— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothel. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei iRückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Si Abonnement. Daſfelbe muß voraus bezahlt werden und 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher. ———— i auf 1 Monat: Pf. 1 Mt. 50 2 M—f. 3 „ 5. Auswäptige Honhenten! ee für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf. ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der et zum Erſat des Ganzen verpflichtet. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ſ beſouber⸗ darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ von mir Sbeliehen dafür zu ſehet haben. —— ——— 4. Mühlbachs Rleine üomant 8 Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Achter Theil. 6 e 3 Erſter Band. —S———— Altona.. Verlag von J. F. Hammerich. 1860. — R 6 Roman von L. Mühlbach. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Erſter Band. Llltona. Verlag von J. F. Hammerich. 1860. P Der Verlobte. „Es iſt unmöglich, ich kann es nicht! Ich wäre verloren, verloren auf ewig!“ ſchrie Rebekka, ſank ſchluchzend in den Divan zurück, und das Haupt in den Kiſſen verbergend, weinte ſie laut. Ihr langes ſchwarzes Haar hing aufgelöſt über die entblößten Schultern herab, und hob deren Weiße nur noch blendender hervor, die ſchlanke Geſtalt war in ein reich geſticktes ſeidenes Gewand gehüllt, und die zierlichen Füße mit goldgeſtickten Schuhen bekleidet. Die entblößten ſchönen Arme, deren einer nachläſſig herabhing, während ſie den andern auf die Polſter gelehnt, ihr Geſicht daran verbarg, ſchmückten reiche, mit Diamanten ver⸗ zierte Spangen, und an ihren Fingern glänzten ſeltene Edelſteine in reicher Goldfaſſung. Das ganze Gemach trug den Stempel der Pracht und des betſchnruderiſchhn Reichihume, und contraſtirte ſeltſam zu dem lauten Weinen der geſchmückten befka. 1. Bewohnerin. Zetzt richtete ſie das Haupt auf, zu Gegenſtand, ihr Buſen hob ſich ſtürmiſch, die Thränen rannen noch immer über ihr ſchönes bleiches Angeſicht und wie um ſich ſelbſt vor dem lauten Aufſchrei zu bewahren, hatte ſie die Lippen feſt aufeinander gepreßt. Dann ſprang ſie, von ei⸗ nem innern Entſchluß gekräftigt, ſchnell empor, uund haſtig die Augen trocknend, ſagte ſie feſt: „ich will nicht! Das werde ich meinem Vater ſagen!“ Kräftig ſchritt ſie zur Thüre, öffnete dieſe, und einen langen Gang überſchreitend, klopfte ſie dort an eine Pforte. Eine männliche Stimme ant⸗ wortete ihr: herein! und Rebekka trat in das Gemach ihres Vaters. Der Greis, in den Kaf⸗ tan gehüllt, mit dem langen weißen Barte, ſaß in ſeinem Lehnſtuhl, und von dem Talmud, in dem er geleſen, das Auge aufſchlagend, fragte er freundlich:„Was führt Dich zu mir, mein Kind?“ 3 Rebekka aber e vor ihm nieder, und das Haupt an ſeinen Kuien verbergend, ſchluchzte ſie: „Vater, ich kann Abel meine Hand nicht geben!“ Und warum nicht?“ fragte der Greis. holte ſie.„Weil ich ihn nicht liebe.“ ihre dunklen Augen irrten wild von Gegenſtand Rebekka blickte auf.„Warn nicht?“ wieder⸗ Verwundert betrachtete ſie ihr Vater, dann murmelte er wie zu ſich ſelber:„Eſther, mein 2 ſ verſtorbenes Weib, hatte Recht, es war nicht gut, dem Mädchen eine ſo freie Erziehung zu geben.“ „Sagt lieber,“ antwortete Rebekka, und ſtand auf,„ſagt lieber, es war ein Glück! Denn Ihr lehrtet mich denken und empfinden, lehrtet mich verſtehen und begreifen. O mein Vater, iſt denn die Zeit der Knechtſchaft immer noch nicht vorüber für die unglücklichen Töchter des unglücklichen Volkes, ſollen wir immer noch die Magd unſeres Gatten, die Magd unſeres Hauſes ſein? Soll die Freiheit niemals den unglücklichen Töchtern Israels erglänzen, und ſie nicht empfinden, daß ſie Menſchen und Gottes Geſchöpfe ſind?“ Der Greis wiegte ſanft das Haupt.„Du biſt aufgeregt, Rebekka,“ ſagte er ſanft,„und ich ver⸗ ſtehe nicht Deine Reden. Aber Du weißt, es ruht ein Fluch auf unſerm Volke, und wir haben keine Freiheit auf Erden,— nur im Grabe!“ „Ich weiß, mein Vater,“ antwortete Rebekka, und preßte die Hände krampfhaft ineinander,„ich weiß, daß wir ein verachtetes Volk ſind, aber wir ſelber tragen die Schuld. Warum laſſen wir nicht ab von unſern Gewohnheiten, unſern veralteten Gebräuchen? Die ganze Welt, alle Geiſter ſind in Bewegung, jede Minute gebiert neue Gedanken, neue Verhältniſſe, warum wollen wir allein ſtille ſtehen, und upperändert bleiben? Alles, lebt, ja die Welt, die wir bewohden, Alles iſt em Geſetz der Bewegung unter warum wollen wir nicht wanken und weichen, warum wollen wir kleben an dem Vermoderten und Vergangenen?“ „Du ſprichſt, wie es Deiner Jugend geziemt,“ ſagte der Greis, und heftete ſeine kummervollen Blicke auf das Mädchen, die ſtrahlenden Auges vor ihm ſtand,„Du ſprichſt von den Menſchen, wie Du ſie nach Deinen Büchern beurtheilſt, und Kind, es wird eine Zeit kommen, wo Deine rofige Wange vom Kummer erbleicht, und Deine bren⸗ nenden Augen vom Weinen erloſchen ſein werden, dann gedenke meines Wortes: Niemand von uns findet hienieden ein anderes Glück, als das was er in ſtrengſter Gemeinſchaft mit unſerm Volke, im gänzlichen Abgeſchloſſenſein gegen die Chriſten finden kann, und darum, meine Tochter, wählte ich Dir unter den Jünglingen Jsraels einen Gatten, damit Du eine Stütze habeſt auf Deiner Lebensbahn.“ „Nimmermehr aber kann mir Abel das ſein!“ rief Rebekkas. „Das findet ſich Alles mit der Zeit!“ ant⸗ wortete ihr Vater. „Sprecht nicht ſo, mein Vater,“ ſagte das ſtütmiſche Mädchen,„Ihr läſtert meinen Geiſt. Wie kann eine Gemeinſchaft ſein zwiſchen Abel und mir? Seine Seele, die keine anderen Inter⸗ eſſen hat, von der Welt, wie Du ſie Dir denkſt. Armes den Profit, den er im Handel zu — ſagte Rebekka und richtete ſich ſtolz auf. Wort halten.“ — machen gedenkt, wie könnte die mit der meinen ſich befreunden? Euch, mein Vater, Euch verdanke ich, was ich bin, Euch meine Erziehung, Euch mein Wiſſen und! Denken. O zerſtört nun nicht grauſam Euer Werk, indem Ihr mich zurück⸗ ſtoßt in Jammer und Elend, indem Ihr mich vernichtet!“ „Abel hat mein Wort,“ erwiderte ihr Vater ruhig,„und Du trägſt von Deiner Kindheit ſchon die Verlobungskette an Deinem Halſe.“ „Und ſo zerreiße ich ſie,“ rief Rebekka, und mit beiden Händen, die an ihrem Halſe hängende Kette zerreißend, warf ſie ſie klirrend zur Erde. „So zerreiß ich die Kette, die mich an ihn binden ſoll, und ich ſcwörs beim Gotte da droben, nie⸗ mals wird Abel mein Gatte.“— Sie hatte nicht bemerkt, daß ſich hinter ihr leiſe die Thür geöffnet und Abel hereingetre⸗ ten war. „Der Schwur wird Dir nicht helfen, Rebekkchen,“ ſagte er mit jenem eignen jüdiſchen Dialekte, der ſtets den Ungebildeten dieſes Volks anklebt, Dein Vater wird halten, was er hat gelobt.“ „Ich aber werde niemals Dein Weib!“— „Still,“ befahl ihr Vater,„ſtille, Du thörigtes Kind. Höre mich an, Tochter, Du kannſt Vater nicht zum Lügner machen woleh Dr „Vater!“ rief das Mädchen außer ſich, und auf ihn zuſtürzend, legte ſie beide Hände auf ſeine Schultern, und blickte ihn feſt ins Geſicht:„könnt Ihr im Ernſte ſo ſprechen? Wollt Ihr mich zwingen? O nein, Ihr wollt es nicht, Ihr wißt, daß ich eher ſterben würde, als dieſem elenden Wurme meine Hand geben!“ „Wurm, Du nennſt mich einen Wurm,“ ſchrie Abel, und hob drohend den Arm,„warte, wenn Du nur erſt meine Frau biſt!“ „Abel!“ rief der Greis. „Laßt ihn nur, Vater,“ ſagte Rebekka, und trat auf Abel zu.„Höre mich an, Abel, laß ab von mir, denn ich will nicht Dein Weib werden!“ „Ich gab mein Wort!“ unterbrach ſie ihr Vater. „Alter Mann,“ antwortete ſie,„Du thateſt Unrecht, wenn Du glaubteſt, über das Herz Dei⸗ nes Kindes ſchalten zu können, als über eine Waare. Ich ſage Dir, ich kann Deinen Willen nicht erfüllen.“ 8 „Du biſt doch meine Kalle!“ rief Abel mit rohem Lachen, und faßte ihre Hand. „Abel,“ ſagte ſie ruhig, und preßte ſeine Hand krampfhaft in der ihren,„höre, was ich Dir ſage. Beſtehe nicht darauf, mich als Dein Weib in Dein u führen, denn ich ſchwöre Dir, ich tödte he denn ich die Deine werde.“ —————— Sp ſprechend, ſchleuderte ſie ſeine Hand von ſich, und enteilte aus dem Gemach. Abel ſchaute ihr nach, dann überzog ein widerliches Grinſen ſeine Züge, und er murmelte:„Gott ſtraf mich, die ſoll an den Abel denken!“— Er bückte ſich nieder und hob die zerriſſene goldene Kette vom Boden auf, nahm aus ſeiner Taſche ein Stügk Papier, wickelte die Kette ſorgfältig ein und ſch ſie in ſeine Rocktaſche.„Die iſt mein,“ ſagte er, und ſich an den Greis wendend, fuhr er fort:„wie viel Abſtandsgeld bekomme ich, Vater Jakob?“ „Ich hoffe, Rebekka wird ſich beſinnen.“ Abel ſchüttelte den Kopf.„Sie hat geſchwo⸗ ren, mich eher zu ermorden, als mein Weib zu werden,“ ſagte er.„Vater Jakob kann nicht wol⸗ len, daß ich es darauf wage. Wie viel Abſtands⸗ geld bekomme ich?“ Während die Beiden um die Summe handel⸗ ten, mit der Rebekka's Herz von den ihr verhaßten Banden befreit werden ſollte, war dieſe auf ihr Zimmer zurückgeeilt. Die Thüre verſchloß ſie hin⸗ ter ſich, dann ſank ſie nieder zur Erde, und die Hände flehend gen Himmel erhebend, rief ſie mit tiefem Jammertone:„Herr des Himmels, erbarme Dich meiner Qual! Du, der Du Herz und Nieren prüfſt, Du weißt, daß ich dem Verhaßten nicht folgen kann, daß ich eher den Zorn meines Va⸗ ters auf mich laden, als hierin mich ihm unter⸗ werfen kann.“— Ihre Arme ſanken herab, matt lehnte ſie das Haupt auf die Bruſt, und nur das langſame Steigen und Fallen ihres Buſens verrieth, daß noch Leben in dieſer bewegungsloſen, bleichen Geſtalt. Plötzlich aber ſchreckte ſie zuſammen, und hob horchend das Haupt, denn vor ihrer Thüre hatte ſie Tritte vernommen, und athemlos ſtarrte ſie dorthin. Zetzt ward an die Pforte geklopft.— Rebekka flog empor, ſchob den Riegel zurück. Aber ehe ſie die Pforte öffnete, fragte ſie mit bebender Stimme:„biſt Du's, Abigail?“ „Ja,“ antwortete die Gefragte, und trat ins Zimmer,„ja, Rebekkchen, ich bin es, und ich bringe Dir gute Botſchaft.“ Rebekka's Geſtalt erbebte, ſie hob beide Arme empor, mit ſo glänzenden, freudeſtrahlenden Blicken, als ſtände der Geliebte ihr gegenüber, und ſie wolle ihn eſe in heißer Umarmung.„Gute Botſchaft,“ rief ſie mit voller frendiger Stimme, „o Abigail, iſt er da?“ Die Alte nickte.„Vor einer halben Stunde,“ ſagte ſie,„ritt er ins Florianerthor.“ „Und ſah er Dich?“ fragte Rebekka hnſiig, und faßte der Alten Hand. „Er bemerkte mich ſogleich,“ antwortete die Alte,„und er ritt zu mir heran, und fragte, ob ich ihm nichts zu beſtellen habe von ſeiner Maria.“ ————— ——— 7 zuwerfen an einen Chriſten!“ Hier brach die Alte in ein rohes und widriges Gelächter aus.„Haha, von ſeiner Maria!“ „O, Abigail, ich beſchwöre Dich,“ flehte Re⸗ bekka,„jetzt nur laß Deinen Spott, ſei ernſthaft, Abigail.“ „Nun ja, ich bin es ja ſchon. Ich brachte ihm alſo Deine Grüße, und ſagte ihm, daß Du ihn in Lobzow in Eſther's Garten entiß 4 „Und er, was ſagte er?“ fragte d Mäd⸗ chen athemlos. „Sr drückte mir dies Goldſtück in die Hand, und fragte, um welche Stunde er dort ſein ſollte?“ In der Abenbſtunde antwortete ich ihm.“ Unwillkürlich richteten ſich heebetla Augen nach der goldenen, mit Edelſteinen verzierten Uhr, die an der Wand hing.„In der Abendſtunde,“ flüſterte ſie, „und jetzt iſt es erſt drei Uhr.“ „O Kind, Kind, ermahnte die Alte, wie biſt Du doch ſo ſtürmiſch und wild, und bedenkſt nicht das Ende, das Ende.“ „Das Ende,“ antwortete Rebekka,„das Ende iſt der Tod.“— Ihre Arme ſanken herab, und trüben Gedanken hingegeben, ſtarrte ſie zur Erde. „O daß ich das erleben muß,“ ſeufzte Abigail, „an dem Kinde, das ich genährt und gepflegt, das ich liebe, wie mein eignes Kind! O ſich weg⸗ „Still,“ befahl Rebekka,„ſtill, Abiga ſollſt ihn nicht ſchmähen, ihn den Edlen, Rei — 15 „Aber Kind, woher weißt Du, daß er das iſt?“ 8 „Ich habe es in ſeinen Augen geleſen!“ „Die Augen, Rebekka, die Augen der Chri⸗ ſten täuſchen gar oft! Du ſollteſt ihnen nicht vertrauen!“ „Abigail,“ antwortete Rebekka, und hob wie verklärt das Auge gen Himmel,„Abigail, dieſer täuſcht mich nicht. Gott hat ihn mir geſandt, das iſt mein heiliger Glaube, und warum ſollte Gott dies Gefühl der Liebe in meine Seele ge⸗ legt haben, wenn es nicht zu meinem Heil wäre.“ „So ſpricht man immer, wenn man liebt!“ ſagte Abigail.„Aber, Rebekka, haſt Du mir nicht verſprochen, mir zu erzählen, wie Du ihn kennen lernteſt? Sieh, es iſt noch eine Stunde Zeit, ehe Du nach Lobzow gehen kannſt, erzähle es mir heute.“ „Ja, das will ich,“ erwiderte Rebekka,„da kann ich die lange, ſchleppende Zeit mir doch ver⸗ kürzen durch das Denken an ihn.“ So ſprechend, ſetzte ſie ſich auf den Divan, und winkte Abigail, neben ihr Platz zu nehmen. „Es ſind heute gerade vier Wochen,“ ſagte ſie, „als ich meinen Vater bat, mir zu erlauben, daß ich einen Spaziergang mache, ganz einſam und allein. Der Vater gab endlich meinen Bitten nach, obgleich, wie Du wohl weißt, er es ſonſt nicht liebt, wenn ich die Einſamkeit ſuche. Ich lſo hinaus nach Lobzow, ließ den Wagen „ . 2 „— draußen halten, und ging allein in den großen Garten. Abigail, Du wirſt es mir nicht glauben, aber es iſt dennoch wahr, ich fühlte, als ich den Garten betrat, ein unerklärliches Ahnen und Ban⸗ gen, mir war, als würde mir Gott heute endlich den Erlöſer und Meſſias ſenden, um deſſen Er ſcheinen ich ihn ſo oft ſchon auf meinen Knien gebeten, meh Herz, meine Seele flog ihm ent⸗ gegen, ihm, den ich nicht ſah, den mir aber mein ganzes Innere verkündete, und klopfenden Herzens wandte ich mich nach dem Hügel Eſther's. Die Sonne war im Untergehen, und beleuchtete den Hügel. Eine erhabene Stille herrſchte in der ganzen Natur, nur zuweilen flüſterte der Wind in den Frünen Bäumen, oder flog ein Vöglein vorüber. Mir ward das Herz ſo groß und ſo weit, und ich ſank nieder zur Erde, und flehte leiſe zu Gott, er möge mir den Meſſias, auf den unſer armes zertretenes Volk ſeit Jahrhunderten hofft, er möge ihn mir erſcheinen laſſen. Sieh, da nahten leiſe Schritte, und wie verklärt im Abendgold ſtand eine hohe, männliche Geſtalt vor mir, ſeine großen dunklen Augen wandte er nach mir hin, und meine Blicke waren wie gebannt an ſeine Geſtalt. Er iſt es, der Meſſias iſt es! jubelte Alles in mir, aber ich war keines Wortes mächtig, und ſtumm faltete ich die Hände.“ Fürchten Sie ſich! nicht,“ ſagte er und lächelte, „und, Abigail, es war das Lächeln eines Engels!— Fürchten Sie ſich nicht, mein Fräulein, weil ein Unberufener Sie ſtörte, verzeihen Sie mir, ich ahnte nicht, hier ſo holde Geſellſchaft zu finden.“ Er verbeugte ſich und wollte gehen. „Da raffte ich mich zuſammen, und bat ihn zu bleiben, ſich neben mir zu ſetzen, und dem Sonnenuntergang zuzuſehen. Er ſah mich faſt verwundert an, dann ſetzte er ſich zu mir und nahm meine Hand in die ſeine, und ſah mir tief, tief in die Augen. Ich konnte ſeine Blicke aber nicht ertragen, und verbarg mein Geſicht in meinen Händen. Holdes Kind! flüſterte er, — o Abigail, unterbrach ſich Rebekka hier ſelbſt, ewig werde ich den ſüßen Ton, mit dem er dieſe Worte ſprach, hören, holdes Kind, wie ſind Sie ſchön und lieblich! Er zog leiſe meine Hände fort, und drückte einen Kuß auf meine Lippen.— Da durchzuckte es mich, wie mit elektriſchem Schlage, ich fühlte mich plötzlich, wie eine Andere, Neu⸗ geborne, es brauſte vor meinen Ohren, alles Blut trat mir zum Herzen, es drehte ſich vor meinen Augen, und ich preßte mich an ihn, und rief: er iſt's, er iſt's!“ Rebekka war aufgeſprungen, als ſie ſo ſprach, und ſtand mit verklärten Blicken vor der Alten. Eine dunkle Glut überzog ihre vorher ſo bleichen Wangen, ihr Buſen hob und ſenkte ſich in ſtür⸗ miſcher Bewegung.„Ja, er war's, er, den ich ewig lieben werde, er war neben mir, und ich ——— 1 + 3 ₰ 4 5 7 — wußte, daß ich in dieſem Augenblick für immer die Seine ward!“— „Da erſchallten Stimmen in der Ferne,“ fuhr ſie fort,„ſie riefen, Robert, Robert, wo bleibſt Du ſo lange? wo biſt Du?— Der Jüngling neben mir ſprang auf, und rief, ich komme, ich komme!— Dann wandte er ſich zu mir, und fragte,„ſehe ich Dich bald wieder?“— Ich nickte ſtumm.„Wann? wann?“ fragte er dringend.„In acht Tagen,“ antwortete ich ihm, und als nun die Stimmen, die ihn riefen, immer näher ertönten, eilte er raſch von dannen.“ murmelte Abigail,„und nach acht Tagen fuhren wir Beide wieder hinaus nach Lob⸗ zow, und ich mußte vorauf gehen, um zu ſchauen, ob der junge Herr ſchon da, und fand ihn. Da fragte er mich nach Deinem Namen, und ich nannte Dich Maria, und erzählte ihm, daß Du eines reichen Mannes Tochter und ſchon Braut.“ „Und warum thateſt Du das?“ fragte Rebekka heftig,„warum ſagteſt Du ihm einen falſchen Namen, warum nannteſt Du mich nicht Rebekka?“ „Kind, Kind,“ erwiderte die Alte,„ſoll ich es Dir denn immer wiederholen, daß ich es um Deinet⸗ willen gethan habe? Glaube mir, die Chriſten verabſchenen jeden vom Stamme Israels, und trügen ſie ſelbſt Alle Deine himmliſchen Züge. Ihm ſagen, daß Du eine Züdin ſeieſt, hieße Dich um Dein Glück bringen“ „O,“ ſeufzte Rebekka,„warum hat der Himmel ſolche Schmach über mich verhängt!“ „Sprich nicht ſo, Tochter des älteſten Volkes der Erde,“ unterbrach ſie Abigail,„ſegne vielmehr Dein Geſchick, daß es Dich nicht unter dieſem ent⸗ arteten Geſchlechte ließ geboren werden. Glaube mir, die Chriſten ſind Heuchler und Betrüger, ſie ſtoßen die Armen von der Schwelle ihrer Thüre, und predigen doch von Liebe, ſie freuen ſich des Unglücks ihres Bruders, und nennen ihn doch ihren Nüchſten, ſie falten fromm die Hände, und heucheln Tugend, und wenn ſie die Pforte ihres Hauſes hinter ſich geſchloſſen, gehen ſie ihren Lüſten und Sünden nach.“ „Halt ein,“ rief Rebekka,„halt ein, Abigail, Robert iſt ein Chriſt!“ „Und er wird ſein, wie alle ſeines Stammes,“ ſagte das hartnäckige Weib,„und er wird Dich von ſich ſtoßen, wenn er erfährt, daß Du eine Jüdin biſt.“ „Er wird es nicht erfahren,“ rief Rebekka ha⸗ ſtig, und die Arme ausbreitend, als wolle ſie den Geliebten umfangen, fuhr ſie fort:„Robert, mein Geliebter, ich kann nur durch eine Lüge Dich ge⸗ winnen. So ſei es denn!— Mein mußt Du ſein, um jeden Preis!“ „Und nun Abigail hilf mir dieſen unnöthigen Zierrath von mir legen, gieb mir das einfache Kleid und den Mantel, es iſt Zeit, ich will hin zu ihm!“ — Bald war der Anzug vollendet, und von Abi⸗ gail geleitet, ſchlüpfte Rebekka leiſe den Corridor entlang die Treppe hinab, und öffnete die Hinter⸗ thüre ihres Hauſes, die auf das freie Feld führt. Dort harrte ihrer ein Wagen, den Abigail dahin beordert, Rebekka ſtieg hinein, nachdem ſie Abigail geboten, ihr Zimmer ſorgfältig zu verſchließen, und ihrem Vater zu melden, ſie ſei unwohl, und wolle dieſen Abend nicht mehr geſtört ſein.“ „Nach Lobzow!“ befahl ſie alsdann dem Kut⸗ ſcher und raſch rollte der Wagen mit ihr dahin. I. Rebekka. Welche Gedanken, welche Gefühle beſtürmten Rebekka's Herz auf der einſamen Fahrt, wie ſehnte ihre Seele ſich nach ihm, dem Geliebten, den ſie in ſo vielen langen Tagen nicht geſehen, den ſie überhaupt nur drei Mal geſprochen, und an den ſie doch glaubte für das Leben gefeſſelt zu ſein. Nicht Ein Gedanke erinnerte ſie an ihren Vater, den ſie täuſchte, dem ſie für ſeine Liebe keinen andern Lohn gab, als den Verrath. O wie hatte aber der Greis das Mädchen, das Kind ſeiner Eſther geliebt, und wie war ſie die Sonne ſeines Lebens geweſen von der früheſten Jugend an, ſie, deren Geburt dem Weibe, an dem er, der Greis, mit der Liebe eines Jünglings gehangen, das Le⸗ ben gekoſtet! So war Rebekka aufgewachſen, ein⸗ ſam, ohne Mutter, ohne Geſpielin; denn Jakob, vermied es ſorgfältig, ſie mit Kindern Anderer zuſammenzubringen, damit ſie nichts lerne — von ihnen, damit ſie nichts wiſſe von der Welt und den Menſchen. Er gab ihr die beſten Lehrer ſeines Stammes, und nur durch dieſe ſollte ſie erfahren von der Welt, um dann einſt mit freien und ungetrübten Blicken die Verhältniſſe des Le⸗ bens zu überſchauen, und ſie ſich anzuſchmiegen, nicht aber ihnen ſich zu unterwerfen. Jakob be⸗ ſaß einen unermeßlichen Reichthum, und, gleich⸗ ſam um Rebekka zu entſchädigen für die Entbeh⸗ rungen, die ſeine Grundſätze ihr auferlegten, und die nothwendigen Conflicte, die ihre traurige Geburt herbeiführte, beſonders in einer Stadt, wie Krakau, wo wie ſonſt nirgends, die Juden ein verachtetes und geſchmähtes Daſein haben, überhäufte er ſein Kind mit aller Pracht und allem Ueberfluß des Reichthums, vielleicht auch in dem dunkeln Be⸗ wußtſein, daß es in ſeiner Macht ſtände, das Le⸗ ben ſeiner Rebekka von außen angeſehener und freudvoller zu machen, und daß er niemals ſich dazu entſchließen konnte. Jakob nämlich hing mit jenem Eigenſinn, der nur zu häufig die Folge des Leidens und der Bedrückung iſt, an ſeiner Tracht, an dem langen Kaftan und über die Bruſt herab⸗ hängenden Barte, und das Geſetz Krakaus, in dem er lebte, bannte ihm demzufolge in das Ju⸗ denviertel der Stadt, dem Kaſimircz, in die ver⸗ achtete, nur im Nothfalle von Chriſten betretene Gegend, wo aller Schmuz und alle Gemeinheit der niedrigſten des jüdiſchen Volks ſich gehäuft, wo Rebekka. I. 2 die Luft geſchwängert iſt mit den Flüchen und Kla⸗ gen der armen Bedrückten, mit dem Lachen der Verzweiflung und dem Hohn der gegen alle Schläge des Schickſals Verhärteten, wo nur der Klang von Zahlen gehört wird, und keine Freude —iſt, als die an Chriſten ausgeübten Betrügereien. Hätte Jakob ſich entſchließen können, ſeinen Kaf⸗ tan mit einem gewöhnlichen Rocke zu vertauſchen, ſeinen Bart zu beſchneiden, und ſich ſo zu der Klaſſe, die man in Krakau mit dem Namen„ci⸗ viliſirter Juden“ belegt, bekennen, ſo wäre es ihm erlaubt geweſen, in dem ſchöneren Viertel der Stadt zu wohnen, und einen großen Theil der Schmach und Verachtungen, die auf dem Juden haften, von ſich abzuwälzen. Jakob aber haßte die Chriſten, und wenn er hinabging auf die Straße, und ſich unter die Glaubensgenoſſen miſchte, und ſah, wie ſie unter Bedrückung und Noth ihr kum⸗ mervolles Leben verſeufzten, ſo ſchwebten Flüche gegen die Chriſten auf ſeinen Lippen, und immer aufs neue gelobte er ſich, ſein Kind fern zu hal⸗ ten von dieſer verhaßten Gemeinſchaft. Aber auch vor dem Haſſe wollte er ſeine Rebekka bewahren, er wollte ihre Seele rein erhalten von jedem lei⸗ denſchaftlichen Empfinden, er wollte ihrem Herzen den Glauben bewahren, die Welt ſei wirklich ſo ſchön und ſo rein, als ſie in ihrem Sehnen nach der Welt es ſich träumte, und darum vermied er aufs ſtrengſte, ſie mit irgend Jemand verkehren zu — —— laſſen. Nie hatte Rebekka die Straßen betreten, nie anders als im Wagen das Haus verlaſſen, um hinaus zu fahren in die wenig beſuchteren Derter der Umgegend, und mit heil'gem Schwure hatte ſie ihrem Vater geloben müſſen, keine Ge⸗ ſellſchaft zu ſuchen. Ich will ſie rein und ohne Falſch ihrem Gatten übergeben, ſagte Jakob zu ſich ſelber, und Abel, mit dem ich ſie ſeit ihrer Jugend verlobt, kann ſie lehren, was ſie bedarf für den Umgang mit Menſchen. Rein und ohne Fälſch war Rebekka geblieben; ihre Seele voll Feuereifer für das Edle und Er⸗ habene ihr Herz voll heiliger Entſchlüſſe für die Tugend und das Gute, war ſie herangereift zur blühenden Jungfrau. Aber was ſie aus ihren Büchern, aus den Erzählungen Abigail's von der Welt und den Menſchen erfahren, erweckte in ihr ein glühendes Verlangen, ſie zu ſehen und zu ken⸗ nen. Die Beſchäftigung mit Wiſſenſchaft und Kunſt wollte ihr nicht mehr genügen; ihre Bücher und ihre Harfe konnten ſie nicht mehr zerſtreuen. Sie ſehnte ſich hinaus, hinaus! O wie oft ſtand ſie am Fenſter ihres Zimmers, das ihr die Aus⸗ ſicht auf den Garten gewährte, und beneidete den Vogel, der frei von Baum zu Baum flog, und wie folgten ihm ihre Augen, wenn er hinüberflog in die Stadt, deren Kirchthürme und Häuſer ihr erglänzten wie Zauberſchlöſſer, wie ſaß ſie ſtun⸗ denlang mit gefalteten Händen bewegungslos da, und träumte von einer Zukunft, von der Welt und von Liebe. Sie hatte aus ihren Büchern er⸗ fahren, daß es noch eine andre Liebe gäbe, als zum Vater und dem Weibe, das an ihr Mutter⸗ ſtelle vertreten, eine Liebe, die ausſchließlich und, ewig iſt. Eine glühende Röthe bedeckte ihre Wan⸗ gen, ihr Herz klopfte höher, wenn ſie daran dachte, daß auch ſie einſt ſolche Liebe empfinden würde, und in heißem Gebete erflehte ſie von Gott, er möge ihr den Meſſias auf den ihr Volk hoffte, und den ſie in der Geſtalt ihres Geliebten erwartete. In ihrer noch von der Welt und de⸗ ren Begriffen nicht verletzten Seele war Glaube und Liebe eins, und als ihr der Zufall— ſie nahm es für die Schickung des Himmels— an jenem Abend in Lobzow Robert zuführte, da um⸗ armte ſie in ihrem Geliebten auch den Meſſias, der ſie erlöſen würde von Unglück und Kummer. O, ſagte ſie zu ſich ſelber, er hat mich in Wahr⸗ heit erlöſet! Sie fühlte, daß ſie plötzlich eine Andere geworden, eine Andere im Denken und Handeln. Das träumeriſche Sehnen war einem energiſchen Leben gewichen, plötzlich war ſie ihrer Kraft, ihres Willens ſich bewußt geworden, das Daſein hatte ihr neuen Reiz, und wenn im Ge⸗ danken an ihn das Blut ihr ſtürmiſch in allen Adern klopfte, ihr Sinne und Athem vergingen im Exinnern an ihn, und ſie in ihrem Herzen, in ihrer Seele nichts empfand, als ihn, dann rief —— ſie beſeligt und in ahnungsvollen Schauern einer Zukunft, die ihr ſo klar und doch ſo unverſtänd⸗ lich war:„Gott im Himmel, wie danke ich Dir, daß ich ein Weib bin!“— Die Liebe hatte ſie gelehrt, daß ſie es ſei, und berauſcht von dieſem neuen Gefühle und dieſem Bewußtſein, erſchien ſie ſich wie ein geheiligtes Weſen, ward ſie ſich ſelber eine Gottheit, der ſie Anbetung und Ehr⸗ furcht weihte. Nicht, als ob ſie eitle Bewunderung ihrer ſelbſt empfunden,— ſie war niemals mehr ihrer eignen Fehler und Schwächen ſich bewußt geweſen— aber ſie ehrte in ſich ſelber das Weib, das Weſen, das ihr Geliebter liebte, und das, weil er es liebte, doch nicht ganz unwerth ſein konnte, und ſie war ſich geheiligt, weil er ſie in ſeinen Armen gehalten. Vor allem Andern verſchloß ſie ihren Blick, ſie wollte nichts wiſſen, nichts denken, als ihn, ihn allein, ſie ſetzte den vollen Becher der Liebe an ihre Lippen, um ſich daran zu berauſchen, er ſollte ihr der Opiumstrank ſein, der ſie in ſelige Vergeſſenheit wießend, ihr in glühenden Träumen Glück und Luſt gewährte und ſie der Wirklichkeit vergeſſen ließ, und ſie wandte ihr Auge ab von dem trüben Grunde des Trankes, der— ihr ſagte es eine unheilsvolle Ahnung— vielleicht das Gift wär, an dem ihre Zukunft erkranken und ſterben konnte, und mit um ſo glühenderer Haſt ſchlürfte ſie von dem Opium, das ſie im goldnen Becher der Liebe an ihre — glühenden Lippen geſetzt.— Abel's Ankunft und ihres Vaters beſtimmt ausgeſprochener Wille, ſie ſolle jetzt das von ihm an Abel's Vater geleiſtete 5 Verſprechen einer Verheirathung ihrer beiden Kin⸗ der erfüllen, konnte ſie nur einen Augenblick aus ihren ſeligen Träumen aufſchrecken, und beunruhigte ſie nicht weiter, denn ſie fühlte in ſich Leben und Kraft, Allem zu widerſtehen, Alles zu dulden um den Geliebten, und kein beunruhigender Gedanke trübte ihre Seele, als ſie jetzt hochklopfenden Her⸗ zens dahinfuhr, dem Geliebten zu begegnen. „— III. Der Geliebte. Der Wagen hielt, und Rebekka, zitternd vor Ungeduld und freudiger Bewegung, ſprang heraus. „Fahre nur immer den Weg hinauf,“ befahl ſie dem Kutſcher,„und nach einer Stunde kehre hier⸗ her zurück.“ Leicht, wie eine Gazelle, eilte ſie dann durch das verlaſſene öde Schloß, in den ſogenannten Eſthers⸗Park. Die große Allee durchſchritt ſie raſch, und ſeitwärts in einen Fußpfad einbiegend, gelangte ſie bald auf eine Wieſe, an deren Ende ſich ein hoher grüner Hügel befand. Dort und dorthin allein waren unverwandt ihre Augen ge⸗ richtet, jetzt entfuhr ein lauter Frendenſchrei ihren Lippen, und ſchneller flog ſie dahin.— Ebenſo raſch eilte vom Hügel her eine hohe, männliche Geſtalt,„Maria, meine Maria,“ rief der Jüngling ſchon pon Ferne, und breitete die — ———— —————— — —— ——— — Arme aus, ihr entgegen. Zetzt hatten ſie einan⸗ der erreicht, und ſie ruhten Herz an Herzen. „Habe ich Dich wieder!“ rief der Jüngling, und ließ das Mädchen aus ſeinen Armen, um ſie anzublicken.„Nein, Maria, ſchlage Dein Auge nicht nieder, ſieh mich an, mein herrliches Mädchen.“ Rebekka blickte auf, und lächelnd, ſtrahlend vor Glück und Liebe ſchauten ſie einander an, bis das Mädchen es nicht mehr ertragen konnte, bis ſie ihr erglühtes Angeſicht an Robert's Bruſt ver⸗ barg, und flüſterte:„ſieh mich nicht ſo an, Du Geliebter, ich könnte ſterben vor Seligkeit.“ „Holde Schwärmerin!“ ſagte Robert, ſie aufs neue an ſich drückend, und ſich dichter an ihr Ohr neigend fuhr er fort:„und wenn Du in meinen Armen ſtirbſt, ſollen Dich meine Küſſe und Liebkoſungen wieder ins Leben rufen.“ Rebekka zuckte zuſammen, wie ein Feuerſtrom ergoſſen ſich des Geliebten Worte durch ihr Blut und ihre Sinne, und ſie ſchmiegte ſich feſter an ihn, und hauchte:„Robert, mein Robert, ich bin Dein!“ Langſam, Hand in Hand wanderten ſie Beide dem Hügel zu, ſich einander anblickend, und zu⸗ lächelnd, oder leiſe Worte flüſternd, deren Sinn ſie einander in den Augen laſen. Auf der Höh des Hügels, der die Ausſicht auf die Stadt Kra⸗ kau und die fernen Karpathen darbietet, ließen ſie ſich nieder in das duftige mit Blumen durchwirkte —— —,— 4 8 6 3 — Gras, und aneinander ruhend, ſchauten ſie hinaus in die Gegend. „Haſt Du auch an mich gedacht?“ fragte Rebekka, und blickte Robert mit lieblicher Schalk⸗ haftigkeit fragend in die Augen. „Ich denke ewig und immer an Dich!“ ant⸗ wortete er,„und ich dachte, heute würde Maria, meine kleine verzauberte Prinzeſſin, den Zauber und das Geheimniß löſen, und mir ſagen, wer ſie ſei, und in welchem jener Paläſte dort, deren her zu uns herüber leuchten, ich ſie zu ſuchen abe.“ Rebekka's klare Stirn umwölkte ſich, als er ſo ſprach, ihr Auge ſchweifte mit einem unnenn⸗ baren Ausdruck von Schmerz und Sehnſucht hinüber nach jenen Gebäuden, die Robert ſoeben als diejenigen, unter denen er ihre Wohnung ſuchte, bezeichnet hatte. Jahre ihres Lebens hätte ſie in dieſem Augenblicke darum gegeben, hätte ſie ihm dort einen der Paläſte als den ihrigen bezeichnen können. Traurig ſchüttelte ſie den Kopf, und ihre Stimme zitterte in Wehmuth, als ſie ſagte: „Robert, ich wünſchte, es wäre ſo wie Du ſagſt, ich würſchte ich wäre eine Fürſtin, eine Königin, und könnte Alles, was ich habe, mich ſelbſt Dir zu Füßen legen.“ „Dann würde ich,“ erwiderte der Jüngling, und küßte ihre Augen, meine Königin auf den Thron führen, der ihr allein gebührt, und als ihr treueſter Diener vor ihr knien. Lieben, Ma⸗ ria, würde ich Dich aber nicht mehr, wie jetzt.“ „O,“ rief Rebekka, und richtete die großen dunklen Augen, wie verklärt, gen Himmel,„wo⸗ durch, mein Gott, verdiene ich ein ſolches Glück!“ Robert drückte ſie feſter an ſich.„Ich allein bin zu beneiden, Maria. Du lehrteſt mich ein ſchönes Glück kennen, und verſöhnteſt mich mit einer Welt, die ich haßte.“ „Kann man der Welt denn zürnen?“ fragte Rebekka, und ſetzte leiſe hinzu:„ach, es muß doch ſo ſchön ſein in der Welt.“ „Weißt Du denn nicht, wie es in der Welt iſt, kennſt Du ſie nicht?“ Rebekka ſah ihn lächend an, dann nahm ſie ſeine Hand und ſie an ſeine Lippen ziehend, ſagte ſie:„Robert, Du biſt der erſte Mann, zu dem ich außer meinem Vater und den Lehrern meiner Kindheit ſpreche, und Abigail iſt das einzige Weib, das ich, ſo lange ich lebe, geſprochen.“ „Seltſam, ſeltſam,“ murmelte Robert.„Sage mir, Maria,“ fragte er raſch,„ſage mir, liebſt Du mich in Wahrheit?“ Rebekka's vorher ſo lächelndes Angeſicht ward plötzlich ernſt, und feierlich antwortete ſie:„ſo wahr ein Gott da droben iſt, Du biſt meine erſte, meine einzige Liebe!“ Nun ſprachen ſie nicht mehr, aber ihre Seuf⸗ —— zer, ihre Küſſe, ihre ſtrahlenden Augen waren eine beredtere Sprache, als alle ihre Worte. „Warum fragteſt Du aber, ob ich Dich liebe?“ fragte Rebekka dann, ſich ſanft von ihm loswindend. „Weil, wenn Du mich recht liebſt, Du mir auch vertrauen mußt. Sage mir,“ fuhr er drin⸗ gend fort,„in welcher Gegend der Stadt Du wohnſt.“ Unwillkürlich flogen Rebekka's Augen hinüber nach Kaſimircz, das mit ſeinen ſchmuzigen, zer⸗ fallenen Häuſern ſeltſam contraſtirte gegen den übrigen Theil der Stadt, dann ſchüttelte ſie trau⸗ rig das Haupt.„Ich kann es Dir nicht ſagen, Robert.“ „Auch nicht Deinen Familiennamen?“ Rebekka ſeufzte. Ach, dachte ſie, glücklich, wenn ich einen ſolchen hätte, dann wäre ich nicht die unglückliche Tochter Israels. Laut ſagte ſie:„auch dieſen nicht!“ „Und darf ich Dich nirgends aufſuchen, als hier?“ „Es iſt der einzige Ort, wo ich Dich un⸗ bemerkt treffen kann.“ „Warum aber gerade hier, auf dem Grab⸗ hügel einer jüdiſchen Dirne?“ Rebekka zuckte zuſammen, ſie fühlte ihre Wan⸗ gen erbleichen.„Schmähe ſie nicht, Robert,“ ſagte ſie ernſt.„Das Mädchen, das unter vieſem Hü⸗ gel ſchläft, war edel und rein, ihr ganzes Ver⸗ brechen war ihre Liebe.“ „Bah,“ ſagte Robert,„ſie war aber nur eine Jüdin.“ „Iſt ſie deshalb weniger zu beflagen?“ fragte Rebekka, und blickte mit dem Ausdruck unbeſchreib⸗ licher Angſt in Robert's Angeſicht. „Ich wenigſtens kann niemals Theilnahme empfinden für dies widerwärtige Volk,“ ſagte Robert gleichgültig.„Aber was kümmert es auch uns. Laſſen wir die ſchöne Eſther, der ganz Recht geſchah, daß ſie getödtet ward, ruhig ſchlafen, und freuen wir uns, daß wir leben.“ „Ja, wir leben,“ rief Rebekka, den Gelieb⸗ ten umſchlingend, und wehrte ihm nicht, als er ihren Mund und Hals mit Küſſen bedeckte. Alle Pein der vergangenen Unterredung war vergeſſen, ſie wußte nur, daß Er ſie in ſeinen Armen halte, und daß ſie ſein, auf ewig ſein war, und wie er ſie feſter und feſter an ſein Herz drückte, wie er Worte der glühendſten Zärtlichkeit in ihr Ohr flü⸗ ſterte, jauchzte ſie laut:„Bin ich nicht das glück⸗ ſeligſte Weib der Erde?“ In dieſem Augenblicke vernahm ſie ſich nähernde Schritte. Schnell fuhr ſie aus Robert's umfan⸗ genden Armen empor, und den Weg, den ſie ge⸗ kommen war, hinabblickend, gewahrte ſie— Abel. Sprachlos vor Entſetzen ſtand ſie einen Augen⸗ blic da, erſt als Robert ſie zärtlich an ſich og — 2 und ſprach—„warum wirſt Du ſo bleich, Ma⸗ ria, was kannſt Du fürchten? Der da kann uns nicht ſchaden, es iſt ein elender Inde,“— erſt da kehrte ihre Beſonnenheit und mit dieſer das Be⸗ wußtſein ihrer Lage zurück. Zitternd, todesbleich faßte ſie Robert's beide Hände,„Robert, Gelieb ter, Theurer,“ flehte ſie,„wenn Du mich nicht auf ewig verlieren willſt, ſo verlaſſe mich jetzt.“ „Ich Dich verlaſſen. Nimmermehr!“ rief der Jüngling. Abel kam näher und näher, die Angſt ſchärfte Rebekka's Augen, ſie glaubte ein höhniſches Grin⸗ ſen in ſeinem Geſichte zu ſehen, es war gewiß, er hatte ſie erkannt. „Du willſt nicht?“ ſagte ſie athemlos,„Du willſt alſo mein Verderben?“ „Ich begreife Dich nicht, Maria! wie kann der Jude da Dich verderben.“ „Frage nicht,“ ſagte Rebekka immer ängſtlicher, denn ſchon hatte Abel die Hälfte der Wieſe über⸗ ſchritten, und plötzlich in Thränen ausbrechend, flehte ſie:„ſo bleibe wenigſtens hier, ich will hinabſteigen, und mit Jenem dort reden.“ Ohne Robert's Antwort abzuwarten, flog ſie den Hügel hinab, und ging grade auf Abel zu, der jetzt in ein lautes, rohes Lachen ausbrechend, rief:„finde ich Dich hier, mein zärtliches Täub⸗ chen? Alſo darum verſchmähteſt Du mich—“ „Abel,“ unterbrach ihn Rebekka ernſt, und — 5 ſtund ſtolz und hoch aufgerichtet vor ihm,„wenn Du mir verſprichſt, zu verſchweigen, was Du ge⸗ ſehen, ſind hundert Thaler dein.“ 5 „Das iſt wenig,“ ſagte Abel, vom Spott plötzlich zum Ernſte übergehend, als er ſah, daß es galt, hier ein Geſchäft zu machen. „Ich gebe Dir fünfhundert,“ antwortete Re⸗ bekta mit verächtlichem Tone. „So will ich ſchweigen,“ antwortete Abel. „Verlaß augenblicklich den Garten, morgen früh fordre von mir die Summe. Kein Wort weiter, geh!“ Rebekka blickte ihm nach, bis er hinter den Bäumen verſchwunden war;„elender, verächtlicher Menſch,“ murmelte ſie,„und an Dich ſollte ich verkauft werden!“— Dann wandte ſie ſich um;— vergeſſen war Alles, denn dort, dort oben auf dem Hügel ſtand Robert, ihr Geliebter, und als hätte ſie Flügel, eilte ſie den Hügel hinan zu ihm, zu ihm! 3 „Und wer war jener Menſch?“ fragte Robert. Rebekka's Herz klopfte vor Angſt, und mit niedergeſchlagenen Augen flüſterte ſie:„meines Va⸗ ters Handelsjude!“ „Fürchteſt Du denn Deinen Vater ſo ſehr?“ „Er hat mich einem Andern verlobt!“ hauchte Maria— Beide ſchwiegen.— Die Sonne war hinab⸗ gegangen, und das verglimmende Abendroth be⸗ leuchtete den Hügel, auf dem ſie ſtanden. Still war Alles ringsum, nur von der Stadt her er⸗ tönte das Läuten aller Glocken, und verkündete den morgenden Feſttag,— mit tiefem Weh dran⸗ gen dieſe Klänge in Rebekka's Ohr,— ach, es war ein Feſttag der Chriſten, die Thränen traten in ihre Augen, ſie neigte ihr Haupt an Robert's Bruſt, und weinte laut!— Das reine Glück ih⸗ rer Liebe war zerſtört, und ſich ſelber unbewußt beweinte Rebekka deſſen Verluſt. Da vernahm man das ferne Rollen eines Wagens, es kam näher und näher— Rebekka richtete ſich auf. „Lebe wohl, Robert, ich muß fort.“ „So gehe ich mit,“ ſagte Robert feſt,„ich muß endlich klar werden über Dich und Deine Verhältniſſe.“ „Nein, nein,“ ſagte Rebekka athemlos und lehnte ſich in zärtlichem Umfangen an ſein Herz. „thue es nicht, Robert. Diesmal nur, Robert, diesmal ſei gütig und nachſichtig. Der Vater würde mir niemals verzeihen. Lebe wohl! bald, bald ſehen wir uns hier wieder,“ und ehe noch Robert Zeit gewann, etwas zu erwidern, riß ſie ſich los, eilte den Hügel hinab über die Wieſe dahin, und bald vernahm Robert nur noch in der Ferne das verklingende Geräuſch des dort rollen⸗ den Wagens. 8 Lange noch ſtand Robert in tiefem Sinnen S verloren auf dem Hügel, und vergeblich ſuchte er die ſeltſamen Verhältniſſe des Mädchens, das ihm durch den geheimnißvollen Schleier, der über ihr ruhte, nur noch lieber geworden, zu erklären. Einen Augenblick, als er ihrer ſchönen Züge, ih⸗ rer dunklen Augen, ihres ſchwarzen Haares ge⸗ dachte, und der ſeltſamen Erregung bei dem An⸗ blicke Abel's, des Juden, und der alten Dienerin, die auch eine Jüdin, einen Augenblick durchfuhr ihn der Gedanke,„ſollte auch ſie“ „Aber nein,“ unterbrach er ſich ſelber,„wie wäre das möglich!“— und mit jenem innern Bangen, das die Seele zaghaft macht, das geahnte Unglück zu ertragen, und uns gleichſam zwingt, die Augen zu ſchließen, um nur nicht zu ſehen, was da kommt, wandte Robert ſich gewaltſam ab von dem ſich ihm aufdrängenden Verdachte. ———————— IV. Jude oder Chriſt. Rebekka hatte ſich kaum am andern Morgen vom Lager erhoben, als ein Klopfen an die Thüre ſie aufſchreckte und Abel's widerliche Stimme Ein⸗ laß begehrte. Rebekka erbleichte, und unmuthig hieß ſie ihn eintreten. „Guten Morgen, Couſinchen,“ ſagte Abel mit jenem freundlichen und doch hämiſchen Grinſen, daß ſie Tags zuvor ſo an ihm entſetzt hatte,„haſt Du Dich ſchon vom Lager erhoben, auf dem Du von Deinem Liebſten geträumt?“ „Sprich nicht ſo,“ antwortete Rebekka ſtolz, „wer gab Dir ein Recht ſo zu mir zu reden?“ „Laß doch dieſe Förmlichkeiten, mein Rebekk⸗ chen,“ lachte Abel,„nachdem, was ich jetzt von Dir weiß, ziemen ſie Dir nicht gegen mich.“ Die Röthe des Zornes ſtieg in Rebekkals Ge⸗ ſicht, unwillig ſtampfté ſie mit dem kleinen Fuße Rebekta. I. 5 3 den Boden.„Und was weißt Du von mir,“ fragte ſie haſtig,„was weißt Du von mir, das Dein unziemliches Betragen entſchuldigen. könnte?“ Abel faßte ihre Hand, trotz ihres Widerſtre⸗ ₰ bens, und ſagte leiſe:„ich rathe Dir, Kind, ſei vernünftig, reize mich nicht, ich könnte ſonſt hinüber⸗ gehen, und Deinem Vater die ſaubere Geſchichte erzählen, daß Du, während Du ihm weismachſt, Du ſeiſt krank und lägeſt zu Bette, heimlich da⸗ vonfährſt, um mit Deinem Liebſten Zuſammen⸗ künfte zu haben, und daß dieſer Liebſte ein Chriſt iſt. Was meinſt Du, was Dein Vater dazu ſa⸗ gen würde, he?“ Rebekka ſchwieg, und ſenkte den Blick zu Boden. „Ich will es Dir ſagen,“ fuhr Abel fort, „er würde Dir fluchen, er würde aus Kummer über Dich in die Grube fahren.“ „Sprich nicht weiter,“ ſchrie Rebekka,„Du tödteſt mich!“— Sie war aufgeſprungen, ihr vorher ſo glühendes Geſicht war plötzlich bleich geworden, ihr Buſen hob ſich ſtürmiſch und wild, mit weit aufgeriſſenen Augen ſtarrte ſie in das Leere, und den in ihr herauf beſchwornen Gedan⸗ ken folgend, ſchien ſie die Nähe Abel's vergeſſen zu haben.„Es iſt wahr,“ murmelte ſie dann, wi zu ſich ſelber,„es würde ihn töbten, er würde m nie verzeihen, und wenn,— fuhr ſie in jener Ueberreizung des Gefühls, die das Gefürchtete — Kommende ſchon als Gegenwart vor ſich ſieht, fort— wenn dann ſein gebrochenes Auge auf mich blickt, ſein Athem ſtockt, und ich empfinde, daß ich ſeine Mörderin bin!“ Mit einem Ausbruch des Entſetzens ſank die leidenſchaftliche Orientalin zuſammen, und das Ge⸗ ſicht mit ihren Händen bedeckend, weinte ſie laut. Abel hatte mit Erſtaunen und Neugier dem Mädchen zugeſehen, jetzt nahm er ihre Hand, und indem er verſuchte ſie aufzurichten, ſagte er begütigend:„nun ſo furchtbar ſoll es ja nicht werden, Rebekka, ich malte Dir das ja nur vor, um Dir zu zeigen, wie ſehr ich Dein Freund bin, und damit Du das gehörig erkennen ſollteſt.“ „Ja,“ ſagte Rebekka, und nahm ſeine Hand, „Abel, ſei mein Freund, mein Bruder, hilf mir, rathe mir, was ich zu thun habe!“ „Vor Allem ſei verſchwiegen und vorſichtig,“ antwortete Abel mit ſeiner grinſenden Freundlich⸗ keit.„Laß Deinen Vater nicht merken, daß Du einen Chriſten liebſt, und Deinen Liebſten nicht, daß Du eine Jüdin biſt.“ „O,“ ſeufzte Rebekka,„warum denn muß ich mein Glück mir durch eine fortgeſetzte Lüge er⸗ kaufen. Es demüthigt und erniedrigt mich vor mir ſelbſt!“ „Da ſieht man,“ ſagte Abel,„wie unrecht Dein Vater that, Dich ſo einſam und fremd mit den Menſchen aufwachfen zu laſſen. Wärſt Du in der Welt geweſen, Rebekka, ſo würdeſt Du wiſſen, daß Lüge und Trug der einzigſte Weg für die Kinder Israels iſt, zu etwas zu gelangen, und die einzigſte Rache, die wir für unſer geſchändetes Daſein auf Erden haben. Glaubſt Du denn, Rebekka, daß wir geboren ſind ohne Gefühl von Ehre und Recht, glaubſt Du denn, daß wir keine Empfindung haben für die Schmach, die auf unſerm Volke liegt? Das Volk Gottes iſt in den Schmuz getreten und gedemüthiget, und ſeine Pei⸗ niger ſind die Herren der Erde geworden. Die Chriſten haben uns unter ihre Füße getreten, ſie ſehen auf uns herab mit verächtlichen Blicken, ſie ſtoßen uns bei Seite, wie einen Hund, der ihnen im Wege liegt, und wenn wir hingehen und kla⸗ gen, ſo heißt es:„Du biſt ein Jude! Dir iſt Recht geſchehen!“ Der Hund iſt glücklicher, wie der Inde, denn wenn der Chriſt ihn mit dem Fuße ſtößt, ſo beißt ihn der Hund, und Niemand iſt, der ihn ſtraft, denn er iſt ein Thier; wenn aber der Chriſt den Juden ſtößt, und dieſer züchtigt ihn dafür, ſo wird er geſtraft, denn er iſt ein Menſch. Man erinnert ſich nur daran, daß wir Menſchen ſind, wenn man uns ſtrafen will. Und glaubſt Du Rebekka, daß wir, ſo in den Staub getreten, kein Gefühl von Rache haben ſollten? Setze den Fuß auf den Kopf der Schlange, und ſie wird Dich in die Ferſe beißen, ehe denn ſie ſtirbt. Der weiſe Gott hat es ſo gewollt, daß Alles, was 3 da unterdrückt wird, die Gabe der Klugheit und Liſt vor dem Bedrücker voraus hat, als Waffe gegen die Macht und Uebergewalt,— ſo ſind wir ſtets klüger, wie der Chriſt, und unſre Rache iſt, ihn zu überliſten.“ „Zu betrügen,“ unterbrach ihn Rebekka, die erſtaunt der erregten Rede des ſonſt ſo ruhigen Abel zugehört hatte. „Die Chriſten nennen es ſo,“ antwortete Abel gelaſſen.„Aber nun Rebekkchen, erzähle mir auch, wie Dein Liebſter heißt, und wer er iſt.“ „Wozu das?“ fragte Rebekka.„Sage Du mir lieber erſt, wovon Du weißt, daß er ein Chriſt iſt?“ Abel ſah ſie verwundert an.„Wovon weißt Du es denn?“ „Gleich den erſten Tag, als ich ihn kennen lernte, bediente er ſich des Ausdrucks: Zeſus Maria! und Du weißt, daß nur die Chriſten ſo ſagen!“ „Sonſt alſo hätteſt Du es nicht gewußt?“ fragte Abel lachend. „Wie ſollte ich?“ antwortete Rebekka unbe⸗ fangen,„es ſteht ja Niemand an der Stirn ge⸗ ſchrieben, von welcher Religion er iſt.“ „Doch, doch, Rebekka, die Chriſten erkennen jeden Juden ſogleich am Geſicht.“ „Was ſagſt Du?“ rief Rebekka und faßte ent⸗ ſetzt Abel's Hand und ſah ihm angſtvoll ins Ge⸗ ſicht.„Man erkennt jeden Juden, ſagſt Du? Es iſt unmöglich Abel!“ „Es iſt aber doch wahr, Rebekka.. „Woran denn? Sage es mir, Abel, ich be⸗ ſchwöre Dich, ſage es mir.“ „Es läßt ſich aber nicht ſagen, Rebekka, es liegt in den Zügen, den Augen—“ Rebelka ſchaute ſinnend vor ſich nieder.„Nein, nein,“ ſagte ſie endlich, wie zu ſich ſelber,„er hat mich nicht erkannt.“ Ds glaube ich ſelbſt,“ antwortete Abel,„es iſt wahr, man ſieht es Dir wenig an. Du haſt das von Deiner Tante geerbt.“ „Meiner Tante?“ fragte Rebekka. „Nun ja, Deiner Tante, der Frau Baronin von Bellmann, die hier in Krakau wohnt.“ „Ich habe hier eine Tante?“ fragte Rebekka, „ſeltſam, daß mein Vater mir nie etwas von ihr jagte.“ „Das finde ich begreiflich, Rebelka, denn Ra⸗ chel, Deine Tante, ward aus Liebe eine Chriſtin, um ihren Liebſten zu heirathen, und das ärgerte Deinen Vater.“ „Sie ward aus Liebe eine Chriſtin!“ wieder⸗ holte Rebekka finnend.„Und man ſieht es ihr nicht an,“ fragte ſie dann laut,„daß ſie eine Jüdin war?“ „Nein, und Niemand glaube ich, weiß es pier Denn lange nach ihrer Verheirathung erſt zog ſie — 39— mit ihrem Manne hierher nach Krakau. Aber jetzt, Rebekkchen,“ fuhr Abel fort, und ſeine Züge nahmen einen beweglicheren und lebhafteren Aus⸗ druck an,„laß uns von Geſchäften ſprechen. Meinè Zeit iſt um, und ich will fort. Dein Vater hat mit mir abgeſchloſſen, und ſo habe ich nichts mehr hier zu thun.“ „Worüber hat er mit Dir abgeſchloſſen?“ „Nun, er hat mir tauſend Thaler gegeben für Deine Freilaſſung.“ „Ich bin alſo frei,“ ſagte Rebekka freudig, „o wie danke ich meinem Vater!“ „Und unſer Geſchäft, Rebekkchen?“ Rebekka nahm vom Tiſch eine verſiegelte Rolle, und reichte ſie ihm dar.„Es ſind hundert Gold⸗ ſtücke, Abel. Erinnere Dich aber, wofür ich ſie Dir gab.“ „O ich weiß, damit ich ſchweigen ſollte. Aber auf wie lange ſind denn dieſe Goldſtücke gültig?“ „Wie meinſt Du das?“ fragte Rebekka. „Nun, auf wie lange Zeit denkſt Du, daß ich für dieſe hundert Stücke ſchweigen ſoll? Ich dächte, Rebekka, wenn ich einmal wiederkomme, wirſt Du noch einige zulegen?“ „Gewiß, Abel, wenn Du es forderſt,“ ſagte Rebekka, und wandte ihm verächtlich den Rücken. „Und nun lebe wohl, Rebekkchen,“ ſagte Abel, „ich muß jetzt fort!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er — das Zimmer. Rebekka aber, in tiefes Sinnen verloren, ſchien ſein Weggehen kaum zu bemerken, 6 blickte ſie zur Erde, und ihre Lippen beweg⸗ ten ſich in leiſem unverſtändlichen Flüſtern. Got⸗ tes Finger hat uns gezeichnet, ſagte ſie dann lau⸗ ter, und uns kenntlich gemacht vor allen Völkern der Welt, geflucht hat er unſerm Geſchlecht, und mit ſeinem Finger unſre Stirn gezeichnet, daß darauf zu leſen iſt, was wir ſind!— Raſch durch⸗ ſchritt ſie das Zimmer, und trat an die koſtbare Pſyche, die an der andern Seite deſſelben ſtand. Aufmerkſam und prüfend ſchaute ſie in das Glas, das ihre ſchöne Geſtalt wiederſpiegelte und ihr holdes Angeſicht. Sie ſah aber und freute ſich weder der ſchönen Geſtalt, noch der lieblichen Züge, ſie fuchte in ihrem Angeſicht jene unheils⸗ vollen Züge, die, wie ihr Abel geſagt, die Kinder Jraels kenntlich machen vor der Welt.„Ich finde es nicht,“ ſagte ſie endlich ſeufzend.„Ich muß mein Geſicht erſt mit andern vergleichen kön⸗ nen. Aber ich will zum Vater gehen, und ihn fragen, ob er wahr geſprochen, ob ich hier wirk⸗ lich eine Tante habe.“ So ſprechend verließ ſie das Zimmer, und eilte in das des alten Jakob. Der Greis lag ſchlummernd in ſeinem Lehn⸗ ſeſſel, und leiſe, um ihn nicht zu wecken, trat Rebekka zu ihm hin. Lange ſchaute ſie ihn an, und ſein weißes Haar, ſein vom Alter gerunzeltes — Geſicht, der lange ſilberweiße Bart des Schlafen⸗ den war ihr niemals ehrwürdiger erſchienen, als in dieſem Augenblicke, wo ſie in des Greiſes ge⸗ liebten Zügen das Zeichen ſuchte, das ihn kennt⸗ lich mache vor der Welt.„Er ſieht ſo aus,“ flüſterte Rebekka,„wie ich mir denke, daß Hiob, der fromme Dulder, der ſchmerzbeladene Weiſe ausgeſehen haben muß, oder Salomon, als er die Sprüche der Weisheit geſchrieben. Es iſt un⸗ möglich, daß auch er gezeichnet wäre. Kann denn ein weiſer, edler Mann ein andres Ausſehen ha⸗ ben, wie mein Vater?“ Leiſe bengte ſie ſich nieder, die Hand des Schlummernden zu küſſen.„Wie er ſo ſanft ſchlummert,“ flüſterte ſie weiter,„o wenn ich in dies geliebte ſtille Antlitz ſchaue, dann weiß ich, daß aller Unterſchied der Religion nur von dieſer Welt iſt. Gott richtet nicht nach unſerm irdiſchen Glaubensbekenntniß.“ Der Tallmud, in dem der Greis wohl geleſen, lag vor ihm aufgeſchlagen auf dem Tiſche, Re⸗ bekka ſchaute auf das geöffnete Buch, und ihr Auge traf die Stelle:„Du haſt übel gethan über⸗ Alle, biſt hingegangen, und haſt Dir andre Götter gemacht, daß Du mich zu Zorn reizteſt; haſt mich hinter Deinen Rücken geworfen. Darum ſiehe, will ich Unglück über Dein Haupt führen, will ausrotten Deinen Stamm, und ihn verfluchen, bis es ganz mit ihm aus iſt.“ 1 „Mir graut vor einem ſolchen Gott der Rache,“ murmelte Rebekka,„vor einem Gotte, der An⸗ betung und Verehrung erzwingen will und das Gegentheil ſtraft. Soll die Liebe nicht frei ſein von allem Zwang und aller Pflicht? Ich glaube, ich würde ſelbſt Robert nicht ſo lieben können, wie jetzt, wenn er es forderte.“ In dieſem Augenblicke ſchlug der Greis die Augen auf, und als er Rebekka, deren Blicke noch immer auf das Buch gerichtet waren, gewahrte, fragte er freundlich:„was lieſeſt Du, mein Kind?“ Rebekka wandte ſich zu ihm hin mit Blicken voller Zärtlichkeit und Verehrung, und ſeine Hand küſſend, ſagte ſie:„ich las von der Rache Gottes, und empfand Furcht vor einem ſolchen Gotte.“ Der Greis wiegte ſanft lächelnd das Haupt und überlas die Stelle, auf die Rebekka's ſchlanker Finger hinzeigte. Es ſteht aber auch geſchrieben, ſagte er dann,„der Herr Euer Gott liebet Alles, was da lebet, und er haſſet nichts, was er ge⸗ ſchaffen hat.“—„Aber wozu mein Kind,“ fragte er dann, und küßte die Stirne des Mädchens, das vor ihm niedergekniet war, und mit ihren dunklen, feurigen Augen liebevoll zu ihm aufſah, „wozu beſchäftigſt Du Dich mit ſo ernſten Ge⸗ danken? Liebe Du Gott, und halte ſeine Gebote, und das Sinnen und Grübeln überlaſſe dem Alter. Sage mir, was Dich zu ſo ungewohnter Stund zu mir ———— „Eine Frage, mein Vater, deren Beantwor⸗ tung ich von Ihnen erbitten wollte. Abel ſagt mir, ich hätte hier in Krakau eine Tante, iſt das wahr, mein Vater?“ „Abel hätte ſich dieſe Mühe erſparen können,“ antwortete der Greis,„ich wünſchte nicht, Dich damit bekannt zu machen. Doch, da Du es ein⸗ mal erfahren, darf ich Dir die Wahrheit nicht verhehlen. Ja, es lebt hier eine Schweſter von mir, eine Unglückliche, Verlorne!“ „Und Du mein Vater, ſonſt ſo liebevoll und gütig, konnteſt ſie aus Deinem Hauſe verſtoßen?“ „Sie hatte mich furchtbar getäuſcht, Rebekka, mich, der ich Vaterſtelle an ihr vertreten hatte und ſie liebte wie mein eigenes Kind. Sie wohnte bei mir in Warſchau, wo ich damals lebte, und dem Glücke der Ehe hatte ich entſagt, um ſie zu meiner alleinigen Erbin zu machen. Heimlich in der Nacht entfloh ſie aus meinem Hauſe zu ihrem Liebhaber hin, und trat zur andern Reli⸗ gion über, um ihn zu heirathen.“ „Mein Vater,“ ſagte Rebekka ſchüchtern, und lehnte ihr erglühendes Geſicht auf die Hände des Greiſes,„die Liebe bewog ſie ſo zu handeln. Der allmächtige Gott, der dieſe Liebe in ihr ſchuf, wird ihr verzeihen.“ „Das wird er nicht,“ antwortete der Greis heftig,„Gott verzeiht es nicht, wenn der Menſch um weltlicher Rückſichten willen ſeine Religion verändert. Rebekka, fuhr er dann mit feierlichem Ernſte fort, Rebekka, mein Kind, höre mich. Meine Tage ſind gezählt, und leicht könnte der Herr mich abrufen von meinem Tagewerke, darum wünſchte ich Dich ſicher zu ſtellen an der Seite eines Gatten. Du haſt es verſchmäht, und ich zürne Dir deshalb nicht. Aber vernimm die letzte Bitte Deines Vaters, die größte, die er je an Dich 2 O ſprich nicht ſo, antwortete Rebekka e tend⸗„ſprich nicht vom Tode, mein Vater, Du wirſt, Du mußt mir bleiben!“ Angſtvoll umklammerte ſie den Greis, ſchmiegte ſich feſt an ihn, und ihre Thränen rannen hinab auf das ſilberweiße Haar des Greiſes, deſſen Kopf ſie an ihren Buſen drückte.“ „Weine nicht, mein Kind, ſondern höre mir zu. Gelobe mir, niemals dem unglücklichen Bei⸗ ſpiele Deiner Tante zu folgen, niemals um ir⸗ diſcher Rückſichten willen zu einer andern Religion Dich zu bekennen, niemals um irdiſcher Liebe willen eine Chriſtin zu werden. Willſt Du mir das geloben?“ Rebekka erzitterte, ſie ſchluchzte laut, aber war keiner Antwort fähig. „Willſt Du mir das geloben?“ fragte der Greis dringender. Rebekka blickte auf, ſie trocknete ihre Thränen — 5 und ſchien ſich zu ſammeln, dann ſagte ſie feſt: „ja mein Vater, ich will es.“ „Gelobe es in meine Hand, bei Deiner ewigen Seligkeit, gelobe es mir!“ „Bei meiner ewigen Seligkeit,“ wiederholte Rebekka erbleichend,„gelobe ich niemals aus ir⸗ diſcher Liebe weltlichen Rückſichten mich zu einer andern Religion zu bekehren.“ „Und nun komme an mein Herz, Tochter mei⸗ ner verklärten Eſther, umſchlinge mich feſt mit Dei⸗ nen Armen, und nimm den Segen Deies Vaters.“ „O mein Vater,“ ſchluchzte Rebekka,„wie biſt Du heute ſo ſeltſam bewegt, ſo, wie ich Dich nie geſehen.“ „Denke an meine Worte, die ich Dir jetzt ſage“ ſprach der Greis mit bebender Stimme, „Du biſt die Freude und das Glück meines Le⸗ kens geweſen, und keine Stunde habe ich Trauer um Dich empfunden. Laß Dir dies ein Troſt ſein, wenn ich einſt nicht mehr bin, und Du Thrä⸗ nen des Schtterzes um vergießt. Rebekka ſchreckte aus den Armen ihres Vaters empor, ſtarrte ihm athemlos in die bleichen Züge, nahm ſeinen Kopf in ihre beiden Hine, und hauchte leiſe:„Du willſt nicht von mir gehen, mein Vater, ſage, daß Du es nicht willſt. Nein, Du kannſt, Du willſt mich nicht verlaſſen!“ „Des Herrn Wille wird eſchehen ttete der Greis mit frommem Pindefilte — 6 „Laß uns beten, mein Vater,“ ſagte Rebekka, und kniete zitternd und fromm, wie ein Kind, ne⸗ ben dem Lehnſeſſel ihres Vaters nieder,„laß uns Gott anflehen, daß er Dich nicht von mir nehme.“ „Bete, bete,“ flüſterte der Greis, und ſeine Stimme klang Rebekka wie Todesſeufzer,„bete lieber, daß er Dir Kraft gebe, die Trennung zu ertragen.“ „Nein,“ kreiſchte Rebekka, und Glaube und Ruhe war aus ihren Zügen verſchwunden,„nein, ich will nicht von Dir getrennt werden.“ „Ich fühle aber den Tod ſchon ſeit vielen Ta⸗ gen kommen,“ murmelte der Greis. „Nein, nein, ſprich nicht ſo, mein Vater!“ Der Greis antwortete nicht, ſeine Lippen be⸗ wegten ſich in leiſem Geflüſter, und ſein Athem ward ſchwerer und ſchwerer. „Sprich zu mir, mein Vater,“ flehete Re⸗ bekka, und neigte ſich zu ihm nieder,„ſage, daß Du mich liebſt, daß ich Deine liebe, liebe Toch⸗ ter bin.“ Athemlos lauſchte ſie der Antwort, aber der Greis blieb ſtumm, ſie legte ihre Hand auf ſein Herz— ſie fühlte keinen Schlag mehr. Ein ein⸗ ziger, durchdringender Schrei entfuhr ihren Lippen, dann ſtürzte ſie nieder neben dem Greiſe, umklam⸗ merte mit ihren Armen ſeine Knie, und ſchrie in Jammertönen:„Vater, mein Vater, höre mich, Dein Kind, Deine Rebekka ruft Dich.“ —,— Umſonſt, er, der ſonſt nur Worte der Liebe für ſie gehabt, blieb ſtumm, keine Antwort ward ihrem Flehen. Ruhig und ſtill war der Tod zu dem Greiſe getreten, und hatte ihn mit ſich genommen. Rebekka aber kannte den Tod nicht, und glaubte nicht an ihn! Sie rannte zur Thüre, und rief nach Abigail, ſo durchdringend und laut, daß es im ganzen Hauſe wiedertönte, und Abigail entſetzt herbei rannte. Rebekka faßte krampfhaft ihre Hände, zog ſie zu ihrem Vater hin, und fragte mit bebenden Lippen:„Abigail, ſieh ihn an, ſage mir, was ihm fehlt.“ Abigail, ſelber erſchreckt und erbleichend, legte die Hand auf die Stirne des Greiſes, ſie war noch feucht vom Todesſchweiß, auf ſein Herz, es ſtand ſtill.„Er iſt eingegangen in den Frieden,“ ſagte ſie dann,„er iſt geſtorben, wie ein Ge⸗ rechter.“ „Du lügſt,“ ſchrie Rebekka außer ſich und drängte Abigail fort,„Du lügſt, er iſt nicht ge⸗ ſtorben. O ſieh,“ fuhr ſie dann plötzlich zur Weich⸗ heit übergehend fort,„ſieh, wie er ſo ruhig da⸗ liegt, ſieh, ſein ehrwürdiges Geſicht lächelt, kein Zug ſeines lieben Angeſichts hat ſich verändert. Kann das der Tod ſein? Nicht wahr, liebe, liebe Abigail, Du haſt Dich getänſcht, er iſt nur ohnmächtig, nicht geſtorben? O ſage es mir, nicht wahr, er wird wieder erwachen?“ Herzzerreißend war der Anblick der unglück⸗ lichen Tochter, deren Auge mit Blicken der Angſt an den Lippen des Weibes hing, um von ihr Le⸗ ben oder Tod zu erfahren. Auch war Abigail keiner Antwort fähig, ſie verhüllte mit ihren Hän⸗ den ihr Geſicht, und ſchluchzte laut. „Ich habe es ſchon lange geahnt,“ ſagte ſie dann unter Thränen,„und auch Dein Vater ſelbſt ſagte oft, daß er bald ſterben würde.“ „Und das verſchwiegſt Du mir,“ ſagte Re⸗ bekka, vom Schmerz plötzlich zum Zorn übergehend, „ließeſt mich dahin in Leichtſinn und Freude, ohne es mir zu ſagen.“ „Ich hatte es Deinem Vater verſprechen müſſen, Dich nicht vor der Zeit zu betrüben,“ ſagte Abigail. Rebekka ſeufzte ſchwer, dann beugte ſie ſich nieder zu dem Greiſe.„Er ſchläft dennoch nur,“ murmelte ſie,„und er wird erwachen, wenn ich ſeine Lippen küſſe.“ Sie berührte ſeine Lippen, und eine Andacht war in ihrem Herzen, als ſei es das Allerheiligſte, dem ſie ſich nahe, ſie preßte ihren Mund feſt auf den ſeinen,— umſonſt, er blieb unbeweglich und ſtumm.— Ein ſchweres, banges Stöhnen rang ſich aus der Bruſt des ver⸗ waiſten Kindes hervor, und ohnmächtig ſank ſie neben der Leiche dög, Greiſes zuſammen. V. Die TDante. Tage waren vergangen, und Rebekka war wieder ruhig geworden und ſtill, ihr Schmerz war linder und ihre Thränen floſſen wohlthuend und ſanft, und gaben ihrer bangen Pein Troſt und Ruhe. Der Glaube eines einſtigen Wiederſehens ward bei ihr zur innigen Ueberzengung, und ſie malte ſich dies Wiederſehen mit glühenden, irdiſchen Farben, und konnte darüber ſogar die Gegenwart und Trennung auf Stunden vergeſſen. Sie gelobte ſich dem Willen ihres Vaters gemäß zu handeln, und es lag für ſie eine Art Freude und Genug⸗ thuung darin, fern und getrennt von ihrem Vater, dennoch ſeinen Geboten zu folgen, ja um ihn zu leiden, und die Wünſche ihreg Herzens für ihn zum Opfer darzubringen. Sie wiederholte es ſich mit einer wehmüthigen Freude, daß es wohl ihr Wille und Wunſch geweſen, um den Geliebten Rebekka. I. * — zu beſitzen und ihm angehören zu können, Chriſtin zu werden. 3 Sie malte ſich nun den Schmerz, ihrem Ro⸗ bert durch den Willen des Geſtorbenen ewig ferne ſtehen zu müſſen, und wenn ſie ſich ganz in dieſe Dual des Entbehrens und Meidens verſenkt hatte, wenn ſie glaubte, ihr Herz müſſe darüber verbluten und brechen, ſo blickte ſie faſt freudig zum Him⸗ mel, und ſagte mit frommem Händefalten: mein Vater da droben, Du ſiehſt meine Pein und mein blutendes Herz, und Du wirſt mir um meiner Schmerzen und um des Opfers willen, das ich Dir bringe, verzeihen, daß ich Dich täuſchte. Sie hatte ſich ſelbſt zur Märtyrerin ihrer Liebe und ihrer Trauer gemacht, ſie vermeinte in frommem Wahn durch die Geißelung ihres Herzens ein Gott wohlgefälliges Werk zu thun, und unter den Geißel⸗ hieben der Erinnerung und dem Zucken der Qual, überredete ſie ſich ſelbſt, daß ſie nicht Schmerz, ſondern Freude empfinde. Gleich jenen eigenſinnigen Kranken, die es ver⸗ ſchmähen, Arzenei zu nehmen, obgleich ſie wiſſen, daß ihnen ſolche Linderung und Ruhe bringen könnte, und lieber in dumpfſinnigem Hinbrüten ihrer Pein verharren, ſo verſchmähete es Rebekka, Robert, nach dem allein ihr Herz doch verlangte, zu ſehen, ja als Abigail ihr den Vorſchlag machte, ſie wolle zum Eſthers⸗Hügel, wo er gewiß ſie er⸗ warten würde, gehen und ihn zu ihr bringen, 5 lehnte ſie entſchieden und heftig jedes Wiederſehen von ſich ab. In ihrem Zimmer eingeſchloſſen verlebte ſie die Tage bis zum Begräbniß ihres Vaters, Nie⸗ mand, außer Abigail, vor ſich laſſend, und als die Leiche beerdiget, die Siegel erbrochen waren, und es ſich ergab, daß Jakob ſeine Tochter für mündig erklärt, und ſie zur einzigen und unbe⸗ ſchränkten Erbin ſeines unermeßlichen Vermögens gemacht hatte, als alle Förmlichkeiten beſeitigt waren, ſagte Rebekka ernſt und ruhig:„ich gehe zu meiner Tante.“ Abigail bat, ſie begleiten und bei ihr bleiben zu dürfen, Rebekka verweigerte es. „Ich muß nichts von der Vergangenheit mit mir nehmen, wenn ich ruhig und gefaßt ſein ſoll,“ ſagte ſie leiſe, und drückte Abigail's Hand an ihre Bruſt.„Nichts von Allem, was mich hier um⸗ geben, darf ich mit mir führen, es iſt Alles Dein! Nein, unterbrach ſie ſich ſelbſt, als Abigail in Worte des Dankes und der Freude ausbrechen wollte, danke mir nicht, Du ſiehſt ja, es iſt nur Eigennutz, nicht Freude am Geben, das mich ſo handeln läßt, und wenn ich Dir dies Haus, und „Alles, was darin iſt, gebe, ſo geſchieht es ja nur, um mich zu meinem Beſten und zu meiner Seelen⸗ ruhe davon zu trennen. Thue mit Allem, was Du magſt, nur dies Zimmer, Abigail, dies Zim⸗ mer, in dem ich ſo glückliche Stunden verlebt, in dem ich an ihn gedacht, dies laſſe unverändert, wie es iſt. Ich werde zuweilen, ſagte ſie, und zwang ihre Stimme feſt zu ſein, zuweilen hieher kommen, um hier zu weinen, denn, ich weiß es, die Zeit der Freude iſt für mich vorüber, und ich werde nie⸗ mals wieder ganz glücklich ſein.“ Der Abend dämmerte, der Wagen, in dem ſie zur Tante fahren wollte, harrte ihrer, und Rebekka ſchickte ſich an das Zimmer zu verlaſſen. Ihren Geſchäftsführer hatte ſie ſchriftlich davon benach⸗ richtiget, und mit Unſicht alle ihre Verhältniſſe geordnet und feſtgeſtellt. Auf Abigail's Frage,„ob ſie nicht vorher ihrer Tante, der Baronin Bellmann, ihre Ankunft mel⸗ den wollte,“ antwortete ſie ruhig:„nein, unver⸗ muthet will ich zu ihr kommen, um an ihrem Betragen zu ſehen, ob ſie ihre jüdiſche Verwandte gerne bei ſich ſieht.“ Weinend hing Abigail ihrer jungen Herrin zum letzten Male den Mantel über, und feſten Schrittes durcheilte Rebekka das Gemach, um hin⸗ abzugehen an den Wagen. In der Thüre blieb ſie noch einmal ſtehen, ſtumm ſchaute ſie umher, ihre großen dunklen Augen hafteten mit einem unendlichen Blicke des Verlangens und der Trauer an den lieb gewor⸗ denen Gegenſtänden, es zuckte und kämpfte in ihren bleichen Zügen, und der Schmerz drohte ſie zu bewältigen. Rebekka faßte ſich gewaltſam zuſammen, kaum hörbar flüſterte ſie:„Lebe wohl, mein Jugend⸗ glück!“ und als verfolge ſie ein Schreckbild, dem ſie zu entfliehen trachte, eilte ſie die Treppe hinab in den Wagen. Jetzt hielt der Wagen vor dem Hauſe ihrer Tante, Rebekka's Herz klopfte, daß es ihr faſt die Bruſt zerſprengte, als ſie in das Haus ttat, den Diener, der ihr entgegen kam, nach der Baronin Bellmann fragte, und ſich von ihm in das Vorzimmer führen ließ. „Iſt die Baronin zu Hauſe?“ fragte ſie noch einmal. Statt aller Antwort, fragte der Diener nach ihrem Namen. „Sagen Sie ihr,“ antwortete Rebekka mit kaum unterdrückten Thränen,„eine Waiſe komme ihren Schutz zu erbitten.“ Der Diener ging, und Rebekka's Augen rich⸗ teten ſich unverwandt auf die Thüre, durch die er gegangen. Sie dachte, ſie fühlte nichts Beſtimm⸗ tes, es war ihr nur, als ſolle das Geſchick ihres ganzen Lebens ſich jetzt auf immer entſcheiden, und als ſie jetzt die Schritte des rückkehrenden Dieners vernahm, drohte es ihr die Bruſt zu zerſpringen, fühlte ſie plötzlich eine unnennbare Scheu und Furcht vor der unbekannten Tante. Der Diener bat ſie einzutreten, und ſchritt ihr voran durch mehrere glänzend decorirte Gemächer in das Bondoit der Baronin, und zog ſich, nach⸗ dem er die Ankunft der fremden jungen Dame gemeldet, zurück. Von dem Sopha erhob ſich eine ältliche Dame, und ſchritt mit freundlichem, wohlwollenden Lächeln auf Rebekka zu. „Sie wünſchten mich zu ſprechen?“ fragte ſie, und Rebekka's Herz erbebte in Wehmuth vor dem rührenden Laut dieſer milden Stimme, aller Stolz und alle Haltung verließen ſie, als ſie in das Antlitz ſchaute, das die Züge ihres Vaters trug, Thränen entſtürzten ihren Augen, und laut weinend ſank ſie zu den Füßen der Dame nieder.. Dieſe beugte ſich zu ihr nieder, und verſuchte ſie aufzurichten. Nein, nein,“ ſagte Rebekka heftig,„laß mich vor Dir knien, Schweſter meines verklärten Va⸗ ters, laß mich kniend Deinen Schutz und Deine Liebe erflehen!“ „Du wärſt Jakob's Tochter?“ fragte die Ba⸗ ronin, und hob Rebekka's Angeſicht, das ſie an der Tante Knie gepreßt, empor. Lange und prüfend ſchaute ſie in Rebekka's Züge, deren überſtrömende Augen flehend auf ſie gerichtet waren, und auch ihre Augen füllten ſich mit Thränen, und leiſe, als ſcheue ſie ſich, ihre eigne, von Rührung zitternde Stimme zu hören, ſagte ſie:„ja, Du trägſt meines Bruders Züge!“ ———— Da ſprang Rebekka enpor, ſie umſchlang ihre Tante mit beiden Armen, ſie p ßte ſie innig und feſt an ihren Buſen, ſie küßte von ihren Wangen die herabrollenden Thränen, und rief ſie mit den zärtlichſten Namen. Ueberwältigt, und einer Rührung und Freude hingegeben, die ſie vielleicht lange in ihrem ein⸗ ſamen Leben nicht gekannt, umfing die Baronin das glühende, ſchöne Mädchen, und preßte ihren Mund auf Rebekka's Lippen. „Willſt Du meine Mutter ſein?“ fragte dieſe in den rührendſten Tönen,„darf ich Dich lieben, wie eine Mutter? Ach,“ fuhr ſie fort, ohne eine Antwort zu erwarten, und neigte ihr Haupt auf die Schulter der Baronin,„wie ruht es ſich ſo ſchön an Deinem mütterlichen Herzen,— es iſt das erſte Mal, daß ich es empfinde.“ „Und Dein Vater?“ fragte die Baronin. „Sie haben ihn geſtern begraben!“ antwortete Rebekka mit erſtickender Stimme. Die Baronin antwortete nicht. Schmerzvolle Erinnerungen mochten ſie beſchleichen, denn ſie murmelte leiſe:„er iſt geſtorben und hat mir die Irrthümer meiner Jugend nicht verziehen.“ „Gewiß, das hat er,“ antwortete Rebelka, und ſtrich zärtlich die Wange ihrer Tante, die ſie jetzt ſchon liebte,„Du weißt, der Vater konnte niemals zürnen. Er hat Dir verziehen. Sieh hier, dies Blatt, das er wenige Tage vor ſeinem Tode ge⸗ fand ich unter ſeinen Papieren, an Dich.“ Haſtig nahm die Baronin das dargereichte Papier, und überflog es,„er hat mir verziehen, er nennt mich wieder ſeine Schweſter,“ ſagte ſie freudig, und umſchlang Rebekka.„Noch einmal komme an mein Herz, Tochter meines Bruders. Wir ſind beide einſam und verwaiſet, laß uns zu⸗ ſammen bleiben. Sei meine Tochter, ich will Dich lieben, wie eine Mutter.“ „Mutter, meine Mutter!“ jauchzte Rebekka und warf ſich in der Tante geöffnete Arme. Rebekka's erregtes Gemüth aber bedurfte der Ruhe, die Baronin gewahrte dies mit dem feinen Takte einer liebevollen Seele, und alle weitern Beſprechungen, ſo ſehr ihr Herz ſich auch danach ſehnte, abbrechend, bat ſie Rebekka, ihr auf die Zimmer zu folgen, die künftig die ihrigen ſein ſollten. Gehorſam und lächelnd wie ein Kind folgte ihr Rebekka, und bald ſchloß ein wohl⸗ thätiger Schlaf ihre vom Weinen ermüdeten Augen.— „Alſo wir bleiben zuſammen,“ ſagte die Ba⸗ ronin andern Tages zu Rebekka, nachdem ſie über das Leben ihres Bruders und ſeinen unerwartet ſchnellen Tod ſich hatte berichten laſſen. „Und wie ſoll ich Dich nennen, mein Kind?“ „Ich heiße Rebekka,“ ſagte dieſe mit nieder⸗ geſchlagenen Augen. — Beide ſchwiegen. Dann erhob Rebekka lang⸗ ſam und ſchüchtern den Blick, und ſagte leiſe: „ich wünſchte aber wohl, daß man nicht erführe, daß ich eine Jüdin ſei. Ich weiß, daß unſer Volk hier in der Stadt geſchmäht und ver⸗ achtet iſt.“ „Leider iſt es ſo,“ antwortete die Baronin ernſt, „es ruht ein Fluch auf dem Geſchlechte der Ju⸗ den, und es freut mich daher, daß Du meinen Wunſch darin theilſt, dieſen Umſtand, den man in der Welt einen Makel nennt, zu verbergen. Es iſt beſſer, ich gebe Dich für eine Nichte meines Mannes aus. Es iſt dies eine unſchädliche Liſt, denn meines verſtorbenen Mannes Familie wohnte ſehr fern von hier in Deutſchland, und Niemand kann daher hier wiſſen, ob nicht wirklich eine ſolche Nichte vorhanden ſei. Wie ſoll ich Dich alſo nennen?“ „Nenne mich Maria!“ antwortete ſie mit hocherröthenden Wangen, und als ſie ſo ſprach, fühlte ſie plötzlich Robert's Bild in ihrer Seele auftauchen. „Alſo Maria von Bellmann!“ lächelte die Tante.„Der Name wird Klang haben in der vornehmen Welt.“ „Wird aber,“ fragte Rebekka ſchüchtern,„wird Niemand es in meinem Geſichte leſen, daß ich eine Jüdin bin?“ * „Nein,“ ſagte die Baronin ernſt,„Du biſt nicht gezeichnet.“ „O ſage mir doch,“ bat Rebekka,„worin be⸗ ſteht das furchtbare Zeichen, das wie ein Brand⸗ mal uns auf die Stirne gedrückt iſt, und an dem Zedermann uns erkennen ſoll?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete die Baronin, „und es wird Dir es Niemand ſagen können. Gewiß aber iſt es, daß man faſt immer die Juden erkennen kann.“ „Entſetzlich,“ rief Rebekka,„ſo hat uns alſo in Wahrheit der Herr mit ſeinem Fluche gezeichnet und gebrandmarkt.“ „Wohl iſt das Loos der Juden ein furchtbares und ſchweres,“ ſagte die Baronin,„und wenn ich ſie mir den Chriſten gegenüber denke, erfaßt ein tiefes Weh meine Seele.“ „Biſt Du recht von Herzen eine Chriſtin?“ fragte Rebekka raſch. Die Baronin ſah ſinnend zur Erde.„Das iſt ſchwer zu beantworten,“ ſagte ſie dann. „Man verlernt es in der Welt und in der Ge⸗ meinſchaft mit Chriſten ſo leicht, von Herzen Chriſtin zu ſein.“ „Wie meinſt Du das?“ fragte Rebekka erſtaunt. „Sind denn die Chriſten nicht alle edel und gut? O liebe Tante, ſeit ich Dich kenne, wünſche ich auch zu Deiner Religion zu gehören „Ueberlege das wohl,“ ſagte die Baronin raſch, —,— . — „ein ſolcher Schritt darf nicht in Leichtſinn ge⸗ ſchehen. Ich habe ihn oft bereut, ſetzte ſie ſinnend und leiſe hinzu. Glaube mir mein Kind, man kann die Gebote des neuen Teſtamentes befolgen, ohne darum ſich eine Chriſtin zu nennen, und wenn Du erſt Viele dieſer Religion kennſt, wirſt Du finden, daß ihr Glaube ſie nicht vor der Schuld und Sünde bewahrt. Es giebt unter ihnen viele Heuchler und Betrüger, ſelbſt die Diener ihrer Kirche, und dieſe am meiſten verdrehen und ver⸗ derben die reine Religion Chriſti.“ „Aber wozu,“ unterbrach ſie ſich ſelber,„wozu ſchrecke ich Dich ſo früh aus Deinen Täuſchungen auf. Sieh und beobachte die Menſchen, und dann ſage, ob Du ſie noch lieben kannſt. Mein Kind, nicht alle Träume, mit denen wir ins Leben treten, können wahr werden. Wir müſſen aber ſchon hienieden zufrieden ſein, wenn wir noch Träume haben können.“ VI. Die Geſellſchaft. Schöne und friedliche Tage ſchon hatte Rebekka bei ihrer Tante, die ſie wie eine Mutter liebte, verlebt. Die Ruhe und der Friede neben der Baronin that ihr ſo wohl, außerdem hatte das Wohlgeordnete und Vornehme des ganzen Haus⸗ haltes, die reich gallonirten Bedienten, das ganze Comfortable eines eleganten Hauſes einen großen Reiz für ſie, weil es ihr neu war. Der Vorzug des Reichen vor dem Armen, den ſie in ihrem ſtillen Zimmer, im prächtigen Gewande, mit Bril⸗ lanten geſchmückt, niemals hatte begreifen können, ward ihr jetzt klar und verſtändlich, und als ſie ihrer Tante ihre Vermögensverhältniſſe mitgetheilt, und dieſe ihr Glück wünſchte und ſie eine reiche Erbin nannte, ſagte Rebekka lächelnd:„die Freu⸗ den des Lebens ſind mein!“ Aber doch ſeußzte ſie ſchwer, und aus ihren Augen ſprach ein Kummer, der dem liebevollen 61 Aufmerken der Baronin nicht entging. Sanft zog ſie Rebekka an ihr Herz, und fragte:„haſt Du Deiner Tante nichts weiter zu vertrauen?“ Re⸗ bekla aber, in Thränen ausbrechend, ſchluchzte laut. „Frage mich nicht,“ hauchte ſie kaum hörbar. „Es giebt keinen Troſt für mich!“ „Keinen Troſt?“ wiederholte die Tante,„und das ſagſt Du, die Du eben die Freuden des Le⸗ bens Dein nannteſt?“ Rebekka richtete ſich auf, und krampfhaft der Tante Hände drückend ſagte ſie heftig:„Alles, was mein iſt, gäbe ich freudig hin, hätte mich der Himmel als Chriſtin geboren werden laſſen!“ Und als die Tante in ſie drang, erzählté ihr Rebekka unter ſtrömenden Thränen mit hocherrö⸗ theten Wangen und fliegendem Athem die Ge⸗ ſchichte ihrer Liebe, und das ihrem Vater geleiſtete Verſprechen. „Dein Vater hatte Recht,“ ſagte die Baronin, als Rebekka ſchwieg,„weiſe, wie er in Allem war, kannte er die Klippen, an denen das weibliche Herz ſcheitern kann. Glaube mir, mein Kind, das Uebertreten zu einer andern Religion heißt dem Leben für ſeine ganze Dauer den Fehdehandſchuh hinwerfen. Losgeriſſen von dem alten Denken und Glauben, dem neuen noch fremd und ungewohnt, ſchwebt man ohne Halt zwiſchen zwei Extremen, verſchmäht von Beiden, von den frühern Glau⸗ bensgenoſſen als eine Abtrünnige gemieden, von den Chriſten mit mistrauiſchen Blicken angeſchaut, denn, aus welch reinem und edlen Antrieb auch Dein Uebertritt geſchehen ſein mag, man wird Dir immer eigennützige und ſelbſtſüchtige Zwecke unter⸗ legen. Die Chriſten, obgleich ſie Alle verachten, die einer andern Religion angehören, glauben den⸗ noch nie an die Aufrichtigkeit eines Uebertritts.“ „Sind ſie denn nicht von der Vortrefflichkeit ihrer Lehre überzeugt?“ fragte Rebekka ver⸗ wundert. Die Baronin lächelte.„Du ſollſt mir dieſe Frage einmal ſpäter ſelbſt beantworten,“ ſagte ſie. „Und was nun, theures Kind, Deine Liebe zu Deinem unbekannten Freunde anbelangt, ſo ſehe ich daraus nur mehr und mehr Dein unſchulds⸗ volles, reines Herz. Glaube mir, mein Kind, in der Welt erzogen und gebildet, wäreſt Du minder vertrauend, und würdeſt Deine Liebe nicht einem Fremden, von dem Du nichts weißt, als daß er Robert heißt, gegeben haben.“ „Die Liebe fragt nicht nach Rang und Titel,“ ſagte Rebekka mit leuchtenden Augen,„ſie iſt eine freie Gabe, fern von aller Berechnung und Ueber⸗ legung, ſie iſt das Hellſehen des Geiſtes und ver⸗ kündet mit prophetiſchen Lippen aus dem Blicke des geliebten Gegenſtandes unſere ganze Zukunft. Und glaubſt Du denn, fuhr Rebekka fort in jener ſchwärmeriſchen Begeiſterung, die das Reſultat ih⸗ res eingezogenen, abgeſonderten Lebens und glü⸗ ———— — 65 henden Charakters war, glaubſt Du daß ich noch überlegen und mich ſelber fragen konnte, ob ich ihm mein Herz geben wollte? Als ich ihn zum erſten Male ſah, als ich empfand, daß er der mir von Gott geſandte Meſſias ſei, der mich erlöſen ſollte von dem Schmerz und der Einſamkeit, da fühlte ich mich ihm zu Eigen gegeben für immer⸗ dar. Ich fragte mich nicht, wie es kam, daß ich ihn liebte, ich wußte nur, daß er das Leben mei⸗ nes Lebens war. Und ſo,“ flüſterte ſie leiſer, und richtete ihr ſtrahlendes Auge gen Himmel, während ſie die gekreuzten Hände feſt an ihren Buſen preßte, „ſo wird es ewig bleiben!“ Die Tante wiegte ſinnend das Haupt.„Ueber⸗ laß das Alles der Zeit,“ ſagte ſie,„dieſe iſt der größte Balſam unſerer Schmerzen, und löſet end⸗ üch allen Zweifel zum Verſtändniß auf. Und jetzt, Rebekka, oder Maria, laß uns an minder ernſte Dinge denken, die aber leider in der menſchlichen Geſellſchaft von großer Bedeutung ſind, nämlich an die Geſellſchaft. Es iſt heute der Tag, an dem ich gewöhnlich viel Beſuch bei mir zu ſehen pflege, und ich wünſchte Dich heute als meine Nichte Maria von Bellmann vorzuſtellen.“ „Ach,“ ſagte Rebekka zagend,„ich fürchte, ich werde Dir keine Ehre machen, meine theuerſte Tante. Unbekannt mit allen Formen und aller Etiquette wirſt Du oft über mein ungehöriges Be⸗ nehmen zu erröthen haben.“ „Folge nur ſtets Deinem Gefühl und Deinem angebornen Takte, den Mangel an Formen ver⸗ zeiht man Deiner Jugend ſchon. Eines nur muß man vermeiden, nämlich: zu unverholen ſeine Empfindungen zu verrathen. Man darf weder eine Abneigung oder Zuneigung an den Tag legen; freundlich und gleich muß man gegen Alle ſein.“ „Das heißt,“ ſagte Rebekka,„ich darf nie⸗ mals ich ſelbſt ſein! O mir graut vor ſolchem Maskenweſen!“ Die Geſellſchaft war verſammelt, und bewegte ſich mit jenem höflichen Lächeln und jenen zier⸗ lichen Redensarten, die das Eigenthum ſolcher vor⸗ nehmen Reunions ſind, und hinter denen man Kummer und Schmerz, Bosheit und Haß, Sünde und Schande verbirgt, in den prachtvollen Salons der Baronin Bellmann umher. „Auffallend iſt es,“ bemerkte Gräfin Iſidora, eine ſtolze Polin, deren alternde Züge noch von früherer Schönheit zeugten,„daß die Baronin Bellmann immer noch nicht zugegen iſt.“ „Finden Sie das wirklich auffallend?“ fragte Baron Eickholz, der neben ihr ſtand.„Mein Gott, wie kann man denn im Ernſte von einer gebornen Bürgerlichen verlangen, daß ſie die Ge⸗ ſetze des Anſtandes inne habe. Fragen Sie ſie, wie viel der Stoff ihres Kleides koſtet, ſo wird ſie Ihnen das genan berechnen, kaber von ihr fordern, daß ſie genau weiß, was ſich ziemt, guter Gott, das hieße zu viel verlangen.“ „Im Ganzen haben Sie Recht,“ antwortete die Gräfin,„doch finde ich, daß die Baronin ſich in dieſem Punkte doch noch vortheilhaft vor vielen Andern auszeichnet.“ Während man im Salon ſich ſo über das Ausbleiben der Baronin unterhielt, ging dieſe in Rebekka's Zimmer, um ſie zur Geſellſchaft abzu⸗ holen. Mit wohlgefälligen Blicken betrachtete ſie die ſchöne ſchlanke Geſtalt des Mädchens, ihr edles Geſicht, und mußte ſich geſtehen, daß dies Kind Israels weit hervorragte über alle chriſtlichen Schönheiten der Stadt. „Die Geſellſchaft iſt verſammelt,“ ſagte ſie dann, und nahm Rebekka's Hand, ſie hinauszu⸗ führen.„Ich habe abſichtlich darauf gewartet, um Deinem erſten Auftreten einigen Eclat zu geben.“ Jetzt öffnete der Diener die Thüre, und zitternd, hocherröthend trat Rebekka an der Hand ihrer Tante in den glänzend erleuchteten Salon. „Meine Nichte, Maria von Bellmann,“ ſagte die Baronin mit lauter Stimme, und begrüßte, ſich tief verneigend, die verſammelten Gäſte. Bald hatte ſich ein Kreis Neugieriger um Rebekka geſammelt, Damen, die mit forſchenden Blicken Rebekka's Anzug muſterten, ihr ſchwarzes Sammet⸗Gewand und ihre koſtbaren ſchimmernden Brillanten, S die Rebekka's ſchöne, edle S½ Rebekka. I. 5 6— ihre reizende Geſtalt herbeigelockt, und die ihr in ſchmeichelnden, ſchön geſetzten Phraſen das Ent⸗ zücken ſchilderten, das ſie über ihre Bekanntſchaft empfänden. Rebekka nahm das Alles lächelnd und ſchwei⸗ gend hin, ihre Schüchternheit verlor ſich allgemach, und mit ihrem ſcharfen, durchdringenden Verſtande fing ſie bald an, über ihre Umgebungen klar zu werden, empfand ſie, daß man nur etwas zu medi⸗ ſiren brauche, um für geiſtreich, einige bombaſtiſche Redensarten hinzuwerfen, um für gelehrt, und einige Verbeugungen zu machen, um für beſcheiden zu gelten. Des vielen Sprechens, der vielen Schmeichel⸗ reden endlich müde, hatte ſie ſich in eine Fenſter⸗ niſche zurückgezogen, und überſchaute von dort die Geſellſchaft. Es ward ihr ganz unheimlich bei all den lächelnden, freundlichen Geſichtern, und ſie fragte ſich ſelbſt, ob es wohl möglich ſei, daß alle dieſe Menſchen wirklich einander ſo freundlich und hold geſinnt, wie es den Anſchein habe. In dieſem Augenblicke vernahm ſie eine halblaute Unterhaltung zweier Damen, die, Re⸗ bekka's Gegenwart nicht bemerkend, nahe vor ihr ſtanden. S „Wirklich,“ ſagte die Eine,„es iſt unaus⸗ ſprechlich lächerlich, dieſe Jüdin als reiche Ba⸗ ronin figuriren zu ſehen. Sie thut wahrhaftig, ols füände zwiſchen ihr und uns gar kein — Unterſchied ſtatt, und als wäre es gar nichts Beſonderes, wenn wir ſie mit unſerm Beſuche beehren.“ „Unverſchämtheit liegt im jüdiſchen Charakter,“ antwortete die Andere.„Und was ſagen Sie nun zu dieſer Nichte?“ „Sie ſieht leidlich aus, indeß merkt man es ihr doch an, daß ſie ein albernes, ungebildetes Gänschen iſt. Glauben Sie mir, wenn ſie nicht, wie man wohl vermuthen kann, die reiche Baronin Bellmann dereinſt beerbte, würden die jungen Herren ſie keiner Berückſichtigung werth halten. Ich wette, das arme Gänschen, der man die un⸗ geheure Verlegenheit bei jeder Bewegung anmerkt, ſehnt ſich zurück nach ihrer Kinderſtube und zu ihren Puppen, mit denen ſie wahrſcheinlich beſſer umzugehen weiß, wie mit Menſchen.“ In dieſem Augenblicke trat die Baronin Bell⸗ mann zu den Damen. „Ach, meine Theuerſte,“ begann ſchnell die eine der Damen,„wir ſprachen eben von Ihnen, und bewunderten die unendliche Grazie, mit der Sie es verſtehen, die liebenswürdige Wirthin zu machen.“ wie liebreizend,“ ſagte die Andere,„iſt Ihre ſchöne Nichte. Ganz gewiß, man kann nichts iniere ſehen, als dies Mädchen, die mit einer Beſcheidenheit und Sicherheit, die zugleich von ihrem Verſtand und feinem Takte zeugt, ſich —— in der ihr fremden Geſellſchaft bewegt. Iſt ihr Vater ſchon lange geſtorben?“ Rebekka war kein Wort der ganzen Unterhal⸗ tung entgangen, ſie ſchanderte über dieſe— wie ſie es nannte— ungeheure Falſchheit, es war ihr, als müſſe ſie hervortreten und ihre Tante vor den Beiden warnen. Schon wollte ſie dieſer Regung ihres empör⸗ ten Innern nachgeben, als ſie plötzlich wie erſtarrt ſich zurücklehnte an die Wand, und athemlos das Auge nach einer Gruppe mitten im Salon ſtehen⸗ der Herren richtete. Sie glaubte den Klang einer ihr nur zu be⸗ ihr Herz erbebte in freudiger Ueberraſchung, und als ſie jetzt wirklich Robert erkannte, ihren Ro⸗ bert, den ſie ſo viele Tage nicht geſehen, den zu vergeſſen ſie umſonſt ihr armes Herz hatte zwin⸗ gen wollen, da entfuhr ihr ſelber unbewußt ein Schrei ihren Lippen, und außer ſich, Alles um ſich her vergeſſend, ſtürzte ſie vorwärts. Schnell Bellmann, und Rebekka ſanft zurückziehend, flü⸗ ſterte ſie leiſe:„um Gottes willen, Kind, was be⸗ wegt Dich ſo ſeltſam?“ „Robert, Robert iſt da,“ ſagte Rebekka athem⸗ los und ſuchte ſich loszumachen. „Wo iſt er?“ fragte die Baronin erſchreckt, und als Rebekka ihr ihn bezeichnet, fuhr ſie fort: * kannten, theuren Stimme vernommen zu haben, faßte eine Hand die ihre, es war die Baronin ö—„—— — 6 „der iſt es alſo! der junge Baron von Eppenberg! Das trifft ſich unangenehm. Vor allen Dingen, Rebekka, faſſe Dich, Du darfſt der Geſellſchaft Deine Aufregung nicht verrathen, nichts verzeiht man weniger als eine freie Darlegung unſerer Gefühle. Bleibe hier, ich werde Deinen Robert Dir zuführen.“ „O bringe ihn mir bald,“ flehte Rebekka leiſe, und die Baronin durchſchritt das Gemach und trat zu Robert hin.„Erlauben Sie mir, Sie meiner Nichte vorzuſtellen,“ ſagte ſie, nahm ſeine Hand und führte ihn zu Rebekka, die, kaum ihrer Sinne mächtig, zitternd und bleich noch immer in der Fenſterniſche lehnte. „Herr Baron von Eppenberg, meine Nichte, Maria von Bellmann,“ präſentirte die Tante. Robert blickte ſie an, und einen Augenblick malte ſich eine ſichtbare Ueberraſchung in ſeinen Zügen, dann ſagte er unbefangen:„Meine holde ſchöne Unbekannte, finde ich Sie hier wieder, nach⸗ dem ich verzweifelnd ſchon alle Hoffnung aufge⸗ geben Sie zu ſehen?“ Es war etwas in dem Tone dieſer Stimme, das Rebekka tief verwundete, ſie fühlte es wie ei⸗ nen eiſigen Hauch über ihr aufgeregtes Gemüth hinziehen, ja, ſie mußte Robert genau anſehen, um ſich zu überzengen, daß der, der ihr ſo unbe⸗ fangen, ſo ohne alle Zeichen von Ueberraſchung und Freude gegenüberſtand, wirklich Robert, ihr —— Geliebter, um den ſie Tage lang geſeufzt und ge⸗ trauert, ſei. Das Lächeln erſtarb auf ihren Lippen, und kaum wiſſend, was ſie ſprach, antwortete ſie einige gleichgültige Worte. Dann blickte ſie auf, ihre Angen begegneten denen ihres Freundes. Was ſie aber darin ge⸗ leſen, mußte eine andere Sprache als die ſeines Mundes, eine andere Begrüßnng, als die ſeiner Lippen ſein, denn ein ſeliges Lächeln erhellte plötz⸗ lich ihre Züge, glühende Röthe überzog Stirn und Wangen, und, aller Verſtellung unfähig, reichte ſie ihm ihre Hand dar. Er drückte ſie an ſeine Lippen, und wieder ſchmerzte ſie der fremde Ton ſeiner Stimme, als er ſagte:„und darf ich fragen, wie es Ihnen erging, ſeit ich das Glück entbehrte, Sie zu ſehen?“ „Traurig,“ entgegnete Rebekka mit aufſteigen⸗ den Thränen, und leiſe fügte ſie hinzu, mein Vater ſtarb.“ Der Baronin war indeß das leiſe Lächeln nicht entgangen, mit denen die ihr nachgedrängte Geſellſchaft die Beiden beobachtete, und ſich an eine der Damen wendenb, ſagte ſie bittend:„Sie verſprachen mir, Comteſſe, uns heute durch Ih⸗ ren Geſang zu erfreuen. Darf ich Sie darum erſuchen?““ Die Dame willigte ein, und die Baronin führte ſie an den— Was ſie gewünſcht, geſchah, — die Geſellſchaft trat näher zum Flügel, um der Sängerin zuzuhören, und Maria ſtand allein ne⸗ ben Robert. „Maria!“ flüſterte dieſer jetzt zärtlich. Re⸗ bekka ſchreckte zuſammen, das war ſeine Stimme, ſo hatte er ſonſt zu ihr geſprochen, ſo hatte er ſie angeblickt. Ihre ganze Seele lag in ihrer Stimme, als ſie jetzt antwortete:„Robert, wie hat mein Herz gebangt nach Dir!“ „Und ich?“ fragte er.„Welche Tage habe ich verlebt, ſeit ich Dich nicht ſah!“ 3 „Wirklich, wirklich, haſt Du mein gedacht, liebſt Du mich noch?“ „Ob ich Dich liebe, Maria, kannſt Du noch fragen?“ Rebelka zuckte zuſammen. Nie hatte der fremde Name Maria ihr ſo wehe gethan, wie jetzt, von ſeinen Lippen! Zeigte er ihr doch ſo dentlich die tiefe Kluft, die zwiſchen ihr, der Jüdin, und ihm, dem Baron von Eppenberg, ſei. Sie heftete ihre Blicke mit einer unausſprechlichen Wehmuth auf des Geliebten Züge, und eine finſtere Ahnung be⸗ ſchlich ihr Gemüth und trübte die reine Freude des Wiederſehens. Er iſt mir verloren, auf immer, flüſterte es in ihrem Buſen, und ſie wandte ſich ab, ihre Thränen zu verbergen. „Und darf ich Dich oft ſehen, Maria,“ flehte Robert leiſe, als die Geſellſchaft ſich ſpäter trennte. „So oft Du willſt!“ hauchte ſie, und ihre Augen folgten ihm mit Sehnſucht und Schmerz, als er, von der Baronin ſich beurlaubend, ſodann den Salon verließ. Endlich hatten ſich alle Gäſte entfernt, und Rebekka war wieder allein mit ihrer Tante. Sie umſchlang ſie mit leidenſchaftlicher Bewegung und jauchzte laut:„o, wie ich ſo glücklich bin!“ Feſt drückte die Baronin ſie an ihr Herz, und ihr ſelber unbewußt, ſagte ſie leiſe:„armes, unglückliches Kind!“ Rebekka fuhr empor, und mit voller bewegter Stimme ſagte ſie:„arm nennſt Du mich, und unglücklich? Bin ich nicht das reichſte, glückſe⸗ ligſte Geſchöpf? Habe ich nicht meinen Robert wieder gefunden?“ „Haſt Du auch bedacht, Rebekka, daß er nie⸗ mals Dir angehören kann?“ „Er iſt mein,“ antwortete ſie haſtig,„er wird mein bleiben, ob auch ein Geſetz dieſer Erde ihn von mir trennt. Ich habe ihm meine ganze Seele gegeben, er hat mir eine Liebe bis zum Tode zu⸗ geſagt, wir haben uns mit Geiſt und Herzen ver⸗ bunden, und ſo wie ich ihn halte, und ſo wie er mein iſt, kann nichts uns trennen!“ „Und wenn er erfährt, daß Du eine Jü⸗ din biſt?“ „er darf es nicht erfahren!“ „Er wird es nicht erfahren,“ ſagte ſie raſoß 3 * ———— — „Du nennſt Deine Liebe ewig,“ antwortete die Baronin mit ſanftem Vorwurf,„und glaubſt doch, daß die ſeine ſcheitern würde, wenn er das Miß⸗ geſchick Deiner Geburt, an dem Du doch unſchul⸗ dig biſt, erführe?“ „O ſprich nicht ſo, frage mich nichts. Ich mag nichts denken, als daß ich ihn wieder habe!“ VII. Der Verrath. Tage und Wochen waren Rebekka in berau⸗ ſchendem Glücke vergangen. Sie dachte, ſie em⸗ pfand nichts, als ihre Liebe; ſo ganz hatte dieſe ihr Herz befangen, daß Alles ihr dagegen werth⸗ los erſchien. Alle innern Kämpfe, alle Schmerzen um ihre Geburt hatten aufgehört, und wenn den⸗ noch zuweilen gleich einem finſtern Schreckbilde die Erinnerung und Uebe g in ihr wach wurde, ſo ſie ſie lächelnd in ihre Verborgenheit zurück. Das Glick iſt, wie das Leben, ſagte ſie; jede Minute kann uns der Tod überraſchen, und doch leben wir ſorglos der Minute entgegen; ſo kann uns wohl jeden Augenblick das Unheil treffen, warum ſollten wir aber daran denken, ſo lange wir noch im Glücke ſind? ſo lange der Augen⸗ blick und das Glück noch unſer iſt? So aber, in dem Bewußtſein des Verlierenkönnens klammerte — ihre Seele ſich immer feſter und gewaltiger an den Geliebten, ward er immer mehr der Inbegriff all ihres Denkens, ihres Empfindens⸗ Sie hatte in ihrem Herzen dem Geliebten einen Tempel erbaut und ihn zu ihrer Gottheit erhoben, und wie man bei einer Gottheit das Höchſte und Schönſte, das Edelſte und Vollkom⸗ menſte nicht nur vermuthet, ſondern deſſen ge⸗ wiß iſt, ſchmückte ſie in gläubigem Vertrauen ihren Geliebten mit allen Vorzügen und Tugenden, legte ſie in dem ihm errichteten Tempel ihres Herzens ſich ſelbſt als Opfer hin; jeden Augenblick bereit, ihr Blut für ihn zu verſpritzen, und weihte ſie ihm einen Cultus, über dem ſie alle Gebräuche vergaß. Was kümmert ſie nun Juden⸗ oder Chriſtenthum, was ſie die Gebräuche ihrer oder einer andern Kirche. Mit gefaltenen Händen, mit andächtigem Ge⸗ müthe und mit frommem Kinderglauben lauſchte ſie in ihrem Herzen den Offenbarungen einer Re⸗ ligion, deren Urſprung, deſſen war ſie ſich bewußt, der einige und ewige Gott, der König und Herr Himmels und der Erde war, deren Cultus über die ganze Welt verbreitet ſei, und deren heilige Geſetze Chriſt und Jude, ja die ganze Menſch⸗ heit zur brüderlichen Eintracht beriefe, und dieſe Religion war ihr die Liebe! Umſonſt ſuchte die Baronin ſie keiſe zu erin⸗ nern, daß ihr Glück nicht dauern könne, daß es vergehen müſſe. „Es wird nicht vergehen!“ ſagte Rebekka. „Und wenn,“ fragte die Baronin,„Dein Ge⸗ liebter erfährt, daß Du ihn täuſchteſt, daß Du eine Jüdin biſt? Wird er Dich dann noch lieben?“ „Ich glaube kaum!“ ſeufzte Rebekka,„er haßt Alles, was Jude heißt!“ „Und was ſoll dann aus Dir werden?“ Rebekka ſah ſinnend und lächelnd vor ſich hin, dann faßte ſie heftig der Tante Hand, und mit jener Begeiſterung, die ſtets aus ihren Blicken leuchtete, wenn ſie des Geliebten gedachte, ſagte ſie:„haſt Du nicht von jenen indiſchen Weibern gehört, die, wenn ihre Liebe, ihr Gatte ihnen ſtirbt, das Leben nicht ertragen können, ſondern mit der Leiche ihres Geliebten zugleich den Scheiterhaufen beſteigen, um ein Daſein, das für ſie keinen Werth mehr hat, zu verlaſſen und den Tod zu wählen? Oder glaubſt Du, daß ich meinen Robert weniger liebe, als jene Weiber ihre Gatten?“ „Du liebſt ihn nur zu ſehr,“ ſeufzte die Tante, „mehr als er es verdient. Ich geſtehe Dir, Re⸗ bekka, ſein geheimnißvolles Weſen, der Schleier, der über ſeinem ganzen Leben liegt, will mir nicht gefallen. Niemand weiß von ihm oder ſeiner Familie. Stit einem halben Jahre lebt er hier, ſo viel man weiß, ohne Zweck und Nutzen, er —— ——— empfüngt Gelder, Niemand weiß woher, und er ſelbſt vermeidet es ſorgfältig, darüber Aufſchluß zu geben.“ „Tante,“ unterbrach ſie Rebekka mit flehendem Tone,„ich bitte Dich, ſprich nicht weiter. Ich liebe und verehre Dich ſo innig, und doch könnte ich ſelbſt aus Deinem Munde Vorwürfe und Tadel gegen Robert nicht ruhig und gelaſſen ertragen.“ „Was ſoll aber daraus werden?“ fragte die Baronin ungeduldig. Er beſucht täglich unſer Haus, Jedermann hält Dich für ſeine Braut. Warum, wenn er Dich wahrhaft liebt, vermeidet er es, ſich gegen Dich zu erklären, warum bietet er Dir nicht feine Hand an?“ Rehekka ſchreckte zuſammen.„Unmöglich! Un⸗ möglich!“ ſagte ſie heftig,„nie darf das ſein, ich würde ihn ja in dem Angenblicke verlieren, denn dann wäre ich genöthigt, ihm die Wahrheit zu enthüllen. Tante, theuerſte Tante, flehte ſie, Du liebſt mich ja, warum willſt Du denn mein Glück und meinen Frohſinn trüben?“ „Wenn ich Dich weniger liebte,“ antwortete dieſe, und zog Rebekka an ihr Herz,„würde ich vielleicht ſchweigen, jetzt zittere ich immer vor Deiner Zukunft. O glaube mir, Rebekka, für die Kinder Israels giebt es auf Erden kein anderes Loos, als das Genügen und Entſagen. Glücklich, wer dies früh begreift und lernt,— ich habe es erſt mit tauſend Schmerzen und Thränen gelernt, und meine Jugend darüber vertrauert!“ „Doch liebte Dich Dein Gatte ſo ſehr, daß er ſogar Deine Geburt darüber vergaß!“ Die Tante lächelte ſchmerzvoll.„Er liebte mich,“ ſagte ſie,„er glaubte nicht ohne mich le⸗ ben zu können, als unüberſteigliche Hinderniſſe ſich ihm gegen meinen Beſitz aufzuthürmen ſchienen. Meine gänzliche Hingabe ſchmeichelte ihm, um ihn zu beſitzen, gab ich alle meine Verwandte, Brü⸗ der und Geſchwiſter, meinen Glauben hin, und ward ſein.“ „Da warſt Du glücklich, nicht wahr?“ „Kurze Zeit, Rebekka. Mit dem Beſitz ſchwand ſeine Leidenſchaftlichkeit,— ſeine Liebe erſtarb an den Vorurtheilen und Verhältniſſen, und nie hat er vergeſſen, wie die Welt es nie vergeſſen hat, daß ich die Tochter des geſchändeten und geſchmä⸗ heten Volkes Israel bin.“ „Arme, arme Tante!“ ſfagte Rebekka, und lehnte ihr Haupt auf der Tante Schulter. Eine unheilsvolle Ahnung beſchlich in dieſem Augen⸗ blick ihre Seele, und traurig und leidvoll erſchien ihr die Zukunft. „Auch gab es für Rebekka, ſo beglückend ihr die Gegenwart erſchien, dennoch Schmerzen, bittre Schmerzen, die ſie oft ruhelos ganze Nächte plag⸗ ten, und bei denen Thränen ihren Augen ent⸗ ſtrömten. Gerade das Ungewiſſe und Schwan⸗ nur für dieſe da zu jetn ſchien. kende ihres Verhältniſſes zu Robert, die ſtete Mög⸗ lichkeit, ihn zu verlieren, ließ ſie um ſo leiden⸗ ſchaftlicher nach dem einzigen und ungetheilten Beſitze ſeines Herzens trachten. Keinen Blick, kein Lächeln, kein Wort mochte ſie ſich entzogen und Andern zugewandt ſehen, ein ſolcher, wie ſie meinte, an ihr begangener Raub marterte ſie Tage lang, und doch durfte ſie ja gegen Robert keinen Tadel und keine Bitte wagen, mußte dies ja eine Erklärung herbeiführen, die zu vermeiden ihr höchſtes Beſtreben war. Wenn ſie aber nun ſehen mußte, wie Robert, ihr Robert, noch für Andere Augen und Sinne hatte, Andern ſeine Aufmerkſamkeit zuwandte, drohte es ihr Herz zu zerſpringen vor Pein und Qual. Umſonſt ſuchte ſie ſich zu überreden, daß Ro⸗ bert der ſchönen jungen Gräfin Panditzka nicht mehr Aufmerkſamkeiten beweiſe, als allen Andern auch, umſonſt wiederholte ſie ſich, daß ſie und ſie allein ſeine Liebe beſäße. Ihrem von Furcht und Liebe geſchärften Auge konnte es dennoch nicht ent⸗ gehen, daß Robert die junge Gräfin mit leiden⸗ ſchaftlichen und zärtlichen Blicken betrachtete, die von dieſer nicht unerwiedert blieben, ja, daß er ſie, Rebekka, oft ganze Abende, die ſie in Geſellſchaft miteinander verbrachten, vernachläſſigte, und je⸗ dem Worte, jedem Blicke der Gräfin — Wenn er aber dann zu ihr zurückkehrte, wenn er ſie mit unveränderter Liebe und Innigkeit be⸗ grüßte, war aller Schmerz und alle Qual vergeſſen, jubelte es in ihr: er iſt dennoch mein! O was würde ſie gelitten haben, hätte ſie, wie ſie ſo oft es ſich erſehnt, ihn unſichtbar um⸗ ſchweben und bei ihm ſein können, wäre ſie jetzt neben ihm in ſeinem Zimmer geweſen, und hätte ihm über die Schulter ſchauend, leſen können, was er ſpeben ſchrieb, und was ſo lautete: Bruchſtück aus Robert's Brief. „Du kannſt denken, theurer Freund, daß ich unter ſo verwickelten Verhältniſſen oft eine ſchwere Rolle ſpiele, um ſo ſchwerer, weil Beide entſetzlich eiferſüchtig ſind, und mich mit einer Leidenſchaft lieben, die oft ſogar läſtig iſt. Guter Himmel, was würde mein Weib dazu ſagen, wenn ſie dieſe beiden ſchönen Mädchen ſähe, die ſich um mich ſtreiten, und die ich beide gerne beſitzen möchte, wenn ich nur könnte. Mit der ſchönen Gräfin hoffe ich bald am Ziel zu ſein. Immer mehr habe ich mich überzeugt, daß ſie mit ihrer Mutter nicht allein die Flucht ihrer beiden Brüder ge⸗ leitet und deren jetzigen Aufenthaltsort weiß, ſon⸗ dern daß ſie die Hauptfäden einer großen Ver⸗ ſchwörung, der ich ſeit lange nachſpüre, in Hän⸗ den halten. Du kannſt denken, daß ich natürlich Alles in Bewegung ſetze, um mich in den Beſitz ihrer . . — 81— Geheimniſſe zu bringen; ihre Dienerſchaft iſt in meinem Solde, und ich erfahre Alles, was bei ihnen geſchieht. Eins nur iſt mir noch immer ver⸗ borgen, nämlich der Ort in ihrem Hauſe, wo ſie ihre Papiere aufbewahren. Niemand, ſelbſt nicht ihre vertrauteſten Diener können mir hierüber Auf⸗ ſchluß geben, ihnen Allen iſt es ein Geheimniß. Es wird und muß mir aber dennoch gelingen dies zu erforſchen, und habe ich deshalb Alles aufge⸗ boten. Erfahre alſo, daß ich heute Morgen der ſchönen Gräfin mein Herz und meine Hand zu Füßen gelegt, daß ſie mir dagegen ihrerſeits Bei⸗ des zugeſagt, unter Einer Bedingung.— Bin ich erſt ihr Verlobter, dann müßte es doch nicht ſo gar ſchwer ſein, ihr gänzliches Vertrauen zu er⸗ langen. Dieſe Bedingung aber iſt, daß ich förm⸗ lich und öffentlich mit Maria von Bellmann breche. Ich habe ihr dies zugeſagt, und konnte es um ſo mehr, da ich ſeit einigen Tagen Anfſchlüſſe über ſie erhalten habe, die mir dies äußerlich leicht machen, wenn ich auch im Geheimen keineswegs geſonnen bin, das ſchöne glühende Kind aufzugeben. Ich lernte durch Zufall einen Juden Namens Abel kennen, der mir merkwürdige Dinge über dies Fräulein von Bellmann mitgetheilt, und der,— doch halt, alles Andere berichte ich Dir morgen, jetzt iſt es Zeit ſich zur Soirée der Barvnin Bell⸗ mann zu begeben, in der Abel eine groe Rolle ſpielen wird.“ Rebekka. I. Eine ungewöhnlich zahlreiche Geſellſchaft war in dem Salon der Baronin verſammelt, denn es war Rebekka's Geburtstag, und zur Feier deſſel⸗ ben hatte die Tante die glänzende Geſellſchaft ge⸗ laden. Rebekka, deren anmuthige Geſtalt von dem weißen Atlaskleide noch beſonders hervorgehoben ward, ſtand umringt von Herren und Damen in der Mitte des Salons, und empfing die Glück⸗ wünſche der immer neu ankommenden Gäſte mit freundlichem Lächeln. Doch ſie beachtete weder die zierlichen Wünſche der Damen, noch die Schmeichelreden der Herren, ihr Blick war unverwandt nach der Thür gerich⸗ tet, und ſobald dieſe ſich öffnete, klopfte ihr Herz höher, und röthete ſich ihre Wange. Aber immer noch nicht ward ihr Sehnen befriedigt, immer noch erwartete ſie Robert, nach dem ihr Herz den gan⸗ zen Tag umſonſt geſeufzt. ZJetzt wieder öffnete ſich die Thüre,— ach er war es nicht, ſondern die Gräfin Panditzka mit ihrer ſchören Tochter. Rebekka fühlte es wie einen Krampf in ihrer Bruſt beim Anblick dieſer gefürchteten und gehaß⸗ ten Erſcheinung, und als die junge Gräfin an ihr vorüberſchreitend ſie, wie Rebekka zu bemerken glaubte, mit höhniſchem Lächeln begrüßte, durchflog Rebekka der Gedanke, es müſſe eine Wonne ſein, den Dolch in das Herz ihrer Feindin zu ſtoßen. Aber ſchnell war Kummer und Haß aus ihrer Seele verſchwunden, denn Robert war ſoeben ein⸗ — 83— getreten. Rebekka, hochklopfenden Herzens, reichte ihm ihre Hand dar, und als Robert jetzt ſeine Lippen auf dieſelbe preßte, empfand ſie in Wahr⸗ heit, daß es ihr heut ein Feſttag ſei, und das Lächeln, welches jetzt ihre Züge verklärte, kam aus der Tiefe ihres Herzens. 3 Die Muſik begann, an Robert's Arm röffnete Rebekka den Ball, und wer ſie, leicht wie eine Gazelle, fröhlichen Angeſichts ſah, deſſen Blicke folgten ihr mit ſtiller underung und Freude.. „Sie iſt wirklich ſchön,“ dachte die ſung Gräfin Panditzka, die heute, ungewöhnlich ernſt, jede Ein⸗ ladung zum Tanze abgelehnt hatte,„und wenn ich ihre roſigen Wangen, ihre ſtrahlenden Au⸗ gen betrachte, möchte ich faſt bereuen, daß ihre Freude, durch mich veranlaßt, geſtört werden ſoll. Und welche Genugthuung wird Eppenberg mir geben, wie wird er öffentlich beweiſen kön⸗ nen, daß eine Verbindung zwiſch ihm und ihr unmöglich ſt1 In Vermuthungen und Sinn eileren, hatte ſie kaum bemerkt, daß der Tanz indeß beendet war, und Robert ſeine Dame Rebekka zu ihrem nahe bei der jungen Grä ſin, zurückgeführt atte Während Rebekka ſich austuhend im Seſſel zurücklehnte, trat Robert zu der jungen Gräfin, und nach kurzer Begrüßung ſeine Uhr hervorziehend deutete er leicht mit dem Finger auf die Zeiger hin und flüſterte:„die bezeichnete Stunde iſt ge⸗ kommen, Gräfin, geben Sie Acht, jetzt löſe ich mein Wort.“ Die junge Gräfin erblaßte.„Mir bangt,“ ſagte ſie,„ja ich möchte Sie faſt bitten es lieber zu unterlaſſen.“ „Und hat Gräfin Panditzka vergeſſen, daß ich mit meinem Ehrenworte mich verpfändete, heute öffentlich mit Maria von Bellmann zu brechen, und daß Sie ſelbſt der Preis iſt, der mir dafür wird?“ „Sehen Sie ſie an,“ ſagte die Gräfin zitternd, „ſie iſt wirklich ſchön, warum ſoll der Kummer ihre Wange bleichen? Geben Sie mir nach!“ In dieſem Augenblicke ließ ſich im Vorſaal ein verworrenes Geräuſch von Stimmen, unter denen man deutlich die eines Juden erkannte, ver⸗ nehmen. „Es iſt zu ſpät, Gräfin,“ murmelte Robert, und wandte ſeinen Blick von Rebekka ab. „Laßt mich,“ rief es draußen mit jüdiſchem Accent,„ich will hinein und meine Couſine ſprechen,“ und plötzlich, von zwei Dienern, die ihn zurückhalten wollten, verfolgt, ſtürtzte Abel im ſchmuzigen, halb zerriſſenen Gewande in den Saal.„ „Um Gottes willen,“ rief die Baronin Bell⸗ mann, und eilte vom andern Ende des Salons den Dienern entgegen,„was giebt es hier, was ſoll der Lärm?“ „Der Jude hier,“ ſagte der Diener,„ver⸗ langte mit Gewalt den Eintritt in den Salon, und als wir ihn zurückzuhalten ſuchten, riß er ſich von uns los und ſtürzte in den Salon.“ „Ja,“ ſagte Abel, Athem ſchöpfend, und ſchaute mit frechen, neugierigen Blicken die Geſellſchaft an, die ſtumm und erſtarrt umherſtand.„Ja ich will meine Couſine ſprechen.“ Den Saal durchſchreitend ging er gerade auf Rebekka zu, die, bleich wie der Tod, auf dem Seſſel lehnte. Umſonſt hatte ſie anfangs verſucht, ſich auf⸗ zurichten, um zu entfliehen, die Füße verſag⸗ ten ihr den Dienſt, und kraftlos war ſie zurück⸗ geſunken. Athemlos ſtanden die Herren und Damen, und ſo ſtill war Alles, daß Niemanden auch nur ein Wort Abel's entging, als er jetzt ſagte: „Couſinchen Rebekka, ich wünſche Dir guten Abend.“ Rebekka regte ſich nicht. Mit einem widerlichen Grinſen nahm Abel ihre Hand. „Kennſt Du mich nicht mehr?“ ſagte er.„Ja, ja, ich glaub's wohl, in ſo vornehmer Geſellſchaft vergißt man leicht ſeine armen Verwandten. Ich komme, um mir Geld zu holen, Rebekka.“ „Was willſt Du, Iude,“ ſagte Robert, jetzt näher tretend,„was unterſtehſt Du Dich die Hand des Fräuleins von Bellmayn zu berühren.“ „Die ein Fräulein von Bellmann?“ lachte Abel. „Siiſt ja Rebekkchen, des alten Jakob's Tochter.“ „Der Inde iſt wahnſinnig,“ ſagte Robert, „man wird ihn mit Gewalt hinaus bringen müſſen.“ „Nein, nein,“ antwortete Abel,„ich bin nicht wahnſinnig, und ich ſchwöre beim Gott meiner Väter, daß ich die Wahrheit geſprochen. Sie iſt meine Couſine, und war meine Braut.“ „Du lügſt!“ rief Robert. „Fragt ſie ſelbſt,“ ſagte Abel dreiſt, und ſich an Rebekka, die noch immer ſtarr und bewegungs⸗ los ſaß, wendend, fuhr er fort:„Rebekka, bei der Aſche Deines Vaters beſchwöre ich Dich, ſage die Wahrheit.“ Rebekka aber blieb ſtumm.„Maria,“ ſagte Robert, und faßte ihre Hand,„Maria, wider⸗ legen Sie dieſen Elenden! Ein Wort von Ihnen genügt!“ 6 Bei dem erſten Laut ſeiner Stimme zuckte ſie zuſammen, und der Athem, der ſich ihrer Bruſt entrang, klang wie der Todesſeufzer eines Ster⸗ benden. Sie ſah ihn an, aber mit einem ſo ſtie⸗ ren, verzweiflungsvollen Blick, daß ſelbſt Robert, der ſie verrathen, davor erbebte. „Er hat die Wahrheit geſprochen,“ ſagte ſie vann mit hohler, klangloſer Stimme. Robert ließ ihre Hand fahren und trat zurück, Abel lachte triumphirend, erſtarrt und ſtumm ſtan⸗ den alle Uebrigen. Mit einem raſchen prüfenden Blick überſchaute Rebekka die Geſellſchaft, dann ſtand ſie auf, ſtolz und groß erhob ſie ihre Ge⸗ ſtalt, und den Arm ausſtreckend nach der Thüre hin, ſagte ſie gebietend, wie eine Königin;„hinaus mit Dir, Elender, Verruchter! Dein Anblick töd⸗ tet mich!“ Murrend, aber wie bezaubert von ihrem ge⸗ bieteriſchen Weſen, wandte ſich Abel ab, und ver⸗ ließ den Salon. Rebekka ſchaute ihm nach, bis er verſchwun⸗ den war, dann blickte ſie im Kreiſe umher, und ein bitteres Lächeln umzog ihre Züge, als ſie gewahrte, wie jeder es vermied ihren Blicken zu begegnen. „Ja,“ ſagte ſie dann ruhig und gefaßt,„ich bin eine Jüdin, ich gehöre zu jenem unglücklichen Volke, das verflucht und verdammt aufErden zerſtreut iſt. Zetzt, da das Wort geſprochen iſt, freut es mich faſt, daß es alſo iſt, daß die Lüge und der Betrug von mir genommen ſind. Ja, ich bin eine Jüdin und Rebekka iſt mein Name. Wundert ihr Euch,“ fuhr ſie fort, und trat ſtolz aufgerichtet vor,„wun⸗ dert Ihr Euch, daß ich es wagte meine Religion zu verleugnen, meinen Namen zu verbergen? H nein, Ihr könnt es nicht? Bin ich nicht jung, habe ich nicht ein Recht auf die Freuden dieſ Erde? Ich brauchte ja nur die Hand auszuſtrecken, um ſie zu erfaſſen, und ich that es. Ja, ich that es,“ fuhr ſie heftiger fort.„Ich warf alle Leiden und alle Schmach meines Volkes von mir, ich ver⸗ barg in meinem Herzen das Elend und den Jam⸗ mer meiner Geburt und meines Namens, ich ſagte mich los von meinen Gedanken ſelbſt an die Ver⸗ gangenheit, und dankte Gott auf meinen Knien, daß er mein Geſicht nicht gezeichnet, mich nicht kenntlich gemacht. O,“ ſagte ſie weich und die Thränen traten in ihre Augen, ſie drängte ſie aber mit Gewalt zurück,„wie oft beneidete ich die arme Bettlerin, die im zerlumpten Gewande ohne Obdach und Brod umherirrt, die aber eine Chri⸗ ſtin geboren ward, auf deren Haupte nicht der Fluch meines Volkes liegt. Unter ihren Lumpen, im Schmuz und Elend ihres Daſeins darf ſie ohne Zagen ihr Haupt erheben, Niemand wird ihre Armuth ſchmähen, ihre Lumpen verſpotten, während man den zitternden Greis mit dem ſilber⸗ weißen Haar, der mit Thränen in den Augen nur um ein Stückchen Brod bittet, ſeinen Hunger zu friſten, mit rauhem Scheltwort von ſeiner Schwelle weiſt, wenn man in ſeinem vom Unglück und Mangel abgezehrten Geſichte die Züge Israels erkennt. Die Buben auf der Gaſſe werden ihn verfolgen und ſchmähen, ſie werden ſein ehrwür⸗ diges Haupt nicht ſchonen, und Niemand iſt, der ihm Schutz gewährt gegen Schmähung und Ver⸗ folgung. O es iſt entſetzlich,“ fuhr Rebekka immer leidenſchaftlicher fort,„ein ganzes Volk zertreten zu ſehen, das älteſte Volk der Erde die Sklaven ihrer Mitmenſchen! Und warum das Alles? Sind wir nicht Gottes Geſchöpfe, wie Ihr, ſind wir nicht Menſchen? Ward uns nicht ein Recht ge⸗ geben auf den Genuß, auf die Freude, auf das Glück? Sollen wir nicht verlangend danach die Hand ausſtrecken und es erfaſſen dürfen, hat uns Gott nicht Sinne gegeben, wie Euch, und eine Seele wie Euch? Und doch ſchmäht Ihr uns, die wir doch Menſchen ſind, doch vertreibt Ihr uns von Glück und Wohlbehagen, doch nehmt Ihr für Euch alle Luſt und alle Freude. An⸗ ſehen und Rang, es iſt Euer, Euer die Würden und Ehren, Euer die Wiſſenſchaft, die Politik, das Gewerbe, jeglicher Stand im Staate, zu den höchſten Ehrenſtellen könnt Ihr gelangen, zu Allem iſt der Weg Euch geöffnet. Der Jude aber hat nichts, ihm iſt die Pforte zu allem Streben ge⸗ ſchloſſen. Mag ſein Herz noch ſo edel, ſein Geiſt noch ſo gebildet ſein, für ihn iſt es umſonſt! In dem vollen bewegten Leben irrt er wie in einer todten Wüſte umher, kein Banm, kein Strauch iſt für ihn zum Schutze da, und mitten in der Fülle des Daſeins und Genuſſes verſchmachtet er in Elend und Jammer. Aber ſeine Lippe klagt nicht, kein Seufzer verräth ſeine Pein, was hilft ihm auch Seufzen und Klagen, wer würde Mitleid mi — 6 ihm haben! Ihr aber wundert Euch, wenn er, von allen Freuden vertrieben, aufſucht, was Ihr ihm nicht verweigern könnt, das Einzigſte, was ihm geblieben iſt, das Einzigſte, worauf er ſeine Thätigkeit verwenden darf, das Streben nach Be⸗ ſitz, nach Erwerb. Und doch iſt Reichthum das Einzigſte, was ihm Eure Beachtung erwirbt, das Einzigſte, was ihn gegen Eure Verfolgung ſichert. O Ihr Chriſten, Ihr ſeid es, die die Kinder Israels zu den Juden gemacht haben, welche Ihr verachtet und verſpottet!“ Hier ſchwieg Rebekka einen Moment, und ath⸗ mete ſchwer. Stumm und wie gebannt ſtanden die Gäſte umher, neugierig das Ende dieſer ſelt⸗ ſamen Scene erwartend. Die Baronin Bellmann aber hatte den Sa⸗ lon verlaſſen. Jetzt überzog eine glühende Röthe Rebekka's Wangen, ſie blickte, wie ſuchend umher, und als ſie Robert gewahrte, trat ſie ernſt und feſt auf ihn zu. „Eine Rechtfertigung meines Betragens und meiner Täuſchung bin ich nur Ihnen ſchuldig,“ ſagte ſie.„Nimmer wäre ich vielleicht auf den Gedanken gekommen, meine Geburt zu verleugnen, wäre ich nicht“— hier ſtockte ſie, und leiſe, faſt unhörbar fuhr ſie fort,„wäre ich nicht in Lobzow geweſen. Seit jenem Tage hätte ich mein Herz⸗ blut darum gegeben eine Chriſtin zu ſein.“ „ Ihre Stärke und Faſſung drohte ſie zu ver⸗ laſſen, die Thränen traten ihr in die Augen und rannen langſam über ihre wieder erbleichten Wan⸗ gen, und ſchwere Seufzer hoben ihre Bruſt. Noch einmal aber nahm ſie alle ihre Kraft zuſammen, und ſtolz wie eine Königin fuhr ſie fort:„und jetzt, meine Herren und Damen, ſtehe ich, vor kurzer Zeit noch die gefeierte, bewunderte Maria von Bellmann, als die verachtete Jüdin Rebekka vor Ihnen, ohne Rang und Titel. Zch weiß, meine Damen, Sie werden jedes freundliche Wort bereuen, das Sie dem Fräulein Bellmann, in der Sie trotz Ihres Vorurtheils keine Jüdin erkannten, geſagt haben. Vergeſſen Sie dieſe, wie ich es längſt gethan, ich weiß, die Herren werden beſchämt ſein über die der Jüdin zugewandten Schmeicheleien und Ehrfurchtsbezeigungen. Be⸗ ruhigen Sie ſich, das Alles war mir werthlos, und nicht um Ihretwillen geſchah es, daß ich Sie täuſchte. Eins nur hat hier Werth für mich, der Himmel weiß, ob ich auch dies verlören habe. Sie aber ſind es nicht!“ Stolz und kalt verließ Rebekka den Salon, einen Augenblick ſah man verwundert und verlegen einander an, dann kam plötzlich Leben in alle Um⸗ ſtehenden, man lächelte und flüſterte. „Eine göttliche Scene,“ ziſchelte Herr von B. zu ſeiner Nachbarin gewandt,„das ſeltenſte Ren⸗ contre, das ich je erlebt. Wie ſtolz die kleine — 55 Züdin immer war, wie vornehm ſie Alle in ihren Schranken hielt, und Niemanden auch die kleinſte Freiheit geſtattete. Vraiment, als gehöre ſie ganz zu uns. Finden Sie nicht auch, meine Gnädigſte?“ meines Theils,“ antwortete die Gefragte, habe nie Gefallen an ihr gefunden, ſie hatte im⸗ mer ſö eigene Manieren, mir hat es immer ge⸗ ſchienen, als gehöre ſie nicht zu uns.“ „Ja,“ lachte der Andere,„hinterher werden ſie Alle ſo ſprechen.“ „Sind Sie zufrieden?“ fragte Robert von Eppenberg leiſe die junge Gräfin Panditzka,„habe ich mein Wort gelöſet?“ Die Gräfin reichte ihm lächelnd die Hand. „Vollkommen,“ antwortete ſie freundlich.„Wahr⸗ lich, hätte ich gewußt, daß dies Mädchen eine Züdin ſei, ich hätte mein Mitleiden mir erſparen können. Woher aber wußten Sie—“ „Davon ein andermal,“ unterbrach ſie Robert. „Jetzt von etwas Wichtigerem,“ ſagte er zärtlich, „gedenken Sie Ihres Wortes 2 Die Gräfin erröthete.„Sie mögen meine Mutter und mich nach Hauſe begleiten,“ ſagte ſie leiſe, und nahm Robert's dargebotenen Arm. Die Baronin, ein Unwohlſein vorſchützend, hatte, die Geſellſchaft verlaſſend, ſich in ihre Zim⸗ mer zurückgezogen, um ſich ſo den bedrückenden und peinlichen Abſchiedsreden zu entziehen, und — 93 alle Entſchuldigungen zu verm Wagen rollte mit den Gäſte der Salon leer von allen Beſu nenden Wachskerzen der prachtv erhellten faſt grauſig die öden Rä VIII. Der Spion. Rebekka war auf ihr Zimmer geeilt, das ſie ſorgfältig hinter ſich verſchloß. Dann ging ſie, in jener heftigen Erregung, die ſelbſt den Kummer vergeſſen läßt, haſtig im Zimmer auf und ab. Noch einmal durchlebte ſie im Geiſte die ſtür⸗ miſchen Begebenheiten, und ihr war faſt freudig zu Muthe, daß ſie die Kraft gehabt, frei und ohne Zagen zu ſprechen. Sie richtete ſich ſtolz auf, und ein Lächeln, aber es war ein kaltes, freudloſes Lächeln, flog über ihr Geſicht.„Wohl,“ murmelte ſie, und mitten im Zimmer ſtille ſtehend, ſtarrte ſie zur Erde,„ſo habe ich, die Jüdin, mindeſtens Einen Augenblick über dieſe ſtolzen Chriſten triumphirt, und ſie beſchämt.“ „Und Er?“ fragte ſie ſich ſelbſt, und zuckte zuſammen,„und Er?“ wiederholte ſie, und ſchlug das Auge auf, und ihr troſtloſer Blick irrte im —— öden Gemache umher. Dann ſeufzte ſie, der Stolz und die Kraft verſchwand allgemach aus ihren Zügen und ihrer Geſtalt, ſie ſank nieder auf einen Stuhl und weinte laut. Heftiger und immer heftiger ward ihr Schluch⸗ zen, mit den Händen hatte ſie ihr Geſicht verhüllt und die Thränen quollen durch die Spalten der Finger hervor, und rannen über die Hände und Arme hinab. Rebekka erſchrak und ſchauderte, denn ihr lautes Schluchzen klang ihr ſelber un⸗ heimlich in der todesähnlichen Stille, die ſie um⸗ gab. Wieder ſprang ſie empor, und ſagte feſt: „ich will nicht weinen!“ In dieſem Momente traf ihr Blick ihr eignes Bild im Spiegel, dem ſie gegenüberſtand, und ſie erbebte vor ſich ſelber. Das weiße Atlasgewand, die ſchimmernden Brillan⸗ ten, Alles gemahnte ſie in ihrer Trauer an die verflofſenen Stunden. Mit einer fieberiſchen Haſt riß ſie die Blumen aus ihrem Haar, und die Zähne feſt aneinander preſſend, unverſtändliche Worte vor ſich hinmurmelnd, zerriß ſie ſie und ließ die einzelnen Stücke zu ihren Füßen nieder⸗ fallen. Schmerzvoll war es anzuſehen, dieſe ſchöne Geſtalt im vollen Glanz der Jugend, eingehüllt in s glänzende Gewand der Freude, aber weder Jugend noch Freude in den bleichen Zügen, kein iceln um die fieberiſch zuckenden Lippen, und zu ihren Füßen der zerriſſene Kranz, die eiſi ten Blumen.. — 36 Rebekka aber dachte nicht daran, ſie war noch nicht bis zu der Wehmuth über ſich ſelber gekom⸗ men, die Thränen und Seufzer giebt, ſie grollte noch mit dem Geſchick und ihrer Pein. Aber die Luft im Zimmer dünkte ihr ſo ſchwül, ſo bedrückend, ſie athmete ſo bang und ſchwer. „Luft, Luft!“ murmelte ſie, durchſchritt raſch das Gemach, und ſtieß heftig die in den Garten führenden Glasthüren auf. Dann zuckte ſie zu⸗ ſammen, es arbeitete und kämpfte in ihren Zügen, die allgemach einen faſt heitern Ausdruck annah⸗ men, und ſie athmete leicht und frei. Sie war nicht mehr allein, nicht mehr verlaſſen,— von Allem abgewandt, Alles vergeſſend, blickte ſie hinaus in die Natur, und ſprach ſie zu Gott. Der Garten mit ſeinen Blumen und Bäumen lag in friedlicher Stille vor ihr, der leiſe ſäuſelnde Wind legte ſich weich wie Sammet an ihre Wan⸗ gen und trieb ihr den Duft der Blumen zu, und ein Rauſchen und Wispeln ging durch die Bäume, gleichſam als wollten ſie das Mädchen begrüßen, die ſo oft unter ihnen geruht. „Flüſtert, flüſtert nur,“ ſagte Rebekka mit zitternder Stimme,„flüſtert nur ein Lied von Ruhe und Troſt.— Wie Alles ſo ſtille da d ten iſt,“ fuhr ſie dann fort,„ein Geiſt de weht durch die Natur, und ich,“— ſagt dann faſt ſchreiend,—„wo finde ich denn 2 und Troſt?“ 6 — 97— Verzweiflungsvoll hob ſie Arme und Augen aufwärts, dann ſchwieg ſie, aber ihre Hände fal⸗ teten ſich leiſe, wie von ſelbſt, zum Gebete, ihr Kopf ſank rückwärts, und ihre Augen irrten trun⸗ ken in den unermeßlichen Welten umher; der mit Sternen überſäete Himmel ſchien ſich zu ihr nie⸗ derzuſenken, und Haupt und Antlitz himmelwärts gerichtet, ſank Rebekka leiſe nieder auf ihre Knie. Anfangs bewegten ſich ihre Lippen nur in unver⸗ ſtändlichem Flüſtern, und nur in ihrer Seele wa⸗ ren die Worte des Flehens, die ſie zum emporſchickte. Aber die Gewalt ihrer Bewegung ward immer heftiger und ſtärker, und trieb die Worte auch außen zum verſtändlichen Gebete auf ihre Lippen, und mit lauter voller Stimme flehte ſie:„Gott da droben, Himmel und Erde ſind Dein, Dein die Menſchen und alle Geſchöpfe. Lehre mich, o Gott, der Du da droben weilſt, der Du neben mir biſt, lehre mich, was ich glauben und thun ſoll, um zu Dir zu gelangen. Biſt Du ein Gott der Liebe, o dann vernimmſt Du das Flehen auch der Jüdin und wendeſt Dein Antlitz nicht von mir, um der Schmach meiner Geburt willen. So blic denn herab, mein Gott, in mein zertretenes, troſt⸗ boſes Herz, träufle Balſam in die Wunden mei⸗ ner Seele. e glaube an Dich, ſo erbarme Dich mein!“ n Wie ſie ſo ſprach, wurden 3 allg g Rebekka. I. ruhiger und ſtiller, ihr Athem ging leiſer und ihr Auge ſchaute wie verklärt aufwärts. Dann neigte ſie das Haupt auf ihre Bruſt, die gefaltenen Hände ſanken nieder in ihren Schooß,— der Balſam für ihre Schmerzen, den ſie vom Himmel für ſich erfleht, mußte ihr geworden ſein, denn ruhig und ſtill kniete ſie noch immer. Allmählig aber ſank ihr Kopf auf den nahen Seſſel, ihr Athem ging länger und hörbarer,— ſie ſchlief. Still war es im Zimmer, und wunderbar war es anzuſchauen, dies kniende, ſchlafende Mädchen in dem weißen Atlasgewande. Wunderbar, wie Geiſtergeflüſter, durchzog das leiſe Rauſchen der Bäume im nahen Garten die Stille. Gleich den Jüngern am Oelberge war ſie„eingeſchlafen vor Traurigkeit,“ dieſe Tochter Israels, und gleich jenen wird auch zu ihr eine Stimme dringen, die ſie aufruft zum„Wachen,“ und vielleicht wird auch ihr Erwachen nichts ſein als der Gang zur Kreuzigung ihrer Liebe und ihres Glücks. Vielleicht nennt auch ſie in ihrem gläubigen Herzen Den, der ſie erweckt aus ihrem Schlummer, ihren Meſ⸗ ſias, von dem ſie das Heil erwartet.— Eine Zeit war ſo vergangen, als ſich plötlic vom Garten her der leiſe Ruf:„Maria!“ ver⸗ nehmen ließ. Rebekka aber erwachte nicht, zu bewältigend waren die Gefühle, die ihr Gemüth beſtürmt * —— und ihre Nerven erſchüttert hatten. Sie ſchlief * ruhig und feſt. 6 Plötzlich erſchien außen auf dem Balcon eine männliche Geſtalt und Robert's Antlitz ſchaute prü⸗ ſend im Zimmer umher. Als er Rebekka, die nahe an der Thür lag, gewahrte, trat er näher, und ſich über ſie beugend, ſagte er lauter:„Maria!“ Sie fuhr empor, ſie ſchlug die Augen auf, und mit einem lauten Freudenruf ſank ſie an ſeine Bruſt. „Ich mußte Dich ſehen, ich mußte Dich heute noch verſichern, daß ich Dich ewig lieben werde, Maria.“ „Nenne mich nicht ſo,“ ſagte ſie heftig, und fuhr aus ſeinen Armen empor,„der Name iſt eine Lüge,— es ſoll aber nun Alles Wahrheit, Wahrheit ſein.“ „Rebelka, theuerſte Rebekka!“ „O Gott im Himmel,“ jauchzte ſie,„dieſer Name von ſeinem Munde!“ Und plötzlich ſank ſie vor ihm nieder, umfaßte ſie ſeine Knie, und mit vor innerer Bewegung zitternder Stimme ſagte ſie:„Robert, mein Geliebter, da nimm mich hin! Wie ſoll ich Dir danken, Dir, der Du die Seele meiner Seele biſt! Gott hat mein Gebet erhört, er hat mich nicht verlaſſen, er hat mir Troſt und Hülfe in Dir geſchickt.“ „Rebekka, Geliebte,“ bat Robert,„ ſtehe auf, komm in meine Arme.“ 00 „In Deine Arme!“ jubelte ſie, und flog em⸗ por, und umklammerte ihn, drückte ihn feſt, feſt an ihr Herz.„Und mitten in der Nacht biſt Du zu mir gekommen, in der öden, dunklen Nacht, um mir Troſt und Freude zu bringen. O Ro⸗ bert, wenn Dir nicht ſchon mein ganzes Herz ge⸗ hörte, wie müßte es Dein ſein von heute an.“ „Ich konnte nicht anders, ich mußte zu Dir,“ ſagte Robert mit jener einſchmeichelnden Stimme, die ihm ſo eigen war, und die ſtets alle Fibern von Rebekka's Herzen erzittern machte,„ich mußte Dir ſagen, daß ich Rebekka nicht weniger liebe, als Maria.“ „Mein Geliebter,“ rief ſie,„o mein Gelieb⸗ ter! Nun erſt gehöre ich Dir! Nichts Fremdes mehr iſt zwiſchen uns.“ „Und Du liebſt mich, Rebekka?“ „Mehr als mein Leben, als meine Seligkeit. Denn Du biſt meine Seligkeit. Laß die Men⸗ ſchen,“ fuhr ſie immer heftiger und leidenſchaft⸗ licher fort,„laß ſie ſprechen von Kirche und Reli⸗ gion, unſre Religion ſei die Liebe, unſer Herz die Kirche, in der wir beten gehen. Ich ſage Dir, Robert, und glaubteſt Du an keinen Gott und keine Ewigkeit, ich würde Dich dennoch lieben.“ „Die Liebe fragt nach keinem Gott,“ ſagte Robert, leichtfertig lächelnd, und zog das ſchöne Mädchen an ſeine Bruſt. „Die Liebe iſt Gott,“ rief Rebekka, und ſich — 101— ſanft ſeinen Armen entwindend, ſtand ſie, mit ver⸗ klärtem Angeſicht, mit ſtrahlenden Augen vor ihm, ihre Wange erglühte von dem Feuer ihres Her⸗ zens, und ihr Buſen hob und ſenkte ſich in ſtür⸗ miſcher Bewegung. „O, mein Geliebter,“ ſagte ſie, und ihre Stimme klang ſüß und weich wie Muſik,„ wir werden glückſelige Tage zuſammen leben. Was wollen wir hier, hier an dieſem traurigen öden Orte, wo die kalte Glaubensformel den Menſchen mehr gilt, als das warme Herz.“ 8 „Laß uns weg von hier, Robert,“ fuhr ſie heftiger fort,„weit weg. Wo uns Niemand kennt, Niemand von uns weiß. Dort wollen wir uns und unſrer Liebe leben, und ſelig, ſelig alle Schmerzen vergeſſen. Willſt Du? HO komm, komm, laß Alles hier zurück und komm!“ Alles vergeſſend, in ſeliger Verzückung, faßte ſie ſeine Hand, und zog ihn zur Thür.„Unmög⸗ lich,“ ſagte Robert lächelnd,„unmöglich! Bedenke, wo ſollten wir hin! Auch kann ich nicht fort!“ Bei dem erſten Worte zuckte ſie zuſammen, ward ſie bleich und ſchaute mit athemloſer Angſt auf Robert hin. 5 „Unmöglich!“ hauchte ſie leiſe, ließ ſeine Hand fahren und ſtand unbeweglich da. Robert umfaßte ſie, und zog ſie nieder auf den Divan.„Aber wir können uns dennoch blei⸗ ben, was wir uns ſind, ſchmeichelte er, und ſpielte — 102— mit der Hand in ihrem Haar, ich bleibe dennoch Dein! Und Du bleibſt dennoch mein!“ Sie ſah ihn durchdringend an, und entzog ſich ſeinen Liebkoſungen. „Ich will Dein ſein,“ ſagte ſie ernſt,„Dein, wenn Du mir die Wahrheit ſagen willſt.“ „Sprich, ſprich,“ ſagte er glühend. „Haſt Du niemals die Gräfin Panditzka ge⸗ liebt?“ „Niemals,“ ſagte er. „Aber warum ſpielteſt Du gegen ſie die Rolle eines Liebenden?“ fragte ſie, der mit der Erin⸗ nerung der Qualen, die ſie um die Gräfin er⸗ duldet, alle Beſonnenheit und Ruhe wiedergekom⸗ men war. „Aus guten Gründen,“ erwiderte er unge⸗ duldig.„Ich mußte mich in ihr Herz ſchleichen, um mich ihres Vertrauens zu bemächtigen.“ „Wozu, wozu?“ fragte ſie erbebend, und eine gräßliche Ahnung durchzuckte ihre Seele, und machte ihre Wange erbleichen. „O wie Du fragſt!“ ſeufzte er,„wie kannſt Du noch fragen und ſprechen in dieſer Stunde?“ „Wozu, wozu bedurfteſt Du ihres Vertrauens?“ fragte ſie wieder. „Um von ihr zu etpreſſta wo ſie ihren Bru⸗ der und ihre Papiere verborgen hält,“ antwortete er gleichgültig, und Rebekka an ſc b ziehen. Sie aber ſtieß ihn zurück, ſie flog vom Divan empor, und ſtand hoch aufgerichtet vor ihm. Ihr Auge ſchoß wilde Blitze auf ihn, und ſo heftig war das Zucken ihrer Lippen, daß ſie es anfangs am Sprechen hinderte. Dann ſtammelte ſie müh⸗ ſam:„und Du wollteſt alsdann ihr Vertrauen verrathen, haſt ſie betrogen, indem Du ihr von Liebe logſt?“ „Guter Gott, ja, es iſt eine Prämie von fünftauſend Thalern als Belohnung ausgeſetzt für Den, der die Urheber der Verſchwörung entdeckt—“ Rebekka, kalt und bleich wie der Tod, trat zurück. „Und Du ſcheuſt Dich nicht, mir das unver⸗ hohlen zu geſtehen?“ fragte ſie klanglos. „Und warum nicht, Rebekka. Du, als eine Tochter Israels,“ ſagte er lachend,„ſollteſt doch am beſten den Werth des Geldes kennen. Ich weiß ja jetzt Dein Geheimniß, warum ſollte ich Dir das meine verbergen? Das ſoll uns aber nicht hindern, uns zu lieben und zu küſſen, meine holde ſchöne Jüdin, meine ſüße Rebekka.“ Sie ſtarrte ihn mit faſt wahnſinnigen Blicken an; als er ihr aber näher kam, als er ſie um⸗ ſchlingen wollte, ſtieß ſie ihn mit ſolcher Gewalt von ſich, daß er zurücktaumelte auf den Divan. „Wage es nicht, mich zu berühren,“ rief ſie,— „ich glaube Dir nichts mehr! Du biſt ein Ver⸗ räther, um Geld heuchelſt Du Liebe! Wer mir, daß Du nicht mir auch nur Liebe 5 „Beſinne Dich, Rebekka, was ſollte mich dazu vermögen? Du haſt weder Brüder, die im Ver⸗ dacht ſind, noch biſt Du ſelbſt in eine Verſchwö⸗ rung eingeweiht. Rebekka, komm an mein Herz! komm, ich will Dir Alles erzählen. Willſt Du mich anhören?“ Sie nickte ihm ſtumm zu, und hinderte es nicht, daß er ſie wieder zu ſich auf den Divan zog.„Urtheile, ob ich Dich liebe,“ ſagte er, „wenn ich Dir mein ganzes Vertrauen gebe. Auf höhern Befehl mußte ich der Gräfin Vertrauen erwerben, denn man wußte, daß ſie ihren Bruder verborgen, und die wichtigſten Documente der gro⸗ ßen Verſchwörung in ihrem Hauſe habe. Ein halbes Jahr bedurfte es, um ihr Mißtrauen zu beſiegen. Heute endlich hat ſie mir ihr Herz und ihre Hand zugeſagt, und mich, ihren Geliebten, zum Schutz aufgerufen für ihren Bruder, und zum Theilnehmer ihrer Verſchwörung. Auch den Ort, wo ihre Papiere liegen, weiß ich.“ „Und Du?“ fragte Rebelka klanglos. „Morgen früh um nenn Uhr wird bei ihr Hausſuchung ſein, man wird ihre Papiere nehmen, und ſie und ihren Bruder verhaften. Siehſt Du, Rebekka, nun weißt Du Alles. Komm, gieb mir nun einen Kuß als Lohn.“ Sie ſtieß ihn wild von ſich, und ſprang auf, er folgte ihr, bemüht ſie an ſein Herz zu ziehen. „Du biſt ein Spion,“ kreiſchte ſie laut und — 105— durchdringend,„fort, fort von mir, Verräther, Spion.“ Dann fielen ihre Arme, mit denen ſie ihn von ſich abzuwehren geſucht, kraftlos herab,— ohn⸗ mächtig ſank ſie zuſammen. Unſchlüſſig ſtand Robert vor ihr, jetzt ließ ſich das Auf⸗ und Zugehen von Thüren und nahende Schritte vernehmen.„Ich muß fort,“ murmelte er,„man könnte mich überraſchen. Wenn ſie er⸗ wacht, wird ſie ſchon milder an ihren Robert den⸗ ken, und mich zurückrufen.“ So ſprechend ſchlich er leiſe auf den Balcon hinaus, und ſich dort im Schatten der Thür ver⸗ bergend, lauſchte er den vernommenen Schritten. „Es war mir ganz deutlich,“ hörte er eine Stimme, und er erkannte darin den Diener der Baronin,„als hörte ich einen Schrei hier. Haſt Du's nicht gehört, Jean?“ „Bewahre,“ ſagte dieſer,„Du wirſt geträumt haben, Du ſiehſt, es iſt Niemand hier. Komm, laß uns zu Bette gehen!“ Die beiden entfernten ſich,— Robert blickte noch einmal zurück ins Zimmer, und als er Rebekka noch immer bleich und bewegungslos daliegen ſah, murmelte er: „Sie wird ſich ſchon erholen!“ Dann wandte er ſich ab, und bald war er im Dunkel des Gartens verſchwunden.— Der Morgen dämmerte herauf, und Rebekka, E nach langer Ohnmacht, richtete ſich empo — 106— Sie athmete tief, ſtrich ſich mit der Hand die Locken fort, die ihr über Stirn und Augen hinab⸗ geſunken waren, und ſtarrte ſcheu und fremd um ſich; dann ließ ſie ihren Blick hinabſtreifen an ihrer eignen Geſtalt, und ein höhniſches Lächeln glitt über ihre Züge beim Gewahren des pracht⸗ vollen Gewandes, der mit Brillanten beſetzten Braceletten, die ihre Arme ſchmückten. Sie riß ſie ab, und ſchleuderte ſie weit von ſich in die andre Ecke des Zimmers. Dann ſprang ſie auf, und mit fieberiſcher Haſt entkleidete ſie ſich des Atlasgewandes, und warf ein leichtes Morgenkleid über. Es war etwas linheimliches, Grauſiges in ihrem ſtillen, ruhigen Walten, in dem todesblei⸗ chen Geſicht und dem bangen Stöhnen, das von Zeit zu Zeit aus ihrer Bruſt hervorkam. „Ein Spion, ein Spion,“ murmelte ſie dann vor ſich hin, und erbebte wieder vor dem Laut ihrer eignen Stimme. Plötzlich ſchrak ſie zuſammen, ſie richtete das Haupt empor, und ſtarrte hinaus in das Leere. „Ja, ja,“ rief ſie dann laut,„dieſen Morgen um neun Uhr ſollte es geſchehen!“— Sie flog zur Wanduhr.„Erſt vier Uhr,“ flüſterte ſie,„Niemand wird mich bemerken. Ich muß hin, ich muß ſie retten!“ Gleich, als wolle ſie die Hülfe des Himmels dazu erflehen, hob ſie beide Arme empor, aber aus ihrem Auge ſproch weder Andacht und Ge⸗ bet, noch Kummer ud Schmerz, es leuchtete wie in finſterm Groll, und keine Thräne befeuchtete die Wimper, und kühlte und beſänftigte die ver⸗ zehrende Pein, die in ihr tobte und wühlte. õ„Ich muß ſie retten,“ wiederholte ſie noch einmal,„es iſt meine Pflicht.“ Sie eilte in ihr Schlafgemach, nahm haſtig dort einen Mantel, verhüllte ihr Haupt und Ge⸗ ſicht mit einem Tuche, und ſchlüpfte hinaus. „ IX. Die Rettung. Durch eine am äußerſten Ende des Gartens befindliche Pforte gelangte Rebekka auf die Straße. Scheu blickte ſie umher, und athmete erleichtert auf, als ſie gewahrte, daß Alles noch menſchen⸗ leer und öde. Eilenden Schrittes ging ſie die Straße abwärts und bald ſtand ſie vor dem Pa⸗ lais der Gräfin Panditzka. Die Thüren waren noch geſchloſſen, und erſt nach mehrfachem Klingeln erſchien der Portier. „Wo iſt die Gräfin?“ fragte Rebekka athemlos. Der Diener ſah ſie verwundert an.„Mein Gott, Fräulein von Bellmann, und um dieſe Stunde?“ „Wo iſt die Gräfin?“ fragte ſie heftiger, und ſtampfte ungeduldig und zitternd mit dem Fuße. „Die Frau Gräfin ſchlafen noch—“ „So führt mich zu ihr,“ ſagte Rebekka, und ſchlüpfte ins Haus. — 109— Der Diener ſah ſie kopfſchüttelnd an.„Das Fräulein ſcherzen.“ „Scherzen, o Gott, iſt hier Zeit zum Scher⸗ zen! Wecket die Kammerfrau, laßt der Gräfin ſagen, ich müſſe ſie ſprechen. Wenn ihr ihr Le⸗ ben lieb iſt, ſo ſoll ſie mich hören.“ „So treten Sie ſo lange ins Zimmer,“ ſagte der Diener,„ich werde thun, wie Sie befohlen.“ „3ch muß ſie retten,“ wiederholte Rebekka halblaut, als ſie jetzt erſchöpft auf einen Stuhl niederſank,„gebe der Himmel, daß es noch Zeit iſt!“ Endlich erſchien die Kammerfrau, und fragte, im Befehl der Gräfin,„ob Fräulein von Bell⸗ mann nicht durch dieſe ſie von ihrem Wunſche benachrichtigen könne.“ „Wenn ich durch Kammerzofen meine Nach⸗ richten mittheilen könnte, wäre ich wahrlich um dieſe Stunde nicht hier,“ ſagte Rebekka,„führt mich zu Eurer Herrin!“ Es lag etwas ſo Gebietendes in dem Ton ihrer Stimme, in ihrer Haltung, daß die Kam⸗ merfran keinen weitern Einwand wagte, und ihr voranſchritt durch mehrere Zimmer, bis in das Vorgemach des Schlafkabinets der Gräfin.. „Beliebt es Ew. Gnaden hier zu warten, ich werde die Gräfin benachrichtigen.“ 4 „Schnell, nur ſchnell!“ Bald darauf kehrte das Mädchen zurück, und — 110— berichtete, daß die Gräfin aufgeſtanden, und ihrer harre. Haſtig eilte Rebekka in das andere Gemach, wehrte die Dienerin zurück und verſchloß die Thür. Ihre Seele war ſo erfüllt von der Angelegen⸗ heit, die ſie hierher geführt, ſie war ſo ganz nur mit dieſem Einen Gegenſtand beſchäftiget, daß ſie darüber weder die verwunderten Blicke der Gräfin gewahrte, noch daran dachte, daß ihre Handlungs⸗ weiſe wirklich auffallend. Als ſie ſich überzeugt, daß die Thüren wohl verſchloſſen, wandte ſie ſich raſch zur Gräfin.„Es kann uns hier doch Niemand belauſchen?“ „Niemand! aber ich begreife nicht—“ „Hören Sie mich an,“ ſagte Rebekla athem⸗ los,— dann ſchwieg ſie, und ſchaute ſuchend im Zimmer umher.„Wo iſt die junge Gräfin?“ fragte ſie raſch. „Sie ſchläft im nächſten Zimmer.“ „So führen Sie mich zu ihr!“ antwortete Rebekka, und ſchon hatte ſie die Schwelle zum Schlafgemach der Comteſſe überſchritten. Mit unwilligem Kopfſchütteln folgte die Gräfin. Rebekka trat dicht an das Bett der Gräfin. Stehen Sie auf,“ ſagte ſie,„ich bringe Ihnen wichtige Botſchaft. Ich wollte ſie gerade Ihnen und nicht Ihrer Mutter ſagen, weil ich Ihnen dieſe Genugthuung für Monden lang gehegten Haß ſchuldig zu ſein glaubt.“ S Liebe geſtanden, iſt Ihrer nicht werth!“ hin.„Sie wiſſen nicht, was Sie da ſagen,“ ant⸗ Bruder in Gefahr ſind, und noch heute verhaftet wahrheit ſein könnte. Aber es iſt nicht ſo, Eppen⸗ er es vor der Chriſtin that?“ „Unterbrechen Sie mich nicht,“ fuhr ſie fort, „die Zeit drängt, wir müſſen eilen. Hören Sie mich alſo an. Gräfin Panditzka, Sie ſind ge⸗ täuſcht, verrathen. Der, dem Sie geſtern Ihre „Und was berechtigt Sie, ſo zu mir zu ſpre⸗ chen?“ fragte die Gräfin kalt. Rebekka ſah ſtolz und faſt verächtlich zu ihr wortete ſie gelaſſen.„Ich komme, um Sie zu retten. Vernehmen Sie denn, daß Sie und Ihr werden ſollen.“ Die beiden Frauen erbleichten, und Rebekko, ſich näher an das Ohr der jungen Gräfin neigend, fuhr fort:„Robert von Eppenberg iſt ein öſter⸗ reichiſcher Spion.“ „Unmöglich!“ ſchrie dieſe und flog empor, „unmöglich! Es iſt eine Unwahrheit.“ „Glauben Sie,“ antwortete Rebekka ruhig, während ſie mechaniſch der Gräfin Morgengewand ihr hinreichte und ihr behülflich war, das Bett zu verlaſſen,„glauben Sie mir, daß ich mein Herzblut darum geben würde, wenn es eine Un berg ſelbſt geſtand es mir. Was brauchte er,“ fuhr ſie mit einem bittern Lächeln fort,„was brauchte er vor der Jüdin ſich zu verbergen, wie „Er ſelbſt ſagte Ihnen, daß er ein Spion iſt?“ fragte Comteſſe Clementine und faßte heftig Re⸗ bekka's beide Hände. „Noch mehr, Fräulein. Ich weiß, daß Sie ihm geſtern Ihre Liebe geſtanden, ihm Ihre Hand verſprachen, ihn aufriefen zur Vertheidigung und Rettung Ihres Bruders und zur Theilnahme an der von Ihnen geleiteten Verſchwörung.“ Clementine zuckte zuſammen und ſenkte ſtumm das Haupt auf ihre Bruſt, während ihre Mutter halb ohnmächtig an der Wand lehnte. „Es iſt jetzt nicht Zeit zur Trauer und zum Schmerz,“ ſagte Rebekka, mit feſter, muthiger Stimme,„wir müſſen handeln. Schon iſt es ſechs Uhr, und um neun Uhr wird man kommen, um Sie und Ihren Bruder zü verhaften und Ihre Papiere zu nehmen. Denn auch, wo Sie dieſe verborgen halten, geſtanden Sie Ihrem Geliebten.“ Clementine flog empor, und auf ihre Mutter zuſtürzend, kreiſchte ſie:„Jeſus Maria, es iſt Alles wahr, was ſie da ſagt, ich, ich ſelbſt habe uns verrathen. O warum mußte ich ihm glauben!“ Laut ſchluchzend warf ſie ſich in der Mutter Arme, und dieſe umfing ſie in ſtummem Schmerz. „Weinen Sie nicht, jetzt nicht,“ ſagte Rebelka in melancholiſchem Tone,„es werden für uns Alle noch Stunden der Ruhe kommen, wo wir un⸗ 8 — 113— geſtört unſerer Pein nachhängen können. Zetzt müſſen wir handeln. Kommen Sie, laſſen Sie uns an den Ort gehen, wo Sie Ihre wichtigen Documente verborgen haben, dieſe müſſen ver⸗ brannt werden.“. „Sie haben Recht,“ ſagte die Gräfin, und ſuchte durch ſanfte Liebkoſungen ihre Tochter zu ʒ beruhigen,„helfen Sie uns, ſtehen Sie uns bei und vollenden Sie Ihr edles Werk.“ „Und mein Bruder, mein armer, theurer Bru⸗ der?“ fragte Clementine. „Wir müſſen ihn ſogleich an einen ſichern Ort führen!“ antwortete Rebekka. „Aber wo, wo?“ „Wenn wir nur für dieſen Tag einen ſichern Verſteck wüßten,“ ſagte die ältere Gräfin,„wäh⸗ rend der Nacht könnte er alsdann auf unſer⸗ Güter entfliehen.“ Rebekka hatte ſinnend vor ſich hin geſchaut, ⸗ jetzt ſchreckte ſie freudig zuſammen, und ſagte laut: „ich weiß einen ſolchen! Wo iſt Ihr Bruder? Ich werde ihn an einen ſichern Ort führen!! „Sie?“ fragte die Gräfin, und warf einen faſt mißtrauiſchen Blick auf Rebekka. 2 „Zweifeln Sie an mir?“ erwiderte Rebe vorwurfsvoll, und leiſe ſetzte ſie hinzu:„doch ja ich bin nur eine Jüdin!“ Clementine aber trat zu ihr und faßte ihre Hand.„Nein, Mutter, fürchte Nichts,“ ſagte ſie 8 3 Rebekka. I. feſt,„für dieſe bürge ich. Sie hat in Allem die Wahrheit geſagt, ſo wollen wir ihr vertrauen.“ Rebekka drückte mit dankbarem Blick ihre Hand. „Nun ans Werk,“ ermunterte ſie.„Kommen Sie zu Ihrem Bruder, um Abſchied von ihm zu nehmen. Ich ſelbſt werde ihn von hier fort füh⸗ ren, und während der Zeit verbrennen Sie Ihre Papiere.“ „Kommen Sie,“ ſagte die Gräfin,„folgen Sie mir.“ Ueber einen langen finſtern Corridor ge⸗ langten die drei Damen an eine Thür, die, nach⸗ dem Clementine ihren Namen genannt, ſogleich geöffnet ward, und ſie traten in das Zimmer, in dem der junge Graf ſeit mehreren Wochen ſchon verweilte. In kurzen Worten wurde er von Allem unter⸗ richtet und ihm der Plan zur Flucht mitgetheilt. „Und wo, mein Fräulein, wollen Sie mich bis heute Abend verbergen?“ fragte Graf Albert Panditzka. „In Kaſimiercz,“ ſagte Rebekka, und ſenkte er⸗ öthend das Auge nieder,„dort habe ich ein Haus, in dem ich früher mit meinem Vater lebte. Nie⸗ mand wohnt jetzt darin, als eine alte Dienerin, mir tren ergeben iſt!“ „In Kaſimiercz, der Judenſtadt!“ rief der Graf. „Ja, mein Herr,“ ſagte Rebekka, und das Haupt ſtolz aufrichtend, fuhr ſie fort,„ich bin eine Jüdin!“— und ſich dann zur Gräfin wen⸗ — — 115— dend fragte ſie:„Hat Ihr Palais eine Hinter⸗ pforte nach dem freien Felde?“ Die Gräfin bejahte es.„So gehen wir durch dieſe, und über die Promenade gelangen wir an mein Haus, das gleichfalls eine Hinterthür hat. Zetzt aber müſſen wir eilen.“ Weinend umklammerten Mutter und Tochter ihren Geliebten, es ſchien als könnten ſie nimmer von ihm laſſen, und immer wieder aufs neue zo⸗ gen ſie ihn an ſich. Auch Rebekka's Kraft drohte ſie zu verlaſſen, und der Schmerz wollte ſie bewäl⸗ tigen. Mit jener übernatürlichen Beſonnenheit und Stärke, die allen großen Seelen in der Stunde der Gefahr eigen iſt, faßte ſie ſich, drängte die Thränen zurück, und zu der verſchlungenen Gruppe der Trauernden tretend, ſagte ſie:„fort, fort jetzt, oder Alles iſt verloren!“ Der junge Graf macht ſich ſanft los aus den Armen ſeiner Geliebten.„Eine Frage nur noch, bat Graf Albert, und ſein bewundernder Blick ruhte auf Rebekka.„Wie kommt es, daß Si mein Fräulein, für uns ſich in Gefahr Sorgen ſetzen?“ „Iſt es nicht Pflicht, jedem M nen und ihm zu helfen, wenn es in unſe gegeben iſt?“ fragte Rebekka ſanft.„ Ihnen anders, als natürlich ſcheinen? Sie aber noch eine andere Erklärung fragen Sie Ihre Schweſter, ſie wird es verſtehen, warum ich ſo handeln mußte.“ „Jö, ich verſtehe Sie,“ ſagte Clementine, und faßte ihre Hand,„Sie haben an mir eine edel⸗ müthige Rache genommen, mehr, wie Sie es vielleicht glauben. O Maria, können Sie mir verzeihen? Um der Schmerzen willen verzeihen, die ich heute erdulde?“ „Verzeihen?“ fragte dieſe.„Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen! Was konnten Sie dafür, daß Sie ihn liebten, und daß ich Sie deshalb haſſen mußte?“ „O nicht das iſt es, was ich gegen Sie ver⸗ brach,“ rief Clementine haſtig, und umſchlang Re⸗ bekka.„Armes, edles Mädchen, ich habe ſchwer an Dir gefehlt!“ Einen Augenblick ruhte Rebekka an ihrem Her⸗ zen, dann machte ſie ſich ſanft los.„Was es uch ſei,“ ſagte ſie leiſe,„wir wollen jetzt nicht ſprechen. Es iſt Alles ausgelöſcht, wir Feindinnen, jetzt ſind wir Verbündete.“ „Ja, zur Rache Verbündete!“ flüſterte Cle⸗ tine. ich eine Jüdin bin?“ hmen Sie—“ ückliche, Sie wiſſen nicht Alles! Ver⸗ „Nicht jetzt, nicht jetzt,“ flehte Rebelta zit⸗ dem Tode ihres Vaters nicht wieder betreten. die Thür, und ohne etwas Anderes — ternd und erbleichend,„ich muß gefaßt und ruhig ſein!“ Der Graf hatte indeß mit ſeiner Mutter das Nöthigſte für ſeine Flucht geordnet, das Wichtigſte für die Zukunft beſprochen, und erklärte ſich jetzt bereit, Rebekka zu folgen. „Hüllen Sie ſich feſter in Ihren Mantel, daß Niemand Sie erkennt,“ warnte Rebekka,„und nun laſſen Sie uns eilen! Verbrennen Sie die Papiere,“ rief ſie durch die ſchon geöffnete Thür den weinenden Damen zurück, dann ſchloß ſich dieſe hinter ihr.— Nach einer Viertelſtunde ſchon ſtand Rebekka an der Hinterpforte ihres Hauſes, das ſie ſeit Sie ſeufzte, als ſie daran dachte, wie durch dieſe Pforte ſie einſt nach Lobzow zu ihrem Robert geeilt, aber wohl wiſſend, wie ſolche Gedanken nothwendig ihre erkünſtelte Faſſung vernichten müßten, drängte ſie ſie gewaltſam zurück⸗ mehrmaligem Klopfen vernahm man endlich innen nahende Schritte, und Abigail's St fragte nach dem Begehr. „Ich bin es, Rebekka! Mit einem lauten Freudenruf öff Rebekka, deren Anblick ſie ſo lange erſe gewahren, drückte ſie ihre Hände an ihre „ — 118— „Rebekka, meine theure Rebekka, biſt Du da, end⸗ lich da?“ „Still, Abigail,“ ſagte Rebekka, aber ihre Stimme zitterte in Wehmuth.„Biſt Du allein?“ „Ganz allein,“ antwortete Abigail, und nun erſt gewahrte ſie Rebekka's Begleiter. „So treten Sie ein,“ ſagte Rebekka, und ſchritt ihm voran, die Treppe hinauf in das einſt von ihr bewohnte Zimmer. Abigail, dem Befehle Re⸗ bekka's getreu, hatte Alles unverändert erhalten, wie dieſe es verlaſſen, und eine faſt bewältigende Rührung machte des Mädchens Herz erbeben, als ſie ſich nach ſo langer Zeit in den bekannten und gewohnten Räumen wiederfand. Ja, ſie konnte ſich ſogar eines Gefühls von Stolz nicht erwehren, als ſie, um ſich blickend, den prachtvollen und faſt verſchwenderiſchen Luxus gewahrte, mit dem das Zimmer ausgeſtattet war, und deſſen Werth ſie fri unbekannt mit der Welt, nicht verſtan⸗ ind ihre Geſtalt richtete ſich höher auf, tzt mit feſter Stimme ſagte:„ich heiße lkommen in meiner Wohnung!“ ſollte eher glauben,“ bemerkte Graf chelnd,„in der Wohnung eines morgen⸗ Sultans, denn einer deutſchen Dame wünſchte, ich könnte Ihnen hier wenig⸗ chutz und Hülfe gleich einer Fürſtin oder n gewähren,“ antwortete Rebekka, und ſich ſt Sultani und umklammerte Rebekka. 6 — 119— an Abigail wendend, fuhr ſie fort:„Abigail, darf ich Dir vertrauen? biſt Du mir noch treu?“ Wie beſchwörend hob die alte Dienerin zwei Finger ihrer rechten Hand gen Himmel:„beim Gott meiner Väter, ich bin es!“ „Ich weiß es wohl,“ murmelte Rebekka leiſe, „bis hieher dringt kein Verrath. So höre mich an, Abigail. Laſſe Niemand ein, thue es um meinetwillen, ſorge für dieſen Herrn, als ob er mein Bruder wäre. Sollte man mit Gewalt, ob⸗ wohl ich es nicht glaube, Einlaß begehren, ſo führe ihn in den verborgenen Schrank, wo Niemand ihn finden kann, und kein Laut, kein Zittern Deiner Stimme, kein Blick darf verrathen, daß Du etwas fürchteſt, oder Jemand verbirgſt.“ „Vertraue mir,“ ſagte Abigail, und ihre Au⸗ gen flammten,„ich werde alles thun, wie Du ſagſt, es gilt Chriſten zu betrügen und ihnen ihre Beute zu entreißen, da ſetze ich mein Leben dran.“ „Arme Abigail,“ ſeufzte Rebekka, und rei ihr die Hand dar,„glaube mir, jetzt in der V habe ich gelernt Deinen Haß zu begreifen, — ſelbſt ihn gerecht zu finden! Unden wohl!“ „Du willſt ſchon fort?“ jammerte Abie „da meine alten Augen kaum Dein himmli Antlitz erſchaut? O bleibe bei mir, rief ſie heftig,“ — 120— „Wollte Gott,“ ſagte Rebekka, und prückte ſie mit Thränen in den Angen an ihr Herz,„ich hätte Dich nie verlaſſen. Lebe wohl, lebe wohl, Abigail.“ Dieſe ſchluchzte laut, und Rebekka, ſich von ihr losmachend, wandte ſich zu dem Grafen, der erſtaunt der Scene zugeſchaut.„Sie wundern ſich über dieſe Liebe?“ fragte ſie.„Dies arme alte Weib hat meine Jugend geleitet, und liebt mich wie ihr Kind. Sollte ich nicht für ſie die Neigung und Dankbarkeit einer Tochter empfinden? Auch iſt,“ fuhr ſie fort,„in unſerm Volke der Un⸗ terſchied des Ranges, der bei Ihnen den Men⸗ ſchen vom Nebenmenſchen, den Bruder oft ſogar von ſeiner Schweſter trennt, nicht vorhanden. Der Himmel weiß, ob auch dies ein Mangel für uns iſt!— Leben Sie wohl,“ fuhr ſie fort, und wandte ſich um zu gehen. Der junge Graf faßte ihre Hand, und ihr bittend in die Augen ſehend, fagte er:„Sie wol⸗ len gehen, und nicht einmal meinen Dank em⸗ pfangen für Ihre Großmuth, für alle mir und Meinen erzeigten Wohlthaten? O erlauben mindeſtens meine Lippen auf dieſe Hand Ihnen zu ſagen, wie, ſo lang' ich lebe, d mich nicht verlaſſen ſoll, und wie ich nie hören werde Ihnen zu danken.“ Rebekka ſchüttelte leiſe das Haupt, und ſagte traurig:„danken Sie mir nicht! Aber beten Sie — 121—— zu Ihrem und meinem Gotte, daß er mir Kraft verleihe und mich nicht unterliegen laſſe“ „Sagen Sie mir mindeſtens Ihren Namen, daß ich ihn in meiner Seele bewahre!“ flehte Graf Albert. Rebekka erhob ſtolz das Haupt, und ſagte feſt: „ich heiße Rebekka, die Tochter Jakob's!“— Dann wandte ſie ſich und verließ das Gemach. * Des Verräthers Verrath. Bald ſtand Rebekka wieder an der Pforte, die in den Garten der Baronin führte, ſie ſchlüpfte hinein, durcheilte den Garten und gelangte unge⸗ ſehen in ihr Zimmer zurück. Sie athmete ſchwer auf, als ſei ſie jetzt erſt von einer drückenden Laſt 3 befreit, und den Mantel von ſich werfend, ſank ſie erſchöpft in den Divan. Dann blickte ſie nach der Uhr tzt iſt es neun Uhr,“ murmelte ſie leiſe, tzt wird er hingehen! Wohl mir, daß er zu kommt!“ un verſank ſie in ein tiefes Sinnen, die rung des geſtrigen Abends, das nächtliche ntreffen mit Robert, die Begebenheiten e Morgens, Alles ſtand in grellen Farben⸗ bildern vor ihrer Seele, und vor dem Anſchauen derſelben ſchwand ihre mühſam bewahrte Faſſung mehr und mehr, ein Zittern durchflog alle ihre — ſchen verſchuldet uns trifft! Ich hätte Muth Glieder, erſt jetzt empfand ſie, was ſie gelitten und noch leide, und das Haupt in den Kiſſen ver⸗ bergend, weinte ſie laut. So fand ſie die Baronin, als ſie bald darauf in Rebekka's Zimmer trat, und ihre liebevollen Tröſtungen und Ermahnungen machten Rebekka's Thränen nur heftiger fließen. „Weine nicht länger, Rebekka, theuerſtes Kind,“ ſagte die Baronin, und zog die Weinende an ihr Herz,„freue Dich vielmehr, daß nun endlich aller Betrug von Dir genommen. Ich trage die größere Schuld, weil ich, als die Aeltere, hätte wiſſen ſol⸗ len, daß eine ſolche Täuſchung auf die Dauer nicht könnte verborgen bleiben. Aber ich fehlte aus Liebe, und um Dir die Demüthigungen zu er⸗ ſparen, denen Du als Jüdin unter Chriſten im⸗ mer ausgeſetzt warſt. Weine nicht mehr, Rebekka, Dein Kummer zerſchneidet mir das Herz!“ Und Rebekka, großmüthig ſich ſelbſt verleugner um Andere zu ſchonen, trocknete ihre Thrä reichte der Tante wehmüthig lächelnd „Nicht darum iſt es,“ ſagte ſie,„daß ich Zetzt erſt fühle ich, wie viel leichter das ſich tragen läßt, wenn es das Geſchick o hängniß uns auferlegt, als wenn es von habt, dem Geſchick zu trotzen, alle Pein und le Qualen des Lebens zu erdulden für ihn, den ich liebte, jetzt aber, da ich nicht mehr an ihn glau⸗ — 124— ben kann, da ich ihn verachten muß, iſt meine Kraft und meine Liebe zerbrochen. Muß ich nicht weinen?“ Unter Seufzern und Thränen erzählte ſie ihrer Tante jetzt die jüngſt verfloſſenen Begebenheiten, und ihr Schmerz ward zu immer erneuerter Qual, während ſie nun noch einmal Alles zurückrufen mußte, und ſie erbebte vor der eignen Stimme, als ſie der Baronin von Robert und ſeinem Ver⸗ rath ſprach. Stumm umfing die Baronin Rebekka, als ſie gen Himmel richtete, ſchien zu fragen:„war⸗ um auch dies arme unſchuldige Herz von der Qual und dem Schmerz des Lebens ſolle zerriſſen werden.“ „Iſt es denn wahr,“ ſeufzte ſie leiſe,„daß Unglück und Elend die Juden verfolgt, daß auch der Unſchuldige leiden muß mit dem Schul⸗ digen?“ „Nein,“ ſagte Rebekka, welche die ſo leiſe ge⸗ chenen Worte vernommen,„nein, es iſt nicht wahr! die Menſchen, nicht Gott, haben das Un⸗ glück auf die Erde gebracht. Wie ſollten wir den Muth faſſen, zu leben, wenn Gott uns verdammt ſie:„v, ſage mir, wäre es möglich, daß ein ewiger, dieſe geendet, und der vorwurfsvolle Blick, den te? Iſt Gott nicht die Liebe?“ fragte ſie, ſah in athemloſer Angſt zu ihrer Tante hin, und ihre Hände erfaſſend und an ihre Bruſt drückend, flehte eee 5 eee 5 V allgütiger Gott uns ſo zertreten könnte, wie die Menſchen es gethan?“ „Die Wege des Herrn ſind unerforſchlich,“ antwortete die Baronin ernſt.„Glaube aber nur an die Liebe Gottes, Rebekka, Du armes Kind Israels, dann biſt Du in Wahrheit eine Chriſtin, eine Chriſtin, wie Gottes Sohn es fordert.“ Rebekka war wieder in ſich ſelbſt verſunken, und blickte ſtarr zur Erde. „Kann es ſein,“ murnelte ſie endlich, wie zu ſich ſelber,„kann eine Ahnung, die in dem Tief⸗ ſten unſeres Herzens entſtanden iſt, uns täuſchen, die Begeiſterung und Verklärung unſeres Innern uns belügen? Ich glaubte an ihn, als an den mir von Gott Geſandten, und habe ihm alle meine Gedanken geweiht, und Alles das umſonſt? Umſonſt?“ „Nein, nicht umſonſt,“ erwiderte die Baronin, „kein Gedanke des Menſchen iſt umſonſt gedacht, keine Empfindung umſonſt empfunden, und keine Thräne umſonſt geweint. Das aber iſt die Schwäche unſeres Menſchſeins, daß unſern kurz⸗ ſichtigen Blicken das Ende und der Ausgang ver⸗ borgen iſt.— Sei getroſt, Rebekka, auch dieſe Schmerzen werden Dir zum Heil dienen, ſie wer⸗ den Dich ſtärken und kräftigen, und vielleicht in der Zukunft Dir ein Schild ſein, mit dem Du Deine Bruſt deckſt gegen neue Angriffe“ „Aber ein Medyſenſchild,“ ſeufzte Rebekka, 16 „bei deſſen Anblick mein Herz auf ewig zu Stein erſtarrt!“ In dieſem Augenblicke trat der Diener ein, und berichtete, daß Abel draußen warte und durch⸗ aus verlange, vorgelaſſen zu werden. „Ich werde ihn in meinem Zimmer empfangen,“ ſagte die Baronin aufſtehend. Rebekka bat ſie zu bleiben.„Ich fürchte ihn jetzt nicht mehr,“ ſagte ſie leiſe, und befahl dem Diener ihn einzulaſſen. Als Abel aber eingetreten war, als er ſie mit ſeinem grinſenden Lächeln begrüßte, ſchreckte Re⸗ bekka zuſammen, und ihre Tante umklammernd, rief ſie:„er hat ein entſetzliches Geſicht! das iſt das Antlitz eines Juden!“ „Du wirſt mir böſe ſein, Rebekka,“ ſagte Abel, „wegen des Auftritts geſtern Abend, aber guter Gott, ich konnte nicht anders!“ „Sprechen wir nicht mehr davon,“ antwortete Rebekka kalt,„was führt Dich zu mir?“ 1 „Die Noth, Rebekkchen, die Noth. Die Noth hat auch Schuld, daß ich geſtern Abend Dir den Spectakel machte.“ „Es hätte deſſen nicht bedurft, Abel. Du hätteſt, wenn ich allein war, zu mir kommen können, und ich würde Dir keine Hülfe verweigert haben.“ „Nun, aber man muß doch Alles mitnehmen. Der Herr Baron hat mir doch zwanzig Thaler dafür geboten!“ —— — 127— „Wer hat Dir das geboten?“ ſchrie Rebekka, und die Arme der Baronin, die ſie zurückzuhalten ſuchte, von ſich wehrend, ſprang ſie empor, und ſtürzte auf Abel zu.„Wer hat Dir Geld gebo⸗ ten?“ fragte ſie wieder, und packte krampfhaft Abel's beide Hände. „Nun, der Baron von Eppenberg!“ „Du lügſt,“ ſchrie Rebekka,„es iſt unmöglich, Du lügſt!“ „Beim Gott meiner Väter, ich habe die Wahrheit geſagt,“ rief Abel. „Wofür gab er Dir das Geld?“ fragte Re⸗ bekka klanglos. „Nun, daß ich geſtern Abend in den Saal kommen, und Dich bei Deinem Namen nennen ſollte!“* Ein einziger furchtbarer Schrei rang ſich aus Rebekka's Bruſt hervor, aber es war ein Schrei der entſetzlichſten Qual und Marter, vor dem das Herz der Baronin erbebte. Dann packte Rebekka, wie um ſich zu halten, mit beiden Händen den Tiſch, vor dem ſie ſtand; kein Wort entfuhr ihren Lippen, die ſich fieberiſch bewegten, ihre Wangen waren bleich, wie der Tod, und nur die ſchweren Athemzüge zeigten, daß noch Leben in dieſer ſtarr hinblickenden Geſtalt. Die Baronin konnte es nicht länger ertragen, ſie wollte ſich entfernen, und winkte Abel, ihr jn folgen. — 128— „Nein, nein,“ ſchrie Rebekka, und ſtürzte zu ihrer Tante hin,„er ſoll nicht gehen, ich will Alles wiſſen!“ „Wozu noch mehr der Qual, theuerſtes Kind,“ bat die Baronin,„laß ihn gehen!“ „Ich muß Alles wiſſen,“ erwiderte Rebekka feſt, und ſich zu Abel wendend, fragte ſie:„wußte der Baron ſchon früher, daß ich— daß ich keine Cyriſtin ſei?“ „Schon ſeit acht Tagen,“ antwortete Abel, „ich begegnete ihm auf der Straße, und ſah, daß er ein alter Bekannter von mir war, und er re⸗ dete mich an, und fragte mich, was Fräulein von Bellmann damals in Lobzow mit mir zu ſprechen gehabt. Nun, und da erzählte ich ihm die ganze Geſchichte.—“ „Weiter, weiter!“ ſtöhnte Rebekka. „Da bot er mir vorgeſtern zwanzig Thaler, wenn ich geſtern Abend in den Saal käme, und Dich als meine Verwandte anredete.“ Rebekka ächzte laut vor innerer Qual, aber ſie raffte ſich gewaltſam zuſammen, und fragte leiſe:„Du kannteſt ihn ſchon früher?“ „Vor mehreren Jahren in Wien hatte ich oft Geſchäfte mit ihm. Der Baron war immer in Noth, denn ſeine Frau brauchte viel Geld.“ „Seine Frau?“ rief Rebekka und ihre Stimme klang wie ein Todesſchrei, ihre ganze Geſtalt erbebte, und eine dunkle Röthe überzog Stirn und Wangen. — — — 129— „Ja, ja ſeine Frau, ſie iſt hübſch und munter. Als ich vor zehn Wochen in Wien war, bin ich ihr begegnet. Aber Rebekkchen, nun habe ich Dir Alles erzählt, jetzt gieb mir den Lohn, und laß mich fort, ich muß heute noch weiter.“ Rebekka hörte nichts, regungslos ſtand ſie da, beide Hände hatte ſie feſt vor den Mund gepreßt, als wolle ſie Schrei und Seufzer zurückdrängen, und ihr blitzendes Auge rollte wild umher, ohne an etwas Beſtimmtem zu haften. Dann brach ſie plötzlich in ein lautes, wildes Lachen aus, vor dem ſelbſt Abel erbebte. „Kommen Sie in einer Stunde zu mir,“ flü⸗ ſterte die Baronin ihm zu,„Sie ſollen von mir Geld bekommen, jetzt fort.“ Sie ſchob ihn zur Thür hinaus, verſchloß dieſe, und wandte ſich dann zu Rebekka.„Theuerſtes Kind, weine nicht,“ ſagte ſie, ſie ſanft umſchlingend,„tröſte Dich, komm an mein Herz.“ „Ich weine nicht,“ antwortete Rebekka mit rauher Stimme.„Tröſten ſoll ich mich?“ fragte ſie dann, und heftete ihr brennendes Auge auf die Tante.„O ich bin fröhlich!“— Wieder brach ſie in ein lautes Lachen aus, aber es war das Lachen der Verzweiflung und tönte furchtbar in der Stille und Ruhe des weiten Zimmers. „Nicht ſo, nicht ſo, Rebekka,“ flehte die Tante. „Tante,“ ſchre Rebekka jetzt und umklammerte 1 die Baronin,„ſchaffe ihn mir ⸗ hieher in dies ebetta I. ½ 130— Zimmer, hier vor meine Augen, daß ich ihn ſehen, daß er mich hören kann!“ „Und wozu das, mein Kind, es würde Deinen Schmerz erneuern!“ „Wozu das?“ ſagte Rebekka mit fliegendem Athem.„Daß ihn meine Hände erfaſſen können, daß ich Rache, Rache nehmen kann an dem Ver⸗ räther.— Drohend hob ſie die geballten Hände empor, und ihr Ange leuchtete, wie der Blick einer Tigerin, im Begriff, auf ihre Beute zu ſpringen. „Beſinne Dich, Rebekka,“ bat die Tante,„ſei mein gutes, ſanftes Mädchen, ſei wieder Du ſelbſt, und vergiß den Betrüger!“ „Vergeſſen, vergeſſen, was mit hölliſchem Feuer in meine Seele geätzt iſt?“ fragte Re⸗ bekka.„Ich will nicht vergeſſen, ich will mich rächen.“ „Aber es ſteht geſchrieben,“ antwortete die Baronin ſanft:„mein iſt die Rache, ich will ver⸗ gelten, ſpricht der Herr!“ Nein,“ ſagte Rebekka haſtig,„die Rache iſt des Menſchen!— Plötzlich wie von einem Blitz getroffen fuhr ſie zurück, ein gellender Schrei ent⸗ fuhr ihren Lippen, außer ſich, mit verhaltenem Athem und weit aufgeriſſenen Augen ſtarrte ſie hinaus in den Garten. Die Baronin folgte ihrem Blick und gewahrt am äußerſten Ende des Gartens eine männliche — 131— Geſtalt.„Großer Gott,“ flüſterte ſie leiſe,„Ep⸗ penberg kommt.“ „Er iſt es ſelbſt, er kommt!“ ziſchelte Rebekka zwiſchen den feſt aufeinander gepreßten Zähnen hervor. Dann richtete ſie ſich feſt auf, und ihrer“ Tante Hand ergreifend, ſagte ſie:„geh hinaus!“ „Nein, ich bleibe,“ antwortete dieſe ruhig. „Was ich mit dieſem da zu reden habe, dul⸗ det keinen Dritten,“ entgegnete Rebekka ernſt,„ich bitte Dich, geh!“ „Laß mich bleiben,“ bat die Tante. Schon konnte man deutlich Robert's Züge er⸗ kennen, und Rebekka ſagte zitternd:„er kommt näher, und näher! Tante, Tante, ich beſchwöre Dich, laß mich allein!“ Widerſtrebend folgte ihr die Baronin zur Thür, die Rebekta haſtig aufriß, einen Kuß auf der Ba⸗ ronin Hand drückend und ſie hinausſchob. Dann verriegelte ſie die Thür. „Ich bin allei mit ihm!“ flüſterte ſie faſt freudig, und flog zum Bureau, öffnete es mit zit⸗ ternden Händen, nahm einen Dolch heraus, und ſteckte ihn in ihren Buſen. „Jetzt mag er kommen,“ ſagte ſie leiſe, und ſetzte ſich ruhig auf den Divan. Wenige Minuten ſpäter ſtund Robert vor ihr. „Rebekka,“ rief er mit jenem zärtlichen Ton, der ſonſt alles Blut in ihre Wangen trieb und ihr Herz höher klopfen machte. — — 132— Sie blickte auf, und ſah ihn mit einem ſo durchdringenden Blicke an, daß er unwillkürlich davor erbebte. Dann ſtand ſie auf, an ihm vor⸗ übergehend ſchloß ſie die nach dem Garten füh⸗ rende Thür, und ſteckte den Schlüſſel zu ſich. „Wir ſind jetzt allein,“ ſagte ſie leiſe. „Ja allein, meine ſüße Geliebte,“ antwortete Robert, und ſuchte ſie zu umfangen. Anfangs wehrte ſie ihm, dann ſchien ſie ſich zu beſinnen, und duldete ſeine Umarmung. „Was ſchauderſt Du?“ fragte er, als ſie bei ſeiner Berührung erbebte. „Warſt Du bei der Gräfin Panditzka?“ fragte ſie. Robert's Stirn verfinſterte ſich.„Sie iſt ſchlauer, wie ich geglaubt, alle Nachforſchung war vergebens.“ „Alſo gerettet,“ dachte Rebekka und athmete erleichtert auf. Dann ward ihre Miene freund⸗ licher, und ſie lehnte ihr pt auf Robert's Schulter. 3 „Meine Rebekka, iſt aller Kummer verſchwun⸗ den, mein ſüßes Mädchen?“ „Verſchwunden, verſchwunden,“ ſagte ſie klang⸗ los; als er aber ſich zu ihr hinwandte, ihren Kopf von ſeiner Schulter hob, um ſeine Lippen auf ihren Mund zu drücken, ſtieß ſie ihn von ſich. natürlicher Kraft ihn erfaſſend warf ſie ihn rück⸗ S „Weg, hinweg von mir,“ ſchrie ſie, und mit über⸗ —,— —,— wärts auf den Divan, zog mit Blitzesſchnelle den Dolch hervor und ſetzte ihn auf Robert's Hals⸗ „Wage es nicht, Dich zu rühren,“ ziſchelte ſie ingrimmig, die kleinſte Bewegung, und ich ſtoße den Dolch durch Deinen lügneriſchen Hals. Wiſſe, Abel war bei mir, und hat Alles mir verrathen!“ Er fühlte die Spitze der ſcharfen Waffe an ſeinem Halſe, und als er den grimmigen Blick, mit dem ſie ihn anſtarrte, gewahrte, fühlte er, daß ihre Worte keine leere Drohung waren, und ſchwieg. „Lügner und Verräther,“ ſagte Rebekka,„Du biſt in meine Hand gegeben, Dein Blut iſt mein, Dein Leben ruht auf der Spitze meines Dolches. Schändlicher, der Du mit meinem Herzen ſpielteſt, der Du mit Deinen mörderiſchen Händen in meine Seele griffſt, undalle Fibern meines Lebens er⸗ zittern machteſt! Du ſahſt, daß ich Dich liebte, Du wußteſt, daß ich Dir glaubte, und Deine niedrige Seele hohnlachte meiner Liebe. Fluch über Dich, Betrüger.“ „Rebekka,“ ſtöhnte er,— aber bei der Be⸗ wegung des Sprechens fühlte er, wie der Dolch, den Rebekka unverrückt an ſeinen Hals gepreßt, ihn verwundete. „Schweig,“ befahl ſie,„wenn Dein Blut nicht vor der Zeit fließen ſoll. Warum handelteſt Du ſo an mir, Ungeheuer? Warum mußteſt Du mein Leben vergiften? Erzitterteſt Du nicht mindeſtens in Deiner feigen Seele vor der Nache die ich an Dir üben mußte? Glaubteſt Du, daß Dein Ver⸗ rath nicht entdeckt würde? Du kennſt mich, und Du hätteſt wiſſen ſollen, daß ich die mir an⸗ gethaene Schmach mit Deinem Blut abwaſchen müßte!“— Ihre Stimme war furchtbar, als ſie ſo ſprach, der Dolch drückte ſich feſter in Robert's Hals, daß einzelne Tropfen Blut hervorquollen.— Rebekka gewahrte es, die Natur des Weibes, ſo lange un⸗ terdrückt, erwachte plötzlich mit doppelter Gewalt in ihr, ſie bebte, ſie ſeufzte ſchwer, und plötzlich zurücktretend, nahm ſie den Dolch, und ſchleuderte ihn von ſich, daß er klirrend durch die b fuhr, und im Garten niederfiel. 4 Dann wandte ſie ſich zu Robert, der indeß ſich aufgerichtet, und mit ſeinem Tuche das Blut von der leichten Wunde trocknete. Sie ſah ihn an, lange und wehmuthsvoll, ihr Athem ging bang und ſchwer, das Weib ſiegte in ihr, und plötzlich entſtürzten Thränen ihren Augen.„Mußteſt Du ſo an mir handeln, ſagte ſie mit herzzerreißendem Klagetone, hatteſt Du für alle meine Liebe nichts als den Verrath und Betrug?“ „Auch Du hatteſt mich betrogen,“ antwortete Robert trotzig,„indem Du, eine Jüdin, als ein chriſtliches Fräulein Dich benennen ließeſt.“ „O Robert, ich that es aus Liebe zu Dir,— und was hatte dieſe Täuſchung mit unſerm inner⸗ ſten Weſen zu theilen?“ „Viel,“ ſagte Robert ſpöttiſch lächelnd,„Re⸗ bekka Jakob würde ich nie geliebt haben, und ich mußte mich an der Jüdin rächen.“ „Du biſt ein elender Menſch,“ antwortete ſie verächtlich.„Ich hoffe, es wird noch ein Tag kom⸗ men, an dem ich mein Schickſal preiſe, daß es mich endlich Dich erkennen lehrte, da es noch Zeit war. — Laſſen Sie uns enden,“ ſagte ſie dann, plötz⸗ lich von der Weichheit zu einer feſten Haltung übergehend.„Hinfort ſehen wir uns nie wieder, unſere Wege ſind geſchieden.“ „Das hoffe ich,“ ſagte Robert kalt.„Ich habe nichts gemein mit der Jüdin!“ Sie ſah ihn verächtlich an.„Ich möchte nicht eine Religion theilen, die ſolches Gewürm unter ihre Jünger zählt. Aber nein, ich will die Re⸗ ligion Chriſti nicht ſchmähen, Du aber,— Du biſt kein Chriſt, und die Jüdin verachtet Dich.— Laſſen Sie uns jetzt ſcheiden!— „Beliebt es Ihnen,“ antwortete Robert mit ironiſcher Höflichkeit,„mir die Thüre zu öffnen!“ Rebekka erbebte vor dem grauſamen Ton ſei⸗ ner Stimme, ſie ſeufzte ſchwer, und wandte ſich ab, die hervordringende Thräne zu verbergen. Dann ſchritt ſie zur Thür und öffnete dieſe. — N „Gehen Sie, Herr Baron, und mögen wir uns nie wieder begegnen!“ „Ich hoffe aber, wir werden es,“ ſagte er iro⸗ niſch, wenn auch nicht hier, mein jüdiſches Fräulein, doch aber vielleicht an einem andern Orte, wo es Ihnen weniger bequem ſein möchte.“ Mit einer tiefen Verbeugung verließ er das Zimmer. Rebekka ſtarrte ihm nach, wie er den Garten durchſchritt; ihre Augen öffneten ſich wei⸗ ter und größer, ein ängſtliches Stöhnen rang ſich aus ihrer Bruſt hervor, und als jetzt Robert's Geſtalt hinter den Bä men verſchwand, zuckte ſie zuſammen. Dann hob ſie beide Arme gen Him⸗ mel, ihr troſtloſer Blick richtete ſich aufwärts, und mit einem Schrei der Verzweiflung rief ſie:„Ich bin allein!“ Ihre Arme fielen herab, ſie ſenkte das Haupt auf ihre Bruſt und ſeufzte ſchwer. Da rief der Baronin Stimme von außen:„Rebekka, willſt Du mir nicht öffnen?“ ie flog zur Thür, öffnete ſie, umklammerte der Tante Nacken mit ihren beiden Armen, und mit krampfhaftem Schluchzen rief ſie:„ Laß mich an Deinem Herzen weinen!“ S Der Litc Es giebt Schmerzen, für pie es keinen Troſt und keine Beruhigung giebt, als in uns ſelber, und keine Heilung, als in der ſchweigenden Stille der eigenen Bruſt, wo jeder fremde Zuſpruch verletzt und die innere Pein nur erneuert, wo man, weil man dem Anſchauen ſeiner Qual nicht entfliehen kann, mindeſtens den Anblick eines Audern meidet, und in die Einſamkeit fliehend, mit einer Art hin⸗ gebender Luſt den e Einflüſterungen ſeines zermarterten Herzens lauſcht In ſolcher Stimmung hte Rebekka, nachdem ſie an der Bruſt ihrer Tante ihren erſten bewäl⸗ tigenden Schmerz ausgeweint, es ſich von dieſer erbeten, den übrigen Theil des Tages allein zu bleiben. „Morgen,“ ſagte ſie,„morgen ſollſt Du S gefaßt und ruhig ſehen!“ Sie war nun allein, und in grauſamem Hin⸗ brüten durchdachte ſie die jüngſte Vergangenheit, deren Schmerzen, das fühlte ſie mit einer Art Genugthuung, ihr nicht allein durch ihre verhäng⸗ nißvolle Geburt, ſondern durch menſchliche, fremde Schuld gekommen, und dieſe menſchlich verſchul⸗ deten Schmerzen zu bekämpfen forderte ihr Stolz. Auch weinte ſie nicht mehr, aber es war nur die Thränenloſigkeit der äußerſten Pein, nicht die Ruhe der Ueberlegung, die ihre Thränen verſiegen machte.„O,“ ſeufzte ſie leiſe,„ich werde ver⸗ geſſen, und kann noch glücklich ſein, und doch bebte ihre Stimme, und eine tiefe Verzweiflung ſprach aus ihrem Blick, als ſie jetzt, um ſich ſchauend, mit einer Art Schauder die tiefe Stille und Ein⸗ ſamkeit um ſich her bemerkte. „So einſam und verlaſſen wird hinfort mein Leben ſein,“ murmelte ſie,„ich werde meine Tage hinſeufzen, und nagen an meiner Qual, bis der Tod mich ruft. Es haben's Viele vor mir ſo gethan, was iſt da weiter zu klagen? Das Leben iſt ein Thal der Leiden, und könnte doch ſo ſchön ſein,“ ſagte ſie faſt laut, als ihr Auge unwill⸗ kürlich hinaus ſchweifte in den Garten mit ſeinen grünenden Bäumen, ſeinen blühenden Blumen, über die ſo klar und rein ſich der Himmel wölbte. Es drängte ſie hinaus ins Freie, die Luft im Zimmer ſchien ihr zu ſchwül und bevrückend, ſie trat hinaus in den Garten. — 1 Langſam wandelte ſie die ſchattigen Laubgänge auf und ab, ohne eines beſtimmten Gefühls oder heſtimmter Gedanken ſich bewußt zu ſein, ſelbſt ohne Schmerz und Qual, in jenem dumpfen Hin⸗ brüten, das gleichſam als die Gewitterſchwüle des Herzens dem tobenden Orkane des bewußten Schmerzes oft vorangeht. In dunklen ungewiſſen Umriſſen malte ſie ſich nun die Zukunft, und empfand es endlich als eine Art Troſt, den Gipfel des Unglücks erreicht zu haben. Was kann mir nun noch Schmerzvolles kom⸗ men, ſagte ſie mit halb wehmüthigem Lächeln, der Becher der Leiden iſt erſchöpft, ich habe Alles ver⸗ loren, was der Menſch Glück nennt. Run kam über ſie die Erinnerung, und in einer Art Hallucination durchlebte ſie noch einmal alle vergangenen Tage ihrer Kindheit, ihrer In⸗ gend, ſah ſie das Antlitz ihres Vaters, ach und das Antlitz eines Andern, den ſie geliebt. „Nein, nein,“ ſagte ſie faſt laut,„nicht an ihn will ich denken. Weg, hinweg mit ihm!“ Sie ſank nieder auf eine Bank und das Haupt an den Stamm einer Eiche lehnend, die Hände im Schvoße gefalten, überließ ſie ſich immer mehr ihrer innern Pein. Alles war ſtill um ſie her, der Wind, der durch die Bäume zog, weckte ſie nicht, die einzel⸗ nen welken Blätter, die hinab zur Erde fielen, ge⸗ — 140— wahrte ſie nicht, die Vöglein, die in den Aeſten zwitſcherten, hörte ſie nicht; ganz in ſich ſelbſt verſenkt ſah ſie die Träume und Geſichte der Vergangenheit, hörte ſie die verzweiflungsvollen Klagelaute ihrer eignen Bruſt. „Es iſt entſetzlich,“ ſagte ſie mit vor Schmerz gepreßter Stimme,„entſetzlich zu leben ohne Luſt, und zu leiden ohne Troſt!“ Als ſie ſo ſprach, überkam ſie ein tiefes Ban⸗ gen, ein Grauſen vor dem eigenen Laut ihrer Stimme, ſie zitterte, eine glühende Röthe bedeckte ihre Wangen, und wie bebende Seufzer rang ſich der Athem aus ihrer gepreßten Bruſt hervor; mit irrem Blick flogen ihre Augen umher, dann füll⸗ ten ſie ſich mit Thränen, und mit beiden Händen ihr Geſicht verhüllend brach ſie in ein lautes krampfhaftes Schluchzen aus. Aber wie die Thränen ihren Augen entſtröm— ten, ward ihre Qual allgemach milder und weicher, die Härte derſelben zerſchmolz in eine ſanfte Weh⸗ muth, ſie konnte zur Klage über ſich ſelber kon⸗ men, und ergab ſich mehr und mehr ihrem Schmerz und ihrer Pein. Da drangen Töne, leiſe, feierliche Töne an ihr Ohr, Rebekka blickte auf, langſam glitten die Hände von ihrem Geſichte herab, und ſie lauſchte. Es war die Melodie eines frommen Kirchen⸗ liedes, die von der nahen kleinen Kirche herüber⸗ — 141— tönte; ſie erklang wunderbar durch die Stille und erſchütterte Rebelka in ihrem tiefſten Weſen. Es war ihr, als empfände ſie ein Winken und Ziehen den Klängen und Tönen nach, und kaum wiſſend, was ſie that, ſtand ſie auf, und ging mit gefaltenen Händen und geſenktem Haupte, immer lauſchend, den Tönen nach. Sie wurden deutlicher und lauter, je weiter ſie ging, und ihre Seele zerſchmolz immer mehr in Wehmuth und Sehnſucht. Jetzt ſtand ſie an der Ausgangspforte des Gartens, und durch das Gitter ſchaute ſie hinüber zu der kleinen Kirche, aus welcher der Geſang er⸗ tönte, und die, abgelegen von der Straße, faſt nur von Armen und Bettlern beſucht ward. Re⸗ bekka war nie in einer chriſtlichen Kirche geweſen, mit einer ihr ſelbſt unerklärlichen Scheu hatte es immer vermieden, ſo oft auch ihre Tante ſie dazu aufforderte. Jetzt aber, an dem Gitter lehnend, blickte ſie mit einem unnennbaren Sehnen hinüber, beneidete ſie das alte Mütterlein, das auf ihren Stab geſtützt durch die gesffnete Thür eintrat in das Gotteshaus, wünſchte ſie ſich an die Stelle des lahmen, ſiechen Greiſes, der mühſam hinein ſchwankte.* „O könnte ich hinüber, hinüber!“ ſeufzte ſie, und richtete mit flehendem Ausdruck ihren Blick aufwärts, und faltete in ſtillem Gebete die Hände. — 142— Die Muſik, die einen Angenblick verſtummt war, erklang jetzt aufs neue, und die Töne be⸗ gannen wiederum ihr Winken und Rufen an Re⸗ bekka's Herz, die noch immer mit gefaltenen Hän⸗ den aufwärts ſchaute. Es ward heller und ru⸗ higer in ihren Zügen, und ſich, wie von einem feſten Entſchluſſe gekräftiget, aufrichtend, ſagte ſie freudig:„ich gehe hinüber.“ So öffnete ſie die Pforte und trat hinaus, die Straße überſchritt ſie raſch, aber je näher ſie der offenen Kirchthür, nach der unverwandt ihre Blicke gerichtet waren, kam, um ſo ängſtlicher und beklommener ward ihr. Ihre ganze Geſtalt erbebte, ihre Füße ver⸗ mochten ſie kaum zu tragen, und an der Pforte angelangt, mußte ſie athemlos einen Angenblick ſtille ſtehen, um ſich zu faſſen. Dann trat ſie ein, ihr Blick durchflog die hohe, weite Halle, ſie erbebte, es drohte ihr faſt die Bruſt zu zerſpren⸗ gen, dann wieder ward ihr ſo leicht und frei, ſie athmete lang und wie neu belebt, ihre Hände falteten ſich von ſelbſt, und ſie flüſterte:„hier wohnt Gott.“ Die leiſe gemurmelten Gebete der Armen, in deren Kreiſe ſie ſtand, die andächtigen Mienen al⸗ ler dieſer Greiſe, Bettler und Lahmen erſchütterten ihre Seele, und ſie ſeufzte:„o könnte ich beten wie ſie es thun!“ Fort und fort klang der Geſang, betete das — 143— Volk. Vor dem Altar ſtand der Prieſter, Chor⸗ knaben knieten zur Seite, in blauen Dampfwolken durchzog der Weihrauch die Halle, durch deren hohe gemalte Fenſter die letzten Strahlen der ver⸗ glühenden Sonne ein magiſches Licht ergoſſen. Zetzt verſtummte der Geſang, ſtille war es einen Augenblick, Rebekka, in Furcht und Zagen, hielt den Athem an, um nur die hehre Stille auch nicht durch einen Seufzer zu unterbrechen,— da plötzlich mit hinreißender Macht und Gewalt ſetz⸗ ten die Orgeltöne ein, und durchſtrömten mit ihren Flöten und Cherubsklängen das Haus. Rebekka's ganze Seele erzitterte, eine heilige Rührung und Begeiſterung erfaßte ihr innerſtes Leben, es dunkelte vor ihren Augen, ſie fühlte ſich wie der Erde enthoben, Alles um ſich her ver⸗ geſſend empfand und gewahrte ſie nur Gott, der außer ihr und in ihr war, und als nun den Or⸗ geltönen ſich die Menſchenſtimmen anſchloſſen, als vereint in derſelben Melodie, in Lenſelben Gedan⸗ ten und denſelben Worten die Lppen aller dieſer Menſchen ſich öffneten, um mit den Tönen ihrer Bruſt das Lob, die Güte und Liebe Gottes zu ſingen und zu erheben, da hielt es ſie nicht län⸗ ger, ihre Lippen erſchloſſen ſich, wie von ſelbſt, und mit begeiſtertem Klange einte ſich ihre Stimme den andern. Das alte Mütterlein, das auf ihre Krücke ge⸗ ſtützt, neben ihr lehnte, und aus dem vom jahre⸗ langen Gebrauch halb zerriſſenen Geſangbuche mit den abgegriſſenen Blättern die Worte ihres Ge⸗ ſanges las, bezeichnete ihr gutwillig und freundlich mit dem dürren Finger in ihrem Buche die Stelle des Liedes, die man ſveben ſang. Rebekka beugte ſich zu ihr nieder, mit einer heiligen Freude heftete ſie zum erſten Male ihre Augen auf dies Buch voll chriſtlicher Geſänge, und ließ ſie neben den zitternden, ſchrillenden Tönen des alten Müt⸗ terleins ihre volle, reine Stimme erklingen mit denſelben Worten, wie dieſe, und vereint in der⸗ ſelben Melodie. Aber bald hinderten ſie die Worte, die ja nicht ihr eigen; es war ihr Bedürfniß, ihr eigenes Empfinden in Klängen auszuſtrömen, ihre eigenen, nicht fremde Gedanken zu Gott zu ſingen.„Gott iſt die Liebe“ ſang ſie,— ſie dachte nichts weiter, und wollte nichts weiter empfinden, und immer der Melodie folgend, ſang ſie nur immer wieder: Gott iſt die Liebe! Da ertönte vom Altare her das Glöcklein, der Geſang verſtummte, alles Volk warf ſich nie⸗ der zur Erde, und mit einem Blick aufwärts, lä⸗ chelnd unter Thränen kniete Rebekka. „Vergieb uns unſre Schuld,“ murmelte es um ſie her, und Rebekka mit überſtrömenden Augen, mit dem Tone des tiefſten Flehens flüſterte leiſe nach:„vergieb mir meine Schuld.“ Als ſie dann den aufwärts gerichteten Blick 5 ſenkte, traf ihr Auge das an einem Seitenaltar hängende Bild Chriſti. Die Dornenkrone bedeckte das bleiche Haupt des Erlöſers, Blutstropfen ran⸗ nen die Schläfe hinab, aber das verklärte Auge war nach oben gerichtet und ein fanftes Lächeln umzog den Mund. Und wie ſie ſchaute un ſchaute, ſchien ihr das Bild zu leben und zu athmen, war es ihr Wahrheit und Wirklichkeit, und ſie ſagte in ſich ſelber:„ja Du, Du biſt der Erlöſer, o erlöſe auch mich!“ Es zog ſie wie mit unerklärlicher Gewalt hin zu ihm, den ſie in ſich ſelber nun auch ihren Erlöſer nannte, und als jetzt die Menſchen Alle ſich aufrichteten, der Prieſter den Altar verließ und eins nach dem andern im Vorübergehen erſt noch vor dem Chriſtusbilde niederkniend von dan⸗ nen ging, da richtete auch Rebekka ſich auf von ihren Knien, und mit dem Blick der Begeiſterung, mit verklärten Zügen, kaum mit dem Fuße den Bo⸗ den berührend ſchwebte ſie jenem Altare zu, ſank ſie auf den Stufen deſſelben nieder, blickte hin auf das Bild im leiſen, heiligen Gebete. Still und ſtiller ward es um ſie her, Wieſte und Volk hatten die Kirche verlaſſen, die Lichter waren ausgelöſcht und ſchaurige Duntelheit war ringsum. Rebekka aber lag noch immer im Gebete zu den Stufen des Altars, yr Flehen ward inbrün⸗ Rebekfa. I. ſtiger und heißer, und faſt laut betete ſie jetzt: „o Du, Gott oder Chriſtus, der Du im Himmel biſt und auf Erden, Du, an den ich glaube, den ich weiß, Du, der Du die Liebe biſt und das Erbarmen, Heiland der Welt, höre, o höre mein Flehen. Meine Seele iſt zerriſſen, Du wirſt ſie heilen, mein Herz blutet, Du wirſt es ſtillen. O. Du, Vater und Sohn, lehre mich Deinen Willen thun, lehre mich beten, wie Du willſt, daß man zu Dir bete, und reinige mein Herz vom falſchen Glauben. Ich habe Dich erkannt in Deiner Liebe und Deiner Herrlichkeit, ſo nimm mich, nimm mich auf zu Deinem Kinde, ſei mein Erlöſer und Heiland!“ Dann richtete ſie ſich auf und blickte, wie aus einer höhern Welt herabſteigend, umher. Die Dunkelheit und Stille erſchreckte ſie nicht. „Gott iſt bei mir,“ flüſterte ſie, verließ lang⸗ ſam die Kirche und ſchritt ſinnend über die Straße und durch den Garten in ihr Gemach zurück. X. Der Prieſter. Heiterkeit und Friede ſpräch aus Rebekka's Zü⸗ gen, als ſie am andern Morgen in das Zimmer der Baronin trat, und ihr lächelnd die Hand reichte. „Du biſt wieder geſund geworden, mein Kind,“ ſagte die Baronin, ſie liebevoll umſchlingend,„geſund in Deinem Innerſten. Laß uns Gott dafür danken!“ „Ich danke ihm,“ antwortete Rebekka mit kla⸗ rer Stimme,„ich danke ihm aber noch mehr als das,“ und ſich hoch aufrichtend fuhr ſie fort:„ich werde eine Chriſtin!“— Die Baronin erwiderte nichts, ſtumm drückte ſie Rebekka's Hand, und blickte zur Erde. „Gott hat mich gerufen,“ fuhr ſie, wie begeiſtert fort,„ich habe ſeine Stimme vernommen, und werde ihm folgen. Ich war geſtern in einer chriſtlichen Kirche, und beim Gebet und Orgelklang vor dem Bilde des Erlöſers ſprach es in meiner Seele: nur bei Gott iſt das Heil, zu ihm flüchte Dich hin!“ — „Und kannſt Du,“ fragte die Tante ſanft, das Heil in Gott nicht überall finden, in welcher Religion es immer ſei? Der Herr und Regierer der Welt hat nicht geſagt, nur das Gebet der Chriſten will ich erhören, ſondern er hat geſpro⸗ chen: kommt zu mir, Alle, Ihr Beladenen und Traurigen, ich will Euch erretten!“ „Er will uns erretten durch Chriſto,“ ant⸗ wortete Rebekka,„durch ihn will Gott uns zu ſich nehmen.“ „Haſt Du aber vergeſſen, was Du Deinem Vater gelobteſt?“ fragte die Baronin. „Nein, meine Tante. Mein Vater aber, weiſe, wie er immer war, hat nicht unbedingt mir den Uebertritt verboten, ſondern ich habe ihm nur ge⸗ loben müſſen, nicht aus einer weltlichen Liebe zu einer andern Religion mich zu bekennen. Du weißt, ſetzte ſie leiſe hinzu, daß dieſe mich nicht beſtimmen kann.“ „Du biſt alſo feſt entſchloſſen?“ „Ich bin es!“ antwortete Rebekka. „Nun ſo ſei es, mein Kind,“ ſagte die Ba⸗ ronin feierlich,„folge Deinem Gefühle, und möge es Dich das Rechte finden laſſen. Wie es aber auch kommen mag, Chriſtin oder Jüdin, Kind meines Bruders, komm an mein Herz, ſei meine Tochter!“ Lange hielten ſie ſich umſchlungen, dann rich tete Rebelka ſich ſanft aus der Tante Armen — 149— empor, und ſagte bittend:„nun aber, theuerſte Tante, bitte ich Dich innigſt, mir heute, ja ſo⸗ gleich einen Lehrer und Prediger rufen zu laſſen, daß er mich die heiligen Lehren ſeiner Religion kennen lehre.“ „Und welcher Religion willſt Du Dich an⸗ ſchließen?“ „Der chriſtlichen, meine Tante, die Form gilt gleich. Du biſt Proteſtantin, nicht wahr?“ Die Baronin bejahete es. „So will auch ich eine Proteſtantin werden,“ fuhr ſie fort. e zu dem Prediger Böſenberg, der vor einigen Tagen bei uns war, ich habe Ver⸗ trauen zu ſeinem frommen und heiligen Weſen.“ Ein ſpöttiſches Lächeln umzog einen Augen⸗ blick der Baronin Lippen, und ſie ſagte:„zu die⸗ ſem möchte ich Dir am wenigſten rathen. Er ge⸗ hört zu den Frommen!“ „Um ſo mehr wird er mich lehren fromm zu beten,“ antwortete Rebekka,„ich bitte Dich, Tante, laß ih n mir rufen!“ „Wie Du wrillſt,“ erwiderte dieſe ſenßzent⸗ klingelte, und befahl ſodann dem eintretenden Die⸗ ner ſogleich zum Prediger Böſenberg zu gehen, und ihn zu ihr zu bitten. Der Diener ging, und Rebekka küßte dankbar der Tante Hand. Dann ſchwiegen Beide, und als bald darauf der Diener zurückkehrend meldete, der Herr Pre⸗ diger folge ihm auf dem Fuße, erbleichte Rebekka, und die Baronin murmelte leiſe:„nun alſo iſt es entſchieden!“ „Mir wird auf einmal ſo bange,“ flüſterte Rebekka,„es iſt mir, als ſolle das Geſchick mei⸗ nes ganzen Lebens jetzt entſchieden werden.“ „Auch iſt es ſo,“ antwortete die Tante,„wohl Dir, wenn es zu Deinem Heil ſich entſcheidet!“ „Gewiß wird es das,“ ſagte Rebekka,„aber horch,“ ſetzte ſie athemlos hinzu,„es iſt, als höre ich Schritte, ja, ja, gewiß—“ Da klopfte es an die Thüre, ſie öffnete ſich, und der Erwartete trat ein. Es war ein langer hagerer Mann von einigen dreißig Jahren, ſein blondes Haar, in der Mitte geſcheitelt, hing zu beiden Seiten der niedrigen breiten Stirne und der bleichen Wangen herab, ſeine waſſerblauen Augen, unter buſchigen Brauen, pflegte er entweder himmelwärts zu richten oder beſcheiden zur Erde zu ſenken, ſelten heftete er ſie auf Menſchen, und wenn es geſchah, glaubte man in ſeinem Blick etwas Heimtückiſches und Lauern⸗ des zu finden. Die geſtutzte Naſe und die auf⸗ geworfenen Lippen widerſprachen den frommen, heiligen Blicken, und deuteten eher auf ein Welt⸗ kind, als auf einen Heiligen. Doch war Böſenberg ein Heiliger, wer hätte das ſeiner demüthigen Rede, ſeinem geſenkten Auge und ſeinen faſt immer gefaltenen Händen nicht glauben wollen. 5 „ 5 „Sie haben mich rufen laſſen,“ ſagte Böſen⸗ berg mit leiſer, gedämpfter Stimme, niedergeſchla⸗ genen Angen und tiefer Verneigung. „Verzeihen Sie, daß wir Sie bemüheten,“ antwortete die Baronin,„aber meine Nichte hat ausdrücklich verlangt, gerade Sie zu ſehen und Sie zu bitten, ſie in den Lehren der heiligen, chriſtlichen Religion zu unterweiſen.“ Böſenberg's Blick erhob ſich und ſtreifte flüch⸗ tig, ehe er ſich gen Himmel lenkte, Rebekka, dann ſagte er mit demüthigem Händefalten:„der Herr hat zu gebieten über ſeinen Knecht. Wenn er mich, ſeinen unwürdigſten Diener, mit ſeiner Gnade geſegnet hat, und meine Seele erleuchtet, daß ich das Wort Gottes rein und unverfälſcht lehren und verkünden kann, ſo gehört ihm allein der Preis. Gottes iſt die Ehre!“ Er ſchwieg und neigte das Haupt, die Ba⸗ ronin wandte ſich ab, Rebekka's Blicke aber haf⸗ teten voll Ehrfurcht und Bewunderung an dem heiligen Angeſichte. „Und wollen Sie,“ ſagte ſie demüthig und ſchüchtern,„meine flehende Bitte nicht zurückweiſen, wollen Sie des Glücks, eine Cyriſin zu werden, mich würdig machen?“ „Der Herr hat zu gebieten über ſeinen Knecht, er ruft mich und ich gehorche,“ antwortete Böſen⸗ berg feierlich.„Es ſei alſo, wie Sie ſagen!“ — 152— „Ich danke Ihnen, ehrwürdiger Herr,“ ſagte Rebekka freudig,„laſſen Sie uns alſo beginnen!“ „Vorerſt aber laſſen Sie mich eine Frage an Sie thun, zu der ich, als der Diener und Bote Gottes ein Recht habe,“ erwiderte Böſenberg. „Es ſtehet geſchrieben: Viele ſind berufen, aber Wenige ſind auserkoren, und wiederum ſagt die heilige Schrift: Du ſollſt den Namen des Herrn Deines Gottes nicht mißbrauchen. Mißbrauch aber iſt es, wenn wir um irdiſcher Zwecke willen den Namen des Herrn gebrauchen. Darum frage ich Siè, als der irdiſche Geſandte Gottes, als der Diener der Kirche, haben keine irdiſchen Zwecke Sie zu dieſem Entſchluſſe geleitet?“ „Keine!“ antwortete Rebekka feſt. „Geſchah es nicht um einer ſündigen, fleiſch⸗ lichen die die Kinder dieſer Welt kiehe benennen, daß Sie den Entſchluß faßten, zu der heiligen, chriſtlichen Religion ſich zu bekennen?“ fragte Böſenberg, und einen Moment richteten ſich ſeine Augen mit einem lauernden Ausdruck auf Rebekka. Eine flüchtige Röthe bedeckte ihre Wangen, und es zuckte ſchmerzlich um ihre Lippen. Dann ſagte ſie feſt:„Gott weiß, daß es nicht darum iſt, ſondern, weil ich glaube, nur als eine Chri ſtin zu Gott zu kommen.“ „Sie haben Recht mit dieſem Glauben,“ wortete der Prieſter,„nur wer der chriſtlc 6 8 Lehre angehört, und Chriſt ſeine fleiſchlichen Ge⸗ lüſte zum Opfer bringt, kann in das Himmelreich kommen!“ So ſprechend faltete er die Hände, und ſein erhobener Blick ſchien ſich in den Him⸗ meln zu vertiefen. Rebekka ſchwieg in frommer Ehrfurcht, die Baronin aber fragte ruhig:„und wann, Herr Prediger, ſoll der Unterricht beginnen?“ „O laſſen Sie es bald ſein!“ flehte Rebekka. „Heute noch,“ antwortete Böſenberg.„Laſſen Sie mich denn heimgehen und in demüthigem Gebete den Segen des Herrn erflehen, daß er mich erleuchte und die Zunge ſeines Knechtes fähig mache, Ihre Seele zu retten vom Verderben und Unglauben. In einer Stunde kehre ich zu⸗ rück, und der Unterricht mag beginnen!“ Er verneigte ſch, und verließ unhörbaren Schrittes das Zimmer. Mit geſenktem Haupte und demüthig jeden Vorübergehenden grüßend, ſchritt er über die Sh dahin in ſeine Wohnung. Kaum aber hatte die Thür ſeines Siiner ſich hinter ihm geſchloſſen, als der heilige und demüthige Ausdruck aus ſeinen Zügen verſchwand. Ein ſpöttiſches Lachen ertönte von ſeinen Lippen, ſeine kleinen Angen leuchteten und blitzten in hä⸗ miſcher Frende, und er murmelte vor ſich hin: „Wieder ein neues Schäflein zu der großen Heerde! Das Weib aber iſt ſchön und könnte mein Herz — 154— höher klopfen machen. Auch iſt ſie reich, ſetzte er ſinnend hinzu, und warf ſich in ſeinen Lehnſtuhl, wie wäre es, wenn ich ſie mir zu erwerben ſuchte? Sie betheuert,“ murmelte er, und legte ſinnend den dürren Zeigefinger an die Naſe,„ſie ſei von keiner Liebe zu ihrem Entſchluſſe bewogen, und wenn ich auch den Lippenworten eben nicht glaube, ſo lag doch in dem Ausdruck ihres Auges etwas, welches mich vermuthen läßt, daß ſie die Wahrheit ſprach. Sie ſcheint wirklich e zu ſein, und woher ſollte dies fromme Kind, von der ich noch überdies glauben möchte, daß ſie unſchuldig iſt, woher ſollte dies Schäfchen den Muth nehmen, ihrem Seelenhirten, dem frommen und heiligen Prieſter des Herrn, etwas zu verweigern? Auch iſt ſie ſchön und ich habe oftmals gefunden, daß das ſchöne Weib eines Prieſters dieſem ſelber mehr Verehrer und treue Diener ſchafft, als ſeine eigne Heiligkeit. Alſo,“ ſagte er faſt laut,„es iſt entſchieden, Rebekka, die ſchöne, und vor Allem die reiche Rebekka, ſoll mein Weib werden!“ Nun aber Vorſicht, ermahnte er ſich dann ſelber, ich merke es an ihrem Weſen, daß ich hier nicht geradezu gehen, ſie nicht ahnen laſſen darf, daß ich anderer, als heiliger Gefühle und Em⸗ pfindungen fähig bin. Nur, wenn ſie mich über Aue auf der Welt verehrt und anbetet, wird ſie es nicht wagen mir irgend etwas abzuſchlagen, und wird 6 willig mein Weib werden! S — 155— mir denn bei, Ihr heiligen Blicke und hochtönen⸗ den frommen Phraſen, die Ihr ſchon öfter mein Glück gemacht habt, ſagte er lachend, es iſt ge⸗ wißlich wahr, wer ſich ſelbſt erniedrigt, ſoll erhöht werden!— Aber jetzt wollen wir auch das Ir⸗ diſche nicht vergeſſen, und uns würdig vorbereiten zum Unterricht der ſchönen glühenden Orientalin! So ſprechend öffnete er einen Schrank, nahm aus demſelben einige Teller mit gebratenem Fleiſch, Kuchen und Backwerk und eine Flaſche Wein her⸗ vor, ſetzte es auf den Tiſch, machte es ſich ſo⸗ dann bequem auf ſeinem weichen Polſterſtuhle und überließ ſich in behaglicher Gemächlichkeit den Freu⸗ den des Genuſſes. „Das gute Schäfchen glaubt in frommer Ein⸗ falt, ich ſitze hier und bete um Kraft ſie zu er⸗ leuchten,“ ſagte er mit höhniſchem Lachen, ſetzte das gefüllte Weinglas an die Lippen und lehrte es auf einen Zug. „Wahrlich,“ ſagte er dann, hoch aufathmend, „das erleuchtet auch, und kräftiget, mehr vielleicht, als Gebet!“ Als ſeine Mahlzeit vollendet, ſtand er auf, ordnete vor dem Spiegel ſein geſcheiteltes Haar, nahm Bibel und Katechismus unter den Arm und verließ ſein Zimmer, um ſich zu ſeiner neuen Schülerin zu begeben. Ende des erſten Bandes. 8 — — S c 8 8 E — 8 8 5 — 5 6 8 8 8 * 5 D 6 ſit 5 1 17 1 10 11 12 13 14 1 6 8 16