Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht z Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. S. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet S wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten unv Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene over deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . — Album. Zibliothek deutſcher Briginalromant. Herausgegeben von J. L. Kober. 8 p. Sechzehnter Jahrgang. Zwölfter Band. Franz Räkoczy. Wien. H. Markgraf 6 Comp. (Früher Kober& Markgraf.) 1861. Franz Rikötzy. Angurischrs Prbrnsbild von Loniſe Mühlbach. Erſter Band. x Wien. H. Markgraf& Comp. Früher Kober& Markgraf.) 1861. —— 7 —,—— Inhalt. — Seite I. Das Geſchlecht der Räkéczy.. 13 H. Georg Räkörzy und Fophie Bäthöry 30 . Frlenn Brini 36 W. Bie Bermählung. 62 V. Pie Verſchwörunt 79 VI. Ein politiſches Märtyrerthum 101 VII. Bie Tage der Witwenſchaft. 127 VIII. Graf Emmerich Tököly. 138 IX. Sophie Bätöry's Tod. 165 Xl. Pie eiſe nach der Türkei. 1188 XII. Der Fall von Munkacz.. 205 ——— 3 Frunz Rukczy. ——— Einleitung. Fn Räköczy, das iſt der Name, bei dem das Herz jedes Ungarn höher ſchlägt, bei dem ſein Antlitz auf⸗ leuchtet in freudigem Stolz, während doch ſein Auge ſich mit Thränen füllt. Denn Franz Räköczy iſt ſeiner Nation nicht blos der Held, ſondern auch der Märty⸗ rer geweſen, er hat für Ungarn nicht nur gekämpft, geſiegt und geblutet, ſondern er hat auch um dasſelbe gelitten, geweint und Demüthigung und Schmach erduldet! Die Geſchichte hat eben ſo gut ihre Märtyrer als die Religion, und dieſe Märtyrer gehören alsdann nicht mehr einer beſtimmten Nation an, ſondern ſie werden durch ihre Hingabe an eine edle und große Sache, durch ihr Dulden und Leiden, durch ihr ſieg⸗ 1861. XII. Franz Räkéczy. I. 1 haftes Unterliegen das Gemeingut aller Nationen und aller Völker, ſie erglänzen über ihnen Allen gleich den dunkeln Sternen, zu denen man in der Nacht der Kümmerniſſe und der Kämpfe emporſchaut und ſich aus ihrem leuchtenden Glanze Troſt und Ermuthi⸗ gung ſchöpft. In dieſem Sinne iſt Franz Räköczy nicht mehr ein Ungar, ſondern wir ſchauen zu ihm empor wie zu einem edlen Sternbild, das uns Allen gleich nahe iſt, das Allen gleichmäßig leuchtet, und an deſſen Anblick wir uns um ſo mehr erfreuen und erquicken können, je dunkler und trüber die Zeiten ſind, in denen wir leben. Dunkel und trübe ſind die Zeiten und die Verhält⸗ niſſe und mit grauen Schleiern verhüllt ſich uns Allen die Zukunft. In ſolchen Zeiten iſt es ſchön und herzer⸗ guickend, ſich umzuſchauen nach großen Männern und Charakteren, ſich zu erlaben an ihrer edlen Schönheit und Größe, an ſo ene Beiſpielen ſich Hoffnun⸗ gen zu ſchöpfen für dik Zukunft. Richts Herrlicheres und Größeres gibt es auf Erden, als einen großen Menſchencharakter, nichts Wunderwürdigeres und Erhebenderes, als ihn immer ſich ſelber getreu zu finden, zu ſehen wie er, einem Fels im Meere gleich, nimmer wandelt und wankt, nimmer ſich beirren und beſtechen läßt, weder vom Glück noch vom Unglück, weder von der Gunſt noch von der Ungunſt der Verhältniſſe, ſondern mit dem nach Innen gewendeten Blicke nur lebt und wirkt der Einen Idee, die ſeines Lebens Stern und Nerv geworden. Nicht ein Geſchichtsbild von Ungarn iſt es, was wir hier unſern Leſern entrollen, nicht eine Geſchichte der Kämpfe, der Siege und Niederlagen Ungarns beabſichtigen wir zu entwerfen, ſondern nur das Lebens⸗ bild eines edlen und großen Mannes, eines Charak⸗ ters wollen wir zeichnen, und— wir ſagten es ſchon — die Märtyrer, ſei's der Religion, ſei's der Politik, ſie gehören nach ihrem Leiden und Sterben nicht mehr der Nation an, in welcher ſie geboren wurden, ſondern ſie ſind das Gemeingut aller Völker geworden. Franz Räköczy war der Held und der Märtyrer ſeiner Idee,— er war ein großer Mann, das haben nicht blos ſeine Freunde, ſondern auch ſeine Feinde von jeher anerkannt, und es lohnt ſich wohl der Mühe, ſich dieſen großen Mann ein wenig näher zu betrach⸗ ten, dieſen großen Malln, dem von drei Nationen und zwei Kaiſern Königskronen angeboten wurden und der ſie ausſchlug, weil, wie er ſelber ſo rührend und ſchön ſagte, er nicht gekämpft habe um ſich zu erhöhen, ſon⸗ dern um ſein Volkund ſein Vaterland glücklichzu machen. Er ſchlug ſie aus, alle die Kronen, welche die Für⸗ ſten und die Völker ihm darboten, dafür blieb ihm die unſterbliche Lorbeerkrone des Ruhmes, mit welcher für alle Zeiten ſeine Stirn umkränzt iſt, obwohl er beſiegt und überwunden ward, obwohl er ſtarb in der Ver⸗ bannung und Einſamkeit. 65 Zus Geſchlecht der Räköczy. Unter den Geſchlechtern der ungariſchen Magna⸗ ſict he heeetee der Räkoczy. Die ganze Geſchichte von Ungarn und Siebenbürgen iſt eng und unauflöslich verknüpft mit dieſent Namen, und wer von den Raköczy's ſpricht, der ſpricht zugleich von den großen Kämpfen und Leiden, welche ſeit der Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts Ungarn zerriſſen, von der blutigen Urfehde zwiſchen Ungarn und Sieben⸗ bürgen einerſeits und dem Hauſe Habsburg ander⸗ ſeits, den Herrſchern von Deßerreich die ſich zugleich die Könige von Ungarn nannten, die Krone des heili⸗ gen Stephan nicht mehr als ein freiwilliges Geſchenk der ungariſchen Nation, ſondern als ein ihnen zuſte⸗ hendes Recht, als eine Krone von Gottes Gnaden be⸗ anſpruchten.. Gegen ſolches Anmuthen des öſterreichiſchen Herr⸗ ſcherhauſes kämpften die ungariſchen Magnaten, kämpf⸗ ten vor allen Dingen die Räkoczy's das ganze ſiebzehnte Jahrhundert hindurch bald mit mehrerem, bald mit minderem Glück, und wenn im Laufe von zwei Jahr⸗ hunderten von 1526 bis 1711 das Haus Oeſterreich ſiebenmal gegen die Schilderhebung der Ungarn anzu⸗ kämpfen hatte, ſo ſtanden bei dieſen ſieben Revolutio⸗ nen jedes Mal den öſterreichiſchen Heerführern die Räkoczy's oder ihre nächſten Anverwandten als An⸗ führer der Ungarn und Siebenbürger gegenüber. Der Erſte freilich, welcher nach langer Zeit des Unmuths und der Unzufriedenheit es wagte, das Schwert gegen Oeſterreich zu erheben und das unga⸗ riſche Volk zum Entſ cheidungskampfe gegen die Habs⸗ burger aufzurufen, dieſer Erſte freilich, der Ungarn wiederherſtellen wollte als freies Wahlreich, er hieß nicht Räköczy, ſondern es war Bocskay; aber ihm zur Seite, als ſein nächſter Freund, als der Theilnehmer aller ſeiner Unternehmungen, ſtand Sigismund Räköczy der Erſte, der dem Ruhme Bocskay's gefolgt war, der durch begeiſtert' Wort und That die anderen Magnaten mit fortgeriſſen hatte in den Kampf für die Freiheit und Selbſtſtändigkeit des ungariſchen Va⸗ terlandes. Drei Jahre dauerte dieſer Kampf, drei Jahre hindurch ſtanden Boeskay und Sigismund Räköczy 15 als gefürchtete, ſieghafte Feinde den Habsburgern gegenüber, und als endlich am dreiundzwanzigſten Juni 1606 dieſer lange und erbitterte Kampf in dem „Wiener Frieden“ ſeinen Abſchluß fand, durfte die ungariſche Nation ſeinen Helden Boeskay und Räköczy ihren Dank entgegenjubeln, denn dieſer Frie⸗ den gab Ungarn mindeſtens einen Theil ſeiner religiö⸗ ſen und politiſchen Freiheiten wieder. Dieſer Jubel und dieſe Freude ſollte indeß nur von kurzer Dauer ſein. Bocskay, der ſich auch nach dem Wiener Frieden noch immer in Ungarn aufhielt, hatte zu ſeinem Statthalter in Siebenbürgen ſeinen Freund Sigismund Räköczy ernannt, und ſchon im nächſten Jahre gelangte zu dieſem die Trauerkunde, daß Bocskay in Kaſchau vergiftet und eines qualvollen Todes geſtor⸗ ben ſei. Aber er hatte doch noch Zeit gehabt ſein Haus zu beſtellen, undzu ſeinem Nachfolger auf dem Throne von Siebenbürgen hatte er ſeinen Vertrauten und Kampfgenoſſen Valentin Drugeth den Siebenbürgern empfohlen. Die Stände von Siebenbürgen aber, ſo ſehr ſie ihren Fürſten Boeskay geliebt hatten, wählten dennoch im Widerſpruche mit dem letzten Willen des Gemordeten, nicht Valentin Drugeth, auch nicht Gabriel Bätöry, der ſich um die Fürſtenwürde bewarb, ſondern Sigismund Räköczy zu ihrem Fürſten. 16 Der alte Sigismund vernahm dieſe Wahl mit Entſetzen. Er ſehnte ſich nach Ruhe, nach Frieden, er wußte, daß der goldeneReif, den man ihm darbot, mit Dornen gefüttert war, die ſich mit blutigen Schmer⸗ zen in ſeine Stirn einbohren würden. Er hatte lange genug gekämpft für Ungarn und Siebenbürgen, lange genug, um zu der traurigen Ueberzeugung gelangen zu können, daß der geprieſene Wiener Frieden nicht das Ende des Kampfes, ſondern nur einen Moment des Waffenſtillſtandes bezeichne, und er fühlte ſich zu ſchwach, zu muthlos und entnüchtert, um dieſe blutige Fehde gegen das Haus Oeſterreich auf's Neue wieder aufnehmen zu mögen. Als man Sigismund Räköczy daher die Nachricht von der auf ihn gefallenen Wahl brachte, begab er ſich zu den verſammelten, ihn mit lauten Jubelgrüßen empfangenden Ständen;— aber nicht um ihnen freu⸗ dig zu danken, ſondern um ſie mit Thränen zu be⸗ ſchwören, die Wahl rückgängig zu machen, ihm zu ge⸗ ſtatten derſelben zu entſagen. Aber ſein Bitten, ſein Flehen, ſeine Thränen waren umſonſt, und Sigismund Räköczy mußte ſein Geſchick annehmen, er mußte ſich darein ergeben, die Fürſtenkrone zu tragen. Doch ſchon im nächſten Jahre entſagte er, gebengt von Krankheit, und vielfach be⸗ ₰ ————— drängt von dem ehrgeizigen Grafen Georg Bätöry, der aufgedrungenen Würde, und zog ſich auf ſeine Güter zurück, woſelbſt er im nächſtfolgenden Jahre 1608 ſchon verſtarb. Lange Jahre neuer Kämpfe und blutiger Kriege folgten nun. Bätöry's Nachfolger, Gabriel Bethlen, der erwählte Fürſt von Siebenbürgen, mußte auf's Neue wieder das Schwert erheben gegen das Haus Habsburg und deſſen Anſprüche. Er that es mit Glück und Ruhm, und das ſtaunende Europa ſah mit heim⸗ licher Schadenfreude, wie der Fürſt des kleinen Sieben⸗ bürgens eine Macht und eine Kriegesſtärke entfaltete, welche den deutſchen Kaiſer Ferdinand II. ſogar in ſeiner Burg zu Wien beunruhigte. Denn im unauf⸗ haltſamen Siegeslauf gelang es Gabriel Bethlen und ſeinen Schaaren, die Oeſterreicher nicht allein aus Ungarn und Siebenbürgen zu verjagen, ſondern er folgte ihnen auch bis über die Grenzen hinaus, eroberte Preßburg, bedrohte Wien und zwang den Kaiſer mit ihm Frieden zu ſchließen, und ihn 1620 als den, von der ungariſchen Nation erwählten König anzuerkennen. Doch es war in jenen Tagen für die Helden Un⸗ garns und Siebenbürgens faſt eben ſo gefährlich, das Haus Habsburg zu beſiegen, als von ihm beſiegt zu werden. Der Triumph, welchen Gabriel Bethlen 28 über Oeſterreich gefeiert, der glänzende Sieg, welchen er für Ungarn errungen, war ſein Todesurtheil. Er ſtarb, wie man ſagt, an Gift, das ſeine eigene Ge⸗ malin, Katharina von Brandenburg, ihm in den Nacht⸗ trunk gemiſcht. Den Ränken und Ueberredungskünſten der Jeſui⸗ ten war es gelungen, die Gemahlin Bethlen's, Ka⸗ tharina von Brandenburg, der Religion ihres Hauſes und ihres Gemahls abwendig zu machen und ſie in den Schooß der katholiſchen Kirche aufzunehmen. Ka⸗ tharina hielt es daher für ein Gott wohlgefälliges Werk, den Gemahl, der für die Rechte und die Frei⸗ heiten der Proteſtanten kämpfte, zu beſeitigen, ſelber die Regentſchaft zu übernehmen und dem ſtrengkatho⸗ liſchen Kaiſer Ferdinand II. ſeine Hoheitsrechte über Ungarn wiederzugeben. Bethlen alſo ſtarb, und ſeine Witwe ſchickte ſich an, die Regentſchaft anzutreten. Doch ihre ſchlau erſonnenen Pläne, dem Kaiſer Ferdinand die ſieben ungariſchen Komitate, die er an Bethlen abgetreten, wiederzugeben und die katholiſche Reli⸗ gion zur herrſchenden zu erheben, ſcheiterten an dem muthvollen Widerſtreben der Stände von Sie⸗ benbürgen. Katharina ſah ſich nach langen Kämpfen und Zwiſtigkeiten gezwungen, dem Throne zu entſagen, und die Stände von Siebenbürgen wählten nun nach — 19 mancherlei Zwiſchenfällen den Sohn von Sigismund Räköczy, den tapfern, hochgeehrten Freund und Kampf⸗ genoſſen Bethlen's, Georg Räkéczy, zu ihrem Für⸗ ſten und Herrn. Feurig und lebensvoll, ehrgeizig und thatendurſtig wie er es war und es ſein durfte in der Fülle ſeiner ⸗ Kraft, nahm der Sohn Sigismund Räkéczy's die auf ihn gefallene Wahl mit freudigem Muthe an, und be⸗ ſtieg im Jahre 1631 den Fürſtenſtuhl von Sieben⸗ bürgen als Fürſt Georg Räkéczy der Erſte. Er iſt der Ahnherr des fürſtlichen Geſchlechts der Räkéczy, der erſte ſouveräne Fürſt dieſes erlauchten und herrlichen Stammes, deſſen Ruhm und Glanz ein ganzes Jahrhundert hindurch die Welt durchſtrahlen ſollte, um dann in Nacht und Schweigen zu verlöſchen wie ein Meteor. Georg Räkéczy I., der neue Fürſt von Sieben⸗ bürgen, war ſich indeſſen gar wohl bewußt, welch' einen gefahrvollen Schritt er that, als er ſeinen Fuß auf den ſiebenbürgiſchen Fürſtenſtuhl ſetzte. Es war nicht ein müßiges Leben des Glanzes und der Fürſten⸗ herrlichkeit, das man ihm anbot, ſondern ein Leben der Gefahr, der Kämpfe, der Sorgen und Mühen. Aber er zagte dennoch nicht, denn er fühlte in ſich die Kraft und den Muth, allen dieſen Gefahren zu 20 trotzen, alle ſeine Feinde zu beſiegen oder mindeſtens ihnen die Stirne zu bieten. Ungarn und Siebenbür⸗ gen frei, ſelbſtſtändig und unabhängig zu machen, der Vorkämpfer und Schutzherr der Proteſtanten zu ſein, und dem ſtrengkatholiſchen Kaiſer Ferdinand II. jeden Fußbreit Landes außerhalb der Grenzen Oeſterreichs ſtreitig zu machen, das waren die feſten und uner⸗ ſchütterlichen Entſchlüſſe, mit denen Georg Räköczy den Fürſtenſtuhl beſtieg. Den Proteſtanten ein Schild, dem Kaiſer ein Damm wollte er ſein. Damit er dies um ſo kräftiger und energiſcher durchführen könne, nahm er die dar⸗ gebotene Hand des Sultans an, der ihm bereitwillig ſeine Hülfe und Freundſchaft anbot, weil er in dem proteſtantiſchen Fürſten von Siebenbürgen einen ge⸗ fährlichen Feind ſeines eigenen Feindes, des Kaiſers Ferdinand, erkannte. Dieſe Feindſchaft des katholiſchen Kaiſers gegen den proteſtantiſchen Fürſten Georg Räköczy eclatirte gleich an dem Tage, an welchem dieſer ſeinen Fuß auf den Fürſtenſtuhl von Sieben⸗ bürgen ſetzte. Kaiſer Ferdinand beanſpruchte für ſich ſelber die Herrſchaft und den Thron von Siebenbürgen. Geſtützt auf ein mit Gabriel Bethlen getroffenes Ueberein⸗ kommen, war ihm bei deſſen Ableben die Nachfolge 21 auf dem Fürſtenſtuhl zugeſagt, und jetzt, da Räköczy ihn von demſelben verdrängen wollte, beeilte ſich Kaiſer Ferdinand, ſelbſt mit der Gewalt der Waffen ſein Erbe und ſeine Rechtsanſprüche vertheidigen zu wollen. Er ſandte ein Heer gen Siebenbürgen, um Georg Räköczy zu bekämpfen und für den Kaiſer das Für⸗ ſtendiadem zu erobern. Aber an die Spitze dieſes Heeres ſtellte er einen Feldherrn, der von allen Gene⸗ rälen des Kaiſers vielleicht am wenigſten dazu geeignet ſchien, die ihm übertragene Miſſion zu erfüllen. Dieſer Feldherr war der ungariſche Palatin Nikolaus Eſter⸗ häzy, der, obwohl im Herzen ein treper nd eifriger ungariſcher Patriot, dennoch die Kunſt and, unter ergebenem Günſtlingslächeln ſeine inrt zu verſchleiern und den Kaiſer an feine unbedingte Treue, ſeinen pflichteifrigen Gehorſam glauben zu machen. Er hatte daher die ihm übertragene Miſſion angenommen und war mit einem öſterreichiſchen Armeekorps ausgezogen, den Fürſten Georg Räköczy aus Siebenbürgen zu vertreiben und den Kaiſer Fer⸗ dinand II. als den Herrn von Siebenbürgen zu pro⸗ klamiren. Indeß die innerſten Gedanken des Palatins Niko⸗ laus Eſterhäzy waren wenig übereinſtimmend mit 4 22* dieſem äußeren Vorhaben, und was er äußerlich an⸗ greifen und bekämpfen ſollte, das entſprach dennoch ganz und gar den innerſten Hoffnungen und Wünſchen des Palatins. Nimmer konnte es ihm, dem treuen Ungarn und Patrioten, Ernſt ſein, die Macht des Kaiſers noch dadurch zu vergrößern, daß er ihm das Fürſtenthum Siebenbürgen eroberte; nimmer konnte er wünſchen, den eigenen Landsleuten, den Ungarn, dieſe Zufluchtsſtätte zu verſchließen, wohin ſie ſich flüchten konnten vor den Angriffen und der Rache des Kaiſers: denn den verfolgten, den des Hochverraths angeklagten Ungarn hatte Siebenbürgen ſtets ein Aſyl geboten, und die Fürſten von Siebenbürgen waren immer die treuen Bundesgenoſſen der für ihre Frei⸗ heit kämpfenden Ungarn geweſen. Der Palatin von Ungarn konnte unmöglich den ungariſchen Patrioten dieſes Aſyl verſchließen, nicht der Kerkermeiſter des katholiſchen Kaiſers werden! Nikolaus Eſterhäzy zog daher wohl den beiden Generälen Stephan Bethlen und David Zölyomy, die mit einem Vortrab der Armee des Fürſten Georg Rakoczy bei Rakamäcz ſtanden, entgegen, aber er ward von ihnen zurückgeworfen, und ſtatt nun noch das Nahen des Fürſten mit der Hauptarmee abzuwarten, kehrte er eilig um nach Preßburg. Von dort meldete er dem 23 Kaiſer, daß es wenig gerathen ſcheine den übermäch⸗ tigen Fürſten Räköczy anzugreifen, denn nicht blos ſei er dem kaiſerlichen Heere überlegen an Stärke und Zahl, ſondern auch ganz Ungarn ſei des Fürſten heim⸗ licher Bundesgenoſſe, alle Magnaten ſeien feſt ent⸗ ſchloſſen dem Fürſten beizuſtehen mit aller ihrer Macht, und leicht könne es kommen, daß der Kaiſer, indem er ſich den Fürſtenſtuhl von Siebenbürgen erkämpfen wolle, in dieſem Kampfe nicht blos dieſen, ſondern auch ſeine Hoheitsrechte auf Ungarn für immer ver⸗ löre, da der Sultan zur Unterſtützung Georg Räköéczy's eine bedeutende Truppenmacht nach ungariſch Neu⸗ häuſel geſandt habe. Kaiſer Ferdinand ſah wohl ein, daß der Y für den Augenblick fügen den mit Georg Räköczy, ihm nicht günſtig ſei, daß er ſich der Nothwendigkeit müſſe. Er machte alſo Frie⸗ er erkannte ihn nicht allein endende Rache und Vergeltung für die ihm zugefügte Schmach. Und er hielt ſeinen Schwur! Er verband ſich mit den inneren und äußeren Feinden Georg Räköczy's, er gewährte ſeiner erbitterten Gegnerin Katharina von Brandenburg, der Witwe Bethlen's, ſtets Hülfe und Beiſtand und unterſtützte ſie und ihren Vertrauten Stephan Czaky ſtets mit Truppen und Geld, um von Ungarn aus immer auf's Neue den Fürſten von Siebenbürgen zu beunruhigen und anzu⸗ greifen. Bald ſollte auch von anderer Seite her die kurze Ruhe des Fürſten Räkéczy bedroht werden. Der Sul⸗ tan, der in ihm einen ergebenen und dienſtbereiten Vaſallen zu ſehen gehofft, erkannte bald, daß Georg Räköczy ihm als freier und unabhängiger Fürſt ge⸗ genüber zu ſtehen trachte und keineswegs geſonnen ſei, Siebenbürgen nur als ein Lehensgut der Pforte und unter deren Botmäßigkeit ſtehend zu betrachten. Der Sultan hatte die Wahl des Fürſten anerkannt, weil er in ihm einen treuen Diener geſehen, jetzt wollte er ihn ſtürzen, weil der Diener ſich unterfing ein freier Souverän ſein zu wollen. Ein Heer ward von der Pforte entſandt, den Fürſten von Siebenbürgen zu bekriegen, ihn ſeines Thrones zu entſetzen, und auf denſelben den dienſtergebenen Türkenfreund Stephan — 25 der Proteſtanten, als den Feind des katholiſchen Kaiſers. Er verkündete daher den bedrückten Prote⸗ ſtanten in Ungarn ſeinen Beiſtand und ſeine Hülfe, daß er die ungerechten Bedrückungen der proteſtan⸗ tiſchen Ungarn enden laſſe, daß er ihnen freie Aus⸗ übung ihrer Religion gewähre. Als Ferdinand im fanatiſchen Religionseifer dieſe Forderung ganz un⸗ beachtet und unbeantwortet ließ, da ging Georg Räköczy muthvoll weiter auf der eingeſ chlagenen Bahn. Er verbündete ſich mit Frankreich und Schweden gegen Kaiſer Ferdinand II., er erließ an die proteſtantiſchen Ungarn ein Manifeſt, in welchem er ihnen erklärte, er habe gegen den Kaiſer die Waffen ergriffen, weil 1861. XII Franz Räröczy. 1. 2 26 dieſer, im Widerſpruch mit den Rechten der ungari⸗ ſchen Proteſtanten, ſie fern halte von allen Aemtern und Würden, weil er ſie ihrer Kirchen und Schulen beraube, ihre Geiſtlichen verjage, die Geſetze umſtoße, und die Landesvertheidigung vernachläſſige. Er for⸗ derte deshalb alle getreuen und patriotiſchen Ungarn auf, ſich mit ihm zu vereinen und mit ihm zu kämpfen für die heiligen Rechte der Proteſtanten, welches zu⸗ gleich die heiligen, ſchwerbedrohten Rechte der Ungarn eien. Das Manifeſt des Fürſten Georg Räköczy hallte wie ein jauchzendes Schlachtenlied durch ganz Ungarn wider, und begeiſtert eilten, ſonder Unterſchied der Religion, die Ungarn zu den Fahnen des edlen Fürſten, der, wie er ſagte: die Rechte und die Freiheiten Un⸗ garns vertheidigen wollte gegen die Bedrückung des Hauſes Habsburg. Bald ſtand Georg Räkoczy an der Spitze eines ſo mächtigen Heeres, daß er ſiegreich vordringen konnte bis Preßburg, und eine Abtheilung ſeiner Armee von dort entſenden konnte, um dem ſchwediſchen General Torſtenſon bei der Belagerung von Brünn Verſtär⸗ kung zu bringen. Kaiſer Ferdinand, bedrängt von den zweifachen Feinden, mußte ſich ſchon bequemen, zu einer neuen — 27 Demüthigung Zuflucht zu nehmen. Er bot dem Für⸗ ſten Georg Räköczy den Frieden, er erklärte ſich bereit auf ſeine Bedingungen einzugehen, und die Forderun⸗ gen zu erfüllen, welche Raköéczy für ſich und für Un⸗ garn an ihn ſtellen wolle. Georg Räköczy, anderſeits aufs Neue bedroht von der Feindſchaft des Sultans, ging auf die Vorſchläge des Kaiſers ein und ſchloß mit ihm den ſechzehnten Ungarn ab. Es war ein wichtiges und folgenreiches Ereigniß dieſer ſogenannte Linzer Frieden, und er iſt in der Folge⸗ zeit die Baſis geweſen für alle Forderungen, wie für alle Rechte der Ungarn. Der Kaiſer verpflichtete ſich in dieſen Linzer Frie⸗ densklauſeln für ſich und ſeine Nachfolger:„die gol⸗ dene Bulle des Königs Andreas II. aufrecht zu er⸗ halten, die fremden Truppen aus dem Lande zuziehen, dagegen die ungariſchen Truppen niemals außerhalb Landes zu verlegen, die ungariſchen Krongüter nie zu veräußern, die Reichswürden und Aemter nur einge⸗ bornen Ungarn anzuvertrauen, die Proteſtanten in ihren Rechten und Freiheiten unangefochten zu erhal⸗ ten, und als König von Ungarn nie ohne Zuſtimmung, ohne Wiſſen und Willen der ungariſchen Ration mit 2* 28 den Türken, oder mit anderen auswärtigen Mächten zu unterhandeln oder Verträge abzuſchließen.“ Nun endlich, mit dieſem Linzer Friedensſchluß ſchien die alte Fehde zwiſchen Ungarn und dem Hauſe Habsburg ausgekämpft, ſchien die Ruhe wieder her⸗ geſtellt und geſichert zu ſein. Georg Räkoczy aber fand kein Behagen an der Ruhe des friedlichen Daſeins, der Kampf war ſeines Lebens innerſter Nerv und es ſchauderte ihm vor dem Gedanken, ſein Schwert an den Nagel zu hängen und friedliche Tage der Muße hinzudämmern. Das kleine Fürſtenthum Siebenbürgen ſchien ihm zu enge für ſeine Thatkraft, der goldene Fürſtenreif zu klein für ſeine ſieggekrönte Stirn. Er ſchaute ſich um nach einer größeren Krone, und ſie leuchtete ihm verlockend ent⸗ gegen aus Polen, wo eben der König Wladislaw IV. geſtorben war, und die Wahlfürſten ſich um ſeinen Nachfolger ſtritten und zankten. So fandte denn Georg Räköczy ſeinen Vertrauten Franz Bethlen mit den mächtigſten Hülfstruppen, mit großen Summen Goldes nach Polen, um mit dieſen unfehlbaren Werbemitteln ihm die Stimmen der Polen zu erobern, daß ſie ihn wählen möchten zum Nachfolger des verſtorbenen Polenkönigs. Doch ehe noch die Sendung Bethlen's irgend 29 einen Erfolg haben konnte, und noch bevor die Stände von Polen zu einer Wahl geſchritten waren, trat ein neuer, ein mächtiger Feind gegen Georg Räköczy in die Schranken, und gegen dieſen Feind kämpfte die Manneskraft und die Thatenluſt des Fürſten ver⸗ gebens an. Dieſer mächtige und unüberwindliche Feind Georg Räköczy's, das war der Tod! Mitten in ſeinen Rü⸗ ſtungen wider den Sultan, der von dem Fürſten von Siebenbürgen vergeblich den Tribut von zehntauſend Dukaten jährlich forderte, ward Georg Räköczy unter⸗ brochen durch das Anrücken dieſes unüberwindlichen, ſtets ſiegreichen Feindes, der auf einmal allen ſeinen ehrgeizigen Plänen ein Ziel ſetzte. Georg Räköczy I. ſtarb am eilften Oktober 1648, tief betrauert und beklagt von ſeinem eigenen Lande und von dem Nachbarlande Ungarn, das ihm ſo viel verdankte, für deſſen Freiheiten und Glaubensrechte der Fürſt einen ſo langen, ſo erbitterten Kampf gegen den Kaiſer Ferdinand geführt hatte. I. Grorg Uäkötzy und Sophie Bätöry. Dem Fürſten Georg Räköczy I. hatten die Stände von Siebenbürgen ſchon vor ſeinem Tode einen Nach⸗ folger erwählt und ihm feierlich gelobt, daß ſein Sohn und Erbe Georg auch ſein Nachfolger ſein ſolle auf dem ſiebenbürgiſchen Fürſtenſtuhl. Kaum hatte der Vater daher die Augen geſchloſſen, als der Sohn den Fürſtenſtuhl beſtieg und die Zügel der Regierung mit muthvoller Hand erfaßte. Er hatte ſeines Vaters Thatenluſt, ſeine Ruhm⸗ begierde und ſeinen Ehrgeiz geerbt, und auch ihn ver⸗ langte es nach Kämpfen, nach Siegen und vor allen Dingen nach einer Königskrone! Die Königskrone von Polen, das war der letzte Traum irdiſcher Größe geweſen, der den ſterbenden Georg Räköczy I. umſchwebt hatte,— die Königs⸗ krone von Polen, das war die Fata Morgana, die 31 Georg Räköczy II. bald nach dem Beginn ſeiner Re⸗ gierung verlockte. Zwar hatten die Polen ſich jetzt für Wladislaw einen Nachfolger gewählt, und auf dem polniſchen Throne ſaß jetzt Johann Kaſimir, nicht blos als der Erwählte ſeines Volkes, ſondern auch in ſeiner neuen Würde anerkannt von dem ruſſiſchen, dem deut⸗ ſchen und dem türkiſchen Kaiſer. Aber Georg Räkéczy, der kampfesluſtige Sohn ſeines Vaters, verband ſich mit dem einzigen Fürſten, der den polniſchen Wahl⸗ könig bekämpfte, er verband ſich mit dem Schweden⸗ könig Karl Guſtav, dem Nachfolger Guſtav Adolfs, und ſeiner Tochter Chriſtine, und erklärte Johann Kaſimir von Polen den Krieg. Umſonſt war es, daß die Stände von Sieben⸗ bürgen ihren Fürſten beſchworen, die Kräfte und die Geldmittel des Fürſtenthums nicht außer Landes zu ziehen; umſonſt drohte der Sultan Muhamed dem ſeiner Oberherrſchaft unterworfenen tributpflichtigen Fürſten von Siebenbürgen mit ſeinem zerſchmettern⸗ den Zorn, wenn er ſich dem Befehl ſeines Oberherrn nicht füge, nicht dem Kampfe gegen den Polenkönig entſage. Der Ehrgeiz ſprach mächtiger zu dem Herzen des Fürſten, als die Drohworte des Sultans zu ſei⸗ nem Kopf. Mit einem kampfgerüſteten Heere von dreißig⸗ tauſend Mann zog Georg Räkoczy gegen Polen, ver⸗ einigte ſich dort mit dem Schwedenkönig und begann den erbitterten Kampf gegen den Polenkönig Johann Kaſimir. Aber bald rief eine Schreckensbotſchaft den König Karl Guſtav von ſeinem abenteuerlichen Feld⸗ zug nach der Heimat zurück. Der König von Däne⸗ mark hatte die Abweſenheit ſeines ſchwediſchen Riva⸗ len benützt und war mit einer bedeutenden Truppen⸗ macht in ſein Land eingefallen. Karl Guſtav mußte ſchleunig heimkehren, den Feind im eigenen Lande zu bekämpfen, und Georg Räköczy ſtand jetzt allein ohne Bundesgenoſſen in Polen, während der von ihm be⸗ feindete König Johann Kaſimir gerade um dieſe Zeit mit dem Rachfolger Kaiſer Ferdinands, mit Leopold I., ein Bündniß geſchloſſen hatte, kraft deſſen der Kaiſer ihm ein Hülfskorps von ſechzehntauſend Mann ſtellte. Und jetzt kam zu Georg Räköczy dieſelbe Schreckens⸗ kunde, welche den Schwedenkönig aus Polen vertrieben hatte. Der Sultan, voll Zorn über den Ungehorſam und die Widerſpenſtigkeit des Fürſten von Sieben⸗ bürgen, hatte den Chan der Tataren mit ſeinen Hor⸗ den nach Siebenbürgen beordert, um das Land zu be⸗ ſetzen und dem Fürſten die Heimkehr zu verwehren. Vorher aber ſollte der Tatarenchan in Polen ſelber den widerſetzlichen Vaſallen der Pforte bekämpfen, 33 und im Vereine mit der Armee des Königs von Polen und des Kaiſers von Deutſchland, des Fürſten von Siebenbürgen Armee aufreiben und vernichten. Georg Räköczy, von allen Seiten umringt von Feinden, im fremden Lande, in Zwiſt mit ſeinen eige⸗ nen Ständen, die den fabelhaften Kriegszug von An⸗ fang an gemißbilligt hatten; Georg Räköczy, deſſen Armee in blutiger Schlacht beſiegt und gefangenge⸗ nommen war, mußte ſich der harten Nothwendigkeit fügen, und die demüthigenden Bedingungen anneh⸗ men, die ſein Beſieger, der König von Polen, ihm ſtellte. Er mußte, um nur das Leben und die per⸗ ſönliche Freiheit zu retten, ſich vor dem Sieger de⸗ müthigen, dem König Johann Kaſimir reuevolle Abbitte thun, alle von ihm beſetzten Feſtungen zurück⸗ geben, und ein Strafgeld von zweimal hunderttauſend Gulden zahlen. Gedemüthigt, mit Schmach beladen, beſiegt und flüchtig, kehrte er nun heim nach Siebenbürgen, und neues Unheil erwartete ihn dort. Der Sultan drohte den Ständen von Siebenbürgen mit ſeinem vernich⸗ tenden Zorn, wenn ſie nicht ſofort ſeinem Befehl ge⸗ nügten: den rebelliſchen Fürſten zu entſetzen und ſich einen andern Fürſten zu wählen. Vergebens nahm Georg Räköczy die neue Schmach auf ſich, den Kaiſer 34 Leopold I., ſeinen Feind und Widerſacher, jetzt um ſeinen Beiſtand und ſeine Vermittlung bei der Pforte anzuflehen. Des Kaiſers einzige Antwort beſtand darin, daß er ein deutſches Heer nach Ungarn ent⸗ ſandte, um die in Ungarn gelegenen, der Familie Räkéczy zugehörigen Feſtungen zu beſetzen, und den ungariſchen Ständen verbot, dem Fürſten Hülfe zu leiſten. Vergebens auch wandte ſich Georg Räkéezy an ſeine eigenen Stände und beſchwor ſie, dem An⸗ ſinnen des Sultans zu widerſtehen. Sie hatten es nicht vergeſſen, daß der Fürſt, ihren Wünſchen und ihren Bitten entgegen, den Zug nach Polen unter⸗ nommen, daß er von dort gedemüthigt und ſchmach⸗ beladen heimgekehrt war ohne Armee, ohne Geld und ohne Ehre. Mit dem ehrumfloſſenen, ſiegreichen Für⸗ ſten würden ſie es gewagt haben, den Befehlen der Pforte zu trotzen, aber für den beſiegten, ruhmloſen Abenteurer mochten ſie ein ſolch gefährlich Wagniß nicht unternehmen. Georg Räköczy ward alſo von den Ständen der Fürſtenwürde entſetzt, und ſein Freund Franz Räday an ſeiner Statt erwählt. Aber dieſe Wahl ſeines Freundes war für Georg Räköczy nur eine Gelegen⸗ heit, um den Kampf gegen die Pforte wieder aufzuneh⸗ men. Er verband ſich mit den Woiwoden der Mol⸗ 35 dau und Walachei, ſammelte auf ſeinen ungariſchen Beſitzungen einige Truppen, kehrte mit dieſen und dem Armeekorps der Woiwoden nach Siebenbürgen zurück, und feierte den Triumph, daß Räday ſelber dem Fürſtenſtuhl zu Gunſten ſeines Freundes ent⸗ ſagte, daß die Stände von Siebenbürgen jetzt zum zweiten Mal den entſetzten Georg Räköéczy zum Für⸗ ſten von Siebenbürgen erwählten. Doch dieſer kurze Triumph ſollte bald von düſtern Trauerſchatten ver⸗ dunkelt werden. Der erzürnte Sultan ließ die wi⸗ derſetzlichen Stände ſeine Rache empfinden, und ſandte ſeine Tatarenhorden nach Siebenbürgen, um das ganze Land und Volk ſeinen Zorn empfinden zu laſſen. Die Tataren fielen raubend, ſengend und plündernd in Siebenbürgen ein, ſie trieben das Volk zur Ver⸗ zweiflung, und mit Thränen beſchworen endlich die Stände Georg Räköczy, Mitleid zu haben mit ihrer Noth, ſie zu retten, indem er ſich opferte. Er that es, er entſagte der Fürſtenwürde und verließ Siebenbürgen, um ſich auf ſeine ungariſchen Beſitzungen zurückzuziehen. Aber es war doch nur eine kurze Zeit der Ruhe, welche er durch dieſen Ent⸗ ſagungsakt dem hartgeprüften Lande gewährte. Der Ehrgeiz riß ihn bald wieder empor aus dem brüten⸗ den Schweigen der Reſignation. Er wollte noch ein⸗ 36 mal Alles wagen, um Alles zu gewinnen, und aber⸗ mals nahm er die Unterſtützung der Woiwoden an, ſammelte ein Heer, brach in Siebenbürgen ein, und belagerte in Hermannſtadt den von den Ständen er⸗ wählten Fürſten Bareſay. Da zog auf Befehl des Sultans der Paſcha von Ofen mit einer Armee her⸗ bei, und Georg Räköczy, der ſo eben die Belagerung von Hermannſtadt aufgegeben, eilte ihm entgegen. Bei Klauſenburg traf er mit ſeinem kleinen Heer von ſechstauſend Mann aufden dreifach überlegenen Feind, und eine mörderiſche Schlacht begann. Georg Räköczy war es ſich wohl bewußt, daß dieſe Schlacht über ſeine ganze Zukunft zu entſcheiden habe, daß er Alles wagen müſſe, um Alles zu gewin⸗ nen. Mit dem Heldenmuth der Verzweiflung kämpfte er an der Spitze ſeiner tapfern Schaar, trieb ſie immer vorwärts, immer dichter hinein in die Reihen des Feindes, bis er ſelbſt von Kugeln durchbohrt, von Wunden zerfetzt, zuſammenbrach, und von den ihn umringenden Feinden gefangengenommen ward. Sein kleines Heer, von Schmerz und Entſetzen ergriffen, ſtob auseinander, warf die Waffen von ſich und entfloh. Ihn ſelber, den gefangenen Fürſten, brachten die Sieger nach Großwardein. Dort ſtarb * 37 Georg Räköczy am 8. Juni 1660 an den Folgen ſeiner Wunden im vierzigſten Jahre ſeines vielbe⸗ wegten, thatenreichen, aber ruhmlofen Lebens. Die Stände von Siebenbürgen ſchritten jetzt zu einer neuen Fürſtenwahl, und an die Stelle des ver⸗ haßten, rohen und grauſamen Bareſay wählten ſie den frühern Feldherrn Georg Räköczy's, Johann Kemény, zum Fürſten von Siebenbürgen. Aber es blieb den Freunden Georg Räköczy's, es blieb den Patrioten in Ungarn und Siebenbürgen eine Hoffnung für die Zukunft,— es blieb ihnen der Sohn Georg Räkéczy's, der junge Franz Räköczy, dem die Stände ſchon im Jahre 1652 die Nachfolge auf den Fürſtenſtuhl ſeines Vaters verſprochen hatten. Indeß Franz war jetzt noch zu jung, um in ſo ſchlimmen und gefährlichen Zeiten die Leitung der Staatsgeſchäfte übernehmen zu können. Es bedurfte einer ganzen ungetheilten Manneskraft, um allen das arme kleine Land umdräuenden Gefahren Trotz zu bieten, und Franz Räköczy war faſt noch ein Kind, war ein Knabe von kaum fünfzehn Jahren. Doch auf dieſem Knaben ruhten alle Hoffnungen für die Zukunft, und als man den Freund ſeines Vaters, als man Johann Kemény zum Fürſten erwählte, da flüſterte man ihm in's Ohr: wir wählen Dich als den 38 Statthalter Franz Räköczy's; wenn der Knabe zum Manne erwachſen iſt, wirſt Du ihm freiwillig das Erbe ſeines Vaters zurückgeben, wirſt den geliehenen Fürſtenſtab dem rechtmäßigen Fürſten wieder zuſtellen, wirſt der Erſte ſein, der den Sohn Georg Räkéczy's begrüßt als den Fürſten Franz Räköczy den Erſten. Johann Kemeny nahm die Fürſtenkrone und die Bedingungen an und beſtieg am erſten Januar 1661 den Fürſtenſtuhl von Siebenbürgen, ſelber der freu⸗ digen Hoffnung, daß er dereinſt das Erbe ſeines Vaters in die Hände Franz Räköczy's niederlegen dürfe. 3 traf ihn und alle Freunde Georg Räköczy's eine unerwartete, wenn auch lang ſchon gefürchtete Trauerkunde. Der junge Franz Rakoczy war den Tra⸗ ditionen und Ueberlieferungen ſeiner Familie unge⸗ treu geworden, er hatte die Religion ſeiner Väter ver⸗ laſſen und war mit ſeiner Mutter öffentlich zur ka⸗ tholiſchen Religion übergetreten. Eein Schrei des Entſetzens und der Wuth ertönte durch ganz Siebenbürgen, und der erbitterte Haß des Volkes wandte ſich gegen die Witwe Georg Räköczy's, die den Sohn der proteſtantiſchen Fürſtenfamilie dem Glauben ſeiner Väter abwendig gemacht. Aber Sophie Bätöry, die Mutter von Franz, 39 kümmerte ſich wenig um dieſen Haß und Zorn der ſiebenbürgiſchen Stände, der nur von fernher wie das Heulen der Windsbraut an die dicken Mauern ihrer Feſtung Munkäcs zitterte und die ſtolze und feurige Witwe Georg Räköczy's nicht in ihren Entſchlüſſen zu beunruhigen vermochte. ie war eine entſchloſſene, kühne und muthige Frau dieſe Sophie Bätöry, die Witwe Georg Räköczh's, ſie war aufrichtig begeiſtert für ihre neue Religion, zu der ſie ſich und den Sohn ſo rückhaltslos und öffent⸗ lich bekehrt hatte, und ſie war außerdem auch genau deſſen bewußt, was ſie wollte und erſtrebte. Sie wollte ſich uid den Sohn erretten aus den Gefahren, welche die Familie der Räköczy in dem Haß des Kaiſers und des Sultans bedrohte, und dazu war es nöthig, daß ſie den Sohn ganz und gar mit den Traditionen ſeiner Familie brechen ließ, daß ſie ein neues Geſchlecht der Räköczy ſchuf, ein Ge⸗ ſchlecht, das der katholiſchen Religion und dem Kaiſer anhing, und von dieſen beiden nur ſeinen Ruhm und ſeine Ehre und Würde empfangen wollte. Die Witwe Räköczy's, Sophie Bätöry, hatte ge⸗ lernt von den traurigen Erfahrungen, die ſie an der Seite ihres unglücklichen Gemahls gemacht; ſie hatte einſehen gelernt, wie wankelmſithig das Volk, wie 40 leicht es ſich heute von Denen im Unglück abwendet, denen es geſtern gehuldigt, als das Glück ſie um⸗ ſtrahlte. Zweimal hatten die Stände von Sieben⸗ bürgen Georg Bätöry auf den Fürſtenſtuhl erhoben, zweimal hatten ſie ihn von demſelben wieder herab⸗ geſtoßen. Sie wollte der Zukunft ihres Sohnes eine feſtere Grundlage geben, und als der Erwählte des Kaiſers und des Sultans ſollte ihr Sohn Franz Räköczy auf den Thron ſeiner Väter zurückkehren. Außerdem war Sophie Bätöry eine eifrige und gläu⸗ bige Katholikin, und das Heil, das ſie im Schvoß der allein ſeligmachenden Kirche gefunden, das wollte ſie auch dem einzigen Sohne nicht vorenthalten. Die Je⸗ ſniten, welche ſchon ihren Vater, den letzten Fürſten aus dem einſt ſo mächtigen und glorreichen Stamme der Bätöry, ganz und gar in ihren Netzen eingeſponnen, die Jeſniten übten auch auf Sophie Bätöry ihren mäch⸗ tigen und entſcheidenden Einfluß aus, und ihnen, den frommen Vätern Jeſu, hatte Sophie daher auch die Erziehung ihres Sohnes übertragen. Durch die Aufnahme in den Schooß der katholi⸗ ſchen Religion vermeinte Sophie Bätöry das ewige Heil ihres Sohnes geſichert zu haben, und es blieb ihr daher nur noch übrig, auch ſein irdiſches Heil zu ſichern. Das meinte ſie am beſten zu können, wenn ſie 33 ſich beeiferte, die Gunſt des deutſchen Kaiſers und Königs von Ungarn, Leopold des Erſten, zu erwer⸗ ben. Freiwillig und ohne jeglichen Zwang erſtattete Sophie daher die beiden ungariſchen Komitate, welche einſt Ferdinand II. an den ſiegreichen Georg Rä⸗ köczy 1. erblich überlaſſen, dem Kaiſer Leopold zu⸗ rück, brachte ihm zwei Feſtungen ihres Sohnes zum Geſchenk dar und bat den Kaiſer, die vier ungariſchen Feſtungen ihres Sohnes, Feſe, Tokay, Onod und Patak, mit deutſchen Garniſonen beſetzen zu laſſen. Kaiſer Leopold war nicht undankbar gegen ſo auf⸗ richtige Beweiſe der Anhänglichkeit und Ergebenheit; er nahm die Geſchenke der frommen und ſchönen Witwe huldreich an, er erfüllte ihren Wunſch und — beſetzte die vier ungariſchen Feſtungen, er verſicherte die Witwe Georg Räköczy's ſeiner Gnade, und um ihr gleich einen Beweis von derſelben zu geben, ſchickte er eine eigene, nur zu dieſem Zwecke ernannte Geſandtſchaft an den türkiſchen Sultan, um dieſen zu erſuchen, er möge es geſtatten, daß Franz Räkéczy auf den Fürſtenſtuhl von Siebenbürgen erhoben werde. Der Sultan indeß lehnte dies Erſuchen entſchieden ab, und Kaiſer Leopold mußte ſich begnügen, die Für⸗ ſtin Sophie Räköczy für alle kommenden Zeiten ſei⸗ ner Gnade zu verſichern, und ihr als Erſatz für ſo 1561. II. Franz Räköczy. I.. 3 34 viel treue Anhänglichkeit und Ergebenheit mindeſtens das Verſprechen zu geben, daß er, wenn ſie eines Tages eine Gnade von ihm zu erbitten habe, dieſelbe unbedingt und ohne Rückhalt ihr gewähren wolle. Sophie nahm das Verſprechen lächelnd an, und überließ ſich jetzt, da ſie ihre ehrgeizigen Hoffnungen auf den Thron von Siebenbürgen wenigſtens für den Moment unterdrücken mußte, um ſo eifriger dem frommen Dienſt der Kirche und dem Einfluß der Väter Jeſn. Auch den Sohn Franz Räköczy ſtrebte ſie immer mehr noch zur Frömmigkeit und zum Ge⸗ horſam gegen die Jeſuiten zu erziehen, und da er denn, wie es den traurigen Anſchein hatte, nicht dazu beſtimmt war, ein regierender Fürſt zu ſein, wollte ihn ſeine Mutter dafür wenigſtens zu einem from⸗ men, gottergebenen Betbruder machen. Mit Schmerz und Trauer ſahen die treuen Freunde und Anhänger der geliebten ſiebenbürgiſchen Fürſtenfamilie, wie der junge, jetzt zwanzigjährige Franz Räköczy ganz und gar nur von dem Willen ſeiner Mutter abhän⸗ gig ſchien, wie er, den glänzenden und ruhmvollen Traditionen ſeines Hauſes und ſeiner Familie ent⸗ ſagend, ganz ohne Ehrgeiz und Ruhmbegierde, nur in der frommen Ausübung ſeiner religiöſen Pflichten, im Verkehr mit ſeiner Mutter und den frommen e Vätern Jeſu ſein Genüge fand, bei jeder Gelegenheit eifrig bemüht war, ſeine leidenſchaftliche Anhänglich⸗ keit und Treue für den Kaiſer Leopold zu bekunden, und ohne irgend ein Bedauern ſeine Feſtungen und üter in den Händen ſeines Herrn und Königs zu ſehen ſchien. Der junge Franz Räköczy, ſo ſchien es, war für die Sache, welcher ſein Geſchlecht ſo lange Leben und Blut geweiht, rettungslos verloren; man konnte bei einer neuen Schilderhebung, bei einem neuen Kampfe gegen den Kaiſer nicht auf die Unterſtützung Franz Räköczy's rechnen; die bedrängten Proteſtanten in Ungarn und Siebenbürgen hatten nichts zu hoffen von dem eifrigen Katholiken, von dem ſchwachen, ener⸗ gieloſen Franz Räköczy, der ganz und gar abhängig war von ſeiner bigotten Mutter Sophie Bätöry, der dienſtergebenen Freundin Kaiſer Leopold des Erſten! III. Helena Zrinyi. Die Patrioten in Ungarn und Siebenbürgen, wie geſagt, verzweifelten daran, den jungen Franz Räkéczy für ihre Sache, für die Sache des Vaterlandes und des Glaubens zu gewinnen, und thränenden Auges wandten ſie ihr Herz ab von dem letzten ſchwächlichen jungen Reis des einſt ſo ſtarken, machtvollen Stam⸗ mes, kummervoll entſagten ſie der Hoffnung, ſich einſt um die Fahne eines Räköczy ſchaaren zu können, und unter ſolcher Leitung noch einmal den Kampf zu wa⸗ gen gegen das Haus Habsburg. Nur einige Wenige gab es, die noch einen letzten Verſuch wagen wollten, die es nicht glauben mochten, daß Franz Räköezy den Traditionen ſeiner Familie durch den Einfluß ſeiner Mutter ſo ganz und gar wäre abwendig gemacht. Man hatte bis jetzt durch heim⸗ liche Boten und Unterhändler immer nur verſucht, auf — 37 den Verſtand und die politiſche Geſinnung des Für⸗ ſten zu wirken. Es blieb nur noch übrig, auf das Herz des zwanzigjährigen Jünglings zu wirken. Was der Ueberredung, der Klugheit und Politik nicht ge⸗ lungen, das mochte vielleicht doch der Liebe gelingen können. Die Liebe konnte vielleicht doch noch den ab⸗ trünnigen Sohn ſeines Vaterlandes in die Arme der Patrioten zurückführen! Es galt mindeſtens den Verſuch zu wagen,— aber ſo vorſichtig, ſo ſtill und geräuſchlos, daß die ſtets argwöhniſche, ſtets wachſame Mutter Sophie Bätory keinen Verdacht ſchöpfe, keine Ahnung habe von den Schlingen, die man nach dem Herzen ihres Sohnes ausſteltte. Die ungariſchen Patrioten, welche dieſen letzten Verſuch wagen wollten, ſie waren die Grafen Peter Zrinyi und ſein Freund Weſſelényi, ſie beide die Oberhäupter und Führer der ungariſchen Verſchwor⸗ nen, welche eine neue Schilderhebung Ungarns gegen ihren König, den Kaiſer Leopold I., beabſichtigten. Graf Zrinyi, der Erbe und Abkömmling des gro⸗ ßen unſterblichen Helden von Szigeth, war vermählt mit der letzten Erbin eines nicht minder großen und berühmten ungariſchen Geſchlechtes, mit der letzten Erbin des Hauſes Frangipanyi, und aus dieſer Ehe 38 waren ihm zwei Kinder geboren, ein Sohn Balthaſar, und eine Tochter Helena mit Namen. Helena war jetzt ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren, ſchön und lieblich anzuſchauen, wie ihre jüngſt verſtorbene Mutter, kühn, leidenſchaftlich und patriotiſch wie ihr Vater. Auch war ſie die Hoffnung, der Troſt und die Freude des Grafen Zrinyi, ihres Vaters, und wie ſehr auch der ungariſche Patriot ſich traurig und be⸗ engt fühlen mochte, Eine Stelle gab es doch in ſeinem Herzen, wohin der Kummer und die Sorgen der Po⸗ litik niemals zu dringen vermochten, wo nur die Liebe zu ſeiner Tochter, ſeiner heißgeliebten Helena thronte. Und ſie erwiderte aus reinem, glühendem Herzen dieſe ſo tiefe, ſo zärtliche Liebe ihres Vaters, ſie hing an ihm mit ganzer Seele, ſie ſchaute zu ihm auf wie zu dem Helden, der nicht blos ihr perſönliches Glück, ſondern auch das Glück und die Zukunft von ganz Ungarn in ſeinen Händen hielt. Wenn ihr Vater klagte über das traurige Schickſal des geliebten Va⸗ terlandes, ſo ſagte Helena lächelnd: Graf Zrinyi iſt da, um das Vaterland zu erretten! Wenn er vor ihr ſeine Seele enthüllte, und in tiefem Schmerz⸗ gefühle ihr erzählte von den vergeblichen Anſtrengun⸗ gen, welche er und die Freunde gemacht, das Vater⸗ 39 land wieder frei, groß und ſelbſtſtändig zu machen, ſo tröſtete ihn Helena, indem ſie mit begeiſtertem Blicke zum Himmel emporſchaute und rief: Gott iſt im Himmel, und Graf Zrinhi auf Erden, und alſo wird Ungarn eines Tages wieder ſelbſtſtändig und frei werden! Graf Zrinyi wird es erretten aus den Händen aller ſeiner Feinde! Aber wie kann ich es erretten? fragte ſihr Vater, traurig ſein Haupt ſchüttelnd. Ungarn liegt in Feſſeln und Banden, die deutſchen Soldaten des Königs ha⸗ ben unſere Feſtungen beſetzt, unſere Kraft gebrochen. Wir werden beobachtet, behorcht und beargwöhnt, und ſchon der unſchuldige Verkehr der ungariſchen Magnaten untereinander erſcheint den Spionen des Königs als verdächtig. Ihr werdet Euch alſo bemühen, dieſe Spione zu täuſchen, ſagte Helena mit ihrem füßen Kinderlächeln, Ihr werdet anſcheinend ganz zufrieden, ganz glücklich ſein, Ihr werdet harmloſe Feſte, glänzende Bälle ver⸗ anſtalten, und während Ihr den Anſchein habt, als wenn Ihr nur dem Vergnügen und den Freuden der Geſelligkeit lebt, werdet Ihr heimlich konſpiriren, werdet eine große, eine machtvolle Verſchwörung an⸗ etteln, und während wir Jungen mit den dentſchen 4 40 Herren tanzen und lachen, werdet Ihr Alten Eure Pläne entwerfen. Graf Zrinyi ſchaute mit Entzücken in die dunklen, ſtrahlenden Augen ſeiner Tochter und drückte einen zärtlichen Kuß auf ihre hohe, klare Stirn. So ſoll es ſein! ſagte er gedankenvoll. Unter Feſten und Scherzen wollen wir unſere geheimen Pläne verber⸗ gen, und mit unſerm Lachen, und dem luſtigen Schall unſerer Tanzmuſik wollen wir das Ohr unſerer Feinde betäuben, daß ſie das heimliche Geflüſter unſerer Verſchwörung nicht hören. Von dieſem Tage an begann ein gar heiteres, frohes Leben unter den ungariſchen Magnaten. Sie ſchienen aller ihrer Sorgen, ihrer Kümmerniſſe ver⸗ geſſen zu haben und nur dem Vergnügen, den Freu⸗ den, der Geſelligkeit ſich jetzt noch ergeben zu wollen. Und gerade diejenigen Magnaten, die den Beamten, den Dienern und Spionen des Königs von Ungarn am gefährlichſten und gehäſſigſten geſchienen, gerade dieſe waren jetzt am heiterſten und ſorgloſeſten. War heute beim Grafen Zrinyi eine glänzende Jagdpartie geweſen, ſo vereinigte man ſich morgen in Muräny beim Grafen Weſſelényi zu einem prachtvollen Ball⸗ feſt, und tanzte und jubelte die Nacht hindurch; kaum aber hatte man ſich von dieſen Feſtlichkeiten erholt, ſo 41 veranſtaltete der Graf Frangipanyi ſchon wieder ein neues Feſt, und alle befreundeten Magnaten, die bei den Grafen Zrinyi und Weſſelönyi verſammelt ge⸗ weſen, beeiferten ſich, jetzt auch auf dem Feſte des Grafen Frangipanyi zu erſcheinen. So war der Winter und der Frühling des Jah⸗ res 1665 zu Ende gegangen, und der alten Sitte ge⸗ mäß ſchickten die Magnaten ſich an ihre Schlöſſer und Städte zu verlaſſen, um irgend eins der ſchönen hei⸗ matlichen Bäder zu beſuchen. Auch Helena Zrinyi ſollte mit ihrem Vater und ihrem Bruder Balthaſar, dieſer alten Sitte gemäß, jetzt ihren bisherigen Wohnort verlaſſen und einige Monate in den Bädern von Trenſcin verleben. Man hatte dort mit den Freunden von nah und fern ein freudvolles Rendezvous verabredet, und zu Feſtlich⸗ keiten aller Art waren ſchon im voraus alle Pläne entworfen. Graf Zrinyi ſelber wollte dort in allem Glanze ſeines Ranges auftreten, und ſich mit einem zahlreichen Gefolge von Dienerſchaft nach Trenſcin begeben. Seine ſchöne junge Tochter Helena ſollte den befreundeten Magnatenfamilien jetzt zum erſten Male vorgeſtellt, ſollte als Dame in die große Ge⸗ ſellſchaftswelt eingeführt werden, der man ſie bis jetzt fern gehalten. Der Graf hatte daher den Frauen 42 ſeiner Tochter es zur Pflicht gemacht, Sorge zu tra⸗ gen, daß die junge Comteſſe immer in rekiher und geſchmackvoller Toilette erſcheinen könne. Die ſchönſten Stoffe und Gewänder waren deshalb aus Paris verſchrieben worden, alle Familien⸗Brillanten, der reiche, prachtvolle Juwelenſchmuck ihrer Mutter war der jungen Comteſſe übergeben worden. Helena indeſſen hatte alle dieſe Herrlichkeiten mit einem ſeltſamen Lächeln und mit faſt trauriger Miene entgegengenommen, und wie jetzt am Abend vor ihrer Abreiſe ihr Vater in ihr Gemach eintrat, um ihr eine ſo eben aus Paris angelangte Caſſette mit den wundervollſten Spitzen und Blumen zu überreichen, ward ihr ſchönes Geſicht noch trüber, legten ſich noch tiefere Schatten über ihre Stirne. Du freuſt Dich nicht? fragte der Graf lächelnd. Ich bringe Dir da Dinge, wohl im Stande jedes junge Mädchen zu erfreuen, und Du lächelſt nicht ein⸗ mal?— † Helena hob ihre großen, dunklen Augen mit einem ſeltſamen Ausdruck zu ihrem Vater empor. Ich bin eben kein junges Mädchen, ſagte ſie ernſt, ich bin die Tochter meines Vaterlandes, und da dieſe meine Mutter traurig und unglücklich iſt, ſo ſehe ich nicht wohl ein, wie es ſich für mich ziemen kann, 43 glänzender Toilette, geſchmückt mit Blumen und Spitzen, in modiſchen hellen Seidenkleidern einher zu rauſchen. Haſt Du nicht oft ſelber die unpatriotiſchen Magnatentöchter getadelt, mein Vater, welche lachen und fröhlich fein, und ſich ſchmücken könnten, während ihr Vaterland in Trauerſchleiern klagte und weinte? Bin ich denn jetzt keine gute Patriotin mehr, und will mein Vater mich ſtrafen mit dieſen Blumen und Spitzen, dieſen Kleidern und Brillanten? Sage mir, mein theurer Vater und Herr, habe ich Deine Gunſt und Dein Vertrauen verſcherzt? Hältſt Du mich nicht mehr für würdig, Theil zu nehmen an Deinen Schmerzen und Kümmerniſſen? Bin ich nur noch eins jener gedankenloſen, oberflächlichen jungen Mäd⸗ chen, die man wie müßiges Spielzeug behandelt, und ſie behängt mit allerlei Lappen und Flitterwerk? Oh, antworte mir, mein Vater, ſag' mir, womit ich es verſchuldet habe, ſo behandelt zu werden? Graf Zrinyi ſchaute mit zärtlicher Bewunderung in das ſchmerzvoll zuckende, glühende Angeſicht ſei⸗ ner Tochter, und da er ſah, daß ihre Augen voll Thränen ſtanden, neigte er ſich zu ihr nieder und küßte dieſe Thränen aus ihren Augen fort. Helena, ſagte er feierlich, Ungarn wird Dir für jede dieſer Thränen einſt dankbarer ſein, als wären es 44 die koſtbarſten Perlen, mit denen Du die Krone des heiligen Stephan beſchenkt hätteſt. Du antworteſt mir nicht, mein Vater, Du weichſt mir aus? fragte ſie angſtvoll bebend. Nein, Helena, ich will Dir antworten, ich will Dir eine Geſchichte erzählen, und wenn Du ſie ver⸗ ſtehſt und ihren Sinn begreifſt, ſo liegt darin meine Antwort, und ich werde daran erkennen, daß meine Helena in ihrem großen und reinen Herzen das edelſte und ſchönſte Verſtändniß der Wünſche und Abſichten ihres Vaters trägt. Erzähle mir Deine Geſchichte! rief Helena glü⸗ hend. Komm, ſetze Dich auf den Divan, und mich laß hier auf dem kleinen Tabouret zu Deinen Füßen. ſitzen, wie ich ſo oft als Kind gethan, wenn Du mir erzählteſt von der Größe und den Glanztagen Un⸗ garns, von der Macht unſerer Könige und unſers Volkes, aber auch von den Tagen der Schmach und der Erniedrigung. Sie drängte den Grafen auf den Divan nieder, und auf das Tabouret zu ſeinen Füßen niedergleitend ſtützte ſie ihre ſchönen weißen Arme auf die Kni . Vaters, und ließ ihr Haupt auf ihren Händ ruhen. ——— Jetzt, Vater, erzähle mir Deine Geſchichte, ſagte ſie mit ernſten Blicken zu ihm aufſchauend. Der Graf ſtreichelte mit einem Ausdruck inniger Zärtlichkeit ihre roſigen Wangen, ihr dunkel glänzen⸗ des Haar, das in ſchweren Locken über ihren Nacken niederrollte. Du wirſt in Trenſein jetzt die erſten und edelſten Frauen Ungarns kennen lernen, ſagte er nach einer Pauſe. Du wirſt dort der ſchönen, erhabenen Gemah⸗ lin meines Freundes, des Grafen Weſſelényi, vorge⸗ ſtellt werden, und ſie hat mir verſprochen, Dir eine mütterliche Freundin und Rathgeberin ſein zu wollen. Aber um die edle Gräfin recht zu würdigen und zu verſtehen, um ihr all die Achtung und die Liebe zu weihen, welche ſie in ſo hohem Maße verdient, mußt Du ihr edles Sein und Denken zu würdigen verſtehen. Kennſt Du die Geſchichte der Gräfin Sophie Weſſe⸗ lényi? Nein, ich kenne ſie nicht, Vater. Man hat mir im⸗ mer nur geſagt, daß ſie eine der edelſten und helden⸗ müthigſten Töchter Ungarns ſei, nichts weiter. öre alſo, Helena, ich will Dir die Geſchichte der Gräfin Sophie Weſſelényi erzählen. Sie war ſchon vor ihrer Vermählung mit meinem Freunde vermählt ge⸗ eſen und mit ſiebzehn Jahren ſchon war ſie die Witwe des Grafen Széecſi geworden. Er hatte ſie ſehr geliebt, denn er wußte wohl, daß ſie, treu den Ueberlieferun⸗„ gen ihrer Familie, eine ebenſo eifrige Proteſtantin, als treue, unerſchütterliche ungariſche Patriotin ſein und bleiben werde, und er hatte ſie daher auch zur allei⸗ nigen Erbin ſeines Vermögens und ſeiner Güter ein⸗ geſetzt. Szécſi Maria war ſomit auch die Herrin der Veſte Muräny geworden, und ſie hatte in die, erkaltende Hand ihres ſterbenden Gemahls geſchwo⸗ ren, daß ſie die ſtolze Veſte niemals dem Feinde über⸗ geben, daß ſie dieſelbe bis zu ihrem letzten Tropfen Blutes vertheidigen, und nimmer es dulden wolle, daß die deutſchen Söldlinge in dieſen Hort der altunga⸗ riſchen Freiheit ſich einniſten ſollten.— Szécſi Maria hielt ihren Schwur. Es war in den Tagen des edlen und tapfern Georg Räköczy, und um ihn ſchaarten ſich die Proteſtanten von üngarn und Siebenbürgen zum Kampf gegen den katholiſchen Ferdinand. Auch Szörſi Maria nahm thätigen Antheil an dem Kampf. Tapfer wie ein ungariſch Weib, freudigen Muthes wie eine gottergebene Märtyrerin, wollte ſie die Gefah⸗ ven Ungarns, die Glaubenskämpfe der bedrängten 3 Proteſtanten theilen, und um vor der ganzen Welt Zeugniß abzulegen von ihrer Geſinnung, nahm ſie eine Abtheilung des Heeres von Georg Räköczy in die 47 Feſtung Muräny auf. Aber ſie machte es ſich zur aus⸗ drücklichen Bedingung, daß ſie auch über dieſe, wie über ihre eigene Beſatzung, den unbedingten Oberbe⸗ fehl erhalte. Der edle Fürſt Räköczy bewilligte ihr dieſe Bedingung gern, denn er kannte ihren erhabenen und herviſchen Sinn, er wußte, daß Szécſi Maria allen Landestöchtern ein glänzendes Beiſpiel ſein würde. Szécſi Maria war und blieb alſo der Kom⸗ mandant und Oberbefehlshaber von Muräny, und mit unermüdlichem Eifer befeſtigte ſie die ſtarke Veſte. Die königlichen Streitkräfte indeß, unter Anführung Paul Eſterhazy's, näherten ſich immer mehr; ſchon hatten ſie überall auf den Ebenen die Unſeren beſiegt und in die Flucht geſchlagen, aber ſie erkannten wohl, daß, um ihren Sieg entſcheidend zu machen, ſie vor allen Dingen dieſe ſtarke Feſtung Muräny, die den ungariſchen Kämpfern den Rücken deckte, erobern müßten. Während daher Paul Eſterhazy mit den kö⸗ niglichen Truppen in der Ebene weiter vordrang und die Truppen des Fürſten Georg Räköczy unabläſſig verfolgte und bekämpfte, beorderte er eine Abtheilung ſeiner Truppen gen Muräny, um vor allen Dingen dieſe Schutzmauer der Patrioten in ihre Gewalt zu bekommen. An der Spitze dieſer entſandten königli⸗ 7 48 chen Truppen, die gegen die Feſtung Muräny aus⸗ zogen, ſtand der Graf Weſſelényi Ferenz. Graf Weſſelényi Ferenz? rief Helena erglühend. Doch nicht derſelbe Graf Weſſelényi, der jetzt Dein Freund und Vertrauter iſt? Derſelbe, Kind! Seine Augen waren damals noch nicht dem Lichte der Wahrheit und der Erkenntniß des Guten geöffnet, er meinte damals noch, es hieße dem Vaterlande dienen, wenn er es zum Gehorſam und zur Unterwürfigkeit gegen den Kaiſer und König Ferdinand zurückführe. Er war ein Königlicher, und er war Katholik, er nahm daher gern die über⸗ tragene Sendung an. Er zog mit den königlichen Truppen gen Muräny. Doch als er der hohen Veſte inne ward, als er ſie wie eine Krone der ungariſchen Freiheit auf ihrem Felſen thronen ſah, da ſank ihm doch der Muth, und er verzweifelte daran, die Unein⸗ nehmbare jemals zur Uebergabe zwingen zu können. Aber er wollte doch dem Vertrauen Paul Eſterhazy's Ehre machen, und mit raſtloſem Eifer wendete er alle Künſte des Krieges, der Wiſſenſchaft an, um die hohe Bergveſte zu bezwingen. Aber alle dieſe Künſte waren vergeblich, und wenn es den Grafen Weſſe⸗ lnyi ſchon ſchmerzte, ſo viel Zeit, Blut und Geld an eine vergebliche Belagerung zu verſchwenden, 49 ſo ſchien es ihm eine doppelte Demüthigung und Kränkung, daß es ein Weib war, welches die Be⸗ ſatzung der Feſtung kommandirte, daß er von einem Weibe beſiegt werden ſollte. Monate lang hatte die Belagerung jetzt ſchon gedauert, und nichts war er⸗ reicht worden, keinen Schritt war Weſſelényi vor⸗ wärts gekommen. Die Disziplin ſeiner Truppen begann gefährdet zu werden, die Nachrichten von den Siegen des Fürſten Räkoczy wurden immer beunru⸗ higender und machten eine endliche Entſcheidung immer wünſchenswerther. Graf Weſſelényi, der es vergeblich mit der Gewalt verſucht hatte, beſchloß jetzt zu der Liſt ſeine Zuflucht zu nehmen, und zu verſuchen, ob nicht durch Ueberredung und ſanfte Bitten beſſer und eindringlicher auf die Kommandantin von Murany zu wirken ſein möchte, als durch Kanonenkugeln und Bomben. Er legte alſo eine Verkleidung an, und im Gewande eines bloßen Offiziers mit der Parlamen⸗ tairsflagge in der Hand erſchien der General Weſſ elenyi vor den Thoren von Murany und begehrte zu der Gräfin Szecſi Maria geführt zu werden.“ „Sie wies ihn mit Verachtung zurück, nicht wahr, mein Vater?“ fragte Helena hochklopfenden Herzens, bebend vor Erwartung.„Sie nahm den Parlamentair nicht an?“ 1861. R1 Franz Reköczy 1.. 50 „Sie nahm ihn an, Heleno, ſie wollte hören, was der Bote des Feindes ihr zu ſagen habe. Gar Vieles und gar Schmeichelhaftes hatte er ihr zu ſagen, er hatte ihr Friedensanträge zu machen, und er machte ihr dieſelben unter den vortheilhafteſten und ehrenvoll⸗ ſten Bedingungen.“ „Aber ſie, nicht wahr, ſie ging nicht auf dieſe An⸗ träge ein?“ „Sie ging nicht darauf ein, ſie verlachte ſeine Aner⸗ bietungen, wie ſie vorher ſeine Drohungen verlacht hatte, ſie ſtand vor ihm wie eine gottbegeiſterte Heldin, und ihr Antlitz ſtrahlte von Muth und Entſchloſſen⸗ heit, als ſie mit einer hoheitsvollen Bewegung dem Parlamentair gebot, fofort ſie und die Feſtung zu ver⸗ laſſen. Er ging, aber das Bild der Herrin von Mu⸗ rany trug er in ſeinem Herzen mit ſich fort, und ihre Schönheit, ihre Anmuth und Hoheit hatten in demſel⸗ ben einen unauslöſchlichen Eindruck zurückgelaſſen. Am andern Tage erſchien wieder ein Parlamentair mit der weißen Flagge vor Murany. Diesmal war es nicht der verkleidete Befehlshaber Weſſelényi ſelbſt, aber der Parlamentair brachte doch von ihm einen Brief an die Kommandantin von Murany, die ſchöne Szecſi Maria. In dieſem Briefe bekannte Graf Weſſelényi ihr ſeine Liſt, ſeine Verkleidung, und die glühende 51 Liebe, die ſie in ihm erweckt. Er ſchwur, daß er nicht leben könne und wolle, ohne ſie, welche die Herrin ſeines Lebens und ſeines Herzens geworden, er flehte Maria an, ihn zu erhören, und ihm ihre Hand zu reichen, ſich ihm zu vermählen. „Sie glaubte doch nicht an die erheuchelten Liebes⸗ worte eines Feindes?“ „Sie hatte in ſeinen Augen die Gedanken ſeiner Seele geleſen, und deshalb glaubte ſie an die Wahr⸗ heit ſeiner Worte, glaubte um ſo lieber daran, als ihr eigenes Herz zu ſeinen Gunſten ſprach. Aber ſie be⸗ ſchloß, dennoch den kühnen Ritter, der es wagte um ſie zu werben, auf die Probe zu ſtellen, zu ſehen, ob er nicht blos ein verliebter Thor, ſondern auch ein pflicht⸗ getreuer, loyaler Mann ſei. Sie ſandte daher dem Grafen Weſſelényi die Botſchaft zurück: wenn ſein Muth ſeiner Kühnheit gleiche, und wenn er wirklich mit aller Kraft ſeines Willens das erſtrebte Glück ver⸗ folgen wolle, ſo ſolle er allein und ohne irgend Jemand etwas zu ſagen, um Mitternacht zu dem nördlichen Thurm der Feſtung kommen. Dort werdeer eine kleine Leiter angebunden finden, und auf derſelben ſolle er hinaufklimmen, bis zu dem hohen Fenſter, aus wel⸗ chem ihm ein Licht entgegenſchimmern werde, um ihm zu ſagen, daß in dieſem Zimmer ihn Jemand erwarte, „ 4* 52 um ihm entſcheidende Antwort auf ſeinen Liebesantrag zu geben!— Es war allerdings ein gar gefährlicher und gewagter Vorſchlag, den Szecſi Maria dem feindlichen Befehlshaber machte, aber er dachte nicht an die Gefahr, ſondern nur daran, daß er dort oben in dem auf der Spitze des hohen Thurmes belegenen kleinen Zimmer die Antwort erhalten ſollte auf ſeine Liebeswerbung. Heimlich ſchlich er um Mitternacht aus dem Lager fort und nach dem Thurm an der Nordſeite der Feſtung hin.“ „Steil und hoch ſtieg der Thurm über ihmempor, aber hoch oben aus demkleinen Thurmzimmer leuchtete das Fenſter wie ein goldener Himmelsſtern hernieder, und die Strickleiter hing an der Mauer. Graf Weſſe⸗ lenyi bedachte ſich nicht länger, muthig und unverzagt, tapfer wie ein Held, leichtfüßig wie eine Gazelle, klet⸗ terte er die lange ſchwankende Strickleiter hinan. Er wußte wohl, das geringſte Schwanken, der kleinſte Fehl⸗ tritt mußte ihm das Leben koſten, denn er hing mit der Strickleiter an der Mauer des Thurmes über einem tiefen, gähnenden Abgrund, und wenn erfiel, ſowar auf dem Boden dieſes Abgrundes für ſeinen zerſchmetter⸗ ten Leichnam das ruhmloſe unbekannte Grab geöffnet.“ „Aber ſein Fuß ſtrauchelte nicht, ſeine Hand hielt ſicher und feſt die ſchwankenden, ächzenden Stricke, und er 53 gelangte an's Ziel, er ſchlüpfte glücklich durch das ge⸗ öffnete Fenſter in das Thurmzimmer hinein. Doch kaum hatte er dasſelbe mit einem raſchen Sprunge betreten, als er von kräftigen Armen gepackt, zu Boden gewor⸗ fen und in Feſſeln geſchlagen ward. Er ſah noch wie eine Thür da drüben ſich aufthat, wie eine Schaar Bewaffneter in das Zimmer eindrang, dann ſah er nichts mehr, denn man verhüllte ihm mit einer ſchwar⸗ zen Binde die Augen. Da auf Einmal rief eine rauhe Männerſtimme in ſein Ohr:„Herr Ritter, Liſt iſt er⸗ laubt in der Liebe wie im Kriege, denn die Liebe iſt auch ein Kriegsſpiel der Herzen. Ihr habt Euch waf⸗ fenlos der Gewalt Eurer Feinde überliefert und ſie können mit Euch thun, was ihnen beliebt. Allein die Herrin von Murany iſt nicht blutgierig und grauſam, ſie achtet den Muth des Feindes. Sie iſt daher zur Gnade geneigt, noch mehr, ſie iſt bereit Eure Wünſche zu erfüllen, Eure Gemahlin zu werden, und Euchzum Gebieter über ſie und Murany zu machen, nur ſtellt ſie die Eine Bedingung, daß Ihr die Sache des Königs verläßt, und Euch der Sache der Magyaren, welche gegen den König kämpfen, anſchließen wollt. Ueberlegt Euch dieſes wohl; die Herrin von Murany bewilligt Euch eine Stunde Bedenkzeit, dann ſollt Ihr entſchei⸗ den, ob Ihr leben wollt, als der glückliche und reiche 54 Gemahl der Herrin von Murany, oder ob Ihr ſterben wollt, als der überliſtete Feldherr des Königs von Un⸗ garn.“— Nachdem die Stimme dieſe Worte geſpro⸗ chen, ward es ſtill um ihm her, und Weſſelényi hörte das Zuſchlagen der Thür, das Klirren der vorgeſcho⸗ benen Riegel, und das Enteilen der verhallenden Schritte. Aber nach einer Stunde hörte er wieder das Klirren der Riegel, das Oeffnen der Thür, und die⸗ ſelbe Männerſtimme, welche zuvor zu ihm geſprochen, tönte jetzt wieder an ſein Ohr. Dieſe Stimme ſagte: „Entſcheidet Euch, Graf Weſſelényi, wollt Ihr leben, treu Eurer Dame; wollt Ihr ſterben, treu Eurem Kö⸗ nig?“—„Ich kann nicht leben als ein Verräther!“ rief Weſſelényi ſtürmiſch,„kann durch Verrath mir kein Glück erkaufen. Beſſer ſterben, als verrathen.“ — Und kaum hatte er's geſagt, da fiel die Binde von ſeinen Augen, und vor ihm ſtand die Herrin von Mu⸗ rany, die ſchöne Szecſi Maria. Sie war herrlich ge⸗ ſchmückt, ein langes, weißes Atlasgewand floß an ihrer edlen, hohen Geſtalt nieder, goldene Spangen undfun⸗ kelnde Brillanten umſchloſſen ihren Hals und die ſchönen entblößten Arme, ein Kranz von weißen Roſen über der Stirne, von einem brillantenen Diadem zu⸗ ſammengehalten, prangte auf ihren ſchwarzen Locken, und von demſelben hernieder fiel ein langer Spitzen⸗ — 55 ſchleier über den Nacken bis zur Erde hin. Geblendet von dieſer glänzenden Erſcheinung, die vor ihm da⸗ ſtand wie ein Engel des Himmels, ſank Weſſelényi in chrfürchtiger Anbetung auf ſeine Kniee nieder. Ma⸗ ria aber ſchaute ihn an mit ſtrahlenden Augen und einem wunderholden Lächeln.“ „Ihr habt die Probe gut beſtanden, mein edler Ritter,“ ſagte ſie, dem Grafen ihre Hand darreichend. „Nehmt dieſe Hand, und mit ihr Alles, was ich habe, denn Eure Standhaftigkeit und Treue haben mein Herz beſiegt. Halte mir die Treue, wie du ſie deinem Könige gehalten haſt, und die Kommandantin von Muranyi wird den Grafen Weſſelényi gern als ihren Sieger anerkennen.“ Sie hob ihn auf, und duldete es, daß er den Brautkuß auf ihre Lippen drückte. Dann aber trat ſie zurück und deutete auf den Prieſter hin, der hinter ihr geſtanden, und deſſen Stimme Weſſelényi heute ſchon zweimal vernommen.„Jetzt ſollt Ihr ſeine Stimme zum dritten Mal vernehmen,“ ſagte Maria lächelnd.„Die beiden erſten Male hat der gute Herr Pfarrer zu Euch geſprochen im Namen der Kommandan⸗ tin von Muranhi, jetzt aber wird er zu Euch ſprechen im Namen Gottes, und im Namen Gottes wird er die Gräfin Szecſi Maria in die Gattin des Grafen Weſſelényi umwandeln.“ Und alſo geſchah es, denn in 56 ſelbiger Nacht fand in der kleinen Kapelle von Mu⸗ rany die feierliche Trauung der ſchönen Maria mit dem Grafen Weſſelényi ſtatt.*) Das iſt die Geſchichte von dem Grafen Weſſelényi und der ſchönen Szecſi Maria, welche du jetzt im Bade Trencſin kennen ler⸗ nen wirſt.“ „Aber du biſt noch nicht ganz zu Ende mit deiner Geſchichte, nicht wahr?“ fragte Helena lächelnd,„du haſt mir noch nicht geſagt, was weiter geſchah, und ob nun Maria, die muthige Herrin von Murany, darein willigte, daß eine deutſche Beſatzung des Königs von Ungarn in die Feſtung gelegt ward, und ob ſie frei⸗ willig jetzt den König von Ungarn als Oberherrn anerkannte?“ „Sie war in der That klug genug, dies zu thun,“ ſagte der Graf leiſe mit dem Kopfe nickend,„ſie willigte ein, daß eine deutſche Beſatzung nach Murany kam, *) Die Geſchichte der ſchönen Kommandantin von Mu⸗ ranyi iſt vielfach von Dichtern und Schriftſtellern zu Gedich⸗ ten und Romanen benutzt worden, ſogar ſchon des Ruhmes durfte Maria ſich erfreuen, daß dies noch während ihres Lebens geſchah; denn das gefeierte Gedicht„Muränyi Venus“ von Giönghöſi erſchien ſchon einige Jahre nach jener roman⸗ tiſchen Begebenheit. Maria belohnte den Dichter dafür mit wahrhaft fürſtlicher Freigebigkeit; ſie machte ihm ein ſchönes Landgut zum Geſchenk. 57 ſie übergab die Feſtung dem General des Königs von Ungarn, ihrem Gemahl. Aber ſie forderte von ihm, daß er, zum Dank dafür, vier Monate Urlaub nehmen, und ganz ſtill e Gemahlin auf Murany leben ſollte. Der König von Ungarn, Kaiſer Ferdinand, bewilligte diefe Forderung der überwundenen Kom⸗ mandantin von Murany, und zum Dank dafür, daß der Graf Weſſelényi auf ſo originelle Art die unein⸗ nehmbare Veſte zur Uebergabe gezwungeu, bewilligte er ihm den begehrten Urlaub von vier Monaten. Nach dieſer Friſt aber ſollte der Graf ſein Schwert wieder aufnehmen, und weiter kämpfen für ſeinen Herrn und Kaiſer gegen ſeine Landsleute, die Magyaren.“ „Der Herr König und Kaiſer wußte alſo gar nicht, welche Gewalt ein Weib auf den Mann ausübt, den ſie liebt?“— fragte Helena,—„er berechnete nicht, daß in vier Monaten die überwundene Kommandau⸗ tin von Murany die Siegerin ihres Beſiegers ſein würde?“ „Was meinſt du, Kind?“ „Ich meine, als die vier Monate zu Ende waren, da hatte die ſchöne Maria den Grafen Weſſelényi be⸗ kehrt, und aus dem General des Königs war jetzt ein eifriger Patriot geworden, der bereit war ſeine Kraft, 7 ſein Blut und Leben der Sache des Vaterlandes hin⸗ zugeben.“ „Du haſt's errathen, Helena,— ſagte Graf Zrinyi feierlich.—„Der Liebe, der Ueberzeugungstreue einer ungariſchen Patriotin gelang es, den mißleiteten Un⸗ garn dem Vaterlande wieder zu gewinnen, und Graf Weſſelényi, dem Dienſte des Königs feierlich entſagend, ward von dieſer Zeit an der eifrigſte Patriot, der muthigſte Verfechter unſerer Sache, das heißt, der Freiheit und Selbſtſtändigkeit Ungarns. Und jetzt, He⸗ lena, jetzt frage ich dich: haſt du meine Geſchichte ver⸗ ſtanden, weißt du, warum ich ſie dir erzählte?“ Helena ſchaute eine Zeit lang ſinnend zur Erde nieder, dann hob ſie langſam ihre großen ſchwarzen Augen wieder zu ihrem Vater empor, und ihr Blick war ſtrahlend und hell. „Sagteſt du mir nicht geſtern, daß der junge Fürſt Franz Räköczy auch nach den Bädern von Treneſin kommen werde?“— fragte ſie langſam. „Ich ſagte es dir, meine Tihe „Klagteſt du nicht darüber, daß der Fürſt ganz beherrſcht werde von ſeiner Mutter, der katholiſchen Bätöry Sophie, der fanatiſchen Anhängerin des Kö⸗ nigs, der ergebenen Schülerin der Jeſuiten? Sprachſt du nicht davon, daß alle treuen ungariſchen Patrioten — 59 mit tiefem Schmerzgefühl es ſahen, wie der letzte Sohn des erlauchten Fürſtenhauſes der Räköczy den Ueberlieferungen ſeiner Familie abgewendet ſei, kein Mitgefühl mehr habe für die Leiden und Schmerzen ſeines Vaterlandes?“ „Ich ſagte das, und alle Patrioten ſagen es mit mir, und durch ganz Ungarn geht ein Schmerzensſchrei über den entarteten Sohn ſeiner Väter, über Franz Räkéczy, der in den Banden ſeiner Mutter und der Jeſuiten liegt, und abgewandt iſt der Sache ſeines lei⸗ denden Vaterlandes?“ Helena Zrinyi richtete ſich ernſt und feierlich von ihrem Tabouret empor, und ihr Antlitz war ſtrahlend von Entſchloſſenheit und Muth. „Mein Vater,“— ſagte ſie, ihre weißekleine Hand auf die Schulter des Grafen legend und ihm ernſt ins Angeſicht ſchauend,—„mein Vater, ich weiß jetzt, warum du mir die Geſchichte der Szecſi Maria er⸗ zählteſt.— Ich weiß auch, weshalb wir nach Treneſin gehen, und weshalb du wünſcheſt, daß ich dort erſcheine im Glanze unſeres Ranges, weshalb ich mich ſchmücken und prächtige Kleider tragen ſoll. Eine zweite Szeeſi Maria ſoll ich werden, einen andern abgefallenen Sohn des Vaterlandes ſoll ich gewinnen für die heilige 7 60 Sache, nur daß er nicht Weſſelényi, ſondern Franz Räköczy heißt. Der Graf ſtieß einen Freudenſchrei aus, undpreßte das junge Mädchen, das ſo ſtrahlend, ſo ſtolz und muthig vor ihm ſtand, feſt in ſeine Arme. „Geſegnetſeieſt du, meine Tochter!“— rief er tief⸗ bewegt,—„denn du haſt das Herz und den Geiſt einer treuen Tochter deines Vaterlandes. Ja, du ſollſt den treuloſen Sohn ſeines Vaterlandes der heiligen Sache wiedergewinnen, du ſollſt dem kämpfenden Magyaren⸗ thum einen glorwürdigen Namen, einen Führer erobern, du ſollſt den Enkel des großen Georg Räkéczy des Erſten wieder zurückführen zu den Patrioten, ſollſt ihn den Netzen entreißen, mit welchen ſeine Mutter und die Jeſuiten ihn umſtellt haben.“ „Aber wird mir dies auch gelingen?“— fragte ſie ſchüchtern,—„bin ich ſchön genug, um die Augen des jungen Fürſten auf mich ziehen zu können? Bin ich klug genug, um ermeſſen zu können, welcher Mittel es bedarf, um ſeine Aufmerkſamkeit, wenn er mir die⸗ ſelbe zugewandt, auch zu feſſeln? Bin ich intereſſant und geiſtvoll genug, um ſeine Aufmerkſamkeit rege zu erhalten und auf ihn zu wirken?“ „Du biſt ſchön, du biſt klug, du biſt intereſſant 61 und geiſtvoll,“— ſagte der Vater, ſie mit zärtlichem Vaterſtolz anſchauend.—„Ja, dir wird es gelingen, den jungen Fürſten Franz Räköczy der Sache des Vater⸗ landes wieder zu gewinnen. Sage nur, daß du es willſt.“ „Ich will es! mein Vater,“— ſagte ſie ernſt und feſt.— Die Vermählung. IHI. Es war ein glänzendes, freudenvolles Leben, wel⸗ ches die ungariſchen Magnaten in dieſem Sommer des Jahres 1666 in den Bädern von Trencſin führten. Alle Sorgen, alle politiſchen Kümmerniſſe ſchien man daheim gelaſſen zu haben, und nur dem Vergnügen, der Freude und den harmloſen Genüſſen leben zu wollen. Jeden Tag gab es neue Feſte, neue Zerſtreuungen. man tanzte die Nächte hindurch, man vereinigte ſich am Tage zu Jagdpartien und Fahrten in die Umge⸗ gend, zu Diners und Konzerten. Und der Mittelpunkt aller dieſer Feſtlichkeiten war immer die ſchöne, lieb⸗ reizende Gräfin Helena Zrinyi. Ihr huldigten alle die ſtolzen Magyaren, um ſie drängten ſich alle die reichen, mächtigen Herren des ungariſchen Adels, ihr galten die Serenaden, die Huldigungen, die Feſte. Sie aber, die ſchöne junge Gräfin, ſie hatte für 63 Niemand ein Lächeln, ein freundliches Anblicken, ein entgegenkommendes Wort,— für Niemand, außer für den Fürſten Franz Räköczy. Ihrer Freundlichkeit, ihrer Anmuth und Holdſeligkeit war es gelungen, den jungen ſchüchternen Fürſten ſeiner düſtern Abgeſchloſſenheit, ſei⸗ ner trüben Iſolirtheit zu entreißen, und mit Zorn und Entſetzen ſah es ſeine Mutter, wie die ſchöne Kom⸗ teſſe Helena Zrinyi, die Tochter des ungariſchen Pa⸗ trioten immer mehr Herrſchaft gewann über das Ge⸗ müth des Sohnes, der ſonſt wie weiches Wachs in ihren Händen geweſen. Jetzt auf einmalzeigte er einen eigenen Willen, und dieſer Wille war oft im Wider⸗ ſpruch mit dem ſeiner Mutter; aber ſelbſt ihrem Zorn, ihrem Schelten gelang es nicht mehr, den Sohn zur Unterwerfung zurückzuführen. Der junge Adler warſich der Kraft ſeiner Schwingen bewußt geworden, ſein blöder Blick hatte plötzlich die Stärke gefunden, ſich zur Sonne emporzuheben, und er wollte ſich jetzt nicht mehr ein⸗ engen laſſen in den Käfig der Unterthänigkeit, in wel⸗ chem die mütterliche Autorität ihn bis dahin feſtzuhalten verſtanden. Er wollte ſein Schwingen entfalten, er wollte das Glück, das Leben, die Freiheit genießen, er wollte in ungehindertem Flug ſich aufſchwingen zur onne. Dieſe Sonne, welche auf einmal über ihm aufge⸗ 64 gangen, dieſe Sonne, das war die Liebe. Ja, Franz Räköczy liebte die ſchöne Helena Zrinyi, er war nur glücklich, nur heiter und zufrieden in ihrer Nähe, und unbekümmert um das Grollen ſeiner Mutter, eilte er mit jedem neuen Morgen zum Grafen Zrinyi, um ſich die Erlaubniß zu erbitten, den Tag über Theil nehmen zu dürfen an den beabſichtigten Vergnügungen und der Kavalier ſeiner Tochter zu ſein. Graf Zrinyi empfing den jungen, kaum einund⸗ zwanzigjährigen Fürſten ſtets zugleich mit dem ſanften Wohlwollen eines Vaters, und der dienſtbarſten Ehr⸗ furcht eines Untergebenen, er willigte mit Freuden darein, daß Franz Rälöczy der Kavalier ſeiner Tochter ſei, nur bat er um die Erlaubniß, mit ſeinen Freunden die Geſellſchaft des Fürſten mit genießen zu dürfen, und Theil zu haben an den Vergnügungen, welche Helena und Franz verabreden möchten. So ward Franz Räköezy nach und nach der täg⸗ liche Genoſſe der frühern Freunde und Anhänger ſeines Vaters, und um ihm den Beweis zu geben, wie ſehr ſie ihm vertrauten, ſprachen ſie vor ihm ganz unver⸗ hohlen von ihren Plänen und Hoffnungen für die Zu⸗ kunft, von den Rüſtungen, welche ſie heimlich und in der Stille vorgenommen, um bald mit einer ſtarken, kriegsbereiten Armee die deutſchen Schaaren des Kö⸗ 65 nigs von Ungarn aus dem Lande vertreiben zu können. Und wenn der junge Fürſt Franz Räköczy alsdann an der Seite Helena's ſich befand, ſo hörte er ſie mit Begeiſterung ſprechen von den großen Tagen, welche geweſen, von der ſtolzen Ruhmeszeit Ungarns, von den Heldenthaten Georg Räköczy's des Erſten. Eines Tages unterbrach er ſie mitten in ihren pvetiſchen Rückerinnerungen, in ihren begeiſterten ymnen auf das Vaterland, indem er ganz Glut und egeiſterung, ſelber zu ihren Füßen niederkniete, und ſie um ihre Liebe anflehte. Helena ſchaute ihn an mit einem langen innigen Liebesblick.„Ich kann nur einem Jüngling die Hand reichen,“ ſagte ſie,„der ſein Vaterland liebt, wie ich es liebe, der bereit iſt ſein Blut und Leben, ſein Hab und Gut hinzugeben für das Vaterland, für die Frei⸗ heit und Selbſtſtändigkeit Ungarns.“ „Ich bin dazu bereit!“ rief der junge Fürſt glühend, „ſage, daß du mich liebſt, Helena, und mein Blut und Leben, mein Hab und Gut, mein Name und meine Treue gehört dem ungariſchen Vaterlande.“ Helena neigte ſich zu ihm nieder und drückte einen Kuß auf ſeine Stirn.„Ich liebe dich,“ hauchte ſie leiſe. Und ſie ließ es geſchehen, daß Franz Räköczy emporſprang und ſie in ſeine Arme ſchloß. 1861. xu Franz Rkéczy 1. 2 7 Am nächſten Tage fand die feierliche öffentliche Verlobung des jungen Paares ſtatt, denn die Mutter des Fürſten hatte es nicht gewagt, dem ſo ernſt und feſt ausgeſprochenen Willen ihres Sohnes zu wider⸗ ſprechen, ſie hatte ihren Groll, ihren Zorn zurückge⸗ drängt in ihr Herz, und es über ſich gewonnen, mit einem Lächeln auf der Lippe zu Helena Zrinyi zu gehen, um ſie zu begrüßen als ihre geliebte Tochter, um ihrem Vater die Hand zu reichen, und ihn ihrer herzlichen Einwilligung zu verſichern. Franz Räköczy hatte das Mittel gefunden, ſeine ſtolze und herrſchſüchtige Mutter zur Nachgiebigkeit und Freundlichkeit zu zwingen. Er hatte zu ihr geſagt:„Ich bin der Erbe meines Vaters, und ſeine Feſtungen ſind die meinen. Willigt meine Mutter nicht in meine Ver⸗ mählung, ſo kommt es ſchon jetzt zu einem öffentlichen Bruch, nicht blos zwiſchen mir und ihr, ſondern auch zwiſchen mir und dem König. Ich verbinde mich mit den ungariſchen Patrioten, und vereint mit ihren Schaaren verjage ich aus meinen vier Grenzfeſtungen die deutſchen Beſatzungen, die nicht ich darin aufge⸗ nommen, ſondern die meine Mutter während meiner Unmündigkeit darin beherbergt hat. Jetzt aber, da ich mein einundzwanzigſtes Jahr zurückgelegt habe, bin ich mündig, und ich werde dem König von Ungarn öffent⸗ 67 lich den Beweis davon geben, daß ich nicht ſo loyal bin, wie meine edle, vielgeliebte Mutter. Ich werde aber außerdem noch einen perſönlichen Kummer zu über⸗ winden haben, denn da meine Mutter mir ihre Ein⸗ willigung zu meiner Vermählung verſagt, werde ich zu meinem Bedauern ohne den Segen meiner Mutter mit meiner Braut zum Traualtar gehen, und es wird mir nicht gegönnt ſein, mit meiner geliebten Mutter wie bisher in friedlicher Gemeinſchaft zu leben. Sie wird es natürlich verſchmähen, mit der unwillkom⸗ menen Schwiegertochter und dem verſtoßenen Sohne in Munkaes zu leben, wo ich mit meiner Gemahlin reſidiren werde, und mein theure Mutter wird ſich daher beeilen Munkacs zu verlaſſen, und ſich auf einen ihrer Witwenſitze zurückzuziehen. Ach, all dieſe Kümmerniſſe und Unbequemlichkeiten könnten vermieden werden durch ein einziges kleines Ja, aber meine Mutter will es nicht ſprechen, und darum werde ich mit dem König und mit ihm vor der ganzen Welt nun den Zwiſt und Streit beginnen müſſen, ſo weh dies auch meinem Herzen thut. Aber die Verhältniſſe zwingen mich dazu. Ich kann mich den Wünſchen meiner Mutter nicht unterordnen, ich kann Helena Zrinyi nicht entſagen, denn ich liebe ſie!“ Dieſe feſte, entſchiedene Sprache ihres Sohnes 5* 68 hatte Sophie Bätöry zur Nachgiebigkeit, zur Ueber⸗ legung gezwungen. Sie hatte erkannt, daß ſie im Be⸗ griff war, für immer und unwiederbringlich den Ein⸗ fluß auf das Gemüth ihres Sohnes zu verlieren, wenn ſie jetzt in offenen Widerſpruch mit ihm träte. Sie fürchtete vor allen Dingen den öffentlichen Eklat, und die Drohung ihres Sohnes, daß er die deutſchen Beſat⸗ zungen aus ſeinen vier Grenzfeſtungen verjagen wolle, erſchreckte ſie faſt noch mehr als der Gedanke, daß ſie Munkacs verlaſſen ſolle, um der neuen jungen Herrin zu weichen. Nur durch kluge Nachgiebigkeit, deſſen war ſich Sophie Bätory wohl bewußt, konnte ſie noch hoffen, für die Zukunft ihren Einfluß wieder zu gewinnen, und es vielleicht noch vermeiden, daß ihr Sohn öffentlich die Partei der Unzufriedenen ergreife, und ſich auflehne gegen ſeinen König und Herrn. Nur durch anſcheinen⸗ des Eingehen in ſeine Pläne konnte ſie es erreichen, neben der aufgedrungenen Schwiegertochter in Munkacs zu bleiben, und dann konnte wohl einmal der Tag kommen, wo Helena Zrinyi die Bedeutung des unga⸗ riſchen Geſetzes kennen lernen konnte, welches die Schwiegertochter unter die Botmäßigkeit ihrer Schwie⸗ germutter ſtellte. Das Alles überlegte die kluge Witwe Georg Rä⸗ 69 köczy's, und ſie handelte darnach. Sie gab ihrem Sohn nach einem Tage des Zauderns und Nachdenkens mit lächelndem Munde ihre Einwilligung, ſie begab ſich in. feierlichem Aufzuge nach der Wohnung der Braut, um ſie zu begrüßen als künftige Tochter, und ſie zeigte dem Grafen Zrinyi ſo viel freundliches, herzliches Entgegenkommen, daß dieſer ſogar ſeine Abneigung und ſein Mißtrauen entwaffnet fühlte, und an eine Sinnesänderung der ſo ſtreng katholiſchen, ſo fanatiſch royaliſtiſchen Gräfin glaubte. Jetzt auf einmal ſah er ſie in zwangloſer Ver⸗ traulichkeit verkehren mit ihm und ſeinen Freunden, ſah ſie theilnehmen an all den Feſten, mit denen die Patrioten die Verlobung der Gräfin Helena Zrinyi mit dem Fürſten Räköczy feierten. Ließ ſie ſich täuſchen von dieſem Vorwand? Glaubte die kluge, in Intriguen wohlerfahrne Fürſtin Sophie Räköczy wirklich, daß alle dieſe Feſte nur ſtattfänden zur Verlobungsfeier, daß alle dieſe Magyaren, von denen man wußte, daß ſie in offenem Widerſpruch ſtanden zu dem König und Kaiſer, daß alle dieſe nur nach Treneſin kämen, um dem Grafen Zrinyi und dem jungen Brautpaar ihre Glückwünſche darzubringen? Schaute ſie nicht hinter dieſe glänzende, lachende Maske, und ſah den ernſten Trotz, der ſich dahinter verbarg? 6 70 Ahnte ſie nicht, daß dieſe Gratulanten noch einen andern Charakter hatten, daß ſie Verſchworne waren, die nach Treneſin gekommen, um während der rauſchenden Feſte und unter dem Schall der Tanzmuſik mit dem Grafen Zrinyi und den anderem hohen Häuptern der Verſchwörung ihre Verabredungen zu treffen? Kein Zug ihres ſtolzen und undurchdringlichen Angeſichts verrieth, ob Sophie Bätéry den eigentlichen Zweck dieſer Feſte kenne oder ahne, nicht die leiſeſte An⸗ deutung oder Warnung entſchlüpfte ihr. Sie war und blieb heiter, ſorglos, voll freundlicher Güte gegen die ſchöne Braut, voll zärtlicher Sorgfalt für ihren Sohn, zu dem ſie nicht müde ward über die Liebenswürdigkeit und den Geiſt des Grafen Peter Zrinyi voll emphati⸗ ſcher Anerkennung zu ſprechen. Beſonders ſchien ſie er⸗ freut, daß der Graf Zrinyi, ſowie ſeine Tochter, der katholiſchen Kirche angehörten, und ſie geſtand ihrem Sohn, daß ſie daraus die ſichere und freudige Hoff⸗ nung ſchöpfe, daß er treu ſeiner neuen Religion, der allein ſeligmachenden Kirche ſein werde. Franz Räköczy, gerührt über die gütevolle Nach⸗ giebigkeit, die ſich ſelbſtverläugnende Liebe ſeiner Mutter, wollte ihr durch zuvorkommendes Eingehen auf alle ihre Wünſche mindeſtens ſeine Dankbarkeit bezeigen, und am Tage ſeiner Vermählung mit Helena Zrinyi erbat er es ſich von ſeiner Mutter als beſondere Gunſt, daß ſie fortan in Munkacs reſidire, während er mit ſeiner jungen Gemahlin abwechſelnd in Makovicz und Munkaes ſeinen Wohnſitz nehmen wolle. Sophie nahm dieſes Erbieten ihres Sohnes mit ſichtbarer Freude an, und erbat es ſich lächelnd von ihm als Hochzeits⸗ geſchenk, daß er ſie immer während ſeiner Abweſen⸗ heit von Munkacs als Kommandantin ſchalten und walten laſſe, und jedesmal bei ſeiner Abreiſe an die Beſatzung einen Tagsbefehl erließe, in welchem er ihr geböte, ſeiner Mutter zu gehorchen, wie ihm. Franz Räköczy gewährte arglos und vertrauensvoll ſeiner Mutter dieſen Wunſch, und derſelbe ſchien ihm ſo un⸗ wichtig und bedeutungslos, daß er es nicht einmal der Mühe werth hielt, ihn ſeiner jungen Gemahlin mit⸗ zutheilen. Es war eine ehrgeizige Spielerei ſeiner Mutter, weiter nichts, wozu alſo davon weiter ſprechen? Was kümmerte es ihn, den glücklichen jungen Gatten, der mit ſeinem ſchönen jungen Weibe die ſelige Zeit der Honigmonate in Schloß Makovicz verlebte, was kümmerte es ihn, ob ſeine Mutter während der Zeit in Munkaes die Herrin ſpielte, und ſich mit einem Schein der Macht und Größe umgab, die ſie doch zu jeder Stunde, wann er kam, an ihren Sohn abtreten mußte? 72 Was kümmerten alle dieſe irdiſchen Dinge, dieſe Welthändel den jungen Fürſten, der nur lebte und ath⸗ mete im Anſchauen ſeines jungen Weibes, dem die ganze Welt hinabgeſunken ſchien in das Meer des Ver⸗ geſſens, und der ſein Schloß Makovicz die Inſel der Glückſeligkeit nannte, die allein von der ganzen Welt übrig geblieben war! Was außer der Inſel der Glückſeligkeit ſich begab, das kümmerte ihn gar nicht, den liebestrunkenen Mann, das hatte für ihn gar keinen Werth, keine Bedeutung mehr! Nur von ſeiner Liebe und von ſeinem Glück hatte er ſeiner Helena zu erzählen, und wenn er mit ihr Pläne für die Zukunft entwarf, ſo waren es nur Pläne, die ihr perſönliches Glück betrafen. Anders aber dachte und empfand ſeine junge Gemah⸗ lin Helena. Sie auch liebte den jungen Gemahl, ſie wollte für ihn und für ſich eine ſtolze, ſtrahlende Zukunft, ſie wollte durch ihn das Vaterland frei und glücklich ma⸗ chen, und den Fürſten Räköczy an die Spitze desſelben ſtellen. Sie liebte den Gemahl nicht blos um ſeiner Perſon, ſondern auch um der Hoffnungen willen, die ſie auf ſeinen Namen ſetzte. Obwohl ſo jung, kaum ſechzehnjährig, obwohl ſo ſchön und gefeiert, obwohl umgeben von Glanz und Reichthum, war der Sinn der jungen Fürſtin doch nur mit ernſten und ehrgeizigen ——,— 73 Gedanken beſchäftigt, hatte ſie in ihrem Herzen einen Altar errichtet, auf welchem neben den Flammen irdi⸗ ſcher Liebe die heiligen Feuer der Vaterlandsliebe glühten. Wie aber ſollte ſie es beginnen, um auch in das Herz des Geliebten dieſes heilige Feuer zu ergießen? Und gab es ein Mittel, um den ſchwärmeriſchen Träu⸗ mer zu wecken aus dieſem Halbſchlummer, mit wel⸗ chem die Liebe und das Glück ſeine Energie und Thä⸗ tigkeit eingelullt hatten, um ſein entzücktes Auge von dem in Jugend und Schönheit ſtrahlenden Angeſicht der Geliebten hinzulenken auf das trauernde, düſtere Angeſicht des Vaterlandes? Helena hatte es oft ſchon vergebens verſucht, den jungen Gemahl aus der füßen Behaglichkeit des Glückes emporzurufen zu ernſter Thätigkeit, und ihn die mah⸗ nende Stimme des Vaterlandes hören zu laſſen Aber Franz hatte der ſchönen Mahnerin immer wieder mit ſeinen Küſſen den Mund verſchloſſen, und ihren Mah⸗ nungen hatte er geantwortet mit ſeinen Liebesbetheue⸗ rungen. Da, nach kaum einem Jahre ihrer jungen Ehe, kam das Schickſal ſelber den Bemühungen und Wünſchen det jungen Fürſtin zu Hülfe, und weckte ihren Gemahl 74 mit einer ſchreckenvollen Trauerkunde aus ſeiner Sorg⸗ loſigkeit und ſeinem Glücke. Graf Weſſelényi, der abgefallene General des Königs, der Gemahl der Heldin Szeeſi Maria, Graf Weſſelényi war plötzlich geſtorben. An der Seite ſei⸗ ner Gemahlin bei einem Gaſtmahle, das er auf Mu⸗ rany ſeinen Freunden gegeben, war er plötzlich todt zuſammengeſunken, und alle Anzeichen deuteten dar⸗ auf hin, daß ſein Tod kein natürlicher geweſen, ſon⸗ dern daß er auf gewaltſame Weiſe bewirkt worden. Wer hatte die finſtere That vollbracht? Wer hatte ſie befohlen? Das war die Frage, welche ſeine Freunde beſchäftigte. War es blos eine That der Rache und Vergeltung, weil der Graf ſeinem Eide und ſeiner be⸗ ſchwornen Pflicht ungetren, aus einem General des Kö⸗ nigs ſich plötzlich in einen Freund und Genoſſen der Unzufriedenen und proteſtirenden Magyaren verwan⸗ delt hatte? Oder war es eine Warnung, die man allen Denen entgegenſchleuderte, welche mit Weſſelényi im Bunde geweſen? Er war nicht blos der Theilnehmer, ſondern das Haupt eines Bundes geweſen, er hatte an der Spitze jener großen Verſchwörung geſtanden, welche wie eine große, unſichtbare Schlange ſich durch ganz Ungarn und Siebenbürgen dahin ſchlängelte und aus den Ge⸗ 75 waltthätigkeiten der Strenge und Unduldſamkeit der Beamten des Königs immer neue Nahrung ſog. Dieſe Verſchwörung war ſo zu einer Macht heran⸗ gewachſen, die es wohl wagen konnte den Kampf zu beginnen, einen neuen Verſuch zu machen, die König⸗ lichen, die Deutſchen mit Gewalt zu vertreiben, und den goldenen Traum der Magyaren, das freie, ſelbſt⸗ ſtändige Wahlkönigreich Ungarn wieder herzuſtellen. Dieſer Kampf hatte jetzt beginnen ſollen, ſo hatten es die Häupter der Verſchwornen, an deren Spitze Graf Weſſelényi geſtanden, beſchloſſen. Alles war vor⸗ bereitet zu einem Ausbruch, überall waren die Paro⸗ len ausgetheilt, die nöthigen Ordres gegeben, und die durch ganz Ungarn vertheilten Häupter der Verſchwor⸗ nen warteten nur auf das Signal, um aller Orten gleichmäßig den Kampf beginnen zu können. Auch der jetzige Fürſt von Siebenbürgen Apafy war der Freund und Theilhaber dieſer Verſchwörung, und er hatte für dieſelbe nicht blos ſeine perſönliche Mitwirkung zuge⸗ ſichert, ſondern auch verſprochen, den Aufſtändiſchen die Hülfe und den Beiſtand der Pforte zu verſchaffen. Und jetzt, da alle dieſe großartigen und gefährlichen Pläne eben zur That werden ſollten, jetzt ward das Haupt aller dieſer Pläne von einem jähen und räth⸗ 7 76 ſelhaften Tode, dem keine Krankheit voranging, dahin⸗ gerafft! Aber die Verſchwornen richteten ſich bald wieder empor aus der Betäubung und dem ahnungsvollen Schrecken, der dieſes finſtere und unerwartete Ereig⸗ niß auf ſie ausgeübt. Graf Weſſelényi war todt, es mußte alſo die Oberleitung, kraft der darüber angenommenen Be⸗ ſtimmungen, an Denjenigen übergehen, der nach ihm der erſte Lenker der Verſchwörung geweſen. Dieſer Erſte, dieſes zweite Haupt des gefährlichen Bundes war der Graf Peter Zrinyi. Jetzt, da Weſſe⸗ lény todt, ging die Oberleitung des ganzen Unterneh⸗ mens auf ihn über, und er übernahm ſie mit allem Muth, aller Energie des kühnen Patrioten, des ſtol⸗ zen Magyaren, der es zur höchſten Aufgabe ſeines Lebens gemacht, dem Vaterlande die alten verbrieften Freiheiten früherer Tage wieder zu erringen, gleich⸗ viel durch welche Mittel, und auf welchem Wege. Er fühlte, daß es jetzt darauf ankomme, Alles zu wagen, und daß man mit Energie und Entſchloſſenheit vorwärtsgehen, nicht einen Moment aber zaudern und ſtillſtehen müſſe. Deshalb durfte auch ſein Schwiegerſohn Franz Räköczy nicht mehr verharren in der müßigen Ruhe ſeines Liebesglückes, er mußte 77 ein thätiger Theilnehmer ſein an den gefährlichen Un⸗ ternehmungen und Plänen, die alle angeſehenen unga⸗ riſchen Edelleute beſchäftigte. Graf Peter Zrinhi ging daher offen und rückhalts⸗ los zu Werke, er machte den jungen Fürſten zum Ver⸗ trauten aller Pläne der Verſchwornen, er theilte ihm im Beiſein ſeiner Tochter Helena alle ihre Abſichten, ihre Wünſche mit, er forderte ihn auf, Theil zu neh⸗ men an dem großen Bunde der Vaterlandsbefreier, und ihre Gefahren, aber auch ihre Triumphe zu theilen. Neben ihrem Vater ſtand Helena, und ſie ſchaute den Geliebten an mit ſtrahlenden Augen voll unaus⸗ ſprechlicher Beredſamkeit, ſie grüßte ihn mit ihrem holdeſten Liebeslächeln, ſie reichte ihm mit einem be⸗ geiſterten, leuchtenden Blick die Hand dar, und rief mit der flammenden Glut ihres Enthuſiasmus:„Es iſt dein Vaterland, welches zu dir fleht! Erobere dir das Erbe deiner Väter, den Thron von Siebenbürgen. Erobere dir den alten Glanz deines Hauſes, den Ruhm, indem du zur Befreiung Ungarns dein Blut und Le⸗ ben wagſt!“ Franz Räköczy hatte nicht die Kraft und den Willen, ſo glühender Beredſamkeit zu widerſte⸗ hen. Er zog das holde Weib in ſeine Arme, er reichte dem Grafen Zrinyi ſeine Hand dar, und ſagte ernſt 78 und feſt:„Ich bin Euer! Mein Blut und Leben gehört fortan dem doppelten Vaterlande, es gehört Ungarn und Siebenbürgen. Ich will Euren Ruhm und Eure Gefahren mit Euch theilen, und ob nun die Verſchwö⸗ rung mit dem Sieg oder mit dem Henkerbeil enden wird, immer wird die Geſchichte Franz Räköczy den Erſten als Einen der Häupter der Verſchwornen zu nennen haben.“ IV. Die Berſch wärung Die Würfel waren alſo gefallen, das Geſchick Franz Räkoczy's war entſchieden! Er gehörte zu den Häuptern der Verſchwornen, er nahm rückhaltslos die Partei der Unzufriedenen.— Sophie Bätöry verſuchte es vergebens, den Sohn wieder zurückzuführen auf die verlaſſene Bahn der Legalität und Geſetzlich⸗ keit, ſie zeigte ihm vergeblich die Gefahren, die ihn von allen Seiten bedrohten, die Unwahrſcheinlichkeit des glücklichen Gelingens, ſie bat, ſie ermahnte, ſie drohte, aber alles dies war fruchtlos. Die mütterliche Auto⸗ rität war machtlos geworden, die Liebe hatte aus dem ſchwankenden und lenkbaren Jüngling einen willens⸗ kräftigen, ſtarken Mann gemacht, die Liebe zu ſeinem jungen Weibe, zu ſeinem Sohn, hatte die Liebe und den Gehorſam zu ſeiner Mutter getödtet. 7 80 Sophie Bätéry zog ſich weinend und grollend nach Munkaes zurück, und Franz kam nicht mehr dahin, weil er die Thränen und die Scheltworte ſeiner Mutter floh, er weilte mit ſeiner Gemahlin entweder auf einem ſeiner eigenen Schlöſſer, oder er war mit ihr in Czakathurn bei ſeinem Schwiegervater, dem Gra⸗ fen Zrinyi. Dort fanden die regelmäßigen Verſammlungen der Verſchwornen ſtatt, dort war das große Waffen⸗ depot für die Armee der Aufſtändiſchen, die mehr und mehr ſich zu organiſiren begann, dort vereinigten ſich alle Drähte und Fäden, welche die große Maſchine der Revolution lenkten und in Bewegung ſetzten. Und endlich, nach jahrelangen Vorbereitungen waren alle Pläne gereift und zur That herangewachſen, end⸗ lich jetzt um das Jahr 1670 ſollte das große Werk be⸗ ginnen. Es war in der That ein rieſiges Unternehmen, welches man beabſichtigte. Ungarn ſollte ſeine voll⸗ kommene Freiheit und Unabhängigkeit wieder erhalten. Es ſollte ſich nicht mehr darum handeln, dem Könige von Ungarn einzelne Prärogative und Vorrechte wieder zu entreißen, nicht mehr darum, den König zu zwingen, einzelne vergeſſene Paragraphen der ungariſchen Ver⸗ faſſung wieder ins Leben treten zu laſſen, ſondern ſeine ganze Macht ſollte geſtürzt werden, das ganze Habs⸗ — 8¹ burg'ſche Königshaus ſollte wie ein krankhaftes Ge⸗ ſchwür abgeſtoßen werden. Ungarn ſollte wieder ein freies Land werden, dem die Magyaren nach ihrer Wahl entweder einen König geben, oder es als Re⸗ publik beſtehen laſſen konnten. Sie wollten wieder die unbedingtenHerren ſein in ihrem eigenenHauſe, und Nie⸗ manden wollten die ſtolzen Magyaren das Recht fortan zugeſtehen, Anſprüche auf den Thron von Ungarn ma⸗ chen zu können. Ungarn ſollte ſich wieder ſelbſt regie⸗ ren, ein einiges, freies Königreich ſein, es ſollte ſich nicht mehr unter fremden Willen beugen, nicht mehr einen Herrn über ſich anerkennen und die Ausländer ſchal⸗ ten ſehen im eigenen Lande. Deshalb war das erſte Beſtreben, die fremden Soldaten zu vertreiben, ſie aus allen ungariſchen Feſtungen zu verjagen und dieſe mit ungariſchen Regimentern zu beſetzen. Zu ſolchen großartigen Zwecken aber waren die Mittel der Magyaren allein nicht ausreichend und ſie mußten deshalb ſchon den hochfahrenden Sinn beugen u zu fremder Hülfe ihre Zuflucht nehmen. Zu allererſt, wie geſagt, hatte man mit Apafy, dem Fürſten von Siebenbürgen, ein geheimes Bündniß geſchloſſen. Den Bemühungen Apafy's war es alsbald wirklich ge⸗ lungen, auch die Pforte für die Abſichten der Magharen 1861. XI. Franz Rakoczy. 6 82 zu gewinnen und ihnen das Verſprechen wirkſamer Unterſtützung zu erlangen. So ſchien Alles dem Unternehmen günſtig, das man Jahre lang mit ſo viel Eifer, Geduld und Umſicht vorbereitet hatte, ſo ſchien die Stunde der That end⸗ lich gekommen, und die Häupter der Verſchwornen trennten ſich jetzt nach langer Berathung, um jeder zu der ihrem Wirkungskreiſe beſtimmten Station ab⸗ zugehen und das blutige Werk zu beginnen. Helena hatte mit ihrem Gemahl an all' dieſen Ver⸗ handlungen Theil genommen, ſie kannte die geheimſten Triebfedern des großen Unternehmens, ſie war es ſich wohlbewußt, welch'ein ungeheures Wagniß dieſe ganze Schilderhebung war, welche furchtbare Folgen ihr Miß⸗ lingen für ganz Ungarn und ſpeziell für ihre eigene Familie haben werde. Aber es war dennoch kein Zagen und Schwanken in ihr, die Begeiſterung für das Vaterland war größer bei ihr und ſtärker, als die ſorgende Liebe für den Gemahl, für den eigenen Vater und Bruder. Sie alle gingen einer gefahrvollen, blutigen Zukunft entgegen, aber nicht einen Moment kam der jungen Fürſtin der egviſtiſche Wunſch, ſie möchten daheim bleiben, ſie möchten dem ſchwierigen und todeswürdigen Unter⸗ nehmen entſagen Das Vaterland rief ſeine Söhne, ſie 83 durften dieſen Ruf nicht überhören, ſie mußten beweiſen, daß ſie, ſowie die erſten und größten, auch die ge⸗ treueſten und angeſehenſten Söhne ihrer großen ange⸗ beteten Mutter waren. Mit ſtrahlenden Augen, mit lächelndem Munde umarmte Helena zum langen Abſchied den jungen Ge⸗ mahl, der vielleicht dem Tode, ſicher aber den größten Gefahren entgegenging. Sie bat ihn nicht, ſeiner zu ſchonen und auf die Erhaltung ſeines Lebens bedacht zu ſein, ſie ſagte ihm nur mit leuchtendem Angeſicht: „Wenn wir uns wiederſehen, wird Ungarn frei ſein, und du wirſt zu den Auserleſenen gehören, welche dem Vaterlande die Freiheit erkämpft haben.“ Franz Raköczy antwortete ihr nur mit einem Seufzer und eine trübe Wolke ſtand auf ſeiner Stirn, als er das ſchöne junge Weib zum letzten Male umarmte. Er glaubte nicht an einen glücklichen Ausgang der Verſchwörung, nicht an das Gelingen ihrer Pläne. Mit rückwärts gewandten Blicken ſchaute er auf die Geſchichte Ungarns, auf die Geſchichte ſeines eigenen Hauſes, und die Vergangenheit ſchien ihm die Zukunft zu deuten. Wie oft hatten nicht die Räköczy für die Freiheit, Selbſtſtändigkeit und Größe Ungarns ge⸗ kämpft, und wie oft waren ſie nicht geſcheitert, wenn nicht an der Ueberlegenheit ihrergFeinde, ſo an der Undank⸗ 6. 84 barkeit ihrer Freunde, an dem Wankelmuth, dem Trotz und Hochmuth der Magyaren, die bald genug Den verlaſſen hatten, welcher für ſie alle Gefahren und Schreckniſſe des Krieges erduldet hatte. Aber es war jetzt nicht die Zeit, ſo trüben Bildern der Vergangenheit nachzuhängen, das rückwärts ge⸗ wandte Geſicht mußte ſich wenden nach vorwärts, und da ſtand am Eingang der gefahrvollen, blutigen Zukunft die holde Lichterſcheinung ſeines geliebten Weibes und winkte ihm zu mit glücklichem Lächeln und ſang ihm die begeiſterten Hymnen der Freiheit. Vor dieſem Anblicke verſtummten die mahnenden Stimmen in Franz Räköczy's Bruſt, und Hoffnung, Energie und Thatkraft ſprachen laut zu ihm don kom⸗ menden Siegen, von kommendem Glück. So nahmen ſie Beide von einander Abſchied, die jungen liebenden Ehegatten, ſo ſah Helena den Gemahl ſcheiden, der jetzt ausziehen ſollte, ſich eine große, ruhm⸗ volle Zukunft, dem Vaterlande Freiheit und Selbſtſtän⸗ digkeit zu erkämpfen. Ihm war die Aufgabe übertra⸗ gen, Oberungarnzu beſetzen und die deutſchen Truppen von dort zu vertreiben, vor allen Dingen und zu aller⸗ erſt ſie zu vertreiben aus ſeinen eigenen vier Feſtungen, aus Onod und Patak, und Tokay und Szathmär 6 85 Aber bevor er mit ſeinen ungariſchen Schaaren den Kriegszug begann und die Fahne des Aufruhrs erhob, wollte er doch noch Abſchied nehmen von ſeiner Mutter, wollte ihre Verzeihung erbitten dafür, daß er die deutſche Beſatzung, welche ſie zur Zeit ſeiner Unmündig⸗ keit in die vier Feſtungen aufgenommen, jetzt aus den⸗ ſelben vertreiben, daß er kämpfend dem König von Un⸗ garn entgegentreten wollte, welchem Sophie Bätöry ihre Treue und Ergebenheit geweiht und für ihr gan⸗ zes Leben zugeſchworen hatte. Während ſeine Kriegerſchaaren den Marſch nach Onod antraten, eilte Franz Räköczy alſo nach Munkaes, ſeiner Mutter ein letztes Lebewohl zu ſagen. Sophie Bätöéryi vernahm die Pläne ihres Sohnes mit Entſetzen und Zorn zu gleicher Zeit. Mit Thränen, mit angſtgerungenen Händen, mit Scheltworten und zärtlichen Liebesverſicherungen beſchwor ſie ihn abzu⸗ ſtehen von dem gefährlichen Unternehmen, nicht ſich ſelber ins Verderben zu ſtürzen, nicht über Ungarn den Zorn des Königs heraufzubeſchwören und ſtatt der Freiheit und Unabhängigkeit, die er erſtrebte, dem unglücklichen Lande der Magyaren neue Sklavereiund ſchwerere Ketten zu verſchulden. Franz Rätöéczy war taub gegen die Beſchwörungen, die Vorſtellungen ſeiner Mutter; er dachte, während ſie ſchalt, an Helena's ſüße Liebesworte, er ſah, wäh⸗ rend ſie zürnend ihm gegenüber ſtand, nur ſeines Wei⸗ bes holdlächelndes Angeſicht vor ſeinem innern Auge ſtrahlen, ſie ſchien ihm zu winken und mit leuchtendem Blicke in die Zukunft zu ſchauen. Die Worte ſeiner Mutter hatten daher keine Gewalt über ihn, und So⸗ phie Bätöry erkannte mit zürnendem Schmerzgefühl, daß ſie den Sohn verloren, daß ſein Gemüth ihr ent⸗ fremdet ſei, daß die Liebe zu der Mutter erkältet war von der heißeren und glühenderen Liebezu ſeinem Weibe, und daß dieſe den ſonſt ſo fügſamen, leicht zu lenken⸗ den Jüngling zu einemwollenden, muthigen, thatkräf⸗ tigen Manne umwandelt hatte. Er widerſtand ihrem Zorn, ihren Verwünſchungen, wie er ihren Thränen und ihrem Flehen widerſtanden hatte, er war ohneMitleid mit ihrem Mutterſchmerz, er wagte es ſogar, ihre Befürch⸗ tungen, ihre Warnungen mitgeringſchätzendem Achſel⸗ zucken zu belächeln. Und Sophie Bätöry, in dem Schmerz ihrer Mutterzärtlichkeit bis zum Aeußerſten getrieben, ſchlenderte in dem Zorn ihrer Liebe ihren Fluch gegen den Sohn, der es wagte ihr zu trotzen, der zum Ver⸗ räther werden wollte an ihrem Herrn und König. Franz beugte ſich ächzend unter der Gewalt dieſes Fluches, aber ſein Wille zerbrach doch nicht vor dem⸗ ſelben. Bleich, mit Todespein im Herzen, richtete er 87 ſich wieder empor, und von der Mutter, die farblos, bewegungslos wie eine Statue des Entſetzens, das Ant⸗ litz in Zorn und Schmerz erſtarrt daſtand, mit einem ſtummen Schmerzensblick Abſchied nehmend, verließ er Munkacs, den drohenden Gefahren, dem ungewiſſen Kriege entgegengehend. Indeß ſchien das Glück ſein Unternehmen zu be⸗ günſtigen und der Sache der Magyaren ſich geneigt zu zeigen. Immer neue Kriegerſchaaren ſtürmten auf ſeinen Ruf herbei, überall bewaffneten ſich die ſtreit⸗ baren Männer, um ihm zu folgen, um unter einem Räköczy zu kämpfen für die Befreiung des Vaterlan⸗ des. So zog man jubelnd, ſiegesgewiß vorwärts zur Belagerung von Onod und Patak, und bald waren dieſe beiden Feſtungen beſiegt und überwunden, die deutſchen Beſatzungen aus denſelben vertrieben, und Franz Räköczy konnte mit ſeinen jubelnden Schaaren einziehen in die Feſtungen, die nun, da die deutſche Beſatzing vertrieben war, erſt wieder ſein völliges und unbeſchränktes Eigenthum. Helena empfing dieſe Siegesnachrichten ihres Gemahls mit begeiſtertem Entzücken, ſie eilte zu ihm nach Patak, um ihm zu danken, um durch ihre Gegenwart ihn zu begeiſtern zu neuen Siegesthaten, ihn zu ſtärken in der frendigen Hoffnung des glücklichen Gelingens. Nach zwei ſo 88 glänzenden Eroberungen wie die von Onod und Patak, durfte der junge Fürſt ſich wohl einige Tage der Ruhe und Erholung gönnen, zwei Tage des ſüßen Beiſammenſeins mit ſeiner Helena, die für ihn die gol⸗ dene Oriflamme des Kriegsmuthes und der Begeiſte⸗ rung war. Dann nach dieſen zwei Tagen ſeliger Ruhe kehrte Helena heim nach Munkacs zu ihrer Schwie⸗ germutter, denn dort war nach der Sitte ihres Lan⸗ des jetzt ihre Stelle; fern abgetrennt von dem Gemahl, trat ſie unter den Schutz der Schwiegermutter, und war dieſer Gehorſam und Unterwürfigkeit ſchuldig. Jauchzend und ſtrahlenden Angeſichts war Helena nach Patak gekommen, aber als ſie jetzt nach den zwei glücklichen Tagen es wieder verließ, war ihr Herz ſchwer, und wunderbare, ihr ſelber unerklärliche Angſt bedrückte ihre Seele. Zum erſten Male war ihr Antlitz trübe, als ſie von dem Gemahl Abſchied nahm, zum erſten Mal ſtanden Thränen in ihren Augen, hatten ihre bebenden Lippen kein begeiſtertes Siegeswort, zum erſten Mal bat ſie den Geliebten ſeiner zu ſchonen, und ſein Leben nicht allzu waghalſig der Gefahr aus⸗ zuſetzen. War es die Ahnung nahenden Unheils, welche Helena mit der vorſchauenden Kraft der Liebe plötz⸗ lich beim Abſchied überwältigte, oder wußte ſie, daß nicht überall die Aufſtändiſchen ſo vom Glück be⸗ günſtigt wurden, wie Räköczy? Traurig kehrte ſie heim nach Munkaes, während der Gemahl mit ſeinen Schaa⸗ ren auszog, um jetzt ſeine andern beiden Feſtungen, Tokay und Szathmär, zu belagern und die deutſchen Truppen zu verjagen. In der That, nicht überall war das Glück den Auf⸗ ſtändiſchen günſtig; die Sonne, die ihnen im Anfange geleuchtet, begann ſchon jetzt ſich unter drohenden Ge⸗ witterwolken zu verfinſtern. Graf Zrinyi ſelber war es, der dieſe Gewitter⸗ wolken heraufbeſchworen. Wie ſehr er immer das Vaterland lieben, und für die Freiheit desſelben glühen mochte, ſo hatten doch ſeinem Patriotismus ſich minder edle und erhabene Gefühle beigemiſcht, und den reinen Strom der Begeiſterung getrübt. Es galt ihm nicht allein Ungarn frei und unabhängig zu machen, es galt, für ſich ſelber, wie für den Gemahl ſeiner Tochter einen Thron zu erwerben, und am Ziel ſeiner Wünſche und Gefahren ſtand für ihn nicht die Freiheit des Vaterlandes, ſondern die beiden Kronen von Ungarn und Siebenbürgen. Er, der Graf Zrinyi, wollte die Krone von Ungarn auf ſein Haupt ſetzen, und die Krone von Sieben⸗ bürgen wollte er ſeinem Schwiegerſohne Franz Räköczy —— 90 geben. Ihm gebührte ſie ja von Rechtswegen, die Rä⸗ köczy waren die berechtigten Fürſten von Siebenbürgen, und der Fürſt Apafy, der jetzt auf dem Thron ſaß, mußte von demſelben verdrängt werden. Dazu bedurfte es weiter nichts, als die Einwilligung der Pforte und eines Machtwortes des Sultans, welches Apafy gebot, herniederzuſteigen vom Thron, welches Franz Räköczy auf denſelben erhob. Graf Zrinyi wandte ſich alſo unmittelbar an die Pforte ſelbſt, um ſolches Machtwort zu erlangen. Er knüpfte unmittelbare Verhandlungen mit der Pforte an, um den Fürſten Apafy zu ſtürzen, und Franz Räkoczy zu erheben. Und dennoch, während er ſolche Unterhandlungen führte, war Fürſt Apafy von Siebenbürgen der Bundes⸗ genoſſe der ungariſchen Aufſtändiſchen; mit ihm auch unterhandelte Graf Zrinyi, und ſuchte von ihm Truppen und Geld für den ausbrechenden Kampfzu gewinnen. Als Apafy ſich im dienſteifrigen Benehmen an die Pforte wandte, und ſie den Ungarn zu gewinnen ſuchte, ent⸗ hüllte man ihm das zweideutige Benehmen des Grafen Zrinyi, und die natürliche und gerechte Folge davon war, daß ſowohl die Pforte, wie Fürſt Apafy, dem doppelzüngigen Grafen ihre Unterſtützung verſagten, und dem Aufſtande ihren Beiſtand entzogen. Graf Zrinyi hütete ſich wohl, den Verſchwornen und Kampfgenoſſen dieſe niederſchmetternde Kunde theilen, vielmehr gab er ſich das Anſehen, mit Sieben⸗ bürgen ſowie mit der Pforte im beſten Einvernehmen zu ſtehen, und um die Aufſtändiſchen an die Fortdauer der Unterhandlungen glauben zu laſſen, mußten einige ſeiner Vertrauten zuweilen türkiſche Kleider anlegen, und unter dem Titel von Abgeſandten des Sultans zu ihm kommen. Und doch ſollte gerade von der Türkei her, deren Beiſtand dem Grafen ſo nothwendig erſchien, das Un⸗ heil über die Verſchwornen hereinbrechen. Der Wiener Hof hatte in Konſtantinopel ſeine wachſamen und ge⸗ ſchickten Kundſchafter, und von dieſen ward gar bald ein Theil des Vorhabens der unzufriedenen Magyaren entdeckt. Sie berichteten ſofort nach Wien, und das öſterreichiſche Kabinet traf ſeine raſchen und energiſchen Vorkehrungen, um den Aufſtand zu unterdrücken, noch ehe er zum völligen Ausbruch gekommen. Bis jetzt war noch nichts weiter geſchehen, als daß Franz Räköczy die beiden Feſtungen in Beſitz genom⸗ men; jetzt belagerte er Tokay, während Graf Zrinyi eben erſt ſein kleines Heer zu organiſiren begann, und mit einem Theil desſelben die Feſtung Murany be ſetzte, deren Kommandantin jetzt zum zweiten Mal 92 Szeeſi Maria, jetzt die Witwe des Grafen Weſſe⸗ lényi, war. Der Kaiſer ſandte alſo ſofort zwei Armeekorps nach Ungarn, um mit Energie und Nachdruck auf beiden Seiten den Aufſtand niederzuſchlagen. General Spork eilte mit zehntauſend Mann nach Oberungarn, um Räköczy zu bekämpfen, General Spankau wandte ſich mit einem ebenſo ſtarken Korps nach Niederungarn, um dort den Aufſtand niederzuſchlagen. Aber ſchon be⸗ vor er dorthin gelangt war, hatte er den moraliſchen Sieg über die Aufſtändiſchen erlangt. Der Schrecken und das Entſetzen flog wie der Sturmwind dem Armee⸗ forps des Generals Spankau voraus, und jagte den größten Theil der ſchlecht disziplinirten Truppen des Grafen Zrinyi auseinander. Er ſelber mit dem Kern ſei⸗ ner Getreuen zog ſich in die Feſtung Czakathurn zurück. Aber er fühlte wohl, daß es ihm unmöglich ſei, dem heranrückenden feindlichen Heer dauernden Widerſtand entgegenzuſetzen, daß die kleine Beſatzung von Czaka⸗ thurn nicht lange eine Belagerung auszuhalten ver⸗ möchte, und die frühere Verwegenheit machte jetzt der vollſtändigen Muthloſigkeit Platz. Noch bevor der General Spankau mit ſeinen Trup⸗ pen zur Belagerung von Czakathurn herangerückt war, ſandte Graf Zrinyi daher ſeinen vertrauten Beichtvater 93 nach Wien zum Miniſter Lobkowitz, um ſeine Unter⸗ werfung anzubieten, und zu fragen, unter welchen Be⸗ dingungen man dieſelbe annehmen wolle.— Es waren harte Bedingungen, welche der Beichtvater vom Reichs⸗ miniſter dem belagerten und geängſtigten Grafen heimbrachte. Zum Erſten ſollte Graf Zrinyi ſeinen einzigen Sohn Balthaſar als Geiſel nach Wien ſchicken. Zum Zweiten ſollte er durch dieſen Sohn ein von des Grafen Zrinyi Hand unterzeichnetes Blatt Papier an den Reichsminiſter Lobkowitz entſenden, damit dieſer ſeine weiteren Forderungen auf dem weißen Blatt erwähne. Zum Dritten ſollte er an ſeinen Schwiegerſohn, den Fürſten Räköczy, ſchreiben, und ihn auffordern, ſofort die Waffen zu ſtrecken und den König um Gnade und Vergebung zu bitten. Graf Zrinyi, geängſtigt von der nun begonnenen Belagerung Czakathurns, ging die harten Bedingungen ein. Er ſchickte ſeinen Sohn nach Wien, gab ihm das unterzeichnete leere Blatt Papier mit, und ſandte mit dem Sohn auch ſeinen Beichtvater abermals nach Wien, damit dieſer ihm das ausgefüllte Blatt Papier wieder zurückbringe. Er ſchrieb an Franz Räköczy, und for⸗ derte ihn auf die Waffen niederzulegen. 7 94 Wieder kamen nun Tage angſtvollen Erwartens, ſchreckensvoller Sorge, denn General Spankan ſetzte die Belagerung Czakathurns mit machtvoller Energie fort, und er wies die Anforderung des Grafen Zrinhi, mit der Belagerung inne zu halten, bis ſein Bote aus Wien heimgekehrt ſei, mit rauher Kriegerſtrenge zurück. Endlich kehrte der Beichtvater heim und brachte dem Grafen Zrinyi das unſelige Blatt, das er unter⸗ zeichnet, das Graf Lobkowitz ausgefüllt hatte. Drei Bedingungen hatte der Reichsminiſter auf dem Papier verzeichnet. Graf Zriny ſollte ſofort eine deutſche Beſatzung in Czakathurn aufnehmenz er ſollte zweitens alle ſeine Mitverſchwornen und ihre Pläne angeben, und drittens ſollte er zu dieſem Zweck ſelber ſich ſofort nach Wien begeben. Graf Zrinyi war es ſich wohl bewußt, daß ſeine Ehre und ſein Name es ihm verböte, dieſe demüthigenden Bedingungen einzu⸗ gehen, und dennoch konnte er es ſich nicht verhehlen, daß er nicht im Stande ſei, den Belagerern länger Trotz zu bieten. Immer neue Breſchen ſchoſſen die Kanonen des Generals Spankau, immer größer war die Noth und die Erſchöpfung des kleinen Häufleins der Be⸗ lagerten. Graf Zrinyi hatte keine andere Wahl, als entweder ſich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben, oder die 95 Bedingungen des Wiener Hofes anzunehmen,— oder auch ſich durch die Flucht zu retten! Er wählte das Letztere. Die Sache des Vaterlandes war verloren, ſo wollte er mindeſtens den Verluſt der eigenen Ehre und Freiheit vermeiden. Mit ſeinem Schwager dem Grafen Frangipany und zwei andern Freunden verließ er während einer dunklen Nacht heimlich und unbemerkt die Feſtung Czakathurn, um mindeſtens in Ruhe und Stille über⸗ legen zu können, was ſie ferner beginnen wollten, um ſich die Freiheit der Wahl zu erhalten, nach Wien gehen und ſich zu unterwerfen, oder ſich ins Ausland zu flüchten, um der Verfolgung und der Strafe ſich zu entziehen. Aber um zu überlegen, bedurften die Flüchtigen der Ruhe, und dieſe bot ſich ihnen nirgends dar. General Spankau hatte ſchon die Flucht des Grafen erfahren, die Feſte Czakathurn hatte ſich ihm ergeben, und er hatte jetzt ſeine Soldaten ausgeſandt, die flüchtigen Hänpter der Verſchwornen zu ſuchen. Tage lang irrten dieſe umher, wie ein gehetztes Wild, in jeder Minute in Gefahr, erkannt und gefangen genommen zu werden. Gequält von Hunger und Durſt, wagten ſie es dennoch nicht in irgend ein Haus einzutreten, denn in jedem 7 Hauſe konnten Soldaten verborgen ſein, konnten Ver⸗ räther lauern. Endlich, o endlich, jetzt nach drei Tagen voller Qual und Entſetzen winkte ihnen ein Aſyl entgegen— dort ſollten ſie es finden, dort in jenem Hauſe, das in all dieſen Tagen das Ziel ihre rgeſetzten Wanderung, ihre letzte Hoffnung geweſen. Dort in jenem einſamen Hauſe, nahe an der unga⸗ riſch⸗öſterreichiſchen Grenze, dort wohnte Franz Kéry, ein treuer Magyar, ein langjähriger Freund des Grafen Zrinyi, der vertraute Theilnehmer aller Entwürfe und Pläne der Verſchwornen. Zu ihm lenkten die Flüchtigen jetzt ihre Schritte in ſein Haus traten ſie vertrauungsvoll ein, und zum erſten Mal nach langen qualvollen Tagen athmeten ſie frei auf im köſtlichen Gefühl vollkommener Sicherheit. Franz Kéry empfing die Grafen Zrinyi und Fran⸗ gipany nebſt ihren beiden Freunden mit offener Herz⸗ lichkeit, er klagte mit ihnen über das Unglück Ungarns, er weinte mit ihnen über ihr eigenes Mißgeſchick und forderte ſie auf, bei ihm zu bleiben und unter ſeinem Dach Schutz zu ſuchen, ſo lange es ihnen gefallen möchte. Sꝛie nahmen ſein Erbieten dankbar an, mit unend⸗ lichem Wohlbehagen ſetzten ſie ſich zu dem reichlichen ———————— — 97 Mahl, das der Freund ihnen auftragen ließ, ſanken ſie nieder auf die ſchwellenden Betten, um endlich in ſ üßem, ungeſtörtem Schlummer auszuruhen von der langen qualvollen Hetzjagd. Lang und tief war ihr Schlaf, und ſie hörten's nicht, wie auf flüchtigem Roß einer der Diener Franz Kéry's von dannen jagte, über die Grenze den Weg nach Wien dahin. Das Vaterland war verloren, jetzt galt es die perſönliche Freiheit zu retten! So dachte auch Franz Kéry, und retten wollte er ſich, indem er die Freunde verrieth! Sein Diener brachte dem Miniſter Lobkowitz einen Brief ſeines Herrn, in welchem dieſer dem Miniſter meldete, daß die beiden Grafen Zrinyi und Frangi⸗ pany ſich in ſeinem Hauſe befänden, und in welchem er anfragte, was er mit den flüchtigen Verſchwornen beginnen ſolle. Die Flüchtigen freuten ſich noch ihres Aſyls, ge⸗ noſſen noch in vertrauungsvoller Sicherheit der Ruhe unter dem Dach Franz Köry's, als der ausgeſandte Bote von Wien wieder heimkehrte und ſeinem Herrn die Antwort des Miniſters Lobkowitz überbrachte. Jetzt auf einmal verwandelte ſich der Freund, den man vertraut, in den Feind, den Verräther und An⸗ greifer. Gefolgt von einigen ſtarken und handfeſten 1861, XII. Franz Räkbczy 1. 7 98 Dienern, trat Franz Kéry in das Gemach ein, in welchem die Flüchtigen ſich befanden und eben nochüberlegten, was ſie weiter beginnen wollten. Mit finſterem, drohendem Angeſicht ſagte er ihnen, daß ſoeben ein Bote des Reichs⸗ miniſters Lobkowitz bei ihm eingetroffen, und ihm den Befehl überbracht habe, die Grafen Zrinyi und Fran⸗ gipany nach Wien zu befördern, und als die beiden Grafen aufſprangen, als ſie ihre Schwerter ziehen woll⸗ ten, um ſich zu vertheidigen, da ſtürzten die Diener Franz Kéry's ſich auf ſie, entwaffneten ſie, banden den Ueberwundenen mit ihren eigenen Tüchern die Hände auf den Rücken und führten ſie hinunter zu dem ſchon bereit ſtehenden Wagen, der die armen Verra⸗ thenen ohne Aufenthalt in raſender Eile nach Wien ab⸗ führte. Und während ſo Graf Zrinyi, der ſich ſelber ſchon zum König von Ungarn geträumt, gefangen und über⸗ wunden nach Wien dahinfuhr, empfing ſein Schwieger⸗ ſohn von ihm jenes unſelige Schreiben, durch welches Zrinyi ihn aufforderte die Waffen niederzulegen. Dieſes Schreiben brachte Franz Räköczy die erſte Kunde von der Gefahr, die ihn ſelber bedrohte. Aber bald ſollten der erſten Schreckenskunde noch andere folgen. Gleich finſtern Raben, die Nähe einer Leiche witternd, flogen ſie zu Räköczy her und krächzten 6 ihm Unheil und Verderben entgegen. Zuerſt kam ihm die Nachricht, daß die Verſchwörung entdeckt und die Grafen Zrinyi und Frangipany verhaftet und nach Wien abgeführt ſeien. Ein Schrei des Entſetzens ging durch das kleine Heer Räköczy's bei dieſer Nachricht, und alle Geſichter wurden ſorgenvoll und trübe, man hätte ſo gern noch gezweifelt, noch an eine Kriegsliſt geglaubt, aber da kam ein offener Brief des Königs, der alle Aufſtändiſchen mit ernſten und milden Worten ermahnte die Waffen niederzulegen, der ihnen Ver⸗ gebung und Vergeſſen im Fall der ſofortigen Unter⸗ werfung verſprach, im Fall des fortgeſetzten Wider⸗ ſtandes abermit unnachſichtiger Strenge und ſchonungs⸗ loſer Strafe drohte. Gar viele der entmuthigten Aufſtändiſchen folgten jetzt dem Ruf, den der König Leopold an ſie ergehen ließ, ſie ſtreckten die Waffen und verließen den Fürſten, dem ſie vor einigen Tagen noch geſchworen, ih treu bleiben und alle Gefahren mit ihm theilen zu wollen. Während ſo mit jedem Tage die Armee des Fürſten Franz Räkéczy mehr und mehr zuſammenſchmolz, rückte der General Spork mit zehntauſend Mann deut⸗ ſcher Truppen gegen Räkéczy heran. Zunächſt bedrohte er noch nicht ihn ſelbſt unmittelbar, ſondern wandte ſich nach Murany, dieſer ſtarken Schutzfeſtung der 7* 100 Aufſtändiſchen, um ihnen dieſes Bollwerk ihrer Sicher⸗ heit zu entreißen. Vergebens war der Muth und die Tapferkeit der Beſatzung, das Heldenfeuer, die Be⸗ geiſterung Maria's. Was der Uebermacht und dem Hunger nicht gelang, das erreichte der Verrath— er öffnete dem Feinde die Thore von Murany. Zwei Boten langten an ein und demſelben Tage bei Franz Rälöczy an. Der erſtere war ein heimlich und in der Eile abgeſandter Bote der Herrin und Kom⸗ mandantin von Murany, der einſtigen Szecſi Maria, jetzt Witwe Weſſelényi's. Sie meldete dem Fürſten, daß Murany gefallen, ſie beſchwor ihn eilig zu entflie⸗ hen, weil der General Spork durch Verrath ihres Se⸗ kretärs alle Papiere ihres verſtorbenen Gemahls auf⸗ gefunden, und dadurch alle Pläne und alle Namen der Verſchwornen entdeckt habe. Der zweite Bote kam von General Spork. Er brachte dem Fürſten ein eigenhändiges Schreiben des dſterreichiſchen Miniſters Lobkowitz, und in demſelben forderte dieſer den Fürſten auf, ſich zu ergeben, und ſo⸗ fort nach Wien zu kommen, um ſich zu rechtfertigen. Franz Räköczy bengte ſeufzend ſein Haupt unter dem doppelten Schlag, der auf ihn niederfiel, und der alle ſeine Hoffnungen und Wünſche nicht allein, ſon⸗ . 101 dern auch die goldenen Träume Helena's auf immer zerſtörte. Er ſchaute mit trübem Blick, Rettung ſuchend, noch einmal umher. Aber überall, wohin er ſchaute, nur Unheil und Verderben. Dort die überwundene Veſte Murany mit den aufgefundenen Papieren, in Wien die gefangenen Häupter der Verſchwornen, hier das muthloſe, immer mehr zuſammenſchmelzende Heer der Aufſtändiſchen, das große mit Sturmeseile heranzie⸗ hende Heer des Königs— Franz Räköczy ſah, daß Alles verloren war, daß Nichts mehr ihn zu retten vermochte! Er ergab ſich— er ſtreckte die Waffen! V. Ein politiſches Märtyrerthum. Während dieſer Tage des Kampfes, des Verrathes und der Enttäuſchungen hatte Helena Zrinyi in düſte⸗ rer, freudloſer Einſamkeit auf Munkacs bei ihrer 7 102 Schwiegermutter gelebt. Keine Kunde von dem Vater, dem Gemahl war zu ihr gedrungen, ſie wußte noch nichts von dem Unglück der Ihrigen. Sophie Bätéry hielt Munkaes, um es von jeder Feindſchaft, jeder Verleumdung zu retten, in ſtrengſter Neutralität, ſo⸗ wohl den Kaiſerlichen wie den Aufſtändiſchen gegen⸗ über. Die Thore der Veſte waren Jedermann ge⸗ ſchloſſen, die Mauern und Thürme wurden von der eigenen Beſatzung bewacht, und durch dieſe vollkom⸗ mene und unbedingte Neutralität hoffte Sophie Bätöry ſich nicht nur den König und Kaiſer geneigt zu erhalten, ſondern auch die Abneigung der Auf⸗ ſtändiſchen gegen ſie zu entwaffnen. Sie ſchloß freilich Munkaes gegen alle Freunde Helena's, ſie geſtattete Niemand, zu der Gemahlin ihres Sohnes zu kommen, aber ebenſowenig fand irgend einer ihrer eigenen Freunde, fand irgend einer von den getreuen Anhän⸗ gern des Königs Aufnahme im Schloß Munkacs. Es war ein trauriges und freudloſes Leben, welches die beiden, in ihrer Geſinnung ſo verſchiedenen Frauen auf Munkacs führten. Anfangs war es zuweilen zwiſchen ihnen zu heftigen Kämpfen und Erörterungen gekommen, denn Helena's Feuergeiſt, ihre glühende Be⸗ geiſterung für das Vaterland wollte keinem Zwang, keiner Verſtellung ſichfügen, ſiemeinte, es ſeiihre heilige Pflicht, —,—————————— 103 frei und ſonder Furcht der königlich geſinnten Schwie⸗ germutter gegenüber ihre eigene Geſinnung freimüthig zu bekennen, nicht dieſelbe zu verbergen, oder zu be⸗ mänteln. Sie war jauchzend und freudeſtrahlend von Patak heimgekehrt, und ihre eigenen ſchlimmen Ahnun⸗ gen und Befürchtungen verbergend, hatte ſie der Schwie⸗ germutter triumphirend von den Siegen und Fort⸗ ſchritten ihres Gemahls erzählt. An dieſem Tage hatte Sophie Bätörh ſtatt aller Antwort von ihrer Schwiegertochter begehrt, daß ſie fortan jedes politiſche Geſpräch vermeiden, ſich niemals in Debatten einlaſſen, und jeden Verkehr mit der Außenwelt ſo lange abbrechen wollten, bis die Ent⸗ ſcheidung der großen politiſchen Fragen ſich ihnen zwingend aufdrängten. Helena hatte ſich dieſem Gebot der ernſten und gebieteriſchen Schwiegermutter wohl fügen müſſen, und von dieſem Tage an war kein Wort von Politik mehr zwiſchen ihnen gewechſelt worden, von dieſem Tage an blieben für Helena alle Nachrichten vom Kriegsſchauplatze aus. Ernſt und ſchweigſam ſaßen die beiden Frauen ſich beim Mittagsmahl einander gegenüber, und ihre Geſpräche wandten ſich ſtets nur gleichgültigen, trivialen Dingen zu. Ernſt und ſchweig⸗ ſam fanden ſie am Abend ſich wieder im Salon zu⸗ 104 ſammen, um mit irgend einer Handarbeit ſich zu be⸗ ſchäftigen, oder in der gemeinſamen Lektüre eines franzöſiſchen Romans, der ihren eigenen Intereſſen ſo fern als möglich lag, die Zeit zu tödten. Aber Helena's Wangen erbleichten täglich mehr, das ſtrahlende Lächeln verſchwand von ihren purpur⸗ nen Lippen, der Glanz ihrer großen ſchwarzen Augen ward minder leuchtend, und ihre hohe klare Stirn ward oft jetzt von Wolken beſchattet. Sie konnte es ſich nicht mehr verhehlen, ſie empfand Furcht, ſie hatte das Vertrauen auf die Zukunft verloren, und wenn ſie auf ihre Schwiegermutter blickte, ſteigerte ſich ihre Furcht zu ſolcher Angſt, daß ſie hätte laut aufſchreien mögen. Denn Sophie Bätöry's Angeſicht ward täglich klarer und ſtolzer, ein triumphirender Blitz flammte zuweilen aus ihren dunklen Augen auf Helena hin, ein leiſes ſpöttiſches Lächeln glitt zuweilen über ihre ernſten, ſtar⸗ ren Züge. Es war klar, Sophie Bätéry hatte Nach⸗ richten von den Kämpfenden erhalten, und dieſe Nach⸗ richten waren den Aufſtändiſchen nicht günſtig, denn ſonſt würde das Antlitz Sophie Bätéry's düſter und niedergeſchlagen geweſen ſein. Aber getreu dem getroffenen Uebereinkommen, ver⸗ ſchloß Helena ihre Angſt und Sorge in ihrem zitternden Herzen, und keine Frage kam über ihre Lippen. 105 Eines Abends ſaßen die beiden Frauen wie immer in ſchweigſamer Geſellſchaft einander gegenüber in dem weiten alterthümlichen Salon. Sophie Bätéry war mit einer Stickerei beſchäftigt, von der ſie ihrer Schwiegertochter gefliſſentlich jeden Tag erzählte, daß dieſelbe für den Kaiſer Leopold beſtimmt ſei. Helena Zrinyi las ihr vor aus einem der neuen Bücher, die kürzlich aus Frankreich gekommen waren. Tiefe Stille umgab die beiden Frauen, man hörte nichts als die ſüße melodiſche Stimme Helena's, und draußen das Heulen des Sturms, der große Wolken von Sand und Staub an die Fenſter warf, daß ſie, wie von Gei⸗ ſterhänden berührt, leiſe klirrten und tönten. Plötzlich ward dieſe Stille da außen durch das helle laute Anſchlagen einer Glocke unterbrochen. He⸗ lena verſtummte mitten in dem angefangenen Wort und ließ das Buch, wie vom jähen Schrecken ergrif⸗ fen, in ihren Schvoß niederſinken. Sophie Bätöry hielt inne in ihrer Arbeit und die Hand, welche eben die Nadel mit dem bunten Seidenfaden hatte emporziehen wollen, ſank zurück. Beide Frauen hielten den Athem an und horchten. Beide waren ſie bleich geworden und ihre Mienen drückten Erwartung und Schrecken aus. Wer konnte es ſein, der in ſo ſpäter Abendſtunde 106 noch Einlaß begehrte? War es irgend eine Bot⸗ ſchaft, eine ſchlimme Nachricht, welche ſich zu ihnen drängte? Das waren die Fragen, welche die Herzen der bei⸗ den Frauen beſtürmten, während ſie bewegungslos, mit angehaltenem Athem lauſchend daſaßen. Jetzt ſchien es ihnen, als ob ſie draußen auf dem Gange Schritte vernähmen, Schritte, welche ſich dem Salon näherten. Beide Frauen, wie von demſelben Impulſe getrieben, erhoben ſich raſch von ihren Sitzen, und als wollte ſie die zarte, jugendliche Schwiegertoch⸗ ter ſchützen gegen den herandringenden Feind, ſtreckte Sophie Bätöry die Hand nach ihr aus. Helena legte ihre kleine zitternde Rechte in die Jmwelenſtrahlende Hand Sophiens, und drängte ſich wie eine ſchüchterne Taube näher zu der hohen, ſtolzen Geſtalt ihrer Schwie⸗ germutter. Jetzt ward die Thür da drüben heftig aufgeriſſen, und eine dunkle verhüllte Männergeſtalt trat in den Salon ein und verſchloß haſtig und behend die Thür hinter ſich. Ein gemeinſamer Schrei tönte von den Lippen der beiden Frauen. Beide hatten ſie, mehr mit ihrem Her⸗ zen, als mit ihren Augen vielleicht, die dunkle Geſtalt erkannt, trotz des verhüllenden Mantels., — 107 „Mein Sohn!“ ſchrie Sophie Bätöryi entſetzt. „Mein Gemahl!“ rief Helena Zrinhi, und dennoch eilte weder Mutter noch Gemahlin ihm entgegen, den⸗ noch waren ihre Füße wie an den Boden gewurzelt. Aber er, der Sohn, er, der Gemahl, kam vorwärts mit haſtigen, wilden Schritten. Jetzt warf er den Mantel von ſich, deſſen Kapuze ſein bleiches Antlitz verhüllt hatte, jetzt kniete er nieder vor ſeiner Mutter, und ſeine bleichen Lippen murmelten:„Mutter, ich bin flüchtig, geächtet! Verbirg mich, rette mich vor meinen Feinden!“ Wieder tönte ein Schrei, aber diesmal war es Helena allein, welche ihn ausſtieß. Ein einziger Blick voll Schmerz, voll Entſetzen und Scham flog zu dem Gatten hinüber, der ſie nicht begrüßt hatte, der vor ſeiner Mutter kniete und um Rettung flehte, dann ſchlug ſie ihre beiden Hände vor ihr Angeſicht, und ſank leiſe ächzend auf einen Seſſel nieder. Sophie Bätöry ſtand hoch aufgerichtet, ſtolz und ernſt mit unbewegten Zügen, wie eine Richterin, vor ihrem knieenden, flehend zu ihr aufblickenden Sohne da. „Woher kommſt du, Fürſt Franz Räkéczy?“ fragte ſie, und nicht das kleinſte Zittern ihrer Stimme ver⸗ rieth eine innere Bewegung. 108 „Ich komme von Tokay,“ ſagte ihr Sohn düſter. „Alles iſt verloren! Die Unſerigen ſind geſchlagen und in die Flucht gejagt, oder ſie haben freiwillig dem Kampf entſagt und die Waffen niedergelegt. Alles iſt verloren, Alles iſt zu Ende! Ich bin geſchlagen, flüchtig, und wenn du mich nicht retten willſt, meine Mutter, ſo bin ich verloren, ſo werden die Häſcher des Königs mich fangen, nach Wien in's Gefängniß ſchleppen, wie ſie's meinen Freunden, meinen Kampfgenoſſen gethan!“ Helena ließ ihre Hände von ihrem Angeſicht glei⸗ ten und ſtarrte mit todesbleichem, entſetztem Angeſicht zu ihm hinüber. „Und mein Vater?“ fragte ſie bebend.„Wo iſt mein Vater?“ Franz ſchaute zu ihr hin mit einem Blick voll Schmerz und Liebe zugleich.„Dein Vater war es, der in einem eigenhändigen Schreiben mich aufforderte die Waffen niederzulegen,“ ſagte er trübe.„Dein Vater macht in dieſem Schreiben es mir zur Pflicht, nach Wien zu gehen, und den König um Gnade und Verge⸗ bung anzuflehen.“ „Und mein Vater?“ wiederholte Helena, welche wohl begriff, daß Franz ihr nur ſo ausweichend antwortete, weil er Trauriges zu melden hatte.„Wo iſt mein Va⸗ o ₰ ter Sage es mir, Franz, ich muß, ich will es wiſſen? Wo iſt mein Vater?“ „Er iſt in Wien,“ murmelte ihr Gemahl kaum hörbar. „In Wien?“ ſchrie Helena,„in Wien? Das heißt, er iſt gefangen?“ „Ja, er iſt gefangen,“ ſeufzte Franz.„Einer der Unſern hat ihn verrathen und nach Wien ausge⸗ liefert.“ „Aber mein Bruder Balthaſar, mein Oheim Fran⸗ gipany?“ fragte Helena athemlos.„Sie Beide ſind frei, ſie Beide haben ſich gerettet, und geflüchtet, wie du es gethan haſt?“ „Dein Oheim Frangipany ward mit deinem Vater verrathen und gefangen,“ ſagte der Fürſt traurig.„Dei⸗ nen Bruder Balthaſar hatte dein Vater ſelber ſchon zuvor als Geiſel nach Wien geſandt, als er mit dem Miniſter Lobkowitz zu unterhandeln begann, weil er erfahren hatte, daß die ganze Verſchwörung verrathen ſei.— Omeine Mutter! errette mich jetzt, wenn du nicht willſt, daß dein einziger Sohn, der letzte Räköczy, unter dem Henkerbeil ſterbe. Denn ich ſage dir, Alles iſt ver⸗ rathen und verloren. Muranyi iſt gefallen, Weſſelényi Maria hat ſich unterwerfen müſſen, die Papiere ihres verſtorbenen Gemahls ſind entdeckt und befinden ſich jett ſchon in den Hänbttt'des Kaiſers und des Mini⸗ ſters Lobkowitz. Dieſe Papiere verurtheilen mich, gleich allen andern Häuptern der Verſchwornen. Nur du allein kannſt mich retten, meine Mutter; deshalb, ſtatt, wie es verlangt wird, nach Wien zu gehen und um Gnade zu bitten, deshalb komme ich zu dir. Entſcheide du jetzt, meine Mutter: willſt du mich retten, oder willſt du, daß ich nach Wien gehe, um in's Gefängniß geworfen zu werden, wie die Grafen Zrinyi und Frangi⸗ pany?“ Sophie Bätöry antwortete nicht ſogleich Sie ſchaute ernſt und ſtrenge zu ihrem Sohne nieder, und dann flog ihr Blick mit düſterem Aufblitzen von Franz hinüber zu ſeinem jungen Weibe. Aber Helena ſenkte vor dieſem zürnenden, vorwurfsvollen Blick das Auge nicht zu Boden, ſie ſchaute groß und ruhig ihrer Schwiegermutter in das ernſte ſtrengeAngeſicht und ſchien 5 vollkommen gefaßt ihren Worten entgegen zu ſehen. „Ich wußte, daß es ſo kommen würde, ſo kommen müßte,“ ſagte Sophie mit harter, zürnender Stimme. „Jo, ich wußte es ſchon an jenem unſeligen Tage, als ich in Treneſin dich meinen unglücklichen Sohn zuerſt an der Seite des Grafen Zrinyi und dieſer jungen Circe ſah. Klar ſtand vor meinem Geiſt in jener Stunde die ganze Zukunft, dein ganzes unſeliges Ge⸗ 111 ſchick. Klar erkannte ich die Abſichten und Wünſche des Grafen, wußte ich, weshalb er ſeine junge ſchöne Tochter nach Treneſin geführt. Sie ſollte die Lockpfeife ſein, mit welcher man den jungen Hirſch in die Netze hin⸗ eintrieb, die man für ihn ausgeſtellt. O, ich ſah das Alles. Ich erkannte Alles, und ich bat, ich flehte zu dir um Gnade für dich ſelber, ich erinnerte den letzten Sprößling der Räköczy an das traurige Geſchick ſei⸗ nes Hauſes, an das unglückliche Schickſal aller ſeiner Ahnen. Sie Alle hatten den chimäriſchen Freiheitsge⸗ lüſten ſich hingegeben, ſie Alle hotten gekämpft für die Unabhängigkeit der Völker von Ungarn oder Sieben⸗ bürgen, und Keinem von ihnen Allen hat es dauerndes Glück, ruhmvolle Siege gebracht. Die Selbſtſtändig⸗ keit von Ungarn und Siebenbürgen hat ausgeblüht, die welke Blüthe dieſer vergangenen Herrlichkeit iſt zu Boden gefallen, und aus ihrem befruchtenden Samen ſchießt eine neue Blüthe hervor, die Blüthe der öſter⸗ reichiſchen Monarchie, der die verfallenden Monarchien von Ungarn und Siebenbürgen den Boden gedüngt. Das war es, mein Sohn, was ich erkannte, als deß unglücklicher Vater Georg in Großwardein an ſein Wunden verblutete, wie auch ſein Vater und ſeines Vaters Vater verblutet war. Das Blut der Räköczy hat ſeit Jahrhunderten den Boden getränkt, aus der 112 jetzt die Königin der Monarchien, die Habsburgiſche Monarchie in Strahlenpracht emporblühen ſoll. Als ich das erkannt, da neigte ich demuthsvoll mein Haupt und unterwarf mich in gläubigem Vertrauen meinem Gott und meinem König. Und das, mein Sohn, hoffte ich auch von dir, hoffte, daß ich dich erziehen könnte zu einem gläubigen Sohn der Kirche, zu einem gehor⸗ ſamen Unterthan des Königs Leopold. Unter dem Schatten der Kirche und des Thrones zugleich wollte ich den letzten Sprößling der Raäköczy bergen vor den Dämonen der Zwietracht, des Ungehorſams und der Verrätherei, welche immer und immer wieder ihre krächzenden Stimmen über Ungarn und Siebenbürgen erheben. Aber vergebens war mein Gebet, mein Fle⸗ hen und Zürnen. Du wandteſt dich ab vondeinem Gott, um den falſchen Göttern zu dienen. Du verließeſt dei⸗ nen König, deine Mutter, um dem Grafen Zrinyi und einem Mädchen anzugehören. Jetzt ſiehſt du, mein Sohn, welche Folgen dir daraus erwachſen ſind, jetzt biſt du inne geworden, wie ſehr man dich getäuſcht und hintergangen hat. Man hat dir als Preis eine Krone verſprochen! Jetzt fordere ſie von dem Grafen Zrinyi, ſieh zu, ob er ſie dir geben wird.“ Helena hatte anfangs mit bleichem, entſetztem Angeſicht der ſtürmiſchen Rede ihrer Schwiegermutter . 113 zugehört, dann waren ihre Mienen immer trotziger, immer entſchiedener geworden. Jetzt als Sophie Bä⸗ töry ſchwieg, ſchaute Helena in geſpannter Erwartung, mit Todesangſt im Blick auf den Gemahl hin, der immer noch zu den Füßen ſeiner Mutter kniete. Sie erwartete, daß er ihr antworten, daß er ſich rechtfertigen, daß er die Vertheidigung ſeiner Gemah⸗ lin und ihres Vaters übernehmen ſollte. Aber Franz Räköczy ſchwieg, nur ein dumpfes Aechzen kam aus ſeiner Bruſt hervor, und er barg ſein Haupt in dem faltenreichen Gewande ſeiner Mutter. Helena ſtieß einen leiſen Schrei aus, als ſie das ſah, und jetzt übergoß plötzlich eine dunkle Röthe ihre Wan⸗ gen, flammte ihr Auge in kühnem Muth, ſtrahlte ihr ſchönes Antlitz in Begeiſterung und Entſchloſſenheit. „Ihr irrt Euch, Fürſtin,“ ſagte ſie mit heller klarer Stimme,„Niemand hat Euren Sohn betrogen, Nie⸗ mand hat ihn verführt. Nicht der Graf Zrinhi war es, welcher den jungen Fürſten Räköczy rief, ſondern es war das Vaterland, es waren ſeine eigenen Ahnen, deren heilige Schatten ihn mahnten, ſeine Pflicht zu thun, zu leben und zu ſterben, wie ſie es gethan hat⸗ ten, im Dienſte des Vaterlandes und der Freiheit. Und der Fürſt Franz Räköczy verſtand dieſe Mah⸗ nung, er verſtand ſeine Mannespflicht und Mannesehre, 1861 Rxn. Franz Räköczy. 1. 6 114 und deshalb folgte er dem Ruf des Vaterlandes, und war bereit zu kämpfen für dieſe große Mutter, war bereit für ihre Freiheiten und Rechte ſein Blut und Leben hinzugeben. Ihr beleidigt Euren edlen Sohn, Frau Fürſtin, wenn Ihr meint, daß es dazu der Ueber⸗ redung meines Vaters, der Liebesworte ſeiner Tochter bedurft hätte. Das Unglück und die Schmach des Vater⸗ landes ſprach beredter als alle Menſchenzungen, und es bedarf keiner Lockpfeife und keiner Circe, wenn das Vaterland ruft. Niemand hat ihn daher hintergangen, und wenn ſein goldenes Ziel eine Krone geweſen, ſo wird er ſie empfangen. Iſt's nicht eine Fürſten⸗ krone, nun wohl, ſo iſt es eine Märtyrerkrone, und ſchöner und glänzender ſtrahlt dieſe, als eine Fürſten⸗ trone, die man vielleicht nur dadurch erkaufen konnte, daß man ſich ſelber ungetreu ward, daß man ſein Va⸗ terland, ſeine Religion abſchwur, und als Renegat den fremden Göttern diente.“ Sophie Bätöry zuckte zuſammen, als habe eine giftige Natter ſie geſtochen, und ein Blitz des Haſſes ſchoß aus ihren Augen auf das kühne junge Weib hin, welche es wagte ihr zu trotzen und ſie anzuklagen. Aber ſie antwortete ihr nicht, ſondern heftete erwar⸗ tungsvoll den Blick auf ihren Sohn, der, während Helena geſprochen, ſich langſam erhoben hatte, als 115 ſei er durch Helena's Worte erſt inne geworden, daß es ihm nicht zieme auf ſeinen Knieen dazuliegen vor der ſtolzen, zürnenden Mutter. „Mein Sohn,“ fragte ſie mit bebenden Lippen, „billigſt du die Worte, welche Dieſe hier zu ſprechen gewagt?“ „Erbarmen, Mutter, Erbarmen!“ murmelte der junge Mann traurig.„Ich komme zu dir flüchtig und verfolgt, und ſtatt Mitleid und Hülfe zu finden, höre ich nur Vorwürfe, nur Klagen, nur das traurige Zer⸗ würfniß der beiden Frauen, die ich Beide gleich ſehr liebe und hochhalte. O, meine Helena, es iſt vorbei mit unſern ſtolzen Hoffnungen und Träumen. Das Vaterland iſt verloren, und wir ſind es mit ihm, wenn meine Mutter ſich unſer nicht erbarmt. Die Häſcher ſind ſchon auf meiner Spur, ein offener Brief des Kaiſers droht allen denen, welche es wagen mich zu verbergen, oder mir zur Flucht behülflich zu ſein, ſie als Hochverräther und Abtrünnige zu beſtrafen, be⸗ fiehlt Jedem, der meiner habhaft werden kann, mich unverzüglich als Gefangenen nach Wien abzuliefern, und verſpricht dem, welcher dieſe That vollbringt, nicht allein Vergebung, wenn er zu den Aufſtändiſchen ge⸗ hörte, ſondern auch eine Belohnung von tauſend Du⸗ 8* 116 katen als Preis für meine Gefangennehmung. Bitte alſo mit mir, Helena, bitte, daß—“ Plötzlich ward er unterbrochen durch das laute helle Schallen der Glocke, welche vorher die beiden Frauen ſo ſehr erſchreckt hatte. „Man kommt!“ ſagte Franz entſetzt.„Es ſind die Häſcher, welche meiner Spur gefolgt ſind.“ Helena, Alles vergeſſend, nur noch eingedenk ihrer Liebe, Helena umklammerte ihn feſt mit ihren Armen und einen Kuß auf ſeine Lippen drückend, rief ſie:„Ich lebe und ich ſterbe mit dir, nichts kann uns trennen, als der Tod.“. Wieder, lauter und ſchrillender tönte jetzt die Glocke und deutlich hörte man eine laute gebieteriſche Stimme, welche rief:„Im Namen des Königs, aufgemacht!“ „Du hörſt es, meine Mutter,“ ſagte Franz mit trü⸗ bem Lächeln,„ſie kommen, mich gefangen zu nehmen. Liefere den Verräther aus, wie es einer treuen und ge⸗ horſamen Unterthanin geziemt.“ „Nein!“ rief Helena, angſtvoll ihn feſter umſchlin⸗ gend,„nein! Mutter, liefere ihn nicht aus, gib es nicht zu, daß ſie ihn von hier fortſchleppen! Er iſt verlo⸗ ren, wenn ſie es thun, wenn du ihn den Häſchern des Königs überlieferſt.“ Er iſt verloren,“ ſagte Sophie Bätöry hoheits⸗ 117 voll, und du und die Deinen Ihr ſeid es, die ihn in's Verderben geſtürzt haben.“ Zum dritten Male ertönte jetzt die Glocke noch heftiger, noch ſtürmiſcher, zugleich vernahm man, wie donnernd an das große Hofthor geſchlagen ward, hörte man wüthendes Durcheinander von Stimmen und dazwiſchen den drohenden Ruf:„Im Namen des Königs! Aufgemacht!“ Zu gleicher Zeit ward jetzt die Thür des Salons heftig aufgeriſſen, und der Obriſt der Beſatzung von Munkaes ſtürzte herein. „Es ſind Soldaten des Generals Spork,“ ſagte er„ie begehren Einlaß im Namen des Königs. Soll ich die Thore öffnen?“ „Nein, öffnet nicht!“ ſchrie Helena angſtvoll,„mein Gott, wißt Ihr denn nicht, daß ſie kommen um den Fürſten zu verhaften, um ihn in's Gefängniß zu ſchleppen?“ Und plötzlich den Fürſten aus ihren Armen laſ⸗ ſend, ſtürzte ſie zu ihrer Schwiegermutter hin, fiel ſie vor ihr auf die Kniee nieder, und hob flehend ihre ge⸗ falteten Hände zu ihr empor. Fürſtin, rief ſie,„ich bitte um Gnade, ich bitte um Vergebung! Ich i Euch erzürnt, denn ich war ſtolz und hochmüthig. Aber ich ſchwöre es Euch, von nun 118 an will ich Euch eine ergebene und demüthige Tochter ſein. Nie mehr will ich Euch widerſtreben, nie mehr meine Anſicht der Euren entgegenſtellen. Ich beuge mein Haupt, Mutter, ich unterwerfe mich, ich flehe zu Euch um Gnade für ihn und für mich! Rettet den Sohn! Rettet ihn um jeden Preis!“ Sophie Bätöry blickte mit kaltem, ſtrengem Ange⸗ ſicht zu der Knieenden nieder. „Willſt du mir ſchwören, ihn nimmer wieder zu verleiten zur Rebellion und Widerſetzlichkeit gegen ſeinen König?“ fragte ſie feierlich,„willſt du mir ge⸗ loben, hinfort ruhig und ſtill mit ihm auf Munkacs zu leben, dich niemals mehr zu kümmern um die po⸗ litiſchen Verhältniſſe des Landes, niemals mehr mit den Rebellen und Aufſtändiſchen zu verkehren?“ „Ich ſchwöre es bei Gott und der heiligen Jung⸗ frau!“ rief Helena,„ich will ſtill und ruhig mit mei⸗ nem Gemahl hier in Munkacs unter Eurem Schutz und Eurer Aufſicht leben, ich will allen andern Wün⸗ ſchen entſagen, nichts mehr wollen als Einſamkeit und Stille, mit Niemand mehr verkehren, als mit Euch allein. O, rettet ihn! rettet ihn!“ Sophie Bätöry neigte langſam ihr Haupt.„Ich will ihn retten,“ ſagte ſie,„ja, ich will ihn retten! 119 Dann hob ſie ihr Haupt ſtolzer empor, und wandte den gebieteriſchen Blick dem Hauptmann zu. „Niemand wird eingelaſſen,“ befahl ſie mit lauter Stimme,„alle Thore bleiben feſtgeſchloſſen, die Mann⸗ ſchaft bezieht ihre Poſten! Ihr tretet hinaus auf den Söller und meldet den Leuten, daß die Herrin von Munkaes das Recht hat, ihre Thore vor Jedermann zu ſchließen, daß der König ſelber ihr dieſes Recht ge⸗ geben hat. Sagt, daß ich ihnen gebiete, ſich ſofort von hin⸗ nen zu begeben, daß, wenn ſie es nicht ſofort thun, ich auf ſie, als auf Tumultuanten und Ruheſtörer, ſchießen taſſe. Sagt ihnen, daß ich in dieſer Stunde noch einen Courier an den König nach Wien abſende und daß ich ihm Alles melden werde, was hier geſchieht. Mögen ſie Munkaes belagern, wenn es ihnen beliebt, aber der König ſelber wird ſie dafür zur Rechenſchaft ziehen.“ „O, meine Mutter! ich danke dir,“ rief Franz tiefbewegt.„Du ſchenkſt mir zum zweiten Mal das Le⸗ du retteſt mich vor einem ſchmachvollen ode!“ Er wollte wieder vor ihr auf die Kniee finken, aber die Fürſtin zog ihn empor in ihre Arme und drückte ihn, inniger und feſter wie ſie je gethan, an ihr hoch⸗ klopfendes Herz. „Möge Gott mir verzeihen, wenn ich ſchwach bin,“ 120 ſagte ſie,„möge er nicht ins Gericht mit mir gehen, wenn ich jetzt eine ſchlechte Chriſtin, eine ſchlechte Pa⸗ triotin bin. Es iſt wahr, du biſt ein Rebell, du haſt dich verbunden mit den Ketzern und Verräthern, aber du biſt mein Sohn, und es gibt eine Stelle in meinem Mutterherzen, wo die Legalität und die Frömmigkeit verſtummt und nur die Liebe ſpricht, die Liebe zu dir, meinem Sohn, meinem einzigen Kinde! Ja, mein Sohn, ich will dich retten, ich will dich beſchützen vor der ganzen Welt! Ichwill zu meinem gütigen Herrn und Königum Gnade flehen, und er wird ſie meinen Thränen, meinen Bitten nicht verſagen!“ Sophie Bätöry hielt Wort, ſie rettete den Sohn. Sie eilte ſelbſt nach Wien, um ſich dem Kaiſer Leopold zu Füßen zu werfen und für ihre ſo oft bewieſene Treue und Loyalität ſich die Begnadigung des einzigen Sohnes als Belohnung zu erflehen. Sie ſetzte alle ihre hohen und einflußreichen Freunde in Bewegung, ſie ſpendete die reichſten und koſtbarſten Geſchenke, ſie war unabläſſig thätig, ſie bat, ſie überredete, ſie flehte, ſie ließ kein Mittel unverſucht, den Sohn zu erretten, für ihn Befreiung und Begnadigung zu erflehen. Und ſie erreichte ihr Ziel. Franz Räköczy ward be⸗ gnadigt, ſein Name ward von der Liſte der Hochver⸗ räther geſtrichen, und er der Strafe entzogen. Nur 121 mußte er feierlich geloben, niemals wieder an irgend einer Unternehmung ſich zu betheiligen, niemals anders als in Begleitung ſeiner Mutter das Schloß Mun⸗ kacs zu verlaſſen, und niemals, auch nur für einen Tag, für eine Stunde ſeiner Gemahlin zu ge⸗ ſtatten, ſich allein aus Munkaes zu entfernen. Franz Räköczy leiſtete dieſen Schwur, und dafür ward ihm nicht allein Freiheit und Strafloſigkeit, ſondern es blieb ihm das Vorrecht, daß nach Munkacs keine deutſche Beſatzung gelegt ward, ſondern daß Munkacs ſeine eigene Beſatzung hatte, über welche indeſſen nicht dem Fürſten, ſondern ſeiner Mutter allein der Ober⸗ befehl zuſtand. So waren denn die goldenen Morgenträume und Hoffnungen, mit denen Helena Zrinyi an der Hand des Gemahls in das Leben, in die große Welt einge⸗ treten war, auf immer zerſtört, die Blüthen ihres Glückes auf ewig zerbrochen. Sie lebten Beide, ſie waren anſcheinend frei, aber es war doch ein Leben der Abhängigkeit und Demü⸗ thigung, ſie waren immer doch Gefangene, wenn auch nicht ein enger Kerker, ſondern ein weites Schloß ihr Gefängniß war. Helena indeß hatte den feſten, den redlichen Willen, glücklich zu ſein auch ohne Glück. Sie liebte ihren 122 Gemahl, ſie wollte es daher verſuchen, ſein düſteres Daſein zu erhellen mit dem Sonnenglanze ihrer Liebe und mit der göttlichen Kraft der ſelbſtüberwindenden Liebe ihre Schmerzen und Demüthigungen unter einem Lächeln zu verbergen. Aber Franz Räköczy verſtand ſie doch, er wußte was ſie litt, er wußte es an den Schmerzen und Qualen, die ſeine eigene Bruſt zerfleiſchten. Er empfand ganz die furchtbare Schmach und Demüthigung, welche darin lag, daß er ſtraflos und frei leben durfte, wäh⸗ rend Alle die, welche mit ihm gekämpft, mit ihm ſich verſchworen hatten, in harter Gefangenſchaft, oder auf dem Schaffot ihr kühnes und waghalſiges Unter nehmen büßen mußten. Der Kaiſer und König Leopold l. wollte durch ſtrenge Beſtrafung, durch warnende Beiſpiele diesmal es verſuchen, die unzufriedenen Magyaren zur Ruhe zu zwingen, ſie für die Folgezeit vor ähnlichen Gefah⸗ ren und Aufſtänden zurückzuſchrecken. Er wollte zu⸗ gleich den Aufrührern beweiſen, daß jeder neue Aufſtand nur ſeine eigene Macht und Kraft ſtärke, nur immer wieder dazu beitrage, Ungarn zu unterjochen und zu tieferer Abhängigkeit zu verurtheilen. Es war daher ein ſtrenges Strafgericht, welches der Kaiſer Leopold l. über Ungarn ergehen ließ. Zuerſt ward⸗den Ungarn verkündet, daß hinfort die Würde eines ungariſchen Palatins, der das Land nach den alten Geſetzen Un⸗ garns regiere, aufgehoben werde, und daß ſtatt deſſen ein deutſcher Gouverneur eingeſetzt werden ſolle, der das Land regieren ſolle nur nach den Weiſungen und Beſtimmungen, die er von Wien aus dem Kabinet des Kaiſers erhalten werde. Sodann erließ der König ein Reſtript, in welchem er erklärte, daß Ungarn durch den eben bewältigten Aufſtand ſich aller ſeiner konſti⸗ tutionellen Rechte verluſtig gemacht habe, und daß der König jetzt ſeine Anordnungen treffen werde„kraft ſeiner abſoluten Macht und Herrſchaft.“ Und in denſelben Tagen, in welchen dieſes könig⸗ liche Edikt überall in Ungarn verleſen ward, fielen zu Neuſtadt die Häupter der Grafen Zrinyi, Nadasdy und Frangipany unter dem Henkerbeil, begann eine ſchonungsloſe Hetzjagd gegen alle Diejenigen, welche ſich in irgend welcher Weiſe an dem Aufſtand bethei⸗ ligt hatten. Vergebens war es, daß ganz Ungarn für die ein⸗ gekerkerten und angeklagten Führer und Leiter des Aufſtandes um Gnade und Erbarmen flehte, daß das ganze Volk ſeine klagende Stimme für ſie erhob, ver⸗ gebens, daß es reiche Geldopfer darbrachte, daß es willige Unterwerfung, treuen Gehorſam verſprach, 124 wenn nur die Grafen Zrinyi, Nadasdy und Frangipany begnadigt, nicht zum Henkerbeil verurtheilt würden. Vergebens ließ ſelbſt der Papſt voll Mitgefühl für die rechtgläubigen, frommen katholiſchen Grafen durch ſeinen Nuntius in Wien den Kaiſer Leopold um Gnade für die Empörer bitten. Der Kaiſer wollte diesmal durch Strenge und Härte wirken, er bewilligte ſelbſt nicht dem Papſte ſeine dringende Bitte, und am 30. April 1671 fielen die Häupter der Grafen Zrinyi und Frangipany auf dem Schaffot in Neuſtadt. Es war ein zerſchmetternder Schlag für das Herz der armen Helena. Der Vater, der Oheim waren ge⸗ fallen unter dem Henkerbeil, der einzige Bruder ſaß zu Graz in harter Gefangenſchaft und ſie durfte nicht einmal klagen, nicht einmal die Trauer tragen um den Vater und den Oheim. Jede ihrer Thränen um die Gefallenen wäre eine Anklage geweſen gegen den Gemahl, der ſie überlebte und der doch mit ihnen gekämpft und geſündigt hatte, der ſeinen Theil gehabt an ihrer Verſchwörung und ihren Plänen. Zene hatt, man getödtet, weil man ſie für gefährlich hielt, aber ihn, den Fürſten Räköczy, ihn hatte man begnadigt, ihn ließ man ruhig und unangefochten in Munkacs! Franz Räköczy empfand all' die Demüthigung, die Beſchämung, welche in ſolcher Gnade lag. Er ſchien 125 ungefährlich, ihn fürchtete man gar nicht, er war nichts als der Sohn ſeiner loyalen Mutter, nichts als der behütete Knabe, der da lebte unter dem Schutze dieſer Mutter! Franz Räköczy hatte das Bewußtſein dieſer ſeiner Stellung, und es zehrte an ſeinem Daſein. Der Baum ſeines Lebens war an der Wurzel angegriffen, und wie lebenskräftig und ſtark auch ſein Stamm ſein mochte, mit welchen neuen Zweigen und Blättern ſich auch ſeine Krone ſchmücken mochte, er mußte doch fallen, denn die kranken und zermalmten Wurzeln hielten ihn nicht mehr im aufgelockerten Erdboden. Fünf Jahre noch ertrug Franz Räköczy ſein trau⸗ riges, gedemüthigtes Leben, fünf Jahre lebte er noch in Munkacs an der Seite ſeiner Mntter, ſeines jungen Weibes. Helena war das Einzige, was ihm geblieben von ſeinem Glück, und die Liebe zu ihr waren die einzigen Sonnenſtrahlen, welche ihm das düſtere Schloß von Munkaes erleuchteten. Helena gebar ihrem Gemahl zwei Kinder, eine Tochter und drei Jahre ſpäter einen Sohn. Dieſer Sohn ward im Januar 1676 in Borſchy geboren, einem Landgut der Räköczy, wohin das junge Fürſten⸗ paar mit ihrer Hüterin und Wächterin Sophie Bä⸗ töry ſich begeben. Sein Vater brach in lautes Weinen 126 aus, als man ihm meldete, daß dem erlöſchenden Fürſtenſtamm jetzt wieder ein Erbe und Stammhalter geboren, und als er das Kind zum erſten Mal in ſeine Arme nahm, fielen ſeine heißen Thränen auf daſſelbe nieder. Dieſe Thränen, das war der ſtumme Segen, den der arme gedemüthigte, tieftrauernde Fürſt Franz Räkéezy ſeinem Sohn mitgab für das Leben, dieſe Thränen waren die Taufe der Schmerzen, welche Franz Räköczy der Zweite von ſeinem Vater empfing. Die Geburt des Sohnes war der letzte Freuden⸗ ſtrahl geweſen, der den düſtern Pfad des armen, zu trübſeliger Thatenloſigkeit verdammten Fürſten Franz Räköczy erhellte. Von dieſem Tage an ward ſein Ant⸗ litz noch bleicher, noch trauriger, aber er klagte niemals, er hatte immer ein Lächeln für ſein Weib, für ſeinen Sohn, er bewahrte ſeiner Mutter ſtets dieſelbe dank⸗ bare Ergebenheit und Aufmerkſamkeit; aber das Licht ſeines Lebens brannte jeden Tag trüber, erloſch mehr und mehr, und am achten Juli 1676 ſtand das Herz, das ſo viel gelitten, ſo tief gedemüthigt worden, endlich ſtill. Er hatte mit Ruhe und lächelnder Reſig⸗ nation das Annähern des Todes empfunden, und ob⸗ wohl er nicht ſein einunddreißigſtes Jahr zurückgelegt hatte, ſchien es ihm doch, als habe er eine Ewigkeit 127 der Schmerzen und des nagenden Kummers durchlebt, und er begrüßte den Tod als einen Befreier und Erlöſer. „Weine nicht,“ flüſterte er ſeiner Helena zu, die mit den beiden Kindern an ſeinem Lager kniete,„weine nicht darüber, daß ich ſterbe, ſondern darüber, daß ich gelebt habe.“ Dann aber, als fürchte er, durch dieſes Wort ſeine Mutter gekränkt zu haben, wandte er ſich zu ihr hin, die bleich, mit düſtern thränenloſen Angen an der andern Seite ſeines Lagers ſtand.„Meine Mutter,“ ſagte er mit ſchwacher erſterbender Stimme,„ich empfehle meinen Sohn der Gnade des Kaiſers. Möge er ihm ein guter und großmüthiger Vormund ſein!“*) VI. Die Tage der Witwenſchaft. Jahre der ſtillen Trauer, der bangen Einſamkeit folgten jetzt dem Tode Franz Räköczy's für ſeine arme *) Franz Rälöczy der Zweite, Fürſt von Ungarn und Siebenbürgen. Leipzig 1854. 128 junge Witwe Helena. Aeußerlich und innerlich verein⸗ ſamt, lebte ſie in Munkacs unter der Obhut und dem Schutz ihrer Schwiegermutter, der ſtolzen und herrſch⸗ ſüchtigen Sophie Bätöry, die jetzt nach dem Tode des Sohnes jeder Neutralität und Schonung entſagte, und mit aller Leidenſchaftlichkeit ihres energiſchen Naturells der wenig geliebten Schwiegertochter gegenüber ihre Liebe und Hingebung für den König Leopold bekundete. Es war ein fortgeſetzter ſtiller Kampf zwiſchen den beiden Frauen, ein nie endendes gegenſeitiges Wider⸗ ſtreben, bei dem Helena indeß immer die Unterlie⸗ gende, die Duldende ſein mußte. Denn das Geſetz beugte ſie, die arme Witwe, unter den Willen und die Fet ihrer Schwiegermutter, und Helena, die einen Vater, keine Familie mehr beſaß, als den in Graz eingekerkerten Bruder, Helena konnte ſich dieſer Botmäßigkeit nicht entziehen. Sie wohnte mit ihren beiden Kindern in Mun⸗ kacs, und abgewandt von allen andern irdiſchen Din⸗ gen, beſchäftigte die junge zärtliche Mutter ſich jetzt nur mit der Erziehung ihrer beiden Kinder, der Toch⸗ ter Juliana und des jüngern Sohnes Franz. Aber alle die Gefühle, welche ſie im Umgang mit ihrer Schwiegermutter verbergen und in ihr Herz zurück⸗ drängen mußte, die quollen in einem flammenden 129 Strom der Begeiſterung hervor, ſobald ſie mit ihren Kindern allein war. Vor ihrer Tochter Juliana ver⸗ barg ſie die Thränen nicht, die ihr der Jammer und das Elend des immerfort kämpfenden und ringenden Vaterlandes erpreßte, vor ihr brach ſie oft in laute Klagen aus über das Unglück der Familie, ihr er⸗ zählte ſie, daß ihr Vater geſtorben ſei am gebrochenen Herzen, weil er nicht die Kraft gehabt, Ungarn zu er⸗ retten, daß ſein letztes Wort ein Segen für das Va⸗ terland geweſen, und wenn die kleine Juliana, nicht die Klagen, wohl aber die Thränen ihrer Mutter ver⸗ ſtehend, mit ihr weinte, ſo lehrte Helena ſie zu Gott beten, er möge in ihrem Bruder dem Vater und dem Vaterlande einen Rächer erſtehen laſſen. Wenn ihr Sohn, ihr kleiner Franz, müde vom Spielen, vom wilden Umherrennen, ſich zu ſeiner Mutter flüchtete, ſo nahm Helena ihn lächelnd an ihr Herz, und lieblich wie Muſik klang dem Kinde ihre ſüße Stimme, wenn ſie ihm die Legenden und Sa⸗ gen Ungarnserzählte, die große Heldenvorzeit Sieben⸗ bürgens ihm ſchilderte, und mit aufflammendem Auge ihm ſagte:„Deine Väter waren die ruhmwürdigen Fürſten von Siebenbürgen, und der Fürſtenſtuhl von Siebenbürgen iſt dein rechtmäßiges Erbe.“ „Warum ſitze ich denn nicht auf dieſem Fürſtenſtuhl, 1861. 2M Franz Raköczy 1. 9 130 wenn er doch mein iſt?“ fragte der kleine vierjährige Knabe mit lächelnder Unbefangenheit. „Weil die Feinde deines Vaters ihn dir ge⸗ nommen haben,“ ſagte Helena, ihn feſter an ſich drückend. Der Knabe ſchaute ſie an mit trotzig⸗flammenden Augen.„Wer ſind dieſe Feinde, die mir genommen haben, was mir gehört?“ Helena neigte ſich dichter an das Ohr des Kna⸗ ben.„Mein Sohn,“ ſagte ſie,„du haſt gar viele Feinde, aber an ihrer Spitze ſteht der Kaiſer von Deutſchland, der ſich den König von Ungarn nennt.“ „Aber die Großmutter ſagt ja, daß ich den Herrn König Leopold lieben ſoll?“ fragte der Knabe verwun⸗ dert.„Sie hat mir ja befohlen, daß ich täglich zum lieben Gott für den König Leopold beten ſoll?“ Helena erbebte und preßte den Knaben angſtvoll an ſich.„Mein Sohn,“ flüſterte ſie,„widerſtreite der Großmutter niemals, höre ſchweigend an, was ſie dir befiehlt. Aber jetzt horche wohl auf das, was ich dir ſagen will: Du darfſt zum lieben Gott beten, daß er Ungarn befreie von der ſchweren Hand ſeines Kö⸗ nigs, und jeden Abend und jeden Morgen ſollſt du nie⸗ derknieen und beten: Herr, mein Gott, gib, daß ich wachſe und gedeihe in der Liebe zu meinem Vaterlande! 131 Gib mir Kraft und Geſundheit, daß mein Arm bald ſtark werde, damit ich mir von meinen Feinden wieder erobere was mein iſt, damit ich meinen Fürſtenſtuhl von Siebenbürgen wieder erkämpfe.“ 5 Und wenn der Knabe mit gefalteten Händen die⸗ ſes Gebet wiederholte, welches Helena ihm täglich vor⸗ ſprach, ſo flammten ſeine Augen höher auf, und das von goldenen Locken umfloſſene Kinderangeſicht nahm dann einen trotzigen, männlichen Ausdruck an. elena ſah das mit Entzücken, ſie drückte einen Kuß auf die Stirn des Sohnes, die einſt von den Thränen ſeines ſterbenden Vaters bethaut worden, und ſagte mit einem glücklichen Lächeln:„Mein Sohn, du wirſt dereinſt ein Held werden, der ſich das Erbe ſeiner Väter wiedererobert. Vergiß es niemals, mein Sohn, daß du der rechtmäßige Fürſt von Siebenbür⸗ gen biſt, und daß Ungarn von dir ſein Glückund ſeine Freiheit erwartet, daß es dein zweites Vaterland iſt. Dein Wahlſpruch aber ſei ſo lange du lebſt: Gott, Vaterland und Freiheit!“ „Für Gott, Vaterland und Freiheit!“ wiederholte der Knabe ernſt und feierlich.„Ich will's nimmer vergeſſen: für Gott, Freiheit und Vaterland!*) Ich *) Dies war und blirb, ſo lange er lebte, der Wahl⸗ ſpruch Franz Räköczy's. 9* 132 will auch immer daran denken, daß ich der Fürſt von Siebenbürgen bin. Aber,“ fuhr der Knabe mit ſchlauem Lächeln fort,„aber ich werde das der Großmutter nicht ſagen.“— Freilich, es wäre ein gar ſchlimmer und ungeeig⸗ neter Moment geweſen, der Fürſtin Sophie Bätöry ſolche Hoffnungen und Wünſche zu verrathen, denn ge⸗ rade jetzt hatte Sophie mit dem Heldenmuth ihres Geſchlechtes den offenen Kampf gegen die Aufrührer, gegen die Ungarn und Siebenbürger abzuſchütteln, und Ungarn und Siebenbürgen ſeine Freiheit und Selbſtſtändigkeit wieder zu gewinnen. Dem unterdrückten Aufſtand, deſſen Opfer Graf Zrinyi und ſeine Freunde geweſen, war ein Jahr der erzwungenen Ruhe gefolgt. Aber in dieſem Jahre hatte Ungarn von dem deutſchen Gouverneur, den der Kaiſer dahin geſandt, von den deutſchen Truppen, die als ein furchtbares Korps der Rache Ungarn überflutet hatten, ſo viel Härte, Bedrückung und Pein zu erleiden gehabt, daß das Volk aus ſeiner ſchmerzlichen und thränenreichen Ruhe endlich wieder zur That der Verzweiflung, des wilden Zorns aufgeſtachelt wurde. Die geknechteten und gewaltſam niedergedrückten Magyaren griffen alſo ſchon im Jahre 1677 abermals zu den Waffen, der Aufruhr entfaltete wiederum ſeine 133 blutige Fahne, und ihr ſtrömten jauchzend die muthi⸗ gen Magyaren zu. Aber diesmal waren ſie nicht allein, diesmal hatten ſie einen Bundesgenoſſen. Dieſer Bundesgenoſſe des ungariſchen Aufſtandes von 1677 war der König Ludwig XIV. von Frank⸗ reich. Ihm, und ſeiner Feindſchaft gegen das Haus Oeſterreich war es eine willkommene Gelegenheit, den Kaiſer Leopold in Ungarn zu beſchäftigen, und ihm dort Verlegenheiten zu bereiten, die ihn verhinderten, die Pläne des Königs von Frankreich auf Spanien und zu überwachen und abzuwehren. Die ungariſchen Verſchwornen hatten Abgeſandte nach Frankreich geſandt, um die Unterſtützung und die Hülfe König Ludwig XIV. zu erbitten, und ihren Vor⸗ ſtellungen und Bitten war es gelungen, ihr Ziel zu erreichen. Frankreich vereinigte ſich mit den ungariſchen Magnaten zu einem Bündniß wider den Kaiſer und König Leopold I., es verſprach den Aufſtändiſchen Unterſtützung an Geld und Mannſchaft, es ſandte eine eigene Geſandtſchaft an den König von Polen ſowohl, wie an den Fürſten Apafy von Siebenbürgen, um mit beiden Höfen zu unterhandeln wegen ihrer Hülfe für die ungariſchen Inſurgenten; es warb in Polen ein kleines Heer von ſechstauſend Polen und Tataren an, und ſandte dieſes nach Ungarn zu der 134 Armee der Aufſtändiſchen, an deren Spitze Graf Ri⸗ kolaus Weſſelényi ſtand. Wieder alſo tobte nun der Aufruhr und Krieg durch das unglückliche ungariſche Land dahin, und trug ſeine Drommetenklänge auch zu den Fenſtern des feſten Schloſſes von Munkacs hinauf. Die beiden Frauen vernahmen dieſe Klänge mit gar verſchiedenen Gefühlen und doch Beide mit freudigem Herzen, mit ſtolzen Erwartungen. Jede von ihnen hoffte, daß der erneuerte Kampf derjenigen Partei, der ſie angehörte, endlich den Sieg bringen würde Sophie Bätöry, rückwärts ſchauend auf die Geſchichte der verfloſſenen Jahrhun⸗ derte, war überzeugt, daß jede Ernenerung des Kampfes nur dazu diene, die Kraft der Ungarn zu ſchwächen, die Macht und das Anſehen des Habsburgiſchen Kö⸗ nigshauſes zu ſtählen und zu befeſtigen. Helena, in der Begeiſterung ihres Patriotismus, glühte in der freudigen Ueberzengung, daß endlich die Sache der Magyaren ſiegen, daß Ungarn endlich ſeine Freiheit und Unabhängigkeit ſich wieder erringen werde. Aber ach, Helena konnte ihrer Partei keine Hülfe, keinen ſie hatte für dieſelbe nichts weiter als i ſie konnte mit ihren Kindern nur für dieſelbe ihr inbrünſtiges Gebet zum Himmel emporſenden.. 135 Sophie Bätöry, glücklicher als ihre junge Schwie⸗ gertochter, konnte dem König, welchem ſie mit ſo viel loyaler Treue anhing, dem ſie ewige Dankbarkeit ge⸗ ſchworen, weil er ihr Gnade für den Sohn gewährt hatte, jetzt in wirkſamen Thaten ihre Dankbarkeit be⸗ weiſen. Als die Aufſtändiſchen mit ihrer Armee heran⸗ rückten, um vor allen Dingen Munkacs einzunehmen, und an der ſtarken Veſte ſich einen Stützpunkt für ihre Unternehmungen zu gewinnen, da verſchloß Sophie Bätöry den herandringenden Schaaren die Thore und erklärte, daß ſie und ihre Beſatzung Munkacs bis zu ihrem letzten Tropfen Bluts gegen die Aufſtändiſchen vertheidigen, und nimmer gutwillig ihnen die Thore öffnen wer Nun begannen die Aufſtändiſchen die Belagerung von Munkacs, und wie oft ſie auch von den deutſchen Truppen des Kaiſers beſiegt und vertrieben wurden, immer kehrten ſie wieder zu demſelben zurück, im⸗ mer nahmen ſie den Kampf um die Feſtung wieder auf. Aber Sophie Bätöry blieb unerſchütterlich in ihrer Ueberzeugungstreue, ihrer Loyalität. Weder die Erfolge der Aufſtändiſchen, noch ihre Drohungen vermochten ſie zu ſchrecken, und wenn Helena es wagte, ſie im Namen ihrer Kinder, ihres verſtorbenen Gemuhls anzuflehen, den Freunden und Anhängern 136 der Räköczy's die Thore zu öffnen, ſo wies Sophie Bätöry ſie mit zürnender Verachtung zurück und er⸗ klärte, ſich lieber unter den Mauern von Munkacs zu begraben, als ſie den Rebellen zu überliefern. Sie ſelber ſtellte ſich an die Spitze der Beſatzung, ſie ſelber leitete die Vertheidigung; ganze Tage lang ſtand ſie neben den Kanonieren auf der Mauerbrüſtung, wanderte ſie von Poſten zu Poſten, und Helena mußte es geſchehen laſſen, daß auf dieſen Wanderungen der muthigen Vertheidigerin von Munkaes ihr kleiner Sohn Franz die Großmutter begleitete, daß er Zeuge war der begeiſterten Worte, die Sophie an die Soldaten richtete und mit denen ſie dieſelben ermahnte, treu zu ſein ihrem König und ihrer Pflicht. Und die muthige Vertheidigung der Fürſtin ver⸗ mochte es immer und immer wieder, die Belagernden zurückzuſchlagen. Vergebens verſuchten die Heerführer der Ungarn an den feſten Mauern von Munkaes ihre Kraft und ihre Kriegsgewandtheit. Sophie Bätöryſchlug den Kriegsfeldherrn Teleky ſiegreich zurück, und gegen ſeine Nachfolger, gegen Paul Weſſelényi und Nikolaus Forgach, wagte ſie ſogar mehrmals nächtliche Ausfälle, welche ſie ſelber anführte, und welche jedesmal von ſo glänzendem Erfolg gekrönt wurden, daß ſie die Belagerer in die Flucht jagten. 137 Jubelnd kehrte dann Sophie Bätörh mit ihren ſiegreichen Schaaren in die Feſtung zurück, und wäh⸗ rend ſie in der Kapelle der Burg mit den Ihrigen das Tedeum ſang, lag Helena Zrinyi in Thränen aufge⸗ löſt in ihrem einſamen Gemach auf ihren Knieen, ihr zur Seite ihre beiden Kinder. Die Jubelhymnen, die Dankeslieder drangen dann wohl hinauf zu der jungen Witwe, die mit ihren Kindern betete:„Gott im Himmel! erbarme dich des Vaterlandes, laß Un⸗ garn einen Rächer, einen Retter auferſtehen!“ Wie oft, wenn Helena, dem Befehl ihrer Schwie⸗ germutter gemäß, mit ihr durch die Feſtung den Rund⸗ gang machen mußte, wie oft blieb ſie da auf der Ballu⸗ ſtrade des Fhurmes ſtehen, und ſchaute mit ſchmerz⸗ voller Sehüfucht hinunter in das Thal, ſchaute hin auf die Zelte der Belagerer, denen ihre Wünſche, ihre Loſſunen gehörten. Neben ihr ſtand die Fürſtin ophie Bätöry und ihre begeiſterte Rede ſchilderte den Soldaten den Ruhm und die Belohnung, die ihrer warteten, wenn ſie in treuer und muthiger Ausdauer Munkaes vertheidigten gegen die Rebellen. Helena aber ſchaute, während Jene ſprach, immer wieder hinab zu Jenen, welche Sophie Bätéry die„Rebellen“ nannte, welche Helena Räkéczy aber begrüßte als die Vertheidiger des Vaterlandes, und in ihrem zitternden 138 Herzen betete ſie wieder, daß Gott ſich ihrer und des Vaterlandes erbarmen, daß er endlich Beiden einen Helden möge auferſtehen laſſen, der die Macht, den Muth und den Willen habe, ſie Beide zu erretten. Sie wußte es nicht, daß während ſie ſtand und hinabſchaute, dort unten bei den Belagerern ein Anderer ſtand und hinaufſchaute, daß er ſehnſüchtig alle Tage mit ſeinem Perſpektiv hinauslugte nach der ſchlanken hohen Geſtalt der jungen Witwe Franz Räköczy's, deren Schönheit und deren Patriotismus von allen Aufſtändiſchen begeiſtert geprieſen ward. Sie wußte nicht, daß dieſer Eine, der zu ihr emporſchaute, der vor Verlangen glühte ſie zu ſehen, und ſie zu erretten von ihrer Schwiegermutter, daß derzzugleich der Held und der Kämpfer ſein ſollte, dePeenn Ge⸗ bet von Gott für das Vaterland und für ſich ſelber er⸗ fleht hatte. VII. Graf Emmerich Tököly. Dieſer Eine, dieſer Held und Kämpfer, der Helena Ralöczy befreien und für Ungarn ſiegreich kämpfen 139 ſollte, es war der junge, kaum zwanzigjährige Graf Emmerich Tököly, die letzte Hoffnung, der ſtrahlende Held der ungariſchen Aufſtändiſchen. Er gehörte zu einer jener großen Magnatenfamilien, die ſeit Jahrhunderten ſtets gewohnt geweſen, mit ihrem Blut die Freiheiten Ungarns zu vertheidigen, und auch ſein Vater hatte dieſen Ueberlieferungen der Familie Tö⸗ köly ſich nicht entzogen. Er war ein thätiger Theilneh⸗ mer der Zrinyi'ſchen Verſchwörung geweſen, er hatte nach dem Scheitern derſelben dem offenen Brief des Königs Leopold ſich nicht gefügt, hatte ſich nicht unter⸗ worfen, ſondern hatte es unternommen, ſich in ſeinem Schloß Likana dem Einrücken der deutſchen Truppen zu widerſgtzen. Aber das Glück hatte ihn, wie alle ſeine Mitberſchwornen, verlaſſen, er war in der Ver⸗ theidigung ſeines Sch oſſes gefallen, das Schloß ward genommen und ſeine Gemahlin, ſeine Kinder nach Wien als Gefangene abgeführt. Aber zweien muthigen, entſchloſſenen Freunden gelang es, mindeſtens den Sohn des gefallenen Grafen Tököly vor der Gefangenſchaft zu erretten. Sie verkleideten den eilfjährigen Knaben als ein Bauernmädchen, und in ihrer Begleitung, heitere ſcher⸗ zendeLieder ſingend, mit den deutſchen Soldaten verliebte Blicke und Händedrücke austauſchend, verließ das 140 hübſche junge Banernmädchen das beſiegte, brennende Schloß Likana. Dieſes Bauernmädchen ſollte in wenigen Jahren nach Ungarn heimkehren als der mächtigſte, unver⸗ ſöhnlichſte Feind, der jemals gegen Oeſterreich das Schwert erhoben hatte. Die Freunde, welche den jungen Emmerich Tököly errettet hatten, brachten ihn nach Siebenbürgen. Dort auf den reichen Gütern ſeiner Familie verbrachte der junge Graf einige ſtille einſame Jahre, dort lebte er unter der ſorgſamen Obhut ſeiner edlen und gelehrten Erzieher und Lehrer einige Jahre nur ſeinen Studien, ſeiner nothwendigen Ausbildung, dort erſtarkte das Gemüth des Knaben zu heldenmüthiger Fſtigkeit, zu kühnem Wollen, und aus dem eifrigen dium der Geſchichte ſeines Vaterlandes ſchöpfte er den glühenden Haß gegen Diejenigen, welche ſeit Jahrhunderten ſein Vaterland geknechtet, die Freiheiten desſelben mit Füßen getreten und die Patrioten als Verbrecher auf das Schaffot geſchleppt hatten. Auf das Geſetzbuch Ma⸗ thias Corvinus ſchwur der neunzehnjährige Jüngling, ſein ganzes Leben der Befreiung des Vaterlandes weihen zu wollen, Rache, blutige Rache zu nehmen an De⸗ nen, die es unterdrückt und gemißhandelt hatten, und nicht eher zu ruhen und zu raſten, als bis Ungarn 141 wieder geworden, was es in den glorreichen Tagen der Vergangenheit geweſen: Ein freies, ſelbſtſtändiges Wahl⸗Königreich. Mit dieſem Schwur nahm Emmerich Tököly Ab⸗ ſchied von der Einſamkeit und Stille ſeines bisherigen Lebens, um hinaus zu gehen in die Welt, in das be⸗ wegte Leben, und zu kämpfen und zu ringen nach ſei⸗ nem goldenen Ziel. Zuerſt begab er ſich an das Hoflager des Fürſten Apafy, denn die Freundſchaft und Mitwirkung des Fürſten von Siebenbürgen war das erſte Bedingniß für die Befreiung Ungarns. Der junge, reiche, ſchöne Kavalier war eine willkommene Erſcheinung am ſie⸗ benbingiich Fürſtenhofe. Sein heiterer Humor, ſein pikanter Witz, ſeine Gewandtheit in allen ritterlichen Künſten machten ihn bald zum Liebling des Fürſten Apafy. Sein ernſtes Streben, ſeine feurige Begeiſte⸗ rung für die Freiheiten und die Rechte des Vaterlan⸗ des, ſein frei und kühn ausgeſprochener Vorſatz, ſein ganzes Leben der Erlöſung des Vaterlandes weihen zu wollen, gewannen ihm die Zuneigung und das Ver⸗ trauen des Grafen Teleky, des allmächtigen Miniſters von Siebenbürgen, dem der Fürſt Apafy gern und willig die ganze Laſt der Regierungsgeſchäfte und des Regierens übertrug. Graf Teleky, der kriegsgeübte Feldherr, der kluge Diplomat und Politiker, erkannte gar bald die hohen Geiſtesgaben, den entſchloſſenen, edlen und genialen Charakter des jungen Tököly, er begrüßte ihn im Geiſt als den Helden, nach welchem die bedrückten Völker von Ungarn und Siebenbürgen ſo lange geſeufzt, und er reichte ihm daher vertrauens⸗ voll die Hand zum großen und heiligen Bündniß. Und dieſes Band der Zuneigung, welches der Patriotismus um den Mann und den Jüngling ge⸗ ſchlungen, es ſollte durch die Liebe noch feſter, noch unauflöslicher gemacht werden! Emmerich Tököly verlobte ſich mit der ſchönen Tochter Teleky's, und das Feſt der Verlobung war zugleich die Feier, welche das Bündniß Sigbenbürgens mit den ungariſchen Unzufriedenen beſiegelte. Ge⸗ ſchmückt mit dem Verlobungsring ſeiner ſchönen Braut, begleitet von ihren Thräuen, ihren Segenswünſchen, verließ Graf Emmerich Tököly alsdann den ſieben⸗ bürgiſchen Hof, um nun, treu ſeinem Gelübde, den Kampf der Rache und der Befreiung zu beginnen. Und diesmal ſchien es in der That, als ſolle der Fluch des Unglücks und des Unterliegens, der ſo lange und mit ſo blutiger Schwere auf Ungarn gelaſtet, endlich dem Glücke, dem kühnen Wollen weichen. Ganz Ungarn war gerüſtet und thatbereit, überall herrſchte 143 freudige Zuverſicht und Einſtimmigkeit des Wollens. Die Hinrichtungen, die Verfolgungen hatten dem Heere der Unzufriedenen neue und machtvolle Kämpfer geworben, die Zahl der Anhänger des Königs um viele einflußreiche Häupter verringert. Und außerdem ſtand Ungarn diesmal nicht allein. Es hatte, wie geſagt, ſeine Bundesgenoſſen. Mit ihnen rückte ein Korps des Fürſten von Siebenbürgen, unter Teleky's Anführung, in Ungarn ein. Das von Ludwig dem Vierzehnten geworbene Hilfskorps von Polen und Tataren hatte ſchon unter Paul Weſſelényi einige wichtige Siege errungen, war weit vorgedrungen in Ungarn, und hatte den deutſchen Truppen ſchon einige wichtige Plätze abgenommen. Und nun gab das Schick⸗ ſal den Heerſchaaren der Unzufriedenen, was allein ihnen noch gefehlt hatte.. Es gab ihnen einen Anführer, es ſtellte an ihre Spitze einen jungen, todesmuthigen, freiheitsbegeiſter⸗ ten Helden. Dieſer Held war Emmerich Tököly; in ihm repräſentirte ſich ganz Ungarn, er war gewiſſerma⸗ ßen die Inkarnation des Nativnalgefühls, des Wider⸗ ſtandes der Ungarn gegen das Haus Habsburg, und alle Sterne künftiger Hoffnungen ſchienen über ihm zu leuchten, alle Umſtände ſich zu ſeinen Gunſten zu fügen. Er war es, der Ungarn den Beiſtand Sieben⸗ 144 bürgens ſicherte, der bald durch ſeinen glühenden Haß gegen Oeſterreich ſich und den Seinen den Beiſtand der Türkei gewinnen ſollte. Die Stimme des jungen Helden ſchallte nun kühn und muthig durch ganz Ungarn dahin, ſie rief alle Cdelleute von Ungarn auf zum Kampf, ſie drohte mit Todesſtrafe allen denen, welche ſich dieſem Rufe ent⸗ ziehen wollten. Aber dieſe Drohung war unnöthig, denn ganz Ungarn jauchzte ſeinem Aufrufe freudig entgegen, alle Edelleute ſtrömten waffengerüſtet, kriegsbereit in das Lager des jungen Helden, und bald war ſeine anfangs ſo kleine Schaar zu einer Armee von zwanzigtauſend Mann angewachſen. Mit dieſer begann Emmerich Tököly nun den Kampf, wie er wähnte, den Entſcheidungskampf Un⸗ garns gegen Oeſterreich! Und das Glück ſchien ihm anfangs günſtig zu ſein, es heftete den Sieg an ſeine Fahnen, es ließ ihn weit vordringen in Oberungarn, es bahnte ihm den Weg bis Preßburg wo er ſiegreich, die deutſchen Truppen verjagend, ſeine Stellung nahm. Nun ſchickte in das Lager Tököly's der Kaiſer Leopold ſeine Unterhänd⸗ ler, um mit dem jungen ungariſchen Helden um den Frieden zu unterhandeln, und ihm Verſöhnung anzu⸗ bieten —— 145 Tölöly überlegte, er bat ſich Bedeutzeit aus, und bewilligte eine längere Waffenruhe. Ein neues Mo⸗ ment war in das Leben des jungen Helden getreten, ſein Herz glühte nicht mehr blos der Freiheit und dem Vaterlande,— es glühte für Helena Zrinyi, die junge Witwe Franz Räköczy's, die im feindlichen Munkacs neben der königlich geſinnten Schwieger⸗ mutter ihre Tage dahinſeufzte. Emmerich Tököly wollte nicht nur Munkaes er⸗ obern, er wollte ſich auch die Geliebte erobern, die dort weilte unter der ſtrengen Obhut Sophie Bätöry's. Beide Ziele wollte er zu gleicher Zeit erringen, und mit ihnen doch auch dem höchſten, dem unverrückbaren Ziel, der Befreiung des Vaterlandes nachſtreben. Er ließ daher das Schwert ſinken, und begann zu unterhandeln: offenkundig mit dem Kaiſer in Wien und mit der Kommandantin auf Munkacs, heimlich und unter den tiefſten Schleiern des Geheimniſſes mit den Groß⸗Vezieren und den Paſcha's der Pforte in Ofen. Dem Kaiſer zeigte er ſich geneigt zur Unterhand⸗ lung und gütlicher Vermittelung, der Kommandantin von Munkaes, deren letzte ausgeſendete Schaaren er beſiegt hatte, bot er den Frieden, unter der Bedingung, 1861. XM. Franz Räköczy. I. 10 146 daß ſie ihm die Hand ihrer Schwiegertochter, die Hand Helena Zrinyi's bewillige. Sophie Bätöry nahm dieſen Antrag mit frendiger Ueberraſchung auf, denn die Kraft ihres Widerſtandes war endlich erſchöpft geweſen, und was ſie Helena bis jetzt nicht hatte ſagen mögen, das bekannte ſie ihr jetzt. Munkacs war nicht im Stande, einen neuen Sturm auszuhalten, es mußte fallen, wenn Helena nicht den Preis bewilligte, den der Belagerer for⸗ derte, wenn ſie nicht einwilligte, ihm ſeine Hand zu reichen. Helena Zrinyi verbarg das freudige Klopfen ihres Herzens unter erröthendem Schweigen, ſie ſagte ihrer Schwiegermutter nichts davon, wie lange ihr Herz und ihre Phantaſie ſich ſchon beſchäftigt habe mit dem jungen ſtrahlenden Helden, der zur Befreiung Ungarns vom Schickſal ſelber geſandt ſchien, ſie geſtand ihr nicht, daß er ihr als der Erretter, der Meſſias er⸗ ſchien, dem ihre ganze Seele entgegenjauchzte. Mit niedergeſchlagenen Augen, mit leiſer Stimme begehrte ſie, bevor ſie ſich entſcheiden könne, erſt eine perſönliche Zuſammenkunft mit dem Grafen Emmerich Tököly, eine Zuſammenkunft, bei der auch ihre beiden Kinder gegenwärtig ſein ſollten. Sophie Bätory bewilligte ihr bieſe Forderung, 147 und am Fuße der Feſtung Munkaes auf freiem Felde, vor den Augen der Belagerer und der Belagerten, fand dieſe Zuſammenkunft ſtatt. Beide jung, Beide ſchön, Beide von feurigem, lei⸗ denſchaftlichem Charakter, bedurfte es nicht vieler Worte, vieler Auseinanderſetzungen, um ſich zu ver⸗ ſtändigen. Ihre Herzen flogen ſich entgegen, ihre See⸗ len verſtanden einander mit dem erſten Blick, den ſie miteinander wechſelten. Mit Entzücken ſchaute Emme⸗ rich Tököly auf dieſes ſchöne junge Weib, das vor ihm ſtand mit allem Liebreiz einer verſchämten jungen Braut, und von deren Stirn doch ſo viel Hoheit und Heldenſinn leuchtete. Strahlend von Glück und Wonne waren ſeine Blicke, als er Helena anſchaute, aber ſie verfinſterten ſich, als er ſie von ihr abwandte, und ſie auf ihre Kinder heftete, die ihr zur Seite ſtanden. So flüchtig dieſer Blick war, Helena hatte ihn doch geſehen, und ihn doch verſtanden mit dem In⸗ ſtinkt der Mutterzärtlichkeit. Sie zog die Kinder feſter zu ſich heran, und küßte zärtlich ihre geliebten Häupter. „Es ſind die Kinder Franz Räköczy's,“ ſagte ſie ho⸗ heitsvoll,„ſie ſind das Vermächtniß, welches er Ungarn hinterlaſſen hat. Wer mich liebt, der muß mir ſchwö⸗ ren, daß er meine Kinder, die Kinder Franz Räköczy's, 10* 148 tieben und hochhalten, daß er ihnen ein trener, zärtli⸗ cher Vater ſein will!“ „Ich ſchwöre bei Gott, und bei dem Andenken an den edlen, unglücklichen Fürſten Franz Räköczy,“ſagte Emmerich Tököly feierlich,„ſchwöre, daß ich die Kin⸗ der Franz Räköczy's lieben und hochhalten, daß ich ihnen ein treuer und zärtlicher Vater ſein will!“ Helena wiegte leiſe zuſtinmend ihr Haupt, ein glückliches Lächeln umſpielte ihre Lippen und ein ſanf⸗ tes Roth färbte gleich dem Roſenglanze eines begin⸗ nenden Tages ihre zarten Wangen. Aber dieſes Lä⸗ cheln erſtarb ſchnell wieder, und eine Wolke lagerte ſich auf ihrer ſchönen hohen Stirn. „Graf Emmerich Tököly,“ ſagte ſie feierlich,„iſt es wahr, was mir meine Schwiegermutter berichtet? Habt Ihr mit dem König und Kaiſer Unterhandlun⸗ gen angeknüpft, wollt Ihr den Frieden vermitteln wiſchen ihm und den Unzufriedenen?“ Tököly ſchaute ſie an mit einem langen brennen⸗ den Blick, als wolle er auf ihrem Angeſicht die ge⸗ heimſten Gedanken ihrer Seele leſen. Aber dieſes An⸗ geſicht blieb ruhig und ſtille, es verrieth nichts. „Es iſt wahr, Fürſtin, was Euch Eure Frau Schwiegermutter erzählt hat,“ ſagte er zögernd, das Ange feſt auf ſie gerichtet„Jo, ich hube mit dem Kö⸗ 149 nig Unterhandlungen angeknüpft, ich will den Frieden zwiſchen ihm und den Unzufriedenen vermitteln.“ Helena's Stirn verdüſterte ſich noch mehr, ihre Wangen übergoß Todesbläſſe.„Ich kann niemals die Eure werden, Graf,“ ſagte ſie feſt und entſchieden. „Und weshalb nicht?“ fragte er glühend, ihre beiden Hände faſſend, und ihr tief in die Augen ſchauend. Sie zog faſt ungeſtüm ihre Hände aus den ſeinen fort, aber ſeinem Anſchauen begegnete ſie mit feſtem, entſchiedenem Blick.„Ich habe mir ſelber einen feier⸗ lichen Schwur geleiſtet,“ ſagte ſie,„ich habe geſchwo⸗ ren, nur dem Manne mich zu vermählen, der den ſchmachvollen Tod meines edlen Vaters, das Märth⸗ rerthum meines Gemahls rächt. Nur dein unverſöhn⸗ lichen, ſtarken und rachedurſtigen Feinde Oeſterreichs kann ich meine Liebe und meine Hand ſchenken.“ „So ſchenkt ſie mir,“ ſagte Emmerich Tököly ſtrahlenden Angeſichts.„Was Niemand außer Gott weiß, das ſollt Ihr wiſſen, Helena, Euch will ich meine geheimſten Pläne vertrauen!“ Und er neigte ſich zu ihr, und ſprach flüſternd lange und lebhaft zu ihr. Mit ſtrahlendem Angeſicht kehrte St ſodann wieder nach Munkacs zurück. 150 „Ich bin bereit, dem Grafen Emmerich Tököly meine Hand zu reichen,“ ſagte ſie zu ihrer Schwieger⸗ mutter.„Er hat mir verſprochen, die Kinder meines Gemahls zu lieben, wie ſeine eigenen, den nutzloſen Kampf aufzugeben, und die Waffen niederzulegen, ſobald ich ſeine Gemahlin geworden.“ „Aber bevor dies ſein kann, müſſen wir vor allen Dingen die Einwilligung des Kaiſers zu erlangen ſuchen,“ erwiderte Sophie Bätöry eifrig.„Ich habe das dem Grafen Tököly gemeldet, und er hat mir zuge⸗ ſagt, den Waffenſtillſtand bis dahin dauern zu laſſen.“ „Er wird mehr thun,“ ſagte Helena ruhig;„er wird, um dem Kaiſer und Euch ein glänzendes Zeug⸗ niß ſeiner Friedensliebe zu geben, ſofort die Belage⸗ rung von Munkacs aufgeben, ſich nach Siebenbürgen zurückziehen, und dort in tiefſter Ruhe die Entſchei⸗ dung des Kaiſers abwarten.“ Und alſo geſchah es! Emmerich Tököly hob die Belagerung von Munkaes auf, und zog ſich nach Sie⸗ benbürgen zurück. Er ſandte zugleich dem Miniſter Teleky den Verlobungsring zurück, den er von ſeiner Tochter empfangen, und brach mit dürren Worten das Verlöbniß mit ihr ab. Graf Teleky erglühte in Zorn über dieſe ihm und ſeiner Tochter zugefügte Beleidigung, er ſchwur dem 151 Beleidiger blutige Rache, und als der allmächtige Miniſter und Rathgeber des Fürſten Apafy kündigte er den ungariſchen Mißvergnügten ſofort die Mit⸗ hülfe Siebenbürgens auf, wollte er den Kampf gegen Oeſterreich allein, ohne Verbindung mit den Ungarn fortſetzen. Dieſer ausbrechende Zwiſt zwiſchen Tököly und dem Haupt der ſiebenbürgiſchen Armee war dem Kaiſer Leopold ein vollgültiger Beweis von Tököly's aufrichtigem Wunſch einer Verſöhnung und ſeiner Friedensliebe. Er gab ſeine Einwilligung zur Ver⸗ mählung Helena's mit dem Grafen Tököly, und um den Frieden mit dem gefährlichen und mächtigen Anführer der unzufriedenen Ungarn nicht noch länger zu verzö⸗ gern, willigte er in deſſen beide anderen Bedingungen: er übergab Tököly, als dem Gemahl der WitweFranz Räköczy's, dem Stiefvater und natürlichen Vormund des jungen Franz Raköczy des Zweiten, die demſelben zugehörenden feſten Plätze und Schlöſſer, und zog die deutſchen Beſatzungen aus denſelben zurück. Er ver⸗ ſprach ferner einen Reichstag einzuberufen, der den Ständen von Ungarn Gelegenheit böte, ſich mit dem Könige zu verſtändigen und ihre Forderungen geltend zu machen. Nun öffneten ſich die Thore von Munkacs, und 152 der Graf Emmerich Tököly zog in die Feſtung ein, die er ſo lange belagert hatte, und die ihm jetzt nicht die Gewalt der Waffen, ſondern die Kraft der Liebe zu eigen gegeben. Am 19. Mai 1682 fand zu Munkacs die Vermählung des jungen Paares ſtatt, und zum erſten Mal jetzt ſeit langen Jahren der Schmerzen und der Demüthigungen ſtrahlte Helena's ſchönes Angeſicht in einem glücklichen Lächeln, als ſie neben dem jungen ſchönen Grafen Emmerich Tököly am Al⸗ tare ſtand. Das feierliche Ja, mit welchem ſie ihm innige Liebe und Treue gelobte, es kam aus der Tiefe ihres Herzens, die Thränen, die in ihren Augen ſtan⸗ den, es waren Thränen des Glückes und der Freude! Die Liebe hatte ſie erlöſt aus den Banden der Dienſtbarkeit, der Abhängigkeit von Sophie Bätöry, und nicht mehr die Schwiegermutter, ſondern der Stiefvater ihres Sohnes war jetzt der Herr und Gebieter von Munkacs, von Onod und Patak, von Tokay und Szathmär. Von dem Traualtar rückkehrend in ihre Gemächer, nahm Helena die Hand ihres kleinen, jetzt ſechsjähri⸗ gen Sohnes Franz Räkéczy und führte ihn zu dem Grafen Tököly hin. „Mein Sohn,“ ſagte ſie,„ſieh da deinen zweiten Bater, den Rächer deines erſten Vaters. Liebe ihn, 153 wie er dich lieben wird, und ſei ihm gehorſam als ein treuer und zärtlicher Sohn. Er wird dir wiedergeben, was dir deine Feinde genommen haben, er wird dei⸗ nen Vater und deinen Großvater rächen, er wird dir deinen Fürſtenſtuhl von Siebenbürgen wieder er⸗ obern!“ VIII.. Sophie Bätöry's Tod. Das Ziel war alſo erreicht, welches Tököly in verſchwiegenem Herzen ſich ſelber geſteckt. Er hatte nicht blos ſich die Geliebte erobert, ſondern er hatte auch ohne Schwertſtreich ſich zum Herrn von fünf feſten Plätzen in Ungarn gemacht, und ohne Blutver⸗ gießen ſie den königlichen Truppen abgewonnen. Einige Monate nach ſeiner Vermählung noch hielt er ſich ſtill und unthätig in Munkacs neben ſeiner jungen Gemahlin, die er mit jedem Tage leidenſchaft⸗ licher und glühender liebte, ſchien er nichts mehr zu wollen, nichts mehr zu begehren, als an ihrer Seite 154 zu ſein, ſie anzuſchauen, ihr zu erzählen von ſeiner Liebe und ſeinem Glück. Aber Helena ſelber weckte den jungen Helden aus dieſem ſüßen Hindämmern, dieſem ſeligen Genügen. „Das Vaterland wird eiferſüchtig auf mich wer⸗ den,“ ſagte ſie zu ihm mit holdem Lächeln,„das Vaterland wird mich verwünſchen, wenn ich ihm den Helden entziehe, von dem es ſeine Freiheit, ſeine Ehre und Unabhängigkeit erhofft. Geh' denn, mein Held und mein Geliebter, folge dem ſehnſüchtigen Ruf des Vaterlandes, wolle nicht, daß es mir fluche als einer abtrünnigen, ehrloſen Tochter. Du biſt Ri⸗ nald, ich aber will keine Armida ſein, die dich in Feſ⸗ ſeln ſchlägt und deinem Arm das Schwert entwin⸗ det. Geh denn, mein Rinald, meine Liebe geht mit dir!“ Und Tököly ging; er raffte ſich empor aus der glückſeligen Ruhe, er nahm wieder das Schwert zur Hand. Er nahm die Maske von ſeinem Angeſicht, und warf ſie dem Kaiſer Leopold als Fehdehandſchuh hin, er rief es laut in alle Lüfte aus, daß er nimmer raſten und ruhen wolle, bis alle deutſchen Truppen aus Ungarn verjagt ſeien, bis Ungarn wieder ein freies, ſelbſtſtändiges Königreich geworden. Und um dieſes Ziel zu erreichen, nahm Emmerich 155 Tököly jetzt die dargebotene Hülfe des unverſöhnlich⸗ ſten Feindes von Oeſterreich an, die Hülfe der Türkei. Statt ſich nach Preßburg zu dem dort einberu⸗ fenen Reichstag zu begeben, eilte Tököly nach Ofen. Dort traf er mit Kara Muſtapha, dem Vezier des Sultans, zuſammen und verabredete mit ihm die Be⸗ dingungen des Bündniſſes zwiſchen der Türkei und den ungariſchen Unzufriedenen. Dort empfing er die Zuſicherung, daß der Sultan ihn mit Waffen, Geld und Truppen bis zur völligen Eroberung und Be⸗ freiung von Ungarn reichlich unterſtützen werde, gab er dagegen die Verſicherung, daß er, ſelbſt wenn er der⸗ einſt regierender Fürſt von Oberungarn ſein werde, dennoch immer den Sultan als ſeinen Schutzherrn anerkennen, und ihm eine ſtete Jahresſteuer von vier⸗ zigtauſend Gulden zahlen wolle.*) Nun entbrannte der Kampf auf's Neue, nun er⸗ tönte wieder wildes Kriegsgeſchrei durch ganz Ungarn dahin, nun zog der Großvezier mit einer wohlgerü⸗ ſteten türkiſchen Armee in Ungarn ein, lagerte ſich bei Eſſek. Mit jedem Tage ſchwoll die Armee Tököly's zu größerer Macht an, und neue Siege gegen die könig⸗ *) Franz Räkéczy IH. Ein hiſtoriſches Charakterbild. S. 43. 156 lichen Truppen bezeichneten ſein Vorwärtsſchreiten. Die Bergſtädte, die feſten Plätze wurden in raſchen Siegen von ihm erobert, und bald war ganz Ober⸗ ungarn in ſeiner Gewalt. Es war nicht allein ſein perſönlicher Heldenmuth, welcher ihm zu allen dieſen Siegen verhalf, ſondern neben ihm und mit ihm kämpfte ein machtvoller, feu⸗ riger Dämon, dem der Hauptantheil an allen Siegen gebührte. Dieſer Dämon, das war der Haß der Un⸗ garn gegen Oeſterreich. Kaum hatten die deutſchen Truppen, von Tököly's Schaaren vertrieben, eine Pro⸗ vinz, ein Banat geräumt, ſo griffen die Einwohner jubelnd zu den Waffen, ſtrömten ſie in Schaaren her⸗ bei, um ſich unter die Fahnen der Aufſtändiſchen einzu⸗ reihen.*) So hatte er nach kurzer Gegenwehr die deutſchen Truppen aus Kaſchau und Eperies vertrieben und lenkte ſeinen Lauf jetzt nach der ſtarken Feſtung Fülek, die vom Grafen Kohary vertheidigt ward. Hier, bei der Belagerung von Fülek, vereinigten ſich mit ihm die Hülfstruppen, welche der Sultan ihm geſendet und an deren Spitze ſich der Paſcha von Ofen ſelbſt be⸗ fand. Vergebens war Graf Kohary's mannhafter und *) A. de Genardo: La Pransilvauie et ses habitants. 70. 6 157 tapferer Widerſtand, er mußte den überlegenen Schaaren Tököly's ſich ergeben, er mußte die Thore von Fülek dem Sieger öffnen, er ſelber ward zu harter Gefan⸗ genſchaft in den Kerkern von Munkacs abgeführt, die Beſatzung durfte abziehen, dann aber ward Fülek nach dreitägiger Plünderung in Brand geſteckt, ſeine Mauern geſprengt und die jüngſt noch ſo ſtarke königliche Fe⸗ ſtung in einen Schutthaufen verwandelt.“) Ein Courier brachte dieſe Freudekunde nach Mun⸗ kacs. Helena empfing ihn mit freudeſtrahlendem An⸗ geſichte, und lohnte den Ueberbringer ſo herrlicher Nachricht mit fürſtlichen Geſchenken. Sophie Bätöry, die jetzt gramvollen und gebeng⸗ ten Herzens auf Munkacs dieſelbe Rolle einnahm, welche ſechs lange ſchmerzvolle Jahre hindurch die Witwe ihres Sohnes neben ihr gehabt, Sophie Bä⸗ töry fühlte ich von dieſer Kunde wie von einem her⸗ niederzuckenden Blitzſtrahl zerſchmettert. Der Zorn, das demüthigende Bewußtſein, ſich überliſtet, getäuſcht zu ſehen, hatte alle dieſe letzten Wochen her an ihrem Herzen genagt, und je heller und frendeſtrahlender He⸗ lena's Antlitz geworden, deſto düſterer, ſchmerzvoller ward das ihrer Schwiegermutter 3 Feßler, Geſchichte der Ungarn IX. 315. 15⁸ Sophie Bätöry ſah ſich jetzt auf einmal geſcheitert mit allen ihren Hoffnungen, ihren Plänen. Nicht blos die Herrſchaft über Munkaes, die Vormundſchaft über die Schwiegertochter und die Kinder ihres Sohnes ward ihr durch Tököly entzogen, ſondern jetzt ſeit ſeiner Schilderhebung gegen den Kaiſer brachte Tököly die Schwiegermutter ſeiner Gemahlin in Gefahr, dem Kaiſer als eine ſchlimme Rathgeberin, ja als eine Verrätherin zu gelten. Sophie Bätöry war es ja ge⸗ weſen, welche den Kaiſer vermocht hatte, in eine Ver⸗ mählung Helena's mit dem Grafen Tököly zu willigen, ſie hatte ſich verbürgt für die friedliebenden Geſinnungen, die Unterwürfigkeit Tököly's. Und kaum hatte die Vermählung ſtattgefunden, kaum war aus allen feſten Plätzen der Räköczy's die deutſche Beſatzung abgezogen, ſo hatte der friedliebende, zur Unterwerfung bereite Graf Emmerich Tököly ſich wieder in den Anführer, den Feldherrn der Aufſtän diſchen verwandelt. Munkacs, das unter Sophiens kühner Leitung Jahre hindurch den Aufſtändiſchen getrotzt, war jetzt die Reſidenz ihres Führers undFeldherrn geworden, und für jahrelange Demüthigung und Pein nahm Helena nun ihre Rache, indem ſie laut und freudig ihre Sym⸗ pathien für die Aufſtändiſchen bekannte, jeden neuen Sieg ihres Gemahls mit jubelnder Stimme ihrer 159 Schwiegermutter verkündigte, und ihre beiden Kinder zur Verherrlichung dieſer Siege in prunkenden Feſt⸗ tagskleidern erſcheinen ließ. Sophie Bätöry hatte alle dieſe kleinen Nadelſtiche der Frauenrache, alle dieſe Kränkungen und Demüthi⸗ gungen mit ſchweigender Ruhe ertragen, ſie hatte ihren Schmerz und ihre Wuth in ſich hinein gepreßt, und niemals hatten ihre ſtolzen Lippen ſich zu einer Klage, einem Worte des Unmuths geöffnet. Nur waren ihre Wangen täglich bleicher, ihre Augen glanzloſer ge⸗ worden. Die ſtolze, hoheitsvolle Geſtalt war geneigt, ihr Gang ſchwankend und unſicher, ihre Stimme leiſe und kraftlos geworden. Der Gram zehrte an dem Mark ihres Lebens, und Sophie Bätéry fühlte es wohl, daß der Todten⸗ wurm, der in ihrer kranken Bruſt hämmerte, an ihrem Sarge arbeitete. Aber ſie wollte doch nicht, daß Helena ſie ſchwach und hinfällig ſehen ſollte, ſie legte Schminke über ihre todesbleichen Wangen, ſie hielt ihre Geſtalt, wenn ſie mit der Schwiegertochter zuſammen war, ge⸗ waltſam aufrecht, ſie zwang ſich zur Heiterkeit, zu ru⸗ higem Lächeln, und ſchien es gar nicht zu hören, wenn der kleine Franz, ihr Enkel, mit lautem Jubel Lieder ſang, in denen die jüngſten Siege der Aufſtändiſchen und ſeines Stiefvaters Tököly gefeiert wurden. 160 Aber die Nachricht von dem Falle der Feſtung Fülek erſchütterte doch die ſtolze Ruhe der armen Für⸗ ſtin Sophie Bätöry, und als der heldenmüthige Ver⸗ theidiger der Feſtung, Graf Kohary, als Gefangener nach Munkaes gebracht und hinabgeführt ward in die tiefen Kerker der Veſte, da ſtürzten zum erſten Mal die Thränen, die ſo lange nur in ihr Herz hatten zu⸗ rückfließen dürfen, aus ihren Augen hervor. Die einſtige Herrſcherin unb Kommandantin von Munkacs war beſiegt, gedemüthigt, und das Bewußt⸗ ſein, daß ein edler, tapferer General des von ihr ſo geliebten Kaiſers Leopold gleich einem Verbrecher in den Kerkern von Munkaes ſchmachtete, brach ihr das erz. Als am Nachmittag dieſes Tages, an welchem Graf Kohary nach Munkaes gebracht worden, Helena in das Gemach ihrer Schwiegermutter trat, fand ſie dieſelbe bleich, lang ausgeſtreckt auf dem Divan lie⸗ gend, und nicht wie ſonſt empfing ſie Helena mit einem ruhigen Lächeln, ſondern ſie ſtarrte ſie mit ſtolzen, trotzigen Blicken an, und ihre Lippen murmelten leiſe, aber verſtändlich genug das Wort:„Verrätherin!“ Helena hatte dies Wort gehört, und den ſtolzen Blick voll Haß empfunden, aber ſie lächelte doch und erſchien ganz unbefangen, denn das Bewußtſein, ſogleich 161 ihre Rache nehmen zu können, machte ſie zufrieden und freudig. Die langen Leidensjahre, welche ſie unter der Botmäßigkeit ihrer Schwiegermutter erduldete, hat⸗ ten ſie mitleidslos und hart gemacht gegen Sophie, und als ſie jetzt neben ihrem Ruhebett ſtand, als ſie in das bleiche, düſtere, zornvolle Angeſicht Sophie Bätöry's ſchaute, da erinnerte ſich Helena, wie einſt ihr Gemahl Franz Räköczy auch ſo bleich, ſo leidens⸗ voll vor ihr gelegen, wie er mit trauriger Reſig⸗ nation zu ihr geſagt:„weine nicht, weil ich ſterbe, ſondern weil ich gelebt habe.“ Und damals hatte Sophie Bätöry auch mitleids⸗ los, mit ſtrengem Angeſicht, kalt und ohne Thränen dageſtanden. Dieſe jetzige Stunde ſollte die Schmer⸗ zensklage ihres vor Gram geſtorbenen Gemahls rä⸗ chen, ſie ſollte ein Sühnopfer ſein, das ſie den Manen Franz Rälöczy's darbrachte „Ich komme, um Abſchied zu nehmen, meine Mutter,“ ſagte Helena jetzt mit ihrer ſanften, melo⸗ diſchen Stimme.„Ich muß auf Befehl meines Ge⸗ mahls noch heute Munkacs verlaſſen.“ „Und wohin geh ſt du, meine Tochter?“ fragte Sophie Bätöry mit erzwungener Ruhe. Helena's Antlitz leuchtete höher auf. gehe 1861. XII. Franz Räköczy I. 162 nach Ofen zu meinem Gemahl, der dort bei dem Paſcha des Sultans weilt!“ rief ſie freudig. „Ja,“ ſagte Sophie,„ja, ich weiß. Der Graf Tö⸗ koly hat ſich mit den Ungläubigen vereinigt, um ſeinen chriſtlichen König und Herrn zu bekämpfen, er hat ſich zu einem Renegaten erniedrigt, der ſeinen Gott und ſeinen König verläugnet.“ „Ihr irrt, Frau Fürſtin!“ rief Helena freudig,„er hat ſeinen Gott niemals verläugnet, ſondern ihm alle⸗ zeit treu gedient, er hat ſeinen König niemals verläugnet, denn er hat niemals einen König von Ungarn aner⸗ kannt. Jetzt aber wird er dem Vaterlande, dem theuren Ungarn, einen König und Herrn geben, dem es freu⸗ dig und willig gehorchen und ihm die Krone des hei⸗ ligen Stephan geben wird.“ „Und wer wird dieſer neue König ſein?“ fragte Sophie Bätéry mit ſpöttiſchem Lächeln. „Er ſelber wird es ſein, mein Gemahl, der Graf Emmerich Tököly,“ ſagte Helena ruhig.„Er wird hinfort König von Ungarn ſein, dem Titel und der That nach. Der Sultan will dem ruhmreichen Be⸗ ſieger der Oeſterreicher ein glänzendes Zeichen ſeiner Bewunderung geben, er hat ihm einen Ehrenſäbel und den Kaftan geſandt, er ernennt Emmerich Tököly zum regierenden König vonUngarn, und auf der großenEbene 163 bei den Ruinen von Fülek ſoll die feierliche Ernennung und Ausrufung ſtattfinden. Der Vezier Ibrahim Paſcha hat den Fürſten von Siebenbürgen, deſſen Feldherrn Michael Teleky, alle Großen aus Siebenbürgen und Oberungarn dorthin in ſein Lager berufen, und jetzt ruft mein Gemahl auch mich und die Kinder, jetzt ruft er uns zu ſich, daß wir Zeuge ſein ſollen ſeines Triumphes, daß wir Theil haben ſollen an den Ehren, die man ihm bereitet. O, meine Mutter, wenn jetzt der Geiſt meines Gemahls vom Himmel auf mich herniederſchauen kann, ſo wird er lächeln und zufrieden ſein, denn er wird die Mutter ſeines Sohnes als die Königin von Ungarn ſehen!“ „Er wird die Mutter ſeines Sohnes ſehen als eine Verrätherin, als eine lächerliche Komödiantin, die auf eine Stunde ſich als Königin vermummt, die eine Rolle ſpielt, welche der Türke ihr aufgegeben!“ rief Sophie Bätöry, indem ſie ſich langſam von ihrem Ruhebett emporhob. Hochaufgerichtet, mit todesbleichem, verfallenem Angeſichte, aber mit blitzenden Augen ſtand ſie jetzt vor ihrer Schwiegertochter da, und ihre Blicke voll Haß und Zorn ſchienen Helena zerſchmettern zu wollen. „Gehe hin, ſtolze, kindiſche Thörin!“ rief ſie mit lauter, hallender Stimme,„folge nur dem Ruf des 11* 164 Abtrünnigen, und des Ungläubigen, lade die Schmach der Lächerlichkeit auf dich, trage eine Fürſtenkrone, welche der Muſelmann dir verleiht. Der Fluch deiner That aber wird auf dich zurückfallen, aufdich und die Deinen. In dieſer Stunde ſage ich mich los von dir und deinen Kindern. Du biſt nicht mehr die Witwe Franz Räköczy's, du biſt das Weib des Renegaten und Verräthers Emmerich Tököly. Deine Kinder ſind die abgefallenen letzten Blätter des Stammes Räköczy, der Sturm hat ſie verweht, und ſie werden verwelken und verſtäuben auf fremder Erde, ungekannt und un⸗ beklagt. Du willſt dich Königin von Ungarn nennen? aber ich ſage dir, Helena Zrinyi, die Königin von Un⸗ garn, wird dereinſt in Armuth und Elend zum Himmel emporſchreien um Erbarmen, ſie wird flüchtig, ver⸗ bannt und gedemüthigt in der Fremde umherirren und ſterben in Noth und Elend. An dieſem Tage wird mein Geiſt auch vom Himmel herniederblicken, und er wird ſelig lächeln und zufrieden ſein, denn er wird die Königin von Ungarn als eine Bettlerin und Land⸗ flüchtige ſehen!“ Ein lautes, höhniſches Lachen tönte von den blei⸗ chen Lippen Sophie Bätöry's, dann auf einmal zuckte ſie zuſammen, ſie ſtieß einen wilden Schrei aus und ſank wie eine gefällte Eiche lang und ſtarr zu Boden. — 165 Ein Schauder erfüllte Helena's Herz, ſie wandte ſich ab und entfloh. IX. Der Stiefvater. Neben den Ruinen von Fülek fand einige Tage ſpäter eine glänzende Feierlichkeit ſtatt. Dort in ſeinem Lager bei Eſſek ſollte der Paſcha von Ofen im Namen des Sultans den Grafen Tököly empfangen und ihm die höchſten Ehren darbringen. Emmerich Tököly's Memoiren geben von dieſem Empfang folgende Schilderung:„Tököly, der bei Valkowar die Donau überſchritten hatte, folgte einer Einladung Ibrahim Paſcha's, und machte ſich auf, den Vezier in ſeinem Lager beiEſzek zu beſuchen. DerTſchiaus Paſcha, begleitet vom Szahilar Agaſi und mehren ande⸗ ren Aga's und dem erſten Dolmetſch des Sultans, Mau⸗ rokordato, als Dragoman, wurden Tököly drei Meilen weit entgegengeſchickt. Sechsundzwanzig Delhis des Ve⸗ ziers boten ihm ihre Dienſte an, und ſ agten ihm, daß ſie gekommen ſeien, um ſeinen Befehlen zu gehorchen. „8 166 Sie ritten auf dem noch übrigen Theil des Weges bis zum Lager der Türken an der Spitze des Zuges. Nach ihnen kamen einhundert und fünfzig wohlberittene Hußaren mit Trompeten und Timbalen. Einer von ihnen trug eine Fahne von blauem Seidenzeng, auf der man einen goldenen Arm ſah, der ein bloßes Schwert in der Hand hielt, und als Umſchrift den Namen Tököly trug. Alsdann kam eine rothe Fahne mit Tököly's Wappen und ihr folgten mehre Diener, die ſechs Handpferde von echt arabiſcher Race führten. Fünfzig ungariſche Edelleute, ſowohl Proteſtanten als Katholiken, unter ihnen der Graf Hommonai, kamen ſodann. Darauf marſchirte ein Trompeter, nach dem verſchiedene ungariſche und tür⸗ kiſche Soldaten im brüderlichen Verein folgten. Sieben weitere Sattelpferde wurden nach ihnen dahergeführt von Reitknechten in reicher ungariſcher Tracht. Hinter dieſen ſah man den Grafen Tököly ſelbſt, auf einem prächtig aufgeſchirrten Pferde, das ihm der Vezier hatte. Er war unigeben von ſechs Perſonen mit Tiegerfellen auf dem Rücken, in ungariſcher Tracht aus grauem Tuch mit Luchspelz und ſilbernen Treſſen beſetzt, eine lange weiße Feder auf der ungariſchen Miütze. Nach ihm kam ſein Wagen, in welchem ſich ſeine Gemahlin befand, an jedem Schlag gingen ſechs * 167 Heiducken, gekleidet in Stoffen von rother Seide mit orangefarbenem Sammt eingefaßt, mit langen Federn auf den Mützen. Alsdann kam noch eine andere Kutſche und zwei Kaleſchen, gefolgt von einer grünen Fahne, hinter der eine Kompagnie wohlausgerüſteter und wohlgewaffneter Heiducken dahermarſchirte.— Zuletzt kam noch ein Trupp von Reitern, die mit den Uebrigen im Zuge zuſammen vierhundert Mann aus⸗ machten. In dieſer Ordnung kam Tököly vor dem Zelt des Veziers an, der ihm und ſeinen Kavalieren prächtige Kaftans darbrachte. Außerdem beſchenkte er Tököly mit einem Unterkleid von rothſeidenem Stoffe, in welchem kleine ſilberne Blumen eingewirkt und der mit Hermelin gefüttert war. Darauf führte der Vezier ihn in ein Zelt, welches man für ihn hergeſtellt hatte und das umgeben war von mehren andern klei⸗ nern Zelten für die Edelleute ſeines Gefolges. Man bereitete dem Grafen Tököly dieſen glänzenden Em⸗ pfang auch deshalb, um dem, im türkiſchen Lager an⸗ weſenden Abgeſandten des Kaiſers Leopold zu zeigen, in welcher hohen Achtung das Haupt und der Chef der Unzufriedenen bei der Pforte ſtände.“*) *) Histoire d'Emmerie Comte de Tekeli ou Mémoires por erir a vie. p. 120. folgd. 168 Man ſieht, es war ein wahrhaft fürſtlicher Em⸗ pfang, den man dem Grafen Tököly bereitet hatte, ein Empfang, der wohl geeignet ſchien, das Auge des fünf⸗ undzwanzigjährigen Mannes zu blenden und ſeine Seele mit ſtolzen und ehrgeizigen Plänen zu erfüllen. Helena Zrinyi gab ſich mit jauchzendem Herzen dem Zauber dieſer Stunde hin, die ihr ein glänzender, herr⸗ licher Erſatz deuchte für lange Jahre der De⸗ müthigung und der Schmerzen, und als der Vezier mit lauter, dröhnender Stimme ihren Gemahl zum König von Ungarn ausrief, ſtrahlte ihr Angeſicht vor freudigem Stolz und ihre leuchtenden Augen grüßten mit flammendem Liebesblick den jungen ſchönen Ge⸗ mahl, der da drüben an der Seite des Veziers ſtand, und den jetzt die Fanfaren und das Pöbelgeſchrei der Ungarn und Türken begrüßten als den König von Ungarn. Er aber, der Graf Emmerich Tököly, ließ ſich nicht verblenden von dem äußeren Glanz dieſes Momentes. Tief⸗ernſte und ſchwere Gedanken beſchäftigten ſeine Seele und ſeine nach innen gewendeten Blicke ſchauten nicht auf den Prunk der Gegenwart, ſondern auf die Gefahren und die düſtern Wolken der Zukunft. Nicht aus niederem, perſönlichem Ehrgeiz hatte er bis dahin gekämpft, nicht war es ihm, darum zu thun 169 geweſen, ſich mit dem Blut und dem Leben der auf dem Schlachtfelde gefallenen Ungarn für ſich ſelber eine Krone zu erobern. Er hatte gekämpft und ge⸗ ſtritten für das Vaterland. Ihm hatte er Ehre, Frei⸗ heit, Selbſtſtändigkeit erobern wollen, ihm den Purpur der Souverainetät, die Krone des freien Königthums. Darüber hinaus reichten ſeine Wünſche nicht, und kein Schatten ehrgeizigen Strebens ſollte ſein Handeln und Wirken umdüſtern. Das dachte Tököly, und ſtark und freudig durch dieſes Bewußtſein lehnte er den Königstitel ab, und wenn er einwilligte, ſich den Fürſten und Gouverneur von Ungarn zu nennen, ſo that er das nicht für ſich, ſondern um der Mißvergnügten willen, die zu ihrer Einheit und ihrer Geſammtſtärke eines Oberhauptes, eines regierenden machtvollen Armes bedurften.*) Bald nach dieſen glänzenden Tagen von Fülek ſchloß Tököly mit den Truppen des Kaiſers einen ſechsmonatlichen Waffenſtillſtund und gönnte ſeinen Truppen die Wohlthat ruhiger Winterquartiere. Er ſelber kehrte nun auf einige ruhige Monate nach Munkaes heim, um dort an der Seite ſeiner angebete⸗ ) Feßler, Geſchichte der Ungarn. IX. 137. 170 ten Helena glückliche Tage der Liebe und des Glückes zu durchleben. Wohl rief ihn das Vaterland und die Kämpfe und Stürme der Politik immer wieder fort von Munkaes, das jetzt ihm eine Inſel der Glückſeligkeit deuchte, umrauſcht von den wilden Fluten der Inſur⸗ rektion. Aber immer wieder kehrte er liebend und zärtlich dahin zurück, wo ihn Helena mit holdem Lä⸗ cheln und freudigem Liebesblick willkommen hieß, und wo er gewiß war, immer für ſeine Siege belohnt, für ſeine Unfälle getröſtet zu werden, wo ihn ſein ſchönes, edles und kluges Weib empfing, wohl befähigt und ge⸗ eignet Theil zu nehmen an allen ſeinen Plänen und mit Rath und That ihm beizuſtehen in der Ausfüh⸗ rung derſelben. Noch ein anderer glänzender Tag folgte für Tö⸗ köly dem Tage von Fülek. Es war dies der Triumph⸗ tag von Kaſchauf1783, wohin er einen Reichstag be⸗ rufen hatte, und wo die aus ganz Ungarn zuſammen⸗ geſtrömten Magnaten einſtimmig die vom Sultan vollzogene Erhebung Tököly's zum Fürſten von Un⸗ garn beſtätigten und ihm als ihren Fürſten und Herrn den Eid der Treue leiſteten. Muthvoll und mit unerſchütterlicher Energie ſetzte er den glühenden Kampf gegen das Haus Habsburg 1 fort, aber es rächte ſich doch an ihm das unnatürliche Bündniß, das er zur Erreichung ſeines Ziels dem Vaterlande aufgebürdet hatte. Mit dem Türken, dem Ungläubigen hatte er ſich verbunden, mit ihm, dem Barbaren, dem ſtarren Verächter aller Civiliſation und alles Fortſchrittes, kämpfte er gegen die chriſtlichen Stammesgenoſſen, gegen die Kultur und Bildung, und dieſes unnatürliche Freundſchaftsbündniß mußte ſein eigenes Verderben zur natürlichen Folge haben. Seit den glänzenden Ehrentagen von Kaſchau begann der Glücksſtern Emmerich Tököly's zu erbleichen und niemals wieder ſollte er in ſeinem früheren Glanze ſtrahlen. Im ſelben Jahre 1083 ſchon zogen die ſieg⸗ reichen Schaaren der Türken nach Oeſterreich, drangen vor bis Wien, und belagerten den Kaiſer in ſeiner eigenen Burg. Aber der König von Polen Johann Sobiesky eilte zur Rettung Wiens herbei, beſiegte die Türken in blutiger Schlacht und jagte ſie zurück über die Grenze. Und dieſe beſiegten Türken waren die Bundesge⸗ noſſen Tökölh's. Sie rächten ſich für ihre eigene Nieder⸗ lage an Tököly, indem ſie ihn gegen den Sultan beſchuldigten, er habe die Niederlage der türkiſchen. Armee, den Verluſt von Wien verſchuldet, weil er ſich wenig eifrig gezeigt, und ſtatt mit ſeinen ungariſchen 172 Schaaren die türkiſche Armee zu unterſtützen, es vor⸗ gezogen habe, zurückzubleiben und das Schloß von Preßburg anzugreifen. Tököly indeß, von dieſer An⸗ klage ſeiner Feinde und NReider rechtzeitig benachrichtigt, eilte ſelbſt nachKonſtantinopel, und ſeinen überzeugenden Beweiſen, ſeiner glänzenden Beredſamkeit gelang es diesmal noch, das Vertrauen des Sultans wieder zu gewinnen und vollſtändige Genugthuung zu erlangen. Von allen dieſen Kämpfen, dieſen Siegen, wie geſagt, kehrte Tököly immer wieder mit erneuerter Sehnſucht heim nach Munkacs zu ſeiner Helena, der angebeteten Geliebten ſeines Herzens, der Vertrauten aller ſeiner Pläne, der Freundin und Rathgeberin in den Tagen der Unfälle und Bedrängniſſe. Aber dieſe glühende Liebe, welche er ſeiner Gemahlin weihte, ver⸗ mochte Tököly doch nicht zu übertragen auf ihre Kinder. Für ihn waren Juliana und Franz Räkoczy immer nur die Kinder des erſten Gemahls, die düſtere Erin⸗ nerung an einen Mann, der ſie geliebt vor ihm, das mahnende Zeugniß, daß ein Anderer ſie ſchon beſeſſen, bevor Helena die Seine geweſen. Er war eiferſüchtig auf dieſe Kinder ihrer erſten Liebe, und jeder Kuß, den Helena dem Sohn gab, jeder Blick voll Mutterzärt⸗ lichkeit, den ſie auf ihn heftete, welcher das treue Ab⸗ 173 bild ſeines Vaters war, traf das Herz Tököly's wie ein verwundender Pfeil. Aus dieſer Eiferſucht des Liebenden entſprang gar bald ein wilder, zorniger Haß gegen den armen kleinen Stiefſohn. Tököly ſah in ihm jetzt nicht blos mehr das lebendige Monument von Helena's erſter Liebe, er ward ihm der Rival auch in der Politik und im Ruhm. Wenn Franz Räköczy zum Jüngling heran⸗ gewachſen, mußte er der natürliche Nebenbuhler ſeines Stiefvaters werden, hatte er für ſich den ruhmvollen Namen ſeines Vaters, ſeine berechtigten Anſprüche auf die Krone von Siebenbürgen und mehr noch auf ſeine in Ungarn belegenen Beſitzungen. Tököly war als⸗ dann genöthigt, die fünf Feſtungen der Räköczy, welche jetzt die ſeinen waren, in denen Tököly's Beſatzungen lagen, zu verlaſſen und ſie dem Stiefſohne zu über⸗ geben. Er mußte dann wie ein Vaſall, der von ſeinem Lehnsherrn beſeitigt wird, auch Munkaes verlaſſen, dieſes ſchöne, ſtolze Munkacs, das dem Feldherrn als ſtarke Feſtung wichtig, dem Liebenden als der Tempel ſeiner Liebe und ſeines Glückes werth und heilig war. Zwar mußten noch zwölf Jahre vergehen, bevor Franz Räkoczy mündig und ſelbſtſtändig war, aber Tököly war es ſich wohl bewußt, daß dieſer Kampf der unzufriedenen Ungarn gegen den Kaiſer, dieſer 174 Kampf ſeines türkiſchen Bundesgenoſſen gegen das verhaßte Haus Habsburg, welches mit ihm um die Macht und den Beſitz Ungarns den erbitterten Ver⸗ nichtungskampf begonnen, auch lange blutige Jahre erfordern würde, bevor er zur Entſcheidung geführt. Er fürchtete nicht ohne Grund, daß leicht die Jahre des unentſchiedenen Kampfes die Jahre der Mino⸗ rität Franz Räköezy's überdauern möchten, und dieſe Furcht fachte ſeinen Haß und Zorn gegen den Stief⸗ ſohn nur noch höher an. Der arme kleine Knabe ahnte nichts davon; ſei⸗ nem unſchuldsvollen Kinderſinn war der Mann ſeiner Mutter der wirkliche Vater, und er hing an ihm mit rührender Innigkeit. Seine großen dunklen Augen richteten immer mit frohem Leuchten ſich zu der hohen Geſtalt des ſchönen Stiefvaters empor, ſo oft er in ſeine Nähe kam, ſeine kleinen Hände ſtreckten ſich ihm zu freudigem Gruß entgegen, ſeine purpurnen Kinder⸗ lippen erhellten ſich ſtets zu einem glücklichen Lächeln, wenn Tököly in das Zimmer trat. Und während in der erſten Zeit nach ſeiner Ver⸗ mählung Tököly niemals ein Wort, einen Blick für den kleinen Franz gehabt, ſchien er jetzt, da der Knabe heranwuchs, da ſeine zarte kleine Kindergeſtalt ſich mehr und mehr entwickelte, plötzlich die glühende Nei⸗ 175 gung des Knaben für den Stiefvater eben ſo glühend zu erwidern. Er mochte nicht mehr ohne den Knaben ſein, er verlangte, daß derſelbe beſtändig in ſeiner Nähe ſei, er konnte es nicht ertragen, ihn auch nur eine Stunde zu entbehren. Wenn Helena, wie ſie ſonſt gepflegt, ſich mit ihm beſchäftigen wollte, ſo entzog Tököly den Knaben faſt ungeſtüm ihren Armen und führte ihn mit ſich fort auf ſeine Gemächer, wo der kleine Franz dann freilich ſtundenlang ſchweigend und ſtill ſitzen mußte, nicht wagen durfte ſich zu regen, um nicht den Vater in ſeinen Studien, ſeinen ernſten Be⸗ ſchäftigungen zu unterbrechen. Wenn Tököly hinausritt auf die Jagd, ſo mußte der Knabe neben ihm ſein, oft auf wildem, unbän⸗ digem Roß ihn begleiten, um zu lernen ein wildes Roß zu zügeln, und ſich feſt im Sattel zu behaupten. Freilich lief der Knabe Gefahr, daß ſeine ſchwachen kleinen Hände das Thier nicht bewältigen, die Zügel nicht ſtraff genug faſſen konnten, freilich war er mehr als einmal ſchon von dem wilden Renner, auf den man ihn gehoben, wie ein läſtiges Inſekt abgeſchüttelt worden, und man hatte ihn betäubt, blutend zu ſeiner Mutter zurückgebracht. Aber Helena bat doch vergeb⸗ lich, daß man ihren kleinen Franz ſchonen, ihn ſo rauhen Uebungen entziehen möchte. 176 Tökoly erwiderte ihr lächelnd:„Ich will deinen Sohn zu einem Helden bilden, und darum muß er ſich ſchon als Kind gewöhnen allen Gefahren zu tro⸗ tzen, und alle Schwierigkeiten zu beſiegen.“ Helena wagte es nicht, dieſer zärtlichen Sorge ihres Gemahls für den Sohn zu widerſtehen und gegen ſeine Erziehungsmethode energiſch zu proteſtiren. Sie ließ es geſchehen, daß ihr geliebter kleiner Franz mehr und mehr der ſtete Gefährte ſeines Stiefvaters ward, daß er bald ſogar nicht bloß zur Jagd, ſondern auch zur Schlacht und hinaus in das rauhe Lagerleben ihn begleiten mußte. Mit dem Inſtinkt des liebenden Frauenherzens hatte ſie die Eiferſucht des Gemahls auf den Sohn errathen, und ſie wußte daher, daß ſie es vermeiden mußte dieſe Eiferſucht zu reizen, niemals den Anſchein zu gewinnen, als ob ſie den Sohn mehr liebe, als den Gemahl. Niemals hatte ſie verſucht Tököly zurickzuhalten, wenn er auszog zum Kampf, zum blutigen Gefecht, immer hatte ſie ihn mit heidenmüthiger Freudigkeit, des Sieges gewiß, dahinziehen laſſen. Sie durfte es daher nicht wagen, jetzt ſich beſorgter, angſtvoller zu zeigen für den kleinen Franz, der doch mit die Ge⸗ fahren Tököly's theilen, mit an ſeiner Seite ſein ſollte 177 Sie fügte ſich daher, ſie ließ das zarte Kind mit hinausziehen in das Lager, ſie unterdrückte ihre Thrä⸗ nen, ihr ängſtliches Herzklopfen, um mit lächelndem Angeſicht Tököly zu bitten, daß er das Kind lieben und halten möge, wie ſein eigenes. Tököly verſprach es wohl, aber ſobald Helena nicht bei ihm war, ſchien auch ſeine Liebe zu dem Sohne zu verblaſſen, ſeine Sorgfalt für ihn zu ermat⸗ ten. Er hatte dann kein Wort der Liebe, keinen Blick mehr für Franz, und mit barſcher Stimme befahl er ihm, ſich unter ſein Gefolge zurückzuziehen, und nicht zu ihm zu kommen, als bis er ihn rufe. Aber Tököly rief ihn niemals Der letzte Erbe der Fürſten Räköczy gehörte jetzt nur noch zu dem Gefolge des Grafen Tököly, und oft, wenn dieſer gegen Sturm und Regen im Lagerzelt Schutz und Obdach fand, mußte der kleine Franz im ſtrömenden Regen draußen bei dem Gefolge bleiben; oft, wenn Tököly nach einem Tage anſtrengenden Marſches, blutigen Kampfes, oder eiligen Rückzuges endlich am Abend in ſeinem Zelt raſtete, und am Genuß warmer Speiſen ſich labte, ſo war für den fürſtlichen Stief⸗ ſohn, der draußen ſtand in Sturm und Regen, nichts weiter übrig als ein Stück Brot, der elende Reſt eines 1861. XUM. Franz Räköczy 1. 12 178 talten Stückes Fleiſch,— die Broſamen von der Ta⸗ fel des Stiefvaters. Der kleine Franz indeſſen ſchien alle dieſe ihm angethane Unbill gar nicht zu bemerken, vielmehr freute er ſich der Entbehrungen, die man ihm aufer⸗ legte, der Gefahren, deren man ihn ausſetzte, und wenn ſein alter Diener, der treue Keurkoeſy, mit ſchmerz⸗ lichem Unwillen klagte über die Härte Tölöly's gegen den Stiefſohn, ſo verwies der kleine Franz es ihm zürnend und rief:„Mein theurer Vater hat mir ge⸗ ſagt, daß er mich zu einem tapfern Soldaten erziehen will, und ein Soldat muß lernen jedes Unwetter zu ertragen, fröhlich zu ſein, auch wenn er hungert und durſtet, und allen Gefahren muthig entgegen zu gehen. Wie ſoll ich mir aber meinen Fürſtenſtuhl von Sie⸗ benbürgen wieder erkämpfen können, wenn ich kein guter Soldat werde?“ „Wenn man aber ſo fortfährt,“ ſeufzte der alte Diener,„wenn man Sie täglich ſo unbarmherzig in Gefahren ſtürzt, ſo werden Sie aller Wahrſcheinlichkeit nach gar nicht die Zeit erleben, wo Sie zum Soldaten herangereift ſind, denn man wird Sie vor der Zeit getödtet haben! Aber ich werde das nicht zugeben, ich werde es der Frau Fürſtin ſagen, auf welche Art der zärtliche Herr Stiefvater ſein Verſprechen erfüllt, für 179 meinen lieben Prinzen zu ſorgen, als wär' er ſein eigener Sohn.“ „Ich verbiete es dir, auch nur ein Wort der Klage zu meiner Mutter zu ſagen!“ rief der Knabe mit Ungeſtüm und mit blitzenden Augen.„Sie würde ſich ängſtigen, und meinen Vater bitten, mich ſcho⸗ nender zu behandeln. Ich will aber nicht geſchont werden; ich ſelber habe den Grafen Tököly gebeten, mich zu einem Soldaten zu machen, der nicht Wind noch Wetter ſcheut, der, wenn er ſein Nachtlager auf dem Steinpflaſter, und zu ſeinem Abendeſſen ein Stück Brot hat, eben ſo zufrieden iſt, als ſchliefe er in ſei⸗ denen Betten und hätte das ſchönſte Gulyasfleiſch zum Abendeſſen verzehrt. Ich verbiete dir alſo, auch nur ein Wort der Klage oder des Bedauerns zu meiner ſchönen Mutter zu ſagen.“ Der treue Diener ſchwieg alſo, und Helena erfuhr nichts von der harten Behandlung, den Strapazen, Entbehrungen und Gefahren, deren man ihren armen kleinen Sohn ſo abſichtlich ausſetzte. Auch ſchien es, als wenn gerade dieſe Lebensweiſe dem Knaben außepordentlich zuſagte, und als ob man mit derſelben gerade das Gegentheil von dem erreichte, was man beabſichtigte. Seine Geſundheit erſtarkte ſichtlich, ſeine Wangen, die bisher die bleiche Stuben⸗ 12* 180 farbe verweichlichter und verhätſchelter Kinder gehabt, zeigten jetzt das friſche Inkarnat der Jugend, ſeine kleine ſchmächtige Geſtalt ſchoß ſchneller empor, und die breite Bruſt, die kräftigen Schultern zeugten von friſcher Lebenskraft und erſtarktem Wohlbefinden. Man hatte den Knaben tödten wollen mit den Stra⸗ pazen, denen man ihn unterzog, aber man hatte ihn dadurch nur abgehärtet, und ihn ganz und gar unem⸗ pfindlich gemacht gegen alle Einflüſſe der Witterung und der Entbehrungen. Das Antlitz Tököly's ward noch düſterer, wenn er es dem Sohn zuwandte, der mit ſo freudigem Muthe alle Gefahren überwand, ſo heiter lächelte zu allen Entbehrungen, ſo friſch und fröhlich mit ſeinen hellen Augen hineinſchaute in das Leben, als ob ihm dies ein unverlierbares Eigenthum ſei. Aber Tököly ſchien dieſes Widerſtreben ſeines eigenen Herzens über⸗ winden zu wollen, und er ward auf einmal jetzt wieder der liebevolle, zärtliche Stiefvater. Er ließ den Knaben nicht mehr von ſeiner Seite, er zeigte für ihn die zärt⸗ lichſte Sorgfalt, er befahl, daß man ihn behandle mit all der Zuvorkommenheit und Ehrfurcht, welche ihm, als dem jungen Fürſten, gebühre. Er zeigte ſeine Liebe und Zärtlichkeit mit ſolcher Oſtentation, daß Keurkoeſy gufmerkſam und mißtraniſch ward, und mit ängſtlichen 181 Blicken den Knaben überall hin begleitete, als ahne er eine Gefahr, die ihn bedrohte. Wenn der kleine Franz ſchlief, ſo ſaß der treue Keurkoeſy vor ſeinem Lager und beobachtete ihn, und wich nicht von ihm während der Nacht. Zu den Füßen ſeines jungen Herrn war ſein Lager, und nur, wenn er zuvor ſorgfältig umhergeſchaut, ob nirgends Jemand verborgen ſei, wenn er die Thüren verriegelt hatte, legte er ſich mit dem Degen in der Hand zu den Füßen des Knaben nieder, um auchzu ſchlafen. Begab ſich der kleine Franz in das Zelt ſeines Vaters, um mit ihm zu ſpeiſen, ſo folgte ihm Keurkveſy dahin, ſtand ernſt und hoch, wie eine Schildwache, hinter dem Stuhl des Knaben, und duldete es nicht, daß irgend ein Anderer ihn be⸗ diente. Er ſelber legte ihm vor von den Speiſen, ſchenkte ihm ein von den Getränken, aber bevor der Knabe davon eſſen und trinken durfte, koſtete Keurkocſy ſo⸗ wohl die Speiſen als die Getränke und erſt dann durfte der Knabe davon genießen. „Ich habe, ſo lange der Fürſt Franz Raͤkoczy I. lebte, immer ſein Vorkoſter ſein müſſen,“ ſagte Keur⸗ koeſy ehrfurchtsvoll zum Grafen Tököly,„und auf ſeinem Todtenbette habe ich meinem lieben ſeligen Herrn feierlich ſchwören müſſen, für ſeinen Sohn Alles dus zu thun, was ich für den geliebten Vater gethan 182 habe. Darum wird mir der Herr Graf verzeihen, wenn ich der Vorkoſter meines jungen Fürſten bin und bleibe“ „Ich bitte dich, daß du es bleibſt,“ ſagte Tököly lächelnd,„und ich mache es meinem lieben Franz zur Pflicht, daß er nichts genieße, was ſein alter treuer Diener Keurkoeſy nicht vorher gekoſtet habe.“ Am Abend dieſes Tages, während der kleine Franz mit dem Grafen Tököly zum Rekognosziren aus⸗ geritten war, trat ein Fremder in das Zelt ein, in welchem Keurkoeſy eben das Lager ſeines jungen Herrn ordnete. Dieſer Fremde hielt in ſeiner Hand eine große Pergamentrolle, von der an ſilbernen Schnüren einige Siegel herniederhingen. „Könnt Ihr leſen, Keurkoeſy?“ fragte der Fremde, und als dieſer bejahte, rollte er das Pergament auseinander und legte es auf den kleinen Feldtiſch hin. „So leſ't dies!“ rief er gebieteriſch. Keurkoeſy neigte ſich über das Pergament und las es aufmerkſam.„Es iſt eine Schenkungsurkunde,“ ſagte er gleichgiltig.„Man verſchenkt darin Schloß Partoſy mit reichem Park und hundert Morgen Lan⸗ des in aller Form Rechtens. Aber an wen man es ſchenkt, das weiß ich nicht, denn der Name des Em⸗ pfängers iſt offen gelaſſen.“ 183 „Wenn Ihr wollt, ſo ſchreibe ich Euren Namen hinein,“ ſagte der Fremde.„Verſprecht mir, daß Ihr das thun wollt, um was ich Euch bitten werde, und das Schloß Partoſy mit hundert Morgen Landes iſt Euer.“ „Und was iſt es das ich thun ſoll?“ fragte Keur⸗ kocſy ruhig. Der Fremde zog ein kleines zuſammengefaltetes Papier aus ſeinem Buſen hervor und reichte es Keurkoeſy hin.„Nehmt dies Pulver,“ ſagte er mit leiſer flüſternder Stimme,„nehmt es und ſchüttet es heute Abend in den Nachttrunk des kleinen Franz Räköczy.“*) „Das heißt, ich ſoll ihn vergiften?“ fragte Keur⸗ koeſy bebend. „Das heißt, Ihr ſollt das Vaterland von einer Gefahr befreien, die ihm in der Zukunft droht,“ flü⸗ ſterte der Andere.„Wir bedürfen vor allen Dingen der Einheit, der ungeſchwächten Kraft, um endlich den Sieg erlangen zu können. Vierzehntauſend Streiter ſind es, die von den Gütern und feſten Plätzen der Räköczy und der Armee des Fürſten Tököly von Un⸗ garn zugeführt ſind, in den fünf Feſtungen der Rä⸗ Franz Raͤköczy. Ein hiſtoriſches Charakterbild. 59. 184 toczy liegt die Hälfte ſeiner Macht. Die Sache Ungarns iſt verloren, wenn Tököly einſt dieſe Feſtungen an ſeinen Stiefſohn abtreten ſoll, und nicht er wird dann mehr der Fürſt von Ungarn ſein, er wird ſich in dem Stiefſohn den gefährlichen Rival erzogen haben, und die Feindſchaft Beider wird dann das mühſam auf⸗ geführte Werk der Einheit und Freiheit wieder zer⸗ ſtören. Stirbt der Knabe, ſo iſt ſeine Mutter die Erbin ſeiner Güter, und durch ſie iſt dann auch ihr Gemahl der Erbe. Rettet alſo Ungarn, indem Ihr den läſtigen Knaben bei Seite ſchiebt. O, ſchaut nicht ſo bleich und angſtvoll drein. Bedenkt nur, Ihr wer⸗ det ein reicher, unabhängiger Mann werden, Niemand auf Erden mehr dienſtbar ſein! Ihr werdet ein ſchönes, prächtiges Schloß beſitzen, einen köſtlichen Park, rei⸗ ches Ackerland Euer Eigenthum nennen. Nehmt dies Pulver, ſchwört mir bei Allem, was Euch heilig iſt, daß Ihr es heute Abend noch dem Knaben in den Nachttrunk miſcht, und ſeht— hier habe ich ein Fläſch⸗ chen mit Dinte und eine Feder gleich mitgebracht, ſchwört— und ich ſchreibe Euren Namen in dieſe Schen⸗ kungsakte.“ „Aber der Graf Tököly wird mich hinrichten laſſen, bevor ich mein Beſitzthum angetreten habe,“ ſagte 185 Keurkoeſy bebend.„Er wird den Mord ſeines geliebten Stiefſohnes an dem Mörder rächen und ſtrafen.“ „Er wird gar nicht ahnen und vermuthen, daß Ihr ſein Mörder ſeid. Er glaubt ja, daß Ihr den Knaben liebt, wie Euren eigenen Sohn, und wenn der kleine Franz daher in dieſer Nacht an heftigen Krämpfen ſtirbt, ſo wird Graf Tököly gar nicht auf den Gedanken kommen, daß er ermordet ſei. Er wird ganz einfach annehmen, daß der Knabe ſich beim heu⸗ tigen Rekognosziren erkältet habe, und an der Kolik geſtorben ſei. Er wird den fürſtlichen Stiefſohn weder ſeziren, noch von Aerzten beſichtigen laſſen, aber er wird ihn mit militäriſchen Ehren begraben laſſen und dann, zum Dank für die Treue und Liebe, die Ihr dem theuren Kinde während ſeines ganzen Lebens be⸗ wieſen, wird er Euch dieſe Schenkungsakte des Schloſſes Partoſy übergeben.“ „O!“ rief Keurkoeſy mit lautem Lachen,„nun durchſchaue ich Euch, nun ſehe ich doch, daß Ihr nur Scherz mit mir treiben wollt. Ihr gebt Euch das An⸗ ſehen, als ob der Fürſt von Ungarn ſelber um die Sache wüßte, die Ihr von mir verlangt, als ob er die Mordthat billigen würde. O, aber ich weiß ſchon, wie das Alles zuſammenhängt. Tököly mißtraut mir, er glaubt ich könnte vielleicht deshalb mich zum Vor⸗ 186 koſter ſeines jungen Herrn gemacht haben, weil ich dann die Macht und Gelegenheit hätte, ihn zu ermor⸗ den. Er will mich prüfen, ob ich wirklich ein treuer und unbeſtechlicher Diener bin, auf den er ſich ver⸗ laſſen kann, oder ob es den Feinden ſeines geliebten Stiefſohns dennoch gelingen könnte, mit großen Ver⸗ ſprechungen und Geſchenken mich zu beſtechen. Des⸗ halb macht er zum Schein ſelber einen Beſtechungs⸗ verſuch und thut, als wollte er mich dingen zum Mörder ſeines geliebten Stieſſohnes. Nehmt alſo hier die Schenkungsakte und Euer Gift zurück, ſagt dem Fürſten Tököly, er hätte zum guten Glück dem armen Keurkveſy ohne Grund gemißtrauet. Sagt ihm, Ihr hättet ihn treu befunden, und der zärtliche, edle Herr Stiefvater dürfe ganz ohne Sorgen ſein, denn nimmer würde es den Feinden der Räköczy gelingen, den treuen Diener zu beſtechen. Er trachte nicht nach Gold und Schätzen, und nur den einen Ehrgeiz habe er, den fürſtlichen Knaben treu und licbevoll zu über⸗ wachen, damit er dereinſt ein Jüngling werde, der ſeinen Vater räche und ſich den Fürſtenſtuhl von Sie⸗ benbürgen, der ihm gebühre, wieder erobere. Geht und ſagt das dem Grafen Tököly, berichtet ihm, daß ich ſein Mißtrauen nicht verdient habe, und es nie verdienen werde, denn ich liebe auf Erden nichts als dieſen Knaben, und will nichts als ihn glücklich ſehen.“ S S— 187 „Nun wohl, ich werde das dem Grafen Tököly berichten!“ rief der Fremde haſtig.„Ihr habt Recht, er wollte Euch prüfen und Eure Treue auf die Probe ſtellen. Es wird ihn freuen, zu hören, daß Ihr die Prüfung gut beſtanden habt.“ Er nahm die Pergamentrolle und entfernte ſich haſtig. Am andern Tage aber reichte der ſonſt ſo ſtolze Fürſtvon Ungarn dem alten Diener ſeines Stiefſohnes mit einem freundlichen Lächeln die Hand dar. „Ihr ſeid ein treuer Diener, ein edler Menſch,“ ſagte er,„und ich werde es ſtets für meine Pflicht erachten, Euch dankbar zu ſein. An dem Tage, an welchem mein lieber Franz majorenn wird, und ich ihn als Herrn einſetze in die Feſtungen, die ſein Erbe ſind, an dem Tage werde ich Euch die Schenkungsakte übergeben, die Euch das Schloß Partoſy zum Eigen⸗ thume macht. Der Mann, der ſo lange ein unbeſtech⸗ licher treuer Diener war, verdient es wohl, daß er dann endlich ein ſelbſtſtändiger, unabhängiger Herr werde. Ihr habt's errathen, ich wollt Euch prüfen, und ich danke Gott, daß Ihr die Prüfung ſo gut beſtan⸗ den habt.“ X. Die Reiſe nach der Türkei. Hinfort ſchien das Leben des Knaben unangefochten und Keurkocſy's Wachſamkeit, die nimmer raſtete, ent⸗ deckte doch nichts, was ihm gefährlich dünkte. Tököly war und blieb jetzt immer der zärtliche, freundlich ge⸗ ſinnte Vater des jungen fürſtlichen Knaben, der alle Gefahren ſeines wechſelvollen Lebens mit ihm theilen mußte. Und von Gefahren umringt war das Leben Em⸗ merich Tököly's immer. Der blutige Kampf mit Oeſterreich dauerte von Jahr zu Jahr, ward von bei⸗ den Seiten mit gleicher Erbitterung, gleicher Hartnäk⸗ kigkeit fortgeſetzt. Wenn zwar in Oberungarn die Armee der Unzufriedenen einen Sieg über die öſter⸗ reichiſchen Generäle errungen, ſo hatten zur ſelben Zeit in Niederungarn vielleicht andere öſterreichiſche Heeresabtheilungen den Aufſtändiſchen und ihren tür⸗ kiſchen Bundesgenoſſen eine bedeutende Niederlage be⸗ reitet; man kam hier um einen Schritt weiter, um dort zwei Schritte zurückzuweichen. Pas Glück, welches in den erſten Jahren des Kampfes den Fahnen Tököly's gefolgt war, ſchien 189 ſich jetzt von ihm abzuwenden, drohte ihn zu verlaſſen. Denn nicht die Feindſchaft Oeſterreichs allein hatte er zu bekämpfen, ſondern auch die Feindſchaft, den Neid und das Mißtrauen ſeiner eigenen Bundesge⸗ noſſen, der Türken. Die Miniſter und Generäle des„ Sultans ſahen mit ſcheelem Auge auf den Fremdling, N der ſich der Gunſt des Sultans erfreute, der über ſie geſetzt war, und dem ſie in den militäriſchen Anord⸗ nungen gehorchen ſollten. Sie waren gefliſſentlich be⸗ reit, ihm überall Hinderniſſe in den Weg zu legen, ſie widerſtrebten allen ſeinen Plänen mit zäher Hartnäk⸗ kigkeit, gehorchten ihm nur mit Widerwillen, und tha⸗ ten Alles nur halb, was Tököly angeordnet. Sie wa⸗ ren fortwährend bemüht, das Ohr des Sultans gegen ihn einzunehmen, ihm Mißtrauen einzuflößen gegen den ungariſchen Befehlshaber, der ſich das Anſehen gäbe, als kämpfte er gegen den Kaiſer Leopold, während er doch abſichtlich bemüht ſei, für ihn zu wirken, und durch ſeine ſchlechten Anordnungen dem Kaiſer einen FPlatz nach dem andern ausliefere und in die Hände ſpiele. Tököly kannte dieſe Feindſchaft der Diener des Sultans ſehr wohl, und er ſah die Nothwendigkeit ein, dem Sultan einen unwiderleglichen Beweis ſei⸗ ner Treue und Anhänglichkeit zu geben. Was fonnte 190 er ihm zu dieſem Zwecke Köſtlicheres und Schöneres darbringen, als den eigenen geliebten Stiefſohn, als den Erben von Munkaes, dem Hauptbollwerk der un⸗ gariſchen Unzufriedenen? Wenn er dem Sultan den Stiefſohn Franz Räköczy als Geiſel überlieferte, ſo mußte das gewiß jeden Verdacht gegen ihn beſeitigen, jeder Verleumdung die Spitze abbrechen, und für die Zukunft alle Zweifel an Tököly's Treue unmöglich machen. Denn mit dem Stiefſohn übergab er der Pforte zugleich den künftigen Prätendenten von Sie⸗ benbürgen, den künftigen Feind des von den Türken eingeſetzten ſiebenbürgiſchen Fürſten Apafh, und wenn Tököly die Treue brach, war es ſo leicht dafür Rache zu nehmen, indem man dafür die Geiſel, die er ge⸗ ſtellt, büßen ließ, indem man den Prätendenten des ſiebenbürgiſchen Fürſtenſtuhls ermordete. Was die Strapazen und Gefahren, was die Beſtechung und das Gift nicht vermocht hatten, das ſollte jetzt die Reiſe nach Konſtantinopel zu Stande bringen: ſie ſollte den verhaßten Stiefſohn, den unbe⸗ guemen Erben auf immer beſeitigen. Gaonz heimlich und in der Stille waren die Ver⸗ handlungen geführt worden, ganz heimlich und in der Stille wollte Graf Tököly es zu Ende führen, und erſt, wenn der kleine Franz Räköczy längſt die Grenze 191 der Türkei überſchritten hatte, ſollte ſeine Mutter Helena erfahren, wohin er gegangen. Ganz heimlich und in der Stille wurden alle Vorbereitungen zur Abreiſe getroffen, alle Arten von Handwerkern kamen ins Lager, um dem kleinen Prinzen koſtbare Kleider, goldgepreßte Stiefeln, und Alles, was zu einer glän⸗ zenden fürſtlichen Toilette gehörte, anzufertigen. Keurkocſy ſah das Alles mit ſtaunender Ueber⸗ raſchung, aber während er nur erfreut zu ſein ſchien, beobachtete er, ſpähte er umher nach irgend einem Zeichen, das ihm die Abſichten Tököly's verrathen möchte. „Ich ſoll eine Reiſe machen,“ hatte der kleine Prinz ihm frohmüthig geſagt,„deshalb läßt mir mein Vater ſo köſtliche Kleider machen, lauter prächtige Kleider mit Gold und Pelzwerk verziert.“ „Aber warum darf ich dieſe Kleider niemals ſehen?“ fragte Keurkoeſy,„warum rufen Sie mich nicht, wenn man Ihnen dieſelben anprobirt?“ „Weil mein Vater es nicht liebt, daß man davon ſpricht, daß er mir ſo koſtbare Sachen anſchafft, wäh⸗ rend ſo viel Noth im Lande herrſcht,“ ſagte der Knabe lächelnd.„Mein Vater hat mir geſagt, ich dürfe des⸗ halb auch hier gar nicht meine Kleider anziehen, aber ich würde eine Reiſe machen, einen mächtigen Herrn 192 beſuchen, und vor ihm ſollte ich mich mit allen meinen neuen Kleidern ſchmücken.“ „Sagen Sie mir nur dies Eine, Prinz,“ bat Kenrkocſy dringend:„wie ſind denn Ihre Kleider ge⸗ macht? Sind ſie nach ungariſchem Schuitt, oder ſind es liniformen?“ „Weder das Eine noch das Andere!“ lachte der Knabe;„es ſind lange Gewänder, die bis auf die Füße herabreichen, rings herum mit Pelz verbrämt, mit Gold oder Silber geſtickt, mit langen aufgeſchlitz⸗ ten Aermeln, dazu kommen ganz weite ſeidene Panta⸗ lons und prächtig golddurchwirkte, enganſchließende Unterkleider mit engen Aermeln, die unter den wei⸗ ten aufgeſchlitzten Aermeln des Oberkleides hervor⸗ ſchauen.“ „Das iſt ja ein vollſtändiger türkiſcher Anzug?“ rief Keurkveſy entſetzt,„es fehlt nichts als die gelben Stiefeln und der Turban!“ „Oh, die beiden habe ich auch!“ ſagte der Knabe triumphirend,„ganz prächtige gelbe und rothe Stie⸗ felchen, und Turbane von echten türkiſchen Shwals mit Brillantagraffen daran.“ „Und wann, wann werden Sie reiſen, Prinz?“ fragte der Diener ängſtlich. „Das weiß ich nicht! Mein lieber Vater hat es — 7 193 mir noch nicht geſagt, aber geſtern hörte ich, wie ſein Haushofmeiſter zu ihm ſagte, in vier Tagen würde Alles bereit ſein, in vier Tagen könnte die Abreiſe erfolgen, und ſo denke ich denn, daß es dann geſchehen wird, denn mein Vater antwortete: Eilt Euch nur! Ze früher Ihr fertig ſeid, deſto beſſer iſt es. Aber,“ fuhr der Knabe fort, indem er zärtlich ſeine Arme um den Hals des alten Dieners ſchlang,„aber ich reiſe nicht ohne dich! Du mußt bei mir bleiben, mein guter alter Freund, und ſo ſehr ich mich auf die Reiſe freue, ſo will ich doch hier bleiben, wenn du mich nicht be⸗ gleiten darfſt!“ Ach, mein Kind!“ ſeufzte der alte Diener, indem er mit Thränen in den Augen ſeinen Liebling an ſein Herz preßte,„ſie werden dich nicht um deinen Willen ſragen, ſondern du wirſt thun müſſen, was ſie wollen. Aber hören Sie, Prinz, um was ich Sie jetzt bitten will. Sagen Sie dem Herrn Fürſten Tököly nicht, daß Sie mir erzählt haben von Ihrer Reiſe Er möchte Ihnen ſonſt zürnen, daß Sie das Geheimniß nicht gut bewahrt haben. Es iſt beſſer, daß der Fürſt glaubt, ich wiſſe nichts davon, im übrigen ſeien Sie heiter und guter Dinge! Ich hofſe zu Gott, daß er in ſeiner Gnade Sie behüten und beſchützen wird, und daß er die Anſchläge Ihrer Feinde vereitelt!“ 1861. xn. Franz Räköczy. 1. 13 194 Keurkoeſy hatte Alles begriffen, Alles verſtan⸗ den. Die türkiſchen Kleider, die man dem kleinen Prinzen anfertigte, hatten ihm das Ziel der Reiſe verrathen. Er kannte das Zeremoniell, nach welchem Niemand, ſelbſt nicht die Geſandten der auswärtigen Mächte, anders als in türkiſchen Gewändern, mit dem Turban und dem Kaftan angethan, am Hofe des Sul⸗ tans und vor ſeinem Angeſicht erſcheinen durften. Da man alſo dem Prinzen türkiſche Gewänder ge⸗ macht, ſo war er beſtimmt, nach Konſtantinopel zu gehen und vor dem Sultan zu erſcheinen. „Aber er ſoll nicht gehen, ohne daß ſeine Mutter benachrichtigt iſt,“ ſagte Keurkoeſy zu ſich ſelber, und in dieſer ſelben Nacht noch, während Alles ſchlief, ver⸗ ließ einer der Lakaien des kleinen Fürſten Franz Rä⸗ koczy das Lager, und ſprengte in vollem Galopp von dannen, um den Brief Keurkoeſy's nach Munkaes zur Fürſtin zu bringen, den Brief, der weiter nichts ent⸗ hielt, als die Worte:„In vier Tagen ſoll der junge Fürſt Franz Räkéezy nach Konſtantinopel abreiſen. Wenn Euer Durchlaucht ihn noch einmal ſehen wollen, müſſen Sie ſich eilen.“ Aber die vier Tage vergingen, ohne daß der Bote Keurkoeſy's zurückkehrte, ohne daß irgend eine Kunde von der Fürſtin kam. Hatte der Bote ſeinen Brief 195 nicht abgegeben? War er vielleicht von den Spähern Tököly's aufgefangen und mit Gewalt irgendwo feſt⸗ gehalten? Oder hatte er ſich verſpätet, ſich nicht genug geeilt, ſo daß der Fürſtin keine Zeit mehr geblieben, um noch zur beſtimmten Friſt im Lager einzutreffen? Das waren die Fragen, mit denen der arme getreue Keurkoeſy ſein Herz den ganzen vierten Tag zermar⸗ terte, während er anſcheinend ruhig und gelaſſen war, und es gar nicht zu bemerken ſchien, daß man Koffer packte, daß eine große Geſchäftigkeit in den Gemächern des Fürſten Tököly herrſchte, daß zwei Reiſewagen vor dem Zelte bereit ſtanden, und mehre Herren aus der näheren Umgebung Tököly's ſchon Reiſe⸗ kleider angelegt hatten. Der Abend dämmerte, und noch immer keine Nach⸗ richt von Munkaes! Die Pferde werden ſchon an den Reiſewagen angeſchirrt, und noch immer keine Nach⸗ richt! Keurkoeſy liegt in dem Zelt ſeines jungen Herrn auf ſeinen Knieen, und betet zu Gott um Erbarmen, betet, ihm einen Gedanken der Rettung einzugeben! Aber nein, es gibt keine Rettung mehr! Da tritt der kleine Franz in das Zimmer, mit rothgeweinten Augen, mit trübem Angeſicht. „Mein lieber alter Freund,“ flüſtert der Knabe, 13* 196 „ich ſoll Abſchied von dir nehmen. Mein Vater ſagt, es ſei unmöglich, daß du jetzt mit mir reiſeſt, aber du ſollſt mir nachkommen, das hat er mirfeſt verſprochen.“ „Es iſt alſo wahr, ſie wollen mich von dir trennen?“ ächzte der alte Mann, das Kind an ſich ziehend, und es ſo feſt in ſeine Arme preſſend, als wären die Mörder ſchon da, welche ihm das Kind entreißen wollten.„Sie wollen dich trennen von dem alten, treuen Hund, der deinen Schlaf bewacht, damit ſein Murren dich nicht warnt vor der Gefahr, die dich bedroht? O mein Kind, mein Kind, was ſoll ich thun, was ſoll ich be⸗ ginnen? Ich kann's nicht dulden und zugeben, daß ſie dich zu den Türken ſchleppen, daß ſie dich, mein armes, ſchwaches Kind, als Geiſel dahinführen für die Treue deines Stiefvaters. Bei dem geringſten Verdacht der Untreue werden ſie dich tödten, und der Herr Graf Tököly wird ſchon Sorge tragen, daß man bald einen ſolchen Verdacht gegen ihn faßt. Wenn du todt biſt, freilich, dann wird er Mittel finden ihn zu wider⸗ legen, und er wird Genugthuung dafür verlangen, daß man dich umgebracht. Aber du, du wirſt von der Genugthuung doch nicht wieder erweckt werden zum Leben, du wirſt todt ſein!“ „Ich gehe nicht,“ flüſterte der Knabe, ſich todes⸗ bleich an die Schulter des Alten anklammernd,„nein, — —— 197 ich gehe nicht. Ich will bei dir bleiben, ich will es meinem Vater ſagen, daß ich nicht reiſen mag.“ „Franz, mein lieber Sohn!“ rief die ſtarke metallene Stimme Tököly's da draußen,„komm' jetzt, es iſt die höchſte Zeit!“ „Verbirg' mich,“ ächzte das Kind,„ſag', ich wäre dir fortgelaufen. Ich will nicht ermordet werden! O, verbirg mich!“ „Kann ich's denn?“ ſtöhnte der Alte.„Er wird hier eintreten, und wenn er dich hier nicht findet, wird er Alles durchſuchen; wird— aber was iſt das für ein Geräuſch da draußen? Hörſt du's nicht? Fährt nicht ein Wagen heran? Ja, es iſt ein Wagen, Reiter begleiten ihn! Ja; nun hält er hier an! Still, ſtill, mein Kind, athme nicht, lauſche! Horch! da ſpricht Tököly, und jetzt— hörſt du die Frauenſtimme? Franz, laß' uns auf die Kniee fallen und Gott danken! Er ſendet deine Mutter her, daß ſie dich errette!“ Und jetzt öffnete ſich die Thür, und in derſelben erſchien die ſchöne, hohe Geſtalt Helena's. Hinter ihr ſah man das düſtere, ſeltſam zuckende Antlitz Tököly's. Aber Helena's Angeſicht, obwohl bleich und erregt, leuchtete doch jetzt auf in Liebe und Glück, als ſie die großen ſtrahlenden Augen auf den Sohn heftete, der ihr mit ausgebreiteten Armen entgegenflog. 198 „Gott ſei Dank! daß ich dich wieder habe, mein holdes Kind,“ ſagte Helena, und diesmal verbarg ſie ihre Zärtlichkeit für den Sohn nicht vor dem Gemahl, ſondern ſie hob den Knaben in ihre Arme empor, und küßte und herzte ihn mit leidenſchaftli⸗ cher Innigkeit. Dann ließ ſie ihn ſanft niedergleiten und wandte ſich mit einem ſtrahlenden Lächeln zu Tököly um, der hinter ihr eingetreten war, während Keurkocſy auf einen kaum merklichen Blick Helena's ſich zurückgezogen hatte. „Ich gebe meinem theuren Gemahl das Recht mich zu verſpotten,“ ſagte ſie, ihm ihre Hand dar⸗ reichend.„Ich bin hierher gekommen in recht thö⸗ richter Mutterzärtlichkeit. Denkt nur, Fürſt, es iſt ein Traum, der mich hierherführt.“ „Ein Traum?“ fragte Toköly mit einem ſpöt⸗ tiſchen Lächeln.„Seit wann glaubt meine kühne Helena denn an Träume?“ „Seit ſie an einen Helden vermählt iſt, der täg⸗ lich Märchen der Tapferkeit zur Wahrheit macht. Wenn die Märchen Wirklichkeit werden, können auch die Träume Wahrheit werden. Seit drei Näch⸗ ten träumte ich wieder und immer wieder, daß mir mein Knabe hier mit bleichem, thränenüberflutetem Angeſicht in fremdländiſcher Kleidung ſeine Arme 199 entgegenſtreckte, und mir zurief: Mutter, ich nehme Abſchied von dir, um dich niemals wiederzuſehen. Der Traum war ſo lebendig, ſo wunderbar deutlich, daß er mich auch die Tage über verfolgte, wie ein wirklich Erlebtes, mir keine Ruhe gönnte. Vielleicht war's die Sehnſucht nach Euch, mein Gemahl, welche ſich hinter die Sorge um den Knaben verſteckte. Genug, ich konnte es länger nicht ertragen, ich mußte dem quäleriſchen Traum entfliehen, um mich an der Wahrheit zu tröſten. So reiſte ich ab, ſo bin ich her⸗ gekommen, und nun ſcheltet mich, wenn Ihr's ver⸗ mögt, Fürſt Tököly.“ „Ich ſchelte Euch nicht, Helena, ich danke Gott, daß Ihr da ſeid, wenn Ihr auch nicht um meinetwillen gekommen ſeid!“ rief Tököly, ihre Hände an ſeine Lippen ziehend. Sie ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals und flü⸗ ſterte:„Sagt' ich Euch nicht, daß die Liebe zu Euch ſich vielleicht hinter der Mutterzärtlichkeit verſteckt und nur einen Vorwand geſucht hätte? Genug, ich bin da, und wenn's mein geſtrenger Gemahl erlaubt, bleibe ich einige Tage hier, um mit Euch und dem Knaben über meinen lügenhaften Traum zu lachen.“ „Aber dein Traum iſt keine Lüge, Mama,“ ſagte 200 der Knabe ernſthaft,„ich war eben im Begriff abzu⸗ reiſen von hier.“ „Abzureiſen?“ fragte Helena verwundert.„Wo⸗ hin denn? abzureiſen, mein Kind, und mit wem?“ „Das weiß ich nicht, Mama, ich weiß nur, daß ich meinen lieben alten Keurkoeſy nicht mitnehmen darf. Aber in einigen Wochen kommt er mir nach das hat mir der theure Vater feſt verſprochen.“ „In einigen Wochen? Wie denn, mein Gemahl, wolltet Ihr den kleinen Knaben eine ſo lange Reiſe machen laſſen, und wohin denn?“ „Nach der Türkei, Mama!“ rief Franz, noch be⸗ vor Tököly Zeit fand zu einer Antwort.„Ja, ich ſoll nach der Türkei reiſen, und ich habe dazu gar präch⸗ tige türkiſche Kleider bekommen, ganze Koffer voll.“ Toköly murmelte eine Verwünſchung zwiſchen den zuſammengepreßten Lippen hervor, und ſtieß wild mit dem Fuß auf den Boden. Helena, das glühende Auge feft auf ihn gerichtet, trat jetzt dicht zu ihm heran, und legte ihre Hand langſam auf ſeine Schulter. „Tököly,“ ſagte ſie,„iſt es wahr? Du wollteſt meinen Sohn von dir ſtoßen? Du wollteſt ihn nach der Türkei ſenden?“ „Nun ja,“ rief er heftig,„es iſt wahr! Der Sul⸗ 201 tan mißtraut mir. Er verlangt eine Bürgſchaft für meine Treue! Was kann ich ihm für eine beſſere Bürg⸗ ſchaft bieten, als den eigenen Sohn, als den Erben von Munkacs? Duwirſt das einſehen, Helena; deine Klugheit und Tapferkeit wird die Mutterängſtlichkeit beſiegen, du wirſt deinem Gemahl dies Opfer brin⸗ gen, und den Sohn für eine kurze Zeit entbehren, um des Gatten Leben und Zukunft zu ſichern. Nicht wahr, du wirſt es thun?“ Sie ſchüttelte langſam und ſtolz ihr Haupt.„Ich kann für dich ſterben, Emmerich,“ ſagte ſie,„und ich bin zu jeder Stunde bereit, mein Leben hinzugeben für dein Glück, denn ich liebe dich. Aber ich kann dir nicht die heiligſten Pflichten einer Mutter opfern! Ich habe meinem Gemahl auf ſeinem Sterbebette ge⸗ ſchworen, ſeinen Kindern Voter und Mutter zugleich zu ſein, ſie zu lieben, zu ſchützen, über ihnen zu wa⸗ chen, ſo lang ich lebe. Ich muß und will meinen Schwur halten, ſo lang ich lebe. Tököly, ich bitte dich daher, nimm deinen Befehl zurück. Verlange nicht das Unmögliche! Mein Sohn geht nicht nach der Türkei!“ „Aber es iſt unmöglich, es jetzt noch abzuändern!“ rief Tököly heftig.„Die Boten des Sultans erwar⸗ ten den Prinzen ſchon an der Grenze, im Serail iſt ſchon die Wohnung bereit, die ihn aufnehmen ſoll, und ſobald er daſeibſt eingetroffen iſt, ſendet der Sul⸗ tan mir neue Truppen, neues Geld. Du ſiehſt, Helena, es läßt ſich jetzt nicht ändern, die Politik muß diesmal über die Mutterliebe den Sieg davontragen. Du wirſt ihn reiſen laſſen, aber ich verſpreche dir, daß er bald zurückkehren ſoll!“ „Du kannſt nicht verſprechen, was nicht in deiner Gewalt ſteht zu erfüllen!“ rief Helena ſtolz.„Geh' hinaus, Franz, ſage deinem treuen Keurkoeſy, daß er Alles zu unſerer Abreiſe bereit mache. Ich kehre noch in dieſer Nacht nach Munkacz zurück, und du gehſt mit mir, mein Sohn!“ Der Knabe ſchlich ſich von dannen und Tököly war jetzt allein mit Helena. Sonſt war ihm dies Al⸗ leinſein mit ihr immer ein Genuß geweſen, jetzt war's ihm peinlich und beängſtigend. Sonſt hatte Helena ihm immer gegenübergeſtanden als Geliebte, aber heute war ſie nur die Mutter, die zürnende, kühne Mutter, die feſt entſchloſſen war, ihren Knaben zu vertheidigen, kühn und ſtolz, wie eine Löwin. Sie ſprach zu Tököly mit der Beredſamkeit der Mutterliebe, und als ihre Bitten nicht halfen, da blitzten ihre Augen auf in ſchmerzlichem Zorn, da richtete ihre Geſtalt ſich höher empor, und die liebende, 203 zärtliche Gattin Tököly's verwandelte ſich in die Fürſtin Räköczy, welche das Erbe, den Rang und die Würde ihres Sohnes mit Stolz und Energie verthei⸗ digte gegen Jeden, der es wagen möchte ihn anzugreifen. Es war ein langer, ein hartnäckiger Kampf zwi⸗ ſchen der Liebe und Treue der Mutter und dem Ehr⸗ geiz, der Eiferſucht des Stiefvaters, aber Helena ging doch aus dieſem Kampf als Siegerin hervor. Nach langen bewegten Stunden des Alleinſeins trat Helena am Arme Tököly's wieder aus dem Ge⸗ mach ihres Sohnes hervor, und rief ihren Knaben zu ſich. „Mein Sohn,“ ſagte ſie,„dein Vater hat ſeinen Entſchluß geändert. Du wirſt nicht nach der Türkei reiſen, ſondern du wirſt mit mir nach Munkacs zu⸗ rückkehren, um dort für immer zu bleiben Danke dei⸗ nem gütigen Vater, daß er dies gewähren will.“ Der Knabe ſprang zu Tököly hin, und umſchlang mit ſeinen Aermchen die hohe Geſtalt des Stiefvaters. „Schicke mich nicht fort, mein lieber ſchöner Vater,“ bat er mit bebender, ängſtlicher Stimme.„Laß mich bei dir bleiben, damit ich von dir lerne, ein Ritter und ein Held zu werden.“ Tököly küßte den Knaben auf die klare reine Kinderſtirne und drängte ihn dann ſanft von ſich 204 zu Helena hin.„Du wirſt in einigen Jahren zu mir zurückkehren,“ ſagte er,„jetzt aber folge deiner Mutter nach Munkaes. Sie bedarf in ihrer Einſamkeit des Troſtes deiner Nähe. Du biſt deiner Mutter zu ihrem Glücke nothwendig, gehe alſo!“ „Und mein guter alter Keurkveſy geht mit mir?“ fragte Franz lebhaft und ängſtlich. „Er geht mit dir, und er wird dich immer be⸗ hüten und bewachen.“ Franz ſprang jubelnd fort, um Keurkoeſy zu rufen und ihm die Freudenbotſchaft zu überbringen, und wie Tökölh mit düſterem Antlitz und zuckender Lippe ihm nachſchaute, kam Helena zu ihm und legte ſanft ihren Arm um ſeinen Nacken. „Die Mutter hat heute ihre Pflicht thun müſſen,“ ſagte ſie leiſe und innig,„aber ich hoffe zu Gott, daß einſt ein Tag kommen wird, an dem auch die Gattin ihrem theuren Gemahl beweiſen kann, wie freudig ſie bereit iſt, ihm ihre Pflichten zu erfüllen. Möge dieſer Tag bald kommen, denn du wirſt an ihm erkennen, daß ich dich liebe, mehr als mein Leben.“ „Aber nicht mehr als deine Kinder,“ murmelte Tököly düſter. „Ja, auch mehr als meine Kinder!“ rief ſie glü⸗ hend.„Denn wenn ich die Wahl hätte zwiſchen dir 205 und ihnen, ſo werde ich ſie verlaſſen, und bir nach⸗ folgen, ſei's in die Fremde, in die Wüſte Dir lebe ſterbe ich, mein Glück und meine Zukunft ruht in dir.“ Xl. Der Jall von Munkurs. Der Tag, den Helena ſo heiß herbeigeſehnt, der Tag, an welchem ſie ihrem Gemahl ihre Liebe und Treue auch durch Thaten beweiſen ſollte, er ließ nicht lange mehr auf ſich warten, und Helena's Heldenſinn begrüßte ihn mit kühnem Muthe. Wenige Monate ſchon, nachdem ſie mit ihrem Sohn nach Munkaes zurückgekehrt war, brach ein neues Unglück über Tököly herein, und wieder kam es ihm von der Türkei.„ mzweiten Male war es ſeinen Feinden gelungen, ihn dem Sultan zu verdächtigen, und diesmal ließ man ihn nicht dazu kommen, ſich unmittelbar ſelber vor 206 dem Sultan zu rechtfertigen. Der Paſcha von Groß⸗ wardein ließ Tököly gefangennehmen, und erſt dann, als er nicht mehr im Stande war, ſeine Ankläger zu widerlegen, beſchuldigten ſie Tököly vor dem Sultan, er habe dem Kaiſer Leopold den Antrag geſtellt, er wolle ſich mit ihm verbinden gegen die Türken, wenn man ihm ſelber dafür nur gute Friedensbedingungen bewilligte. Ein Jahr lang ſchmachtete Tököly in harter tür⸗ kiſcher Gefangenſchaft; aber dieſes Jahr war für die Türken ſelbſt ein unglückliches. Es brach immer mehr ihre Macht und ihr Anſehen, es verdunkelte ihre frü⸗ hern Siege mit ſchweren Niederlagen, und trieb ſie immer weiter hinaus aus Ungarn. Seit Tököly mit ſeinem kühnen Feldherrnblick nicht mehr an der Spitze der Ungarn und Türken ſtand, war das Glück den öſterreichiſchen Waffen günſtig, drangen die Generäle Kaiſer Leopolds immer macht⸗ voller vor in Ungarn, drängten ſie die Türken immer geſchwächter hinaus aus Ungarn. Während dieſes Jahres der Gefangenſchaft Tö⸗ köly's verlor die Pforte einen der wichtigſten Plätze in Ungarn, denn die Hauptſtadt ihrer ungariſchen Be⸗ ſitzungen, Ofen, fiel nach vithenden öſterreichiſchen Feldherren als Siegesber 207 dem aber trieb dieſe Gefangennehmung Tököly's die Ungarn zur Erkenntniß, wie gefährlich es ſei ſich den Türken zu verbinden, und auf Einen Schlag verließen mehr als ſiebentauſend Mann das Kriegslager der vereinigten türkiſchen und ungariſchen Schaaren, und gingen über in das Lager des öſterreichiſchen Generals Caraffa. Bald folgten die übrigen Truppen der Un⸗ zufriedenen dieſem Beiſpiel, ebenſo unterwarfen ſich jetzt freiwillig eine große Zahl von Städten und Ort⸗ ſchaften dem Regimente der Oeſterreicher, und nah⸗ men, um den Türken zu entgehen, die Oberherrſchaft Kaiſer Leopolds an*). Zu ſpät erkannte die Pforte den begangenen Feh⸗ ler, und ſuchte ihn wieder gutzumachen. Tököly ward nun aus der Gefangenſchaft mit Ehren entlaſſen und wieder an die Spitze der Truppen geſtellt, aber das Glück kehrte nicht wieder zu ihm zurück, und die Streitkräfte des Kaiſers waren von nun an den ſeinen bei weitem überlegen. Faſt alle Truppen, alle Feſtungen der Aufſtändi⸗ ſchen hatten ſich, zum Theil freiwillig ſogar, den könig⸗ lichen Heerführern übergeben,— nur Munkacs leiſtete noch Widerſtund, und die tapfere Kommandantin von *) Franz Räköczy II. Ein Charakterbild. 45. gerung herbei, legte die Munkacs, das war Helena Zrinyi, die Mutter Franz Räkéczy's, jetzt die Gemahlin Tököly's. Sie allein hielt feſt an der Sache der Aufſtändi⸗ ſchen, ſie allein wankte nicht in ihrer Treue gegen Tö⸗ köly, und als alle Feſtungen und Städte ſich ſchon ergeben hatten, da erklärte ſie als Antwort auf die an ſie ergangene Aufforderung des öſterreichiſchen Gene⸗ rals Caraffa, ihm die Feſtung zu übergeben:„Sie könne und dürfe nicht die Pflicht verletzen, welche ihr, der Mutter, gebiete, ihren Kindern das Erbtheil ihres Vaters unangetaſtet zu erhalten. Die andern Siege der kaiſerlichen Truppen könnten ſie hierin nicht be⸗ irren, da ſie Sr. Majeſtät keine Veranlaſſung gegeben, ſie zu bekriegen. Sie ſelber hege keine feindlichen Ab⸗ ſichten, und ſie würde, wenn man ſie nicht angreife, es ſicherlich vorziehen in Frieden zu leben, und nicht ſich, ihre Kinder und ihre Unterthanen der Bedrängniß, den Leiden und Mühſeligkeiten eines Krieges auszu⸗ ſe Der General Caraffa, von dem fortgeſetzten ener⸗ giſchen Widerſtand Helena's aufs Aeußerſte gebracht, zur wildeſten Wuth aufgeregt, der General Caraffo ließ jetzt zur energiſchen Belagerung von Munkac ſchreiten. Er zog ſeine ganze Truppeneh zur Bela⸗ ſelbe rings Munkacs in 209 alle Dörfer und Ortſchaften, um den Belagerten alle Zufuhr abzuſchneiden, und ließ nun laut unter Trom⸗ petenſchmettern und Trommelwirbeln die Fürſtin Helena Tököly, die Kommandantin von Munkaes, als Hochverrätherin ausrufen, forderte alle ihre Mann⸗ ſchaften auf, ſie zu verlaſſen, ſich dem König von Un⸗ garn zu unterwerfen, oder mit der hochverrätheriſchen Fürſtin die fürchterlichen Folgen ihres ſtrafwürdigen Verfahrens zu erdulden. Helena hörte lächelnd und mit ſtolzem Muthe die ſchmetternden Fanfaren, welche ſie als Hochver⸗ rätherin ausſchrieen, und dgmit doch nur ihrer Liebe, ihrer Treue ein ſchallendes Loblied ſangen. Nicht einen Moment ward ſie ſchwankend und muthlos, nicht einen Moment ſchwand der ſtrahlende Glanz ihres Auges, ward ihre klare Stirn von dem Schatten einer Furcht umdüſtert. Sie wußte, was ſie wollte, und ſie zweifelte nicht, daß Gott dem muthvollen Unternehmen der Gattin, der Mutter, ſeinen Segen und Schutz verleihen würde. Munkacs, das einſt unter Sophie Bätöry ſich Jahre lang gegen die Angriffe der Unzufriedenen vertheidigt hatte, Munkaes konnte ſich jetzt unter Helena Zrinyi eben ſo lange gegen die Angriffe der Königlichen ver⸗ theidigen. Helena hatte es auf lange Zeit reichlich 1661. XII. Franz Räköczy 1. 14 210 verproviantirt, die Beſatzung war freudigen Muthes und ihr ſo treu ergeben, daß nach dem Aufruf Ca⸗ raffa's kaum fünfzig Mann Munkacs verlaſſen und ſich den Königlichen übergeben hatten. Was kümmerte ſie alſo die Gefahr, ſie, die da kämpfte für ihre Kin⸗ der, für die Liebe, für die Ehre, für das Vaterland! Niemals hatte man Helena heiterer, ſtrahlendern Angeſichtes, ſchöner geſehen, als in dieſen Monaten der Belagerung. Für ſie gab es keine Gefahr! Wo die Kugeln dröhnten und pfiffen, da ſtand ſie hoch aufgerichtet, friedvoll und lächelnd, wie ein Engel des Friedens mitten unter den Kämpfenden, ſie anfeuernd durch flammende Beredſamkeit zu muthvollem Wi⸗ derſtand. Und wenn der Sturm glücklich zurückge⸗ ſchlagen, wenn die Kanonen der Belagerer ſchwiegen, und die Belagerten ihre Verwundeten, ihre Todten aufſuchten, da erſchien Helena unter ihnen mit blei⸗ chem Antlitz, mit Thränen in den Augen, da trat ſie wie eine Schweſter der Barmherzigkeit fromm und ſtill an das Schmerzenslager der Verwundeten, um ihre Wunden zu verbinden, um ſie zu tröſten mit freundlichem Zuſpruch, da kniete ſie nieder an der Todtenbahre der Geſtorbenen, um für ihre Heldenſee⸗ len zu beten, und den Heimgegangenen zu ſchwören, daß ſie treu und freudig Sorge tragen werde für ihre 211 e Und überall, im Kugelregen wie im azareth, und an der Todtenbahre, überall war neben Helena ihr Sohn Franz Räköczy, überall ſah man neben dem ſchönen, ſtrahlenden Angeſichte der Mutter das ſanfte, bleiche Angeſicht des ſchönen Knaben, der den alten ergrauten Soldaten der Feſtung erſchien als ein rührendes Bild der Erinnerung an ſeinen Va⸗ ter, den jungen Soldaten als eine glorreiche Hoffnung für die Zukunft, welche einſt ſich herrlicher geſtalten werde, wenn der Knabe erſt zum Jüngling erblühte, wenn wieder ein Räköczy an der Spitze der Patrio⸗ ten ſtände! Länger als fünf Monate hatte die Belagerung der Feſtung ſchon gedauert, und noch immer war der wilde, grauſame General Caraffa nicht um einen Schritt weiter gekommen, noch immer widerſtand Munkaes, wagte es ein Weib, den Ruhm ſeiner Waf⸗ fen zu verdunkeln, und einen Schatten auf ſeine Siege zu werfen. Die Häupter ſo vieler ſtolzen Verſchwornen hatte Caraffa ſchon auf das Schaffot geliefert, und das Blut⸗ bad von Eperies, wo dieſe Häupter gefallen, hatte ganz Ungarn mit Schrecken und Entſetzen erfüllt. Was ſeine Siege nicht gethan, das hatte Caraffa's Grauſamkeit zu Ende geführt, ſie hatte durch den 14* 212 Schrecken die letzten Reſte der Aufſtändiſchen zur Un⸗ terwerfung getrieben, zur Unterwerfung, durch welche man ſich retten wollte vor der blutigen Rache des granſamen Generals. Nur ein Weib wagte ihm zu widerſtehen, nur ſie trotzte ſeiner Macht! Er ſchwur ihr laut fürchterliche Rache und grimmige Vergeltungt Er ließ ſie noch einmal zur Unterwerfung auffordern, bot noch einmal der Beſatzung von Munkaes die Gnade des Kaiſers, wenn ſie die Hochverrätherin verlaſſen, und dem Kö⸗ nig ſich unterwerfen wollten. Helena wies alle An⸗ träge mit ſtolzem Lächeln, mit freudiger Siegesgewiß⸗ heit zurück, denn jetzt war frohe Botſchaft zu ihr ge⸗ langt. Tököly war frei, er ſtand wieder an der Spitze eines ſich neu organiſirenden Heeres, er konnte ſiegen, konnte zu ihrem Entſatz herbeieilen. Sie hatte Zeit ihn zu erwarten, und es beängſtigte ſie gar nicht, daß Caraffa mit ſeinen Truppen ganz Munkacs cernirt und eingeſchloſſen hatte, um ihr alle Zufuhr abzu⸗ ſchneiden. Wenn nur Tököly im Laufe von ſechs Monaten zu ihrem Entſatz herbeikam, ſo war Munkacs geret⸗ tet, denn auf ſechs Monate noch war die Feſtung reichlich verproviantirt, ſechs Monate konnte He⸗ 7 — — 213 lena noch den Widerſtand fortſetzen, der Hülfe ihres Gemahls entgegenharren. Sie alſo lehnte mit freudigem Muthe alle Anträge Caraffa's ab, ſie hörte nicht auf ſeine verlockenden Worte— aber Andere hörten darauf! Andere, welche nicht mehr an die Erfolge der Urnzufriedenen glaub⸗ ten, welche zitterten vor der blutigen Rache Caraffa's, und ſich ihm verſöhnen wollten, indem ſie ihm ihre Hülfe zur Unterwerfung von Munkacs antrugen. Der Feſtungshauptmann Radics und Helena's Sekretär Abſalon entwarfen gemeinſ chaftlich den Plan, Helena zur Uebergabe von Munkacs zu zwingen, und nachdem ſie von Caraffa, dem ſie auf heimlichen Wegen davon Nachricht gegeben, dafür die Zuſiche⸗ rung der Straflofigkeit und Belohnung erhalten, ſetz⸗ ten ſie ihren Plan ins Werk. Der Feſtungshauptmann Radiecs unternahm es, den Geiſt der Beſatzung zu demoraliſiren. Er unter⸗ grub ihre Hoffnungen, indem er ihnen heimlich zuflü⸗ ſterte von den neuen Niederlagen Tököly's, von den Siegen Caraffa's; er brach ihren Muth, indem er ihnen erzählte von den fürchterlichen Strafen, welche Caraffa über alle diejenigen verhängte, die er mit den Waffen in der Hand beſiegt habe, die ſich ihm nicht freiwillig hatten unterwerfen wollen. In kaum zwei 214 Monaten war es den Zuflüſterungen des treuloſen Pte Radics gelungen, den größten Theil der eſatzung moraliſch zu entwaffnen, und ihren Muth zu brechen! Der Sekretär Abſalon unternahm es, die materielle Widerſtandskraft der Feſtung zu brechen, und er hatte leider die Mittel in Händen, ſeine Abſicht auszuführen. Ihm, dem Helena glaubte unbedingt vertrauen zu dürfen, ihm lag es ob, allwöchentlich aus den Maga⸗ zinen die Lebensmittel ſowohl wie die Munition zu vertheilen. Er wußte einen großen Theil derſelben bei Seite zu ſchaffen und zu verbergen, er verſchlenderte den andern Theil mit ſolcher maßloſer Verſchwendung, daß er ſchon nach zwei Monaten alle Vorräthe gänzlich erſchöpft hatte. Die beiden Verräther ließen nun durch geheime Boten dem General Caraffa melden, daß Munkaes reif ſei zum Fallen, daß es Zeit ſei, der Fürſtin Helena neue Anträge zur Uebergabe zu machen, die ſie dies⸗ mal ſicherlich nicht mehr im Stande ſein würde zurück⸗ zuweiſen. Aber noch andere geheime Boten waren an dieſem Tage zu Caraffa gekommen. Dieſe Boten meldeten, daß Tököly ſchon wieder eine bedeutende Streitmacht zuſammengerafft habe, daß er mit derſelben ſchon bis 215 Großwardein vorgedrungen ſei, und im Sturmſchritt heraneile zum Entſatz von Munkacs. Alles kam jetzt darauf an, daß Helena nichts von dem Herannahen ihres Gemahls erfahre, daß Munkacs ſich übergeben habe, bevor Tököly zum Entſatze an⸗ gelangt ſei. Caraffa ließ daher alle Zugänge zu der Feſtung Tag und Nacht auf das Strengſte bewachen, damit keine Botſchaft von Tököly zu ſeiner Gemahlin gelange, und er ließ Helena die günſtigſten Friedens⸗ bedingungen ſtellen, um ſie zur Annahme bereit zu machen, und nicht durch längeres Unterhandeln und Zögern die Uebergabe ſo lange zu verziehen, bis Tö⸗ köly mit ſeinen Schaaren zum Entſatz herangezogen. Helena hatte bis zum letzten Moment mit ſtand⸗ haftem Muth gekämpft und gerungen, ſie hatte immer noch nicht glauben wollen an die fürchterliche Noth⸗ wendigkeit,— aber die bleichen Geſichter, das Jam⸗ mern und Stöhnen der Hungernden, die düſtern, ent⸗ muthigten Geſichter der Muthloſen mußten ſie endlich doch überzeugen, daß der Hunger und die Demorali⸗ ſation, dieſe beiden fürchterlichen, unwiderſtehlichen Feinde, in Munkaes eingezogen waren. Vergebens hoffte ſie drei lange, entſetzliche Tage noch auf Hülfe von Außen, auf das Herannahen Tököly's, vergebens ſtand ſie dieſe drei Tage an der 216 Seite ihres Sohnes auf dem höchſten Thurm der Feſtung, und ſchaute brennenden Auges, mit Todes⸗ angſt im Herzen, hinaus in die Ferne nach Hülfe und Rettung. Niemand kam ſie zu erlöſen, und was ſie da Außen erſchaute, waren nur die dichten Reihen der Belagerer, deren dunkle Maſſen wie ein ſchwarzer Trauergürtel die ganze Feſtung umſpannt hielten. Am dritten Tage, als der Abend dämmerte, als ſie den ganzen Tag betend, weinend, Todeskummer im Herzen, mit ihrem Franz auf dem Söller geſtan⸗ den und vergebens Gott und Tököly um Rettung an⸗ gerufen hatte, am dritten Tage endlich war ihre Kraft, ihre Hoffnung zu Ende, fühlte ſie, daß ihr nichts mehr übrig blieb, als ſich dem harten Geſchick zu fügen, ſich zu unterwerfen. Sie zog den Sohn in ihre Arme, und indem ſie einen glühenden Kuß auf ſeine Stirn drückte, fielen ii heißen Thränen wie Himmelsthau auf ſein Antlitz nieder. „Franz,“ ſagte ſie, feierlich den Arm gegen Him⸗ mel erhebend,„Franz, vor Gott ſchwöre ich dir, daß ich Alles gethan habe, um dir dein Erbe zu erhalten! Aber Gott hat es nicht gewollt; nicht mich, ſondern das Schickſal allein klage an. Wir müſſen unſer Haupt beugen, wir müſſen uns unterwerfen. Aber ſchwöre 217 mir, mein Sohn, ſchwöre mir bei Allem, was dir heilig iſt, daß du immer dieſer Stunde eingedenk blei⸗ ben, und daß du ſie einſt rächen willſt!“ Und der Knabe hob ſeine Hand empor zum Him⸗ mel, und ſein bleiches Angeſicht nahm einen kühnen, energiſchen Ausdruck an. „Ich ſchwöre,“ rief er mit lauter, machtvoller Stimme,„ſchwöre bei Allem was mir heilig iſt, daß ich immer dieſer Stunde eingedenk bleiben, und daß ich ſie einſt rächen will!“ Helena fuhr fort:„Schwöre mir, daß, wenn du einſt Munkaes erlöſt haſt aus den Händen deiner Feinde, du dann hier heraufgehen und hier auf dieſer ſelben Stelle rufen wirſt:„Meine Mutter, ich habe dich gerächt, Munkacs iſt frei!“ „Ich ſchwöre,“ rief der Knabe feierlich,„ſchwöre, daß ich einſt, wenn ich Munkaes aus den Händen mei⸗ ner Feinde befreit habe, hier heraufgehen und auf dieſer ſelben Stelle rufen will:„Meine Mutter, ich habe dich gerächt, Munkaes iſt frei!“ „Ich werde dann ſchon längſt geſtorben ſein,“ ſagte Helena ſanft und träumeriſch,„aber mein ſeliger Geiſt wird deine Stimme vernehmen, mein Sohn, und er wird dich ſegnen!“— Sie neigte ſich nieder zu ihm und drückte einen 218 Kuß auf ſeine Stirn, dann faltete ſie ihre Hände über ihrem Buſen, und das ſchöne, edle Antlitz zum Him⸗ mel emporhebend, betete ſie ein trauriges, ſtilles Ge⸗ bet ohne Klage und ohne Hoffnung, ein Gebet der Demuth und Unterwerfung. „Nun komm, mein Sohn,“ ſagte ſie dann lang⸗ ſam und leiſe,„nun laß uns hinabgehen, und unſer Todesurtheil unterzeichnen!“ Als ſie mit Franz in ihre Gemächer zurückgekehrt war, ließ ſie das verabredete Zeichen geben, welches dem General Caraffa verkünden ſollte, daß ſie ein⸗ willige mit ihm zu unterhandeln und ſeine Kapitu⸗ lationsbedingungen einzugehen. Es waren ſehr ehrenvolle, ſehr günſtige Bedin⸗ gungen, welche Caraffa geſtellt. Dieſe Bedingungen ſicherten der Fürſtin zuerſt ihre volle perſönliche Frei⸗ heit zu. Alsdann ſtellten ſie feſt: daß die Fürſtin all' ihr bewegliches Vermögen und Gut, welches ſich in der Feſtung befände, ungehindert fortſchaffen könne; daß ferner ſie und ihre Kinder alle ihre ihnen geſetz⸗ mäßig zuſtehenden Güter und Rechte ungeſtört genie⸗ ßen ſollten. Dagegen verpflichtete ſich Helena nur, dem königlichen Kommandanten alles Vermögen, das entweder ihrem Manne, dem Grafen Tököly, oder deſſen Anhängern gehöre, auszuliefern, und außerdem 219 ihre Kinder, dem Wunſche ihres verſtorbenen Vaters Franz Räkéczy des Erſten gemäß, der Vormund⸗ ſchaft des Kaiſers Leopold zu übergeben. Wie geſagt, es waren ſehr ehrenvolle, ſehr gün⸗ ſtige Bedingungen, welche man der muthvollen Ver⸗ theidigerin von Munkaes bewilligt hatte, aber als Helena Zrinyi ſie unterzeichnet hatte, war ihre Kraft gebrochen, und mit einem lauten Schmerzensſchrei ſank ſie ohnmächtig zuſammen. Am fünfzehnten Januar 1688 ward die Feſtung Munkacs dem General Caraffa übergeben. Aber von den Schätzen, die man dort zu finden gehofft, war keine Spur vorhanden. Die Ausrüſtung der Feſtung, die lange Belagerung hatten alle Mittel Helena's erſchöpft, und ſie beſaß nicht einmal mehr Pferde und Equipagen, um damit von Munkacs abzu⸗ reiſen, nicht einmal ſo viel Geld, um ſich eine Equi⸗ page zu kaufen, und die Reiſekoſten ſelber zu beſtreiten. Auch von Tököly und ſeinen Anhängern waren keine Schätze vorhanden, nur die Ehrenzeichen, Ehren⸗ kleider, welche ihm der Sultan gegeben, fand man noch vor, und dieſe brachte man nach Wien, wie man auch ſeine Gemahlin und deren Kinder dahin brachte. Aber der Kaiſer Leopold mußte zu dieſer Reiſe erſt die Equipagen anſchaffen, die Reiſekoſten entrichten 220 Am ſechzehnten Januar 1688 verließ Helena Zrinyi mit ihren Kindern Juliana und Franz Rä⸗ köczy die gefallene Feſtung Munkacs, und wie eine beſiegte Königin im Triumphzug ihres Beſiegers fuhr ſie dahin, den Weg nach Wien. Dem Kaiſer Leopold wollte ſie das Erbe ihres Gemahls überbringen, den jungen Franz Räköczy den Zweiten! Dann, wenn ſie dieſe letzte Pflicht der Mutter er⸗ füllt, den Sohn und die Tochter dem kaiſerlichen Vor⸗ munde übergeben hatte, dann wollte ſie hineilen zu ihrem Gemahl, zu Emmerich Tököly, um die Leiden, die Gefahren und Enttäuſchungen ſeines ſturmbeweg⸗ ten Lebens mit ihm zu theilen. Das waren die Pläne, mit denen Helena Zrinyi Munkacs verließ und Franz Räköczy II. nach Wien geleitete! Aber über den Plänen der Menſchen waltet das Schickſal, und ihr Wünſchen und Hoffen zerreißt es gar oft mit grauſamer Hand! Ende des erſten Bandes. — 5 4