—— liſcher und franzöſiſcher Literatur n erd Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und Teſebedingungen. iblivthet 1 oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag vvn Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet) wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8 beträgt: Z auf 1 Monat: 1.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern v.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem. Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — — — 5 *„ — — — S Gedruckt bei K. F. Hering& Fomv. — Bunte Welt. Roman von L. M ü h lboch Zweiter Band. Mit einer Muſikbeilage. 2—0— S Stuttgart. Verlag von Adolph Rrabbe. 18 41. I. Früh am andern Morgen trat Lord Landstown im Reiſeanzug in das Schlafzimmer ſeiner Gemahlin. Willſt Du ſchon fort? fragte Ellinor trübe, und ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt. Ich muß, meine Ellinor, erwiderte der Lord, ſie zärtlich an ſich drückend. Jemehr ich es mir über⸗ lege, jemehr finde ich, daß es meine Pflicht iſt, ſelbſt zu meinem Bruder zu eilen, und ihn von Effies Flucht zu benachrichtigen, ſo wie mich für ihre Ver⸗ bindung mit Maecdeam zu verwenden. Und könnteſt Du dieß nicht auch ſchriftlich? wäre ein Brief nicht genügend? Ein geſprochenes Wort, antwortete ihr Gemahl hat Leben, ein geſchriebenes iſt todt, das Leben aber erwärmt und das Todte läßt kalt. Darum, mein geliebtes Weib, laß mich gehen und meine Pflicht erfüllen. Iſt es doch im Dienſt der Liebe, daß ich gehe, und wie ich jede gute That, die 6 gethan, L. Mühlbach. II. Dir verdanke, ſo gehe ich auch jetzt in Deinem Dienſt, weil in der Liebe Dienſt. Wann kehrſt Du zurück, mein Geliebter? fragte Ellinor, ihn mit ihren großen dunkeln Augen ſo ſchmerzvoll und innig anſchauend, als wolle ſie ſein liebes Bild zu Letztenmale tief in ihre Seele prägen. In einer Woche ſpäteſtens, ſagte der Lord; laß mich dann dieſe theuren Augen heiterer, dies Ange⸗ ſicht roſiger finden. Denke an mich, mein geliebtes Weib, als an Deinen treueſten Freund, als an Dei⸗ nen Geliebten; denke aber, wenn ich fern bin, nicht mit Trauer der Trennung, ſondern mit Freude des Wiederſehens, und wenn Du dieſe einſamen Tage nachrechneſt, ſo zähle ſie nicht um zu wiſſen, wie lange ich ſchon abweſend, ſondern um zu ermeſſen, wie wenige Tage noch fehlen bis zu meiner Wieder⸗ kunft. Ich will es auch ſo machen, und dies wird uns hinweghelfen über die Trauer und die Trennung. Ellinor verſprach es, und umfing den Geliebten Abſchied nehmend, als wolle ſie ihn nimmer laſſen von ihrem Herzen. Dann machte der Lord ſich ſanft los aus ihren umfangenden Armen, und ihr zunickend und mit der Hand Küſſe hinwerfend, verließ er das Gemach. Ellinor eilte ans Fenſter, und dieſes öff⸗ nend blickte ſie hinunter in den Hof, wo der Wagen harrte, und der Lord, gefolgt von ſeinem Kammer⸗ 3 diener, ſo eben erſchien. Er richtete ſogleich den Blick zu den Fenſtern ſeiner Gemahlin hinauf, und ſie ge⸗ wahrend lächelte er grüßend ſie an. Sie winkte zum Gruß hinab mit dem weißen Tuch, der Poſtillon blies, und bald war der Lord den Augen ſeiner Ge⸗ mahlin entſchwunden. Als der Ton des dahin rollenden Wagens ver⸗ hallt war, ſchloß Ellinor das Fenſter, und trat zu⸗ rück in ihr Gemach. Und nun ans Werk! ſagte ſie entſchloſſen. Keine Stunde iſt zu verlieren, denn jede kann die Todesſtunde meines Kindes ſeyn! Aus einem geheimen Fache ihres Schreibtiſches nahm ſie ſodann ein zuſammengefaltetes Papier, und flüſterte: da iſt es! Die Anweiſung, die mir Giuſeppo gegeben! Er ahnt nicht, und ſoll es niemals erfahren, daß ich ſelbſt dieſe Wanderung antrete. Sie entfal⸗ tete das Blatt und ſagte: aber ich muß es noch ein⸗ mal leſen, um es genau inne zu haben, und ſie las: Teufelsliſe iſt zu erfragen in der kleinen Troad Street. Man gelangt dahin auf folgende Weiſe:— beſſer iſt es, unterbrach ſich Ellinor hier ſelbſt, ich nehme den Zettel mit mir, und richte mich genau nach dieſer Weiſung. Sie ſchellte, und als die Kammerftau erſchien, ſagte Ellinor: Betſy, ich habe heute einen Dienſt von Dir zu fordern, und wenn ich dabet auf Deine Ver⸗ 4 ſchwiegenheit rechne, ſo kannſt Du hinwiederum einer großen Belohnung gewiß ſein, wenn Du genau er⸗ füllſt, was ich ſage. Betſy gelobte ihre unbedingte Ergebung, und Ellinor fuhr fort: Bringe mir Deinen ſchlechteſten Anzug und das ſogleich. Eile! Als Betſy mit den Kleidern zurückkehrte, und verwundert fragte: Befehlen Ew. Lordſchaft, daß ich ſie hier anlege, ſagte Ellinor ernſt: ich ſelbſt will mich damit bekleiden. Aber Ew. Lordſchaft, ſtammelte Betſy— Kein Aber, unterbrach ſie Ellinor, ich bedarf ihrer! Komm, und ſei mir behülflich. Auch dieſe ſchönen Locken ſoll ich verbergen? fragte Betſh. Ich habe dafür geſorgt, antwortete Ellinor, öffne jene Schachtel, Du findeſt darin, was Du bedarfſt. Hilf Himmel, rief die Kammerfrau, eine ſchwarze Perrücke, und die wollten Ew. Lordſchaft— Aufſetzen, mein Kind, antwortete Ellinor, und nahm ſie aus Betſy's Händen. Als dann der Anzug vollendet war, und Ellinor ſich in der Pſyche betrachtete, nöthigte ihr die völlige Unkenntlichkeit ihres Geſichts und die Verkleidung ſelber ein Lächeln ab, und Betſy ſagte lachend: Ew. Lordſchaft mögen mir verzeihen, wenn ich behaupte, — 3 daß Niemand bei Ihrem Anblick eine Lady ver⸗ muthen wird! Auch darf das nicht ſein, ſagte Ellinor, und ſetzte den zerdrückten ſeidenen Federhut auf. Höre jetzt meine Befehle, fuhr ſie fort, Du verläßt heute ſo wenig als möglich dieſe meine Gemächer, verkün⸗ deſt der Dienerſchaft, daß mich ein Unwohlſein an das Bett feſſelt, läßt aus dieſem Grunde Niemand hier ein, und verräthſt durch keine Miene, keinen Blick, daß vielleicht irgend etwas Geheimnißvolles hier geſchehe. Es iſt möglich, daß ich nicht allein den Tag über, ſondern auch die Nacht entfernt bleibe. Auch dann wverhältſt Du Dich ruhig, und Lerräthſt Niemand meine Abweſenheit. Thuſt Du geuau, wie ich Dir ſage, ſo ſind Morgen bei meiner Rückkehr hundert Pfund Dein! Ach, ſagte Betſy weinerlich, ich will wohl ſchwei⸗ gen auch uhne das Geld; aber mir bangt, daß Ew. Lordſchaft Unheil geſchehe, wenn Ew. Gnaden wirk⸗ lich ſo allein ſich hinauswagen wollen, der Himmel weiß, wohin! Als ſie ſah, wie Ellinor jetzt einen Dolch aus ihrem Secretär nahm, die Schneide ſorgfältig prüfte, und dann ihn in ihrem Buſen verbarg, brach Betſy in Thränen aus und jammerte; o Jeſus, Ew. Lord⸗ ſchaft ſelber fürchten Gefahr, und bewaffnen ſich, und 6 6 ich, die ich mit meiner ganzen Seele ihnen ergeben bin, ſollte ruhig ſein?! O Ew. Lordſchaft, flehte ſie, und ſank auf ihre Kniee, gehen Sie nicht, mindeſtens nicht allein, mir ahnt, daß Sie einen furchtbaren Weg zu wandeln haben! Laſſen Sie mich Sie be⸗ gleiten! Was ich zu thun habe, kann nur durch mich allein geſchehen, ich allein werde es vollbringen, oder untergehen! Stehe auf, Betſy!— Sie bot der Wei⸗ nenden gütig die Hand, und ſie empor ziehend ſagte ſie: zeige mir Deine Liebe durch pünktliche Befolgung meiner Befehle, und nun laß mich gehen! Betſy ſchluchzte laut, und Ellinor, ſchon im Begriff zu gehen, fuhr fort: eins hätte ich faſt ver⸗ geſſen! Da, nimm dieß verſiegelte Blatt! Bin ich Morgen in dieſer ſelben Stunde nicht zurück, ſo ſen⸗ deſt Du dieſen Brief an Herrn Nordheim, deſſen Adreſſe die Diener kennen. Lebe wohl! Feſten Schrittes verließ ſie das Zimmer, und den Schleier vor das Geſicht ziehend, ſchlüpfte ſie den Corridor hinab, und gelangte durch eine Seiten⸗ thür unbemerkt auf die Straße. Sie fühlte ſich muthig und ſtark, und ohne Za⸗ gen ſchritt ſie die Bondſtreet hinab, gewiß, daß Nie⸗ mand ſie in ihrem Anzug zu erkennen vermöge. An der ihr neten Ecke beſtieg ſie eines jener dort ſtationirenden Cabrivlette, und befahl dem Kutſcher, ſie nach Tottenham evard⸗road zu führen.— Der Mann ſah ſie verwundert an, blinzelte ihr zu, und Ellinor, innerlich erbebend, erwiderte dieſen Blick, und dahin rollte der Wagen in donnerndem Geraſſel, und mit ſeinem Stoßen und Schwanken Ellinor, die nur gewohnt war, in bequemen und eleganten Ca⸗ roſſen zu fahren, faſt betäubend. Nach einer Stunde unaufhaltſamen Fahrens gelangten ſie nach dem von Ellinor bezeichneten Orte, und der Kutſcher, ihr beim Ausſteigen behülflich ſeiend, flüſterte ihr mit rauhem Lachen Worte zu, deren Sinn Ellinor nicht begriff. Sie reichte ihm eilig ein Goldſtück dar, und ehe der Mann Zeit hatte, ſich von ſeinem Staunen über dieſe reichliche Gabe zu erholen, war Ellinor ſchon um die nächſte Ecke ſeinen Blicken entſchwunden. Haſtigen Schrittes eilte ſie die enge ſchmutzige Gaſſe hinab, die ihr bis dahin völlig fremd geweſen, und deren an den Ecken angeſchlagene Namen ſie ſich nicht entſann, jemals zuvor gehört zu haben. Sie blickte ſorgſam an den Häuſern auf, um unter den von Schmutz faſt unkenntlichen Nummern die ihr bezeich⸗ nete zu ſuchen. Nummer 17, hier iſt es, ſagte Elli⸗ nor, und trat durch die nur angelehnte Thüre in einen langen, finſtern Gang, den ſie in fliegender Eile durchwandelt, und worauf ſie am entgegengeſetzten Z Ende dieſes Durchgangs wiederum eine ſchmale Gaſſe betrat. Einige elende ſchmutzigen Wagen mit abge⸗ magerten ſtruppigen Pferden beſpannt ſtanden an der nahen Straßenecke; Ellinor beſtieg einen von dieſen, und bezeichnete ihm den Ort, wohin ſie wollte. Iſt'nen verdammt kitzlich Ding, ſagte der Kerl, in jene vermaledeite Schnuppergegend zu fahren. Die Spürhunde haben heute ihre Augen hier herum, und wenn die Füchſe meine Spur wittern, und mir nachkriechen, ſo iſt die Falle für mich zugeklappt. Ich gebe Euch das Doppelte! ſagte Ellinor, wenn Ihr mich dahin bringt. Nu, wir wollen's wagen, ſagte der Kerl, und den mit einer ſchmutzigen wollenen Pferdedecke ver⸗ zierten Kutſcherſitz beſteigend, ſchlug er mit lautem Fluch auf ſein knöchernes, katzenähnliches Thier ein, bis es, aufgeſtachelt von Schmerz ſich in Trab ſetzte, und das klappernde knarrende Fuhrwerk in Bewe⸗ gung brachte. Durch ſchmutzige enge Gaſſen fuhren ſie dahin, die mit ihren dunklen unanſehnlichen Häuſern einen ſchauerlichen Eindruck auf Ellinor machten. Wildes Geſchrei und kreiſchendes Singen erſchallte aus dieſen Höhlen des Laſters und Elends. Hier und da öff⸗ nete ſich ein Fenſter, und irgend ein aufgeputztes und geſchminktes Weib, den Ausdruck des Laſters und 9 der Verworfenheit in den Zügen, oder ein wildes ſtruppiges Männerangeſicht ſchaute heraus, und rief, das Frauenzimmer in Wagen gewahrend, Ellinor Worte entgegen, die ihr Blut erſtarren machten. Hier lag in trunkenem Zuſtande ein Kerl im Straßen⸗ koth, und neben ihm ſtand mit entblößtem Nacken und Schultern, im ſchrillend rothen ſeidenen Gewande, das Haar mit Blumen geſchmückt, und ſelber ſchwan⸗ kend vor Trunkenheit, eine Schöne, und rief mit keifendem Ton jenem lallenden thierähnlichen Men⸗ ſchen Verwünſchungen und Schimpfworte zu. Weiter⸗ hin kam ein Zug jubelnder Burſche daher, in ihrer Mitte ſingende Mädchen, und hier verfolgte mit auf⸗ gehobenem Arm und geballter Fauſt ein Kerl ſein Weib, das mit heulendem Geſchrei die Straße hinab⸗ rannte. Allmählig wurde die Gegend einſamer, auch dieſe letzten, obwohl ſo entſetzlichen Spuren des Lebens erſtarben, und ein dumpfes ödes Schweigen herrſchte.— Der Kutſcher hielt an und bedeutete Ellinor, daß ſie zur Stelle gelangt ſeien, und als ſie den Wagen verlaſſen und dem Kutſcher ſeinen Lohn gegeben, wandte dieſer ängſtlich und ſchnell ſein Pferd, und es zur Eile antreibend, war er bald ihren Blicken entſchwunden. Ellinor erbebte, es war ihr, als ſei mit ihm ihr letzter Schutz und Beiſtand ent⸗ ſchwunden, und einen Moment meinte ſie, ſie müſſe 10 ihn zurückrufen, um mit ihm dieſem Ort des Schreckens zu enteilen. Dann dachte ſie an ihr Kind, ihre Ent⸗ ſchloſſenheit und Todesverwegenheit kehrte zurück, und muthig ſchritt ſie die Straße hinab. Welch ein Bild des Elends und Jammers um ſie her! Zu beiden Seiten der mit Koth und Unrath beworfenen Straße nichts als halb verfallene, hölzerne Hütten, ohne irgend ein Fenſter, oder eine andere Oeffnung, als die kaum in Angeln hangende halb verfaulte niedrige Thüre. Kein Zeichen des Lebens um ſie her, kein Laut der die Nähe von Menſchen verrieth! Ellinor ſehnte ſich faſt zurück in das entſetzliche grauenvolle Leben, das ſie kurz zuvor erſchaut, es war ihr als müſſe ſie der von dem Unrath der Straße aufſtrömende Dunſt mit ſeiner verpeſteten Luft erſticken. Als ſie jetzt an einer dieſer elenden Hütten die ihr bezeichnete Nummer las, ſagte ſie faſt freudig: hier iſt es! Wohl mir, ich werde zum mindeſten jetzt wieder ein menſchliches Angeſicht ſehen und eine menſchliche Stimme hören! Sie klopfte nach vorgeſchriebener Weiſe dreimal in verſchiedenen Zwiſchenräumen und verſchiedener Art an die ſchmutzige Pforte. Sogleich öffnete ſich dieſe, und ein ſcheußlicher Kerl mit rothem ſtruppigem Haar, kaum mit dem zerlumpten von Schmutz ſtar⸗ renden Gewande ſeine Blöße bedeckend, ſchaute heraus, 11 und ſagte, Ellinor angrinſend: wo kommſt her ge⸗ weht, ſchmuckes Fähnchen, und was willſt? Pfeife mal die Parole, Wetterdirnerl! Teufelsliſe! ſagte Ellinor bebend. Stiſt richtig! ſagte der Kerl mit einem Gluchzen und Grunzen, das bei ihm Lachen bedeutete. Spiſt richtig! das heißt,'s iſt eigentlich nicht richtig, aber 's gehört Alles zuſammen! Die Teufelsliſe gehört zu'ner andern Brüderſchaft, aber,— nu wollen wir das ganze Gericht drinn ausfreſſen, und nicht hier außen kauen, wo die Spürhunde und Jäger uns nachſtellen, wie'nem angeſchoſſenen Wild. Man herein, herein in's Loch! Ellinor faßte nach ihrem Dolch; als ſie ſich überzeugt, daß ſie noch im Beſitz ihrer Waffe, fühlte ſie ſich ermuthigt und geſtärkt, und betrat gebückt durch die niedrige Pforte das Innere dieſer Hütte. Es war ein dunkler, niedriger Raum, deſſen einziges mit Papier verklebtes Fenſter auf den ſchmutzi⸗ gen Winkel, Hof genannt, hinauslief, und bei dem Dämmerlicht, das durch dies Fenſter hereindrang, konnte Ellinor, als ſie ſich nach und nach an dies Halbdunkel gewöhnt, die Gegenſtände um ſie her deutlich unterſcheiden, und ein Bild des Schmutzes und Elendes überſchauen, von deſſen Daſein ſie früher keine Ahnung gehabt. Der Fußboden war mit Lehm 12 ausgeſchlagen, und ſeine Unebenheiten und Vertie⸗ fungen dienten zum Ablager des Schmutzes und Ab⸗ falls der Speiſen; einige zerbrochene Stühle und Bänke ſtanden an den von Ruß überzogenen Wänden umher, von denen die Feuchtigkeit und Ausdünſtungen in dicken Tropfen herabfloß. Auf dem hölzernen Tiſch ſtand die halbgeleerte Brandweinflaſche, dieſe Tröſterin in der Noth, und in einem Winkel lag ein Haufe ſchmutzigen naſſen Strohs, Bett genannt. Neben dieſem aber hockte niedergekauert ein Weib mit matten Zügen, aus gläſernen trüben Augen hinſtarrend auf Ellinor, und zwiſchen ihren erſchlafft herabhängenden Mundwinkeln hervor Worte murmelnd, deren Bedeu⸗ tung Ellinor nicht verſtand. Komm heran, du beſoffenes Thier, grunzte der Kerl dem Weibe entgegen, recke deine Glieder in die Höhe und ſperre deine vermaledeit lange Ohren auf! S gibt was zu hören. Willſt nicht? Soll dich erſt 'nen Dreſchflegel auf deinem Genick herumtanzen laſſen! He? Das Weib flog empor bei dieſer drohenden Pantomime ihres Mannes, und auf hölzernen Pan⸗ toffeln heranſchlurfend, fragte ſie mit ſchwerer Zunge: was gibt's denn? Und was will dieſe Wetterfahne hier? Ich kam, mich nach der Teufelsliſe zu erkundigen, ſagte Ellinor leiſe und angſtvoll. 13 * Iſt nicht hier, brummte das Weib. Weiß das eben ſo gut, wie Du, donnerte der Mann, hab's Madelchen aber reiner gelaſſen, weil ch ihr helfen kann, wenn ſie, verſteht ſich, wenn ſie mit ihren Fingern noch was anders zu thun weiß, als z'eſſen. Er machte die Pantomime des Geldzählens, und Ellinor ſagte: ich geb' Euch zwanzig Guineen, wenn Ihr mich zur Teufelsliſe führt! Viel Geld das, grinzte der Kerl, und wollt mir woll mal die Finger verbrennen für ſo blanke Kohlen, aber's geht doch nicht, kann Euch nicht ſelbſt hin⸗ führen nach dem Weibſen. Aber heut' auf'nem Ball iſt ihr Kerl! kreiſchte das Weib, und wenn die Dirn Dir die zwanzig Füchſe gibt, ſo wolln wir ſe mitnehmen nach'nem Ball. Was nimmſt mir de Wort vor'nem Maul weg, ſchalt der Mann,'s war's ja, was ich ſagen wollte. Das wollen wir thun, wandte er ſich an Ellinor, wir wolle Euch mitnehmen auf'nem Ball in ſchmucke Compagnie, und ihr ſollt Eſſen und Trinken und Tanzen nach Herzensluſt, und den Kerl von'ner Teufelsliſe finden. Aber's muß reiner Mund gehalten werden! Will ſagen, daß Ihr meine Nichte ſeid, erſt z'rückgekommen aus'nem Dienſt, habt kein Unterkommen, bleibt bei mir, wollt's Handwerk lernen. Müßt z'allem Ja ſagen! Ellinor verſprach alle ſeine Vorſchläge genau zu befolgen, und es ward nun das Nähere dieſes abenteuerlichen und gefährlichen Plans verabredet. Furchtbar waren die nun folgenden Stunden des Harrens und Erwartens, die Ellinor in dieſer dumpfen, verpeſteten Höhle verlebte, und die mit bleier⸗ ner Schwere an ihr vorüberſchlichen. Die Angſt der Erwartung und die Qual der Gegenwart drohten ihre phyſiſchen Kräfte zu erſchöpfen, und mehrmals fühlte ſie ſich vor Widerwille und pſychiſcher Er⸗ mattung einer Ohnmacht nahe. Aber durch die Racht und das Dunkel ihrer Seele leuchtete gleich einem Hoffnungsſtern das dämmernde Bild ihres Kindes, und ſie ſagte zu ſich ſelbſt:„und kann ich es auch nur ſterbend erreichen, dies mein Kind, ſo werde ich doch in ihren Armen, in meiner Tochter Armen ſter⸗ ben!“— Bei dieſem Gedanken klopfte ihr Herz in freudigem Entzücken, vergeſſen waren die Leiden und die Schauderſcenen dieſer Stunde, und die liebende und ſehnende Mutter dachte nur an ihr Kind, für das ſelbſt ihr Leben zu wagen ſie den Muth fühlte. So kam die erſehnte Stunde heran, zu der das Weib ſich nach ihrer Weiſe auf's Schönſte geſchmückt hatte, und die nun ernüchtert und mit erwachendem * 15 Leben in ihren Minen, in ihrem zerlumpten Putze neben Ellinor ſtand, und ihr mit widerlichem Lachen die künſtlichen beſchmutzten Blumen hinhielt, die Elli⸗ nor, um„ballmäßig“ zu ſein, in's Haar ſtecken ſollte. Auch der Mann war ſich, zu ſeiner Toilette, einige⸗ mal mit den Fingern durch ſein rothes ſtruppiges Haar gefahren, und hatte ſeine zerlumpte Jacke mit einem nicht viel weniger durchlöcherten Frack vertauſcht, und ſo erklärte das vor freudiger Erwartung kom⸗ mender Luſt ungeduldige Paar ſich bereit zu gehen. Aber's wird nöthig ſein, daß wir eine Lade vor Eure Guckfenſtern hängen, ſagte das Weib, denn das Geheimniß unſeres Marſches dürft Ihr nicht kennen. Haſt recht, Weib! ſagte der Mann, und Ellinor reichte willig ihr Haupt dar, um ſich mit dem Schleier ihres Hutes die Augen verbinden zu laſſen. Dann nahm das Paar ſie in ihre Mitte, und geleitete ſie aus der Hütte, und durch Gaſſen, Schlupf⸗ winkel und Durchgänge in das ſogenannte Hotel, wo der Bettlerball heute ſtattfinden ſollte. Hier löste das Weib die Binde von Ellinor's Augen, und ihr die Warnung wiederholend, ſich, wenn ihr das Leben lieb ſei, nicht als eine Ungeweihte zu verrathen, klopfte ſie in beſonderer Weiſe an eine Thüre, worauf eine Stimme von Innen ihr in dem Kauderwälſch 16 ihrer gebräuchlichen Sprachweiſe ein Wort zurief, was der Kerl, die Parole erwidernd beantwortete. Abermals ward etwas von Innen gerufen, und das hierauf von dem Weibe Erwiderte mußte genügend ſein, denn die Riegel wurden innen zurückgeſchoben, und die drei Ankömmlinge betraten den Saal. Der Portier nahm mit feierlichem Anſtand Ellinors und des Weibes überflüſſige Tücher und Kopfbedeckungen in Empfang, und als er von dem letztern erfahren, daß„dieß fremde Fräulein“ die Nichte der würdigen Dame, rief er mit donnerähnlicher Stimme in den Saal hinein: Mr. and Mistress Trumpet, and Mish Sippi Trumpet! und von der hölzernen Tribüne am andern Ende des Saals begrüßten die Muſiker mit einer Fanfäre verſtimmter quickender Trompeten und Blasinſtrumente die neu hinzugekommenen Gäſte. ————— II. Trotz der Seelenangſt und der Folterqual der Erwartung, die Ellinors Buſen beklemmte, mußte ſie faſt lachen, als ſie jetzt das ſeltſame Schauſpiel überſchaute, das ſich ihren Blicken darbot, und das mit ſeiner prunkenden Armuth eine luſtige und zugleich ſchauerliche Traveſtie wirklichen Lurus und Glanzes war. Die Wände dieſes langen, niedrigen, ſtall⸗ ähnlichen Raumes waren auf das Glänzendſte ver⸗ ziert. Irgend ein Winkeltheater hatte dazu ſeinen Vorrath an Feſtons und Couliſſenſchmuck gegeben, und man ſah hier in bunter Mannigfaltigkeit gemalte Felsgrotten von durchlöcherten Cuuliſſen, neben griechi⸗ ſchen Tempeln, deren von Fettflecken und anderm Schmutz ſtarrende Vorhänge den Einblick in das Innere dieſer geweihten Räume verbargen, und hinter denen hervor Kichern und Lachen ertönte. Waldevuliſſen, deren herabhängende Fetzen vielleicht Vögel darſtellen ſollten, ſtanden weiterhin, begrenzt von Drapperien eines dunkelrothen Zeuges, bei deſſen Zerriſſenheit L. Mühlbach. II. 2 18 man ungewiß blieb, ob das Zeug oder die Löcher Hauptſache ſeien. Ringsherum an den Wänden lief eine von morſchen und halb verfauzʒ Bretern zu⸗ ſammengenagelte Tribüne, auf denen hölzerne, mit Pferdedecken gepolſterte Schemel aufgeſtellt waren. Große hölzerne Geſtelle, in galgenähnlicher Form, ſtanden in den Ecken und Niſchen, auf ihren ausge⸗ ſtreckten Galgenarmen dicke Talglichter tragend, die zu bedienen der Portier beſonders angewieſen war, ſie von Zeit zu Zeit auf ſehr gewandte und gefällige Weiſe mit ſeinen Fingern putzte, das an ſeinen Fingern Haftende ſodann in ſeinen Haaren abwiſchend. Der mit Fettflecken und Koth reichlich verſehene Fußboden war zum heutigen Feſttag in ſinniger Weiſe mit grünen Blättern beſtreut, und von der Decke herab hingen einige große Thranlampen, einen hinlänglichen Qualm verbreitend, der in Wölkchen den Saal durch⸗ zog. Allgemach hatte der Saal ſich mehr und mehr gefüllt, und der Portier im rothen durchlöcherten Rock, auf ſeinen Aermeln einige Streifen Goldpapier als Epauletten angeſteckt, rief mit feierlicher Vernei⸗ gung die Namen immer neuer Ankömmlinge in den Saal hinein. Herren und Damen nahmen in ſüßer Traulichkeit neben einander Platz auf der Tribüne, und Mistreß Trumpet flüſterte Ellinor zu: ſehet, dies ſind alle die Bettler, die in gewöhnlichem Anzuge 19 und ohne beſondere Kunſt ihr Gewerbe verrichten. Die Meiſter unſerer Kunſt haben uns aber heute eine be⸗ ſondere Feſtlichkeit aufgeſpart, und werden lebende Bil⸗ der aufführen. Gebet Acht,'s wird ſtill,'s geht los. Der Portier ſetzte ſeinen Finger an den Mund und ließ ein ſchrillendes Pfeifen ertönen, und es öffneten ſich die Vorhänge der Tempel, der Grotten und Niſchen, und enthüllten die ſüßen Geheimniſſe, die ſie bis dahin verborgen. Ein allgemeines Ach! der Bewunderung durchflog die Reihen der Zuſchauer bei dem Anblick dieſer kunſtvoll gruppirten lebenden Bilder, und Ellinor wünſchte ſich eines Hogarths Pirſel, um dieſe wunderbaren und in ihrer Scheuß⸗ lichkeit lächerlichen Gruppen feſtzuhalten, die ſie hier erſchaute. Alle dieſe Gruppen ſtellten Scenen aus dem Leben der Bettler dar. Hier in jenem Tempel kniete ein Blinder, die todten erloſchenen Augen auf⸗ wärts gerichtet, rührende Milde und Ergebung in ſeinen Zügen, die zitternden Hände gefaltet, wie zum Gebet, und neben ihm ſtand ein Mädchen, als Engel gekleidet, und als ſolcher kenntlich an den Gänſeflügeln, die mit Stricken um ihre Schultern gebunden waren, die eckige Geſtalt mit einem geflick⸗ ten und durchlöcherten Seidenkleide umhüllt, Arme, Nacken und Schultern entblößt, das Geſicht mit Rothſtein zierlich geſchminkt, und dem knieenden 20 Bettler mit grinſendem Erbarmungslächeln eine Kupfer⸗ münze dar. Dort in jener Grotte ſaßen in ſeli⸗ ger Umſchlingung ein krüppelhafter, an allen Glie⸗ dern zuſammengeſchrumpfter Kerl und ein einarmiges bleiches Weib, hinter denen als Amor ein jämmer⸗ liches, kaum mit Lumpen bedecktes Kind zu ſehen war. Weiterhin in einer andern Niſche ſtand ein Knabe mit einer Tafel auf der Bruſt, auf der zu leſen war:„Blindgeborner“, und wiederum eine andere Grotte füllte eine Gruppe von Weibern, die mit den jämmerlichſten Geberden Ströme von Thränen vergoſſen und auf die natürlichſte Weiſe ſchluchzten, während hinter ihnen ein Kerl, der auf ſeiner Bruſt eine Tafel, mit der Inſchrift:„ Taubſtummer“ be⸗ feſtigt hatte, die lächerlichſten Grimaſſen und Geſichter ſchnitt, um die Weinenden und Thränenüberflutheten zum Lachen zu reizen. Die Standhaftigkeit der Weinenden ward von den Zuſchauern mit einem Bravo belohnt, worauf ſie ſich dankbar verneigten. Die Krone und das Glanzbild aber war in einem Tempel zu ſehen, wo einige Weiber und Männer mit todesbleichem Angeſicht an der Erde lagen, mit gebrochenem Blick, athemlos, mit weit von ſich ge⸗ ſtreckten Armen und Beinen. Jetzt, wie auf Com⸗ mando, reckten ſich die Glieder, verzerrten ſich die Geſichter, einige ſtöhnten laut, mit frampfhaftem „ — 21„ Zittern aller Glieder, Andere ſchlugen um ſich und ſtreckten ihre Glieder in wilden Zuckungen. Je gräß⸗ licher die Verrenkungen, je entſetzlicher das Geheul und das Zucken, deſto ſtürmiſcher der Beifall der Zuſchauer, und als jetzt eines dieſer Weiber gleichſam im höchſten Schmerze ſich zuſammenkrümmte, daß die Füße faſt den Kopf berührten, erſchallte ein dreimaliges donnerndes Bravo und Beifallsgeklatſche ringsum im Saale, die Muſici von ihrer hölzernen Tribüne herab blieſen in gräßlich ſchrillender Weiſe dazu einen mächtigen Tuſch, und wie durch einen Zauberſchlag änderte ſich die Scene. Die zuckenden und epileptiſchen Männer und Weiber flogen empor, und liefen lachend in den Saal hinein, des Blinden Augen belebten ſich, der Lahme warf den Stelzfuß weg und lief zu dem Taubſtummen hin, der ihm einen guten Tag entgegenrief; der Verkrüppelte löste die Polſter und Wattirungen von ſeinen zuſammen⸗ gebundenen Armen und Beinen, und ſtand als Wohl⸗ gewachſener da, und der Blindgeborne nickte dem Engel zu, der haſtig ſeine Kupfermünze wieder in ſeine eigene Taſche gleiten ließ. Mistreß Trumpet flüſterte mit entzücktem Grinſen Ellinor zu: ſo wunderſchön iſt's noch nimmer geweſen, und könnt Gott danken, juſt dieſen Tag g'kommenz'ſein! Die Zuſchauer verließen die Tribüne, um den — 22 Darſtellern der lebenden Bilder mit ehrerbietigen Minen und wahrer Hochachtung ihre Bewunderung auszu⸗ drücken, die zerlumpten Cvurmacher näherten ſich ihren Schönen, auf deren entblößte Arme und Nacken in ſchuldiger Ehrerbietung Küſſe drückend, die den Schmutz, der ihre Haut bedeckte, löſend, Spuren zurückließen, und hier und da boten einige beſonders elegante gentle⸗ manartige Bettlergalane ihren mit Rothſtein geſchmink⸗ ten und mit durchlöcherten ſchmutzigen Seidenkleidern geputzten Schönen Blumenſträuße dar, die dieſe mit einem ſüßen Huldlächeln empfingen, das einen Satyr ernſt und ſchaudern machen konnte. Jetzt erſchallte die quikende taktloſe Weiſe eines Hopſers, und mit bacchantiſchem Jauchzen wirbelten die Schönen ſich mit ihren Verehrern im Tanze, während die auf⸗ ſteigenden Staubwolken ein ſüß verſchwiegenes, trau⸗ liches Dämmerlicht verbreiteten. Als der Tanz geen⸗ det, plumpten die erſchöpften athemloſen Schönen auf die Seſſel nieder, und die dicken Schweißtropfen, die von ihrer Stirn herabrieſelten, löſeten Schmutz und Schminke von den jungfräulichen Wangen. Wenn ſie ſich erholt, begann ein neuer Tanz, bis die Tanz⸗ luſt erſchöpft, die Muſiei ſchwiegen, und der geſchäftig herbeieilende Wirth mit ſeinen Geſellen eine große, mit einem ſchauderhaft befleckten Leinentuch bedeckte Tafel hereintrug, die von Allen mit Jauchzen begrüßt ward. Dampfende Schüſſeln und Gerichte wurden aufgetragen, deren Düfte Alle mit hochaufgeathmetem Naſenſchnüffeln in ſich zogen, und mit langgereckten Hälſen beſchauten. Da gab es Paſteten vom ſchönſten Katzenfleiſch, Braten von gefallenem Vieh, Entremets von dem aus den Gaſſen aufgeſammelten Abfall andrer Küchen, da war ein fetter Mops als Ferkel in Gelee gekocht, und prangte als Aufſatz in der Mitte der Tafel, und einmarinirte Ratten wurden als reizende Vorſpeiſe umher gereicht. Die Beſtandtheile, aus denen dies herrliche Mahl zuſammengeſetzt, kümmerte die glänzende Geſellſchaft wenig, die hochtönenden Namen der Gerichte entzückten und machten die Gerichte ſelber entzückend. Ellinor hielt ſich ſchaudernd und erbebend an Mistreß Trumpets Seite und nahm neben dieſer Platz an der wohlbeſetzten Tafel, deren Herrlichkeit nur noch erhöht ward durch die großen dampfenden Punſchbowlen, in denen glühender Brannt⸗ wein die Stelle des Weines vertrat. Köſtliche Witze erſchallten rings um die glänzende Tafel, und rohes kreiſchendes Lachen. Laßt Euch erzählen, brüllte Einer, was heute unſerm Freunde Dick für'ne Schnurre paſſirte. Hab's ſelbſt mit angeſeh'n, er kann's nicht ſtreiten. Steht er da an ſeiner Ecke mit ſeiner Blind⸗ geboren⸗Tafel, kommt ſo'n barmherziger Gentleman heran und liest ſeine Blindgeborenheit, wird ſein Herz weich wie Wachs, langt in'ner Taſchen, und holt ein Goldſtück'raus und drückt's dem Dick in ner Hand. Der blinzelt's an und brüllt vor Freude: Gott's Wunder,'s iſt'ne Guinee! Ein brüllendes Lachen ertönte, und Dick ſagte, nachdem es wieder ruhig geworden:'s war allerdings als Blindgeborner nicht ganz richtig, aber'nen Meiſter kann auch mal'nen Verſeh'n paſſiren, und ſchlimmer iſt's immer noch nicht, als wie's neulich dem Krüppel John ging, der nicht anders als auf allen Vieren kriechen kann. Liegt er an'ner Erden vor'nem Pallaſt, kommt'nen Herr raußer und der John klagt ihm, daß er von Kindesbeinen an iſt ſo nen Krüppel geweſen, hat Niemals nich auf ſeinen zwei Beinen geſtanden. Den Herrn jammert's ſehr, will ihm Geld geben, als juſt ſeine Bulldogg hinter ihm raus komnt aus'nem Pallaſt und den John beſchnuffelt. Ich ſtand dicht derbei und hetz die Dogg'nen klein bis⸗ chen; die ſetzt an auf John und der ſpringt in die Höh' und nimmt auf ſeinen zwei Beinen, auf denen er noch niemals nich hat laufen können, Reißaus. Nu gab mir der Hert das Geld für den Witz von mir.— Und der Taubſtumme ſteht mit ſeiner Tafel bei ner Kutſche an'nem Haus, kommt'ne Dame aus dem⸗ ſelben, will in'n Wagen ſteigen, fragt ihn mitleidig, „ als ſie ihm Geld gibt, wie lang er ſchon taubſtumm, 25 antwortet der taubſtumme John; ſo lange ich lebe, ſchöne Dame! Wieder erſchallte gellendes Lachen, das Ellinor durchſchauderte wie das Hohnlachen hölliſcher Geiſter. Nun Kapitän Harries, rief einer einem wohl⸗ beleibten, ziemlich wohl gekleideten Manne zu, was für ein Unglück ernährt Euch jetzt? Denn ich höre, die verdammten Spürhunde haben's herausgeſchnuffelt, daß's nichts iſt mit dem Diebſtahl und Raubmord, der Euch arm gemacht. Ich nähre mich jetzt von meinem vor acht Ta— gen geſchehenen unglücklichen Schiffbruch, ſagte der als Kapitän Harries Angeredete. 'S iſt nen gewaltig gelehrter Mann, flüſterte Mistreß Trumpet mit wichtiger Mienc, ſchreibt Briefe wie nen Dokter, und für'nen Paar Pence macht er Euch die lamentabelſten Unglücksbriefe, daß alle Menſchen weinen müſſen, wenn ſie's leſen. Iſt der Briefſchreiber für de ganze Brüderſchaft. Ja, die verdammten Jagdhunde, die verſalzen einem's un⸗ ſchuldigſte Gericht. Hat der Major ſich zehn Jahr von'nem Brief genährt, in dem zu leſen ſtand, daß r von'nem andern Kaufmann, der Bankrott gemacht, um ſein Hab und Gut betrogen iſt. Kamen jetzt die Spürhunde d'hinter, daß'r niemals nicht Geld gehabt hat, und reißen ihm'nen Brief entzwei. 2** 3 * 26 Was gebt Ihr denn für Eure zwei quarrenden Bälger? rief jetzt ein ſcheußlich ausſehendes Weib zu Mistreß Trumpet herüber. Sechs Pence für jed's, ſagte Mißtreß Trumpet, ſechs Pence,'s iſt meiner Sir wenig gnug, und d'Bälger ſchlafen bei ihrer Mutter, und kriegen mor⸗ gens von'r'nen guten Schluck Branntwein, daß ich ihn'nen ganzen Tag wenig zeſſen geben brauch. D'haſt Glück, rief die Andre, und die Bälger ſeh'n ſo jämmerlich und abgemagert aus, daß's den reichen Leuten's Herz im Leib erbarmt und ſe'nen Beutel öffnen. Ich bin ſchlechter angekommen, und muß für'nen geſundes dickes Kind mit knallrothen Backen und hellen Augen eben ſo viel zahlen, wie Du für Deine guten magern. Habt'r ſchon g'hört, Mis Trumpet, rief eine Andre, was der dicke Job für'nen Glück gehabt hat? Nicht? Nu ſeht mal, hat'ue Wittwe ge⸗ funden mit nur einem Aug' und zwei magern Kin⸗ dern, brauch nun nich mehr arbeiten, kann'nen Branntwein ſchlucken'nen ganzen Tag, denn die Wittwe hat'nen genommen, und die verdient's Geld auf'nem Bettelbrief, den ſie als Ausſteuer mitge⸗ bracht hat und wodrin z'leſen ſteht, daß'r Mann die Schwindſucht hat, und ſie ſelbſtens in'nen paar Tagen niederkommt, und ihre neun Kinder nichts * z'beiſſen haben. Auf den Brief verdient'ſtäglich nen paar Schilling, und die beiden Bälger bringen auch aller Abend'nen paar Schilling. Der Mann hat'nen ordentlich unverſchämtes Glück, ſagte Mistreß Trumpet, iſt immer faul geweſen, hat lieber gehungert und gedurſtt, als ſich ſein Brod auf ne anſtändige und honette Weiſe zu verdienen, wie wir. S iſt himmelſchreiend, was's zuweilen für nen unverſtändiges Glück gibt!— Scht, ſagte ſie dann leiſe zu Ellinor, die Dame, mit der ich eben ſprach, iſt'ne kluge Frau, und ſehr angeſehn in'r Geſellſchaft. Sie hat'ne große Penſion, wie ſie's nennt, für junge Mädchen, wo ſie lehrt, wie die Mädels zu jeder Zeit brav weinen und Thränen ver⸗ gießen können, ſo oft ſie's wollen, und ſo jämmer⸗ liche Geſichter ſchneiden, daß's die vornehmen Leute rührt. Und der Herr dicht neben ihr, daß iſt'r Lehrmeiſter für die jungen Burſche, und lehrt ſie mit ner zitternden Stimme ſprechen und die geſunden Geſichter zu'ner Fratze verziehen, daß's ausſieht, als wenn'r Schmerz ihnen's Geſicht verzieht. S iſt nen reicher Mann, verſicher Euch, und wenn r auf Verdienſt ausgeht, ſo hat'oft mehr in'ner Taſchen, als die, die'm was geben. Als die Tafel aufgehoben, näherte ſich Mr. Trumpet vorſichtig Ellinor, und flüſterte ihr zu: 3½ 28 geht mal rein in jener Grotte, und macht'nen Vor⸗ hang hinter Euch zu. Werd' gleich mit'nem Mann von'ner Teufelslis nachkommen. Ellinor, zitternd und erbebend folgte ſeiner Wei⸗ ſung, und ſchon nach wenigen Minuten öffneten ſich die Vorhänge und Mr. Trumpet trat mit einem andern Kerl herein. Seid Ihr der Mann der Teufelsliſe? fragte Ellinor ſchüchtern. Meiner Sir,'s wollt' ich meinen, ſagte der Kerl,'s iſt zwar ſchad' um mich, der ich ein wah⸗ rer Gentleman bin, ſo'n anrühr'ges dummes Weib⸗ ſen z'haben, was ſich beinah' hätt' von'nen Jagd⸗ hunden fangen laſſen, aber's bleibt doch wahr. 'S iſt'ne verdammte Nachfrage nach'ner Teu⸗ felsliſe, ſagte Mr. Trumpet, war vor nnen paar Tagen'nen Gentleman da, fragt auch nach r. Und hat er ſie geſprochen? fragte Ellinor haſtig. Ine! Wollt nicht genng zahlen, ſagte Mr. Trumpet, wollt nur zwanzig Pfund zahlen. S iſt z'wenig wenn man's Leben dabei wagt. Ja, iſt'nen kitzlich Ding nach der Liſe z'kom⸗ men, ſagte ihr würdiger Gemahl, und kratzte ſich auf ſehr graciöſe Weiſe hinter den Ohren. Könnt' Ihr's mir nit ſagen, was'r wiſſen wollt. Ich wünſchte das Schickſal eines Kindes von 9 6 29 ihr zu erfahren, das man ihr vor fünfzehn Jahren gegeben. Ach, die kleine Ellen, weiß, die Liſe hat'ner ſechs Jahr auf er gebettelt. Und wo, wo iſt das Kind? fragte Ellinor. Kann's nit ſagen, wo's die Liſe gelaſſen hat. Denk' ſie hat's verkauft, aber weiß nit wo. So führt mich zu ihr! ſagte Ellinor entſchloſſen, ich will ſuchen es von ihr zu erfahren! S geht nicht ſo geſchwind, glaubt mir. Und s iſt überhaupt'nen kitzlich Ding. Ihr müßt wiſſen, daß die Liſe zu'ner andern Brüderſchaft gehört, zu 'ner höhern Kunſt, denn ſie hat ſich rauf gearbeitet bis zu ner erſten Diebsklaſſe, die die ſcharfen Meſſer führen und die's rothe warme Menſchenblut wie Waſſer vergießen, wenn's ſein muß. Und als die Liſe vor ſo'n paar Jahren'mal mit derbei war, als nen großer Streich ausgeführt ward, und wobei'nen paar Kehlen abgeſchnitten wurden, ging das Ding nen biſſel ſchief und die Liſe wurd gefangen. Saß in nem finſtern Gewölb bei Waſſer und Brod, ſollt' die Mitſchuld'gen nennen, war zuletzt ſchon ſo win⸗ delweich, daß ſie all's ſagen wollt. Haben zum guten Glück die Brüder ſie gerett't, und dermit ſe nich wieder eingefangen wird und nichts verrathen kann, haben ſie ſe in finſtre Loch bei ſich 6t. was ſie de Hölle nennen, und wohin denn die Teufelsliſe alſo gehört, ſchloß der Mann mit grinſendem Lachen ſeine Erzählung. Aber ich muß ſie ſprechen, ich muß! rief Ellinor verzweiflungsvoll. Wenn Ihr Muth habt und viel Geld zahlen könnt, wird's möglich ſein! Ich habe Muth den Tod zu wagen! ſagte Elli⸗ nor entſchloſſen. Und wie viel Geld wollt'er zahlen? Zweihundert Pfund ſind Euer, wenn Ihr mich zur Teufelsliſe bringt! Topp, ſo ſoll's ſein! ſagte der Mann entſchloſ⸗ ſen. S hat aber Eile! Nach Mitternacht laſſen ſe Niemand nicht mehr rein! Alſo zweihundert Pfund wollt'r geben? Aber wie ſolln wir ſe bekommen? Doch halt! da fällt mir's ein, wie's gehen wird! Trumpet kommt mit mir in mein Loch,* iſt ia hier in nem Haus dicht neben'nem Salon. Wir wolln nicht 5ſammen nein gehen. Jeder einzeln! Gebt wohl Acht auf nich, wandte er ſich an Ellinor. Wir gehen nu zurück in'nen Saal, und ich werd in'ner andern Thür hinein gehen, und dahin folgt Ihr mer nachhr nach und Mr. Trumpet auch. Sie traten nun zurück in den Saal, wo unter der dort ben tobenden Luſtigkeit weder ihre 31 Abweſenheit noch ihr Kommen bemerkt ward, und vorſichtig einer nach dem andern arbeiteten ſie ſich durch das Gedränge und erreichten ungeſehen das Gemach von Teufelsliſe's Gemahl. Hier iſt der gewöhnliche Anzug von meiner Toch⸗ ter, die heut' da drin als'nen Engel iſt, den zieht über! ſagte der Mann. Schiebt die Kappe recht tief ins Geſicht, daß's Geſicht nicht recht z'ſehen iſt. So! Und nun will ich Euch ſagen, wie wir's Geld kriegen können. Da! fuhr er fort, und reichte Elli⸗ nor ein kleines ſchmutziges Stück Papier und ein Endchen Bleiſtift hin, Ihr könnt doch ſchreiben? Ja? Nun, ſo ſchreibt an irgend'nen Freund, daß rmorgen früh um vier Uhr mit'n zweihundert Pfund dem Mann folgen ſoll, der ihm's Briefel bringt, und daß Ihr nit eher z'rück kommen könnt, eh's Geld da iſt. Wollt Ihr? Ellinor bejahte es, und bei dem matten Schein einer Thranlampe, die der Mann ihr hinhielt, ſchrieb ſie mit zitternden Händen an Nordheim, und bat ihn mit der beſtimmten Summa dem Führer zu folgen und ohne Säumen, wenn ihr Leben zu retten einigen Werth für ihn habe. AAls ſie geendet und die Adreſſe Nordheims hin⸗ 4 zugefügt, nahm Trumpet, der ſich während des Schreibens eifrig mit dem Andern m⸗ das 32 Blatt und ſagte werd's hintragen, wenn er mir zehn Pfund mehr gebt! Ellinor verſprach es, und mit dem Verſprechen beim Tagesanbruch mit dem fremden Herrn an dem unter den Männern beſtimm⸗ ten Orte zu ſein, entfernte ſich Trumpet eilig. Un nu will'ch Euch ſagen, was'r zu thun habt! ſagte Teufelsliſe's Mann. Ihr ſeid nu de Tochter von'r Liſe, und wir gehn z'ſammen, ihr de Supp' z'bringen, was de Kitty heut von wegen dem Ball noch nicht gethan hat, un Ihr braucht mit keinem Andern ſprechen, oder verſteht Ihr's Roth⸗ wälſch? Nicht! Nu, ſo ſchweigt ſtill, ſonſt wirds gleich verrathen, daß'r'ne Fremde ſeid, und Euer Leben, und was noch mehr iſt, auch mein Leben iſt ſodann verloren. S ſteht Todesſtraf drauf'nen Fremden dar herein zu bringen! Kommt denn nu! Durch eine andre Thür gelangten ſie in einen finſtern Gang, und an deſſen Ende wiederum durch eine Pforte auf die Straße. Siiſt ſo dunkel, daß man nit Hand vor Augen ſehen kann, ſagte der Mann, und Ihr braucht kein Tuch um die Augen zu binden, denn was de Katz nit ſieht, kann ſie nit naſchen. Faßt mich an, und kommt.— Schweigend gingen ſie ſo neben einander, Gra⸗ besſtille vMn ſie her, nur aus den Hütten, an „ 33 deren Seiten ſie eilig dahin ſchlüpften, tönte hier und da das wilde Gekreiſche nächtlicher Orgien oder wahnſinniges Fluchen. Umſonſt horchte Ellinor in erbebendem Grauen auf irgend ein andres Zeichen, das ihr die Nähe geſitteter Menſchen und der Geſit⸗ tung überhanpt verkündete. Des Wächters Ruf wäre ihr wie eine Verheißung der Rettung und Sicherheit geweſen, aber auch dieſer Ton ließ ſich hier nicht ver⸗ nehmen, und das Schweigen dieſer grabesähnlichen, von keiner Lampe erhellten Nacht ward durch nichts unterbrochen. Ellinor erinnerte ſich wohl, oft von ienen berüchtigten Gegenden in London gehört zu haben, Gegenden, die zu betreten Todesgefahr bringe, wohin kein noch ſo tapferer Mann der Polizei, kein noch ſo beherzter Wächter ſich wage, wo das Laſter und das Verbrechen in geheimnißvollen Höhlen eine Stätte und einen Zufluchtsort habe, und wenn ſie bedachte, daß ſie allein, verlaſſen, ohne Hülfe und Beiſtand in eben dieſer Gegend ſei, ſo fühlte ſie ihr Blut in ihren Adern erſtarren und eine tödtliche Kälte zu ihrem Herzen rieſeln, und ſelbſt nicht der Gedanke an ihr Kind konnte ſie ſtählen gegen Schreckniſſe, vor denen ihre phyſiſche Natur erbebte. In ſolchen beängſtigenden Gedanken ſtörte ſie ihres Begleiters Stimme, der ſtillſtehend ſagte: wir ſind zur Stelle! Noch Eins, wenn er rein kommt L. Mühlbach. M. 3 34 und es begegnet Euch Jemand, ſo ſagt Ihr guten Abend, aber in unſerer Sprache. Das iſt das Ein⸗ 3 zige, was Ihr lernen müßt! S heißt: Kocherem Kocherem Raba! ich werde es nicht vergeſſen, ſagte Ellinor bebend. Der Mann ſtand wie lauſchend ſtill, und als man aus dem Innern jener ſchwarzen Höhle, vor der ſie ſtanden, dumpfes Geräuſch vernahm, mur⸗ melte er: S iſt gut! Sie ſind noch wach! Sodann ſich mit einer Art Feierlichkeit an Elli⸗ nor wendend, ſagte er ernſt: gebt Acht auf alles was ich Euch ſage, wenn Euch Eur Leben lieb iſt! S muß das Ausſehen haben, als wenn'r hier ganz bekannt ſeid, und ich darf alſo nit mit Euch gehen bis zu'r Halle, wo die Liſe iſt. Merkt auf, ich beſchreib's Euch! Wenn Ihr mit mir eintretet, geh'n wir z'ſammen den Gang'nauf bis zu der Haupt⸗ klingel, wo de Lampe brennt. Nehmt Euch in Acht, daß Ihr den Hacken nit berührt, der ſetzt alle Klin⸗ geln in nem Haus in Bewegung, s iſt de Allarm Klingel, und's ganze Haus wird wach. Hütet Euch! Dann ſchlagt Ihr Euch rechts! ſteigt den langen B Gang runter und drückt an der letzten Thür. Dann kommt Ihr in der Stube von ner Wächterin. Se wird ſchlafen. Wacht ſe auf, ſo ſagt Ihr: Kochetem — 35 Raba, und zeigt Ihr den Suppentopf, dann wird ſe Euch gehen laſſen. Ihr geht gerade durch in de andre Thür und dann ſeid Ihr bei der Liſe; dürft aber nit länger als'nen paar Minuten da bleiben, ſonſt wird's verdächtig. Und wo finde ich Euch, fragte Ellinor, wenn ich zurück kehre? Wenn Ihr wieder an der Allarmklingel ſeid, ſo hu⸗ ſtet und ich werd' kommen! Noch Eins. Sollt irgend nen Unglück paſſiren und Ihr entdeckt werden, ſo lauft ſo ſchnell Ihr könnt durch alle Gänge und hier zur Thür'naus. S iſt ſo dunkel, daß Niemand nicht Euch hier außen findet. Lauft dann immer grad aus. Ich werd' auf dieſen Fall die Hausthür nur anleh⸗ nen, nicht zudrücken, denn ſie iſt nur mit'ner Feder, und Niemand nicht, der nit kennt, kann ſie auf⸗ oder zumachen. Jetzt laßt uns gehen! Jetzt drück' ich an'ner Feder, da, die Thür iſt auf, denkt an Alls, was ſch geſagt. Zitternd, athemlos betrat Ellinor das geheim⸗ nißvolle Haus, und ſchwankte hinter ihrem Führer her den Gang hinab bis zu der Lampe, wo die Allarmglocke war. Hier winkte ihr der Kerl bedeut⸗ ſam zu, und ging links hinab, während Ellinor ſich nach der entgegengeſetzten Seite wandte. Der Vor⸗ ſchrift eingedenk, betrat ſie die bezeichnete Thür, und 3 36 war nun im Zimmer der Wächterin, die ſchnarchend auf ihrem Strohbett lag. Schon hatte Ellinor die entgegengeſetzte Thür, die zu der Hölle führte, faſt erreicht, als das Weib aus ihrem Schlummer auf⸗ fuhr und Ellinor mit wilden Augen anſah, und in ihr völlig unverſtändlichen Worten zu ihr ſprach. Kocherem Raba! ſagte Ellinor, und zeigte ihr den Topf hin, den ſie trug. Das Weib murmelte etwas, das Ellinor nicht verſtand, ſank auf ihr Lager zurück, und Ellinor trat nun durch die Pforte in die ſogenannte Hölle. Sie ſchanderte zurück vor der dumpfen verpeſte⸗ ten Luft, die ihr aus dieſem engen und niedrigen Raum entgegenſchlug, und halb ohnmächtig lehnte ſie ſich zurück an die Wand, mit zitterndem Blick den Raum überfliegend in dem ſie ſich befand, und der von einer trüben Thranlampe matt erhellt, ihr ein Bild zeigte, vor dem ihre Seele erbebte. Auf halb verfaultem Stroh lag in ſchmutzige Lumpen gehüllt, ein Weib, deſſen magere zuſammengeſchrumpfte Glie⸗ der hier und da unter den Lumpen ſichtbar wurden, und mehr einem Gerippe als einem belebten Körper tanzugehören ſchienen. Die entblößten ſchmutzigen Arme, die nur mit ſchrumpflicher Haut überzogene Knochen waren, hatte ſie unter ihren Kopf zurückgelehnt; die iefen in den Höhlen liegenden Augen waren geſchloſſen, 37 und das glanzloſe graue Haar hing in einzelnen dün⸗ nen Streifen herab über die eingefallenen erdgrauen Wangen, der zahnloſe Mund war geöffnet und ein geräuſchvolles Schnarchen verrieth, daß dies jammer⸗ volle Weſen ſchlummere.— Ellinor erinnerte ſich, daß ihr nur wenige Minuten des Bleibens vergönnt waren, und alle ihre Kraft zuſammen nehmend, ſchlich ſie hin zu der Schlafenden und berührte ſie leicht mit dem Fuß. Sogleich ſchlug das Weib die Augen auf, und Ellinor mit dem Topf in der Hand ge⸗ wahrend, verzog ſie ihren zahnloſen Mund zu einem widerlichen Grinſen, und ſagte: biſt Du da Kitty? Bringſt Branntwein? Schnell, ſchnell! Zitternd ſtreckte ſie die abgemagerten Arme aus, und Ellinvr, ihr den erſehnten Labetrunk darreichend, ſagte: ich bin nicht Kitty. Wer ſeid Ihr denn? ſagte das Weib gleichgül⸗ tig und trank in langen Zügen. Ich bin eine unglückliche Mutter, die gekommen iſt, Euch nach ihrem Kinde zu fragen! ſagte Ellinor mit weicher, bebender Stimme. Entſinnt Euch jenes kleinen Kindes, das man Euch vor fünfzehn Jahren brachte. Es war mein Kind! O, um Gotteswillen, ſagt mir, wo es iſt? Erbarmt Euch mein! Sagt mir, wo iſt mein Kind? De kleine Ellen meint Ihr? ſagte das theil⸗ N 38 nahmloſe Weib, und ſetzte einen Augenblick ab im Trinken, um aus ihren lebloſen grauen Augen Elli⸗ nor anzuſehen. Die kleine Ellen! Ja's war'nen hübſches Kind! War? fragte Ellinor. Lebt es nicht mehr? Sagt, o ſagt, wo iſt mein Kind? Trinkt nicht, nein, trinkt jetzt nicht, ſondern redet zu mir. Sagt mir, lebt mein Kind? Ich denk's wird leben! ſagte das Weib und trank weiter. Es lebt! es lebt! rief Ellinor freudig, ihr Auge leuchtete in einem Entzücken, wie ſie es ſeit Jahren nicht empfunden, und ihre ſchönen Züge verklärten ſich in ſeliger Frende. Mein Kind, es lebt! wieder⸗ holte ſie, mit vor Rührung erſtickter Stimme, und ihren Augen entſtürzten Thränen der heiligſten Wonne. Vergeſſen war das Gefahrvolle ihrer Lage, vergeſſen die Qual martervoller Tage, vergeſſen der ſchauer⸗ volle Ort, an dem ſie ſich befand und das grauen⸗ volle Weib neben ihr. Dies Weib war die Botin ihres Glückes, dieſer düſtere Ort ein ſtrahlender Tempel, ſie glaubte die Nähe Gottes zu empfinden, ſie fühlte ſich umweht von ſeinem Hauch; ſie faltete die Hände, und Herz und Blick gen Himmel erhoben, kniete ſie nieder und dankte Gott mit zitternder Lippe „ und wortloſem, gedankenreichen Gebet.— Und neben 39 ihr lag dies ſchmutzige entwürdigte Weib, nicht die Betende beachtend, nicht die Weinende verſtehend, nicht wiſſend, daß ſie es war, die dies Gebet und dieſe Freudenthränen hervorgerufen, und in thieriſchem Be⸗ hagen an jenem unheilsvollen Trank ſich erquickend, der der einzige Wunſch und die einzige Würze ihres Lebens war.— Als ſie ſich überzeugt, daß auch nicht ein Tropfen von ihrem lieben Getränk mehr im Topf, wandte ſie den ſtechenden Blick auf Ellinor hin, und ſagte: was habt Ihr denn? Was liegt Ihr an'ner Erden, und was wollt Ihr? Ellinor zuckte zuſammen bei dieſer Stimme, de⸗ ren ſpitzer heißer Ton ſie aus ihren Entzückungen und ihrem Gebet zurückverſetzte in die Gegenwart, und aufſtehend ſagte ſie: mein Kind lebt, ſagt Ihr? Wo aber, wo werde ich es finden? Wo iſt es? Das iſt ſchwer zu ſagen, erwiderte die Alte, und ich weiß's ſelber nit! Ihr wißt es nicht? ſagte Ellinor bebend, und wißt doch, daß es lebt? Das heißt, vor ſechs Jahren, als ich's zuletzt ſah, war's wohl und geſund, ſagte das Weib. Ellinor ſeufzte tief und ſchmerzvoll, und aus freudiger Hoffnung zurückgeſchleudert in hoffnungs⸗ loſen Schmerz ſenkte ſie ihr Haupt auf ihre Bruſt in peinvollem Weh. Gleich Moſes war ſie mit 40 beſtaubten Füßen und ſehnendem Herzen gewandert durch die Wüſte der Pein, hatte mit athemloſer Bruſt den Gipfel jener Höhe erklommen, hinter der das Para⸗ dies der Freude lag, und als ſie es vor ſich liegen ſah, in ſonniger himmliſcher Schöne dies lang er⸗ ſehnte Paradies, da war es verſchwunden hinter ge⸗ witterſchweren Wolken, die es ihrem todesmüden Blicke auf ewig verdunkelten.— Aber mitten in ihren pein⸗ vollen Gedanken, durchfuhr ein Schimmer von Hoff⸗ nung ihre Seele; es war noch nicht Alles verloren, hatte das Kind noch vor ſechs Jahren gelebt, mochte es auch heute noch leben, ſie fühlte Muth in ſich, um ſeinen Beſitz neue Gefahren und neue Schreckniſſe zu wagen, und haſtig fragte ſie: und wo ließet Ihr das Kind vor ſechs Jahren, als Ihr es, wie Ihr ſagt, zuletzt ſaht?* Ne ſchöne vornehme Dame hat's mir abgekauft, ſagte das Weib gleichgültig, und ſank trunken von reichlich genoſſenem Branntwein zurück auf ihr Lager. Eine Dame? fragte Ellinor, und hier in London? Ja wohl, in London, wo denn ſonſt? ſagte das Weib mit lallender Zunge. Nur noch Eins, noch Eins! bat Wie hieß jene Dame? Sie hat mir ihren Namen niemals nicht geſagt! 41 antwortete die Gefragte, des vielen Sprechens über⸗ drüſſig. Laßt mich in Ruh, ich will ſchlafen! Sie ſchloß die Augen, und ſchon nach einigen Sekunden ſchnarchte ſie hörbar. Ellinor aber richtete ſich hoch auf, und wie gekräftigt von einem innern feſten Entſchluß ſagte ſie leiſe: ich werde mein Kind finden! Eine vornehme Dame hat es gekauft, es iſt hier in London, ich werde es finden. Leichten, elaſtiſchen Schrittes verließ ſie den un⸗ heimlichen Ort, durchſchritt das Gemach der ſchnar⸗ chenden Wächterin unaufgehalten, und eilte den Gang hinab zu der bezeichneten Stelle. Auf das verab⸗ redete Zeichen kam ihr Begleiter vyn der andern Seite heran, und die Finger auf ſeine Lippen legend, zum Zeichen, daß ſie ſchweigen ſolle, ſchritt er vor ihr her, den Gang hinab, und durch die nur angelehnte Pforte traten ſie wieder hinaus auf die Straße. Ellinor trank in langen Zügen die laue Luft, die ſie ſtärkend umfächelte und ſie kräftigte, daß ſie rüſtig neben ihrem Begleiter herſchreiten konnte. Ihr ſeid verdammt lange geblieben, ſagte der Kerl, Gott verdamm mich, glaubt ſchon's wär' Alles verrathen. Wir werden z'thun haben, zu guter Zeit an'nem beſtimmten Ort zu ſein, wo wir Trumpet mit'nem Herrn, der's Geld bringt, erwarten wollen. 42 Nu, wir müſſen rüſtig vorwärts ſchreiten. Habt Ihr denn erfahren, was'r wiſſen wollt? Ellinor antwortete kurz und ausweichend, zu mannigfach waren die Gefühle, die ihre Seele be⸗ ſtürmten, als daß es ihr möglich geweſen ſich in ein Geſpräch einzulaſſen, und ſo ſchritten ſie lange ſchweigend neben einander her. Schon begann es zu tagen, das grauende Dämmerlicht des Morgens be⸗ leuchtete mit unheimlichem Dunkel die öde wüſte Ge⸗ gend, die ſie durchwandelten. Ellinor fühlte ſich matt, erſchöpft bis zum Tode, ihre Füße, angeſchwollen von dem weiten und ungewohnten Marſche auf dem harten Steinpflaſter, verurſachten ihr mnerträgliche Schmerzen, ihre phyſiſchen Kräfte waren aufgezehrt, ſie fühlte ſich einer Ohnmacht nah, und ſo war es ihr eine unerwartet freudige Verkündigung, als ihr Begleiter jetzt ſagte: da ſind wir am Ziel. Und ſeht, da iſt auch ſchon Mr. Trumpet, und in'ner ſchönen Kutſch, die dort hält, wird wohl der Herr ſein, der es Geld hat. Ihre letzten Kräfte zuſammenraffend, eilte ſie geflügelten Schrittes vorwärts, und jetzt trat ihr eine hohe männliche Geſtalt entgegen, und flüſterte leiſe— Lady Ellinor, ſind Sie es? Sie erkannte Nordheims Stimme, erkannte bei 43 dem ſchwachen Schein des Tages ſeine Züge, und mit einem Aufſchrei der Freude ſank ſie halb ohn⸗ mächtig in ſeine Arme. Behutſam und voll Ehrerbietung trug Nordheim ſie in den Wagen, und nachdem er den Männern die bedungene Geldſumme gezahlt, ſetzte er ſich neben Ellinor, und befahl dem Kutſcher, ſie nach Bond⸗ ſtreet zu fahren. Lange ſaßen ſie ſchweigend neben einander, Elli⸗ nor fühlte ſich erſchöpft bis zum Tode, ihre Glieder zitterten, ihre trockenen Lippen brannten in Fieber⸗ hitze und ihr Herz klopfte matt und beängſtigend in ihrer beklommenen Bruſt. Alles dies hatte ſie nicht empfunden, als Gefahr und Schreckniß ſie umgab, und ihr Geiſt ihre Kräfte emporhielt und aufſchnellte; mit der überſtandenen Gefahr ließ dieſe geiſtige Span⸗ nung nach, und doppelt fühlte ſie nun ihre phyſiſche Ermattung. Nordheim, ihr Schweigen ehrend, und ihre völlige Erſchöpfung gewahrend, vermied es, durch irgend eine Frage ſie aufzuregen, und ſo ſaßen ſie ſtumm neben einander im raſch dahinrollenden Wagen. Erſt als ſie nach ſtundenlangem Fahren Bondſtreet erreicht hatten, unterbrach Nordheim dieſe Stille mit der ehrerbietigen Frage: ob die Lady befehle, den Wagen an ihrem Hötel anhalten zu laſſen? Ellinor, die mit geſchloſſenen Augen ſich zurück⸗ 44 gelehnt hatte im Wagen, richtete ſich auf und blickte erſtaunt umher, ſie hatte im Geiſte ihr Kind geſehen, hatte in unabläſſigem Sinnen auf Mittel gedacht, es zu entdecken und zu erforſchen, und Nordheims Frage weckte ſie aus dieſen Betrachtungen, und rief ſie zu den Anforderungen der Gegenwart. Laſſen Sie einige Schritte vor meinem Hötel halten, ſagte ſie in bittendem Ton, ich werde, um Aufſehen zu vermeiden, dann zu Fuß weiter gehen. Ich fürchte, die Dienerſchaft wird noch ſchlafen, und es wird nöthig ſein, Lärm zu machen, damit man Ew. Lordſchaft öffne. Ich habe den Schlüſſel zur Seitenpforte bei mir, antwortete Ellinor, und Niemand wird mein Kommen bemerken.. Nordheim befahl jetzt dem Kutſcher zu halten, und der Lady beim Ausſteigen helfend, ſagte er leiſe, indem er einen Kuß auf ihre Hand drückte: Eine große und herrliche Erfahrung danke ich Ew. Lord⸗ ſchaft. und welche iſt dieſe? fragte Ellinor mit mattem Lächeln. Es iſt dieſe, daß es in der weiblichen Natur etwas Geheimnißvolles und Herrliches gibt, ja etwas Erhabenes und Göttliches, das von keinem Manne erreicht wird, dies iſt die Mutterliebe. * t — 45 Ellinor wiegte ſanft ihr Haupt, und ſagte: nen⸗ nen Sie nicht göttlich, was nur natürlich iſt, was das Weib mit dem Thier der Wüſte theilt! Die Löwin läßt nur mit ihrem Leben von ihrer Brut, und wenn man es ihr entriſſen, kennt ſie nicht Ge⸗ fahr und Schreckniß, in's Feuer ſelbſt ſtürzt ſie ſich muthig, um ihr Junges zu befreien. Das thut das wilde Thier, und ein Menſch, ein Weib ſollte weni⸗ ger wagen für ihr Kind? Mein Freund, eine Mutter wagt, was ſonſt kein Menſch; dies iſt Natur, das Gegentheil iſt Unnatur. So laſſen Sie mich anbeten dieſe heilige Natur, die ich ſeit lange zum Erſtenmal unverfälſcht in einem Weibe finde, erwiderte Nordheim ernſt. Eine ſolche Wahrheit der Empfindung iſt ein ſeltener Schatz bei einem Weibe. Sie läſtern, ſagte Ellinor, und nehmen das Eine zu tief, das Andere zu hoch; glauben Sie mir, jede Mutter hätte gethan, was ich gethan habe. Und hier, fuhr ſie fort, als ſie jetzt vor ihrem Hötel an⸗ gelangt waren, hier trennen wir uns heute. Ich bedarf der Ruhe und Erholung, bedarf vor Allem des Schlafs. Ich erwarte Sie morgen, um Ihnen die Ereigniſſe der letzten Tage mitzutheilen. Leben Sie wohl. Eilig ſchlüpfte Sie durch die geöffnete Pforte, und Nordheim, ihr nachblickend, flüſterte zu ſich ſelber, wie herrlich und erhaben iſt dies Gefühl der Mutter⸗ liebe, es iſt die Verklärung des Weibes, und alle ihre Tugenden entfalten ſich in dieſer Blüthe ihres Weſens. Was iſt die Liebe, die das Weib dem Ge⸗ liebten bringt? Nichts als Sinnenrauſch und Eitel⸗ keit, ein Meteor, das kaum leuchtend, ſchon zerplatzt, und ſich auflöst in ein weſenloſes Nichts. Dieſe Liebe aber der Mutter zum Kinde iſt ohne Sinne und ohne Begehren, nichts für ſich wollend, nichts für ſich begehrend, ohne Egoismus und ohne Eitel⸗ keit. O, du heilige, du erhabene Natur, warum ſchufſt du nicht blos die Mutter, warum das Weib? Unbemerkt hatte Ellinor ihre Gemächer erreicht, und ihr Schlafzimmer betretend, gewahrte ſie Betſy, die unausgekleidet ſchlummernd auf ihrem Bette lag, und bei Ellinors Berührung aus ihrem leichten Schlaf erwachend, mit einem freudigen Schrei vom Bett empor fuhr. O Ew. Lordſchaft ſind wieder da, jubelte die treue Dienerin und küßte ihrer Herrin Hand, der Himmel hat mein Gebet erhört, und Ew. Gnaben wohlbehalten zurückkehren laſſen; ach, ich habe auch geſtern den ganzen zu ihm gebetet für Ew. Gnaden. — — Hat Niemand meine Abweſenheit bemerkt? fragte Ellinor. Niemand, verſicherte Betſy, während ſie ihrer Herrin half die Kleider abzulegen. Gott, fuhr ſie fort, verzeihen mir Ew. Gnaden, aber die Kleider ſind ſo beſchmutzt, daß man glauben ſollte, Ew. Lord⸗ ſchaft ſei durch Schmutz und Koth gewandert, ach, und die Schuhe! Wahrhaftig, Ew. Gnaden ſind zu Fuß gegangen! rief ſie, ihre Herrin mit mitleidigem Blick betrachtend. Ellinor ſchauderte beim Anblick dieſer Gewänder und bei dem Dunſt, den ſie verbreiteten, und haſtig alles von ſich werfend, befahl ſie ihr, ſogleich in dem neben ihrem Schlafgemach befindlichen Bade⸗ zimmer ein Bad zu bereiten. Als dies geſchehen und ſie dann ſpäter in ihren ſeid'nen Betten ruhte, fühlte ſie, wie nie zuvor, das Behagen und die Gemächlichkeit des Reichthums und der Eleganz; es war das Erſtemal, daß ſie dies Alles entbehrt hatte, und mit mitleidigem Herzen be⸗ dauerte ſie nun die Armen, die ihr Leben lang ent⸗ behrten, was einige Stunden zu miſſen ihr ſchon ein unglück geſchienen. Dann wollte ſie noch ihres Kin⸗ des, ihrer Hoffnungen, es wieder zu finden gedenken, aber ihre Gedanken wurden unklarer, verworrene Bilder gaukelten an ihr vorüber, und bald ſenfte 48 ſich ein erquicklicher Schlummer auf ihre Augen⸗ lider.* Als ſie nach Stunden des tiefſten Schlafes er⸗ wachte, erinnerte ſie ſich plötzlich ihrer Nichte Effie, und ihrer Kammerfrau ſchellend, fragte ſie dieſe: ob Miß Effie ſchon wach, und ob dieſer nicht ihre geſtrige Abweſenheit aufgefallen ſei? 5 Die junge Lady hat geſtern den ganzen Tag über ihre Gemächer nicht verlaſſen, berichtete Betſy, und als ſie auf meine mehrmalige Anfrage an ihrer verſchloſſenen Thür, ob ſie nicht mindeſtens einige Speiſe verlange, immer gar nichts erwiderte, wagte ich nicht weiter ſie zu ſtören. Geh ſogleich zu ihr, ſagte Ellinor in einer ihr ſelber unerklärlichen bangen Ahnung, geh und bitte ſie, ſich zu mir zu bemühen. Betſy kehrte zurück und berichtete, daß die Thüre noch immer verſchloſſen ſei. So klopfe, bis man Dir öffnet, befahl Ellinor angſtvoll, und wenn dies nicht geſchieht, öffne mit dem Hauptſchlüſſel. Kurze Zeit war vergangen, als Betſy bleich und zitternd zurückkehrte, mit der Nachricht, das Fräulein befinde ſich nicht in ihren Gemächern, die Kleider, die ſie geſtern getragen, ſeien in der jungen Lady Zimmer, hingegen der Matroſenanzug, in dem ſie 6 3 6 * 2 49 gekommen, verſchwunden. Das Betttuch ſei zu einer Art Strickleiter benutzt, und hänge außen am geöff⸗ neten Fenſter, und ein Briefchen an Lady Landstown habe auf dem Tiſche gelegen. Ellinor nahm ihn mit zitternden Händen und las: Zürnet mir nicht, ihr Geliebten, wenn ich, un⸗ erwartet, wie ich kam, Euch wieder verlaſſe. Mein Schickſal treibt mich, ich folge ihm! Forſcht nicht nach mir! Wenn Ihr dieſe Zeilen lest, haben mich die Wogen ſchon weit abgetrieben von Alt⸗Englands Küſte, und Euer Ruf wird mich nicht mehr erreichen! Lebe wohl, Vaterland, Heimath, ich gehe, mir eine andere Heimath zu ſuchen, die Liebe treibt mich fort, die Liebe wird mich führen! Lebe wohl, Tante Ellinor, bete für mich!“ Ach, ſeufzte Ellinor, und ſank weinend zurück auf ihr Lager, ach, die Liebe iſt des Weibes Segen, aber auch des Weibes Fluch! Selten ein Glück, oft aber der zerſtörende Wurm, der an unſter Blüthe nagt und unſer Leben vergiftet! 2. Mühlbach. II. 4 III. Das Zuſammentreffen mit ihrem Gatten, Albert von Fahrenberg, hatte Aurelien tief erſchüttert, und als Nordheim, wenige Stunden nach ſeinem Zuſam⸗ menſein mit Lady Landstown, zu Aurelien kam, fand er ſie nach ruheloſer, fieberhafter Nacht, bleich und erſchöpft auf der Chaiſe longue ruhend. Ihre Augen aber leuchteten höher auf beim Anblick ihres heiß erſehnten Freundes, ein zartes Roth überhauchte ihre bleichen Wangen, und mit einem glücklichen Lie⸗ beslächeln reichte ſie Nordheim ihre Hand dar, der ſie an ſeine Lippen drückend, theilnahmvoll nach i Geſundheit fragte. Nicht mein Körper, meine Seele iſt krank, ſagte Aurelia heftig, ſie iſt bis zum Tode erkrankt bei dem Anblick dieſes verhaßten Mannes, den ich in tiefſter Seele verachte. Erinnerſt Du Dich, fuhr ſie in ge⸗ ſteigerter Aufwallung fort, jener Sage unſrer Heimath, nach der es Menſchen gibt, die durch ihr bloßes Anblicken andre Geſchöpfe vergiften, daß ſie hinſiechen 9 51 und ſterben? So hat dieſer Mann mit ſeinem böſen Blick, die Ruhe meiner Seele vergiftet und meinen Geiſt mit tödtlicher Krankheit behaftet. Und doch, ſagte Nordheim mit ſarkaſtiſchem Lä⸗ cheln, war es eben dieſer Blick, der Dich einſt ent⸗ zückte und Dir der Himmel auf Erden däuchte. O, rief Aurelia ſtürmiſch, Du biſt wie mein böſer Dämon, in alle Entzücku meines Herzens den Wermuth böſer Zukunftst um ießend und meine Empfindungen zu einer grinſe den Larve wandelnd. Nordheim, mein Engel biſt Du, und mein Dämon. Wenn Du mit Deinem Liebeswort mir den Himmel öffneſt, flüſterſt Du mir böſe Weiſſagungen von kom⸗ mendem Unglück entgegen und zeigſt mir in der Zu⸗ kunft eine Hölle der Qual. Ich ahne, ich ahne, daß durch Dich mir einſt viel Leid und Unglück kom⸗ men wird! Nordheim ſagte lächelnd: warum ſo ſtürmiſch und wild, Aurelia? Warum zürnſt Du? Nur weil meine Worte Wahrheit ſind, und weil dies Dich ſelber verletzt! Und dennoch iſt es gut, dieſe Wahrheit tief in Deine Seele zu ätzen, damit Dich die Zu⸗ kunft nicht rathlos und unvorbereitet finde. Lerne an Deinem eigenen Herzen die Geſchichte der Welt und des Lebens; Gefühle und Gedanken wogen in dieſem in ewigen Wechſelerſcheinungen auf und ab; was Du 4* 52 einſt liebteſt, haſſeſt Du jetzt, und ſo wird, was Du jetzt liebſt, auch in der Zukunft Dir anders erſcheinen. Dein Herz iſt wie Welt und Leben; Wechſel iſt überall und Vergänglichkeit, nichts iſt bleibend als der Wech⸗ ſel, nichts dauernd als das ewige Vergehen und Entſtehen. Und denke nicht, Aurelia, daß dies Wech⸗ ſeln unſrer Gefühle ein Mangel iſt und eine Schwäche des menſchli Nein, es iſt eine göttliche Kraft, es iſt ugend des Geiſtes, die ſich in dieſem ſteten ſel offenbart und aus vergehen⸗ den ſterbenden Blüthen den Keim zu neuem Daſein und Leben ſchöpft; es iſt die Kraft der That, die in ſchwellendem Jugenddrang das Alte verdrängt und das Neue ſucht, ſucht, weil ſie ſtrebt nach dem Voll⸗ kommenen und Erhabenen, und immer neu ſucht, weil ſie nirgend findet! Rede mir Niemand von Be⸗ ſtändigkeit, fuhr Nordheim eifriger fort, Niemand von Unveränderlichkeit; was da iſt, iſt halb ſchon geweſen, und nur, was ſein wird, iſt! Die Gegenwart iſt mit der wechſelnden Minute ſchon Ver⸗ gangenheit geworden, und nach Zukunft und Wechſel drängt und ſtrebt alle Gegenwart. In der Sekunde, die in geheimnißvollem Walten die drei größten Mo⸗ mente des Daſeins, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in ſich faßt, in dieſer Sekunde liegt die große und heilige Lehre alles Lebens und Daſeins, aller 53 Gefühle und aller Gedanken, und nur wer dieſe Lehre begriffen hat, erfaßt das Glück, erfaßt in der Sekunde die Freude der Gegenwart, klagt nicht, wenn ſie Vergangenheit geworden und erwartet von der wechſelnden Sekunde nicht das Bleibende der Ver⸗ gangenheit, ſondern den Wechſel der Zukunft! Wie Nordheim ſo ſprach, ſchaute Aurelia ihn an, ſtrahlenden Auges, hoch tlopfende erzens, ſie hörte kaum ſeine Worte u d nicht deren Sinn, ſie hörte nur, daß er ſprach, nur dieſe Stimme, deren voller melodiſcher Klang, gleich den Kladniſchen Sandkörnern alle Fibern ihres Herzens erbeben machte, ſie ſah nur ſeine hohe ſchlanke Geſtalt, und das Ange, das mit ſeinem dunklen Strahlen und Leuchten ihr ein Himmel däuchte, und die mächtige, gedankenvolle Stirn, und den Mund, der ſo oft den ihren geküßt; ſie ſah, ſie hörte nur ihn; aber ſie hörte nichts von ſeiner unheilsvollen Lehre, und ſah nicht, daß auch ſeine Liebe ſchon begann Vergangenheit zu werden. Als Nordheim ſich ihr näherte und leicht mit der Hand über ihre Locken fahrend, fragte: willſt Du ſchönes, ſtolzes, glühendes Weib, dieſe Lehre begreifen? Da ſagte Aurelia mit entzücktem Lächeln: begreifen will ich lernen, wie's nur ſein kann, daß Du, Du Er⸗ habener, Herrlicher, Du, vor dem meine Seele ſich beugt, in bewundernder Anbetung, Du, der das Ideal N 54 der Männlichkeit und göttlichen Menſchheit, daß Du mich lieben kannſt! Und lehren will ich alle Welt, daß empfangende und gebende Liebe das herrlichſte Glück iſt, ein Glück, um das uns die Engel beneiden müſſen, weil ſie es nicht vermögen, menſchlich zu lieben! Nordheim ſagte lächelnd: o Weiber, Weiber! nie zu überzeugende, unbegreifliche Weſen! Mit männ⸗ licher Feſtig t Ihr bei Euern Meinungen, und keines edtſamkeit vermag Euch zu überzeugen! Als urelia aber mit ſüß verlocken⸗ dem Liebeslächeln anblickte, konnte er ſich nicht ent⸗ halten ihre ſtrahlenden Angen zu küſſen, und an ihrem glühenden Herzen vergaß er, wenn auch nur auf Momente, ſeine Lehre und Weisheit der Vergäng⸗ lichkeit; der Dämon finſterer Prophezeiungen war gebannt von eines Weibes Liebe, und nicht gedenkend und achtend der möglichen Schreckniſſe einer Zukunft, genoß er in ungetrübtem Glück die Entzückungen der Gegenwart. Aurelia aber flüſterte unter Küſſen: ſchließt nicht ein ſolcher Moment das ganze Leben in ſich? Iſt er nicht Gegenwart und Zukunft?! Mag es, mag es ſo ſein, ſagte Nordheim wild, komm, laß mich von Deinen Lippen vom Lethe trin⸗ ken, der mich vergeſſen läßt, daß es eine Vergan⸗ genheit gibt. Nichts will ich wiſſen, als daß die Gegenwart ſchön iſt in Deiner Umarmung! 55 Als bald darauf durch den Diener Aureliens Arzt gemeldet ward, nahm Nordheim Abſchied von Auxelien und erwiderte auf ihre Bitte: bei ihr zu bleiben:'s gibt Momente, wo jedes Wort, das man zu Fremden ſprechen muß, Einem eine bedrückende Laſt iſt. Und wenn nun eben jetzt bei mir ein ſolcher Moment iſt, warum ſollte ich mir eine Bürde auf⸗ legen, die ich vermeiden kann, während doch das Leben mit ſeinen Satzungen uns ohne dies ſchon genug der unerträglichſten Laſten aufzwingt! Laß mich gehen! Er küßte ſie leicht auf die Stirn und entfernte ſich eilig. Ermattet von der ruheloſen Nacht, und mehr noch von den aufregenden Gefühlen ſeines eig⸗ nen Innern, fühlte er, daß er der Ruhe bedürfe, und kehrte zurück in's Lodging⸗Haus. Am Room vorbeigehend, vernahm er drinnen lebhaftes Sprechen und Durcheinanderreden. Er trat einen Augenblick ein, und als er dort Armand und Giuſeppo, umge⸗ ben von einer Anzahl Männer fand, entfernte er ſich, froh, von den Erſteren nicht bemerkt worden zu ſe eilig, und die Treppe, die zu ſeinem Gemach führte, hinaufſchreitend, flüſterte er zu ſich ſelber: es ſind Refügié's und franzöſiſche Flüchtlinge, und ich meine in ihren wilden triumphirenden Mienen zu leſen, daß ihr toller Plan bald ſeine Reife erlangt hat. So trat er in ſein Gemach, und niederfinkend und als der Diener meldete, daß eingeſpannt, eilte ſie hinab zum Wagen und befahl nach Leadenha brachte, der Sin ert ſei zu Hauſe und in ſeinem Zimmer, 56 6 auf die ſchwellenden Polſter des Divans umfing bald ein erquicklicher Schlummer ſeine müden Augen, und gaukelnde Bilder des Traumes zauberten ein Lächeln über die ſchönen Züge des Schlummerden.— Als der Arzt Aurelien verlaſſen, ſchellte ſie heftig ihrem Diener, und befahl, ſchleunigſt einzuſpannen. Während die Kammerfrau mit Hut und Shawls herbeieilte, ging Aurelia in unruhiger Bewegung im Zimmer auf und ab; zuweilen ſtillſtehend und halb⸗ laute, unverſtändliche Worte murmelnd, dann wieder mit ſchnelleren Schritten auf- und abwandelnd, ſchien ihre Seele in einem innern Kampf begriffen, und ihre kummervollen Mienen verriethen, daß dieſer nicht erfreulicher Art. Dann ſagte ſie feſt und entſchloſſen es iſt am beſten ſo! Jeder Aufſchub vermehrt meine Qual. Und warum, fuhr ſie mit einem bittern ſpotti⸗ ſchen Lächeln fort, warum ſollte ich nicht gehen, ihn aufzuſuchen, ihn, der zum Fluch meines rhellen Gatte war? Daß er es nicht länger iſt, will ich gehen und das ſogleich. Sie nahm Hut und Shawls, Street in's Lodging⸗Haus Nro. 70. zu fahren. Dort angelangt, mußte der Diener die Wirthin nach Herrn von Fahrenberg fragen, und als dieſer die Nachricht 57 ein Treppe hoch Nro. S., verließ Aurelia den Wagen, befahl dem Kutſcher in einer Stunde zurückzukehren, und trat in's Haus. Feſten Schrittes ging ſie die Treppe hinauf, aber an der bezeichneten Thüre an⸗ gelangt, fühlte ſie es wie einen Krampf in ihrem Herzen, es ſchwindelte vor ihren Blicken, und ihrer Sinne kaum mächtig lehnte ſie ſich faſſungslos zurück an die Wand.„Es muß, es muß geſchehen, flüſterte ſie athemlos, noch einmal müſſen meine Augen ihn ſehen, damit es das Letztemal ſei.“ Sie richtete ſich auf; bebend und erzitternd öffnete ſie leiſe die Thür und trat in das Gemach ihres Gatten. Da ſaß er, den Rücken ihr zugewandt, das Haupt in ſeine Hand geſtützt, ſtumm und regunslos, verſenkt in tiefernſte Lehanen die ihn das Geräuſch von Aureliens Ein⸗ berhören iehen. Sie fühlte nicht die Kraft gehen, und ſich zhnen an die Wand, auchte ſt matt:„Albert!“ Er wandte langſam den Kopf nach ihr hin und ſagte; biſt Du ſchon da? Ich erwartete Dich! Dann ſtand er auf und hatte doch nicht den Muth, ihr entgegen zu gehen. Er mußte ſich an einem Seſſel halten, um nicht umzuſinken, und konnte nur mit flehenden ſchüchternen Blicken hinſchauen auf die, welche doch ſein Weib war, und die ſchweigend, athemlos wie er, wenige Schritte entfernt, ihm 58 gegenüber ſtand, ſtolz und kalt, und ſeinem Auge mit einem ruhigen, faſt verächtlichen Blicke begegnete. So ſtanden ſie da, lautlos, ſtumm, die auf ewig Getrennten, und doch durch Eid und Geſetz zu ein⸗ ander Gehörenden, ſo ſtanden ſie und blickten ſich — an, und ſchienen Einer in des Andern Geſicht, in den durchfurchten und gramerfüllten Mienen, die traurige Geſchichte jahrelanger, nicht gealterter Pein zu leſen. Gleich Bildern und Geſichten zogen an ihrer Seele dieſe Jahre mit ihren Schreckniſſen und ermattenden Qualen vorüber und führten ſie in zau⸗ berhaftem Wechſel zu längſt verklungenen Tagen, zu jenen, wo ſie einander liebten, und wo das Weib ſich an des Gatten Bruſt ſchmiegte und Beide Schwüre wechſelten, ewiger Liebe, ewiger Trene. Wie ver⸗ ſchieden aber war bei Beiden die Wirkung dieſer G danken, die doch dieſelben waren! Aurelia und fühlte ihren Haß und Abſchen gegen de r ihr gegenüber ſtand, noch vermehrt, und dieſer te ſein Herz ſich weit öffnen in tiefer beſeligender zehmuth; er ſagte zu ſich ſelber, dieſe Tage könnten wiederkehren und das Glück mit ihnen, ſie ſeien ja Beide da, Gatte und Gattin, und gehörten einander in unauflöslichem Bunde. Nun ward ihm ſein Herz ſo groß und weit, nun glänzte ſein Auge in freudiger Hoffnung, und er breitete die Arme aus und ſagte, „ 59 mit vor Rührung erſtickter Stimme: Aurelia, mein Weib, komm an mein Herz! Aurelia ſchreckte zuſammen bei dem Ton ſeiner Stimme, ſie ſchauderte vor den Worten, die er ge⸗ ſprochen, hoch und ſtolz aufgerichtet, zürnend und kalt, ſchritt ſie durch das Gemach bis zu ihrem Gat⸗ ten hin, und ſagte ruhig und feſt, ihn anſchauend mit Blicken, vor denen er die ſeinen zu Boden ſenkte: ſprichſt Du im Schlaf, Albert? Wache auf, und beſinne Dich! Gedenke, daß Dein Weib im Grabe liegt, und daß Du es warſt, der ſie tödtete! Kein, nein! rief er heftig, dies war ein Traum, ein böſer, ſchauervoller Traum! Jetzt bin ich erwacht und ſehe Dich, Dich mein Weib, lebend, athmend, S meine Seele jauchzt in Glück und Freude. Nein, nicht zürnend an, fuhr er fort, ſchüttle nend Dein ſchönes Haupt. Du biſt mein Du weißt, daß es ſo iſt, Du weißt, daß Du vor Gottes Altar mir gelobt, mit heiligem Eide gelobt, Dein Leben lang mir anzugehören. Du lebſt, Du biſt mein. Dieſe Hand, ſie gehört mir! Als er ihre Hand nehmen wollte, wehrte ſie ihn heftig von ſich und ſagte: hinweg! Berühre mich nicht! keine Gemeinſchaft iſt zwiſchen uns! Du biſt, Du bleibſt mein Weib! rief er heftiger und aufgeregter.. 60 Elender, ſchwacher Menſch, ſagte ſie mit ſchnei⸗ dender Kälte, willſt Du zu Deinem Beiſtand Geſetze beſchwören, die in ihrer fluchwürdigen Beſtimmung mich zwingen ſollen, Ketten zu tragen, die ich ver⸗ abſchene? Pfui über den Mann, der Geſetze zu Hülfe ruft, die in ihrer Unnatur feſſeln wollen, was getrennt iſt, und ewig getrennt ſein muß. Du ſprichſt von Eiden, die wir vor Gott gewechſelt! Wehe Dir und mir, daß es ſo iſt, wehe, daß ich in Unverſtand und Jugend Gelübde gethan, deren Sinn ich nicht verſtand, wehe Dir, daß Du ſie angenommen! Siehe, in dieſer Stunde umſchwebt mich der Geiſt meines Vaters, der geſtorben iſt aus Gram um mich, und deſſen Warmng ich nicht hören, deſſen Bitte ich nicht beachten wonte Es aber erfüllt, was er geſprochen, und jener Sch einer n langen Nacht auf die kaum enſeteten 8 Blüthen meines Herzens gelegt und alle in ihrem Keim zerſtört, daß mein Herz zu einer Oede gewor⸗ den, in der auch nicht eine Blume der Freude mehr ſprießt. Meinen Glauben und meine Zuverſicht, meine Hingebung an die Menſchheit und mein Vertrauen auf Gott hat er zerſtört, dieſer unheilsvolle Schwur, und lehrte mich nur zweifeln an der Menſchheit, — 61 zweifeln an Gott, der ſolche Gelübde geboten. Aus der Heimath trieb er mich fort, dieſer Schwur, und eine Heimathloſe, Namenloſe, irrte ich umher in der Fremde, das Licht des Tages vermeidend, damit nicht eines Freundes Auge mich ſehe und die Geſtorbene erkenne als eine noch Lebende, damit ich nicht zurückgeſchleudert würde in ein Leben mit Dir, zu dem jener Schwur mich verdammte, und deſſen Ende ich mit meinem Herzblut erkaufte, mit meinem Herzblut, das Du vergoſſen hatteſt! Hör' auf, hör' auf! flehte Albert, erbebend vor dem furchtbaren Ton ihrer Stimme, und vor dem zürnenden Blick, mit dem ſie ihn anſah. Aurelia aber fuhr fort: und nun, da ich nach jahrelanger Pein, verſchmachtend, verzweifelnd, eine heimathloſe Pilgerin ruhelos die Wüſte und Oede der Qual durchwandert bin, und endlich, endlich zu ihrem Ausgang gelangt, mit wunden Füßen und ermattetem Herzen ruhe von meiner Pein, und mich erhole von grauſenhafter Wallfahrt, nun, da ich kaum wieder Kraft gefunden zu leben, da die erſten Keime eines neuen Frühlings ſich in mir nach ſo öder, langer Winternacht kaum zu regen beginnen, nun kommſt Du, mich zu mahnen an jenen Schwur, der mich vernichtete, und mich zurückzuſchleudern in einen Abgrund, dem ich mit Todesgefahr, faſt 62 verblutend, entronnen bin?! O wie armſelig muß ein Mann ſein, der durch Geſetze ein Weib, das ihn verabſcheut, an ſich feſſeln kann, wie armſelig müſſen die Geſetze ſein, die ihm dies geſtatten können! Wie ſie, todesbleich und zitternd, ſich abwenden wollte, nahm Albert ſanft ihre Hand und ſagte flehend: höre mich, Aurelia, ſei es das letzte Mal, wenn Du es willſt, aber höre mich erſt, und dann entſcheide! Sprich, ſagte ſie kalt und gebieteriſch. Albert fuhr fort: es iſt wahr, Aurelia, Du haſt gelitten, aber auch ich! Wir Beide machten Einer des Andern Unglück, und nun laß uns ein⸗ ander verſöhnt die Hände reichen und einander unſre Thränen trocknen. Aurelia, furchtbar waren meine Leiden, und oft in gemartertem und gramerfülltem Herzen meinte ich dieſes Leben enden zu müſſen. Wenn ich dann die Hand ausſtreckte nach der Waffe, und wenn bei dem Gedanken an den Tod ich meine Pulſe frei und freudig klopfen fühlte, da durchzuckte mich der Gedanke an Dich, und ein Racheengel ſah ich Dich in ſchauderndem Geiſt herniederſteigen in meine Gruft, und auch dort aus meiner Ruhe mich aufſtacheln zu nie ermattender Pein. Dann warf ich die Waffe von mir und beſchloß zu leben, und durch Reue meine Schuld zu ſühnen! Kennſt Du die Qual der Reue? Nein, Du kennſt ſie nicht, — 63 denn Dein Leben war ſchuldlos und Du hatteſt nichts zu bereuen. Du kennſt nicht dies marternde Gefühl, das jede Stunde des Tages vergiftet, das mit Scor⸗ pionenbiß uns weckt aus dem Schlummer der Nacht, und in geſpenſterhaften Erſcheinungen Vergangenheit zur Gegenwart macht. Du kennſt ſie nicht dieſe Qual, gleich dem Siſyphus mit immer neu aufge⸗ ſtachelter Kraft der Verzweiflung den Fels der Vor⸗ würfe hinweg zu wälzen von unſerm Herzen, und doch immer neu ſeine erſtickende Wucht zu empfinden. O entſetzlich, entſetzlich iſt eine ſolche Reue! Sie dringt, ein ſicherer und geſchickter Minirer, in die geheimſten und unergründlichſten Schlupfwinkel und Tiefen unſerer Seele, und unſer Herz untergrabend und aushöhlend, macht ſie, daß es zuſammenbricht; ſie ſchleicht ſich, ein ätzendes Gift, in unſere Ge⸗ danken, und dieſe zerſtörend, bleibt nichts zurück als ſie ſelber, und allein, ganz allein mit ihr, umſchlei⸗ chen uns Geſpenſter der Vergangenheit, umrauſchen uns ſchauerliche grinſende Larven und flüſtern uns zu, was wir gethan, und wofür wir leiden, und enge und immer engere Kreiſe ziehen ſie mit zauber⸗ haftem Weben um uns her, wir wollen entfliehen und vermögen es nicht; Hohnlachen um uns her und ſataniſches Geflüſter des Spottes; ſtürze auf die Kniee, verſuche zu beten; ha, die Geſpenſter entfliehen nicht 64 vor Deinem Gebet; nein, ſie ſind mächtiger als dieſes, und wiſſen es mit ihrem Geflüſter zu ſtören und zu unterbrechen; fliehe hinaus in die Welt„ über Meere und Länder folgen ſie Dir, und wenn Du in irgend einem Winkel der Erde mit gelähmter Kraft hinfinkſt zu ruhen, ſo ſind ſie da, neben Dir, um Dich, und lachen und grinſen, und flüſtern wie zuvor, und zerfleiſchen, ein immer reger Geier, Deine Bruſt! Während er ſo ſprach, nahmen ſeine Züge einen ſchauerlichen Ausdruck an, ſeine bleichen Wangen rötheten ſich, ſeine Lippen bebten„ein wahnſinniges, unheimliches Feuer leuchtete aus ſeinen weit aufge⸗ riſſenen Augen, ſeine Stimme hatte einen ſo ſelt⸗ ſamen, hohlen und ſcharfen Klang, daß ſelbſt Aurelia zuſammenbebte, und als er, bei ſeiner furchtbaren grellen Schilderung ſcheue und angſtvolle Blicke im Gemach umherwarf, als fürchte er auch jetzt die Nähe jener Geiſter und Geſpenſter, da erkannte Aurelia mit erbebendem Herzen, daß es ein Wahn⸗ ſinniger war, der zu ihr ſprach.— Vielleicht mochte ihre Phantaſie das Uebel vergrößern, oder dieſe An⸗ fälle waren ſchnell vorübergehend; Albert erholte ſich bald, und nachdem er einige Minuten bewegungslos und ſchweigend da geſtanden, wiſchte er den Schweiß, der in großen Tropfen an ſeiner Stirn hing, ab, und ſagte mit ganz veränderter, zitternder Stimme: 65 ſolche Qualen ſind mein, Aurelia, ſind in langen Jahren meine Nahrung und Speiſe geweſen. O, laß es genug ſein! Du lebſt, biſt da, ich habe Dich nicht getödtet; ich bin kein Mörder mehr! Wie neuen Lebensathem fühle ich es meine Bruſt durch⸗ wehen, und meine Seele regt ihre Schwingen in jugendlicher Kraft. Nimm meinen Dank für Dein Leben, und laß mich weinen, zu Deinen Füßen weinen! Er ſtürzte nieder zu ihren Füßen, und das Geſicht in ihren Kleidern verbergend, ſchluchzte er laut. Aurelia aber ſagte ernſt und ruhig: ſtehe auf und ſei ein Mann! Was ſollen die Weiber thun, wenn die Männer ihnen ihr einziges Vorrecht auch noch entreißen, das Vorrecht, über ihr Unglück zu weinen? Stehe auf und ſei ein Mann! Wäre ich es früher geweſen, damals, als Du mein Weib wardſt, klagte Albert, nimmer wäre es ſo gekommen. O jetzt weiß ich Alles, ſehr klar Alles wie es war, und wie es hätte ſein müſſen. Ein erhabenes und großes Weib, wie Du warſt, for⸗ derteſt Du von Deinem Manne einen Mann, ein Weſen, zu dem Du aufblicken, das Du verehren, ia, vor dem Du zittern mußteſt. Ich aber war nicht mehr wie Du; Du blickteſt zu mir hernieder, und durchſchauteſt die Schwachheit meines Weſens; ich L. Mühlbach. II. 5 66 war ein Selave meiner Leidenſchaften, kein Mann, und darum verachteteſt Du mich! Du haſt Recht, ſagte Aurelia, und weil Du es alſo erkennſt, wirſt Du auch fühlen, daß wir ge⸗ trennt ſind auf ewig! Laß uns denn auf Mittel ſinnen, uns nie mehr zu begegnen. Nein, nein, flehte Albert, laß Dich verſöhnen! Sei wieder mein! Um der Leiden willen, die ich Jahre lang um Dich geduldet, habe Erbarmen und ſei wieder mein! Aurelia lächelte bitter, als ſie ſagte aus Er⸗ barmen ſoll ein Weib dem Manne folgen? Und wenn Du niedrig genug dächteſt, ſolches wünſchen zu können, ſo denke ich zu hoch von meiner eignen weiblichen Natur, um an einen ſolchen Mann mich wegzuwerfen! Lehre mich, wieder ein Mann ſein, laß mich, entnervt wie ich bin von Kummer und Leid, durch Glück Kraft gewinnen und Muth, und ich werde wieder ein Mann ſein! Aurelia ſagte: der, den das Unglück entnervte, ſtatt ihn zu ſtählen und zu kräftigen, war nimmer ein Mann, und kann niemals ein ſolcher werden. Ein echtes Weib aber liebt nur einen echten Mann, ein Weſen, vor deſſen erhabener göttlicher Natur ſie ſich neigt, deſſen Uebermacht ſie anerkennt, und vor 67 * deſſen Kraft ſie leiblich und geiſtig zuſammenſinkt. Solch ein Weſen gefunden zu haben, iſt ein ſeltenes und himmliſches Glück, und daß es mir zu Theil geworden, beſeligt und erhebt mich über mich ſelber! Glaubteſt Du noch an die Möglichkeit, mich zu Dir zurückzuführen, ſo wiſſe denn, daß ich einen Andern liebe, daß ich geliebt werde, daß ich ſein bin mit meiner Seele und meinem Leibe, und daß nichts mich von ihm zu trennen vermag! Albert ſchreckte zuſammen und ſagte wild: Du, die Du mein Weib biſt— Entſinne Dich, unterbrach ſie ihn ſtreng, daß Dein Weib lange ſchon geſtorben iſt! Gehe hin und ſuche in einſamer Gruft den Sarg, in dem ſie be⸗ ſtattet iſt! Ich, eine Geſtorbene, bin eine Neuge⸗ borne, Du haſt kein Recht mehr an mich! Albert antwortete nichts, ſondern ſtieß nur ſchwere Seufzer aus, die ertönten, wie das Geſtöhne eines Sterbenden, einige Male ging er mit großen Schrit⸗ ten im Zimmer auf und ab, dann drückte er ſeine Stirn an die Wand, als wollte er ihre Gluth kühlen, und ächzte laut. Aurelia fuhr fort: ich bin gekommen, um mit Dir zu überlegen, was zu thun ſei! Unſere Wege dürfen nicht neben einander ſein, und ſollte ich den Tod herauf beſchwören, mich von Dir zu trennen, 5 X 68 „ wir müſſen getrennt ſein! Keine Gemeinſchaft darf ſein zwiſchen mir und Dir, und nicht ſoll mich die Furcht quälen dürfen, einmal wieder Deinem Ange⸗ ſicht zu begegnen. Fühlſt Du, daß eine Schuld gegen mich auf Deiner Seele haftet, wohlan, der Moment iſt gekommen, wo Du ſie ſühnen kannſt. Sage wie, wie? ſagte Albert tonlos. Gehe fort von hier, antwortete Aurelia faſt bittend, kehre zurück nach Deutſchland, ſchwöre in meine Hand, nie wieder England zu betreten, nie⸗ mals ſich ſeiner Küſte zu nähern, ſchwöre mir dies und ich will Dir vertrauen und zum Erſtenmale glau⸗ ben, daß Du ein Mann biſt, ein Mann, dem ſein Wort heilig iſt. Brauchſt Du Geld, Schätze?! nimm! die Hälfte meines Vermögens iſt Dein, ich will es in gerichtlicher Akte Dir geben, nur laß mich Dein Angeſicht nie wieder ſehen, Deine Stimme nie wieder hören, laß mich vergeſſen, daß Du lebſt! Willſt Du dies thun? Albert, der bis dahin immer noch, die Stirn an die Wand gedrückt, bewegungslos dageſtanden, wandte ſich um bei dieſer Frage und ſchaute Autelien mit troſtloſen, verzweiflungsvollen Blicken an. Sein Ge⸗ ſicht hatte eine fahle Bläſſe angenommen, ſeine Kniee ſchlotterten, er öffnete die Lippen, um zu ſprechen, und vermochte es nicht, und ſtarrte nur aus glanzloſen 5 69 Augen Aurelien an. Sie tonnte es nicht ertragen, und heftig auf ihn zugehend, legte ſie einen Arm auf ſeine Schulter und ſagte feierlich: ich beſchwöre Dich, wenn Du ein Mann biſt und kein unmündiges Kind, ſo antworte mir! Willſt Du thun, was ich fordere? Laß mich jetzt, bat er kraftlos, meine Sinne verwirren ſich, und meine Gedanken erſterben. Geh, geh von hinnen, ehe die finſtre Stunde über mich kommt. Erwarte mich in einer Stunde in Deinem Hötel. Aber jetzt eile! Wieder nahmen ſeine Züge jenen wilden, wahn⸗ ſinnigen Ausdruck an, ein unheimliches Lächeln flog über ſein fahles Geſicht, er ſchlug ſich die Bruſt mit ſeinen zuſammengekrampften Händen, und winſelte und heulte laut. Aurelia entfloh eilend aus dem Gemach, und erſt als ſie die Stiegen herab war, blieb ſie ſtehen, Athem zu ſchöpfen. Da drangen an ihr Ohr die Laute einer heißgeliebten Stimme, und klangen ihr wie eines Engels Friedensgruß, ſie wandte ſich hochaufathmend und lächelnd um und blickte in Nordheims ſtilles ſchönes Angeſicht; er hatte ihre vor der Thür harrende Equipage erkannt, und den Zweck ihres Beſuches ahnend, ſie erwartet, um ſie zurück zu geleiten in ihr Hötel. Schweigend bot er ihr den Arm, ſie zum 70 Wagen zu führen, und erſt als ſie neben einander ſaßen und dahin rollten nach Aureliens Wohnung, brach er das Schweigen und ſagte mitleidsvoll: armes Kind, wie zerſtört Deine Züge ſind, und wie bleich Dein holdes Angeſicht! Sie lehnte ſich an ſeine Bruſt und ſagte matt: laß mich ruhen an Deinem ſchönen, großen Herzen, laß mich Dein Ange ſehen und Deine Stimme hören, damit ich vergeſſe, was ich ſo eben und ge⸗ hört. Es war ein ſchwerer Gang, ſagte Nordheim, ihre Wange ſtreichelnd, und nur eine Heldin konnte ihn unternehmen. Siehſt Du, Aurelia, ich habe mich nicht in Dir geirrt, und Du biſt in Wahrheit das große Weib, an welches ich bei Dir glaubte. Du haſt den Muth der Gefahr und der Entſcheidung entgegen zu gehen, und wirſt auch die Kraft haben, das Unglück zu überwinden. Nur muß es nicht von Dir kommen! ſagte ſie und küßte ſeine Hand. Der Wagen hielt, und nachdem Aurelia dem Bedienten befohlen, keinen Beſuch zu melden, nur wenn Herr von Fahrenberg komme, ihn ſogleich vor⸗ zulaſſen, folgte ſie Nordheim in ihre Gemächer. Von Nordheims Arm umfangen und getröſtet von ſei⸗ nen milden Worten, erzählte ſie ihm die traurige * — Nordheim, als ſie ihm geſchildert, in welchem Zuſtande ſie den Unglücklichen verlaſſen, ſagte ernſt: Du haſt Recht, ihn zu verachten! Wie klein muß ein Menſch ſein, der nicht die Kraft hat, ſein Ge⸗ ſchick zu ertragen und zu überwinden, wie niedrig eine Seele, die der Reue unterliegt, anſtatt ſie zu bezwingen. Die wahre und echte Reue kennt keine Thränen und keinen Gram, ſie iſt voller Frendigkeit und Thatkraft, und ſchafft ſo aus dem Erkennen des Unrechts den Drang zum Rechten, und aus dem Böſen das werdende Gute. Die wahre Reue errichtet durch Gegenwart und Zukunft die Vergangenheit durch That und Kraft, während dies Weinen und Selbſtzerfleiſchen mit Vorwürfen, das man ge⸗ wohnt iſt, Reue zu nennen, gar keine That, keine Zukunft hat, ſondern nur kraftlos immer wieder die Vergangenheit durchlebt und einen reuigen Sünder dieſer Art durch ſich ſelber immer⸗ mehr entwürdigt und verderbt. Während ſolcher Geſpräche blickte Aurelia von Zeit zu Zeit ängſtlich nach der Uhr, und als ihr der fortrückende Zeiger verkündete, daß die Stunde abge⸗ laufen, ſchmiegte ſie ſich an Nordheims Bruſt und flehte verlaß mich nicht, ach, laß mich nicht allein 72 mit ihm! Die Stunde iſt abgelaufen, und ird er kommen! Bald hernach meldete der Diener Herrn von Fahrenberg, und Aurelia, bleich und bebend, befahl ihn einzulaſſen. ½ IV. Albert trat herein, und an der Thüre ſtehen bleibend, blickte er aus hohlen, glanzloſen Augen auf Aurelia hin, die unwillkührlich Nordheims Hand er⸗ faßte, als wolle ſie Schutz ſuchen bei ihm. Albert ſchaute ihr zu, und dann fragte er tonlos: nicht wahr, der iſt's, den Du liebſt? Aurelia erwiderte feſt: er iſt es! Er nickte zuſtimmend und ſagte: Gut! Eine lange Pauſe folgte, eine ſchauerlich grau⸗ ſige Stille, die Keiner von ihnen zu unterbrechen wagte, und in der Alberts ächzende Seufzer unheim⸗ lich laut erklangen. Dann durchſchritt er langſam das Gemach zu Aurelien hintretend, und der Schall ſeiner Schritte machte ſie erbeben. Nun ſchaute er ſie an, lange und ſchweigend, Wehmuth und Trauer, Zorn und Verzweiflung flogen in wechſelndem Aus⸗ druck wie vorübereilende Wolken durch ſeine Züge, bis zuletzt die Wehmuth die Oberhand gewann, und er in Aureliens Anſchauen verloren leiſe, wie zu 5*2 74 ſich ſelber ſagte: wie ſchön, wie erhaben! Wie liebe ich ſie ſo heiß, nun, da ich ſie auf ewig miſſen ſoll, zum zweiten Male miſſen! Wieder ſchwieg er und blickte ſie an, ſo innig und wehmuthsvoll, daß Aurelia es nicht ertragen konnte, und das Geſicht in ihren Händen verbarg. Du entziehſt Dich mir auch noch im letzten Mo⸗ ment, ſagte er klagend, und fuhr dann gefaßter fort ich komme, um Abſchied zu nehmen! Aurelia ließ die Hände von ihrem Geſicht glei⸗ ten und ſagte faſt freudig; ſo gehſt Du ein Hf mei⸗ nen Wunſch? Albert lächelte bitter bei ihrer lebhaften Frage und antwortete: Ja, ich erfülle Deinen Wunſch, Du ſollſt mein Antlitz nie wieder ſehen und nie wieder meine Stimme vernehmen. Wohin gedenkſt Du zu gehen? Albert ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er: die neue Welt ſoll mich aufnehmen und mir ein neues Leben geben! Und ich hoffe, Du nimmſt mein Anerbieten an, ſagte Aurelia, und theilſt mit mir, was ich beſitze? Fahrenberg machte eine abwehrende Bewegung und erwiderte:„ich bedarf deſſen nicht!“ Dann trat er dicht zu Aurelien hin und fragte weich: Aurelia, biſt Du nun verſöhnt? Willſt Du mir nun zu dem 3 75 langen Wege, den ich zu wandeln habe, Deine Ver⸗ zeihung mitgeben als Troſt und Stärkung? Willſt Du vergeſſen, was Du durch mich gelitten, vergeſſen, daß ich Dich um Deinen Frieden, um Deine Jugend betrog? Aurelia, fuhr er fort und ſank vor ihr nieder, willſt Du vergeſſen, daß ich Dein Blut ver⸗ goß? Willſt Du den Fluch von mir nehmen, den einſt Deine erſterbende Lippe ſprach? Willſt Du verzeihen? Aurelia war aufgeſtanden, und ihre Hände auf das Haupt des Knieenden legend, ſagte ſie laut und feierlich; ſo vergebe mir Gott in meiner letzten Stunde, wie ich Dir vergebe aus vollem, frendigem Herzen! Nicht Du haſt uns getrennt, ſondern das Schickſal, wir Beide waren nur Werkzeuge in ſeiner Hand. S Gehe hin in ein neues Leben, und mein Segen, mein Gebet folge Dir nach! Als ſie jetzt ſchwieg, richtete Albert ſich auf, ſein Auge leuchtete wie verklärt, ſeine Wangen glüh⸗ ten, und mit voller, freudiger Stimme ſagte er: ich danke Dir!— Und nun, Aurelia, fuhr er fort, nun höre die letzte Bitte eines Scheidenden, erfülle den letzten Wunſch eines Menſchen, den Du niemals wieder ſehen wirſt. Bitte, fagte ſie, Alles, was Du wünſcheſt, ſei gewährt! 76 Laß mich, bat er weich, laß mich zum Abſchied Deine Lippen küſſen! Du willſt? Du nickſt gewährend zu? Allmächtiger Gott, ich danke Dir! So umfing er ſie mit einem Schrei des Ent⸗ zückens, preßte ſeine Lippen auf die ihren, drückte ſie mit krampfhaftem Ungeſtüm an ſein Herz, bis ſie faſt unwillig ſagte laß mich! laß mich! Er trat zurück, feine Arme ſanken herab, und tonlos ſagte er: Lebe wohl! Dann trat er zu Nordheim, und ihm die Hand reichend, bat er: Erzeigen Sie mir den letzten Dienſt, und kommen in einer Stunde in's Lodging⸗Haus auf mein Zimmer. Ich möchte Ihnen dort meine letzten Wünſche ſagen. Wollen Sie dieſe Bitte er⸗ fülten? Nordheim verſprach es, Albert ließ ſeine Hand los, und noch einmal zu Aurelien tretend, wieder⸗ holte er: Lebe wohl! Auf ewig, Aurelia! Dann durchſchritt er das Gemach mit rückwärts gewandtem Kopf, immerfort Aurelien anſchauend. An der geöffneten Thür blieb er ſtehen, und blickte ſtarr und unverwandt zu Aurelien hin, die unter ſeinem Blicke bebte, und wie gebannt ihr Auge auf ihn gerichtet hielt. Ihr graute aber vor ſeinem An⸗ geſicht, vor ſeinem lebloſen Auge, vor dem wahn⸗ ſinnigen Lächeln, das ſeine blauen Lippen umſpielte, 77 und vor der Bläſſe ſeiner Wangen. Bald war es ihr, als ſähe ſie das Antlitz eines Todten, als ſei es der gebrochene Blick eines Sterbenden, der auf ſie gerichtet war, und mit einem unwillkührlichen Schrei ſank ſie zurück in die Kiſſen des Divans. Dieſer Schrei weckte Fahrenberg aus ſeiner todten⸗ ähnlichen Erſtarrung, er flüſterte noch einmal: Lebe wohl! Und verließ langſam und unhörbar das Gemach. Der Diener aber, der im Vorzimmer war, hörte ihn, wie er mit auf die Bruſt geneigtem Haupt da⸗ hin ſchritt, flüſtern:„wir müſſen getrennt ſein, und ſollte ich ſelbſt den Tod herauf beſchwören, uns zu ſcheiden.“ So waren ihre Worte. Entſetzlich, ſagte Aurelia, als Fahrenberg ſie mit Nordheim allein gelaſſen, mir graut vor dieſem letzten Blick, und mir iſt, als fühle ich noch immer den Druck ſeiner kalten Lippen, die waren wie die Lippen eines Sterbenden! Laß uns den Ernſt und die Feier dieſer Stunde nicht unterbrechen, ſagte Nordheim tief erſchüttert, denn ich ahne, daß es die Sterbeſtunde eines Un⸗ glücklichen iſt, deſſen brechende Augen Dir eben den Abſchiedsgruß brachten. Der Tod aber iſt eine ge⸗ heimnißvolle und heilige Weihe, und welcher Art auch die Vergehen dieſes Armen waren, dieſe Stunde 78 entſühnt ihn und erhebt ihn über uns. Laß uns ſeine Todesſtunde ehren! Stunnm und befangen ſaßen ſie Hand in Sand neben einander auf dem Divan, Beide in ihren Ge⸗ danken beſchäftigt mit dem Unglücklichen, der ſie ſo eben verlaſſen. Plötzlich zuckte Aurelia zuſammen, ihre Lippen öffneten ſich wie zum Schrei, es drang aber kein Ton aus ihrer krampfhaft bewegten Bruſt hervor, ſie blickte ſtarr und athemlos nach der Thür. Sie hatte im Vorzimmer denſelben leiſen ſchleppen⸗ den Schritt vernommen, mit dem Albert ſie verlaſſen, ſie ſah die Thür leiſe ſich öffnen und eine ſchatten⸗ und nebelartige Erſcheinung ſich an der weißen Thür abzeichnen. Die Formen wurden deutlicher und be⸗ ſtimmter, und jetzt, wie in einen Nebel gehüllt, er⸗ kannte ſie die Geſtalt und das Antlitz ihres unglück⸗ lichen Gatten. Es waren dieſelben bleichen verzerrten Züge, daſſelbe wahnfinnige Lächeln, derſelbe ſtarre, unverwandt auf ſie gerichtete, ſehnſuchtsvolle und hinſterbende Blick. So ſtand die nebelartige Erſchei⸗ nung vor ihr da, regungslos und ſtarr. Wie ſie wie bezaubert ſie anſtarrte, bemerkte ſie, daß die Kleider dieſes räthſelhaften Weſens wie durchnäßt erſchienen, und von den triefenden, herabhängenden Haaren tropfte das Waſſer hernieder auf das Geſicht, Thränen gleich. Dies Alles dauerte nur einen Moment, 79 einen flüchtigen Moment, dann glaubte ſie einen ſchwa⸗ chen Schrei zu vernehmen, und wie durch einen Zau⸗ berſchlag war die Erſcheinung verſchwunden. Sahſt Du ihn, flüſterte Aurelia zitternd und ſchaudernd, ſahſt Du ſeinen entſetzensvollen Leichenblick? Nordheim flüſterte eben ſo leiſe: ſtill, ſtill! ſtöre ihn nicht in ſeinem Todeskampfe. Ich ſah ihn und hörte ſeinen Todesſchrei. Aurelia barg ihr Geſicht an ſeiner Bruſt und ächzte laut. Schweigend ſaßen ſie eine Zeitlang neben einander, dann machte ſich Nordheim ſanft los aus ihrer Umarmung und ſagte: die feſtgeſetzte Stunde iſt vorüber. Ich muß gehen, ihm mein Verſprechen zu erfüllen. Du willſt in's Lodging⸗Haus? fragte Aurelia, und als Nordheim es bejaht, ſchellte ſie dem Diener und befahl einzuſpannen. Laß den Wagen halten, und kehre ſchnell zu mir zurück! flehte ſie, mir graut vor der Einſamkeit. Laß mich nicht auf Dich warten, denk' an meine Angſt, und komme wieder ſo bald Du kannſt. Nord⸗ heim verſprach es und eilte hinunter zum bereitſtehen⸗ den Wagen. Inm Lodging⸗Hauſe angekommen, fragte er nach Fahrenberg. Er war nicht dort, und als Nordheim auf ſein Zimmer ging, fand er auf ſeinem Schreibtiſche 80 zwei Briefe. Der eine verſiegelte war an Aurelia adreſſirt, der andere war offen und an Nordheim ge⸗ richtet. Er enthielt einen wehmüthigen Abſchiedsgruß und die Bitte, ſeine wenigen Angelegenheiten mit der Wirthin zu ordnen, wozu eine hinlängliche Summa in einem Pult des Sekretärs befindlich, angewieſen war.— Nordheim nahm den für Aurelien beſtimm⸗ ten Brief und kehrte zurück zum bereitſtehenden Wagen, zu Aurelien zu eilen. Der Weg führte nahe an der Themſe vorüber, und ein Auflauf von Menſchen, der mit Geſchrei und Lärmen auf der Brücke, die der Wagen paſſiren mußte, beſchäftigt war, hinderte am Weiterkommen. Begierig den Grund dieſer Verzöge⸗ rung und des lebhaften Geſchrei's und Rufens der Menge zu vernehmen, verließ Nordheim den Wagen, ſich nach dem Grund dieſes Auflaufs zu erkundigen. In dieſem Augenblicke theilte ſich die Menge, man rief: da iſt er! ſie bringen ihn! und vier Männer in triefenden Gewändern ſchritten durch die vom Volk gebildete Gaſſe keuchend und athemlos daher, den Gegenſtand ihrer Bemühungen in ihrer Mitte tragend. „S ſind beherzte Leute!“ flüſterte man rings umher, ſobald ſie jenen Menſchen ſich von der Brücke hinab⸗ ſtürzen ſahen in die Themſe, und am Ufer ſtehend, ſeinen Schrei vernahmen, warfen ſie ſich in's Waſſer und verſuchten ihn zu retten. Aber es iſt umſonſt 81 geweſen, denn was ſie gerettet haben, iſt nur eine Leiche!“— Von böſer Ahnung getrieben, trat Nord⸗ heim näher heran, die Züge des Ertrunkenen zu ſehen. Es war Fahrenberg, gerade ſo, wie er ihn kurz zu⸗ vor in jener räthſelhaften Erſcheinung geſehen! Die⸗ ſelben durchnäßten Kleider, daſſelbe triefende Haar, das in einzelnen Streifen tropfend hernieder hing, dieſelben im Tode gebrochenen Augen, dieſelben blauen, krampfhaft geſchloſſenen Lippen!— Nordheim ſchau⸗ derte, und über das Antlitz des Todten geneigt, blickte er mit ſchweren Gedanken in dieſe Augen, die er kurz zuvor noch belebt von Verzweiflung geſehen, und die jetzt gebrochen waren von Verzweiflung. Dies Herz, das ſo viel gelitten, ſteht jetzt ſtill, ſagte er zu ſich ſelber, und dieſe Seele, die zerbrochen war von ſelbſt⸗ geſchaffener Qual, iſt nun entflohen, entflohen in ein fernes unbekanntes Land, oder zerſtäubt in ein Nichts! — Aber es war jetzt nicht Zeit, ſolchen Gedanken nachzuhängen. Nordheim faßte ſich zuſammen, und ſich an den inzwiſchen herbeigerufenen Mann von der Schaarwache wendend, nannte er ihm den Namen jenes„Verunglückten,“ und bezeichnete ihm das Lod⸗ ging⸗Haus, wohin er die Leiche bringen ſollte. Dann eilte er zu Aurelien, die ihm mit unge⸗ duldiger Erwartung entgegen geharrt. Stumm reichte 2. Mühlbach. I. 6 82 er ihr den Brief dar. Sie erbrach ihn haſtig; er enthielt nur die wenigen Worte: Ich gehe, Aurelia, gehe, um niemals wieder zu kehren. Meine Seele bebt nicht mehr vor dem Tode und meine Hand zittert nicht, dieſe Worte zu ſchreiben: ich ſterbe!— Was iſt ſterben? Ausruhen von ſeiner Qual, nach ruheloſem Daſein Ruhe finden, und aus den unſicheren und irreleitenden Wegen des Lebens den Fuß ablenken zu der ſichern Straße des Todes hin! In dieſem Augenblicke fühle ich, daß ich ein Mann bin, und daß Du, Aurelia, mir für⸗ der nicht Deine Achtung verſagen kannſt. Dies iſt mein Troſt im Sterben! Ja, ich bin ein Mann! Es iſt nicht die Verzweiflung, die mich dem Leben ent⸗ fliehen läßt, nicht die Furcht vor irdiſchem Leid, ſondern die Ueberzeugung, das Rechte gewählt zu haben. Ein zweiter Alexander will ich mit muthigem Schwertſtreich den Knoten zerhauen, der nnauflöslich ſchien. Du wollteſt frei ſein, und Du wirſt es! Du verachteteſt Deinen Mann, und Du wirſt ihn jetzt achten als Mann, als einen, der das rechte erkannt und nicht fürchtet, es zu vollführen. Lebe wohl, und ſei glücklich! Sophiſtereien, nichts als ſolche, ſagte Nordheim, als er den Brief geleſen, Feigheit, die ſich muthig dünkt, und Furcht, die glauben machen möchte, daß 83 ſie beherzt iſt! In den Tod fliehen, iſt nicht ſo ſchwer, als das Leben ertragen; im Tode ſtirbt man nur einmal, im Leben oft zu jeder Stunde. Dann erzählte er Aurelien die eben erlebte Scene, und ſie ſagte zuſammenſchaudernd: entſetzlich! Mir graut, ſo oft ich nach jener Thüre hinblicke, und immer meine ich, ſie müßte ſich öffnen und jene ge⸗ ſpenſtigen Augen hereinſchauen. Ich fühle, daß ich es jetzt in dieſen Räumen, die mir wie von Grabes⸗ luft durchweht ſcheinen, nicht ertragen kann. Meine Seele bedarf der Erholung und Ruhe. So laß uns hinaus nach Deinem Landgut, ſagte Nordheim, auch ich bedarf der Sammlung und des Friedens! Ja, nach Sweetcalmneß! ſagte Aurelia, dort in der Stille und Einſamkeit wollen wir nach dieſen Stürmen und Aufregungen uns wieder im ſüß trau⸗ lichen Beiſammenſein erfriſchen an unſerm Glück. Nordheim eilte in's Lodging⸗Haus, um dort das Nöthige zur Beſtattung anzuordnen, und nach⸗ dem dies vollendet, fuhr er in's Landstown Hötel. Auf ſeine Frage nach Lady Landstown, übergab ihm der Portier ein Billet, das die Lady, die auf ihr Gut hinausgefahren war, für ihn zurückgelaſſen. Das Billet enthielt nebſt der flüchtigen Erzählung von Effie's Flucht, eine Einladung, ſie in der Villa zu 6 beſuchen.„Nur nicht in den nächſten Tagen, ſchloß der Brief. Ich fühle mich körperlich und geiſtig er⸗ ſchöpft von all dem Furchtbaren dieſer letzten Tage und muß es vermeiden, durch die leiſeſte Berührung dieſe Wunden heftiger ſchmerzen zu machen.“ Ueberall Schmerz, überall Sehnen nach Ruhe, ſagte Nordheim zu ſich ſelber, und doch iſt das Leben nur ein ruheloſes Wandern und ein ſchmerzvolles Siechen. Nirgends Ruhe, und das Höchſte, was wir als Siegeszeichen und blutige Trophäe aus die⸗ ſem Kampfe des Lebens erbeuten, iſt Ergebung und Reſignation; dieſe Trophäe aber iſt mit unſrem eignen Blute geröthet! Als er neben Aurelien im Wagen ſaß, und ſie dahin fuhren nach Sweetealmneß, ſagte Aurelia: über all' dieſen erſchütternden Scenen habe ich ver⸗ geſſen, Dir etwas zu ſagen, was mir außerdem ſehr am Herzen liegt. Meine Pflegetochter Ellen wird, da ihre Erziehung vollendet, die berühmte Erziehungs⸗ anſtalt in W.... verlaſſen und zu mir zurückkehren. Ich erwarte ſe morgen. Du machſt mich da mit einem Reichthum bekannt, deſſen Daſein ich nicht ahnte, ſagte Nordheim. Du trägſt die Schuld, daß ich Alles vergeſſe, außer Dir, ſagte Aurelia zärtlich. So geſtehe ich, daß ich in letzter Zeit dieſes Mädchens kaum gedachte, — 85 und erſt durch einen Brief der Direktrice jener Anſtalt, die mir Ellens vollendete Erziehung verkündete, wie⸗ der an ſie erinnert ward. Wer iſt jene Ellen? fragte Nordheim. Die Tochter einer meiner verſtorbenen Freundin⸗ nen, und ich verſprach Mutterſtelle an ihr zu ver⸗ treten. V. Herr Toby Macdeam, einer der reichſten Han⸗ delsherrn Hamburgs, ſaß behaglich eine Pfeife rau⸗ chend in ſeinem Zimmer, durch deſſen eine geöffnete Thüre, die nach dem Comtvir hinführte, man das ununterbrochene Gekritzel ſchreibender Federn vernahm, für Herrn Maedeam die ſchönſte Muſik, denn es wurden mit ihr in das große Buch neue Schuldner und neue Gewinnſte eingetragen. Das Eintreten ſeines Dieuers ſtörte ihn unangenehm aus allerlei ſüßen Träumen und Speculationen, und in barſchem Ton fragte er den Diener, wie er es wagen könne, ihn zu ſo ungewohnter Zeit, wo man gar keine Geſchäfte mache, zu ſtören. Des Dieners Geſicht aber glänzte in ungewohn⸗ ter Frende, und es ganz vergeſſend, daß ſein Herr ihm befohlen, nur engliſch oder deutſch zu ſprechen, ſagte er in ſeiner treuherzigen iriſchen Mutterſprache: Halten zu Gnaden, Herr,'s iſt da draußen ein Burſche, ein hübſcher, rothwangiger Burſche, ein 87 Landsmann von uns, und ſpricht's Iriſche, als wie nur einer es thun kann im ſchönen Irland. Er will Ew. Gnaden ſprechen, und obwohl es nicht die Ge⸗ ſchäftszeit iſt, meint' ich doch, weil er's Jriſche ſo gut ſpricht, und ein Landsmann von uns iſt, Ew. Gnaden thäten ihn annehmen. Herr Toby Maedeam aber ſagte unwillig! hättſt doch nicht hereinkommen ſollen! kann der Burſche nicht warten? Nun er aber einmal da iſt, bring' ihn herein! Der Diener grinste vor Freuden, und murmelte hinausgehend: er ſpricht's Jriſche ſo verdammt ſchön! Herr Toby Maedeam wollte ſich nichts in ſeiner Würde begeben vor ſeinem Diener; als er aber jetzt allein war, rieb er ſich behaglich ſchmunzelnd die Hände, und flüſterte: alſo ein Landsmann! Freut mein iriſches Herz! Die Thür ging auf und der Diener führte den Fremden herein. Es war ein ſchlanker, zierlicher Burſche, faſt noch dem Knabenalter angehörig, die derbe grobe Matroſentracht, die er trug, paßte wenig zu dem zarten ſchmächtigen Körper und dem bart⸗ loſen feinen Geſichtchen, das vom breitkrämpigen Ma⸗ troſenhut beſchattet ward. Verlegen ſtand er an der Thür, die Muſterung des Herrn und das entzückte Anglotzen des Dieners mit niedergeſchlagenen Augen duldend. Kommſt vom geſegneten Irland? fragte Herr Toby Maedeam. Zu dienen, Herr! antwortete der Matroſe mit zarter melodiſcher Stimme. Biſt Du arm? Bedarfſt Du der Unterſtützung? So iſt's recht, daß Du zu mir kommſt! Werde meine Landsleute niemals von meiner Thüre weiſen. Nicht wahr, das iſt's, warum Du kamſt? Nein, Herr, antwortete der ſchüchterne Matroſe, und mit zitternder Stimme fuhr er fort: ich wollte nur fragen, ob des Herrn Bruder, Edward Macdeam, der bei Ihnen wohnt, wohl zu ſprechen ſei? Iſt nicht mehr hier, antwortete Herr Toby, geſtern abgereist! Abgereist? rief der Fremde ſchmerzlich und be⸗ deckte ſich mit den Händen das Geſicht. Wunderlicher Geſelle! brummte Herr Toby, und der Diener wiſchte ſich mit dem Rockzipfel die Augen über ſeines Landsmanns unbekannten großen Kummer. Dieſer ſchien ſich jetzt erholt zu haben, er ließ die Hände von ſeinem Geſicht, das bleich war, wie der Tod, und fragte kaum hörbar: und wohin iſt er gereist? Nach Philadelphia, ſagte der Handelsherr. Aber * 89 ſag' mir, mein Burſche, kennſt Du ihn denn, meinen Bruder Macdeam? Ich kenne ihn! Nach Philadelphia iſt er ge⸗ W istr unt geſtern erſt? fragte der Matroſe. Ja, geſtern! antwortete Herr Toby. Ich danke Euch; lebt wohl! antwortete der Freinde und wollte das Zimmer verlaſſen. Halt, junger Freund, rief Herr Toby, könnt Ihr mir nicht ſagen, was Ihr wollt? Wünſchtet Ihr vielleicht Hülfe von Edward, eine Unterſtützung, oder dergleichen? Glaubt mir ich gebe ſo gerne, wie Edward, und Ihr dürft Eurem Landsmann ſchon vertrauen, wenn Ihr ihn auch nicht kennt! Ich bedarf nichts, ſagte der Fremde; lebt wohl! Er verließ das Gemach, und Dick, der Diener folgte ihm nach, um ihn zu fragen, wie's ſtehe mit dem ſchönen Irland, und ob der Himmel noch ſo blau, und das Gras noch ſo grün, ob die Häuſer in Dublin noch ſo ſchön wie ſonſt, und die Men⸗ ſchen ſo fröhlich? Der ſchweigſame Matroſe aber ant⸗ wortete nichts auf alle ſeine Fragen, ſondern flüſterte nur zu ſich ſelber; alſo nach Philadelphia! Dick ſchaute ihm nach, wie er jetzt das Haus verließ, und ſagte kopfſchüttelnd:'s iſt kein rechter Irländer, wär' ſonſt nicht ſo ſtumm und ernſthaft. Aber, ſpricht doch's Jriſch ſo verdammt ſchön! 90 und wohin, wohin nun? flüſterte der Matroſe ſchmerzvoll und wandelte langſam die Straße hinab, ſich der Thränen nicht ſchämend, die über ſeine Wan⸗ gen rollten, und doch ſo wenig paßten zu dem groben Matroſenkleide. Ohne zu wiſſen, wohin er ging, wandelte er die Straßen hinab, dem Strom der Menge folgend, die ihn vorwärts trieb. So ſtand er am Hafen, ohne es zu wollen, und vor ihm im dichten Gedränge lagen die ſchönen bewimpelten Schiffe mit den ſchlanken ſtolzen Maſten. Jubelnde, ſingende, jodelnde Matroſen kletterten ſonder Zagen an den dünnen Tauen empor, hinauf und hinab, hier Stricke zuſammenbindend, dort löſend, und hingen, Katzen gleich, in den oberſten Spitzen der Maſten. Ein ſolcher Anblick pflegt eines Matroſen ſeemänniſches Herz vor Freude hüpfen zu machen, daß er jauchzt und jodelt vor Luſt. Der arme traurige Matroſe aber blieb kalt, und flüſterte nur: nach Philadelphia! Ein donnernder Kanonenſchuß ertönte von einem jener Schiffe, und hüllte Alles in einen weißen dicken Dampf. Als er ſich verzogen, blickte der Fremde nach jenem Schiffe, von dem der Schuß gekommen. Es war ein ſchöner, ſtolzer Dreimaſter, die Flagge wehte im Winde und trug die engliſchen Farben, der große und doch zierliche Rumpf hatte auf ſchwarzem Grunde ſilberne Verzierungen und am Bugſpriet 91 glänzte ein goldenes Frauenbild, als des Schiffes Zierde und Zeichen, darunter ſtand mit goldenen Lettern geſchrieben: die Hoffnung, Kapitän Simpſon. Die Schiffstreppe war niedergelaſſen, und vom Ufer aus ſteuerte Boot nach Bovot, beladen mit Paſſagieren heran, die Alle zur„Hoffnung“ eilten. Zum Zwei⸗ tenmal donnerte ein Kanonenſchuß, und die Leute am Ufer riefen ängſtlich den Bootsleuten zu: eilt, eilt, es iſt ſchon der zweite Signalſchuß. Als der Fremde neben ſich engliſch ſprechen hörte, wandte er ſich an den ſprechenden, und fragte wohin geht jenes Schiff? Nach Philadelphia, Sir! Nach Philadelphia! ſchrie der Andere; dann blickte er zum Himmel auf, wie verklärt, ſeine Hände falteten ſich wie von ſelbſt, und er flüſterte: das iſt Gottes Fügung! Nun winkte er einem jener Bootsleute heran und zeigte nach jenem Schiffe, ſchweigend vor innerer Bewegung. Der Mann aber verſtand dieſe ſtumme Sprache, und bald trugen die tanzenden Wellen den Fremden an Bord der„Hoffnung.“— Welch ein dichtes Gedränge auf dem Verdeck, welch ein Hin⸗ und Wiederrennen, Geſchrei der Matroſen, Rufen des Bootsmanns, die Unzahl von Paſſagiren, kaum Platz, dicht gedrängt neben einander zu ſtehen! Wie ſahen dieſe Menſchen alle ſo traurig aus, ſo verdüſtert und ſtill. Manche kamen, begleitet von ihren Freun⸗ den, die ſie noch Abſchied nehmend bis auf das Schiff geleitet hatten. Hier in ſtiller Umarmung umſchließt eine Mutter ihren Sohn, vielleicht den einzigen, dort reißt ſich ein Bruder von des Bruders Herzen, und hier ſitzt ſchweigend und ſtill eine ganze Familie, Mann, Weib und Kinder neben ihrer armſeligen Habe, und ſie ſchauen mit trübem Blick zurück nach dem Ufer, wo die weinenden Freunde mit weißen Tüchern den Abſchiedsgruß wehen. Dort ſteht ein Jüngling und blickt hinüber nach jenem Häuschen nahe am Ufer, wo aus dem geöffneten Dachfenſter ein weißer Mädchenarm ihm winkt, und er ſeufzt, und eine Thräne rinnt über ſein bleiches Geſicht. Wie viel Herzeleid, wie viel Thränen erzeugt doch der Abſchied! Und aus allen dieſen Erinnerungen und ſchwermuthsvollen Vergangenheitsträumen, in welche dieſe Menſchen verſenkt ſind, weckt ſie des Boots⸗ manns Stimme, das klingende Glöcklein, das an den Beutel befeſtigt iſt, den er in der Hand hält, indem er ruft: die Zahlung! Die Zahlung für die Ueberfahrt! Da ſtrecken ſich magere, abgezehrte Hände ihm entgegen, das Verlangte darzureichen, da gibt mit wehmüthigem Blick der Mann das Geld für ſich, für Weib und Kind, und blickt ſie an und ſagt: 93 es war das letzte! Und von der heimathlichen Küſte wendet er den Blick, und ſchaut hinaus in die Ferne; ach, in der Ferne, dort wohnt das Glück, und er geht, es aufzuſuchen! Armer Wanderer! Die Zahlung iſt geſchehen! Nun kommt das Letzte! Es muß ge⸗ ſchieden ſein. Mit naſſem Blick drücken ſich die Ab⸗ ſchiednehmenden die Hände, ach, zum Letztenmal! Lebt wohl! Die Zurückbleibenden ſchwanken zurück zur Schiffsleiter! Noch einen Blick! Nun gleiten ſie hinab in's harrende Boot! Lebt wohl! Die Paſſagiere ſind allein auf dem Verdeck! Jetzt der dritte Kanonen⸗ donner. Der Anker wird aufgezogen! Das Schiff bewegt ſich, es wendet ſich und durchſchneidet mit ſeinem Kiel die hellen rauſchenden Wogen. Der Wind bläht die Segel! Da wendet ſich manch naſſer Blick zum Ufer hin! Dort ſtehen die Freunde! Ade! Kleiner und kleiner werden die Geſtalten, jetzt, jetzt ſind ſie verſchwunden! Nun die nur noch dämmernden Umriſſe des Hafens, die Maſten und Wimpel, die ſich am Horizont abzeichnen! Vorüber auch dies! Das Schiff durchſchneidet die Wellen! Wechſelnde Bilder am Ufer, immer wechſelnd und ändernd! Heimath Ade! Der Fremde, der ſo unvorbereitet plötzlich die Reiſe angetreten, die weite Reiſe in eine neue Welt, blickte nicht zurück zum Strande, er hatte nichts dort 94 zurückgelaſſen, nichts, das um ihn weinte. Er ſchaute hin in die nebelige Weite und flüſterte: nach Phi⸗ ladelphia! Dann fragte er den Bootsmann nach dem Ka⸗ pitän. Der war in ſeiner Kajüte, und man zeigte dem fremden Matroſen den Weg dahin. Der Kapitän fragte barſch nach dem Begehren des Matroſen, und er erwiderte ſanft, er wünſche den Kapitän allein zu ſprechen, weil er ihm ein Ge⸗ heimniß zu vertrauen habe. Kapitän Simpſon winkte dem Lieutenant ſich zu entfernen, und als dies geſchehen, ſagte er: ſprich jetzt, was willſt Du? Der Matroſe nahm ſeinen breitkrämpigen Hut ab und löſete ſchweigend ſein aufgeſtecktes Haar, daß es lang herabwallend die zarte Geſtalt überfluthete. Hilf Himmel, rief der Kapitän erſtaunt, das iſt nicht eines Matroſen Haar. Solche ſchöne Zöpfe wachſen nur auf eines Mädchens Kopf! Sprich, Junge, biſt Du ein Mädchen? Ich bin es, ſagte der Andere, und wandte ſich ab, ſein Erröthen zu verbergen. Und Sie wollen?— Die Reiſe nach Philadelphia auf Ihrem Schiffe machen, unterbrach ihn der Andere. Alter Mann, fuhr ſie gefaßter fort, und reichte dem verwunderten 95 Kapitän die Hand dar, Ihr Anblick flößt mir Ver⸗ trauen ein. Ich habe Zutrauen zu dieſem weißen Haar, zu dieſen durchfurchten, ehrlichen Zügen, die mich an meinen Vater erinnern. Haben Sie eine Tochter daheim? Ja wohl, ſagte der alte treuherzige Mann, zwei wackere Mädchen, eben ſo wacker, wie ihre Mutter, und mein altes Herz ſehnt ſich nach Philadelphia hin, wo ſie meiner harren! O, wenn Sie Vater ſind, ſagte die Andere weich, ſo werden Sie um Ihrer Töchter willen auch Mitleid haben mit einem armen unglücklichen Mäd⸗ chen, und ſich ſeiner erbarmen. Hören Sie mich an. In kurzen Zügen erzählte ſie dem Greiſe ihre Geſchichte; der hörte ihr aufmerkſam zu, ſie dann und wann mit irgend einem beifälligen Wort oder einem„das war brav,“„wahrhaftig Muth,“„wie ein Mann“ und ähnlichen Ausrufungen unterbrechend. Und nun, ſchloß ſie ihre Erzählung, wiſſen Sie mein Schickſal, den Zweck meiner Verkleidung und meiner Reiſe! Der Kapitän reichte ihr mit trenherzigen Blicken die Hand, und ſagte: hatten Sie Vertrauen zu mei⸗ nem alten Geſicht, ſo hab' ich's nicht minder zu Ihrem jungen, und bin von der Wahrheit alles deſſen überzeugt, was Sie mir da erzählen! Sie ſind ein 96 edles, muthiges Mädchen, und gewiß, ich will Sie halten, als wären Sie mein eigenes Kind! Sie ſollen meine Kajüte bewohnen, Nacht und Tag, und Abends, nicht wahr, dann darf ich zu Ihnen kommen, und wir plaudern zuſammen von unſerm Vaterland Alt⸗ England, und von meinen Töchtern und Ihrem Vater. Nicht, meine Tochter? Sie lehnte das Haupt an ſeine Schulter, und weinte laut, und dieſe Thränen däuchten ihr eine Erquickung und Erleichterung. Es waren die erſten Thränen, die Effie Landstown weinte, ſeit ſie heim⸗ lich bei Nacht das Hoͤtel ihres Oheims verlaſſen, und zum Hafen geeilt war; ſeit ſie von dort mit dem Dampſfſchiff nach Hamburg gekommen, ihren Edward zu ſuchen, ihren Edward, den ſie auch dort nicht fand und dem ſie nun folgte in eine fremde neue Welt! Ach, ſeit dieſer ganzen qualerfüllten Zeit, voll ungeduldigen Harrens und Erwartens waren es die erſten Thränen, die ſie weinte. Wie thaten ſie ihrem Herzen ſo wohl! VI. Jetzt kommen wir auf die hohe See! ſagte Kapitän Simpſon zu Effie, die er ſchon liebte wie ſein eigenes Kind, und die mit inniger Dankbarkeit an ihm hing. Wenn Du Abſchied nehmen willſt vom Lande, mußt Du es jetzt thun, wir werden nun die Küſte in einigen Monaten nicht wieder ſehen! Effie folgte ihm auf's Verdeck. Wieder war es dicht gedrängt voll Menſchen, die alle naſſen Blicks ſeufzend und klagend hinſchauten auf die Küſte und dem Heimathslande ihr Lebewohl darbrachten. Jener ſchmale dunkle Streifen dort hinten am Horizont, jene dämmernden Umriſſe, die dort am Himmel, ihn begrenzend, ſich abzeichnen, das iſt Land, iſt das Land der Heimath, die ihre Augen nicht mehr ſchauen, ihre Füße nicht mehr betreten werden! Immer neb⸗ liger werden die Contouren, immer weiter tritt es zurück, das theure Land, die Ferne legt ſich wie ein Schleier darüber hin, der Schleier wird dichter, undurchdringlicher— das Land iſt verſchwunden! g. Mühlbach. II.. 98 Wir ſind auf hoher See! Wogen brauſen von dort⸗ her, ſie kommen wohl von der Küſte, aber dieſe, ach, iſt verſchwunden! Welch eine erhabene, feier⸗ tiche Wehmuth nun in Aller Herzen! Hingegeben dem machtoollen, gewaltigen, unbezwingbaren Element, fern von allen Menſchen, fern von Hülfe, wenn die Noth kommt, auf ſchwankendem, zerbrechlichem Fahr⸗ zeug, auf ſchaukelnden Wogen, zwiſchen Himmel und Waſſer allein, angewieſen auf Wind und Waſſer, als Lenker des Fahrzeugs, angewieſen auf Geduld, als Bezwinger der Zeit des Harrens! Aber das Meer iſt ſo ſchön! Göttlich, wenn es ruht, wenn über ſeinen ſchlummernden Wellen fern von dort am Horizont, wo die blauen Fluthen den Himmel be⸗ rühren, ſich, eins werdend mit ihm, in ihm ver⸗ lieren, der Himmel ſich in ſtiller Morgenfeier röthet, und die glatten Waſſer, gleich eines ſchlummernden Kindes Wangen, anhaucht mit roſigem Schimmer. Der Wind rauſcht heran, als Verkünder der Sonne, träuſelnde Wogen heben ſich aus der glatten Fläche, und es klingt und rauſcht in Luft und Waſſer in Jubelhymnen der Sonne entgegen. Nun öffnen ſich die Himmel, goldne Pforten fliegen aus einander, in ſtolzer, glühender Pracht ſteigt ſie empor, die ſtrahlende Königin, der Himmel glüht, das Meer ſtrahlt im Silberglanz, die Feier iſt vollendet! Die 99 Sonne iſt da! Wie iſt das Meer ſo ſchön! Gött⸗ lich, wenn es ruht, göttlich auch, wenn es zürnt, himmliſch, denn in ſteter Harmonie iſt es Eins mit dem Himmel, lächelt mit dieſem, zürnt mit dieſem. Wenn's lächelt, ein hernieder geſtiegener Engel, die Größe des Herrn zu verkünden, wenn's tobt, ein gefallener Engel, in ſeiner gigantiſchen Wuth auch noch verkündend die Gewalt und Größe des Herrn! Schwarz iſt dann der Himmel, ſchwarz das Meer, dort thürmen ſich am Horizont rieſenhafte Wogen, ſie brüllen und ſchreien in tobender Wuth, ſie heben ihren Rücken gleich der wuthſchnaubenden Hyäne, und in ihrem Grimm ſchäumend mit ſilberweißem Schaum, der auf ihren Spitzen glüht, wie der Hyäne Augen, wenn ſie nach Beute ſucht; ſie brüllen wie dieſe und lechzen aufwallend nach ihrem Opfer! Da iſt's, dort jenes Schiff, wie's hinabſtürzt in die Waſſer⸗ berge, wie's emporgeſchleudert wird vom Abgrund zur Höhe, von der Höhe hinabgeſchnellt in die Tiefe. Es erzittert, es kracht, die Maſten brechen wie ſchwankes Rohr, die Seile zerreißen wie Fäden, die Wogen lecken mit giftigem Schlangenſtachel über das Verdeck; das Opfer erliegt, es zerbricht, in wilder Wuth zerwirbelt es der entfeſſelte Rieſe, zer⸗ bricht es wie ein Spielzeug, und von dem coloſſa⸗ len Schiff iſt nichts geblieben als Splitter, welche die Wogen in muthwilligem Spiel einander zuwerfen! Was ſind alle dieſe Menſchen? fragte Effie den Kapitän, und was wollen ſie? Es ſind Auswanderer, antwortete er, und ſie wollen in einer neuen Welt ſuchen, was ihnen die alte verſagt hat, die Freiheit, ihre Religivn zu üben nach ihrer Ueberzeugung. Es ſind Lutheraner. Arme Menſchen, ſagte Effie mitleidsvoll, ſo vertreibt ſie die Religion, die doch des Menſchen Segen ſein ſoll, von Heimath und Vaterland. Du haſt Recht, antwortete Simpſon, die Reli⸗ givn ſollte ein Segen ſein, der Menſchen Wahn aber macht ſie oft zum Fluch. Ach, welche Greuel ſind geſchehen um Gotteswillen. Mit Feuer und Schwert haben die Krieger Gottes Länder verwüſtet, und ihre Brüder grauſam verbrannt und verſtümmelt zur Ehre Gottes!* iſt ſchaudervoll! Sich, dieſe armen, hungrigen, verführten Menſchenkinder an⸗ fuhr er fort, das Herz im Leibe erbarmt ſich Einem, wenn man's anſieht, und oft meine ich, den heuchleriſchen Pfaffen, der ſie zu all dieſem Unweſen verleitet hat, über Bord werfen zu müſſen, damit ſeine Schaafe ſich überzengen, daß an ihrem Hirten kein Wunder geſchieht, und keine Hand Gottes hernieder langt, ihn zu erretten, wie ſie's * 101 doch gewiß Alle überzengt ſind. Schau, da kommt der Pfaffe. Effie wandte den Blick nach jener Seite hin, wohin Simpſon deutete, und gewahrte einen langen, magern Mann mit geſcheiteltem Haar und einge⸗ fallenen Wangen, deſſen ſchmale, zuſammengebiſſene Lippen für ſie etwas Furchtbares hatten, und als er jetzt aus ſeinen kleinen grauen Angen den ſtechen⸗ den Blick prüfend über ſeine„Kinder“ hinweg gleiten ließ, ſchmiegte ſie ſich ſchen an Simpſons Seite, um nicht von dieſem giftigen Blick getroffen zu werden. Mit geräuſchloſen Schritten ging der finſtre Prieſter durch die Reihen der Andächtigen, die mit gefaltenen Händen und niedergeſchlagenen Augen ihren„ehr⸗ würdigen Pfarrer“ begrüßten, der ſich jetzt an den Hauptmaſt lehnte, und die heuchleriſchen Augen gen Himmel erhoben, die Hände gefaltet, ſeine Stimme und laut betete. Seine Gemeinde ſank nieder auf die Kniee und murmelte leiſe ſeiue Worte nach, und die Wogen rauſchten dazu wie heiliger Orgel⸗ ſtrom. Dann redete der Pfarrer zu ſeiner Gemeinde, lobte ihre Standhaftigkeit und Beharrlichkeit im Feſt⸗ halten an dem einzig rechten und wahren Glauben, welches der lutheriſche ſei, und verkündete ihnen die Gnade und den Segen des Herrn. Ja, fuhr er fort, der Herr iſt Euch gnädig, indem er Euch in 102 mir die Leuchte zeigte, die Euren dunkeln Pfad er⸗ hellen und Euch auf ſichern Wegen führen wird zum Heile hin. Der Herr iſt mit mir, und alltäglich neu verſpüre ich in meinem Geiſte die Gemeinſchaft mit ihm. Vernehmt, welche Sprache der Herr zu mir ſpricht! Allnächtlich erſcheint er mir in erhabe⸗ ner Majeſtät und ſpricht zu mir: weide Deine Schaafe, Du biſt ein guter Hirte, und Dir vertraue ich meine Heerde. Und als er in letzter Nacht glänzender wie je mir erſchien, ſprach er: ein Wunder will ich an Dir offenbaren, und meine Allmacht durch Dich den Menſchen verkünden. Wenn Ihr Morgen auf die hohe See gelangt ſeid, und dies wird um die Mittags⸗ ſtunde ſein(merkt Euch, wie genau ſchon dies ein⸗ getroffen iſt), wenn Ihr, ſo ſprach der Herr, morgen auf hoher See ſeid, ſo zeige Dich Deiner Gemeinde, und wenn Du ſie geſegnet haſt, ſchreite ſu Zagen vom Verdeck herab, hernieder in das Mee wandle auf den Wogen, und ich will Hand Dich führen, die Wogen werden zurickweichen, und Dein Fuß ſoll nicht benetzt werden. Alles dies aber ſoll geſchehen, damit verkündet werde und klar meine Macht und bekannt werde Deinen Schaafen, daß Du der Hirte biſt, den ich ſelber mir erwählte! Als der Herr ſo geſprochen, verſchwand er; ich er⸗ wachte und betete zu Gott, und gelobte zu erfüllen, 103 was er geboten. Nun bin ich hier, zu thun, was Gott will, das gethan ſei. Empfangt denn meinen Segen, und alsdann ſollt Ihr ſehen das Wunder, das der Herr an ſeinem getreuen Knechte offenbart. Kniet nieder und empfangt meinen Segen! Wieder ſtürzten Alle nieder auf die Kniee, mit ſtrahlenden Augen hinblickend auf den Liebling Gottes, ihren Herrn und Meiſter. Mit ſalbungsvollen Worten ſegnete er ſie und dann rief er laut: Brüder, Schwe⸗ ſtern, jetzt blicket auf und ſchauet die Verklärung Eures Hirten. Singt ein Lied zur Ehre des Herrn, während ich hinabſteige, mit unbenetztem Fuß auf den Waſſern zu wandeln. In einſtimmigem, andächtigem Chor ſang die Gemeinde, und der Prieſter, umwallt vom ſchwarzen Talar, trat bis an den Raud des Verdecks. Schon hob er einen Fuß, drüber hinweg zu ſchreiten, lauter und andächtiger ſangen die Lutheraner; jetzt wandte er ſich um, und mit lauter, begeiſterter Stimme rief i Brüder, Schweſtern! bei dem allmächtigen Gott beſchwöre ich Euch, die Wahrheit zu ſagen. Glaubt Ihr, daß der Herr dieſes Wunder an mir offenbaren wird? Glaubt Ihr? Aus innig überzeugter andächtiger Seele riefen ſie Alle ein feierliches: Ja! Der Prieſter trat zurück vom Rande des Verdecks 104 und ſagte: nun, wenn Ihr alſo in Eurer Seele davon überzeugt ſeid, ſo iſt nicht mehr nöthig, daß ich herabſteige, Euch zu überzeugen. Denn alsdann iſt ſchon das Wunder, das der Herr an mir verklären wollte, wirklich geſchehen, alsdann habt Ihr klar erkannt, daß nicht ein gewöhnlicher Menſch, ſondern Gott in mir lebt. Welcher Menſch würde es wagen, ohne Furcht hinabzuſchreiten in die Wogen, welcher Menſch würde mit unbenetztem Fuße auf den Wogen einherſchreiten? Ich aber vermag es; in ſchauendem Geiſte habt Ihr geſehen, wie ſich dies Wunder an mir offenbarte, wie der Herr mich bezeichnete als ſeinen auserwählten Hirten! Ein göttliches Wunder iſt alſo an mir geſchehen; laſſet uns anbeten den Herrn, der ſo ſichtbarlich ſich uns geoffenbaret hat.— Die Lutheraner riefen begeiſtert und mit Thränen im Blicke: ein Wunder, ein Wunder iſt an uns ge⸗ ſchehen! Laßt uns anbeten den Herrn! Als der Prieſter jetzt, ſtolzer noch denn zuvor, durch ihre Reihen ſchritt, um ſich hinabzubegeben in ſeine Kajüte, ſanken ſie begeiſtert vor ihm nieder und küßten den Saum ſeines Gewandes in ſcheuer, heiliger Ehrfurcht. Sah'ſt Du je ein herrliches Wunder? fragte Simpſon lachend Effie, die erſtaunt neben ihm ſtand, und da ihr as Deutſche nicht ganz geläufig, nur 105 die Hälfte von dem verſtanden hatte, was der Prieſter geſprochen, und den Kapitän fragte, was eigentlich hier geſchehen?— Als er es ihr in ſeiner humoriſti⸗ ſchen Weiſe erklärt, konnte auch ſie eines fröhlichen Lachens ſich nicht erwehren und fragte erſtaunt: glauben denn die Menſchen wirklich an dieſen Betrüger? Sieh ſie nur an, wie ſie ſich begeiſtert einander umarmen, wie ſie thränenden Auges ſich die Hände reichen, und mit ihren Augen fromme Knoten ſchlagen, und Du wirſt nicht mehr fragen, ſagte Simpſon! Der Pfarrer hat ſie ganz in ſeiner Gewalt, und wenn er dies nicht wüßte, würde er dies erſtaunliche Wunder gar nicht verrichtet haben. Wohin gehen ſie denn eigentlich jetzt? fragte Effie, als die Lutheraner Alle das Verdeck verließen. Ich habe ſchon oft darüber nachgedacht, wo alle dieſe Leute eigentlich immer ſind, da ich doch nur eine einzige Kajüte neben der unſern auf dem Oberdeck geſehen habe, und dieſe ſteht leer. Kapitän Simpſon ſagte ernſt und faſt feierlich meine Tochter, dieſe armen Leute ſind alle Zwiſchen⸗ deckspaſſagiere. Zwiſchendeckspaſſagiered fragte Effie, was iſt das? Ich will Dich hinabführen, damit Du es kennen lernſt, ſagte der Kapitän. Als er dann ſorgſam hin⸗ ausgeſpäht auf den Horizont, der klar und hell war 7 106 und eine ruhige Nacht verſprach, und dem Steuer⸗ mann und erſten Lieutenant ſeine Befehle ertheilt, ſagte Simpſon zu Effie, die unter der Mannſchaft als des Kapitäns Neffe und Liebling galt: Laß uns hinabgehen, Kind, damit Du ſiehſt, wo dieſe Armen wohnen.. Auf ſchmaler ſteiler Treppe gelangten ſie hin⸗ unter in das Zwiſchendeck, und traten durch die Breterthüre in den großen, als allgemeiner Aufent⸗ haltsort benutzten Raum. Eine verpeſtete dicke Luft ſchlug Effie entgegen und machte ſie ſchaudern vor Ekel und Abſcheu. Der Raum war finſter, und erſt als ihre Augen ſich an dieſe Dunkelheit gewöhnt, vermochte ſie die Gegenſtände um ſich her zu erkennen, und das Bild des Jammers und Elends, das ſich ihren Blicken darbot, zu überſchauen. In der Mitte dieſes großen niedrigen Saals, der die ganze Länge des großen Schiffes einnahm, war ein ſchmaler Durch⸗ gang, und zu beiden Seiten deſſelben befanden ſich an die Wand angenagelte hölzerne Pritſchen in fort⸗ laufender Reihe, und in zwei Etagen über einander dieſe breternen harten Pritſchen, alle fünf Fuß Länge durch ein angenageltes Bret getrennt, waren die Schlafſtellen der Auswanderer, wären ihre Wohnung, ihr Lager, der ganze Raum, auf den ſie angewieſen. Und dieſes ſchmale, enge und harte Beſitzthum nicht 107 einmal ungetheilt zu beſitzen! Zu beiden Seiten neben ſich zwei andere Weſen zu haben, denn jedes ſo ab⸗ getheilte Bett iſt die Schlafſtätte dreier Menſchen, zwei Weſen, vielleicht ganz fremde, nie geſehene, ſich im Schlaf nicht wenden zu können, ohne des Andern Körper zu berühren, keinen Seufzer ausſtoßen, ohne von fremden Ohren ihn belauſcht zu wiſſen, ſelbſt nicht unter der Stille und dem Frieden der Nacht einen Moment zu haben, wo die zerquälte Seele in Worten ſich Luft macht, ohne gehört zu werden! Angewieſen, mit den beiden Gefährten Alles zu theilen, das Elend, den Schmutz, die Krankheiten, durch beides erzengt. Und dicht über ſein Häupten ſo niedrig, daß beim Aufrechtſitzen der Kopf ſie berührt, wieder eine ſolche Schichte hölzerner Käuen! Zwei Bett⸗ genoſſen neben ſich, drei über ſich, bei jeder Bewe⸗ gung dieſer dort oben den Schmutz und Staub durch die lockergefügten Breter herabrieſeln zu fühlen auf das Geſicht! Nicht athmen zu können, ohne die von oben herabdringenden Ausdünſtungen einzuſchlucken! Wie entwürdigend, entartend iſt eine ſolche Gemein⸗ ſchaft! entwürdigend, denn aus der Seele des Weibes nimmt ſie auch das letzte, was ihr noch geblieben, nimmt, was dann unwiederbringlich verloren iſt, die weibliche Scham. Hier auf dieſer Seite ſchlafen die Weiber, dort auf jener, nur durch den ſchmalen 108 Gang getrennt, die Männer, und ſo beim Ent⸗ ſchlummern und Erwachen, beim Zubettegehen und Aufſtehen ganz nahe bei ſich Hunderte von Männern, auch von dieſen jede Bewegung belauſcht, jeden Seuf⸗ zer vernommen zu wiſſen! Entſetzlich! Jenes Mädchen, es folgte ſeinen Eltern in frommem Glaubensmuthe, es unterwirft ſich ihrem Willen und wandert mit ihnen fort von Heimath und Freunden frendigen Muthes! Ihre Seele iſt jungfräulich, ihre Gedanken ſind rein, ihr Herz iſt ſittſam. Nun dieſes erſte Zubettegehen! Dieſe dreiſten, neugierigen Blicke der fremden Männer, kein Ort, wo ſie ſich ihnen ver⸗ bergen kann, keiner! Sich entkleiden müſſen vor allen dieſen offenen Augen, ſchlummern neben Unbe⸗ kannten, umringt von Männern! Welch' eine Ver⸗ zweiflung, welch' eine Pein in des Mädchens Seele! Wie zittert ſie den ganzen Tag vor der Nacht, und erröthet beim Gedanken daran! Anfangs! aber die Zeit, die Zeit! Gewohnheit ertödtet das Scham⸗ gefühl, die Schüchternheit weicht der Nothwendigkeit, das niedergeſchlagene Auge blickt umher, die Wangen erröthen nicht mehr! Und nicht genug, daß alle dieſe Armen Nachts, Thieren gleich, eingepfercht ſind in dieſem engen Raum, auch Tags iſt dies ihr Aufent⸗ halt; nur eine Stunde, und auch dies nur, wenn der Himmel hell und die See ruhig, dürfen ſie 109 hinaufgehen und friſche Luft athmen, und Licht und Himmel ſehen. Die ganze übrige Zeit unten im Zwiſchendeck. Unten, wohin keine Sonne, kein Licht dringt, wo nur durch die an jedem Ende des langen Raums am Boden angebrachten viereckigen Lucken zuweilen von oben her ein ſchwacher Luftzug dringt, der nie bis in die Mitte kommt. In dieſem Raum zu wohnen, zu leben neben jenen von der verpeſteten Luft Erkrankten, neben dieſen von ekler Krankheit Befallenen, umringt von Elend, Schmutz und Unge⸗ ziefer ſein Mahl einzunehmen! Welch ein Mahl! Der zuſammengeſcharrte Abhub deſſen, was die Paſſa⸗ giere des Oberverdecks, was die Matroſen übrig laſſen, das iſt die Koſt der Zwiſchendeckspaſſagiere, und das Salzwaſſer des Meeres der Trank für ihre lechzenden Gaumen! Welch' ein Bild des Jammers und Elends, ſagte Effie, als ſie mit dem Kapitän dieſen ſchauer⸗ lichen Ort verlaſſen, und auf das Verdeck trat, friſche Luft zu ſchöpfen. Wie unglücklich müſſen jene Armen ſein, wenn ſie ſolch ein monatlanges Elend nicht ſcheuen, und die Qual ſolcher Reiſe noch dem Aus⸗ harren in der Heimath vorziehen können! Glaube mir, ſie ſind mehr bethört, als unglück⸗ lich, ſagte Simpſon ernſt, und jene heuchleriſchen, lügenhaften Pfaffen tragen an Allem die Schuld. 110 Was kümmert das Volk ſich um das„Iſt“ oder „Bedeutet“, das arme Volk, dem oft eine harte Brodkruſte ein ganzes Mittagsmahl bedeutet, und das doch dabei zufrieden iſt. Dieſe Pfaffen aber ver⸗ führen ſie, und mit ihrer gleißneriſchen Rede und goldenen Verſprechungen verleiten ſie die armen, dum⸗ men, bethörten Menſchenkinder. Es iſt nun das zweite Mal, daß ich ſo etwas erlebe. Vor einigen Jahren hatte die„Hoffnung“ eine ähnliche Ladung. Da waren's fünfhundert Lutheraner, angeführt von dem Pfarrer Stephan, ja wirklich angeführt von ihm, denn er führte ſie bei der Naſe herum. Hatte ihnen goldene Berge verſprochen und unermeßliche Schätze, die ihnen in Amerika von ſelbſt in den Schooß fallen ſollten. Das Volk hielt ihn für'n Heiligen, und folgte ihm, wohin er wollte. Er war ihr Vater, ihr Führer und Kaſſenverwalter. Eine Zeit lang hatten ſie in Amerika eine Colonie begründet, einen kleinen Staat, in dem Stephan unumſchränkter Fürſt und Herr war. Dann war das Geld aufgezehrt und von den Schätzen noch nichts eingetroffen. Das arme Volk fing an zu erkennen, daß ihr ehrwürdiger Pfarrer ein Betrüger ſei, und ward muthlos, und als endlich zwei arme unglückliche Mädchen, die der fromme Pfarrer Stephan beſonders liebte, den Muth hatten, ihn vor der ganzen Gemeinde anzuklagen, und ſeine Schandthaten zu offenbaren, da fielen ſie von ihm ab, und Viele kehrten noch ärmer, wie ſie gegangen, wieder zurück in ihre Heimath, Viele ſtarben vor Elend und Noth, und Viele unterlagen der Reiſe. Aber, fragte Effie, welchen Zweck können die Pfaffen haben, ſo viele Menſchen zu betrügen? Pfaffenübermuth! ſagte Simpſon. Mein Kind, nichts Greulicheres als der Stolz und Hochmuth dieſer Diener des Herrn! Sie wollen unumſchränkte Herrn ſein, regieren und befehlen, wollen berühmt, gefeiert ſein! Nun ſiehſt Du, vom Herrn Pfarrer Stephan ſprach vorher Niemand, jetzt iſt er ein be⸗ rühmter Mann! Eintönig und öde ſchlichen die langen Tage, Wochen und Monde dieſer langſamen Reiſe für Effie dahin. Der Anblick des Meeres, ſo ſchön er anfangs iſt, verliert durch das wechſelloſe ewig gleich Blei⸗ bende, von ſeiner Erhabenheit und Schönheit, und das Meer wird zuletzt zu einer großen unermeßlichen Waſſerwüſte, voll ertödtender Monotynie. Wenn das Glück uns günſtig, hatte Kapitän Simpſon zu Effie geſagt, können wir vielleicht den Piloten, der nur vierundzwanzig Stunden vor uns in See gegangen, einholen, denn die„Hoffnung“ ſegelt ſchneller, als dieſe Brigg Auf dem Piloten war ihr Geliebter Edward! Mit welchem Verlangen, welchen Gebeten ſchaute Effie zu ganzen Stunden, an den Maſtbaum gelehnt, hinaus auf die See, und ſpähte in die Ferne hinein nach jenem Schiffe! Wie klopfte ihr Herz, wenn weit weit am Horizont ein Segel ſich zeigte, die Spitze eines Maſtes ſichtbar ward! O, ein Sturm wäre ihr willkommen geweſen, wenn er auch Gefahr brächte und Tod, trieb er doch vorwärts, vorwärts jenem Schiffe nach. Welche Freude, wenn ſie be⸗ merkte, wie raſch die„Hoffnung“ ſegelte, wenn die Formen jenes andern Schiffes deutlicher und beſtimm⸗ ter hervortraten. Jetzt konnte ſie ſchon durch das Fernrohr die Maſten unterſcheiden, die Matroſen auf dem Verdeck umher gehen ſehen! Kapitän, lieber guter Kapitän, kommen ſie ſchnell! Mitleid, Mitleid mit meiner ungeduld! Iſt jenes Schiff dort wohl der Pilot? Armes Kind! Immer nicht, immer nicht der Pilot! Effie ſenkt ihr Haupt auf ihre Bruſt, und eine Thräne rollt über ihre Wange herab. Armes Kind! Aber die Zeit vergeht, wenn auch langſam, wenn auch mit Schneckengang. Dieſelben Tage, die dem — 113 Einen eine Ewigkeit ſcheinen, dünken dem Andern kaum ein Moment, ein Tag des Glücks iſt ſo kurz ſo ſchnell enteilend, eine Stunde des unglücks ſo unermeßlich lang, ewig dauernd. Ach, Genuß und Freude macht Jahre zu Tagen, und Monde entſchwin⸗ den, ſchattengleich, aber das Sehnen, das Harren und Erwarten dehnt Jahre zu Unermeßlichkeiten, und Monden ſcheinen die Dauer eines ganzen Lebens zu erlangen. Solche Zeit des Harrens und Erwartens macht ſo alt, ſo erfahrungsreich. Dies Zittern der Ungeduld, dies ſtets ſich erneuernde Herzklopfen der Erwartung, dann dieſe Erſchöpfung vergeblichen Hof⸗ fens, dies Erlahmen der Erwartung, die Abſpan⸗ nung, die der Spannung folgt, die immer ſich gleich bleibenden Gedanken, die alles andere aus der Seele vertreiben und in ihrer ermüdenden Eintönigkeit doch unerſchöpflich ſind. Dies war während dreier Monate Effie's Leben, war die Nahrung ihrer Seele, die Speiſe ihres Herzens, eine ſaft⸗ und markloſe Speiſe, bei der all ihre Seelenkräfte zu verdorren drohten! Da, an einem ſchönen ſtrahlenden Morgen, da rief der Matroſe vom Maſtkorb herab: Land, Land Simpſon ſtürzte in Effie's Kajüte, wo ſie noch im Morgenſchlummer ruhte, und rief: Land, Land! und Effie flog empor, und halb bekleidet, Alles vergeſſend, ſtürzte ſie auf's Verdeck, und ſtarrte, ſtarrte hin in 2. Mühlbach. M. 8 die Weite, dort, dorthin, wo fern am Horizonte jenes ſchwarze Streifchen ſichtbar wird, das, das iſt das Land! Ihr Athem ſtockt, ihre Augen öffnen ſich größer, ſie ſchmerzen von der Anſtrengung des ſcharfen un⸗ verwandten Hinblickens, und doch kann ſie die Augen nicht abwenden, kann nicht wegblicken vyn jenem Nebelſtreifen, von dem Lande. Freue Dich, ruft Simpſon, nun nur noch vier⸗ undzwanzig Stunden, und wir werfen Anker vor Philadelphia! Vierundzwanzig Stunden! Welche unermeßliche Zeit! Vierundzwanzig Stunden! Die ſind nicht zu zählen nach Secunden und Minuten, nicht nach Stun⸗ den und Tagen, es ſind Monate, Jahre! Ach, was beginnen mit dieſen troſtlos langen unermeßlichen vierundzwanzig Stunden? Was denken in dieſer langen, langen Zeit! Alle Geduld iſt erſchöpft, alle Reſigna⸗ tion beendet. Ach für vierundzwanzig Tage, auch Monate hat man wohl Geduld, aber wo ſie auftrei⸗ ben für vierundzwanzig Stunden? Wo Ruhe finden in dieſer Ewigkeit des Harrens, während man das Ziel ſchon vor Augen hat!? Was beginnen? Schlafen? Ach, wer kann ſchlafen in dieſer höchſten, bis auf die Spitze getriebenen Ungeduld?! Leſen? Die Buch⸗ ſtaben hüpfen und tanzen nur umher bis ſie ſich zuſammenſetzen zu der furchtbaren Zahl. Vierund⸗ 115 zwanzig! Eſſen? Wo der Duft der Speiſen ſchon Widerwillen erregt? Nur ſehen, ſehen nach dem Ziele hin! Ach, aber dieſe vierundzwanzig Stunden ſchließen auch eine Nacht ein! Es wird dunkel! Wie das Auge ſich auch anſtrengt, es kann nichts mehr unter⸗ ſcheiden, nichts! Furchtbar! Das Ziel nicht mehr ſehen, nicht mehr ſchauen, wie es näher rückt, immer näher! Entſetzliche, bleierne, unerbittliche Nacht! Und dann zuletzt ſchläft ſie ein vor Müdigkeit, die arme, von ihrer eigenen Sehnſucht matt gehetzte Effie, und ſchläft nach ſo viel Unruh tief und ſchwer vor phy⸗ ſiſcher Ermattung und Abſpannung. Die Sonne iſt ſchon herauf, die Küſte iſt da, ganz, ganz nahe. Schon unterſcheidet man die Menſchen, die am Ufer hin und wieder gehen, immer näher, näher heran. Da, da iſt der Hafen! Das Schiff läuft ein! Es wirft den Anker aus! Effie ſchläft, ſchläft! Simpſon ſtürzt, rüſtig wie ein Jüngling, die Treppe herab, in Effie's Kajüte. Er, er muß ſeinem Mädchen zuerſt die Freudenbotſchaft bringen. Welch eine Botſchaft! Effie, meine Effie, erwache, wir ſind im Hafen! Wir ſind am Ziel und der Pilot liegt vor Anker! Sie ſchreit laut, ſie fliegt empor, zitternd und bebend, hat kaum Kraft die Treppe hinauf zu kom⸗ men auf's Verdeck! 116 Da liegt der Pilot! Siehſt Du das Bild, das er am Bugſpriet trägt, ſiehſt Du das Schiff mit den aufgehißten Segeln. Sieh, da ſteht's mit gol⸗ denen Lettern auf dem blauen Rumpf geſchrieben: „der Pilot!“ Ja, ja, das iſt er! Auf jenem Schiffe iſt— Aber ihr Herz ſteht. ſtill, ſie hat nicht Kraft, den Namen auch nur in Gedanken auszuſprechen, auch nur in Gedanken zu nennen ihren Geliebten, ihren Edward Macdeam. Sie zittert, ihr Auge füllt ſich mit Thränen, und allerlei trübe Ahnungen be⸗ wältigen ihre Seele! Wenn es nun ein Irrthum, wenn nun Edward nicht auf jenem Schiffe war! Ach, es iſt ſo ſchwer, an das Glück zu glauben, wenn uns das Mißgeſchick ſo lange verfolgte. Simpſon weckt ſie aus ihrem Hinſtarren nach jenem Schiffe. Das Boot iſt bereit, ſie wollen aus Land. Effie eilt in die Kajüte. Ihr weniges Ge⸗ päck iſt bald geordnet. Ihren Brillantſchmuck, ihr Gold trägt ſie bei ſich; nun wieder hinauf auf's Verdeck, und nun die Schiffsleiter hinab in das har⸗ rende Boot, wo Simpſon ſchon Platz genommen. Sieh, Effie, mein geliebtes Kind, ſagt er, und des alten ehrlichen Mannes Antlitz ſtrahlt vor Freude und Liebe, ſieh, dort am Strande, die drei Frauen⸗ geſtalten, das ſind mein Weib und meine Töchter! 117 Sieh, die Wettermädels, ſie haben mich, ihren alten Vater, ſchon erkannt. Sie winken mit den Tüchern! Komm, komm, wir wollen ihren Gruß erwidern. Huſſah, huſſah! Aber denk, Effie, ob ich Dich lieb habe, denn ſiehſt Du, ich ſteure nicht an's Land, zuerſt, und ehe ich Weib und Kind umarme, geht's auf den Piloten! Mein altes Herz iſt ſchon an Ge⸗ duld gewöhnt, Dein junges hat's noch nicht gelernt. Effie umfängt ihn mit einem Freudenſchrei. Mein Vater, mein guter Vater! Sie ſind am Piloten. Halloh! Kapitän Tripple nicht da?! Auf Simpſons Ruf kommt der Kapitän. Sie ſchütteln einander die Hände, wünſchen ſich Glück zur beendeten Fahrt, und Kapitän Tripple möchte allerlei fragen von Europa und dergleichen. Der gute Simpſon merkt aber Effie's Ungeduld und unter⸗ bricht den Andern. Iſt nicht unter Deinen Paſſa⸗ gieren ein Herr Macdeam? Richtig, ein Irländer, Edward Macdeam. Iſt ans Land gegangen. Wohnt zu den drei Kronen! Dank ſchön! Und nun, ihr Jungens, meine wackern Matroſen an's Land, ſchaut, dort landet, wo die drei Frauen ſtehen! Dort landen ſie, und Weib und Töchter um⸗ fangen jubelnd den Mann, den Vater. Wie er ſie 118 herzt und küßt, an ſeine Bruſt drückt und wieder los läßt, um ſie anzuſchauen und wieder zu umarmen! Wie er ihre Namen nennt, alle drei umfängt, und ſich der Thränen nicht ſchämt, die in ſeinen grauen Bart hinab rollen. Dann denkt er an Effie, die voll des innigſten Mitgefühls daneben ſteht. Er ſchüttelt ſeinem Weibe noch einmal die Hand. Geh nach Haufe, Mary, mit den Töchtern. Ich folge gleich nach. Will nur erſt dieſen jungen Matroſen zurecht weiſen. Geht, und ſorgt für ein gutes Mittageſſen, ich bringe zwei Gäſte mit. Auch eine Stube haltet bereit für mei⸗ nen Gaſt, dieſen hübſchen Matroſen. Lachend nimmt er Effie's, des jungen Matroſen Arm, und eilt mit ihr in die Stadt durch Gaſſen und Straßen, bis ſie vor dem Gaſthaus zu den drei Kronen ſtehen. Den Portier fragt Simpſon nach Herrn Edward Macdeam. Iſt auf ſeinem Zimmer Nro. 7. Und allein? Allein. Simpſon führt ſie die Treppe hinauf bis zur Thür Nro. 7. Dann küßte er ſie auf die Stirn und flüſterte weiter brauchſt Du jetzt Deinen alten Vater nicht. Was Dich da drinnen erwartet, duldet keinen 119 Dritten. Aber in einer oder zwei Stunden bin ich wieder hier, und hol' Euch Beide in mein Haus, und Du wohnſt bei mir, bis Du des Mannes Frau biſt. Ade! Effie iſt allein. Sie ſteht vor der Thür, die in das Zimmer ihres Geliebten führt. Da drinnen iſt er! Dieſe Thür nur ſcheidet ſie von ihm, nur die Hand an dieſes Schloß gelegt, die Pforte ſpringt auf, und ihn, ihn werden ihre Augen ſehen. Sie vermag es nicht! Sie iſt ganz muthlos! Sie zittert, alles ſchwindelt, dreht ſich vor ihren Augen, ſie lehnt ſich an die Wand, um nicht unzuſinken! Das Glück iſt da, und ſie zagt, es zu ergreifen, zagt, die Hand auszuſtrecken! Dieſer Moment iſt erhaben, unermeßlich! Sie hört drinnen Geräuſch, Schritte! O, das iſt ſein Tritt, ſie erkennt ihn wohl, das iſt ſein Tritt. Jetzt, horch, welch ein Ton! Hörnerklang, hinſchmel⸗ zender, ſehnſuchtsvoller Klang. Ja, das iſt das Lied, das ſie ihm ſtets geſungen! Es iſt die Weiſe ihrer Heimath! Sie ſang es ihm als Kind, als Jungfrau, ſang es an jenem Abend, wo ſie zuerſt an ſeinem Herzen ruhte, an jenem Tage, wo ſie ihn zum Letz⸗ tenmal ſah! Sie lauſcht, und lauſcht dieſen Erinne⸗ rungs⸗ und Heimathsklängen, Freude, unnennbare göttliche Freude ſtrahlt aus ihren Blicken, und nn hat ſie die Kraft, die Thüre zu öffnen und einzu⸗ 120 treten Da ſteht er am Fenſter, abgewandt von der Thür, hört nicht vor ſeinen Waldhornklängen, wie dieſe ſich öffnet und ſchließt, ſieht nicht, wie Effie matt, kraftlos ſich an die Wand lehnt, zu ihm hin⸗ ſchaut, ach, mit welchem Blick! Ein ganzes Leben liegt in ſolchem Blick! Nun öffnet ſie die Lippen und ruft: Edward! Der Ton war ſo leiſe, die Stimme ſo zitternd, Ed⸗ ward vernimmt ihn doch, dieſen Ruf, der ſein Herz erbeben macht, er weiß nicht, warum! Er wendet ſich und ſieht den Fremden an. Das iſt ſein Blick, ſein Angeſicht! Er iſt es, ihr Edward! Edward, mein Edward! ruft ſie, und ſtreckt die Arme aus nach ihm, und vermag nicht ihm entgegen zu gehen, ihre Füße zittern ſo ſehr! Er faßt mit der Hand an ſeine Stirn, als wolle er ſich beſinnen, und ſagt leiſe: wie iſt mir denn? Dieſer Ton? Dieſe Stimme? Edward! erkennſt Du Deine Effie nicht? Ein einziger Schrei, ein einziger Laut dringt von ſeinen Lippen, er ſtürzt hin zu dem Fremden, zieht ihn ſprachlos näher ans Licht, wirft den Ma⸗ troſenhut von ſeinem Haar. Die langen Flechten wallen hernieder! Ef Gott im Himmel! Meine Efſie! Mit welchem Blick ſchaut ſie ihn an, ach, 121 mit welchem entzückten Lächeln! Und er: iſt's wahr, iſt's möglich? Er ſtürzt zu ihren Füßen hin, er umfängt ihre Knie, er blickt zu ihr auf, ſtrahlenden Auges, hoch⸗ klopfenden Herzens. Biſt Du es, biſt Du es wirk⸗ lich? Es iſt kein Traum, kein Bild meiner Phantaſie? Du biſt's, biſt meine Effie? Ich bin's! Edward, mein Geliebter! Deine Effie iſt's! Aus dem Kloſter bin ich entſprungen, um Dei⸗ netwillen. Ich traf Dich nicht auf Deinem Gut, nicht in London, nicht in Hamburg. Aber hier, hier biſt Du, hier bin ich; Dir nachgefolgt, um Dich nie wieder zu verlaſſen. O, ſagt er, wie außer ſich, Du biſt kein Weib, ein Engel biſt Du, eine Heilige! Allerbarmer, iſt es möglich, daß dies große ſchöne Herz mein iſt? Mein dies Leben, dieſe Seligkeit? Effie, Effie mein? Wie er ſie umfängt, wie er ſie an ſich drückt, wie ſie ſtumm ſind, einander anſchauen, ſich mit den Augen zuwinken, lächeln, die Hände geben, ſich los⸗ laſſen, wieder anfaſſen!— Wie ſie plötzlich ein lautes helles Gelächter aufſchlagen und im Zimmer umher⸗ tanzen, wie tolle, tolle Kinder; wie ſie dann vlötzlich ſo ernſt werden, wie ihre Augen ſich mit Thränen füllen und ſie ſich unſchließen, und einer an des andern Herzen weinen, und dann, noch mit hellen .. 122 Thränen in den Augen, ſich wieder aufrichten, ſich anſehen, und wieder in ein fröhliches kindliches Lachen ausbrechen, wieder umher walzen, und gar nichts ſprechen, gar kein vernünftiges Wort! Und wie ſie ſo ſchäkern und lachen und weinen und ſeufzen und jubeln ſtundenlang, bis Simpſon kommt, ſie abzu⸗ holen, und meint, ſie hätten ſich wohl Alles aus⸗ führlich erzählt, und wie ſie nun einander verſtohlen und ſchelmiſch anſehen und lachen, und ſich gar nichts erzählt haben, und doch ſchon Alles wiſſen, weil ſie einander wieder haben! Selten, ſelten iſt es, daß das Leben ſolche Mo⸗ mente unendlichen Entzückens gewährt, wem ſie aber zu Theil geworden, der wird ſie mit nie erbleichen⸗ den Farben für immer als einen köſtlichen Schatz im Herzen bewahren! VI. So wollen Sie wirklich London verlaſſen und nach Frankreich zurückkehren? fragte Nordheim Ar⸗ mand, der zu ihm gekommen war, um Abſchied zu nehmen. Wirklich, ſagte Armand fröhlich, und ich hoffe, Sie werden von meiner Ankunft daſelbſt hören! Keine Bedenklichkeiten! Sie ſind ein Deutſcher, ich ein Franzoſe; laſſen Sie uns jeder nach unſrer Weiſe handeln! Leben Sie wohl! 1 Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er davon, ordnete mit der Wirthin ſeine wenigen Angelegenhei⸗ ten und fuhr ſodann hinunter zum Hafen! Das Dampfſchiff Edinburgh⸗Caſtle lag zur Ab⸗ fahrt bereit, und Louis Napoleon, der es zu einer Reiſe nach St. Omer gemiethet, war im Begriff, ſich mit ſeiner Equipage einzuſchiffen. Armand wech⸗ ſelte mit einigen von des Prinzen Begleitern einige geheimnißvolle Worte und folgte ihnen ſodann auf das Schiff. Mit ſechszig Paſſagiren an Bord fuhr das Dampfſchiff dahin. Kleiner und kleiner wurden in der Ferne die Thürme Londons, jetzt verſchwam⸗ men ſie allgemach im Nebel; nun keine Spur mehr von all den Häuſermaſſen, vorwärts, vorwärts rauſcht das Dampfſchiff, die Küſte ſchwindet, die hohe See iſt erreicht. An den Maſtbaum gelehnt ſteht ein jun⸗ ger Mann, die Arme in einander geſchlagen, ſchaut ſein Blick in die Weite, dorthin nach Frankreichs Küſte, und ſeine Lippen flüſtern zuweilen einzelne unverſtändliche Worte. Sein edelgeformtes Geſicht erinnert in einigen Zügen an Frankreichs großen Kai⸗ ſer Napoleon, das iſt ſeine hohe Stirn, ſein feiner Mund, das iſt die Form ſeines Angeſichts, die Farbe ſeines Haars. Eins nur fehlt, des Kaiſers Auge, des Feldherrn, des Kriegers Blick. Dieſe Augen erinnern nicht an den, der durch ſeines Blickes Ge⸗ walt ganze Armeen zittern machte, oder ſie begeiſterte zur tobtbringenden Schlacht; nicht ſo ſchaute der Held von Marengo, der Sieger von Arcole, wo iſt das Feuer, das aus jenen Augen blitzte, der Muth, die Energie, die es beſeelte, wo iſt das Alles zu finden in den hellen, ernſt blickenden, aber nicht feu⸗ rigen Augen dieſes jungen Mannes, der immer noch daſteht an den Maſtbaum gelehnt und hinſtarrt in die Weite? Wo iſt Napoleon? Dies iſt nur ein Schatten, eine ſchwache Erinnerung an ihn. Aber auch dies ſchon genügt, genügt ergrauten Männern, die unter dem Kaiſer gefochten und geſiegt; ſollte es ihm nicht ſelber genügen, ihm, dem Neffen des Kai⸗ ſers, Louis Napoleon? Er glaubt an ſich, weil er an die Macht Napoleons glaubt, er vertraut ſeiner Sache, weil es die Sache des Kaiſers iſt, und er ſagt zu ſich ſelber: nicht für mich will ich dieſen Thren, den mein Oheim beſeſſen, nicht um Glanz und Hoheit iſt es, daß ich kämpfe; die Freiheit will ich ſetzen auf dieſen Thron, und ich will ihr erſter und treuſter Diener ſein; für die Rechte des Volkes will ich kämpfen, und erobern will ich dem Volke, was es verloren hat, ſeine Privilegien und ſeine Rechte. Meine Seele iſt voll Muth und mein Herz ohne Zagen, denn was ich will iſt gut, und meine Sache iſt die Sache des Volkes. Es ruft mich, das Volk der Franzoſen, ſie wollen mich, den Neffen ihres Kaiſers, in ihrer Mitte wiſſen, mich berufen ſie zu dem Throne, den ein Uſurpator beſitzt. Wohlan, ich komme, und wie das Schiff die Wellen durch⸗ ſchneidet, nähert ſich Kaiſer Rapoleon der Zweite ſeines Landes Küſten! Sein Name wird neben ihm genannt, und er wendet ſich, den unwillkommnen Störer zu betrachten. Es iſt Armand, glühend von Wein, kaum im Stande ſich aufrecht zu halten auf ſeinen ſchwankenden Füßen. 126 Mit lallender Zunge ſagte er: ich habe gethan, was Sie geboten, Prinz Lyuis Napoleon, bald Kaiſer von Frankreich, ich vertheilte Wein unter die Mann⸗ ſchaft und die Paſſagire; ſchon ſind ſie begeiſtert und zu Allem bereit, und als ich jetzt, wie Sie mir ge⸗ boten, jedem von ihnen ein Zehnfrankenſtück gegeben, riefen ſie jubelnd Ihren Ramen. Horch! Schon wieder!„ vive Louis Napoleon! erſchallte von der andern Seite des Verdecks herüber, der brüllende Jubelruf. Des Prinzen Geſicht ſtrahlte in Freude, und er flüſterte zu ſich ſelber ja, ſie lieben mich wahrhaftig und treu. O, wie will ich ihnen lohnen, wenn ich erſt Kaiſer bin!— Dann befahl er Armand: ruft mir General Montholon! Armand entfernte ſich ſchweigend und nach we⸗ nigen Minuten trat der Gerufene auf das Verdeck. Es war eine hohe, ſtolze Geſtalt, die Weiße ſeines Haupthaares bekundete das vorgerückte Alter, aber ſein Auge ſtrahlte wie das eines Jünglings, und ſeine Haltung war eines Helden und Kriegers würdig. Wie er in glänzender Feldmarſchalls⸗Uniform vor Lyuis Napoleon ſtand, legte dieſer lächelnd ſeine Hand auf des Generals Schulter, und ſagte freundlich nun, mein Freund Montholon, laßt uns zum Werke ſchreiten! Ich ſehe, Ihr ſeid entſchloſſen, mir zu 127 folgen, Gefahr und Sieg mit mir zu theilen. Und alle die Bedenklichkeiten, die Ihr vorhin hattet, als ich Euch mit meinem Plan bekannt machte, ſind der Ueberlegung gewichen. Der General ſchüttelte verneinend ſein Haupt, und ſagte in melancholiſchem Ton: nein, mein Prinz, ſie ſind nicht gewichen, und wenn ich dies Gewand, das Ew. Königl. Hoheit ohne mein Wiſſen mit auf mein Schiff hat bringen laſſen, wenn ich es angelegt, ſo geſchah es nicht, um mich als Ew. Hoheit erſter Feldherr in dieſen Kampf zu begeben, ſondern, weil Sie denn kämpfen wollen, an Ihrer Seite zu ſein, und Ihr Leben, das Leben des Reffen meines Kaiſers, zu ſchützen, ſo viel ich vermag. Wo iſt Parquin, Vandrey und die andern Freunde? fragte der Prinz. Dort drüben in der großen Kajüte, antwortete der General, ſie haben gezecht und getrunken mit der Mannſchaft, bis weder ſie, noch dieſe, gehörig auf den Beinen zu ſtehen vermochten! Ach mein Prinz, ich habe keine Hoffnung zu einem Feldzug, zu dem man die Krieger durch Wein anfeuern muß. Ich fürchte— Dem General Napoleons geziemt es nicht, zu fürchten, ſagte der Prinz ſtolz, was würde mein kaiſerlicher Oheim geſagt haben, wenn Sie jemals ſo zu ihm geſprochen! Verzeiht, erwiderte General Montholon, er be⸗ fahl mir niemals einen ſolchen Feldzug. Sechzig Krieger gegen ein ganzes Königreich! Thorheit, ſagte der Prinz ungeduldig, wer würde ſo etwas unternehmen! Wer würde thun, was ich thue, wenn er nicht des Erfolges gewiß wäre, wenn er nicht wüßte, daß dies Königreich ihn er⸗ wartet, daß die Herzen aller Franzoſen ihm entgegen ſchlagen, daß die Armee nur anf ſeine Ankunft wartet, um ſich ihm zu unterwerfen?! General, nur wenige Stunden noch, und wir ſind in Frankreich, und tau⸗ ſend und aber tauſend Kehlen werden mit dem don⸗ nernden Ruf: Vive Pempereur! vive Louis Napo- leon! uns begrüßen. Mein Wort darauf! Jetzt harrt hier mein! Ich gehe hinunter, um meine Uni⸗ form anzulegen. Sobald ich zurückkehre, ruft die ganze Mannſchaſt und alle Paſſagire auf das Verdeck. Parquin ſoll die Proklamationen bereit halten! So ſprechend eilte der Prinz hinab in die Kajüte, ſchellte ſeinem Kammerdiener und ließ ſich die glän⸗ zende Feldmarſchallsuniform anlegen. Als die Toi⸗ lette beendet, trat er zu dem großen glänzenden Meſ⸗ ſingkäffig, in dem ein ſchwarzer, herrlicher Adler befindlich, und dem Thier, das ſeine feurigen ſchwar⸗ zen Augen auf ſeinen Herrn gerichtet hielt, gleichſam als verſtände es ihn und ſeine Worte, ein Stück 129 Zucker reichend, ſagte er: da, mein Aar, mein Kai⸗ ſervogel, nimm und ſtärke Dich, damit auch Du Dein Theil zum Siege Deines Herrn beitragen kannſt! Der zahme, ſtolze Vogel reckte, als verſtänd' er ihn, ſeinen Hals durch die weitläufigen Stäbe des Käfigs; der Prinz ſtrich ihm mit der Hand über den befiederten Hals, und fuhr fort: wirſt Du auch nicht vergeſſen, welch ein wichtig Amt das Deine iſt? Merk' auf, mein Vogel; wenn ich in Boulogne als Sieger eingezogen, und neben der Kaiſersſäule ſtehe, dann ſteigſt Du hernieder aus der Luft, und ſetzeſt Dich auf Deines Kaiſers Haupt, ein wahrer Him⸗ melsbote. Das Thier verſuchte die Flügel auszubreiten, ſtieß ſich an den engen Seitenwänden des Käfigs, und ließ ſie matt wieder ſinken! Louis Napoleon ſagte tröſtend: Geduld, Geduld, mein Aar! Noch kurze Zeit und Dir, wie mir, ſ die Schwingen gelöst! Dann ging er zurück auf das Verdeck, wo Par⸗ quin und Vaudrey inzwiſchen das ganze Schiffsper⸗ ſonal verſammelt hatte Er grüßte die erſtaunten, verwunderten Menſchen, leicht mit der Hand, und ſeine Stimme erhebend, ſagte er ernſt und feierlich meine Freunde, ſchaut, dort am Horizont, jener weiße Nebelſtreifen! Das iſt Frankreich, iſt das Land 2. Mühlbach. II. 9 130 meiner Geburt, das Eure, meine Freunde und Be⸗ gleiter! Verbannte, Heimathsloſe irrten wir bis jetzt umher, verbannt von einem Tyrannen, der ſich den König der Franzoſen nennt. Wäre ich es allein, der unglücklich wäre, ſo würde ich mich nicht beklagen; ich würde meine Verbannung mit jenem Muthe er⸗ tragen, der dem Neffen des großen Kaiſers geziemt; aber auch der Ruhm und die Ehre Frankreichs ſind verbannt; dies heilige Panier will ich zurückbringen in mein Vaterland! Ich weihe mich der Sache des Volks! Sie iſt die Meine! Zeit iſt es, daß die Ungerechtigkeiten und die Tyrannei deſſen, der den Thron Frankreichs uſurpirt hat, beſtraft werden! Zeit, daß wir gehen, ſie zu fragen, was ſie aus dem glorwürdigen, einigen, großmüthigen Frankreich von 1830 gemacht haben!? Kommt, laſſet uns ge⸗ hen! Folgt mir! Das gemißhandelte Volk der Fran⸗ zoſen ruft mich, den Neffen ſeines Kaiſers, mich, den Erben ſeines Throns. Ich will Frankreich ſein Glück und ſeine Ruhe wieder geben, ich will es wie⸗ der ſo groß, ſo erhaben machen, wie es war, und ſeine Freiheit will ich wieder herſtellen! Franzoſen, ich ſehe vor mir eine glänzende Zukunft des Vater⸗ landes! Ich fühle hinter mir den Schatten des Kaiſers, der mich vorwärts treibt, und ich werde nicht eher anhalten, bis ich den Degen von Auſterlitz F 131 wieder gewonnen, die Adler wieder auf unſere Fah⸗ nen befeſtigt und das Volk wieder in ſeine Rechte eingeſetzt habe! Dies iſt die Fahrt, zu der ich Euch berufen, dies der Zweck der Reiſe, deren Beſtimmung Ihr bisher nicht kanntet! Ich zweifle nicht an Eurer Ergebenheit, an Eurer Treue! Geht, und vernehmt von Euren Generalen und Hauptleuten die nähere Befehle! Armand war der erſte, welcher rief: vive l'em- pereur! vive Louis Napoleon! und Alle riefen es jnbelnd nach! Sodann ertheilte der Prinz General Montholon, Parquin und Vaudrey ſeine nähere Befehle, vertheilte mit eigener Hand Proklamationen und ermahnte zur Zuverſicht in ihre gute Sache. Uniformen mit der Nummer 40. waren von London mitgebracht, Waffen in genügender Anzahl heimlich auf das Schiff geſchafft, jeder von den Paſſagiren ward damit verſehen, und bald ſah man ſtatt der einfachen Civilkleider nur Uniformen und Epauletts. Armand, als Offizier gekleidet, ſtolzirte auf dem Verdeck umher, ſchon jetzt in der Erwartung ſiegestrunken, und rief in fanatiſcher Begeiſterung immer fort ſein: vive Pempereur! Vive Napoleon Second! Und wieder ſtand Louis Napoleon an den Maſt⸗ 132 baum gelehnt und blickte hinüber nach Frankreich, Siegesträume und Zuverſicht des Erfolges in ſeiner Seele, um ihn her ſeine Generale und Hauptleute, ſechs an der Zahl, die ihm helfen ſollten Frankreich zu erobern! Nein, nicht erobern; dies, meinte er, war ſchon gethan; die ihm helfen ſollten es zu be⸗ herrſchen. Die Küſte tritt deutlicher und beſtimmter hervor, dort liegt Boulogne, das Ziel, und hier, eine Stunde vor der Stadt, liegt das Dorf Wimeraur! Kapitän, ſtenert landwärts, hier wollen wir landen, bei Wi⸗ meraux! Der Anker wird ausgeworfen, die Mannſchaft ausgeſchifft! Gehüllt in ihre Soldatenmäntel, die Waffen unter denſelben verborgen, betreten ſie das Ufer. Da ſtellen die Diener der Duane ſich ihnen dar, das Reiſegepäck zu unterſuchen. Man war nicht darauf vorbereitet, man ſtutzt.— Das Reiſegepäck beſteht nur aus Pulver und Gewehren und Prokla⸗ mationen! Soll man dieſe unterſuchen laſſen? Da tritt Armand, keck und unerſchrocken vor, er legt dem Duanenlieutenant die Hand auf die Schulter und flüſtert: Beruhigt Euch! Erkennt Ihr ihn nicht? Seht Ihr nicht den Stern auf dem Kleide dieſes Herrn?— Es iſt Prinz Louis Napoleon. Schweigt, und folgt uns! w— 133 Ja, folgt uns! ruft Prinz Ludwig und reicht dem Lieutenant die Hand, folgt uns zu Sieg und Ehre! Die Soldaten nehmen die neu Geworbenen in ihre Mitte, und weiter geht's gen Boulogne hin! Entfaltet die Fahne! Der Adler des Kaiſers ſei unſer Panier! General Montholon befiehlt's, und Armand, der Fahnenträger, entrollt das heilige Banner, und hoch über den Häuptern des kleinen Heeres weht und rauſcht ſie im Winde, die weiße Fahne mit dem kaiſerlichen Adler! Jetzt, jetzt ſind die Thore Boulogne's erreicht! Kein Widerſtand ſetzt ſich ihrem Einmarſch entgegen. Man hält ſie für eine Abtheilung des Regiments 40, das in Calais ſteht. Niemand ſieht hin nach dem kleinen Trupp, der ſchweigend und ſtill die Straßen durchzieht, bis ſie zur großen Kaſerne, in der zwei Compagnien des 42. Regiments liegen, gelangt ſind. Die Pforten ſind geſchloſſen! Wie, ſollte Aladenize, unſer Freund, uns verrathen haben? Aladenize, der für uns heimlich und bei Nacht ſein Regiment in Calais verließ, Aladenize, der uns um dieſe Stunde hier erwarten muß, der uns die Pforten dieſer Ka⸗ ſerne öffnen, die Soldaten uns entgegen führen ſollte? — Nein, er täuſchte uns nicht, ſeht, die Thüren öffnen ſich, ſeht, dort ſtehen ſie in Reih' und Glied, 134 die tapfern Soldaten, und vor ihrer Linie auf und ab geht der treue Lieutenant Aladenize. Prinz Louis mit ſeinem Heer von ſechzig Mann zieht ein in den Hof der Kaſerne. Was er ſeinen Begleitern auf dem Schiffe geſagt, wiederholt er hier den Soldaten. Er kommt ſie zu befreien von Joch und Tyrannei, er kommt, ihnen die Zeiten des Kai⸗ ſerreichs zurückzubringen! Großmüthig will er für ſein Volk die Laſt auf ſich nehmen, den kaiſerlichen Purpur zu tragen. Proklamationen werden vertheilt unter die Soldaten; ſie ſehen ſie an, erſtaunt, ver⸗ wundert, aber ſchweigend. Der Prinz umarmt die Offiziere und verſpricht ihnen Hauptleute zu werden, er drückt hier und da den Soldaten die Hand und erhebt ſie zu Offizieren in ſeinem Heer. Sie danken nicht, ſie neigen ſich nicht vor ihrem neuen Kaiſer. Schweigend ſtehen ſie da. Aladenize ruft: vive Louis Napoleon! Vive empereur! Des Prinzen Heer ruft es nach, die Soldaten— ſchweigen! Horch, da dringt von dem geſchloſſenen Kaſernenthor, das Vaudrey mit einigen Leuten beſetzt hält, des Ober⸗ ſten bekannte Stimme an das Ohr der Soldaten! Zu mir! Zu mir, meine Soldaten! Das iſt unſer Colonel! rufen die Krieger, und plötzlich kommt Bewegung in ihre Reihen. Sie ſtür⸗ „ zen nach jenem Thore, Vaudrey mit den Seinen will 135 ihnen den Ausgang wehren! Umſonſt, ſie umzingeln ihn, drängen ihn zurück, reißen das Thor auf, und Colonel Puhgellier, den Degen in der Hand, ſtürzt in den Hof, die Soldaten begrüßen ihn mit dem Ruf: vive notre Colonel! Vive le roi! Der Prinz, muthig und entſchloſſen, tritt ihm entgegen, er ſchlägt den Mantel aus einander, zeigt nach dem Stern auf ſeiner Bruſt, zeigt nach der Fahne mit dem Adler hin und ſagt: ich bin Louis Napoleon, folgt mir und meinem Banner! Seid der Unſere, und ich werde Euch lohnen mit Allem, was Ihr wünſcht! Der Colonel weist die dargebotene Hand zurück, und erwidert ernſt: Prinz Ludwig, ich kenne Sie nicht, will Sie nicht kennen! Napoleon iſt todt, und in Frankreich regiert Lvuis Philipp, unſer König! Man verlaſſe meine Kaſerne! Wie der Prinz es weigert, befiehlt der Colonel ſeinen Kriegern, vorzudringen. Nun Geſchrei, Rufen, Waoffengeklirr! Die Inſurgenten werden zurückge⸗ drängt, ſie müſſen den Hof verlaſſen! Noch einmal ſchickt der Prinz ſeinen Fahnenträger Armand, mit Colonel Puhgellier zu unterhandeln, ihn zum Ueber⸗ tritt zu bewegen. Umſonſt; der Colonel weigert jede Unterredung; Armand bringt dieſe niederſchlagende Antwort dem Prinzen. Er entbrennt in Zorn, ſeine 136 Plane drohen zu mißglücken, ſeine Hoffnungen zu vereiteln! Kaum wiſſend, was er thut, faßt ſeine Hand nach dem Piſtol, das in ſeinem Gürtel ſteckt, er zielt, drückt es ab auf den Oberſten. Aber nicht dieſer wird getroffen, der Schuß geht ſeitwärts, und die Kugel trifft einen der Soldaten gerade in den Mund. Blutend, mit zerſchmetterter Kinnlade ſtürzt er zu Boden! Das Signal zum Kampfe iſt gegeben! Der erſte Schuß iſt gefallen! Blut wird fließen, muß vergoſſen werden! Nun ſtürzen die Krieger wuthbrüllend auf die Fremden hin, ſie ſtoßen ſie zurück, zurück aus ihrem Hof, und krachend fliegen hinter den Zurückgeſchla⸗ genen die Pforten der Kaſerne zu und verwehren ihnen⸗ den Eingang. Nun Geſchrei, Lärm, Aufruhr in den Straßen! Hier die Tambours des 42. Regiments, die trom⸗ melnd durch die Gaſſen ziehn und die Bürger zu den Waffen rufen; hier die Inſurgenten mit klingendem Spiel, vyran die Fahne, die einher ſchreiten mit dem Ruf: vive Pempereur! Der Pöbel der mit Geſchrei und Jauchzen ihnen folgt! Schreien, Rufen, Fragen überall! Die Bürger treten aus ihren Häu⸗ ſern, und ſehen theilnahmlos den Vorüberziehenden entgegen, die in mehreren Abtheilungen die Straßen 137 durchziehen und ſchreien: vive lempereur! Keiner dieſer Bürger ſchließt ſich ihnen an! Pflichtgetren eilen ſie auf ihren Poſten! Hier Getümmel, Schreien, Drohen, Flüche, wilder Lärm! General Montholon mit ſeinem Trupp iſt gefangen! Dort, wie ein Echo, erſchallen von der nächſten Gaſſe gleiche Töne herüber. Colonel Parquin iſt gleichfalls Gefangner mit ſeiner Mannſchaft! Noch iſt der Prinz frei! Seinen Fahnenträger voran, gefolgt von einem kleinen Häuf⸗ lein Krieger und einer großen Maſſe Volks eilt er zum großen Platz, wo die zur Ehre des Kaiſers er⸗ richtete Säule ſteht. Hier pflanzt Armand ſeine Fahne auf, hier ſtellt ſich der Prinz auf die Stufen, die zur Säule führen, den entblößten Degen in der Hand. Umſonſt vermahnen ihn ſeine Begleiter zu fliehen, zu fliehen, da es noch Zeit, der Prinz ruft mit dem Muthe der Verzweiflung: nein! Hier will ich ſterben! Hier will ich den Tod erwarten! Da zieht die lange Straße herauf, gerade der Säule entgegen, das 42. Regiment, angeführt vom Colonel Puygellier! 6 Flieht, flieht! ruft mitleidsvoll das Volk und umringt den Prinzen. Vergebens weigert er ſich, Armand faßt ſeinen Arm, die Freunde uringen ihn, das Volk drängt zum Ufer hin. Die Barke nimmt 138 ihn auſ, ihn und ſieben ſeiner Begleiter, unter ihnen Armand. Sie ſtoßen ab vom Ufer! Sie ſind ge⸗ rettet! Athemloſes Schweigen umher! Alles ſchaut nach der Barke hin, hin nach den Wellen, die ſie abwärts tragen, und mit ihrem Wogen und Schau⸗ keln, mit ihrem Abwärtsfluthen den Prinzen retten ſollen. Aber, o Himmel! das Bovot ſchwankt, die Menſchen in demſelben bewegen ſich zu haſtig, eine hohe Woge braust einher, nimmt leicht, wie eine Feder, die Barke auf ihren Rücken; ſchnellt ſie hinab in die Tiefe! Ein gellender Schrei erreicht das Ufer und wiederhollt ſich dort unter den Zuſchauern. Das Boot iſt umgeſchlagen, und die darin waren kämpfen mit den Wellen! Hier hebt ſich ein Arm, dort zeigt ſich ein Kopf; nun brauſen Wogen darüber hin, Alles verbergend! Nun werden ſie wieder ſichtbar! Erſcheinen auf's Neu! Man ſieht ſie kämpfen in Todesangſt und Verzweiflung! Hier erſchlafft ein Arm, ſenkt ſich ein Kopf, ein durchdringender Schrei, und ein Spiel der Wellen, wird der Körper abwärts getragen!— Prinz Ludwig kämpft muthig, und ſchon iſt faſt eine Viertelſtunde verfloſſen unter ſeinen An⸗ ſtrengungen, das Dampfſchiff zu erreichen! Da naht ein Boot! Er erfaßt ſeinen Rand! Man hebt ihn hinein! Schon befinden ſich zwei ſeiner Gefährten⸗ Bally und Armand, in demſelben! Sie ſind gerettet! Su 139 Zum Dampfſchiff! zum Dampfſchiff hin! n der Prinz athemlos. Ach, das Boot ſteuert zum Ufer hin, Ludwig Napoleon iſt gerettet, aber gefangen. Er bedeckt mit ſeinen Händen das Geſicht und ſeufzt: ach, warum bin ich nicht geſtorben! Mir wäre beſſer geweſen, im Meere zu ertrinken, als gerettet zu werden zum ſchmachvollen Unterliegen! Sie betreten das Ufer! Soldaten umringen ſie! Colonel Puygellier fordert des Prinzen Degen! Er reicht ihn ſchweigend dar. Während man um den Prinzen beſchäftigt iſt, gleitet Armand leiſe zur Erde, ſchlüpft kriechend durch die Hauſen des gaffenden Volks, das gutmüthig ihm Bahn macht und ihn in ihre Mitte nimmt. Einige Zeit folgt er mit dem Pöbel, um Aufſehen zu vermeiden, dem Zug der Soldaten, der den Prinzen als Gefangenen in ihrer Mitte zur Stadt führt. Dann wendet er ſich zur eiligen Flucht. Den Abend dieſes Tages fuhr der Prinz in ver⸗ ſchloſſener Kutſche aus den Thoren Boulogne's. Zu beiden Seiten des Wagens ritten Gensd'armen, eben ſo hinter und vor demſelben. Der Zug ging nach Paris, wo im Palaſt Luxemburg ſchon Zimmer be⸗ reitet wurden, den Prinzen aufzunehmen als Ge⸗ fangenen. 140⁰ Neben dem Prinzen ſaß im Innern der Kutſche General Montholon, geſenkten Hauptes, Kummer und Sorge in den ehrwürdigen Mienen. Der Prinz blickte ihn mit einem wehmüthigen Lächeln an, und ſeinen Arm auf die Schulter des Greiſes legend, ſagte er in liebevollem Ton: nicht muthlos, General! Wollen wir unſer Schickſal ertragen, wie es Männern geziemt! Ich ſehe, der Stern der Napoleoniden iſt untergegangen und das Glück auf ewig erloſchen. Wollen wir uns tröſten mit dem Gedanken, das Rechte gewollt und nach dem Edlen geſtrebt zu haben. Erfolg oder Mißlingen iſt Sache des Zufalls! Aber das Mißlingen ſtempelt Begebenheiten, die, wenn ſie Erfolg haben, Heldenthaten genannt werden, zu Thorheiten! ſeufzte der General. Der Prinz erwiderte ernſt: da mögen Sie cht haben! Man wird uns unbeſonnene, thörichte Schwär⸗ mer nennen! Und wie die Sachen ſtehen, hat man auch Grund dazu! Ich ſehe, man hat mich bitter getäuſcht, man hat mir Vorſpiegelungen gemacht von der Liebe und Sehnſucht des Volks nach den Kaiſer⸗ tagen und nach mir, Vorſpiegelungen, die ungegrün⸗ det ſind! Die Wahrheit aber iſt ſchmerzvoll und traurig! Um ſo trauriger, weil ich ihre Kenntniß nur mit dem Unglück meiner Freunde erkaufen konnte! Dies iſt es, was mich darnieder beugt, daß Sie 141 und ſo viele meiner Freunde durch meine Schuld leiden! O nicht doch! nicht doch! ſagte der General bewegt; wie gern würden wir leiden, wenn Sie, mein Prinz, nur nicht auch von dieſem Leiden berührt würden! Es iſt bitter und ſchmerzvoll, den, dem man mit Leib und Seele anhängt, vom Unglück darnieder gebeugt zu ſehen! Nicht darnieder gebeugt, mein Freund! erwiderte der Prinz, ſondern muthig es duldend und gefaßt! Unter ſolchen Geſprächen fuhren ſie dahin und legten Meile nach Meile ihrer traurigen Fahrt zurück. Endlich waren ſie am Ziel; unter dem Schweigen und dem Dunkel der Nacht fuhr der Wagen in die Thore von Paris ein, und bald ſchloſſen ſich hinter ihnen die Hofthore des Palaſtes Luxemburg. Der Prinz umarmte ſchweigend den General und flüſterte ihm Troſtesworte zu, dann ward der Kutſchenſchlag geöffnet und ſie ſtiegen aus.— Und wieder nach einiger Zeit hielt in finſterer Nacht eine verſchloſſene Kutſche unter ſtarker Gens⸗ d'armeriebegleitung vor den Thoren von St. Pelagie, um Prinz Louis an den Ort ſeiner Beſtimmung zu bringen. Der Pairshof hatte ſein Urtheil geſprochen, der Prinz war Gefangener auf Lebenszeit und in Ham war ſein Gefängniß bereit. Wieder beſtieg er, 142 gefolgt vom General Montholon den Wagen, und fort ging der Zug nach Ham. Als der Wagen don⸗ nernd einfuhr in den finſtern Hof der Citadelle, ſchauderte der Prinz und ſeufzte: alſo hier, hinter dieſen dicken Mauern wird mein Leben dahin ſchleichen! General Montholon aber, der tapfere Krieger, weinte wie ein Kind; nicht über ſein Mißgeſchick, ſondern über das Unglück von dem Neffen ſeines Kaiſers. In denſelben Zimmern, in denen einſt Karls des Zehnten Miniſter ſchmachtete, wohnt Prinz Louis Napoleon, und oft kann man ihn an den vergitterten Fenſtern ſeines Gemaches erblicken, wie er ernſten und ſchwermuthsvollen Blickes hinunter ſtarrt in den Hof. Wenn dann plötzlich ſeine Züge einen freund⸗ licheren, milderen Ausdruck annehmen, wenn ein Lächeln um ſeine Lippen zuckt und er ſich haſtig um⸗ wendet, ſo ſieht man dann die zarten, ätheriſchen Umriſſe eines zweiten Weſens hinter den trüben Scheiben, eines Weſens, deſſen Stimme wohl jenes frohe Lächeln auf ſeine Lippen zauberte und jenen Lichtblick in ſeine Augen, eines Weſens, das mit zauberhaftem Lächeln und Liebeswort die großen blauen, ſeelenvollen Augen auf ihn heftet. Wer iſt jenes Weſen? jenes zarte, junge Weib mit den ſchmachtenden, zärtlichen Augen, der Nymphen⸗ —— 143 Geſtalt, der durchſichtigen überſinnlichen Schönheit? Ein Geheimniß umhüllt ſie, und ein ehrfurchtsvolles Schweigen. Heimlich flüſtert man ſich zu, an einem Abend ſei ein verſchleiertes Weib in den Schloßhof getreten, und habe mit etwas engliſchem Accent ver⸗ langt, den Kommandnnẽſprechen. Man habe ſie zu ihm geführt, und will nachher dieſen ſelber jene Verſchleierte in die Gemächer des Prinzen haben geleiten ſehen; und Freudenlaute und entzückte Aus⸗ rufungen aus den ſonſt ſo ſtillen Zimmern des fürſt⸗ lichen Gefangenen vernommen haben. Man glaubt dieſem Gerücht, und warum ſollte man nicht?! Das Herz voll Liebe iſt auch voll Muth, und nur ein Meer trennt England von Frankreich. Wann hätte die wahre Liebe gezagt vor Woge und Brandung! Daſſelbe Element, das Leander zu ſeiner Hero trug, wogt noch und lebt; dieſelbe Liebe auch! VIII. Den Kopf in die Hand geſtützt, verloren in ſchwermüthiges Sinnen ſaß Lady Ellinor in dem Gartenſalon ihres Landhauſes. Sie hatte von der Einſamkeit und dem Frieden, die ſie umgaben, Lin⸗ derung ihrer Seelenpein gehofft, und gemeint, in der Stille um ſie her auch in ſich ſelber wieder ſtille zu werden und friedlich. Aber wie ſollte ſie Ruhe finden, während doch ihre Gedanken ſie begleitet hatten und ihre Schmerzen, während der Gegenſatz ihres eigenen Innern zu dem Frieden um ſie her mit doppelter Pein ihre Seele belaſtete? Wie ſollte ſie lernen zu vergeſſen ihre Sorgen und ihr Schmer⸗ zen, während der Urheber aller dieſer Qualen im⸗ mer neu den verwundenden Stachel in ihren Buſen ſenkte, während Giuſeppo auch hierher auf die Villa ihr gefolgt war, und mit neuen beleidigenden An⸗ forderungen, mit ſpottender, höhniſcher Zärtlichkeit ſie beſtürmte? Wie Vieles, Vieles hatte ſie gelitten! Wie war ihre Seele alt geworden, ihr Herz 145 verdorrt in Jugendfriſche! Sie hatte gar keine Kraft mehr auf Glück zu hoffen, an ſich ſelbſt zu glauben, und die Liebe ſelbſt zu ihrem Gatten, ihrem verlore⸗ nen Kinde, dieſe Doppelliebe, die doch als ſo war⸗ mer Lebensquell in ihrem Buſen fluthete, nahm ſie nur für einen ſchmerzenden Pfeil, der ſich tief und tödtend in ihr Herz gebohrt; ſie meinte zu verbluten an Liebe, und ſie ſagte zu ſich ſelbſt: o mir wäre beſſer ganz ohne Liebe zu ſein, und ohne Empfinden! Dann gäb' es für mich kein Leiden mehr und keine Qual, denn nur die Bruſt ohne Herz iſt ruhig! Mir wäre beſſer Gleichgültigkeit und Apathie, als Lethetrank an meine heißen Lippen zu bringen, als täglich neu den vergifteten Trank des Liebeskummers zu trinken— Dann aber gedachte ſie ihres Gatten, ſie meinte, ſein geliebtes Angeſicht vor ſich zu ſehen, meinte den Blick ſeiner Augen zu empfinden, gedachte ihres Kin⸗ des, des ſo früh verlornen, heiß geliebten, und in⸗ mitten ihrer Qualen und Sorgen fühlte ſie dennoch ein tiefes unendliches Glück in ſich, ein Glück, für das ſie willig Alles zu leiden ſich ſtark fühlte, und ſie ſagte: ach, das Glück, ſo heißer Liebe fähig zu ſein, iſt eine Wonne, die durch kein Leiden zu theuer erkauft werden kann! In ſolchen widerſtreitenden Gedanken ſaß ſie L. Mühlbach. II. 10 146 jetzt im Salon; vor ihr lagen drei geöffnete Briefe. Der eine von ihrem Gemahl, der noch immer bei ſeinem Bruder verweilte. Er berichtete ihr von dem Erfolg ſeiner Bemühungen, denſelben mit Effie und Maedeam zu verſöhnen und hoffte in einigen Tagen die Rückreiſe antreten zu können. Der zweite Brief war von ihrem Geſchäftsführer aus London, durch den ſie„im Auftrag einer Freundin,“ wie ſie ihm geſchrieben, eine anonyme Aufforderung hatte in einige Blätter rücken laſſen, an jene unbekannte Dame ge⸗ richtet, die vor ſo und ſo viel Jahren einem Bettler⸗ weibe ein Kind abgekauft. Dieſe Aufforderung war, wie ihr Geſchäftsführer berichtete, bis jetzt ohne Er⸗ folg geblieben, und er fragte an, ob ſie wiederholt werden ſollte? Der dritte Brief endlich kam von Giuſeppo Daſſa, der ihr darin befahl, ſich heute zu Hauſe zu halten, da er zu ihr kommen wolle. Den Kopf in ihre Hand geſenkt blickte Ellinor traurig nieder auf dieſe drei Blätter, deren jedes für ſie eine Quelle der Schmerzen enthielt, und langſam rollte die Thräne, die bis dahin in ihren langen dunkeln Wimpern gehangen, hernieder über ihre bleiche ein⸗ gefallene Wange. Er wird kommen, flüſterte ſie, er, mein Gatte, mein Geliebter wird zurückkommen, und wird mich finden, wie er mich verlaſſen, trautig und tummer⸗ 147 voll; ach, und mein Herz, das ihm ſo heiß ergeben iſt, ſchlägt ihm nicht frendig entgegen, es ſtockt im Krampf der Furcht, und meine Arme, die ſich öffnen möchten, ihn zu umſchlingen, ſinken kraftlos herab bei dem Gedanken, meine Schuld könnte ihm ver⸗ rathen ſein, und er aufgehört haben mich zu lieben! Ha, und auch er wird kommen, der Dämon meines Lebens, und meine Hand, die ihn zurückſtoßen möchte, muß die ſeine drücken, meine Augen, die ihn verab⸗ ſcheuen, müſſen ihn willkommen heißen mit freund⸗ lichen Blicken, und meine Lippen Worte der Theil⸗ nahme ſprechen, von denen meine Seele nichts weiß; ha, wo ich haſſe, muß ich Liebe heucheln, und wo ich liebe, muß ich täuſchen!— Nein, rief ſie plötz⸗ lich laut und ſtürmiſch, nein, dieſe Qual iſt ärger als der Tod!— Wie ſie dies Wort ſprach, zuckte ſie zuſammen, wie ein Blitzſtrahl hatte dies Wort ihre Seele getroffen und ſie zu glühenden Gedanken erhitzt! Sie ſtand auf und ging heftig bewegt im Zimmer auf und ab! Ihr ganzes Weſen hatte ſich verändert; vorher ſo bleich und kummervoll, ſo gebengt und niedergedrückt, war ihre Geſtalt jetzt ſtolz und hoch aufgerichtet, ihr Buſen wogte ſtürmiſch auf und ab, ihre Wangen glühten, ihre Augen leuchteten, und ein Ausdruck jinſterer Entſchloſſenheit und Energie war über ihre Züge gebreitet. Durch die geöffneten 10 148 Thüren drang die laue Sommerluft herein und trug balſamiſche Düfte der Blumen, die im nahen Boskett blühten, zu ihr her, ſie empfand es nicht, ein zwit⸗ ſcherndes Vögelein kam ſorglos nahe an die Thür gehüpft, und ſchaute, gleichſam wie aus Neugierde, zu ihr herein, ſie ſah es nicht, der Wind trug das Geläute der Abendglocke von der kleinen Kapelle, die im Parke ſtand, zu ihr herüber, und die Bäume rauſchten dazu wie im Abendgebet, ſie hörte es nicht; vor ihrer ſchauenden Seele ſah ſie finſtre und grauen⸗ volle Gebilde in geſpenſterhaftem Weben vorüber⸗ ſtreichen, und ſie hörte nur jene Stimmen, die in ihtem Herzen flüſterten, und ihr eine Geſchichte voll Graus und Schrecken erzählten. Dann ſagte ſie laut, und ihre Stimme klang dumpf und gepreßt von in⸗ nerer Bewegung: Der Tod! Ja, der Tod endet Alles. Wie, wenn ich den Tod entſcheiden ließe? Es muß ein Ende ſein! Es muß! Sie richtete das große brennende Auge gen Himmel, und den Arm erhebend ſagte ſie feierlich wenn ein Gott dort oben thront, ſo weiß er, was ich gelitten habe! Weiß, welche Qualen ich erduldet, wie ich Tag um Tag zu ihm gebetet habe um Hülfe und um Rettung! Ja, mit zerriſſener Seele und todeswundem Herzen bin ich gekommen und habe in gläubigem Vertrauen all' meine Qual vor ihm aus⸗ 149 geſchüttet! Habe meine Hände wund gerungen, und meine Augen thränenlos geweint, und habe auf ihn gehofft, auf ihn, zu dem ich betete, ach, mit welchem Gebet! Aber er blieb taub meinem Flehen, taub mei⸗ nem Gebet, und wenn ich mit zerſchlagener Seele kam vor ihm zu beten, ſo hat er mir niemals ein Zeichen gegeben, daß er mich erhören, meine Leiden enden und mir Balſam ſenden wolle für die ſchmer⸗ zenden Wunden, die mir das Leben geſchlagen! Es iſt alſo keine Hoffnung für mich, keine Gnade im Himmel! Meine Gebete ſind umſonſt geweſen, und mein Flehen ohne Erhörung! Wohlan, ich bete nicht mehr, und wenn ich bete, ſo ſoll es zu mir ſelber ſein! Ja, mit Thaten will ich beten, mit Thaten will ich mir Ruhe erkaufen! Meine Geduld iſt auf⸗ gezehrt und meine Hoffnung erſchöpft! Kein Gott hat mir beigeſtanden, wollen wir denn ſehen, ob ich mir ſelber nicht beiſtehen kann! Ja, ich will mir Ruhe erkaufen! Und wenn ein Menſch will, wo iſt die Gewalt, die ihn hindern kann?! Wie ſie ſo ſprach, glühend vor innerer Leiden⸗ ſchaft, blitzenden Auges und ſtrahlenden Angeſichts, mit gen Himmel emporgehobenen Armen, mochte man ſie jenen Statuen der Niobe vergleichen, die die Rache des Himmels über den Himmel zu erflehen ſcheinen! Ihre Züge nahmen einen andern Ausdruck an, Wehmuth und Rührung zuckte gleich Wetterleuchten durch ihr Angeſicht, und in ihren Händen ihr Haupt verbergend, ſagte ſie in jammerndem Ton: wo gibt es Eine ſo voll Qual und Schmerz, wie ich es bin? Laut ächzend ſank ſie auf den Divan nieder, und ihr Angeſicht in den Kiſſen verhüllend, ſchluchzte ſie laut. So bewältigend war ihr Kummer, daß ſie nicht bemerkte, wie die Thüre dem Garten gegenüber leiſe geöffnet ward und Giuſeppo hereintrat. Als er Ellinor aufgelöst in Schmerz, ſchluchzend und wei⸗ nend hingeſunken ſah, trat ein grauſames Freuden⸗ lächeln in ſeine Züge, und einen Augenblick ſtand er ſtill, ſein zuckendes, jammerndes Opfer zu betrachten. Dann ging er geräuſchlos bis zu dem Tiſche, der vor dem Sopha ſtand, und auf dem er jene drei offenen Briefe bemerkt hatte. Er nahm den erſten, und ſeine Handſchrift erkennend, warf er ihn verächtlich fort, und griff nach dem zweiten. Es war Lord Landstowns Brief; Giuſeppo überflog ihn raſch, und nahm den dritten. Als er auch dieſen geleſen, wandte er ſich ruhig an Ellinor, die, noch immerfort wei⸗ nend, ihn nicht bemerkt hatte, und ſagte: alſo Lord Landstown kehrt in einigen Tagen zurück, und von Deiner Tochter keine Nachricht? Ellinor richtete ſich langſam auf; ſie hatte ſich 151 wieder ganz weiblich geweint, und von dem früheren Zorn der Verzweiflung war kaum mehr eine Spur in ihren Zügen zu finden. Keine Nachricht, ſagte ſie leiſe, und mein ahnen⸗ des Herz, ſo lange an Unglück gewöhnt, ſagt mir, daß alle meine Bemühungen umſonſt ſein werden. Ich werde mein Kind nicht wieder ſehen! Was thut es auch? ſagte Giuſeppo mit ironi⸗ ſchem Lächeln, ein Weib ſoll den Vater ihres Kindes mehr lieben, als ihr Kind. Ich bin Dir ja geblieben, und mich, das verſpreche ich Dir, ſollſt Du noch oft wiederſehen! Ellinor ſah ihn mit einem ſchmerzlich bittenden Blicke an, und ſagte ſanft: Ginſeppo, laß es genng ſein! Sieh mich an, zerfallen und zerrüttet wie ich bin! Es iſt Dein Werk, laß es genug ſein! Giuſeppo ſah ſie wild und ingrimmig an, und ſagte: Weißt Du nicht, daß ich Dir ewige Rache geſchworen? Ich weiß, ich weiß, ſeufzte ſie. Dann nahm ſie ſeine Hand und ſagte mild und ſanft: ſieh, Giu⸗ ſeppo, mein ganzes Herz geht vor Dir auf in dieſem Moment. Mir iſt, als wären alle die Jahre ver⸗ ſchwunden, die zwiſchen Jetzt und Damals liegen, ich fühle in mir daſſelbe Vertrauen, das ich damals zu Dir empfand, dieſelbe Zuverſicht. Und zu dieſem 152 Ginſeppo, der Du damals warſt, zu dieſem will ich ſprechen. Daſſa ſtieß ihre Hand unſanft zurück, und ſagte rauh: unmöglich! Jener Giuſeppo iſt längſt geſtorben, er liegt begraben neben Deinen vermoderten Liebes⸗ ſchwüren, und was geblieben, iſt nichts als ein in ſeiner Ehre und ſeiner Liebe gekränkter und bis zum Tode verwundeter Mann, der es zur Aufgabe und zum Studium ſeines Lebens gemacht hat, die Schmach, die ihm geſchehen, zu rächen! Und Du haſt es gethan, ſagte Ellinor ſchmerz⸗ voll, Du haſt Dich gerächt! Mein Leben iſt zerbro⸗ chen Laß es genug ſein. Gönne mir für die weni⸗ gen Tage, die mir noch geblieben, o gönne mir für dieſe mindeſtens Ruhe. Laß mein Herz, zermartert, wie es iſt von eigenen Vorwürfen und Gewiſſens⸗ qualen, laß es Frieden finden. Laß mich meinen Gatten lieben dürfen ſonder Furcht, ihn in der näch⸗ ſten Stunde zu verlieren, durch Dich zu verlieren. Laß meine Sünde abgebüßt ſein und meine Schuld geſühnt, und mit meinem letzten Seufzer will ich Dich ſegnen, und die Gnade des Himmels über Dich herabflehen! O Ginſeppo, fuhr ſie fort, und die Hände flehend zu ihm emporgehoben, ſank ſie zu ſeinen Füßen nie⸗ der erbarme Dich mein! Habe Mitleid mit mir und 153 erlöſe mich von meiner Qual! Strafen und Rächen iſt eine grauſame Luſt, das Vergeben aber iſt eine himmliſche Freude. Giuſeppo, vergieb mir! Vergieb mir um meiner Qualen willen, um des Kindes willen, das ich verloren. Sieh, wie eine Gottheit ſtehſt Du vor mir! In Deiner Hand ruht Segen oder Fluch meines ganzen Lebens. Du vermagſt meine Thränen zu trocknen, mich wieder glücklich zu machen oder mich ohne Ende ſchmachten zu laſſen in peinvoller Angſt und Verzweiflung. Sei mild, wie eine Gottheit, Giuſeppo, nimm den Fluch von mir und ſegne mich! Laß mich nicht in jeder Stunde fürchten, Du könnteſt mich meinem Gemahl, ihm, den ich liebe mit meiner ganzen Seele, verrathen, und mir das ſchönſte Theil ſeiner Liebe, ſeine Ach⸗ tung, die ich unter Schauern des Entzückens und der Qual empfinde, Du könnteſt mir dieſe entreißen. Gib mich frei! Laß, was die Zeit längſt zerriſſen hat, zerriſſen ſein! Giuſeppo, um meiner, um Deiner Seligkeit willen gib mich frei! Sprich dies eine, eine Wort und mein Hetz ſoll in unbegrenzter Dankbar⸗ keit Dir gehören, Du ſollſt mein Bruder ſein, mein Freund! Schwöre mir, mich nicht meinem Gemahl zu verrathen, und vergeſſen ſoll ſein Alles, was ich durch Dich gelitten, was ich leide, und ſegnen, ſeg⸗ nen will ich Dich! 5 154 Ihre Stimme erloſch in Thränen, und kraftlos ſenkte ſie ihr Haupt auf ihre Bruſt. Giuſeppo ſah zu ihr nieder mit einem Blick, wie ihn die Schlange auf ihre Beute heftet, wenn ſie voll Mordluſt und Grimm den giftgeſchwollenen Zahn in das Fleiſch des zuckenden Opfers ſetzt, und ſeine Stimme war ſchneidend und rauh, als er ſagte: welch' ein Thor müßte ich ſein, wenn ich vergeben wollte, was nim⸗ mer zu vergeben iſt! Du nennſt mich Deine Gottheit! Vergiebt denn der Gott da droben auch nur die kleinſte Sünde, die der Menſch gethan! Stehet nicht vielmehr geſchrieben: Die Sünde der Menſchen ſoll gerächt werden bis in's dritte und vierte Glied? Wohlan, ſo will ich Deine Gottheit ſein, und die Sünde, die Du an mir begingſt, rächen, ſo lang Du lebſt, ſo lang ich lebe! Deine Tage ſollen voller Qual, und Deine Nächte ohne Schlummer ſein! Sieh, vierzehn Jahre, vierzehn lange Jahre war die Hoffnung, Dich einſt ſo vor mir zu ſehen, ſo zerbrochen und zitternd, wie Du jetzt da liegſt, mein einzigſter Troſt, war die Speiſe meines verrathenen Herzens, die Nahrung meiner geſchändeten Ehre! Und jetzt, nun ſie da iſt dieſe Zeit, die ich mir vom Teufel als die einzigſte Gabe für meine verlorene, durch Dich verlorene Seele erflehte, nun Du zuckend, zertreten, winſelnd vor mir liegſt, nun ſollte ich, ein thörichter Knabe, zurück⸗ 155 treten von meinem Willen und mich erweichen laſſen von Deinem Flehen? Denke beſſer von Deinem Giu⸗ ſeppo, dem Du ewige Treue geſchworen, achte ihn als einen Mann, der, was er gelobt zu erfüllen, auch ſicherlich erfüllen wird! Ellinor ächzte laut, und Giuſeppo, ein Päckchen Briefe aus ſeinem Buſen ziehend, fuhr fort: ſieh her! Dies ſind Deine Briefe! Geſtehe, daß ich ein feuriger Liebender bin! Seit vierzehn Jahren trage ich ſie Tags auf meiner Bruſt und liegen ſie Nachts unter meinem Kiſſen! Ha, Du wußteſt nicht, was Du thateſt, als Du ſie geſchrieben! Du wußteſt nicht, daß dieſe Liebes⸗ ſchwüre, die ſie enthalten, einſtmals wider Dich auf⸗ ſiehen, und Dich verklagen würden! Du haſt mir die Geißel, mit der ich Dich züchtigen kann, ſelbſt in meine Hand geliefert, und bei Gott! ich werde ſie gebrauchen! Was willſt Du thun? jammerte Ellinor. Was ich thun will? fragte er ingrimmig. Dei⸗ nem Gemahl will ich dieſe Briefe geben! Richt heute, nicht morgen! erſt nach Monaten, Jahren, wenn Du an der Angſt jedes Tages Dich matt gelebt, vielleicht erſt an Deinem Todestage, erſt in der Stunde, wo Du in ſeinen Armen ſterben willſt, vielleicht erſt dann will ich zu ihm hintreten, und ihm dieſe Briefe zeigen, die ihm ſagen, daß ſein unſchuldiges lieben⸗ des Weib die Buhlerin eines Andern war. 156 Du biſt ein Ungeheuer! rief Ellinor empört und ſprang empor! Giuſeppo hatte kaum gehört, was ſie geſagt; ſeine thieriſche Seele ſchwelgte in den Planen für die Zukunft, in den Rachegedanken, die für ihn eine unnennbare Wolluſt enthielten. Aber nicht alle Briefe, fuhr er dann, die Zähne grimmig auf einander gepreßt fort, nicht alle Briefe ſoll er haben, Dein zärt⸗ licher Gemahl! Oh, es müſſen einige übrig bleiben für die Welt; die vornehme Welt, bei der Lady Lands⸗ town in ſo hoher Achtung ſteht, liest doch Jvurnale, und ich denke, es müßte ihr für eine Stunde Ver⸗ gnügen machen, in dieſen Blättern einige Briefe der Lady Landstown an Giuſeppo Daſſa, ihren Lieb⸗ ſten, abgedruckt zu ſehen! Ginſeppo warf, wie im Gefühl der Freude den Kopf zurück und brach in ein wildes rohes Lachen aus. Ellinor zuckte zuſammen; es arbeitete und kämpfte in ihren Zügen; eine furchtbare Bewegung war in ihrer Seele, die wilden und grauſamen Ge⸗ danken, die ſie vor Giuſeppo's Ankunft gehegt, kehr⸗ ten zurück. Sie fühlte ſich in den erſten, den heilig⸗ ſten Menſchenrechten angegriffen, ſie fühlte ſich bereit, für dieſe mit Allem zu kämpfen, was ein Menſch beſitzt, mit dem Tode zu kämpfen um die Ruhe ihres Lebens! Sie richtete das geſenkte Auge empor und 157 ſah Giuſeppo feſt und unverwandt an. Ihre Angen zuckten nicht, ohne Furcht begegnete ſie ſeinem wilden Blick und erwiderte ſein ſtolzes höhniſches Lächeln! Wir kennen einander, ſagte ſie dann, und der Ton ihrer Stimme war plötzlich geändert, war ſchnei⸗ dend und hart, wir kennen nun einander! Ich ſage Dir, Du wirſt dieſer Stunde gedenken! Man ſagt, Niemand iſt erfinderiſcher und grauſamer, wenn es gilt ſich zu rächen, als ein Italiäner. Du haſt mir gezeigt, daß es wahr iſt; aber Du haſt mich auch erinnert, daß in meinen Adern, wie in den Deinen italiäniſches Blut fließt! Der Geiſt meiner Mutter komme über mich! Du haſt mich herausgefordert zum Kampf! Ich habe Alles verſucht! Bitten, Flehen! Es iſt vorbei! Jetzt, jetzt lerne mich fürchten! Drohend ſtreckte ſie den Arm gegen ihn, und ſah ihn durchbohrend und wild an! Dann wandte ſie ſich ab, ſtolz und hoch aufgerichtet wie eine Köni⸗ gin, ging mit feſten Schritten durch das Gemach, und verſchwand durch eine Seitenthür, die ſie hinter ſich verſchloß. — IX. Aureliens Pflegetochter Ellen war aus der Er⸗ ziehungsanſtalt zurückgekehrt und befand ſich ſeit eini⸗ gen Tagen mit Aurelien in der Villa Sweetealmneß. Aurelia, die mit Mutterzärtlichkeit an Ellen hing, wünſchte ihre ſchöne Tochter nur im Glanze des Putzes und der Mode der Welt zu zeigen. Schneider, Haarkünſtler und geübte Kammerfrauen wurden aus London beſtellt; Aurelia ordnete Alles ſelbſt, und fand ihre Freude daran, die glänzendſten und koſt⸗ barſten Stoffe auszuwählen; jetzt war ſie nach Lon⸗ don gefahren, um dort Bijouterien und Putzſachen für Ellen auszuſuchen, während dieſe ruhig in der Villa blieb, da ſie auf Aureliens Wunſch ſich nicht zeigen ſollte, bis die moderne Toilette aus Lon⸗ don angelangt; ſelbſt Nordheim ſollte das junge Mädchen nicht ſehen, bevor nicht die ſchwarze Ordens⸗ tracht, die Ellen aus der Penſion mitgebracht, mit weltlichern, faſhivnableren Kleidern vertauſcht worden. Vielleicht war aber nicht dies allein der Grund, daß 159 Aurelia nach London geeilt; Nordheim war den gan⸗ zen verfloſſenen Tag nicht in Sweetcalmneß geweſen; wie träge, düſter und eintönig war dieſer Tag vor⸗ über gerauſcht! ſie fürchtete, irgend ein Unwohlſein möchte ihn zurückhalten, eine Verſtimmung gegen ſie; tauſend ſchlimme Ahnungen bedrängten ihre Seele! Die Liebe iſt ſo erfinderiſch im Fürchten und Beäng⸗ ſtigen. Der Diener aber, den ſie gleich nach ihrer Ankunft in London in Nordheims Wohnung ſandte, brachte ihr die beruhigende Botſchaft, er ſei ſo eben nach Sweetcalmneß hinausgefahren, und freudigen Herzens beeilte ſie ihre Geſchäfte, um bald wieder zurückkehren zu können auf ihre Villa. Nordheim war indeß dort angelangt, und ging, Aureliens Rückkunft abwartend, hinab in den Park, unter deſſen hohen Bäumen, in den einſamen ſtillen Gängen zu wandeln, ihm ſtets eine beruhigende und ſtärkende Freude gewährte. Es war ein herrlicher Sommertag, die ganze Natur prangte wie im Feſt⸗ gewande, die Blumen blüheten und dufteten, der Himmel ſtrahlte im ſchönſten Blau, koſende Winde kühlten die heiße Luft, und die Gipfel der hohen Eichen, in denen muntere Sommervögel zwitſcherten, vergoldeten die letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Hingegeben dieſer beglückenden und wollüſti⸗ gen Stille der blühenden Natur wandelte Nordheim 160 die lange Allee hinab, als eine Biegung des Weges ihn zu dem Teiche führte, unter deſſen Trauerweide am ufer ſein Lieblingsplatz. Heute aber war die Bank ſchon beſetzt, und Nordheim ſtand ſtill, das Mädchen zu betrachten, das, ihn nicht bemerkend, ungeſtört weiter las in dem Buche, das ſie in der Hand hielt. Welch' ein Ausdruck von Unſchuld und Frieden in dieſem ſchönen, kindlichen Mädchenange⸗ ſicht! Das blonde geſcheitelte Haar legte ſich an die hohe Stirn, deren durchſichtige Weiße von den feinen ſchwarzen Bogen der Augenbrauen noch mehr hervor⸗ gehoben ward. Die Wangen waren in zartem Roth angehaucht, die feine, ſanft gekrümmte Naſe verlieh dem ſchönen Geſichtchen etwas Beſtimmtes und Ern⸗ ſtes, dem die ſchalkhaften Grübchen in Kinn und Wangen und die geſchwellten rothen Lippen wider⸗ ſprachen. Wie zierlich ſaß der Kopf auf dem ſchlan⸗ ten Halſe! Die zarte ätheriſche Geſtalt umhüllte ein einfaches, ſchwarzes Gewand, das eng anliegend hinaufreichte bis zum Hals, und Schultern und Nacken verhüllend, dennoch die ſchönen Formen her⸗ vortreten ließ. So, ein Bild ſittſamer Schönheit und jungfräulicher Unſchuld, ſaß ſie da, und als ſie jetzt von ihrem Buche aufblickend, umher ſchaute, überraſchte Nordheim der Ausdruck von Kindlichkeit und Ernſt, der zugleich aus ihrem ſchwarzen Auge 161 ſtrahlte. Sie hatte den Fremden bemerkt und ſtand haſtig auf, ſich zu entfernen, als Nordheim auf ſie zutrat und ſie freundlich bat, ſich nicht von ihm ver⸗ treiben zu laſſen. Sie werden ſich ſchon an meinen Anblick ge⸗ wöhnen müſſen! fuhr er lächelnd fort; wenn ich nicht irre, habe ich das Glück Fräulein Ellen unerwartet zu begegnen— Und Sie ſind Herr Nordheim, nicht wahr? fragte Ellen in heiterem, zutraulichem Ton, und ſchaute freundlich zu dem hohen, ſchlanken Manne empor, der ihr aus Aureliens Erzählungen ſchon kein Fremder mehr. Als ſie aber ſeinem Blicke begegnete, ſenkte ſie ſchen das Auge zu Boden und erröthete tief. Dies Erröthen entzückte Nordheim, es war ſo voll Unſchuld und Wahrheit. Mein Name iſt Ihnen alſo nicht fremd mehr? fragte er mit jener herzgewinnenden Freundlichkeit, die ihm eigen und ſo Zutrauen erweckend iſt. Gewiß nicht! ſagte ſie mit kindlichem Lächeln. Meine theure Mutter hat mir von ihrem Freunde erzählt. Und darf er ſo kühn ſein zu hoffen, daß der Baronin wohlwollende Geſinnung ſich auf Sie über⸗ trage? fragte Nordheim. 2. Mühlbach. II. 11 Ellen erwiderte in zutraulichem Ton: Wie können Sie zweifeln?! Meine Mutter, ſonſt oft ſo traurig und voll Kummer, iſt durch Sie heiter und lebens⸗ froh geworden. Sollte ich, die ich ihr Alles ſchulde, nicht dafür gegen Sie Dankbarkeit empfinden? Lächelnd reichte ſie ihm ihre Hand dar. Nordheim küßte ſchweigend dieſe Hand, die ſie bebend zurückzg. Dieſe Offenheit und Aufrichtigkeit ihres Weſens bei ſo viel Schüchternheit und Unſchuld war ihm neu und überraſchte ihn auf wunderbare Weiſe. Es war ihm intereſſant, dies holde Angeſicht zu betrachten, das ſo rein war von allen Spuren des Lebens, eine unberührte glänzende Pſyche, von deren Aetherſtanb die Welt noch nichts abgeſtreift. Er konnte ſich, mit ihr auf und abwandelnd im Garten, nicht ſatt ſehen an dieſen ſtrahlenden Augen, die ſo viel verborgenes und unangefachtes Feuer ent⸗ hielten; er vertiefte ſich im Anſchauen dieſes klaren durchſichtigen Angeſichts, deſſen kindliche Schönheit ihm mährchenhaft däuchte. Mährchenhaft, denn nie, ſeit den Kindermährchen ſeiner Jugend, hatte er an das Daſein ſolcher zarten, unſchuldigen Jungfrau geglaubt, und ihn, der ſich ſo ſicher dünkte in ſeinen Anſichten und Erfahrungen, überraſchte die Lehre, die er aus dieſen kindlichen Mädchenaugen ſchöpfte, die Lehre, daß alle Weisheit nur trügeriſch, und die 163 Erfahrung eines ganzen Lebens, durch die Erfahrung einer einzigen Minute umgeſtoßen werden kann. Ihr Geſpräch, ſo unbedeutend es auch war, hatte für ihn einen unendlichen Reiz; ihn entzückte die klare melv⸗ diſche Stimme, das reine, helle Lachen, der ſtrahlende frohe Blick dieſes jungfräulichen Kindes, dies Alles ſchien ihm neu und nie geſehen. Er ſchaute in dies Antlitz, das für ihn wunderbare Räthſel enthielt, und gereift von Erfahrungen der Welt, geſtählt, wie er ſich glaubte, gegen die Verſuchungen der Welt, bebte er zurück vor dieſem zarten Weſen, das mit lächelndem Munde und fröhlichen Blicken nichts ahnend, nichts wiſſend, mit den zarten Kinderhänden in das ſtolze Gebände ſeiner Weisheit griff und zu zerſtören drohte, was er ſo mühſam ſich erbaut. Kann es ſein, fragte er ſich ſelber, daß dies holde Geſchöpf ein Weib iſt? Dieſer Blick, wie ich ihn nie geſehn, iſt eines Weibes Blick, und dies frohe Lachen iſt auf Erden gediehen? O, wenn es iſt, dann müſſen Greiſe bei Kindern lernen gehen, und Männer von Mädchenlippen Weisheit vernehmen. Wahrlich, in dieſem unſchuldsvollen Angeſicht iſt mehr Weisheit, als ich je von eines Weiſen Lippen ver⸗ nommen. Es iſt Natur und Wahrheit! Der glänzende, frendige Blick, den er jetzt auf Ellen richtete, machte ſie erbeben, Purpurröthe bedeckte * 164 ihre Wangen, und Nordheim, hingeriſſen von dieſem Erröthen, faßte des Mädchens Hand, und mit einer Ehrfurcht und Andacht, wie er ſie nie, ſelbſt nicht vor den ſtrahlenden und gefeiertſten Schönheiten em⸗ pfunden, drückte er ſeine Lippen auf dieſe zitternde Hand. Nicht ſo, ſagte ſie bebend und leiſe, der Weiſe darf dem Kinde nicht ſolche Zeichen der Ehrfurcht geben. Iit es denn nur die Ehrfurcht, die in ſolchem Kuß ſich äußert? fragte Nordheim fröhlich. Sie ſah ihn zutraulich an und verſichernd ſagte ſie gewiß! Meine Lehrer lehrten es mich. Und glauben Sie denn unbedenkt, was dieſe ſprachen? Sie ſah ihn verwundert an und ſagte ernſt: wie ſollt' ich nicht? Sie, die ihr ganzes Leben dem ſchweren Dienſt geweiht, die unmündige und unwiſ⸗ ſende Jugend zu belehren und zu erheben, ſie ver⸗ langen dafür nichts als Glauben und Befolgung ihrer Lehren. Wer könnte ſo undankbar ſein, ihnen dies zu verſagen? Nordheim vermied es, ihrem fragenden Blick zu begegnen, er fühlte ſich beſchämt, verwirrt, zum Erſtenmal ſeit langen Jahren, und wußte ihr nichts zu erwidern; es war ihm nicht möglich, dieſe Einfalt 165 zu verſpotten, oder ihr zu widerſprechen, und ſo gingen ſie ſchweigend eine Zeitlang neben einan⸗ der her. Sie waren lange in jener Erziehungsanſtalt? fragte Nordheim dann. Seit meinem ſiebenten Jahre, antwortete ſie, und eine trübe Wolke flog über ihre hellen Züge. Zehn Jahre war dort meine Heimath, und eine Hei⸗ math aufgeben iſt ſo ſchwer! Sie wandte den Kopf zur Seite, um die Thrã⸗ nen nicht ſehen zu laſſen, die in ihre Augen traten, und Nordheim fragte erſtaunt: wie, Sie ſcheinen jenen Aufenthalt zu vermiſſen, und ſehnen ſich viel⸗ leicht gar zurück in dieſe Einſamkeit und klöſterliche Stille, die, wie ich mir habe ſagen laſſen, durch nichts unterbrochen wird und wohin kein Geräuſch der Welt zu dringen vermag? Iſt jene Erziehungs⸗ anſtalt nicht in einem Kloſter, mitten in einem großen Park gelegen, über deſſen hohe Mauer kein einziger Blick hinaus ſchweifen mag in die Welt. Wir lebten ſtill, ſagte Ellen lächelnd, und ſahen Niemand, aber die Welt haben wir nicht vermißt, denn jenes Haus und jener Park waren unſere Welt und für uns reich an Begebenheiten und Ereigniſſen. In einer kleinen Welt ſind kleine D Dinge ſo groß und wichtig, wie große in der großen Welt, und nicht 166 minder bedeutſam wie dieſe. Kein Graf kann ſtolzer ſein auf den Orden, den ihm ſein Fürſt verlieh, und mehr geehrt von ſeiner Umgebung als wir es waren, wenn der Lehrer uns lobte und mit unſern Arbeiten zufrieden war, und wir ſchlugen dieſe Arbeiten nicht geringer an, als etwa ein Held, der eine Feſtung erſtürmt. Das macht, ſagte ſie mit hellem Lachen, wir kannten nichts Größeres, und dieſe griechiſchen und lateiniſchen Schriftſteller waren für uns keine kleine Feſtungen. So gelehrt ſind Sie? fragte Nordheim in fröh⸗ lichem, ſcherzenden Ton. Sie kennen Griechiſch und Latein? Iſt das gelehrt, zu wiſſen, was Jedermann wiſſen muß? fragte ſie unbefangen, und fuhr fort: auch unſere Künſtler hatten wir, und ich entſinne mich noch gar wohl, wie ſtolz ich war, als mir beim Zeichnen die erſte Naſe gelungen war, wofür man mich acht Tage Apelles nannte. O, wir hatten unſere Michel Angelo's, Raphaele, Guidv⸗Reni's unter uns, je nachdem wir zu einer oder der andern Manier im Malen uns bekannten. Und darf man wiſſen, welchen Künſtlernamen Sie führten? Ach, ſagte ſie, die über ihren Erinnerungen ganz e vergeſſen, daß ſie zu einem Fremden ſprach, halb 167 ſchmollend: die tollen Mädchen nannten mich den Ra⸗ phael ohie Arme. Warum das? fragte Nordheim. Ellen ſchlug die Augen nieder und ſagte: der Lehrer hatte mein Talent gelobt, und weil wir kurz zuvor, Leſſing's Emilia Galotti geleſen, wo es heißt, daß Raphael auch ohne Arme der größte Maler S weſen ſein würde, nannte man mich ſpottweiſe ſo. Sie verſtehen auch Deutſch? fragte Nordheim freudig. Wie ſollte ich nicht? antwortete Ellen ruhig; eine unſerer Lehrerinnen war eine Deutſche, und ich bewohnte ſieben Jahre mit ihr daſſelbe Zimmer. Und meinen Sie, fuhr ſie mit Wärme fort, daß ich nicht geſtrebt, gerade dieſe Sprache zu lernen, welche die Sprache meiner Mutter iſt, meiner thenern Mutter, der ich Alles danke? Laſſen Sie uns deutſch ſprechen! ſagte Nordheim tief bewegt, es iſt die Sprache ihrer Mutter und auch meine Mutterſprache! Ellen verneigte ſich lächelnd und ſetzte ihre Un⸗ terhaltung deutſch fort. Wie ſüß klangen Nordheim dieſe Heimathsklänge von Ellens Lippen; nie hatte er ſo klar, wie jetzt empfunden, welche Muſik in dieſer Sprache, nie war er ſich bewußt geweſen, daß er niemals in ſeiner Seele aufhören würde ein Deutſcher 168 zu ſein, als jetzt, wo die heimathlichen Laute Perlen gleich von ſo holden Lippen rollten. Als bald darauf Aureliens Wagen in den Hof rollte und Ellen in's Haus flog, ſie zu empfangen, fühlte er ſich unzufrieden und verſtimmt: ihn däuchte, als habe er ſeit langen Jahren nicht ſo viel Ver gnügen empfunden, als im Geſpräch mit Ellen, und doch war dies Geſpräch ſo unbedentend geweſen. Aurelia kam allein hinab in den Garten, und wie ſie Nordheim jetzt entgegeneilte, mit freudigem Winken und Lächeln, ſagte er zu ſich ſelber; wie wenig gleicht ſie Ellen! Du böſer, theurer Mann! ſagte Aurelia und ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt, ich ſollte Dir zürnen über Deine lange, lange Abweſenheit, und doch ver⸗ mag ich's nicht, wenn ich Dich ſehe, vermag nichts, als Dir zu danken, daß Du jetzt wieder da biſt! Weißt Du's denn, daß achtundvierzig Stunden ver⸗ gangen ſind, ſeit wir uns ſahen? Geſchäfte verhinderten mich! ſagte er kühl. O, wie haſſe ich dieſe Geſchäfte! rief Aurelia, dieſe Dinge der Welt, die Herz von Herz und Seele von Seele trennen! Doch beſitzt ſie Jeder, ſagte Nordheim, Du, wie ich, und einige von dieſen Stunden der Trennung haſt Du verſchuldet! Ich erwarte Dich ſchon lange. 169 Ich war zur Stadt für Ellen einzukaufen Du ſahſt ſie, iſt ſie nicht eine kleine Wilde, unerzogen, ungebildet? Ich fürchte, es wird Mühe haben, ſie die Formen der Welt zu lehren, von denen ſie gar nichts weiß! Seit zehn Jahren, nur umgeben von einigen Mädchen ihres Alters, von Lehrerinnen und Lehrern mit weißem Haar, ſind ihr alle übrigen Menſchen und deren Sitten fremd, und Du biſt der erſte Mann außer ihren ergrauten Lehrern, zu dem ſie geſprochen. Ein Vorzug, auf den ich ſtolz bin, ſagte Nord⸗ heim; auch empfindet man in ihrer Nähe ſich wie abgelöst von aller Welt, in einem neuen Daſein. Doch macht mir dieſe Unbekanntſchaft mit der Welt Sorge, ſagte Aurelia ſinnend, und faſt bereue ich, Ellen in ſo einſamer und abgeſchloſſener Anſtalt gehalten zu haben; es kann an Verſtößen nicht fehlen, und nichts verzeiht man in dieſer Welt ja weniger, als eben dies Sündigen gegen Geſetze, die, wie nichtig ſie ſind, dennoch in der Welt entſcheiden. Ein ironiſches Lächeln zuckte um Nordheims Lippen, als er erwiderte nicht von Deinen Lippen hätte ich dies ſtrenge Wort erwartet. Ich meine, wir Beide ſollten Nachſicht predigen! Fürchte aber nichts, fuhr er nach kurzer Pauſe fort, nichts für Ellen. Ihr richtiger Takt wird ſie ſtets das Rechte 17⁰ wählen laſſen, denn in ihr waltet und webt die hei⸗ lige und unberührte Natur, die ſie wie mit einem Heiligenſchein umgibt. Die Natur aber in ihrer ewigen Wahrheit und Klarheit kann nimmer fehlen und irren, und an Heiligen krittelt man nicht: Ellen aber iſt eine Heilige im Tempel der Natur, voll Grazie und Unſchuld und unbewußter Schönheit. Aurelia war ernſt geworden, während er ſo ſprach, und jetzt ſagte ſie heftig: wie ein Geſpenſt packt mich jetzt die Erinnerung an Deine Lehre vom ewigen Wechſel! O, Nordheim, laß ſie mich nicht begreifen, und zwinge mich nicht, an ſie zu glauben! O bleibe mein! Laß Alles wechſeln, nur nicht uns! Nordheim ſagte ernſt: den ewigen Geſetzen ſind wir unterworfen, wie das All; ſollten wir nicht wechſeln wie dies? Wir wachen und ſchlafen, und ſchlafen und wachen, ſollte nicht auch die Seele, ſollten nicht die Gedanken ihr Erwachen und Ent⸗ ſchlummern haben? Die Gefühle wechſeln wie Tage und Stunden; was der Jüngliug empfand, liegt dem Manne fern, und der Greis weiß nichts von dem Gedanken des Mannes! Wie wollen denn wir eine Ausnahme machen? Wo iſt der Zauber, der ewig jung erhält, und macht, daß das Herz und die Seele ewig glüht, während das Blut kalt wird und das Haar bleicht? 171 O, ich kenne dieſen Zauber, rief Aurelia, es iſt die Liebe, die ewige, unvergängliche, nie alternde, nie endende! Ich glaube nicht an ſie, ſagte Nordheim rauh; es iſt ein Ammenmährchen, Kinder in den Schlaf zu lullen, ein Fraubaſenlied, kein Schlachtgeſang, der zum Kampf mit dem Leben ſtärkt. Du biſt grauſam! ſagte Aurelia ſchmerzvoll. Aber wahr! entgegnete Nordheim, und wer die Wahrheit ſcheut, iſt verloren.— Als Nordheim nach einiger Zeit den Pavillon, in welchem er neben Aurelien ſaß, verlaſſen wollte, fragte Aurelia bang: nicht wahr, Geliebter, Du willſt nicht fort? Nicht, wie Du pflegſt, ohne Ab⸗ ſchied Dich entfernen? Sieh, die Nacht bricht her⸗ ein! Ich dächte, Du kehrteſt nicht mehr zurück zur Stadt. Du bleibſt, nicht wahr? Gewiß, ich muß, ſagte er, und küßte leicht ihre Wange. Und warum? Nordheim neigte ſich an ihr Ohr und flüſterte leiſe: ſoll Ellen vor ihrer Mutter zu erröthen haben? Aurelia verſtand ihn kaum, und blickte ihn fra⸗ gend und verwundert an. Nordheim ſagte in ernſtem Ton: Mag die Tu⸗ gend und Sittſamkeit nur eine Chimäre ſein; wo — 172 wir ſie finden, wenn anch nur als beglückenden Wahn, da wollen wir ſie ehren! Das, das ſagſt Du? fragte Aurelia erbleichend, Du, der Du mich lehrteſt die Sitte verachten, Du, der Du es klein nannteſt und meiner unwürdig, mich dieſen Formen zu unterwerfen? O—— Sie ſtockte, denn ſie ſah, daß ſie allein war, Nordheim hatte ſich ſchweigend entfernt. Aurelia ſeufzte tief, und verbarg weinend das Haupt in ihren Händen. Nordheim kehrte indeß zur Stadt und ins Lod⸗ ging⸗Haus zurück. Er befand ſich in einer ihm ſelber unerklärlichen Aufregung; die Luft im Zimmer dünkte ihm drückend und ſchwül, er öffnete das Fenſter, und ſich weit hinaus lehnend, trank er in langen Zügen die kühlende Nachtluft. Der tiefblaue Himmel war mit Sternen überſäet, die glänzend funkelten auf dem dunkeln Grunde, und mit ihrem Frieden und ihrer Klarheit einen grellen Contraſt bildeten zu dem Ge⸗ treibe und Gewühl der Welt, das ſich in den Straßen bewegte unter dem Sternenhimmel und unbekümmert um Sterne und Welten dort oben, dem Vergnügen oder den Geſchäften nacheilte. Nordheim wandte ſeinen Blick ab von dieſem Gewirre und wüſtem Treiben der Straßen, und ſchaute empor zum Him⸗ mel, deſſen Stille ihm heute ſo wohlthuend und 173 beruhigend ſchien, und tiefernſte Gedanken bewegten ſeine Seele. Es war einer jener Momente der Ein⸗ kehr in ſich ſelber, wo die Seele gleichſam im Dop⸗ pelleben ſich ſelber beſchaut und zum zweiten Daſein in ſich ſelber wird. Alle Tage die geweſen, kehren in ſolchen Momenten zurück, die Gedanken ſelbſt, die gedacht find; lächelnd oder weinend begrüßen uns verfloſſene Stunden, und längſt Geſtorbenes lebt wieder auf in uns. Und wie Nordheim, ernſt und ſtill in ſich hinauf ſchaute zum Himmel, ſagte er zu ſich ſelber: wie oft, wie oft habe ich doch aufgeblickt zu dieſen unbekannten, fernen Welten, und mit wie verſchiedenen Gefühlen! Als ich ein Kind war, ſaß ich zu ganzen Stunden im Garten, und den Kopf rückwärts gelehnt, blickte ich hinein in die Sterne. Da träumte ich mir goldene Schlöſſer und Feengär⸗ ten, wo ſilberne Quellen rauſchten und diamantene Früchte an goldenen Bäumen hingen; liebliche Feen und verzauberte Prinzeſſinnen wandelten auf und ab, Engel flogen in den Lüften und Vögel ſangen in den Zweigen. O, wie ſehnte ich mich nach jenen Ster⸗ nen mit den Zaubergärten, wie gerne wäre ich ge⸗ ſtorben, um zu ihnen zu gelangen. Und wieder, als ich ein Jüngling war, blickte ich empor, ach, und mit welchen Gefühlen! Meine Seele voll Be⸗ geiſterung, mein Herz voll Liebe, Seele und Herz 174 voll Glauben, und unter den Sternen ſuchte ich nach einem, der ſo hell und ſo rein, wie meiner Gelieb⸗ ten Augen, und ſo ſtrahlend wie ihr ſchönes Ange⸗ ſicht! Ich betete zu Gott, der über den Sternen mir thronte, und wünſchte dort droben auf einer dieſer glänzenden Welten voll ſeliger Geiſter vereint zu ſein mit ihr, deren Name in meinen Gedanken lebte! Nun ich ein Mann geworden, blicke ich em⸗ por mit ernüchterten Sinnen und erſtorbener Begei⸗ ſterung. Dort droben iſt noch derſelbe Himmel, und hier unten ſtehe ich, derſelbe Menſch und doch ein anderer! Jene Sterne bedeuten mir jetzt nichts mehr als Laternen, die die gütige Mutter Natur bei Nacht heraushängt, damit die ſtolpernden Kinder hier unten nicht in Abgründe fallen, und von allen den hohen Gefühlen, von allen den Begeiſterungen und Phan⸗ taſien iſt nichts geblieben, als ein nüchternes Erwa⸗ chen. Die Sterne mit ihrer Unwandelbarkeit lehren mich, daß hier unten alles wandelbar, und ihr reines Licht erinnert mich, daß hienieden alles getrübt iſt. Alles! Wie er ſo ſprach, tauchten in ſeiner Seele gleich lieblichen Sternen zwei helle Augen empor, die er heute geſchaut und die mit ihrem wunderbaren Leuch⸗ ten ihm ſelber ein Wunder geſchienen. Kann es denn ſein, ſagte er, daß ſolch ein 175 Blick noch hienieden gedeiht, und ſolch ein Antlitz voller Unſchuld und Lieblichkeit? Alle Träume meiner Kindheit wachen wieder auf in mir, wenn ich dieſes holden Angeſichts mich erinnere und dieſes reinen Mäd⸗ chenlächelns? So ſah ich in meinen Jünglings⸗ phantaſien das heilige, das keuſche Weib, und ſuchte ſie all überall, bis ich lernte, daß dies Suchen eine Thorheit, und daß ich vom Weibe nur ein Weib, nicht einen Engel begehren dürfte! Und nun, da ich dieſe traurige Wiſſenſchaft erlernt, da ich nichts mehr will, als den Genuß des Augenblicks und die Freude einer Stunde, nun ſollen mir, dem Manne, dieſe Augen, nach deren Schauen ich mich als Kind und Jüngling geſehnt, leuchten, und Alles wankend machen, was ich mühſam in mir erbaute?2 Nimmermehr! Hinweg, hinweg von mir, thörichte Gedanken! Laßt mich denken, was iſt, nicht was ſein ſollte! Alles iſt Täuſchung und Wahn, Alles, auch dieſer Un⸗ ſchuldsblick! Nichts iſt ewig, als der Wechſel, nichts beſtändig, als die Unbeſtändigkeit. Es gibt keine Unſchuld, keine Tugend, und wo wir ſie zu erblicken glauben, iſt es nur eine Maske, hinter der ein liſti⸗ ges Weib ſich verhüllt! Während er dies dachte, empfand er es als einen Vorwurf in ſich ſelber, es war ihm, als hohnlache eine Stimme in ſeiner Bruſt, und als ſähe er Ellen's Angen mit ſanftem Tadel 176 auf ſich gerichtet. Er zürnte mit ſich, mit der Welt, und zornig ſagte er: bin ich denn ein Thor, daß jede Minute mich zu ändern vermag? Soll denn ein Kind mich irre machen? Nein! kommt über mich all' ihr finſtern Gedanken, her zu mir ihr Erfahrun⸗ gen, die ich gekoſtet, und ihr Stürme, die mich durchtobten! Lehrt mich ein Mann ſein! Her zu mir, Tage der Vergangenheit, ich will Eure Stimme vernehmen, Eurem Geflüſter lauſchen. Er ſtürzte, wie außer ſich, hin zu dem Bilde, das über dem Divan hing, und ſchaute lange und prüfend auf das ſchöne, lächelnde Bild. Dann lachte er laut und rief: ja, dieſe Augen ſtrahlen auch in Unſchuld, und dieſe Wangen in lieblichem Erröthen, und ſie war doch nur ein Weib, wie alle Weiber es ſind! Nein, es gibt keine Treue und keine Ewigkeit, keine Unſchuld und Tugend! Mit heftigen Schritten ging er im Zimmer auf und ab, und ſeine Züge, vorher ſo ſtürmiſch bewegt, nahmen allgemach einen friedlicheren Ausdruck an, die Ruhe, die gewöhnlich in ſeinen Zügen lag, kehrte zurück, die Leidenſchaften waren gebändigt, der Ver⸗ ſtand und die Reflerion hatten wieder ihre Herrſchaft erlangt, und er lächelte über ſich ſelber, als er ſagte: bin ich nicht ein Thor, durch zwei ſchöne Augen mein ganzes Syſtem erſchüttert zu fühlen, und durch zwei 177 erröthete Wangen zum Zweifler an meinen Zweifeln zu werden? Wieder trat er zum Fenſter und lehnte hinaus, aber er blickte nicht mehr zu den Sternen empor, ſondern ſchaute hinab in die Straße mit ſchleppenden ſtillen Gedanken. Allmählig erloſch das Geräuſch der Gaſſen, Alles ward ſtill; Nordheim verloren in wechſelnde Betrachtungen, lehnte noch immer im Fen⸗ ſter, als der Schall nahender Fußtritte ihn ſtörte, und er in dem Sprechenden, der ſich dem Lodging⸗ Hauſe näherte, Ginſeppo Daſſa zu erkennen glaubte. Bei dem Schein der Straßenlaternen ſah Nordheim, daß er ſich nicht getäuſcht, es war Giuſeppo, und an ſeinem Arme hing ein Weib, zu dem er ſchmei⸗ chelnd und bittend zu ſprechen ſchien. Beide ſchlüpf⸗ ten in's Haus, und Nordheim ſagte zu ſich ſelber: Dank meinem Dämon, der mir dieſen ſo eben ent⸗ gegen führte, um meine Zweifel zu löſen. Iſt nicht Lady Landstown eine der edelſten und begabteſten ihres Geſchlechts? Und doch liebte ſie dieſen Daſſa, der nicht beſſer iſt als ein Thier! Lange noch wandelte er ſchweigend in ſeinem Zimmer auf und ab, bald vor dem Bilde ſtehen bleibend, bald ſich einen Moment hinaus lehnend in die kühle Nachtluft. Dann ſchloß er klirrend das Fenſter und flüſterte: die Liebe bleibt dennoch das L. Mählbach. II. 12 178 Cwige, ſich ſelbſt ewig verzehrend und ewig erneuernd, ewig wechſelnd und ändernd, und doch immer dieſelbe. Unter ſolchen Gedanken ſuchte er ſein Lager, und unter den gaukelnden Bildern des Traums, die den Schlummernden umſchwirrten, ſah er Ellens Geſtalt und Ellens Augen. XK. Giuſeppo Daſſa ſchlummerte und von ſeinem Lager richtete ſich ein Weib empor, ſchaute vorſichtig in ſein Angeſicht und lauſchte ſeinen langſamen Athem⸗ zügen. Schläft feſt! ſagte ſie grinſend,'s wird an⸗ gehen! Behutſam näherte ſie ihre Hand ſeinem Kopfe, er regte ſich nicht; ſie ſchlüpfte mit der Hand unter ſein Kiſſen, und ſchaute wieder vorſichtig und prüfend ihn an. Er bewegte ſich, regungslos mit angehalte⸗ nem Athem blieb ſie; jetzt ſchlief er wieder feſt, ſachte zog ſie die Hand wieder vor, in der ſie jetzt ein klei⸗ nes Päckchen Papiere hielt. Raſch verbarg ſie es in ihrem Buſen, und ſich vollends erhebend ſchlich ſie auf den Fußſpitzen, immer ängſtlich nach ihm um⸗ ſchauend, durch das Zimmer. Jetzt hatte ſie die Thür erreicht; ſchnell mit einem einzigen Ruck, damit ſie nicht knarre, öffnete ſie dieſe, und trat hinaus; dann ſteckte ſie noch einmal den Kopf durch die Thür und 123 180 lugte nach Giuſeppo. Er ſchlief, ſie nickte ihm höh⸗ niſch zu, ſchloß die Thür und ſchlüpfte die Stiege hinab. Ungewöhnlich früh erwachte Lady Landstown am andern Morgen; raſch erhob ſie ſich und kleidete ſich an. Eine ſeltſame Unruhe und Haſt war in ihren Bewegungen, und während ſie ſich ankleidete, faltete ſie zuweilen unwillkührlich die Hände, und flüſterte: der Himmel gebe, daß es gelungen iſt! Jetzt ſchellte ſie ihrer Kammerfrau, und als dieſe erſchien und in Ausrufungen des Erſtaunens aus⸗ brechen wollte über ihrer Herrin ungewohnt frühes Aufſtehen, befahl Ellinor mit einer Ungeduld, die ihr ſonſt nicht eigen, ſo ſchnell als möglich einſpan⸗ nen zu laſſen! Wie träge und ſchleppend verging ihr die kurze Zeit bis der Diener meldete, daß der Wagen bereit; mit welcher Schnelle eilte ſie hinunter zum Wagen. Nach Trottenhamcoard-rvad! befahl ſie dem Diener, und ſchnell! Dahin brauſete der Wagen, und Ellinor blickte flehend gen Himmel und flüſterte: laß es gelungen ſein, mein Gott! Der Wagen hielt, der Diener öffnete den Schlag, Ellinor ſtieg aus, und quer über die Straße eilend, trat ſie in ein kleines ſchmutziges Haus. 181 Der Diener ſchaute ihr verwundert nach, und ſah dann kopfſchüttelnd den Kutſcher an, der mit weit aufgeriſſenen Augen nach der Thüre glotzte, durch welche die Lady verſchwunden war. Dann zuckte er die Achſeln, und ſich an den Diener wendend, ſagte er: ſag' mal, John, iſt's'ne neue Mode von den vornehmen Lady's, daß ſie in ſolchen Kramladen geh'n, wie der da? »S wird wohl ſo ſein, antwortete John, ſie kaufen vielleicht hier Rococo! Gott beſſer's! brummte Dick, und lehnte ſich auf ſeinem Sitze zurück, um zu ſchlafen. Ellinor war indeß nicht, wie John und Dick vermutheten, in den Roevcladen getreten, ſondern ſchlüpfte über den langen finſtern Gang, und ſtand am andern Ende deſſelben wieder auf der Straße. Als ſie forſchend und ſuchend umher ſchaute, näherte ſich ihr von der andern Seite der Straße her daſſelbe Weib, das die Nacht zuvor auf ſo ſeltſame Weiſe den Italiener verlaſſen, und nickte der Lady in zu⸗ traulicher Weiſe zu. Nicht wahr, Du biſt Teufelsliſe's Tochter? fragte Ellinor leiſe. Habt mich ja geſtern geſehn, als Ihr beim Vater geweſen, de Beſtellung z' machen! brummte das Mädchen. 182 Und dieſe Beſtellung? fragte Ellinor raſch, iſt ſie gelungen? Das Mädchen zog das Päckchen Papiere, die ſie Daſſa'n entwandt, hervor, und reichte ſie Ellinor hin, indem ſie grinſend ſagte; ſchlief ganz feſt, hat nir gemerkt! Ein Strahl der Freude belebte Ellinors Züge, als ſie das Paket empfing, und ſie drückte des Mäd⸗ chens Hand mit einer Herzlichkeit, als begrüße ſie eine Freundin. Dank, Dank, mein gutes Kind! Hier nimm dieſe Börſe Sie enthält fünfzig Pfund, ſie iſt Dein! Iſt's ſo accordirt? fragte die Dirne. Nein, nein, dies iſt Dein! Die ausbedungene Summe bekommt Dein Vater morgen. Erſt muß heut' Abend das Weitere gethan ſein! S wird nich ſchwer ſein zu thun! brummte das Mädchen,'s ſchon Alles verabredet! Morgen früh triff mich hier an derſelben Stelle mit Deinem Vater, und nun lebe wohl! Eiligſt entfernte ſich Ellinor, und als ſie ihren Wagen wieder erreicht, und die Pferde heimwärts eilten, faltete ſie ihre Hände zum heißen inbrünſtigen Gebete, und Thränen der Freude entſtürzten ihren Augen. Ich habe ſie! ich habe ſie! flüſterte ſie dann, „ 183 ich bin gerettet! Dieſe Briefe mindeſtens können nicht mehr gegen mich zeugen! In ihrem Boudvir angelangt, verſchloß ſie ſorg⸗ fältig hinter ſich die Thür, und Shawls und Hut von ſich werfend, entfaltete ſie das Paket und legte die Briefe auseinander. Sie ſind es! ſie ſind es! ſagte ſie mit vor Freude zitternder Stimme, das ſind meine Schriftzüge!— Wie ſie in einen dieſer Briefe hineinſchaute, ſiel ihr Auge auf die Worte:„ſo lang' ich lebe, werde ich Dich lieben!“ Sie ſchauderte, und den Brief weit von ſich ſchleudernd, ſagte ſie: entſetzlich! Grinſen nicht dieſe Worte mich an gleich einem Geſpenſt, und erkälten mein freudeglühendes Herz! Sie verſank in tiefes Sinnen, mechaniſch ſpielten ihre Hände mit den Briefen, die in ihrem Schooße ruhten, dann flüſterte ſie: meine eigenen Worte ſtehen wider mich auf und verklagen mich bei mir ſelber! Ich habe es ihm geſchrieben,„ſo lang ich lebe, werde ich Dich lieben,“ und kaum ein Jahr ſpäter, und von allen den Entzückungen und Schwüren lebte nichts mehr in meinem Herzen, als eine ſchreckensvolle Erinnerung: Kann's denn ſein, daß die Liebe alſo endet? Sind unſere Gefühle nichts als ein Wolken⸗ gebilde des Zufalls, das der erſte Sturm auseinander zu treiben vermag, und die Ahnungen einer Seligkeit, 184 die wir in der Liebe empfinden, nichts als die Re⸗ gungen des heißen Blutes, das in unſern Adern kocht? Ich weiß, welch Entzücken in meiner Seele war, als ich dieſe Briefe ſchrieb, ich weiß, daß jedes Wort darin aus meinem Herzen ſtrömte und Wahr⸗ heit war. Und nun iſt die Wahrheit ſelber eine Lüge geworden, und die Liebe eine Täuſchung! Wehe, wenn es alſo iſt, wer kann alsdann glücklich ſein, wer iſt ſicher in ſeinem Glück, wenn doch die Liebe lügt und das Herz?— In heftiger Bewegung ſtand ſie auf, und wie die Briefe, die auf ihrem Schooße gelegen, zur Erde fielen, klang ihr dieſer Ton in der Stille um ſie her unheimlich laut, und ſie ſagte erbebend: es war mir als hohnlachten die hölliſchen Geiſter um mich her! Mit großen Schritten ging ſie im Gemach auf und ab, hingegeben den Wechſelgebilden ihrer Phan⸗ taſie, bald gequält von Erinnerungen, bald erfriſcht von Hoffnungen für die Zukunft! Es gibt eine ewige Liebe, flüſterte ſie, ich empfinde ſie in meinem Herzen und in meiner Seele; nur darin irrte ich, daß ich ſie damals zu empfinden glaubte, wo es doch nichts war als Sinnenrauſch und Gefühlstäuſchung! O, mein Geliebter, mein Gemahl, ich weiß, daß es eine ewige Liebe gibt, eine heilige, reine, eine läuternde und erhebende Dank Dir, daß ich es weiß. Nun klingelte ſie, und befahl dem Diener: Licht! und als er es gebracht, verſchloß ſie wieder die Thür, raffte die Briefe vom Boden auf, zündete einen von ihnen am Lichte an, legte ihn in's Kamin, und ſchichtete ſorgfältig die andern darüber hin. Nun kniete ſie nieder vor dem Kamin und blies in die Flammen, daß ſie höher hinauf leckte, und ſagte: ein Scheiterhaufen iſt es, und die Irrthümer meiner Jugend, meine Jugend ſelber ſoll darauf verbrennen! Dann blickte ſie in die Flamme, die luſtig empor ſchlug, mit athemloſem Hinſtarren. Ihr graute vor dem Kniſtern und Brennen, und vor ihren aufgereg⸗ ten Sinnen glaubte ſie Todtengerippe und grinſende Geſpenſter ſich aus der Flamme emporheben zu ſehen; ſie ſtreckte drohend den Arm wider ſie; ſie meinte ein höhniſches Lachen zu vernehmen; nicht mehr war es todtes Papier, was da brannte, es lebte, es be⸗ wegte ſich, es zuckte im Schmerzgefühl, es ſeufzte leiſe, leiſe, doch ſie vernahm es, ſie empfand ſelber einen Schmerz in ihrer Bruſt, phyſiſches Mitleid mit jenen zuckenden, zitternden, lebenden Briefen überkam ſie; wie die Flamme die Papiere röthete und ſie durchglühte, meinte ſie zu ſehen, wie das Blut herab⸗ träufelte, Tropfen nach Tropfen, wie es ſich geſtaltete zu den Worten:„ſo lang' ich lebe, lieb' ich Dich!“ Sie ſchrie laut auf, es zog in ihrem Herzen, es war 186 Herzblut! Nun lachte es aus der Flamme, ſie hörte es ganz deutlich, nun meinte ſie ein Paar Kinder⸗ augen daraus hervorleuchten zu ſehen, leiſes Wim⸗ mern zu hören!— Sie bedeckte ſich laut ächzend mit ihren zitternden Händen ihre Augen, die vom unverwandten Hinblicken in die Flamme wie Feuer glühten, ihr Kopf brannte in Fieberhitze, es ſauſete vor ihren Ohren, ſie war ganz außer ſich. Als ſie wieder hinblickte nach der Flamme, war ſie ſchon erloſchen, ein leichter, ſchwarzer Aſchenhaufen lag an deſſen Stelle, hier und da wanderten noch einzelne kleine Flämmchen, Irrlichtern gleich, durch die ſchwarze ſtaubartige Maſſe; dann erloſchen auch dieſe. Da klopft es an ihre Thür laut und ſtürmiſch. Mit einem Schrei des Schreckens fliegt Ellinor em⸗ por. Es klopft noch einmal, ſie öffnet bebend.— Ha, Ginſeppo iſt's!— Mit einem Schrei der Angſt ſtürzt ſie zurück und zieht die Klingel! Meine Briefe, meine Briefe ſind mir geſtohlen, ſagt er außer ſich, wuthentbrannt. Eine hohnlächelnde Freude durchblitzt ihre Züge, ſie richtet ſich ſtolz empor und zeigt hin auf das Kamin. Da ſind ſie! Giuſeppo ſtürzt hin, er faßt wuthknirſchend nach den verbrannten Blättern, ſie zerſtäuben in ſeinen ihr als ſei es ihr eigenes Blut, das da brenne, ihr— 187 Händen, und fliegen in ſchwarzen Flöckchen durch das Zimmer. Giuſeppo ſtampft mit wildem Fluch den Boden. Wehe Dir, Ellinor, noch hab' ich meine Erinnerungen! Sie werden ſterben, wie Deine Briefe, ſagt ſie mit ſchneidender Kälte; dann ſinkt ſie kraftlos, er⸗ ſchöpft von ſo viel Aufregung, ohnmächtig in die Arme der eintretenden Kammerfrau. Bleich und zitternd ſaß Aurelia auf der Chaiſe longue im Gartenſalon, ſchweigend, athemlos, mit Thränen in den Augen; Nordheim, gleichfalls ſchwei⸗ gend, ging mit großen Schritten auf und ab; dann blieb er vor Aurelien ſtehen, und die Arme in ein⸗ ander ſchlagend blickte er ſie an. Sie empfand ſeinen Blick, ob ſie gleich nicht das Auge zu ihm erhob, und weinte heftiger. Nordheim wiegte mit leichtem Stirnenrunzeln das Haupt, dann ſagte er mit vor⸗ wurfsvollem Ton: daß doch die Weiber ſich darin alle gleichen, die höchſte der niedrigſten, und die ſtärkſte der ſchwächſten, daß ſie ihren Unmuth in Vor⸗ würfen und Thränen auslaſſen! Muß ich nicht weinen, ſagte Aurelia, wenn Du mir nicht antworteſt auf meine Frage? Was fragteſt Du? 188 Sie ſah ihn zärtlich an und ſagte: ob Du mich noch eben ſo heiß liebſt, wie ſonſt? Nordheim blickte ſie ernſt, faſt ſchwermuthsvoll an und ſchwieg; dann wandte er den Kopf und ſchaute lange ſinnend hinaus in den blühenden Garten. Du antworteſt mir nicht? fragte Aurelia zagend. Frage die Blume, ob ſie geſtern ſo blühte, wie heute, ſagte er ernſt, oder die Abendſonne, ob ſie ſo brennt, wie am Mittag? Dieſe Kinder der Natur werden Dich lehren, was das Geſetz der Natur iſt! Nichts, was iſt, bleibt, und in dem Sein ruht auch das Geweſen. Alles was iſt, trägt in ſich den Keim des Todes, und ſtirbt ſchon, indem es lebt. Das Vergehen kommt niemals plötzlich, es bereitet lang⸗ ſam und allmählig ſich vor im Beſtehen, und alles, was beſteht, muß vergehen! Ach, ſeufzte Aurelia, immer dieſe wiederkehrende Lehre! Muß ich ſie nicht wiederholen, ſagte Nordheim ſanft, da Du ſie immer noch nicht begriffen haſt? Entſinne Dich, Aurelia, daß ich Dir niemals von einer Ewigkeit der Gefühle geſprochen, entſinne Dich, daß, als ich Dir meine Liebe geſtand, es nur mit Widerſtreben und innern Vorwürfen geſchah. Ja, inmitten der höchſten Luſt und Entzückung, an Deinem Herzen, in Deinem Arm war der Gedanke an die 189 Vergänglichkeit des Glücks, das ich empfand, der Wermuthstropfen, der mir den Trank der Freude verbitterte, war das ätzende Gift, das ſich in mein offenes Herz ergoß, daß es ſchmerzte inmitten des Genuſſes. Vielleicht, Aurelia, iſt es, weil ich der Schwäche meiner eigenen Natur und des Menſchen überhaupt mir bewußt geworden, vielleicht bin ich nur aufrichtiger gegen mich und Dich, wie Andere es ſind, und ſuche die menſchliche Ohnmacht und Schwäche nicht zu beſchönigen; Du weißt, ich glaube nicht an die Unvergänglichteit der Liebe! Dies iſt Deine Antwort, ſagte Aurelia mit ge⸗ preßter Stimme, ich habe ſie verſtanden: Deine Liebe iſt erloſchen, iſt hin! Sie blickte ihn zürnend und fragend an, ſie hoffte auf eine Antwort; Nordheim aber ſchwieg. Sie flog empor von ihrem Sitz, der Zorn röthete ihre Wangen, ihre Geſtalt bebte, und dicht vor Nord⸗ heim hintretend ſagte ſie mit funkelnden Augen: iſt das mein Lohn für alle meine Liebe? das der Dank für Alles, was Du mir geweſen? Treuloſer! Undank⸗ barer! Haſt Du, einer Schlange gleich, Dich an mein Herz gelegt, nur um es bis zum Tode zu ver⸗ wunden?! Und Du, der ſtolze, weiſe Mann, Du ſprichſt von der Schwäche des Weibes? Wer iſt denn hier ſtark? Wahrlich, Du biſt es nicht! Schwach biſt 190 Du, ohnmächtig in Deinem Herzen, ſo ſchwach, daß nicht einmal ein ſtarkes Gefühl Dich zu durchdringen vermag, ſo ſchwach, daß nichts in Dir ewig iſt! O ja, ich weiß, was Du mir erwidern wirſt, fuhr ſie ſpöttiſch frt, Du wirſt ſagen, nur das Vergäng⸗ liche iſt ewig und dauernd! Ich aber weiß, daß es anders iſt! Ich weiß, daß das Weib, ſo ſchwach es iſt, dennoch eine Stärke beſitzt, die kein Mann, keiner dieſes ſtarken Geſchlechts mit ihr theilt, die er nicht einmal verſteht, das iſt die Kraft der Treue! O frei⸗ lich, davon wißt Ihr Herrn der Schöpfung nichts, und Ihr predigt von der Lehre der Vergänglichkeit, die freilich für Euch ſehr willkommen iſt! Während ſie ſo ſprach, hörte Nordheim ſie mit gütigen Blicken, faſt lächelnd an, und als ſie jetzt erſchöpft auf einen Seſſel niederſank, ſagte er mit freundlichem Ton: ich habe Dich nicht unterbrochen, weil ich weiß, daß es dem Weibe eine Erleichterung ſcheint, Zorn und Schmerz in Worten auszuſprechen, und verdampfen zu laſſen, und ich erwidere Dir nichts, weil, was Du ſprachſt, nicht Gedanken und Wahrheiten ſind, ſondern nur momentane Gefühls⸗ ſtimmungen, Waſſerblaſen, die leicht zerplatzen, weiter nichts! Wenn dies vorüber, werde ich zurückkehren, lebe wohl bis dahin! Er wandte ſich zu gehen, Aurelia ſtürzte zu ihm 191 hin; ihr ganzes Weſen war verändert, vorhin zornig und ſtolz, war ihre Mine jetzt voll Schmerz und Demuth; ſie faßte Nordheims Hand und ſagte flehend: o, verlaß mich nicht! Bleibe bei mir! O, verlaß mich nicht! Ihre Stimme ſtockte, kraftlos ſank ſie nieder, und ihre Arme um ſeinen Kniee ſchlingend, weinte ſie laut. Er wollte ſie empor ziehen, ſie wehrte ihn zurück. Nein, nein, laß mich hier bis Du mir ver⸗ geben, bis Du mir ſagſt, daß Du meinen thörichten Worten verzeihen willſt. Der Schmerz hat ſie er⸗ zeugt! O es ſchmerzt ſo ſehr, mein armes Herz! Tödte mich, aber verlaß mich nicht! Nordheim ſagte ernſt, faſt befehlend: Still, Au⸗ relia! Stehe auf! Und ſie, demüthig und gehorſam wie eine Magd, erhob ſich und trocknete die Thränen von ihren Wan⸗ gen. Du liebſt mich alſo noch? fragte ſie dann. Er mußte lächeln über dies„alſo,“ dies Lächeln nahm ſie für ein Liebeszeichen, und mit einem Auf⸗ ſchrei der Freude ſtürzte ſie in ſeine Arme. Er drückte ſie leicht an ſich und ſagte freundlich:„ſind wir nicht Kinder und Thoren? Quälen wir uns nicht, während wir doch froh ſein könnten? Was fehlt uns denn? Werde doch weiſe, Aurelia, weiſe und ruhig! 192 Lehre es mich, ſagte ſie, und lehnte ſich an ſeine Bruſt. Höre mir zu! Lege nie den Wärmemeſſer an unſere Herzen, laß es Dir genügen, daß ſie warm ſind; freue Dich deſſen; dann werden ſie nie erkalten, und wenn ſie es thun, dem allgemeinen Geſetze der Natur gemäß, ſo weine nicht, denn Thränen, ſo heiß ſie ſind, kühlen in dieſem Falle nur noch mehr! Du wirſt mir ewig theuer ſein, Ja, ich achte Dich ſo hoch, daß ich empfinde, wir werden uns niemals ver⸗ lieren. Der Rauſch der Sinne iſt vorübergehend, uns aber wird, wenn er vergangen, ſich aus der Aſche dieſes Feuers ein Phönix erheben, welcher mit ſeiner heiligen Gluth uns bleiben wird, dies iſt die Freund⸗ ſchaft, welche das edelſte Theil der Liebe iſt, und der Prüßſtein derſelben! Selten iſt es, daß dieſe als Bodenſatz zurückbleibt, wenn der Kelch der Liebe ge⸗ leert iſt, und nur wenn der Trank ächt war, bleibt ihm dieſer Bodenſatz. Uns ſoll er bleiben, wir wollen ihn aber nicht mit Thränen auflöſen, ſondern mit Stolz und Freude ihn uns bewahren! Wahrlich, Liebe findeſt Du aller Orten, die Freundſchaft aber iſt ein köſtliches und ſeltenes Gut. Deiner edlen und ſtarken Natur kann die erſte nicht genügen, Du biſt berufen, für die zweite zu zeugen! Ja, zu Größerem biſt Du berufen, als an die Liebe, Dich zu verlieren! 193 Aber als er ſo ſprach, ſtockte er plötzlich, denn vom Garten her vernahm er Ellens Stimme, er ſah durch die geöffnete Thür ihre leichte Geſtalt die Allee hinunterſchweben, und ſchaute ihr nach, bis die Bie⸗ gung des Wegs ſie ſeinen Augen entzog. Aurelia ſchmiegte ſich feſter an ihn, und ſagte leiſe laß mich ewig hier ruhen. Er wandte, wie erſchreckt, den Blick zu ihr hin,— er hatte gar nicht mehr an ſie gedacht! Bald darauf ward Aurelien ein Beſuch ge⸗ meldet, und während die Baronin ſich in's Empfangs⸗ zimmer begab, wandelte Nordheim hinab in den Garten. Eiligen Schrittes durchſtrich er die Gänge, ſein Auge ſpähte nach Ellen, und als er ſie jetzt wieder, wie bei ſeinem erſten Begegnen mit ihr, auf der Raſenbank am Teiche ſitzen ſah, flog ein freudi⸗ ger Ausdruck durch ſeine Züge, er eilte raſcher vor⸗ wärts, und begrüßte Ellen mit frohem Angeſicht. Ihr Anblick iſt immer ein dankenswerthes Ge⸗ ſchenk, ſagte er heiter, und regt nur zu beglückenden. Gedanken an! Und was dachten Sie ſo eben von mir? fragte ſie mit ihrer ſüßen hellen Stimme. Ich dachte, ſagte er, ſich neben ſie ſetzend, ich dachte, wie mich ſo eben Ihr Anblick überraſchte, welch' eine große Spanne Zeit ich im Laufe einiger Tage durchmeſſen habe! Als ich Sie vor einigen L. Mühlbach. II. 13 194 Tagen auf eben dieſer Stelle zum erſten Male ſah, glaubte ich eine Fremde zu ſehen, und jetzt iſt es mir, als habe ich, ſo lang ich lebe, Sie gekannt. Ja, ich meine, Sie lebten in meinen Kinderträumen, in meinen Knabengedanken, in meinen Jünglings⸗ hoffnungen.— Auch in den getäuſchten Hoffnungen des Man⸗ nes? fragte ſie neckiſch. In dieſen nicht, ſagte er ernſt, aber in den wieder erwachenden! Dieſen ſind Sie der Heiland, der den Lazarus erweckte! Ihr heiteres Geſicht nahm einen ernſten Aus⸗ druck an, und mit leiſem Tadel ſagte ſie: das iſt Frevel! Man ſoll das Heilige nicht mit dem Irdiſchen vergleichen! Sind Sie ſo fromm? fragte Nordheim heiter. Kann man an dieſer Stelle anders als fromm ſein? fragte Ellen, und deutete auf die liebliche Landſchaft vor ihnen. Kann man überhaupt in bieſer ſchönen blühenden Welt anders ſein als fromm? Die Welt blüht nicht immer! ſagte Nordheim, ſie leidet oft an einem kalten ſtrengen Winter; da iſt's erlaubt, daß auch das Frommſein erkaltet. Das iſt nicht erlaubt, ſagte ſie in lieblichem Eifer, wir ſollen nicht fromm ſein um Gotteswillen, ſondern um unſertwillen, und da der Winter auch 195 eine Segnung und Schönheit iſt, ſo ſollen wir auch im Winter fromm ſein! Sie ſprechen vom äußern Winter, ich von dem innern! ſagte Nordheim ſchwermuthsvoll, und freilich wohl wiſſen Sie in Ihrem jungen Frühlingsleben nichts von dem! Ach, es gibt aber einen Winter des Herzens, der Alles, was da lebt, erſtarren macht, und es gibt im Leben Nachtfröſte der Seele, die die ganze Saat des Sommers in einem Moment vernichten! Sie ſah ihn mit einem Blick voll des tiefſten Mitgefühls an, und legte, wie unwillkührlich, leiſe ihre Hand auf ſeine Schulter. Dieſe zarte wortloſe Theilnahme entzückte Nordheim mehr, als es je das Liebeswort der ſtolzeſten Schönheit gethan, und tief gerührt nahm er ihre Hand und drückte ſeine Lippen auf dieſelbe. Sie erröthete, und ſchämte ſich jetzt ihrer Vertraulichkeit, und Nordheim ſagte: Man er⸗ zählt von Heiligen, die durch das Auflegen ihrer Hand unheilbare Wunden heilten, und Schmerzen ſchmerzlos machten! Von heute an glaube ich dieſer Sage! Warum auch nicht? fragte Ellen unſchuldig, warum dies Wunder nicht glauben, wie doch ſo viele andere, die wir täglich ſich offenbaren ſehen? Wer hätte wohl, ehe die Sonne da war, an das Wunder 13 196 des Sonnenaufgangs geglaubt, oder bei dem Keime der erſten Pflanze an die herrliche duftende Blüthe? Alles, was iſt, iſt ja ein Wunder! Sie ſind es, wahrlich! ſagte Nordheim mit Wärme. Und jener Schmetterling auch! rief Ellen, und deutete auf den Tagfalter hin, der ſich eben nahe bei ihr auf das blühende Geſträuch geſetzt, und ſeine Flügel auf⸗ und zuſchlagend, behaglich in der Sonne ſich ſchaukelte. Wie ſchön er iſt! ſagte Ellen leiſe. Laſſen Sie ihn uns haſchen, um ſeine glänzenden Flügel zu betrachten! Dann machte ſie Nordheim ein Zeichen ſtille zu ſein und ſchlich langſam auf den Fußſpitzen zu der Stelle hin, wo der Schmetterling ſaß. Jetzt war ſie ihm ganz nahe, vorſichtig beugte ſie ſich vorwärts, und ſpitzte die zarten Finger ihn zu haſchen; ihre Mienen waren geſpannt vor Erwartung, ihre ſtrah⸗ lenden Augen unverwandt auf die Libelle gerichtet, und ein frohes Lächeln umſpielte ihre Lippen. Lieb⸗ lich war es anzuſchauen dies Bild, Nordheim wünſchte ſich ein Maler zu ſein, um die holde Geſtalt ſo ſich zu bewahren. Wie ſie jetzt mit angehaltenem Athem dem Schmetterling ihre geſpitzten Finger noch näher brachte, war es auch Nordheim, als ſolle eben etwas 197 recht Wichtiges geſchehen, und mit geſpannter Er⸗ wartung blickte er nach Ellen hin. Da!— jetzt greift ſie zu, und der ſchöne Sommervogel fliegt weiter zur nächſten Blume hin! Ellen lachte laut, und ihre ſtrahlenden Augen auf Nordheim richtend, ſagte ſie: Laſſen Sie ihn uns haſchen! Ja, laſſen Sie es uns verſuchen, ſagte Nord⸗ heim mit einem Frohſinn, wie er ihn in langen Jahren nicht empfunden. Nun begann ein luſtiges Jagen und Rennen dem Schmetterlinge nach, bald hier, bald dort hin! Jetzt ſaß er Nordheim ganz nahe auf einer Blume, und er näherte ſich ihm mit einer Behutſamkeit und Vorſicht, als gelte es einen Schatz zu heben; jetzt faßt er nach ihm,— weg iſt das Thierchen. Ellen lacht, und Nordheim ärgert ſich faſt, daß er ihn nicht gefangen! Jetzt ſitzt er bei Ellen! wie ſie Nord⸗ heim zuwinkt, ſtille zu ſtehen und ſich nicht zu be⸗ wegen, damit nicht der Schatten auf das Thierchen fällt, und es weiter fliegt, und wie Nordheim nun regungslos daſteht und mit geſpannter Erwartung nach Ellen hinblickt, die jetzt überzeugt iſt, daß ſie ihn bekommt, und doch nur die leere Luft greift, und wie Nordheim ſie auslacht, und Ellen ganz böſe thut, und ſie Beide weiter rennen, bis ſie ſich ganz — 198 athemlos getummelt und doch den Schmetterling nicht gefangen haben, der weit, weit fort über die Mauer geflogen iſt. Nordheim hatte nicht daran gedacht, ob Jemand ihn bei dieſem Kinderſpiel beobachten könnte, ihn, den ernſten Mann, mit ſolchem Eifer bemüht, einen Schmetterling zu greifen, er dachte nur Ellen, nichts weiter, und er bemerkte nicht, daß ſie ſich in ihrer Jagd der Villa genähert hatten, bemerkte nicht, wie Aurelia in der offenen Thüre des Salons ſtand, und unverwandt nach ihm hinſchaute, nach ihm, der jetzt in frohem Lachen und Schäkern erſchöpft und athem⸗ los von vielem Rennen neben Ellen auf der Moos⸗ bank ſaß und ihr mit frohen Blicken in die glänzenden Augen ſchaute. Ach, er bemerkte ſie nicht, ſie aber ſah Alles, und wenn ſie auch nicht hören konnte, was er ſprach, ſo las ſie doch aus ſeinen Augen, ſeinen Mienen alle ſeine Worte. Jetzt ſtanden ſie auf und wandelten den Gang hinauf, näher dem Hauſe zu, Aurelia trat zurück, um nicht geſehen zu werden, aber nahe an der offenen Thüre blieb ſie ſtehen, und lauſchte. Sie waren ihr ganz nahe! Nordheim pflückte aus dem nahen Boskett eine Sternblume und reichte ſie Ellen hin. Dieſe Blume, ſagte er, erinnert mich an meine 199 Heimath, denn wo ich ſie ſehe, meine ich wieder einen Augenblick ein ſchwärmeriſcher deutſcher Jüng⸗ ling zu ſein und aus ihren Blättern mein Schickſal erfahren zu können. Welches Schickſal? fragte Ellen. Ein ſchwärmeriſcher deutſcher Jüngling kennt nur Ein Schickſal, ſagte Nordheim lachend, das iſt, ob die Geliebte ihn wieder liebt? Und das erfährt man durch dieſe Blume? Geben Sie Acht! ſagte Nordheim, und zupfte Blatt nach Blatt von der Blume, und flüſterte ſie liebt mich, ſie liebt mich nicht! Das letzte Blatt ſprach: ſie liebt mich nicht! Nordheim warf halb zürnend den kahlen Stengel fort, und ſagte: ein wahres Wort! Wahrlich, die Blume iſt eine ächte Prophetin! Laſſen Sie mich auch verſuchen, rief Ellen eifrig, und pflückte eine zweite Blume, zupfte die Blätter aus, und murmelte: ſie liebt mich, ſie liebt mich nicht! Halt, das geht nicht! rief Nordheim lachend, bei Ihnen muß es heißen: Er liebt mich! Ich habe aber keinen Er! ſagte ſie lächelnd und unbefangen; ganz ohne Abſicht, ohne Koketterie. Nordheim fühlte und ehrte das, und ſagte nur: doch müſſen Sie es ſo verſuchen, der Ordnung halber, denn nur dann hat die Blume ihre prophetiſche Kraft! 200 Er reichte ihr ſtatt der ſchon halb zerrupften eine neue dar, und ſie begann lächelnd daſſelbe Spiel, und flüſterte: Er liebt mich, liebt mich nicht! Das letzte Blart hieß: er liebt mich! Sie war zu unſchuldig, um dadurch befangen zu werden, ſie dachte an gar nichts anderes, als daß ihre Blume glücklich prophezeit, und ſie jubelte: getroffen, getroffen! Ja, wahrlich getroffen! ſagte Nordheim mit tiefer Empfindung, und faßte ihre Hand. Nur bei dieſer Berührung zuckte ſie zuſammen und erröthete. Aurelia hatte Alles geſehen und gehört, ſie vermochte nicht, es länger zu ertragen, raſch trät vor und ging zu den beiden hin. Ellen ſagte aufathmend,„ach, die Mutter!“ Ihr war ſo beklommen und ängſtlich geweſen, ohne daß ſie wußte weshalb! Sie eilte Aurelien entgegen und ſagte freudig, und ohne Verſtellung: wie ſchön, daß Du kommſt, es iſt gar herrlich heute! Dieſe Worte ſchienen Nordheim zu verletzen, denn ſeine Stirne bewölkte ſich; auch entfernte er ſich bald. XI. Es war Nacht; Giuſeppo Daſſa kehrte aus der Oper zurück und ſchlenderte gemächlich den Weg nach dem Lodging⸗Hauſe hin, als in der Nähe ſeiner Wohnung ein Weib ihm entgegen trat, und ſich ihm nähernd, mit ſchmeichelnder Stimme ihm leiſe Worte zuflüſterte. Anfangs verſuchte Giuſeppo ſich los zu machen, das Weib aber ließ nicht nach in ihrem Liebesgeflüſter, und als Daſſa beim Schein der Straßenlaterne ihr Angeſicht betrachtet, und geſehen, daß das Weib ſchön ſei und jung, lächelte er, legte ſeinen Arm in den ihren, und ſagte zärtlich: ich bin Dein! Komm, laß uns gehen! Wohin aber? Ein Cabriolet hielt in der Nähe. Dahin wandten ſie ihre Schritte; das Mädchen flüſterte dem Kutſcher zu, wohin er fahren ſolle, ſie ſtiegen ein und fort rumpelte der Wagen. Als ſie eine Stunde gefahren ſein mochten, hielt der Wagen in einer öden menſchen⸗ leeren wüſten Straße, aus deren niedrigen ſchmutzigen 202 Häuſern hie und da wüſtes Geſchrei und Lärmen erſchallte, oder unheimliches Stöhnen und Gekreiſch der Angſt. Trübe Thranlampen hingen in beträcht⸗ lichen Entfernungen quer über die Straße und erhell⸗ ten den Koth derſelben mit melancholiſchem Düſter. Wohnt ein ſo ſchönes Kind, wie Du, in dieſer öden berüchtigten Gegend? fragte Giuſeppo. Das Mädchen lachte ſpöttiſch und ſagte: nur keine Furcht, wir ſind bald zur Stelle. Sie faßte ſeinen Arm feſter und zog ihn vor⸗ wärts. Als ſie jetzt um eine Ecke bogen, näherten ſich ihnen von jeder Seite der Straße her zwei Männer, und folgten in einiger Entfernung dem ſchäckernden, lachenden Paar. Die Gegend war indeß noch öder und verlaſſener geworden, die Thranlampen brannten trüber unb in noch größeren Zwiſchenräumen; ſchauerliches Schweigen und wüſte Stille rings um⸗ her! Ginſeppo ſtand ſtill und fragte: wohin führſt Du mich? Iſt hier in einer dieſer elenden Hütten deine Wohnung? Das Mädchen ſchlug ein gellendes Lachen auf, und ſich umwendend rief ſie einige für Giuſeppo völlig unverſtändliche Worte. Sogleich näherten ſich ihnen die beiden Männer, und jeder einen Arm Giuſeppo's ergreifend, verſuchten ſie ihn vorwärts zu treiben! Er wollte ſich losreißen 203 und rief wüthend: was iſt das? Wer wagt mich anzugreifen? Halt, ſag' ich, laßt mich los oder ich rufe um Hülfe. Verſuch's nur, ſagte einer der Kerle, mit grun⸗ zendem Lachen, und wenn Euch Euer Gequick mehr hilft, als daß Ihr vielleicht die hungrigen Ratten auſtreibt, ſo will'ch verdammt ſein! Jetzt war es Giuſeppo gelungen, den einen Arm frei zu bekommen; er langte in ſeinem Buſen nach ſeinem Dolche; er war verſchwunden, und das Mäd⸗ chen, die bei der Thranlampe, an der ſie eben vor⸗ übergingen, ſeine Bewegung beobachtet hatte, ſagte lachend: s iſt umſonſt, mein Schätzchen Das ſpitze Dingelchen hab' ich Dir abgenommen. Giuſeppo knirſchte wüthend mit den Zähnen; dann rief er mit lauter Stimme: Zu Hülfe, Mörder, Diebe! Wächter, Wächter! Alles blieb ſtill, wie laut er auch ſeine Stimme erheben mochte, kein Ton, der ihm Antwort gab! Sagt ich's nit, höhnte der Kerl, daß Niemand nich hier herummer Euch hört? Kein Wächter kommt hierher,'s würd' ihm auch bald ſein Stumpelchen Lebenslicht hier ausgeblaſen werden! Aber, laßt uns ihm's Maul verſtopfen, fuhr er fort, als Ginſeppo noch immer um Hülfe ſchrie, wolln' wir'n lehren ſo'ne unverſchämte Muſik zu machen. 204 Man band trotz ſeines Widerſtrebens ein Tuch um ſeinen Mund, und zog ihn vorwärts bis zu einer zerfallenen niedrigen Hütte hin! Hier iſt's, mein Goldprinz, grinste der Eine, Ihr kennt's wohl,'s Haus von»ner Teufelsliſe. Waret öfter mal da. Jo, jo,'s wär beſſer, Ihr hättet damals ein paar Goldfüchſe mehr ſpringen laſſen, dann wärt Ihr vielleicht heute nich hier! Aufgemacht, Wetterdirne! brüllte er dann, und klopfte heftig an die niedrige Pforte. Nur Geduld, Geduld, kreiſchte eine Stimme von innen, ich komme ſchon. Die Thür ward geöffnet, und ein Mädchen erſchien mit einer Lampe in der Hand; Giuſeppo zitterte vor Wuth; er erkannte dies Mädchen wohl, es war dieſelbe, die ihm in der Nacht zuvor die Briefe geſtohlen. Er wollte ſprechen, das feſt ge⸗ bundene Tuch verhinderte ihn; er konnte nichts als ſie mit grimmigen wuthflammenden Blicken anſehen; das Mädchen ertrug dies gleichgültig und nickte ihm vertraulich grinſend entgegen. Biſt hitziges Blut, ſagte ſie, kommſt heut' ſchon wieder nacher mir, ſchönſter Liebſter? Alle vier ſchlugen ein gellendes rohes Lachen auf; Giuſeppo fühlte ſich dem Tode nah vor Zorn und Wuth. Mit den Füßen ſtemmte er ſich gegen 205 die offene Thür, feſt entſchloſſen, das Aeußerſte zu wagen, um zu verhindern, daß jene finſtre Höhle ihn aufnehme. Willſt noch Sporenzien machen! ſagte der Kerl, der ihn führte, wart, das wollen wir Dir vertreiben! Seine geballte Fauſt traf mit ſolcher Wucht Giuſeppo's Schädel, daß ihm die Sinne vergingen; widerſtandlos ſchleppte man ihn in's Haus. Die Thür ward verſchloſſen; jetzt vernahm man von innen einen ſchwachen Schrei; dann ward Alles ſtill! Früh am Morgen begab ſich Lady Ellinor zur feſtgeſetzten Stunde an dieſelbe Stelle, wo ſie Tag's zuvor von Teufelsliſe's Tochter die Briefe empfangen. Dieſe mit ihrem Vater war ſchon dort, und Beide nickten der Lady mit vertraulichem Gruße einen guten Morgen zu. Iſt's gelungen? fragte Ellinor, athemlos vor Furcht und Angſt des Mißlingens. Alles gut! ſagte der Kerl mit wohlgefälligem, ſtolzen Grinſen, ſind nicht die Leute darnach, wir, uns ſo'n Fiſch wegſchwimmen zu laſſen. Hatten 'ne Angel ausgeworfen, mit'nem hübſchen Köder dran; hat der Fiſch richtig angebiſſen und iſt gefangen. Liegt in'nem Loch und zappelt und ſchreit ganz mörderlich! 206 Es iſt gut, gut! ſagte Ellinor mit leiſem Schauder; hier nehmt das Gold! Es enthält mehr als die ausbedungene Summe, nehmt, es iſt Euer! Es iſt alſo ganz gewiß, daß Ihr ihn gefangen habt? Wollt Ihr'nen ſehn, ſo kommt mit! ſagte der Kerl. Nein, nein, ich glaube Euch, erwiderte Ellinor, die ſchon bei dem Gedanken, Giuſeppo ſehen zu können, bebte, ich glaube Euch! haltet ihn gut! Mißhandelt ihn nicht! Aber um keinen Preis darf er entſchlüpfen! Alle Monate trefft mich hier auf dieſer Stelle und empfangt von mir das Geld für ſeine Beköſtigung, bis er mit einer guten Gelegenheit deportirt werden kann. Thut, wie ich Euch ſage, und nun lebt wohl! Sie entfernte ſich eilig, und als ſie verſchwunden war, blickten die Beiden ſich an und lachten laut. Sag' mal, Mädel, ſagte der Kerl, und ſchlen⸗ derte mit ihr die Straße hinab, glaubſt wol, daß wir'n gut halten werden? Ob'r wol'nen gutes Gericht alle Mittag für's Koſtgeld bekommen wird? fragte die Dirne zurück. Ich denke, wir geben ihm'n Gericht, wornach er kein zweites mehr nicht braucht! entgegnete ihr würdiger Vater mit einer Armbewegung, wie ſie etwa der Schlächter macht, wenn er einen Ochſen fällt; 207 auch verſtand ihn ſein zartes Töchterlein gar wohl, und mit verſchmitztem Augenblinzeln ſagte ſie: das Koſtgeld können wir brauchen ohne ihn, und in'nem Brunnen hinter unſeren Hütten iſt ſchon manche Katze verſoffen. Ihr Vater nickte ihr zuſtimmend zu, und Arm in Arm wandelte das würdige Paar weiter. Lady Ellinor war indeß in ihr Höotel zurück⸗ gekehrt, und lehnte erſchöpft und tiefſinnend in ihrem Fauteuil. Ihr war ſeltſam beklommen und unheim⸗ lich! Der Gegenſtand ihrer Furcht war auf immer beſeitigt und unſchädlich gemacht, und doch konnte ſie zu keiner Frendigkeit kommen! Zuweilen ſchauderte ſie unwillkührlich zuſammen, und blickte ſchen und ängſtlich umher, als fürchtete ſie ſich belauſcht und verrathen, dann ſtarrte ſie wieder regungslos auf den Fußboden hin in todtenähnlicher Bewegungsloſig⸗ keit ihrer Züge. Wie iſt mir denn, flüſterte ſie leiſe, ich habe Alles erreicht, was ich gewollt, und doch keinen Frieden, keine Ruhe! Meine Bruſt iſt beklemmt, wie in der Ahnung eines ſchweren Unheils, und eine namenloſe Angſt bedrückt meine Seele! Was habe ich denn gethan, was mich ſo zittern macht?— Dann ſagte ſie feſt: ich habe gethan, was ich thun mußte! Ich habe gethan, was der Menſch, wenn er 208 in ſeinen erſten und nächſten Rechten angegriffen wird, thun muß; ich habe den Scorpion, der ſeinen Gift⸗ ſtachel in mein Herz bohrte, abgewehrt, weil der natürliche Lebenstrieb es alſo fordert. Ich habe ihn aber nicht getödtet! Nein, ſagte ſie laut und heftig, wie, um ſich ſelbſt zu beſchwichtigen, ich habe ihn nicht getödtet! In ſtürmiſcher Aufregung ging ſie auf und ab; aber die Stille um ſie her beängſtigte ſie, ihr graute vor dieſem Schweigen und dieſer Einſamkeit: ich muß Menſchen ſehen, Menſchen ſprechen hören, ſagte ſie bang, damit die Geſpenſter aus meiner Bruſt verſchwinden! Sie ſchellte heftig und befahl einzuſpannen.— Aureliens Landgut, Sweetcalmneß begrenzte das ihre, dorthin gebot Lady Landstown zu fahren, und als der Wagen hielt, und der rückkehrende Diener meldete, die Baronin Stopford ſei in der Villa und erwarte die Lady, fühlte ſie ſich freudig angeregt. Sie hatte gefürchtet, Aurelien zu verfehlen, weil ſie die Einſamkeit ſcheute. Auch Nordheim war anweſend; Ellinor freute ſich ſeines Wiederſehens und reichte ihm mit herz⸗ lichem Gruß die Hand. Sie hatte ihn ſeit jener morgendlichen Fahrt nicht wieder geſehen, und be⸗ dauerte es aufrichtig, daß er mehrere Male, wenn er in der Villa geweſen, ſie nicht angetroffen. Laſſen Sie mich hoffen, Sie morgen zu ſehen; ſagte ſie freundlich, ich habe Ihnen Mittheilungen zu machen über Macdeam, Ihren Freund. Dann wandte ſie ſich an Aurelien, die ihr heute ungewöhn⸗ lich bleich und ernſt erſchien, mit theilnehmenden Fragen nach ihrem Wohlbefinden, die von dieſer mit ſchwermüthigem Lächeln erwidert wurden. Dies iſt das unendliche Leiden und der Fluch dieſes Lebens, ſagte Ellinor, daß Alles hienieden ſo wechſelnd und verändernd iſt, daß wir in jeder Minute nicht ſicher ſind, ob die nächſte der ver⸗ gangenen gleicht? Wir ſind unſerer ſelbſt nicht gewiß! Unſere phyſiſche Natur hindert es, unſere phyſiſche Natur, die ſtets der Krankheit und dem Leiden unter⸗ worfen iſt! Die Erinnerung an Ihre ſtrahlenden Augen und roſigen Wangen war mir oft ein Troſt, wenn ich mich leidend fühlte; es iſt für mich ſchon halbe Geneſung, an das Glück meiner Freunde zu denken! Und heute, wo ich komme, mich an Ihrem Anblick zu erlaben, finde ich Ihre Wange bleich, und doch iſt es ſicher nur der Körper, welcher leidet und Ihre Seele niederdrückt! Aurelia lächelte matt, und Nordheim ſagte: Ew. Lordſchaft ſehen alſo Seele und Körper als zwei verſchiedene, getrennte Dinge an? Wie ſollte ich nicht? fragte Ellinor lebhaft. *Miühlbach. II. 14 Wo ſitzt denn aber die Seele? fragte Nordheim. Hat ſie im Körper irgend eine beſtimmte Kammer, ein heimliches Boudoir, das ſie bewohnt? Dann wundert's mich nicht mehr, wenn manche Menſchen beſtändig eine Oede in ſich fühlen, weil jene Kam⸗ mer leer ſteht! Mancher Geizhals möchte dann gern bereit ſein, dieſe Kammer zu vermiethen, und gäbe für den Erlös gern ſeine Seele hin! Ich meines Theils, ich glaube nicht an dies Logis, und bin ſchon mit den zwei Herzenskammern, die der Menſch mit jedem Thier theilt, vollkommen zufrieden! Sie ſind alſo ein Ungläubiger? fragte Lady Ellinor, und leugnen vielleicht die Unſterblichkeit der Seele auch ab? 6 Es iſt ein Geheimniß der Natur, das ich nicht zu enträthſeln wage! erwiderte Nordheim, und wenn ich auch oftmals angenommen, die Seele ſei nichts als Blut, weil mit dem ſtockenden Blut auch das Leben und die Thätigkeit der Seele endet, ſo habe ich doch, fuhr er mit anmuthiger Verneigung fort, aus ſchönen Frauenaugen oft eine ſolche Fülle und Gluth des Geiſtes ſtrahlen ſehen, daß ich an meinem Syſtem ſelber irre wurde. Unter ſolchen Geſprächen verging die Zeit, und als Lady Ellinor ſich dann entfernte, begleitete ſie Nordheim hinunter zum Wagen. Laſſen Sie uns „ —,— 211 den Weg durch den Park nehmen! ſagte die Lady, der Wagen mag an jener Pforte dort unten warten. Sie wandelten eine Zeitlang ſchweigend neben einander her, Jeder erwartend, daß der Andere ein Geſpräch beginne, Nordheim aus zarter Schonung, Ellinor in ſcheuer Furcht! Waren Sie heute ſchon in London? fragte Elli⸗ nor endlich leiſe, und ſchaute Nordheim mit bedeut⸗ ſamen Blicken an. Erſt ſeit einer Stunde bin ich von dort entfernt! erwiderte Nordheim. Sahen Sie Giuſeppo Daſſa? fragte die Lady mit niedergeſchlagenen Augen kaum hörbar. Nordheim ſchwieg einen Augenblick; dann ſagte er langſam und ernſt: ich ſah ihn heute nicht, auch geſtern Abend nicht; den geſtrigen Tag verbrachte er in großer Aufregung, man hatte ihm Nachts zuvor wichtige Briefe entwandt, und geſtern Abend verließ er das Haus, und iſt ſeitdem nicht zurückgekehrt! Die Lady erhob einen Moment ihre Augen, ihr ſcheuer Blick begegnete den ſcharf und durchdringend auf ihr ruhenden Augen Nordheims. Es war nur ein Moment, dann ſenkte Ellinor den Blick zur Erde, und Nordheim neigte wie zuſtimmend das Haupt; er hatte in ihrem Blicke Alles geleſen, und Ellinor wußte, daß ſie verſtanden war. Er wird nicht zurückkehren! ſagte Nordheim leiſe. Niemals! erwiderte Ellinor feſt. Nordheim faßte ihre Hand, und zog ſie mit dem Ausdruck tiefer Ehrerbietung an ſeine Lippen. Dann ſagte er mit ernſter, feierlicher Stimme: von heute an zähle ich Sie zu den größten Weibern! Es iſt zuweilen groß, ſich dem Schickſal duldend zu unterwerfen; größer aber iſt es, in die Speichen des ewig rollenden Schickſalsrabes mit feſter Hand einzu⸗ greifen, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß die Hand dabei zerſchelle, dieſem Rade zu gebieten: ſtehe ſtill! und ihm dann eine andere Bahn anzuweiſen! Dulden iſt Inſtinkt aller Weiber, Handeln lernen nur die höher Begabten und die von dem Urgeiſte Bezeichne⸗ ten! Sie ſind eine dieſer Auserkorenen, gehen Sie denn hin und ſeien Sie glücklich! Sie können es, denn Sie haben Recht gehandelt! Wir Alle ſind berufen mitzuarbeiten an dem großen Bau des Welt⸗ alls; die Armen thun es mit Thränen und Seufzen, mit Fluchen und Verwünſchungen, mit Entbehrung und Noth! Wir Reichen im Geiſte mit Thaten und Handlungen, und jemehr das Gebäude ſich hebt und wölbt, deſto klarer wird unſer Blick, deſto gebengter unſere Geſtalt, und ernſter das Ange! Die Müßigen aber gehen lächelnd vorüber; ihren glänzenden Augen iſt der Tempel verborgen, an dem wir arbeiten und ¹ „— 213 ein deſſen gewölbten Hallen wir beten gehn! Dieſer Tempel heißt die Erfahrung, und auf ſeinen Säulen ſtehen mit blutigen Lettern die Worte geſchrieben: „Schmerz und Unglück!“ Wir gehen aber hin und küſſen dieſe Worte, die uns als Wahrzeichen höherer Befähigung in unſerer Seele brennen Glau⸗ ben Sie mir, die Glücklichen haben nie wahrhaft gelebt! Gehen Sie denn, Geweihte des Schmerzes, Geſegnete Ihrer Pein; Sie werden glücklich ſein, weil Sie das Unglück kennen; Sie werden genießen, weil Sie wiſſen, daß der Genuß ſchwindet! Ellinor ſchüttelte leiſe das Haupt, und den thränenſchweren Blick auf Nordheim richtend, ſagte ſie; nein, nein! In der Fülle des Genuſſes werde ich darben, und inmitten des Glückes werde ich um⸗ ſonſt ſeufzen nach Glück! Nicht alſo, ſagte Nordheim, Sie werden ein neues Leben beginnen! Aber in dieſem das frühere Leben nicht vergeſſen können, erwiderte Ellinor mit ſchmerzlichem Lächeln, das frühere Leben, aus dem mir eine große unge⸗ ſtillte, nie ermattende Sehnſucht zurückbleibt, die Sehnſucht einer Mutter nach ihrem Kinde. Alſo immer keine Spur? fragte Nordheim, und auch jener heldenmüthige Gang war vergeblich? Elinor ſchüttelte tranrig das Hanpt. Morgen erwarte ich Sie, um Ihnen dies Alles mitzutheilen, ſagte ſie, hier ſind wir am Ausgang und dort harrt auch mein Wagen; leben Sie wohl! Ernſt und langſam ging Nordheim die lange Allee wieder hinauf, um zum Hauſe zurückzukehren. Er fühlte ſich hent ungewöhnlich trübe und verſtimmt, es war ihm, als mangele ihm etwas, und eine ſelt⸗ ſame Unruhe beklemmte ihn, ohne daß er ſich deren urſache zu erklären vermochte. Vielleicht auch ſcheute er es zu erforſchen, ſcheute ſein Herz zu fragen, warum es ſo ſtürmiſch klopfe, und ſeine Augen, warum ſie ſo oft ſich ſpähend ſeitwärts wandten. Vielleicht vermied er ſich ſelber Rede zu ſtehen, weil er ſich über ſich ſelber zu täuſchen wünſchte, denn würde ſein Herz nicht auf ſeine Frage geantwortet haben, daß es ſo ſtürmiſch klopfe nach jenem zarten, kindlichen, jungfräulichen Mädchen, deſſen Name es erbeben und zittern mache; würden ſeine Angen nicht erwidert haben, daß ſie verlangen nach dem Anſchauen jener reinen, überirdiſchen Schönheit, jenes kindlichen und doch ernſten, jenes unbefangenen und doch weiſen Blickes, welches alles Niemand beſaß, als die Ein⸗ zige, als Ellen? Wie ſtrahlte jetzt ſein Auge, welch' ein freudiger Ausdruck erhellte ſeine Züge! Dort, dort ſtand ſie unter den Blumen jenes Bosketts, halb zur Seite 215 gewandt, ganz beſchäftigt mit ihren blühenden Lieb⸗ lingen. Nordheim ſtand ſtill ſie anzuſchauen, und ihre Lieblichkeit tief in ſeine Seele ſich einzuprägen! Wie reizend war die zarte Geſtalt in dem weißen klaren Gewande, das jetzt, ſtatt des ſchwarzen, ihre Glieder umfloß, wie zart und weiß die unverhüllten, ſchön geformten Arme! Ein leichtes, roſenfarbenes Tuch hatte ſie um den Hals geſchlungen, das die runden, weißen Schultern nur halb bedeckte, und über das blonde Haar hatte ſie den runden Stroh⸗ hut geſetzt, der das Geſichtchen lieblich beſchattete.— Nordheim empfand eine tiefe, heilige Freude in ſeiner Seele, er ſchaute auf das Mädchen hin mit Blicken voller Ehrfurcht und Anbetung, und er ſagte zu ſich ſelber: gleicht ſie nicht, wie ſie ſo daſteht, in ihrer keuſchen, heiligen Schönheit, einem Engel, der her⸗ nieder geſtiegen iſt die Herrlichkeit der Himmel zu verkündigen? Ja, wahrlich, ein Engel iſt ſie, und ich meine, in ihrer Nähe verſtummt alles menſchliche Wünſchen und Begehren! Sie wandelt ſicher und ungefährdet durch das Leben, denn ſolche Unſchuld und Reinheit, wie ſie aus ihren Augen ſtrahlt, iſt eine Glorie, vor der ſelbſt der Wildeſte und Roheſte erbebt, und die er nicht zu berühren wagt. Ja, wahrlich! Wären ihre Züge minder ſchön, und ihr Angeſicht winder reizend, ſie würde dennoch die Schönſte ſein in ihrer unberührten Keuſchheit und Unſchuld. Er verſtummte und ſchaute ſie an, ent⸗ zückt und lächelnd; dann ſagte er in tiefer freudiger Rührung: ich habe nie Eine geſehn, die ihr ver⸗ gleichbar wäre! Jetzt hatte ihn Ellen bemerkt, ſie nickte ihm entgegen und winkte ihn zu ſich, und er folgte ihrem Winke mit einer ſo ſtürmiſchen Haſt, als gelte es die Befehle einer Königin zu vernehmen; auch nahte er Ellen mit mehr Ehrerbietung und Er⸗ gebenheit, als er je für eine Fürſtin empfunden, vor der er das Knie gebengt; hier kniete ſeine Seele! Sehen Sie, ſehen Sie dieſe herrlichen Blüthen! rief Ellen in frohem Eifer ihm entgegen, und zeigte auf den Strauß, den ſie in der Hand hielt. Gab es je eine ſchönere Roſenknospe, als dieſe hier? Wie wird ſich Mutter Aurelia freuen, wenn ich ihr dieſen Strauß bringe! Die arme Knospe! ſagte Nordheim wie bedauernd. Sie ſind grauſam, Ellen! Warum nicht dieſe Roſe hier lieber pflücken, die ſchon entfaltet iſt, die ſchon gelebt hat?! Warum jene arme Knospe tödten, die erſt leben wollte? Beklagen Sie lieber die Roſe, ſagte ter, das arme Ding, das ſeine Beſtimmung verfehlte. Welches iſt ihre Beſtimmung? fragte Nordheim. Bitte, belehren Sie mich! Ich wußte nicht, daß len hei⸗ 217 die arme Roſe dies traurige Lvos mit den Menſchen theilt, eine Beſtimmung zu haben, ſtatt frei zu han⸗ deln und zu leben? Der Roſe Beſtimmung iſt, gepflückt zu werden, dem Menſchen zur Frende und zur Luſt; wenn ſie gar ſchön iſt, vielleicht gemalt zu werden, ſonſt im Glaſe zu verwelken! Und getödtet habe ich dieſe Knospe nicht, weil ich ſie pflückte, fuhr ſie eifrig fort, denn nichts, was lebt, kann ſterben! Lebt denn die Blume? fragte Nordheim mit einer Aufmerkſamkeit und einem Ernſt, als lauſche er dem Ausſpruch eines Weiſen. Ich glaubte, ſie blühe nur! Sie lebt auch! betheuerte Ellen, ſie empfindet! Die Senſitive ſchließt ihre Blätter, wenn ſie mit zu rauher Hand berührt wird. Sie iſt die Jungfrau unter den Blumen. Nordheim pflückte lächelnd eine Roſe, und ihre Blätter auseinander faltend, zeigte er Ellen den ſchwarzen Käfer, der den Kelch zerfraß. Würde die Roſe, wenn ſie lebte, nicht dieſen Zerſtörer ihres Lebens vernichten? Dafür iſt ſie eine Roſe, ſagte Ellen, und im Dulden beruht ihre Größe! Es geht ihr wie uns Mädchen und Frauen! Nicht das Anflehnen gegen 218 das Geſchick, iſt Weibertugend, ſondern das Dulden und Tragen! Wie? fragte Nordheim, Sie würden alſo im Unglück nicht ſtreben, es von ſich abzuwälzen, Sie würden nicht kämpfen um das Glück? Gewiß nicht, ſagte ſie, und blickte ernſt und fromm aufwärts, ich würde darum beten. Ach beten, rief Nordheim ungeduldig, wann hätte Gott ein Gebet erhört? Immer, erwiderte ſie zuverſichtlich, ſo oft aus voller Seele zu ihm gebetet wird! Wenn wir es auch nicht wiſſen, wenn es auch in andrer Weiſe geſchieht, wie wir wünſchen und erwarten, er erhört uns doch! Ja, und wenn ſelbſt das Gebet keine andere Kraft hätte, als daß es uns ſtärkt und erhebt, daß es uns beſſert und läutert, ſo iſt auch dies ſchon ein Segen und eine Erhörung. Aber, unterbrach ſie ſich ſelbſt und erröthete tief, Verzeihung meinem kin⸗ diſchen Geſchwätz. Sie haben mich verleitet, daß ich, unerfahren wie ich bin, es vergeſſen, wie es ſich für mich nicht ziemt, dem gelehrten Mann gegenüber ſo zu ſprechen. Verzeihung! Nordheim, tief bewegt, nahm ihre Hand und führte Ellen zur nahen Moosbank, und ſich vor ihr im Graſe niederſetzend, ſagte er, und ſeine Stimme zitterte in Rührung: ſprechen Sie, ſprechen Sie, 219 Ellen! Es iſt hohe Weisheit auf Ihren Lippen! Und wenn Sie auch zuweilen in einer Sprache reden, die ich nicht verſtehe, ſo kommt dies, weil Sie aus einem andern und ſchönern Lande ſind, aus einem Lande der Seligen und Unſchuldsvollen! O möch⸗ ten Sie mich lehren können, Ihre Sprache zu ver⸗ ſtehen! Ellen zitterte und wußte nicht weshalb, dann ſagte ſie leiſe, kaum hörbar: Sie glauben alſo doch, daß es ein ſolches Land gibt? Und geſtern hörte ich Sie meiner Mutter ſagen, das Glück und die Unſchuld ſei nur ein Wahn der Thoren. Wirklich, ſagte Nordheim tiefbewegt und faßte des Mädchens beide Hände, wirklich, ſagte ich das?! O, dann kommt es, Ellen, weil ich in dem Momente Dein Auge nicht ſah und Deinen lächelnden Mund, weil ich Deine Stimme nicht hörte, dieſe Stimme, die mich immer an die Grenzen mindeſtens jenes Lan⸗ des bringt, aus dem Du entſproſſen, und mich zum lehrbegierigen Kinde, Dich zu meinem Meiſter macht! Ein lautet und durchdringender Schrei ertönte jetzt nahe bei ihnen. Ellen, bleich und zitternd, flog empor. Es war hier, ganz nahe bei mir! ſagte ſie angſtvoll, und zeigte nach dem dichten Fliedergeſträuch. Nordheim eilte dorthin, von Ellen gefolgt. So nahe, daß Sie jedes Wort Nordheims hatte verſtehen 220 können, lag Aurelia, hingeſtreckt auf der Erde, todes⸗ bleich, ohne Athem, ohnmächtig. Ellen brach in Thränen aus und kniete neben der Regungsloſen nieder, ihr mit den zärtlichſten Na⸗ men rufend. Still, ſtill, ermahnte ſie Nordheim, helfen Sie mir, ſie in den Pavillon zu tragen! Er iſt kaum zwanzig Schritt von hier. Leiſe und behutſam hoben ſie die Regungsloſe empor, und ſchon als ſie den Pavillon erreicht, und Aurelien ſanft auf die Chaiſe longue gebettet hat⸗ ten, gab ſie noch immer kein Zeichen des Lebens von ſich. Sie ſtirbt, ſie ſtirbt! jammerte Ellen weinend, und umklammerte die Ohnmächtige in tiefem Schmerze. Nordheim zog ſie zurück. Still, ſie regt ſich! Sie wird erwachen! Laſſen Sie mich hier verweilen, Fräulein, und eilen Sie nach Riechfläſchchen und Tropfen! Ellen flog von dannen, und Nordheim, die Thür des Pavillons ſchließend, flüſterte: es wäre nicht gut, wenn ſie bei der wahrſcheinlichen ſtürmi⸗ ſchen Scene des Erwachens zugegen geweſen! Aurelia ſchlug die Augen auf, ſie blickte umher, noch halb im Traume. Dann ſchien ſie ſich zu be⸗ ſinnen, Thränen entſtürzten ihren Angen, und mit 221 verzweiflungsvollem Ton rief ſie: Unglückſelige, die ich bin! Was weinſt Du? fragte Nordheim ſanft. Sie flog empor, Schmerz und Wuth tobte in ihren Zügen, und heftig Nordheims Hand faſſend, ſagte ſie: Du fragſt, warum ich weine? Verräther, Treuloſer! Wiſſe denn, ich ſtand im Boskett, ich hörte Alles, hörte Deine ſüß ſchmeichelnde Stimme, hörte jedes Wort der Begeiſterung, was Du zu Ellen ſprachſt. Du haſt alſo gehorcht! ſagte Nordheim kalt. Wehe über Dich, daß es dahin gekommen, rief Aurelia verzweiflungsvoll, wehe, daß ich zu ſo nie⸗ drigen, entwürdigenden Mitteln meine Zuflucht nehmen muß, um zu erfahren, was ich von Dir zu hoffen habe! Du bedurfteſt deren nicht, ſagte Nordheim feſt, Du hätteſt mich ſelber fragen ſollen, und Du kennſt mich hinlänglich, um zu wiſſen, daß Du von mir nur Wahrheit zu erwarten haſt! O, ſagte Aurelia ſchmerzvoll, mußte Ellen, die ich ſo liebe, mußte gerade ſie mir Dein Herz ent⸗ wenden! Weder dieſe, noch ſonſt eine hat dies gethan, ſagte Nordheim, mein Herz iſt Dein, und wenn ſich auch der Ausdruck meiner Gefühle für Dich geändert 222 hat, wenn auch dieſe Empfindung kälter und ruhiger geworden, ſo trägt Niemand daran die Schuld, als unſere eigene, gebrechliche, menſchliche Natur, die uns hindert, was wir heiß begehren und glühend erfaſſen, mit eben ſolcher Gluth und ſolchem Ver⸗ langen auch feſtzuhalten. Ich ſagte Dir das im An⸗ fang unſerer Liebe, ich wiederhole es Dir jetzt: mein Herz hat für Dich die innigſte Zuneigung, und wird Dir ſtets mit der reinſten Ergebenheit und Freund⸗ ſchaft angehören! Du liebſt alſo Ellen nicht? fragte Aurelia hoff⸗ nungsvoll. Nordheim ſchwieg einen Augenblick; dann ſagte er ernſt: ich liebe ſie nicht, ich bete ſie an, wie man Heilige anbetet, nach deren Beſitz man nicht verlangt, zu denen man aber betet, und die man liebt mit keuſcher, reiner Liebe, ohne alle Sinne und ohne alles Verlangen. Aurelia weinte laut, und die Hände verzweif⸗ lungsvoll ringend, jammerte ſie leiſe: wehe über mich und mein armes, mitleidsvolles Herz! Iſt das der Lohn dafür, daß ich dieſes Bettlerkindes mich erbarmte? daß ich es empor zog aus Elend und Noth, damit es nun mich um mein Glück betrüge? O wel⸗ cher Lohn erwartet uns denn für böſe Thaten, wenn ſchon die guten ſo hart beſtraft werden? 223 Was ſagſt Du? fragte Nordheim mit ungewohn⸗ ter Heftigkeit. Ellen iſt— Ein Bettlerkind! ſagte Aurelia ſtolz. Du nannteſt ſie mir die Tochter Deiner Ingend⸗ freundin! rief Nordheim ungeduldig. Ich that's, weil ich mich ihrer Herkunft ſchämte! Hätte ich gewußt, wie viele Schmerzen ſie mir be⸗ reitete— Sprich jetzt nicht davon, unterbrach ſie Nord⸗ heim ungeduldig. Laß, aus Liebe zu mir, für einen Moment dieſe weibliche Schwäche und Eiferſüchtelei, die Deiner edlen Natur unwürdig iſt. Glaube mir, Aurelia, glaube mir doch, daß Du mir ewig thener biſt, quäle nicht Dich und mich mit Eiferſucht! Bei Gott, dadurch zerſtörſt Du, anſtatt aufzubauen! Aurelia ſchmiegte ſich beſchämt und bittend an ihn; ſie hatte keine Kraft, ihm zu zürnen, keine Kraft, ſeinen Blicken und Worten zu widerſtehen! Willſt Du meiner Heftigkeit verzeihen? fragte ſie leiſe Alles, Alles! ſagte er ungeduldig und küßte ihre Augen, und nun ſage mir, wer iſt Ellen, wer ſind ihre Eltern, von wem bekamſt Du ſie? Ich kaufte ſie einem alten, ſchmutzigen Weibe ab, das an der Straßenecke kauerte, und das zitternde, kaum mit Lumpen bedeckte Kind an ihrer Hand hielt. Das leiſe Wimmern deſſelben erbarmte mich. Die 224 dicken Thränen rollten dem armen, kleinen Geſchöpfe über die Wangen, und es flehte mit herzzerreißendem Ton: ach, liebe Teufelsliſe, gib mir Brod, mich hungert ſo ſehr! Die Alte ſchlug wüthend auf das Kind. Ich konnte den Anblick nicht ertragen! Ein⸗ ſam und verlaſſen, wie ich war, ſehnte ich mich nach Liebe, nach einem Weſen, das mein ſei! Ich kaufte das Kind von jenem Weibe, und ließ es erziehen als mein eigenes! Nordheim war während ihrer Erzählung heftig bewegt auf und abgegangen; jetzt blieb er vor Aure⸗ lien ſtehen und ſagte in ſtrengem, tadelndem Tone: daß doch die Unwahrheit und die Lüge auch den edelſten der Weiber ſo leicht wird, und ihnen ſo rei⸗ zend ſcheint; dieß iſt der Fluch Eures Geſchlechts, und die Urſache alles Unheils, das Ihr ſäet! Hät⸗ teſt Du den Muth gehabt, wahr zu ſein, ſo würdeſt Du einem edlen Herzen viel Kummer und Leid er⸗ ſpart haben, während Dein Schweigen die Urſache vieler Thränen und Gefahren iſt! Mit ſtürmiſchen Schritten verließ er den Pavillon, und ſo ganz war ſeine Seele in die Gedanken, die ſie beſchäftigten, verſenkt, daß er ſelbſt Ellen, die ihm mit der Kammerjungfer entgegen kam, nicht be⸗ merkte. Ohne einen Gruß, ein freundliches Wort eilte er vorüber und in den Hof, befahl ſein Pferd 5. 225 zu ſatteln und ſprengte nach wenigen Minuten auf ſeinem Renner davon. Mit verhängtem Zügel, ſau⸗ ſend im Winde, dem Pferde die Sporen in die Seiten preſſend, daß es in geflügelter Eile dahin rannte, ſo durchmaß Nordheim den Weg nach der Villa Landstown. Eine große, reine Freude war in ihm, und er dankte dem Geſchick, daß es ihm ge⸗ ſtattet, Bote des Glückes zu ſein. Unheilsvolle Bot⸗ ſchaft, ſagte er leiſe, bringt einer dem andern ſo oft im Leben, aber es iſt ſelten, Kunde von herrlichem Glücke bringen zu können! Jetzt ſprengte er in den Hof, gab dem Diener ſein Pferd, und fragte nach Lady Landstown. Sie war in ihrem Boudoir. Der Kammerdiener ging, Nordheim zu melden; wie träge vergingen ihm die Minuten, bis dieſer zurückkehrte und ihn zur Lady führte. Als er eintrat rief Ellinor ihm freudig entgegen: Sveben empfing ich Nachricht von meinem Gemahl; er wird Morgen hier ſein! Aber, unterbrach ſie ſich ſelbſt, auch Ihnen ſcheint etwas Freudiges wieder⸗ fahren zu ſein! Nie ſah ich Ihr Auge ſo leuchten und Ihre Wange ſo glühen! Es iſt auch Freude in mir, ſagte Nordheim, große Freude, und Lady Ellinor muß ſie theilen! Nein, nicht theilen, allein beſitzen und genießen! L. Mühlbach. I. 15 226 Wie, Sie bringen mir Freude, fragte die Lady erbleichend, und welche? Denken Sie ſich die ſchönſte, die Sie denken können, ſagte Nordheim heiter. Mein Kind, mein Kind! rief Ellinor bebend und erröthend im Glück. Sprechen Sie, o ſeien Sie nicht grauſam, ſprechen Sie, iſt es ſo? Es iſt! ſagte Nordheim tief bewegt, ſeien Sie gefaßt auf Glück. Ich bin's, ich bin's, erwiderte Ellinor, und war doch ſo ſchwach, daß Sie ſich ſetzen mußte, ihre Füße zitterten ſo ſehr. Ich bin's! Wo, wo iſt mein Kind? Nur eine kurze Fahrt, und es ruht in Ihren Armen! 2 Zu meinem Kinde wollen Sie mich führen? hauchte Ellinor leiſe— die Freude hatte ihr allen Athem genommen,— ſie wollte aufſtehen, und ſank kraftlos zurück,— ſchellen Sie und befehlen das Ein⸗ ſpannen, ſagte ſie zu Nordheim. Ich erlaubte mir, in Vorausſetzung Ihres Be⸗ fehles, ſchon bei meiner Ankunft dies anzuordnen, und horch, da fährt der Wagen vor. Laſſen Sie uns denn eilen, eilen! bat Ellinor, und hüllte ſich mit zitternden Händen in ihren Shawl Während der Fahrt erzählen Sie mir Alles! 227 Wenn Sie im Stande ſind, Erzählungen zuzu⸗ hören! ſagte Nordheim lächelnd, und bot ihr den Arm, ſie hinunter zu führen zum Wagen. Als der Wagen vor Aureliens Villa hielt, und Ellinor auf Nordheims Arm gelehnt, die breite Treppe hinauf ſchritt, ſtand ſie ſtill und ſagte leiſe: Sie führen mich dem ſchönſte Beſitze, dem reichſten Glücke entgegen, und doch zittern meine Füße und meine Bruſt iſt beklemmt; mir iſt, als ginge ich dem Un⸗ glücke entgegen. Ach, traurig und kummervoll, wie ich es ſeit langen Jahren bin, habe ich nicht mehr die Kraft an Glück zu glauben! Nordheim ſagte tief bewegt: ein Augenblick des Glückes wird alle dieſe Jahre verwiſchen, und Sie werden ſich kaum noch entſinnen, daß Sie gelitten! Und die Baronin? fragte Ellinor erröthend, wird ſie mich nicht gering achten um der Sünde meiner Jugend, wird ſie ſchweigen? Ueberlaſſen Sie es mir, ſie vorzubereiten, bat Nordheim, und auch Ellen! Die Baronin wird ſchweigen und Sie noch höher achten, wenn ſie er⸗ fährt, daß Sie auch menſchlich irren konnten. Schwie⸗ riger iſt es mit Ellen. Wir müſſen ihr die Wahr⸗ heit verhehlen; ihre Seele iſt ſo voll Unſchuld und Reinheit, ſo leidenſchaftlos und heiter. Wollen wir ihr dies ungetrübt bewahren! Geruhen Sie denn 228 hier einzutreten und geſtatten Sie mir, die Baronin und Ellen aufzuſuchen und zu Ihnen zu führen. Nordheim ging und ließ Ellinor im Salon allein. Nie, nie, ſo lange ſie lebte hatte ſie empfunden, wie jetzt. Freude, Entzücken, Schmerz und Scham, Reue und Seligkeit, alles dies wogte in ihrem Bu⸗ ſen auf und ab, bis die Mutterliebe, das Mutter⸗ ſehnen alles dies verdrängte, und nichts zurückblieb, als die heißeſte Sehnſucht nach ihrem Kinde. Ja, ſie hätte in dieſem Moment vor die ganze Welt hin⸗ treten und ihre Schuld ſelbſt verkünden mögen, wenn es galt, dadurch ihr Kind zu erlangen; was war ihr die Achtung der Welt gegen einen Blick ihres Kindes! Es ſehen ſollen, es umarmen, ſeine Stimme hören, in ſein Auge ſchauen,— o zu viel, zu viel des Glückes! ihr Athem ſtockte, ihr Herz ſtand ſtill, ſie fühlte ſich dem Tode nahe und flüſterte: nur jetzt nicht, jetzt nicht ſterben! Halte aus, mein Herz, noch wenige Minuten, bis ich mein Kind geſchaut, dann magſt Du brechen! Nahende Schritte machten ſie erbeben, außer ſich, todesbleich ſtürzte ſie nieder auf ihre Knie, es war ihr, als bräche das Weltgericht über ſie herein! Noch nicht, noch nicht, ſagte ſie leiſe, ich fühle mich noch nicht ſtark genug, das Glück zu ertragen! Es würde mich tödten! Und wie ſie ſo ſprach, hoffte ſie doch, 229 die Thür würde ſich öffnen, und ſie ihr Kind er⸗ ſchauen!— Umſonſt, Alles blieb ſtill!— Ich will beten! ſagte ſie, und faltete ihre zitternden Hände und blickte empor! Und gewiß betete ſie, wenn auch mit verworrenen Gedanken und Worten ohne Sinn, wenn auch ohne an Gott zu denken und ohne ſeinen Namen zu nennen! Sie betete, wenn auch ihre Lippe nur flüſterte: mein Kind! mein Kind Jetzt, horch! Jetzt nahen wirklich Schritte, jetzt öffnet ſich die Thür! Ellinor hat nicht die Kraft ſich umzuſchauen, ſich vom Boden zu erheben. Sie ächzet laut, dann, wie mit gewaltiger Kraftanſtrengung, richtet ſie ſich auf, und wendet raſch das Haupt. Nun, ein einziger, durchdringender Schrei, dann ſtürzt ſie vor mit ausgebreiteten Armen, nun ruft ſie laut: mein Kind! und nun antwortet eine zarte, reine Stimme: meine Mutter!— Mutter! ruft Ellinor, Mutter, Kind! Gott, mein Gott! Mehr ſagte ſie nicht, aber Thränen entſtürzten ihren Augen, welche Thränen! Nun preßte ſie die zarte, holde Geſtalt an ihren Buſen, feſt, feſt! O, dieſe Arme, die ſich um ihren Nacken legen, es ſind die Arme ihres Kindes, dieſer Athem, den ſie an ihrer Wange fühlt, es iſt der Athem ihres Kindes, dieſer Kuß, ach dieſer Kuß! Vierzehn Jahre lang hat ſie ſich umſonſt geſehnt, dieſe Lippen zu 230 küſſen! Meine Tochter! mein Kind! Sie läßt ſie los und breitet die Arme gen Himmel, mein Gott, mein Gott! Nun faßt ſie ſie wieder, küßt ihre Hände und lispelt: es ſind meines Kindes Hände! Nun nimmt ſie Ellens Haupt in ihre beiden Hände und ſieht ſie an, lange, lange, und bittet leiſe: nenne mich Mutter! Und Ellen, ſelber zerfließend in Thränen, kaum im Stande zu ſprechen vor bewältigender Rührung, flüſtert doch: meine Mutter! Ellinor jauchzet laut! Ein ſolcher Schrei! Die Freude, das Entzücken, der Schmerz eines ganzen Lebens lag darin. Mit ſolchem Ton mögen dort oben die ſeligen Geiſter ſich begrüßen, die ſich hier unten liebten, durch ſolchen Ton mögen die Pforten des Fegefeuers ſich öffnen, und die Verdammten he⸗ gnadigt einziehen in das Paradies! Ja, durch die Qualen des Fegefeners war Ellinor gewandelt, hatte alle ſeine Qualen und Schmerzen empfunden in ihrer Bruſt, und jetzt, ja wahrlich, jetzt hatte ſie ſie er⸗ reicht, die Pforte, die ſie aus der Stätte des Schmer⸗ zes führte, und mit trunkenen Sinnen, mit geblen⸗ deten Augen und zagenden Füßen ſtand ſie im Para⸗ dieſe, und ſchante, wie ſchön es ſei! Ja, ein Paradies war es ihr, ein blühender Garten der Freude, und wie ſie auf ihr Kind blickte, in Ellen ſonnenklares 231 Angeſicht, meinte ſie eine nie geſehene Blüthe von wunderbarer Schönheit zu erſchauen. Sie ſah nur ihr Kind! Nichts als dies! Sah nicht Aurelien, die weinend in der Freude des Mitgefühls mit ge⸗ faltenen Händen hinter Ellen ſtand, ſah nicht Nord⸗ heim, der ſich in die Niſche des Fenſters zurückge⸗ zogen, und mit leuchtenden Blicken auf Mutter und Tochter hinſchaute. Seit langen Jahren nicht hatte er eine ſo heilige, ungetrübte Freude in ſich ſelber empfunden, wie bei dem Anſchauen dieſes Glücks, es war ihm, als müſſe er dem Gott, zu dem er lange nicht geſprochen, Abbitte thun für ſeinen Klein⸗ muth, ſeine Verzagtheit, ſeine Verachtung der Welt, und er ſagte zu ſich ſelber: was iſt die Weisheit und Klugheit der Menſchen! was nützt mein Unglanbe und Zweifel! In dieſem Moment hat Gott geſpro⸗ chen, hat ſich verkündet in ſeiner Herrlichkeit! Ja, wahrlich, ſolch eine Seligkeit kann nur die Seele empfinden, und was ſo empfinden kann, ſo über alles Irdiſche erhaben, das muß unſterblich ſein! Du biſt's, Du biſt mein Kind, rief Ellinor, und drückte Ellen an ſich, und hätte ich keinen andern Beweis dafür, ſo fühle ich es an dem Beben und Ziehen meines Herzen, fühle es an der tiefen Rüh⸗ rung und Freude, die bei Deinem Anblick mein Herz durchglüht, Du biſt meine Tochter! 232 Ellen's holdes Angeſicht ſtrahlte in ſeliger Luſt, ſie ſchmiegte ſich feſt, feſt an Ellinor's Buſen, und flüſterte mit vor Freude erſtickter Stimme: ich bin keine Waiſe mehr, ich habe eine Mutter! Dann fühlte ſie in ihrer zarten Seele, was dieſe Worte für Aurelien Schmerzliches enthielten, und ſich leiſe losmachend aus Ellinors Umarmung, lehnte ſie ſich an Aureliens Buſen: ich war keine Waiſe, ſeit Du mir Mutter geworden. Nun, doppelt reich, habe ich zwei Mütter, und Beide gleich will ich Euch lieben! Ellinor dachte erſt jetzt daran, wem ſie den Beſitz ihres Kindes verdanke, ſie hatte ganz vergeſſen, daß es noch andere Menſchen gebe außer ihrer Toch⸗ ter; ſie näherte ſich Aurelien, und nicht die beredte⸗ ſten Worte des Dankes hätten vermocht das auszu⸗ ſprechen, was in Ellinors Blicken lag, in ihrem Lächeln und in dem Ton ihrer Stimme, als ſie Au⸗ relien umfing und einen langen, innigen Kuß auf ihre Lippen drückend, ſagte: meine Schweſter! Nordheim vermochte es nicht länger zu ertragen, er fühlte Thränen in ſeinen Augen und ſchämte ſich ihrer. Dieſer Moment hatte ihn irre gemacht an Allem, was er bis jetzt geglaubt und für wahr ge⸗ halten, hatte das ganze Syſtem ſeiner mühſam er⸗ rungenen Weltverachtung erſchüttert, er fühlte, daß 233 auch hienieden ein reines, heiliges Glück gedeihen könne, und nun kam ihm ſein Leben ſo nutzlos und verworren vor, er ſcheute die Rührung, die ihn zu bewältigen drohte, und ging leiſe hinaus. In den einſamſten Schattengängen des Parks wandelte er lange auf und ab, die Einſamkeit war ihm noth⸗ wendig, ſollte ihm helfen den Kampf in ſeiner Bruſt beſiegen, ſeine Faſſung wieder zu erlangen und Ruhe zu gewinnen. Es gab alſo hienieden reines und un⸗ getrübtes Glück! Mit grauſamer Selbſtquälerei rief er ſich alles Elend zurück und allen Kummer, den er empfunden, alle Momente, in denen er geglaubt, das Glück zu erfaſſen, und alle die, in denen es ſpurlos ihm entflohen war; ſein eigener Todtengräber, wühlte er umher in den begrabenen Schmerzen ſeiner Bruſt, nach den Skeletten geſtorbener Frende, die für ihn zeugen ſollten, und für ſeine Lehre von der Vergänglichteit des Glückes; und dann dachte er an das, was er eben erſchaut, und ſagte: dies Glück kann ihnen doch niemals entriſſen werden! Was man einmal ungetrübt empfunden, iſt für die Ewigkeit unſer eigen! Ja, es gibt alſo hienieden ein reines und ungetrübtes Glück! Als er zu den Damen zurückkehrte, fand er ſie in traulichem, herzinnigen Geſpräche neben einander. Ellinor reichte ihm die Hand dar mit einem ſeligen 234 Lächeln, und ſagte: Sie hatten Recht! Was ich in dieſer Stunde empfinde, hebt alle Leiden vergangener Jahre auf. Alles, was ich gelitten, erſcheint mir jetzt wie ein Traum, und das Glück iſt ein ſchönes Erwachen für mich geworden! Möge das Entſchlummern der Freude von Ihnen ferne bleiben! ſagte Nordheim innig. Gibt es hie⸗ nieden ein dauerndes Glück, ſo wird es Ihnen zu Theil werden im Beſitz Ihrer Tochter! Ellen umfaßte ihre Mutter und ſagte ernſt: Zweifeln wir nicht! In ſolcher Stunde iſt jeder Zwei⸗ fel auch Frevel! Es gibt ein dauerndes Glück, und wenn wir es nicht erlangen, ſo iſt es, weil wir es uns durch Irrthümer und Fehler verſcherzten! Aber berufen ſind wir dazu, Gott liebt die Menſchen und will ſie glücklich wiſſen! Vor wenigen Tagen noch würde Nordheim dieſe Anſicht beſtritten haben, jetzt lächelte er nur, und blickte Ellen, freudig aber ſchweigend an. Aurelia, die ſich einen Augenblick entfernt hatte, kehrte jetzt zurück, und Ellinor einen kleinen Gold⸗ reif hinreichend, ſagte ſie: als ich das Kind von jenem Weibe, Teufelsliſe genannt, kaufte, übergab mir die Bettlerin dieſen Ring, und erzählte mir dabei, daß jener Mann, der ihr das Kind gegeben, ihr an⸗ befohlen, den Ring aufzubewahren; es ſei dies das Einzigſte, woran die Mutter des Kindes daſſelbe einmal erkennen würde. Sie war dieſem Befehle nachgekommen, weil ſie hoffte, auf dieſe Weiſe einmal ſpäter, wenn wirklich die Mutter das Kind entdeckte, reichlichen Lohn dafür zu empfangen! Ellinor hatte indeß den Ring aufmerkſam be⸗ trachtet; es war ein einfacher Goldreif mit den ver⸗ ſchlungenen Buchſtaben E und 6. Sie erkannte ihn wohl; ſie ſelbſt hatte ihn in den erſten Tagen ihrer Liebe an Giuſeppo gegeben!— Haſtig und tief er⸗ röthend ſteckte ſie ihn in ihren Buſen, und ſagte leiſe: es iſt mein Ring! Und wer war jener Mann, der mich— hier ſtockte Ellen, und ihrer Mutter mit ihrer unnach⸗ ahmlichen Lieblichkeit die Hände küſſend, ſagte ſie: Verzeihung, theuerſte, liebe Mutter! Ich vergaß Deine Bitte! Welche Bitte? fragte Ellinor verwundert. Die Ew. Lordſchaft durch mich Fräulein Ellen wiſſen ließen! ſagte Nordheim haſtig; die Bitte, das tiefe und undurchdringliche Geheimniß, das über jener ganzen Begebenheit ruhe, zu ehren und niemals zu verſuchen, es durch Fragen zu ergründen. Und gewiß, ich will genau ſo thun, wie Du wünſcheſt, rief Ellen zärtlich, und ſchmiegte ſich an ihrer Mutter Bruſt! Ich will nicht fragen, wie man 236 mich Dir rauben konnte, ich will mich nur des Glückes freuen, daß ich Dir zurückgegeben bin! Ellinor drückte ſie mit heißen Thränen an ihr Herz! Laß es ſo ſein, meine Tochter, mein holdes, theures Kind! Dann reichte ſie Aurelien ihre Hand und ſagte mit Blicken voller Dank und Liebe Sie haben mir einen Engel erzogen! Wie kann ich Ihnen danken?! Aurelia drückte die ihr dargereichte Hand an ihre Bruſt und ſagte herzlich: habe ich Dank ver⸗ dient, ſo empfing ich ihn in ſchöner Fülle in dieſer Stunde! Darf ich aber wünſchen und bitten, ſo iſt es, Sie möchten mir ihre Freundſchaft bewahren, und möchten Ellen lehren, mich nicht ganz zu vergeſſen, mich ein bischen noch zu lieben! Ach, ich bin ja ſonſt ſo einſam und verlaſſen, habe Niemand, Nie⸗ mand, der mich liebt! Und dieſe Einſamkeit iſt ſo entſetzlich! Sie lehnte ſich an Ellinors Bruſt und weinte laut. Die Lady ſchaute nach Nordheim hin; ernſt und ſtill mit ruhigem und kaltem Blick ſah er auf die Weinende; Ellinor las in dieſem Blick die Ge⸗ ſchichte von Aureliens Thränen, ein wehmüthiger Aus⸗ druck trat in ihre Züge; ſie neigte ſich über Aurelien hin, drückte einen Kuß auf ihre Locken und ſagte — 237 voll tiefen Mitgefühls: arme Freundin! weinen Sie! Thränen thun ſo wohl! Ellen war indeß zum geöffneten Flügel getreten, hatte hie und da einige Töne angeſchlagen, und dabei leiſe und abgebrochen geſungen, gleichſam als ſuche ſie in ihrem Gedächtniß nach irgend einer ver⸗ geſſenen Melodie. Jetzt ſagte ſie fröhlich: ich habe es! Ich weiß es! Dann ſpielte ſie eine einfache Me⸗ lodie, erſt leiſe und zagend, dann beſtimmter und aus⸗ druckvoller, und flüſterte leiſe: ſo iſt es richtig! Jetzt hielt ſie inne, und flog zu Aurelien hin, und ſagte: es iſt kein Traum mehr, wie mich mein Lehrer und Du überreden wollteſt. Jetzt tauchen alle Erinnerungen wieder ganz lebhaft in mir auf. Früher, wenn ich davon erzählte, ſagte man mir, das ſeien Kinderträume, und zuletzt glaubte ich es ſelbſt. Man verbot mir, davon zu ſprechen, um Dich, meine theuerſte Mutter Aurelia, nicht zu betrüben, und da ſchwieg ich natürlich und vergaß es! Aber jetzt ſteht Alles wie in deutlichen Bildern vor meiner Seele! Ich ſehe jenes alte häßliche Weib in ihren ſchmutzi⸗ gen Lumpen, die ich Teufelsliſe nannte, mich ſelbſt, zitternd, frierend, hungernd, in Lumpen, wie ſie, noch viele andere häßliche, ſchauderhafte, fratzenartige Ge⸗ ſichte ziehen in mir vorüber. Ich meine krächzende, widerliche Stimmen, rohes gellendes Lachen zu 6 . A 238 der Alten und die kreiſchende Stimme, mit der ſie mich lehrte, ſo die Hand auszuſtrecken, den Arm zittern zu laſſen und die Vorübergehenden um eine Gabe anzuſprechen! Dabei ſollte ich weinen; ach, dies ward mir nicht ſchwer, mich hungerte und fror ſo ſehr! Armes, geliebtes Kind! rief Ellinor noch jetzt erbebend, und umfaßte Ellen. Sie machte ſich ſanft los, und erglühend, wie ſie pflegte, wenn ihre Seele von irgend einem Gegen⸗ ſtand heftig angeregt war, mit glänzenden Augen fuhr ſie fort auch ein Liedchen lehrte mich die Alte, und erzählte mir dabei, jener finſtere Mann, der mich ihr gebracht, habe ihr dies Liedchen aufgeſchrieben und mit dem Befehl übergeben, es mich zu lehren, damit ich es in den Straßen ſinge. Meine Mutter würde mich daran erkennen. Hört zu, ich ſing' es Euch! Sie flog wieder zum Inſtrument zurück, und ſtimmte wieder jene Melodie an, die ſie vorhin ge⸗ ſpielt. Dann öffnete ſie die Lippen und ſang mit ihrer ſchönen glockenreinen Stimme: vernehmen! O, mir iſt als fühlte ich noch die Schläge rn rpn ſ S ſſ ² ff f* 2. * i—.* 4 8 ſ6 8 1 8*. in S* 8 3 ℳ 2— 8 6 S— * pe F S. Sſ f i. 1 S ſi W** 2 VP„ †6 S„4 . v 3½ 2 S 8* 1 2 NM⸗[* R 5 8* 8 L S N e 8 3 chfſl 3„ 8 ii ffi 67 2— 6 33 55 3 — b i 6d14“ S P.. 3 k ſſP*„ 6 ſF—. 3 4 V* V £ 5 5* N»ſb N 7 1 f Vy Ffe⸗ S ri 5—. N S N S M E S Pſfe⸗ f= 8 Bc S 86 2 ſ 70 3 S. 6. 3* 240 Denkt daheim an Eure Kleinen Laßt mich länger hier nicht weinen, Mitleidsvoll ſeid mir geſinnt, Hunger quält mich, armes Kind. forte ad lih. S r— S S. K— Ph— 5— S klei⸗ nes Kind, zitternd perin Froſt dt 8 5* 3 6 w— „ 4 6—4 5 6—8 S — S ——— ——— Zx 6+—— S.„— S. — Wi— 6— S 5 E —— S 5 . S S 241 Glücklich ſeid Ihr, ohne Sorgen, Quält Euch nicht um's Heut und Morgen, Kennt nicht armen Kindes Noth, Das nichts wünſcht als trocknes Brod!“ Wie ich fleh' um eine Gabe, Fleht' mein Vater ſchon als Knabe, Weint' in gleicher Sorg' und Noth, Weinte um ein Stückchen Brod. Erblich iſt das Mißgeſchick, Erblich iſt es, wie das Glück, Darum Ihr, des Glückes Erben, Laßt der Armuth Kind nicht ſterben! Die einfache, rührende Weiſe, die Worte des Liedchens ſelbſt und die tief ergreifende Art, in wel⸗ cher Ellen es vorzutragen wußte, verbunden mit den Erinnerungen und Bildern, die es in der Seele ihrer Zuhörer hervorrief, erſchütterte Alle tief. Ellinor, die Anfangs neben ihrer Tochter geſtanden, war leiſe bis an das andere Ende des Zimmers gegangen, und lehnte tief ergriffen in der Fenſterniſche. Ach, dieſes Liedchen, es war ihr wohl bekannt, und hatte ſie auch in manchem Jahre ſeiner nicht gedacht, jetzt L. Mühlbach. II. 16 242 wußte ſie jedes Wort, jede Sylbe, ſchon ehe Ellen ſie geſungen, jetzt, wie mit einem Zauberſchlage, tauchten in hellen und glänzenden Farben Bilder in ihr auf, die bis dahin unter dem Staub des Ver⸗ geſſens geruht; ſie war wieder in Italien, wandelte unter den blühenden Myrthen und duftenden Orangen ihres Gartens, und neben ihr Giuſeppo; ſie hörte ſeine volle melodiſche Stimme, er erzählte ihr in einfacher, rührender Weiſe die traurige Geſchichte ſeiner Jugend, wo er an der Hand ſeiner Mutter durch Neapels Straßen betteln ging, und dann erhob er ſeine Stimme zum Geſang, o, ſie glaubte noch dieſen Ton zu hören! und er ſang ihr jenes Lied⸗ chen, das er als Bettlerknabe hungernd und dürſtend oft geſungen, ſang es ſo tief ergreifend, mit ſolcher Wahrheit des Gefühls, daß ſie weinen mußte. Und jetzt hörte ſie dies ſelbe Lied von ihrer Tochter Lippen, wenn auch mit anderer Melodie; es waren doch die Worte und ihr Kind hatte es bettelnd geſungen, wie der Vater ihres Kindes, bettelnd! der Vater ihres Kindes! Wie ſie jetzt an ihn dachte, fühlte ſie in ihren Empfindungen zu ihm ſich umgewandelt. Sie konnte ihn nicht mehr haſſen, ihn, den Vater ihres Kindes, mit Wehmuth und Schmerz, aber ohne Groll gedachte ſie ſeiner. Und wie ſollte ſie ihm nicht Alles 243 vergeben?! Dort ſtand Ellen, das jungfräuliche Kind, dort ſtand ſie, die zarten Wangen erglüht von der Gewalt ihrer Empfindung, lächelnd und lieblich, ſchön und unſchuldig, in ihrer durchſichtigen Schönheit einem Engel gleich. Aber in dieſem holden Angeſicht er⸗ kannte ſie des Vaters Züge; das war ſein Mund, ſein Auge, wenn auch mit anderm Blick, die Form ſeines Angeſichts! Wie konnte ſie ihm zürnen, da ihre Tochter ſeine Züge trug, da ſein Kind das ihre war!? Aller Kummer war verſchwunden, alle Qual war vergeſſen, ſie empfand, daß ſie ihm Alles verzeihen müſſe und könne, ihm, der der Vater ihres Kindes war, und ſie gelobte ſich ſelbſt, ihn aus ſeiner Haft zu entlaſſen und frei zu geben!— Ellen hatte ihr Liedchen beendigt, und Aurelia ſagte: dies war der Geſang, der mich auf Dich auf⸗ merkſam machte. Ich weiß, ich hörte Dich zuerſt die letzte Strophe ſingen, ihr Sinn ergriff mich tief und war die Haupturſache, daß ich beſchloß, Dich mir zu erwerben! Ellen war nachdenklich geworden, und ſagte leiſe, wie zu ſich ſelber: die Worte kamen mir früher ganz natürlich und wahr vor, früher, als ich mich von Geburt eines Bettlers Kind glaubte, aber jetzo ent⸗ halten ſie unauflösliche Räthſel. Jene Zeilen:„wie 6 244 ich fleh' um eine Gabe, fleht' mein Vater ſchon als Knabe!“ Nordheim, der ihre Worte vernommen, unter⸗ brach ſie hier, indem er lächelnd ſagte: ſind dieſe Zeilen denn ſo ſchwer zu deuten? Wer iſt hie⸗ nieden nicht ein Bettler und flehet nicht um eine Gabe? Wer iſt nicht arm und hungrig in ſich ſel⸗ ber? Ach, der Reichthum iſt oft voller Armuth und Elend! Gewiß, ſagte Aurelia leiſe, und zog Ellen an ihr Herz, wie arm war ich in meinem Reichthum, als ich Dich jenes Liedchen ſingen hörte, das Du mir doch, als der„Erbin des Glücks,“ ſangſt. Nur Liebe macht reich und glücklich, und darum iſt der Arme oft ein Reicher, und der Reiche kommt bei der Armuth betteln gehn! Du aber biſt reich! rief Ellen zärtlich und ſchlang ihre Arme um Aureliens Nacken, reich, weil Du ſo herrlich lieben kannſt, und ſo geliebt wirſt. Bin ich nicht Dein Kind, nicht Deine Tochter? Gehört Dir nicht mein Herz mit treuer Liebe? Haſt Du nicht einen Freund, einen treuen edlen Freund, der Dich eben ſo heiß liebt, wie ich es thue! Ich habe mir ſagen laſſen, die Freundſchaft ſei noch ein ſchöneres Gut als die Liebe, und wer kann ſich einer herr⸗ 245 licheren und innigeren Freundſchaft rühmen, als ſie Dich und Nordheim verbindet! Sie war ſo arglos in ihrer Unſchuld, ſo be⸗ geiſtert in ihrem Glauben von der Wahrheit deſſen, was ſie ſprach, und ſie wußte nicht, welche tiefe und ſchmerzende Wunden ſie bei Aurelien berührte! bei Aurelien, deren Augen jetzt von Thränen über⸗ floſſen und die einen Blick voll flehender Bitte auf Nordheim heftete. Er näherte ſich ihr ernſt, und ihre Hand neh⸗ mend, ſagte er feierlich: Ellen ſpricht wahr! So lang ich lebe, und wo ich auch ſein mag, immer werde ich Aureliens Freund, ihr treuer unveränderlicher Freund ſein, ihr mit der wärmſten Bruderliebe er⸗ geben! Aurelia zog leiſe ihre Hand aus der ſeinen und ſeufzte tief. Sie fühlte es wie einen ſtechenden Schmerz in ihrer Bruſt! Was ſollte ihr eine Liebe, die nichts war als der Abglanz und das Abendroth einer untergegangenen Sonne, von deren Feuer ſie doch ſo heiß noch glühte! Ellinor hatte ſich jetzt wieder erholt von ihren Erinnerungsſchmerzen, ſie trat zu den Uebrigen, und miſchte ſich in ihr Geſpräch. Es begann zu dunkeln, Ellinor ſehnte ſich nach Ruhe und Stille, ſehnte ſich nach einer einſamen, 246 unbelauſchten Stunde mit ihrem Kinde, und bat Aurelien, ihr dieſe für dieſe Eine Nacht zu über⸗ laſſen. Nur für dieſe Eine Nacht! ſagte ſie. Ich darf meine Rechte als Mutter nicht geltend machen, wäh⸗ rend Sie gleiche Rechte haben an meine Tochter, und darf nicht für immer mir aneignen, was Ihnen mit gehört. Aber dieſen Abend laſſen Sie mir un⸗ getheilt meine Tochter! Aurelia willigte freundlich ein, und bald fuhr Ellinor, begleitet von ihrer Tochter, nach ihrer Villa zurück. Welche jubelnde Freude, welch Entzücken war in ihrer Seele, als ſie jetzt an ihres Kindes Hand in ihr Boudvir trat. Ach, wie oft hatte ſie an eben dieſer Stelle ſich die Hände wund gerungen in Mut⸗ terſchmerz, wie oft mit zerriſſenem Herzen und todes⸗ müder Seele auf ihren Knieen gelegen, und Gott angefleht um ihr Kind, ihre Tochter! Und nun war ſie da, ruhte an ihrem Herzen, ſie konnte ihr in die Augen ſchauen, konnte ihre Stimme vernehmen, dieſe Stimme, deren Ton alle Fibern ihres Herzens er⸗ beben machte! Sie fühlte eine tiefe und bewältigende Rührung, ernſte und heilige Reue erfaßte ihre Bruſt. Hatte ſie nicht oft in kleinmüthigem Zagen hier an dieſer Stelle gezweifelt an der Kraft des Gebetes 2 247 gezweifelt an Gott, hatte ſie nicht ſich abgewendet von Gott, und geſagt: nicht zu ihm, zu mir ſelber will ich beten? Und doch, war es nicht Gott, unver⸗ kennbar Gott, der ihr ihr Kind zurückgeführt, der Alles ſo wunderbar gefügt, wie keines Menſchen Verſtand und keines Menſchen Wille es vermocht? Sie fühlte Gottes Nähe, ſie war in ſeinem Tempel, und ſie ſank auf ihre Kniee nieder in wort⸗ loſem inbrünſtigem Gebet. Ja, laß uns beten, laß uns Gott danken! ſagte Ellen leiſe, kniete neben ihr, faltete im frommen Kinderſinn ihre zarten Hände, und lispelte heilige und fromme Worte zu Gott emvor! Dann neigte ſie ſich tiefer, lehnte ihr Haupt an Ellinors Knie, und ſagte bebend vor gewaltiger Rüh⸗ rung: meine Mutter! laß mich Deine Hand auf meinem Haupte fühlen, zum Erſtenmale einer Mutter Hand! Der Segen einer Mutter iſt eine Gottesgabe und ein Schutz für das ganze Leben. Meine Mutter, ſegne Dein Kind! Und Ellinor, Aug' und Seele gen Himmel er⸗ hoben, legte ihre Hände auf das Haupt ihrer Toch⸗ ter; ſie fühlte ſich ſelber entſühnt in dieſem Moment, und ihrem Kinde den Segen ihres Mutterherzens er⸗ theilend, fühlte ſie ſelber Segen auf ſich hernieder träufeln; und ſie ſagte feierlich: ſo ſegne Dich Gott, 248 wie ich es thue, aus voller bewegter Seele; ſo be⸗ gleite er Dich durch das Leben, wie ich es mit mei⸗ nen Gedanken und meinem Gebete thun werde! Dann, noch auf ihren Knieen, umarmten ſie ſich, und ſtanden auf in dieſer Umarmung. Und nun heute nichts mehr! ſagte Ellinor. Wollen wir uns die Feier dieſer Stunde durch keine andere Gedanken mehr trüben laſſen! Auch bedürfen wir nach den Stürmen dieſes Tages der Ruhe und Erholung! Sie führte Ellen in das für ſie bereitete Schlaf⸗ gemach, drückte ſchweigend noch einen Kuß auf ihrer Tochter Lippen und entfernte ſich dann. Ellen war allein; ſie fühlte ſich matt und er⸗ ſchöpft, ihre Knie zitterten, ihre Gedanken verwirrten ſich, ſie war in einem traumartigen Zuſtande vor Erſchöpfung und Abſpannung. Sie entkleidete ſich raſch und ſuchte ihr Lager. Dann faltete ſie ihre Hände zum Gebet; müde, wie ſie war und trunken von Schlaf, wollte ſie es doch nicht unterlaſſen, zu Gott zu beten; ſie hatte es an jedem Abend ihres Lebens gethan, ſie konnte es auch heute nicht ver⸗ ſäumen. Sie betete. Stille war es und lautlos um ſie her, leiſe flüſterten ihre Lippen unſchuldsvolle Gebete, die Niemand wußte und verſtand als Gott, und Niemand konnte belauſchen, was hier die Jung⸗ 249 frau ſprach mit ihrem Gott, mit dem ſie allein war und deſſen Nähe ſie empfand. Dann entſchlummerte ſie, mit gefalteten Händen, lächelnd; und gewiß, wenn es deren gibt, umſchwebten Gottes Engel dieſes jung⸗ fräuliche Lager, den ſüßen und friedlichen Schlummer dieſer reinen Jungfrau zu bewachen, und ihr holde Träume zuzufächeln! XII. Ermattet von ſo viel Aufregung hatte Ellinor in tiefem feſtem Schlummer die Nacht verbracht, und erwachte, geſtärkt und erquickt. Ihr erſter Gedanke galt ihrer Tochter:„ob ſie ſchon wacht?“ flüſterte ſie, erhob ſich von ihrem Lager, kleidete ſich eilig an und trat leiſe in Ellens Schlafzimmer, das neben dem ihrigen war. Ellen ſchlummerte noch! Leiſe auf den Zehen ſchlich Ellinor an ihr Bette und ſchaute lange und liebevoll auf ihr ſchlafendes Kind. Wie lieblich war ſie anzuſchauen, ihre ſammtnen Wangen zart geröthet, das blonde Haar in ungekünſtelten Locken hatte ſich unter dem zierlichen Nachthäubchen hervorgedrängt, und beſchattete lieblich ihre Stirn und das Oval ihres Angeſichts; Ellinor ſehnte ſich dieſe geſchloſſenen Au⸗ genlider mit den langen ſchwarzen Wimpern, dieſe ſchwellenden, von einem holden Lächeln umſpielten Lippen zu küſſen und ſcheute ſich doch, Ellen zu wecken, die ſo ſüß ruhte in leiſem friedlichem Schlummer. 251 Wie ſie hinſchaute auf ihr Kind voll Mutter⸗ freude und Glück, wurden ihre Gedanken zum Gebet und ſie faltete ihre Hände und dankte Gott! Dann blickte ſie wieder auf ihr Kind, und als ſie in ihre reinen klaren Züge ſchaute, fühlte ſie, daß ſie ſie nicht mehr laſſen könnte, ſich nicht mehr von ihr zu tren⸗ nen vermöchte. Sie bebte bei dem Gedanken, daß Aurelia ſie ihr entreißen könnte, und zitternd in der Angſt der Liebe neigte ſie ſich jetzt über die Schlum⸗ mernde und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Ellen ſchlug die Angen auf und blickte in das Angeſicht ihrer Mutter, lächelte und nickte ihr zu, und legte ihre Arme um Ellinors Nacken, ſie zu ſich niederziehend und flüſterte: meine Mutter! Mein Kind! rief Ellinor freudig. Ach, dieſer Name Mutter! Sie hatte ſich Jahre lang nach die⸗ ſem Klange matt geweint und geſehnt— mußte er ſie jetzt nicht immer auf's Neue entzücken?! Sie drückte Ellen an ihre Bruſt und ſagte: nicht wahr, Du verläßt mich nicht? Nie wieder! Nicht wahr, Du bleibſt bei mir, immer, immer? Wie ſie ſo ſprach, zuckte Ellen zuſammen; leiſe flüſterte eine Stimme in ihrem Buſen Nordheims Namen, es war ihr, als fühlte ſie den Blick ſeiner ſtrahlenden ſchönen Augen, ſie empfand es wie einen Schmetz in ihrer Bruſt, ohne zu wiſſen, warum, und 252 doch ſuchte ſie, in jungfräulichem Inſtinct dies Alles zu verbergen, bemühte ſich zu lächeln und ſagte, ſich an ihre Mutter ſchmiegend: wenn Aurelia mich laſ⸗ ſen will, bleibe ich bei Dir! Ellinor jubelte laut und ihre Tochter immer und immer wieder an ihren Buſen drückend, rief ſie freu⸗ dig: Du liebſt mich alſo? Liebſt Deine Mutter? Willſt mich nicht verlaſſen? Dann half ſie Ellen beim Ankleiden,— wie hätte ſie dieſe liebe Arbeit einer Kammerzofe überlaſ⸗ ſen mögen! Ihr Kind bedienen, ihrer Tochter be⸗ hülflich ſein, ihre langen Haare auflöſen und durch ihre Hände ziehen, ſie an ihre Lippen drücken zu können, ſie zu flechten, zu kräuſeln und zu befeſtigen; ihre Schultern und Arme entblößt zu ſehen, und den niedlichen kleinen Fuß, das ſchlanke zierliche Bein; ach, eine Mutter, wenn ſie auf ihre ſchöne Tochter blickt, iſt nicht blos Mutter, ſondern Liebhaber und Anbeter! Sie beachtete es nicht, wie ein Wagen heran⸗ rollte und am Thore anhielt, wie es im Hof lebendig ward,— ſie war ja mit ihrer Tochter beſchäftigt! Da ſtürzte Betſy mit freudigem Geſicht herein: Der Lord iſt da! Der Lord erwartet Ew. Gnaden in Ihrem Boudvir! Ellinor ſchreckte zuſammen! Ach, in ihrem 253 Mutterglück hatte ſie ſelbſt ihres Gemahls, ihres Geliebten nicht gedacht! Komme mir nach, ſo ſchnell Du kannſt, rief ſie Ellen haſtig zu, dann ſtürzte ſie fort, hin, hin in ſeine Arme, ruhte an ſeinem Bu⸗ ſen, ſchaute wonnetrunken in ſeine treuen, lieben Augen, in ſein ſtilles, ſanftes Angeſicht und fühlte, von ſeinem Arm umſchlungen, daß ſie ihm Alles ſagen müſſe! In dieſem Augenblick trat Ellen ein und neigte ſich ſcheu und erröthend vor den fragend auf ſie ge⸗ richteten Blicken des Lords. Wer war dieſer Mann, der Gemahl ihrer Mutter, war es ihr Vater? Ach, ſie wußte es nicht und durfte nicht fragen. Hatte ihr nicht Nordheim geſagt, ſie dürfe vorerſt zu Nie⸗ mand, ſelbſt nicht zu dem Gemahl Ellinors, ihrer Mutter, das Geheimniß ihrer Geburt verrathen, oder darnach fragen, wenn ſie nicht Schmerz und Unglück über das Haupt ihrer Mutter herbeirufen wolle! Nordheim hatte ſie gebeten zu ſchweigen, ach, ſie mochte ſo gern erfüllen, was er gebeten und doch ward es ihr ſo ſchwer, ſich zu verſtellen, dem gegenüber fremd zu ſcheinen, dem ſie ſich doch ſo nahe verwandt glaubte! Ellinor lehnte in tiefer Bewegung an ihres Gat⸗ ten Bruſt und flüſterte: ſiehe ſie an, gleicht ſie nicht einem Engel? Ich will Dir ſagen, wer ſie iſt Ach, 254 ich habe Dir ſo vieles zu ſagen! Siehe ſie an, iſt ſie nicht ſchön und lieblich? Lord Landstown hatte das zitternde Mädchen mit ſcharfen, durchbohrenden Blicken, die doch voller Güte waren, angeſchaut; jetzt neigte er ſich dicht an ſeiner Gattin Ohr und flüſterte: ſie gleicht Dir, wie eine Tochter ihrer Mutter und hat doch wieder Züge, die mich an Jemand Anders erinnern. Davon nach⸗ her! ſagte er abwehrend, als Ellinor reden wollte, laß uns jetzt das Wiederſehen feiern und mich Deine junge Freundin begrüßen, denn daß ſie ſolche iſt, ſehe ich in Deinen Blicken, Ellinor! Dann begrüßte er Ellen mit freundlichen, güti⸗ gen Worten und ſeiner gewandten, zarten und ſcho⸗ nenden Weiſe gelang es bald, eine heitere und un⸗ gezwungene Unterhaltung unter ihnen zu erzeugen. Während des Frühſtücks erzählte er Ellinor von ſeiner Reiſe, von ſeinem Bruder, daß er ihn vermocht, Effie zu verzeihen und in eine Verbindung mit Mac⸗ deam zu willigen, und daß er heute noch in alle Zeitungen eine Aufforderung an das entflohene Paar wolle einrücken laſſen, zurückzukehren zu ihrem ver⸗ zeihenden Vater. Es entging ihm nicht, wie Ellinor nur mit hal⸗ bem Ohr ſeinen Worten lauſchte, er ſah ihre zer⸗ ſtreuten Blicke, die ſich dann und wann mit dem 255 Ausdruck der zärtlichſten Liebe auf Ellen hefteten, er hatte Mitleid mit ihrer Unruhe und Pein; aufſtehend bat er Ellinor mit ihm einen Gang durch den Garten zu machen und entſchuldigte ſich anmuthig bei Ellen, wenn er ihr ſeine Gemahlin auf einige Minuten entziehe! Sie gingen hinab in den Garten. Auf ihres Gemahls Arm gelehnt, fühlte er, wie Ellinor bebte und ſie gütig und liebevoll anſehend, fragte er: zit⸗ terſt Du vor mir, Ellinor? Nein, nein, ſagte ſie, ich weiß nicht, was mich ſo beängſtigt! Dann gingen ſie ſchweigend eine Zeitlang weiter. Endlich ſagte der Lord: ich las in den Zeitungen eine Aufforderung meines und Deines Geſchäftfüh⸗ rers, an eine Dame, die vor Jahren von einem Bett⸗ lerweibe ein Kind gekauft habe. Dies erinnerte mich an jenes Kindchen, das Deinem Vater an unſerm Verlobungstage geraubt ward. Haſt Du keine Spur von dieſem Kinde, Ellinor? Sie ſah ſcheu zu ihm auf, ihre Blicke begegne⸗ ten ſich, der ſeine ſchien bis in ihre Seele dringen zu wollen; ſie vermochte nicht eine Silbe zu ſprechen, nicht ſein Anſchauen zu ertragen und ſenkte das Auge wieder zur Erde. Wieder ſchwiegen Beide.— Laß uns hier in 256 dieſen Pavillon eintreten, ſagte der Lord, es iſt ſtill hier und lieblich. Niemand kann uns hier belauſchen! Als ſie neben einander auf der Ottomanne ſaßen, fuhr er fort: Wie doch die Erinnerung an geliebte Verſtorbene ſich oft an äußere, nichtige Gegenſtände heftet! So gedenke ich nie mit ſolcher Lebhaftigkeit und Sehnſucht Deines Vaters, als an dieſer Stelle! Und warum gerade hier? fragte Ellinor ver⸗ wundert. Der Lord ſchwieg einen Augenblick; dann ſagte er ernſt: an eben dieſer Stelle hat mir Dein Vater einſt ein großes und ſchweres Geheimniß mitgetheilt. Er kannte mich wohl und wußte, daß er mir ver⸗ trauen durfte. Dies Geheimniß?. fragte Ellinor bebend. Der Lord ſagte: es war eine Geſchichte voller Schmerz und Thränen, voll Liebe und Irrthum. Der Schauplatz Italien, die Perſonen ein junges, glühen⸗ 13 „des, unſchuldiges Mädchen, ohne Mutter aufgewach⸗ ſen, und ohne Schutz ihrer Unerfahrenheit, dann ein feuriger, leidenſchaftlicher Italiener„ein Sänger. Beide, das Mädchen und der Jüngling, jung und heiß, ohne Rath und Schutz. Des Mädchens Vater arglos, zu arglos, wie dieſes ſelbſt Das Mädchen war zu unſchuldig, als daß ſie die Schuld hätte fürchten können, der Jüngling zu leidenſchaftlich, als daß er die Verſuchung hätte beſiegen können, und ſie liebten ſich! „ Ellinor erbleichte und zitterte, während er ſo ſprach; dann faltete ſie die Hände und blickte ihn flehend an und ſchweigend, der Lord aber fuhr mit etwas ſtrengem Tone fort: bis hierher waren ſie ohne Schuld; nicht ſie, ſondern die Verhältniſſe waren anzuklagen, nur dieſen waren ſie unterlegen, und ihrer Jugend und Unerfahrenheit, die ſie flüchtige vorüber⸗ gehende Neigung für Liebe halten ließ. Sie wären ohne Schuld geblieben, hätten ſie jetzt nicht geſchwie⸗ gen, hätte das Mädchen voll Vertrauen ſich an ihres Vaters Bruſt geflüchtet und ihn zu ihrem Beiſtande aufgerufen. Sio that es nicht! Sie nahm ihre Zu⸗ lucht zur Verſtellung und zur Liſt, und dieſe erzeugte ſtets Unheil und Elend! So auch hier! Durch eine Vertraute ihres Fehltritts erfuhr der Vater, als es ſchon zu ſpät war, die Irrungen ſeiner Tochter, und ſchwieg, weil nichts mehr zu ändern war, und er ſeiner Tochter es erſparen wollte, vor ihm zu errö⸗ then. Er nahm das Kind, das man ihm als einen Findling brachte, in ſein Haus, und kehrte mit ſeiner ochter und jenem Kinde nach England zurück. S Ellinor, in gewaltiger Bewegung, zitternd, wei⸗ kend, ſank nieder auf ihre Kniee, und hauchte athem⸗ los: Du weißt Alles! Sprich nicht weiter! Die L. Mühlbach. M. 7 258 Scham tödtet mich! Ich kann Deine Worte nicht ertragen! Das Gericht bricht über mich herein, die Stunde der Vergeltung naht, Du kommſt mich zu ſtrafen! Der Lord hob ſie empor und ſagte gütig: Elli⸗ nor, faſſe Dich! Denke, wie ich Dich liebe und ver⸗ traue mir! Sie klammerte ſich mit leidenſchaftlichem Auf⸗ ſchrei an ſeine Bruſt: Du liebſt mich, liebſt und weißt doch Alles?! Ich wußte es ſchon ſeit manchein liebte Dich, wie ich Dich liebe, trer n ihr Gemahl feierlich! S 5 Meine Ellinor, glaube an mich ie Dich an meine Bruſt und fühle, daß Du hier Schutz und Beiſtand findeſt gegen alle Anfechtungen der Welt! O Du, Du! hauchte ſie leiſe. Mit welchem Namen kann ich Dich nennen, Du, über alle Schwäche und alles Zürnen Erhabener! Nenne mich Deinen Geliebten! ſagte er, dann haſt Du gewiß den rechten Namen genannt! Wie konnteſt Du mich lieben, wenn Du meine Schuld kannteſt? flüſterte ſie. Der Lord ſagte: mein Kind, als ich Deinen Irrthum erfuhr, liebte ich Dich ſchon, und Du weißt, die Liebe kann nicht zürnen, ſie leidet und * „ * 259 duldet und vergibt. Und wie hätte ich Dir auch zürnen können? Du hatteſt nicht gegen mich, nur gegen Dich gefehlt, und hatteſt ſchwer gebüßt! Deine Vergangenheit war nicht mein, ich hatte keine Anfor⸗ derungen an ſie zu machen. Mir gehörte die Gegen⸗ wart und die Zukunft, und ich wußte, daß ich in dieſen beiden Deiner Liebe und Deiner Treue gewiß war, ich wußte, daß ich in Wahrheit Dein Gelieb⸗ ter, ja, Deine erſte Liebe, und daß ich in Dir einen Du, Du biſt ein Engel, mein guter Engel! ſagte„ unter Thränen. Nicht alſo, berwiderte ihr Gemahl, ſie an ſich drückend, ich folgte nur meinem Herzen! Und warum ſchwiegſt Du, da Du Alles wußteſt? Ich ſchwieg, ſagte er ernſt, weil ich es der Zeit überlaſſen wollte, Dich mir zu nähern, weil ich wünſchte, Du mögeſt ſo ganz meiner Liebe glauben, daß Du ſonder Furcht mir Alles zu ſagen vermöch⸗ teſt. Habe ich Dir etwas zu verzeihen, ſo iſt es Dein Mangel an Vertrauen! Ach, ſeufzte Ellinor, wie viele Qualen und Schmerzen, wie viele Thränen zt ich mir erſparen können, wenn ich den Muth gehabt, wahr und auf⸗ richtig gegen Dich zu ſein! Gewiß, erwiderte der Lord, das erſte Bedingniß 260 alles Glückes iſt Wahrheit, und rückhaltloſes Ver⸗ trauen iſt in der Ehe die Grundlage alles Friedens! Jn, die Ehe iſt ſo heilig, ſo erhaben und göttlich, daß wir nur mit geläuterter Seele und reinen ent⸗ ſündigten Gedanken ihr nahen, und in ihrem Tempel alle Sünde und alle Lüge von uns entfernt fühlen ſollten. Und das Glück der Ehe iſt ſo zart, ſo leicht verletzlich, daß der kleinſte Hauch der Sünde es, wie einen Spiegel, trübt. Nur die treueſte Liebe ver⸗ mag dieſen Hauch zu verwiſchen. Die meine hat es gethan! Ellinor umfaßte ihn ubPe feierlich: wenn es noch in meinem Herzen eine Stelle gab, wohin meine Liebe zu Dir nicht gedrungen, wenn in meiner Seele noch Raum zu etwas Anderem, als der Liebe zu Dir, ſo hat dieſe Stunde das Alles hinweggenom⸗ men, hat alle Furcht, alles Zagen und Bangen ver⸗ ſcheucht, und unbedingte Hingebung und grenzenloſes Vertrauen zu Dir durchglüht meine Seele! Ja, hin⸗ fort bin ich Dein mit meinem Leben, mit meiner Seele, und wie ein aufgeſchlagenes Buch, ſo ſoll mein Inneres vor Dir liegen, und Du in meinen Gedanken leſen können. Ich fühle, wie unzertrenn⸗ bar und ganz ich mit Dir verbunden bin, eins mit Dir im Geiſte und im Herzen! Ja, jetzt erſt fühle ich, welch' eine heiligende Kraft in der Ehe liegt, —— —— 261 und in dieſem Augenblick bin ich Dein geheiligtes Weib, denn die Ehe hat mich geheiligt, und mich veredelt durch Dich!„Wer ein gutes Ehegemahl beſitzt, ſagt ein frommes Buch, der hat an ſeinem Tiſche einen Engel bewirthet.“ Ja, wahrlich, mein Geliebter, ich habe in Dir einen Engel bewirthet! Lange ruhten ſie tief gerührt, ſchweigend an ein⸗ ander, dann fragte Ellinor: und wie kam es, daß Du gerade jetzt mir alles dies enthüllſt? Ich las in Deinen Blicken, daß Du mir ver⸗ trauen wollteſt, und wollte Dir dazu behülflich ſein! Jenes Mädchen iſt— Meine Tochter! rief Ellinor freudig. Ich ahnte es! erwiderte der Lord. Der Zufall ließ mich einſt ohne meinen Willen eine Unterredung mit Dir und Daſſa belauſchen. Du flehteſt um Nach⸗ richt von Deinem Kinde, er verwies Dich an eine Bettlerin, mit Namen Teufelsliſe. Nun las ich jetzt jene Aufforderung unſeres Geſchäftsführers an die Dame, die das Kind von Teufelsliſe gekauft. Ich ſchloß daraus, daß Du irgend eine nähere Spur auf⸗ gefunden haben mußteſt, und als ich nun dieſen Mor⸗ gen jenes Mädchen ſah, die Dir ſo gleicht und ihrem Vater, als ich ſah, mit welchen Blicken voller Liebe und Zältlichkeit Du ſie anſchauteſt, konnte ich da noch zweifeln, daß es Deine Tochter ſei? 262 Deinem ruhigen Scharfblick iſt nichts verborgen geblieben, ſagte Ellinor, und hinfort will ich nie wieder verſuchen, Dir etwas zu verbergen! Und Deine Tochter, weiß ſie Alles? Nichts weiß ſie! Ach, ich ſcheue mich, ihr die traurige Geſchichte von ihrer Mutter Schuld zu er⸗ zählen, vor meinem Kinde zu erröthen! Ihre reine Seele weiß nichts von Sünde und Leidenſchaft, nichts von Schuld. Sollte ich die Erſte ſein, die ſie da⸗ mit bekannt macht? Weiß ſie von ihrem Vater?. der Lord nachdenklich. Nichts, ſie ahnt nicht, wer es iſt, ſie weiß nichts, als daß ich ihre Mutter bin, und daß man in ihrer zarten Kindheit mich ihrer beraubte! So möge ſie nie etwas erfahren! ſagte ihr Ge⸗ mahl ernſt. Wie aber wird dies möglich ſein? fragte Ellinor kummervoll. Was ſoll ich ihr erwidern, wenn ſie nach ihrem Vater frägt? Der Lord nahm ihre Hand, und blickte ihr liebe⸗ voll in ihre fragenden Augen. Es zuckte und kämpfte in ſeinen Zügen, eine tiefe Rührung ſchien ſeine Seele zu bewältigen, und er ſagte leiſe: Ellinor, mein Weib! Der Himmel hat es mir verſagt, ein eigenes Kind an meine Bruſt zu drücken. Vielleicht geſchah 263 es ſo, damit in meinem Herzen Raum bliebe für Dein Kind! Wollen wir es denn alſo anſehen! Führe mir Deine Tochter entgegen, daß ſie in mir ihren Vater umarmt. Ich will ſie lieben, wie mein Kind! Er wandte ſich ab, die Thräne zu verbergen, die in ſein Auge trat; Ellinor aber umfing ihn, außer ſich, ſie lehnte ſich an ſeinen Buſen, und weinte laut. Es waren Thränen der reinſten Freude! Ein Diener kam, und meldete Nordheims An⸗ kunft; dieſer ſelbſt folgte ihm auf dem Fuße, und ward von dem Lord mit Herzlichkeit willkommen ge⸗ heißen! Er weiß Alles! ſagte Lady Landstown leiſe zu ihrem Gemahl, Daſſa ſelbſt hatte ihn zu ſeinem Ver⸗ trauten gemacht, und ſo bot mir Herr Nordheim großmüthig ſeine Dienſte an. Ich komme, um der Baronin Stopford Pflege⸗ tochter in ihrem Auftrage zurückzuführen, ſagte Nord⸗ heim. Nennen Sie Ellen nicht mehr Aureliens Pflege⸗ tochter, ſagte Ellinor heiter, nennen Sie ſie mein Kind! Es bedarf keiner Verſchwiegenheit mehr, mein Gemahl weiß Alles! Dies iſt mir eine wahrhafte Freude, rief Nord⸗ heim, und reichte dem Lord ſeine Hand; und nun, Milady, glaube ich an die Unerſchütterlichkeit Ihres 264 Glückes. Alles Heil beruht in der Wahrheit, und daß man dieſe heilige Tugend hienieden ſo wenig übt, dies iſt die Urſache alles Uebels!— Dann fragte er haſtig: und Fräulein Ellen, weiß ſie nun alle Geheimniſſe? Um keine, ſagte der Lord, und ſoll ſie nie er⸗ fahren! Sie wird in mir einen Vater finden, und ich denke, mein Name wird ſie und Lady Ellinor gegen alle Verleumdung ſchützen! Nordheim ſagte mit Wärme; Mylord, ich be⸗ wundere Sie! und wahrlich, nur ein Weſen, wie Ellen, iſt ſolcher Handlung werth! Ellinor ſagte freudig: und nun darf ſich Ellen nicht mehr von mir trennen, nun iſt ſie ganz mein! Wird Ellen einwilligen zu bleiben, die Baronin ganz zu verlaſſen? fragte Nordheim. Gewiß wird ſie es, erwiderte Ellinor zuverſicht⸗ lich, die Stimme der Natur wird und muß in ihr ſprechen, und ſie feſter und ſicherer hier zurückhal⸗ ten, als alle Bande der Dankbarkeit ſie fortzuzie⸗ hen vermögen. Nordheim ſagte mit ſchwermüthigem Lächeln: ich glaube nicht an dieſe Stimme der Natur! Ich ſah Mütter ihre Kinder verleugnen und Väter ihren Söhnen nach dem Leben trachten, und keine Stimme der Natur warnte ſie vor ſolcher Uebelthat! 265 Fragen wir Ellen ſelbſt, ſagte der Lord, und zeigte die Allee hinauf, dort kommt ſie. Laßt uns hinaustreten, damit ſie unſter gewahr wird. Sie verließen den Pavillon und gingen Ellen entgegen, die mit elaſtiſchem Schritt, zart und leicht daher ſchwebte, mit holdem Grüßen und Winken und freudig ſtrahlenden Augen. Sie hatte von Nordheims Anweſenheit erfahren und kam, um nach Aurelien zu fragen! Nichts weiter! Sie mindeſtens ahnte nicht, daß vielleicht noch ein anderes Gefühl ſie hinab triebe in den Garten, und als bei Nordheims Anblick ihr Herz höher klopfte, meinte ſie, es ſei das Verlangen, von Aurelien zu erfahren! Wie geht es in Sweetcalmneß? fragte ſie hei⸗ rer und reichte Nordheim unbefangen ihre zarte Hand. Bringen Sie mir Grüße von der theuern Mutter? Die beſten! ſagte Nordheim, und die Bitte, mit mir zurückzukehren! Willſt Du gehen, Ellen? fragte Ellinor und zog das Mädchen an ihre Bruſt. Sprich, kannſt Du mich verlaſſen? Ellen ſchwieg und ſah ſie Alle fragend und zweifelnd an; dann ſagte ſie leiſe: ich werde heute irre an dem, was ich bis jetzt für Recht gehalten, und mir wird bange! Wenn ich es ſonſt für ein Verbrechen an mir ſelber gehalten, auch nur eine „ 266 Unwahrheit zu denken, ſo zweifle ich jetzt, ob es recht iſt, die Wahrheit immer zu ſagen, und zage zum Erſtenmale auszuſprechen, was ich empfinde, in der Furcht, Unheil zu erzeugen. Nordheim ſah das ſinnende, bangende Mädchen mit leuchtenden, verklärten Blicken an und ſagte leiſe: Engel der Wahrheit, ſprich zu uns! Sage Alles, Alles, meine Ellen, flüſterte Lady Landstown tief bewegt, ich habe kein Geheimniß mehr vor meinem Gemahl— Deinem Vater! Mein Vater! Iſt der mein Vater? jubelte Ellen! O, ich glückſeliges, ſeliges Kind, ich habe auch einen Vater! Und ſie warf ſich in des Lords geöffnete Arme, ruhte an ſeiner Bruſt, richtete ſich auf, ihn anzuſchauen, küßte ſeine Hände, ſeine Augen und ſagte zärtlich: ja, Du biſt's, biſt mein Vater! Ich fühle es in meinem Herzen, daß Du's biſt! Was ich hier in meinem Herzen für Dich empfinde, das kann nur eine Tochter für ihren Vater empfinden! O Du, lieber, lieber Vater, wie will ich Dich lieben! Der Lord drückte ſie in tiefer Bewegung an ſein Herz und ſagte: ja, liebe mich, liebe mich recht, Du mein geliebtes Kind, mein Tochter! Ich habe ja kein Kind weiter außer Dir, Du meine Einzige! 5 267 Sie ſtreichelte ſchmeichelnd ſeine Wange, und ſagte in ihrem kindlichen Uebermuth des Glückes: und Du ſollſt genug haben an mir! Ich will Dich lieben für viele Kinder, und auch unartig ſein für Viele!— Dann nahmen ihre Züge wieder einen ernſten, heiligen Ausdruck an, ſie blickte gen Him⸗ mel, faltete die Hände und ſagte leiſe: wodurch habe ich ſo viel Glück verdient! ſo unausſprechliches— Nun ſenkte ſie die Augen und ſah mit leuchtenden Blicken bald auf Ellinor, bald auf den Lord und jubelte dann laut: meine Mutter, mein Vater! und zog ſie Beide in gleicher Umarmung an ihr Herz. Kordheim wandte ſich ab mit bitterm Schmerz⸗ gefühl und fragte ſich ſelber: wer ſollte ſich hienieden nicht täuſchen und irren, wenn ein Engel, wie dieſe, ſich in ihren heiligſten Gefühlen wiſſenlos zu betrügen vermag. Wenn Ellen dieſem fremden Manne ge⸗ genüber, für ihn Kindesliebe zu empfinden glaubt? Nicht wahr, mein geliebtes Kind, Du bleibſt nun ganz bei uns? fragte Ellinor.„ Ellen ſchwieg und ſah nachdenkend zur Erde, dann blickte ſie auf, ſanft erröthend, und ſagte leiſe: es iſt ein Zwieſpalt in mir, den ich ſelber noch nicht zu löſen vermag! Schwer würde es mir werden, Euch, meine geliebte Eltern, die ich kaum gefunden 268 und in neuer Liebe beſitze, zu verlaſſen; ſchwer aber auch, Aurelien, der ich in alter, dankbarer Liebe ge⸗ höre, zu entbehren, und auch— ſetzte ſie ſtockend und erröthend, mit einem ſcheuen Blicke auf Nord⸗ heim hinzu— auch Sie möchte ich nicht miſſen! Ich fühle, daß ich noch ſo Vieles von Ihnen zu lernen habe. Nordheim, in heftiger und tiefer Erſchütterung murmelte einige Worte, die Niemand verſtand, näherte ſich Ellen, und ſich ehrfurchtsvoll vor ihr neigend, küßte er ihr Gewand und entfernte ſich eilig. Ellen ſchaute ihm verwundert nach und fragte: ich habe ihn doch nicht gekränkt, und doch ſcheint er im Unmuth von uns zu gehen. Ellinor zog ſie lächelnd an ihre Bruſt: Du reiner, unſchuldsvoller Engel! Sorge nicht! Was in ſeinem Buſen wogt, iſt vom Zürnen und vom Unmuth weit verſchieden. Es iſt der Stolz des Man⸗ nes, der ihn zwingt, ſich zu entfernen, und der doch bezwungen iſt! Und nun laß uns zur Baronin fahren und Dich von ihr erbitten. In Sweetcalmneß angelangt, fanden ſie Aure⸗ lien in Thränen, die ſie mühſam zu verbergen ſuchte, und auf Ellinors Bitte, ſie in dem ungetheilten Be⸗ ſitze ihrer Tochter zu laſſen, ſagte ſie wehmüthig nehmen Sie ſie hin! Alle Bande der Liebe zerreißen, n⸗ 269 und eine Einſame und Verlaſſene werde ich hinfort mein Leben vertrauern! Sage das nicht, ſchmeichelte Ellen, und lehnte ſich an ihre Bruſt, Du bleibſt meine Mutter, ich Dein Kind, und ſo lang ich lebe, will ich Dich lieben! Wirklich, willſt Du das? ſagte Aurelia tief be⸗ wegt, und ſtrich mit der Hand über Ellens blondes Haar. Willſt Du mich immer lieben? Ach, Ellen, Du weißt nicht, was das heißt, immer— wohl Dir, wenn Du es nie zu Deinem Schmerz erfährſt. Das aber weiß ich, ſagte Ellen feſt, daß in des Menſchen Bruſt wahre Liebe und Dankbarkeit nimmer ſchwindet, daß dieſe Gefühle eine Ewigkeit beſitzen, wie wir ſelber. Aurelia ſagte ſinnend: wer aber weiß, wann er die wahre Liebe empfindet!? Dann raffte ſie ſich zuſammen und bemühte ſich heiter zu ſein, und ver⸗ ſprach täglich die benachbarten Freunde zu beſuchen und ihre Tochter Ellen. Auch ihre Thränen drängte ſie zurück, als Ellen Abſchied nehmend an ihrem Halſe hing; lächelnd und heiter gab ſie ihr den Ab⸗ ſchiedskuß, und winkte vom Fenſter aus noch in den Wagen hinunter Ellen ihre Grüße zu mit heiterm Angeſicht. Dann als die Ferne ſie ihren Blicken 270 entzog, ſchaute Aurelia umher im großen ſchweigen⸗ den Salon, als wolle ſie ſich überzeugen, daß ſie nun wirklich ganz verlaſſen und einſam ſei, und dann — erſt dann ſank ſie auf einen Seſſel nieder und überließ ſich dem letzten Troſt, dem Troſt der Thränen! 7 —— XIII. Ellinor hatte im rückhaltloſen Vertrauen zu ihrem Gemahl dieſem auch die Weiſe, wie ſie ſich des Italieners entledigt hatte, geſtanden, und es ward beſchloſſen, ihn, da Ellinor dem Vater ihrer wieder gefundenen Tochter nicht mehr zu zürnen ver⸗ mochte, ſo bald als möglich aus ſeiner Haft zu be⸗ freien. Daß er nicht, wie er gedroͤht, ſeine Jugend⸗ erinnerungen in Bezug auf Dich aller Welt verrathe, ſagte der Lord, dies ſei meine Sorge. Ich ſelbſt werde mit ihm hierüber verhandeln und ihm die Bedingungen ſagen, unter denen allein er der Frei⸗ heit wieder gegeben werden kann. Und Nordheim wird auf Deine Bitte gewiß es übernehmen, zu ihm zu gehen, und ihn zu Dir zu führen, ſagte Ellinor. Er kennt jene Gegend, in welcher Daſſa verborgen ward, und übt einen mäch⸗ tigen Einfluß auf ihn aus, wie ich glaube. Mag es ſo ſein, erwiderte ihr Gemahl, laß v 272 uns denn Herrn Nordheim ſchriftlich mit unſern An⸗ ſichten und Wünſchen bekannt machen. Ihn hierher zu bitten zur mündlichen Unterredung würde, da er nach London zurückgekehrt iſt, zeitraubend ſein, und mir ahnt, daß, wollen wir noch einen glücklichen Ausgang dieſer Sache erreichen, jede Minute koſt⸗ bar iſt. Der reitende Bote, der ſodann mit des Lords Brief zur Stadt geſchickt ward, traf Nordheim zu Hauſe, und ſchon nach kurzer Zeit fuhr Nordheim in jene berüchtigte Gegend, in der er Giuſeppo Daſſa aufſuchen ſollte. Ellinor ſelbſt hatte ihm eine genaue Bezeichnung des Weges und der erforderlichen Vor⸗ ſichtsmaßregeln aufgeſchrieben, und dieſen genan fol⸗ gend, ſtand Norbheim endlich vor Mr. Trumpet's Hütte, der, nach dem üblichen Klopfen und den ge⸗ ſprochenen Stichwörtern, ihm öffnete, und für einige Guineen ſich bereit finden ließ, Nordheim zu Teu⸗ felsliſen's Mann zu führen. Durch ein neues Laby⸗ rinth von Straßen und Durchgängen hatten ſie endlich die elende Hütte dieſes würdigen Herrn erreicht, und Mr. Trumpet ſtellte demſelben Nordheim vor, als „'nen Burſchen, der ihn mit'nen paar Goldfüchſen hergetrieben,“ von dem er aber nicht wiſſe, worauf er„Jagd mache.“ w Ich wünſchte Sie in Angelegenheiten jener Dame ——— zu ſprechen, die Sie vor einigen Tagen am Durch⸗ gang zur Tottenham⸗evard⸗rvad getroffen, ſagte Nord⸗ heim mit bedeutſamem Winken. Der Kerl ſah ihn einen Augenblick mißtrauiſch und zweifelnd an, dann brummte er: woran ſoll'ch riechen, daß Ihr nicht'nen verwetterter Spürhund ſeid und hierher geſchnüffelt kommt, um hier herunner was auszuſchnuppern? 3 Haſt Recht, ſagte Mr. Sn fühl'n erſt auf'nen Zahn, ehe Du ihm was ſagſt! Die ver⸗ dammten Spürhunde! Nordheim ſagte ruhig: Sie wiſſen ſelbſt, daß ich nicht im Stande bin, dies zu thun. Ich weiß weder in welcher Gegend Sie wohnen, noch wie Sie heißen, und es ſollte mir ſchwer werden, mich durch alle die Schlupfwinkel und Gäßchen, durch die Mr. Trumpet mich zu Ihnen geführt hat, wieder ohne ſeinen Beiſtand zurück zu finden. Sie ſehen alſo, daß ich in Ihrer Hand bin und vielleicht mehr von Ihnen zu fürchten habe, denn Sie von mir. Ich vertraue aber Ihrem Ehrgefühl, das Sie verhindern wird, einen Wehrloſen, der ſich Ihnen freiwillig naht, zu verletzen oder ihm zu ſchaden, und ſo laſſen Sie denn ſonder Mißtrauen von dem S ſpre⸗ chen, das mich hergeführt! Nordheims Scharfblick hatte hier die iyrge L. Mühlbach. II. 18 274 Weiſe getroffen, und indem er an das Ehrgefühl zweier Diebe und Bettler appellirte, rief er in ihnen das Bewußtſein ihrer Würde und ihres Stolzes her⸗ vor. Sie ſahen ſich Beide an mit einem wohlge⸗ fälligen und zuſtimmenden Kopfnicken, und Mr. Trum⸗ pet murmelte:„'s iſt'nen Gentleman, denk ich, und ſoll uns als Gentlemänner kennen lernen.“ Darf ich vor dieſem Herrn hier offen ſprechen, ohne Gefahr Ihr Zartgefühl zu verletzen?2 fragte Nyrdheim Teufelsliſen's Gemahl, Herr Snartby. Thun Sie's, ſagte dieſer,'s iſt mein Freund, wenn r auch in'nem andern Fach arbeitet als ich. Und darf man ſo kühn ſein zu fragen, ſagte Nordheim, wirklich beluſtiget von den beiden Kerl's, in welchem Fach er arbeitet?2 Mr. Trumpet zeigte mit einem Grinſen, das ſeinen Mund von einem Ohr bis zum andern öffnete, Nordheim ſein eigenes Taſchentuch nebſt eini⸗ gen andern Gegenſtänden dar, und ſagte: ich arbeite, wie Sie ſehen, im Geſchäft der Beutelſchneider und Taſchenangelegenheiten. Sie haben'nen ſehr hübſches Tuch, fuhr er fort, Nordheims Tuch wohlgefällig auseinander nehmend und prüfend betrachtend, ich hab' in'ner ganzen Woche nicht ſo'nen hübſchen Lappen gearbeitet. Sehr verbunden, ſagte Nordheim lachend, ich 275 hoffe, Sie werden es als ein Andenken an mich auf⸗ bewahren. Und Sie mein Herr, wandte er ſich an Snartby, welches iſt Ihr Geſchäftszweig? Der Kerl warf ſtolz den Kopf zurück und ſagte ich arbeite in einer höhern Klaſſe, die Gefahr und Anſtrengung hat. Ich gehöre zur Klaſſe der nächt⸗ lichen Arbeiter, der Fenſtereinſteiger und Schlöſſer⸗ aufmacher, und wenn's ſein muß, der Blutablaſſer. Ich ſehe, Sie ſind der Mann, deſſen ich bedarf, ſagte Nordheim unerſchrocken, und gewiß konnte die Dame, die mich ſchickt, jenen Italiener keinen beſſern Händen anvertrauen, als den Ihren. Ah, ſagte Snartby, Sie pfeifen aus dieſem Loche! und dann ſetzte er mit einem gellenden Lachen über den Witz, den er zu machen im Begriff war, hinzu, ja, ja, der Kerl der Italiener, pfeift aber aus dem letzten Loche. Ich hoffe, es geht ihm wohl, er iſt geſund? fragte Nordheim. 8 Sein Se mal ſtill, ſagte Snartby, und Du Trumpet, halt auch Dein Maul, dann werrn mir hören, ob's ihm gut geht. In der Stille, die nun folgte, konnte man deutlich dumpfes Stöhnen und Wimmern vernehmen, das, wie es ſchien, gerade über ihren Häuptern 276 Herr Snartby nickte beifällig mit dem Kopf und murmelte: ja,'s geht ihm wohl! Nordheim ſagte erleichtert: er lebt alſo doch noch! Ja, noch lebt er, betonte Snartby, aber's wird wohl nicht lange mehr dauern! Hat in ganzer vier Tagen, daß'r hier logirt, keinen Biſſen nich gegeſſen. Hat keinen Appetit nich, der arme Kerl! Sie geben ihm doch zu eſſen? fragte Nordheim entſetzt. Mit nichten nicht, erwiderte Snartby ſpöttiſch, er hat keinen Appetit nich, und's Eſſen würd' ihm gewiß ſchlecht bekommen ſind! Ihr wollt ihn verhungern laſſen? rief Nordheim erbleichend. Dies iſt wider die Abrede! Sie ver⸗ ſprachen der Lady, ihn gut zu halten. Hab' ihn auch gut gehalten, ſagte der Kerl zweideutig, ſo gut, daß»r gewiß niemals nicht ent⸗ laufen ſoll! Halt' ihn gut, meiner Treu! Beide Kerle brachen in ein wildes Lachen aus, und Mr. Trumpet ſagte ſollten woll'ne Wärterin für den Patron halten, ihn zu pflegen? Wir ſind keine Narren nich! ſagte Snartby, und können's Geld ohne ihn gebrauchen! Und's iſt nich unſre Schuld nich, wenn der Kerl ſich nich dran gewöhnen thut ohne Eſſen zu leben, und wenn r dran ſtirbt, kann Niemand nich ſagen, daß wir — 277 n todt gemacht haben! Was können wir derfür, wenn r'ne abzehrende Krankheit hat? Wieder lachten Beide laut, und Nordheim ſagte tief erſchüttert: hören Sie mich an, hören Sie mich an! Ich komme, um dieſen Unglücklichen zurückzufor⸗ dern, ihn wieder mit mir zu nehmen. Ich weiß, Sie bekommen von der Dame einen monatlichen Lohn; dieſer ſoll Ihnen ſtets unverkürzt bleiben, ſelbſt wenn Sie mir geſtatten, den armen Menſchen mit fort von hier zu nehmen! Du hör' mal, da iſt Vortheil darbei! ſagte Mr. Trumpet. S iſt keiner nich derbei, ſagte der liſtige Snartby. Was denn für'nen Vortheil, als daß man uns vielleicht'ne Falle legt und uns die Schlinge über die Ohren ziehen will! Was denn für'nen Vortheil, wenn doch der Kerl in'nen zwei oder drei Tagen ſo ſchon's Leben aufgeben thut! Ich ſage, aus der Sachen wird nichts, vor ſolchen niedrigen Preis gewiß nicht! Ich biete Ihnen noch außer dem zwanzig Pfund! rief Nordheim dringend. Nichts da! ſagte Snartby kopfſchüttelnd. S WMonatsgeld gefällt mer überhaupt nich und's zu unſicher. Kann die Dame nich verreiſen oder gar ſterben, und könnt' ich'mal einen Monat an der 278 verabredten Ecke kommen, und thät ihr nich finden, kriegt's Geld nich, niemals nich mehr! Fordern Sie, fordern Sie dann, ſagte Nord⸗ heim ungeduldig. Möcht's Monatsgeld im Ganzen ausbezahlt bekommen! ſagte Snartby, ein für allemal. Laßt mal nachrechnen, wie viel das beträgt? Ich denke noch ſo'n dreißig Jahr z'leben, das macht— Wie viel Monat ſind das, Herr, denn könn'n wir ja ſehen, wie viel's macht.— Hört Ihr nicht, das Stöhnen und Aechzen da oben wird immer lauter und angſtvoller, rief Nord⸗ heim ſchaudernd, es iſt keine Zeit mehr zu verlieren! Was woll'n Sie geben? fragte Snartby. Fordert, was Ihr wollt, ſagte Nordheim, hört, hört, ſchon wieder dieſes Angſtgeſtöhne! O kommen Sie, kommen Sie, laſſen Sie uns ihm mindeſtens etwas Brod bringen. Was wollen Sie geben? wiederholte Snartby mit unerſchütterlicher Ruh. Ich geb' Euch tauſend Pfund! rief Nordheim, führt mich nur zu ihm! Legen Sie hundert zu! Auch das! auch das! rief Nordheim. Und's wird ſogleich baar ausgezahlt, wenn wir'n frei laſſen, und Ihnen überliefern? 279 Sobald Sie ihn mir ſicher bis zu meinem Wagen gebracht haben, zahle ich Ihnen die Summa. Wo hält Ihr Wagen? Nordheim bezeichnete ihm die Straße, und Snartby antwortete: Bis dahin können wir'n bringen. Und dann ſolln wir's Geld ſogleich haben? Tragen Sie's denn bei ſich? Nein Aber Sie begleiten mich zu einem mir bekann⸗ ten Banquier, und empfangen dort die ganze Summa. Das geht nicht! ſagte der vorſichtige Snartby. Halten Sie mich für ſo'n dummes Thier, daß ich ſo leicht in de Falle gehen ſollte? So beſtimmen Sie ein anderes Mittel! Geben Sie mir'ue Verſchreibung,'nen Wechſel auf'nen bekanntes Banquierhaus, ſagte Herr Snartby, und'nen andrer Kerl, einer von unſern nicht an⸗ rüchigen Agenten, ſoll'n einlöſen! So ſoll es ſein! ſagte Nordheim. Ich habe mich mit ſolchem Wechſel verſehen. Tragen Se'n bei ſich? fragte Trumpet ſchnell. Nein, erwiederte Nordheim lächelnd; es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß Sie Ihre Kunſt hieran nicht werden üben können. Der Wechſel iſt in meiner Brieftaſche, die ich abſichtlich im Wagen zurückgelaſſen habe. So wie wir denſelben erreicht haben, empfangen Sie den Wechſel. 8 280 Mr. Snartby erklärte ſich endlich zufrieden ge⸗ ſtellt und ſagte: nun, ſo wollen wir denn raufer gehn, den winſelnden Kerl zu befreien! Nehmen Sie etwas Brod mit und einiges Ge⸗ tränke! bat Nordheim. Wollen Sie's extra bezchlen? Gern, gern, nur laſſen Sie uns eilen! Herr Snartby nahm etwas Brod und Brannte⸗ wein und deutete Nordheim an, ihm zu folgen. Auf einer ſteilen Leiter, an der hier und da die Sproſſen fehlten, und die ſich knarrend unter ihnen bog, als ſei ſie jeden Augenblick bereit, unter ihrer Laſt zuſammenzubrechen, kletterte Nordheim mühſam hinter Mr. Snartby hinauf nach dem dunkeln, von einer kleinen Dachlucke nur matt erhellten Boden⸗ raum. Jetzt konnte man das Stöhnen und Winſeln des halb Verhungerten ſchon deutlicher und näher vernehmen, und Nordheim fragte erſchaudernd: ſind wir zur Stelle? Laſſen Sie mich erſt de Kammera ufſchließen, ſagte Snartby, dann werden wir zur Stelle ſind. Aber bei der Dunkelheit war es ſchwer den Schlüſſel in das Schloß zu bekommen, und Herr Snartby in ſeiner ſtiſchen Ruhe ſtrengte ſich eben nicht ſonderlich an in ſeinen Bemühungen; ſchon fürchtete Nordheim das matter und ſchwächer werdende 281 Geſtöhne, das von innen her ertönte, möge das Sterben des Unglücklichen bezeichnen, als die Thür endlich aufflog, und Herr Snartby Nordheim einlud, ihm zu folgen. Völlige Finſterniß herrſchte in dem Raum, den ſie jetzt betraten, auch nicht die kleinſte Fuge, oder Luke geſtattete hier das Einziehen des Tageslichtes und der friſchen Luft; ein verpeſter ekeler Dunſt ſchlug Nordheim entgegen, und nöthigte ihn faſt zu⸗ rückzutreten, aber das Jammergeſchrei des Unglück⸗ lichen, das jetzt lauter und gräßlicher ertönte, ließ ihn dieſen phyſiſchen Widerwillen überwinden, und die Hände vor ſich haltend, um nicht in der Dunkel⸗ heit anzuſtoßen, ſchritt er nach jener Seite hin, von wannen das Klagegeſchrei ertönte. Gebt mir Brod, nur ein Stückchen Brod! jam⸗ merte Giuſeppo. Da, da habt'r was'r wollt, ſagte Snartby, und reichte ihm das mitgebrachte Brod dar. Einen Augenblick ward alles ſtill, man hörte nur das haſtige Eſſen und Schlucken des Hungernden, das Nordheim in dem Schweigen rings umher grau⸗ ſig erklang. Da, nu trinkt auch'e mal, fuhr Herr Snuartby fort und gab Daſſa die Flaſche— ſo, und nu, hört an, was'ch Euch ſagen will;'s iſt'n guter 4 282 Freund von Euch hier, und hat Euch los gemacht, daß'r mit ihm gehen könnt! Wer iſt er? wie heißt er? fragte Daſſa ſchwach. Ich bin's, Ginſeppo Daſſa, ſagte Nordheim ernſt, erkennen Sie meine Stimme? Ji ich erkenne Sie, ſagte er freudig und verſuchte aufzuſtehen, ſank aber kraftlos zurück. Er⸗ barmen Sie ſich meiner! Geben Sie mir noch etwas Brod, damit ich wieder gehen kann! Kommen Sie hierher zu mir, daß ich Ihre Hand faſſe, ich, ich— Seine Stimme erloſch, er war zu ſchwach zum Sprechen, und Nordheim ſagte: laſſen Sie uns ihn hinabtragen, Mr. Snartby, die friſche Luft und das Licht wird ihm wohl thun. Sie hoben ihn auf, tappten mühſam zurück zu der offenen Thür und gelangten endlich über die zer⸗ brechliche Leiter hinunter in Snartby's Zimmer, wo Mr. Trumpet ihrer harrte. Hier legten ſie den kaum noch Athmenden auf das Bett, und erſt jetzt konnte Nordheim einen Blick auf das Angeſicht des Geretteten werfen. Welch' ein Anblick! Wie war es möglich, daß wenige Tage ein menſchliches An⸗ geſicht ſo zu ändern vermochten?! Die eingefallenen, nur mit runzeliger Haut bedeckten Wangen mit den ſpitzen Backenknochen waren von einer fahlen, leichen⸗ artigen Bläſſe, die glanzloſen, todten Augen ruhten 283 tief in ihren Höhlen, die blauen Lippen waren halb geöffnet wie im Krampf des Todes, und die langen magern Hände mit den hochliegenden Adern hingen ſchlaff und kraftlos herab. Dazu das ſchwarze, un⸗ ordentliche Haar, das über die gelbe, ſchweißbedeckte Stirn herabhing, die zerriſſene, ſchmutzige Bekleidung, das wahnſinnige Hinſtarren dieſer erloſchenen Augen! — Nordheim vermochte es kaum zu ertragen, ſelbſt ſeine geſtählte, kräftige Natur erlag dieſem entſetzens⸗ vollen Anblick menſchlichen Elends, und ſein Geſicht mit ſeinen Händen bedeckend, ächzte er laut. Inzwiſchen hatte Herr Snartby einige nach dem Hofe führende Fenſter geöffnet, und die hereindrin⸗ gende Luft ſo wie eine zweite Stärkung von Brod und Branntwein begann auf Daſſa's Körper und Geiſt einen wohlthätigen Einfluß zu üben. Sein Auge ſchaute weniger ſtier und antheillos, ſein Athem ward fräftiger, ein matter Anflug von Röthe kehrte auf ſeine Wangen zurück, und er hatte ſchon die Kraft, leiſe Nordheims Namen zu rufen, und ihm mit einer grüßenden Kopfbewegung die Hand zu reichen. Nach Verlauf einiger Stunden, die er im ruhi⸗ gen Schlummer, nur dann und wann aufwachend, um auf's Neue etwas Brod und Branntwein zu ſich zu nehmen, verbracht hatte, erklärte er ſich, auf Nordheims Frage, ſtark genug, um auß ſeinen und 284 Snartby's Arm geſtützt, gehen zu können, und nach⸗ dem„für beſondere Bezahlung“ auch Daſſa's Rock und Hut wieder herbei geſchafft worden, verließen ſie das Haus und gelangten auf denſelben Wegen, wie ſie gekommen wieder zurück zu Mr. Trumpet's Woh⸗ nung, und von da bis zu jener Straße, wo der Wa⸗ gen Nordheim's harrte. Nachdem Ginſeppo Daſſa ſorgfältig hineingehoben, ſagte Snartby: und nun die Bezahlung! Hier iſt ſie! ſagte Nordheim, und nahm aus ſeinem in einer der Wagentaſchen befindlichen Porte⸗ feuille einen ihm von Lord Landstown zu dieſem Zwecke überſandten Wechſel, nehmen Sie!— Und für das Brod und den Branntwein?— Nachdem auch dieſe Rechnung bezahlt, trennte ſich Nordheim von den würdigen Herrn Snartby und Trumpet, die als Abſchiedsgri grinſend die Hüte ſchwenkten und raſch rollte. mit Nordheim und dem vor Ermattung ſchlafenden Italiener in's Lodging⸗Haus zurück. Mühſam gelang es Rordheim, Daſſa zu wecken, als jetzt der Wagen vor ihrer Wohnung hielt, und mit Hülfe der herbeigerufenen Wirthin, die ganz ſprachlos vor Erſtaunen war über den Anblick des Wiedergefundenen, brachte er ihn hinauf in ſein Zimmer. — 285 Aber, mein Himmel, ſagte die Wirthin, endlich ihrer Verwunderung Luft machend, wo iſt denn der Herr dieſe ganze Zeit geweſen? Und wie er ausſieht! Als wenn er ſchon im Grabe gelegen und die Wür⸗ mer ihn angefreſſen hätten! Auch iſt er dem Tode nahe geweſen, ſazie Nord⸗ heim, eine plötzliche, furchtbare Krankheit hat ihn bei einem Bekannten, bei dem er zum Beſuch war, über⸗ fallen, und erſt heute iſt es mir gelungen, ihn dort aufzufinden, und hierher zu ſchaffen, wo er unter Ihrer Pflege gewiß bald geneſen wird! Sehen Sie, er ſchläft ſchon wieder! Sorgen Sie für eine ſtärtende Brühe, und überlaſſen wir das Weitere ſeiner kräf⸗ tigen Natur! Die Wirthin entfernte ſich topſſchůttend, und Nordheim, nachdem er ſich überzeugt, daß Ginſeppo in einen ruhigen erquicklichen Schlummer verfallen, verließ leiſe das Gemach, bedeutete die Wirthin, den Kranken zu pflegen, und begab ſich hinaus in die Villa zu Lord und Lady Landstown. Mit bangem Herzpochen, und zitternd in ah⸗ nungsvoller Furcht hatte Ellinor die langen Stunden des Tages auf Nordheim gehofft, und jede neu ab⸗ gelaufene Stunde hatte nur ihre Angſt vermehrt. Wie, wenn er ihn nicht mehr fand, wenn es zu ſpät war? jene grauſamen Menſchen waren wohl eines 286 Mordes fähig; ſie hatte es in ihren Mienen geleſen, und, o, mit welchen bittern Qualen geſtand ſie ſich, daß ſie wohl heimlich ſogar darauf gehofft hatte; wie, wenn es nun ſchon gethan wäre, und ſie ſelber ſo zur Mörderin geworden?!— Sie klammerte ſich, als ſie dies dachte, feſt an ihres Gemahls Buſen, und ein Strom von Thränen machte ihrem angſtvol⸗ len Herzen Luft. Da, horch, da rollt ein Wagen in den Hof, und der hereintretende Diener meldet Nordheim. Als dieſer eintritt mit ſeinen friedlichen ſchönen Zügen, ſeinem klaren ruhig heitern Blick, da athmete Ellinor erleichtert auf,— ſie hat in den Zügen ihres Freundes geleſen, daß er ihr mindeſtens keine ſchlimme Botſchaft bringt! Der Lord umarmte Nordheim mit heißen Dan⸗ kesworten für die übernommene ſchwere Mühe, und fragte ihn dann nach dem Erfolg ſeiner Bemühungen. In ſchonender Weiſe erzählte Nordheim, wie er Daſſa gefunden. Lady Ellinor verbarg ſchaudernd ihr Geſicht in ihren Händen und klagte und alles dies durch meine Schuld! Wehe mir! Sagen Sie nicht ſo, erwiderte Nordheim ernſt, Sie waren nur in der Hand der Vorſehung das Werkzeug der Strafe, und was er gelitten, iſt nur eine kleine Vergeltung für die Qual und Pein, die 287 er ihnen bereitet. Dieſe Vergeltung aber bleibt hie⸗ nieden niemals aus, und jede böſe That findet ſchon auf Erden ihren Lohn! Wie wohl muß es Ihnen ergehen, wenn auch jede gute That ihren Lohn findet, ſagte der Lord, Nordheim mit Herzlichkeit die Hand reichend. Das Böſe unterlaſſen, und das Gute thun, iſt unſere Pflicht, ſagte Nordheim, und wird nicht be⸗ lohnt, wie das Böſe beſtraft wird. Aber ich denke, das wenige Gute, was wir hienieden zu thun ver⸗ mögen, findet doch in ſich ſelber den ſchönſten Lohn durch unſer eigenes Bewußtſein. Und dies muß Ihnen ein Balſam für alle Schmer⸗ zen des Lebens ſein, erwiderte der Lord, wer wie Sie, ſtets bereit iſt, zu helfen und zu lindern, wer im groß⸗ müthigen Selbſtvergeſſen und Aufopfern, zu jeder Stunde helfend, vermittelnd, rathend und zum Beſten lenkend ſeinen Freunden zur Seite ſteht, und nur das Rechte will, und das Edle, und an dieſes große Wollen alle Kräfte ſeines Daſeins gibt, ohne eigene Leidenſchaften und eigenes Begehren, wahrlich, der iſt erhaben über alles irdiſche Leid! Sie überſchätzen mich, ſagte Nordheim leiſe, und bedenken nicht, daß Alles dies, was Sie an mir rüh⸗ men, und weit glänzender und ſchöner ſehen, als es wirklich iſt, daß Alles dies doch nur eine Folge iſt 288 meiner eigenen Fehler und Mängel. Mein Lord, nur erſt nach verzehrenden Leidenſchaften und innern Stür⸗ men, nur erſt, wann wir matt gehetzt ſind von eig⸗ nem Begehren und Wünſchen, vergeblich matt ge⸗ hetzt, nur erſt, wenn Fehler und Schwächen, Irrthü⸗ mer und Vergehen uns ſelber in Elend und Noth gebracht, ja, wahrlich nur erſt dann lernt man die Menſchen tragen und dulden, wie ſie ſind, lernt ihren Fehlern verzeihen, ihre Mängel überſehen, und fühlt ſich bereit, ihnen zu helfen, wenn es in unſre Macht gegeben. Vergeſſen Sie aber nicht, mein Lord, daß dies nur iſt, weil man ſelber durch die Schule der Sünde und des Unglücks gewandelt iſt, und daher es beſſer als Andre gelernt hat, die zu verſtehen, die mit uns dieſe Schule theilten, und die vielleicht we⸗ niger ſchnell ihre traurigen Lehren begriffen! Wer aber möchte nicht durch dieſe Schule gehen, wenn man ſo edel und erhaben, wie Sie, daraus hervorgeht, ſagte der Lord. Nordheim ſchüttelte leiſe das Haupt, und ſagte mit melancholiſchem Lächeln: es iſt ein zu miühevolles Tagewerk geweſen, als daß ich es meinen Freunden wünſchen ſollte, und die Wunden, die der Zuchtmeiſter, Leben genannt, mir mit grauſamen Ruthenſtreichen geſchlagen, ſchmerzen noch, wenn ſie auch ſchon ver⸗ narbt ſind. 289 Haben Sie ſo viel gelitten? fragte Lady Ellinor mitleidsvoll und reichte Nordheim ihre Hand hin, die er an ſeine Lippen drückte. O laſſen Sie Ihre Freunde bemüht ſein, Ihnen Ihr Leid vergeſſen zu machen! Vergeſſen? fragte Nordheim, kann man—— Hier ſtockte er und ſeine Miene erhellte ſich,— er erkannte den leichten elaſtiſchen Schritt, der vom Vor⸗ ſaal ertönte, und mit freudigem Ausdruck wandte er den leuchtenden Blick hin zu der Thüre, die ſich jetzt öffnete. Ja, es war Ellen; Nordheims Ankunft nicht ahnend, kam ſie, ihrer Mutter einen Strauß friſcher Roſen zu bringen; ſie kam mit heiterem roſigen An⸗ geſicht und glänzenden Augen, mit heller lachender Stimme ein Scherzwort ihrer Mutter entgegen rufend, dann ſah ſie Nordheim, und mitten im angefangenen Satze verſtummte ſie, und das Lachen verſchwand von ihrem holden Munde, der doch auch nicht ernſthaft ward, ſondern nur leiſe lächelte, die Wangen über⸗ goß eine Purpurröthe und das helle Auge ſenkte ſich. So ſtand ſie da, den Roſenſtrauß in ihrer Hand, ſelber eine zarte liebliche Roſe, leiſe bebend in unbe⸗ kannten Gefühlen, die, wie ein Windhauch die Roſe, ihr Herz zittern machten, es war nur ein Moment, aber er war für Nordheim reich an Glück, und als Ellen langſam und ſchüchtern das Auge erhob, 2 Mühlbach. II. 290 begegnete ſie Nordheims glänzenden, freudeſtrahlenden Blicken, die ſie wieder erröthen machten, und dann ſagte ſie leiſe: Herr Nordheim! O dieſe Stimme! Nordheim meinte, nie eine ſchönere Muſik gehört zu haben; auch lag in dem Klang, mit dem ſie ſeinen Namen nannte, für ihn eine tiefe und inhaltsreiche Melodie! Fräulein Ellen! ſagte er faſt eben ſo leiſe und befangen, wie ſie, und dann ſahen ſie ſich wieder an, und ſchienen im Anſchauen ganz zu vergeſſen, daß noch zwei andere Menſchen zugegen waren; auch be⸗ mühten Lord und Lady Landstown ſich nicht, ſie ſich deſſen erinnern zu machen! Sie waren in eine Fenſter⸗ vertiefung getreten, und beſprachen ſich dort in leiſem lebhaften Geſpräch über Giuſeppo Daſſa, und Alles das, was ſie mit Nordheim, in Bezug darauf, ver⸗ abreden wollten. Wie ſchön dieſe Roſen ſind! ſagte Nordheim, auf Ellens Strauß deutend. Und wie ſchön es von Ihnen wäre, erwiderte Ellen, nun ſchon wieder unbefangen, wenn Sie dieſen Strauß recht ſorgſam mitnehmen und meiner gelieb⸗ ten zweiten Mutter als einen Gruß von mir bringen wollten! Geben Sie her, ſagte Nordheim, denn obwohl es nicht meine Abſicht war, heute nach Sweetcalmneß 291 zu gehen, ſo werde ich es doch jetzt thun, dieſen Gruß zu bringen.. Und zum Lohn dafür, rief Ellen Feüer, mögen Sie ſich eine dieſer ſchönen Roſen nehmen! Ein Geſchenk, das man nimmt, iſt nur ein halbes, ein gegebenes erfreut doppelt, ſagte Nordheim; wollen Sie mir nicht eine dieſer Blüthen geben? Ellen wählte prüfend unter den Roſen, legte jede Blüthe zwiſchen ihre zarten Finger, und ſah ſie an, und keine ſchien, wie ſchön ſie immer ſein mochte, ihr gut genug. Nun nickte ſie lächelnd und befrie⸗ digt, und nahm aus dem Strauß eine volle, halb noch geſchloſſene Knospe, und reichte ſie Nordheim dar. Die iſt für Sie, ſagte ſie freudig. Ich gebe Ihnen nur eine Knospe, damit Sie ihr Entfalten und Blühen, ihr Prangen und Duften noch ganz genießen können, damit nichts Ihnen vorweg genom⸗ men iſt, und ſo, als eine ſolche noch zu erwartende Blüthe wünſche ich Ihnen das Leben und die Zu⸗ kunft. Nordheim erwiderte nichts, er war zu bewegt, und konnte Ellen nur mit ſeinen Blicken danken; er drückte, auf ſie hinſchauend, die Roſenknospe an ſeine Lippen, und verbarg ſie dann an ſeiner Bruſt. Ellen zuckte leiſe zuſammen und wandte ſich ab; in 1 292 dieſem Augenblicke trat der Lord mit ſeiner Gemahlin, deren Geſpräch beendet war, zu Nordheim und baten ihn um eine Unterredung in Bezug auf Daſſa. Nordheim nahm Abſchied von Ellen, und folgte Beiden in das anſtoßende Gemach. Lange noch, als er fort, ſtand Ellen und ſchaute nach der Thür, durch welche Nordheim verſchwunden war, und wunderbare Gedanken mochten in ihrem Buſen auf und abwogen, denn jetzt ward ihre Wange von Purpurröthe übergoſſen, dann erbleichte ſie wie⸗ der, bis dieſe Bläſſe einer neuen Röthe wich. Ellen aber verſtand ihre eigenen Gedanken nicht, und ſchüt⸗ telte verwundert über ihre ſeltſame Beklemmung, wie mißbilligend den Kopf; dann blickte ſie umher, und als ſie ſich überzengt, daß ſie wirklich allein war, bückte ſie ſich, um das Blatt aufzuheben, das ſich von der Roſenknospe, die ſie Nordheim gegeben, ab⸗ gelöst hatte. Sie nahm es und drückte es verſtohlen, ſich ſcheuend vor ſich ſelber, an ihre Lippen, wie Nordheim die Knospe, und ſchob es dann in ihren Buſen. Als ſie es aber that erröthete ſie und ſeufzte, und ſchlüpfte dann leiſe hinaus. XIV. Stärtende Nahrung und der erquickliche Schlaf ener ungeſtörten Nacht hatten Giuſeppo's Kräfte ſchnell wieder gehoben. Er fühlte ſich im Stande aufzuſtehen, und im Zimmer umhergehend, überlegte er, wie er an Ellinor für dieſe neue ihm zugefügte Schmach eine furchtbare Rache nehmen könne. Eine grenzenloſe Wuth tobte in ihm, unwillkührlich ballten ſich ſeine Hände zur Fauſt, und zähneknirſchend mur⸗ melte er wilde Flüche und Verwünſchungen über das Haupt derjenigen herab, die zu haſſen und zu peini⸗ gen ihn die Beſtimmung ſeines Lebens däuchte. Er fühlte ſeine Kraft ſich ſtärken an ſeinem Zorn, ſeine phyſiſche Schwäche ſich ſtählen an ſeiner Wuth⸗ Mag denn ein neuer Kampf beginnen, murmelte er ingrimmig, und hob drohend die geballte Fauſt empor, ein Kampf auf Leben und Tod! O, ich werde ſie noch einmal halten hier, hier zwiſchen meinen 294 Händen, und mit meinen Zähnen will ich ſie zer⸗ reißen, ſie, die mich jetzt vier Tage lang der pein⸗ vollſten Qual hingegeben! Ein Geräuſch an der Thür weckte ihn, und der Blick, den er auf den Eintretenden heftete, war ſo zornſprühend, daß der Menſch zuſammenſchreckend einen Schritt zurücktrat, und ganz ſchüchtern berichtete: Se. Herrlichkeit, Lord Landstown, folge ihm auf dem Fuße, und wünſche, Herrn Daſſa zu ſprechen. Ehe Ginſeppo Zeit hatte, etwas zu erwidern, öffnete ſich abermals die Thür, und der Lord trat ein; er winkte dem Diener, ſich zu entfernen, ver⸗ ſchloß dann ruhig die Thür und ſteckte den Schlüſſel zu ſich. Daſſa hatte ihm verwundert zugeſchaut und fragte jetzt barſch: was machen Sie da, mein Herr? Ich verſchließe die Thür, damit Niemand uns ſtören kann, erwiderte der Lord ruhig, denn was wir zu ſprechen haben, duldet keinen Zeugen. Giuſeppo ſah ihn mit einem langen und ſpöt⸗ tiſchen Blick an, ſchlug dann die Arme in einander, und fing an, wie es ſchien, ganz ſorglos im Zimmer auf und ab zu gehen. Nur einmal ſtand er, wie zufällig, vor dem Fenſter ſtill und neigte ſich, an⸗ ſcheinend um hinunterzuſchanen auf die Straße. Der Lord aber, der mit ſcharfem Blicke jeder 295 ſeiner Bewegungen gefolgt war, gewahrte, wie Giu⸗ ſeppo ſchnell nach dem Dolch griff, der auf dem Fenſterbrett lag, und ihn zu ſich ſteckte. Bemerken Sie, ſagte er ruhig zu Daſſa, der ſich zu ihm wandte, bemerken Sie, daß ich auf Ihren Angriff vorbereitet bin. Sn ſprechend zog er mit vollkommener Seelen⸗ nh ein Terzerol aus ſeinem Buſen, zog den Hahn auf, legte Pulver auf, und ſagte während dieſer Be⸗ ſchäftigung ganz gelaſſen: es iſt ſcharf geladen, und ich verſichere Ihnen auf meine Ehre, machen Sie nur den geringſten Verſuch, ſich mir auf zwei Schritte zu nahen, ſo drücke ich ab. Und nun ſetzen Sie ſich dorthin, mir gegenüber, ich bleibe hier, laſſen Sie uns unſre Verhandlungen beginnen. Mit leiſen Flüchen und wilden Blicken auf das geſpannte Terzerol ließ ſich Giuſeppo auf den bezeich⸗ neten Seſſel niedergleiten, und der Lord ſagte lächelnd ich ſehe mit Freuden, daß ſie einem Manne und viel⸗ leicht mehr einem geladenen Piſtol gegenüber, weniger Drohungen und Gewaltthätigkeiten üben, als wenn Sie allein ſind mit einem ſchwachen wehrloſen Weibe! Was wollen Sie von mir? fragte Daſſa, was berechtigt Sie, gewaltſam in mein Zimmer einzu⸗ dringen, und mich, gleich einem Räuber, zu über⸗ fallen? Der Lord zuckte leicht die Achſeln und ſagte 296 ironiſch: Nothwehr! Ihr edles Beiſpiel hat mich da⸗ zu ermuthigt; aber bedenken Sie, unſer Kampf iſt nicht ganz ſo ungleich, wie der, den es Ihnen beliebte mit Ihrer Herrlichkeit der Lady Landstown zu führen. Wir Beide ſind Männer, Jeder von uns mit tödt⸗ lichen Waffen verſehen; dort aber kämpften Sie mit einem ſchwachen Weibe, die als Waffe nichts hat, als Thränen. Mein Herr, ein ſolcher Kampf war eines Neapolitaners würdig! Mein Herr! ſchrie Giuſeppo wüthend, Sie unter⸗ ſtehen ſich, mich zu beleidigen, Sie erlauben ſich eine verächtliche Sprache—— Die ganz genau das ausdrückt, was ich empfinde, unterbrach ihn der Lord. Ja, mein Herr, ich ver⸗ achte den Mann, der ein junges, unerfahrenes, un⸗ ſchuldiges Mädchen, deſſen Lehrer man ihn zu ſein gewürdigt, hinter dem Rücken ihres vertrauenden Va⸗ ters mit Liebesnetzen umgarnt, und ſie verführt; ich verachte den Mann, der, wenn das Mädchen aufhört ihn zu lieben, weil ſie zur Erkenntniß ſeiner Unwür⸗ digkeit gekommen, als eine Pflicht fordert, was nur ein freies Geſchenk ſein ſollte, nämlich Liebe; ich verabſcheue den Mann, der, wie ein blutgieriges Thier, feig bei Nacht nach Beute ſchleicht, und ſeiner früheren Geliebten das Kind ſtiehlt, deſſen Vater er iſt; o ich verabſchene den Mann, der noch wilder iſt, 297 wie das Thier der Wüſte, das doch ſeine Jungen liebt, den Mann, der ſein eignes Kind wiſſentlich und abſichtlich in das Verderben und den Jammer des Lebens ſtürzt, und der dann feig und tückiſch, wie ein Orangvutang zurückkehrt, um ein wehrloſes Weib zu martern. Ja, ein ſolcher Mann iſt ver⸗ ächtlich und verabſcheuungswürdig, und dieſer Mann ſind Sie! Der Lord heftete, während er ſprach, ſo leuch⸗ tende flammende Blicke der Verachtung auf Giuſeppo, daß dieſer verwirrt einen Moment ſeine Angen ſenkte, dann raffte er ſich gewaltſam zuſammen, und blickte ſeinen Gegner mit tückiſchem Ausdruck an und ſagte: wirklich, ich hätte nicht geglaubt, daß Se. Herrlich⸗ teit der Lord Landstown ſich herablaſſen könnte, den Liebhaber ſeiner Gemahlin zu beſuchen, ich werde da⸗ von zu erzählen wiſſen. Kommen Sie, fuhr er mit rauhem wildem Lachen fort, und ſtreckte Lord Lands⸗ town ſeine Hand entgegen, wir Beide müſſen Freunde ſein. Wie ſollten zwei Männer, die ein und daſſelbe Weib beſitzen und umarmen, ſich haſſen können? Nimmermehr, wir ſind Freunde! Meinen Sie, ſagte der Lord, daß ich das Ziſchen einer Natter fürchte? So lange ſie ruhig im Graſe liegt, und man ihr die Füße nicht auf den Kopf ſetzen kann, ſollte 298 man ſie allerdings fürchten, erwiderte Ginſeppo mit erkünſtelter Fröhlichkeit.— Dann nach einer Pauſe fuhr er fort: es ſcheint, daß Sie der weinenden, jammernden Lady Geheimniſſe erforſcht haben? O, ich möchte ſie haben winſeln hören bei dieſer unwill⸗ kommenen Dazwiſchenkunft ihres geliebten Gemahls. Sie irren, ſagte der Lord ſtolz, nicht ich erforſchte dieſe Dinge, meine Gemahlin ſelbſt eutdeckte ſie mir aus freiem Willen, und ich liebe ſie darum nur heißer. Es iſt Ihnen alſo nicht gelungen, der Lady Glück zu trüben. Ich denke doch, ſagte Giuſeppo mit einem grau⸗ ſamen Lachen, die zärtliche Mutter wird nicht auf⸗ hören, ſelbſt an Ihrem Herzen nach ihrem Kinde zu ſeufzen! Auch hierin irren Sie, erwiderte Lord Lands⸗ town ruhig, das Kind iſt gefunden, und iſt ein ſchöner Theil von der Lady ungetrübtem Glück. Giuſeppo preßte knirſchend die Zähne aufeinan⸗ der und ſtampfte wild den Boden. Verdammt! mur⸗ melte er ingrimmig, alſo Alles mißlungen! Ja, wirklich mißlungen erwiderte der Lord. Sie ſehen, mein Herr, Sie ſind beſiegt, und die Rache, die Sie herauf beſchworen, iſt zurückgefallen auf Ihr eigenes Haupt. Es war ein Kampf des Böſen mit dem Guten, Sie forderten die Macht des Schickſals 299 heraus, es hat ſich gerächt an Ihnen; alle ihre Plane ſind mißlungen, die Rachegedanken langer Jahre ſind umſonſt geweſen, und alle Ihre Hoffnungen ſind ge⸗ brochen. Noch nicht alle, nicht alle, ſagte Giuſeppo, noch habe ich meine Erinnerungen, die mir Niemand rauben kann, und noch gibt es in England eine freie Preſſe, und viel Lords und Ladie's, die es nicht verſchmähen werden, die Liebesaventüren der Lady Landstown ge⸗ druckt zu leſen. Ich fürchte nur, ſagte der Lord mit unerſchütter⸗ licher Ruhe, daß ſie nicht dazu kommen werden, Ihre ſchätzbaren Erinnerungen zum Drucke zu bringen. Man iſt es nicht gewohnt, die Dokumente Wahn⸗ ſinniger zu drucken, wenn dieſe es auch wünſchen. Wahnſinniger? ſtammelte Giuſeppo. Ich ſagte ſo, fuhr der Lord fort, und hier ſind wir denn endlich wirklich bei unſerm Geſchäfte ange⸗ langt. Ich komme, um mit Ihnen einen Vergleich zu Stande zu bringen! Niemals, niemals! ſagte Giuſeppo mit wildem Fluch. Beliebt es Ihnen, mich erſt zu Ende zu hören. Nachher mögen Sie wählen! Es iſt natürlich, daß Lady Ellinor ſo wenig als ich wünſchen können, daß Sie in England bleiben, um ſo mehr, da Ellen, der 300 Lady ſchöne und liebliche Tochter, ſo wie alle Welt, keine Ahnung hat von des Mädchens eigentlichem verabſcheuungswürdigen Vater. Man hält ſie für meine Tochter, und ſie führt meinen Namen. Sie ſehen, daß auch hierin Ihre klugen Berechnungen Sie täuſchten. Das Mädchen macht weder Ihrer Mutter Schande noch ſich ſelber! Sie müſſen alſo entfernt werden von hier! Ein Deportationsſchiff liegt im Hafen; ich habe einen Platz für Sie auf demſelben gekauft, ich verſehe Sie mit einem hinlänglichen Ka⸗ pital, damit Sie ſich in der neuen Welt ankaufen und gemächlich leben können, und Sie verlaſſen noch in dieſer Nacht auf jenem Schiffe für immer Eng⸗ land und Europa. Nie, Nie! rief Ginſeppo, zitternd vor Wuth. Nie wird das geſchehen! Nie, ſo lang ich lebe, ſoll dies Weib ruhig und ohne Sorge ihre Tage leben. Nein, wie ein Geſpenſt ſoll ſie die Furcht martern, die Furcht, ich könnte zurückkehren und ihre Schmach enthüllen, und die Schande ihres Kindes! So lange noch Athem in mir iſt, wird es das Ziel und der Zweck meines Lebens ſein, Rache zu nehmen an dieſer Verruchten, die ich haſſe mit aller Kraft meines Weſens! Sie gehen alſo nicht ein auf meinen Plan? fragte der Lord ernſt. 301 Nimmermehr! rief Daſſa wild. In dieſem Falle, fuhr Lord Landstown ruhig fort, beſorge ich, daß Sie noch heute eine unfreiwil⸗ lige Fahrt nach Bedlam antreten müſſen. Sie wiſſen vielleicht, daß dies ein Irrenhaus in der Nähe von London iſt, und ich weiß, daß man dort eine Zelle eingerichtet hat für einen Diener des verſtorbenen Lord Dynhurſt, des Vaters meiner Gemahlin, welcher Diener an unheilbarem Wahnſinn leidet. Wer wird dies alberne Mährchen glauben, ſagte Giuſeppo, anſcheinend ſorglos. Sie bemerkten ſelbſt, daß wir in England freie Preſſe haben, und daß unſte Lords und Ladie's gerne leſen. Erlauben Sie mir, Ihnen einen kleinen Ar⸗ tikel vorzuleſen, der, falls Sie auf meinen erſten Vor⸗ ſchlag nicht eingehen, unfehlbar morgen früh in der Morning Chroniele zu leſen ſein wird. Der Lord zog ruhig ein Papier aus ſeinem Bu⸗ ſen und las: geſtern Abend ſah ſich Lord Landstown genöthigt, einen der Diener ſeines verſtorbenen Schwie⸗ gervaters, des Lord Dynhurſt, nach Bedlam bringen zu laſſen. Derſelbe, ein Neapolitaner von Geburt, war dem Lord nach England gefolgt, und lebte bis jetzt ſtill und friedlich auf einem der Güter des Lords. Seit einiger Zeit, vielleicht in Folge des Heimwehs in Trüb⸗ ſinn verfallen, zeigten ſich täglich heftigere Spuren von 302 Wahnſinn bei ihm. Er verſchwand von dem Gute, und zeigte ſich plötzlich in London, kam nach der Villa Landstown, behauptete, ein Sänger und der Lehrer der Lady zu ſein, und trieb ein ſolches Unweſen über⸗ haupt, daß der edle Lord ſich endlich genöthigt ſah, ihn auf Lebenszeit nach Bedlam zu bringen, wo er einer ſorgfältigen Pflege übergeben worden iſt.— Sie ſehen, ſagte der Lord, nachdem er geleſen, daß dieſe Erzählung einige Wahrſcheinlichkeit für ſich hat! Giuſeppo antwortete nichts; er rannte, wie außer ſich, im Gemach hin und her, zuweilen einzelne Schrei der Wuth ausſtoßend, gleich denen einer ge⸗ feſſelten Hyäne; dann wieder mit der geballten Fauſt ſich ſelber die Bruſt ſchlagend, dann ſeine Augen mit zornſprühenden Blicken im Zimmer umherrollend, als ſuche er einen Gegenſtand, an dem er ſeine Wuth auszutoben vermöchte, dann wieder ſtill ſtehend und Worte ohne Sinn und Zuſammenhang murmelnd, und mit ganz entſtellten, todesbleichen Zügen den Boden ſtampfend, glich er in der That einem Wahn⸗ ſinnigen im Krampf der Raſerei. Wollen Sie ſich entſcheiden? fragte der Lord. Laſſen Sie mich! ich will Ihre verhaßte Stimme nicht mehr hören! Laſſen Sie mich allein! Nicht eher, als bis Sie ſich entſchieden haben! erwiderte der Lord feſt. 303 Wozu ſoll ich mich entſcheiden? fragte Giuſeppo, der ganz ſinnlos war. Entweder heute Nacht deportirt zu werden, oder ſogleich nach Bedlam zu wandern. Zu dieſem letztern Falle ſteht ſchon ein Wagen bereit, und vier meiner ſtärkſten Diener harren vor Ihrer Thür nur eines Winkes von mir. Entſcheiden Sie ſich! Nicht jetzt, nicht jetzt, ſagte Ginſeppo athemlos, laſſen Sie mir Zeit. Auch das! ſagte der Lord aufſtehend, ich laſſe Ihnen eine Stunde Bedenkzeit, nach dieſer kehre ich zurück. Leben Sie wohl bis dahin! Er öffnete die Thür, trat hinaus und verſchloß ſie wieder. Giuſeppo war nun allein; er ſank nieder auf den Divan und ſtarrte in finſtern Grübeleien vor ſich hin. Alle ſeine Wünſche waren alſo zerſtört, und die Plane von vierzehn Jahren, die er mit ſeinem Herz⸗ blut, mit ſeiner Seele genährt, waren alle auf einen Schlag zertrümmert. Wozu hatte er nur gelebt, wo⸗ zu würde er leben? Er, der ſeine Seele daran ge⸗ ſetzt, der es zur Aufgabe ſeines Daſeins gemacht, Ellinors Glück und Frieden zu vernichten, und den jetzt die Dämonen alle, die er zu ſeiner Hülfe ge⸗ rufen, und denen er ſich ſelbſt dahin gegeben, den ſie jetzt alle verlaſſen hatten! Sie war glücklich! O⸗ der Zorn drohte ihn zu erſticken bei dieſem Gedanken, „ſie iſt glücklich, und ſeine Rache kann ihr Glück nicht mehr beängſtigen! Sie iſt ſeiner Gewalt ent⸗ zogen! Mehr als das! Er iſt bezwungen; gedemüthigt, erniedrigt ſteht er vor ihr da! Sie, die er zerſtören wollte, glücklich, er, zerbrochen und elend, nur für die Zukunft die traurige Wahl zwiſchen einer wüſten Inſel oder dem Irrenhauſe! Als er dies dachte, brach er in ein wildes lau⸗ tes Lachen aus, und blickte dann wüthend umher und fragte:„wer lacht da?“ Er wußte gar nicht, daß er es ſelbſt gethan! Dann ſprang er auf und rannte wüthend umher, und ſchlug mit den Fäuſten auf den Tiſch, daß Alles darauf Befindliche klirrend emporfuhr, rannte mit dem Kopf gegen die Wand, daß es krachte, und ſtampfte dann mit den Füßen vor Schmerz und ſtieß wilde Flüche aus. Mich nicht rächen können! Ihr zum Spott zu werden! rief er wild. Nimmermehr! und müßte ich mir ſelbſt das Herz aus dem Leibe reißen, müßt' ich mich ſelbſt in die brennende Hölle ſtürzen, es wäre beſſer als zu leben und zu wiſſen, daß ich von ihr bezwungen bin, und daß mein elendes Leben ihr Werk iſt. Jetzt haftete ſein Blick zufällig am Fenſter, ein Gedanke durchzuckte ihn, und er jauchzte: dort iſt 305 Rettung! Er ſtürzte zum Fenſter und ſchaute hinab, dann prallte er zurück und ſagte fluchend: auch das unmöglich! Seine beiden Fenſter gingen auf den geſchloſſenen Hofraum des Lodging⸗Hauſes, und er ſah dort unten vier Männer in der Livree Lord Landstown's ſtehen, die unverwandt nach ſeinen Fenſtern empor blickten. Er ward alſo auch dort bewacht, und auch dort war an kein Entkommen zu denken! Wieder rannte er in wilder Wuth und in ohn⸗ mächtigem Zorn auf und ab, in eigner verzehrender Leidenſchaft ſich ſelber bis zum Wahnſinn ſteigernd. Es war ihm als flüſtre und lache es um ihn her, als umtanzten ihn hohnlachende Dämonen, und flüſter⸗ ten ihm zu von ſeiner vereitelten Rache, und nannten ihn einen wahnſinnigen, einen Deportirten, und dann wieder meinte er Ellinor's Geſicht zu ſehen, und ſie nickte ihm ſpöttiſch zu und lachte: mein iſt die Rache Ich habe geſiegt! Immer dichtere und engere Kreiſe zogen die Dämonen um ihn her, immer gellender erſchallte ihr Hohngelächter um ihn, und dazwiſchen treiſchte es: vierzehn Jahre umſonſt gearbeitet! Um⸗ ſonſt Deine Seele dem Teufel verſchrieben! Ellinor iſt glücklich und Du allein biſt elend! Schweigt, ſchweigt! ſchrie Giuſeppo mit den Füßen ſtampfend und ſich die Ohren zuhaltend, ſchweigt, Mühlbach. II. 20 306 ich will Euch nicht hören!— Sie ſchrieen aber lauter und lauter, und betäubten ſeine Ohren und nahmen ihm die Sprache, daß er nicht eimal mehr gebieten konnte: ſchweigt!— Dann war es ihm, als nage ein Wurm an ſeinem Herzen langſam, aber qualvoll, und wie er ſeine Hand feſt auf ſein Herz drückte, ſah auch der Wurm ihn grinſend an, und lachte:„haſt vierzehn Jahre umſonſt gearbeitet?“ „Ich arbeite nicht umſonſt.“ Und Giuſeppo ſchlug ſich mit der Fauſt ſein eigenes Angeſicht und raufte ſich ſein Haar und kreiſchte: Vierzehn Jahre und keine Rache! Sie ſoll nicht über mich triumphiren! Sie ſoll nicht glücklich ſein!— Die Teufel in ihm aber lachten ſo laut, daß er ſchweigen mußte, weil er ſeine eigene Stimme nicht mehr zu unterſcheiden vermochte. Und nun, mit welchen Flüchen ſank Giuſeppo zur Erde nieder und raufte ſich ſein Haar! Die Gewalt ſeiner Leidenſchaft hatte ſeine Sinne übermannt und ſeine Vernunft umnebelt; der dort am Boden mit ſchäumendem Munde Verwünſchun⸗ gen ausſtoßend, ſich windet und krümmt, iſt wirklich ein Wahnſinniger, der Vernunft Beraubter!— Zu⸗ weilen kehren ihm helle Gedanken zurück, aber nur um mit ihrer Pein und ihrem Hohne ihn auf's Neue zum Wahnfinn zu treiben. Da, jetzt, horch! da klopft's, und Lord Lands⸗ 307 towns Stimme ruft von auſſen: Haben Sie ſich ent⸗ ſchieden? Giuſeppo fliegt empor, Todesſchweiß auf der Stirne, mit zitternden Lippen und ſchlotternden Glie⸗ dern, bleich, wie eine Leiche— ſein irrer Blick ſchweift umher, nach Rettung, nach Hülfe ſuchend, und der Lord von außen wiederholt ſeine Frage Nun greift Giuſeppo in ſeine Bruſt, ſeine Hand faßt den Dolch, er zieht ihn aus der Scheide und ſchwingt ihn hoch über ſeinem Haupte mit einem triumphiren⸗ den Lächeln, daß ſeine weißen Zähne zwiſchen ſeinen blauen Lippen ſichtbar werden. Nun bricht er in ein lautes Gelächter aus, wie der Schakal lacht in blutgieriger Freude. Der Lord ſchließt die Thüre auf, Giuſeppo hört's! Noch einmal ſchwingt er hoch den blinkenden Dolch, dann ſenkt er ihn tief in ſein eig'nes Herz. Die Thür geht auf, der Lord tritt herein, und wiederholt zum dritten Male ſeine Frage: Haben Sie ſich entſchieden? Ein Ausdruck des Triumphs und wilden Spottes flog durch Giuſeppo's Züge, und laut und träftig ſagt er: Ja!— Dann ſinkt er nieder zur Erde, und nun mit der letzten Kraftanſtrengung reißt er den Dolch aus der Wunde. In einem hohen dampfenden Strahl ſchoß das Blut daraus hervor 20 308 bis an die Decke des Gemachs, und überſtrömte dann den Boden. Giuſeppo's Augen ſind ſtarr und un⸗ verwandt auf den Lord gerichtet, deſſen ſichtbares Er⸗ ſchrecken und Entſetzen ihn auch noch im Tode zu erfreuen ſcheint, denn ein grauſames Lächeln umſpielt noch die Lippen des Geſtorbenen!— XV. Von nun an war Nordheim ein täglicher und ſtets willkommener Gaſt in der Villa Landstown, und ihm ſelber ſchienen die Stunden, die er nicht dort zubrachte, verloren und zwecklos. Alle ſeine Gedan⸗ ten und Empfindungen waren auf Ellen gerichtet; war er von ihr fern, ſo ſaß er zu ganzen Stunden ſchweigend und ſtill, und ließ an ſeiner Seele ihr geliebtes Bild vorüber gleiten, malte ſich jeden Zug dieſes holden Angeſichts, jedes Lächeln dieſer pur⸗ purnen Lippen, jedes Erröthen dieſer ſammt'nen Wangen, jede Bewegung dieſer leichten grazienhaften Geſtalt; träumte ſich neben ſie, glaubte ihre Stimme zu hören, in ihr glänzendes Auge zu ſchauen, und ihren Worten voller Frohſinn und tiefem Ernſte zu lauſchen. O, dieſes holde Weſen, wie hatte es mit ſeiner Anmuth und Lieblichkeit ihn bezaubert, mit ſeiner Unſchuld und Jugend ihn ſelber unſchuldig gemacht und jung! Ja, er war wieder ein Jüngling geworden, 310 ein vertrauensvoller, hoffender Jüngling voller Zu⸗ kunftsträume und Wünſche! Vergeſſen und ver⸗ ſchwunden war Alles, was das Leben ihn gelehrt in bittern ſchmerzvollen Erfahrungen und enttäuſchten Hoffnungen, und wenn er in Ellen's Angeſicht ſchaute, ſo meint er in dieſen reinen Zügen auch für ſich eine neue Jugend und Reinheit ſtrahlen zu ſehen; ein neues Leben war in ihm aufgegangen, ein Leben, an das er lange, lange nicht mehr geglaubt, das ihm nur in den Träumen ſeiner Jugend möglich und er⸗ reichbar geſchienen, und deſſen Ahnung er längſt in das Meer der Schmerzen und Erfahrungen verſenkt hatte. Wo war ſeine Verachtung der Welt, ſein Ueberdruß und Mißmuth, ſein Unglaube und Zwei⸗ feln, ſein Glaube an die Unbeſtändigkeit und Ver⸗ gänglichkeit, wo war das Alles, Alles hin? Ein junges unerfahrenes ahnungsvolles Weſen hatte mit ſeiner Unſchuld und naturvollen Weisheit alles dies gewan⸗ delt, und aus dem Angeſicht einer Jungfrau las er eine neue Schrift, in Lettern, die nur nach und nach ſeinem innern Verſtändniß erkennbar wurden, eine Schrift, die ihm predigte von der Schönheit und Herrlichkeit der Welt, von der Heiligkeit des Men⸗ ſchen, und der Unſterblichkeit und Ewigkeit einer Seele, die ſo herrlich aus dieſen Mädchenaugen ſtrahlte; von der Unſchuld und erhabenen Weiblichkeit, den er dieſen 311 reinen Zügen gegenüber mit ſtummen ehrfurchtsvollem Flehen Abbitte that für ſein Zweifeln und Spotten, und an die er jetzt glaubte mit zitterndem, jauchzen⸗ dem, demuthsvollem Herzen; von dem Daſein und Walten eines Gottes und Schöpfers, an den er lange, lange Jahre nicht gedacht, und zu dem er jetzt täg⸗ lich nun fromme Gebete in glaubensvoller Inbrunſt empor ſandte.— Er fragte ſich nicht mehr, wie das Alles ſein könnte, und wie wenige kurze Wochen das Gebäude mancher langen Jahre umzuſtoßen vermochten, er fragte nichts mehr und grübelte nichts mehr, und fühlte doch, daß er in ſeiner Unweisheit nun erſt weiſe geworden. So lebte er die Tage hin, innig froh in harmloſem Glücke. Und war es nicht ein Glück, an Ellen's Seite durch die hohen Laubgänge des Parks zu wandeln, hier von dieſem Hügel aus mit ihr das Verſinken der Sonne ſchweigend und ſtau⸗ nend zu bewundern, dort an jenem Blumenbeete die prangenden Blüthen zu ſchauen, und eine der ſchön⸗ ſten ihr pflücken zu dürfen, zu ſehen, wie ſie ſie an ihren Buſen ſteckte, und auch die Verwelkte nicht fort warf, ſondern ſorgſam aufbewahrte. War es nicht ein Glück, neben ihr am Flügel zu ſitzen, die Stimme mit der ihren zu einen, im Geſang ihren Athem zu fühlen, oder im Doppelſpiel Beethovenſcher Muſik die leiſe Berührung ihrer Hände durch alle Adern zu 312 empfinden? War es nicht ein wonnevoller Genuß, ihr gegenüber zu ſitzen, verloren in ihren Anblick, und dabei wie OQuellengemurmel und Rachtigallengeſang ihre Stimme zu vernehmen, wie ſie aus irgend einem ihrer Lieblingsſchriftſteller vorlas; ſich ſelber oft unter⸗ brechend mit Ausrufungen des Entzückens und der Bewunderung, in tiefer Rührung erbebend bei den erhabenen und heiligen Worten, lachend und kindlich froh bei den heitern und witzigen?— Ach, und was war Alles dies gegen die Stunden traulichen, gemüth⸗ vollen Geſprächs, in denen ihre Seele, einer duf⸗ tenden reinen Lilie gleich, ſich vor ihm entfaltete, und mit ihrem Glanz und ihrer Reinheit ihn bezau⸗ berte und zur Bewunderung und Ehrfurcht zwang, gegen jene Stunden, wo ſie in ihrer harmloſen Un⸗ ſchuld ihn tief in ihr Herz blicken ließ, in ihr Herz, von dem ſie gar nicht wußte, daß es für Nordheim zittre und glühe; von dem er's aber wußte, es er⸗ kannt hatte mit Schauern des Entzückens und der Beſeligung, und doch nicht wagte auch nur mit einem Wort, einem Blick ihre Hingebung und Liebe zu miß⸗ brauchen; gegen jene glücklichen, glücklichen Stunden, wo dieſe zwei Seelen im Austauſch ihrer Gedanken und Geſinnungen in einander zu verſchmelzen und aufzugehen ſchienen, wo er ſie belehrte aus dem Schatz ſeiner Kenntniſſe und Erfahrungen, und doch für ſich 313 neue Belehrung und Erfahrung ſchöpfte aus dem Born ihrer Unſchuld und Unkenntniß. Und Alles dies unter dem Schutz und dem Segen des mütterlichen Blickes, ungezwungen und frei, nichts was verbor⸗ gen, was heimlich genoſſen werden mußte. Nichts von der Heimlichkeit des Liebesglückes, keine ver⸗ ſtohlenen, geraubten Blicke, was ihm doch ſonſt allein pikant und begehrenswerth geſchienen! Wahrheit und Frieden, Wahrheit und Ungezwungenheit des Glückes. Nordheim verſtand wohl Ellinor's Blicke, wenn ſie ihre leuchtenden Augen gedankenvoll auf ihm und Ellen, die an ſeiner Seite ſaß, ruhen ließ; verſtand ihr ſtilles Lächeln, mit dem ſie ihre Tochter an ihren Buſen zog, und ihm mit freundlichen Nicken und thränendem Blicke die Hand reichte, und wenn dann Beide auf das holde Mädchen blickten, das ihr erröthendes Geſicht bang und zagend in unbewußter Liebe an dem mütterlichen Herzen barg, ſo ſchwiegen ſie doch und ſchauten ſich nur ſtumm und verſtehend an. Langſam und unberührt, unter dem Sonnen⸗ ſchein der Liebe, ſollte dies jungfräuliche Herz wachſen und reifen, und die Blüthe ihrer Empfindung nicht vor der Zeit berührt werden durch irgend eine ver⸗ mittelnde Hand, ein erklärendes Wortzdurch ſich ſelbſt ſollte ſie wachſen und ſich erſchließen! Während ſo das Glück und die Liebe in der 2 ——— 314 Villa Landstown an jedem Tage neu ihre Feſte und Hymnen feierten, war aus einem andern Herzen Bei⸗ des auf ewig gewichen, und nur Trauerklage und ſchmerzliche Seufzer durchzitterten die einſamen und ſtillen Gemächer, in denen ein einſames Weib ſchwer⸗ muthsvoll und ſchmerzbeladen ihre freudloſen Tage dahin lebte. Arme Aurelia! Aermer war ſie jetzt denn je zuvor, doppelt verarmt, weil ſie einmal reich geweſen, doppelt unglücklich, weil ſie einmal glück⸗ lich geweſen! Arme Aurelia! Wie furchtbar dieſe Ein⸗ ſamkeit, die ſie jetzt umgab, und die doch ſo belebt war von den Erinnerungen an vergangene Luſt. Wie peinvoll dies Schweigen um ſie her, in dem tauſend und tauſend Stimmen flüſterten von verronnenem Glück. Ach, wie der Sand im Stundenglaſe, ſo war das Glück verronnen aus ihrem Herzen, und nichts war zurückgeblieben, als ein öder leerer Raum, den nur ihre Seufzer und Klagen belebten mit dem Leben des Todes. Einſam war ſie und verlaſſen, vergeſſen und ungeliebt, und ſie fragte ihr zermartertes Herz immer und immer wieder, warum ſie es ſei, ach, ſie fragte die Bäume ihres Parkes, unter denen ſie mit dem Geliebten gewandelt, ſie fragte die Luft, die ihre Entzückungen vernommen, fragte jede Raſenbank und jeden Platz, wo ſie mit ihm geſeſſen, ſie fragte alle — 315 dieſe, die ihr die verklungenen Freudentage zurück⸗ riefen, ſie fragte ſie Alle, warum ſie jetzt ſo einſam ſei und allein. Manche bange und ſchmerzvolle Stunde ſaß ſie mit gefaltenen Händen und brennenden, trocke⸗ nen Augen vor dem Bilde ihres Geliebten, das er ihr einſt in einer ſchönen Stunde gegeben, und wollte in ſeinen Zügen, in ſeinen Blicken leſen, warum er ſie nicht mehr liebe, und verſenkte ihre Seele in dieſe Augen, die ihr der Himmel däuchten auf Erden, in das Anſchauen dieſes Mundes, deſſen Lächeln ſie er⸗ wärmt hatte wie Sonnenſchein, und wenn ſie ſo lange, lange hingeſtarrt auf das Bild, ſchien es vor ihren Augen zu leben und ſich zu bewegen, nicht mehr war es ein todtes lebloſes Bild, er war es, er ſelbſt lebend, liebend! Er war zurückgekehrt, er war wie⸗ der da! Sie breitete die Arme aus, ihn zu umfan⸗ gen— ach! nur Täuſchung, nur leere Luft, die ſie umfing! ihre Arme ſanken herab, ſie neigte das Haupt auf ihre Bruſt und ſeußzte laut! Aber es gab noch andere Stunden als dieſe des reinen ungetrübten Schmerzes, wo die Thränen doch eine Erleichterung ein wehmuthsvolles Glück ertheil⸗ ten! O, es gab Stunden, in denen Zorn und Wuth in ihrem Herzen tobte, in denen ſie Nordheim zu haſſen meinte, und in wilder Leidenſchaft die Rache des Himmels über ſein treuloſes Herz herab v ——— 316 wy es ihr eine Wolluſt däuchte, ihn unglücklich, lei⸗ dend und verlaſſen ſich zu denken, ſo wie ſie es war, unglücklich und verlaſſen; Stunden, wo einer giftigen Schlange gleich die Eiferſucht ſich zu ihrem Herzen ſchlich, und ſie mit grauſamen Qualen ihren auf⸗ ſtachelnden Biß empfand. Ha, welche Marter, ihn ſich zu denken, Ellen gegenüber, Blicke und Worte der Liebe mit ihr wechſelnd, und alle dieſe ſüßen klei⸗ nen Vertraulichkeiten, die ihr ſonſt gehörten! O, eine Fremde im Beſitz alles deſſen, was ihr ſonſt zu eigen war! Eine Andere in ſeinem Herzen, in ſeinem Andenken! O dieſe Andere! Sie wußte nichts mehr, gar nichts mehr von dieſer, als daß ſie ihr ſein Herz entwandt, daß ſie durch dieſe Nordheims Liebe beraubt ward, und daß ſie dieſe Andre dafür haſſe mit tödtlichem verzehrendem Haß. Und dann wieder ſtürzte ſie nieder auf ihre Kniee und rang ſich die Hände wund im heißen inbrünſtigen Flehen zu Gott, daß er ſie bewahre vor dem Haß und vor den ſündigen Rachegedanken, die in ihr tobten! Die Ruhe der Ermattung, die nach ſolchen Stürmen folgte, nahm ſie dann für Ergebung und Dulden, und weinte wehmuthsvolle Zähren über ihr verlorenes Glück, bis auf's Neue und immer auf's Neue, das Gift der Eiferſucht durch ihre Adern ſchlich, und immer wieder ſie empot ſchnellte zur Qual und zum Haß. 317 Seit zwei Tagen hatte ſie Nordheim nicht geſe⸗ hen, und als er zum letzten Male bei ihr war, hatte er ſie zürnend verlaſſen! Sie klagte ſich jetzt ſelbſt an, daß ſie dies veranlaßt habe, daß ſie nicht be⸗ dacht, wie durch Klagen und Vorwürfe nichts gewon⸗ nen, ſondern nur noch mehr und Alles verloren würde, wie es erbittere, anſtatt zurückzuführen! Und ſie hatte ihm an jenem Tage Vorwürfe gemacht, bittre und verletzende Worte geſprochen, hatte, als er ſie daran erinnerte, wie er ſie ſtets gewarnt, nicht an Beſtändigkeit und Ewigkeit der Liebe zu glauben, dies mit Hohn und Spott erwidert! Und dann war ſie jammernd und flehend zu ſeinen Füßen niedergeſun⸗ ken, und ſeine Kniee umfangend hatte ſie ihn be⸗ ſchworen, ſie nicht zu verlaſſen, ſie zu lieben, und hatte alle ſeine Ermahnungen und Troſtesworte nicht beachtet! Sie glaubte, noch zu hören, wie er in ſeiner ruhigen klaren Weiſe ſie ermahnte zur Weisheit und Ruhe, wie er geſprochen: Nimm mich an als Dei⸗ nen Freund! Laß' es uns empfinden dies Verſchmel⸗ zen der Seelen in einander, dies Vertrauen ohne Egoismus, dies Lieben ohne Wunſch! Sei das große Weib, das Du wirklich biſt! und auf Alles dieſes hatte ſie nur ſtürmiſch und“ zornig faſt erwidert: ich kann nicht, ich kann nicht! 318 Da war Nordheim aufgeſtanden mit finſteren Zügen. O ſie meinte, noch den kalten Blick zu ſehen, mit dem er ſie angeſchaut, und der tief in ihre Seele gedrungen war, ſie meinte, noch den herben verach⸗ tungsvollen Ton zu hören, mit dem er geſagt hatte: Dies iſt ein Wort, das ich nicht verſtehe, und das keines Menſchen würdig iſt!— Dann war er hin⸗ aus gegangen, und ſie hatte ihn ſeitdem nicht wieder geſehen! Seit zwei Tagen ihn nicht geſehen! Ach, wie bleiern ſchlichen die Stunden hin, wie farblos und traurig! Sie dachte an ihn und ſeufzte nach ihm, und liebte ihn, indem ſie doch meinte, ihn zu haſſen. — In ſolchen peinvollen Gedanken ſaß ſie jetzt in ihrem Gartenſalon, die Hände müßig im Schooße gefalten, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, das bleiche Angeſicht überfluthet von Thränen. Das Heranrollen eines Wagens weckte ſie nicht und ſtörte ſie nicht in ihrer einſamen Trauer. Jetzt öffnete ſich leiſe die Thür, und Ellens blühendes Angeſicht ſchaute herein, und ihre helle Stimme fragte liebevoll: Darf ich? Aurelie ſchreckte empor und ſtarrte Ellen an, unge⸗ wiß, ob nicht die Erſcheinung nur ein Blendwert ihrer Phantaſie, nur herauf beſchworen von ihrer Seele, in der jenes Angeſicht ſtets mit ſo qualvoller Pein gegenwärtig war? Ellen aber, als ſie Aureliens 319 bleiches Geſicht, ihre in Thränen ſchwimmenden Augen gewahrt, fragte nicht mehr, ob ſie kommen dürfe. Haſtig trat ſie ein, flog zu Aurelien hin, und ſie in ihre Arme ſchließend, fragte ſie im Tone des tief⸗ ſten Mitgefühls: meine Mutter, meine theure, liebe Mutter, Du weinſt? O wie ſchön, daß ich gerade jetzt kommen muß! Laß mich Deine Thränen, fuhr ſie ſchmeichelnd fort, laß ſie mich von Deinen Wan⸗ gen küſſen! O ſag' mir Deinen Kummer, laß Deine Tochter, Deine Ellen, Theil nehmen an Deinem Schmerz! Während ſie voll Liebe und Mitgefühl ſo ſprach, und ihre Arme um Aureliens Nacken ſchlingend, ſie feſt an ihrend Buſen drückend, ſchluchzte Aurelia laut in krampfhaftem Schmerz. Nie, nie hatte ſie ihr Elend ſo klar gefühlt, wie in dieſem Augenblick! Nie war ſie ſo deutlich ſich bewußt geweſen, daß ſie nicht ohne Nordheims Liebe zu leben vermöge, daß ſie ihn nimmer, nimmer aufzugeben im Stande ſei! Sie war wie in Verzweiflung, ganz zerriſſen von Schmerz und Pein, ohne Nachdenken und Ueberlegung, ſie dachte an nichts, als daß ſie ihn wieder haben, ihn wieder beſitzen wolle und müſſe! Außer ſich, faſt beſinnungslos, in gewaltiger Leidenſchaft ſtürzte ſie plötz⸗ lich nieder zur Erde, und die Hände flehend empor ge⸗ hoben, mit von Leidenſchaft und Schmerz entſtellten —— 320 Zügen, rief ſie mit herzzerreißendem Ton: gib ihn mir wieder, Ellen, Ellen, o laß' ihn mir! Es iſt mein einziges, letztes Gut, mein einziges Lebensglück! O Ellen, laß ihn mir! Du biſt noch ſo jung, biſt ſo reich in Liebe, Alles, Alles hat das Leben Dir noch zu bieten, mir iſt er das Letzte und Einzigſte! Ellen hauchte kaum hörbar: Wer? Wer? Wen ſoll ich Dir wieder geben? Aurelia ſagte mit kreiſchendem Ton: Nordheim! Meinen Geliebten, der mich um Deinetwillen ver⸗ laſſen hat! Ellen ſchreckte zuſammen, ihre ganze Geſtalt er⸗ bebte, ihre Wangen erbleichten, es ſchwindelte vor ihren Blicken, und ſie mußte ſich an einem Seſſel halten, um nicht umzuſinken! Wie mit einem Zau⸗ berſchlag war der Schleier zerriſſen, der ihr bis da⸗ hin ihr eigenes Innere verbarg, es war, als erwache ſie aus einem Schlummer und Traum, einem Lichte gleich dämmerte das Bewußtſein in ihrer Seele auf— ja, es ward Tag in ihr, ſie wußte nun, was ſie bis dahin nicht gewußt, und doch ſchon ſo lange und heiß empfunden, ſie wußte nur, daß ihre Seele und ihr Herz mit nie zu löſenden Banden an Nordheim hange, daß ſie ihn liebe! Das Geheimniß ihrer eignen Seele war ihr enthüllt, und mit tiefer und bewältigender Gewalt erfaßte ſie dieſe Entdeckung, 321 die ſie an ſich ſelber gemacht. Ihr Herz ſtand ſtill, ſie fühlte kaum die Kraft zu athmen, es war, als wenn ein Krampf ihr die Bruſt zuſchnüre, ein unend⸗ liches Glück meinte ſie in ſich zu empfinden, und doch wieder ein namenloſes Leid. Du ſchweigſt, rief Aurelia angſtvoll und zitternd, Du willſt ihn mir nicht geben, willſt ihn nicht laſſen? O Ellen, Ellen, ſieh', wie ich zerbrochen und troſt⸗ los hier vor Dir liege! Ellen, o muß ich Dich erinnern an das, was ich Dir gethan? Sieh', ſo tief bin ich geſunken, daß ich die Wohlthaten, die ich Dir erzeigt, Dir zurückrufen muß! O Ellen, um der Dankbarkeit, die Du mir ſchüldig biſt, gib ihn mir wieder, gib ihn frei! Höre auf, ihn zu lieben, hilf, daß er zu mir zurückkehrt, daß er wieder mein wird, mein! Ein ſchwerer und bittrer Kampf war in Ellen's Seele; tiefer und bewältigender Schmerz zuckte durch ihre ſanften Züge, Thränen traten in ihre Augen. Sie konnte ſie nicht zurückhalten, und langſam rollten ſie über ihre erbleichten Wangen hernieder, Thautropfen gleich, die im Kelch der Roſe hangen.— Ellen aber in ihrer ſanften jungfräulichen Natur war doch ſtark und kräftig im Wollen, und groß, wenn es galt, um Andrer willen ſich ſelber aufzuopfern und zu ver⸗ geſſen. L. Mühlbach II. 21 5 322 Bleich und zitternd, aber doch entſchloſſen neigte ſie ſich über Aurelien, die zuſammengeſunken, kraft⸗ los am Boden lag, und ihre Stimme klang wie tonloſes Geiſtergeflüſter, als ſie ſagte: ſo nimm ihn hin, Mutter, meine Mutter, ich gebe ihn Dir! Es iſt das größte Opfer, was eine Tochter Dir bringen kann, und indem ich es frendig Dir bringe, erliſcht das Wort Mutter auf meinen Lippen. Du haſt nun * keine Tochter mehr in mir, aber eine Schweſter des Leides und der Schmerzen! Leiſe drückte ſie einen Kuß auf Aureliens Haar, die noch immer am Boden lag, dann wandte ſie ſich ab und ſchwebte unhörbaren Tritts durch das Ge⸗ mach; als Aurelia aufblickte hatte Ellen ſchon das Zimmer verlaſſen, und der fortrollende Wagen ſagte Aurelien, daß ſie allein ſei! In der Villa Landstown angelangt, ging Ellen ſogleich in ihr Gemach, und verſchloß die Thür hin⸗ ter ſich. Sie bedurfte der Einſamkeit und Stille; ſie konnte Niemand ſehen, Niemand ſprechen, ſelbſt nicht Ellinor, ihre Mutter! Jetzt war ſie allein; Niemand, der ihre Thränen, ihre Seufzer, ihre Klagen vernehmen konnte. Niemand als Gott. Ellen zagte nicht vor Gottes Nähe, zagte nicht, ihn in ihr Herz blicken zu laſſen. Sie ſank auf ihre Knie nieder, und in heißem Gebete flehte ſie zu ihrem * — 323 Vater da droben, er möge ihr Kraft geben zu ihrem ſchweren und ſchmerzvollen Opfer! Sie fühlte ſich geſtärkt von ihrem Gebet, und muthig das zu thun, was ſie für ihre Pflicht hielt. Niemand ſoll es wiſſen, daß ich leide, flüſterte ſie leiſe,— auch nicht eine Thräne ſoll man mich vergießen ſehen, und ſo wird Niemand wiſſen, daß ich überhaupt zu leiden habe! Mit dem Bewußtſein der Liebe war auch der Stolz der Jungftau erwacht, und gab ihr Kraft, ſich zu faſſen. Ach, Ellen wußte aber nicht, daß ihre Liebe Niemand mehr ein Geheimniß geweſen außer ihr ſelber, daß nur ſie allein in ahnungsloſer Unſchuld nicht gewußt, welch eine Blüthe ſich in ihrem Herzen entfalte! Mit feſtem, ſichern Schritt ging ſie zu ihrem Schreibtiſch, aus deſſen geheimſten Fach ſie ein zu⸗ ſammengebundenes Päckchen nahm, und es ſeufzend vor ſich ausbreitete. Es waren liebe und traute Erinnerungszeichen aus jüngſt verfloſſenen, glücklichen Tagen, und wie Ellen ſie jetzt eins nach dem andern in ihre Hand nahm, und mit von Thränen umdüſtertem Blick be⸗ trachtete, ſtand die Vergangenheit in lebendiger bitter⸗ füßer Deutlichkeit vor ihr. Hier dieſe verwelkte Roſe! es war dieſelbe, die“ — 324 RNordheim einſt ihr gab, und den Kelch auseinander faltend, ihr den Wurm zeigte, der ſie zerfraß! Jenen Tag, als er dann ſich zu ihren Füßen niederſetzte, und ihre Hände faſſend, wunderbare Worte zu ihr ſprach, die damals und noch jetzt ihr Herz erbeben machten. Sie glaubte noch den durchdringenden Schrei Aureliens, die ſie ohnmächtig im nahen Boskett fanden, zu vernehmen. Jetzt wußte ſie auch, was Aurelien da⸗ mals ſo ſchmerzlich bewegt, ſie ſeufzte leiſe: arme, arme Mutter! und das Mitgefühl ſtärkte ihre Kraft zum Entſagen. Hier dies Blümchen pflückte er ihr an dem Tage, an welchem ſie ihre zweite Mutter fand; er ſagte dabei nichts, und ſah ſie nur an, und wie ſie es an ihren Buſen ſteckte, lächelte er und küßte ihre Hand.— Auf dies Blättchen Papier ſchrieb er neu⸗ lich, während ſie neben einander ſaßen im Geſpräch, ganz gedankenlos mit dem Bleiſtift ihren Namen, Ellen, Ellen, immerfort ihren Namen! Niemand ſah es, wie ſie, und als ſie hinab gehen wollten, zögerte ſie abſichtlich, bis Alle hinaus waren, und dann ſteckte ſie jenes Blättchen zu ſich.— Dies zu⸗ ſammengerollte Papier war ein kleines Briefchen, das er ihr jüngſt geſchrieben, und jenes dort ein Ge⸗ dicht, das er ihr gegeben! Sie drückte dieſe Blätter an ihre zitternden Lippen, und dann mit tiefem Seufzer zerriß ſie dieſelben. Es zuckte aber in ihrem Her⸗ zen, als ſie es that, und ſie meinte, dabei einen tiefen Schmerz in ihrer Bruſt zu empfinden. Dann drückte ſie ihre gefaltenen Hände feſt an ihren Buſen, als wollte ſie den Schmerz zurückhalten der darin nagte, und ihr frommer Blick richtete ſich nach oben, um Beiſtand in ihrem ſchweren Kampfe flehend! Ein Klopfen an ihre Thüre machte ſie erbeben; es war Ellinor, die ſie um Einlaß bat. Ellen fühlte ſich noch nicht ſtark genug, ſie zu ſehen; ſie wußte, den theilnehmenden mütterlichen Augen gegenüber, würde ihre ganze Kraft ſie verlaſſen, und mit ihren Thränen ihre Faſſung verrinnen. Schluchzend und leiſe mit gefaltenen Händen lehnte ſie ſich an die verſchloſſene Pforte, vor der außen ihre Mutter ſtand, und mit halb verſagenden Worten bat ſie, nur noch kurze Zeit ſie allein zu laſſen, und nicht zu fragen um ihr Leid. Als Ellinor ihren Bitten nachgab und ſich ent⸗ fernte, raffte Ellen alle dieſe theuren Erinnerungs⸗ zeichen zuſammen, und ſie wieder zuſammenbindend, ſagte ſie wehmuthsvoll: Lebt wohl! Meine ganze Vergangenheit, mein ganzes Glück verläßt mich mit euch! Und doch muß ich dies Alles ihm zurück⸗ geben, damit er ſieht, daß es mir ernſt iſt mit mei⸗ nem Entſchluß! 326 Ach, arglos und unerfahren wie ſie war, dachte ſie nicht, daß gerade dies, was ihm zeigen ſollte, daß er ihr gleichgültig, nur neue Zeichen waren, wie heiß ſie ihn liebe, und welchen Werth ſie auf alle dieſe Dinge gelegt! Es klopfte wieder an ihre Thür, Ellinor war es, die ihr ſagte, daß Nordheim gekommen ſei, und im Salon ihrer harre. Sie zuckte zuſammen bei ſeinem Namen, und, heiße Thränen entſtürzten ihren Augen, dann ſagte ſie: ich werde kommen, ſorge, daß auſſer Dir und Herrn Nordheim Niemand zugegen iſt. Niemand, auch mein Vater nicht! Ellinor verſprach es und ging. Und nun auſſer ſich mit ſtrömenden Zähren und gewaltiger Bewegung warf ſich Ellen nieder auf ihre Knie, und die Hände gen Himmel erhebend, flehte ſie laut: Du weißt es, mein Gott, mein Vater, Du allein weißt es, was dieſes Opfer mich koſtet, aber Du weißt auch, daß ich es bringen muß! O mein Gott, ſtärke mich mit Deiner Macht, und lehre mich gedenken, welche Pflichten die Dankbarkeit und Kindesliebe mir aufer⸗ legt! Segne mich zu dieſem ſchweren Werke und gib mir Deine Gnade! Ein ſchwaches, zerbrochenes Mädchen flehe ich Dich um Deinen Beiſtand an, mein Gott! O um der ewigen Liebe willen, die höher — 327 iſt denn aller Menſchen Liebe, Dich mein und ſtärke mich! Ihr Haupt ſank auf ihre Bruſt, ihre Lippen zitterten leiſe Gebete, und demuthsvoll die Hände auf ihrem Buſen gefaltet, regungslos lag ſie da! Allgemach kehrte Ruhe und Ergebung in ihre ſanften Züge zurück, ſie athmete erleichtert, ſchaute gen Him⸗ mel mit heiterm, ſtillen Blicke, und ſagte: Du haſt mich erhört, mein Gott, ich fühle Deinen Frieden in mir! Nun erhob ſie ſich leiſe von ihren Knien, nahm das Päckchen und ging hinunter in den Salon. Nie⸗ mand war dort als Ellinor und Nordheim, und als Ellen eintrat und ſie Beide ihre fragenden Blicke auf ſie richteten, erſchracken ſie vor der Bläſſe und dem Schmerzenszug, der auf des Mädchens holdem An⸗ geſichte lag. Sie vermied es, ihren Angen, deren Blicke ſie doch empfand, zu begegnen, und mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen ſchwebte ſie durch das Gemach zu Nordheim hin, der angſtvoll und bange in einer Fenſterniſche lehnte. Eine Pauſe trat ein, in der nur Ellens angſt⸗ volles, ſchnelles Athem vernommen ward, und die Niemand zu unterbrechen wagte. Dann ſagte Ellen mit einer Stimme, ſo leiſe und zitternd, daß Nord⸗ heim aufmerkſam lauſchend ſich näher zu ihr neigen — 2 328 mußte, um ſe zu verſtehen: Herr Nordheim Sie dürfen mir nicht zürnen über das, was ich ſagen will, und nicht denken, daß ich Ihnen wehe thun möchte. Gewiß nicht, ich möchte Niemand Schmerz bereiten und Kummer, denn ich weiß jetzt, daß man ſo ſchwer daran zu leiden hat!— Wieder ſchwieg ſie einen Angenblick, nach Faſſung ringend, dann fuhr ſie fort: hier nehmen Sie! Es ſind Erinnerungs⸗ zeichen aus vergangenen Tagen, die nun ſchon weit, weit hinter mir liegen! Nehmen Sie! Es ziemt mir nicht, ſolche Dinge von dem Verlobten einer Andern zu bewahren. Von dem Verlobten meiner Mutter, der ich in ewiger Dankbarkeit verpflichtet bin! Nordheim fragte mit verhaltener Leidenſchaft: wer ſagt, daß ich es bin? Ellen erwiderte feſt: Aurelia ſelbſt! Und ich bin nur traurig, daß ſie mir, ihrer Tochter, nicht früher vertraute, daß ſie ſo ſpät erſt mich mit dieſer Verbindung bekannt machte, ſo ſpät erſt mich Theil nehmen ließ an ihrem Glück. Unerfahren wie ich bin, ahnte ich nichts davon, und nahm für Freundſchaft was doch— Liebe war! ſetzte ſie unhörbar hinzu. Nordheim hatte indeß das dargereichte entfaltet, ſein Auge ſtrahlte in Freude vor dieſen Zeichen einer ſtillen, jungfräulichen Liebe, er wandte ſich zu ihr hin mit ſtrahlendem Blick, und konnte nichts ſagen, als: Ellen! 329 Sie bebte zuſammen vor dem Ton, mit dem er ihren Namen rief, und der ihre Seele ſo freudig bewegte, ſie fühlte ihre Kraft ſie verlaſſen, und ſagte haſtig: gehen Sie jetzt! Laſſen Sie uns jetzt! Mor⸗ gen, morgen ſehen wir uns bei Aurelien! Dann lehnte ſie ſich an Ellinors Bruſt und um⸗ fing ſie feſt mit ihren Armen. Nordheim aber blickte ſie lange an mit verklär⸗ tem, freudeſtrahlenden Angeſicht, nahm ihre herab⸗ hängende Hand und drückte ſie in der ſeinen und ſagte bittend: ein Wort noch Ellen! Ein einziges Wort noch! Iſt das, was Du da ſagſt die Stimme Deines Herzens und der Ausdruck Deiner Empfin⸗ dung? Sie ſagte kaum hörbar: es iſt! Es zuckte und kämpfte in Nordheims Zügen, ſein ganzes Innere war in heftiger, leidenſchaftlicher Aufregung, und mit einer Stimme, in der ſeine ganze Seele zitterte, fragte er: Ellen, ich beſchwöre Dich mir die Wahrheit zu ſagen. Ellen, liebſt Du mich nicht? Eine tiefe, bange Pauſe trat ein; ſo ſtill war es, daß man das bange Herzklopfen, die zitternden Seufzer vernehmen konnte, ſo ſtill, daß es unheim⸗ lich laut erklang, als Ellen jetzt ſagte: Nein! Nordheim ſchleuderte ihre Hand von ſich und 330 wilde Worte ohne Sinn und Bedeutung murmelnd, ſtürzte er einem Raſenden gleich von dannen. Ellen klammerte ſich feſt an ihrer Mutter Hals und ſchrie angſtvoll und aufgelöst in Schmerz: Mut⸗ ter, meine Mutter, verlaß mich nicht! Ach, es iſt ſo ſchwer Recht zu thun! Weine, weine meine Ellen, ſagte Ellinor und drückte ihr Kind, ſelber in Thränen zerfließend, an ihr Herz. Und wenn Du mich, Deine Mutter, noch liebſt, ſo vertraue mir auch, und ſage mir, wie dies Alles gekommen und was es bedeutet. Willſt Du? Ellen antwortete ihr nicht. Sie war ohnmäch⸗ tig geworden. XVI. Aurelia war allein in ihrem Zimmer; ihre Seele voll Unruhe und Angſt; ſie ſchämte ſich jetzt ihrer Leidenſchaft, ſchämte ſich der Worte, die ſie zu Ellen geſprochen, ihres Kleimnuths und ihrer Schwäche, als die Thür haſtig aufgeriſſen ward, und Nordheim, bleich, athemlos in heſtigſter Bewegung herein ſtürzte. Das iſt alſo Dein Werk, ſagte er mit von in⸗ nerer Leidenſchaft erſtickter Stimme, das iſt alſo die Liebe eines Weibes, die nur an ſich denkt, und ihren egviſtiſchen Wünſchen jedes andre Glück opfert. Und Ihr kleinlichen, armſeligen Weſen, zuſammengeſetzt, aus Egoismus und Sinnlichkeit, Euch ſollte man eine ewige Liebe weihen! O welch ein Thor ich war, bei Dir an Größe und Edelmuth zu glauben, Dich für eine Auserkohrne zu halten. Du biſt nichts als ein Weib! Aurelia zitterte vor dem wilden Zorn, der aus ſeinen Augen ſprühte, vor der Verachtung mit der er ſie anſchaute, ſie faltete die Hände und flehte leiſe 332 vergib mir, vergib mir, mein Geliebter! Ach, ich weiß, daß ich fehlte, aber die Liebe, die heiße innige Liebe zu Dir ließ mich fehlen! Als ſie ſich an ihn lehnen wollte, wehrte er ſie heftig ab und ſagte verächtlich: Liebe! Ihr führt dies Wort auf den Lippen, und entheiligt es, indem Ihr es ausſprecht! Höre mich an, fuhr er heftiger fort, und faßte wild Aureliens Arm, höre, was ich Dir zu ſagen habe. Du haſt mich um ein Glück betro⸗ gen, um ein Glück, an das ich lange nicht mehr zu glauben wagte, ja, daß ich mit verzagendem Herzen und zitternder Seele nieinals zu erlangen hoffte, und das, als es ſich mir nahte, einem Zauber gleich meine Seele umgeſtaltete, und mich wieder ſo rein, ſo gläu⸗ big und vertrauend machte, als ich es war, bevor eine Deiner Schweſtern, bevor ein Weib mich lehrte, daß Lug und Trug hienieden und ewiges Wandeln und Wechſeln, daß den Worten, die Eure Lippen ſprechen nicht zu trauen, und nicht der Seele, die aus Euren Augen ſpricht. Und nun, da ich⸗ wieder jung geworden bin und glücklich, da wieder Glauben und Zuverſicht in meiner Seele iſt, da ich zitternd wie ein Knabe, beſchämt und reuevoll vor einer Jung⸗ frau ſtehe, an deren Daſein ich nicht mehr geglaubt, einer Jungfrau an Leib und Seele, da ihr reines Herz ſich mir ergibt, nun kommt wiederum ein Weib, 333 mir das Alles zu entreißen, und mich zurück zu ſchleu⸗ dern in Einſamkeit und Elend! O verzeihe, verzeihe, flehte Aurelia, nicht dieſen furchtbaren Blick, er tödtet mich! Nordheim fuhr nach einer Pauſe fort: mag es denn ſein! Du haſt mich getrennt von ihr, aber auch von Dir! Wir werden uns niemals wieder⸗ ſehen! Nordheim! kreiſchte Aurelia und klammerte ſich an ſeine Geſtalt, er ſtieß ſie zurück und ſagte wild: Niemals wieder! Lebewohl! Heftig verließ er das Zimmer, und Aurelia hatte nicht Kraft ihm zu folgen, ihre Füße verſagten ihr den Dienſt. Er wird wiederkehren! ſagte ſie leiſe, und glaubte doch ſelbſt nicht an dieſes Wort.— Er muß wieder⸗ kehren! ſagte ſie verzweiflungsvoll als Stunde nach Stunde verging, ohne daß er zurückkehrte, und nach einer ſchlafloſen Nacht, die ſie unter Schmerzen und Kämpfen, unter Weinen und Gebet verbracht, ſagte ſie feſt und entſchieden: er ſoll wiederkehren!— Ja, fuhr ſie begeiſtert fort, er ſoll dies harte Wort zu⸗ rücknehmen, er ſoll nicht ſagen, daß ich ein gewöhn⸗ liches Weib bin; er ſoll es erkennen, daß meine Liebe ſtark iſt und mächtig; er ſoll ſeiner Freund⸗ ſchaft mindeſtens mich würdig finden! 334 Thränen wollten in ihre Augen treten, Seufzer aus ihrer Bruſt ſich hervordrängen, ſie kämpfte ſie nieder und gebot ſich ſelber Ruhe. Dieſe Genug⸗ thuung mindeſtens, dieſe will ich mit mir nehmen, 1 ſagte ſie, daß er mit mir zufrieden iſt, daß ich in 1 ſeiner Erinnerung lebe als eine, die er hochzuachten 1 ſich gezwungen fühlt, und von der geliebt zu werden, wenn kein begehrenswerthes Gut, doch auch keins, vor dem man zu erröthen habe. Ja, fuhr ſie fort, mit ſchwärmeriſchem Ausdruck, ſich ſelber begeiſternd in ihrem Entſchluſſe, ja in Ellens Armen, an ſeiner 1 Geliebten Herzen ſoll er meiner gedenken, als eines 1 Weibes, die es muthig wagen darf, mit ihr in die Schranken zu treten, und die mit Todesmuth ihr eignes Herz auf dem Altar der Liebe für ihn opferte! Ich fühle mich wieder muthig und ſtark, neues Leben glühet in mir und neue Gedanken; alle meine Kräfte, die ſchlummerten, find nun erwacht, und fordern That und Leben! Stark bin ich und gewappnet allem Kum⸗ mer Trotz zu bieten und weil es alſo iſt, werde ich ihn auch beſiegen! O dieſe Kraft, die jetzt in mir glüht, dieſe Kraft, das Unglück ſelbſt auf meine Schultern zu wälzen, iſt ſegenbringender und wohl⸗ thätiger, als thatenlos unter der Laſt des Unglücks ſich beugen. Ich, ich will es tragen, ſagte ſie und richtete ſich ſtolz und kühn empor, will es tragen, wie einen Schmuck und eine Krone, und wenn es auch nur eine Dornenkrone iſt, ſo will ich bedenken, daß ſelbſt der Heiland der Welt, im erhabenſten Momente ſeines Daſeins auch nur mit einer ſolchen geſchmückt ward, und daß gerade in den Stunden ſeiner Leiden die Menſchen fühlten, daß ein Gott unter ihnen war. Und ſo ſoll auch dies mein Lei⸗ den meinem Leben eine Bürgſchaft ſein, und ſoll be⸗ ſiegeln die Lehre, die ich gekommen bin zu verkünden, die Lehre, daß das Weib göttlich iſt und groß, daß ſie erhaben iſt in ihrer Liebe, und daß ſie kein Opfer ſcheut, wenn ſie wahrhaft liebt! Dies iſt meine Sen⸗ dung, ich will ſie erfüllen! Glühend und zitternd, aber nicht vor Schwäche und Kummer, ſondern in der Begeiſterung und dem Feuer ihrer Seele, ſchrieb ſie mit liegender Eile einige Worte an Ellen und bat ſie ſogleich in ihrem Wa⸗ gen, den ſie ihr zu dieſem Zwecke ſandte, zu ihr zu kommen. Sie ſchellte, übergab dem Diener das Billet und befahl ihm ſo raſch als möglich einzuſpannen, und nach der Villa Landstown zu fahren, Fräulein Ellen zu holen. Dann als der Wagen vom Hofe rollte, nickte ſie befriedigt und flüſterte: es iſt ge⸗ ſchehn! Nun ging ſie mit feſten ſtolzen Schritten im Zimmer auf und ab, zuweilen am Fenſter ſtille ſtehend und die Straße, die Ellen kommen mußte, 336 hinauf blickend, dann wieder weiter wandelnd in tie⸗ fen ernſten Gedanken. Sie war ganz entſchloſſen, ganz geſammelt, und nicht das kleinſte Zagen, nicht das mindeſte Wanken war in ihrer Seele; ja, ſie fühlte ſich nicht einmal mehr unglücklich und verlaſſen, ſondern freudig angeregt zum Kampf, muthvoll zum Siege; eine Prieſterin des Unglücks dürſtete ſie nach Thaten und fühlte ſich bereit ſonder Murren ihr eignes Herz im frommen Dienſt zu opfern.— Der Wagen kehrte zurück, Aurelia blickte hinab, ſah Ellen ins Haus treten, und ſagte feſt: ſie kommt, ich will ſie empfangen. Nun lehrte ſie ihre Züge lächeln, und ihr Auge freudig blicken, und eilte zur Thür, dieſe zu öffnen, und Ellen ein heiteres Wort der Begrüßung entgegen zu rufen. O wie war Ellen ſo bleich, wie waren ihre Augen von Thränen geröthet, wie hatte ein Tag und eine Nacht des Schmerzes ihrem Geſicht einen ſo kummervollen Ausdruck gegeben! Aurelia ſah es, und drückte ihre Ellen an ihr Herz, ihre Tochter, die ſie nun wieder liebte, nun da ſie ganz entſchloſſen, ganz reſignirt war, ſie küßte dieſe Augen, die ſo heiß wa⸗ ren vom vielen Weinen, und dieſe Lippen, die ſo ſchmerzlich zuckten; aber ſie durfte ihrem tiefen Mit⸗ leid, durfte ihrer Wehmuth ſich nicht hingeben, und ſagte heiter: Du böſer kleiner Trotzkopf! Muß ich 337 Dich zu mir zurückrufen, und keine Stimme ſprach für mich in dieſem kleinen eigenſinnigen Herzen! Grollt Ellen mit ihrer Mutter, ihrer Aurelia? Nein, nein! ſagte Ellen leiſe, und ſchmiegte ſich an ihre Bruſt. Und doch gingſt Du geſtern von mir ohne Ab⸗ ſchiedsgruß, fuhr Aurelia fort, ihr lächelnd mit dem Finger drohend, und wärſt vielleicht auch heute nicht gekommen, mich aufzuſuchen! Ellen ſchlug erröthend die Augen nieder und ſtammelte: ich dachte nicht, wirklich nicht, daß Du mich erwarteteſt! Doch, doch, ſagte Aurelia, ich erwartete Dich, und habe Dir Vieles zu ſagen. Zuerſt, meine Ellen, fuhr ſie fort, und zog ſie zu ſich nieder auf den Di⸗ van, zuerſt wollte ich Dich bitten, meine Heftigkeit und Leidenſchaftlichkeit von geſtern zu vergeſſen. Ich war aufgeregt, ſchwermüthig, litt an Migräne, fühlte mich einſam und verlaſſen. In ſolchen Stunden ſieht man Alles trauriger und dunkler, als es wirklich iſt, und da war es mir entſetzlich, ganz zerſtörend und niederdrückend denken zu müſſen, daß die Liebe mir auch den letzten Freund, den einzigſten, den ich auf Erden beſitze, entreißen könnte. In dieſer aufgeregten, verzweiflungsvollen Stimmung fandeſt Du mich und, daß ich es Dir L. Mühlbach. II. 22 338 nur geſtehe, fuhr ſie mit einem Lächeln fort, von dem Ellen nicht ahnte, wie ſchwer ſie es ihrem zer⸗ quälten Herzen abgewann, ich war eiferſüchtig auf Dich, eiferſüchtig, daß Nordheim um Deinetwillen, und in ſeiner ſchönen edlen Liebe zu Dir, doch mich, der er ſo oft eine ewige Freundſchaft gelobte, vergeſ⸗ ſen konnte, ich glaubte mich ganz verlaſſen und ver⸗ ſtoßen. Dies war der Grund meiner leidenſchaftlichen Aufregung. Es war Unrecht von mir. Ich hätte bedenken ſollen, daß Liebe und Freundſchaft ſo ganz verſchieden ſind, daß ſie wohl neben einander beſtehen können, ohne daß eins das andre verdrängt; ich hätte bedenken ſollen, daß, wenn auch die Liebe zu Dir ihn von mir entfernte, die Freundſchaft zu mir ihn mir ſtets zurückführen würde, und daß er ſo, wenn auch Dein, immer auch mein bleibe! Dies war mein Unrecht, das ich Dir jetzt von ganzem Herzen abbitte! O ſprich nicht, ſprich nicht ſo! ſagte Ellen halb freudig, halb zweifelnd, zagend und ungewiß. Aurelia fuhr fort: leugnen will ich nicht, daß es mir in einer Hinſicht lieb iſt, daß Alles ſo ge⸗ kommen, wie es iſt. Ich hoffe, daß dies eine An⸗ nähetung zwiſchen Dir und Nordheim herbeiführen und ſo ſchneller zur Entſcheidung bringen wird, was doch entſchieden werden muß. Das Glück iſt ſo ſüchtig, daß man nicht zögern ſollte es zu erfaſſen, 339 wenn es ſich naht. Euch iſt es erſchienen und Ellen, Deine Mutter, Deine Aurelia will Deine Hand neh⸗ men und ſie leiten, daß ſie es ſicher erfaſſe, das Glück! O meine Ellen, laß die Freundin, die treuſte und heißeſte Freundin Deines Geliebten, laß dieſe es Dir zuerſt ſagen, daß Du ihn liebſt! Gönne dieſer das Glück, Dich in ſeine Arme zu führen! Meine Mutter, hauchte Ellen leiſe und barg das erglühte Angeſicht an Aureliens Herzen, o meine Mutter! Ich weiß nicht, was ich thun, was ich denken ſoll. Leite Du mich, hilf Du mir. Nicht wahr, fragte Aurelia, nicht wahr, Du liebſt ihn doch, meinen Freund? Ellen ſchwieg und drückte ſich feſter an Aureliens Herzen, dann ſagte ſie kaum hörbar: ich glaube! Nur einen Moment zuckte es in Aureliens Zü⸗ gen, dann wurde ihr Angeſicht wieder heiter und hell, ſie richtete Ellen ſanft empor, drückte einen Kuß auf ihre Lippen und ſagte: Du mußt mir einen Dienſt erweiſen, Ellen! Nordheim zürnt mit mir, um der geſtrigen Scene und hat mir geſchworen, nicht wieder zu mir zu kommen. Du begreifſt, daß, obwohl ich ihn liebe, wie meinen theuerſten Freund, doch mein Stolz mich hindert, ihn zu bitten, daß er zurückkehre. Du, Du böſe Ellen, Du biſt die Urſache unſeres Zwiſtes geweſen, Du mußt uns verſöhnen. 22 340 Wie kann ich das? fragte Ellen. Da, ſetze Dich und ſchreibe auf dies Blatt einige wenige einladende Worte, die ihn nach Sweetcalmneß rufen. Bitte ihn, ſogleich zu kommen, weil Du ihm Wichtiges zu ſagen habeſt, und ich wette, er kommt. Sie drückte Ellen die Feder in die Hand und legte das Papier vor ihr hin. Schon begann Ellen zu ſchreiben, dann blickte ſie auf und fragte leiſe und hoffnungsvoll: Du warſt alſo nicht mit ihm verlobt, nicht ſeine Braut, und er iſt nicht Dein Geliebter? Aurelia brach in ein lautes fröhliches Lachen aus, das ihr aber faſt die Seele zerſchnitt und ſagte: nein, nein, meine Ellen, ich war Niemals ſeine Braut und werde es Niemals ſein! Aber mein Ge⸗ liebter iſt er, mein Freund und ſo wird er mir im⸗ mer gehören! Das heißt, wenn Ellen nichts dage⸗ gen hat und nicht eiferſüchtig ſein will! Ellen wandte ihr erröthetes Angeſicht haſtig wie⸗ der auf das Papier und ſchrieb, was Aurelia von ihr gefordert. Als ſie vollendet, faltete Aurelia es zuſammen, ſchellte dem Diener und befahl ſogleich mit dem Cabrio⸗ let nach London zu fahren, zu Herrn Nordheim und dann, als dies geſchehen und Ellen, bang und zitternd, 341 vald erröthend, bald erbleichend in jungfräulichem Zagen und Schämen ruhelos umher irrte, kaum Kraft in ihrer Bruſt zum Athmen, nicht wiſſend, ob ſie weinen oder lachen ſolle, da rang es Aurelia ihrem eignen zermarterten Herzen ab, ruhig zu ſein, ja ſie vermochte es über ſich, zu ſcherzen und zu lachen, und Ellens Unruhe mit ſanftem Scherz zu ſpotten. Ach und doch fühlte ſie ſich ſelber ganz athemlos und todesmatt!—— Endlich, endlich fuhr ein Wagen in den Hof, Aurelia trat zum Fenſter, Ellen hatte nicht die Kraft ihr zu folgen, ſie ſank zurück auf den Divan von dem ſie ſich erheben wollte und fragte tonlos: iſt er's? Er iſt es! erwiderte Aurelia ernſt und als ſie ſich umwandte war ihr Geſicht geiſterbleich, doch ſagte ſie mit feſter Stimme: laß mich einen Augenblick allein mit ihm, Ellen. Tritt dort in mein Boudoir, ich rufe Dich! Schon vernahm man im Vorzimmer Nordheims nahende Schritte, Ellen ſtürzte athemlos und bebend ins Byudvir.— Und jetzt öffnete ſich die Thür und Nordheim trat ein; ſtolz und ernſt, bleich und leidend waren ſeine Züge, er begrüßte Aurelia mit ſtummem Gruß und fragte dann, umher blickend im Zimmer: iſt Ellen hier? Sie hat mich gerufen! Aurelia erwiderte feſt und ernſt ſie iſt hier, 342 Nordheim! Ehe Du ſie aber ſiehſt, und ehe ich ſelber ſie Dir entgegen führe, mußte ich erſt jenen Zwiſt ausgleichen, der uns zu trennen droht! Höre mich an! lege nicht Deine Stirne in finſtre Falten, blicke mich nicht ſo zürnend an! Es iſt kein Grund vor⸗ handen, daß wir uns nicht ferner lieben ſollten und ich denke, wir wollen es immer thun. Ein Mißverſtändniß war es, fuhr ſie bedeutungs⸗ voll fort, daß Ellen meine Worte anders deuten ließ, als ſie gemeint waren; ſie weiß das jetzt, weiß, daß Du mein Freund biſt, mein Freund, den ich liebe, wie man einen Bruder liebt. Ellen iſt ſo unſchuldig, daß ſie nicht einmal wußte, welch ein Unterſchied zwi⸗ ſchen der Liebe einer Freundin und dem, was ſie empfindet. Ich habe es ihr erklärt und Ellen weiß nun, daß meine Liebe zu Dir neben der ihren beſte⸗ hen kann. Ellen weiß es, daß es mein ſchönſtes Glück, meinen Freund und ſie glücklich und vereint zu ſehen, und daß ich ſelber nichts opfere, wenn ich ſie Dir zuführe, als Deine Geliebte! Nordheim ſah ſie fragend und erſtaunt an, ſie wich ſeinem Blicke nicht aus, ſie ertrug ruhig die for⸗ ſchend auf ſie gerichteten Augen und begegnete ihnen mit feſtem Anſchauen und unbewegten Zügen. Muß denn Alles ſich vereinen, ſagte Nordheim leiſe, wie zu ſich ſelber, Alles, um mich zu beſchämen 343 in meinem Unglauben und mich zu demüthigen in dem, was ich meine Weisheit der Erfahrung nannte. Hat ſich denn die Welt gewandelt und ſind mein die unedlen Gedanken und die ſündigen Zweifel, Euer die edlen Thaten, die ſelbſtopfernden Handlungen? Aurelia, Du, Du könnteſt— Sie ſagte freudig: Dein Glück höher achten, als das meine! Urtheile, ob ich Dich liebe, da ich es vermag, Dich aufzugeben. Ich habe endlich jetzt Deine Lehre begriffen und hinfort werd' ich nimmer vergeſſen, daß alles Glück hienieden wandelbar und alle Liebe enden kann. Laß mich aber aus dieſem Schiffbruch meines Daſeins das ſchönſte Kleinod mir retten, Deine Achtung! Dieſe ſoll als koſtbarer Schmuck mich durch das Leben be⸗ gleiten und mich zieren noch im Grabe. Aurelia, theure Aurelia, rief Nordheim tief bewegt, wahrlich Du biſt eine Heldin, ein großes Weib! Du wirſt in meinem Gedächtniß, in meiner Seele wohnen und neben Ellens Namen wird es der Deine ſein, der in meinem Herzen lebt! Aurelia ſchaute ihn an mit begeiſterten Blicken, und ſagte mit voller, freudiger Stimme: dies Wort vyn Deinen Lippen! Ich danke Dir! Nun reichten ſie ſich die Hände und drückten ſie feſt in einander, und ſchauten ſich an mit leuchtenden 344 Blicken und mit Gedanken, die über alles Irdiſche erhaben waren, mit Gedanken, durch die die Seele der Seele ſich verkündete und offenbarte. Als Nordheim aber einen Arm um ſie ſchlingen wollte, als er ſich neigte ihre Lippen zu küſſen, wehrte Aurelia ſanft und leiſe zurück: nicht alſo, ich bin nicht ſtark genug dies zu ertragen!— Und nun, fuhr ſie mit freudi⸗ ger lauter Stimme fort: nun ſollſt Du aus meinen Händen Deine Braut empfangen. Es iſt das Letzte⸗ mal, daß ich meine Rechte als Mutter in Anſpruch nehme, und ich weiß, Ellinor wird mir dies verzei⸗ hen! Sie öffnete die Thür und bat Ellen einzutreten, und als dieſe geſenkten Anges, erröthend und erblei⸗ chend ihrem Rufe Folge leiſtete, als ſie unſchlüſſig, bebend von ferne ſtand, nicht wagte das Auge auf⸗ zuſchlagen, da faßte Aurelia mit ſanftem Liebeswort ihre Hand und führte das erglühende, zitternde Mäd⸗ chen ihrem Geliebten entgegen, und ihre Hände in einander legend, ſagte ſie feierlich: nimm ſie hin, Nordheim, nimm ſie hin, das Kind meines Herzens, und Du, Ellen, nimm ihn hin, den Freund meiner Seele! Als ihre Hände ſich berührten und in einander ruhten, durchzuckte es ſie Beide wie mit elektriſchem Schlage, ſie blickten empor und ſchauten einander an, lange und ſchweigend, ihre Lippen bewegten ſich, ſie 345 lächelten und dann ſagte Nordheim ganz leiſe, denn er war in reiner Liebe ſchüchtern geworden, wie ein Knabe, ganz leiſe: o Ellen, v meine Geliebte! Und ſie neigte ſchüchtern und ſchamvoll über dieſes Wort ſich vor, ihr Antlitz zu verbergen und nun ruhte es an ſeiner Bruſt, er umfing ſie und drückte ſie an ſein Herz und einer an des andern Buſen, ſich umſchlingend und ihrer Liebe zum erſten Male ohne Rückhalt ſich bewußt, drängte Wonne und Schmerz, Entzücken und Seligkeit, Leben und Ewigkeit ſich zuſammen in dieſen einzigen Moment! Aurelia aber bleich und farblos wie eine Geſtor⸗ vene und doch lächelnd wie ſelige Geiſter es pflegen, neigte ſich über ſie und flüſterte leiſe: ſeid glücklich“ XVII. Wochen waren vergangen in ihren dahinranſchen⸗ den Tagen dem ſeligen Liebespaare ſtündlich neue Wonne bereitend. Nordheim war vom Lord und der Lady Landstown mit Freuden als Eidam begrüßt und angenommen, und es ward beſchloſſen, daß das junge Paar auch nach ihrer Vermählung ſich nicht trennen ſollte von denen, deren höchſtes Glück die kaum erſt errungene Tochter. Nordheims nicht un⸗ bedeutendes Vermögen nach England aus Deutſch⸗ land zu überſiedeln waren kundige Geſchäftsmänner beauftragt, und ſo ſich ganz losmachend aus ſeiner früheren Heimath wollte er hier neben den Angehö⸗ rigen ſeiner Ellen eine neue Heimath ſich gründen. Die Saiſon wollte man in London, gemeinſchaftlich das Hoͤtel Landstown bewohnend, verleben, die ſchönere Zeit des Jahres, die auch jetzt noch nicht vorüber, abwechſelnd in der Villa und den übrigen Gütern des Lords hinbringen. Die weit ausſehendſten Plane — 347 und glänzendſten Bilder für die Zukunft wurden ent⸗ worfen, deren Ausführung man freudig von kommen⸗ den Tagen hoffte, und in dem Widerſchein des ſchön⸗ ſten und ungetrübteſten Glücks der Liebenden fühlten Alle, die ſie umgaben, ſich ſelber wie umſtrahlt und aufgerichtet von eignem Zukunftsglück, und ſonnten ſich in dem Abglanz dieſer reinen Seligkeit. Es war der Vorabend von dem Hochzeitstage Nordheims und Ellen, und während Alles beſchäftigt war mit Anordnungen und Veranſtaltungen für das morgende Feſt, ſaß das Brautpaar, unbekümmert um Alles dies, auf der einſamen Bank am Ufer des Teiches. Stille war es um ſie her; flüſternd rauſchte der Wind in den Wipfeln der Erlen und Buchen, die das Waſſer umkränzten, und deren Spitzen die letzten Strahlen der herniedergehenden Synne golden umſtrahlten; leiſe plätſcherten die leicht gekräuſelten Wellen ans Ufer, mit ihrem Murmeln lieblich die Stille unterbrechend; und mit träumeriſchen Blicken und glänzenden Augen ſchauten die beiden Glücklichen ſchweigend auf das liebliche Stillleben um ſie her; ſchweigend vor Ueberfülle der Gedanken und des Glücks. Dann ſagte Nordheim mit ſeiner ſanften, klang⸗ vollen Stimme, die für Ellen ſtets die herrlichſte Muſit enthielt; und nun noch eine Nacht, eine einzige nur, 348 meine Ellen, und Du wirſt mein, mein für das ganze Leben! Sie barg ihr erglühendes Angeſicht an ſeinem Buſen, er drückte ſie feſter an ſich und fuhr fort: und indem ich dieſes Glückes gedenke, und der nie endenden Wonne einer Zukunft mit Dir, fühle ich mich zagend und kleinmüthig, weil ich weiß, daß ich deſſen nicht werth bin! O, ſagte ſie begeiſtert, wer wäre des ſchönſten Glückes werth, wenn nicht Du! Wer iſt ſo herrlich, ſo erhaben und groß, wie Du es biſt? Oft wenn ich daran denke, aller der Vorzüge, der hohen Geiſtes⸗ gaben mich erinnere, die Dich ſchmücken, ſieh, ſo frage ich mich zagend, wie es ſein kann, daß Du mich liebſt, mich, die ich Nichts bin, Nichts als was ich durch Dich und unter dem Sonnenſchein Deiner Blicke geworden bin, und was alſo Dein iſt; daß Du mich liebſt, mich, das unbedeutende, einfache, unwiſſende Mädchen, das nichts weiß und verſteht, als nur zu lieben, Dich zu lieben. Und wahrlich, die Liebe iſt eine erhabene und heilige Wiſſenſchaft, ſagte Nordheim, eine Wiſſenſchaft, in der alle Tugenden des Weibes wurzeln, und durch die alle jene himmliſchen Kräfte, die in der Bruſt des Weibes ruhen, ſich entfalten zur ſchönſten Blüthe und Frucht. Ja es iſt eine Wiſſenſchaft, der gegen⸗ 2 8 349 über der Mann gedemüthigt und klein iſt, und die er in ſeinen ſchönſten Stunden nur anzubeten, nie⸗ mals zu begreifen vermag. O Ellen, erhalte mir dieſe Liebe, die Dein köſtlichſtes Theil iſt, der Schmuck und Glanz meines Lebens, und gegen deren Beſitz Königreiche und Welten mir klein und nichtig ſind! Ellen flüſterte: kann ich denn anders als Dich lieben? O dies Gefühl, es iſt ja nicht mein, nicht von mir ſelber; Gott hat es in meine Bruſt gepflanzt, es iſt meine Seele, mein Leben, und wird auch nur mit meinem Leben enden, aber mit meiner Seele fort⸗ leben, ſich aufſchwingen zum Himmel, um dort ewig, ewig zu ſein. Nordheim ſagte feierlich: ich glaube Dir! Ja, ich glaube wieder an eine Ewigkeit der Liebe! Und daß es alſo iſt, daß wieder Glaube und Vertrauen in mir iſt und himmliſche Zuverſicht zum Leben und zum Sterben, das danke ich Dir, Dir meiner Ge⸗ liebten! Ja, aus Deinen Augen habe ich eine heilige Botſchaft vom Hinmel empfangen, und in Deinem Lächeln hat ſich mir auf's Neue die ganze Welt ver⸗ klärt! O Ellen, ein neues jugendvolles Leben er⸗ ſchließt ſich mir durch Dich, ein Paradies, deſſen Wächter Du biſt, Du, mit Deiner unbefleckten Un⸗ ſchuld und heiligen Weiblichkeit, Du, mit Deiner Seele voll Kindergedanken und Altersweisheit, mit 350 ſitzes unwerth gemacht. konnteſt irren, aber nicht ſündigen. E Deinem blühenden Herzen, das noch duftet in un⸗ entweihter Blüthe. Ja Ellen, Du haſt ein neues Leben in mir wach gerufen, und wie ein Sterbender an der Pforte dieſes neuen Daſeins möchte ich alle Schuld, die hinter mir liegt, alle Verirrungen und Sünden der Vergangenheit Dir beichten, um von Dir, Du mein Engel, entſündiget und begnadigt zu werden! Ellen, höre mich an! Sieh, ich fühle Deiner Unſchuld gegenüber mich ſo ſchuldbeladen und ſo klein, gegen Deine ſonnenhelle Sündloſigkeit ſo ſündig und ſtrafbar; es iſt mir, als müßte ich Dir Abbitte thun, für alle Verirrungen der Vergangenheit und habe mit dieſen gegen Dich geſündigt und mich Deines Be⸗ Ellen ſchaute ihn an mit leuchtenden Blicken, voller Zuverſicht, und ſagte ernſt: ſprich nicht ſo, nicht ſo mein Geliebter. Du konnteſt irren und fehlen, wie wir Menſchen es thun; ich freue mich, daß Du es konnteſt, und der Gedanke daran ſoll mich tröſten und ſtärken, wenn ich mich Deinem erhabenen Geiſte gegenüber ſo klein und nichts bedeutend finde! Du Und doch Ellen, doch, ſagte er ernſt, doch habe ich ſelbſt gegen Dich geſündigt, weil ich nicht glaubte an ein Weſen, wie Du es biſt! Habe geſündigt, in⸗ dem ich in kleinmüthigem Zagen zweifelte an Gott, an den Menſchen, an der Welt, zweifelte an der höhe⸗ ren Beſtimmung des Daſeins, an der Heiligkeit des Lebens, aus dem mir mit der Gottheit auch der Ernſt und die Ewigkeit verloren war, und in dem mir nichts geblieben als ein Haſchen des Moments, und der Genuß der flüchtigen Minute. Ja Ellen, ich habe geſündigt, indem ich aufhörte an die Ewigkeit der Liebe zu glauben, und indem ich zweifelte an ihrer Heiligkeit, indem ſie mir nichts ward als der flüchtige Genuß eines Augenblicks und das Ergötzen einer Stunde; habe geſündigt, indem ich aufhörte zu glauben an das Weib, an das heilige reine Weib, das in ſeiner urgöttlichen Kraft eine Segnung und Verklärung des Daſeins, indem ich aufhörte an die Sittſamkeit und Keuſchheit des Weibes zu glauben, und Euch in meinen Gedanken erniedrigte zu farb⸗ loſen, ſchillernden Geſtalten voller Unwahrheit, Täu⸗ ſchung und Lüge. Dieſes Alles habe ich geſündigt! O Ellen, kannſt Du mir verzeihen? Wie er ſo ſprach ſank er zu ihren Füßen nieder und ſchaute mit flehen⸗ den Blicken und tiefbewegten Zügen zu ihr auf. Sie legte ihre Hand auf ſein Haar und ſpielte in den dunklen Locken und lächelte ihn an, und ſagte ernſt: wenn Du alſo fehlteſt und irrteſt, ſo iſt es nicht an Dir, ſondern an mir Dir Abbitte zu thun. Denn ſicherlich, nur das Weib allein iſt Schuld, 352 wenn es in den Gedanken des Mannes von ſeiner Heiligkeit und Würde verliert, und wenn er ihrer anders als mit reinen und ehrenden Gedanken ſich erinnert. So laß mich denn Deine Verzeihung er⸗ flehen für mein ganzes Geſchlecht, das Dein Irren und Fehlen veranlaßte! Er flog empor und drückte ſie an ſein Herz, und fühlte ſich entſündigt und neugeboren durch die Berührung ihrer purpurnen Lippen. Dann ruhten ſie wieder an einander auf der Moosbank in jenem ſüßen Geflüſter der Liebe, das keinem andern Ohr verſtändlich, keinem andern Herzen erreichbar, das in ſeinen harmloſen hingeworfenen Worten Gedanken für die Ewigkeit enthält, und in den Blicken, die ſie be⸗ gleiten, eine Sprache hat, die über allen Ausdruck erhaben, und zu heilig iſt für alles Wort! Fort und fort ſäuſelten die von der Abendſonne vergoldeten Bäume, in denen hie und da zwitſchernde Sommervögel ihr Lied ertönen ließen und mit ihrem lieblichen Singen anmuthig die ſüße Stille unter⸗ brachen, fort und fort murmelten die Wellen des Tei⸗ ches, auf deſſen Waſſer in friedlicher Stille ſtolze weiße Schwäne auf und ab zogen; und jetzt begann von der nahen Kapelle im Parke und vom Thurme der Dorfkirche herüber das feierliche Läuten der Abend⸗ glocken, das den morgenden kommenden Feſttag 353 einreihen und die ländlichen Bewohner des Dorfes ein⸗ laden ſollte zum Gebet für das Glück der allgeliebten Braut. Und nun leiſe, leiſe ſchwebten Orgelklänge heran und miſchten ſich mit dem Säuſeln der Bäume und dem Murmeln der Welle, leiſe ertönte der Ge⸗ ſang des ſeligen Liedes, in ſeinen feierlichen Tönen den ſchweigend lauſchenden ſeligen Frieden des Glückes und fromme Ruhe des Gemüths bringend. Die ganze Vergangenheit, das ganze Leben riefen dieſe Klänge in Nordheims Buſen wach, in wechſelnden Bildern zog vorüber an ſeiner Seele was er je empfunden und erlebt; er lehnte ſein Haupt an Ellens Schulter, und erzählte ihr von ſeiner Jugend, von ſeiner Mut⸗ ter, die ihm früh entriſſen, und an deren Sarge er geſtanden unter ſolchen Orgelklängen, wie ſie jetzt ertönten, von ſeiner Mutter, die die Einzige geweſen, die ihn geliebt, und nach deren Tode er eine einſame verlaſſene Waiſe geweſen; er erzählte ihr von ſeinem Vater, der ihn gehaßt, weil ſein Weib ihm ihr gan⸗ zes Vermögen entzogen und es dem Sohne zugewandt; er erzählte von der Einſamkeit und Troſtloſigkeit ſei⸗ ner Kinderjahre, und wie er oftmals unter ſolchen Orgelklängen als Knabe an dem Raſenhügel gekniet, unter dem das einzige Herz in Aſche zerfiel, das ihn geliebt, und mit weinenden Augen Gott gebeten, ihn zu erlöſen von dieſer Erde. Und wie die melodiſchen 2. Mühlbach. II. 23 354 Töne leiſe fort erklangen in dem feierlichen Schwei⸗ gen um ſie her, wie alle längſt begrabenen Erinne⸗ rungen immer neu in Nordheims Buſen wach wurden, und wie er gedachte, daß er einſt ſo unglücklich war und verzagend, dann ſo reſignirt und abgefunden mit der Welt, und jetzt durch den Beſitz dieſes holden Weſens, das an ſeiner Seite zitterte, ſo ausgeſöhnt mit dem Leben, und über allen Ausdruck glücklich, wie er dies Alles bedachte, da fühlte er eine tiefe fromme Rührung ſeine Seele bewältigen, er ſagte leiſe; laß uns Gott danken! dann umfing er die Ge⸗ liebte, an deren Buſen er ausruhen wollte von den Stürmen des Daſeins, und er drückte ſie feſt an ſein Herz und weinte laut!——— Das Geräuſch nahender Schritte weckte die Lie⸗ benden aus ihrer ſchweigenden Feier und Andacht, und als ſie empor blickten, ſtand Aurelia vor ihnen, und ſchaute ſie an mit Blicken voller Liebe und Zärt⸗ lichkeit; ein ſchmerzliches Lächeln zuckte um ihre Lip⸗ pen, und ihre Wange war bleich und farblos, ihr Auge trübe und geröthet vom vielen Weinen. Doch⸗ war ſie gefaßt und muthig, und Ellen umarmend ſagte ſie mit feſter Stimme: ich komme, Abſchied zu nehmen, meine Ellen! Ein dringendes Geſchäft zwingt mich, ſogleich zu verreiſen! Heute ſchon, jetzt ſchon? fragte Ellen ſchmerzlich. 355 Und Du willſt fort, ohne Deine Ellen, Deine Tochter, an ihrem ſchönſten Feiertage geſehen zu haben, ohne ihr den Brautkranz in das Haar zu flechten, und ihr Deinen Segen zu ertheilen! O Nordheim, fuhr ſie eifrig und erglühend in innerer Rührung fort, komm, hilf mir meine theure Mutter erbitten, daß ſie bleibt nur bis morgen noch! Nordheim murmelte einige Worte, die Ellen nicht verſtand; Aurelia ſah ihn an und lächelte ſchmerzvoll, dann ſagte ſie feſt: Nordheim weiß, meine theure Ellen, daß, was ich zu thun habe, keinen Auf⸗ ſchub leidet; daß ich ſogleich verreiſen muß! Laß uns denn jetzt ſcheiden! Weinend umfaßte Ellen ihre geliebte Freundin und Mutter, und unter tauſend Küſſen und Zärtlich⸗ keiten flehte ſie ſie an, ihrer zu gedenken und bald zurückzukehren! Aurelia fühlte Thränen in ihre Angen treten, fühlte ihre mühſam errungene Kraft ſchwinden, ſie fühlte, daß ſie ſcheiden müſſe. Sanft machte ſie ſich los aus Ellens Umarmung, flüſterte leiſe: Lebe wohl! Folge mir nicht! und wandte ſich ab zu gehen. Nordheim geleitete ſie die lange Allee hinab, die zu dem Ausgang führte, wo Aureliens Wagen harrte. Schweigend und in tiefernſten Gedanken gingen ſie neben einander her. Dann, nahe ſchon dem Aus⸗ 8 356 gang, ſtand Aurelia ſtill und ſagte ernſt: hier laß uns ſcheiden! Aurelia, ſagte Nordheim tief bewegt, ich will nicht fragen, wohin Du geheſt, nicht fragen, was Dein edler Geiſt beſchloſſen hat. Aber ſagen muß ich Dir, daß ich Dich nie heiliger und reiner, nie wahrhafter geliebt habe, als jetzt, und daß Du in meiner Erinnerung leben wirſt, als eine erhabene, große Erſcheinung, wie zu erſchauen hienieden es ſelten dem Menſchen gewährt wird. Aurelia erwiderte leiſe: ich danke Dir für dieſes Wort! Es ſoll mich begleiten als milder Troſt auf meiner Pilgerfahrt, es ſoll der Balſam ſein, der mich heilt von den Wunden, die mir das Leben geſchlagen! Lebe wohl, lebe wohl! In meinen beſten Stunden will ich Deiner gedenken als meines Freundes! Du gehſt, ohne mir zu ſagen wohin, ohne uns eine Rückkehr hoffen zu laſſen? fragte Nordheim. Wohin ich gehe? ſagte Aurelia wehmüthig und nachdenklich! Gott weiß es! Wohin der Zufall mich führt, die Laune des Moments mich treibt; ich reiſe, um zu ſuchen, was vielleicht die Erde nicht hat, um zu ſuchen nach Frieden und Ruhe. Sollte ich es aber gefunden haben, Nordheim, dann, aber nur dann kehre ich zurück, und dann ſoll es mein einziges Glück ſein, mich des Deinen zu freuen, und mich zu laben an Deiner Freundſchaft! Und nun, Deine Hand, zum Letztenmal De eine Hand! Nun legte ſie ihre Hand in die ſeine, und Nord⸗ heim neigte ſich, einen Kuß auf dieſe Hand zu drücken. Sie entzog ſie ihm raſch, richtete ſich ſtolz und groß empor, und bleich wie der Tod, aber unendlich ruhig, deutete ſie mit der erhobenen Rechten den Gang hinab, wo Ellens weißes Gewand durch das Laubwerk ſchim⸗ merte, und ſagte feierlich:„gehe hin, Nordheim, gehe hin, zu Deiner Braut! Hüte ſie aber vor der Lehre von der Vergänglichkeit!“ Dann wandte ſie ſich raſch um, trat eiligſt durch die Ausgangsthür, und ehe Nordheim Zeit hatte ihr zu folgen, rollte der Wagen mit ihr dahin. Lebe wohl, lebe wohl! rief er ihr nach, und wie ein hinſterbendes Echo tönte es zurück: lebe wohl! Dann verhüllte eine Staubwolke den enteilenden Wagen, und in der Ferne erſtarb das Geräuſch der rollenden Räder. XVIHI. Die Aufforderung, die durch die Zeitungen vom Lord Landstown an die entflohene Nichte und ihren Geliebten ergangen war, hatte das glücklichſte Reſul⸗ tat herbei geführt; freudig dem Rufe der Liebe und Verſöhnung Folge leiſtend, war Macdeam mit ſeiner jungen Frau zurück gekehrt nach Europa und zu den Freunden. Wenige Tage nach Nordheims Vermählung mit Ellen, wurden ſie von der unvermutheten Ankunft der Rückkehrenden überraſcht, und ſo barg die Villa Landstown jetzt drei glückliche Paare, deren heitre Geſichter und ſelige Mienen von dem tiefen und er⸗ quicklichen Frieden wahren Glückes zeugten, das in ihrer Seele lebte, von dem Glück, das ihnen gewor⸗ den im Beſitz der Geliebten und in einem Bunde, über den die Ehe ihren heiligenden Segen geſprochen, die Ehe, die ſelber geheiliget ward durch die Liebe! — Gleich nach Macdeams und Effies Ankunft hatte der umſichtige Lord Landstown eineh Courier an ſei⸗ nen Bruder abgeſandt, und kaum war eine Woche 359 verfloſſen, als auch dieſer in der Villa eintraf, um ſeiner geliebten Tochter, ſeiner lang vermißten Effie, die mit heißen Thränen ſeine Knie umfing, zu verzeihen und an ſein väterliches Herz zu drücken, um ſeinen Sohn Macdeam zu ſegnen, der, das ſah er in Effies ſtrahlendem, verklärten Angeſicht, ſein Kind zu einem ſo glücklichen Weibe gemacht. So ſaßen ſie in traulichem Geſpräch neben ein⸗ ander im Salon, jeder in ſeinem ſichern Glücke ſich doppelt des Glückes der Andern freuend, und in ſtill heitern, ſinnigen Geſprächen ſich die Begebenheiten der Vergangenheiten zurückrufend, deren überwundene Schmerzen belächelnd und bemitleidend. Ellinor, deren Geſicht wieder aufgeblüht war unter dem Son⸗ nenſchein des Glückes, ſchaute mit leuchtenden Augen umher in dem Kreiſe ihrer Freunde, ließ ſie auf dem roſigen Angeſicht ihrer Tochter weilen, die in ſtillem Liebesgeplauder mit Nordheim, ihrem jungen Gatten flüſterte, und wandte dann den entzückten Blick auf ihren Gemahl, der lächelnd ſie anſchaute. Sie lehnte ihr ſchönes, ſinniges Haupt an ſeine Schulter und flüſterte leiſe: ein Geheimniß muß ich Dir enthüllen, ein ſchönes Geheimmiß, deſſen ich mir Nie ſo deut⸗ lich bewußt geweſen bin, als jetzt. Sieh, ehe ich meine Tochter gefunden, meinte ich in Sehnſucht nach ihr zu vergehen und mich zu verzehren in Schmerz um ihren Verluſt, und nun ich ſie gefunden, und ſie wieder mein iſt, und ich ſie lieben und an mein Herz drücken kann, nun weiß ich, daß es doch eine Liebe gibt, die ſtärker noch iſt, als die Mutterliebe. Es iſt die Liebe der Gattin. Ja, mein Geliebter, und gälte es aufs Neue Einen von Euch zu miſſen, Dich oder Ellen, ich weiß, daß ich mich von Allen tren⸗ nen könnte, von Allen außer Dir. O, und wie könnte es anders ſein! Mutter und Kind, wie innig auch verbunden, ſind immer doch zwei Weſen, zwei von einander getrennte, verſchiedene Weſen, und wie die Jahre kommen und gehen wie ſich die Ge⸗ danken ändern und die Gefühle umgeſtalten, wie das Kind ins Leben tritt, und die Mutter eine Matrone, die Tochter ein Weib wird, ſo entfremden dieſe Jahre Beide einander, und Verſchiedenheit der Lebensver⸗ hältniſſe legt ſich trennend und entfernend zwiſchen Mutter und Kind! Wie anders, wie herrlicher und ſchöner iſt dies im Verhältniß des Gatten zur Gattin. Da mögen Jahre kommen und gehen, ſie trennen nicht und entfremden nicht, ſie binden und vereinen nur feſter. Die Zeit, die ſonſt Alles ändert, hier ändert ſie nichts; trennt ſie dort Mutter und Kind, bindet ſie hier nur feſter. Ja, dieſelbe Zeit, die dort zwei Leben, aus Einem entſproſſen, trennt zu zwei ganz von einander abgelösten Leben, dieſelbe 361 Zeit macht, daß hier zwei Leben ſich binden zu Einem, daß ſie mehr und mehr in einander verwachſen, und in einem Doppeldaſein doch nur Ein Leben bilden, Ein Leben, deſſen Wurzeln ſo in einander verſchlungen ſind, daß ſie ſich ſelbſt nicht mehr aus einander fin⸗ den können, und die Beide verwachſen zu einem ein⸗ zigen Stamme, Nahrung empfangen aus derſelben himmliſchen Quelle, aus der Liebe. O mein Ge⸗ liebter; gäb' es nur Worte, Worte um das auszu⸗ drücken, was ich empfinde, um es würdig zu preiſen das Glück der Ehe, das reine, heilige, unantaſtbare Glück! Und daß Du es mich kennen lehrteſt, daß Du mich es empfinden lehrteſt, o, dafür Dir zu dan⸗ ken iſt mein Leben zu arm! Dein Glück iſt ſchon ein Dank, erwiderte der Lord, die Gattin feſt an ſein Herz drückend, und ſo meine ich, kann auch ich für Deinen Beſitz nicht beſſer danken, als durch Glück! Ja, meine Geliebte, wohl haſt Du Recht, eine glückliche Ehe iſt die Quelle alles Segens und die Wurzel aller Tugend! Und wenn ich in Dir Alles umfange was das Leben mir bietet an Wonne, ſo biſt Du mir mehr als nur meine Gattin, biſt mein Weib, meine Geliebte, mein Freund, meine Freunvin und mein Kind! Und ſo, Ellinor, ſo wird es immer ſein! Effies Vater, der ſtets der unzertrennliche 362 Begleiter ſeiner Tochter war, und ſich nicht ſatt ſehen konnte an ihrem heitern, ſchönen Angeſicht, ſaß auch jetzt neben ihr, und ließ ſich von ihr die Geſchichte ihrer Flucht aus dem Kloſter und aller der folgenden wun⸗ derbaren und gefahrvollen Begebenheiten erzählen, denen allen ſie doch ſo glücklich entgangen und ihren Geliebten wieder gefunden. Als ſie erzählte, wie ſie zu Macdeam eingetreten, während er gerade jenes ihr aus der Heimath her, ſo wohlbekannte Lied ge⸗ ſpielt, ſagte Nordheim, der mit ſeiner jungen Frau der Erzählung zugehört, zu Macdeam: gewiß war dies daſſelbe Lied, das Sie im Lodging⸗Hauſe ſpielten, und deſſen liebliche Weiſe uns damals ſchon Alle ſtets ſo tief ergriff. Macdeam nickte bejahend, und Ellen ſagte leb⸗ haft: o ſpielen Sie es uns jetzt! Haben Sie mit dieſem Liede Abſchied genommen von London, ſo müſſen Sie es nun auch wieder damit begrüßen, nun da ſich Alles ſo herrlich und ſchön ans Ziel ge⸗ führt hat. Die übrigen vereinten ihre Bitten mit den ihren, und Macdeam erklärte ſich gerne bereit, ihrem Wunſche nachzukommen. Das Inſtrument ward geholt, Mac⸗ deam nahm es, und ſeiner Effie mit freudeſtrahlenden Augen liebevoll zunickend, ſetzte er es an die Lippen. Zuerſt leiſe und flüſternd, dann immer mächtiger und 363 gewaltiger brausten die Klänge dahin; anfangs in der einfachen, ſanften Melodie, die in ihrer kind⸗ lichen Weiſe etwas Rührendes und Tiefergreifendes hatte, dann immer voller und gewaltiger, bis es zuletzt ſich erhob zu einer Jubelhymne. Es war noch dieſelbe Melodie, aber in anderm Rythmus und an⸗ derm Sinn, und gliech nun einem Triumphmarſch, deſſen Töne jauchzten in Stolz und Freude des Sieges. Als Macdeam geendet, ſagte er mit einem dank⸗ varen Blick auf Effie: als ich dies Lied zuletzt in London ſpielte, da war ſein Ende minder heiter; daß es jetzt ſo iſt, das danke ich meiner Effie, der ich alles danke! Ich entſinne mich wohl, ſagte Nordheim lächelnd, ich entſinne mich wohl jenes Momentes. Damals klang das Lied wie die Abſchiedsklage eines Sterben⸗ den, und wie viele freudige Gedanken es auch heute in uns Allen anregt, damals enthielt es für uns Alle, die wir es hörten, nur Schmerz und Wehmuth. Der Grund iſt, weil wir es mit andern Ohren hör⸗ ten und Sie es in andrer Geſinnung ſpielten. Die Muſik gibt ſtets nur das wieder, was wir ihr geben, und drückt nur das aus, was wir bei ihr empfinden. Dieſelbe Melodie, die uns heute wie Sterbelied ge⸗ klungen, kann uns morgen ein Lied der Freude dün⸗ ken, und der luſtigſte Walzer klingt uns oft nur wie 364 ein Grabgeſang. So iſt es auch mit dieſem Liede! Damals waren wir Alle unglücklich und zerriſſen, unſer Schickſal trübe und unentwirrt, waren wir be⸗ fangen in innern und äußern Kämpfen, und jetzt, ja jetzt ſind wir zur Klarheit gelangt und zum Frieden! Ruhig und friedlich ſchlummern die, die geſtorben, inſofern der Tod die ewige Ruhe iſt, und glücklich ſind wir, die wir leben und wachen! Alle nickten ihm beiſtimmend und freudig zu, und Scherz und ſinnige Fröhlichkeit belebte wieder den heitern Kreis. Der herrliche Tag lockte ins Freie, und ſie gin⸗ gen hinab in den Park. Wie ſie in heitrem Geſpräch die Allee hinab wandelten, erregte ein in Lumpen gehüllter Menſch, der durch das Gitter blickte, welche den Park von der Landſtraße trennte, die Aufmerk⸗ ſamkeit Ellens, und voll Mitgefühls ſich inniger an Nordheim lehnend, bat ſie leiſe: o ſieh dort den Armen, wie er mit bleichem Antlitz und eingefallenen Wangen flehend zu uns her ſchaut. O, mein Ge⸗ liebter, nie ſollte man mehr der Unglücklichen geden⸗ ten, als im Glück; komm laß uns näher zu ihm gehen und ihm eine Gabe reichen! MNordheim folgte ihren Blicken, und dann als er den Bettler erblickt, ſagte er leiſe: wie, wäre es möglich! Ich glaube, ich kenne jenen Mann! Raſch ſchritt er vor, der Bettler ſtreckte die ma⸗ gere, abgezehrte Hand durch das Gitter, und flehte o Erbarmen, Herr, Erbarmen! Ein unglücklicher Flüchtling ſteht vor Ihnen, der mühſam nur dem Gefängniß und ewiger Einkerkerung entronnen iſt. 365 Erbarmen mit einem Sohne Frankreichs, der ſeine Freiheitsträume mit ewigem Elend bezahlen muß! Ja, Nordheim hatte ſich nicht getäuſcht, er war es, war es wirklich, der begeiſterte Republikaner, der ſiegestrunkene Freiheitsheld, der Franzoſe Armand, jetzt ein Bettler! —— ————— 2 ———— ſſm ſſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 2 £ F½* 1* 12 —— . „ 2 „ .