Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3. von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und Feſebebingungen. 1. Ofensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenummen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement: Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 2 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf1 Monat: 1 M. 1W 2— 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unv defecte Bücher(Gamentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Album. Bibliothek deutſcher Briginalromant. „Herausgegeben von J. L. Kober. —— Sechzehnter Jahrgang. Dreizehnter Band. Franz Räkéezy. I. Wien. H. Markgraf 6 Comp.. (Früher Kober& Markgraf.) 1861. Franz Rakuczy. — Angarisches Tebensbild von Louiſe Mühlbach. Zweiter Band. Wien. H. Markgraf& Comp. Früher Kober& Markgraf.) 1861. 4 Inhalt. Seit Be Frbinäl Rölni 1 Per ſändhafte Prin 16 ſte 36 W Bie Entführung 5 V. Pie Fchlacht bei Zernyeſt 75 V heiße Brutus 95 VII. Prinze ſſin Charlotte Amalie von Heſſen 11 Ber ethe Pie e 164 XI. Das Manifeſt Räköczy's. 179 XII. König, Fürſt und Führer der Konföderirten 189 XIII. Bie Raköczy-Mota 200 i ei e 214 XV. Die Entſagung XVI. Das Teſtament Franz Rkützy. —— I. Der Bardinal Bolonics. Nach einer raſtloſen, unaufhaltſamen Reiſe, unter geborgtem Namen, Tags auf weiten Umwegen, um alle größeren Ortſchaften zu vermeiden, langte die Fürſtin Helena Tököly mit ihren beiden Kindern, ſorgſam bewacht von den ihr beigegebenen Reiſege⸗ fährten, endlich in Wien an. Aber man geleitete ſie nicht, wie man es ihr in Munkaes feierlich zugeſagt, in irgend ein Hotel, das ſie zu ihrem Aufenthalte wäh⸗ len wollte, ſondern wider ihren Willen und ihren aus⸗ drücklich ausgeſprochenen Befehl machte man Halt vor einem Urſulinerkloſter in einer der Vorſtädte von Wien, und der Adjutant des Generals Caraffa bedeutete Helena, daß dieſes Kloſter bis auf weitere Be⸗ fehle des Kaiſers der ihr beſtimmte Aufenthaltsort bleiben werde. K61. XIII. Franz Roköczy U. 1 Helena's Antlitz flammte auf in Zorn bei dieſer überraſchenden Nachricht und mit Entſchiedenheit er⸗ klärte ſie, den Wagen nicht verlaſſen, das Kloſter nicht betreten zu wollen. Der Adjutant Caraffa's erwiderte mit höhniſchem Lächeln, daß er gemeſſene Befehle habe, die Fürſtin mit ihren Kindern in dies Kloſter zu führen, und daß, wenn ſie ſich ferner weigere, er gezwungen ſein würde, Gewalt zu brauchen. Helena unterwarf ſich. Einſam, verlaſſen, ohne Schutz, ohne Beiſtand, war die Heldin von Munkars jetzt nur eine ſchwache, gramerfüllte Frau, die keine Mittel mehr beſaß, ſich aufzulehnen gegen die ihr an⸗ gethane Gewalt. Sie weinte nicht, ſie klagte nicht, ſie barg den ungehenren Schmerz in ihrem zuckenden Herzen. Todesbleich, aber hochaufgerichteten, ſtolzen Hauptes ſtieg ſie hernieder aus dem Wagen, und ihren beiden Kindern ihre Hände darreichend, ihre Häupter an ſich drückend, ſchritt ſie ſchweigend, in hoheitsvoller Haltung hinein in das Kloſter, deſſen Pforte ſich knarrend ihr aufgethan. In dem weiten öden Kloſterſaal, wo Niemand ſie begrüßte, Niemand ſie willkommen hieß, ließ man die Mutter allein mit ihren Kindern, die ſich wie zwei, 3 verſchüchterte Tauben zu ihr hindrängten und ihre hohe ſtolze Geſtalt umfaßten. Helena neigte ſich zu ihnen nieder und küßte ihre Häupter.„Meine Kinder, meine geliebten Kinder,“ flüſterte ſie leiſe und haſtig,„ich fühle es hier in mei⸗ nem Herzen, man wird uns trennen. Ich werde Euch vielleicht niemals wiederſehen! Hört nun zum letzten Mal auf meine Stimme. Schwört mir, daß Ihr nie⸗ mals vergeſſen wollt, wer Euer Vater, wer Eure Mutter war; daß Ihr ſtets eingedenk bleiben wollt, daß Euer Vater der Fürſt von Siebenbürgen, der Held von Ungarn war; daß Eure Mutter für Euch tapfer und treu gekämpft hat, bis ſie von den Ver⸗ hältniſſen beſiegt und gedemüthigt ward, und ſich unterwerfen mußte! Schwört mir, daß Ihr nie ver⸗ geſſen wollt, daß meine Unterwerfung keine freiwillige, ſondern nur eine gezwungene war!“ „Wir ſchwören es!“ flüſterten die bebenden Kinder. „Du, Juliana, laſſe dich niemals beugen und ein⸗ ſchüchtern, niemals dich zwingen, etwas zu thun, was deinen Wünſchen und Neigungen widerſpricht. Sie wer⸗ den dich vielleicht zwingen wollen, in ein Kloſter zu gehen, den Schleier zu nehmen, oder auch ſie werden dir einen Gemahl ihrer Art aufdringen wollen, einen Gegner und 4 1— Feind deines Vaterlandes. Gib dein Jawort in einem, wie in dem andern Falle nur, wenn dein Herz es gibt.“ „Mutter,“ ſagte das junge Mädchen feierlich,„ich werde niemals Nonne werden, ich werde niemals einem Manne mich vermählen, den ich nicht liebe und der nicht ein treuer Freund unſeres Vaterlandes iſt!“ Und indem ſie ſo ſprach, blitzten die Augen des jungen ſiebzehnjährigen Mädchens höher auf, und ein energiſcher Ausdruck überſtrahlte ihr ſchönes ju⸗ gendliches Angeſicht. „Ach, ich ſehe es wohl, du biſt in Wahrheit meine Tochter!“ rief Helena,„du wirſt dich weder vom Schickſal, noch von den Menſchen beugen laſſen. Aber du, mein kleiner Franz, wirſt du eingedenk bleiben der Vergangenheit? Wirſt du niemals vergeſſen, was du mir in Munkacs verſprochen?“ „Nein, Mutter, ich werde es niemals vergeſſen!“ ſagte der Knabe feſt. Helena drückte einen Kuß auf ſein ſchwarzes lo⸗ ckiges Haar.„Ich glaube es dir, mein Sohn,“ flü⸗ ſterte ſie,„denn obwohl du erſt zwölf Jahre zählſt, haſt du doch viel erfahren, viel erlebt, die Er⸗ fahrungen haben vor der Zeit deinen Geiſt geſtählt und gekräftigt, und—“ Die Thüren des Saales wurden heftig aufgeriſſen, 5 und begleitet von einigen Kloſterbrüdern und Nonnen trat der Kardinal Kolonies mit allem Pomp und aller Hoheit ſeines Ranges herein. Sich mit ſtolzer Würde nähernd, verkündigte er der Fürſtin, daß er es ſei, der vom Kaiſer Leopold mit der Vormund⸗ ſchaft der beiden hinterlaſſenen Kinder des Fürſten Räkéczy betraut worden, daß er demgemäß jetzt komme, um ſogleich ſein Amt anzutreten und die Kinder unter ſeine Obhut zu nehmen. „Ich hoffe, Eure Eminenz werden die Mutter nicht von den Kindern trennen wollen!“ rief die Fürſtin lebhaft.„Die Mutter bleibt doch die natürliche Vor⸗ münderin ihrer Kinder, und ſo lange ſie lebt, darf man ihre Kinder ihr nicht entreißen.“ „Und man will es auch nicht,“ ſagte der Kardinal freundlich.„Niemand denkt daran, die Mutter ihrer Kinder berauben zu wollen. Sie werden ihre natür⸗ liche Vormünderin bleiben, Frau Fürſtin, ich werde nur, bis ſie erwachſen ſind, ihr vom Kaiſer beſtellter Vormund ſein, und ich verſpreche Ihnen, daß mein ganzes Streben darauf gerichtet ſein wird, die Kinder, welche der verſtorbene Fürſt Räköczy dem Kaiſer als ſein Vermächtniß hinterlaſſen hat, würdig und im beſten Geiſte zu erziehen. Wir werden uns darüber des Weitern verſtändigen, jetzt eben komme ich nur, um in der 4 Eigenſchaft als ihr Vormund die Kinder ihrem erſten und oberſten Vormund, dem Kaiſer vorzuſtellen.“ „Ich bitte um die Erlaubniß, meine beiden Kinder zum Kaiſer begleiten zu dürfen!“ rief Helena angſtvoll. Der Kardinal zuckte die Achſeln.„Ich habe vom Kaiſer nur den Auftrag erhalten, ihm meine beiden Mündel, die hinterlaſſenen Kinder des Fürſten Rä⸗ köczy, zuzuführen!“ „Das heißt, man will ſie mir entreißen!“ ſchrie die Fürſtin,„man will mich von Ihnen trennen!“ „Die Frau Fürſtin befinden ſich, wie mir ſcheint, in einer ſchlimmen und krankhaften Aufregung,“ ſagte der Kardinal froſtig.„Sie bedürfen entſchieden der Beruhigung und Stille, und die wird Ihnen in die⸗ ſem Hauſe des Friedens und der Ruhe werden. Kom⸗ men Sie, meine Mündel, ich führe Sie, wohin der Herr und Kaiſer mir geboten hat, Sie zu führen.“ Er faßte mit kräftiger Hand den Arm Julianens, legte die linke Hand auf die Schulter des kleinen Franz, und zog ſie Beide mit ſich fort nach dem Ausgang des Saales hin. „Meine Kinder!“ rief Helena angſtvoll. Aber der Kardinal ſchien es nicht zu hören, und ſchritt nur raſcher vorwärts. Indeß auf einmal, trotz der vor⸗ wärtsſchiebenden Hand des Kardinals, ſtand Juliana 7 ſtill, und wie ſie ihr erglühendes Angeſicht dem Kardi⸗ nal zuwandte, erſtaunte dieſer über den Ausdruck von Entſchloſſenheit und Kühnheit in dem Antlitz des jun⸗ gen Mädchens. „Ich bitte den Herrn Kardinal gnädigſt bemerken zu wollen, daß ich kein Kind mehr bin,“ ſagte ſie mit ihrer ſilberhellen Mädchenſtimme, und mit einem ſtol⸗ zen Lächeln.„Mein gnädiger Herr Vormund haben das ohne Zweifel überſehen, und daher kommt es, daß Eure Eminenz mich ganz und gar als kleine Unmün⸗ dige behandeln wollen. Mir will aber ſcheinen, daß es ſich für eine junge Dame von ſiebzehn Jahren, für eine junge Dame von meinem Range nicht wohl geziemt, allein, nur in männlicher Begleitung mich dem Kaiſer präſentiren zu laſſen. Eure Eminenz ſagten es ja ſelbſt, meine gnädigſte Frau Mutter iſt die natür⸗ liche Vormünderin ihrer Kinder, und wenn der uns beſtellte Vormund uns zum Kaiſer geleitet, ſo ſcheint es mir dem Anſtand gemäß, daß unſere liebe, natür⸗ liche Vormünderin uns dahin begleitet.“ Der Kardinal runzelte die Stirn und ein zorniger Blitz ſeiner kleinen, düſtern Augen traf das Antlitz des jungen Mädchens. Ich ſehe ſehr wohl, daß Sie kein Kind mehr ſind, ſondern ein junges Mädchen,“ rief er,„und zwar ein 4 8 junges Mädchen, das ganz und gar die Capricen und den Uebermuth ihres Alters hat! Nun, das wird ſich bei einer vernünftigen und geregelten Erziehung wohl Alles noch mildern und abſchleifen, und wir Beide werden noch recht gute Freunde werden. Kommen Sie, Mademoiſelle, der Anſtand erfordert, daß Sie dem Befehl des Kaiſers ohne Widerſpruch Genüge thun, und Se. Majeſtät nicht warten laſſen!“ Die Fürſtin war dicht zu ihrer Tochter herange⸗ treten, und in athemloſer Spannung hatte ſie jedes Wort des Kardinals von ſeinen Lippen aufgefangen. Jetzt, als er ſchwieg, ſchlang ſie mit leidenſchaftli⸗ cher Innigkeit ihre beiden Arme um den Hals des jungen Mädchens, und ſie feſt an ihre Bruſt drückend, küßte ſie ihre zuckenden Lippen, ihre thränenfeuchten Augen. „Geh', mein Kind, geh',“ ſagte ſie bebend.„Wir müſſen unſer Geſchick annehmen, uns fügen in das Unvermeidliche. Herr Kardinal, Ihnen übergebe ich meine Kinder, aber vor dem Throne Gottes werde ich Sie dereinſt fragen, was Sie aus meinen Kindern ge⸗ macht haben, vor dem Throne Gottes werde ich Sie zur Rechenſchaft ziehen. Geht, meine Kinder, geht! Der allgütige Gott und der Segen Eurer Mutter be⸗ gleitet Euch!“ 9 Sie wandte ſich ab, und ſchritt raſch nach der an⸗ dern Seite des Saales hin, damit ihre Kinder die Thränen nicht ſehen ſollten, die jetzt in unaufhalt⸗ ſamen Fluten ihren Augen entſtrömten. Juliana und Franz folgten traurig, geſenkten Hauptes dem Kardinal zu den bereitſtehenden Wagen, in deren erſten ſie Beide mit dem Kardinal und einer der Nonnen, welche im Gefolge des Kardinals waren, Platz nahmen. Im raſchen Galopp rollte der Wagen dahin. Nie⸗ mand ſprach ein Wort, Franz und Juliana hatten ſich die Hände gereicht, und mit ihrem verſtohlenen Druck allein ſprachen ſie zu einander. Plötzlich in einer düſtern, engen Gaſſe hielt der Wagen vor einem hohen, grauen Thor in der Mitte einer ſteinernen Mauer an. Das Thor that ſich lang⸗ ſam auf, in feierlichem Schritt fuhr der Wagen in den weiten, rings von hohen, düſtern Gebäuden umge⸗ benen Hof ein, und hielt dann da drüben vor dem düſtern, grauen Portal an. Innerhalb dieſes Portals ſah man eine hohe, ernſte Frauengeſtalt, in langem ſchwarzen Gewande, das Haupt und die Schultern umwallt von einem dichten weißen Schleier, in den beiden auf der Bruſt gefalteten Händen ein großes ſilbernes Kruzifix hal⸗ 4 tend. Hinter ihr ſtand eine ganze Schaar ebenſo ge⸗ kleideter Frauen, nur daß das Kruzifix in ihren gefal⸗ teten fehlte. „Wir ſind zur Stelle,“ ſagte der Kardinal feier⸗ lich, indem er den von dem goldſtrotzenden Livreebe⸗ dienten herabgelaſſenen Wagenſchlag herunterſtieg und dann Julianen die Hand darreichte.„Wir ſind zur Stelle, kommen Sie, Prinzeſſin Juliana.“ Aber das junge Mädchen nahm die dargereichte Hand nicht an.„Wir ſind nicht zur Stelle, Herr Kardinal!“ rief ſie. Eure Eminenz haben geſagt, Sie hätten Befehl uns zu Sr. Majeſtät dem Kaiſer zu führen. Dies hier aber iſt nicht die Kaiſerburg, ſon⸗ dern ein Kloſter, und dieſe da ſind nicht Höflinge des Kaiſers, ſondern es ſind die Urſulinerinnen, welche dieſes Kloſter bewohnen.“ „Aber da drinnen in dem Kloſter erwartet uns der Kaiſer und König der Welt!“ ſagte der Prälat, „kommen Sie alſo!“ Er faßte heftig Julianens Arm und zog ſie vor⸗ wärts. Juliana widerſtrebte nicht länger, ſie ſprang leicht wie eine Gazelle aus dem Wagen, und reichte dann ihrem Bruder die Hand hin, um ihm beim Aus⸗ ſteigen behülflich zu ſein. „Ihr Bruder wird im Wagen bleiben und war⸗ 1 ten bis ich ihn rufen laſſe!“ ſagte der Kardinal gebie⸗ teriſch.„Laſſen Sie uns raſch vorwärts eilen!— Ehr⸗ würdige und ſehr achtungswerthe Frau Aebtiſſin, im Namen Gottes begrüße ich Sie, und bitte Sie, dieſem armen, verirrten jungen Lamm hier eine Mutter, eine Helferin ſein zu wollen.“ „Der Wunſch Eurer Eminenz iſt mir Befehl,“ ſagte die Aebtiſſin ſich tief verneigend. Dann ſtreckte ſie ihre Hand aus, und legte ſie dem jungen Mädchen auf die Schulter. „Kommen Sie, meine Tochter,“ ſagte ſie,„und möge Ihr Eintritt in dieſes Haus geſegnet ſein!“ Juliana erwiderte nichts, nur ein leiſes Aechzen rang ſich aus ihrer Bruſt hervor, und ein Beben durch⸗ flog ihre ganze Geſtalt, als ſie geführt von dem Kardinal und der Aebtiſſin die Schwelle des Kloſters überſchritt, durch die weite, düſtere Vorhalle, über die breite Treppe dahinging Aber oben an dieſer Treppe blieb ſie ſtehen.„Herr Kardinal,“ fragte ſie ſtolz und drohend faſt,„Herr Kardinal, wohin führen Sie mich!“ „Ich ſagte es Ihnen ſchon, meine Tochter,“ erwi⸗ derte der Kardinal lächelnd,„der Herr und Kaiſer erwartet Sie in dieſem Hauſe, kommen Sie!“ Sie ſchritten jetzt auch die hohe obere Halle dahin 4 12 und traten in den langen dunklen Korridor ein, der ſein Licht nur empfing durch ein kleines, am untern Ende des Korridors angebrachtes Fenſter. Zu beiden Seiten in regelmäßigen Zwiſchenräumen befanden ſich ſchmale, niedrige ſchwarze Thüren, wie aufgerichtete Särge anzuſchauen. „Herr Kardinal!“ rief Juliane ſtill ſtehend,„das ſind die Zellen der Nonnen. Weshalb alſo betreten wir dieſen Korridor?“ „Weil der Herr und Kaiſer Sie in demſelben er⸗ wartet. Fran Aebtiſſin, öffnen Sie die Zelle, welche Sie für die Koſtgängerin bereit gehalten, die der Kai⸗ ſer Ihnen ſendet!“ „Der Kaiſer?“ fragte Juliana entſetzt.„Aber Eure Eminenz ſagten ja, daß der Herr und Kaiſer mich hier erwartet. Wo iſt er denn?“ „Er iſt dort oben,“ rief der Kardinal, feierlich ſeine Arme emporhebend,„er iſt hier unten, er iſt bei allen Denen, die ihn zu ſuchen und zu finden wiſſen! Gott iſt der Herr und Kaiſer, der in den Klöſtern wohnt!“ Juliana ſtieß einen Schrei aus, und ſprang zurück von der Thür, welche die Aebtiſſin geöffnet hatte. „Nein!“ rief ſie entſetzt,„ich gehe nicht da hinein. Das iſt eine Kloſterzelle, und ich bin keine Nonne!“ 13 „Aber ich widerhole Zhnen, es iſt der Herr und Kaiſer der Welt, welcher Sie in dieſer Zelle erwartet,“ ſagte der Kardinal.„Er will ſich der Irregeleiteten und Verführten erbarmen, er ruft die Tochter der Auf⸗ rührerin und Hochverrätherin zu ſich, er will Sie er⸗ retten und Sie zur Erkenntniß führen. Treten Sie alſo ein in die Zelle, die Ihr Herr und Kaiſer Ihnen bereitet hat.“ „Nein, nein!“ rief Juliana,„nicht Gott, nicht der Kaiſer, ſondern unſere Feinde und Widerſacher haben der Tochter des Fürſten Räköczy, der Tochter der Heldin von Munkacs, dieſe Zelle bereitet, darum will ich ſie nicht betreten. Frau Aebtiſſin, Sie ſind ein Weib, und Sie werden Mitleid haben, Sie werden es nicht dulden, daß man einer Mutter ihr Kind entreißt, daß man ein junges Mädchen wider alles Geſetz und Recht zwingen will in einem Kloſter zu leben, nein, nein, Sie werden Erbarmen haben! Sie werden mich nicht zwingen wollen, Nonne zu werden!“ „Nein, meine Tochter,“ ſagte die Aebtiſſin ernſt und kalt,„ich werde Sie nicht zwingen Nonne zu wer⸗ den, aber ich werde auch das arme, verirrte Lamm, das der Herr mir zuführt, nicht von mir weiſen, ſon⸗ dern ich werde michbemühen, es auf den rechten Pfad, auf den Pfad der Tugend, des Gehorſams, der De⸗ 4 14 muth zurückzuführen. Reichen Sie mir alſo Ihre Hand, Prinzeſſin Juliana, laſſen Sie uns in Ihre Zelle eintreten!“ „Nein, ich will nicht!“ ſchrie Juliana, die darge⸗ reichte Hand der Acbtiſſin von ſich ſchlendernd. „So muß ich, kraft meiner Gewalt als Ihr Vor⸗ mund, Sie zwingen zu Ihrem Glück!“ rief der Kar⸗ dinal mit zorniger Stimme, und mit ſeinen beiden muskelkräftigen Armen die zarte, ſchlanke Geſtalt des jungen Mädchens erfaſſend, hob er ſie empor und trug ſie hinein in die Zelle. Juliana regte ſich nicht, ſträubte ſich nicht. Der Schrecken hatte ſie vielleicht betäubt, oder ſie hatte vielleicht mit der ſchnellen Kraft ihres Verſtandes das Nutzloſe jedes ferneren Widerſtandes eingeſehen. Als der Kardinal ſie jetzt neben dem kleinen Betſtuhl nie⸗ dergeſetzt und ſie aus ſeinen Armen gelaſſen hatte, ſchanderte ſie in ſich zuſammen, und preßte ihre Hände an ihr hochklopfendes Herz, als wollte ſie die Klage der Verzweiflung zurückhalten, die da in ihr jammerte und ſchrie. Dann auf einmal richtete ſie ſich gefaßt und ruhig empor. „Herr Kordinal,“ ſagte ſie mit lauter, feierlicher Stimme,„erinnern Sie ſich, daß ich mich nur dem Zwange gefügt, daß Sie nur mit Gewalt mich in 15 dieſe Zelle geführt haben! Erinnern Sie ſich deſſen, und klagen Sie mich nicht an, wenn ich einſt den Zwang abſchütteln, der Gewalt entfliehen werde. Ich ſchwöre Ihnen aber, bei Allem was mir heilig iſt, niemals werden Sie auch meinem Geiſte Zwang und Gewalt anthun können, wie Sie es heute meinem Körper gethan, niemals werde ich eine Nonne werden, niemals einem Manne mich vermählen, den ich nicht liebe, und der nicht ein treuer Freund meines Vater⸗ landes iſt!“ „Ein treuer Freund Ihres Vaterlandes iſt Der⸗ jenige, der Ihnen, wie den Ungarn räth, Ihrem recht⸗ mäßigen Herrn, dem Kaiſer und König Leopold, in Demuth und Gehorſam ſich zu unterwerfen, und ſei⸗ nem Willen und Befehl ſich unterzuordnen! Thun Sie das jetzt, mein Kind, und überlaſſen Sie Ihre Zukunft Gott und Ihrem gütigen Kaiſer! Frau Aeb⸗ tiſſin, im Namen des Kaiſers übergebe ich Ihnen die Prinzeſſin Juliana von Räköczy als Novize Ihres Kloſters. Nehmen Sie ſie in Ihre Mutterarme, und möge ſie von Ihnen lernen, eine demüthige und erge⸗ bene Chriſtin zu ſein!“ Er grüßte Juliana mit einem gnädigen Wink ſeiner Hand und verließ dann raſchen Schrittes die Zelle, um wieder hinunter zu gehen zu ſeinem Wagen, in welchem der junge Fürſt Franz Ralöczy ihn erwartete. 16 M Der ſtundhafte Prinz. Der Knabe hatte ruhig und mit vollkommener Gelaſſenheit da geſeſſen, er hatte nicht einmal ein Wort, eine Frage an die beiden Prälaten gerichtet, welche neben dem geöffneten Wagenſchlag ſtanden und der Rückkehr des Kardinals entgegenharrten. Seine Augen waren unverwandt auf die Thür hingerichtet, durch welche der Kardinal mit ſeiner Schweſter in das Klo⸗ ſter eingetreten war; als jetzt in derſelben der Kardi⸗ nal wieder erſchien, aber allein, ohne ſeine Schweſter, flog ein ſchmerzliches Zucken über des Knaben Ange⸗ ſicht hin, und eine tödtliche Bläſſe bedeckte ſeine Wan⸗ gen. Aber er blieb ſtumm, wie zuvor, und ſich in die Ecke des Wagens zurücklehnend, ließ er es ſchweigend geſchehen, daß der Kardinal Kolonies ſich neben ihn ſetzte, daß er mit ihm wieder aus dem engen Kloſter⸗ hof hinaus und von dannen fuhr. Endlich nach einer langen Pauſe unterbrach der Kardinal das unheimliche Schweigen, während ſie jetzt eben in eine der Hauptſtraßen Wiens einfuhren. „Du fragſt mich nicht, mein Sohn, was aus deiner Schweſter geworden iſt?“ fragte er. 17 „Nein,“ ſagte der Knabe gleichgültig,„weshalb ſollte ich fragens Zch weiß es, denn ſie iſt nicht mit Ihnen zurückgekehrt. Sie haben ſie der Aebtiſſin über⸗ geben, und man wird ſie zu einer Nonne erziehen.“ „Und du ſagſt das ſo ruhig und gelaſſen, mein Sohn? Du würdeſt alſo ganz damit einverſtanden ſein, wenn deine Schweſter eine Nonne würde?“ „Warum nicht, wenn es ihr Wunſch und Wille iſt? Das Kloſterleben iſt ſehr ſchön für diejenigen, welche es freiwillig ſich erwählen.“ Der Kardinal warf einen forſchenden Blick auf den Knaben hin, um zu ſehen, ob ſeine Mienen nicht etwas beredter und offener ſein möchten, als ſeine Worte Aber Franz Räköczy's Geſicht war ganz ruhig und ſanft, es verrieth nichts von den Gedanken ſeiner Seele. „Und du, mein Sohn,“ fragte der Kardinal nach einer Pauſe wieder,„haſt du dich ſchon über einen Lebensberuf entſchieden?“ „Ich bin eben erſt zwölf Jahre alt geworden,“ erwiderte Franz ruhig;„ich habe keinen Willen, ſon⸗ dern was mein Vormund der Kaiſer befiehlt, das werde ich thun.“ „Er iſt entweder ſehr einfältig, oder ſehr ſchlau,“ 2 1851. XIII. Franz Räköczy I. 18 ſagte der Kardinal zu ſich ſelber, indem er wieder ſeine kleinen ſtechenden Augen auf den Prinzen heftete. „Möchteſt du nicht auch das Kloſterleben erwäh⸗ len?“ fragte er dann.„Möchteſt du nicht auch ein Kirchenfürſt werden, wie ich es bin?“ „Eure Eminenz,“ erwiderte Franz lebhafter als zuvor,„ich meine, nur dem Papſt geziemt es, eine weltliche und eine geiſtliche Krone zu gleicher Zeit zu tragen, und da ich ſchon Fürſt von Siebenbürgen bin, ſo darf ich nicht auch noch Kirchenfürſt werden.“ Der Kardinal lächelte. Er iſt nur einfältig, dachte er, man wird mit ihm weniger Schwierigkeiten haben, als mit ſeiner Schweſter. Mein Sohn,“ ſagte er dann laut,„deine Krone von Siebenbürgen darf dich nicht hindern, dereinſt einen Kardinalshut zu tragen, denn dieſe Krone exiſtirt nicht mehr, und ich möchte dir als Freund und Vormund rathen, gar keine Anſprüche mehr an dieſelbe zu machen. Es iſt beſſer, du vergiſſeſt die Vergangenheit und richteſt deinen Blick allein auf die Zukunft!“ „Ich werde es thun,“ ſagte der Knabe leiſe, indem er ſich tiefer in die Ecke des Wagens zurücklehnte.— Nach einer langen Fahrt hielt der Wagen endlich vor einem großen, prächtigen Hauſe an, und ſie ſtie⸗ gen aus. 19 „Sind wir hier an der Kaiſerburg?“ fragte der Prinz, indem er an der Seite des Kardinals die breite, mit Teppichen belegte Treppe hinaufſchritt. „Nein, mein Sohn, wir ſind hier im Hauſe eines meiner Freunde, und du wirſt hier bleiben, bis ich mir von Sr. Majeſtät weitere Befehle eingeholt habe.“ Franz erwiderte nichts, ſondern folgte ruhig dem Kardinal, der ihn jetzt in ein geſchmackvoll dekorirtes gro⸗ ßes Gemach am Ende eines Korridors führte.„Duwirſt hier bleiben, mein Sohn, bis der Kaiſer über deinen künftigen Aufenthalt beſtimmt hat,“ ſagte der Kardinal gebieteriſch.„Dort jene Thür führt in dein Schlafge⸗ mach, hier in jenem Schrank findeſt du Bücher und Kupferwerke zu deiner Unterhaltung, und wie du ſiehſt, iſt auch ein kleines Billard vorhanden. Wenn du ſpielen willſt, oder ſonſt etwas begehrſt, ſo haſt du nur nöthig, an der Klingel, die dort auf dem Tiſch ſteht, zu drücken, und es wird ſogleich dein Kammerdiener eintreten, um deine Befehle in Empfang zu nehmen. ZJetzt aber, mein Sohn, befehle ich dich in den Schutz Gottes, und begebe mich zum Kaiſer.“ „Eine Frage noch, Herr Kardinal,“ ſagte Franz ruhig,„darf ich auch einige Spaziergänge machen, um die Stadt Wien kennen zu lernen?“ „Wir werden weiter davon ſprechen, ſobald ich 2* . 20 zurückkomme,“ ſagte der Prälat mürriſch, indem er haftig der Thür zuſchritt. Franz Räköezy ſchaute ihm nach, mit einem lan⸗ gen lauernden Blick. Er hörte, wie der Kardinal draußen den Schlüſſel im Schloß an der Thür um⸗ drehte, und ihn dann auszog, und ein leiſes Beben durchflog ſeine Geſtalt. Als die Schritte des Prälaten in der Ferne verhallt waren, veränderte ſich das Weſen des Knaben, eine glühende Röthe floß plötzlich über ſein Geſicht hin, ſeine kleine, ſchmächtige Geſtalt dehnte ſich und ſchien größer, ſtolzer zu werden, ſeine Augen blitzten, ſeine vorher ſo glatte Stirn umdüſterte ſich, ſeine Lippen preßten ſich krampfhaft aufeinander, ſeine ballten ſich zur Fauſt zuſammen. Wie eine igerkatze, ſo wild, mit ſo ſprühenden Augen ſprang er zur Thür hin und rüttelte an dem Schloß, dann, als er ſich überzeugt, daß ſie ſich nicht öffnete, rannte er durch das Gemach nach jener Thür hin, von wel cher der Kardinal ihm geſagt, daß ſie in ſein Schlaf⸗ zimmer führe. Er ſtieß die Thür auf und ſprang in dieſes Gemach hinein. Ja, der Kardingl hatte Recht gehabt, es war ein Schlafzimmer, zierlich und elegant eingerichtet, wie das Wohnzimmer; auf einer Eſtrade, unter einem Baldachin von rother Seide, ſtand das Bett, ihm gegenüber ein 21 Toilettentiſch, mit allen Erforderniſſen für die Toi⸗ lette, daneben ein großer venetianiſcher Spiegel, wei⸗ terhin ein bequemer Divan, aber auf alles dieſes achtete der Knabe nicht. Er ſah nur, daß dieſes zweite Gemach gar keine Thür, gar keinen Ausgang hatte, und als er dies geſehen, ſprang er zum Fenſter hin, und ſtieß es auf. Aber hinter dieſem Fenſter befand ſich ein feines, künſtlich geflochtenes Drahtgitter, das ihm jedes Hinausſchauen unmöhlich machte. Franz ſtieß einen Schrei aus und ſprang mit blitzenden Au⸗ gen wieder zurück in das Wohnzimmer, zu den Fen⸗ ſtern hin, die von den rothen, ſchweren Seidengardinen faſt ganz überdeckt waren,— auch hier dasſelbe Hin⸗ derniß, auch hier die feinen Drahtgitter hinter den Glasſcheiben. „Gefangen, ich bin gefangen!“ murmelte der Knabe in ſich hinein, und wie betäubt ſank er auf den Stuhl nieder, der in der Fenſterniſche ſtand.— Stunde nach Stunde verging und der Kardinal Kolonies kehrte nicht zurück. Aber endlich doch ward die Thür geöffnet, und ein elegant gekleideter junger ann trat ein, der ſich ſelber als den Kammerdiener des jungen Fürſten darſtellte, und um die Erlaubniß bat das Souper ſerviren zu dürfen. Franz Ralöczy antwortete nur mit einem leichten 22 Kopfnicken, und richtete ſeine Augen wieder auf das Buch, das er in ſeiner Hand hielt, und in welchem er eifrig zu leſen ſchien. Der Kammerdiener ging ge⸗ ſchäftig hin und wieder, ordnete auf dem Tiſch vor dem Divan, auf welchem Franz ſich ausgeſtreckt hatte, Alles zu einem Mahl, brachte ſilberne Armleuchter mit brennenden Kerzen, trug auf ſilbernen Schüſſeln duftende Speiſen herein, und meldete dann, daß die Tafel ſervirt ſei. „Ich werde mich ſelbſt bedienen,“ ſagte der Knabe, Blick von ſeinem Buche aufzuheben,„gehen ie!“— Aber als der Kammerdiener nach einer Stunde wieder eintrat, um das Service wieder fortzutragen, fand er, daß die Speiſen noch gar nicht berührt waren, und daß der Prinz noch immer in unveränderter Stel⸗ lung auf dem Divan lag, die Angen auf das Buch geheftet, das er in ſeiner Hand hielt. „Beliebt es Ihnen nicht zu eſſen, Durchlaucht?“ ſagte der Kammerdiener.„Die Speiſen ſind leider ſchon alle erkaltet.“ „Ich eſſe gar nicht, tragen Sie Alles wieder fort,“ befahl der Knabe, ohne von ſeinem Buch aufzuſehen. „Wollen Eure Durchlaucht ſich vielleicht zur Ruhe 23 begeben? Darf ich Ihnen beim Auskleiden behülf⸗ lich ſein?“ „Ich bedarf keiner Hülfe! Gehen Sie!“ Am andern Morgen, als der Kammerdiener wieder in das Gemach eintrat, um das Frühſtück zu ſerviren, fand er den Prinzen noch ſo auf dem Divan liegen, wie geſtern Abends. Auch war das Bett im Schlaf⸗ zimmer gar nicht berührt, der arme Knabe hatte offen⸗ bar ſo unausgekleidet und unbedeckt die Nacht auf dem Divan zugebracht.. Der Kammerdiener beeilte ſich das Frühſtück zu ſerviren, und der junge Prinz ließ es geſchehen; aber als der Diener nach langer Zeit kam, um das Ge⸗ ſchirr abzutragen, fand er, daß das Frühſtück ebenſo unberührt geblieben, wie geſtern das Souper. Und ſpäter zur Mittagszeit ebenſo! Franz ließ es geduldig geſchehen, daß man ſervirte, aber er nahm nichts von den Speiſen, er lag auf dem Divan und ſtarrte vor ſich hin, doch nicht ein Wort kam über ſeine Lippen, die feſtgeſchloſſen blieben für jede Klage, jeden Seufzer ſogar. So verging der erſte und der zweite Tag. Der junge Prinz lag immer mit weitgeöffneten Angen auf dem Divan, auf die theilnahmsvollen Fragen des Kammerdieners antwortete er mit ruhiger, ſtolzer 24 Gelaſſenheit, aber wenn dieſer ihn beſchwor, doch end⸗ lich etwas Nahrung zu ſich zu nehmen, ſagte er kopf⸗ ſchüttelnd nur:„Nein, ich eſſe nicht „Aber Eure Durchlaucht werden krank werden,“ rief der Kammerdiener ängſtlich.„Sie werden ſich zu Tode hungern!“ „Ich hungere gar nicht,“ ſagte der Knabe ſanft. „Ich glaube es wohl, Durchlaucht. Ihre Nerven ſind ſchon überreizt, Sie fühlen den Hunger nicht. er die menſchliche Natur kann das allzu lange Faſten nicht vertragen. Wenn Sie nicht bald Nahrung zu ſich nehmen, ſo werden Sie ſterben.“ „So ſterbe ich,“ ſagte der Knabe mit einem zugleich ſo entſchiedenen und ſo ſanften Ausdruck, daß die Augen des Kammerdieners ſich mit Thränen des Mit⸗ leids füllten. Eine Stunde ſpäter trat der Kardinal Kolonics in das Gemach ein, und ſchritt haſtig zu dem Divan hin, auf welchem der junge Prinz lag, und mit großen, weitgeöffneten Augen ihm entgegenſchaute. „Mein Gott, mein Sohn!“ rief er,„was für Nachrichten bringt man mir da von Ihnen? Man ſagt mir, daß Sie abſichtlich keine Nahrung zu ſich nehmen wollen.“ 25 „Ich will nicht ſterben,“ ſagte Franz ruhig,„aber wenn Gott es will, ſo ſterbe ich!“ „Thorheiten, mein Sohn; Gott will nicht, daß du ſtirbſt. Man ſtirbt nicht mit zwölf Jahren, wenn man einen ſo ſtarken, geſunden Körper hat, wie du, mein lieber Sohn. Mein Himmel! welch' ein Eigen⸗ ſinn, drei Tage lang nichts zu eſſen! Und ich hatte keine Ahnung davon, war immerfort mit deinen An⸗ gelegenheiten beſchäftigt, hatte immerfort zu ſchreiben, zu berichten, bin ſogar, keine Strapazen und Mühen ſcheuend, ſelber mit Courierpferden nach Prag gereiſt, um dort meinem lieben Mündel die Stätte zu bereiten. Und jetzt, da ich zurückkehre, empfängt man mich mit der Nachricht: der Prinz Räköezy iſt krank! er will ſich zu Tode hungern. Prinz! iſt das der Lohn für meine Sorgfalt und Theilnahme? O, Sie werden in ſich gehen, Sie werden ſogleich etwas genießen.“ „Ich habe keinen Hunger,“ ſagte Franz ruhig, „ich werde nicht eſſen, ſo lange ich in dieſem Gefäng⸗ niß bin.“ „O, iſt es nur das, mein Sohn!“ rief der Kar⸗ dinal lebhaft.„Nun, ich kann dir ſagen, daß du noch in dieſer Stunde dieſes Haus verlaſſen wirſt, um eine Reiſe anzutreten. Der Kaiſer hat alle meine Vor⸗ ſchläge genehmigt. Du wirſt in Begleitung meines ⁴ 26 Kaplans noch heute nach Prag abreiſen, um in dem dortigen Jeſuiten⸗Kollegium deine Erziehung zu vol⸗ lenden. Du ſiehſt alſo, mein lieber Sohn, daß Niemand daran denkt, dich in einem Gefängniß feſthalten zu wollen. Im Gegentheil, die Welt thut ſich dir auf, und wer weiß, zu welchen großen Dingen du noch be⸗ rufen biſt. Du wirſt dich auf dieſelben vorbereiten in dem Jeſuiten⸗Kollegium zu Prag. Die frommen Vä⸗ ter dort ſind ebenſo gelehrt, als fromm, und ſie wer⸗ den den theuren Mündel des Kaiſers in Allem unter⸗ richten, was ihm Noth thut. Alſo, mein Sohn, eile dich! Nimm Einiges von dieſen köſtlichen Speiſen zu dir, welche man ſo eben hier aufgetragen, und dann führe ich dich ſelbſt zu dem Reiſewagen, der ſchon vor der Thür bereit ſteht.“ „Und meine Mutter?“ fragte der Knabe ſo leiſe, daß der Kardinal ihn kaum verſtand. „Deine Mutter?“ wiederholte der Kardinal. „Ach, ich vergaß! Die Frau Fürſtin ſendet ihrem geliebten Sohn ihre zärtlichſten Abſchiedsgrüße. Sie findet, daß es beſſer und weiſer iſt, ſich den Schmerz des Abſchiedes zu bewahren, und ich bin mit ihr voll⸗ kommen einverſtanden. Iß alſo ein wenig, mein Sohn, und dann komm!“ „Nein,“ ſagte Franz ruhig,„ich eſſe nicht. Ich 27 habe mir ſelber geſchworen, daß ich nichts in dieſem Hauſe genießen will.“ „Nun denn!“ rief der Kardinal lachend,„ſo neh⸗ men wir dieſes allerliebſte Rebhuhn mit hinunter in den Wagen, und da kannſt du eſſen, mein kleiner Trotzkopf, ohne vaß du nöthig haſt, deinen Schwur zu brechen.“ „Nein, ich werde auch dort nicht eſſen,“ ſagte Franz, deſſen Wange immer bleicher, deſſen Stimme immer ſchwächer geworden war. „Mein Gott!“ rief der Kardinal,, es iſt alſo Ernſt, du willſt alſo wirklich ſterben?“ „Nein,“ flüſterte der Prinz,„ich will zu meiner Mutter. Ich will meine Mutter wiederſehen. Wenn Sie mich von hier fortführen, ohne daß ich meine Mutter wiedergeſehen, ohne daß ich Abſchied von ihr genommen habe, ſo will ich ſterben, ſo laſſe ich mich verhungern, das ſchwöre ich!“ „Und er ſcheint mir wahrhaftig im Stande ſeinen Schwur zu halten,“ murmelte der Kardinal in ſich hinein.„Man muß ihm alſo nachgeben, man muß ihm den Willen thun, denn ich will nicht, daß man ſagt, ich habe ihn gemordet!— Nun wohl, mein Sohn, dein Wunſch ſoll dir erfüllt werden! Du ſollſt von ⁴ 28 deiner Mutter Abſchied nehmen. Komm, wir fahren ſogleich zu ihr!“ Franz erwiderte nichts, aber zwei große Thränen fielen aus ſeinen brennenden Augen und rannen lang⸗ ſam über ſeine eingefallenen, todesbleichen Wangen nieder. Er wollte ſich aufrichten, aber er fiel ächzend zurück, ſeine Schwäche war mächtiger, als ſein Wille, man mußte ihn hinuntertragen in den Wagen, denn ſeine Füße trugen ihn nicht mehr.— Helena hatte dieſe drei Tage der Einſamkeit in ſtummer, klageloſer Verzweiflung hingebracht. Man hatte ſie von ihren Kindern getrennt, man hielt ſie wie eine Gefangene, während man ihr bei der Ueber⸗ gabe von Munkacs feierlich ihre perſönliche Freiheit zugeſagt hatte, man ließ ſie in völliger Ungewißheit über ihr eigenes Schickſal und das ihrer Kinder; aber auch ihre Lippen blieben ſtumm für jede Klage, für jeden Schmerzensſchrei, nur in der Stille der Nacht vernahm man aus ihrem Zimmer unterdrücktes Schluchzen und Weinen. Am Tage aber war das Angeſicht der Fürſtin ſtolz, ruhig und kalt, und auch jetzt, als der Kardinal ihr den Sohn brachte, als er ihr erzählte von dem Eigenſinn des Knaben, keine Nahrung zu ſich nehmen zu wollen, auch jetzt blieb ſie ruhig und ſtolz, und keine einzige Thräne verdun⸗ 29 kelte den klaren, ſtolzen Blick ihrer Augen, die, wäh⸗ rend der Kardinal ſprach, unverwandt, drohend und kalt auf ihn gerichtet waren. Dann, als er ſchwieg, neigte ſie ſich nieder zu ihrem Sohne, der matt und ſprachlos auf einem Seſ⸗ ſel lehnte, und küßte ſeine feuchte Stirn.„Du wirſt eſſen, mein Sohn,“ ſagte ſie,„du wirſt eſſen, damit deine Stimme kräftig und ſtark genug werde, zu ant⸗ worten, wenn das Vaterland dich ruft!“ Und jetzt ſträubte der Prinz ſich nicht länger. Aus den Händen ſeiner Mutter nahm er mit einem ſanften, rührenden Lächeln die Speiſen entgegen, die ſie ihm darreichte, trank er aus dem Glaſe mit kräftigem Wein gefüllt, das ſie an ſeine Lippen drückte. Bald über⸗ goſſen ſich ſeine Wangen mit einem Schimmer der wiederkehrenden Jugendfriſche, und ſeine trüben, matten Augen belebten ſich wieder zu feurigem Glänzen. Der Kardinal drängte zur Abreiſe, indem er ha⸗ ſtig und rauh die Fürſtin benachrichtigt hatte, wohin man den Prinzen zu führen gedenke. „Es überraſcht mich nicht,“ ſagte Helena ruhig. „Ich habe in dieſen drei Tagen Vieles überdacht und erwogen, und ich war überzeugt, daß Alles ſo kom⸗ men würde. Man will mir den Sohn zu einem Prieſter, die Tochter zu einer Nonne machen, mich 30 ſelbſt hier im Urſulinerkloſter begraben, wir werden von jetzt an ein frommes, gottſeliges Leben führen, wie es Denen wohl anſteht, die mit allen ihren irdi⸗ ſchen Hoffnungen geſcheitert ſind. Die Räköczy's werden im Kloſter enden, wie die Zrinyi's auf dem Schaffott und im Kerker geendet haben, es iſt immer dasſelbe, nur die Todesarten ſind verſchieden. Aber da ich heute meinen Sohn zum letzten Male ſehe, ſo will ich von ihm Abſchied nehmen.“ „Deshalb bringe ich Ihnen ja den Prinzen, Frau Fürſtin!“ rief der Kardinal rauh.„Nehmen Sie alſo Abſchied von ihm.“ Sie ſchüttelte langſam ihr Haupt.„Wenn eine Mutter von ihrem Sohne Abſchied nimmt, darf Nie⸗ mand als Gott Zeuge ſein.“ Der Kardinal zuckte die Achſeln.„Ich ließe den jungen Prinzen recht gern allein mit Ihnen, Frau Fürſtin,“ ſagte er,„wenn Sie nur ſeine Mutter wären, aber Sie ſind zu ſeinem und zu Ihrem Unglück außer⸗ dem noch die Heldin von Munkaes, die Heroine der Unzufriedenen, und aus dieſem Grunde darf ich Sie nicht allein laſſen mit dem Mündel des Kaiſers, der mich zu ſeinem Stellvertreter ernannt hat.“ „Ich will heute nur die Mutter ſein,“ ſagte Helena ſanft.„Man wird mir wohl erlauben, meinen Sohn . 31 noch einmal ohne Zeugen zu umarmen. Ich bitte Sie darum, Eminenz, als um eine Gnade!“ „Nun wohl, es ſei!“ rief der Kardinal achſelzuckend. „Nehmen Sie Abſchied ohne Zeugen von Ihrem Sohn, Frau Fürſtin. Ich bewillige Ihnen eine halbe Stunde. Wenn dieſe verſtrichen iſt, werde ich kommen, den Prinzen zu holen.“ Er wandte ſich der Thür zu, aber die Hand der Fürſtin hielt ihn zurück.„Noch eine Frage,“ ſagte ſie, ihm ſtarr und durchbohrend in die Augen ſehend.„Wird mein Sohn an mich ſchreiben, wird er von mir Briefe empfangen dürfen? Im Namen Gottes und der hei⸗ ligen Jungfrau fordere ich Sie auf, mir die Wahrheit zu ſagen!“ „Ich kann darüber noch nichts Entſcheidendes ſa⸗ gen!“ rief der Kardinal,„ich werde den Willen Sr. Majeſtät einholen, ich weiß nicht—“ „Aber ich weiß!“ unterbrach ihn die Fürſtin ſtolz, „gehen Sie, Herr Kardinal!“ Kolonies ſchleuderte auf ſie einen Blick finſtern Haſſes, er ging hinaus. Helena war nun allein mit ihrem Sohn, und mit einem Ausdruck leidenſchaftlicher Zärtlichkeit ſchloß ſie ihn feſt in ihre Arme, preßte ſie heiße Küſſe auf ſeinen 8 Mund, auf ſeine Wangen. Aber die Thränen, die in ihre Augen treten wollten, drängte ſie zurück. „Ich will nicht weinen,“ ſagte ſie.„Ich habe Jahre der Einſamkeit und des Grams vor mir, um über die Trennung von dir und deiner Schweſter zu weinen. Dieſer letzte Augenblick des Beiſammenſeins mit dir, mein Sohn, darf nicht von kleinlichem Schmerz ent⸗ weiht werden. Mein Sohn, du wirſt niemals wieder die Stimme deiner Mutter vernehmen, und niemals wer⸗ den meine Briefe zu dir gelangen, ich habe das in den Augen des Kardinals geleſen. Man fürchtet meinen Einfluß auf dich, deshalb will man die Mutter dem Sohne entfremden. Aber ich werde doch bei dir ſein alle Tage, meine Gedanken werden dich ſegnen und lieben, wenn du der rechte und treue Sohn deiner Mutter biſt, wenn du die heiligen Pflichten erfüllſt, welche auf deinem Haupte ruhen Sage, mein Sohn, kennſt du dieſe Pflichten?“ „Ich kenne ſie, meine Mutter,“ ſagte der Sohn feier⸗ lich.„Ich habe ſie beſchworen auf dem Thurm von Munkacs, und ich werde ſie zu erfüllen trachten, damit ich mich bewähre als dein rechter und treuer Sohn. Ich werde einſt den Thurm von Munkaes beſteigen und werde es hinaufrufen zum Himmel: Meine Mut⸗ ter, ich habe dich gerächt, Munkaes iſt frei!“ . 33 „Schwöre mir, daß du dies nie vergeſſen, daß du leben, und das Leben ertragen willſt, um dereinſt dies Ziel zu erreichen!“ „Ich ſchwöre es dir, meine Mutter, ich will leben, um dies Ziel zu erreichen!“ „Und nun höre noch dies, mein Sohn. Wir werden uns nie wiederſehen, niemals wieder mit einander ſprechen. Man wird bemüht ſein, die Erinnerung an mich in deinem Herzen zu untergraben, die Vergangen⸗ heit in dir zu ertödten. Deshalb will ich dir jetzt mein Vermächtniß geben, und du ſollſt mir bei dem Andenken an deinen Vater, an deine Mutter, bei Allem was dir heilig und theuer iſt, ſchwören, dieſes Ver⸗ mächtniß als dein höchſtes und heiligſtes Gut in dei⸗ nem Herzen zu bewahren.“ Der Knabe that mit ernſtem, feierlichem Angeſicht den verlangten Schwur. „Ich kann dir meinVermächtniß nicht geben auf Pa⸗ pier oder Pergament geſchrieben,“ fuhr Helena fort, „denn ſie würden es dir entreißen. Ich muß es daher in dein Herz hineinſchreiben. Dieſes mein Vermächt⸗ niß, es iſt die Bulla Aurea, die Sacratissimi Regis Andreae Secundi Decretum. Du kennſt ſie, mein Sohn, ſie war das Erſte, was ich dich gelehrt habe, und du haſt ſie mir ſeitdem ſtatt des Gebetes an jedem Abend 1561. XIn. Franz Räköczy U. 3 wiederholen müſſen. Schwöre mir, daß, ob ich gleich nicht mehr bei dir bin, du feſthalten willſt an dieſer Gewohnheit, daß du an jedem Abend heimlich und in der Stille dir die Bulla Aurea, das Geſetzbuch der Freiheiten Ungarns, wiederholen willſt.“ „Ich ſchwöre es dir, meine Mutter,“ ſagte Franz, ſeine Rechte gegen Himmel erhebend,„ich will mir an jedem Abend die Bulla Aurea wiederholen, ſie ſoll, ſo lange ich ein Knabe bin, mein Gebet ſein, aber dereinſt, wenn ich ein Jüngling bin, ſoll ſie mein Schlachten⸗ ruf ſein!“ 3 „Bleibe eingedenk der Hauptparagraphen dieſer un⸗ ſerer heiligen und ſchönen Magna Charta, bewahre ſie als das heiligſte Vermächtniß deiner Väter. Welches, mein Sohn, ſind die Hauptparagraphen unſerer Bulla Aurea? „Der erſte und der zweite Paragraph, vor allen Dingen aber der letzte, der einunddreißigſte Para⸗ graph, meine Mutter.“ „Was enthält der erſte Paragraph?“ „Er ſichert jedem Adeligen ſeine perſönliche Freiheit zu, er erklärt es für ungeſetzlich, daß ein Adeliger ein⸗ gekerkert werde, bevor er vor die gewöhnlichen Tribu⸗ nale geladen, und von denſelben überführt worden iſt.“ „Und der zweite Parggraph, was beſagt der?“ 35 „Der zweite Paragraph ſichert den Magyaren die Steuerfreiheit, er enthält ferner die Befreiung von dem Zwange des Heerbannes für das Ausland, und ge⸗ währt uns Schutz gegen jede Bedrückung des könig⸗ lichen Statthalters. „Jetzt aber, mein Sohn, wie lautet der einund⸗ dreißigſte Artikel, und was befiehlt er?“ „Er befiehlt dem König daß er die Bulla Aurea heilig halte in allen ihren Paragraphen, er gibt den Adeligen das Recht, wenn der König gegen die Bulle ſich verſündigt, ſich zu widerſetzen, denn er ſagt:„In ſolchem Falle mögen die Adeligen nebſt der Geſammt⸗ heit des ganzen Landes uns berauben, und in Noth brin⸗ gen auf alle mögliche Weiſe, nämlich durch Wegneh⸗ mung unſerer Schlöſſer, Ländereien, Beſitzthümer und auf jede Art, wie ſie können, bis die Beſchwerde nach ihrem Urtheile beſeitigt iſt.“ „Mein Sohn, vergiß es nie, daß die Könige von Ungarn dieſen Paragraphen beſchwören müſſen, bevor ſie gekrönt werden, und daß nur derjenige der recht⸗ mäßige König von Ungarn iſt, der die Bulla Aurea beſchworen hat.“ „Ich werde es niemals vergeſſen!“ rief der Knabe feierlich,„ich—“ 36 „Die Zeit iſt um,“ rief der Kardinal, die Thür aufreißend,„die Zeit iſt um!“ „Undwir ſind zu Ende,“ ſagte Helena ruhig.„Gehe hin, mein Sohn, der Segen deiner Mutter geht mit dir überall hin, wenn du niemals vergiſſeſt, das Abend⸗ gebet zu wiederholen, das ich dich gelehrt habe!“ „Ich werde es nie vergeſſen,“ rief Franz Räköczy, „ich werde es täglich beten! Lebe wohl, meine Mutter! Dein Vermächtniß ſteht in meinem Herzen geſchrieben.“ II. Zuliuna im Kloſter. Es war ein langer Kampf, den Juliana Räköczy mit dem Kardinal Kolonics und den frommen Non⸗ nen des Urſulinerkloſters zu kämpfen hatte, ein Kampf, bei welchem auf der einen Seite die Religion, die Frömmigkeit und der Egoismus, auf der andern Seite die Jugend, die Lebensluſt und die Liebe zur Freiheit ſich gegenüberſtanden. Dem Kardinal Kolonics, dem unter dem purpur⸗ rothen Talar das Herz eines Soldaten ſchlug, wäre * k 37 es weit bequemer geweſen, der läſtigen Fürſorge über ſeine junge ſchöne Mündel, die überdies durch den ſo gefährlichen und berühmten Namen ihrer Familie aus⸗ gezeichnet war, dadurch überhoben zu werden, daß dieſe der Welt entſagte und ſich in ein Kloſter zurückzog. Er hatte im Jahre 1683 als Malteſerritter bei der Be⸗ lagerung von Wien durch die Türken ſich durch glän⸗ zende Waffenthaten, durch begeiſternden Heroismus ausgezeichnet, ſein ganzes Weſen flammte von Energie, Heldenkraft und Herrſchſucht, und neben dieſen Eigen⸗ ſchaften, welche in ihm den Krieger charakteriſirten, war er zugleich ein fanatiſcher, orthodoxer Prieſter, ein ſtren⸗ ger, ſtolzer Kirchenfürſt, dem die Intereſſen der Kirche höher ſtanden als kleinliches perſönliches Intereſſe der Menſchen, der ohne Erbarmen und ohne Reue ein Menſchenherz zerbrechen konnte, wenn es zum Wohl der Kirche und der Religion ihm nützlich geſchienen. Wie hätte er daher Mitleid haben ſollen mit die⸗ ſem jungen Mädchen, deren Schönheit täglich herrli⸗ cher aufblühte und daher täglich Anlaß zu Zwiſtigkei⸗ ten, zu Befürchtungen in dem Urſulinerkloſter gab? Denn das Gerücht von der Anweſenheit der Prinzeſ⸗ ſin Juliana im Urſulinerkloſter hatte ſich bald genug durch ganz Wien verbreitet, und die ganze Ariſtokratie beeilte ſich, der gefallenen Größe ihre Huldigung dar⸗ 4 38 zubringen, tndem ſie der Mutter und der Tochter des Fürſten Räköczy in ihrer gezwungenen Einſamkeit ihre Beſuche machte. Dieſe Beſuche waren eine Art De⸗ monſtration, welche der freiſinnige, ſtolze Adel der Re⸗ ſ gierung des Kaiſers Leopold machte, eine Demonſtra⸗ tion gegen die Härte und Grauſamkeit, mit welcher man ſeit Jahren verfahren war, und die nicht blos in Ungarn, ſondern auch in Oeſterreich ſelber Unzufrie⸗ denheit und Mißfallen erregt hatte. Die Ariſtokratie wollte vor Ungarn, vor ganz Europa beweiſen, daß die Schaffotte von Neuhaus, das Blutgericht von Eperies, die grauſamen S rafgerichte Caraffa's nicht ihre Sympathieen für das edle Unglück und den hoch⸗ herzigen Patriotismus ertödtet hätten, daß man das Unglück zu ehren wiſſe, und daß die Gemahlin und“ Tochter Räköczy's immer doch Fürſtinnen blieben, wenn ſie auch beſiegte Gefangene wären, wenn ſie gewagt hatten das Schwert zu erheben gegen den Kö⸗ † nig von Ungarn. Man beeilte ſich daher, der Fürſtin und der Prin⸗ zeſſin in den Sprachzimmern der beiden Urſulinerklö⸗ 1 ſter Beſuche zu machen, und der Kaiſer war weiſe und † klug genug, ſich das An hen zu geben, als billige er vollkommen dieſe Aufmer amkeiten, welche man den beiden Damen darbrachte, als wolle er der Prinzeſſin“ 39 Juliana vollkommen freie Macht laſſen, ſich unter den vornehmen Herren, die ihr im Sprachzimmer ihre Auf⸗ wartung machten, einen Gemahl zu ſuchen, oder wenn es ihrer Neigung entſpräche, ſich gegen alle Anfechtun⸗ gen der Welt zu retten hinter den Kloſtermauern, und ſtatt der Myrthe den Schleier zu wählen. Der Kaiſer ſehnte ſich endlich Friede zu machen mit Ungarn, und es war ihm daher willkommen, die aufgeregten, von den Grauſamkeiten Caraffa's zum höchſten Haß und Rachedurſt entflammten Gemüther der Ungarn zu beſänftigen, und ihnen indirekt wenig⸗ ſtens zu beweiſen, daß er das blutige Strafgericht ſei⸗ ner Generäle nicht billige, und daß, wenn er auch die Heldin von Munkacs habe vernichten und in den Staub treten müſſen, die Gemahlin des Fürſten Rä⸗ köczy, die Tochter ſo vieler berühmten Helden, ihm Achtung einflöße, und daß ſein Mündel, die Prinzeſſin Juliana, außer der Freiheit, wenigſtens die vollkom⸗ mene Freiheit des Willens habe, über ihre eigene Zu⸗ kunft zu beſtimmen. Man duldete daher, wie geſagt, die vielen Beſuche, die ſich täglich im Urſulinerkloſter einfanden, um der Prinzeſſin ihre Huldigung darzubringen, aber im Stillen war man um ſo eifriger bemüht, die Prinzeſſin dem Kloſterleben zu gewinnen, und ſie zu bereden, den ⁴ 40 Schleier zu nehmen. Der Kardinal Kolonies, gereizt von dem Widerſtreben, der muthvollen Entſchloſſen⸗ heit der Prinzeſſin, ließ ſich ſogar oft von ſeinem ſtol⸗ zen herriſchen Charakter zu Ausbrüchen des Zorns hinreißen, er ſchalt, er drohte, er legte Bußübungen und Strafen auf. Aber Juliana hörte ſeinem Schelten mit ruhiger Gelaſſenheit zu, ſie erwiderte ſeine Drohungen mit Lächeln und Achſelzucken, ſie unterwarf ſich den Buß⸗ übungen und Strafen mit ſtoiſcher Ruhe, und das tagelange Faſten, das ununterbrochene Beten während langer, kalter Nächte, das Schlafen auf der bloßen Erde machten gar keinen Eindruck auf Juliana, die von dieſen Prüfungen ſprach, wie von den unerläßli⸗ chen Strapazen, welche der Krieg mit ſich bringe. „Dennwir ſind noch fortwährend im Kriege,“ ſagte ſie mit einem ſtolzen Lächeln zum Kardinal Kolonics, „heute ſind die Oeſterreicher die Sieger, morgen wer⸗ din es vielleicht die Ungarn ſein, und dann wird man ſich beeilen Uns einzulöſen gegen die gefangenen öſter⸗ reichiſchen Feldherren. Ach, Herr Kardinal, wie froh werden Sie alsdann ſein, Ihrer läſtigen Vormund⸗ ſchaft über eine ſo widerſpänſtige und lebensluſtige Mündel enthoben zu ſein.“ Allerdings werde ich froh darüber ſein,“ grollte der 41 Kardinal,„aber ich hoffe zu Gott, daß nicht die Siege der Ungarn, ſondern die gläubige Ergebung und der Gehorſam meiner Mündel mich dieſer Vormundſchaft überheben wird. Prinzeſſin Juliana wird endlich zur Erkenntniß kommen, daß das Leben in Gott für ſie das beſte Heil und der ſchönſte Frieden iſt, ſie wird dem Beiſpiel ihrer edlen und frommen Großmutter Sophie Bätöry folgen und dem Kaiſer eine fromme und ergebene Unterthanin werden, ſie wird die Ver⸗ gehen ihrer Aeltern ſühnen, indem ſie den Kaiſer frei⸗ willig der Vormundſchaft überhebt, und den Schleier nimmt, indem ſie, von allen irdiſchen Dingen ſich los⸗ ſagend, die heilige Mutterkirche zur Erbin ihrer irdi⸗ ſchen Güter einſetzt.“ „Ich fürchte, Eminenz, ich werde niemals eine fromme Enkelin werden, ſondern mich damit begnü⸗ gen, eine fromme und gehorſame Tochter zu ſein,“ er⸗ widerte Juliana lächelnd.„Und überdies, wie fromm meine Großmutter, die Fürſtin Bätöry, auch immer war, wie ſehr ſie den Kaiſer liebte, ſo hat ſie deshalb doch nicht den Schleier genommen und ihre Güter der Kirche vermacht, ſondern ſie hat gekämpft für die Sache, der ſie anhing und an die ſie glaubte, und ſie hat ihre Güter ihren natürlichen Erben vermacht. So will ich denn, wie Eure Eminenz es mir rathen, auch 4 42 dem Beiſpiel meiner Großmutter Sophie Bätöry fol⸗ gen, ich will kämpfen für die Sache, der ich anhänge, und an die ich glaube, und ich will meine Güter der⸗ einſt meinen natürlichen Erben vermachen.“ „Sie werden aber niemals natürliche Erben ha⸗ ben!“ ſchrie der Kardinal zornig.„Man wird Ihnen niemals erlauben ſich zu vermählen.“ „Alsdann werde ich alſo gezwungen ſein, mich ohne Erlaubniß zu vermählen, ſagte Juliana achſelzuckend. „Man wird Ihre Ehe für ungültig erklären!“ „O, ich werde ſchon Sorge tragen, daß ſie ſo feſt und ſicher geſchloſſen iſt, daß nichts ſie trennen und löſen kann! Aber ereifern Eure Eminenz ſich nicht! Noch habe ich Niemand gefunden, dem ich mich vermählen möchte, und ich bin feſt entſchloſſen, mich nur einem Manne zu vermählen, den mein Herz erwählt und der meine politiſche Geſinnung theilt. Finde ich einen ſol⸗ chen nicht, ſo werde ich ſterben, wenn nicht als Nonne, doch unvermählt, und mein theurer Bruder Franz wird alsdann mein natürlicher Erbe ſein.“ „Dann wird alſo, wenn auch auf einem Umwege, die Kirche dennoch Ihre Erbin ſein!“ rief der Kardinal triumphirend.„Denn Ihr Bruder Franz iſt minder verſtockt und verhärtet, wie Sie. Er öffnet ſeine Ohren und ſein Herz dem Heil und der Erkenntniß; minder 43 ungläubig und trotzig wie ſeine Schweſter, wird er dem Beiſpiel der frommen Väter Jeſu nachfolgen, und die irdiſche Größe hingeben, um der himmliſchen nach⸗ zuſtreben.“ „Eure Eminenz wollen doch nicht ſagen, daß mein Bruder Franz ein Jeſuit werden könnte?“ fragte Ju⸗ liana mit blitzenden Augen und zornflammendem Angeſicht. „Die frommen Väter preiſen ſeine Frömmigkeit und ſeinen Gehorſam,“ ſagte der Kardinal,„der liebe Franz iſt ein Muſter für alle Schüler des Kollegiums. Der Erſte in der Kirche, im Beichtſtuhl wie im Kolle⸗ gium, iſt er bis jetzt das leuchtende Vorbild eines gu⸗ ten Schülers, er wird dereinſt das leuchtende Vorbild eines frommen, glaubenseifrigen Prieſters werden.“ „An dem Tage wird der Geiſt ſeines Vaters ihm fluchen!“ rief Juliana leidenſchaftlich,„an dem Tage werden ſeine Mutter und ſeine Schweſter ſich von ihm wenden, und werden ihn nicht mehr für ihren Sohn und ihren Bruder anerkennen!“ „Und Sie beſchweren ſich, daß ich Sie nicht mit meinem lieben Franz korreſpondiren laſſe? ſagte der Kardinal achſelzuckend.„Mein Gott, welch ein blinder Thor müßte ich ſein, meines lieben Mündels Gemüth zu beunruhigen, indem ich ſo fanatiſchen Frauenzim⸗ ⁴ 44 mern geſtattete an ihn zu ſchreiben, und mit ihren revo⸗ lutionären Grundſätzen die fromme und weiſe Mäßi⸗ gung zu zerſtören, welche die frommen Väter ſo müh⸗ ſam dem jungen Prinzen gelehrt haben!“ „Sie wollen alſo immer noch meinen Bitten nicht Gehör geben? Sie wollen mir nicht geſtatten, mit meinem Bruder zu korreſpondiren; Sie verweigern es mir, meine theure, geliebte Mutter zu ſehen, obwohl ſie hier in Wien iſt, obwohl nur wenige Straßen mich von ihr trennen! Ach, Herr Kardinal, es ſcheint mir wenig chriſtlich, auf ſo gewaltſame Weiſe eine Tochter von ihrer Mutter fern zu halten, vorzüglich, wenn dieſe Mutter eine ſo edle, tugendreiche, treue und hoch⸗ herzige Frau iſt, wie ganz Europa weiß, daß es meine Mutter iſt.“ „Ihre Mutter heißt Helena Zrinyi, und ſie iſt die Gemahlin des hochverrätheriſchen Renegaten, der jetzt 5 mit den Türken im Bunde gegen ſeinen rechtmäßigen Herrn und König im Krieg iſt. Sie werden es ſehr natürlich finden, daß die beiden Kinder, welche der ſterbende Fürſt Franz Räkéezy der Vormundſchaft des Kaiſers Leopold empfohlen hat, nicht mit einer ſo ge⸗ fährlichen Frau verkehren ſollen. Indeſſen gibt es ein Mittel, durch welches Sie ſogleich die Scheidewand niederreißen können, welche Sie von Ihrer Matter und 45 Ihrem Bruder trennt. Nehmen Sie den Schleier, Prinzeſſin Juliana, werden Sie Nonne, und man wird es der frommen Schweſter Urſulinerin nicht verſagen, ihre Mutter zu ſehen und ihrem Bruder zu ſchreiben.“ „Es gibt noch ein anderes Mittel,“ rief Juliana erglühend,„ein anderes Mittel, um die Scheidewand niederzureißen, welche mich von meiner Mutter, von meinem Bruder trennt!“ „Und wollen Sie mir ſagen, worin dieſes Mittel beſteht?“ „Warum nicht, Herr Kardinal? Dieſes Mittel be⸗ ſteht darin, daß ich mich vermähle! Der große Gott da droben, welcher nicht blos der Schutzherr Oeſter⸗ reichs, ſondern auch der Schutzherr Ungarns iſt, der wird mir ſchon zur rechten Zeit den Mann zuführen, der mich erlöſen ſoll aus dieſem Kloſter, der mich wie⸗ der hinausführt in die Welt, und durch mich auch meinen Bruder Frapz erlöſt und der Freiheit wieder⸗ gibt. Auf dieſen meinen Gott hoffe ich, an ihn glaube ich, und von ihm weiß ich, daß er mir helfen wird! Sie ſehen, Herr Kardinal, ich handle ehrlich und auf⸗ richtig, ich ſage Ihnen, welches meine Hoffnungen auf Rettung ſind. Sehen Sie nun zu, wie Sie dieſelben zerſtören können, aber glauben Sie mir, Gott iſt mit mir im Bunde, und der Genius meines Vaterlandes 4 46 umſchwebt die Tochter der Räköczyi als ſegnender Schutzgeiſt!“ „Nun wir werden ja ſehen, wie weit dieſer Schutz⸗ geiſt wirklich im Stande iſt, uns zu trotzen,“ ſagte Ko⸗ lonies höhniſch,„und ob er wirklich die Macht hat, Ih⸗ nen einen Mann zuzuführen, trotz der Kloſtermauern und des Sprachgitters.“ Und er eilte zornig zu der Aebtiſſin hin, und machte ihr die ſtrengſte Beaufſichtigung der Prinzeſſin zur Pflicht. Konnte man, da der Kaiſer perſönlich erlaubt hatte, daß die Prinzeſſin Juliana täglich im Sprach⸗ zimmer Beſuche empfinge, konnte man dies alſo nicht hindern, ſo ſollte die Aebtiſſin mindeſtens Sorge tra⸗ gen, daß Juliana bei ihren Gängen in das Sprach⸗ zimmer immer von einer Schweſter Urſulinerin be⸗ gleitet würde, und daß dieſe auch nicht einen Moment das Sprachzimmer verlaſſe. Auch zu ihren Gängen in die Kirche, zu den nächtlichen Betübungen, ſo wie wenn Juliana ſich auf das Chor begab, um mit kunſtferti⸗ gen geſchickten Händen die Orgel zu ſpielen, ſollte im⸗ mer eine der Nonnen ſie begleiten, und nicht einen Moment ſollte man die Prinzeſſin unbeachtet laſſen. Aber das Schickſal naht ſich oft auf dunklen, un⸗ ſichtbaren Pfaden, und unter den Trauerſchleiern des 47 Unglücks führt es Denen, die es liebt, gar oft dennoch das Glück herbei. Zwei Unglücksfälle mußten ſich ereignen, um Ju⸗ lianen das Glück zu bringen, das ſie ſo ſehr erſehnte. Zwei Unglücksfälle, um ihr den Freier zuzuführen und den ſtrengen Aufſeher zu entfernen. Das Unglück, welches ihr den Freier zuführte, war der Verluſt Belgrads an die Türken im Oktober des Jahres 1690. Der General Graf Aſpermont hatte die öſterreichiſchen Truppen in der Feſtung kom⸗ mandirt, aber gegen die Uebermacht der Feinde, gegen die vereinten Schaaren des Sultans und Tököly's hatte er mit ſeiner geringen und ſchlecht verpflegten Beſatzung ſich nicht zu halten vermocht. Dem Aufflie⸗ gen zweier Pulverthürme, die Tod und Entſetzen un⸗ ter die ſtürmenden türkiſchen Schaaren geſchlendert, hatte Aſpermont allein es zu verdanken, daß er we⸗ nigſtens Zeit und Gelegenheit fand, ſich mit den Sei⸗ nen aus der brennenden Feſtung zu retten. Aſpermont war nach Wien gekommen, um ſeinem Kaiſer und Herrn das Unglück und den Verluſt Bel⸗ grads zu melden, und der ſtolze, hocherzürnte Kriegsrath ließ den General gefänglich einziehen, klagte ihn als Verräther an und zog ihn zur ſtrengſten Verantwor⸗ tung. Aber General Graf Aſpermont hatte zu ſeinem ⁴ 48 Glück die Mittel in Händen, ſeine Unſchuld zu bewei⸗ dig an dem Verluſt von Belgrad, ſondern daß der Hofkriegsrath ſehr wohl gewußt habe, in welchem ſchlechten und bedrohlichen Zuſtande ſich Belgrad be⸗ fände. Der General Heußler, der auf ſeinem Durch⸗ zug durch Belgrad geſehen hatte, wie ſchlecht die Fe⸗ ſtungswerke von Ofen und Belgrad beſchaffen ſeien, wie wenig man aus Mangel an Waffen und Geld zu ihrer Wiederherſtellung hatte thun können, der Gene⸗ ral Heußler hatte dem Hofkriegsrath ſogleich Meldung davon gemacht und dringend um Truppen und Geld nachgeſucht. Aber man hatte weder die einen noch das andere nach den bedrohten Feſtungen geſandt, ſondern den dort kommandirenden Generälen nur den Befehl gegeben, in äußerſter Noth das Aeußerſte zu wagen, und durch Klugheit und Muth zu bewirken, daß Bel⸗ grad nicht verloren ginge.*) Der Befehl indeß war nicht wirkſam geweſen, Belgrad war dennoch verloren gegangen, und jetzt wollte der Hofkriegsrath den Grafen Aſpermont dafür verantwortlich machen! Aber er ſah ſich doch bald ge⸗ nug genöthigt, in ſeiner Strenge mindeſtens nachzu⸗ *) Feßler: Geſchichte von Ungarn. IX. 436. ſen und darzuthun, nicht blos, daß er ſelber unſchul⸗ 49 laſſen, und der gefangene General ſah die Pforten ſei⸗ nes Gefängniſſes während des Tages ſich öffnen und erhielt die Erlaubniß, in Wien, wenn auch ohne Degen, frei umher zu gehen. Er benützte die Erlaubniß, um der Prinzeſſin Juliana in ihrem Urſulinerkloſter ſeinen Beſuch zu machen, und da er in früheren Tagen in Ungarn häufig auf Munkacs geweſen war, nahm Ju⸗ liana keinen Anſtand, den jungen, ſchönen General freundlich willkommen zu heißen und ihm auf ſeine Bitte zu erlauben, daß er ſeine Beſuche im Sprach⸗ zimmer wiederholen dürfe. Aber dieſes erſte Unglück, welches ihr den Freier zuführte, wäre doch nicht genügend geweſen zu ihrem Glück, wenn nicht das zweite Ungllck dazu gekommen wäre, welches den ſtrengen Aufſeher entfernte und ſie für einige Zeit von der Vormundſchaft des Kardinals befreite. Dieſes zweite Unglück war der Tod des Papſtes Innozenz Xl., der Tod des weiſen, gelehrten und kriegsgeübten Papſtes, der während der ganzen Dauer ſeiner Regierung ein Feind der Jeſuiten geweſen, und die kühnen Machtübergriffe und glaubenseifrigen Grau⸗ ſamkeiten Ludwig XIV. von Frankreich ſtets getadelt und bekämpft hatte. Dieſes Unglück— wenn man überhaupt den Tod 1861 XIII. Franz Räköczy. I. 4 50 als ein Unglück bezeichnen darf— rief den Kardinal Kolonies nach Rom, um in der langen, verſchloſſenen Halle des Lateran mit den andern Kardinälen den heiligen Geiſt anzurufen, daß er ihre Seelen erleuchte und ſie befähige, dem würdigen Papſt Innozenz einen würdigen Nachfolger zu wählen. Aber es ſchien, als wenn der heilige Geiſt dies⸗ mal ſehr wenig geneigt ſei, ſich den Gebeten der Kar⸗ dinäle zu fügen und ſich auf ihren Häuptern nieder⸗ zulaſſen in der verhängnißvollen Gallerie des Lateran. Zwei ganze lange Monate dauerte diesmal das Kon⸗ klave, zwei lange Monate bedurften die eingeſchloſſe⸗ nen Kardinäle, um endlich ſich zu einigen zu der Wahl Ottoboni's, des Papſtes Alexander VIII. Dieſe zwei Monate, welche der Kardinal Kolvnics bedurfte, um in Rom einen Papſt zu wählen, ſie ge⸗ nügten dem General Aſpermont, um in Wien ſich eine Gemahlin zu erobern. — IV. Die Entführung. Kaum ein Monat war ſeit ihrem erſten Begegnen vergangen, als Juliana ſich ſchon in ihrem jauchzen⸗ den Herzen bewußt war, daß der General Aſpermont der Mann ſei, den ihr Gott zu ihrer Befreiung geſandt hatte, als General Aſpermont ihr ſchon, trotz der ſtets anweſenden, ſtets wachſamen Nonne, in einem glück⸗ lichen Moment einen Brief zugeſteckt hatte, in welchem er nicht allein ihr ſeine leidenſchaftliche Liebe bekannte, ſondern auch feierlich bei ihr um ihre Hand anhielt. Die Prinzeſſin drückte dieſen Brief mit ſeligem Lächeln an ihr Herz, deſſen tiefes Geheimniß ſie längſt ergründet hatte. Sie liebte den ſchönen, heiteren, edlen und guten jungen Mann, und ſie war ſich dieſer Liebe mit freudiger Zuverſicht bewußt. Aber bevor ſie ihm das Geſtändniß ihrer Gegenliebe machte, bevor ſie ihn annahm zu ihrem Gemahl, ihrem Befreier, dem ſie indeſſen doch ihre Freiheit hingeben mußte, war es nöthig, daß ſie ihn allein, ohne die läſtige Zeugin ſprechen könnte, die jeden Austauſch der Gefühle hemmte und das Wort, das ſich frei aus dem Herzen hervor⸗ drängte, auf der Lippe feſſelte. 4* 52 Der Graf Aſpermont kam ihrem geheimen Wunſche zuvor, ehe ihre mädchenhafte Schüchternheit gewagt hatte, ihn auszuſprechen Nur in den Stunden, in welchen nach der Regel des Kloſters überhaupt Be⸗ ſuche in das Sprachzimmer eingelaſſen wurden, beglei⸗ tete eine der Nonnen die Prinzeſſin Juliana als Wäch⸗ terin und Aufſeherin in das Sprachzimmer. Aber wenn dieſe Stunden abgelaufen, wenn die Ausgangs⸗ thür des Sprachzimmers verſchloſſen und der Schlüſſel der Aebtiſſin wieder übergeben war, dann ſtand es Julianen frei, ſich im Sprachzimmer aufzuhalten, und dort ſich ihren Beſchäftigungen, ihrer Lektüre oder auch ihren Träumen zu überlaſſen. Eines Tages indeſſen ward ſie aus dieſen Träu⸗ men auf eine gar wunderbare und überraſchende Weiſe aufgeſchreckt. Die Ausgangsthür des Sprachzimmers öffnete ſich und General Aſpermont, ſtrahlend von Glück, von Muth und Entſchloſſenheit, trat herein und eilte zu dem Gitter hin, das ihn von ſeiner Ge⸗ liebten trennte. Juliana lehnte ihr bleiches, erſchrockenes Geſicht gegen das Eiſengitter und wider ihren Willen lächelte ſie dem kühnen und verwegenen General ihre Grüße entgegen. 53 „Wer hat Sie eingelaſſen? Woher kommen Sie, General?“ flüſterte ſie leiſe. „Ich ſelber habe mich eingelaſſen,“ ſagte er,„und ich komme aus dem Hauſe, in welches ich die Königin meines Herzens bald als meine theure, angebetete Ge⸗ mahlin hoffe einführen zu können. Für die Liebe, Ju⸗ liana, gibt es keine Mauern und keine Schlöſſer, ſie überſpringt die Mauern, ſie öffnet die Schlöſſer. Wäh⸗ rend wir hier im Sprachzimmer unter den Augen Ih⸗ rer grauſamen Wächterin uns beſprachen, hat mein Kammerdiener draußen unbemerkt den Schlüſſel, den die guten Nonnen von außen in das Schloß geſteckt, in Wachs abgeformt, und nach dem Modell einen Nach⸗ ſchlüſſel anfertigen laſſen. Dank dieſem Nachſchlüſſel bin ich hier, und Dank dieſem Nachſchlüſſel wird Prin⸗ zeſſin Juliana dereinſt dieſes verhaßte Haus verlaſſen, wenn Sie einwilligt, meine Gemahlin zu werden und mich durch ihren Beſitz zum Glücklichſten der Sterb⸗ lichen zu machen. Ich bin gekommen, Prinzeſſin, um endlich von Ihren Lippen die Beſtätigung meiner ünſche zu vernehmen, um zu erfahren, ob Sie mich zu Ihrem Ritter und Befreier annehmen wollen. Ant⸗ worten Sie mir jetzt, Prinzeſſin, jetzt, da die Wächte⸗ rin des Kardinals Sie nicht hört! Wollen Sie mir das Glück gönnen, Sie aus dieſem Ort der Lange⸗ ⁴ 54 weile zu befreien und Sie als meine Gemahlin in mein Haus einzuführen?“ Juliana ſah ihm mit einem langen, forſchenden Blick in die hellen, ſtrahlenden Augen, und ihr Geſicht, das bis dahin heiter und lachend geweſen, nahm all⸗ gemach einen ernſten, feierlichen Ausdruck an. „Herr Graf,“ ſagte ſie leiſe,„Sie kennen das traurige Schickſal meines Hauſes. Sie wiſſen, daß der Zorn des Kaiſers auf uns ruht, daß wir hier in Oeſterreich für Hochverräther und Empörer gelten. Nun frage ich Sie hier feierlich vor Gott und Ihrem Gewiſſen, nennen auch Sie in der Tiefe Ihres Her⸗ zens uns Hochverräther? Nennen auch Sie meine Mutter eine Empörerin?“ „Vor Gott und meinem Gewiſſen will ich Ihnen Antwort geben,“ erwiderte der Graf feierlich.„Ich bin ein guter Patriot, ich liebe den Kaiſer und werde ihm tren und redlich dienen, ſo lange ich lebe. Aber gerade darum ehre ich auch den Patriotismus Anderer und verſtehe es, wenn ſie ihr Leben daranſetzen, die Sache, der ſie dienen, zu vertheidigen. Der Kampf zwiſchen Ungarn und dem Hauſe Habsburg iſt ein Unglück, das indeſſen von Niemanden perſönlich ver⸗ ſchuldet iſt, ſondern für das man nur das ſtrenge, unerbittliche Schickſal verantwortlich machen kann. „ 55 Beide Parteien befinden ſich bei dieſem Kampf in ihrem vollen Recht, der Kaiſer, weil er das Erbe ſei⸗ ner Väter nicht verlieren will, ſondern um den Beſitz desſelben kämpft, wie es einem Manne geziemt;— die Ungarn, weil ſie die Freiheiten und Vorrechte ihres Vaterlandes nicht aufgeben wollen, ſondern für die Größe, die Freiheit und Selbſtſtändigkeit des Va⸗ terlandes ihr Gut und Blut, ihr Leben und ihre Exi⸗ ſtenz wagen Ehre und Preis dieſen edlen und tapfern Patrioten, denen die Erhaltung des Vaterlandes die heiligſte und theuerſte Pflicht ſcheint! Ehre und Preis. der Heldin von Munkacs, der erhabenen Mutter mei⸗ ner theuren, angebeteten Prinzeſſin Juliana! Jeder Soldat neigt im Geiſte ſein Haupt voll Ehrfurcht und Bewunderung vor dieſer erhabenen Heldin, welche drei Jahre lang wie eine Löwin kämpfte und ſtritt für das Erbe ihrer Kinder, welche drei Jahre lang die kriegs⸗ gewandteſten öſterreichiſchen Generäle beſchämte durch ihre muthvolle und energiſche Vertheidigung. Und wie jeder tapfere Soldat die Heldin von Mun⸗ taes bewundert, ſo verachtet jeder tapfere Soldat die nutzloſe Grauſamkeit, die blutgierige Strenge, mit welcher der rohe General Caraffa in Ungarn gewü⸗ thet hat, und beklagt es, daß gerade er es ſein durfte, der die Heldin von Munkaes beſiegte; er, welcher es verſchuldet hat, daß der Kampf der Parteien jetzt zu einem patriotiſchen Krieg geworden iſt, in welchem alle Parteifragen untergegangen ſind, und wo man nur noch kämpft für die große Frage der freien Exi⸗ ſtenz des Vaterlandes. Um ein Volk, das für ſeine Freiheit kämpft, zu beſiegen, bedarf es nicht der blut⸗ gierigen Strenge, nicht der grauſamen Strafe, ſon⸗ dern man bedarf dazu der Milde und Großmuth, der Liebe und des Vergebens. Auf den Schaffotten und in den Kerkern wird der Patriotismus und die Wi⸗ derſtandskraft nicht getödtet, nicht in Feſſeln geſchla⸗ gen, ſondern aus dem Blute der Getödteten ſteigen neue geharniſchte Krieger hervor, und die Gefangenen werden zu Märtyrern und Heiligen, bei deren Geden⸗ ken man ſich begeiſtert zu neuem Widerſtand, und deren Unglück und Qual man zu rächen dürſtet. Weil ich ein guter öſterreichiſcher Patriot, ein treuer Diener meines Kaiſers bin, darum verſtehe ich auch den Hel⸗ denmuth der patriotiſchen Ungarn, und habe Ehrfurcht und Bewunderung für die Vertheidigerin von Munkaes.“ Juliana ſtreckte ihm durch das Gitter ihre ſchmale kleine Hand hin, und nickte ihm zu.„Ich danke Ihnen, General,“ ſagte ſie,„aus der Tiefe meines Herzens danke ich Ihnen, und die Worte, die Sie eben geſpro⸗ chen, werden ewig in meinem Herzen wiedertönen.“ ——— —————— ———— 57 „Aber werden auch Sie jetzt ſprechen, Juliana?“ fragte der Graf, ſeine heißen Lippen auf ihre Hand drückend.„Werden Sie jetzt endlich meine Frage be⸗ antworten, die Frage, welche über meine Zukunft und mein Lebensglück entſcheiden ſoll?“ „Erſt, General, müſſen Sie mir noch eine Frage beantworten! Ich weiß jetzt, wie Sie über Ungarn denken, aber ich weiß noch nicht, wie Sie handeln werden. Sie begehren meine Hand, Sie wollen mich zu Ihrer Gemahlin erwählen. Aber Sie tra⸗ gen die Uniform der Feinde meines Vaterlandes; und wenn der Kaiſer es morgen ſeinem General be⸗ fiehlt, ſo muß er hingehen und die Truppen anführen, welche gegen meine Landsleute, gegen die edlen Freunde meines Vaters und meiner Mutter kämpfen.“ „Wenn der Kaiſer mir das beföhle, ſo würde ich ihn beſchwören dieſen Befehl in Gnaden zurückzuneh⸗ men, und da er edel und großmüthig iſt, ſo würde er meine Bitte erfüllen. Ich werde niemals gegen die kämpfenden Ungarn mein Schwert erheben, und der Kaiſer hat ja überdies Feinde genug, gegen die er mich mit meinem Regiment ſtellen kann. Ich will mir aus dem ſchönen Ungarland keine Lorbeeren, ſondern nur Myrthen erobern.“ 58 „General, nun meine letzte Frage und Bitte. Sie beſitzen Einfluß und Anſehen, Sie ſind verwandt und befreundet mit dem allmächtigen Staatsminiſter von Strattmann, der Kaiſer ſelber iſt, wie man mir ſagt, Ihnen ſehr gewogen. Sie haben viele mächtige Freunde und Verbindungen. Werden Sie dieſelben anwenden, um das Unglück meines Hauſes zu mildern, und die Wunden, welche man uns geſchlagen, mindeſtens mit ein wenig Balſam zu ſänftigen? Meine Mutter ſchmachtet, wie ich, in einem Kloſter, und man hat es ihr ſogar verſagt ihre Tochter zu ſehen, mit ihrem Sohne in brieflichem Verkehr zu ſtehen. Sie trauert nicht blos um das Vaterland, ſondern auch um ihre Kinder, um den Gemahl, den ſie liebt, und von dem man ſie wider alle Religion und alles Völkerrecht ge⸗ trennt hält. Was werden Sie thun, um das Loos meiner unglücklichen Mutter zu erleichtern?“ „Prinzeſſin, ich weiß, daß Unterhandlungen angeknüpft ſind von Tököly, um den gefangenen Ge⸗ neral Heiſter gegen ſeine Gemahlin auszuwechſeln. Ich werde allen meinen Einfluß auf den Grafen Stratt⸗ mann anwenden, daß die Unterhandlungen zu einem glücklichen Reſultat führen, daß man der Fürſtin er⸗ laubt, ſich zu ihrem Gemahl zu begeben.“ „Und mein Bruder, mein geliebter, einziger Bru * und theuer iſt auf Erden! 59 der? Er ſchmachtet im Jeſuiten⸗ Kollegium zu Prag, und mit Gebeten und frommen Bußübungen wollen ſie ſeinen Jugendmuth brechen, und den heranwach⸗ ſenden Krieger ſeines Vaterlandes in einen demüthi⸗ gen Diener des Altars verwandeln.“. „Wir wollen ihn von dort befreien, Juliana, ſie ſollen dem jungen Adler nicht ſeine Flügel beſchneiden, er ſoll das Recht haben, ſich frei zu entwickeln und aufzuſtreben nach den höchſten Zielen. Geben Sie mir Ihre Hand, Prinzeſſin Juliana, und ich ſchwöre in dieſe geliebte theure Hand, daß ich nicht ruhen und raſten will, bis der Fürſt Franz Räköczy aus dem Jeſuiten⸗Kollegium in Prag erlöſt, und hierher nach Wien gekommen iſt, um hier frei und ungehindert zu leben, wie es ſeinem Range und ſeiner Stellung gemäß iſt.“ „Schwören Sie das in meine Hand, General,“ rief Juliana freudig,„und mein Leben, mein Herz, meine Liebe und Treue gehört Ihnen für das Leben 14 „Ich ſchwör's, ſchwör's bei Allem was mir heilig ſchwör's bei meiner Liebe zu Ihnen! bei meiner Hoffnung auf ein langes und glückliches Leben an Ihrer Seite!“ „Und ich,“ ſagte Juliana feierlich,„ich ſchwöre, daß ich Sie lieben, ehren und hochhalten will mein 60 ganzes Leben lang! ſchwöre, daß ich niemals einem andern Gemahl angehören will, als Ihnen, daß ich mich betrachte als Ihre Braut, und nicht als die Braut des Himmels, und daß keine Bitten, keine Drohungen, keine Gewalt mich zwingen ſollen, den Schleier ſtatt des Myrthenkranzes zu wählen. Graf Aſpermont, von die⸗ ſer Stunde an bin ich Ihre Braut, ſehen Sie nun zu, wie Sie die Braut ſich erobern aus den Mauern des Kloſters.“ „O, meine ſüße, geliebte Braut, mein Plan iſt ſchon entworfen,“ flüſterte Aſpermont,„Alles iſt vor⸗ bereitet. Ich wartete nur auf Ihre Einwilligung, um zur Ausführung zu ſchreiten. Sagen Sie nur dies Eine: Können Sie unbemerkt während der Nacht bis zu dem Sprachzimmer hier gelangen?“ „Ich glaube, daß ich das kann. Ich habe oft ſchon in den langen Sommernächten, wenn der Kummermich wach hielt, beim Dämmern des Morgens meine Zelle verlaſſen, und bin hier herabgegangen, ohne daß irgend Jemand mir begegnet iſt, oder mich gehört hat. Aber was hilft es, daß ich hier herunterkommen kann, das Eiſengitter iſt feſt verſchloſſen, und der Schlüſſel wird jeden Abend von der dienſtthnenden Schweſter der Frau Aebtiſſin übergeben.“ Graf Aſpermont lächelte„Erinnern Sie ſich, 61 Prinzeſſin,“ ſagte er,„wie ich neulich, als geſchäh's zum Scherz, an dem Eiſengitter rüttelte, und meine Hand lang und feſt auf das Schloß legte, indem ich die Nonne mit der Drohung ängſtigte, daß ich das Schloß ſprengen, und Sie Beide entführen wolle? Nun, während ich mit der lieben, kurzſichtigen Schweſter Brigitte ſcherzte, drückte ich ganz verſtohlen etwas Wachs, das ich vorher in meiner warmen Hand weich gemacht, in das Schloß ein, und erhielt ſo ein Modell des Schlüſſelloches und des Schloſſes, nach welchem mein geſchickter Schloſſer nicht allein einen Schlüſſel, ſondern auch einen Dietrich angefertigt hat. Hier, Prinzeſſin, find die beiden Zauberer, welche mir das Paradies meiner Zukunft erſchließen ſollen; wenn der Schlüſſel nicht paßt, ſo öffnet der Dietrich mir ſicher dieſe Pforte zum Paradieſe Darf ich verſuchen, Prin⸗ zeſſin, oder vielmehr, da das Schloß von innen geöff⸗ net wird, wollen Sie verſuchen?“ „Ich will verſuchen, Graf, geben Sie mir die Schlüſſel.⸗ Der Graf reichte ihr durch das Gitter die beiden Werkzeuge dar, und Juliana ſchob den Schlüſſel in das Schloß. Ein Moment athemloſer Erwartung, dann drehte ſich der Schlüſſel, und das Schloß flog auf. 62 „Ah, ich bin frei!“ ſagte Juliana hochaufathmend, indem ſie das Gitter weit aufſtieß. „D, mein Gott, wie ſchön Sie ſind!“ rief der Graf, ganz entzückt in das freudig erregte lächelnde Angeſicht Julianens ſchauend.„O, das Eiſengitter hat mich Ihre wunderbare Schönheit nur lückenhaft ſehen laſſen. Bis jetzt glaubte ich, daß Prinzeſſin Ju⸗ liana das ſchönſte Mädchen auf Erden ſei, jetzt ſehe ich, daß ſie ein Engel des Himmels iſt!“ „Schmeichler,“ lächelte Juliana,„wenn Sie fort⸗ fahren ſo laut zu ſprechen, werden Sie die wachſamen Nonnen herbeiziehen, und das Paradies der Freiheit wird ſich für mich auf ewig ſchließen.“ „Ich will ſtill ſein, ich will flüſtern. Aber, Juliana, haben Sie nicht vorher ſich feierlich vor Gott zu mei⸗ ner Braut verlobt?“ „Ich habe das gethan, Graf!“ „Nun wohl, meine theure, meine geliebte Braut, beſiegeln Sie Ihr Gelübde mit einem Kuß. Laſſen Sie mich mein Gelübde ewiger Treue, ewiger Liebe auf Ihre Lippen preſſen.“ Sie neigte lächelnd ihr Haupt durch das geöffnete Gitterfenſter. Graf Aſpermont ſank vor demſelben auf ſeine Kniee nieder. „Gib mir den Brautkuß, Juliana,“ ſagte er feier⸗ 63 lich,„ich will ihn knieend von meinem Engel em⸗ pfangen.“ Juliana, hocherröthend, neigte ſich tiefer und drückte einen leiſen und doch innigen Kuß auf ſeine Stirn. „Mit dieſem Kuß begrüße ich meinen Verlobten,“ ſagte ſie ernſt,„mit dieſem Kuß begrüße ich den Be⸗ freier meiner Mutter, den Erlöſer meines Bruders. O, mein Freund, möge der letzte Kuß, den einſt meine ſterbenden Lippen Ihnen geben werden, nur das letzte Siegel ſein, welches wir auf den Bund unſerer Her⸗ zen drücken—“ „Aber, mein Gott, was iſt denn das? Was ge⸗ ſchieht denn hier?“ fragte eine Stimme hinter ihnen, und als der General emporſprang, als Juliana zu⸗ ſammenzuckend ihr Haupt emporgerichtet, ſahen ſie da in der Mitte des Sprachzimmers den Fürſt⸗Biſchof von Wien, Grafen Trautſon, der lächelnd und über⸗ raſcht ſie Beide anſtarrte. General Aſpermont, ohne zu zaudern, ohne irgend eine Beängſtigung zu verrathen, reichte mit einem offe⸗ nen, hellen Liebeslächeln der Prinzeſſin ſeine Hand dar. „Prinzeſſin,“ ſagte er,„fürchten Sie nichts. Se. Eminenz iſt zu edel, zu großmüthig, um uns verrathen zu wollen. Sein Hierſein überraſcht mich nicht, ich 64 rechnete auf unſeres Fürſt⸗Biſchofs Großmuth und Vergebung—“ „Ach, jetzt verſtehe ich!“ rief der Fürſt⸗Biſchof. „Sie waren es alſo, mein lieber General, der dieſes Billet heute an mich geſchrieben?“ „Halten zu Gnaden, Eminenz, ich war es.“ „Dieſes Billet forderte mich in ſo beweglichen, rührenden Worten auf, heute um dieſe Stunde hieher zu kommen, daß ich ihm nicht widerſtehen konnte. Dies Billet war überdies ſo myſtiſch abgefaßt, es ſprach von einem wichtigen, großen Geheimniß, das ich hier erfahren ſollte, es verſicherte, daß ich durch mein Er⸗ ſcheinen Unglück verhüten, Glück begründen könnte, es forderte von mir, daß ich ganz unbemerkt hieher kommen, einige hundert Schritte von dem Kloſter ent⸗ fernt meinen Wagen halten laſſen, zu Fuß hiehergehen und ohne Jemand zu benachrichtigen, hier in das Sprachzimmer, deſſen Thür ich ſchon geöffnet finden werde, eintreten ſollte. Jch geſtehe, es regte ſich bei dem Leſen dieſes Billets unter dem Soutane des Prie⸗ ſters etwas von der Neugierde des weltlichen Men⸗ ſchen Ich konnte der Begierde nicht widerſtehen, ich erwartete die Enthüllung irgend eines gefährlichen po⸗ litiſchen Geheimniſſes. Und was finde ich hier? Mei⸗ nen lieben, verehrten Freund, den General Grafen ¹ 65 Aſpermont, und die Prinzeſſin Juliana Räköczy, meine liebe, junge Freundin, in einem vertraulichen Zwie⸗ geſpräch, das ſehr viel Aehnlichkeit mit einem Liebes⸗ Rendezvous hat.“ „Es iſt auch ein ſolches, Eminenz,“ ſagte Graf Aſpermont lächelnd;„aber der verehrte Herr Fürſt⸗ Biſchof ſieht wohl, daß dies Liebes⸗Rendezvous ſich nicht unter den Schleiern der Sünde und Schuld ver⸗ bergen will, denn ich war es allerdings, der jenes Billet zu ſchreiben wagte, das Eure Eminenz hieher⸗ gebracht hat. Ich rechnete dabei auf die mir ſtets be⸗ wieſene Huld und Güte des Herrn Fürſt⸗Biſchofs, auf ſeine bekannte Großmuth und Güte gegen alle Be⸗ drängte und Leidende, welche ſich hülfeflehend an ihn wenden wollen.“ „Hülfeflehend?“ fragte der Biſchof, indem er ſein altes, von weißen Locken umwalltes Haupt mit einem ſanften Lächeln der Prinzeſſin zuwandte.„Sind Sie es, Prinzeſſin, welche der Hülfe bedarf und ſie erfleht? Denn nimmermehr kann ich glauben, daß der tapfere Kriegsheld Graf Aſpermont von dem armen Hirten der Kirche Hülfe begehren möchte. Sind Sie es alſo, Prinzeſſin, welche der Hülfe bedarf?“ „Ich bin es,“ ſagte Juliana leiſe,„ich bedarf der Hülfe, des Beiſtandes gegen viele Feinde und viele Ge⸗ 1861. XIII. Fran Räkéczy U. 5 fahren. Aber dennoch bekenne ich Eurer Eminenz, daß ich nicht weiß, weshalb der Herr Graf Eure Eminenz gerade hier und heute um Ihren Beſuch zu bitten wagte.“ „Ich will es Ihnen und ich will es dem Herrn Fürſt⸗Biſchof bekennen,“ flüſterte Aſpermont; und in⸗ dem er Jullanens Hand nahm, fuhr er fort:„Eminenz, erlauben Sie mir, Ihnen hier Prinzeſſin Juliana Rakoczy vorzuſtellen. Ich liebe ſie, ich habe es ihr ge⸗ ſtanden, und ſie hat die Gnade, meine Liebe zu erwi⸗ dern; kurz bevor Eure Eminenz kamen, hat mir die Prinzeſſin feierlich gelobt, daß ſie niemals einem an⸗ dern Manne angehoren will als mir, hat ſie ſich meine Braut genannt und mich berechtigt auf Mittel zu ſin⸗ nen, um mir die Braut aus den dunkeln Mauern des Kloſters zu erobern und ſie als meine Gemahlin in die Welt einzuführen.“ „Ach, General!“ rief der Biſchof,„das iſt aller⸗ dings ein gefährliches Geheimniß, welches Sie mir da verkünden. Wenn mein erhabener Kollege, der edle Kardinal Kolonies, bei ſeiner Heimkehr davon erfährt, ſo wird er ſchwerlich damit zufrieden ſein. Im erſten Zorn wäre er ſogar vielleicht im Stande, zu ſeinen alten kriegeriſchen Gewohnheiten zurückzukehren, und ſeinen und meinen heiligen Stand vergeſſend, mich mit dem Schwerte in der Hand zur Rechenſchaft dar⸗ 67 über zu ziehen, daß ich Zeuge dieſes Rendezvous zweier Verliebten geweſen, denen wahrhaftig weiter nichts fehlt, als mein prieſterlicher Segen, um den Bund Ihrer Herzen unauflöslich zu machen.“ „Und dieſer prieſterliche Segen, der iſt es gerade, den ich von Eurer Eminenz erflehe,“ ſagte General Aſpermont lebhaft.„Prinzeſſin Juliana, wenn Sie mich wirklich lieben, ſo überwinden Sie jetzt jede mäd⸗ chenhafte Schüchternheit und bitten auch Sie den theu⸗ ren Freund, den uns Gott geſandt hat, daß er unſeren Bund ſegnen möge.“„ „Eminenz,“ flüſterte Juliana tief erröthend,„ge⸗ ben Sie unſerem Bunde Ihre Benediktion, damit ſie uns eine Waffe ſei gegen das Unglück, ein Schild ge⸗ gen alle Gefahren.“ Der Fürſt⸗Biſchof ſtand einen Moment ſchweigend und in tief⸗ernſten Gedanken. Dann hob er den mil⸗ den Blick empor und nickte den Beiden, die in athem⸗ loſer Spannung ihm entgegenſchauten, freundlich zu. „Ich will Eure Wünſche erfüllen,“ ſagte er.„Ich kannte Ihren Vater, Prinzeſſin, ich habe ihn geſehen in den Jahren der Schmerzen und der Entſagung, und ſein edles, trauerndes Angeſicht hat mich zu tiefem WMitleid bewegt. Ihre Mutter, General, war meine Ingendfreundin, und als Sie geboren wurden, habe ich 5* 68 ihr feierlich geloben müſſen, daß ich Ihnen ſtets ein väterlicher Freund, daß ich Ihnen helfen und beiſtehen wolle, wo und wie ich es vermöchte. Nun wohl, Sie begehren meine Hülfe, und Sie, Prirzeſſin, blicken mich an mit den ſchönen Augen Ihres Vaters. Es iſt, als wenn aus dieſen Augen ſein ſeliger Geiſt mich an⸗ ſchaute und zu mir ſpräche. Wohlan denn, ich will Ihren beiderſeitigen Wunſch erfüllen, ich will der Liebe, welche des Segens der Kirche begehrt, denſelben nicht entziehen. Es iſt wahr, Sie ſind von Gefahren umringt. Möge in denſelben das Bewußtſein Ihren Muth ſtärken, daß die Kirche Ihrer Liebe das heilige und unauflösliche Siegel ihres Segens verliehen hat. Kniet nieder und betet, meine Kinder!“ Die Prinzeſſin und der General, die Hände feſt in einander verſchlungen, knieten nieder, er diesſeits, ſie jenſeits der Mauer, welche durch die ganze Länge des Sprachzimmers dahinging, und deſſen obere Hälfte das durchbrochene Eiſengitter einnahm. Aber durch das geöffnete Gitterfenſter neigten ſich ihre Häupter zu einander und ihre Stirnen berührten ſich. Der Fürſt⸗Biſchof nahm von dem Betſtuhl, der diesſeits an der breiten Wand des Sprachzimmers aufgeſtellt war, das große Kruzifir von Elfenbein und ſchritt mit demſelben zu den Knieenden hin: 69 „Im Namen Gottes und der heiligen Jungfrau, im Namen Chriſti und des heiligen Geiſtes, im Na⸗ men der Kirche und kraft meines heiligen Prieſteram⸗ tes, ertheile ich Euch Beiden meinen Segen!“ ſagte er feierlich, indem er mit dem Kruzifix die aneinander geſchmiegten Häupter der Knieenden berührte.„Im Namen Gottes und der Kirche ſegne ich das Ehebünd⸗ niß Eurer Herzen, auf daß es unauflöslich ſei und keines Menſchen Hand es zerreißen kann. Iſt ſolches Ihr Wille und wollen Sie Beide von dieſer Stunde an ſich betrachten als ehelich Verbundene und Ver⸗ mählte, ſo antworten Sie mir Beide mit einem feier⸗ lichen und lauten Ja!“ „Ja!“ tönte es von Beider Lippen, und der Fürſt⸗ Biſchof berührte noch einmalſ egnend mit dem Kruzifir ihre Häupter, dann drückte er ihre Hände feſt ineinander. „Der Bund iſt geſchloſſen,“ ſagte er,„und Nie⸗ mand auf Erden außer dem heiligen Vater hat die Kraft, ihn wieder zu löſen. Ich habe Euch den Segen der Kirche gegeben, meine Kinder, ſehet nun zu, wie Ihr Euer Werk zu Ende führen könnt vor den Men⸗ ſchen. Das Heilige iſt vollbracht, das Irdiſche küm⸗ mert nicht den Diener des Herrn! Lebet wohl!“ Er wandte ſich ab, ſtellte das Kruzifir wieder an 70 ſeinen Ort, ſchritt dann ernſten, gemeſſenen Schrittes durch das Gemach hin und ging hinaus.*) „Und nun, mein Weib, meine Geliebte, nun höre, was ich dir zu ſagen habe,“ flüſterte General Aſper⸗ mont, indem er ſich von ſeinen Knieen erhob.„Aber zuerſt bitte ich dich, ſchließe das Gitter und verbirg den Schlüſſel, damit, wenn der böſe Zufall wollte, daß eine von den Nonnen hier hereinkäme, ſie das Geheimniß nicht entdecken und uns die Mittel zur Flucht entziehen könne.“ Juliana that, wie er es ihr geheißen, ſie ſchloß das Gitter und verbarg den Schlüſſel in ihrem Buſen. „Die eiſerne Mauer iſt nun wieder geſchloſſen,“ ſagte ſie,„welche mich von der Welt trennt. Wird mein Gemahl die Kraft haben, ſie für immer zu durch⸗ brechen?“ „Ich werde ſie haben, wenn meine Gemahlin mir beiſtehen und meine Wünſche erfüllen will. Lege dein Ohr an das Gitter, meine Geliebte, und laß mich in dein Ohr flüſtern, welchen Plan ich zu deiner Ret⸗ tung entworfen.“ Sie flüſterten lange und eifrig mit einander, und *) Dieſe ganze Szene iſt hiſtoriſch und hat ſich genau ſo zugetragen. Siehe Hormahr: Anemonen aus dem Tagebuch eines alten Pilgers. Bd. II. 2 ⁴ — — —,— 71 erſt nach einer halben Stunde ſchickte der Graf endlich ſich zum Abſchied an.„Dieſe Nacht alſo, meine theure Prinzeſſin?“ fragte er, Julianens Hand an ſeine Lip⸗ pen ziehend. „Dieſe Nocht!“ flüſterte ſie leiſe, indem ſie ihr tief erröthendes Antlitz abwandte. In dieſer Nacht aber, als Alles im Kloſter ſtill war, als die frommen Urſulinerinnen ſich längſt in ihre Zellen zurückgezogen hatten, in dieſer Nacht ver⸗ ließ Prinzeſſin Juliana ihre Zelle. Leiſe auf den Ze⸗ hen ſchlich ſie den langen, nur von zwei düſtern Lam⸗ pen matt erhellten Korridor hinunter, von Zeit zu Zeit ſtand ſie horchend ſtill, und ihr bleiches Antlitz richtete ſich angſtvoll hier und dort auf die Thür irgend einer Zelle, hinter der ſie ein Geräuſch, vielleicht das unter⸗ drückte Weinen irgend einer Nonne, gehört hatte. Dann, wenn ſie ſich überzeugt, daß die Thüre ſich nicht öffnete, daß Niemand ihr folgte, dann ſchlürfte ſie weiter, in ihrem angſtklopfenden Herzen inbrünſtige Gebete zur Mutter Gottes emporſendend, daß ſie ihr helfen, daß ſie ſie beſchützen möge. Und die Mutter Gottes ſchien ihr Gebet zu erhören und das junge Mädchen zu be⸗ ſchützen, welches mit flüchtigem Fuß und bebendem Herzen dem Leben, der Freiheit und dem Glück ent⸗ gegeneilte. 72 Unbemerkt gelangte Juliana hinab in das Sprach⸗ zimmer. Jetzt nur noch das eiſerne Gitter aufgeſchloſſen, und ſie iſt frei, und die Schranken, welche ſie von der Welt getrennt, fallen nieder. Wie ihre Hand bebt, als ſie den Schlüſſel ins Schloß ſteckt! Aber ſie dreht ihn doch um mit raſchem Griff, denn eben ſchlägt die Klo⸗ ſteruhr die zweite Stunde, und das iſt die verabredete Zeit. Und horch, jetzt vernimmt ſie da drüben an der Ausgangsthür des Sprachzimmers leiſes Geräuſch, dort auch ſchiebt ſich ein Schlüſſel in das Schloß, und die Thür geht leiſe knarrend auf. „Biſt du da?“ fragt eine leiſe Stimme. „Ja, ich bin da,“ flüſtert ſie zurück, und mit einem ſchnellen Ruck öffnet ſie das eiſerne Gitterfenſter, dann ſteigt ſie durch dasſelbe hinüber in die andere Seite des Raumes. Tappend geht ſie vorwärts, bis ſie die warme ſtarke Hand fühlt, die ſich ihr entgegenſtreckt. Dieſe Hand ſoll ſie von jetzt an treu und ſicher geleiten durch die Stürme des Lebens, auf dieſen Arm ſoll ſie von jetzt an ſich ſtützen auf ihrem Gange durch die Welt. Möge niemals dieſe Hand ſich von ihr zurückzie⸗ hen, niemals dieſer Arm ihr ſeine Stütze verſagen! Das iſt ihr letztes inbrünſtiges Gebet, mit dem ſie von dem Arm des Grafen umſchlungen, ihr von 4 73 Thränen überflutetes Antlitz an ſeine Schulter geneigt, die Schwelle des Sprachzimmers überſchreitet und hinaustritt in den Korridor. Nun nur noch dieſen Korridor überſchritten, dann hinaus durch die Thür da drüben, durch die Thür, durch welche man in die kleine enge Seitengaſſe ge⸗ langt, welche das Kloſter begrenzt. Lautlos ſchlüpfen ſie dieſe Seitengaſſe dahin längs der Mauer des Kloſters und biegen jetzt um die Ecke, wo die Front des Kloſters nach der breiten Gaſſe ſich hinlagert. Da ſteht die Kutſche mit dem geöffneten Schlag, dem harrenden Diener daneben. Der General Aſper⸗ mont hebt die Geliebte hinein, ſpringt ihr nach, der Diener ſchlägt mit lautem Knall den Schlag zu, als wollte er dem Kloſter durch die Stille der Nacht eine Siegesfanfare ſchmettern, und vorwärts mit donnern⸗ dem Geräuſch rollt der Wagen, vorwärts dem Hotel des Generals Grafen Aſpermont zu. Wäre Belgrad nicht gefallen undPapſt Innozenz Xl. nicht geſtorben, ſo hätte die arme Prinzeſſin Juliana Rä⸗ töczy ſich nicht in die glückliche Generalin Gräfin Aſpermont verwandeln können. Am andern Morgen fuhr der Galawagen des Fürſt⸗Biſchofs von Wien, des Grafen Trautſon, in den Hof der kaiſerlichen Burg ein und der Fürſt⸗Bi⸗ ſchof nebſt dem General Aſpermont und einer tief ver⸗ ſchleierten Dame entſtiegen demſelben und ſchritten in die Burg ein. Niemand hielt ſie auf, Niemand trat ihnen in den Weg. In der Frühe des Morgens hatte der edle Bi⸗ ſchof für ſich und den General Aſpermont den Kaiſer Leopold um die Gnade einer geheimen Audienz gebe⸗ ten, um ihm ein Geheimniß zu enthüllen, und die Au⸗ dienz war ihm gewährt worden. Jetzt begaben ſich Beide zu dieſer Audienz und das ſchöne verſchleierte Geheimniß, das ſie dem Kaiſer enthüllen wollten, führten ſie in ihrer Mitte. Kaiſer Leopold vernahm es zwar anfangs mit gro⸗ ßer Entrüſtung, aber die Thränen der vor ihm knieen⸗ den Prinzeſſin Juliana, die demuthsvolle Bitte des Generals Aſpermont, und endlich die eindringliche Fürſprache des edlen Fürſt⸗Biſchofs beſänftigten end⸗ lich den kaiſerlichen Zorn. Leopold ſah ein, daß der Biſchof weiſe und klug gehandelt, indem er, da ein⸗ mal ein zärtliches Verhältniß zwiſchen dem Grafen und der Prinzeſſin exiſtirte, mit einer energiſchen Entſcheidung vielleicht größeres Aergerniß abgewandt hatte, und mit dem Segen der Kirche ſanktionirt hatte, 4 75 was ſonſt vielleicht die Kirche und das heilige Kloſter der Nonnen hätte kompromittiren können. Die Generalin Gräfin Aſpermont ward daher als ein kait accompli betrachtet, das man gewähren ließ, da man es nicht mehr zu hindern vermochte, und als wenige Wochen ſpäter der Kardinal Koloniecs nach endlich beendeter Papſtwahl in Wien wieder eintraf, hatte er die unangenehme Ueberraſchung zu erfahren, daß Prinzeſſin Juliana über ihn den Sieg davonge⸗ tragen, daß ſie Wort gehalten und ſich durch eine Ver⸗ mählung vor dem Schleier und dem geſtrengen Vor⸗ mund errettet hatte. V. Bie Schlacht bei Bernyeſt. Indeß ſeine geliebte Gemahlin Helena und ſeine Stieftochter Juliana in Wien in den Urſulinerklöſtern ſchmachteten, ſein Stiefſohn Franz Räköezy zu Prag im Jeſuiten⸗Kollegium ſich befand, ſetzte Emmerich Tököly mit unverändertem Muth ſeinen Verzweiflungs⸗ kampf gegen das Haus Habsburg fort. Er war es ſich wohl bewußt, daß er Alles aufbieten, alle Kräfte konzentriren müſſe, um Oeſterreichs Macht zu zer⸗ brechen, wenn er nicht von ihr zerbrochen werden wolle, und ſein ganzes Streben war und blieb daher darauf gerichtet, den Sultan in ſeiner Feindſchaft gegen Oeſter⸗ reich ſtandhaft zu erhalten, und zu verhindern, daß irgend eine Ausgleichung und Einigung zwiſchen der Pforte und Oeſterreich zu Stande komme. Denn Tököly wußte ſehr wohl, daß ein Friede zwi⸗ ſchen dem Sultan und dem Kaiſer nothwendig ſeinen eigenen Untergang zur Folge haben würde, und daß dann, ſobald das Kabinet von Wien es begehrte, der Divan von Konſtantinopel ſehr gern bereit ſein würde, den verhaßten, beneideten und vielverdächtigten Grafen Tököly zum Opfer darzubringen und ihn an Oeſter⸗ reich auszuliefern. Aber wie gern ſeine türkiſchen Feinde dies auch gethan hätten, ſo wagten ſie es dennoch vorläufig nicht, weil man jetzt noch des tapferen und helden⸗ müthigen Anführers nicht entbehren konnte, und weil für jetzt an einen Frieden mit Oeſterreich gar nicht zu denken war, ſondern der Krieg vielmehr jetzt in er⸗ neuerter Heftigkeit fortgeführt ward. Es handelte ſich jetzt um die Oberherrſchaft über Siebenbürgen, die von Oeſterreich wie von der Pforte 4 [— ——————— 77 in Anſpruch genommen ward. Von der Pforte kraft der Verträge der Vergangenheit, von Oeſterreich kraft der Verträge der Gegenwart. Denn der junge unmün⸗ dige Fürſt Michael Apafy II. von Siebenbürgen, oder vielmehr ſein Vormund und Miniſter Teleky, hatte ſich feierlich losgeſagt von der türkiſchen Oberherr⸗ ſchaft, und Siebenbürgen kraft eines für Siebenbür⸗ gen ſehr günſtigen Vertrages unter den Schutz und die Oberherrſchaft des Kaiſers Leopold geſtellt. Dieſer Vertrag, den Teleky mit Oeſterreich abſchloß, ſollte, wie er hoffte, dem kleinen, von ſo langen Kriegen zerriſſenen und blutenden Fürſtenthume Siebenbürgen Ruhe und Frieden gewähren, denn Kaiſer Leopold ver⸗ ſprach in dieſem Vertrag, dem Fürſten Michael zu jeder Zeit Hülfe und Beiſtand zu leiſten, er ver⸗ ſicherte mit feierlichem Schwur, die Freiheiten und Ge⸗ ſetze Siebenbürgens heilig zu halten, und das Land niemals als eine eroberte Provinz, ſondern immer als ein freies, ſelbſtſtändiges Königreich zu betrachten. Teleky, der Miniſter, der Vormund und Gene⸗ raliſſimus des Fürſten von Siebenbürgen, vertraute feſt auf die Zuſicherungen des Kaiſers, und in dieſem Vertrauen überwand er ſeine eigenen Antipathien, die er ſeit ſo langen Jahren gegen Oeſterreich gehegt. Er unterzeichnete den für Siebenbürgen ſo äußerſt gün⸗ 78 ſtigen Vertrag, der es auf immer von der Schutzherr⸗ ſchaft der Pforte befreite. Freilich konnten die Freunde und Vertrauten Te⸗ leky's anfangs gar nicht an dieſe neue Politik des Staatsmannes und Feldherrn glauben, und ſie wagten es, ihm darüber unverhohlen ihr Erſtaunen auszu⸗ drücken. Teleky hörte ihnen ruhig zu, und ſtatt ihnen auf ihre Fragen zu antworten, erzählte er ihnen ein Märchen. „Ein Mann“ erzählte er ihnen,„war eines Tages geſtorben, das heißt, er war vom Teufel geholt wor⸗ den. Unterwegs begegnete er einem Bekannten. Wo⸗ hin gehſt du, mein Freund? fragte ihn dieſer.— Ich gehe nicht, erwiderte der Mann, ich gehe nicht, man trägt mich.— Wer trägt dich?— Der Teufel! — Ach, mein Gott! und wohin trägt er dich denn? — Ich denke, in die Hölle!— O weh! Du befindeſt dich da in einer entſetzlichen Lage, in der allerentſetz⸗ lichſten, die es geben kann!— Nicht doch; ich muß freilich geſtehen, daß es mir ſehr ſchlecht geht, aber es könnte mir doch noch ſchlechter gehen.— Noch ſchlech⸗ ter? Was gibt es denn noch Schlimmeres als die Hölle? — Freilich, es gibt nichts Schlimmeres. Aber ſiehſt du, ich fahree mindeſtens doch in die Hölle. Der Teufel ——— 79 trägt mich auf ſeinen Schultern dahin, ich liege ganz gemächlich und ruhè mich aus während der Reiſe. Wenn ſtatt deſſen der Teufel mich ſattelte und mich als Roß benützend mich beſtiege und vorwärts triebe, ſo müßte ich auch mit ihm in die Hölle fahren, aber ich hätte dann noch die Mühe und Anſtrengung dazu, und es ginge mir alſo alsdann noch ſchlimmer wie jetzt.“ 8 „Verſteht Ihr jetzt,“ fragte Teleky, als er ſein Märchen beendet,„verſteht Ihr, weshalb ich Sieben⸗ burgen von der Oberherrſchaft der Türkei befreit habe? Zur Hölle fahren muß das arme Land doch jedenfalls, ſo will ich es denn mindeſtens bewahren vor dem Teufel, welcher es ſatteln und es als Pferd benutzen würde, und die Pforte würde jedenfalls der Teufel ſein, welcher ſattelt und ſich tragen läßt. Aber die Pforte war keineswegs geſonnen, dieſes Auskunftsmittel anzuerkennen, welches Teleky erſon⸗ nen hatte, um dem armen Siebenbürgen das zur Hölle⸗ fahren möglichſt bequem zu machen. Kaum war daher 1689 der Vertrag zwiſchen Sie⸗ benbürgen und Oeſterreich abgeſchloſſen, welcher das Fürſtenthum von der Türkei losriß und es unter den Schutz des Kaiſers ſtellte, als ſofort die Pforte Pro⸗ *) A. de Gerando: La Pransylvanie et ses habitants. I. 84. teſt einlegte. Um ihre Machtvollkommenheit über Sie⸗ benbürgen zu beweiſen, erklärte der Divan den Für⸗ ſten Apafy für abgeſetzt, und ernannte an ſeiner ſtatt Emmerich Tököly zum erwählten Fürſten von Sieben⸗ bürgen.— Tököly nahm dieſe Wahl an, verpflichtete ſich die Pforte als Oberherrſchaft anerkennen und ihr tribut⸗ pflichtig bleiben zu wollen, und empfing dafür von den Türken die Fahne, das Szepter, den Kaftan, und eine Armee von vierzigtauſend Mann zur Unterſtü⸗ tzung ſeines eigenen Heeres, das Tököly aus ungari⸗ ſchen Unzufriedenen, tatariſchen Reitern und fünfzehn⸗ tauſend Soldaten aus der Walachei zuſammenge⸗ bracht hatte. Mit dieſer ſeiner Armee von über ſiebzigtauſend Mann rückte Tököly nun gegen Siebenbürgen vor, und forderte den öſterreichiſchen General Heußler auf, mit ſeinen öſterreichiſchen Truppen ſofort Siebenbür⸗ gen zu räumen. Der deutſche General ſandte ihm die Antwort zurück, daß er bleiben werde, wohin ſein Kai⸗ ſer ihn geſandt habe, und daß er hoffe, bald den größ⸗ ten aller Empörer in ſeine Gewalt zu bekommen. Das war die Kriegsfanfare, mit welcher der neue erbitterte Krieg um Siebenbürgen begann, und mit welcher General Heußler das ganze Siebenbürgen in ———— — ſ* —————— 8¹ Bewegung ſetzte. Zuerſt ließ er jetzt die drei einzigen Engpäſſe, welche nach Siebenbürgen hineinführten, von ſeinen deutſchen Truppen beſetzen, dann befahl er eine allgemeine Erhebung des ſiebenbürgiſchen Adels, und rief den Generaliſſimus Michael Teleky mit den Truppen des Fürſten an ſeine Seite. Michael Teleky, obwohl jetzt ein Greis von achtzig Jahren, folgte dem Ruf, denn zwei mächtige Beweg⸗ gründe trieben ihn dazu. Er wollte dem neuen Schutz⸗ herrn, dem Kaiſer Leopold, einen Beweis ſeiner Treue und Anhänglichkeit geben, er wollte an ſeinem alten langjährigen Feinde Emmerich Tököly endlich Rache nehmen für die Schmach, welche er ſeinem Hauſe an⸗ gethan, als er damals verrätheriſch ſeine Tochter ver⸗ ließ, um ſich mit Helena Zrinyi zu vermählen. Die Treue und der Haß, das ſollten die beiden Stü⸗ tzen ſein, auf welche der alte Generaliſſimus Teleky ſich lehnen wollte, um noch einmal die Strapazen eines Feldzugs ertragen zu können. Aber als er ſein Schloß Gernyeszeg verließ, um hinzureiten in das Lager der Armee, da ſtrauchelte ſein Pferd, und Teleky wandte ₰ ſich erbleichend zu ſeinem Begleiter hin. „Kälmän ſtrauchelt,“ ſagte er,„das iſt ein böſes Omen!“ Doch ließ der alte Generaliſſimus von ſo böſem 1861. XIII. Franz Räköczy M. 6 82 Omen ſich nicht zurückhalten, ſondern er ritt weiter, und begab ſich zum Kriegszug in das Lager. Aber auch Tököly war nicht müßig geweſen, und ſeine ausgeſandten kühnen Späher hatten ihm Kunde gegeben von Allem, was ſich jenſeits der Berge bege⸗ ben. Er wußte daher, daß es unmöglich ſei, über die ſtark befeſtigten Engpäſſe nach Siebenbürgen zu ge⸗ langen, und ſein erfinderiſcher, kühner Kopf erſann da⸗ her ein neues Mittel, um trotz der beſetzten Päſſe in das Fürſtenthum, welches er ſein Fürſtenthum nen⸗ nen durfte, zu gelangen. General Heußler und Teleky vermeinten wohl, daß es nur die drei Engpäſſe von Bodza, Tömös und Türtsvär gebe, über welche man nach Siebenbürgen hineinkommen könnte, aber für den kühnen Tököly gab es noch einen andern Weg. Für ihn gab es noch den Engpaß, der bei Padina Lupulu über das Zerne⸗ ſter Gebirge in das Fürſtenthum führte. Es war freilich ein gefährlicher, kaum zugänglicher Weg, der zwiſchen Felſenklüften und Abgründen dahin⸗ führte, und den daher Niemand beachtet hatte, weil Niemand an die Möglichkeit eines ſolchen Zugangs geglaubt hatte. Aber deshalb gerade war er der ein⸗ zig ſichere Zugang für Tököly, der einzige, auf wel⸗ chem er hoffen konnte, zu ſeinem Ziel zu gelangen. —, † † *. * 83 Tököly befahl ſeinen Soldaten alle Bäume zu fällen, dann ließ er an jeden der großen, mit breiten Laub⸗ kronen gezierten Bäume ein Pferd mit dem Schwanz anbinden, ſo daß das Thier, wenn es den ſteilen Ab⸗ hang hinabſtieg, von den Terrainhinderniſſen, in welche ſich die Laubkronen und Zweige verwickelten, aufgehalten, und vor dem Sturz geſichert wurde. Die Soldaten aber ſetzten ſich auf die Zweige und Laub⸗ kronen und glitten ſo unbeſchädigt hinab, oder ſie klet⸗ terten hinunter, indem ſie ſich an Sträucher und Wur⸗ zeln anklammerten, auch Säcke voll Erde hinter ſich herzogen, die an den Felſenecken hängen blieben.*) General Heußler hatte an die Möglichkeit eines ſolchen Wagniſſes gar nicht gedacht, und fühlte ſich in vollkommener Sicherheit. Er hatte die Vertheidigung gut organiſirt, die Päſſe beſetzt, das ganze Land un⸗ ter die Waffen gerufen, und ſah daher mit ſtolzer Ruhe den kommenden Ereigniſſen entgegen. Eben mit einigen ſeiner Freunde bei einem Kartenſpiel ſich erlu⸗ ſtigend, überraſchte ihn daher ganz unerwartet die Nachricht, daß Tököly mit ſeinen Schaaren in Sie⸗ benbürgen eingebrochen ſei, und als er daran zweifeln wollte, kam ſchon eine Botſchaft Tököly's, welcher 8) Feßler: Geſchichte von Ungarn IX. 434. „ 6* 84 zum zweiten Mal den General Heußler aufforderte, mit den deutſchen Truppen Siebenbürgen zu räumen. Zum zweiten Male natürlich lehnte Heußler die Aufforderung ab, ließ ſeine Truppen aufbrechen, ver⸗ einigte ſich mit den Reiterſchaaren Teleky's und zog mit ihm vereint dem größten aller Empörer entgegen. Am einundzwanzigſten Auguſt 1690 kam es bei Zernyeſt zur Schlacht; in wildem wüthenden Kampf ſtanden auf der einen Seite die deutſchen und die ſie⸗ benbürgiſchen Truppen unter Heußler und Teleky, auf der andern Seite die Türken, die Tataren, die Wa⸗ lachen und Ungarn unter Tököly einander gegenüber. Es war eine mörderiſche Schlacht, bei welcher, wie ein Geſchichtſchreiber jener Zeit meldet,„die Häupter wie Kohlköpfe abgehauen wurden,“ eine Schlacht, welche, wie Feßler berichtet,„mehr einem Räuberan⸗ fall als einer Schlacht glich.“ General Heußler hatte, trotz der Uebermacht des Feindes, die Schlacht angenommen, weil er ihre Wi⸗ derſtandskraft gering achtete, und es für unmöglich hielt, daß ſo zuſammengelaufene Horden geregelten und disziplinirten Truppen Stand zu halten ver⸗ möchten. Jetzt, zu ſeinem eigenen Schaden, ſollte er ſeines Irrthums inne werden. Gleich beim Beginn der * 85 Schlacht wichen die ſiebenbürgiſchen Reiter, und als Teleky über das Schlachtfeld ſprengte, um ſie aufzu⸗ halten, ward er von den Türken umzingelt und nie⸗ dergehauen. Seine Truppen, des Führers beraubt, flohen nach allen Seiten, und dadurch ward zum größ⸗ ten Theil das Schickſal des Tages entſchieden. Aber auch General Heußler ſelbſt ſollte an dieſem Tage ſeinen Glücksſtern erbleichen ſehen. Ein Tatar nahm den von ſeinen zum Theil fliehenden, zum Theil niedergemetzelten Schaaren allein übriggebliebenen Ge⸗ neral gefangen. Tököly's Adlerblick hatte aus der Ferne der Szene zugeſchaut, und er ſprengte herbei, dem Tataren entgegen, der eben nach dem gefangenen Krieger ſeinen Säbel ſchwenkte, um ihn vom Pferde herunterzuhauen, da er, den feindlichen General nicht kennend, und nicht ahnend, welche koſtbare Beute er gemacht, des läſtigen Reiters ſchnell entledigt ſein wollte, um das ſchöne Roß unbeſtritten ſein Eigen zu nennen. „Tödte deinen Gefangenen nicht!“ ſchrie Tököly heranſprengend dem Tataren entgegen.„Tödte dei⸗ nen Gefangenen nicht, ich will ihn dir abkaufen!“ Wie viel gibſt du mir für ihn?“ fragte der Tatar. „Ich gebe dir zweihundert Dukaten, dafür iſt der Gefangene mein,“ ſagte Tököly. 86 „Er iſt dein!“ erwiderte der Tatar.„Gib mir die zweihundert Dukaten.“ „Komm zu mir in mein Zelt, und du ſollſt ſie ha⸗ ben, aber jetzt laß den Zügel des Pferdes los und gib ihn mir, denn der Gefangene iſt mein.“ „Der Gefangene, aber nicht das Pferd,“ ſagte der Tatar trotzig.„Ich habe dir den Gefangenen ber⸗ kauft, und er gehört dir, aber das Pferd bleibt mein, und ich behalte es. Steig ab vom Pferd, Gefangener!“ General Heußler that es ſchweigend, und kaum berührte ſein Fuß den Boden, als der Tatar ihn zur Erde warf, ihm einen mächtigen Peitſchenhieb über den Kopf gab, und rief:„Popuslas!“ freier Mann). Dann ſchwang er ſich auf das Pferd des Generals. Tököly war abgeſtiegen, und half dem General Heußler ſich wieder aufzurichten, und jetzt zum erſten Male begegneten ſich die Blicke der beiden Feinde. Die Augen Tököly's ſtrahlten in ſtolzem Triumph, die Blicke Heußler's waren düſter und voll grimmen Haſſes. „Captus est, domine Heusler!“(Dubiſt Gefan⸗ gener, Herr Heußler), rief Tököly mit fröhlichem La⸗ chen, indem er ſeine Hand auf die Schulter des Ge⸗ nerals legte. Der Deutſche ſchaute ihn mit finſterer, trotziger 87 Ruhe an, und erwiderte ſtolz:„Hodie mihi, cras tibi, domine comes Tököli.“*) Mit der Gefangennehmung des Generals Heußler war indeſſen das Schickſal des Tages vollſtändig ent⸗ ſchieden. Tököly hatte die Schlacht gewonnen, der Feind war vernichtet; der vom Sultan ihm verliehene Fürſtenſtuhl von Siebenbürgen gehörte nun faktiſch dem Sieger, dem Grafen Emmerich Tököly, und er beſtieg ihn mit allem Pomp und allem Glanz ſeines Ranges. Aber zuerſt am Tage nach der Schlacht ritt er ſelbſt hinaus auf das Schlachtfeld, den getödteten Feld⸗ herrn der Siebenbürger, den Freund und Rathgeber ſeiner Jugend, den Miniſter und Generaliſſimus Mi⸗ chael Teleky zu ſuchen. Erſt nach langem Suchen ent⸗ deckte er den geplünderten, von Wunden entſtellten Leichnam. Tököly ließ ihn aufheben, in ſein Zelt tra⸗ gen, dort von dem geronnenen Blut waſchen und rei⸗ nigen, und mit ſeiner eigenen Wäſche bekleiden. Dann unter feierlichem und anſehnlichem Trauergeleit ſandte er die Leiche Teleky's heim nach ſeinem Schloß Ger⸗ nyeszeg zu Teleky's Witwe und zu ſeiner Tochter Ju⸗ dith, ſeiner früheret᷑ Braut. Einſt hatte er ihr in *) Gerando II. 97. 88 treuloſer Grauſamkeit den Verlobungsring zurückge⸗ ſchickt, jetzt, zum traurigen Erſatz dafür, ſandte er ihr die Leiche ihres Vaters, welcher er, als großmüthiger Feind, mindeſtens die letzte Ehre erwieſen hatte. Roch einmal alſo ſah Tököly ſeinen Haß gegen Oeſterreich von dem glänzendſten Erfolge gekrönt, noch einmal hatte er für die Türken den Sieg erfochten, und zum Lohn dafür war er jetzt Fürſt von Sieben⸗ bürgen, erhielt einen Ehrenpelz und reiche Geſchenke. Aber der größere Lohn ſollte ihm werden durch die Ge⸗ fangennahme des Generals Heußler, und dauernder war der Gewinn, der ihm dadurch erblühte, dauern⸗ der als ſeine Fürſtenkrone und die Gunſt des türki⸗ ſchen Kaiſers. 3 Er war der Sieger und es war an ihm, ſeine Be⸗ dingungen zu ſtellen. Außer dem General Heußler waren auch der Marcheſe Doria und der Graf Karl Magie gefangen. Für dieſe Beiden forderte Tököly vom Wiener Hofe ſiebentauſend Dukaten Löſegeld. Für Heußler aber forderte er höheren Lohn. Für ihn forderte er die Auswechslung ſeiner Gemahlin, forderte er, daß man ihm Helena Zrinyi, die Heldin von Munkacs, unter ehrenvollem und ſicherem Geleit bis an die Grenze von Siebenbürgen hringe, bis wo⸗ — ——— 89 hin er ſelber dann zur Auswechslung den General Heußler geleiten wolle. Gerade während dieſe Forderung nach Wien ge⸗ langt war, und die Unterhandlungen darüber das öſterreichiſche Kabinet beſchäftigten, hatte der General Aſpermont die Prinzeſſin Juliana ſich erobert, und ſie war als ſeine Gemahlin vom Kaiſer anerkannt, von der Kaiſerin im Beiſein des ganzen Hofes empfan⸗ gen worden. General Aſpermont war eingedenk des Verſpre⸗ chens, das er damals im Sprachzimmer des Kloſters ſeiner geliebten Juliana geleiſtet hatte. Er benutzte alſo ſeine mächtigen Verbindungen, ſeinen weitreichen⸗ den Einfluß, um der Mutter ſeiner Gemahlin die Freiheit und das Recht zu verſchaffen, ſich zu ihrem Gemahl zu begeben. Dank ſeiner nahen Verwandtſchaft mit dem Mi⸗ niſter von Strattmaun, erreichte Graf Aſpermont ſein Ziel. Die öſterreichiſche Regierung willigte in die Auswechslung Helena's gegen Heußler. Nur machte der Kaiſer ſelber, als Vormund der Kinder des Für⸗ ſten Räköczy, ausdrücklich die Bedingung, daß die Gräfin Helena Tölöly von ihrer Tochter nur im Bei⸗ ſein ihres Gemahls und des Kardinals Kolonies Ab⸗ ſchied nehmen, daß die Unterreduig nür eine Viertel⸗ 90 ſtunde dauern, und daß dabei gar nicht der Politik oder der Zuſtände in Ungarn und Siebenbürgen Er⸗ wähnung gethan werden dürfe. Helena nahm dieſe Bedingungen an, und jetzt, nach zwei langen Jahren der Trennung, der troſtloſen Gefangenſchaft, ſahen ſich Mutter und Tochter wie⸗ der, um auf lange Jahre, vielleicht auf immer, ſich Lebewohl zu ſagen. Stumm, nur zu einander ſprechend mit ihren Bli⸗ cken, mit ihren Thränen, hielten ſie ſich umfangen, und Jede ſchaute unter Thränen lächelnd die Andere an, als wolle ſie das geliebte, ſo lang entbehrte An⸗ geſicht auf ewig ſich in das Herz einſchließen. „Vergiß mich nicht, meine Tochter,“ ſagte Helena zärtlich.„Laß dein Herz durch die Pracht und die eit⸗ len Vergnügungen der Welt, in welchen du jetzt lebſt, nicht abgezogen werden von den Erinnerungen der Vergangenheit, und in der Kaiſerburg zu Wien bleibe eingedenk deiner Heimat, der Burg Munkacs.“ Juliana drückte einen langen zärtlichen Kuß auf die klare ſtolze Stirn Helena's.„Ich ſchwöre es dir, meine Mutter,“ ſagte ſie,„ich werde eingedenk blei⸗ ben der Vergangenheit, ich werde, wie ſehr ich auch meinen Gemahl liebe, doch auch die treue Tochter ¹ 91 meines edlen Vaters, meiner hochherzigen Mutter bleiben!“ Helena legke wie ſ egnend ihre Hand auf Julianen's ſchwarzes Lockenhaar.„Grüße mir meinen Sohn, meinen Franz,“ ſagte ſie mit leiſe bebender Stimme. „Man hat ihn mir entriſſen, und keine Kunde von ihm iſt zu mir gelangt. Aber man wird erlauben, daß du ihm den letzten Segen ſeiner Mutter bringſt, daß du ihm ſagſt, ich werde an jedem Morgen und an jedem Abend zu Gott beten, daß mein Franz erſtarke zu einem würdigen Sohn ſeiner Väter und daß—“ „Ich bitte die Frau Gräfin des Befehles des Kai⸗ ners eingedenk zu bleiben,“ unterbrach ſie der Kardi⸗ ſal.„Es darf nicht von Politik oder den Zuſtänden in Ungarn und Siebenbürgen Erwähnung geſchehen.“ „Ich erwähnte ihrer auch nicht, Eminenz,“ ſagte Heleng kalt.„Es war nur die Mutter, welche zu ih⸗ rem Sohne ſprach; die kaiſerliche Regierung wird ſchon ſorgen, daß einſt auch das Vaterland zu meinem Sohne ſpricht, und beſſer wird er vielleicht dann dieſe Stimme vernehmen können, als jetzt die Stimme ſei⸗ ner Mutter.“ „Ueberdies,“ murrte der Kardinal,„muß ich Sie daran erinnern, daß die bedungene Zeit jetzt um iſt.“ Jo, die bedungene Zeit iſt umi“ rief Helena mit 92 ſtrahlenden Augen, die Zeit der Schmerzen und der Einſamkeit. Ich gehe zu meinem Gemahl, und hin⸗ fort, ſo Gott will, ſoll nichts mich mehr von ihm trennen. Lebe wohl, meine Tochter! Leben Sie wohl, Graf Aſpermont, machen Sie meine Tochter glück⸗ lich, und ich werde Sie ſegnen und Sie lieben wie meinen Sohn. Juliana, dieſen letzten Kuß gib mei⸗ nem Franz, und ſage ihm, er ſolle eingedenk bleiben deſſen, was er mir beim Abſchied gelobt auf dem Thurm von Munkacs!“ Sie wandte ſich haſtig ab, grüßte den Kardinal mit einem ſtolzen Neigen des Hauptes, und nahm den Arm des Generals Aſpermont, um ſich von ihm hin⸗ unterführen zu laſſen zu dem bereitſtehenden, von einer Schwadron Hußaren umgebenen Wagen. An der Grenze von Siebenbürgen empfing ſie ihr Gemahl, Emmerich Tököͤly. Aber jetzt ſchon war er nicht mehr der Fürſt von Siebenbürgen, und nicht war es ihm beſchieden, die wiedergewonnene Geliebte im Triumph als regierende Fürſtin einzuführen in ſein Land. Die Sonne ſeines Glückes war ſchon wieder von Wolken verdunkelt, und zwölf Tage hatte nur ſeine Fürſtenherrlichkeit gedauert. Der kaiſerliche Feldherr Markgraf Ludwig von Baden hatte die Niederlage 93 des Generals Heußler gerächt, und in einer mörderi⸗ ſchen Schlacht den Türken vollſtändigen Sieg abge⸗ wonnen. Mit dieſer ſeiner ſiegreichen Armee rückte er nun vor nach Siebenbürgen, das Tököly mit ſei⸗ ner Armee hatte verlaſſen müſſen, um Theil zu neh⸗ men an den Kämpfen der Türken, deren Niederlage er auch jetzt theilte. Und die Sonne ſeines Glückes wollte von nun an nimmer wieder für Tököly aufgehen. Es kamen wohl noch für ihn minder düſtere Tage, es kamen Momente des Sieges und Triumphes, aber ſie erloſchen ſchnell wieder, und die große Schlacht bei Zenta 1697, welche die Kraft der Türken in Europa vernichtete, und den Sultan zu einem ohnmächtigen und kranken Mann unter den europäiſchen Großmächten machte, ſie brach auch Emmerich Tötöly's Macht für immerdar. Das Glück hatte ſich treulos von ihm gewandt, aber die Liebe verließ ihn nicht, ſie blieb ihm treu in allen Stürmen, allen Wechſelfällen des Lebens. Im⸗ mer ſtand Helena Zrinyi rathend, tröſtend, liebes⸗ ſtark und glaubensfreudig ihrem Gemahl zur Seite, ihn aufrichtend in Stunden der Entmuthigung, ihn zur Beſonnenheit mahnend in Stunden der Leidenſchaft. Als nach der Schlacht von Zenta der erzürnte Sultan Muſtaſa ſeine Generäle und Heerführer ſtrafte 94 für ſeine eigene Niederlage, mußte auch Emmerich Tö⸗ köly dem kaiſerlichen Zorn als Ableiter dienen. Er ward ſeiner Aemter und Würden entſetzt, und in die Verbannung nach Nikomedien in Kleinaſien geſandt. Helena folgte ihm dahin, und blieb als treue, liebende Gefährtin an ſeiner Seite. Aber das Schickſal wollte dem armen Verbannten auch dieſes letzte Glück nicht für immer laſſen. Als Helena im Jahr 1703 eine Reiſe nach Konſtantinopel unternahm, um dort bei dem Sultan für ihren Gemahl die Befreiung aus dem Exil zu erwirken, erkrankte ſie daſelbſt und ſtarb am achtzehnten Februar 1703. In der Jeſuitenkirche zu Konſtantinopel ward ſie begraben, dort ruht ſie noch heute, die große Heldin von Munkaes, die edle Gemahlin und Mutter der bei⸗ den Räkoczy, die Fürſtin, mit welcher Ungarns vier größte Adelsgeſchlechter der letzten drei Jahrhunderte erloſchen. Ihr Bruder Balthaſar, der nach zwanzig⸗ jähriger Gefangenſchaft in Graz ſtarb, war der letzte Zrinyi, ihre Mutter war die letzte Frangipany, ihre Schwiegermutter die letzte Bätöry, und ihr zweiter Gemahl der letzte Tököly.*) Emmerich Tököly überlebte den Verluſt ſeiner *) Franz Räköczy. Ein hiſtoriſches Charakterbild. 57. „ 4 95 Gemahlin kaum zwei Jahre. Er beſchloß im Jahr 1705 auf einem Gute bei Nikomedien im fünfzigſten Jahr ſeines Alters ſein thatenreiches, vielbewegtes Le⸗ ben, dem ſein Ehrgeiz kurze Tage des Ruhmes und des Glückes, lange Jahre der Demüthigungen und der Enttäuſchungen gegeben hatte. Aber dem, welcher dem Ruhme lebt, wiegt ein Moment des Triumphes ſchwerer, als Jahre der Entbehrungen und der Qual, und wenn das irdiſche Daſein ihm auch keine weitere Befriedigung gewährt, getröſtet er ſich ſeines unſterb⸗ lichen Daſeins, und legt als Balſam auf die Wunden, welche ihm die Welt geſchlagen, das erhebende, ſtolze Bewußtſein ſeines Nachruhms und ſeiner Unſterb⸗ lichkeit im Gedächtniß der Menſchen. VI. Ich heiße Brutus. Seit vier Jahren befand ſich Franz Räkéczy in dem Jeſuiten⸗Kollegium zu Prag, als ſeine Schwe⸗ ſter ſich 1691 dem Grafen Aſpermont vermählte, ſeine Mutter Wien verließ, um ſich nach Siebenbür⸗ gen zu ihrem Gemahl zu begeben. Die frommen Vä⸗ 96 ter nannten den jungen, jetzt fünfzehnjährigen Jüng⸗ ling ihren beſten und fleißigſten Schüler, ſie konnten dem Kardinal Kolonics ſtets nur Gutes und Loben⸗ des über ſein Mündel berichten, ſie mußten es ge⸗ ſtehen, daß er ſtets eifrig bemüht ſei, allen ſeinen Pflichten zu genügen. Dennoch aber war er den from⸗ men Vätern, wie dem Kardinal Kolonics ein Gegen⸗ ſtand der Unzufriedenheit und des Aergerniſſes, und trotz alles Lobes, das ſie ihm ertheilen mußten, be⸗ klagten ſie ſich bitter über ihn. DDer Grund war, daß Franz Räköczy, ſonſt in allen Dingen ſo nachgiebig und gehorſam, doch in Einer Sache ſich durchaus unlenkſam und ſtürmiſch bewies, daß er, gleich ſeiner Schweſter Juliana, den unbezwinglichſten Widerwillen gegen das Kloſterleben zeigte und durchaus keinen Bitten, keinen Vorſtellun⸗ gen Gehör geben mochte. Wie viel glänzende Verhei⸗ ßungen man ihm auch machte, wie ſehr man ihn auch zu verlocken ſuchte, indem man ihm hohe Kirchenwür⸗ den, ja ſelbſt dereinſt den Stuhl des heiligen Vaters in Ausſicht ſtellte, Franz Räköczy wies lachend und mit knabenhafter Sorgloſigkeit alle dieſe lockenden Ausſichten zurück, und weder das Drängen und Bit⸗ ten der frommen Väter Jeſuiten, noch auch die hef⸗ tigen Drohworte des Kardinals Kolonies, der ſelber ⁸ chie chie 97 oft nach Prag kam, um ſeinen Zögling zu ſehen, ver⸗ mochten es, den Starrſinn des jungen Fürſten zu brechen. „Ich paſſe nicht für das Kloſterleben und für die Kirche,“ war ſeine unveränderliche lachende Antwort auf alle noch ſo eindringlichen Beſchwörungen der frommen Väter Jeſu, und wenn ſie ihm die Verderbt⸗ heit und Schlechtigkeit der Welt, die Vergänglichkeit aller irdiſchen Freuden ſchilderten, ſo antwortete er: „Laßt ſie mich aber erſt genießen dieſe Freuden, laßt ſie mich erſt kennen lernen dieſe Welt. Wer weiß, ob ich dann nicht gar bald, angewidert von ihrer Ver⸗ derblichkeit und Schlechtigkeit, erſchreckt von der Ver⸗ gänglichkeit des Glückes, zu Euch zurückkehre, um hier bei Euch auf immer ein Aſyl zu ſuchen. Schickt mich als Laie hinaus in die Welt, damit ich recht bald als Prieſter zu Euch zurückkehre.“ Aber die frommen Väter Jeſu und der Kardinal Kolonics mochten dieſen Verſprechungen des jungen Fürſten ebenſowenig Glauben ſchenken, als er ihren Schilderungen von der Verderbtheit der Welt, und ſie hielten es für gerathener, den jungen„Laien“ lieber in ihrem Kollegium feſtzuhalten, um zu verſuchen, ihn trotz ſeines eigenen Widerſtrebens dennoch zu einem Prieſter heranzubilden. 1861. XMI. Franz Ratöczy I. 7 98 Sie wußten nicht, daß der junge Fürſt in Wien jetzt einen Bundesgenoſſen gefunden hatte, dem es eine Angelegenheit des Herzens und der Ehre war, Franz Räköczy aus ſeiner erzwungenen Kloſtereinſamkeit zu befreien und ihn dem Leben, der Zukunft wiederzu⸗ geben. Dieſer Bundesgenoſſe war ſein Schwager, der General Graf Aſpermont. Erſt die Hälfte jenes Ge⸗ lübdes, das er Julianen damals im Kloſter geleiſtet, war bis jetzt erfüllt. Ihre Mutter war aus dem Klo⸗ ſter erlöſt und dem Gemahl wiedergegeben worden, aber Aſpermont hatte gelobt, auch ihren Bruder zu erlöſen, auch ihn dem Leben, der Freiheit wieder zuzu⸗ führen. Er war ein Ehrenmann, dem es daran lag, ſein Wort zu erfüllen; er liebte ſeine junge Gemahlin lei⸗ denſchaftlich genug, um jeden Wunſch ihres Herzens erfüllen zu wollen. Und es war Julianens glühendſter Herzenswunſch, den geliebten einzigen Bruder wieder⸗ zuſehen, ihn in Wien in ihrer Nähe zu haben, ihn täg⸗ lich zu ſehen und in ſeinem Anſchauen die Erinnerun⸗ gen der Vergangenheit, die Erinnerungen an das Va⸗ terland, die Familie und den Ruhm der Ahnen wieder ſich neu beleben zu fühlen. Sie kannte überdies ihres Bruders weichen, nachgiebigen und gefälligen Charak⸗ ter, und ſie fürchtete, daß es den Jeſuiten dennoch viel⸗ 99 leicht gelingen möge, ſeinen Widerſtand zu bezwingen und ihn zur Ablegung des Gelübdes zu bewegen. Graf Aſpermont ſetzte daher allen ſeinen Einfluß in Bewegung, um die Wünſche ſeiner geliebten Juliana zu erfüllen, und Dank ſeiner Verbindungen, ſeiner in⸗ nigen Freundſchaft mit dem Miniſter Strattmann, Dank der perſönlichen Geneigtheit des Kaiſers Leo⸗ pold, erreichte er ſein Ziel. Während der Kardinal Kolonics eine Reiſe nach Ungarn unternommen hatte, um als Vormund per⸗ ſönlich die Güter und Liegenſchaften ſeines Mündels Franz Räköczy zu beſichtigen, erwirkte Strattmann im Jahre 1692 ein kaiſerliches Dekret, das den jungen Fürſten aus dem Jeſuiten⸗Kollegium zu Prag befreite und ihm geſtattete, nach Wien zu kommen, um dort ſeinen bleibenden Aufenthalt zu nehmen. Juliana empfing dieſes kaiſerliche Dekret mit jauchzendem Entzücken, mit Thränen der reinſten Dank⸗ barkeit gegen den gütigen Kaiſer. In ſehnſüchtiger Ungeduld harrte ſie der Ankunft ihres Bruders ent⸗ gegen, zählte ſie die Stunden, bis er bei ihr ſein konnte. Endlich war er da, endlich öffnete ſich die Thüre und er trat herein an der Hand Aſpermont's, aber ge⸗ folgt von dem Kardinal Kolonics. Juliana ſah den Kardinal nicht, ſie ſah nur ihren Bruder und ſie flog 7* ihm entgegen und drückte ihn jauchzend in ihre Arme, und küßte ſeine Augen, ſeine Stirn und ſeine lachen⸗ den Lippen. Sie ſah es auch nicht, daß ſeine Augen trocken blieben, daß er keine Thräne hatte für die Stunde des Wiederſehens, ſie hörte es nicht, daß ſeine Lippe kein Wort der Liebe, der Rührung hatte. Sie küßte ihn wieder und immer wieder, und dann ſchaute ſie ihn an mit der Zärtlichkeit einer Mutter und einer Schweſter zugleich. Mit ſtolzer Genugthuung ruhten ihre Augen auf ihm, den ſie vor vier Jahren als einen Knaben von zwölf Jahren zum letzten Mal geſehen und der ihr jetzt entgegentrat als ein Jüng⸗ ling, deſſen männliche, kräftige Züge, deſſen ſchöne Geſtalt in ihrer vollkommenen Ausbildung ihn weit älter erſcheinen ließ, als er ſeinen Jahren nach war. In der That, aus dem Knaben war ein ſchöner, prächtig anzuſchauender Jüngling geworden. Seine Geſtalt war hoch und ſchlank, von edlen Formen, ſein Haupt, das ſtolz und gerade mit dem ſchlanken Halſe aus breiten, muskelkräftigen Schultern hervorwuchs, war umwallt von wundervollem, glänzendem ſchwar⸗ zen Lockenhaar, das in ſchweren Ringeln bis auf die Achſeln niederfiel. Seine hohe, gewölbte Stirn war begrenzt von zwei ſtarken, hochgeſchwungenen Augen⸗ — brauen, die ſeinem ganzen Angeſicht einen energiſchen, 101 kühnen Ausdruck gaben, und unter denen hervor die großen, ſchwarzen feurigen Augen voll Lebensmuth und leidenſchaftlichem Feuer der Welt entgegenblitzten. Seine edelgeformte, leicht gebogene Naſe hatte etwas Herausforderndes, Keckes und doch Ariſtokratiſches, und ſein kleiner, feingeſchnittener Mund mit den vol⸗ len, purpurrothen Lippen war leicht beſchattet von dem glänzenden ſchwarzen Schnurbart, der an beiden Sei⸗ ten in einer feinen Locke endete, die herunterfiel auf das breite, kräftig gerundete Kinn. „Ach du biſt ſchön, mein Bruder!“ rief Juliana freudig,„ſchön wie ein junger Held, der ſich die Welt erobern ſoll.“ „Ich habe das ja gar nicht mehr nöthig,“ ſagte Franz lachend,„du und mein theurer Schwager habt mir ja dieſe Mühe erſpart. Ihr Beide habt in Eurer Güte und Liebe mir ja ſchon die Welt erobert. Ich habe nichts weiter mehr zu thun, als ſie zu genießen, und das will ich denn auch aus Herzensgrund thun. Die Zukunft lacht mir entgegen, wie ein ewiger, nie endender Feſttag, und ſo will ich mich auch ihrer freuen.“ „Aber, mein theurer Bruder,“ ſagte Juliana, ſanft *) Siehe das Porträt von Franz Räköczy II. 102 ihre Hand auf die Schulter des Bruders legend und ihn zärtlich anſchauend,„du wirſt über dem Feſttag der Zukunft doch auch nicht das große, erhabene Trauerfeſt deiner Vergangenheit vergeſſen. Ich bringe dir zuerſt und vor allen Dingen die Grüße unſerer theuren, edlen Mutter. Dir galten ihre letzten Gedan⸗ ten, ihre letzten Worte, bevor ſie abreiſte. Komm, Franz, laß mich deine Stirn küſſen! Dieſen Kuß, mein Bruder, ſendet dir unſere Mutter, und ich ſoll dich mahnen, daß du eingedenk bleibeſt deſſen, was du ihr beim Abſchied gelobt haſt auf dem Thurm von Munkacs.“ Nun ſprich weiter, meine theure Schweſter,“ ſagte Franz haſtig, als Juliana jetzt ſchwieg.„Wiederhole mir das, was ich der lieben Mutter damals auf dem Thurm von Munkaes gelobt habe.“ „Du weißt es nicht mehr?“ fragte Juliana mit ſchmerzlichem Erſtaunen.„Du haſt vergeſſen, was du damals der Mutter gelobt haſt?“ „Und wie könnte ich das noch wiſſen?“ fragte der junge Fürſt mit fröhlichem Lachen.„Mein Gott, ich war damals ein kaum zwölfjähriger Bube, und ich erinnere mich gar nicht, daß ich mit meiner theuren Mutter irgend ein beſonderes Geſpräch auf dem Thurm von Munkaes gehabt hätte. Wiederhole du mir alſo, 103 was ich damals verſprochen habe, damit der Jüngling erfüllen kann, was der Knabe gelobt hat. Nun, meine theure Juliana, ſo ſprich doch! Was iſt es, das ich verſprochen habe?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte Juliana traurig.„Un⸗ ſere Mutter hat nichts weiter hinzugefügt, ich habe dir genau ihre Worte wiederholt. Sie hat wohl geglaubt, daß ihr Sohn, obwohl er damals ein Knabe war, doch nimmer vergeſſen könne, was er ihr in heiliger Stunde beim Abſchiede von der Burg ſeiner Väter verſprochen hat.“ „Nun,“ rief Franz lebhaft,„wenn ich auch des Momentes mich nicht erinnere, ſo kann ich doch errathen, was meine gute Mutter damals von mir begehrt hat, und welche Pflicht ſie meinem Herzen auferlegt hat: die Pflicht der Dankbarkeit gegen meinen erhabenen Vormund und Kaiſer! Oh ich weiß, ſie hat von dem Knaben begehrt, daß er es mache, wie es ſein Vater, wie es ſeine Großmutter gethan, daß er ſich dem Kai⸗ ſer unterwerfe in Liebe und Ergebenheit, daß er als ein gehorſamer und treuer Unterthan ſich ſeinem an⸗ geſtammten, rechtmäßigen König von Ungarn ergebe. Jo, ja, jetzt entſinne ich mich! Das war es, was meine Mutter von mir forderte, als wir damals Abſchied ſpreche dir, meine nahmen von Munkacs, und ich ver 104 Schweſter, ich verſpreche auch Ihnen, mein edler Vor⸗ mund, daß ich, ſo lang ich lebe, dieſer Pflicht genügen, daß ich dem Kaiſer und König ein treuer und loyaler Unterthan ſein will!“ Juliana ſagte nichts, nur waren ihre Wangen verbleicht und war das Feuer ihrer Augen und das Lächeln ihrer Lippen erloſchen, und es hatte ſich Etwas wie ein trüber Schleier über ihr vorher ſo heiter ſtrah⸗ lendes Angeſicht gelegt. Franz Räköezy ſchien das gar nicht zu bemerken, er war heiter und geſprächig, voll zuvorkommender Freundlichkeit gegen den Kardinal, und ganz entzückt von der Ausſicht, das glänzende Leben der Kaiſerſtadt nun in vollen Zügen genießen zu können. „Ich habe mich in meinem Bruder geirrt,“ ſagte Juliana traurig, als Franz ſie verlaſſen hatte, um ſich von dem Kardinal dem Kaiſer vorſtellen zu laſſen. „Franz iſt nicht der Sohn ſeiner Mutter, ſondern der Enkel ſeiner Großmutter, ein treuer, loyaler Anhän⸗ ger Oeſterreichs.“ „Dann iſt er wenigſtens ſicher, ein glückliches und ſorgloſes Leben führen zu können,“ erwiderte General Aſpermont lächelnd.„Als loyaler Unterthan wird er dem Kaiſer ſehr willkommen ſein, und man wird den jungen Magnaten hätſcheln und ſchmeicheln und ihn — 105 mit Ehren und Aufmerkſ amkeiten überhäufen. Man wird ihn den Andern als Muſterbild darſtellen, an dem man den Unzufriedenen beweiſt, wie ſehr man Diejenigen ehrt und liebt, welche zufrieden find und ſich dem König treu erweiſen.“ Und wie Graf Aſpermont es prophezeit hatte, ſo geſchah es Der junge Fürſt Franz Räköczy ward bald der Liebling nicht blos der Damenwelt, ſondern auch der Liebling des Kaiſerhofes. Bei allen Hoffeſten mußte er erſcheinen, ward ihm unter allen Kavalieren die größte Auszeichnung und Ehre erwieſen. Selbſt zu den kleinen vertrauten Abendzirkeln des Kaiſers und der Kaiſerin erhielt er Zutritt, und der Kaiſer unterhielt ſich bei denſelben immer am längſten und heiterſten mit dem jungen Fürſten, deſſen friſcher Le⸗ bensmuth, deſſen kräftiges, heiteres und harmloſes Weſen ihn beſonders zu feſſeln ſchien. In der That, der Fürſt Franz Räkéczy war ganz und gar ein harmloſes Weſen geworden, ein junger Elegant, der nur dem Vergnügen, den Feſten, den Zerſtreuungen, dem Luxus lebte, dem es eine wichtige Angelegenheit wor, die ſchönſten Pferde, die glän⸗ zendſten Livréen, die geſchmackvollſten Equipagen zu haben, der unerſchöpflich war im Erfinnen neuer Feſte und Zerſtrenungen, und dem nichts auf der Welt ſo 106 ſehr am Herzen lag, als ſich das Leben zu einem ein⸗ zigen, ununterbrochenen Feſttag zu machen. Zuweilen verſuchte es Juliana wohl noch, ihn rückwärts ſchauen zu laſſen auf die Tage der Vergan⸗ genheit, ſeinen Blick hinzuwenden auf das unglückliche, von Wunden und Blut ſtarrende Vaterland. Aber Franz, ſonſt ſo liebevoll und zärtlich gegen ſeine Schweſter, ward dann ungeduldig und heftig, er brach das Geſpräch ab, er beeilte ſich, den Blick von ſo trau⸗ rigen Bildern abzuwenden, um ihn wieder auf die blumenbekränzte, lachende Gegenwart zu richten. Zuweilen auch kamen aus der fernen Heimat frühere Freunde der Familie Räköczy nach Wien, die dem jungen Fürſten ihre Ergebenheit bezeugen, ihm ihre Aufwartung machen wollten. Aber Franz Räköczy nahm ſolche Beſuche niemals an, und wenn er Briefe aus Ungarn empfing, ſo ließ er dieſelben immer unbeantwortet. Juliana verſuchte es zuweilen, ihm darüber Vorſtellungen zu machen, ſie bat ihn mit beweglicher, zitternder Stimme, nicht ganz zu vergeſſen, daß er ein Ungar ſei, nicht ganz ſein Herz der Religion der Erinnerung zu verſchließen. „Ich bitte dich, meine theure Schweſter,“ rief Franz ungeduldig,„wollen wir es vermeiden von Po⸗ litit zu ſprechen Ich haſſe die Politik, ich will nichts 107 zu ſchaffen haben mit ihr, und es gelüſtet mich durchaus gar nicht, jemals in meinem Leben eine politiſche Rolle zu ſpielen. Ich liebe den Frieden, die Ruhe, den heitern Lebensgenuß, und weil ich weiß, daß ich das Alles in Ungarn niemals finden würde, ſo entſage ich dem ſtolzen Glück ein Magyar zu ſein, und bin aus Grund meines Herzens ein Deutſcher. Du ſiehſt, ich habe auch meine Religion der Erinnerungen, und ge⸗ rade dieſe hat mich gelehrt, daß es für mich keine Her⸗ zensruhe und keinen Seelenfrieden gibt, außer in der Ergebenheit gegen meinen König, in dem Gehorſam gegen ſein Geſetz. Ich bin leider geboren als ein Un⸗ gar, aber ich will leben und ſterben als ein Deutſcher!“ Und gemäß dieſem Entſchluß ſah man den jun⸗ gen, ſchönen ungariſchen Magnaten eifrig bemüht, ſich die Sitten, die Gewohnheiten der Deutſchen ganz und gar zu Eigen zu machen. Er verkehrte nur mit deut⸗ ſchen Kavalieren, ſprach nur deutſch, duldete es nicht, daß irgend Einer ſeiner zahlreichen Dienerſchaft der ungariſchen Nation angehöre, und ließ ſich jedesmal verläugnen, wenn irgend ein Ungar kam, ihm ſeinen Beſuch zu machen. Selbſt der Kardinal Kolonics war erſtaunt über dieſe leidenſchaftliche Abneigung des jungen Fürſten, 108 und glaubte ſich als ſein Vormund verpflichtet, ihn zu warnen. „Sie ſollten ein wenig vorſichtiger ſein,“ ſagte er zu ihm,„Sie ſollten Ihre Averſion gegen die Ma⸗ gyaren nicht allzu rückſichtslos zur Schau tragen.“ „Und warum nicht, Eminenz?“ fragte der Fürſt achſelzuckend.„Warum ſoll ich nicht zeigen, wie es mir um's Herz iſt?“ „Weil Sie ſich dadurch bei Ihren Landsleuten ver⸗ haßt machen, mein junger Heißſporn. Die Magyaren ſind gar tolle ungebärdige Geſellen, und wenn es unter ihnen erſt zur unumſtößlichen Gewißheit wird, daß der junge Fürſt Räköczy ein Abtrünniger iſt, der ſie verſchmäht und verachtet, ſo könnten ſie in ihrer Wuth leicht auf Mittel ſinnen, Rache zu nehmen und Sie zu ſtrafen für das, was Ihre Tugend iſt, was jene Raſenden aber Ihr Verbrechen nennen werden. Ich warne Sie alſo, lieber junger Freund, ſeien Sie ein— wenig vorſichtiger in Ihren Aeußerungen über Ungarn.“ Nein, Eminenz!“ rief Franz mit glühenden Bli⸗ cken,„nein, ich will, ich kann nicht vorſichtig ſein. Ich habe in meiner Kindheit zu viel gelitten von dem Un⸗ glück, ein Ungar zu ſein, als daß ich nicht demſelben mit aller Kraft meines Willens ausweichen ſollte. Ich bin ein Deutſcher, will ein Deutſcher ſein! Ich habe 4 109 nichts zu ſchaffen mit Ungarn! Wüßte ich, daß irgend eine Rippe meines Körpers mich noch zu Ungarn zieht, ſo würde ich ſie ausreißen und von mir werfen.“*) Es war natürlich, daß ſolche unbedingte Ergeben⸗ heit des jungen Fürſten ihm die volle Gnade und Zu⸗ friedenheit des Kaiſers gewann, und daß man gern bereit war, ihm davon Beweiſe zu geben. Franz Rä⸗ köczy war jetzt einundzwanzig Jahre alt, und er hatte in dieſen vier Jahren, die er in Wien gelebt, ſich ſtets von ſo untadelhafter Loyalität gezeigt, daß man ihm wohl dafür einen Beweis der Gnade und des Vertrauens gewähren konnte General Aſpermont war es wieder, der hier wie immer ſeinem Schwager, den er zärtlich liebte, zu ſeinem Glück behülflich war. Er benutzte abermals eine vorübergehende Abweſenheit des herrſchſüchtigen und geizigen Kardinals, um für Franz Räköczy einen neuen, unermeßlichen Vortheil zu erringen, und ihn ganz und gar von der läſtigen Vormundſchaft zu befreien. Durch den Miniſter Stratt⸗ mann wußte er abermals ein kaiſerliches Dekret zu erwirken, und dieſes Dekret machte Franz Räköezy großjährig, es verlieh ihm die Majorennität, machte ihn frei von jeder Vormundſchaft, gab ihm ſeine volle Franz Räköczy's eigene Worte. Siehe: Franz Räköezy II. Ein C auterbilbi b. 5 110 Unabhängigkeit und die freie, unbehinderte Verwal⸗ tung über ſeine Güter. Franz Räköczy nahm dieſe neue Gnadenbezeigung des Kaiſers mit leidenſchaftlichem Entzücken auf. Er ſchwur ihm ewige Dankbarkeit, ewige Treue, und als gerade in dieſer Zeit die Nachricht von dem großen Siege des Prinzen Eugen bei Zenta“), von der völ⸗ ligen Niederlage der Türken und ihres Feldherrn Em⸗ merich Tököly eintraf, zeigte Niemand darüber eine glühendere und aufrichtigere Freude, als der Stiefſohn Tököly's, der junge Fürſt Franz Räköczy. „Jetzt,“ rief er freudig,„jetzt wird es endlich doch vorbei ſein mit der Macht der Aufrührer und Empö⸗ rer in Ungarn, ſie werden jetzt gezwungen ſein, ſich zu ergeben, und zum Gehorſam zu ihrem angeſtamm⸗ ten König zurückzukehren. Ich werde alſo vielleicht noch einmal ſo glücklich ſein können, meine Güter in Un⸗ garn beſuchen zu können, und in meinen ſchönen Wäl⸗ dern die Bären zu jagen.“ Aber vorläufig freilich war dazu noch keine gün⸗ ſtige Gelegenheit, der Kampf und die Wirren in Un⸗ garn waren immer noch nicht beendet, und bei Franz Räkéczy's Abneigung gegen alle politiſche Debatten konnte man nicht erwarten, daß er ſich ſchon jetzt auf * ²) Ann 11. September 1697. —— 111 ſeine Güter nach Ungarn begeben würde. Auch wünſchte dies Niemand weniger, als der Kardinal Kolonies, dem die Großjährigkeits⸗Erklärung des Fürſten eine höchſt unangenehme Ueberraſchung geweſen, und deſſen Herrſchſucht und Geiz die einträgliche Verwaltung der Räköczy'ſchen Güter lebhaft zurückwünſchte. Der Kardinal ſuchte daher nach einem Mittel, um ſich dieſe Verwaltung wieder erobern zu können, und er glaubte es darin gefunden zu haben, daß er ſeinem frühern Mündel von dem Kaiſer die Erlaubniß er⸗ wirkte, ſich auf zwei Jahre ins Ausland begeben, und eine Reiſe nach Deutſchland und Italien machen zu können. Der junge Fürſt befand ſich eben in Geſellſchaft ſeiner Schweſter und ſeines Schwagers, als der Kar⸗ dinal kam, ihm dieſe Freudenbotſchaft zu bringen und ihm zu ſagen, daß Franz dieſe Reiſe ihm allein, ihm, ſeinem treuen und liebevollen Vormund verdanke. Franz Räköczy's Angeſicht ſtrahlte vor Freude, und indem er den Kardinal umarmte, verſicherte er ihn mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit ſeiner glühenden Dank⸗ barkeit, ſeiner treuen Sohnesliebe. „Ich werde reiſen, ich werde die Welt ſehen!“ rief er freudig,„ich werde mein Ideal, ich werde Rom ken⸗ 2 112 nen lernen! Dieſes Alles werde ich Ihnen verdanken, Ihnen, meinem theuren Vormund!“ „Und ich will Ihnen noch einen Beweis geben, wie ſehr mir Ihr Wohl am Herzen liegt,“ ſagte der Kar⸗ dinal freundlich.„Ich bin bereit, wenn Sie es wün⸗ ſchen, während der ganzen Dauer Ihrer Abweſenheit die Verwaltung Ihrer Güter als Ihr alter getreuer Vormund wieder zu übernehmen. Sie haben weiter nichts nöthig, als mir eine ſchriftliche Vollmacht zu geben und Alles iſt abgethan.“ „Aber niemals würde ich es wagen, von Eurer Eminenz ein ſolches Opfer anzunehmen!“ rief Franz entſetzt.„Mein Gott, welch ein Undankbarer müßte ich ſein, wenn ich Eure Eminenz noch länger mit ſo kleinlichen weltlichen Dingen beunruhigen wollte. Mein ganzes Leben wird nicht hinreichen, um Ihnen zu dan⸗ ken für die Mühwaltungen und Sorgen, die Sie wäh⸗ rend meiner Minderjährigkeit für mich übernommen haben. Jetzt, da ich, Dank der Gnade des Kaiſers, zur Majorennität gelangt bin, jetzt werde ich niemals darein willigen, daß Eure Eminenz wieder die Laſten der Vor⸗ mundſchaft und Verwaltung für mich tragen.“ Vergebens war es, daß der Kardinal fortwährend auf das Lebhafteſte verſicherte, er ſei mit Freuden be⸗ reit, die Verwaltung der Räköczyſchen Güter zu über⸗ ⁴ 113 nehmen, es ſei ihm dies gar keine Laſt, ſondern eine angenehme Aufgabe, der er ſich mit Freuden unterziehen wollte; vergebens, daß er zuletzt ſogar es ſich als ein Zeichen des Vertrauens und der Liebe von Franz er⸗ bat, ihn zum Verwalter ſeiner Güter zu ernennen. „Ich würde ein Barbar ſein, wenn ich dieſe Groß⸗ muth Eurer Eminenz annähme,“ ſagte der junge Fürſt eifrig.„Die Verwaltung der Räköczy'ſchen Güter iſt eine bloße Sache der Familie, und ſie muß deshalb auch ausſchließlich in der Familie bleiben. Ich bitte dich, meine theure Schweſter, daß du dich dieſer Arbeit unter⸗ ziehſt, ich hoffe, daß du, mein vielgeliebter Schwager Aſpermont, dich mir diesmal wie immer als Bruder bewährſt, und daß Ihr Beide gemeinſchaftlich während der ganzen Dauer meiner Reiſe die Verwaltung meines Vermögens und meiner Güter übernehmt.“ Beide erklärten ſich freudig bereit dazu und dem Kardinal blieb nichts weiter übrig, als ſeinen Aerger und ſeine Enttäuſchung unter einem freundlichen Lächeln zu verbergen. Schon wenige Tage nach der erhaltenen kaiſerlichen Erlaubniß waren alle Vorbereitungen beendet, hatte der junge Fürſt Franz Räkéczy bei Hofe und bei der hohen Ariſtokratie ſeine Abſchiedsbeſuche gemacht, und ſchickte ſich an, begleitet von einer zahlreichen Diener⸗ 1861. XIM. Franz Rökéczv II. 8 114 ſchaft, mit allem Glanz, wie er ſeinem Rang und ſei⸗ nem Reichthum gebührte, die Reiſe anzutreten. Ju⸗ liana hatte ihm bei allen dieſen Vorbereitungen mit Rath und That zur Seite geſtanden, und ihre Liebe und Zärtlichkeit war bedacht geweſen, Alles ſo einzu⸗ richten, wie es dem theuren Bruder bequem und an⸗ genehm ſein könnte. General Aſpermont hatte Sorge getragen, ſeinem lieben Schwager für alle deutſchen Höfe die ausreichendſten Einpfehlungsbriefe von der taiſerlichen Familie, der hohen Ariſtokratie und den Miniſtern zu verſchaffen, und alle dieſe Briefe ſtellten den jungen ungariſchen Fürſten dar als den treuen und loyalen Unterthan des Kaiſers. Jetzt waren alle dieſe Vorbereitungen beendet, und der junge Fürſt trat im Reiſeanzug in das Zimmer ſeiner Schweſter, um von ihr den letzten Abſchied zu nehmen. Sein Antlitz war heute ungewöhnlich ernſt, ſeine Züge hatten heute einen ſo energiſchen, trotzigen Ausdruck, wie Juliana es nie zuvor an ihm geſehen, und unwillkürlich klopfte ihr das Herz in angſtvoller Spannung, ſie wußte ſelber nicht weshalb. „Juliana, meine vielgeliebte Schweſter,“ ſagte Franz mit weicher bebender Stimme, die ihr Thrã⸗ nen in die Angen trieb,„ich komme um Abſchied zu 4 115 nfile Ich komme auch, dich um Verzeihung zu itten.“ „Um Verzeihung?“ fragte ſie erſtaunt.„Weshalb wollteſt du mich um Verzeihung btten?“ „Weil ich dir Kummer gemacht habe,“ ſagte er, die Schweſter zärtlich in ſeine Arme drückend,„Kum⸗ mer von dem erſten Tage an, da ich hier in Wien an⸗ langte. Arme Schweſter, du haſt um mich getrauert alle dieſe Jahre her als um einen Abtrünnigen und Verlornen, und ich habe oft deine Augen mit heim⸗ lichen Thränen auf mir ruhen ſehen. Dieſe Thränen ſind jedes Mal in mein Herz hineingefloſſen und hg⸗ ben darin gebrannt und geglüht, als wären es feurige Kohlen. Ich durfte es aber dich nicht ahnen laſſen, Schweſter, denn beſſer als du kannte ich die Welt, in der wir uns bewegten, und obwohl du um fünf Jahre älter biſt denn ich, warſt du doch die Jüngere, die Harmloſere und Vertrauensvollere, und ich war dee Aeltere, der Beſonnenere. Das macht, ich bin erzogen worden in der Schule der Jeſuiten. Es war eine harte Schule, meine theure Schweſter, aber ich habe doch in ihr zweierlei gelernt, das Mißtrauen und die Kunſt der Verſtellung. Ich habe an deinen Thränen und— an den Lobſprüchen, die mir der Kaiſer und der Kardinal geſpendet haben, geſehen, daß ich ein würdiger und 8* 116 guter Schüler meiner Lehrer geweſen bin, und Dankdem, was ich gelernt habe, bin ich jetzt ein freier, ſelbſtſtän⸗ diger Mann; Dank meinen Studien im Zeſuiten⸗Kol⸗ legium zu Prag, bin ich majorenn, bin freier Herr mei⸗ ner Güter, darf gehen wohin ich will, darf die Welt ſehen! Ich gehe alſo, meine Schweſter, ich gehe in die Welt. Aber ich reiſe incognito, unter einem erborgten Namen. Niemand darf vor der Hand meinen wirk⸗ lichen Namen wiſſen, niemand darf ihn ahnen. Aber wenn ich wiederkehre, wenn die Zeit gekommen iſt, dann werde ich mein Incognito abwerfen, dann werde ich in meinem wahren Charakter auftreten, dann werde ich meinen wahren Namen ſagen und aller Welt ent⸗ gegenrufen wie ich heiße.“ „Und wie iſt denn dein wahrer Name?“ fragte Juliana athemlos.„Wie heißt du denn?“ Er küßte ſie zärtlich auf die beiden Augen, die zu⸗ gleich mit ſo fragendem und ſo zärtlichem Ausdruck auf ihn gerichtet waren. Dann neigte er ſich dichter an„ ihr Ohr: „Ich heiße Brutus,“ ſagte er raſch und leiſe. Juliana ſtieß einen Schrei aus, und dem erſten Impuls ihres Herzens folgend, glitt ſie auf ihre Kniee nieder und hob ihre gefalteten Hände zum Himmel empor. 4 See e 117 „Ich danke dir, mein Gott, ich danke dir!“ mur⸗ melte ſie leiſe.„Er iſt dennoch der Sohn ſeiner Mutter.“ „Ja, er iſt es,“flüſterte er leiſe,„und er weiß auch, was er ſeiner Mutter damals gelobt hat auf der Burg zu Munkacs. Aber ſage es ihr nicht, und ſage es Nie⸗ mand auf der Welt. Lebe wohl, meine Schweſter, und was auch kommen möge, verzage nicht an mir, vergiß es niemals: Ich heiße Brutus!“ VII. Prinzeſſin Charlotte Amalie von Heſſen. Mehr als anderthalb Jahre hatte die Reiſe des jungen Fürſten Räköczy ſchon gedauert, als er endlich im Sommer des Jahres 1697 nach Köln kam, um dort die kaiſerliche Armee, welche da unter dem Kommando des Fürſten Ludwig von Baden operirte, zu beſichtigen, und außerdem an dem ſchönen deutſchen Rheinſtrom ſeine Weltſtudien fortzuſetzen. Dieſer lange, ungebun⸗ dene Aufenthalt in der Fremde, dieſer harmloſe Ver⸗ 118 kehr mit den verſchiedenartigſten Menſchen, das An⸗ ſtaunen der großartigen und erhabenen Naturſchön⸗ heiten Italiens und der Schweiz, das Studium der Kunſtſchätze, der Denkmäler der Geſchichte in Rom, alle dieſe großartigen und verſchiedenen Eindrücke hat⸗ ten auf das Gemüth des jungen geiſtvollen, hochgebil⸗ deten und leicht erregbaren Fürſten den tiefſten und nachhaltigſten Eindruck gemacht. Sie hatten ſeinen Sinn ernſter und tiefer gemacht, ſie hatten ſeinen Geiſt geläutert und gereift, und doch zugleich ihn durchdrungen mit einer mannhaften freudigen Energie, die ſich klar ihres Wollens und ihrer Ziele bewußt war. Sein gan⸗ zes Weſen hatte etwas Stolzes, Gehobenes, Energi⸗ ſches angenommen und dieſe achtzehn Monate des wech⸗ ſelvollen Reiſelebens hatten dem kaum dreiundzwanzig⸗ jährigen Jüngling das gereifte, ſtolze, ſelbſtbewußte Ausſehen eines jungen Helden gegeben, der bereit iſt, den Kampf gegen die ganze Welt mit freudiger Kühn⸗ heit aufzunehmen. Es lag ein wunderbarer Zauber über ſeiner ganzen Erſcheinung, der Zauber des unverſchuldeten Un⸗ glücks, das mit ſtolzer, klageloſer Ruhe ertragen wird. Ueberall, wohin er kam, folgten theilneh⸗ mende freundliche Blicke dem jungen ungariſchen Für⸗ ſten, dem letzten Sprößling einer ſo glorreichen Fa⸗ — —— 119 milie, deren edelſte Häupter alle unter den Schaffotten ſich verblutet oder in den Kerkern geendet hatten, deren Namen aber in der Geſchichte Ungarns als die Namen der edelſten und treueſten Patrioten glänzten. Ueberall begegnete daher dieſem letzten Sohne der erhabenſten und edelſten ungariſchen Familie die zarteſte Theil⸗ nahme, das gefälligſte Entgegenkommen, und mit ſei⸗ ner Schönheit, ſeiner Liebenswürdigkeit, ſeinem Geiſt und ſeiner hohen Bildung machte Franz Räköczy, ohne es zu ahnen, überall Propaganda für die Sache ſeines Vaterlandes, für den Kampf der unzufriedenen Un⸗ garn gegen das Haus Habsburg, als deſſen Opfer man ſehr geneigt war auch den jungen Fürſten zu betrachten, trotz der anſcheinenden Freiheit, welche er genoß, trotz⸗ dem er ſelber laut und freudig überall ſeine innige An⸗ hänglichkeit an Oeſterreich verkündete und ſich ſelber gern den treueſten und ergebenſten Diener ſeines Herrn und Königs, des Kaiſers Leopold nannte. Auch in Köln, wohin der junge Fürſt Franz Rä⸗ koczy ſich im Sommer des Jahres 1697 begeben hatte, verfehlte ſeine ſchöne intereſſante Erſcheinung nicht, überall die größte Sympathie zu erregen, und alle Kreiſe der höchſten Geſellſchaft öffneten ſich bereit⸗ willig dem jungen ſchönen ungariſchen Fürſten, von 120 deſſen hoher Stirn die goldene Fürſtenkrone mehr in Geſtalt einer Märtyrerkrone ſtrahlte. In Köln befand ſich gerade damals zu längerem Aufenthalt der Landgraf Karl von Heſſen mit ſeiner Gemahlin und ſeiner Tochter, der Prinzeſſin Char⸗ lotte Amalie, und Dank den Empfehlungsbriefen, welche er aus Wien von dem Kaiſerhofe mitgebracht, fand der Liebling und Schützling des deutſchen Kaiſers bei dem Landgrafen eine ſehr zuvorkommende freund⸗ liche Aufnahme. Beſonders ſchien die junge, kaum achtzehnjährige Prinzeſſin Charlotte Amalie das leb⸗ hafteſte Intereſſe zu empfinden für den jungen Ma⸗ gyarenfürſten, dem man ſeine Heimat, ſeine Familie, ſein Fürſtenthum geraubt, und der trotz ſeiner anſchei⸗ nenden Freiheit ſie doch gemahnte an die gefangenen Könige, welche im alten Rom in voller Pracht ihres Königsornates, nur die Hände geſchloſſen mit gol⸗ denen Ketten, vor dem Triumphwagen ihres Beſiegers einherſchreiten mußten. Die Prinzeſſin Charlotte Amalie war eine jener ſeltenen hochbegabten, energiſchen Frauennaturen, die mit einem glühenden Herzen und einer reichen Phan⸗ taſie zugleich eine ſeltene Kraft des Geiſtes, eine große Schärfe des Verſtandes verbinden, die was ſie wollen ganz wollen, und denen die Liebe nicht ⁴ 121 eine Spielerei des Herzens, ſondern der heiligſte Lebensberuf iſt, dem ſie ihre Seele und ihr Herz in freudigſter Opferbereitwilligkeit hingeben. Bis jetzt aber war eine ſolche Liebe noch nicht erwacht in der jungen Prinzeſſin, nur ſah man an ihrer hohen gedankenvollen Stirn, an dem tiefen innigen Blick, ihren feurigen dunkelblauen Augen, daß ſie tiefer, ener⸗ giſcher Empfindungen fähig, daß ſie eine ſtarke, ent⸗ ſchloſſene Natur ſei, und nichts in ſich habe von dem Leichtſiun und der Flatterhaftigkeit junger Mädchen. Bis jetzt hatte die Prinzeſſin, nur ernſter, wie das Frauen ſonſt zu thun pflegen, ſich mit den Künſten und Wiſſenſchaften beſchäftigt; ſie war eine ausge⸗ zeichnete Muſikerin, ſie malte mit kunſtgeübter Hand, ſie ſprach nicht blos die modernen Sprachen mit flie ßender Geläufigkeit, ſondern ſie hatte ſogar die Alten ſtudirt und die griechiſchen und lateiniſchen Klaſſiker in der Urſprache geleſen. Aber die ernſten Studien hatten der Prinzeſſin doch nichts geraubt von ihrer holden Madchenhaftigkeit, ihrer edlen zarten Weiblichkeit; ſie war trotzdem ein junges Mädchen geblieben, dem der Putz und die Toilette eine ernſte Angelegenheit war, die leidenſchaftlich gern tanzte, mit aller Lebensfriſche ſich den unſchuldigen Vergnügungen hingab, und die, wenn ſie ſtundenlang mit ihrem gelehrten Erzieher die 122 alten Klaſſiker traktirt hatte, es liebte, ſtundenlang auf feurigem Roß hinaus zu reiten in die ſchöne friſche Gotteswelt, die ſie anſchaute mit friſchen lebendigen und liebevollen Blicken. Auf dieſen Spazierritten ward bald der junge Fürſt Räköczy der Prinzeſſin beſtändiger Begleiter, und mit ihm unterhielt ſich Charlotte Amalie mehr als mit all den andern vornehmen Kavalieren, die ſie umgaben, und die um die Hand der jungen, ſchönen und liebenswürdigen Fürſtentochter warben. Unter dieſen Kavalieren befanden ſich ſouveräne deutſche Für⸗ ſten von Macht und Anſehen, die dem Landgrafen Karl gar willkommene Schwiegerſöhne geweſen wären. Aber Prinzeſſin Amalie, der Liebling ihres Vaters, die in Liebe verwöhnte Tochter desſelben, erklärte, durch⸗ aus keine Heirat der Politik und der diplomatiſchen Rückſichten machen, ſondern nur den Mann zu ihrem Gemahl annehmen zu wollen, dem ihr Herz in Liebe und Treue ſich ergeben habe. Sie hatte, umdrängt von ihren fürſtlichen Freiwerbern, ſo lange gebeten, ge⸗ ſchmollt, geſchmeichelt, ja ſogar geweint, bis ihr Vater, erſchreckt von ihren Thränen, ihr ſein Ehrenwort ge⸗ geben, ſie durchaus keine politiſche Vernunftheirat machen zu laſſen, ſondern den Mann, dem ſie einſt ihr — 123 Herz ſchenken würde, ihre Hand zu bewilligen und ihn zu ſeinem Schwiegerſohn anzunehmen. Der Landgraf hatte eingewilligt, nur hatte er lächelnd die Bedingung gemacht, daß Derjenige, welchen die Prinzeſſin lieben würde, jedenfalls ein Fürſt ſein müſſe. Prinzeſſin Amalie hatte lachend erwidert:„Und wenn er es nicht iſt, ſo machen wir ihn dazu; denn, Gott ſei Dank, Fürſtentitel laſſen ſich kaufen im lie⸗ ben deutſchen Reich; es iſt leichter, ein Fürſt zu wer⸗ den, als fürſtlich zu denken und zu handeln. Habe ich erſt den Fürſten der Gedanken und Handlungen ge⸗ funden, ſo wird mein Vater ſchon Sorge tragen, daß er auch ein Fürſt der Titel und Würden werde.“ Jetzt ſchien es, als habe die ſchöne und geiſtvolle Prinzeſſin Charlotte Amalie dieſen Fürſten, den ihr ſchwärmeriſches Mädchenherz ſo glühend erſehnt, end⸗ lich gefunden, und dieſer Fürſt war noch dazu ein ge⸗ borner Fürſt, denn er nannte ſich Franz Räköczy. Sie liebte ihn, ſie machte ihrem Vater, ſie machte ſich ſelber kein Hehl daraus, denn ſie ſah es an ſeinen Blicken, ſie hörte es in dem Ton ſeiner Stimme, wenn er zu ihr ſprach, daß auch er ſie liebte. Niemals hatte er es ihr mit Worten geſtanden, aber ſie wußte es dennoch, er liebte ſie, ihre Seelen hatten ſich gefunden, 124 ihre Herzen hatten den Schwur der Liebe ausgetauſcht, wenn auch nicht mit Worten, ſo doch nur mit Blicken, mit der Sprache der Augen, die Niemand verſteht außer dem, welcher liebt. Eines Tages indeſſen trat Franz Räköczy, den die Prinzeſſin heute zu einem Morgenſpazierritt erwartet hatte, nicht im Reitkoſtüme, ſondern in der glänzen⸗ den, prachtvoll geſtickten Tracht der ungariſchen Ma⸗ gnaten zu ihr ein. Sie hatte ihn niemals ſo geſehen, und er war ihr niemals ſchöner, ſtolzer und helden⸗ mäßiger erſchienen, als in dieſem Koſtüme. Mit einem freundlichen Lächeln reichte ſie ihm ihre Hand dar, aber das Lächeln erſtarb auf ihrer Lippe, als ſie in ſein Antlitz ſchaute, das heute ernſt und bleich war, als ſie dem traurigen ſchmerzlichen Aus⸗ druck ſeiner Augen begegnete. „Warum kommen Sie heute in ſo ſchönem, fremd⸗ artigem Gewande?“ fragte ſie haſtig. „Prinzeſſin,“ ſagte er ernſt und feierlich,„es ge⸗ ſchieht, weil ich heute als Ungar zu Ihnen komme. Bis jetzt haben Eure Durchlaucht mich immer nur ge⸗ ſehen als den deutſchen Kavalier, den gehorſamen, ergebenen und treuen Unterthan des Kaiſers Leopold, als den demüthigen Vaſallen, der die Geiſel küßt, die ihn gezüchtigt hat, der ſeine Ehre und ſeine Familien⸗ 125 Traditionen vergißt und verleugnet, um aus dem Schiffbruch ſeines Hauſes ſich wenigſtens einigen ma⸗ teriellen Vortheil zu erretten. Heute aber, Prinzeſſin, heute habe ich die deutſche Tracht abgelegt, heute, da ich im Begriff bin abzureiſen, Ihnen auf ewig Lebe⸗ wohl zu ſagen.“ „Abzureiſen?“ fragte Charlotte Amalie erbleichend. „Mein Gott, Sie wollen abreiſen, Sie wollen mir auf ewig Lebewohl ſagen?“ „Ja, auf ewig,“ ſagte er leiſe und innig.„Auf ewig, Prinzeſſin, ich darf Sie niemals wiederſehen, denn— in dieſer Stunde des Abſchiedes darf ich es Ihnen ſagen— denn ich liebe Sie, liebe Sie grenzen⸗ los, und darum, Prinzeſſin, weil ich Sie ſo liebe, darum gehe ich!“ Ihre Augen ſtrahlten ihn an mit frendigem Stau⸗ nen, ein himmliſches Lächeln umſpielte ihre Lippen, ſie trat dicht zu ihm heran und legte ihre kleine weiße S auf ſeine Schulter und ſchaute ihm tief in die glühenden dunkeln Augen. „Sie werden bleiben,“ ſagte ſie leiſe.„Sie wollen gehen, weil Sie mich lieben. Nun wohl, Sie werden bleiben, denn auch ich liebe Sie!“ Er neigte ſich nieder auf ihre Hand und küßte ſie. „Gott ſegne Sie für dieſes Wort, Prinzeſſin,“ ſagte 126 er traurig,„es wird durch mein ganzes düſteres, ein⸗ ſames Leben wie eine Sonne des Glückes mir leuch⸗ ten, aber ich werde niemals ein ſolcher Frevler ſein, die Sonne zu mir herabziehen zu wollen, um mich mit ihr zu ſchmücken.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte ſie lebhaft. „Ich will damit ſagen, Prinzeſſin, daß ich Sie nicht unglücklich machen darf, daß ich jetzt, da ich das Geheimniß meines Herzens kenne, Sie fliehen muß, eben weil ich Sie ſo zärtlich liebe, und weil Ihr Glück mir höher ſteht, als das meine.“ „Mein Gott!“ rief ſie verzweiflungsvoll,„hören Sie denn nicht, daß ich Sie liebe?“ „Ich will, ich darf es nicht hören,“ ſagte er traurig. „Aber Sie, Prinzeſſin, hören Sie mich an. Was ich keinem Menſchen noch vertraut, das Geheimniß, welches bisher nur Gott gekannt hat, das will ich Ihnen ſagen in dieſer Stunde des Scheidens. Prinzeſſin, ich heiße Räkoezy, und ich bin ein Ungar. Sie meinen, Sie haben das gewußt und dies ſei ein Geheimniß, welches alle Welt mit Ihnen theile? Ich aber ſage Ihnen, daß dem nicht ſo iſt, daß Niemand mich kennt, Niemand den Vorhang zurückgezogen hat, der mein Herz ver⸗ hüllt. Soll ich Ihnen erzählen von dem Schickſal mei⸗ nes Hauſes, meiner Familie? Prinzeſſin, mein Groß⸗ ⁴4 vater Zrinyi, mein Oheim Frangipany ſtarben auf dem Blutgerüſt, meine Mutter hat ſich nach langjähri⸗ ger Kloſterhaft glücklich ſchätzen müſſen, nach der Tür⸗ kei in's Exil gehen zu dürfen, mein Vater, dem man die Hände gebunden mit kaiſerlicher Gnade, mein Vater ſtarb am gebrochenen Herzen. Noch heute ſchmachtet der Bruder meiner Mutter im Gefängniß, und auf meinen Burgen und Feſtungen hauſen deutſche Trup⸗ pen mit trotziger Willkür des Siegers. Und dennoch trage ich deutſche Kleider, ſpreche die deutſche Sprache, liebe den deutſchen Kaiſer, der als König von Ungarn meine Familie mit Blut und Thränen überflutet hat, dennoch bin ich der loyale Unterthan Oeſterreichs und habe keine Sympathien für das Wehegeſchrei und die Jammerklage meines verfolgten, blutenden Vaterlan⸗ des. Und Sie wiſſen das, Prinzeſſin, Sie ſehen mich heiter, lachend, ſorgloſem Müßiggang fröhnend, wäh⸗ rend mein Vaterland blutet und ſtirbt, und Sie ſagen dennoch, daß Sie mich lieben? Nein, Prinzeſſin, Sie werden jetzt aufhören mich zu lieben, und damit Sie das thun, darum komme ich heute zu Ihnen nicht als Deutſcher, ſondern als Ungar. Damit Sie aufhören mich zu lieben, darum ſage ich Ihnen mein großes, mein heiliges Geheimniß: Prinzeſſin Charlotte, fliehen Sie vor mir, vergeſſen Sie mich, denn ich ſage es 128 Ihnen, ich bin ein Ungar, und der Kaiſer Lebpold, der mich jetzt liebt und mir vertraut, der wird mich einſt einen Verräther und Treuloſen nennen, und wenn er es vermag, ſo wird er es mit mir machen, wie er es mit meinem Großvater gethan, er wird mich das Schaffott beſteigen laſſen. Da haben Sie das Geheim⸗ niß meiner Zukunft, Prinzeſſin. Laſſen Sie ſich davor gewarnt ſein und fliehen Sie mich! Laſſen Sie mich gehen, damit ich nicht das Verderben und Unheil, das vielleicht meiner wartet, auch über Sie heraufbeſchwöre! Jetzt, Prinzeſſin, kennen Sie mein Geheimniß, und jetzt leben Sie wohl!“ Er wandte ſich der Thür zu, ſie aber eilte ihm nach und legte ihre Hand auf ſeinen Arm.„Jetzt hö⸗ ren Sie auch mich,“ ſagte ſie leiſe und haſtig.„Den deutſchen Fürſten Räköczy habe ich geliebt, und den⸗ noch habe ich in der Stille meines Herzens um ihn getrauert, denn ich ſah einen Flecken auf ſeiner Stirn. Jetzt iſt dieſer Flecken verſchwunden, denn ich ſehe den ungariſchen Fürſten, den treuen Sohn ſeiner Familie und ſeines Vaterlandes. Es muß ein Jeder auf Erden dem innern Geſetz der Ehre, der Treue und Fflicht gehorchen, und dieſes Geſetz zwingt ſie zum Aufruhr und zur Empörung. Man kann es beklagen, aber man muß es anerkennen, wie ein Verhängniß, dem ſich B 129 Jeder fügen muß. Und dieſes Geſetz der Ehre und Treue, es ruft auch mich. Ich habe Sie geliebt, da Sie noch der deutſche Räkéczy waren, ich liebe Sie dop⸗ pelt innig, da Sie der ungariſche Fürſt ſind. Die Ge⸗ fahren, denen Sie entgegengehen, ſchrecken mich nicht, ich werde ſie freudig mit Ihnen theilen, ich werde ſie vielleicht von Ihnen abwenden können, das wird für das Haupt der unzufriedenen Ungarn immerhin ein Vortheil ſein, wenn ein regierender deutſcher Fürſt ſein Schwiegervater iſt.“ „Aber das Schaffott,“ ſagte Franz, ſie mit ſtrah⸗ lenden Augen anſehend,„Sie vergeſſen das Schaffott, das vielleicht meiner wartet! Nein, nein, ich darf Sie ſolcher Schmach nicht ausſetzen! Sie das Weib eines Mannes, den vielleicht einſt die Hand des Henkers berühren wird, der wie ein Miſſethäter auf dem Blut⸗ gerüſt enden mag!“ Die Prinzeſſin ſchaute ihn an mit großen ernſten Augen.„Auch der Heiland ward von der Hand des Henkers berührt,“ ſagte ſie feierlich,„auch er ſtarb den ſchmachvollen Tod der Miſſethäter; aber Maria betrachtete es als ihr letztes Glück und ihre letzte Ehre, daß ſie ihn begleiten durfte zur Hinrichtung, und ſie brach nicht zuſammen vor Schmerz und Gram, ſon⸗ dern ſie ertrug das Leben, weil ſie die heilige Pflicht, 1861. XII. Franz Räkéczy 1. 130 den theuren Leib zu begraben, niemand Anderm über⸗ laſſen wollte. Dieſes erhabene Beiſpiel der großen Schmerzensmutter würde, ſollte das Schlimmſte ein⸗ treten, auch mich begeiſtern ihr nachzuſtreben, und wenn Franz Räköczy ſterben ſollte als der Märtyrer einer großen und heiligen Sache, ſo würde ſein Weib es als ihr letztes Glück und ihre letzte Ehre betrachten, neben ihm zu ſein in der Stunde des Todes. Und nun, Fürſt, da ich Ihnen dies geſagt, wollen Sie nun den⸗ noch mich verlaſſen, mir ein ewiges Lebewohl ſagen?“ „Nein, ich bleibe! rief er, vor ihr auf die Kniee niederſinkend,„nein, ich ſage dir ein ewiges Will⸗ kommen, du holder Engel meines Lebens und mei⸗ ner Zukunft, und täglich wird es dir mein Herz wie⸗ derholen: Willkommen, meine Geliebte, mein Glück und mein Troſt! Willkouumen, meine erſte, meine ein⸗ zige Liebe! Ich nehme dein himmliſches Opfer an, und auf meinen Knieen bitte ich dich jetzt um deine Liebe und um deine Hand!“ „Meine Liebe haſt du,“ fagte ſie lächelnd,„meine Hand kann nur mein Vater dir bewilligen Komm', laß uns zu ihm gehen und ihn darum bitten Aber nichts ſage ihm von Dem, was du mir geſagt, es bleibe unſer Geheimniß, bis die Stunde der That und des Vollbringens gekommen iſt. Ein Vaterherz licbt an⸗ 4 131 ders, als ein Mädchenherz, und was mir Glück erſcheint, könnte ihm leicht Unglück dünken! Alſo laß uns unſer Geheimniß bewahren, und nur der deutſche Fürſt Rä⸗ köczy darf beim Landgrafen von Heſſen um die Hand ſeiner Tochter werben!“ Und dieſem deutſchen Fürſten Räköczy gewährte der Landgraf Karl von Heſſen, treu dem Verſprechen, das er ſeiner Tochter geleiſtet, die Hand ſeiner Amalie, er nahm bereitwillig den ſchönen jungen Magnaten zu ſeinem Schwiegerſohn an, aber er behielt es ſich vor, daß er auch die Bedingung erfüllen könne, die er ſeinem Verſprechen hinzugefügt. Der Schwiegerſohn, den ſeine Tochter ihm zugeführt, ſollte jedenfalls ein Fürſt ſein! Und da das ungariſche Fürſtenthum Rä⸗ köczy's dem Landgrafen etwas problematiſch und auf thönernen Füßen ſtehend erſchien, ſo erachtete er es für wünſchenswerth, ihm eine dauerndere und ſolidere Grundlage zu geben, und den ungariſchen Fürſten lieber in einen deutſche Reichsfürſten zu verwandeln. Am vierundzwanzigſten September 1698 fand in Köln die Vermählung des jungen, liebenden Paares ſtatt, und gleich nach derſelben reiſte Franz mit ſeiner Gemahlin nach Wien ab, um ſie dort dem Kaiſerhofe vorzuſtellen. 9* VIII. Der Berräther. Indeſſen in Wien war man wenig zufrieden mit dieſer Verbindung, welche der Fürſt Franz Ra⸗ köczy zu ſchließen gewagt, ohne dazu die Einwilligung des Kaiſers einzufordern, und die er ihm jetzt nur als ein fait accompli anzeigte. Franz Räköczy hatte ſich ſelber im ſtolzen Mannesgefühl als einen freien, unabhängigen Mann betrachtet, der Niemand um Er⸗ laubniß zu fragen habe bei den Angelegenheiten ſeines S und dem es wohl anſtände, ſich nach eigener ahl und eigenem Ermeſſen eine Gemahlin zu wählen. In Wien aber wollte man ihm ein Verbrechen daraus machen, ging man ſo weit, dieſe Ehe anzwei⸗ feln zu wollen, weil ſie geſchloſſen ohne Einwilligung des Kaiſers, dem doch als dem Vormund des Fürſten bei allen wichtigen Angelegenheiten eine entſcheidende Stimme zuſtände. Vergebens berief ſich Franz Räköczy auf jenes Dekret des Kaiſers, das ihn ſchon vor achtzehn Mö⸗ naten für großjährig erklärt und ihm ſeine volle Un⸗ abhängigkeit wiedergegeben hatte; man blieb dabei, dieſe Vermählung Räköczy's als eine Art Majeſtäts⸗ 4 133 beleidigung betrachten zu wollen, welche der ſtrengſten Ahndung bedürfe. Indeß diesmal mal, die feindlichen Gewalten zu Sturm zu ſänftigen, der ſich ſchon m gelang es noch ein⸗ bezwingen und den it dumpfem Grollen über dem Haupt des Fürſten zuſammenzuziehen drohte. Der Landgraf Karl von Heſſen eilte, von ſeiner Tochter benachrichtigt, nach Wien, um perſönlich bei dem Kaiſer für ſeinen Schwiegerſohn ſich zu verwen⸗ den, und General Aſpermont wirkte für ſeinen Schwa⸗ ger beim Miniſter Strattmann. Dieſen vereinten Be⸗ mühungen gelang es, die Gefahr abzuwehren, die Vermählung des Fürſten ward an erkannt, der Fürſt auf's Neue in ſeiner Volljährigkeit und Unabhängig⸗ keit beſtätigt, und man gab ſogar den dringenden Wünſchen und Bitten des Landgrafen nach,— der Kaiſer erhob den ungariſchen Fürſten Franz Räköezy in den deutſchen Reichsfürſtenſtand. Aber trotz dieſer neuen Beweiſe der kaiſerlichen Gnade war man dennoch jetzt miß trauiſch geworden, glaubte man nicht mehr ſo unbedingt an die Trene und Loyalität Räkbezy's, trotz dem er immer noch fortfuhr, ſich ſelber als einen eifrigen Anhänger des Kaiſers zu bekennen, und ſeine Abneigung gegen die ungariſchen Unzufriedenen laut und öffentlich zur Schau zu tragen Räköczy ward von Spähern und Spionen 134 umgeben, die jedes ſeiner Worte belauerten, und ent⸗ ſtellt und vergrößert es weiter meldeten. Man warnte den Kaiſer vor dem undankbaren Magyaren, der bald vielleicht als Feind und Empörer ſich ihm gegenüber⸗ ſtellen werde, und der Kaiſer, mißtrauiſch und gereizt, kränkelnd und dem Tode nahe, gab Räköczy oft genug deutliche Zeichen ſeiner Ungnade und ſeines Miß⸗ trauens. Franz wollte dasſelbe noch einmal beſchwichtigen, er wollte dem Kaiſer beweiſen, wie ernſt es ihm ſei, ſich fern zu halten von allem Aufruhr, wie wenig ge⸗ neigt er ſei, Theil zu nehmen an dieſen revolutionären Umtrieben, die jetzt wieder Ungarn durchzuckten, und die gerade auf ſeinen Gütern ihren Ausgangspunkt genommen. Er hielt die Zeit der That noch nicht ge⸗ kommen, und nimmermehr war es ſeinem ſtolzen, ari⸗ ſtokratiſchen Sinne gemäß ſich mit den aufſtändiſchen Bauern zu vereinigen. Ein Bauer, Franz Tokay, ſtand an ihrer Spitze, und mit ihm wollte der Fürſt keine Gemeinſchaft haben. Um dies unzweifelhaft dem Kaiſer zu beweiſen, machte er freiwillig den Antrag, er wolle dem Kaiſer ſeine ſämmtlichen ungariſchen Güter überlaſſen, und dieſer ſolle ihn dafür entſchädigen, indem er ihm in ⁴ —,—— —,—— 135 Deutſchland eine andere fürſtliche Herrſchaft dafür eintauſche. Der Kaiſer lehnte es ab und ermächtigte Räköczy, unbehindert auf ſeine Güter nach Ungarn zurückzu⸗ gehen. Er that es, aber indem er jetzt mit ſeiner Gemahlin Wien verließ, war er es ſich bewußt, daß er nimmer wieder als Freund und Unterthan dahin zurückkehren werde. „Der Kaiſer gibt mir meine Güter zurück,“ ſagte er zu Amalie,„er ermächtigt mich, in Ungarn zu wohnen, weil er mir keine Entſchädigung geben möchte, weil er hofft, bald auch ohne Entſchädigung meine Güter einziehen zu können. Sie laſſen mich deshalb nach Ungarn gehen, weil ſie hoffen, daß ich dort bald ihnen Gelegenheit geben werde, mich als einen Auf⸗ rührer und Verräther anzuklagen und zu verhaften. Nun, wir werden ſehen, was die Zukunft bringt. Ich glaube, die Zeit iſt gekommen und die Frucht iſt reif.“ „Iſt die Frucht reif, ſo möge ſie abfallen!“ rief die Fürſtin mit leuchtenden Augen.„Das Klagelied Ungarns ſchreit zum Himmel empor. Möge es ſich bald in ein Triumphlied umwandeln!“ Sie gingen nach Ungarn— nicht aber nach Mun⸗ 136 kacs, das von deutſchen kaiſerlichen Truppen beſetzt war, ſondern nach Räköczy's Burg Säros Patak. Dort hielt das junge, ſchöne, liebenswürdige Für⸗ ſtenpaar nun ſeinen Hof und es war ſehr natürlich, daß die früheren Freunde der Räköczy'ſchen Familie ſich beeilten, den jungen Fürſten zu begrüßen, natür⸗ lich, daß alle die vornehmen ungariſchen Familien ſich wieder ſchaarten um das junge Fürſtenpaar, das ſie, den Traditionen ihrer Geſchichte nach, im Geheimen als die Hoffnung Ungarns begrüßten. Da kamen die Freunde und Nachbarn, die Grafen Okoliczänyi, La⸗ dislaw und Michael Vay, und vor allen Andern der Graf Niklas Bereſenyi. Er war der Freund und Ge⸗ ſpiele des Knaben geweſen, und er ward jetzt der Freund und Genoſſe des zum Mann erſtarkten Für⸗ ſten Räköczy. Dort ſchien man nun zu heitern Feſten, zu Freude und Luſt ſich zuſammen zu finden auf Säros Patak. Man tanzte und ſang, man machte Jagdpartien und Waſſerfahrten. Die Anmuth und Liebenswürdigkeit, die hohen Geiſtesgaben, und die reichen geſellſchaft⸗ lichen Talente der Fürſtin Amalie entzückten Jeder⸗ mann, machten ſie zum Mittelpunkt aller dieſer Feſte, und um ſie reihte ſich ein köſtlicher blühender Kranz von ſchönen Frauen und Töchtern all dieſer Magnaten ——.——— ——— 8 ————,————— ———— 137 und Ariſtokraten, die ſtets auf Säros willkommene Gäſte waren. Unter Scherzen und Lachen, unter Geſang und Tanz verbarg ſich der tiefe Ernſt dieſer Zuſammen⸗ künfte der Magnaten, und während Franz Räköczy mit ſeinen Freunden Bereſényi, Vay und Szirmay im verſchwiegenen Gemach ſich beſprach über die mit jedem Tag höher anſchwellende Noth, den ſtets ſich ſteigernden Jammer ſeines Vaterlandes, hallten die Säle wider von luſtiger Tanzmuſik und frohem Lachen. Aber in der That, die Noth und der Jammer Un⸗ garns ſteigerte ſich mit jedem Tage, durch ihn die Er⸗ bitterung des Volkes, das in grollendem, wuthent⸗ branntem Herzen ſich ſehnte, die Ketten zu zerbrechen, die es darnieder hielten. Zunächſt war es der Zelo⸗ tismus des Kardinals Kolonics, der durch ſeine Strenge und Grauſamkeit, durch ſeinen unpolitiſchen Religionseifer die Erbitterung bis zur höchſten Wuth entflammte. Er, ohne Wiſſen des klugen und gemäßig⸗ ten Kaiſers, erklärte allen proteſtantiſchen Ungarn den Krieg, und ließ ſogar hinter dem Rücken des Kai⸗ ſers in gauz Ungarn bekannt machen, daß die evange⸗ liſche Kirchenfreiheit aufgehoben ſei. Er forderte alle katholiſchen Magnaten auf, ſich um ihn zu ſchaaren, und verlangte, daß ſie entſchloſſenen Muthes laut mit ihm rufen ſollten: Faciam Hungariam captivam, postea mendicam, de inde catholicam.*)(Ich möchte Ungarn zuerſt zu einer Gefangenen machen, 8 dann zu einer Bettlerin, und dann zu einer Katholikin.) In ſeinem Hirtenbrief, berichtet der Geſchicht⸗ ſchreiber Feßler weiter, forderte der Kardinal Kolo⸗ nics Ungarns geſammte Kleriſei und auch Magnaten und Herren aus dem Laienſtande auf, Mittel zu er⸗ ſinnen und anzuwenden, wodurch man trotz allen Ver⸗ 4 trägen und Reichsgeſetzen die Ketzereien auf das Be⸗ quemſte und Geſchwindeſte unterdrücken und ausrot⸗ ten könne; weil Ungarn ſeine Freiheit und Ruhe nicht erlangen könne, ſo lange die Ketzer nicht vertilgt wären. Vielen der Edlen und Herren des zweiten und dritten Standes war in den Jeſuitenſchulen und im Beichtſtuhl tödtlicher Haß gegen ihre evangeliſchen Standesgenoſſen eingeflößt worden, ſie waren daher 5 auf ihren Herrſchaften und Gütern zum Ausrotten 1 und Vertilgen ſogleich bereit. Paul Eſterhazy, vieler ausgebreiteter Herrſchaften Beſitzer, zwang alle ſeine Unterthanen zur katholiſchen Kirche überzugehen, warf ganze Dorfgemeinden, die ſich hartnäckig bezeigten, *) Feßler: Geſchichte der Ungarn. IX. 483. ⁴ aus ihren Wohnungen, und ließ ſie aus dem Lande jagen. Er war Palatin, wer konnte gegen ſeine Ge⸗ walt Gerechtigkeit erlangen? Um auf päpſtliche Dis⸗ penſation mit ſeines Bruders Tochter ſich vermählen zu dürfen, hatte er feierlich geloben müſſen, in ſeinem Gebiete keinen Ketzer dulden zu wollen. Ueberall wur⸗ den die evangeliſchen Rathsglieder entſetzt, vermög⸗ liche Bürger ausgeraubt und verjagt, evangeliſche Lehrer aus Kirchen und Schulen vertrieben, evange liſche Gymnaſien in katholiſche Leſe⸗ und Schreibſchu— len verwandelt, Bürger, welche Beſchwerden oder Vertheidigungsſchriften bei Hofe einreichten, als Em⸗ pörer oder Hochverräther beſtraft. So wurden die Städte Treneſin, Neuſohl, Schemnitz, Bries, Kar⸗ pfen, Bartfeld, Eperies, Güns, Oedenburg und an⸗ dere durch die herumziehenden Verordneten Erdödy, Frank, Borſitzky und Kalmanczay bedrängt, ohne daß ihre jämmerlichen Bitten vor dem Thron, ja ſelbſt anderer Fürſten Europas Verwendung für ſie mehr vermochten, als daß der gute König alles gewaltſame Verfahren unterſagte; der Kardinal Kolonics und der Palatin aber fuhren fort, im Einverſtändniß zu thun, was ſie wollten.“*) *) Feßler: Geſchichte der Ungarn. IX. 485. „Die Zeit iſt gekommen, die Frucht iſt reif,“ hatte Franz Räköczy zu ſeiner Gemahlin geſagt, und den⸗ noch zögerte er, dennoch bebte er immer noch zurück vor dem entſcheidenden Schritte, und bedachtſamer, wie ſeine Freunde, wie namentlich der heißblütige Graf Berecſényi, wollte er dem großen patriotiſchen Kampf, von dem er überzeugt war, daß er ein entſcheidender werden würde, Bundesgenoſſen und Unterſtützung ſichern, wollte es vermeiden, daß man auswärts dieſen Kampf Ungarns als eine reine Privatſache des Königs mit ſeinen aufrühreriſchen Unterthanen betrachte, ſon⸗ dern er wollte darnach ſtreben, die ungariſche Sache zu einer europäiſchen Angelegenheit zu machen. Dazu bot ſich gerade jetzt, wie es ſchien, die beſte Gelegenheit dar. Schon früher, während ſeiner An⸗ weſenheit in Wien, hatte der dortige franzöſiſche Ge⸗ ſandte, Marquis de Villars, ſich dem Fürſten Räköezy genähert, und nicht undeutlich hatte er ihm zu verſte⸗ hen gegeben, daß Räköczy auf König Ludwig des Vier⸗ zehnten kräftige Unterſtützung zuverſichtlich rechnen dürfe, wenn er etwa, durch den leeren Titel eines Reichsfürſten nicht befriedigt, daran dächte, ſich ſeine fürſtlichen Erbgüter in Siebenbürgen nicht allein, ſon⸗ dern auch den Fürſtenſtuhl ſelber wieder zu erwerben. Daran gedachte jetzt Franz Räköczy, und es kam 141 ihm darauf an, zu erforſchen, ob der König von Frank⸗ reich auch jetzt noch geneigt ſein möchte, die Erhebung der Ungarn zu unterſtützen. Und gerade jetzt ſchien zu ſolcher Erforſchung ſich die günſtigſte Gelegenheit dar⸗ zubieten. Einer ſeiner Freunde, einer von den Ver⸗ trauten ſeiner Pläne, war ein Herr von Longueval, ein geborner Lütticher, Hauptmann in öſterreichiſchen Dienſten. Er lag mit ſeinem Regiment in Eperies in Garniſon, und nachdem er dort die Bekanntſchaft des Fürſten Raköczy und ſeiner Gemahlin gemacht, war er wegen ſeines liebenswürdigen Weſens, ſeiner feinen Weltformen, ſeiner großen Unterhaltungsgaben und ſein er vielen geſellſchaftlichen Talente bald ein ſtets gern geſehener Gaſt, dann einer der vertrauteſten Haus⸗ freunde des Fürſten und der Fürſtin geworden. Longueval war es, der dem Fürſten zuerſt den Ge⸗ danken eingab, ſich an Ludwig den Vierzehnten zu wen⸗ den, und zu erforſchen, ob Ungarn, im Fall einer Er⸗ hebung, auf die Unterſtützung Frankreichs rechnen könne, der dem Fürſten vorſchlug, an. König Ludwig zu ſchreiben, und geradezu dieſe Unterſtützung zu be⸗ anſpruchen. Er ſelbſt, Longueval, erbot ſich, den Brief nach Frankreich zu bringen, und die Antwort des Kö⸗ nigs zurückzutragen. Er erbat ſich von ſeinen Vorge⸗ ſetzten zu dieſem Behuf, angeblich um wichtige Fami⸗ 142 lienverhältniſſe zu ordnen, einen längern Urlaub in ſeine Heimat, die Niederlande, und als ihm dieſer bereitwillig war gewährt worden, ſchien das letzte Hin⸗ derniß hinweggeräumt, welches den unmittelbaren Verkehr des Fürſten mit dem König von Frankreich hemmen konnte. Franz gab dem Drängen ſeiner Freunde nach und ſchrieb an Ludwig den Vierzehnten. Er ſchilderte ihm in ergreifender Weiſe die traurigen Zuſtände Ungarns, er erinnerte an die Verbindungen ſeiner Vorfahren mit den franzöſiſchen Königen, und ließ leiſe den Wunſch durchblicken, daß dieſe Verbindung ſich jetzt erneuern möge.— Dieſes Schreiben übergab er ſei⸗ nem Freunde Longueval, aber indem er es that, for⸗ derte er, von ſeltſamen Ahnungen beklemmt, daß Lon— gueval ihm ſchwören ſolle, im Fall, daß er entdeckt und ergriffen würde, ſofort ſämmtliche Papiere und Briefe zu vernichten. Longueval gelobte es mit einem heiligen Eide und reiſte ab— aber nicht nach Paris, wie Räkéczy glaubte, ſondern nach Wien! Arm, lebensluſtig, von Gläubigern gedrängt, ſchien es Longueval ein bequemes Mittel, zu Geld und Reichthümern zu gelangen, wenn er den Freund ver⸗ rieth, und ihn ſeiner Habſucht opferte. 4 143 Mit den Briefen Franz Räköéczy's begab ſich Lon⸗ gueval demgemäß nach Wien zu dem Reichsrathsprä⸗ ſidenten Grafen Oettingen, ihm eröffnete er die Pläne Räköczy's und ſeiner Freunde, und mit der Miene eines loyalen und getreuen Unterthans ſeines Kaiſers und Herrn begehrte er weitere Verhaltungsbefehle. Graf Oettingen erbrach die ihm übergebenen Briefe Räköczy's, und nachdem er von denſelben Abſchrift genommen, wurden ſie wieder verſiegelt. Longueval er⸗ hielt den Auftrag, ſofort mit ihnen nach Paris abzu⸗ reiſen, dort die Antwort in Empfang zu nehmen, und mit derſelben ſich wieder in Wien einzuſtellen. Man verſprach dem Verräther reichen Lohn, nebſt Ehren⸗ ſtellen und Titeln, wenn er in dieſer Sache treu und verſchwiegen ſich erweiſe, und behülflich ſei, eine ſo große Schuld Räköezy's zu beweiſen, daß man ſich ſeiner be⸗ mächtigen, und ihn als Hochverräther ſtrafen könne. Longueval, des Sündenlohnes gewiß, ſchwur freu⸗ dig Treue und Hingebung, eilte mit ſeinen Depeſchen nach Paris, und brachte bald wieder nach Wien die Antwort des franzöſiſchen Kabinets. Dieſe Antwort, welche der Miniſter Barbeſier im Namen Ludwigs an den Fürſten Raköezy gerichtet, zeigte ſich den Plänen desſelben außerordentlich günſtig, und verſicherte Rä⸗ 144 koczy, daß der König von Frankreich gerne bereit ſei, ihn in jeder Weiſe zu unterſtützen. Nachdem Graf Oettingen dieſes Antwortſchreiben geleſen, und ſorgſam wieder verſchloſſen, eilte Lon⸗ gueval mit demſelben weiter nach Ungarn, nach Säros Patak, zu ſeinem fürſtlichen Freunde. Mit lautem Ju⸗ bel und herzlichem Willkomm dort empfangen, über⸗ gab er Franz Räkéczy das franzöſiſche Antwortſchrei⸗ ben, und arglos, voll dankbarer Geſinnung, nahm die⸗ ſer es entgegen. Da dieſe erſte Antwort des franzöſiſchen Kabinets ſo freundlich und zuvorkommend ausgefallen, entſchloß ſich Rakoczy, nach vielfältiger Berathung mit ſeinen Freunden, einen Schritt weiter zu gehen und aber⸗ mals an den König von Frankreich zu ſchreiben. Dies⸗ mal trat er in ſeinem Briefe ſchon offener und rück⸗ haltloſer hervor, und bat den König förmlich um Un⸗ terſtützung an Mannſchaft und Geld, wenn, wie es möglich ſei, die Ungarn ſich bald zu einer Erhebung gezwungen ſehen ſollten. Longueval übernahm es abermals, dieſes zweite Schreiben zu befördern, und abermals verfügte er ſich mit demſelben nach Wien zum Grafen Oettingen. Und jetzt ſagte auch das kaiſerliche Kabinet, wie der Fürſt Räkoczy:„Die Zeit iſt gekom men; die Frucht iſt reif!“ 145⁵ Mit dieſer zweiten Depeſche in den Händen konnte man Räkéczy der gefährlichen Umtriebe des Hochver⸗ rathes anklagen, konnte ihn beſchuldigen, einen Auf⸗ ſtand in Ungarn haben veranlaſſen zu wollen. Mit dieſer Depeſche konnte man auf immer den gefähr⸗ lichen Mann beſeitigen, deſſen Name für Ungarn ſchon wie ein Schlachtenruf tönte, der alle Unzufriedenen zuſammenſchaarte. Longueval erhielt Auftrag, ſich mit ſeinem Schrei⸗ ben wieder auf den Weg nach Paris zu begeben. Aber in Linz ward er, wie aus Verſehen, verhaftet, unter⸗ ſucht, und da man jene verdächtigenden Papiere bei ihm fand, wieder nach Wien geführt, zur weitern Aus⸗ ſage und Unterſuchung. Franz Räköczy ahnte natürlich von all dieſer Ver⸗ rätherei nichts. Seine ganze Sorge war in dieſer Zeit ſeiner Gemahlin zugewandt, die leidend und kränklich war und ihrer nahe bevorſtehenden zweiten Nieder⸗ kunft entgegenſah, als eines Tages ein Courier, ſchweißtriefend, auf ſchaumbedecktem Pferde in Säros anlangte, der ihm einen Brief von ſeiner Schweſter Juliana brachte. Dieſer Brief meldete ihm die Verhaftung Longue⸗ val's, und in demſelben beſchwor Juliana den gelieb⸗ ten Bruder, zu entfliehen, ſich zu retten, denn ſchon 861. XM. Franz Räksczy xI. 10 ſei an den General Solari der Befehl abgegangen, den Fürſten zu verhaften, ihn ſowohl als ſeine Freunde. Franz Räkéczy ſaß eben vor dem Lager ſeiner Ge⸗ mahlin, als man ihm dieſen Brief überbrachte. Er las ihn ruhig und reichte ihn dann ſeiner Gemah⸗ lin dar. „Du wirſt fliehen, mein Freund!“ rief dieſe, nach⸗ dem ſie geleſen.„Oh, ich bitte dich, du wirſt fliehen!“ „Nein,“ ſagte er ruhig,„ich werde bleiben. Lon⸗ gueval iſt ein treuer Freund, der nichts verrathen wird, und überdies hat er mir geſchworen, wenn man ihn wirklich verhaften ſollte, ſofort alle Papiere zu ver⸗ nichten. Er wird ohne Zweifel ſeinen Schwur erfüllen, und ſelbſt, wenn man bei ihm meine Briefe fände, wäre man nicht im Stande, aus denſelben mich irgend einer Schuld zu überführen, während, wenn ich jetzt fliehen, mich verbergen wollte, ich mich dadurch ſelber als einen Schuldigen anklagen würde.“ Seine hochher zige Gemahlin, im Innerſten mit ihm übereinſtimmend, wagte es nicht mehr weiter in ihn zu dringen, und Franz blieb. Nicht eine Stunde wich er von ihrer Seite, immer war er für ſie der hei⸗ tere Geſellſchafter, der zärtliche Gemahl, der theilneh⸗ mende Freund, und mit forgloſeſter Unbefangenheit, als leuchte ihm der Himmel und die Zukunft in hei⸗ ¹ 147 terſtem Sonnenglanz, entwarf er mit ihr Pläne zu Reiſen, welche ſie nach der Fürſtin Gen ſung mit ein⸗ ander unternehmen wollten. Drei Tage waren ſo vergangen, die Fürſtin be⸗ gann aufzuathmen, die Warnung Julianens nur als ein Ergebniß ihrer zärtlichen, ſorglichen Schweſter⸗ liebe zu betrachten, und ſich zu überreden, daß wirklich gar keine Gefahr vorhanden, daß Longueval, wie er verſprochen, die Briefe und Depeſchen, welche er bei ſich getragen, ſofort bei ſeiner Verhaftung vernichtet habe, und daß man daher keine Veranlaſſung zu irgend einer Anklage des Fürſten habe finden können. Aber bald ſollte ſie auf das Schmerzlichſte ent⸗ täuſcht werden, und die Zukunft, welche ihr Gemahl ihr ſo ſonnenhell gezeigt, ſie ſollte ſich ihr bald für immer mit drohenden Wolken verfinſtern. Am Abend des dritten Tages, als das fürſtliche Paar ſich ſchon in das gemeinſchaftliche Schlafgemach zurückgezogen, ward die Thür desſelben heftig auf⸗ geſtoßen und in derſelben erſchien ein öſterreichiſcher Offizier, in der erhobenen Rechten ein Piſtol, in der Linken das brennende Licht, das ihm geleuchtet, hal⸗ tend. Hinter ihm ſah man eine Menge öſterreichiſcher Soldaten mit erhobenem Gewehr. „Im Namen des Königs und Kaiſers Leopold ver⸗ 10* 148 hafte ich Sie, Fürſt Franz Räkoczy!“ ſchrie der Offizier, indem er mit ſeiner Piſtole dicht zu dem Fürſten her⸗ anſchritt.„Bei dem geringſten Widerſtand bin ich ge⸗ zwungen, Sie niederzuſchießen, denn ich habe Befehl, Sie lebend oder todt einzuliefern.“ „Ich habe aber gar nicht die Abſicht, Widerſtand zu leiſten,“ ſagte der Fürſt ruhig und würdevoll.„Die Achtung vor den Befehlen Sr. Majeſtät zwingt mich zur ruhigen Unterwerfung unter ſeine Befehle. Nur wünſchte ich zu wiſſen, was man mit mir beabſichtigt, und wohin man mich zu führen gedenkt!“ „Wir haben keine weitern Befehle, als Eure Durch⸗ laucht in das Hauptquartier nach Eperies zu bringen,“ erwiderte der Offizier höflich, entwaffnet von der edlen Ruhe des Fürſten. Franz neigte ſich über das Lager ſeiner Gemahlin, die bleich, mit gefalteten Händen da lag und mit thrä nenloſen Augen zu ihm aufſchaute. Er küßte zärtlich ihre Angen, ihre Hände und getröſtete ſie mit heiterer Ruhe eines baldigen Wiederſehens. Dann wandte er ſich raſch ab, winkte dem Offizier, ihm zu folgen, ging entſchloſſenen Schrittes durch das Gemach hin und trat in das nächſte, von Soldaten angefüllte Gemach ein. Eine Viertelſtunde ſpäter fuhr er, den Offizier an ſeiner Seite, in ſeiner eigenen, von Soldaten eskortir⸗ ⁴ 149 ten Equipage nach Eperies. In derſelben Zeit war auch ſein Freund und Nachbar Szirmah verhaftet worden, aber dieſer hatte noch Zeit gehabt, einen an⸗ dern Freund und Vertrauten, den Grafen Bereſenyi, zu warnen, und während die beiden Verhafteten daher nach Eperies transportirt wurden, eilte Graf Ber⸗ eſénhi auf einſamen Wegen in dunkler Nacht von dannen, um auf ſeinen oberungariſchen Beſitzungen ſich ein ſicheres Verſteck zu ſuchen. Am Tage, der die⸗ ſer entſetzensvollen Nacht folgte, ward die Fürſtin Räköczy von einem Knaben entbunden. M. Die Flucht. Zwei Monate waren ſeit der Verhaftung des Für⸗ ſten Räléczy, ſeit dem 29. Mai 1701, faſt vergan⸗ gen, und noch immer hatte man ihm nicht geſagt, weſſen man ihn anklage; noch immer hatte man nicht einmal ein Verhör mit ihm vorgenommen. Von Eperies hatte der General Solari ihn damals nach kurzem Aufenthalt nach Oeſterreich abgeführt und ihn nach Neuſtadt gebracht. 150 Dort hatte man ihn eingeſchloſſen in demſelben düſtern, traurigen Zimmer, in welchem vor vierund⸗ dreißig Jahren auch ſein Großvater Peter Zrinyi ge⸗ ſchmachtet hatte, bis man ihm die Kerkerthür öffnete und ihn auf das Schaffott führte. In dieſem ſelben düſtern, melancholiſchen Vor⸗ gemache des Todes ſaß jetzt Franz Räköczy ſeit bei⸗ nahe zwei Monaten, einſam und, wie es ſchien, von aller Welt vergeſſen und verlaſſen. Niemals drang eine Kunde aus der Außenwelt zu ihm hin, niemals kam ihm Nachricht von ſeiner Gemahlin, ſeiner Schwe⸗ ſter oder ſeinen Freunden, und wie ein offenes, von keinem Laut der Liebe oder der Theilnahme durchtöntes Grab umgab ihn ſeine erinnerungsreiche, finſtere Zelle. Endlich, nach zwei Monaten, nachdem er immerfort in Briefen und Bittſchriften an den Kaiſer mindeſtens um eine Anklage gebeten, endlich ward er einem Ver⸗ hör unterworfen. Aber es waren nur zwei Richter, die man ihm entgegenſtellte, nur der Hofkanzler Graf Buccolini und der Referent des Kriegsgerichts, Baron Euler. Fürſt Raköczy erklärte, daß er als deutſcher Reichsfürſt und ungariſcher Magnat nur von den deutſchen oder ungariſchen Ständen gerichtet werden könne; er wolle aus Achtung vor dem Kaiſer zwar die Fragen, die man an ihn richten wolle, beantwor⸗ 4 151 ten, aber als ſeine Richter könne er die beiden an⸗ weſenden Herren nicht anerkennen, und er werde und müſſe darauf beſtehen, ſeinem Stande und ſeinen Rechten gemäß ſeine Richter zu finden! Das Verhör begann, und jetzt erfuhr Räköczy zu ſeinem Schmerz, daß Longueval, der Freund, den er geliebt und dem er vertraut, an ihm zum Verräther geworden! Er allein war ſein Ankläger, er war es, der ihn beſchuldigte, das Haupt einer weitverzweigten, wohlorganifirten Verſchwörung zu ſein, der zu den bei ihm aufgefundenen, an den König von Frankreich gerichteten Papieren den erläuternden Kommentar ge⸗ geben, der die mündlichen Aufträge, welche ſeiner An⸗ gabe nach der Fürſt ihm gegeben, und die für denſel⸗ ben weit kompromittirender waren, als ſeine Briefe, dem Unterſuchungsrichter wiederholt hatte. Fürſt Räköczy erklärte, daß jedes Wort dieſer mündlichen Aufträge erlogen ſei, er bezeichnete es als eine Unwahrheit, daß Longueval dies ausgeſagt hätte, und verlangte, daß derſelbe ihm perſönlich gegenüber⸗ geſtellt werde. Dieſem Verlangen ward nach einigen Tagen ge⸗ nügt, und Longueral ward mit Räköczy konfrontirt. Mit frecher Stirn und heiterm Blick, unbeirrt von den großen Augen des Fürſten, die mit traurig⸗ſchmerz⸗ 152 lichem Ausdruck auf ihm ruhten, wiederholte Longueval ſeine Anklage, bezichtigte er den Fürſten, an der Spitze einer vollkommen organiſirten Empörung zu ſtehen, die jeden Tag zum Ausbruch bereit ſei, und nur noch warte auf die Unterſtützung an Geld und Soldaten, welche der König von Frankreich ihm zugeſagt, und die er(Longueval) perſönlich und mündlich beauftragt geweſen, in der dringendſten Weiſe von dem König zu erflehen. Longueval ſagte ferner aus, daß der Fürſt Räköczy das erſte Haupt der ganzen Verſchwörung geweſen, daß auf ſeiner Burg Säros regelmäßige Konferenzen der Verſchwornen ſtattgefunden, und er bezeichnete eine ganze Reihe angeſehener, der Regie⸗ rung ſchon lange verdächtiger Magnaten als Theil⸗ nehmer der Konferenzen. Der Fürſt erklärte alle dieſe letzteren Angaben für unwahr. Indem er ſein bleiches, ſchmerzzuckendes Antlitz dem verrätheriſchen Freunde zuwandte, ſagte er ihm mit ſanfter Stimme, daß er ihm ſeine Undank⸗ barkeit und ſeinen Verrath verzeihen wolle, daß er aber bei dem Heil ſeiner Seele ihn beſchwöre, ſeine Seele mit keinem Meineid zu belaſten, indem er Dinge beſchwören wollte, die von mehr denn hundert Edel⸗ leuten als falſch erwieſen werden könnten, da alle dieſe, die er als Theilnehmer der behaupteten Kon⸗ ⁴ —,—— 153 ferenzen angegeben, würden beweiſen können, daß ſie niemals in Säros geweſen, und dem Fürſten ganz fern ſtänden. Longueval blieb bei ſeiner Behauptung und An⸗ klage, und auf Grund dieſer allein ward der Fürſt in ſeinem trüben Gefängniß feſtgehalten, wurden ſeine Freunde, aber auch ihm ganz fremde Magyaren, die Longueval angegeben, verhaftet und als Hochverräther angeklagt. Es war ein beklagenswerthes, unglückſeliges Treib⸗ jagen auf edles Menſchenwild, und Longueval allein war der Jäger, der die Netze ausgeſtellt, in denen man es fing. Vergebens war es, daß die edelſten und dem Kö⸗ nig in erprobter Treue anhängenden Ungarn ſich für die Unſchuld der Angeklagten verbürgten, vergebens, daß ſämmtliche Angeklagte läugneten, einer ſchon orga⸗ nifirten Verſchwörung anzugehören, daß Viele von ihnen beweiſen konnten, gar nicht mit Räkéczy bekannt zu ſein— das öſterreichiſche Kabinet fuhr unbeirrt in ſeinen Anklagen und Verhören fort. Es wollte ein für allemal mit den revoltirenden Ungarn ein Ende machen, es wollte des gefährlichen Agitatorennamens Räléczy ein für allemal los und ledig werden. Es nahm daher Pläne für Thatſachen, das Murren und 154 die Klagen der Verzweiflung für den Schlachtenruf der Revolution, und war feſt entſchloſſen, den Fürſten Franz Räkoczy für alle Zeiten unſchädlich zu machen. Freilich erhoben für den deutſchen Reichsfürſten ſich die Stimmen anderer deutſcher Fürſten, forderten die Kurfürſten von Hannover, Mainz und Preußen von dem Wiener Kabinet entweder die Freilaſſung, oder die öffentliche geſetzmäßige Anklage des deutſchen Reichsfürſten Räkoczy. Freilich verſuchte der Landgraf von Heſſen durch perſönliche Verwendung bei dem Kaiſer ſeinen Schwiegerſohn zu befreien, bot ſein Schwager, der General Aſpermont, allen ſeinen Ein⸗ fluß auf,— alle Mittel ſcheiterten an dem ſtarren, unabänderlichen Entſchluß des öſterreichiſchen Kabi⸗ nets, ſich des läſtigen Fürſten zu entledigen, und mit ihm den ungariſchen Unzufriedenen die Fahne zu ent⸗ winden, welche ſie ihren Aufſtänden als Schiboleth voraustragen könnten. Aber was die Verwendungen der Fürſten, was der Einfluß des Schwiegervaters und des Schwagers ver⸗ geblich erſtrebt, das ſollte die Liebe und Treue ſeiner Gemahlin erreichen, und wo Alle verzagten und muth⸗ los abſtanden von dem ſchwierigen Unternehmen, da blieb ſie allein unverzagt, muthvoll und ſtandhaft in freudiger Treue. ⁴ 155 Man hatte ſie, ſobald ſie geneſen, mit ihren beiden Kindern nach Wien geführt, und in dasſelbe Urſuliner⸗ kloſter gebracht, in welchem Juliana ſo lange ge⸗ ſchmachtet. Indeß auf die Verwendung ihres Vaters hatte ſie dasſelbe verlaſſen dürfen, um mit ihren bei⸗ den Kindern zu ihrem Vater nach Heſſen zu gehen, wohin der Landgraf ſie ſelber von Wien abholte. Charlotte Amalie hatte alſo mit ihrem Vater Wien verlaſſen, aber ſchon am zweiten Morgen der Reiſe, als der Landgraf in dem Nachtquartier, welches ſie genommen, ſich von ſeinem Lager erhob, und die Fortſetzung der Reiſe befahl, meldete man ihm, daß die Fürſtin in der Nacht ſchon ganz allein, ohne irgend eine Begleitung abgereiſt ſei. Die Kammerfrau der Fürſtin, welche der beſtürzte Landgraf ſofort rufen ließ, berichtete, daß die Fürſtin ſie mitten in der Nacht geweckt und ihr befohlen habe, den Wagen, in welchem die Dienerſchaft der Fürſtin hiehergekommen, ſofort anſpannen zu laſſen, daß ſie dann weinend und leiſe ſchluchzend ſich über die Betten der beiden Kinder ge⸗ neigt und ſie zärtlich geküßt habe. Darauf hatte ſie der Kammerfrau einen Brief gegeben, den ſie dieſelbe beauftragte am andern Morgen dem Landgrafen zu überreichen, und dann hatte ſie ihren Reiſemantel übergeworfen und leiſe das Zimmer verlaſſen. 156 Aber auch der Brief, welchen der Landgraf jetzt von ihr erhielt, gab keinen weiteren Aufſchluß darüber, wohin dieFürſtin ſich gewendet. Sie bat in demſelben in den rührendſten Ausdrücken ihren Vater, ſich ihrer Kinder anzunehmen, beſchwor ihn, ihr nicht zu zürnen, und verſprach, ſobald ſie die heiligen Pflichten, welche ſie von ihm riefen, erfüllt hätte, zu ihm zurückzukehren. Der Landgraf ahnte wohl, wohin die entſchloſſene muthvolle Fürſtin ſich gewendet, aber er hütete ſich wohl, ihr nachzuſpüren, oder irgend einen Eklat zu machen. Er befahl der treuen Kammerfrau das ſtrengſte Stillſchweigen, erklärte ſeiner übrigen Begleitung, daß die Fürſtin in dieſer Nacht auf beſondern Befehl des Kaiſers ſich wieder nach Wien zurückbegeben habe, und ſetzte mit den beiden Kindern ſeiner Tochter und ſeinem Gefolge die Heimreiſe weiter fort. Charlotte Amalie indeſſen hatte das Glück, unbe⸗ merkt und unerkannt nach Neuſtadt zu gelangen, und dort forſchte ſie mit regem Eifer ſogleich nach den geeigneten Mitteln, um ihren Gemahl zu ſehen und ihn zu befreien. Glücklicherweiſe hatte ſie einen Talis⸗ man mit ſich genommen, der wohl geeignet war, ihr die Herzen der Menſchen und die Thüren der Ge⸗ fängniſſe zu öffnen,— dieſer Talisman war das Geld! Fürſt Räköezy ward bewacht von einem Dragoner⸗ 157 piket, an deſſen Spitze ſich ein Hauptmann Lehmann, ein Preuße von Geburt, befand. Er war arm, er ſehnte ſich überdies zurück in ſeine Heimat, und das liebens⸗ würdige, freundliche und herzliche Betragen des fürſt⸗ lichen Gefangenen hatte ſein Herz gewonnen. Er ließ ſich von den Bitten, dem Gelde der Fürſtin beſtechen, und führte zum höchſten Entzücken des Fürſten eines Tages die Fürſtin heimlich in ſein Gefängniß. Aber es war ihr nicht genug, den Geliebten zu ſehen, ihn täglich ſogar zu ſprechen, ſie wollte ihn auch befreien, ihn erlöſen aus der Kerkerhaft, und auch dazu ward Hauptmann Lehmann, Dank den goldenen Verſprechungen der Fürſtin, endlich gewonnen. Die Fürſtin gab ihm eine Verſchreibung über dreißigtau⸗ ſend Gulden, welche ſie, ſobald der Fürſt aus ſeinem Gefängniß befreit und in Sicherheit ſei, ſofort einzu⸗ löſen verſprach. Lehmann übernahm dafür das ſchwie rige Werk der Befreiung, und ſchon nach einigen Ta⸗ gen konnte er dem fürſtlichen Paar ſeinen ganzen Plan mittheilen und ihnen melden, daß Alles zur Ausfüh⸗ rung bereit ſei. Gemäß dieſem Plan mußte indeſſen auch ein jün⸗ gerer Bruder des Hauptmanns Lehmann, der ebenfalls im öſterreichiſchen Militärdienſt in Neuſtadt ſtand, mit in das Geheimniß hineingezogen werden. Dieſer 158 Bruder pflegte jeden Tag den Hauptmann Lehmann zu beſuchen, und zwar in Begleitung eines gemeinen Dragoners, der ihm als Bedienter angehörte. Auf dieſe Beſuche ſeines Bruders war der ganze Plan des Hauptmanns Lehmann geſtützt. Als der Diener ſeines Bruders ſollte der Fürſt das Gefängniß verlaſſen, und der Fürſtin blieb dann nur übrig, auf der Straße Pferde bereit zu halten, um die Flucht des Fürſten weiter fortzuführen. An einem dunkeln, regneriſchen Abend, am erſten November 1701, ward zur Ausführung des Plans geſchritten. Schon am Morgen hatten die beiden Gatten ſich einander ein letztes, zärtliches Lebewohl geſagt, jetzt blieb Amalien nichts mehr zu thun übrig, als zu Gott zu beten, daß er ihr Bemühen ſegne, daß er ihrem Gemahl ſeine Freiheit wiedergebe! Endlich jetzt nach einem Tage voll Qual und Herz⸗ klopfen war der Abend gekommen, ſenkte die Nacht ſich hernieder. Die verabredete Stunde war da und Jeder ging an ſeinen Theil der Ausführung. Der Bruder des Hauptmanns Lehmann kam, wie alle Tage, ſeinem Bruder ſeinen Beſuch zu machen,— aber er kam allein, ohne ſeinem Dragonerburſchen. Statt deſſen trug Hauptmann Lehmann ein Bündel Kleider in die Zelle des gefangenen Fürſten,— die 4 159 Uniform des Dragonerburſchen. Während der Fürſt ſich mit derſelben bekleidete, durchfeilten die beiden Brüder Lehmann die Eiſengitter des Fenſters und be⸗ feſtigten an demſelben eine nach außen hinuntergehende Strickleiter, um die Verfolger glauben zu machen, daß dies der Weg der Flucht geweſen. Nun warAlles vollendet— und vonſeinem Dra⸗ gonerburſchen begleitet verließ der Lieutenant Leh⸗ mann das Gefängnißhaus. Niemand hielt ihn auf, Niemand beargwöhnte ihn, alle Wachpoſten ließen ſie unangefochten vorübergehen, und ſo gelangten ſie Beide unangefochten in die Vorſtadt. Schon ſchlug die Uhr die verabredete Stunde,— die Fürſtin ſprang von ihren Knieen empor und ſtürzte zum Fenſter hin. Ihre kleine beſcheidene Wohnung lag in der Vorſtadt, und unter ihrem Fenſter hielt der ver⸗ traute Freund Berzeviczy mit dem ſchnellen Renner, den Amalie für den Gemahl gekauft hatte. Athemlos lehnte ſie ſich hinaus aus dem Fenſter. Der Sturm heulte und pfiff durch die Straßen und peitſchte den kalten Novemberregen in ihr Geſicht, ſie beachtete es nicht, ſie lehnte ſich hinaus und horchte. Jetzt vernahm man in der Ferne das Geräuſch eiliger Schritte,— ſie kamen näher und näher,— jetzt ſah man eine dunkle Geſtalt daherſchlüpfen.„Biſt du 160 es?“ riefen die Prinzeſſin und der Graf Berzeviczy zu gleicher Zeit. Eine athemloſe Stimme keuchte:„Ja, ich bin es!“ Aber Beide hatten ſie dieſe geliebte Stimme er⸗ kannt. Ja, er war es, der Fürſt Franz Räköczy,— er war frei. Er ſchwang ſich auf das Pferd, deſſen Zügel der Freund ihm darreichte, er rief zu dem Fenſter empor: „Lebe wohl, Geliebte! Bete für mich!“ Dann das polternde Geräuſch zweier dahinſpren⸗ gender Roſſe, und neben dem Fenſter glitt Charlotte Amalie wieder nieder auf ihre Kniee, um mit beben⸗ den Lippen und hochſchlagendem Herzen zu beten um die weitere glückliche Rettung des Geliebten. Und Gott erhörte ihr Gebet, Gott ſchützte die Flucht des Fürſten Räköezy! Im unaufhaltſamen Galopp ritt er mit dem Freunde Raab zu, dort ſetzte er über die Donau, vermochte durch doppelte Bezah⸗ lung den Poſtmeiſter der Raaber Poſtſtation ihm Poſtpferde und einen Wagen zu geben, und jagte ohne Ruh' und Raſt weiter nach Ober⸗Ungarn, von wo er, da er ſich auch dort nicht ſicher hielt, ſofort ſich weiter begab nach Polen, wohin auch Graf Bereſényi ſich gerettet hatte. Franz Räköezy war gerettet,— aber ſchwere Strafe 161 traf diejenigen, welche ihm zur Flucht waren behülflich geweſen, und gegen die der Zorn des öſterreichiſchen Kabinets unerbittlich war. Niemand glaubte das Märchen von den durch⸗ gefeilten Eiſengittern und der Strickleiter, denn wenn es dem Fürſten auch hätte gelingen können, auf dieſe Weiſe aus ſeiner Zelle hinaus zu gelangen, ſo wäre es doch unmöglich geweſen, unbemerkt von den Wach⸗ poſten die Höfe des Gefängniſſes, die Thore von Neuſtadt zu paſſiren. Er mußte alſo in dem Gefäng⸗ nißgebäude ſelbſt Unterſtützung gefunden haben. Der Hauptmann Lehmann, als der unmittelbare Wächter des Fürſten, ward alſo verhaftet, und unter den Qua⸗ len der Folter bekannte er ſeine Schuld, und gab ei⸗ nige andere Offiziere als ſeine Helfer an; aber die grauſamſte Tortur vermochte ihn nicht, auch die Für⸗ ſtin als ſeine Mitſchuldige zu nennen. Indeſſen hatte man dennoch die Auweſenheit der Fürſtin in Neuſtadt entdeckt, und folgte ihrer Spur. Sie hatte in Raab ſich noch einige Tage verborgen ge⸗ halten, dann hatte ſie auf unſcheinbarem Gefährt ihre Weiterreiſe angetreten. Aber man folgte ihr nach, auf öſterreichiſchem Gebiet ward ſie verhaftet, nach Wien geführt, dort im Urſulinerkloſter in ſtrengen Gewahr⸗ ſam gebracht, und der Aebtiſſin anbefohlen, ſie mit Nie⸗ 1661 Xl1 Franz Rätöczy. N. 11 162 mand, wer es auch ſei, jemals ein Geſpräch führen zu laſſen.*) Hauptmann Lehmann aber ward zu ſchmachvollem und ſchmerzlichem Tode verurtheilt. Man hieb ihm erſt den rechten Arm ab, dann ward ihm der Kopf vom Rumpf gehauen, der Leib geviertheilt, und die vier Körpertheile auf vier Galgen an der Straße vor Reuſtadt aufgeſtellt.— Aber ſeiner Familie zahlte die Fürſtin die verſchriebenen dreißigtauſend Gulden pünkt⸗ lich aus. Der unglückliche Poſtmeiſter von Raab, welcher den Fürſten Raköczy durchaus gar nicht kennend, und ganz ohne Ahnung davon, daß derſelbe ſeinem Ge⸗ fängniß entflohen ſei, ihm die Poſtpferde zur Weiter⸗ reiſe gegeben, mußte mit lebenslänglicher Kerkerhaft büßen, eben ſo der Briefträger des Fürſten, der es ge⸗ wagt, einen Brief des Fürſten zur Beſorgung an den Kaiſer zu übernehmen. Der größte Zorn richtete ſich außerdem natürlich gegen den Fürſten ſelber, welcher das Glück gehabt, ſich der Strenge ſeiner Richter zu entziehen. Die Nachricht von ſeiner Flucht war daher kaum *) Histoire du Prince Frangois Räkéczy, ou la guerre des Mécontentes sous son Commandement. pag. 31. ⁴ 163 nach Wien gelangt, als das öſterreichiſche Kabinet auch ſchon überall ungeheure Anſchlagzettel ankleben ließ, in denen es den Fürſten als einen Hochverräther proſtribirte, demjenigen, der ihn der Staatsbehörde lebendig einbrächte, zehntauſend Gulden, demjenigen, der nur ſeinen Kopf brächte, ſechstauſend Gulden zuſicherte.*) Außerdem ward der Prozeß, den man gegen den Fürſten anhängig gemacht, weiter fortgeführt, und man führte denſelben in Abweſenheit des Angeklagten, und ohne daß man ihm einen Vertheidiger ſtellte, ſehr raſch und mit vollkommener Sicherheit des gewünſch⸗ ten Ausganges zum Schluß. Das außerordentliche Tribunal, das dazu niedergeſetzt worden, fällte das Urtheil, daß der Fürſt Franz Räköczy als überwie⸗ ſener ertappter Hochverräther mit dem Tode durch das Henkerbeil und mit Konfiskation ſeiner Güter zu beſtrafen ſei, und Häſcher und Späher wurden nach Polen entſendet, um wo möglich des verurtheilten Für⸗ ſten habhaft zu werden, und ihn dem Schaffott zu überliefern. *) Bistoire du Prince Frangois Räköezy. pag. 21. 11* J. Alea jacta est! Mit dieſer Flucht des Fürſten beginnt das große Revolutionsdrama, als deſſen erſter Held und Mär⸗ tyrer der Fürſt Franz Räköczy Il. den Ungarn eine heilige und große Erinnerung iſt. Seine Flucht aus dem Gefängniß zu Neuſtadt, ſeine Verurtheilung zum Tode und zum Verluſt ſeiner Güter, das war das Signal zu dieſem Kriege, der ſieben Jahre lang Un⸗ garn und die öſterreichiſchen Staaten verwüſtete und Elend und Kummer über beide Länder brachte, zu die⸗ ſem Kriege, der auf der einen Seite mit begeiſtertem Patriotismus, mit fanatiſchem Ungeſtüm, auf der an⸗ dern Seite mit ſtörriſcher Erbitterung, mit planvollem Ingrimm geführt ward, und doch nur enden konnte wie jede Tragödie, mit dem Unterliegen des Helden unter das Schickſal, das in ſeinen unergründlichen Rathſchlüſſen andere Ziele verfolgte, als die freiheit⸗ dürſtenden, vaterlandsbegeiſterten Magyaren es hoff⸗ ten und erflehten. Es kann nicht die Abſicht dieſes Werkes ſein, die⸗ ſen Krieg in allen ſeinen Einzelheiten und Schwan⸗ kungen zu detailliren, jeden Sieg zu notiren, jede ein⸗ 4 165 zelne Szene dieſer großen blutigen Revolutions⸗Tra⸗ gödie darzuſtellen. Die Aufgabe, die wir uns geſtellt, war eine andere. Den Menſchen, den Helden, den Märtyrer wollten wir darſtellen, ein„Lebensbild“ wollten wir entwerfen, und dabei hatten wir es we⸗ niger mit dem kämpfenden Krieger, als mit dein rin⸗ genden Menſchen zu thun. Es ſchien uns wichtiger, die Motive der Handlungen darzuſtellen, als die Hand⸗ lungen ſelber zu detailliren, und nicht was er im Ein⸗ zelnen gethan, ſondern was er im Großen und Gan⸗ zen erſtrebt, darauf allein konnte es uns ankommen. Das zu ſchildern, konnte allein die Aufgabe dieſer Blätter ſein, und darnach allein haben wir geforſcht in all den Werken der Geſchichte, welche jene Zeit der ungariſchen Kämpfe behandeln. Wir haben uns daher weitläufiger und ausführlicher mit der Darſtellung der Geſchichte Ungarns und der Räkoczyſchen Familie vor dem Erſcheinen und Wirken Franz Räkéczy's beſchäftigt, weil dieſes die beſte Erläuterung für das ganze Wir⸗ ken und Wollen des Fürſten ſelber war, und weil, wenn man dieſe Vergangenheit nicht ganz erfaßt und ver⸗ ſtanden, man die Erſcheinung und das Weſen Franz Räkéczy's ſelber nicht verſtehen könnte. Es war das nothwendige feſte und ſtarke Fundament, auf welchem wir das Denkmal Franz Räköczy's, dieſes politiſchen . 166 Märtyrers großer und heiliger Ideen, allein aufrich⸗ ten konnten. Wie geſagt, nicht was er gethan, ſondern warum er es gethan, das zu ſchildern war die Aufgabe dieſes Buches,— nicht ein Schlachtenbild, ſondern ein Le⸗ bensbild wollten wir geben. Es wäre freilich ſehr leicht geweſen, dieſes Letztere mit dem Erſtern zu ergänzen, und auch über die Zeit dieſer Kämpfe in weitläufigen Details einzugehen, denn gerade dazu bedurfte es kei⸗ ner ängſtlichen Forſchungen und keines mühſamen Nachſpürens. Ein wichtiges und entſcheidendes Doku⸗ ment liegt der Welt in Bezug auf dieſe Zeit vor,— wir hätten nur nöthig gehabt, es zu überſetzen und hier einzuſchalten. Dieſes Dokument, das ſind die eigenen Memoiren des Fürſten Franz Räköczy, von ihm ſelber nieder⸗ geſchrieben, beginnend mit dem Anfang des Revolu⸗ tionskrieges im Jahre 1703 und ſchließend mit dem Ende desſelben 1710*). „Der ewigen Wahrheit“ hat der Fürſt dieſe Me⸗ moiren zugeeignet, in denen er genau und umſtändlich *) Mémoires du Prince Frangois Räkéczy. Sur la guerre de Hongrie depnis l'année 1703 jusqu'à sa ün. A la Haye 1739, 4 —— 167 alle ſeine Kriegesthaten und die Motive, welche ihn zu ſeinen Handlungen geleitet, dargeſtellt hat. „Ich ſcheue mich nicht,“ ſagt er im Beginn dieſer Memoiren,„ich ſcheue mich nicht, freudig und wahr⸗ heitgemäß vor dir, o ewige Wahrheit, zu erklären, daß nur die Liebe zur Freiheit und das Verlangen, mein Vaterland vom fremden Joche zu erlöſen, der Endzweck aller meiner Handlungen geweſen iſt. Ich ward dazu nicht getrieben, weder durch die Begierde der Rache, noch durch den Ehrgeiz, eine Krone oder einen Fürſtenſtuhl zu erobern.“ Die Details dieſes Krieges, wie geſagt, möge Je⸗ der, der ſie wiſſen will, in den Memoiren des Fürſten ſelber nachleſen, wir haben es mit dieſem Kriege nur im Großen und Ganzen zu thun, und nur diejenigen Momente werden wir flüchtig noch aus denſelben her⸗ vorheben, welche ſich an die Perſon des Fürſten Franz Raköczy ſelber knüpfen, oder neue Schlaglichter auf ſeine edle Helden⸗ und Märtyrergeſtalt werfen können. Nach vielen Mühſeligkeiten, unter mannigfachen Verkleidungen, oft Tage lang ſich bergend in einſa⸗ men Hütten, oder in tiefen Wäldern, war Franz Rä⸗ koezy glücklich nach Polen geflüchtet; dort fand er ein Aſyl bei der Fürſtin Bely, einer geiſtreichen polniſchen Patriotin, deren Gemahl in entfernter Verwandtſchaft 168 zu Räköczy ſtund; dort vereinigte ſich mit ihm auch ſein Freund Graf Bercſényi, und gemeinſam entwarfen ſie jetzt ihre Pläne über das, was ſie ferner beginnen und unternehmen wollten. Zuerſt wandte ſich Räkoczy nach Warſchau an den dortigen franzöſiſchen Geſandten Marquis de Heren, um durch dieſen die franzöſiſche Regierung für ſeine Pläne zu gewinnen. Es ſchien in der That auch jetzt gerade ein günſtiger Moment für Frankreich gekom men, um Oeſterreich neue Schwierigkeiten zu bereiten, und dadurch ſeine Kraft zu brechen und zu lähmen. Das Haus Habsburg war im Begriff, einen letzten entſcheidenden Kampf um ſeine großen Erbſchaften in Italien und Spanien zu beginnen, und wenn es in demſelben nicht unterliegen wollte, mußte es alle ſeine Kräfte zu demſelben verwenden. In Italien hatte dieſer Kampf bereits begonnen, und in Spanien ward er nur augenblicklich noch zu⸗ rückgehalten durch den Waffenſtillſtand, den Ludwig der Vierzehnte mit Oeſterreich abgeſchloſſen. Konnte man jetzt gerade in Ungarn eine Schild erhebung hervorrufen, ſo mußte Oeſterreich entweder ſeine Kräfte zerſplittern, indem es einen Theil ſeiner Truppen nach Ungarn entſandte— und das war, wie der Fürſt hoffte, ein Grund für Frankreich, um die ² —,—— 169 Erhebung Ungarns zu unterſtützen,— oder es wandte alle ſeine Kräfte auf die Erbfolgekriege in Spanien und Italien— und dann war die ungariſche Schild⸗ erhebung des glücklichen Erfolges gewiß. Das war es, was Franz Räkéczy dem Geſandten Frankreichs vorſtellte, womit er den Beiſtand dieſer, Oeſterreich ſeit langer Zeit ſo feindlichen Macht zu erlangen ſtrebte. Aber der Waffenſtillſtand band Frank⸗ reich für jetzt noch die Hände, und Räköczy erhielt wohl Verſicherungen und Beweiſe perſönlichen Wohl⸗ wollens, aber für ſeine politiſchen und kriegeriſchen Anforderungen nur ausweichende Autworten. Gramvoll, zu trauriger Unthätigkeit verdammt, ſeufzte der junge Fürſt ſeine Tage dahin, als, nach faſt zwei Jahren des Harrens, aunf einmal ſeine dü⸗ ftere Einſamkeit, die klangloſe Oede, die ihn umgab, von einem wunderbaren, herzerhebenden Liebesgruß aus der Heimat durchtönt ward. Das Volk, die Bauern Ungarns, waren es, die ihm, dem verbannten, zum Tode verurtheilten Fürſten dieſen Liebesgruß darbrachten. Unerſchwingliche Steuern, harte Bedrückungen hatten das Volk von Ungarn endlich wieder aufgeſta⸗ chelt zu Thaten der Verzweiflung. Es hatte ſich erho⸗ ben zu einem Verzweiflungskampf, und die Bauern 170 von Munkaes, die Unterthanen Räköczy's waren es geweſen, welche zuerſt das Signal zur Erhebung gegeben. Sie waren es auch jetzt, welche ihre Abgeſandten nach Polen ſchickten, um dort den geliebten Fürſten zu ſuchen, ihm ihre Noth zu klagen, und ihn zu beſchwö⸗ ren, daß er ſich an ihre Spitze ſtellen, ihr Führer ſein wolle in dem heiligen Kampfe für Ungarns Freiheiten und Rechte. Sie ſchilderten in ſo rührenden, einfachen Worten ihm ihre Leiden, ihren Jammer, die Hoffnun⸗ gen, die ſie auf ihn gerichtet, daß Räköczy ſich dadurch im Innerſten ſeiner Seele bewegt und beglückt fühlte. Aber ſein ariſtokratiſcher Sinn ſchreckte doch davor zurück, nur als der Anführer der Bauern, der Kriegs⸗ herr roher und undisziplinirter Haufen nach Ungarn zurückzukehren. Er war es ſich wohl bewußt, daß dieſe ungeregelten, nicht an ſtrenge Kriegszucht gewöhnten Maſſen bei dem erſten heftigen Anprallen der kriegs⸗ geübten öſterreichiſchen Regimenter auseinander ſtäu⸗ ben und verwehen würden. Er fühlte daher die Roth⸗ wendigkeit, ihren Maſſen geregelte Truppen an die Seite zu ſtellen, ſie ſelber zu üben in der Disziplin. Indem er daher den Bauern ſeine Unterſtützung zuſi⸗ cherte, und ihnen verſprach, an ihre Spitze treten, mit ihnen kämpfen zu wollen für die Freiheit des Vater⸗ ⁴ 171 landes, beſchwor er ſie zugleich auszuharren in Ruhe und Geduld, bis die Zeit gekommen, alle Vorbereitun⸗ gen beendet ſeien. Zum Zeichen indeß, daß er der Freund und Führer der Aufſtändiſchen ſein wolle, ſchickte er ihnen durch ihre Boten einen offenen Brief, indem er ihnen verhieß, daß er bald mit einer Armee zu ihrer Unterſtützung herbeieilen und ſich an ihre Spitze ſtellen werde, ſandte er ihnen einige Fahnen mit der Inſchrift:„Für Gott, Freiheit und Vaterland!“ Dieſe Fahnen, das waren die erſten Sturmvögel, welche Räköczy's Nahen verkündeten, dieſe Worte: „Für Gott, Freiheit und Vaterland!“ die erſten Po⸗ ſaunenſtöße des hereinbrechenden Gerichts. „Für Gott, Freiheit und Vaterland!“ das war und blieb in dem achtjährigen Kampfe der Wahlſpruch Räkéczy's und ſeiner Krieger. P. D. P. L.(Pro deo, patria et liberta) ſtand auf den Säbeitaſchen der Sol⸗ daten, pro deo, patria et liberta flammte in gol⸗ denen Lettern von den Fahnen, pro deo, patria et liberta war der jauchzende Ruf, mit dem ſie in die Schlacht zogen, pro deo, patria et liberta war der Todesſeufzer derer, die mit ihrem Blut und Leben das kühne Streben Ungarns bezahlten. Während Räköczy durch ſeinen Freund und Ge⸗ ſinnungsgenoſſen, den Grafen Bereſényi, dieſen Brief 172 und dieſe Fahnen nach Ungarn entſandte, eilte er ſelbſt zu einigen ihm befreundeten polniſchen Großen, um von ihnen Unterſtützung an Geld und Leuten zu erhal⸗ ten, hatte er lange Beſprechungen mit dem franzöſi⸗ ſchen Geſandten. Aber dieſer zögerte und wich aus t mochte nicht glauben an die Siegeshoffnungen des Für⸗ ſten Räköczy, er verzweifelte an einem glücklichen Er⸗ folg ſeines kühnen Unternehmens. Er gab viele Ver⸗ ſprechungen, aber kein Geld, keine Soldaten. Und das war es, was Räkéczy doch allein bedurfte. Endlich, gedrängt von neuen Boten aus Ungarn, des langen Wartens und Zögerns müde, faßte Räköéczy einen entſcheidenden Entſchluß. Für die Verpfändung eines Theils ſeiner Güter hatte er von einigen polni⸗ ſchen Großen ziemlich bedeutende Geldſummen erhal⸗ ten, und die Zuſicherung, ihm ſiebentauſend Reiter ſenden zu wollen. Räköczy fühlte, daß ſein längeres Zaudern ge⸗ fährlich werden, daß es die Aufſtändiſchen zu einer That der Verzweiflung treiben möchte, daß ſie, um ihn zu überzeugen, wie ernſt und unwiderruflich ihr Ent⸗ ſchluß zum Kampf, vielleicht zu früh, und noch bevor er bei ihnen ſei, den Angriff unternehmen möchten. Dies wollte er verhüten, und darum wollte er zu ih⸗ nen hineilen. ¹ 173 Nur begleitet von einigen polniſchen Soldaten, in dürftigem, ärmlichem Gefolge, brach er im Mai des Jahres 1703 von Polen auf, und wandte ſich nach Un⸗ garn hin. Dicht an der Grenze lagerte ein Theil des kleinen Bauernheeres, zu ihm eilte Räköczy hin, dies mußte er vor allen Dingen prüfen, um zu ſehen, was er zu befürchten habe. Mit lautem Jubel, mit jauchzendem Entzücken ward er von den Bauern empfangen, mit ſchmettern⸗ den Fanfaren und Freudenſchüſſen begrüßten ſie ihn als den Retter, den Erlöſer, und jubelten, daß ſie jetzt ihres Sieges und ihres Glückes gewiß ſeien. Räköczy's Herz aber ward ſchwer und trauerpoll, und düſtere Ahnungen erfaßten ſeine Seele und verlie⸗ ßen ihn fortan niemals mehr, auch nicht in den kom⸗ menden Tagen des Glückes,— die Ahnungen des Un⸗ terliegens, des Mißlingens. Statt der Soldaten ſah er ſich umgeben von ro⸗ hen, undisziplinirten Haufen, ſtatt der Kriegswaffen beſtand ihre Wehr zum größten Theil aus Senſen, Knitteln, Dreſchflegeln und höchſtens aus alten Sä⸗ beln. Es fehlte ihnen an dem Allernothwendigſten, ſie hatten nichts als ihre Begeiſterung, ihren Durſt nach Freiheit und Erlöſung.⸗ Aber die Begeiſterung für Räköczy und für den 174 beginnenden Kampf äußerte ſich für den Fürſten in wahrhaft rührender und bewältigender Weiſe, und nicht blos der Kriegshaufen der Männer, ſondern das ganze Volk der Umgegend brachte Raköczy ſolche Hul⸗ digung der Liebe dar. „Man kann ſich keinen Begriff davon machen,“ ſagt der Fürſt in ſeinen Memoiren ſelber,„mit welcher Zu⸗ vorkommenheit und Freude das Volk, ſobald es von meiner Ankunft gehört hatte, von allen Seiten herbei⸗ eilte, um mich zu begrüßen. In ganzen Haufen ka⸗ men ſie daher, und brachten Brot, Fleiſch und andere Lebensmittel mit. Die Männer führten ihre Frauen und Kinder mit ſich, und ſobald ſie mich nur von Wei⸗ tem erblickten, fielen ſie auf ihre Kniee nieder und be⸗ krenzten ſich nach Art der Ruſſen. Sie vergoſſen Ströme von Freudenthränen, die auch mich zu Thränen rühr⸗ ten. Ihrem Eifer und ihrer Liebe war es nicht genug, daß ſie nach ihren beſten Kräften uns mit Lebensmit⸗ teln unterſtützten, ſondern die Männer ſchickten ihre Frauen und Kinder heim, und zogen es vor, bei mir zu bleiben, und ſich in die Miliz einreihen zu laſſen; aus Mangel an Gewehren bewaffneten ſie ſich mit Sä⸗ beln, Miſtgabeln und Senſen, und ſchwuren, daß ſie mit mir leben und ſterben wollten.“*) ¹ Räköczy Mémoires ete, pag. 4. 4 175 Aber bald ſollten dieſe freudigen Eindrücke von traurigen Nachrichten getrübt werden. Einige Flüchtige und Verſprengte kamen in das Bauernlager und mel⸗ deten, daß der andere größere Theil des Heeres bei Dohla von den Kaiſerlichen angegriffen, vollſtändig beſiegt, ſeiner Fahnen beraubt und in die Flucht ge⸗ jagt ſei. Es war ein harter Schlag für den Fürſten, aber er kam ihm nicht unerwartet, und er mußte überwun⸗ den werden. Er hatte ſeine Seele geſtählt gegen alles Ungemach und Unglück, und da er das ſchwierige und gefahrvolle Werk einmal begonnen, mußte er es auch muthvoll jetzt weiter ſortführen. Begleitet von ſeinen Kriegeshauſen rückte er weiter vor bis dicht an Munkaes, deſſen Feſtung von deutſchen Truppen beſetzt war; mit jedem Schritt vorwärts ſchwoll die Maſſe ſeiner Streiter höher an, vermehrte ſich die Zahl ſeiner Krieger, die, ſobald die Kunde von Raköczy's Ankunft zu ihnen gelangt war, freudig herbeieilten, um ſich unter ſeine Fahnen zu reihen. Freilich aber ſollte Räköczy gleich in den erſten Tagen ſelber die traurige Erfahrung machen, wie we⸗ nig kriegsgeübt und disziplinirt ſeine Schaaren waren, und wie wenig ihre Begeiſterung und Liebe für ihn den Mangel kriegeriſcher Zucht zu erſetzen vermochten. 176 Auf die Nachricht von der Ankunft des Fürſten hatte ſich ein deutſches Küraſſierregiment auf den Marſch gemacht und rückte den Aufſtändiſchen entgegen. Un⸗ vermuthet, und ehe es Räköczy ahnen konnte, trafen ſeine Bauernhaufen mit dieſem Regiment zuſammen, und wurden von demſelben in die Flucht geſchlagen. Der Fürſt ſelber ſah ſich genöthigt in die Berge zu flüchten, um mit ſeinen Getreuen auf unwirthbaren Wegen, wo möglich, ſich nach Polen zu retten. Voll dü⸗ ſterer, verzweiflungsvoller Trauer zog er dahin, aber das Schickſal hatte dem Enttänſchten, Hoffnungsloſen doch den erquickenden Troſt aufbehalten. Dieſer Troſt, das war die Liebe des Volkes, die Trauer und die Thränen, die es ſeinem Unglück zollte. Von einigen zerſtreuten Flüchtlingen hatte das Land⸗ volk ſchnell genug die Kunde von der Niederlage er⸗ fahren, und da Niemand wußte, wohin Räléczy ſich gewendet, verbreitete ſich bald das Gerücht, daß er in dem Gefecht umringt und getödtet worden ſei. Nun ſchollen die Berge und Thäler wider von lautem Klagegeſchrei, und während Räköczy lautlos und ſtill mit den Seinen durch die Berge dahinzog, drangen die Klagegeſänge, das Wehgeſchrei des armen Volkes, das um ihn jammerte und litt, an ſein Ohr, 4 177 und rührten ihn ſelber zu Thränen.*) Trauer und Weh⸗ klagen waren allgemein, die tiefſte Niedergeſchlagenheit malte ſich auf allen Geſichtern. Die Mutter umarmte in Thränen ausbrechend ihre Kinder mit dem Zuruf: „Räköczy iſt todt, Ihr habt keinen Vater mehr! Glück⸗ lich ſind Diejenigen, welche bereits am Rande des Grabes ſtehen, und nicht mehr das Unheil mitanſehen werden, das nach dieſem Schlage wieder über das Land hereinbrechen wird!“— Als die erſten Soldaten Rä⸗ koczy's dann ihnen nahten, rannte Alles auf ſie zu mit der einſtimmigen Frage:„Iſt es wahr, daß wir unſern Befreier verloren?“ Und welch' ein Jubel, welch' ein maßloſes Entzücken dann, als ſie erfuhren, daß Rä⸗ köezy nicht allein lebe, daß er eben mitten unter ih⸗ nen ſei! Sie ließen ſich ihn zeigen, ſie ſtürzten auf ihn zu, ſie umſchlangen mit Ausrufungen einer begeiſterten, faſt wahnſinnigen Freude ſeine Knie, und ihre Freuden⸗ thränen benetzten ſeine Hände, die ſie mit Küſſen be⸗ deckten. Herrlicher, glorreicher und köſtlicher in der That war dieſer Moment für Räköczy, als wenn er ſieggekrönt, mit Beute beladen aus dem Kampfe daher⸗ kommend, den Jubel ſeines Volkes empfangen hätte. *) Räkéczy: Mémoires pag. 18. 1861. XMI. Franz Räröczy. 1I. 12 178 Und bald ſollte noch ein köſtlicherer Moment ihn entſchädigen für die ſchmerzvolle Niederlage. Nahe ſchon der polniſchen Grenze ward er eingeholt worden von Bauernſchaaren, die von allen Seiten herbeiſtrömten, um Räkoczy und dem Vaterlande zu dienen. Die Kunde von der Niederlage bei Munkacs hatte ſie nicht ge⸗ ſchreckt, vielmehr ihren Eifer nur höher angefacht, und nur raſcher waren ſie dem retirirenden Fürſten nach⸗ geeilt, um ihn aufzuhalten, um ihm ihr Leben, ihre Kraft, ihr Hob und Gut anzubieten. Es waren unter ihnen viele Hunderte herrliche kräftige Kriegergeſtalten, viele Hunderte jener ſtarken muskelkräftigen Reiter auf den ſchönen Roſſen, die nur die Pußten der Theiß er⸗ zeugen, und mit jeder Stunde vermehrte ſich die Schaar dieſer Reiter und Kämpfer, und nicht mehr nach Hunder⸗ ten, ſondern nach Tauſenden zählte die bewaffnete und berittene Mannſchaft. Zugleich langte aus Polen neue Freudenkunde bei dem Fürſten an. Graf Bereſenyi, der bis jetzt dort ge⸗ blieben und für den Freund geworben, ſtieß jetzt zu dem Fürſten mit ſechs wohlausgerüſteten Dragoner⸗ kompagnien, welche die polniſchen Freunde ihm ſandten, mit anſehnlichen und bedeutenden Geldmitteln, welche der franzöſiſche Geſandte endlich auf Bercſényi's un⸗ aufhörliches Drängen ihm ausgezahlt hatte. 4 —.———————— — 179 Nun belebte neue Hoffnung, neuer Muth die Seele des Fürſten. Das Schickſal ſelber ſchien ihm die Fort⸗ ſetzung des Kampfes zu gebieten, und er unterwarf ſich freudig dieſem Gebot. Das Volk von Ungarn ſtreckte ihm ſeine Hände entgegen, es rief ihn zu ſich mit aller Sehnſucht der Liebe! Er konnte ſich dieſem Ruf nicht mehr verſchließen,— wie Ulrich von Hutten rief auch Franz Räköczy freudig aus:„Alea jacta est! Der Würfel iſt gefallen! Komme nun, was da kommen mag!“ XI. Das Manifeſt Räkörzy's. Jo, der Würfel war gefallen! Räköczy konnte nicht mehr zurück und er wollte es auch nicht! Vorwärts drängten ſeine kampfesluſtigen, rachedürſtenden Krieger, vorwärts drängte ſein eigenes Herz! So brach er denn auf mit ſeinen Schaaren, um zuerſt von den deutſchen Truppen, die dort aufgeſtellt waren, ſich den Uebergang über die Theiß und damit den Einmarſch in das eigentliche innere Ungarn zu er⸗ zwingen. Der begeiſterten Kampfesbegierde der Seinen 12* 180 vermochte der Feind nicht zu widerſtehen, er ward be⸗ ſiegt, in die Flucht geſchlagen, von den wüthenden Sie⸗ gern in die Theiß oder in die nahen Sümpfe und Mo⸗ räſte gejagt. Und unter dem Zujauchzen des Volkes zog der Fürſt Franz Räköezy mit ſeinen ſiegreichen Schaaren jetzt über die Theiß. Nun war er in Ungarn, und er kam mit einem Siege! Ueberall ward er mit glühender Freude, mit lautem Jubel empfangen als der Befreier, der Erretter, und von allen Seiten eilten die ungariſchen Männer herbei, um Theil zu nehmen an den Kämpfen für das Vaterland. Damit aber das Volk, damit ganz Europa wiſſe, um was es ſich handle, weshalb der Fürſt und mit ihm die Ungarn zu den Waffen gegriffen, erließ Rä⸗ köczy jetzt ein Manifeſt:„An alle Fürſten und Reiche der Chriſtenheit, wie an alle andern Staaten und Stände jeden Grades, Ranges und Anſehens, jeder Geltung, Macht und Würde.“ Dieſes Manifeſt, mit welchem Franz Raköczy die Fürſten und Völker Europa's begrüßt, ſchildert in macht⸗ voller, begeiſterter Sprache die Leiden und die Bedrückung Ungarns, die Machtſtellung und Gewalt, die Oeſter⸗ reich gegenüber dem Königreich ſich angemaßt. ¹ 181 „Die alten Wunden,“ ſo beginnt das Manifeſt, „die alten Wunden der edlen ungariſchen Nation bra⸗ chen wieder auf, und nach ſo vielen fruchtlos angewen⸗ deten Heilmitteln heiſcht die bisher nur ſchlecht geheilte, jetzt neuerdings geöffnete Narbe der verletzten ungari⸗ ſchen Landesfreiheit die Anwendung des Eiſens, weil unter der unſeligen Herrſchaft des öſterreichiſchen Hau⸗ ſes allmälig die vornehmſten Glieder derart angegriffen wurden, daß das Verderben der geſundeſten Theile zu fürchten iſt. „Ueberraſcht und ſtaunenvoll betrachtet man die neuen Unruhen, welche dieſes Königreich durchtoben; und während die Welt ſich darob verwundert, daß dieſe Nation, welche Jahrhunderte hindurch der ſchönſten Blüthe unveränderlichen Ruhmes und einer ſüßen Ruhe genoſſen, heute in die traurigſten Wirren ver⸗ wickelt ſei, ſo gibt es deren Viele, welche mit den Ver⸗ hältniſſen dieſes Reiches wenig bekannt, und von den gewöhnlichen falſchen Anſichten irregeführt, die unga⸗ riſche Nation der Untreue gegen ihren Regenten oder eines eigenthümlichen Hanges zur Erregung von Un⸗ ruhen und Wirren beſchuldigen.— Gönnet darum williges Gehör unſerm gerechten Schmerz und unſern gegründeten Klagen. Wir wollen Euch mit den wahren Gründen unſerer Schilderhebung bekannt machen; und 182 dann möget Ihr ſelbſt, bisher von grundloſen Anſich⸗ ten oder von Privatleidenſchaften irre geleitet, geraden Sinnes als billige Richter über unſere Sache ur⸗ theilen. „Jahrhunderte ſind bereits vergangen, ſeitdem die Oeſterreicher von ehrgeiziger Herrſchſucht geſtachelt und von der, durch künſtliche Mittel gewonnenen unbeſtän⸗ digen Gunſt der Landesgroßen unterſtützt, alle Maje⸗ ſtätsrechte an ſich geriſſen. Und nicht nur die vaterlän⸗ diſchen Geſchichtsannalen der Vergangenheit, ſondern auch das gegenwärtige Jahrhundert bezeugt es, welche gefährliche Fallen die Oeſterreicher jener koſtbaren, von den Vätern auf uns vererbten Landesfreiheit gelegt. Alle Welt kennt die Urſachen, welche einſt die edle Fa⸗ milie der Bätöry's zur Schilderhebung gegen dieſe Dynaſtie veranlaßten, welchen Grund Bethlen Gäbor hatte, das unterdrückte Vaterland zu rächen, aus wel⸗ cher Veranlaſſung Boeskay die Waffen ergriff, und welche Motive gleichfalls unſere Vorfahren, die Rä⸗ koczy's, und ſpäter Tököly geleitet haben.“ Nun beginnt das Manifeſt die einzelnen Klage⸗ punkte näher anzugeben und nachzuweiſen, wie ſtets der rechtswidrige Umſturz der vaterländiſchen Geſetze der Grund aller Aufſtände der Ungarn geweſen. Es wird den Oeſterreichern vorgeworfen, daß ſie vom Beginn der ⁴ 183 Herrſchaft an immer nur darauf bedacht geweſen, ihre Herrſchaft und ihre Macht zu erhöhen und zu ſtärken, und die Freiheiten und Rechte des ungariſchen Volkes zu beſchränken und zu ſchwächen. Wie ſie einzelne große Familien vertilgt hätten, um deren große Güter und Liegenſchaften an ſich zu reißen, wie ſie durch Schrecken und Gewaltmittel die Großen zum Schweigen gebracht, oder ſich ihre Zuſtimmung zu den Umänderungen der wichtigſten Geſetze erzwungen hätten, wie ſie ſogar durch Schreckmittel aller Art es dahin gebracht hätten, daß nicht allein die freie Königswahl abgeſchafft, und in eine erbliche Regierung umgewandelt worden, ſon⸗ dern wie ſie zugleich jenes wichtige Geſetz des großen Andreas I). abgeſchafft, welches dem geſetzverletzenden König gegenüber zum offenen Widerſtande berechtigte, und welches bis dahin die Hauptſtütze der Freiheiten und Privilegien aller Stände und Klaſſen geweſen. Dann wird geklagt darüber, daß die kriegeriſchen Ungarn in ihrem eigenen Lande aller militäriſchen Würden beraubt, und dieſe dem Landesgeſetz zum Hohn mit Fremden beſetzt würden; dasſelbe, klagt das Ma⸗ nifeſt, fände in der Civilverwaltung ſtatt. Fremde herrſchten überall im ganzen Lande, und lenkten nach ihrer Willkür und ihrem Ermeſſen die Landesgeſetze. Die rechtmäßigen eingebornen Eigenthümer großer 184 Herrſchaften würden unter nichtigen Vorwänden ihrer Güter beraubt, die man Deutſchen zuerkenne, oder ſie würden gewaltſam zum Austauſch ihrer Güter mit großem Schaden genöthigt. Außerdem habe man das ſehr alte ungariſche Geſetz, nach welchem dem Volk die Machtzuſtehe, über die ungariſchen Finanzangelegenhei⸗ ten zuentſcheiden, willkürlich abgeſchafft undbedrücke das Volk mit unerſchwinglichen Abgaben und Steuern, als deren unnatürlichſte die Beſtenerung des Landespro⸗ duktes, des Salzes, erſcheine, welches ſo hoch verſteuert werden müſſe, daß der tiefverarmte Landbewohner gezwungen ſei, ſein Brot ungeſalzen zu eſſen. „Wir ſprachen,“ heißt es weiter,„mit tiefſter Trauer von den Leiden des armen Landvolkes, das von allen Mitteln zur Entrichtung der unerſchwing⸗ lichen Abgaben entblößt, zu den verzweifeltſten Mit⸗ teln greift, indem— was früher nie vorgekommen— Dieſer durch Selbſtmord ſeinen Leiden ein Ende macht, Jener, es zu lindern, ſich in türkiſche Sklaverei begibt, und um ſich vor den militäriſchen Exekutionen zu ret⸗ ten, der Eine ſein Weib, der Andere ſein Kind dem Türken verkauft, um mit dem Blutlohn die Geldgier ſeiner Bedrücker zu ſtillen. O! welch' harte, einer ehe⸗ mals freien Nation geradezu unerträgliche Sklaverei! Das unglückliche Landvolk ſagt es noch heute laut, 185 daß unter der Herrſchaft des Halbmondes ſein Loos ein viel glücklicheres geweſen; und es iſt jüngſt in einer öffentlichen Urkunde unwiderleglich nachgewieſen wor⸗ den, daß von den Türken in fünfzig Jahren nicht ſo viel als von den Oeſterreichern in fünfzig Wochen er⸗ preßt worden.“ Und nachdem das Manifeſt weiter noch in ein⸗ zelnen Zügen und mit Anführung der verletzten und vernichteten Freiheiten und Geſetze das Elend Ungarns geſchildert, geht es über zu Franz Räköczy's perſön⸗ lichen Klagen und Leiden. „Abkömmling freier Fürſten, haben Wir im Lande ein zurückgezogenes Leben geführt, und oft mit thrä⸗ nenden Augen Unſer armes, verfallendes Vaterland betrachtet, aber auf Unſer ſchuldfreies Gewiſſen ge⸗ ſtützt, nie auch nur im Entfernteſten an die Möglich⸗ keit einer Uns perſönlich drohenden Gefahr gedacht, als plötzlich der Wiener Hofrath den Entſchluß faßte, ſich aller Reichsgroßen zu entledigen, und Wir in Folge deſſen gegen den hergebrachten Uſus und den Geſetz⸗ artikel 39 aus dem Jahre 1613, unverhört ergriffen, ohne alle Rückſicht auf Unſern Rang und Unſere Per⸗ ſon verhaftet und in ein elendes Gefängniß geworfen wurden.— „Uns ſchaudert noch jetzt bei der Erinnerung an 186 die vielen und argen Qualen, die man uns, trotz Un⸗ ſerer Unſchuld, als deren Zeugen Wir den Himmel anrufen, und die Wir vor aller Welt erhärten können — unmenſchlicher Weiſe erdulden ließ.— Man klagt Uns des Hochverrathes an, man ſtellt falſche Zeugen gegen Uns auf, man ſucht Unſern Mitgefangenen fal⸗ ſche Geſtändniſſe zu entlocken, man fälſcht den Sinn Unſerer Briefe, und ſetzt endlich mit Ausſchluß des ordentlichen, ein außerordentliches Gericht ein, was durch Unſere Landesgeſetze ausdrücklich verboten iſt. — Nach einer ſo offenbaren Verletzung der Landes⸗ rechte, nach ſo unzweifelhaften Beweiſen eines tiefen, vorurtheilsvollen Ingrimms, der uns das Aergſte be⸗ fürchten ließ, wäre uns kein anderes Mittel übrig ge⸗ blieben, als der Selbſtmord. Aber wie einſt den Pro⸗ pheten Daniel aus den Rachen der hungrigen Löwen, befreite Uns die göttliche Vorſehung aus dem finſtern Gefängniß, und führte Uns in den ſichern Hafen der Freiheit. Man fällte dann gegen den Abweſenden eine ungerechte Sentenz, ſo reich an Fehlern und Unwahr⸗ heiten, daß der unparteiiſche und billige Richter, der ſie mit einiger Aufmerkſamkeit prüft, in ihr ſogleich das Ergebniß eines ungerechten, nur von Leidenſchaft, Haß und Bosheit geleiteten Willens erkennen wird. „Am offenbarſten zeigt dies jene in der Sentenz 4 187 enthaltene Bemerkung, daß nach ſtrengem Rechte eigent⸗ lich ein öſterreichiſcher Regent gar nicht verpflichtet wäre, eine ordentliche Prozedur gegen Uns einzuleiten. — Wie? Glaubt er ſich über alle Geſetze erhaben? — Alle Unſere Reichsgeſetze, ſowie das Königsdiplom proteſtiren gegen ſolche Anmaßung! Die oben erwähn⸗ ten Geſetze, die Artikel 41 von 1536, und 6 von 1687, wie der fünfte Artikel vom zweiten Theil des Tripar⸗ tikum erklären ausdrücklich, daß der König kein Recht habe, die adeligen Landesbewohner anders als von den ordentlichen Landestribunalen richten zu laſſen! „Bedarf es endlich eines ſprechenderen Beweiſes Unſerer Unſchuld, als daß Unſere Mitgefangenen, des⸗ ſelben Verbrechens wie Wir angeklagt, völlig frei⸗ geſprochen und entlaſſen wurden; da doch die Ver⸗ nunft ſelbſt bezeugen muß, daß eine einzige Perſon unmöglich den kühnen Plan, eine Revolution hervor⸗ zurufen, allein faſſen und deſſen Ausführung unter⸗ nehmen konnte! „Die Gerechtigkeit ſchwindet, wo die Leidenſchaft eines befangenen Geiſtes herrſcht. Die großen Schiffe der öſterreichiſchen Regierung ſind ſchon zu lange mit den vollen Segeln des Ehrgeizes vorwärts geſteuert; der Wirbel der gerechten Rache Gottes wird bald den Lauf eines Glückes hemmen, das ſich von Unſern Lei⸗ 188 den nährt.— Die göttliche Gnade will nicht, daß dieſes freie Reich noch länger der tyranniſchen Habgier der Oeſterreicher preisgegeben ſei, da ſie durch ihre unendliche Güte, deren Andenken noch bei der ſpäteſten Nachwelt fortleben wird, Uns die Freiheit wiederge⸗ geben, Uns an die Spitze der gerechten Schilderhebung geſtellt, und Uns durch die Unterſtützung fremder chriſtlicher Fürſten bereits in das Innere des Landes hat eindringen laſſen. Die edlen Geiſter der Ungarn widerſtreben von Natur dem Unrecht, und die frei⸗ gebornen Bürger eines freien Reiches finden die Skla⸗ verei viel unerträglicher als den Tod. „So mögen denn die gerechten Waffen der unga⸗ riſchen Nation vor den Augen der geſammten Chri⸗ ſtenheit gezogen werden! Und möge die Chriſtenheit unbeirrten Sinnes die von Uns angeführten That⸗ ſachen erwägen, und eine gegen alles Recht und alle Billigkeit in ihrer Freiheit verletzte Nation unter⸗ ſtützen und fördern. Was Uns betrifft, Wir können Denen keinen Glauben mehr ſchenken, welche ſo oft die heiligſten Diplome verletzt, und Wir weihen freu⸗ digen Herzens Unſer Leben, Unſer Vermögen und den letzten Tropfen Unſeres Blutes der Befreinng des über Alles theuren Vaterlandes vom öſterreichiſchen Joche. Und Wir erklären öffentlich mit reinem Gewiſſen vor 4 189 Gott und der geſammten Chriſtenheit, daß, indem Wir die Waffen ergreifen, Uns weder Herrſchſucht, noch Ruhmgier, noch ein ſonſtiges Privat⸗Intereſſe leitet. „Der Himmel, auf den Wir vertrauen, wird für Uns kämpfen. Er wird einer tiefbetrübten Nation die unvermeidlichen Fehltritte nicht zu hoch anrechnen, und ſie, die den Nachen ihrer gerechten, zwiſchen ſo vielen Gefahren ſchankelnden heiligen Sache dem Ozean der Zukunft anvertraut, unter dem Schirme ſeiner ſchützenden Vorſehung glücklich in den Hafen ihres alten Glückes gelangen laſſen, und ſchließlich Unſere Siege mit bleibender Windſtille und Ruhe krönen. „Gegeben in Unſerem Lager den 7. Juni 1703.“ XII. Bönig, Lürſt und Führer der Ronföderirten. Dieſes Manifeſt des Fürſten Franz Räkéczy iſt gewiſſermaßen das Fundament, auf welchem die große Tragödie des langen und blutigen Krieges ſich auf⸗ baut, welcher die nächſtfolgenden acht Jahre das un⸗ glückliche Ungarn zerfleiſchte, eines Krieges, der mehr als achtzigtauſend Menſchenleben gekoſtet, auf Dezen⸗ nien hinaus den Wohlſtand von Ungarn und Sieben⸗ bürgen untergraben, und doch weder der einen noch der andern Partei vollſtändigen Sieg und vollſtändige Erreichung ihrer Ziele gebracht hat. Dieſes Manifeſt enthält alle die Forderungen und Klagen, welche die Ungarn glaubten erheben zu müſſen, es iſt zugleich die Geſchichte ihrer Leiden, und das Re⸗ giſter ihrer Forderungen und Anſprüche. Dieſes Manifeſt war jetzt bei dem Uebergang über die Theiß die Poſaune, welche das Nahen des Fürſten verkündete, welche alle ungariſchen Herzen emporrief aus ihrer Ruhe oder Verzweiflung, welche mit ſchmet⸗ ternder Stimme verkündete, daß die Zeit der Geduld abgelaufen, daß die Stunde des Kampfes und der Er⸗ hebung gekommen. Dieſes Manifeſt rief ganz Ungarn zum Kampf, zur Empörung, zum blutigen Kriege. Zuerſt war es das Volk, welches freiheitglühend ſich erhob, bald aber auch ward der Adel, welcher mißtrauiſch zuerſt dieſer neuen Bauernerhebung zugeſchaut, mit fort⸗ geriſſen von der allgemeinen Begeiſterung; bald öff⸗ neten die Schlöſſer, die Burgen, die Städte ſich dem heranziehenden„Befreier des Vaterlandes“ und ſeinen 4 — 191 Kriegerſchaaren. Aus allen Ortſchaften eilte die mann⸗ hafte Bevölkerung herbei, ihre Kräfte dem Dienſte des Vaterlandes zu weihen. Die reichen Gutsbeſitzer rü⸗ ſteten ihre Unterthanen aus, ſtellten Pferde, Waffen und Fourage zur Dispoſition, die Städte brachten Unterſtützung an Geld, an Lebensmitteln, errichteten Hoſpitäler, in denen die hochadelige Dame neben der Frau aus dem Volke mit freudigem Eifer der Pflege der verwundeten Vaterlandsvertheidiger ſich hingab. Es war eine heilige Begeiſterung, welche das ganze Volk ergriff, von welcher Keiner, welcher ſein Vater⸗ land liebte, ſich ausſchließen mochte! Bei jedem Schritt vorwärts ſtieg Räkoczy's Macht, und die Begeiſterung für ihn und für die Sache, welche er vertrat. Das Volk, durchdrungen von der Heiligkeit dieſer Sache, gab ihr jetzt auch einen heiligen Namen; es nannte den Krieg Räköczy's den„Kreuzzug Ungarns gegen Oeſterreich,“ und dieſe Volkskrieger, welche, indem ſie freudig und beherzt zum Schwert griffen, die Scheide weit von ſich warfen, und ſchwuren, ſich ganz dem heiligen Dienſte des Vaterlandes zu weihen, ſie nann⸗ ten ſich ſelbſt die„Kreuzritter.“ Klein und unſcheinbar hatte der Kreuzzug be⸗ gonnen, aber ſchon nach wenigen Monaten war er eine Macht, welche den Feinden Schrecken erregte; mit kaum dreihundert Streitern war Räköczy im Juni in Ungarn eingezogen und nach drei Mona⸗ ten konnte er ſchon gebieten über eine Heeresmacht von fünfzigtauſend Mann. Aber freilich dieſe Heeresmacht beſtand nur aus undisziplinirten Haufen, aus zuſammengelau⸗ fenen Maſſen, unter denen manche ſchlechte und widerſtrebende Elemente ſich befanden, und die zur Ordnung und zum Gehorſam zu gewöhnen eine ſchwierige, kaum lösbare Aufgabe erſchien. Räköczy hatte, trotz des Enthuſiasmus, der ihm von allen Seiten entgegenkam, doch das volle Bewußtſein dieſer Schwierigkeit, und oft genug, inmitten ſeiner Triumphe, überſchlich ihn eine ahnungsvolle Trau⸗ rigkeit, und flüſterte ihm zu, daß er unterliegen werde, nicht an der Stärke des Feindes, ſondern an der Schwäche und Rathloſigkeit ſeiner eigenen Armee. Vielleicht wollte das Schickſal ihn prüfen, viel⸗ leicht wollte es ſeine Kraft ſtählen, indem es ihm das volle Bewußtſein der freien, unbehinderten Wahl ſeines Lebensweges gab. Es bot ihm jetzt noch eine Gelegenheit, ſich zurückzuziehen aus den wogenden Fluten der Revolution, ſich vor denſel⸗ ben zu retten— auf einen Thron! 4 ———————————— 193 Eine Königskrone war es, welche Franz Rä⸗ köczy in dieſen Tagen des beginnenden Kreuzzuges, im November des Jahres 1703 angeboten ward— die Königskrone von Polen! Karl der Zwölfte, der„Alexander des Nordens“ war auf ſeinem fabelhaften und abenteuerlichen Siegeslauf bis nach Warſchau vorgeſchritten und hatte dort den ſchwachen und ruſſenfreundlichen König Friedrich Auguſt ſeines Thrones entſetzt. Einen Würdigern wollte er an deſſen Stelle ſetzen, und als der Würdigſte erſchien ihm der junge Fürſt Räköczy, der mit ſo wunderbarer Kühnheit, mit ſo geringen, dürftigen Mitteln den Kampf ge⸗ gen das Haus Habsburg begonnen, und dem ſchon ietzt ganz Ungarn in begeiſterter Liebe angehörte. Dem Fürſten Franz Räkoczy ließ Karl der Zwölfte durch einen eigenen Abgeſandten die Krone von Polen anbieten, und die polniſchen Reichsgroßen, von dieſem Anerbieten unterrichtet, beeilten ſich Rä⸗ köczy dringend zu bitten, er möge die dargebotene Krone annehmen und als ihr König und Herr zu ihnen zurückkehren. Durch den Kardinal⸗Primas und den Großgeneral der Krone ließen die polni⸗ ſchen Großen ihre Wünſche an Raköczy in einem 1861. KIII. Franz Räköczy I. 1³ ebenſo ſchmeichelhaften als rührenden Schreiben gelangen. Der Thron von Polen! Das war das Ideal ge⸗ weſen, dem die Ahnen Räköczy's nachgeſtrebt, für das die beiden Georg Räköezy, der Erſte wie der Zweite, ihr Blut und Leben gewagt, und an dem ſie unterge⸗ gangen waren! Ihrem Enkel ward jetzt freiwillig dargeboten, was das vergebliche Ziel ihres Doſeins geweſen, und er, Franz Ralöczy, er hatte den Heldenmuth ihn auszu⸗ ſchlagen. Ihm ſchwebte ein größeres, ein heiligeres Ideal vor, die Befreiung und das Glück ſeines eige⸗ nen Vaterlandes! „Ich habe,“ ſagte er in ſeinem ablehnenden Ant⸗ wortſchreiben an den König von Schweden und den Kardinal⸗Primas von Polen,„ich habe die Bühne der Oeffentlichkeit betreten, um mein Vaterland von dem Drucke zu befreien, unter dem es ſchmachtet, aber nicht um eine Krone zu erwerben. Nicht für mich kämpfe ich, ſondern für meine Mitbürger. Trium⸗ phire ich, ſo iſt die Ehre, ſie gerächt zu haben, mir hinreichende Belohnung. Wie groß und glänzend auch der Titel eines Königs von Polen ſei: der eines Befreiers von Ungarn iſt nicht weniger ſchön und er⸗ haben. Was wäre dann das Loos der vielen braven 6 195 Soldaten, welche den Pflug verließen, blos in der Abſicht, ſich um meine Fahnen zu ſchaaren? Was würde aus den vielen edlen Landesſöhnen, die ſich meinen Gefahren beigeſellt, ohne eine andere Abſicht als dieſe: dem Staat ſeine Freiheit und ſeinen Glanz wiederzugeben? Darf ich ſie der Rache des Hauſes Oeſterreich überlaſſen? Wenn ſie ſich den Haß desſelben zugezogen haben, ſo war ich es, der ſie dazu angeregt! Ich mag mich nicht ihren gerechten Vorwürfen, nicht denen von ganz Europa und der Nachwelt ausſetzen!— Karl XII. iſt groß genug, um meine abſchlägige Antwort zu billigen, vielleicht ſogar auf ſie eiferſüchtig zu ſein! Er weiß die Kronen eben ſo verachten, als er ſie zu erobern verſteht; und wenn er ſehr großen Werth auf ſie legte, würde er ſie nicht verſchenken.— Er wird ſich ohne Zweifel erinnern, daß ſein Ahnhert mit dem meinigen eine unverletzliche Allianz ſchloß, in welcher er ſich ver⸗ pftichtete: meine Familie mit aller ſeiner Kraft zu unterſtützen, wenn ſie jemals ſeiner Hülfe bedürfen ſollte. Jetzt iſt der Augenblick gekommen, dieſe ſchö⸗ nen Verſprechungen einzulöſen. Möge der edle König Ungarn rächen, wie er Polen gerächt hat! Möge ſein Wohlwollen, ſtatt mich allein mit ſeinen Gaben zu überhäufen, ſich auf meine ganze Nation erſtrecken, 13* ——— und möge er dem Vergnügen, einen König zu machen, das größere und erhabenere Vergnügen vorziehen: Tauſende glücklich und ein unterdrücktes Volk freizu⸗ machen!“ Und freudigen Muthes, mit dem erhebenden Be⸗ wußtſein, ſeine perſönliche Größe, ſein perſonliches Glück und ſeinen perſönlichen Ehrgeiz auf dem Altar des Vaterlandes zum Opfer dargebracht zu haben, ging Franz Räköezy jetzt weiter vorwärts auf dem eingeſchlagenen Pfade, ſetzte er alle ſeine Kräfte daran, ſein Ziel zu erreichen, dem Vaterlande ſeine Freiheit, ſeine Rechte wiederzugeben! Es war ein leuchtendes Ziel, aber ſchwer und ge⸗ fahrvoll die Wege zu demſelben. Freilich wuchs ſeine Macht immer höher an, mehrten ſich täglich die Schaaren ſeiner Streiter, aber mit ihnen mehrten ſich auch die Gewaltthätigkeiten, die Ausſchreitungen und Roheiten, und dieſe undisziplinirten Haufen, die ſich Soldaten des Fürſten Raköczy nannten, wa⸗ ren oft nur Rotten räuberiſchen Geſindels, welches durch Plünderungen und Erpreſſungen die friedlichen Bewohner der Städte und Dörfer gegen ſich er— bitterten. Wohl ſuchte Räköczy mit Energie und Strenge dem Uebel abzuhelfen, aber es bedurfte doch langer 197 Zeit, um dieſe aus den vielfachſten Elementen zuſam⸗ mengeſetzten Maſſen, die neben dem edelſten Kern des Volkes auch aus dem roheſten Geſindel beſtand, in disziplinirte, ſtrengen Gehorſams fähige Soldaten zu verwandeln. Aber mit regem Willen, mit nie er⸗ mattendem Eifer hoffte der Fürſt mit Hülfe ſeines Freundes, des Grafen Bereſényi, und der andern kriegs⸗ geübten Offiziere, die ſich ihm angeſchloſſen, dieſe Uebel zu beſeitigen. Er ſelbſt war unermüdlich thätig, mit wachſamem Auge Alles erſchauend, allen Gefahren kühn die Stirn bietend, immer bereit durch ſein Bei⸗ ſpiel, ſeine perſönliche Gegenwart ſeine Soldaten anzufeuern und ſie zu beloben mit Muth und Be⸗ geiſterung. Und der moraliſche Einfluß, den er auf ſie übte, verfehlte ſeine Wirkung nicht. Allmälig kam etwas Ordnung und Disziplin in die Maſſen, ſie griffen muthig an, ſie drangen ſiegreich vor, eroberten Städte und Feſtungen, und die Jahre 1703 und 1704 hatten von manchen Siegen und glücklichen Gefechten, aber auh von vielerlei Mißgeſchick und manchen bedeuten⸗ der Niederlagen zu berichten. Zwar waren die Städte Kaſchau und Eperies, die Feſung Neuhäuſel beſiegt und zu kapituliren genö⸗ thig, aber die langwierige Belagerung von Szegedin mußte er unverrichteter Sache aufgeben, und eine em⸗ pfindlichere Niederlage erlitt Raköezy noch um Weih⸗ nachten des Jahres 1704. Bei Tyrnau trafen Räköczy und Bereſényi mit ihren über ſiebzigtanſend Mann ſtarken Heereshau⸗ fen auf ein ſtarkes Armeeko ps unter General Heiſter. Es kam zu einer blutigen erbitterten Schlacht, und in derſelben würden die den Oeſterreichern weit überle⸗ genen Schaaren ohne Zweifel den Sieg davongetra⸗ gen haben, wenn ſie eben beſſer disziplinirte Soldaten geweſen wären. Schon waren ſie ſiegreich, mit unge⸗ ſtümem Angriff den Feind erſchreckend, vorgedrungen, aber ſtatt den Sieg weiter zu verfolgen, fielen ſie übe die zwiſchen den beiden Linien des Feindes aufgeſtell ten Bagagewägen her, und löſten ſich in einzelne plün⸗ dernde Haufen auf. Dadurch gewann der Feind wiſ⸗ der Zeit vorwärts zu dringen,ſichzu ſammeln, und der Tag endete mit der völligen Riederlage der Räköczh⸗ ſchen Schaaren. Dieſe verlorne Schlacht bei Tyrnau war zas düſtere, melancholiſche Weihnachtsgeſchenk, welches jas ſcheidende Jahr 1704 Räköczy darbrachte. Aber ein erhabeneres Geſchenk nahm er doch aus dieſem Jahl in das Jahr 1705 mit hinüber. Das war das Geſhenk der Krone von Siebenbürgen, welche Siebenbirgen 199 durch ſeine Abgeordneten aller Stände dem Fürſten anbot. Räköczy weigerte anfangs die Annahme derſel⸗ ben, aber den dringenden Bitten der Abgeordneten, ihren flehentlichen Vorſtellungen, daß ganz Siebenbür⸗ gen auf ihn hoffe, ihn als ſeinen Erlöſer erſehne, ge⸗ lang es endlich ſeinen Sinn umzuwandeln, und ihn zur Annahme der Fürſtenwürde zu beſtimmen. Er nahm ſie an ohne Freude und ohne Stolz, denn er wußte wohl, daß dieſe Fürſtenkrone nur eine neue Dornenkrone ſein würde, welche das Schickſal auf ſein Haupt ſetzte! Aber er nahm ſie an, und im Jahre 1705 be⸗ rief er kraft ſeiner Machtvollkommenheit die Stände von Ungarn und Siebenbürgen in dem ungariſchen Marktflecken Szechény zuſammen, um dort einen ge⸗ meinſamen Landtag zu halten, und die Verhältniſſe der beiden Länder feſtzuſtellen und zu ordnen. Aus allen Komitaten Ungarns und Siebenbürgens ſtröm⸗ ten die Abgeordneten jetzt nach Szechény zu dem Land⸗ tage hin, alle Generäle Räköczy's, die Geiſtlichkeit bei⸗ der Konfeſſionen nahmen daran Theil, Rakoczy ſelber röffnete mit einer feierlichen Rede die Konferenzen. Das Reſultat dieſes Landtages war, daß die Stände von Ungarn und Siebenbürgen ſich verei⸗ ügten zu gemeinſchaftlichem Kampfe unter dem Na⸗ men der Konföderirten, und ſich zu ihrem Führer, Für⸗ ſten und Herrn ein gemeinſchaftliches Haupt wählten. Dieſes Haupt, das war Franz Räköczy, den ſie unter dem Titel:„Herzog und Führer der Konföderirten“ zu ihrem Feldherrn und Fürſten erwählten. Franz Räköczy nahm die Wahl an, und am zwan⸗ zigſten September 1705 leiſtete er im Beiſein aller Landtagsdeputirten zu Szechény den feierlichen Eid, daß er der Führer der Konföderirten ſein,„und ſein Leben, ſein Gut und Blut daranſetzen werde, um die durch das Haus Oeſterreich verletzten Freiheiten, Ge⸗ ſetze und Rechte Ungarns und Siebenbürgens wieder zu erobern und zu ſichern!“ XIII. Die Räköczy-Uota. Irzwiſchen war in Wien ein bedeutendes politi ſches Ereigniß eingetreten— Kaiſer Leopold I. wg am fünften Mai 1705 geſtorben, und ſein Soh war als Joſeph I. ſein Nachfolger und Erbe gewordet. Der junge Kaiſer ſehnte ſich, bald Frieden zu machn ⁴ 201 mit den Ungarn, deren Aufſtand immer höher anſchwoll, mit ſeinen ſtürmiſchen Fluten alle Dämme durchbrach und bald zu einem Meer anwuchs, deſſen Spring⸗ fluten ſogar ſchon ſeine blutigen Schaumwellen bis in die Mauern Wiens ſelber hineinſpritzte. Einzelne Parteigänger des Fürſten, unter ihnen der vom Kaiſer abgefallene Graf Karoly, waren mit ihren wilden und kühnen Schaaren plündernd, mor⸗ dend, ſengend und brennend bis nach Wien ſelbſt vor⸗ gedrungen, hatten in den Vorſtädten die Häuſer in Brand geſteckt, die Einwohner ausgeplündert und er⸗ ſchlagen, in der kaiſerlichen Menagerie ſogar aus Uebermuth die ſeltenen Exemplare der wilden Thiere getödtet und ſich ſelber die Häute der Tiger, Leo⸗ parden und Löwen umhängend, waren ſie, zum Ent⸗ ſetzen der Einwohner, mit furchtbarem Geheul durch die Straßen der Wiener Vorſtädte gerannt.*) Man hatte es anfangs mit dem Kaiſer Joſeph machen wollen, wie man es mit ſeinem Vater dem Kaiſer Leopold gemacht. Das Kabinet hatte ihm die öſterrei⸗ chiſche Inſurrektion als eine unbedeutende, durch die Tyrnauer Schlacht völlig beſiegte darſtellen wollen. Aber nachdem die Konföderirten im Juli 1705 bei dem *) Hormayr: Anemonen. Th. I. S. 151. 202 ungariſchen Sankt⸗Gotthard über die Oeſterreicher einen glänzenden Sieg errungen, den das Hofkabinet dem Kaiſer zu verſchweigen gedachte, eilte Eugen von Savoyen, die feigen Hofleute zurückſtoßend, mit küh⸗ nem Muth in das Kabinet des Kaiſers, verkündete ihm den Sieg der Unzufriedenen, und geſtand ihm frei und rückhaltslos, daß nicht, wie ſeine Miniſter es ihm wollten glauben machen, der Aufſtand in Ungarn von gar keiner Bedeutung ſei, daß nicht der beſſere und mächtigere Theil der Magnaten dem Kaiſer treu geblieben, ſondern daß faſt ganz Ungarn ſich den Em⸗ pörern angeſchloſſen, und daß, wenn nicht bald Ener⸗ giſcheres geſchehe, Oeſterreich in Gefahr ſei, Ungarn auf immer zu verlieren. Kaiſer Joſeph aber, bevor er zum entſcheidenden Schwert griff, wollte noch einmal verſuchen, durch Milde und Vermittlung die aufſtändiſchen Ungarn zu ſich zurückzurufen. Er bot den Aufſtändiſchen einen Waffenſtillſtand an, und ſandte Vermittler nach Un⸗ garn zu den Häuptern der Aufſtändiſchen, um mit ihnen ſich zu verſtändigen. Aber mit Siebenbürgen, das freiwillig und durch den Eidſchwur aller Stände ſich dem öſterreichiſchen Kaiſerhauſe einverleibt hatte, mit Siebenbürgen gab es keine Vermittelung, keine Ausgleichung. Es ſollte 4 203 und mußte ſich ſeinem Herrn, dem Kaiſer, wieder un⸗ terwerfen! Statt des grauſamen, wilden Generals Heiſter ernannte der Kaiſer, auf den Rath des Prinzen Eugen, einen andern Feldherrn, den Grafen von Herbeville, und ſofort brach dieſer mit neuen muthigen Krieger⸗ ſchaaren nach Siebenbürgen auf. Kaum vierzehn Tage waren ſeit der Thronerhe⸗ bung des Fürſten Räkéczy, ſeit der feierlichen Hul⸗ digung der Stände und des Fürſten Erwählung zum Herzog und Führer der Konföderirten vergangen, als mit einem kampfesmuthigen, auserleſenen Heer ſchon in Siebenbürgen ihm entgegentrat. Räköczy, von ſeinem Anmarſch unterrichtet, zog ihm mit ſeinen Schaaren entgegen und bei Zſibo kam es zwiſchen den Feinden zur entſcheidenden Schlacht am 10. November 1705. Mannhaft und tapfer ward von beiden Seiten geſtritten, Räköczy und ſein Unter⸗ feldherr Forgacz kämpften mit Löwenmuth an der Spitze ihrer Schaaren, mehr denn viertauſend öſterrei⸗ chiſche Soldaten fielen den Streichen der Konföderirten, aber ſie wurden dennoch geſchlagen, ihre Reihen durch⸗ brochen, und bald ſprengten vor dem kriegsgeübtern Feind die Maſſen in wilder Flucht auseinander. Herbeville aber eilte triumphirend weiter, nahm in 204 raſ chem Kampf alle haltbaren Plätze und zog ſiegreich in Hermannſtadt ein. Dorthin berief er die Stände von Siebenbürgen, und ſeinem Machtwort ſich beugend, mußten ſie, die vor kaum zwei Monaten dem Fürſten Franz Räkéczy ewige Treue geſchworen, durch feier⸗ liche ſchriftliche Urkunde die Wahl Räkoczy's zurück⸗ nehmen, und dem Ki und Kaiſer Joſeph den Hul⸗ digungseid ſchwören.“ Das Heer hitetzi s war auseinandergeſprengt, und hatte ſich in wilder Flucht nach Ungarn gewandt. Dorthin zog auch ihr Feldherr und Führer, der be⸗ ſiegte Fürſt Räköczy. Nur von einem einzigen Diener begleitet, voll tie⸗ fen Schmerzes und gebengt von Gram zog Räköczy einſam dahin durch die Felſenklüfte. Kein Troſt war in ihm, keine Hoffnung leuchtete über ihm, trübe war ſein Blick in die Zukunft und in ſchauendem Geiſte er⸗ kannte er das Vergebliche ſeines Strebens, das Hoff⸗ nungsloſe ſeines großen Unternehmens. Eine düſtere Verzweiflung, ein troſtloſer Jammer überwältigte auf einen kurzen Moment das Herz des edlen Patrioten, der Alles gewagt, Alles dahingegeben für ſein Vaterland, und der in dieſer Stunde klar es *) Feßler: Geſchichte der Ungarn. M. 589. ⁴ 205 erkannte, daß ſeines Kampfes Ende doch nur das Un⸗ terliegen ſein würde. In dieſer Stunde der Einſam⸗ keit und des verzweiflungsvollen Schmerzes brach die Kraft des Helden, er neigte ſein Haupt und weinte bitterlich. Still war's um ihn her, denn der hinter ihm haltende Diener unterdrückte ſein Schluchzen, um den geliebten Herrn nicht zu mahnen an ſeine Gegenwart. Still war's um ihn her, nur die Verzweiflung und der Jammer in ſeiner Bruſt ſprachen mit düſteren Klageſtimmen zu dem Fürſten. Da auf einmal durchklingt ein wunderbar zittern⸗ der Ton die Luft— Räköczy ſchaut empor und lauſcht, denn wie von Geiſtergruß getroffen bebt ſein Herz; ein zweiter Ton ſchallt klagend jetzt daher, und andere Töne klingen nach, und einen ſich zu rührend ſchöner Melodie. Raköczy ſteht und horcht, dem einſamen beſiegten Helden tönt eine einſame Geige ein Klagelied, ein Troſteslied. Wie lang ſich die Töne jetzt ziehen, wie ſie weinen und ſchluchzen! Iſt's nicht, als ob fie dem trauernden Helden erzählen wollten von Ungarns Schmerz und Weh? Als ob ſie ihm ſagen wollten, wie Ungarn weint und klagt? 206 Und tiefer neigt er das Haupt auf ſeine Bruſt und weint bitterlich. Da tönt es durch die Luft wie Schlachtenruf, ſo muthig hell, ſo ſcharf und kühn. Ja, Schlachtruf iſt's! Ja, eilt herbei, ihr Männer Alle, eilt herbei zum Kampfe für das Vaterland! Zetzt wandelt ſich die Melodie. Nicht mehr im unaufhaltſamen Schlachtenruf ſtürmt es vorwärts. Es ſammelt ſich das Heer, gehaltenen Schrittes zieht es vorwärts, der Kriegermarſch ertönt und lockt ſie fort mit kühnen Klängen. Und Räköczy's Auge leuchtet auf im Schlachten⸗ muth, die Thräne verſiegt in ſeinem Aug'! Er horcht, und höher hebt ſich ſeine Bruſt! Verklungen iſt der Marſch— die Schlacht be⸗ ginnt, es rauſcht und brauſt in wilden Tönen durch⸗ einander. Da jubelt's auf, das iſt der Sieg, des Va⸗ terlandes Sieg! Und auf die Kniee fallen jetzt die Schaaren und jubeln heilig Dankeslied empor zum Gott der Magyaren. Räköczy faltet ſeine Hände zum Gebet, und ſtille wird es in ſeiner Bruſt— Doch, was iſt das! Da ſchreit es wieder auf in wilden Tönen, da rauſcht und brauſt es mit wildem Kriegsgeſchrei. Der Feind kehrt wieder! Der Feind iſt da Und wilder heult ſie 207 jetzt empor die wilde Schlacht, es ſchreit und betet, flucht und jammert durcheinander! Nun laute Klage⸗ töne, wirrer Verzweiflung kreiſchendes Geheul und Jammertöne. Im übermäßigen Schmerze, Schwei⸗ gen dann! Des Todes Schweigen! Und aus dem Schweigen hebt ſich wieder der wunderbare leiſe Klage⸗ lon, wie beim Beginn, und ſtilles Weinen, ſchmerz⸗ voll bitteres Weh ſchluchzt aus den Tönen, die lang⸗ ſam, leiſer jetzt die Luft durchzittern und verklingen! Das Lied iſt aus, und ſtill iſt's wieder um Rä⸗ koczy her. Er hebt ſein Haupt und drückt die Hände an die Stirn.„War's nur ein Traumgeſicht, oder hört' ich das wirklich. Sag mir's, Kolmann? Hörteſt du's auch? Hörteſt du ſie auch die Leidensgeſchichte Ungarns? Was war's, Kolmann?“ „Herr, ein Zigeuner war's, der hier auf ſeiner Geige ſpielte. Dort hinten ſteht er am Felſenabhang.“ „Ruf ihn mir, Kolmann, bring ihn her!“ Und bald ſteht er vor dem Fürſten, der Zigeuner im zerfetzten Kleid, den kurzen braunen Mantel loſe über die Schulter gelegt, das rabenſchwarze Haar in wil⸗ den Streifen um die bleiche Stirn gewirrt, das Auge flammend und voll glühenden Feuers. In der braunen Rechten hält er die braune Geige, 208 ſeines Lebens ſüßeſte Gefährtin, keck ſchaut er auf zum unbekannten Fürſten. „Wie heißt du?“ fragt Räköczy. „Michael Barna, Herr!“ „Und was biſt du?“ Michael Barna, der Zigeuner zim zerlumpten Kleide, hebt ſein Haupt ſtolz empor.„Ein Künſtler bin ich, Herr!“ „Du haſt's geſagt, und du haſt Recht. Ich hörte deine Kunſt. Was ſpielteſt du?“ „Weiß es nicht Dachte nur, und was ich dacht', das dachte meine Geige.“ „Ihr dachtet alſo Beide an Ungarns Unglück? Ihr ſtandet mit uns in der Schlacht, und kämpftet unſere Kämpfe, und wurdet mit uns beſiegt, undweintet mit uns? War's nicht ſo?“ „Ich glaub', es war ſo, Herr! Könnt ich ma⸗ len, hätt' ich's gemalt, könnt' ich Verſe machen, hätt' ich geſprochen von dem Unglück Ungarns. Allein ich kann nur muſiziren, und ſo machte ich Muſik und erzählte mir ſelber Alles, was in dieſen letzten Jah⸗ ren hier geſchehen.“ „Und wunderbar verſtehſt du zu erzählen. Ich möchte es öfter von dir hören. Willſt du mit mir ge⸗ hen, Michael Barna?“ 4 209 Michael ſchüttelte zornig ſeine ſchwarzen Mähnen. „Nein, Herr, hab' nur Eines auf der Welt, nur meine Freiheit! Die behalt' ich! Lieb'nichts als meine Geige, und die iſt bei mir.“ „Liebſt nichts als deine Geige! Glücklicher Menſch, haſt nichts zu trauern, nichts zu beweinen!“ „Doch, Herr! Ich beweine Ihn!“ „Wen, Michael Barna?“ „Den edlen Fürſten Franz Räköczy! Kannte ſeine ſchöne Mutter, die Heldin von Munkaes, hab' oft vor ihr geſpielt. Kannt' ihn als Knaben, und er war ſchön und gut, und ſeine Stimme klang wie meine Geige. Sah ihn eines Tages, wie er auszog zur Bärenjagd, ſah wie die ſchöne Mutter ihm Küſſe nachwarf, und er mit ſüßem Lachen ihr Lebewohl zu⸗ rief, als die Jagdhörner tönten und klangen, und die Roſſe wieherten.“ Räköczy drückt die Hand an ſeine Augen, und lehnt das Haupt zurück.„Michael Barna, ſprich nicht weiter. Ich bin Raköczy, meiner ſchönen Mutter un⸗ glücklicher Sohn.“ Und ſeine Geige wirft der braune Mann zu Boden, und knieet nieder vor dem Pferd und küßt des Räkéczy Füße. „Geſegnet ſeieſt du, Held von Ungarn, König 1551. KIII. Franz Rököczy n. ⸗ 14 210 der Freiheit und des Vaterlandes! Geſegnet ſeieſt du, Fürſt von Siebenbürgen!“ „Michael Barna, mein Fürſtenſtuhl von Sieben⸗ hürgen iſt bei Zſibo zerſchmettert, und ſo wird's auch einſt ſein mit des Vaterlandes Freiheit! Deine Geige ſchloß mit einem Trauerlied, ſo wird auch Ungarn ſchließen. Ich möchte dein Lied wohl öfter hören. Willſt du mit mir ziehen, und bei mir bleiben, jetzt da du mich kennſt?“ „Ja, Herr, ich will mit Euch ziehen und bei Euch bleiben, ſo lange ich lebe.“ „Und wirſt mir wieder ſpielen, was du heut' ge⸗ ſpielt?“ „Ich werd's Euch wieder ſpielen, alle Tage, Herr! Und wenn Ihr'swollt, und mir's erlanbt, ſo nennt' ich, was ich ſpielte Euch zu Ehren, die Räköczy⸗Nota! „Sei's ſo!“ ſagte der Fürſt mit tranrigem Lächeln, „nenne dein traurig Lied nur die Räkéczy⸗Nota. Es paßt zu meinem Unglück. Vielleicht iſt's dauernder als mein Glück und auch mein Ruhm, vielleicht iſt's auch ein Denkmal, welches den Kindern und Kindes⸗ kindern erzählen wird von dieſer Tage ſchwerem Leid und von Rä köczy, dem beſiegten Patrioten! Komm, Michael Barna, du bleibſt bei mir!—“ Und alſo geſchah es Michael Barna blieb bei 211 dem Fürſten und ward ſein treuer Gefährte in Leid und Freud' Mit ihm zog die Geige, und jene Klänge und Melodien, welche der Fürſt nach der Niederlage von Zſibo auf einſamer Flucht vernommen, die mußte Michael Barna ihm noch oft wiederholen. In ſpätern Tagen, als die Kriege und die Leiden, welche jenes Lied hervorgerufen, lange verſtummt waren und ſeine eigene Hand erlahmte, da lehrte Michael Barna die Räköczy⸗Nota ſeiner Enkelin ſpielen, der ſchönen Zinka Panna. Und mitder Raköczy Rotain ihrer Geige zog die Zigeuner⸗Künſtlerin umher im Ungarland und ließ ſie überall erklingen, und alle Herzen wurden weich und alle Augen wurden naß bei dieſen thenren Klängen der Erinnerung. Einſt ſpielte Zinka Panna in Stuhlweißenburg die Räköczy⸗Nota vor dem berühmten Muſiker, dem Domherrn Vaczek, und der verſuchte in Noten feſtzu⸗ halten, was bis dahin nur als Tradition vom Groß⸗ vater auf die Enkelin gekommen. Der gelehrte Vaczek ſchrieb die Räkéczy⸗Nota in Noten auf, und aus dem was er geſchrieben, machte Ruzicka den„Räköczy⸗ Marſch,“ der dann die Grundlage ward, auf welcher Hector Berlioz ſeine„Räkéczy⸗Transſkription“ ge⸗ ſchrieben. Schöne Muſikſtücke find das wohl, aber des Zi⸗ 14* 2¹2 geuners Michael Barna Räköczy⸗Nota iſt s nicht mehr. Die wiſſen nur die Zigeuner, die wandernden Künſt⸗ ler Ungarns, zu ſpielen. Der Sohn hat ſie gelernt vom Vater, und der Vater wieder von ſeinem Vater, und ſo hinauf bis zu den Tagen, in welchen Michael Barna ſie zuerſt geſpielt. Denn die Zigeuner ſind die muſikaliſchen Homere Ungarns, ſie erzählen in begei⸗ ſterter Poeſie die Großthaten und die Unglücksfälle Ungarns, nur daß ſie für ihre Poeſie ſtatt der Worte nur die Töne haben. Der Zigeuner kennt alle ungari⸗ ſchen Nationalmelodien, alle Schlachtenlieder; woher ſie aber ſtammen, weiß er nicht. Er ſpielt ſie aus dem Gedächtniß und wandert mit ihnen von Ort zu Ort, und ſingt ſie den Söhnen Ungarns und mahnt ſie an die Tage, welche geweſen; und wenn er ſpielt, ſo blitzt des Magyaren Auge höher auf, er lauſcht in ern⸗ ſtem Schweigen den geliebten Melodien, und denkt an alte Zeiten! In dieſen alten Zeiten da wurden dieſe ungari⸗ ſchen Melodien freilich auf einem andern Inſtrumente aufgeſpielt, auf dem Tärogaté. Das iſt ein fußlanges Inſtrument von Holz mit einem Mundſtücke von Stroh; ſein Ton, gleich dem der Oboe, erinnert an die Menſchenſtimme, und wie die Menſchenſtimme, verſtand das Tarogaté zu klagen und zu weinen, zu 213 jauchzen und zu jammern. In alten Zeiten gab's in jedem Dorfe Zigeunerbanden, die auf dem Tärogaté den Bauern ihre„Ungariſchen“ ſpielten, und wenn's zum Aufſtand kam, ſo ſammelte ſich die Bevölkerung beim Klange des Tärogaté, und wenn's zum Kampfe ging, ſo jauchzte das Tärogaté das Schlachtenlied. So ward dies aus Aſien ſtammende Inſtrument den Ungarn die Standarte ihrer Aufſtände, und als Räköczy beſiegt, die Aufſtände für lange Zeit gedämpft waren, da eröffneten die Oeſterreicher einen Krieg ge⸗ gen das Tävogaté, das ihnen gefährlich und aufrüh⸗ reriſch erſchien, wie den Bourbonen die Marſeillaiſe. Das Tärogaté ward in die Acht erklärt; bei hoher Strafe ward's den Inſtrumentenmachern verboten ein Tärogaté anzufertigen, auf die exiſtirenden machte man wüthende Jagd, und verbrannte ſie, wo man ſie fand. So iſt das Tärogaté verſchwunden, aber die Rä⸗ köczy⸗Nota hat man nicht verbrennen können, denn ſie lebt fort in Herz und Kopf des Ungars, in dem Ge⸗ dächtniß und der Geige des Zigeuners. In den jüngſt verfloſſenen Tagen erſt, zur Zeit der Auflöſung des Reichstages von 1849, kam der Erzherzog Ferdinand von Eſte nach Klauſenburg, um den Geiſt der Sieben⸗ bürger zu prüfen. Kein rebelliſch Wort drang zu ihm 214 hin, es neigte ſich in Unterwürfigkeit vor ihm ganz Siebenbürgen. Das Wort war ſtumm,— allein die Geige ſprach. Ein ungariſcher Edelmann ſandte ſeine Zigeunerbande, vor dem Erzherzog zu ſpielen. Und horch, da klangen vor ſeinem Ohr die weh⸗ muthsvollen Klagetöne der Räköczy⸗Nota— der Erzherzog aber mocht' ſie nicht zu Ende hören, er hieß ſie ſchweigen, und ſchickte die Zigeuner fort, die es ge⸗ wagt, vor ihm der alten Tage Herrlichkeiten anzu⸗ klingen.*) IV. Die drei Boten. Friede wollte der Kaiſer Joſeph I., Friede mit Ungarn. Ein Waffenſtillſtand mit den Konföderirten war geſchloſſen worden, und ſeitdem begannen die Friedensverhandlungen in Schemnitz, wohin die Kon⸗ föderirten, wie der König ihre Bevollmächtigten ſand⸗ ten, um miteinander die Bedingungen abzuwägen. Aber es genügte dem Kaiſer und König nicht, auf ²) Gerardo I. 131, II. 213. den Schemnitzer Konferenzen nur mittelbar durch ſeine Freunde und Vertrauten mit Räkéczy zu unterhan⸗ deln, er wollte unmittelbar mit dem Fürſten ſelber Frieden machen, er wollte von ſeinem Kopf und von ſeinem Herzen den Frieden erlangen. An ihn ſelber ſandte daher der Kaiſer ſeine Boten. Zuerſt kam der engliſche Geſandte Lord Stepney nach Neuhäuſel zu Räköczy. Er meldete dem Fürſten, wie wohlgeſinnt der Kaiſer gegen ihn wäre, indem er bereit ſei, ihm davon einen Beweis zu geben Wenn Räkéczy ſich daher an den Kaiſer mit der Bitte wenden wolle, ihm ſeine Gemahlin zum Beſuch in ſein Lager zu ſen⸗ den, ſo würde er ihm dieſe Bitte nicht abſchlagen. Der Fürſt erbleichte bei dieſem Antrag, ſeine Augen glühten, ſein Herz erbebte in freudigem Schreck, und— dennoch lehnte er den Antrag ab. Er ſei im Kampfe gegen den Kaiſer begriffen, ſagte er dem Lord, und deshalb würde es ihm nicht geziemen, irgend Etwas für ſich ſelber vom Kaiſer zu erbitten. Wie ſehr ſein Herz daher auch die Gattin erſehne, ſo müſſe er unter ſolcher Bedingung dem Glück entſagen, ſie zu ſehen. Aber dem Kaiſer war daran gelegen, daß die Fürſtin zu ihm komme, denn ſie ſollte des Kaiſers Friedensbote ſein, und Joſeph zweifelte nicht, daß ihr 216 geliebter Mund den Gemahl überreden würde, die glänzenden Bedingungen anzunehmen, die er ihm bot, und wär's auch nur, um mit der geliebten Fürſtin wieder vereint zu ſein. Lord Stepney war daher beauftragt zu erklären, daß es genüge, wenn Räköczy in einem Schreiben an ſeine Gemahlin nur den Wunſch aus ſpräche, ſie zu ſehen, falls ſie vom Kaiſer die Er⸗ laubniß dazu erhielte, und daß er ſich verpflichte, die Fürſtin nach Wien zurückzuſenden, wenn der Kaiſer es begehren ſollte. Dieſen Antrag nahm Räköczy an. Er ſchrieb an ſeine Gemahlin und bat um ihren Beſuch, und als er's that, erglänzte zum erſten Male ſeit langen Monden des Fürſten Antlitz in einem Strahl der Freude. Im Juni des Jahres 1706 kam demgemäß die Fürſtin Charlotte Amalie nach Neuhäuſel zu ihrem Gemahl. Er war ihr mit einem glänzenden Gefolge entgegengegangen und im Triumph führte er die end⸗ lich wieder Gewonnene unter dem Zujauchzen der ganzen Bevölkerung in Neuhäuſel ein. Nach faſt ſechs Jahren der Trennung ſahen ſich die Gatten wieder, aber ihre Liebe war dieſelbe ge⸗ blieben, und ihre Herzen verſtanden ſich auch jetzt. „Der Kaiſer ſendet mich, um dir den Frieden anzu⸗ ⁴ 217 bieten,“ ſagte Amalie ernſt.„Nur darum hat er mir erlaubt hieher zu gehen, um dich wieder zu ſehen, mein Geliebter. Ich ſoll dir melden, daß er dir wohl will, daß er gern bereit iſt, dich glänzend zu ent⸗ ſchädigen, ſobald du nur bereit biſt, die Waffen nieder⸗ zulegen und deinen Anſprüchen auf Siebenbürgen zu entſagen. Der Kaiſer will, wenn du in dieſe Bedin⸗ gungen willigſt, dir ein ſouveraines deutſches Fürſten⸗ thum errichten, in voller Freiheit ſollſt du dort re⸗ gieren, und ich und die Kinder dürfen ungehindert bei dir ſein. Das iſt es, was der Kaiſer mir aufgetragen hat, dir zu ſagen, und weshalb er mich hieher ent⸗ laſſen hat.“ „Und was ſagſt du?“ fragte Räköczy, ihr tief in die Augen ſchauend.„Er ſandte dich, damit dein Liebes⸗ wort mich überzeuge und bezaubere.„Nun ſprich alſo, S. Bezaubere mich, damit ich thue, was du willſt.“ Sie neigte langſam ihr ſchönes Haupt.„Rälöezy thut immer nur, was er will und was er muß,“ ſagte ſie mit einem ſüßen Lächeln.„Ich habe kein Zauber⸗ wort, das ſtark genug wäre, ihn ſeinem heiligen Ziele und ſeiner Pflicht abwendig zu machen. Auch denke ich nicht, daß, als du auszogſt, Ungarn und Sieben⸗ 218 bürgen zu befreien, du dies thateſt, um dir in Deutſch⸗ land eine Fürſtenkrone zu erringen.“ „Ich denke es auch nicht!“ rief Räkéczy ihr zu⸗ nickend.„Es iſt zu viel des heiligen Blutes vergoſſen, als daß es nur umſonſt dürfte geopfert worden ſein. Das Höchſte und Heiligſte, was ich beſitze, habe ich geſchworen, dem Vaterlande hinzugeben. Ich thue es heute, denn ich gebe dich! Wir werden uns vielleicht niemals wiederſehen, Amalie, denn was ich Nie⸗ manden noch geſtanden, das geſtehe ich dir:— ich glaube nicht mehr an ein glückliches Gelingen, an einen endlichen Sieg!“ „Und dennochwillſt du weiter kämpfen?“fragte ſie entſetzt. „Ich muß es, denn meine Ehre gebietet es,“ ſagte er feierlich.„Gleichwie der Arzt, der einem unheilbaren Kranken Beiſtand leiſtet, ihn nicht aufgeben und nicht tödten darf, ſo lange er noch athmet, ſo darf auch ich mein krankes Vaterland nicht aufgeben und nicht von W iden, ſo lange es eine Spur von Leben hat. uß bei ihm bleiben, und es zu retten ſuchen, ſei's mit meinem eigenen Leben, meinem eigenen Glück!“ Die Fürſtin ſchlang in leidenſchaftlicher Bewe⸗ gung ihre beiden Arme um den Hals Räköczy's und 4 219 drückte glüheude Küſſe auf ſeinen Mund, auf ſeine Augen. 8 „Geſegneſt ſeieſt du, mein Held, mein Märtyrer!“ flüſterte ſie, unter Thränen dennoch lächelnd.„Wenn Ungarn nicht durch dich ſiegt und dich als ſeinen ret⸗ tenden Helden preiſt, wird Ungarn ewig um dich weinen, und zu dir beten, als zu ſeinem Märtyrer. Und nun genug von Politik. Wir wollen Beide unſere Pflichten treulich erfüllen. Du bleibſt in Ungarn, ich kehre nach Wien zurück, dem Kaiſer anzuzeigen, daß meine Sendung mißlungen iſt.“ „Das heißt, du kehrſt in die Gefangenſchaft zurück?“ fragte er tiefbewegt. „Das heißt, ich thue was mein Gemahl verſprochen hat,“ ſagte ſie ruhig.„Du haſt in jenem Brief an mich dich verpflichtet, mich zurückzuſenden, wenn es der Kaiſer begehrt, und er begehrt es. Im Falle, daß ich dich nicht bewegen kann, des Kaiſers Vorſchläge an⸗ zunehmen, muß ich in vier Tagen dich verlaſſen.“ „Um in's Urſulinerkloſter zurückzukehren?“ „Vielleicht. Zuerſt indeß habe ich Erlaubniß, nach Karlsbad zu gehen. Die Aerzte behaupten, ich ſei krank, ſehr krank ſogar. Und da ich leben will, recht lange leben, ſei's auch nur, um einſt vielleicht dich 220 wiederzuſehen, ſo thue ich, was die Aerzte ſagen. Ich gehe nach Karlsbad.“ „Aber du kehrſt nicht nach Wien zurück!“ rief Rä⸗ köczy lebhaft.„Ich habe mich nur verpflichtet, dich nicht bei mir zu behalten. Nun wohl, ich laſſe dich ziehen. Doch in die Gefangenſchaft ſollſt du mir nicht zurück! Du gehſt von Karlsbad nach Polen, und dort bleibſt du, bis ich, ſo Gott will, dich zu mir bitten darf.“ Und es geſchah, wie er's gewollt. Die Fürſtin, treu ihrem Wort, verließ nach wenigen Tagen ſchon Neuhäuſel. Mit thränenloſem Auge, mit ſtolzem Liebesblick nahm ſie von ihrem Helden Abſchied, und nachdem ſie dem Kaiſer das völlige Mißlingen ihrer Sendung angezeigt, begab ſie ſich nach Karlsbad. Der Kaiſer indeſſen, erzürnt über das Scheitern ſeines Planes, ließ ſie verhaften; aber es gelang der Fürſtin zu entfliehen, und, wie es Räkoczy gewünſcht, ging ſie noch volen, in treuer Liebe dort harrend, daß ihr Gemahl ſie zu ſich riefe. Der Kaiſer Joſeph aber ſandte einen zweiten Boten an Räköczy ab, Graf Wenzel von Wratislaw, der dem Fürſten ſeit langer Zeit befreundet geweſen. Alles, was die Gemahlin ihm geſagt im Namen des Kaiſers, das mußte Graf Wratislaw ihm wieder⸗ 4 221 holen. Er brachte ihm noch beſtimmter formulirte Vorſchläge mit. Der Kaiſer ließ Räkéczy durch dieſen alten, ihm unverdächtigen Freund, den Grafen Wratislaw, melden, daß es ſein feſter, heiliger Wille ſei, die Ungarn zu verſöhnen und den Aufruhr zu ſtillen, indem er ihnen alle ihre rechtlichen Forderungen be⸗ willige, die ungariſche Konſtitution anerkenne; er bitte aber, bevor er dies thue, daß der Fürſt von der Konföderation zurücktrete und ſeinen Titel„Haupt der Konföderirten“ niederlege. Dagegen, ſo bereit⸗ willig er ſei, die rechtlichen Forderungen Ungarns zu befriedigen, ſo feſt entſchloſſen ſei er, die unrechtlichen Forderungen Siebenbürgens niemals zu erfüllen, niemals werde er in die Losreißung Siebenbürgens willigen, niemals Räköczy als den ſouverainen Fürſten desſelben anerkennen. Deshalb begehrte der Kaiſer, daß er ſeine Anſprüche auf das Fürſtenthum aufgebe, dafür aber wolle er ihn entſchädigen, indem er ihm in Deutſchland die Markgrafſchaft Burgau als deutſches ſtimmfähiges Reichslehen übergäbe, und ihn im vollen, ungeſchmälerten Beſitz ſeiner ungari⸗ ſchen Erbgüter belaſſe. Dieſen Anträgen des Kaiſers fügte Graf Wra⸗ tislaw ſeine perſonlichen Bitten und Vorſtellungen hinzu, und beſchwor den Fürſten, ruhiger Vernunft Gehör zu geben, und ſich bei Zeiten noch zurückzu⸗ ziehen von einem Kampfe, deſſen Ende doch hoff⸗ nungslos ſei, und ſicherlich mit völligem Unterliegen enden werde.. Aber Räköoczy blieb unerſchütterlich.„Ich ſehe es wohl ein,“ ſagte er mit einem traurigen Lächeln,„ja, ich ſehe es wohl ein, daß die Anerbietungen des Königs mir und meiner Familie vortheilhaft wären; aber nicht für den Vortheil meines Hauſes oder meiner Familie habe ich die Waffen ergriffen, ſon⸗ dern nur für die Befreiung meines Vaterlandes, das cch ſeit meiner Geburt zu lieben gelernt habe; die Bande, die mich an dasſelbe knüpfen, ſind noch enger geworden durch die Dankbarkeit, die ich der ganzen Nation für das Vertrauen ſchulde, mit wel⸗ chem ſie mich zu ihrem Führer ernannt und mir die Leitung ihrer Angelegenheiten übergeben hat. Das Fürſtenthum Siebenbürgen habe ich weder von dem König noch von den Ständen des Landes verlangt, es hat ſich mir gewiſſermaßen aufgedrungen. Möge der König indeß feierlich erklären, daß er den mit dem Fürſten Michael Apafy geſchloſſenen Vertrag treulich erfüllen wolle, und ich bin bereit, wenn dieſer Erfüllung meine Perſon im Wege ſteht, mein Wahl⸗ 223 diplom den Ständen Siebenbürgens zurückugeben, damit ſie einen Fürſten wählen mögen, der dem Kö⸗ nige angenehmer iſt, wie ich. Aber meine Stelle als Haupt und Anführer der Konföderirten darf und kann ich nicht niederlegen, ſondern ich muß ſie be⸗ haupten und aufrechthalten, bis die Konföderirten ſelber mich von derſelben entbinden, oder bis wir gefiegt haben. Und ich hoffe auf den Sieg, denn Frank⸗ reich hat mir neuerdings ſeine Hülfe zugeſagt, und wir werden von ihm Unterſtützung an Waffen und Geld erhalten. Wäre dies aber auch nicht, müßte ich ſelbſt unterliegen, ſo bin ich doch bereit, dem Vaterlande mich ſelber zu opfern, denn mein Unterliegen würde ihm doch zum Vortheil gereichen. Oeſterreich, gewarnt von dieſem letzten erbitterten Widerſtande Ungarns, wird ſich wohl hüten, die Nation auf's Neue zur Verzweif⸗ lung aufzureizen, und wieder einen Krieg dadurch zu veranlaſſen, daß es die National ⸗Freiheiten und die Grundverfaſſung Ungarns in Zukunft angreift. Laß mich alſo thun, was meine Pflicht und mein Gewiſſen von mir fordert. Ich kann und darf nicht mehr zurück, ſo laß mich denn entſchloſſen vorwärtsgehen!“ ³) Graf Wratislaw ſchaute gerührt und voll aufrich⸗ *) Mémoires du Princs Rüksczy. patz. 100. 224 tiger Bewunderung in das edle, von kühner Entſchloſ⸗ ſenheit durchleuchtete Angeſicht des Fürſten Franz Räköczy. „Armer Freund,“ ſeufzte er traurig,„ich bewun⸗ dere dich, dein edler Patriotismus rührt meine Seele, und dennoch muß ich dich beklagen, denn du gehſt deinem Unglück entgegen. Ich werde thun was ich vermag, um es aufzuhalten und dir das Herz des Kaiſers zu gewinnen, aber ich fürchte, alle meine Pläne werden an deiner hartnäckigen Großmuth ſcheitern. Ich kehre zum Kaiſer zurück, um ihm deine Antwort zu über⸗ bringen. Höre aber meine letzte Warnung, Freund: du hoffſt auf Frankreichs Hülfe und Unterſtützung und baueſt auf ſeine Verſprechungen. Aber Frankreich iſt immer nur das Hoſpital der Fürſten geweſen, die es unglücklich gemacht hat, indem es ihnen die gemachten Verſprechungen, an welche ſie geglaubt, nicht gehalten hat. Auch du wirſt nur ihre Zahl vermehren und in Frankreich, dieſem Königshoſpitale, elend ſterben.“*) „Mag es ſo ſein!“ ſagte Raͤköczy mit ſtrahlender Ruhe,„mag es ſo ſein, ich ſchaue nicht auf meine Zukunft, ſondern nux auf meine Fflicht.“ Graf Wratislaw kehrte nach Wien zurück, und *) Mémoires du Prince Räköezy. 101. * 225 mit ſo warmem Eifer, ſo aufrichtiger Bewunderung ſprach er dort von Räköczy, vertheidigte er ſeine Rechte, daß das öſterreichiſche Kabinet ihn ſelber mit miß⸗ trauiſchem Auge betrachtete und ihn beſchuldigte, von den Aufſtändiſchen gewonnen zu ſein. Der Kaiſer aber, nicht zufrieden mit der Ant⸗ wort Raäköczy's, die ihm Graf Wratislaw gebracht, wählte ſich noch einen dritten Boten, den er an den Fürſten ſandte. Dieſer dritte Bote das war Juliana von Aſper⸗ mont, die Schweſter des Fürſten. Sie, deren Schön⸗ heit, Liebenswürdigkeit und Klugheit dem Kaiſer Be⸗ wunderung und Achtung eingeflößt, ſie, die Schweſter, ſandte Joſeph zu Räköczy, daß ſie ihn bewege, ſeiner gefährlichen Führerſchaft der Aufſtändiſchen zu ent⸗ ſagen und das deutſche Reichsfürſtenthum gegen die gefährliche ungariſche Herrſchaft einzutauſchen. Juliana, froh bewegt, den theuren Bruder endlich wiederzuſehen, eilte alſo zu ihm hin und ward von Räköczy mit zärtlichſter Freude willkommen geheißen. Gehorſam und treu dem Befehle des Kaiſers Joſeph, richtete Juliana ihre Botſchaft aus, und in zärtlicher Schweſterliebe das Schlimmſte für ihn fürchtend, be⸗ ſchwor ſie ihn, zurückzutreten von dem unglücklichen 1861. XI. Franz Rakoczy M. 15 226 Kampfe, in welchem das von ſo viel ſtreitenden Par⸗ teien zerriſſene Ungarn doch unterliegen müſſe. Franz Räkéezy drückte die beredte, zärtliche Schweſter innig an ſein Herz.„Ich will dir hier nicht antworten,“ ſagte er.„Wir wollen nach Mun⸗ tacs gehen, dort ſollſt du meine Antwort empfangen.“ Sie gingen nach Munkacs. Arm in Arm durch⸗ wandelte das Geſchwiſterpaar in tiefem Schweigen, mit Thränen in den Augen, dieſe heilige Stätte der Erinnerungen, das Paradies ihrer Jugend und ihrer Kindheit. In dem Gemach, das einſt das Wohnzimmer ihrer Mutter Helena geweſen, blieb Juliana ſtehen und ſchaute mit einem langen, innigen Blick dem Bruder in das bleiche Angeſicht. „Jetzt, mein Franz, jetzt laß mich deine Antwort hören,“ ſagte ſie. Er ſchüttelte langſam ſein Haupt.„Nein, Juliana, nicht hier! Komm weiter, meine Schweſter!“ Und weiter führte er ſie, hoch hinauf auf den Thurm, von welchem man den Rundblick hatte weit hinaus über das Ungarland. „Juliana,“ ſagte er, ſanft die Hand auf die Schulter ſeiner Schweſter legend,„Juliana, erinnerſt du dich noch des Tages, da ich aus Prag zu dir nach 227 Wien kam? Du brachteſt mir die letzten Grüße unſerer Mutter, und ihre Mahnung, daß ich des Schwures gedenken möchte, den ich ihr einſt geleiſtet auf dem Thurme von Munkacs. Du fragteſt mich, ob ich mich jenes Schwures noch erinnere? Du fragteſt das, und ſahſt nicht, daß der Kardinal Kolonics gegenwärtig war. Ich aber ſah es, und weil ich damals Brutus hieß, gab ich die ſchlimme und grauſame Antwort und verleugnete die edle Mutter. Jetzt aber, meine Juliana, jetzt will ich deine Frage beantworten. Ja, ich entfinne mich des Schwures, den ich damals beim Scheiden von Munkaes unſerer Mutter, der edlen, hochherzigen Patriotin geleiſtet habe. Hier wars, hier auf derſelben Stelle, wo wir uns jetzt befinden, ſtand ich mit ihr. Mit Schmerzensthränen ſchaute ſie hinab auf das geliebte Vaterland, das ſie jetzt miſſen ſollte, und dann forderte ſie, daß ich ihr ſchwö⸗ ren ſollte, eingedenk zu bleiben dieſer Stunde, die Schmach, die ſie erlitten, einſt zu ſühnen, das Un⸗ glück Ungarns zu rächen an den Habsburgern, und das Vaterland frei zu machen von der Gewaltherrſchaft. Ich ſchwur es unſerer Mutter, ſchwur, mein Leben dem Dienſte des Vaterlandes zu weihen. Juliana, nun antworte du? Kann ich die Anträge des Kaiſers annehmen? Soll ich Ungarn verlaſſen, ein deutſcher 15* 228 Fürſt werden, und in Frieden leben, während Ungarn ſich verblutet? Juliana, wenn dich der Kaiſer fragt nach dem Erfolg deiner Sendung, was willſt du antworten?“ Juliana ſank auf ihre Kniee nieder und küßte die Stelle, wo einſt ihre Mutter geſtanden.„Fürſt Franz Räköczy,“ ſagte ſie dann feierlich,„ich werde dem Kaiſer fagen, daß der Letzte der Räkoczy dem Vater⸗ lande treu, mit ihm leben und mit ihm ſterben will. Ich werde ihm ſagen, daß das Vaterland das Schild iſt, welches unſere Mutter Helena Zrinyi dir mitge⸗ geben in den Kampf des Lebens, und daß du nur mit ihm, oder auf ihm heimkehren darfſt zu deinen Vä⸗ tern. Gott ſchütze dich, mein Bruder, er ſchütze dich und Ungarn, und über Euch Beiden ſchwebe der Segen unſerer Mutter!“ Und Juliana kehrte heim nach Wien, um dem Kaiſer zu melden, daß der Entſchluß ihres Bruders unwiderruflich ſei, daß kein perſönlicher Vortheil ihn von demſelben abwendig machen könnte, ſondern daß er nur die Waffen ſtrecken wolle, wenn die zu Schem⸗ nitz und Tyrnau begonnenen Konferenzen zu einem glücklichen Ende führten, wenn auf denſelben die Forderungen der Konföderirten bewilligt und Ungarn ſeine alten Freiheiten und Rechte wi dergegeben würden. 229 Indeß, die Tyrnauer Konferenzen gingen zu Ende, ohne das gewünſchte Reſultat zu erzielen, und damit war's entſchieden, war der Waffenſtillſtand beendigt und der Krieg begann auf's Neue! XV. Die Entſagung. „Gott ſchütze mich vor meinen Freunden! Vor meinen Feinden will ich mich ſchon ſelber ſchützen!“ rief einſt Friedrich der Große, und ſo hätte auch Franz Räköczy rufen mögen. Nicht die Feinde waren es, die ihm die größten Schwierigkeiten bereiteten, ſondern die Freunde, die Unterfeldherren und Generäle, die unter ſich in ewigem Zwieſpalt, voll neidiſcher Eifer⸗ ſucht, voll kühnem Wetteifer oft eigenmächtig der Be⸗ fehle des Fürſten nicht achtend, ſelbſtſtändig handelten und dadurch die Pläne des Fürſten zerſtörten und ihre Wirkung aufhoben. Die Generäle Forgacs und Bereſenhi, es waren die beiden ſchlimmen Freunde, die in eifervollem, ehr⸗ geizigem Streben das Unheil Freiführtet das Ra⸗ köczy abzuwenden trachtete. 230 Durch Forgacs's Nichtbefolgen der Befehle, die er von dem Fürſten und Kriegsfeldherrn Raköczy erhal⸗ ten, ging die vom Fürſten ſelber eroberte Feſtung Gran wieder verloren; durch Bereſényi's ſtürmiſches Drän⸗ gen ward Vieles überſtürzt, was langſam hätte reifen müſſen, und was nun obfiel und zur faulen Frucht ward. Räköczy erkannte es wohl, welche ſchlimme Dienſte ihm die Freunde leiſteten, aber ſein milder Sinn ver⸗ ſchmähte jede harte Strafe; ſtatt Forgaes vor ein Kriegsgericht zu ſtellen, und durch ſo ernſtes Beiſpiel die andern trotzigen und eigenmächtigen Offiziere ſei⸗ nes Heeres zu ſchrecken, ließ Räkéczy ihn, weil er wußte, daß das Kriegsgericht den ungehorſamen und widerſpänſtigen General Forgacs zum Tode verur⸗ theilen würde, nur in feſten Gewahrſam auf das alte Schloß Zips bringen, wo er bis zu Ende des Krieges gefangen blieb. Statt Bereſényi, der durch Stolz, Hochmuth und wilden Zorn die Getreueſten und Edelſten empörte und ſie der Sache Räköczy's abwendig machte, mit ernſtem Wort zu bändigen, ließ er ihn nur zu oft ge⸗ währen, und ſuchte nur gut zu machen, was Jener verſchuldet. Aber ſchwerer iſt das Gutmachen, als das Ver⸗ 231 ſchulden, und nur zu oft ward das trotzige, übermüthige und autokratiſche Benehmen des Grafen Bereſényi auch als der Ausfluß der Geſinnung Räköczy's be⸗ trachtet. Das ſchwächte die Liebe, die das Volk zu ihm gehegt, das untergrub das Vertrauen der Magnaten, vund das war die Schuld, daß es ſeinen Feinden gelang, gar Viele glauben zu machen, es ſtrebe Räköczy nach unumſchränkter Gewalt, und ſobald er es vermöge, werde er die Landesgeſetze ſelbſt vernichten. Doch noch war dies Mißtrauen erſt im Entſtehen, und das Jahr 1707 brachte dem Fürſten zwei hohe Triumphe, zwei Ehrentage. Noch einmal ernannte ihn Siebenbürgen zu ſeinem Fürſten, erklärte jenen frühern Widerruf für einen erzwungenen und ließ durch ſeine Deputirten den Fürſten anflehen nach Siebenbür⸗ gen zu kommen, und den Huldigungseid der Stände zu empfangen. Räköczy that es, und im Mai des Jahres 1707 ward er öffentlich im feierlichen Pomp zum Fürſten von Siebenbürgen erwählt, ſchwuren ihm die Stände Treue und Gehorſam. Dann kehrte er zurück nach Ungarn, und eilte nach Onod, wo die ungariſchen Stände ſich verſammelt hat⸗ ten, und no am neunten Juni die Stände feierlich au ewige Zeitin Ungarn unabhängig erklärten von de⸗ öſterreichiſchen Herrſchaft, den Kaiſer Joſeph als König 232 entſetzten, den Thron für erledigt und Ungarn für eine freie Nation erklärten. Der zweite Ehrentag des Jahres 1707 war der zehnte Auguſt, an welchem Tage beim Fürſten Franz Räköczy eine Geſandtſchaft des ruſſiſchen Czaaren Peter des Großen eintraf. Die Angelegenheiten Po⸗ lens waren jetzt abermals in ein neues Stadium ein⸗ getreten, und ſtatt des einen Königs, der ihm man⸗ gelte, hatte es deren zwei. Es hatte den König Auguſt von Sachſen und den König Stanislaw Lesczinski, die Beide um die Herrſchaft Polens ſtritten und mit den Parteien kämpften. Bisher war es indeſſen der große Jzaar geweſen, der den König Auguſt ſchützte und für ſeine Herrſchaft gegen Kark den Zwölften gekämpft hatte. Aber da Räköczy die ihm vom Schwedenkönig angebotene Krone zurückgewieſen, hatte Karl ſtatt ſei⸗ ner den Grafen Stanislaw Lesczinski zum König von Polen erwählt. Faſt alle europäiſchen Mächte hatten ihn als ſol⸗ chen anerkannt, nur Rußland nicht; doch mochte der Czaar für den ſchwachen König Auguſt, den Karl der Zwölfte gezwungen der Krone zu entſagen, nicht weiter kämpfen, und dem König Stanislaw besczinski wollte er einen König nach ſeiner Wahl entgcenſtellen 4) % 233 Und dieſer König nach ſeiner Wahl, das war Franz Räkéczy II. Wunderbares Schickſal, das dem ungariſchen Für⸗ ſten zum zweiten Mal dieſelbe Krone bot, das die bei⸗ den größten Fürſten ihrer Zeit, die ſich feindlich gegen⸗ überſtanden, doch in Einem Wollen und Einem Ge⸗ danken übereinſtimmen ließ,— in der Achtung und Hochſchätzung, die ſie dem Fürſten zollten. Am eilften Auguſt 1707 ward zu Lublin in Gegen⸗ wart Czaar Peters von den dort verſammelten pol⸗ niſchen Ständen der Fürſt Franz Räköczy zum König von Polen erwählt, und ſofort ſandte der Czaar eine Geſandtſchaft an den Fürſten, um ihm die Wahl⸗Ent⸗ ſcheidung zu melden, ihm zu ſagen, daß er ihm als dem Würdigſten die Krone von Polen übergebe, und ihn mit aller Macht auf ſeinem neuen Thron ſchützen werde. Zugleich lud der Czaar ihn ein, ſofort nach Polen aufzubrechen, wo er ihn erwarte, um ſelber ſeiner Krönung beizuwohnen. Zum zweiten Male bot das Schickſal dem Fürſten eine Krone, um ihn zu erretten vor künftiger Tage Un⸗ heil, um ihn zu erlöſen aus den Wirren und Drang⸗ ſalen, die ihn in Ungarn von allen Seiten beſtürmten. Und zum zweiten Male ſchlug der Fürſt Räköczy die dargebotene Krone aus! Und dennoch war er ſich klar bewußt, daß dieſe Krone ihn erretten und erlöſen könne, dennoch ahnte er, daß der Stern ſeines Glückes für immer erloſchen ſei. Mitten in ſeinem Triumph in Siebenbürgen hatte er doch ſchmerzliche Erfahrungen gemacht, hatte er erkennen müſſen, daß man ihm mißtraute, und ſeine Loyalität bezweifelte. In Onod dann waren ſchmerz⸗ lich⸗traurige Szenen vorgefallen, die auch hier klar bewieſen, daß man ihm mißtraue, und die den Fürſten ſo ſehr in Verzweiflung gebracht, daß er die Stände⸗ verſammlung verlaſſen wollte, und ſeine Freunde ihn faſt mit Gewalt zurückhalten mußten. Nach der Un⸗ abhängigkeits⸗Erklärung in Onod hatten viele Mag⸗ naten ihren Antheil an jener Erklärung verweigert, waren von Räkoczy abgefallen und hatten ſich den Kaiſerlichen angeſchloſſen. Er war umgeben von rohen, zuchtloſen Haufen, und er hatte außerhalb keine Freunde, keine Unterſtützung; Frankreich allein hatte Räköczy ſeine Hülfe zugeſagt, aber jetzt, da Eugen und Marl⸗ borough ihn durch glänzende Siege gedemüthigt hatten. jetzt hatte Ludwig XIV. für Ungarn nur leere Ver⸗ ſprechungen, aber kein Geld, keine Soldaten! Das Alles wußte und erkannte Franz Räköczy Er fühlte, daß er die ſchwere Laſt des Krieges nicht lange mehr werde ertragen können. Seine Feinde ſam⸗ 4 235 melten immer wieder neue Kräfte, während Raköczy's Niederlagen, ja ſelbſt ſeine Siege, ſeine Kräfte nur erſchöpften. Seine mehr muthvollen, als geſchickten Feldherren verſtanden nur zu fechten und zu ſterben, aber nicht zu ſiegen, ſeine Schaaren waren zahlreich und vom beſten Wollen beſeelt, aber ſie waren undis⸗ ziplinirte rohe Haufen, und oft mitten im entſchei⸗ denden Gefecht befolgten ſie nicht die Befehle ihrer Offiziere, überließen ſich zügelloſer Plünderung, oder ſie warfen, des Fechtens müde, ihre Waffen weg, um in die Heimat zurückzukehren. Seine Offiziere aber waren zum größten Theil franzöſiſche Abenteurer, die auf irgend eine Weiſe ſich in Frankreich Dienſtzeug⸗ niſſe von Offizieren verſchafft hatten, und denen man, geſtützt auf dieſe Zeugniſſe, in der Räköczy'ſchen Ar⸗ mee Offiziersſtellen verlieh, während es ſich nachher gar oft erw es, daß dieſe Leute nur die Bedienten von franzöſiſchen Offizieren geweſen, und dieſen ihre Pa⸗ tente geſtohlen hatten. Es war natürlich, daß eine aus ſo verſchieden⸗ artigen Elementen zuſammengeſetzte Armee auf die Länge nicht im Stande war, ſich gegen die ſtarke, wohl⸗ disziplinirte, ſich immer wieder ergänzende Armee des öſterreichiſchen Kaiſers zu halten. Zudem begannen die ungariſchen Magnaten des Krieges müde zu werden, oder die Hoffnung auf den glücklichen Ausgang des⸗ ſelben zu verlieren, und nachdem die Konföderirten im Auguſt des Jahres 1708 die große Schlacht bei Treneſin gegen den öſterreichiſchen General Heiſter verloren hatten, brach vielen der Kriegesführer der Muth, verließen viele ſeiner Generäle mit ihren Sol⸗ daten das Heerlager Räkéczy's, unterwarfen ſich dem König und nahmen die, im Fall der Unterwerfung bis zu einem beſtimmten Tage verheißene Gnade an. Die größte Zahl der Bergſtädte wurde entweder von den Oeſterreichern eingenommen, oder ſie unterwarfen ſich freiwillig. Das Glück der öſterreichiſchen Feld⸗ herren ſtieg mit jedem Tage, und mit jedem Tage ver⸗ ringerte ſich die Zahl Derer, die zu Räköczy's Fahnen hielten. Am zweiundzwanzigſten Januar 1710 endlich fand die große Schlacht bei Romhäny ſtatt, in welcher der General von Sickingen einen vollſtändigen Sieg er⸗ rang über Räkéczy und Bereſényi, einen Sieg, der für Räkéezy um ſo ſchmerzlicher war, als ihn die Oeſterreicher nur der Unzuverläſſigkeit und der Raub⸗ ſucht ſeiner eigenen Truppen verdankten. Dennanfangs hatte das Glück der Waffen ſich für Räköczy entſchie⸗ den, er war der Sieger geweſen, aber ſeine Schaaren, ſtatt weiter den Befehlen ihrer Heerführer zu gehor⸗ 237 chen und den Sieg zu verfolgen, hatten nur ihrer Raubgier und Beuteluſt ſich hingegeben, und der ſich wieder ſammelnde und rückkehrende Feind hatte die aufgelöſten wilden Schaaren geworfen und zerſtreut. Die Niederlage von Romhäny entſchied das Schick⸗ ſal Ungarns und des Fürſten Räköczy; ſie machte den Kaiſer Joſeph l. wieder zum Herrn und König von Ungarn. Dazu kam, daß eine Bannbulle des Papſtes Klemens XI. alle Konföderirten, die nicht ſofort die Waffen niederlegten und ſich ihrem Könige unterwürfen, in die Acht erklärte, und daß die Katho⸗ liken ſchaarenweiſe in Folge dieſer Bannbulle von Ra⸗ köczy abfielen. Räköczy konnte und durfte es ſich nicht mehr ver⸗ hehlen, daß Alles verloren ſei, daß es nun nur noch ſeine letzte, heiligſte Aufgabe ſein könne, aus dem Ruin ſeines Glückes für Ungarn ſo viel Sicherheit und Ehre, als irgend möglich, zu erretten. Und das war und blieb fortan ſein einziges Be⸗ ſtreben, darauf richtete er fortan ſein einziges Augen⸗ merk. Daß er perſönlich unterging, daran lag ihm wenig, nur für Ungarn wollte er retten, was noch zu retten war. Kaiſer Joſeph war weiſe und großmüthig genug, ſeine Siege nur mit Mäßigung zu benutzen, und ſtatt 238 die Unterworfenen zu ſtrafen, lieber den Verſuch zu machen, ſie zu verſöhnen. Er ſandte daher nicht einen ſtrengen, unerbittlichen, rachſüchtigen General, ſon⸗ dern einen General, der zugleich ein weiſer, gemäßigter, kluger Staatsmann war, den Grafen Johann Palffy nach Ungarn, um mit den Konföderirten ſowohl, als auch perſönlich mit ihrem Führer, dem Fürſten Franz Räköczy, zu unterhandeln, und den Frieden und die Verſöhnung zwiſchen ihnen und dem König zu vermit⸗ teln. Alles ſollte Palffy den Konföderirten gewähren, war des Kaiſers Befehl, nur zwei Dinge ausgenom⸗ men; erſtens, die Erbfolge des Hauſes Habsburg an⸗ zutaſten oder umzuſtoßen; und zweitens, die berüch⸗ tigte Klauſel in der Bulle Andreas II. wieder in Kraft treten zu laſſen, nach welcher jeder Magyar berechtigt war, ſich gegen den König zu empören, wenn dieſer die Geſetze und Freiheiten Ungarns verletze. An den erſten und bedeutendſten Führer der Kon⸗ föderirten nach Raäköczy, an den Grafen Alexander Karoly, wandte ſich der Graf Palffy, kündigte ſich dieſem als Vermittler zwiſchen der ungariſchen Nation und dem König an, und wünſchte, daß Karoly es übernehme, zuerſt von dem Fürſten Räköczy einen Waffenſtillſtand, dann eine perſönliche Zuſammenkunft zu erlangen. 4 239 Räköczy willigte in Beides, und im Dorfe Vaja fand am dreißigſten Januar 1711 dieſe Zuſammen⸗ kunft zwiſchen Räköczy und Palffh ſtatt. Sie war für Ungarn, wie für das perſönliche Schickſal des Fürſten entſcheidend! Nicht Räköczy's Muth, aber ſeine Hoffnung auf irgend eine ſiegreiche Zukunft war gebrochen,— er unterwarf ſich ſelber, um Ungarn zu retten! Palffy ſagte ihm, wie gern bereit der Kaiſer ſei, zu verſöhnen und auszugleichen, wie aufrichtig es ſein Wille ſei, nicht blos Begnadigung zu gewähren, ſondern auch alle billigen und gerechten Forderungen der Ungarn zu bewilligen, und den Aufſtändiſchen ihre Güter, Ehren und Titel zu bélaſſen. Nur müſſe Räköczy zuerſt allen ſeinen Anſprüchen auf Sieben⸗ bürgen entſagen, und dem König in einem eigenhän⸗ di ſen Schreiben ſeine Unterwerfung anzeigen. Räköczy, in edler Großmuth ſich ſelber hingebend, war bereit, dies Opfer darzubringen. Er erklärte ſich willig, den Brief an den König zu ſchreiben, und ihn dann dem Urtheil Palffy's zu übergeben, bevor er ab⸗ geſandt werde, aber für alle andern Unterhandlungen forderte er, daß er über dieſelben erſt mit ſeinem Staatsrath und den konföderirten Ständen ſich beſpre⸗ chen müſſe, was von Karoly ihm auch gewährt ward. 240 Zuerſt nun ſchrieb Räköczy ſeinen Brief an den Kaiſer,— er ſchrieb ihn mit ruhigem, gefaßtem Sinn, aber mit dem Blute ſeines Herzens,— er ſchrieb ihn mit Demuth und Ergebung, aber doch mitedler, ſelbſt⸗ bewußter Würde. Daher kam's, daß dieſer Brief dem Grafen Palffy nicht gefiel. Er fand, daß darin zu wenig die demuths⸗ volle Stylform, mit der ein Unterthan an ſeinen Kai⸗ ſer zu ſchreiben habe, beobachtet ſei, daß das Schreiben überhaupt auf demüthigere Weiſe die bedingungsloſe Unterwerfung Räkéczy's ausſprechen, und daß der Fürſt reumüthig ſich als Rebell um die Gnade des Kö⸗ nigs bewerben müſſe. Auch ſei es ungeziemend, daß Räköczy die Bedingung geſtellt, es ſollten den Konfö⸗ derirten die Wiedereinſetzung in ihre Güter und Wür⸗ den zugeſichert werden. Das müſſe der Gnade des Kai⸗ ſers überlaſſen bleiben. Räköczy erklärte ſich ſogleich bereit, zu ändern was er in der Stylform gefehlt, dagegen lehnte er es ganz entſchieden ab, ſich ſelber als einen reumüthigen Re⸗ bellen darzuſtellen, und zu verzichten auf die Wieder⸗ einſetzung der Konföderirten in ihre Würden und Güter. „Der beherzte, rechtſchaffene Mann,“ ſagte er zu Palffy,„der beherzte, rechtſchaffene Mann muß ſeine Seele Gott, ſein Blut und Leben ſeinem Vaterland, ⁴ 241 ſeine Ehre ſich ſetber vorbehalten Ich kann mich da⸗ her nicht für einen Rebellen erkennen. Wenn das Mi⸗ niſterium die gewaltſame Verletzung der Rechtsgeſetze ſowohl in meiner Verhaftung und Verurtheilung, als wie in allen Beſchwerden Ungarns nicht anerkennen will, ſo gibt es damit neuen Zweifeln Raum über die Aufrichtigkeit ſeiner Friedensabſicht. Ich bitte, daß der Ungar Palffy dem Feldmarſchall Palffh die Frage beantworte, ob ich und die Meinigen Grund zur Ergreifung der Waffen gehabt? Ich habe auf die Wiedereinſetzung ſämmtlicher Konföderirten angetra⸗ gen, weil ich meine Kriegsgefährten nicht Preis geben und die Waffen nicht niederlegen kann, wenn diejeni⸗ gen nicht geſichert ſind, an die ich durch gegenſeitigen Eid gebunden bin. Deshalb kann ich wohl die Styl⸗ form, aber nicht den Geiſt meines Briefes ändern.“) Und Palffy, voll Hochachtung und Bewunderung für den edlen Fürſten, übernahm es, das Schreiben des Fürſten, ſo wie es war, dem Kaiſer zu überſenden. Sodann berief Räköczy die ungariſchen, wie die ſiebenbürgiſchen Senatoren nach Salänk in Ungarn um ihnen die Friedensanträge mitzutheilen. Zwei Fragen legte er ihnen vor. Die erſte war: ob man ſich überhaupt mit dem Kaiſer in Unterhand⸗ Femoires du Prince F. Prinoe. 1861. AII. Franz Rokoezy n 16 242 lungen einlaſſeu wolle, und ob man bereit ſei einige von den großen, im Tyrnauer Frieden bewilligten Frei⸗ heiten dem Wohl des Vaterlandes zu opfern. Die Stände erklärten, daß manunterhandeln müſſe, aber in ohnmächtigem Trotze fügten ſie hinzu, keine der Tyrnauer Bedingungen dürfe geſtrichen werden. Die zweite Frage war: ob Räköczy die Waffen⸗ ruhe aufgeben und ſich in die Munkacſer Felſenburg einſchließen, oder ob er nach Polen gehen, und dort das Ende der Unterhandlungen erwarten ſolle. Die Stände entſchieden für das Letztere. Das war's, was Räköczy erwartet hatte, und was er ſel⸗ ber jetzt nur noch begehrte, da er verzweiflungsvollen Herzens ſich bekennen mußte, daß Alles verloren ſei, daß für ihn ſelbſt nur noch die Ehre, für Ungarn aber Vieles noch zu retten ſei, wenn er ſeine eigene Perſon ganz außer Gemeinſchaft mit den Konföderirten ſtelle, und dieſen ganz allein die Unterhandlungen überließe. So unterwarf Räköczy hochherzig und edel ſein eigenes Geſchick dem Wohl des Vaterlandes, und ent⸗ ſagte ſeinen Hoffnungen, ſeinen Rechten und ſeinem Vaterlande. Er übergab Karoly den Oberbefehl über ſein Heer, und die Vollmacht den Frieden abzuſchlie⸗ ßen, die geliebte Burg Munkacs aber ſeinem Reichs⸗ kanzler Stephan Senyey. ⁴ „ 243 Und von weuigen Freunden und Anhängern nur begleitet, denn die feierliche Begleitung der Stände hatte er ſich verbeten, verließ Fürſt Franz Räköczy Ungarn und ging nach Polen, um dort in ſtiller, trauervoller Zurückgezogenheit auszuruhen von ſeinen Kämpfen und Enttäuſchungen. Aber, obwohl ſein Unternehmen nicht von Sieg und Erfolg gekrönt war, ſo war es doch auch kein ver⸗ gebliches geweſen. Es gab den Ungarn doch einige ihrer alten Rechte wieder, und ſicherte ihnen, was nach fünfzigjährigen, bis dahin immer grauſam und blutig gerächten Aufſtänden ſchon als ein glückliches Reſul⸗ tat erſchien, ſicherte den Theilnehmern aller bis hie⸗ her ſtattgehabten Aufſtände vollkommene Strafloſig⸗ keit und Amneſtie. Am ſiebenten April 1711 wurden die Friedens⸗ bedingungen von den Konföderirten einſtimmig ange⸗ nommen. Dieſe Friedensbeſtimmungen ſicherten den Konföderirten vollkommene Amneſtie, den ungeſchmä⸗ lerten Beſitz ihrer Güter, Titel und Würden, wenn ſie ſofort alle noch beſetzten feſten Plätze den kaiſer⸗ lichen Truppen überlieferten, die Waffen niederlegten, und dem Kaiſer den Huldigungseid leiſteten. Bei Szathmär am dreißigſten April 1711 leiſteten die Konfoderirten mit feierlichem Gepränge ſodann 16 5 244 den Huldigungseid. Dorthin kam der Feldmarſchall Palffh mit zahlreichen Reiterhaufen. Ihm gegenüber ſtand Karolh mit fünfzehntauſend Mann in Schlacht⸗ ordnung aufgereiht, mit einhundert und neunundvier⸗ zig Fahnen. Dort wurden die Friedensbedingungen in urkundlicher Ausfertigung von Karl Locher vorge⸗ tragen und von den Konföderirten feierlich angenom⸗ men. Die Feldherren, Hauptleute und Mannſchaften ſchwuren dem König Joſeph den vorgeſchriebenen Eid der Treue, ſenkten die Fahnen zur Erde, legten die Waffen, Heerpauken und übrigen Kriegsſachen auf einen Haufen. Sodann begann die in vollem Ornat vor dem ho⸗ hen Altar in der Mitte des Feldes aufgeſtellte Geiſt⸗ lichkeit das Tedeum zu ſingen, mit ſchmetternden Tö⸗ nen fielen die Poſaunen ein, und dumpfen Tones ſangen die am Boden knieenden Konföderirten mit dies Tedeum, welches Gott pries, daß er die Ruhe wieder hergeſtellt, und die Macht des Königs Joſeph1. in Ungarn wieder aufgerichtet hatte. 245 XVI. Das Teſtament. Das Opfer war vollbracht! Der Friede von Szathmär hatte das Denkmal geſetzt auf dieſes Opfer eines großen und edlen Herzens! Der Friede von Szathmär hatte Ungarn ſchmerzvoll düſtere Ruhe wie dergegeben, er hatte den Fürſten Franz Räkéczy hin⸗ ausgetrieben in die Fremde! Freilich wohl ſicherten die Friedensbedingungen auch dem Fürſten Franz Räköczy ſeinen ungeſtörten Genuß und Beſitz ſeiner Güter zu, und völliges Ver⸗ geſſen des Geſchehenen. Aber es war die Bedingung hinzugefügt, daß er in Friſt von drei Wochen nach Un garnzurückkehre, die Friedensbedingungen unterzeichne, dem König den Eid der Treue ſchwöre, und in alle ſeine Schlöſſer und Burgen deutſche Beſatzungen auf des Königs Koſten aufnehme. Vielleicht hätte Räköczy ſich dieſen Bedingungen gefügt, dem Schickſal ſich unterworfen, und dem Kai⸗ ſer Joſeph, an deſſen aufrichtige und großmüthige Ge⸗ ſinnung für Ungarn er glaubte, den Eid der Treue ge⸗ leiſtet. Aber bevor noch die Friſt abgelaufen war, ſtarb 246 der edle Kaiſer Joſeph der kühne Feind und Widerſacher der Jeſuiten, ganz plötzlich— an den Pocken, und da ſein Bruder Karl, ſein Erbe und Nachfolger, ſich zur Zeit noch in Spanien befand, übernahm die Kaiſerin⸗ Mutter Eleonora bis zu ſeiner Ankunft die Regent⸗ ſchaft. Sie war eine bigotte Katholikin, eine eifrige Freundin der Jeſuiten, und man wußte, daß das letzte harte Verfahren und der unverſöhnliche Haß des Kai⸗ ſers Leopold gegen Ungarn dem Einfluß ſeiner bigot⸗ ten Gemahlin Eleonora allein zuzuſchreiben geweſen. Von der Kaiſerin Eleonora durfte Raköczy nicht erwarten, daß ſie die großmüthigen Bedingungen des verſtorbenen Kaiſers halten und erfüllen werde. Er kannte ihren den Ungarn feindlichen, ſtolzen und un⸗ großmüthigen Sinn, er wußte, daß ſie ihm perſönlich abgeneigt war, und den Eid der Treue, den er viel⸗ leicht dem Kaiſer Joſeph geleiſtet, den wollte und konnte er ſeinem Nachfolger und deſſen herrſchſüchtigen Mut⸗ ter nicht leiſten. Er unterwarf ſich alſo ſeinem harten Geſchick und verbannte ſich für immer aus dem Vaterlande. Einige getreue Freunde, der Graf Mikés, Niklas Zubrik, Abt Radaͤlovies, Franz Kajdacsy, Georg Koväcs, Louis Molitard und Louis Bechir folgten ihm nach Polen, und begleiteten ihn, nachdem der Fürſt dort, um ſich ¹4 247 mit Geldmitteln zu verſehen, einige ihm zugehörige Grundſtücke verkauft hatte, nach Paris. Aber der Stern des Fürſten Räköczy war erbli⸗ chen, und er ſollte nie mehr unter den Wolken, die ihn verhüllten, hervorglänzen. Er brachte nach Frankreich nichts mit als ſeinen Ruhm und ſeine Ehre, ſeine Gü⸗ ter waren von Oeſterreich konfiszirt, ſein bewegliches Eigenthum war von dem Kriege aufgezehrt, er hatte Alles hingegeben für das Vaterland, und das Vater⸗ land konnte ihm dafür jetzt nur noch geheime Thränen geben! Aber der Fürſt, ergeben, und ſtolz zugleich, beklagte ſich nicht, murrte nicht gegen die Menſchen, die ihn verlaſſen, gegen das Schickſal, das ihn gebeugt, er hatte ſich ſelbſt zum Opfer dargebracht, und er wollte es nun klagelos, groß und ſtill auch zu Ende führen. Das edle, hochherzige und beſcheidene Weſen aber, mit welchem der Fürſt ſich darſtellte, gewann ihm die Achtung und die Zuneigung der Franzoſen, ſogar des ſtolzen und unnahbaren Königs Ludwig XIV. und der heuchleriſchen und herrſchſüchtigen Marquiſe Main⸗ tenon. Der König, in dankbarer Anerkennung, wie nützlich ihm bei ſeinem eigenen Krieg mit Oeſterreich die Erhebung der Ungarn geweſen, der König gewährte daher freiwillig dem Fürſten eine Penſion von ſechs⸗ 248 tauſend Livres, und außerdem zahlte er ihm die Sub⸗ ſidien von jährlich hunderttauſend Livres, welche er ihm während des ungariſchen Krieges für Lebenszeit verſchrieben hatte, weiter fort. Dieſen bedeutenden Summen fügte der König jetzt noch einen jährlichen Zuſchuß von vierzigtauſend Livres für den Unterhalt ſeines Hauſes und Gefolges hinzu. Der Fürſt Franz Räköczy war durch dieſe Groß⸗ muth König Ludwigs nun freilich gegen äußere Noth und Bedrängniß geſchützt, aber war das ein Troſt gegen die innere Noth und Bedrängniß? ein Troſt für die Enttäuſchungen und Entſagungen, für die zer⸗ trümmerten Hoffnungen ſeines vereinſamten, klang⸗ loſen Lebens? Vereinſamt! der edle Held und Märtyrer von Ungarn vereinſamt! Und wo war ſie, die Geliebte ſeines Herzens, die Gemahlin, die ihm ewige Liebe und Treue geſchworen? Einen Trauerſchleier über ihre einſt ſo ſchöne und edle Geſtalt! Einen Trauerſchleier über die Erinne⸗ rung an ſie! Ihr Vater rief ſie zu ſich— und ſie ging! Wehe den armen verzagten Herzen, welche das Unglück nur beugt und niederdrückt, nicht ſie ſtählt und aufrichtet! Gramvoll und gebengt, hatte Charlotte Amalie nicht die Kraft, dem gebieteriſchen Willen ihres 4 249 Vaters zu widerſtehen,— ſie ſolgte ſeinem Ruf und kehrte zu ihm zurück. Aber der Gram ging doch mit ihr, und im Jahre 1722 brachte er ihr frühen, ein⸗ ſamen Tod. Und wo waren ſeine beiden Kinder, ſeine Söhne Georg und Joſeph Räköczy? Die Söhne gehören doch zum Vater, und keine irdiſche Gewalt darf ſie dem Vater entziehen, wenn er ſie zu ſich ruft. Wo waren ſie alſo, die Söhne des Fürſten Franz Räköczy? Sie waren in Wien unter der Vormundſchaft des Kaiſers und der Kaiſerin⸗Mutter, und dort erzog man die Söhne Räköezy's zu deutſchen Edelleuten, in denen die Traditionen ihres Hauſes erlöſchen ſollten. Eine Freude war in ſpätern Tagen dem Helden und Dulder Franz Räköczy noch vorbehalten: ſein Sohn Joſeph Räkoczy kam zu ihm in ſein Exil nach Beßarabien. Aber auch dieſe Freude hatte ihren Schmerz neben ſich— der Sohn, den er endlich ſehen und um⸗ armen konnte, er verſtand kein Wort von der Sprache ſeines Vaterlandes, kein Wort ungariſch! Einſam, nur umgeben von ſeinen wenigen treuen Freunden, lebte Räkéczy ſechs Jahre in Paris, und viele Schmerzen und Enttäuſchungen ſollte er auch hier noch erleben. König Ludwig XIV. ſtarb, und es kamen die Tage der Regentſchaft, die Tage der Finanz⸗ 250 ſpekulationen und der berüchtigten Miſſiſfippi⸗Papiere. Jeder war vom Wahnſinn des Spekulirens befallen, Je⸗ der wollte in der Rue Quinquampois in einer Stunde reich werden, und der Regent, um Law's Syſtem im⸗ mer mehr in Aufnahme zu bringen, der Regent befahl, daß alle Diejenigen, welche von dem Staate Penſionen erhöben, ſie in Miſſiſſippi⸗Papieren umſetzen ſollten. Auch Räköczy mußte ſich dieſem Befehl fügen, und als bald darauf dieſe Papiere werthlos wurden und Law entfloh, verlor der Fürſt einen großen Theil ſeiner Rente, da er es nicht erlangen konnte, die Miſſiſſippi⸗ Aktien wieder in andere Form umgeſchrieben zu ſehen. Auch ein anderer empfindlicher Verluſt ward ihm zur ſelben Zeit, und dieſer war um ſo ſchmerzlicher, da er ihn nicht nur einer bedeutenden Summe Gel⸗ des, ſondern auch eines Freundes beraubte, dem er vertraut hatte und der an ihm zum Verräther ward. Ein Theil der ihm vom König bewilligten Rente war in baares Kapital umgewandelt und dem Fürſten mit ſechsmal hunderttauſend Livres in Papieren ausgezahlt worden. Sein eigener Beichtvater, der Abbé Dominique Brenner, betrog ihn um dieſe Papiere, und als er auf Veranlaſſung des Fürſten darauf verhaftet und in die Baſtille gebracht ward, machte er dort ſeinem Leben durch Selbſtmord ein Ende. 251 Auch die andern Subſidien und Gelder, welche der König Ludwig dem Fürſten ausgeſetzt, wurden bald durch den Kardinal Fleury verkürzt oder gar einge⸗ zogen und die Auszahlung verweigert. Fürſt Räkoczy, des Streitens und der kleinlichen Quälereien endlich überdrüßig, verließ im Jahre 1717 Paris und begab ſich, einer Einladung des Sultans folgend, nach Konſtantinopel, wo er vierzehn Jahre ſtill und zurückgezogen lebte, dann ſich aber in noch tiefere Einſamkeit zurückzog und nach Rodoſto in Beß⸗ arabien ging. Seine Getreuen, vor allen andern ſein Getreueſter, der Graf Mirés, folgten ihm auch nach Rodoſto, und blieben bei ihm bis zu ſeinem Tode. Fürſt Franz Räköczy ſtarb dort in Rodoſto am fünf⸗ zehnten April 1735 im ſechzigſten Jahre ſeines Alters. Er ſelber hatte lange ſchon ſich auf ſeinen Tod vor⸗ bereitet; ſchon im Jahre 1732 hatte er eigenhändig in Rodoſto ſein Teſtament niedergeſchrieben und die⸗ ſem Teſtament eigenhändige Schreiben an ſeine Freunde früherer Tage, die Grafen und Herzoge von Maine und Toulouſe, die natürlichen Söhne Ludwigs XIV., hinzugefügt, in denen er ſie zu ſeinen Teſtamentsvoll⸗ ſtreckern ernannte. Freilich beſaß er nichts, über das er teſtiren konnte, — nichts als die rückſtändigen Penſionen und Sub⸗ ſidien, die Frankreich ihm ſchulbete, und gleichwie in ſpäteren Tagen es Napoleon auf Helena that, ver⸗ machte Räköczy die Summen, die ihm Frankreich ſchuldete, ſeinen Söhnen und ſeinen getreuen Freunden und Dienern. Aber gleichwie in ſpätern Tagen das Teſtament Napoleons von Frankreich nicht reſpektirt ward, ſo auch das Teſtament Räkbczy's nicht. Seine Söhne wurden von Oeſterreich erzogen; den Mündeln des Kaiſers von Oeſterreich glaubte Frank⸗ reich keine Subſidien ſchuldig zu ſein, und die Miſſiſ⸗ ſippi⸗Spekulationen, die Verſchwendungen des Re⸗ genten und ſeiner Kreaturen hatten die Kaſſen Frank⸗ reichs auf lange Zeit erſchöpft. Auf den jungen König Ludwig XV. hatten die Söhne ſeines Urgroßvaters gar keinen Einfluß, vermochten daher auch nicht die Anerkennung deſſen, was der Staat dem Fürſten Rä⸗ köczy ſchuldete, zu erlangen. In Einſamkeit und ſchmerzvoller Stille ſtarb ſo der edle Patriot und Held Fürſt Franz Räköczy, aber er lebte fort im Gedächtniß ſeiner Freunde, wie ſeiner Feinde, und weder das Volk von Ungarn, noch die Familie der Habsburgiſchen Kaiſer vergaß ihn. Davon zeugt ein kleiner Vorfall, der ſich zu Zeiten Maria Thereſia's begab. Ein Sohn Julianens, ein zweiter Graf und Ge⸗ 4 253 neral Aſpermont, blieb einſt bei Onod mit ſeinem ſchweren Reiſewagen im Kothe ſtecken, und es war unmöglich, den immer tiefer im Moraſt verſinkenden Wagen hervorzubringen. Die Bauern, vom Markte heimkehrend, jagten lachend und ſpottend vorüber und Keinem fiel es ein, dem Deutſchen hülfreich zu ſein. Da ſtieg Julianens Sohn auf den Kutſchbock, und mit donnernder Stimme rief er ihnen zu:„Wie? Ihr laßt den Enkel des Räköczy im Koth verſinken?“ So⸗ fort wandten die Bauern um, ſpannten ihre Pferde aus, leiſteten hülfreiche Hand, reinigten und ſäuber⸗ ten den Wagen und führten den Enkel des Räköczy im Triumph nach Onod ein. Aber Maria Thereſia war wenig erbaut von die⸗ ſem Triumphe Aſpermont's. Beim nächſten Hoffeſte, bei welchem er erſchien, ging ſie flammenden Ange⸗ ſichts, mit zornblitzenden Augen auf ihn zu. „Aſpermont,“ ſagte ſie,„höre Er, ich verlange gewiß nicht, daß Er im Koth erſticken ſoll, aber die Poſſen mit dem Räkéczy laſſe Er bleiben, ſonſt laſſe ich Ihn einſtecken!“*). Milde, voll chriſtlicher Ergebung, allen ſeinen Feinden und Widerſachern vergebend, ſtarb Franz ) Hormayr: Anemonen. 1V. 254 Rakoczy in den Armen ſeiner Freunde, und ſo milde und fromm iſt auch ſein Teſtament. Doch klingt durch dasſelbe ſchmerzvoll ein Ton trauriger Reſignation und bitterer Melancholie, der Jedem, der es lieſt, Thränen in die Augen treibt, ein Ton demuthsvoller Frömmigkeit, die nur für ihn eine Zuflucht geweſen zu ſein ſcheint gegen die nagenden Schmerzen ſeines Ehr⸗ geizes. Deß zum Beweiſe wollen wir zum Schluſſe den Anfang von dem Teſtamente Roköczy's hierwi eder⸗ holen. Zuerſt beginnt der Fürſt Räköczy damit, daß er feierlich alle ſeine Titel und Würden aufzeichnet; dann fährt er fort: „Das ſind die Titel und Eigenſchaften, o Herr, die du mir verliehen haſt, ſei es durch den Willen eines freien Volkes, oder durch meine Geburt, damit ich ſie zu deinem Ruhm verwende und damit ſie mir helſen, das ewige Königreich zu erlangen, zu welchem du mich berufen haſt. Weit entfernt davon, mich dieſer eitlen Eigenſchaften und Titel zu rühmen, bekenne ich in der Demuth meines Herzens, daß ich vor dir nichts bin als ein Kind des Zorns, der Aſche und des Stau⸗ bes, und daß ich deine Gnade und alle die andern Ge⸗ 4 255 ſchenke des Geiſtes und Körpers, welche du mir ver⸗ liehen, gemißbraucht habe. Indem ich ſie gegen dich wandte, habe ich ſie gegen mich ſelber gewandt, ſo daß ich, ein Ungeheuer von Undankbarkeit, keine Hoffnung hatte, zu dir zu gelangen, wenn du nicht durch deine unendliche Gnade mich zu dir bekehret und mir das aufrichtige Verlangen eingeflößt hätteſt, den Ueberreſt meines Lebens dazu zu verwenden, daß ich an meinem ewigen Heil arbeitete. Alſo, mein Herr und Gott, danke ich dir, daß du mir mein Fürſtenthum und Alles, was die Erde Güter nennt, genommen haſt, daß du mich heimgeſucht haſt durch alle Arten von Trübſal, Wider⸗ wärtigkeiten, Verfolgungen, Verleugnungen und Ver⸗ leumdungen von den Großen dieſer Erde. Und beſon⸗ ders ſage ich dir Dank dafür, daß du mir eine ſo ſtarke Anhänglichkeit an die Pflichten meines Daſeins eingeflößt haſt, daß ich willig alle Süßigkeiten eines friedlichen und ruhigen Lebens hingegeben habe, um hieher zu gehen in dieſes Land, das meinem Geiſt und meinem natürlichen Stolz ſo zuwider iſt. Denn gerade hier iſt es, daß du mir Gelegenheit gegeben haſt, mich zu demüthigen und mich loszureißen von den eitlen Vorurtheilen des menſchlichen Geiſtes, von den Rath⸗ ſchlägen der Klugheit, von dem Vertrauen in die Mächtigen dieſer Erde, um jetzt nur noch meine Hoff⸗ nungen in die gnadenreiche Huld deiner Vorſehung zu ſetzen und nichts zu wollen, als was du wilſt, o Hert!“ X. 6 — 8 20