—— ——— S „ . Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und ſiczſche Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Teſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Fiilte ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 6 Iesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Fi 4. et⸗ Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und etr räg F für Sientlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 5 p 2 W.— Pf. Auswärtige Wonnenten! haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 2.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der er zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. usleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 6 Bſ vuinf oder die Cochter einer Raiſerin. Hiſtoriſcher Roman L. Mühlbach. Zweite umgearbeitete Ausgabe. . Zweiter Pand. —— Verlin. Verlag von Otto Janke. 1860. Prinzeſſin Cartaroß. Mühlbach, Tartaroff H. 1 — T Der Zaubergarten. Man muß entweder ſehr glücklich oder ſehr unglücklich ſein, um die Einſamkeit zu lieben, um an ihre ſchweig⸗ ſame Bruſt ſich zu lehnen, und die Menſchen fliehend, in den Armen der Einſamkeit das zu ſuchen, was bei den Menſchen ſich ſo ſelten finden läßt, Ruhe für das Glück, oder Troſt für den Schmerz!— Den Glücklichen bereitet die Einſomkeit die köſtlichſten Feſte, denn ſie er⸗ laubt ihnen, in genußvoller Hingabe zu ruhen in ſich ſelber, ſich ſelber auszuathmen, ſeiner ſelbſt ſich ganz theilhaftig zu werden! Aber auch den Unglücklichen be⸗ reitet ſie Feſte,— Feſte der Erinnerung, des Zurück⸗ lebens in die Vergangenheit, des Scheingenuſſes dieſer längſt vergangenen Wonnen, deren Verſchwinden eben den Schmerz erzeugte!— Für die Kinder der Welt, für die Strebenden, Genußſüchtigen, für die Ehrgeizigen und Weltluſtigen, für dieſe iſt die Einſamkeit nicht! Nur für die Glücklichen, für die Schmerzbeladenen, und auch für die Unſchuldigen, die noch nichts wiſſen von der 1 Welt, weder von ihren Entzückungen, noch von ihren Qualen, weder von ihrer Liebe, noch von ihrem Haß! So dachten und ſprachen und ſannen die neugierigen Römer, wenn ſie vorübergingen an dieſer hohen Mauer, welche längs dieſes ſchönen Gartens, der früher dem Grafen Appiani gehörte, ſich hinzog. Früher hatten ſie den Garten Alle gekannt, es war eine Art öffentlichen Spezierganges geweſen, und unter den ſchattigen Laub⸗ gängen hatte manches zärtliche Liebespaar ſeine erſten Schwüre getauſcht, ſowie ſeine erſten Küſſe gefeiert. Aber ſeit vier Jahren war das Alles verändert; ein reicher Fremder war gekommen und hatte dem alten verarmten Grafen Appiani eine große Summe geboten für den Garten mit der zerfallenen Villa, und der Graf haite, trotz des Murrens der Römer, ſein letztes Beſitz⸗ thum an den Fremden verhandelt. Er hatte zu den murrenden Römern geſagt: Ihr ſeid unzufrieden, daß ich meinen Garten hingebe für Geld. Es hat Euch ge⸗ fallen in dieſen Schattengängen, an dieſen murmelnden Quellen, unter dieſen rauſchenden Cypreſſen, Ihr ſeid da ſpazieren gegangen, Ihr habt da gelacht und Euch ge⸗ freut, während ich in meiner armen zerbröckelnden Villa faß, und entbehrte und hungerte. Ich will Euch einen Vor⸗ ſchlag machen! Bringt die Summe zuſammen, welche der Fremde mir bietet, Ihr Römer, die Ihr die Spa⸗ ziergänge in meinem Garten liebt, vereinigt Euch zu einem gemeinſchaftlichen Werk. Ein jeder gebe, ſo viel . —— er kann und mag, bis die nöthige Summe vorhanden iſt, dann gehört der Garten Euch Allen an, und Ihr mögt darin ſpazieren gehen, ſo viel es Euch beliebt, und ich werde glücklich ſein, von meinen Landslenten aus der Noth und Dürftigkeit gerettet zu werden, und nicht an einen Fremden den Garten verkaufen zu müſſen, den meine geliebten Römer ſo ſehr lieben. Aber auf ſolche Rede des Grafen Appiani hatten die guten Römer nichts zu antworten gewußt. Sie be⸗ gehrten wohl das Vergnügen, aber es ſollte ihnen nichts koſten,— umſonſt hätten ſie dieſen Garten ſehr geliebt, es ſich ſehr wohl ſein laſſen unter ſeinen ſchattigen Bäumen, aber nun es darauf ankam, dieſe Spaziergänge mit Geld zu bezahlen, nun fand man, daß er deſſen doch nicht werth ſei, daß man am Ende auch ohne ihn ſich einrichten, auch ohne ihn zufrieden ſein könne.— Die guten Römer wandten ſich alſo fort von dem Garten, der ſie mit einer Abgabe bedrohte, ſie lenkten ihre Füße in andere Gegenden, nach andern Promeng⸗ den hin, und der alte Graf Appiani verkaufte ſeinen Garten und ſeine ruinenartige Villa an den Fremden, welcher ihm eine ſo bedeutende Summe dafür geboten. Von dieſem Tage an hatte Alles ein anderes An⸗ ſehen gewonnen in dieſem Garten. Maurer und Ta⸗ pezirer waren gekommen und hatten an der Villa von Innen und Außen ſo lange geputzt und gebeſſert, bis ſie ganz ſtattlich und ſchön zwiſchen dem dicken Laub der Bäume hervortrat. Dann hatte man koſtbare und prächtige Meubles dahin gebracht, mit allem Andern, was zur Ausſchmückung der Wohnung eines Reichen nothwendig iſt, und die Tapezirer wußten den lauſchen⸗ den Römern nicht genug zu erzählen von der Pracht und Eleganz, welche plötzlich da drinnen ſich eutfaltet in der vormals ſo ärmlichen Villa. Wie gern wären die Spaziergänger von Ehemals jetzt wieder zurückge⸗ kehrt in dieſen Garten, wie gern hätten ſie wieder die Villa betreten, welche ihnen früher mit ihren verlaſſenen Sälen, mit den halb zerriſſenen, von Staub beſchmutz⸗ ten Tapeten gar nicht des Anſchauens werth erſchienen war. Aber das war ihnen jetzt unmöglich gemacht worden, denn an demſelhen Tage, an welchem der neue Beſitzer den Garten betreten, hatte er mehr denn funf⸗ zig Arbeiter mitgebracht, und ſofort hatte man an allen vier Seiten angefangen, die Grenzen des Gartens mit einer Mauer zu umgeben. Höher und höher war dieſe Mauer emporgeſtiegen, Niemand konnte darüber wegſehen, denn kein Rieſe war ſo hoch, wie dieſe Mauer, Niemand konnte ſie erklettern, denn ihre glatten Steinwände boten nicht den kleinſten Stützpunkt dar. Der Garten mit ſeiner Villa war den Römern ein Geheimniß geworden. Man hörte noch das Rauſchen der Bäume, man ſah ihre grünen Zweige im Winde ſich auf⸗ und abwärts neigen, aber was unter dieſen Zweigen und Wipfeln, was 6 in den Alleen und Laubgängen ſich begab, das wußte man nicht. † Anfangs hatten einzelne Neugierige es gewagt, an die niedrige ſchmale Pforte zu klopfen, welche den ein⸗ zigen Eingang in den vermauerten Garten bildete. Da hatte ein kleines Schiebfenſter ſich geöffnet, ein grimmig bärtiger Mann haite mit zorniger Stimme nach dem Begehr der Klopfenden gefragt, und ſie zu⸗ gleich bedeutet, daß für Niemand hier Einlaß ſei, und daß er und ſeine beiden Hunde jeden unbefugten Ein⸗ dringling von dem Garten zurückzuhalten wiſſen würden. Die beiden großen Hunde, gleichſam als verſtänden ſie die Drohungen ihres Herrn, ſie hatten die Zähne ge⸗ fletſcht, und ihr drohendes Geknurre hatte ſich zu einem lauten, zornigen Bellen geſteigert.— Man wagte es nicht mehr, an die Pforte zu klopfen, und weil man nicht hinein konnte in dieſen Garten, that man, was in ſolchem Falle das Klügſte iſt, man gab ſich das Anſehen, als ob man gar nicht hinein wollte.— 8 Vier Jahre waren ſeitdem vergangen, man hatte das Gelüſte bezwungen, den Garten zu betreten und über die Mauer hinweg zu ſehen, aber man erzählte ſich Mährchen und Wunder von dem Garten, man ſprach von einer ſchönen Fee, welche da drinnen wohne, und deren ſanfte melodiſche Stimme man zuweilen in der Stille der Nacht, ſüße, entzückende Lieder fingend, wollte gehört haben. Niemand hatte ſie geſehen, dieſe Fee, aber ſchön war ſie gewiß und jung natürlich; auch gab es ſogar ein⸗ zelne Kühne, welche behaupteten, wenn der Mond ſo recht hell und golden leuchte und ſtrahle, dann ſähe man die junge Fee auf den Wipfeln der Bäume oder auf dem Rande der Mauer erſcheinen. Leicht wie eine Elfe, durchſichtig wie Mondenſtrahl ſchwebe ſie da auf und ab, ſeltſame Tänze aufführend und Lieder ſingend, welche Jedem, der ſie höre die Augen mit Thränen und das Herz mit Jammer füllten. Bei ſolchen Erzählungen bekreuzten ſich die guten Rö⸗ mer und gingen ſchneller vorüber an den Mauern des Gar⸗ tens, den ſie von nun an„der Zaubergarten“ benannten. Ja wohl, es war ein Zaubergarten! Es war eine Inſel des Glückes, welches vor der Tücke der Welt hin⸗ ter dieſen Mauern ſich barg. Wie ein göttliches, ewiges Lächeln ruhte der Himmel über dieſem ewig blühenden, ewig duftenden Garten, in deſſen Myrthengebüſche die Vögel flöteten, und in deſſen ſilberhellen Baſſins die Goldfiſche plätſcherten. Ja wohl, es war ein Zaubergarten, und er hatte auch ſeine Fee, die, wenn ſie auch nicht mit dem Mond⸗ ſtrahl um die Wette auf den Gipfeln der Bäume und dem Rande der Mauer ſich ſchaukelte und wiegte, dennoch ſo zart war wie eine Elfe, und ſo leicht und anmuths⸗ voll wie eine Gezelle von den Blumen zu den Bächen, von den Bächen zu den Hügeln hüpfte. * 2 0 * Der ganze Frühling, die ganze Jugend der Natur leuchtete und ſtrahlte aus dieſem ſchönen Mädchenange⸗ ſicht, das ſo voll Anmuth und Reinheit, ſo voll Kinder⸗ unſchuld und Frieden war. Kein Sturm hatte noch dieſe lächelnden Züge durchweht, nicht das kleinſte Blätt⸗ chen dieſer Roſe war von unſanfter Hand berührt wor⸗ den. In üppiger Naturſchönheit, frei und friſch war ſie emporgeblüht, der Thau des Himmels, aber nicht der Thau der Thränen hatte ſie getränkt, und nur Zäh⸗ ren, wie ſie die Rührung, wie die Freude und das Elück ſie hervorruft, nur ſolche Zähren waren von die⸗ ſen ſtrahlenden, tiefdunklen Augen geweint worden. Sie ſaß unter einem Myrthengebüſche, deſſen blühende Zweige ſich zu ihr hernieder neigten, als wollten ſie dieſe zarte, reine Stirn mit einer bräutlichen Krone umranken. Das Haupt zurückgelehnt in das Gezweige, ruhte ſich in unnachahmlicher Grazie ihre halb hin⸗ geſtreckte reizende Geſtalt. Ein weißes, durchſichtiges Gewand, um die feine Taille von einer goldenen Schnur gehalten, wallte um die zarte Geſtalt hernieder zu den kleinen vorwärts ge⸗ ſtreckten Füßchen, die mit goldgeſtickten Pantoffeln von dunkel othem Leder bedeckt waren. Eine Purpurroſe ihrem knospenden Buſen mit brillantener Nadel Falten des Kleides befeſtigt, und bildete einen lieblichen Contraſt zu dem zarten Roth ihrer Wangen. In ihren vollen üppigen Armen ruhte eine Cither. 5 Sie hatte geſungen, dieſes ſchöne Feenkind, aber jetzt war der Geſang verſtummt, ſie blickte hin auf zu den Wolken, mit träumeriſch ſinnendem Auge folgte ſie ihrem langſamen Zuge. Ein Lächeln umſchwebte ihre vollen, jugendfriſchen Lippen, ſolch ein Lächeln, wie es nur der Unſchuld eigen iſt und dem Glück. Sie tränmte; es waren köſtliche, entzückende Bilder, welche vor ihrem innern Auge vorüberzogen, ſie träumte von einem fernen Lande, in dem ſie einſt geweſen, von einem fernen Hauſe, in dem ſie gelebt. Es war ſchöner geweſen und prachtvoller noch, wie dieſes, welches ſie jetzt bewohnte, aber es hatte ihm dieſer blaue, duftige Himmel, es hatten ihm dieſe Blu⸗ men und dieſe Bäume, dieſes Muyrthengebüſch und dieſe Nachtigallenlieder gefehlt, und auf einige kurze Sommer⸗ tage waren dort lange, kalte Wintermonate gefolgt, mit ihrem kalten Leichentuche von Schnee, mit ihrer erſtar⸗ renden Eisdecke und den phantaſtiſchen Blüthen, welche der Froſt an die Fenſter gemalt. Und dennoch, dennoch hatte es dort eine Sonne ge⸗ geben, welche heißer ihr Herz durchglühte, als die Sonne Italiens, und bei deren Gedenken noch jetzt eine flam⸗ mende Purpurröthe ihre Wangen bedeckte. Dieſe Sonne, ſie hatte ihr entgegengeleuchtet aus den zärtlichen Blicken einer Frau, welche ſie geliebt hatte als ihren Schutzgeiſt, als ihre Gottheit, als das Sternbild ihres ganzen Daſeins! —1— Wenn dieſe Frau zu ihr gekommen war in das ein⸗ ſame Haus, in welchem ſie damals wohnte, dann war ihr Alles wie in einer Verklärung, wie in einem ſeligen Wonnerauſch erſchienen, dann hatten ſogar ihre alten, mürriſchen Diener zu lächeln gewußt und waren freund⸗ lich geweſen und demuthsvoll; dann war Alles Freude geweſen und Glück, und wer ſie geſehen, die ſchöne, ſtrahlende Frau, der hatte ſich beſeligt geglaubt, und war vor ihr niedergefallen, um ſie anzubeten. An dieſe Frau dachte das junge Mädchen jetzt, an dieſe unvergeßliche Frau mit den leuchtenden Augen, deren zärtliche Blicke das Herz des Kindes immer mit Wonne durchglühten, deren ſanfte, liebliche Worte noch heute wie Muſik vor ihrem Ohre erklangen! Wo war ſie jetzt, die Frau ihrer Sehnſucht, ihrer Liebe, weshalb hatte man ſie fortgeführt aus dem Hauſe mit dem ſchneeigen Leichentuche und den Eisblumen der Fenſter? Wo lag dieſes Haus, und wo hatte ſie es zu ſuchen mit ihren Gedanken? Was war das für eine Sprache geweſen, welche ſie damals geſprochen und die ſie jetzt noch heimlich in ihrem Herzen ſprach, obwohl Niemand mit ihr ſie redete, Niemand ihrer Umgebung, ihrer Dienerſchaft ſie verſtand? Und weshalb hatte auch ihr Freund und Beſchützer, er, der ſie hieher gebracht, der immer mit ihr geweſen, weshalb hatte auch er plötzlich ſich das Anſehen gegeben als verſtände er ſie nicht mehr? Und eben, wie ſie an ihn dachte, an dieſen theuren Freund und Beſchützer, kam er die Allee herunter, ſah ſie am Ende dieſes Ganges ſeine hohe Geſtalt erſcheinen, erkannte ſie dieſes edle Angeſicht mit den ſtolzen Abler⸗ blicken und der kühn gewölbten Stirn. Das junge Mädchen flog von ihrem Sitz empor und eilte ihm entgegen. Wie ſchön, daß Du kommſt, Paulo, ſagte ſie lebhaft, indem ſie ihm ihre kleinen Hände entgegenſtreckte. Ich muß Dich etwas fragen, und gleich und ganz eilig, Paulo. Sage mir ſchnell, wie heißt die Sprache, welche wir früher mit einander redeten, und warum haben wir, ſeitdem wir hier in Rom ſind, aufgehört ſie zu ſprechen? Paulo runzelte leicht die Stirn, aber als er in ihr ſchönes, von Neugierde und Erwartung belebtes Ange⸗ ſicht ſah, verſchwand dieſer Ausdruck des Mißmuths ſchnell wieder aus ſeinen Zügen, und ihr lächelnd mit dem Finger drohend, ſagte er: Immer wieder dieſelbe Frage, Natalie, und doch habe ich Dich ſo oft gebeten, die Vergangenheit zu vergeſſen, und nur in der Gegen⸗ wart zu leben, mein holdes, ſüßes Kind. Die Vergan⸗ genheit iſt hinter Dir hinabgeſunken in eine tiefe, un⸗ ausfüllbare Kluft, Du kannſt nicht mehr zu ihr hinüber, und wenn ſie nach Dir ihre Arme ausſtreckt, ſo wird es ſein, um Dich in den Abgrund mit hinunter zu zie⸗ hen! Vergiß ſie alſo, meine Natalie, und gieb Dich hin an die ſchöne, genußvolle Gegenwart, die immer Dir zu verſchönern die holdeſte und herrlichſte Aufgabe meines Lebens ſein ſoll. Es iſt wahr, ſagte das junge Mädchen ſeufzend, ich habe unrecht, immer wieder auf dieſe längſt vergangenen Zeiten zurückzukommen, Du mußt mir das verzeihen, Paulo, aber zugeben wirſt Du auch, daß dieſe meine räthſelhafte Vergangenheit mich wohl zu einiger Neu⸗ gierde berechtigt. Denke doch, wie es begann. Du kamſt eines Tages in mein Zimmer geſtürmt, Du drück⸗ teſt mich, das erſchrockene, zitternde Kind, an Dein Herz und zogſt mich ſchweigend fort. Natalie, ſagteſt Du, Dir droht Gefahr, ich will Dill erretten, oder mit Dir ſterben! So ſchwangſt Du mich auf Dein Pferd. Hinter uns heulten und ſchrieen die Diener meines Hauſes, Du aber achteteſt ihrer nicht, und ich ſchmiegte mich gläubig an Dein Herz, denn ich wußte, daß, wenn mir Gefahren drohten, Du mich ſicherlich daraus erret⸗ ten würdeſt. Oh, weißt Du noch dieſen mährchenhaften Ritt? Wie wir ausruhten in abgelegenen Häuſern oder bei armen Bauersleuten, und wie es uns dann immer weiter zog, weiter, weiter! Und wie die Sonne immer wär⸗ mer ward, und der Schnee immer mehr zerrann, und Du immer heiterer, immer fröhlicher wurdeſt, bis Du end⸗ lich eines Tages mich ſtürmiſch an Deine Bruſt drückteft, und zu mir ſagteſt: Natalie, wir ſind gerettet! Jetzt iſt das Leben Dein und die Zukunft. Blicke um Dich, wir ſind in Italien, hier kannſt Du frei und glücklich ſein! Und war das nicht eine gute Prophezeihung? fragte Paulo. Iſt ſie nicht in Erfüllung gegangen? Biſt Du nicht glücklich? Ich wäre es, ſeufzte Natalie, wenn ich nicht ſo oft der Vergangenheit gedenken müßte. Jene Worte, welche Du damals ſprachſt, es waren die letzten, die ich in der Sprache vernahm, welche ich bis dahin immer ge⸗ redet, für die ich aber keinen Namen weiß. Von jener Stunde an ſprachſt Du zu mir in einer mir unbekann⸗ ten Sprache, und ich fühlte mich wie eine arme, ver⸗ laſſene Waiſe, der man ſelbſt das letzte Beſitzthum, ihre Sprache genommen. Hat man doch ganzen Völkern dieſes ihr heiligſtes und letztes Beſitzthum rauben können, ſagte Paulo, ſchnell verdüſtert, und nicht, wie ich es Dir that, um Dich zu retten, ſondern um ſie zu martern und in den Staub zu drücken! Natalie, die ſchnelle Traurigkeit ihres Freundes ge⸗ wahrend, verſuchte zu lächeln, und ſeine Hand faſſend, ſagte ſie: Komm Paulo, wir find unartige Kinder, uns mit Grillen zu plagen, während die ganze Natur ſo heiter iſt und voll ſo göttlicher Schönheit. Sieh nur, mit welchem Pupurglanze dort die ſcheidende Sonne auf den Gipfeln der Cypreſſen ruht. Ach, nirgends iſt es ſo ſchön, als hier in meinem lieben Garten! Das iſt meine Welt und mein Glück. Zuweilen, Paulo, macht es mich ſchaudern, zu denken, dieſe Mauern um unſern Garten möchten plötzlich znſammenſtürzen, und alle dieſe großen Häuſer, welche dahinter ſtehen, und alle dieſe neugierigen Menſchen, welche auf den Straßen laufen, die Alle könnten dann hineinſchauen in mein Paradies! Das müßte entſetzlich ſein, und doch hat mir Marianne erzählt, daß andere Menſchen anders wohnen wie wir, daß keine Mauer ihre Häuſer umzieht, und keine Wächter und keine Hunde die läſtigen Beſucher von dannen weiſen. Und doch ſagt ſie, daß man ſolche unbequemen Leute lächelnd willkommen heißt, ſie mit freundlichen Worten empfängt, und ihnen nur Liebe und Freundſchaft zeigt, während man doch Gott dankt, wenn ſie endlich gehen, und nicht mehr die ſüße Ruhe ſtören! Iſt es denn wahr, Paulo, daß die Menſchen ſo falſch ſind mit einander, und daß man in der Welt niemals ſo ſprechen daf, wie man denkt? Es iſt leider wahr, Natalie, ſagte Paulo mit einem ſchwermthigen Lächeln. So laß mich niemals dieſe Welt kennendernen, rief das junge Mädchen, indem ſie ſich angſtvoll an Paulo's Arm lehnte. Laß mich immer hier in unſerer Einſamkeit, welche nur gute Menſchen mit uns theilen dürfen. Denn Marianne iſt gut, und Cecil, Dein Diener iſt es auch, und Carlo, oh Carlo würde für mich ſein Leben hingeben. Der iſt nicht falſch, wie die andern Menſchen ſind, dem darfichvertrauen! Meinſt Du? fragte Paulo, ihr tief in die Augen ſehend, und ſie forſchend betrachtend. Sie ertrug ſeinen Blick mit einem unbefangenen, heitern Lächeln, und nickte ihm ſchalkhaft zu. Gewiß willſt Du mi wieder malen, ſagte ſie, und deshalb blickſt Du mich o ernſthaft an. Nein, Paulo, ich werde Dir nicht wieder ſitzen, Du malſt mich viel zu ſchön, Du machſt einen Engel aus mir, und ich bin doch nur ein armes Ding, das von Deiner Gnade lebt und nicht einmal ſeinen Namen kennt. Die Engel haben niemals einen Namen, ſie ſind eben Engel, rief Paulo, und deshalb brauchſt auch Du keinen Namen weiter. Wie es einen Engel Gabriel giebt, ſo giebt's auch einen Engel Natalie. Spötter, ſagte ſie lachend, weibliche Engel giebt es gar nicht. Aber nun komm, ſetze Dich! Da liegt noch meine Cither, ich will Dir ein Lied ſingen, zu welchem mir Carlo geſtern die Melodie gebracht. Und die Worte? fragte Paulo, Nun die Worte, die müſſen ja im Singen kommen, ſie heißen heute ſo, und morgen ſo! Wer kann das wiſſen, was Dir in dieſer Stunde im Herzen glüht, und was Du in jener empfinden magſt, und was auf Deine Lippen tritt in Worten, die Du ſelbſt nicht kannteſt, und die von Deinen Lippen ſtrömen ganz wieder Deinen Willen, unbewußt! Du biſt meine holde Dichterin, mein Sappho, rief Paulo, ihre Hände küſſend. Ach ich wollte, Du ſprächeſt wahr, ſagte ſie mit leuchtenden Blicken und höher gerötheten Wangen. Laß mich eine Dichterin werden, wie Sappho, und ich will mich freudig wie ſie vom elſen hinunterſtürzen in das Meer. Oh, es giebt noch Dichterinnen! Carlo hat es mir erzählt. Ganz Rom huldigt jetzt der großen Dichterin Corilla! Die möchte ich kennen, Paulo, nur um ſie anzubeten, um ſie zu ſehen in ihrer Pracht und ihrer Schönheit! Wenn Du es wünſcheſt, ſo ſollſt Du ſie ſehen, ſagte Paulo. Ach, ich werde ſie ſehen! jauchzte Natalie, und wie, um ihrer innern Freude einen Ausweg zu geben, griff ſie in die Saiten ihrer Cither, und ließ in hellen Tönen eine Jubelmelodie erklingen. Dann begann ſie zu ſingen, anfangs mit einzelnen, abgebrochenen Ausrufungen und Worten, die immer mächtiger anſchwollen, immer be⸗ geiſterter und ſeliger wurden, und endlich zu einer Dithyrambe ſich ſteigerten. Es war ein Jubellied der Frende, ein Seufzer des Glückes und der Unſchuld, und ſie ſang von Gott und von den Sternen, von Lie⸗ besglück und Wieberſehen, von Blüthenduft und Win⸗ desfächeln, und in unbewußtem Ahnungsgefühl ſang ſie vom Leid der Liebe und von Entſagungsſchmerzen! Die ganze Natur ſchien ihrem Wonneliede zu lau⸗ ſchen, kein Blättchen regte ſich, in leiſem Murmeln plãt⸗ ſcherten die Wellen des Baſſins, an welchem ſie ſaßen, au's Ufer hin, und nur zuweilen flötete eine Nachtigall Wüttbach, Tartaroff 1I. 2 . 4 ihre klagende Melodie hinein in dieſe Jubelhymne. Die Sonne war tiefer hinabgeſunken und ſäumte den Hori⸗ zont mit fliegenden Purpurwolken. Natalie hielt plötz⸗ lich inne in ihrem Liede und deutete mit ihren roſigen Fingern auf den Himmel hin. Wie ſchön iſt das, Paulo! ſagte ſie leiſe. Er aber ſah nichts, als ihr Angeſicht, das von den Abendgluthen verklärt ward. Wie ſchön biſt Du, flüſterte er kiſe⸗ und drückte ihr Haupt an ſeine Bruſt. 8 Dann ſchwiegen Beide, und ſchauten, in ſüße Träume verloren, auf die herrliche Landſchaſt, die ſie umgab, und die wie in einem Schweigen der Andacht den letz⸗ ten Scheidegrüßen der Sonnengöttin zu lauſchen ſchien.* Plötzlich flatterte ein Singvogel herbei, und ſetzte ſich in das Myrthengebüſch, unter welchem Natalie mit ihrem Freunde ruhte. Da begann er zu flöten und zu ſingen, bald in klagenden, bald in Jubeltönen, bald zärtlich weich, bald fröhlich ſchmetternd, und der Nacht⸗ wind, der ſich jetzt erhob, rauſchte in den Cypreſſen⸗ und Olivenbäumen, daß ſie mit Orgeltönen darein brauſ'ten. Natalie ſchmiegte ſich dichter an ihres Freundes Seite. Ich möchte jetzt ſterben, ſagte ſie.. Schon ſterben, flüſterte er, ſterben, noch ehe Du ge⸗ lebt haſt, Natalie? Dann ſchwiegen ſie wieder, und der Wind rauſchte — 23—½ ein Genius iſt in Deinem Dienſt und belauſcht jedben Deiner Wünſche, um ihn ſchnell zu erfüllen. Der Brief hier enthält eine Einladung des Cardinals. Er giebt morgen ein großes Feſt und bittet, daß ich Dich zu dem⸗ ſelben hinführe. Die Improviſatrice Corilla wird auch dort ſein. Oh, ich werde ſie alſo ſehen, rief das junge Mäd⸗ chen glühend. Ich werde endlich eine Dichterin ſehen. Denn nicht wahr, Paulo, wir gehen zu dieſem Feſte? Der Graf blickte nachdenklich zur Erde und ſeine Hand faßte unwillkürlich nach dem Brief in ſeinem Buſen. Ein Ausdruck tiefer Beſorgniß und angſtvollen Schreckens malte ſich in ſeinen Zügen und Cecil ſchien die Gedanken ſeines Herrn zu errathen, denn auch ſein Geſicht war ſorgenvoll, und tiefe Seufzer entrangen ſich ſeiner Bruſt.— Natalie gewahrte von dem Allem nichts. Sie war nur ganz erfüllt von dem Gedanken, Corilla zu ſehen, dieſe große Improviſatrice, von welcher ihr Carlo, Na⸗ talien's Geſanglehrer, ſo viel erzählt, und deren Ruhm man auf allen Gaſſen Rom's von Kindern und von Greiſen vernehmen konnte. Nicht wahr, Paulo, wir gehen zu dieſem Feſte? wie⸗ derholte ſie ihre Frage, als der Graf noch immer ſchwieg. Er naffte ſich gewaltſam aus ſeinem Sinnen empor. ———— 24— Ja, wir gehen zu dieſem Feſte, ſagte er. Es iſt Zeit, daß meine ſchöne Natalie eingeführt werde in die Kreiſe der römiſchen Großen, und ſich Freunde erwerbe unter den einflußreichen Männern dieſer Stadt, damit ſie über Dir wachen und Dich beſchützen, wenn ich es vielleicht nicht mehr kann. Du willſt mich alſo verlaſſen, ſchrie das junge Mäd⸗ cheu erbleichend, und klammerte ſich angſtvoll an den Arm des Grafen an. Nein, Paulo, das darfſt Du nicht! Willſt Du von mir gehen, weil ich, ein närriſches Kind, nach dieſem Feſte Verlangen trug, und unſere ſchöne liebe Einſamkeit mir nicht mehr genügte? Das war ein Unrecht von mir, Paulo, ich ſehe es wohl, und mich verlangt es nicht mehr nach dem Feſte und nach der Dichterin. Oh, wir wollen uns hier in unſerm Para⸗ dieſe andere Feſte bereiten. Du haſt mich oft eine Dich⸗ terin genannt, nun will ich's glauben, daß ich's bin, und gar nicht mehr verlangen, eine andere Dichterin zu ſehen. Ich will mir ſelbſt genug ſein Komm, komm, ich ſinge Dir gleich ein Lied, ein Feſtlied, mein Freund. Und Natalie griff nach ihrer Cither und ſchlug in die Saiten mit fröhlichem Jauchzen— aber Graf Paulo legte leiſe ſeine Hand auf dieſe Saiten, daß ſie ver⸗ ſtummten, und Nalalien's zarte Fingerſpitzen an ſeine Lippen ziehend, ſagte er mit leiſem Kopfſchütteln: Jetzt nicht, meine holde Dichterin, ich bin's nicht würdig, Dich zu hören. 2 Und es iſt ſpät, fügte Cecil hinzu, gleichſam um ſeinem Herrn zu Hülfe zu kommen. Der Graf ſtand auf. Ja, Du haſt Recht, es iſt ſpät, ſagte er, und ich darf unſere Natalie nicht länger ihrem Nachtſchlummer entziehen. Komm, mein ſüßes Kind, Du mußt zur Ruhe gehen, Du mußt ſchlafen, damit morgen zu dieſem Feſte Dein Antlitz in blühendſter Friſche ſtrahle. Natalie antwortete nichts, ſie ſeufzte leiſe und nahm willenlos, wie ein Kind, des Grafen dargereichten Arm. Cecil, mit dem Windlichte in der Hand, ſchritt ihnen leuchtend voran. So gingen ſie die Allee hinauf, die zu der Villa führte, alle Drei ſchweigend, gedankenvoll. Auch der Garten hatte ſich verfinſtert, eine ſchwarze Wolke bedeckte den Mond und Grabesnacht umhüllte plötzlich Natalien's Zaubergarten. Ein kalter Schauer durchrieſelte ihre zarte Geſtalt. Mir wird ſo angſt, flüſterte ſie, indem ſie ſich dich⸗ ter an des Grafen Seite ſchmiegte. Armes Kind! ſagte der Graf leiſe. Jetzt ſchon fürch⸗ teſt Du, und was denn? Wenn nun die Mauer einſtürzte und die Welt und die böſen Menſchen in unſern Garten eindrängen! Ach, durch die ganze Welt, ſagt Marianne, ſchleicht das Un⸗ glück bahin, und lauert, wo es Jemand finde, der ſich recht ſicher wähnt, den überfällt es, und tödtet ſein Glück und macht ihn ganz elend; und die Menſchen, . .— die lachen dann dazu, und freuen ſich, daß wieder ein⸗ mal ein Glücklicher bethört worden. Ach, und ich bin ſo ſicher geweſen in meinem Glück! Wenn nun das Un⸗ glück auch käme, mich zu erwürgen, wenn dieſe Mauern lange noch nicht hoch genug wären, um es fern zu hal⸗ ten. Ach Paulo, ſchütze mich doch vor dem Unglück! Sie waren eben bis zu der Thür der Villa gelangt. Paulo drückte das zitternde junge Mädchen mit väterlicher Zärtlichkeit an ſeine Bruſt, und leicht mit ſeinen Lippen ihre Stirn berührend, ſagte er: Gute Nacht, Du Liebe. Schlafe ſanft und ſorge nicht. So lange ich lebe, ſoll das Unglück Dir nicht nahen dürfen. Darauf vertraue feſt! So ſprechend ſchob er ſie mit leiſer Gewalt in das Haus, wo Marianne ihrer harrte, um ſie mit demüthi⸗ ger Unterwürfigkeit in ihre Gemächer zu geleiten. Natalie folgte ihr ſchweigend, aber ehe ſie in ihr Zimmer trat, wandte ſie ſich noch einmal um und drückte ihre Finger an ihre Lippen, und warf Küſſe in die Luft nach dem Freunde hin. Gute Nacht, Paulo! Gute Nacht, Natalie! Die Thür ſchloß ſich hinter ihr, und ſofort verſchwand das Lächeln von Paulo's Lippen. Mit ungeſtümer Haſt winkte er Cecil, ihm zu folgen, und ſchritt eilig den Corridor hinunter, der zu ſeinen Gemächern führte. Als er dort angelangk war, und als Cecil die Thür hinter ihnen Beiden geſchloſſen, warf ſich der Graf mit einem lauten Seufzer in einen Seſſel, während Cecil in ſchweigender Geſchäftigkeit die Wachskerzen anzündete und ſie neben ſeinem Herrn auf den Tiſch ſtellte. Wollen Ew. Gnaden jetzt nicht den andern Brief leſen? fragte er alsdann ſchüchtern, als Graf Paulo noch immer in ſeiner nachdenklichen, ſchweigenden Unbe⸗ weglichkeit verharrte. Oh, dieſer unſelige Briefl rief der Graf zuſammen⸗ ſchreckend. Ich ſage Dir, Cecil, ich fühle, daß er ein Unglück enthält. Er hat mit bleierner Schwere wie ein Alpdrücken auf meiner Bruſt gelegen, und doch fühlte ich nicht die Kraft in mir, ihn hervorzuziehen und ihn in Natalien's Gegenwart zu leſen. Das war gewiß auch gut, ſagte Cecil, und deshalb ſagte ich es Euch zuvor, daß es ein Brief aus Rußland ſei, damit Ihr beſonnen wäret. Jetzt aber, Herr Graf, jetzt ſind wir allein, jetzt leſ't dieſen Brief! Ja, hinweg mit dieſer kinbiſchen Furcht! rief der Graf entſchloſſen. Ich will ein Mann ſein, Cecil, und was dieſer Brief auch enthalten mag, ich will es tragen und bekämpfen, wie ein Mann! Und den Brief hervorziehend, erbrach er ihn mit zitternden Händen und ſchleuderte das Couvert weit hin⸗ ein in das Zimmer. Dann entfaltete er den Brief und las. Hinter ihm ſtand Cecil in geſpannter Erwartung, unwillkürlich zitternd. Der Brief entſank ſeinen Händen, Todesbläſſe be⸗ — 28— deckte des Grafen Geſicht, über welches ein Ausdruck unendlicher Verzweiflung ſich ausbreitete. Oh, meine Ahnung! ſeufzte er leiſe. Sie iſt alſo eingetroffen? fragte Cecil angſtvoll. Ja, ſie iſt eingetroffen! Meine Güter ſind ſegueſtrirt, man verweigert mir die geforderte Ueberſendung meiner Gelder, man befiehlt mir, bei Androhung der äußerſten Mittel ungeſäumt nach Rußland zurückzukehren, da mein Paß abgelaufen und die Friſt zu Ende ſei! Und Ihr ſeid verloren, Herr, wenn Ihr dieſem Be⸗ fehle nicht folgt! rief Cecil. Und Natalie? fragte der Graf vorwurfsvoll. Darf ich, kann ich ſie verlaſſen? Sie iſt ohne Euch vielleicht ſicherer, als mit Euch! Noch mag man ſie nicht beargwohnen, und nicht ahnen, wer ſie iſt. Möglich, daß es wirklich nur iſt, weil die Friſt, die man Euch zu einer Reiſe in's Ausland gege⸗ ben, abgelaufen, weil das Geſetz erheiſcht, daß jeder Unterthan Rußland's von vier Jahren zu vier Jahren in die Heimath zurückkehre! Eilt daher, Herr Graf, dieſe harte Pflicht zu erfüllen! Gebt Euch den Anſchein, zu glauben, daß Eure Zurückberufung keinen andern Grund habe, als nur dieſen, Euren Paß verlängern zu müſſen, und der Kaiſerin Eure Huldigungen darzubringen! Zeigt Euch ganz harmlos und unbefangen, und Alles mag noch gut und glücklich werden! Nein, ſagte der Graf düſter, nichts wird mehr gut werden! In klaren und deutlichen Zügen ſteht die ganze Zukunft vor mir, eine Zukunft voll Entſetzen und Schmach! Oh mein Gott, wär's da nicht beſſer, nur dieſer Zukunft zu entfliehen, und ſich in irgend einem ſtillen Thal ein verſchwiegenes Plätzchen zu ſuchen, wo vielleicht das Unglück uns nicht erreicht und das Ver⸗ derben uns nicht zu finden vermag? Wie? fragte Cecil vorwurfsvoll, iſt das wirkich Graf Paulo, der ſo ſpricht? Iſt das mein Zögling, den ich gelehrt, dem Unglück zu trotzen und über dem Mißge⸗ ſchick dazuſtehen mit muthigem Selbſtvertrauen? Iſt das der Sohn meines Herzens, um den ich Alles hin⸗ gegeben, Alles verlaſſen habe, dem ich mein Vaterland, meine Freiheit, meine Unabhängigkeit geopfert, den ich lieben werde bis zum letzten Hauche meines Lebens? Paulo, ermanne Dich, mein Sohn! Du haſt ein großes Ziel Dir vorgeſteckt, nur auf dornenvollen, geführlichen Wegen war es zu erreichen; willſt Du jetzt am erſten Kreuzwege ſchon ſtill ſtehen, und umkehren auf Deinem Pfade, ſtatt mit dem Schwerdte in der Hand vorwärts zu ſchreiten, und zu kämpfen? Nein, nein, ich kenne Dich beſſer, mein Sohn, dieſes augenblickliche Zagen, es wird vorübergehen, und Du wirſt wieder ſtark ſein und groß, freudig zum Kampfe, muthig zum Siege! Graf Paulo reichte ihm mit einem matten Lächeln die Hand dar. Du weißt nicht, mein Freund, wie groß dieſes Opfer iſt, welches Du von mir forderſt, S —5 ſagte er leiſe. Ich ſoll Natalie verlaſſen, ich ſoll ſie nicht mehr ſehen, nicht mehr Troſt ſchöpfen aus ihren Blicken, nicht mehr Hoffnung aus ihrem liebreizenden Lächeln. Oh mein Gott, Cecil, Du ahnſt alſo nicht, was Natalie —mir iſt, Du weißt nicht, daß ich ſie— Ich weiß, unterbrach ihn Cecil feierlich, ich weiß, daß Du auf das heilige Buch geſchworen, ſie mit Deinem Leben zu behüten vor jeder Kränkung, ich weiß, daß Du geſchworen, nicht eher zu raſten noch zu ruhen, als bis Du ſie eingeſetzt in ihre ererbten Rechte, und daß bis dahin ſie Dir heilig ſein ſoll, heilig wie eine Schweſter, heilig, wie eine Tochter, deren Ehre Du als Vater beſchützen und vertheidigen willſt gegen jeden Frevel, gegen jeden fündigen Gedanken ſogar. Das haſt Du geſchworen, und ich weiß, doß Du Dein Wort heilig halten und Deinen Schwur nicht brechen willſt! Graf Paulo ſenkte das Haupt auf ſeine Bruſt und ſeufzte tief. Ich werde ſie alſo verlaſſen müſſen! ſagte er. Ihr eigenes Wohl erheiſcht es! Aber wovon ſoll ſie leben, während wir fort ſind? Unſer Geld geht zu Ende! Mein Gott, wir hatten ſo ſicher auf die Geldſendung von meinen Gütern gerech⸗ net, und jetzt iſt dieſe ausgeblieben! Wir werden den koſtbaren Brillantſchmuck ver⸗ kaufen, welchen Du Natalien zu ihrem ſiebenzehnten Ge⸗ burtstage beſtimmt hatteſt. 6 31— Ach, ſeufzte der Graf, Du weißt für alle Hinderniſſe ein Auskunftsmittel. Ich werde alſo reiſen müſſen! Und ich begleite Dich, ſagte Cecil. Ich werde, wenn es ſein muß, mindeſtens für Dich ſterben können! Man wird uns alle Drei tödten, ſagte der Graf. Glaube mir, die Dolche, welche uns treffen ſollen, ſie wer⸗ den ſchon geſchärft. Glaube mir auch, Cecil, daß ich nicht zittere vor dem Sterben. Aber mir bangt für Natalien! Ach mir iſt, als ſehe ich ihre Mörder ſchon heran⸗ ſchleichen, ſie zu packen mit ihren blutdürſtigen Händen! Und ich werde nicht da ſein, um ſie zu beſchützen!— Während Graf Paulo mit ahnungsvoller Seele alſo ſprach, ſtanden ſie noch unten an der Mauer, dieſe bei⸗ den geheimnißvollen Männer, welche vorhin in ſo dro⸗ hender Weiſe Natalie mit ihrem Freunde belauſchten und beobachteten. Der Eine hielt noch immer den Dolch in der Hand, und während ſein Begleiter ſich gelaſſen auf den Boden gelagert hatte, ging er unruhig neben ihm auf und ab. Du thateſt Unrecht, mich zu hindern, Beppo! ſagte er unwillig. Es wäre das Beſte geweſen, es mit einem Male abzumachen. Die Gelegenheit konnte nicht gün⸗ ſtiger kommen. Der einſame Garten, die nächtliche Stille und Dunkelheit. Ach, mit einem Stoß wär's abgethan geweſen! Nun, und wenn der Herr, welcher neben ihr ſaß, Dich nun gepackt hätte, ehe der Stoß geſchah? Wie dann? fragte der Andere. Du biſt noch ein großer Stümper und Anfänger, Freund Giuſeppo. Dir fehlt noch die Beſonnenheit, der ruhige Blick, die ſichere Hand! Du läßt Dich immer gleich hinreißen, das iſt unkünſtleriſch, und ſogar gefährlich! Wir waren heute nur auf Kundſchaft ausgegangen, wir wollten die Sig⸗ nora heute nur ſehen und beobachten, weißt Du, um vielleicht eine Gelegenheit zu belauern! Aber in dieſem Garten ſie zu überfallen, das wäre eine Dummheit ge⸗ weſen, denn da hatten wir die Dienerſchaft und die Hunde gegen uns, und es iſt der erſte Grundſatz un⸗ ſeres Gewerbes: bringe Andern Shhrt aber niemals Dir ſelber!— Weshalb find wir alſo tberhanpt hergegangen? ſchrie Ginſeppo heftig. Um ſie zu ſehen und kennen zu lernen, damit wir ſie, wenn die rechte Stunde gekommen, wiedererkennen! Und die Stunde wird kommen, dafür ſtehe ich! Sagte uns die Signora nicht, dieſe Dame werde wahrſcheinlich zum Feſte des Herrn Cardinals Bernis kommen? Sie ſagte es! Nun, und juſt deshalb gingen wir ja her, um uns dieſe Dame vorher einmal anzuſchauen! Sie iſt ſehr ſchön, und ein recht reſpektables Geſchäft, Giuſeppo! Ich freue mich ſehr auf dieſes Feſt beim franzöſiſchen Cardinal. Es wird da allerhand Arbeit geben, denke ich! III. Der diplomatiſche Jantſiſch. In dem Palaſte des franzöſiſchen Geſandten zu Rom, des Cardinal Bernis, herrſchte heute ein ungewöhnliches Treiben. Vom Küchenjungen bis zum Haushofmeiſter war Alles in der lebhafteſten Bewegung, in der leiden⸗ ſchaftlichſten Thätigkeit. Denn der Herr Cardinal hatte an dieſem Morgen, während er ſeine Chocolade ſchlürfte, ſeinen Haushofmeiſter rufen laſſen, und ganz ſeiner ſon⸗ ſtigen Jovialität entgegen, hatte er mit ſehr feierlichem Ernſte zu ihm geſagt: Signor Brunelli, ich lege heute ein ſehr wichtiges, ein ſehr erfolgreiches Geſchäft in Ihre Hand, indem ich Sie beauftrage, dieſes Feſt, welches wir in drei Tagen dem Erzherzoge Ferdinand zu Ehren geben werden, ſo glänzend als möglich einzurichten. Nichts darf dabei fehlen, nichts darf daran geſpart wer⸗ den, der üppigſte Reichthum, die geſchmackvollſte Aus⸗ ſchmückung, die verſchwenderiſchſte Pracht muß dabei vor⸗ walten. Denn dieſes Feſt muß nicht allein in Rom, ſondern in ganz Europa von ſich reden machen, es muß das Geſpräch aller Höfe, und vor allen Dingen die Verzweifelung aller hieſigen Hofhaltungen der Geſandt⸗ ſchaften werden! Es ſind ſehr wichtige, diplomatiſche Gründe, welche mich dazu heſtimmen. Ganz Europa Mühlbach, Tartaroff II. 3 3 ſoll es ſehen, wie Frankreich dem Kaiſerreiche Oeſterreich huldigt, und in welchem glücklichen Einverſtändniß die beiden Höfe mit einander ſind. Deshalb, Signor Brunelli, ſtrengen Sie Ihren erfinderiſchen Kopf an, daß er diesmal das Ausgezeichnetſte, das Vorzüglichſte erſinne, denn es muß ein Feſt ſein, wie noch keines da⸗ geweſen! Das erwarte ich, das fordere ich von Ihnen, und wenn Sie meinen Forderungen genügen, wird es mir eine Freude ſein, Ihren Eifer durch ein Geſchenk von hundert Zechinen zu belohnen! So hatte der Herr Cardinal in feierlicher Würde geſprochen, während er ſeine Chokolade ſchlürfte, und Signor Brunelli hatte mit einem feierlichen Eide ſich anheiſchig gemacht, die Befehle ſeines Herrn pünktlich zu erfüllen und dem erſtaunten Rom ein Feſt zu be⸗ reiten, wie noch keines dageweſen in den Annalen der Weltgeſchichte und Diplomatie. Dann war Herr Brunelli ſtolzen Schrittes und flammenden Auges in ſein Arbeitskabinet gegangen, und ſich in demſelben einſchließend, hatte er mehrere Stun⸗ den lang ſich ernſten Betrachtungen und tiefſinnigen Ge⸗ danken und Plänen überlaſſen. Signor Brunelli war in der That ein ſehr gewandter, erfinderiſcher Kopf, und der Cardinal Bernis hatte vollkommen Recht, ſeinem Haushofmeiſter zu vertrauen, und ihm die Anordnung dieſes Feſtes zu übertragen. 9 Er hatte ſich jetzt mit, dem ſcharfen Blick eines Feld⸗ —————— — herrn ſeinen Schlachtplan entworfen, und fühlte ſich ſeines Sieges und ſeiner Triumphe ganz ſicher und gewiß.— Er klingelte daher ſeinem Kammerdiener und befahl, den Küchenmeiſter in das Kabinet des Haushofmeiſters zu rufen. Dann legte er ſich in nachläſſiger Vornehm⸗ heit auf den Divan, und begann eine Taſſe Kaffee zu ſchlürfen, ganz genau mit der vornehmen Haltung, wie er es von Sr. Excellenz, dem Herrn Cardinal, geſehen. Signor Gianettino, ſagte er zu dem eintretenden Küchenmeiſter, ich beabſichtige, Sie heute mit einem ſehr wichtigen und bedeutungsreichen Geſchäfte zu beehren. Ich will übermorgen ein Feſt geben, welches an Glanz und Pracht Alles übertreffen ſoll, was man bis jetzt geſehen. Sie wiſſen, die Haushofmeiſter der übrigen diplomatiſchen Hofhaltungen ſind ſeit jeher meine Feinde und unverſöhnlichen Neider geweſen, denn ſie können es mir einmal nicht verzeihen, daß ich mehr Erfindungs⸗ gabe und mehr Geſchmack habe, wie ſie Alle! Wir müſſen dieſe Haushofmeiſter zur Verzweiflung bringen, und ſie ſollen zähneknirſchend geſtehen müſſen, daß ich in allen Dingen ihr Herr und Meiſter bin. Sie aber müſſen mir zu dieſem großen Werk behülflich ſein, in Ihren Händen, Signor Gianettino, liegt ein Theil meiner Triumphe und meiner Lorbeern! Denn was hilf es mir, wenn die Arrangements und die Desora⸗ tionen, wenn“ die ganze Ausſtattung vortrefflich iſt, aber in dem Einen, in dem höchſten und erhabenſten Theile eines Feſtes, in den Speiſen, iſt ein Mangel fühlbar. Die Speiſen, mein Herr, die wohlgeordnete Tafel, das iſt der Kern und das Allerheiligſte jedes Feſtes, und wenn dabei auch nur der kleinſte Fehler ge⸗ ſchehen, ſo iſt das Ganze profanirt und entweiht, und man muß es mit einem Trauerſchleier bedecken. Be⸗ herzigen Sie meine Worte, Signor, laſſen Sie uns eine Tafel haben, bedeckt mit Speiſen, deten bloßer Ge⸗ ruch ſchon die Naſe des erſten Feinſchmeckers und Gour⸗ mands in ein entzücktes Staunen verſetzt, und deren ſinnige Anordnung das poetiſchſte Gemüth mit Freude erfüllt! Das erwarte ich von Ihnen, und wenn es Ihnen gelingt, meinen Forderungen zu genügen, bin ich gern bereit, Ihnen dafür eine Extrabelohnung von funfzig Flaſchen unſers beſten franzöſiſchen Weines zuzuſichern! Signor Gianettino dankte mit einem feinen und ſinnigen Lächeln und begab ſich ernſten majeſtätiſchen Schrittes in ſein Bondvir, wo man ihn lange in tief⸗ ſinnigen Gedanken mit gerunzelter Stirn auf und ab wandeln ſah. Dann trat er zu ſeinem Schreibtiſch und entwarf mit haſtigen Zügen den Plan zu dieſem groß⸗ artigen Mahl, anfangs langſam und bedächtig, dann immer feuriger und begeiſterter, hingeriſſen von der Größe des Augenblicks, begeiſtert von der Wichtigkeit ſeiner Sendung und ſeines Berufes! Dann legte er die Feder nieder und ließ ſich, er⸗ — 37— ſchöpft von ſo viel Anſtrengung, ſanft in den Divan gleiten, indem er zugleich an der Klingel zog, und ſeinem eintretenden Diener befahl, ihm ſein Dejeuner zu brin⸗ gen und alsdann die ſämmtlichen Herren Köche und Küchenjungen in ſein Cabinet zu beſcheiden. Nun ſtreckte er ſich mit vornehmer Grazie, wie er es von dem Herrn Haushofmeiſter geſehen, auf dem Divan aus, und ſchlürfte in gedankenvollem Ernſte die⸗ ſes Gläschen Malvaſier, das ihm der Diener nebſt eini⸗ gen Paſteten und ſeltenen Entremets aufgetiſcht hatte. Und ſie kamen, die Herren Köche und Küchenjungen, ſie kamen in ihren weißen Jacken, mit ihren weißen Schürzen und den ſpitzen weißen Mützen. Sie kamen in feierlichem Schweigen, ganz durchdrungen von der Bedeutſamkeit dieſes Momentes. Signori, ſagte der Küchenmeiſter feierlich, es iſt ein ſchönes, ein erhabenes Geſchäft, zu dem ich Sie heute hier verſammelt habe. Es gilt den Ruhm, welchen wir ſo vielfach uns erworben, die Siege, welche wir ſo vielfach über die andern diplomatiſchen Hofhaltungen erfochten, anf's Neue zu bekräftigen, und auf's Neue uns Lorbeern zu erkämpfen in dieſem heiligen Reiche unſerer Kunſt! Ich beabſichtige morgen ein glänzendes Feſtmahl zu veranſtalten, und dazu bedarf ich Ihter Hülfe und Ihres Beiſtandes, meine Herren! Denn was nützt einem Feldherrn der vortrefflichſte Schlachtplan, wenn es ſeinen Truppen an Tapferkeit und Geſchicklich⸗ keit fehlt, des Feldherrn Pläne auszuführen! Meine Herren, ich zweifele nicht an Ihrem Muth und Ihrer Tapferkeit! Sie werden mir das beweiſen, Sie werden mpfen um des Ruhmes willen, den wir bis dahin unangefochten bewahrt, um dieſes Ruhmes willen, den die franzöſiſche Küche ſeit Jahrhunderten ſich erobert hat, und den ſie tren bewahren muß bis an das Ende aller Dinge! Sie werden mir beiſtehen, meine Herren, in dem ruhmwürdigen Beſtreben, Frankreich auf's Neue zu verherrlichen, indem wir dieſem kleinen öſterreichiſchen Prinzen und dieſen Herren Diplomaten zeigen, was die franzöſiſche Kochkunſt für Wunderdinge und Entzückungen zu ſchaffen vermag. Der Plan iſt entworfen, jetzt kommt es darauf an, ihn auszuführen, und wenn uns dieſes große Werk gelingt, dann, meine Herren, ſein Sie meiner ewigen Dankbarkeit gewiß, meiner Dankbarkeit, die ich Ihnen da⸗ durch beweiſen werde, daß ich alle Ueberreſte unſers Diners Ihnen überlaſſe zu freier Verfügung und zu ungehindertem Verbrauch! Hier iſt der Plan, eilen Sie an's Werk, ich habe für jede Abtheilung die Speiſen, die ich ihr auvertraue, beſtimmt. Eilen Sie alſo! Ich aber werde heute ausnahmsweiſe ſelber auf den Markt gehen und einkaufen. An einem ſo bedeutungsreichen Tage muß auch der Hochgeſtellteſte ſich der Arbeit nicht entziehen und der treuen Erfüllung ſeiner Pflicht! Ich gehe alſo, und ſechs der Herren Küchenjungen mögen mir mit ihren Körben nachfolgen. —— So ſprechend, ſetzte der Küchenmeiſter, Signor Gia⸗ nettino, ſeinen Hut auf, und nahm ſeinen mit einem goldenen Knopf verzierten Rohrſtock, um ſich auf den Markt zu begeben. Sechs Küchenjungen, mit großen Kör⸗ ben bewaffnet, folgten ihm in demüthiger Entfernung. Auf dem großen Gemüſe⸗ und Fiſchmarkt zu Rom war heute ein ungewöhnliches, ein außerordentliches Le⸗ ben und Treiben. Da war ein Gewühl und Lärmen, ein Toben und Hin⸗ und Wiederſchreien, ein Jauchzen und Lachen, wie man es lange nicht gehört. Das machte, die ganze Diplomatie war ſeit einigen Tagen in Bewegung, überall bereitete man Feſte zu Ehren dieſes hohen Gaſtes, des Erzherzogs Ferdinand, der nach Rom gekommen war, um die koſtbarſten Wunder und Schätze der heiligen Stadt in Angenſchein zu neh⸗ men, und der vor lauter Feſten und Banketten, die man ihm veranſtaltete, kaum Zeit und Muße finden konnte. Aber für die Kaufleute und Händler, für die Landleute aus der Nähe Roms war dieſe Anweſenheit des öſterreichi⸗ ſchen Prinzen ein herrliches Ereigniß, denn dieſe Feſte, ſie brachten Geld unter das Volk, und die Händler und die ehrlichen Landleute durften ungeſcheut ihre Preiſe erhöhen, ſie waren dennoch gewiß, ihre Waare abzu⸗ ſetzen. In geſchäftiger Eile ſah man die Köche und Bedienten der Diplomaten und Cardinäle hin und wie⸗ dergehen, überall das Beſte auswählend, überall kau⸗ fend und handelnd, und dingend und feilſchend. — Aber an einer Stelle des Marktes war heute ein beſonderes Leben, eine beſondere Geſchäftigkeit, und da⸗ hin begab ſich jetzt Signor Gianettino. Er hatte unter den dort Verſammelten den Koch des ſpaniſchen Ge⸗ ſandten, des Herzogs von Grimaldi, zu bemerken ge⸗ glaubt, und da dieſer Koch einer ſeiner erbittertſten Feinde und Gegner war, beſchloß Signor Gianettino ihn zu beobachten und wo möglich ihm einen Streich zu ſpielen. Er miſchte ſich daher ſehr vorſichtig in das Menſchengewühl und gab ſeinen ſechs Küchenjungen ein Zeichen, ferne zu bleiben und ihm jetzt nicht zu folgen. Es war allerdings eine ſehr wichtige Angelegenheit, welche den ſpaniſchen Koch, Don Bempo, eben beſchäf⸗ tigte, denn es betraf den Kauf eines Fiſches, welchen ein Landmann zur Stadt gebracht, und der von ſo un⸗ geheurer Größe und Schwere, wie man niemals ſeines Gleichen geſehen. Es war das merkwürdigſte Exemplar, welches jemals den berühmten römiſchen Fiſchmarkt verherrlicht hatte, und die älteſten Leute ſchwuren, daß nie etwas Aehnliches gezeigt oder zum Kaufe ausge⸗ ſtellt worden. Aber der glückliche Fiſcher kannte ganz die hohe n Fiſches, und in übermüthigem Stolze forderte er zwaüzig Zechinen für denſelben. Das war es, was Don Bempo tiefſinnig und verbroſſen machte Zwarzig Zechinen für einen einzigen Fiſch, und der Haushofmeiſter des ſpaniſchen Geſandten hatte ihm doch die dringendſte Sparſamkeit anempfohlen; aber er ————— ——₰ hatte es ihm freilich zur Pflicht gemacht, alles ſo glän⸗ zend wie möglich einzurichten zu dieſem Feſte, das der Herzog von Grimaldi übermorgen dem Erzherzog Fer⸗ dinand gab, ja er hatte ihm mit einem ſtillen Angſt⸗ ſeufzer befohlen, wo möglich das morgende Feſt des Cardinals Bernis zu überflügeln, und noch ſeltenere, noch koſtbarere Speiſen aufzuſetzen, als der franzöſiſche Koch. Das war es, was Don Bempo jetzt überlegte, und was ihn wankend machte in dem Vorſatz, dieſen theu⸗ ren Fiſch nicht zu kaufen. Es exiſtirte nur dieſer einzige Rieſenfiſch auf dieſem Markte, und wenn er ihn kaufte, ſo konnte natürlich Signor Gianettino, ſein Feind, ihn nicht beſitzen, und der Triumph des Tages gebührte dann der ſpaniſchen Geſandtſchaft, und Don Bempo hatte den Sieg errun⸗ gen. Das war freilich ein ſehr lockendes Ziel, aber— zwanzig Zechinen blieb freilich auch immer ein enormer Preis und gar nicht verträglich mit der anempfohlenen Sparſamkeit! Er durfte es keinenfalls wagen, dieſen Fiſch zu kau⸗ fen, ohne vorher den Haushofmeiſter des Herzogs um Rath gefragt zu haben. Ihr wollt alſo dieſen Fiſch nich für zwölf Zechinen laſſen? fragte Don Bempo, eben als Gianettino unbe⸗ merkt in ſeine Nähe gelangte. Bedenkt, Mann, zwölf Zechinen, das iſt ein ganzes Vermögen, das iſt eine fürſtliche Bezahlung! Der Fiſcher ſchüttelte verächtlich den Kopf. Für zwölf Zechinen eſſe ich ihn ſelber, ſagte er, und lade meine Freunde, die guten Römer hier, zu Gaſte! Geht nur, geht, erhabener ſpaniſcher Don, kauft Euch Gründ⸗ linge für Eure paar jammervollen Zechinen ein! Ein ſolcher Fiſch iſt Euch zu theuer, Ihr müßt Gründlinge kaufen, Ihr Herren Spanier, Gründlinge, aber keine römiſchen Rieſenfiſche! Bravo! Bravo! lachte das Volk. Gründlinge für die Herren Spanier mit dem leeren Säckel und dem hochnaſigen Angeſichte! Don Bempo erröthete vor Zorn und beleidigtem Stolz. Ich werde ohne alle Frage dieſen Fiſch kaufen, ſagte er, denn nichts iſt meinem Herrn zu theuer, wenn es gilt, die Ehre unſerer Nation aufrecht zu erhalten. Aber Ihr werdet mir ſo viel Zeit gönnen, um heim zu ge⸗ hen und mir von dem Herrn Haushofmeiſter neues Geld zu holen. Verwahrt mir alſo den Fiſch ſo lange, ich kehre gleich zurück und bringe Euch die zwanzig Zechinen dafür! Und mit majeſtätiſchen Schritten machte ſich Don Bempo Bahn durch die Menge, welche lachend bei Seite trat, und laut jubelte: Gründlinge für die Herren Spa⸗ nier! Vivat Don Bempo, welcher zwanzig Zechinen für einen Fiſch bezahlt! Er wird gewiß nicht wieder kommen! ſagte der Fiſcher kopfſchüttelnd, als Don Bempo ſich entfernt hatte. —— Er geht Gründlinge kaufen! rief ein Anderer. Was gilt die Wette, er kommt und kauft den Fiſch! ſchrie ein Dritter. Er kauft ihn nicht! brüllte ein Vierter drein. Die Spanier haben kein Geld! Es ſind arme Teufel! Wer wagt das zu behaupten! kreiſchte ein Anderer, und ſchnell entſpann ſich jetzt eine jener Streitigkeiten, wie ſie bei dem leiſeſten Anſtoß unter den leidenſchaft⸗ lichen Südländern ſchnell entſtehen. Das war ein Ra⸗ ſen und Schreien, ein Schimpfen und Wüthen! Wie iten die Augen, wie ballten ſich die Fäuſte, welche Drohungen erſchallten da! Ruhig, Ihr lieben Freunde, ruhig, ſage ich Euch! rief jetzt der Fiſcher mit ſeiner Stentorſtimme dazwiſchen. Seht, da kommt ein neuer Käufer für meinen Fiſch.. Seid doch ſtill, und laßt doch ſehen, wie viel uns Frank⸗ reich zu bieten vermag! 6 Und der Lärmen verſtummte ſchnell, wie er entſtan⸗ den war, und Alles drängte näher heran, und Alles richtete fragende, neugierige, erwartungsvolle Blicke auf Signor Gianettino, welcher ſoeben ſtolz und gravitätiſch, gefolgt von dem feierlichen Zuge ſeiner ſechs korbbe⸗ waffneten Herren Küchenjungen, einherſchritt. 5 Niemand hatte ihn vorher in dem Gewühle bemerkt, denn man war ganz Auge und Ohr geweſen für Don Bempo, und jeder glaubte daher, daß Gianettino ſo eben erſt den Markt betrete. — —— Auch gab ſich der kluge Küchenmeiſter das Anſehen, als ob ſein Weg ihn nur ganz zufällig hier vorüber⸗ führe, und er gar nicht die Abſicht habe, hier etwas zu kaufen. Plötzlich aber blieb er, wie von Staunen ergriffen, vor dem großen Fiſche ſtehen, und ſchien ihn mit Ver⸗ wunderung und Entzücken zu betrachten. Was für ein ſeltenes und wunderherrliches Thier iſt dieſes! rief er endlich ganz begeiſtert. Wahrlich, ich mußte nach Rom kommen, um ſolch ein Wunder zu ſchauen! Der verſteht es, jubelte das Volk, der hat Ehrfurcht vor den römiſchen Fiſchen! Das iſt kein Knauſer und Knicker! Der wird es nicht wagen, zwölf Zechinen für ein ſolches Mirakel zu bieten! Zwölf Zechinen! rief Gianettino, die Hände fal⸗ tend, wie könnt ihr mich für ſo erbärmlich halten, ſolches Lumpengeld für einen ſo edlen Fiſch zu bieten! Nein wahrlich, es würde eine ſehr freche Stirn dazu gehören, für dieſes köſtliche Thier ſo wenig Geld zu bieten! Hört ihn! Hört! ſchrie das Volk. Das iſt ein Gelehrter! Der verſteht ſich auf Seltenheiten! Vivat! Es lebe der franzöſiſche Koch! Der große ministro della cucina! Giancttino verneigte ſich auf das Anmuthigſte, und fragte dann laut und vernehmlich nach dem Preiſe des Fiſches. Der Fiſcher ſtand da mit gerunzelter Stirn und ſchwermüthigen Blicken. Ich fürchte, es wird wenig nützen, Euch den Preis anzugeben, ſagte er, der Fiſch iſt ſo gut als verkauft! Nennt immerhin den Preis! Zwanzig Zechinen! Zwanzig Zechinen! rief Gianettino mit dem Aus⸗ druck des lebhafteſten Erſtaunens. Ihr ſcherzet, Freund! Wie wäre es möglich, ſolch ein Thier für zwanzig Ze⸗ chinen hinzugeben! Hört ihn! Hört! brüllte die Menge. Der findet das zu wenig! Das iſt ein echter Edelmann! Der will nicht Gründlinge kaufen, wie die Spanier! Im Ernſte, Freund, ſagt mir den Preis des Fiſches! rief Gianettino. Ich habe zwanzig Zechinen dafür gefordert, ſagte der Fiſcher traurig, und er iſt dafür verkauft! Unmöglich! Sonſt läge er nicht hier! rief Gianettino. Oder wie, hat man ihn Euch ſchon bezahlt, und holt jetzt einen Wagen, um den Rieſen fortzuſchaffen? Man hat ihn mir nicht bezahlt! So gab man Euch ein bedeutendes Handgeld? Auch das nicht! Man gab mir nichts darauf! Und Ihr könnt behaupten, dieſen Fiſch verkauft zu haben, rief Gianettino, und noch dazu für das Spott⸗ geld von zwanzig Zechinen! Ach, Ihr ſeid ein Schäker, guter Mann, Ihr wollt mich nur noch lüſterner machen nach dieſem ſeltenen Thier, und deshalb ſagt Ihr, daß er ſchon verkauft ſei! Wie kann aber ein Fiſch, der noch zum Verkauf ausliegt, und für den Niemand Euch ein preiswürdiges Gebot gemacht hat, ſchon verkauft ſein? Und mit gravitätiſchen Schritten dicht an den Rie⸗ ſenfiſch herantretend, legte Herr Gianettino die Hand auf des Fiſches Kopf und ſagte feierlich: Der Fiſch iſt mein! Ich kaufe ihn! Ihr fordert zwanzig Zechinen! Ich gebe Euch aber was Euch gebührt, und was dieſes Thier werth iſt! Ich bezahle ihn mit ſechsunddreißig Zechinen!*) Die Menge, die während dieſer letzten Verhandlun⸗ gen in athemloſem, neugierigem Schweigen dageſtanden, brach jetzt in ein lautes Jubelgeſchrei aus. Das iſt ein echter Edelmann! Evviva il ministro della cucina! Il grande Gia- nettino! Das iſt kein knickeriger Spanier! Das iſt ein fran⸗ zöſiſcher Cavalier! Der will keine Gründlinge kaufen, der will Fiſche haben, echte römiſche Fiſche! Meine Herren, ſagte Gianettino, mit edler Beſchei⸗ denheit die Augen niederſchlagend, ich verſtehe nicht Ihre *) Archenholz, England und Italien. Bd. IV. S. 217. Lobpreiſungen, und mir ſcheint, ich handle nur wie ein Ehrenmann, und wie Jeder von Ihnen es thun würde! Dieſer beſcheidene Mann taxirt ſeine Waare zu gering, ich gebe ihm, was ſie werth iſt! Das iſt Alles! Wenn ich anders handelte, würde ich nicht lange im Dienſte des erhabenen und großmüthigen Cardinal Bernis ſein können! Großmuth und Gerechtigkeit, das iſt der erſte Befehl Sr. Excellenz, des Herrn Cardinal Bernis! Evviva der franzöſiſche Botſchafter! Preis und Ehre dem Cardinal Bernis! Und während das Volk ſo jauchzte und ſchrie, zählte Gianettino aus ſeinem ſchweren, gefüllten Geldſacke die ſechsunddreißig Zechinen auf das Zahlbrett des Fiſchers hin! Dann winkte er ſeinen ſechs dienſtthuenden Küchen⸗ jungen und befahl ihnen, je zwei und zwei mit ihren Körben ſich aufzuſtellen, und in denſelben den Rieſen⸗ fiſch von dannen zu tragen. Das war freilich ein ſchwieriges Werk, dieſes unge⸗ heure Thier auf die Körbe hinüber zu legen, aber die geſchäftigen Römer legten gefällig Hand an, und als es gelungen, und als der Fiſch auf den Körben gebettet war, und die ſechs Küchenjungen ſeufzend unter der ge⸗ wichtigen Laſt ſich beugten, da ſtellte ſich Signor Gia⸗ nettino mit ernſter Gravität an die Spitze des Zuges und rief ſtolz und laut: Vorwärts! In die Küche Sr. Excellenz des Herrn Cardinal Bernis! — 118 In dieſem Augenblick ſah man einen Mann ſich Bahn machen durch die Menge; rechts und links mit den Ellenbogen ſtoßend, drang er unaufhaltſam vor, und eben als Signor Gianettino ſeiner Truppe den Abmarſch befahl, gelangte der Mann, welcher Niemand anders war, als Don Bempo, durch die Menge hindurch zu dem Fiſcher. Hier bringe ich Euch die zwanzig Ze⸗ chinen! rief er ſtolz. Man wird jetzt nicht mehr ſagen, daß die Spanier Gründlinge kaufen! Da, der Fiſch iſt mein! Da ſind die zwanzig Zechinen! Und mit übermüthigem Stolz ſchleuderte Don Bempo das Geld auf das Zahlbrett hin. Ebenſo ſtolz ſchob es der Fiſher zurück. Der Fiſch iſt verkauft! ſagte er. Vorwärts, marſch! wiederholte Signor Gianettino jetzt ſeinen Commandoruf. Vorwärts, in die Küche St 2 Excellenz des Herrn Cardinal Bernis! Und der Zug begann mit feierlicher Würde ſich in Bewegung zu ſetzen. Don Bempo ſtürzte ſich mit einem Wuthgeſchrei auf den Fiſch hin. Dieſer Fiſch iſt mein! ſchrie er wild. Ich war der Erſte, welcher darauf geboten hat, ich habe zwanzig Zechinen dar⸗ auf geboten, und bin nur fortgegangen, um ſie zu holen! Und ich, rief Signor Gianettino, ich habe für dieſen Fiſch ſechsunddreißig Zechinen geboten, und ſie ſogleich bezahlt, denn ich habe immer Geld bei mir, ich! Es iſt Signor Gianettino, der Koch des franzöſiſchen Geſandten, und ich bin ruinirt! ächzte Don Bempo zu⸗ rücktaumelnd. Ja, es iſt der Koch Sr. Excellenz des Herrn Car⸗ dinal! rief die Menge. Und der Herr Cardinal iſt ein Ehrenmann! Der iſt kein ſpaniſcher Knicker! Der ſchachert nicht um einen Rieſenfiſch. Mehr zahlt er als man fordert! Ich hoffe, ſagte Signor Gianettino zu Don Bempo, welcher noch immer krampfhaft den Fiſch gepackt hielt, ich hoffe, Ihr laßt jetzt meinen Fiſch los, und laßt mich ungehindert ziehen. Es iſt nicht nobel, ſich an dem Eigenthum eines Andern zu vergreifen, Don Bempo, und dieſer Fiſch iſt mein Eigenthum! Aber das iſt gegen alles Völkerrecht, ſchrie Don Bempo wüthend. Ihr vergeßt, Signor, daß Ihr meinen Herrn, daß Ihr Spanien beſchimpft, indem Ihr gewaltſam Euch aneignet, was ich im Namen Spaniens gekauft habe! Frankreich wird niemals hinter Spanien zurückſtehen, ſagte Giarttino ſtolz. Und wo Spanien zwanzig Ze⸗ chinen bietet, da bezahlt Frankreich ſechsunddreißig Zechinen! Vorwärts, meine Jungen! In die Küche der franzöſiſchen Geſandtſchaft! Don Bempo unſanſt zurückdrängend, winkte Gia⸗ nettino ſeinen Herren Küchenjungen, und ſchritt mit ihnen gravitätiſch durch die Menge, welche bereitwillig Wühlbach, Tartaroff M. 4 ihnen Bahn machte, und ihn überall mit lautem Jubel⸗ ruf empfing und begleitete. Es war ein glänzender Triumph, welchen Frankreich heute in dem Küchenmeiſter des franzöſiſchen Botſchaſters feierte; es war eine ſchmachvolle Niederlage, welche Spanien heute in dem Küchenmeiſter des ſpaniſchen Botſchafters erduldete. Stolz und ſelig ſchritt Signor Gianettino durch die Straßen, hinter ſich den erbeuteten Rieſenfiſch und das Jubelgeſchrei des römiſchen Volkes. Demüthig, geſenkten Hauptes, Wuth im Herzen, ſchlich Don Bempo nach dem ſpaniſchen Geſandtſchafts⸗ hotel, und lange noch vernahm er hinter ſich das Pfei⸗ fen und Schreien, das Hohnlachen und Heulen des rö⸗ miſchen Volkes. Fiſch oder Feind! Der Cardinal Bernis war in ſeinem Boudoir. Vor ihm lagen die Liſten derjenigen Perſonen, welche er zu ſeinem morgenden Feſte hatte laden laſſen, und der Cardinal erſah aus denſelben mit ſtolzer Genugthuung, daß keiner der Eingeladenen ihm mit einem Nein habe 3 antworten laſſen, ſondern daß Alle zugeſagt hatten.* Ich werde alſo eine ſehr glänzende und ſtattliche 8 5 Geſellſchaft um dieſen öſterreichiſchen Erzherzog verſam⸗ meln, ſagte der Cardinal wohlgefällig zu ſich ſelber. Die höchſte Elite des Adels, ſämmtliche Cardinäle und Geſandten werden auf meinem Feſte erſcheinen. Oeſter⸗ reich wird erkennen müſſen, daß Frankreich mit allen europäiſchen Mächten in dem beſten Einverſtändniß iſt, und daß Frankreich überall nicht ſchlechter angeſehen wird, wenn auch die Marquiſe Pompadour der eigentliche Kö⸗ nig von Frankreich iſt. Ach, die gute Marquiſe! fuhr der Cardinal fort, in⸗ dem er ſich behaglich auf einem Lehnſeſſel ausſtreckte, und einen geöffneten Brief, der auf dem Tiſche lag, er⸗ griff, die gute Marquiſe macht mir jetzt in der That zuweilen Sorge. Sie ſchreibt mir da, daß Frankreich für die von Portugal projectirte Aufhebung des Je⸗ ſuitenordens ſei, das ſoll ich dem Papſte ſagen. Dies iſt ein gefährliches Ding, Marquiſe, und Ihr könntet Euch leicht die zarten Hände dabei verbrennen. Den Jeſuitenorden aufheben! Heißt das nicht im innerſten Kerne Europa's ein Pulverfaß in die Luft ſprengen, daß alle europäiſchen Staaten eine verderbliche Erſchüt⸗ terung davon empfinden? Nein, nein, es iſt tollkühn, und ich habe nicht den Muth, die Lunte an dieſes Pul⸗ verfaß zu legen. Es wird uns Alle mit in die Luft ſprengen, fürchte ich. Und der Cardinal begann auf's Neue den Brief der Marquiſe Pompadour zu leſen, welchen ein — 5 franzöſiſcher Courier vor einigen Stunden ihm über⸗ bracht hatte. Hm, das wird gefährlich für dieſe guten Väter! ſagte er dann kopfſchüttelnd. Oeſterreich iſt auch ein⸗ verſtanden mit dem großartigen Plan des portugieſiſchen Miniſters Pombal, und mir ſcheint, daß dieſer öſter⸗ reichiſche Erzherzog nur nach Rom gekommen iſt, um dem Papſte die Einwilligung der Kaiſerin Maria Thereſia zu bringen. Ha, ha, wie ſeltſam. Die tugendkenſche Maria Thereſia und unſere gute Pom⸗ padour ſind einverſtanden in dieſem Falle, und Beide thun doch was ſie thun nur widerſtrebend, ganz wider ihren Willen! Die Frauen lieben einmal die Jeſuiten, dieſe guten Väter, welche für jede Schwäche eine Entſchuldigung, für jede Sünde eine kleine Hinterthür offen halten. Das iſt den guten Weibern ſehr bequem. Ja, ja, die Weiber, ich meine doch, ich kenne ſie! Und der Carbinal verſank lächelnd tiefer in ſich ſel⸗ ber, und träumte von vergangenen Tagen, von ſchönen Zeiten, wo er noch nicht fünfundſechzig Jahre zählte. Ja, das war damals! flüſterte der Cardinal, als er endlich aus ſeinen ſeligen Vergangenheitsträumen er⸗ wachte. Damals war eine ſchöne Zeit, damals war ich jung und glücklich, damals war ich ein Menſch, jetzt,— jetzt bin ich alt, die Liebe iſt verdorrt, und mit ihr auch die Poeſie. Jetzt bin ich nur noch ein Diplomat. Es klopfte leiſe an ſeine Thür. Der Cardinal be⸗ fahl einzutreten. Es war Brunelli, der Haushofmeiſter des Cardinals, und er kam mit frendeſtrahlendem Geſicht und ſtolzer Miene, und ſtattete ſeinem Herrn Bericht ab über ſeine Pläne und Vorbereitungen zum morgenden Feſte. Und Abends wird der Park von viel tauſend Lam⸗ pen erhellt ſein, daß es heller ſtrahlen ſoll, als wenn die Sonne ſchiene, und daß man wie in einem Licht⸗ meere dahin wandelt, ſchloß er ſeine Rede. Der Cardinal lächelte. Einige Gänge und Alleen verſchont mit Eurem Lichtmeer, ſagte er, und laßt ſie hübſch dunkel und lauſchig. Ein wenig Dunkelheit ge⸗ hört zuweilen auch zum Glück und zur Freude! Aber wie iſt es mit dem Küchenzettel? Was wird uns Sig⸗ nor Gianettino bringen? Ich hoffe auf das Auserle⸗ ſenſte, denn Ihr wißt, die Herren Cardinäle lieben eine gute Tafel, und mein Freund, der Herzog von Grimaldi, ſchätzt unſere Tafel beſonders hoch. Ach, der ſpaniſche Geſandte, Excellenz! rief Bru⸗ nelli verächtlich. Der ſpaniſche Geſandte verſteht nichts von der Kochkunſt, ſonſt würde er unmöglich mit ſeinem Koche zufrieden ſein. Das iſt ein Knicker, ein Schächer, von dem ganz Rom heute ſpricht, und ihn ſammt ſeinem Herrn verlacht, während es Euch in die Wolken erhebt und Euch Vivat über Vivat bringt! Und Signor Brunelli erzählte ſeinem aufhorchenden Herrn die Geſchichte von dem Rieſenfiſch und von der Demüthigung des ſpaniſchen Koches. Der Cardinal hörte ihm aufmerkſam zu, und all⸗ mälig lagerte ſich eine finſtere Wolke auf ſeine hohe, gedankenreiche Stirn. Das iſt eine ſehr üble Geſchichte, ſagte er kopf⸗ ſchüttelnd, als Brunelli geendet. Aber eine Geſchichte, in welcher Frankreich jedenfalls den Sieg davongetragen, Excellenz, rief Brunelli. Ich fürchte, der Herzog von Grimaldi wird es machen, wie Ihr es thut, ſagte der Cardinal, er wird meinen Koch mit Frankreich verwechſeln, und in ſeinem Koche ganz Spanien beleidigt ſehen! Alſo ſind Ew. Excellenz nicht zufrieden? fragte Bru⸗ nelli beſtürzt. Der ganze Palaſt iſt voll Jubel und Freude, alle Diener und Lakayen, ja ſelbſt die Herren Geſandtſchafts⸗Sekretaire ſind ganz voll Vergnügen über dieſe göttliche Geſchichte. Der Cardinal achtete nicht auf dieſe Lobpreiſungen ſeines Haushofmeiſters, ſondern ging mit großen Schrit⸗ ten gedankenvoll auf und ab. Und Ihr glaubt, daß Gianettino in ſeinem Recht gehandelt? fragte er endlich. In ſeinem vollen Recht, Excellenz. Es war nichts für den Fiſch bezahlt, alſo ſtand das Recht des Kaufes ihm vollkommen zu, und Niemand konnte es ihm wehren! — 5 Nun, wenn wir in unſerem Rechte ſind, müſſen wir uns unſer Recht bewahren, fagte der Cardinal nach einer Pauſe, und da ganz Rom einmal von dieſer Sache weiß, ſo muß ſie mit Eclat durchgefochten wer⸗ den. Der Fiſch ſoll morgen in ſeiner ganzen Größe auf unſerm Feſte erſcheinen! Wir haben keine Schüſſel und kein Plateau, das groß genug für ihn wäre. So laßt eine neue fertigen, lachte der Cardinal. Nehmt dieſem Goliath das Maaß, und eilt ſchnell zum Goldſchmidt, daß er eine ſilberne Schüſſel fertige, die ſeiner Länge angemeſſen ſei. Aber ſorgt dafür, daß die Schüſſel bis morgen vollendet, und daß ſie reich verziert und glänzend ſei. Hat Rom einmal von dem Fiſch ge⸗ hört, ſo muß es auch von ſeiner Schüſſel erfahren. Eilt alſo, Signor Brunelli, und ſorgt dafür, daß Alles ge⸗ nan ſo geſchehe, wie ich es Euch geſagt! Dies iſt in der That eine ſehr beluſtigende Geſchichte, ſagte der Cardinal lachend, als er wieder allein war. Wir haben da einen Fiſch, welcher wahrſcheinlich den ganzen Jonathan meiner Freundſchaft mit dem Herzog von Grimaldi in ſeinem Wallfiſchbauch verſchlingen wird. Nun, wir werden ja ſehen! Der Cardinal ſchellte ſeinem Kammerdiener, und befahl, ihn anzukleiden. Hoftoilette? fragte der Kammerdiener, erſtaunt über dieſe ungewöhnlich frühe Toilettenſtunde. — 56— Nein, Haustoilette! ſagte der Cardinal. Ich werde bald Beſuch empfangen. Der kluge Cardinal hatte ſich nicht getäuſcht. We⸗ nige Minuten ſpäter rollte eine Equipage in den Hof, und der Läufer meldete Seine Hoheit den ſpaniſchen Geſandten, den Herzog von Grimaldi. Iſt tauſendmal willkommen! rief der Cardinal, und als die Thür ſich jetzt öffnete, und der ſpaniſche Herzog hereintrat, ſchritt ihm der Cardinal mit geöffneten Ar⸗ men und einem freundlichen Lächeln entgegen. Mein theurer, vielgeliebter Freund, welch eine herr⸗ liche Ueberraſchung iſt dies, ſagte der Cardinal. Aber der Herzog beachtete weder die geöffneten Arme, noch das Lächeln, noch den freundſchaftlichen Willkommensgruß des Cardinals. Mit ernſter, majeſtä⸗ tiſcher Grandezza ſchritt er vor, und ſich dicht vor den Cardinal hinſtellend, fragte er feierlich: Wißt Ihr von dem Schimpf, welchen die Diener Eures Hauſes den meinen angethan? Von einem Schimpf? fragte der Cardinal unbefan⸗ gen. Man hat mir geſagt, daß Euer Koch einen Zwiſt gehabt mit dem meinen, weil dieſer einen Fiſch gekauft, welcher dem Euren zu theuer war. Das iſt Alles, was ich weiß! So hat man Euch alſo nicht geſagt, donnerte der Herzog, daß Euer Diener, einem frechen Straßenräuber gleich, ſich an meinem Beſitzthum vergriffen hat. Denn — — dieſer Fiſch war mein, er gehörte der ſpaniſchen Ge⸗ ſandtſchaft, er gehörte alſo Spanien an, und Euer Diener hat ſich mit frevelndem Uebermuth an dem heili⸗ gen Beſitzthum einer fremden Großmacht vergangen. Gehörte dieſer Fiſch denn in der That ſchon der ſpaniſchen Krone? fragte Bernis. Wan er ſchon bezahlt, und alſo rechtskräftig Euer? Er war nicht bezahlt, aber bedungen, und mein Diener war gegangen, das Geld zu holen. So lange er nicht bezahlt war, hatte Niemand An⸗ ſprüche darauf! Ihr ſeid alſo geſonnen, mir dieſen Fiſch ſtreitig zu machen? rief der Herzog. Wenn ich ihn Euch ſtreitig machte, lächelte der Car⸗ dinal, ſo hieße das ſoviel, als Euer Recht auf denſelben anerkennen, und das kann durchaus nicht meine Meinung ſein. Uebrigens, theurer Freund, was kümmert uns denn dieſer Streit unſerer Köche, und was hat Spanien und Frankreich zu thun mit den Zwiſtigkeiten unſerer Diener. Sie mögen ihre Sache miteinander ausfechten, laſſen wir ſie, und wenn es dabei blutige Köpfe giebt, nun wohl, ſo werden wir ſie verbinden laſſen, das iſt Alles! Ihr nehmt die Sache ganz mit Eurer gewohnten poetiſchen Leichtigkeit auf, ſagte der Herzog bitter, und ich bedaure nur, daß ich ſie mit andern Augen anſehen muß. Es handelt ſich hier nicht von einem Zwiſt un⸗ — ſerer Diener, ſondern von einer Beleidigung, welche Spanien im Angeſichte von ganz Rom durch Frankreich erfahren hat. Ja, ganz Rom iſt Zeuge geweſen dieſer Beleidigung, und die albernen Römer, ſie haben es ſo⸗ gar gewagt, mit lauten Spottreden uns zu beſchimpfen, und Spanien zu verhöhnen, während ſie Euch hoch⸗ prieſen, und Euch Vivat riefen! Die guten Römer, Ihr wißt es ja, ſie gleichen ganz den Kindern. Dieſer Streit unſerer beiden Köche hat ſie beluſtigt, und ſie haben dem Sieger ein Vivat dar⸗ gebracht. Doch bitte ich, nicht zu vergeſſen, daß ich durchaus nichts zu ſchaffen habe mit den Siegen meines Koches! Aber ich mit den Niederlagen des meinen! Wer meinen Diener beleidigt, der beleidigt mich, wer mich beleidigt, der beleidigt in mir das Reich, welches ich vertrete, der beleidigt Spanien! Es iſt alſo im Namen Spaniens, daß ich komme, mir Genugthuung zu for⸗ dern. Spanien hat ein Recht auf dieſen Fiſch! Ich fordere mein Recht, ich fordere dieſen Fiſch zurück! Wenn Ihr die Sache wirklich ernſthaft nehmt, ſagte der Cardinal, dann thut es mir leid, auch zum Ernſte gezwungen zu ſein! Wenn Spanien ſich wirklich dadurch beleidigt finden kann, daß Frankreich einen Fiſch gekauft hat, welcher dem ſpaniſchen Koch zu thener war, ſo ſehe ich nicht ein, wie ich hier Genugthuung gewähren ſoll, da man uns keines Vergehens zeihen kann. Ihr verweigert mir alſo dieſen 66 rief der Her⸗ zog, hochroth vor Zorn. Da Ihr ſagt, daß ganz Rom von dieſer Sache weiß und Theil daran nimmt, ſo darf ich nicht anders han⸗ deln. Es darf nicht den Anſchein haben, als ob Frank⸗ reich ſich weniger mächtig und groß fühle, als es Spa⸗ nien iſt, daß Frankreich kleinmüthig nachgebe, wenn Spanien ungerechte Forderungen macht. Das heißt, Ihr wollt alle freundſchaftlichen Verbin⸗ dungen unter uns abbrechen? Und können die im Ernſte dadurch gefährdet wer⸗ den? fragte der Cardinal lebhaſt. Iſt es möglich, daß dieſer kleinliche Streit unſerer Diener Einfluß übe auf eine Jahre lang gehegte Freundſchaft, auf das Einver⸗ nehmen zweier Mächte, deren frenndſchaftliche Bezie⸗ hungen im Stande ſind, den Frieden Europa's auf⸗ recht zu erhalten oder zu erſchüttern? Des Spaniers erſtes Geſetz iſt die Ehre, ſagte der Herzog ſtolz, und wer dieſe verletzt, der kann nicht mehr mein Freund ſein! Frankreich hat Spaniens Ehre angegriffen, und ganz Rom iſt eingeſtimmt in den höh⸗ niſchen Inbelruf Frankreichs, ganz Rom kennt die Ge⸗ ſchichte dieſes Fiſches! So zeigt den albernen Römern, daß wir Beide das Ganze nur als einen Scherz betrachten. Wenn Ihr morgen mit lachendem Munde von dieſem Fiſche eſſet, ſo werden die guten Römer ſich beſchämt fühlen, und die Augen niederſchlagen über ihr eigenes, kindiſches Betragen! Ihr beabſichtigt morgen, wo der Adel Roms, wo die ganze Diplomatie verſammelt iſt, mit dieſem Fiſche, der heute ſchon alle Zungen in Bewegung ſetzt, zu unken? fragte der Herzog erblaſſend. Der Fiſch iſt zu dieſem Feſte gekauft und muß ge⸗ geſſen werden, ſagte der Cardinal lachend. So bedaure ich, bei dieſem Feſte nicht gegenwärtig ſein zu können, rief der Herzog aufſtehend. Ihr könnt nicht verlangen, daß ich Zeuge meiner Schmach und Eurer Triumphe ſein ſoll. Ihr ſeid kein römiſcher Impera⸗ tor, und ich kein beſiegter Held, der in Eurem Triumph⸗ zuge erſcheinen muß. Ich nehme meine Zuſage zurück und werde nicht auf Eurem morgenden Feſte erſcheinen! Vedenkt und überlegt dies wohl! ſagte der Cardinal faſt traurig. Wenn Ihr morgen, wo die ganze Diplo⸗ matie bei mir zu einem offiziellen Feſte verſammelt iſt, nicht erſcheint, ſo heißt das nicht allein, daß der Herzog mit ſeinem langjährigen Freunde, dem Cardinal, bricht, ſon⸗ dern auch, daß Spanien ſeine freundlichen Beziehungen mit Frankreich als aufgelöſt betrachten will! Mag es ſo angeſehen werden, ſagte der Herzog. Beſſer ein offener Kämpf, als ein heimliches Unterliegen. Leben Sie wohl, Herr Cardinal! und der Herzog näherte ſich der Thür. Der Car⸗ dinal hielt ihn zurück. Aber habt Ihr auch die Conſequenzen bedacht? fragte er. Ihr wißt, welche wichtige Unterhandlungen in die⸗ ſem Momente die katholiſchen Höfe beſchäftigen. Von der Aufhebung des mächtigſten und größten Ordens, von der Vertilgung der Jeſniten iſt die Rede. Der Papſt iſt dieſer Idee des portugieſiſchen Miniſters Pom« bal günſtig, aber er verlangt die Einwilligung der übri⸗ gen katholiſchen Höfe. Oeſterreich giebt dieſe Einwilli⸗ gung, Sardinien und alle übrigen italieniſchen Staaten desgleichen, nur der Hof von Spanien hat ſich als Vertheidiger und Freund der Jeſuitien erklärt, und um Euretwillen iſt Frankreich bis jetzt paſſiv geweſen in dieſer hochwichtigen Sache und hat die Forderungen ſeiner Unterthanen zu überhören geſchienen; um Euret⸗ willen hat Frankreich ſeine eigene Ueberzeugung unter⸗ drückt und Euch beigepflichtet, um Euch zu unterſtützen. Bedenkt alſo wohl, was Ihr thun wollt! Die Freund⸗ ſchaftsbeziehungen mit Frankreich abbrechen, heißt Frank⸗ reich zwingen, gegen Spanien Partei zu ergreifen und wenn auch nun noch Frankreichs gewichtige Stimme ge⸗ gen die Jeſuiten ertönt, ſo wird die vereinzelte Stimme Spaniens ſie nicht zu retten und zu erhalten vermögen! Nun, ſo mögen ſie verloren gehen! rief der Herzog. Was kümmern mich die Jeſuiten, wenn es darauf an⸗ kommt, unſere Ehre zu vertheidigen! Herr Cardinal, leben Sie wohl! Wie Frankreich auch entſcheiden mag, Spanien wird ſich niemals ſeinem Uebermuthe beugen! Ohne Gruß verließ der Herzog das Gemach, und warf die Thür heſtig hinter ſich in's Schloß. Cardinal Bernis ſchaute ihm mit wehmüthigen Blicken nach. So ſind die Freundſchaften der Menſchen, ſagte er leiſe, der kleinſte Anſtoß genügt, um eine Freund⸗ ſchaft vieler Jahre zu zerſtören! Nun, wir müſſen uns darein fügen, fuhr er nach einer Pauſe fort, und jeden⸗ falls hat es ſeine ſehr beluſtigende Seite! Monate lang habe ich mich bemüht, Grimaldi in ſeiner Vertheidigung der Jeſuiten beim Papſte zu unterſtützen, und jetzt wird dieſer Jeſuitenorden aufgehoben werden, weil der fran⸗ zöſiſche Koch einen Fiſch kaufte, welcher dem ſpaniſchen 5 Koch zu theuer war. Auf wie kleinlichen Wegen werden oft die Geſchicke der Menſchen entſchieden! Aber jetzt habe ich keine Zeit mehr zu verlieren, fuhr der Cardinal fort, ſich aus ſeinem trüben Sinnen emporraffend. Grimaldi hat es mir unmöglich gemacht, dem Anſinnen der Marquiſe Pompadour länger zu wi⸗ derſtehen, ich muß jetzt den Befehlen meines weiblichen Souverains genügen, und darf nicht länger anſtehen, dem Papſte Frankreichs Einvernehmen und Beiſtimmung zu verkünden. Zum Papſte denn, der Brief der Mar⸗ quiſe mag ihm Ludwigs Willen vefünden! Der Cardinal befahl, ſeinen Wagen vorfahren zu laſſen und warf ſich in die Staatstoilette, um nach dem Vatican zu fahren.— Der Pabſt Ganganelli(Clemens XIV.). In dem Garten des Quirinals gingen zwei Männer im eifrigen Geſpräch mit einander auf und ab. Der Eine von ihnen war ein ſchon bejahrter Greis von mehr denn ſechzig Jahren. Lange weiße Locken umwallten ihm die Stirn, und fielen wie ein Heiligenſchein zu beiden Seiten ſeiner Wangen herab. Eine unendliche Klarheit und Milde leuchtete aus ſeinen milden, ſchwär⸗ meriſchen Augen, und um ſeinen Mund ſpielte ein Lächeln voll ſo unendlicher Güte, voll ſo viel Schmerz und Entfagung, daß es Einem das Herz mit Wehmuth und die Augen mit Thränen füllte. Seine hohe, her⸗ kuliſche Geſtalt war gebeugt, in ſich zuſammengefallen; das Alter hatte ſie gekrochen, aber es war nicht im Stande geweſen, ſeiner Erſcheinung den Ausdruck des Adels und der Würde zu nehmen, der dieſen Greis auszeichnete, und unwillkührlich Jeden zur Ehrfurcht und zu einer Art Anbetung zwang. Seinen Verehrern und Freunden erſchien djeſer Greis wie ein überirdiſches We⸗ ſen, und oft in ihren Entzückungen nannten ſie ihn ihren Heiland, ihren wieder ſichtbar gewordenen Gottesſohn. Der Greis lächelte dazu und ſagt: Ihr habt wohl 64 Recht, Gottes Sohn bin ich, wie Ihr Alle, aber wenn Ihr mich unſerm Heiland vergleicht, ſo dürft Ihr mich nur dem Gekreuzigten vergleichen. Ein Gekreuzigter bin ich freilich wie er, und Qualen habe ich viele er⸗ duldet. Aber auch viele überwunden! Und wenn er ſo ſprach, dann lag in ſeinem Geſicht eine faſt überirdiſche Klarheit und Freudigkeit, und un⸗ willkührlich hätte man ſich vor ihm neigen müſſen, wäre er auch nicht geweſen, was er war— der Stuatthalter Gotttes auf Erden,— der Papſt Ganganelli! Der Mann, welcher jetzt neben ihm ging, bildete einen ſeltſamen Contraſt zu dieſer milden, Ehrfurcht ge⸗ bietenden Erſcheinung des Papſtes. Es war ein Vier⸗ ziger mit wildem, rothglühendem Geſicht, mit Augen, die von Tücke und Grimm leuchteten, mit einem Munde, der von Sinnlichkeit und Rohheit zeugte, mit einer Ge⸗ ſtalt, die ſich beſſer für einen Vulkanus geeignet hätte, als für einen Kirchenfürſten. Und doch war er das, man konnte es an ſeiner Kleidung erkennen, an dem großen Cardinalshute auf ſeiner Schulter, und an dem flimmernden Brillantkreuz auf ſeiner Bruſt.— Man kannte dieſen Cardinal ſehr wohl, und wo man ihn nannte, geſchah es mit ſtillen Verwünſchungen und Zeichen des Schreckens, geſchah es, um ſich heimlich zu bekreuzigen und Gott zu bitten, man möge ihm nicht begegnen, nicht in Berührung kommen mit dem Schrecken Roms, mit dem Cardinal Francesko Albani. — 65— Seufzend und heimlich widerſtrebend hatte der Papſt ſich endlich entſchloſſen, den Cardinal zu ſich zu beſchei⸗ den, und noch einmal den Verſuch zu machen, durch Milde und ſanftes Zureden ſeinen trotzigen Sinn zu erweichen. Aber ber Cardinal hatte auf alle ſeine ſanften Worte nur mit einem verächtlichen Achſelzucken, mit halblaut gemurmelten Worten, mit finſterm Stirnrun⸗ zeln geantwortet. Es iſt Niemand im Stande, ſich umzuwandeln, und aus ſich ſelber ein neues Weſen zu machen, ſagte er endlich in barſchem Ton, als der Popſt immer noch fortfuhr in ſeinen Ermahnungen und Vorſtellungen. Ihr, mein heiliger Vater, könnt aus Euch nicht das Ungeheuer machen, als welches Ihr mich ſchildert, ich, der Cardinal Albani, kann mich nicht zu der Göttlichkeit und Erhabenheit emporſchwingen, welche wir Alle an Eurer Heiligkeit bewundern. Jeder muß ſeine eigene Straße ziehen, und nur bedacht ſein, den Andern nicht auf der ſeinen zu ſtören! Aber das gerade thut Ihr, ſagte Ganganelli ſanft. Alle Straßen Roms wiſſen davon zu erzählen; habt Ihr nicht geſtern noch auf eben dieſen Straßen mit be⸗ waffneter Gewalt einen Banditen aus den Händen der Gerechtigkeit befreit, und die Diener des Geſetzes mit meuchleriſchen Dolchen ermordet? Sie wollten einen meiner Diener zum Tode führen und er hatte nichts weiter gethan, als meine Befehle Mühlbach, Tartaroff II. 5 vollführt, ſagte der Cardinal heftig. Ich ließ ihn be⸗ freien, das war natürlich, und wenn die Sbirren dabei getödtet ſind, ſo iſt das ihre Schuld. Warum liefen ſie nicht fort und gaben ihren Gefangenen gutwillig heraus! Und es war wirklich Euer Befehl, den dieſer Bandit vollzog? fragte der Papſt ſchaudernd. Ihr wißt, er hatte einen jungen Nobili, de« Stolz und die Hoffnung ſeiner Familie, meuchlings ermordet, und war bei der That, welche er gar nicht leugnete, ertappt worden. Dieſer junge Nobili hatte in einer öffentlichen Ge⸗ ſellſchaft lant über mich gelacht und geſpottet, ſagte der Cardinal gelaſſen, es war daher natürlich, daß er ſter⸗ ben mußte. Die Rache iſt das erſte und heiligſte Ge⸗ bot des Menſchen, und wer dies nicht erfüllt, den nenne ich einen Ehrloſen! Und ſolche Menſchen wagen es, ſich Chriſten zu nen⸗ nen, rief Ganganelli, die Arme gen Himmel erhebend, und ſolche Menſchen nennen ſich Prieſter der heiligen Religion der Liebe! Ein Prieſter der Liebe bin ich! ſagte Albani lachend. Aber welch einer Liebe, rief der Papſt mit dem Ausdruck der Empörung, der Prieſter eines rohen Ge⸗ fühls, einer ſinnlichen Neigung. Ihr wißt nichts von der ſtillen, ſauften Liebe, welche das Herz veredelt und es zu heiligen Entſchlüſſen ſtärkt, welche Tugend und Sitte lehrt und unſern Blick gen Himmel erhebt, von 55 dieſer Liebe, welche voll Troſt iſt und ſeliger Hoffnung, und für ſich ſelber nichts begehrt und nichts will! Gott ſchütze mich vor ſolch einer Liebe! ſagte der Cardinal, ſich bekreuzigend. Geht in Euch, Francesko! rief der Papft. Ich habe es Eurem Oheim, dem ehrwürdigen Cardinal Aleſſandro Albani, verſprochen, noch einmal den Weg der Milde zu verſuchen und Euch zur Tugend zu er⸗ mahnen. Ach, hättet Ihr ihn ſehen können, dieſen ar⸗ men Greis, deſſen blinden Augen Thränen entſtrömten, Thränen des Schmerzes um Euch, den er den verlore⸗ nen Sohn nennt! Mein Oheim thut ſehr Unrecht, ſo zu weinen, ſagte der Cardinal rauh. Iſt er doch blind und hat dennoch eine Geliebte,*) wie kann es ihn nur Wunder nehmen, daß ich mehrere Geliebten habe, da ich doch ſehen kann! Zwei Augen ſehen mehr als keine, das iſt natürlich! Aber vergeßt Ihr denn ſo ganz Euer heiliges Ge⸗ lübde der Keuſchheit und Tugend? rief der Papſt em⸗ pört. Blickt auf das Kreuz, welches Eure Bruſt bedeckt, und fallt auf Eure Knie nieder, um Gottes Vergebung anzuflehen. Man hat dieſes Kreuz auf meine Bruſt gelegt, als ich noch ein Knabe war, ſagte der Cardinal finſter, man Joſeph Gorani. Geheime Memviren der italieniſchen Höfe. Bd. II. S. 131. hat mir Feſſeln angelegt, ehe ich noch die Kraft hatte, ſie zu zerreißen, man hat mich nicht gefragt nach meinem Willen, als man dieſen Fels auf meine Bruſt ſchleuderte. Jetzt frage ich Euch Alle nicht nach Eurem Willen, wenn ich verſuche, unter dieſem Felſen frei zu athmen wie ein Mann! Und gelobt ſei Gott, mein Herz hat er noch nicht zerſchellt, dieſer Fels! Mein Herz, das glüht noch jugendfriſch, und darin hat die Liebe ſich noch einen Schlupfwinkel ausgefunden, den Euer Kreuz nicht aus⸗ zufüllen vermag! Und in dieſem Schlupfwinkel wohnt jetzt ein holdes, ein wundervolles Weib, Rom nennt ſie die Königin des Geſanges, und ich nenne ſie die Königin der Schönheit und der Liebe! So reicht ihr alle Welt die Krone dar, nur Ihr verweigert ſie ihr! Schon wieder dieſe alte Klage, ſagte der Papſt mit leichtem Stirnrunzeln. Schon wieder ſprecht Ihr— Von Corilla, ſi iel ihm der Cardinal in's Wort, ja von Corilla ſpreche ich, von dem himmliſchen Weibe, das alle Welt bewundert, deren ſchönen Verſen die Weiſen und die Dichter mit athemloſem Entzücken lauſchen, und welche es wohl verdient, daß Ihr ſie endlich belohnt, wie es einer Königin gezemt indem Ihr ihr die Krone reicht!— Eine Corilla ſollte ich trönen, rief der Papſt mit leiſem Spott. Die Stelle, welche Taſſo's und Petrarca's Fuß geweiht, ſollte eine Corilla entheiligen können? 9 Nein, ſage ich, nein; wenn die Kunſt zum Spielwerk 5 einer Buhlerin geworden, dann mögen die heiligen Mu⸗ ſen ihr Haupt verhüllen und ſchweigend trauern, aber ſie dürfen ſich nicht ſelber herabwürdigen, indem ſie die Krone verſchleudern, welche zu erringen die Edelſten und Beſten ihr Herzblut daran geſetzt. Dieſe Corilla mag Euch arme irdiſche Thoren beſtechen mit ihrem Lächeln und ihren buhleriſchen Verſen, aber die Muſen wird ſie nicht zu täuſchen vermögen! Ihr verſagt mir alſo die Krönung der berühmten Improviſatrice Corilla? fragte der Cardinal mit müh⸗ ſam verhaltenem Zorn. Ich verſage ſie! Und weshalb ließt Ihr mich dann zu Euch rufen? rief der Cardinal heftig. Geſchah es nur, um mich zu höhnen? Es geſchah, um Dich zu warnen, mein Sohn! ſagte der Papſt milde. Denn auch die größte Nachſicht hat endlich ein Ende, und wenn ich aufhören muß, mich zu erinnern, daß Du Aleſſandro Albani's Neffe biſt, ſo werde ich nur noch daran zu denken haben, daß Du der verbrecheriſche Francesko Albani biſt, den alle Welt verdammt, und den ich richten muß. Gehe in Dich, mein Sohn, ſo lange es noch Zeit iſt, und vor allen Dingen entſage dieſer Liebe, welche neue Schmach auf Deine Familie häuft, und alle Deine Verwandten mit Schmerz und Sorge erfüllt! Corilla eutſagen! rief der Cardingl. Mein Gott, ich ſagte Euch ja, daß ich ſie liebe, daß ich ſie vergöttere, dieſes himmliſch ſchöne Weib. Wie könnt Ihr alſo for⸗ dern, daß ich ſie aufgeben ſoll? und dennoch fordere ich es, ſagte der Papſt feierlich, fordere es im Namen Eures Vaters, im Namen Gottes, gegen deſſen heiliges Geſetz Ihr ſündigt, Ihr, der ge⸗ weihte Prieſter Gottes! Aber das iſt eine Unmöglichkeit! rief Francesko lei⸗ denſchaftlich. Man muß ein Herz von Stein im Buſen tragen, um das zu fordern, und daß Ihr's könnt, das zeigt mir nur, daß Ihr die Liebe nie gekannt habt! Und daß ich's kann, das ſollte Dir zeigen, daß ich ſie wohl gekannt habe, mein Sohn! ſagte der Papſt wehmüthig. Wer einmal die Liebe gekannt hat, der weiß, daß es keine Entſagung giebt! Nur wer die wahrhafte Liebe kennt, der kann ent⸗ ſagen! rief der Papſt begeiſtert Höre mich an, mein Sehn, und möge die traurige Geſchichte eines kurzen Glückes und einer langen Buße Dir zum warnenden Beiſpiel dienen! Du meinſt, ich hätte die Liebe nicht ge⸗ kannt? Ach, ich ſage Dir, ich habe alle ihre Wonnen und alle ihre Todesſchmerzen erfahren. Ich vergaß um ihretwillen Alles, meine Pflichten meine Gelübde, meine heiligen Vorſätze, und ein doppelter Verbrecher, lehrte ich auch die, welche ich liebte, in die Sünde willigen und ihrer heiligen Pflichten vergeſſen! Ach, Ihr nennt mich einen Heiligen, und ich bin doch dem niedrigſten . 6 der Sünder gleich geweſen! Unter dem Gewande. Franciskanermönches ſchlug ein feurig ſtürmiſches Herz, das Gottes ſpottete und ſeiner Geſetze, ein Herz, das bereit geweſen wäre, ſich dem Teufel zu verſchreiben, wenn der Teufel mir dafür den Beſitz meiner Gelieb⸗ ten verheißen hätte! Schön war ſie und von himmliſcher Anmuth, wenn ſie daherſchritt durch die Gänge der Kirche, ſie, mit der leichten Feengeſtalt, das Engelsan⸗ geſicht umwallt von dem Schleier ihrer langen ſchwarzen Locken, die Angen ſtrahlend in Liebe und Luſt, der Mund umſpielt von einem himmliſch ſanften Lächeln. Ach, wenn ſie ſo einherſchritt durch die Kirche, kaum mit ihren Füßen den Boden berührend, dann fühlte ich, der ich im Beichtſtuhl ihrer harrte, mich dem Wahnſinn nahe vor Entzücken und vor Freude, und es ſchwindelte vor meinen Augen, und es brauſte vor meinen Ohren, und ich ballte die Hände krampfhaft zuſammen, und verſuchte zu beten, und Gott anzuflehen um Beiſtand! Ihr hättet nicht zu Gott, ſondern zu Amor ſlehen ſollen, ſagte der Cardinal lachend. In ſolchem Zuſtand kann nur der Gott des alten Roms, und nicht der des neuen, helfen! Der Greis achtete nicht auf ſeine Worte. Ganz ſeinen Erinnerungen hingegeben, hörte er nur die Stim⸗ men ſeiner eigenen Bruſt, ſah er nur vor ſich die Ge⸗ ſtalt des ſchönen Weibes, das er einſt ſo heiß geliebt. —— Gott erhörte nicht meine Gebete der Angſt, fuhr er hochathmend fort, oder vielleicht konnte mein hochſchla⸗ gendes, ſtürmiſches Herz die Stimme Gottes nicht ver⸗ nehmen, weil ich ihre Stimme hörte, weil ich den keuſchen, kindlich reinen Bekenntniſſen lauſchte, welche ſie im Beichtſtuhl knieend, in mein Ohr flüſterte, weil ich ihren Athem an meiner Wange, und ihre ganze balſamiſche duftende Nähe in jedem zitternden Nerv meines Weſens empfand. Und endlich eines Tages übermannten mich dieſe Gluthen, und der Mönch vergaß ſo ſehr ſeiner be⸗ ſchwornen Pflichten, daß er dem Weibe eines Andern ſeine unkenſche, wahnſinnige Liebe geſtand. Ach, ſie war alſo verheirathet, bemerkte der Cardinal. Ja, ſie war verheirathet, verſchachert von ihren eige⸗ nen Eltern um elenden Mammons willen, verheirathet an einen Mann, welchen ſie nicht liebte, und der ſie verfolgte mit der glühendſten, eiferfüchtigſten Liebe. Ach mein Gott, ſie litt, und ſie litt mit der Ruhe und klage⸗ loſen Gelaſſenheit eines Engels. Und ich, litt ich nicht auch? Wir weinten zuſammen, wir klagten zuſammen, bis unſere Herzen endlich der Klage vergaßen und ein unausſprechbares Glück den Kummer aus unſerer Seele verſcheuchte. Ich hatte Alles vergeſſen, Gott und mein Prieſtergelübde, ſie auch hatte Alles vergeſſen, ihren Gat⸗ ten und ihr Treugelübde, denn wir liebten uns! Und der gute eiferfüchtige Chemann merkte nichts? fragte der Cardinal. —— Er merkte nichts! Er vertraute mir, er liebte mich, er nannte mich ſeinen Freund, und als er endlich eines Tages verreiſen mußte, da vertraute er mir ſein Haus und ſein Weib, und beſtellte mich zum Wächter ihrer Tugend. 6 Der Cardinal brach in ein ſchallendes Gelächter aus. Dieſe guten Ehemänner! ſagte er. Sie gleichen ſich doch Alle auf ein Haar. Jeder hat da einen Freund, dem er vertraut, und gerade der Freund iſt es, der ihn verräth! Erzählt weiter, heiliger Vater. Eure Geſchichte gefällt mir ſehr. Ich bin begierig auf das Ende! Das Ende war voll Schrecken und Entſetzen, voll Schmach und Beſchämung, ſagte der Papſt leiſe. Wir lebten ſelige Tage. Oh mein Gott, wir waren ſo glücktich, daß wir kaum noch einen Gedanken hatten für unſer Verbrechen, ſondern nur für unſere Liebe! Da klopft es eines Nachts an die verſchloſſene Pforte des Hauſes, und ſchaudernd erkennen wir die Stimme des Gemahls, welcher Einlaß begehrte. Sie beſchwor mich mit Thränen der ungn und des Entſetzens, zu entfliehen, ſie nicht dem Hohn der Welt, dem Zorn ihres Gemahls Preis zu geben,— ſie zog mich fort, hin zu der geheimen Treppe, und ich,— wie ein Raſender, von Furien Verfolgter, wollte ich ſie hin⸗ unter eilen, mein Fuß ſtrauchelte, ich fiel, mit lautem Gepolter fiel ich die Stiegen hinab. Ich fühlte, wie das Blut aus meiner Bruſt hervorſtrömte, wie es in heißen Strömen meinem Munde entquoll, meine Glie⸗ der ſchmerzten fürchterlich,— aber ich raffte mich auf, ich ſchleppte mich unter marternden Schmerzen nach meinem Kloſter hin, und erſt als ich meine Zelle erreicht, ſank ich beſinnungslos zuſammen.— Eine lange Krank⸗ heit feſſelte mich jetzt an mein Lager, ſie marterte mei⸗ nen Körper mit furchtbaren Schmerzen, aber entſetzlicher noch waren die Martern meiner Seele, entſetzlicher die Stimmen, welche Tag und Nacht in mir flüſterten und ſprachen von meinem Verbrechen und meiner todeswür⸗ digen Schuld! Mein Gewiſſen war erwacht, es ſprach zu mir mit der Stimme des Donners und des Welt⸗ gerichtes, und ich wand mich wie ein Wurm auf meinem Schmerzenslager, und flehte zu Gott um ein wenig Er⸗ barmen für dieſe Höllenqualen, die mein Gehirn aus⸗ brannten mit den Gluthen der Hölle. Diesmal ließ Gott ſich von mir finden, ich vernahm ſeine Stimme, welche zu mir ſprach:„gehe hin und bereue, und Deine Sünden ſollen Dir vergeben ſein. Schüttle ab das n welches Dein Haupt belaſtet, und Friede wird einkehren in Deine Bruſt.“ Ich vernahm dieſe Stimme Gottes, und ich weinte vor Schmerz, aber ich ſchwur zu gehorchen, und Gott zu verſöhnen, indem ich meiner Liebe entſagte und meine Geliebte nimmer wie⸗ derſah! Es war ein ſchweres Opfer, ein ungeheurer Schmerz, aber Gott forderte es, und ich gehorchte! Das heißt, dieſe Krankheit hatte Euch nüchtern ge⸗ — 5— macht von Eurem Liebesrauſch, Ihr wart Eurer Gelieb⸗ ten überdrüſſig! Ich hatte ſie vielleicht niemals heißer, niemals in⸗ brünſtiger geliebt, als in dieſen bangen, entſetzensvollen Stunden, wo ich mit meinem armen zermarterten Her⸗ zen rang, und Gott anflehte um die Kraft, ihr zu ent⸗ ſagen und von ihr zu ſcheiden auf immerdar. Aber Gott ward mächtig in dem Schwachen, und er gab mir Kraft. Es kamen ihre Briefe und ich hatte den grau⸗ ſamen Muth, ſie zu leſen, ich hatte es mir als Buße auferlegt, und während ich ihre Liebesklagen, ihre Sehn⸗ ſuchtsſchmerzen las, fühlte ich denſelben Jammer, dieſelbe Troſtloſigkeit in meinem Herzen, ſtürzten Ströme von Thränen aus meinen Augen, zerfleiſchte ich mir die Bruſt mit meinen Nägeln vor ungeheurer Verzweiflung. Ach wie oft, wie oft vergaß ich in dieſen Momenten Gottes und meiner Reue, wie oft drückte ich die Briefe an meine Lippen, und rief mit den zärtlichſten Namen nach meiner Geliebten, und mein ganzes Daſein, meine ganze Seele drängte zu ihr hin, und ich vergaß Alles, Alles, und wollte zu ihr hinſtürzen, zu ihren Füßen niederſinken, und nur ſelig durch ſie ſein, ob auch meine ewige Seligkeit darüber verloren ginge. Aber was war es, was dann meinen Fuß hemmte, was plötzlich die Worte wahnſinniger Leidenſchaft auf meiner Lippe ver⸗ ſtummen machte, und mich wie mit Gewalt niederzog auf meine Kniee, um zu beten? Es war Gott, der alſo ſich mir verkündete, Gott, welcher mich zu ſich rief, Gott, welcher mir endlich die Kraft gab, meiner Liebe zu wider⸗ ſtehen, und ihre Briefe immer unbeantwortet zu laſſen, bis ſie endlich aufhörten, bis dieſer ſüße Mund, deſſen Klagen mich dennoch getröſtet hatten, endlich verſtummte. — Das Opfer war gebracht, Gott nahm es an, mein Verbrechen war gebüßt, und ich war froh, denn mein Herz war auf immerdar gebrochen, und niemals ſeitdem iſt wieder ein Lächeln des Glückes auf meine Lippen ge⸗ treten Aber in meiner Seele iſt es heiter gewordeu und ſtille, Gott wohnt darin, und ein Friede iſt in mir, wie ihn nur die kennen, welche ſich ſelber überwunden, welche ihrer Sünden Laſt mit freiem Willen und zer⸗ fleiſchter Bruſt gebüßt haben. Und Eure Geliebte, was ward aus ihr? fragte der Cardinal. Verzieh ſie Euch Euren Verrath, und tröſtete ſich in den Armen eines Andern? In den Armen des Todes! ſagte Ganganelli leiſe. Mein Schweigen, mein anſcheinendes Vergeſſen ihrer brach ihr Herz,— ſie ſtarb vor Gram, aber ſie ſtarb wie eine Heilige, und ihre letzten Worte waren:„Möge Gott ihm verzeihen, wie ich es thue! Ich fluche ihm nicht, und ſegne ihn vielmehr, denn durch ihn werde ich der Laſt dieſes Lebens ledig, und aller Jammer iſt jetzt überwunden!“ Sie war alſo geſtorben, indem ſie an meine Untreue glaubte, ſie hatte mir wohl verziehen, aber mich doch für einen Treubrüchigen und Verräther — gehalten. Und dies Bewußtſein war für mich eine neue Qual, und eine Buße, an der ich ewig, ewig lei⸗ den werde!— Seht, das iſt die Geſchichte meiner Liebe, fuhr Ganganelli nach kurzem Schweigen fort, ich habe ſie Euch treu und wahr erzählt, wie ſie iſt!)— Möch⸗ tet Ihr, mein Sohn, daraus lernen, daß, wenn wir nur recht das Gute wollen, wir es erringen können, unſerm eigenen Herzen und unſern ſündigen Trieben zum Trotz, und daß mit dem Beiſtande Gottes ſich Alles überwinden, Alles dulden läßt. Ihr ſeht, ich habe geliebt, und hatte dennoch die Kraft zu entſagen! Aber Gott war es, welcher mir dieſe Kraft gab, Gott allein. Wendet auch Ihr Euch zu Gott, betet zu ihm, daß er dieſe verbrecheriſche Liebe in Euch ertödte, und wenn Ihr ihn anfleht mit den rechten Worten und der rechten Inbrunſt, dann wird Gott Euch nahe ſein mit ſeiner Kraft, und in den Schmerzen des Entſagens wird er Eure Seele läutern zur Tugend und zum Guten! Und das nennt Ihr Tugend? ſagte der Cardinal. Möge mich der Himmel bewahren vor einer ſo grau⸗ ſamen Tugend. Das nennt Ihr Gott dienen, wenn dieſe Tugend Euch zum Mörder Eurer Geliebten macht, und Euch grauſam und taub macht gegen die Liebes⸗ klagen eines Weibes, die Ihr zur Liebe und zur Sünde verleitet, und die Ihr nachher verlaßt, weil, wie Ihr *) Joſeph Gorani. Geheime Memoiren. Bd. II. S. 26. ſagt, Gott Euch zu ſich ruft, während es doch nichts Anderes iſt, als daß Ihr entnüchtert ſeid, und ſie nicht mehr kebt 7Eure Treuloſigkeit hüllt ſich nur ganz klug in den Mantel der Gottſeligkeit, weiter nichts! Nein, nein, heiliger Vater der Chriſtenheit, ich beneide Euch nicht um dieſe Tugend, durch welche Ihr zum Mörder geworden an Gottes herrlichſtem Werk! Das iſt ein Kirchenraub, den Ihr begangen habt in dem heiligen Tempel der Natur! Geht hin und dünkt Euch groß in Eurer blutdürſtigen, mörderiſchen Tugend. Mich werdet Ihr nicht dazu bekehren! Laßt mich immerhin einen Sünder bleiben, dabei ermorde ich wenigſtens nicht das Weib, welches ich liebe, und ſchaffe ihr nicht Qual ſtatt des verheißenen Glücks! Glaubt mir, Co⸗ rilla hat mir noch nie geflucht, und nie haben ihre ſchö⸗ nen Augen um meinetwillen auch nur Eine Thräne des Kummers vergoſſen! Ihr habt Eurer Geliebten eine Dornenkrone um das Haupt gewunden, ich will meiner Corilla eine Lorbeerkrone um die ſchöne Stirn legen, und mindeſtens wird ihr Haupt davon nicht blutig ge⸗ drückt, und ſie wird nicht daran zu ſterben haben vor Gram! Ihr wollt mir nicht helfen zu dieſem meinem Werk? Ihr verſagt mir die Lorbeerkrone, weil Ihr nur Märtyrerkronen zu verſchenken habt? Gut, heiliger Vater der Chriſtenheit, ich will Euch dennoch zwingen, meinen Willen zu thun, und Ihr ſollt in Eurer heiligen Stadt ſo lange keine Ruhe haben vor meinen tol 5— Streichen, bis Ihr mir verſprecht, meinen Willen zu thun, und die große Dichterin zu krönen auf dem Ca⸗ pitol. Bis dahin, addio, heiliger Vater der Chriſtenheit, Ihr werdet mich nicht wiederſehen im Vatican und Quirinal, aber ganz Rom ſoll Euch Kunde von mir bringen! Mit einem flüchtigen Abſchiedsgruß, und ohne eine Antwort des Papſtes abzuwarten, entfernte ſich der Car⸗ dinal mit haſtigen Schritten, und bald verſchwand ſeine herculiſche Geſtalt in den Schatten der Pinien⸗ und Oliven⸗Alleen. Aber noch lange drang aus der Ferne herüber das laute und ſpöttiſche Lachen des Cardinals. VI. Des Papſtes Erholungsſtunde. Papſt Ganganelli blickte ihm traurig und kopfſchüttelnd nach. Ihm iſt nicht mehr zu helfen, flüſterte er, er rennt in ſein Verderben, und die Stimme der Warnung iſt nutzlos verhallt! Wie aber, wenn er Recht hätte? fuhr der Papſt nachdenklich fort, während er langſam eine dunkle Allee hinauf ging. Wie aber, wenn er mit ſei⸗ ner Lebensweisheit und ſeiner Theorie des Erdenglückes dem Willen Gottes beſſer genügte, als wir mit unſere Tugend und unſerer Entſagungslehre? Ach ja, z Welt iſt ſo ſchön, ſie ſcheint gonz gemacht zur Fre N und zur Luſt und doch wandelt der Menſch auf ihr mit thränendem Blick, ihrer Schönheit nicht achtend und ihrer Frende nicht theilhaftig werdend. Alles iſt frei auf Erden! Nur der Menſch iſt es nicht! Nur er allein liegt in den Banden des Zwanges, und während die ganze Schöpfung jubelt, verblutet ſein Herz! Nein, nein, das ſoll nicht ſein, jeder Einzelne thue, was er kann, um die Menſchheit frei und glücklich zu machen, auch ich will das Meinige thun! Große Macht hat Gott in meine Hand gelegt, ich will ſie nützen, ſo lange ſie noch mein iſt! So ſprechend verließ der Papſt mit haſtigen Schrit⸗ ten den Garten, und eilte hinauf in ſein Studir⸗ zimmer. Signor Galiandro, ſagte er zu ſeinem Geheim⸗Se⸗ cretair, ſpracht Ihr mir nicht hente von mehreren Ge⸗ ſuchen, die eingelaufen ſind, und in welchen man mich bittet um Dispenſation von den Mönchs⸗ und Kloſter⸗ Gelübden? Signor Galiantro wühlte lächelnd unter der Maſſe von Papieren, welche den Arbeitstiſch des Papſtes bedeckten. Es ſind ſeit vier Wochen einige funfzig ſolcher Geſuche eingelanfen, ſagte er. Seit Eure Heiligkeit mehrere Mönche und Nonnen von ihrem Ordensgelübde dispen⸗ ſirt hoben, ſcheinen alle die frommen Bräute Chriſti und die geweihten Prieſter ihres Kloſterlebens überdrüffig zu ſein und ſich hinaus zu ſehnen in die Welt. Wer nicht freiwillig und gern in dem Hauſe des Herrn verweilt, den wollen wir nicht halten, ſagte Gan⸗ ganelli. Der gezwungene Dienſt des Herrn iſt keiner, und das Gebet der Lippe hilft nichts, wenn das Herz nicht einſtimmt in dies Gebet. Gebt mir alle dieſe Ge⸗ ſuche her, daß ich ſie unterſchreibe. Die Luſt der Welt iſt in dieſen Nonnen und Mönchen erwacht, geben wir der Welt wieder, was der Welt iſt. Sie würden mit ihrem widerſtrebenden Herzen nur ſchlechte Geiſtliche und Kloſterjungfrauen ſein, vielleicht werden ſie jetzt beſſere Weltliche und Mütter werden, und wer ſeine Pflicht thut und redlich handelt, der dienet Gott, ſei er nun im Kloſter oder im Schooße ſeiner Familie!*) Der Papſt nahm vor ſeinem Schreibtiſch Platz, und nachdem er alle die vielen Dispenſations⸗Geſuche ſorg⸗ fältig geleſen und geprüft, unterzeichnete er ſie und gab ſie lächelnd ſeinem Geheimſchreiber zurück. Ich hoffe, wir haben da einige Menſchen glücklich gemacht, ſagte er aufſtehend, und deshalb mag es uns dlleicht vergönnt ſein, auch eine Viertelſtunde glücklich ze ſein auf unſere Weiſe! Er ſchlug leicht an die ſilberne Glocke, welche über ſeinem Schreibtiſch hing, und ſofort öffnete ſich die Thür und das luſtige und wohlgenährte Geſicht Bruder Lorenzo's, des Franciskanermönches, * Ganganelli's eigene Worte ſ. Gorani Th. I. S. 41. Mühlbach, Tartaroff. II. 6 welcher des Papſtes einzige Bedienung ausmachte, ſchaute herein. X Lorenzo, ſagte Ganganelli lächelnd, laß uns ein we⸗ nig hinunter gehen in unſern Hühnerhof. Du ſolſſt mir die jungen Küchlein zeigen, von denen Du mir geſtern erzählteſt. Und höre, wäre es zuviel gefordert, wenn ich Dich bäte, mir mein Mittagseſſen hinunter zu bringen in den Garten? Ich wollt', es wäre zu viel gefordert, ſagte Bruder Lorenzo, während er mit watſchlichtem Schritt hinter ſeinem Herrn herwackelte, der die Treppe, die in den Hofraum führten, hinunter ſchritt. Ich wollte wahr⸗ haftig, allerheiligſter Vater, es wäre zu viel gefordert, dann würde wenigſtens Euer Mittagseſſen glänzender und ſchwerer zu transportiren ſein! Iſt das wohl er⸗ hört, daß der Vater der Chriſtenheit einen Tiſch führt wie der ärmſte Bettelmönch, und daß er ſich mit Milch und Obſt und Brod und Gemüſen begnügt, während man für ihn die fetteſten Hühner und Enten ganz ver⸗ geblich mäſtet, und ſein Keller aufgehäuft liegt voll on edelſten und herrlichſten Weine? Nun, nun, zanke nur nicht, ſagte Ganganelli lächelnd, haben wir uns doch Jahre lang im Franciskanerkloſter wohl dabei befunden, und es iſt uns gar nicht einge⸗ fallen, daß es anders ſein müßte! Warum ſollte ich mich jetzt von einer jahrelangen Gewohnheit losſagen und andere Gebräuche mir aneignen? Als ich noch Fraucis⸗ — 33— kanermönch war, habe ich immer, Dank unſerer ein⸗ fachen Lebensweiſe, einen ſehr geſunden Magen gehabt, willſt Du denn durchaus, daß ich mir jetzt den Magen verderbe, bloß weil ich Papſt geworden bin? Es iſt doch derſelbe Menſchenleib geblieben, Lorenzo, und Alles iſt ja doch nur Lug und Trug. Wie wenige Jahre iſt es her, als Du und ich im Kloſter waren, und Du den armen Franciskanermönch als Laienbruder bedienteſt! Damals nannteſt Du mich Bruder Clemens, und ſie thaten's Alle ſo, und jetzt nennt Ihr mich nicht mehr Bruder, ſondern den heiligen Vater! Wie kann denn Euer Bruder von geſtern heute Euer Vater ſein? Wir ſind hier unter uns, Lorenzo, Niemand hört uns und Niemand ſieht uns. Wir wollen einmal wieder auf⸗ hören heiliger Vater zu ſein und auf ein Viertelſtünd⸗ chen wieder Bruder Clemens werden! Hm, ſo übel wär's nicht, ſchmunzelte Lorenzo Es war doch ſehr hübſch in unſerm lieben Kloſter, und manchmal, Bruder, will's mich bedünken, als ob Ihr damals weit glücklicher geweſen, als jetzt, wo ſich Jeder⸗ mann vor Euch zur Erde wirft und Euch den Pantoffel küßt. Es iſt ſehr ſchwer, immer heilig zu ſein, und immer ſo erhaben und ſo groß zu thun, und immer verehrt und angebetet zu werden! Deshalb laß uns zu unſern Hühnern und Enten und Perlhühnern gehen, ſagte der Papſt. Die Menſchen haben aus mir einen Popanz gemacht, vor dem ſie ſich 6* — 6 zur Erde werfen. Aber das gute Vieh, das weiß nichts davon, das ſchnattert und grunzt und guitſcht mich an, als wäre ich ein ganz gewöhnlicher Gänſejunge und durchaus nicht der geheiligte Vater der Chriſtenheit! Komm, komm zu meinem lieben Vieh, es iſt ſo gar auf⸗ richtig und ſonder Heuchelei, es gackert und grunzt mir gerade in's Geſicht, juſt wie ihm der Schnabel gewach⸗ ſen iſt. Es thut nicht ſo demüthig und ergeben, ſo an⸗ beterlich und kriechend, wie die Menſchen, welche ſich mit demüthigen Worten und heuchleriſcher Ergebenheit vor mir niederwerfen, und mich doch heimlich in ihrem Herzen verwünſchen und meinen Tod herbeiſehnen, da⸗ mit wieder ein neues Regiment und ein neuer Papſt komme. Schnell, komm zu unſern klugen Gänſen! Bruder Lorenzo reichte dem Papſte den mit Korn und grünen Blättern gefüllten Weidenkorb dar, und Beide begaben ſich eilenden Schrittes und lachenden Mundes in den Hühnerhof. Die Gänſe und Enten flatterten mit ſtürmiſchem Geſchnatter herbei, als ſie den Futterkorb erblickten, und Ganganelli ſagte lachend; will mich's doch gemahnen, als ſei ich hier im Conclave und hörte dem Streite der Cardinäle zu, wie ſie zanken um die neue Papſtwahl! Höre Lorenzo, ich möchte wohl wiſſen, wer nach mir den heiligen Stuhl beſteigt und die Schlüſſel St. Peters zu verwalten hat. Das wird ein ſtürmiſches Conclave werden. Ruhig, ruhig, meine lieben Gänſe! Freilich, Ihr habt Recht, ich vergaß mei⸗ ner Pflicht! Nun, nun, jetzt ſoll's geſchehen, ich will Euch Futter ſtreuen, ſeht doch nur! Und der Papſt ſtreute mit vollen Händen Futter mitten hinein in den Haufen der ſchnatternden Gänſe, und lachte dann herzlich über den Eifer, mit welchem dieſe ſich darüber herwarfen. Und iſt es nicht mit den Menſchen wie mit dem lieben Vieh? ſagte er lachend. Wenn man ihnen nur zu eſſen giebt und ſie ſatt macht, da verſtummen ſie und werden fein ſanft und milde! Daran ſollten die Fürſten ſich immer erinnern, und vor allen Dingen ihr Volk ſatt machen, wenn ſie es in unangefochtener Ruhe regieren wollen. Ach, da muß ich unſerer eigenen Armen gedenken, Lorenzo! Viele Bittſchriften ſind bei mir ein⸗ gelaufen, Bruder Caſſirer, viel Elend iſt mir geſchildert, viel herzzerreißender Jammer mir geklagt worden! Das macht, weil man weiß, daß Ihr immer gebt,. und lieber ſelbſt Noth leidet, als Andern eine Gabe ver⸗ weigert, brummte Lorenzo. Kaum die Hälfte des Mo⸗ nats iſt vorüber, und ſchon iſt unſer Geld beinahe zu Ende! Schon wieder! rief der Papſt erſchrocken. Mein Gott, und ich bedarf noch vielen Geldes, glaube ich. Da iſt ein Vater von vierzehn Kindern vom Bangeriſſte gefallen und hat ſich beide Beine gebrochen. Für den müſſen wir ſorgen, Lorenzo, den armen Kindern ſen wir Brod ſ — Das verſteht ſich, das iſt Chriſtenpflicht, ſagte Lorenzo eifrig. Gebt mir die Adreſſe, ich werde heute noch hin⸗ gehen! Und wie viel ſoll ich mitnehmen? Nun, ich dächte, ſagte Ganganelli ſchüchtern, fünf Seudi werden nicht zu viel ſein! orenzo zuckte mitleidig die Achſeln. Daß Ihr doch niemals den Werth des Geldes werdet kennen lernen, agte er; jetzt ſoll ich dieſen armen vierzehn Kindern fünf Scudi bringen. Iſt's nicht genug? fragte Ganganelli freudig. Nun, Gott ſei Dank, daß Du ſo geſonnen biſt! Ich fürchtete nur, Du würdeſt es mir abſchlagen, weil doch meine Kaſſe, wie Du ſagſt, ſchon leer iſt! Aber wenn wir noch etwas haben, ſo gieb mehr, viel mehr! Wenigſtens hun⸗ dert Scudi, Lorenzo!. So ſeid Ihr nun! Immer von Extrem zu Extrem! ſchmollte Lorenzo. Erſt zu wenig, dann zu viel. Ich werde ihnen zwanzig Seudi bringen, damit haſta! Gieb ihnen dreißig, bat Ganganelli, hörſt Du, drei⸗ ßig, Bruder Lorenzo. Dreißig Seudi iſt doch ſehr we⸗ nig Geld! Ach, was wißt Ihr vom Gelde, ſagte Lorenzo lachend, die Gänſe hier verſtehen mehr davon als Ihr, Bruder Clemens. Nun, deshalb eben hahe ich Dich zu meinem Caſſirer gemacht, lächelte Ganganelli. Ein Fürſt wird immer gut berathen ſein, wenn er ſich verſtändige und wohl⸗ — 8 unterrichtete Diener wählt für das, was er ſelber nicht verſteht. Am rechten Orte ſeine Unwiſſenheit bekennen, macht einem Fürſten Ehre und verſchafft ihm mehr Ach⸗ tung, als wenn er ſich den Anſchein giebt, Alles zu wiſſen und Alles zu verſtehen! Komm, Lorenzo, laß uns jetzt in den Garten gehen, Du ſiehſt, das Vieh hier will nichts mehr von uns wiſſen, und da es geſättigt iſt, verachtet es unſer Futter! Komm, laß uns weiter gehen! Ja, in den Garten! rief Lorenzo mit geheimnißvollem Lächeln. Kommt, Bruder Clemens, ich habe Euch da eine kleine Ueberraſchung bereitet. Kommt nur und ſeht! Und die beiden Greiſe wandten ſich mit eiligem Schritt dem Garten zu. Folgt mir, ſagte Lorenzo, dem Papſt durch die Alleen voranſchreitend und ihn in den einſamern und dichtern Theil des Gartens führend. Jetzt bückt Euch ein wenig und kriecht hier hindurch, dann ſind wir zur Stelle. Der Papſt folgte genau den Anweiſungen ſeines Führers und ſchlüpfte jetzt durch das Myrthengeſtrüpp hinweg, das ihm den Weg verſperrte. Durch dafſelbe hindurch gelangten ſie jetzt auf einen kleinen runden Plat⸗ in deſſen Mitte, überragt und beſchattet von hohen Hlivenbäumen, ſich eine Raſenbank befand, umrankt von Epheu und kleinen Blüthenſtauden, und gelehnt an einen kleinen Tiſch, der kunſtlos aus Holz geſchnitzt und mit Baumrinde bekleidet war. —— Seht, das iſt meine Ueberraſchung! ſagte Lorenzv. Ganganelli ſtand da mit gefalteten Händen, ſchwei⸗ gend und unbeweglich. Eine tiefe Rührung ſprach aus ſeinen edlen, ſanften Mienen, und langſam rannen ein paar Thränen über ſeine Wangen hinab. Nun, iſt's nicht ganz naturgetreu und gut copirt? fragte Lorenzo mit freudeſtrahlenden Blicken. Mein Lieblingsplatz im Garten des Franciskaner⸗ kloſters! ſagte Ganganelli mit vor Rührung zitternder Stimme. Ja, ja, Lorenzo, Du haſt es getroffen, Du weißt genau, was mir Freude macht! Nimm meinen Dank, mein guter, guter Bruder! Und während er dem Mönche die Hand darreichte, glitt ſein Blick mit ſanfter Freude über den Platz mit ſeinen ſchönen Bäumen und ſeinem grünen Ruheſitz und verweilte nachdenklich und ſinnend bei jedem einzelnen Gegenſtand. So war's, ſagte er dann leiſe, ganz genau ſo; ja, ja, auf dieſem Platze habe ich meine ſchönſten und koſt⸗ barſten Stunden hingebracht; was habe ich da nicht Alles geträumt und gedacht, als Jüngling und als Mann, wie viel Wünſche, wie viel Hoffnungen ſind durch meine Bruſt gezogen, und wie Weniges iſt wahr davon ge⸗ worden! Aber das, was wahr geworden, rief Lorenzo, das konntet Ihr nimmer träumen und hoffen! Wer htte wohl an die Möglichkeit geglaubt, daß der arme mſ — 55— kannte Franciskanermönch der größte und erhabenſte Fürſt der Welt, der Vater der ganzen Chriſtenheit wer⸗ den würde. Das iſt freilich ein Glück, das ſich Bruder Clemens auf ſeiner Raſenbank im Franciskanerkloſter nicht erwarten durfte. Du hältſt es alſo für ein Glück! ſagte Ganganelli, indem er ſich langſam auf den Raſenſitz niedergleiten ließ. Ja, ja, ſo ſeid Ihr guten Menſchenkinder, wo ein bischeu Prunk iſt und ein bischen änßerer Schimmer, da ſchreit Ihr gleich über ein glänzendes Glück. Das macht, Ihr ſeht nur die äußere Form und achtet nicht auf den Inhalt, welcher dahinter ſteckt und der oft recht herzlich bitter iſt. Glaube mir nur, Lorenzo, es iſt eben kein ſo großes Glück, in dieſen Zeiten der Papſt und der ſogenannte Vater der Cbriſtenheit zu ſein. Die Fürſten ſind ſehr widerſtrebende und ungehorſame Kin⸗ der geworden, ſie wollen uns nicht mehr anerkennen in unſerer väterlichen Autorität, und wenn der heilige Va⸗ ter nicht dieſen widerſpenſtigen Fürſtenkindern eine zu⸗ vorkommende Freundlichkeit zeigt, und ihnen ſelber Rechte und Selbſtſtändigkeit verleiht, ſo werden ſie ihm den ganzen Handel aufkündigen und aus dem Vaterhauſe entlaufen. Wir würden dann heilige Väter der Chriſten⸗ heit ſein, aber keine Kinder und keine väterliche Autori⸗ tät mehr haben. Daß ich ſo ſpreche, das wollen mir dieſe hochmüthigen Kirchenfürſten und Cardinäle nim⸗ mer verzeihen, das hat ſie zu meinen Todfeinden gemacht, und doch iſt es mir mit dieſen Grundſätzen allein ge⸗ lungen, den widerſpenſtigen portugieſiſchen Hof zum Bei⸗ ſpiel, wieder unter meine väterliche Gewalt zurück zu führen!— Aber laſſen wir hier an dieſer traulichen Stelle ſolche trübe Gedanken, fuhr der Papſt nach einer Pauſe hei⸗ terer fort. Hier will ich vergeſſen, daß ich Papſt bin, hier will ich immer nur Bruder Clemens aus dem Fran⸗ ciskanerkloſter ſein, und die Sorgen und Mühen des Papſtes, und ſeine Unfehlbarkeit und Heiligkeit, das Alles ſoll mich nicht hierher begleiten auf dieſen ſtillen, lieben Platz! Hier will ich nur ein Menſch ſein, und meiner beengenden Hoheit und meines einzwängenden Glanzes vergeſſend, will ich mich hier recht menſchlich ſtill der Sonne freuen und des ſanften Grüns, und in langen Zügen die ſchöne balſamiſche Luft einathmen! Mein Gott, wie glücklich iſt man doch, wenn man ein wenig hinausſchlüpfen kann aus dieſer Hoheitshülle, mit wel⸗ cher der Menſch ſich verpuppt hat, und ein wenig die Schmetterlingsflügel des freien Menſchenthums regen kann. Und höre einmal, Bruder Lorenzo, ſo ſehr iſt Dein Papſt hier Menſch, daß er einen recht friſchen, menſchlichen Hunger empfindet! Wenn Alles hier an dieſem Platze iſt, wie damals im Kloſter, dann wirſt Du auch etwas haben, mich zu ſättigen! Bruder Lorenzo nickte mit einem pfiffigen Lächeln und trat zur Seite der Raſenbank. Da ſchob er eine 5 kleine unſichtbare, mit Raſen bekleidete Thür zurück, und es zeigte ſich im Innern des Raſenſitzes eine kleine mit Steinen ausgemauerte Vertiefung, die mit Früchten und allerlei Backwerk angefüllt war. Ich ſehe, Du haſt nichts vergeſſen! rief Ganganelli frendig, indem er von der herrlich duftenden Ananas nahm, welche Lorenzo ihm darreichte. Ach, Du machſt mich ſehr glücklich, Lorenzo! Und indem er ſo ſprach, ſchlang er ſeinen Arm um Lorenzo's Nacken und drückte ihn ſtumm an ſeine Bruſt. Bruder Lorenzo ſagte auch nichts, aber er lachte nicht mehr. Sein ſonſt ſo heiteres Geſicht nahm einen wunderbar klaren und freudigen Ausdruck an, und zwei große Thränen ranneu ihm über die Wangen, aber es waren Thränen der Freude. VI. Ein Codesurtheil. Ein ſich näherndes Geräuſch, ein heftiges Rufen und Schreien ſtörte die beiden Greiſe. Es war Lorenzo, welchen man rief, und dieſer ſchlüpfte raſch durch das Gebüſch, um nach der Urſache dieſer Störung zu ſehen. Bald kehrte er mit traurigem Geſicht und niedergeſchla⸗ genen Mienen zurück. — 55 Bruder Clemens, ſagte er, es iſt ſchon wieder vor⸗ bei mit unſerm Vergnügen, und vor lauter Luſt habe ich gar nicht daran gedacht, Euch zu erinnern, daß der Papſt die Stunde nicht verſäumen darf, in welcher er Audienzen ertheilt. Dieſe Stunde iſt leider jetzt gekom⸗ men, und ſchon iſt Euer Vorzimmer gju mit Fürſten und Prälaten. Und Du ſprichſt von meinem Glücke, Papſt zu ſein, ſagte Ganganelli, indem er ſich ſeufzend von der Raſenbank erhob. Man gönnt mir nicht eine Stunde Erholung, und doch meint man,— aber nein, unter⸗ brach ſich Ganganelli lächelnd, man ſoll nicht undank⸗ bar ſein, und undankbar wär's, wollt' ich jetzt murren. Habe ich keine ganze Stunde der Ruhe und Erholung gehabt, nun, ſo war es eine halbe Stunde, und das iſt auch ſchon viel. Und dem Bruder Lorenzo winkend, ihm zu folgen, kroch der Papſt durch das Gebüſch, welches den Platz von dem belebtern Theil des Gartens trennte. Als er dann die große Allee hinabſchritt, hatte ſein Geſicht und ſeine ganze Geſtalt ein anderes Ausſehen gewonnen. Die milde Freundlichkeit war aus ſeinen Zügen verſchwunden, Stolz und Hoheit ſprachen jetzt aus denſelben, und ſeine höher aufgerichtete Geſtalt hatte etwas Edles und Impoſantes, es war nicht mehr die gebückte Geſtalt eines Greiſes, ſondern die eines nur gealterten Helden. Der Bruder Clemens war verſchwun⸗ den und hatte ſich in den erhabenen majeſtätiſchen Kirchen⸗ fürſten verwandelt, welcher ging, ſeine Vaſallen zu em⸗ pfangen. Jetzt ſah man eine hohe Manusgeſtalt mit eiligem Schritt die Allee hinunterkommen, gerade dem Papſte entgegen. Wer iſt's? fragte Ganganelli leiſe, ſich halb nach Lorenzo, welcher hinter ihm herſchlurfte, umwendend. Es iſt Juan Angelo Braschi, der frühere Schatz⸗ meiſter, dem Ihr geſtern den Cardinalshut geſendet. Ach, der ſchöne Braschi, flüſterte Ganganelli traurig. Der Geliebte von der Geliebten meines Neffen, des Cardinals Rezzonico! Ach, wie ſchlecht, mein Gott, iſt doch die Welt! In der That, der, welchen Ganganelli den„ſchönen“ Braschi genannt, verbiente dieſes Epitheton. Man konnte keine plaſtiſchere und edlere Schönheit ſehen, kein Ge⸗ ſicht, das mehr an die edelſten Bildwerke der Alten, an die erhabenſten Götterſchönheiten Griechenlandes erinnerte, keine Geſtalt, die ein beſſeres Conterfei des Belvedere⸗ ſchen Apollo genannt werden konnte. Mit einem edlen, freien Anſtande näherte ſich Braschi jetzt dem Papſte, welcher in einiger Entfernung von ihm ſtehen geblieben war und ihn in ruhiger, ſtolzer Haltung erwartete. Braschi ließ ſich auf ein Kniee nieder, und indem er das Gewand des Papſtes an ſeine Lippen drückte, ſagte er mit ſeiner wohlklingenden Stimme: Ver⸗ — zeiht, hochheiliger Vater, daß ich wage, ſchon hier Euch aufzuſuchen. Aber mein ſtürmiſches Dankgefühl ließ ſich nicht länger bezähmen. Es trieb mich wie mit Windes⸗ flügeln Euch entgegen. Ich mußte der Erſte ſein, wel⸗ cher Euch zu Füßen ſank, um Euch Dank, unausſprech⸗ lichen Dank zu ſtammeln! Der Papſt nickte ſtolz mit dem Haupte und winkte ihm anfzuſtehen. Es iſt gut, ſagte er, und Ihr habt da Eurem Dank recht überſchwengliche Worte verliehen. Es iſt wahr, Ihr waret bis jetzt nur Schatzmeiſter, und ich habe Euch eine große Stufe überſpringen laſſen, indem ich Euch zum Cardinal machte. Aber erinnert Euch, mein Herr Cardinal, daß ich Euch nur zum Car⸗ vinal gemacht, um Euch die Schatzmeiſterſtelle zu neh⸗ men, weil ich zu dieſem Poſten eines Mannes bedurfte, deſſen Redlichkeit Niemand in Zweifel ziehen konnte!*) So ſprechend ſchritt Ganganelli mit einem ſtolzen Gruß vorüber, und ließ den neuen Cardinal wie an⸗ gewurzelt vor Schreck, ſein ſchönes Antlitz entſtellt vor Zorn und Wuth, zurück. Das ſoll er büßen, murmelte Braschi während der Papſt ſich langſam entfernte. Bei'm ewi⸗ gen und allmächtigen Gott, das ſoll er büßen, dieſer hochmüthige Franciskaner. Ach, es wird ein Tag kom⸗ men, wo er dieſer Worte gedenken ſoll! Des Papſtes eigene Worte. Siehe Gorani. Bd. I. S. 27. Ganganelli wandelte indeſſen ruhig weiter, und hin⸗ ter ihm her ging ſein treuer Lorenzo, mit einem köſtli⸗ chen Freudenlächeln über dieſe Abfertigung und Demü⸗ thigung des ſchönen und ſtolzen Cardinals Braschi. Plötzlich blieb der Papſt ſtehen, und ſich zu Lorenzo umwendend, ſagte er: Welch ein wunderlicher Gedanke mir da durch den Kopf fährt! Ich habe dieſen elenden Schönling, den Braschi, zum Cardinal gemacht, weil er zum Schatzmeiſter nicht ehrlich genug, aber damit habe ich ihm den Weg zum päpſtlichen Throne gebahnt! Wär's nicht wunderbar, Lorenzo, wenn ich mir da eben ſelbſt meinen Nachfolger geſchaffen hätte? Um ſeiner Betrü⸗ gereien willen iſt er Cardinal geworben! Warum könnte er nicht nun auch Papſt werden? Die Welt iſt ja ſo wunderbar!*) Was das für Träume ſind, murmelte Lorenzo achſel⸗ zuckend. Ein Braschi ſollte der Nachfolger des edlen Ganganelli ſein können.— Viele Cardinäle und Kirchenfürſten, viele Nobili und *) Juan Angelo Braschi, den Papſt Clemens XIV. zum Cardinal ernannte, ward in der That Ganganelli's Nachfolger, und beſtieg als Pius VI. den päpſtlichen Stuhl. Nach einem ſehr ſtürmiſchen Con⸗ clave wählte man ihn, und zwar ſtimmten die verſchiedenen Parteien nur aus dem Grunde in dieſer Wahl überein, weil Braschi zu gar keiner Parthei gehörte, und weil man von ihm meinte, er ſei ſo ſehr mit ſeiner Schönheit beſchäftigt, daß er gar nichts Anderes denke, und, nur mit der Sorge für ſein Geſicht beſchäftigt, die Staatsſorgen gern Andern überlaſſen würde. — fremde Geſandten waren in dem Audienzſaale des Pap⸗ ſtes verſammelt, und als Ganganelli jetzt zu ihnen ein⸗ trat, warfen ſie ſich demuthsvoll auf die Kniee nieder vor dem Oberhaupte der Kirche, vor dem Statthalter Gottes, welcher ihnen mit feierlicher Majeſtät den Se⸗ gen ertheilte und dann ſich liebreich und gütig mit ihnen unterhielt. Das war eine Ceremonie, welcher ſich der Papſt einmal in jeder Woche unterwerfen mußte, und die er nicht zu den unbedeutendſten Mühen ſeiner ho⸗ hen Stellung rechnete. Er war daher ſehr zufrieden, als auch dieſe Stunde vorüber, und er endlich alle die lobpreiſenden und ſchmeichelnden Herren entlaſſen konnte. Nur der Cardinal Bernis war zurückgeblieben, und zu dieſem ſagte Ganganelli, indem er ihm aufathmend die Hand darreichte: Welch eine Maſſe von Lügen und heuchleriſchen Redensarten wir da haben wieder ver⸗ ſchlucken müſſen. Dieſe Herren Cardinäle haben die Frechheit, mir von ihrer Liebe und Verehrung zu ſprechen, ſie ſcheuen es nicht, ſo zu lügen, mit denſelben Lippen, welche heute ſchon den Segen ausgetheilt und Worte frommer Erbauung geſprochen haben. Aber vergeſſen wir dieſe Heuchler! Die Geſchäfte ſind vorüber, und es iſt ſchön von Euch, daß Ihr kommt, ein Stündchen mit mir zu plaudern! Ihr wißt, ich liebe Euch ſehr, mein guter Freund Bernis, obwohl Ihr den heidniſchen Gottheiten huldigt, und als ein echter Abtrünniger Euch zum Prieſter der Muſen gemacht habt! — 97— Ah, Ihr redet von meinen Iugendſünden, rief der Cardinal lächelnd. Die ſind längſt vorüber und ſchlum⸗ mern bei meinem Jugendglück. Das muß ein großes Lager ſein, wo die alle neben einander Platz finden, rief Ganganelli lachend, indem er dem Cardinal leicht mit dem Finger drohte. Aber was zieht Ihr denn da mit ſo gewichtiger Miene ans Eurer Buſentaſche? Einen Brief von der Marquiſe Pompadour, heiliger Vater, ſagte der Cardinal ernſt. Einen Brief, in wel⸗ chem mir der Befehl gegeben wird, Euch, dem Vater der Chriſtenheit, die Zuſtimmung Frankreichs zu der von Euch beabſichtigten Aufhebung des Jeſuitenordens zu bringen. Hier iſt der an mich gerichtete Privatbrief der Marquiſe, und hier das von König Ludwig unter⸗ zeichnete officielle Schreiben, das für Euer Heiligkeit be⸗ ſtimmt iſt! Der Papſt nahm die Papiere, und während er ſie las, überzog eine Todesbläſſe ſein Angeſicht, und eine finſtere Wolke lagerte ſich auf ſeine Stirn. Auch Frankreich giebt ſeine Einwilligung, ſagte er dann, als er geleſen. Wie iſt mir denn, wart Ihr nicht ſelber gegen die Aufhebung dieſes Ordens, und wart Ihr nicht darin im Einverſtändniß mit dem ſpaniſchen Geſandten, Eurem langjährigen Freunde? Dieſe langjährige Freundſchaft iſt heute an einem Fiſch geſcheitert und treibt als leckes Wrack auf ſturm⸗ Mühlbach, Tartaroff II. 7 bewegten Wellen umher, ſagte der Cardinal achſel⸗ zuckend. Ganganelli achtete nicht auf ihn. Tiefernſt und ſinnend ging er auf und ab, und ſein himmelwärts gerichteter Blick ſchien eine große, ungeheure Frage an Gott zu richten. Ich ſehe alles klar, wie es kommen und ſein wird, murmelte der Papſt endlich, wie zu ſich ſelber. Ich werde das Werk vollenden, welches ich begonnen, Gott ſelber iſt es, welcher mir den Weg dazu bahnt, aber dieſer Weg wird auch zugleich zu meinem Grabe führen! Welche finſtere Gedanken ſind dies! rief Bernis ſich ihm nähernd. Dieſer hochherzige und kühne Entſchluß wird Euch nicht den Tod, ſondern den Ruhm der Un⸗ ſterblichkeit bringen! In die Unſterblichkeit mindeſtens wird es mich führen, ſagte der Papſt mit einem matten Lächeln. Die Geſtor⸗ benen ſind Alle unſterblich. Aber denkt doch nicht ſo klein von mir, daß Ihr meint, ich würde jetzt ſcheu zu⸗ rückbeben, das zu thun, was ich als recht und noth⸗ wendig erkannt. Nur giebt es Nothwendigkeiten ſehr ſchmerzensreicher und grauſiger Art. Solch eine Noth⸗ wendigkeit iſt der Krieg! Und iſt es nicht ein Krieg, den ich beginne, und gilt es nicht, mit einem einzigen Schwerdtſchlag alle dieſe Tauſende zu tödten, welche ſich die Jünger Loyola's nennen und zur Geſellſchaft Jeſu —55 gehörend? Ach, glaubt mir, die Geſellſchaft Jeſu, ſie iſt eine Hydra, und es wird uns nimmer gelingen, ſie ganz zu ertödten. Ich werde ihr jetzt mit meinem Schwerdte das Haupt zerſpalten, und im Vorbeigehen damit zugleich meinen eigenen Kopf vom Rumpfe trennen; ein Tag wird kommen, wo dieſer Hydra wieder ein neues Haupt gewachſen ſein wird, und wo ſie mit neuer Lebenskraft unter Euch auferſteht, während ich im Grabe vermodere. Sagt dann nicht, daß ich es nicht verſtanden, ſie zu tödten, und wenn Ihr's ſagt, ſo fügt mindeſtens hinzu, daß es mir am Willen nicht gefehlt, und daß ich mein eigenes Herzblut und mein eigenes Leben dafür hinge⸗ geben. So ſprechend winkte der Papſt dem Cardinal einen leichten Abſchiedsgruß, und trat in ſein Studirzimmer zurück, deſſen Thür er leiſe hinter ſich in's Schloß drückte. Lange hörte man ihn dort mit langſamen, gleich⸗ mäßigen Schritten auf und abgehen. Dann ward Alles ſtill. Niemand wagte es, ihn zu ſtören. Die Stunden vergingen, Lorenzo knieete ahnungsvoll bang vor der Pforte, hinter welcher ſein geliebter Herr noch immer weilte. Er legte das Ohr an die Spalte der Thür, und verſuchte zu horchen. Alles blieb ſtill da drinnen, nichts vegte ſich. Endlich wagte er es, leiſe und zitternd des Papſtes Namen zu nennen, dann lauter, ängſtlicher, und als immer noch keine Antwort erfolgte, legte er 7* beſorgt die Hand auf das Schloß der Thür und öffnete ſie. An ſeinem Schreibtiſch ſaß der Papſt mit blaſſem Geſicht, mit ſtarren Blicken, große Schweißtropfen ſtan⸗ den auf ſeiner Stirn. Unbeweglich ſaß er da, die Rechte, in welcher eine Feder ruhte, auf ein Pergament gelehnt, das vor ihm auf dem Tiſche lag. Wie ein Bild von Wachs, ſo ſtarr, war er anzu⸗ ſehen, und Lorenzo ſchauderte und ſchlug ein Kreuz über ſeiner Stirn. Dann ſchlich er leiſe heran und berührte ſchüchtern und angſtvoll des Papſtes Schulter. Ganganelli zuckte zuſammen, und ein leichtes Zittern durchflog ſeine Glieder, dann athmete er hoch auf, und ſeinen Freund mit matten, erſtorbenen Blicken anſchauend, ſagte er: Lorenzo, laß mir meinen Sarg beſtellen, und bete für meine Seele! Ich habe ſo eben mein Todes⸗ urtheil unterzeichnet. Siehe, da liegt es! Ich habe dieſes Dekret, welches die Aufhebung der Jeſuiten be⸗ fiehlt, unterſchrieben! Ich werde alſo ſterben müſſen, Lorenzo. Es iſt vorbei mit unſern Schattenplätzen und unſern Erholungsſtunden! Meine Mörder ſchleichen ſchon heran, denn ich ſage es Dir, ich habe ſelber mein To⸗ desurtheil unterzeichnet*) *) Des Papſtes eigene Worte. Siehe Gorani. Bd. II. S. 41. —— VIII. Das Feſt des Cardinal Pernis. Der Tag des Feſtes, er war alſo endlich gekom⸗ men.— Mit welcher freudigen Ungeduld, mit welchem ah⸗ nungsvollen Verlangen hatte Natalie ihm entgegengehofft, wie hatte ſie ihren Freund, den Grafen Paulo beſtürmt mit Fragen nach dem Cardinal Bernis, nach den Men⸗ ſchen, welche ſie dort treffen würde, nach den Sitten und Gebräuchen, denen ſie ſich dort fügen müſſe. Ich bin bange und ängſtlich, ſagte ſie mit lieblicher Verſchämtheit, man wird über mich zu lachen haben, und Du wirſt über mich erröthen müſſen, Paulv. Aber hörſt Du, ſage dann dieſen klugen Männern und dieſen vornehmen Damen nur, es ſei das erſte Mal, daß ich eine Geſellſchaft beſuche, und daß ſie Nachſicht haben müſſen mit der Ungeſchicklichkeit eines armen Kindes, welches die Welt nicht kennt und nichts weiß von ihren Formen und Geſetzen. Für Dich wird es keiner Entſchuldigung bedürfen, rief Paulo, ihre zarten Fingerſpitzen an ſeine Lippen drückend. Sei nur ganz Du ſelber, ganz wahr und offen, ganz harmlos und heiter. Vergiß, daß Du in einer Geſellſchaft biſt, denke, Du ſeieſt in unſerm Gar⸗ — 102— ten unter Deinen Bäumen und Blumen, und ſprich zu den Menſchen, wie Du zu Deinen Bäumen und Blu⸗ men ſprichſt. Aber werden mir die Menſchen auch ſo liebe und trauliche Antworten geben, wie meine Blumen und Bäume? fragte Natalie ſinnend. Sie werden Dir noch ſchönere Dinge und noch ſchmeichelhaftere ſagen, lächelte Graf Paulo. Aber jetzt, Natalie, iſt es Zeit an Deine Toilette zu denken. Sieh, ſchon ſinkt die Sonne hinter den Pinien nieder, und der Himmel beginnt ſich zu röthen. Bald iſt die feſtge⸗ ſetzte Stunde da, und Dein erſter Triumph erwar⸗ tet Dich! Oh, der ſoll nicht lange auf mich zu warten haben, rief Natalie lachend, und wie eine Gazelle, ſo anmuths⸗ voll und leicht flog ſie dem Hauſe zu. Graf Paulo ſchaute ihr mit ſchwermüthigem Entzücken nach. Und dieſen Engel ſoll ich verlaſſen, dachte er, und dieſes höchſte und edelſte Kleinod meines Lebens ſoll ich verlieren, und mich ſelber aus dem Paradieſe verjagen! Und weshalb dieſes Alles? Um vielleicht einem Schattenbilde nachzujagen, das niemals Wirklich⸗ keit wird, um einer Chimäre zu folgen, die vielleicht nur ein Luftgebilde iſt, das neckend vor mir hertanzt und in Nebel zerrinnt, wenn ich es zu erreichen glaube? Nein, nein, die Welt iſt nicht ſo viel werth, daß man an ihren Prunk und ihre Größe ſich verkaufen ſollte mit ſeinem — 103— edelſten Seelenglück. Natalie ſelber ſoll entſcheiden. Liebt ſie mich, und iſt ſie zufrieden mit dem ſtillen, ein⸗ gefriedigten Daſein, das ich ihr von nun an nur noch bieten kann, dann hinweg ihr eitlen Träume, und ihr ſtolzen Hoheitsgelüſte, dann werden wir vielleicht nicht die Größten der Erde, aber ſicher doch die Glücklichſten ſein!— Es war ein glänzendes, ein wundervolles Feſt, das der Cardinal Bernis heute ſeinen Gäſten bereitete, ein Feſt, wie man kein ähnliches in Rom geſehen. Mit Blumenguirlanden und Feſtons von bunt ſchillerndem Flor waren die Wände decorirt, dazwiſchen flammten die hohen Candelaber und fanden ihren Reflex in den hohen, venetianiſchen Spiegeln, die in breiten Gold⸗ rahmen von dem Fußboden bis zur Decke emporſtiegen. Und in den Ecken der Säle waren Niſchen gebildet, hier von dichten Orangenbäumen, dort von ſchwerſeid⸗ nen Vorhängen, hinter denen man ſich plötzlich in muſchelverzierten Grotten befand, in deren Mitte Spring⸗ brunnen mit Roſenöl und duftigen Eſſenzen plätſcherten. Und immer neue Ueberraſchungen, neue Grotten und Haine inmitten der koſtbaren Säle boten ſich den Augen des Beſchauers dar. Bald befand man ſich plötzlich in einem ſtillen, nur von einer einzigen Ampel erleuchteten Boudoir, auf deſſen Tiſchen die herrlichſten Kupferſtiche und ſeltenſten Handzeichnungen ausgebreitet waren; dann wieder trat man in einen andern Saal, der im — 104— Glanz tauſenbfacher Kerzen funkelte, in welchem Muſik erſchallte, und die ſchön geputzte Menge in buntem Ge⸗ woge auf⸗ und niederwallte; dann öffnete ſich wiederum hier und da eine Grotte, oder durch die geöffneten Thüren trat man hinaus in den Garten, in deſſen duftigen, von vielfarbigen bunten Lampen erhellten Gän⸗ gen man der balſamiſchen Kühle des Abends genoß, oder den Klängen der Muſikchöre lauſchte, die hier und da im Gebüſche verſteckt waren, oder auch, dem Gedränge und der Helle entfliehend, in den ſchattigern und ein⸗ ſamern Alleen auf irgend einer Raſenbank, unter irgend einem Myrthengeſträuch ſich ein Plätzchen ſuchte, ſei's nun, um einſam zu träumen, ſei es, um in ſüß ver⸗ ſchwiegener Traulichkeit ſeinen Arm zu ſchlingen um ein geliebtes Weib, das, den verſtohlenen Wink verſtehend, langſam und unbemerkt auch hierher gekommen war und freundlich ſich hier finden ließ in dieſer ſüßen Stille.— Aber der Mittelpunkt des Feſtes war doch der große, ungeheure Rieſenſaal, den der Cardinal eigens zu die⸗ ſem heutigen Feſte in der Mitte des Gartens hatte er⸗ richten laſſen. Die Wände von Blumen und Gaze waren durch mehr denn hundert vergoldete Säulen ver⸗ bunden, an deren jeder große Schalen und Girandolen mit Naptha brannten und ein lichtes Strahlenmeer ver⸗ breiteten. Seidene Fußteppiche bedeckten den Boden, und über dem Ganzen dieſes ungeheuren Rieſenſaales wölbte ſich als Plafond der von tauſend funkelnden Sternen bedeckte Himmel. Auch hier waren überall Niſchen und Grotten angebracht; in ihnen konnte man, mitten im Gewühl des lauteſten Treibens und der glänzendſten Geſellſchaft, der Einſamkeit genießen, und ſich ein wenig erholen von dem glänzenden Getümmel. Nur eine dieſer Niſchen war, ſo ſchien es, der Ge⸗ ſellſchaft ganz unzugänglich, und dennoch war es gerade dieſe, welche die Neugierde Aller erregte und der ſich Alle flüſternd nahten, bemüht, hinter die dichten ſeidenen Vorhänge zu ſchauen, welche hier angebracht waren, und vor denen zwei reich gallonirte Diener des Cardinals auf⸗ und abgingen, mit feierlichem Ernſte, aber mit tiefer Unterwürfigkeit Jeden bittend, ſich dem Wunſche des Cardinals zu fügen, und vorerſt ſich den Vor⸗ hängen nicht zu nahen, ſondern die Löſung des Räthſel, welches ſich dahinter verberge, abzuwarten. Einige Stufen führten hinauf zu dieſer verſchloſſenen und verhüllten Niſche; dieſe Stufen waren mit Roſen beſtreut, das ſah man wohl, aber wohin führten dieſe Stufen, und was war verborgen hinter dieſen Vorhängen? Eine köſtliche Ueberraſchung gewiß, denn der Car⸗ dinal Bernis verſtand ſich darauf, ſeinen Gäſten Ueber⸗ raſchungen zu bereiten und ſie angenehm zu zerſtreuen. Die Damen und Herren, die Cardinäle und Kirchen⸗ fürſten drängten ſich um ihn und baten um Löſung dieſes Rüthſels, um Aufllärung dieſes Geheimniſſes! Ich bin ſelber nicht eingeweiht, ſagte der Cardinal lachend, irgend eine Gottheit ſcheint ſich dort niederge⸗ laſſen zu haben, oder Sie haben Recht, und es iſt eine Sphinx, welche von dort aus uns ihre Räthſel auf⸗ geben will. Aber laſſen Sie uns ſehen, welche verſpä⸗ tete Gäſte uns dort noch kommen. Und der Cardinal näherte ſich mit geſchäftiger Eil⸗ fertigkeit dem Haupteingange des Saales, deſſen Vor⸗ hänge eben zurückgeſchlagen wurden, und hinter welchen Natalie an der Hand des Grafen Paulo erſchien. Wie geblendet von der Helle, die ſie plötzlich um⸗ rauſchte, ſtand ſie einen Angenblick ſtill, eine Purpur⸗ gluth überzog ihre zarten Wangen, und ſich feſter auf Paulo's Arm lehnend, flüſterte ſie: ſchütze mich, Paulo, ich habe Furcht, es wird mir ſo bange unter dieſer Menge. Eben ſchrie der Thürſteher mit Stentorſtimme in den Saal hinein: Prinzeſſin Natalia Tartaroff und der Graf Paulo! Bei dem Klange dieſer fremden Namen wandten ſich aller Blicke der Thür zu, und alle dieſe flammen⸗ den, nengierigen, ſpähenden Augen richteten ſich auf die⸗ ſes junge Mädchen, um mit Bewunderung und Staunen auf ihr zu haften. Aber Natalie gewahrte es nicht. Sie blickte mit einem freudigen Lächeln auf Paulo hin, und ein ſtolzes Glück ſtrahlte aus ihren Zügen, ſie hatte alſo einen Na⸗ men, ſie war keine verlaſſene, namenloſe Waiſe mehr. nicht, wie ſchön ſie war. — 107— Endlich war das Räthſel ihrer Geburt ihr gelöſt, und um was ſie ſo lange gebeten und gefleht, das hatte ihr Paulo heute als Ueberraſchung gewährt. Er hatte ihr und der Welt zu gleicher Zeit ihren Namen verkündet, und ſie war nicht nur keine Na⸗ menloſe, ſie war eine Prinzeſſin, ſie nahm einen Rang ein in der Geſellſchaft, und Graf Paulo und Carlo hatten ſich ihrer nicht zu ſchämen. Aber wo war Carlo? Als ſie ſeiner gedachte, verſchwand ſchnell dieſes Gefühl des aufwallenden Stolzes aus dem Herzen des jungen Mädchens, ſie vergaß, daß ſie eben eine Prin⸗ zeſſin geworden, um ſich nur zu erinnern, daß Carlo, ihr Geſanglehrer, ihr verſprochen, auch bei dieſem Feſte gegenwärtig zu ſein, und ſich zu wundern, daß ſie ihn nicht entdecken konnte in dem bunten Gewühl. Das bemerkte ſie gar nicht, daß in dem Saale ſeit ihrem Erſcheinen eine tiefe Stille eingetreten war, daß noch immer Aller Blicke auf ſie gerichtet waren, daß man heimlich zu einander flüſterte, und in halblaute Aeußerungen des Staunens und Entzückens ausbrach, ſie ſah nicht, wie die Schönen hier und da erbleichten, und ſich unwillig auf die ſtolze Lippe biſſen, ſie ſah nicht, wie die Augen der Männer glühten, und welche Blicke die Herren Cardinäle und frommen Kirchenfürſten auf ſie richteten. Sie war ſo unbefangen, dieſes holde Kind, ſie wußte Und doch war ſie heute von — 108— einer wundervollen, rührenden Schönheit. Wie eine Lilie ſo zart und weiß ſtand ſie da in dem ſchweren weißen Atlasgewande, das ihre leichte graziöſe Geſtalt umhüllte, und die Brillanten, welche ihr Haar, ihren Hals und ihre Arme ſchmückten, funkelten au ihr wie die von der Sonne beſchienenen Thautropfen im Kelche der Lilien. So ſchön war ſie, daß ſelbſt der Car⸗ dinal Bernis einen Augenblick wie geblendet, ganz ſprachlos und ſtumm vor ihr ſtand, und keinen Ausdruck zu finden wußte für ſein Erſtannen und ſeine freudige Ueberraſchung. Oh, ſagte er endlich lächelnd, und ſich tief vor ihr verneigend, ich werde mit dem Grafen Paulo zu zanken haben. Er verſprach uns die Gegenwart eines ſterblich geboreuen Weibes, und jetzt führt er eine Göttin in un⸗ ſeren Kreis, die mit lächelnder Verachtung auf uns arme Menſchenkinder herniederblicken muß. Natalie lächelte. Ich weiß, ſagte ſie mit ihrer lieb⸗ lich hellen Kinderſtimme, ich weiß, daß der Cardinal Bernis ein Dichter iſt, und es wird ihm daher gar nicht ſchwer, ein junges Mädchen in eine Göttin zu verwandeln. Auch iſt dies nicht das erſte Mal, daß er ſo thut. Ich entſinne mich eines lieblichen Gedichtes von Ihnen, es iſt die Klage eines Schäfers, der ſeine Geliebte für eine Göttin hält, weil ſie gar ſo ſchön iſt und zuletzt iſt ſie keine Göttin, ſondern ganz das Gegen⸗ theil, ein rechter kleiner Zankteufel, der nichts Schönes ——————— — 109— an ſich trägt, als ſein ſchönes Angeſicht. Hüten Sie ſich, Cardinal, daß es Ihnen mit mir nicht auch ſo gehe, wie dem Schäfer in Ihrem lieblichen Gedicht! Sie ſagte das mit ſo kindlicher Unbefangenheit, mit einem ſo heitern, ſcherzenden Ton, daß der Cardinal wie berauſcht ihr zuhörte, und mit unverhehlter Bewun⸗ derung in dieſes zarte, kindlich reine Antlitz ſchaute, über das noch kein Zug des Schmerzes und kein Seuf⸗ zer des Kummers dahingegangen war. Ohne etwas zu erwiedern, nahm er ihren Arm, und den Grafen Paulo an ſeine Seite winkend, führte er die Prinzeſſin dem Kreiſe der Damen zu.— Hinter dieſen verſchloſſenen Vorhängen, welche noch immer die geheimnißvolle Niſche verhüllten, war es in⸗ deß lebendig geworden. Geſchäftige Diener eilten hin und wieder, um Lampen anzuzünden und die Blumen und Feſtons und die Draperien zu ordnen. Es ſchien, man hatte hier eine kleine Bühne errichtet, und das große Wandgemälde, welches den Hintergrund dieſer Bühne bildete, trug ganz das Ausſehen einer Decoration. Seitwärts führte ein Vorhang in einen zweiten größeren Raum, der zu einer Art Garderobe beſtimmt ſchien. Ein großer an den Seiten erleuchteter Spiegel befand ſich in der Mitte des Gemaches, und vor dieſem ſtand ein junges Weib, ſich ſelber in höchſter Aufmerkſamkeit betrachtend, hier an ihrer Toilette zupfend und dort ir⸗ gend eine Schleife, eine Blume in Ordnung bringend. — 110— Sie war es offenbar, welche auf der Bühne da draußen erſcheinen ſollte, ihr Anzug verrieth es! Das war nicht der Anzug, wie ihn die Mode erheiſchte, und wie die vornehmen Damen der römiſchen Geſellſchaft ihn trugen; es war ein ideales, griechiſches Koſtüm, das wie dazu geſchaffen ſchien, um die Schönheit dieſes Weibes nur noch üppiger und lockender hervortreten zu laſſen. Schön war ſie, dieſes Weib mit den glühenden, ſchwarzen Angen und dem dunklen, glänzenden Haar, das ſie im Nacken in einen griechiſchen Knoten zuſam⸗ mengeſchlungen hatte. Schön mit dieſem Lorbeerkranz, der auf ihrer hohen Stirn ruhte, ſchön in dieſem durch⸗ ſichtigen griechiſchen Gewande, das ihre volle edle Ge⸗ ſtalt umwallte, ſchön mit dieſen vollen, ganz entblößten Armen, die mit goldenen Spangen geziert waren, ſchön mit dieſen ſtolzen, edlen Formen ihres Nackens und dieſen ganz freien, entblößten Schultern. Sie war ihrer Erſcheinung nach eine Griechin, nur das Antlitz war nicht das einer Griechin. Es fehlten ihm die edlen Formen, die ſtille Heiterkeit und Ruhe, die ſelbſt in der Ueppigkeit noch ſittſame Schönheit der Griechinnen. Sie ſtand vor dem Spiegel und betrachtete ſich, und ihre Lippen murmelten dabei leiſe Worte, und zuweilen ſchweiften ihre Augen von dem Spiegel zu dem kleinen Tiſche, der daneben ſtand, und auf veih mehrere aufgeſchlagene Bücher lagen. — 111— Was murmelte ſie, und was las ſie aus dieſen Büchern? Seltſam, es waren einzelne, unzuſammen⸗ hängende Worte, welche ſie ſprach, Worte, welche nichts mit einander gemein hatten, als den Klang, die Melv⸗ die,— es waren Reime, aber ohne Zuſammenhang und Sinn, ohne innere geiſtige Vermittelung. So, ſagte ſie jetzt mit einem zufriedenen Lächeln, jetzt bin ich vollkommen gerüſtet und gewaffnet. Alle dieſe Reime Taſſo's und Petrarca's, ſie ſind mir jetzt ganz feſt und gegenwärtig, und ich habe nicht zu fürchten, daß ich bei irgend einem Reime ſtocken könnte! Ach, ſie ſollen mich bewundern, dieſe guten Römer, ich will ſie begeiſtern und entflammen, und alle meine verliebten Herren Cardinäle in eine ſolche Extraſe ſetzen, daß ſie dieſen albernen, halsſtarrigen Papſt endlich überreden müſſen, wider ſeinen Willen ſelbſt mein einziges Begehren und Wünſchen zu erfüllen! Ich will's erreichen, beim ewigen Gott, ich will's, und müßte ich darüber meine Seligkeit und meine Ehre verpfänden. Sie betrachtete ſich wieder im Spiegel. Ja, ſagte ſie, ich bin ſchön! und wenn ich ſchön bin, fuhr ſie nach einer Pauſe fort, wie kommt es denn, daß Carlo mich nicht mehr liebt? Ach, dieſer Treuloſe, mich zu verrathen, mich zu verlaſſen, während ich ihn noch liebe! Eine dunkle Röthe des Zornes bedeckte jetzt ihre Wangen, und die Hände drohend emporhebend, fuhr — 112— ſie mit zuſammengepreßten Lippen fort: Und mich zu verlaſſen um eines anderen Weibes willen, mich, den Stolz und das Entzücken von ganz Rom, mich, der alle Fürſten und Cardinäle huldigen! Ach, während Tauſende zu meinen Füßen liegen und um einen Blick, ein Lächeln buhlen, wagt es dieſer kleine, unbekannte Sänger, mich zu verſchmähen und meine Liebe zu verſpotten. Und warum ſollte er es nicht wagen? fragte eine Stimme hinter ihr, und das Antlitz eines jungen Mannes ward ſichtbar. Carlo! rief ſie, und eilte ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen. Er wehrte ſie faſt unſanft zurück. Du vergißt, ſagte er, daß dieſer kleine, unbedeutende und unbekannte Sän⸗ ger Dich nicht mehr liebt, Corilla! Gönne alſo den Tauſenden, welche zu Deinen Füßen ſchmachten, immer⸗ hin ein wenig von Deinem anlockenden Lächeln und von Deinen glühenden Blicken, ich habe nichts dagegen und bin ganz und gar nicht eiferſüchtig! Du ſollſt es aber ſein, rief ſie wild mit den Füßen ſtampfend. Ich ſage Dir, ich leide es nicht, daß Du mich verläßt, ich will von Dir geliebt ſein, und Niemand ſollſt Du anblicken, und Niemand ſollſt Du lieben dür⸗ fen als mich allein. Carlo brach in ein lautes, ſpöttiſches Gelächter aus, dann ſagte er ernſt und ſtolz: Ich bin ein Neapolitaner, und bei uns läßt man ſich zur Liebe nicht zwingen, — 113— und kein Weib darf da befehlen: Du ſollſt mich lie⸗ ben!— Ich will nicht, Signora Corilla! Du wrillſt nicht, ſchrie ſie zähneknirſchend. Dann wehe Dir und ihr! Ich fürchte keine Schlangen, ſagte Carlo lachend, und wenn mich eine Natter ſechen will, zertrete ich ſie mit dem Fuße! Aber fürchte, fürchte mindeſtens für ſie, welche Du liebſt, ſagte ſie drohend. Oh, Du meinteſt wohl, ich würde dieſes Geheimniß Deiner neuen Liebe nicht ent⸗ decken können und ſie nicht ausſpähen, dieſe nene Göt⸗ tin, welcher Du Dein Herz geweiht haſt? Zittre alſo jetzt, denn ich, ich kenne ſie. Ich kenne den Garten, welchen ſie bewohnt, und eine Stelle giebt es in der Mauer, juſt ihrem Lieblingsplatze gegenüber, wer dieſe Stelle kennt, und eine geſchickte Hand beſitzt, und einen ſcharfen Dolch, der wird ihn ſo zu ſchleudern wiſſen, daß er ihr die Bruſt durchbohrt. Carlo empfand einen Todesſchrecken, er fühlte ſein Herz in ſeiner Bruſt erſtarren, aber er raffte ſich gewalt⸗ ſam zuſammen, und ſagte mit einem verächtlichen Lächeln: Der Cardinal Francesko Albani beſitzt freilich unter ſeinen Bravi viel ſolcher geſchickten Hände, und ſicherlich bedarf es nur einiger Deiner vielgeprieſenen Blicke, um Dir von ihm einige dieſer geſchickten Diener zu er⸗ werben. Die Signora biß ſich leicht auf die Lippen. Du Mühlbach, Tartaroff II. 8 — 114— ſpotteſt meiner, ſagte ſie faſt ſchmerzlich, und doch ſollteſt Du bedenken, daß es nur die Liebe iſt, welche mich ſo wild macht, und mein Herz mit Rachedurſt erfüllt. Mein Gott, Carlo, ich liebe Dich ſo heiß. Und das ſchöne, glühende Weib neigte ſich demüthig und flehend vor ihrem Geliebten. Dieſer ſagte lachend: Wie gut Du bas zu ſagen weißt, mit welchen Variationen und Modulationen! Ich hörte es Dich geſtern zum Cardinal Albani ſagen, es klang wohl anbers, aber nicht minder glühend, und nicht minder heiß! Du weißt, warum ich's thue! ſagte ſie. Er iſt ein Thor, den ich nur mit zärtlichen Worten gewinnen und ihn zu meinem Werkzeuge machen kann. Du weißt es, welches das Ziel iſt, nach welchem ich ſtrebe und das ich erreichen muß um jeden Preis! Ach Carlo, wenn man mich einſt auf dem Capitole krönt, dann, das weiß ich, wirſt Du mich wieder lieben müſſen! Niemals wieder, ſagte er hart und rauh. Iſt das Dein letztes Wort? ſchrie ſie flammenden Auges, mit dem wilden Zorn einer Tigerin. Es iſt mein letztes Wort! Sie flog zu ihm hin wie eine Raſende, ſie packte ſeine Hände und ſah ihm ſtarr in's Geſicht. 3 Undankbarer! ſagte ſie zähneknirſchend. So lohnſt Du mir meine Liebe, ſo vergilſt Du mir Alles, was ich für Dich gethan! Kannſt Du's vergeſſen, daß ich es — 115— war, welche Dich der Armuth und Niedrigkeit entriſſen? Was warſt Du weiter, als ein armer, von Niemand beachteter Sänger, der auf den Straßen ſang und dem man kümmerliche Gaben reichte? War ich es nicht, die Dich von dieſer Schmach errettete und Dich kleidete und Dir Wohnung gab? War ich es nicht, welche Dir einen Namen gab, und Dir Anſehen und Achtung verſchaffte, indem ich Dich zu meinem Sänger und Begleiter machte, und Dich zu meinen Improviſationen die Harfe ſpielen ließ? Wie, hat nicht ganz Rom Dich bewundert, wenn Du die Canzonen ſangſt, welche ich für Dich gedichtet, und habe ich Dir ſo nicht Ehre und Anſehen verſchafft, und aus einem niedrigen Vettler einen vielgeprieſenen Menſchen gemacht? Geh, Du darfſt mich nicht verlaſſen, denn Du biſt mein Geſchöpf, mein Eigenthum!“ Er ſtieß ſie wild zurück und ſein Ange flammte in wildem Zorn. Signora, ſagte er mit wuthzitternden Lippen, Ihr habt das letzte Band zerriſſen, das mich an Euch feſſelte, und indem Ihr Eure Wohlthaten mir vorhieltet, habt Ihr ſie vernichtet! Jetzt haben wir nichts mehr gemein mit einander, als vielleicht den ge⸗ genſeitigen Haß, und der wird länger dauern als unſere Liebe, hoffe ich! Und Carlo näherte ſich der Thür. Corilla ſtürzte ihm mit einem Ausruf des Entſetzens nach. Du willſt mich jetzt verlaſſen, ſchrie ſie angſtvoll, jetzt, in dieſer Stunde, wo ich Deiner ſo ſehr bedarf. 8* Jetzt, wo ich vor dem Adel und vor allen den verſammelten Nobili einen nenen Triumph meiner Kunſt feiern ſoll? Wo aller Augen erwartungsvoll nach jenem Vorhang blicken, hinter welchem ich erſcheinen ſoll? Nein, nein, Carlo, aus Erbarmen, nur eine Stunde, nur dieſen Abend noch bleibe bei mir. Carlo lächelte verächtlich. Ich bleibe, ſagte er, denn ich habe es ihr verſprochen, daß ſie Dich hören ſoll! Sie iſt alſo gekommen? rief ſie mit wilder Freude. Sie iſt hier! ſagte er lakoniſch. Corilla hörte nicht mehr auf ihn, ſie ging mit ſtolzer, triumphirender Miene auf und ab, und ein grauſames, ſchadenfrohes Lächeln umſpielte ihre Lippen.* In dieſem Augenblicke klopfte es leiſe an die Thür, dieſe ward geöffnet, und ein Mann erſchien auf der Schwelle und blickte mit einem grinſenden Lachen in das Zimmer hinein. Corilla gab ihm ein Zeichen und deutete verſtohlen auf Carlo hin, der, ihr den Rücken halb zugewandt, nichts zu ahnen ſchien von dem, was hinter ihm geſchah. Aber er ſah es dennoch, er ſah in dem hohen Spiegel, welcher in der Mitte des Zimmers ſtand, wie Corilla dieſem Manne, der bie Livree des Cardinals Francesko Albani trug, Zeichen des Einverſtändniſſes machte, er ſah, wie dieſer ihr mit dem Kopfe nickte, wie er die Finger bewegte und ihr Antwort gab, und wie er dann einen Dolch hervorzog und ihn drohend über ſeinem Haupte ſchwang. — 117— Oh, Carlo hatte ſehr wohl verſtanden, was dieſer Mann geſagt, er auch verſtand dieſe Sprache der Fin⸗ ger, dieſe vielgeübte Sprache der Römer und Neapolitaner. Der Mann hatte geſagt: Sie iſt hier, die ſchöne Dame! Sie kann uns nicht mehr entgehen! Ihr werdet ſie treffen? hatte Corilla gefragt. Der Mann hatte den Dolch über ſeinem Haupte geſchwungen und zwei Finger ſeiner Rechten empor⸗ gehoben. Das hieß: In zwei Stunden wird ſie er⸗ mordet! Gut! Ihr ſollt mit mir zufrieden ſein! war Corilla's Antwort geweſen. Die Thür war wieder geſchloſſen. Corilla wandte ſich lächelnd zu Carlo hin, ihr früherer Groll ſchien verſchwun⸗ den, ſie war ganz Heiterkeit und Anmuth. Carlo, ſagte ſie, ihm die Hand darreichend, wie gut Du biſt, daß Du mich nicht verläßt. Wir wollen jetzt im⸗ merhin beginnen. Ich fühle mich ganz Gluth und Be⸗ geiſterung, ganz Luſt und Wonne. Ah, ich werde die guten Römer entzücken, denke ich! Wie lange dauert die Improviſation? fragte Carlo rauh. Nun ein, zwei Stunden, je nach dem Entzücken unſers Publikums. Wenn dieſe Farce heute länger als eine und eine halbe Stunde dauert, ſo werfe ich bie Harſe hin und gehe davon, ſagte Carlo ſtreng. Das ſchwöre ich Dir — 118— bei dem Geiſte meiner Mutter! Denke daran, ich werde Dir die Uhr von zu Viertelſtunde zeigen! Du biſt ein Tyrann, ſagte ſie lachend. Aber ich werde Dir gehorchen müſſen. Gieb alſo immerhin das Zeichen, daß wir bereit ſind! IX. Die Improviſatrite. Die garze Geſellſchaft des Cardinals Bernis war in dem Rieſenſaale verſammelt, und Aller Angen blickten jetzt geſpannt auf den geheimnißvollen Vorhang, welcher noch immer nicht geöffnet war. Jetzt ertönte eine kleine Glocke, und der Cardinal Bernis wandte ſich lächelnd zu Natalien, welche an ſei⸗ ner Seite ſaß. Ich denke, dieſes Myſterium wird ſich uns jetzt enthüllen, ſagte er. Und ich ängſtige mich faſt davor, flüſterte das junge Mädchen, mit einer lieblichen Bewegung ihre Hand an ihr Herz legend. Mir klopft das Herz ſo allgewaltig und ſtürmiſch, als ſolle da drinnen in meiner Bruſt ſich mir auch ein Myſterium enthüllen und zur Klarheit gelangen. Glauben Sie denn an Ahnungen, Herr Cardinal? Bernis hatte nicht Zeit ihr zu antworten. 3 4 —— — 119— flog der Vorhang auf, ein allgemeines Ah! der Be⸗ wunderung ertönte, und plötzlich hingeriſſen von Freude und Begeiſterung brach die Geſellſchaft in ein lang⸗ dauerndes, ungeheures Beifallsrufen aus, und Alles rief und jauchzte: Byviva Corilla! Limprovisatrice Corilla! Und in der That, es war ein wundervolles Bild, welches den Blicken der Geſellſchaft ſich darbot. Dieſe blumenbeſtreuten Stufen, ſie führten hinauf zu einem Altare, auf deſſen Mitte zwiſchen Blumengewinden zwei dunkelrothe Flainmen emporzuckten. An dieſem Altare lehnte, erhaben und groß wie eine griechiſche Prieſterin, die Improviſatrice Corilla. Das Auge gen Himmel gewaudt, das Antlitz von den dunkelrothen Flammen, wie mit Roſengluhten angehaucht, den rechten halb em⸗ porgehobenen Arm an eine Urne gelehnt, welche ſeit⸗ wärts auf dem Altare ſtand, den linken Arm emporge⸗ ſtreckt gen Himmel, ſo glich ſie einer gottbegeiſterten Prieſterin, welche ſoeven eine Botſchaft ihres Gottes empfängt, mit entzücktem Lauſchen, mit angehaltenem Athem, mit halb geöffnetem Munde ihres Gottes Stimme vernimmt, und in ſeliger Berauſchung, der Welt ver⸗ geſſend, mit Blicken und Gebanken ſich aufwärts ſchwin⸗ gen möchte. Und während Corilla noch immer wie in begeiſtertem Schauen unbeweglich daſtand, begannen leiswehende Har⸗ fenklänge, ſie wurden ſtärker und voller, jetzt ertönten ſie „. — 120— mit rauſchendem Jubel, und brauſten mit mächtigem Klange dahin. Von Corilla ab lenkten ſich Aller Blicke auf Carlo, welcher in leichter griechiſcher Jünglingstracht, die Harfe im Arm, an den im Hintergrunde der Bühne aufgeſtellten blühenden Granatenbäumen lehnte, und mit ſeinem bleichen ernſten Geſicht, mit ſeinen edlen männ⸗ lichen Zügen einen ſchönen Gegenſatz bildete zu der von Begeiſterung und Liebe ſtrahlenden Prieſterin Corilla. Natalie fühlte es wie einen leiſen Stich in ihrem Herzen, unwillkührlich griff ſie mit der Hand nach ihrem Buſen. Es war ein ſeltſames, wunderbares Gefühl, welches ſich in ihr regte, halb gehörte es der Freude an, ihren Freund dort zu fehen und zu hören, wie man in halblauten Worten ſeine Schönheit pries und ſein wundervolles Harfenſpiel, halb wieder fühlte ſie ſich ſchmerzlich bewegt,— ſie wußte nicht weshalb, aber als ihr Blick, welcher eben dem ſeinen begegnet war, ſich von ihm abwandte und zu Corilla hinüberſchweifte, ſagte ſie ganz traurig zu ſich ſelber: ſie iſt viel ſchöner, als ich es bin! Jetzt öffnete Carlo die Lippen, und zu einer einfachen, ſchönen Melodie ſang er mit wunderherrlicher Stimme ein einleitendes Lied, das gewiſſermaßen vorbereiten ſollte auf die kommende Feier. Als er dies geendet, ſchlüpften hinter den Granatenzweigen zwei liebliche Amoretten hervor und eilten mit ſilbernen Schalen in den Händen die Stufen hinunter in den Kreis ber Gäſte, —. ſtarrend, über ihrem unheilsvollen Sapphoſchicſal mit — 121— ſie in lieblichen Worten auffordernd, Themata für die große Improviſatrice Corilla in die ſilbernen Schalen zu werfen. Dann eilten ſie wieder empor zu dem Altare und warfen die beſchriebenen Zettelchen in die Urne. Die Harfenklänge begannen auf's Neue, und mit feierlichem Ernſte, Angeſicht und Blick noch immer gen Himmel gewandt, zog Corilla einen dieſer beſchriebenen Streif⸗ chen Papier aus der Urne hervor. Der Zufall war ihr günſtig geweſen, oder auch ihre eigene Geſchick⸗ lichkeit. F. „Sappho's Liebesklage, bevor ſie ſich vom Felſen ſtürzt,“ das war das Thema, welches man von ihr be⸗ gehrte. Sofort nahmen Corilla's Züge einen ſchwermüthigen Ansdruck an, ihre Augen flammten in unheimlichem Feuer, der vorher gen Himmel gehobene Arm ſank ſchlaff an ihrem Körper herab, das Halpt neigte ſich, einer ge⸗ knickten Roſe gleich, auf ihre Bruſt, der andere Arm ſchloß ſich krampfhaft um die Urne, und in dieſer Stellung glich ſie in der That einer Trauernden, Zerbrochenen, welche über der Aſchenurne ihres verlorenen Glückes weint; jetzt war ſie dies Verſtoßene, Verlaſſene, die bereit iſt, das Leben von ſich zu werfen, und über finſtern Todes⸗ gedanken brütet.— Und während ihr Antlitz dieſen Ausdruck annahm, und ſie, vor ſich zur Erde nieder⸗ — 122— grollendem Herzen zu ſinnen ſchien, dachte Corilla: das iſt ein ganz allerliebſtes Thema, welches der gute Cardinal Albani mir da hineingeworfen. Ich fand es gleich heraus an der kleinen Kugel, welche er, wie er es mir zuvor geſagt in dem Papier befeſtigt hatte. Dieſer Cardinal iſt wirklich ſehr liebenswür⸗ dig, und ich werde ihm einen Kuß bewilligen müſſen für ſeine Güte! Nun hob ſie den Blick mit einem finſtern Ausdruck wieder empor, und mit hochwallendem Buſen, mit fie⸗ beriſch fliegendem Athem begann ſie die Liebesklage der Sappho. Bald wie Donnergerolle, bald wie Flöten⸗ gelispel tönte dieſe liebliche, bilderreiche Sprache Italiens von ihren Lippen, wie Muſik erklangen dieſe vollen, ahnten, daß ſie dem Taſſo entnommen ſeien. In ita⸗ lieniſcher Sprache zu improviſiren iſt eine ſehr leichte und dankbare Aufgabe. Was Wunder, daß ſie Corilla ſo entzückend löſte. Es kam dabei nicht auf Gedanken nug ſein an der glänzenden Schale, und nicht der Sinn ihrer Worte, ſondern die Melodie derſelben war es, welche man bewunderte. Man lauſchte nicht auf die Gedanken, ſondern nur auf den Reim, und mit freudi⸗ gem Erſtaunen und bewundernden Blicken ſchaute man in Taſſo, Marino und Arioſt gemacht, auf die ſchwierig⸗ künſtlichen Reime, von denen nur wenige der Zuhörer an, man fragte nicht nach dem Kern, man ließ ſich ge⸗ einander an, wenn, Dank den Studien, welche Corilla — 1 ſten Worte ſelbſt der Reim ſich wie von ſelbſt einzu⸗ finden ſchien. Lauter Beifallsſturm ertönte, als Corilla verſtummte; aus einem Taumel erwachend, mit irren Blicken und ſtaunenden Zügen, ſchaute ſie umher, als begriffe und wiſſe ſie nicht, von wannen ſie komme und in welcher fremden Umgebung ſie ſich jetzt befände. Dann nach einer Pauſe, welche Carlo mit ſeiner Harfe ausgefüllt, griff ſie abermals in die Urne und zog ein neues Thema hervor, und abermals ſchien die Begeiſterung über ſie zu kommen, der heilige Pfingſttag ihrer Muſe ſich zu erneuern. Immer ſtürmiſcher, immer rauſchender ertönte das Beifallsgejauchze der Hörer, es war wie ein einziger Donner des Entzückens, eine wahre Freudenſalve. Es begeiſterte Corilla zu immer neuen Improviſationen, ſie griff immer wieder hinein in die Urne und zog neue Themata herver, ſie ſchien ganz un⸗ erſchöpflich heute. 2 Jetzt iſts genug, flüſterte Carlo, als ſie eben wieder ein Thema genommen. Du haſt nur noch eine Viertel⸗ ſtunde Zeit! Nur dies eine Thema noch, bat ſie leiſe. Es iſt ein ſehr glückliches, es wird mir alle die Herren Car⸗ dinäle und Prälaten gewinnen! Noch eine Viertelſtunde, dann iſt Deine Zeit um, ſagte er. Gedenke meines Schwures, ich halte Wort! Eine namenloſe Angſt, eine quälende Unruhe über⸗ — 124— kam ihn, kaum hatte er Kraft und Beſinnung, Corilla zu begleiten, welche eben in ſchönen Verſen die Frage erörterte:„welches Rom iſt das glücklichere, das alte oder das neue?“ Starr und unverwandt blickte Carlo auf Natalie hin, es ängſtigte ihn fürchterlich, nicht neben ihr zu ſein, nicht jede ihrer Bewegungen, jeden ihrer Schritte überwachen zu können, es ſchien ihm, als ſähe er ſchon jenen wild⸗ blickenden Mann mit dem geſchwungenen Dolche heran⸗ ſchleichen. ² Und ſie, war ſie nicht bleich wie eine Lilie, mein Gott, ſchien ſie nicht in dieſem weißen Gewande ſchon jetzt eine Braut des Todes zu ſein? 3ch muß zu ihr hin, ich muß ſie beſchützen oder ſterben, dachte er, und mit einem drohenden Blick auf Corilla zeigte er ihr die Uhr.— Corilla las in ſeinen Mienen, daß es ihm Ernſt ſei mit ſeiner Drohung. Und gleichſam, als ob die Begeiſterung ihren Worten Flügel verleihe, ſprach ſie wie in einem Sturme innerer Aufregung weiter, und mit flammenden Worten entſchied ſie: das neue Rom ſei das glücklichere, denn es habe ſeinen heiligen Vater der Chriſtenheit, ſeinen Papſt und ſeine Cardinäle! Jetzt kannte der Jubel, das allgemeine Entzücken keine Grenzen mehr. Man ſah da Cardinäle, welche weinten vor Begeiſterung und Freude, Andere, welche mit ſalbungsvollen Worten der großen Improviſatrice — 125— den Segen ertheilten, und Alles drängte und eilte zu der Tribüne hin, um ſie im Triumphe die Stufen hinunter und in die Geſellſchaft zu geleiten. Ein ſchneller Gedanke der Rettung war wie ein Blitz in Carlo's Seele emporgetaucht. Sie muß ganz abgeſondert werden von der Geſell⸗ ſchaft, und dann werde ich ſuchen, dieſen Menſchen auf⸗ 2 zufinden, und ihn unſchädlich machen, dachte er. Mit Gewalt brach er ſich Bahn durch die Menge, welche Corilla umdrängte, und jetzt ſtand er neben dem Cardinal Bernis, an Heſſen Seite ſich noch immer Na⸗ talie und der Graf Paulo befanden. Ihr habt die Leier geſchlagen wie Apoll, rief der Cardinal dem Sänger entgegen. Carlo verneigte ſich lächelnd und ſagte haſtig: und wißt Ihr auch, Eminenz, daß eine viel größere Dichte⸗ rin und Improviſatrice, als unſere Corilla, in Eurer Geſellſchaft iſt? Der Cardinal drohte ihm lächelnd mit dem Finger. Armer Carlo, dahin ſchon iſt es gekommen, ſagte er. Ihr ſeid eiferſüchtig auf unſer Entzücken und wollt Co⸗ rillas Ruhm ſchmälern, um ſie mehr Euer Eigen zu nennen! Ich ſpreche die Wahrheit, rief Carlo, eine Dichterin iſt unter uns, welche die Muſen ſelber geweiht haben, eine Improviſatrice, nicht von menſ ſchlichem Machwerk ſondern von Gottes Gnaden, welcher die Engel die Reime zuflüſtern und die Muſen die Gedanken ein⸗ geben!— Und wer iſt denn dieſe gottbegabte Künſtlerin, dieſe geweihte Tochter der Muſen? fragte der Cardinal be⸗ fremdet. Carlo deutete auf Natalie hin, und verneigte ſich vor ihr tief bis zur Erde. Prinzeſſin Tartaroff? fragte Bernis Si Daß ſie eine Prinzeſſin iſt, wußte ich nicht, ſagte Carlo, aber daß ſie eine Dichterin iſt, das weiß ich! Was war es, das in dieſem Moment in der Seele des jungen Mädchens ſich regte? Sie empfand jetzt eine ſtolze, ſelige Freude, und vorher hatten ſie doch Corilla's Triumphe ſo traurig gemacht. Es war, als wenn die Begeiſterung in ihr die Flügel hob, als ob das Wort, das rechte Wort ſich auf ihre Lippen drängte, als ob ſie dieſe Luſt und dieſen Schmerz, welchen ſie zu gleicher Zeit empfand, hinausklagen, hinausſingen müſſe in die Welt, in die Luft hinein. Ein echtes und reines Kind der Natur, fühlte ſie in ſich den natürlichen Drang, in Worten, in Tönen, ja auch in Thränen, das auszu⸗ ſtrömen, was ihre Seele bewegte und dem ſie doch keinen Namen zu geben vermochte! Cardinal Bernis hatte ſich bittend zuerſt an den Grafen Paulo gewandt, er hatte ihn um die Erlaubniß gebeten, ſich an des Grafen Mündel, die junge Prin⸗ zeſſin, wenden zu dürfen mit der Bitte, die Geſellſchaft — 127— durch eine ihrer Improviſationen zu überraſchen und zu entzücken. Andere, in der Nähe Stehende hatten dies gehört und miſchten ſich in's Geſpräch, und vereinigten ihre Bitten mit denen des Cardinals. Und immer Mehrere drängten ſich herzu, immer ftürmiſcher ward die Bitte um eine Improviſation; man vergaß einen Augenblick die große, gefeierte Improviſatrice Corilla, mit geſpannter Erwartung, mit fiebriſcher Neugierde wandte man ſich dem neuen, unbekannten Sterne zu. Corilla ſtand allein, nur der Cardinal Albani blieb an ihrer Seite, aber ſeine zärtlichen Worte vermochten den raſenden Sturm der Eiferſucht, der ihre Seele durch⸗ tobte, nicht zu beſchwichtigen. Immer dringender ward das Flehen und Bitten der nengierigen Römer; Graf Paulo, von allen Seiten um⸗ drängt, hatte endlich ſeine Einwilligung gegeben, und die Entſcheidung ſeinem Mündel, der jungen Prinzeſſin, ſelber überlaſſen. Und Natalie? Sie war ein ſo wundervolles, un⸗ befangenes Kind der Natur, daß ſie gar keine Scheu empfand vor dieſer Menſchenmenge es war noch ſo viel Vertrauen und Glauben, ſo viel Zuverſicht und Men⸗ ſchenliebe in ihr. Sie dachte: warum ſollte ich dieſen guten Menſchen, welche mit ſo liebevoller Theilnahme ſich mir nahen, nicht eine kleine Freude machen? Und weshalb ſollte ich vor ihnen zittern? Hat mir Paulo nicht geſagt, ich ſollte denken, ich ſei in meinem Garten, — 128— und es wären nur die Blumen und Bäume meines Parks, welche mich anſchaueten mit menſchlichen Geſich⸗ tern? Nun wohl, ich will ſo denken und zu meinen lie⸗ ben Blumen und Bäumen ſprechen! Sie winkte Carlo mit einem lieblichen Lächeln, und von ſeiner Hand geleitet, eilte ſie die Stufen hinan. Und wie man ſie jetzt dort oben erblickte, dieſes zarte, liebliche Mädchen, wie man ſie ſah in ihrer unberührten, jungfräulichen Schönheit, mit dieſem kindlichen Ausdruck ihrer edlen Züge, mit dieſen Augen, die von Luſt und Begeiſterung ſtrahlten, da erhob ſich ein ſolcher Sturm des Beifalls, daß Natalie leiſe in ſich ſelber erbebte, und mit holdem Lächeln zu Carlo ſagte: die Menſchen ſind viel windiger und rauſchen viel ſtürmiſcher, als die Lorbeern in unſerm Garten, aber ſie machen's nicht ſo melodiſch, und es thut Einem faſt das Herz dabei weh. Jetzt näherte ſich ihr der Cardinal mit der ſilbernen Schaale. Diesmal hatte er ſelbſt es übernommen, die Themata einzuſammeln, und mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung reichte er ſie der Prinzeſſin dar. Sie nahm mit lachender Grazie eins dieſer Blättchen und entfaltete es. Die Aufgabe war:„Sehnſucht nach der Heimath!“ Das war ein Thema, ganz gemacht, Natalien zu begeiſtern, alle die Gefühle der Sehnſucht, des Schmer⸗ zes, der Liebe und der Rückerinnerung in ihr wach zu rufen. Und ſie empfand es plötzlich wie einen kalten Schauer in ihrem Herzen, ſie blickte umher, und fühlte — 129 ſich plötzlich verlaſſen und allein, überall nur neugierige Geſichter, nur fremde, ſie anſtarrende Augen! Sie auch war eine Heimathsloſe, Ausgeſtoßene, und eine unendliche Sehnſucht nach dieſer fernen, unbekann⸗ ten Heimath ihrer Kindheit überkam ſie jetzt. Vielleicht hatte es Carlo verſtanden, ihre Gedanken auf ihrem Antlitz zu leſen; leiſe und klagende Melodien entſtrömten ſeiner Harfe, es war wie das Säuſeln fer⸗ ner Erinnerungen, wie das Seufzen ſchluchzender Sehn⸗ ſucht. Und Natalie, hingeriſſen von dieſen Tönen, Alles um ſich her vergeſſend, nur eingedenk des fernen Glückes ihrer Kindheit, und der ſchönen Frau, welche ſie ſo ſehr geliebt, begann zu ſingen.— Was ſie ſprach, und was ſie ſang, ſie wußte es nicht! Sie ſtand da, wie emporgehoben von innerer Be⸗ geiſterung, ihr Auge leuchtete und ſtarrte hinein in die Ferne, und die Bilder, die ſie dort ſah, machten ſie lächeln und weinen zugleich. Die ganze Gluth, die ganze Kind⸗ lichkeit und Reinheit ihrer Seele trat in Worten auf ihre Lippen, es war wie ein Strom der Begeiſterung, des ſchmerzreichen Entzückens! Sie ſah nichts, ſie hörte nichts! Sie ſah nicht bie vor Rührung weinenden Damen, nicht die entzückten Blicke der Männer, ſie hatte ſie Alle vergeſſen, dieſe fremden, unbekannten Menſchen, und' als der immer lauter werdende Sturm des Beifalls ſie endlich an ſie erinnerte, da war es gethan um ihre Begeiſterung, da Mühlbach, Tartaroff M. 9 — 130— erſtarb das Wort auf ihren Lippen, und mit einem weh⸗ müthigen Lächeln eilte ſie, zu Ende zu kommen. Und jetzt entſtand ein Jubel und ein Ausbruch des Entzückens, der Natalien ſcheu und ängſtlich in ſich er⸗ beben machte. Sie blickte ſuchend umher, es war ihr, als müſſe Paulo ihr zu Hülfe kommen, als müſſe er ſie erretten und erlöſen von dieſen begeiſterten und ſchmeichleriſchen Männern, welche ſie umdrängten und ſie rings umgaben. Sie ſah ihn nicht! Wo war Paulo, wo war Carlo? Dieſe neugierigen Herren Cardinäle hatten ſie ganz umringt, ſie kam ſich vor, wie eine Ge⸗ fangene, es ängſtigte ſie, ſo der Mittelpunkt aller dieſer Aufmerkſamkeiten zu ſein. Unfern von ihr, mit glühenden Wangen, mit zorn⸗ blitzenden Auge, ſtand Corilla. Ich werde dieſe Beſchimpfung rächen oder ſterben! dachte ſie, und in krampfhafter Heſtigkeit Albani's Hand faſſend, flüſterte ſie ihm zu: Befreien Sie mich von dieſer Nebenbuhlerin, wenn ich an Ihre Liebe glauben ſoll!— Francesco Albani lächelte: Dieſes Kind iſt dem Tode verfallen, ſagte er. Sieh nur, ſieh, wie angſtvoll ſie ſich Bahn macht durch die Menge, ah, es wird ihr hier zu ſchwül in dem Saal, ſie nähert ſich der Garten⸗ thür, ſie ſchlüpft hinaus,— ach— gieb mir Deine Hand, Corilla! Nur wenige Minuten, und ſie iſt 2 Leicht wie eine Gazelle, angſtvoll und zitternd, war Natalie dem Menſchengewühl entflohen, und jetzt, hin⸗ austretend in den Garten, athmete ſie erleichtert auf, und es ſchien ihr, als habe ſie ſich eben aus einer Ge⸗ fahr errettet. Die Nachtluft ſoll mich kühlen und erfriſchen, und es wird mir ſchon gelingen, Paulo aufzufinden, dachte ſie, und immer weiter eilte ſie hinein in den Garten. Aber die Helle der erleuchteten Alleen beengte ſie. Da öffnete ſich ein dunkler, lauſchiger Weg, Natalie ſchlüpfte hinein. Ach, ſie bedurfte der Einſamkeit, der Stille, und was wußte ſie davon, dieſes einfache, harmloſe Kind der Natur, was wußte ſie, ob es ſich gezieme für ein junges Weib, ſo allein in die dunklen Gänge des Gartens ſich hinein zu wagen? Sie wußte gar nicht, daß ſie etwas wage, und daß man des Schutzes bedürfe unter den Menſchen. Immer ferner ertönte das Geräuſch der Geſellſchaft, immer mehr verklang die ſchallende Muſik. Natalie eilte weiter, ſie fühlte ſich glücklich, denn ſie fühlte ſich allein. Allein? Was war es denn, was leiſe und unheim⸗ lich hinter ihr her ſchlich, jede ihrer Bewegungen ver⸗ folgend, immer mehr ſich ihr nähernd, je weiter ſie ſich von den Menſchen entfernte? Was war es wieder, was dort ſeiwärts durch das Gebüſch ſchlüpfte, unhörbar, leiſe, ſelbſt dem andern ſchwarzen Schatten nicht vernehm⸗ bar, der wie ein dunkles Geſpenſt hinter ihr herſchlich? 9* — 132— Stiller wird es und ſtiller, und näher ſchleicht die unheimliche Geſtalt, welche lauernd ihr folgt. Jetzt mit einem wilden Sprunge ſtürzt ſie auf das junge Mäd⸗ chen hin. Was blitzt in ſeiner Hand? Es iſt ein Dolch, er ſchwingt ihn hoch, um ihn tief zu ſenken— da ſtürzt es aus dem Gebüſch hervor, da packt es ſeinen Arm, da entwindet es ihm den Dolch, und wirft den heim⸗ tückiſchen Mordgeſellen zur Erde nieder, und eine liebe, Natalien wohlbekannte Stimme ruft: Fliehen Sie, Na⸗ talie, eilen Sie ſchnell zu Graf Paulo. Dieſe Schlange hier wird Sie nicht mehr verfolgen! Ich habe ihn ge⸗ packt, den Mörder! Und Carlo brach in ein triumphirendes, glückliches Lachen aus. Natalie antwortete nichts, ſie fühlte ſich gelähmt vor Entſetzen und innerm Schrecken, es brauſte vor ihren Ohren, es dunkelte vor ihren Blicken,— beſinnungs⸗ los ſank ſie zuſammen. Aber der entwaffnete Mörder ſuchte ſich Carlo's Ar⸗ men zu entwinden, mit Rieſenkraft wehrte er ſich gegen die ihn packenden Hände, wie ein wildes Roß, ſo bäumte er ſich empor, jetzt war es ihm gelungen, ſich halb auf⸗ zurichten— Carlo dachte nicht an ſeine eigene Gefahr, er gedachte nur Nataliens, und um ihretwillen war es, daß er laut um Hülfe, um Beiſtand rief, während er zugleich mit übermenſchlicher Kraft noch immer ſeinen Gefangenen zu halten ſuchte. — ¹ 183— Stimmen wurden hörbar, Fackeln näherten ſich, Graf Paulo's rufender Angſtſchrei ertönte. Hierher, hierher! rief Carlo angſtvoll, ſchon ermat⸗ tend, und jetzt hatte man ſeinen Ruf vernommen, jetzt eilte man herbei mit Fackeln, ſchon konnte man Graf Paulo erkennen, ſchon den Cardinal Bernis, die mit Fackeln in den Händen den Uebrigen voraus eilten.— Mit einer letzten gewaltigen Kraftanſtrengung machte der Gefangene ſich los. Diesmal iſt ſie gerettet, aber mein Dolch wird ſie dennoch treffen, ſagte er hohnlachend, und wie eine Schlange ſchlüpfte er hinein in das dichte Gebüſch. Sie iſt gerettet, rief Carlo, athemlos zurückfinkend dem Grafen Paulo entgegen, und mit einem ſeligen Lächeln deutete er auf Natalie hin, welche aus ihrer augenblicklichen Betäubung erwachend, dem Grafen ihre Arme entgegen ſtreckte. Paulo, flüſterte ſie leiſe, laß uns fort von hier! Mir graut vor dieſen Menſchen. Ich habe Furcht! Laß uns fort! Aber ihn nimm mit, daß ſie ihn nicht tödten, meinen Retter, meinen Freund, Carlo! Der Ibſchied. Der Morgen dämmerte herauf. Graf Paulo erhob ſich ous dem Lehnſtuhl, in welchem er die Nacht zugebracht hatte. — 134— Dieſe ganze, bange, ſorgenvolle Nacht hatte er mit Schreiben hingewacht, jetzt legte er die Feder bei Seite und ſtand auf. Sein Geſicht hatte etwas Entſchloſſenes, Feſtes, man ſah, er war in ſich ſelber zu einem Abſchluß, zu einer„ unwiderruflichen Entſcheidung gekommen. Mit feſtem Schritte näherte er ſich der Thür, welche in das anſtoßende Gemach führte, und ſie öffnend, rief er nach ſeinem Freunde Cecil. Sofort erſchien dieſer auf der Schwelle, und in das Gemach des Grafen tretend, ſagte er lakoniſch: Alles iſt bereit.* Graf Paulo lächelte ſchmerzlich. Du biſt alſo über⸗ zengt, daß es kein anderes Mittel giebt, ſie und uns zu— erretten? fragte er. Keins! ſagte Cecil. Jedes längere Verweilen ver⸗ mehrt ihre und Eure Gefahr. Der Vorfall dieſer Nacht 3 mag es Euch beweiſen. Man hat Natalie nach dem Leben getrachtet. Ohne Carlo's Hülfe wäre ſie ermordet, und Alle unſere Pläne hätten ihre Endſchaft erreicht. Ihr Leben iſt bedroht, und dennoch kannſt Du for⸗ dern, daß ich gehe, daß ich ſie ſchutzlos und einſam hier zurücklaſſe? Wart Ihr es, der ſie aus dieſer Gefahr errettete? fragte Cecil. Glaubt mir, Eure Gegenwart iſt es zu⸗ meiſt, welche ihr Gefahren bereitet. Gerade, weil Ihr an ihrer Seite ſeid, beargwohnt man ſie, und wird ver⸗ —— ſuchen, jeden ihrer Schritte zu belauern; gerade, weil ſie mit Euch iſt, wird man Verdacht ſchöpfen, und in Natalie diejenige vermuthen, deren geheimnißvolle Flucht man in Rußland längſt ſchon weiß, und der Katharina wird nachſpüren laſſen in allen Ländern und auf allen Wegen. Errettet alſo Natalien, indem Ihr ſie ſcheinbar aufzugeben ſcheint. Kehrt heim und erzählt ihnen ein Mährchen von einer falſchen Prinzeſſin, durch welche Ihr getäuſcht wurdet, und die Ihr verließet, als Ihr den Betrug entdecktet. Man wird Euch überall ein gläubiges Ohr leihen, denn man glaubt ſo gern, was man wünſcht, und ſo allein werdet Ihr Natalien und Euch die Zukunft ſichern! Alles dies iſt richtig und wahr, ſagte der Graf, ich ſelber habe es ſo erkannt und eingeſehen, und dennoch, mein Freund, dennoch ſchwanke ich noch immer, und es iſt, als ob eine Stimme in mir mich warne vor dem, was ich beginnen will. Cecil ſchüttelte lächelnd das Haupt. Traut ſolchen Stimmen nicht, ſagte er, das ſind Dämonen, die ſich in unſere eigenen Wünſche hüllen, und uns verlocken zu dem, was wir möchten, indem ſie uns zu warnen ſcheinen vor dem, was wir fürchten! Nur Eure Ent⸗ fernung bringt Euch Rettung! Laßt Natalien hier in der ſtillen Einſamkeit des Gartens, und ohne Euch wird ſie hier gut geborgen ſein, während Ihr indeſſen in Rußland Eure Sache führt, und die Feinde täuſcht, in⸗ — 136— dem Ihr ſelber der Getänſchte ſcheint. Man droht mit der Einziehung Eurer Güter, und man wird dieſe Dro⸗ hung erfüllen, wenn Ihr dem Rufe, der an Euch er⸗ gangen, nicht Folge leiſtet. Geht alſo, geht! Heimlich verkaufen wir Eure Güter, und wenn dies vollbracht, dann laßt uns, mit Schätzen beladen, keine Drohung mehr fürchtend, heimkehren zu Natalien! Und wenn dies geſchieht, rief Graf Paulo glühend, dann ſoll es ſein, um Natalie im Triumphe heimzu⸗ führen in die Lande, welche ihr gehören, um ihr die ſchöne Stirn mit einem Diademe zu bekränzen, und ſie über alle Sterblichen zu erheben! Gott gebe, daß wir erſt ſoweit zum Ziele wären! ſeufzte Cecil leiſe. Wir werden und müſſen dahin kommen, rief Paulo glühend. Ich muß dieſe Aufgabe meines Lebens er⸗ füllen, oder ſterben. Hinweg jetzt mit allem Schwanken und allem Zagen. Was ſein muß, ſoll ſein! Nicht ſoll man ſagen, daß der Mann, welcher der verlaſſenen und bedrohten Waiſe ſich erbarmte, und ſie zu ſeinen Zwecken auferzog, daß er, um eigener egviſtiſcher Wünſche willen, ſeine Plane aufgab, und kleinmüthig nicht zu Ende brachte, was er begonnen. Nein, nein, nicht ſo ſoll die Ge⸗ ſchichte von mir zu berichten haben! Sie ſoll mich min⸗ deſtens als einen Tapfern nennen, der ſeinen höhern Zwecken ſein Herz und auch ſein Leben zum Opfer brin⸗ gen konnte! Siegle dieſe Briefe, Cecil. Es iſt mein — 137— Vermächtniß an Natalien, ich werde es in ihre eigenen Hände niederlegen. Ach, Cecil, ich war ein ſchwärme⸗ riſcher Thor bis zu dieſer Stunde. Ich dachte,— ach was dachte und träumte ich nicht Alles! Ich dachte, daß alle dieſe Pläne und dies Wollen nicht ſo viel werth ſei, als ein einziges Lächeln ihres Mundes, und daß, wenn ſie zu mir ſpräche:„ich liebe Dich,“ dies ſüße Wort mit einer Kaiſerkrone nicht zu theuer bezahlt ſein würde! Vielleicht, ja, vielleicht denke ich es noch, aber ich will nicht mehr von ſolchen Gedanken mich beherr⸗ ſchen laſſen. Wir müſſen fort, Natalien's Glück erheiſcht es! Und übrigens wird es ihr an Freunden und Be⸗ ſchützern nicht mangeln. Es war nicht ohne Abſicht, daß ich ſie geſtern der vornehmen Welt Rom's gezeigt habe, nicht ohne Abſicht, daß ich ſelber dafür ſtimmte, daß ſie als Dichterin ſich geltend mache. Jetzt kennt man ihren Namen, mit lautem Lobe wiederholt man ihn aller Orten, ganz Rom wird heute für die Prinzeſſin Tartaroff ſchwärmen, ganz Rom wird ſie beſchützen und behüten. Und zudem werde ich ſie noch der beſonderen Obhut des Cardinals Bernis empfehlen. Und gerade in ſeinem Hauſe wäre ſie faſt ermordet worden, ſagte Cecil. Ohne den Sänger Carlo wäre ſie verloren geweſen! Wollt Ihr ihr alſo einen Belie wählen, nun, ſo laßt es Carlo ſein. Graf Paulo zog die Stirn in finſtere Falten. Di⸗ ſer Sänger Carlo liebt ſie, ſagte er. * — Gerade deshalb! lächelte Cecil. Wer ſie liebt, wird ſie am beſten zu ſchützen wiſſen! Graf Paulo antwortete nicht; gedankenvoll ging er auf und ab. Dann ſagte er entſchloſſen: ſiegle dieſe Briefe, Cecil! Ich will ſie Natalien bringen! Ihr wollt ſie alſo noch wiederſehen? fragte Cecil, während er die Briefe zuſammenfaltete. Ihr wollt Euch den Abſchied erſchweren? Ich will es, ſagte Paulo entſchieden, und die Briefe nehmend, verließ er entſchloſſenen Schrittes das Gemach. Er fand Natalie in ihrem Zimmer. Sie hörte ihn nicht kommen, ſie wandte ſich nicht nach ihm um. Re⸗ gungslos ſaß ſie am Fenſter, und den Kopf ſchwermuths⸗ voll in die Hand geſtützt, blickte ſie gedankenvoll hinaus in den Garten. Die Begebenheiten des geſtrigen Abends hatten ſie wie umgewandelt. Sie fühlte ſich gealtert, erfahrungs⸗ reicher, ernſter. Ein dunkler Schatten war über ihr ſonnenhelles Glück dahingezogen, eine finſtere Macht hatte ſich ihr drohend genaht, der Ernſt des Lebens hatte ſie mit ſeiner unheimlichen Hand berührt und dieſen Aether⸗ ſtaub des harmloſen, heitern und freudigen Friedens von ihrer Kinderſeele abgeſtreift! Das glückliche Kind war zu einer bewußten Jungfrau geworden und neue Gedanken, neue Gefühle waren in ihr aufgekeimt. Der erſte Thränenthau des Schmerzes hatte mit mächtiger Schöpferkraft alle die ſchlummernden Blüthen ihres — 139— Herzens emporgerufen zum Daſein und zur Thatkraft, und ihre unbewußten Gefühle waren zu bewußten ken geworden. Aber was Alles war auch nicht geſchehen ſeit dem geſtrigen Abend, was hatte ſie nicht erlebt und durch⸗ empfunden! Zuerſt, war nicht ein neues Glück über ſie hereingebrochen, hatte ſie nicht jetzt einen Namen, war ſie nicht eine Prinzeſſin? Dann, hatte ſie nicht einen Triumph gefeiert, einen Triumph in Gegenwart dieſer berühmten Corilla? Aber dann auch, wie viele Enttäu⸗ ſchungen hatte ſie nicht in wenigen Stunden erfahren! Wie hatte ſie ihr Herz ſich erkalten gefühlt bei Corilla's wortreichen Poeſien. Ihre ganze Seele hatte geſchmachtet, eine Dichterin kennen zu lernen, und ſie hatte nur ein gereimtes Kunſtſtück vernommen. Und nun dieſes letzte, dieſes entſetzliche Ereigniß! Weshalb hatte man ſie er⸗ morden wollen? Wer waren ihre unbekannten Feinde, und weshalb hatte ſie Feinde? Ich wäre todt, wenn Er mich nicht errettet hätte! flüſterte ſie, und ein ſonnenhelles Lächeln breitete ſich über ihr liebliches Antlitz aus. Ja, ohne Carlo wäre ich verloren geweſen, ihm danke ich mein Leben! Oh, ſagte ſie ganz laut, ihm gehört alſo mein Daſein, und jedes Glück, und jede Freude, die ich noch empfin⸗ den kann, ihm, meinem Freunde Carlo, werde ich Alles zu danken haben! Mein Gott, wie lohne ich ihm nur dies ſüße Glück? — 140— Und während ſie ſo ſprach, ſtand Graf Paulo hinter ihr, bleich und ſchweigend; ſie ſah ihn nicht, und nach einer Pauſe ſagte ſie: wie ſeltſam das doch iſt! Wenn ich heute nur an ihn denke, ſo klopft mein Herz, wie niemals ſonſt, ich fühle es da in meinem Herzen wie ein himmliſches Glück, und doch zugleich wie einen tie⸗ fen Schmerz! Mein Gott, was iſt dies nur, und wes⸗ halb denke ich heute immer nur an ihn, und möchte weinen, weil er immer noch nicht kommt? Wie wunder⸗ bar das Alles iſt, und wie ſchlimm zugleich! Denn wie, iſt es mir nicht, als ob ich Carlo mehr liebte als alle andern Menſchen, mehr ſelbſt als Paulo, der mir doch ſonſt das Liebſte war? Wie iſt das nur, und bin ich denn wirklich ſo undankbar gegen Paulo? Graf Paulo ſtand noch immer hinter ihr, bleich und ſchweigend. Ein ſchmerzlich ironiſches Lächeln flog über ſein Geſicht, und er dachte: ich kam mit einer Frage, und Natalie hat mir die Antwort ſchon gegeben, noch bevor ich fragte! Vielleicht iſt's beſſer ſo! Jetzt habe ich nichts mehr zu fragen!* Das junge Mädchen verſenkte ſich tiefer und tiefer in Gedanken. Graf Paulo legte leiſe ſeine Hand auf ihre Schulter. Sie ſchrak zuſammen, und rief unwill⸗ kührlich: Carlo! Nein, Paulo! ſagte er ſchmerzlich lächelnd, aber jeden⸗ falls ein Freund, Natalie, wenn auch ein Freund, der Dich verlaſſen will! — —— — 141— Du mich verlaſſen? rief ſie angſtvoll. Das heißt nur äußerlich, nur mit meinem Körper, niemals mit meiner Seele, ſagte er tiefbewegt. Die, Natalie, wird ewig bei Dir ſein, die wird Dich niemals verlaſſen, hörſt Du, niemals. Daran gedenke immer, mein holdes Kind, meine ſüße Blume Zweifle nie an mir, und wenn meine Stimme Dich nicht erreicht, und wenn keine Nachricht von mir zu Dir gelangt, dann denke nicht:„Paulo hat mich verlaſſen!“ nein, dann denke immer nur:„Paulo iſt geſtorben, aber mein Name iſt ſein Todesgedanke geweſen, und ſein letzter Seufzer gehörte mir!“ Du mich verlaſſen? ſagte ſie, die Hände ringend. Was bin ich, was beginne ich ohne Dich. Du warſt mein Schutz und meine Stütze, mein Lehrer und mein Freund. Mein Gott, Du warſt mir Alles, und zu Dir blickte ich empor wie zu meinem Herrn und Vater! Graf Paulo lächelte ſchmerzlich. Liebe mich immer⸗ hin als Deinen Vater, ſagte er; ſo lange ich lebe, ſollſt Du keine Waiſe ſein, das ſchwöre ich Dir! Und mußt Du gehen, rief ſie, ſich an ihn ſchmie⸗ gend, ſo laß mich Dich begleiten! Du willſt mein Vater ſein, nun wohl, ich fordere mein Recht als Deine Toch⸗ ter; ihren Vater zu begleiten, das iſt das Recht der Tochter! Nein, ſagte er feſt, Du bleibſt, und ich gehe, aber ich gehe für Dich, und um Dir eine Zukunft des Glanzes und der Macht zu ſichern. Daran gedenke, Prinzeſſin Natalie, das vergiß nicht, und wenn ſie mich dereinſt einen Ver⸗ räther ſchelten, und wenn ſie meinen Namen brandmarken, ſo ſage; nein, er war kein Verräther, denn er liebte mich! Und jetzt höre, was ich Dir noch zu ſagen habe, fuhr der Graf nach einer Pauſe fort, während Natalie ſtill weinend zu ihm emporblickte. Aber ſieh mich an, Natalie, nein, nicht dieſen wehmuthsvollen Blick, ich kann's nicht ertragen, ich kann es nicht. Laß mir meine Faſſung und meinen Mnth, denn ich bedarf deſſelben. Weine nicht! Und ſofort verſuchte Natalie zu lächeln und trocknete mit ihren langen Locken ihre Augen. Ich weine nicht, ſagte ſie, ich höre Dir zu! Paulo legte zwei verſiegelte Briefe in ihre Hand. Schwöre mir, ſagte er, dieſe beiden Briefe heilig zu halten als Deines Lebens köſtlichſtes Beſitzthum. Ich ſchwöre es! ſagte ſie. Schwöre mir, keinem menſchlichen Aug ſie zu zei⸗ gen, keinem menſchlichen Ohre etwas von ihrem Beſitze zu verrathen! Schwöre mir das beim Andenken an Deine Mutter, welche in dieſem Augenblick von dem Himmel dort droben zu ihrer Tochter herniederblickt und Deinen Schwur vernimmt. Sie iſt alſo todt, ſagte das junge Mädchen, und 3 ließ traurig ihr Haupt auf ihre Bruſt ſinken. Du haſt noch nicht geſchworen! ſagte er. — 143— Das junge Mächen erhob ihr Haupt, und den Blick gen Himmel gewandt, als hoffe ſie dort wirklich dem zärtlichen Auge ihrer Mutter zu begegnen, ſagte ſie feierlich: Ich ſchwöre bei dem Andenken an meine Mutter, keinem menſchlichen Auge dieſe Papiere zu zei⸗ gen, keinem menſchlichen Ohre ihren Beſitz oder ihre Exiſtenz zu verrathen, ſondern ſie heilig zu halten als mein köſtlichſtes und geheimnißvollſtes Beſitzthum! Schwöre mir ferner, ſagte Graf Paulo, daß Du, wenn eine Gefahr Dich bedroht, Alles Andere eher ver⸗ geſſen willſt, als dieſe Papiere, daß ſie das Erſte ſind, was Du zu retten trachteſt. Ja, ſchwöre mir, daß Du ſie immer auf Deinem Herzen tragen, ſie niemals von Dir laſſen willſt! Ich ſchwöre es! ſagte Natalie. Ich werde dieſe Papiere, muß es ſein, ſelbſt mit meinem Leben zu ver⸗ theidigen wiſſen! Und damit vertheidigſt Du zugleich Deine Ehre, ſagte Paulo, denn Deine Ehre ruht in dieſen Papieren. Doch frage mich nicht, was ſie enthalten. Du darſſt es noch nicht wiſſen, es iſt Gefahr dabei, ihren Inhalt zu kennen. Aber wenn ein ganzes Jahr vergangen iſt, ohne daß ich wiederkehre oder Du von mir erfährſt, und wenn in dieſem ganzen Jahre keine einzige Bot⸗ ſchaft von mir bis zu Dir gedrungen iſt, dann, Natalie, dann öffne dieſe Briefe, ſie enthalten alsdann mein Ver⸗ mächtniß, und Du wirſt es heilig halten, um es zu erfüllen! — 144— Natalie ſagte ſchluchzend: O mein Gott, warum hat dieſer Dolch nicht geſtern mein Herz durchbohrt. Dann ſtarb ich doch, während ich noch glücklich war! Du wirſt es auch jetzt noch ſein, ſagte Graf Paulo mit einem leiſen Anflug von Bitterkeit, Carlo bleibt Dir und Deine Zukunft! Sie ſah ihn mit klaren, hellen Blicken an und ant⸗ wortete nicht. Sie war ſich ſelber wieder ein Räthſel geworden. Jetzt, wo ihr Freund, wo Paulo ſie ver⸗ laſſen wollte, jetzt ſchien es ihr als habe ſie Unrecht ge⸗ than, auch nur einen Moment einen Andern mehr zu lieben, als ihn, ihren Wohlthäter und Beſchützer, ja, als liebe ſie in der That Niemand ſo ſehr wie ihn, als könne ſie alles Andere verlaſſen und aufgeben, wenn ſie dafür die Nähe und die ſtete Gegenwart Paulo's ſich zu ſichern vermöchte. Aber plötzlich ſchrak ſie zuſammen, und ein glühen⸗ des Roth bedeckte ihre Wangen. Ganz zufällig war ihr Blick durch das Fenſter in den Garten geſchweift, und ſie hatte dort Carlo gewahrt, wie er mit langſamen, zö⸗ gernden Schritten die Allee, welche zur Villa führte, hinunterſchritt. Graf Paulo war ihrem Blicke gefolgt, und als er jetzt den Sänger gewahrte, ſagte er: Der ſoll von nun an Dein Beſchützer ſein. Verſprich mir, ihn als einen Bruder zu lieben! Willſt Du das? Er ſah ſie feſt und durchdringend an, aber ſie ſchlug vor dieſen fragenden, forſchenden Augen den Blick nicht nieder, ſondern ſah ihn an mit unſchuldigen, klaren Augen. Ja, ich will ihn lieben als einen Bruder! ſagte ſie. Noch Eins, und dann laß uns ſcheiden! ſagte Paulo. Marianne iſt treu und ehrlich, laß ſie niemals von Dir. Ich habe ſie auf ſechs Monate reichlich mit Geld zur Beſtreitung aller Ausgaben verſehen, und ich hoffe, ſchon lange, ehe dieſe Friſt abgelaufen, werde ich neue Summen geſendet haben. Wenn nicht, dann denke, ich ſei todt, denn nur mit meinem Leben kann die ſüße Pflicht, für Dich zu ſorgen, mir geranbt werden. Und jetzt laß mich zu Carlo gehen! Er nickte ihr leicht mit dem Kopfe, und verließ dann raſch das Zimmer. Eben ſchritt Carlo die Freitreppe der Villa hinauf. Paulo trat ihm entgegen und begrüßte ihn herzlich. Laßt uns hinunter gehen in den Garten, ſagte er, viele Dinge habe ich mit Euch zu beſprechen. Lange verweilten die beiden Männer im Garten. Natalie ſtand am Fenſter, und ſah ſie zuweilen Arm in Arm an irgend einer Biegung des Weges erſcheinen, um dann wieder zu verſchwinden und weiter zu wandeln im ernſten Geſpräche.— Wunderbare Gedanken durchzogen die Seele des jungen Mädchens, und wenn ſie die Beiden Arm in Arm ſo einherſchreiten ſah, fragte ſie ſinnend ſich ſelber: Mühlbach, Tartaroff II. 10 5 Wer iſt es denn, den ich am meiſten liebe? Iſt es Carlo, iſt es Paulo?— Ich kenne Euch jetzt ganz, ſagte Graf Paulo, als ſie ſich nach ſtundenlangem, eifrigem Geſpräche dem Hauſe wieder näherten. Ja, mir ſcheint, ich kenne Euch wie mich ſelber, und ich weiß, daß ich Euch ver⸗ trauen darf. Ihr habt mich ganz beruhigt, und ich danke Euch für Euer Zutrauen. Corilla, dieſe eitle Improviſatrice, war es alſo, welche ſie vernichten wollte. Das iſt beruhigend, und ich kann jetzt mit leichterm Herzen ſcheiden. Gegen ſolche Angriffe vermögt Ihr ſie zu ſchützen! Ich werde ſie gegen jeden Angriff ſchützen, rief Carlo. Ihr habt meinen Schwur darauf, heilig ſoll mir das Geheimniß ſein, welches Ihr mir anvertraut, und damit habt Ihr Natalie gefeiet und geſchützt vor jedem lauten Ausbruch meiner Leidenſchaft. So hoch ſteht ſie jetzt über mir, daß ich ſie nur als meine Heilige anbeten, ſie nur lieben kann, wie man die un⸗ erreichbaren Sterne liebt!— KI. Ein trener Perräther. Um dieſelbe Zeit ſchritt Cecil mit eiligen, haftigen Schritten durch die Straßen Roms, oſt hinter ſich — 147— blickend, ob Niemand ihm folge, und mit argwöhniſchen Augen Jeden anſchauend, der ihm begegnete. Vor der Hinterpforte eines Palaſtes ſtand er endlich ſtill, und als er ſpähend umhergeblickt und ſich überzeugt hatte, daß Niemand ihm gefolgt ſei, klopſte er dreimal leiſe an die Pforte. Dieſe öffnete ſich, und das grimmige, bärtige Angeſicht eines Ruſſen zeigte ſich. Cecil zog einen Ring aus ſeinem Buſen hervor und zeigte ihn dem Pförtner. Schnell führt mich zu Sr. Excellenz! ſagte er. Der Ruſſe nickte demüthig mit dem Kopfe, und winkte Cecil, ihm zu folgen. Nach kurzem Sinnen trat Cecil in den Palaſt, und die Pforte ſchloß ſich hinter ihnen.— Durch ein Labyrinth von Corridoren und Zimmern gelangte Cecil, von ſeinem Führer geleitet endlich bis zu einem kleinen Bondoir, deſſen von dichten Vorhän⸗ gen beſchattetes Fenſter kaum ein mattes Dämmerlicht in das Gemach eindringen ließ. Der Führer bedeutete Cecil hier zu warten, und teß ihn allein zurück. Wenige Secunden ſpäter öffnete ſich eine verborgene Thür, und ein Mann von hoher, ſtolzer Geſtalt trat ein. Endlich! ſagte er, als er Cecil gewahrte. Ich ver⸗ zweifelte ſchon an Eurem Kommen! Ich wollte gleich entſcheidende Laueh Ercellenz! ſagte Cecil 10 — 6— Und die bringt Ihr heute? fragte der Unbekannte lebhaft. In einer Stunde verlaſſen wir Rom, um nach Petersburg abzureiſen. 2 Der Fremde ſtieß einen leiſen Freudenruf aus, und ging in ſichtlicher Bewegung auf und ab. Cecil folgte ihm mit ſcheuen, ängſtlichen Blicken, und als der An⸗ dere immer noch ſchwieg, ſagte Cecil: Excellenz, ich habe getreulich erfüllt, was Ihr von mir verlangt, ich habe den Grafen trotz ſeines Widerſtrebens zur Abreiſe über⸗ redet, und wie Ihr befahlt, bleibt ſein Mündel allein und unbeſchützt in Rom zurück! Ah, Du preiſeſt Deine Thaten, weil Du Deinen Lohn verlangſt, ſagte die Excellenz verächtlich, indem er einen Schreibtiſch öffnete, und einen ſchweren gefüllten Beutel aus demſelben hervorholte. Da haſt Du Deinen Lohn, guter Mann! Cecil ſchob ihm das Geld unwillig zurück. Ich bin kein Judas, der um des Geldes willen ſeinen Herrn ver⸗ rieth, ſagte er. Erinnert Euch, Excellenz, weshalb ich verſprach, Eure Befehle zu vollführen, und welchen Lohn Ihr mir dafür verheißen habt! Ah, ich entſinne mich jetzt! Ihr fordertet mein Ver⸗ ſprechen, daß Eurem Grafen kein Leid geſchähe. Unter dieſer Bedingung allein verſprach ich meine Hülfe, ſagte Cecil. Als Eure Emiſſaire und Diener mich aufſuchten und mich zu Euch beſchieden, folgte ich — — 149— ihnen nur deshalb, Ihr wißt es wohl, erlauchter Graf, weil Ihr mich wiſſen ließet, es handle ſich um des Grafen Leben und Sicherheit. Ich kam zu Euch. Er⸗ laubt, Excellenz, daß ich Euch Eure eigenen Worte wiederhole.— Ihr ſagtet: Cecil, man hat Euch mir als einen treuen Freund Eures Herrn genannt. Die Treue iſt eine ſo ſeltene Tugend, daß ſie Belohnung verdient. Ich will Euch belohnen, indem ich Euch das Leben rette. Verlaßt eiligſt dieſen verrätheriſchen Gra⸗ fen, brecht jede Gemeinſchaft mit ihm ab. Sonſt wer⸗ det Ihr verloren ſein. Heimlich bin ich hergeſandt, um den Grafen und ſein verbrecheriſches Mündel zu verhaf⸗ ten und ſie nach Petersburg zu bringen. Und was dort des Grafen harrt, iſt leicht zu ermeſſen.— So ſpracht Ihr, Excellenz, und dann zeigtet Ihr mir den von der Kaiſerin unterzeichneten Verhaftsbefehl. Ich fragte darauf: Giebt es kein Mittel, den Grafen zu er⸗ retten? Es giebt ein Mittel, ſagtet Ihr! Beredet den Grafen, ſofort nach Petersburg zurückzukehren und ſein Mündel hier zurück zu laſſen, und ich ſchwöre Euch beim Namen der Kaiſerin, daß ihm kein Leid geſchehen ſoll! Nun ja, rief der Graf ungeduldig, wozu die Wie⸗ derholungen, ich weiß das Alles. Nur, weil Ihr vergaßet Excellenz, daß ich, was ich that, nicht für Euer elendes Geld gethan, ſondern um einen ganz andern Lohn: um die Sicherheit Deſſen, den ich liebe als meinen Sohn. Ihr habt mein Wort, es ſoll ihm nichts ge⸗ ſchehen! Ich zweifle nicht an Eurem Wort, Excellenz, ſagte Cecil feſt und entſchieden, Euer Wort hat einen all⸗ mächtigen Klang, und wenn Ihr Eure gebietende Stimme ertönen laßt, ſo erzittert ganz Rußland und verneigt⸗ ſich vor Euch. Aber hier verhallt Eure Stimme zwiſchen dieſen Mauern, und Niemand vernimmt ſie, als ich allein. Gebt mir ein Zeugniß Eures Wortes, einen von Eurer Hand unterſchriebenen Sicherheitspaß für meinen Grafen, und dann vernichtet den Verhaftsbefehl, der in Euren Händen iſt! Ah, es ſcheint, Ihr wollt mir Bedingungen vorzeich⸗ nen! rief der Graf ſtolz. Das will ich, ſagte Cecil. Ich habe Eure Bedin⸗ gungen erfüllt, jetzt iſt's an Euch, Herr Graf, die meinen zu erfüllen, denn Ihr kanntet ſie zuvor! Eine dunkle Zornesgluth zeigte ſich in des Grafen Angeſicht, heftig auffahrend näherte er ſich Cecil, indem er drohend den Arm gegen ihn erhob. Herr Graf, rief Cecil zurücktretend, Ihr irrt Euch! Ich bin kein ruſſiſcher Leibeigner, ich bin ein freier Mann, und Niemand hat das Recht, mir ſo zu drohen! Der Graf hatte ſchon den Arm ſinken laſſen, es ſchien, als habe er ſich ſchnell eines Andern beſonnen, und freundlicher als zuvor ſagte er: Du biſt in Deinem Rechte, Cecil, und Dir ſoll geſchehen, was Du wünſcheſt! . — 151— Er nahm aus dem Schreibtiſch ein großes verſiegel⸗ tes Papier und reichte es Cecil hin. Da iſt der Verhaſtsbefehl, zerreiße Du ihn ſelber! ſagte er. Cecil nahm das Papier und las es mit Aufmerkſam⸗ keit. Es iſt, wie Ihr ſagtet, der Verhaftsbefehl, der den Grafen zugleich nach Sibirien verbannt, ſagte er. Er iſt vernichtet. Mit einem freudigen, zufriedenen Lächeln zerriß er das Papier in kleine Stückchen und ſteckte dieſe in ſeine Buſentaſche. Der Graf war an den Tiſch getreten und hatte mit haſtigen Zügen einige Zeilen auf ein anderes Papier ge⸗ ſchrieben. Dies reichte er Cecil dar. Jetzt, hoffe ich, biſt Du zufrieden, ſagte er. Cecil nahm das Papier und las es. Dies iſt ein Sicherheitspaß in aller Form Rechtens, ſagte er. Eine vollgültige Anweiſung an alle Grenzbe⸗ amte und Polizeiwächter, uns ungefährdet ziehen zu laſſen! Exeellenz, wir ſind quitt! Ich that Euch Euren Willen, Ihr mir den meinen, und mein theurer Graf iſt gerettet! Vorausgeſetzt, daß Ihr ſofort abreiſt, ſagte der Graf. Die Poſtpferde ſind ſchon beſtellt, und ſobald ich heimkomme, beſteigen wir den Wagen. Lebt alſo wohl, Herr Graf, ich danke Euch, denn Ihr habt mir Gele⸗ genheit gegeben, Den, welchen ich auf Erden am meiſten liebe, zu erretten! Ich danke Euch! Und Cecil näherte ſich der Thür, aber plötzlich blieb er ſtehen, und ſein Geſicht nahm einen traurigen, weh⸗ müthigen Ausdruck an. Ich habe den Grafen getäuſcht und betrogen, um ihn zu retten, ſagte er, und um das Wort zu löſen, das ich ſeinem Vater auf dem Todten⸗ bette gab, indem ich ſchwur, ihn zu beſchützen und zu bewachen und mein Herzblut für ihn zu geben. Aber wenn ers wüßte, er würde mich dennoch einen Ver⸗ räther nennen, und mir fluchen, denn theurer als ſein eigenes Leben gilt ihm das Leben ſeines Mündels! Nur weil er glaubt, daß es zu ihrer Sicherheit nothwendig ſei, verläßt er ſie, um nach Rußland zu gehen und dann mit neuem Reichthum zu ihr zurückzukehren. Herr Graf, was wird aus Natalien? Darüber, ſagte der Graf leiſe und geheimnißvoll, darüber entſcheidet allein der Wille Derer, die mich ge⸗ ſandt hat. Bis dahin darf kein Haar ihres Hauptes gekrümmt werden, und nur, wenn es Ihr freier Wille iſt, ſoll die Prinzeſſin mir nach Rußland folgen. Das aber wißt Ihr, daß die Kaiſerin Niemand mehr haßt als ihren Sohn. Wie nun, wenn ſie ihn übergehen und ſich eine andere Nachfolgerin wählen wollte? Oh, wollte Gott, daß ich Euch recht verſtände! rief Cecil. Dereinſt werden wir uns ſchon verſtehen, ſagte der — 153— Graf mit einem bedeutungsvollen Lächeln. Jetzt cilt, Euer Wort zu löſen und mit dem Grafen Rom zu ver⸗ laſſen! Kaum hatte Cecil das Zimmer verlaſſen, als das Geſicht des Grafen einen hämiſchen, ſchadenfrohen Aus⸗ druck annahm. Mit einem lauten Lachen warf er ſich auf den ſeidenen Divan hin. So ſind dieſe ſogenannten guten Menſchen, ſagte er, wahre Tölpel, dumme Narren, die jedes Wort glauben, was man ihnen mit freundſeliger Miene ſagt! Glaubt dieſer Vielgetreue, ſein hochgeprieſener Graf ſei jetzt ge⸗ rettet, weil er den zerriſſenen Verhaftsbefehl in ſeinem Buſen trägt! Ehrlicher Tropf, als ob es keine Dupli⸗ cate gäbe, und als ob gleich jedes Verſprechen von der Gottheit ſelber unterſiegelt würde! Kehre nur heim mit Deinem Grafen, mein Wort ſoll ſich erfüllen. Kein Haar ſeines Hauples ſoll ihm gekrümmt werden, aber den ſtolzen Rücken wird man ihm krümmen, und in den Bergwerken Sibiriens mag er's lernen, ſich zu beugen vor einer höhern Macht! So ſprechend zog der Graf an einer Klingel, deren ſeidene Schnur über dem Divan hing, und als nach einigen Secunden Niemand erſchien, zog er die Klingel auf's Neue, diesmal heftiger, ſtürmiſcher. Aber es ver⸗ gingen einige Minuten, und Niemand zeigte ſich. Der Graf preßte die Zähne zuſammen in wildem Zorn, und murmelte heftige Flüche vor ſich hin. — 154— Endlich öffnete ſich die Thür, und mit einer flehen⸗ den Jammermiene erſchien ein Diener auf der Schwelle. Elender Hund, wo warſt Du? ſchrie der Graf ihm entgegen. Der Diener warf ſich zur Erde nieder, und kroch demüthig wie ein Hund zu ſeines Herrn Füßen hin. Excellenz, wir hatten uns, wie Eure Gnaben befah⸗ len, ſo lange dieſer Herr bei Euch war, alle aus den Vorzimmern zurückgezogen, und warteten in den Corri⸗ doren, ſtammelte der Diener. Dort hört man Eurer Gnaden Klingel nicht! Ich will Euch Schufte lehren, mich warten zu laſſen, rief der Graf, und die Peitſche, welche vor ihm auf dem Tiſche lag, ergreifend, hieb er mit unbarmherziger Wuth auf ſeinen Diener ein, bis ihm der Arm ermattend niederſank, und er ſich ſelber erſchöpft fühlte von der Arbeit. Jetzt geh, Du Hund, ſagte er dann, die Peitſche wieder auf den Tiſch legend, und ber zerſchlagene Leib⸗ eigne erhob ſich ehrfurchtsvoll und wiſchte mit ſeiner Hand das Blut fort, welches in dichten Strömen von ſeiner Stirn über ſein Geſicht hernieberlief. Geh und laß meine Beamten kommen, ſchrie der Graf. Der Diener ſtürzte hinaus, ſeine Befehle zu voll⸗ führen, und bald darauf erſchienen die von dem Grafen Befohlenen, und blieben ehrerbietig, ſumm an der Thür ſtehen. Der Graf lag noch immer lang ausgeſtreckt un ſpielte mit der Knute, deren lederne einzelne Spitzen von dem Blute ſeines Dieners geröthet waren. Laßt ſogleich einen Courier ſatteln, ſagte er, und gebt ihm den von Ihrer erhabenen Majeſtät unterzeich⸗ neten Verhaftsbefehl für den Grafen Paulo Rasczinsky. Der Courier wird damit dem Grafen bis an die ruſ⸗ ſiſche Grenze folgen, und ihn alsdann kraft dieſer Voll⸗ macht auf der nächſten Station verhaften und in Ketten nach Petersburg bringen laſſen. Das iſt der Befehl für den Courier, er bürgt mit ſeinem Kopf für deſſen Ausführung. Einer der Beamten verneigte ſich und ging, den Courier abzufertigen. Iſt unſer Kundſchafter heimgekehrt? fragte der Graf die beiden Zurückgebliebenen. Er iſt es! Was bringt er für Nachrichten? Weiß er, weshalb der Mordanfall beim Feſte des franzöſiſchen Cardinals geſchah? Doch was frage ich Euch! Schert Euch hin⸗ aus und laßt ihn ſelber kommen! Kaum hatten ſich die Beamten entfernt, als ein wild⸗ blickender, bärtiger Kerl auf der Schwelle der Thür erſchien und den Sſet mit einem grinſenden Lachen begrüßte. Was weißt Du von dem Mordanfall? ſragte der Graf ihn in italieniſcher Sprache. Ein Freund von mir hatte das Geſchüſt, ſagte der Bravv. Er ſteht im Solde des höchſt heiligen Cardi⸗ nals Francesko Albaui. Wir dienten lange unter ſeinem Chef, und ich kenne ihn genau. Er führt den geſchick⸗ teſten Dolch von ganz Rom, und nur ein Wunder war's, daß es dies Mal mißlang. Geſchah's im Auftrag des Cardinals? Nein! Der Herr Cardinal hatte dieſen Bravo an die hochgefeierte Improviſatrice Corilla geliehen, und von ihr kam der Befehl. Es iſt gut! ſagte der Graf. Kennſt Du alle Bravi in Rom? Alle, Ercellenz! Es ſind alle meine guten Freunde! Gut, ſo höre, was ich Dir jetzt ſage. Das Leben dieſer Prinzeſſin Tartaroff ſei Euch heilig, wie Euer eigenes Leben! Wißt, daß ſie keinen Moment unbewacht iſt, doß ſie überall, wo ſie erſcheint, von heimlichen Be⸗ ſchützern umgeben iſt. Wer ſie berührt, der iſt verloren, und mein Arm wird ihn treffen! Sage das Deinen Freunden, und ſage ihnen, der ruſſiſche Graf halte Wort. Viertauſend Zechinen ſind in vier Wochen Euer, wenn bis dahin kein Dolchſtoß die Prinzeſſin trifft. Fort mit Euch und vergeßt nicht meine Worte! Ah, dieſe Worte Eurer Excellenz ſind viertauſend Zechinen werth, und die vergißt man nicht ſo leicht! ſagte der Bandit, indem er ſich entfernte. Abermals ſchellte der Graf und befahl, ſeinen Ge⸗ heimſecretair Stepano zu rufen. 1 ——— — 157— Stepano, rief er dieſen entgegen, der erſte Schritt zum Ziele iſt gethan. Das Werk muß gelingen, ich habe der Kaiſerin mein Wort darauf gegeben, und wer kann ſagen, daß Alexis Orlow jemals ſein Wort gege⸗ ben, wenn er es nicht gehalten hätte. Dieſe Prinzeſſin iſt mein! So eben verläßt Graf Paulo Rasczinsky Rom und Niemand beſchützt ſie! Damit iſt noch nicht geſagt, daß ſie ſchon Euer iſt, ſagte Stepano achſelzuckend. Da Ihr nicht Gewalt brauchen wollt, Excellenz, ſo müßt Ihr die Liſt zu Hülfe rufen! Ich habe da einen Plan entworfen, und ich denke, er wird Euch gefallen. Man ſchildert ja die ſo⸗ genannte kleine Prinzeſſin als ſehr unſchuldig, ſehr ver⸗ trauensvoll. Benutzen wir doch ihre Unſchuld und ihr Vertrauen, und das wird das Beſte ſein. Hört jetzt meinen Plan! Und Stepano neigte ſich dichter an das Ohr des Grafen und flüſterte lange; es ſchien, als fürchtete er daß ſelbſt die Wände ihn belauſchen und ſeine Pläne verrathen möchten; ſo leiſe ſprach er, daß ſelbſt der Graf Mühe hatte, ihn zu verſtehen. Du haſt Recht, ſagte er dann, als Stepano geendet, dieſer Plan wird und muß gelingen. Sorge nur vor allen Dingen, daß wir Jemand finden, der ſie uns ge⸗ neigt und vertrauensvoll macht! Oh, dafür haben wir unſer gutes, Geld, ſagte Stepano lachend. Und übrigens, fuhr der Graf fort, iſt unſer In⸗ cognito zu Ende. Ganz Rom mag es jetzt erfahren, daß ich hier bin. Ah Stepano, welch eine glückliche Zeit erwartet mich. Natalie iſt ſchön wie ein Engel! Gott gebe nur, daß Ihr Euch nicht in ſie verliebt, ſeufzte Stepano. Ihr ſeid immer ſehr großmüthig, wenn Ihr verliebt ſeid! KII. Aleris Orlow. Zwei Dinge waren es, welche in den nächſten Wochen und Monaten die Römer vorzüglich beſchäftigten, und ihnen reichlichen Stoff zur Unterhaltung darboten. Man hatte darüber alles Andere vergeſſen, man ſprach nicht mehr von dem Rieſenfiſche, der die ſpaniſch⸗franzöſiſche Freundſchaft vernichtet hatte, man unterhielt ſich auch nicht mehr von dem Feſte des Cardinals Bernis, bei welchem eben jener Fiſch, als er auf ſeiner langen ſilbernen Schüſſel erſchien, mit lautem Jubel und Vivat war begrüßt worden. Ja ſelbſt dieſe ruſſiſche Prinzeſſin, die einen Augenblick wie ein Meteor am Horizont der Geſellſchaft aufgetaucht war, alles dieſes war ſchnell vergeſſen und man unterhielt ſich nur noch von der Aufhebung des Jeſuiten⸗Ordens, die Papſt Clemens nun wirklich vollzogen, und von der Ankunſt des ruſſiſchen — 159— außerordentlichen Geſandten, des berühmten Alexis Or⸗ low, deſſen Aufenthalt in Rom um ſo wichtiger und bedeutungsvoller erſchien, als man ſehr wohl wußte, in welchem nahen und vertrauten Verhältniß deſſen Bru⸗ der, der Graf Gregor Orlow, zu der großen und mäch⸗ tigen Kaiſerin Katharina von Rußland ſtand, und wel⸗ chen nahen Antheil Alexis Orlow an dem ſchnellen Tod des Kaiſers Paul gehabt. Der Orden der Jeſuiten, er exiſtirte alſo nicht mehr, die frommen Väter der Geſellſchaft Jeſu, ſie waren aus⸗ geſtrichen aus dem Buche der Geſchichte, ein Machtwort hatte ſie vernichtet! Mit lautem Wehklagen und Jammergeſchrei erfüll⸗ ten ſie die Straßen der heiligen Stadt, und wenn von ihren Lippen Gebete der Demuth und Ergebung erklan⸗ gen, ſo waren doch in ihrem Herzen ganz andere Ge⸗ bete, Gebete des Zornes und der Wuth, der Rache und des finſtren Haſſes! Man ſah ſie händeringend und laut jammernd zu ihren Freunden und Beſchützern eilen, und die Pforten der fremden Geſandten belagern. Mit ihnen weinten die Armen und Nothleidenden, denen die frommen Väter ſich als Wohlthäter gezeigt. Denn ſeit ſie wußten, daß ihre Exiſtenz bedroht war, hatten ſie ſich nur bedacht gezeigt, fromme Werke zu üben, und den Ruf ihres gottſeligen Wandels und ihrer Wohlthäligkeit und Groß⸗ muth namentlich in Rom mehr und mehr zu befeſtigen. Ungeheure Summen waren von ihnen an die Armen vertheilt worden, mehr denn fünfhundert angeſehener verarmter Römer, welche man politiſcher Vergehen be⸗ ſchuldigte, waren heimlich von ihnen unterſtützt worden; ſo war es den Jeſuiten, gegen welche ſich ſchon Jahre lang der Verdammungsſchrei von ganz Enropa erhoben, dennoch gelungen, in der heiligen Stadt Rom mindeſtens ſich eine bedeutende Partei zu bilden, und ſich Schutz und Beifall zu ſichern für die Zeit des Unglücks und der Verfolgung. Aber während das Volk mit ihnen weinte, und maucher Cardinal und Kirchenfürſt ſich ihrer heimlich erbarmte, ſchienen die Geſandten der europüi⸗ ſchen Großmächte allein unempfindlich gegen ihre Klagen. Niemand von ihnen öffnete ihnen die Thür ihres Pa⸗ laſtes, Niemand gewährte ihnen Schutz und Troſt, und obwohl man wußte, daß der Cardinal Bernis trotz des Abſchenes, den man in Fraukreich ſchon Jahre lang gegen dieſen Orden hegte, ihnen perſönlich gewogen war, und die Zuſtimmung Frankreichs zur Aufhebung des Ordens lange unterdrückt hatte, ſo mochte doch Bernis es jetzt vermeiden, ſich als Jeſuitenſreund zu zeigen, um dem ſpaniſchen Geſandten, ſeinem frühern Freunde, gegenüber nicht das demüthige Anſehen zu gewinnen, als begünſtige er die Jeſuiten nur deshalb, um ſich da⸗ durch ihn, dem Herzog Grimaldi, wieder verſöhn⸗ lich und freundlich zu zeigen. Aber Grimaldi ſelbſt durfte es jetzt nicht mehr wagen die Jeſuiten zu beſchützen, * — 261— ſo ſehr er auch ihr Freund war, und ſo ſehr Eliſabeth Farneſe, die ſpaniſche Königin Mutter, ſie begünſtigte. König Carl, ihr Sohn, hatte es endlich gewagt, ihrer Autorität zu trotzen, und in einem eigenhändigen Briefe hatte er dem Herzoge Grimaldi befohlen, hinfort keinen Jeſuiten mehr in ſeinem Palaſte zu empfangen. Und während, wie geſagt, die ganze Diplomatie ſich gegen den Orden der heiligen Väter Jeſu erklirte, mußte es um ſo mehr auffallen, daß der ruſſiſche Graf Orlow ſich ihrer erbarmte, daß er die Thore ſeines Palaſtes ihnen öffnete, und den Klagen der unglücklichen Väter ein williges Ohr lieh. Dieſer ruſſiſche Graf, er gab den guten Römern überhaupt viel Stoff zum Nachdenken und Kopfſchütteln, er beſchäftigte die Weiber durch ſeine ſeltene Schön⸗ heit, die Männer durch ſeine wilde Kühnheit und ſein rückſichtsloſes Betragen. Man nannte ihn einen Bar⸗ baren, einen ruſſiſchen Eisbär, aber man konnte doch nicht umhin, ſich für ihn zu intereſſiren und bereitwillig die kleinen Anekdote weiter zu erzählen, welche von ihm lächelnd, daß er der Erſte geweſen, 6 uth gehabt, der mächtigen Republik Vene⸗ dig zu trotzen, die, unruhig darüber, daß er es wage, in ihrem Territorium Soldaten für ſeine Flotte anzu⸗ werben zum Kriege gegen die Türken, den Grafen aus dem ſtolzen und ſchönen Venedig hatte verweiſen wollen. Mühlbach, Tartaroff. II. 11 Aber Alexis Orlow hatte gelacht, als der hohe Senat der Republik ihm den Befehl geſandt: ſofort die Stadt zu verlaſſen. Er hatte den zweihundert Soldaten, welche ſein Gefolge bildeten, befohlen, ſich zu bewaffnen, und nöthigenfalls Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, dem hohen Senat aber hatte er antworten laſſen: er würde ahreiſen, ſobald es ihm gefällig ſei, nicht früher! Da es ihm aber, wie es ſchien, nicht gefällig war ab⸗ zureiſen, ſo blieb er, und jetzt ſandte ihm der erzürnte und empörte Senat den ſtrengen Befehl, in vier und zwanzig Stunden mit ſeinen Soldaten Venedig zu ver⸗ laſſen. In feierlichem Zuge begab ſich eine Deputation des Senates zu dem ruſſiſchen Grafen, um ihm dieſen Befehl der Dreimänner anzuzeigen. Alexis Orlow em⸗ pfing ſie auf ſeinem Divan liegend, und auf ihre feier⸗ liche Anrede erwiderte er lachend: Niemand als meine Kaiſerin hat mir Befehle zu ertheilen! Es bleibt dabei, ich werde abreiſen, wenn es mir gefüllig iſt, nicht früher. Mit urwilligem Gemurmel und bittern Drohungen hatten die Senatoren ſich entfernt.— Orlow war geblieben, und der Senat, vor dem jungen ruſſiſchen Reich gen und ſtumm die Kränkung hingeno müthigen Ruſſen noch Wochen lang zu ſehen!*) — *) Archenholz, Italien. Bd. IV. S. 53. Dieſen Beweis von dem Uebermuth des Grafen Orlow erzählten die Römer einander mit ſichtlichem Ver⸗ gnügen, und ſie dankten es ihm, daß er die ſtolze, hoch⸗ fahrende Republik ſo gut gedemüthigt und verhöhnt hatte.— Aber man ſchüttelte bedenklich den Kopf, als man erfuhr, daß er auch in Rom ſeinen Stolz und ſeinen hochfahrenden Uebermuth ſchien beibehalten zu wollen. Man erzählte von einer Soirée bei der Marcheſa Paduli, welcher Alexis Orlow beigewohnt. Als mau ihn dort bat, Beweiſe der übermäßigen Kraft und Stärke, welche ihm den Beinamen„der ruſſiſche Hercules“ verſchafft hatte, zu geben, hatte er von dem ſilbernen Plateau, welches auf dem Tiſche ſtand, einen der härteſten Aepfel genommen, und ihn mit ſpielender Leichtigkeit mit zwei Fingern ſeiner linken Hand zerdrückt, daß er wie Glas umherſprang. Aber eins dieſer harten Apfelſtücke war dem neben dem Grafen ſtehenden Herzoge von Glouceſter in das Auge geſprungen und hatte ihn nicht unerheblich verletzt. Die ganze Geſellſchaſt nahm Theil an dieſem Unfall des engliſchen Prinzen, und umringte ihn kla⸗ gend und bedauernd. Graf Orlow allein ſagte nichts dazu, nicht das leiſeſte Entſchuldigungswort. Er wiegte ſich lächelnd auf ſeinem Stuhle, und ſang ſich ganz leiſe ein ruſſiſches Volkslied zum Lobe ſeiner Kaiſerin.*) *) Gorani. Bd. IMI. S. 23. 11* Und war nicht auch dies ein Hohn, daß Alexis Or⸗ low ſich jetzt als Freund der Jeſuiten bezeigte, welche das Wort des Statthalters Gottes verfehmt und geächtet hatten? War es nicht ein Hohn, daß er dieſen verfolg⸗ ten Vätern Jeſu laut und öffentlich in Rußland Schutz und Aufnahme verſprochen und ſie aufgefordert hatte, dort ſich neue Klöſter und neue Gemeinden zu gründen? Aber Alexis Orlow kümmerte ſich wenig um das Kopfſchütteln und die Mißbilligung der Römer. Er ſagte zu ſeinem Vertrauten Stepano: Keine höhere Luſt giebt es, als der ganzen Welt zu trotzen und allen den Dingen ſich feindlich zu widerſetzen, welche die dummen Menſchen uns als Geſetze aufbürden möchten. Der Freund und Günſtling Katharina's hat nicht nöthig, ſich ſolchen albernen Geſetzen zu fügen; wo ich hintrete mit meinem Fuße, da gehört die Erde mir, und wenn man ſie mir ſtreitig machen will, ſo werde ich ſie mir mit Gewalt nehmen! In Rußland bin ich der Leibeigene der Kai⸗ ſerin, dafür will ich doch im Auslande mindeſtens die ganze Welt als meinen Leibeigenen behandeln! Das be⸗ luſtigt mich, und wozu iſt denn die Welt anders da, als daß man ſich auf ihr beluſtige? Ein wenig doch auch wohl zur Arbeit, ſagte Stepano mit einem ſchlauen Lächeln. Dazu habe ich meine Sclaven, dazu habe ich Dich, rief Orlow lachend. Für mich giebts hier in Rom nur eine Arbeit, und dieſe iſt: in Rom ſelbſt möglichſt viel — 165— Unruhe zu machen, das Volk mit ſeiner Regierung zu entzweien, damit dieſe alle Hände voll zu thun, und nicht Zeit habe auf unſer niedliches Spiel mit der kleinen Prinzeſſin zu achten, oder gar es uns zu wehren. Wir müſſen freie Hand zum Handeln haben, das iſt das Wichtigſte! Laß uns daher nur die frommen Väter Zeſu beſchützen und den Feinden dieſes allzukühnen Papſtes Unterſtützung bieten, wir erreichen doch da⸗ mit zuletzt nur unſern eigenen Zweck, und das ſei uns genug! Doch ſind wir bei unſerer Prinzeſſin Natalie noch um keinen Schritt vorwärts gedrungen, ſagte Stepano achſelzuckend. Das iſt eine uneinnehmbare Feſtung, wie es ſcheint. Sie ſoll ſich uns dennoch ergeben müſſen, rief Alexis Orlow lachend, und zuletzt ſoll ſie uns doch als Sieger anerkennen! Wir unterminiren, Stepano, und erſt wenn das Gebände krachend über ihr zuſammenſtürzt, ſoll ſie's bemerken, daß ſie ſchon lange in Gefahr geweſen. Und wie ſagſt Du? Wir wären noch keinen Schritt vor⸗ wärts gedrungen? Und doch iſt Rasczinsky fort, und wir haben es verſtanden, den Cardinal Bernis, der ſich für unſere Kleine intereſſiren wollte, mit den Jeſuiten⸗ Angelegenheiten ſo ſehr zu beſchäftigen, daß er nicht Zeit hat, noch an die kleine Prinzeſſin zu denken. Ach, die Jeſuiten ſind ſehr nützliche Leute! Wir ſtreuen ſie den Herren Diplomaten als Schnupftabak in's Geſicht, und — 166— während ſie ſich die blöden Augen reiben, und vor Schmer⸗ zen ſchreien, werden wir unſern kleinen Fiſch ganz geräuſch⸗ los in unſere Netze ziehen, und ihn unangefochten in die Heimath führen. Und wenn er nicht in das Netz hineingeht? Er muß hinein, rief Orlow ungeduldig. Pah, iſt's mir doch gelungen, unſern Kaiſer, den Gott ſegnen möge, zur rechten Zeit in die Ewigkeit hinein zu bugſiren, und ich ſollte zweifeln, dieſes junge ſchöne Kind zur rechten Zeit in meine Arme zu ſchließen? Sieh mich doch an, Stepano, was fehlt mir denn dazu? Sind die ſchö⸗ nen Weiber Rom's nicht Alle ganz entzückt von dem rnſſiſchen Hercules? Wie ſollt's benn kommen, daß eine Landsmännin mir widerſtehe? Die Präliminarien, das iſt die Hauptſache, und wenn wir nur erſt Jemand haben, der ſie auf meine Erſcheinung vorbereitet, dann wird Alles gut gehen. Den aber werden wir finden, Dank unſern Rubeln!— Doch jetzt, Stepano, laß es genug ſein mit der Politik. Rufe meine Kammerdiener. Es iſt Zeit zur Toilette, und das iſt ein ſehr wichtiges Geſchäft! XIII. Corilla. Corilla war allein. Unruhig, voll ſtürmiſcher Gedanken ging ſie heftig auf und ab, zuweilen einzelne, glühende — 167— Ausrufungen ausſtoßend, dann wieder ſinnend vor ſich hinſtarrend. Sie war ein vollblutiges, heißes, italieniſches Weib, das entweder mit ganzer Seele haſſen oder lieben will, und beide Gefühle mit gleicher Kraft und gleicher Wärme in ihrem Buſen nährt. Aber der Haß in ihr verrauchte ſo ſchnell, wie die Liebe; es war ihr nur der Champagnerſchaum, den ſie ſich abſchlürfte vom Leben, um ſich einwenig daran zu beranſchen, denn in der Berau⸗ ſchung fühlte ſie ſich erſt als Dichterin, war ſie erſt im Stande zu improviſiren. Ich muß durchaus immer verliebt ſein, ſagte ſie, denn ſonſt wäre es um meinen Ruhm geſchehen. Mit ruhigem Blute und friedlichen Sinnen läßt ſich nicht improviſiren und dichten. In mir muß Alles zucken und flammen, jeder Nerv, jede Fiber meines Weſens muß glühen und zittern, das Blut muß wie Feuer durch meine Adern rollen, und die glühendſten Wünſche, die inbrünſtigſte Sehnſucht, ſei's der Liebe, ſei's des Haſſes, muß in mir ſein, dann nur werden mir auch meine Dichtungen gelingen. Und das wollen dieſe zarten, ſitt⸗ ſamen Menſchenkinder nicht begreifen, und dieſes niedere römiſche Volk wagt es ſogar, mich darüber zu ſchelten, daß ich ſtets ſuche nach neuen Emotionen, und neuem Begeiſterungsſtoff für meine Muſe. Die Liebe war der Improviſatrice Corilla nichts weiter als ein ſtärkender Wein, mit welchem ſie ihre ermattete Poeſie zu neuer Daſeinskraft empor⸗ . ſchnellte, und ſo nur auch war es geweſen, daß ſie Carlo liebte und daß ſie um ihn weinte, nur daß die Liebe hier etwas länger gedauert, weil Er es war, der ſie aufgab, und ſie verließ. Das war's, was ſie ſo glü⸗ hend machte im Haſſen, das war's, weshalb ſie die⸗ jenige zu morden trachtete, um deretwillen Carlo ſie verlaſſen! Dies iſt eine neue Situation, ſagte ſie, die ich da durchempfinde und durchlebe. Eine Dichterin aber muß alle Empfindungen, alle Gluthen in ſich erlebt haben, wie ſollte ſie ſonſt ſie ſchildern können? Ich meines⸗ theils, ich glaube nicht an die Offenbarungen des Ge⸗ nius, ich glaube nur an die Erfahrungen. Nur was man erlebt hat an Gefühl und Leidenſchaft, nur das wird man im Stande ſein zu ſchildern. Wer möchte es verſuchen, den Geſchmack einer Ananas zu ſchildern, wenn er ſie nicht zuvor gekoſtet hat? Ich muß von jeder Ananas der Empfindung gekoſtet haben, ſonſt kann ich ſie Euch nicht mit Wahrheit ſchildern!— Daß dieſer Mordverſuch auf Natalien mißglückte, das war ihr gleichgültig. Die Emotion deſſelben hatte ſie doch erfahren, und eben ſo wär's ihr gleichgültig ge⸗ weſen, wenn der Dolch Natalien's Bruſt durchbohrte, — ſie war Sübländerin genug, einen Mord nur zu denjenigen leichten Sünden zu rechnen, für welche der Prieſter Abſolution ertheilt. Nur Eins war's, was Corilla ausſchließlich beſchäf⸗ S—— — 169— tigte, was ſie quälte und verfolgte Tag und Nacht,— ihr Ruhm! Ihren Namen wollte ſie geprieſen wiſſen vor der Welt, verherrlicht wollte ſie daſtehen vor ganz Europa, und für den ſtolzen Ruhm, als Dichterin auf dem heiligen Capitol gekrönt zu werden, für dieſen Ruhm hätte ſie willig Jahre ihres Lebens hingegeben. Das war der Zielpunkt ihres Lebens, und wie Vie⸗ les hätte ſie nicht ertragen, gewagt und geduldet, um es zu erreichen. Wie viele Intriguen waren nicht er⸗ ſonnen, wie viel Verſtellung und Liſt, wie viel Schmei⸗ chelei und Heuchelei nicht ſchon aufgewandt worden, und Alles, Alles noch vergeblich! Deshalb war es, daß Corilla eben weinte, und daß ſie bald finſter grollend, und bald mit lauten Schmer⸗ zensäußerungen heftig auf und ab ging. Ihre Wan⸗ gen glühten, ihre Augen blitzten,— ſie war ſehr ſchön in dieſer Erregung! Das mußte ſie ſich ſel⸗ ber zugeſtehen, als ihr Blick eben im Spiegel ihr eige⸗ nes Bild traf. Mit einem wohlgefälligen Lächeln blieb ſie ſtehen vor dem Spiegel, und faſt unwillig ſagte ſie: Ach, warum bin ich jetzt allein, warum ſieht mich Niemand in meiner ſchönen Gluth? Jetzt könnte ich wirkſam ſein mit meinem Angeſicht, und mir Freunde damit machen! Warum denn bin ich jetzt allein! Aber es ſchien, als dürfe Corilla nur einen Wunſch äußern, um ihn ſchnell erfüllt zu ſehen, denn eben öffnete 3 170 ſich die Thür, und der eintretende Diener meldete den Grafen Alexis Orlow. Corilla lächelte vor Vergnügen, und dieſes Lächeln ließ ſie auf ihren Lippen ſtehen, denn ſie wußte ſehr genau, daß es ſie vorzüglich kleidete, und daß ſie damit ſchon manches Herz erobert hatte. Heimlich aber klopfte ihr Herz vor Furcht, und ſie fragte ſich bang in ihrem Innern: was will dieſer ruſſiſche Graf nur bei mir? Aber mit heiterm Angeſicht ſchritt ſie ihm entgegen;z ſie ſchien es gar nicht zu bemerken, daß ſeine Stirn in finſtern Falten lag, und daß ſeine Züge einen faſt dro⸗ henden Ausdruck zeigten. Er iſt ein Barbar, dachte ſie, und mit Barbaren muß man anders umgehen, als mit den andern Männern. Ich werde ſchmeicheln müſſen, um dieſen Löwen zu bändigen! Es iſt eine ernſte Sache die mich zu Ihnen herführt, Signora, ſagte Alexis finſter. Eine ernſte Sache? fragte ſie heiter. Ach, dann be⸗ dauere ich Euch, Graf. Es iſt ſchwer mit mir von ern⸗ ſten Dingen zu ſprechen! Ihr thut ſie lieber! rief Alexis, indem er ſich nach⸗ läſſig in den Divan warf. Ihr mögt nicht mit ſo ern⸗ ſten Dingen ſpielen, als zum Beiſpiel ein Dolch iſt, darum werft Ihr ihn lieber von Euch, gleichviel ob Ihr damit auch ganz zufüllig ein anderes Herz durchbohrt. Ich verſtehe Euch nicht, Graf, ſagte Corilla unbe⸗ —— fangen, aber ſie ſah ihn dabei mit einem ſo reizend verlockenden Ausdruck an, daß Alexis unwillkührlich lächelte. Ich will mich Euch verſtändlich machen, ſagte er milder. Ihr ſollt wiſſen, daß ich Euch kenne, Corilla! Der Mörder, welcher auf jenem Feſte beim Cardinal Bernis die Prinzeſſin Tartaroff verfolgte, Ihr hattet ihn gedungen, Signora Maddalena Morelli Fernandez, genannt Corilla! Und wenn es nun wahr wäre, Signor Alexis Or⸗ low, genannt der ſchöne nordiſche Hereules? fragte ſie, mit anmuthiger Schalkhaftigkeit ſeinen gravitätiſchen Ernſt nachahmend. Wenn es nun wahr wäre, was weiter? Aleris ſah ihr faſt erſtaunt in's Geſicht. Ihr ſeid wundervoll kühn! ſagte er. Nur die Selaven ſind muthlos, ſagte ſie. Die Frei⸗ heit iſt die Mutter der Kühnheit! Ihr läugnet alſo nicht, daß Ihr den Bravo gedun⸗ gen hattet? Zunächſt läugne ich Euch nur das— des Ingqui⸗ rierens ah, ſagte ſie. Ich habe ein Recht dazu, rief er heſtig. Die Prin⸗ zeſſin Tartaroff iſt die Unterthanin der ruſſiſchen Kaiſe⸗ rin, meiner Herrin, und Katharina wacht und beſchützt mit mütterlicher Zärtlichkeit all' ihre Unterthanen. Dieſe gute zärtliche Kaiſerin, rief Corilla mit einem zweideutigen Lächeln. Aber um ihre Kinder und Unter⸗ — 172— thanen recht zu behüten, ſollte ſie ſie niemals aus dem Lande laſſen. Nehmt doch die ſchöne Prinzeſſin Tarta⸗ roff mit Euch nach Rußland, dann wird ſie ſicher ſein vor unſern italieniſchen Dolchen, nehmt ſie mit Euch, das wird das Beſte ſein! 75 Ihr haßt alſo die arme kleine Prinzeſſin recht von ganzem Herzen? fragte Alexis lachend. Jo, ſagte ſie nach kurzem Beſinnen glühend, ich haſſe ſie. Und wollt Ihr wiſſen, weßhalb, Signor? Nicht um ihrer Schönheit, nicht um ihrer Jugend, aber um ihres Talentes willen. Sie iſt ein großes Talent. Ach, es gab eine Zeit, da haßte ich ſie, obwohl ich ſie nicht kannte. Aber jetzt, jetzt iſt das etwas ganz Anderes. I†ch haſſe ſie nicht nur, ich fürchte ſie! Denn ſie kann meine Rivalin werden, meine Rivalin des Ruhmes! Ach, Ihr hättet ſie ſehen ſollen an jenem Abend. Wie ein Schwan war ſie anzuſchauen, und wie ein Schwa⸗ nenlied ſo klang ihr Geſang. Und Alles jauchzte und Alles ſchrie, und die Weiber weinten, ja, ich, ich ſelber weinte, nicht aus Rührung, aber aus Zorn, aus Erbit⸗ terung, denn man hatte mich vergeſſen, vergeſſen um dieſer neuen Dichterin willen, ſie umringte man mit Schmeicheleien, mich ließ man allein und unbeachtet ſtehen! Und ihr fragt noch ob ich ſie haſſe? Ganz unwillkührlich hatte ſie ſich hinreißen laſſen von ihrer eigenen Gluth, von ihrem innern Zorn,— Graf Orlow las mit geheimem Vergnügen in ihren Zü⸗ 2 — 173— gen daß dies keine Comödie ſei, welche ſie da improviſire, ſondern daß dies Wahrheit und Wirklichkeit. 4 Wenn Ihr ſo denkt und empfindet, ſagte er leiſe, dann werden wir uns bald verſtehen, Signora! Ein rechter Haß iſt eben ſo viel werth, als eine rechte Liebe, ja oft noch mehr. Dem Haſſe darf man mehr vertrauen, denn er iſt dauernder. Ich will Euch alſo vertrauen, Signora, wenn Ihr mir ſchwört, kein Wort zu verra⸗ then von Dem, was ich Euch ſagen will. Ich ſchwöre es! betheuerte Corilla ernſt. So hört denn! Die Prinzeſſin Tartaroff iſt eine Betrügerin, kein fürſtliches Blut fließt in ihren Adern, und wenn ſie ſich für eine Fürſtin ausgiebt, ſo geſchieht es, weil ſie hochverrätheriſche Pläne damit verbin⸗ det. Mehr darf ich Euch nicht ſagen, nur dies noch, daß meine erlauchte Kaiſerin mir aufgetragen hat, die betrügeriſche Prinzeſſin zu ihr nach Petersburg zu bringen, damit ſie dort ihre Strafe empfange. Ich hab's geſchworen, dies zu thun, und ich muß mein Wort löſen, ſie, ohne Aufſehen zu erregen, ungefährdet und geſund von hier zu bringen. Begreift Ihr alſo, weshalb ich komme? Ich begreife, ſagte Corilla. Eine Kaiſerin mil ſich rächen, und deshalb ſoll eine arme Dichterin ihre kleine Privat⸗ rache aufgeben. Wie aber, wenn ich nicht an dieſe ganze Geſchichte glaube, wenn ich ſie für ein Mährchen halte, das Ihr erſonnen, um Eure Prinzeſſin vor mir zu ſichern? — Ihr werdet mir ſchon glauben müſſen, hört mich nur weiter an! Und Alexis Orlow ſprach lange und lebhaft zu ihr, er ließ ſie einen Blick thun in ſeine geheimſten Intri⸗ guen, in ſeine fein durchdachteſten Pläne, und Corilla folgte ihm mit geſpannter Erwartung und hochglühenden Wangen. Ich begreife das Alles, Alles, ſagte ſie lebhaft, als Alexis endlich ſchwieg, das iſt ein großer, aber zugleich ein infernaliſcher Plan, den Ihr da vorhabt, ein Plan, um den Euch die Teufel ſelber hachachten müſſen! Und Ihr? fragte Alexis lachend. Oh ich, ſagte ſie, ich gehöre vielleicht zu den Teufeln. Und darum will ich Euch auch hülfreich ſein! Ihr be⸗ dürft eines Unterhändlers mit einem weiten Gewiſſen und einer klugen Zunge. Ich kann Euch einen ſolchen verſchaffen. Ach das wird eine drollige Geſchichte ge⸗ ben Sagtet Ihr nicht, der Sänger Carlo bewache wie ein Drache dieſen goldenen Schatz? Nun, ſein Bruder ſoll es ſein, der dieſen Drachen bekämpft. Sein eigener Bruder! Iſt das nicht luſtig, Graf? Und ſeid Ihr ſeiner ſicher? fragte Orlow. Wie nun, wenn ſein Bruder, ihn für ſich gewänne. Seid außer Sorgen, dieſer Carlo Ribas iſt ſo tugend⸗ haft, daß er Niemand mehr haßt, als ſeinen Bruder Joſeph, bloß weil er einige Jahre wegen Falſchmünzerei auf der Galeere war. Jetzt iſt er frei und heimlich — 175— hierher gekommen; da er weiß, daß ich ſeinen Bruder kenne, kam er zu mir, um mich um Unterſtützung zu bitten. Ich werde ihn zu Euch ſenden! Und Ihr werdet auch meine Bitte nicht vergeſſen, in allen Geſellſchaften von der großen Liebe zu erzählen, welche Kaiſerin Katharina für dieſe ihr nah verwandte Prinzeſſin Tartaroff hegt? Ich werde das nicht vergeſſen. In Eure Hand, Graf, lege ich meine Rache, Ihr werdet mich von dieſer⸗ Nebenbuhlerin befreien! Das werde ich, ſagte er mit einem Lachen. Und wenn das Werk vollendet iſt, und Ihr mir getren⸗ lich beigeſtanden, dann, Signora, dürft Ihr der höchſten Dankbarkeit der Kaiſerin gewiß ſein! Katharina iſt die erhabene Beſchützerin der Muſen, und in ihrer Gnaden⸗ fülle wird ſie der berühmten Dichterin Corilla nicht ver⸗ geſſen. Ihr dürft auf eine kaiſerliche Belohnung rechnen! Und ich werde ſie dankbar entgegen nehmen, ſagte Corilla lächelnd. Eine Dichterin iſt immer arm und bedarf der Unterſtützung. Die Muſen verleihen alle Freuden, nur den Reichthum nicht. Ach, rief Corilla, als der Graf ſie verlaſſen, ich werde endlich doch Alles erreichen, was ich mir erſehnt, ich werde nicht nur mit Ruhm gekrönt, ſondern auch mit Reichthum geſegnet werden, und das iſt eine Seg⸗ nung, welche faſt dem Ruhme gleich kommt. Das Geld hat ſchon manchen Ruhm begründet, aber nicht alle Mal — hat der Ruhm das Geld nach ſich gezogen. Ich werde reich ſein, und auch berühmt! Das biſt Du ſchon, rief der Cardinal Francesko Albani, welcher unbemerkt ſo eben zu ihr eingetre⸗ ten war. Ich bin es nicht, ſagte ſie heftig, denn man verwei⸗ gert mir des Ruhmes Preis. Was ſagte der Papſt, und wart Ihr bei ihm, Eminenz? Ich komme ſo eben von ihm her! Nun, und was ſagt er? Was er mir immer antwortet: Nein! Corilla ſtampfte heftig mit dem Fuß und ihre Angen ſchlenderten Blitze. Wie ſchön Ihr eben ſeid! ſagte der Cardinal zärt⸗ lich, einen Arm um ſie ſchlingend. Sie ſtieß ihn heftig zurück. Berührt mich nicht, rief ſie, Ihr verdient es nicht, daß ich Euch liebe. Geht, geht, Ihr ſeid ein Schwächling, wie alle Männer. Wein es darauf ankommt zu handeln, dann ſinkt Euer Arm, und Ihr ſeid machtlos, ſchwach! Ach, das Weib, welches Ihr zu lieben ſchwört, es bittet Euch um einen kleinen Dienſt, und Ihr wollt ihre Bitte nicht erfüllen! Geht, Ihr ſeid ein kaltherziger Mann und gar nicht werth, daß Euch Corilla liebt! Aber mein Gott, rief der Cardinal verzweiflungs⸗ voll, Ihr fordert einen Dienſt von mir, und es ſteht doch nicht in meiner Macht, ihn zu erfüllen. Fordert — 177— etwas Anderes, Corilla, fordert ein Menſchenleben, ich will's Euch darbringeu. Aber ich kann nicht geben, was nicht mein iſt! Ihr fordert eine Lorbeerkrone, und nur der Papſt hat ſie zu vergeben, und ſo eben hat er mir geſchworen, ſo lange Er lebe, Euch dieſe Lorbeerkrone nicht zu bewilligen! Wird er denn ewig leben? ſchrie Corilla außer ſich vor Zorn. Der Cardinal ſah ſie erſtaunt und fragend an.— Plötzlich nahmen ſeine Züge einen wilden, hämiſchen Ausdruck an, und heftig Corilla's Hand ergreifend, mur⸗ melte er: Ihr habt Recht! Wird er denn ewig leben? Pah, ſelbſt ein Papſt iſt ein ſterblicher Menſch. Und wenn wir ihm nun einen Nachfolger wählten, der Euch mehr liebte, als— Corilla, unterbrach ſich der Cardi⸗ nal, indem er ſie trotz ihres Widerſtrebens an ſeinen Buſen drückte, Corilla, ſchwört mir noch einmal, daß Ihr auf ewig mein, nur mein ſein wollt, ſobald ich Euch die Lorbeerkrone auf dem Capitol verſchaffe! Schwört das noch einmal! Sie ſah ihn mit einem ſo ſüß verlockenden Lächeln an, daß der Cardinal erbebte vor Luſt und Freude. Wenn Ihr Corilla mit der Lorbeerkrone auf dem Capitol geſchmückt, dann wird ſie freiwillig und beglückt Euch ihre Myrthenkrone zu Füßen legen, flüſterte ſie mit einem reizenden Ausdruck jungfräulicher Si heit.— Mühlbach, Tartaroff II. 12 — 178— Der Cardinal drückte ſie heftig an ſeine Bruſt. Ihr werdet dieſen Lorbeer haben und Eure Myrthenkrone iſt mein! ſagte er glühend. Ihr ſollt ſchon ſehen, ob Francesko ein kaltherziger Mann iſt.— Lebt wohl, Corilla! Und mit einem flüchtigen Gruß eilte er von dannen. Corilla ſah ihm erſtaunt und lächelnd nach. Er wird Wort halten, ſagte ſie. Ich werde endlich gekrönt werden und ganz Europa wird wiederhallen von meinem Ruhm! XIV. Die heiligen Schacherer. Der Cardinal Francesko Albani eilte indeß mit der Haſt eines Jünglings durch die Straßen. Er achtete weder auf die ehrfurchtsvollen Begrüßungen und Knie⸗ beugungen der Vorübergehenden, noch auf ihr Entſetzen und ihren ſichtbaren Schrecken, wenn ſie in dem hoch⸗ gefeierten Kirchenfürſten und unter dem Cardinalshut ihn erkannten, den grauſamen und gefürchteten Francesko Albani. Vor dem Palaſte des Cardinals Juan Angelo Braschi blieb er ſtehen. Die Equipage des neuen Cardinals hielt vor dem Thor. — 179— Ah, ſagte Albani freudig, er iſt alſo noch daheim, ich treff' ihn noch! 8 Eiligen Schrittes ging er hinein in den Palaſt, und den ihm voraneilenden Kammerdiener Braschi's zurück⸗ drängend, trat er unangemeldet in das Cabinet des neuen Cardinals. Erſchreckt nicht, Eminenz, ſagte Albani lächelnd, ich werde Euch nicht lange aufhalten! Ich kenne Eure Ge⸗ wohnheiten, und ich weiß, daß Signora Malveda Euch gerade um dieſe Stunde zu erwarten pflegt. Aber es iſt etwas Wichtiges, was ich Euch da zu ſagen habe. Ihr wißt, ich bin ein Mann ohne Umſchweife und Formen, immer gerade auf das Ziel losſteuernd. Ich thu's auch jetzt! Ihr habt das Gelüſte, dereinſt der Nachfolger Ganganelli's zu werden? Braschi erblaßte, und wandte den erſchrockenen Blick zur Erde. Weshalb erſchreckt Ihr denn? rief Albani. Jeder Cardinal hofft und wünſcht der Vater der Chriſten⸗ heit zu werden, das iſt natürlich; ich würd's auch für mich ſelber wünſchen, aber ich weiß, daß ich es nicht werde. Ich habe die guten Herren Cardinäle, welche im Conclave den heiligen Geiſt anrufen, zu ſehr in meine Karten ſchauen laſſen. Ich war nicht ſo klug als Ihr, Braschi, und deshalb paßt Ihr auch beſſer dazu, der Statthalter Gottes zu werden! Wollt Ihr Papſt werden, wenn einſt Ganganelli ſtirbt, Braschi? — 180— Wie hoch haltet Ihr meine Stimme, und wieviel gilt ſie Euch?. Mehr als ich beſitze, unendlich mehr! ſagte der ſchlaue Braschi. Wenn ich Eurer Stimme ſicher wäre, ſo hätte ich die beſtimmte Hoffnung, Papſt zu werden, denn Eure Stimme zieht viele andere nach. Wie wollt Ihr alſo, daß ich ſchätze, was unſchätzbar iſt? Wollt ihr mir zwanzigtauſend Seudi geben? fragte Albani.*) Das Dreifache, wenn ich es beſäße, aber ich habe nichts. Ich bin ein ſehr armer Cardinal, Ihr wißt es wohl. Mein ganzes Vermögen beſteht in ſechstauſend Seudi, und die wage ich nicht, Euch anzubieten! So borgt Euch doch von der Signora Malveda! rief Albani. Laßt uns ohne Umſchweife ſprechen. Ihr wollt Papſt werden, und ich will Euch gefällig ſein! Wie viel wollt Ihr zahlen? Wenn Signora Malveda mir viertauſend Seudi liehe, ſo hätte ich zehntauſend Euch anzubieten! Nun, mag es ſein! Zehntauſend Scudi mögen aus⸗ *) Gorani ſagt von dieſem Cardinal Bd. HI. S. 131: Er iſt über⸗ mäßig rachſüchtig und beſoldet daher ſogenannte Bravi, denen er ſeine Rache überträgt. Böſewichter finden bei ihm Schutz, und er zieht ſie an ſeine Tafel, damit ſie immer bereit ſind, ſeine Blutbefehle auszu⸗ führen. Bei dieſer Härte iſt er überdies auch geizig, und verkauft ſeine Protectivn, woher denn ſein Palaſt Bankerottirern und Mördern als Freiſtätte dient. — 181— reichen, wenn ihr mir außerdem noch eine Gefälligkeit erzeigen wollt! Fordert nur, ſagte Braschi. Ihr wißt, Ganganelli weigert ſich, unſere berühmte Improviſatrice Corilla auf dem Capitol zu krönen. Dies iſt eine Ungerechtigkeit, die des Papſtes Nachfolger wird gut zu machen haben. Wollt Ihr das thun? raschi blickte ſchlau dem Cardinal in's Geſicht. Ah, ſagte er, Signora Corilla ſcheint minder freigebig als Signora Malveda zu ſein? Sie will Euch keinen Vor⸗ ſchuß bewilligen auf ihre künftige Lorbeerkrone, iſt's nicht ſo? Ich kenne das, nichts Schlimmeres, als ein ehrgei⸗ ziges Weib. Hört, Albani, es ſcheint, wir ſollen uns gegenſeitig gefällig ſein, ich bedarf Eurer Stimme, um Papſt zu werden, Ihr bedürft der meinen, um ein be⸗ günſtigter Liebhaber zu werden. Nun wohl, gebt mir Eure Stimme, ich verſpreche Euch dafür eine Lorbeer⸗ krone für die Signora Corilla, und achttauſend Sendi für Euch ſelber. Ah, Ihr wollt ſchachern, rief Albani verächtlich. Ihr werdet ein ſehr knickriger Statthalter Gottes ſein. Aber immerhin, Corilla's Ruhm iſt ſchon zweitauſend Scudi werth. Ich bin's zufrieden! Gebt mir acht⸗ tauſend Scudi und das Verſprechen, Corilla zu krönen! Sobald ich Papſt bin, ſoll Beides geſchehen. Mein heiliges Wort darauf. Soll ich es Euch vielleicht zur nähern Bekräftigung noch auf die Bibel beſchwören? 8 Der Cardinal Albani blickte dem Frager erſtaunt in's Geſicht, dann brach er in ein lautes, ſpöttiſches Lachen aus. Nein, nein, ſagte er, wir Prieſter kennen uns. Ein ſchriftliches Wort iſt beſſer, als tauſend beſchworne Eide! Laßt uns einen Contract ausfertigen, das iſt beſſer. Wir unterzeichnen Beide! Ganz wie Ihr wollt, ſagte Braschi lächelnd, indem er zum Schreibtiſch trat, und raſch einige Zeilen auf ein Papier hinwarf. Dann reichte er dies dem Cardinal Albani hin, der es aufmerkſam las und gleich Braschi unterzeichnete. Das Geſchäft wäre zu Ende gebracht, ſagte Albani. Jetzt, Cardinal Braschi, fahrt zu Eurer Signora und überraſcht ſie mit der Nachricht, daß ſie einen Papſt in spe in Euch begrüßt. Papſt Clemens wird bald eines Nachfolgers bedürfen, er ſoll ſehr kränklich ſein, der arme Papſt! So ſprechend nickte der Cardinal Francesko Albani dem zukünftigen Papſte freundlich zu, und verließ eiligſt, wie er gekommen, den Palaſt. Und jetzt zu den frommen Vätern Jeſu, ſagte er, auf die Straße hinaustretend. Es war ſehr klug von mir, daß ich heute zu Fuße zu Corilla ging. Unſere verwünſchten Equipagen, die verrathen gleich Alles, es ſind die ärgſten Plaudertaſchen. Was würden die guten Römer ſich verwundern, wenn die Equipage eines Car⸗ * — 183— dinals vor dem Hauſe der Verdammten hielte. Nein, nein, ſtrengt Euch nur ſelber an, meine eminenzlichen Beine. Nur dieſen Gang noch, dann werden wir Ruhe haben! Und der Cardinal ſchritt rüſtig weiter, bis er das Jeſuiter⸗Collegium erreicht hatte. Hier ſtand er ſtill und blickte vorſichtig nach allen Seiten um. Dieſe verdammte heilige Kleidung iſt auch ein Hin⸗ derniß, murmelte er. Wie das Aushängeſchild eines Krämers ſchreit ſie es aller Welt in's Geſicht: ich bin ein Cardinal. Hier iſt Ablaß und Dispens und Gottes Segen zu verkaufen. Kauſt, kommt und kauft!— Ich darf mich jetzt noch nicht hineinwagen in dies verpönte heilige Haus. Man könnte es bemerken und Alles be⸗ argwöhnen und verrathen. Corilla, theures, ſchönes Weib, es koſtet mich viel Mühe und viel Anſtrengung, Dir zu dienen, wirſt Du's mir lohnen? Geduldig harrte der Cardinal, im Schatten eines Taxusgebüſches verborgen, ſo lange, bis die Straße einen Moment leer war und einſam. Dann ging er mit eiligen Schritten an die Seitenpforte des Kloſters, und ſicher, daß Niemand ihn eben beobachte, trat er hinein. Eine tiefe und lautloſe Stille herrſchte in den langen öden Kloſtergängen. Es ſchien, als läge ein To⸗ desſchleier über dem ganzen Gebäude, als ſei es aus⸗ geſtorben, verödet. Nirgends eine Spur mehr jenes regen, geſchäftigen Lebens, das ſonſt in dieſen Corrido⸗ * — ren herrſchte, nicht mehr dieſe Schaar von Schülern, die ſonſt dieſe Gänge bevölkerten,— die Thüren der großen Lehrſäle offen, die Bänke leer, die Katheder, auf denen die frommen Väter ſonſt mit ſo ſpitzfindiger Klug⸗ heit ihre gefährlichen Lehrſätze zu vertheidigen gewußt, auch dieſe verödet!— Das Reich der Jeſuiten war zu Ende, Ganganelli hatte ſie geſtürzt von ihrem Throne, und ihm fluchten ſie als ihrem Mörder! Er hatte ihren heiligen Orden aufgehoben, er hatte ihnen befohlen, die Tracht ihres Ordens abzulegen und in einen andern Mönchsorden zu gehen, oder die Kleidung der gewöhn⸗ chen Abbé's anzulegen. Aber aus ihrem Beſitzthum, aus dieſem Collegium I Gesn hatte er ſie doch nicht vertreiben können, bis in das Innere ihres Kloſters hinein durfte des Papſtes Machtſpruch ſeine mörderiſche Gewalt nicht üben. Da blieben ſie, was ſie geweſen, die heili⸗ gen Väter Jeſu, die frommen Beſchützer der Liſt und des chriſtlichen Betruges, die klugen Vertheidiger des Königsmordes, die ſtolzen Diener der alleinſeligmachen⸗ den Kirche. Da ſannen ſie mit Zähneknirſchen und to⸗ bender Wuth im Herzen auf Rache zunächſt an dem verbrecheriſchen Papſte, der ſie verdammt hatte, noch le⸗ bend ſchon geſtorben zu ſein, der ihr heiliges Collegium als ein ſchlimmer Zauberer in ein offenes Grab ver⸗ wandelt hatte. Er hatte ſie getödtet, und er, ſollte er dennoch leben? 8 Mit dieſer unheilvollen Frage beſchäftigten ſich die frommen Väter, die überlegten ſie in ihrem finſter grol⸗ lenden Herzen, von der flüſterten ſie in den langen Stunden geheimer, leiſe geflüſterter Unterhaltung mit ihrem Prior. Und in ſolcher geheimen Unterhaltung war es, daß Cardinal Francesko Albani den Prior mit ſeinen Ver⸗ trauten im Refectorium verſammelt traf. Laßt Euch nicht ſtören, ſagte er lachend, ich ſeh's an Euren Geſichtern, Ihr ſeid juſt noch bei demſelben Ge⸗ ſpräch, an dem Ihr mich geſtern ein wenig Theil neh⸗ men ließt. Das iſt ſehr ſchön, da können wir fortfah⸗ ren, wo wir geſtern abbrachen, und den Faden wieder anknüpfen, wo ich ihn geſtern ſo ungeſtüm zerriß. Bei welchem Knoten, den Ihr mir ſchürztet, geſchah's doch gleich? Die Augen der frommen Väter Jeſu leuchteten vor heimlicher Freude. Francesko Albani war geneigt ſich ihren Plänen und Wünſchen zu fügen, das ſahen ſie an ſeinem liſtigen Lächeln, das merkten ſie an ſeiner Wie⸗ derkehr. Wir ſprachen von dem heiligen und Fezen Ge⸗ ſchäft, welches Ihr morgen zu verrichten habt, Eminenz, ſagte der Prior mit einem feinen Lächeln. Ach ja, jetzt entſinne ich mich, rief der Cardinal mit anſcheinender Gleichgültigkeit. Wir ſprachen von der morgenden Communion Sr. Heiligkeit erhabenen Papſtes! 186*) Und davon, daß Ihr, Eminenz, morgen das wich⸗ tige Geſchüft habt, den heiligen Wein in den goldeneu Kelch des Statthalters Gottes zu gießen, flötete der Prior. Ja, ja, jetzt weiß ich Alles, ſagte Albani lächelnd, Ihr ſpracht mir von einer wundervollen Flaſche Wein, der Ihr gern zu der Ehre verhelfen möchtet, von Sr. Heiligkeit vermittelſt der goldenen Röhre ausgeſchlürft zu werden aus dem Abendmahlsbecher. Es iſt ein ſo köſtlicher Wein, daß nur der Statt⸗ halter Gottes würdig iſt, ſeine Lippen damit zu netzen, ſagte der Prior. Die Lippe keines andern Sterblichen darf ihn berühren! Ich kenne ſolche Weine, rief Albani, ſie gebeihen am Beſten in der Gegend von Neapel,*) und wer ſie trinkt, der iſt einer ewigen Seligkeit theilhaftig! Ja, Ihr habt Recht, es iſt ein wunderbar ſtärkender Wein, ſagte der Prior, die Hände faltend, und den Blick gen Himmel richtend. Lob und Preis ſei Gott, daß er uns im Beſitz einer ſo köſtlichen Eſſenz gelaſſen. Der Papſt, ſagt man, ſei leidend, er bedarf der Stärkung. Seht, wie ſehr wir die Lehren deſſen befolgen, deſſen Namen wir tragen, und welcher geboten hat:„liebet Eure Feinde, ſegnet, die Euch fluchen!“— Statt uns *) In Neapel wird einzig und allein das berühmte Gift Acqua Pofana angefertigt. — zu rächen, wollen wir ſeine Wohlthäter ſein und ihn laben mit dem Köſtlichſten was wir beſitzen! Und ſo eigennützig wollt Ihr ſein, daß er von Eurer Wohlthat gar nichts wiſſen und erfahren ſoll, ganz heim⸗ lich und in der Stille wollt Ihr ihn beglücken. Wie aber, wenn ich Ench verriethe, und Euer edles und koſt⸗ bares Geheimniß Sr. Heiligkeit hinterbrächte? Ja, ja, ich werde meinen Mund aufthun und reden, es müßte denn ſein, daß Ihr mich daran verhindertet, und mir mit einem goldenen Schloß das Reden wehrtet! Das werden und das wollen wir, ſagte der Prior freudig. Das Schloß, das mir den Mund verſchließen könnte, müßte ſehr ſchwer ſein, rief Albani lachend. Das iſt es auch, es iſt ſechstauſend Sendi werth, ſagte der Prior. Das iſt viel zu leicht, rief Albani lachend, das wird nicht ausreichen, mich zu feſſeln. Es bleibt immer ein gefährliches Wageſtück, das ich da unternehme. Bedenkt, wenn Jemand dieſe Flaſche ſeltenen Weins bei mir be⸗ merkte, wenn Ganganelli es inne würde, daß es nicht Wein aus ſeinem Keller iſt, den ich in den Becher gegoſſen. Es iſt ein kühnes Werk, das Ihr mir auf⸗ bürden möchtet, ein Werk, das mich um meinen Kopf bringen kann, und Ihr wagt es, mir armſelige ſechs⸗ tauſend Scudi zu bieten. Adien denn, meine frommen Väter, behaltet Ihr Euer goldenes Schloß, und ich mei⸗ — nen unverſchloſſenen Mund. Adien, ich werde zu ſpre⸗ chen wiſſen! Und der Cardinal näherte ſich der Thür. Der Prior eilte ihm nach, und ihm ein kleines Fläſchchen darreichend, deſſen Inhalt rein und klar, wie Cryſtallwaſſer war, flüſterte er ſchen und ängſtlich: Zehn Tropfen davon in den Abendmahlswein Ganganelli's, und zehntauſend Seudi ſind Euer! Gebt dieſe zehntauſend Seudi, ſagte Albani ent⸗ ſchloſſen. Und die Tropfen? Der Wein des Papſtes iſt zu ſtark, ich werde ihn ein wenig mit dieſem ſchönen Waſſer verdünnen.*) KV. Sic transit gloria mundi. Am andern Tage war ein feierliches Hochamt in St. Peter. Ganz Rom ſtrömte herbei, um dieſem großarti⸗ *) Das Gift Acqua Tofana iſt rein und klar, wie Waſſer, ganz ohne Geſchmack und Geruch. Es wird angefertigt aus Opinm und ſpaniſchen Fliegen, verbunden mit einigen andern Ingredienzen, die aber als ein tiefes Geheimniß bewahrt werden, und nur den Verferti⸗ gern bekannt ſind. Daß das Acqua Tofana aus dem Schaume ver⸗ fertigt werde, welcher zuweilen auf den Lippen der Sterbenden ſich zeigt, iſt ein Mährchen.— Aleſſandro Borgia war der Erſte, welcher das Acqua Tofana in Anwendung brachte. — 189— gen und rührenden Schauſpiele beizuwohnen. In den Straßen wogte ein dichtes Menſchengedränge, und Alles jauchzte und ſchrie, als jetzt der Papſt auf ſeinem ver⸗ goldeten Lehnſtuhl in der Mitte ſeiner Schweizergarden erſchien und mit freundlichem Lächeln die Grüße ſeines Volkes entgegennahm. Nach St. Peter wogte das Menſchengedränge, und nach St. Peter trug man den Papſt. Ein ernſter ſchwer⸗ müthiger Ausdruck ſprach aus den Zügen Ganganelli's, und wie er jetzt herniederblickte auf die Tauſende ſeiner Unterthanen, welche jauchzend ihm folgten, da fragte er ſich leiſe in ſeinem Herzen: wer unter Euch wird mein Mörder ſein? Und wieviel Zeit gönnt Ihr mir noch, um zu leben? Oh mein Gott, wäre ich doch noch der arme Franciskaner Mönch, der ich war, dann würde Niemand ſich die Mühe geben, mich zu ermorden. War⸗ um ſcheint mir denn jetzt gerade das Leben ſo ſchön, jetzt, wo ich weiß, daß ich es bald verlaſſen muß? Und heimlich zerdrückte der Papſt eine Thräne, wäh⸗ rend er, umringt von königlichem Glanze, den Tauſen⸗ den, welche andachtsvoll zu ſeinen Füßen auf der Straße knieeten, den Segen ertheilte.— Die Glocken läuteten, die Orgel brauſte, und durch die weiten Hallen St. Peters rauſchte der Wundergeſang der päpſtlichen Sänger. Tauſend und abertauſend flammende Wachskerzen erhellten die herrlichen Räume der Kirche, tauſend und abertauſend Menſchen drängten — 190— ſich in den heiligen Hallen auf und ab.— Unter ſeinem Baldachin, dem Hochaltare gegenüber, ſaß der Statthal⸗ lter Gottes auf ſeinem goldenen Throne, umringt von den geweihten Cardinälen und Biſchöfen, bewacht und be⸗ hütet von der Garde der Schweizer. Wer hätte es wa⸗ gen können ihn anzugreifen, den heiligen Vater, wer wäre ſo tollkühn geweſen, keck hindurch zu dringen durch dieſe dichte Mauer der Schweizer und Kirchenfürſten, wem hätte es gelingen können?— Keinem menſchlichen Weſen!— Aber wo der Menſch nicht hindringt, und wo nicht Raum iſt für einen Dolch, da ſchleicht das heim⸗ tückiſche Gift doch ungeſehen, unangehalten hindurch! Ganganelli ſaß auf ſeinem goldenen Throne, umrauſcht von den Klängen der Orgel und dem bezaubernden Ge⸗ ſang, der vom Muſiker⸗Chor herübertönte, und der Popſt blickte hernieder auf die Menſchenmenge, und wieber fragte er leiſe ſich ſelber: wer unter Euch iſt mein Mörder? Der Geſang verſtummte, die Orgel ſchwieg, nur das feierliche Geläute aller Glocken St. Peters durchrauſchte die Kirche. Eine Todtenſtille ſonſt, das Volk lag auf ſeinen Knieen und bekreuzigte ſich, vor den Altären knie⸗ ten die Prieſter und murmelten halblaute Gebete. Es war ein erhabener, ein feierlicher Moment, denn jetzt mußte der Papſt das Abendmahl empfangen, der Statthalter Gottes das heilige Blut des Lammes in ſich ſchlürfen. Aber der Papſt bleibt immer doch heilig, nicht darf er, wie andere Sterbliche, ſich ſeiner irdiſchen — 101— Füße bedienen, nicht darf er, wie bieſe, zu dem Altare Gottes herantreten. Sitzend auf ſeinem Throne hat er die Hoſtie empfangen, und da es ſich ſeiner Würde nicht ziemt, heranzutreten zu dem Altare und zu Chriſtus zu kommen, muß dieſer ſich wohl entſchließen zu ihm zu kommen. Der goldene Kelch am Hochaltare, er enthält das Blut des Lammes, der Cardinal Francesko Albani ver⸗ richtet das heilige Amt. Er hat die Hoſtie geſegnet und unter ſeiner frommen, geweihten Hand wird ſich jetzt ſchon das Wunder vollbracht, der Wein wird ſich in das Blut Chriſti verwandelt haben! Und der Cardinal Albani legt die goldene Röhre in den Becher, das andere Ende derſelben veicht ein ande⸗ rer Cardinal dem Papſte dar. Durch dieſe heilige Röhre wird er ihn ausſchlürfen, den heiligen Wein, wird er es zu ſich hinüberſaugen, das Blut des Erlöſers. Brauſend und donnernd beginnt das Hochamt auf's Neue, die Trompeten wirbeln, die Pauken donnern, die Glocken läuten, die Orgel brauſt ihr Jubellied, die Po⸗ ſaunen ſchmettern darein— es iſt der größte, der er⸗ habenſte Moment der Feier— der Papſt hat das gol⸗ dene Rohr an die Lippen geſetzt, er ſchlürft ihn ein, den in Blut verwandelten Wein! Und dem heiligen Throne nahen ſich, während der Papſt trinkt, die zwei Cardinäle, welche heute den Dienſt — 1— verrichten. Sie halten eine Fackel in der Rechten, ein Bündelchen Werg in der Linken, und der Sitte gemäß nähern ſie die Fackeln dem Werg und ſtecken ihn in Brand. Er lodert empor in hellen Flammen, dann verliſcht er, ein kleiner unſcheinbarer Aſchenhaufen flattert noch davon zu den Füßen des Papſtes nieder. Sie transit gloria mundi!(So vergeht die Herrlich⸗ keit der Erde!) Das ruft Francesko Albani mit ſtolzem Uebermuth und mit ſchadenfrohen, höhniſchen Blicken, mit einem Ausdrucke wilden Thriumphes ſtarrt er v Papſte in das erbleichende Angeſicht. Sic transit glorin mundi! wiederholt Albani noch einmal mit lauter, donnernder Stimme. Die Glocken läuten, Geſang ertönt, Poſaunen⸗ und Orgelklang, das Volk liegt auf ſeinen Knieen und betet, — ein Geräuſch entſteht,— ein dumpſes Gemurmel,— der Statthalter Gottes, der heilige Vater der Chriſten⸗ heit iſt auf ſeinem Thron in Ohnmacht gefallen, wie ein gewöhnlicher, ſterblicher Menſch. Er hatte eine Viſion gehabt, der arme Papſt! Es war ihm geweſen, als ob er das Antlitz ſeines Mörders geſchaut, und wie ſein Todesurtheil waren ſie ihm er⸗ klungen, dieſe höhniſchen Worte Albani's: Sic transit gloria mundi! Der Vapo. Seit Paulo ſie verlaſſen, ſeit ſie allein war und ohne ihn, fühlte ſich Natalie traurig und vereinſamt inmitten des Paradieſes, welches ſie umgab. Nicht mehr wie ſonſt ließ ſie ihre Stimme mit den Vögeln um die Wette ertönen, nicht mehr hüpfte ſie jugendfroh und muthwillig wie ein junges Reh durch die Alleen dahin. Traurig, mit geſenktem Köpfchen ſaß ſie unter dem Myrthengebüſch, an den murmelnden Quellen, und bange Seufzer hoben ihre Bruſt. Es iſt Alles anders geworden, Alles, ſagte ſie nach⸗ denklich oft zu ſich ſelber. Ein großes, ein entſetzliches Geheimniß iſt mir da drinnen in meiner Seele enthüllt worden. Das Geheimniß meiner grenzenloſen Verlaſſen⸗ heit. Ich habe Niemanden auf Erden, dem ich ange⸗ höre. Sonſt glaubte ich das nicht. Paulo war mir Alles, er war mein Freund, mein Vater, mein Bruder, aber Paulo hat mich verlaſſen, ich gehörte nicht zu ihm, und darum durfte ich auch nicht mit ihm gehen. Und wer iſt mir geblieben? Carlo! antwortete ſie ſich ſelber ganz leiſe mit einem ſchwermüthigen Lächeln. Aber Carlo hak dieſe Leere nicht ausgefüllt, welche Paulo's Abweſenheit da drinnen in Mühlbach, Tartaroff M. meinem Herzen zurückgelaſſen. Anfangs glaubte ich, daß er's könnte, aber es war nur eine kurze Täuſchung. Carlo iſt gut und freundlich, immer ergeben, immer dienſtbereit. Er fügt ſich immer meinem Willen, er iſt ganz Unterwerfung, ganz Gehorſam.— Das iſt aber entſetzlich, ganz unerträglich, rief das junge Mädchen faſt weinend. Wem ſoll ich denn gehorchen, vor wem ſoll ich denn zittern, wenn Alles mir gehorcht und vor mir zittert? Und Carlo iſt doch ein Mann— nein, ſagte ſie ganz leiſe, wenn er's wäre, dann würde ich ihm gehorchen und er nicht mir, dann würde er mir Befehle geben, und ich nicht ihm! Nein, Carlo iſt kein Mann,— Paulo war's! Wo bleibſt Du nur, mein Vater! Und das junge Mädchen breitete ſehnſuchtsvoll die Arme aus in die Luft, und rief den fernen Freund mit zärtlichen, leis geflüſterten Worten und inniger Liebes⸗ ſehnſucht. Aber langſam vergingen die Tage und immer noch kam keine Nachricht von ihm. Natalie verſank träumend, ſchwermuthsvoll tiefer in ſich ſelbſt, ihre Wange er⸗ bleichte, ihr Schritt war minder elaſtiſch und leicht. Vergebens erſchöpften ſich Mariane und Carlo, ihre treuen Gefährten, in Vorſchlägen und Entwürfen zu Zerſtrenungen und Erheiterungen. Ihr ſolltet in die Welt gehen und in den Geſellſchaf⸗ ten Euch zerſtreuen, Prinzeſſin, ſagte Carlo. — Ich haſſe die Welt und die Geſellſchaften, ſagte Na⸗ talie. Die Menſchen ſind alle ſchlecht, und mir graut vor ihnen! Was hatte ich ihnen nur gethan, Carlo, die⸗ ſen Menſchen, oh mein Gott, mit keinem Blick, mit kei⸗ nem Gedanken hatte ich ſie beleidigt, und doch wollten ſie mich morden, gleich das erſte Mal, als ich unter ſie trat. Nein, nein, laßt mich hier in meiner Einſamkeit, wo ich wenigſtens nicht zu zittern habe vor den Men⸗ ſchen, wo Ihr mich beſchützet und behütet, Carlv. Der Sänger drückte ihre ihm dargereichte Hand an ſeine Lippen. So laßt uns wenigſtens einige Spazier⸗ fahrten und Ausflüge in die Umgegend Roms machen, ſagte er. Nein, ſagte ſie, ich würde mich doch überall zurück⸗ ſehnen nach meinem Garten. Nirgends iſt es ſo ſchön, als hier. Laßt mir mein Paradies, warum wollt Ihr mich daraus verjagen? Mein Gott, rief Carlo verzweiflungsvoll, Ihr nennt Euch zufrieden und glüclich, warum ſeid Ihr denn traurig? Traurig, bin ich das? fragte ſie faſt verwundert. Nein Carlo, ich bin nicht traurig. Ich träume nur zu⸗ weilen, weiter nichts! Laßt mich doch träumen! Sie wird ſterben, dachte Carlo, und mit Gewalt drängte er den Verzweiflungsſchrei zurück, der auf ſeine Lippen trat, aber ſeine Wangen erblaßten, und ſeine ganze Geſtalt bebte 13* Natalie ſah es, und ſofort raffte ſie ſich empor aus ihrer Apathie, und mit lebendiger Theilnahme, mit zärtlicher Freundſchaft fragte ſie ihn um den Grund ſeiner Unruhe. So nahe war ſie ihm, daß ihr Athem ſeine Wange berührte, daß ihre Locken ſeine Stirne ſtreiften. Mein Gott, Ihr wollt mich alſo tödten, Ihr wollt mich wahnſinnig machen, murmelte er ganz beklommen, ganz angſtvoll, und ſank wie zerbrochen zu ihren Füßen nieder.— Sie ſah ihn befremdet und verwundert an. Weshalb zürnt Ihr mir nur? fragte ſie unſchuldig, und was that ich nur, daß Ihr mich ſo ungerecht beſchuldigen könnt? Was Ihr mir thatet? ſchrie er außer ſich,— der Augenblick hatte ihn übermannt, die Bande, mit welchen er ſein Herz gefeſſelt, dieſer Moment hatte ſie geſprengt, und in ungefeſſelter Freihet, in glühender Leidenſchaft trat ſein ſo lange verborgenes Geheimniß auf ſeine Lip⸗ pen. Er mußte endlich einmal ſprechen von ſeinen Schmerzen, und wenn die nächſte Minute ihm den Tod brächte, er mußte Worte haben für ſeine Qual und ſeine Liebe, und wenn Natalie ihn auch für immer aus ihrer Nähe verbannte! Was Ihr mir thatet? wiederholte er, mein Gott, ſie weiß nicht einmal, daß ſie mich langſam mordet, ſie weiß nicht einmal, daß ich ſie liebe! Das ſollte ich nicht wiſſen? ſagte ſie vorwurfsvoll. 1 Würdet Ihr mir wohl das Leben gerettet haben, wenn Ihr mich nicht liebtet? Carlo, Euch danke ich mein Leben, und Ihr ſagt, daß ich Euch morde! Ja, rief er trotzig, ja, Ihr mordet mich. Langſam, Tag für Tag, Stunde um Stunde verzehre ich mich an dieſem inneren furchtbaren Feuer, das in mir glüht und tobt! Ach, Ihr wißt nicht, daß Ihr mich mordet. Und habt Ihr nicht meine Jugenbkraft getödtet und aus einem Manne ein altes, zitterndes, jammerndes Weib gemacht? Seid Ihr nicht ſchuld, daß ich der Welt ent⸗ flohen bin, und Alles hinter mir gelaſſen habe, was ſie mir bot an Ruhm und Glanz, an Reichthum und Ehre? Seid Ihr nicht ſchuld, daß ich aufgehört habe, ein freier, willenskräftiger Mann zu ſein, um ein Sclave zu wer⸗ den, der ſich willenlos zu Euren Füßen ſchmiegt? Ach, wehe mir, daß ich Euch kennen lernte, Ihr ſeid eine Zauberin, Ihr habt mich zu Eurem Hunde gemacht, und ich liege winſelnd vor Euch im Staube, zufrieden, wenn Ihr mich mit Eurem Fuße berührt. Natalie hatte ihn anfangs erſtaunt und entſetzt an⸗ gehört, dann war ein Ansdruck edlen Stolzes in ihren Zügen zu leſen, eine glübende Röthe überflog ihre zar⸗ ten Wangen, und mit flammenden Blicken, mit hoch⸗ athmendem Buſen ſprang ſie von ihrem Sitze auf. Stolz wie eine Königin richtete ſie ſich empor, das Blut ihrer Ahnen erwachte in ihr, ſie fühlte ſich in dieſem Moment wie eine Herrſcherin ſo frei, ſo ſtolz, ſo ſicher, — 198— und mit mächtiger Stimme, den Arm ausſtreckend nach dem Ausgang des Gartens hin, ſagte ſie: Geht, Signor Carlo! Verlaßt mich, ſage ich Euch! Wir haben nichts gemein mehr mit einander! Carlo ſchien wie aus einem Delirium zu erwachen, — athemlos, mit weit aufgeriſſenen Augen, angſtvoll und zitternd ſtarrte er zu dem zürnenden jungen Mäd⸗ chen empor. Er wußte gar nicht, was er geſprochen, er begriff nicht ihren Zorn, nur ſeiner ungeheuren Qualen, nur ſeiner lange unterdrückten, lange geheim gehaltenen Liebe war er ſich bewußt! Und mit einem flehenden Ausdruck die Hände Na⸗ taliens ergreifend, nöthigte er das junge Mädchen, faſt wider ihren Willen, zu bleiben, wieder ſich niederzulaſſen, auf dieſem Raſenſitz, vor welchem er kniete. Wie er ſie anſchaute mit den glühenden, leiden⸗ ſchaftlichen Blicken, überkam ſie zum erſten Male ein jungfräuliches Zagen, eine ihr ſelber unerklärliche Angſt und Schen. Ihre zarten, durchſichtigen Wangen er⸗ bleichten, Thränen füllten ihre Augen, und die Hände faltend mit dem Ausdruck des kindlichen Flehens, ſagte ſie leiſe: mein Gott, mein Gott, erbarme Dich doch! Ich bin eine ganz verlaſſene, einſame Waiſe! Errette mich doch aus dieſer Noth und Angſt, aus dieſem ent⸗ ſetzlichen Alleinſein! Fürchte nur nichts, mein holder Engel, flüſterte Carlo, ich will ſanft ſein, wie ein Lamm, und geduldig, ganz — 199— geduldig in meinen Leiden, das habe ich geſchworen, und ich werde Wort halten! Aber hören mußt Du mich! Nur dies Eine Mal mußt Du mir geſtatten, zu ſpre⸗ chen, meine Liebe und mein Leid, meinen Jammer und mein Entzücken in Worten vor Dir auszuſtrömen! Willſt Du das, mein ſchöner Schwan, meine Lilie? Er wollte ihre Hand faſſen. Sie entzog ſie ihm mit einem ſtolzen, zürnenden Blick. Sprecht immerhin, ſagte ſie, wie ermattet ihr Haupt zurücklehnend an das Myrthenbosquet. Sprecht nur, ich werde Euch zuhören! Und er ſprach zu ihr von ſeiner Liebe, er bekannte ihr ſein früheres Leben, ſeine Armuth, ſeine Noth, dann ſein Verhältniß zu Corilla, die er verlaſſen, um ſich ganz ihr zu weihen, ganz ſich dieſen neuen Gluthen hin⸗ zugeben, und aus dieſer Liebe zu Natalien einen Cultus zu machen ſeines ganzen Lebens, ihr zu dienen, ihr zu gehorchen, ja, für ſie zu ſterben, wenn es ſein müſſe! Aber Ihr, ſagte er ganz verzweiflungsvoll, Ihr kennt die Liebe nicht! Euer Herz iſt kalt für irdiſche Liebe. Gleich den Engeln des Himmels liebt Ihr nur das Gute und Erhabene, liebt Ihr nur die Menſchheit im Großen und Allgemeinen, aber nicht den Einzelnen, nicht den Menſchen, und daran ſtirbt man vor Gram. Ach Natalie, Ihr habt das Herz eines Engels, aber nicht das Herz eines Weibes! Das junge Mädchen hatte ihm halb träumend, mit — 200— zurückgelehntem Haupte, den Blick gen Himmel gerichtet, zugehört. Sie lächelte jetzt, und mit einer unnachahm⸗ lichen Grazie ihre Hand auf ihren Buſen legend, ſagte ſie ganz leiſe: Doch fühle ich, daß da das Herz eines Weibes ſchlägt. Aber es ſchläft! Wer wird einſt kom⸗ men, es zu wecken? Carlo verſtand ſie nicht, dieſe leiſe geflüſterten Worte, er verſtand nur ſeine eigene Leidenſchaft, ſeine eigene, ihn verzehrende Gluth. Und auf's Neue begann er ſeine Liebesklage, ſchilderte er ihr die Qualen und die grau⸗ ſamen Freuden einer Liebe, die nicht erwidert wird, und die doch zu mächtig und überwältigend iſt, um ſie in ſich ſelber erſticken zu können. Und Natalie hörte ihm zu mit träumeriſchen Sinnen. Dieſe Worte, ſie klangen vor ihren Ohren wie ein wunderbares Lied von einer fernen, fremden Welt, die ſie nicht kannte, deren Schilderung aber ihr Herz mit ſüßer Sehnſucht erfüllte, und ſie weinen machte, ſie wußte nicht, ob vor Freude, ob vor Schmerz. So, Natalie, ſagte Carlo endlich ganz erſchöpft und bleich von ſeiner innern Exregtheit, ſo lieb' ich Euch. Ihr mußtet es endlich einmal erfahren, und wiſſen, daß ſelbſt die Engel nicht ungeſtraft und ungeliebt ſich unter die Sterblichen miſchen können. Ich mußte es Euch endlich einmal ſagen, damit Ihr nicht länger in grau⸗ ſamer Unbefangenheit mich zermartertet, damit Ihr ent⸗ weder minder gütig und hold, oder, Euer eigenes Herz — 201— verſtehen lernend, mir ſagt, ob ich zu hoffen, oder nur zu fürchten habe! Armer Carlo! ſagte Natalie leiſe. Ihr liebt mich, aber ich, ich liebe Euch nicht. Das iſt mir eben da drinnen klar geworden in meiner Bruſt, und als Ihr mir ſo glühend die Liebe ſchildertet, da habe ich erſt verſtanden und begriffen, daß ich ſie noch gar nicht kenne, dieſe Liebe, und daß ich ſie durch Euch nicht werde kennen lernen. Das iſt ein Unglück, Carlo, aber wir können es nicht ändern, ſondern wir i uns drein ergeben! Carlo ſenkte ſein Haupt und ſeufzte. Er wußte ihr nichts zu erwidern, er wiederholte nur leiſe ihre Worte: Ja wir müſſen uns drein ergeben! Und warum könnten wir's auch nicht? ſagte ſie faſt heiter, voll jener kindlichen Unſchuld, die nicht einmal begriff, welche Schmerzen ſie Carlo bereitete, warum wollten wir uns nicht freudig drein ergeben? Wir lie⸗ ben uns Beide, nur in verſchiedener Weiſe! Möge Jeder ſeine Weiſe ſich bewahren und erhalten, dann mag noch Alles gut werden! Und es ſoll gut werden, rief Carlo ganz begeiſtert. Ihr könnt mich nicht lieben, wie ich Euch liebe, ich aber kann Euch mein ganzes Leben weihen, und das will ich, und das werde ich! Daheim, in meinem ſchönen Neapel, da giebt es einen ſchönen Brauch, und eine gute Sitte. Wen man liebt, für den kauft man einen Vapo, einen Beſchützer, der dem Geliebten folgt auf allen Wegen, der vor ſeiner Schwelle wacht, wenn er ſchläft, der heimlich in der Ferne hinter ihm herſchleicht, wenn er ſein Haus verläßt, der jeden Vorübergehenden beobachtet, um den Geliebten vor jedem Mordanfall und vor jeder feindli⸗ chen Abſicht zu ſchützen, oder ihm, wenn es Noth thut, zu Hülfe zu eilen! Solch einen Vapo kauft die Geliebte ihrem Geliebten, kauft dieſer ſeiner Geliebten, um fie zu behüten vor der Eiferſucht ihres Gemahls, oder vor der Rachſucht eines abgewieſenen Liebhabers.*) Natalie, da ich nicht Euer Geliebter ſein kann, ſo will ich Euer Vapo ſein. Wollt Ihr mich dazu annehmen? Sie reichte ihm lächelnd die Hand. Ich will es! ſagte ſie.. Carlo drückte dieſe Hand an ſeine Lippen, und eine heiße Thräne benetzte ſie. Wohlan, ſo ſchwöre ich mich denn zu Eurem Vapo, ſagte er tiefbewegt. Ueberall, wo Ihr ſeid, da werde ich neben Euch ſein, immer werde ich als Euer Warner und Behüter Euch folgen; ſeid Ihr in Gefahr, ſo ruft mich und Ihr werdet mich an Eurer Seite finden, ſei es Nacht oder Tag, ich werde über Euch wachen, überall werde ich Euch folgen, auf der Schwelle Eurer Thür werde ich ſchlafen, und wenn Euch irgend ein Traumbild be⸗ unruhigt, ſo werde ich da ſein, es zu verſcheuchen So *) Archenholz. England und Italien. Thl. V. S. 187. 203— lang' ich lebe, Natalie, ſo lange Euer Vapo noch Arme hat und einen ſichern Dolch, ſo lange ſoll das Unglück nicht über Eure Schwelle dringen können! Ihr könnt nicht die Meine ſein, und meine Liebe nicht erwidern, aber ich, ich kann für Euch ſorgen, und über Euch wachen, Ihr habt mich zu Eurem Vapo angenommen, Ihr habt mir das Recht gegeben, für Euch, wenn es ſein muß, zu ſterben, und das, Natalie, das iſt auch ein Glück! So ſprechend erhob ſich Carlo, und nicht mehr im Stande, ſeine tiefe Bewegung zu verbergen, und ſeine Thränen zu unterdrücken, verließ er Natalien, und eilte in die ſchattigſten Alleen des Gartens. Das junge Mädchen ſchaute ihm mit einem trüben Lächeln nach. Armer Carlo! flüſterte ſie, und ach, noch viel ärmere Natalie! Er liebt doch wenigſtens! Aber ich, bin ich nicht noch viel beklagenswerther? Ich habe Nie⸗ mand, den ich liebe, ich bin ganz vereinſamt, und was nützt dem Einſamen ein Paradies? RVII. Der Einbruch. Corilla hatte Wort gehalten; ſie hatte dem Grafen Alexis Orlow Carlo's Bruder, den Galeerenſclaven Joſeph Ri⸗ bas, zugeſandt, und mit einem grauſamen Lächeln hatte ſie — 204— zu dieſem geſagt: Ihr werdet mich rächen an Eurem verrätheriſchen Bruder!* Graf Orlow hieß Corilla's Schützling freudig will⸗ kommen. Wenn Ihr Euch meine Zufriedenheit erwerbt, ſagte er, ſo wartet Eurer ein königlicher Lohn und die Gnade der erhabenen, ruſſiſchen Kaiſerin. Vor allen Dingen ſagt mir, was Ihr könnt! Nicht viel, ſagte Joſeph Ribas lachend, und das Wenige, was ich kann wird doch noch als ein Zuviel verdammt. Ich kann ſehr geſchickt den Dolch führen, und durch den Rücken hindurch das Herz mitten durch⸗ ſtechen. Weil ich das that an einem glücklichen Neben⸗ buhler in Palermo, nöthigte mich die verwünſchte Po⸗ lizei heimlich zu fliehen, und ich ging nach Neapel. Da lernte ich von einem guten Freunde die Falſchmünzerei, in der ich es in der That zu einiger Vollkommenheit gebracht habe, und die ich einige Jahre mit Glück exe⸗ cutirte. Aber auch dieſe Kunftfertigkeit däuchte der Poli⸗ zei ſchon wieder ein Zuviel, ſie enthob mich meiner Mühe und Arbeit, und gab mir für zehn Jahre freie Woh⸗ nung und Koſt auf den Galeeren. Ach, das war eine glückliche Zeit, Excellenz, ich habe ſehr viel gelernt auf den Galeeren, und zum Beiſpiel Etwas, das mir jetzt in Eurem Dienſte ſehr nützlich werden ſoll. Ich ver⸗ ſtehe Ruſſiſch zu ſprechen, wie ein echter Moskowiter. Ein ſolcher war ſieben Jahre lang mein unzertrennlicher — 205— Freund und Kettengefährte, und da er zu dumm oder zu faul war, meine Sprache zu lernen, mußte ich mich wohl bequemen, die ſeine zu erlernen, um doch ein we⸗ nig mit ihm plaudern zu können. Das aber, Excellenz, iſt nun ſo ziemlich Alles, was ich verſtehe, den Dolch führen, Falſchmünzen, Ruſſiſch ſprechen, und einige an⸗ dere ſogenannte kleine Gaunereien, die Ew. Gnaden aber vielleicht nicht gebrauchen können! Wer weiß! ſagte Orlow lachend. Verſtehſt Du zum Beiſpiel, einen Einbruch zu machen, und Dia⸗ manten und Gold zu ſtehlen, ohne daß Du dabei er⸗ tappt wirſt? Das, ſagte Joſeph nachbenklich, das hoffe ich, Exel⸗ lenz. Ich habe zwar noch keine Erfahrungen in dieſem Fache, aber ich habe auf den Galeeren die gründlichſten Collegia darüber gehört, und die Erfahrungen der größ⸗ ten Meiſter dieſer Kunſt habe ich als wißbegieriger Schü⸗ ler in mich aufgenommen! Orlow lachte. Du biſt ein pfiffiger Burſche, ſagte er, und Du gefällſt mir außerordentlich. Wenn Du ſo gut zu handeln als zu ſprechen weißt, dann werden wir Beide gute Freunde werden! Nun, morgen Nacht kannſt Du ſogleich Dein Probeſtück machen! Es gilt einen Einbruch. Und der ſoll mein Meiſterſtück werden! rief Joſeph Ribas. Wenn er gelingt, ſo nehme ich Dich im Nalnen mei⸗ ner erlauchten Kaiſerin in ihre Dienſte, und Du trittſt als Officier in die ruſſiſche Marine ein! Joſeph Ribas ſah ihn mit großen, erſtaunten Augen an. Das iſt allerdings eine ungeheure Ehre und ein großes Glück, ſagte er, nur möchte ich wiſſen, ob die ruſſiſche Marine ſich auch auf Seeſchlachten einläßt, und ob die Officiere dann in's Feuer müſſen? Freilich! rief Orlow lachend. Aber Du kannſt Dich ſodann hinter den Kanonen verbergen, bis das Feuern vorüber iſt. Ich werde mich zu rechter Zeit Eures weiſen Rathes erinnern, ſagte Joſeph Ribas ernſthaft, indem er ſich vor dem Grafen verneigte.“) Und wo, Excellenz, wird das jetzige Schlachtfeld meiner Thaten ſein? Wo werde ich mir meine ruſſiſchen Officiers⸗Epauletten verdienen? Ich werde Dich ſelber dahin führen, ſagte Orlow, und Dir das Haus bezeichnen, wo neben einem Brillant⸗ *) Uund in der That, Ribas erinnerte ſich deſſen! Als er ſpäter ruſ⸗ ſiſcherVice⸗Admiral geworden, bekam er als ſolcher das Commando der Flotille, welche die Donau hinabfahren ſollte, um die Einnahme von Kilia und Ismasl zu unterſtützen. Aber während der Belagerung von Ismasl(21. December 1790) verbarg ſich Ribas in dem ſchilſigen ufer der Donau und kam erſt wieder zum Vorſchein, als die Gefahr vorüber war, und er in Ruhe ſich des Hauptantheils der von ſeinen Matroſen gemachten Beute verſichern konnte. Aber dieſe Feigherzig⸗ keit und Habſucht ihres Admirals hätte faſt unter den Matroſen eine Empörung zur Folge gehabt. Nur mit Mühe ward ſie unterdrückt. (Siehe Mémoires secrdtes sur la Russie par Masson. Vol. II. pag. 351.) 5 — 207— ſchmuck und einigen tauſend Seudi Deine Officiers⸗ Epauletten liegen. Und da ich ziemlich lange Finger habe, ſo werde ich mit meinen Epauletten auch dieſe Brillanten und Seudi zu ergreifen wiſſen, rief Joſeph Ribas lachend. Es war am Abend nach dieſer Unterredung Orlow's mit Joſeph Ribas.— Ein wundbervoller herrlicher Abend, wie man nur unter Italiens Himmel ihn kennt. Mit Entzücken athmete Natalie die ſanften Lüfte ein, und ließ ſich berauſchen von den Blumen, die in der Kühle des Abends ihre herrlichſten Düfte ausſtrömten. Sie war heute ungewöhnlich heiter, und mit ichelndem Antlitz und kindlichem Frohſinn, ganz wie ſon lichern Tagen hüpfte ſie die Alleen hinab, 1 ruhte, ihre Cither im Arm, auf ihrem Lieblingsſitz unter dem Muyrthengebüſch am Ufer des murmelnden Woſſerbaſſins. Ich bin heute ſo glücklich, ach ſo glücklich, ſagte ſie, das macht, ich habe von Paulo geträumt, im Traume war er neben mir, ſprach er zu mir, und das iſt ein ſicheres Zeichen, daß er bald wiederkehrt! O gewiß, gewiß! In meinem Traume hat er's mir verkündet, und ganz deutlich hörte ich ihn ſagen:„wir ſehen uns wieder, Na⸗ talie! Bald werde ich wieder bei dir ſein!“ Ach, möchte dieſer Traum ſich doch erfüllen, ſeufzte Marianne, Nataliens treue Begleiterin.— Unfern von ihrer Herrin ſtand ſie neben Carlo, und Beide ſchauten — 208— mit zärtlichen Blicken hinüber zu dem jungen Mädchen, das jetzt lächelnd in ihre Cither griff und ein Jubellied begann vom Wiederſehen. Ich glaube nicht an unſers Grafen Wiederkehr, flü⸗ ſterte Marianne, während Natalie ſang. Es iſt ein ſchlimmes Zeichen, daß noch immer keine Nachricht, keine Zeile, auch nicht die kleinſte Botſchaft von ihm gekom⸗ men iſt. Etwas Ungeheures, Unbezwingbares muß ihn am Schreiben gehindert haben! Ihr glaubt doch nicht, das man ihn verhaftet hat? fragte Carlo. Ich glaube es, ſeufzte Marianne. Und welches Loos erwartet dann unſere arme Prinzeſſin! Hülflos allein, ohne Mittel! Denn wenn der Graf verhaftet worden, dann wird er nicht mehr im Stande ſein, wie er ver⸗ ſprochen, Geld zu ſenden. Und wir beſitzen nur noch tauſend Seudi baares Geld, und vielleicht das Dop⸗ pelte an Diamanten. Dann ſind wir für's Erſte immer noch reich genug, um die Prinzeſſin nichts entbehren zu laſſen, ſagte Carlo. Aber wenn auch dieſe letzten Hülfsquellen erſchöpft ſind? fragte Marianne. Wenn wir kein Geld und keine Diamanten mehr haben, wie dann? Oh dann, rief Carlo mit freudeſtrahlendem Geſichte, dann werden wir für ſie arbeiten. Das iſt auch ein Glück, Marianne! — Während die Beiden ſo zu einander ſprachen, ſang Natalie noch immer mit einem glücklichen Lächeln und mit freudigem Antlitz ihre Jubelhymne vom Wiederſehen, und die Bäume rauſchten dazu, die Quellen murmelten und in den Myrthengebüſchen flöteten und zwitſcherten die Vögel. Es war eine wundervolle Nacht, und wie der volle, goldig glänzende Mond jetzt zwiſchen den Pi⸗ nien hervortrat und Nataliens Antlitz und Geſtalt mit hellem Glanz beleuchtete, flüſterte Carlo ganz berauſcht, ganz glücklich: Seht ſie nur an, Marianne! Gleicht ſie nicht einem ſeligen Engel, bereit ſich aufzuſchwingen zu den Sternen und mit dem Mondlicht empor zu ſteigen? Seht nur, iſt es nicht, als ob die Mondſtrahlen ſie zärtlich umfaßten, um ſie mit ſich empor zu ziehen und einen Engel in ſeine Heimath zurückzuführen? Möchte ſie einſt mindeſtens mit einem ſo glücklichen Lächeln in ſo heiterm Frieden gen Himmel fahren, ſeufzte Marianne, fromm die Hände faltend. In dieſem Moment unterbrach ein ſchneidender, ſchriller Wehelaut Nataliens Geſang. Eine Saite war geſprungen an der Cither; erſchreckt, faſt unwillig, ließ Natalie das Inſtrument zur Erde fallen, und wieder tönte es in den Saiten wie leiſes Klagen und Seufzen. Das iſt eine üble Vorbedeutung, ſeufzte Natalie. Wie, wenn die nun Wahrheit würde, und nicht mein Traum? Und ängſtlich in ſich erbebend, ſtreckte das junge Mädchen ihre Hände ihren Freunden entgegen. Mühlbach, Tartaroff II. 14 Carlo, Marianne, ſagte ſie ängſtlich, kommt her zu mir, beſchützt mich doch mit Eurer Liebe vor dieſem Grauen und dieſer Todesangſt, die mich plötzlich überfällt. Seht nur, der Mond verbirgt ſich hinter Wolken. Mein Gott, die ganze Welt verfinſtert ſich und wirft ſich einen Trauer⸗ flor über ihr helles Angeſicht. Und das angſtvolle Kind klammerte ſich an Marian⸗ nens Arm und barg ihr Geſicht an dem Buſen ihrer mütterlichen Freundin. Und das nennt Ihr eine Vorbedentung? ſagte Carlo mit erzwungener Heiterkeit. Diesmal, Prinzeſſin, bin ich das Fatum, welches Euch erſchreckt hat! Meine Schuld allein iſt es, daß dieſe Saite ſprang. Sie war ſchon ſchadhaft und halb zerſprungen, als ich heut Abend die Cither ſtimmte, aber ich hoffte, ſie würde ausreichen für die leiſen ſchwermuthsvollen Melodieen, die Ihr jetzt immer ſpielt. Ja, hätte ich wiſſen können, daß Ihr heute Abend ſo jubeln und ſo jauchzen würdet, dann hätte ich eine andere Saite aufgeſpannt, und die⸗ ſes ganze Unglück wäre nicht geſchehen.— Er hatte, wäh⸗ rend er ſo ſprach, die Saite wieder zuſammengeknüpft und aufgezogen. Das Unglück iſt ſchnell wieder gut gemacht, und Ihr könnt Euer Jubellied wieder beginnen, ſagte er, indem er Natalien die Cither darreichte. Sie ſchüttelte ſchwermuthsvoll das Haupt. Es iſt orbei, ſagte ſie, ich mag heute nicht mehr jubeln und — 211— ſingen, und mir graut es in dem Garten. Seht nur, wie ſchwarz und drohend die Pinien da emporragen, und die Myrthenbüſche, gleichen ſie nicht großen, ſchwar⸗ zen Gräbern? Nein, nein, mir graut hier, ich mag nicht mehr unter dieſen Todtenwächtern und dieſen Gräbern ſein! Kommt, laßt uns in unſere Zimmer gehen, es iſt Nacht, wir wollen ſchlafen und träumen. Kommt nur ſchnell, laßt uns in's Haus gehen!. Und wie ein geſcheuchtes Reh flog Natalie dem Hauſe zu; die beiden Andern folgten ihr.— Eine Stunde ſpäter war Alles lautlos und ſtill in der Villa. Die Lichter erloſchen allmälig in Na⸗ talien's und Mariannen's Gemächern, nur in Carlo's kleinem Zimmer brannte noch eine trübe, einſame Lampe, und zuweilen ſah man den Schatten des un⸗ ruhig auf und abſchreitenden Sängers an den Fenſtern ſich zeigen. Endlich erloſch auch dieſe Lampe, und Alles ward dunkel und ſtill!—— Um dieſe Zeit ſah man einen dunklen Schatten lang⸗ ſam und vorſichtig durch den Garten heranſchleichen. Bald ſtand er ſtill, und dann hätte man glauben mö⸗ gen, es ſei eine Täuſchung und nur die im Winde ſich ſchaukelnden Pinien verurſachten dieſen ſich bewegenden Schatten. Aber plötzlich erſchien er bann wieder mitten an einer mondhellen Stelle, wohin kein Baum und kein Geſträuch ſeinen Schatten warf, und gleichſam erſchreckt 14 —— von dieſer Helle floh er dann wieder ſeitwärts in's Gebüſch hinein. Immer näher und näher kam dieſer Schatten dem Hauſe, und wie die Alleen hier breiter wurden und das Mondlicht heller die Gänge durchleuchtete, konnte man deutlich erkennen, daß es ein menſchliches Weſen, eine hohe, ſtattliche Mannesgeſtalt ſei, die ſich ſo vorſichtig und leiſe dem Hauſe näherte. Und was da in ſeinem Gürtel funkelte und blitzte,— war das nicht ein Dolch, ein Piſtol daneben und ein langes Meſſer? Ach, ein drohend bewaffneter Mann ſchleicht heran zu dieſem ſtillen, einſamen Hauſe, und Niemand ſieht es, Niemand hört es! Selbſt die beiden großen Hunde, die ſonſt immer während der Nacht mit aufmerkſamer Wachſamkeit den Garten durchſtreiften, ſelbſt dieſe ſchwei⸗ gen? Mein Gott, wo ſind ſie denn? Carlo hat ſie vor⸗ her erſt ſelbſt von ihrer Kette losgemacht, damit ſie frei umher ſprängen, wo ſind ſie denn? Mit ſtarren Gliedern, leblos und kalt liegen ſie, fern vom Hauſe, im Gebüſche da. Vor ihnen liegt ein Stück verführeriſch duftenden Bratens. Das hat ſie verlockt. Ueber dieſem köſtlichen Geruche des ihnen dargebotenen Fleiſches haben ſie ihrer Pflicht vergeſſen, und ſtatt zu knurren und zu bellen, haben ſie mit ſchnüffelnden Na⸗ ſen das Fleiſch beleckt. Ihr Inſtinkt hat ihnen nicht geſagt, daß es vergiftet ſei, und deshalb liegen ſie jetzt ſteif und leblos neben dieſem Fleiſche, das ihnen den Tod gegeben. Nein, von den Hunden hat er nichts mehr zu fürch⸗ ten, der kühne, verwegene Mann, der ſich ſchleichend der Villa nähert, die Hunde werden ihn nicht mehr verrathen, und es Niemand warnend verkünden, daß Joſeph Ribas, der kühne Dieb und Galeerenſclave, in verbrecheriſcher Abſicht heranſchleicht, um zu ſtehlen, oder um zu morden, wie's eben nöthig iſt. Jetzt iſt er am Hauſe. Lauſchend ſteht er und horcht, und als Alles ſtill bleibt, und als kein verdäch⸗ tiges Geräuſch ſich vernehmen läßt, drückt er mit dem mitgebrachten, mit Pech beſtrichenen Papier die Scheibe eines Fenſters ein. Dann öffnet er, die Hand durch die entſtandene Oeffnung ſteckend, den ganzen Fenſter⸗ flügel, und mit einem kühnen Satze ſich auf die Brüſtung ſchwingend, läßt er ſich langſam hinabgleiten in das Zimmer. Wieder iſt Alles ſtill, und lautlos liegt ſie da, die einſame, friedliche Villa. Plötzlich zeigt ſich ein kleines, hell aufflackerndes Licht hinter einem dieſer dunklen Fenſter. Das iſt die Diebesleuchte, welche Joſeph Ribas ſich angezündet, damit ſie ihm Licht werfe auf ſeinen dunk⸗ len, verbrecheriſchen Weg. Vorſichtig ſteigt er die Treppe, die zum obern Stock⸗ werke führt, hinauf, und keine Stiege knarrt unter den Füßen, keins, auch nicht das keiſeſte Geräuſch verräth ihn. — 214— Jetzt iſt er oben in dem langen Corridor. Lauſchend nähert er ſich der erſten Thür und horcht lange. Drin⸗ nen hört er es laut athmen und ſchnarchen, drinnen ſchläft Jemand. Mit einem einzigen raſchen Griff dreht er den Schlüſſel um, der im Schloſſe ſteckt. Jetzt iſt die Thür verſchloſſen und der da drinnen ſchläft ruhig fort!— Weiter ſchleicht Joſeph zur nächſten Thür, und wie⸗ der horcht er und lauſcht, ob Etwas ſich da drinnen rege. Aber nein, er hört nichts! Ganz ſtill iſt Alles hinter dieſer Thür. Er zieht eine Piſtole aus ſeinem Gürtel, er ſpannt den Hahn, und ſo, bereit jedem Angriff zu trotzen, öff⸗ net er raſch die Thür.— Niemand iſt in dieſem Zim⸗ mer, Niemand als der Dieb Joſeph Ribas, welcher mit blitzenden Augen, argwöhniſch, lauernd umher blickt und jeden Winkel mit ſeinen ſtechenden Blicken durchbohren und durchſpähen möchte. Nein, es iſt wirklich Niemand da,— gefaßt und ſicher tritt Joſeph Ribas in das Zimmer, und die Thür hinter ſich nachziehend, verriegelt er ſie. Jetzt kann ihn Niemand überraſchen, Niemand ihr hinterrücks anfallen. Doch ja, hier rechts und links zu beiden Seiten iſt eine Thür. Er horcht an der erſten., Leiſe Athemzüge glanbt er zu vernehmen, und auch hier ſchiebt er raſch den Riegel vor, und ſchleicht dann hinüber zu der andern Thür, die iſt nur angelehüt, vorſichtig ſtößt er den Thürflügel auf und ſchaut hinein. Eine düſtere kleine Lampe brennt da drinnen, ſie beleuchtet das zarte, lieb⸗ liche Angeſicht der ſchlummernden Prinzeſſin Natalie. Das iſt ſie! flüſtert Ribas leiſe, und mit gierigen Blicken ſchaut er auf das junge, reizende Mädchen hin. Es zieht ihn vorwärts mit unſichtbaren Banden, es drängt ihn hinein in dieſes heilige Gemach der ſchlafenden Jungfrau. Aber mit Gewalt hält er ſich zurück. Ich habe geſchworen, ſie nicht zu berühren, und ich will Wort halten, um mir meine Epauletten zu verdienen! flüſtert er leiſe, und zurücktretend in das erſte Gemach, verriegelt er die Thür, welche in Nataliens Schlafzim⸗ mer führt. Jetzt an's Werkl ſagt er entſchloſſen. Hier ſteht das Bürzau. Hier werden die Schätze ſein! Und die Blendlaterne auf den Tiſch ſtellend, holt er ſeine Dietriche und Brecheiſen hervor und beginnt die S tänke und Tiſche zu öffnen.— Richtig, ſein Diebes⸗Inſtinct hat ihn nicht getäuſcht, er hot Alles gefunden, Alles! Da, da iſt das Käſtchen mit den ſunkelnden Diamanten, und da dieſe gefüllten Beutel, ſie enthalten das Geld. Mit einem wilden, hämiſchen Lächeln verbirgt Joſeph Ribas die Brillau n an ſeinem Buſen, und ſteckt die Beutel mit Sendi in ſeine weiten Taſchen. Schade, daß das nicht mein iſt, flüſtert er grinſend, aber ich muß mich gegen dieſen Grafen als einen ehr⸗ 6— lichen Dieb beweiſen, und ich habe es ihm verſprochen, Alles getreulich ihm zu bringen. Das Werk iſt vollendet, die heimtückiſche, verbreche⸗ riſche That, ſie iſt geſchehen! Jetzt kann er gehen, jetzt kann er ſich wieder fortſchleichen aus dieſem Hauſe, das ſeine Füße beſudelt haben! Warum thut er' nicht? Warum verweilt er noch in dieſem Zimmer? Warum wendet er ſich mit ſo wil⸗ dem, gierigem Blick immer wieder nach dieſer Thür hin, hinter welcher Natalie ſchläft? Er kann der Verſuchung nicht widerſtehen, und wenn ſie ſelbſt erwachte, er muß ſie noch einmal ſehen Was hat er auch zu fürchten von einem jungen, einſamen Mädchen? Er will ſie nur noch einmal anſehen! Weiter nichts!— Leiſe ſchiebt er den Riegel zurück, leiſe auf den Ze⸗ hen, mit verhüllter Blendlaterne ſchleicht er in das Zim⸗ mer, hin zu Nataliens jungfräulichem Lager. Wunderſchön iſt ſie! Und ſie lächelt im Schlumm Wie hold, wie reizend iſt dieſes Antlitz, dieſe halb et⸗ blößte Schulter, dieſer Arm, den ſie rückwärts gelegt über ihr Haupt, wo er ſich halb verliert unter den üp⸗ pigen, dichten Locken. Wunderſchön iſt ſie! Ob er es wohl wagen darf, dieſen Arm zu berühren, und einen Kuß, einen ganz leiſen Kuß auf d fe duftigen Lippen zu hauchen? Warum denn nicht? Niemand ſieht es, und Graf Alexis Orlow wird es alſo nicht erfahren, daß er ſeinen Befehlen ungehorſam geweſen. 4 Aber das junge Mädchen dachte in dieſem Augen⸗ blick nicht an ihre eigene Gefahr. Sie dachte nur an Carlo, ſie flog von ihrem Lager empor, mit flammenden Angen und kühnem Muthe warf ſie ſich zwiſchen die Kämpfenden. 5 Nein, nein, ſagte ſie muthig, ich werde nicht fliehen, ich werde wenigſtens zu ſterben wiſſen. Ein Schrei tönte von Carlos Lippen, erſchlafft ſanken ſeine Arme nieder, und gaben den Feind, den Bruder frei. Ah endlich, endlich, ächzte Joſeph athemlos, mit keu⸗ chender Bruſt. Das war ein luſtiges Faſtnachtsſpiel, mein tugendhafter Bruder. Lebe wohl, ich bin doch dies Mal der Sieger geblieben! Mit einem wilden Satz ſprang er der Thür zu, den bluttriefenden Dolch in der vorgeſtreckten Rechten, rannte er durch den Corridor, die Treppe hinunter, hinaus in den Garten. Gerettet, ſagte er aufathmend. Ich denke, der Ruſſe wird mit mir zufrieden ſein! Ich bringe das Geld und die Diamanten, und habe noch zum Ueber⸗ nß dieſem läſtigen Beſchützer einen ſehr wirkſamen llderlaß beigebracht. Ah, es ſcheint mir, ich habe meine Studien auf der hohen Schule der Galeere ſehr gründ⸗ ich angewandt!— Si Und ein luſtiges Liedchen ſingend, ſchwang ſich Jo⸗ ſeph Ribas auf einen Baum dicht an der Mauer, und üeß ſich dann an dieſer hinabgleiten.— 2 220— 8 Oben in Nataliens Zimmer, bleich mit röchelnder Lippe, lag Carlo lang hingeſtreckt auf dem Fußboden. Das Blut floß in hellen Strömen aus der tiefen Wunde, welche ſeines Bruders Dolch ihm geſchlagen, hervor. Natalie knieete neben ihm. Keine Thräne war in ihrem Auge, keine Klage tönte von ihren Lippen. Sie ſchien ganz gefaßt vor übergroßem Schmerz, ſie ſuchte nur mit ihrem Gewande, mit ihrem Haar das Blut zu ſtil⸗ len, und Carlo's Wunde zuzudecken. Carlo's bläuliche Lippen umſpielte ein ſeliges Lächeln. Ich ſterbe, flüſterte er, aber ich ſterbe für Dich! Dein Vapo hält Wort, er hat Dich bis zu ſeinem letzten Athem⸗ zug vertheidigt. Wie gütig iſt doch Gott! Er läßt mich ſterben in Deinem Dienſt! Nein, nein, Du ſollſt nicht ſterben, ſchrie Natalie, aus ihrer Ruhe zu dem wildeſten Schmerze übergehend. Nein, Carlo, Du mußt leben. Oh age nicht, daß Du ſtirbſt! Mein Gott, Du liebſt mich ja, und Du wilſſt mich allein laſſen! Lebe nur, und ie will Dich auch lieben, Carlo, ſo heiß, ſo glühend, wie Du mich liebſt! Bleibe bei mir, und mein mein Leben, es ſoll 4 Dir gehören! Zu ſpät, zu ſpät, hauchte Cart mit ſerbender Spe Denke an mich, Natalie, ich habe Dich ſehr geliebt, und ich ſterbe ſelig, denn ich ſterbe in Deinen Armen! Nein, nein, Du ſollſt leben in meinen Armen, ſchluchzte 1 ſie. Ich will Dein ſein, Deine Braut! Küſſe mich, meine Braut! lallte er leiſe. Sie neigte ſich über ihn. Sie berührte mit ihrem duftigen, jungfräulichen Munde ſeine ſchon im Tode er⸗ ſtarrenden Lippen, ſie legte ihre heißglühende Wange an ſein kaltes marmorbleiches Geſicht,— das volle, friſche Leben drückte den kalten ermattenden Tod an ſeine Bruſt, um mit ihm zu ringen, um ihn zu bekämpfen! Um⸗ ſonſt!— Das Blut floß nicht mehr aus Carlo's Wunde,— es ſtand ſtill, die Bruſt röchelte nicht mehr, ſie war ſtumm,— aber ein ſeliges Lächeln ſtand noch auf ſeinen Lippen. Mit dieſem Lächeln war er geſtorben, glücklich, ſelig, geküßt von ihren Lippen, umarmt von ihr, die er ſo treu geliebt!— Als Marianne nach langem vergeblichen Bemühen, unfähig, die verriegelte Thür zu öffnen, endlich vermit⸗ telſt ihres zerriſſenen und zuſammengeknüpften Betttuches aus dem Fenſter ſich hinunter gelaſſen in den Garten, und das Haus und in Nataliens Zimmer hiuauf geeilt war, fand ſie da drinnen Alles ſchweigend und ſtill. Nichts regte ſich mehr. Lantlaus lagen ſie da! Er, der ſchon im Tode erſtarrte Sänger Carlo, und ſie, die ohnmächtige Natalie, das Haupt geneigt an das marmorbleiche Angeſicht des Freundes! Arme Natalie! Warum mußte es Mariannen ge⸗ lingen, Dich aus Deiner Ohnmacht zu erwecken! Warum 225— läßt Du ſie nicht ſchlafen, Marianne? Im Schlafe min⸗ deſtens hätte ſie es nicht gewußt, daß ſie jetzt ganz allein iſt, ganz verlaſſen, daß Niemand, Niemand ſie mehr ſchützt gegen ihre hinterliſtigen, granſamen Feinde, deren Daſein ſie nicht einmal ahnt! 9 XVIII. Intrignen. Graf Orlow lag in behaglicher, nachläſſiger Stellung auf dem Divan und rauchte in langſamen Zügen aus ſeiner türkiſchen Pfeife den aromatiſchen Duft des Ta⸗ backs ein.— Vor ihm ſtand Joſeph Ribas und berich⸗ tete mit lachendem Munde und in ſeiner drolligen, ko⸗ miſchen Weiſe die Begebenheiten dieſer Nacht. Ihr ſeid ein wundervoller Menſch, ſagte Orlow, als Joſeph zu Ende war. Eure Officiers⸗Epauletten habt Ihr Euch redlich verdient, und heute Mittag werdet Ihr an meiner Tafel als ruſſiſcher Officier zum erſten Mal erſcheinen. Ah, ich prophezeihe Euch eine große Zukunft, Ihr habt ganz das Geſchick dazu, Euer Glück zu machen. Ihr ſeid klug, verwegen, vor keinem Mittel zurückſcheuchend, jedes benutzend und es gut findend, wenn es nur fördert. Mit ſolchen Grundſätzen kann man es weit bringen in dieſer Welt, und Rußland bi tet Euch — 223— freilich die beſte Gelegenheit, all' dieſe ſchönen Talente zur Anwendung zu bringen. Und ich habe zudem meine ruſſiſche Carriere mit einer guten Vorbedeutung begonnen, ſagte Joſeph, ich habe einen Mord an die Spitze meiner ruſſiſchen Tha⸗ ten geſtellt! Das iſt ein guter, vielverſprechender An⸗ fang, nicht wahr, Herr Graf? Ihr müßt das ja am Beſten wiſſen! Freilich ja, das muß ich am Beſten wiſſen, rief Or⸗ low lachend, und ſtrich ſich wohlbehaglich ſeinen ſchönen ſchwarzen Bart. Durch einen ſchönen rechtzeitigen Mord kann man in Rußland immer noch ſein Glück machen, ein Mord zu rechter Zeit wird bei uns oft mit einer Baronie und einem Grafentitet belohnt, ja zuweilen ſo⸗ gar mit der allerhöchſten und züärtlichſten kaiſerlichen Gunſt und Gndde. Ah, es iſt ein gutes Ding um einen tunde, nur muß man ſeiner ſelbſt man richtig trifft und nicht gener Mord iſt ein ſehr ſchlim⸗ ! Ich möchte nichts da⸗ gewiß ſein und ſichs verfehlt. Ein nicht g mes und ſehr gefährliche mit zu thun haben, und tt ſei Dank auch nie⸗ mals etwas damit zu ſcaß gehMbt! Was ich unter⸗ nommen, das iſt mir geglückt, und Nch habe es tapfer zu Ende geführt. Der gute Kanſer Peter der Dritte wußte das, und darum zitterte er, Wls ch mit Paſſeb und Bariatinsky in ſein Zimmer trat. r gute Kaiſer! Er zitterte nicht lange, es war bald abg acht,— ja, — 224— das war eine That zu rechter Zeit, und darum iſt uns auch die große Katharina ſo dankbar geweſen, und hat uns hochgeehrt vor allen Großen ihres Reiches. ²) Mein kleiner Antrittsmord hat freilich weniger Be⸗ deutung! ſeufzte Joſeph Ribas. Einen kleinen Sänger in die Seligkeit und zur Harmonie der Sphären beför⸗ dert zu haben, was iſt das weiter! Aber er war Euer Bruder, dieſer kleine Sänger! Ribas zuckte die Achſeln. Das heißt, mon hielt ihn dafür, aber im Ernſte, ich glaube, er war es nur halb. Meine Mutter ſeligen Andenkens hatte mancherlei kleine Aventuren, und ich denke, Carlo's Geburt hing ſehr ge⸗ nau mit einer ſolchen zuſamnen. Ich weiß alſo nicht, ob es nicht ein nothwendiges Werk war, dieſen Carlo zu tödten, es war doch ſicherlich meine chuldigkeit, die. guter, redlicher Prieſter heute ſcho bſoluti ertheilt, und wie ich jetzt vor Euch ein ich Kanz rein und ſündenlos, gleich einer Inpgfr Wir⸗können alſo von Von den tagiſche nd Entſetzen erregenden Ereigniſſen beim Regierungsantrit Kugürina's, und von der Erdroſſelung Peters, bei der er ſelber khr ig war, erzählte Orlow in Rom mit dem größten Freimuth und ſiciichem Vergnügen. Gorani Bd. I. S. 23. „N — 225— zu ſpielen, ſagte Orlow lachend. Du ſollſt als der Wohlthäter unſerer ruſſiſchen Prinzeſſin erſcheinen, und als der vermittelnde Vorläufer meiner eigenen Perſon! Das iſt eine allerliebſte Rolle, rief Ribas, ſich ver⸗ gnügt die Hände reibend. Ich werde mich wundervoll ausnehmen als Wohlthäter und Mittler. Gebt mir noch einige Details, Herr Graf. Die ſollſt Du haben, ſagte Orlow. Stepano ſoll ſie Dir geben. Stepano! Der Gerufene erſchien ſofort in der Thür des Ne⸗ bengemaches. Stepano, ſagte Orlow, jetzt an's Werk, mein Freund. achten gebracht. Graf Paul Rasczinsky geführt, ſe Güter ſint eingezogen, und gehe zu der Ville unſerm kleinen Joſeph gleich gehörig coſtümirt iſt. Und jetzt Unterweiſ' ihn gut, Stepano! Ach, ich mö gegen ſein, bei dieſer allerliebſten Comödie! Mühlbach, Tartaroff II. 15 — 226— Und Graf Orlow brach in ein herzliches Geläch⸗ ter aus. Dieſe ganze Geſchichte iſt ſehr unterhaltend und ro⸗ mautiſch, ſagte er dann, als er allein war, ich muß Katharinen ſehr dankbar ſein, daß ſie mich damit beauf⸗ tragte. Ich liebe das Abenteuerliche und Romantiſche. Freilich, wen auch hätte ſie ſonſt zu dieſem Geſchäft aus⸗ erwählen können? Ich möchte wohl wiſſen, wer es wa⸗ gen dürfte, mit mir, dem ruſſiſchen Hercules, in die Schranken zu treten, und wer ſo wet mir den Preis ſtreitig zu machen! So ſprechend erhob er ſich von dem Divan und trat zu dem großen venetjaniſchen Spiegel, vor welchem er lange in aufmerkſamer Selbſtetaung ſtehen blieb. Ich werde vor dieſer kleinen Prinzeſſm Natalie zu⸗ erſt in antiker Tracht erſcheinen, r lächelnd. Ka⸗ tharina hat mir oft geſ, bezauhernd ſei in meinem reichen autiken Coſth un, wir wollen auch hier dieſen Zauber ein hwenig„wirken laſſen.— Aber zuerſt muß das Nächſtebedaght werden. Dieſe Corilla hat uns einen Dieſt geleiſtet, und wir müſſen ihr dankbar ſein. MM ſagt/ ſie liebt die Diamanten. Ich werde ihr alſo e Didmanten ſenden, welche der von ihr empfohlen Joſeph Ribas dieſe Nacht zum Eigen⸗ thum der Nuſſiſchen Krone gemacht hat. Dazu werde in eigenhändiges verbindliches Briefchen ſchrei⸗ 227— ben. Wer weiß, ob das ſie nicht mehr entzückt, als dieſe Diamanten!— Darin freilich hatte der ſchöne Graf Orlow ſich ge⸗ irrt. Die Dichterin Corilla glich darin auf ein Haar den meiſten Bühnenheldinnen und Primadonnen unſerer Tage. Sie legte einen ſehr großen Werth auf Diamanten, und da ſie wußte, daß Rußland ſehr reich ſei an Dia⸗ manten und Gold, ſo hatte ſie für die ruſſiſchen Großen immer ein beſonders bezauberndes Lächeln und eine zu⸗ vorkommende Anmuth. Sie würde, wenn Graf Orlow ſelber gekommen wäre, ihr die Diamanten zu bringen, ohne alle Frage ihn mehr bewundert und ſich anſcheinend ſeiner mehr gefreut haben, als ſeines koſtbaren Geſchen⸗ kes, aber, da er nicht zugegen war, wozu denn bedurfte es alsdann der Verſtellung? Sie las Graf Orlow's Billet mit einem zufriedenen Lächeln. Dann aber warf ſie es bei Seite, um ſich ganz zu entzücken an dem Anblick der Diamanten. Wie das fnnkelt, und wie das leuchtet, ſagte die be⸗ geiſterte Dichterin, ſelbſt des Geliebten Auge glänzt nicht ſo hell, und ſein Lächeln iſt nicht ſo ſtolz und glückver⸗ kündend, ſo voll innerer, zukunftreicher Gewißheit, als das Funkeln dieſer Steine! Zauberer ſind es, und ein Wort von mir kann dieſe Solitaire und Roſetten da in eine köſtliche Villa verwandeln, oder in einen balſamiſch duftenden Park mit verſchwiegenen Lauben, mit be⸗ rauſchenden Blüthendüften und ſüß flötenden Vögeln! Das Alles verheißt mir der Anblick dieſer Steine. Und nun zu denken, daß es eigentlich Carlo iſt, mein einſti⸗ ger Geliebter, dem ich dieſe Diamanten verdanke! Aus Liebe zu ihm wollte ich die Prinzeſſin Natalie verderben, und daß ich's wollte, das war's, was mir die Gunſt des ruſſiſchen Grafen, und alſo auch dieſe Brillanten verſchaffte! Armer Carlo, dieſe Brillanten ül rdauern Dich. Wie hell auch Deine Blicke leuchteten, jetzt hat der Tod ihr Feuer ausgelöſcht, aber über Diamanten hat er keine Macht, dieſer grauſame, unerbittliche Tod. Die kann er nicht erwürgen, wie er Dich erwürgt hat, armer Carlo. Ich werde heut Abend Dein gedenken, Carlo, und ich hoffe, daß mich die Erinnerung an Dich zu einer recht ſchönen Ode an den Tod be⸗ geiſtern wird. Ich werde mir Mühe geben, immer Deine ſchöne Geſtalt, von Blut überſtrömt, vor mei⸗ nem innern Auge zu ſehen. Ja, das ſoll eine ſehr wirkſame Improviſation werden, und ich will mir gleich einige ſeltſame und frappante Reime auf den Tod, das Sterben und das Grab zuſammenſetzen aus meinen theuern Dichtern. Und habe ich erſt die Reime, dann finden ſich die Zeilen mit den Gedanken ſchon von ſelbſt. Die Reime, Reime, das iſt die Haupt⸗ ſache beim Dichten! Und während die Improviſatrice ſo zu ſich ſelber ſprach, hatte ſie ganz mechaniſch ſich mit den Brillanten geſchmückt, das ſchöne Collier um ihren Hals gelegt, die zende Diadem um ihre hohe, ſtolze Stirn gelegt. — 229— langen Gehenke in ihren Ohren befeſtigt, und das glän⸗ Sie ſah wunderſchön aus in dieſem Schmuck, und es freute ſie, daß gerade in dieſem Augenblick ihr Freund, der Cardinal Francesko Albani, kam. Der wird entzückt ſein, ſagte ſie lächelnd, und mit dem Stolze und der impoſanten Hoheit einer Königin ſchritt ſie dem Cardinal entgegen. Ihr ſeid ſchön, wie eine Göttin! rief der Cardinal, und wer Euch ſo ſieht, der hat die Schutzgö tin des al⸗ ten Roms, die erhabene Himmelskönigin Juno geſehen! Wenn ich Juno wäre, möchtet Ihr wohl mein Vul⸗ kan ſein? fragte Corilla ſchelmiſch. Nein, ſagte Albani lachend, die eble Juno war ihrem Vulkan nicht eben treu, und ich verlange eine ſehr treue Geliebte! Werdet Ihr das ſein, Corilla? Wir werden ſehen, ſagte ſie, indem ſie ſich das Dia⸗ dem vor dem Spiegel anders arrangirte. Wir werden ſehen, mein theurer Freund! Vergeßt aber nicht unſere Bedingungen! Erſt diesobeerkrone! Die werdet Ihr bekommen! rief der Cardinal triumphirend. Seid Ihr deſſen gewiß? fragte Corilla mit leuch⸗ tenden Augen und glühenden Wangen! Albani lächelte geheimnißvoll. Papſt Clemens Ganganelli, ſagte er, iſt leidend, man meint, er wird bald ſterben! 2 4 Der Todesbrief. Aechzend, geſtützt ⸗ treuen Lorenzo's Arm, ſchlich der Papſt ganelli durch die Gänge ſeines Gartens. Einige Monate waren vergangen ſeit der Aufhebung des Jeſuiter⸗Ordens; wie hatten dieſe Mo⸗ nate den armen Clemens verändert! Wo war die Heiterkeit und der Friede ſeines Angeſichtes, wo war der erhabene Ausdruck ſeiner Züge, und die edle, feſte Haltung ſeiner Geſtalt, wo war das Alles geblieben? Zitternd, zerbrochen, mit verſtörten Mienen, mit glanzloſen erloſchenen Augen ſchlich er ächzend umher, die Stirn in finſtere Falten gelegt, die Lippen zuſam⸗ mengepreßt vor Schmerz und innerm Weh. Niemand durfte um ihn ſein, zu Niemand ſprach er, als zu Lorenzo, der vermochte es noch zuweilen, die finſtern Falten von ſeiner Stirn zu verſcheuchen, und ein mattes Lächeln auf ſeine ſchmalen, bleichen Lippen zu rufen.—. Auch heute war ihm das gelungen, und ſeit Wochen zum erſten Male hatte Ganganelli ſeinen Bitten nach⸗ gegeben, und drein gewilligt, einen Spaziergang im Garten des Quirinals zu machen. Dieſe Luſt erquickt mich, ſagte der Papſt aufathmend, — 231— es iſt, als ob ſie meine Lungen mit neuer Lebenskraft durchſtrömte und das Blut in meinen Adern raſcher fließen machte. Lorenzo, dies iſt ein ſeltener Glückstag heute für mich, und den will ich benutzen. Komm, wir wollen zu unſerm Franciskanerpla gehen! Das iſt ein wundervoller 6 ſagte Lorenzo vergnügt. Wenn Ew. Heiligkeit dahin verlangt, dann ſeid Ihr auch wieder geſund, und Alles wird wieder gut werden! Ganganelli ſeufzte, und blickte mit einem trüben i gen Himmel. Geſund! ſagte er. Ach Lorenzo, Wort erinnert mich an ein verlorenes Paradies! Der Racheengel hat mich daraus vertrieben, ich werde es niemals wiederſehen! Sprecht nicht ſo, bat Lorenzo, während 4. heim⸗ lich eine Thräne von ſeiner Wange trocknete. Nein, ſrecht nicht ſo! Ihr werdet gewiß geneſen! Ja, geneſen! ſagte der Papſt. Auch der Tod iſt ein Geneſen, und am Ende vielleicht das wirkſamſte. Schweigend ſchritten ſie weiter, und durch das Ge⸗ büſch mühſam ſich Bahn machend, gelangten ſie endlich zu dem Platz, mit deſſen Einrichtung Lorenzo vor eini⸗ gen Monaten den Papſt überraſcht hatte, und den Gan⸗ ganelli ſeitdem den Franciskanerplatz nannte. So, ſagte Lorenzo frendig, während der Papſt ſich erſchöpft auf die Raſenbank niedergleiten ließ, ſo, Bru⸗ der Clemens, nun laßt uns heiter ſein! Hier, wißt Ihr, * — 232— haben wir nichts mehr zu ſchaffen mit dem Papſt. Ihr habt's ſelbſt befohlen, daß Ihr hier nur Bruder Cle⸗ mens ſein wollt, weiter nichts, und Bruder Clemens war immer ein kerngeſunder Menſch, voll Jugendmuth und Kraft. Ach, ich fürchte, n Freund, ſeufzte Ganganelli, der Papſt iſt dem armen Bruder Clemens heimlich ſo⸗ gar bis hierher nachgeſchlichen, und er giebt ihn auch hier nicht mehr frei! Nein, nein, es iſt nicht mehr der Bruder Clemens, der hier ächzend ſitzt, es iſt der Statt⸗ halter Gottes, der Vater der Chriſtenheit, der hochheilige, gebenedeite Papſt! Und wenn Du wüßteſt, guter renzo, was der zu leiden und zu dulden hat, dieſer Statthalter Gottes, wie das Blut gleich hölliſchen Feuer⸗ ſtrömen durch ſeine Adern rinnt, ſeine Eingeweide ver⸗ kohlt und ſeinen Gaumen ausdörrt, daß ihm die Zunge feſtklebt und er nicht einmal mehr die Kraft hat, ſeinen Jammer zu klagen! Und einen ſolchen zerbrochenen Erdenwurm, den nennt dieſe jammervolle, bethörte Menſchheit den Statthalter Gottes, vor dem bengt ſie ſich im Staube, und nennt ihn von Gottes Gnaden! Ach, Ihr thörichten Kinder, graut's Euch nicht ſelber vor dieſem Mummenſchanz, und erröthet Ihr nicht vor Eurem eigenen Kinderſpiel? Seht Ihr, ſagte Lorenſo mit erzwungener Heiterkeit, wider Euren Willen ſeid Ihr hier doch wirder Bruder Clemens geworden, und ſcheltet auf den Statthalter — 23— Gottes, der im Vatikan und Quirinal ſein glänzendes Hoflager hält. Ja, ja, das that der Bruder Clemens ſchon im Franciskanerkloſter, er ſchalt ſchon damals im⸗ mer auf den Papſt. Und ließ ſich doch bethören und einen Papſt aus ſich machen, rief Ganganelli. Ach, Lorenzo, es waren wohl ſchöne Vorſätze, die mich dazu beſtimmten, und heilige Entſchlüſſe waren in mir, als ich dieſe Krone St. Peters zum erſten Male auf meinem Haupte trug. Mein Gott, ich war noch ſo jung, nicht mehr an Jahren, aber an Illuſionen und Hoffnungen, ich ſchwärmte noch für das Gute, das Erhabene, und ihm wollte ich dienen, wollte es verherrlichen und belohnen im Namen Gottes! Und redlich habt Ihr das gethan! ſagte Lorenzo feierlich. Sch hab's gewollt, ſeufzte Ganganelli, aber dabei iſt's geblieben. Man hat mich überall gehemmt, und überall, wo ich hindurch wollte, da fand ich eine Mauer. Eine Mauer der Vorurtheile, des Hergebrachten, des einmal als gültig Angenommenen, und an dieſer Mauer hielten meine Cardinäle und Beamten Wache, und tru⸗ gen fein Sorge, daß mein Wille an dieſer Mauer zer⸗ ſchellte und nicht hindurch brach, um ein wenig Freiheit, ein wenig Morgenluft in unſer vermauertes Reich hin⸗ ein zu laſſen! Sie haben meinen Willen zermürbelt, bis nichts mehr an ihm blieb, und aus meinen heiligſten Entſchlüſſen haben ſie Vogelſcheuchen gemacht, vor denen — die fremden Könige und Fürſten Zeter ſchrieen, und all ihren Reichen den Untergang prophezeiheten, wenn ich bei meinen Freiheitsgedanken und Neuerungen beharrte. Ach, die Fürſten, die Fürſten! Ich will Dir etwas ſa⸗ gen, Lorenzo, die Fürſten ſind es, welche mit ihren Ideen von abſoluter Herrſchaft das Weltenglück unter⸗ graben haben, ſie ſind die Räuber der ganzen Menſchheit, denn die Freiheit, welche allen Menſchen gemeinſam an⸗ gehört, die haben ſie, als rechte geſetzesloſe Wegelagerer, für ſich allein erbeutet. Den Glücksſeckel der ganzen Menſchheit haben ſie ausgeplündert, und Münzen draus geprägt mit ihrem Bildniß verziert, und nun rennt die ganze Menſchheit dieſen Münzen nach, und denkt: wenn ich die habe, iſt auch der Antheil am Menſchheits⸗ glücke, das uns erſt Allen gemeinſam gehörte, wieder mein! Dahin iſt's gekommen, Lorenzo, durch dieſer Fürſten Raubgier, und doch zittern ſie noch immer auf ihren Thronen, und fürchten, die Völker möchten ein⸗ mal erwachen aus ihrem ſtumpfſinnigen Schlummer, ſie möchten Alle aufſtehen, wie Ein Mann, und ihren Räu⸗ bern in das erblaſſende Antlitz ſchreien: gebt uns wie⸗ der, was Ihr uns genommen habt, wir wollen haben, was unſer iſt, wir wollen unſere Freiheit und unſere Menſchenrechte, wir wollen nicht Sclaven ſein, die vor einem Popanz zittern, wir wollen freie Kinder Gottes ſein, und Niemand zu fürchten haben, als unſern Gott da droben, und unſer eigenes Gewiſſen da drinnen in — 235— unſerer Bruſt! Steigt alſo nieder von Euren geraubten Thronen, werdet Menſchen mit den Menſchen, arbeitet, genießt, plagt und freuet Euch, wie Menſchen es thun, lebt nicht vom Schweiße Eurer Unterthanen, ſondern nährt Euch durch Eure eigene Mühe, damit Gerechtigkeit werde in der Welt, und die Menſchheit zu ihrem Rechte gelange!— Und Ganganelli's Augen glühten, ſeine eingefallenen Wangen überflog eine fieberhafte Röthe, während er ſo ſprach. Lorenzo ſah es mit beſorglen Blicken, und als der Papſt jetzt einen Angenblick ſchwieg, ſagte er, deſſen Hand an ſeine Lippen drückend: Ihr ſeid ganz wieder der gute, tapfre Bruder Clemens, aber auch Der ſollte daran denken, ſich zu ſchonen! Und wozu noch der Schonung, rief Ganganelli leb⸗ haft, da drinnen, mein Freund, ſitzt er doch ſchon, der Tod, und hohnlacht allen meinen Bemühungen, und gräbt ſich doch immer tiefer in mein innerſtes Leben ein. Siehſt Du, Lorenzo, das eben iſt mein Jammer, daß ich nun umſonſt gelebt, und daß ich nicht zu Ende bringen kann, was ich begonnen! Ich wollte mein Volk glücklich machen und frei, das iſt es, was alle dieſe Fürſten erſchreckt hat, das war eine unerhörte Neuerung, und da haben ſie Alle erbleichend die Köpfe zuſammen⸗ geſteckt, und einander in's Ohr geflüſtert: er will der Menſchheit verrathen, daß ſie eigentlich auch Rechte hat, und daß wir ihnen dieſe raubten. Seinen ererbten An⸗ theil an dem Raube, den will er herausgeben an die — 236— Menſchheit! Was ſoll aber dann aus uns werden? Werden unſere Selaven nicht auch wider uns aufſtehen, und ihre Menſchheitsrechte verlangen? Wir dürfen ſolche Neuerung nicht dulden, denn ſie würde unſern Unter⸗ gang zur Folge haben!— Siehſt Du, ſo haben ſie ge⸗ ſchrieen, und in ihrer eigenen Angſt haben ſie meinen Tod beſchloſſen! Da warfen ſie mir einen Brocken hin, der meinen Träumen von Völkerwohl ganz trefflich paßte, da willigten ſie Alle drein, daß ich die Menſch⸗ heit von dieſem gefährlichen Bandwurm, dem Jeſuitis⸗ mus, befreite, und heimlich lachten ſie dazu, und dach⸗ ten: daran wird er ſich den Tod holen!— Und ſie haben Recht gehabt, die ſchlauen Fürſten, ich habe mir daran den Tod geholt! Den Jeſuiter⸗Orden habe ich vernichtet,— ich ſelber werde daran ſterben, aber die Jeſniten, die werden leben, ewig, immerdar!— Das Geräuſch nahender Fußtritte unterbrach hier den Papſt, und ermattet zuſammenſinkend befahl er Lo⸗ renzo, dem Kommenden entgegen zu gehen, und Nie⸗ mand hier vor ihn zu laſſen. Lorenzo kam allein zurück und reichte dem Papſte einen Brief dar. Der Courier iſt zurückgekehrt, den Ihr vor einigen Tagen ausgeſandt, ſagte er. Das iſt ſeine Depeſche. Der Papſt nahm den Brief und wog ihn mit einem trüben Lächeln in ſeiner Hand. Wie leicht dies Blättchen wiegt, ſagte er, und doch iſt es ſo ſchwer — 237— an Inhalt! Weißt Du, was dieſer Brief enthält, Lorenzo? Wie könnt' ich das? Ein armer Kloſterbruder iſt nicht allwiſſend! DDieſer Brief, ſagte der Papſt feierlich, er bringt mir Leben oder Tod. Es iſt die Antwort des gelehrten Arztes, des Profeſſors Brunelli in Bologna! Ihr ſchriebt an ihn? fragte Lorenzo erbleichend. Ich ſchrieb an ihn, und ſchilderte ihm genau meinen Zuſtand und mein Leiden; im Namen Gottes habe ich ihn beſchworen, mir die Wahrheit zu berichten, und Brunelli iſt ein Ehrenmann, er wird es thun! Habe ich nun recht, Lorenzo, daß dieſer Brief ſchwer in die Wage fällt? Lorenzo zitterte, und des Papſtes Hände ergreifend, ſagte er haſtig und angſtvoll: Nein, leſ't ihn nicht! Wo⸗ zu nützt es Euch, ſeinen Inhalt zu erfahren! Es heißt Gott verſuchen, wenn man die Zukunft vorher wiſſen will! Laßt mich ihn zerreißen, dieſen unheilsvollen Brief! Wozu es nützt, ſeinen Inhalt zu wiſſen? fragte der Papſt. Um mich vorzubereiten auf meinen Tod, oder das Leben wieder heiterer und hoffnungsvoller zu er⸗ faſſen! Laß mich, Lorenzo, ich muß dieſen Brief leſen! Und Ganganelli wehrte ſeinen treuen Diener ſanft zurück und erbrach das Siegel.— Eine Pauſe trat ein,— eine lange entſetzensvolle Pauſe! —— Lorenzo lag auf ſeinen Knieen und betete, Papſt Ganganelli las den Brief des Arztes aus Bologna. Sein Geſicht war todesbleich geworden, während er las, ſeine Lippen zitterten, und langſam rollten ein Paar Thränen über ſeine eingefallenen Wangen hinab. Der Brief entſank ſeiner Hand und rauſchte zur Erde,— geſenkten Hauptes, mit gefaltenen Händen ſaß der Papſt da. Lorenzo lag noch immer auf ſeinen Knieen und betete.— Plötzlich richtete Gan⸗ ganelli das Haupt empor, ſein Blick wandte ſich him⸗ melwärts, eine heitere, Gott ergebene Ruhe ſtrahlte aus ſeinen Zügen, und mit lauter, frohlockender Stimme ſagte er: Herr, wie Du willſt! Ich ergebe mich Deinem Willen! Dieſer Brief bringt alſo gute Nachricht? rief Lorenzo, getäuſcht von der Freudigkeit des Papſtes. Es iſt alſo nichts mit Euren Todesahnungen, und der gelehrte Doe⸗ tor ſagt Euch, daß Ihr leben werdet? Das ewige Leben, Lorenzo! ſagte Ganganelli. Die⸗ ſer Brief beſtätigt meine Vermuthungen! Brunelli iſt ein Ehrenmann, er hat die Wahrheit geſagt. Lorenzo, willſt Du wiſſen, was dieſes verzehrende Feuer, dieſe Ermattung und Erſchlaffung meiner Glieder zu bedenten hat? Es iſt die Folge des Acqua Tofana! Oh mein Gott, ſchrie Lorenzo zuſammenſinkend, Ihr ſeid vergiftet! Rettungslos, ſagte der Papſt ruhig, Brunelli ſagt „ — 239— es, und ich fühle in meinen verdorrten und verbrannten Eingeweiden, daß er die Wahrheit ſpricht. Und giebt es keine Linderung? jammerte Lorenzo, die Hände ringend. Kein Mittel, Euer Leben zum Mindeſten hinzuhalten? Es giebt ein ſolches Mittel; und Brunelli räth es mir. Die Anwendung der größten Hitze, die Erzengung fortwährender Transſpiration, die kann das Uebel noch ein wenig aufhalten, und mir das Leben noch um einige Wochen verlängern!*) Lorenzo, es iſt meine Pflicht, um jeden Tag mit dem Tode zu ringen, ich habe noch Vieles zu vollenden, be⸗ vor ich ſterbe, noch viel zu arbeiten, ehe ich eingehen darf zur Ruhe, und ſo weit ich kann, muß ich zu Ende bringen, was ich angefangen zum Wohle meines Vol⸗ 3 kes! Komm, Lorenzo, laß uns zurückkehren in den Va⸗ tican, ſetze Kohlenpfannen in meine Zimmer, ſchaffe mir Pelze und eine glühend heiße Sonne! Ich will noch einige Wochen zu leben haben!— Mit fiebriſcher Heftigkeit faßte Ganganelli Lorenzo's Arm und zog ihn mit ſich fort. Dann ſtand er plötz⸗ lich ſtill und wandte ſich noch einmal um nach ſeinem veee Lorenzo, ſagte er leiſe und voll tiefer Wehmuth, es war doch ſchön im Franciskanerkloſter! Warum ſind *) Archenholz. Thl. V. 127. — 240— wir nicht dort geblieben! Sieh nur, mein Freund, wie ſchön die Sonne dort in den Pinien glitzert, und wie lieblich dieſe Luft uns fächelt. Ach, Lorenzo, die Welt iſt ſo ſchön, ſo ſchön! Warum muß ich denn von ihr ſcheiden? Lorenzo antwortete nichts, er konnte vor Thränen nicht ſprechen. Ganganelli warf einen langen, ſülen Blick umher, und grüßte mit ſeinen Angen die Bäume und die Blu⸗ men, die Erde und den blauen, glänzenden Himmel. Lebe wohl, lebe wohl, Du ſchöne Natur! flüſterte er leiſe. Wir nehmen Abſchied von einander. Ich werde niemals mehr dieſe Bäume wiederſehen, und dieſen Raſenſitz. Aber Dich, Lorenzo, werde ich zum Hüter dieſes Platzes beſtellen, und wenn Du zuweilen in ſtillen Abendſtunden hier ſitzeſt, dann ſollſt Du meiner geden⸗ ken! Jetzt komm, wir müſſen fort! Fühlſt Du nicht die ſanfte, kühlende Luft? Oh, wie erquicklich das fächelt und kühlt, aber ich darf das nicht empſinden, ich nicht! Dieſe Kühlung verkürzt mein Leben ſchon wieder um einen Tag! Und mit der Haſt eines Jünglings lief Ganganelli die Allee hinab. Schweißgebadet, athemlos vor Gluth und Hitze, gelangte er in den Palaſt. Jetzt gieb mir Pelze, bringe Kohlenpfannen, renzo, ſchließe die Thüren und die Fenſter. Schaffe mir die Gluth der Hölle, dann kann der Tod zißt herein zu mir!—— — 241— Aber er kam dennoch, dieſer grauſame Tod, die Decken und die Pelze, die ſtets dampfenden Kohlenbecken und warmen Dämpſe, mit denen der Pobſt ſich umgab, dieſe Feuergluthen, die er Nacht und Tag einathmete, und denen ſeine Umgebung und Dienerſchaft faſt erlag, das Alles konnte den Tod doch nur noch auf einige kurze Wochen zurückſcheuchen, nicht aber ihn vertreiben. Gräßlicher noch als die Feuergluth und Hitze, mit der Ganganelli ſich umgab, gräßlicher und verzehrender noch brannte es in ſeinen Eingeweiden, glühte es in ſeinem vergifteten Blute. Ausgedörrt endlich, verzehrt von dem innern, höl⸗ liſchen Feuer und den äußern vernichtenden Gluthen, begrüßte der Papſt den Tod als Erlöſer, und ſank ihm mit einem Lächeln in die Arme. Aber kaum war der letzte Athem ſeiner Bruſt ent⸗ flohen, kaum war das Todesröcheln auf ſeiner Lippe verſtummt, und kaum noch waren im Tode ſeine Augen erloſchen, als eine entſetzliche, grauenerregende Verände⸗ rung mit der erkalteten Leiche ſich zutrug.— Das ſpärliche weiße Haar löſte ſich, wie von einem Windhauche fortgeblaſen, von ſeinem Haupte ab, die Zähne fielen mit grauſigem Geklapper aus ihren Höh⸗ len, das vorher ſo ſtille, lächelnde Antlitz verlor in we⸗ nigen Secunden ſeine Form und Geſtalt, die Naſe ver⸗ ſank, die Augen fielen heraus aus ihren Höhlen, und wie durch einen Zauberſchlag löſten ſich die Muskel⸗ Wühlbach, Tartaroff I. 16 bänder der Glieder, und ſie fielen von einander ab, dieſe, in ſchnelle, entſetzliche Verweſung übergehenden Glieder. Die beiden Leibärzte des Papſtes ſtanden neben dem Lager, und ſchauten mit Entſetzen auf dieſes furchtbare, zauberhafte Schauſpiel. Er hat alſo doch Recht gehabt, murmelte der Leib⸗ arzt Barbi, die Hände faltend, er war vergiftet. Das ſind die Wirkungen des Acqua PTofana! Salicetti, der zweite Leibarzt, zuckte mit einem ver⸗ ächtlichen Lächeln die Schultern. Nehmt es wofür Ihr wollt, ſagte er, ich meinestheils werde der Welt bewei⸗ ſen, daß der Papſt Clemens XIV. eines natürlichen Todes geſtorben iſt. So ſprechend verließ Salicetti ſtolzen Schrittes das Sterbezimmer, und begab ſich in ſein Gemach, um die Krankheitsgeſchichte Ganganelli's zu beginnen, in welcher er, trotz des reichhaltigen Arſeniks, welches man bei der Obduction in dem Leichnam fand, und trotz dem, daß ganz Rom von der Vergiftung des Papſtes überzeugt war, und mit lauten Verwünſchungen ſeine Mörder nannte und bezeichnete, in welcher er, trotz dieſem Allen, dennoch zu beweiſen trachtete, daß Ganganelli eines natürlichen Todes, an einer lange verhehlten eit geſtorben ſei! ²)—— *) Archenholz. Thl v. S. 125. Gorani. Thl. I. S. 45. — 243— Und während Ganganelli ſeinen letzten Seufzer ver⸗ haucht hatte, läuteten die Glocken von St. Peter, donner⸗ ten die Kanonen der Engelsburg, und das neugierige Volk rannte und ſtürmte nach dem Quirinal, wo das Conclave zur feierlichen Papſtwahl zuſammengetrten war. Und Tauſende ſtarrten empor zu dem Palaſte, und Tauſende lauſchten und lagen auf ihren Knieen und beteten, bis endlich die Thüren des Balcons, hinter welchem das Conclave verſammelt war, ſich öffneten, bis der päpſt⸗ liche Ober⸗Ceremonienmeiſter auf dem Balcon erſchien. Auf ein gegebenes Zeichen verſtummte das Geläute der Glocken, das Donnern der Kanonen, athemlos lauſchend lagen dieſe Tauſende auf ihren Knieen. Dicht an den Rand des Balcons trat der Cere⸗ monienmeiſter. Eine Pauſe, eine lautloſe, entſetzliche Pauſe! Dann tönte weit über den Plätz hin ſeine Stimme, und man vernahm von ſeinen Lippen dieſe Worte: Habemus pontificem masimum Pium VI(Wir haben den Pabſt Pius VI.). Und die Glocken begannen auf's Neue zu läuten, die Kanonen donnerten, die Poſaunen wirbelten und dröhnten, auf dem Balcon erſchien der neue Papſt, Juan Angelo Braschi, Pius VI., und ertheilte dem knieenden Volke ſeinen päpſtlichen Segen!— Man hatte alſo wieder einen neuen Papſt, es blieb für den geſtorbenen Papſt nichts mehr übrig, als ihn zu begraben. Und man begrub ihn! 16* In feierlicher Proeeſſion, gefolgt von allen Cardi⸗ nälen und hohen Kirchenbeamten, umgeben von den Schweizer Garden, unter dem Geläute der Glocken, dem dumpfen Wirbeln der Trommeln, den feierlichen Geſängen der Prieſter, bewegte ſich der Leichenzug vom Quirinal aus nach der Peterskirche. Im üblichen, offe⸗ nen Sarge lag die Leiche, damit das Volk ihn noch zum letzten Male ſehe, den geſtorbenen Papſt! Als man die Engelsbrücke paſſirte, als der Sarg auf der Mitte der Brücke erſchien, drang ein Schrei des Entſetzens aus tauſend und tauſend Kehlen! Von dem Leichnam hatte ſich ein Bein abgelöſt, es hing aus dem Sarg heraus, nur noch ſchwehend in einer Falte des Leichenkleides. Der Cardinal Albani, der neben dem Sarge ging, ward von dieſem herabſchlotternden Bein an der Schulter be⸗ rührt, und er erblaßte, aber er hattte doch den Muth, das Bein zurückzuſtoßen in den Sarg.— Das Volk murrte laut, und ſchaudernd flüſterte man einander in's Ohr: Der Todte hat ſeinen Mörder angerührt. Man hat ihn vergiftet, unſern guten Papſt! Seine Glieder fallen ab. Das iſt die Wirkung des Acqua Tofana!*) *) Archenholz erzählt noch von einem andern Falle, in welchem das Acqua Tofana die gleiche heftige und ſchnelle Wirkung gezeigt. „Eine vornehme römiſche Dame, die jung und ſchön war, und viele Anbeter hatte, machte im Jahre 1778 ein ähnliches Experiment, ihren alten Gemahl los zu werden. Die Doſis war etwas ſtark eingerichtet, daher auch die Abſonderung der Glieder nach dem Tode ſehr ſchleunig Das infernaliſche Werk war alſo gelungen, die Rache war vollführt,— Ganganelli war nicht mehr, und auf dem päpſtlichen Throne ſaß Braschi, der Freund der Jeſuiten und des Cardinals Francesko Al⸗ bani, dem er die Krönung der Improviſatrice Corilla verſprochen! Und da dieſe Krönung dem habſüchtigen und geld⸗ gierigen Papſte Pius nichts koſtete, ſo fand er es für gut, diesmal ſein heiliges Verſprechen zu erfüllen, wenn auch nicht ſo bald, als Corilla es wünſchte und der Cardinal Francesko Albani es erſehnte. Erſt im Jahre 1776, faſt zwei Jahre nach der Thronbeſteigung Braschi's, fand die Krönung der Improviſatrice auf dem Capitole zu Rom ſtatt. Sie ſtand alſo endlich am Ziele ihrer Wünſche. Sie hatte es erreicht, ihr ehrgeiziges, langjähriges, Streben. Durch Beſtechungen und Liſten, durch erheuchelte Zärt⸗ lichkeit, durch alle Künſte der Coquetterie und Intrigue hatte ſie es endlich erreicht! und heftig erfolgte. Man wandte alle nur möglichen Mittel an, den Körper in einer menſchlichen Form zu erhalten, um wenigſtens die Ceremonie des Leichenbegängniſſes auszuhalten. Das Geſicht war mit einer wächſernen Larve bedeckt, und in dieſem Zuſtand wurde der Leichnam den Augen des Volks dargeſtellt.— Dies Abſondern der Glieder ſcheint die gewöhnliche Wirkung dieſes Giftes zu ſein, die ſich der Erfahrung zufolge äußert, ſobald der Körper erkaltet iſt.“ Archen⸗ un. V. 126. — Aber dieſer Triumph ſollte ihr doch nicht ungetrübt zu Theil werden! Die Nobili jauchzten ihr entgegen, und die Cardinäle und Kirchenfürſten, aber das Volk begleitete ſie mit Heulen und Ziſchen auf ihrem Wege zum Capitol. Ge⸗ dichte flatterten von allen Seiten herbei; das erſte, das auf Corilla's Haupt niederfiel, ergriff der Cardinal Albani und entfaltete es, um es mit lauter Stimme zu leſen. Aber ſchon nach den erſten Zeilen verſtummte er,— es war ein Schmähgedicht, und nur Spott und Hohn enthielten alle die andern Gedichte. Aber immer doch ward ſie gekrönt. Immer doch ſtand ſie oben auf dem Capitol, und der Lorbeerkranz zierte ihre Stirn, und als ſie ihn empfing, brachten ihre vornehmen Gönner und Freunde ihr ein Vivat.— Das Volk ſtimmte nicht ein, und als der Jubel ver⸗ ſtummte, da brang ein tauſendſtimmiges, donnerndes Hohngelächter zu der lorbeerbekränzten Dichterin empor, und dieſes Hohngelächter, dieſes Ziſchen und Heulen des Volkes, es begleitete ſie auf ihrem Rückwege vom Capitol, es verfolgte ſie durch die Straßen, es begleitete ſie bis zu ihrer Wohnung,— das Volk hatte ſie ge⸗ richtet! Schamvoll, zerknirſcht und voll Zornes entfloh ſie aus Rom und ging nach Florenz. Aber immer doch gehörte ihr der Lorbeer, ſie war angeſehen und geſucht, die Fürſten huldigten ihr, und — 247— Katharina von Rußland erfüllte das Verſprechen, das Orlow der Improviſatrice im Namen der Kaiſerin ge⸗ macht. Corilla erhielt von Rußland eine Penſion.— XX. der ruſſiſche Ofſtiet. Mit dem Tode Carlo's war Natalien's letzter Freund geſtorben, mit den geſtohlenen Diamanten und dem ge⸗ raubten Gelde waren Marianen's letzte Hülfsquellen er⸗ ſchöpft.— Aber Natalie achtete nicht auf das Klagege⸗ ſchrei Marianen's. Was kümmerte es ſie, ob ſie arm war und mittellos, was wußte ſie von dieſen äußern Schätzen und dieſem in Gold und Juwelen beſtehenden Reichthum.. Natalie wußte nur, daß ſie beraubt worden an einem edlen, geiſtigen Beſitzthum, daß man ihr den Freund gemordet, welcher mit ſo treuer, hingebender Liebe ſich ihr geweihet hatte, und über ſeine Leiche weinend, wid⸗ mete ſie ihm den Thränenzoll der reinſten Dankbarkeit, der ſchmerzlichſten Trauer! Aber ſo unvollkommen iſt die Welt, daß ſie uns oft zur Trauer keine Zeit läßt, daß ſie mitten in unſern Schmerz hinein ihre proſaiſchen Stimmen der Wirklich⸗ keit und des Bedarfs ertönen läßt, daß ſie uns nöthigt, unſere Thränen abzutrocknen und von den ſchmerzlich ſüßen Erinnernngen an ein verlorenes Glück unſere Gedanken abzulenken, um ſie dem praktiſchen Leben, der begehrlichen, uns beanſpruchenden Wirklichkeit zuzuwenden. Natalien's zarte Seele ſollte dieſe rauhe Berührung der Wirklichkeit erfahren, und in ſich erſchaudernd und erbebend mußte ſie ſich beugen unter die rauhe Hand der Gegenwart. Bleich, athemlos, zitternd ſtürzte Mariane in das Gemach, in welchem Natalie in einſamer Trauer um den vrlorenen Fereund weinte. Wir ſind verloren, rettungslos verloren! ſtammelte Mariane. Man will uns vertreiben aus unſerm letzten Beſitzthum, man will uns verſtoßen aus unſerm Hauſe! Das Unglück der ganzen Welt bricht über uns herein, um uns zu zerſchmettern!— Das junge Mädchen ſah ſie mit ruhigen, klaren Blicken an. So mag es uns zerſchmettern, ſagte ſie ruhig. Es iſt beſſer, ihm auf einmal zu unterliegen, als langſam von ihm verzehrt zu werden! Aber hört Ihr mich nicht, Prinzeſſin, ſchrie Mariane händeringend. Man will uns von hier vertreiben, ſage ich Euch, aus Eurem Hauſe will man Euch vertreiben! Und wer will das? fragte das junge Mädchen, in⸗ dem ſie ſich ſtolz und mit flammenden Blicken erhob. Wer wagt es, mir hier zu drohen in meinem eigenen Hauſe! Draußen ſtehen Soldaten und Sbirren und die Be⸗ — 249— amten der ruſſiſchen Geſandtſchaft. Mit Gewalt haben ſie ſich Eingang verſchafft, mit Gewalt ſind ſie einge⸗ drungen in das Haus. Schon verſiegeln ſie die Thüren und legen Beſchlag auf Alles, was ſich im Hauſe befindet. Eine dunkle Purpurröthe überhauchte für einen Mo⸗ ment Natalien's Wangen und ihre Augen flammten. Ich will doch ſehen, ſagte ſie, wer den kecken und räu⸗ beriſchen Muth hat, mir mein Eigenthum ſtreitig zu machen! Mit ſtolzen Schritten, mit hochgehobenem Haupte ſchritt ſie durch das Gemach und öffnete die Thür zum Corridor. Die Sbirren und Soldaten, welche dort aufgeſtellt waren, wichen ehrfurchtsvoll bei Seite. Natalie beach⸗ tete ſie gar nicht, mit ſtolzem Schritte eilte ſie dem Officier entgegen, deſſen laute, gebieteriſche Stimme die⸗ en Leuten ſo eben den Befehl ertheilte, alle Thüren zu verſiegeln und ſorgfältig zu wachen, daß nichts aus den Zimmern fortgetragen werde. Ich wünſchte zu wiſſen, ſagte Natalie mit ihrer kla⸗ ren, ſilberhellen Stimme, ich wünſchte zu wiſſen, mit welchem Rechte man hier in mein Haus eindringt, und welche Entſchuldigung Sie haben für dieſes freche Be⸗ tragen. Der Officier, welcher Niemand anders war, als Stepano, verbeugke ſich vor ihr mit einem leichten, iro⸗ niſchen Lächeln. Die Gerechtigkeit bedarf nicht der Entſchuldigung, ſagte er. Im Auftrag und Befehl Ihrer erlauchten Majeſtät, der großen Kaiſerin Katharina, lege ich Be⸗ ſchlag auf dieſes Haus und Alles, was es enthält. Es iſt von dieſer Stunde an das geheiligte Beſitzthum der ruſſiſchen Majeſtät. Es iſt das unantaſtbare Beſitzthum des Grafen Paulo! rief Natalie ſtolz. Es war das Eigenthum des Grafen Paul Raczinsky, ſagte Stepano. Aber die Hochverräther haben kein Be⸗ ſitzthum. Der verbrecheriſche Graf iſt des Hochverrathes bezüchtigt und überwieſen. Die Gnade unſerer Kaiſerin hat zwar das Todesurtheil in eine ewige Verbannung nach Sibirien verwandelt, aber die Confiscation ſeines ſämmtlichen Habes und Gutes zu genehmigen geruht. Kraft dieſer Genehmigung und mit Erlaubniß der hoch⸗ heiligen römiſchen Regierung, lege ich Beſchlag auf die⸗ ſes Haus und Alles, was es enthält! Natalie hörte ihn nicht mehr. Faſt beſinnungslos lag ſie in Marianen's Armen. Paulo war verloren, zum Tode verurtheilt, lebenslänglich gefangen und ver⸗ bannt, das allein hatte ſie gehört und begriffen, dieſe enſetzliche Nachricht hatte ihre Sinne verwirrt und ſie betäubt. Mein Herr, flehte Mariane, Natalie feſt an ihren Buſen drückend, Sie werden mindeſtens Barmherzigkeit üben an dieſem jungen Mädchen, Sie werden uns nicht 3 — 251— hinausſtoßen auf die Straße, Sie werden uns den ru⸗ higen Aufenthalt in dieſem Hauſe gönnen, bis wir un⸗ ſere Effekten zuſammengerafft, und mindeſtens Das uns ausgewählt haben, was unbeſtreitbar unſer iſt! Alles, was in dieſem Hauſe enthalten, iſt das unbe⸗ ſtreitbare Eigenthum der Kaiſerin! rief Stepano rauh. Aber doch wir ſelber nicht, hoffe ich! rief Mariane empört. Ueber unſere Perſonen wird ſich doch dieſe kaiſerliche Gewalt nicht erſtrecken? Stepano ſagte rauh: Die Thür ſteht Euch offen, geht! Aber geht ſogleich, ſonſt bin ich gezwungen, Euch als Aufwiegeler und Empörer zu verhaften! Ja, laß uns gehen, rief Natalie, die ſich wieder er⸗ holt hatte, laß uns gehen, Mariane. Nicht einen Mo⸗ ment länger laß uns verweilen in dem Eigenthum die⸗ ſer barbariſchen ruſſiſchen Kaiſerin, welche den edlen Grafen Paulo als einen Verbrecher verurtheilt, und mit gewaltthätiger, räuberiſcher Hand ſich ſeines Eigen⸗ thums bemächtigt! Und dem erſten Impuls ihres aufwallenden, edlen Stolzes folgend, nahm das junge Mädchen Marianen's Hand, und zog die Widerſtrebende mit ſich fork, Man ſoll uns mindeſtens nicht hinaus erfen aus unſerm Hauſe, ſagte ſie glühend, nein, nein, wir vollen freiwillig gehen, und uns ſelber verbannen! Aber wohin wollen wir gehen? i ien die Hände ringend. — 252—. Wohin Gott will! rief das junge Mädchen feierlich. Und wovon ſollen wir leben? jammerte Mariane. Wir ſind jetzt ganz arm und hülflos. Wovon ſollen wir leben? Wir werden arbeiten! ſagte Natalie ganz feſt und entſchloſſen— Eine eigene Ruhe und Kaltblütigkeit war über ſie gekommen. Das Unglück hatte eine neue Eigenſchaft ihres Weſens in ihr wach gerufen, der Schmerz eine neue Saite ihres Innern angeſchlagen,— ſie war nicht mehr das zarte, ſanft duldende, widerſtand⸗ loſe Kind, ſie empfand in ſich eine feſte Entſchloſſenheit, einen kühnen Muth, einen faſt Trotz und eine unbezwingliche Ruhe. Arbeiten! Ihr wollt arbeiten, Prinzeſt in! wimmerte Mariane. Ich werde es lernen, ſagte ſie, und mit immer eili⸗ geren Schritten näherte ſie ſich dem Ausgang des Gartens. Die Pforte, welche hinausführte auf die Straße, war weit geöffnet, Soldaten in ruſſiſcher Uniform hat⸗ ten ſich vor derſelben aufgeſtellt und wehrten mit ihren Carabinern die neugierigen Römer zurück, welche in dichten Haufen herbei drängten, froh, einmal hinein ſchauen zu dürfen in den ſo lange verſchloſſenen Zauber⸗ garten.— Seht, da kommt ſie, die Fee des Gartens! riefen ſie, als Natalie ſich jetzt der Pforte — 253— Wie ſchön ſie iſt, wie ſchön! rief man laut. Das iſt in Wahrheit eine Fee, eine Göttin! Natalie hörte nichts von dieſen bewundernden Aus⸗ rufungen, ſie hatte nur Ein Ziel, nur Einen Gedanken! Sie wollte dieſen Garten verlaſſen, ſie wollte fort, ſie hatte gar kein Bedauern, keine Klage um dieſes ver⸗ lorene Paradies in ſich, ſie wollte fort, nur fort, am liebſten in den Tiber, in den Tod hinein. Aber die an der Pforte aufgeſtellten Soldaten ver⸗ weigerten ihr den Ausgang. Entſetzt, befremdet blickte Natalie ſie an. Man wird mir mindeſtens nicht wehren können, mein Eigenthum freiwillig aufzugeben, ſagte ſie. Fort mit dieſen Gewehren und dieſen Säbeln! Ich will hindurch. Und das junge Mädchen trat entſchloſſen und kühn einen Schritt vorwärts. Aber wie eine Mauer ſtreckten ſich die Gewehre und Säbel über ſie aus, und jetzt überkam Natalie die Angſt der Verzweiflung, das troſtloſe Gefühl ihrer gren⸗ zenloſen Verlaſſenheit, ihrer jammervollen Einſamkeit. Thränen entſtürzten ihren Augen, ihr Stolz war gebrochen, ſie war wieder das junge, zitternde Mädchen, nicht mehr das heldenkühne Weib, ſie weinte, und mit zitternder Stimme, mit gefaltenen Händen flehte ſie zu den rauhen Soldaten um ein wenig Erbarmen, ein wenig Mitleid. Slie verſtanden ſie nicht ſie hatten kein Mitgefühl, 2 aber die Menge ward gerührt von den Thränen dieſes ſchönen jungen Mädchens, von dem händeringenden Schmerz der ſie begleitenden Frau. Man ſchrie, man heulte, man verhöhnte die Soldaten, man ſchwur, die beiden Frauen mit Gewalt zu befreien, wenn man ihnen nicht ſogleich einen Durchgang öffne. Stumm, unerſchütterlich, unbeweglich, einer Mauer gleich, ſtanden die Soldaten mit ihren vorgeſtreckten Gewehren. Durch das Geſchrei und das Ziſchen hindurch hörte man plötzlich eine laute gebieteriſche Stimme fragen: Was geht hier vor? Was bedeutet dieſer Lärm? Ein Officier machte ſich Bahn durch die Menge und näherte ſich der Gartenthür. Ehrerbietig wichen die Soldaten bei Seite, und er trat in den Garten. Oh mein Herr, ſagte Natalie, ihr bethräntes Antlitz zu ihm hinwendend, wenn Sie ein Ehrenmann ſind, ſo nehmen Sie ſich eines verlaſſenen, ſchutzloſen Mäd⸗ chens an, und befehlen Sie dieſen Soldaten, welche Ihnen zu gehorchen ſcheinen, daß ſie mich ungehindert mit meiner Begleiterin von hier fortgehen laſſen. Der ruſſiſche Offfcier Joſeph Ribas verbengte ſich tief und ehrfurchtsvoll vor ihr. Wenn es Prinzeſſin Natalie Tartaroff iſt, welche ich die Ehre habe zu be⸗ grüßen, ſagte er, ſo muß ich ſie im Namen meines er⸗ lauchten Herrn um ihre Verzeihung bitten, und komme auf ſeinen Befehl, um wieder gut zu machen, was hier Ungebührliches geſchehen! So ſprechend wandte er ſich zurück zu den Soldaten, und wechſelte einige leiſe Worte mit dem Anführer derſelben. Dieſer verneigte ſich ehrfurchtsvoll; ſeinen Soldaten ein Zeichen gebend, trat er weiter zurück auf die Straße, und drückte die Thür des Gartens in das Schloß ein. Man wrill mich alſo als eine Gefangene hier ſeſ⸗ halten? rief Natalie entſetzt. Man erlaubt mir nicht, dieſen Garten zu verlaſſen? Ew. Gnaden mögen dieſen Garten vorlzufig immer 6 noch als Euer Eigenthum betrachten, ſagte er ehrfurchts⸗ voll. Ich habe Befehl, varüber zu wachen, daß Niemand es wage, Euch hier zu beunruhigen, und aus dieſem Grunde bittet mein Herr ehrerbietigſt, Ihr möchtet gnä⸗ digſt geſtatten, daß ich als Wache Eurer Sicherheit in Eurem Hauſe bleibe! Und wer iſt dieſer großmüthige Herr? fragte Natalie. Sbeiſt ein Mann, welcher das feierliche Gelübde ge⸗ than hat, überall die Unſchuld zu ſchützen, wo er ſie be⸗ droht ſindet ſagte Joſeph Ribas feierlich. Ein Mann, der bereit iſt, für die von Gefahren und Feinden um⸗ ringte Prinzeſſin Tartaroff ſein Blut und Leben hinzu⸗ geben, ein Mann, fuhr er leiſer fort, der Euren edlen Vormund und Freund, den Grafen Pauſo, kennt und ₰ — 256— liebt und Euch bald geheime und ſichere Nachricht von ihm bringen wird! Er kennt den Grafen Paulo, rief Natalie freudig. Oh dann iſt Alles gut! Wer Paulo kennt, und ihn liebt, dem darf ich vertrauen, denn der muß ein edles Herz in ſeinem Buſen tragen! Und ſich mit einem reizenden Lächeln an Joſeph Ribas wendend, ſagte ſie: Mein Herr, führen Sie mich jetzt, wohin Sie wollen. Wir werden Ihnen Beide — überall hin folgen! Laſſen Sie uns vor allen Dingen in die Villa gehen und dieſe überläſtigen Menſchen entfernen! ſagte der ruſſiſche Officier, und ſchritt den beiden Frauen voran dem Hauſe zu. Dort waren noch immer die Soldaten und Sbirren „ beſchäftigt, die Thüren und Schränke zu verſiegeln. Jo⸗ ſeph Ribas trat mit zürnenden Blicken unter ſie, und indem er ſich an Stepano wandte, ſagte er: Mein Herr, ich werde Euch zur Rechenſchaft ziehen über dieſes voreilige und ungeſetzliche Benehmen! Ich bin in meinem Rechte! ſagte Stepano mürriſch. Hier der Befehl, dieſe Villa mit Beſchlag zu bele⸗ gen! Sie iſt als das Beſitzthum des Hochverräthers Rasczinsky der ruſſiſchen Krone verfallen. Da wäre nur der eine Irrthum zu berichtigen, ſagte Joſeph Ribas, daß dieſe Villa nicht das Beſitzthum des Grafen Rasczinsky war, ſondern daß er ſie ſchon vor . — 257— einigen Monaten ſeinem Freunde, meinem Herrn, ver⸗ kauft hat. Und da, ſo viel ich weiß, der erlauchte Graf, mein Herr, nicht auch ein Rebell iſt, ſo⸗Perdet Ihr ſein Eigenthum zu reſpectiren wiſſen! Da würdet Ihr zuerſt Eure Behouptung zu beglau⸗ bigen haben, rief Stepano mit einem rauhen Lachen. Hier iſt die urkundliche Beglaubigung! ſagte Joſeph Ribas, und reichte Stepano ein Blatt Papier dar. Dieſer las es aufmerkſam, dann verneigte er ſich ehr⸗ erbietig: Dann, mein Herr, war ich allerdings im Irr⸗ thum. Dieſe Schenkungsacte iſt richtig und von Sr. Gnaden, dem ruſſiſchen Geſandten, ſelber unterzeichnet. Ihr werdet mir verzeihen, denn ich handelte nur den mir gewordenen Auſträgen gemäß! Joſeph Ribas erwiederte Stepano's ehrerbietige Ver⸗ neigung mit einem ſtolzen Kopfnicken. Geht, ſagte er, nehmt eiligſt die Siegel wieder ab, und dann fort mit Euch! Aber als Stepano ſich mit ſeinen Leuten zurückziehen wollte, winkte ihn Joſeph Ribas noch einmal zurück. Ihr habt alſo die Schenkungsakte anerkannt? fragte er, und als Stepano bejahete, fuhr er fort: Ihr könnt es alſo nicht ablengnen, daß mein Herr der unbeſtreit⸗ bare Beſitzer dieſer Villa iſt, und mit ihr ſchalten und walten kann nach ſeinem Belieben? Ich leugne es gar nicht! brummte Stepano. Joſeph Ribas zog ein zweites Papier aus ſeinem Wihioch, Lartarof. 17 2 — Buſen hervor und reichte auch dies Stepano hin: Auch dieſe Schenkungsakte werdet Ihr als richtig anerkennen müſſen! Sie iſt gleichfalls von unſerm hieſigen Geſand⸗ ten unterzeichnet und beglaubigt.— Stepano las ſie, und ſagte dann faſt unwillig: Sie iſt richtig, aber der Graf iſt ein Tollkopf, ein ſo ſchönes Beſitzthum fortzuſchenken! Und murrend entfernte er ſich mit ſeinen Leuten. Natalie hatte, ſich an Marianen's Seite ſchmiegend, dieſem ganzen Auſtritt mit ſtummer Verwunderung zu⸗ geſchaut, und mit dem Staunen der Unerfahrenheit und Unſchuld begriff ſie nichts von dieſer ganzen Scene, noch kam irgend ein Argwnhi in ihre kindlich reine Seele.— Er geht alſo wirklich? fragte ſie, als Stepano ſich entfernte. Ja, er geht, ſagte Joſeph Ribas, und er wird es niemals wagen, Euch wieder zu beunruhigen. Fortan ſeid Ihr in Eurem unbeſtreitbaren Eigenthum! Mein Herr hat dieſe Villa und dieſen Garten in gerichtlich anerkannter Schenkungsakte zu Eurem Eigenthum ge⸗ acht! * und wer iſt Euer Herr? rief Natalie. Nennt mir ſeinen Namen, ſagt mir, wo ich ihn finde, daß ich ihHm danken kann! Ja, führt uns zu ihm, ſagte Marianne wei⸗ nend, laßt mich ſeine Füße umklammern und ſeinen F — 259— fernern Schutz anflehen für meine arme ſchutzloſe Prinzeſſin. Mein Herr begehrt keinen Dank! ſagte Ribas ſtolz. Er thut das Gute nur um des Guten willen, und die Unſchuld beſchützt er, weil das die Pflicht jedes Edel⸗ mannes und Ritters iſt. So nennt mir mindeſtens ſeinen Namen, daß ich für ihn beten kann! ſchluchzte Marianne. Ja, ſeinen Namen, rief Natalie mit einem reizenden Lächeln. Mein Gott, wie werd' ich dieſen Namen lieben! Sein Name iſt ſein Geheimniß, ſagte Ribas. Die Welt freilich kennt ihn und ſegnet ihn, und nennt ihn den Tapferſten der Tapfern. Aber es iſt ſein Befehl, daß Ihr ihn nicht erfahrt! Er will nichts, keinen Dank, keine Anerkennung, er will nur Euer Glück und Eure Ruhe ſichern, und dadurch des feierliche Gelübde löſen, das er ſeinem Freunde, dem Grafen Paulo Rasczinsky, gegeben, Euch zu behüten wie Euer Vater, und Euch zu bewachen wie Euer Schutzgeiſt! Dank, Dank, mein Gott! rief Marianne, die Arme gen Himmel erhebend. Du ſendeſt uns Hülfe in unſerer“ Noth, Du biſt es, welcher der leidenden Unſchuld ſich erbarmt und ihr einen Retter ſendet in ihrer höchſten Bedrängniß.* Das junge Mädchen ſagte nichts. Ihr ſtrahlender, verklärter Blick war himmelwärts gerichtet, und mit — 260— einem dankbaren, ſeligen Lächeln die Hände über ihre Bruſt zuſammenfaltend, flüſterte ſie: Ich bin alſo nicht mehr allein, ich habe einen Freund, der mich behütet und bewacht. Wer er auch ſei, Graf Paulo ſendet ihn. Wie er ſich auch nennen möge, ich werde ihm ewig dankbar ſein! XXI. Die Erwartung. Ein neues, wunderbares Leben begann ſeit dieſem Tage für Natalie. Wie von einem Mährchen, einem traum⸗ haften Zauber fühlte ſie ſich umſtrickt, es war ein phan⸗ taſtiſches, übernatürliches Leben, es ſchien, als ob irgend ein unſichtbarer Genius ſie umſchwebe, alle ihre Gedan⸗ ken belauſchend, alle ihre Wünſche zur Wahrheit machend. Und Joſeph Ribas war der neckiſche, ſtets heitere, ſtets dienſtbereite Kobold dieſes unſichtbaren Gottes. Mein Herr iſt nicht zufrieden mit der beſcheidenen Einrichtung Eurer Villa, ſagte er am erſten Tage zu Natalie. Er bittet Euch, ihm zu erlauben, daß er Eure Zimmer ſchmücken laſſe mit der Pracht, die Eurem Range und Eurer zukünftigen Größe gebührt! Und worin wird meine zukünftige Größe beſtehen? fragte das junge Mädchen neugierig.£ d n wird Euch zur rechten Zeit un zur rech⸗ — 261— ten Stunde klar werden, ſagte Joſeph Ribas ge⸗ heimniß voll. Wer wird es mir ſagen? Er, der Graf! Ich werde ihn alſo ſehen? rief ſie freudig. Vielleicht! Werdet Ihr aber jetzt erlauben, Eure Zimmer in Ordnung bringen zu laſſen? Dieſe Villa gehört Eurem Herrn, ſagte Natalie. Er hat darin zu ſchalten, als der Herr und Gebieter. Und zufrieden geſtellt, eilte Ribas fort, um nach we⸗ nigen Stunden mit mehr denn funfzig Arbeitern, Hand⸗ werkern und Künſtlern zurückzukehren, und das Werk der Ausſchmückung zu beginnen. Bis dahin war die Villa mit Zierlichkeit und Ele⸗ ganz eingerichtet geweſen, man hatte da nichts zu ver⸗ miſſen gehabt an Comfort und Bequemlichkeit, an An⸗ muth und Geſchmack. Aber es war immer nur die faſhionable, elegante Wohnung eines vornehmen Privat⸗ mannes geweſen. Jetzt, wie durch einen Zanberſchlag verwandelte ſich dieſe Villa in wenigen Tagen in den glänzenden Palaſt irgend eines Sultans oder Kalifen. Da waren ſchwere türkiſche Teppiche, welche den Fuß⸗ boden bedeckten, da waren ſammetne Vorhänge mit gol⸗ dener Stickerei an den Fenſtern und Wänden, da ſah man die reichſten, bequemſten Divans und Lehnſtühle mit golddurchwirkten Stoffen; Vaſen, verziert mit den koſtbarſten Edelſteinen, herrliche Bronzeſtatuen, ſchöne * — 262— Gemülde, dazwiſchen die ſeltenſten, von Juwelen blitzen⸗ den, zierlichen Ueberflüſſigkeiten, welche die neueſte Zeit mit dem Namen der Nipps bezeichnet hat,— da gab es niedliche kleine Spielereien von unermeßlichem Werth, und mit raffinirteſter Sinnigkeit war Alles hervorge⸗. ſucht, was der Luxus an prachtvoller Bequemlichkeit zu bieten vermag. Staunend, mit kindlichem Entzücken flog Natalie durch dieſe Räume, die ſie in ihrer Aus⸗ ſchmückung und ihrer Wunderpracht kaum wieder er⸗ kannte, ſtand ſie vor dieſen Schätzen und Spielereien, die ſie kaum zu berühren wagte. Dieſer Graf muß entweder ein Zauberer oder ein Nabob ſein, ſagte Marianne ſinnend, Millionen ſind nö⸗ thig geweſen, um dieſes Alles herzuſtellen. Natalie fragte nichts darnach, ob er ein Zauberer oder ein Millionär oder ein Nabob ſei, ſie dachte nur, daß ſie ihn ſehen, ihm danken möchte, weiter nichts. Kommt er denn jetzt? fragte ſie den ſtets demüthi⸗ gen und ſclaviſch ergebenen Joſeph Ribas, komit er. jetzt, da ſein Haus geſchmückt iſt zu ſeinem Empfang? Es iſt nur für Euch geſchmückt, Prinzeſſin, ſagte Ribas demuthsvoll. Der Graf, mein Herr, will nichts, als Euch in Räumen wiſſen, die Eurer würdig ſind! Aber was ſollte ihr dieſer Luxus, was fragte ſie nach dieſen Schätzen, deren Werth ſie nicht zu ermeſſen ver⸗ mochte, und der ihr gleichgültig war? Sie, die weder einen Begriff von dem Reichthum, noch von dem Gelde — 263— hatte! Sie, die nicht wußte, daß es auf der Welt die Armuth gäbe und den Hunger, ſie, die gleichſam außer⸗ halb der Welt aufgewachſen war, in einem von der Welt abgeſonderten Eden, über das die unheilvollen Geiſter aus der Büchſe der Pandora noch ihre Gewalt nicht geübt hatten. Sie kannte nur die Schmerzen der Glücklichen, die Entbehrungen der Reichen, ſie hatte weder mit dem wirklichen Unglück zu kämpfen gehabt, noch eine wirkliche Noth und Entbehrung jemals erfahren. Jetzt freilich war ein tieferer Schmerz in ihr Leben getreten, ſie hatte ihren geliebten, väterlichen Freund, den Grafen Paulo, verloren, und auch Carlo war ihr entriſſen. Das war allerdings ein tiefer Schmerz, und um Beide hatte ſie viel geweint und viel gelitten,— aber es war immer noch kein wahres Unglück. Sie hatte immer noch nicht ihres Lebens einzigen Inhalt verloren, denn dieſe Beiden, wie ſehr ſie ſie immer ge⸗ liebt, ſie hatten doch ihr Leben noch nicht im Ganzen und Vollen ausgefüllt, ſie waren ein Theil des Glückes geweſen, aber nicht das Glück ſelber. Und ſie erwartete das Glück! Sie erwartete es mit Entzücken und Andacht, mit fieberiſcher Hoff⸗ nung und glühender Sehnſucht. Sie wußte nicht und fragte nicht, worin es beſtehen würde und. was es ſei, dieſes Glück, und dennoch ſchlug ihm ihr ganzes Herz entgegen, rief ſie es mit hochklopfendem Buſen — 264— und flüſternden Lippen herbei, dieſes unbekannte, namenloſe Glück. Sie war ſo viel allein, ſie hatte ſo viel Zeit zu träumen und ſich zu berauſchen in phantaſtiſchen Bildern. Sie war umgeben von einem Mährchen, und ſie war die Fee dieſes Mährchens! Aber aus dieſem Traum⸗ leben des Mährchens ſehnte ſie ſich zuweilen nach der Wahrheit und Wirklichkeit, aus dem Idealen nach dem Realen. Dann rief ſie Joſeph Ribas an ihre Seite, dann bat ſie ihn zu erzählen von dem unbekannten Herrn, von ſeinem Grafen. Er erzählte ihr von ſeinen Heldenthaten und Schlach⸗ ten, von den Wundern der Tapferkeit, die er vollbracht, und das junge Mädchen hörte ihm bebend und er⸗ ſchauernd zu. Sie hatte Furcht vor dieſem Manne, der Ströme Blutes vergoſſen, und den ſeine Feinde noch mit ſterbender Lippe geprieſen als den größten der Helden! Und Joſeph Ribas lächelte, wenn er ſie erbleichen und zittern ſah, und er ſprach zu ihr von ſeiner Groß⸗ muth und Menſchenliebe, von ſeiner Ritterlichkeit und Tugend, er erzählte ihr, wie er hier mit Gefahr ſeines Lebens irgend ein verfolgtes junges Mädchen geſchützt und errettet, wie er dort eines hülfloſen Greiſes ſich erbarmt, und er, der Einzelne, ihn geſchützt gegen eine Schaar blutdürſtiger Feinde. Auch ſprach er zu ihr von den Schmerzen, welche ſein Herr gelitten, von dem Undank, welcher ihm geworden, von den Täuſchungen, — 265— die er erfahren, und Natalien's Augen füllten ſich mit Thränen, und mit vorwurfsvollem Blicke fragte ſie den Himmel, wie er es habe zulaſſen können, daß bie Tu⸗ gend dieſes edlen unbekannten Helden ſo geprüft worden, und die Schlechtigkeit der Menſchen, ſo ihn habe be⸗ trüben müſſen. Das iſt es, ſagte dann Ribas oft, er ſpendet überall das Glück, aber er ſelber hat es nicht! Ueberall wo er erſcheint, macht er heitere und frohe Geſichter, nur ſein Antlitz bleibt ernſt und ſchwermuthsvoll. Die Menſchen haben ihn trübe und hoffnungslos gemacht, und für ſich ſelber glaubt er nicht mehr an das Glück. Mein Gott, wie alsdann das Herz des jungen un⸗ ſchuldigen Kindes bebte, und wie ſie ſich ſehnte, irgend ein Mittel zu kennen, um ihn wieder glauben zu machen an das Glück! Aber weshalb kommt er nicht zu Denen, welche ihn lieben? fragte ſie. Weshalb entzieht er ſich dem Danke Derer, die aus wahrhaftem Herzen ihm ergeben ſind? Mein Gott, er würde in unſern naſſen Blicken und nnſern freudeſtrahlenden Geſichtern die Wahrheit unſers Gefühls erkennen müſſen? Warum kommt er nur nicht? Ich will's Euch geſtehen, ſagte Ribas lächelnd, er haßt die Frauen, denn die Eine, Einzige, welche er je⸗ mals geliebt, ſie hat ihn betrogen, und nun hat ſich die Liebe in den glühendſten Haß gegen alle Frauen ver⸗ wandelt. * — 26— Ich werde ihn alſo niemals ſehen! ſeufzte das junge Mädchen, und ließ ſchwermuthsvoll das Haupt ſinken.— Dieſe Erwartung, die ſtets ſich ſteigernde Ungeduld, ſie machte ſie unzugänglich jedem andern Gefühl, jedem andern Gedanken. Er, den ſie nicht kannte, deſſen Na⸗ men ſie nicht wußte, er war ihr von Paulo geſandt worden, deshalb hatte ſie zuerſt vertraut und an ihn geglaubt! Jetzt hatte ſie ſchon vergeſſen, daß ſie ihm um Paulo's willen vertraut, ſie glaubte um ſeiner ſelbſt willen an ſein Selbſt, und Paulo war in den Hinter⸗ grund getreten. Zuweilen auch ſtieg noch das blutige Bild des armen Carlo vor ihrem Innern empor, und heimlich machte ſie ſich Vorwürfe, daß ſie zu kurz um ihn getrauert, zu ſchnell den treuen, aufopfernden Freund vergeſſen habe! Aber ſelbſt dieſe Vorwürfe mußten bald verſtummen, wenn ſie mit hochklopfender Bruſt des neuen Freundes gedachte, der wie ein Gott in unendlicher, unerreichbarer Ferne über ihr ſchwebte, und deſſen geheimnißvoll wal⸗ tende Nähe ihr Erſatz gebracht für die beiden Freunde, welche ſie verloren, und um die ſie nicht einmal mehr zu trauern vermochte! XXII. Er! Jetzt iſt es Zeit! ſagte Joſeph Ribas, als er eines Ta⸗ ges, von Natalien kommend, in das Boudvir des Gra⸗ fen Alexis Orlow trat. Jetzt, Exeellenz, iſt der rechte Augenblick gekommen! Ihr müßt Euch zeigen, oder dieſes junge neugierige Kind verzehrt ſich an dem innern Feuer der Sehnſucht, das ihr Blut in eine wahre Lohe verwandelt hat! Sie denkt nichts als Euch, mit wachen Augen träumt ſie von Euch, und ohne zu ahnen, daß man ſie belauſcht, ſpricht ſie zu Euch, mein Gott, mit welcher keuſchen Zärtlichkeit und mit welcher de⸗ muthsvollen Hingebung! Ich ſage Euch, Excellenz, Ihr ſeid zu beneiden. Es giebt kein unſchuldigeres Kind, keine liebeglühendere Jungfrau. Und ſie weiß es nicht einmal, nein, ſie ahnt es durchaus nicht, daß ſie Euch bereits ſchwärmeriſch liebt, und nach Euren Küſſen dürſtet, wie die Roſe nach dem Morgenthau! Sie weiß nichts von der Liebe! Sie ſoll davon erfahren, rief Orlow lachend. Das iſt eine köſtliche Aufgabe, dieſe kleine Unwiſſende über ihre eigenen Gefühle aufzuklären. Und ich denke, ich verſtehe das! Tragt vor allen Dingen Sorge, Excellenz, ſagte — 268— 3 Ribas, dem Ibeal zu entſprechen, das ſie in ihrem Her⸗ zen trägt. Sie erwartet nichts weniger, als einen Son⸗ nengott zu ſehen, deſſen ſtrahlende Schönheit ſie ver⸗ nichten wird, wie Jupiter die Semele! Nun, darin, hoffe ich, ſoll ſie ſich nicht getäuſcht haben, rief Orlow, ſich ſelbſtgefällig im Spiegel betrach⸗ tend. Wenn ich auch nicht Jupiter bin, ſo nennt man mich doch den Herkules, und der, weißt Du, iſt der Sohn des Jupiter, und zwar ſein ſchönſter Sohn! Und ſeid nun ganz Herkules, ſagte Ribas, ein Zephyr und ein Donnergott zugleich. Macht, daß ſie vor Eurer Heldenhoheit zittert, und zugleich zu Eurer demuthsvol⸗ len, ſchüchternen Liebe Vertrauen gewinnt, dann iſt ſie Euer! Vorſichtig müßt Ihr ſein, ganz leiſe müßt Ihr Eure Netze ausſpannen, mit keinem Wort, mit keinem Blick dürft Ihr dieſe zarte Senſitive verletzen, ſonſt entflieht ſie Euch wie eine ſcheue Gezelle! Oh, meine Arme ſind ſtark genug, ſie feſtzuhalten, wenn ſie entfliehen will! Beſſer noch, Ihr haltet ſie an ihrer eigenen Schwär⸗ merei ſo feſt, daß ſie gar nicht entfliehen kann, ſagte Ribas. Ihr müßt ſie ganz berauſchen durch Eure zarte, demuthsvolle Liebe, dann iſt ſie Euer! Weiß ſie, daß ich komme? fragte Orlow ſinnend. Nein, nichts weiß ſie! Im Garten ſitzt ſie und ſeufzt, und greift zuweilen in die goldene Cither, die in ihrem Arme liegt, und fragt die Blumen und den — 2— Himmel: Wie heißt er denn, der ferne unbekannte Freund! Auf welchem Sterne wohnt er, und wie nenn' ich ihn? Ich will ſie alſo überraſchen! ſagte Orlow. Laß ſie mein Kommen ahnen, aber verſprich es ihr nicht! Es beginnt zu dunkeln. Wo iſt ſie Abends? Immer im Garten! Da ſitzt ſie und träumt und ſeufzt nach Euch! Berede ſie, in's Haus zu gehen, und überall laſſe Kerzen anzünden und Alles feſtlich erleuchten! Ich will ihr im vollen Glanze des Lichtes erſcheinen! He, Ihr Schufte, Ihr Hunde, bringt mir mein orientaliſches Coſtüm, das reichſte, ſchönſte, eilt Euch, oder ich er⸗ droßle Euch! Und Graf Orlow eilte in ſein Toilettenzimmer zu ſeinen zitternden, demuthsvoll ſeiner harrenden Sclaven. Joſeph Ribas kehrte mit einem pfiffigen, zufriedenen Lächeln nach der Villa zurück. Wie er vorher geſagt, traf er Natalie im Garten, die Cither im Arm, träu⸗ mend, ſehnſuchtsvoll. Ihr ſolltet dieſen Abend in's Haus gehen, ſagte er, die Luft iſt kühl und feucht, ſie könnte Euch ſchaden! Was liegt daran! ſagte ſie ſchwermuthsvoll. Ob ich krank bin, ob nicht, wer fragt darnach? Wer wird um mich weinen, wenn ich ſterbe? Er!. Oh Er! ſeufzte ſie. Er haßt ja alle Weiber! Euch ausgenommen! flüſterte Ribas. Prinzeſſin, geht hinein in's Haus! Schont Eures koſtbaren Lebens. Ich bin es nicht, der darum bittet— Wer iſt es denn? unterbrach ſie ihn haſtig. Er iſt es! Er bittet Euch darum!— Natalie ſprang empor, und flog eiligen Schrittes dem Hauſe zu. Ich werde niemals wieder Abends in ben Garten gehen, ſagte ſie. Es iſt ſein Befehl! Gelobt ſei Gott, es giebt doch etwas, worin ich zu geho zube und Er befiehlt es mir! Aber wozu dieſe Helle? fragte ſie dann, 5 die Gemächer ſchreitend, faſt geblendet von dem tauſend⸗ fachen Glanz dieſer Girandolen und Kronleuchter, dieſer Spiegel und Juwelen. 3 Der Graf hat es ſo befohlen, ſagte Ribas. Er liebt die Helle und das Licht. Aber, Prinzeſſin, möchtet Ihr nicht heute hier in dieſem Bondvir bleiben? Seht nur, wie es ſchön iſt, wie lockend kühl durch dieſen Spring⸗ brunnen, der den Raum mit friſcher Luft und mit Wohlgerüchen erfüllt. Da iſt es wundervoll lauſchig und ſtill. Auf dieſen Sammetpolſtern ruhend, ſchaut Ihr die Reihe der Zimmer hindurch, die in der That heut wie der Himmel funkeln und flammen, und hier in dieſem Bondvir iſt ein ſüßes Halbdunkel, das dem Auge und Herzen wohlthut! Nein, nein, ſagte ſie mit einem reizenden tihan — 271— Ich liebe auch die Helle und das Licht! Hier iſts zu düſter! 6 Bleibt dennoch hier! Und weshalb? Er wünſcht es ſo! ſagte Ribas geheimnißvoll. Er wünſcht es? rief das junge Mädchen, und ſie zitterte und ward bleich. Dann plötzlich übergoß eine Purpurröthe ihr Antlitz und ſchwankend mußte ſie ſich an einem Seſſel halten, um nicht umzufinken. Mein Gott, ſtammelte ſie, wäre es möglich? Kann dieſes Glück gedacht werden? Iſt's wahr, was ich in Euren Augen leſe? Iſt es? Kommt er hierher? Hofft es immerhin, ſagte Ribas, indem er ſich eiligſt durch eine Seitenthür entfernte. Natalie ſank wie betäubt auf den Divan nieder. Ein Gefühl der grenzenloſeſten Angſt, des maßloſeſten Entzückens überkam ſie plötzlich. Sie hätte entfliehen mögen, und doch fühlte ſie ſich wie feſtgebannt, ſie hätte ſich vor ihm verbergen mögen, und doch fühlte ſie ſich freudig bereit, mit ihrem Leben das Glück ſeines Anblicks zu erkaufen! Es war ein wunderbares Gemiſch von Wonne und Entſetzen, von Glück und Verzweiflung. Sie breitete die Arme gen Himmel, ſie verſuchte zu be⸗ ten, aber ſie hatte keine Gedanken, keine Worte, ſelbſt keine Thränen. Ein leiſes Geräuſch machte ſie erbeben, faſt entſetzt flog ihr Blick in die Reihe der Zimmer hinein. Dort — 272— unten ſah ſie etwas Fremdes, Seltſames, Zanberiſches ſich nahen. Es war eine unbekannte, nie geſehene Ge⸗ ſtalt, aber von wunderbarem Glanz umſtrahlt, gehüllt in reiche, flimmernde Gewänder, wie ſie ſie nie geſehen; es war ein fremdes, unbekanntes Angeſicht, aber von erhabener, heldenmäßiger Schönheit, ſtolz zugleich und edel, kühn und milde. 5 Das iſt er, flüſterte ſie athemlos, beklommen. Ja, das iſt er! Das iſt ein Mann, ein Held! Mein Gott, mein Gott, ich werde ſterben unter ſeinen Blicken! Immer näher kam er heran, und mit jedem Schritt, den er vorwärts that, fühlte ſie ihr Herz ſich mehr zu⸗ ſammenziehen in Angſt und Wonne, ihren Athem be⸗ klommener, fieberiſcher werden. Jetzt ſtand er auf der Schwelle des Bondoirs, jetzt blickte er ſie an. Und ſie? Sie lag oder kniete halb auf dem Divan, ganz be⸗ wegungslos, bleich wie ein Marmorbild, mit dieſem hehren, göttlichen Lä Lächeln, das wir an den Bildwerken der Alten bewundern. Rührend war ſie anzuſchauen, ſo zart, ſo weiß, wie eine Lilie, ſo demuthsvoll und ergeben, ſo ſchutzbedürftig und liebeflehend! Aber Graf Orlow fühlte weder Mitleiden noch Er⸗ barmen, er ſah nur, daß ſie ſchön ſei, wie ein Engel, ein wundervolles Weib, das ihn lieben ſolle! Stolz wie ein König und doch zugleich ehrerbietig — 273— und unterwürfig, näherte er ſich, ſank er nieder vor bem Divan, auf welchem ſie zitternd, in ſeliger Beklommen⸗ heit lehnts. Prinzeſſin Natalie, flüſterte er leiſe, werdet Ihr Eurem Sclaven zürnen, daß er Euch überfallen, ohne zu wiſſen, ob er Euch willkommen iſt? Sie athmete hoch auf. Es that ihr wohl, ſeine Stimme zu hören, ſie fühlte ſich erleichtert, befreit. Er war kein Zauberer, kein Dämon, er war ein Menſch, und mit menſchlichen Worten ſprach er zu ihr. Das gab ihr Muth und Kraft, das gab ihr das Bewußtſein ihrer eigenen Würde wieder. Sie ſchämte ſich ihrer Angſt, ihres Bebens, ihrer kindiſchen Unbe⸗ holfenheit. Doch wußte ſie nichts zu ſagen, nichts zu erwidern. Sie reichte ihm nur mit einer unnachahmlichen Grozie, einem reizenden Lächeln die Hand dar, und hieß ihn mit einem ſtummen Neigen des Kopfes willkommen. Er nahm ihre Hand und drückte ſie an ſeine Lip⸗ pen; dieſe Berührung ſchien ſie wie mit electriſcher Gluth zu entzünden, und ſie entzog ihm faſt erſchreckt ihre Hand. Ihr zürnt mir alſo doch? fragte er ſchmerzlich. Nein, ſagte ſie haſtig, ich zürne Euch nicht. Aber ich habe Furcht vor Euch. Ihr ſeid ein ſo großer Held und Euer Schwerdt hat ſo vielen Tapfern den Tod ge⸗ geben. Ich ſah Euer Schwerdt an, und da erſchrak ich. Mühlbach, Tartaroff M. 18 — — 274— Graf Orlow blickte ſie erſtaunt und fragend an. Wes⸗ halb ſagte ſie das? Hatte ſie irgend einen Argwohn, ein Mißtrauen, oder war es nur eine Ahnung, ein un⸗ erklärlicher Inſtinct, der ſie erbeben machte vor ſeinem Schwerdt? Nein, ſie ahnt nichts! dachte er, als er in dieſes reine, unſchuldige Kinderantlitz ſchaute, das mit from⸗ mem Vertrauen und doch mit ſchüchternem Zagen ſich ihm zuwandte. Er machte den von Brillanten funkelnden Gürtel, an welchem ſein Schwerdt hing, los, und legte Beides demuthsvoll zu Natalien's Füßen nieder. Prinzeſſin, ſagte er, die Kaiſerin ſelber hat mir die⸗ ſen Degen umgegürtet, und ich ſchwur, daß er nur mit meinem Leben von meiner Seite kommen ſollte. Ihr ſeid mir theurer als mein Leben und meine Ehre, ich breche alſo meinen heiligen Schwur. Nehmt meinen Degen, ich bin jetzt ohne Wafſen, und Ihr werdet nicht mehr vor mir zu zittern haben! Sie wiegte lächelnd das Haupt. Ihr bleibt ein Held, auch ohne Waffen, ſagte ſie, es liegt in Euren Augen! Ich würde meine Augen ſchließen, ſagte er, aber dann ſehe ich Euch nicht, Prinzeſſin, und ich habe Euren Anblick doch ſchon ſo lange erſehnt! Weshalb kamt Ihr denn nicht früher? fragte ſie, und jetzt fühlte ſie ſich ſchon ganz unbefangen, ganz heiter. Ja gewiß, weshalb kamt Ihr nicht — 275— früher? Oh, wenn Ihr wüßtet, wie lange ich Euch er⸗ wartete! Und voll kindlicher Unſchuld begann ſie ihm zu er⸗ zählen, wie viel ſie an ihn gedacht, wie oft ſie ihn er⸗ ſehnt und von ihm geträumt, wie oft ſie laut zu ihm geſprochen, und faſt gemeint, ſeine Antworten zu hören, um ihm wieder darauf zu antworten. Graf Orlow hörte ihr mit ſtaunendem Entzücken zu. So hatte er ſie nicht erwartet, ſo kindlich heiter, ſo reizend unſchuldig nicht, und doch dabei ſo jungfräulich zurückhaltend, ſo voll natürlicher Würde! Bald lachte ſie wie ein Kind, bald war ihr Antlitz ernſt und ſtolz, bald wieder zart und ſchüchtern. Sie war ein Kind und ein lebenglühendes Weib, ſie war wie ein Engel ſo unſchuldig, und doch voll ſo füßer, unbewußter, jung⸗ fräulicher Coquetterie.— Ganz anders war ſie, als Orlow ſie erwartet hatte, vielleicht minder ſchön, minder blendend, aber unendlich viel lieblicher und reizender. Sie bezanberte ihn mit ihrem Lächeln, ſie rührte ihn faſt mit ihrem unſchuldigen, kindlichen Angeſicht. Sprecht weiter, weiter, ſagte er, als ſie ſchwieg. Es iſt wundervoll, Euch zuzuhören, Prinzeſſin! Weshalb nennt Ihr mich ſo? fragte ſie mit leichtem Stirnrunzeln. Das iſt ein ſo fremdes, kaltes Wort. Es gehört gar nicht zu mir, und erſt ſeit einigen Mo⸗ naten nennt man mich ſo. Voll weiſer, zarter Schonung hat mir Paulo lange verſchwiegen, daß ich eine Prin⸗ 18* — 276— zeſſin ſei, und das war ſchön von ihm. Eine Prinzeſſin zu ſein, und doch eine Waiſe, ein armes, verlaſſenes, hülfsbedürftiges Kind, das von der Gnade ſeiner Freunde lebt, und ſich zitternd und demuthsvoll unter ihre ſchützenden Hände ſchmiegt! Seht, das bin ich, eine arme Waiſe, weshalb wollt Ihr mich alſo eine Prin⸗ zeſſin nennen? Weil Ihr es in Wahrheit ſeid, rief Orlow, ihr Gewand an ſeine Lippen drückend. Weil ich ge⸗ kommen bin, Euch Eurem Glanze und einer hohen, machtvollen Zukunft entgegen zu führen. Weil ich Euch verklären will vor allen Frauen der Erde, und Euch zur Herrin machen will über ein großes, glänzen⸗ des Reich. Sie ſah ihn mit einem träumeriſchen Lächeln an. Ihr ſprecht, wie Paulo öfter zu mir ſprach, ſagte ſie. Er ſchwur auch, daß er dereinſt eine Kaiſerkrone auf mein Haupt ſetzen wollte, und daß ich ſehr mächtig, ſehr erhaben ſei. Ich verſtand ihn ſo wenig, wie ich Euch verſtehe. Ein leiſes, ſpöttiſches Lächeln überflog einen Moment Orlow's Züge. Katharina hatte alſo ganz richtig er⸗ rathen, dachte er, und ihr weiſer Geiſt hat dieſen Rase⸗ zinsly richtig verſtanden. Es handelte ſich in der That um eine Kaiſerkrone, und dies ſollte die neue kleine Kaiſerin ſein. Laut ſagte er: Ihr werdet mich bald verſtehen, — 277— 4 ſin, und Ihr müßt ja wiſſen, von Krone Paulo ſprach. Ich weiß es nicht, ſagte ſie, und ich Setn es auch nicht zu wiſſen. Es war vielleicht ein Scherz, mit dem er mich zu tröſten ſuchte, wenn ich darüber klagte, eine heimathloſe Waiſe, ein armes Kind zu ſein, das nicht einmal den Namen ſeiner Mutter kennt! Den kennt Ihr nicht? rief Orlow verwundert. Sie ſchüttelte traurig ihr Haupt. Man hat ihn mir niemals ſagen wollen, ſagte ſie. Aber da drinnen im Herzen, da lebt ihr Bild, und das mindeſtens werde 6 nie verlieren und vergeſſen! Ich kannte Eure Mutter, ſagte Orlow, ſie war ſchtn wie Ihr, und gnadenvoll und milde. Ihr kanntet ſie! rief das junge Mädchen, indem ſie ſeine Hand faßte und mit zutraulicher Freundlichkeit ihn anblickte. Oh, Ihr kanntet ſie. Jetzt werdet Ihr mir doppelt theuer ſein, denn dieſe Eure kühnen Augen, ſie haben meine Mutter erſchaut und vielleicht, ach viel⸗ leicht hat dieſe Hand, welche jetzt in der meinen ruht, auch zuweilen die liebe Hand meiner Mutter berührt! Das, ſagte Orlow lächelnd, das hätte ich nicht wa⸗ gen dürfen, es wäre ein Staatsverbrechen geweſen! War ſie denn eine ſo große, erhabene Fürſtin? fragte Natalie. Sie war eine Kaiſerin! Eine Kaiſerin! Und das junge Mädchen flog von ihrem Sitze empor, mit ſtrahlenden Blicken und glühen den Wangen. Meine Mutter war eine Kaiſerin! ſagte ſie hochathmend. Kaiſerin Eliſabeth von Rußland! Ueberwältigt von dieſen neuen, plötzlich auf ſie ein⸗ dringenden Gefühlen, ſank Natalie zurück auf ihren Sitz, und bedeckte mit ihren Händen ihr Geſicht. Thränen dran⸗ gen hervor zwiſchen ihren zarten, ſchlanken Fingern, ihr ganzes Weſen war in heftiger, fieberiſcher Wallung. Dann hob ſie die Arme gen Himmel und mit einem himmliſchen, entzückten Lächeln, ihr Antlitz überfluthet von Thränen, rief ſie: Ich bin alſo keine Waiſe, keine Heimathloſe mehr! Ich habe ein Vaterland, und meine Mutter war eine Kaiſerin! Graf Orlow küßte mit Ehrfurcht den Saum ihres Kleides. Ihr ſeid die Tochter einer Kaiſerin, ſagte er, und Ihr werdet ſelber eine Kaiſerin ſein! Das war es, was Paulo wollte, deshalb hat man ihn als Verbrecher verurtheilt. Was er nicht zu Stande bringen konnte, mir muß es gelingen, und dazu bin ich gekommen. Prinzeſſin Natalie, Euer Vaterland ruft Euch, Euer Thron erwartet Euch. Folgt mir zu Eurer Kaiſerkrö⸗ nung in die Stadt Eurer Väter, folgt mir, daß ich die Krone Eures Großvaters, Czaar Peters des Großen, auf Euer edles, ſchönes Haupt ſetzen kann. XXIII. Die Warnung. Von jetzt an war Alexis Orlow der ſtete Begleiter und Gefährte Natalien's. Mit der ehrerbietigſten Unter⸗ würfigkeit und zugleich mit der leidenſchaftlichſten Zärt⸗ lichkeit ſchien er ihr ergeben zu ſein, und in ihr zugleich ſeine Kaiſerin und ſeine Geliebte anzubeten. Daß ſie beſtimmt ſei, Kaiſerin zu werden, das hatte er ſich bemüht, ihr als unabänderlich und nothwendig darzuſtellen. Und ſie, ſie hatte ihn nur zu gut begriffen! Der Ehrgeiz war erwacht in dieſem jungen achtzehnjährigen Mädchen, ein Kaiſerthron war es, der ſie rief, wie hätte ſie dieſem Rufe nicht folgen ſollen, der ihr von den Lippen Deſſen erklang, dem ſie unbegrenzt vertraute, dem ſie unbegrenzt dankbar ſich fühlte. Er hatte ihr Alles enthüllt und klar gemacht. Er hatte ihr erzählt von ihrer Mutter, der guten Kaiſerin Eliſabeth, welche Rußland ſo glücklich gemacht und groß, er hatte ihr erklärt, daß Graf Paulo Rasczinsky ſie am Todestage ihrer Mutter entführt habe, um ſie zu ſichern gegen die Verfolgung ihres Nachfolgers, des grauſamen und tückiſchen Peter des Dritten, und um ſie ihrem Reiche zu ſichern für eine ſpätere Zeit. Dann hatte er zu ihr — 280— geſprochen von Katharina, welche den unwürdigen Ge⸗ mahl ſeines Thrones entſetzt, und die Zügel der Regie⸗ rung in ihre eigenen, willenskräſtigen Hände genommen. Er hotte zu ihr geſprochen von Katharina's Granſamkeit und despotiſcher Tyrannei, er hatte ihr geſagt, daß ganz Rußland ſeufze unter dem Druck dieſer fremden, ihm aufgedrungenen Tyrannin, und daß ein einziger Jam⸗ mer⸗ und Sehnſuchtsſchrei durch dieſes große, unermeß⸗ liche Reich erklinge, ein Schrei nach ihr, der ruſſiſchen Prinzeſſin, der Enkelin Kaiſer Peters des Großen, der Tochter der geliebten Eliſabeth!. Euch rufen alle dieſe Millionen Eurer geknechteten, in den Staub getretenen Unterthanen, ſagte er, nach Euch ſtrecken ſie die bleichen, zitternden Hände aus, von Euch erwarten ſie Linderung und Troſt, von Euch erwarten ſie das Glück! Und ich will es ihnen bringen, das Glück, rief Na⸗ talie tief gerührt. Ich will die Thränen des Unglücks trocknen, und die Tröſterin der Weinenden ſein. Oh, mein Volk ſoll mich lieben, wie es meine Mutter ge⸗ liebt hat! Euch Eurem Volke wiederzugeben, ihr Leben, ihr Gut und Blut daran zu ſetzen, das haben die Edelſten Eures Landes geſchworen, ſagte Orlow, das haben wir vor dem Altare Gottes feierlich gelobt, und dies zu er⸗ reichen, werden wir Alle weder Noth noch Tod, weder Verrath noch Treubruch ſcheuen. Seht mich ſelber, Natalie, ich ſtehe vor Euch als ein Verräther an dieſer Kaiſerin, welcher ich Treue und Gehorſam gelobt, ſie hat mich überhäuft mit Gunſtbezeugungen und Gnaden⸗ beweiſen, und auf einige Zeit war es ihr ſogar gelun⸗ gen, mich ganz für ſie zu begeiſtern! Graf Paulo weckte mich aus dieſem Taumel, er riß mich empor aus dieſem beranſchenden Zuſtande, der Günſtling einer Kaiſerin zu ſein, er lehrte ſie mich er⸗ kennen in ihrer wahren Geſtalt, dieſe grauſame, blut⸗ dürſtige, geſetzloſe Kaiſerin, er ſprach mir von Euren geheiligten Rechten, und als ich dieſe erkannt und be⸗ griffen, da raffte ich mich auf, und ſchwur mich zu Eurem Ritter und zu dem unerſchütterlichen Vertheidiger Eurer Rechte, ſchwur, keine Liſt, keine Verſtellung un⸗ benutzt zu laſſen, und den Verrath ſelbſt heilig zu fin⸗ den, wenn durch ihn unſere großen, erhabenen Zwecke gefördert werden könnten! Prinzeſſin Natalie, um Euret⸗ willen bin ich ein Verräther geworden! Der Admiral der ruſſiſchen Flotte, er, den die Welt den Günſtling Katharina's nennt, Graf Alexis Orlow, liegt zu Euren Füßen und ſchwört Euch ewige Treue, ewige Ergeben⸗ heit und Anbetung! Alexis Orlow! ſagte ſie freudig lächelnd, endlich habe ich alſo einen Namen, mit dem ich Euch nennen kann! Aleris, war das nicht auch der Name meineß Vaters? Oh, das iſt eine gute Vorbedeutung! Ihr tragt den Namen meines Vaters, den meine Mutter ſo ſehr geliebt! Und den die Kaiſerin aus Liebe zu ihrem Gemahl erhob, flüſterte Orlow, ſich näher zu ihr neigend, und ihre Hand an ſeinen Buſen drückend. Würdet Ihr wohl ſo heiß und hingebend lieben können, wie Eure Mutter ihren Alexis liebte? Das junge Mädchen erröthete und zitterte, aber ein ſanftes Lächeln ſpielte um ihre Lippen, und obwohl ſie die Augen niederſchlug und ihn nicht anblickte, wußte Alexis Orlow doch, daß ſie ihm nicht zürne und daß er kühner ſein dürfe. Leiſe legte er ſeinen Arm um ihre zarte Geſtalt, und ſeinen Mund an ihr Ohr geneigt, ſo dicht, daß ſein heißer Athem ihre Wange berührte, flüſterte er: Wird Natalie ihren Alexis lieben, wie Eliſabeth Alexis Ra⸗ zumowsky liebte? Ach, Ihr wißt es nicht, wie grenzen⸗ los, wie unermeßlich ich Euch liebe! Ja, nnermeßlich, Natalie. Ihr ſeid mein Glück, mein Leben, meine Zu⸗ kunft. Befehlt, gebietet über mich, macht aus mir einen Mörder, einen Verräther, ich werde Alles thun, was Ihr befehlt, ich würde meinen Vater ſelbſt ermorden, wenn Ihr es wollt, nur Natalie, ſagt mir, daß Ihr mich nicht haßt, ſagt, daß meine Liebe von Euch nicht ver⸗ worfen wird, daß dieſe Leidenſchaft, der ich faſt erliege, ein Echo gefunden hat in Eurem Herzen, und daß Ihr dereinſt zu mir ſprechen wollt, wie Eliſabeth zu Eurem Vater ſprach: Alexis, ich liebe Dich, und deshalb will ich Dich zu meinem Gemahl erheben!— Ihr ſchweigt, Natalie, Ihr habt kein Wort des Erbarmens, des Mit⸗ leids für mich? Oh mein Gott, ich opferte Euch Alles, und Ihr— Weiter konnte er nichts ſagen, er ſah ſie plötzlich ſich nach ihm umwenden, er fühlte einen ſchnellen, glü⸗ henden Kuß auf ſeinen Lippen, dann flog ſie empor von ihrem Sitz, und wie ein geſcheuchtes Reh durch die Gemächer eilend, verbarg ſie ſich in ihrem Bondvir, das ſie hinter ſich verſchloß. Orlow blickte ihr nach mit einem triumphirenden Lächeln. Sie iſt mein, dachte er, ich durchlebe hier einen allerliebſten Roman, und Katharina wird mit mir zufrieden ſein!— Ja, ſie war ſein, ſie wußte jetzt, daß ſie ihn liebte, und ſie nahm dieſes neue, köſtliche Gefühl mit Entzücken, mit jauchzender Freude in ihr Herz auf, ſie hieß es willkommen als das glückverheißende Morgenroth eines neuen Tages, eines köſtlichen, neuen Lebens, ſie ließ von dieſem Gefühl ihr ganzes Weſen, ihre ganze Seele durchſtrömen, ſie machte es zu einem Cultus ihres ganzen Daſeins Siehſt Du, ſagte ſie zu Mariane, ſo hatte ich ihn mir erträumt, den Mann, welchen ich einſt lieben würde. So ſtolz und ſchön, ſo kühn und muthig. Ach, es iſt ſo ſchön, zittern zu müſſen vor Dem, welchen man liebt, es iſt ſo füß, ſich an ihn zu ſchmiegen, und zu denken: Ich bin nichts, und Alles nur durch Dich! Ich 2 bin der Epheu, und Du biſt die Eiche, Du wirſt mich halten und ſtützen, und wenn ein Sturmwind kommt, da wankſt Du nicht, da ſtehſt Du feſt und groß in Deiner Heldenſtärke, und ſchützeſt mich und machſt mich ſelbſt ganz muthig und vertrauensvoll! Sie liebte ihn, ſie hing an ihm mit grenzenloſem Vertrauen, aber ihre Liebe war noch ſo voll zarter, jungfräulicher Schüchternheit, daß ſie ihm nichts geſtehen mochte von dieſer Liebe, daß ſie, ſeit jenem Kuſſe, ſcheu ihm auswich, und ſeine ſtets erneuerte Liebesfrage ſtets unerwidert ließ. Alexis lachte heimlich dazu in ſeinem Herzen. Sie wird ſchon kommen, ſagte er, ſie wird ſchon endlich von ihrem eigenen Gefühl bezwungen werden. Ich will ihr Zeit und Muße gönnen, ſich ſelber zu erkennen! Und er hielt ſich einige Tage fern von der Villa, r ſchützte dringende Geſchäfte vor, und überließ die arme, vereinſamte Prinzeſſin ihrer Sehnſucht und ihren Liebesträumen. Gerade in dieſen Tagen war es, daß an einem Vor⸗ mittag ein unſcheinbarer, mit keinem Wappen verzierter Wagen an der Villa hielt; ein ganz in einen Mantel gehüllter Mann, den Hut tief in die Stirn gedrückt, ſtieg aus und zog an der Klingel, welche neben der Pforte angebracht war. Den öffnenden Diener fragte er haſtig, ob grinzefn Natalie zu Hauſe und allein ſei, und als er es bejahete, — 285— und zugleich um ſeinen Namen fragte, um ihn der Prin⸗ zeſſin zu melden, ſagte der Fremde faſt gebieteriſch: Die Prinzeſſin kennt meinen Namen, und ich weiß, daß ich ihr willkommen bin! Führt mich alſo zu ihr! Die Prinzeſſin empfängt Niemand, ſagte der Diener, indem er verſuchte, dem Fremden den Eingang zu wehren. Sie wird mich empfangen, rief der Unbekannte, und ließ leiſe einige Goldſtücke in die Hand des Dieners gleiten. Ich werde Euch zu ihr führen, ſagte dieſer, ſchnell geſchmeidig, aber ich thue es auf Eure eigene Verant⸗ wortung!— Prinzeſſin Natalie war in ihrem Boudoir. Sie war allein, und dachte mit ſehnſuchtsvoller Schwärmerei an ihren ſchon ſeit zwei Tagen fernen Freund. Als ſie jetzt leiſe an ihre Thür klopfen hörte, ſprang ſie empor. Er iſt es! flüſterte ſie, und mit hochglühenden Wan⸗ gen eilte ſie, die Thür zu öffnen. Aber vor ihr ſtand eine fremde, verhüllte Geſtalt, und Natalie wich ſchen zurück. Der Fremde trat ein, und indem er die Thür hin⸗ ter ſich ſchloß, ſchlug er den Mantel zurück, und nahm den Hut ab, der ſein Geſicht beſchattete. Der Cardinal Bernis! rief Natalie erſtaunt. h, Ihr erkennt mich alſo noch, Prinzeſſin, ſagte Bernis. Das iſt ſchön von Euch, und dann werdet — 286— Ihr mir auch nicht zürnen, daß ich Euch unangemeldet überfalle. Ich wußte, daß ich Euch allein treffen würde, und dies war ein zu koſtbares und glückliches Ereigniß für mich, als daß ich es ungenutzt durfſte vorüber ge⸗ hen laſſen. Ich mußte Euch ſprechen, Prinzeſſin, ſelbſ auf die Gefahr hin, Euch läſtig zu fallen! Natalie ſagte mit einem ſanften Lächeln: Ihr wart der Freund des Grafen Paulo, und deshalb könnt Ihr mir niemals läſtig fallen. Ich heiße Euch willkommen, Cardinal! Gerade, weil ich Graf Paulo's Freund war, iſt es, daß ich komme, ſagte Bernis ernſt. Der Graf liebte Euch, Prinzeſſin, und was ich damals noch nicht wußte, das weiß ich jetzt. Graf Paulo wagte, indem er Euch liebte und Euch ſich ergab, ſein Leben, mehr als ſein Leben,— ſeine Freiheit! Und man hat ſie ihm geraubt, dieſe goldene, köſt⸗ liche Freiheit, ſeufzte Natalie. Man hat ihn um ſeine Treue gegen mich zu ſchmachvoller Gefangenſchaft ver⸗ urtheilt! Ihr wißt das, rief Bernis erſtaunt, Ihr wißt das, und dennoch— dann ſich unterbrechend, ſchwieg er, und fuhr nach einer Pauſe fort: Verzeiht mir eine Frage, und wenn ſie Euch unbeſcheiden erſcheint, ſo denkt, daß ein alter Mann, daß ein Prieſter ſie an Euch richtet, und daß er 8 thut, um Euch, wenn er kann, nütz⸗ lich zu ſein. Liebt Ihr den Grafen Paulo Rasczinsky? 9 liebe ihn, ſagte ſie, wie man einen Vater liebt. h werde ihm ewig dankbar ſein, und erſt dann werde mich glücklich preiſen, wenn ich ihn befreit und ſinem Vaterlande wiedergegeben habe! Ihr ihn befreien! rief Bernis faſt ſchmerzvoll. Oh ein Gott, Ihr wißt alſo nichts, Ihr ahnt nicht einmal, daß Ihr ſelber von Gefahren umringt ſeid, daß Eure eigene Freiheit, ja Euer Leben ſelber bedroht iſt? Ich weiß es, antwortete das junge Mädchen ruhig, aber ich weiß auch, daß mächtige und ſtarke Freunde mir zur Seite ſtehen, und daß ſie mit ihrem Leben das meine ſchützen und vertheidigen werden. Wie aber, wenn dieſe Freunde Euch hintergingen, wenn gerade ſie Eure erbittertſten Feinde, Eure Ver⸗ derber wären? Herr Cardinal! rief Natalie, vor Unwillen er⸗ röthend. Oh, ich möchte Euch nicht erzürnen, fuhr er fort, aber ich muß Euch warnen, Prinzeſſin. Man hat Euch ohne Zweifel mit falſchen Vorſpiegelungen getäuſcht, und auf verrätheriſche Weiſe ſich Euer Vertrauen er⸗ ſchlichen. Sagt wir Prinzeſſin, kennt Ihr den Namen des Grafen, den Ihr täglich bei Euch empfangt? Es iſt der Graf Alexis Orlow, ſagte das junge Mädchen erröthend. Sie kennt ihn, ſie weiß ſeinen Namen, und deriren ihm dennoch, rief der Cardinal. Aber ohne Zweifel — 288— er ſeine Größe und ſein Glück verdankt? Der Kaiſerin Katharina, ſeiner Herrin, ſagte Natal unbefangen. Der Cardinal ſah ihr mit wachſendem Erſtaunen i das ruhige, lächelnde Angeſicht. Jetzt begreife ich Alles, ſagte er dann, man hat da einen ſehr klugen, ſehr ſchlanen Plan entworfen. Man hat Euch getäuſcht, in⸗ dem man Euch zum Theil die Wahrheit ſagte! Niemand hat mich getäuſcht, rief Natalie unmuthig. Ich ſage Euch, Herr Cardinal, ich bin weder eine Be⸗ trogene, noch eine Ueberliſtete, ſo leicht Ihr es auch an⸗ ſcheinend immer halten möget, mich zu betrügen! Oh, die Unſchuld und der Edelmuth iſt immer leicht zu hintergehen, ſagte der Cardinal traurig. Hört mich an, Prinzefſin, und denkt, ich beſchwöre Euch, daß dies Mal ein wahrer, ein aufrichtiger Freund zu Euch redet! Und woran ſoll ich das erkennen? fragte das junge Mädchen mit einem leichten Anflug von Ironie. Woran ſoll ich den Freund erkennen, da, wie Ihr ſagt, gerade meine ſogenannten Freunde meine Feinde ſind? Erkennt mich hieran, ſagte der Cardinal, indem er ein zuſammengefaltetes Papier aus ſeinem Buſen zog und es der Prinzeſſin darreichte. Das iſt Graf Handſchriſt! rief ſie freu⸗ dig aus. Ah, Ihr erkennt alſo ſeine Handſchrift, ſagte der wißt Ihr nicht ſeine Geſchichte, ahnt Ihr nicht, ₰ — 289— Cardinal, und Ihr ſeht, dieſer Brief iſt an mich adreſ⸗ ſirt. Graf Paulo hält mich alſo doch noch für ſeinen Freund! Darf ich dieſen Brief leſen? Ich bitte Euch darum! Natalie entfaltete den Brief und las:„Warnt die Prinzeſſin Tartaroff. Ihr droht Gefahr!“— Das iſt Alles? fragte ſie lächelnd. Das iſt Alles, ſagte der Cardinal, aber wenn Paulo dieſe wenigen Worte genügend hielt, um ſie mir zu ſenden, ſo könnt Ihr begreifen, daß ſie inhaltsſchwer und bedeutungsvoll ſind. Graf Paulo iſt in Sibirien, ſagte Natalie kopf⸗ ſchüttelnd, wie kann er von dorther Euch geſchrieben haben? Wie es ihm gelungen, das weiß ich nicht, aber dem feſten, kühnen Manneswillen gelingt das Unglaublichſte! Genug, auf geheimnißvolle, räthſelhafte Art ward dieſer Brief unſerm Geſandten in Petersburg übergeben, mit der dringenden, flehenden Bitte, ihn ſogleich durch einen Courier an mich zu ſenden, und mir zugleich die nö⸗ thigen Aufſchlüſſe hinzuzuſügen. Und iſt das geſchehen? fragte Natalie. Es iſt geſchehen. Ich weiß, weshalb man Euch be⸗ droht. Prinzeſſin Tartaroff, Ihr ſeid die Tochter der Kaiſerin Elifabeth! Und deshalb iſt es, daß die Kaiſe⸗ rin Katharina auf ihrem uſurpirten Throne vor Euch Mhlbach, Tartaroff II. 19 — 290— erzittert, deshalb war es, daß ſie zu ihrem Günſtling ſagte:„Geht, und befreit mich von dieſer läſtigen Prä⸗ tendentin. Aber thut es auf eine ſchlaue, feine und ge⸗ räuſchloſe Weiſe. Vermeidet alles Aufſehen, ermordet ſie nicht, bedroht ſie nicht,— ich will nicht, daß man neuen Grund hat, mich ein blutdürſtiges Weib zu nen⸗ nen. Lockt ſie mit Schmeicheleien in unſere Netze, macht, daß ſie gutwillig Euch folgt, und daß man in keinem Lande, wo ſie auch ſei, über irgend eine von uns geübte Gewaltthätigkeit zu klagen habe.“ So ſprach Katharina zu ihrem Günſtling, und er verſtand ſie, und ſchwur, ihr zu gehorchen, und ſchwur, ihre Befehle zu voll⸗ führen, wie er es damals gethan, als Katharina ihn geheißen, ihren Gemahl, den Kaiſer Peter, zu er⸗ droſſeln, wie er es jetzt auch gethan, als ſie ihm be⸗ fohlen, den armen Iwan, den Sohn Anna Leopol⸗ downa's, zu erſchießen, um des Verbrechens wil⸗ len, daß er mehr Rechte auf die Kaiſerkrone Ruß⸗ lands beſaß, als dieſe deutſche kleine Prinzeſſin von Zerbſt.— digen IJwan? fragte Natalie ſchaudernd. Ach, dieſe Katharina iſt blutdürſtig, wie eine Hyäne, und ihre Freunde und Günſtlinge ſind Henkersknechte. Ah, die Geſchichte wird ihn brandmarken, den Mörder Jwan's.» Sie wird es, ſagte der Cardinal Bernis feier⸗ ₰ Und er hat ihn erſchoſſen, den armen, unſchul⸗ —— lich, und mit Schaudern wird man ihn nennen, den Namen deſſen, der den Kaiſer Peter erdroſſelte, der Jwan erſchoß, und der auf Katharina's Geheiß nach Italien zog, um die edle und unſchuldige Prinzeſſin Tartaroff mit Liſt und Schmeicheleien zu umgarnen und ſie nach Petersburg zu führen! Soll ich Euch den Namen dieſes Mannes nennen?— Er heißt Alexis Orlow! Das junge Mädchen fuhr empor, ihre Augen flamm⸗ ten und ihre Wangen glühten. Das iſt eine Lüge, ſagte ſie, eine einieiſche ſchänd⸗ liche Lüge! Wollte Gott, dem wäre g rief der Cardinal. Aber es iſt die Wahrheit, Prinzeſſin. Oh, hört mich, und verſchließt Euer Ohr nicht der Wahrheit! Denkt, daß ich ein Greis bin, der das Leben lange ſtudirt, und die Menſchen lange beobachtet hat. Ich kenne die ruſſiſche Diplomatie und die ruſſiſche Schlau⸗ heit, ſie haben etwas vom Teufel in ſich, dieſe ruſſiſchen Diplomaten, ſie vergiften und betäuben die Klügſten mit ihrem hölliſchen Lächeln und ihrer infernaliſchen Klugheit. Hütet Euch, Prinzeſſin, vor der ruſſi⸗ ſchen Diplomatie, hütet Euch vor allen Dingen vor dem Ahgeſandten der ruſſiſchen Kaiſerin, dot Alexis Orlow! Mädchen zitternd vor Zorn. Ihr habt ihn alſo nie * Ah, ihn wagt Ihr zu beſchimpfen, rief das junge 6 3 — 292— geſehen, Ihr habt nicht in ſeinem edlen Antlitz ge⸗ leſen, daß Graf Alexis Orlow nimmer ein Verräther ſein kann. Er iſt ein Held, und ein Held erniedrigt ſich nie zu einem Mörder! Ah, und wenn die ganze Welt käme, und wider ihn aufſtände, wenn ſie mit Fingern auf ihn zeigte, und ſchrie: Das iſt ein Mör⸗ der! Ich würde der ganzen Welt in's Antlitz ſchreien: Du lügſt! Alexis Orlow kann kein Mörder ſein! Ich kenne ihn beſſer, und ich weiß, daß er rein iſt von jeder Schuld! Nennt ihn immerhin einen Ver⸗ räther! Ich weiß, weshalb er ſich ſo nennen läßt! Ich kenne das Geheimniß ſeines Thuns, und ein Tag wird kommen, da werdet Ihr Alle es erfahren, da werdet Ihr reuevoll zu ſeinen Füßen niederſin⸗ ten und ſchamvoll bekennen müſſen: Alexis Orlow iſt kein Verräther. Um ihretwillen, der er Treue ge⸗ obt, ertrug er dieſe Schmach, dafür zu gelten! Für ſie, die er liebte, hat er ſein Blut und ſein Leben in die Schanze geſchlagen! Alexis Orlow iſt ein Held! Sie war wunderſchön, während ſie voll Muth und Begeiſterung ſo ſprach. Der Cardinal ſchaute mit Bewunderung in ihr edles, erregtes Ange⸗ ſicht, und eine tiefe Rührung malte ſich in ſeinen Zügen Armes Kind, flüſterte er, und ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt. Armes Kind, ſie liebt ihn, und alſo iſt ſie verloren! — 293— Ihr glaubt mir alſo nicht? fragte er laut. Nein, ſagte ſie mit einem freudigen Lächeln, nein! Alles Heil, was ich erwarte, alles Glück, was mir noch kommen mag, aus Alexis Orlow's Händen allein werde ich es empfangen! Armes Kind! ſeufzte der Cardinal. In manchen Fällen kann der Tod ſogar ein Glück ſein! Dann werde ich auch den freudig und als ein Glück aus ſeinen Händen empfangen, rief das junge begeiſtert aus. Es iſt umſonſt, ihr iſt nicht zu helfen! flüſterte der Cardinal mit einem traurigen Kopfſchütteln, und indem er die Hand des jungen Mädchens ergriff und ihr voll tiefen Mitleids in das ſchöne Antlitz ſah, fuhr er fort: Ich wollte Euch gern helfen, und wieder gut machen und vergelten, was Euch damals auf meinem Feſte Böſes geſchah! Aber Ihr wollt Euch nicht hel⸗ fen laſſen! Ihr ſtürzt hinein in Euer Verderben, und Eure edelſten Eigenſchaften, Eure Unſchuld und Euer großmüthiges Vertrauen, die ſind es, die Euch den Untergang bereiten. Gott ſegne Euch und behüte Euch! Wie gern möchte ich an Euch zum Lügner und falſchen Propheten werden! Und das werdet Ihr auch! rief Natalie. 8 Ihr glaubt es, denn Ihr liebt, und wenn ein Weib liebt, dann glaubt ſie, und giebt ihr Herzblut und ihr Leben lächelnd für den Geliebten hin! Ihr — 294— werdet es machen, wie alle Weiber! Ihr wertet verbluten an Eurer eigenen Liebe, und wenn Euch dieſer Barbar den Dolch in's Herz ſtößt, dann wer⸗ det Ihr lächelnd ſagen: Ich habe es gethan! Ich ſelber!— Und ſich mit einem traurigen Lächeln vor ihr ver⸗ neigend, verließ der Cardinal langſam und ſeufzend das Zimmer.— Einige Stunden ſpäter kam Alexis Orlow. Na⸗ talie empfing ihn mit dem Ausdruck der reinſten, ſe⸗ ligſten Freude, und ihm ihre beiden Hände dar⸗ reichend, ſagte ſie mit einem köſtlichen Lächeln: Wißt Ihr noch, wie meine Mutter zu ihrem Geliebten ſagte? Er ſah ſie an, und in ihrem Antlitz las er ſein Glück. Mit einem Ausruf des Entzückens ſtürzt er zu ihren Füßen nieder. Ich weiß es wohl, aber Ihr, Natalie, wißt auch Ihr es? fragte er leidenſchaftlich. Natalie lächelte. Alexis, ſagte ſie, ich liebe Dich, und deshalb will ich Dich zu meinem Gemahl er⸗ heben! Und mit einem reizenden, verſchämten Erröthen zog ſie den Grafen empor in ihre Arme. 4 Ihr tüuſcht mich nicht? Und es iſt kein Traum? rief er, ſie glühend umfangend. 3 Nein, ſagte ſie, es iſt Wahrheit, und ich bin Dir dieſe Genugthuung ſchuldig! Man hat Dich heute bei mir verleumden wollen. Ah, ſie ſollen ſehen, wie ich ihnen glaube! Alexis, rufe einen Prieſter, daß er un⸗ ſern Bund ſegne und mich zu Deiner Gemahlin er⸗ hebe. Was dann auch kommen möge, wir werden es mit einander theilen. Wenn ich dereinſt eine Kaiſerin bin, ſo wirſt Du der Kaiſer ſein, und ich werde Dich immer ehren, und Dir gehorchen als meinem Herrn und Gebieter!—— Am Abend dieſes Tages begab ſich in dem Bou⸗ doir der Prinzeſſin Natalie eine ſehr feierliche, ſehr ernſte Scene. Ein Altar, mit duftenden Blumen um⸗ kränzt, ſtand in der Mitte deſſelben, und vor dem Altar ſtand Natalie im weißen Atlasgewande, die Myrthenkrone im Haar, die zarte Geſtalt umwallt von dem langen bräutlichen Schleier. Sie war wunder⸗ ſchön in ihrer freudigen, verſchämten Rührung, und Graf Alexis Orlow, welcher im rreichen, ruſſiſchen Koſtüm an ihrer Seite ſtand, betrachtete ſie mit Ent⸗ zücken und heißen, begehrlichen Blicken. Der grau⸗ ſame Henkersknecht führte das Lamm zur Schlacht⸗ bank, er freute ſich ſeines Opfers, ohne es zu be⸗ klagen!— Auf der andern Seite des Altars ſtand der Prie⸗ ſter, ein ehrwürdiger Greis mit langem Silberhaar und weißem, langem Bart. Neben ihm der Saecriſtan, nicht minder ehrwürdig. Niemand weiter war zugegen — 296— außer Mariane, welche in Thränen zerfließend hinter ihrer Gebieterin kniete, und mit gefalteten Händen für ihre geliebte Prinzeſſin betete, die ſo eben ſich dem Grafen Alexis Orlow vermählte.— Die feierliche Handlung war zu Ende, und wei⸗ nend ſank das junge Weib in die Arme ihres Gemahls, der ſie mit zärtlichem Geflüſter in das nächſte Gemach geleitete. Mariane, überwältigt von ihrer Rührung und von ihren Thränen, eilte fort auf ihr Zimmer, und der ehrwürdige Prieſter blieb allein mit ſeinem Sacriſtan. Sie ſahen ſich Beide ſchweigend an, und ihre Ge⸗ ſichter verzogen ſich zu einem hämiſchen, grinſenden Lachen. Das war eine wundervolle Scene, ſagte der Prie⸗ ſter, welcher Niemand anders war, als Joſeph Ribas. Im Ernſte, ich war ganz gerührt über mich ſelber, und es fehlte nicht viel, ſo hätte ich geweint über meine eigene, erhabene Predigt. Geſteht nur, Stepano, daß ein geweiheter Prieſter es nicht hätte beſſer machen können. 2 Wir haben Beide das Unſtige gethan, ſchmunzelte Stepano, der Sacriſtan, und ich denke, der ri ird ſeine ſtille Freude an uns gehabt haben! Eben trat Graf Orlow in das Zimmer. Nata e hat ihn gebeten, ſie allein zu laſſen, ſie bedurfte der Ein⸗ ſamkeit, des ſtillen Gebetes zu Gott. — 297— Der Prieſter Joſeph Ribas und der Sacriſtan Ste⸗ pano ſahen ihn mit ſchlauen, fragenden Blicken an. Ich bin mit Euch zufrieden, ſagte Orlow lächelnd. Ihr ſeid ſehr gute Schauſpieler. Die kleine neue Grä⸗ fin iſt ganz entzückt von Deiner Rede, Joſeph, mein ſehr ehrwürdiger Prieſter. Wo haſt Du denn dieſe neuen Schelmenſtreiche gelernt? Auf der hohen Schule der Galeeren, Excellenz, ſagte Ribas. Nur dort lernt man ſolche köſtliche Dinge! Wir hatten da einen Prieſter, einen wirklichen, geweih⸗ ten Prieſter, der auf Lebenslang verurtheilt war. Aus Langerweile unterrichtete er die Geſchickteſten von uns in ſeiner Kunſt, und lehrte uns, wie man die Augen verdrehen, die Hände falten und die Stimme zittern 1 langtet zu wiſſen, wer Eure Prinzeſſin heute gewarnt?“ Ich kaun Euch jetzt Auskunft darüber geben! Es war der franzöſiſche Cardinal Bernis! Man fängt alſo an, aufmerkſam zu werden, ſagte Orlow gedankenvoll, und die Herren Diplomaten wol⸗ len ihre Hände wieder dabei im Spiel haben. Ah, wir kennen die franzöſiſche Politik! Es iſt juſt, wie es damals geweſen, als ſie Prinzeſſin Eliſabeth unterſtütz⸗ ten und ihr halfen Kaiſerin zu werden. Damals tha⸗ ten ſie es, damit Rußland mit ſich ſelber beſchäftigt ſei, und keine Zeit habe, ſich um die franzöſiſchen Angele⸗ genheiten zu bekümmern. Gerade ſo iſt es heute! Sie laſſen müſſel Aber jetzt, Ercellenz, noch Eins! Ihr ver. — 298— wollen ſich der Tochter erbarmen, wie ſie es der Mut⸗ ter gethan, ſie wollen mit Hülfe Natalien's Rußland wieder mit einer Revolution beglücken, damit wir nicht Zeit haben, auf die Dinge zu achten, die ſich da in Frankreich gährend vorbereiten! Diesmal werden wir vorſichtiger ſein, mein kluger, franzöſiſcher Herr Cardi⸗ nal!— Stepano, laß Alles zu unſerer Abreiſe vorbe⸗ reiten. Wir ſind hier nicht mehr ſicher und unbeob⸗ achtet. Wir gehen alſo nach Livorno! Wir allein, oder mit der Prinzeſſin? fragte Ste⸗ pano.— Meine Gemahlin begleitet uns natürlich, ſagte Or⸗ low mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Wird ſie einwilligen, Rom zu verlaſſen? fragte Jo⸗ ſeph Ribas. Ich werde ſie darum bitten, ſagte Orlow ſtolz, und ich denke, meine Bitte wird ihr ein Befehl ſein! Und er hatte Recht, der ſtolze Graf. Seine Bitte war für ſie ein Befehl! Er ſagte ihr, daß ſie Rom verlaſſen müßten, weil ſie hier nicht mehr in Sicherheit ſeien, und Natalie glaubte ihm. Wir wollen nach Livorno gehen und dort die An⸗ kunft der ruſſiſchen Flotte erwarten, ſagte er. Wenn dieſe ungefährdet zu uns gelangt, dann iſt das Ziel erreicht, dann haben wir geſiegt, denn alsdann hat die Kaiſerin keinen Verdacht geſchöpft, und ich bin der Be⸗ fehlshaber dieſer Flotte, die ganz bemannt iſt mit Ver⸗ — 299— ſchworenen, und die Euch Alle erwarten als ihre Kai⸗ ſerin.— Willſt Du mir folgen nach Livorno, Natalie? Sie ſchmiegte ſich mit zärtlicher Demuth an ſeine Bruſt. Ueberall hin werde ich Dir folgen, flüſterte ſie, und wohin Du mich führſt, da wird es für mich ein Paradies ſein! XXIV. Die ruſſiſche Flotte. Arglos war ſie ihm gefolgt nach Livorno; voll hinge⸗ bender Zärtlichkeit, voll glühender Liebe war ſie nur bemüht, alle ſeine Wünſche zu erfüllen, und ihm in mer auf's Neue zu beweiſen, wie ſehr ſie ihn liebe 5 Und verdiente er nicht dieſe Liebe? War icht ſtets für ſie voll zarter Aufmerkſamkeit, voll unterwür⸗ figer und zugleich zärtlicher Demuth? Schien es nicht, als ob der Löwe bezwungen, der Herkules gebändigt ſei von ſeiner zarten Omphale, die er anbetete, zu deren Füßen er lag, um in ihre Angen zu ſchauen, und in ihnen ihre geheimſten Wünſche und Gedanken zu leſen? Sie war nicht nur ſeine Gemahlin, ſie war auch ſeine Kaiſerin. So nannte er ſie, ſo huldigte er ihr, und umgab ſie mit dem Glanze einer Kaiſerin! Das Haus des engliſchen Conſuls Dyk war für Natalie in einen prachtvollen Kaiſerpalaſt umgewandelt, 4. — 300— und die junge, ſchöne Engländerin, die Gemahlin des engliſchen Conſuls, war Natalien's erſte Ehrendame. Sie richtete der jungen kaiſerlichen Prinzeſſin einen Hof⸗ ſtaat ein, ſie umgab ſie mit zahlreicher Dienerſchaft und einem glänzenden Gefolge, das überall hin der erlauch⸗ ten jungen Kaiſerin folgen mußte, das ſie nie ver⸗ laſſen durfte! Und Natalie ahnte nicht, daß der engliſche Conſul von der ruſſiſchen Kaiſerin eine Million Silberrubel er⸗ hielt, und daß ſeine Gemahlin mit einem koſtbaren Brillantſchmuck belohnt worden für dieſe der ruſ⸗ ſiſchen Prinzeſſin erwieſene Gaſtfreundſchaft, die ſo ganz geeignet war, Natalie nicht allein, ſondern auch aufmerkſam gewordenen europäiſchen Höfe zu täu⸗ Natalie ahnte nicht, daß ihr glänzendes Gefolge, ihre zahlreiche Dienerſchaft, daß dieſe Alle, welche mit anſcheinender Demuth ſie als ihre Herrin betrachteten, nichts weiter waren als ihre Spione und Kerkermei⸗ ſter, die jeden ihrer Schritte belauerten, jedes ihrer Worte, jeden ihrer Blicke überwachten. Armes Kind, ſie war ganz arglos! Sie ehrten und behandelten ſie als eine Kaiſerin, und ſie glaubte ihnen und ſie lächelte entzückt, wenn das Volk von Livorno ihr, ſobald ſie mit ihrem glänzenden Gefolge an der Seite ihres Gemahls ſich zeigte, entgegenjauchzte und ihr huldigte als einer Kaiſerin. Und endlich eines Tages lief nun auch wirkli — 301— dieſe längſt erwartete ruſſiſche Flotte in den Ha⸗ fen ein.— Mit frendeſtrahlenden Blicken ſtürzte Alexis Orlow in Natalien's Gemach. Jetzt ſtehen wir am Ziele, ſagte er, ſich vor ſei⸗ ner Gemahlin auf ein Knie niederlaſſend, jetzt be⸗ grüße ich Euch in Wahrheit als meine Kaiſerin und Herrin. Natalie, die ruſſiſche Flotte iſt da, ſie erwar⸗ tet Euch, um Euch im Triumphe hinzuführen in die Heimath, zu dem Throne, der Euch erwartet, zu Eurem Volke, das Euch ſehnſüchtig ſeine Arme entgegenſtreckt. Ach, jetzt ſeid Ihr eine Kaiſerin, und wundervoll wer⸗ det Ihr ſein, wenn die Kaiſerkrone Euer edles Haupt ziert!— Ich werde eine Kaiſerin ſein, ſagte Natalie, aber Du, Alexis, Du immer mein Kaiſer und mein Herr ſein! Natalie, fuhr der Graf fort, Dein Volk ruſt Dich! Deine Soldaten verlangen nach Dir, die Matroſen aller Schiffe, ſie richten die Blicke dieſem Ufer zu, wo ihre Kaiſerin weilt. Das Admiralsſchiff wird prachtvoll ausgeſchmückt zu Deinem Empfange, und der Admiral Gluck wird der Erſte ſein, der Dir hul⸗ digt. Schmücke auch Du Dich, meine holde, ſchöne Kaiſerin, ſchmücke Dich und zeige Dich Deinen Getréuen ſin allem Glanze und aller Pracht Deiner Kaiſerhoheit. Ach, es ſoll ein wundervolles, berauſchendes Feſt ſein, — 302— und Deinen erſten Tag der Größe und Hoheit, den ſollſt Du heute feiern! Und Graf Orlow rief ihre Dienerinnen und die Schaar ihrer aufwartenden Frauen; lächelnd, ganz glücklich, ihren Geliebten ſo glücklich und zufrieden zu ſehen, ließ Natalie ſich ſchmücken, ſich einhüllen in das koſtbare, golddurchwirkte Gewand, die Perlen und Brillanten, die goldfunkelnden Diademe und Ketten um ihren Hals und ihre Arme, in ihr Haar und um ihre Taille legen. Sie war geſchmückt, ſie war bereit! Mit einem wundervollen Lächeln reichte ſie ihrem Gemahl die Hand dar, und er betrachtete ſie mit freudigen Blicken, und pries laut ihre Schönheit und ihr himmliſches Angeſicht. Sie werden Alle wie bezaubert ſein von Deinem Anblick, ſagte er. Natalie ſagte lächelnd: Mögen ſie's. Ich bin nur glücklich, wenn ich Dir gefalle! Im offenen Wagen fuhren ſie mit ihrem Gefolge nach dem Hafen hin, und in allen Straßen ſtrömte das Volk zuſammen, und jauchzte der ſchönen Prin⸗ zeſſin entgegen, und ſtaunte die Pracht an, die ſie um⸗ gab, und pries ihn ſelig, den Grafen Orlow, den Ge⸗ liebten der Kaiſerin! Und wie ſie am Ufer ſich zeigten, wie der Wagen hielt und Prinzefſin Natalie ſich von ihrem Sitze erhob, — 303— 4 da erſcholl von allen den Schiffen ein tauſendſtim⸗ miges Vivat, da wehte die rnſſiſche Flagge von allen Schiffen, da donnerten die Kanonen und ſchmetterten die Poſaunen drein, und Alles rief und jauchzte: Heil der kaiſerlichen Prinzeſſin! Heil Natolien, der Tochter Eliſabeth's! Es war ein ſtolzer, ein glückberauſchender Mo⸗ ment, und Natalien's Angen füllten ſich mit Thrä⸗ nen, zitternd und erbebend in ſtolzem Entzücken mußte ſie ſich auf Orlow's Arm lehnen, um nicht zuſammen⸗ zuſinken. Jetzt nur keine Schwäche, ſagte er, und zum erſten Male klang ihr ſeine Stimme hart und rauh.— Be⸗ fremdet blickte ſie ihn an— es war etwas in ſeinem Geſicht, das ſie nicht verſtand, etwas Wildes, Gehäſſi⸗ ges lag in dieſen Zügen, und er vermied es, ihrem Blicke zu begegnen. Er ſchaute hinüber zu den Schiffen. Sieh, ſagte er, ſie laſſen das große Boot herunter, Admiral Gluck kommt ſelber, um Dich abzuholen. Und ſieh dieſes Heer der Gondeln, das dem Admiralsbvote folgt! Alle Deine Officiere kommen, Dich zu begrüßen, und wenn Du in ihrem Gefolge hinüber fährſt und dem Atmi⸗ ralsſchiffe Dich nahſt, ſo werden ſie den goldgeſchmückten Lehnſeſſel herablaſſen, um Dich hinaufzuziehen. Das iſt eine Ehre, wie man ſie nur Perſonen von kaiſerlichem Range erzeigt! — 304— Sie blickte nicht hinüber auf alle dieſe nichtigen Dinge, ſie betrachtete nur ſein Angeſicht, ſie fragte ſich nur ſinnend und beklommen, welche Veränderung mit Alexis vorgegangen, und was dieſes haſtige, halb ſcheue, halb zornige Weſen zu bedeuten habe? Da hielten ſie am Ufer, die Boote, da kam der Admiral mit ſeinen Officieren, und ſie ſanken nieder auf ihre Knie, und ſie huldigten der ſchönen Prinzeſſin, welche ſie ihre Herrin nannten. Natalie dankte ihnen mit einem reizenden Lächeln, ſie reichte huldvoll dem Admiral die Hand dar und ließ ſich von ihm zu dem großen Boote geleiten. So wie ihr Fuß es betrat, donnerten die Kanonen, ſchwenkten die Matroſen auf allen Schiffen Fahnen und Wimpel, und brüllten ihr: Vivat Natalie von Rußland! Sie blickte nur hinüber nach Orlow, der mit ge⸗ falteter Stirn, mit düſteren Zügen noch immer am Ufer ſtand. Graf Alexis Orlow, rief ſie mit ihrer ſilberhellen Stimme, wir erwarten Euch! S Aber Alexis folgte nicht ihrem Rufe. Er ſprang haſtig in eins der Officiersbvote, er blickte nicht einmal zu ihr hin. Aleris! rief ſie angſtvoll.— Er folgt uns, Hoheit, flüſterte die Gemahlin des Conſuls Dyk, indem ſie neben der Prinzeſſin Platz nahm. Es wäre gegen die Dehors, wenn er in die⸗ ſem Moment neben der Kaiſerin erſchiene. Seht, dicht hinter uns iſt er, in der zweiten Gondel! Abgeſtoßen! rief der Admiral Gluck, und er ſel⸗ ber ergriff das Ruder, der jungen Kaiſerin zu Ehren. Die Boote ſtießen vom Lande. Voran das Admi⸗ ralsbvot mit der Prinzeſſin, dem Admiral und der Engländerin, und dann in buntem Gemiſch dieſe un⸗ zählige Menge der bewimpelten Gondeln, in denen ſich die Officiere der Flotte befanden. Es war ein prächtiger Anblick; das Volk ſtand am ufer und konnte ſich nicht ſatt ſehen an dieſem pracht⸗ vollen Schauſpiel. Jetzt war es erreicht, das Admiralsſchiff, und vom Deck hernieder ließ man den vergoldeten Lehnſeſſel, Natalie aufzunehmen. Sie erhob ſich zitternd von ihrem Sitz, ein ſeltſames, unerklärliches Bangen bemäch⸗ tigte ſich ihrer, angſtvoll ließ ſie den Blick hinüber⸗ ſchweifen zu Orlow. Er ſaß in dem zweiten Boote, dicht hinter ihr, aber er blickte ſie nicht an, nicht ein einziges Mal, und auf ſeinen Lippen ſtand ein wildes, triumphirendes Lächeln. Prinzeſſin, man wartet! Beſteigt den Lehnſeſſel! er⸗ mahnte Madame Dyk; Natalien ſchien es, als ſei nichts von der frühern Demuth und Ergebenheit in dem Ton, mit welchem ſie eben zu ihr geſprochen, Alles ſchien ih plötzlich verändert, Alles!— Zaudernd beſtieg ſie de Mühlbach, Tartaroff II. 20 — 306— ſchwankenden Lehnſeſſel— aber ſie beſtieg denſelben doch!— Man zog ihn empor mit ihr. Die Kanonen don⸗ nerten aufs Neue, die Soldaten ſchwenkten die Flaggen, und am Ufer ſtand das Volk von Livorno und jauchzte. Plötzlich war es, als ob man mitten durch das Frendengejauchze und den Kanonendonner hindurch einen Jammerſchrei vernähme, ſo laut, ſo durchdrin⸗ gend, ſo herzzerſchneidend durchzitterte es die Luft. Was war das? Was bedeutet dieſes Getümmel auf dem Verdeck des Admiralsſchiffes? Wie, iſt es nicht faſt, als ob man die Prinzeſſin, deren Fuß ſo eben das Schiff betreten, mit rohen Händen ergriffen? Scheint es nicht, als ob man ſie anpacke, als ob ſie ſich wehre, die Arme gen Himmel ſtrecke, und horch, jetzt dieſer fürchterliche Schrei, dieſes Jammer⸗ gekreiſche! Schaudernd und verſtummend ſteht das Volk am Ufer und ſtarrt hinüber nach dem Schiffe. Und die Ka⸗ nonen ſind verſtummt, die Matroſen ſchwenken nicht mehr die Flaggen, Alles iſt plötzlich ſtill⸗ Noch einmal iſt es, als hörte man einen Schrei, laut und ſchneidend durchzittert er die Luft, dieſer ein⸗ zige Name: Alexis! Alexis Orlow erbebt und zittert, und befiehlt ſeinem Boote, zurückzukehren zum Ufer! — — 307— Auf dem Admiralsſchiffe iſt jetzt Alles ſtill. Die Prinzeſſin iſt nicht mehr auf dem Verdeck. Sie iſt ver⸗ ſchwunden! Die Leute wollten geſehen haben, daß man mit Ketten ihre Hände und Arme gefeſſelt, und ſie dann weggeſchleppt! Wohin?— Alles war ſtill! Die Boote kehrten zum Ufer zu⸗ rück,— Graf Orlow reichte der ſchönen Madame Dyk die Hand, um ihr beim Ausſteigen behülflich zu ſein. Morgen, Madame, flüſterte er, werde ich Ihnen den Dank meiner Kaiſerin bringen. Sie haben uns trefflich genützt! Das Volk empfing den Landenden mit Heulen und Schreien und lauten Verwünſchungen. Aber Graf Orlow warf mit einem verächtlichen Lächeln Geld unter das Volk, und es verſtummte. Ruhig und ſtill lag die ruſſiſche Flotte im Ha⸗ fen. Aber auf dem Admiralsſchiff waren die Kano⸗ nenluken geöffnet, und die Feuerſchlünde gähnten dro⸗ hend hervor. Keine Gondel durfte ſich dem Schiffe na⸗ 1 hen, einige aber, von Neugierde getrieben, hatten es den⸗ noch gewagt, und ſie meinten, an dem Fenſter der Kajüte die bleiche Prinzeſſin geſehen zu haben, mit gerungenen Händen, die Arme mit Ketten belaſtet. Auch verſicherten Andere, während der Stille der Nacht vom Admiralsſchiff herüber lautes Gewimmer vernommen zu haben. * 20* — 308— Am andern Tage lichtete die ruſſiſche Flotte die Anker, um den Hafen von Livorno zu verlaſſen und nach Petersburg zurückzukehren. Stolz ſegelte das Ad⸗ miralsſchiff den übrigen Schiffen voraus, und bald war es am Horizonte verſchwunden.* Am Ufer ſtand Graf Alexis Orlow, und als er das Admiralsſchiff vorüberſegeln ſah, flüſterte er mit einem wilden Lächeln: es iſt vollbracht! Meine ſchöne Kaiſerin wird zufrieden ſein! xRV Schluß. Sie war zufrieden, die große, erhabene Kaiſerin, zu⸗ frieden mit dem Werk, welches Aleris Orlow vollbracht,* zufrieden mit der Art, wie er es ausgeführt. Sie ließ ſich im Beiſein ihrer Vertrauten von Ri⸗ bas, dem Abgeſandten Orlow's, weitläufig und genau dieſes ganze Werk erklären, wie es begonnen und vollen⸗ det worden, und ſie nickte dem Erzähler mit einem grau⸗ ſamen Lächeln Beifall zu.— Ja, ſagte ſie dann, ſich an Gregor Orlow wendend, wir verſtehen uns auf Weiberherzen, und deshalb ſandte ich Alexis, um ſie einzufangen. Ein ſchöner Mann iſt der beſte Kerkermeiſter für ein Weib, und dem entläuft es nicht!— angebliche chter ſoll mich gelehrig v will von Und was beſchließt die erhabene Majeſtät über die Gefangene? fragte Joſeph Ribas demüthig. Oh, das hätte ich faſt vergeſſen, ſagte die Kaiſerin gleichgültig. Sie lebt alſo noch, die ſogenannte Tochter Eliſabeth's? Sie lebt! Die Kaiſerin ging ſinnend einige Male auf und ab, und ihr kühner Adlerblick ſchweifte dann und wann hin⸗ über zu ihren beiden Lieblingsgemälden dort drü⸗ ben an der Wand; es waren Schlachtſtücke von Caſa⸗ nova's Meiſterhand, Schlachtſtücke voll grauſamer Wahr⸗ heit; man ſah das rinnende Blut, zerriſſene und zit⸗ ternde Glieder, man ſah die Wuth der Schlachtenden und den herzzerreißenden Todesjammer der Geſchlach⸗ teten.— So waren die Bilder, welche Katharina liebte, und deren Anblick ſie immer zu großen und t Gedanken begeiſterte. Während ſie jetzt hinblickte auf dieſe enſeblichen Bilder, überzog ein reizendes Lächeln das Antlitz de Semiramis des Nordens,— ſie hatte ſo eben einen Entſchluß gefaßt, und weil ſie mit demſelben zufriede war, lächelte ſie. Dieſer blutige Frauenrücken, ſagte ſie, auf eins der Bilder deutend, ſeht nur, Gregor, dieſer wundervolle Frauenrücken da, er erinnert mich an die Rache, welche die Kaiſerin Eliſabeth an der Schönheit der Gräfin ſchkin nahm. Nun, Eliſabeth's ihrer Mutter lernen, wie man ſtrafen ſoll! Man führe die Verbrecherin auf denſelben Platz, auf welchem Eliſabeth die ſchöne Lapuſchlin beſtrafen ließ, und wie man's der gethan, ſo thue man Eliſabeth's Tochter. Nur mag man etwas kräftiger die Peitſche ſchwin⸗ gen. Wir haben nicht Luſt, dieſem Kinde noch nach⸗ her die Zunge auszureißen. Peitſcht ſie, das iſt Alles, aber peitſcht ſie gut und wirkſam! Ihr verſteht mich doch? Und während ſie das ſagte, wich das anmuthige Lächeln nicht einen Angenblick von Katharina's Lippen, und ihre Züge ſtrahlten in hoher Schönheit und Heiterkeit. Ich denke, ſagte ſie, ſich an Gregor wendend, das heißt der ſchönen Lapuſchkin ein Sühnopfer bringen, und wir üben da Gerechtigkeit im Namen Gottes! Was Euch betrifft, ſagte ſie dann zu Joſeph Ri⸗ 5 bas, ſo haben wir Grund, mit Euch zufrieden zu ſein, und werden Euch belohnen. Zudem hat unſer ge⸗ ebter Alexis Orlow Euch uns noch beſonders em⸗ en und uns Eure Kenntniſſe Ihr ſollt ſein. ²) * * *) Joſeph Ribas ward von der Kaiſerin mit einer Stelle als Officier und Lehrer am Cadetten⸗Corps belohnt. Dann ſpäter er⸗ 3 eines Sohnes der Kaiſerin uns Gregor Orlow's. —,————— nannte ihn die Kaiſerin auf die Empfehlung Botzkoi's zum Erzieher „Er mußte,“ ſagt Maſſen,„Bobrinsky auf ſeinen Reiſen begleiten, Es war eine finſtere, ſchaurig kalte Nacht; Peters⸗ burg ſchlief; ſtill und öde waren die Straßen. Dort drüben aber, dort auf dieſem Platze, auf, welchem einſt Eliſabeth die ſchöne Lapuſchkin martern ließ, da glänzen Fackeln, da bewegen ſich dunkle Geſtalten hin und wie⸗ der, da iſt ein reges, geheimnißvoll waltendes Leben. Was iſt es, das ſich dort begiebt? Keine Zuſchauer ſind heute um die Barriere ver⸗ ſammelt— Katharina hat befohlen, daß zu dieſer Stunde ganz Petersburg ſchlafe, und alſo ſchläft es!— Nie⸗ mand iſt auf dem Platze, Niemand als die kalten, ge⸗ fühlloſen Henkersknechte, Niemand als das bleiche, kraft⸗ los zuſammengeſunkene Weib, das da im leichten, weißen Gewande in der Mitte ihrer Henker kniet.— Sie lebt noch, es iſt wahr, aber ihre Seele, die iſt längſt geſtor⸗ ben, ihr Herz, das iſt längſt gebrochen. Die Ketten und die Martern ihrer Gefangenſchaft, die haben's nicht gethan!— Alexis Orlow war es, der Nataliens Herz und Seele gemordet hat, um ihn hat ſie ſo lange geweint, bis ihre Thränen verſiegt ſind, um ihn hat ſie ſo lange geklagt, bis ihre Stimme erloſchen iſt Fetzt weint ſie nicht mehr und klagt nicht mehr, ſie blickt auf ihre Henker hin und lächelt, und hebt die und impfte ihm alle die entſetzlichen Laſter ein, die er ſelbſt beſaß.“ Später ward er, wie wir bereits weiter oben geſagt, Vice⸗Admiral und der Günſtling Potemkin's, des vierten Geliebten Katharina's. — 312— Hände empor zu Gott und dankt ihm, daß ſie endlich ſterben wird. Sie betet noch, als ſie ſich ihr nahen, als ſie mit roher Henkersluſt ſie aufheben, als ſie das Gewand ihr entreißen, und ihre edle, nackte Geſtalt verſchlingen mit ihren Blicken. Ihre Seele iſt bei Gott, ſie betet immer noch. Aber als man die Schnur, an welchem die Pa⸗ piere Paulo's hängen, von ihrem Buſen reißen will, da zuckt ſie zuſammen, da flammen ihre Augen, und in ihren krampfhaſt geſchloſſenen Händen verbirgt ſie die Papiere. Ich hab's geſchworen, ſie mit meinem Leben zu ver⸗ theidigen, ruft ſie laut, Paulo, Paulo, ich werde Wort halten! Und mit Löwenkühnheit vertheidigt ſie ſich gegen ihre enker. 5 Laßt ihr dieſe Papiere! beſiehlt Joſeph Ribas, wel⸗ er auf Befehl der Kaiſerin zugegen war. Mag ſie ſie ehälten, ſie werden ſogleich unſer ſein! h Paulo, ich habe Dir mein Wort gehalten, Natalie. Dann flehte ſie, daß man ihr erlaube, eſe Papiere zu leſen, und Joſeph Ribas gewährt Und mit zitternden Händen öffnet ſie beim Schein der hingehaltenen Fackeln die Siegel und lieſt. Ein trauriges und ſchmerzvolles Lächeln übefliegt ihre Züge, und ihre e ſinken kraftlos herab. — 313— Ach, es ſind die Beweiſe meiner kaiſerli“ kunft, weiter nichts, ſagte ſie. Wie wenig Paulo!. Und jetzt riſſen ſie ſie empor, hoben ſie hoch den Rücken des Henkers!— Sauſend fliegt die Peitſche durch die Luft,— weis fließt ihr edles Blut. Sie klagt nicht, nur einmal, einmal überwältigt ſie der Se einmal ſchreit ſie laut und ruft: hab Erbarmen mit der Tochter einer K ſſſiſſſſiſſſſſiſſſſſſſſſſſſſſſcſiſſm 9 10 11 12 13 14 15 16