua⸗ len. Zum Erſtenmale in meinem Leben fühlte ich mich von fremder Gewalt beherrſcht, empfand eine Macht über mir, die mich beugte, und mein ganzes Innere lehnte ſich in wildem Trotz dagegen auf. Und als ich, matt gehetzt von meinen eigenen Gedanken, endlich niederſank, da ſchwur ich mir, ihm, den ich haßte mit aller Kraft meines Weſens, und an den 111 ich, eine willenloſe Sklavin, gefeſſelt war, zu vergel⸗ ten, was er mir gethan, ihn zu martern und zu plagen, wie er es mir that. Albert war eiferſüchtig, und in dem ſichern Gefühl ſeines eigenen hohen Werthes glaubte er meine Liebe nicht durch ſich, ſon⸗ dern durch einen Dritten verloren zu haben, der ihm mein Herz entwandt. Dies erfüllte ihn mit Qual, die oft in leidenſchaftlicher und zügelloſer Heftigkeit ſich äußerte. In ſolchen Stunden überhäufte er mich mit Drohungen und Beleidigungen. Einmal ſogar erhob er den Arm gegen mich, als ſolle ſeine Hand mich treffen. Ich ſah ihm kalt und ruhig zu, und wußte nur in meinem Herzen, daß, ſobald dieſe Hand mich träfe, ich ihn ermorden würde. Vielleicht war es eben mein kalter und entſchloſſener Blick, der ihn feſſelte, er ließ den Arm ſinken, und einen wilden Fluch zwiſchen ſeinen Lippen murmelnd, ſtürzte er fort, und ich gelobte mir ſelber, ihn immer aufzu⸗ ſtacheln zu neuem Zorn. Unter den Freunden meines Mannes war der junge Baron Stocker, der durch ſeine Schönheit und Liebenswürdigkeit die Eiferſucht Alberts vor allen Andern erregte, und ich zeichnete dieſen nun ſtets vor den Uebrigen aus. Er begleitete mich auf meinen Spaziergängen und Fahrten, und bald nannte man ihn überall meinen Liebhaber. Ich wußte es, und lächelte dazu, und verachtete nun die 112 Menſchheit, die immer nur nach dem Scheine urtheilte, und weil ich ſie verachtete, hielt ich es auch nicht der Mühe werth, dies Gerede zu vermeiden. Mein Vater hatte mich zur Univerſalerbin ſeiner großen Beſitzthümer ernannt, über die ich frei zu ſchalten hätte, aber mit der Bedingung, daß, wenn ich jemals mich von meinem Manne trennen würde, ich zugleich aller Anſprüche auf dieſe Beſitzthümer zu entſagen hätte, die alsdann einem entfernten Lehnsvetter zu⸗ fallen ſollten. Mir ſelbſt war für dieſen Fall nur ein mäßiges Jahrgeld ausgeſetzt. In einer Stunde wilder Aufregung nun, als ich Albert abermals bat, ſich von mir zu trennen, erklärte W mit unverholen, daß, wenn es ihm auch möglich ſei, ſich von mir als ſeinem Weibe zu trennen, er nimmermehr in eine Scheidung von der reichen Erbin willigen würde. Ungeheure Summen verlor er am Spieltiſch und vergendete er für ſchöne Pferde. Seine Verſchwen⸗ dungsſucht überſtieg oft ſogar unſere glänzenden Re⸗ venüen, und als ich ihn deshalb zu tadeln wagte, meinte er höhnend: einer Frau gezieme eine ſolche Sprache nicht gegen ihren Eheherrn.— Der Früh⸗ ling kam, und wir zogen hinaus auf unſer Stamm⸗ ſchloß. Thränenlos in verhärtetem trotzigem Schmerz durchſchritt ich die Räume, in denen ich früher ſo glücklich geweſen, durchſchritt ſie, Qual im Herzen, 113 außen lächelnd an der Seite des Baron Stockers, den ich gebeten, uns zu begleiten. Jene Tage meiner Jugend lagen in unerreichbarer Ferne hinter mir, und nur mit dem bittern Gefühl, ihnen auf ewig entfremdet zu ſein, gedachte ich ihrer.— So ver⸗ gingen einige Tage, die mir doppelt läſtig waren durch das ſtete Zuſammenſein mit dem Baron, der, ermuthigt durch meine Freundlichkeit, ſich erkühnte, mich mit Liebesbetheurungen zu verfolgen und zu plagen. Ich hörte ihm ſtumm zu und mit tiefer 1 Verachtung im Herzen, und fragte nur leiſe den Ur⸗ geiſt der Welt, warum er ſolchen elenden Geſchöpfen das Daſein g ſie für Männer ausgegeben. Eines Tages wußte mir Baron Stocker heimlich einen Brief zu geben, in dem er mich ſeiner glühenden nie verlöſchenden Liebe verſicherte, und meine Gegen⸗ liebe vorausſetzend mir vorſchlug, mit ihm zu ent⸗ ſüehen. Ich las dieſen Brief mit dem beleidigten Stolz einer Frau, die in ihrer Weiblichk ward, aber auch mit einer Art Freude, Schreiben ſollte mir dazu dienen, meines Zorn und Wuth aufs Neue zu reizen. Von Fenſter aus ſah ich Albert im Park, ich ging und anſcheinend ohne ihn zu bemerken, wan auf und ab, jenen Brief leſend, den ich alsdann ſichtlich verlor. Nun kehrte ich ruhig und h frendig L. Mühlbach. I. 114 in mein Gemach zurück. Wenige Minuten darauf ſtürzte Albert in mein Zimmer, zitternd vor Wuth, todesbleich. Ehlende Buhlerin! knirſchte er, und packte mich wild am Arm,— ruchloſes Weib!— und in raſendem Zorn traf ſeine Hand mein Geſicht. Ein einziger Schrei entfuhr meinen Lippen, dann packte ich, außer mir, den Dolch, der auf meinem Schreibtiſche lag, und zuckte ihn auf Albert. Nun entſpann ſich ein augenblicklicher, aber furchtbarer Kampf. Ich fühlte mich wie wahnſinnig, mein Kopf brannte wie im wilden Feuer, und ich dachte, wollte nichts, als ihn tödten; er ſuchte mir den Dolch zu entreißen. Wie eine Tigerin wehrte ich mich; da fühlte ich plötzlich das kalte c Bruſt. Meine Sinne verwirrten ſich,— ich ſank leblos zu⸗ ſammen. O Gott, o Gott, unterbrach ſich Aurelia hier r d ſprang auf, in heftiger Bewegung im „und abgehend, es droht mir noch jetzt zu zerſpringen. All mein Blut iſt in a, ich fühle, die Erinnerung an jene furcht⸗ nde könnte mich tödten!— Sie legte die n ihre heiße brennende Stirne und ging, bang hwer athmend, ſchweigend auf und ab. Dann ie plötzlich vor der Pendule ſtehen, und ſagte kurz ich kann heute nicht weiter erzählen. Ueberdies 115 iſt es ſpät. Die Sitte will, daß Sie mich verlaſſen. Gehen Sie!— Nordheim ſchwieg einen Augenblick, und ein ironiſcher Zug durchflog einen Moment ſein Geſicht; dann ſagte er, wie verächtlich: die Sitte! Nennen Sie nicht dies verbrauchte und erniedrigte Wort, das der Unverſtand der Menſchen ſchuf. Sie ſind zu erhaben dazu, Aurelia! Auch gibt es etwas, das höher iſt als alle Sitte und alle Formen dieſer Welt. Und wie nennen Sie dieſes Etwas? fragte Aurelia, und blieb vor ihm ſtehen.— Lange und ſchweigend ſahen ſie ſich an, der ſpöttiſche und kalte Ausdruck ſchwand mehr und mehr aus Nordheims Mienen; wahres und inniges Gefühl blitzte plötzlich aus ſeinen Augen, er nahm ſtill und lächelnd ihr Geſicht in ſeine beiden Hände, und ſchaute in ihre ſtrahlenden, plötzlich ſo freudig blickenden Augen. Dann küßte er ſie leiſe auf die Stirne und flüſterte Kind, Kind, die Liebe iſt höher als Sitte und Geſetz! — Nun ließ er ſie los, und ohne ein weiteres Wort, ohne einen Gruß wandte er ſich zur Thür und ging. Aurelia aber, erbebend und verglühend in Wonne, liebestrunken, lauſchte ſeinen enteilenden Schritten; alle Qualen der Erinnerung und Vergangenheit waren vergeſſen, ſie legte ihre Hand auf ihr Herz, als wolle ſie deſſen ſtürmiſches Klopfen beſchwichtigen, und 8* 116 flüſterte athemlos und ſelig: iſt es denn möglich?— Nordheim aber heimgehend in das Lodging Hans murmelte:„morgen ſoll ſie mich umarmen!“ XI. Früher wie ſonſt erwachte Nordheim am andern Morgen, ſein Herz trieb ihn wach, und während er ſich ankleidete, ſagte er zu ſich ſelber: wohl mir, daß dieſe innere Apathie endlich, wenn auch nur auf Stunden, warmer Regſamkeit gewichen iſt, und daß dieſem Schweigen des Todes in mir wieder ein Ath⸗ men des Lebens folgt. Hat denn Welt und Erfah⸗ rung mein Gefühl verhärtet und mein Herz zu Stein gemacht, ſo fühle ich freudig, daß dieſer Stein noch Funken gibt, die freilich bald verſchwinden und wieder in ein Nichts ſich auflöſen werden. Aber ich will nicht fragen nach der Zukunft, die Gegenwart iſt mein, und ich will ſie genießen! Thorheit iſt es, im Genuſſe zu fragen nach deſſen Dauer, während doch im Genuſſe Vergangenheit, Gegenwurt und Zukunft ſich zuſammendrängt in dieſen einzigen Moment. Und weil ich denn innerlich mich beſchäftigt fühle, und weil mein Herz wieder warm und lebensvoll klopft, ſo will ich nicht fragen und klügeln, ſondern genießen * 118 das Glück der Stunde, und ein thörichtes, aber weiſes Kind mich wiederum in die Wogen des Gefühls ſtürzen, die Beſonnenheit wird, wenn es Zeit iſt, mich zurücktreiben an das nackte Ufer.— So ſprechend verließ er ſein Zimmer und fuhr zu Aurelien. Sein Geſicht erheiterte ſich, als er im Begriff, die Thüre zu ihrem Boudvir zu öffnen, von innen ihre Stimme vernahm, und er ſagte zu ſich ſelber: welch' eine tiefe Muſik liegt in dieſer Stimme! Er fand Aurelien aber nicht allein, und dies ver⸗ ſtimmte ihn, und zeigte ihm, wie theuer ihm ſchon dies ſüße und traute Ungeſtörtſein mit ihr war! Lord Douglas, den er ſeit ſeinem erſten flüchtigen Begegnen mit ihm nicht wieder geſehen, war dort, und Nordheim bemerkte, wie er ein aufmerkſamer Beobachter Aureliens und Nordheims ſelber ſei. Er ſprach wenig, und ſchien nur darauf bedacht zu ſein, Aureliens und Nordheims gegenſeitiges Verhältniß zu erforſchen. Als die Baronin im Laufe des Geſprächs Nordheim mit einem innigen Liebesblick anlächelte, erbleichte der Lord, und ſein Geſicht nahm einen ſchmerzlichen Ausdruck an. Dieſe ſtete Achtſamkeit eines Dritten beläſtigte aber Nordheim, und er ſtand bald auf, ſich zu empfehlen, als der Lord mit einem gezwungenen Lächeln ſagte: Sie erlauben mir wohl, Sie zu begleiten! 119 Nordheim verneigte ſich ſtumm, und Aurelia ſagte ſcherzend: kennte ich nicht Ihre friedlichen Ge⸗ ſinnungen, mein Lord, ſo möchte man nach Ihrer Miene faſt glauben, daß Sie Herrn Nordheim zu einem ſehr ernſten Gange begleiten wollen. Sie la⸗ den ihn zu einem Spaziergang mit einem Geſicht als ging es zum Duell.— Lord Douglas erwiderte nichts, ſondern küßte ſchweigend die Hand der Baronin. Stumm verließen beide Männer das Haus, und ſchritten eine Zeitlang ſo nebeneinander her. Laſſen Sie uns, ſagte Nordheim endlich, doch dieſe geräuſchvolle Straße verlaſſen. Sie haben mir ſo gütig Ihre Begleitung angetragen, und ſind da⸗ durch meinem Wunſche eines längeren Beiſammen⸗ ſeins mit Ihnen nur zuvorgekommen. Laſſen Sie uns denn gehen, wo wir ungeſtörter ſind. Lord Douglas ſtimmte ihm bei, und ſie gingen nach Hyde Park. Die Stunde, wo die faſhionable Welt ſich dort zu ergehen und erholen pflegt, war noch nicht gekommen, und ſo wandelten ſie ungeſtört durch die langen und ſchattigen Alleen dahin. Lord Douglas ſchien ſich abſichtlich den abgelegeneren Thei⸗ len zuzuwenden, und als ſie jetzt in einen Gang ein⸗ bogen, wo Stille und Einſamkeit ſie umfing, blieb er plötzlich vor Nordheim ſtehen, und ſah ihm feſt ins Geſicht: Sie werden mir eine Frage verzeihen, ſagte er ernſt, die Sie, ſo ſeltſam ſie Ihnen erſcheinen mag, mir doch als Gentleman gewiß aufrichtig beant⸗ worten werden. Fragen Sie, antwortete Nordheim, ich gebe Ihnen mein Wort, daß meine Erwiderung aufrichtig ſein ſoll. Lord Douglas ſchwieg einen Angenblick, und der Kampf ſeiner Seele ſpiegelte ſich in ſeinen Zügen wieder; dann fragte er faſt tonlos: lieben Sie die Barynin Stopford? Nordheim lächelte und erwiderte ruhig: dies iſt eine Frage, mein Lord, von ſo zarter und gefährlicher Art, daß ich bis jetzt vermied, ſie mir ſelber zu beant⸗ worten. Doch, Ihnen meine Achtung zu beweiſen, will ich wahrer gegen Sie ſein, wie bisher gegen mich ſelber. Ja, ich liebe Aurelien. Und ſie, fragte der Lord athemlos, ſie, die Ba⸗ ronin Aurelia, liebt ſie wiederum auch Sie? Nordheim ſah ihn einen Augenblick ſcharf und prüfend an; dann erwiderte er: Um eine ſolche Frage zu beantworten, muß ich Sie für einen Ehrenmann halten, dem der Ruf einer Dame heilig iſt, und ich thue es. Wenn mich mein Herz nicht trügt, ſo liebt ſie auch mich! Ich danke Ihnen, leben Sie wohl, ſagte Lord Douglas kurz und wandte ſich eilig ab, zu gehen. 121 Nordheim aber faßte ſeine Hand und ſagte gütig: Bleiben Sie, mein Lord! Ich denke, wir haben noch mancherlei zu beſprechen. Haben Sie einmal durch Ihre Fragen mir eine Art Zutrauen bewilligt, ſo er⸗ lauben Sie auch mir nun eine Frage: Sie lieben gleichfalls Aurelien? Ja, ich liebe ſie, erwiderte er heftig, mit aller Gluth meines Herzens, und ihre Güte und Freund⸗ lichkeit ließ mich eine Erwiderung meines Gefühls hoffen. Schon träumte ich mir die Seligkeit einer Zukunft, deren Mittelpunkt ſie, Aurelia, war. Da kamen Sie, mein Herr, und haben durch Ihr Er⸗ ſcheinen meine Zukunft und mein Glück geſtört.— Sie irren, mein Lord, unterbrach ihn Nordheim, und wenn ich auch Ihre jetzige Aufregung verſtehe, und Sie, weil ich ſelber einmal jung war, begreife, ſo müſſen Sie mir doch verzeihen, wenn ich es wider⸗ hole: Sie ſind im Irrthum! Und wie, rief Donglas heftig, wollen Sie mir beweiſen, daß ich mich täuſche, wenn ich doch fühle, daß mein Glück und meine Zukunft zerſtört iſt? Ein Glück, das zerſtört werden kann, antwor⸗ tete Nordheim, iſt gar keins, und die Liebe eines Weibes, die Ihnen entriſſen werden kann, war nie⸗ mals wirklich Liebe. Schauen Sie nun aber umher, betrachten Sie die Welt und Geſchichte, mein Lord, 8** 122 ſo werden Sie ſehen, daß Glück und Liebe niemals dauerte, daß beides ſtets verging, wie ein Meteor der Nacht, das, wenn wir es für Sonne oder Licht hal⸗ ten, uns daran zu wärmen oder zu erleuchten, durch ſein Zerplatzen uns plötzlich und unvorbereitet dann in Finſterniß und Kälte zurück verſetzt. Je früher wir aber dieſe Weisheit lernen, deſto mehr ſind wir zu preiſen. So hätte ich, ſagte Lord Douglas bitter, Ihnen zuletzt noch meinen Dank zu ſagen, daß Sie, indem Sie mir Aureliens Liebe entwenden, und mich ſo zu der grauſamen Qual des Entſagens verdammen, mich die Weisheit von der Unbeſtändigkeit des Glückes be⸗ greifen lehren. Gewiß iſt es ſo, antwortete Nordheim ernſt. Wohl mir, hätte ich, als ich ein Jüngling war, wie Sie, auf eben ſo milde Art dieſe Weisheit gelernt! Hier nun aber ſind Sie in doppeltem Irrthum be⸗ fangen und halten für Glück, was doch nur das Elend Ihres Lebens machen würde! Unterbrechen Sie mich nicht, mein Herr! Hören Sie vielmehr das Wort eines Mannes, der es wahr und redlich meint, und dem Ihre jetzige Aufregung und Ihr Schmerz ehrwürdig und heilig iſt. Sie glauben Lady Stop⸗ ford zu lieben, und ſind gekränkt, weil dies Gefühl nicht erwidert wird. Was aber, mein Lord, konnten — 123 Sie von ſolcher gegenſeitigen Neigung hoffen? Denn ich leſe in Ihren Augen, daß Sie von derſelben nicht die Beſchäftigung einer Stunde forderten, ſondern ſie zum Zweck ihres ganzen Lebens machen wollten. Was Ihnen aber jetzt ein Glück ſcheint, würde Ihnen ſpäter eine belaſtende Feſſel ſein! Nimmermehr, rief Douglas heftig, ich liebe Aurelien wahr und innig, wie wäre da ein ſolcher Wechſel möglich! Sie lieben ſie jetzt, wo die Schönheit ihrer Ge⸗ ſtalt, der kummervolle Zug, der, ihr Geſicht beſchat⸗ tend, es nur verſchönt, dieſem Angeſicht einen dop⸗ pelten Reiz verleiht. Denken ſie aber einige Jahre weiter. Sie ſelber, in der Kraft und Fülle der Ju⸗ gend, und Ihnen zur Seite das Weib Ihrer erſten Liebe, eine zerfallene Geſtalt, ſchlaffe Züge, das Ge⸗ ſicht von Runzeln entſtellt, wo bleibt dann die Liebe? Werden Sie ſich nicht vielmehr Ihrer erſten Neigung ſchämen? Wahre Neigung, antwortete Donglas, fragt nicht nach der Schönheit des Angeſichts, ſondern der Seele, und die Erhabenheit und Schönheit dieſer letztern beſtimmt die Unwandelbarkeit der Liebe. Wie jung Sie ſind! rief Nordheim, den Jüng⸗ ling faſt mitleidig betrachtend. Noch in jener Begei⸗ ſterung, die in edlem Aufwallen verwechſelt, was doch 124 ſo verſchieden iſt. Sie ſprechen von Freundſchaft, und meinen doch Liebe! Dieſe aber bedarf des Aeußern, bedarf der Schönheit des Angeſichts, bedarf des Lä⸗ chelns und des Reizes der Jugend, und unterſcheidet ſich eben dadurch von der Freundſchaft; ſie iſt mehr Aufwallung der Sinne und des Blutes, als bewuß⸗ tes Gefühl der Seele, und darum eben iſt ſie ſo wandelbar, und darum eben dürfen Sie Ihr junges Leben nicht an ein Weib feſſeln, das älter iſt wie Sie ſelber. Betrachten Sie dieſe Blume, mein Lord, fuhr Nordheim fort, und blieb vor der Nelke ſtehen, die im Bosket am Wege ſtand, ſehen Sie dieſe volle üppige Blüthe, und nun daneben dieſe ſchweigende kleine Knospe. Sie werden ſich heute der Erblühten freuen, und ich rathe Ihnen, in vollen Zügen ihre Schönheit einzuathmen. Kehren wir aber morgen zurück, und Sie werden die blühende verwelkt und die knospende in Blüthe finden. Ich glanbe kaum, 3 daß Sie die erſtere dann vorziehen werden, weil ſie geblüht hat, vorziehen vor der, die erſt zu blühen beginnt. Sie werden es nicht thun, weil Sie jung ſind und noch viele Tage warten können auf das Erblühen der Knospe. Ich aber, ſehen Sie, ich nehme die volle Blüthe, denn ich habe nicht Zeit auf das Erblühen der Andern zu warten, und mir genügt 125 der Genuß des Angenblicks, weil ich nicht mehr an Ewigkeit, ſondern nur an Augenblicke glaube. Seltſam, ſagte Lord Douglas nachdenklich, Sie lieben und werden geliebt, und ſcheinen doch nicht glücklich? Wenn Sie in meinem Alter ſind, werden Sie das begreifen. Sie werden dann wiſſen, daß die Liebe nicht das Leben füllt, ſondern nur ein Moment iſt in demſelben, und, weil ſo, auch nicht dauerndes Glück geben kann, ſondern höchſtens nur Vergeſſen des Unglücks. Auch habe ich dem Glauben und der Zuverſicht an das Glück längſt entſagt, und gelernt, daß es im Glück viel Schmerz und im Unglück viel Genuß gibt. Seit ich dies weiß, bin ich zufrieden mit dieſer Welt und nehme dankbar die Freude des Augenblicks.— Aber ſehen Sie, mein Lord, fuhr Nordheim fort, als ſie jetzt aus einer Nebenallee plötzlich in den Hauptgang einbogen, wo jetzt die glänzenden Caroſſen mit ſchönen Damen auf und nieder fuhren, ſchlanke Amazonen auf zierlichen Ren⸗ nern, begleitet von einer Cavaleade Gentlemen vorüber brausten, ſehen Sie, da ſind wir plötzlich recht im Mittelpunkte der Welt, und mich dünkt, ich ſehe manches glühende Mädchenauge ſich ſehr beredt auf den jungen und ſchönen Lord Douglas wenden. Muthig, mein Herr, fuhr er plötzlich, einen ſcherzenden 126 Ton annehmend, fort, muthig! Wer kann wiſſen, zu welchen großen Dingen, Ew. Lordſchaft noch berufen iſt, und ob Ihnen nicht ein Thron noch aufgeſpart iſt! Sehen Sie, dort kommt Ihre jungfräuliche acht⸗ zehnjährige Königin herangeſprengt. Wahrlich, wäre ich ein Lord, ich wollte nichts begehren, als dieſe kö⸗ nigliche Jungfran. Wollen Sie mir rathen, die Zahl der Narren im Bedlam, die von dieſen königlichen Reizen ihres Verſtandes beraubt wurden, noch um einen zu ver⸗ mehren? fragte Lord Douglas. Narren ſind ſehr glücklich, antwortete Nordheim, und genießen als wirklich, was wir umſonſt erſehnen. Jetzt ritt die Königin, begleitet von zahlreichem Gefolge, im brillantenbeſetzten Reitkleid vorüber, und erwiderte Lord Douglas tiefe Verneigung mit einem gütigen und erkennenden Lächeln. Fahrende, Reitende, Fußgänger, Alles ſtrömte ihr nach, und hatte nur Aug' und Sinn für die junge Herrſcherin, die, anmuthig ſich links und rechts verneigend, eine gewandte Reiterin, dahin zuruettirte. Nordheim ſagte leiſe zu Douglas: Sehen Sie, mit gewandter Hand leitet eine Königin mit höchſteignen Händen dort ihr Roß, das ſtolz darauf zu ſein ſcheint, ein ganzes Königreich auf ſeinem Rücken zu tragen. Sehen Sie die Wandelbarkeit des Glückes! Der einſtige Beherrſcher 127 eben dieſes Königreichs rief einſt:„ein Königreich für'n Pferd.“ Gewiß würde Königin Victoria auch nicht Einen ihrer Sclaven in Indien hingeben um ein Pferd, oder einen ihrer gemißhandelten Ir⸗ länder befreien um ein Pferd, und doch, mein Lord, kann es kommen, daß ein König ruft: ein Königreich für'n Pferd!— Mir iſt, ſeit ich dies weiß, ein Pferd faſt lieber, als ein Königreich! Am Ausgang des Parks wartete Lord Douglas Diener mit dem Tilbury, und die Herren ſchieden mit der Verſicherung gegenſeitiger Achtung und Freund⸗ ſchaft. Muß ich denn Aurelien entſagen, ſo ſind Sie der Mann, dem ich willig den Vorzug zugeſtehe! ſagte Donglas verbindlich, und reichte Nordheim die Hand. Ich meine, daß Sie dabei gewonnen, Aurelia aber verloren hat, erwiderte Nordheim. Dann trenn⸗ ten ſie ſich. XII. Als Nordheim in's Lodging⸗Haus zurückkehrte, erinnerte er ſich, daß er ſeit mehreren Tagen ſchon nicht mehr im Room geweſen, oder ſeine Hausgenoſſen geſehen hatte, und er lenkte ſeine Schritte dorthin. Faſt mußte er lachen, als er, die Thür öfhnd, Alles noch ganz unverändert fand. Der Oeſterreicher ſaß ernſt vor ſich hinblickend, wie immer, an ſeiner Stelle, vor ſich die dampfende Bowle. Maecdeam, ſein ge⸗ liebtes Inſtrument neben ſich, ſaß weiterhin und ſchien, den Kopf in die Hand geſtützt, nicht zu beachten, was um ihn her vorging. Auch Armands Piſtole und hölzerne Birne fehlte nicht, und dieſer ſelbſt ging, die Marſeillaiſe trällernd, im Zimmer auf und ab. Nur an Giuſeppo Daſſa war eine Veränderung zu bemerken. Früher einfach, faſt ärmlich gekleidet, war er jetzt im modiſchen Anzug, geſchmückt mit Ketten und brillantnen Ringen, die in der Sonn ſpielen zu laſſen, er ſich ſo eben ergötzte. ——— 129 Armanb, der Nordheim zuerſt gewahrte, rief ihm ein fröhliches Bon jour! entgegen und bot ihm die Hand dar. So wären wir endlich einmal wieder eiſammen, fuhr er lachend fort, und unſre Langwei⸗ ligkeit ſcheint ſich gut conſervirt zu haben. Denn auch Ihr Geſicht ſcheint mir noch eben ſo lang, wie ſonſt, Herr Nordheim. Beſſer, es conſervirt ſeine Länge, als daß es zuſammenſchrumpft, ſagte Nordheim lachend, und ſetzte ſich zu den Uebrigen. Und wie iſt es Ihnen ergangen, ſeit wir uns nicht ſahen? fragte Nordheim. Ich dächte, wir tauſchten die Erlebniſſe dieſer letzten Tage mit ein⸗ ander aus. Damit es wieder geht, wie mit unſern Biogra⸗ phieen, Herr Nordheim, rief Armand, wo Sie uns auch entſchlüpften. Indeſſen, ſei es darum! Irgend Jemand muß der Menſch haben, mit dem er über ſeine Angelegenheiten plaudern kann, wie überhaupt das Plaudern eine herrliche Sache iſt. Nicht wahr, mein geſprächiger Macdeam?— Der Irländer blickte bei Nennung ſeines Namens auf, verſank aber ſo⸗ gleich wieder in ſein ſtummes Hinbrüten, und Armand fuhr fort: mir iſt es ergangen ungefähr wie einem Koche, der zu irgend einer bevorſtehenden Feſtlichkeit eines großen Herrn die Speiſen vorbereitet, aber dabei L. Mühlbach. I. 9 130 einen hungrigen Magen und wenig Ausſicht hat, einige Knochen und Broſamen bei dem ſpätern Feſtin zu erhalten. Indeß, man gewinnt nichts, wenn man in thatenloſer Ruhe hungert, und immer iſt es inter⸗ eſſanter, Küchenjunge zu ſein, als gar nichts. Auch haben die Küchenjungen, ſagte Nordheim, bei dem großen bevorſtehenden Feſt, deſſen Sie erwähnen, vielleicht Gelegenheit, hie und da ein Hühnchen für ſich ſelber zu rupfen. Wenn aber, mein Herr Ar⸗ mand, fuhr Nordheim fvrt, und zeigte auf Armands wohlbekannte hölzerne Form, viel Birnen von der Art der Ihrigen dort, dabei vorkommen, ſo mag ſich wohl mancher dabei für immer den Magen verderben. Und wann ſoll denn dies Diner aufgetragen werden? Die Speiſen kochen ſchon, antwortete Armand, ſobald ſie fertig, wird's geſchehen. Und nun, Herr Giuſeppo Daſſa, wandte er ſich an den Italiener, ſind Sie, ein tapferer Schütze, Ihrem flüchtigen Wild ſchon auf der Spur? Daſſa lächelte ingrimmig und ſagte: ich denke, ich hab' es ſchon ein wenig matt gehetzt und bin ihm auf den Ferſen. Es iſt ein luſtiges Treibjagen, und das ſchöne Wild zappelt recht artig in meinem Garn. Ha, fuhr er fort, da fällt mir ein, daß ich Euch für dieſen Abend ein Vergnügen ſchaffen kann. Es iſt heute Abend Geſellſchaft bei der Lady Landstown, 131 und ich lade Sie hiemit ſämmtlich ein, mich dorthin zu begleiten. Wollen Sie?. Unmöglich! rief Armand. Man möchte uns dort gerade nicht ſehr zuvorkommend empfangen, und uns den Weg hinaus leichter zeigen, wie den hinein! Wenn ich Sie einlade, ſagte Daſſa, und warf den Kopf ſtolz rückwärts, ſo haben Sie dergleichen nicht zu fürchten. Die Lady wird entzückt ſein, meine Freunde bei ſich zu ſehen. Alſo die iſt es! ſagte Nordheim zu ſich ſelber. Armes Weib! Ein rachedürſtender Neapolitaner ſcheint mir furchtbarer, wie das Thier der Wüſte. Der Löwe iſt großmüthiger, wie es dieſer iſt. Giuſeppo, der, gleichſam als wolle er Nord⸗ heims Gedanken errathen, aus ſeinen ſchwarzblitzenden Augen einen lauernden Blick auf dieſen gerichtet hatte, fragte jetzt: Und Sie, Herr Nordheim, nehmen Sie meine Einladung an? Ich habe mich dem Lord Landstown, der mir perſönlich bekannt iſt, für dieſen Abend zugeſagt, er⸗ widerte Nordheim, und würde es wahrlich außerdem nicht wagen, als ungeladener Gaſt mich ſeiner Lady, die alle Ehrfurcht verdient, zu nahen. Giuſeppo lachte laut auf. Alſo Ehrfurcht haben Sie vor ihr? ſagte er dann ſpöttiſch. Ich kenne 9* — 132 Menſchen, die ganz andere Geſinnungen für ſie hegen, und bei ihren rothen küßlichen Lippen an gar keine Ehrfurcht denken. Ich, zum Beiſpiel. Sie, unterbrach ihn Nordheim unwillig, kennen ſo gut wie wir die Geſetze der Ehre, die einem Manne unterſagen, den Ruf einer achtungswerthen Dame leichtſinnig zu beflecken? Herr, wollen Sie mich meiſtern? fuhr Giuſeppo wüthend auf. Wohlan, ſo wiſſen Sie denn, dieſe achtungswerthe Lady Landstown iſt— Schweigen Sie! rief Nordheim heftig, und packte Giuſeppo's Arm. Dieſer ſtieß einen wilden Fluch aus, und ſich von Nordheims Hand befreiend, rief er: Sie wagen es, mir zu befehlen! Maledetto! Das wollen wir ſehen! Ich wiederhole es, dieſe Lady Landstown iſt— Sie ſind ein Elender, wenn Sie nicht ſchweigen, donnerte Nordheim— Elender du ſelber! knirſchte Ginſeppo, und mit Blitzesſchnelle aus ſeinem Gewande den Dolch her⸗ vorziehend, ſprang er, gleich einer blutgierigen Tiger⸗ katze, auf Nordheim hin. Eben ſo ſchnell hatte dieſer ihm die Waffe entriſſen, und ihn weit fort in eine Ecke des Zimmers ſchleudernd, packte er mit rieſen⸗ hafter Stärke beide Arme des Italieners, und ſie feſthaltend, ſagte er ruhig: Sie geben uns da ein — 133 Beiſpiel italieniſcher Tapferkeit, wie man es von einem Neapolitaner nur wünſchen kann. Laſſen Sie mich los! rief Giuſeppo ingrimmig, ſich gegen Nordheim's feſt umklammernde Hände ſträubend. Sie ſehen, mein Herr, ſagte dieſer lächelnd, daß man hier in unſerm Norden doch noch weit ſichrere Waffen hat, wie Ihre ſcharf geſchliffenen Dolche es ſind. Und nun, laſſen wir den Scherz! fuhr er ge⸗ laſſen fort, ſeine Hände von Giuſeppo zurückziehend, der ſich ſchüttelte, wie ein von Ketten befreiter Tiger. Herrlich, ſuperb! lachte Armand. Sie haben uns da ein köſtliches Schauſpiel gegeben, meine Herrn. Welch' ein Jammer aber, mein Herr Nordheim, daß Sie nicht in den Zeiten der alten Roma lebten! Sie wären wahrlich ein berühmter Gladiator geworden. Aber ſeht, ſeht ein Wunder! unterbrach er ſich hier ſelbſt, und wandte ſeine Blicke auf Macdeam hin, der ſich von ſeinem Sitz erhoben hatte, und auf Gin⸗ ſeppo zugehend, mit leiſer, wohltönender Stimme fragte: nannten Sie nicht den Namen Landstown, und wollten Sie nicht uns Alle zu der Lady führen? O, mein Herr, ich bitte, nehmen Sie dies Wort nicht zurück, laſſen Sie mich Sie begleiten. Ich kenne die Familie Landstown, es gibt nur eine dieſes 134 Namens. Ich wußte aber nicht, daß ſie hier in London ſei. Die Worte Macdeam's, der zum Erſtenmale in ſo zuſammenhängender Weiſe geſprochen, machte auf Alle einen faſt komiſchen Eindruck. Bewegungslos und ſtill lauſchten ſie dieſer ſo leiſe geſprochenen Rede. Nordheim ſah auf ihn hin mit dem Blicke wahrer und milder Theilnahme, der Offizier, Herr von Fah⸗ renberg, der bis dahin in ſich verſunken dageſeſſen, hatte ſeinen Kopf, aufhorchend, aufgerichtet, und zeigte in ſeinen Mienen die lebhafteſte Ueberraſchung. Giuſeppo ſah, während Macdeam ſprach, mit halb tückiſchen und halb erſtaunten Blicken ſtarr auf die Lippen des Irländers, und ſchüttelte, als er geendet, ſtirnrunzelnd den Kopf und murmelte: verſtehe nichts von dem Kauderwelſch. Armand ſprang in toller Luſt im Zimmer umher und rief, als Macdeam ſchwieg, mit lautem Lachen: Ein Wunder! Ein Wun⸗ der! Die Memnonsſäule klingt! Die Steine reden und die Felſen bekommen eine Sprache. Ein wahrer Arivn ſind Sie, Herr Giuſeppo, wandte er ſich zu dieſem, ihn in toller Fröhlichkeit umſchlingend, beleben das Lebloſe und geben dem Erſtarrten Beweglichkeit! Was will denn der Signor? fragte Daſſa. Sie zur Lady Landstown begleiten! rief Ar⸗ mand. Gerührt von den vermuthlichen Reizen dieſer 135 unbekannten Schönen ſehnt er ſich, ihre Bekanntſchaft zu machen. O Weiber, Weiber, wie unerſchöpflich iſt eure Macht! Kommt, laßt uns anſtoßen auf das Wohl aller Weiber! rief er, und füllte die Gläſer. Dann ſprang er zum Spinett, das ein von der Groß⸗ mutter überkommenes Erbſtück der Wirthin, auf drei Beinen in der Ecke ſtand, und eine komiſche Melodie trommelnd, ſang er ein franzöſiſches Liedchen, das verdeutſcht ungefähr ſo lautet: Der Weiber Lob mit Kling und Klang, Laßt froh es uns ertönen, Stimmt ein in meinen Lobgeſang, Auf's Wohlſein aller Schönen. Mit ſammtnem Pfötchen ſtreicheln ſie Die Sorg' uns von der Stirne und, kleine Kätzchen, ſchmeicheln ſie, Die Gräfin, wie die Dirne. Doch Weib und Kätzchen wohl verbirgt Ne Zeitlang ſeine Krallen, Bis es zuletzt Euch doch erwürgt, Weh, wer dem Weib verfallen! XIII. Eine glänzende Geſellſchaft bewegte ſich in den Salons des reichen Hotels, das Lord und Lady Landstown bewohnten, und der Thürſteher rief immer noch neu ankommende Gäſte meldend, einen hoch⸗ tönenden ariſtveratiſchen Namen nach dem andern. Bald war ein ſo dichtes Gedränge in den Zimmern, daß es unmöglich ſchien ſich darin bewegen zu können, und mehrere von den Neuankommenden das Gewühl mit phlegmatiſchem Gleichmuth betrachtend, ruhig an der Eingangsthüre ſtehen blieben. Nordheim, der etwas früher gekommen, war es noch glücklich ge⸗ lungen in die innerſten Gemächer vorzudringen, wo die Dame vom Hauſe, Lady Landstown, deren Be⸗ kanntſchaft er bei Aurelien gemacht, in ſtrahlender Parüre auf dem Divan ſaß und die Begrüßungen ihrer Gäſte empfing. Er näherte ſich ihr und ward von der Lady mit einem freundlichen Lächeln will⸗ kommen geheißen, und es entſpann ſich bald ein lebhaftes Geſpräch zwiſchen ihnen beiden. Mit innigem 137 Mitleid bemerkte Nordheim, wie, ſeit ſeinem letzten Begegnen mit ihr, die Lady noch bleicher und kum⸗ mervoller geworden. Ihr Geſicht war von einer durch⸗ ſichtigen Bläſſe, die ſchwarzen italieniſchen Augen hatten einen feuchten ſchwärmeriſchen Ausdruck, ein unend⸗ lich ſchmerzliches Lächeln umſpielte ihren Mund und ihre Stimme klang zuweilen wie erſtickt unter müh⸗ ſam verhaltenen Thränen. Doch bemühte ſie ſich, heiter zu ſcheinen, und Nordheim, in ſeiner zarten, verſtehenden Weiſe, kam ihr hierin unterſtützend ent⸗ gegen. Scherze flogen herüber und hinüber, und wer vie beiden ſo geſehen, hätte glauben mögen, ſie ſeien zwei vom Glück begünſtigte, ſorgloſe und lebensfrohe Menſchen. Plötzlich, mitten in ihrer heitern Unter⸗ haltung, ſtockte die Lady, ihre Wangen erbleichten noch mehr, und ihr Auge richtete ſich wie erſchreckt nach der Eingangsthür. Es war nur ein Moment, dann athmete ſie ſchwer und fuhr in ihrer begonne⸗ nen Rede fort, aber ihre Stimme zitterte, und das Lächeln, das ſie zuvor erzwungen, wollte nicht wie⸗ der auf ihren bebenden Lippen erſcheinen. Nordheim wandte ſich flüchtig um, und gewahrte Giuſeppo Daſſa, der ruhig an der Eingangsthüre lehnte, und ſeine funkelnden Augen feſt und durchdringend auf die Lady gerichtet hatte. Als er aber Nordheim's Auf⸗ merken gewahrte näherte er ſich mit dem Anſchein 138 vollkommenen Gleichmuths der Lady, und knüpfte eine gleichgültige Unterhaltung mit ihr an. Einige Bekannte Nordheims traten in dieſem Augenblick ihn begrüßend zu ihm heran, und während er mit dieſen ein harmloſes Geſpräch unterhielt, war ſeine ganze Aufmerkſamkeit der Lady und Daſſa zugewandt. An⸗ fangs ſchien ihre Unterhaltung ſich in den gewöhn⸗ lichen und hergebrachten Formen erſter Begrüßung zu bewegen, dann ſchoß Giuſeppo einen lauernden und prüfenden Blick umher, und als er glaubte von Nie⸗ mand beobachtet zu werden, murmelte er der Lady Landstown zu: ſorge, daß ich Dich im Garten ſpreche und bald!— So leiſe die Worte auch geſprochen worden, Nordheim hatte ſie verſtanden, und ex las in den bleichen Zügen der Dame, die ſich ſtumm und ſeufzend verneigte, und dann das Zimmer verließ, in ihrem trüben Blick, wie ſchmerzvoll ihr dieſe neue qualvolle Anforderung ihres Rachedämons!— Dieſe neue Pein will ich ihr erſparen! ſagte Nordheim zu ſich ſelber, und ſich an Ginſeppo wendend, legte er ſeinen Arm in den ſeinen, und ſagte freundlich: laſſen Sie uns doch ein wenig dieſe Räume durch⸗ wandeln!— Binſeppo folgte ihm, und ſo bewegten ſie ſich mühſam eine Zeitlang in dem wogenden Gedränge umher, als plötzlich Macdeam, der Irrländer ihnen 139 entgegen trat und mit ärgerlichem und eiligem Ton fragte, wo er wohl Lady Landstown finden könne, ihr, als der Wirthin, ſeine Ehrfurcht zu bezeigen. O bitte, fuhr er fort, helfen Sie mir, die Dame finden, ich muß ſie ſprechen, und doch kenne ich ſie nicht einmal. 2 Nordheim und Daſſa boten ihm ihre Dienſte an, und alle drei durchwandelten nun ſuchend die Räume, bis es ihnen gelang, der Lady anſichtig zu werden⸗ Nordheim ſtellte ihr den Irrländer vor, der nach der erſten Begrüßung haſtig fragte: Verzeihen Sie mir eine Fragez Sie ſind aus Irland? Die Familie meines Gemahls ſtammt aus Irland, erwiderte die Lady gütig, und dort wohnt auch der ein⸗ zige Bruder meines Gemahls, der Colonel Landstown. Ich kenne ihn, ich kenne ihn! murmelte Mac⸗ deam, und fragte dann raſch: und ſeine Tochter Effi? Sie ſcheinen der Familie ſehr genau befreundet, da ſogar der Vorname meiner Nichte Ihnen bekannt iſt! erwiderte die Lady mit feinem Vorwurf. Miß Effi wird, wie wir aus einem geſtern erhaltenen Briefe des Colonels erfahren, gerade am heutigen Tage als Nonne im Kloſter der grauen Schweſtern eingekleidet.— Der Irländer zuckte zuſammen, wie vom Blitz getroffen, und ſtand bleich und erſtarrt da. In 140 dieſem Augenblicke ward die Lady abgerufen und ent⸗ fernte ſich, ohne vielleicht Macdeams ſichtliche Er⸗ ſchütterung zu bemerken. Dieſer lehnte ächzend an der Wand, ſeine ganze Geſtalt erzitterte, und leiſe ſeufzte er: alſo verloren! verloren auf immer! Um Gottes Willen faſſen Sie ſich! flüſterte Nordheim, kommen Sie, laſſen Sie uns wenigſtens dieſen Ort, wo Jedermann Sie beobachtet, verlaſſen! Macdeam aber war wie beſinnungslos, und halbohnmächtig ſchleppten Nordheim und Daſſa ihn durch eine Nebenthür die Stiege hinab in den Gar⸗ ten.— Die friſche Luft gab Maecdeam ſeine Beſin⸗ nung wieder, ein Strom von Thränen entſtürzte ſeinen Augen, und ein krampfhaftes Schluchzen rang ſich aus ſeiner Bruſt hervor. Dann trocknete er ſchnell ſeine Augen, reichte den Beiden die Hand, und ſagte matt: ich danke Ihnen! Jetzt aber muß ich einſam ſein! Leben Sie wohl! Ich geh' ins Lodging⸗Haus!— Eilig verließ er die Beiden, und auch Giuſeppo wollte ſich entfernen, als Nordheim ihn ſanft zurückhielt, und ſagte: ich habe eine Bitte an Sie zu wagen, mein Herr! Und welche? fragte der Andre lauernd. Es iſt dieſe, antwortete Nordheim, mir in die⸗ ſer Geſellſchaft, in der wir Beide ziemlich fremd ſind, zu erlauben in Ihrer Nähe zu bleiben, damit wir gegenſeitig nicht ganz einſam ſind. 141 Sehr gütig! erwiderte Daſſa kurz. Doch rufen mich vor der Hand Geſchäfte, die keinen Aufſchub erleiden. A rivederla! Wiederum wollte er ſich entfernen, doch Nord⸗ heim, feſt beharrend auf ſeinem Vorſatz, folgte ihm, und ſagte: und wenn es gerade dies Geſchäft wäre, das mich wünſchen ließe, bei Ihnen zu bleiben? 4% Was wiſſen Sie von meinem Geſchäfte? rief Giuſeppo. Laſſen Sie mich offen ſein, mein Herr! ſagte Nordheim ernſt. Ich hörte Sie vorher Lady Lands⸗ town um eine Zuſammenkunft hier im Garten bitten. Ich bitte nicht, wo ich befehlen kann! ſagte Daſſa ſtolz. Doch in ſo zarter Sache ſollte ein Mann dem Weibe gegenüber niemals befehlen! erwiderte Nord⸗ heim. Verzeihen Sie, Signor, aber Sie haben durch die vertrauliche Mittheilung einer wichtigen Epoche Ihres Lebens auch mich gewiſſermaßen zu Ihrem Vertrauten gemacht, und ſo müſſen Sie mir ſchon erlauben, die Rechte eines ſolchen in Anſpruch zu nehmen. Irre ich nicht, ſo fanden Sie in Lady Landstown die unglückliche Ellinor wieder? Errathen! mein Herr! Aber warum nennen Sie ſie unglücklich? Iſt ſie nicht umgeben von Reich⸗ thum und Pracht? die Gemahlin eines ſchönen und 142 vornehmen Lords? die Zierde der Geſellſchaft? das Schvoßkind des Glückes? Warum nennen Sie Ellinor unglücklich? fragte Daſſa höhniſch. Sie thun da eine Frage an mich, deren Antwort Sie ſchon wiſſen, entgegnete Nordheim. Wohl haben Sie Recht mit allen den Vorzügen, die Sie nennen, aber es iſt eine traurige Wahrnehmung, daß unter allen Anzeichen des Glückes, der Menſch doch ſo entſetzlich elend ſein kann. Und Ellinor iſt es! Sehen Sie ihre von Kummer zerſtörte, rührende Schönheit, dieſen ſchmerzlich gepreßten Mund, dieſe klagenden, ſtummen Augen, und dieſe gebeugte ſchöne Geſtalt! O mein Herr, im Kummer eines Weibes liegt etwas ſo Flehendes, Mitleiderweckendes, und darum ver⸗ zeihen Sie, wenn ich, dieſem Gefühle nachgebend, zu Ihnen rede, wie ein Mann es ſtets zum Manne thun ſollte, offen und wahr. Laſſen Sie es genug ſein! Quälen Sie nicht länger dies arme hüfloſe Geſchöpf, laſſen Sie ſich mindeſtens erweichen von der Wehrloſigkeit ihrer Lage. Ich ſchwur der Treuloſen eine ewige Rache! ſagte Daſſa ingrimmig. Und Sie haben bis dahin Ihren Schwur ge⸗ treulich gehalten! erwiderte Nordheim. Es iſt wahr, man hatte Sie tief gekränkt und Sie Ihres Glückes beraubt. Eigene, bittere Erfahrung läßt mich die 143 Größe Ihrer Qual ermeſſen, und ich begreife Ihren Rachedurſt. In welcher Männerbruſt regt ſich dies Gefühl nicht, wenn man ſich verrathen, getäuſcht ſieht, und wen drängt es nicht mit allen ſeinen Sin⸗ nen zur Rache hin? Auch halte ich die Rache für ein edles Gefühl, denn es liegt zugleich ſo viel Stolz und Feſtigkeit darin, nur muß der Gegenſtand der⸗ ſelben dem Manne ebenbürtig ſein! Ein Neapolitaner fragt nicht nach Ebenbürtig⸗ keit, er will nur Rache! unterbrach ihn Daſſa. Aber bedenken Sie, es iſt ein Weib! rief Nord⸗ heim, und was Sie an ihr ſtrafen wollen, war nicht Verbrechen ihres Willens, ſondern ihrer Natur, und Sie werden nicht rächen wollen, was eigentlich ohne Schuld geſchah. Giuſeppo lachte höhniſch, und ſagte: ich ver⸗ ſtehe mich nicht auf Ihre Sophiſtereien und mag ſie auch nicht verſtehen. Aendern werden Sie meinen Entſchluß nicht, und damit basta! Beſinnen Sie ſich! ſagte Nordheim faſt bittend. Ich habe das Unglück geſehen in allen Geſtalten, und unter allen Formen, nie iſt es mir aber rührender und ergreifender geweſen, als in dieſer Dame. Ihr Verbrechen war die Schwäche ihrer Natur, und auch ihr Leiden jetzt iſt wiederum nur eine Schwäche des Weibes, Ein kräftiger Entſchluß, und ſie könnte es . 144 auf immer von ſich abwehren und ſich glücklich machen und frei, und doch trägt ſie in bangem Zagen die ganze Laſt der Pein, und zuckt nur angſtooll und ſeufzend unter dieſen Qualen, die Sie immer neu ihr bereiten. Ja, ich denke, ſie leidet ſehr! rief Daſſa mit frendeblitzenden Augen. Beſchämen Sie Ellinor durch Großmuth! fuhr Nordheim fort. Um Ihrer eigenen Würde thun Sie es. Es iſt aber eines Mannes nicht werth, das ſchwächere Geſchöpf mit grauſamer Ruhe zu martern und zu jauchzen unter ſeinen ohnmächtigen Zuckungen. Dies iſt nicht Rache, ſondern Barbarei. Und was berechtigt Sie, ſo zu mir zu reden? fragte Daſſa heftig. Die Rechte der Menſchheit, die Sie in der Lady angreifen, entgegnete Nordheim feſt. Dies Recht, das jeder Mann hat, wenn er das ſchwache Weib ſchmachvoll gekränkt ſieht. Es bedarf nicht der Bande des Blutes, nicht der äußeren Geſetze der Welt, um die Berechtigung zu verleihen; ſie liegt tief in der menſchlichen Natur und in der Würde des Mannes begründet, und verpflichtet ſogar den Mann, dem ſchwachen Weibe, wenn es gekränkt wird in ſeinen Rechten, Beiſtand und Schutz zu verleihen. Und zu Folge dieſer Rechte ſage ich Ihnen denn, laſſen Sie 145 ab von dieſem zermarterten Weibe, und haben Sie Ehrfurcht vor dem Schmerz einer menſchlichen Bruſt. Ich ſehe nicht ein, unterbrach ihn Giuſeppo, was mich verpflichten könnte, Ihren hochtrabenden Worten nachzukommen. Was ich gelobte, werde ich halten, und dies iſt Rache. Nun wohlan, rief Nordheim entſchloſſen, und ſein Auge leuchtete in edlem Zorn, ſo gelobe ich denn von dieſer Stunde an der gemißhandelten Dame mei⸗ nen Schutz und Beiſtand. Was Sie auch unter⸗ nehmen mögen, Sie ſollen mich überall auf Ihrem Wege finden, und ſeien Sie überzeugt, keine Krän⸗ kung, die Sie von jetzt der Dame noch anzuthun wagen, ſoll ungehindert und ungerächt geſchehen. Ich kenne die Dame, und ihr edles erhabenes Weſen ruft mich zu ihrem Beſchützer, kennte ich ſie aber auch nicht, ich würde dennoch in gleicher Weiſe thun, denn es handelt ſich hier nicht um einen einzelnen Menſchen, ſondern um die Menſchheit, und nimmer, ſo lang ich lebe, will ich, wenn ich es vermeiden kann, es dulden, daß auch nur ein Glied dieſer hei⸗ ligen Gemeinſchaft, die ſich bewegt und leidet nach ewigen Geſetzen, frech zerſtört würde. Sie kennen mich, mein Herr, und wiſſen, daß in meinen Sehnen Kraft liegt, den Schutz, den ich gelobte, zu halten, und ich ſage Ihnen, von heute an zähle ich jeden 2. Mühlbach. l. 10 146 Seufzer, den Sie dieſem Weibe erpreſſen, und für jede ihrer Thränen ſind Sie mir Rechenſchaft ſchuldig. Nordheims erhabene Ruhe und Feſtigkeit ver⸗ fehlte ihren Eindruck auf Ginſeppo nicht, und feig, wie alle Neapolitaner, fühlte er Furcht, den Zorn eines Mannes noch weiter zu reizen; er ſagte des⸗ halb ruhiger: Sie nehmen die Sache ernſter, wie ſie 3 wirklich iſt! Auch will ich die Lady ja nicht un⸗ glücklicher machen, ſondern nur von Zeit zu Zeit Geld von ihr erpreſſen. Es fehlt mir an allen Mit⸗ teln, und ſie hat Geld im Ueberfluß. Ich denke, dieſe Geldbußen ſind nur eine gerechte Strafe ihrer Schuld gegen mich.— Bei dieſer ſchamloſen und frechen Entſchuldigung blieb Rordheim, wie entſetzt ſtehen, und ſah den 3 Italiener erſtarrt an; dann murmelte er in tiefer und ſchmerzlicher Bewegung: kann man die Menſch⸗ heit noch lieben, wenn ſie ſo ſich entwürdigt?! wenn ſie, berufen zu der höchſten Beſtimmung, hinabſinkt in Schmutz und Erniedrigung! Schweigend gingen ſie eine Zeitlang neben ein⸗ ander hin; dann ſagte Nordheim ruhig: ich werde der Lady ſagen, daß ſie ihre Ruhe erkaufen kann von Ihnen, und danke Ihnen für Ihre Aufrichtig⸗ keit. Laſſen Sie uns denn zurückkehren zur Geſellſchaft, — ich ſage Ihnen aber, daß es Ihnen heute nicht mehr gelingen ſoll, Lady Landstown zu ſprechen. Auch iſt dies nicht meine Abſicht mehr! ſagte Giuſeppo tückiſch. Ich denke ſie wird mich bis jetzt wohl hier im Garten erwartet haben, und dies ver⸗ gebliche Warten iſt für heute Demüthigung genug, Wirklich kam ihnen, als ſie ſich dem Hauſe näherten, Lady Landstown aus einer andern Allee des Gartens entgegen, wo ſie in bangem Gehorſam auf Giuſeppo geharrt hatte. Ihr Auge blickte heiterer und freier, nun da ſie für heute mindeſtens dieſem qualvollen Zwiegeſpräch überhoben ſchien, und un⸗ willkürlich warf ſie Nordheim, den ſie für das unbe⸗ wußte Werkzeug ihrer diesmaligen Befreiung hielt, einen dankenden Blick zu; er erwiderte ihn mit einem Lächeln, und ihre Hand ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen ziehend, bat er ſie, ihm zu erlauben, daß er ihr am andern Tage ſeine Aufwartung mache.— Die Lady ſagte es zu, und kehrte dann mit den Beiden zurück zur Geſellſchaft. Als dieſe ſpäter auseinander ging, fuhr Nordheim zu Aurelien. Sein Herz klopfte freu⸗ dig und ſehnſuchtsvoll, und der Weg zu ihr ſchien ihm heute ſo lang. Nordheim lächelte über ſeine eigene Ungeduld, und murmelte zu ſich ſelber: bin ich nicht ein Thor mit dieſem ſtürmiſchen Drang und dieſem unruhigen Sehnen? Spiele ich nicht gleich 106 148 einem Kinde am Ufer eines Meeres, während doch die nächſte Welle mich verſchlingen kann? Mein Herz ſchlägt ihr entgegen, und meine Sinne wallen in freudigem Sehnen nach ihr. Wie lange, wie lange, und dies Herz klopft wieder matt und die Sinne ſind wieder erſtorben! Dies Alles weiß ich, und den⸗ noch?— In dieſem Augenblick hielt der Wagen vor An⸗ reliens Hötel, und Nordheim dachte nicht mehr daran, ſeine letzte Frage ſich ſelber zu beantworten, er dachte nur ſie! Und ſo eilte er die Stiegen hinauf. Aber vor der Thür ihres Gemaches angekommen, blieb er ſtehen, er athmete ſchwer, gleichſam um dieſer innern Beängſtigung und Aufwallung Luft zu geben, er gab ſeinen Zügen einen ruhigeren Ausdruck, und als er ihn meldende Diener zurückkehrte, ihn zu der Lady zu führen, war nichts von der früheren Aufregung mehr an ihm wahrzunehmen. XIV. Mit welcher Sehnſucht hatte Aurelia ihn er⸗ wartet, wie flog ſie ihm entgegen in Freude und Luſt des Wiederſehens, wie erbebte ihr Herz, als ſie ſeinen Schritt im Vorzimmer vernahm. Bebend in gewaltiger Bewegung, athemlos ſtand ſie da, und nun öffnete er die Thür, und trat ihr entgegen mit ſeinem ruhigen, friedlichen Blick, mit dem freundli⸗ chen, aber kalten Lächeln Aurelia fühlte es wie einen eiſigen Hauch über ihr Herz hinwehen, und ſie ſenkte einen Moment ihr Haupt auf ihre Bruſt, im ſtummen Schmerze. Immer aber doch war er da, ſie vernahm doch ſeine Stimme, ſie ſah die geliebte, theure Geſtalt, und ſie flüſterte zu ihrem eigenen ſtürmiſchen Herzen: laß dir genügen, genügen an ſeinem Anblick! Als ſie dann zuſammen auf dem Divan ſaßen, bat Nordheim ſie um die Fortſetzung ihrer Erzählung, und Aurelia die ihre Ruhe und Selbſtbeherrſchung an der ſeinen wieder gefunden, fuhr fort: Nach ſtundenlanger Ohnmacht fand ich mich 8 150 auf meinem Lager wieder. Stephan, meines Vaters Kammerdiener, und der Arzt, der Freund meiner Jugend, der ſeit zwanzig Jahren mit meinem Vater auf dem einſamen Schloß gelebt, und auch jetzt noch dort weilte, ſaßen an meinem Lager. Kaum mich beſinnend, fragte ich, was mit mir geſchehen, und verſuchte mich aufzurichten. Ein brennender Schmerz in der Bruſt warf mich zurück, und erinnerte mich plötzlich des Vorgefallenen. Ich fragte nach Albert. Man hatte ihn gleich nach der That, ehe Jemand etwas davon erfahren, haſtig hinab eilen ſehen in den Hof, wo er ſein Pferd forderte, es beſtieg und eilig davon jagte. Stephan hatte mich leblos am Boden gefunden, und Böſes ahnend, heimlich den Arzt gerufen; dann hatten ſie die Thüren verſchloſſen, mich auf das Lager gelegt, und meine Wunde ver⸗ bunden.— Iſt ſie tödtlich? fragte ich den Arzt. Er verneinte es; die Wunde war leicht und gefahr⸗ los. Ich bedauerte dies faſt, denn der Gedanke, durch den Tod meinem Elend zu entfliehen, war mir beglückend und tröſtlich, und mit Schauder erfüllte mich die Vorſtellung, zu leben, ſo zu leben, wie ich gelebt hatte. Ich will ſterben! rief ich, o laßt mich ſterben!— Nur allmälig gelang es den beiden Vertrauten, mich zu beruhigen, und mich zu verhindern den Verband von meiner Wunde zu reißen. Dann, 151 erſt verworren, nach und nach und inmer deutlicher und beſtimmter geſtaltete ſich in mir ein Plan zu meiner Rettung. Albert wieder zu ſehen war mir unmöglich. Daß er mich verwundet, konnte ich ihm verzeihen, nimmer aber, daß er mich ſchlug. Ich wollte entfliehen aus dieſer Gegend, die mir verhaßt geworden, fort von allen den Menſchen, die ich ver⸗ achtete, und meine Flucht ſollte zugleich eine tiefe und nachhallende Rache für Albert ſein!— Meinen Vertrauten theilte ich meinen Plan mit, und als ſie ſich ſträubten, mir zu helfen, und ihn für unausführbar hielten, ſchwur ich mich vor ihren Augen zu tödten. Nun gaben ſie nach, und als das Nähere verabredet war, ſchritten wir ſogleich zur Ausführung meines Vorhabens.— Der Arzt mußte zuvörderſt die Die⸗ nerſchaft von meiner Krankheit, die mich plötzlich überfallen, benachrichtgen, und Sorge tragen, daß die Kunde davon in der Gegend und Stadt ver⸗ breitet ward. Vielleicht war dieſe Nachricht bis zu Albert gedrungen, denn er kehrte am andern Tage zurück, und verlangte vom Arzte unter Thränen, ihn zu mir zu führen. Dieſer eröffnete ihm nun, daß mein Tod in Folge jener erhalteneu Wunde unver⸗ meidlich ſei, daß ich aber, meinen nahen Tod wohl wiſſend, befohlen, Niemand die Urſache deſſelben zu verrathen, weil ich Albert nicht verderben und außer⸗ dem vermeiden wolle, meinen Namen und mein Schick⸗ ſal zum Gegenſtand öffentlichen Geſprächs zu machen. Albert hatte in krampfhaften Schmerz den Arzt be⸗ ſchworen, ihn zu mir zu führen, was dieſer aber, wegen meiner angeblichen Schwäche ſtreng verſagt hatte— So vergingen einige Tage, in denen meine Wunde raſch der Heilung entgegen ſchritt, und als ich mich endlich ſtark genug fühlte, mein begonnenes Werk zu vollenden, berief ich den Geiſtlichen aus der Stadt zu mir, um, eine Sterbende, die Sakramente zu empfangen, und in ſeiner und einiger andern Zeugen Gegenwart mein Teſtament zu machen. In dieſem ſetzte ich Albert die Hälfte meines Vermögens aus, die andere vermachte ich meiner Tante, und Stephan ſollte gleich nach meinem Tode mit meinen letzten Abſchiedsgrüßen für dieſe unbekannte einzige Verwandte zu ihr reiſen. Ganz beſonders beſtimmte ich ſodann, daß Niemand meine Leiche ſehen ſolle, da ich auch im Tode nicht wünſche, die Blicke der neugierigen und theilnahmloſen Maſſe auf mich zu ziehen, Stephan und der Arzt ſollten meine Leiche in den Sarg legen und dieſen ſchließen. In meiner Seele aber war ein entſetzlicher Kampf, und die tiefernſte Bedeutung dieſer Stunde trat nun erſt in ihrer Rieſengröße vor meine Seele. Ich fühlte mich wirklich eine Sterbende, und ich war es. Meine . 153 Jugend, mein Glück war zu Grabe getragen, und auch mein Name und mein Gedächtniß ſollte ſterben. Schon empfand ich die Wirkung des genommenen Opiumtrankes, meine Sinne drohten zu ſchwinden, als die Thür haſtig aufgeriſſen ward, und Albert todtenbleich herein ſtürzte und an meinem Lager nie⸗ derſank. Ich fühlte einen furchtbaren tödtlichen Haß gegen ihn, der die Urſache war meiner Qualen und Leiden, und mit letzter Kraft richtete ich mich auf und rief: Fluch über dich und dein Leben! Dann ſank ich zurück, kraftlos, todesmatt. Ich hörte noch den Arzt ſagen ſie ſtirbt!— Es ward Nacht vor meinen Blicken, ich ſank zurück.— Als ich nach zwölf Stunden, wie der Arzt es berechnet, erwachte, ſtund dieſer und Stephan neben meinem Bette. Schweigend reichte ich ihnen die Hand, und erhob mich dann ſchnell. Der Sarg, der in der Mitte des Zimmers ſtand, erregte mir Grauen, und ich mußte meine Augen abwenden von dieſem dunkeln, engen Hauſe, das zu bewohnen mich doch früher ſo ver⸗ langt hatte.— Schnell hüllte ich mich in die ſchon bereit liegende Tracht eines Bauernmädchens, barg mein Haar unter dem großen runden Hut der Bäuerin⸗ nen, und kniete dann, in tiefer Bewegung, nieder vor dem Arzt, ſeinen Segen zu empfangen. Er er⸗ theilte ihn mir weinend und geleitete mich dann ſelber 154 durch Gänge, Corridore und geheime Treppen zu einer kleinen verdeckten Pforte des Schloſſes, wo ich mit Stephan, der mich geleiten ſollte, von ihm Ab⸗ ſchied nahm. Die ganze Größe meines Unternehmens belaſtete mein Herz in dieſem Augenblick, als mein Blick noch Einmal jene Mauern überſchaute, die der Mond geſpenſterhaft hell beleuchtete, und nur Ste⸗ phan's wiederholtes Bitten konnte mich vermögen, das Auge abzuwenden von dieſen theuern Erinnerungs⸗ zeichen meiner Jugend, und ihm zu folgen zum be⸗ reitſtehenden Wagen, den er ſelber leitete. Nun fuhren wir dahin, die ganze Racht hindurch, raſtlos, ruhelos. Den Tag über ruhten wir, und in nächſter Nacht ging es weiter, immer weiter. Acht Tage waren verfloſſen, da erreichten wir das Schloß meiner Tante, in dem dieſe einſam, ihr Leben der Pflege der Armen und Kranken geweiht, lebte.— Nach und nach machte Stephan, den ſie aus frühern Tagen kannte, ſie mit meinem Schickſal bekannt, und führte mich, die ich mich bis dahin verborgen gehalten, zu ihr.— Wei⸗ nend umfing ſie mich, und ſchwur der einzigen Toch⸗ ter ihrer geliebten Schweſter eine treue und verſchwie⸗ gene Mutter zu ſein. Sie gab mich für eine weit⸗ läufige Verwandte aus, die ſie für immer zu ſich genommen und als ihre Tochter betrachtet ſehen wollte, und es war kein Grund vorhanden, ihren 9 155 Worten nicht zu glauben. So verfloßen nun ſtill und friedlich meine Tage, aber mein Herz war kummer⸗ voll und traurig, es darbte nach Leben, Thätigkeit und Glück. Ach, oft erſchien ich mir ſelber wie ein Geſpenſt und eine Geſtorbene, und es graute mir vor meinem eigenen Bilde. Ich war geſtorben und ſollte doch leben, ein neues Daſein beginnen, neu denken, neu empfinden; die Tage, die geweſen, ſollte ich vergeſſen, und an neue und fremde meine Ge⸗ danken und Empfindungen richten. Ach, aber dieſe Tage, wie ſchlichen ſie ſo langſam und geräuſchlos dahin, wie wickelten ſie umſonſt ſich ab von dem großen Knäuel der Zeit, umſonſt und thatenlos. Oede und leer war es in meinem Innern, und mein Da⸗ ſein war nur ein Vegetiren. Meine Tante, die mich wohl innig liebte, konnte weder meine Sehnſucht begreifen, noch dies innere Drängen nach Leben ver⸗ ſtehen; Ruhe ſchien ihr die höchſte Freude des Lebens, und die Pflege der Armen und Kranken, die ſtets willige Aufnahme fanden in ihrem Schloſſe, beſchäf⸗ tigte ausſchließlich ihre Gedanken. Andre Bekannt⸗ ſchaften anzuknüpfen durfte ich nicht wagen, aus Furcht, der Zufall könne mir irgend Jemand entge⸗ gen führen, der mich früher gekannt, und durch den ich verrathen werden könnte. Dieſe Leere, dieſe innere Einſamkeit war entſetzlicher noch, als die früheren Tage, in denen doch mindeſtens Leben und Mark ge⸗ weſen; dieſe Ruhe drohte mich zu bewältigen, und brachte mich oft zu einer Verzweiflung, die an Wahn⸗ ſinn grenzte. Entſetzlicher war noch die Qual dadurch, daß es nichts gab, worüber ich klagen konnte, und was mir wirklichen Grund gab zum Kummer. Um bemitleidet zu werden, mußte man mich verſtehen! Ach, und von wem durfte ich dies fordern; wem durfte ich dies von einem ſchweren Geheimniß belaſtete Herz öffnen und ſagen: ſieh, mein zertretenes, qualoolles Innere, komm und lindere meine Pein!— Nur in der Stille der Nacht, in dem Schweigen meines ein⸗ ſamen Zimmers durften meine Thränen fließen, meine Klagen Worte finden. Eine tiefe, unendliche Sehn⸗ ſucht nach der Welt erfüllte meine Bruſt, doppelt glühend, weil dieſe Welt mir ja verſchloſſen war. Ich beneidete das Bauermädchen, das unter der Pflege meiner Tante geheilt von ihrer Krankheit unſer Schloß verließ und hinausſchritt in die Welt; meine Augen folgten thränenſchwer dem Vogel, der in die Weite flog. Ach in der Weite, in der Ferne wohnt das Glück! ſeufzte ich ihm nach, und mir war als müßte ich mich ſelber vernichten in ohnmäch⸗ tigem Schmerz. Wie ich aber einſt ſo einſam ſaß im Garten unter dem Schatten ſäuſelnder Bäume, ftiedliche Stille um mich her, da war es, als geſchehe 157 in mir ſelber ein Wunder; nie geſehene Bilder tauchten vor meinem innern Auge auf„es war mir, als er⸗ klänge in meiner Seele eine ſüße, wonnevolle Muſik, Gedanken und Worte ſproßten wie von ſelber in mir und fügten ſich abſichtlos zu Reim und Lied. Und nun war es mir, als ſprudelte plötzlich ein neuer Lebensquell durch meine Adern, als ſei der Damm, der bis dahin meine Seele und Empfindungen ein⸗ geengt, durchbrochen, und alle Feſſeln ſeien von mir gefallen. Unter der Einſamkeit und Stille, unter der ſtummen Qual meiner Bruſt war ein mir unbe⸗ wußtes Talent in mir gereift, und drängte ſich nun hervor zu That und Wort. Neues Leben war in mir erwacht, ein zweites Weſen, ſchien es, lebte in mir ſelber, und ihm konnte ich meine Gefühle erklären, mein Unglück klagen. Und ſeltſam, dies zweite Leben theilte ſich nun auch, wie durch einen Zauberſchlag, Allem mit, was mich umgab, und was mir bis dahin todt und empfindungsleer geweſen. Die ganze Natur lebte mir, ich verſtand die Blume, verſtand den ſäuſelnden Wind und die murmelnde Welle, und wußte ihnen allen Worte und Gedanken zu geben in meiner Weiſe. Begeiſterte Lieder entſtrömten meinen Lippen und erfüllten mich ſelber mit Wonne und Glück. Es war wie ein Pfingſtfeſt meiner Seele, der heilige Geiſt der Poeſie hatte ſich herniedergeſenkt 158 auf mein Haupt, und redete aus mir in einer Sprache, die ich zuvor ſelber nicht verſtanden.— Nun war ich nicht mehr einſam, nicht mehr unverſtanden, Hei⸗ terkeit und ſüßer Friede erfüllte fortan meine Bruſt, und machte mich freundlich und milde gegen Alles, was mich umgab. Ein Jahr war vergangen, da ſtarb meine Tante, und hinterließ mir ihre Reich⸗ thümer, ihre Beſitzungen, deren ein großer Theil in England war, wo ſie mit ihrem Gemahl, einem Lord Stopford, bis zu dem Tode deſſelben gelebt hatte. Mein Sehnen nach der Welt erwachte in mir, Herrin einer Million, wollte ich gehen und ſehen, ob die Welt wirklich ſo ſchön, wie ich ſie oft in meiner dichtenden Begeiſterung erſchaut. Ich verkaufte das Schloß und alle Beſitzthümer, und zog fort nach England. Dort durfte ich nicht fürchten erkannt zu werden, dort winkte mir Freiheit und Glück!— So trat ich aus tiefſter Einſamkeit plötzlich in das Ge⸗ räuſch der großen Welt.— Mein altengliſcher Name (meine Tante hatte mich früher adoptirt, und ich nannte mich nach ihr), mehr noch der Reichthum, mit dem ich auftrat, öffnete mir die höhere Kreiſe der Geſellſchaft, Schmeichler umgaben die Reiche, ſchöne Wittwe, Freundinnen umdrängten mich. Ich aber war einſam unter dem Geräuſch des Lebens, und unter der Fülle des Daſeins darbte ich in innerer Herzensarmuth.* 159 Meine Seele ſehnte ſich nach Liebe, es drängte mich, wie die Liane, mich anzuranken an den hohen und kräftigen Stamm, und Schutz und Ruhe zu finden an fremder Stärke. Ich wollt nicht bewundert, ich wollte geliebt ſein, und ich ſchaute umher unter meinen Verehrern, und fühlte, daß ich keinen von dieſen lieben, daß mich keiner von ihnen verſtehen konnte! Aber es gab viel Genuß und Freude für mich in der Kunſt. Ich engagirte Lehrer für Malerei und Muſik, und ergab mich beiden Künſten mit Eifer und Erfolg; ich machte mich bekannt mit der Literatur meines Vaterlands und Englands, und fand hierin Beleh⸗ rung, Freude und Genuß; auf einige Jahre füllte dies mein Inneres an; aber das Leben iſt länger als einige Jahre, und meine Sehnſucht überdauerte dieſe. Das Unglück der Vergangenheit hatte meinen Blick aber geſchärft, und ich hatte gelernt, der Menſch⸗ heit zu mißtrauen. Oft aber vergaß ich auch dies Mißtrauen, und glaubte den Worten, die man mir ſprach, glaubte an die Zuneigung, die manche Freun⸗ din mir mit zärtlicher Miene gab. Ich mußte aber ſpäter oft mit bitterm Schmerz erfahren, daß man mich hintergangen, und daß die Liebe nur der Deck⸗ mantel war, unter dem man eigenſüchtige Plane ver⸗ barg. So zog ich mich mehr und mehr in mich ſelber zurück, und lernte die bittre Kunſt des Genügens. 160 Ich legte über mein Antlitz die glatte Maske zuvor⸗ kommenden Lächelns, ich lehrte meine Zunge die Sprache, die der Weltton erheiſcht, ich lehrte meine Züge ruhig und friedlich ſein unter dem Zucken mei⸗ nes Herzens, und forderte von mir ſelber nichts zu begehren vom Leben, was es nicht leiſten könne. Gegen Jedermann gleich freundlich, zeichnete ich Nie⸗ mand mehr aus, verlangte von Keinem, er ſolle mehr ſein, als was er war, und forderte weder Freund⸗ ſchaft, noch Liebe mehr. Aber mein Herz verdorrte und meine Phantaſie erſtarb. Ich war ſo kalt und ernüchtert in mir ſelber; Lied und Poeſie war in mir verſtummt, die Begeiſterung mir auf ewig entflohen. In meiner Einſamkeit konnte ich in ſehnſuchtsvoller Gluth von den Entzückungen der Welt, und der Wonne des Lebens ſingen. Wovon ſollte ich aber nun ſingen, wo ich gelernt, daß dieſe Entzückungen nur Schein, und dieſe Wonnen nur leerer Wahn?— Ich hatte nichts mehr, für das ich mich begeiſtern konnte, und ſtumm hüllte ich mich in Entſagen und Schweigen.— So lebte ich, ſo lebe ich, ſagte Au⸗ relia erſchöpft, wenn ein ſolches Dahinwelken Leben heißt! Oft frage ich mich ſelber in bitterm Weh, warum ich bin, warum ich athme, ſpreche, lache, da alles dies für mich und Andere werthlos und unerfreulich? Für wen leide ich denn als für mich 161 ſelber, für wen ſchmücke ich mich, wer nimmt denn Theil an meinem Leben, für wen hat es Werth und Bedeutung?— Mein Schmerz iſt umſonſt geweſen, und meine Erfahrungen traurig, aber nutzlos,— ich bin einſam!— Nun kennen Sie mich, ſagte Aurelia erſchöpft, mit allen meinen Fehlern und Irrthümern. Ich bin wahr geweſen gegen Sie, ſelbſt auf die Gefahr hin, durch dieſe freie Enthüllung meiner Vergangenheit in Ihrer Achtung zu verlieren. Richten Sie nun über mich! Nordheim war, während ſie ſo ſprach, aufge⸗ ſtanden, und ſich ihr mit einem wahrhaft erhabenen Ausdruck ſeiner Züge nähernd, legte er ſeine Hände —einen Augenblick wie ſegnend auf ihr Haupt und ſagte feierlich: Tochter des Unglücks und der Schmer⸗ zen, wie webt ſich Dein Leiden Dir wie eine Glorie um Dein ſchönes Haupt. Wie ſind Deine Augen ſo ſchön, verdunkelt von Thränen, und wie ehrwür⸗ dig iſt das ſchmerzliche Zucken Deines Herzens!— O Aurelia, fuhr er fort, und faßte ihre Hand, wie ———— danke ich Ihnen für Ihr ſchönes edles Vertrauen, und Ihre Zuverſicht zu mir. Sie haben gefehlt und geirrt. Aber ſich erheben und aufrichten in Würde aus Fehlern und Irthümern iſt erhabener, als nie in L. Mühlbach. I. 11 162 ſolche verfallen zu ſein. Sie haben viel gelitten, und ich verehre Sie um Ihrer Leiden willen. Heilig iſt das Unglück, und nur den Auserleſenen wird es zu Theil, und nur die Auserleſenen wiſſen es zu bewäl⸗ tigen, und nur dieſe verſtehen ſich unter einander. Die Unglücklichen ſind eine große geheime Geſellſchaft, deren Glieder ſich an nur ihnen verſtändlichen Zeichen erkennen. Und als ich Sie zum Erſtenmale ſahe, erkannte ich in Ihren ſchönen Zügen, daß Sie zu den Unſern gehören und begrüßte Sie freudig als ſolche.— Inmmer glühender fuhr er fort: und meinſt Du denn, Du holdes, thörichtes Kind, Du jungfräu⸗ liches Weib, meinſt Du denn, daß ich nicht verſtan⸗ den hätte, was ſich in Deiner glühenden Bruſt ge⸗ regt? Daß ich an dem Zucken Deiner Augen, an Deinem Erröthen, an Deinem Blick es nicht gewußt, daß Du mich liebteſt? Aurelia, ich wußte es wohl, aber ich wollte mich bezwingen. Nun aber fahre hin, Ueberlegung und Klugheit! Aurelia, komm an mein Herz! * Er breitete ſeine Arme nach ihr aus, und mit einem Schrei des Entzückens ſank Aurelia an ſeine Bruſt. Und nun umfing er ſie in entfeſſelter Gluth, und drückte ſie feſter und feſter an ſein Herz, und unter Küſſen flüſterte er: laß' mich die Welt 6 vergeſſen, nur einen Moment vergeſſen! Laß mich nichts denken, als Dich, nichts begehren, als Dich! Aurelia, erſticke alle Erinnerung in mir mit Deinen Küſen! und ſie ſchaute, weinend vor Luſt, zu ihm auf, und fragte liebſt Du mich? Lange und ſchweigend ſah er ſie an, mit einem Blick, wie ſie ihn nie zuvor gewahrt, und vor dem ihr Herz erzitterte in freudigem Weh; ſeine Züge nahmen einen ernſten, faſt wehmüthigen Ausdruck an, und als ſie leiſe ihre Frage wiederholte, ſagte er: ja, ich liebe Dich! Aber ich weiß, Aurelia, daß es kein Glück gibt in der Liebe, und daß dieſe Wonne enden wird. Und weil ich dies weiß, wollte ich dem Entzücken dieſes Augenblicks entſagen, um Dir die Qual der Zukunft zu erſparen. Du aber, Du träumſt noch von Glück, und darum ſei es geſprochen das Wort: ich liebe Dich! Aurelia umfing ihn jauchzend, und ruhte, ein ſeliges Weib, an ſeiner Bruſt, und Nordheim bedeckte ihre Lippen und ihre Augen mit ſeinen Küſſen. Dann, ſeiner eigenen Stärke mißtrauend, entriß er ſich plötz⸗ lich ihren Armen und ſagte: keinen Kuß mehr! wollen wir doch unſerm Glück, weil hienieden ſo kärglich erblühend, nicht die wenigen Blüthen, die es 1 164 uns aufbewahrt hat, auf einmal entreißen! So ſpre⸗ chend, küßte er noch einmal ihre Hand und verließ ſie eilig. Aurelia aber ſank auf den Divan nieder und Thränen entſtürzten ihren Augen, ſie wußte nicht, ob vor Wonne oder Schmerz. 3 —— XV. Als Nordheim am andern Morgen ſein Früh⸗ ſtück einnahm, trat Maedeam mit haſtigen Schritten in ſein Zimmer, und Nordheim die Hand hinreichend, ſagte er leiſe: ich komme, um Ihnen Lebewohl zu ſagen! Ich gehe nach Amerika! Und was wollen Sie in dieſem kalten induſtriellen Lande? fragte Nordheim. Was ſoll ich hier? entgegnete Maedeam. Hier, wo das Unglück mich verfolgt? Wenn das Unglück Sie verfolgt, wird es auch über's Meer hin Ihre Spur finden! ſagte Nordheim; beſſer iſt es, Sie bieten ihm die Spitze, ſo allein beſiegen Sie es! Maedeam ſchüttelte traurig den Kopf. Nein, ſagte er, ich kann es nicht beſiegen. Es iſt beſchloſſen, ich gehe! In einer Stunde geht ein Dampfſchiff von hier nach Hamburg, und auf demſelben werde ich die Fahrt machen, um in Hamburg von meinem einzigen, 166 dort lebenden Bruder Abſchied zu nehmen, und dann fort, fort in die neue Welt. Ich fürchte, Sie handeln übereilt, und mißkennen in Ihrer Trauer Ihre Lage! ſagte Nordheim theil⸗ nahmsvoll; möchten Sie nicht mindeſtens noch einige Tage warten mit der Ausführung Ihres Entſchluſſes? Vielleicht daß Sie bei größerer Ruhe anders dächten. Denn, obwohl ich mich nicht in Ihr Vertrauen ein⸗ drängen möchte, meine ich doch zu errathen, daß der geſtrige Abend in genauer Verbindung mit Ihrem Vorhaben ſteht. Macdeam nickte ſchweigend. Nun alſo, fuhr Nordheim lächelnd fort, ver⸗ trauen Sie doch dem Stern, der, wie die Dichter lehren, die Liebenden beſchützt, und legen Sie nicht willkührlich zwiſchen ſich und dem Gegenſtande Ihres Kummers Meere und Länder, die zu durchmeſſen ſchwieriger ſelbſt ſind, als Kloſtermauern zu beſiegen. Es iſt beſchloſſen, ich gehe, ſagte Macdeam mit dem Eigenſinn der Schwermuth, mein Platz iſt ſchon beſtellt, leben Sie wohl! Muß es denn ſein, antwortete Nordheim, nun, ſo mögen meine beſten Wünſche Sie begleiten, und wenn dieſe auch keine Kraft haben Ihnen zu helfen, ſo mögen Sie doch meiner gedenken als eines Man⸗ nes, der Ihnen ſtets die wärmſte Theilnahme bewahren 167 wird! Und ich denke, dies iſt, inmitten dieſer freund⸗ loſen, kalten Welt auch etwas werth. Noch einmal reichten ſie ſich die Hand, dann begleitete Nordheim Macdeam in's Rvom hinab, wo ſie Armand und Giuſeppo fanden, beide lachend über die ſonſt ſo fröhliche Wirthin, die jetzt mit Thränen des Irländers Reiſegepäck ordnete und dabei ſchluchzte: ja, lachen Sie nur, meine Herren, Sie werden mir doch meinen Kummer nicht wegraiſonniren und lachen. Will nun der arme Herr hinaus in die weite Welt, aus reiner Deſperation glaube ich, und habe ich ihn doch gepflegt, wie mein eigenes Kind. Ja, wenn er ſo Abends ſein Liedchen ſpielte, da ward mir's ganz warm um's Herz, und meine ganze Jugend ſtieg wieder vor meiner Seele auf, und ich meinte, wieder ein junges Mädchen zu ſein, und vor meinem Fenſter meines Liebſten Lied zu vernehmen, der, Gott hab' ihn ſelig, nun auch ſchon längſt begraben liegt; und dann ward mir ſo wonnig und ſo weich, und ich hätte den lieben Macdeam umarmen mögen, und mir einbilden, er ſei mein Schatz. Und alles dies muß ich nun entbehren und miſſen; dies iſt für unſereins, dem es ſelten einmal ankommt, ein bischen zu ſchwärmen und zu ſeufzen, wie die vornehmen Leute, kein Spaß, ſondern ſehr ernſthaft, und darum laſſen Sie mich immerhin weinen! 168 Als ſie ſich jetzt umwandte und Macdeam ge⸗ wahrte, deſſen Eintreten ſie vor ihren eigenen Klagen nicht bemerkt, floßen ihre Thränen reichlicher und ſie fuhr fort: und wenn Sie wenigſtens noch klagen und jammern wollten, Herr Macdeam, ſo wüßte man doch, warum Sie ſo traurig ſind. Aber ſo ſtumm und ſtill wie Sie ſind, weint man in die Welt hinein, ohne ſich einmal Rechenſchaft von ſeinen Thränen geben zu können. Grade, wie mein ſeliger Mann, der auch immer ſo verſteckt war, und immer ſtumm, ich mochte ſagen, was ich wollte, und auch ſo ſtumm geſtorben iſt ohne mir ein Wort zu ſagen. Abends geſund zu Bette gegangen, und andern Morgens war er todt. Da lobe ich mir doch'nen rechtſchaffenen Jammer, oder wenn's ſein muß, ein Paar Flüche, die immer beſſer ſind als ſolch' Stummſein! Ich muß fort, ſagte Macdeam, und blickte nach der Uhr. Wenigſtens Ihr ſchönes Liedchen ſpielen Sie uns noch zum Abſchied! bat die Wirthin, und die Uebrigen ſtimmten ein in ihren Wunſch. Macdeam nahm ſchweigend ſein Inſtrument und ſetzte es an die Lippen. Wie die Töne in ihrer ein⸗ fachen herzinnigen Melodie dahinzogen, fühlten ſich Alle wunderbar bewegt, die Wirthin barg ſchluchzend ihr Geſicht in ihrer Schürze, und ſelbſt Armand blieb 169 ſtill und wagte nicht zu lachen. Als Macdeam die Melodie geendet, begann er noch einmal, aber nur in veränderter, noch mehr klagender Weiſe der wei⸗ chern Molltonart; leiſe und wie zerſchmelzend in unendlicher Wehmuth flüſterte das Lied dahin, in ſeinen zitternden Klängen des Irländers Abſchieds⸗ klage tragend. Still war es unter ſeinen Zuhörern; die Wehmuth und der Friede der Melodie ſchien ſich Allen mitzutheilen. Macdeams Züge erheiterten ſich während des Spiels ſichtbar, er ſchien wie verklärt und ſein Auge ſtrahlte in ſchwärmeriſchem Feuer.— Als er dann geendet, winkte er ſchweigend mit der Hand ein Lebewohl und verließ das Gemach. Die Wirthin ſorgte daß ſein Gepäck in das be⸗ reit ſtehende Cabriolett gebracht ward, in dem Mae⸗ deam ſchon Platz genommen, und bald rollte der Wagen mit dem ſchwermüthigen Irländer zum Hafen hin. Auch Nordheim verließ das Lodging⸗Haus, nach⸗ dem er Daſſa erſucht, bei ſeiner Zurückkunft ihm eine Unterredung in wichtigen Angelegenheiten zu bewilligen, und dieſer es zugeſagt hatte. Lady Landstown, zu der Nordheim ſich ſodann begab, empfing ihn mit ihrer gewohnten ſchwermüthi⸗ gen Freundlichkeit, und erwiderte auf Nordheims Frage nach ihrem Wohlſein, mit einem wehmüthigen Lächeln: 11** Sie fragen nach meinem Wohlſein, und meinen wohl mein Krankſein, das mir freilich ſeit vielen Jahren weit vertrauter iſt, wie das Gegentheil. Das Gefühl, geſund zu ſein, liegt wie ein ferner Jugendtraum hinter mir, und kehrt, wie die Jugend ſelber, nimmer zurück. Auch habe ich längſt Beiden entſagt und begehre nicht mehr, was unerreichbar iſt. Nordheim lächelte. Und wie wollen Ew. Lordſchaft dem entſagen, was Sie ohne Ihr Zuthun noch be⸗ ſitzen? fragte er verbindlich; wie eine Jugend ver⸗ leugnen, die doch aus Ihren Zügen ſpricht? Und wo Jugend, iſt auch Kraft zur Geſundheit und Balſam für alle Schmerzen. Die Lady wiegte ſchweigend ihr Haupt und ſagte leiſe: es gibt nur Einen Balſam und Ein Linde⸗ rungsmittel für alle Schmerzen, dies iſt der Tod. Als ich ein Jüngling war, erwiderte Nordheim, und mein Gemüth erfüllt hatte mit allerlei Ahnungen einer Seligkeit, die nach dieſem Leben des Menſchen Eigenthum, da bedeutete mir der Tod daſſelbe, und ich nahm in frommem Kinderglauben Sterben für den Anfang eines ſeligen Lebens, und ſehnte mich recht mädchenhaft nach dem Tode. Und haben Sie ſeitdem dieſen Glauben verloren? fragte die Lady raſch⸗ Wie ſollte ich nicht?! rief Nordheim. Unſer . 171 Jahrhundert iſt das der Thatſachen, und darüber iſt uns der Glaube zerronnen. Das Leben überhaupt lehrt mißtrauen und zweifeln, und unſer Jahrhundert zumal hat ſeine beſten und edelſten Kräfte in thäti⸗ gem Wirken darauf verwieſen, das Dieſſeits zu er⸗ heben und es in Harmonie zu bringen mit den An⸗ forderungen der Menſchheit; und über dieſem Beſtreben, das begriffene und erfaßte Dieſſeits zu verherrlichen und zu ſeiner ihm beſtimmten Würde zu erheben, tritt das in einen nebeligen unbeſtimmten Dunſt ge⸗ hüllte Jenſeits zurück, und es verlangt uns nicht mehr, durch den Nebel zu greifen nach einem Etwas, deſſen Werth oder Unwerth wir nicht zu erforſchen vermögen. Als ich dies begriffen, hörte ich auf den Tod zu begehren, und ſuchte, an das Leben ange⸗ wieſen, mit muthigem Wollen deſſen Qualen zu beſiegen.“ Und dies Wollen iſt ſchon der Anfang des Sieges. Männer ſind beſtimmt zu kämpfen und zu wollen, ſagte Lady Landstown, wir aber, wir armen Weiber, müſſen unterliegen und dulden. Verzeihen Sie, wenn ich das bezweifle, rief Nordheim. Gerade das Weib hat in ſeinem ſchmieg⸗ ſamen, elaſtiſchen Weſen, in der von keinem Manne erreichten Fähigkeit zu dulden, ohne zu unterliegen, von der Natur die Waffen zum Kampfe mit dem ————— 172 Leben erhalten; die Natur aber in ihrer Weisheit gibt und thut nichts Zweckloſes, und ſtraft den, welcher ihre Gaben unbenützt läßt. So iſt auch Krankheit nur ein Ungehorſam gegen die Natur, und ver⸗ folgt nur diejenigen als Strafe, die der Natur nicht gehorchen und nach ihren Geſetzen leben! Es gibt aber eine Krankheit der Seele, ſeufzte die Lady, für welche die Erde keinen Balſam hat und keine Linderung! Nordheim ſchwieg einen Augenblick, und be⸗ trachtete die Lady, die ihr Haupt auf die Bruſt ge⸗ ſenkt, ſich in ſchwermüthigen Gedanken zu verlieren ſchien, mit theilnahmsvollen Blicken. Dann ſagte er plötzlich feſt und entſchloſſen: Laſſen Sie mich auftichtig ſein, und der Wahrheit, in der alles Heil liegt, gehorſamen. Als ich Ew. Lordſchaft um eine Unterredung bat, geſchah es nicht allein um Ihnen meine Ehrfurcht zu bezeigen, ſondern um Ihnen meine Dienſte anzubieten, wie gering dieſe auch im⸗ mer ſein mögen. Wüßte ich auch weiter nichts von Ihren Schickſalen, ſo hätte mich der Ausdruck Ihrer Miene gelehrt, daß Sie leiden und minder glücklich ſind, als Sie zu ſein verdienen. Nun aber hat der Zufall mich zu einem Mitwiſſer ihrer Pein gemacht, und weil es alſo iſt, habe ich auch das Recht, Ihnen meine Hülfe anzubieten. Ginſeppo Daſſa— 173 Was iſt mit ihm? unterbrach ihn die Lady angſtvoll. War grauſam genug, fuhr Nordheim fort, ein 4 S Geheimniß früherer Tage mir zu verrathen, und ſo fremden Ohren mitzutheilen, was einem Ehrenmanne unverbrüchliches Schweigen gebieten ſollte. Ich kenne Ihre Leiden, und darum darf ich auch wahr und rückhaltlos ſein. 3 Ellinor brach in heftiges Weinen aus, ihre Thrä⸗ nen überflutheten ihr Geſicht, das im Erröthen der Schaam erglühte, und ſie fand nicht die Kraft zu ſpre⸗ chen, ſondern ſchluchzte laut. Zürnen Sie mir? Mißdeuten Sie meine Auf⸗ richtigkeit? fragte Nordheim ſanft. Nein, nein! ſchluchzte Ellinor. Oder fürchten Sie, Ihr Geheimniß ſei bei mir gefährdet? O nein! ich fürchte nichts mehr! rief Ellinor, ſich gewaltſam zuſammeufaſſend, wer ſo viel gelitten an innern Qualen, wie ich, der fürchtet nichts mehr. Laſſen Sie mich aber weinen, meine Seele möchte ich ausſtrömen in Thränen, es ſind die erſten Freuden⸗ thränen ſeit vielen Jahren. Und plötzlich, wie in übermächtiger Bewegung, ſank Ellinor nieder auf ihre Kniee und rief, die Hände gen Hinmel erhebend: Gott, mein Gott, ich — 174 danke Dir! Du haſt mir Hülfe und Beiſtand ge⸗ ſandt! Mein Flehen iſt nicht umſonſt geweſen, Du haſt die Verzweiflung meiner Seele begriffen, und ſendeſt Linderung. O Du, Du, Dank ſei Dir und Preis— Ihre Stimme ward ſchwächer, ihr Athem ſtockte, ohnmächtig ſank ſie zurück. Nordheim bettete ſie ſanft auf den Divan und öffnete das Fenſter; die hereindringende friſche Luft gab der Lady bald ihre Beſinnung wieder. Sie ſchlug die Augen auf, und Nordheim die Hand reichend, ſagte ſie: Wüßten Sie, wie furchtbar ich gelitten unter dieſer Laſt des Schweigens, wie dies Geheim⸗ niß, von dem ich zu keinem Menſchen reden konnte und durfte, mir faſt das Herz abgedrückt und mich zur Verzweiflung getrieben hat, Sie würden begreifen, wie mich Ihre Worte ſo tief erſchüttern konnten. Es iſt mir, als wäre mein Unglück ſchon halb beſiegt, nun, da ich Jemand habe, zu dem ich klagen darf. Dies iſt ja das Entſetzliche meiner Qual, daß ich ſie vor ihm, dem meine ganze Seele gehört, vor meinem Gemahl verbergen muß, und ihn nicht darf ahnen laſſen, warum ich leide. Und nun helfen Sie, rathen Sie, fuhr ſie heftiger fort, ſagen Sie mir ein Mittel, dieſen Furchtbaren, bei deſſen Erwäh⸗ 175 nung ſchon ich erzittere, zu erweichen und zu zähmen in ſeinem wilden Zorn. Das blutdürſtige Thier entflieht vor dem Schein des Feuers, antwortete Nordheim; dieſer iſt nicht beſſer, als ein Thier, und vor dem Glanz des Goldes wird ſeine Wuth entfliehen. Sie glauben? fragte Ellinor freudig. O geben Sie ihm Alles, Alles, was ich beſitze. Meine Be⸗ ſitzthümer, meine Juwelen, Alles will ich ihm zu Füßen legen, und dafür nichts begehren, als die Frei⸗ heit, und nur die Freiheit, unbeängſtigt meinem Gram nachzuhängen und den Vorwürfen meines eigenen Gewiſſens. Er ſoll fordern ſo viel er mag, nur Freiheit, Freiheit! Nordheim verabredete nun mit Ellinor, dem Italiener eine anſehnliche Summe auszuzahlen, für welche er die Briefe an Nordheim ausliefern ſollte; außerdem wollte man ihm ein reichliches Jahrgeld ausſetzen, das ihm regelmäßig ausgezahlt werden ſollte, wenn er dafür ſich verpflichtete, ſogleich nach Italien und für immer zurückzukehren, und niemals den Ver⸗ ſuch zu machen, Ellinors Ruhe in irgend einer Weiſe zu ſtören. Er wird, denke ich, dieſen Vorſchlag eingehen, ſagte Nordheim zuverſichtlich. Der Himmel gebe, daß Sie Recht haben, ſeußzte 176 Ellinor. Vielleicht habe ich ſchon zu viel gelitten, um noch hoffen zu können. Ich fürchte, ich kenne ihn beſſer, und die Befriedigung ſeiner Rache gilt ihm mehr als Gold und Schätze. In Ihrer edeln Seele halten Sie auch ihn zu edel! erwiderte Nordheim. Sie werden ſehen, ſeufzte die Lady, und als Nordheim ſich ſodann entfernen wollte, reichte ſie ihXm mit einem dankenden Blick die Hand hin und ſagte: wie es aber auch kommen mag! dieſe Stunde ver⸗ pflichtet mich Ihnen für immer, und lehrte mich, Ihre erhabene Geſinnung erſt recht erkennen. Die Scho⸗ nung und Achtung, die Sie, obgleich Sie die Schuld meiner Jugend kennen, mir dennoch beweiſen, gibt mir einen Theil meines Selbſtbewußtſeins wieder, und daß Sie die Sünde meiner Jugend kennen, be⸗ ſchämt mich nun weniger, als es mich erhebt. Ich danke Ihnen! Sie haben an mir edel und weiſe ge⸗ handelt! Und ich glaube, dies iſt die wahre Weisheit, ſich der Gefallenen zu erbarmen, aber nicht mit Vorwurf und Ueberhebung, ſondern mit Milde und Troſt! Sie nennen weiſe, ſagte Nordheim, was nur rein menſchlich iſt. Weil ich in meinem Leben des Schmerzes und Unglücks ſo viel erfahren, drängt es mich, wo ich kann, es zu lindern. Dies Beſtreben zu lindern und zu helfen iſt der Segen, den das Schickſal dem Unglücklichen gibt, und darum möchte ich es faſt nicht miſſen, das Unglück, das mich Jahre lang verfolgte. Und jetzt? fragte Ellinor, ſind ſie jetzt wieder glücklich? Sofern man es hienieden ſein kann, wenn man weiß und nie vergißt, daß Glück und Freude nur von kurzer Dauer iſt, bin ich glücklich, antwortete Nordheim.— Nachdem er ſodann der Lady verſprochen, bald möglichſt ihr die Antwort Giuſeppo's zu bringen, empfahl ſich Nordheim und kehrte zurück ins Lodging⸗ Haus, wo der Italiener ſeiner harrte.— Vorſichtig und ſchonend theilte Nordheim ihm der Lady Anerbieten mit, und obwohl die Verach⸗ tung, die er vor ihm, dieſem rohen, ungebändigten und nisdrigen Charakter empfand, Nordheim zu be⸗ wältigen drohte, zwang er ſich dennoch zu ruhiger Freundlichkeit, um nicht durch Darlegung ſeiner wirk⸗ liche eſinnung des Neapolitaners Ingrimm noch mehr zu reizen. Auch ging dieſer anſcheinend auf Ellinors Plan ein, und erklärte ſich bereit, für die genannte Summe die Briefe auszulöſen. Und was, fragte er dann mit tückiſchen Lachen, bietet mir Elli⸗ nor für meine Erinnerungen und für das, was ich L. Mühlbach. 1. 12 — 178 erzählen könnte? Womit will ſie mein Schweigen erkaufen? Nordheim nannte ihm die zweite Summe und die Bedingungen, unter denen dies Jahrgeld ausge⸗ zahlt werden ſollte. Daſſa brach in ein lautes und anhaltendes Lachen aus, das ſchaurig klang bei ſeinen wild blitzen⸗ den zornigen Augen, wie das Gelächter des Schakals, der blutgierig die Dede durchſtreifend die Beute ge⸗ wahrt, die er zerreißen will. Dann ward Daſſa's Geſicht plötzlich ernſt, und er ſagte ruhig: ich werd' es überlegen! Und wollen Sie mir die Briefe einhändigen? ſagte Nordheim. Wozu das? fragte Daſſa trocken. Ich denke mit Ellinor ſelbſt darüber zu unterhandeln, und meine, dies ſei natürlicher und der Ordnung gemäß. Ich hoffe, ſagte Nordheim, daß Sie mindeſtens dabei nicht jene ſchonende Berückſichtigung, die ein Cavalier einer Dame ſchuldig iſt, vergeſſen werden! So trennten ſie ſich, und Nordheim, als er allein war, ſagte freudig: und nun zu ihr, zu meiner Geliebten! Dann eilte er haſtig die Stiegen hinab, und fuhr zu Aurelien. XVI. Leiſe, um ſie zu überraſchen, öffnete er die Thür ihres Boudoirs, und ſchaute uchend hinein. Aurelia aber bemerkte ihn nicht; ſie lag auf dem Divan, laut ſchluchzend, das Geſicht in den Kiſſen verbergend. Nordheim trat ein, und die Thür ſorgſam ſchließend, blieb er einen Augenblick, Aurelien betrachtend, ſtehen. O, ſchluchzte dieſe jetzt, wie iſt mir ſo weh und traurig! Er kommt nicht, immer noch nicht! Iſt es denn möglich, möglich, daß er nur ein Spiel getrieben mit mir? Nordheim, Geliebter, kannſt Du mich ver⸗ laſſen, nun Du weißt, wie ich Dich liebe 2 Ihr Schluchzen erſtickte ihre Stimme, ſie ſchien wie aufgelöst in Schmerz. Leiſe trat Nordheim zu ihr heran, und ſich über ſie neigend, flüſterte er: holdes, böſes Weib! Warum verläumdeſt Du Deinen Geliebten?! Sie flog empor, und mit einem Freudenſchrei an ſeinen Hals. Biſt Du da, endlich da?! jubelte ſie und ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt. Dann, mit 12 8 180 lieblichem Schmollen zu ihm aufblickend, ſagte ſie: Du böſer, theurer Mann! Mich ſo viele Stunden umſonſt harren zu laſſen! Nordheim lächelte und küßte ihre Angen. Werde weiſe, weiſe, meine ſchöne Schwärmerin, ſagte er zärt⸗ lich, lerne doch Beſonnenheit im Glück, und Mäßi⸗ gung in der Freude, damit auch ſpäter das Unglück und der Schmerz Dich beſonnen finde. O ſprich nicht vom Unglück, rief ſie heftig, ihn umſchlingend. An Bruſt ruhend umfange ich Wonne und Glück, und alle Luſt des Lebens. Ein Entzücken iſt in mir, wie ich es nie gekannt, und ich fühle mich wieder jung und glücklich! Liebe mich, liebe mich, ſo heiß Du kannſt, ſagte er, ſie feſter an ſich drückend, laß uns alle Gluth, alles Glück zuſammendrängen in dieſen Moment, und uns vergeſſen, daß der Zeiger weiter rückt, und an⸗ dere Tage bringen wird. Laß mich Deine Lippen küſſen; ſie ſollen mir der Lethe ſein für die Ver⸗ gangenheit, für Ueberlegung und Erfahrung. Nun waren ſie ſtumm in jenem Schweigen des Entzückens, das nur mit Seufzen und Blicken, mit Lächeln und Händedrücken ſpricht. Ich habe eine Bitte, flüſterte Aurelia dann. Bitte, murmelte er unter Küſſen, Alles, was Du willſt, ſoll geſchehen! 181 Laß uns hinausfahren auf mein Gut, es iſt ſo ſchön dort und einſam! Niemand, der uns ſtört; die ganze Welt dort fern, die ganze Welt dort nah in Dir! Ja, fort, fort von hier! ſagte Nordheim, wollen wir einige Tage mindeſtens nur uns ſelber haben, und nichts, als uns!— Aurelia hatte ſchon, Nordheims Zuſtimmung vorausſetzend, Alles ordnen laſſen, und fröhlich, wie ein Kind, hüpfte ſie an Nordheims Arm zum bereit⸗ ſtehenden Wagen. Aureliens Villa, nahe an der Stadt gelegen, war bald erreicht, und Hand in Hand durchwandelten ſie beide nun die eleganten, ſchön geſchmückten Räume. O, wie bin ich ſo froh, ſo zufrieden, daß es Dir hier wohlgefällt, ſagte Aurelia, und wie freue ich mich ſelbſt jetzt dieſer geſchmückten Zimmer. Dies Alles iſt ja Dein, wie Du Herr biſt über meine Seele und mein Herz, ſo iſt auch Dein Alles, was ich beſite. Willſt Du mir recht zeigen, daß Du mich liebſt? fragte ſie dann und ſchmiegte ſich inniger an Nordheims Bruſt. Gewiß, fordere nur, Alles, was Du willſt, ſoll geſchehen! ſagte er. Nimm dieſe Villa und den Park a Geſchent von mir an, ſchmeichelte ſie. 182 Nordheims Stirn umwölkte ſich einen Moment, dann ſagte er: ſind wir nicht hieher gekommen, Au⸗ relia, um in dieſer Einſamkeit die ganze Welt zu vergeſſen? Und Du bringſt doch dieſe Gedanken der Welt und des Irdiſchen mit? Nein, Aurelia, nicht wieder ſolche Gedanken! Rede mir nicht wieder von Geſchenken. Willſt Du mir aber etwas geben, ſo laß es dies Lächeln ſein, das ſo entzückend iſt, und dieſen Blick, der mein ganzes Herz bezaubert! Du willſt mein Geſchenk nicht? fragte ſie mit lieblichem Schmollen. Nein, ich will es nicht, aber ich begehre ein größers, Dich ſelbſt! ſagte Nordheim, und küßte ſie. Sie traten in das Boudoir, in dem Aurelia, wenn ſie in der Villa war, zu wohnen pflegte, und ſie ſagte: o mein Geliebter, wie kann es denn ſein, daß wenige Tage unſer ganzes Innere gleichſam um⸗ geſtalten, und uns wie zu einem neuen Weſen ſchaf⸗ ſen können. Als ich zum letzten Male hier war, da fühlte ich mich verlaſſen und einſam, troſtlos und verzweiflungsvoll, und ich glaubte an dem trägen Klopfen meines Herzens mit Freuden zu fühlen, daß es bald ſtille ſtehen würde. Und nun? Iſt es mir doch, als lebe ich in einer neuen Welt, als ſeien es neue Räume die mich umgeben, als athme ich eine andere Luft. Meine Gedanken, meine Gefühle 183 ſind wie durch einen Zauberſchlag geändert, mir iſt, als ſei ich wieder ein Kind geworden, und doch da⸗ bei 3 weiſe, und als verſtände ich Alles, ohne zu wiſſen, wie und wodurch. 6 Nordheim umfing ſie leidenſchaftlich. Meine Prieſterin der Liebe, ſagte er, komm, lehre mich zu ihr beten mit frommem Kinderglauben. Komm, wo man liebt, iſt man in ihrem Tempel; Prieſterin, lehre mich beten! So ſprechend ſank er vor ihr nieder, und ihre Knie umfangend ſchaute er mit liebeſtrahlenden Augen zu ihr empor. Ein Lächeln des Entzückens verklärte ihre Züge, und im Uebermuth der Luſt eingehend auf ſeinen Scherz, flüſterte ſie: ja, ich will Dich beten lehren. Merk' auf: ich liebe! Ich liebe! ſagte er lächelnd nach. Du liebſt! fuhr ſie fort. Du liebſt! wiederholte er. Wir lieben! jauchzte ſie, und zog ihn empor an ihr Herz. Immer glühender, immer leidenſchaftlicher um⸗ fing er ſie, und unter Küſſen flüſterte er: ſind wir denn hier nicht im Tempel der Liebe? Aurelia fand nicht Kraft und Athem, ihm zu antworten, und barg ihr Haupt an ſeiner Bruſt. XVII. In leiſem Säuſeln regten ſich die hohen Bäume des Parks und murmelnd ſchlüpften die kräuſelnden Wellen des kleinen Sees, der in deſſen Mitte lag, an das blumenumgränzte Ufer. Die Thüren des Pavillons, der daneben ſtand, waren geöffnet, und auf dem Ruhebett in dem Innern deſſelben ſaßen Aurelia und Nordheim, in ſchweigendem Entzücken hinausſchauend auf das liebliche Stillleben. Die Sonne begann hinabzuſinken und vergoldete die Spitzen der Bäume, und der laue Wind trug die Blumen⸗ düfte zu ihnen her. Wie ſchön, wie ſchön! ſagte Aurelia, und lehnte ihr Haupt an Nordheims Schulter. Wie entzückend iſt doch dieſes Schweigen der Natur, und wie köſt⸗ lich dieſe Einſamkeit! Müſſen wir denn Morgen wieder zurück in die Stadt, ſo laß uns mindeſtens heute noch dieſe Schönheit der reinern Luft in vollen Zügen trinken. Ja, komm, ſagte Nordheim, wollen wir uns dort auf jene Raſenbank nahe am See ſetzen, und Abſchied nehmen von dieſer herrlichen Schönheit der Natur. Sie verließen den Pavillon, wandelten Arm in Arm hinab zum Ufer des See's, und ruhten auf der Moosbank neben einander. Still war es um ſie her, in ſüßem Schweigen ſchien die Natur ſelber zu ruhen, langſam plätſcher⸗ ten die Waſſer ans Ufer, als fürchteten ſie die won⸗ nige Stille zu unterbrechen und den Abſchiedsh zu ſtören, den die ſcheidende Sonne der Erde gab, 3 unter ihr glühte. wie bin ich ſelber ſo ſelig! Still, ſtill, ſagte Nordheim leiſe, und drohte lächelnd mit dem Finger, verrathe nicht unſer Glück. Wie iſt die Welt ſo ſchön! ſagte mu Die Najaden des See's möchten es belauſchen, und das ſüße Geheimniß, das nur ſicher iſt, wenn man es verſchweigt, hinausmurmeln in die Welt. Ach, die Welt! ſeufzte Aurelia, mir graut vor der Welt, und wenn ich daran denke, daß wir Mor⸗ gen zurückkehren zur Stadt, ſo fühle ich mich wun⸗ derbar beängſtigt, und ein ſeltſames Bangen erfüllt meine Bruſt. Ja, ich meine dann, daß dieſe ſchönen Tage nie zurückkehren werden. 186 Kehrt denn die Welle dort zurück, ſagte Nord⸗ heim und zeigte hinab in das Waſſer, ſieh, ſie bricht ſich am Ufer und verſchwindet. Aber neue kommen nach ihr und verſchwinden wie ſie. Gleich Wogen und Waſſern rinnen die Tage abwärts, einer folgt dem andern und verſchwindet nach ihm, und keiner kehrt zurück. Das Leben gleicht dieſem See; da kräuſelt ſich Welle neben Welle, wie ein Tag aufrauſcht neben dem andern im ewigen Wechſel. Und ſchau, wie jetzt die Sonne darüber hinglänzt, und den See purpurroth färbt, ſo— So verklärt die Liebe das Leben, uilu ihn Aurelia, und durchglüht alle Tage deſſelben. und wenn die Sonne hinabgeſunken, dann liegt der See erſt ſo hell finſter und ſchweigend da in farbloſer Nacht, ſo das Leben, wenn die Liebe hinab⸗ geſunken.— Nein, nein, rief Aurelia heftig, und unſchlang den Geliebten, nein, dieſe Sonne iſt ewig, und ſie kann niemals untergehn. Sie kann es, und wird es, ſagte Nordheim ſchwermuthsvoll, und je heller ſie leuchtet und glüht, deſto raſcher verglimmt ſie auch. Wie biſt Du heute ſo ernſt! ſagte Aurelia vor⸗ wurfsvoll. Biſt Du denn nicht mehr glücklich? Das Glück iſt es eben, was mich ernſt macht, 187 erwiderte er, weil ich ſein tückiſches Weſen kenne und weiß, daß, wenn wir es mit allen Sinnen in ſtürmiſchem Drang erfaſſen, es uns verläßt; und die ſchweigende kalte Nacht, die dann im Herzen folgt, iſt doppelt entſetzlich nach dem glühenden Tage. O ſprich nicht ſo, bat Aurelia, Du ängſtigſt mich, und verdüſterſt mir mein ſonnenhelles Glück. Laß uns lieber ſehen! wie es ſo ſchön iſt in der Welt. Sieh, ſchon werden die Lichter matter, die Purpur⸗ ſtreifen verſchwinden auf den Waſſern, nur der Schwan, der dort langſam und majeſtätiſch heran⸗ geſchwommen kommt, iſt wie in Sonnengluth getaucht. Vergleichſt Du das Leben dem See, ſo biſt Du mir, wie der Schwan auf demſelben, ſo ſtolz und erhaben und ſo ſchön. Der Schwan iſt ein tückiſch Thier, ſagte Nord⸗ heim lachend, und wenn er zornig iſt, zerſchlägt er mit ſeinen Flügeln, was ſich ihm naht. Du böſer Mann, ſagte Aurelia, und berührte lächelnd mit ihrer Hand ſeine Wange, verdirbſt mir alle meine ſchönen Gleichniſſe und Bilder! Und warum? Muß ich denn durchaus die Lehre von der Vergänglichkeit lernen? Gewiß, antwortete er, damit Du allem Kom⸗ menden gefaßt entgegen ſiehſt! 188 Ich trotze der Zukunft und dem Schickſal, rief ſie, ſich feſter an ihn ſchmiegend, mein Hort und meine Zuflucht iſt Dein Herz. Er drückte ſie an ſich und flüſterte: Ruhe minde⸗ ſtens aus an dieſer Bruſt. Ruhe gibt neue Kraft zum Kampf. Wie bin ich doch ein ſo ſeliges, ſeliges Weib, murmelte ſie, das größte Glück iſt mein, und wird es ewig bleiben. Nicht wahr, Du Geliebter, ewig? Wie ſie mit ihren ſtrahlenden verklärten Blicken ihn anſchaute, fand er nicht die Kraft zu einem „nein!“ und er neigte ſich, ihre Augen zu küſſen. Aurelia aber, wie in heiliger Begeiſterung, richtete ſich auf, und beide Arme ausbreitend, rief ſie: Dank Dir, mein Gott, daß eine Menſchenbruſt ſo viel Glück faſſen kann und ſo viel Wonne! Und plötzlich zu Nordheims Füßen niederſinkend, fuhr ſie fort: und Du, Du Theuerer, Du Geliebter meiner Seele, wie danke ich Dir für dieſe Wonne! Du haſt mich wieder jung gemacht, und lebensvoll, freudig und glücklich. Mein Herz regt ſich in ſeligem Lebens⸗ drang, und meine Sinne ſtürmen in Liebesgluth. Jetzt erſt lebe ich, und Du biſt mein Leben. O wie kann ich Dir danken?“ 189 Nordheim zog ſie zu ſich empor, und bedeckte ihren Mund mit Küſſen. Nicht wahr, Du wirſt mich ewig lieben, ſtam⸗ melte ſie. Er drückte ſie heißer an ſich, und ſagte faſt unwillig: warum die Zukunft beſchwören und die tommende Stunde?! Laß uns die Gegenwart ge⸗ nießen, nicht vorwärts denken! Er zog ſie zu ſich nieder auf den Raſenſitz und ihre Lippen begegneten ſich. Die Sonne war hinabgeſunken, und ein ſanftes Dämmerlicht umhüllte die Natur. Allgemach tauchten Sterne am Himmel auf, und ſpiegelten ſich ab im klaren Waſſer des Sees, und Aurelia dies gewahrend, ſagte lächelnd: Dein Gleichniß vorher iſt nicht richtig, wie ich ſehe. Nach dieſen vorgoldenden Sonenblicken ſollte eine ſchweigende Nacht den See verdunkeln, und ſchau, wie du geirrt, die Sterne ſpiegeln ſich in ihm! Doch hab ich recht mit meinem Gleichniß, ſagte er, und wie dieſer glühenden Sonne die kalten Sterne folgen, ſo wird dereinſt unſre ſchöne, heiße Liebe verglühen; wohl uns, wenn dann mindeſtens das ruhigere Licht der Freundſchaft uns bleibt. Aurelia ſeufzte: Du biſt grauſam! Aber wahr! ſagte er, und küßte ſie, und Au⸗ relia beſtritt es nicht, denn unter ſeinen Liebkoſungen vergaß ſie ſeine Worte.— Und der See murmelte fort und fort, die Sterne leuchteten, und in den Bäumen lispelte der Wind, und die zwei Liebenden ruhten in ſeligem Liebesver⸗ geſſen an einander.— XVIHMI. Die abendliche Meſſe war beendet, langſam wandelten die Nonnen durch die Kirche und traten durchs Refectorium zurück in den langen Kreuzgang des Kloſters, an deſſen beiden Seiten die Thüren zu ihren Zellen lagen. Langſam wandelten ſie weiter, jede bis zu ihrer Zellenthür, an der mit weißen Let⸗ tern auf ſchwarzem Grunde der Name der Bewohnerin zu leſen war. Nun noch das leiſe Knarren der geöffneten Thüren, dann ſchloſſen ſich dieſe hinter den Nonnen, und alles war wieder lautlos und ſtill. Die ewige Lampe vor dem Bilde der heiligen Jung⸗ frau, das am Ende des Kreuzgangs in einer Niſche hing, warf zuweilen aufflackernd, einen matten Licht⸗ ſchein durch den langen Gang, und zeichnete geſpen⸗ ſterhafte Schatten an den weißen, kahlen Wänden. Vom Kloſterthurme ertönte das Geläute der Abend⸗ glocke, ein leiſes Wimmern herüber, und bei der Stille umher konnte man aus den Zellen das Ave Maria der Nonnen vernehmen. Die Glocke verſtummte, 192 das Gebet mit ihr; dann trat um die Ecke des Gan⸗ ges eine Nonne, an dem großen Schlüſſelbunde, das ſie in der Hand hielt, als Pförtnerin kenntlich. Mit dem großen Hauptſchlüſſel ging ſie zu jeder Zellen⸗ thür, verſchloß ſie bis auf eine ſorgfältig, und wan⸗ delte dann leiſen Schrittes bis zu dem entgegenge⸗ ſetzten Ende des Ganges, wo neben der Ausgangs⸗ pforte ihre eigene Zelle lag. Sie ging hinein, ver⸗ riegelte hinter ſich die Thüre, und Alles war ſtill, wie zuvor. Eine Zeit war ſo vergangen, als aus der Zelle, welche die Pförtnerin nicht verſchloſſen, und an deren Thür der Name„Natalie“ zu leſen war, eine andere Nonne trat. Es war eine hohe, ſchlanke Geſtalt, und die Lampe, die ſie in der Hand hielt, beleuchtete grell ihr Geſicht, deſſen bleiche Schönheit hervorhebend. Das lange ſchwarze Ge⸗ wand der Nonnen umhüllte und verbarg ihre Geſtalt, der weiße dichte Schleier, kunſtvoll geordnet, legte ſich dicht an ihre Stirn, den Kopf bedeckend, und fiel in geregelten Falten zu beiden Seiten der bleichen Wangen herab. Friede und Ergebung lag in dieſen reinen, engelgleichen Zügen, und ſprach ſelbſt aus der etwas nach vorn gebeugten Haltung ihrer Geſtalt, nur um die ſchmalen Lippen zeigte ſich ein eigener wehmüthiger Ausdruck, und als ſie jetzt die ſchwarzen großen Augen, über die in feingezeichneter Schwingung 193 die ſchwarzen Brauen ſich wölbten, hinwandte auf das Muttergottesbild, war eine Fülle von Schmerz und Weh, von Seele und Leid darin zu leſen. Sie beugte einen Augenblick ihr Knie und murmelte ein leiſes Gebet, aber man ſah an ihren theilnahmloſen Zügen, daß nur Gewohnheit, nicht Seelendrang ſie ſo thun ließ. Dann füllte ſie die Lampe vor dem Bilde aus dem Krug, der daneben ſtand, mit friſchem Oel, nahm wieder ihre eigene Lampe und wandelte gleichfalls den Gang hinab. Dies alles ſchien ihr mechaniſch zu ſein; auch hatte ſie ja ſeit zehn Jahren allabendlich dieſe nämlichen Verrichtungen geübt. Wie eine Geiſtererſcheinung ſchwebte die ätheriſche Geſtalt den Corridor hinab, und nur der unter ihren Füßen kniſternde Sand verrieth, daß ſie den Boden berühre. Durch die nur angelehnte Thüre trat ſie ins Refek⸗ torium, um auch dort die Lampe vor dem Mutter⸗ gottesbilde mit friſchem Oel zu verſehen, und dann ſchritt ſie durch das Refektorium in die Kirche. Das Heffnen der Thüre rief das Echo auf in den hohen Kreuzgewölben der Halle und durchrauſchte den Raum wie mit Geiſterton. Die Nonne achtete es nicht, mit ruhigen unbeweglichen Zügen ſchritt ſie zum Al⸗ tare, und vor dem Bilde des Erlöſers niederknieend betete ſie mit halblautem Ton ein Paternoster. Dann ſtand ſie auf, auch hier die Lampen zu füllen, und 2. Mühlbach. I. 43 194 nachdem dies geſchehen, trat ſie in den kleinen Raum hinter dem Altare, holte aus einem dort befindlichen Verſchlage den ſilbernen Becher und Teller, die gold⸗ geſtickten Decken und Meßgewänder, und ſchmückte damit den Altar. Etwas Tiefergreifendes, Schauer⸗ liches lag in dieſem ſtillen Walten, in dieſer ruhigen Geſchäftigkeit; die Nonne merkte nicht darauf, und vollendete mechaniſch ihren Dienſt als Sacriſtan. Als der Altar geſchmückt, die Decken ausgebreitet waren, beſtieg die Nonne eine kleine zur Seite gelegene Treppe, die zu dem Orgelchor führte. Hier hing ſie ihre Lampe an die Wand, öffnete die Orgel, und legte ihre ſchlanken Finger, wie prüfend, leiſe auf die Taſten. Sie gaben ihrem Druck nicht nach und kein Ton erſchallte aus dieſen verſilberten Pfeifen. Die Nonne aber glitt leiſe auf den Schemel nieder, und das Haupt auf ihre Bruſt geſenkt, ſchien ſie in tiefe Gedanken ſich zu verlieren. Selbſt das Oeffnen und Knarren der Eingangsthüren und der Schall herannahender Schritte ſchreckte ſie nicht auf, ſie blieb 6 ruhig in ihrer Stellung. Die Tritte kamen indeß immer näher, und jetzt betrat ein zweites weibliches Weſen das Orgelchor, und eilte ſchnellen Schrittes zu der ſinnenden Nonne hin. Ihre Kleidung war nicht verſchieden von derjenigen der andern Nonne, nur der weiße Schleier, der das Haupt und Haar 195 der andern Nonne bedeckte, fehlte, und ſtatt deſſen umwallten lange dunkle Locken Stirne und Geſicht des Mädchens, und fielen nieder auf ihre Schultern. Selbſt das dicke faltenreiche Gewand vermochte weder ihre volle ſchöne Geſtalt ganz zu verbergen, noch auch den Reiz der Jugend und Schönheit, der über die⸗ ſem ganzen Weſen ausgebreitet war, zu verhüllen. Langſam erhob die Nonne ihr Haupt, und ſagte ruhig und ohne Vorwurf: Du kommſt ſehr ſpät, meine Tochter! Verzeihung, Schweſter Natalie, antwortete die Andere raſch, und zog die Hand der Nonne an ihre Lippen, Verzeihung, ich war eingeſchlafen vor Kum⸗ mer und Ermattung. Unſte hochwürdige Aebtiſſin hat geboten, daß ich in dieſer Nacht die letzte Vorbereitung zu der morgenden Feier mit Dir begehe, ſagte die Nonne, laß uns denn zum heiligen Werke ſchreiten. Komm, und laß uns beten. Sie zog das Mädchen neben ſich nieder zum Gebet, und in leiſem Flüſtern bewegten ſich ihre Lippen, aber der ruhige Ausdruck ihrer Züge änderte ſich nicht, und keine Begeiſterung ſchien in ihrem Gebet zu ſein. Auch das Mädchen neben ihr ver⸗ ſuchte zu beten, ſie faltete die Hände, ſie ſchlug die Augen empor, dann füllten ſich dieſe mit Thränen, 196 ihr Buſen hob und ſenkte ſich in ſtürmiſchem Wallen, ſie ſprang empor und ſchrie mit lautem Ton: Natalie, ich kann nicht beten! Laut und durchdringend zitterte dieſer Angſtruf des Mädchens durch die Stille und den hohen Raum, und verſchwand in einem leiſen Rauſchen und Säu⸗ ſeln, das wie Geiſtergeflüſter erklang. Die Nonne erhob ſich langſam von ihren Knieen und ſagte: Du wirſt es lernen, Effie. Nein, nein, rief das Mädchen, und die Thrä⸗ nen, mühſam zurückgehalten, ſtürzten nun gewaltſam hervor, nein, ich kann nicht! Dann, wie in Verzweiflung warf ſie ſich an den Hals der Nonne, umklammerte ſie feſt mit ihren Armen und rief: rette mich! rette mich! Ich kann dies morgende Feſt nicht feiern, ich kann keine Nonne werden. Ihr Athem ſtockte, und Natalie fühlte an der ſchwerer werdenden Geſtalt, daß ſie eine Ohnmächtige in ihren Armen halte. Sie legte das Mädchen ſanft nieder auf den Seſſel, und betrachtete die erbleichten Züge des Mädchens, das mit geſchloſſenen Augen ohne Athem da lag. Ihr wäre beſſer, ſie erwachte nicht wieder, flü⸗ ſterte ſie, ein ſchneller Tod hätte ſie dann dieſem 197 Sertben jedes neuen Tages überhoben. Ich will ſie nicht wecken. Das Mädchen aber regte ſich ſchon, ſie ſchlug die Augen auf, ſie blickte wild umher, dann ſich beſinnend, faßte ſie wieder der Nonne Hand, und wiederholte: Rette mich, Natalie, oder die lung tödtet mich! Ein ſeltſamer, faſt ſpöttiſcher Ausdruck durchflog Nataliens Züge, als ſie antwortete: Wie leer wür⸗ den die Klöſter werden, wenn Verzweiflung zu tödten vermöchte. Ja, in die Klöſter hat ſich die Verzweiflung eingeniſtet, rief das Mädchen, und treibt zum Wahn⸗ ſinn. Natalie, ich will keine Kloſterfrau werden! Und warum nicht? fragte die Nonne ruhig. Weil ich nicht ſterben will, während das Leben in mir glüht, weil ich noch Wünſche habe und Hoff⸗ nungen, weil mein Herz noch klopft und meine Sinne noch glühen! rief Effie leidenſchaftlich. Die Nonne blickte finnend vor ſich hin, dann flüſterte ſie leiſe: es iſt wahr, man ſtirbt ſehr lang⸗ ſam hinter Kloſtermauern! Effie faßte heftig ihre Hand und fragte: Natalie, haſt Du es nie bereut, daß Du eine Nonne ge⸗ worden? Natalie richtete langſam das geſenkte Haupt * 198 empor, und ſah die Fragende mit einem ſo eignen, halb verzweiflungsvollen Blicke an, daß dieſe erbebte, dann ſagte ſie tonlos: meine Wünſche ſind geſtorben. Ich aber will nicht ſterben! rief Effie heftig. Ich will, ich muß leben! Plötlich, wie in heftiger Bewegung glitt ſie zu Nataliens Füßen nieder, und ihre Kniee umklammernd, flehte ſie: Schweſter Natalie, erbarme Dich mein! Rette mich vor den Kloſtermauern! O ſieh, ich kann keine Nonne werden, denn mein Herz gehört dem Leben, gehört der Liebe. Rette mich um meines Geliebten willen. Die Nonne erbebte, und ihre Züge, ſonſt ſo unbeweglich, nahmen einen ſchmerzlichen Ausbruck an, als ſie leiſe ſagte: armes unglückliches Kind! Effie flog empor und ſagte faſt freudig: Du bedauerſt mich! O, dann willſt Du auch helfen! Dann willſt Du auch Erbarmen üben! Sprich, Na⸗ talie, rathe mir, ſage, wie kann ich dieſer morgen⸗ den Feier entgehen, wie kann ich entfliehen? Entfliehen! ſeufzte Natalie. Die Kloſtermauern ſind hoch und dick, und die Frau Aebtiſſin kennt kein Erbarmen. Aber Natalie kennt es, und Natalie wird mir helfen! rief das glühende Mädchen, die Nonne um⸗ armend. 199 Warum ahk, mein Kind, fragte Natalie, ſchwiegſt Du bis jetzt, warum ſprachſt Du nicht in dieſen drei Monaten, die Du als Novize hier im Kloſter biſt? Erinnere Dich, heilige Schweſter, antwortete Effte, daß dies heute das Erſtemal iſt, daß ich Dich ohne Zeugen ſpreche. Du haſt mich unterwieſen in dem heiligen Dienſte, aber ſtets war eine begleitende Schweſter bei Dir. Und ſo ſehr ich Deinen fried⸗ lichen milden Zügen gleich, wie ich Dich ſah, ver⸗ traute, ſo ſehr ſchreckten mich die ernſten kalten Minen der Andern zurück. Ich fühlte, Du allein könnteſt mich verſtehen, und Dir allein dürfte ich vertrauen. Warum betrateſt Du überhaupt das Kloſter? Geſchah es aus freiem Willen? fragte die Nonne. Wie kannſt Du glauben?! ſagte Effie faſt ent⸗ ſetzt. Auf meines Vaters Befehl kam ich hierher. Du mußt wiſſen, gute Schweſter, daß meine Mutter in frommer Schwärmerei mich dem Kloſter beſtimmte, und noch ſterbend von meinem Vater es ſich mit einem Eide beſchwören ließ, mich dem heiligen Dienſte zu weihen. Und Dein Geliebter? fragte die Nonne, und blickte unwillkührlich ſcheu umher, als fürchte ſie, die heiligen Bilder möchten ſich entſetzen vor ſo un⸗ heiligen Worten. O mein Geliebter! ſeufzte Effie⸗ mein Edward! 200 Ihre Augen leuchteten und ihre Wangen überflog eine tiefere Gluth, als ſie fortfuhr: wiſſe Natalie, ich habe meinem Geliebten Treue bis in den Tod geſchworen; ich werde meinen Schwur halten, und ſelbſt Gott ſoll mich ihm nicht untreu machen und ſoll ſich nicht zwiſchen Edward und mich drängen. Wußte Dein Vater um dieſe Liebe? Wie ſollte er nicht! rief Efſie. Edward kam täglich in unſer Haus, und in dem Glücke unſerer Liebe dachten wir Beide nicht daran, ſie zu verbergen. Als eines Tages ich in ſeligem Liebesglück an Ed⸗ wards Herzen ruhte, ach zum Erſtenmale, als er mir ſagte, daß er mich liebe, und um meine Gegen⸗ liebe bat, da überraſchte uns mein Vater, und in glühendem Zorne riß er mich aus Edwards Armen, und nannte ihn einen Verräther. Er ſchwur, mich eher zu tödten, als ſeinen Eid zu brechen. Umſonſt flehte Edward, umſonſt unſchlang ich meines Vaters Knie, er blieb unbeweglich. Da reichte ich Edward die Hand und ſchwur ihm ewige Treue, und gelobte eher zu ſterben, als meinen Schwur zu brechen. Und Dein Vater? fragte die Nonne theilnahms⸗ voll. Durfte er ſeiner Tochter zürnen, die nach ſeinem Beiſpiel handelte? fragte Effie ſtolz. Er wollte ſeinen Eid nicht brechen, ich nicht den meinen! * 201 Sahſt Du Edward nicht wieder? Niemals, ſagte Effie ſchmerzvoll. Noch in ſelber Nacht verließ mein Vater mit mir das Schloß, allein, ohne Begleitung. Er ſelbſt leitete die Pferde. Ohne anzuhalten, raſtlos, fuhren wir die Nacht hindurch, und wie viel ich auch in meiner Pein zu Gott flehte, er möge in ſeiner Gnade mir ein Mittel zeigen, Edward Nachricht zu geben, wollte ſich keine Gele⸗ genheit dazu zeigen! Die Nonne ging einige Male ſchweigend auf und ab, und flüſterte dabei mit bitterm Ton: ich kenne das! Ich habe oft ſo gebetet, und ſtets um⸗ ſonſt. Du kennſt dieſe Qualen? ſagte Effie faſt freudig, Du haſt gelitten, wie ich leide, Du haſt geweint und geklagt? Die Nonne legte ihre Hand auf Effie's Schul⸗ ter und ſagte feierlich: mein Kind, ich habe geweint bis meine Augen vertrockneten, und geklagt bis meine Klagen verſiegten, dann bin ich ſtille geworden! Sie ſchwiegen Beide, und dies Schweigen, die Stille um ſie her, die dunkele, todte Kirche zu ihren Füßen, die flackernde Lampe vor dem Bilde des Ge⸗ kreuzigten, Alles dies machte einen ſchauerlichen Ein⸗ druck auf Effie's leicht erregte Phantaſie, die bleiche Nonne neben ihr, mit den ruhigen Zügen und den 202 glanzloſen Augen erſchien ihr wie eine Todte, Ein⸗ geſargte, und ſie ſagte furchtſam: laß uns die düſtere Kirche verlaſſen. Es iſt ſo unheimlich hier! Ich meine es müßten uns hier Geiſter umſchwirren und Geſpenſter neben uns ſein! Natalie ſchüttelte das Haupt, und ſagte melan⸗ choliſch: wie manche Nacht habe ich hier einſam ge⸗ legen in dieſer Kirche, und die Geſpenſter und Geiſter gerufen, nur, daß ſie mich tödten und erwürgen ſollten, es blieb aber alles ſtill. Fürchte die Geiſter nicht! Und willſt Du, kannſt Du mich retten? fragte Effie dringend. Ich will! antwortete Natalie nach kurzem Sin⸗ nen, ob ich kann, das weiß nur Gott und das Schickſal. Ein Schrei des Entzückens entfuhr Effie's Lip⸗ pen; die Nonne aber drückte, wie entſetzt, ihre Hand auf des Mädchens Mund, und ſagte leiſe: ich be⸗ ſchwöre Dich, ſchweige! Dieſe Mauern ſind es nicht gewohnt, ſolche Freudenlaute zu vernehmen, und wenn ich auch nicht an gute Geiſter glaube, die helfen, ſo glaube ich doch an böſe, die verderben und ſchaden. Wir ſind aber Beide verloren, wenn die hochwürdige Aebtiſſin von unſerm Geſpräche Kunde bekommt.— Höre mich an, fuhr ſie fort, als Effie ſich zitternd 203 an ſie ſchmiegte, wir wollen verſuchen Dich zu retten; aber nur die größte Vorſicht kann uns helfen. Vor Allem laſſe allen Widerſtand fahren, nur ſo kannſt Du zum Ziele gelangen. Gib Dir den Morgen den Anſchein, als ſeieſt Du voller Freude über den großen Feſttag, der Dich zu einer Braut Chriſti macht. Spare nicht die freudigen Worte, danke der Aebtifſin, daß ſie Dich dieſer Gnade theilhaftig machen will. Dann klage über Schmerzen, ſchreie und winſele, und wenn Du kannſt, gib Dir den Anſchein einer Ohnmacht; man wird mich, als eine der Mediein Kundige, zu Deinem Beiſtand rufen, ich werde Dich für ſehr krank erklären und es für nöthig achten, daß die Feier verſchoben werde. So gewinnen wir Zeit. Und Zeit gewonnen, Alles gewonnen! ſagt ein gutes altes Sprichwort, rief Effie frendig, mit Deinem Beiſtand, Natalie, werde ich Alles gewinnen! Natalie reichte ihr die Hand und ſagte mit einem wehmüthigen Lächeln: mein Kind, in dieſer Stunde empfinde ich, daß auch die Leiden ihren Segen haben; ſie lehren mich Deinen Kummer ver⸗ ſtehen und fordern mich auf zu Deiner Hülfe!— Und nun laß uns gehen, fuhr Natalie nach kurzer Pauſe fort, und möge mir der Himmel verzeihen, daß Trug und Täuſchung unſere Zuflucht iſt, es gibt aber in dieſer Welt kein anderes Mittel, zum Ziel zu gelangen. Laß uns gehen, und verſuchen zu ſchlafen. Schweigend verließen ſie Beide die Kirche, und ſchritten durch das Refektorium zurück in den Gang. Die flackernde Lampe warf ihren Schein auf die beiden hohen Frauengeſtalten, wie ſie in ihren ſchwar⸗ zen faltigen Gewändern dahin ſchwebten, und beleuch⸗ tete ihre bleichen ſchönen Geſichter. Natalie begleitete Effie bis zu ihrer Zellenthür, die der ihrigen gegen⸗ über lag; dann flüſterte ſie: alſo Vorſicht und Be⸗ hutſamkeit! Beide nickten ſich ſchweigend zu, und traten Jede in ihre Zelle.— Natalie aber ſank nieder auf den Betſchemel, der außer dem Bette das einzige Meuble des engen Raumes war, in dem ſie ihr Leben ver⸗ ſeufzte, und betete lange und inbrünſtig. Dann ſtand ſie auf und nahm das große Heiligenbild, das über dem BVetſchemel hing, von der Wand und nahm aus der Rückſeite deſſelben eine Anzahl beſchriebener Blätter Papier, und flüſterte: komme, du mein ein⸗ ziger Vertrauter und Freund, auch die Begebenheiten dieſer Nacht ſollſt du erfahren!— Auf dem Betſchemel kniend, denn es gab in 205 dieſem öden Raum keinen Seſſel, ſchrieb ſie mit ſchnellen Federzügen. Es waren aber dieſe Papiere Blätter aus Na⸗ taliens Tagebuche, deren Hauptinhalt mitzutheilen wir uns nicht verſagen mögen. XIX. Blätter aus der Nonne Tagebuche. Erſtes Blatt. Warum ſchließt ſich der Himmel nicht vor der Mauer des Kloſters, bedeckend, was dahinter liegt? Warum umhüllt nicht ein Nebel die Ferne und hin⸗ dert das Schauen? Nichts als Himmel und Kloſter, Einſamkeit und Schweigen! Nur dann kann die Seele ihren Frieden bewahren! Ach, warum ſchließt ſich der Himmel nicht an der Mauer des Kloſters? Auf der Anhöhe im Kloſtergarten ſtand ich heute, und frei ſchweifte mein Blick hinaus in die Ferne! Warum ward mir da plötzlich ſo wohl und weh!? Warum regten ſich die Schwingen meiner Seele wie zum Flug in die Weite, ünd folgten mit dürſtendem Auge der Lerche, die ſingend von der Mauer des Kloſtergartens ſich aufwirbelte und hin⸗ flog in die Welt? Ach, warum ſtand ich auf der Anhöhe im Kloſtergarten? 207 Dies Lied der Lerche verſtand ich, ſo ſchien mir's, und mir war, als vernähm' ich die Worte: „ſchön iſt die Welt, wenn du mit ſchönen Angen ſie ſieheſt; heilig iſt ſie, wenn du mit reinem Gedanken weileſt in ihrer Pracht; heilig auch iſt ſie, weil Gott ſie geſchaffen; ich fliege, fliege hin in die ſchöne, die heilige Welt, wo ſie wohnet die heilige Freiheit.“— Ach, ſo verſtand ich das Lied der Lerche! Dicht an die Mauer des Kloſters gelehnt ſteht die Hütte des Gärtners, und wie ich ſtand und ſchaute hinweg über die Mauer, gewahrte ich ihn, wie er unter der Linde, die ſeine Hütte beſchattet, ausruhte von der Arbeit des Tages. Die Abendſonne traf mit ſchei⸗ dendem Glanze ihn und die Hütte, aus deren geöff⸗ neter Thür jetzt ſein Weib, den Säugling im Arme, heraustrat. Ich empfand einen Schmerz in der Bruſt. Warum ſteht auch dieſe weltliche Hütte ſo nah' an der Mauer des Kloſters? Mit freudeſtrahlendem Blick ſchaute der Gärtner hin auf ſein Weib und ſein Kind, und die Mutter legte den Säugling in die Arme des glücklichen Va⸗ ters, der des lächelnde Kindlein herzte und küßte, und dann die Mutter ſanft zu ſich niederzog auf den Sitz. Sie legte den Arm um den Hals des Gatten, und nickte ihm zu, und mit freudeſtrahlendem Blick ſchaute der Gärtner ſie an. 208 Nicht weiß ich, ob ſie es ſprachen, oder ob es nur meine Gedanken.— Aber mir war als vernähm' ich die Worte: auch die Liebe des Menſchen zum Menſchen kann heilig und rein ſein, und läuternd die Seele durchglühen. Gott ſchuf dies Gefühl in dem Menſchen, und was Gott ſchuf iſt geheiligt. Das Weib, das in jauchzender Freude ihr Kindlein drückt an die Bruſt, erfüllt erhabnen Beruf und Gottesdienſt iſt ihr Glück.— Sprachen die Beiden wohl ſo, oder waren es meine Gedanken? Wie ſchien mir das Glück der Bewohner der Hütte ſo ſchön!— Jetzt trat auch die Magd herzu und deckte den Tiſch, ſetzte Milch und Käſe darauf, und Brod und prangende Früchte. Das Kind griff nach den rothen Beeren, und die Mutter ſteckte ſchä⸗ kernd ſie ihm ins rothe Mäulchen. Drauf ſprach der Mann geſegn' es uns Gott! Und ſie aßen. Ach, nie ſah ich im Kloſter die leckern Speiſen mit ſolcher Luſt genießen, wie dieſe das einfache Mahl! Wie iſt doch das Glück der Hütte ſo ſchön! Auf der nahen Straße flog jetzt ein Reiſewagen heran, bepackt mit Schachteln und Kiſten, in reicher Livree die Bedienten. Im Wagen ſaß eine ſchöne Dame, und ihr zur Seite ein Mann. Sie ſchauten nicht um ſich her, ſie blickten ſich an und lächelten. Und ich dachte bei mir: auch die ſcheinen glücklich, 209 und nichts von den Qualen und Schmerzen der Welt las ich in ihren Geſichtern. Pfeifend trieb der Schäfer die Heerde heim, und das Geläute der Glocken vom nahen Kirchthurm des Dorfes tönte harmoniſch darein. Wie ſchien mir Alles ſo lieblich und ſchön, wie lächelte die Welt mich an in ihrem Frieden und die Natur in ihrer herrlichen Schöne! Ach, in den Gärten da draußen blühen dieſelben Blumen, duften die Roſen ſo ſchön wie hier in der heiligen Erde des Kloſters, und Gott zürnt ihnen nicht, und läßt ſie blühen und prangen. Jene Linde da draußen ſcheint mir ſchöner als dieſe hier hinter den Mauern, und Gott war es, der ſie ſo herrlich geſchaffen. Muß denn der Menſch allein die Sunnel fliehen und die Welt, um zu erblühen zur Ehre des Herrn? Zweites Blatt. Natur iſt Gott, und Gott iſt Natur! Was zweifeln die Menſchen, und fragen und ſuchen nach Gott? Was forſchen ſie nach ſeinem Weſen, und wollen ergründen des Gottes Natur? Gott iſt Natur, und hat nicht Ratur! Schau die Blume, wie ſie blühet! Dieſe Blume iſt Gott! 2. Mühlbach. 1. 14 210 Schau die Sterne, wie ſie blinken, dieſe Sterne ſind Gott! Wirf Dich nieder vor Blum' und Stern, und bete an, den Gott, den vergeblich Du ſuchteſt in Deiner Bruſt! Wirf Dich aber auch nieder und bete an in Deiner ſtillen Zelle! In dieſer Zelle iſt Gott, wenn Du beteſt! Wirf Dich nieder auch und hete an vor dem Bilde des Gekreuzigten, auch dies iſt Gott! Fliehe aber aus der Welt, denn nicht dort iſt Gott, weil er nicht ſein kann bei der Sünde und dem Irrthum! Fliehe in die Einſamkeit, und Du wirſt Gott finden! Yrittes Blatt. Die Liebe Gottes muß uns höher ſein, denn aller Menſchen Liebe! Was iſt Liebe? In dem Verlieren das Sich wieder finden In der Hingabe der Beſitz. In dem Erblinden gegen Alles das Schauen des Einen! Was iſt Liebe? Die Verklärung des Fleiſches! 211 Das Genießen ohne Gemß! Befriedigte Seligkeit ohne empfundenes Verlangen! Können Menſchen die Menſchen ſo lieben? Niemals! O, welche Qual ſchaffet die Liebe der Menſchen! Wie zerwühlet ſie das Herz und richtet, ein geſchickter Baumeiſter, einen neuen Tempel auf im menſchlichen Herzen neben dem Tempel des Herrn, und dränget dieſen zurück in Nacht und Vergeſſen! Nicht Gebet und frommer Sang ertönt in die⸗ ſem Tempel! Nur entzücktes Lallen und Jauchzen der Freude! Statt der heiligen Kerzen brennt die Flamme der Begierde, ſtatt des heiligen Faltens der Hände heben die Arme ſich zum Umſchlingen, und nicht das heilige Kreuz küßt die flehende Lippe, ſon⸗ dern berührt in irdiſcher Gluth die Augen und Lippen des Menſchen! Weh! Weh! Welche trügeriſche Seligkeit in dem Gefühl ſ olcher Liebe! Wie dörrt ſie das Herz uns aus und umnachtet die Seele! Für der Minute Entzücken gibt ſie uns Jahre der Pein! Für das Jauchzen der Stunde ſchafft ſie ewiges Verſtummen den kommenden Tagen! Für flüchtige Luſt gibt ſie nie verlöſchende Qual! 14* 212 Ein verzehrendes Feuer brennt ſie im Herzen! Wohl mir! das iſt vorüber, vorüber! Zu Aſche verbrannt war mein Herz, und aus der Aſche hervor hebt ſich, dem Phönix gleich, geläutert die heilige Liebe! Ja, aufs Neue erglühte dies Herz, aber in heiliger Gluth! Eine Braut bin ich wieder, und in bräutlicher Luſt entzückt erglänzt mein Auge! Eine Braut des Himmels! Welche Seligkeit! Chriſtus mein Bräutigam! Welch' ſtolzes Glück! Ich fühle Deine Nähe, mein Bräutigam! Dein Aether glüht an meiner Wange! Deine Braut liegt Dir zu Füßen, mein Bräutigam! Durch die hochzeitliche Kammer, welche das Grab iſt, werde ich eingehen zu der Gemeinſchaft mit Dir und anſtaunen Deine Herrlichkeit! Hinweg ihr Bilder der Welt, Truggeſtalten der Erde! Befreit iſt mein Herz, befreit und erfüllet zu⸗ gleich. Eine Braut bin ich des Himmels, und Chri⸗ ſtus iſt mein Bräutigam! Piertes Blatt. Schlägt mein Herz noch? ſtocken meine Pulſe nicht? Ich fühle kaum dies Herz, das ſonſt ſo 213 ſtürmiſch klopfte, kaum noch den Puls, der ſonſt ſy erſtickend wogte. Ruhe iſt in mir, um mich, und in langen Zügen trinke ich den Athem des Friedens, der mich umweht in dieſen ſtillen Kloſtermauern, mich anlächelt aus den unbeweglichen Geſichtern dieſer ſchweigenden Nonnen.— Es iſt Friede in mir! Hinter mir liegen die Kämpfe der Welt, und nicht über die hohen Mauern unſeres Kloſtergartens hinaus reichet mehr das Wünſchen und Sehnen meiner Seeie. Verſchwunden iſt alles Bangen und Zagen, verſchwun⸗ den alles Begehren und Sehnen, aller Draug nach Leben und That! Ich danke Dir, allweiſer Gott, denn es iſt Friede in mir! Und dieſer Friede gleicht dem unſchuldstichein eines Kindes, das in ſeinem Spielwerk die ganze Welt zu beſitzen wähnt, und weil alſo, ſie auch beſitzet. Die höchſte Seligkeit iſt nichts anderes, als Friede der Seele, als Ruhe des Herzens. Ehe ich ihn beſaß, war ich wie ein im Winde ſchwankendes Rohr, jeder Moment brachte Gefahr des Zerknickens. Nun aber bin ich ſtark wie die Eiche, die ihre Krone gen Himmel erhebt, und mit ihren grünen, duften⸗ den Zweigen dem Herrn ein Loblied rauſcht. Jetzt fürchte ich nicht die kommende Stunde, nicht den werdenden Tag. Keine Stunde, kein Tag 214 bringt etwas Ungewohntes und Neues; einer vergeht wie der andere, und ruhig und ſtill ſchleicht das Leben ſich hin, gleich einer Uhr, die in nie ſtocken⸗ dem, nie verändertem Gange Stunde nach Stunde bezeichnet mit gleichmäßig ruhigem Schlage! Mein Leben iſt Mechanismus geworden, und dieſer Mechanismus iſt die höchſte Seligkeit, denn er iſt Friede, und Gott iſt es, der als großer Werk⸗ meiſter dieſen Mechanismus ordnet und lenkt, der durch ſeine Sonne mich weckt, und mir den Tag verkündet, und durch der Sonne Niedergang mir ſaget, daß der Tag ſich neiget, und daß die Ge⸗ ſchäfte deſſelben beendet ſind. Und was ſind dieſe Geſchäfte? Gott dienen und zu ihm beten! In gläubigem Vertrauen, Seele und Gemüth zu ihm erheben, und in kindlicher Zu⸗ verſicht zu ihm beten, als dem Vater! Wie herrlich iſt das Gefühl, das ſich während dieſer Geſpräche mit Gott über mich ergießt, gleich einem Himmelsthaue, und mich ſtärkt und belebt zu neuem, innerem Wachsthum und zu neuem Blühen! Ja! eine Blume bin ich im Garten Gottes, die für nichts zu ſorgen hat und zu bangen Des Segens gewiß, wie die Blume des Thaues, ſchaukle und wiege ich mich in dieſer Sicherheit, wie die Blume in der Sommerluft, und ſchließe Abends wie die 215 Blume ihren Kelch, keuſch und züchtig meine Augen, und bin wieder des Segens gewiß. Wie der Nachtthau die Blume tränkt und er⸗ quickt, ſenkt Schlummer ſich hernieder auf mich, und ſäuſelnde Träume umwehen mich, wie die Blume der fächelnde Wind. So geſtärkt mit neuem Balſam des Himmels weckt mich gleich der Blume, die Sonne, und läßt mich blühen zur Freude des Gärtners, der lächelnd die Frucht ſeiner Pflege erſchaut. Gott iſt mein Gärtner! Ich fühle, wie er ſorgſam der Knospen meines Herzens ſich erbarmt, und ſeine welkenden Blüthen auftreibt zu neuem Da⸗ ſein und Duft! Er gibt mir den Stab, an dem ich hinaufranke, und ſo wachſe ich an ſicherer Stütze des Glaubens. Gott iſt mein Gärtner! Stolz und beſeligt bin ich in dieſem Gefühl der unmittelbaren Nähe Gottes, das da draußen in der Welt unter den Kämpfen und Schmerzen des Lebens nimmer der Menſchen Eigenthum wird! Ach, die Menſchen quälen ſich ab, Gott zu finden! Sie ſuchen ihn all überall, und lauſchen in zweifelndem Herzen auf das Geräuſch ſeiner Schritte, das ſeine Nähe verkünden ſoll!* In der Welt krankt man nach Gott! Hier in der Stille und Einſamkeit bin ich geſundet zu Gott! Ja, geſundet! Ich ſehe ihn und erkenne ihn, ich 216 drücke mich feſt an ſeine Vaterbruſt und empfinde den Athem ſeines Mundes, der, mich anwehend, Geſundheit und Leben mir gibt! In nebeliger Ferne liegt ſie weit von mir, die Welt, kaum, daß ich durch den Nebel hindurch noch ihre Spur gewahre, oder das Geräuſch ihres toben⸗ den Lebens vernehme! Abgedampfet ſind hier die ſchlechten Dünſte der Welt, und in der geläuterten und reinen Luft dieſer Einſamkeit athme ich das Leben des Todes! Ich bin, wie in einem Grabe, und Grabesſtille und Grabesfriede iſt um mich her. Längſt überwachſen mit dem Moos des Vergeſſens iſt mein einſt ſo ſtür⸗ miſch klopfendes Herz, und hinter dicken Mauern eingeſargt, bin ich geſchieden von Leben und Welt! Im Grabe bin ich, und lebe doch! Abgeſchloſſen und fertig bin ich mit dem Leben, und lebe doch! Ach, und in welcher Ruhe, und in welchem Frieden lebe ich! Durch nichts erſchüttert, in nichts geſtört! Die Begebenheiten jeder Stunde kennend, kann ich jeder Minute ihr Recht und ihren Werth geben, und vernachläßige nicht das Eine um das Andere willen. Dies Eine aber iſt Gebet und Gottesdienſt! Fünftes Blatt. Ich werde ihr helfen, der armen Effie! Ich will es! An Ihren Thränen fühlte ich meinen Frie⸗ den ſchwinden, an ihrer Verzweiflung meine Ruhe vergehen! Ein großes, lange mir ſelber verſchwie⸗ genes Geheimniß hab' ich heute mir ſelber geſtanden! Dies iſt, daß der Friede meiner Seele nichts iſt als Erſtarrung, und dieſe Ruhe des Herzens nichts als zermarterte Kraft! Das Glück, das ich genieße, geſteh' ich's mir ſelber, iſt doch nur das bitterſte Unglück, und des Leidens nicht fähig mehr ſein, iſt ein gräßliches Leiden! Abgeſtumpft gegen Freude und Schmerz, verliert wohl dieſer ſein Herbes, aber auch dieſe den ſüßen Genuß. Der Menſch aber ſoll leiden, wie er ſich auch freuen ſoll, und die Fähigkeit zu leiden iſt ſchon ein Himmelsgeſchenk, und ein nur dem Menſchen ver⸗ liehenes Geſchenk! ß ½ Wozu lebe ich, und laſſe die Tage meines Le⸗ bens einen nachrollen dem andern, wie die Kugeln meiner heiligen Schnur? Wem nützet dies Daſein, ohne Zweck, ohne Ziel, das mehr nicht bedeutet als das Vegetiren der Pflanze? Alles iſt beſtimmt zur That und zum Rutzen! Was aber, v Gott, nutzt ein thatenloſes Gebet? 14* 218 Ja, Du armes, zitterndes, weinendes Kind, Du traurige Effie, ich will Dir helfen! Gehe hin in die Welt, gehe und koſte von ihren Schmerzen und Freuden! Mehr werth ſind die Thränen der Verzweiflung, als apathiſche Ruhe, mehr das Aech⸗ zen des Grams, als das ſorgloſe Hinleben der Tage, mehr die Ermattung vor Kummer, als kummerloſes Verwelken! Gehe hin in die Welt! Bete mit Thaten, und diene Gott mit Leben und Wirken! Nur wer thätig iſt, lebt, nur wer wirket, dient dem Herrn! Gehe hin in die Welt! Hinter den Mauern des Kloſters, in enger Zelle betet für Dich die Nonne, betet und dan⸗ ket Gott, daß Du nicht lebſt wie ſie, ein nutzlos verlorenes Leben! Hier endete Natalie, ſchlug die Blätter zuſam⸗ men und verbarg ſie ſorgſam wieder an ihrer vorigen Stelle. Dann flüſterte ſie vor ſich hin: ja, ich will ihr helfen! Lange und ſinnend ging ſie in ihrer Zelle auf und ab, in ihrer Seele überlegend, wie Effie's Flucht am beſten zu bewerkſtelligen ſei? Plötzlich blieb ſie, wie von einem mächtigen Gedanken ergriffen, ſtehen, und ein freudiges Lächeln durchleuchtete einen Moment ihre Züge, als ſie ſagte; ja, ſo wird es gehen! Vielleicht war es ein Wink des Herrn, daß er mich 219 dieſen Weg kennen lehrte, einen Weg, Allen hier unbekannt, ſelbſt der Aebtiſſin! In dieſem Moment ertönte die Kloſteruhr in langſamen Schlägen. Natalie zählte aufmerkend die Schläge, und ſagte dann erſt elf Uhr! Die Nacht iſt lang! Alles ſchlummert! Beſſer heute, wie mor⸗ gen! So ſprechend nahm ſie ihre Lampe, und verließ mit leiſem fliegenden Schritt ihre Zelle. XKR. Durch die nur angelehnte Thür trat Natalie in das Zimmer der Novize Effie, die, das Eintreten der Nonne nicht gewahrend, vor ihrem Betſchemel in knieender Stellung verharrte. Leiſe ging Natalie näher, das Aufflackern der Lampe zeigte ihr deutlicher Effie's Geſicht, und die geſchloſſenen Augen, der langſame, ruhige Athem verkündeten des Mädchens ruhigen Schlummer. Wunderbar war es anzuſchauen dies ſchlum⸗ mernde Mädchen, und Natalie ſelber blieb wie ge⸗ feſſelt von dem Anblick in ihrem Anſchauen verloren ſtehen. Das faltige Gewand der Novize hatte Effie abgelegt, hingeworfen lag es auf dem Fußboden, und das weiße Unterkleid, Hals und Nacken unver⸗ hüllt laſſend, ſchmiegte ſich eng anliegend um die vollen üppigen Glieder. Das ſchwarze lange Haar hing aufgelöst herab, hier den Nacken bedeckend, dort die Weiße der hervorleuchtenden Schulter nur noch glänzender hebend. Der ſchön geformte Kopf ruhte 221 am Pult des Betſchemels, auf dem die Schlummernde tnieete. Den vollen weißen Arm hatte ſie unter ihr Haupt gelegt, und ihre Stirn faſt berührend hielt ſie in der Hand das Miniaturbild eines Jünglings. Vielleicht war es dies Bild, das jenes ſüße Lächeln um die ſanft geſchwellten Lippen der Schlummernden erzeugt, vielleicht die Erinnerung an dieſen Jüngling, das die noch nicht getrocknete Thräne hervorgerufen, die auf der jugendlichen Wange des Mädchens hing. Natalie ſah nicht auf das Bild, nur auf die Thräne, und flüſterte mit mildem Lächeln: ſie iſt eingeſchlafen vor Traurigkeit!— Dann dem Gange dieſer angeregten Idee folgend, fuhr ſie fort: nicht aber wie einſt Chriſtus, als er auch ſo ſchlummernd ſeine Jünger fand, trete ich zu ihr, wie der Herr, mit dem Ruf: wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet! ſondern ich komme, ſie zu wecken, daß ſie der Anfechtung entgegen gehe und dem Kampfe. In dieſem Augenblicke leuchteten Effie's Züge in einem glücklichen Lächeln höher auf, und ſie ſit ſterte mein Edward, mein Geliebter! Sie träumt von ihrem Geliebten, ſagte die Nonne melancholiſch, ich kenne dieſe Träume! Nach ſolchen Träumen iſt es furchtbar, hinter Kloſtermauern in einer Zelle zu erwachen. 222 Effie's Lippen hauchten leiſe: ich liebe Dich ewig, Edward Macdeam! Ewig! ſagte die Ronne mit bitterm Lächeln, da draußen in der Welt weiß man nicht, was dies Wort bedeutet, und dies Nichtwiſſen bringt viel Kummer und Leid! Ewige Liebe! Gibt es die wohl hie⸗ nieden? Sie verſank tiefer in ſich ſelbſt, und ein flüchtiges Roth, vielleicht war es das Roth innerer Erregung, vielleicht aber auch das der Krankheit, bedeckte einen Moment ihre bleichen Wangen, ſie ſenkte das Haupt auf ihre Bruſt und blickte im Sinnen verloren zur Erde. Dann ſchaute ſie auf, und ſagte feſt: nein, ich glaub' es nicht! Wäre nie endende Liebe ein Gemeingut der Menſchheit und Welt, warum würd' es denn hienieden den Menſchen ſo ſelten zu Theil?— Ich will ſie wecken, fuhr Natalie nach kurzer Pauſe fort, es iſt nicht wohl⸗ gethan zu den Füßen des Heilandes mit eines Jüng⸗ lings Bild in der Hand und mit Liebesträumen im Herzen zu ſchlummern. Leiſe berührte ſie Effie's Schulter, und als dieſe zu⸗ ſammenzuckend die Augen öffnete, legte Natalie ihr be⸗ deutſam den Finger auf den Mund undflüſterte: ſtill, ſtill Effie's regſamer Geiſt war ſogleich vom Schlum⸗ mer befreit, und ſich ſchnell aufrichtend flüſterte ſie: kommſt Du zu meiner Rettung? 223 So es der Wille des Herrn iſt, will ich es verſuchen, antwortete Natalie. Hülle Dich in die Kleidung die Du trugeſt, als Du in's Kloſter kamſt, packe das Nothwendigſte zuſammen, und folge mir! Effie drückte ſich gewaltſam die Hand auf den Mund, um nicht außzuſchreien vor Freude, ihre Wangen aber erglühten im höchſten Purpur des Ent⸗ zückens, und ihre Augen leuchteten in Wonne. Sie kniete nieder vor Natalie, und ihre Hand küſſend, flüſterte ſie: Natalie, wie ſoll ich Dir danken?! Du gibſt mir Glück und Leben wieder! O, wie ſoll ich Dir danken! Danke mir durch Glück und Zufriedenheit, ſagte die Nonne, und gedenke meiner als einer Abgeſchie⸗ denen, die für Dich betet!— Aber jetzt laß uns eilen, fuhr ſie nach kurzer Pauſe fort, die Stunden . gehen unaufhaltſam weiter, und Du mußt ſie be⸗ . nutzen. Bald ſtand Effie in zierlicher, weltlicher Tracht, ein kleines Bündelchen unter dem Arm, vor der Nonne, und erklärte ſich bereit zu gehen! Wer in die Welt geht, muß auch die Dinge der Welt beachten, ſagte Natalie, und das noth⸗ wendigſte Ding iſt Geld. Biſt Du damit verſehen? Im Ueberfluß, antwortete Effie. Mein Vater gab mir tauſend Guineen, als er mich hieher brachte, 224 und noch die Hälfte davon iſt in meinen Händen. Zudem beſitze ich noch den Brillantſchmuck meiner Mutter, den ich morgen zur Feier meiner Einkleidung anlegen ſollte. So laß uns gehen, ſagte die Nonne, und nahm die Lampe. 2 Leiſe und geräuſchlos öffneten ſie die Thür und ſchlüpften über den langen Corridor in's Refektorium und durch dies in die Kirche. 6 Laß uns erſt vor dem Bilde des Heilandes beten, daß der Herr unſerm Unternehmen Gedeihen gebe flüſterte Natalie, und knieete nieder auf den Stufen des Altars. Effie folgte ihrem Beiſpiel, und wie ihre leiſe geflüſterten Gebete durch die ſtillen Räume ſchwebten und die Luft in zitterndem Echo ertönen machten, mochte man wähnen, unſichtbarer Geiſter ſäuſelndes Nahen zu vernehmen, die ſchützend dieſe Beiden um⸗ ſchwebten, und ihnen Troſt und Beiſtand zuflüſterten. Als ihr Gebet geendet, winkte Natalie dem Mädchen, ihr zu folgen, und eine Fallthür auf dem Fußboden hinter dem Altare öffnend, ſtieg ſie leiſe und behutſam eine Treppe hinab. Effie, die ihr folgte, ſagte bebend: wohin führſt Du mich, Nata⸗ lie? Es weht mich an, wie Grabesluft und Mo⸗ dergeruch! 225 Die Nonne antwortete ruhig: Auch kommen wir zu Gräbern und Särgen, in das Gewölbe, wo die früheren Aebtiſſinnen beigeſetzt find. Sie waren jetzt unten angelangt, und ſtanden mitten unter Särgen, deren ſilberne Verzierungen hell erblitzten bei dem Schein der Lampe, und Effie's aufgeregten Sinnen wie grinſende Todtenköpfe erſchie⸗ nen. Sie ſchmiegte ſich feſt an Nataliens Seite, und flüſterte bang: mir grauet vor dieſen Särgen! Ich meine, ſie würden ſich öffnen, und die Aebtiſſin⸗ nen herausſteigen, das ihnen entfliehende Opfer zür⸗ nend zurückzuhalten. Horch, fuhr ſie ängſtlicher fort, hörteſt Du nicht Geräuſch dort? Es war der Schall Deiner eigenen Stimme, der ſich an dem Spitzgewölbe brach, antwortete Na⸗ talie ruhig und fragte dann gütig lächelnd: Graut Dir ſo ſehr vor den Todten? Sehr, ſehr, ſagte Effie, für das Leben habe ich Muth, aber ich fürchte die Todten. Es muß ſchön ſein, ſo das Leben zu lieben, ſagte die Nonne ſinnend, daß man bangt vor dem Tode. Komm, lehne Dich an mich, wir müſſen durch die Reihe dieſer Särge hindurchſchreiten zu der kleinen Todtenkapelle dort, wo die ewige Lampe brennt. Wehe der Unglücklichen, die dieſe Lampe zu ver⸗ ſorgen hat, flüſterte Effie. Mühlbach. I. 15 226 Warum wehe? fragte Natalie gelaſſen. Seit zehn Jahren iſt dies mein Geſchäft, und allnächtlich ſteig ich hinab in dies Gewölbe. Und Du empfindeſt kein Grauen? Wie ſollte ich? antwortete Natalie. Mein Kind, dieſe Todten liegen ſtille, ich habe Sie oft in bangem Gebete angefleht ſich mein zu erbarmen und mich aufzunehmen in ihre Ruhe; ſie haben mir aber nim⸗ mer ein Zeichen gegeben. Sie traten jetzt in die kleine Kapelle, 6e ſchwarz verhangene und mit Todtenköpfen verzierte Wände Effie anſchauerten, wie ein offenes Grab. Der Thür gegenüber in ſchwarzer Niſche ſtand ein hölzernes Kruzifir, und zu den Füßen deſſelben, wie Höllengeiſter, leuchteten zwei Todtenköpfe, die man gleichſam als Schirm den ewigen Lampen übergeſetzt, ſo daß aus den weiten Augen und Raſenhöhlen die Flamme hervorleuchtete, und grauſiges Dämmerlicht umherwarf. Natalie beachtete es nicht, und verſtand nicht Effie's Erbeben und Schaudern. Sie ſtand wie im Sinnen verloren, dann ſagte ſie mit leiſem Wiegen des Hauptes ſeltſam! So dient die Verzweiflung des Einen zum Nutzen des Andern! Sieh, Effie, als ich vor elf Jahren dies Kloſter als Novize betrat, war ich jung und unglücklich wie Du, und meinte 227 oft in bangen Jammernächten zu verzweifeln in meiner Qual; dann ging ich hieher zu beten, und unter den Schattengeſtalten des Todes meinte ich Geneſung und Tod zu finden. Arme Natalie, ſagte Effie, ſich liebevoll an der Nonne Bruſt lehnend, Du warſt alſo auch unglück⸗ lich? Ach, ich meine, eine Engelsſeele, wie Du, hätte niemals leiden können. Biſt Du doch ſtets ſo ruhig und mild. Kann man denn unglücklich ſein und doch ruhig? Wer immer im Unglück bleibt, verlernt es, un⸗ glücklich zu ſein, ſagte Natalie, und wird ruhig und ſtill. Solche Ruhe, Kind, iſt mein; ich leide nicht mehr! 5 0 etzähle mir, ehe wir ſcheiden, Dein Unglück, bat Effie, laß mich theilnehmen an Deinem Schmerz! Die Nonne ſchüttelte leiſe ihr Haupt: man ſoll die Todten in ihrer Ruhe nicht wecken, und begra⸗ benes Weh nicht ſtören in ſeinem Todesſchlummer, ſagte ſie leiſe. Dereinſt am jüngſten Tage werden meine Leiden auferſtehn, und vor dem Throne des Herrn den verklagen, der ſie erzeugte; ich aber will dann für ihn beten, denn ich habe verziehn! Du aber, ſegne mein Unglück, denn ihm allein dankſt Du den Weg zu Deiner Rettung! Sieh, als ich einſt in troſtloſem Jammer hier zu den Füßen des 15 228 Heilandes knieete und in wahnſinnigem Schmerz ohn⸗ mächtig niederfiel auf dieſe hölzernen Stufen, da fühlte ich, erwachend einen Lufthauch mich umwehen, und bemerkte, daß jenes Kruzifir ſich zur Seite ge⸗ ſchoben und eine Spalte in der Niſche ſich zeigte. Mein hinſinkender Körper hatte eine Feder gedrückt, durch die jene geheime Thür geöffnet ward, und der Zufall mir ſo ein Geheimniß des Kloſters vertraut. Effie, fuhr ſie fort, ich öffne Dir jetzt den Weg zur Rettung, einen Weg, Punn wie ich glaube, Niemand hier kennt. Natalie beugte ſich nieder und drückte mit aller Kraft an der hölzernen Stufe. Mit leiſem Knarren ſchob ſich das Kruzifir tiefer in die Niſche zur Seite, und ließ eine Spalte frei, breit genug, um einen bequemen Durchgang zu geſtatten. Auf dieſem Wege gelangen wir in einen kurzen unterirdiſchen Gang, ſagte Natalie, der in einem Gewölbe des Kloſterkirchhofes endet. Dies Gewölbe iſt mit einer eiſernen Thür verſchloſſen, der Schlüſſel aber hängt innen, und ſo gelangt man in's Freie! Wie iſt es möglich, ſagte Effie, über ihrer Verwunderung faſt die Freude der nahen Rettung vergeſſend, wie iſt es möglich, daß Du ſo lange einen ſichern Rettungsweg kannteſt und doch entflohen biſt? 229 Als ich ihn kennen lernte, war es zu ſpät, ſagte Natalie. Seit einem Jahre ſchon hatte ich damals mein Gelübde als Nonne abgelegt, und ich meine, wenn ein ſolcher Eid dem Herrn geſprochen iſt, muß man ihn erfüllen. Zudem, wie ſollte ich fliehen?! An dem Tage, wo die Novize eintritt, als Nonne, werden die Kleider verbrannt, die ſie mitgebracht aus der Welt. Mein Haar war geſchnitten, und ich hatte nichts als die Tracht des Kloſters, die mich kenntlich gemacht hätte vor aller Welt, als eine flüchtige Nonne. Aber fort jetzt, laß uns eilen! Als ſie durch den unterirdiſchen Gang dahin ſchritten, bemerkte Effie ein zuſammengefaltetes Stück Papier am Boden liegen, und es aufhebend, ſagte ſie vielleicht enthält dies Papier eine Warnung un⸗ ſichtbarer Geiſter; an dieſem geheimnißvollen Orte iſt es leicht an Geiſter zu glauben. Komm, laß uns leſen. Natalie hielt ihr die Lampe hin, und Effie das Papier entfaltend, blickte nach der Unterſchrift: Cle⸗ mentine? ſagte ſie, iſt das nicht der Name der Aebtiſſin? Ja wohl, antwortete Natalie hinſchauend, auch iſt es, wie ich ſehe, die Handſchrift der Aebtiſſin. Effie las halblaut: mein theurer, Geliebter! Wenn Du die Beichte der Nonnen gehört, komme zu 230 mir! Komme in die Arme deiner Geliebten. Fürchte keine Entdeckung! Durch den geheimen unterirdiſchen Gang kannſt Du, wenn der Morgen tagt, das Klo⸗ ſter verlaſſen! Komme, mein Ambroſius!— Das iſt ja der Beichtvater! ſagte Effie, als ſie geendet! Und dieſer Zettel offenbart uns ein ſchauerliches Geheimniß, ſagte Natalie faſt ſchmerzlich, ein Ge⸗ heimniß das wir uns Beide bemühen wollen zu ver⸗ geſſen. Dieſer Gang iſt alſo der Aebtiſſin bekannt, ſagte Effie, und ſie wird nun ahnen können, wie ich ent⸗ flohen bin.% So war es vielleicht Dein Schutzgeiſt, der uns dieſen Zettel finden ließ, antwortete Natalie. Mit demſelben gehe ich morgen zur Aebtiſſin, und bekenne ihr Alles. Sie wird verzeihen und ſchweigen, damit auch ich ſchweige. Und hier ſind wir nun am Ziel, ſagte Natalie, als ſie jetzt durch den Gang in das Gewölbe traten. Dieſe Thüre führt in's Freie. Sie ſteckte den Schlüſſel, der an eiſerner Kette neben der Pforte hing, in's Schloß, und die Thür ſprang auf. Balſamiſch und warm drang die Som⸗ merluft hinein, und Effie warf ſich jauchzend an der Nonne Bruſt! Dank, Dank, ich fühle mich jetzt ſchon gerettet, rief ſie freudig, und eine Gewißheit des Ge⸗ lingens iſt in mir, die mich muthvoll Alles wagen läßt. Wohin wirſt Du gehen? fragte Natalie. Ihr erglühtes Geſicht an Nataliens Schulter verbergend, flüſterte Efſie zu meinem Geliebten Es bleibt mir keine Wahl! Sie traten aus der Pforte und ſtanden nun auf dem Kirchhof unter den Gräbern der Nonnen. So lebe wohl! ſagte Natalie, wir müſſen ſcheiden! Eins trübt meine Freude, klagte Effie, daß ich Dich, meine Retterin, meine Freundin, von nun an miſſen ſoll. Dich, deren Blick ich ſtets gleich einem Seegen und Himmelsthau empfinde, und deren mil⸗ des Angeſicht für mich Beruhigung und Troſt enthielt. O Natalie, fuhr ſie dringender fort und ſtreichelte ſchmeichelnd der Nonne Wangen, begleite mich hinaus in die Welt! Sieh, der Weg der Rettung, er iſt auch Dir geöffnet; nur ein Entſchluß, und Du biſt frei. Ein Druck der Hand und jene Thür hinter Dir iſt geſchloſſen, und mit ihr die Qual und die Monvotomie des Kloſters, und die Welt und das Leben begrüßt Dich freudig als eine Auferſtandene. Komm, laß mich dieſen Mantel um Deine Schultern legen, er bedeckt Deine Kleidung, und im nächſten Orte kaufen wir was Du bedarfſt. Komm, Natalie, ſei meine Schweſter, meine Mutter, ich will Dich lieben wie eine Tochter. Mit liebevollem Ungeſtüm wollte ſie Natalie 232 vorwärts ziehen; dieſe wehrte ſie ſanft zurück und ſagte mit melancholiſcher und in Wehmuth zitternder Stimme: nein, Du gutes Mädchen Nein! Ich kann Dir nicht folgen in die Welt! Mich bindet mein Eid! Und dann, was ſollte ich auch jetzt noch in der Welt, jetzt, wo ich es ſchon verlernt habe zu leben, wo ich nichts mehr hoffe und wünſche, wo mein Herz erſtorben iſt und meine Gedanken eingeſargt, wo ich die Kraft zu fürchten und zu hoffen, zu begehren und zu bangen verloren habe. Alle Eigenſchaften, deren man bedarf um zu leben, ſind in mir vertocknet, die Welt hat mir nicht mehr zu bieten, denn ich verlange nichts mehr. Nichts als Einſamkeit und Ruhe. Ein⸗ ſamkeit wohnt hier im Kloſter in meiner Zelle, und Ruhe werde ich finden hier auf dem Friedhof. Der Mond, ſo lange unter Wolken verſchleiert, trat jetzt klar hervor, der Nonne bleiches, ſchönes Angeſicht mit hellem Glanz umleuchtend, und Effie, ſie liebevoll anſchauend, ſagte zärtlich: laß mich Dein ſchönes Antlitz feſt in meine Seele ſaugen, damit ich es in mir trage ſo lang' ich lebe, und es küße mit meinen Gedanken! Natalie lehnte ſich an das weiße Kreuz des nahen Grabhügels, und wie in Verklärung aufblickend zum Himmel, ſagte ſie: ich fühle dieſe Prüfung hie⸗ nieden wird bald geendet ſein, und dieſe Wallfahrt 233 des Todes im Leben bald beſchloſſen. Ja, ſelig ſind die Todten, und mit freudigem Hoffen empfind ich, dieſe Seligkeit wird bald die Meine ſein! Wenn Du, fuhr ſie fort und ſtreckte den Arm aus, ihre Hand auf Effie's Schulter zu legen, wenn Du einſt nach Jahren in dieſe Gegend kommſt, und der Schwe⸗ ſter Natalie Dich erinnerſt, ſo gehe hin auf dieſen Friedhof, und ſuche unter den Gräbern nach einem auf dem der Raſen noch jung iſt und grün, und wenn Du auf dem weißen Kreuze deſſelben dann den Namen Natalie findeſt, ſo traure nicht; freue Dich vielmehr alsdann, daß mein Herz ſtille ſteht und Ruhe gefunden hat, und bete für meine Seele. Ich ſage Dir, es wird mir wohler ſein im Tode des Lebens, als in dieſem Leben des Todes! Lebewohl! Natalie trat zurück durch die Thür, und ehe Effie Zeit hatte es zu hindern, ſchlug die Thür in's Schloß, und die eiſerne Pforte trennte die Nonne von der Welt und die Novize vom Klvſter. Am andern Morgen ſahen die frommen Schwe⸗ ſtern die Nonne Natalie zur Frau Aebtiſſen gehen, und weil ſie ungewöhnlich lange bei derſelben ver⸗ weilte, ſchloſſen ſie daraus, ihre Unterhaltung müſſe ſehr wichtiger Art ſein. Als Schweſter Natalie dann zurückkehrte, verkündete ſie den neugierigen Nonnen, wie ſie ſagte, auf Befehl der Aebtiſſin, daß die Novize 234 Effie in der Nacht heftig erkrankt ſei an einer bösar⸗ tigen und anſteckenden Krankheit, und daß ihr, der Schweſter Natalie, der Auftrag geworden, die Novize zu pflegen. Fanden ſich die Nonnen einerſeits bitter getäuſcht, da Effie's Krankheit ihnen die freudige Hoffnung des heutigen erwarteten Feſttags der Einkleidung raubte, ſo freuten ſie ſich andrerſeits doch mindeſtens alleſammt der traurigen und gefahrvollen Krankenpflege über⸗ hoben zu ſein, und riefen den Segen des Himmels herab auf die mildthätige Natalie, die ſich willig als Opfer geſtellt. Natalie war nun einige Tage nur in Effie's Zelle und mied allen Verkehr mit den Schweſtern wegen der Novize anſteckender Krankheit. Die Pfört⸗ nerin ſetzte die Speiſen ihr ängſtlich in einiger Ent⸗ fernung der Zellenthür hin und ging dann eilig, um keiner Anſteckung ausgeſetzt zu ſein. Nach acht Tagen verkündete Natalie, die arme Effie ſei geſtorben an ihrer Krankheit; ſie allein legte ſie in den Sarg und verſchloß ihn, und unter den Kreuzen des Friedhofs ſah man bald ein neues ſich erheben, das die In⸗ ſchrift trug:„Hier ruht die Novize Effie.“ XXI. Als Effie ſich ſo plötzlich gereitet und einſam fand, drohten die Wechſeleindrücke der letzten Stunden ſie faſt zu bewältigen, ſie ſank erſchöpft nieder auf einen der Grabhügel, und das Haupt in ihre Hände geſtützt, zogen in wirren Geſtalten verworrene Bilder der Vergangenheit an ihr vorüber. Der Nachtwind . der mit kälterem Hauche ſie berührte! weckte ſie aus ihren wachen Träumen, und rief ſie zurück in die Gegenwart. Die tiefe Stille um ſie her, das kalte Licht des Mondes, das die Grabhügel und Kreuze beleuchtete, dazu das dunkle Kloſter, zu dem Effie mit ſcheuem Blick ſich hinwandte, dies Alles machte einen ſchauerlichen Eindruck auf ſie, und ließ ihr Herz „ in ängſtlichen Schlägen erbeben. Effie ſtand auf und ſich feſter in ihren Mantel hüllend, flüſterte ſie Muth, Muth! die Erinnerung an Dich, mein Edward, ſoll mich ſtärken und kräftigen! Sie nahm ihr Bündelchen unter den Arm, ſchwang ſich leicht über die niedrige Mauer des Kirchhofs und 236 ſtand nun auf der daneben hinführenden Landſtraße. Unſchlüſſig blickte ſie um ſich, überlegend nach welcher Seite ſie ſich zu wenden habe. Dann erinnerte ſie ſich der Richtung, in welcher ſie mit ihrem Vater ſich dem Kloſter genähert, des Gehölzes, das ſie kurz vor ihrer Ankunft am Kloſterthore paſſirten, und als ſie links vom die dämmernden dunkeln Umriſſe hoher Bäume am Horizont ſich abzeichnen ſah, lenkte ſie entſchloſſen ihre Schritte nach jener Seite hin.— Muthig ſchritt ſie weiter, und als das tiefe Dunkel des Waldes, durch den ſie jetzt dahin eilte, ihren Buſen beklemmte und ihr unheimlich däuchte, flüſterte ſie, ſich zu ermuthigen: Du biſt bei mir, mein Ed⸗ ward, Geliebter! Dieſe Gedanken belebten ihren Muth, befeuerten ihre Kraft, und ohne Furcht ſchritt ſie weiter. Der Wald war lange zurückgelegt und eine bedeutende Strecke hinter demſelben ſchon durchſchritten, als die Morgenſonne heraufdämmerte und Effie an das Licht und den Tag gemahnte; ſie hatte dieſen zu fürchten, da ſie vermuthen mußte, daß man vom Kloſter aus ſie verfolgen würde, und außerdem noch die Mög⸗ lichkeit war, daß ihr Menſchen begegneten, die ſie vor ihrem Eintritt in's Kloſter geſehen und durch die nun ihre Flucht verrathen werden konnte. Effie hatte jetzt allen ihren Muth, ihre Beſonnenheit wieder * gewonnen, und kein mädchenhaftes Zagen und Ban⸗ gen war in ihrer Seele, als ſie jetzt ruhig die Mittel zur Fortſetzung ihrer Flucht überlegte. Von Natur mit einem ſtarken und feurigen Geiſte begabt, war ihre Entſchloſſenheit noch durch die männliche Art ihrer Erziehung vermehrt worden, und unter Männern aufgewachſen und von Männern erzogen, fühlte ſie in ſich den Muth eines Mannes, geſtählt durch die glühendſte Liebe eines Weibes, die ſie in ihrem heißen Herzen für den Geliebten empfand. Sie beſtieg die Anhöhe nahe an der Straße,„ um von dort einen Ueberblick in die Gegend zu haben und zu erſpähen, ob dieſelbe ihr ganz fremd. Die Sonne war indeß völlig heraufgekommen, und bei der Helle des Tages glaubte Effie ferne am Horizont Umriſſe von Thürmen zu erkennen, deren Form ihr bekannt ſchienen. Dies befeuerte ihren Muth und den Hügel eilig hinabgehend, ſchritt ſie weiter. Effie hatte nicht gezittert unter dem Dunkel des Waldes und dem Schweigen der Nacht, der Anblick von Menſchen, die ſie des Wegs daher kommen ſah, er⸗ ſchreckte ſie, ſcheu blickte ſie umher nach einem Orte ſich zu verbergen. Keine Hütte, kein Strauch war in der Nähe, nur ein einzelner Baum ſtand am Wege, und Effie, ſeine dichtbelaubte Krone betrachtend, ſagte faſt lächelnd: wie oft hat mein Vater meine 238 Geſchicklichkeit im Klettern gerühmt und mich ſein ſchnelles Kätzchen genannt, und wie oft hab' ich als Kind mit Edward um die Wette mich von Aſt zu Aſt geſchwungen. Jetzt ſollen die wilden Spiele mei⸗ ner Jugend mir nützen, und ich denke, die Kindheit liegt noch nicht ſo weit hinter mir, daß ich ihre Ge⸗ ſchicklichkeiten verlernt hätte. Auf den Fußſpitzen ſtehend konnte ſie einen der herabhängenden Zweige des Baumes erfaſſen, mus⸗ kelkräftig ſchwang ſie ſich auf, und wie aufgeſchnellt von der Elaſtizität ihres Geiſtes ſtand ſie mitten unter den grünen verhüllenden Zweigen der Krone. Von Aſt zu Aſt ſchlüpfte ſie höher hinauf, bis in die dünne Spitze, die ſich ſchwankend mit ihr beugte und ſchaukelte, dann ſtand ſie ſtill, und vor Entdeckung geſichert, blickte ſie begierg hinab zu den ſich nähern⸗ den Menſchen, deren Zahl ſich immer mehr zu ſtei⸗ gern ſchien, und zu einem Zug von vielen Hunderten anwuchs. Es waren Männer und Weiber, Greiſe und Kinder, alles in bunter Unordnung durcheinander; mit traurigen Mienen zogen ſie einher, und nur dumpfes, unheimliches Murmeln, halblaute Flüche, hier und da ein ängſtlich herausgeſtoßener Ruf an die Jungfrau Maria ließ ſich vernehmen. Unter dem Baum machten ſie Halt, ihr Frühſtück einzunehmen, das aus einem ſpärlich zugemeſſenen Stückchen Brod 239 beſtand, welches von Allen begierig verlangt und ge⸗ geſſen ward. Schon war der Vorrath verzehrt, und doch hatten noch Viele unter ihnen noch nichts erhal⸗ ten von dem kärglichen Frühſtück; dieſe brachen in wilde Verwünſchungen und Flüche aus gegen ihr trauriges Schickſal. Arbeiten wir nicht mit Weib und Kind vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht? und, ſagte der Eine: ſind unſere Hände nicht abgehärtet unter dem Mühſal beſchwerlichen Wirkens, und unſere Ge⸗ danken eingetrocknet unter dem Geräuſch klappernder Maſchinen? Und doch haben wir für all unſer Thun nicht ein Stückchen Brod unſern Hunger zu ſtillen? Ja, ſagte ein Anderer, und die Fabrikherrn leben in Ueppigkeit und Ueberfluß, verpraſſen ihr ſchönes Geld und thun es Fürſten gleich, und doch ſitzt an ihrem Gelde der Schweiß unſrer Hände und die Thränen unſrer hungrigen Kinder. Was beſchwert Ihr Euch, rief ein Dritter ſpöt⸗ tiſch dazwiſchen, wer lehrt uns ein beſſeres Loos ver⸗ langen? Sind die Armen nicht da um geknechtet und gemartert zu werden, und die Reichen um zu genießen? Fragt einmal unſre Frau Königin in Eng⸗ land, ob Euch ein Unrecht geſchieht? Sie wird Euch ſagen: meine iriſchen Kinder, mit nichten Es ge⸗ ſchieht Euch ganz Recht. Der reiche Fabrikherr thut 240 wohl daran, Euch den Lohn noch immer mehr herab⸗ zuſetzen und zu ſchmälern, denn er hat die Macht dazu. Es zwingt Euch ja Keiner für den niedrigen Tageslohn zu arbeiten. Wer nicht Luſt hat, mag es laſſen. Es gibt der Arbeiter genug und die Fabrik⸗ herrn thun wohl, nicht nachzugeben, denn die Noth wird Euch ſchon geſchmeidig machen. So ſpricht unſre mütterliche Königin in England. Was wird ſie aber alsdann ſagen, wenn wir verhungern? fragte Einer. Der Andre antwortete: Sie wird ſagen; was liegt an dem armen Volk? Es iſt gut wenn dieſe aufrühreriſchen, hungrigen Irländer hinfallen und umkommen, denn ſie ſtören mit ihrem Jammergeſchrei und ihrem unruhigen Klagen die Vergnügungen und Freuden meines königlichen Herzens und trüben meine Luſt. Es iſt gut wenn dies Volk immer mehr zer⸗ treten werde, wird ſie ſagen, damit es die Kraft verliere ſich zu empören und von ſeinen Rechten zu ſchreien. Das Volk hat gar keine Rechte, es iſt da um ſeiner Könige willen, und wehe denen, die ſich einbilden, die Könige ſtienum ihrer Völker willen da. Ja, rief ein Anderer drohend, dieſe Könige! Sie vermeinen in ihrem ſtolzen Wahne nur Gott Rechenſchaft ſchuldig zu ſein über ihre Thaten und Handlungen, und rufen in ihrem Uebermuth Wehe! 241 über die, ſo es wagen zu mäkeln und zu tadeln, die königlichen Thaten. Und doch ſind ſie, was ſie ſind, nur geworden durch des Volkes Macht, und dieſe Macht kann ſie auch wieder ſtürzen. O meine Brü⸗ der, ich meine, es wird, es muß eine Zeit kommen, wo alle dieſe Völker, die jetzt wie ſchlummernde Rie⸗ ſen ruhen, ſich erheben und erwachen, ſich im Be⸗ wußtſein ihrer Macht aufrichten zum gemeinſamen Zwecke und in heiligem Kampfe wieder gewinnen, was ihres iſt und was ihnen verheißen ward vom . Uranfange her, das iſt ihre menſchliche Würde und Freiheit. Dann an jenem großen Tage, der kommen muß und wird, wenn noch Gerechtigkeit über den Sternen waltet, wird die Macht der Könige wie ein Thautropfen auftrocknen vor der Sonne der Völker⸗ freiheit, und wird verfliegen wie Spreu vor dem Sturmwind des Volksbewußtſeins. Dann werden alle dieſe Laſten abgeſtreift werden, und keinen Armen wird es mehr geben im ſchönen Irland, der Bruder theilt mit dem Bruder, und dem Einen gehört was dem Andern. Aber ehe jene Zeit des Segens kommt, rief ein Anderer und nagte begietig an der harten Brodrinde, die ihm als Frühſtücksantheil zugefallen, ehe jene Morgenſonne der Freiheit aufgeht, werden wir Alle L. Mühlbach. I. 16 242 elendiglich verhungert ſein und hinfallen wie die Lämmer in der Wüſte. MNein! nein! unterbrach ihn der Erſte. Gott iſt allmächtig und zu jeder Stunde kann er, gerührt von unſerem Jammer uns helfen zum großen Werke. Haben wir darum unſern Fabrikherrn verlaſſen und ſtatt des kärglichen Lohns es vorgezogen lieber Nichts zu haben und zu darben, um nun kleinmüthig zu zagen? Nein, zu jeder Stunde kann dies Elend enden und Gott uns Hülfe ſchicken. Sind denn nicht ganze Völker mehr werth, als das Glied eines Ein⸗ zelnen, wenn auch der Zufall ihn von königlicher Mutter geboren werden ließ und ihn zum Herrſcher gemacht? Gott wird Einhalt thun unſrer Noth und das Gebet der Völker vernehmen, und Freiheit, Frei⸗ heit wird unſer Theil werden! Mit der allen Irländern eigenen Leidenſchaft und ſanguiniſchen Hoffnung, brachen ſie Alle aus in den Jubelruf: ja, Freiheit, Freiheit wird unſer Theil werden!— Sie reichten ſich die Hände, ſie nickten ſich zu und freudiges Hoffen blitzte aus den ſchwarzen Augen dieſer Kinder Irlands. Laſſet uns jetzt b um noch vor Abend zu unſern Chartiſten Brüdern zu gelangen, damit wir morgen nicht fehlen zu der großen Be⸗ rathung! 243 Ja, wir wollen eilen, riefen Alle, und die goldene Freiheit ſei unſer Ziel! Haſtig brachen ſie auf und ſchon nach wenigen Minuten waren ſie um die Biegung des Weges ver⸗ ſchwunden. Als Effie ſich überzengt, daß die vorige Ruhe und Stille wieder hergeſtellt ſei, ſtieg ſie herab von ihrer luftigen Höhe, und mit wehmüthigem Blick nach jener Seite hinſchauend, wo die Wanderer ver⸗ ſchwunden waren: ſagte ſie melancholiſch: Ihr meine armen unglücklichen Landsleute, wie ſeid ihr ſo kin⸗ diſch in Eurem Hoffen und ſo geduldig in Eurem Leiden! Ihr ruft Gott um Hülfe an, und hofft, er ſoll für Euch kämpfen und fechten; ach, wenn Ihr nicht hingeht, mit dem Schwerte um Eure Freiheit zu beten, wird Eure Sehnſucht nicht erfüllt werden! O mein armes Vaterland! ſeufzte ſie und ihre großen Augen füllten ſich mit Thränen, wie manches Jahr wird noch vorüberrauſchen, ehe Du glücklich biſt und frei, wie manches Jahr noch werden Deine Kinder mit Thränen allein den Boden tränken, den ſie lieben, und unter dem Schweiß ihres Angeſichts ſich die Hände wund arbeiten nur um ein Stückchen Brod, ihren Hunger zu ſtillen? Ein Weib kam die Straße daher, und Effie erkundigte ſich bei ihr nach dem Namen des nächſten Dorfes und der nächſten Stadt. Wie hüpfte ihr 6 244 bewaldeten Hügel, der vor ihr die Ausſicht begrenzte, das Dorf Killankean liege. Von dort war ihr die Gegend bekannt und nur eine Tagreiſe noch trennte ſie von ihrer Heimath. In jenem Dorfe ſelbſt war ſie ſicher Hülfe und Schutz zu finden, denn dort wohnte ihre ehemalige Amme, ihr in treueſter Liebe ergeben und gewiß zu jeder Stunde bereit ihr beizu⸗ ſtehen. Thränen der Freude entſtürzten ihren Angen, und die Bäuerin, die ihr Beſcheid gegeben, ſchaute verwunderungsvoll das ſchöne Mädchen an, das ſo bitterlich weinte und deren Angeſicht doch leuchtete, wie in ſeliger Freude. Effie drückte ihr ſchnell ein 5 Geldſtück in die Hand und ging weiter. Wie ward ihr der Weg nun ſo leicht, wie beflügelte die Freude ihre vorher ſchon ermüdeten Füße, und mit wie ela⸗ ſtiſchen Schritten eilte ſie vorwärts dem Ziele entge⸗ gen. Nach wenigen Stunden war das Dorf Killan⸗ kean erreicht, und von einem freundlichen Bauern⸗ mädchen zurechtgewieſen, klopfte ſie bald an die Hüttenthür ihrer Amme. Die Pforte öffnete ſich und die gute Alte, die herausſchauend, ihren Liebling, das Kind ihres Herzens erkannte, ſchloß Effie mit Freudengeſchrei in die Arme, und zog ſie, ganz außer ſich vor Luſt, in das kleine Zimmer hinein. Effie ſank nieder auf einen Schemel und aus⸗ 245 ruhend, ward ſie nun erſt ihrer Erſchöpfung und An⸗ ſtrengung ſich bewußt, und fand kaum Kraft dem ungeſtümen Fragen des alten Mütterchens genügend zu antworten. Als ſie aber geſtärkt war von dem einfachen, ländlichen Mahle, das die Alte mit ge⸗ ſchäftiger liebender Eile herbeitrug, erzählte Effie ihr die wunderbaren Begebenheiten der letzten Nacht, oft unterbrochen von den Ausrufen der Verwunderung und des Entzückens ihrer alten Pflegerin. Und da bin ich nun gekommen, Kitty, ſchloß Effie ihre Er⸗ zäh lung, zu ſehen, ob Du mich noch ſo liebſt wie früher und mir helfen willſt zu meiner Rettung. Kitty verſprach mit Thränen Alles zu thun, was in ihren Kräften ſtehe, und Effie ſo beruhigt über den glücklichen Ausgang ihrer Flucht, legte ſich nie⸗ der auf das ihr von Kitty bereitete Lager, um nach den Mühſalen und Beſchwerden der letzten Stunden auszuruhen in den Armen des Schlafes. XXII. Es war Abend, und unter dem Schutz der Dunkelheit beſchloß Efffe ihre Flucht fortzuſetzen. Der kleine mit einem Pony beſpannte Bauernwagen ſtand ſchon vor der Thüre und die beiden Frauen rüſteten ſich zur Abfahrt. In der Tracht eines Matroſen ſtand Effie hold lächelnd vor Kitty, die mit lautem Jubel ihr früheres Pflegkind betrachtend, ausrief: da ſage man mir nun, daß es einen Zufall gibt! Nein, nein es hat ſo kommen müſſen. Und die Engel die meine ſchöne Effie beſchützten, haben es gerade nun ſo gefügt, daß der Anzug den mein Sohn Tom ſich beſtellt hat, ge⸗ rade geſtern vom Schneider kam, während der tolle Burſche noch auf hoher See iſt, und gewiß wenig an ſeinen Sonntagsſtaat denkt. Ja, es hat ſo kom⸗ men müſſen, und wenn der Herr will, kann er auch durch Beinkleider ſeine Güte verkünden, denn dieſe Beinkleider ſind es, die Dich, mein Herzenskind, erretten. Niemand wird in dieſer Tracht das hochgeborne 247 Fräulein Effie von Landstown vermuthen. Außer 1 Einem, der ſein Feinsliebchen, glaub' ich, unter jeder Geſtalt erkennen würde. I du mein guter Gott, wenn ich noch denke, wie der Herr Macdeam— 3 Sprich jetzt nicht von ihm, unterbrach ſie Effie erröthend, wenn ich an ihn denke werde ich weich und empfindſam wie ein Mädchen, und doch muß ich in dieſer Nacht ein Mann ſein und mein Me 8 lenken zum ſchönſten Ziele hin. Und es iſt gut, daß es dunkel iſt, ſagte Kitty, und die jungen Bauerdirnen Dich hübſchen Burſchen nicht ſehn, ihre Herzen würden Dir nachfliegen und ſie verlangen nach einem Kuß Deiner rothen Lippen. 1 Den ich ihnen herzlich gerne gewähren wollte, ſagte Effie lachend, und nun komm, Mutter Kitty,. Du mußt ſchon den Schlummer dieſer Nacht mir opfern. Nun, nun, es iſt nicht die erſte Nacht, wo Du mir den Schlummer raubſt, ſagte Kitty und hüllte ſich in ihren Plaid, ſo ein ſchönes Mädchen Du jetzt biſt, ſo ein arger Schreihals warſt Du frü⸗ her, und ich ſagte ſchon damals es voraus, daß Du einen recht ſchönen Liebſten bekommen wirſt. Die kleinen Mädel, die ſo koſtbar ſchreien, werden ſchön 3 und bekommen eine klare Stimme, und das gefällt„ 2 den jungen Herrn. Ja, ja, was ich ſagen wollte— . 248 Du wollteſt ſagen, Kitth, daß wir eilen müßten, unterbrach ſie Effie, um noch vor Tagesanbruch auf Edwards Gut zu ſein. Ja, das wollte ich ſagen, erwiderte die ge⸗ ſchwätzige Alte und folgte Effie aus der Hütte, deren Thüre ſie ſorgfältig hinter ſich verſchloß. Mit liebender Sorgfalt half Effie der Alten in den Wagen, ſchwang ſich dann ſelber gewandt auf den vordern Strohſack, nahm die Zügel und fort rollte das kleine Fuhrwerk die Straße dahin zu dem Gute Edward Macdeams.— Es war ſchon Tag als ſie daſſelbe erreichten, und Effie, in den Wechſel⸗ gefühlen ihrer Bruſt bald erröthend, bald erbleichend, bat ihre getreue Kitty, ſogleich ins Schloß zu gehen, nach dem Gutsherrn zu fragen, und ihn zu ihr in das kleine Wirthshaus, in dem ſie abgeſtiegen waren, zu bringen. Wenn er aber nun nicht zu Hauſe iſt? fragte Kitty. Er wird zu Hauſe ſein, rief Effie heftig niß ſchwärmeriſch, mir ſagt es eine Ahnung, daß ich ihn finden werde, und wo man treu liebt und wahr, da täuſchen ſolche Stimmen des Herzens 15 Geh' und rufe ihn! Kitty ging, und Effie in athemloſer Erwartung, ihre Bruſt beklemmt, ſie wußte nicht ob von Angſt 249 oder Hoffnung, ſtand am Fenſter und ſchaute den Weg dahin, auf dem ihre Abgeſandte zurückkehren mußte. Wie langſam ſchleppten die Minuten ihr dahin, wie ungeduldig pochte ihr Herz und wie wogte ihr Buſen in ungeſtümem Drange. Sie faltete die Hände um zu beten, und vergaß es über dem Schauen nach jener Straße hin, ſie wollte ſich abwenden vom Fenſter und vermochte es nicht, ihre Geſtalt bebte, und ſie hatte das Gefühl, als müſſe ihr ganzes Weſen 5 ſich auflöſen und vergehen in dieſer Angſt der Er⸗ wartung.— So ſtand ſie, zitternd, athemlos am Fenſter und ſchaute und ſchaute, jetzt bebte ein Schrei von ihren Lippen, es durchzuckte ſie wie ein Blitz,— denn die Erwartete, die Botin ihrer Liebe, Kitty kam daher. O wie langſam, langſam ſie geht! klagte Effie, ſollte die Theilnahme, das Mitgefühl ihre alten 3 Glieder nicht geſchmeidig machen? Jetzt, da,— iſt ſiel Sie ſtürzte zur Thür, ſie bemerkte nicht Kitty's beſorgliche, trübe Miene, und die Alte jubelnd um⸗ fangend und in's Zimmer ziehend, rief ſie: was ſprach er? Kitty, wann kommt er? k Kitty hatte kaum den Muth leiſe zu erwidern: Er iſt nicht hier, er iſt verreist nach London! FEfſie taumelte zurück, ſie ſtarrte wie entſetzt die 250 Alte an, ihr Athem ſtockte, und Todtenbläſſe bedeckte ihr Geſicht. Der Alten graute, und weinend jammerte ſie: ſo geht es nun; da kommen die Ahnungen und ſagen, der Liebſte ſei hier, und Du glaubſt uñd vertrauſt ihnen ſo ſicher, daß Du nicht einmal an die Mög⸗ lichkeit glauben wollteſt, er ſei nicht hier. Effie hörte ſie nicht, bewegungslos ſtand ſie da, mit weit aufgeriſſenen Angen vor ſich hinſtarrend ohne Gedanken, ohne Blicke, und wie gelähmt in ſich ſelber. Kitty faßte beſorgt ihre Hand und ſagte liebend: aber Effie ſei doch nicht ſo ſtill! Weine doch, jam⸗ mere doch! das iſt ja der Vorzug, den uns der Herr vor dem lieben Vieh gegeben hat, daß wir ſo recht aus vollem Herzen jammern können. Effie's kräftige Natur hatte jetzt den erſten Schreck überwunden, die Berührung der Alten rief das lie⸗ bende Mädchen von den Träumen und Geſichten, die an ihrem Innern vorüberklangen zurück in die genwart. Sie ſtrich ſich leiſe mit der Hand über! Augen, als wolle ſie die trüben Bilder verſcheuchen, die ſie eben erſchaut, und hoch aufathmend flüſterte ſie: alſo nach London! Dann ging ſie tief ſinnend im Zimmer auf und ab, und Kitty die mit liebender Sorge jeder Bewe⸗ gung ihres Lieblings folgte, bemerkte mit Erſtaunen 251 wie Effie's Züge ſchnell einen andern Ausdruck an⸗ nahmen. Ein glühendes Roth färbte ihre vorher ſo bleichen Wangen, ihr Auge blitze im Feuer der Be⸗ geiſterung, wie in fieberiſcher Schnelle wogte ihr Buſen, und das Klopfen ihres Herzens verſetzte ihr den Athem, daß er war, wie heißer Seufzer der Liebe. Jetzt breitete ſie, wie in ſeliger Verzückung die Arme aus und mit von Thränen überſtrömenden Augen rief ſie: mein Geliebter, ich folge Dir! Iſt doch mein Leben mit allen Banden der Liebe an das Deine gekettet, und Dein Auge mein Himmel und mein Glück. So will ich denn auch nicht zagen und nicht kleinmüthig bangen. Aus dem Kloſter führte mich die Liebe, ſie treibt mich Dir nach in die Welt, Dir nach, bis ich Dich finde! unmöglich, rief Kitty, Kind, bedenke, was Du thuſt! Der weite Weg nach London, Du, ein Mäd⸗ chen, allein, nein es iſt nicht möglich! Effie faßte heftig ihre Hand, und mit leuchten⸗ den Augen ſagte ſie: Ich habe mir ſagen laſſen, daß der Blick einer Jungfrau den Löwen zu bändigen vermag und ſie ungefährdet ſein laſſe neben dem Thier der Wüſte. Und meinſt Du, daß dieſer Blick weniger vermöchte über die Menſchen? Die Liebe leitet mich und wird mich ſchützen! Ich zage nicht! Ein Stern leuchtet den Liebenden und bezeichnet ihnen 252 die Bahn, die ſie zu gehen haben; er wird auch mich ſicher führen! Umſonſt war Kitty's Bemühen, Effie andern Sinns zu machen, ſie blieb ſtandhaft und erklärte mit Entſchiedenheit morgen ſich zur Küſte begeben zu wollen, um ſich überſetzen zu laſſen nach Liverpool, und von dort mit der Poſtkutſche nach London zu fahren. Edward wird ſich unfehlbar bei meinem Oheim Lerd Landstown eingeführt haben, ſchloß Effie ihre Rede, und ſo wird es mir leicht ſein ihn zu finden. Du aber, gute Kitty, rüſte Dich zur Heimfahrt, da⸗ mit Deine längere Abweſenheit nicht Verdacht in Killankean errege. Mich aber überlaß dem Schutze des Herrn! Weinend umklammerte Kitty ihre theure Pflege⸗ tochter! den Segen des Himmels über ſie herabrufend, dann rüſtete ſie Alles zur Abfahrt, und bald fuhr ſie in ihrem kleinen Wagen zurück nach Killankean. Effie war nun allein, die Stille um ſie her that ihr wohl und ließ den Plan zu ihrer weitern Flucht ungeſtörter in ihr reifen. Sie fühlte ſich muthig und ohne Zagen, die ganze Kraft ihres We⸗ ſens hatte ſie concentrirt auf dieſen Einen Zweck, den Geliebten wiederzuſehen, ihn zu erreichen; es blieb ſelbſt zum Bangen und Verzagen kein Raum — — 253 in ihrem Gemüth, ſie war entſchloſſen und darnm ruhig. Sie aß und trank, weil ſie fühlte, daß ſie zur Erhaltung ihrer phyſiſchen Kräfte der Speiſe bedürfe, ſie legte ſich nieder um zu ſchlafen, weil ſie wußte, daß ſie der Schlummer ſtärken würde zur nächtlichen Wanderung. Als der Abend heteingebrochen und Dunkelheit die Gegend umhüllte, verließ ſie ſodann das Wirthshaus, warf einen Scheideblick hin auf Edwards Schloß, deſſen weiße Mauern ihr entgegen ſchimmerten, und trat muthig ihre Wanderung an. Das Gut ihres Vaters gränzte an das ihres Geliebten, und ſo war keine Stunde vergangen, als Effie ſchon das Eigenthum ihres Vaters betrat. Alle Erinnerungen der Jugend, alle Träume ihrer Kind⸗ heit tauchten mit magiſcher Gewalt vor ihrer Seele auf. Es war ihr, als riefen alle dieſe wohlbekannten Plätze ihr ein trauriges Lebewohl entgegen, als flü⸗ ſtere es im Winde mit ihres Vaters Stimme einen Abſchiedsgruß, als neigten ſich die Bäume des väter⸗ lichen Parks, an deſſen Mauer ſie jetzt lehnte, zu ihr hernieder, ihr den Scheidegruß zuzulispeln, ihr, der Vereinſamten, Heimathloſen, ſie ſetzte ſich nieder auf den Stein, der am Wege ſtand, und weinte 2 bitterlich. 5 Dann ſprang ſie auf, trocknete ihre Augen und 254 ſagte entſchloſſen: und koſte es auch mein Leben, ich muß ihn noch einmal ſehen, muß, wenn auch ſchwei⸗ gend, Abſchied nehmen von dieſen geliebten Zügen. Er war grauſam gegen mich, weil er es für ſeine Pflicht hielt, ich aber liebe ihn, weil er mein Vater iſt! Leicht ſchwang ſie ſich über die Mauer und ſtand nun im Parke. Es war ihr, als ſei es plötzlich Tag geworden und als leuchte Alles um ſie her im hell⸗ ſten Lichte, als ſähe ſie dort links den großen Raſen⸗ platz, wo ſie ſo oft geſpielt und geruht, hier rechts den kleinen Pavillon, in dem ſie zu ganzen Tagen mit irgend einer Zeichnung oder Arbeit beſchäftigt geweſen. Ach, ſie kannte hier jeden Baum, jeden Strauch, und begrüßte mit wehmüthiger Freude die Blumen des Bosquets, dieſe Blumen, die ſie ſonſt gepflegt und gewartet, und deren Duft ihr verkündete, daß ſie nicht minder herrlich blühten unter fremder Pflege. Wie ſie dann mit hochklopfendem Herzen die lange Allee, die zum Schloſſe führte, hinauf ſchritt und an den Fenſtern ihr Licht entgegen ſchimmerte, ward ihr ganz freudig und glücklich zu Muthe, und ſie zeigte hin nach dieſen Fenſtern und flüſterte: dort, dort iſt mein Vater! Nur noch wenige Schritte vom Schloß entfernt, —.— 255 vernahm ſie die Worte: gute Nacht, denn Anton es iſt Zeit zu ruhen. Es durchzuckte ſie wie mit elektriſchem Schlage, alles Blut drängte ihr zum Herzen hin, und heiße Thränen entſtürzten ihren Augen, denn es war ihr Vater, der jene Worte geſprochen, ſie hatte ſeine Stimme erkannt, dieſe Stimme, deren Klang ſie durch ihr ganzes Leben vernommen, die ihr ſo lieb und vertraut.— Sie mußte ſich recht ſatt weinen, gleich Quellen rieſelten ihre Thränen herab über ihre Wan⸗ gen und ſchafften ihr Linderung und Erleichterung. Jetzt ſah ſie Licht im Schlafzimmer ihres Vaters, ſie ſah die Umriſſe einer Geſtalt ſich an den Vor⸗ hängen abzeichnen, und meinte des Vaters Geſtalt zu erkennen. Ein Fenſter ward geöffnet und ſie hörte ihren Vater ſagen: es iſt ſo ſchwül im Zimmer, die laue Nachtluft ſoll mich kühlen und wird mir nicht ſchaden. Die Zeit verging, das Licht im Schlafzimmer verlöſchte, allmählig wurden alle übrigen Fenſter dunkel, die Dienerſchaft war zur Ruhe gegangen, Alles ward ſtill. Effie wartete noch einige Zeit, und als ſie ſich überzeugt, daß die Stille umher durch nichts mehr unterbrochen ward, ſchlüpfte ſie leicht wie eine Gazelle nach jener Seite hin, wo das Schlaf⸗ zimmer ihres Vaters lag, deſſen geöffnetes Fenſter 256 niedrig genug war, um ihr den Eingang ſonder Mühe zu geſtatten. Hier lauſchte ſie niedergekauert einige Momente, und als ſie an den langen ruhigen Athem⸗ zügen des Vaters erkannt, daß er ſchlummere, ſchwang ſie geräuſchlos ſich auf am Geſimſe und ſchlüpfte durch das Fenſter ins Schlafzimmer ihres Vaters. Wieder lauſchte ſie ängſtlich, ob die Ruhe des Schlum⸗ mernden nicht geſtört worden, und dann ſchwebte ſie leis zum Bette des Vaters, deſſen Züge das bren⸗ nende Nachtlicht matt erhellte. Lange ſtand ſie und ſchaute in das geliebte Angeſicht mit klopfendem Her⸗ zen und unendlichem Liebesblick. In ihrer Seele waren Gebete und Segenswünſche, und ihr Herz war voll Liebe für den Schlummernden, deſſen ge⸗ ſchloſſene Augen zu küſſen ſie ſich ſehnte. Sie kniete nieder am Bett, nahm die herabhängende Hand des Schlummernden und drückte ihre heißen Lippen auf dieſe geliebte Hand. Nun war es, als habe dieſe Berührung und dieſer Kuß ſie plötzlich aller Ueber⸗. legung aller Beſonnenheit beraubt, denn ſie flog em⸗ por, ſie neigte ſich über den Schlafenden und drückte einen Kuß auf ſeine Lippen. Er regte ſich, Effie warf ſich zuſammenſchreckend zurück und verbarg ſich in den Vorhängen des Bettes. Ihr Vater aber murmelte im Schlaf: küſſeſt Du mich, meine Effie! 257 Effie vermochte kaum ihr Schluchzen zu unter⸗ drücken, eine Fülle von Schmerz und Frende tobte in ihrem Buſen und ihr Herz klopfte hörbar in ihrer Bruſt. Als ſie ſich überzeugt, daß ihr Vater wieder in gleichmäßigem Schlummer ruhe, trat ſie wieder hervor aus dem verbergenden Vorhang, nahm die Scheere vom Nachttiſch, ſchnitt eine Locke von ihrem Haar, und ſie auf das Gebetbuch ihres Vaters legend, ſagte ſie leiſe: dieſe Locke ſoll Dir den Abſchiedsgruß Deiner Efſie bringen. Mein Vater, mein theurer Vater, lebewohl! Und als fürchte ſie, die eigne Rührung möchte ſie bewältigen und lähmen in ihrem Vorhaben, wandte ſie ihren Blick ab von den geliebten Zügen, trat zu⸗ rück und ſchlüpfte durch das Fenſter wieder hinab in den Garten.— Ich werde ihn nie wiederſehen, ſeufzte ſie, und doch kann ich nicht bleiben! Beſſer geſchie⸗ den von Heimath und Vaterhaus, als lebend begra⸗ ben hinter Kloſtermauern! Wie um ſich zu ermuthi⸗ gen, fuhr ſie fort: Edward, mein Geliebter, ich komme zu Dir! Die entflohene Novize nimmſt Du als Gattin an Dein Herz!— Der Gedanke an ihn machte ſie wieder kräftig und muthvoll; ſie fühlte das Blut heißer durch ihre Adern rollen und ihre Pulſe klopften in mächtiger Gluth. Lebet wohl, lebet wohl, ſagte ſie in Gedanken L. Mühlbach. I. 17 258 hu allen Plätzen und Raſenſitzen des Parks, zu dem Raſenplatz auf dem ſie oft als Kind geſpielt, zu den Bäumen und Blumen, zu der Laube in der ſie Ed⸗ wards erſten Kuß empfangen, und von deſſen Blü⸗ thenzweigen ſie jetzt einen brach und in ihrem Buſen verbarg. Sie war wohl gefaßt und muthig, aber unendlich bewegt, und es war ihr, als verſänke mit dieſem Scheiden ein Theil ihres Lebens hinter ihr in den Wellen, um nie wieder aufzutauchen. An der Ausgangspforte des Gartens angelangt, warf ſie in unendlicher Rührung ſich nieder, und ihre Hände faltend betete ſie mit verworrenen, unbeſtimm⸗ ten Gedanken, kaum wiſſend, was ſie wollte und begehrte, aber mit frommem Vertrauen und gläubiger Bruſt. Dann neigte ſie ſich nieder und küßte die Erde, die theure Vatererde, und ſagte: Lebe wohl, mein Vaterland! Mein Fuß wird Dich nicht mehr berühren und mein Ange Dich nicht wieder erſchauen, wenn der Morgen dämmert bin ich am Strand und verlaſſe auf immer die heimathliche Küſte. Aber meine Gedanken werden bei Dir ſein, mein unglück⸗ liches Vaterland, und in der Ferne werde ich Dein gedenken, ich, Dein heimathloſes Kind! Lebe wohl! Noch einmal küßte ſie in heißer Inbrunſt die kalte Erde, dann richtete ſie ſich auf und ſagte ge⸗ fußt: Und nin hinaus, hinaus in die Welt! Gefahren — bin ich entgangen, und neuen Gefahren gehe ich ent⸗ gegen. Gott allein weiß, wie die Entwicklung ſein wird! Er aber und meine Liebe werden mich be⸗ gleiten! So verließ ſie den Park und ſchritt muthig da⸗ hin. Als der Morgen graute ſtand ſie am Strande und rief mit fröhlichem Matroſenruf den Fährmann herbei, daß er ſie in ſeinem Bovt an Bord des Dampfſchiffes bringe, das ſchon ſein erſtes Signal zur Abfahrt nach Liverpool gegeben, und bald tricben die Wellen ſie fernab vom heimathlichen Strande zu neuen Gefahren und Entwicklungen! XXIII. Arm in Arm wandelten Lord und Lady Lands⸗ town in den Laubgängen ihres Parks auf und ab in traulichem Liebesgeſpräch. Dein liebes Angeſicht wird bleicher, meine Elli⸗ nor, ſagte der Lord mit liebender Sorge, laß uns hier in dieſer Laube ruhen! Ellinor ſchaute ihn zärtlich an und nickte ge⸗ während. Der Lord führte ſie in das ſchattige Dunkel der Laube, und ſich mit ihr niederlaſſend auf den weichen Polſterſitzen, die darin angebracht waren, ſagte er: komm, lehne Dein Haupt an meine Bruſt und ruhe! Er legte ſeinen Arm um ihre Geſtalt und ſchwei⸗ gend ruhte ſie an ſeinem Herzen, ſchweigend, bis ihr leiſes Schluchzen dem Gemahl verrieth, daß ſie weine. Thränen, Ellinor? fragte er und hob ihr Haupt von ſeiner Bruſt, und ſchaute fragend in ihr von Thränen überfluthetes Angeſicht. Laß mich weinen, flüſterte ſie, es ſind Thränen 261 des reinſten Glückes und Dankes gegen Dich! O mein Gemahl, wie kann ich ſie Dir lohnen dieſe ſchöne, herr⸗ liche Liebe, die Du jeden Tag mit neuer Segens⸗ fülle mir ſchenkeſt!£ Lohne mir mit Glück! ſagte er, ſie zärtlich ſich drückend. Aber Du biſt nicht glücklich! Ich bin es, wenn ich Dich ſehe, rief Ellinor leidenſchaftlich; ja glücklich bin ich, wenn ich den Klang Deiner geliebten Stimme vernehme, mein Herz erbebt in frendigem Jauchzen, wenn Dein Blick auf mir ruht, ach, und von Deinem Arm umfangen, trotze ich allem Unglück und allem Leid! Sie ſchmiegte ſich feſter an ihn, und das Haupt an ſeine Bruſt gelehnt, ſchaute ſie zu ihm auf mit freudeſtrahlenden Blicken. Iſt's denn wahr, ſagte ſie dann mit lieblichem an Schmerz, daß viele Jahre ſchon vergangen ſind, ſeit wir einander lieben? O ich meine, ich ſah Dich geſtern zum Erſtenmale, und meine Liebe ſcheint mir ſo jung, daß ſie unmöglich Jahre kann überdauert haben. Vierzehn Jahre fühle ich täglich neu und be⸗ lebend die Wonne Dich zu lieben, ſagte er. Vierzehn Jahre! wiederholte ſie, wie erſtaunt, ei, da ſollte unſre Liebe ſchon zu einem verſtändigen Weſen herangewachſen ſein, und ſie iſt doch ſo über⸗ müthig und tändelnd noch, wie ein junges Kind! Sie trägt eine himmliſche Jugend in ſich, er⸗ widerte ½ Gemahl, und überträgt dieſe auf unſer Herz und unſre Sinne. Ach, die wahre Liebe iſt ein geheimnißvolles Weſen, alt wie die Welt und jung wie jede Sekunde. Doch ſpricht man viel von einer andern Liebe, ſagte Ellinor, die nur alt und kalt, nicht jung und glühend iſt, dies iſt die eheliche Liebe. Glaubſt Du an dieſe? Ob ich daran glaube? An dieſe kalte niſhnirte Eheſtandsliebe, die wie ein verlöſchendes Oellämpchen nur dann und wann neu aufflackert, wenn irgend ein häuslicher Zwiſt und eine gehötige Quantität Weiberthränen ihr neue Nahrung und Brennſtoff ge⸗ geben? 8 Man ſagt, die Gewohnheit des täglichen Zu⸗ ſammenlebens ſtumpft die Liebe ab und ſchärft das Auge für die gegenſeitigen Fehler, ſagte Ellinor lächelnd. Iſt denn die Sonne minder ſchön, weil ſie alle Tage neu uns leuchtet, und der Frühling minder entzückend, weil er alljährlich wiederkehrt? Heißen wir Beide darum weniger freudig willkommen, weil wir ihr Glänzen und Blühen kennen? Wir bedürfen des Soynnenlichts, wir bedürfen des Frühlings zu unſerm Glück, ihr Ausbleiben brächte uns Krankheit und Tod, und ſo auch bedürfen wir, und mehr als „ ————— 263 alles andre, der Liebe, ſie iſt die Sonne und der Frühling unſrer Seele, immer neu erblühend, neu erſtehend und doch ſtets dieſelbe. Nein, ich glanbe nicht, daß die Liebe in der Ehe erkaltet und erliſcht; ſie iſt nichts Menſchliches, Irdiſches, das altern und ſchwinden kann, ſie iſt himmliſch und überirdiſch, darum unwandelbar und jung. Nein, auch ich glaube es nicht! rief Ellinor. Ich meine, die Liebe iſt eine Blüthe, und die Ehe iſt ihre Pflegerin, und unter ihren Händen wächst und blüht ſie täglich neu. Wie köſtlich und herzer⸗ quickend iſt ihr Duft, wie kann ſich die Blüthe unter der gleichmäßigen Pflege üppig und herrlich entwickeln und gedeihen in ſchattiger Kühle; die glühende Mit⸗ tagsſonne verdorrt ſie nur. Ach ich meine, es gibt nichts Herrlicheres, als das Glück der Ehe. Dieſes ſüße Miteinanderſein, dies Lieben ohne Sorge, dieſer Austauſch aller Ideen, dies ſich ganz in das zweite und doch eigne Ich verſenken, dieſe Fähigkeit in Blicken die Gedanken und Geſinnungen zu leſen, dies Ver⸗ ſtehen halber Worte und Bewegungen, dies Alles iſt eine Wonne, die nur das tägliche und immer wiederkehrende Zuſammenſein gibt. Und wenn man ſagt, daß das Glück leicht übermüthig macht und von Gott abwendet, ſo iſt es in dem Glücke der Ehe gerade entgegengeſetzt. Dies Glück macht demüthig 8 —— 264 und beſcheiden, es führt zu Gott. Ja es beſſert und bildet, lehrt uns in Liebe unſre Fehler erkennen, lehrt uns in Liebe ſie beſſern, lehrt uns die eigne Indi⸗ vidualität verleugnen um der andern zu genügen, ſie lehrt uns im Glück die Tugend und in der Tugend die Liebe. Der Lord legte ſeine Hand auf Ellinors Herz, und ſagte in heiliger Rührung: Dank Deinem edlen ſchönen Herzen für dieſe Worte, Dank Dir für Dich, für Deine Liebe! Lerne nur Eins, meine Geliebte, Zuverſicht und Glauben an das Glück und an mich! Denke, daß meine Liebe unwandelbar iſt und ewig, daß ſie alle Stürme überdauern und alle Klippen umſchiffen wird. Halte feſt an dieſen Worten, fuhr er fort und ein tiefer Ernſt lag in ſeinen Zügen, feſt, wie an einem unerſchütterlichen Fels, dann wirſt Du auch niemals bangen, und auch die Ruhe des Glückes wird Dein ſein! Ehe Ellinor Zeit hatte nach dem Sinn ſeiner letzten Worte zu fragen, wurden ſie von einem Diener unterbrochen, der Nordheim meldete. Der Lord ſtand auf, und noch einen Kuß auf die Lippen ſeiner Ellinor drückend, ſagte er: dünken mich doch Deine Küſſe ſtets neuer Lebensbalſam und neue Luſt! Komm, Ellinor, noch einen Kuß! Noch Einen! Schon höre ich Nordheims Schritte, und ich —— 265 muß mich entſchädigen für die Entbehrung, die fremde Gegenwart mir auferlegt. Ich meine, Küſſe ſind zu heilig, um ſie durch Oeffentlichkeit zu entweihen. Die Liebe iſt ſchweigſam und auch das Glück! Aber auch das Unglück: ſagte Nordheim, der ſo eben in die Laube trat, und die letzten Worte vernommen hatte. Doch ſollte ich, ſetzte er nit an⸗ muthiger Verneigung hinzu, meinen Vortheil beſſer wahrnehmen und nicht als Unglücksvogel meine heiſern Mahnungen krächzen. Wird nicht durch ſolche Mahnungen das Glück* erſt recht erhalten ſagte Ellinor, und reichte Nord⸗ heim ihre Hand, und ſchützen dieſe nicht vor der Sorgloſigkeit im Glück, die blind in das Verderben hinein rennen läßt? Wahr, und auch nicht, ſagte Nordheim, den Propheten und Caſſandren iſt ſelten geglaubt worden, und ſo haben ſie ſelten Unglück vermieden. Auch werden ſie ja nur durch das Eintreffen ihrer unglück⸗ lichen Prophezeiungen wirkliche Propheten, und da⸗ her bedeutend, aber durchaus nutzlos. Sie halten alſo nichts von den Wahrſagern und Zeichendeutern? Was nützte es dem Cäſar, daß ein Wahrſager ihn warnte vor dem Gang auf's Capitol, was dem Wallenſtein, daß der Zeichendeuter ihn warnte vor 7 der unglücklichen Conſtellativn der Geſtirne? Was kommen ſoll, kommt, und keine Prophezeiung wehrt es ab. Und was glauben Sie, daß uns Menſchen als beſtimmt kommend erwartet? fragte Ellinor. Nur Eins, dies iſt der Tod! erwiderte Nord⸗ heim, das Andre iſt Sache des Zufalls! Ein Diener kam den Lord abzurufen, dieſer ent⸗ fernte ſich mit dem Verſprechen baldiger Rückkehr, und ließ Nordheim mit Ellinor allein. Sie verließen die Laube und wandelten eine Zeitlang ſchweigend neben einander her, dann fragte Ellinor ſchüchtern ſprachen Sie Daſſa heute? Noch nicht, antwortete Nordheim, ich ſah ihn ſeit geſtern, wo er zu Ihnen ging, Ihnen die Brieſe zu bringen, nicht wieder. So wiſſen Sie alſo nicht, ſagte Ellinor kummer⸗ voll, daß er Sie täuſchte, und daß er mir die Briefe nicht gegeben. Und welchen Vorwand hatte der Elende, dies zu weigern? fragte Nordheim erglühend⸗ Wie können Sie glauben, antwortete die Lady bitter, daß er es für nöthig erachtete, ſich mir ge⸗ genüber der Verhüllungen und Vorwände zu bedienen? Er will nicht, das, meint er, genügt, ja er drohte mir, falls Sie ihm noch Einmal ihm ähnliche 267 Vorſchläge machten, meinem Gemahle Alles zu ver⸗ rathen! Laſſen Sie ihn, rief Nordheim raſch, kommen Sie ſelbſt ihm zuvor! Alles Heil und alles Glück beruht im gegenſeitigen Vertrauen. Laſſen Sie dieſes walten, gewinnen Sie den Muth über ſich, dem Ge⸗ mahl Alles zu ſagen, dann iſt alle Qual beſeitigt und geendet. Mißtrauen ſchafft Unheil und Jammer, führt zu Trug und Lüge. O werfen Sie dies Alles von ſich, und laſſen Sie Ihren Gemahl Ihren Ver⸗ trauten ſein! Nimmermehr, rief Ellinor erbleichend, ich würde es nicht ertragen ſeinen ſtrafenden Blick auf mich geheftet zu ſehen, ſeiner Verzeihung zu bedürfen. Ach, wenn die Liebe erſt verzeihen muß, iſt ſie die wahre Liebe nicht mehr! Nein, nein, Alles will ich thun und dulden, nur dies nicht! Laſſen Sie mich nicht vor meinem Gemahl zu erröthen haben! Und was gedenken Ew. Lordſchaft nun zu thun? fragte Nordheim. Ich weiß es nicht, ſagte Sie verzweiflungsvoll. Sie allein können mir rathen und helfen.— Dann blieb ſie ſtehen, und wie in einem innern Kampf begriffen, neigte ſie ihr Haupt auf ihre Bruſt, und in Zittern durchflog ihre Glieder. w Sie Aues? agte ſie dann dumpf und bebend. 5 5 Nordheim verſtand ſie wohl, und in ſeiner zar⸗ ten Weiſe begriff er die Qual und Beſchämung die⸗ ſes Augenblicks, darum ſagte er faſt eben ſo leiſe und furchtſam, wie ſie; ich weiß, daß Daſſa grau⸗ ſam genug war, Ihnen das Liebſte, was ein Weib beſitzen kann, zu rauben, daß er einer Mutter ihr Kind ſtahl. Ellinor, alle Schaam vergeſſend über ihrer Mut⸗ terſehnſucht, richtete ihr Haupt auf, und in gewal⸗ tiger Bewegung Nordheims Hand ergreifend, ſagte ſie athemlos: und wo iſt es, mein Kind? Lebt es, werd' ich es wiederſehen? Er gab es einer Bettlerin! Hier, hier in London? fragte Ellinor in zittern⸗ der Ungeduld. O mein Kind, wo— Sie zuckte zuſammen, der Athem ſtockte in ihrer Bruſt, ſtarr ſchaute ſie die Allee hinab, an deren Ende eine männliche Geſtalt ſich zeigte, und ſagte leiſe: er iſt es, Ginſeppo kommt. Dann wandte ſie ſich heftig an Nordheim und ſagte in fliegender Eile: er kommt, er kommt. Auf meinen Knieen will ich ihn beſchwören, daß er mir mein Kind gibt, ich fühle Kraft und Muth in mir. Erwarten Sie mich hier im Garten! So ſprechend eilte ſie haſtigen Schrittes, u wie getragen von innerer Bewegung, die Allee hinab, 6 269 Giuſeppo entgegen, der ihr mit grauſamem Lachen die Hand reichte und ſagte: eilſt Du mir doch heute entgegen mit einer Ungeduld, als ſeiſt Du noch Elli⸗ 4 nor Landstown und ich Dein Maeſtro und Liebſter Giuſeppo. Ellinor antwortete mit einem Stolz und einer Würde, der er nicht zu widerſtehen vermochte: folge mir auf mein Zimmer! und ſchweigend geleitete Gin⸗ ſeppo ſie dahin. Was willſt Du von mir? fragte er barſch, als ſie hier angelangt waren, und Ellinor, athemlos vor innerer Bewegung niederſank auf den Divan. Ach, er fragt noch, was ich will, ſagte ſie, wie zu ſich ſelber, und kennt doch meine Qual Sehnſucht. Giuſeppo wiederholte ſeine Frage, und Ellinor, flehend ihre Hände zu ihm erhebend, ſagte weich Ginſeppo, was ich will? Mein Kind will ich haben, mein geliebtes Kind! Giuſeppo lachte laut, und das flehende Weib mit grimmvollen Blicken betrachtend, ſagte er höhniſch: Dein Kind! Frage doch den Lord, Deinen Gemahl, nach Deinen Kindern. Jetzt, o nur jetzt keinen Hohn, ſg Ellinor weich, jetzt, wo mein ganzes Herz vor Dir in Liebe und Jammer zerfließt. Du weißt es, Giuſeppo, welches Kind ich meine, es iſt Dein Kind, nach dem ich verlange. Es iſt ein Kind, deſſen Vater Du verrathen haſt, ſagte Ginſeppo kalt. Dies iſt meine Schuld, rief Ellinor, und ſchwer büße ich ſie in jeder Stunde des Tages. Giuſeppo, habe Erbarmen mit meinen Leiden, Erbarmen mit dem Schmerz einer Mutter! Du leideſt alſo recht? fragte Daſſa grimmig lächelnd. Ob ich leide? ſagte ſich ſchmerzvoll. Sich meine bleiche Wange, meine zerfallene Geſtalt, o könnteſt Du mein zerriſſenes Herz ſehen, Du würdeſt nicht frage 3 ob ich leide! Sei großmüthig, groß⸗ miüthiger, wie ich es war gegen Dich, erbarme Dich nein! Gib mir mein Kind! Du, Du hatteſt auch eine Mutter, ſie hat Dich getragen unter ihrem Her⸗ zen, hat Dich genährt mit ihrem Blut und ihrem Leben, hat für Dich geſorgt und gebangt, für Dich gewacht lange Nächte und gearbeitet lange Tage, Du warſt ihr Glück und ihr Leben, Ginſeppo, denk an“ die Liebe Deiner Mutter, des Weſens das Dich ge⸗ liebt hat über alles in der Welt, ach denk an Deine Mutter und habe Mitleid mit mir! Wie ſie ſo ſprach, nahmen Giuſeppo's Zů allgemach einen mildern Ausdruck an, das Bild ſein 271 Mutter, lange vergeſſen, tauchte in ſeiner Seele auf, und er wandte ſich ab und ſagte ſeufzend: oh mia cara madre! Ellinor entging dieſe weichere Stimmung Daſſa's nicht. Du ſeufzeſt, Du denkſt mit Schmerz an Deine Mutter? fragte ſie freudig, und in gewaltiger Be⸗ wegung niederſtürzend zu ſeinen Füßen, rief ſie: Gin⸗ ſeppo! denk an Deine Mutter, um ihretwillen erbarme Dich einer Mutter. Du biſt ein Mann, Du kannſt nicht wiſſen, was eine Mutter leidet, wie ſie zergeht in Qual und Sehnſucht nach ihrem Kinde, das das Leben ihres Lebens, das Blut ihres Blutes iſt. Giuſeppo, es iſt mein einziges Kind! Weißt Du, was das ſagen will, mein einziges! Nur dies Eine zu haben, das mich Mutter nennen kann, das mit ſeinen Armen mich umſchlingt, und mir gehört mit ſeinem Leben und ſeiner Seele? Und dies Eine nicht zu beſitzen, nur wie eines Traumes ſeiner holden Augen, ſeines kindlichen Lächelns zu erinnern! Gib mir miß Kind, fordre dafür Alles was ich beſitze, fordre mein Leben, da iſt es! nur laß mich in meines Kindes Armen ſterben! O wenn Du wüßteſt, wie groß und heilig die Liebe einer Mutter, ohne Be⸗ gehren und ohne Egvismus, ohne Furcht und Zagen, ſie ganz reine Liebe iſt! Ja, aber Du weißt 6 Du haſt ja eine Mutter gehabt. Sie iſt todt, 272 Deine Mutter, aber Giuſeppo, ſie ſchaut in dieſer Stunde zu Dir hernieder, ja und ich weiß, ſie ſeg⸗ net Dich, wenn Du einer Mutter Dich erbarmſt. Ginſeppo denke, daß Deine Mutter Dir nahe iſt, und ſei barmherzig! Und Giuſeppo dachte an ſeine Mutter, er dachte, wie ſie oft hungernd und dürſtend ihm das letzte Stück Brod, ihm den letzten Trank gegeben, für ſich ſelber nichts behaltend, wie ſie zitternd vor Froſt die letzte Hülle von ihren Schultern genommen, um ihn damit zu wärmen, wie ſie auf hartem Stroh ge⸗ ſchlafen, um ihm den weichen Pfühl zu laſſen, er dachte, wie ſie ſterbend ſeine Hand genommen und mit brechendem Blick ſeinen Namen genannt. Und wie er das Alles dachte, fühlte er eine tiefe Weh⸗ muth ſein Herz beſchleichen, fühlte ſein Ange von einer Thräne befeuchtet, und mit weichem Ton, wie ihn Ellinor nur in den längſt verklungenen Tagen ihrer Liebe von ihm gehört, ſagte er: Du thateſt wohl mich an meine Mutter zu erinnern. Ja wahr⸗ lich, dieſe hat mich treu geliebt, und bis ans Ende ihres Lebens. Und um dieſer Erinnerung will ich Dir ſagen, was ich von Deinem Kinde weiß. An dem Tage Deiner Verlobung, fuhr er fort, und ſchon ſchwan bei dieſer Erinnerung der milde Ausdruck ſeiner Züg und der finſtre, grollende Blick kehrte zurück, an de* 273* Tage Deiner Verlobung nahm ich Dein Kind und übergab es einer Bettlerin, bekannt unter ihres Glei⸗ chen, unter dem Namen Teufelsliſe, ihre Wohnung iſt Troad Street, Nro. 17. An dieſe wende Dich, und ſuche das Schickſal des Kindes zu erforſchen, was mir bis jetzt nicht gelingen wollte. Ellinor noch immer knieend, hatte Giuſeppo's Worten mit angehaltenem Athem, unbeweglich, als ſei ſie zu Stein erſtarrt, gelauſcht, mit einer Auf⸗ merkſamkeit und einem Ernſt, als vernehme ſie eines Gottes Stimme, es war ihr, als ſeien alle ihre Sinne untergegangen in dem Einen des Hörens, und durch ihre Seele, durch ihr Herz und alle ihre Glieder empfand ſie phyſiſch die Worte, die er ſprach.— Nun floſſen ihre Thränen, umfaßte ſie Giuſeppo's Hand, und ſie demüthig, wie eine Sklavin, an ihre Lippen drückend, ſagte ſie freudig: Dank, Dank Dir! Großmüthig haſt Du Dich meiner Leiden erbarmt. Ich werde mein Kind finden, und müßte ich ſelbſt eindringen in die Höhlen dieſer Bettler. Ich werde es thun, denn Mutterliebe wagt Alles, und fürchtet Nichts. 3 Dann ſtand ſie auf, und aus ihrem Schmuck⸗ kaſten einen koſtbaren Brillantring nehmend, gab ſie ihn an Giuſeppo, und ſagte mit ihrem unnachahmlichen 2. Mühlbach. I. 18 274 lieblichen Lächeln: trage ihn zur Erinnerung an dieſe Stunde. Giuſeppo aber hatte ſchon ſeine Faſſung und ſeinen Groll wieder gefunden, und das Haupt ſtolz zurückwerfend ſagte er: übrigens wird Dir das wenig helfen, Teufelsliſe iſt todt, und wenn auch, immer noch habe ich Deine Briefe, habe mein Gedächtniß und werde zur guten Stunde Deinen Gemahl zu meinem Vertrauten machen! In dieſem Augenblick ſtürzte die Kammerfrau athemlos herein, mit dem Ruf: der Lord kommt! Schnell hinweg, der Lord kommt! Ellinor wandte ſich ſtolz nach ihr hin, und fragte ernſt: und wer bedarf der Flucht, wenn mein Gemahl kommt? ich habe nichts vor ihm zu verber⸗ ben. Bleiben Sie Signor Daſſa! Giuſeppo aber verſtand zuwohl die für Ellinor ſo beleidigenden Vermuthungen der Kammerfrau, er verſtand die Röthe des gekränkten Stolzes, die Elli⸗ nors bleiche Wange überflog, und darum ſagte er: warum vor Deiner treuen Kammerfrau Dich verber⸗ gen? Sie wird uns nicht verrathen! Und ſich an dieſe wendend ſagte er: ſchnell, ſchnell mein Kind, verbirg mich, daß der eiferſüchtige Gemahl mich nicht findet! 7 Das Weib zog ihn durch eine Nebenthür fort, 275 Ellinor aber bebend vor Zorn und gekränktem Stolz ſagte ſchmerzvoll: auch dies noch! Vor meinen Die⸗ nerinnen muß ich erröthen, als ſei ich im Liebesbund mit dieſem Elenden, und hinterginge meinen Ge⸗ mahl! Als aber in dieſem Augenblick ihr Gemahl ins Zimmer trat, ſtürzte ſie mit lautem Aufſchrei an ſein Herz und umklammerte ihn feſt mit ihren Armen. XXIV. Als die Lady ihn verlaſſen, wandelte Nord⸗ heim, ihrer Rückkehr harrend, ſinnend im Garten auf und ab. Das Schickſal der Lady hatte ihn tief ergriffen, und er ſagte zu ſich ſelber: Welch ein unerforſchter und ſchauervoller Abgrund iſt das Herz des Menſchen, und welche tiefe Jronie liegt in ihm verſenkt und macht, daß das edelſte Gefühl, welches die Liebe iſt, ſich plötzlich wandeln kann in Haß und Verderbniß! So liegt in dem Schönſten das Schlech⸗ teſte begraben, und in der Tugend das Laſter. Er ſtand ſtill und blickte empor zu den Wolken, die vom Winde gepeitſcht vorübereilten, und ſein Blick ſchien den Geiſt, der über dieſen Wolken thront, zu fragen, warum es alſo ſei und warum das edelſte Geſchöpf zugleich auch das verworfenſte ſei. Dann ſagte er laut: wäre es Wahrheit, was uns die Prie⸗ ſter lehren, Wahrheit, daß da droben ein Weſen throne, erhaben über alles Menſchliche und Irdiſche, ein Weſen, das der Erſchaffer der Welt und des 277 Menſchen, dieſem in's Herz den Saamen zu allen Laſtern und allen Tugenden geſtreut, o mit welchem Gefühl müßte dies Weſen nun ſchauen wie der Saame Keime gefaßt und zur Saat herangewachſen; oder iſt ein Gott erhaben über Vorwürfe, erhaben über Ge⸗ wiſſen, über Gefühl?— Wie, oder ſollten wir Ar⸗ men, die wir uns Menſchen nennen und Gottes Ebenbild, ſollten wir verantwortlich ſein für Triebe und Leidenſchaften, die eben dieſer Gott in unſer Herz gepflanzt, zu denen er geſprochen: wachſet und gedeihet! und die herangereift nach ſeinem Worte den Menſchen verderben? Ihnen ſollen wir entgelten was ein Gott verſchuldete? Entgelten, daß wir aus zu weichem Thon geſchaffen, mit zu hitzigem Blut ge⸗ füllt ſind? Entgelten die Gedanken und das Wollen unſerer Seele, die mit ihrer unſichtbaren Gegenwart oft uns ſelber eine Qual, und von der wir nicht wiſſen, von wannen ſie kam und wohin ſie gehet? Aberwitz der Menſchheit! O ihr Thoren, in Eurem ſtolzen Wahn neigt Ihr mit Sklavendemuth Euer Haupt unter das Joch Eures Herrn, den Ihr nicht kennt und von dem Ihr nichts wißt, als daß er eine Hölle von Gefühlen in Eure Bruſt gelegt, und zer⸗ quält Euch an Gaben, die Ihr wider Euren Willen empfangen habt, und zerreibt Eure Kraft im Wi⸗ derſtand gegen Euch ſelber! Hinweg Kinderglaube, Mährchenwahn! Laßt walten in Eurem Herzen, was walten will, laßt ſprühen die Leidenſchaften, die ſprü⸗ hen wollen, kaſteiet und züchtigt nicht Euer Fleiſch, laßt ihm ſeine Rechte und ſein Wollen. Kam Euch dies Alles von Gott, ſo iſt es göttlich und heilig geſprochen, und Ihr ſollt nicht ändern und unter⸗ drücken was Gott gegeben und Gott geſandt, Ihr ſollt es wachſen laſſen und reifen, was Gott gepflanzt, und enthoben ſeid Ihr aller Verantwortung, allem Vorwurf, Gott ſchaffte, Gott muß verantworten! Iſt es aber nicht alſo, haben wir aus uns ſelber uns genährt, ſind wir entſtanden aus uns ſelber, und gediehen durch uns ſelber, wie die Blume gedeiht und die Pflanze, iſt unſre Seele nichts weiter, als das Leben, das in der Pflanze und im Baume treibt, und ſchwindet ſie mit dem ſtockenden Blute auf ewig dahin, und löſet ſich auf in das allgemeine All, aus dem ſie entſproſſen; wozu ſoll uns dann ein Gott, wozu alsdann unſer Gebet, dann, wo wir unſer eigener Schöpfer ſind und unſer eigener Erhalter und Herr! Hätte ein Gott alle dieſe Fähigkeiten in unſer Herz gelegt, ſo ſind wir nur Sklaven ſeines Willens; ein Gran Phosphor mehr oder weniger von dieſem ſchöpferiſchen Arzt in unſer Gehirn gethan, macht uns zu einem Dummkopf oder Genie, eine Unze mehr oder weniger Cruor in unſer Blut gelegt, gibt 279 uns Leidenſchaft oder Phlegma. Und für dieſe Mi⸗ ſchung eines Gottes ſollten wir verantwortlich ſein? Mit nichten! Der blühende Baum dort, die duftende Blume belehren mich eines beſſern. Wie ſie, ſind auch wir entſproſſen aus der Natur, ſind ein Theil der Urkraft und werden wachſen und gedeihen durch unſern eignen Willen und unſere eigene Kraft. In dieſem Glauben ruht die Selbſtſtändigkeit und Würde des Menſchen, ruht ſeine Freiheit und Verantwort⸗ lichkeit. In dieſem Glauben, daß er ſein eigener Herr iſt, ſein eigener Gott und zu Niemand zu beten hat, als zu ſich ſelber! Dann ſind unſte Leiden⸗ ſchaften unſer Eigen, ſind eine Offenbarung unſerer eignen Seele, und weil alſo, ſind ſie heilig und ehrfurchtgebietend, und weil alſo, werth von uns ſelber beherrſcht und bewältigt zu werden! Es werden aber noch viele Jahre vergehen, ehe dieſer Glaube der allgemeine wird, ehe man die Heiligkeit der Sinne, die Heiligkeit der Leidenſchaft anerkennt, und bis da⸗ hin werden wir in thörichtem Wahn zu ſchleppen haben an den unverſtandenen Sittenſprüchen und un⸗ begriffenen Geſetzen dieſer Welt, welche die Menſchen gemacht und ſie für eines Gottes Satzungen ausge⸗ geben haben! O wie iſt mir das Leben unter dieſen Formen faſt eine bedrückende Laſt, und wie verachte ich dieſe Formen und Einrichtungen, die man Sitte * 280 nennt, und die doch nichts ſind als ein Schleier, hinter dem man nur zu oft Laſter und Unſitte ver⸗ birgt! Nahende Schritte weckten Nordheim aus ſeinen Betrachtungen, und als er ſich umwandte nach dem Kommenden hin, gewahrte er einen Knaben in zier⸗ licher Matroſentracht, deſſen dunkle glühende Augen fragend auf ihn gerichtet waren, und der mit freiem Anſtand und etwas ausländiſchem Accent ihn nach der Lady Landstown fragte. Da mußt Du Dich an den Portier wenden, mein junger Freund, ſagte Nordheim, im Begriff weiter zu gehen. Der junge Matroſe faßte heftig ſeine Hand und ſagte flehend: verlaſſen Sie mich nicht, und glauben Sie, wenn das eine ſo leichte Sache wäre durch den Portier zur Lady zu gelangen, würde ich Sie nicht beläſtigen. Dieſer Mann aber wies mich zurück mit dem Bedeuten, daß die Lady keine Matroſen ſpreche. Nehmen Sie ſich meiner an, fuhr er fort, es liegt in ihrem Auge etwas, das mir Zutrauen einflößt, und Zutrauen berechtigt zur Bitte und fordert auf zur Gewährung. Nehmen Sie mein Herr, ſich meiner an und führen mich zur Lady Landstown, die ich ſchon vergeblich in London ſuchte. Man ſagte mir dort in ihrem Hötel, daß ſie hier ſei auf ihrem 281 Landgut, und ich bin hieher gekommen, weil das Glück meines Lebens davyn abhängt, daß ich ſie ſpreche.* Ihr drückt Euch ſehr gewählt aus für einen Burſchen Eures Standes, ſagte Nordheim, den jun⸗ gen Fremden aufmerkſam betrachtend, und dieſer ſchlug vor ſeinem Blick die Augen erröthend nieder. Wie, fuhr Nordheim lächelnd fort, und ſein Blick ſchien das Gewand des Fremden, das er ſchon für eine Maske zu halten begann, durchdringen zu wollen, wie, ein Matroſe und Ihr erröthet, und ſchon in Euerem Alter habt Ihr es bis zum Matro⸗ ſen gebracht, während Euer Kinn noch weich iſt, wie das eines Mädchens, und Ihr zum Schiffsjungen noch zu ſchmächtig und zart erſcheint? Auf welchem Schiffe umſegelt Ihr denn die Welt? Es muß eine erſtaunt leichte und winzige Brigg ſein, auf der Ihr Matroſendienſt verrichtet! Oder, fuhr er fort, hättet Ihr ſelbſt vielleicht, wie manche Brigg, falſche Flag⸗ gen aufgeſteckt, und ſuchtet mit einer allerliebſten er⸗ fundenen Hiſtyrie die Wahrheit in den Grund zu ſegeln? Der Fremde erhob den Blick, und ſeine großen von Thränen umdüſterten Augen flehend auf Nord⸗ heim richtend, ſagte er: o habt Erbarmen mit mir! Wie, rief Nordheim theilnahmsvoll und faßte 282 des Fremden Hand, Thränen? Konnte Euch mein harmloſer Scherz verletzen? Verzeiht mir. Wer Ihr aber auch ſeid, gewiß ſeid Ihr nicht das, was Ihr ſcheinen wollt, und Eure Verkleidung war übel ge⸗ wählt, denn ſie verräth mehr, als ſie verbirgt, ſie verräth die Verkleidung. Führen Sie mich zur Lady! bat der Fremde. Und warum nicht zum Lord? fragte Nordheim. Auch zu ihm, wenn Sie wollen! antwortete der Unbekannte, und ſetzte ſchüchtern hinzu: doch würde es mir leichter werden, mich der Dame zu vertrauen. Nordheims prüfender Blick überflog die Geſtalt des Fremden, der zitternd und erröthend neben ihm ſtand, dann ſagte er, plötzlich einen höflichern und zutrauenerweckenden Ton annehmend: Sie erröthen wie nur ein Mädchen, und zwar ein unſchuldiges Mädchen zu erröthen vermag. Vertrauen Sie mir, ſeit lange gewohnt in den Zügen der Menſchen zu leſen und die Sprache ihres Herzens die ſich in den Minen ausprägt zu entziffern, meine ich, Sie zu verſtehen und zu errathen. Führen Sie mich zur Lady! war die wieder⸗ holte Bitte. Ich begreife, daß das Weib nur dem Weibe vertrauen kann, ſagte Nordheim, und dem Fremden mit zarter Aufmerkſamkeit den Arm bietend, ſagte 283 er; ſo kommen Sie, ich führe Sie zur Lady Lands⸗ town, denn dort ſehe ich den Beſuch, der bei ihr war, ſich entfernen, und ſo werden wir ſie nicht ſtören, und ſehen Sie, da kommt die Lady uns ſchon entgegen. Der Fremde riß ſich los von Nordheim und eilte in geflügeltem Lauf der Lady entgegen, die erſchreckt einen Schritt zurückweichend, nicht wußte, wie ſie dieſe ſeltſame Erſcheinung zu deuten habe. Jetzt hatte er die Lady erreicht, und mit dem lauten Ruf, Tante Ellinor, rette, o rette mich! ſank er zu ihren Füßen nieder. Mein Gott, dieſe Stimme, rief Ellinor erſtaunt. Ich bin's, erkennſt Du mich nicht? Erkennſt Du nicht Deine Effie? rief dieſe und riß den Matro⸗ ſenhut von ihrem Haupte, daß die dunklen Locken herabwallten, erkennſt Du mich nicht? 8 Ja, Du biſt es! rief Ellinor, meine auf ewig verloren geglaubte, theure Efſie? Komm an mein Herz! Sie zog ſie zu ſich empor, Effie umfing ſie in ſtürmiſcher Gluth, und Nordheim, der indeß herzu getreten war, ſagte lächelnd: ſo wůre alſo dieſer Matroſe eine Kloſterjungfrau? Effies Kräfte aber reichten nicht aus; ſie hatten ſich erhalten unter den Beſchwerniſſen einer langen 284 und gefahrvollen Reiſe, unter dem Fürchten und Bangen ihrer Seele und der Spannung und Aufre⸗ gung der Ungewißheit, nun aber in Sicherheit erlag ſie der Erſchöpfung und Freude. Ihre Sinne ver⸗ gingen, ihre Arme ſanken herab und eine lange Ohn⸗ macht umnebelte ihre Sinne. Nordheim nahm die Ohnmächtige in ſeinen Arm und trug ſie in's Haus, und in der Lady Boudoir. Auch der Lord war herzu gekommen, und ihren vereinten Bemühungen gelang es bald Effie in's Leben zurück zu rufen. Sie ſchlug die Augen auf, ſie blickte umher, dann rief ſie jubelnd: Tante Elli⸗ nor, ich bin frei! und umſchlang die Lady in ſtür⸗ miſcher Gluth, als ſei es ihr Geliebter, Macdeam. Nordheim empfahl ſich, um die vertraulichen Mittheilungen Effie's nicht zu verſchieben, oder bei ſolchen ein läſtiger Zeuge zu ſein. Ellinor reichte ihm gütig die Hand. Müſſen Sie denn gehn, ſagte ſie, ſo hoffe ich, Sie kehren heute Abend zurück. Es wird Ihnen hier eine Sonne ſtrahlen, die Ihnen gewiß den Abend zum hellen Tage macht. 3 Ich zweiſte noch, wer von Ihnen Beiden die Sonne iſt, ſagte der Lord, Nordheim begleitend, und faſt möchte ich behaupten, Sie ſeien es; denn es will mir ſcheinen, als wären es Ihre Augen, die 4 285 der Baronin Angeſicht beſtrahlend, dies in ſo hellem Glanze erſcheinen laſſen. Mein Lord, erwiderte Nordheim ſchwermüthig lächelnd, wer die Sonne war, wird ſich erſt zeigen, wenn bei Einem von uns Beiden der Glanz erloſchen iſt. Wie? fragte Lord Landstown, glauben Sie denn an die Möglichkeit ſolches Erlöſchens? Steht denn die Sonne ewig am Himmel? fragte Nordheim und entfernte ſich. Nordheim ging in's Lodging⸗Haus, wo er, obwohl ſich ſelten dort aufhaltend, doch immer ſeine Wohnung bewahrte, und in's Room tretend, fand er dort Armand und Giuſeppo. Willkommen, willkommen! rief Armand und flog leichtfüßig Nordheim entgegen, ihn mit einem Schwall von Begrüßungen zu empfangen. Wahrhaftig ſchloß er ſeine Rede, ich glaubte ſchon, Sie ſeien in einer Ihrer Verzückungen, an denen ja alle Deutſche leiden ſollen, gen Himmel gefahren, und nun ſehe ich Sie mit recht irdiſchem Wohlausſehen hier wieder. Auch Ihr Ausſehen zeugt von Ihrem Wohlbe⸗ finden! erwiderte Nordheim und ſetzte ſich zu den beiden Andern. Das wundert mich, wundert mich wirklich, rief Armand, bei ſo vieler Arbeit und Mühe, wie ich ſie in den letzten Tagen gehabt. 286 Alſo immer noch kein Friede? fragte Nordheim, immer noch jene Plane nicht aufgegeben? Armand faßte ſeine Hand und ſagte heftig: wenn der Pfeil erſt einmal abgeflogen iſt, fliegt er bis er an's Ziel gelangt, und wenn ein Franzoſe ſich geſchworen ein beſtimmtes Ziel zu erreichen, ſo kann nur der Tod ihn daran hindern. Auch ſind manche Ziele ſo gefährlicher Art, er⸗ widerte Nordheim bedeutungsvoll, daß ſie entweder Tod bringen oder geben. So iſt das Meine! rief Armand, und ſolches allein iſt eines Mannes würdig. Ha, in jeder Se⸗ kunde den Tod zu wagen, in jeder Sekunde ſein Alles verlieren können, das ſchärft die Kraft, das muthigt das Herz, das macht das Ziel erſt reizend? Wenn überhaupt das Ziel ſolcher Anſtrengungen werth iſt, unterbrach ihn Nordheim. Laſſen Sie mich offen ſein, mein Herr! Ich fürchte Sie haben da einen Pfad betreten, der Sie jedenfalls irre führen wird, und Unheil und Verderben ſchafft! Ja, Verderben ſchafft er, ſagte Armand leiden⸗ ſchaftlich, aber nicht mir, ſondern nach einer Seite hin, wo Sie es nicht ahnen! Sein Sie auf Ihrer Huth! fuhr Nordheim fort, und ſehen Sie nicht Dinge und Verhältniſſe anders, . 287 wie ſie in Wahrheit ſind. Sie werden mit allen Ihren Planen nichts erreichen! Das werden wir ſehen! unterbrach ihn Giuſeppo höhniſch. Und wenn Sie es ſehen, wird es zu ſpät ſein, fuhr Nordheim eifrig fort, die Welt iſt noch nicht reif zur Freiheit, und zu dem, was die Beſten unter Ihnen wollen, zu einer Republik; Sie werden Einen Fürſten verjagen, um den Andern auf den Thron zu ſetzen, und es wird nichts gewonnen ſein. Verſchwö⸗ rungen, geheime Verbindungen nützen zu nichts! Erſt wenn ein ganzes Volk in einmüthigem Willen und in Einheit der Kraft ſich erhebt und ſeine Rechte fordert und erkämpft, wird es ſeine mit ihm gebor⸗ nen aber ihm entzogenen Rechte erhalten, bis es aber dahin kommt, muß das Volk ſelber noch anders werden, es muß aus dem Stande der Kindheit ſich erheben und nach Freiheit lechzen, wer nicht dürſtet, bedarf auch nicht des Trunkes, wenn aber das Volk erſt dürſtet nach Freiheit, wird es ſich den Becher, in dem dieſet Wundertrank erhalten iſt, erkämpfen. Ach, das Volk, ſagte Armand, das Volk wird Niemals revolutioniren. Es weiß nicht, daß es dürſtet, wenn man ihm aber den Becher reicht wird es trinken, und dann erſt im Genuß empfinden, daß 8 es entbehrte! 288 Das Volk, ſagte Nordheim, Armands Worte überhörend, wie zu ſich ſelber, das Volk iſt ſo groß und erhaben, und zugleich ſo klein und niedrig! Es beſitzt eine göttliche Kraft zu leiden, und in der Treue und Liebe zu ſeinem angeſtammten Fürſten eine Geduld durch dieſen zu leiden und von ihm zu hoffen, die wahrhaft herrlich iſt. Aber die Geduld wird oft zur Sklavendemuth, wie der Hund, der geſchlagen iſt und ſich dennoch demüthig zu des Herrn Füßen krümmt und um Gnade winſelt; ſo ſah ich ganze Völker, ihre menſchliche Würde vergeſſend, ſich beugen vor einem Tyrannen, der ihre Rechte mit Füßen trat. Wir werden ſehen, ſagte Armand, wer Recht hat, Sie oder ich! Ja, wir werden ſehen! wiederholte Nordheim ruhiger, und bis dahin wollen wir nicht ſtreiten! Er nickte den Beiden freundlich zu und verließ das Rvom um ſich auf ſein Zimmer zu begeben. Auf dem Wege dahin begegnete ihm der öſterreichiſche Offizier, Albert von Fahrenberg, und Nordheim ge⸗ wahrend rief er lebhaft: o eine Bitte! ſagen Sie mir den Namen jener Dame mit der ich Sie geſtern im Hyde Park fahren ſah! Es war dieſelbe Dame, antwortete Nordheim, die ich einſt ſo glücklich war aus einer gefahrvollen ————— 6 289 Lage zu befreien. Sie erinnern ſich wohl der Dame, deren Pferde wild geworden. Und die Sie ohnmächtig hierher trugen, unter⸗ brach ihn Fahrenberg, ja wohl, ja wohl ich erinnere mich. Und ſchon damals fuhr er leiſer fort, entſetzte mich der Ausdruck ihrer Augen und erinnerte mich— Plötzlich abbrechend wandte er ſich zu Nordheim und fragte: der Name dieſer Dame? Sie heißt Aurelia von Stopford. Seltſam, ſeltſam, ſagte Fahrenberg, eine ſolche grauenerregende Aehnlichkeit, und doch iſt dieſe eine Engländerin!. Sie irren, die Dame iſt— hier unterbrach ſich Nordheim, und wie ſich eines Andern beſinnend, fuhr er fort: Sie wünſchen, werde ich Sie bei der Dame einführen, und will ſie deshalb heute noch um ihre Zuſtimmung bitten. Fahrenberg war hoch erfreut über dieſen Vor⸗ ſchlag, und mit dem Verſprechen, morgen ſich von Nordheim die Antwort der Baronin zu holen, trenn⸗ ten ſie ſich. 3 Nordheim war nun allein und im Zimmer auf und abgehend, ſchien er in tiefes Sinnen verloren. In wechſelnden Bildern zogen die Begebenheiten der letzten Stunden an ihm vorüber, und er ſagte zu ſich ſelber; ſcheint es doch als wolle das Leben für 2. Müylbach. I. 19 290 die Tonloſigkeit vieler Jahre mich entſchädigen und mir Gelegenheit verſchaffen, die Erfahrungen mancher kummervollen Tage anzuwenden zur That und zum Handeln! In meine Hand legt es die Fäden dieſer wunderbaren und geheimnißvollen Gewebe, die wir Schickſal nennen, und mir ſcheint es vorbehalten zu entwirren, was unauflöslich ſcheint. Und iſt nicht dies ein ſchöner Beruf und eine würdige Sendung? Wenn das Leben uns That bietet und Handlung, wenn es uns ſchauen läßt in ſeine Abgründe und Tiefen, in ſeine Höhen und Schluchten, o dann lohnt es ſich wohl, den Stürmen zu trotzen und die Nacht zu durchſchreiten, die zum Sonnentag führt, der Gegenden erhellt, die nur den Geweihten offen ſind! — Seine Gedanken nahmen eine andere Richtung, und vor dem ſchönen Frauenbilde, das ibe 1 em Divan hing, ſtehen bleibend, ſagte er in vitzehn Ton: noch immer dieſe ſchönen Augen, dies entzückende Lächeln? So überdauert denn der Schein die Wahrheit, und um dieſe Lehre zu begreifen, that ich wohl daran, Dein Bild mit mir zu nehmen, Cäcilia, und täglich neu an ihm die große Wahrheit der Vergänglichkeit zu lernen! Ja, Dein Schüler bin ich, und ich hoffe ein gelehriger. Gehe hin, meine Meiſterin, ſchaue Aureliens verweinte Augen, ihr ſchmerzliches Lächeln, und frage ſie um ihren Kummer, ſie wird Fir ſagen, * daß ihr Geliebter ſie die Lehre von der Unbeſtändig⸗ keit und Vergänglichkeit lehrte, und daß ſie dieſelbe an ſeinem Erkalten begriffen hat, an dem Erkalten, das er von Dir gelernt. So erbt der Fluch und die Sünde fort und überdauert die That, und Eines Menſchen Fall zieht Andrer Straucheln nach!— Hier ſchwieg er, und ging lange und ſchweigend auf und ab, dann flüſterte er leiſe: ich liebe ſie nicht mehr! Schon iſt dieſe Gluth verflogen und dieſe Leidenſchaft gekühlt, das Blut fließt wieder ruhig, die Pulſe ſtocken nicht mehr und die Augen ſehen wieder hell, was iſt. Du warſt nur ein Moment in meinem Leben, Aurelia, nicht mein Leben ſelber, und dieſe Liebe iſt wie das Leben ſelber, ein Wechſel von Rauſch und Ermattung, von Entſtehen und Vergehen! Ich liebe Dich nicht mehr, darum iſt es gut, daß die erlöſchende Gluth zu neuer Flamme angeſtachelt wird, gut, um Deinetwillen! Dem vetwöhnten und abge⸗ ſtumpften Gaumen ſcheint n das Scharfe und Pi⸗ kante eine Luſt und ein Genuß, und das Pikante und Seltſame Deiner Lage, Aurelia reizt auch mich. Ja, es iſt pikant, fuhr er mit einem ſchneidenden Lachen fort, das zugleich unendlich ſchmerzvoll war, pikant das todte lebende Weib eines Andern in ſeinen Armen zu halten, eine Geſtorbene, Lebende zu um⸗ fangen, und Leben und Tod zu umſchließen an ihrer * 19* Bruſt. Wenn ich dies Alles bedenke, und wenn, wie ich faſt glauben muß, Fahrenberg nicht Geſpenſter ſieht, ſondern Wahrheit, und Aurelia ſein von ihm gemordetes Weib iſt, ſo meine ich faſt, ich liebe ſie wieder ſo heiß, als in den Tagen unſrer erſten Lei⸗ denſchaft. Ja, mein Herz klopft wieder nach ihr, und meine Sinne glühen, und wenn dies auch nur wenige Tage dauert, ſo iſt es für ſie doch eine Friſt des Glückes! Hin, hin zu ihr! XXI. Er iſts, er kommt, rief Aurelia. Sie hatte im Vorzimmer ſeinen Schritt gehört und flog ihm entgegen mit lautem Jubelruf, als er, die Thüre öffnend, jetzt zu ihr eintrat. Biſt Du da, mein Ge⸗ liebter, habe ich Dich wieder! Und wie ſie ihn jetzt in ihre Arme ſchloß, und er das Klopfen ihres Herzens an dem ſeinen fühlte, empfand er mit dankbarer Freude ihre Gluth ſich ſeinem Herzen mittheilen, und unter Küſſen ſagte er: küſſe mich, ſo ſo! Laß Dein göttliches Feuer über⸗ ſtrömen in meine Seele, daß ſie flammt, wie die Deine, und dieſe zwei Flammen auflodernd Eins werden in unermeßlicher Gluth! Als wolle er die entfliehende Leidenſchaft be⸗ ſchwören mit Leidenſchaft, umfing er Aurelia mit einer wilden Zärtlichkeit, und preßte ſie mit einer Gewalt an ſich, die mehr der Wuth als der Freude angehörte. Ja, er fühlte ſich in dieſem Moment wie —2 294 ein Raſender, raſend über ſich ſelbſt und die Armſeligkeit des menſchlichen Wollens, dem es hier in ihm ſelber nicht gelingen wollte, das Erlöſchende anzufachen zur Gluth. Nie war er ſo glühend, ſo ſtürmiſch geweſen, aber weil ſeine Sinne nie ſo kalt und ernüchtert waren, wie jetzt, und in Aureliens entzücktes und wonneſtrahlendes Auge ſchauend, war es ihm, als hohnlache ein Teufel in ſeiner Bruſt über ſeine Ohn⸗ macht und ſeine Wuth, und als grinſe ſein eigenes Geſicht ihn an wie ein Leichenantlitz mit dem Schein⸗ leben des Galvanismus. Allmählig ward er wieder ruhig und beſonnen, und neben Aurelia auf dem Sopha ſitzend, nahmen ſeine Züge wieder jenen ftiedlichen, faſt kalten Aus⸗ druck an, den ſeine Geliebte an ihm kannte und fürchtete, weil ſie wußte, daß er ihr niemals weni⸗ ger gehöre, als in ſolchen Momenten, weil ſie dann ſeine Ernüchterung wie Eiſeshauch über ihr Herz hinwehen fühlte. Darum umfing ſie ihn jetzt glühend, und ſich an ihn preſſend, flüſterte ſie: o Du mein Leben, meine Luſt! Wie iſt mir doch die Welt ſo verklärt durch Dich, durch Dich allein! Wie ſcheint mir dies Gemach an Deiner Seite ein Paradies der Liebe und des Glückes. Auch wird es in dieſem Paradies der Liebe nicht an der Schlange fehlen, die uns zur Erkenntniß bringt, . 295 und an dem Engel, der uns aus dem Paradieſe ver⸗ treibt, ſagte Nordheim. Dann wäre Schlange und Engel Eins! rief Aurelia, Eins in Dir! So gewiß ich weiß, daß kein Drittes und Fremdes ſcheidend zwiſchen uns Beide treten kann, ſo gewiß weiß ich, daß ich Dich ewig lieben werde, und daß das Ende dieſes Glücks nur von Dir ausgehen kann. Du allein kannſt mein Dämon ſein, wie Du mein Engel biſt! Als ſie ſich jetzt mit ſtürmiſcher Gluth an ihn drückte, wehrte er ſie ſanft zurück, und ſagte lächelnd Thörin, Thräumerin! Werde weiſe, werde kalt! Aurelia ſeufzte ſchmerzvoll: Du biſt es für uns Beide genug! Ich aber erglühe an Deiner Kälte. Später fuhren ſie zuſammen zu Lord und Lady Landstown, und Nordheim erzählte Aurelien während der Fahrt von dem jungen Matroſen und der ſelt⸗ ſamen Umwandlung deſſelben in des Lords Nichte Efſie Wenn mich nicht alles trügt, ſchloß Nordheim ſeine Erzählung, ſo iſt dies Mädchen die Geliebte des ſchwermüthigen Irländers, von dem ich Dir früher erzählte. So würde ſie alſo, ſagte Aurelia freudig, hier mit ihm vereint werden, und ſo, gleich mir, ein Beiſpiel ſein, daß es nicht immer wahr iſt, was Shake⸗ ſpeare ſagt: der Strom der trenuen Lieb' iſt ſelten ſanft! — 3 296 Vielmehr beſtätigt er dies Wort, ſagte Nord⸗ heim, denn dieſer Strom trieb den armen Macdeam weit ab nach Amerika. Als er erfahren, daß Effie Landstown Kloſterfrau geworden, verließ er England, und dies iſt es gerade, worauf ſich meine Vermu⸗ thung ſtützt. Der Wagen hielt, ſie betraten das Hötel und wurden im Salon vom Lord und der Lady bewill⸗ kommnet. Ich denke, ſagte Ellinor, Aureliens Hand liebe⸗ voll drückend, es iſt Ihnen recht, daß wir heute ſtill und traulich allein mit einander ſind. Die Liebenden und Glücklichen bedürfen nicht der Geſellſchaften, und Ihre ſtrahlenden Augen ſagen mir, daß Sie zu den Glücklichen gehören. In dieſem Augenblick trat Effie herein, im zier⸗ lichen, geſchmackvollen Mädchenanzuge, der die feine ſchlanke Geſtalt nur noch ſchöner hervorhob und der ganzen Erſcheinung eine unendliche Grazie verlieh. Sie war nun wieder ganz Weib und Jungfrau, nur aus ihren dunklen Augen leuchtete ein ſeltenes ſchwär⸗ meriſches Feuer und ein eigner Ausdruck von Ent⸗ ſchloſſenheit und Kraft. Der Lord ſtellte ſie Aurelien als ſeine Nichte, Efſie Landstown, vor, und als ſie Nordheim ſah, ſchlug ſie, des ſeltſamen Aufzugs gedenkend, in dem 297 er ſie zuerſt erblickt, erröthend die Augen nieder. Nordheim, dies Erröthen ehrend, erwähnte aber ihres frühern Zuſammentreffens mit keiner Andeutung, und ſo kehrte Effies Unbefangenheit bald zurück. Als ſie dann im traulichen Geſpräch um die dampfende Theemaſchine ſaßen, ſagte Nordheim im Verlauf der Unterhaltung: wie ſeltſam iſt es doch, daß oft ein Ton, ein Blick, irgend ein anklingender Laut uns ganze Bilder, ganz entfernt liegende Ge⸗ genſtände und Ergebniſſe zurückruft, die äußerlich in gar keinem Bezug zu dem anregenden Moment ſtehen. Sie haben Recht, ſagte Ellinor ſchmerzvoll, ach, es bedarf oft nur eines fremden Seufzers, einer von fremden Augen vergoſſenen Thräne, um auf das eigne Herz die ganze Laſt des Unglücks zurück zu wälzen. Oder auch das Glück und die Freude der Ver⸗ gangenheit zurück zu rufen, ſagte der Lord. Wie oft hat auf meinen Spatziergängen mich der von fernher erſchallende Ton eines Waldhorns wie durch Zauber⸗ ſchlag zurückverſetzt in längſt verklungene Tage mit allen ihren Begebenheiten und mit ihren Gedanken ſogar, und wie oft, Ellinor, hat mich die verglim⸗ mende Sonne gemahnt an jenen Tag, wo ich bei ihren erlöſchenden Strahlen Dich zuerſt hier einge⸗ führt als meine Gemahlin. 298 Ellinor nickte ihm liebevoll zu, und Nordheim ſagte: heute ſind Sie es, Milady Effie, die mich zu dieſer Bemerkung veranlaßte, durch den Accent, mit dem Sie das Engliſche ſprechen. Effie ſah ihn fragend und verwundert an, und Nordheim fuhr fort; ich erinnere mich bei demſelben eines Ihrer Landsleute, der es ganz in derſelben Weiſe ſprach und vielleicht aus Ihrer Nachbarſchaft gebürtig iſt. Gewiß jener irländiſche Herr, ſagte Fllinor, den Sie die Güte hatten uns zuzuführen? Derſelbe, erwiderte Nordheim, und er ſteht in dieſem Augenblick in ſo klarem und deutlichem Bilde vor mir, daß ich meine ihn wirklich zu ſehen mit ſeinen ſchwermüthigen Augen und dem trüben Aus⸗ druck ſeiner Züge, bei deren Anblick ich immer nur denken konnte, wie ſehr dieſelben leuchten würden, wenn das Glück den Trübſinn verjagte. War er denn ſo ſehr unglücklich? fragte der Lord theilnahmsvoll. Gewiß war er es, oder ſchien er es zu ſein, und daß er niemals klagte, ſondern in ſtiller Erge⸗ bung, ohne Murren ſein Leid auf ſich nahm, wie eine unabwendbare Bürde, gerade dies hatte etwas ſehr Rührendes. Worte ſchienen ihm zu gering vielleicht für ſein Empfinden, denn er ſprach faſt niemals, 299* aber in einem Liedchen, das er tiguch auf ſeinem Waldhorn blies, ſtrömte in beredter und wohlver⸗ ſtändlicher Sprache ſeine ſchweigſame Klage und ſein ſtummer Schmerz in den zitternden Klängen aus, und nie habe ich ſo deutlich empfunden, welche Macht und Tiefe in der Muſik ruht, als bei dieſen Klängen, deren einfache, ſtets wiederkehrende Weiſe, doch immer etwas Neues und Ueberraſchendes aus⸗ drückten, durch die Art, wie er ſie gab, und das lebhafte bewegte Spiel ſeiner Mienen, das dieſe Töne gleichſam accompagnirte. Und wohin hat dieſer traurige Irländer ſich jetzt gewandt? fragte der Lord. Nordheim warf einen ſchnellen und viſeni Blick auf Effie hin, die lange ſchon athemlos und in ahnender Angſt ſeinen Worten lauſchte, und ihn nur in ſeiner Vermuthung beſtätigte, dann ſagte er eine ſchmerzliche Nachricht aus der Heimath bewältigte ihn vollends und bewog ihn England auf immer zu verlaſſen. Er hatte, wie er mir in der Abſchieds⸗ ſtunde ſagte, auch den letzten Schimmer von Hoffnung, der ihn bisher noch aufrecht gehalten, verloren, und wollte nun in der Ferne Vergeſſen oder Tod finden. Er wandte ſich zuerſt nach Hamburg, wo ein Bruder von ihm lebt, und wird dann nach Amerika gehen. Armer Mann! ſagte Ellinor 2 300 er irrt, wenn er dem Schmerze zu entfliehen gedenkt, der ihm doch folgen wird durch Länder und Meere. Doch, fuhr ſie lebhafter fort, und wandte ſich nach Effie hin, ich denke Du mußt dieſen Unglücklichen kennen! Ich entſinne mich ſo eben, daß er mich nach Dir fragte und nach Deinem Wohlergehn, gerade an dem Tage, wo wir durch den Major, Deinen Vater, benachrichtigt waren, daß dies der Tag Dei⸗ ner Einkleidung im Kloſter war, und ich theilte dies jenem Fremden mit. Und am andern Morgen ſchon, ſagte Nordheim ernſt, verließ Maedeam England. Maecdeam! ſchrie Effie erbleichend und flog von ihrem Sitz empor. Er iſt es! Ja, mein Geliebter, mein theurer Edward iſt es! Und Sie ſahen ihn, wandte ſie ſich an Nordheim, und Sie hörten ſeine Stimme, ſeine liebe Stimme? Sie ſchauten dieſe ſchönen, ſchwermuthsvollen Augen ſo voller Glück und Leben ſonſt, und jetzt voll Schmerz und Trauer? O mein Edward!— Ihre Stimme erſtarb in Thrä⸗ nen, und das Geſicht mit ihren Händen bedeckend, ſchluchzte ſie laut. Alle blieben ſtumm in verlegnem Schweigen, und Niemand wagte, die nur von dem Weinen des zitternden Mädchen unterbrochene Stille zu ſtören. Als aber ihr Schluchzen heftiger und heftiger ward, ging Ellinor, voll des tiefſten 30 1 Mitgefühls hin zu der Trauernden, und leiſe ihren Arm um Efſie's Nacken legend, zog ſie ſie an ihre Bruſt und flüſterte: armes, theures Kind! Ja wohl bin ich arm und beklagenswerth! hauchte Effie leiſe und ruhte einen Moment, wie erſchöpft, an Ellinors Buſen. Dann richtete ſie ſich auf und ſagte heftig: Ihr wundert Euch vielleicht meiner Thränen und meines Schmerzes? O ſo wißt, daß ich ihn liebe, dieſen Jüngling, ja, ich liebe ihn über alles in der Welt. Sein Bild begleitete mich in's Kloſter und war meine Stärkung und Troſt. An ihn dachte ich in meinem Wachen, in meinen Träumen, um ſeinetwillen verließ ich heimlich das Kloſter und ſcheute nicht Nacht und Einſamkeit, und trotzte aller Mühe und aller Gefahr! Der Gedanke an ihn war meine Zuverſicht, und es war mir, als hörte ich ſeine Stimme mir Muth und Troſt zuflüſtern. Ach, dies Alles iſt nun dahin, muß ich nicht weinen? Vergebens ſuchte der Lord ſie zu beruhigen mit dem Verſprechen, ſchon andern Tags ſelbſt nach Ir⸗ land zu Efffe's Vater zu eilen und für ſie Verzei⸗ hung bei ihm zu erflehen, ihn zu vermögen in eine Verbindung mit Macdeam zu willigen und dieſen dann ſogleich zurückzurufen. Zurückzurufen, wenn vielleicht ſchon das Meer ihn verſchlungen hat! ſagte Effie bitter. 302 Nordheim faßte Effie's Hand, und ſie ehrfurchts⸗ voll an ſeine Lippen ziehend, ſagte er: muß ich Sie, eine Heldin der Liebe, mahnen zur Zuverſicht und zum Glauben an die Wunderkraft dieſer Liebe 2 Haben Sie mit wahrhaft göttlichem Muthe gekämpft unter dieſem Panier, um nun nach den erſten und mühevollen Schritten zum Siege zu ermatten? Mu⸗ thig, muthig, ſchöne Heldin! Die Liebe, die Klo⸗ ſtermauern bezwang, findet auch durch Meere und Länder den Weg zu dem Geliebten hin. Effie blickte ihn an mit faſt freudigem Blick, ihre Thränen ſtockten, und wie durchzuckt von einem Rettungsgedanken ſagte ſie kurz: Sie haben Recht! Dann ging ſie, wie in tiefes Sinnen verloren im Zimmer auf und ab. Vielleicht haben Sie die Güte, ſagte der Lord zu Nordheim, an Maecdeam zu ſchreiben? Gerne, und ich denke dieſe Zeilen werden ihn noch in Hamburg bei ſeinem Bruder treffen, ant⸗ wortete Nordheim. Effie ſchien jetzt einen entſcheidenden Entſchluß gefaßt zu haben, und ſich hoch und ſtolz aufrichtend ſagte ſie mit faſt gebieteriſchem Ton: laſſet Alles dies, bis morgen! Morgen werden wir wiſſen, was gethan ſein muß Dann wandte ſie ſich ab und verließ das Gemach Während Lord Landstown ſich an Aurelia wandte mit Entſchuldigungen über dieſe ſellſamen und ſtören⸗ den Auftritte, ſagte die Lady leiſe 3 Nordheim ich habe die erſte Spur von dem 3 meines Kindes und morgen werde ich weiter forſchen! Die überraſchenden Auftritte aber hatten den Frohſinn und die Freude am Zuſammenſein geſtört, eine trübe und bedrückende Stimmung hatte ſich der vorher heitern Geſellſchaft bemächtigt, und ſo trennten ſich Aurelia und Nordheim bald von dem Lord und ſeiner Gemahlin. Als der Wagen vor ihrem Hötel hielt, zögerte Aurelia und blickte Nordheim fragend und bittend zugleich an. Nordheim mußte dieſen Blick verſtanden haben, denn er nickte ihr lächend zu, ſprang heraus und Aurelien den Arm bietend, führte er ſie die breite Treppe des Hotels hinauf und in ihre Gemächer. In ihrem Bondvir angelangt, warf ſich Aurelia an ſeine Bruſt, und ihn feſt umklammernd ſagte ſie freudig: Dank Dir, mein Geliebter! Dank, daß Du mich begleiteteſt, und nicht, wie ſchon ſo viele Tage, mich an der Schwelle meines Hötels verließeſt und der troſtloſeſten Einſamkeit und Sehnſucht mich dahin gabſt! Ich bin geizig für uns ſelber, ſagte Nordheim. eerzitterſt Du unter Deines Liebſten Küſſen? 304 Kein Genuß iſt unerſchöpflich, kein Glück ohne Ende; wollen wir den Penß und Glück nicht mit eines Verſchwenders Unverſtand verpraſſen, ſondern ſparſam ſein mit iil Doch der Geizige darbt oft umgeben von Schätzen, und entbehrt, wo es weiſe wäre zu genießen, ſagte Aurelia, auch nicht ſo wollen wir ſein, mein theurer Freund. Dann ruhten ſie neben einander auf den ſeidenen Polſtern des Divans in beredtſamem Schweigen. Eine ſüße wolluſtvolle Stille war um ſie her, berauſchende Wohlgerüche durchdufteten das Bondoir und ſchienen in ſchwebenden Wölkchen ſich um die rothe Ampel zu reihen, die an goldenen Ketten von der Decke hernieder hing und ein ſanftes rothes Licht verbreitete, das ſüß verſchwiegen, mehr zu verhüllen, als zu offenbaren ſchien. In gleichmäßigem Takte ertönte das Pickern der alabaſternen Uhr, die auf dem Sims des Kamins ſtand, und die Flötenuhr ließ bei der abgelaufenen Stunde die wollüſtige Weiſe eines Straußiſchen Walzers ertönen. Aureſiens Blicke glüh⸗ ten in Liebe und Luſt, ihr heißer Athem berührte des Geliebten Wange, der über ſie geneigt, leichte Küſſe, wie fliegende Schmetterlinge auf ihre Augen, ihre Lippen, ihre Stirne hauchte und dann leiſe fragte: 305 Es iſt nur die Wonne, d mich beben macht! flüſterte ſie, ihr Geſicht an ſeinem Buſen verbergend. Er küßte ihr dunkles Haar und zog mit ſpie⸗ leriſchem Uebermuth den goldenen Kamm alh den langen ſtarken Flechten, wand ſie um ſeinen Arm und ſagte mit vor innerer Bewegung gedämpfter Stimme: mein weiblicher Simſon! welche Zauber⸗ ſtärke ruht in dieſem Haar, das ein Netz iſt in dem Du mich gefangen. Simſon, Du ſchöner Simſon, fürchte meine Rache und die grauſame Scheere, die Netz und Zauber zerſchneidet. Bin ich Dein Simſon, ſagte ſie mit jenem glücklichen Lächeln und jener Verklärung das nur in ſeltenen Stunden höchſter Wonne ein menſchliches An⸗ geſicht umſtrahlt, bin ich Dein Simſon, ſo ſei nicht Delilah und verrathe mich nicht in meinem Vertrauen. Willſt Du aber, ſo blende mir die Augen, wie es dem Simſon geſchah, daß ich das Unglück nicht ſehe! Nordheim lächelte und löste das geflochtene Haar, daß es aufgetrennt herabwallend wie ein Schleier Aureliens Geſtalt umfluthete. Nun nicht mehr Sim⸗ ſon, Du ſchönes Erdenkind, ſagte er, ſondern die heilige Cöleſtine, die zur Bekleidung nichts hatte, als ihr langes Haar. Ich will Dich anbeten, heilige Cöleſtine“ Die Heiligen giſen nichts von ſolcher Gluth L. Mühlbach. 1. 20 306 und ſolchem Entzücken, wie ich's empfinde, flüſterte Aurelia, und„ will ich keine Heilige ſein, und Du, Du ſollſt nicht anbeten was Dein iſt, Dein Geſchöpf, mein Meiſter! Bin ich Dein Meiſter, ſagte er, und ſpielte tändelnd in ihrem aufgelösten Haar, bin ich Dein WMeiſter, ſüßes Kind, ſo biſt Du wahrlich eine unge⸗ lehrige Schülerin! denn Du willſt nicht lernen das Einzige, was Dein Meiſter wohl begriffen hat. Das iſt? fragte ſie lächelnd zu ihm aufſchauend. Die Weisheit der Vergänglichkeit! Hinweg mit dieſer traurigen Lehre, rief ſie faſt unwillig, ſie drängt ſich wie ein Geſpenſt in meine Freude, und weht zerſtörend wie ein Grabeshauch über alle Blüthen meiner Liebe hin. Nein, ich glaube nicht an dieſes leichte Vergehen, und Liebe und Ge⸗ nuß verſchwände mir mit dieſem Glauben! Thörichtes, holdes Kind, ſagte er, Du irrſt, wie Kinder thun. Mit dieſer Weisheit erhält Genuß und Liebe erſt die wahre Würze und reizt zu ſtets erneuertem Genießen! Dann erſt beſitzt man recht, wenn man weiß, daß man in jeder Stunde verlieren kann, und daß nur, was wir gehabt an Glück uns angehört. Entzückend iſt es dann, jeder Stunde, ſo viel man kann, an Wonne zu rauben und ſich zu erkämpfen an Luſt. 307 Dies iſt eine dämoniſche de! ſagte Aurelia. Vielleicht, unterbrach ſie Nordheim, ſind auch die Dämonen voll Weisheit und Freude, mehr viel⸗ leicht als die himmliſchen Heerſchaaren, die in ewiger nie endender Seligkeit wallen. Vor dem Endloſen 8 und Ewigen graut mir, und ich meine, ein Tod ohne Auferſtehung iſt beſſer, als eine Seligkeit ohne Ende und ohne Wechſel. Nur in dem Wechſel beruht das Glück, und wer nichts mehr zu fürchten, weiß auch nnichts mehr zu genießen! Die Sicherheit des nie endenden Glücks macht ſäumig im Genuß, weil Tag nach Tag in wechſelloſem Glanz ſich bietet und jeder da iſt zum Entzücken, und ſo entſchwindet Tag nach Tag ohne Entzücken und ohne Luſt. Die Weisheit* der Vergänglichkeit befeuert ſtets zu neuer Luſt, ſchafft Thatkraft, Wonne und Entzücken. Mit doppelter Gluth umfaſſen wir, was wir in jedem Augenblick verlieren können. Komm an mein Herz, fuhr er fort und preßte ſie heftig an ſich, weil Du noch mein 5 biſt und weil wir uns noch lieben! Das Heute ge⸗ 8 hört noch uns, wollen wir nicht an das Morgen denken! Der Angenblick iſt unſer, un Wonne dieſer Stunde! Wie rührend iſt mir dieſe gegenſeitige Liebe des Lords und der Lady Landstown, ſagte aunelie am Morgen zu Nordheim, als ſie im michen 1 20 *„ ————————— 308 Zuſammenſein nelginander auf dem Divan ſaßen, vor dem der Tiſch mit dem Frühſtück und der dampfen⸗ den Theemaſchine ſtand. O ich meine das Glück eines ſolchen Beiſammenſeins und ungetheilten Be⸗ ſitzes iſt eine Wonne, die mit nichts andrem auf der Welt vergleichbar iſt. Ich meinestheils glaube nicht an dieſe Wonne! ſagte Nordheim mit faſt verächtlichem Tone, und ich haſſe dieſes ganze Inſtitut, Ehe genannt. Selten iſt es ein Glück, ſtets eine bedrückende Feſſel. Eine„ Zwangsanſtalt, in der die Liebe zu einer dienſtpflichtigen Sklavin herabſinkt und die Freiheit der Treue ein⸗ geengt wird in die traurige Form der Pflicht! So lange wir noch der ſchwarzen Prieſterröcke und der Zeugen bedürfen, ſo lange noch etwas Anders bindet als die Liebe und das eigne Wollen, iſt die Ehe etwas Unnatürliches und Feindſeliges! Mir ſcheint ſie etwas ſehr Heiliges und Erhabe⸗ nes! ſeufzte Aurelia, und ich meine, erſt in der Ehe ₰ kann der Menſch den Höhepunkt ſeiner Entwickelung und Beſtimmung etreichen! Wie? fragte Nordheim faſt verwundert, das ſagſt Du, die Du ſelber das Unglück einer Ehe er⸗ fahren? Einer Ehe, die noch jetzt über Dir ruht wie ein Bann, der Dich wegſchleuderte aus Heimath und Voterland. Einer Ehe, die Dich noch 8 309 die Liebe und die Treue längſt flohen ſind, einengt und Dich feſſelt mit Ketten, die ich an jeder Frei⸗ heit Deines Thuns hindern? Wie meinſt Du das, wie ſoll ich Dich verſtehen? fragte Aurelia befremdet. Biſt Du nicht durch feierlichen Eid gebunden, ſo lange Du lebſt, unauflöslich gebunden, weil Nie⸗ mand ahnen darf, daß Du lebſt? Ich glaube nicht an die Heiligkeit der Ehe, aber an die des geſproche⸗ nen Wortes und eines Menſchen Ja! ſollte ihm ſtets ein unverbrüchliches Gelübde ſein. So biſt auch Du durch ein vorſchnell geſprochenes Wort gebunden und eingezwängt, und ſelbſt, wenn ich es wollte wür⸗ deſt Du anſtehen, ich weiß es, ſolche ehelich Ver⸗ bindung mit mir zu ſchließen. Ach, ſeufzte Aurelia in Thränen ausbrechend, doch wäre es die höchſte Beglückung meines Lebens, Dein, vor aller Welt Dein Weib zu ſein! Biſt Du denn nicht ſchon Mein? ſagte er, fürchteſt Du, daß die Welt es jetzt wiſſe, daß Du es biſt? O, Aurelia, lerne doch Dich losreißen von Vorurtheilen und Meinungen, und trotzen den thörichten Satzungen dieſer Welt! Zu etwas Höherem biſt Du berufen, als zu ſeufzen und zu begehren, wie ein gewöhnliches Weib, ſei denn, was Du be⸗ rufen biſt zu ſein. Erſt wer ſich frei macht von 310 Vorurtheil und ſchung, ſieht klar, und wird, weil er weiß, daß er nicht glücklich iſt, glücklich! Verlaſſe mich niemals und unterweiſe mich ſtets, ſagte Aurelia mit innigem Anſchmiegen, dann will ich auch mich bemühen zu lernen, und dann wird auch mein Glück unwandelbar ſein! Nordheim lachte, und erwiderte: Weibern pre⸗ digen, heißt in die Winde ſprechen! Dich die Weis⸗ heit der Wandelbarkeit lehren iſt mein Bemühen, und Du endeſt mit dem, womit wir begonnen, der Unwandelbarkeit des Glücks. Wohin gehſt Du? fragte Aurelia, als Nordheim aufſtehend ſeinen Hut nahm. Mußt Du mich ſchon wieder verlaſſen, Theurer? Um bald zurückzukehren, ſagte er. Ich gab einem Bekannten von mir mein Wort, ihn in dieſer Stunde zu Dir zu führen, und wenn Du erlaubſt, gehe ich, mein Wort zu erfüllen. Obwohl die Einſamkeit mit Dir weit ſüßer iſt, antwortete Aurelia halb ſchmerzlich, will ich mich doch nicht ſträuben, Deine Freunde zu ſehen. Bereite Dich aber darauf vor, daß dieſer Fremde vielleicht für Dich nicht ohne Bedeutung iſt, ſagte Nordheim und verließ Aurelien.— Mit ihr ſelber unerklärlichem Bangen wartete ſie ſeiner Widerkunft, erbebend in einer Angſt, deren Urſprung ſie ſich nicht 311 zu erklären vermochte, und als jie jetzt im Vorzim⸗ mer nahende Schritte verna als der Diener ihr Nordheim und einen Fremden meldete, mußte ſie zit⸗ ternd ſich zurücklehnen in den Seſſel und fand kaum Kraft aufzuſtehen, als die beiden Herrn jetzt zu ihr eintraten. Sie dachte nicht daran den Fremden an⸗ zuſehen, denn ſie n nur in ihres Geliebten Zügen Antwort finden zu können, über ihre ſelt⸗ ſame Unruhe. Herr Albert von Fahrenberg! ſagte Nordheim, ihr den Fremden vorſtellend. Aurelia zuckte zuſammen und wandte den be⸗ troffenen Blick auf den Fremden hin. Dieſer ſtand athemlos, bleich da, mit entſetzten Blicken ſie an⸗ ſtarrend, als ſchaue er in grauenhafter Erſtarrung eines Geſpenſtes Gegenwart. Einen Moment blickten ſie ſo einander an, ſtarr, bewegungslos, dann preßte Aurelia ihre Hand auf die Bruſt, als wolle ſie den Krampf dämpfen, der ſie beengte, ihre Wangen erbleichten, mit kreiſchendem, verzweiflungsvollem Ton rief ſie: er iſt's! und ſank ohnmächtig zuſammen. Fahrenberg neigte ſich über die Ohnmächtige und ſchaute ſie lange und prüfend an. Seine Züge nahmen einen milden, faſt freudigen Ausdruck an, Thränen entſtürzten ſeinen Augen, er ſchaute gen „ „ 312 Himmel mit einem Blick voll Dank und Wonne und die Hände faltend, wie zum Gebet, ſtand er ſtumm und ſchweigend da. Pun wandte er ſich hin an Nordheim, der, ſelber erſchüttert, nicht wagte dieſe Scene zu unterbrechen, und mit in Freude bebender Stimme, ſagte er ruhig und wie verklärt: es iſt mein Weib, ich habe ſie alſo nicht gemordet! Es iſt mein Weib! * „ — N — 1 6 f ff 5 6 7 8 9 10 11 12 43