ivt dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Okimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und cLeſebedingungen. 1. OMensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mie zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bbezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr 50 2 Ne— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Sin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. 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Ihre Thränen floſſen, wenn ſie die Leidens⸗ geſchichte de Sohnes Goites las, und mit from⸗ mem Händefalten ſank ſie auf ihre Knie und rief: „wahrlich, Du biſt der Sohn Gottes, der Hei⸗ land und Erlöſer aller Menſchen, erlöſe auch mich!“ Und allgemach ſchon empfand ſie die Segnung ihrer neuen Lehre, war es ihr, als knüpften 3 Rebekka. II. Bande ſie an Himmel und Erde zugleich, und ward ihr die chriſtliche Religion die Verklärung und Verkörperung der göttlichen Liebe, die zum Heil der Menſchheit vom Himmel herabgeſtiegen, zum Troſt und zur Veredlung des Menſchenge⸗ ſchlechts. Nun erſt war ihr die Natur belebt und ver⸗ ſtändlich, erkannte ſie den Geiſt der Liebe, der ſelbſt aus dem lebloſen Geſchöpfe zu ihr ſprach und ihr die Güte Gottes pries. Gleich den Blindgebornen, denen, wenn ihnen das Geſicht gegeben wird, alles ein Wunder iſt, ſchienen ihr ihre Augen jetzt erſt geöffnet, glaubte ſie jetzt erſt das Leben und die Natur zu begreifen und zu verſtehen. Sie hatte alle ihre Gedanken, alle ihre Em⸗ pfindungen auf Einen Punkt zuſammengedrängt, und gleich den Verzückungen und dem Hellſehen der Somnambule ſchaute ſie mit ihrem Herzen ein ihr ſonſt verſchloſſenes Leben, und verſtand ſie, was bis dahin ihr unverſtändlich geweſen. Wie ſchwülſtig und myſtiſch Böſenberg's Vor⸗ trag immer ſein mochte, Rebekka verſtand und durchdrang mit dem Feuerblick der Begeiſterung ſeine Worte, und wenn dennoch zuweilen in ihrem Verſtande ein Zweifel gegen ſo manche heilige Wunder ſich erheben wollte, drängte ſie in from⸗ mer Scheu ihn zurück, und ſagte:„ſelig ind⸗ die da e und doch glauben!“ —— „Iſt nicht jede Blume ein Wunder, jeder Menſch das größte Wunder der Schöpfung?“ fragte ſie ſich ſelbſt.„Nur weil wir es täglich ſehen, wird es uns zum Alltäglichen und Gewöhn⸗ lichen! Warum will ich alſo nicht an andre Wun⸗ der glauben? Die Sonne geht auf und unter, wir wiſſen nicht von wannen ſie kommt und wo⸗ hin ſie geht, ſo leuchtete Chriſtus über die Erde, und ſein Erſcheinen und Kommen konnte und durfte nicht ſein, wie das eines Staubgebornen!“ Auch hatte Böſenberg ihr geſagt, nur wer unbedingt alle die Wunder der heiligen Schrift glaube, nur der ſei ein wahrer Chriſt und zur Seligkeit befähiget. Und Rebekka's ganzes Flehen und Geiſtesſtreben war ja, eine Chriſtin zu ſein; ſo drängte ſie alle Zweifel der Vernunft, alle Fragen des Verſtandes zurück, und kniete in frommer Einfalt nieder vor ihrer Religion, als vor dem verſchleierten Bilde, deſſen Schleier zu lüften Tod und Verderben über ſie bringen konnte. Mit dem heiligen Myſterium des Abendmahls, das ſelbſt ihrem begeiſterten Verſtändniſſe unklar hlieb, hatte aber Böſenberg ſie auf den Tag verwieſen, wo ſie ſelbſt an den heiligen Tiſch treten würde, und mit frommer Un⸗ geduld erwartete Rebekka dieſe Stunde. Sie war nun in ihrer Seele eine Chriſtin, nd je mehr ſie die heilige Lehre in ſich aufnahm, tiefer ſie die Worte ihres Erlöfers in ihre Seele 1 grub, um ſo tiefer ward auch ihr Verlangen und ihr Sehnen, ganz nach dem Willen und Befehl des Herrn zu leben. Hatte aber Chriſtus nicht geſprochen:„wer⸗ fet alle Eure Habe hinter Euch, und fol⸗ get mir nach,“ und wiederum:„den Armen aber iſt das Himmelreich,“ und an einer an⸗ dern Stelle:„die Armen ſind Erben des Reichs, welches er verheißen hat denen, die ihn lieb haben.“ Und Rebekka in völliger Hingabe an ihren neuen Glauben, in jener frommen Schwärmerei, der Wort und Buchſtabe zum Geſetz wird, em⸗ pfand es nun als eine Sünde, daß ſie inmitten des Reichthums und umgeben von Luxus und Be⸗ quemlichkeiten lebe. Sie beneidete den Bettler, der ihr die magere abgezehrte Haud, um eine Gabe flehend, entgegen⸗ ſtreckte, und neigte ehrfurchtsvoll ihr Haupt vor dem zerlumpten Bettlerweibe, in ihrem Herzen flü⸗ ſternd:„der Armen iſt das Himmelreich!“ „Ja, ich fühle es,“ ſagte ſie zu ſich ſelber, „nur der Arme kann glücklich und ſelig ſein; abgezogen von allen irdiſchen Bedürfniſſen und Begierden kann ſeine Seele und ſein Herz ſich ungetheilt Gott ergeben! O wäre ich arm und elend!“ Allgemach geſtaltete ihr Sehnen und Wünſchen ſich in ihr zu einem Entſchluſſe, das Ziel zu er⸗ reichen, die Ausführung deſſelben aber verſchob ſie bis nach ihrer Taufe.— Der Tag derſelben war indeß herbeigekommen, Rebekka hatte faſt die ganze Nacht im Gebet und Flehen zu Gott verbracht, und als endlich die Sonne aufging und ihr den heiligſten Tag ihres Lebens verkündete, empfand ſie eine Wonne und ein Entzücken, wie niemcls zuvor.— Im weißen Gewande, das ſchöne lockige Haar einfach mit einer Myrthenkrone verziert, umwallt vom weißen Schleier, trat Rebekka in das Ge⸗ mach ihrer Tante, um ſie zur Kirche abzuholen. Weinend drückte die Baronin ſie an ihr Herz und die Hände auf Rebekka's Haupt legend, ſagte ſie feierlich:„So ſegne Gott alle Deine Tage, wie ich Dich ſegne. Glück und Heil mit Dir, Tochter meines Bruders! Wenn es Seligen ver⸗ gönnt iſt, herniederzuſehen zu den Menſchen, ſo wird Deines Vaters Geiſt Dich umſchweben in dieſer feierlichen Stunde, und Dich ſegnen mit ſeiner Liebe!“ Rebekka war leiſe auf ihre Knie geſunken, und wie ſie jetzt die Hände faltete und die großen Augen aufwärts ſchlug, mochte man ſie einem Boten des Himmels vergleichen, im Begriff ſich aufzuſchwingen in ſeine Heimath, den Himmel. Leiſe bewegten ſich ihre Lippen im Gebet, dann ſtand ſie auf und ſagte ruhig;„ſo laß uns gehen!—“ Der Wagen hielt an der Kirchthür, zitternd, bleich wie eine Lilie ſtieg Rebekka aus, ihre Füße trugen ſie kaum noch, und ſie mußte ſich auf den Arm ihrer Tante ſtützen, um nur nicht umzuſinken. Sie traten in die Kirche. Tiefes Schweigen herrſchte ringsumher, durch die hohen Gitterfenſter drang nur ſpärliches Tageslicht ein, die hohen Hallen nur zu einem matten Dämmerlichte erleuch⸗ tend, das dem Ganzen etwas Finſteres und Trü⸗ bes verlieh. Hin und wieder nur ſaßen in den Betſtühlen einzelne Perſonen mit dem Gebetbuch in der Hand, und ſo lautlos war Alles, daß man deutlich das Kniſtern des Sandes unter ihren Füßen vernahm, als Rebekka mit der Baronin den Gang hinaufging, um in den vergitterten Betſtuhl zu treten, und dort den Anfang der Cere⸗ monie zu erwarten. Bald aber zündete der Kirchendiener die Lich⸗ ter am Altare und die Kronleuchter an, und ſtrah⸗ lendes Licht durchſtrömte die Halle, die Bänke hatten ſich indeß mit Zuſchauern gefüllt, und im langen Talar trat der Prieſter an den Altar. Feierlich erklaug vom Thurm herab das Läu⸗ ten der Glocken, und durchtönte wunderbar die hohe geräuſchloſe Kirche. Jetzt ſchwieg es, und aus dem Betſtuhl trat Rebekta. Eine himmliſche Freude leuchtete aus ihrem Geſichte, ihre ganze Geſtalt erſchien größer, er⸗ habener; wie von Begeiſterung getragen ſchwebte ſie zum Altare hin, und ſank nieder auf ihre Knie. Da, mit feierlichem, herzerſchütterndem Klange, begann die Orgel, durchſtrömten die Töne eines heiligen Chorals den Raum, und jeder Klang zit⸗ terte wieder in Rebekka's Herz. Ein unendliches Weh und zugleich eine ſelige Zuverſicht und Freude trat in ihre Bruſt, langſam rann Thräne nach Thräne aus ihren Augen hervor und über die Wange hinab, aber es war das Weinen der Freude, jener Freude, die erhaben über alles Wort und allen Gedanken, nur in Thränen und Händefalten eine Sprache hat, und allem Irdiſchen abgewandt, war ihre Seele bei Gott. Und als nun die ganze Gemeinde im Geſang ihre Stimme erhob und die Töne mächtiger und voller dahin brauſeten, em⸗ pfand Rebekka eine nie geahnte Seligkeit. Der Geſang verſtummte, mit vor Freude zit⸗ terndem Herzen lauſchte Rebekka Böſenberg's Worten. Glaube und Vertrauen, auch nicht eine Spur des Zweifels war in ihr, und als jetzt der Prie⸗ ſter ſie aufforderte, ihr Glaubensbekenntniß abzu⸗ legen, that ſie es mit klarer, voller Stimme, mit Begeiſterung und Entzücken in den ſchönen Zügen. „So tritt denn näher,“ ſagte der Prieſter, „ich nehme Dich auf, im Namen Gottes, in die Gemeinſchaft der Chriſten. Rebekka ſchwebte näher heran, kniete auf den Stufen des Altars, und mit feierlicher Segnung legte der Prieſter die Hand auf das Haupt der jungen Chriſtin, und gab ihr den Namen Maria von Bellmann, denn die Ba⸗ ronin hatte zugleich an dieſem Tage ſie zu ihrer Adoptiv⸗Tochter erklärt. Einen Augenblick zuckte Rebekka zuſammen bei dieſem Namen, und die Erinnerung durchfuhr wie ein Schmerzensſtich ihre Bruſt, aber ſchnell ging es vorüber, denn die ernſte nun folgende Feier⸗ lichkeit nahm ihre ganze Seele in Anſpruch. Wieder begann die Orgel, ſang die Gemeinde, am Altare ſtand der Prieſter und ſegnete das Brod und den Wein. In inbrünſtigem Gebete kniete Rebekka, ihre ſehnenden Blicke auf den Al⸗ tar gerichtet, mit zitternden Lippen und von in⸗ nerer Bewegung gerötheter Wange. Der Prieſter trat zu ihr hin, die Schale mit dem heiligen Brode in der Hand!„Nehmet hin, und eſſet, denn es iſtmein eib Er reichte die heilige Speiſe ihr dar, und Re⸗ bekka empfing in heiliger Begeiſterung und uner⸗ ſchütterlichem Vertrauen das Brod, das ihr in Wahrheit der Leib Chriſti war, nicht ihn bedeutete, der Leib Chriſti, der in ihr auferſtehend eine Auf⸗ erſtehung ihres Fleiſches und eine Wiedergeburt ihres Geiſtes ihr ſchuf.„Nehmet hin und trinket!“ Und Rebekka's Lippen ſogen ſich feſt an dem heiligen Kelche, aus dem ſie in Wahrheit das Blut ihres Heilandes ſich trank, und nicht mehr den Wein, der es bedeuten ſollte, und gleich wie mit 6 „ der Macht des Feuers fühlte ſie ein neues wieder⸗ gebornes Leben und Blut durch ihre Adern ſich ergießen, das Blut und das Leben des Heilands, deſſen Leib ſie gegeſſen aus geweihter Schale, deſſen Blut ſie getrunken aus geheiligtem Kelche. Was ſie mit menſchlichen Sinnen nicht hatte faſſen, mit menſchlichem Verſtande nicht hatte durch⸗ dringen können, das ward ihr klar und verſtänd⸗ lich, ward ihr feſte Ueberzeugung in dieſem Mo⸗ mente des begeiſterten Schauens, der himmiliſchen Eingebung. Das Blut des Herrn hatte ſie getrunken, ſei⸗ nen Leib empfangen, und ſie fühlte in ſich neues Leben erſtehen, Chriſtus war in ihr, Chriſtus, der Heiland hatte ihren Leib geſegnet und ihr Fleiſch verklärt, ſein Blut durchſtrömte ihre Adern, und ſie ward ſich ſelbſt eine Geheiligte und Ge⸗ reinigte!— Die Ceremonie war zu Ende und Maria ver⸗ ließ am Arm ihrer Tante die Kirche. Unaus⸗ ſprechliche Wonne leuchtete aus ihren Blicken; in ihrer Wohnung angekommen, umfaßte ſie die Tante, und rief mit vor innerer Bewegung ʒit⸗ ternder Simme:„Heil mir, meine Mutter, Heil mir, ich bin eine Chriſtin!“ I. Armuth. „Ich habe Sie zu mir bitten laſſen,“ ſagte Rebekka andern Tages zu Böſenberg, der neben ihr auf dem Divan ſaß, und eine ihrer Hände in der ſeinen haltend, freundlicher, als ſie es ſonſt von ihm gewohnt geweſen, ſie anblickte, ich habe Sie zu mir bitten laſſen, um mit Ihnen eine wich⸗ tige Veränderung meines Lebens zu berathen.“ „Eine Veränderung Ihres Lebens?“ fragte Böſenberg mit ſeiner leiſen, gleißneriſchen Stimme, „wollten Sie ſich vielleicht verehelichen?“ Ein lauernder Seitenblick traf hier aus ſeinen Augen Rebekka's Antlitz, ſie aber bemerkte es nicht, und ſagte leiſe:„nein, mein Vater, das Glück der Ehe iſt nicht für mich. Was ich Ihnen zu ſagen habe, betrifft etwas Anderes, und ich vertraue es Ihnen, um mir Ihren Rath zu er⸗ flehen. Sind Sie doch mein geiſtlicher Vater und — 11— Ihnen verborgen. „Sprechen Sie denn,“ ſagte Böſenberg, rückte näher zu Rebekka hin, und legte einen Arm um ihre Geſtalt,„betrachten Sie mich als Ihren be⸗ ſten Freund und ſprechen Sie „Es bedrückt und ängſtigt mich,“ ſagte Re⸗ bekka ſchüchtern,„daß ich reich bin, während Chriſtus doch den Armen allein das Himmelreich verkündet hat, und Sie wiſſen, mein Vater, dieſes zu erlangen iſt der heißeſte und einzigſte Wunſch meines Lebens. Ich bin daher entſchloſſen arm zu werden, den Armen meine Habe zu geben, und mein Leben der Beſchauung und Andacht zu weihen.“ Ein ſpöttiſches Lächeln zuckte um Böſenberg's Lippen, als Rebekka ſo ſprach; es verſchwand aber ſchnell, und als das junge Mädchen jetzt ſchüchtern zu ihm aufblickte, waren ſeine Augen ſchon wieder himmelwärts gerichtet. Mit feierlichem Tone ſagte er:„ich ſehe, Maria, meine Lehre und mein Ei⸗ fer iſt nicht umſonſt geweſen, ich habe an Ihnen eine würdige Dienerin des Herrn erzogen. Der Name des Herrn ſei gelobt.“ „Sie billigen alſo meinen Entſchluß?“ fragte Rebekka freudig und zog des Prieſters Hand an ihre Lippen. S „Nicht ſo, nicht ſo, Maria,“ ſagte er, und plötzlich ſie umſchlingend, drückte er einen Kuß Berather, und keiner meiner Gedanken iſt vor „ auf ihren Mund, aber es war nicht der ruhige Kuß eines Vaters oder Freundes, ſondern er brannte auf ihren Lippen, wie der Kuß eines* glühenden Liebenden. Rebelka erbebte, ſie wußte nicht warum, und eine glühende Röthe überzog ihr Geſicht. „Sie billigen alſo meinen Entſchluß?“ fragte ſie leiſe wieder. Böſenberg hatte ſchnell wieder ſein ernſtes, feierliches Weſen angenommen, und ſagte ruhig: „ich billige den Beweggrund dieſes Entſchluſſes, nicht aber dieſen ſelbſt. Wohl haben Sie recht, Maria, des Armen iſt das Himmelreich, ſo ſagt der Herr, aber er meinte, als er ſo ſprach, den † geiſtig Armen, den, der in ſeinem Herzen hungert und darbt, und flehend wie ein Bettler zu Gott kommt und um Speiſe bittet für ſeine hungrige Seele, und dieſes Bettlers in ſeiner geiſtigen Ar⸗ muth iſt das Himmelreich, weil in ihm die Er⸗ kenntniß ſeiner Mangelhaftigkeit und Rathloſigkeit iſt, und ſomit auch die Beſſerung.— Solche Ar⸗ muth aber verträgt ſich mit dem Reichthum, der, wohl angewandt, eine Segnung iſt, eine Auffor⸗ derung, die der Herr ergehen läßt zur Wohlthätig⸗ keit und zum Erbarmen gegen die Hülfsbedürf⸗ tigen. Reichthum iſt ein Segen des Herrn. Darum Tochter in Chriſto, behalte, was Dir der Herr verliehen, und verwalte das Pfund, das Dir der Herr anvertrauet hat!“ „O mein Vater,“ rief Rebekka mit frommem Händefalten und himmelwärts gerichtetem Blick, „wie gnädig iſt der Himmel, daß er mir in Ih⸗ nen einen ſo weiſen und edlen Berather und Freund gegeben, der alle meine Irrthümer läutert, und meine Unwiſſenheit zum Verſtändniß auflöſet. Verlaſſen und rathlos wäre ich ohne Sie!“ „Sprechen Sie nicht ſo, Maria,“ ſagte Böſen⸗ berg leiſe,„es ſchmerzt meine Seele, denn ich werde Sie dennoch verlaſſen müſſen. Der Herr hat ſeinem unwürdigen Diener eine andere Stelle angewieſen in ſeinem Weinberg, und ich muß gehen, ſeinen Befehl zu erfüllen.“ Rebekka faßte ſeine Hand,„Sie wollten uns verlaſſen?“ fragte ſie heftig.„O nein, mein Vater, Sie können, Sie wollen es nicht!“ „Ich muß, Maria, denn ich gab mein Wort, und bewarb mich ſelbſt um dieſe Stelle!“ „Und warum thaten Sie das?“ fragte ſie ſchmerzvoll.„Dachten Sie nicht daran, wie ſehr wir Alle hier Ihrer bedürftig ſind?“ „Ich hoffe dort beſſer wirken zu können in meinem heiligen Berufe,“ antwortete Böſenberg. „Wohin gehen Sie?“ fragte Rebekka. „Nach einer der größten Städte Norddeutſch⸗ lands.“ „Alſo wirklich fort!“ ſagte Rebekka in ſich hinein, und ſenkte traurig das Haupt auf ihre Bruſt. Böſenberg's Augen richteten ſc mit einem ſtechenden, prüfenden Blicke auf das Mädchen, dann neigte er ſich dichter an ihr Ohr und flü⸗ ſterte:„willſt Du mit mir gehen, Maria?“ Sie ſchreckte zuſammen, blickte mit dem Aus⸗ druck der Verwunderung und des Erſtaunens ihn an, und ſagte leiſe:„mit Ihnen?“ Als aber ihre Augen denen Böſenberg's begegneten, ſenkte ſie erröthend ſie nieder vor dem glühenden und leidenſchaftlichen Ausdruck ſeines Blickes. „Ja mit mir,“ wiederholte Böſenberg, und zog das Mädchen näher an ſich.„Willſt Du mein Weib ſein?“ fragte er ſodann, und Ernſt und Demuth war aus dem Ton ſeiner Stimme gewichen, es lag nur Leidenſchaft und Glut darin. Rebekka aber ſenkte kraftlos ihr Haupt an ſeine Schulter und leiſe drängten ſich ein paar Thränen aus den geſenkten Augen hervor. Böſenberg neigte ſich über ſie, und küßte ihr die herabfließenden Thränen von den Wangen weg und fragte wieder:„willſt Du mein Weib ſein und mir folgen?“ Rebekka richtete ſich aus ſeinen Armen auf, ſie ſah ihn groß und feierlich an, und ſagte mit vor Bewegung zitternder Stimme:„was könnte ich Ihnen, dem Freund und Lehrer meiner Seele, verweigern? Sie haben mir ein neues Leben ge⸗ geben, wohlan, ſo nehmen Sie denn zum Dank dafür dies ganze Leben hin!“ . — 5 Böſenberg ſchloß ſie mit einer Leidenſchaft in ſeine Arme, die wenig paßte zu ſeinem ſonſt ſo ernſten, frommen Weſen. Das ſchöne Weib an ſeinen Buſen gedrückt, vergaß er, daß ſolche ir⸗ diſche Zärtlichkeit dem Heiligen nicht zieme, und mit aller Glut und aller Zärtlichkeit eines Kindes dieſer Welt bedeckte er Hals und Angeſicht Re⸗ bekka's mit Küſſen. Hatte er doch Wochen lang ſeine Leidenſchaft zügeln müſſen, hatte mit klopfen⸗ dem Herzen die Hände falten und gen Himmel ſchauen müſſen, während es ihn verlangte, mit ſeinen Händen ſie, das ſchöne Mädchen, zu um⸗ faſſen und ſeine Augen an ihren Reizen zu weiden! Immer ſtürmiſcher und heftiger wurden ſeine Liebkoſungen, und Rebekka zitterte in ihr ſelber unerklärlichem Bangen in ſeinen Armen. Da öffnete ſich die Thür, und die Baronin trat ein. Erſtarrt und erbleichend blickte ſie auf die ſeltſame Scene, rathlos, was ſie ſagen und thun ſollte. Aber ſchon hatte ſich Böſenberg von ſeinem augenblicklichen Schrecken erholt, ſchon lag wieder der ſonſtige, heilige Ausdruck in ſeinen Zügen; er ſtand auf, ging mit ſeinem geräuſchloſen ſchleichenden Tritt der Baronin entgegen und ſagte feierlich:„Geſegnet ſei Ihr Eintritt in dieſer Stunde, in einer Stunde, wo der Herr ſeinem unwürdigſten Diener ein großes Heil hat wider⸗ fahren laſſen. Wiſſen Sie, meine Verehrte, daß — Maria in dieſem Augenblick die Meine geworden iſt. Das heißt, ſie hat ſich entſchloſſen mein chriſt⸗ liches und treues Eheweib im Herrn zu werden.“ Selbſt Maria erbebte, als er ſo ſprach, und eine unheilsvolle Ahnung flüſterte ihr zu, daß ſie vielleicht in unüberlegter Aufwallung das Glück ihres Lebens verſcherzt. „Iſt dem wirklich ſo, Maria?“ fragte die Baronin mit zitternder Stimme. „Es iſt ſo,“ antwortete ſie leiſe, kaum hörbar. Eine bange, ängſtliche Pauſe trat ein, mit niedergeſchlagenen Augen, hochklopfendem Herzen ſtand Rebekka da. Böſenberg hatte die Hände gefalten und blickte gen Himmel, unbeweglich und ernſt, wie in tiefe Betrachtung verloren, und der Baronin Blick haftete thränenſchwer an ihrer ge⸗ liebten Nichte; dann wandte ſie ſich ſeufzend ab und trat ans Fenſter. Böſenberg folgte ihr dahin, Rebekka's Hand ergreifend und ſie mit ſich ziehend:„geben Sie uns Ihren mütterlichen Segen!“ ſagte er mit weicher, gleißneriſcher Stimme. „Wenn es wirklich Maria's Wille iſt, was ich noch immer nicht glauben kann,“ ſagte die Baronin feſt,„ſo möge Gott Euch ſegnen!“ Laut ſchluchzend warf ſich Rebekka an ihre Bruſt. S „Welch ein ſchönes Bild der Eintracht und der Liebe! wie ſehr wird der Herr ſein Wohlge⸗ ———————————— . fallen haben an ſolcher Einigkeit,“ ſagte Böſen⸗ berg.„Ich überlaſſe Sie jetzt Beide Ihren zärt⸗ lichen Ergüſſen und gehe in meine Wohnung, um in inbrünſtigem Gebete Gott zu danken für mein Glück. Lebe wohl Maria,“ fuhr er fort, und legte, wie ſegnend ſeine Hand auf ihr Haupt,„meine Braut, bald mein Weib, in 3r Stunde kehre ich zu Dir zurück.“ Langſam und leiſe verließ er das Gemach und ging in ſeine Wohnung. Als aber die Lhir ſei⸗ nes Zimmers ſich hinter ihm ſchloß, überzog ein triumphirendes hämiſches Lächeln ſeine Züge und er vief:„alſo gewonnen! Das ſchöne, reiche Ju⸗ denkind iſt mein! Freilich, fuhr er dann ſinnend fort, es wäre mir lieber geweſen, ſie hätte mich aus Liebe, nicht aus bloßer Dankbarkeit zu ihrem Gatten erkoren, indeß— immer doch iſt ſie mein!—“ Der Brautſtand. Vergebens waren der Tante Vorſtellungen und Bitten, ihr unüberlegt gegebenes Wort zurückzu⸗ nehmen, Rebekka blieb feſt und unerſchütterlich. „Ich habe ihm mein Wort gegeben und werde es halten,“ ſagte ſie feſt. Und wenn ich auch für ihn nicht jene Liebe empfinde, die einſt für einen Andern mein ganzes Weſen durchglühte, ſo weiß ich ja, daß eine ſolche Liebe hienieden nicht zum Glücke führt. Vielleicht auch war der Herr mich ſtrafte, weil um ein willen ich ſeiner weniger gedacht; e ₰ Schmerzes, um mich zu Gott zu fü Jetzt gehört ihm mein erſter Gedanke, was aber ſonſt von Liebe und Hingebung in mir iſt, ſoll meine Gatten gehören, ihm, dem ich es danke, eine Chriſtin ward. Wem könnte ich willi Leben anvertrauen, als meinem Se Mit tiefem Schmerze gewahrte die Entſchiedenheit ihrer Nichte, und unfähig noch etwas zu ändern oder ungeſchehen zu machen, überließ ſie Rebekka ihrem eigenen Willen und ihrer eigenen Beſtimmung. Aber mit ſtiller Trauer hafteten ihre Blicke oft an dem bleichem, ſchweigſamen Mädchen, an der jede Spur des früheren glühenden, lebensvollen Weſens verſchwunden war, die jetzt zu ganzen Stunden mit gefaltenen Händen und geſenktem Haupte unbeweglich daſaß und kaum ein Lächeln ſich abringen konnte als Erwiederung für die liebe⸗ volle Aufmerkſamkeit der Baronin. Was Rebekka aber in ſolchen ſtillen, ſchweig⸗ ſamen Stunden in ihrem Innerſten träumte und ſprach, das vertraute ſie Niemand. Ihre Lippe war verſtummt für jede Klage, und Niemand konnte ahnen, daß in dem Herzen dieſes ſtillen, ruhigen Weſens, dieſer aufmerkſamen, demüthigen und gehorſamen Braut, die ſich ein Studium daraus gemacht zu haben ſchien, alle Wünſche ihres Verlobten zu errathen, um alſogleich ſie zu er⸗ füllen, etwas Anderes noch verborgen ſei, als Ruhe und Friede. Rebekka aber empfand beides nicht; oft lag ſie in der Stille und dem Schweigen der Nacht, das Geſicht überſtrömt von Zähren, mit gerungenen änden auf ihren Knien und flehte zu Gott um Muth zu leben und Ruhe für ihre Seele. Dann wieder flog ſie empor, irrte ihr Blick — 20— ſie tief und bang. Der Grund war, Rebekka hatte in ihrem Her⸗ zen geleſen und ſie wußte nun, daß ſie ihren Ver⸗ lobten nicht liebe; ſie ſchauderte, wenn ſie daran dachte, mit ihm, dem Ungeliebten, ein ganzes Le⸗ ben lang vereint, gleich einem Galeerenſtlaven an der Kette des Duſeins mit ihm zuſammengeſchmie⸗ det zu ſein und keinen Ort des Alleinſeins, keine Einſamkeit und Stille mehr zu haben, wo ſie ihren Seufzern und ihren Thränen ungehört und unge⸗ ſehen ſich hingeben konnte. Wenn ſie dann zermartert und geängſtigt ver⸗ ſtummte vor Qual und keine Thränen mehr finden konnte und keine Klagen, wenn ſie ruhig bengwen und ſtill, dann gab es in ihrem Herzen eine andre Pein, die wieder ſie auftrieb zu neuem Schmerz. Sie beſchuldigte ihre Seele der Undankbarkeit, rief ſich in athemloſer Angſt alle die durch Böſen⸗ berg empfangenen Wohlthaten zurück, nannte ihn ihren Freund und Vater, und verlangte von ihrem widerſpenſtigen Herzen als Opfer ihres Dankes, ſich ihm in Liebe zu ergeben. Sie rief ſich alle ſeine edlen Eigenſchaften, ſeine Frömmigkeit und Heiligkeit, ſein tiefes Wiſſen und ſein erhabenes Denken vor die Seele und in⸗ mitten ſolcher Vorſtellungen durchzuckte ſie ſelber unerklärliches Mißtrauen und fragte ſie ſelbſt, ob er wohl wixklich auch immer wah verzweiflungsvoll im Zimmer umher und ſeufzte und ob wohl immer die Worte ſeiner Lippen der Ausdruck ſeiner Seele ſeien. Dann wieder ſchalt ſie ſich ſelbſt ob ſolches Mißtrauens und klagte im Gebete vor Gott ſich ſelber an. Das Feſthalten an dem einmal Gelobten er⸗ ſchien ihr als eine nur kleine Buße ihres ſündigen Zweifelns und Mißtrauens und feſt entſchloſſen ihr gegebenes Wort unverbrüchlich zu erfüllen, hielt ſie es in ihrem ſtolzen und reinen Herzen für ihre erſte und heiligſte Pflicht, gegen Niemand es zu verrathen, daß ſie dieſe Hingabe ihrer ſelbſt als ein Opfer betrachte, daß ihr Herz dabei ver⸗ blute und ihre Seele ermatte. Je mehr ſie in ſchlafloſen, kummervollen Näch⸗ ten ſich zermarterte, je lauter in ihr die Stimme des Mißtrauens gegen Böſenberg ſprach, um ſo hingebender und williger, um ſo freundlicher und ergebener zeigte ſie ſich ihm, wenn er Tags dann zu ihr kam, und konnte ſie in ihrem reuigen Her⸗ zen ſich nie genug thun, um das ihm unbekannte Vergehen gegen ſeine Liebe zu ſühnen. Und nicht dies allein war es, was den Schmerz ihrer Seele immer aufs neue anfachte und ihre Wange bleichte, ihre Augen trübte. O es gab Stunden, in denen mit nur zu deutlichen und hellen Farben die Bilder der Vergangenheit vor ihr inneres Auge traten, wo ſie die, ach nur zu geliebte Stimme Robert's zu hören, ſein ſchönes Angeſicht zu ſehen glaubte, Stunden, wo ſie in — verzweiflungsvoller Pein von Gott nichts erflehete, als daß er die Erinnerung und die Vergangenheit aus ihrem Gedächtniſſe löſchen möchte, daß er ſie trinken laſſe von dem Lethe des Vergeſſens. Gleich den Danaiden des Alterthums ſchöpfte ſie Tag für Tag mit odenloſen Gefäße und der Brunnen ihrep ward niemals leer. Aber it Läftige Seele erlag nicht ſo wechſelvolle Beſtürmungen, inmitten der Nacht ihres Innern Keuchtete ihr ein ſtrahlender, glän⸗ zender Stern und zu dieſem richtete ſie ihre vom Weinen gerötheten Angen und ihre wund gerun⸗ genen Hände. Dieſer Stern aber und dieſes Licht war ihr die Religion, die Gewißheit eines höch⸗ ſten, lenkenden und regierenden Weſens, in deſſen Händen das Geſchick jedes Einzelnen ruhe und ohne deſſen Willen ihr nichts geſchehen könne. In gläubigem kindlichen Gebete vertraute ſie Gott ihre Seele, und kein Zweifel war in ihr, ob auch Gott ihr Flehen und Seufzen hören würde, ob er auch bei dem Einzelnen ſei, wie bei dem All. Sie war zu jener Kindſchaft Gottes gelangt, die ergeben und fromm all ihr Denken und Wün⸗ ſchen an die Vaterbruſt legt und weiß, daß der Vater ſein Kind nicht umſonſt bitten läßt. Je mehr aber dieſes Wiſſen in ihr mächtiger ward, um ſo williger und klageloſer ergab ſie ſich in iht Geſchick und ſuchte ſich mit dieſem zu verſöhne Oft verlangend, doch mindeſtens für ſich ſel — ihren Gedanken und Träumen Worte zu geben und ihre Bruſt durch Ausſprechen zu erleichtern, ſchrieb ſie, was ſie empfunden und gedacht, in ihr Tagebuch, und es war für ſie eine wehmüthige Freude, in dieſem Buche zu blättern, das die ver⸗ ſchiedenen Stimmungen der letzt verfloſſenen Wo⸗ chen in treuem Spiegel ihr vorhielt. Es waren Verſe oder nur hingeworfene Ge⸗ danken und Sprüche, ſo wie der Moment und die augenblickliche Eingebung es ihr gerade ent⸗ ſtehen ließ. Für ein Lied, das ihr beſonders ge⸗ fiel und das ſie ſich oft wiederholte, hatte ſie ſo⸗ gar eine Melodie gefunden, und durch die Stille der Nacht ertönte zum Klang der Harfe der Ge⸗ ſang dieſes Liedes von ihren bebenden Lippen. Das Lied aber lautete: Ein Stern iſt mir entſchwunden, Ein ſchöner heller Stern, Kann nimmer mehr geſunden, Läg' tief im Grabe gern. Denn in dem Grabesdunkel Schließt ja das Aug' ſich zu, Sucht nicht mehr Sterngefunkel. Im Grabe wohnt die Ruh'. Und wie ich alſo klagte, Und wie ich alſo ſang, Es in der Seele tagte, Hört ich der Worte Klang: Wenn Nacht in deinem Herzen, Der Liebe Stern verſank, — 24— So richt' in deinen Schmerzen— Aufwärts der Seele Drang. Vertrau' dem Herrn des Lebens Das Deine ſonder Scheu, Du fleheſt nicht vergebens, Daß er dir hülfreich ſei. Er heilet deine Wunden, Er ſei dein Hoffnungsſtern, Und du wirſt bald geſunden Wenn du vertrauſt dem Herrn!— W. Die Rache. Viele Wochen waren ſo vergangen, und Re⸗ bekka hatte Ruhe und Frieden in ſich ſelber ge⸗ funden. Die Zeit, wo Böſenberg abreiſen wollte nach ſeinem neuen Beſtimmungsorte, rückte immer näher, und Rebekka ward es mit einer Art Freude ſich bewußt, daß die Erinnerung daran ſie mit Weh⸗ muth erfülle. Dennoch aber konnte ſie ſich nicht entſchließen, dem Wnriten ihres Verlobten nachzukommen, ſchon jetzt ihm ihre Hand zu reichen und ihm zu folgen, um ſo mehr, als ihre Tante es als einen Beweis ihrer Liebe und Zuneigung zu ihr von ihr forderte, daß ſie mindeſtens einige Wochen noch im ſtillen und ungeſtörten eßſ bei ihr verweile. war wenige Tage vor Böſenberg' s Abreiſe, als Rebekka in der Dämmerung des Abends allein in ihrem Zimmer ſaß. Die nach dem Garten führenden Glasthüren waren geöffnet und Rebek⸗. ka's Blicke ſchweiften träumeriſch in dem lieblichen Stillleben der Natur umher, folgten hier dem Schmetterling, der von Blume zu Blume flog, und hefteten ſich an das Laub der Bäume, deren von der Sonne vergoldete Spitzen im Abendwinde erzitterten. Zuweilen hob ein Seufzer ihre Bruſt, ſie wußte aber kaum, warum ſie ſeufze; dunkle, unklare Bil⸗ der zogen vor ihrer Seele vorüber, bald waren es Bilder der Zukunft, bald dunklere der Vergan⸗ genheit, die wechſelvoll ſie hoffen oder erbeben ließen, und ganz ihren Träumen hingegeben, be⸗ merkte ſie nicht, daß hinter ihr die Thür ſich leiſe geöffnet und Gräfin Clementine Panditzka einge⸗ treten war. Leiſe ging ſie zu Rebekka hin, die immer noch hinausſtarrte in den Garten, und eine Hand auf ihre Schulter legend, flüſterte ſie:„liebe Maria!“ Rebekka blickte auf und die Gräfin erkennend, rief ſie freudig:„Sie hier!“ „Wir haben uns lange nicht geſehen,“ ſagte Clementine,„meine Mutter und ich wagten es nicht, zu Ihnen zu kommen, um keinen Verdacht wegen eines möglichen Einverſtändniſſes auf Sie zu wälzen. Jetzt aber, nach ſo vielen Wochen durfte ich wohl wagen Sie aufzuſuchen.“ „O wie Sie gütig ſind,“ antwortete Rebekka, „wie freundlich Sie ſich meiner erinnern.“ „Sprechen Sie nicht ſo,“ erwiderte Clementine ernſt,„nennen Sie nicht Güte und Freundlichkeit, wozu mein Herz mich trieb. Ich habe Vieles wie⸗ der gut zu machen gegen Sie und ich danke dem Himmel, daß ich heute mindeſtens in etwas meine Schuld abtragen kann. Zuerſt aber ſagen Sie mir, Maria, edle, liebe Maria, haben Sie mir vergeben, zürnen Sie mir nicht mehr?“ „Der Himmel weiß,“ antwortete Rebekka ſanft, „ich habe niemals Groll gegen Sie gehegt. Doch nein,“ ſetzte ſie leiſe hinzu,„es gab dennoch eine Zeit, wo ich mit Neid, ja oft mit Zorn an Sie dachte, das war damals, als ich mich von Einem, den Sie kennen, geliebt glaubte und dies Gefühl mit Niemand theilen mochte. Dieſe Zeit aber liegt weit hinter mir und ich hoffe ſie geſühnt zu haben!“ „O Maria,“ ſeufzte Clementine und drückte zärtlich ihre Hand,„edles, erhabenes Mädchen, weißt Du es denn nicht, daß ich es verſchuldete, Dich öffentlich ſo zu beleidigen, daß ich ihn dazu antrieb, ſo öffentlich mit Dir zu brechen, um mit dadurch zu beweiſen, daß er mich allein liebe?“ Maria ſah ſie ſchmerzvoll an und fragte lang⸗ ſam:„Sie thaten das? Doch nein,“ fuhr ſie fort,„ich kann Ihnen deshalb nicht zürnen, es war gut, daß es ſo kam, daß meire Bruſt ſo von — 28 Lüge und Täuſchung befreit ward, die ſchwer auf mir laſtete. War ja auch dies eine Mahnung Gottes, der durch Schmerz und Pein an meine Seele klopfte, und mich zu ſich rief.“ Clementine umfaßte ſie zärtlich und rief: D Maria, könnte ich Ihnen gleichen! Lehren Sie mich werden, wie Sie es ſind!“ „Aber jetzt,“ fuhr ſie heftig fort und richtete ſich ſtolz empor,„jetzt laſſen Sie uns von dem ſprechen, was mich zu Ihnen führte. Mein Bruder iſt gerettet und in Sicherheit! Wir erhielten geſtern Briefe von ihm, in denen er Ihre Güte und Liebe preiſet und Sie den Schutzengel ſeines Le⸗ bens nennt.“ „Ich that nur meine Pflicht und es freut mich, daß der Erfolg ſie krönte,“ unterbrach ſie Rebekka. „Nun aber,“ fuhr Clementine heftiger fort, „da für ihn nichts mehr zu fürchten iſt, laſſen Sie uns daran denken, die uns Beiden angethane Schmach zu rächen.— Sehen Sie mich an, Ma⸗ ria. Meine Wangen ſind erbleicht, meine Augen trübe, ich bin alt geworden in kurzer Zeit. Nicht der Schmerz um ihn, den ich einſt zu lieben glaubte, nicht dieſer war es, der mich in ſchlafloſen Näch⸗ ten auf meinem Lager, das ich mit meinen Thrä⸗ nen befenchtete, wach erhielt, ſondern der Durſt und das Sinnen nach Rache. Auch Sie, Maria, tragen die Spuren der erlittenen Schmach in Ih⸗ rem bleichen Angeſicht. Der Schmerz hat uns Beide —— zu Schweſtern gemacht, laſſen Sie uns vereint ſein in Rache. Soll der Verräther ungeſtraft, geachtet und geſucht umhergehen? Nimmermehr, wir wollen ſeine Stirne brandmarken und ſein Leben vergiften, ihn niedertreten in den Staub, daß er mit Verzweiflung und Reue an uns ge⸗ denken foll.“ „Und würde uns dieſes Entſchädigung ſein,“ fragte Rebekka ſanft,„für die verlorenen Tage unſerer Jugend, würde es unſere Wangen röthen und unſere Augen helle machen, würde es uns nur eine der vielen um ihn vergoſſenen Thränen ungeweint machen?“ „Ja,“ antwortete Clementine heftig,„die Rache ſtillt und ſänftiget allen Schmerz. O, ich werde nicht mehr wiſſen, daß ich gelitten habe, wenn ich gerächt bin!“ Drohend hob ſie den Arm, ihre Wange über⸗ zog ein glühendes Roth und ihr Auge leuchtete in wildem Feuer. Maria ſchüttelte leiſe das Haupt.„Nicht alſo, nicht alſo, Clementine,“ ſagte ſie leiſe,„laſſen Sie uns handeln und denken, wie es Chriſtinnen geziemt. Die Rache iſt mein, ſpricht der Herr!— Chriſten ziemt es zu vergeben!“ Du kannſt im Ernſte nicht ſo ſprechen,“ rief ine heftig,„empört ſich nicht mindeſtens Stolz gegen den Verräther, fordert dieſer nicht Genugthuung?“ 3 — 30— „Was ich gelitten,“ antwortete Maria,„ſühnt keine Rache! Auch will ich dieſe nicht. Laſſen Sie uns doch des erhabenen Wortes unſeres Er⸗ löſers gedenken, der geboten hat: Liebet Eure Feinde, ſegnet, die Euch fluchen, thut wohl denen, die Euch beleidigen oder verfolgen!—“ „Unglückliche, Sie wiſſen noch nicht Alles, ſonſt könnten Sie nicht ſo ſprechen. Erfahren Sie denn, daß ich aus ſicherer Quelle weiß, wie Ihnen durch Eppenberg neues Unheil droht. Er hat Sie der Theilnahme an einer Verſchwörung beſchuldigt, hat ausgeſagt, daß Sie mehreren Verdächtigen zur Flucht verholfen, und darauf angetragen, daß Sie zum Verhör gefordert würden.“ „Nimmermehr,“ rief Rebekka,„ſo weit kann eines Menſchen Argliſt nicht reichen!“ „Dennoch iſt es wahr,“ antwortete Clementine. „Nun, Maria, wollen Sie ſich vereinigen mit mir zur Rache an dem Verräther?“ Rebekka ſchwieg einen Augenblick, dann faltete ſie die Hände und eine himmliſche Freude leuch⸗ tete aus ihrem aufwärts gerichteten Blicke, als ſie ſagte:„wohl mir, daß ich eine Chriſtin bin und daß die heilige Lehre mir Kraft giebt, zu verzeihen. Nein, Clementine, ich will keine Rach ich vergebe ihm!“ „So werde ich allein thun, was ich erwiderte die ſtolze Polin. 3 „Und was wollen Sie thun?“ fragte Rebekka. „Beweiſen will ich und kann ich, daß er be⸗ ſtechlich und käuflich iſt, daß er für große Geld⸗ ſummen heimlich Gefangene, die er vorher denun⸗ ciirt, befreit, und daß er geſtern vor Gericht einen Meineid beging, als er ſchwur, nichts von der Flucht des Grafen Klindilsky zu wiſſen, während ich doch aus von ihm geſchriebenen Briefen das Gegentheil darlegen kann.“ „Was aber ſollte ich hierbei fördern?“ „O,“ antwortete Clementine,„das iſt noch eine andere Angelegenheit wieder. Vor einem geiſtlichen Gerichte will ich den, wie ich jetzt weiß, verheiratheten Baron von Eppenberg anklagen, ſich mir verlobt zu haben und Ihnen.“ „Nein, nein,“ rief Rebekka,„nicht mir! O Clementine, ſchonen Sie ſeiner!“ „Sprechen wir nicht mehr davon,“ antwortete die Gräfin kurz.„Laſſen Sie uns lieber an Ihre Angelegenheiten denken. Sie müſſen fort, morgen, heute noch, ſo ſchnell wie möglich. Sie ſind an⸗ geklagt, man wird ſie vor Gericht berufen, und wenn Sie im Verhör nicht eingeſtehen, daß Sie einem Verdächtigen zur Flucht behülflich waren, wird man von Ihnen einen Eid n Wer⸗ den Sie den leiſten?“ „Unmöglich,“ ſagte Rebekka erblaſſend„Ja, ja, Sie haben Recht,“ fuhr ſie fort,„das darf nicht ſein, ich würde dann auch Si chtigen machen und die Ihrigen.“ „Denken Sie nicht an uns, Maria. Aber Sie ſelbſt werden gefährdet. Sie kennen noch nicht die hier geübte Gewalt, Sie wiſſen vielleicht nicht, wie oft hier in Krakau angeſchuldigte und verdächtigte, ob vielleicht auch unſchuldige Men⸗ ſchen Nachts plötzlich aus ihren Wohnungen ge⸗ riſſen und fortgeſchleppt worden, Niemand weiß wohin, ob nach Rußlands Staatsgefängniß Si⸗ birien, ob auf Oeſterreichs Feſtungen, und Nie⸗ mand erfährt von ihrem ferneren Schickſal. Und das,“ ſagte die ſtolze Polin mit höhniſchem Lä⸗ cheln,„nennen ſie unſer armes zertretenes Polen beſchützen. Wehe über ſie, die der Fluch ſind und die Geißel unſeres Landes!— Aber nein,“ fuhr ſie ruhiger fort,„ich will Sie nicht mit Klagen beläſtigen, die ja doch vergeblich ſind. Was ge⸗ denken Sie zu thun?“ Rebekka blickte ſinnend zur Erde, dann richtete ſie langſam das Haupt auf, und ſagte:„iſt es alſo Gottes Wille, ſo werde ich an der Hand meines Gatten die Stadt verlaſſen.“ „Sie werden ſich verheirathen?“ fragte Cle⸗ mentine ſchnell.„Und ſind Sie glücklich?“ Rebekka lächelte ſchmerzvoll:„Glücklich? Wer iſt hienieden denn glücklich? Aber ich bin ruhig, und ich glaube, daß Ruhe das einzig mögliche, irdiſche Glück iſt!—“ Beide Mädchen ſchwiegen, als plötzlich die Baronin hereinſtürzte. — 33— „Um Gottes willen Maria, ſieh hier dies Blatt! Es iſt eine Anſchuldigung gegen Dich, daß Du dem Grafen Panditzka zur Flucht verholfen, daß Du als Jüdin Dich fälſchlich eines chriſtlichen adelichen Namens bedienteſt. Es ſteht ſchwere Strafe auf ſolch Vergehen. Man fordert Dich vor Gericht, und Polizeidiener harren Deiner, um Dich in einem Wagen abzuholen zum Verhör.“ Rebekka blieb ruhig und gefaßt.„Kommen Sie mit mir,“ ſagte ſie zur Tante,„bringen Sie mich zu Böſenberg, bei ihm verberge ich mich den Tag über, und wenn er einwilligt, verlaſſe ich noch hente Nacht als ſein Weib mit ihm die Stadt.“ Man billigte ihren Plan, und in ihre Mäntel gehüllt, durcheilten ſie den Garten, und gelangten bald in Böſenberg's Wohnung. Erſt nach mehrmaligem Klopfen ward ihnen geöffnet, und im Augenblick, als ſie hereintrat, glaubte Rebekka durch eine entgegengeſetzte Thür eine weibliche Geſtalt verſchwinden zu ſehen. Sie beachtete es aber nicht weiter, und in fliegender Eile machte man Böſenberg mit Allem, was vorgegangen, bekannt. Er war mit ihnen einverſtanden, und beeilte ſich alles desfallſige Nöthige zu ordnen⸗ Wenige Stunden ſpäter ſegnete ein ihm be⸗ freundeter Pfarrer Böſenberg's She mit Maria von Bellmann ein, die amendlich bleich, aber gefaßt und ruhig, mit klarer S Rebekka. II. S bedeutungsſchwere Ja ſprach, und ſomit ihr ganzes kommendes Leben in Böſenberg's Hand legte. Aber ſie blieb geſammelt und ſtill; nur als einige Stunden ſpäter beim hereinbrechenden Dun⸗ kel der Nacht Alles zur Abreiſe angeordnet, als der Wagen ihrer harrte, und ſie Abſchied nehmend in den Armen ihrer vor Bewegung und Weinen ſprachloſen Tante lag, drohte ihre Kraft ſie zu verlaſſen, und ſtürzten die Thränen aus ihren Augen hervor. Sie riß ſich los, und mit herzzerreißendem Wehelaut ein:„Lebewohl, Lebewohl!“ rufend, ſtürzte ſie aus dem Gemach. Bald vernahm die halb ohnmächtig niedergeſunkene Baronin nur noch dumpf in der Ferne das Rollen des Wagens, der Maria, ihre geliebte Maria an der Seite Böſen⸗ berg's dahintrug! „Lebe wohl, lebe wohl auch Du, Rebekka, Toch⸗ ter Israels,“ flüſterte ſie, Dein Name wird nicht mehr ertönen, der Fluch Deiner Geburt iſt von Dir genommen, Dein Sehnen nach dem Chriſten⸗ thum iſt erfüllt. Niemand wird es an dem Orte wohin Du gehſt, wiſſen, Niemand wird Dich hin⸗ fort mehr nennen mit dem Namen Deiner Ge⸗ burt. Nur Abigail, die Pflegerin Deiner Jugend, die Dich liebt mit der Liebe einer Mutter, nur dieſe wird, wenn ſie zu dem Gott ihrer Väter bittet und für Dich den Schutz des Himmels er⸗ fleht, nur dieſe wird in ihrem Herzen und in ihrem Gebete Dich nennen mit dem nun verklun⸗ genen Namen: Rebekka! Nur dieſer bleibſt Du Rebelka, und wenn ein Gott da droben die Ge⸗ bete der Sterblichen vernimmt, mögen die Worte der Jüdin Abigail für die Jüdin Rebekka nicht minder Klang und Werth haben, als das Flehen der Chriſtin Baronin Bellmann für ihre Nichte Maria, Maria Böſenberg!“ V. Der Eheſtand. So war nun Maria Böſenberg's Frau, ihm durch die heiligen Bande der Kirche verbunden, ſein Weib! ₰ Wohl ae ihr Herz nichts empfunden für ihn von der Seligkeit und dem ſüßen Leben frü⸗ herer Tage, wohl hatte ſie nach Kampf und Schmerz es erſt über ſich vermocht, ihm min⸗ deſtens ruhig und friedlich in ihrem Innern ge⸗ ſtimmt anzugehören, und das leidenſchaftliche Fordern und Wünſchen ihrer Bruſt mit der Ueberzeugung zu ſchläfriger Ruhe niederzu⸗ kämpfen; daß Liebe und Glück nicht von dieſer Welt ſei. Die Poeſie des Lebens hatte ſie getäuſcht, war nur in ihr, nicht außer ihr geweſen, und ſie atte die Welt und die Menſchen nur durch das risma ihres eigenen Empfindens geſehen, darum — war ſie ihr auch bunt und farbenreich erſchienen, ſtrahlend und glänzend. Gleich dem Aſtronomen, der in kalter ſchwei⸗ gender Nacht allein auf ſeinem Thurme ſteht und abgewandt von der Erde durch das Fernglas hin⸗ aufſchaut in den dunklen Himmel, der ſich ihm dann plötzlich bevölkert und erhellt, an dem Stern nach Stern ihm auftaucht, ihm neue Welten zeigt, ungeahnte, ungekannte, ſtrahlende Welten, die jetzt wirklich und vorhanden ſind vor ſeinem Auge, ſo hatte Rebekka die kalte ſchweigende Welt nur durch das Vergrößerungsglas ihrer Gefühle er⸗ ſchaut, und der unſcheinbare Stern war ihr zur ſtrahlenden, glänzenden Sonne geworden, zu einer neuen Welt. 6 Als es aber tagte in ihrer Seele, da ver⸗ ſchwanden vor dem Lichte der Erfahrung die Sterne an dem Nachthimmel ihres Herzens, ſie ſah Alles, wie es war, und Alles war nüchtern und kalt. Nichts war ihr geblieben als die Erinnerung, der Schmerz und die Wirklichkeit. „So will ich,“ ſagte ſie in ſich ſelber,„der Wirklichkeit, der Proſa, die da Wahrheit iſt, mich ergeben, mich an das hängen, was da iſt, und vom Leben nicht fordern, was es nicht geben kann!“ Sie glaubte nicht mehr an Glück, aber an Ruhe, und wo meinte ſie, ſollte und könnte ſie dieſe beſſer finden, als in der Ehe? Denn d — 3 Ehe war für ſie ein heiliger Begriff, eine heilige Beſtimmung des Weibes, in ihr zu leben, und ſie meinte, ein Weib, das durch die Bande der Ehe einem Manne angehöre, könne nimmer ganz un⸗ glücklich ſein, weil ſchon in ſo geheiligtem Daſein ein Troſt liege. Darum, als ſie nun wirklich Böſenberg's Gattin, war es ihr, als ſei plötzlich alle Sorge und aller Schmerz von ihr genommen, als ſei ſie zu einem neuen Daſein geboren. Sie bemühete ſich nicht, Böſenberg zu lieben und zu verehren, es war ihr ſo natürlich, es konnte ihr nicht anders ſein,— ſie dachte nicht mehr an die Vergangenheit, auch würde ihr das als eine Sünde erſchienen ſein. Heilige Ent⸗ ſchlüſſe, Tugend und Liebe waren in ihrer Seele, und nur durch das hingebendſte Opfer ihres Selbſt und ihres Lebens glaubte ſie der Seg⸗ nung, die ihr in dem Begriff der Ehe lag, ſich würdig zu machen. Nie mehr kam ein Zweifel und Mißtrauen gegen Böſenberg in ihr Herz, der ja ihr Herr war und ihr Meiſter, den zu verehren und zu lieben, dem zu dienen und ergeben zu ſein ſie als die erſte Pflicht einer chriſtlichen Ehefrau er⸗ achtete. Sie fragte nicht nach ihren Rechten und ihren Anforderungen, ſie wußte und kannte nur die ſeinen, und dieſen ſich zu unterwerfen ſchien ihr allein angemeſſen und natürlich. — 35— Kein Gedanke war in ihr, der ihm verborgen ſein durfte, denn auch das kleinſte Geheimniß vor dem Gatten, den ſie ihren Herrn nannte, wäre Sünde geweſen, und die einzigſte Aufgabe ihres ganzen Daſeins ſchien ihr zu ſein, jeden ſeiner Wünſche zu errathen, um ihn zu erfüllen, für ihn und mit ihm zu tragen und zu dulden, die Sor⸗ gen auf ſich zu nehmen, damit er nur ſorgen⸗ los ſei. War nicht ihr Gatte der Herr ihres Daſeins, ſie ſein Geſchöpf, hatte er nicht den Fluch ihrer Geburt von ihr genommen und ſie zu einer Chri⸗ ſtin erhoben, hatte er nicht endlich ihr ſeinen chriſt⸗ üchen, ehrenvollen Namen gegeben und ſie zu ſei⸗ ner eigenen Würde erhoben? 6 Sie zweifelte nicht, daß der geiſtliche Stand der erſte und geachteteſte ſei, und Böſenberg einer der Erſten des Landes. Darum fand ſie ſeinen Prieſterſtolz auch na⸗ türlich, und als er einſt zu ihr ſagte:„der Diener des Herrn ſteht Fürſten und Königen gleich, iſt mehr als ſie, denn er kann ſie ſtrafen, und ihnen Buße auferlegen!“ lächelte ſie ſtolz und beſeligt, daß ſie das Weib eines Prieſters ſei. Nie aber erſchien Böſenberg ihr ehrwürdiger und erhabener, als wenn er Sonntags im ſchwarzen Talar auf der Kanzel ſtand, und zu ſeiner Ge⸗ meinde ſprach. 8 Mit welchem andächtigen Herzen lauſchte ſie — jedem ſeiner Worte und drückte Alles tief in ihre Seele, wie ſtärkte und kräftigte es ſie zu frommen Entſchlüſſen und heiligen Vorſätzen. Sie konnte es nicht begreifen, wie viele ſeiner Zuhörer mit ſo gleichgültigem, kaltem Geſichte da⸗ ſaßen, ja zu ihrem Schrecken gewahrte ſie, daß manche ſogar ſchliefen. In der Empörung ihres Herzens erzählte ſie es, heimkehrend, ihrem Gat⸗ ten, der lächelnd und gelangweilt ſagte:„laſſe ſie doch ſchlafen!“ Dies Lächeln und dieſe Gleichgül⸗ tigkeit that ihr weh, ſie wußte nicht warum, und ſie ging ſchweigend auf ihr Zimmer. Böſenberg hatte ihr geſagt, er bedürfe, an⸗ geſtrengt von der Predigt, der Erholung und der Sammlung in Gott, war auf ſein Zimmer ge⸗ gangen, und hatte befohlen, zur Mittagszeit ihn zu wecken; darum ſchlich Maria, als dieſe ge⸗ kommen, leiſe, um ihn zu überraſchen, in ſein Gemach. Er ſaß in ſeinem Lehnſtuhle, ſchlummernd, in ſeiner Hand, die auf dem Schooße ruhte, hielt er ein Buch, und Maria, als ſie, ihn betrachtend, vor ihm ſtand, flüſterte in ſich hinein:„wie er ſo edel und fromm iſt, ſeine Miene ſo heilig und erhaben. Immer ſeine Seele verſenkt in göttliche Betrachtungen, hält er auch jetzt wieder ein Gebet⸗ buch in ſeiner Hand.“ Leiſe kniete ſie nieder vor ihm, um in dem aufgeſchlagenen Buche zu ſehen, welch frommes —— Gebet er geleſen. Sie blickte hinein, ihre Wange verfürbte ſich, ſie las weiter, und fand zu ihrem Erſtaunen, daß das Buch, in dem Böſenberg ge⸗ leſen, als er von der Kirche heimkehrte, wo er das Wort Gottes verkündet, das Buch, das ſie für ein frommes Gebetbuch gehalten, nichts ſei, als ein üppiger, ſchlechter Roman. Leiſe nahm ſie es, und das Titelblatt auf⸗ ſchlagend, ſah ſie, daß es ein Roman von Paul de Kock, von denen noch geſtern Böſenberg ihr geſagt, daß ſie die Seele vergifteten in ihrer un⸗ ſittlichen Tendenz, und das Blut erhitzten mit ihren ſchlüpfrigen Schilderungen. „Und er lieſt ſolche Bücher?“ fragte ſie ſich, und einen Moment durchflog eine finſtere Ahnung ihre Seele. Sie verſcheuchte ſie aber ſchnell, und ſagte:„aber, was will ich denn? Muß er nicht ſolche Bücher auch leſen, um ſie zu kennen und dagegen zu ermahnen und zu warnen?“ Leiſe ſchob ſie das Buch wieder in ſeine Hand, und ſich über ihn neigend, weckte ſie ihn mit einem Kuſſe. Er ſchlug die Angen auf, und zog, als er ſein ſchönes Weib gewahrte, ſie auf ſeinen Schooß, be⸗ deckte ihr Geſicht und Mund mit heißen Küſſen und nannte ſie mit den züärtlichſten Namen. „Mein holder Engel, ich träumte von Dir, und von dem Glück in Deinen Armen. Weißt Du wohl, Maria, daß das Denken an Dich oft ſogar — 42— meine Andacht und Erhebung zu Gott unterbricht und ſtört? Sieh, von der Kirche heimkehrend, ſetzte ich mich in den Lehnſtuhl, um in dieſem hei⸗ ligen Buche,— dabei zeigte er auf das Buch, das er in ſeiner Hand hielt— in dieſem reichen Schatz der Gebete zu leſen, aber ich konnte meine Seele nicht feſſeln, ich dachte an Dich, und, das Gebet⸗ buch in der Hand, ſah ich nur Dich!“ „Dies Buch hier,“ ſagte Rebekka leiſe, denn ſie fürchtete die Antwort,„iſt ein Gebetbuch, und von wem?“ „Von dem frommen und heiligen Tholuck,“ ſagte Böſenberg,„welcher eine Leuchte und Zierde iſt im Weinberge des Herrn!“ Rebekka ſchauderte unwillkürlich, als ſie ihm, während er ſo ſprach, in die Augen ſah, die, ob er gleich, wie ſie wußte, ihr jetzt eine Lüge ſagte, dennoch jenen ernſten frommen Ausdruck hatten und himmelwärts gerichtet waren, wie ſonſt, wenn er von Gott und deſſen heiligen Geboten geſprochen. „Zeige mir das fromme Buch,“ ſagte ſie matt, und ſtreckte die Hand darnach aus. „Mit nichten,“ antwortete er, und zu ſeinem Schranke tretend, verwahrte er es ſorgfältig. „Wir ſind jetzt Beide nicht geſtimmt zu frommen Erbauungen. Denn leider iſt es eine Schwäche der ſündigen menſchlichen Natur, daß die fleiſch⸗ lichen ſündlichen Eindrücke oft ſogar die höheren — 43— Anforderungen und Gedanken der Seele unter⸗ brechen. So ſcheint es mir eben, daß, wenn ich in Dein Auge ſchaue, ich in dieſem heiligen Gebet⸗ buche nicht leſen könnte. Komm alſo, Maria, laß uns zu Tiſche gehen!“ Zum erſten Male hörte Maria nicht mit An⸗ dacht den Worten zu, die Böſenberg, die Speiſen einſegnend, ſprach, und es überlief ſie bei dem Tone ſeiner Stimme, der ihr plötzlich heuchleriſch vorkam, ein kalter Schauer. Einſilbiger, wie ſonſt, war ſie während des Eſſens, und als dieſes beendet, floh ſie unter dem Vorwande ſtarken Kopfwehs auf ihr Zimmer. Kaum aber allein, brach ſie in ein heftiges Weinen aus, ſie wußte kaum warum. Es war ihr, als ſei das mühſam aufgerichtete Gebäude ihrer Ruhe und ihres innern Friedens plötzlich zuſammengeſunken, und als ſei mit dieſem Zweifel an dem Gatten ein furchtbares Unheil über ſie hereingebrochen. Dann ſtürzte ſie nieder auf ihre Knie, und in heißem Gebete flehte ſie zu Gott um Kraft und Hülfe, flehte ſie, daß Alles nur ein Traum ge⸗ weſen ſein möchte.„Iſt es aber nicht ſo,“ flüſterte ſie mit bebenden Lippen,„bin ich getäuſcht und hintergangen, o mein Gott, ſo gieb, daß ich mindeſtens dieſe Täuſchung nicht ſehe, verhülle meine Augen, und gieb, o gieh, daß ich an ihn glauben kann, daß ich ſeine Worte für Wahrheit nehme. Gieb mir dieſes, mein Gott, damit ich nicht verloren gehe, damit ich meinen Glauben an die Menſchheit bewahre!“ Dann ſtand ſie auf, und ihre Augen trocknend ſagte ſie faſt heiter:„Gott wird mich nicht ver⸗ laſſen!“ So ſprechend ging ſie wieder hinab in das gemeinſchaftliche Wohnzimmer, wo ſie Böſen⸗ berg in Geſellſchaft einiger Freunde traf.„Wie geht es mit Deinem Kopfe?“ fragte er,„haſt Du Dich erholt?“ „Es iſt vorüber,“ ſagte ſie freundlich, während innerlich eine tiefe Wehmuth ſie überkam, denn es war heute das erſte Mal in ihrer Ehe, daß ſie zu einer Unwahrheit hatte ihre Zuflucht nehmen müſſen, und dieſe hatte ihr Gatte verſchuldet. Zhr unbedingtes Vertrauen war getrübt,— die Sonne ihres Glückes auf ewig erloſchen. ₰ F VI. Der fromme Mann. Traurig und ſchmerzvoll waren die Tage, die Maria nun verlebte. Sie hatte ihre Seele an⸗ geklammert an Böſenberg, gleichſam wie an einen Fels, an dem in dem Schiffbruch des Lebens ſie allein noch Schutz zu finden vermochte. Sie hatte das redliche Beſtreben gehabt, ihn mit Aufopferung ihrer Selbſt glücklich zu machen, ſie hatte es ſich oft wiederholt, daß Böſenberg alle ihre Achtung und Liebe verdiene, daß ſie da⸗ mit zuletzt wirklich ihr widerſpenſtiges Herz zur Ruhe gelullt, ſie war ſo durchdrungen von der Heiligkeit der Ehe, und hatte Böſenberg mit ſo viel Demuth und Unterwürfigkeit als ihren Herrn anerkannt und geachtet. In ihrer Seele war ſo viel Wahrheit, in ihrem Herzen ſo viel Glaube geweſen. Jetzt aber war Alles das verſchwunden, und es gab Stun⸗ den, in denen Maria ſich nicht verhehlen konnte, „ daß ſie Böſenberg vielleicht einmal glühend haſ⸗ ſen könnte. Oft ſchauderte ſie, wenn ſie den Ton ſeiner Stimme vernahm, und ſeine frommen falſchen Blicke krallten ſich mit Skorpionen⸗Griff an ihre Seele. Sie konnte es nicht ertragen, wenn er ſie in ſeine Arme faſſen wollte, und um dies zu vermeiden, verſchloß ſie ſich Tage lang in ihrem Zimmer. Dort nagte ſie an ihrer Pein und an ihrem Gram, zählte mit grauſamer Genauigkeit alle die Momente auf, in denen ſie ihn über einer Heu⸗ chelei und Verſtellung ertappt hatte, alle die Stun⸗ den, in denen er vor ihr die Maske hatte ſinken laſſen und ihr ſein wahres Antlitz gezeigt, und fragte ſich ſelber ingrimmig, wie es denn möglich geweſen, daß ſie dieſen Elenden, der ſelbſt zur offenen Sünde zu feig, jemals für etwas Anderes habe halten können, als er wirklich ſeid Oft ſteigerte in ſolchen Stunden des einſamen Hinbrütens ihre Qual ſich zu einer verzweiflungs⸗ vollen Höhe, und mit gerungenen Händen erflehte ſie von Gott auf ihren Knien, er möge ſie durch den Tod erlöſen von dieſer Marter, einem Manne anzugehören, den ſie weder achten, noch lieben könne, der mit den edelſten Empfindungen und Regungen des Herzens zu prunken vermöge, ſich in dieſelben hülle, wie in ein Gewand, unter dem er den elenden zerſtörten Körper verberge. — Wie verachtete ſie jetzt die Menſchen, die Bö⸗ ſenberg Achtung und Ehrfurcht bezeigten, und nannte ſie in ihrem Herzen alle nur Elende und Heuchler. „Sehen ſie es denn nicht,“ fragte ſie ſich ſelber, „daß ſeine Blicke heuchleriſch, ſeine Worte Falſchheit ſind? Aber ja, ja, ſie wiſſen es und ſehen es, aber ſie ſind, wie Er, Alle wie Er!“ Böſenberg's mißtrauiſchen Blicken war indeß die Veränderung in Maria's Weſen nicht entgan⸗ gen, er fühlte, daß ſie ihn durchſchaue, und er empfand eine Art Freude darüber. Ward er doch dadurch des läſtigen Zwanges überhoben, ſich auch in ſeiner eigenen Wohnung anders zu zeigen, wie er war, bedurfte es doch nun nicht beſtändig mehr der frommen Worte und Blicke, der Tugendſprüche und des Hände⸗ faltens. „Das iſt eine unerträgliche Laſt,“ murmelte er vor ſich hin,„und ich bin froh, daß ihr eigenes Erkennen mich derſelben überheben wird. Und wozu auch ferner dieſe Verſtellung? Iſt ſie doch mein Weib, gleichviel, ob ſie mich für einen Frommen oder einen Heuchler hält, ſie kann nicht mehr zurück, ihr Wort nicht ungeſchehen machen, und ich weiß, ſie iſt zu ſtolz, irgend Jemand zu verrathen, daß ihr Herr Gemahl nicht ganz ſo fromm iſt, wie man glaubt. Alſo will ich froh ſein, daß es mir vergönnt iſt, in meinem Hauſe — 48— wenigſtens zu ſein wie ich bin, das heißt, ein Menſch, wie ſie Alle.“ Bleich und erſchöpft ſaß Maria in ihrem Zimmer, in jener Apathie der Pein, die in ihrem Uebermaße und ihrer Ermattung der Ruhe der Seele gleicht, und weder Thränen noch Seufzer hat. „Es iſt traurig, traurig leben zu müſſen,“ flüſterte ſie in ſich ſelber,„während man doch ſo friedlich im Grabe ſein könnte!“ In dieſem Augenblicke begannen die Glocken der nahen Kirche ihr feierliches Läuten, denn es war Sonntag, und die Glocken riefen ihren Gat⸗ ten.„Ja, ruft nur, ruft nur,“ ſagte ſie mit lauter, trockner Stimme,„er wird kommen mit ſeiner ehrwürdigen Miene und ſeinem himmel⸗ wärts gerichteten Blick, mit ſeinen heiligen Gebo⸗ ten und ſeinem Händefalten, er wird kommen, und den Menſchen von Tugend und Entſagung ſprechen, die ihm ſo fremd ſind, wie der Schlange die Liebe.“ Als ſie ſo ſprach, blitzte ihr Auge höher auf, und röthete ſich ihre Wange in dunkler Zornes⸗ glut. Feſt und ingrimmig hatte ſie die Zähne aufeinander gepreßt, und ihre Hände drückten ſich wie von ſelbſt zur Fauſt zuſammen. Jetzt hob ſie den zornflammenden Blick, die zuſammengepreßte Hand und rief:„o ſchlüge doch ein Blitz vom Himmel, und zermalmte den Heuchler und Verräther!“ ——————— —— „War es nicht genug,“ flüſterte ſie dann, in ſich zuſammenſinkend,„daß ich betrogen ward um meine erſte Liebe, um meinen Jugendtraum, nicht genug an dem Fluch meiner Geburt? Mußte auch dieſe letzte Täuſchung mir genommen werden, und ich erkennen, daß ſelbſt die Frömmigkeit und die Religion nur eine Lüge ſind?— Und warum han⸗ delt er ſo an mir, warum iſt er ſo?“ Und plötzlich, wie von einem Entſchluſſe ge⸗ kräftiget, ſprang ſie auf, und ſagte athemlos:„ich will ihn fragen, mag kommen was da will. Es ſoll mindeſtens Wahrheit zwiſchen uns ſein!“ So ſprechend verließ ſie ſchnell das Gemach und trat in Böſenberg's Zimmer. Er ſaß in ſeinem Lehnſtuhl, aufmerkſam in einem Buche leſend. Auf dem nahen Tiſche lag Bibel und Geſangbuch, daneben der ſchwarze Ta⸗ lar, denn wenn es zum zweiten Male läutete, mußte Böſenberg zur Kirche gehen. Maria überflog das Zimmer mit einem ſchnel⸗ len, ſpöttiſchen Blick, dann ſchritt ſie gefaßt zu ihrem Gatten hin, der durch ihr Eintreten ſich in ſeiner anziehenden Lectüre nicht ſtören ließ, und ſagte heftig:„Du mußt ſchon die Gnade haben, Dich von Deinem geiſtreichen Buche abzuwenden, und mir Dein Gehör zu ſchenken. Ueberdies,“ fuhr ſie höhniſch fort,„ſcheint mir für einen ſo frommen Mann das Leſen in Paul de Kock eben keine würdige Vorbereitung zur Prig 4 Rebefka. II. 4 — 50— Böſenberg blickte ruhig von ſeinem Buche auf, und fagte freundlich:„Du ſcheinſt heute ſeltſam erregt. Was fehlt Dir mein Kind?“ Maria warf ſtolz und verächtlich den Kopf zurück.„Ich komme, um Dich zu fragen,“ ſagte ſie dann leiſe und athemlos,„warum Du mit Deinen frommen Mienen und Deinen frommen Worten, warum Du, der Du doch die Erkenntniß haſt, nichts biſt als ein Heuchler und Betrüger? Du ſollſt mir ſagen, warum Du heute das arme kranke Weib, das jammernd Dich um eine Gabe flehte, mit rauhem Worte von Deiner Schwelle jagteſt, während Du doch geſtern in der Bittſchrift, die eine ganz geſunde Frau Dir brachte, mit einer ſo glänzenden Summe Dich unterzeichneteſt? Ich will Dich fragen, warum—“ „Halt!“ unterbrach ſie Böſenberg ruhig,„laß mich zuvor Deine erſte Frage beantworten, ehe Du zu einer zweiten ſchreiteſt! Ich ſtieß das Bettlerweib von meiner Thür, weil niemand zu⸗ gegen und ich alſo unbehindert war, meiner Em⸗ pfindung zu folgen, und dieſe iſt, nicht jedem her⸗ gelaufenen Geſchöpf mein Geld hinzuwerfen. Ich unterſchrieb eine große Summe unter die Bitt⸗ ſchrift der andern Bettlerin, weil dieſe damit von Haus zu Haus gehen, und man alſo allgemein meine Großmuth und Wohlthätigkeit anerkennen wird.“ Maria ſah ihm erſtarrt, mit zurückgehaltenem — 51— Athem und weit aufgeriſſenen Augen in ſein ruhig lächelndes Angeſicht. Hatte ſie früher ſein heuch⸗ leriſches Weſen empört, ſo ſchien ihr jetzt die freche Darlegung ſeiner Geſinnungen noch fürchterlicher, und faſt tonlos ſagte ſie:„und das wagſt Du ſo ruhig zu geſtehen?“ „Warum ſollte ich nicht? Wir ſind ja allein, und niemand kann uns belauſchen, alſo wollen wir doch endlich wahr gegen einander ſein. Komm Maria, es iſt noch faſt eine Stunde Zeit bis zur Kirche, komm laß uns hier auf dem Sopha ſitzen und ein verſtändiges Wort zuſammen plaudern.“ Mechaniſch folgte ſie ihm zum Divan, und neben ihm niederſitzend, ſah ſie mit fragenden Blicken zu ihm auf; als ſie aber ſeinen forſchend auf ſie gerichteten Augen begegnete, fuhr ſie er⸗ ſchreckt zuſammen, und rief:„ſieh mich nicht an, Du haſt den Blick einer Schlange!“ „Es ſtehet auch geſchrieben,“ ſagte er ruhig, „ſeid klug wie die Schlangen!“ „Ja das biſt Du,“ ſagte ſie heftig, denn bei dem gleißneriſchen Ton, mit dem er dieſe Worte ſprach, hatte ſie alle ihre Kraft und innere Em⸗ pörung wieder gefunden.„Eine Schlange biſt Du, und ſo haſt Du Dich an meine Seele gelegt, und das Blut meines Herzens vergiftet. Warum tha⸗ teſt Du das? Was habe ich Dir gethan, daß Du ſo grauſam an mir handeln konnteſt? O Bö⸗ 5 ſenberg, warum mußteſt Du mich an Dich feſſeln, indem Du mich hintergingſt, indem Du mit grau⸗ ſamer Gewandtheit Dir das Anſehen eines Hei⸗ ligen gabſt, und doch nichts biſt, als ein ſchlechter, ſündiger Menſch!“ „Wir ſind hienieden alle Sünder, der eine mehr, der andere weniger,“ ſagte Böſenberg ruhig. „Ich will Dir aber Deine Frage beantworten. Wäreſt Du in meinem Alter, und hätteſt meine Erfahrungen, ſo würdeſt Du mich verſtehen und mein Sein billigen.“ „Nie würde ich das, nie kann ich das!“ rief Maria. Böſenberg wiegte lächelnd das Haupt.„Je länger man in der Welt geweſen, deſto mehr ver⸗ ſchwinden die Tugendſchwindeleien der Jugend, und man ſieht mit klarem Auge das Eine, was noth thut, und dies Eine iſt Verſtellung! Jede Zeit hat ihren Eigenſinn und ihre Launen, und dieſen nachzugeben iſt die Aufgabe des Klugen. Ich war bis zu meinem dreißigſten Jahre ein ſchlichter, gewöhnlicher Menſch geweſen, niemand beachtete mich und alle meine Bitten um eine Anſtellung blieben fruchtlos. Da, Maria, ich glaube, es war eine Eingebung von Gott, da kam mir der Gedanke, ein frommer Mann zu werden. Ich ſcheitelte mein Haar, ich ging mit langſamen, gemeſſenen Schritten auf der Gaſſe, grüßte jeden Vorübergehenden mit demüthiger, tiefer Verneigung, — 53— faltete die Hände und richtete die Blicke gen Himmel, führte fromme Sprüche aus der heiligen Schrift im Munde, und eiferte gegen die Gott⸗ loſen, gegen die Kinder dieſer Welt, die in ſün⸗ diger Fleiſchesluſt dem Vergnügen und der Freude nachrennen, ihr Auge weiden an Bildwerken und Statuen, anſtatt in den Tempel des Herrn zu gehen, und fluchte dieſen Abtrünnigen und Götzen⸗ dienern.“ „Maria,“ fuhr Böſenberg lachend fort, und nahm ihre Hand, ſie in der ſeinen drückend,„ich wußte, daß, obwohl die chriſtliche Religion die Liebe prediget und befiehlt, dennoch ihre Prieſter, je frommer ſie ſind, um ſo wüthender denen flu⸗ chen, die nicht ihres Glaubens und ihrer Meinung ſind. So erregte ich Aufmerkſamkeit, man nann mich einen frommen Mann, unerſchütterlich u unbeugſam in meinen ſtrengen Grundſätzen, man bezeigte mir Achtung und Aufmerkſamkeit, und bald bekam ich, der fromme Prieſter, einen Ruf an die Gemeinde nach Krakau. Als ich mich dann ſpäter um die weit einträglichere Stelle hier bewarb, ward es mir nicht ſchwer auch dieſe zu erhalten, denn man achtete und ehrte überall mich als einen heiligen, frommen Mann. Du ſiehſt Maria, von wie heilſamen Folgen das geſcheitelte Haar, die Lippenfrömmigkeit und die heiligen Blicke, was Alles Du ſo verachteſt, „Ja ich verachte es,“ antwortete ſie heftig, „im tiefſten Grunde meiner Seele verachte ich dies Alles, und nicht um die Welt möchte ich um ſolchen Preis mir Ehre und Anſehen erkaufen.“ „Darin denke ich anders,“ erwiderte Böſenberg ruhig,„was zum Ziele führt iſt gut und löblich, und das Ziel, wornach wir hienieden Alle ſtreben, iſt Ehre und Anſehen. Du thateſt es auch, und darum wurdeſt Du eine Chriſtin.“ Maria fuhr empor.„Der Himmel iſt mein Zeuge,“ ſagte ſie heftig, und hob wie beſchwörend den Arm empor,„es geſchah nicht darum! Es war der heiligſte innere Drang meiner Seele, zur Erkenntniß und zu Gott zu gelangen. Ja,“ fuhr ſie fort, als Böſenberg ſpöttiſch lachte,„es iſt ſo, wie ich ſage. Ich habe Gott geſucht, und den Heiland des Lebens!“ „Und mein Wort hat es Dich finden gelehrt,“ unterbrach ſie Böſenberg. „Wehe über mich, daß es alſo iſt!“ rief Maria ſchmerzvoll,„wehe, daß mit der Erkenntniß Deiner Heuchelei auch der Zweifel an dem, was Du mich lehrteſt, in meine Seele gekommen iſt. Wie ſoll ich glauben, was mir Deine Lippen ſagten, wenn dieſe Lippen nur ſich zum Trug und zur Lüge öffneten, wie ſoll ich einer Religion vertrauen, die ſolche Menſchen ihre Diener und Verkünder nennt. Du haſt furchtbar an mir gehandelt, denn Du — haſt mit Deiner Falſchheit das Vertrauen und die Ruhe meiner Seele untergraben; um mich und in mir iſt es Nacht, und wenn ich meine Blicke auf⸗ wärts richte, ſo leuchtet mir auch dort kein Stern mehr!“ „Iſt's nicht entſetzlich,“ fuhr ſie faſt ſchreiend fort, und drückte krampfhaft Böſenberg's Hand, „ganz verloren zu ſein in ſich ſelber, und keinen Halt zu haben, nicht außer, nicht in ſich? Und Du allein, Du niedriger, verachteter Menſch, Du trägſt die Schuld!“ „Verzeihet denen, die Euch beleidigen und verfolgen!“ betete Böſenberg mit frommen Hän⸗ defalten. „Nein, nur jetzt laß dieſe Falſchheit,“ rief Maria und ſtampfte wild mit dem Fuß,„ich ſage Dir, ich fühle die Kraft, Dich zu ermorden, wenn ich Dein falſches Angeſicht ſehe; denn Du haſt mich um meine edelſten Regungen betrogen, um meine heiligſten Entſchlüſſe!“ „Was that ich Dir denn ſo Gewaltiges?“ fragte Böſenberg ſanft. „Ich will es Dir ſagen! Du betrogſt mich um meinen Glauben, um mein Vertrauen. Höre mich an. Ich habe Dich nie geliebt, aber ich achtete Dich, ich verehrte Dich als den Diener Gottes, als meinen Lehrer, der mich zur Chriſtin erhoben, und als ich von meinem ſchwachen Her⸗ zen es forderte, ſich Dir zu ergeben, geſchah es in dem heiligen Glauben, daß es alſo Gottes — 56— Wille, geſchah es in der freudigen Zuverſicht, nirgends zur Tugend und Erkenntniß gelangen zu können, wenn nicht an Deiner Seite und an Deinem Herzen.“ „O mit welch frommen Gefühlen bin ich Dein Weib geworden, und wie habe ich Gott gedankt mit heiligen Entſchlüſſen, daß er mich des Glückes der Ehe mit Dir gewürdigt hatte. Ja lache nur,“ fuhr ſie immer heftiger fort,„es iſt auch zum Lachen, und eben weil es das iſt, zerreißt es mein Herz.“ „Wollen wir doch endlich ruhig werden,“ unterbrach ſie Böſenberg ſanft,„und nicht mehr über Dinge ſprechen, die ungeſchehen zu machen nicht in unſerer Gewalt iſt. Genug, ich habe mein Ziel erreicht, und Dich, mein ſchönes reiches Weib, erlangt, und ich denke, da es nun einmal geſchehen, wirſt Du mit Würde und Klugheit Dich zu finden wiſſen. Mir iſt es außerordentlich lieb, daß wir endlich offen miteinander geſprochen ha⸗ ben, und Du mich ſo der Laſt überhoben haſt, immer den Frommen zu ſpielen.“ Maria ſtand wie erſtarrt da, mit bleichen Wangen und zuckenden Lippen. Dann ſagte ſie matt:„noch etwas Anderes habe ich Dir zu ſagen. Der Präſident kommt mehr als ſonſt in unſer Haus, und das nicht um Deinetwillen, ſondern mtich verfolgt er mit ſeinen ſündigen Blicken und Worten. Als ich geſtern Abend auf mein Zimm — * —— g — mer kam, fand ich auf meinem Tiſche dieſen Brief von ihm.“ „Laß ſehen, laß ſehen,“ rief Böſenberg leb⸗ haft, nahm das dargereichte Papier aus Maria's Hand, und überflog es haſtig.„Weiß es Gott,“ ſagte er dann lachend,„eine förmliche, glühende Liebeserklärung.“ „Und Du kannſt lachen über eine ſolche Dir angethane Schmach?“ fragte Maria, vor Zorn erröthend,„Deine niedrige Seele iſt auch unem⸗ pfindlich gegen ſolche Beleidigung?“ „Ich finde darin keine,“ antwortete er ruhig. „Was kann ich dafür, wenn meine ſchöne, liebens⸗ würdige Maria die Augen und Herzen aller Männer bezaubert.“ „Sprich nicht weiter,“ ſchrie Maria,„Du biſt ein Ungeheuer. Nun wohlan, ſo werde ich allein meine Ehre zu vertheidigen wiſſen, und ihm beweiſen, daß wenn auch Trug und Falſchheit überall, doch in dem Herzen eines Weibes etwas wohnt, das wahr und wirklich iſt, ihre Frauenwürde.“ „Ich verlange, und ich fordere ſogar von Dir,“ antwortete Böſenberg ſtreng,„daß Du in keiner Weiſe, mit keinem Blick, mit keinem Wort es wagſt, ihn zu kränken. Er iſt Patron der Hauptkirche und ein einflußreicher Mann. Er ſoll die Leiter ſein, auf der ich aufwärts klimmen will, und ihn erzürnen, hieße die Sproſſen unter meinen Füßen zerbrechen.“ Wie von einem Blitz getroffen, durchzuckte es Maria, der Athem erſtarrte in ihrer Bruſt, und ihr irrer Blick bohrte ſich mit verzweiflungsvoller Frage in Böſenberg's Augen.„Du willſt—“ ſtammelte ſie. „Ich will,“ antwortete er feſt,„daß Du dem frommen Präſidenten entgegenkommſt, wie er es wünſcht, und ihm freundlich biſt.“ „Wie,“ rief ſie außer ſich,„ſelbſt der vor dem Altar geleiſtete Eid iſt Dir nur ein Spiel⸗ werk? Meine weibliche Tugend auch ſoll ich Dir opfern?“ „Tugend,“ ſagte Böſenberg mit mitleidigem Achſelzucken,„was iſt denn weibliche Tugend? Ein Ding, das gerade ſo lange beſteht, wie Eure Laune. Ich glaube nicht daran, und ich weiß, wenn der Präſident das Glück hätte Dir zu gefallen, wür⸗ deſt Du ihm um ſeiner Liebe willen nicht zürnen. Doch horch, da beginnt das zweite Läuten der Glocke, ich muß in die Kirche, um meine Gemeinde zu erbauen,“ ſagte er lachend. Unbeweglich ſtand Maria da, und nur das heftige Wogen ihres Buſens verrieth, daß noch Leben und Athem in dieſer ſtarren, bleichen Geſtalt. Während er ſich ſeinen Talar umhängte, ſagte Böſenberg:„ich hoffe, wir haben uns nun gegen⸗ ſeitig verſtändigt, und Du wirſt begriffen haben, wie ich über die Ehe denke. Ha, das trifft ſich —— — ſonderbar, daß ich heute gerade über die Heiligkeit der Ehe zu predigen habe!“ Maria, in krampfhafter Verzweiflung, ſtimmte ein in ſein Lachen, es klang aber ſo ſchauerlich, daß Böſenberg ernſt ward, und Bibel und Ge⸗ ſangbuch nehmend, ſagte er;„nun, ich hoffe, wenn ich zurückkehre, finde ich Dich ruhiger und milder. Lebe wohl!“ Lange noch, als er das Zimmer verlaſſen, ſtand Maria kalt und unbeweglich da, und wun⸗ derbare Träume und Geſichte zogen an ihrer Seele vorüber. Dann ſtürzte ſie auf ihre Knie nieder, und mit einem Tone, in dem ihre ganze Verzweiflung bebte, kreiſchte ſie:„Gott, o mein Gott, gieb, daß ich wahnſinnig werde, umnachte mein Gehirn, daß es nichts weiß, und nichts ſieht, oder ich bin verloren, verloren auf ewig. Oder giebt es keinen Gott da droben? Iſt auch das eine Täuſchung und eine Lüge, und ſind alle meine Gebete umſonſt, und mein Flehen vergeblich geweſen? 3 ia, fuhr ſie immer wilder fort, und ſprang empor, „es iſt Trug und Täuſchung, eine Erfindung der Menſchen. Wenn in Wahrheit ein Gott da droben wohnte, wie könnte er ſolche Sünde und Falſchheit ſehen, und ſie nicht ſtrafen!“ Aus der nahen Kirche erſchallte jetzt Orgel⸗ klang und das Singen der Gemeinde zu ihr her⸗ über, es erhöhte nur Maria's Pein, denn es er⸗ 60— innerte ſie an damals, als ſie es zuerſt vernom⸗ men.„Das war der Anfang der Täuſchung!“ murmelte ſie, und faſt lachend fuhr ſie fort: „welch eine Thörin ich war, es für etwas Anderes zu halten, als es iſt, Orgelpfeifen von Menſchen⸗ händen gemacht, und ſchlechter Geſang von Men⸗ ſchenſtimmen. Ja, tönt nur fort, ihr heuchleriſchen Klänge, ihr tönt nicht mehr an meine Seele! O damals, als ich euch zuerſt vernahm, damals war ich gut und fromm, jetzt— bin ich verloren!“ kreiſchte ſie laut. Aber fort und fort tönte der Geſang, und ihr ſelber unbewußt, erweichte er ihren ſtarren Schmerz, einzelne Seufzer ſchoſſen wie Blitze an der Nacht ihrer Seele vorüber, und ihre Augen feuchteten ſich mit Thränen. Anfangs ſträubte ſie ſich gegen ihre eigene Bewegung, wollte ſie ſich wiederholen, daß es Alles ja Täuſchung ſei. Aber ihre Hände falteten ſich, wie von ſelbſt, ihre Knie beugten ſich, und unter Thränen flehte Maria:„Gott im Himmel, der Du da droben biſt, vernimm mein Seufzen und mein Gebet. Stehe mir bei mit Deiner Gnade und erleuchte mich mit Deinem Lichte, daß ich weiß, wo die Wahrheit wohnt. Erbarme Dich mein, ſiehe, elend und traurig liege ich zu Deinen Füßen, ſtehe mir bei, daß ich ſtandhaft bleibe, und nicht verloren gehe an die Sünde und Falſchheit! Lehre mich ihn finden, den Heiland der Welt!“ Dann ſchwieg ſie, und ſenkte im ſtummen Ge⸗ bete das Haupt auf ihre Bruſt. Da verſtummte der leiſe herübertönende Geſang, Maria zuckte zuſammen, ſie richtete ſich auf, und murmelte: „jetzt ſpricht er zu ſeiner Gemeinde. Nein, ich will nicht beten, denn auch der Heuchler betet jetzt!“ VII. Der Konventikel.*) Es war große Verſammlung in der Geſellſchaft der auserwählten Frommen, deren Mitglied auch Böſenberg geworden, und er zeigte ſeiner Gattin an, daß ſie ihn heute Abend in die Verſammlung begleiten werde. „Wozu aber?“ fragte ſie.„Ich werde dort weder andächtig beten, noch Andacht ſehen.“ „Es ziemt ſich aber, daß Du, als mein Weib, mich dahin begleiteſt,“ antwortete Böſenberg ſtreng, und ſchweigend willigte Maria ein. Losgelöſt von dem tiefern und edlern Begriffe der Ehe, die ihr jetzt eine inhaltloſe Form gewor⸗ den, hatte ſie ſich mit der Macht und Kraft ihres Willens an dieſe Form gehängt, und die äußern Pflichten der Ehe befolgend, ſchien ihr eben dieſe ſtrenge Pflichterfüllung als ein vor dem Altar *) Eine Scene aus dem Leben und der Wirklichkeit, der ich ſelbſt beigewohnt habe. Die Verf. — der Ehe niedergelegtes Opfer, das mindeſtens di Andacht und Verehrung ihrer Seele bezeigen ſollte⸗ S Gleich dem Erzvater Abraham, der bereit war, der Gottheit ſein Liebſtes zum Opfer zu bringen, hatte Maria vor dem Altar der göttlichen Ehe ihr eigenes Herz nieverlegen und hingeben wollen, aber nicht, wie bei Abraham, war es eine Gott⸗ heit, die, ihr heiliges Opfer verwerfend, ein an⸗ deres an deſſen Stelle ſetzte und ſich genügen ließ an dem Willen ihres Knechtes, ſondern eine freche Menſchenhand war es geweſen, die ihr Herz hinab⸗ geſchleudert von dem Altar, und mit dem Hohn⸗ lachen eines böſen Dämons ein Trugbild an deſ⸗ ſen Stelle gelegt.— Maria's Herz aber lag blu⸗ tend und zuckend da, und vor dem Altar nieder⸗ geſunken, fragte ſie mit Verzweiflung im Herzen ihren Herrn und Gott, warum er ihr Opfer ver⸗ worfen? Aber keine Stimme ertönte ihr tröſtend hernieder, nicht wie zu Abraham erſchallten zu ihr die Worte:„nun habe ich erkannt, daß Du mich lieb haſt!“ Und ohne Troſt erhob ſich Maria von ihren Knien, um mit geſenktem Haupte und beladener Sesle, mit von dem Gang durchs Leben beſtaubten Füßen, gebückt unter der Laſt des Daſeins weiter zu gehen auf dem Dornenpfade der Pflicht. An Böſenberg's Seite trat Maria in den großen Verſammlungsſaal der Frommen. Rings an den Wänden umher ſtanden Stühle — 64— und Bänke, und ſchon war eine zahlreiche Menge verſammelt. Alle ſchauten, anſcheinend mit tiefer Andacht, in das Gebetbuch, das ſie in ihrer Hand hielten; als aber Maria an ihnen vorübergehend ſich auf den ihr angewieſenen Platz begab, richteten ſich aller Augen auf die neue, fremde Erſcheinung, und aus den Blicken der Männer ſprach ganz et⸗ was Anderes, als Frömmigkeit und Andacht. Der Saal füllte ſich mehr und mehr mit Frommen, Männern und Frauen, Mädchen und Jünglingen; mit geſenkten Augen, Jeder ein Ge⸗ betbuch in der Hand, gingen ſie ſo leiſe und ge⸗ räuſchlos als thunlich zu ihrem Sitze, und nur verſtohlen glitten alsdann die Blicke von dem ge⸗ öffneten Gebetbuch über die Verſammlung hin. Niemand ſprach, denn man erwartete noch den Vorſteher und Präſidenten der Geſellſchaft, den Schneider Iſaak, der, vor Zeiten ein Jude, zur chriſtlichen Religion übergegangen, durch Betrug und Wucher ſich ein Vermögen erworben, und durch Beten und Frommſein die Präſidentenſtelle der frommen Geſellſchaft erlangt hatte. Es gehörte zu den Geſetzen dieſer Auserwähl⸗ ten, daß, in dieſe ihre Gemeinſchaft tretend, jeder Unterſchied äußerer Verhältniſſe, jeder Rangſtreit erloſch, ein Band der Liebe ſollte die fromme Ge⸗ meinde umſchlingen, nur der Name von Bruder und Schweſter gehört werden, und nicht bedurfte — es des gelehrten Wortes zur Verkündigung der heiligen Lehre, nicht des Studiums und der Wiſſen⸗ ſchaft, um das Wort Gottes rein und unverfälſcht zu lehren, ſondern Jeder, der in ſich den Beruf und den Drang fühlte, in dem das heilige Pfingſt⸗ feſt ſich ernenerte und auf deſſen fromm geſchei⸗ teltes Haar die Taube der Weisheit ſich hernieder ſenkte, konnte hier Prieſter und Sprecher werden. Wie aber konnte die wahre Demuth, die Gleich⸗ heit der Verhältniſſe und die chriſtliche, brüderliche Liebe ſich ſchöner bethätigen, als wenn man gerade den vor den Augen der Welt Geringſten dazu erwählte, der Herr und Meiſter der Verſammlung zu ſein und ihn berechtigte, Bußen aufzuerlegen und Verzeihung zu verkünden, ſei die bußfertige Sünderin eine Gräfin oder ein Bettlerkind. Mit prüfendem Blick überſchaute Maria die Verſammlung, und alle dieſe ſtillen, fromm erge⸗ benen Geſichter, die himmelwärts gerichteten oder auf das Gebetbuch gehefteten Blicke, die gefaltenen Hände, und das bei Männern und Frauen ge⸗ ſcheitelte Haar, das Eintönige und Lebloſe aller dieſer Verſammelten erregte ihr ein unerklärliches Grauſen. Alle dieſe Menſchen, dachte ſie, ſind der Lei⸗ denſchaften und Erregungen fähig, ſind Jeder eine Welt für ſich, ſie Alle hat der Herr belebt mit dem Feuer ſeines Geiſtes, und das Verleugnen deſſelben nennen ſie Andacht, und ihre Anbetung Rebekfa. II. 5 5 iſt nichts, wie Falſchheit und Eigennutz. Sie prunken mit ihrer Frömmigkeit, und es ſtehet doch geſchrieben: wenn Du beten willſt, gehe in Dein Kämmerlein. Soll nicht das Gebet das ſtille und heilige Geſpräch mit Gott ſein, das, abgewandt von allem Irdiſchen und Menſchlichen, wir einzig Ihm nur wollen vernehmbar machen, und iſt nicht dies laute gemeinſchaftliche Beten eine Entweihung des Gebets? In ſolchen Gedanken ward ſie durch den Ein⸗ tritt zweier von ihren Bedienten begleiteten Da⸗ men unterbrochen. Während Erſterer an der Thür ſtehen blieb, durchſchritten die Damen den Saal, um ſich auf diejenige Seite deſſelben zu begeben, wo ſich die Frauenſitze befanden. Maria konnte den Blick kaum abwenden von den beiden ſchönen Geſtalten, den lieblichen Zügen der jugendlichen Geſichter, und ſie fragte ſich ſelbſt, wie dieſe Beiden, ſo jung, ſo ſchön, und, wie es ſchien, auch ſo reich, in die Geſellſchaft der From⸗ men gekommen. Dann aber lachte ſie bitter über ihre eigene Frage, die ſie ſich dahin beantwortete, daß es ja gerade unter den Vornehmen und Rei⸗ chen Mode ſei, zu den Frommen ſich zu zählen. Wieder öffnete ſich die Thür, und an der de⸗ müthigen Verneigung, mit der Alle ſich von ihren Plätzen erhoben, erkannte Maria, daß der Ein tretende wohl eine bedeutende Stellung in der Ver⸗ ſammlung einnehmen müſſe. * —— „Der Präſident!“ flüſterte ihre Nachbarin, als er jetzt, an ihnen vorübergehend, Maria mit einem neugierigen Blicke maß, während er zugleich ſegnend die Hand zum Gruß erhob.„Das alſo iſt der heilige, gottbegeiſterte Mann!“ flüſterte Maria in ſich hinein,„ich würde es in ſeinem jüdiſchen Geſichte, ſeinen liſtigen Augen und ver⸗ ſchmitzten Zügen nicht gefunden haben.“ „Brüder und Schweſtern in Chriſto!“ begann jetzt Präſident Iſaak mit erhobener Stimme, und trat in die Mitte des Saals,„laſſet uns danken dem Herrn im frommen Gebet, daß er uns wie⸗ derum die Gnade dieſer zahlreichen Verſammlung gewährt hat, laſſet uns beten, daß er uns er⸗ leuchte mit ſeinem heiligen Geiſte, uns, die wir die Erben ſeines Reiches ſind, und daß er ver⸗ damme und verfluche diejenigen, die wider uns ſind! Laſſet uns niederknien im ſtillen Gebete!“ Alle Verſammelten ſanken nieder zur Erde und nur die leiſe gemurmelten Gebete unterbrachen die tiefe Stille umher. Es lag etwas Ergreifendes und Feierliches in dieſem allgemeinen und doch ſtillen Gebete, und ſchon wollte auch Maria ſich dieſem Gefühle hingeben, als die leiſe gemurmelten Gebete ihrer Nachbarin ihre Aufmerkſamkeit feſſelten. ch höre Dich, Eduard!“ flüſterte dieſe leiſe. „Merke nur auf alle meine Bewegungen heute Abend, ich hoffe Dir während des Geſanges einen Brief zuſtecken zu können.“ ihrem Gebetbuch. —— In dieſem Moment aber war das leiſe Gebet des Präſidenten vollendet und mit gen Himmel gerichtetem Blick erhob er ſich von ſeinen Knien, während er zugleich mit der Hand über dieſelben hinſtrich, um ſeine Beinkleider von Staub zu rei⸗ nigen und dabei flüſterte:„Amen! Amen!“ Sodann bezeichnete er ein zu ſingendes Lied, Jeder öffnete ſein Geſangbuch, der Schneider⸗ Präſident fing mit ſchrillender Naſenſtimme die erſte Strophe an, und alle Verſammelten ſtimmten ein in den frommen Geſang, der aber mehr in einem Krächzen und Brummen beſtand und mit ſeinen Disharmonien und ſeiner Taktloſigkeit Ma⸗ ria's Ohr verletzte. Auch ſie hatte ihr Geſangbuch geöffnet, aber ihre Blicke und Aufmerkſamkeit waren auf ihre Nach⸗ barin gerichtet, ein ſchönes Mädchen, an deren Seite ein junger Mann ſaß, keinen Blick von ſei⸗ ner Nachbarin wendend. gezi zog dieſe aus ihrem Buſen ein Papier hervor, der Jüngling rühie leiſe näher zu ihr, und das Billet ward gewandt ihm in die Hand geſteckt und mit einem andern von ihm kommen⸗ den vertauſcht. Das Mädchen erröthete, blickte furchtſam um⸗ her, ob Niemand ſie beobachtete, und den lächelnd auf ſie gerichteten Augen 2 Sie zuckte zuſammen und verbarg das Ba in aric's. Maria aber flüſterte:„Fürchten Sie nichts, ich bin nicht fromm genug, um Sie verrathen zu wollen!“ Das Mädchen wollte etwas erwidern, als der Geſang verſtummte und die nun eintretende Stille ihr jede Antwort unmöglich machte. Iſaak beſtieg nun einen erhöhten Sitz, und mit näſelnder, etwas jüdiſch accentuirter Stimme begann er ſeinen geiſtlichen Vortrag. Er pries und lobte die Güte Gottes und wünſchte, daß ſein Reich ſich immer mehr ver⸗ breiten möge auf Erden. Er fluchte denen, die nicht ſeiner Meinung ſeien, die nicht hieher gekommen, um zu beten, und nannte dieſe„Kinder der Hölle und des Verderbens,“ von denen Gott ſein Antlitz im Zorn abgewandt, und ermahnte ſeine Brüder und Schwe⸗ ſtern in Chriſto, alle ihre Gedanken, ihre Zeit und ihre Aufmerkſamkeit einzig auf Gott zu richten, der ja die Lilien des Feldes kleide, alſo auch ſie nicht verlaſſen werde. Er ermahnte ſeine andächtigen Zuhörer, ſich mehr und mehr das Reich Gottes dadurch zu er⸗ werben, daß ſie ſich auf das eifrigſte bemüheten, ihrer Verſammlung neue Mitglieder einzuverleiben, und die Kinder der Welt zum Glauben zu bekeh⸗ ren. Zu dieſem Zwecke ſollten ſie kein Mittel ſcheuen, ſollten ſich in die Häuſer und die Fa⸗ milien eindrängen, und ob man ſie auch mit ſchnö⸗ dem Wort hinauswieſe, ſie Eindringliche und Ueberläſtige nenne, dennoch immer dahin zurück⸗ kehren und nicht ermatten im frommen Beſtreben, ſie für das Reich Gottes zu erwärmen. Niemand ſolle auf die Straße gehen, ohne mindeſtens zwei bis drei jener kleinen heiligen Ge⸗ betbüchlein bei ſich zu führen, die die Kinder der Finſterniß Tractätchen benennen, denn es könne ihnen Jemand begegnen, der durſte nach dem Wort Gottes und dem ſie ein ſolches Büchlein überreichen könnten. Zuletzt fragte er, ob die beiden Männer, de⸗ nen er in der vorigen Verſammlung Zedem ein Dutzend des von ihm ſelbſt verfaßten Gebetbüch⸗ leins zur Verbreitung anvertraut, damit zu Stande gekommen. Zwei Männer traten aus dem Kreiſe der Uebrigen hervor und naheten mit gefaltenen Hän⸗ den und geſenkten Blicken dem Sitze Iſaabs. „Ich habe gethan, wie Du mir befahlſt, mein Bruder in Chriſto,“ ſagte der Eine mit wei⸗ nerlicher, frommer Stimme,„und Gott hat mein Bemühen geſegnet. Alle zwölf Exemplare jenes hei⸗ ligen Büchleins ſind in die Hände bis dahin gott⸗ loſer Menſchen gekommen, die ohne Zweifel aus dieſem Borne des wahren Lebens Kraft zu einem neuen Daſein ſchöpfen werden.“ „Und Du, mein Bruder in Chriſto, was haſt — — —— Du geleiſtet im Weinberge des Herrn?“ wandte ſich Iſaak zu dem Zweiten vor ihm ſtehenden. „Ich war minder glücklich in meinen heiligen Beſtrebungen!“ antwortete dieſer mit himmelwärts gerichtetem Blick. „Das heißt, es fehlte Dir an Eifer!“ ſagte Iſaak mit ſtrafendem Tone. „Gewiß nicht!“ verſicherte der fromme Jün⸗ ger.„Aber der Herr ſegnete nicht meine Be⸗ mühungen. Ich bin auf die Gaſſe gelaufen, bis meine ermüdeten Füße mich nicht mehr tragen konn⸗ ten, bin in die Wohnungen eingedrungen und habe geduldig es ertragen, wenn meine Bitte, zum Heil der Seele eins meiner frommen Bücher zu nehmen, nur mit Spott und Lachen erwidert ward, ja, als ich zu einem Manne, von dem ich wußte, daß er reich war, zu wiederholten Malen kam, um ihn zu Gott zu rufen und ihn zur Annahme eines Gebetbüchleins zu bewegen, bedeutete er mich, daß wenn ich noch einmal wiederkehre, er mich von ſeinem Bedienten hinauswerfen laſſe. Un⸗ erſchrocken, wie es dem Knechte des Herrn geziemt, ging ich dennoch wieder hin, und ward wirklich von ſeinem Bedienten die Treppe hinabgeworfen!“ „Wehe über den verſtockten Sünder!“ ſtöhnte der Präſident.„Aber Du, mein Bruder, zürn⸗ teſt Du auch nicht in Deinem Herzen dem Sün⸗ der ob ſeiner grauſamen Behandlung, gedach⸗ teſt Du des Wortes, das da„geſchrieben ſteht: thut wohl denen, die Euch beleidigen und ver⸗ folgen?“ „Ich dachte daran,“ antwortete der Märtyrer leiſe,„und verzieh. Ein ander Mal war in einem Hauſe großer Ball, wie die Kinder dieſer Welt es nennen, wenn ſie in ſündiger Luſt hüpfen und ſpringen, und ich ſtellte mich an die Eingangs⸗ thür, um, wenn ein Wagen vorfuhr, den Aus⸗ ſteigenden meine Tractätlein anzubieten, aber ohne mich zu beachten, ging man vorüber. Ja, als ich einem Mann in glänzender Uniform, obgleich er mich mehrere Male zurückwies, immer wieder mit frommen Worten meine Bücher anbot, wandte er ſich plötzlich haſtig nach mir um und berührte mit ſeiner Hand ſehr unſanft meine Wange, und traurig ob der Verſtocktheit dieſer Sünder ging ich heim.“ „Ermüde nicht im Eifer,“ ermahnte Iſaak, „und laß nicht nach in Deinen Bemühungen, ſo wird der Herr Dir ſicherlich beiſtehen mit ſeiner Gnade.“ Mit einer Bewegung der Hand entließ er die beiden Männer, und in der Verſammlung umherblickend, fragte er:„hat Niemand ſonſt mir etwas zu ſagen?“ Da erhoben ſich die beiden Damen, deren Schönheit Maria bei ihrem Eintritt bewundert hatte, und ſchritten bebend und zitternd zu Iſaak hin, deſſen Blicke mit mehr als väterlicher Zu⸗ neigung auf ihnen ruhten. 3 3 * „Mein Freund und Bruder,“ flüſterte die Eine, „wir haben gefündiget, wirſt Du uns verzeihen?“ „Ja, verzeihe uns,“ flehte die Andere, und Beide falteten fromm und bittend die Hände. „Worin habt Ihr geſündiget?“ fragte Iſaak ſtreng. Zitternd ſchwiegen die Beiden, dann ſagte die Eine leiſe und ſchüchtern:„wir waren geſtern auf einem Balle.“ Iſaak fuhr mit allen Zeichen des Entſetzens zurück.„Auf einem Balle!“ rief er,„wehe über Euch und Eure Sünde.“ „Verzeihung,“ bat die Andere,„wir haben uns Beide lange geſträubt, aber unſere Ehegatten forderten und wünſchten es.“ „Ihr hättet dennoch nicht gehen müſſen,“ war Iſaak's Antwort,„dem Gebote des Herrn gegen⸗ über iſt jeder andere Wille nichtig. Was küm⸗ merte Euch der Befehl des Gatten, wenn der Herr es anders will, und wenn auch Eure ſündigen Männer im Zorn auf ewig ſich von Euch gewandt hätten, Ihr hättet um Gottes willen dennoch nicht nach⸗ geben müſſen. Und tanztet Ihr auch dort auf jenem Balle?“ Die beiden ſchönen Sünderinnen ſtammelten ein leiſes:„Ja!“ „Unglückliche!“ ſchrie Iſaak,„wie konntet Ihr ſo ganz Euren Gott und Herrn vergeſſen, daß Ihr in ſündiger Fleiſchesluſt Euch frech von den Armen der Männer umfangen ließet, und Euch mit Ihnen im üppigen Tanze drehtet. Wehe, wehe, wenn Ihr, die Ihr doch im Innern des Reichs Gottes Euch befindet, wenn Ihr alſo ſün⸗ diget, was iſt alsdann von denen da draußen, den Sündern und Abtrünnigen, zu erwarten? Hattet Ihr denn ſo ganz Gott und ſein heiliges Wort vergeſſen?“ B „Nein, o nein,“ ſchluchzten die Reuigen unter Thränen,„aber unſere Männer wünſchten es, daß wir tanzten!“ „Wehe über dieſe, ſie werden dereinſt brennen im Pfuhl der Hölle! Ihr aber hättet Euch lieber von ihnen ſcheiden ſollen, ehe denn Ihr ſolchem fündigen Begehren nachgabt.“ „O wir ſehen ein, daß wir ſündigten und verſprechen Beſſerung. Lege uns eine Strafe auf, Bruder in Chriſto, damit wir alsdann auch auf Deine Verzeihung hoffen können.“ „Wohl, es ſei, ſo wie Ihr ſagt,“ antwortete Iſaak mit ſanfterem Tone.„Ihr gehört zu denen, die man in der Welt die Vornehmen und Reichen nennt, zeiget denn, daß Ihr nicht haftet an den ſündlichen Begriffen der Welt, Eure Buße ſoll ſein, daß Ihr auf Euren Knien umher rutſcht an den hier verſammelten Brüdern und Schweſtern, die alle Ihr beleidigt habt durch Eure Sünde und daß Ihr ſo kniend ſie bittet, Euch zu vergeben.“ Die ſchönen weinenden Sünderinnen ſenkten ſtumm das Haupt, und auf ihre Knie niederſinkend, mit gefaltenen Händen rutſchten ſie an den Sitzen⸗ den vorüber, mit den leiſe geflehten Worten:„ver⸗ gebt uns unſere Sünde.“ Still und ernſt waren Alle und ſchanten ver⸗ werfend die ſchönen Büßerinnen an. Maria's Wange aber röthete ſich im Zorn und ſie fühlte in ihrem ſtolzen iblichen Herzen eine tiefe Beſchämung über ſolche Buße, die ihr eine Er⸗ niedrigung und Schmähung ſchien des ganzen weib⸗ lichen Geſchlechtes. Der kniende Umzug der Beiden durch den Saal war vollendet, und Iſaak's weitere Befehle erwartend verharrten ſie vor ſeinem Sitze auf ihren Knien. Iſaak aber erhob ſich von ſeinem Platze und zu ihnen hinſchreitend, hob er ſie auf. „Euch ſei vergeben,“ ſagte er feierlich.„Em⸗ pfanget denn den Bruderkuß, mit dem ich Euch wieder aufnehme in die Gemeinſchaft der Frommen.“ Schon neigte er ſich zu ihnen und ſeine Lippen ſpitzten ſich zum Kuſſe, als plötzlich aus dem Kreiſe der Männer⸗Abtheilung zwei Männer hervorſtürzten, und während der Eine Iſaak von den Damen zurückdrängte, hob der Andere den Arm und ein weithin ſchallender Schlag ſeiner Hand traf Iſaab's Wange. Zugleich ertönte ein fröhliches Lachen von den Frauenſitzen her; es war Maria, die bei dieſer — 76— ihr unendlich ergötzlich erſcheinenden Scene das Lachen nicht unterdrücken konnte. Aber Aller Augen und Aufmerkſamkeit war auf den Präſidenten gerichtet, der ſtumm und erſtarrt daſtand. „Was wagſt Du, Elender!“ rief eine der bei⸗ den Damen, die Baronin Kalm, ſich zu ihrem Diener wendend. „Elende Du ſelber!“Shrie dieſer, die Ba⸗ ronin zuckte zuſammen, denn ſie hatte die Stimme ihres Gemahls erkannt, und mit ihren Händen ihr Geſicht bedeckend, ſchluchzte ſie:„wehe mir, mein Gemahl!“. õ „Ja, Dein Gemahl,“ ſagte er ingrimmig,„der endlich unter der Maske Deines Bedienten Deine heimlichen Gänge entdeckte.“ Auch die andere Dame, die Gräfin Erken, hatte in ihrem vermeintlichen Diener ihren Gatten erkannt und ſank ohnmächtig in ſeine Arme. „Verzeihung, Verzeihung!“ flehte die Baronin. „Still hier!“ antwortete ihr Gemahl ſtreng. „Was wir Beide miteinander zu ſchlichten haben, geziemt ſich nicht hier in ſolcher Geſellſchaft. Für jetzt haben wir es nur zu thun mit dieſem hier,“ ſagte er und wandte ſich zu Iſaak, der vor ſei⸗ nem zornglühenden Auge zuſammenzuckte und ben Blick zu Boden ſenkte.„Elender und Heuchler, hüte Dich, daß wir uns wieder begegnen. Schmach und Schande über Dich, der Du das Wort Got⸗ tes und die heilige Lehre zu Deinen unheiligen, ſündigen Zwecken benutzeſt, der Du ſchwachen, leichtgläubigen Weibern lehrſt ihre Männer zu betrügen und ihnen ungehorſam ſein. Heißt das nach den Geboten der heiligen Schrift handeln, wenn Du einer Ehegattin zürnſt, weil ſie nach dem Willen ihres Gatten gehandelt, wenn Du ihr befiehlſt, gegen ſeinen Wunſch zu thun, und alſo Zwietracht und Häder in eine Ehe bringſt!“ „Verzeihet denen, die Euch beleidigen und verfolgen!“ ſagte Iſaak und faltete wie zum Ge⸗ bet die Hände. „Da nimm auch noch dieſes hin!“ ſagte Graf Erken, deſſen Gattin inzwiſchen aus ihrer Ohn⸗ macht erwacht war, und ſeine Hand traf Iſaak's Geſicht. Du lehrſt ja Deine nichtswürdigen Die⸗ ner Alles, ſelbſt Schläge ruhig hinzunehmen und wie ein Hund mit dem Schweife zu wedeln, wenn der Menſch ihn unter ſeine Füße getreten. Jetzt, Gräfin, geben Sie mir Ihren Arm, der Wagen harrt Ihrer, laſſen Sie uns nach Hauſe fahren! Sie werden, hoffe ich, dieſe heuchleriſche Verſamm⸗ lung nicht mehr betreten!“. Schweigend und zitternd nahm die Gräfin den dargereichten Arm ihres Gemahls, und verließ an der Seite ihres Gatten, gefolgt von dem Baron und der Baronin, den Saal. Augenblickliches Schweigen herrſchte in der Ver⸗ mlung, und Maria, eine gufmerkſame Beobach⸗ — 75 terin des Vergangenen, glaubte auf den Geſichtern der Männer ein ſpöttiſches Lächeln zu bemerken, das aber ſchnell verſchwand, als Iſaak, im Kreiſe umherblickend, mit angenommener Würde ſagte: „wenn ich Eines bedaure, ſo iſt es dieſes, daß das raſche Fortgehen der beiden heftigen Männer mich verhinderte, ihnen, wie ich es wünſchte und wollte, auch meine andrechnge hinzuhalten, da⸗ mit ſie ſie ſchlügen, um Eu„meine Brüder und Schweſtern in Chriſto, zu beweiſen, wie ſehr ich mich beſtrebe, in Allem dem Gebote des Herrn mich zu unterwerfen, der da befohlen hat: ſo Ze⸗ mand Dir einen Backenſtreich giebt, halte ihm die andere Backe auch hin.“ „Nun aber, meine Geliebten, laſſet uns nicht weiter jener Männer gedenken, die unſere heilige Andacht unterbrachen, ſondern laſſet im frommen Geſange unſere Stimmen ertönen.“ Wieder erſchallte der näſelnde, unreine Geſang der Gemeinde, währenddeß Maria's Nachbarin in ihrem Geſangbuche den Brief ihres Geliebten las. Als der Gefang beendet, erhob ſich Jſaak von ſeinem Sitze und ſeine Miene nahm einen fröh⸗ lichen und zugleich verlangenden Ausdruck an, als er ſagte:„und nun, meine Brüder und Schweſtern in Chriſto, laſſet uns zu dem gemeinſchaftlichen Mahle der Liebe ſchreiten, das im andern Zimmer unſerer harrt.“ Die Thüren wurden geöffnet, und hei dem — Anblick einer langen ſervirten Tafel, bei dem lockenden Geruch der Speiſen erheiterten ſich Aller Mienen, und mit ſehr unheiliger Eilfertigkeit drängte Alles in das Speiſezimmer. „Laſſen Sie mich wieder neben Ihnen ſitzen!“ bat das junge Mädchen, deſſen Nachbarin Maria geweſen, und dieſe bot ihr freundlich den Arm. Die Schüſſeln wurden umhergereicht, und bei den wohlſchmeckenden Speiſen vergaßen die from⸗ men Eſſer ihre heiligen Mienen und ihr Abge⸗ wandtſein von den Genüſſen der Welt. „Sie wollen alſo mich nicht verrathen?“ flü⸗ ſterte Natalie, Maria's Nachbarin. „Gewiß nicht,“ betheuerte dieſe,„ich bin heute zum erſten, und ich hoffe, auch zum letzten Male hier.“ „O könnte ich auch ſo ſagen!“ ſeufzte Natalie. „Sind Sie denn gezwungen, hieher zu gehen?“ Natalie erröthete, als ſie antwortete:„Mein Herz zwingt mich dazu. Wider den Willen meiner Aeltern habe ich mich meinem Geliebten verſpro⸗ chen; da aber jede Gelegenheit ihn zu ſehen oder ihm zu ſchreiben, mir, bei ſtrenger Bewachung der Meinigen, verſagt war, entſchloß ich mich fromm zu werden, das heißt, in dieſe Verſammlungen zu gehen. Mein Geliebter that es gleichfalls, und ſo ſehen wir uns hier, und geben einander unſere Briefe.“ Maria lächelte, als ſie erwiderte:„alſo iſt Ihnen dies Haus nichts weiter, als ein paſſender Ort zu Ihren Rendezvous?“ „Gewiß, nichts weiter,“ antwortete Natalie eifrig,„und ich würde vor mir ſelber erröthen, wenn es anders wäre. Glauben Sie mir, die ich länger ſchon dieſen Geſellſchaften beigewohnt. Es iſt hier nichts als Trug und Heuchelei, und kein Einziger iſt hieher gekommen, um Gott zu dienen, ſondern Alle aus andern eigennützigen Be⸗ weggründen. Von Allen aber gewinnt der Schnei⸗ der Iſaak, der ſogenannte Präſident, am meiſten dabei. Meinen Sie z. B., dies ſogenannte Mahl der Liebe ſei eine Freundſchaftsbezeigung Iſaak's? O mit nichten, Sie werden nach dem Eſſen ſehen, daß Jeder von den Herren einen Thaler auf ſei⸗ nen Teller legt und Iſaak ſie ſammelt.“ Die Geſellſchaft war indeß lauter und heiterer geworden, beim Weinglas und ſpringenden Cham⸗ pagnerpfropfen ſchwanden mehr und mehr die ern⸗ ſten Geſichter und die frommen Worte und Bibel⸗ ſprüche, und lautes Gelächter umtönte die Tafel. VIII. Die Scheidung.⸗ Sinnend ſaß Maria am andern Tage auf ih⸗ rem Zimmer, und ernſte Gedanken mußten es ſein, die ihrer Miene einen ſo finſtern Ausdruck gaben und ihre einſt ſo heitere Stirn bewölkten. Zu⸗ weilen hoben tiefe Seufzer ihre Bruſt und ein unendlich ſchmerzlicher Ausdruck lag in dem Blick ihres Auges, mit dem ſie es aufwärts richtete, gleichſam als wolle ſie vom Himmel ſich Hülfe und Beiſtand erflehen. Dann ſchüttelte ſie leiſe das Haupt, ihre bis dahin gefaltenen Hände löſten ſich, langſam quollen die Thränen unter den niedergeſenkten Wimpern hervor und ſchlichen, beredte Zeugen eines nagen⸗ den Grams, über die Wange hinab. Nur der heftige, plötzlich kommende Schmerz, die Bewäl⸗ tigung des Augenblicks hat ſtrömende Thränen, nur die leidenſchaftliche Erregung i Auge Rebekka. II. überfluthen in Zähren, die heiß und heftig über die Wangen rinnen, mit ihrer innewohnenden Glut dennoch kühlend und lindernd die Pein des Schmer⸗ zes ſänftigen, und mit ihrer Lebenskraft oft das Herz geſunden laſſen. Es liegt eine Wohlthat und Beruhigung in ſolchen Thränen, die einer Quelle gleich in der Oede unſeres Herzens entſpringen und ſeine Glut kühlen; und wenn auch der Schmerz der Wunder⸗ ſtab war, der ſie hervorrief, ſo fühlt man doch mit heißem Dank an der Thränenquelle die Kraft und Güte deſſen, der dieſes Wunder erzeugte, und ſtillt ſeinen Durſt an Thränen. Wo aber die innere Pein unveränderlich dieſelbe bleibt, wo ſie gleich dem Nagen des Wurms fort und fort in der Tiefe unſeres Herzens wach bleibt, wo ſie mit dem Stachel des Vampyrs ſich in unſere Bruſt ſenkt, unſer Blut vergiftet und unſere Kraft lähmt, da verſiegen die Thränen allgemach, und wenn noch einzelne Tropfen zuweilen das Auge befeuch⸗ ten, ſo liegt darin keine Wohlthat mehr, denn die kalte Thräne kühlt nicht mehr den heißen Schmerz. Maria's Zähren hatten ſo lange in den Au⸗ gen geſtanden, waren ſo langſam über die Wan⸗ gen geſchlichen, daß ſie, als ſie jetzt niederfielen auf ihre Hände, erſchrak vor dem kalten Tropfen, der nicht mehr war, als Waſſer, und ſich dabei erinnerte, daß ſie nicht weinen wolle. „Auch 1 es nur noch meine Augei ſi — 33 ſterte ſie wehmuthsvoll,„die da weinen, mein Herz hat keine Thränen mehr! Sie ſtand auf und ging heftig im Zimmer auf und ab, dann trat ſie ans Clavier, und wie mechaniſch und gedankenlos glitten ihre Finger über die Taſten hin, ihnen Töne und Melodien entlockend, deren tiefe Wehmuth und Klage ſie nicht verſtand und begriff, weil ſie ſie nicht hörte,— es war nur die Seele, die in ihre Finger gleich⸗ ſam gezogen war, ihre Gedanken und Empfindun⸗ gen aber ſchlummerten in tiefer Pein, und die Melodien, die ſie ſpielte, waren wie die Träume ihrer Seele. Sie erwachte aber, als ſie die Töne jenes Liedes vernahm, das ſie in früheren Tagen des Kampfes, damals als ſie von ihrem Herzen for⸗ derte, Böſenberg zu lieben, und Gottes Beiſtand dazu erflehte, ſo oft geſpielt und geſungen, und ſie wunderte ſich, daß ſie ſelber es war, die ſolche Klänge wieder hervorgerufen. Wie ſie fort und fort ſpielte, kam eine tiefe und bewältigende Wehmuth über ſie, und nach langen Wochen zum erſten Male empfand ſie es klar, wie unglücklich ſie ſei und wie verloren und hoff⸗ nungslos; dies klare Empfinden nach ſo dumpfer Pein ſchien ihr faſt ein Glück, und wie die Thrä⸗ nen nun ihren Augen entſtürzten, wie ein freudiger Schmerz ihre Wange röthete und ihre Lippe um⸗ ſpielte mit einem Lächeln, das dem letzten Auf⸗ 6* tauchen des Schwans, ehe denn er in die Fluthen verſinkt, glich, eten ſich ihre Lippen, und mit klarer aber in Rührung zitternder Stimme ſang ſie: Ein Stern iſt mir entſchwunden, Ein ſchöner heller Stern, Kann nimmer mehr geſunden, ₰ Läg' tief im Grabe gern! Denn in dem Grabesdunkel Schließt ja das Aug' ſich zu, Sucht nicht mehr Sterngefunkel, Im Grabe wohnt die Ruh'. Und wie ich alſo klagte, Und wie ich alſo ſang, Es in der Seele tagte, Hört' ich der Worte Klang: Wenn Nacht in deinem Herzen, Der Liebe Stern verſank, So richt' in deinen Schmerzen Aufwärts— Hier ſtockte Maria, es war als ſträube ſich ihre Zunge die folgenden Worte auszuſprechen, ſie trocknete ihre Thränen, und ſagte feſt:„das iſt vorüber!“. Damals glaubte ich noch an die ewige Nähe Gottes, und wenn ich betete, zweifelte ich nicht, daß Gott mein Gebet vernehme. Es war ein Wahn, aber ein beglückender! Zetzt aber bin ich aus meinem Wahne aufgeſchreckt, und ich weiß, daß kein Gott meine Gebete hört und erfüllt. Ich habe Nächte lang Herz und Gemüth in in⸗ brünſtigem Flehen zu Gott erhoben, fuhr Maria fort, und drückte, wie in krampfhaftem Schmerz, ihre Hände feſt ineinander, und keine Stimme ſprach in mir, daß Gott mich erhören und tröſten und mir den Heiland ſenden würde; ich habe in troſtloſem Jammer meine verweinten Augen nach oben gerichtet, und von Gott nichts weiter erfleht, als die Ueberzeugung ſeiner Nähe und Allgegen⸗ wart, und keine Antwort ward mir auf dieſe ver⸗ zweiflungsvolle letzte Bitte. „Wie konnte es auch anders ſein?“ fragte ſie mit bitterm Lächeln ſich ſelber, und den Arm gen Himmel ausſtreckend, das Geſicht leuchtend, wie in einer Verzückung und Begeiſterung, ſagte ſie laut:„es giebt einen Gott da droben, einen Herrn und Gott, einen Allwaltenden, Alllenkenden und Beſchützenden. Thoren nur ſind wir, daß wir von dieſem großen Gotte verlangen, er ſolle um das Schickſal des Einzelnen ſich kümmern, er ſolle in dem großen Gewebe der Schöpfung den Faden jedes einzelnen Menſchenlebens in Händen halten und lenken. Auf das Große, Ganze und Allge⸗ meine ſind ſeine Augen gerichtet, und dieſes zu erhalten, muß oft das Einzelne unterliegen. Wie könnte ſonſt,“ ſagte ſie ſinnend und leiſer vor ſich hin,„ſo manches granſame Geſchick den Einzelnen betreffen, wie könnten den Menſchen ſonſt Dinge hen, die nicht einmal die menſchliche Barm⸗ — 6 herzigkeit zulaſſen könnte, geſchweige denn die gött⸗ liche ewige Gnade. Nein, dieſe weiß nichts von den Qualen des Menſchen, ſie kennt nur die Lei⸗ den der Menſchheit, und um dieſe hinauszuführen zu einem Ziel, das Gott allein bekannt iſt, muß oft der Menſch erliegen. So ſehen wir oft die Edelſten zerdrückt werden unter Jammer und Elend der Welt, ſehen leuchtende Sterne verſinken in die dunkle Nacht des Todes, und Phantome und Meteore als Sonnenſyſteme und Planeten verehrt werden. Ein Gott regiert die Welt und das All, — den Menſchen aber beherrſcht das Schickſal und die Stunde.“— Als Maria ſo ſprach, färbte ſich ihre Wange höher, ſprach eine kräftige Ent⸗ ſchloſſenheit aus ihren Blicken, und mit einer in⸗ nern Kraft und Energie, wie ſie ſolche lange nicht empfunden, ſagte ſie laut und heftig:„ſo will ich auch zu Niemand beten, als zu mir ſelber!“ Böſenberg, im langen Talar, mit Bibel und Gebetbuch in der Hand, trat in dieſem Augenblick in ihr Zimmer, und forderte Marien mit jener heuchleriſchen ſanften Stimme, die ſonſt alle Fibern ihres Herzens in dumpfer Pein erbeben machte, auf, ihn(denn es war Sonntag) zur Kirche zu begleiten. Dies Mal aber empfand Maria weder Furcht noch Demüthigung, weder düſtre Schwermuth noch Trauer in ſeiner Nähe, ſondern ihr Blut ſtrömte warm und lebensvoll, wie lange nicht, zu ihrem 8 Herzen, es ward ihr plötzlich licht und klar in ihrem Innern, ſie fühlte ſich gehoben und gekräf⸗ tiget in ſich ſelber, empfand, daß ſie noch nicht erſtorben für leidenſchaftlichere Regungen und hef⸗ tige Gefühle, denn mit einer Art Freude ward ſie es ſich bewußt, daß ſie mindeſtens noch eines glühenden Haſſes fähig ſei. 5 Ihr Auge ſtrahlte in hellem Glanze, wie ſeit lange nicht, ſie empfing Böſenberg mit einem Lä⸗ cheln, das nichts von jener ergebenen Schwermuth Kr wie er es ſonſt an ihr gewohnt geweſen, und auf ſeine Frage, ob ſie bereit ſei, ihn zu begleiten, antwortete ſie ſogleich ohne Widerſtreben bejahend. Nur als er, durch den Garten, an deſſen Ende der Eingang zur Kirche lag, ſie geleitend, ihr ſeinen Arm bot, lehnte ſie es mit einem ſtummen Kopfſchütteln ab, und ſchritt allein, ſtolz aufgerich⸗ tet in die Kirche. Nicht mehr, wie ſonſt aber, empfand ſie, in die hohe Halle tretend, einen heiligen und ſüßen Schauer, nicht mehr richteten ſich ihre Angen mit frommem Gebete aufwärts; ſie blickte kalt und beobachtend in dem weiten Raume umher, ſie lä⸗ chelte bitter, als ſie die geputzten, auf ihre Ge⸗ betbücher ſchauenden Weiber ſah, von denen Allen ſie zu wiſſen vermeinte, ſie ſeien nur gekommen, um eben ihre ſchönen Kleider zu zeigen, und ſie wandte ſich verächtlich ab von den Männern, de⸗ Alles ſeinen Zauber verloren, und an der Wahr⸗ 88 ren über das Geſangbuch ſtreifende Blicke, die die ſchönen Frauen und Mädchen ſuchten, ſie ge⸗ wahrte. Die Orgel ſetzte ein, aber ihr Herz blieb kalt, die heiligen Töne zitterten nicht wieder in ihrem Innern, und der Geſang der Gemeinde, der ihr ſonſt ſo erhebend und in ſeiner Gemeinſchaft ſo rührend erſchienen war, däuchte ihr jetzt ein un⸗ harmoniſches und unmelodiſches Gekrächze, es war ja kein freiwilliger Geſang, ſondern ein pflichtge⸗ mäßer, von dem Gebrauch und der Sitte vr ſchrieben. Alles hatte für ſie hier in der Kirche ſeine Flluſion und Begeiſterung verloren, und ſie ſchaute umher mit kaltem Auge, mit leerem Herzen und ernüchterten Sinnen. Als ſie ſich aber dieſer Enttäuſchung deutlicher bewußt ward, murmelte ſie in ſich ſelber:„alſo war ich früher in der Kirche nicht die Empfangende, ſondern die Gebende. Die Andacht mußte ich mit⸗ bringen, um ſie zu haben, denn ſie iſt nicht in der Kirche, ſondern nur in der Menſchenbruſt, die Begeiſterung ſtrömte nicht aus dieſem gott⸗ geweihten Raume auf mich nieder, ſondern ſie lebte in mir und verklärte mir außer mir dieſe Halle, und der Orgelklang war nur feierlich, weil er feierlich in meiner Seele wieder ertönte. Jetzt aber, wo ich Alles ſehe, wie es iſt, hat heit und Wirklichkeit ſind meine Illuſionen und Täuſchungen verflogen!“ Als jetzt Böſenberg mit jener frommen und heiligen Miene, die das Hauptbedingniß eines Kanzelredners iſt, auf der Kanzel erſchien, als er mit erhobenem, affectvoll theatraliſchem Pathos ſeinen Vortrag begann und dieſer nicht enden zu wollen ſchien, drückte ſie ſich zurück in ihren Seſſel, und ermüdet von den ſeit vielen Tagen und vielen ſchlafloſen Nächten ſie beſtürmenden Gedanken und ualen, ſanft eingelullt von dem einſchläfernden edefluß, ſenkte ſie ihr Haupt auf ihre Bruſt und chlief.— So tief war ihr Schlaf, daß ſelbſt der auf die beendete Predigt folgende Geſang der Ge⸗ meinde ſie nicht erweckte, und erſt als Böſenberg zu ihr in den vergitterten Predigerſtuhl trat und ihren Namen nannte, ſchreckte ſie zuſammen und erwachte. Schweigend ging ſie an ſeiner Seite durch die Kirche und den Garten in ihre Wohnung zurück, und wenn ſie ſonſt allen Zwiſtigkeiten und Mei⸗ nungsverſchiedenheiten auszuweichen geſucht hatte, um ſo raſch als thunlich in ihr eigenes Zimmer zu gelangen, folgte ſie dies Mal ihrem Gatten auf das ſeine. „Ein ſchönes Beiſpiel das,“ murmelte Böſen⸗ berg, während er den Talar ablegte, und ſich in den bequemern Schlafrock hüllte.„Was können 90 wir von den Uebrigen fordern, wenn ſogar das Weib des Pfarrers in dem heiligen Gotteshauſe ſchläft.“ „Frage vielmehr,“ antwortete Maria ruhig, „wie muß der Pfarrer ſein, deſſen Frau im Stande iſt, während ſeines Vortrags einzuſchla⸗ fen? Ich denke, dieſe Frage wäre natürlicher. Wir wollen aber heute ſie unbeantwortet laſſen, und von dem ſprechen, was mich zu Dir führt— „Und das wäre?“ fragte Böſenberg, ſich mächlich in ſeinem Lehnſtuhl niederlaſſend. „Etwas ganz Einfaches und Leichtes, wenn wir Beide einverſtanden ſind,“ ſagte Maria in faſt ſ cherzhaftem Tone. „Penn wären wir Beide nicht einverſtanden geweſen?“ fragte Böſenberg mit heuchleriſcher Freundlichkeit und ſuchte Mariens Hand zu faſſen. Ein ſtolzer, verächtlicher Blick Maria's traf Böſenberg, dann ſagte ſie kalt:„wir waren es niemals! Vielleicht kann es heute zum erſten Male ſein! Willigſt Du ein, Dich von mir zu ſcheiden?“ „Niemals,“ antwortete Böſenberg ruhig.„Und warum ſollte ich auch das? Meine Schuld iſt es nicht, daß unſere Ehe nicht eben ſo ſehr zu den glücklichen gehört, als ſie friedlich iſt. Ich hoffe aber, daß es meiner nie nachlaſſenden Geduld gelingen wird, Dein Herz mir in Liebe zu er⸗ werben.“ Es lag etwas ſo ſchneidend Othniſces in 9 dem Tone Böſenberg's, daß Maria davor erbebte, und erröthend vor innerer Aufregung ſagte ſie: „Böſenberg, wir ſind allein! Niemand iſt hier, der Dich hört, außer mir und Gott, und ich ſchaue in Dein heuchleriſches Herz, und Gott kennt es, alſo wirf ſie jetzt wenigſtens ab, dieſe entſetz⸗ liche Maske, und ſei wahr. Antworte mir, willigſt Du ein, Dich von mir zu ſcheiden?“ „VNein, niemals!“ war Böſenberg's Antwort. „Du willſt nicht, Du willſt nicht?“ fragte Karia zitternd vor Zorn.„Und warum nicht? Nuß nicht unſer Zuſammenſein Dir eine Marter ſein, wie es mir iſt? Sind wir nicht Galeeren⸗ laven, an dieſelbe Kette geſchmiedet, die wir Beide mit gleichem Widerwillen tragen, und wenn nun uns eine Feile geboten wird unſere Ketten zu durchſchneiden, ſollen wir ſie nicht freudig er⸗ greifen?“ —„Du betrachteſt die Dinge zu leidenſchaftlich,“ ſagte Böſenberg,„und darum falſch. Mein Zu⸗ ſammenſein mit Dir iſt mir keine Marter, und ich empfinde nichts von den Ketten, wovon Du ſprichſt. Du biſt mein, und ich freue mich deß, und wenn ich mein Geſicht an Deine Bruſt drücke, wenn ich Dich umfange, dann fühle ich beglückt, welch ein ſchönes Weib mein Eigenthum. Wäre ich nicht ein Thor, es freiwillig aufzugeben?“ „Sprich nicht von Deinen Liebkoſungen,“ rief Maria heftig,„ſchon die Erinnerung daran er⸗ 92 niedrigt mich und demüthigt mich vor mir ſelber. Haſſe mich, ſei hart und ſtreng gegen mich, be⸗ nutze die Rechte, die ein nur zu willkürliches Ge⸗ ſetz den Männern eingeräumt, und mache Dich zum Herrn Deiner Sklavin, ich will es dulden! Ich habe es ertragen, daß Du mich zur Magd Deines Hauſes, zum Spielwerk Deiner Launen und zur Laſtträgerin Deines Mißmuths gemg haſt; o tauſendmal lieber will ich von Dir geh geliebt ſein. Ja, ich fühle, daß ich, Du die Arme ausſtreckſt mich zu umarmen u ich ſie nicht zurückwehren darf, weil ich Dei Gattin bin, Dich ermorden könnte. Hörſt D Dich ermorden!“ „Ich höre es,“ ſagte Böſenberg gelaſſen, „und weiß auch, daß Du es nicht thuſt. Die natürliché weibliche Scheu wird Dic vor einem Morde erbeben laſſen. Auf dieſe Gefahr hin werde ich noch oft Dich in meine Arme ſchließen!“ „Du biſt ein Ungehener!“ rief Maria mit vor Zorn zitternder Stimme. Schande über Dich, der Du niedrig genug denkſt, ein Weib wider ihren Willen an Dich zu feſſeln. Fühlſt Du denn nicht mindeſtens Beſchämung bei dem Gedanken, Herr eines Weibes zu ſein, das Dich verachtet, das in dem Tiefſten ihres Weſens Dich verſpottet und verhöhnt?“ „Ich empfinde das Alles nicht,“ antwortete Böſenberg,„ſondern ich weiß nur, daß ich ein —. reiches, ſchönes Weib beſitze und auf keinen Fall in eine Scheidung willigen werde.“ „Böſenberg,“ rief Maria in höchſter Erregung und plötzlich vor ihm niederſinkend, die gefaltenen Hände zu ihm erhebend, flehte ſie:„o Böſenberg, erbarme Dich meiner Qual! Aus Barmherzigkeit gieb mich frei! Die Menſchen nennen Dich einen Seelſorger, ſei es denn dies Eine Mal zum min⸗ deſten! Meine Seele wird, ſie muß verloren gehen in der Unwürdigkeit ſolches Verhältniſſes, alle ihre F welken und erſticken, denn der Haß hat ich in mein Inneres eingewurzelt, und ſaugt alle anderen Empfindungen aus. Böſenberg, o ich habe ſchon ſo Vieles verloren an Glauben und Vertrauen, ich muß untergehen und fallen, wenn Du meine Bitte nicht erhörſt. O gieb mich frei, und ich will vergeſſen, wie Du mich getäuſcht und hintergangen, wie Du mein Glück vernichtet, mein Vertrauen untergraben und meinen Glauben ſelbſt an Gott haſt wankend gemacht, Alles, Alles will ich vergeſſen, und nur daran denken, wie Du zu⸗ letzt, großmüthig und barmherzig, Dich meines Jammers und meiner Noth erbarmteſt und mit lindernder Hand meine wund gedrückten Glieder von den lähmenden Ketten befreiteſt. O gieb mich frei, und ich will Deiner gedenken, wie eines Wohl⸗ thäters, und Dich ſegnen und preiſen mein Leben lang. O Böſenberg,“ fagte ſie immer leidenſchaft⸗ licher, und blickte aus ihren in Thränen ſchwim⸗ 94 menden Augen ihn flehend an:„ſei milde und barmherzig, ſei mein Erlöſer und Erbarmer, löſe den Bannſpruch, der auf meinem armen Haupte ruht, gieb mich frei! frei!“ kreiſchte ſie in über⸗ mächtiger Erregung, und ihre Wangen und Lippen glühten, ihr Buſen wogte ſtürmiſch auf und nieder. Böſenberg zog ſie ruhig vom Boden zu ſich empor, ſtand auf und führte ſie zum Spiegel. „Blicke hinein, Maria,“ ſagte er,„blicke hinein, wie Du ſo ſchön biſt, ſo glühend und reizend, unß dann frage Dich ſelber, ob Dein Mann ein ſo cher Thor ſein kann, ſein ſchönes Weib aus ſeinen Armen zu laſſen?“ „Zetzt aber geh' hinab in die Küche, und be⸗ fiehl, daß das Mittagseſſen ſervirt wird.“ Lachend wandte er ſich um zu ſeinem Lehnſtuhl und ſenkte ſich gemächlich hinein. Sprachlos, ohne Athem, zitternd in Zorn und Schmerz ſtand Maria da, ihre brennenden Augen rollten wild von Gegenſtand zu Gegenſtand, und ihre Hände krampften ſich von ſelbſt zur Fauſt zuſammen. Dann ſtürzte ſie zu Böſenberg hin, und mit beiden Händen ſeine Schultern packend und ihn ſtarr anblickend, fragte ſie mit einem Ton, der ſo verzweiflungsvoll und entſchloſſen war, daß ſelbſt Böſenberg einen Augenblick davor erbebte: „Du willſt Dich nicht von mir ſcheiden?“ ch will nicht!“ antwortete er feſt und beſtimmt. 6 Ein ſchwerer Seufzer hob Maria's Buſen und klang wie das Todesſtöhnen eines Sterbenden, dann hob ſie den einen Arm aufwärts, als wolle ſie die Rachegeiſter herab beſchwören ihr zur Hülfe und zum Beiſtand, und mit voller, kräftiger Stimme ſagte ſie:„Du Gott da droben, wenn Du die Klage und die Verzweiflung des Menſchen hörſt, nun ſo haſt Du auch dieſe Stunde nicht verloren, ſo haſt Du das Flehen, das ich an dieſen Elen⸗ den verſchwendete, vernommen und geſehen, wie ich mich vor ihm demüthigte. Ich habe Alles verſucht, das Leben mit ihm zu ertragen, es iſt umſonſt, meine Kraft iſt gebrochen, meine Stärke erlahmt, ich kann nicht mehr. Ich habe zu Dir gebetet, Herr und Gott, um Deinen Beiſtand, Deine Hülfe, Du haſt ſie mir nicht werden laſſen, ſondern Dein Antlitz von mir gewandt, und die⸗ ſen Sünder hier mit Ehre und Anſehen umgeben⸗ Wo iſt nun Deine Gerechtigkeit, Gott, wo iſt nun Dein Erbarmen? Mein Flehen war um⸗ ſonſt, und meine Gebete vergeblich. Wogan, ſo will ich ſehen, was meine eigene Kraft ermag, will ſehen, ob des Menſchen Wille nicht mächtiger iſt, als ſein Gebet. Mag denn der Kampf mit meinem Schickſal beginnen, ich ſetze Leben und Blut ein, um zu ſiegen!“ So ſprechend, verließ ſie ſtolz und hoch auf⸗ gerichtet das Zimmer. Böſenberg blickte ihr nach mit einer Miene, aus der Verwunderung und Aengſtlichkeit ſprach, und murmelte:„was meint das alberne Weib damit? Sie wird mir doch nicht nach dem Leben trachten?— Ah bah, bin ich nicht ein Thor, ſolche Phraſen für Wahrheit zu nehmen? Ihre Leidenſchaft wird ſchon verfliegen, und ich wieder mein ſanftes, ſchönes Weib herzen und küſſen können.“ X. Der fromme Präſident. Unruhig ging Maria am andern Morgen in ihrem Gemach auf und nieder, und eine ſeltſame Aufregung und Erwartung ſchien ſich ihres ganzen Weſens bemeiſtert zu haben. Bald trat ſie zum Fenſter und blickte auf⸗ merkſam hinaus, bald wieder zum Spiegel, um ihre geſchmackvolle, ſorgfältige Toilette zu prüfen. Aber ihre Blicke zeigten dabei nichts von jener wohlgefälligen Befriedigung, die ſonſt wohl ein ſchönes Weib bei dem Anſchauen ihrer ſelbſt em⸗ pfindet, ſondern ſie prüfte und muſterte ſich ſelber mit dem aufmerkſamen Auge einer Fremden, ihre Schönheit war ihr etwas außer ihr Befindliches, und ſie betrachtete ſie nur als ein Mittel, das ihr helfen ſollte, die tieferen und ernſteren Zwecke ihrer Seele zu erreichen. „Ich denke, er wird mich ſchön finden,“ murmelte ſie jetzt,„ſein Herz wird aufwallen Rebekka. II. in Liebe. Aber die Augen,“ fuhr ſie fort und blickte abermals in den Spiegel,„die Angen ſind noch trübe vom vielen Weinen, und doch müſſen ſie ihm ſtrahlen und glänzen.“ Sie hauchte in ihr Taſchentuch und drückte dieſes dann an die Augen. „Seltſam,“ flüſterte ſie,„daß der warme menſchliche Athem die Spuren der Thränen aus dem verweinten Auge verwiſcht und ihm wieder Glanz verleiht. So kann alſo derſelbe Mund, der Thränen hervorrief, ſie trocknen. Der Unter⸗ ſchied iſt nur, daß er ſie hervorruft mit Wor⸗ ten, die aus ſeinem Geiſte kommen, und ſie trocknet mit dem Hauche ſeines Körpers. Doch horch,“ unterbrach ſie ſich ſelber, und den Athem anhaltend, mit vorgeſtrecktem Kopfe, weit geöffneten Augen ſtarrte ſie zur Thüre, draußen vernahm ſie ſich nähernde Schritte, und mit einer Bewe⸗ gung der Angſt und des Entſetzens ihre Hand feſt auf ihr Herz drückend, murmelte ſie:„Er iſt's, er kommt! Nun Muth, mein Herz!“ Zetzt ward leiſe an die Thür geklopft, Maria richtete ſich mit gewaltſamer Kraftanſtrengung em⸗ por, ſchritt ſtolz und groß zur Thüre hin, und öffnete dieſe. „Treten Sie ein,“ ſagte ſie mit feſter Stimme, und mit tiefer, ehrfurchtsvoller und doch zu⸗ gleich ſtolzer Verneigung trat ein Mann in das Zimmer. — 90 Es war eine ſchöne, ſchlanke Geſtalt, ein aus⸗ drucksvolles, geiſtreiches Geſicht, auf der hohen Stirn und unter den brennenden Augen bemerkte man indeß feine Runzeln, deren Daſein von der verflogenen Jugend des Mannes zeugten, und wären dieſe nicht geweſen, hätte man ihn nach ſeinem lächelnden Munde, ſeinen glühenden, leiden⸗ ſchaftlichen Blicken, die er auf Maria heftete, nach ſeiner jugendlich kräftigen Geſichtsfarbe beurtheilen wollen, würde man ihn für einen jungen Mann haben halten können. Aber auch ſein Haupthaar, das geſcheitelt zu beiden Seiten ſeines ſchönen Geſichts herabhing, war ſchon mit einem nicht ganz unmerklichen Reif des Alters bedeckt, und con⸗ traſtirte mit ſeinem Ernſt ſeltſam zu dem lächeln⸗ den jugendvollen Angeſicht. Als er jetzt mit aller Sicherheit und allem Anſtand eines vollendeten Weltmannes ſich Marien nahte und ihre Hand ergriff, ſeine Lippen darauf zu drücken, hätte man ihn für einen jener, wenn auch ergrauten, dennoch ſtets jung bleibenden Dandy halten können, deren ganzer Lebenszweck iſt, amüſirt und bewundert zu werden. Maria empfing ihn mit freundlichem Gruß, und bat ihn, neben ihr auf dem Divan Platz zu nehmen. Lange und lebhaft war das Geſpräch der Beiden, von Seiten des Präſidenten mit Feuer und Glut geführt, von Maria mit jener Haltung 0— und Sammlung, mit jener planmäßigen Ueber⸗ legung, die ſie in bangen, verzweiflungsvollen Stunden ſich von ihrem zerquälten Herzen errungen. Fieberiſches Roth wechſelte mit todesähnlicher Bläſſe auf ihren Wangen, ihre Hände zitterten, und oft hatte ſie des Präſidenten leidenſchaftlichen Betheuerungen nichts entgegen zu ſetzen, als Seufzer, die ſich aus ihrer gepreßten Bruſt her⸗ vorrangen. „Und wenn ich es in acht Tagen erreiche, daß Böſenberg in eine Scheidung willigt, wird mir dann der ſüße Lohn von Ihren Lippen?“ fragte der Präſident am Schluß des Geſprächs. Maria antwortete nicht, kein Aufſchlagen ihres Auges, keine Bewegung ihrer Züge verrieth, ob ſie die Worte des Präſidenten vernommen und verſtanden. Schwere Seufzer hoben ihre Bruſt, es arbei⸗ tete und kämpfte in ihren Zügen, und als ſie dann langſam den Kopf erhob und ihre Blicke denen des Präſidenten begegneten, lag in ihren Augen ein ſo tiefer Ernſt, eine ſo verzweiflungs⸗ volle Ruhe, daß ſelbſt der Präſident ſich eines leiſen Schauders nicht erwehren konnte.—„Ich habe vor dem Altare Gottes einſt das Gelübde gethan,“ murmelte ſie, wie zu ſich ſelber, und ihre Stimme war weich und klagend, wie Flötenklang, „das Gelübde gethan, meinen Gatten zu lieben ——————————— — 101— 6 und ihm treu zu ſein.— Die Liebe iſt entflohen, entflohen, wie der Traum eines Morgens, die Tage meiner Ingend ſind abwärts gefluthet mit dem Strome der Zeit, und trauernd ſtehe ich an ſeinem Ufer, an dem kein Grashalm, keine Blume mir erſprießt. Gleich der Büchſe der Pandora hat das Leben alle ſeine Leiden und ſeine Uebel mir erſchloſſen, und ſelbſt die Hoffnung entfloh meinen flehenden Blicken. Es war meine Strafe, denn auch ich wollte das Feuer des Himmels mir gewinnen für die Erde, und genießen, was den Menſchen hienieden verſagt iſt, ich wollte lieben und glücklich ſein.— Das Himmelsfeuer iſt mir erloſchen, und in mir iſt es Nacht!“ Traurig ſenkte Maria ihr Haupt zur Erde und ſchwieg.— Der Präſident aber ergriff ihre Hand, und fragte leiſe noch einmal:„und wird mir der ſüße Lohn, wenn ich Böſenberg vermag, in die Scheidung zu willigen?“ Maria ſchrak zuſammen, ſie ſtrich ſich mit der Hand über ihr bleiches Geſicht, und hielt ſie einen Moment, wie um ihre Blicke vor den von außen auf ſie cindringenden Erſcheinungen zu verſchließen, vor ihre Augen, ein Zittern durchflog ihre Glieder, und als ſie die beſchattende Hand langſam von ihrem Geſicht herabgleiten ließ, ſprach eine verzweiflungs⸗ volle Pein aus ihren Zügen. „Machen Sie mich frei von den nden die mich zerdrücken,“ ſagte ſie mit klangloſer dunpfer —— Stimme, und die Befreite wird Ihnen lohnen, wie Sie es verdienen. Jetzt aber,“ fuhr ſie kräf⸗ tiger fort,„gehen Sie zu Böſenberg. Seine und meine Zukunft liegt in Ihrer Hand!“ „Und die meine in der Ihren,“ flüſterte der Präſident, und erfaßte Maria's herabhängende Rechte.„Lebe wohl, Maria!“ „Auf Wiederſehen!“ hauchte Maria und reichte ihm ihre Hand hin. Er drückte ſie heftig an ſeine Lippen.„Auf Wiederſehen!“ Dann wollte er gehen. Aber an der Thüre blieb er noch einmal ſtehen, und ſich mit einem flehenden Blick zu Maria wendend, ſagte er:„Ma⸗ ria, keinen Kuß, ſo ſoll ich gehen?“ Maria hob ſtolz das Haupt, ein ſpöttiſcher Ausdruck durchflog ihre Züge.„In acht Tagen, nicht früher!“ „O welche lange acht Tage!“ ſeufzte der Präſident und ging. Maria blickte ihm nach mit verächtlichem Lächeln. „Elender,“ murmelte ſie zwiſchen den aufein⸗ ander gepreßten Zähnen hervor,„Schmach und Schande über Dich und Deine frevelhaften Pläne.“ Dann nahm ihr Geſicht einen faſt heitern Aus⸗ druck an, und wie neu belebt rief ſie:„in acht Tagen bin ich frei! In acht Tagen bin ich wie⸗ der mein, mein Eigenthum, und mein iſt die Welt. 0 Wozu alſo war nun mein Flehen und Beten,“ fuhr ſie fort, und erhob mit vorwurfsvollem Blick einen Arm gen Himmel,„wozu mein Gebet und mein Schmerzensſchrei? Hülflos und ohne Troſt bin ich geblieben, und mein Flehen war umſonſt. Ich betete nicht mehr, ſondern ich dachte, ich handelte ſelbſt, und habe in mir ſelber Hülfe gefunden. Gott, Du großer, erhabener Gott, Du biſt der Herr der Welt, aber nicht der Vater der Menſchen! Ich werde nicht mehr beten!“ Ihre Arme ſanken herab, ſie neigte ihr Haupt auf ihre Bruſt, und lange noch ſtand ſie unbe⸗ weglich in ſtarrem Hinbrüten und bewußtloſen Ge⸗ danken und Träumen. Der Präſident war indeß langſam über den Corridor dahin geſchlichen, und ſtand jetzt vor der Thüre, die zu Böſenberg's Gemach führte. Hier blieb er einen Augenblick ſtehen, wie um ſich zu ſammeln und ſeine gewohnte Erhabenheit und Ruhe wieder zu finden. Er ſtrich und glät tete mit der Hand ſein geſcheiteltes Haar, ſchob das Ordenskreuz, das um ſeinen Hals hing, unter den Falten ſeines Tuches hervor, daß es beſſer in die Augen ſtrahlte, und gab ſeinen Zügen einen ernſten und heiligen Ausdruck. Dann klopfte er leiſe an die Thüre, öffnete dieſe, und in das Gemach tretend, ſagte er anfter, eintöniger Stimme,„Gott ſegne Sie 2 der in Chriſto!“ — 104— Böſenberg, ihn erkennend, fuhr aus ſeinem Lehnſeſſel empor, und ſich tief und demüthig ver⸗ neigend, erwiderte er:„Gott ſegne des frommen Präſidenten Eintritt in dies Haus.“ Der Präſident ſetzte ſich mit leutſeliger Miene auf den Sopha, und winkte Böſenberg neben ſich. Abermals ſich verneigend, nahm Böſenberg den Platz ein, und erwartete ſchweigend die Anrede des frommen Herrn. Seinem Scharfblick entging es nicht, daß es beſondere Zwecke ſein mußten, die dieſen heute zu ihm geführt, und obgleich er die Unſchlüſſigkeit des Präſidenten, das Suchen nach einem paſſenden Eingang der Unterhaltung ſehr wohl gewahrte, lag doch eine ſchadenfrohe Luſt für ihn darin, ihm dieſen durch nichts zu erleichtern. Er ſchwieg alſo, und ſah nur mit unterwürfiger Miene auf den Präſidenten hin. Dieſer hatte ſich inzwiſchen vollkommen ge⸗ ſammelt, und ſeines Zweckes und der Art des Vollbringens gewiß, ſagte er ruhig:„ich komme, mein Bruder in Chriſto, mir Ihren Rath zu erbitten!“ „Ew. Excellenz beſchämen mich! Wie könnte ich mich erkühnen, Ihnen, der Sie eine Leuchte ſind im Weinberg des Herrn, rathen zu wollen!“ „Wir ſind allzumal Schwache und Sünder!“ antwortete der Präſident, und faltete, den Blick gen Himmel gerichtet, fromm die Hände inein⸗ ander.„Und wenn auch der Herr mich zur Er⸗ kenntniß und zur Gnade geführt hat, ſo bin ich doch befangen im Irdiſchen und Menſchlichen, und kann daher wohl auch zuweilen den Rath eines Freundes bedürfen.“ Beide ſeufzten und ſchwiegen, falteten die Hände und ſchauten aufwärts. Dann ſagte der Präſident leiſe:„Sie wiſſen, die Beſetzung der Superintendenten⸗Stelle in B.... liegt faſt allein in meiner Hand. In acht Tagen muß der Seelſorger erwählt werden, und noch weiß ich Niemand, der dazu würdig wäre. Rathen Sie mir alſo, mein Bruder!“ Ein triumphirendes Lächeln erglänzte einen Augenblick in Böſenberg's Geſicht, er drängte es aber ſchnell zurück, und das Haupt demüthig nei⸗ gend, ſagte er:„wie könnte ich Rath ertheilen in ſo hochwichtiger Sache!“ „Die Stelle iſt ſehr einträglich, ſie bringt dreitauſend Thaler,“ fuhr der Präſident fort, von Zeit zu Zeit einen lauernden, prüfenden Blick auf Böſenberg werfend, der, um dieſe nicht zu bemer⸗ ken, das Auge zu Boden ſenkte,„dreitauſend Tha⸗ ler, und die Anwartſchaft auf eine vielleicht bald erledigte Biſchofsſtelle, viel Ehre und Anſehen, hochadeliger Rang vor den Leuten,— und was viel wichtiger iſt,“ fuhr er mit ſalbungsvollem Tone fort,„ein reiches Feld zum Wirken im Weinberge des Herrn, viele Seelen zu ge — 106— für das Eine, was noth thut, damit, wenn einſt der große Tag der Vergeltung kommt und der Herr ſeinen Hirten fragt, wo ſind die verlornen Schafe, die Du zurückführteſt zu meiner Herde, der fromme und getreue Knecht antworten kann: hier ſind ſie! Ich habe nicht nachgelaſſen im Rufen und Flehen, und ſie ſind gekommen!“ „O wie erhaben und erbanlich ſind ſtets die Worte Ew. Excellenz!“ ſagte Böſenberg weinerlich, und zerdrückte eine Thräne.„Wo aber iſt der Knecht, der würdig wäre, zu einem ſo großen Dienſte berufen zu werden!“ „Ich wüßte ihn wohl,“ murmelte der Präſident, gleichſam als überlege er mit ſich ſelber.„Ich wüßte ihn wohl, und ich würde dieſen erwählen, wenn nicht Eines mich daran verhinderte.“ „Und dies Eine iſt?“ fragte Böſenberg ſchnell, und vergaß ſeine demüthige Miene und ſeinen weinerlichen Ton. „Ich habe bemerkt, daß dieſer, den ich erwäh⸗ len möchte, in letzter Zeit nicht ganz und unum⸗ ſchränkt Gott in ſeinem Herzen regieren läßt, daß neben der himmliſchen Liebe noch irdiſche in ſeinem Herzen Raum gefunden hat. Das darf nicht ſein! Denn es ſtehet geſchrieben: Du ſollſt keine andern Götter haben neben mir! Mein Gewiſſen alſo er⸗ laubt mir nicht den Mann, der ſein Weib zu der Göttin ſeines Herzens erwählt hat, zu einem ſo hochwichtigen Amte zu berufen.“ —— — 107— „Und wollen Ew. Excellenz mir nicht den Na⸗ men dieſes Mannes ſagen?“ „Sie ſind es!“ ſagte der Präſident, und als Böſenberg, anſcheinend erſchreckt, nicht aufzuſehen wagte, fuhr er fort:„ja, Sie ſind es, Böſenberg, und Sie allein würde ich wählen, wenn ich nicht, wie ſchon geſagt, zu meinem Bedauern gewahrte, wie ſehr ihr Herz in irdiſcher Liebe befangen iſt. Niemals ſollte ein Diener des Herrn ein ſchönes Weib heirathen. Eine Gattin muß er haben, denn obwohl der heilige Apoſtel ſagt:„heirathen iſt gut, nicht heirathen noch beſſer!“ ſo erfordert doch die allgemeine Ordnung und ſein hoher Be⸗ ruf, daß er auch hierin der Welt das Beiſpiel gebe einer Gott gefälligen Ehe. Aber er muß keine Gefährtin wählen, deren Leibesſchönheit ſein Auge abwendet vom Himmel. Sie wählten eine ſolche, und darum darf ich Ihnen, wie ſehr ich es wünſchte, die Stelle nicht geben, ſie iſt zu wichtig, zu bedeutend.“ Böſenberg aber hatte ihn vollkommen verſtan⸗ den, er begriff, daß Er entfernt, Maria zurückbe⸗ halten werden ſollte, und wenn ihm auch der Ge⸗ danke, ſein ſchönes Weib zu verlieren, einen augen⸗ blicklichen Schmerz bereitete, ſo verdrängte dieſen bald die lockende Ausſicht auf eine ſo einträg⸗ liche und ehrenvolle Stellung, als diejenige des Superintendenten in einer der größten Städte Deutſchlands. S 108— „. „Vielleicht ließe dieſer Uebelſtand ſich heben,“ ſagte er leiſe, und ſeitwärts traf ſein lauernder Blick den Präſidenten, der bei dieſen Worten kaum im Stande war, ſeine freudige Erregung zu verbergen. „Wenn Ew. Excellenz mich dieſer hohen Stellung nicht ganz unwerth halten, und nur dieſe Rückſicht Sie bewegt, mir eine ſo erhabene Stelle zu verleihen, ſo muß ich dafür ſorgen, dieſen Stein des Anſtoßes zu beſeitigen. Das Irdiſche darf das Himmliſche nicht verdrängen, und Gottesdienſt iſt höher, denn aller Men⸗ ſchendienſt.“ „Brav geſprochen!“ ſagte der Präſident, und legte ſeine Hand auf Böſenberg's Schulter,„nun erkenne ich, daß Sie in Wahrheit ein frommer Knecht ſind, bereit, dem Dienſte des Herrn alles Andere zu opfern. Wohlan, wenn Sie es ver⸗ mögen, ſich ſogleich von Ihrem Weibe zu trennen, ſo werden Sie Superintendent.“ „Sogleich ſoll ich mich von ihr trennen? Und wird ſie einwilligen? Sie liebt mich ſehr!“ ſagte Böſenberg, und wieder traf ſein lauernder Blick den Präſidenten. „Sie wird einwilligen,“ antwortete dieſer, und vermochte kaum ein triumphirendes Lächeln zu verbergen. „Sprachen Ew. Excellenz ſchon mit ihr dar⸗ über?“ fragte Böſenberg liſtig. ——— — 109— „Ich that es!“ erwiderte der Präſident ernſt, „das edle Weib iſt bereit, Ihrem hohen Berufe dies Opfer zu bringen, ſie willigt ein, ſich von Ihnen zu ſcheiden!“ „Aber die Welt, wird dieſe keinen Anſtoß nehmen?“ „Wie könnte ſie das? Ich werde Allen be⸗ greiflich machen, wie nur das Gefühl, über der irdiſchen Liebe Gott zu verlieren, Sie zu dieſem Schritte bringen konnte, und man wird Sie und Ihre Gattin als Heilige verehren. Alſo es iſt entſchieden, in acht Tagen gehen Sie als Super⸗ intendent nach B.... Böſenberg's Züge erglänzten in ſtolzer Freude. „Wird aber eine Scheidung ſo ſchnell geſchehen können?“ „Sie wird es,“ antwortete der Präſident be⸗ ſtimmt.„Der Herr hat mir, ſeinem unwürdigen Knechte, einen großen Einfluß verliehen, geben Sie alſo die ganze Angelegenheit in meine Hand. Man verfährt bei ſolchen Sachen immer mit Be⸗ rückſichtigung Ihres heiligen Standes. Ich werde Alles bei den Gerichten vertreten, und wenn ich Ihnen in den nächſten Tagen Ihr Diplom, das Sie zum Superintendenten ernennt, überreiche, bringe ich auch zugleich die Scheidungsacte zur beiderſeitigen Unterſchrift, die Sie in Gegenwart eines Notars vorzunehmen haben; auch dieſen werde ich mit mir führen.— Und nun leben Sie wohl für heute,“ fuhr er fort, und ſtand auf,„in ei⸗ nigen Tagen ſehen Sie mich wieder.“ Mit leichtem Gruße verließ er das Zimmer. Böſenberg ſtand horchend ſtill, als aber die Schritte des Präſidenten in der Ferne verhallten, brach er in ein gellendes Gelächter aus.„Herr⸗ lich, köſtlich, mein Herr Präſident! Glaubten Sie, ich durchſchaue Sie nicht! Wahrhaftig, das war klug erſonnen, aber ich denke, meinerſeits auch eben ſo klug begriffen! Was doch ein ſchönes Weib vermag! Die erſte Superintendenten⸗Stelle des Landes mein! Nur ein Schritt noch zum Biſchofs⸗ ſtuhl! Freilich verliere ich meine ſchöne Maria, aber, was thut es, ich gewinne an Ehre, Anſehen und Geld!“ Während Böſenberg auf dieſe Weiſe ſich trö⸗ ſtete, war der Präſident wieder den Corridor hinab⸗ gegangen an Maria's Thür. Aller Ernſt, alle Heiligkeit war aus ſeinen Zügen gewichen, er war wieder der lebensfrohe Mann, der glühende Anbeter, und ſein Herz ſchlug Marien entgegen. Er fand aber ihre Thür ver⸗ ſchloſſen, und als auf ſein mehrmaliges Klopfen keine Antwort ertönte, verließ er das Haus, leiſe für ſich murmelnd:„in acht Tagen iſt ſie mein!“ Die Enttänſchung. Die beſprochenen acht Tage waren verfloſſen; Maria hatte ſie in der Stille und Einſamkeit ihres Zimmers verbracht, und abgeſchloſſen von der Außenwelt, Niemand ſehend und ſprechend, war ſie fort und fort nur beſchäftigt geweſen, die großen in ihr wogenden Entſchlüſſe ſich ſelber zur Klarheit und zur Reife zu bringen. So fand ſie der entſcheidende Tag gefaßt und ruhig, und als ihr am frühen Morgen von dem Präſidenten die Kunde kam, er werde im Laufe des Morgens zu einer feſtgeſetzten Stunde in Be⸗ gleitung eines Notars kommen, um die Scheidungs⸗ acte vollziehen zu laſſen, fühlte ſie ſich faſt freu⸗ dig bewegt, und zum erſten Male nach langer in⸗ nerer Ermattung und Hoffnungsloſigkeit blickte ſie fröhlichen Auges in die Zukunſt. Langſam ſchlichen ihr die Stunden h immer wieder ſchaute ſie auf den Zeiger de — 112— der ihr unbeweglich auf derſelben Stelle zu blei⸗ ben ſchien. Sie verſuchte zu leſen, aber ihre überwachten Augen flogen mechaniſch über die Zeilen hin, ohne daß ſie etwas von dem gedacht und begriffen, was ſie las; ſie legte das Buch weg, und trat wieder ans Fenſter. Plötzlich zuckte ſie zuſammen, athemlos ſtarrte ſie hinaus, und ein dunkles Roth färbte ihre Wangen— die entſcheidende Stunde war gekommen, ein Wagen hielt an ihrem Hauſe, und der Präſident, gefolgt von einem Fremden, ſtieg heraus. In einer ihr ſelber unerklärlichen Angſt ſtürzte ſie vom Fenſter weg, flog zur Thür und verriegelte dieſe. „Ich bin noch nicht geſammelt genug, ich will, ich kann Niemand ſehen,“ murmelte ſie, und drückte ihre beiden Hände an ihre wogende Bruſt. Dann neigte ſie lauſchend ihr Ohr an die Thür. Sie hörte die beiden Männer die Stiege herauf kommen und in Böſenberg's Zimmer gehen, und plötzlich ſich mit gewaltiger Kraftanſtrengung zuſammenraffend, ſagte ſie laut und feſt:„ich will nicht zagen, und zittern! Die entſcheidende Stunde iſt da, und ſie ſoll mich gefaßt und ru⸗ hig finden!“ 2 Mit feſter Hand öffnete ſie den Riegel der — Thür, ſchritt gelaſſen und ruhig zum Sopha, und ſetzte ſich. Dann bedeckte ſie ihr Geſicht mit beiden Händen und ſaß unbeweglich da. In dieſer Stunde der Angſt aber empfand Maria, ohne ſich deſſen bewußt zu werden, die Kraft und den Troſt des Gebetes, und wenn auch ihr Herz und ihre Lippen nichts zu ſtammeln ver⸗ mochten, als:„mein Gott, mein Gott!“ ſo lag in dieſem ſeufzenden Ausrufe doch ihre ganze Seele, und drängte ſich all ihr Fürchten und Zagen in dieſen einzigen Laut zuſammen. Zetzt zog ſie heftig ihre Hände vom Geſichte fort, und richtete ihr Haupt empor.„Sie kom⸗ men,“ flüſterte ſie, und ſuchte ſich zu ſammeln, um ihnen kräftig und ſicher entgegenzutreten. Als aber an die Thür geklopft ward, fand ſie nicht die Kraft, ſie zum Eintreten außzufordern, und ſank faſt beſinnungslos in den Divan zurück. 5 Böſenberg, der Präſident und Notar traten indeß herein, und Maria fühlte bei dem Anblick Böſenberg's, den ſie ſeit acht Tagen nicht geſehen, ihr Blut lebenskräftiger und gewaltiger durch ihre Adern ſtrömen, ihre Kraft ſich ſtählen bei dem Anſchauen des Verhaßten, ſie vermochte es, auf⸗ zuſtehen und die Grüße der Eingetretenen mit ruhiger Haltung zu erwiedern. Mit ſtummer Verneigung nöthigte ſie zum Niederſitzen, und ſich an den Notar wendend, ſagte ſie mit feſter Stimme:„ich denke und hoffe, der Herr Präſident hatte die 2 F von Allem zu unterrichten.“ eberka. II. 8 Der Notar bejahte es, und fügte hinzu, daß alle nöthigen gerichtlichen Schritte geſchehen, die Scheidungsacte auf gegenſeitige Uebereinkunft als hinlängliches Motiv, ausgefertigt ſei, und es nur noch der beiderſeitigen Unterſchrift bedürfe. „So laſſen Sie uns ſogleich dazu ſchreiten,“ ſagte Maria, und der Notar entfaltete das mit⸗ gebrachte Papier, las den Inhalt deſſelben, eine der Form Rechtens gemäße Scheidungsacte, vor, und ſich dann an Böſenberg wendend, bat er ihn, wenn es alſo ſein Wille, zu unterzeichnen. Böſenberg, mit ruhigem Geſicht, das auch nicht einen Zug des Kampfes oder Bedauerns trug, trat zum Tiſche, nahm die Feder und unterzeichnete. Angſtvoll, voll Furcht, ſie wußte nicht warum und woher, hatte Maria ihm zugeſchaut, als er jetzt die Feder niederlegte, athmete ſie erleichtert auf, und ihr Auge richtete ſich mit einem dank⸗ baren freudigen Blicke aufwärts. Dann trat ſie ſtolz und ernſt zum Tiſche hin, und unterſchrieb mit raſcher Hand.— Nachdem ſodann der Notar die gegenſeitige Unterſchrift und die ſomit in ſeiner Gegenwart vollzogene Scheidung zu Protokoll gonommen, der Präſident dieſes als Zeuge unterſchrieben, und das Gerichtliche der Verhandlungen beendigt war, entfernte ſich der Notar, und Maria blieb mit den beiden Männern allein. Tiefe Stille trat ein, unbeweglich ſtanden die Drei einander gegenüber, und Keiner hatté den Muth, das Schweigen zu brechen. Maria aber empfand das Peinvolle dieſer Lage, und das Verlangen, es zu enden, machte ſie muthig und gefaßt. Sie nahm vom Tiſche die Scheidungsacte, und noch einmal die beiden Unterſchriften betrachtend, wandte ſie ihre Augen mit kaltem verächtlichen Blicke auf Böſenberg:„ich habe es alſo erreicht,“ ſagte ſie, und ihre Stimme klang höhnend und hart,„was ich auf meinen Knien von Gott und von Dir erflehte, habe ich erreicht, ich ſelbſt— wir ſind geſchieden. Wehe aber über Dich, daß es alſo kommen mußte!“ fuhr ſie heftiger fort, und trat hoch aufgerichtet in die Mitte des Zimmers. „Du haſt mich um den Frieden meiner Seele ge⸗ bracht, haſt mir zerſtört, was mir bis dahin hei⸗ lig geweſen, und mich gelehrt, daß Alles hienieden nur Täuſchung und Lüge iſt. O Böſenberg, was habe ich um Dich gelitten! Sieh,“ ſagte ſie, plötzlich weich werdend, und trat näher zu ihm hin,„ich hatte den heiligen Willen, Dich glücklich zu machen, und als ich mit Dir vor dem Altare ſtand, und Dir Treue und Liebe gelobte, geſchah es mit der freudigen Zuverſicht, daß es mir Pflicht des Herzens, nicht bloß des Geſetzes ſein würde, Dir Beides zu bewahren. Mich losreißend don der Heimath und dem Herzen meiner zweiten 8 116— Mutter, ward Deine Bruſt meine Heimath und meine Welt, und freudig fühlte ich mich bereit, Alles, mich ſelbſt ſogar, Dir zum Opfer zu brin⸗ gen. Du haſt mich um alle dieſe heiligen Ent⸗ ſchlüſſe, Du haſt mich um meinen Glauben ſogar betrogen. Böſenberg, wenn es dennoch wahr iſt, was Du mich lehrteſt, und eine Stimme in meinem Innetn ſagt mir, es iſt ſo, wenn dort oben eine Vergeltung iſt und eine Strafe, ſo werden wir uns dort oben einſt wieder begegnen. Was willſt Du mir dann antworten auf meine Frage: warum Du mich um die ſchönſten Tage meines Lebens, um die heiligſten Regungen meiner Seele betrogen haſt? Die Ehe, die mir ſonſt eine Verklärung des Lebens, der verkörperte Heiland, die Verherrlichung des Weibes ſchien, haſt Du mir herabgewürdigt zu einer drückenden irdiſchen Feſſel, die abzuwerfen ich alle Kräfte meines Lebens wagte. Ich war Dir nichts als eine Sklavin, Dein Eigenthum, nichts als Dein Weib, und als ich auf meinen Knien es als eine Gnade, als das Heil meiner Seele von Dir begehrte, in eine Scheidung zu willigen, haſt Du es mir mit rauhem Scherzes⸗ worte verweigert. Was aber nicht mein Flehen vermochte, gelang dem Eigennutz; um Rang und Anſehen, um elendes Geld opferteſt Du mich auf. Wehe über Dich, Du haſt Dein Weib verkauft!“ „Es iſt genug,“ ſagte Böſenberg rauh,„nichts verpflichtet mich, Deine ſchwärmeriſchen Klagen länger anzuhören. Wir ſind geſchieden, ſo lebe wohl auf ewig!“. Er wandte ſich, um zu gehen, Maria aber ergriff feſt und entſchloſſen ſeine Hand, ſah ihn mit einer ſolchen Hoheit und Macht im Blicke an, daß Böſenberg unwillkürlich ſein Auge zu Boden ſenkte, und ſagte gebieteriſch:„Du wirſt blkben! Wir ſind noch nicht zu Ende, ich bedarf einer Rechtfertigung, denn ich weiß, in Deinem ſündigen Herzen, dem nichts heilig und unantaſtbar iſt, be⸗ ſchuldigſt Du mich eines Frevels, vor dem meine Seele ſchaudert. Du wirſt bleiben, um zu hören, was ich mit dieſem Herrn da zu ſprechen habe,“ ſagte ſie, und zeigte mit der Hand verächtlich auf den Präſidenten hin. In dieſem Augenblick vernahm man das Her⸗ anrollen eines Wagens, er ſchien unter ihrem Fenſter ſtill zu halten, und Maria's Angen leuch⸗ teten höher auf. „Und jetzt zu Ihnen, mein Herr Präſident, ſagte ſie mit kaltem Lächeln, und trat zu ihm hin. „Die Menſchen nennen Sie einen frommen Mann, einen Heiligen, Sie ſind aber ein Sünder und Heuchler. Ja, das ſind Sie, wiederholte ſie, als der Präſident wie im Zorn erbebte. Sie machten mich frei, aber Sie forderten als Lohn meiner Freiheit meine Schmach und Schande. Der fromme, gottſelige, der einflußreiche Mann iſt — 118— bethört und betrogen, und ich bin es, die ſie betrog!“ Hier ſchwieg Maria einen Augenblick, gleich⸗ ſam um neue Kraft zu ſammeln, während der Präſident, ſprachlos vor Zorn und Enttäuſchung, keine Worte finden konnte, ihr zu erwidern, und Böſenberg Beide mit einem höhniſchen Lächeln betrachtete. Da erſchallte von der Straße herauf der Klang eines Poſthorns, und Maria richtete ſich ſtolz und groß auf, ihre flammenden Augen wandten ſich auf die Männer hin, die unwillkürlich vor ihrem Blicke Beide die Augen niederſchlugen, und mit ruhiger Stimme ſagte ſie:„Sie erwarten, wie dieſe Scene zu Ende gehen wird! Sie iſt zu Ende. Hören Sie das Poſthorn, mich ruft es!“ „Sie gehen fort?“ fragte der Präſident ſchnell und entzaubert. „Ja, ich gehe fort, um nimmer wiederzu⸗ kehren,“ antwortete ſie traurig.„Glauben Sie aber nicht, daß dies vielleicht ein übereilter, erſt ſpäter gefaßter Entſchluß iſt. Nein, gewiß nicht! Schon bevor ich Sie zu mir rufen ließ, war Alles zu meiner Abreiſe bereitet, und hatte mein Banquier alle meine Angelegenheiten geordnet.“. „Sie zürnen über Lug und Täuſchung,“ ſagte der Präſident ingrimmig,„und waren doch ſelber eine Betrügerin.“ „Wehe über Euch Beide, daß ich es war!“ — antwortete Maria.„Mein Gebet war umſonſt gebetet, meine Thränen und meine Kraft waren erſchöpft, da, verzweifelnd* Hülfe des Him⸗ ein mels, durchfuhr mich wie Blitz der Gedanke: wie, wenn ich mir ſelber helfen könnte! Ich dachte an Sie und Ihre fündige Liebe, an Böſenberg's Habgier und Ehrgeiz und mein Entſchluß war ge⸗ faßt. Sie dachten niedrig genug von mir, meine Worte für Wahrheit zu halten— möge Ihre Ent⸗ täuſchung Ihre Strafe ſein.—“ Abermals begann das Poſthorn ſeine rufen⸗ den Töne, und Maria ſagte matt:„ich komme, ich komme!“ „So leben Sie wohl,“ wandte ſie ſich zu den Beiden hin, indem ſie ſich feſter in ihren Shawl hüllte und ihren auf dem Tiſche liegenden Hut ergriff,„und möge Gott Ihnen Beiden verzeihen, was Sie an mir verbrachen. Aus der Heimath bin ich vertrieben, und mit beſtanbten Füßen und wundem Herzen, eine todesmüde Pilgerin, ſchleppe ich mich weiter auf dem dornenvollen Lebenswege, einſam und verlaſſen! Lebet wohl!“ Langſam ſtahlen ſich ein paar Thränen aus ihren Augen hervor und rannen über die bleiche Wange hinab, Maria ſenkte das Haupt auf ihre Bruſt, und leiſen, unhörbaren Schrittes verließ ſie das Zimmer. Noch ſtanden die Beiden ſtumm und unbeweg⸗ lich da, als abermals von unten herauf die luſtige Weiſe eines Poſthorns ertönte, und ein Wagen von dannen fuhr. Der Präſident ſtürzte ans Fenſter, und hin⸗ abblickend, rief er:„beim Himmel, dort fährt ſie hin!“ „Es war das Beſte, was ſie thun konnte,“ ſagte Böſenberg ruhig.„Und meine Ernennung zum Superintendenten?“ „Iſt leider ſchon ausgefertiget!“ antwortete der Präſident, und ohne Gruß ging er von dannen. — KI. Im Thüringer Walde. Tief im Thüringer Walde, fernab von der Landſtraße, umrauſcht von uralten Eichen und ſchlanken Fichten, erhebt ſich inmitten der Einſam⸗ keit eine einfache, liebliche Villa. Friede und Ruhe ſcheint ſich über das Dach gelagert zu haben, die wilde Rebe umrankt das Gebäude vom Fuß bis zur Höhe in dichten Windungen, nur hie und da von Fenſtern, deren grüne Jalouſien halb her⸗ untergelaſſen, unterbrochen. Der Balcon, in der Mitte des Hauſes ange⸗ bracht, iſt mit blühenden Stauden und Gewächſen verziert, mit hocharmigem Cackus“ und ſtachlicher Aloe, und in dem Gärtchen hinter dem Hauſe blüht die duftende Primel und die vielfarbige Winde. Nahe dabei ſteht ein Taubenſchlag, deſſen be⸗ fiederte Bewohner hier in friedlicher Gemächlich⸗ keit, den Kopf tief in den Federn verborgen, ruhen, dort in eilendem Flug waldeinwärts verſchwinden, während hier der mit zärtlichem Girren reiſt. das ſcheue Weibchen Dicht dahinter erhebt ſich der ewig rauſchende Wald, tief, ernſt und ſchweigend, nur ein Bach ſtürzt von der waldigen Höhe herab, über Fels⸗ gerülle und Steine ſetzt er in kräuſelndem Ueber⸗ muthe dahin, und nahe am Hauſe im kleinen Thal fließt er friedlich und ſtill im ſilbernen Bande vorüber.— Wie ſtill iſt Alles umher, wie melancholiſch und ſtill! Gleich einer Oaſe in der Wüſte erhebt ſich in der Einſamkeit und dem tie⸗ fen Schweigen dies Haus, ein Zeichen der Be⸗ lebung, und ſpricht von der Welt und von den Menſchen. Doch iſt kein lebendes Weſen zu ſehen, nur der aus der Eſſe aufwirbelnde Rauch zeugt vom Daſein der Menſchen, von ihrem Bedürfniß und Wollen. Und jetzt tritt aus der Pforte des Hauſes ein Weib hervor, nicht jung, nicht ſchön von Zügen, die Geſtalt nicht ſchlank und ſtolz aufgerichtet, vielmehr gebeugt, ſei's von der Laſt der Jahre, oder auch von der Bürde der Schmerzen und Er⸗ fahrungen, welche die Welt dem Menſchen auf die wunden Schultern drückt. Ihre Kleidung iſt einfach und zierlich, weder veraltet, noch neü in der Form, und die grauen 4 Locken, die in reicher Fülle unter dem weißen Häubchen hervor quellen, verleihen dem zarten Geſichte einen itenn Ausdruck, etwas Altes arch ihre Farbe, ud Jugendliches durch ihre Fülle. Lauſchend wendet ſie das Haupt nach jener Seite des Waldes, wohin vom Hauſe ab ein ſchmaler Fußſteig in das Dickicht führt, und wie ſie jetzt das Ange mit horchendem Blick feſt dahin richtet, gewinnen ihre Züge einen jugendlichen und ſchönen Ausdruck, und ein zartes Roth überhaucht einen Augenblick ihre Wangen. In fröhlichen Sätzen kommt aus dem Gehölz ein Windſpiel geſprungen, und begrüßt mit lautem Geheul die Herrin, die es, als es ſich zu ihren Füßen niederlegt und mit dem Scheife wedelnd eine Liebkoſung erbetteln zu wollen ſcheint, fanft ſtreichelt, das Auge immer nach jener Seite ge⸗ richtet, woher das Thier gekommen, dann plötzlich wehrt ſie das Thier von ſich ab, und eilt raſchen Schrittes dem Jäger entgegen, der aus dem Ge⸗ hölz hervortritt, eine hohe ſchlanke Geſtalt, mit kräftigem friſchen Angeſicht und blühender Farbe der Wangen, die ſeltſam contraſtiren zu dem ſchneeweißen Haar, das unter dem Jagdhute her⸗ vorſcheint. „Da biſt Du ja, herzlieber Alter,“ ruft das Weib mit freudigem Ton, und eilt ſchneller dem Erwarteten entgegen.. Als er ihr nahe iſt, hält er ihr mit freund⸗ — 124— lichem Grüßen die Hand hin, und ſagt ihr mit kräftigem Schütteln den Willkommsgruß. „Bin ich lange ieben, Margaretha?“ fragt er freundlich, und reicht dem Diener, der ihm ge⸗ folgt, die Jagdtaſche und Flinte hin. „Sehr lange! Eine Stunde länger, wie alle Tage.“ Der Jäger lächelt, und ſeinem Weibe mit dem Finger drohend ſagt er ſcherzend:„Alte, Alte, Du vergißt Deine grauen Haare und meine weißen, Deinen gebeugten Rücken und mein runzliches Ge⸗ ſicht. Zählt mir die Stunden nach, die ich fern von ihr bin, als wäre ſie noch die junge Mar⸗ garetha mit dem ſchwarzen Lockenhaar, und ich ihr Liebhaber, der wilde Jäger Robert. Ein Glück, Margaretha, daß dieſe Bäume unſere Sprache nicht verſtehen,“ fährt er fort, während er Hand in Hand mit ſeinem Weibe langſam dem Hauſe zuwandelt,„ſie würden lachen über uns alte Liebesleute.“ „Das würden ſie nicht thun, Robert,“ ant⸗ wortet Margaretha, und nickt wie im Einver⸗ ſtändniß den hohen Eichen zu.„Schau doch dieſe uralten Eichen! Werden ſie nicht jedes Jahr wie⸗ der jung und friſch im hellen Frühlingsgrün, und wird nicht in jedem Frühling den alten Stämmen ganz warm ums Herz, und koſen ſie nicht und ſchäkern mit der Sonne, die auch Jahrtauſende jung und friſch geblieben, als mit einer feurigen, — 125— jungen Geliebten! Und möchteſt Du den Wald⸗ bach, der dort heran brauſt, wohl alt nennen, der doch auch ſchon länger, als wir es wiſſen, ſein murmelndes Geſpräch mit den Wurzeln der Bäume getrieben?“ „Haſt Recht, Alte,“ antwortet der Greis, und ſetzt ſich mit Margaretha auf die grüne Bank vor ſeinem Hauſe,„nichts kann veralten, was den ewigen jungen Lebenstrieb in ſich trägt, und wie die alte Eiche mit jungem Frühlingslaub bekleidet dem jüngſten Baume gleicht, ſo ſcheinſt auch Du mir jung und ſchön, wenn Du aus Deinen klaren Augen mit hellem Liebesblick mich anſiehſt.— Aber nun Alte,“ fährt er fort,„muß ich Dir ſagen, was mich ſo viel länger im Walde zurück⸗ gehalten.“ „Nun?“ fragt Margaretha, und rückt neu⸗ gierig näher zu ihrem Gatten hin.„Warſt Du vielleicht einem Wild auf der Fährte? Einem Hirſch, nicht? Ich hörte Dich heute weniger ſchießen? Nun was war's?“ „Kein Wild heute, ſondern Menſchen bin ich begegnet, und bald müſſen ſie hier ſein!“ „Hier?“ fragt Margaretha verwundert. Und der Jäger erzählt ihr, wie er, den Tönen eines Poſthorns folgend, im Walde einem Wagen begegnet ſei. Der Poſtillon, der von der nächſten Station denſelben geführt, habe ſich verirrt auf der wenig befahrnen Straße, und ins Dickicht ge⸗ 7 — 126— rathen habe er durch ſein Blaſen Menſchen zu ſeiner Hülfe herbeilocken wollen. Im Wagen hätten nur zwei weibliche Weſen geſeſſen, die Eine ihrer Kleidung nach die Die⸗ nerin, die Andere die Herrin. Letztere ſei bleich geweſen, wie der Tod, und habe faſt bewußtlos in der Ecke des Wagens gelehnt, während erſtere, ſich wenig um die Noth des Poſtillons und die Verzögerung ihrer Reiſe kümmernd, nur emſig um die Kranke beſchäftigt geweſen. „Da die Sonne ſchon hinabgeſunken, ſchließt der Alte ſeine Erzählung, der Margaretha mit dem lebhafteſten Intereſſe folgte, und es noch weit iſt bis zur nächſten Station, ſchien es mir grau⸗ ſam, die armen Frauen ſo in dem finſtern Walde weiter fahren zu laſſen, und ich habe den Po⸗ ſtillon beordert, hierher zu fahren, nachdein ich ihm die rechte Straße bezeichnet. Dann bin ich auf dem nahen Fußpfad hergeeilt, um, noch bevor der Wagen heran ſein kann, Dich von der Ankunft der Fremden zu benachrichtigen. Du ſchiltſt doch nicht, daß ich Dir ſolche Störung ins Haus bringe?“ „Gewiß nicht,“ antwortete Margaretha.„Ich finde, Du haſt recht gethan, und das Gegentheil wäre grauſam geweſen. Mögen denn die Gäſte kommen, und wenn ich auch ſeit manchem Jahr keinen Fremden unter unſerm Dache ſah, ſollen ſie doch nicht finden, daß es ein ungaſtliches ſei!“ — — 127— So ſprechend, ging ſie ins Haus, rief ihrer alten Dienerin, die ſpeben von dem Bedienten, der ſeinen Herrn begleitete, die wunderbaren Begebenheiten der heutigen Jagd erfahren hatte, und ertheilte ihre Befehle, ein Zimmer für die zu erwartenden Gäſte zu ordnen. „Setze auch einige Gläſer mit Blumen hinein,“ ſagte Margaretha,„damit es recht fröhlich und heiter ausſieht, und lüfte die Fenſter, daß die laue Abendluft hineinzieht.“ „Hat mir's doch geahnt,“ murmelte Chriſtine, die Magd, als ſie langſam ſich anſchickte, die Be⸗ fehle ihrer Herrin zu erfüllen.„Heute morgen putzte ſich unſere Katze die Pfoten und der Holzrabe ſchrie geſtern Abend zu dreien Malen. Das bedeutet Unruh ins Haus, und fremden Beſuch!—“ Margaretha aber war wieder hinausgetreten zu ihrem Manne, und ſchaute gleich ihm nach der Waldſeite hin, von wannen der Wagen kommen mußte. Endlich vernahm man in der Ferne das dumpfe Rollen von Rädern, es kam näher und näher, — der Wagen hielt, und Robert mit Margaretha trat näher heran, die Fremde zu empfangen.— Die Dame lag bleich, bewußtlos da, mit halbgeſchloſſenen Augen und fieberiſch zuckenden Lippen. Weinend ſaß ihre Begleiterin neben ihr, und trocknete mit dem Tuch den kalten Schweiß von der Stirn der Kranken. — 128— Margarethens theilnehmendes Herz fühlte ſich mächtig hingezogen zu der hülfsbedürftigen Frem⸗ den, ſie half mit ſorglicher Hand ſie leiſe und behutſam aus dem Wagen heben und in das zu ihrem Empfange bereitete Zimmer bringen. Die Fenſter wurden geſchloſſen, die Blumen wieder hinausgetragen, und bald ſaß Margaretha als Krankenpflegerin neben dem Bette, in welchem die Fremde in wildem Fieber lag. *n. Gott und Natur. Zu furchtbar waren die Schmerzen geweſen, die Maria's Herz ſeit ſo langer Zeit beſtürmt hatten, zu entſetzlich die Qualen, die in ſchlummer⸗ loſen Nächten ſie auf ihrem Lager heimgeſucht, ſie gepeinigt inmitten des Geräuſches und der Zer⸗ ſtreuungen des Tages,— ihre phyſiſche Natur mußte erliegen, und die Kraft, die ſie aufgewen⸗ det in jener ſchmerzvollen Zeit, mußte ſich erſchöpfen. So war es, wenige Tage nach ihrer Abreiſe aus dem Hauſe ihres vormaligen Gatten auf ihrer beabſichtigten Reiſe nach Italien, daß ſie, vom heftigſten Fieber befallen, Hülfe und Schutz unter dem Dache Robert's, des Förſters im Thüringer Walde, fand, und daß ihr ganzes Weſen endlich zuſammenbrach unter der Belaſtung der Pein. Mehr denn acht Tage waren verfloſſen, und Margarethens unermüdeter Sorgfalt war es ge⸗ Rebekka. II. 9 * — 130— lungen, Mariens Krankheit anſcheinend zu heilen. Das Fieber war faſt ganz verſchwunden, und die peinigenden Schmerzen in der Bruſt hatten ſie verlaſſen. Was aber Margaretha in den Stunden der heftigſten Fieberphantaſien aus dem Munde der Kranken vernommen, zeigte ihr, daß ihre Seele leide an weit bitterem und ſchwerer zu heilendem Leid, einem Leid, das allein viktteicht dies Er⸗ liegen des Körpers zur Folge gehabt. Oft hatte Margaretha mit Robert in den Stunden der Nacht, wo das Fieber am heftigſten wüthete, an Mariens Bette geſtanden und mit ſchmerzvoller Theilnahme den Fieberphantaſien gelauſcht, und ſelbſt des ſtär⸗ kern Mannes Augen wurden zuweilen von einer Thräne verdunkelt bei den herzerſchütternden Kla⸗ gen der Kranken, die ein zu wahres Gepräge tie⸗ fen Seelenleides geweſen, als daß man ſie nur für das Erzeugniß erkrankter Phantaſie hätte hal⸗ ten mögen. Oft rief ſie in Jammertönen nach Robert, ih⸗ rem Geliebten, nannte ihn mit den zärtlichſten Namen, und dann in Thränen ausbrechend, klagte ſie um den Verrath ihrer Liebe und die Ver⸗ ſpottung ihrer edelſten und heiligſten Gefühle. Dazwiſchen kamen Geſpräche mit ihrem Gat⸗ ten, deſſen ſie mit dem wildeſten Haſſe gedachte, und Alles, was von Schmerz und Klage in ihrer Seele geweſen, was ſie in ſtummer Qual und — 131— mit thränenloſen Augen in ihrem Herzen verſchloſſen hatte, enthüllte ſich in dieſen Stunden. Margarethens Herz erbebte i bangſten Mit⸗ gefühl beim Anhören von Schmerzen, deren Da⸗ ſein ihr in ihrem einſamen, friedlichen Leben fremd geblieben, und ſich zitternd und in Thränen zer⸗ fließend an Robert's Bruſt ſchmiegend ſeufzte ſie: „kann es denn ſo viel Leid geben auf dieſer ſchö⸗ nen Gotteswe„ „Die Menſchen,“ ſagte Robert,„haben das Leid auf die Erde gebracht, und die Welt, die Gott zur Schönheit und Frende geſchaffen, verdun⸗ dunkelt mit ihrer Qual. Dieſe da,“ fuhr er fort, und zeigte mit der Hand auf Maria hin,„die ſpeben in wildem Jammer Gott um ein Zeichen ſeines Daſeins anflehte, dieſe da iſt krank an der Welt und ihren Irrthümern. Sie hat Liebe ge⸗ geben und dafür Haß empfangen, ſie iſt gekommen, um glücklich zu ſein, und man hat ſie hinabge⸗ ſtoßen in das Unglück, ſie hat gebetet zu Gott in heißem Vertrauen, die Menſchen aber mit ihren äußern Formen und gelernten Gebeten haben die ihren zerſtört und ihr Vertrauen auf Gott unter⸗ graben. Sie iſt ein Kind der Welt, und die Leiden der Welt haben ihre Seele gebeugt und ihren Körper zu Boden gedrückt. Kann ſie ge⸗ neſen, ſo kann ſie es nur hier, fern von der Welt, mit der Natur und in Gott. Wollen wir ſie denn lieben, Margaretha, lieben als wenn ſie unſer 2— Kind wäre! Gott hat ſie an uns gewieſen, laß uns nach ſeinem Willen thun!“ Und Margarethe nickte unter Thränen ihrem Manne Beifall zu, und neigte ſich leiſe über das Bett der Kranken, um einen Kuß auf ihre glühende Stirne zu preſſen. Maria aber lächelte im Fieber, und ſagte zärt⸗ lich:„küſſeſt Du mich, meine Mutter? O wie wird mir ſo wohl in Deiner Umarmung!“— Es war ein Feſttag in der ſtillen Förſterwoh⸗ nung des thüringer Waldes, denn Maria fühlte ſich ſtark genug zum erſten Male ihr Zimmer zu verlaſſen, die Treppe hinabzugehen ins Freie. Margaretha hatte mit ſtrahlenden Augen und jugendlicher Freude das Haus nach ihrer Weiſe feſtlich geſchmückt, die Treppe war mit Blumen geſtreut, und zu beiden Seiten ſtanden blühende Topfgewächſe, alle Zimmer dufteten von Blumen, die in Vaſen vertheilt auf Tiſchen und Fenſtern prangten, die Fenſter waren geöffnet, damit die Sonne und die Sommerluft fröhlich hinein ziehe, und die ganze Natur Marien entgegenſtrahle in ihrem Sonnenſchmucke. Dann rief Margaretha ihren Robert, der, wie ſie, ungewöhnlich freudig bewegt, ſeit vielen Jah⸗ ren zum erſten Mal unterlaſſen, ſeinen gewöhn⸗ lichen Morgenſpaziergang in den Wald zu machen, und leicht und froh traten ſie beide in Mariens Zimmer. Dieſe kam ihnen im weißen Gewande ſchön und bleich wie eine zerſtürmte Lilie entgegen, und reichte ihnen mit unausſprechlichem Blicke ihre Hände hin. „Dank, Dank für Eure Liebe, Eure Wohl⸗ that!“ hauchte ſie kaum hörbar aus bewegter Bruſt hervor und neigte ſich Margarethens Hand zu küſſen. Robert zog ſie ſanft zurück.„ Nicht hier, nicht hier! Laßt uns hinabgehen in den Gar⸗ ten, dort wollen wir vereint dem Herrn unſern Dank darbringen!“ Sorgſam faßte er Mariens Arm, Margaretha umfing ſie ſtützend von der andern Seite, und langſam, geſtützt und geleitet von dem liebevollen Ehepaar, gingen ſie die Treppe hinab. Da ſtand die alte Dienerin, in Thränen zer⸗ fließend vor Frende über die Geneſung der kran⸗ ken Fremden, die ihr in kindlich einfachem Sinn durch ihre Krankheit ſo lieb geworden, da kam der alte Diener mit dem ſilberweißen Haar, um die Hand der Fremden zu küſſen, die ihm ſo theuer war, weil er wußte, daß ſein Herr ſie ſo liebte, und innigſtes Mitgefühl leuchtete Marien entgegen aus den Blicken der Fremden. Sie konnte nicht ſprechen, nur ſtumm mit dem Kopfe nicken und lächeln, wie in unendlichem Glücke; ſie fühlte, mit dem erſten Worte würden auch ihre Thränen hervorbrechen. Ueber den zierlich mit Sand geſtreuten Hausflur trat man in den klei⸗ nen Garten; die Magd und der Diener waren nachgefolgt, ſie dachten nicht daran, daß das un⸗ gehörig ſein könnte, ſie wollten ſich nur freuen mit ihrer Herrſchaft, und weil dieſe ſich freute. Da ſtanden ſie mitten im Gärtchen unter dem beſchattenden großen Apfelbaume, der als Gruß Marien ſeinen Blüthenregen auf die Schultern legte. Sie Alle waren ſtill, ſchweigend vor Freude und Rührung. Der Wind rauſchte majeſtätiſch in den Gipfeln der mächtigen Bäume des geheimnißvollen ſchwarz⸗ dunklen Waldes, der in der Ferne den tiefblauen Himmel zu berühren ſchien und hier nahe am abgegrenzten Gärtchen zu ſchattigem, kühlem Ruhe⸗ ſitz einlud. O wie ward Marien das Herz ſo voll und ſo weit! Es war ihr, als ſei ſie fern von der Erde, in einer andern Welt, der große Wald trennte ſie von ihrer ganzen Vergangenheit, ſie lebte ein neues Leben, ſie athmete eine neue Luft, und losgetrennt von den Schmerzen des Geweſenen genoß ſie mit Entzücken den ſtillen Frieden der Gegenwart. Das Rauſchen des Waldes tönte ihr wie das Klingen der Orgel, und das Zwit⸗ ſchern und Singen der Vögel Sihi ihr Him⸗ melsmelodien. Nie hatte ſie ſich in ſo tebendiger und unmit⸗ telbarer Berührung zur Natur gefühlt, nie ſo deutlich das ewig Lebende, ewig Schaffende und empfunden. Wie rührte ſie Alles, ſelbſt das Nicken der vom Winde bewegten Blu⸗ men war ihr wie ein inhaltsvoller, himmliſcher Gruß der Natur und des Lebens,— Maria em⸗ pfand die Schönheit und Fülle des Daſeins, den erquicklichen Frieden in der Natur und die Wonne der Geneſung. Und als ſie ihre vom Schauen und Empfin⸗ den trunkenen Augen mit einem Blick, in dem ihre ganze Seele lag, auf die wandte, die ihr zur Seite ſtanden mit fromm gefaltenen Händen, als ſie empfand, daß dieſe edlen Menſchen für ſie ihr Gebet zu dem großen Geiſt der Natur er⸗ hoben, da ſtürzten Thränen aus ihren Augen und ſie ſtammelte:„Wie dank' ich Euch, daß ich lebe!“ Margaretha drückte ſie innig an ihr Herz, und erwiederte mit wahrer Mutterliebe die ihr ge⸗ ſpendeten Zärtlichkeiten. Dann aber in jenem Selbſtbezwingen um Anderer willen, das der Kern der wahren Liebe iſt, ſetzte ſie mit Robert den von dem Diener herbeigeſchafften Lehnſeſſel zurecht, und bettete Marien ſorgſam hinein. Robert, der ehrwürdige Greis, deſſen Silberhaar Maria an ihren Vater gemahnte, ſchob mit eigener Hand das Fußkiſſen unter ihre Füße, und ſie dankte ihm mit einem Lächeln. Als Margaretha ſie dann mit leichter Decke umgab, und in ſorgſamer Geſchäftigkeit um ſie bemüht hier etwas ordnete, dort ein Kiſſen zu⸗ recht rückte, faßte Maria plötzlich Hand, drückte ſie an ihre Lippen, und ihre e roll ten darauf hernieder. „Du weinſt, mein Kind?“ fragte Margaretha und doch erzitterte auch ihre Stimme in Rührung. Maria aber zog ſie feſter an ſich, und rief laut: „muß ich nicht weinen vor Glück, vor Luſt? O Ihr, die ich Euch eine Fremde war, Ihr habt. mich an Euer Herz genommen mit himmliſchem Erbarmen, Ihr habt mich nicht von Euch geſtoßen in meinem Jammer, mich nicht zurückgewieſen in die öde, kalte Welt. O laßt mich bei Euch eine Heimath finden, laßt mich Euer Kind ſein, Eure Liebe macht mich ſo glücklich!“ Und das alie Ehepaar, ſo jung in Liebe, ſo lebenskräftig im Empfinden, umſchlang die Wei⸗ nende, Zitternde, und während Margaretha ſprach⸗ los an ihrem Halſe hing, ſagte Robert feierlich und ernſt:„ja, wir wollen Dich lieben, Kind, lieben wie unſre Tochter. Der Schmerz des Le⸗ bens ſoll Dir nicht folgen in dieſe neue Welt, und der Kummer nicht an Deinem Herzen nagen in dieſer Stille und in dieſem Frieden! Schlage die Augen auf, Tochter, und blicke um Dich, biſt in dem großen Tempel Gottes, in ſeinem heiligen Reiche! Wollen wir denn unſer Herz zu ihm erheben, und beten ein Dankgebet für das Glück dieſer Stunde!“ Maria aber erhob ſich in feierlichem Ernſte und rief, wie begeiſtert:„ja beten! Ich habe gebetet zu dem großen, unſichtbaren Geiſte mit gerungenen Händen und todesmattem Herzen, ich habe gebetet in Jammer und Pein, in wilder Verzweiflung und Troſtloſigkeit! Aber Gott war nicht dort, wo ich betete, und mein Flehen er⸗ reichte ihn nicht! Hier aber,“ fuhr ſie wie in heiliger Verzückung fort und breitete beide Arme aus wie zum Umfangen,„hier iſt Gott!“ Ueberwältigt ſank ſie zurück, ihre Hände fal⸗ teten ſich, wie von ſelbſt, ihre ſtrahlenden Augen richteten ſich aufwärts, ihre Lippen bewegten ſich, wie in leiſem Flüſtern. Da zogen leiſe und be⸗ bend melodiſche Klänge durch die Luft, immer höher anſchwellend, immer mächtiger erklangen Töne ei⸗ nes Waldhorns. Es war Robert's alter Diener, der auf einen Wink von dieſem an den Rand des Waldes getreten, und dort hinter einem Baume verborgen die einfache Weiſe eines Chorals blies. Maria's trunkene Blicke irrten umher, nicht um zu ſuchen, von wannen dieſe Töne kamen, ſie verwunderte ſich nicht einmal, daß ſie erklangen, ſie mußte ſchauen, ſchauen die Natur und Gott! Die Waldhornklänge tönten ihr wie Himmels⸗ grüße, ſchallten mit bewältigender Macht in ihrem Herzen wieder und löſeten Alles, was noch von erſtarrtem Schmerz in ihrer Bruſt, zu wohlthuen⸗ der Milde und Weichheit. Dazu rauſchte der Wald ſo majeſtätiſch und geheimnißvoll, ſangen die Vö⸗ gel ſo lieblich und fröhlich, blüheten und dufteten — 138— die Blumen und murmelte der Waldbach ſo le⸗ bensvoll drein! Maria's Antlitz ſtrahlte in heiliger Freude, und mit einer Stimme, in der die tiefſte Bewe⸗ gung wiederklang, ſagte ſie:„Gott, mein Gott, Du biſt da! Ich habe Dich geſucht durch mein ganzes Leben, mein Herz brannte nach Deinem Schauen, und meine Seele ſehnte ſich nach der Erkenntniß Deines himmliſchen Angeſichts! Ich ſuchte Dich im Schmerz und in der Freude, in der Welt und bei den Menſchen! Ich ſuchte Dich, wo ich Dich nicht finden konnte! Lob aber und Preis ſei Dir, mein Gott, denn ich bin bei Dir! All überall biſt Du! Die Natur und Gott iſt der Tempel, in den ich komme Dich anzubeten, die Natur, welche die ewig ſich erneuernde Ver⸗ herrlichung Deines Weſens iſt! Du biſt in dem Rauſchen des Waldes und in dem Murmeln des Baches, Dein Lob erklingt aus dem Geſang der Vögel und duftet aus den Blumenangen, und Dein Erbarmen leuchtet hernieder aus dem verheißenden Blau des Himmels! Mit zerriſſenem Herzen und belaſteter Bruſt komme ich aus der Welt zu Dir, meine Füße beſtaubt von dem mühevollen Pfade durchs Leben, und mein Nacken gebeugt unter der Laſt der Erfahrungen; laß mich ruhen in Dei⸗ nem Tempel, und kühle meine heiße Stirn mit dem ſäuſelnden Hauche der Luft, die von Dir kommt!“ — 139 Fort und fort in lieblicher Weiſe erklangen die Töne des Waldhorns, fort und fort rauſchte der Wald und murmelte der Quell, Maria aber in ſeligem Schweigen ſenkte das Haupt auf ihre Bruſt. Margaretha und Robert ſtanden tief er⸗ ſchüttert nebeneinander, und Maria, die ſie in der Einfalt und Güte ihres Herzens innig zu lie⸗ ben ſich gedrungen fühlten, erſchien ihnen jetzt ſo heilig durch die Schmerzen, die ſie erduldet, und ſo verehrungswürdig durch die Thränen, die ſie geweint.— Als die rauſchenden Wogen des Gefühls ſich gemildert und zu jener Spiegelglätte ſich geebnet hatten, in denen um ſo reiner der heitere Himmel wiederſpiegelt, ſaßen die Drei in traulichem Ge⸗ ſpräche nebeneinander im Zimmer, das die Aus⸗ ſicht auf den Garten darbot, und Maria erzählte ihnen von der Reiſe, die ſie habe unternehmen wollen, und wie ſie dem Himmel danke, daß ſie hier gerade erkrankt ſei, und nimmer mehr von hier fort möge aus dieſer Einſamkeit und Stille, wenn ſie freundlich geduldet würde in dieſem friedlichen Kreiſe. Robert reichte ihr mit Blicken voll väterlicher Zärtlichkeit die Hand hin.„Bleibe bei uns,“ fagte er,„und wir wollen Dich lieben, wie un⸗ ſere Tochter.“ „Ja, bleibe bei uns, Tochter,“ bat auch Mar⸗ garetha, und ſie ſanft unſchlingend fragte ſie: —. 140 „und mit welchem Namen ſollen wir Dich be⸗ grüßen als unſer Kind?“ Maria ſah einen Moment ſinnend vor ſich nieder, dann erhob ſie langſam die großen Augen, und Margaretha mit einem forſchenden und zu⸗ gleich unendlich liebevollen Blicke anſehend, flüſterte ſie:„nennt mich Rebekka!“ Margaretha drückte ſanft lächelnd einen Kuß auf Maria's Stirn:„Tochter Rebelka, ſei uns willkommen.“ Und lächelnd unter Thränen fragte Maria: „und Ihr entſetzt Euch nicht vor dem jüdiſchen Namen? Ihr wollt die Jüdin Eure Tochter nennen?“ Robert wiegte ſanft das Haupt.„Seit zwan⸗ zig Jahren,“ ſagte er,„haben wir nichts geſehen als unſern Wald und unſere Berge, nichts gehört, als das Rauſchen der Bäume, als das Murmeln des Bachs und den Geſang der Vögel. Aber Gott war in dem Walde und in den Bergen, Gottes Stimme ertönte uns in den rauſchenden Zweigen, im Quellengerieſel und im Vögelgezwit⸗ ſcher. Die Natur iſt der große Tempel des Herrn, und der Wurm, der zu Deinen Füßen kriecht, lobt mächtiger die Güte und Allmacht des Herrn, als alle Lobgeſänge von Menſchenzungen, und die Freude und Bewunderung, die Du empfindeſt beim Anſchauen der Natur iſt ein heiligeres Gebet, als alle diejenigen, die Ihr mit zerknirſchtem Herzen, kniend an den Stufen der Altäre nach der Wei⸗ ſung Eurer Prieſter lallt. Nicht Gott, ſondern die Menſchen ſchufen den Cultus und die Religion, und ob Chriſt oder Heide, Jude oder Muhame⸗ daner, bete in der Natur, liebe Gott in der Na⸗ tur und Du biſt Gottes Kind. Wenn Du zwei⸗ felſt in der Pein Deines Herzens an dem Daſein des Herrn, wenn Du in der Beängſtigung Dei⸗ ner Seele Gott flehſt um ein Zeichen ſeines Da⸗ ſeins, ſo tritt hinaus in die große ſchweigende, ewig lächelnde Natur. In jedem Blatt, in jeder Blume, in dem Auf⸗ und Niedergang der Sonne, im Grollen des Donners, und in der reinen Bläue des Himmels webt die Gottheit, und jedes grü⸗ nende und knospende Blatt enthält eine Verhei⸗ ßung des Herrn und eine Verkündigung der Ewig⸗ keit!“ Maria hatte dem Begeiſterten mit ſeligem Lau⸗ ſchen zugehört, ihre Wange war bleicher und blei⸗ cher geworden vor innerer Bewegung, ihre Lippen zitterten und ihr Buſen hob ſich ſtürmiſch in der Gewalt der Rührung. „Und iſt nicht,“ ſagte Margaretha, Rebekka ſanft an ſich drückend,„das jüdiſche Volk das älteſte chriſtliche Volk der Erde? das Volk Got⸗ tes? War nicht Abraham ein guter Chriſt? That er nicht nach dem Willen Gottes, den er durch Chriſtum, den Heiland, aufs neue der Welt verkündete, liebte er nicht ſeine Feinde, ſeg⸗ — 142— nete die, die ihm fluchten, und that wohl denen, die ihn haßten und verfolgten?“ Wie Margaretha ſo ſprach, richtete ſich Re⸗ bekka langſam und wie verklärt empor, und mit einer Stimme, die zitterte von der Macht innerer Bewegung rief ſie begeiſtert:„ja, mein Gott und Vater, ja, ich bin eine Chriſtin! Ich habe den Heiland gefunden in Dir, heilige Natur!“ Lang⸗ ſam ſank ſie zurück, die Röthe wich von ihren Wangen, ſie lehnte das Haupt zurück und athmete ſchwer. Sie drückte haſtig ihr Tuch an ihre Lippen, und als Margaretha ſich über ſie neigte, bange und fragend, ſah ſie das weiße Tuch plötzlich ſich röther und röther färben. Dann ergoß ſich in Strömen das Blut aus Maria's Munde und übeyfluthete ihren Buſen und ihr weißes Gewand. Maria aber lag beſinnungslos in den Armen der weinen⸗ den Margaretha. 2 XIII. Das Grab. Wochen waren vergangen, die Natur erblühte höher in duftender Frühlingsluſt, Maria's Blüthe aber war zerſtört, der Wurm der Schmerzen hatte ihr innerſtes Leben zernagt, und kein Balſam konnte ſie mehr heilen und erretten zum Leben für das Leben. Wieder, wie an jenem Tage, wo ihre Krank⸗ heit begann, ſaß Maria ſanft gebettet im Lehn⸗ ſeſſel in dem kleinen Gärtchen, und Robert und Margaretha ſtanden wie damals ihr zur Seite. Viele Leiden und Schmerzen hatte Maria ſeit jenem Tage erduldet, aber ſie waren nur körper⸗ lich, ihre Seele war mehr und mehr geſundet, und mit neugewonnener Lebenskraft und Sterbe⸗ luſt ſchaute ſie dem Tode ins Angeſicht. Sie wußte, daß ſie nicht geneſen konnte, und wie ſie jetzt das müde Auge langſam auf Wald und Himmel heftete, ſchien es ihr, als nehme ſie heute ſchon Abſchied von der Natur und der Welt, nicht vom Leben! Wie ſich dieſer Gedanke als Ahnung bei ihr feſtſtellte, empfand ſie einen freudigen Schmerz, ihr Antlitz ward wie das einer Verklärten, Schmer⸗ zensreichen, mit einem Lächeln reichte ſie den beiden neben ihr Stehenden die Hände hin, und ſagte leiſe:„mir ahnt, daß ich heute Abſchied nehme von hier!“ 6„O ſprich nicht ſo, nicht ſo,“ ſchluchzte Mar⸗ garetha, die Hand Mariens an ihre Lippen ziehend. „Kind meines Herzens, willſt Du nicht bei uns bleiben?“ Robert aber wandte ſich ab, um ſeine Thrä⸗ nen zu verbergen; er konnte Marien nicht wider⸗ ſprechen, denn der Arzt, den er aus dem nächſten Städtchen gerufen, hatte ihm geſagt, daß Maria dieſen Tag nicht überleben werde. Maria ſah ſinnend zu der Roſe nieder, die ſie in der Hand hielt und in deren leichten Blät⸗ tern der Wind zerrte und ſtieß, bis ein Blatt nach dem andern ſich löſete und ſie nichts mehr in der Hand hielt, als den entblätterten Stiel. Maria nickte leicht mit dem Kopfe, und den weiter wehenden und im Winde ſpielenden Blättern nachblickend, ſagte ſie:„ſeht jeht, da fliegen ſie hin, einzeln und zerſtreut treiben ſie in dem All umher, um zu vergehen in das Nichts, aus dem ſie entſproſſen. Der Wind war das feindliche Ele⸗ Rebekka. II. — 145 ment, das ſie zerſtörte und ihr Daſein verwüſtete, und was uns bleibt von der duftenden Roſe iſt ein unſcheinbarer Stiel, unerfreulich und unerquick⸗ lich, aber wir ſehen an ihm die Roſe, die gewe⸗ ſen, die uns geduftet und erfreut, und wir werden bei dieſem entblätterten Zweig der Gegenwart nie⸗ mals die Vergangenheit mit ihrer Blüthe vergeſſen. Und gleicht nicht mein Leben dieſer Blume? Der Schmerz hat Blatt nach Blatt von der Blüthe meiner Seele geriſſen und das Leiden meine nerſte Lebenskraft, gleich dem Sturm, verwüſtet auch von mir wird nichts bleiben als eine un⸗ ſcheinbare blüthenleere Hülle, die einſt die Blume und die Seele trug, nichts als ein Grab. Wenn Ihr aber zu meinem Grabe kommt, um an mich zu denken, ſo werdet Ihr nicht deſſen Euch erin⸗ nern, was ich dann bin, Stanb und Aſche, ſon⸗ dern Ihr werdet an mich denken, als an die, die ich war und die ich Euch bleiben werde.“. Wie ſie ſo ſprach, nahmen ihre Züge allgemach einen wahrhaft erhabenen Ausdruck an, und in ihrer bleichen durchſichtigen Schönheit hätte man ſie dem Engel des Todes vergleichen mögen, dem Genius der Alten, der mit einem Kuſſe das Leben von der Lippe nahm. Weinend umfing Margaretha die Heißgeliebte, während Robert, das Haupt zurückgelehnt, in die Wolken ſchaute und in ſeinem Herzen an den gro⸗ ßen Geiſt, der über den Wolken thront, die Frage richtete, ob es unmöglich, dies geliebte Weſen län⸗ ger der Erde zu erhalten, dieſe Frage aber mit jener tiefen Ergebenheit in den Willen des Herrn, die auch über das Nein nicht murrt. Stille war es ringsumher, ein erhabenes göttliches Schweigen ruhte auf Himmel und Erde, die Natur ſchien in feierlichem Ernſt dem größten Wunder ihrer ſelbſt, dem Entſchweben der Seele, das wir Sterben nennen, zu lauſchen, der Wald mit ſeinem ewigen Rauſchen und Säuſeln war ſtumm, gleichſam als halte er den Athem an, den Ernſt dieſer Stunde nicht zu uuterbrechen, und über ihn hin in grauen Maſſen, die heitere Bläue des Himmels verhüllend, lagerten ſchwere Gewit⸗ terwolken. Maria ließ ihre großen verklärten Augen mit unendlichen Liebesblicken umherirren in der Na⸗ tur, ſich haften an der Blume und an dem Gras⸗ halm zu ihren Füßen und ſich verſenken in das verhüllende Dunkel des Waldes. „Lebet wohl, lebet wohl,“ ſagte ſie im Geiſte den Blumen und dem Grashalm, dem Wald und dem Himmel. Dann, als ſie das Auge auf die Beiden richtete, die im ſtummen Schmerze ne⸗ ben ihr ſtanden, ſagte ſie mit Geiſt und Mund: „lebet wohl!“ Als aber Margaretha in lautes Weinen aus⸗ brach, als ſelbſt Robert ſeine Thränen nicht mehr unterdrücken konnte, ſagte ſie leiſe und flehend: — —— — — „weinet nicht! Es iſt ſo viel Freude in meiner Seele, und ſo viel Glück, und ich wünſchte, daß Ihr mit mir freuen könntet.“ *ſchluchzte Margaretha,„ſollen wir uns ſe wenn wir Dich verlieren?“ Richt verlieren,“ antwortete Maria, und ihre Stimme Uri wie das verhallende Tönen einer ſanften Muſik,„was Ihr an mir beſeſſen habt, könnt Ihr nie verlieren, das iſt meine Seele und meinen Geiſt. Freuen aber ſolltet Ihr Euch mit mir, daß dieſe Laſt des Daſeins von mir genom⸗ men wird. O ich habe ſo viel gelitten, ſo viel geweint!— Aber,“ fuhr ſie kräftiger fort,„ich danke Gott auch für die Schmerzen, unter Leid und Pein mußte meine Seele reifen, und jede Thräne, die ich geweint, war eine Verkündigung des Herrn, der mich der Schmerzen würdigte. Mein Leben war ein Suchen und Irren nach Gott und dem Erlöſer, dem Heiland, die Schmer⸗ zen und Erfahrungen konnten mich allein die rechte Straße finden lehren, die zu Gott führt.— ZJa, mein Gott, ich habe Dich gefunden,“ rief ſie laut und begeiſtert, und hob beide Arme gen Himmel, „Du biſt überall, wo die Menſchen Dich finden, aber nicht überall, wo Du zu finden biſt, ſind die Menſchen!“ Und als ſende Gott ihr ein Zeichen ſete Nähe, rauſchte es plötzlich auf im dunklen Walde, bewegte ſich Blume und Strauch im ſäuſelnden — Winde, der Wolkenſchleier zerriß, und hell und erquicklich leuchtete die Sonne hernieder über das Weltall. Maria erhob ſich aus ihrem Lehnſeſſel, kräftig und hoch aufgerichtet ſtand ſie da, mit leuchtenden Augen und hochwallendem Buſen, verklärt von der Sonne, die ein zartes Roth auf ihre todes⸗ bleiche Wange hauchte, ſie ſchaute und ſchaute auf die Welt, wie ſie ſo ſchön war, und mit einem ſeligen Lächeln ſagte ſie:„Gott, mein Gott!“ Es lag aber in dieſem Rufe das Gebet ihres ganzen Lebens, ihrer ganzen Seele. Leiſe und langſam ſank ſie zurück. Ihr Athem ſtockte, dann hob er ſich mächtiger und raſcher, immer raſcher,— ein krampfhafter Huſten— das Blut floß ſtromweiſe aus ihrem Munde— ſie lächelte, ſie hörte noch das Rauſchen des Waldes,— ſie lächelte— dann war ſie geſtor⸗ Unter den Blumen des Gartens, an der Stelle, wo ſie ihre Seele verhauchte, ru e der kühlenden Erde Maria's Herz. Der murmelnde Bach, der rauſchende Wald ſingen ihr ein Schlum⸗ merlied, und wenn im Frühling der Apfelbaum ſeinen Blüthenregen hernieder weht auf das Grab zu ſeinen Füßen, ſagt Margaretha b gläu⸗ bigem Herzen zu Robert:„ſieh, ihr Herz iſt in Aſche zerfallen, und ihr Leib iſt Staub. Ihr Leben war wie dieſe Blüthe, die auf ihrer Aſche ſelber in Aſche zerfällt, und ihre Thränen waren der Thau, der die Blüthe tränkte, auf daß ſie Frucht trage für die Ewigkeit!„Sie iſt bei Gott, ihrem Vater. O möchten wir, wie ſie, Gott ſchauen, wie er ſich verkündet, all überall! Möchte allen Menſchen, wie ihr, die Natur die Verklärung und Verkündigung Gottes werden, die Natur der Hei⸗ land, der den Menſchen prediget von der Güte des Herrn, und ſie lehrt, dem Herrn dienen, wie er will, daß ihm gedienet ſei!“ Ende. 8 ₰ * — S S. 8 8 E — 8 S E 8 5 ¹ 8 8 — 8 8 5 ſſiſ i 9 11 6 17 18