F — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ — pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gelichenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſe den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. . 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriffene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird eſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Napoleon in Deutſchland. Von cL. Mühlbach. Vierte und letzte Abtheilung: Die Wiener Conferenzen. Vierter Band. Zweite Auflage. —₰ Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. Die Wiener Conferenzen. Von cL. Mühlbach. Vierter Band. Zweite Auflage. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. Siebentes Buch. Die Schlacht bei Belle-Alliancr. . Die Hiobspoſt. Ganz Paris war heute in Bewegung, und ſchon beim Beginn des Tages ſah man die Bevölkerung ſchaarenweiſe durch die Straßen dahin ſtrömen, Alle dem Einen Ziele zu, Alle in eilfertiger, neugieriger Haſt dem Marsfelde ſich zuwendend, denn auf dem Marsfelde ſollte heute ein neues großartiges Feſt ſich begeben; ſchon von Lyon aus hatte der Kaiſer dem franzöſiſchen Volk verheißen, daß er, wie in den Tagen des alten Roms ein Maifeld berufen wolle, auf welchem das Volk über die Zukunft Frankreichs entſcheiden ſolle. Heute am erſten Juni ſollte endlich dieſes„Maifeld“ abgehalten werden, heute ſollte das Volk ſeinen heimgekehrten Kaiſer auf dem Märzfelde begrüßen, auf dieſem weiten, ungeheuren Platz, den die Föderirten vom Jahr 1790 geſchaffen hatten, und auf dem vor fünf und zwanzig Jahren zur Erinnerung an den erſten Jahrestag der Er⸗ ſtürmung der Baſtille das große Föderationsfeſt ſtattgefunden hatte. Auch heute ſollten auf dieſem Platz die Föderirten erſcheinen, die Föderirten, welche auf den Ruf des Kaiſers ſich aus dem Pariſer Volk hervorgehoben hatten, welche bereit waren, mit den ihnen verliehenen Waffen das Vaterland und deſſen Freiheit und Unabhängigkeit zu ver⸗ theidigen. Auch heute ſollte auf dem Märzfeld ein glänzendes Feſt ge⸗ feiert werden. Was für ein Feſt? Das war die große Frage, welche alle Gemüther beſchäftigte, und welche Jeder ſich ſeinen Wünſchen, ſeinen Hoffnungen gemäß beantwortete. 560 Denn dieſe vielen Tauſende, die da rings um den Platz von der Frühe des Morgens an die Raſenſtufen, welche die Republikaner von 1790 zu Sitzen für das Volk aufgeworfen hatten, einnahmen, dieſe vielen Tauſende waren gekommen, um auf dem vom Kaiſer berufenen Maifelde des erſten Juni den Schleier ſich lüften zu ſehen, welcher ihnen die Zukunft Frankreichs umhüllte; ſie waren gekommen, nicht im Freudenjubel über vollbrachte Thaten, ſondern in neugieriger Un⸗ geduld, endlich eine Thatſache zu erfahren, endlich zu wiſſen, was der Kaiſer beabſichtige, warum er das Maifeld berufen, was er dem fran⸗ zöſiſchen Volk zu ſagen habe? Und Jeder wie geſagt, beantwortete ſich dieſe Frage nach ſeinen eigenen Wünſchen und Geſinnungen. Dort drüben, unweit der Militairſchule ſtand auf den Raſenſtufen eine Schaar ernſter und düſterer Geſtalten, gebräunte Geſichter, von ergrauetem Haar umwallt, die gerunzelte Stirn gezeichnet von dem Alter und den Erfahrungen, welche über ihren verwitterten Häuptern dahin gezogen. Das waren die Republikaner, welche vor fünf und zwanzig Jahren als begeiſterte Jünglinge das Märzfeld hatten begründen helfen, welche das Kaiſerreich in der Stille verwünſcht, und den heimkehrenden Kaiſer nur deshalb freudig willkommen geheißen hatten, weil ſie von ihm er⸗ warteten, daß er jetzt nur ein Werkzeug in ihren Händen ſei, daß Er, durch den der Thron der Lilien zum zweiten Male geſtürzt worden, jetzt nur da her komme, als der Herold der Republik, welche zwölf Jahr auf dem Märzfelde geſchlafen, und die Napoleon jetzt wieder mit ſeiner Imperatorſtimme zur Auferſtehung erwecken wolle. Er wird dies Maifeld nur berufen haben, um dem Volk zu ver⸗ künden, daß er ſeine Krone niederlegt zu Gunſten der Republik, ſagten einige dieſer Männer untereinander. Aber wenn er das thut, werden wir uns wohl hüten, ihn wieder zum erſten Conſul zu erwählen, murmelten Andere. Wir haben ge⸗ ſehen, was aus der Republik unter ſeinen Händen geworden iſt. Wir werden ihn ſchwören laſſen, niemals wieder ein öffentliches Amt bekleiden zu wollen, flüſterten Andere. Gott hat ihn geſandt, um 561 den letzten franzöſiſchen Thron zu ſtürzen, und er darf nicht denken, daß er dem freien Frankreich einen neuen Thron auf den Nacken ſetzen darf. Tod allen Tyrannen und Verräthern! Aber auch andere Stimmen wurden laut in dieſer unermeßlichen Menge, die ſich auf den Raſenſtufen, und auf dem weiten Platz hinter denſelben bewegte, und die mit jeder Minute höher anſchwoll, zu immer dichterer Maſſe ſich zuſammendrängte. Wißt Ihr, weshalb der Kaiſer das Maifeld berufen hat? fragte hier eine ernſte männliche Stimme. Er will dem Volk beweiſen, daß er kein Uſurpator iſt, und daß er die Hand nicht mehr ausſtreckt nach einer Krone, die ihm nicht mehr gehört. Es iſt wahr, ſagte ein Anderer, er iſt nicht mehr Kaiſer, er hat in Fontainebleau im vorigen Jahr der Krone entſagt und ſeinen Sohn zum Kaiſer ernannt und erklärt. Ja, rief ein Dritter, Frankreich hat damals ſeine Abdankung an⸗ genommen und den König von Rom als Napoleon den Zweiten an⸗ erkannt. Napoleon hat alſo gar kein Recht mehr, ſich unſern Kaiſer zu nennen. Er hat das Recht der Bajonette, ſagte ein Vierter, aber er will heute hier auf dem Maifelde dieſem Recht freiwillig entſagen, ſeinen Sohn zum Kaiſer von Frankreich ausrufen und das Volk fragen, ob es den Kaiſer Napoleon den Zweiten anerkennen will. Aber ſein Sohn iſt ja nicht hier, rief ein Anderer. Der kleine König von Rom iſt ja noch immer Gefangener in Oeſterreich und ſein Großvater will ihn nicht heraus geben. So werden wir ſo lange, bis wir ihn gezwungen haben, ihn uns herauszugeben, einen Regentſchaftsrath haben, ſagte ein Anderer. Da ſind ja noch alle Mitglieder des damaligen Regentſchaftsraths verſammelt. Nur die Regentin von damals fehlt. Aber ſtatt deſſen nehmen wir Fouché als Präſidenten des Regentſchaftsrathes. Ja, das iſt wahr, riefen hier und dort laute Stimmen aus der Menge hervor. Fouchs iſt am beſten dazu geeignet, Präſident des Regentſchaftsrathes zu werden. Er iſt ein gar kluger und ſchlauer Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 36 562 Mann und verſteht das Steuerruder des Staates mit geſchickter Hand durch alle Stürme hindurch zu lenken. Und dieſer Ruf wiederholte ſich auf den verſchiedenſten Punkten in der wogenden Volksmenge; überall ſah man einzelne Männer ſich mit breiten Schultern und ſchlauem Lächeln durch das Gedränge Bahn machen, und den ſchweigenden, ſtaunenden Maſſen flüſterten ſie zu: wenn der Kaiſer kommt, ſo ruft: es lebe Napoleon der Zweite! Es lebe der Regentſchaftsrath! Doch auch andere Zuflüſterungen ertönten hier und da in der Menge, wehten wie leiſes Windesſäuſeln über den Häuptern dieſer Tauſende dahin. Wenn der Kaiſer kommt, ſagten ſie, ſo ruft: es lebe unſer König Ludwig]! Es leben die Bourbonen! Aber das Volk, welches zu den Stimmen, die ihm den Regent⸗ ſchaftsrath und den Präſidenten Fouché empfohlen, nur geſchwiegen, das Volk antwortete auf dieſe bourboniſchen Zuflüſterungen mit einem verächtlichen Lächeln und einem abwehrenden Kopfſchütteln, und wie Wogenbrauſen rauſchte es über den weiten Platz dahin: wir wollen teine Bourbonen, keinen König Ludwig den Achtzehnten mehr! So wählt Napoleon zu Eurem Oberhaupt, rauſchte eine andere Volkswelle. Wählt Napoleon. Er hat das Maifeld berufen, um feier⸗ lich vor Gott und dem Volk die Krone niederzulegen, und dem ſouve⸗ rainen Volk anheim zu geben, ob es ihn oder einen Würdigern zu ſeinem Oberhaupt, zu ſeinem Kaiſer erwählen wolle. Ja, Napoleon will beweiſen, daß er ein Mann der Ehre und Gerechtigkeit iſt, riefen Andere, er will ſeine Krone zurückgeben an das Volk. Möge das Volk ſich ſeinen Herrſcher wählen, denn das Volk allein hat das Recht dazu. Aber auch zu dieſen Stimmen ſchwieg das Volk und ſchaute nur mit ſtaunenden Blicken hin auf den Platz und die Feſtesveranſtaltungen, welche man auf demſelben gemacht. In der Mitte des Platzes erhob ſich eine hohe Pyramide, auf deren oberſter Plattform man den goldfunkelnden, von einem Baldachin be⸗ deckten Thronſeſſel des Kaiſers gewahrte. Dieſe Plattform, die in 1 563 gleicher Linie mit den Fenſtern der oberſten Etage der Militairſchule lag und bis zu dieſer hin ſich erſtreckte, hatte ihren Eingang eben aus dieſer oberſten Etage der Militairſchule. Zu beiden Seiten des hohen Thrones der Plattform ſtiegen in weiten Linien die Tribünen hernieder, auf welchen die von der Nation gewählten Kammermitglieder, die Miniſter, die Würdenträger und Beamten des Staats ihre Plätze hatten. Eine kleinere Tribüne nahe dem Thron war beſtimmt für die Prinzeſſinnen und die Damen des kaiſerlichen Hofes. Dem Thron gegenüber erhob ſich ein hoher Altar, um den die Prieſter in vollem Ornat ſich ſchaarten, nur noch den Erzbiſchof von Paris und die an⸗ dern Biſchöfe erwartend, die mit dem Kaiſer daher kommen ſollten. Hinter dieſem Altar, die halbrunden Bogen bis zu beiden Seiten der Tribünen ſich hinziehend, gegenüber der Militairſchule, ſtanden funfzigtauſend Soldaten in glänzendem Waffenſchmucke mit flatternden Fahnen, mit einem Wald von blitzenden Bajonetten, und einer tauſend⸗ fachen Schaar der dreifarbigen kaiſerlichen Adler. Eben ſchlug es vom Invaliden-Dome elf Uhr; jetzt begannen die Kanonen des Invalidenhauſes ihre donnernde Stimme zu erhe⸗ ben, die Kanonen des Forts Vincennes und des Montmartre gaben ihre ſchallende Antwort und verkündeten der Stadt Paris und dem Volk, daß der Kaiſer jetzt mit ſeinem Gefolge die Tuilerien verlaſſen habe und ſich dem Märzfelde nähere. Eine tiefe Stille trat jetzt ein, alles Geräuſch verſtummte, alle Geſpräche wurden abgebrochen, und dieſe aus mehr als zwanzigtauſend Menſchen beſtehende Menge richtete ihre blitzenden, neugierigen Augen nach der Kriegsſchule hin, aus deren Balconfenſtern ſich der Kaiſerzug nahen ſollte. Jetzt ward es lebendig da droben, jetzt ſah man eine buntſchillernde Maſſe daher wogen, und über die Tribünen ſich ergießen. Dieſe Maſſe, das waren die Mitglieder der Kammern, die Volksvertreter und Wähler. Sie nahmen ihre Plätze ein, und ſchaueten gleich den Andern empor zu der Eſtrade. Wieder bevölkerte ſich dieſe jetzt, und in ihren glänzenden Uni⸗ formen mit blitzenden Ordensſternen geſchmückt kamen die Generäle ——— —— 564 und Marſchälle des Kaiſerreichs daher, ihre Plätze einnehmend auf den Stufen der Pyramide auf der Vorderſeite des Thrones. Nun folgten, unter Vorantritt ihrer Hofbeamten und Damen, die Prinzeſſinnen des Kaiſerhauſes. Nur zwei von ihnen waren indeß in Paris anweſend, die Andern irrten geächtet und verfolgt in der Fremde umher und ihnen hatte es nicht gelingen wollen, die Grenzen Frankreichs zu erreichen. Nur Lätitia, die Madame Mutter, war da, und Hortenſe, die Königin von Holland. Sie nahmen auf der kleinen Tribüne hinter dem Thronſeſſel Platz; ſie waren in glänzender Toilette, das Haupt geſchmückt mit diamantenfunkelnden Juwelen, aber ihre Angeſichter waren trübe und mit bangen, angſtvollen Blicken ſchauten ſie hin auf dieſes glänzende Gewoge des Volks und der Soldaten. Kein Lächeln umſpielte wie ſonſt die Lippen der Königin Hortenſe, und ihre großen blauen Augen hatten Mühe, die Thränen zurückzuhalten, die wider ihren Willen aus ihrem Herzen in dieſelben empor ſtiegen. Kein Strahl des Glückes leuchtete aus dem edlen Antlitz der Ma⸗ dame Lätitia, feſt aufeinander gepreßt waren ihre Lippen, und ihre düſtern, ſpähenden Blicke ſchweiften weit über die Menge nach dem fernen Horizont hin, als lauſchten ſie auf den Donner des heran⸗ ziehenden Gewitters, das dieſen neu aufgerichteten Thron ihres Sohnes in Staub und Aſche verwandeln ſolle. Von der Eſtrade ringelte ſich immer weiter die goldglitzernde, ſternfunkelnde Schlange des Kaiſerzuges hernieder. Jetzt war die hohe Geiſtlichkeit gekommen und hatte den unter dem goldgeſtickten Baldachin von ſeinen Prieſtern und den die Weihkeſſel ſchwenkenden Chorknaben geleiteten Erzbiſchof zu dem Altar geführt. Nun kamen die Hofbeamten des Kaiſers, dann die kaiſerlichen Pagen, und jetzt erſchien eine in Purpurſammet und Gold gekleidete Geſtalt auf der Eſtrade, jetzt blitzte da oben hoch über den Häuptern des Volks eine goldene Krone, ein goldener Scepter. Dieſe wunderbare Geſtalt trat vorwärts, ſie ſchritt vor bis zu dem Thronſeſſel, drei andere Geſtalten in weißen goldgeſtickten Gewän⸗ dern folgten ihr. Die Kanonen donnerten, die Glocken von allen Thürmen jauchzten mit ihren ehernen Stimmen, aber das Volk— das Volk blieb ſtumm. Es ſchaute ſtaunend empor zu dem Thron, es fragte verwundert unter einander: iſt das der Kaiſer? Iſt dieſer Mann in dem Theaterputz, dieſer Mann in dem mit goldenen Bienen geſtickten Mantel von Purpurſammet, iſt das Napoleon? Das der Feldherr, der uns er⸗ retten ſoll von den Feinden, die von allen Seiten gegen Frankreich heranziehen? Was ſoll's mit dieſem Kaiſermantel und der goldenen Lorbeerkrone? Warum zeigt er ſich uns nicht in ſeiner Uniform, mit dem Degen in der Hand, dem kleinen dreieckigen Hut über der Stirn? Und weil man alſo fragte, und ſich verwunderte, und weil man ſtaunte und neugierig aufſchaute zu der geputzten goldflimmernden Ge⸗ ſtalt, blieb jeder ſtumm vor Verwunderung, Staunen und Neugierde. Niemand dachte daran, den Kaiſer zu begrüßen, und doch erkannte man ihn jetzt, doch ſah man ſein bleiches Antlitz von eherner Majeſtät, und ſeine großen, unergründlichen Augen, die nichts zu ſchauen und den Blick nach Innen gewandt zu haben ſchienen auf die geheimnißvollen Gedanken ſeiner eigenen Bruſt. Stille, ungeheure beängſtigende Stille ringsum auf dem weiten Platz. Der Kaiſer in ſeinem glänzenden Mantel ſteht vor ſeinem Thron, die erhobene Rechte gelehnt an die goldene, mit dem Kaiſer⸗ adler gekrönte Standarte. Ihm zur Seite ſeine drei Brüder Jerome, Joſeph und Lucian, alle drei in Tuniken und Mänteln von weißem Sammet, mit goldenen Bienen geſtickt. Jetzt erhebt der Erzbiſchof vor dem Hochaltar da drüben ſeine Stimme, jetzt ſchmettern die Poſaunen und Pauken und das Hochamt beginnt. Nun, bei der Erhebung der heiligen Monſtranz, kommt zuerſt Leben und Bewegung in die athemloſe, ſtaunende Menge, und alle dieſe Bürger, Soldaten, Officiere, Magiſtratsperſonen, Generäle, Marſchälle und Fürſten, Alles beugt ſeine Kniee nieder in den Staub. und erfleht in leiſem, inbrünſtigem Gebet den Segen des Himmels für Frankreich. Selbſt der Kaiſer, ſonſt ſo gleichgültig und unbeweg⸗ lich bei ſolchen Ceremonien, ſelbſt Er ſcheint bewegt, und tiefer wie 566 » ſonſt beugt er ſein Haupt vor dem Weſen da droben, dem Einzigen, das größer iſt als Er! Jetzt wieder, nachdem das Hochamt beendet, jetzt donnerten die Kanonen, begannen die Glocken ihr weithin ſchallendes Geläut, und dem Throne nahete ſich jetzt eine Deputation von fünfhundert Wählern aus allen Departements, welche kamen im Namen Frankreichs den Kaiſer zu begrüßen, und das Ergebniß der Wahlen und die Abſtim— mung über die conſtitutionelle Zuſatzacte zu geben, welche der Kaiſer der von Ludwig dem Achtzehnten gegebenen Charte hinzugefügt hatte. Dieſe Deputation der Fünfhundert erklärte im Namen Frankreichs die Zuſatzacte, welche der Nation alle die Freiheiten gegeben, die ihr noch fehlten, für angenommen, denn mehr als anderthalb Millionen Stimmen hatten für dieſelbe entſchieden und nur viertauſend gegen dieſelbe. Frankreich, dieſes von mehr denn acht und zwanzig Millionen Menſchen bewohnte Frankreich hatte alſo mit noch nicht zwei Millionen Stimmen geſprochen,— ſechs und zwanzig Millionen hatten geſchwiegen. Aber dieſe Stimmen, welche geſprochen, ſie hatten doch jetzt über das Schickſal Frankreichs entſchieden, ſie hatten geſagt, daß Frankreich die Zuſatzacte annähme, welche ihm der Kaiſer geboten, daß es Napo⸗ leon danke für dieſen neuen Beweis ſeiner Liebe und Großmuth. Jetzt erhob ſich Napoleon von ſeinem Thron, und ſich den Wäh⸗ lern zuwendend grüßte er ſie mit einem leiſen Neigen des Hauptes und einem flammenden Blick, der wie ein Blitz durch die Reihen der Männer dahin fuhr. Athemlos lauſchend hatte Jeder ſein Haupt vorwärts geneigt, mehr denn zwanzigtauſend Menſchen ſchauten empor zu dem Kaiſer, horchten in geſpannter Aufmerkſamkeit auf dieſe volle, gewaltige Stimme, die jetzt machtvoll wie das Brauſen des Sturmwindes über ihren Häuptern dahin rollte, auf dieſe Stimme, deren metallnen Orgel⸗ klang man faſt ein Jahr lang nicht gehört hatte, von der man in zweifelndem Bangen nicht wußte, ob man ſie heute zum letzten Male hören würde. „Ihr Herren Wähler der Collegien, der Departements und der — 567 Arrondiſſements,“ ſprach der Kaiſer,„Ihr Herren Deputirte der Armeen zu Lande und zu Waſſer, ich grüße Euch auf dem Maifelde.“ „Kaiſer, Conſul, Soldat, Alles was ich bin, bin ich durch das Volk. Im Glück, im Mißgeſchick, auf dem Schlachtfeld, im Rath, auf dem Thron, im Exil, immer iſt Frankreich der einzige und ausſchließ⸗ liche Gegenſtand meiner Gedanken und meiner Thaten geweſen.“ „Gleich jenem König von Athen habe ich mich für mein Volk ge⸗ opfert in der Hoffnung, dadurch mein gegebenes Verſprechen, Frankreich ſeine natürliche Unantaſtbarkeit, ſeine Ehren und ſeine Rechte zu er— halten, ſich verwirklichen zu ſehen.“ „Der tiefe Unmuth, dieſe geheiligten, durch fünf und zwanzig Jahre der Siege erworbenen Rechte verkannt und auf immer verloren zu ſehen, der Schrei der entweiheten Ehre Frankreichs, die Wünſche der Nation haben mich zurückgeführt auf dieſen Thron, der mir theuer iſt, weil er das Palladium iſt der Unabhängigkeit, der Ehre und der Rechte des Volkes.“ „Franzoſen, indem ich inmitten des allgemeinen Jauchzens die verſchiedenen Provinzen des Reichs durchſchritt, um in meine Haupt⸗ ſtadt zu gelangen, habe ich wohl auf einen langen Frieden hoffen dürfen, die Nationen ſind unter einander verbunden durch die Tractate, welche ihre Regierungen, wer ſie auch ſein mögen, geſchloſſen haben.“ „Meine Gedanken wandten ſich alſo ausſchließlich den Mitteln zu, welche unſere Freiheit durch eine dem Willen und den Intereſſen des Volkes gemäße Conſtitution begründen ſollten. Ich habe das Maifeld berufen.“ „Ich mußte dennoch gar bald erfahren, daß die Fürſten, welche alle Principien verkennen, die Meinung und die theuerſten Intereſſen ſo vieler Völker mit Füßen treten, uns den Krieg bringen wollen. Sie beabſichtigen ein Königreich der Niederlande zu ſchaffen, dieſem alle unſere feſten Plätze des Nordens als Grenze zu geben und die Diffe⸗ renzen, die ſie noch trennen, dadurch zu verſöhnen, daß ſie ſich Lothringen und den Elſaß theilen.“ „Wir haben uns auf den Krieg vorbereiten müſſen.“ „Indeß, bevor ich perſönlich den Wechſelfällen der Kämpfe ent⸗ 568 gegeneile, hat es meine erſte Sorge ſein müſſen, vor allen Dingen und ohne Zögern mit der Nation mich zu berathen. Das Volk hat die Acte angenommen, die ich ihm dargeboten.“ „Franzoſen, wenn wir dieſe ungerechten Angreifer zurückgedrängt und Europa zur Erkenntniß gebracht haben über das, was es den Rechten und der Unabhängigkeit von acht und zwanzig Millionen Fran⸗ zoſen ſchuldig iſt, wird ein feierliches Geſetz, das in den von dem con— ſtitutionellen Acte vorgeſchriebenen Formen gemacht iſt, die verſchiedenen, jetzt noch verwirrten Dispoſitionen unſerer Conſtitution regeln.“ „Franzoſen, Ihr werdet jetzt in Eure Departements zurückkehren! Sagt den Bürgern, daß die Umſtände groß ſind! Daß mit Einigkeit, Thatkraft und Vorſicht wir indeß ſiegreich aus dieſem Kampf eines großen Volkes gegen ſeine Bedrücker hervorgehen werden; daß die kommenden Geſchlechter unſer Benehmen ſtrenge richten werden; daß eine Nation Alles verloren, wenn ſie ihre Unabhängigkeit verloren hat.“ „Sagt ihnen, daß die fremden Könige, die ich entweder auf ihre Throne erhoben habe, oder die mir doch die Erhaltung ihrer Krone danken, die alle in den Tagen meines Glückes meine Allianz und die Protection des franzöſiſchen Volkes erfleht haben, daß Alle dieſe heute ihre Schläge gegen meine Perſon richten.“ „Wenn ich nicht ſähe, daß es das Vaterland iſt, welches ſie be⸗ drohen, ſo würde ich bereitwillig dieſe meine Exiſtenz, gegen welche ſie ſich ſo empört zeigen, zu ihrer Verfügung ſtellen.“ „Aber ſagt auch den Bürgern, daß ſo lange die Franzoſen mir die Gefühle ihrer Liebe erhalten werden, von der ſie mir ſo viele Be⸗ weiſe gegeben, dieſe Wuth unſerer Feinde ohnmächtig ſein wird.“ „Franzoſen, mein Wille iſt der des Volkes: meine Rechte ſind die ſeinen; meine Ehre, mein Ruhm, mein Glück können keine andern ſein als die Ehre, der Ruhm und das Glück Frankreichs.“*) Als Napoleon ſeine Rede beendet, herrſchte wieder tiefes feierliches Schweigen,— ſeine Stimme, ſeine energiſche und großartige Anſprache *) Wortgetrene Ueberſetzung dieſer letzten Rede Napoleons an das fran⸗ zöſiſche Volk. Siehe den franzöſiſchen Tert: Fleury III. S. 102. ————— 4 569 ſchien kein Echo gefunden zu haben in den Herzen ſeiner Hörer. Aller Blicke waren dem Kaiſer zugewandt, aber die Herzen Aller ſchienen wie ihre Lippen zu ſchweigen. „ Eine Wolke flog über des Kaiſers Stirn hin und ſein ehernes Antlitz belebte ſich zu einem ſchmerzlich düſtern Ausdruck. Er ſchritt raſch die Stufen hinunter zu dem Altar hin, und die Hand auf das von dem Cardinal⸗Erzbiſchof ihm dargereichte Evangelium legend, be⸗ ſchwor er mit lauter Stimme, die Verfaſſung des Reichs heilig zu halten. Dann, nachdem Herolde im Namen des franzöſiſchen Volks die Annahme der Verfaſſung proklamirt hatten, dann trat der Kaiſer von dem Altar zurück, und auf der unterſten Stufe der zu dem Throne hinaufführenden Pyramide ſtehen bleibend, warf er mit einer raſchen Bewegung den glänzenden Kaiſermantel von ſeinen Schultern. Nun ſtand er wieder da vor ſeinem Volk, vor ſeinen Kriegern als der Feldherr, als der Soldat, nun war er wieder Napoleon, der ange⸗ betete Kaiſer ſeines Heeres. Die Soldaten, die geliebte Uniform gewahrend, brachen in lauten weitſchallenden Jubel aus, und das Volk, hingeriſſen von dieſer Be⸗ geiſterung ſeiner kriegeriſchen Brüder und Söhne, ſtimmte ein in dieſen Jubel. Wie ein Donner, immer ſich wieder erneuernd, immer neu an⸗ ſchwellend, hallte es über das weite Märzfeld dahin: vive l'Empereur! Und die Poſaunen und Pauken ſchmetterten ihre Jubeltöne dazwiſchen, die Glocken läuteten, die Kanonen krachten wieder, und unter dieſem Geſchrei, dieſem Rufen und Klingen zogen die Regimenter an dem Kaiſer vorüber, um aus ſeinen Händen die von dem Cardinal ge⸗ weiheten Adler und Fahnen zu empfangen. Und bei jeder Fahne, welche der Kaiſer den Officieren darreichte, erneuerte ſich der begeiſterte Zuruf der Soldaten, und ward jedes Mal von dem Beifalljauchzen des Volkes wiederholt. Die Fahnen waren ausgetheilt, der Kaiſer ließ ſich den Mantel wieder über die Schultern hängen, und ſchritt langſam die Stufen der Eſtrade wieder hinauf. Die Ceremonie war beendet, das Jubelgeſchrei war verſtummt, nur die Glocken und die Kanonen hallten noch immer. Die Menge 570 wogte in lebhafteren, wilderen Strömungen auf und ab, und dachte nur daran, ſo raſch als möglich die Stätte der Feierlichkeit zu verlaſſen. Droben vor ſeinem Thronſeſſel ſtand der Kaiſer. Sein Antlitz war bleich, ruhig, unbewegt wie immer; ſeine langen, flammenden Blicke warf er hinunter auf die Volksmenge, dann hob er das Auge empor, und ließ es langſam an dem Horizont dahingleiten mit einem wunderbaren, innigen, ſchmerzlichen Ausdruck. Nun wandte er ſich um, und ſchritt über die Eſtrade dahin wieder in die Militairſchule hinein. Die Ceremonie war zu Ende,— zum letzten Mal hatte der Kaiſer ſein Land und ſein Reich überſchaut! lI. Die Rammern. Die Kammern, welche der Kaiſer zwei Tage nach dem Maifelde eröffnet hatte, die Kammern hielten heute ihre erſte Sitzung, und zwei Dinge waren es, mit denen ſie ſich zu beſchäftigen hatten. Sie hatten ſich einen Präſidenten zu wählen, und dann feierlich den Eid der Treue für den Kaiſer und die Verfaſſung abzulegen. Der Kaiſer, die Nachrichten über dieſe erſte Sitzung der Kammern erwartend, ging mit lebhafter Ungeduld in ſeinem Cabinet auf und ab. Niemand war bei ihm als Benjamin Conſtant, der große Genfer Rechtsgelehrte, dem der Kaiſer bei ſeiner Heimkehr den ehrenvollen Auftrag gegeben, die Zuſatzacte zu der conſtitutionellen Charte zu ent⸗ werfen, welche er dem franzöſiſchen Volke als einen Beweis ſeiner veränderten liberalen Geſinnung verleihen wollte. Napoleon hatte Conſtant heute zu ſich beſchieden, um von ihm über die Stimmung der Deputirten und der Stadt Paris Nachrichten zu erhalten. Dieſe Nachrichten ſchienen indeß das Herz des Kaiſers wenig „ ——— 571 erfreut zu haben, denn ſein Antlitz war düſter und ſeine Augen blitzten in finſterm Zorn. Sie glauben alſo nicht, daß die Kammern meinen Bruder Lucian zu ihrem Präſidenten wählen werden? fragte der Kaiſer nach einer Pauſe. Ich fürchte, Sire, daß ſie es nicht thun werden, ſagte Benjamin Conſtant achſelzuckend. Der Kaiſer ſtampfte in heſtigem Zorn mit dem Fuß auf. Und warum nicht? rief er. Warum wollen ſie, da ich ihnen meinen Wunſch habe zu erkennen geben laſſen, warum wollen ſie ihn nicht wählen? Was haben ſie Lucian vorzuwerfen? Iſt er nicht ein edler, unabhän⸗ giger Mann? Iſt er nicht der Einzige von meinen Brüdern, der in den Tagen des Glücks die Kronen, die ich ihm darbot, verſchmähete und die Größe verachtete, weil er ſie nicht annehmen wollte aus den Händen ſeines Bruders, den er in ſeinem liberalen Eigenſinn einen Tyrannen nannte. Hat man ſich nicht daran erinnert, daß Lucian, ſo lange ich glücklich war, ſtets in Oppoſition mit mir geweſen, und erſt jetzt, da er mich bedroht und in Gefahr ſieht, zu mir zurückgekommen iſt? Sire, man hat ſich noch mehr daran erinnert, daß Prinz Luciau Ew. Majeſtät damals bei dem Staatsſtreich vom achtzehnten Brumaire hülfreiche Hand geleiſtet. Das heißt, rief Napoleon ungeſtüm, dieſe Herren ſind noch immer verkappte Republikaner, und ſie möchten mich bei Seite ſchieben, um ihre utopiſchen Träume zu verwirklichen, die Republik wieverherzuſtellen und die Guillotine für mich und die Ariſtokraten wieder aufzurichten? Nein, Sire, ich glaube nicht, daß ſie ſo weit gehen möchten, aber — da Ew. Majeſtät mir befohlen, die Wahrheit zu ſagen, ich glaube, daß ſie Ihren Geſinnungen mißtrauen, und nicht an die aufrichtigen conſtitutionellen Abſichten Ew. Majeſtät glauben. Ja, ſagte Napoleon achſelzuckend, darin haben ſie vollkommen Recht. Es iſt nicht aus innerer Neigung und Ueberzeugung geſchehen, daß ich mich den conſtitutionellen Ideen zugewandt habe. Ich will Ihnen die Wahrheit ſagen, ich habe meine Ueberzeugungen noch nicht geändert, und ich glaube nicht an die liberalen Ideen. Aber ich habe 572 überlegt, welches die Wünſche Frankreichs ſind, und was ich der Na⸗ tion als Zeichen meiner Liebe opfern müßte. Die Nation hat ſich zwölf Jahre von allen politiſchen Bewegungen ausgeruht, und ſeit einem Jahr ruht ſie ſich auch rom Krieg aus. Dieſe doppelte Ruhe hat ihr das Bedürfniß der Bewegung gegeben. Sie will oder glaubt eine Tribüne und Verſammlungen haben zu wollen: ſie hat ſie nicht immer gewollt. Sie hat ſich mir zu Füßen geworfen, als ich zur Herrſchaft gelangte. Sie müſſen das wiſſen, Sie, der Sie damals verſuchten, Oppoſition zu machen. Aber wo war Ihre Unterſtützung, Ihre Stärke? Nirgends! Ich habe weniger Autorität beanſprucht, als man mich aufforderte zu beanſpruchen. Aber heute iſt Alles verändert: eine ſchwache, den nationalen Intereſſen abgewandte Regierung hat dieſen Intereſſen die Gewohnheit gegeben, ſich immer im Vertheidi⸗ gungszuſtand zu halten und die Autorität zu chicaniren. Der Geſchmack an Conſtitutionen, Reden, Debatten ſcheint wieder zu erwachen. Aber täuſchen Sie ſich nicht darüber, nur die Minorität iſt ſo geſonnen. Das Volk, oder wenn Sie lieber wollen, die Menge, will nur mich. Haben Sie ſie nicht geſehen, dieſe Menge, wie ſie ſich bei meiner Heimkehr überall mir entgegendrängte, von der Höhe der Gebirge ſich zu mir herniederſtürzte, mich rufend, mich ſuchend, mich grüßend? Bei meinem ganzen Zuge von Cannes hierher habe ich nicht erobert, ſon⸗ dern nur adminiſtrirt. Ich bin nicht blos, wie man mir geſagt hat, der Kaiſer der Soldaten, ich bin auch der Kaiſer der Bauern, der Plebejer Frankreichs. Trotz der Vergangenheit ſehen Sie das Volk zu mir zurückkehren, denn es iſt Sympathie zwiſchen uns.*) Wollen Sie das beſtreiten? Nein, Sire, wenn das Volk nur aus Soldaten, Bauern und Ple⸗ bejern beſtände, ſo würden Sie Recht haben zu ſagen, daß das ganze Volk für Sie iſt, denn dieſe Alle bewundern und lieben den Kaiſer, den Feldherrn, der ihnen und dem Vaterland ſo viel Ruhm und Ehre *) Dieſe ganze Rede enthält nur Napoleons eigene Worte. Siehe: Lettres sur les cent-jours, par Monsieur Benjamin Constant. 573 gebracht hat. Aber es waren noch andere Elemente auf dem Maifeld vertreten. Ja, es iſt wahr, ſagte der Kaiſer düſter, es waren noch andere Elemente vertreten, und dieſe waren mir feindlich, und dieſe unter⸗ drückten den Schrei der Liebe, mit welchem das Volk, das wirkliche, treue Volk mich ſonſt begrüßt haben würde. Es waren da die alten Republikaner von 89, die Liberalen, die immer gegen mich gekämpft, und die Bourboniſten— Sire, Sie vergeſſen, daß da auch die Orleaniſten waren, und die⸗ jenigen, welche Fouché geſandt, um zu opponiren. Ah, Fouché, ſagte Napoleon achſelzuckend, er iſt für mich unſchäd⸗ lich. Er wird, ſobald ſich meine Macht conſolidirt hat, der gehor⸗ ſamſte und nützlichſte Diener ſein, und wenn ſie zuſammenſtürzt, was liegt dann daran, ob er geſchickt genug iſt, zu rechter Zeit zu ent⸗ laufen, um nicht von den Trümmern erſchlagen zu werden. Sie ſehen, ich habe nicht mehr den ſtürmiſchen Sinn früherer Tage, ich verzeihe, und ſuche zu vergeſſen. Ich will Ihnen dadurch beweiſen, daß ich nicht ſo ſchlimm bin, wie Sie, mein Herr, vor meiner Ankunft hier in den Journalen verkündigt hatten. Oh, Sire, ſagte Conſtant verwirrt, ich hatte,— ich glaubte— Sie glaubten, ich ſei ein Tyrann, ein Blutmenſch, ſchlimmer als Attila und Dſchingischan, ſagte Napoleon mit einem leiſen Lächeln. Nicht wahr, das waren Ihre Ausdrücke? Sie ſagten, daß die Reſtau⸗ ration große Verdienſte habe um die öffentliche Freiheit, und Sie er⸗ klärten feierlich vor ganz Frankreich, daß Sie niemals etwas mit dem Uſurpator wollten zu thun haben.*) Gerade deshalb, mein Herr, habe ich Sie zu mir rufen laſſen, gerade deshalb übertrug ich Ihnen die Arbeit, mir die Zuſatzacte zu entwerfen. Dern ich ſagte mir, daß Sie, der Sie mich als Tyrannen haßten, und mir nicht dienen wollten, um ſo beſſer geeignet ſein müßten, der Freiheit und der Conſtitution zu dienen, und eine Vermittelung zwiſchen dem Tyrannen und der Frei⸗ heit zu Stande zu bringen. Gebe Gott, daß es Ihnen gelungen iſt, *) Siehe: Eduard Arnd. Geſchichte der letzten vierzig Jahre. I. 115. . ———— 574 und daß die Zuſatzacte mir die Zuſtimmung der Kammern gewonnen hat. Ich habe die Liberalen durch Ihren Mund zu mir ſprechen laſſen; ich habe Ihre Anſichten angenommen. Ich bin der Mann des Volks. Wenn alſo, wie Sie ſagen, das Volk wirklich die Freiheit will, bin ich ſie ihm ſchuldig; ich habe ſeine Souverainetät anerkannt, ich muß daher wohl ſeinem Willen, ſelbſt ſeinen Capricen mein Ohr leihen. Auch haſſe ich die Freiheit nicht; ich habe ſie beſeitigt, als ſie ſich meinem Weg entgegenſtellte, aber ich verſtehe ſie, und bin in ihren Gedanken aufgewachſen.*) Mögen die Kammern das jetzt anerkennen, und mögen ſie mir einen Beweis geben, daß ſie mir vertrauen, denn nur durch feſtes Zuſammenwirken können wir Frankreich vor dem Un— heil bewahren. Denn verhehlen wir uns nicht: Frankreich iſt in Ge⸗ fahr! Ich habe noch einmal verſucht, friedliche Unterhandlungen anzu⸗ knüpfen, und den fremden Mächten Verſicherungen meiner Friedfertig⸗ keit zu geben. Wenn ſie dieſe wiederum zurückweiſen, dann bleibt uns nur der Krieg, dann muß ſich ganz Frankreich mit mir erheben, mit mir Ein Mann, Ein Herz, Ein Gedanke und Ein Wille ſein, denn nur dann können wir Frankreich erretten und vor dem Untergang be⸗ wahren! Ach, rief der Kaiſer, als eben leiſe an die Thür des Cabinets geklopft ward, da kommt Lucian! Er ſchritt haſtig nach der Thür hin und ſtieß ſie auf. Der Kaiſer hatte ſich nicht getäuſcht, es war wirklich ſein Bruder Lucian, welcher jetzt in das Cabinet eintrat. Ein einziger ſchneller Blick auf das bleiche erregte Antlitz ſeines Bruders ſagte Napoleon, daß er ihm keine guten Nachrichten zu bringen habe. Mit einer ſchnellen Bewegung, ohne Gruß, ohne Frage, wandte er ſich haſtig um und ging auf und ab. Seine Blicke, die wie düſtere Flammen durch das Zimmer blitzten, trafen jetzt die Geſtalt Benjamin Conſtants, der in peinlicher Angſt und Verlegenheit, nicht wiſſend, ob er bleiben ſolle, oder verabſchiedet ſei, ſich der Thür genähert hatte. Der Kaiſer deutete mit einem raſchen Wink ſeines Hauptes nach der Thür hin, und ſagte kurz: Gehen Sie! *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Benj. Constant, Lettres ete. — —— 575 Dann wandte er ſich wieder um, und ſtellte ſich an das Fenſter und blieb dort, den Rücken dem Zimmer zugekehrt, ſtehen, bis das leiſe Zufallen der Thür ihm ſagte, daß Conſtant hinausgegangen, daß er keinen verrätheriſchen Zeugen ſeiner Aufregung, ſeines Zorns mehr zu vermeiden habe. Nun wandte er ſich wieder dem Zimmer zu, und ſchritt haſtig zu Lucian hin, der in der Mitte des Zimmers ſtehend, mit ruhiger Faſ⸗ ſung die Frage ſeines Bruders erwartet hatte. Lucian, ſagte er, jetzt ſprich! Ich ſehe an Deinem Angeſicht, daß nicht Du der Präſident der Kammern geworden biſt? Sage alſo, wen haben ſie gewählt? Sie haben Lanjuinais zu ihrem Präſidenten gewählt, ſagte Lucian mit ſeiner ſanften ruhigen Stimme. Lanjuinais, rief Napoleon auffahrend, Lanjuinais, den Republi⸗ kaner, den Girondiſten, den Vertheidiger Ludwigs des Sechszehnten, meinen beſtändigen Feind und Widerſacher! Ihn, ihn haben ſie ge⸗ wählt! Das heißt alſo, ſie wollen mir öffentlich ohne Rückhalt Feind⸗ ſchaft anbieten. Sie wollen mir ſagen, daß, wie Lanjuinais es öffent⸗ lich vor ſeinen Wählern geſagt hat, Frankreich nur zwiſchen der Re⸗ publik und den Bourbonen wählen kann. Sie haben Lanjuinais gewählt! Ja, ſagte Lucian düſter, ſie haben ihn mit glänzender Majorität gewählt. Aber wer hatte nach ihm die meiſten Stimmen? fragte Napoleon raſch. Du, nicht wahr, Du? Nein, mein Bruder, nach Lanjuinais hatte Lafayette die meiſten Stimmen. 3 Auch ein Republikaner, rief der Kaiſer, ein Menſch, der aus Re⸗ publikanismus und Bourbonismus zuſammengefügt iſt. Die Feind⸗ ſchaft iſt alſo rückhaltlos ausgeſprochen! Dieſe Leute, welche ſich die Deputirten des Volkes nennen, erklären ſich gegen mich. Sie haben nicht genug an dem Krieg von Außen, ſie wollen auch den Krieg im Innern. Nun wohl, ſie ſollen ihn haben. Wenn ich erſt den Krieg da außen beſeitigt habe, ſo werde ich mit dieſen republikaniſchen und 576 conſtitutionellen Parteien, die meine Macht und mein Anſehen unter⸗ wühlen wollen, Abrechnung halten. Bis dahin Geduld, Geduld! Was iſt weitr in der heutigen Kammerſitzung geſchehen? Haben die Depu⸗ tirten mir, dem Kaiſer, und der Verfaſſung den Eid geleiſtet? Ja, ſie haben den Eid geleiſtet. Ohne Rückhalt und Zögern? fragte Napoleon, ſeinen Bruder mit ſcharfem Auge fixirend. Sprich, Lucjan, es iſt jetzt nicht die Zeit, mich ſchonen, mir etwas verbergen zu wollen. Ich muß Alles wiſſen, und ich habe auch gelernt, Alles anzuhören. Ich frage Dich alſo noch einmal, haben die Kammern ohne Vorbehalt und ohne Zögern mir und der Verfaſſung den Eid geleiſtet? Nein, ſagte Lucian ernſt. Es iſt lange über dieſen Eid debattirt worden. Einer der Deputirten machte den Antrag, daß man nur der Verfaſſung, nicht aber dem Kaiſer Treue und Gehorſam ſchwören wolle, weil man nicht wiſſen könne, wie lange der Kaiſer noch das Oberhaupt Frankreichs ſein werde. Aber man verwarf dieſen Antrag wenigſtens einſtimmig, nicht wahr? Man ließ ihn nicht zur Abſtimmung kommen? Doch, Sire, man ließ ihn zur Abſtimmung kommen,— dann freilich ward er verworfen. Mit großer Majorität? Nein, mit nur einer Majorität von zehn Stimmen. Ach, und wenn dieſe zehn Stimmen nicht geweſen wären, ſo hätten die Deputirten der Nation vor ganz Frankreich, vor ganz Europa mir die Schmach angethan, mir, der ſie berufen, mir, der ihnen eben erſt die freiſinnigſten Inſtitutionen gegeben, mir, ihrem Kaiſer, den Eid der Treue zu verweigern. Du ſiehſt, mein Bruder, es läßt ſich mit dem Liberalismus ſchlecht regieren, es iſt eine elende Komödie, dieſer Con⸗ ſtitutionalismus, man kann nur eine Republik oder den Abſolutismus haben. Jetzt, wo Du zu mir zurückgekehrt biſt, wo Du ſiehſt, welche Hemmniſſe und Zögerungen dieſe Conſtitution bewirkt, in welche Ab⸗ hängigkeit ſie den Herrſcher von ſeinen Unterthanen bringt, welches feindliche Element ſie zwiſchen dem Herrſcher und dem Volke aufbaut, jetzt wirſt Du begreifen, daß ich nicht verſuchen mochte, mit ſolchen Elementen ein großes Weltreich zu begründen, daß ich den Liberalis⸗ mus bei Seite ſchob, um Herr in meinem Reich zu bleiben. Und es iſt dennoch zuſammengeſtürzt, mein Bruder, ſagte Lucian traurig. Sie hatten den Liberalismus zertreten, aber die Bafonette und der Abſolutismus haben Ihren Thron nicht aufrecht zu erhalten vermocht. Darum will ich es jetzt mit dem Liberalismus verſuchen, rief Napoleon. Frankreich will die Conſtitution, ich nehme ſie alſo an,— ich ſage nicht für immer, aber für jetzt. Wenn es mir gelingt, mich mit den Mächten in Frieden zu verſtändigen, dann freilich— Die Thür des Vorſaals ward nach leiſem Klopfen geöffnet, und Caulaincourt, der Herzog von Vicenza, trat ein. Nun, Herr Miniſter des Auswärtigen, rief der Kaiſer ihm ent⸗ gegen, was bringen Sie mir? Sire, der Courier, welchen ich mit einem Handſchreiben Ew. Ma⸗ jeſtät an den Kaiſer von Rußland nach Deutſchland abſandte, iſt ſo eben wieder hier eingetroffen, ſagte Caulaincourt. Und er hat den Kaiſer Alexander getroffen? Nein, Sire. Man hat den Courier an der Grenze Deutſchlands zurückgewieſen. Hat er nicht geſagt, daß er Depeſchen für den Kaiſer von Ruß⸗ land habe? Hat er nicht verlangt, daß man ihn, wenn auch unter Be⸗ deckung, zu dem Kaiſer reiſen laſſe? Er hat es gefordert, aber man hat es ihm indem man ihm bedeutete, daß der Kaiſer Alexander wolle durchaus keine Unterhandlungen mit Ew. keine Briefe von Ihnen empfangen. ſagte Napoleon leiſe vor ſich s dem Courier, den ich an Zurückgewieſen! R; hin! Vielleicht gelingt e g vater, den Kaiſer von Oeſterreich, abgeſandt habe, die Grenze zu über⸗ ſchreiten, und dem Kaiſer meine Friedensvorſchläge zu überbringen. Sire, auch dieſer Courier iſt heute wieder zurückgekehrt, ſagte Caulaincourt. Er iſt auf der Grenze einer Abtheilung des öſterreichi⸗ ſchen Heeres begegnet, und hat ſich zu dem commandirenden General Mühlbach, Napoleon. IV. Vd. 37 578 führen laſſen, um von ihm zu erfahren, wo der Kaiſer ſei. Aber der General hat ihm eine von dem Fürſten Metternich eigenhändig aus⸗ gefertigte Ordre vorgezeigt, welche den ſtrengen Befehl enthält, keinen Courier und keinen Unterhändler Ew. Majeſtät über die Grenze zu laſſen, da der Kaiſer von Oeſterreich in keine Verhandlungen mehr mit Ew. Majeſtät treten, ſondern nur die Waffen entſcheiden laſſen wollte. Sie wollen alſo Krieg! rief Napoleon mit flammenden Blicken und donnernder Stimme. Nun denn, ſo ſollen ſie den Krieg haben. Aber auf ihr Haupt komme das Blut der Tauſende, die jetzt wieder in den Tod gejagt werden, um dem Hochmuth und der Thorheit der Fürſten zum Opfer zu fallen. Ich habe ſie nicht gereizt, ich habe dieſen Krieg nicht hervorgerufen. Ein Volk hat wohl das Recht der Selbſtbeſtimmung, Niemand darf es hindern, ſich den Herrſcher zu wählen, dem es ſich unterordnen, dem es gehorchen will. Und Frank⸗ reich hat mich gewählt, es hat mich erſehnt, und als ich kam, hat es mich mit offenen Armen empfangen. Niemand hat Widerſtand geleiſtet, Niemand hat ſich mir widerſetzt, und meine Rückkehr auf den Thron, den mir die Stimmen des franzöſiſchen Volkes vor eilf Jahren zuer⸗ kannt, iſt ohne Schwertſtreich, ohne Kampf erfolgt. Ein Wort von mir, und ganz Frankreich wird ſich erheben. Seht Ihr nicht, mit welchem Enthuſiasmus die Föderirten von Paris die Waffen empfangen haben, und bereit ſind, für mich, das heißt für Frankreich, in den Kampf zu gehen? Ich werde in allen Arrondiſſements, in allen Depar⸗ tements, in allen Städten Föderirte bilden, ich werde Waffen aus⸗ theilen und ganz Frankreich wird nur noch Ein Heer und Ein Feld⸗ herr ſein! Sire, meldete der dienſtthuende Kammerherr, indem er die Thür öffnete, Sire, der Herr Herzog von Otranto! Ah, Fouché, rief der Kaiſer, dem Eintretenden entgegengehend, Sie bringen mir ſicher irgend eine Ueberraſchung, da Sie zu ſo uner⸗ warteter Stunde hierher kommen. Nun, was giebt es? Sire, ich komme, um Ew. Majeſtät den Bericht abzuſtatten, den Sie von mir gefordert hatten, ſagte Fouché. Ew. Majeſtät trugen —— 579 mir auf, durch ſichere, ſchnelle und gewandte Agenten die Stimmung in den Provinzen erforſchen zu laſſen. Ich habe dem Befehl Ew. Ma⸗ jeſtät genügt, meine Agenten ſind heimgekehrt. Und ſie bringen, wie es ſcheint, ſchlimme Nachrichten, ſagte Nupo⸗ leon heftig, ſchlimme Nachrichten, denn Sie ſehen ungewöhnlich heiter aus, Herzog, und das bedeutet mir nichts Gutes! Sire, ich weiß nicht, ob die Nachrichten, welche meine Agenten gebracht haben, gerade als ſchlimme bezeichnet werden können, ſagte Fouché, der den Angriff auf ſeine Perſon gar nicht gehört zu haben ſchien, jedenfalls aber ſind dieſe Nachrichten beachtenswerth. Nun, ich bin bereit, ſie zu beachten, ſagte der Kaiſer, indem er ſich auf ſeinen Lehnſtuhl warf, und nach dem Federmeſſer griff, das auf ſeinem Schreibtiſch lag, um an der Armlehne zu ſchnitzen, wie er das in Momenten innerer Aufregung zu thun pflegte. Laſſen Sie die Berichte Ihrer Agenten hören, Herr Herzog! Sire, ich habe die Berichte aller meiner Agenten zuſammengeſtellt und verglichen, ſagte Fouché, und ſie alle beſtätigen dieſelbe Thatſache. Der ganze Süden Frankreichs droht mit offener Inſurrection. Die Vendée iſt trotz der beiden Siege, welche die Truppen gegen die Auf⸗ rührer erfochten, trotz des Todes ihres Anführers La Rochejacquelin noch nicht bezähmt, und die Inſurrection, ſtatt erſtickt zu ſein, breitet ſich immer mehr aus. Die Royaliſten und Vendéeiſten ſind entſchloſ⸗ ſene, unverſöhnliche Feinde. Sie haben ihr feſtes Ziel vor Augen, und ſie verfolgen es mit unerſchütterlicher Hartnäckigkeit. Bewaffnete Banden durchziehen die ganze Bretagne, dringen ſelbſt bis in die Nor⸗ mandie vor, wo die Nachbarſchaft der Inſeln, und die Dispoſitionen der Küſte die Communicationen leichter machen. Sie ſteigen auf der anderen Seite durch die Cevennen bis zu den Ufern der Rhone, und veranlaſſen Revolten in der Languedoc und Provence. Bordeaux iſt der Mittelpunkt der Direction dieſer Umtriebe. Weiter! rief der Kaiſer, als Fouché jetzt einen Moment ſchwieg. Weiter! rief er noch einmal, aber ohne aufzuſehen, eifrig damit be⸗ ſchäftigt, kleine Holzſtücke aus der Seitenlehne ſeines Fauteuils zu ſchnitzen. 37* 6 5 580 Dieſe Partei der ſüdlichen Royaliſten, fuhr Fouchs fort, dieſe Partei wird immer kühner, immer verwegener. Es iſt ihr gelungen, ſich mit dem Ausland in Verbindung zu ſetzen, und alle Pamphlets, die aus den Preſſen Belgiens hervorgehen, Alles, was die auswär⸗ tigen Blätter gegen uns Gehäſſiges enthalten, Alles, was gegen das Kaiſerreich geſchrieben wird, weiß dieſe Partei der Vendéeiſten durch ganz Frankreich zu colportiren. Dieſe Partei agitirt jetzt in Marſeille, Toulouſe und Bordeaux, und findet dort in den unterſten Klaſſen be⸗ geiſterten Anhang. Durch falſchen Alarm, durch falſche Hoffnungen, durch Vertheilen von Geld, durch Anwendung von Drohungen iſt die Partei dahin gelangt, die friedlichen Landbewohner, die zwiſchen der Lvire, der Vendée, dem Ocean und der Rhone wohnen, zu inſurgiren. Man hat da Waffen und Kriegsmunition eingeſchifft. Die Hydra der Rebellion hebt ihr Haupt empor. Banden durchziehen das Land und halten die einberufenen Militairs und Matroſen mit Gewalt zurück, ſie entwaffnen die Landbeſitzer, verſtärken ſich durch die Bauern, die ſie zwingen, mit ihnen zu marſchiren, berauben die öffentlichen Kaſſen, bedrohen die Beamten, bemächtigen ſich der Diligencen und halten die Couriere an; ſie haben auf einige Tage ſogar die Verbindung zwiſchen den wichtigſten Landesſtädten unterbrochen. An den Ufern des Canals ſind Dieppe und Havre von aufrühreriſchen Miſſionairen des Südens aufgeregt. In der ganzen funfzehnten Diviſion hat man die National⸗ Miliz nur mit der größten Schwierigkeit bilden können. Die Sol⸗ daten und Matroſen weigern ſich, auf den Appell zu antworten und gehorchen nur den Mitteln der Strenge. Caen iſt zwei Mal von royaliſtiſchen Reactionairen beunruhigt worden, und in einigen Arron⸗ diſſements der Orme bilden ſich Banden wie in der Bretagne und der Vendée.*) Und das Alles haben Sie durch die Geſchicklichkeit Ihrer Leute zu Stande gebracht? fragte Napoleon, indem er aufſpringend das Feder⸗ meſſer bei Seite warf und dicht vor Fouché hintrat. *) Fleury de Chaboulon, Mémoires etc. Vol. III. 142. 581 Ja, Sire, ſagte Fouché, das Alles habe ich durch die Geſchick⸗ lichkeit meiner Leute erfahren. Nicht erfahren, ſondern zu Stande gebracht, ſagte ich, rief Napo⸗ leon ungeſtüm, den Herzog mit flammenden Zornesblicken anſchauend. Ja, Sie ſind es, welcher revoltirt, welcher durch ſeine Agenten die Provinzen aufzuregen ſtrebt, welcher, immer doppelzüngig und treulos, mit den Royaliſten inſurgirt, mit den Republikanern intriguirt, und es doch nicht verſchmäht, mir zu dienen, gelegentlich mir die Abſichten der Royaliſten und Republikaner zu verrathen und ihnen dafür, wenn es Ihren Zwecken paßt, meine Abſichten mitzutheilen. Sire, Ew. Majeſtät wollen alſo immer noch nicht an meine Er⸗ gebenheit glauben? rief Fouché. Sie mißtrauen alſo noch immer meinem Eifer, Ihnen zu dienen? Oh nein, ſagte Napoleon verächtlich, Sie dienen mir, weil ich einmal da bin, und weil es nicht in Ihrer Macht geſtanden, mich fern zu halten. Sie dienen mir, weil es Ihnen doch immer noch lieber iſt, handelnd einzugreifen, als unthätig im Dunkeln zu ſtehen. Aber Sie dienen mir nicht, weil ich es bin, ich, der Kaiſer, ſondern weil ich die Gewalt, die Regierung, das Mittel zu Ihrem Zweck hin. Und laſſen Sie es ſich geſagt ſein, mein Herr Herzog von Otranto, ich werde mir die Gewalt nicht aus den Händen winden laſſen, trotz Ihrer Ven⸗ déeiſten und Royaliſten, ich werde das Haupt der Regierung bleiben, trotz Ihrer Republikaner und Revolutionairs! Seien Sie alſo klug und vorſichtig, dienen Sie mir treu, denn mein Auge wacht über Ihnen, und wehe Ihnen, wenn es Sie auf einem Fehltritt ertappt! Senden Sie Ihre Agenten, welche Frankreich jetzt ſo inſurgirt und royaliſtiſch gefunden, abermals aus, und befehlen Sie ihnen, nicht eher wieder zu kommen, als bis ſie Ihnen die ſichere und verbürgte Nachricht mit⸗ bringen können, daß die Inſurrectionen unterdrückt, die Aufrührer zu ihrer Pflicht und zum Gehorſam gegen mich, ihren Kaiſer, zurückgekehrt ſind! Gehen Sie! Er wandte dem Herzog den Rücken und trat in die Fenſterniſche. Fouché ſchaute ihm nach mit einem Blick voll Haß und Zorn, dann 582 verneigte er ſich leicht vor Lucian und Caulaincourt, und ging lang⸗ ſam der Thür zu. Natter, ſagte der Kaiſer, als Fouché hinaus gegangen war, Natter, welche ſich Jedem unter die Füße legt, aber immer bereit iſt zu ſtechen. Der man daher lieber aus dem Wege gehen und ſie nicht reizen ſollte, ſagte Lucian. Ah, ich fürchte ihr Gift nicht, rief Napoleon. Ich bin kein Achill, die Stelle, wo ich ſterblich bin, iſt daher nicht an meiner Ferſe und dem Stich der Natter nicht erreichbar. Der Himmel ſelbſt muß ſeine Blitze ſenden, um die Eiche zu fällen und zu zerſchmettern, die Nat⸗ tern, die zu ihren Füßen ringeln, vermögen nichts über ſie. Aber ich ſehe wohl die Stürme heranziehen, ich ſehe die Wolken des Gewitters ſich aufthürmen, das vielleicht mit ſeinen Blitzen mich zerſchmettern ſoll.— Doch ſtill, keine ſchwermüthigen Seufzer jetzt! Ich habe alles dies vorausgeſehen, ich habe gewußt, daß es viel Kämpfe und Un⸗ wetter geben würde, und darum habe ich mich vorbereitet, ſie zu er⸗ tragen. Seht mich daher nicht ſo traurig an, Lucian, Caulaincourt! Hofft mit mir, arbeitet mit mir und bauet mit mir an dem Glück der Zukunft! Frankreich, welches mir entgegen gejauchzt hat, welches mich auf ſeinen Armen bis hierher getragen hat, Frankreich wird mich auch jetzt nicht verlaſſen! Ich baue auf den Muth und den Patriotismus der Nation und auf mein eigenes Schwert! IIM. Die Intriguen Foucht's. Der Herzog von Otranto war in ſeinem Cabinet eifrig damit beſchäftigt, die Depeſchen zu entziffern, die ſo eben ein Courier ihm überbracht hatte. Dieſe Depeſchen waren in Chiffren geſchrieben, die 583 * von ſo kunſtvoller und verwickelter Art waren, daß Niemand, außer dem Herzog und ſeinen Correſpondenten, dieſelben vermittelſt des“ Schlüſſels zu leſen vermochte. ² Während Fouchs jetzt, Dank ſeinem Schlüſſel, den Inhalt der Depeſche las, erhellte ſein düſteres Antlitz ſich immer mehr, und ein hämiſches Lächeln umſpielte ſeine breiten, aufgeworfenen Lippen. Gute Nachrichten, die mir da der Fürſt Metternich ſchreibt, ſagte er leiſe vor ſich hin. Man iſt entſchloſſen zum äußerſten Widerſtand, man wird nicht eher ruhen, bis Bonaparte für immer geſtürzt, und auf irgend eine wüſte Inſel gebracht iſt. Selbſt im Fall eines entſchei⸗ denden Sieges Napoleons werden die Mächte nicht mit ihm unter⸗ handeln, keine Friedensbedingungen vorſchlagen oder annehmen, ſondern eine Heerſchaar heranrücken laſſen, um Bonaparte's Armee zu be⸗ tämpfen. Ah, das iſt gut, ſehr gut! Der Löwe iſt umſtellt, und von allen Seiten umgarnt, es wird ihm nicht mehr gelingen, ſich zu be⸗ freien. Ich werde dafür ſorgen, daß es keine Mäuſe giebt, die ihm helfen und ihn befreien. Ja, ja, Metternich hat ganz Recht, meine Aufgabe iſt es, während die Soldaten des Auslandes heranziehen, die Soldaten des Inlandes am Heranziehen zu verhindern! Meine Auf⸗ gabe iſt es, das Land zu inſurgiren, die Gemüther gegen ihn zu wenden, und das Volk in Aufruhr zu bringen gegen den Tyrannen, der nur heimgekommen iſt, um Frankreich auf's Neue unglücklich zu machen, und an den Rand des Verderbens zu führen.— Ach, wie ſcharf doch immer noch der Blick dieſes Mannes iſt! Er durchſchaut meine Pläne, und ſieht, daß ich es bin, der bei den Aufſtänden und Revolten der Provinzen ſeine Hände ein wenig im Spiel hat. Er hätte ſo klug ſein ſollen, mich, da er dies erkannt hat, verhaften zu laſſen,— aber der Löwe iſt großmüthig und läßt ſeinem Feind ruhig die Freiheit weiter zu intriguiren, er ſtößt wohl einmal mit ſeiner breiten Tatze nach ihm, er verſucht mit ſeinen flammenden Zornes⸗ blicken den Feind zu zerſchmettern, aber da dieſer ein zähes Leben und eine harte Haut hat, und weder von der Tatze zertreten, noch von dem Blick zerſchmettert wird, wendet der Löwe ihm großmüthig den Rücken und läßt ihn gehen. Großmüthig! Ach, ich werde mich niemals eines „ 584 ſolchen Fehlers ſchuldig machen, großmüthig zu ſein.— Großmuth, das iſt Dummheit, und das iſt der größte Fehler eines Staatsmannes. Bonaparte, ſtatt mich verhaften zu laſſen, hat die Dummheit gehabt, mir die Freiheit zu laſſen. Er wird für dieſe Dummheit beſtraft werden, denn ich werde es ſein, der ihn ſtürzt! Auf denn, an's Werk! Die halbe Arbeit iſt gethan, aber die Hälfte bleibt noch zu thun übrig. Er klingelte heftig, und befahl dem eintretenden Kammerdiener, die vier Perſonen, die im Vorſaal ſich befänden, eintreten zu laſſen. Wenige Minuten ſpäter traten die Gerufenen, vier düſter blickende Männer von kräftiger Geſtalt und energiſchem Ausſehen, in das Ca⸗ binet des Polizeiminiſters ein, und blieben demüthig und ſchweigend an der Thür ſtehen. Fouché ging ihnen entgegen, und gab ihnen einen ſtummen Wink näher zu treten. Meine Herren, ſagte er, ich bin ſehr mit Ihrem Eifer und Ihrer Geſchicklichkeit zufrieden. Sie haben in den Diſtricten, in die ich Sie geſandt, ſehr gut gewirkt; meine höheren Agenten, denn Sie wiſſen es wohl, daß mein Auge überall wacht, daß ich überall meine geheimen Diener habe, die meine Agenten beobachten, und mir Nachricht geben über ihr Betragen, meine höheren Agenten alſo haben mir gemeldet, daß Sie alle Vier mit großem Eifer und vieler Dis⸗ cretion gewirkt haben, und daß Ihrer Geſchicklichkeit die Aufſtände in Dieppe und der Normandie zum Theil zuzuſchreiben ſind. Meine Herren, dieſer Eifer, dem König, Ihrem rechtmäßigen Herrn, zu dienen, macht Ihnen Ehre, und gewiß wird der König bei ſeiner Heimkehr die treuen Diener, die ſo Vieles für ihn gethan, und die ich nicht ver⸗ fehlen werde, ihm zu nennen, gnädigſt belohnen. Zu dieſer Heimkehr des Königs mitzuwirken, das iſt Ihre Aufgabe. Frankreich muß be⸗ freit werden von dem Tyrannen, der König muß uns wiedergegeben werden. Wir werden das erreichen, wenn wir darnach ſtreben, daß das franzöſiſche Volk immer mehr in offener Empörung ſich erhebt, daß ſeine Männer ſich weigern, der Trommel zu folgen und die Pike zu tragen, und Napoleon die Kriegsſteuern zu zahlen. Ihr habt bis jetzt in den Provinzen gewirkt, jetzt iſt es Eure Aufgabe, in Paris ſelber Euch nützlich zu machen. Setzt Euch daher in Verbindung mit 585 allen Denen, welche als treue Anhänger des Königs bekannt ſind, macht Propaganda überall, bei den Bürgern, den Arbeitern, wie den Soldaten. Erzählt es in jedem Eſtaminet, in jedem Verſammlungsort des Volkes, daß Napoleon verloren iſt, daß Frankreich umſtellt iſt von den Armeen Englands, Preußens, Rußlands und Oeſterreichs, daß mehr denn viermalhunderttauſend Soldaten an unſern Grenzen ſtehen, und daß Napoleons Armee kaum einmalhunderttauſend Mann ſtark iſt. Streut auf allen Straßen die Proklamationen aus, mit denen der König ſein Volk zu ſich ruft, und die Ihr heute Abend von meinen Agenten werdet zugeſchickt erhalten. Wendet Euch beſonders an das Heer, ſagt den Soldaten, daß ſie dem ſicheren Tode entgegen gehen, wenn ſie nicht umkehren, ſondern Napoleon folgen. Sagt ihnen, daß die Generäle entſchloſſen ſind, den Kaiſer bei der erſten paſſenden Ge⸗ legenheit zu verlaſſen, daß er weder auf Soult, noch auf Ney rechnen kann, die Beide, bevor er hier war, dem König gedient haben, ihm im Geheimen immer noch dienen. Rathet ihnen, es ebenſo zu machen, und ſobald ſie mit dem Feind zuſammentreffen, zu dieſem überzugehen, denn der Feind iſt der Bundesgenoſſe unſers rechtmäßigen Königs, er iſt nicht der Feind Frankreichs, ſondern nur der Napoleons. Aber ſeid vor allen Dingen vorſichtig. Gebt Euch das Anſehen eifriger Anhänger des Kaiſers, und wenn man Euch für Solche hält, ſo wen⸗ det Euch an Diejenigen, die Euch mit ſcheelem Auge betrachten, die Euren Umgang meiden, dieſe ſucht dann zu erobern, und durch ſie Propaganda zu machen.— Habt Ihr Eure Aufgabe begriffen, und ſeid Ihr bereit, ſie zu übernehmen? Ja, Herr Herzog, wir ſind bereit dazu, riefen alle Viere, wie aus Einem Munde. So geht, ſagte Fouché, ihnen freundlich zunickend, geht und laßt mich bald von Euch hören. Die vier Männer verbeugten ſich ſchweigend und gingen dann hinaus. Und jetzt will ich meine Depeſche für den Herzog von Wellington ſchreiben, ſagte Fouché, ſie muß heute Abend noch abgehen. Dieſe Engländer ſind von einer unerträglichen Gewiſſenhaftigkeit, und ihre 586 Ideen von Selbſtregierung wollen ſie auch auf andere Völker an⸗ wenden. Wellington will die verbündeten Mächte durchaus veranlaſſen, daß ſie Frankreich nach dem Sturz Bonaparte's die Freiheit gewähren, ſich ſelbſt einen Herrſcher und eine Regierungsform zu wählen, und ſei dieſe ſelbſt die Republik. Frankreich ſoll die Wahl haben, ſich Bernadotte, oder den Herzog von Orléans, oder irgend einen andern beliebigen Regenten zu wählen, außer aber den Sohn Napoleons. Ach, welch ein Thor ich war, für dieſen Sprößling des Tyrannen wirken zu wollen, und eine Regentſchaft für möglich zu halten! Nein, nein, dieſer kleine König von Rom iſt gleich ſeinem Vater von den Verbündeten in die Acht erklärt, und es iſt nichts mehr mit ihm an⸗ zufangen. Die ganze Napoleoniſche Brut muß ausgerottet werden, wie man die Bienen aus dem Bienenſtamm räuchert, um ſich des Ho nigs, den ſie gebaut, zu bemächtigen. König Ludwig muß zurückkehren, er allein! Ich werde es ſein, der ihn zurückkehren läßt, er wird mich dafür zu ſeinem Miniſter ernennen, eben ſo gut, wie mich Napoleon dazu ernannt hat, den ich auch habe zurückkehren laſſen. Die Gewalt wird in meinen Händen verbleiben, denn ich werde für Ludwig eben ſo unentbehrlich ſein, wie ich es für Napoleon war! Schreiben wir alſo dieſem guten gewiſſenhaften Herzog von Wellington! Schreiben wir ihm, daß ganz Frankreich mit Sehnſucht ſeinem rechtmäßigen König entgegenharrt, ſchildern wir ihm den Aufſtand im Süden Frankreichs, ſagen wir ihm, daß ſelbſt in Paris Napoleon tödtlich verhaßt iſt, und daß, wenn man den König Ludwig verhindert, hierher zu kommen, eine Erhebung von ganz Frankreich die Folge davon ſein wird. Er ſetzte ſich und ſchrieb, indem er ſich wieder der Chiffern be⸗ diente, doch nicht derjenigen, welche für ſeine Correſpondenz mit dem Fürſten Metternich verabredet waren, ſondern ganz eigener Zeichen, zu denen auch nur wiederum der Herzog von Wellington den Schlüſſel beſaß. Dann, nachdem er ſeinen Brief vollendet, klingelte er, und fragte den eintretenden Kammerdiener, ob Niemand im Vorzimmer ſei, der eine Audienz begehre? Ja, Durchlaucht, ſagte der Diener, es iſt ſo eben ein Herr 587 erſchienen, der Ew. Durchlaucht zu ſprechen wünſcht. Hier iſt ſeine Karte. Gut, ſagte Fouché, nachdem er einen flüchtigen Blick auf die Karte geworfen, laſſen Sie den Herrn eintreten. Aber ſagen Sie, Jean, waren Sie bei der Frau Gräfin Du Cayla? Haben Sie ihr mein Billet übergeben? Zu Befehl, Durchlaucht. Die Frau Gräfin wird um ſieben Uhr ſich hier einfinden. In einer Viertelſtunde alſo, ſagte Fouché, nach der Pendule blickend. Wenn die Dame kommt, führen Sie ſie durch den Corridor in den Salon ein. Und jetzt öffnen Sie dem Herrn die Thür! Der jetzt Eintretende war ein alter Herr, von militairiſchem Aus⸗ ſehen, ele gant gekleidet, ariſtokratiſch in jeder Bewegung, in jedem Zug ſeines Angeſichts. Sie haben mich zu ſprechen verlangt, mein Herr Graf Dantré, ſagte Fouché, ihm lebhaft entgegen gehend, und ihm die Hand dar— reichend. Der Graf ſchien das nicht zu bemerken. Er verbeugte ſich, und ſagte mit froſtigem Ton: Ich muß mich wohl bei dem Herrn Herzog von Otranto melden, um von ihm den Paß zu erlangen, deſſen ich bevarf. Ah, rief Fouché lächelnd, indem er ſeine Hand zurückzog, ah, Sie zürnen mir alſo noch immer, Herr Graf. Sie und Ihre Geſin⸗ nungsgenoſſen nennen mich noch immer einen Verräther, blos weil ich die Pläne des Herrn Herzogs von Orléans nicht unterſtützte, und ihm nicht half, ſeinen Oheim und Herrn König Ludwig vom Thron zu ſtoßen, um ſich auf demſelben niederzulaſſen. Verzeihung, mein Herr, ſagte der Graf Dantré, der Herr Herzog unterſtützten ja unſere Pläne lange Zeit mit regem Eifer, und nur erſt dann, als Sie zu ſehen vermeinten, daß dieſe Pläne vielleicht ſcheitern könnten, begannen Sie uns entgegen zu wirken und verriethen uns, indem Sie den Grafen Artois warnten vor dem, was Sie jetzt als eine Militair⸗Verſchwörung bezeichneten, was Sie aber bis dahin Pläne zur Errettung des Vaterlandes genannt hatten. 588 Mein lieber Graf, ſagte Fouché lächelnd, ſo lange ich glaubte, daß dieſe Pläne des Generals Lefebre⸗Desaouettes wirklich, wie er es verſicherte, in der ganzen Armee ihre Sympathieen hätten, daß wirklich die ganze Armee bereit ſei, Ludwig zu entthronen, und den Herzog von Orléans zu ſeinem Regenten zu erheben, ſo lange durfte ich aller⸗ dings Ihre Pläne als zur Errettung des Vaterlandes nothwendig be⸗ zeichnen. Als ich aber ſah, daß der General Lefebre ſich und uns Alle getäuſcht, daß die Armee durchaus nur Napoleoniſch und gar nicht Orleaniſtiſch geſinnt war, da konnte ich die verwegenen Pläne des Generals nur als das bezeichnen, was ſie waren, als eine Militair⸗ Verſchwörung.*) Denn in ſolchen Dingen entſcheidet der Erfolg allein! Wäre Napoleon zum Beiſpiel mit ſeinem Einbruch in Frankreich ge⸗ ſcheitert, hätte Frankreich ihn nicht aufgenommen, ſondern ihn verjagt, ſo würde man ihn einen wahnſinnigen Thoren genannt haben, während man ihn jetzt einen großen Kaiſer nennt. Und was nun den Vorwurf anbetrifft, daß ich Ihre Pläne an den Herrn Grafen von Artois ver⸗ rieth, ſo ſollten Sie Alle mir eigentlich dafür dankbar ſein. Indem ich ihn warnte, und der Regierung alſo die Gelegenheit gab, Vorkehrungen zu treffen, verhinderte ich den Ausbruch einer Verſchwörung, von der ich leider wußte, daß ſie zu keinem glücklichen Ziel gelangen könnte, und errettete dadurch Viele, die, wenn die Verſchwörung zum Aus⸗ bruch kam, und mißlang, ſicher verloren geweſen wären. So hatte die Verſchwörung wenigſtens für Einen Menſchen guten Nutzen, für mich, denn ſie verſchaffte mir das Vertrauen des Herrn Grafen von Artois. Ich glaubte indeſſen, Herr Herzog, daß es wider das Gewiſſen ſtreitet, die Geheimniſſe Anderer zu verrathen. Gewiſſen! Mein lieber Graf, das iſt ein Feld, auf das ich Ihnen nicht zu folgen vermag. Gewiſſen, ich kenne kein Gewiſſen, ich handle immer ſo, wie es mir den Umſtänden, der Klugheit und meinen eigenen Intereſſen förderlich erſcheint und laſſe meinen Kopf niemals von *) Ueber dieſe Militairverſchwörung zu Gunſten des Herzogs Louis Philipp von Orléans ſiehe: Arnd, Geſchichte der letzten vierzig Jahre. J. 589 Regungen des Herzens oder des Gefühls beirrt werden!— Aber ich glaube, Sie ſind nicht hierher gekommen, um ſich mit mir von der Vergangenheit zu unterhalten, ſondern um mir ein Anliegen vorzutragen. Ja, Herr Herzog, ſo iſt es, ſagte Graf Dantré. Ich habe Sie um einen Paß nach Holland zu bitten, wo ich einige Angelegenheiten zu ordnen habe. Lieber Graf, ſagte Fouché lächelnd, Sie vergeſſen, daß ich Chef der Polizei bin und daher wiſſen muß, was für Abſichten und Ange⸗ legenheiten Sie beſchäftigen. Offenherzig alſo. Sie ſind bis jetzt in Ihrer Eigenſchaft als Oberhofmeiſter der Herzogin von Orléans Penthievres, die Paris wegen Krankheit nicht verlaſſen und nicht fliehen konnte, hier geblieben. Jetzt, da der Kaiſer der Herzogin ſeinen Schutz und eine Penſion verſprochen hat, jetzt bedarf ſie Ihres Schutzes nicht, und Sie wollen ſich daher zu dem Sohne der Herzogin, zum Herzog Louis Philipp von Orléans, nach England begeben? Iſt es nicht ſo? Ja, Herr Herzog, es iſt ſo. Ich will in Holland zu Schiffe gehen. Wollen Sie mir dazu einen Paß bewilligen? Ich will es, aber unter der Bedingung, daß, wenn Sie nach Holland gehen, Sie einen Abſtecher nach Belgien machen. Es iſt im Dienſt des Königs Ludwig, und daher als guter Unterthan Ihre Pflicht. Nehmen Sie meine Bedingung an? Ich nehme ſie an, da es, wie Sie ſagen, den Dienſt des Königs betrifft! Nun wohl, Herr Graf. Sie gehen nach Belgien, begeben ſich zur engliſchen Armee, verlangen den Herzog von Wellington zu ſprechen und übergeben ihm dieſen Brief, aber hören Sie wohl, nur ihm allein. Uebernehmen Sie den Auftrag? Ich übernehme ihn und gebe mein Ehrenwort, daß ich ihn ge⸗ treulich ausführen werde. Dann iſt hier der Brief und hier Ihre Päſſe. Sie ſehen, Herr Graf, ich kannte Ihre Pläne und rechnete auf Ihre Bereitwilligkeit, denn ich habe die Papiere ſchon ausgefertigt. Reiſen Sie alſo, Herr Graf, reiſen Sie mit Gott! Sagen Sie dem Herrn Herzog von 36 8 3 3 13 14 1 6 590 Orléans, daß ich zu ſeinen treueſten Verehrern und Bewunderern ge⸗ höre, und daß, indem ich für Ludwig zu wirken ſcheine, ich doch eigentlich nur für ihn wirke. Denn die Dynaſtie der Bourbonen naht ſich ihrem Ende und der Herzog von Orléans wird der Erbe dieſes Thrones ſein, den ich helfe für die Bourbonen zu erbauen! Leben Sie wohl und vergeſſen Sie nicht, daß ich Ihnen ein wichtiges Geheimniß anvertraut habe, indem ich Ihnen den Brief an den Herzog von Wellington gab. Er begleitete den Grafen bis zur Thür, und dann haſtig das Zimmer durchſchreitend, trat er durch die gegenüberliegende Thür in den Salon ein. Eine Dame von ſeltener Schönheit, Anmuth und Ele⸗ ganz trat ihm entgegen. Ah, Frau Gräfin du Cahla, rief der Herzog, die kleine weiße Hand, die ſie ihm lächelnd darreichte, an ſeine Lippen drückend. Wie glücklich bin ich, Sie zu ſehen. Wiſſen Sie aber, Herr Herzog, ſagte ſie, daß ich hierher ge⸗ kommen bin, um Ihnen zu zürnen? Ach, Ihre Unvorſichtigkeit iſt wahrlich groß! Ich erkenne Sie nicht mehr! Sie richten ganz offen ein Billet an mich, an mich, von der man weiß, daß ich ſo eben aus Gent komme, daß ich dort Se. Majeſtät geſprochen habe, und daß ich eine Royaliſtin bin mit jedem Schlag meines Herzens. Eben deshalb, ſagte Fouché lachend, die Polizei hat die Pflicht, die gefährlichſte aller Royaliſtinnen zu überwachen, und ich habe Sie alſo zu einem ſtrengen Verhör hierher beſchieden. Der Kaiſer wird es mir Dank wiſſen, daß ich ſo wachſam bin. Uebrigens, um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, ich gebe mir gar nicht mehr die Mühe mich zu verſtellen. Die Sachen gehen ſo raſch vorwärts, daß man beinahe offenes Spiel ſpielen kann. Außerdem kenne ich auch meine Correſpon⸗ denten und meine Boten. Nun aber vor allen Dingen, Gräfin, be⸗ richten Sie mir! Sie waren in Gent? Sie ſahen den König? Ja, ich war in Gent, und der König war mir gnädig wie immer. Er ſehnt ſich mit glühender Ungeduld, wieder nach Paris zurückzukehren, und er wird Ihnen ewig dankbar ſein für die großen Dienſte, die Sie ihm leiſten. — 591 Aber es wäre beſſer, wenn der König es verſuchte, ſich der Schuld ſeiner Dankbarkeit zu entledigen, ſagte Fouché achſelzuckend. Ich mache ihn zum König. Er könnte mich wohl dafür zu ſeinem Miniſter machen! Ach, Herzog, rief die Gräfin erſchrocken, wie könnten Sie jemals der Miniſter eines Bourbonen ſein? Sie meinen, ſchöne Gräfin, weil ich zu den ſogenannten Königs⸗ mördern, weil ich zu denen gehöre, welche für den Tod Ludwigs des Sechszehnten geſtimmt haben? Ja, ſagte die Gräfin, ihn mit flammenden Blicken anſehend, ja, das meine ich! Der König wird Ihnen verzeihen, er wird Ihnen in jeder Weiſe dankbar ſein, aber er kann den Mörder ſeines Bruders nicht zu ſeinem Rathgeber, ſeinem Miniſter machen! Gut, Madame, ſehr gut, ſagte Fouché lächelnd, Sie machen da Gefühlspolitik. Aber in dem Jahrhundert, in welchem wir uns be⸗ finden, iſt dieſe Gefühlspolitik nicht anwendbar. Um nach einer Revo⸗ lution regieren zu können, muß man weder ein Herz noch ein Ge— dächtniß haben, und ſich nicht mit den gefühlvollſten, ſondern mit den geſchickteſten Menſchen umgeben. Alles, was jetzt geſchieht, beweiſt das zur Genüge.*)— Und haben Sie mir gar keine Antwort auf mein langes und dienſtergebenes Schreiben an den König zu bringen, Gräfin? Doch, Herr Herzog, ſagte die Gräfin, einen Brief aus der Taſche ihres Kleides hervorziehend, hier iſt ein eigenhändiges Antwortſchreiben Sr. Majeſtät, und ich verſichere Sie im Voraus, daß nur der König allein ſeinen Inhalt kennt, und ihn, ohne ſeine Miniſter, oder auch nur mich zu Rathe zu ziehen, geſchrieben hat. Ich bin daher ſehr neugierig, und ich bitte Sie mir als Lohn für meine treuen Boten⸗ gängerdienſte den Inhalt des königlichen Handſchreibens mittheilen zu wollen. Fouché verſprach es, und erbrach dann das königliche Siegel, um den Brief zu leſen. Fouché's eigene Worte. Siehe: Mémoires d'une femme de qualité. Vol. II. S. 219. * 592 Sehen Sie, meine ſchöne Gräfin, ſagte er lächelnd, der edle, weiſe und freiſinnige König hat die Gnade, mir Recht zu geben, daß man nicht mit dem Gefühl Politik machen muß. Erlauben Sie, daß ich Ihnen den Brief Sr. Majeſtät vorleſen darf. Er iſt ſo inhaltsreich, und doch von ſo bewunderungswürdiger Kürze, daß er für ein Muſter des Briefſtyls gelten kann. Hören Sie, Gräfin.„Herr Herzog von Otranto! Ich danke Ihnen für Ihre Treue und Ihren Eifer, mir zu dienen! Fahren Sie ſo fort, und an dem Tage, wo ich die Grenzen meines Königreichs als ſouveräner Herrſcher wieder überſchreite, werde ich die Cabinets⸗Ordre. unterzeichnen, welche Sie zu meinem Polizei⸗ Miniſter ernennt. Ludwig.“ Ah, das hat der König wirklich geſchrieben? fragte die Gräfin überraſcht. Ich vermuthe, Sie kennen beſſer, als irgend Jemand die Hand⸗ ſchrift Seiner Majeſtät, ſagte Fouché lächelnd, überzeugen Sie ſich alſo. Er reichte ihr das Billet dar, und die Gräfin heftete lange und aufmerkſam ihre flammenden Blicke auf daſſelbe. Ja, ſagte ſie, es iſt die Handſchrift des Königs und Sie haben richtig geleſen! Da der König geſprochen hat, ſchweige ich, da der König weiſe iſt und klug, ſo folgt daraus, vaß meine Anſicht thöricht iſt, und daß wirklich, wie Sie ſagen, man in der Staatspolitik kein Herz und kein Gedächtniß haben muß. Nun alſo, mein Herr Herzog, frage ich Sie, wann wird der König die Ordonnanz, die Sie zu ſeinem Miniſter macht, unterzeichnen? Das heißt, ſchöne Gräfin, Sie wollen nur fragen, wann wird der König nach Frankreich heimkehren? Aber das läßt ſich jetzt noch nicht mit Beſtimmtheit ſagen! Es hängt von Napoleon nicht allein, ſondern ebenſo ſehr vom König Ludwig ſelber ab! Wie denn vom König? Der König iſt umgeben von Perſonen, welche ſeine Regierung un⸗ beliebt gemacht haben. Er muß dieſe vor allen Dingen entfernen, wenn das Volk wieder Vertrauen zu ihm faſſen ſoll. Ach, Sie reden von Blacas, ſagte die Gräfin ſeufzend, ich habe mich vergeblich bemüht, ihn zu ſtürzen. Er beſitzt noch immer das Ohr 593 und das Herz des Königs, und weiß alle edleren und aufgeklärteren Männer von ihm fern zu halten. Es hat mir nicht gelingen wollen, den König zum nähern Verkehr mit meinem Freund Chateaubriand zu bereden, Blacas wollte es nicht! Er iſt ein wahrhaft unbequemer Burſche, rief Fouché. Aber ich übernehme es, ihn zu ſtürzen, vorausgeſetzt, daß der König das Me⸗ moire, welches ich für ihn eben ausarbeite, und welches ich ihm durch Ihre gnädige Vermittelung ſenden möchte, richtig empfängt, und Blacas es nicht escamotirt. Auch ich werde dafür ſorgen, daß er es nicht kann. Der Ober⸗ kammerherr des Königs, Prinz von Poix, liebt den Grafen Blacas auch nicht, und hat mir verſprochen, mein Vermittler zu ſein, ſo oft ich dem König, ſeinem Pylades zum Trotz, etwas mittheilen will. Nun gut! Ich werde daran arbeiten, ihn bald zu ſtürzen, und beſonders ihn zu verhindern, nach Frankreich zurückzukehren. Zu dieſem Zweck werde ich verſuchen, Furcht einzuflößen; mit der Furcht macht man aus gewiſſen Leuten Alles, was man will. Ach, rief die Gräfin lachend, jetzt kenne ich alſo das große Ge⸗ heimniß der Politik, es iſt die Kunſt, Furcht zu erregen! Aber ſagen Sie doch, Herzog, wie lange werden wir denn dieſen Herrn Bonaparte hier noch dulden müſſen? Fouché zuckte die Achſeln. Geduld, ſagte er, man muß beſonnen ſein und die Dinge nicht übereilen wollen. Er iſt nun einmal da, und man kann ihn nicht fortnehmen wie einen Bauer im Schachſpiel. Aber wir wollen ſehen, was wir thun können, um ihn möglichſt bald zu be⸗ ſeitigen.*) Sie haben ihn ja geſehen, nicht wahr? Ja, die Königin Hortenſe ließ mich zu ſich rufen, und dort hatte ich die Ehre, den Herrn Bonaparte zu ſehen, der mich wie ein Inqui⸗ ſitor über den König, die Herzogin von Angoulème und den Grafen von Artois ausfragte. Aber er war nicht mehr der Kaiſer früherer Tage, er war abgeſpannt, erſchöpft, er fühlte, daß es mit ihm zu Ende geht. Siehe: Ménéval, Mémoires. III. 247. 38 *) Fouché's eigene Worte. Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. — — 594 Ach, Sie verkennen ihn, ſagte Fouchs lächelnd. Er fühlt ſich jetzt nur augenblicklich unbehaglich, weil zwei oder drei Männer wie Carnot und ich ein bischen ſeinem Despotismus entgegenarbeiten. Aber laſſen Sie ihn erſt zwei oder drei Schlachten gewinnen, wie Er ſie zu ge⸗ winnen verſteht, und Sie werden ihn eben ſo furchtbar und ſo ener⸗ giſch ſehen, wie in früheren Tagen.— Ich habe ihm angezeigt, daß ich Sie rufen laſſen und ihn nachher von dem Reſultat unſerer Con⸗ ferenz benachrichtigen würde. Nun, und was werden Sie ihm jetzt ſagen? fragte die Gräfin lebhaft. So ziemlich Alles. Daß Sie in Gent geweſen ſind, um bei dem König Ihrer Gunſt zu genießen; daß Sie verſucht haben, den König für Herrn von Chateaubriand zu gewinnen; daß Herr von Blacas den Sieg über Sie im Geiſt des Königs errungen, und daß Sie jetzt in völliger Ungnade ſind. Sehr verbunden, rief die Gräfin, Sie laſſen mich da eine Rolle ſpielen, unter der meine Eigenliebe bedeutend leidet. Was thut Ihnen das? Die Hauptſache iſt doch, daß man Sie in Ruhe läßt. Ich werde Sie hier in Paris unter Polizeiaufſicht ſtellen. Auf dieſe Art werden Sie täglich einen Vorwand haben, zu mir zu kommen, und unſer Verkehr kann Niemanden auffallen. Beun⸗ ruhigen Sie ſich nicht, Sie werden dadurch keine Gefangene! Wenn Ihre Geſchäfte oder Ihre Vergnügungen Sie nach außerhalb rufen, ſo ſagen Sie es mir nur vorher, und ich werde Sie entſchlüpfen laſſen. Aber ſeien Sie vorſichtig, theuerſte Gräfin. Vertrauen Sie nicht Allen Denen, welche ſich Ihnen als Royaliſtin nahen, und theilen Sie ihnen nicht unſere kleinen Geheimniſſe mit. Man wird Sie überwachen, und meine Polizei iſt nicht die einzige hier. Vielleicht auch wird Napoleon ſelbſt Sie rufen laſſen, um Sie auszuforſchen. Hüten Sie ſich vor ſeinem Späherblick. Ach, ſagte die Gräfin lächelnd, er iſt ein Mann, ich bin eine Frau, ich habe alſo gewonnenes Spiel gegen ihn. Verlaſſen Sie ſich nicht ſo feſt darauf, ſagte Fouché achſelzuckend, der Kaiſer iſt ſehr geſchickt. Ich ſelbſt habe oft große Mühe, ihn zu 595 täuſchen. Er hat ein wunderbares Ahnungsvermögen. Aber unſern vereinten Kräften ſoll und wird es dennoch gelingen, ihn zu täuſchen, und wenn er in den Schlachten, zu denen er jetzt auszieht, nicht von einer Kugel um's Leben kommt, ſo werden wir ihn in den Netzen un⸗ ſerer Ränke erwürgen. Es giebt nur noch Ein Mittel, durch das er ſeinen Untergang noch etwas verzögern könnte. Er müßte, bevor er zur Armee abgeht, mich verhaften laſſen. Thut er das nicht, ſo iſt er verloren, denn alsdann hat er nicht blos vor ſich einen vier Mal über⸗ legenen Feind, ſondern hinter ſich eine Inſurrections⸗Armee, deren Feldherr ich bin, und die ihn ſicher entthronen wird. IV. Uapoleons Ibreiſe zur Armer. Es war am Abend des elften Juni. Der Kaiſer hatte ſeine Mi⸗ niſter berufen, um zum letzten Male vor ſeiner Abreiſe zur Armee mit ihnen ſich zu berathen und ihnen gewiſſermaſſen ſein politiſches Teſta⸗ ment zu übergeben. Seit vier Stunden befanden ſich ſeine Miniſter bei ihm in ſeinem Ca⸗ binet, und mit klarem Blick und ernſter Ruhe überlegte der Kaiſer mit ihnen alle Wechſelfälle der Zukunft und gab für alle dieſe ſeine Be⸗ ſtimmungen. Während der Dauer ſeiner Abweſenheit ſollte ein Regentſchafts⸗ rath die Geſchäfte der Regierung verwalten, und die vierzehn Mit⸗ glieder dieſes Regentſchaftsrathes, an deſſen Spitze die beiden Prinzen Joſeph und Lucian ſtanden, hatten ihren Eid der Treue in die Hände des Kaiſers abgelegt. Im Fall, daß der Tod den Kaiſer auf dem Schlachtfeld ereilte, ſollte der Regentſchaftsrath ſogleich den Sohn des Kaiſers als Na⸗ poleon den Zweiten zum Kaiſer proclamiren, für ihn die Regierung 38* 596 übernehmen und das Reich verwalten, bis es den Bemühungen der Nation gelungen, Oeſterreich zur Herausgabe des jungen Kaiſers zu veranlaſſen. Jetzt waren die Geſchäfte beendet. Der Kaiſer erhob ſich aus ſeinem Lehnſeſſel und ließ ſeine forſchenden Blicke an den Geſichtern ſeiner Miniſter dahingleiten, ließ ſie lange mit bohrendem Ausdruck auf jedem Einzelnen ruhen, als wolle er die geheimſten Gedanken ihrer Seele in ihren Mienen leſen. Helft mir das Vaterland retten, ſagte er dann mit jenem wunder⸗ baren metallenen Ton, der ihm in den großen Momenten eigen war und alle Herzen erzittern machte. Wir gehen einem großen und ernſten Kampf entgegen, laßt uns Alle unſere Pflicht gegen das Vaterland er⸗ füllen. Ich werde Euch mit einem guten Beiſpiel vorangehen. Ich werde auf dem Schlachtfeld die Freiheit und Unabhängigkeit Frank⸗ reichs vertheidigen und nur dies Eine Ziel im Auge haben. Ihr, meine Herren Miniſter, Ihr werdet Sorge tragen, Frankreich im Innern die Ruhe und den Frieden zu ſichern, deren es ſo ſehr benöthigt iſt. — In den ſchwierigen und verwickelten Zeiten müſſen große Männer wie große Nationen die ganze Energie ihres Charakters entfalten und ein Gegenſtand der Bewunderung für die Nachwelt werden.— Ich reiſe dieſe Nacht ab. Meine Herren, thun Sie Ihre Pflicht; die Armee und ich wir werden die unſrige thun. Ich empfehle Ihnen Eintracht, Eifer und Energie. Leben Sie wohl.*) Er neigte leiſe ſein Haupt und winkte ihnen mit der Hand einen letzten Abſchiedsgruß zu. Schweigend, mit bleichen Geſichtern, mit traurigen Mienen gingen die Miniſter, geſenkten Hauptes einer hinter dem andern dahin ſchreitend, durch das Gemach der Thür zu. Napo⸗ leon immer noch aufrecht vor ſeinem Tiſch ſtehend, die rechte Hand auf denſelben aufgeſtützt, ſah ſie mit unbeweglichem, ehernem Antlitz, mit düſtern Blicken dahin ziehen. Dann, als der letzte von ihnen ver⸗ ſchwunden war, als die Thür ſich hinter ihnen geſchloſſen hatte, dann *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Mémoires sur la reine Hortense. Vol. III. 106. —— 597 ſank er ſchwer und raſch, wie eine vom Blitz gefällte Eiche, wieder in 3 den Lehnſtuhl nieder, und das Haupt tief hernieder geſenkt auf ſeine Bruſt, die Stirn in finſtere Falten gelegt, ſtarrte er vor ſich hin. Er hörte es nicht, wie ſich die Thür des Vorſaals wieder öffnete, er ſah nicht, daß Caulaincourt eintrat, und ſchüchtern und unentſchloſſen neben der Thür ſtehen bleibend, zu ihm hinſchauete mit Blicken voll unendlicher Liebe und Trauer. Sire, ſagte er dann ganz leiſe, Sire! Napoleon hob langſam ſein Haupt empor, und er ſchien gar nicht überraſcht, den treuen Freund da unaufgefordert vor ſich zu ſehen. Mit einem matten Lächeln ſtreckte er ihm die Hand entgegen. Caulaincourt eilte vorwärts; vor dem Kaiſer in die Kniee ſinkend, nahm er ſeine Hand, drückte ſie feſt an ſeine Bruſt, und blickte mit dem Ausdruck inbrünſtigen Flehens zu ihm empor. Sire, ſagte er mit zitternder Stimme, Sire, nehmen Sie mich mit ſich, laſſen Sie mich an Ihrer Seite bleiben. Der Kaiſer ſchüttelte langſam das Haupt. Nein, ſagte er, ich be⸗ darf hier in Paris mehr eines treuen Freundes, als bei der Armee. Dort ſtütze ich mich auf meine eigene Kraft, hier muß ich Jemand haben, der mich vor dem Verrath und den Intriguen meiner Feinde behütet. Sie müſſen bleiben, Caulaincourt, ich kann Sie hier nicht ent⸗ behren, ich habe Niemand, der Sie mir hier erſetzen könnte! Oh, Sire, rief Caulaincourt tiefbewegt, Sie ſchlagen es mir ab? Sie wollen mir nicht erlauben, Ihre Gefahren mit Ihnen zu theilen? Mein Freund, ſagte der Kaiſer ſanft, die Gefahren, die mich auf dem Schlachtfelde erwarten, ſind nicht die ſchlimmſten, welche mich be⸗ drohen. Größere Gefahren giebt es hier, und dieſe ſollen Sie für mich ertragen. Man wird mir dort nicht den Gehorſam verweigern, aber hier laſſe ich Intriguanten und Wühler genug zurück, welche nur auf den Moment lauern, daß ich abreiſe, um ihre Intriguen und Ränke gegen mich zu ſpinnen. Haben Sie alſo ein wachſames Auge, Cau⸗ laincourt, ſuchen Sie einzuwirken auf die einflußreichen Mitglieder der Kammern, damit ſie wenigſtens für die Dauer des Krieges inne halten in ihrer unſinnigen großſprecheriſchen Oppoſition. Ach, fuhr er fort, 598 indem er aufſtand, und die Hände auf dem Rücken gefaltet im Zimmer auf und ab ging, ach, ich haſſe dieſe ſogenannten Liberalen. Es ſind eitle Thoren, die nur deshalb Oppoſition machen, um ſich dabei in den Vordergrund zu ſtellen, die ihrer perſönlichen Eitelkeit das Glück, den Frieden und die Eintracht des Volkes und des Landes opfern. Sie ſind es, dieſe liberalen Schwätzer der Kammern, welche mir die Sym— pathieen meines Volkes zu entziehen trachten, und die Unzufriedenheit erwecken. Ach, dieſe Kammern, dieſe Conſtitution! Es iſt eine Feſſel, welche die Hände des Regenten bindet und ihn zu einer Puppe macht, mit welcher die eitlen Schwätzer der ſogenannten Volksvertretung ſpielen möchten. Aber ich werde ihnen dies Spiel nicht lange geſtatten, und ein Tag wird kommen, wo ich dieſe nur vom Winde ihrer Eitelkeit aufgeblähten, großen Männer in meinen Händen zerdrücken und klein machen werde. Sobald ich Frieden habe von Außen, werde ich Ruhe ſchaffen im Innern, und die Kammern für immer auflöſen. Oh, Sire. das wäre ein gewagtes und gefährliches Unternehmen, rief Caulaincourt ſeufzend. Das franzöſiſche Volk hat ſich mit einer wahrhaften Begeiſterung dieſen neuen liberalen Inſtitutionen zugewandt, und würde Den für ſeinen Feind halten, der ihnen dieſelben zu ent⸗ reißen trachtete. Ja, es iſt wahr, die Nation macht die Kinderkrankheit des parla⸗ mentariſchen Liberalismus durch, ſagte Napoleon gedankenvoll. Ich habe ſie anders wiedergefunden, als ich erwartete. Welch eine Ver⸗ änderung iſt in dieſen elf Monaten meiner Abweſenheit mit den Fran⸗ zoſen vorgegangen! Wie haben mir dieſe Bourbonen Frankreich zu⸗ gerichtet, und wie viel Mühe wird es mir koſten, ſie wieder auf die rechte Bahn zu bringen!*) Es iſt Alles anders geworden, und ſtatt der gehorſamen, ſchweigenden Unterthanen finde ich eine aufrühreriſche Maſſe, die ſich vermißt ihr eigener Herr ſein zu wollen, und ſich ſogar beleidigt fühlt, wenn ihr Herrſcher von ihnen Gehorſam und Unter⸗ würfigkeit fordert. Der nationale Wille, das iſt es, was man an die Stelle des Gehorſams gegen das S der Nation geſetzt hat. *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Las Cases. Mémoires. Vol 599 Hat mir Carnot doch geſtern mit ſeiner impertinenten Ruhe geſagt: Sire, die Franzoſen ſind ein freies Volk geworden. Dieſer Titel „Unterthan“, den Sie ihnen ſo oft geben, beleidigt und erſchreckt ſie. Nennen Sie ſie„Bürger“ oder noch beſſer, nennen Sie ſie Ihre „Kinder.“*)— Nun wohl, wenn die Franzoſen meine Kinder ſind, ſo müſſen ſie mir als ihrem Vater gehorchen. Dazu aber haben ſie nicht die mindeſte Neigung. Bin ich denn nicht mehr der Kaiſer? Ja, Sire, ſeufzte Caulaincourt, Sie ſind der Kaiſer, aber mit einer Conſtitution! Das heißt mit einem Thron über meinem Throne, mit einer Krone über meiner Krone! Das heißt, ich habe da ein Haus voll aufgebla⸗ ſener Schwätzer, die vermeinen, daß man mit ſchönen und wohl klingenden Phraſen einen Staat regieren könnte, daß liberale Redens⸗ arten genügten, um eine Nation glücklich zu machen. Aber dieſe par⸗ lamentariſchen Diskuſſionen, dieſe Polemik der Parteien, dieſe fortge⸗ ſetzten Angriffe auf die Unantaſtbarkeit des Herrſchers, die ſind es, die mir mein Volk verführen! Es iſt, wie geſagt, eine Kinderkrankheit, welche die Franzoſen während meiner Abweſenheit befallen hat, und ich fürchte, es wird lange dauern, ehe ich ſie wieder von derſelben ge⸗ heilt habe. Wenn ich wiederkehre, werde ich die Cour damit beginnen, daß ich die Schwätzer der Kammern zum Schweigen bringe. Man kennt den Arm des Kaiſers nicht mehr, aber bei meiner Heimkunft ſoll man ihn kennen lernen!**) Sire, darf ich eintreten, fragte eine Stimme hinter ihm, und in der halbgeöffneten Thür erſchien die Geſtalt des Prinzen Lucian. Ja, ſagte Napoleon ihm zunickend, ja, treten Sie ein, mein Bruder. Ich werde dann die beiden Getreueſten meiner Getreuen um mich haben. Früher war das anders, fuhr er düſter fort, früher hatte kein Souverain treuere Diener, geſchicktere Generäle! Aber nein, ich will mich nicht beklagen. Viele ſind mir treu geblieben und über die Abweſenden will ich die Anweſenden nicht vergeſſen. Frankreich hat *) Fleury: Mémoires. III. 109. **) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fleury HI. 600 mich mit einer Begeiſterung empfangen, welche meinen Zug von Cannes hierher zu einem Epos gemacht hat, das die Nachwelt einſt ebenſo be⸗ wundern wird, wie die Dichtungen des Homer; ich habe hier viele meiner Getreuen wiedergefunden, die Herzen meiner Soldaten ſchlagen noch eben ſo warm für mich wie in den frühern Tagen, und auf den Eifer, die Tapferkeit und Treue meiner Armee kann ich mich unbedingt verlaſſen. Mein Bruder, ſagte Lucian, ich kam hierher, um Ihnen noch von einem Ihrer Diener früherer Tage zu ſprechen, der freilich Eurer Ma⸗ jeſtät die Treue gebrochen hat, der jetzt aber demüthig und reuevoll zu Ihnen zurückkehren möchte, und mich um meine Fürſprache bei Eurer Majeſtät gebeten hat. Wer iſt es? fragte Napoleon lebhaft. Sire, es iſt Murat! Murat, rief der Kaiſer mit lauter, zorniger Stimme. Murat, der Verräther, der mich treulos und undankbar in den Tagen der Gefahr verlaſſen hat, der wagt es jetzt, zu mir zurückkehren zu wollen. Sire, er bereuet, und er iſt bereit, ſo viel in ſeinen Kräften ſteht, wieder gut zu machen! Das heißt, nicht wahr, er iſt von den Oeſterreichern beſiegt, aus ſeinem Lande verjagt worden, und hat ſich jetzt nach Frankreich ge⸗ flüchtet, um ſich hier vor der Verfolgung ſeiner Feinde zu ſichern? Ja, es iſt wahr, ſngte Lucian traurig, Murat iſt beſiegt worden. Er wollte ſich zum König von Italien machen, er hatte große und heldenkühne Pläne, aber ſie ſind nicht zur Ausführung gekommen. Die Völker Italiens haben ſeinem begeiſterten Zuruf nicht entſprochen, ſie haben nicht für ihn und die Unabhängigkeit Italiens zu den Waffen gegriffen, und ſein eigenes Heer ward in zwei Schlachten von den Oeſterreichern geſchlagen, bei Macerata und bei Introdocca. Er eilte zurück nach Neapel, um neue Streitkräfte zu ſammeln, doch er fand ſeine Hauptſtadt in Aufruhr; die Lazzaroni waren bereit, ſich für ihren frühern König Ferdinand zu erheben, und ſein eigenes Heer wandte ſich von ihm; die Oeſterreicher näherten ſich unter den Generalen Neipperg und Bianchi der Hauptſtadt. —„ 601 Und unſere Schweſter Caroline? fragte Napoleon. Sire, Murat fand ſie im Begriff, mit ihren Kindern ein engliſches Schiff zu beſteigen, das ſie nach Trieſt bringen ſollte. Als Staatsgefangene der europäiſchen Mächte, rief der Kaiſer mit grollender Stimme. Es iſt dieſen von ihrer eigenen Furcht zu barba⸗ riſcher Gewaltthätigkeit aufgeſtachelten Souverainen ja nicht genügend geweſen, Mir den Krieg zu erklären, gegen mich ihre Donnerkeile zu ſchleudern, ſie haben meine ganze Familie in den Bann gethan und erklärt, ſie zu Gefangenen machen zu wollen, wo immer ſie ſie träfen. Meine gute treue Caroline muß alſo ſchon das Joch auf ihrem Nacken tragen. Und Murat? Er iſt den Oeſterreichern entkommen? Ja, mein Bruder! Verkleidet, in einer Fiſcherbarke, iſt er ent⸗ flohen, und hat vor einigen Tagen das Glück gehabt, die Küſte Frank⸗ reichs betreten zu können. Sire, er beſchwört Ew. Majeſtät, ihm zu verzeihen, ihn wieder in Ihre Dienſte aufzunehmen. Niemals, rief Napoleon mit Ungeſtüm, niemals werde ich ihn in meiner Nähe dulden. Sein Verrath gegen mich hat ihn gebrandmarkt, ich kann ihn nicht wiederſehen. Sire, ſagte Caulaincourt mit flehender Stimme, Ew. Majeſtät ſollten gnädigſt die Vergangenheit zu vergeſſen ſuchen. Murat wird Ew. Majeſtät auf dem Schlachtfelde nützlich ſein können. Ew. Majeſtät haben ihn zu einem geſchickten Reitergeneral gebildet, und er verſteht es, die Truppen zu enthuſiasmiren, durch ſeine eigene perſönliche Tapferkeit ſie zu Heldenthaten zu entflammen. Meine Armee wird auch ohne ihn Heldenthaten verrichten, rief Napoleon, mit Mir wird ſie auch ohne Murat zu ſiegen wiſſen! Ach, Ihr ſeht mich Beide traurig und ſeufzend an? Ihr glaubt nicht an meine Siege? Aber ich ſage Euch, ich werde dennoch ſiegen. Kommt hierher, ſchaut mit mir auf die Karte! Er ſtieß ungeſtüm die Tapetenthür auf, die von dem Cabinet in das Landkartenzimmer führte und trat in daſſelbe ein, gefolgt von Lucian und Caulaincourt. Mit raſchen Schritten eilte er zu dem in der Mitte des Zimmers befindlichen Tiſch, auf welchem über mehreren 602 andern Karten eine mit vielen Nadeln bezeichnete große Karte ausge⸗ breitet war. Seht, rief Napoleon, deſſen Antlitz jetzt wieder flammte von kühner Energie, ſeht, ich habe da das Horoſcop meiner Zukunft aufgeſtellt, und ich ſage Euch, es iſt mir günſtig. Meine Spione und Agenten haben mich gut unterrichtet und ich kenne ganz genau die Stellung und die Stärke der Verbündeten. Sie rücken in drei großen Heeres⸗ ſäulen heran, die ſich von den Ufern der Maas bis nach den Alpen hinziehen, die, nach ihrem Plan, zu gleicher Zeit die franzöſiſche Grenze überſchreiten und gegen Paris marſchiren ſollen. Denn ſie vermeinen, daß ich ſo thöricht wäre, hier in Paris zu bleiben, das Abmarſchiren ihrer vereinten Streitkräfte zu erwarten, und dann erſt zu verſuchen, mich, den Umzingelten, gegen ihre Uebermacht zu vertheidigen. Thor, der ich wäre, mich in ihren Netzen einfangen zu laſſen, den Verthei⸗ diger, ſtatt des Angreifers zu ſpielen! Sie wollen den Krieg, ſie ſollen ihn haben! Ich werde ihnen denſelben auf halbem Wege entgegen tragen. Seht, hier oben in Belgien, hier ſtehen hundertzwanzigtauſend Preußen. Der betrunkene alte Reitergeneral, der Blücher, führt ſie an, ein tollkühner Raufbold, der ſich für einen Helden hält, weil ihm im vorigen Jahre der Zufall günſtig geweſen und ihn ſeinen tollen Handſtreich auf Paris hat ausführen laſſen.— Hier, unfern von den Preußen, hier, wo die rothen Nadeln ſind, da ſteht das aus allerlei Nationalitäten zuſammengeſtellte engliſche Heer von hunderttauſend Mann. Der Herzog von Wellington führt ſie an. Ich kenne ihn, denn ich habe ihn in Spanien und Portugal fünf Jahre zu bekämpfen gehabt. Er iſt ein tapferer und entſchloſſener Solht, aber er iſt lang⸗ ſam in ſeinen Bewegungen, der kühne Angriff iſt nicht ſeine Sache. Darauf baue ich meinen Plan. Hier, weiter abwärts an den Ufern des Rheins, ziehen zweimalhunderttauſend Oeſterreicher heran, und hier an den Schweizer Grenzen ſammelt ſich ein deutſch-piemonteſiſches Heer von hunderttauſend Mann. Aber dieſe beiden Heere kümmern mich ebenſo wenig, wie das ruſſiſche Heer, das in weiter Ferne heran⸗ rückt, wie das ſpaniſche Heer, das ſich den Pyrenäen nähert. Wenn dieſe vier Heere an den Grenzen Frankreichs anlangen, wird das 603 Schickſal ſchon entſchieden haben, ich werde alsdann den Mächten ent⸗ weder den Frieden dictiren können, oder es wird für mich Alles be⸗ endet ſein.— Ich habe es nur mit den Preußen und Engländern zu thun. Das heißt mit zwei Armeen, die zuſammen zweimalhundertund⸗ zwanzigtauſend Mann ſtark ſein werden, ſagte Lucian. Ja, und ich werde ihnen nur hundertundfunfzigtauſend Mann entgegenzuſtellen haben, rief der Kaiſer lebhaft, aber ich werde meine Armee wie einen Keil zwiſchen dieſe beiden Armeen hineinzwängen, und ich werde ſie auseinanderſprengen. Sie liegen einige Stunden weit auseinander, ich werde mit meinem Heer dieſen Zwiſchenraum ausfüllen. Sie glauben mich noch nicht zum Krieg gerüſtet, ſie glau⸗ ben, daß ich ihnen noch einige Wochen Ruhe laſſen werde, bis alle Rekruten ausgehoben, alle Föderirten bewaffnet ſind. Sie ſind daher auch nicht auf den Angriff vorbereitet. Der alte Blücher glaubt in ſeinem Lager gemächlich rauchen und trinken zu können, Wellington meint, daß ich ihm Zeit laſſe, in Brüſſel den zu ſeinen Ehren veran⸗ ſtalteten Feſtlichkeiten beizuwohnen. Seine einzelnen Armeecorps liegen ziemlich weit auseinander, und bei ſeiner Bedächtigkeit und Vorſicht wird er den Kampf nicht eher annehmen, als bis er ſein ganzes Heer vereinigt hat. Wenn er mein unvermuthetes Erſcheinen erfährt, wird er ſich anfangs zurückziehen, ich werde das benutzen, um mich auf die Preußen zu ſtürzen, und der alte Blücher wird tollkühn genug ſein, den Angriff anzunehmen. Es kommt nur darauf an, daß er meine Annäherung nicht vorher erfährt, und nicht Zeit findet, ſeine Corps ſchneller zuſammenzuziehen. Er glaubt mich hier in Paris beſchäftigt; während er daher müßig und unthätig ruht, ſtürze ich mich auf ihn, und der Tag von Jena wird ſich für ihn wiederholen. Ich reibe die preußiſchen Heeres⸗Abtheilungen auf, dann, wenn dies vollbracht, dann wende ich mich den Engländern zu. Ich zwinge Wellington, der ſeine Corps noch nicht zuſammengezogen hat, zur Schlacht; er wird ſtutzen, zurückweichen, meine Truppen, ſiegbegeiſtert, werden auf ihn eindringen, und wenn das Glück, das ſich ſo oft mir günſtig gezeigt, auch dies Mal nur etwas für mich thut, ſo werde ich Wellington beſiegen, wie 604 ich Blücher beſiegt habe.— Dann werde ich unterhandeln, werde mich auf's Neue an Oeſterreich wenden, und Frieden anbieten, und wenn meinen Anerbietungen einige gewonnene Schlachten als Herolde vor⸗ aufgehen, wird der Kaiſer von Oeſterreich meine Couriere nicht zurück⸗ weiſen, ſondern er wird meinen Vorſchlägen ein williges Ohr leihen. Ach, ich kenne ja dieſe Fürſten, ſie haben mir immer geſchmeichelt, ſich immer vor mir in den Staub gebengt, ſobald ich Sieger war, ſobald die Furcht vor der Schärfe meines Schwertes ſie überkam. Ich werde ihnen beweiſen, daß mein Schwert noch nicht ſtumpf geworden, daß ich noch immer der Kaiſer Napoleon bin, dem ſie ſo viele Jahre zu Füßen geſeſſen, ich werde ſie zwingen, ſich wieder vor mir zu demüthigen und mich wieder als Kaiſer von Frankreich anzuerkennen. Der Himmel gebe, daß dieſer Tag der Gerechtigkeit für Ew. Ma⸗ jeſtät kommen möge, rief Caulaincourt begeiſtert, denn die Fürſten haben die Strafe Gottes gegen ſich herausgefordert, ſie haben in dem Schrecken vor Ihrer Perſon zu ſchmachvollen und unwürdigen Mitteln ihre Zuflucht genommen, und indem ſie Ew. Majeſtät zu ächten meinten, haben ſie ſich ſelbſt geächtet. Ja, ſie haben ſchlecht, ſie haben unwürdig an mir gehandelt, rief Napoleon mit zorniger Stimme. Ich war ihres Gleichen, ich war auch auf Elba noch ein freier Souverain, wie ſie, und ſie ſelber hatten im Vertrag von Fontainebleau meine Souverainetätsrechte anerkannt. Ich war noch immer der Kaiſer, wie ich es geweſen in den Tagen von Erfurt und Dresden. Ich war und blieb der von der Hand des Papſtes geſalbte Souverain, deſſen Krone, wie klein ſie immer ſein mochte, man reſpectiren mußte. Niemand konnte das jedem Souverain zuſtehende Recht, anderen Souverainen den Krieg zu erklären, mir ſtreitig machen. Und ich erklärte Ludwig, der ſich König von Frank⸗ reich nannte, den Krieg, ich wollte, was ich verloren, wieder gewinnen. Was kümmerten die auswärtigen Mächte dieſe Streitigkeiten im In⸗ nern Frankreichs? Waren ſie es, die ich angriff, die ich bedrohete? Ich forderte nur Frankreich, nur meinen von allen europäiſchen Mäch⸗ ten, außer England, einſt anerkannten Kaiſerthron von Frankreich, es war eine innere Angelegenheit, die ich mit der franzöſiſchen Nation, 605 mit den Bourbonen allein abzumachen hatte. Aber die Furcht vor mir hatte den Verſtand der auswärtigen Fürſten verwirrt, und die Furcht machte, daß ſie, die einſt als Bewunderer zu meinen Füßen geſeſſen, die mich ihren Freund genannt, die von mir Kronen zum Geſchenk erhalten, ſich jetzt gegen mich verbündeten und eine Achtserklärung ge⸗ gen mich ſchleuderten, als ſei ich ein Banditenchef, als lebten wir noch in den grauen Zeiten des Mittelalters, und es gäbe kein Völker⸗ recht, und das Fauſtrecht allein ſei noch gültig. Oh, ſie werden es eines Tages bereuen, ſo gehandelt zu haben, ihre eigenen Völker werden ſie dafür ſtrafen, daß ſie in mir die monarchiſche Würde, die Moral und Gerechtigkeit verletzt haben. Die Völker werden keinen Glauben mehr haben an das Wort ihrer Fürſten, denn ſie werden meiner gedenken, und ſich erinnern, wie die Fürſten mir ihr Wort, ihre Treue gehalten, und welcher Art die Moral iſt, die ſie üben, wie heilig ihnen die Familienbande ſind, welche ſie ſchließen. Ich bin der Schwiegerſohn des Kaiſers von Oeſterreich, und Er iſt es, der, allem Völkerrecht zum Trotz, mir den Krieg erklärt, Er iſt es, der meine rechtmäßige Gemahlin mit Gewalt von mir fern hält, der mir ſogar meinen Sohn, meinen armen kleinen König von Rom, der dem Vater ſein Kind verweigert. Lucian, Caulaincourt, habt Ihr den Baron Meneval geſprochen, hat er Euch von meiner Marie Louiſe, von mei⸗ nem kleinen Napoleon erzählt? Ja, Sire, ſagte Lucian mit düſterer Miene, er hat mir erzählt, daß die Kaiſerin mehr Furcht vor ihrem Vater, als Liebe für ihren Gemahl empfindet, daß ſie hätte entfliehen können, daß ſie es aber nicht gewagt hat. Ach, Du mußt ihr das nicht übel nehmen, rief Napoleon, deſſen Stimme jetzt weich und milde war, deſſen Antlitz jetzt zuckte vor innerer Bewegung. Nein, Du mußt das meiner armen Louiſe nicht übel nehmen. Sie iſt ein ſchüchternes, furchtſames Weib, das keine Kraft in ſich fühlt, dem Schickſal zu trotzen, eine Frau, die ihren Vater als eine Autorität betrachtet, gegen die ſie als Tochter nicht opponiren darf. Aber ſie liebt mich dennoch, das weiß ich, und ſie würde glück⸗ lich ſein, wenn man ihr geſtattete, zu mir zurückzukehren. Und mein 1 606 Sohn, mein kleiner blondlockiger Knabe? Habt Ihr's gehört, daß er immer noch an ſeinen Vater denkt, daß er ganz leiſe und ſchüchtern dem Baron Meneval zugeflüſtert hat, er ſolle mir ſagen, daß der kleine König von Rom mich noch immer lieb habe? Ach, ſie wollen es ihm verbieten, ſeinen Vater zu lieben; ſie ſind grauſam genug, ihm ſogar ſeinen Namen zu ſtehlen, und ſie nennen ſich Chriſten, und ſie wagen es, von chriſtlicher Liebe und Moral zu ſprechen! Einem Kinde ſeinen Namen zu nehmen, den es von geweiheter Prieſterhand in der heiligen Taufe erhalten hat, ihm denſelben blos deshalb zu nehmen, weil es der Name ſeines Vaters iſt! Und mein armer Knabe weint darüber, und will nicht Franz heißen, will kein Oeſterreicher ſein. Ach, ich hätte ihn ſehen mögen, wie er mit Thränen in den Augen zu Meneval ſagte: Erzählen Sie es nicht meinem Papa, daß ſie mich hier Franz nennen. Es würde ihm wehe thun. Der Kaiſer, überwältigt von ſeiner eigenen Rührung, verſtummte und legte die Hand über ſein Angeſicht, um Niemand die Thränen ſehen zu laſſen, die in ſeinen Augen ſtanden. Dann nach einer Pauſe ließ er ſeine Hand wieder niedergleiten und ſeine Züge hatten wieder die eherne Ruhe angenommen. Ich werde ſie zur Rechenſchaft ziehen für dieſen Frevel, den ſie an den geheiligten Geſetzen der Natur verübt haben, rief er mit drohender Stimme, und wenn ich es nicht vermag, ſo wird Gott ſelber ihre Strafe übernehmen! Aber vorläufig will ich verſuchen, ſelber ſie zu ſtrafen! Die Menſchen haben mich oft den Löwen ge⸗ nannt, nun wohl, wir werden ja ſehen, ob der Löwe noch ſeine Kraft und ſein Glück früherer Tage beſitzt. Der Himmel gebe es, rief Lucian, der Himmel mache Sie zum Sieger über alle Ihre Feinde! Der Himmel! Du meinſt alſo doch, mein Bruder, daß ich allein dazu nicht ſtark genug bin, und daß ich noch des Bundes mit Dem da oben bedarf? Und Sie, Caulaincourt! Bezweifeln auch Sie, daß ich das Werk allein vollenden, den Sieg allein erkämpfen kann? Sire, es bedarf ein Jeder zu ſeinem Glück der Allianz mit dem — 607 Souverain da droben. Wenn Er nicht mit Ihren Feinden iſt, ſo werden ſie beſiegt werden, obwohl ſie zwei Mal ſtärker ſind als Ew. Majeſtät. Das will ſagen, wenn Er nicht mit mir iſt, ſo werde ich beſiegt werden, weil ſie mir zweifach überlegen ſind. Ja, es iſt wahr, mur⸗ melte Napoleon düſter vor ſich hin, die Kräfte ſind ungleich. Ich habe nicht allein ein viel geringeres Heer, ſondern es fehlen mir auch die Marſchälle und Generäle, mit denen ich gewohnt war, zu ſiegen. Wo ſind ſie Alle, meine Tapferen, deren leuchtende Augen ſchon vor der Schlacht mir Glück wünſchten zu dem kommenden Siege? Der Tod oder der Verrath hat ſie von meiner Seite genommen. Mein edler, treuer Duroc, mein braver Lannes ſind in's Grab gegangen, Berthier hat mich verrathen und iſt entflohen, Augereau iſt auch ein Verräther, und er vergißt in ſeiner neuen Höflingsrolle, daß er einſt ein wüthender Republikaner war, und daß ich es bin, der ihn groß gemacht. Macdonald, Oudinot, Marmont, Sebaſtiani, Maiſon, St. Cyr, Lauriſton, ſie Alle haben den Feldherrn verlaſſen, der ſie einſt zu ſo vielen Siegen geführt, und dem ſie ihren Titel und ihre Ehren verdanken. Maſſena iſt alt geworden, und ich darf ihm kein Com⸗ mando mehr übertragen. Soult, Ney und Davouſt, das ſind die ein⸗ zigen Marſchälle, die mir geblieben. Aber darf ich auf ſie rechnen und ihnen vertrauen? Soult iſt zu mir zurückgekehrt, nachdem er noch einige Tage vorher in einer Proclamation an die Armee von mir wie von einem Banditen und Verbrecher, auf den man fahnden müſſe, ge⸗ ſprochen hatte. Er dient mir jetzt, wie er vor mir dem König Ludwig gedient hat, und wie er, wenn ich ſcheitere, meinem Nachfolger dienen wird, nicht aus Neigung und Treue, ſondern weil ich der Machtgeber bin, und weil es klüger und vortheilhafter iſt, mit dem Sieger zu bleiben, als mit dem Beſiegten zu entfliehen.— Ney iſt ſeiner alten Liebe zu mir gefolgt, und er iſt da, weil er dem Ruf ſeines alten Feldherrn nicht zu widerſtehen vermochte. Aber er zürnt faſt ſeinem Herzen, daß es ſeinen Kopf überflügelt hat, er nennt ſeine Treue ge⸗ gen mich Verrath gegen die Bourbonen, und iſt mit ſich ſelber in Zwieſpalt. Davouſt iſt mir auch noch geblieben, aber ich muß ihn 608 als meinen Kriegsminiſter zurücklaſſen.— Und ſo ziehe ich aus mit nur zweien meiner alten Marſchälle und ſonſt mit lauter jüngeren Generälen, deren Fähigkeiten ich kaum kenne und denen ich zum Theil mißtraue. Vor allen Dingen aber traue ich dem General Bourmont nicht. Er iſt immer ein zweideutiger Charakter geweſen, immer nur auf ſeinen Vortheil bedacht, er wird mich verrathen, wenn es ſeinem Vortheil angemeſſen erſcheint. Sire, ſagte Caulaincourt, die Marſchälle Ney und Soult haben für ſeine Treue gut geſagt. Ja, rief Napoleon, ſie haben das gethan, die beiden Herren Mar⸗ ſchälle. Aber wer ſagt mir für ihre Treue gut? Ach, wenn ich Eugène Beauharnais noch bei mir hätte, Eugene, den ich mir zum Feldherrn erzogen, den ich zu meinem Sohn angenommen habe, und der jetzt bei meinen Feinden lebt, während ich— doch ſtill, es nützt nichts, über das Unabwendbare zu klagen. Ich gedenke der Abweſenden, aber ſie gedenken meiner nicht mehr! Aber, mein Bruder, bat Lucian, wenn Einer von den Abweſenden zu Ihnen zurückkehrt, ſo ſollten Sie ihn willkommen heißen und ihm die Hand zur Verſöhnung darreichen. Ich wage es noch einmal, für Murat zu bitten. Er kommt reuevoll zurück, und er vermag Ew. Ma⸗ jeſtät nützlich zu ſein. Nein, nichts mehr von Murat, rief Napoleon heftig. Das Un⸗ glück hat ihn gezeichnet und zieht ihn zu ſich, ich will meinen wankenden Thron nicht von der Hand eines entthronten Königs ſtützen laſſen. Nichts mehr von dieſem einſtigen Freund, der in der Stunde der Noth ſich zu meinem Feind erklärt hat. Sire, ſagte Caulaincourt, ſo erlauben Sie mir, Ihnen dagegen von einem Feinde zu ſprechen, der in der Stunde der Noth ſich zu Ihrem Freund erklärt hat, das heißt, in der Stunde der Noth, die ihn bedrohte. Sire, trauen Sie Fouché nicht. Er iſt ein gefährlicher und böſer Feind, und er ſinnt auf Ihr Verderben. Mein Bruder, rief Lucian, ich wage es, meine Bitten mit denen des Herzogs von Vicenza zu vereinigen. Laſſen Sie nicht hier in Ihrem Rücken einen Feind zurück, der um ſo gefährlicher iſt, da Sie 609 ihm die Mittel in die Hände gegeben, durch welche man ſonſt die Verdächtigen überwacht und entfernt. Fouchs darf nicht der Chef der Polizei bleiben, denn dieſe gerade giebt ihm die Gewalt, Ihnen im Innern Frankreichs mehr zu ſchaden, als ein feindliches Heer außer⸗ halb Frankreichs Ihnen gefährlich ſein kann. Sire, ſagte Caulaincourt, ich klage vor Ew. Majeſtät den Herzog von Otranto des Verrathes an, des heimlichen Verkehrs mit Ihren Feinden, der Intriguen mit Gent, des Beſtrebens, die Bourbonen wieder auf den Thron von Frankreich zurückzuführen. Möge es Ew. Majeſtät gefallen, meine Anklage anzunehmen, und des Verräthers ſich zu bemächtigen. Ja, Fouché iſt ein Verräther, rief Lucian, er iſt es, der durch ſeine Emiſſaire die Provinzen zum Aufſtand reizt, der die Stimmung der Bevölkerung von Paris gegen Sie zu wenden ſucht. Gleich dem Herzog trage ich auf die ſofortige Verhaftung Fouché's an, beſchwöre ich Ew. Majeſtät, ſich dieſes gefährlichen Feindes zu verſichern, und ihn zu verhindern, ſeine verrätheriſchen Intriguen noch weiter auszu⸗ dehnen! Sire, er iſt ein Verſchwörer, möge der Rebell mit ſeinem Leben ſeinen Verrath büßen! Napoleon antwortete nicht ſogleich. Er ging, die Hände auf dem Rücken gefaltet, langſam einige Male auf und ab. Die Geſichter Lu⸗ cians und Caulaincourts waren mit einem Ausdruck flehender Angſt ihm zugewendet; als der Kaiſer jetzt ſtill ſtand, und ſeine flam⸗ menden Blicke auf ſie richtete, hämmerte ihr Herz mit fieberhaften Schlägen in ihrer Bruſt, und ſie hielten den Athem an vor Ungeduld und Erregung. Nein, ſagte Napoleon langſam, nein! Wozu könnte mir das Blut dieſes Menſchen nützen, wenn ich bei meinem Unternehmen unterliegen ſollte? Aber derſelbe Courier, der die Nachricht von der Niederlage der Engländer und Preußen nach Paris bringt, wird auch den Befehl zur Hinrichtung Fouchs's überbringen.*) Habe ich erſt den Feind da *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Eduard Arnd, Geſchichte der letzten vierzig Jahre. I. 139. Muhlbach, Napoleon. 1V. Bd. 39 610 außen bezwungen, ſo mögen meine Feinde im Innern Frankreichs zittern. Ich werde ſie unter meine Füße treten. Zwei große Siege und Frankreich beugt ſich in Gehorſam vor ſeinem Kaiſer. Daran ge⸗ denkt, meine Freunde, und zagt nicht! In einer Stunde reiſe ich zur Armee ab, mit mir reiſt das Glück der Zukunft, oder das Verderben! V. Die Schlacht bei Tigny. Napoleon hatte wohl Recht gehabt, dem General Bourmont nicht zu trauen, und von ihm einen Verrath zu befürchten. Das Heer hatte kaum am vierzehnten Juni die franzöſiſche Grenze überſchritten, und war in Belgien eingerückt, als der General Bourmont das franzöſiſche Heer verließ, und ſich zu den Preußen begab, um dem Feldmarſchall Fürſten Blücher Napoleons Plan zu einem raſchen Angriff der Preußen zu verrathen. Der alte Feldherr jauchzte dieſer Nachricht entgegen wie einer Verkündigung nahenden Glückes. Seine Eilboten flogen nach allen Richtungen und zu allen preußiſchen Heerestheilen hin, um den Trup⸗ pen den Befehl zu bringen, daß ſie auf ihre verſchiedenen Sammel⸗ orte rücken und ſich zur Schlacht bereit halten ſollten. Hinter dem Dorf Ligny ſtand Blücher mit der Hauptmacht ſeines Heeres, des Heranrückens Napoleons gewärtig, und ganz bereit den Kampf anzunehmen. Alle Anordnungen waren beendet, alle Truppen hatten ihre angewieſene Stellung eingenommen, Alles war ſchlacht⸗ bereit, kampfgerüſtet. Vor allen Dingen aber war Blücher ſchlachtbereit und kampf⸗ gerüſtet. Dort auf der Höhe hinter Ligny hielt er auf ſeinem Schim⸗ mel, umgeben von ſeinen Generälen und Adjutanten. Es war immer noch derſelbe freudige heitere Ausdruck in ſeinen Zügen; das Jahr, 611 das ſeit der Einnahme von Paris, ſeit Blüchers großen Triumphen und Siegen vergangen war, hatte auf ſeinem Antlitz keine Spur zurückgelaſſen, ſein Auge glänzte noch immer im Feuer der Jugend, ſeine Stimme war noch eben ſo friſch, ſein Herz noch eben ſo muth⸗ voll und unverzagt. Sein glänzender Blick ſchweifte umher an dem Horizont und ſpähete hinüber nach dem heranziehenden Feind, den jetzt freilich auch das ſchärfſte Fernrohr nicht zu erſpähen vermochte, deſſen Annäherung man aber inne ward an dem Donner der Kanonen, der in ununter⸗ brochener Macht immerfort daherrollte und verkündete, daß der Feind ſchon mit irgend einer Abtheilung des preußiſchen oder engliſchen Heeres im Kampf begriffen ſei. Es iſt auf dem rechten Flügel, ſagte Blücher, der lange ſtumm hinübergehorcht hatte nach dem Kanonendonner, ja, es iſt auf unſerm rechten Flügel, wo Zieten ſteht. Er bedarf Hülfe und wir müſſen ſie ihm bringen. Und in ſeiner raſchen entſchiedenen Weiſe ertheilte er ſeine Be⸗ fehle, gab er ſeinen Generälen und Adjutanten ihre Weiſungen. Sie ſprengten von dannen, und Blücher war jetzt allein mit ſeinem Generalquartiermeiſter, ſeinem getreuen Freund Gneiſenau. Unfern von Beiden befand ſich noch ein anderer Getreuer; er ſaß auf einem ſtattlichen Pferd und trug die einfache Uniform eines gemeinen Huſa⸗ ren; vor ihm auf dem Sattelknopf ſtand ein länglicher eiſerner Kaſten, und aus demſelben hatte er eben eine kurze weiße Thonpfeife genommen, die er jetzt in Brand ſetzte, und von deren Wohlbefinden er ſich mit zärtlichſter Sorgfalt zu überzeugen ſuchte. Zuweilen nur hob er die kleinen hellblauen Augen empor und richtete den gutmüthigen Blick hinüber zu den beiden Herren, die da vor ihm hielten und in lebhaftem Geſpräch begriffen waren. Na, das ſcheint heute wieder'ne gute Wirthſchaft zu ſind, brummte er leiſe vor ſich hin. Nich mal an ſeinen Stummel denkt er heute wieder und Augen macht er, als wo At er ſie gleich zu Kohlen ge⸗ brauchen und den Toback damit in Brand ſtecken. Muß doch'n bisken näher reiten und zuhören, was ſie Beide nu wieder ſprechen, ob was 39* —— ———— 612 los werden ſoll. Ich weiß, was ich der Male,— ne, der Frau Fürſtin Blücher wollt ich ſagen, verſprochen habe, und ich will mein Wort halten. Er gab ſeinem Pferde einen wohlgeführten Stoß in die Weichen und ließ es vorwärts traben. Na, nu wird er mich doch wohl hören, brummte er, nu wird er ſich doch wohl erinnern, daß Chriſtian da iſt, und der Stummel dazu! Aber Blücher ſchien ſich deſſen durchaus nicht zu erinnern, ſon⸗ dern war noch immer eifrig im Geſpräch mit ſeinem Vertrauten be⸗ griffen. Ich denke, ſagte der Feldmarſchall, die ſpähenden Blicke noch einmal am Horizont dahin ſchweifen laſſend, ich denke, es iſt nun Alles wohlgeordnet und wir haben nichts vergeſſen, Gneiſenau? Nein, Ew. Durchlaucht, wir— Hören Sie, unterbrach ihn Blücher, indem er ſeinen langen weißen Schnurrbart durch ſeine Finger zog, hören Sie mal, Freund, thun Sie mir den einzigen Gefallen und laſſen Sie die dumme Titu⸗ latur weg. Für Sie bin ich keine Durchlaucht, und es geht Sie rein ganz und gar nichts an, daß mich der König zum Fürſten von Wahl⸗ ſtatt gemacht hat. Er hat's auch man blos gethan, weil er in mir die Tapferkeit der ſchleſiſchen Armee belohnen wollte und weil ich juſt an der Spitze derſelben ſtehe. Aber Sie haben nicht nöthig, ſich darum zu kümmern; für Sie bin ich man blos Ihr Freund Blücher, Sie ſind mein anderes Ich, und da paßt ſich die Durchlaucht nicht. Es wär' grad' ſo, als wenn meine Male mich Durchlaucht nennen und ihren alten Knaſterbart Fürſt tituliren wollte. Das iſt gut für die fremden Menſchen, aber nicht für Sie und die Male. Na, das habe ich Ihnen blos ſagen wollen, und uu ſprechen Sie weiter. Wir haben nichts vergeſſen, nicht wahr? Nein, Feldmarſchall, wir haben nichts vergeſſen, ſagte Gneiſenau mit einem zärtlichen Blick auf ſeinen alten Feldherrn, es iſt Alles wohl überlegt und geordnet. Wir haben eine ſchöne und vortheilhafte Stellung, und dieſe Höhenzüge hier hinter dem Bach Ligne ſcheint der liebe Gott eigens für uns geſchaffen zu haben. Da drüben weit über 613 Bry hinaus ſteht unſer rechter Flügel unter General von Zieten; der linke Flügel, unter General von Thielmann, dehnt ſich hinunter nach dem Point du Jour und nach Tongrines, und das Centrum, unter General von Pirch, ſteht zwiſchen Sembref und Bry. Die drei Dörfer hier vor uns, Saint Amand, Ligny und Tongrines haben wir ſtark beſetzt, und wenn Napoleon uns da angreift, wird er es zu büßen haben. Wir ſind vierundachtzigtauſend Mann ſtark, und Napoleon rückt, wie General Bourmont uns geſagt hat, nur mit fünfundſieben⸗ zigtauſend Mann gegen uns heran. Die anderen Heeresabtheilungen bleiben ſtehen, um die Engländer zu bewachen. Aber ſie werden die Engländer hoffentlich doch nicht hindern, uns, wenn's Noth thut, zur Hülfe herbeizueilen? Wellington hat mir ver⸗ ſprochen, daß bis heute Mittag um zwei Uhr zwanzigtauſend Mann ſeiner Truppen bei uns anlangen ſollen. Sie glauben doch, daß er Wort halten kann? Ich bin davon überzeugt, Feldmarſchall. Er wird, wie Sie ihn gebeten haben, ſeine Truppen über Quatre⸗Bras anmarſchiren laſſen, und wenn dieſe auch erſt um vier Uhr hier anlangen, ſo iſt es immer noch zeitig genug. Na, alſo in Gottes Namen denn, ſo will ich die Schlacht an⸗ nehmen, wenn der Bonaparte ſie mir bietet, ſagte Blücher vergnügt. Er hat keinen Pardon annehmen wollen vom Schickſal, iſt's nicht zu⸗ frieden geweſen, daß es ihm die Inſel Elba aus übermäßiger Gnade gelaſſen hat, damit er dort noch'n bischen Kaiſer ſpielen könnte. Dafür wird ihn das Schickſal aber nu auch abſtrafen, und nicht'n Fetzen vom Kaiſerthum ſoll an ihm bleiben. Ich dank's dem lieben Gott, dank's ihm von ganzem Herzen, daß er mich hat leben laſſen bis auf dieſen Tag, und daß ich noch kein alter wacklicher Greis ge⸗ worden bin, der kein Schwert mehr halten kann. Gneiſenau, es geht nu wieder los, und dies Mal, ſo wahr ein Gott über mir iſt, dies Mal lege ich's Schwert nicht eher wieder hin, als bis wir ihn für immer eingefangen haben! Und mein tapferer Feldmarſchall wird ſein Wort halten, wie er es vor einem Jahr gethan hat! 614 Ja, ich habe wohl mein Wort erfüllt, ſagte Blücher gedankenvoll, und wir haben Paris erobert, und haben ihn runter gekriegt von ſei⸗ nem Thron, den Bonaparte. Aber nachher ſind die Federfuchſer und die Trübſalsſpritzen gekommen und die Herren mit den Manſchetten, die ſich Diplomaten nennen und ſo überklug ſind, die haben Alles wieder zu Schanden gemacht. Ich will Ihnen was ſagen, Gneiſenau, ich denke immer, unſere Königin Louiſe die hat den lieben Gott ge⸗ beten, daß er ein Einſehen hat und ein Machtwort ſpricht, damit der Congreß, den die Federfuchſer in Wien abhielten, endlich ein Ende nähme. Und weil der liebe Gott ſeit zwanzig Jahren immer, wenn er die Völker und die Großen für ihre Fehler und Sünden abſtrafen wollte, ſich den Bonaparte als Geißel für die Strafbaren nahm, ſo hat er ihn ſich auch dies Mal wieder von Elba herüber gelangt, und hat ihn hin und her geſchwenkt, damit alle die weiſen Herren Diplo⸗ maten von Wien Reißaus nähmen. Gneiſenau, es war ein jammer⸗ volles Ding dieſer Congreß in Wien, und das Herz that Einem weh, wenn man hörte und ſah, wie's da zuging. Gered't und geſchrieben haben ſie genug, aber es kam nichts zu Stande, und ſie zankten ſich blos hin und her um Länder und Unterthanen, und das Haben und Beſitzen und das Mein und Dein, das war ihnen Allen die Haupt⸗ ſache. Ich weiß nicht, ich mag auch wohl gern haben und beſitzen, und wenn ich am Spieltiſch ſo'n paar tauſend Louisd'or gewinne, ſo lacht mir's alte Herz im Leibe. Aber um was es ſich da handelt, und um was wir da würfeln und ſtreiten, das ſind doch man blos eben Goldfüchſe und keine Menſchen. In Wien haben ſie aber um Men⸗ ſchen gewürfelt und geſtritten, als wenn's Goldfüchſe wären, und als ob die Völker blos darum ihr Hab und Gut, ihr Blut und Leben ge⸗ opfert hätten, um dafür links und rechts, an dieſen oder jenen großen Herrn, den die Luſt kitzelte, noch'n paar tauſend Unterthanen mehr zu regieren, verſchenkt zu werden. Ich mein' aber, Gneiſenau, die Völker ſollten für die Fürſten keine Goldfüchſe ſein, um die ſie würfeln, ſpielen und ſtreiten, ſondern die Fürſten hätten daran denken ſollen, wie groß, tapfer und opferbereit ſich ihre Völker bewieſen haben, und ſie hätten vor allen Dingen ſich dafür dankbar zeigen und darauf be⸗ dacht ſein ſollen, ihre Völker glücklich zu machen. Nun, zuletzt haben ſie ja in Wien noch daran gedacht, ſagte Gnei⸗ ſenau. Zuletzt, als wieder Gefahr drohte, da haben ja alle deutſchen Fürſten an ihre Völker gedacht, und haben ihnen allen gar köſtliche Geſchenke gemacht. Ah, Sie meinen die Verordnungen und Verſprechungen? Die Geſchichte von den Landſtänden und Conſtitutionen, welche die Fürſten verſprochen haben? Ja, die meine ich! Und ich denke, das edle und tapfere preußiſche Volk wird zufrieden ſein mit dem Dank ſeines Königs. Er hat ihm feierlich verſprochen und zugeſagt, daß eine Repräſentation des Volkes gebildet werden ſoll. Er hat gelobt, daß eine Landes⸗Repräſentation auferſtehen ſoll, die in Berlin ihren Sitz haben, und welche die Befug⸗ niß und das Recht haben ſoll, über alle Gegenſtände der Geſetzgebung zu berathen, welche die perſönlichen und Eigenthumsrechte der Staats⸗ bürger, mit Einſchluß der Beſteuerung, betreffen.*) Es iſt ein großes Geſchenk, welches der König Friedrich Wilhelm ſeinem Volk verkündet hat, er will ſeine Unterthanen zu ſeinen Staatsbürgern erheben. Meinen Sie nicht, daß damit das Volk für ſeine Heldenthaten und ſein ver⸗ goſſenes Blut königlich belohnt wird? Na, das verſteh' ich nicht, Gneiſenau, ſagte Blücher achſelzuckend, das ſind ſo moderne Anſichten und Phraſen, die nicht recht in meinen alten Kopf rein wollen. Conſtitution, freie Staatsbürger, ach ja, es klingt recht hübſch. Aber wiſſen Sie, wie mir Eure moderne, ſoge⸗ nannte conſtitutionelle Freiheit vorkommt? Es iſt grade ſo, wie wenn man einem Jagdhund, der's Edelwild gut gejagt hat, zur Belohnung wollt' Butter auf die Naſe ſchmieren. Es riecht dem armen Kerl gar vor⸗ trefflich zu, und er ſtreckt die Zunge darnach aus, und möcht's lecken, aber es geht nicht, er kann mit ſeiner Zunge nicht'ran an die Naſe, und leckt und leckt, und kriegt von ſeiner Belohnung doch nichts in den Mund. Sehen Sie, Freund, juſt ſo kommt's mir vor mit der *) Pertz. vI. S. 430. 616 conſtitutionellen Freiheit der Völker. Es iſt auch man blos Butter, die ihnen auf die Naſe geſchmiert wird, aber in den Magen kriegen ſie rein gar nichts davon, und zu Tode hungern können Sie ſich auch dabei. Man blos'ne Redensart iſt's mit ſo'ner Conſtitution, und noch ſchlimmer iſt's, wenn's keine Redensart iſt, und wenn die Unter⸗ thanen ſolche großmäulige, ſcheinredneriſche Kerls werden, wie ich ſie in England im Unterhauſe geſehen habe, ſolche langnaſige Kerls, die Morgens Dütchen drehen und Lichter ziehen, und Abends ſo klug und gelehrt thun, und meinen, ſie wären dazu da, Geſetze zu geben und die Volksbeglückung zu erfinden! Nein, nein, verſchont mich mit Eurer conſtitutionellen Freiheit, gebt den guten treuen Völkern eine ordent⸗ liche, aus weiſen und ehrlichen Männern zuſammengeſetzte Regierung, verringert ſo viel als möglich ihre Abgaben und Steuern, ſeid ihnen vätertiche, liebevolle, ſparſame und genereuſe Fürſten, und haltet ihnen ein tapferes und tüchtiges Heer, das ſie vor Feinden von Außen be⸗ ſchützt. Meinen Sie nicht, Freund, daß die Völker ſehr glücklich ſein würden, wenn ſie das Alles hätten? Ja gewiß, Feldmarſchall, das meine ich, ſagte Gneiſenau lächelnd. Aber alle dieſe Dinge werden ihnen eben durch die Conſtitution, die Verfaſſung, geſichert. Na, meinetwegen, rief Blücher, wir wollen uns nicht darüber ſtreiten, ſondern von der Conſtitution ſagen, was mein weiſer Pipen⸗ meiſter immer von ſtreitigen Dingen zu ſagen pflegte:„Wer't mag, de mag't, un wer't nich mag, de mag't ja woll nich mögen.“*) Aber hören Sie nur, Gneiſenau, der Kanonendonner kommt näher und näher, und— hurrah, hurrah, ſehen Sie da hinten, da drüben am Horizont, ſehen Sie da den dunkeln Streifen, Gneiſenau? Ich ſeh's, Feldmarſchall, es bewegt ſich vorwärts. Das ſind die Franzoſen! rief Blücher jubelnd. Sie kommen, ſie kommen, und es wird nu wieder los gehen. Na, du lieber Gott da droben, nu ſei ſo gut und hilf uns, und denke daran, daß wir ſiegen *) Wer's mag, der mag's, und wer's nicht mag, der mag's ja wohl nicht mögen. Plattdeutſche Redensart. 617 müſſen, daß es'ne Ehrenſache von ganz Europa iſt, den Kerl, den Bonaparte, endlich zu vernichten, und denke auch daran, lieber Gott, daß ich doch wahr und wahrhaftig nicht eher ſterben kann, als bis ich meinen Schwur erfüllt, den Bonaparte klein gekriegt habe und mein liebes Deutſchland wieder in Ehren und Freiheit daſteht, daß ich nicht eher die Augen ſchließen kann, als bis das geſchehen iſt, und daß meine alten Augen doch ſchon recht müde ſind, und ich mich oft recht ſehnte, bei Dir im Himmel zu ſein. Aber jetzt geht's nicht, nein, jetzt nicht. Ich hab' hier unten noch tüchtig was zu thun, noch ſchwere Arbeit zu Stande zu bringen, hilf mir alſo ein bischen, mein Gott, und Du, meine edle, ſchöne Königin Louiſe, Du bete für mich und Deine Preußen!— Es geht los, hurrah, es geht los! Gneiſenau, kommen Sie doch mal her, mein altes Herz iſt ſo glücklich, und darum hab' ich Sie ſo lieb, und ich muß Ihnen einen Kuß geben zum Abſchied für heute! Er neigte ſich über ſein Pferd herüber nach Gneiſenau, der dicht an ſeiner Seite hielt, und mit der Zärtlichkeit und der Ehrerbietung eines Sohnes ihn anſchaute. Einen ſchallenden, lauten Kuß drückte der alte Blücher auf die Lippen ſeines Gneiſenau, und einen Moment ſchlang er ſeinen Arm um des Generals Nacken. Dann ſprengte er lachend vorwärts, ſeinen Adjutanten entgegen, welche kamen, ihm das Anrücken des Feindes zu verkünden. Nun ward es lebhaft überall, der Kanonendonner rollte näher und näher, und der ſchwarze Streifen, den Blücher zuerſt da drüben am Horizont gewahrt hatte, er ward jetzt zu einer ſchillernden, glitzern⸗ den Wolke, die wie auf den Flügeln des donnernden Sturmes heran⸗ zubrauſen ſchien. Die Regimenter ſtellten ſich in Schlachtordnung, die Ordonnanzen flogen hierhin und dorthin, die Trompeten ſchmetterten, die Trommeln wirbelten. Blücher, umgeben jetzt wieder von ſeinen Adjutanten, hielt auf dem Hügel hinter dem Dorf Ligny, und muſterte mit freudeſtrah⸗ lendem Angeſicht ſeine Armee, die in wundervoller Haltung und Ord⸗ nung das weite Feld überdeckte, und ſchaute hinüber nach dem Feind, der immer näher heranzog. 618 He, Pipenmeiſter, rief er jetzt, Pipenmeiſter, meinen Stummel her! Chriſtian Hennemann, der Pipenmeiſter, hatte lange ſchon den dampfenden Stummel in Bereitſchaft gehalten und ſprengte jetzt eil⸗ fertig heran. Dacht' ſchon, Sie hätten mich ganz und gar vergeſſen, brummte er, indem er ſeinem Feldmarſchall die Pfeife darreichte. Hier iſt ſie, und hat gute Luft, brennt ſo ſchön, daß Sie immer dabei comman⸗ diren können, ſie wird nicht ausgehen. Aber ich möcht' Ew. Durch⸗ laucht, eh's nu los geht, gern noch'n wichtiges Wort ſagen, und ge⸗ heim muß es ſein, denn was ich zu ſagen hab', das iſt was von der Frau Fürſtin Male. Na, denn ſprich mal, Pipenmeiſter, ſagte Blücher, einige Schritte vorwärts reitend. Was haſt Du zu ſagen? Blos das, Durchlaucht, daß Sie ſich heute nich dürfen einfallen laſſen, wieder wie vor'm Jahr bei La Rothiere ſelber mit in's Gefecht zu gehen und ſelber mit drein hauen zu wollen. Ih, ſeh mal, ſagte Blücher, das ſoll ich mir nicht einfallen laſſen? Wer will's mir denn verbieten? Die Frau Fürſtin Male und ich. Sie hat mir befohlen, daß ich, ſo oft es nu hier zu'ner Schlacht kommt, jedes Mal ſoll ihren lieben, guten Fürſten Blücher von ihr bitten, daß er ſich vernünftig und an⸗ ſtändig beträgt, nicht wie'n gemeiner Huſar ſelbſt kämpft und in's Feuer geht, ſondern wie'n vornehmer Feldherr man blos von fern hält und die Schlacht mit anſieht, Hurrah brüllt, wenn ſeine Armee ſiegt, und mit fortläuft, wenn ſie beſiegt wird. So ſollen Sie's machen, läßt Ihnen die Frau Fürſtin ſagen, und ich hab' ihr verſprochen, daß ich Sie bitten will, es zu thun, und daß, wenn's Bitten nicht hilft, ich Sie zwingen will, es zu thun. Zwingen, Chriſtian? fragte Blücher, eine große blaue Wolke aus ſeiner Pfeife hervorblaſend. Na, ſag' mir mal blos, Du Knirps, wie Du's machen willſt, den Feldmarſchall Blücher zu zwingen, daß er nicht in den Kampf geht, wenn er doch will? Ich werd' ihm immer zurufen: Herr Fürſt Blücher,'n ſchlechter Kerl, der nicht Wort hält, und Sie haben der Male,— der Fürſtin 3 619 Male, wollt' ich ſagen, feierlich verſprochen, daß Sie vernünftig ſein und nicht ſelbſt mit drein hauen wollen. Na, und wenn das nicht hilft, und Sie ſo'n ſchlechter Kerl ſein wollen, dann werd' ich mit meinem Perd quer vor Ihren Weg reiten, und Sie müſſen mich denn erſt in Stücke hauen, ehe ich Sie vorwärts laſſe. Na, und dann werde ich Dich in Stücke hauen, rief Blücher halb beluſtigt, halb erzürnt. Thun Sie's, wenn Sie glauben, daß Sie gleich wieder'n guten Pipenmeiſter bekommen können, ſagte Chriſtian Hennemann gelaſſen. Ich hab' Ihnen nanu geſagt, was ich zu ſagen hab', und was ich der Fürſtin verſprochen hatt' zu ſagen. Sie werden nu wiſſen, Durchlaucht, was Sie zu thun haben, und es kann nu losgehen! Wahr iſt es, brummte Blücher, als er wieder ſein Pferd vorwärts lenkte, ſeinem Generalſtab zu, wahr iſt es, verſprochen hab' ich der Male, daß ich in dieſem Feldzug nicht ſelbſt mit drein hauen und tämpfen wollt', und wenn es irgend geht, will ich auch Wort halten, aber— Eine Ordonnanz flog heran, und meldete vom rechten Flügel vom General Zieten her, daß der Feind ihn hart bedrohe, und er Unter⸗ ſtützung begehren müſſe. Eine zweite Ordonnanz kam herangeſprengt. General Vandamme mit ſeinen Truppen iſt vorgedrungen bis zum Dorf Saint⸗Amand, er hat die Preußen zurückgeworfen, er hat ſich des Theils von dem Dorf, das drüben jenſeits des Baches liegt, ſchon bemächtigt. Aber ſieh, da rücken ſie im Sturmſchritt heran auf das Dorf Ligny, da kommen ſie, die Franzoſen! Nun ſchmettern die Fanfaren, nun öffnen die Kanonen ihre Feuer⸗ ſchlünde, nun knattern die Musketen. Die Schlacht hat begonnen, und um den Beſitz des Dorfes Ligny erhebt ſich der wüthende Kampf. Feſt wie eine Mauer ſtehen die Preußen, wie ein heulender Sturmwind ſtürmen die Franzoſen heran. Die Erde bebt von dem Krachen der Schüſſe, die aus zweihundert Kanonen abgefeuert werden, „ 620 und bald die Luft mit bläulichen Wolken verdicken. Durch dieſe zittern⸗ den Nebelſchichten ſieht man den in immer dichteren Maſſen heran⸗ ſtürmenden Feind, hört man das wüthende Geſchrei der Kämpfenden, das Geheul der Verwundeten. Vorwärts, Kinder, vorwärts, ruft Blüchers machtvolle Stimme, wir müſſen die Franzoſen verjagen! Wir müſſen was gethan haben, wenn die Engländer kommen!*) Aber wo bleiben die Engländer? Wo ſind ſie? Die Preußen be⸗ dürfen ihrer Hülfe. Vandamme mit ſeinen Truppen hat ſchon die Preußen aus Saint⸗Amand vertrieben, der General Gérard mit ſeiner Heeresabtheilung ſtürmt mit immer neuen Kriegermaſſen auf das Dorf Ligny ein. Wo bleiben die Engländer, Gneiſenau? ruft Blücher verzweiflungs⸗ voll. Sie wollten um zwei Uhr hier ſein, und jetzt iſt es ſchon fünf Uhr! Wo bleiben die Engländer? Eine neue furchtbare Salve aus den Geſchützen übertönte die Antwort Gneiſenau's; immer heftiger wüthet der Kampf. Die Preußen weichen, der Zuruf ihres Feldherrn treibt ſie wieder vorwärts. Wir müſſen Ligny halten, bis die Engländer kommen, und die werden bald hier ſein, meine Jungens! Alſo vorwärts, meine Kinder, vorwärts. Ihr werdet doch die Schande nicht erleben wollen, daß wir den Franzoſen das Dorf laſſen, und die Engländer es uns wieder er⸗ obern müſſen? Vorwärts! Vorwärts! Und vorwärts ſtürmen die Preußen mit lautem Kriegsgeſchrei, aber vorwärts auch ſtürmen die Franzoſen. Mann gegen Mann kämpfen die Feinde, keuchend vor Anſtrengung, ſich anſchauend mit wuthblitzenden Augen, jauchzend vor Luſt, wenn das Blut hervorſpritzt aus den Wunden, die ſie geſchlagen, wenn der Feind tödtlich getroffen zuſammenſinkt. Aber die Heeresmacht der Franzoſen iſt den Preußen überlegen. Wie tapfer ſie kämpfen, wie ſehr ſie die Nähe ihres Feldherrn ent⸗ *) Blüchers eigene Worte. 621 flammt, ſie vermögen es nicht, vorwärts zu dringen, kaum noch ſich zu halten. Gneiſenau, wo bleiben die Engländer? fragt Blücher mit zitternder Stimme. Durchlaucht, ich habe Officiere abgeſchickt, Wellington von dem Gange der Schlacht zu benachrichtigen, ihm zu ſagen, daß wir dringend ſeiner Hülfe bedürfen. Sie müſſen bald zurückkehren. Die Engländer müßten lange ſchon hier ſein, ſeufzt Blücher. Es iſt ſechs Uhr! Da ſprengen die ausgeſchickten Officiere wieder heran, ſie bringen Kunde von den Engländern. Wellington kann nicht kommen, er ſelber iſt bei Quatre⸗Bras heftig angegriffen; ſtatt Blücher zu Hülfe zu eilen, muß er ſelber einen Kampf beſtehen. Nun, dann müſſen wir auf die Hülfe der Engländer verzichten, ruft Blücher. Aber wo bleibt unſer vierter Heertheil? Wo bleibt Bülow mit ſeinen friſchen Truppen? Wenn nur der Bülow jetzt kommt, kann noch Alles gut gehen, auch ohne die Engländer. Aber Bülow kommt nicht, und immer mehr erlahmt die Kraft der Preußen, die bei Ligny daſtehen im mörderiſchen Gefecht. Keine Hülfe naht, weder Wellington noch Bülow kommen. Mit immer neuen Verſtärkungen rückt der Feind heran auf Ligny. Jetzt haben die Franzoſen ſchon den Uebergang über den Bach erkämpft, jetzt ziehen ſie jauchzend heran. Zehn Kanonen ſchon haben ſie über den Bach gebracht, und jetzt donnern dieſe Kanonen hinter dem Rücken der Preußen ihre Todesgrüße daher, jetzt ſtürmen zwei Bataillone der franzöſiſchen Garde, ſechszehn Schwadronen ſchwerer franzöſiſcher Rei⸗ terei die Höhen zwiſchen Bry und Sembref heran, den Preußen in den Rücken. Aber Blücher ſieht es und ſein Auge blitzt höher auf, und er zieht den Degen aus der Scheide und ſchwingt ihn hoch empor über ſeinem Haupt. Auf, vorwärts, meine Kinder! Zu mir her, Soldaten! Die Reiter folgen dem Schlachtenruf ihres Feldherrn, ſie ſprengen 622 zu ihm heran, die Bataillone formiren ſich und ſchaaren ſich um den Marſchall Vorwärts, den Schlachtengewinner. Hoch ſchwingt er den Säbel und ruft: Vorwärts! Dem Feind entgegen! Was ſtellt ſich ihm da entgegen auf ſeinem Wege? Was hemmt ſein Vorwärtsſprengen? Blücher ſieht es kaum, oder nur wie durch eine Wolke meint er da quer vor ſich ein Pferd zu ſehen und ein paar blitzende Menſchenaugen. Er ſchwingt ſeinen Degen und haut darauf ein, und die Wolke zerſtiebt, ſieht noch aus wie ein bäumendes ſich überſchlagendes Pferd und rauſcht zur Seite. Der Weg iſt frei! Vorwärts jetzt! Vorwärts! Da ſtehen die feindlichen Küraſſiere— gegen ſie an ſprengt der Blücher mit ſeiner Reiterei. Er, der Held, immer voraus, nicht hinter ſich ſchauend, nur vorwärts das Auge gerichtet, dem Feinde entgegen. Was kümmert es ihn, daß ſeine Soldaten noch nicht dicht hinter ihm ſind, daß nur ſein erſter Adjutant, Graf Noſtiz, an ſeiner Seite iſt. Er ſieht nur den Feind und er ſprengt vorwärts. Die Kanonenkugeln ſauſen um ihn her, die Kartätſchen knattern, vergebens ſprengt die preußiſche Reiterei gegen die franzöſiſchen Küraſſiere an; wie eine Mauer ſtehen ſie da in geſchloſſenen Reihen, empfangen ſie den Angriff und feuern ihre Karabiner ab, Tod und Verderben in die Reihen der Preußen zu ſchmettern. Und die Preußen weichen. Der übermächtig vordringende Feind jagt ſie zurück. Die Preußen weichen, und Blücher, welcher der Erſte war im Vorrücken, iſt jetzt der Letzte im Weichen. Hinter ſeinen retirirenden Schaaren reitet er dahin, ihm zur Seite ſein Adjutant. Mit lautem Siegesgeſchrei ſtürmen die franzöſiſchen Küraſſiere den Weichenden nach. Eine Kugel ſauſt, dicht an dem Ohr Blüchers pfeift ſie vorüber, ſein Schimmel wiehert auf, bäumt ſich empor, und fliegt dann vorwärts wie ein abgeſchoſſener Pfeil. Nur mühſam hält ſich Noſtitz ſeinem Feldherrn zur Seite.„ Plötzlich ſteht der Schimmel ſtill,— ſchon hört man wieder dort näher heranbrauſend die Hufesſchläge der feindlichen Reiter. 623 Noſtitz, ruft Blücher entſetzt, ich bin verloren! Sein Pferd bricht zuſammen, ſtürzt nieder zur Erde, zieht ſeinen Reiter mit ſich! Schwer fällt das Haupt Blüchers auf den Boden nieder, halb bedeckt von der Leiche des Pferdes iſt ſeine Geſtalt. Graf Noſtitz ſpringt vom Pferde, er beugt ſich nieder zu dem Feldherrn, er will ihn hervorziehen unter dem Pferde. Vergebens, Blücher iſt betäubt, halb von Entſetzen, halb von der Erſchütterung des ſchweren Falls. Wie eine Centnerlaſt liegt das todte Pferd auf ſeinen Gliedern. Aber jetzt ſchlägt er die Augen auf, jetzt ſieht er es unweit von ſich wie eine Schaar Raubvögel heranbrauſen. Das iſt der Feind, der Feind, ich bin verloren! Graf Noſtitz zieht den Degen und ſtellt ſich vor dem hingeſtreckten Helden hin, mit flammenden Blicken den Heranſtürmenden entgegen ſchauend, feſt entſchloſſen, mit dem letzten Tropfen Blut den Feldherrn zu vertheidigen. Sie ſtürmen heran, die ſiegesjauchzenden Küraſſiere. Noſtiz faßt ſein Schwert feſter— aber was kümmert die Sieger, welche den Feind verfolgen, die einzelne kleine Gruppe, die am Wege liegt? Was küm⸗ mert ſie das todte Pferd mit dem unter demſelben begrabenen Reiter und der verwundete Soldat daneben? Sie ſtürmen vorüber dem fliehenden Feinde nach. Aber die Preußen haben ſich wieder geſammelt, ſie wenden ſich den Heranſtürmenden zu, ſie wollen nicht fliehen! Sie dringen vorwärts mit lautem Wuthgeſchrei. Und die franzöſiſchen Küraſſiere, überraſcht von dem unvermutheten Angriff, weichen zurück, die Preußen dringen ihnen nach. Zum zweiten Male kommen jetzt die feindlichen Schaaren daher zu der Gruppe, die da zur Seite des Weges ſich befindet, zu dem todten Pferde mit dem Reiter unter ihm und der Schildwacht daneben. Aber zum zweiten Mal ſtürmen ſie vorüber, vorüber, und die Preußen folgen ihnen nach. Nun, mein Feldherr, nun raſch! ruft Noſtitz. He, Uhlan, raſch hierher. Ein Pferd für den Feldmarſchall! 624 Ein Uhlan ſprengt heran und ſchwingt ſich vom Pferde, und hilft dem Grafen Noſtiz, den Feldmarſchall unter dem todten Pferde hervor⸗ zuziehen. Ibr müßt mich auf's Pferd heben, ſeufzte Blücher, ich kann nicht, alle Glieder ſind zerquetſcht. Der Uhlan faßt ihn mit kräftigem Arm und hebt ihn auf ſein eigenes Pferd und ſchwingt ſich hinter ihm in den Sattel, und Graf Noſtitz ſpringt auf ſein Pferd. Vorwärts jetzt! Vorwärts! Zu den Unſern! Wohl ſtürmten die feindlichen Küraſſſere jetzt wieder vorwärts, wohl gewinnen ſie den Boden wieder, den ihnen die Preußen noch einmal wieder ſtreitig gemacht hatten, aber dieſer Boden trägt jetzt nicht mehr die koſtbare Laſt. Der Heerführer der Preußen liegt nicht mehr da un⸗ beweglich, widerſtandlos preisgegeben. Gott hat ihn behütet! Oder vielleicht hat das Gebet ſeiner Heiligen, ſeiner Königin Louiſe, ihn errettet, und für ihn eine Minnte des Bei⸗ ſtandes von Gott erfleht. Dieſe Eine Minute hat Blücher errettet, ſie hat ſo viel Zeit ge⸗ währt, daß man Blücher auf das Pferd heben, und mit ihm fortreiten konnte. Nun iſt die Minute vergangen, die ſiegreichen franzöſiſchen Küraſſiere kommen zurück, ſie halten an neben dem todten Pferde, deſſen glänzende Schabracke, deſſen herrliches goldbeſchlagenes Geſchirr ſie aufmerkſam macht“*)— aber der Reiter, der zu dem Pferde gehört, der iſt nicht mehr da! Der Blücher iſt gerettet!— Ja, Blücher war gerettet, und dennoch war ſein Herz trauervoll, aber nicht wegen ſeines armen zerdrückten, zerquetſchten Körpers! Was kümmerten ihn die Schmerzen ſeiner Glieder, das Hämmern und Dröhnen in ſeinem Kopf, er dachte nur an die Schmerzen ſeiner Seele, dieſe nur waren es, die ihm Seufzer entlockten, und ſeine Augen mit einem Etwas befeuchteten, das nicht der vom Himmel herabſtrömende Regen ihm in die Augen geweht. *) Dieſes Pferd mit der koſtbaren Aufzäumung war ein Geſchenk, das Blücher bei ſeiner Anweſenheit in London 1814 vom Prinz⸗Regenten erhielt. 625 Blücher war traurig und litt an unſäglichen Schmerzen, weil er es nicht mehr verhehlen konnte, daß der Bonaparte ihm heute eine Schlacht abgewonnen hatte, daß dieſe Schlacht bei Ligny für die Preußen verloren war! Ja, ſie war verloren, und in wirrer Unordnung ſtürmten ſie durch⸗ einander, nur bedacht, ſich zu retten vor dem nachſetzenden Feind. Aber der Himmel ſchien doch den Fliehenden noch ein Bundes— genoſſe ſein zu wollen. Er bedeckte mit Nacht und Dunkelheit die Erde, er ließ ſchwere Regenwolken ſich entladen, die mit ihren vom Winde gepeitſchten Waſſerſtrömen die Feinde aufhielten. Die Nacht und der Regen retteten die Preußen. Sie ordneten ſich bald wieder, und in geſchloſſenen Reihen zogen ſie gen Gemblour und Wawre hin, um da Halt zu machen von der furchtbaren Arbeit des Tages.— In einer Bauernhütte in Gembloux ruhte Blücher endlich aus von den Mühſalen und Erregungen des Tages. Um ihn her lagen ſeine Adjutanten auf dem Stroh gebettet, in tiefen Schlaf verſenkt. * Aber Blücher wachte, und er ſah, wie die Thür aufging, und wie eine Geſtalt, den Arm in der Binde tragend, ſteif und mühſam herein⸗ ſchritt. Er ſah das blutrünſtige und abgeſchundene Antlitz, und— jetzt flog ein Lächeln über Blüchers Züge, denn er ſah den brennenden Stummel, den jener im Munde hielt. Chriſtian, Pipenmeiſter, biſt Du's wirklich? rief Blücher freudig. Du lebſt alſo doch? Na ja, ich bin's, brummte Chriſtian, und ich leb' noch, obwohl ich ſagen muß, daß das nicht Ihre Schuld iſt. Haben meinen Braunen ein's über'n Kopf gehauen, daß er gleich zuſammenſtürzt, und auf mir zu liegen kam, daß mir alle Glieder krachten, und mein linker Arm wie'n Splitter auseinanderbrach. Na, das war'n Schmerz, ſo unterm todten Pferd zu liegen und ſtill halten zu müſſen. Sei ſtill, Pipenmeiſter, ich weiß, wie's thut, ich hab' auch drunter gelegen. Na, das weiß ich, brummte Chriſtian, und darum vergeb' ich Ihnen auch, daß Sie mich bald um's Leben gebracht haben, blos weil ich that, Mühlbach, Napoleon. IV. Bd. 40 626 was mir die Frau Fürſtin befohlen. Und nanu ſagen Sie mal ſelbſt: Wär's nicht beſſer, wenn Sie gethan hätten, was Sie der Fürſtin ver⸗ ſprochen hatten, und wären davon geblieben, und vernünftig und vor⸗ nehm geweſen? Jo, freilich wär's beſſer geweſen, Chriſtian, ſagte Blücher kleinlaut. Na, Durchlaucht, wenn Sie's einſehen, denn iſt's ſchon gut und denn wollen wir nicht weiter davon ſprechen. Sie ſind ja glücklich un⸗ term Schimmel und ich unterm Braunen rausgekommen, meinen Kaſten mit Tobak und Pfeifen, den hab' ich von'n Braunen abgeſchnallt, denn habe ich mir'n anderes Pferd geſucht, hab' mir den Arm verbinden laſſen, und da bin ich, und da is nu der Stummel. Nu rauchen Sie, Herr Fürſt, rauchen Sie, das vertreibt die Sorgen und die Schmerzen, und was die Franzoſen anbetrifft, na, Sie wiſſen doch, was die Mecklenburger ſagen:„Brüden geht üm! Ut Ticktacken ward Bur⸗ jacken!“ Na, heut haben die Franzoſen uns gebrüdet,*) morgen werden wir ſie brüden. Heut haben die Franzoſen uns geticktackt, morgen werden wir ſie vurjacken und ihnen's Leder voll hauen. Haſt Recht, Chriſtian, rief Blücher mit muthiger freudiger Stimme, burjacken wollen wir die Franzoſen, und ſie ſollen uns büßen für ihr Ticktacken. Eben öffnete ſich die Thür, und Gneiſenau trat ein, und eilte zu ſeinem Feldherrn hin, um ihn zu umarmen und mit zärtlicher Theil⸗ nahme nach ſeinen Schmerzen zu fragen.* Na, rief Blücher mit muthig blitzenden Augen, ich lebe noch, und werd' auch die Glieder wieder rühren, und's Pferd wieder beſteigen können, um in die Schlacht zu reiten. Die Glieder krachen und knacken, aber der Kopf iſt geſund geblieben, und das Herz ſitzt noch auf dem alten Fleck und hat die Courage noch nicht verloren. Schläge haben wir gekriegt, aber dafür wollen wir auch Schläge wieder austheilen und zwar recht gehörige. Wir haben's Capital Schläge auf dem Rücken, wir wollen's den Franzoſen aber mit Zinſen zurückerſtatten. Dazu gebe der liebe Gott ſeinen Segen! *) geneckt. 627 6 Schlacht bei Belle Alliance. Der Morgen des achtzehnten Juni war angebrochen, und im Heerlager der Preußen herrſchte trotz des furchtbaren Unwetters, das ſeit zwei Tagen wüthete, ein reges, fröhliches Leben. Denn heute, das hatte Blücher in einem Tagebefehl ſeiner Armee verkündet, heute am achtzehnten Juni ſollten die Preußen ihre Revanche nehmen für die verlorne Schlacht bei Ligny, heute wollten die Preußen und Eng⸗ länder mit vereinter Macht Napoleon angreifen und ihm eine Schlacht liefern. Wellington und Blücher hatten Alles dazu verabredet, Alles er⸗ wogen und geordnet. Bei Mont⸗Saint⸗Jean wollte Wellington, ſo hatte der Herzog durch ſeinen Adjutanten dem Fürſten Blücher melden laſſen, bei Mont⸗Saint⸗Jean wollte er ſich aufſtellen, und Napoleon zur Schlacht erwarten, wenn Blücher ihm verſprechen könne, mit zwei preußiſchen Heertheilen zur Unterſtützung ſpäteſtens um die Mittags⸗ ſtunde einzutreffen. Blücher aber hatte dem engliſchen Feldherrn auf dieſe Botſchaft erwidern laſſen, er werde ſtatt mit einem Theil mit ſeinem ganzen Heer zum achtzehnten Juni über Saint Lambert heran⸗ rücken, um mit Wellington vereint die Schlacht zu ſchlagen.*) Alles Nähere war dann ſchriftlich und mündlich verabredet, Pa⸗ tronen und Lebensmittel ausgetheilt worden, und jetzt am Morgen dieſes Tages, jetzt war die Stunde gekommen, dem Herzog Wellington ſein gegebenes Wort zu erfüllen, jetzt mußte das preußiſche Heer aufbrechen, um ſich mit dem engliſchen zu vereinen. Es war indeß noch früh am Morgen, noch eine Stunde vor der zum Aufbruch feſtgeſetzten Zeit. Fürſt Blücher hatte ſich daher noch nicht von ſeinem Lager erhoben, er dehnte und ſtreckte noch ein wenig ſeine armen, geſchwollenen, zerquetſchten Glieder, und jede Bewegung, *) Varnhagen v. Enſe: Leben des Fürſten v. Wahlſtatt. 440. 40* 628 jede unvorſichtige Wendung entlockte ihm ein unwillkührliches Aechzen, einen dumpfen Schmerzenslaut. Ew. Durchlaucht thäten beſſer, heute im Bett zu bleiben, ſagte der Chirurg, der eben eingetreten, und zu dem Lager des Feldherrn hingetreten war. Beſſer wär's freilich, wenn Sie das thäten, Herr Durchlaucht, brummte Chriſtian, indem er die Kleider ſeines Herrn auf den Stühlen bereit legte. Ich weiß, wie'n Menſchen zu Muth is, der von'n todten Pferd beinah zu Tod gequetſcht iſt, und ich kann ſagen, daß ihm ſchlecht zu Muth iſt. Aber Du weißt nicht, Pipenmeiſter, wie'n Feldherrn zu Muthe iſt, der'ne Schlacht verloren hat, rief Blücher, ich kann Dir aber auch ſagen, daß ihm ſchlecht zu Muth iſt, und daß er keine Ruhe und kein Genügen eher hat, als bis er ſeine Scharte wieder ausgewetzt hat und ſich wieder'ne Schlacht gewonnen hat. Alſo redt nur kein Wort mehr, ſondern kommt her mir beim Aufſtehen zu helfen. Aber bevor Sie aufſtehen, Durchlaucht, erlauben Sie mir erſt, daß ich Sie einreibe, ſagte der Chirurg, indem er ſich mit einer Flaſche und einem Teller näherte. Aber Blücher wehrte ihn zurück. Ach was, rief er ungeduldig, noch erſt ſchmieren! Laßt nur ſein, ob ich nu heute balſamirt werde, oder unbalſamirt in die andre Welt gehe, das wird auf eins heraus kommen!*) Und übrigens hilft Eure Schmiererei nicht ein Bischen. Was habt Ihr denn eigentlich für Zeug's da, Chirurgus? Durchlaucht, es ſind Spirituoſa. Blos Rum mit etwas Wach⸗ holderbeerbranntwein darunter zur Erwärmung und Stärkung der Glieder. Na, zeigen Sie mal her Ihre Einreibung! Blücher nahm die Flaſche aus den Händen des Chirurgus, be⸗ trachtete ihren Inhalt prüfend gegen das Licht, und als er ſich durch das Auge überzeugt, daß dieſer Inhalt klar und rein, durch die Naſe, daß er wirklich nichts andres ſei als Rum mit Wachholderbeerbrannt⸗ *) Blüchers eigene Worte. Siehe: Varnhagen v. Enſe. 447. 629 wein verſetzt, hob er die Flaſche an ſeine Lippen und that einen langen und herzhaften Zug aus derſelben, was der Chirurg mit einem Aus⸗ druck wahren Entſetzens, Chriſtian Hannemann mit einem vergnügten Grinſen gewahrte. Seht mal, Chirurgus, ſagte Blücher dann vollkommen ernſthaft, indem er dem Chirurgus die Flaſche wieder darreichte, ſeht mal, ſolche Einreibungen müſſen inwendig und nicht auswendig angewandt werden, und ſie haben nun ganz ihren Zweck erfüllt, ſie haben meine Glieder geſtärkt und erwärmt. Nun kommt und helft mir aufſtehen. Aber faßt mich recht leiſe an, denn ich ſage Euch, meine alten Glieder ſchmerzen fürchterlich. Und dabei auf's Pferd ſteigen und reiten, ſeufzte Chriſtian, indem er ſeinem Feldherrn kopfſchüttelnd die Stiefeln anzog. Na, Du brauchſt es ja nicht, Chriſtian, brummte Blücher, Du kannſt ja zurück bleiben und Dich ſchmieren laſſen. Denk' gar nicht dran, ſagte Chriſtian. Und übrigens, was wollten Sie denn anfangen, Durchlaucht, wenn ich hier bleiben und mich ſchmieren laſſen thät? Ich denk', Sie wollen heut''ne Schlacht ge⸗ winnen? Ja, ſo wahr Gott lebt, das will ich auch! Na, alſo! Wie wollten Sie denn das machen, wenn ich nicht bei Ihnen wäre? Es geht doch nu einmal nicht ohne'ne Pfeife und nen rechtſchaffenen Stummel. Na, und wer iſt denn der Pipenmeiſter? Das biſt Du, Chriſtian, und Du haſt Recht, Du mußt mit, denn meinen Stummel den muß ich haben und ohne den geht's ganz und gar nicht. Und nun raſch angezogen. Da kommen die Generäle ſchon alle an, ich ſeh ſie hier durch's Fenſter. Sputet Euch, damit ich fertig werde und's Pferd beſteigen kann! Einige Minuten ſpäter trat Blücher hinaus vor die Hüttenthür, vor welcher ſein Generalſtab ihn erwartete. Er begrüßte die Herren mit freundlichem Kopfnicken und hob dann den raſchen leuchtenden Blick zum Himmel empor. Wie eine einzige ſtahlgraue Fläche war der ganze Horizont anzuſchauen, und aus dieſer Fläche ſtürzte in un⸗ 630 unterbrochener gleichmäßiger Folge der Regen in dicken gewaltigen Strömen nieder. Schauen Sie die ungeheuren Regenmaſſen da droben, die noch alle heute herniederfallen wollen auf die Erde, ſagte Blücher lächelnd zu ſeinen Adjutanten. Das ſind unſere Alliirten von der Katzbach und die ſparen dem König wieder viel Pulver.*) Er beſtieg jetzt, nicht achtend der furchtbaren Schmerzen, ſein Pferd, und damit war das Signal zum Aufbruch gegeben. Das preußiſche Heer alſo ſetzte ſich in Bewegung, trotz des ſtrö⸗ menden Regens, der den Boden aufgeweicht hatte, daß er wie eine ſchlammige Maſſe unter den Füßen der Soldaten, den Hufen der Pferde fortglitt, und Mann und Roß bei jedem Schritt in tiefe, vom Regen angefüllte Verſenkungen treten ließ. Vorwärts mußte man, denn Wellington erwartete die verſprochene Hülfe, und man hörte ſchon in der Ferne das Donnern der Kanonen, welches verkündete, daß die Schlacht ſchon begonnen hatte. Vorwärts alſo, vorwärts! Aber immer undurchdringlicher wurden die Wege, und in ununter⸗ brochenen Strömen ſtürzte der Regen hernieder, die Kleider der Sol⸗ daten durchweichend, wie den Boden, auf welchem ſie mühſam in ihren naſſen, mit Waſſer durchſickerten Stiefeln dahin wankten. Immer vor⸗ wärts ging es, allen Hinderniſſen und Hemmniſſen zum Trotz. Der ſchlüpfrige Boden, die angeſchwollenen Bäche, die breiten waſſergefüllten Pfützen auf dem Wege, nichts durfte hindern und aufhalten. Die Ge⸗ ſchütze ſanken tief ein in den Moraſt, die Pferde wateten bis über die Hufe im Schmutz, aber dies Alles durfte das Auge nicht ablenken von dem Einen großen Ziel! Das preußiſche Heer mußte vorwärts, der Vereinigung mit den Engländern entgegen! Aber Blücher ſah wohl die Noth und Beſchwerde ſeiner Soldaten, er ſah, mit welchen Mühſalen ſie zu kämpfen hatten, er ſah, daß ihr Muth allgemach erſchlaffte, daß ihre Geſichter düſter und verdrießlich wurden. Ueberall, wo er eine Schwierigkeit erblickte, ein Gemurmel *) Blüchers eigene Worte. Siehe: Varnhagen v. Enſe. 447. * 45. 631 der Unzufriedenheit vernahm, überall dahin ſprengte der Feldherr, die Schwierigkeit beſeitigen zu helfen, das Gemurmel der Unzufriedenheit verſtummen zu machen durch ſeinen freundlichen Zuſpruch, ſein tapfe⸗ res Wort. Aber die Schwierigkeiten häuften ſich mehr und mehr, die Unzu⸗ friedenheit ward lauter und ſtürmiſcher. Sie begnügte ſich nicht mehr, verdrießliche Geſichter zu machen und leiſe zu murren, ſie ſprach laut und ungeſtüm. Und Blücher hörte es, und eine unausſprechliche Angſt ſprach aus ſeinen Zügen, und ſeine buſchigten weißen Augenbrauen zogen ſich finſter über ſeinen blitzenden Augen zuſammen. Es geht nicht, rief es jetzt hier und dort aus den Reihen der ſchwankenden, durch Moraſt und Waſſerpfützen mühſam dahin waten⸗ den Krieger. Es geht nicht, wir können nicht vorwärts. Es iſt un⸗ möglich! Kinder, rief Blücher in tiefſter Seelenangſt, Kinder, es muß gehen! Wir müſſen vorwärts! Ich hab's ja verſprochen! Kinder, hört Ihr wohl, ich hab's meinem Bruder Wellington verſprochen, hört Ihr wohl? Ihr wollt doch nicht, daß ich wortbrüchig werden ſoll? Nein, das wollen wir nicht, Vater Blücher, riefen die Soldaten. Wir wollen thun, was möglich iſt! Vorwärts! Vorwärts! jubelte Blücher, ſeine Mütze abnehmend, und ſie hoch in die Luft ſchwenkend, nicht achtend des triefenden Regens, der ſeinen kahlen Scheitel näßte, vorwärts, meine Kinder, vorwärts! Hört Ihr nicht den Donner der Kanonen? Das ſind die Kanonen von unſern engliſchen Freunden, die ſich die Franzoſen zum Fricaſſee einſchlachten. Kinder, wir ſind auch hungrig auf das Fricaſſee und wir müſſen unſern Antheil daran haben. Vorwärts alſo! die donnernden Kanonen rufen uns, die Schlacht hat begonnen! Ja, die Schlacht hatte begonnen, ſie wüthete mit furchtbarer Ge⸗ walt ſeit zwei Uhr Nachmittag zwiſchen den Engländern und den Fran⸗ zoſen, die zwiſchen Mont⸗Saint⸗Jean, Waterloo und Belle⸗Alliance gegenüber ſtanden. Auf der Höhe von Belle⸗Alliance hielt Napoleon, und ſchaute mit ſeinem bleichen ehernen Cäſarenangeſicht hinunter auf 632 die wogende Schlacht, und immer heller ward ſein Blick, und immer heiterer ſeine Stirn, denn für ihn ſcheint ſich das Schickſal des Tages zu entſcheiden! Die franzöſiſchen Truppen dringen muthvoll vorwärts, ihr Ungeſtüm bezwingt jeden Widerſtand, ſie wollen und müſſen die Sieger dieſes Tages ſein. Auf der Höhe bei Waterloo hielt Wellington, und ſchaute hinunter auf die wogende Schlacht, und immer bleicher ward ſein Angeſicht, immer mehr wich der vornehme, ruhige Gleichmuth aus ſeinen Zügen, die den Ausdruck der Sorge und Angſt annahmen. Die Engländer, ſo muthig ſie auch dem heranſtürmenden Feind ſich entgegenſtellen und den Kampf aufnehmen, die Engländer ſind doch verloren, wenn die Hülfe der Preußen ausbleibt. Napoleons Heer iſt über neunzigtauſend Mann ſtark, und Wellingtons Heer zählt kaum ſechzigtauſend Mann! Es hält den Feldherrn nicht mehr da oben in müßiger, unthätiger Ruhe. Seine Engländer fochten wie die Löwen, Wellington wollte mit ihnen kämpfen, mit ihnen, wenn es ſein müßte, untergehen. Er ritt, gefolgt von ſeinen Adjutanten und Ordonnanzofficieren, hinunter in das Gewühl der Schlacht, die in furchtbaren Wellenſchlägen herüber und hinüber tobte. Die Kanonen brüllten, dazwiſchen vernahm man das Geheul der Verwundeten, die ſchaarenweiſe auf der Straße nach Brüſſel dahin zogen, das Wuthgeſchrei der Kämpfenden, die wie gereizte Tiger gegen einander ſprengten, und ſich anſchaueten mit Blicken des Haſſes und Ingrimms. Durch die Reihen ſeiner kämpfenden, hier zurückweichenden, dort vorwärts dringenden Soldaten ſah man die hohe, ſchlanke Geſtalt Wellingtons ſich dahin bewegen, um überall den ſinkenden Muth durch freundlichen Zuruf zu beleben, die Wankenden anzufeuern und zu tröſten. Kinder, rief Wellington ſeinen Kriegern entgegen, die in Schlamm und Blut, über Sterbende und Verwundete dahin ſchritten, und dem praſſelnden Kartätſchenfeuer des Feindes ruhig Trotz boten, Kinder, wir dürfen nicht geſchlagen werden, was würde man in England von uns ſagen! 633 Nein, wir dürfen nicht geſchlagen werden, riefen die muthigen Schaaren, und vorwärts drangen ſie, vorwärts, ob auch die Kartätſchen ihre Reihen immer mehr lichteten, ob auch der Feind mit immer neuen Maſſen heranſtürmte. Aber dieſe Maſſen mit ihrer Ueberlegenheit drängten ſie immer wieder zurück. Schon haben die Franzoſen den Engländern das Dorf La Haye Sainte abgenommen, und auch das Dorf Houguemont, von den Kartätſchen der Franzoſen in Brand geſteckt, hat von den Englän⸗ dern geräumt werden müſſen. Es war ſchon drei Uhr Nachmittags, Wellington konnte es ſich nicht mehr verhehlen, die Schlacht war verloren, wenn keine Hülfe komme, denn ſeine Engländer waren im Weichen. Napoleon ſah das auch, und ein Strahl der Freude blitzte in ſeinem Antlitz auf. Die Schlacht iſt gewonnen, ſagte er zu dem Mar⸗ ſchall Soult, der neben ihm hielt. Wir wollen die Botſchaft des Sieges nach Paris hinſenden. Einige Minuten ſpäter ſprengte eine Ordonnanz auf der Straße nach Frankreich dahin. Sie ſollte den Brüdern Napoleons und den Kammern die Nachricht bringen von dem glücklich erfochtenen Sieg des Kaiſers über die Engländer. Denn der Sieg ſchien jetzt nicht mehr zweifelhaft. Die Engländer kämpften zwar noch immer, aber ihre Reihen lichteten ſich mehr und mehr, und wie muthvoll ſie auch Widerſtand leiſteten, es war keine Frage, ſie mußten endlich doch der Uebermacht weichen. Wie brav meine Truppen ſind, ſagte Napoleon mit leuchtenden Augen, wie ſie arbeiten! Aber es iſt wahr, auch die Engländer ſchlagen ſich gut. Aber werden ſie nicht bald den Widerſtand aufgeben und Anſtalten zum Rückzug machen?*) Nein, ſagte Soult kopfſchüttelnd, ich glaube, dieſe Engländer ſind entſchloſſen, ſich eher in Stücke hauen zu laſſen, als zu retiriren. Ja, die Engländer waren entſchloſſen dazu. Sie wollten nicht *) Mémoires du Puc de Rovigo. Vol. VIII. 634 retiriren. Sie hofften noch immer auf die Hülfe der Preußen, und dieſe Hoffnung belebte immer wieder auf's Neue ihren Muth. Aber doch ward die Gefahr immer dringender, die Möglichkeit des Sieges immer geringer. Die Franzoſen waren ſchon wieder weiter vorgedrungen, ſie beherrſchten jetzt faſt das ganze Schlachtfeld von La Haye bis Mont⸗Saint⸗Jean. Auf der Landſtraße, die nach Brüſſel führt, ſtand Wellington, umgeben von ſeinen Officieren, und ſchaute mit troſtloſem Blick auf das Getümmel der Schlacht, die jetzt eine ver⸗ lorene ſchien. Jetzt umringten ihn ſeine Officiere und flehten ihn an, ſich zurück⸗ zuziehen, und riethen ihm auch, der Armee, die ſich ſo tapfer geſchlagen, den Befehl zum Rückzug zu geben. Nein, ſagte Wellington, ich bleibe hier, ich weiche keinen Fuß breit! und mit feſter Entſchloſſenheit ſetzte er ſich auf den Grabenrand zur Seite des Weges, und ſtarrte hinüber zu der Höhe von Belle⸗ Alliance, um deren Beſitz ſich eben ein wüthender Kampf entſponnen hatte. Ich wollte, es wäre Abend, oder Blücher käme, ſeufzte Wellington aus tiefſter Seele, und ſein flehender Blick flog hinüber nach jener Seite, von welcher die erſehnte Hülfe daher kommen uußte. Und auch ſeine Krieger hofften noch immer auf Blücher und ſeine Preußen, und wieder und immer wieder tönte der Ruf durch ihre Reihen: Iſt Blücher ſchon da? Kommen die Preußen? Nein, nein, Blücher iſt noch immer nicht da, und die Gefahr iſt auf's Höchſte geſtiegen. Immer mehr lichten ſich die Reihen der Eng⸗ länder, der Wald von Frichmont, der ihren Rücken deckt, iſt vollgepfropft von Verwundeten und Wagentrains.— Aber jetzt auf einmal, was war das? Was für ein Kanonendonner da drüben im Rücken der Fran⸗ zoſen? Was iſt das für eine ſchwarze Maſſe, die ſich da von der Höhe herniederſchlängelt, die da aus dem Walde von Frichmont hervor⸗ ſtürzt? Was ſind das für jubelnde, ſingende Stimmen, die das Ge⸗ ſchrei der Verwundeten und Kämpfenden übertönen mit luſtigen Kriegs⸗ liedern? Wellington ſpringt von der Erde auf, und ſein Geſicht ſtrahlt vor Wonne, und ſein Auge flammt vor Freude. — S t or 635 Das iſt Blücher, das ſind die Preußen! ruft er mit lauter glüc⸗ ſeliger Stimme, und durch die Reihen der Krieger wälzt ſich die frohe Botſchaft hin: Die Preußen ſind da! Blücher iſt angekommen! Ja, die Preußen ſind da, und mit jubelndem Ungeſtüm warfen ſie ſich auf den Feind! Es galt, die Schlacht von Ligny zu rächen. Es galt, die Macht des Feindes auf Einmal und für immer zu brechen! Die Feinde ſtürmten vorwärts, auf die von den Engländern be⸗ ſetzten Anhöhen hin, aber die Preußen greifen die Franzoſen auf beiden Flügeln an. Die Kanonen donnern wieder, die Kartätſchen praſſeln und knattern, mit erneuter furchtbarer Gewalt tobt die Schlacht. La Haye, das die Franzoſen den Engländern abgenommen, wird ihnen in blutigem Gemetzel wieder von den Preußen entriſſen, bei Hougue⸗ mont haben ſich die Engländer wieder in vierdoppelter Schlachtlinie aufgeſtellt. Die franzöſiſchen Garden ſtürmen gegen ſie heran, aber ſie werden zurückgeworfen, und jetzt verbreitet ſich durch ihre Reihen die Kunde: es war nicht Grouchy, der vorhin da heranzog, es waren nicht Truppen von den Unſrigen. Es war Blücher mit ſeinen Preußen! Der Feind ſteht uns im Rücken! Einen paniſchen Schrecken erregt dieſe Nachricht in den Reihen der Franzoſen, ſie weichen zurück, und Sauve qui peut! ertönt es aller Orten, und die Soldaten verlaſſen die Glieder, und wildes Durch⸗ einander und wildes Geſchrei unterbricht alle Ordnung und alle Regel. Vergebens ſprengt Napoleon ſelbſt unter ſeine Grenadiere und ermahnt ſie zum Stillſtand, vergebens donnert Ney's machtvolle Stimme den wankenden Schaaren ein Halt entgegen. Ein Kanonenſchuß trifft in dieſem Moment ſein Pferd, Ney ſtürzt mit ihm zu Boden. Seine Sol⸗ daten ſehen es, und dieſer Unfall nimmt ihnen den letzten Reſt von Beſonnenheit und Ruhe. Sie rennen wild durcheinander, ſie wollen nicht mehr kämpfen, ſie wollen ſich nur noch retten! Nur die Garde, nur dieſe letzten Trümmer der granitenen Heeres⸗ ſäule von Marengo, ſteht noch unerſchütterlich feſt da, in einzelnen Quarré's zuſammengeſchoben, wie an den Tagen der großen Siege. 636 Napoleon reitet zu einem dieſer Quarré's hin, er ruft ſeinen Garden ſein: En avant! entgegen, und dieſe jauchzen ihm, ſeine Stimme erkennend, ihr: vive l'Empereur! entgegen! Ihren letzten Liebesgruß! En avant! wiederholte General Cambronne den Befehl des Kaiſers. An der Spitze ſeiner Garden ſteht der Kaiſer mit gezogenem Degen, kampfbereit, um ihn ſind alle ſeine Getreuen, ſeine Generäle Ney, Soult, Bertrand, Drouot, Gourgaud, Labedoyere, ſie nehmen, gleich dem Kaiſer, den Degen in die Hand, um zu fechten und zu kämpfen wie gewöhnliche Soldaten. Aber die alten Grenadiere ſehen jetzt mit Entſetzen die Gefahr, welcher der Kaiſer ſich ausſetzt, ſie zittern für ſein Leben, nicht für das ihrige. Ziehen Sie ſich zurück, Sire, ſchreien ſie wüthend, Sie ſehen es ja, der Tod will Sie nicht!*) Napoleon ſchaut zu ihnen zurück mit einem flammenden Blick, dann ſchwingt er ven Degen hoch empor und commandirt: Feuer! Aber die Officiere, die ihn umringen, faſſen ſein Pferd am Zügel und ziehen es mit Gewalt fort, hinaus aus dem Getümmel. Sire, ruft Soult ihm entgegen, wollen Sie dem Feind den Triumph gönnen, Sie zu ſeinem Gefangenen zu machen? Retten Sie ſich, Sie ſind uns Allen, Sie ſind es Frankreich ſchuldig! Der Kaiſer ſenkt ſein Haupt auf ſeine Bruſt und ſträubt ſich nicht mehr. Gefolgt von einigen wenigen Getreuen verläßt er das Getümmel, das jetzt immer blutiger, immer wilder wird. Noch immer kämpft General Cambronne mit ſeinen alten Garden, aber in immer größeren Maſſen ziehen die Engländer heran. Ergebt Euch! ſchreien ſie von allen Seiten dem Feinde entgegen, deſſen Tapferkeit ſie mit Bewunderung erfüllt. Ergebt Euch. Doch Cambronne ruft: die Garde ſtirbt, aber ſie ergiebt ſich nicht! Und die alten Grenadiere rufen es ihm nach: die Garde ſtirbt, aber ſie ergiebt ſich nicht! *) Fleury III. n, n, 637 Ein furchtbares Gemetzel beginnt, die Kugeln ſauſen und pfeifen umher, Mann gegen Mann wird gekämpft, Haufen von Leichen bedecken den blutgetränkten Boden, die Grenadiere ſtehen und kämpfen wie die Mauern, und erſt, als der letzte von ihnen zuſammengeſunken, können die Engländer und Preußen ſagen, daß ſie geſiegt haben. Und nun tönt es jubelnd über das Schlachtfeld hin: Sieg! Sieg! Die Schlacht iſt gewonnen! Napoleon iſt geflohen.—— Droben auf der Höhe von Belle⸗Alliance, auf derſelben Stelle, von welcher Napoleon heute Nachmittag um vier Uhr die Schlacht überſchauet und ſich den Sieg zugeſchrieben hat, da ſtehen jetzt Abends neun Uhr die beiden Feldherrn Wellington und Blücher. Sie ſtehen da Hand in Hand und ſchauen einander an mit innigen, freudigen Blicken, und Jeder beglückwünſcht den Andern zu dem herrlichen Erfolg des blutigen Tagewerks, und Jeder ſchreibt dem Andern das Verdienſt zu, den Sieg herbeigeführt zu haben. Aber es war jetzt keine Zeit lange zu raſten und zu ſprechen, das Werk mußte ganz vollendet werden. Ich werde in Bonaparte's geſtrigem Nachtquartier ſchlafen, ſagte Wellington, ſich mit freundlichem Gruß von Blücher verabſchiedend. Aber ich werde Bonaparte aus ſeinem heutigen Nachtquartier ver⸗ jagen, rief Blücher mit kühnem Aufblitzen ſeiner Augen, ich übernehme die Verfolgung des Feindes. Und bald jetzt ertönte Trommelwirbel und Trompetenſchmettern, und unter lautem Hurrahrufen ſetzten ſich die Preußen in Bewegung und folgten dem Feind, der in wildeſter Unordnung, im furchtbaren Durcheinander, ſinnverwirrt vor Schreck und Entſetzen, auf der Heer⸗ ſtraße von Genappe dahinſtürzte. Mitten unter ihnen ritt Napoleon, umgeben von wenigen Ge⸗ treuen, auf ſeinem perſiſchen Schimmel dahin, und die flüchtigen Sol⸗ daten, die an ihm vorüberſtürmten, und ihn beim hellen Licht des Mondes erkannten, zeigten ihn ſich untereinander und flüſterten: ſeht da, der Kaiſer! Er iſt nicht todt! Er lebt noch! , er lebt noch, aber ſeine Seele iſt gebeugt bis zum Tode, und 638 der Muth ſeines Herzens iſt gebrochen! Er reitet dahin, ſchweigend, regungslos, immer weiter, weiter! Endlich, in einem Hauſe unweit Charleroi, will er einen Moment ruhen, um nach vierundzwanzigſtündigem Faſten etwas Nahrung zu ſich zu nehmen, weil Bertrand und Gourgaud ihn darum gebeten haben. Er ſteigt vom Pferde, und tritt in das Haus ein, wo er ſein Nachtquartier nehmen will. Vor dem Hauſe halten, umringt von Be⸗ waffneten, die Bagage⸗Wagen und der Reiſewagen des Kaiſers. Aber hat Blücher nicht zu ſeinem Bruder Wellington geſagt, er wolle den Bonaparte aus ſeinem heutigen Nachtquartier vertreiben? Blücher hält Wort! Da kommt er ſchon dahergebrauſt mit ſeinen Preußen, da ſtürzt er mit ihnen heran, und jubelnd werfen ſich die Krieger auf die Wagen, auf die Siegesbeute.*) Das Jubelgeſchrei rettet Napoleon. Durch eine Hinterpforte des Hauſes flüchtet er ſich, ſpringt auf's Pferd, und ſtürmt, von Gour⸗ gaud und Bertrand gefolgt, wieder hinaus in die Nacht. Alles iſt verloren! Alles iſt verloren! murmeln ſeine erbleichten Lippen, und in raſender Eile, jetzt nicht mehr der Kaiſer, der Feldherr, ſondern nur noch ein flüchtiger Soldat, der ſein Leben retten will, ſprengt der Kaiſer dahin, gehetzt von dem einen, dem fürchterlichen Gedanken: Der Feind! Der Feind iſt mir auf den Ferſen! Endlich in Philippeville macht er Halt. Hier ſind keine Preußen, hier iſt kein verfolgender Feind, hier findet er einige ſeiner treuen Diener. 6) Die Preußen machten hier eine große Siegesbente, denn der Wagen des Kaiſers, den ſie hier nebſt den kaiſerlichen Bagagewagen erbeuteten, enthielt außerordentliche Schätze. Unter Anderm ein wundervolles Collier von Bril⸗ lanten, das die Prinzeſſin Borgheſe dem Kaiſer, ihrem Bruder, gegeben hatte, außerdem ſehr viele koſtbare Schmuckſachen, welche Napoleon mitgenommen, um nach dem Siege, wenn er in Brüſſel eingezogen, dort ſich die Herzen mit glänzenden Geſchenken zu erwerben. Auch die Garderobenkoffer des Kaiſers, ſogar ſein Hut und Degen fanden ſich in dem Landau des Kaiſers, und die eroberten Bagagewagen enthielten unter Anderm ein ſchweres ſilbernes Tafel⸗ Service. 639 , Das iſt Maret, der Herzog von Baſſano, und Fleury von Cha⸗ boulon, ſein Geheim⸗Secretair, die ihm entgegeneilen. t Der Kaiſer reichte ihnen ſeine Hände dar. Weinend, faſt zu Bo⸗ den gedrückt von der Gewalt ihres Schmerzes, neigen ſich die Beiden . auf ſeine Hände, und küſſen ſie und bethauen ſie mit ihren Thränen. n Und hinter dem Kaiſer ſtehen Gourgaud und Bertrand, die Häupter ⸗ auf die Bruſt geſenkt, nicht mehr im Stande, ihr Weinen, ihr Schluchzen zurückzuhalten. r Kein Wort wird geredet, aber ergreifender als alle Worte ſprechen die Thränen, die jetzt auf einmal, Bächen gleich, aus den Augen des n Kaiſers hervorſtürzen, und mit ihren heißen Strömen die eiſernen ie Züge des Kaiſers aufthauen, daß ſie zucken vor Verzweiflung und Schmerz. 6 l. en m. ll, . ie Beimkehr. Paris hutte heute einen vielbewegten, traurigen Tag erlebt, es n, hatte heute, am zwanzigſten Juni, die Kunde von der verlorenen en Schlacht von Mont⸗Saint⸗Jean(Belle⸗Alliance) erhalten, und dieſe Kunde hatte alle die frohen Hoffnungen zerſtört, welche der Sieg von Ligny in den Herzen der ſanguiniſchen Pariſer erweckt hatte. Alle Familien waren in Thränen und Trauer verſenkt, denn der Tod hatte t in dieſen Schlachten von Ligny und Belle⸗Alliance mehr denn dreißig⸗ tauſend Opfer gefordert,— und jetzt waren dieſe Opfer vergeblich gefallen, jetzt hatte man außer den Vätern, Gatten und Brüdern auch nit noch die Niederlage, das Verderben des Vaterlandes und des Kaiſers , zu beklagen. ie— Ein düſterer Trauerſchleier hatte ſich daher über ganz Paris 6. niedergeſenkt, den ganzen Tag über hatten auf allen Straßen große 640 Volksgruppen ſich geſammelt, um untereinander das Unglück des Vater⸗ landes, die Niederlage der Armee, die Zukunft des Kaiſers zu be⸗ ſprechen. Die beiden Kammern hatten ſich auch bei der erſten Kunde von der verlorenen Schlacht verſammelt und waren ſeitdem in Permanenz geblieben. Man erzählte von energiſchen Entſchlüſſen, die ſie gefaßt, man flüſterte ſich leiſe zu, daß ſie den Kaiſer ſeines Thrones für ver⸗ luſtig erklären wollten, und nur noch beriethen über die neue Regie⸗ rungsform, die ſie Frankreich geben wollten. Unter Klagen und Vermuthungen, Zweifeln und Schwankungen war der Tag hingegangen, und die Nacht hatte jetzt endlich auf einige Stundenwenigſtens den bewegten Gemüthern Ruhe und Erholung gebracht. Paris ſchlief, die Straßen waren öde und leer, in allen Häuſern waren die Lichter erloſchen, die Fenſter dunkel. Nur in dem Palais des Elyſée waren noch einige Fenſter er⸗ leuchtet, und vor dem Portal des Palaſtes ſtand der Miniſter Herzog Caulaincourt, ſorgſam nach allen Seiten ſpähend, als erwarte er Jemand. Jetzt vernahm man in der Ferne dumpfes Räderrollen, es kam näher und näher, deutlich ſah man jetzt ſchon am Ende der Straße Saint Honoré einen Wagen daher kommen.. Er iſt es, murmelte Caulaincourt mit einem Uengen, zitternden Seufzer, indem er vorwärts ſchritt, dem der eben vor dem Palais anhielt. Ein Mann hob ſich mühſam aus voh Wagen empor, ſtieg, ſich ſchwer auf Caulaincourts Schulter lehnend, aus demſelben nieder, und ging in das Schloß, immer noch auf Caulaincourt geſtützt, aber ſchwei⸗ gend, das Haupt geſenkt, zuweilen nur tief aufächzend wie in unend⸗ licher Qual. Jetzt ſtieß Caulaincourt, nachdem ſie den öden, matt erhellten Vorſaal durchſchritten, eine Thür auf, und ſie traten jetzt in das Wohn⸗ zimmer des Kaiſers. Es war hell erleuchtet, und bei dem Glanz der Kerzen konnte Caulaincourt jetzt zuerſt das Antlitz des Kaiſers gewahren. Wie hatten wenige Tage der, dieſes Antlitz verändert, veri * — 641 hatten ſie angerichtet in dieſem Geſicht, das ſonſt ſo geſtählt ſchien gegen alle Eindrücke der Seele. Jetzt hatte der Schmerz ſeine tiefen Lineamente durch dieſe Züge gezogen. Jahre der Qualen hatte Napo⸗ leon in drei Tagen durchlebt, und dieſe Jahre waren auf ſeinem Ant⸗ litz verzeichnet und hatten ihre Furchen über ſeine Stirn gezogen. Mit einem lauten Seufzer, der mehr einem Schrei glich, warf ſich der Kaiſer auf einen Fauteuil nieder und ließ ſeine Arme ſchlaff über die Seitenlehne, ſein Haupt an den Rücken des Fauteuils ſinken. Dann, nach einem langen, angſtvollen Schweigen hefteten ſich ſeine düſteren, glanzloſen Blicke auf den Herzog von Vicenza, der mit Thränen in den Augen ihm gegenüber ſtand. Napoleon ſtreckte ihm langſam ſeine Hand entgegen, Caulaincourt nahm ſie und drückte ſie an ſeine Lippen mit einer Ehrfurcht, wie er ſie ihm kaum je ſo tief in den Tagen ſeines Glanzes gezeigt. Der Athem des Kaiſers ging raſcher und keuchender aus ſeiner Bruſt hervor, er ſchien mit ſeiner eigenen Aufregung zu kämpfen, und legte ſchnell ſeine Hand über ſein Angeſicht, um Caulaincourt die hef⸗ tige Bewegung ſeiner Züge nicht ſehen zu laſſen. Die Armee hat Wunder der Tapferkeit gethan, ſagte Napoleon dann nach langer Pauſe, und ſeine Stimme, welche er zwingen wollte, ruhig zu ſein, war laut und hart: ja, die Armee hat Wunder der Tapferkeit gethan, aber ein paniſcher Schrecken hatte ſie plöelich er⸗ griffen und Alles war verloren! Er ſenkte ſein Haupt tiefer auf ſeine Bruſt, und ſtarrte düſter vor ſich hin. dran Schuld, daß meine Cavallerie worden iſt. Ach, ich kann nicht mehr, fuhr er fort, plötzlich aufſpringend und ſeinen Uni⸗ formrock aufknöpfend, ich bin erſchöpft, und bedarf zwei Stunden der Ruhe, ehe ich an die Geſchäfte gehen kann. Ich erſticke da! rief er mit einem ſchmerzvollen Aechzen, die Hand auf ſein Herz drückend.*) Napoleons eigene Worte, ſo wie er ſie bei ſeiner Heimkehr von Wa⸗ terl loo zu Caulaincourt im Elyſée ſprach. Siehe: Fleury IV. 2. Napoleon. IV. Bd 41 642 Er nahm die Handklingel und ſchellte heftig. Ein Bad! rief er dem eintretenden Kammerdiener Marchand entgegen, ſogleich ein Bad! Sire, das Bad iſt ſchon bereit. Napoleon dankte ſeinem getreuen Diener mit einem matten Lächeln für dies Errathen ſeiner Wünſche, und wandte dann langſam ſein Haupt nach Caulaincourt hin. Ich will in's Bad gehen, und dann ſchlafen, ſagte er, oder we⸗ nigſtens verſuchen zu ſchlafen. Senden Sie nach meinen Brüdern und den Miniſtern. Sie ſollen in drei Stunden hier ſein. Es iſt jetzt elf Uhr. Um zwei Uhr will ich Miniſterrath halten! Es müſſen raſche energiſche Entſchlüſſe gefaßt werden, wenn nicht Alles verloren ſein ſolll— Genau nach drei Stunden trat der Kaiſer wieder in ſein Cabinet, in welchem ſeine Brüder Joſeph und Lucian mit Caulaincourt ihn erwarteten. Napoleon grüßte ſeine Brüder mit einem ſtummen Kopfnicken und einem ſchweren Seufzer. Aber kein Wort der Klage kam mehr über ſeine Lippen, und ſein Geſicht hatte jetzt ſchon ſeine kalte, undurchdring⸗ liche Ruhe wieder angenommen. Es iſt meine Abſicht, die beiden Kammern zu einer kaiſerlichen Haupt⸗Sitzung zu verſammeln, ſagte er. Ich werde ihnen das Unglück der Armee ſchildern, ich werde von ihnen die Mittel zur Rettung des Vaterlandes fordern, und dann werde ich wieder abreiſen. Sire, ſagte Lucian ehrfurchtsvoll, die Nachricht Ihres Unglücks iſt leider ſchon hierher gedrungen. Es herrſcht eine große Aufregung in Paris, und die Stimmung der Kammern ſcheint feindlicher, wie je zu⸗ vor. Ich glaube, daß die Kammern in ihrer Feindſeligkeit ſo weit gehen könnten, den Anforderungen Ew. Majeſtät nicht zu entſprechen, ſondern ſich gegen dieſelben aufzulehnen. Ich bedaure, Ihnen geſtehen zu müſſen, daß Sie vielleicht beſſer gethan, nicht nach Paris zu kommen, und ſich nicht von Ihrer Armee zu trennen, denn auf Ihrer Armee beruht jetzt Ihre Stärke und Ihre Sicherheit. Ich habe keine Armee mehr, rief Napoleon, ich habe nur noch Flüchtlinge. Ich werde wohl Soldaten wieder finden, aber wie ſie be⸗ „ 643 waffnen? Ich habe keine Gewehre. Indeß, wenn man in Ueberein⸗ ſtimmung handelt, kann noch Alles wiederhergeſtellt werden. Ich hoffe, daß die Deputirten mich unterſtützen, daß ſie die Verantwortlichkeit, die auf ihnen ruht, fühlen werden. Ich hoffe, daß Sie ihre Geſin⸗ nung falſch beurtheilen, die Majorität iſt gut, iſt Frankreichs würdig. Ich habe nur Lafayette, Lanjuinais und einige Andere gegen mich. Dieſe wollen mich nicht, das weiß ich. Ich bin ihnen läſtig, denn ſie wollen für ſich ſelber wirken, aber ich werde das nicht leiden. Meine Gegenwart hier wird ſie in Schranken halten. Ich fürchte, Sire, daß Lafayette und Lanjuinais nicht Ihre ein⸗ zigen mächtigen Feinde in den Kammern ſind, ſagte Joſeph ernſt. Mächtiger noch als dieſe iſt Fouché, und er hat die Zeit Ihrer Ab⸗ weſenheit benutzt, um in den Kammern Propaganda zu machen für Ihren Sturz. Ich hätte ihn verhaften laſſen ſollen, Lucian hatte Recht, murmelte Napoleon leiſe vor ſich hin. Caulaincourt, ſind Sie auch der Mei⸗ nung, daß ich nicht auf die Kammern zählen kann? Sire, ich fürchte es. Wenigſtens iſt es rathſam, die Berufung der Sitzung zu verſchieben, und erſt die Miniſter wirken zu laſſen. Sind die Miniſter hier? Ja, Sire, ſie erwarten Ew. Majeſtät ſeit einer halben Stunde im Conferenzſaal. Auch der Herzog von Baſſano und die Adjutanten Ew. Majeſtät ſind von Philippeville angelangt. Maret ſoll kommen, rief Napoleon. Ich habe ihm in Philippe⸗ ville das Bülletin der Schlacht von Mont⸗Saint⸗Jean diktirt. Er ſoll es in meiner Gegenwart den Miniſtern vorleſen. Gehen Sie zu den Miniſtern, nehmen Sie Maret mit, und laſſen Sie ihn das Bülletin vorleſen. Ich werde nachher auch dorthin kommen. Die Prinzen und der Herzog zogen ſich ſchweigend zurück, die Befehle des Kaiſers zu erfüllen, und mit dem Herzog von Baſſano ſich in den Conferenzſaal zu begeben, um dort das Bülletin der un⸗ glücklichen Schlacht vorleſen zu laſſen. K Und dieſe Vorleſung machte die Geſichter der Miniſter erbleichen und legte einen düſteren Schatten über ihre Züge. Dieſer Schatten 41* . 11½ 644 verſchwand ſelbſt dann nicht, als der Kaiſer zu ihnen eiutrat, als er wieder unter ihnen erſchien, kalt und ruhig, entſchloſſen und energiſch wie immer. Mit Verbeugungen, die weniger tief und ehrerbietig wie ſonſt waren, erwiderten ſie das raſche Kopfnicken des Kaiſers, und ihre Blicke hefteten ſich offen und trotzig auf Napoleons Angeſicht. Wir haben große Unglücksfälle zu beklagen, ſagte Rapoleon mit ſeiner vollen, tönenden Stimme. Ich bin gekommen, um ſie wieder gut zu machen, um der Nation, der Armee edle und große Entſchlüſſe einzuflößen. Wenn die Nation ſich erhebt, wird der Feind vernichtet werden. Wenn man, anſtatt ſich zu erheben und außerordentliche Maß regeln zu ergreifen, überlegt und ſtreitet, iſt Alles verloren. Der Feind iſt in Frankreich. Damit ich das Vaterland erretten kann, iſt es noth⸗ wendig, mir eine große Macht, eine zeitweiſe Diktatur zu gewähren. Im Intereſſe des Vaterlandes könnte ich mich aus eigenem Willen mit dieſer Macht bekleiden, aber es wäre nützlicher und nationaler, wenn die Kammern ſie mir verliehen.*) Er ließ ſeine flammenden, forſchenden Blicke über die Geſichter der Miniſter dahin gleiten, dieſe ſenkten ſcheu ihre Augen nieder, aber ſte antworteten nicht. Meine Herren, rief Napoleon ungeduldig, ſprechen Sie! Geben Sie mir Ihre Meinung zu erkennen. Berathen wir, was zum Wohl des Vaterlandes geſchehen muß!— Und jetzt folgten die Miniſter dem Befehl des Kaiſers. Sie gaben ihre Meinung zu erkennen, und zwar nit einer Offenheit und Rück ſichtsloſigleit, wie ſie ſonſt der Kaiſer niemals im Miniſterratb ver⸗ nommen. Sie ſprachen, ſie legten die ganze Schwierigkeit der gegenwärtigen Lage dar. Sie ſchilderten die feindliche Stimmung der Kamwern⸗ die royaliſtiſche Stimmung der Provinzen, die allgemeine Abneigung der Franzoſen, einen Krieg fortzuſetzen, der nicht gegen Frankreich, ſon⸗ vern nur gegen einen einzigen Mann, nur gegen den Kaiſer ge⸗ richtet ſei. *) Mapoleons eigene Worte. Siehe: Pleury IV. 8. 645 Napoleon, auf einem Fauteuil niedergeſunken und mit dem Feder⸗ meſſer an deſſen Armlehne ſchnitzend, hatte Stunden lang ſchweigend, nur zuweilen einige raſche energiſche Worte in die Discuſſion hinein⸗ ſchleudernd, zugehört. Aber bei dieſer letzten Bemerkung hob er raſch das Haupt empor und blickte mit ſcharfen, prüfenden Augen auf den Grafen Regnault hin, welcher eben ſprach. Ich fürchte, ſagte dieſer, ich fürchte, die Kammern werden die Ab⸗ ſichten des Kaiſers nicht unterſtützen, denn ſie ſcheinen überzeugt, daß es nicht mehr der Kaiſer iſt, der das Vaterland zu erretten vermag. Ich fürchte daher, daß ein großes, unermeßliches Opfer gebracht wer⸗ den muß. Sprechen Sie offenherzig, rief Napoleon heftig, die Kammern wollen meine Abdankung, nicht wahr? Ich glaube es, Sire, ſagte Regnault mit feierlicher Stimme, wie ſchmerzlich mir es auch iſt, ich halte es für meine Pflicht, die Wahr⸗ heit zu ſagen. Ja, ich fürchte die Kammern begehren Ihre Abdan⸗ kung, ich muß ſelbſt noch hinzufügen, daß, wenn Ew. Majeſtät nicht aus freiem Entſchluß Ihre Abdankung darbieten, dieſe vielleicht von der Kammer gefordert wird. Nein, rief Lucian, nein! Ich habe mich oft ſchon in ſchwierigen Lagen befunden, und ich habe geſehen, daß, je größer die Kriſen ſind, man deſto mehr Energie entfalten muß. Wenn die Kammern den Kaiſer nicht unterſtützen wollen, ſo muß er ſich ihrer entledigen. Das Heil des Vaterlandes muß das erſte Geſetz des Staates ſein, und da die Kammern nicht geneigt ſcheinen, ſich mit dem Kaiſer zur Rettung Frankreichs zu vereinigen, ſo muß er es allein erretten. Er muß ſich zum Diktator erklären, er muß den Belagerungszuſtand über Frank⸗ reich verhängen, und alle Patrioten und alle wohlgeſinnten Franzoſen zu ſeiner Vertheidigung aufrufen. Ja, ſagte Graf Carnot mit feierlicher Entſchiedenheit, ja, das Volk muß bewaffnet werden, es muß ſeine heiligſte Pflicht, die Ver⸗ theidigung des Vaterlandes, erfüllen, und dazu ſcheint es nöthig, den Kaiſer während der Dauer dieſer Kriſis mit einer außerordentlichen iktatoriſchen Gewalt zu bekleiden. — 646 Der Kaiſer warf ſein Federmeſſer bei Seite und erhob ſich von ſeinem Fauteuil. Mit einer Ruhe und Majeſtät, die Jedermann im⸗ ponirte, ſchaute er im Kreiſe umher, und ſeine Augen hatten wieder ihre flammende Gewalt, ſeine Mienen hatten wieder ihre ſtolze Ruhe angenommen. Er war wieder der Kaiſer, der Gebieter, der Held! Die Kammern werden patriotiſcher und klüger ſein, wie Ihr Alle meint, rief er. Die Gegenwart des Feindes auf dem nationalen Bo⸗ den wird, ſo hoffe ich, die Deputirten zu dem Gefühl ihrer Pflicht zurückführen. Die Nation hat ſie nicht hierher geſchickt, um mich zu ſtürzen, ſondern um mich zu unterſtützen. Ich fürchte ſie nicht. Was ſie auch thun mögen, ich werde immer das Idol des Volkes und der Armee ſein. Es bedürfte nur Eines Wortes von mir, und ſie würden Alle verjagt werden. Aber indem ich nichts für mich fürchte, ſo fürchte ich doch Alles für das Vaterland. Wenn wir uns untereinander ent⸗ zweien, ſtatt uns zu verſtändigen, ſo werden wir das Loos des abend⸗ ländiſchen Reichs haben. Alles wird verloren ſein. Der Patriotismus der Nation, ihr Haß gegen die Bourbonen, ihre Anhänglichkeit für meine Perſon bieten uns noch unendliche Hülfsmittel dar; unſere Sache iſt noch nicht verzweiflungsvoll. Wir können uns noch erretten, und wir wollen es!*) Wie— Die Thür des Saals ward haſtig geöffnet und Fouché trat ein. Er näherte ſich mit eiligen Schritten dem Kaiſer und ein Ausdruck ſtolzen Hohns leuchtete aus ſeinem Angeſicht. Sire, ſagte er, ſtatt hier im Miniſterrath zu erſchit hatte ich, um den Intereſſen Ew. Majeſtät zu dienen, mich in die Kammer der Repräſentanten begeben, die mitten in der Nacht, ſobald ſie von der Rückkehr Ew. Majeſtät erfahren, eine Sitzung berufen hatte. Und Sie kommen jetzt, Herr Herzog, mir das Reſultat der dor⸗ tigen Berathung mitzutheilen? fragte Napoleon mit ruhiger Würde. Ja, Sire, die Kammer hat mir den unglücklichen Auftrag gegeben, Ew. Majeſtät die Beſchlüſſe, welche ſie trotz meines heftigen und ener⸗ *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fleur) IV. 647 giſchen Widerſpruchs gefaßt hat, mitzutheilen, ſo wie gleicherweiſe die hier anweſenden Miniſter damit bekannt zu machen. Und welches ſind die Beſchlüſſe des Hauſes der Repräſentanten? fragte Napoleon. Laſſen Sie hören, Herr Herzog von Otrantv. Fouché zog ein Papier hervor und las: Die Kammer der Repräſentanten erklärt, daß die Unabhängigkeit der Nation bedroht iſt. Die Kammer erklärt ſich in Permanenz. Jeder Verſuch, ſie auf⸗ zulöſen, iſt ein Verbrechen des Hochverraths; derjenige, welcher ſich dieſes Verbrechens ſchuldig macht, iſt ein Vaterlandsverräther, und ſoll als ſolcher beſtraft werden. Die Armee der Linientruppen und die Nationalgarde, die für die Freiheit, die Unabhängigkeit der Erde Frankreichs gekämpft haben und noch kämpfen, haben ſich um das Vaterland wohl verdient gemacht. Die Miniſter des Krieges, der äußern und innern Angelegenheiten, werden aufgefordert, ſich ſofort in den Schooß der Verſammlung zu begeben. Sind Sie zu Ende? fragte Napoleon, als Fouché jetzt ſchwieg, mit lauter Donnerſtimme. Fouché verneigte ſich ſchweigend. Meine Herren Miniſter, rief Napoleon ungeſtüm, Sie haben jetzt den Ausſpruch dieſer Verräther vernommen. Denn ſie, die Repräſen⸗ tanten, welche ſolche Beſchlüſſe zu faſſen wagten, ſie ſind Hochverräther. Jeder dieſer Artikel iſt ein Attentat gegen die beſchworene Conſtitution, eine frevelhafte Anmaßung der Souverainetätsrechte. Noch bin ich der Kaiſer und der Herr! Ich hätte meinem Impuls folgen, ich hätte dieſe Leute verhaften ſollen, ehe ich zur Armee abreiſte. Sie werden Frank⸗ reich in's Unglück ſtürzen. Ich werde verſuchen, es zu retten, und wenn ich es nicht vermag, nun wohl, ſo werde ich abdanken!*) Er verabſchiedete die Miniſter mit einem kurzen Gruß, und durch⸗ ſchritt das Gemach, um ſich in ſein Arbeits⸗Cabinet zu begeben. Aber vor der Thür deſſelben angelangt, wandte er ſich wieder um, und kehrte haſtig wieder in den Kreis ſeiner Miniſter zurück. *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fleury IV. 12. 648 Ich will noch nichts entſcheiden, ſagte er, wir wollen verſuchen, uns zu verſtändigen. Graf Regnault, gehen Sie in die Kammer, um ſie zu beruhigen, und das Terrain zu recognosciren. Melden Sie den Repräſentanten, daß ich zurückgekehrt bin, daß ich ſo eben einen Mi⸗ niſterrath berufen habe, daß die Armee, nach dem ihnen gemeldeten Sieg, eine neue große Schlacht beſtanden hat, daß Alles gut ging, daß die Engländer geſchlagen waren, daß wir ihnen ſchon ſechs Fahnen entriſſen hatten, als Uebelwollende und Verräther einen paniſchen Schrecken verurſachten. Melden Sie ferner, daß die Armee ſich ſchon wieder ſammelt, daß ich Befehle ertheilt habe, um die Flüchtlinge aufzuhalten, daß ich hierher gekommen bin, um mich mit den Miniſtern und den Kammern zu verſtändigen, und daß ich mich in dieſem Augen⸗ blick damit beſchäftige, ſolche Maaßregeln für das öffentliche Wohl zu ergreifen, wie die Umſtände ſie erfordern. Eilen Sie, Regnault, Sie aber, meine Herren Miniſter, bleiben Sie. Ich verbiete Ihnen, der Aufforderung der Kammern zu entſprechen, die Kammern haben kein Recht, meinen Miniſtern zu gebieten! Man ſoll Ihnen Erfriſchungen bringen. Wir bedürfen Alle eines Moments der Erholung. Wenn Graf Regnault zurückkehrt, wollen wir uns hier wieder zuſammen⸗ finden!— Kaum eine Stunde war vergangen, als Regnault wieder in das Conferenzzimmer eintrat. Die Miniſter waren dort ſchon wieder ver⸗ ſammelt, und der Kaiſer, von der Ankunft des Grafen benachrichtigt, trat wieder aus ſeinem Arbeits⸗Cabinet hervor. Sire, ſagte Graf Regnault traurig, die Kammer hat meine Bot⸗ ſchaft mit kalter Ruhe und Gleichgültigkeit aufgenommen. Sie ſendet durch mich zum zweiten Mal den Miniſtern den Befehl, vor ihren Schranken zu erſcheinen, und erklärt es für eine Beleidigung der Na⸗ tion, wenn ſie ihr nicht gehorſamen. Und was denken meine Herren Miniſter zu thun? Wem wollen ſie gehorchen? Mir, oder den Repräſentanten? fragte Napoleon, ſeine flamm enden Augen den Miniſtern zuwendend. Er ſah ihre erbleichten, düſteren Geſichter, ihre geſenkten Augen, ihre unſchlüſſigen Mienen, er las die Gedanken, die auf dem Grund ihrer Seele ruhten, und die 649 ſie vielleicht nur noch nicht auszuſprechen wagten, und ein tiefer, qual⸗ voller Seufzer hob ſeine Bruſt. Ich autoriſire meine Miniſter, den Präſidenten der Kammer zu benachrichtigen, daß ſie in kurzer Zeit in der Verſammlung erſcheinen werden, ſagte er düſter. Ich werde meine Miniſter mit einer Bot⸗ ſchaft von mir an beide Häuſer ſenden. Mein Bruder Lucian ſoll als mein General⸗Commiſſarius die Miniſter begleiten, und mir die Ant⸗ wort der Kammern auf meine Botſchaft überbringen. Ich will es noch einmal verſuchen, in Eintracht mit den Kammern zu verhandeln, mit ihnen die Mittel zur Rettung des Vaterlandes zu berathſchlagen.— Er diktirte dem Herzog von Baſſano mit feſter Stimme ſeine Botſchaft an die Kammern, und zog ſich dann, erſchöpft von ſo viel Aufregungen und Sorgen, in ſein Schlafzimmer zurück, um zu ruhen. Aber ſeine Seele in ihren Schmerzen und Qualen ließ ihn keine Ruhe finden, mit offenen Augen, gemartert von ſeinen eigenen Ge⸗ danken, zuweilen laut aufächzend, zuweilen einzelne Worte des Zorns und der Verwünſchung ausſtoßend, lag er auf ſeinem Lager, und kein Schlaf ſenkte ſich auf ſeine Augenlider, keine Ruhe in ſein gemar⸗ tertes Herz. Luft, ich muß Luft haben, oder ich erſticke, rief er emporſpringend. Ich mag nicht allein ſein, dieſe Stille martert mich. Er ging haſtig in ſein Cabinet, und ſein Antlitz erhellte ſich, als er dort den Herzog von Rovigo und Benjamin Conſtant traf, die Beide gekommen waren, den heimgekehrten Kaiſer zu begrüßen. Kommen Sie in den Garten, ſagte der Kaiſer, und er ſchritt haſtig den beiden Herren voran und ging hinunter in den Garten, um in deſſen ſchattigen Alleen mit ihnen auf und ab zu wandeln, und ernſt und gelaſſen die Angelegenheiten des heutigen Tages zu be⸗ ſprechen. Sie glauben alſo auch, Savary, ſagte er, daß die Kammern ſich gegen mich erklären und ſich von mir losſagen werden? Ja, Sire, ich fürchte es, dieſe unglücklichen Repräſentanten ver⸗ meinen, ſich ſelber und Frankreich zu erretten von der Feindſchaft der Alliirten, wenn ſie ſich freiwillig losſagen von dem Kaiſer, dem, nach 650 der Erklärung der Alliirten, allein ihr Angriff und ihre Feindſelig⸗ keit gilt. Ja, rief Napoleon mit einem bittern Lächeln, das ſind dieſelben Menſchen, die voriges Jahr mich zur Abdankung beredeten! Sie wollen nicht einſehen, daß ich nur der Vorwand des Krieges bin, und daß Frankreich der eigentliche Gegenſtand deſſelben iſt. Wenn Frank⸗ reich nicht bei dem letzten Traktat ganz und gar vernichtet wurde, ſo kam es daher, weil die Fremden noch von einem Reſt menſchlicher Ehrfurcht zurückgehalten wurden, und weil ſie Furcht hatten vor mei⸗ ner möglichen Rückkehr. Unſinnige ſind Diejenigen, die das nicht be⸗ greifen wollen; wenn ſie mich werden verlaſſen haben, dann wird man es ihnen als Schuld anrechnen, daß ſie mich vorher aufgenommen haben, und dann wird es an der Zeit ſein, ſich der Reue hinzu⸗ geben.*) Sire, ſagte Benjamin Conſtant, die Alliirten werden es nicht wagen, eine Verſammlung anzugreifen, welche das ganze franzöſiſche Volk vertritt und von dieſem berufen iſt. Ach, Sie wollen mir damit ſagen, daß Frankreich gerettet iſt, wenn ich abdanke, und daß— Ein lautes, freudiges Jauchzen, ein donnerndes Vive l'Empereur! unterbrach die Worte des Kaiſers. Er hatte im Auf⸗ und Abwandeln durch die Alleen des Gartens jetzt mit ſeinen Begleitern die große, breite Allee gewählt, welche dicht an dem Eiſengitter ſich befand, das den Garten begrenzte. Hinter dieſem durchbrochenen und weitläuftigen Eiſengitter ſtanden Tauſende von Arbeitern, von Leuten aus dem Volk, ſie waren gekommen, den Kaiſer zu ſehen, ihn zu begrüßen, ihm zu ſagen, daß ſie ihm treu bleiben, und daß ſie ihn nicht verlaſſen wollten, daß ſie nur ihn und nicht die Kammern zu ihrem Herrn annehmen wollten. Und dies Alles ſagten ſie ihm jetzt mit ihrem lauten, immer ſich erneuernden vive I'Empereur! dies ſagten ſie ihm mit ihren hoch em⸗ *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Mémoires du Duc ide Rovigo. Vol. VIII. 138. lk, ig0 18 651 por gehobenen Armen, die ſich nach ihm hinſtreckten, mit ihren blitzenden Augen, die durch das Gitter mit Blicken voll Liebe und Bewunderung auf ihn gerichtet waren. Der Kaiſer begrüßte ſie mit einem traurigen Lächeln, und wandte ſich dann ſeinen beiden Begleitern zu. Seht, ſagte er, ſo geht es. Dieſe Menſchen habe ich mit Ehren und Reichthümern überhäuft? Was ſchulden ſie mir? Ich fand ſie arm, und ich verlaſſe ſie arm. Der Inſtinct der Nothwendigkeit ſpricht aus ihrem Munde; er klärt ſie auf, und wenn ich es will, wenn ich es geſtatte, haben in Einer Stunde die widerſpenſtigen Kammern aufgehört zu eriſtiren.*) Ach, da kommt mein Bruder! da kommt Lucian! Er ging dem Prinzen, der eben die Allee daher ſchritt, lebhaft entgegen. Nun, Lucian, was für Botſchaft bringſt Du mir? Wie haben die Kammern meine Vorſchläge aufgenommen? Ach, Sire, ich bringe ſchlimme Botſchaft. Alle meine Vorſtel⸗ lungen, meine Vernunftgründe, meine Vorwürfe waren vergeblich. Ich war zuerſt in der Kammer der Repräſentanten. Ich beſchwor ſie, den Kaiſer zu unterſtützen, mit ihm ſich zur Errettung des Vaterlandes zu vereinen. Meine Worte wurden mit Hohn, mit Spott zurückgewieſen. Der Repräſentant Jay erklärte, der Kaiſer ſei ein Hinderniß für das Glück Frankreichs, denn er könne es nicht mehr vertheidigen, und er verhindere nur die Verſöhnung mit Europa, und als ich dann daran erinnerte, wie viele Wohlthaten, wie viele Siege Frankreich Eurer Majeſtät verdanke, da erhob ſich Lafayette, um wider mich das Wort zu ergreifen, um die Opfer zu ſchildern, welche Frankreich ſeinem Kaiſer gebracht, um zu erklären, die Nation habe genug für einen Einzigen gethan, es ſei jetzt Zeit, daß ſie an ſich ſelber denke. Und alle Re⸗ präſentanten jauchzten ihm zu, und erhoben ſich von ihren Sitzen und riefen: der Kaiſer muß freiwillig abdanken oder wir werden ihn dazu zwingen! Ah, ich muß! rief Napoleon mit donnernder Stimme. Man will *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Benj. Constant, Lettres etc. 652 mir Geſetze vorſchreiben! Jetzt werde ich nicht abdanken! Die Kammer iſt aus Jakobinern, aus verbrannten Köpfen, aus Ehrgeizigen zuſammen⸗ geſetzt, die nur Stellen erhaſchen und Unordnung erregen wollen. Ich hätte ſie der Nation denunciren, ſie verjagen ſollen. Es iſt vielleicht noch Zeit dazu!*) Ja, Sire, es iſt noch Zeit dazu, rief Lucian. Faſſen Sie jetzt einen energiſchen Entſchluß. Verjagen Sie die Kammern, ergreifen Sie bis nach Befreiung des Vaterlandes die militairiſche Diktatur, rufen Sie das Volk zu einer allgemeinen Erhebung und Bewaffnung auf! Sire, es iſt, wie Ihnen gemeldet worden, ein Theil der Armee, zehntauſend Mann, in Paris eingerückt, und ſie glühen dem Kampf entgegen, ſie hängen noch immer mit Begeiſterung an ihrem Kaiſer, ſie ſind bereit, für ihn zu kämpfen. Rufen Sie Ihre Getreuen, laſſen Sie die Kammern verjagen, und Sie ſind wieder der Kaiſer, und keine Stimme wird es wagen, ſich wider Sie zu erheben! Der Kaiſer antwortete nicht ſogleich. Er ging, die Arme auf dem Rücken gefaltet, langſam die Allee hinauf; zuweilen blieb er ſtehen, und warf einen langen Blick hinüber nach jener Seite, wo hinter den Bäumen und Büſchen das Gitter ſich befand, durch welches das Volk nach ſeinem Kaiſer ſpähete, und horchte auf das verworrene Ge⸗ ſchrei, das da herübertönte, und aus dem zuweilen wie eine himm⸗ liſche Muſik das jauchzende vive l'Empereur! emporrauſchte. Dann ſchritt er wieder raſcher vorwärts und ſchien nun wieder auf die Stim⸗ men zu lauſchen, die in ſeiner eigenen Bruſt ihm ertönten. Endlich blieb er, zu dem Portal des Palaſtes gelangt, vor den Herren ſtehen und hob ſeine düſtern Augen zu ihren fragenden, erwar⸗ tungsvollen Geſichtern empor. Nein, ſagte er, ich will keinen Bürgerkrieg! Ich weiß wohl, daß es nur eines Winkes von mir bedürfte, um die Oppoſition zu ver⸗ nichten und mir einen Triumph über ſie zu verſchaffen. Aber das Leben Eines Mannes iſt nicht werth, mit ſo viel Menſchenleben er⸗ *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fleury IV. —— 653 kauft zu werden. Ich kam nicht von Elba zurück, um Paris mit Blut zu überſchwemmen.*) So ſind Sie verloren, mein Bruder, ſeufzte Lucian. Das heißt, wenn es ſein muß, ſo opfere ich mich der Ruhe und dem Wohlergehen Frankreichs, ſagte Napoleon ruhig, und Frankreich wird dereinſt dieſes Opfer anerkennen, und es wird mich dafür lieben. Was thun die Kammern jetzt, Lucian? Sire, die Repräſentanten waren von der zwanzigſtündigen Sitzung, von den langen und heftigen Debatten ſo erſchöpft, daß ſie die Sitzung aufgehoben haben und erſt morgen früh um acht Uhr ſich wieder ver⸗ ſammeln wollen. Ja, es iſt wahr, murmelte Napoleon, dies war ein ſehr angrei⸗ fender Tag. Ich empfinde das auch, meine Seele iſt auch erſchöpft. Die Sonne iſt untergegangen und es wird Abend. Da meine Feinde ſchlafen, will ich es auch thun. Adieu, Lucian, adieu, Savary und Conſtant. Morgen früh wollen wir weiter ſprechen! Er nickte ihnen mit einem matten Lächeln einen Abſchiedsgruß zu und ſchritt langſam, geſenkten Hauptes, durch das Portal in das Schloß. Die Sonne iſt untergegangen und es wird Abend, flüſterte Lucian, ſeinem Bruder nachblickend. Ja, ich fürchte, ſeine Sonne iſt jetzt für immer untergegangen. MII. Die Abdankung. Ob der Kaiſer in dieſer Nacht vom einundzwanzigſten auf den zweiundzwanzigſten Juni geſchlafen? Er hatte ſich wenigſtens in ſein *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Mémoires du Duc de Rovigo. 654 Schlafzimmer zurückgezogen und ſich mit Hülfe ſeines Kammerdieners Marchand zu Bett begeben. Aber als er am andern Morgen wieder aus ſeinem Schlafzimmer hervortrat, zeigte ſein Antlitz die Spuren tiefſter Erſchöpfung und ſelbſt das düſtere Feuer ſeiner Augen war erloſchen. Die wenigen Getreuen, welche in dieſen Tagen der Trübſal ihn nicht verlaſſen, ſeine Miniſter, ſeine Brüder, der General Bertrand und der Herzog von Rovigo und einige Andere hatten ihn in ſeinem Cabinet erwartet und empfingen ihn mit ehrfurchtsvollen Grüßen und Verbeugungen. Es iſt acht Uhr, ſagte der Kaiſer. Jetzt werden die Kammern ſich verſammeln, und jetzt wollen auch wir berathen, was geſchehen ſoll und muß. Der Feind naht ſich unſern Mauern. Sire, meldete der eintretende Kammerdiener, der Herzog von Otranto! Er öffnete auf einen Wink Napoleons die Thür und Fouché trat ein. Er ſchritt einher aufrecht, ſtolz gehobenen Hauptes, wie er es ſonſt nie gewagt vor dem Kaiſer zu erſcheinen, ſein Angeſicht ſtrahlte wie in höhniſcher Freude und ein triumphirendes Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Napoleon, der mit einem einzigen Blick ſeine ganze Geſtalt über⸗ flogen hatte, wandte langſam das Haupt den andern Herren zu. Ich ſagte ſo eben, der Feind naht ſich unſern Mauern, ich irrte mich, der Feind iſt ſchon innerhalb derſelben! Nun, was giebt es, Herr Herzog? Warum ſind Sie nicht, gleich den andern Miniſtern, wie ich befohlen, um halb acht Uhr hier erſchienen? Hat man Ihnen nicht gemeldet, daß ich einen Miniſterrath halten wollte? Sire, ſagte Fouché gelaſſen, ich konnte leider nicht kommen, denn die Kammern hielten heute Morgen eine Sitzung, und ich mußte der⸗ ſelben beiwohnen. Was, die Kammern haben ſchon eine Sitzung gehalten? rief der Kaiſer. Sie wollten ſich ja erſt um acht Uhr verſammeln? Die dringlichen Umſtände haben ſie indeß veranlaßt, dieſe Sitzung auf eine frühere Stunde zu verlegen, und ſie ſind ſchon heute Morgen del n en „ℳ 655 um fünf Uhr zuſammengetreten. Es haben heftige Debatten ſtatt⸗ gefunden, Ihre Feinde, Lafayette und Lanjuinais an ihrer Spitze, er⸗ goſſen ſich in den leidenſchaftlichſten Reden gegen das Oberhaupt des Staates. Aber Sie, nicht wahr, Sie ſprachen für mich? fragte Napoleon mit einem höhniſchen Ausdruck. Ja, ich ſprach für Sie, ſagte Fouchs ruhig, und meinen Be⸗ mühungen allein iſt es gelungen, die harten Ausſprüche der Kammer ein wenig zu mildern. Lafayette ſchlug vor, daß man Sie ohne Wei⸗ teres als der Krone für verluſtig erklären ſollte. General Grenier proponirte, daß ſich eine Deputation in das Elyſée begeben und ver⸗ langen ſollte, daß Napoleon Bonaparte ſofort ſeine Abdankung erkläre. Meinen Bemühungen iſt es gelungen, noch eine Stunde Aufſchub zu erlangen. Man hat mir geſtattet, mich hierher zu verfügen, Sie zu beſchwören, freiwillig und wie aus eigenem Impuls eine Botſchaft an die Kammern zu ſenden, und denſelben zu melden, daß Sie der Krone entſagen und ſie niederlegen. Man will, um die Ehre des Staats⸗ oberhauptes zu ſchonen, eine Stunde noch auf dieſe Erklärung warten, und erſt, wenn ſie bis dahin nicht erfolgt iſt, wird die Kammer eine Deputation hierher entſenden, um Sie aufzufordern, ſofort und ohne Säumen die Krone niederzulegen.*) Der Kaiſer hatte den Worten Fouché's, wie es ſchien, mit voll⸗ tommener Ruhe zugehört, aber ſeine Wangen waren noch bleicher ge⸗ worden, als zuvor, und in ſeinen Augen, welche vorher ſo trübe und glanzlos geweſen, flammte jetzt das Feuer des Zorns. Herr Herzog von Otranto, ſagte er, noch bin ich der Kaiſer, und wenn ich auch die Krone niederlege, ſo bleibt mir doch die Würde eines Kaiſers. Ich habe dieſelbe von der franzöſiſchen Nation erhalten, und ſie verliert ſich nicht.**) Bedienen Sie ſich daher in Ihren Verhand⸗ lungen mit mir der ehrfurchtsvollen Formen, wie ſie meinem Diener und dem Manne geziemen, den ich zum Herzog gemacht habe. Was *) Fleury IV. 24. **) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fleury IV. 31. 656 die unverſchämte Forderung der durch mich eingeſetzten Kammern an⸗ belangt, ſo werde ich überlegen, was mir zum Wohle des Staats er⸗ forderlich ſcheint. Oh, Sire, rief der General Solignac, der ſo eben in das Cabinet eintrat, ich beſchwöre Sie, überlegen Sie nicht mehr. Entſcheiden Sie ſich raſch. Ich komme aus der Kammer. Alles iſt dort in Aufruhr und Bewegung. Lafayette hat den Vorſchlag gemacht, die Entſetzung aus⸗ zuſprechen, und Ew. Majeſtät verhaften zu laſſen. Mehr als funfzig der Repräſentanten haben ſich vereinigt, um hierher zu ziehen, ein Trupp National⸗Gardiſten hat ſich ihnen zugeſellt, und ſie warten nur auf das Ablaufen der bewilligten Friſt, um her zu kommen, und Ew. Majeſtät zu verhaften.*) Und was ſagen Sie, meine Brüder, Sie, meine Herren Miniſter, zu dieſem Attentat? rief Napoleon mit donnernder Stimme. Lucian, ſprechen Sie, Sie, der mir immer gerathen hat, nicht nachzugeben. Sind Sie noch jetzt dieſer Meinung? Nein, Silre, ſeufzte Lucian, es iſt zu ſpät. Der glückliche Moment iſt vorübergegangen, jetzt müſſen Sie ſich unterwerfen! Napoleons fragender Blick wandte ſich von Lucian zu ſeinem Bruder Joſeph hin. Sire, ich theile die Anſicht meines Bruders, ſagte der Prinz traurig, Ew. Majeſtät müſſen ſich unterwerfen! Und was ſagen meine Miniſter? fragte Napoleon.. Aber weder Maret, noch Caulaincourt, noch Decrés und Carnot antworteten, ſie ſtanden da geſenkten Hauptes,— nur Fouché, der Polizeiminiſter des Kaiſers, ſtand hoch erhobenen Hauptes, und heftete ſeine leuchtenden Blicke feſt auf das bleiche Antlitz des Kaiſers. Und Sie, Savary und Bertrand, fragte Napoleon, ſagen auch Sie, daß Alles verloren iſt? Ja, rief der Herzog von Rovigo, ja, es iſt Alles verloren. Ew. Majeſtät müſſen ſich entſchließen, Frankreich das größte Opfer darzu⸗ bringen. Oh, Sire, ich beſchwöre Sie, ſuchen Sie nicht länger gegen *) Eduard Arnd. Geſchichte der letzten vierzig Jahre. I. 147. t 9, 657 die Macht der Verhältniſſe anzukämpfen. Die Zeit verfließt, der Feind rückt heran. Dulden Sie es nicht, daß die Kammer, daß die Nation Sie beſchuldigen kann, Sie hätten Frankreich verhindert, Frieden mit ſeinen Feinden zu machen. Sire, ſagte General Bertrand mit flehender Stimme, das Antlitz überfluthet von Thränen, Sire, ſeien Sie groß, wie Sie es bis hierher immer geweſen. Im Jahre 1814 haben Sie ſich dem Wohle Aller ge⸗ opfert, erneuern Sie heute dieſes erhabene, dieſes großmüthige Opfer. Napoleon ſchwieg,— eine tiefe Stille trat ein, und inmitten dieſer Stille vernahm man nur die Seufzer, die ſchwer und ächzend aus der Bruſt des Kaiſers hervorkamen. Lange ſtarrte er, nicht achtend, daß Aller Augen auf ihn gerichtet waren, in das Leere, dann wandte er langſam ſein Haupt nach Fouché hin. Herr Herzog von Otranto, ſagte er mit feſter, ruhiger Stimme, gehen Sie in die Kammer, und melden Sie den Herren, daß ſie ſich ruhig verhalten ſollen. Ich werde ihre Wünſche erfüllen. Ich werde abdanken. Ein einziger gemeinſchaftlicher Schrei des Schmerzes tönte von Aller Lippen, nur Fouché lächelte, und ſich leicht verneigend, verließ er eilig das Zimmer. Jetzt, mein Bruder Lucian, ſagte der Kaiſer gelaſſen, jetzt nehmen Sie die Feder, ich will Ihnen dictiren! Lucian ſetzte ſich vor dem Schreibtiſch nieder, die Miniſter, Her⸗ zöge und Generäle zogen ſich ehrfurchtsvoll in den Hintergrund des Zimmers zurück. Napoleon blieb ſeinem Bruder Lucian gegenüber neben dem Tiſch ſtehen, und die Hand auf denſelben aufgeſtützt, gerade und ſtolz auf⸗ gerichtet, dictirte der Kaiſer mit ruhiger, feſter Stimme wie folgt: „Declaration an das franzöſiſche Volk. „Indem ich den Krieg begann, um die nationale Unabhängigkeit aufrecht zu erhalten, zählte ich auf die Vereinigung aller Kräfte, aller nationalen Autoritäten. Ich war berechtigt, einen guten Erfolg davon zu erhoffen, und ich hatte deshalb allen Erklärungen der Mächte gegen mich Trotz geboten.“ Mühlbach, Napoleon. IV. Bd. 42 658 „Die Umſtände erſcheinen mir jetzt verändert; ich biete mich dem Haß der Feinde Frankreichs als Opfer dar; möchten ſie aufrichtig ge⸗ weſen ſein in ihren Erklärungen und wirklich nur ihre Feindſchaft gegen meine Perſon gerichtet haben! Mein politiſches Leben iſt abgeſchloſſen; und ich proclamire meinen Sohn unter dem Titel Napoleon II. zum Kaiſer der Franzoſen.“ „Die activen Miniſter werden einen proviſoriſchen Regentſchafts⸗ rath bilven. Die Zuneigung, die ich für meinen Sohn hege, verpflichtet mich, die Kammern aufzufordern, ohne Verzug die Regentſchaft durch ein Geſetz zu organiſiren.“ „Vereinigt Euch Alle für das öffentliche Wohl und um eine unab⸗ hängige Nation zu bleiben.“ Mein Bruder, ſagte Napoleon mit einem ſanften Lächeln, jetzt bin ich zu Ende. Es bleibt nur noch übrig zu unterſchreiben. Er ging mit feſtem Schritt an die andere Seite des Tiſches, nahm die Feder aus Lucians Händen, und ſtehend, ſich nur leicht herunter⸗ neigend über das Papier ſchrieb er mit raſcher Hand ſeinen Namen unter die Declaration. Jetzt ſoll Fleury zwei Abſchriften davon machen, ſagte Napoleon, die Feder fortwerfend, drei meiner Miniſter ſollen die eine der Decla⸗ rationen in die Deputirtenkammer, und wieder drei andere die zweite Abſchrift in die Pairskammer tragen. Eben ward die Thür haſtig aufgeriſſen und der Graf de la Borde, der General⸗Adjutant der National⸗Garde, ſtürzte herein. Sire, ſagte er athemlos und keuchend, Sire, es iſt keine Minute mehr zu verlieren. Die Kammern wollen ſo eben die Abſetzung Eurer Majeſtät zur Abſtimmung bringen. Napoleon ſchritt zu dem Grafen hin, der bleich, athemlos vom eiligen Lauf kaum noch im Stande war, ſich aufrecht zu halten. Mit einem Blick voll Theilnahme und Güte legte Napoleon ſeine Hand auf die Schulter des Grafen. Dieſe guten Leute haben es wirklich ſehr eilig, ſagte er. Kehren Sie zu ihnen zurück und ſagen Sie ihnen, ſie möchten ſich beruhigen. Die Abdankung ſei ſchon geſchrieben und würde ihnen ſogleich überreicht 659 werden.*) Und jetzt, da die Geſchäfte beendet find, fuhr der Kaiſer ruhig fort, jetzt darf ich wohl eine Stunde der Ruhe genießen. Ich fühle mich erſchöpft, ich will ſchlafen! Er durchſchritt langſam das Gemach, trat in ſein Schlafzimmer ein und ließ ſich mit einem tiefen Seufzer auf ſein Lager nieder⸗ gleiten.— Eine Stunde ſpäter trat ſein Bruder Lucian in das Schlaf⸗ gemach Napoleons ein, um ihm zu melden, daß eine Deputation aus der Kammer der Abgeordneten im Palais angelangt ſei, um dem — Kaiſer zu danken. Leiſe ſchlich Lucian zu dem Bett hin, auf welchem der Kaiſer ruhte, leiſe rief er ſeinen Namen. Aber der Kaiſer hörte ihn nicht. Er ſchläft, ſagte Lucian tief bewegt. Eine Welt iſt in Aufregung, Zorn und Aufruhr um ſeinetwillen. Aber er kann ſchlafen, er fühlt ſich ſtill und ruhig, denn er hat das Opfer gebracht, welches ihm das — ſchwerſte auf der Welt dünkte. Er hat ſeine Krone dahin gegeben. Er war Kaiſer, jetzt iſt er wieder ein Held, und nicht als entthronter Kaiſer liegt er da und ſchläft, ſondern als der lorbeerbekränzte Held, den nichts entthronen kann, und der ſchlafen darf, wenn er auch einen irdiſchen Thron verloren hat, denn ihm bleibt der unſterbliche Thron, den ihm ſein Ruhm in der Weltgeſchichte erbaut hat. Er neigte ſich tief über den Schlafenden, und drückte leiſe einen Kuß auf Napoleons Stirn. Wache auf, mein Bruder, wache auf! Vollende Dein Opfer, nimm e die letzten Huldigungen Frankreichs entgegen! 1 Napoleon richtete ſich raſch von ſeinem Lager empor, und ſchaute verwundert zu Lucian hin, den er ſonſt immer ſo entſchloſſen und n mannhaft geſehen, und deſſen Antlitz jetzt überfluthet war von Thränen. Weinſt Du, Lucian, weil Du über mich trauerſt? fragte Napolevn. f. Nein, ſagte er, ich weine, weil ich mich über Dich freue, mein Bruder. Dy haſt das ſchwerſte gethan, Du haſt Dich ſelbſt über⸗ *) Fleur) IV. 28. 42 660 wunden! Aber jetzt, Sire, ſagte er, ehrfurchtsvoll zurücktretend, jetzt bringen Sie das letzte Opfer. Nehmen Sie mit heiterer Ruhe die Huldigungen Ihrer Feinde entgegen. Eine zahlreiche Deputation der Kammer iſt da, und wünſcht von Ew. Majeſtät Abſchied zu nehmen. Ach, ſie wünſchen mich zu ſehen, wie mir die Glieder zerſchmettert ſind durch dieſen Fall von meinem Thron, rief Napoleon, indem er von dem Lager emporſprang. Sie ſollen dieſen Wunſch nicht erfüllt ſehen! Ich lebe noch, ich fühle mich nicht zerſchmettert, ich kann noch meine Arme heben, meine Hand kann noch immer ein Schwert faſſen, und meine Füße ſind noch ſtark und kräftig, um mich weit fortzutragen, weit fort in eine neue Welt. Und die will ich mir ſuchen, und in ihr will ich mir einen neuen Thron erbauen. Ach, wer noch einen ſtarken Kopf, einen kräftigen Arm, ein ſcharfes Schwert und geſunde Füße hat, dem gehört die Zukunft, und er kann noch nicht ſagen, daß er mit dem Leben abgeſchloſſen hat. Ich habe für Frankreich, für Europa vielleicht aufgehört zu leben, aber die Welt iſt groß, und ich werde auf einem andern Welttheil wieder auferſtehen. Die Welt iſt nicht ſo groß, rief Lucian, daß der Klang Ihres Namens, daß der Ruhm Napoleons nicht überall hingedrungen wäre. Ich hörte ihn an den Ufern des Delaware ſo hell und jauchzend er⸗ klingen, wie in Europa, die Wüſten Afrika's wiſſen von ihm zu er⸗ zählen, und über die Mauern China's iſt er hinüber geſchallt. Die ganze Welt huldigt dem Ruhm des großen Napoleon. Die ganze Welt huldigt mir, ſagte Napoleon leiſe vor ſich hin, und doch werde ich bald nicht mehr wiſſen, wo ich mein Haupt hinlegen ſoll, und kein Fuß breit Landes wird Mein ſein. Doch ſtill davon! Mein Herz ſoll ſtark bleiben. Geh, Lucian, ſage, daß ich kommen werde, die Deputation zu empfangen.— Wenige Minuten ſpäter trat Napoleon in den Audienzſaal, in welchem ſeine Brüder, ſeine Miniſter, ſeine wenigen getreuen Freunde, und die zahlreiche Deputation der Repräſentanten verſammelt waren. Feſt und ruhig, wie in den Tagen ſeines Glückes, ſchritt der Kaiſer bis in die Mitte des Saals. Sein Auge hatte jetzt wieder ſeinen tiefen, feurigen Glanz, ſeine Züge waren wieder undurchdringlich, es war etzt 661 wieder das eherne Cäſarenhaupt, welches die Deputirten da vor ſich ſahen, und vor dem ſie, von unwillkürlicher Ehrfurcht ergriffen, ſich tief verneigten. Und ehern, kalt und ruhig blieb auch das Cäſarenantlitz, als der Sprecher der Deputirten, als Graf Lanjuinais jetzt dem Kaiſer im Namen der Kammern ſich nahte, als er in pathetiſchen Worten ſprach „von der Ehrfurcht und Dankbarkeit, mit welcher die Nation das edle Opfer annähme, welches Napoleon dem Glück und der Unabhängigkeit des franzöſiſchen Volkes dargebracht.“ Eine tiefe Stille trat ein, nachdem Lanjuinais geſprochen; in athemloſem Schweigen ſchauten Alle auf Napoleon hin, um von ihm noch ein letztes Wort, ein Wort des Abſchieds für Frankreich zu vernehmen. Ich danke Ihnen, ſagte der Kaiſer nach langem Schweigen mit einer Stimme, welche ſo ſanft und weich war, daß ſie Thränen in die Augen ſeiner Zuhörer rief, und jedes Herz erbeben machte vor Rührung, ich danke Ihnen für die Gefühle, welche Sie mir ausdrücken; ich wünſche, daß meine Abdankung das Glück Frankreichs wiederherſtelle, aber ich hoffe es nicht, denn ſie läßt den Staat ohne Haupt, ohne politiſche Exiſtenz. Die Zeit, die man damit verloren hat, eine Monarchie um⸗ zuſtoßen, hätte beſſer dazu angewandt werden können, Frankreich in den Stand zu ſetzen, den Feind zu vernichten. Ich empfehle der Kammer, die Armee ſo raſch wie möglich zu ver⸗ vollſtändigen: wer den Frieden will, muß ſich zum Kriege bereit halten. Gebt dieſe große Nation nicht der Gnade der Fremden dahin, fürchtet von Euren Hoffnungen betrogen zu werden, denn da liegt für Euch die Gefahr. In welcher Lage ich mich auch befinden werde, ich werde immer zufrieden ſein, wenn Fraakreich glücklich iſt. Ich empfehle meinen Sohn der Liebe Frankreichs. Ich hoffe, daß Frankreich nicht vergeſſen wird, daß ich nur für ihn abgedankt habe. Ich habe außerdem dies große Opfer dem Wohl der Nation dargebracht; nur unter meiner Dynaſtie kann ſie hoffen, frei, glücklich und unabhängig zu ſein. Lebet wohl! Frankreich gehören alle meine Wünſche!*) *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Fleury VI. 31. 662 Stille ward es, nachdem der Kaiſer geſprochen. Mit geſenkten Häuptern ſtanden die Deputirten da, die Größe des Moments, die hinreißende Gewalt der Stimme Napoleons hatte ſie fortgeriſſen, kein Auge war trocken geblieben, in dem weiten Saal hörte man nur Weinen und Seufzen und alle dieſe von Thränen getrübten Blicke ruhten mit ſchmerzlicher Bewunderung auf dem bleichen ruhigen Antlitz des Kaiſers. Napoleon weinte nicht. Einen langen feurigen Blick ließ er an allen Anweſenden vorübergleiten, dann neigte er leiſe ſein Haupt, wandte ſich um und verließ den Saal. Die Thür fiel hinter ihm in's Schloß,— der Kaiſer hatte der franzöſiſchen Nation ſein letztes Lebewohl geſagt! Achtes Buch. Walmaiſon und Zelena. 1 . Der deutſche Prief. Ein Courier von dem Befehlshaber der franzöſiſchen Truppen, vom Marſchall Davouſt, war heute, den dreißigſten Juni, im Hauptquartier des Fürſten Blücher, in La Valette, unweit Paris, eingetroffen und hatte dem Fürſten Blücher ein Schreiben des Marſchalls überbracht. Blücher hatte ſich dieſes Schreiben ſoeben von Gneiſenau über⸗ ſetzen laſſen und dampfte jetzt nach beendeter Vorleſung große Rauch⸗ wolken aus ſeiner Pfeife hervor. Na, ſagte er nach einer langen Pauſe, wir haben ihn alſo mit Gottes Hülfe zum zweiten Mal glücklich runter gebracht von ſeinem Thron. Aber, iſt es auch wahr, Gneiſenau? Iſt es auch nicht man blos Verſtellung und Rederei, blos, damit wir mit langer Naſe ab⸗ ziehen ſollen? Können Sie mir Ihr Ehrenwort geben, Mann, daß Sie's glauben und daß der Bonaparte wirklich abgedankt hat? Ja, Durchlaucht, ſagte Gneiſenau zuverſichtlich, ich kann Ihnen mein Ehrenwort geben, Napoleon hat wirklich abgedankt, die Kammern haben eine proviſoriſche Regierung ernannt, die aus Couché, Carnot, Grenier, Caulaincourt und Quinette beſteht und deren Präſidentſchaft Fouché glücklich an ſich geriſſen hat. Dieſe proviſoriſche Regierung hat alle Souverainetätsrechte des Thrones in ſich vereinigt, und herrſcht jetzt über Frankreich mit unbedingten Vollmachten. Sie hat bereits ein neues Miniſterium ernannt, und den Marſchall Davouſt zum Ober⸗ befehlshaber der Truppen erhoben. Und wo iſt der Bonaparte? 666 Der hat, wie der Courier meldet, geſtern das Palais Eliſée ver— laſſen und ſich nach Malmaiſon begeben. Und dieſe übermüthigen Franzoſen denken, wir werden mit ihnen Frieden und Freundſchaft ſchließen, ſo lange dieſer Menſch noch in Frankreich iſt, und alle Tage wieder auftreten und ſein ſcheußliches Un⸗ weſen wieder von vorn anfangen kann? Sie ſollen uns erſt den Bo⸗ naparte gebunden hierher bringen, ihn uns als Gefangenen übergeben, damit wir ſehen, daß es ihnen Ernſt damit iſt, mit ihrer Vergangenheit zu brechen, dann nachher wollen wir ſehen, was zu thun iſt, und ob wir ihnen den Frieden ſchenken wollen, das heißt, wenn ſie uns erſt 'ne gehörige Portion Kriegscontribution gezahlt und uns vollſtändige Revanche gegeben haben. Aber zu allererſt müſſen ſie uns den Bona⸗ parte ausliefern. Aber, Durchlaucht, das hieße nicht allein das franzöſiſche Volk, ſondern auch diejenigen Souveraine, welche früher Napoleon als ihres Gleichen geehrt haben, zu ſehr beſchämen, das wäre ſelbſt ein Ver⸗ brechen gegen Napoleon, der, was man auch immer von ihm ſagen mag, doch jedenfalls ein Held und ein großer Feldherr iſt und dem man jetzt in ſeinem Unglück wohl einige Ehrfurcht ſchuldig iſt. Na, rief Blücher zornig, das fehlt mir blos noch, Ehrfurcht vor dem Bonaparte! Thun Sie mir den einzigen Gefallen, und bleiben Sie mir mit ſolchen ſchönen Redensarten vom Leibe, Sie ärgern mich und machen mich wüthend, und ich wär's im Stande und ritt mit'nen paar Huſarenregimentern nach Malmaiſon hin und holt' mir den Bo⸗ naparte, ließ ihn in einen eiſernen Käfig ſtecken und nähm' ihn als'n wilden Menſchenfreſſer mit mir, blos um Euch und aller Welt zu be⸗ weiſen, daß ich ganz und gar keine Ehrfurcht vor dem Kerl habe. Na, übrigens iſt's mir lieb, Sie haben mich grade in die rechte Stimmung gebracht, um den hochnaſigen aufgeblaſenen Brief des Monſieur Davouſt zu beantworten. Das iſt auch Einer von Denen, die Deutſchland mit Füßen getreten und ſo gethan haben, als hätt' der liebe Gott uns Deutſche man blos dazu geſchaffen, den Herren Franzoſen die Schuh⸗ riemen zu löſen und ihre gehorſamen Diener zu ſein. Der Monſieur Davouſt hat dazumal in Hamburg den kleinen Napoleon gemacht, und eit rſt en — 667 mit deutſchem Hab und Gut, und mit deutſcher Ehre und Geſinnung geſpielt, als wenn's Billardbälle wären, die blos zum Amuſement für den Herrn Marſchall da wären. Iſt mir ſehr lieb, daß ich dem Monſieur zu antworten hab' und einen rechtſchaffenen, ehrlichen Brief will ich ihm antworten. Wollen Sie ſo gut ſein, und mein Secretair ſein, Gneiſenau? Wollen Sie ſchreiben, was ich Ihnen dictire? Denn Sie wiſſen wohl, das Schreiben iſt juſt nicht meine Sach', und wenn ich die Buchſtaben auf's Papier male, ſo verfliegen mir dabei immer die beſten Gedanken, und das Feuer geht mir aus, wie'ner Pfeife, die man nicht anbläſt. Das macht, mein Kopf denkt raſcher, als meine Hand ſchreibt. Wollen Sie mir alſo den Gefallen thun und für mich ſchreiben? Von Herzen gern, Durchlaucht, ſagte Gneiſenau, vor dem Tiſch Platz nehmend, auf welchem das Schreibgeräth ſchon bereit gelegt worden. Na, ſo ſchreiben Sie mal, rief Blücher, indem er mit dem kleinen Finger ein wenig in dem Kopf ſeiner Pfeife umherfuhr und dann einige kräftige Züge that. Der Herr Davouſt will'n Waffenſtillſtand, nicht wahr, das ſteht in ſeinem franzöſiſchen Brief? Ja, Durchlaucht. Er ſchreibt, die Urſache des Krieges ſei hinweggeräumt, da Bo⸗ naparte dem Throne entſagt hätte, die verbündeten Mächte hätten das bereits auch anerkannt, Oeſterreich hätte ſchon einen Waffenſtillſtand mit der proviſoriſchen Regierung abgeſchloſſen, und ich würde eine große Verantwortung auf mich laden, wenn ich nicht auch bereit wäre, die Feindſeligkeiten einzuſtellen. Nicht wahr, das ſteht Alles in dem Brief? Ja, Durchlaucht, das ſteht darin. Nanu wollen wir mal ſehen, was in meinem Brief darauf zu antworten iſt. Schreiben Sie, Gneiſenau, nu friſch druf! Und mit lauter, feuriger Stimme dictirte Blücher: „Mein Herr Marſchall! Es iſt irrig, daß zwiſchen den verbündeten Mächten und Frankreich alle Urſachen zum Krieg aufgehört hätten, weil Napoleon dem Thron entſagt habe; dieſer hat nur bedingungs⸗ — 668 weiſe entſagt zu Gunſten ſeines Pohne, und der Beſchluß der ver⸗ einigten Mächte ſchließt nicht allein Napoleon, ſondern auch alle Mit⸗ glieder ſeiner Familie vom Thron aus. Wenn der öſterreichiſche General Frimont ſich berechtigt geglaubt, einen Waffenſtillſtand mit dem ihm gegenüber ſtehenden feindlichen General zu ſchließen, ſo iſt das kein Beweggrund für uns, ein Gleiches zu thun. Wir verfolgen unſern Sieg, und Gott hat uns Mittel und Wollen dazu verliehen. Sehen Sie zu, Herr Marſchall, was Sie thun, und ſtürzen Sie nicht aber⸗ mals eine Stadt in's Verderben; denn Sie wiſſen, was der erbitterte Soldat ſich erlauben würde, wenn Ihre Hauptſtadt mit Sturm ge⸗ nommen würde. Wollen Sie die Verwünſchungen von Paris ebenſo wie die von Hamburg auf ſich laden? Wir wollen in Paris einrücken, um die rechtlichen Leute in Schutz zu nehmen gegen die Plünderung, die ihnen von Seiten des Pöbels droht. Nur in Paris kann ein zu⸗ verläſſiger Waffenſtillſtand Statt haben. Sie wollen, Herr Marſchall, dieſes unſer Verhältniß zu Ihrer Nation nicht verkennen. Ich mache. Ihnen, Herr Marſchall, übrigens bemerklich, daß, wenn Sie mit uns unterhandeln wollen, es ſonderbar iſt, daß Sie unſere mit Briefen und Aufträgen geſendeten Officiere gegen das Völkerrecht zurückhalten. In den gewöhnlichen Formen übereinkömmlicher Höflichkeit habe ich die Ehre, mich zu nennen, Herr Marſchall, Ihr dienſtwilliger—“*) Na nu ſind wir fertig, Freund! ſagte Blücher, unterzeichnen will ich ſelbſt. Aber erſt ſagen Sie mal, Gneiſenau, was denken Sie von meinem Antwortſchreiben an Monſieur Davouſt? Wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, Durchlaucht, ſo finde ich daſſelbe etwas ſehr rauh und herbe, ja, grade heraus, etwas ungroßmüthig. Iſt auch durchaus nicht meine Abſicht, den Großmüthigen ſpielen zu wollen, rief Blücher, und wenn mein Brief rauh und herbe iſt, ſo iſt er juſt ſo, wie Monſieur Davouſt in Perſon geweſen iſt, als er in Hamburg war, und mein Brief ſoll ſo bleiben. Nu, geben Sie mal her Ihre Feder, nun will ich noch meinen Namen drunter ſchreiben, und dann ſchicken wir meinen Liebesbrief ab. *) Varnhagen v. Enſe: Biographiſche Denkmale. Fürſt Blücher. 476. 669 Durchlaucht vergeſſen, daß ich den Brief vorher erſt überſetzen muß, und daß Sie nicht nöthig haben, unter das Concept Ihren Namen zu ſetzen. Ich werde Ihnen nachher die franzöſiſche Ueberſetzung vor⸗ legen, und nur dieſe haben Sie nöthig zu unterzeichnen. Was? Sie wollen den Brief in's Franzöſiſche überſetzen? rief Blücher. Natürlich, Durchlaucht. Wir können doch einem Franzoſen nicht zumuthen, daß er einen deutſchen Brief verſtehen ſoll? Na, und warum können wir ihm das nicht zumuthen? ſchrie Blücher hochroth vor Zorn. Herr Gott im Himmel, was wir Deutſche doch immer für demüthige Fuchsſchwänzer und unterthänigſte Duck⸗ mäuſer ſind! Wir können's andern Völkern nicht zumuthen, daß ſie unſere Sprache kennen, um uns zu verſtehen, und darum lernen wir ganz gehorſamſt ihre Sprachen, um ſie zu verſtehen. Sagen Sie mal, Mann, Gneiſenau, ſind Sie denn auch'n vornehmer Diplomat und Hofmann geworden, daß Sie mit den Franzoſen ſo ſauber und höflich umgehen wollen? Ich ſag' Ihnen, es wird nichts daraus, und dies Mal ſollen die Franzoſen den Blücher kennen lernen. Ich frage Sie, in welcher Sprache hat der Herr Davouſt denn an mich geſchrieben? Nun, natürlich in franzöſiſcher Sprache, Durchlaucht. So, das finden Sie natürlich, daß der Franzoſe an einen Aus⸗ länder, an einen Deutſchen in franzöſiſcher Sprache ſchreibt, der Fran⸗ zoſe hat das Recht dazu? Na, dann habe ich auch das Recht, ihm in meiner Sprache zu antworten, und als Deutſcher an den Ausländer, den Franzoſen in deutſcher Sprache zu ſchreiben. Er mag meinetwegen vornehm die Naſe rümpfen, und ſagen:„der Kerl, der Blücher, iſt ſo dumm und ungebildet, daß er nicht einmal franzöſiſch verſteht, und mir in ſeiner Mutterſprache ſchreibt.“ Ich rümpfe auch die Naſe, und ſage:„der Kerl, der Davouſt iſt ſo dumm und ungebildet, daß er nicht einmal deutſch verſteht, und mir in ſeiner Mutterſprache ſchreibt.“ Es bleibt dabei, Gneiſenau, ſchreibt er mir franzöſiſch, weil's ihm ſo bequem iſt, ſo antwort' ich ihm deutſch, weil's mir ſo bequem iſt. Es wär' uns Deutſchen allzeit her viel nützlicher geweſen, wenn wir weniger — 670 Zeit darauf verwandt hätten, franzöſiſche Vocabeln zu lernen, ſondern lieber unſere eigene deutſche Sprach' und unſer deutſches Weſen mehr im Aug' behalten hätten. Ja, das iſt wahr, rief Gneiſenau, unſer edle und tapfere Fürſt Blücher hat heute, wie immer Recht. Er iſt ein deutſcher Held und er vertheidigt deutſche Ehre und deutſches Recht in Allem, was er thut. Es iſt wahr, wir Deutſche ſind es gewohnt, daß wir uns den andern Völkern unterordnen, daß wir gar nicht den Muth haben zu verlangen, ſie ſollen unſere Sprache lernen, ſondern beſcheidentlich uns bemühen, in ihrer Sprache mit ihnen zu reden. Mein edler Blücher hat Recht, es iſt würdiger, den Herren Franzoſen, die franzöſiſch ge⸗ ſchrieben, eine deutſche Antwort zu geben. Freilich, die Herren Fran⸗ zoſen werden uns deshalb der Unhöflichkeit zeihen und die Herren Di⸗ plomaten werden die Achſeln zucken. Laſſen Sie ſie zucken, bis ſie meinetwegen bucklicht werden, ſagte Blücher fröhlich. Ich will Ihnen was ſagen, Gneiſenau, ich hab' mir zugeſchworen, daß ich die Franzoſen lehren will, Reſpect vor uns Deutſchen zu haben, und daß ich ihnen alles das vergelten will, was ſie uns gethan haben. Nicht aus Bosheit und Rache, ſondern um un⸗ ſere Ehre zu retten und um den Franzoſen zu beweiſen, daß wir Deutſche auch eine Nation ſind, und daß wir wieder treten, wenn man uns getreten hat. Und dazu hat mich der liebe Gott ſo lange leben laſſen, daß ich Deutſchland in Achtung und Anſehen bringen ſoll. Vorig Jahr, da war's meine Aufgabe, Deutſchland zu befreien vom franzöſiſchen Joch, aber dies Jahr da bin ich hergeſchickt, Deutſchlaud zu rächen und unſere Ehre rein zu waſchen von den Flecken, die noch immer drauf ſitzen. Darum iſt's nicht genug, daß wir den Bonaparte verjagen, ſondern wir müſſen auch unſere Genugthuung haben von der franzöſiſchen Nation, wir müſſen ſie lehren, wie weh es thut, getreten, mißachtet und verhöhnt zu werden. Wir müſſen Vergeltung üben, denn dazu hat uns der liebe Gott hierher geſchickt. Und darum will ich auch nicht wieder umkehren, ſondern vorwärts will ich, vorwärts nach Paris. Die Franzoſen müſſen ebenſo gut gedemüthigt werden, als der Bonaparte, ſie ſind ein übermüthiges Volk und müſſen klein gemacht 671 werden wie ihr übermüthiger Bonaparte. Als ſie die Herren in Deutſch⸗ land waren, da haben ſie uns gerupft und zerfetzt, und immer zu ihrer Entſchuldigung das Eroberungsrecht angeführt. Na, nun ſind wir Herren in Frankreich, und nun wollen wir auch'n bischen rupfen und zerfetzen. Das Eroberungsrecht erlaubt es uns. Kein Pardon für die Franzoſen! Sie müſſen geduckt werden! Sie müſſen erkennen, daß der liebe Gott gerecht iſt, und daß, wie einſt die Franzoſen Herren in Deutſchland waren, die Deutſchen jetzt Herren in Frankreich ſind!— In dieſer Nacht noch, Gneiſenau, wollen wir aufbrechen. Ohne vorher mit Wellington und dem engliſchen Heer uns ver⸗ einigt zu haben? Ja, ganz auf unſere eigene Hand, Gneiſenau, wollen wir vor⸗ wärts. Der Wellington iſt mein lieber Freund und Bruder, aber er iſt mir zu fein, er möcht's auch mit keinem Menſchen verderben, möcht' den Franzoſen noch lange Zeit laſſen zu überlegen und zu berathſchlagen, ob ſie ſo gütig ſein wollen und uns nach Paris rein laſſen, möcht' ihnen Zeit laſſen, ſich in Gutem mit uns zu verſtändigen. Ich will mich aber nicht in Gutem verſtändigen, ich will ſie zwingen, Raiſon anzunehmen, und darum rück' ich raſch vorwärts und zwinge Wellington dadurch, mir zu folgen und auch vorwärts zu rücken. Dieſe Nacht noch müſſen wir bei Saint Germain über die Seine, denn die Franzoſen ſind ſonſt im Stande und zerſtören uns die Brücke und dann haben wir's Nachſchauen und können nicht hinüber. Wir müſſen aber über die Seine, um nach Paris zu kommen, denn um die Stadt zur Uebergabe zu zwingen, müſſen wir ihr die Zufuhr der Lebensmittel aus der Nor⸗ mandie abſchneiden. Aber, Durchlaucht, dadurch kommt das preußiſche Heer in Gefahr, abgeſchnitten zu werden und es tritt eine Trennung der verbündeten Heere ein, die gefährlich werden lann, wenn die Franzoſen ſie zu be⸗ nutzen verſtehen. Ach, was Trennung, brummte Blücher. Wir werden Alle einer hinter dem Andern ſo raſch als möglich rüber gehen über die Seine. Der Thielmann mit ſeinem Heer geht zuerſt herüber. Dann folgt Zieten mit ſeinen Truppen, und während der Zeit hat ſich der Blllow 672 geſputet und iſt auch heranmarſchirt, geht dann auch raſch über die Brücke, und dann ſind wir Alle beiſammen, und dann geht's nach Paris. Hurrah! Auf Paris! Die Franzoſen ſollen uns kennen lernen! Das Parlez vous hat aufgehört und von jetzt an wird deutſch mit den Franzoſen geſprochen! Gneiſenau, ſchicken Sie meinen deutſchen Brief ab, und dieſe Nacht geht's über die Seine. Ich muß nach Paris, ich bin ein prächtiger Sprachmeiſter und die Franzoſen ſollen deutſch von mir lernen. Il. In Malmaiſon. Das Opfer war vollbracht! Zum zweiten Mal hatte Napoleon ſeine Krone niedergelegt, zum zweiten Male war er von dem Thron hernieder geſtiegen und er fühlte jetzt, daß er dies Mal für immer mit ſeiner Vergangenheit abgeſchloſſen habe, daß keine Rückkehr mehr möglich ſei. Es war zu Ende mit den Tagen des Glanzes und des Ruhmes, zu Ende mit ſeiner Kaiſerherrlichkeit! Seine ganze Vergangenheit, ſeine Krone, ſeine Macht, Alles das war in Paris zurückgeblieben, und nur als armer General war Bona⸗ parte heimgekehrt nach Malmaiſon, nach dieſem Schloß, in welchem er als Conſul an der Seite ſeiner Joſephine ſo ſchöne und glückliche Tage verlebt hatte, nach dieſem Schloß, in welchem ſeine von ihm verlaſſene Gemahlin geſtorben war vor Gram, aber mit dem letzten Hauch ihrer erbleichenden Lippen ihn geſegnet hatte. Daran dachte er eben, als er einſam und allein in ſeinem Cabinet vor dem lebensgroßen Bilde Joſephinens ſtand, das mit mildem Lächeln, mit ſanften Engelsblicken zu ihm niederſchaute. Zu ihr emporblickend erinnerte er ſich ihrer Liebe, ihrer Güte und der vielen Thränen, die ſie um ihn geweint. 673 Joſephine, ſagte er leiſe, Du biſt gerächt. Alle Deine Prophe⸗ zeihungen ſind eingetroffen. Als ich Dich verließ, erbleichte mein Stern, verließ ich meinen guten Engel und gab den Dämonen Gewalt über mich. Sie haben mich zu Grunde gerichtet, vom Thron hernieder ge⸗ ſchleudert und zerſchmettert, und ſo kehre ich zurück, gelähmt an allen Gliedern, ein armer verlaſſener Mann. Biſt Du nun zufrieden, Jo⸗ ſephine? Wirſt Du dem Heimkehrenden jetzt vergeben? Er ſtarrte zu dem Bilde empor, ſo lange, ſo unverwandt, bis ſeine Augen ſich umdüſterten, bis ſie ſich wie mit einem feuchten Schleier umhüllten, und durch dieſen Schleier hindurch glaubte er zu ſehen, wie Joſephine ihm zunickte, wie ſie ihn grüßte mit einem ſeligen Lächeln. Mit einer haſtigen Bewegung ließ Napoleon ſeine Hand über ſeine Augen dahin fahren und trat von dem Bilde zurück. Ich erſticke in dieſer Einſamkeit und Stille, die mich hier umgiebt, ſagte er verzweiflungsvoll. Es iſt mir, als ob die Mauern dieſes Schloſſes über mir zuſammenfallen ſollten. Oh, chäten ſie es doch, zerſchmetterten ſie mich doch! Es wäre beſſer, als hier ſo unthätig, ſo dumpf ſeine Tage dahinſchleichen zu ſehen! Ah, aber was iſt das? Da höre ich endlich ein Geräuſch, ein Zeichen des Lebens? Und eiligen Schrittes näherte er ſich der Thür und horchte.— Wirklich da draußen im Vorſaal wurden jetzt laute, ſtreitende Stimmen hörbar. Man ſprach heftig, zürnend im verworrenen Geräuſch durch⸗ einander. Deutlich erkannte der Kaiſer jetzt die Stimme des Generals Gourgaud, deutlich hörte er ihn ſagen: niemals, ſo lange ich lebe, ſoll irgend eine frevelnde Hand den Kaiſer berühren dürfen. Mit meinem letzten Blutstropfen werde ich ihn vertheidigen, das ſchwöre ich! Das ſchwöre auch ich! rief General Bertrand. Wer die Schwelle dieſer Thür überſchreiten will, der muß erſt mich tödten, rief Savaryh. Der Kaiſer ſtand noch immer an der Thür und horchte, und dieſe Liebesbetheuerungen ſeiner Getreuen riefen ein ſanftes Lächeln auf ſeine Lippen. Mühlbach, Napoleon. IWV. Bb. 43 674 Ah, murmelte er leiſe, ich habe wenigſtens noch einige Freunde, welche mich nicht verlaſſen werden. Jetzt hörte er da draußen eine ihm fremde Stimme, welche be⸗ theuerte, daß man gar nichts Böſes gegen den Kaiſer unternehmen wolle. Dann wieder vernahm er die Stimme der Königin Hortenſe, welche mit dem Ausdruck des Entſetzens fragte: was geſchehen ſolle, was dieſe bloßen Schwerter, dieſe zornigen Angeſichter im Vorſaal des Kaiſers zu bedeuten hätten? Man will den Kaiſer verhaften, hörte er Gourgaud mit vor Wuth zitternder Stimme. Ah, man will mich verhaften, rief der Kaiſer, und mit einem raſchen Stoß öffnete er die Thür, und erſchien mit ſeinem ernſten bleichen Antlitz auf der Schwelle. Der Kaiſer! riefen Savary, Gourgaud und Bertrand, und mit entblößten Schwertern ſtürzten ſie zu ihm hin, und ſtellten ſich zu beiden Seiten der Thür auf. Der Kaiſer! ſagte Hortenſe, und zu ihm hineilend, nahm ſie ſeine Hand und drückte ſie an ihre Lippen. Napoleons ernſter, klarer Blick aber war auf den General hinge⸗ richtet, der da drüben bleich und zitternd an der Thür ſtand, nicht wagend, die Augen zu dem Kaiſer zu erheben, oder ſich ihm zu nähern. General Graf Becker, nicht wahr, ſo heißen Sie? fragte der Kaiſer nach einer Pauſe. Ja, Sire, ſagte der Angeredete, Ew. Majeſtät haben die Gnade, ſich meiner zu erinnern. Und Sie ſind hierhergekommen, um mich zu verhaften? Nein, Majeſtät, niemals würde ich einen ſo entehrenden und un⸗ würdigen Auftrag angenommen haben. Dieſe Herren hier wollten mich nicht anhören; es war ein Mißverſtändniß, das ich vergeblich aufzu⸗ klären verſuchte. Der Zweck meiner Sendung iſt nicht, Ew. Majeſtät zu verhaften, ſondern über die Sicherheit Ihrer erhabenen Perſon zu wachen, die unter den Schutz der Ehre der Nation geſtellt iſt. Und wer hat Ihnen dieſen Auftrag ertheilt, General? Die proviſoriſche Regierung, Sire. Hier iſt das Dekret, welches mich zum Commandanten der Garde Ew. Majeſtät ernennt, und mir befiehlt, mich nach Malmaiſon zu verfügen. Er reichte dem Kaiſer ein mit großen Siegeln verſehenes Papier dar, das dieſer mit raſchen Blicken überlas. Ja, mein Herr, ich ſehe, daß Sie die Wahrheit ſagen. Die fünf Kaiſer von Paris haben Sie hierher geſandt, rief Napoleon, Sie ſollen, wie hier geſchrieben ſteht, für die Sicherheit der Perſon Napoleons Sorge tragen, und die Uebelwollenden verhindern, daß ſie ſich ſeines Namens bedienen, um Unruhen zu veranlaſſen.*) Oh, rief Hortenſe mit hervorſtürzenden Thränen, dahin alſo iſt es gekommen, daß der Kaiſer in Malmaiſon Gefangener der Franzoſen iſt. Ruhig, Hortenſe, weinen Sie nicht, ſagte Napoleon. Sie ſehen wohl, wie peinlich dem armen General die Charge iſt, die man ihm übertragen. Machen wir ihm dieſelbe nicht ſchwerer. General, ich heiße Sie willkommen, und ich fordere von den anweſenden Herren, daß ſie die Miſſion und die Perſon des Generals Becker ehren. Sire, rief der General mit Thränen in den Augen, Ihre Güte zerſchmettert mich. Könnten Sie in meinem Herzen leſen, Sie würden ſehen, daß darin nur Ehrerbietung und Bewunderung für die erhabene Perſon Ew. Majeſtät lebt. Ich nahm die ſchwierige Sendung an, welche die proviſoriſche Regierung mir im Namen der Nation übertrug, ich nahm ſie an, damit ſie nicht einer weniger ergebenen und ehrerbie⸗ tigen Perſon übertragen werde. Und was hat Ihnen die proviſoriſche Regierung weiter für Be⸗ fehle ertheilt? Hat ſie Ihnen keine Aufträge für mich gegeben? Sire, die proviſoriſche Regierung läßt Ew. Majeſtät beſchwören, ſo raſch als möglich Frankreich zu verlaſſen, Alles zu Ihrer Abreiſe bereit zu halten, damit, ſobald die proviſoriſche Regierung Ew. Majeſtät die nöthigen Päſſe und Sicherheits⸗ Papiere ſendet, Ew. Majeſtät ſofort nach Rochefort abreiſen, wo ſchon zwei Schiffe bereit liegen, um Ew. Majeſtät dahin zu führen⸗ wohin Sie gehen wollen. Es iſt gut, wir werden abreiſen, ſobald die Zeit gekommen iſt! *) Fleury IV. 65. 43* — 1 676 ſagte Napoleon, leiſe das Haupt neigend. Dann trat er in ſein Ca⸗ binet zurück, aber bevor er die Thür ſchloß, wandte er ſein Antlitz noch einmal zurück und winkte Maret, ihm zu folgen. Der Herzog von Baſſano eilte herbei, und trat mit dem Kaiſer in ſein Cabinet ein. Maret, ſagte Napoleon ſchwer aufſeufzend, ich erſticke, ich muß fort. Ich will zurückkehren nach Paris. Sire, nach Paris, wo Ihre Feinde ſind, rief Maret entſetzt. Nach Paris, wo meine Soldaten ſind, ſagte Napoleon mit blitzen⸗ den Augen. Ich habe abgedankt, um das Vaterland zu retten, und zu Gunſten meines Sohnes. Aber jetzt ſehe ich, daß das Vaterland ver⸗ loren iſt, wenn ich ihm nicht zu Hülfe komme, daß mein Sohn nicht zu ſeinem Thron gelangt, wenn ich ihn nicht auf demſelben einſetze. Maret, ich weiß, daß der Feind auf Paris marſchirt, und ſtatt ihm mit einer Armee, die aus den Trümmern meines Heers, aus der Na⸗ tionalgarde, den Föderirten und Rekruten zuſammengeſetzt werden muß, entgegen zu ziehen, unterhandeln dieſe Menſchen, demüthigen ſich, und entehren Frankreich. Ich will nach Paris. Wenn mein Thron wirklich verloren iſt, ſo will ich ihn lieber auf dem Schlachtfelde verlieren, als hier. Ich kann für Euch Alle, für meinen Sohn und für mich nichts Beſſeres thun, als daß ich mich meinen Soldaten in die Arme werfe. Meine Erſcheinung wird die Armee electriſiren, ſie wird die Fremden niederſchmettern. Sie werden erkennen, daß ich nur auf das Terrain zurückgekehrt bin, um ſie entweder unter meine Füße zu treten, oder zu ſterben; ſie werden, um nur von mir befreit zu werden, Euch Alles bewilligen, was Ihr nur fordern mögt. Wenn Ihr ſtatt deſſen mich hier in Malmaiſon müßig an meinem Degen kauen laßt, werden ſie Euch verſpotten, und Euch zwingen, Ludwig den Achtzehnten ehrerbietigſt, mit dem Hut in der Hand zu empfangen! Wir müſſen endlich ein Ende machen. Wenn Eure fünf Kaiſer mich nicht wollen, ſo will mich doch die Armee. Ich habe nur nöthig, mich zu zeigen, und Paris und die Armee werden mich zum zweiten Mal als ihren Befreier willkommen heißen!*) *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fleury IV. 75. 677 Ach, Sire, ſeufzte der Herzog von Baſſano, die Armee würde Sie willkommen heißen, aber ſie iſt jetzt der kleinſte und der ſchwächſte Theil der Nation, und ſie würde ſelbſt unter Ihrer Anführung nicht alle die feindlichen Armeen bezwingen können, welche von allen Seiten heran⸗ ziehen, wenn die Nation ſich nicht für Ew. Majeſtät erhebt, und die Armee unterſtützt. Das Volk aber hat ſeine Vertreter und ſeine Sprecher in den Kammern, und dieſe Kammern würden ſich, ſobald Sie nach Paris kämen, gegen Ew. Majeſtät erklären, vielleicht würden ſie es ſogar wagen, Sie außerhalb des Geſetzes zu erklären. Außerdem aber, Sire, wenn nun das Glück Sie nicht begünſtigte, wenn Sie mit Ihrer Armee der Uebermacht erlägen, was ſollte aus Frankreich werden? Was würde das Loos Eurer Majeſtät ſein? Der Feind würde ſich berechtigt halten, ſeinen Sieg auszubeuten, und Ew. Majeſtät würden ſich vielleicht vorwerfen müſſen, den Untergang Frankreichs verſchulvet zu haben. Es iſt wahr, ſeufzte der Kaiſer, ich ſehe es wohl, man muß immer nachgeben. Er ſenkte ſein Haupt tiefer auf ſeine Bruſt und ſtand düſter ſinnend da. Sie haben Recht, ſagte er dann raſch, ſein Haupt wieder empor⸗ hebend, ich kann nicht die Verantwortlichkeit für ein ſo gewagtes Unter⸗ nehmen auf mich laden. Ich muß warten, bis die Stimme des Volkes, der Soldaten, der Kammern mich ruft. Aber warum verlangt Paris nicht nach mir? Man will es alſo nicht ſehen, daß die Alliirten Euch meine Abdankung gar nicht anrechnen? Daß ſie in ihrer Feindſchaft gegen Frankreich fortfahren, obwohl ſie erklärt hatten, nur Mir allein den Krieg machen zu wollen? Wenn die Pariſer, wenn meine Soldaten das endlich erkennen, ſo werden ſie mich rufen, und gebe Gott, daß es vann noch nicht zu ſpät iſt, daß es dann noch in meiner Macht ſteht, Frankreich zu retten, und— Die Thür des Vorſaals ward geöffnet, und General Gourgaud erſchien auf der Schwelle. Sire, ſagte er, ein Courier aus Paris, der Ew. Majeſtät dringend i R 678 zu ſprechen wünſcht, und den der Marine⸗Miniſter an Ew. Majeſtät abgeſandt hat. Ah, Maret, rief Napoleon mit freudeſtrahlenden Augen, ſehen Sie wohl, meine Hoffnungen erfüllen ſich ſchon, und die Botſchaft, die ich erwartete, iſt vielleicht ſchon hier! Laſſen Sie den Courier eintreten, Gourgaud. Einige Minuten ſpäter trat ein Marine⸗Officier in das Cabinet, in welchem Napoleon und Maret ihn erwarteten. Sire, ſagte er, mich ſendet der Marine-Miniſter Graf Decrés. Er läßt im Namen der proviſoriſchen Regierung Eurer Majeſtät melden, daß der Feind bereits bis Compiégne vorgedrungen iſt, daß die erſte Heeresabtheilung Blüchers die Seine überſchritten hat,— Und Wellington, rief Napoleon ungeſtüm, Wellington ſteht noch jenſeits der Seine? Ja, Sire, bis jetzt ſteht er noch jenſeits. Aber er wird ohne Zweifel ſofort mit ſeiner Armee nachrücken und auf Paris marſchiren. Die proviſoriſche Regierung zittert daher für die Sicherheit Eurer Majeſtät. Sie dispenſirt Eure Majeſtät deshalb davon, die Paß⸗ und Sicherheits⸗Papiere zu erwarten, und wünſcht, daß Ew. Majeſtät ſo ſchnell als möglich incognito abreiſen möchten. Das iſt Alles, was Sie mir zu ſagen haben? fragte Napoleon düſter. Ja, Sire, es iſt Alles, nur ſoll ich von dem Herrn Marine⸗ Miniſter noch hinzufügen, daß er Ew. Majeſtat beſchwört, Ihre Ab⸗ reiſe nicht länger zu verzögern, damit nicht die Engländer Zeit ge⸗ winnen, den franzöſiſchen Hafen zu blokiren, bevor Ew. Majeſtät ihn mit den bereit liegenden Schiffen verlaſſen haben. Napoleon ſeufzte tief auf und wandte ſich ab, um ſein zuckendes Antlitz nicht ſehen zu laſſen. Es iſt gut, ſagte er, ich werde abreiſen. Gehen Sie, ſagen Sie das dem Marine⸗Miniſter. Er winkte heftig mit der Hand nach der Thür hin, und ſank dann, als der Bote hinausgegangen war, mit einem dumpfen Schmerzenslaut auf den Lehnſtuhl nieder. Es iſt zu Ende, murmelte er, ich will mich nicht mehr ſträuben, ich will abreiſen! Ich— 679 Plötzlich zuckte der Kaiſer zuſammen, ſein bleiches Antlitz röthete ſich, ſein blitzendes Auge wandte ſich mit forſchendem Ausdruck dem Fenſter zu. Er hatte da einen Ton gehört, der alle Fibern ſeines Herzens leben machte, er hatte den Donner einer Kanone gehört. Und jetzt wieder und noch einmal rollte der Donner daher. Sie kämpfen, ſchrie Napoleon, der Feind iſt da, meine Armee ſchlägt ſich,— und i Er ſchlug ſeine Fäuſte gegen ſeine Bruſt, daß ſie dröhnend wiederhallte, er ſtieß Worte der Verwünſchung, des Zorns, des Schmerzes aus, er achtete es nicht, daß ſeine Augen ſich mit Thränen füllten, daß ſie über ſeine bleichen Wangen nieder⸗ rollten. Er hörte nur den fernen Donner der Kanonen, und wie ein Schlachtroß bäumte ſich ſein Herz in ſeiner Bruſt auf, und Alles in ihm ſchrie und jauchzte: Hinaus! hinaus! Die Schlacht hat begonnen, der Feind iſt da! Hinaus zur Schlacht! Und er war ein Gefangener, er war nicht mehr der Feldherr, der Kaiſer! Er konnte ſeine Armee nicht mehr zum Ruhm, zum Sieg führen. Er war ein Gefangener! Er konnte das Vaterland nicht mehr retten! Aber ich will es retten, ich muß es retten, rief er auf einmal mit entſchloſſenem Ton. Das Vaterland iſt in Gefahr, es ruft mich mit dieſen Kanonen, ich muß es retten! Maret, gehen Sie, rufen Sie mir den General Becker hierher. In einer Viertelſtunde erwarte ich ihn hier! Ertheilen Sie Befehl, daß ſogleich ein Kaleſchwagen angeſpannt werde und vorfahre! Als nach einer Viertelſtunde der General in das Cabinet des Kaiſers eintrat, ſtand dieſer vor dem Tiſch, auf welchem ſeine Land⸗ karten ausgebreitet lagen. Neben der Karte lag ein offener Brief, Napoleons Angeſicht war jetzt wieder ruhig, ernſt, kein Zug deſſelben verrieth die Stürme, welche eben erſt über daſſelbe hingezogen waren— General, ſagte Napoleon, tommen Sie hierher. Sehen Sie die Nadeln auf dieſer Karte an. Sehen Sie, hier bei Compiègne und Senlis ſteht der Feind. Er hat einen großen Fehler begangen, er hat ſeine Kräfte getheilt. Hier, dieſſeits der Seine, ſteht Blücher mit einem — 3 3 680 Theil ſeiner Armee, und drüben, jenſeits der Seine, ſteht ſein anderer Heertheil, ſteht Wellington mit ſeiner Armee. Jetzt iſt der Moment gekommen, um Blücher anzugreifen. Aber keine Stunde darf verloren werden. Man muß vor allen Dingen die Brücke bei Saint⸗Germain ſofort abbrechen, um den weiteren Uebergang der feindlichen Armeen zu hindern, dann iſt Blücher mit ſeinem ſchon auf dem linken Seine⸗ Ufer ſtehenden Armee⸗Corps abgeſchnitten, man muß ihn zur Schlacht zwingen und man wird ihn vernichten. Läßt man ihn hingegen un⸗ gehindert vorſchreiten, ſo wird er morgen vor Paris ſtehen. Ich be⸗ greife die Verblendung des Gouvernements nicht. Man muß ent— weder ein Narr oder ein Vaterlandsverräther ſein, um noch an dem Uebelwollen und der Treuloſigkeit der Alliirten zweifeln zu können. Dieſe Leute in Paris verſtehen nichts von den Geſchäften, nichts vor allen Dingen vom Kriege. Es iſt wahr, ſeufzte General Becker, die Gefahr iſt groß. Sie ſehen es ein? rief Napoleon lebhaft, Sie ſehen, daß Alles verloren iſt, wenn nicht ſofort energiſch eingeſchritten wird? Sie be⸗ greifen, daß ich Frankreich zu Hülfe kommen muß? Oh, erſchrecken Sie nicht, ich verlange nicht mehr Kaiſer zu ſein, ich will Frankreich dienen als General, als Soldat. Ich will noch einmal die Armee commandiren, ich will das von der proviſoriſchen Regierung fordern. General, ich will Sie mit dieſer Botſchaft an die Regierung ſenden! Mich, Ew. Majeſtät? fragte General Becker, entſetzt einen Schritt zurücktretend. Aber Ew. Majeſtät wiſſen, daß ich Befehl habe, in Malmaiſon, in der Nähe Ew. Majeſtät zu bleiben, bis zu Ew. Majeſtät Abreiſe. Ich aber, rief Napoleon gebieteriſch, ich befehle Ihnen, die Bot⸗ ſchaft zu erfüllen, die ich Ihnen übertragen will. General, Sie dürfen nicht ſäumen, denn es handelt ſich um das Wohl des Vaterlandes! Wollen Sie ſich demſelben feindlich widerſetzen? Nein, Sire, ſagte der General ehrfurchtsvoll, Ew. Majeſtät rufen mich im Namen des Vaterlandes, Sie rufen mich mit einer Stimme, welche die Armee, der ich angehöre, oft zu Kampf und Sieg geführt. „— — 681 Ich gehorche Ew. Majeſtät! Was auch die Folgen davon ſein mögen, ich gehorche. Napoleons Augen blitzten höher auf, und ein Schimmer von Ge⸗* nugthuung erhellte ſeine Züge. Sie werden auf der Stelle nach Paris gehen, ſagte er, ein Wa⸗ gen ſteht ſchon für Sie bereit. Sie werden der proviſoriſchen Regie⸗ rung einen Brief von mir übergeben. Sie werden es ihr begreiflich machen, daß es nicht meine Abſicht iſt, die Macht wieder an mich zu reißen, daß ich nur den Feind ſchlagen, vernichten, ihn durch einen Sieg zwingen will, den Verhandlungen eine günſtigere Wendung zu geben; daß, wenn ich dieſen großen Zweck erreicht habe, ich ſofort ab⸗ reiſen und Frankreich verlaſſen werde.*) Gehen Sie, General, ich zähle auf Sie. Hier iſt der Brief! Leſen Sie ihn, damit Sie ſeinen Inhalt kennen und wiſſen, daß er mit dem übereinſtimmt, was ich Ihnen mündlich aufgetragen. Leſen Sie laut, ich will hören, ob man meine Handſchrift entziffern kann. General Becker nahm den dargereichten Brief und las: „An die Commiſſion des Gouvernements. „Indem ich abdankte, habe ich nicht verzichtet auf das edelſte Recht des Bürgers, das Recht, mein Vaterland zu vertheidigen. „Die Annäherung der Feinde an die Hauptſtadt läßt keinen Zweifel mehr an ihrer Abſicht, ihrer Treuloſigkeit. „Unter dieſen ernſten Umſtänden biete ich dem Vaterlande meine Dienſte an als General, indem ich mich noch immer als den erſten Soldaten des Vaterlandes betrachte.“**) Jetzt eilen Sie, General, ſagte Napoleon, erinnern Sie ſich, daß ich Sie mit Ungeduld erwarte, und daß das Vaterland meiner be⸗ darf!— General Becker nahm den Brief, den Napoleon ſelber zuvor adreſſirt und geſiegelt hatte, und eilte von dannen. Wenige Minuten *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fleury IV. 70. *) Fleury: Mémoires. 0 682 ſpäter verkündete das Fortrollen eines Wagens von dem Schloßhof dem Kaiſer, daß der General ſeine Miſſion angetreten habe. Das Angeſicht des Kaiſers erhellte ſich, er athmete hoch auf, und ein ſeltener, freudiger Ausdruck ſprach aus ſeinen Zügen. Er rief ſeine Generäle herbei, und befahl ihnen, ſich ſelber zur Abreiſe bereit zu halten, für ſich ſelber und für ihn alle nöthigen Vorbereitungen zu treffen. Er befahl, ſeine Schlachtroſſe ſatteln zu laſſen und ſeine Feldequipage bereit zu halten, und zog ſich dann in ſein Landchartenzimmer zurück, das er hinter ſich verſchloß. Der Kaiſer will ſich zur Armee begeben, flüſterten die Herzoge und Generäle untereinander. Er will die Abwefenheit des Generals Becker benutzen, um ſeine Freiheit wieder zu gewinnen. Seine Pferde ſind ſchon geſattelt, und wenn General Becker zurückkommt, wird der Kaiſer mit uns ſchon lange zuvor Malmaiſon verlaſſen haben. Sie trafen eiligſt die nöthigen Vorbereitungen, und begaben ſich dann in den Vorſaal, den Ruf des Kaiſers erwartend, um mit ihm zu Pferde zu ſteigen. Aber der Kaiſer rief nicht; drei Stunden waren ſchon vergangen, und noch immer verweilte Napoleon in ſeinem Cabinet, und noch immer harrten die Generäle vergeblich ſeines Rufes. Jetzt vernahm man das Rollen eines Wagens, er hielt vor dem Schloß an,— jetzt öffnete ſich die Thür des Vorſaals und General Becker trat herein. Die Geſichter aller Generäle erblaßten, und Seufzer hoben ihre Bruſt. Jetzt war es zu ſpät. Napoleon konnte nicht mehr entfliehen! Aber der Kaiſer hatte auch nicht entfliehen wollen! Nicht einen Moment war ihm der Gedanke gekommen, das Vertrauen des General Becker zu täuſchen, und in ſeiner Abweſenheit, ohne Zuſtimmung des Gouvernements, Malmaiſon zu verlaſſen und zur Armee abzugehen. Er ſaß in ſeinem Cabinet auf dem Fauteuil vor dem Landcharten⸗ tiſch, als General Becker zu ihm eintrat. Ein flammender Blick Napoleons traf das blaſſe, verlegene Antlitz des Generals, und ſagte ihm, daß ſeine Sendung vergeblich geweſen. Mit einem tiefen Seufzer nahm er das Antwortsſchreiben der 683 Commiſſion, das Becker ihm ſchweigend darreichte. Aber Napoleons Angeſicht war jetzt wieder ganz ruhig und undurchdringlich, langſam, ohne irgend einen Schein von Aufregung und Ungeduld, erbrach er das Siegel, ſchlug den Brief auseinander und las. Dann wandte er mit einer ſtolzen Bewegung voll Ruhe und Würde ſein Haupt nach dem General hin. Sie haben meinen Vorſchlag zurückgewieſen, ſagte er. Ich war leider überzeugt davon, dieſe Leute haben keine Energie. Nun, da es ſo iſt, General, reiſen wir ab. Ordnen Sie Alles an! Morgen früh reiſe ich! Sagen Sie es da draußen! Morgen früh reiſe ich! Nun hob er den Blick langſam zum Himmel empor. Alles iſt zu Ende, rief er ſchmerzvoll, Frankreich iſt verloren! Ich kann es nicht mehr erretten! Ich reiſe ab! III. Zer Abſchied. Der Morgen des neunundzwanzigſten Juni, der Tag des Ab⸗ ſchieds, war herangekommen. Heute wollte Napoleon abreiſen, wollte er Malmaiſon verlaſſen, um nach Rochefort zu gehen, in deſſen Hafen zwei von der proviſoriſchen Regierung ihm zur Verfügung geſtellten Schiffe ihn erwarteten. Heute wollte Napoleon für immer Malmaiſon verlaſſen, die Er⸗ innerungsſtätte ſeines Glückes, ſeiner Jugend, ſeiner Liebe. Alle Vor⸗ bereitungen waren beendet, am Abend des geſtrigen Tages ſchon hatte der Kaiſer die letzten Abſchiedsbeſuche angenommen, heute ſollte kein Fremder mehr vorgelaſſen werden, heute wollte der Kaiſer nur noch ſeiner Familie, ſeinen nächſten Freunden ein letztes Lebewohl ſagen. Drunten im Hof ſtanden ſchon die Equipagen bereit, weinende Diener umgaben ſie, weinend gingen alle Bewohner des Schloſſes von „ 684 Malmaiſon umher, jedes Herz fühlte ſich bedrückt und trauervoll, jeder empfand die melancholiſche Größe dieſer Stunde, in welcher der Kaiſer Abſchied nahm von ſeiner Vergangenheit, ſeinem Thron und ſeinem Vaterland. Napoleon allein war ruhig, unbewegt. Keine Klage kam jetzt mehr über ſeine Lippen, keine Thräne feuchtete mehr ſein Auge. Er hatte ſein Geſchick angenommen, und er trug es wie ein Held, mit er⸗ hobenem Haupt, mit wolkenloſer Stirn, mit flammendem Blick. Er befand ſich in ſeinem Cabinet. Dort wollte er die letzten Grüße ſeiner Verwandten entgegennehmen, dort war jetzt die Königin Hortenſe bei ihm mit ihren beiden Söhnen. Sie wollen mir alſo nicht erlauben, mit Ihnen zu gehen? flüſterte Hortenſe unter Thränen. Sie wollen mir, Ihrer Tochter, der Tochter Joſephinens nicht das heilige Recht geben, Ihre Verbannung mit Ihnen zu theilen, und an Ihrer Seite zu bleiben in den Tagen des Unglücks? Nein, Hortenſe, ſagte Napoleon ernſt, Sie haben Söhne, Sie müſſen Ihren Söhnen leben. Sire, meine Söhne würden mit mir gehen. Unter Ihren Augen würden ſie leben, die Nähe Ihres erhabenen Ruhms, Ihres erhabenen Unglücks würde ſie befeuern zu großen Thaten, zu großen Gedanken, würde ſie zu Männern, zu Helden erziehen. Es darf nicht ſein, Hortenſe, rief der Kaiſer, Sie müſſen hier bleiben. Nur Eine Frau hat das Recht und die Pflicht mir zu folgen, — aber dieſe Eine habe ich ſeit einem Jahr vergeblich erwartet!— Ich zürne ihr nicht, ich vergebe ihr. Aber die Stelle, die ſie an meiner Seite leer gelaſſen, darf von keiner anderen Frau, ſelbſt von Ihnen nicht, ausgefüllt werden. Bleiben Sie, Hortenſe, bleiben Sie! Und ietzt hören Sie mein letztes Wort,— das letzte Codicill meines Teſta⸗ ments! Suchen Sie ſich meinem Sohn zu nähern. Man wird es Ihnen jetzt noch verweigern, und es mögen Jahre vergehen, ehe man die Furcht vor mir ſo weit überwunden haben wird, daß man den Mitgliedern meiner Familie die Freiheit geſtattet, zu gehen, wohin ſie wollen. Aber ein Tag wird doch kommen, wo ſie ihre Furcht über⸗ ½ wunden haben, wo der Schatten Napoleons ihren Weg nicht mehr verdunkelt. Sobald dieſer Tag gekommen iſt, Hortenſe, gedenken Sie dieſer Stunde, eilen Sie zu meinem Sohn, nehmen Sie ihn in Ihre Arme, und drücken Sie einen Kuß auf ſeine Lippen. Sagen Sie ihm, dieſer Kuß komme ihm von ſeinem Vater! Er habe Ihnen aufgetragen, ihm dieſen Kuß zu bringen, es ſei das letzte Vermächtniß des ſter⸗ benden Kaiſers geweſen, und Sie habe er zu ſeinem Teſtamentsvoll⸗ ſtrecker erkoren. Sagen Sie meinem Sohn, ich ſendete ihm durch Sie meinen Segen und den Gruß meiner Liebe. Sagen Sie ihm, er ſolle eingedenk bleiben ſeiner Geburt, ſeiner Rechte, ſeiner Pflichten, er ſolle ſich in ſeinem Herzen mindeſtens immer Napoleon nennen, wenn er es auch dulden müſſe, daß die Menſchen ihm einen anderen Namen gegeben. Sagen Sie ihm, daß meine Gedanken bei ihm ſein werden, ſo lange ich lebe, und daß, wenn er ein Mann geworden, er ſich er⸗ innern ſoll, daß der Schatten ſeines Vaters über ihm ſchwebt, und ihn zu großen Thaten mahnt! Sagen Sie ihm, daß ich nur für ihn dem Thron entſagt habe, daß die Krone von Frankreich ihm gehört, daß er der rechtmäßige Kaiſer von Frankreich iſt. Deſſen ſoll er ein⸗ gedenk bleiben, darnach ſoll er handeln!— Und dann, Hortenſe, wenn Sie alſo geſprochen, dann legen Sie Ihre Hand auf ſein Haupt und ſegnen Sie meinen Sohn im Namen ſeines Vaters. Als letzte Liebes⸗ gabe bringen Sie ihm dies Medaillon. Es enthält nur eine Locke von meinem Haar, ich habe ſie ſelbſt in dieſer Nacht von meinem Haupt geſchnitten, und in die Kapſel gelegt! Er ſoll das Medvaillon tragen zu meinem Gedächtniß. Wenn er aber einſt wieder Kaiſer von Frank⸗ reich geworden, dann ſoll er das Medaillon mit meinem Haar im In⸗ nern ſeiner Krone befeſtigen laſſen, wie ein Nagel von dem Kreuz Chriſti in meiner Krone Italiens befeſtigt war. Es ſei ihm auch ein Zeichen meines Leidens, meines Märtyrerthums, und gemahne ihn an die Vergänglichkeit aller irdiſchen Größe.— Und nun, Hortenſe, habe ich nichts mehr zu ſagen. Mein Codicill iſt beendet. Sire, ſagte Hortenſe mit von Thränen erſtickter Stimme, Sire, ich bitte Sie um einen letzten Liebesblick für meine Söhne. Der Se⸗ 686 gen eines großen Mannes iſt ein unverlierbares Geſchenk, ein Talis⸗ man gegen alle Stürme des Lebens. Sire, ſegnen Sie meine Söhne. Sie faßte die beiden kleinen Knaben, welche ſich leiſe weinend in den Hintergrund des Gemaches zurückgezogen hatten, bei der Hand und führte ſie zu ihrem Oheim hin. Knieet nieder, meine Kinder, ſagte ſie feierlich, knieet nieder, um den Segen des Kaiſers zu empfangen. Die Kinder ſanken auf ihre Kniee nieder, ihre Hände faltend, ihre von Thränen bethaueten bleichen Geſichter zu dem Kaiſer erhebend, der mit ſeinem ſtolzen feierlichen Cäſarengeſicht ihnen wie ein heiliges über⸗ irdiſches Weſen erſcheinen mochte. Hinter ihnen ſtand ihre Mutter mit gefaltenen Händen, ihre von Ehrfurcht und Liebe ſtrahlenden Blicke dem Kaiſer zugewandt. Ich ſage Euch Lebewohl, meine Kinder, ſagte Napoleon, ſich leiſe niederneigend und einen Moment ſeine Hände auf die blonden Häupter ſeiner beiden Neffen legend. Ihr tragt Beide meinen Namen, macht dieſem Namen Ehre, verleugnet ihn niemals, tragt ihn tapfer und offen an Eurer Stirn, denn was Euch jetzt als ein Makel angerechnet wird, weil die Leidenſchaften noch entflammt ſind, wird Euch dereinſt als eine Glorie und Verherrlichung von der Stirn leuchten. Ihr heißt Beide Napoleon; vergeßt das nicht, macht Eurem Oheim Ehre, und wenn das Schickſal es Euch geſtatten will, ſo rächt ihn dereinſt an den Fürſten, welche im Glück mir zu Füßen lagen und jetzt im Unglück mich behandeln wie einen Banditen. Aber niemals, niemals rächt Euch an Frankreich. Liebt Frankreich, dient Frankreich, und lebt und ſterbt in Treue Eurem Vaterlande! Lebet wohl! Er hob die beiden Knaben in ſeine Arme empor, und küßte ſie innig. Dann ließ er ſie langſam wieder auf den Boden niedergleiten und wandte ſich ab, um die Thränen zu zerdrücken, die in ſeine Augen getreten waren. Hortenſe führte die Kinder durch das Kabinet und öffnete ihnen die Thür zu dem Nebengemach. Erwartet mich hier, ſagte ſie, die 687 — Kinder in das andere Zimmer geleitend, ich werde gleich zu Euch kommen.*) Nun trat ſie wieder in das Kabinet ein, deſſen Thür ſie ſorg⸗ fältig hinter ſich zudrückte und zu dem Kaiſer hineilte, der auf einem Lehnſtuhl niedergeſunken war, und das Haupt auf die Bruſt geſenkt, die Arme ſchlaff herniederhängend, unbeweglich da ſaß. Sire, ſagte Hortenſe leiſe, Sire, jetzt habe ich noch eine letzte Bitte. Jetzt erflehe ich mir von Ihnen einen letzten Beweis Ihrer Güte, Ihrer Zuneigung für mich. Sire, ich bitte Sie, von mir ein Andenken anzunehmen. Dieſe Binde, welche ich Sie bitte unter Ihrem Gewand auf dem Körper zu tragen. Sie zog aus einem Käſtchen eine breite ſchwarze Binde hervor, und reichte ſie, faſt in die Knie ſinkend, mit einem Blick angſtvollen Flehens dem Kaiſer dar. Napoleon nahm die Binde, und blickte ſie erſtaunt an. Sie iſt ſchwer, ſagte er, ſie enthält ein Geheimniß, wie es ſcheint. Was haben Sie darin verborgen? Sire, ich habe meinen großen Brillantſchmuck auseinander ge⸗ nommen, und ihn in dieſe Binde genäht. Oh, nicht dieſe abwehrende Bewegung, Sire, ſagen Sie nicht, daß Sie mir dieſe letzte Bitte verweigern wollen, daß Sie mir, die ich zugleich Ihre Tochter und Ihre Schwägerin bin, daß Sie mir dies Recht verweigern, Ihnen zu geben von meinem Ueberfluß. Sire, Sie wenden ſich einer ungewiſſen, bewegten Zukunft zu. Der Kaiſer von Frankreich ſteigt hernieder von ſeinem Thron mit einer Krone, die glänzender iſt, als alle Schätze der Welt, mit der Krone der Armuth! Es iſt wahr, ſagte Napoleon leiſe vor ſich hin, ich habe nicht daran gedacht, mir Schätze zu ſammeln, ich habe nur an Frankreich gedacht, und arm, wie ich den Thron beſtiegen, verlaſſe ich ihn jetzt. Aber in dieſer elenden und jammervollen Welt genügt es nicht an Ihrer Glorie der Armuth. Sie wird kommenden Geſchlechtern *) Von dieſen beiden Kindern Hortenſens ſtarb der älteſte 1830, der zweite iſt der jetzige Kaiſer von Frankreich. 688 entgegenſtrahlen, und ſie werden ſich vor ihr beugen, aber die Mit⸗ welt wird ſie nicht ſehen, und ſie wird nicht hinreichen, um Sie vor Noth und Mangel zu ſchützen. Sire, nehmen Sie meine Brillanten für die Tage der Noth und Bedrängniß, um ſie alsdann in Geld zu verwandeln, in Geld, für welches Sie ſich in Amerika Land, Bürger⸗ recht— eine Zukunft erkaufen. Aber Sie ſelber, Hortenſe, Sie ſelber könnten eines Tages der Hülfe Ihrer Brillanten bedürfen. Nein, Sire, was ich beſitze, reicht hin, um meinen Söhnen und mir ein beſcheidenes Leben zu ſichern, und des Schmuckes bedarf ich nicht. Die Thränen, die ich um Sie weinen werde, das ſollen die Perlen ſein, mit denen ich mich ſchmücken will, ſo lange ich lebe. Sire, ich beſchwöre Sie, nehmen Sie das kleine Zeichen meiner Dank⸗ barkeit, meiner ehrerbietigen Liebe von mir an. Gönnen Sie mir das freudige Bewußtſein, Sie vor augenblicklicher Noth und elender Geld⸗ verlegenheit geſichert zu haben. Nun wohl denn, Hortenſe, ich nehme Ihr Geſchenk an, und wenn ich eines Tages als ein armer Pflanzer in Amerika mir für Ihre Brillanten Land erwerbe, um doch ein Fleckchen Erde zu haben, das mein iſt, ſo werde ich Ihrer gedenken, und Ihnen im Geiſt meine Grüße ſenden. Jetzt, Hortenſe, leben Sie wohl. Sie haben in Ihrem Leben viel geweint, möge das Glück Ihre Thränen trocknen, und Ihre Zukunft weniger ſtürmiſch ſein, als Ihre Vergangenheit. Der Sturm ging von mir aus, ich gehe! Möge der Welt und Ihnen jetzt Ruhe und heiterer Himmel leuchten! Leben Sie wohl! Er breitete ihr ſeine Arme aus, und Hortenſe warf ſich an ſeine Bruſt und küßte ehrfurchtsvoll ſeine Hände, die mit milder Zärtlichkeit ihre Wangen ſtreichelten. Jetzt will ich fort, ſagte Napoleon dann raſch, indem er die ſchwarze Binde mit den Brillanten in ſeinen Buſen ſteckte. Die Stunde des Abſchieds iſt gekommen, ich will nicht länger zögern. Er durchſchritt raſch das Gemach, und wollte ſich der Thür nähern, als dieſe geöffnet ward, und eine bleiche, hohe Frauengeſtalt auf der Schwelle derſelben erſchien. 689 Sie hier, meine Mutter, murmelte Napoleon zurücktretend. Ich hoffte, Sie hätten Frankreich ſchon verlaſſen, um in Rom ein Aſyl zu ſuchen, wie ich Sie darum gebeten hatte. Ich werde nach Rom gehen, um mit meinem Bruder zu weinen und zu beten, ſagte Madame Lätitia mit feierlicher Würde, indem ſie langſam vorwärts ſchritt, ihre großen Augen unverwandt auf den Sohn gerichtet, als wolle ſie ſeine Geſtalt tief und mit unvergänglichen Zügen in ihre Augen, in ihr Herz einprägen. Ich werde nach Rom gehen, wiederholte ſie, und über ihr edles, antikes Geſicht flog jetzt ein ſtolzer, gebieteriſcher Ausdruck, als ſie fortfuhr: Die Feinde meines Sohnes ſollen aber nicht ſagen können, daß ſeine Mutter geflohen iſt, daß ſie Frankreich verlaſſen hat, bevor der Kaiſer, ihr Sohn, ſein Land aufgegeben und verlaſſen hatte. Jetzt, da Du Frankreich verlaſſen willſt, jetzt gehe auch ich, mein Sohn. Du gehſt in die Weite, ich gehe nach Rom, um in St. Peter für Dich zu beten. Mein Sohn, wir werden uns auf Erden nicht wiederſehen. Aber ich werde doch immer bei Dir ſein. Sie ſchritt dicht zu ihm hin, und ihre beiden Hände auf ſeine Schultern legend, ſchaute ſie mit feſtem, flammendem Blick in das Antlitz ihres Sohnes. Der Kaiſer erwiederte dieſen Blick, kein Zug ſeines bleichen, ſtolzen Angeſichts zuckte, nur ſeine Augen, welche denen ſeiner Mutter begeg⸗ neten, ſprachen zu ihr, und Lätitia verſtand die Sprache dieſer düſtern, flammenden Blicke. Unfern von ihnen ſtand Hortenſe, die Hände ge⸗ falten, das von Thränen überfluthete Angeſicht himmelwärts gewandt, die Lippen ſich bewegend in leiſem Gebet. Immer noch ſtand Madame Lätitia da, die Hände auf die Schul⸗ tern ihres Sohn gelegt, ihn feſt anſchauend, aber ihre Augen waren jetzt düſter geworden, und zwei große Thränen rannen langſam über ihre Wangen nieder. Lebe wohl, mein Sohn, ſagte ſie jetzt laut und feierlich. Lebe wohl, meine Mutter! rief der Kaiſer, eben ſo laut, eben ſo feierlich. Mithlbach, Napoleon. IV. Bd. 44 690 Dann ließ Madame Lätitia ihre Hände von Napoleons Schultern niederſinken, als gäbe ſie ihn frei an die Zukunft, an das Schickſal. Langſam hob ſie dann die Rechte gen Himmel. Dort oben, mein Sohn, ſagte ſie. Jetzt geht, laßt mich allein! Napoleon ſchritt an ihr vorüber und ging nach der Thür hin, Hortenſe folgte ihm. Lätitia, die beiden Hände an ihre wogende Bruſt gedrückt, die Augen weit geöffnet, das Haupt vornüber geneigt, ſtarrte ihrem Sohn nach. Jetzt öffnete er die Thür, jetzt trat er hinaus, Hortenſe hinter ihm,— Lätitia's Mund öffnete ſich wie zu einem Schrei, aber er er⸗ ſtarrte auf ihren Lippen,— ſie ſah nach ihrem Sohn, ſie ſah ihn vorwärts ſchreiten,— nun ward die Thür hinter ihm geſchloſſen,— nun ſah ſie ihn nicht mehr, und ohne Laut, ohne Klage, wie eine vom Sturmwind zerſchmetterte Statue des Schmerzes ſank Lätitia zur Erde nieder.*) *) Madame Lätitia lebte ſeit dieſer Zeit in Rom, wo ſie mit ihrem Bruder, dem Cardinal Feſch, ein ſtilles zurückgezogenes Leben führte. Aber dieſe Zurück⸗ gezogenheit ſicherte ſie nicht vor dem Argwohn und kem Mißtrauen der Regie⸗ rungen, denen Napoleon auf immer ein Schreckniß war, obwohl er im fernſten Exil lebte. Als im Jahr 1820 das ſüdliche Europa von den Verſchwörungen der Carbonari beunruhigt ward, und ſich auch in Frankreich Anzeichen einer bonapartiſtiſchen ſchwörung kund gaben, ließ der König von Frankreich dem Papſt Gregor mittheilen, er habe aus genauen Quellen erfahren, daß Madame Lätitia an der Spite einer bonapartiſtiſchen Verſchwörung ſtehe; ſie habe, wie man ihm, dem König, gemeldet, ihre Agenten in Corſika, um dort eine Erhe- bung zu Gunſten Napoleons anzufachen; man fügte hinzu, daß dies Complott ſich bis in das Innere Frankreichs verzweige, und daß Madame Lätitia auch dort Partiſanen für ihren Sohn anwerbe, daß die Regierung des Königs von der Wahrheit dieſer Angaben überzeugt ſei, und ſogar genan wiſſe, wie viele Millionen Madame Lätitia zu dieſen Zwecken verwendet. Der Papſt durfte dieſe von dem franzöſiſchen Geſandten, Grafen Blacas, angebrachte Beſchwerde nicht unbeachtet laſſen, und ſandte daher ſeinen Staatsſecretair zu Madame Lätitia, um ihr die Klagen Frankreichs vorzutragen und Rechenſchaft von ihr zu fordern. Madame Lätitia hörte alle Vorhaltungen des Cardinals und Staatsſecretairs mit gelaſſener Ruhe an; dann aber erhob ſie ſich und mit 691 Der Kaiſer war in die Mitte des Nebenſaals vorgeſchritten. Um ihn her ſtanden ſeine ihm treu gebliebenen Generäle, Diener und Freunde. Sie ſtanden da, geſenkten Hauptes, weinend, leiſe ſchluchzend. Napoleon ging zu Jedem von ihnen hin, er hatte für Jeden ein Wort der Liebe, des Troſtes, der Hoffnung. Jetzt näherte er ſich der Gruppe derjenigen ſeiner Getreuen, welche ihn auf ſeiner Reiſe be⸗ gleiten, ſein düſteres und ungewiſſes Schickſal mit ihm theilen wollten, das waren Savary, der Herzog von Rovigo, die Generäle Bertrand, Lallemand und Gourgaud, die Grafen Montholon und Las Caſes. Ach, meine Freunde, rief Napoleon mit heiteren, ſtrahlenden Blicken. Ich preiſe mich glücklich, denn ich bin reich, ich habe treue Freunde. Um Euretwillen vergebe ich Denen, die mich verlaſſen und verrathen haben. Viele ſind gegangen, aber Viele ſind mir treu ge⸗ blieben! Er wandte den Blick den anderen Getreuen zu, die in Thränen zerfließend umherſtanden, und die nur, von den Umſtänden, den Ver⸗ hältniſſen gezwungen, zurückbleiben mußten, ihm nicht folgen konnten. Nehmt auch Ihr meinen Dank, Ihr, meine Getreuen, ſagte er. Ich beklage tief die Leiden und Zurückſetzungen, welche Eure Anhäng⸗ lichkeit an meine Perſon Euch bereiten wird. Man wird Euch Eure Treue als eine Schuld anrechnen, aber die Zukunft und die Geſchichte werden gerechter gegen Euch ſein. Hofft auf dieſe Zukunft, ſetzt den Verfolgunger Eurer Feinde die Stärke Eurer Seele und die Reinheit ſtolzer Würde ſagte ſie:„Herr Cardinal, ich habe keine Millionen; aber ſagen Sie dem Papſt, und möge er meine Worte dem König Ludwig XVIII. wieder⸗ holen laſſen, ſagen Sie ihm, daß, wenn ich ſo glücklich wäre, die Millionen zu beſitzen, welche man mir ſo mildthätig zulegt, ich ſie nicht benutzen würde, um Unruhen in Corſika anzufachen, auch nicht um meinem Sohn in Frankreich Partiſanen zu werben, deren er dort hinlänglich beſitzt, ſondern daß ich meine Millionen benutzen würde, um eine Flotte auszurüſten, die eine ganz andere Miſſion haben würde, die Miſſion, den Kaiſer von der Inſel Helena zu be⸗ freien, wo die unwürdigſte Geſetzloſigkeit ihn gefapgen hält.“ Dann grüßte ſie den Cardinal mit einem ſtolzen Kopfneigen, und zog ſich in das Innere ihrer Gemächer zurück. Cochelet, Mémoires. IV. S. 183. 44* — — —— 692 Eures Gewiſſens entgegen. Seid ſtark in Eintracht, in Muth und in Reſignation. Liebt Frankreich, und Denen, die es hören wollen, ſagt es, daß der ſcheidende Kaiſer Frankreich ſeinen Segen und ſeine Liebe zurückläßt! Die Thür des äußeren Vorſaals öffnete ſich jetzt und General Becker trat ein. Sire, ſagte er mit leiſer, zitternder Stimme, Sire, Alles iſt be⸗ reit, wenn es Ew. Majeſtät gefällig iſt! Napoleon neigte leiſe bejahend das Haupt, ein lautes Aechzen und Klagen, Weinen und Schluchzen rauſchte durch den Saal, Aller An⸗ geſichter waren dem Kaiſer zugewandt, Aller Augen waren überſtrömt von Thränen. Napoleon wandte ſich um, drückte Hortenſe, die weinend hinter ihm ſtand, noch einmal in ſeine Arme und reichte dann den Freunden ſeine beiden Hände dar. Sie ſtürzten zu ihm hin, ſie ſanken vor ihm auf die Kniee und bedeckten ſeine Hände mit ihren Thränen, ihren Küſſen, und weinten und ſchluchzten laut. Der Kaiſer weinte nicht, ſein bleiches Antlitz hatte einen wunder⸗ baren, feierlichen Ausdruck angenommen, ſeine Augen glänzten wie an den Tagen ſeiner großen Schlachten. Lebt wohl, lebt wohl! rief er mit der lauten, tönenden Stimme, mit welcher er ſonſt ſeine Soldaten zur Schlacht, zum Sieg gerufen. Lebt wohl! Seine Stimme hallte noch in dem Saal wieder, als er ihn haſtigen Schrittes ſchon verlaſſen hatte. Hortenſe eilte zum Fenſter hin und lehnte ſich hinaus, um ihn noch ein Mal, ein letztes Mal noch zu ſehen. Jetzt trat der Kaiſer aus dem Portal, jetzt ſah ſie noch ein Mal ſein bleiches, ehernes Angeſicht, ſah, wie er einen langen, langen Blick über die Bäume, die Alleen des Gartens dahin ſchweifen ließ, wie er, ſchon den Fuß auf den Tritt des Wagens geſetzt, noch einmal ſich umwandte und hinſchaute nach dem Garten, als könne ſein Auge nicht e n al i 0 t 693 müde werden, dieſen Schauplatz ſeines einſtigen Glückes, ſeiner einſtigen Größe zu betrachten. Jetzt ſah ſie ihn raſch den einfachen Caleſchwagen beſteigen, gefolgt von Becker und Savary, ſah in die für den Kaiſer beſtimmte, glänzende Equipage die Generale Gourgaud und Bertrand einſteigen, ſah das übrige Gefolge und die Dienerſchaft in den andern zwei Wagen Platz nehmen, hörte dieſes unter Thränen und Schluchzen halb erſtickte: Vive'Empereur! der zurückbleibenden Diener— nun rollten die Wagen von dannen mit einem lauten Donner, welcher die einſamen Säle von Malmaiſon durchhallte und ihnen verkündete, daß der Kaiſer ſie für immer verlaſſen habe. Hortenſe ſank auf ihre Kniee und zog ihre Söhne mit ſich nieder. Betet, rief ſie mit bleichem, von Thränen überflutheten Angeſicht, betet für den Kaiſer und für Frankreich! 1V. In Rochefort. Nach viertägiger Fahrt war Napoleon mit ſeinem Gefolge endlich in Rochefort angelangt. Die beiden, von der proviſoriſchen Regierung ihm zur Verfügung geſtellten Schiffe lagen allerdings in dem Hafen von Rochefort für ihn bereit, aber vor dem Hafen lagen ſchon die, wie man ſagte, von Fouché benachrichtigten Schiffe der Engländer, den Hafen blokirend und entſchloſſen, jedes den Hafen verlaſſende Schiff anzugreifen. Napoleon vernahm dieſe Nachrichten mit einer wunderbaren Ruhe und Gelaſſenheit, und ſie ſchienen ihn gar nicht zu berühren. Seine Gedanken weilten immer noch in Paris und bei ſeiner Armee. Immer noch hoffte er, daß das franzöſiſche Volk ihn mit Gewalt wieder auf ſeinen Thron erheben, daß ſeine Armee ihn zurückrufen werde. 694 Aber bald erſchallte von Paris her die Nachricht, daß die Stadt ſich den Feinden übergeben habe, daß die Verbündeten, und mit ihnen auch der König Ludwig der Achtzehnte in Paris eingezogen ſeien, daß die Armee ſich unterworfen habe. Bei dieſen Nachrichten ſah man den Kaiſer erbleichen, und ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. Nun, dann iſt es Zeit, Frankreich zu verlaſſen, ſagte er. Jetzt giebt es für mich keine Hoff⸗ nung mehr! Aber wohin wollen Ew. Majeſtät gehen? fragte der Graf Las Caſes. Ich werde nach den Vereinigten Staaten gehen, rief Napoleon lebhaft. Man wird mir dort Land geben, oder ich werde es kaufen, wir werden es anbauen. Ich werde damit enden, womit der Menſch angefangen hat; ich werde von dem Ertrag meines Feldes und meiner Heerden leben.*) Aber glauben Ew. Majeſtät, daß die Engländer Sie ungeſtört Ihr Feld in Amerika werden beſtellen laſſen? Warum nicht? Was für Schaden könnte ich ihnen dort zufügen? Was für Schaden, Sire? Ew. Majeſtät haben alſo vergeſſen, daß Sie England haben zittern machen? So lange Sie leben und frei ſind, wird England Ihr Genie und Ihren Haß fürchten. Sie wären für England vielleicht auf dem Throne Frankreichs, den Ludwig der Achtzehnte jetzt ſo klein gemacht, weniger gefährlich, als Sie es ihm in den Vereinigten Staaten ſein würden. Die Amerikaner lieben und bewundern Sie; Sie würden auf dieſelben großen Einfluß ausüben, und ſie vielleicht dahin bringen, gewichtige Unternehmungen gegen Eng⸗ land zu beginnen. Was für Unternehmungen? fragte Napoleon achſelzuckend. Die Engländer wiſſen wohl, daß die Amerikaner mit ihrem letzten Tropfen Blut ihr Land und ihre Freiheiten vertheidigen, aber daß ſie ſich ſchwer dazu entſchließen würden, einen auswärtigen Krieg zu führen. Sie ſind noch nicht ſo weit vorgeſchritten, um die Engländer ernſtlich beunruhigen zu können. Eines Tages werden die Amerikaner vielleicht die Rächer *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fleury. Vol. IW. S. 80. . 695 der Meere ſein, aber dieſer Zeitpunkt liegt noch fern; die Amerikaner werden nur langſam wachſen und ſich vergrößern. Sire, angenommen, daß die Amerikaner für England in dieſem Moment keine ernſthafte Beunruhigung ſein könnten, ſo würde Ihre Anweſenheit in den Vereinigten Staaten England wenigſtens die Ge⸗ legenheit darbieten, Europa gegen die Vereins⸗Staaten aufzuregen. Die Alliirten werden ihr Werk für unvollendet halten, ſo lange Ew. Majeſtät nicht in ihrer Gewalt ſind, und ſie werden die Amerikaner zwingen, wenn nicht, Sie auszuliefern, ſo doch Sie von ihrem Gebiet zu entfernen. Nun, rief Napsleon mit blitzendenden Augen, dann werde ich nach Mexiko gehen, und wenn man mich auch dort nicht will, nach Caracas, und wenn es mir dort nicht gefällt, nach Buenos⸗Ayres, nach Cali⸗ fornien, ich werde von Meer zu Meer ſchiffen, bis ich irgendwo ein Aſyl gegen das Uebelwollen und die Verfolgung der Menſchen finde.*) Ach, Sire, wird es Ihnen auf dieſen Weltfahrten immer gelingen, den Späheraugen und den Flotten der Engländer zu entgehen? Nun, wenn ich ihnen nicht entgehen kann, ſo mögen ſie mich er⸗ greifen, rief Rapoleon ungeduldig. Das engliſche Gouvernement taugt nichts, aber die engliſche Nation iſt groß, edel und großmüthig. Ach, ich thäte vielleicht am Beſten, nach England zu gehen, mich dort nieder⸗ zulaſſen, und in friedlicher Zurückgezogenheit auszuruhen von meinem thatenvollen Leben. Ich habe genug gethan für die Geſchichte und die Nachwelt, und ich darf wohl daran denken, jetzt ein wenig Ruhe und Behagen zu ſuchen. Ja, ich will nach England gehen. Das Schickſal ſelber giebt mir dieſen Gedanken ein. Es hat die engliſchen Schiffe geſandt, welche hier vor dem Hafen kreuzen, es will mir die Gelegen⸗ heit geben, allen dieſen Wirrniſſen durch einen kühnen Entſchluß mich zu entreißen, und nach England zu gehen, nach dem Lande geſetzlicher Freiheit, nationaler Größe. Las Caſes, ich will Sie mit einer Botſchaft zu dem Befehlshaber der beiden engliſchen Fahrzeuge ſenden. Nehmen Sie die Botſchaft an? *) Napoleons eigene Worte. Fleury IV. S. 81. 696 Sire, ich nehme jede Botſchaft an, welche Ew. Majeſtät mir befehlen. Fahren Sie alſo hinüber auf das engliſche Schiff zu dem Capitain Maitland. Sie kennen ihn, nicht wahr? Ja, Sire, ich habe während meines frühern Aufenthalts in Eng⸗ land den Capitain Maitland kennen gelernt. Er iſt ein tapferer und loyaler Mann. Fahren Sie zu ihm, Graf. Fragen Sie ihn in meinem Namen, welche Aufnahme ich von ihm zu erwarten hätte, wenn es mir vielleicht einfallen ſollte, auf ſeinem Schiff eine Zuflucht zu ſuchen. Der Herzog von Rovigo und General Lallemand ſollen Sie begleiten! Fragen Sie zugleich an, was man thun würde, wenn ich mit einer Parlamentairflagge auf der franzöſiſchen Fregatte den Hafen ver⸗ laſſen, oder wenn ich auf einem neutralen Schiffe abſegeln möchte. Eilen Sie!— Graf Las Caſes hatte kaum das Zimmer des Kaiſers verlaſſen, um deſſen Befehl auszuführen, als der General Bertrand haſtig in daſſelbe eintrat. Sire, ſagte er mit bewegter Miene, Ew. Majeſtät ſind in Ge⸗ fahr; die Engländer führen Böſes im Schilde. Sie wollen Ew. Ma⸗ jeſtät verhaften, ſobald Sie den Hafen verlaſſen. Oh, Sire, ich be⸗ ſchwöre Sie, zaudern Sie nicht länger, retten Sie ſich, damit wir nicht den Schmerz, Frankreich nicht die Schmach erleben, Ew. Majeſtät in der Gewalt Ihrer Feinde zu ſehen. Noch bietet ſich für Ew. Majeſtät ein Weg der Rettung dar! Ergreifen Sie ihn, Sire, aus Erbarmen mit uns, die wir Sie lieben und anbeten, die wir bereit ſind, Ihnen zu folgen bis an das Ende der Welt, mit Ihnen die Verbannung zu ertragen, uns glücklich preiſend, wenn es uns nur vergönnt iſt, in Ihrer Nähe zu bleiben, Ihnen unſere Dienſte zu weihen. Sire, ich beſchwöre Sie, erhalten Sie ſich uns, Ihren treuen ergebenen Dienern, vertrauen Sie ſich nicht den Engländern, retten Sie ſich, retten Sie uns, ſo lange es noch Zeit iſt! Was ſoll ich thun, um mich zu retten? fragte Napoleon gelaſſen. Wiſſen Sie ein Mittel, Bertrand, mich aus dem Hafen zu bringen, ohne ven den Engländern entdeckt zu werden? 697 Ja, Sire, ich weiß ein Mittel. Ein Franzoſe, der Ihnen ergeben . iſt, und jetzt als Schiffscapitain in däniſchen Dienſten ſteht, liegt hier im Hafen mit ſeinem Fahrzeug vor Anker. Er iſt zu mir gekommen, Sire, er bietet ſich und ſein Schiff zur Rettung Ew. Majeſtät an. Sire, dieſer Capitain Baudin iſt ein unerſchrockener tapferer Seemann, und er ſchwört, daß es ihm gelingen wird, Ew. Majeſtät ſicher und ungefährdet aus dem Hafen hinaus und nach Amerika zu bringen. Und er meint, die Engländer würden ihn ungefährdet ziehen laſſen? Sie würden ſein Schiff nicht unterſuchen? Nein, Sire, er meint das nicht. Aber er hat auf ſeinem Schiff ein Verſteck eingerichtet, in welchem Eure Majeſtät während der ganzen Ueberfahr verbleiben müßten, und der aller noch ſo großen Wachſam⸗ keit der Engländer dennoch verborgen bleiben würde. Sire, nehmen Sie den Vorſchlag Baudins an. Retten Sie ſich. Nein, ſagte Napoleon, ich will mich wohl retten, aber ich werde mich niemals verſtecken. Nun denn, Sire, ſo habe ich Ihnen noch einen andern Vorſchlag zu machen, rief Bertrand. Einige junge Marine⸗Lieutenants bieten Ew. Majeſtät ihre Dienſte an. Sie haben kleine raſche Fahrzeuge bei der Hand, und ſind bereit, Ew. Majeſtät und Ihr Gefolge auf den⸗ ſelben durch die engliſchen Kreuzer hindurch und nach Amerika zu bringen. Sire, es ſind entſchloſſene junge Männer, die vor keiner Ge⸗ fahr zurückſchrecken, vor keiner, als vor der, Ew. Majeſtät in die Hände Hände Ihrer Feinde fallen zu ſehen, und die Sie daher bis auf das Aeußerſte vertheidigen werden. Was hülfe ihre Vertheidigung, wenn Wind und Wetter gegen mich wären, ſagte Napoleon. Irgend ein Sturm könnte dieſe kleinen Fahrzeuge an eine engliſche Küſte werfen, das erſte beſte engliſche Kriegsſchiff könnte ſie kapern, und mir würde dadurch die Schmach zu Theil, auf einem Fluchtverſuch ertappt zu werden, und als Gefangener eingebracht zu werden. Nein, ich kann mit dem Schickſal ſelbſt nicht unter der Decke ſpielen, ich kann mich nicht verſtecken und nicht flüchten, und mein Leben nicht mit einer kleinlichen Farge endigen. Ich fliehe nicht, ich bleibe, und erwarte mein Schickſal. Aber damit meine Gegen⸗ 698 wart auf dem franzöſiſchen Feſtlande die Feinde Frankreichs nicht be⸗ unruhige, und nicht Urſache ſei, daß man Frankreich noch härtere Kriegsbedingungen auferlege, will ich hinüberfahren auf die Inſel Aix. Dort wollen wir die Geſtaltung unſers Schickſals erwarten.— Eine Stunde ſpäter betrat Napoleon mit ſeinem kleinen Gefolge die Inſel Aix, deſſen Bewohner ihn mit Freudejauchzen empfingen, und ihn noch einmal den Ruf: Es lebe der Kaiſer! vernehmen ließen. Napoleon lächelte traurig dazu, und trat in das zu ſeiner Auf⸗ nahme bereitete Gouvernements⸗Gebäude ein, um dort ſich an das Fenſter zu ſtellen, und hinüber zu ſpähen nach den fernen engliſchen Schiffen, und nach dem Hafen, der Rückkehr des Grafen Las Caſes harrend. Endlich am ſpäten Nachmittage trat der Graf in das Gemach des Kaiſers ein. Nun? fragte Napoleon lebhaft, was für Antwort bringen Sie? Was ſagt Capitain Maitland? Iſt er bereit, mir auf ſeinem Schiffe eine Zuflucht zu gewähren? Sire, Capitain Maitland antwortete mir, er habe keine Verhal⸗ tungsregeln für ſolchen Fall, und müſſe mich deshalb an den Admiral Hotham verweiſen, der das engliſche Geſchwader an der franzöſiſchen Weſtküſte commandire. Und wenn ich mit einer Parlamentairflagge auf der franzöſiſchen Fregatte oder auf einem neutralen Schiffe den Hafen verlaſſen wollte? Capitain Maitland erklärte mir, daß er jedes Schiff, unter welcher Flagge es immer ſegeln möge, angreifen, jedes neutrale Schiff ſtreng viſitiren und vielleicht ſogar in einen engliſchen Hafen abführen werde. Aber er gab mir den Rath, Ew. Majeſtät zu bereden, daß Sie ſich nach England begeben möchten, und verſicherte, daß Ew. Majeſtät dort einer ehrenden und rückſichtsvollen Aufnahme gewiß ſein könnten. Es iſt gut, ſagte Napoleon müde, wir wollen morgen das Weitere überlegen. Ich danke Ihnen für Ihre guten Dienſte, Graf. Sie werden ermüdet ſein, und ich bin es auch. Laſſen Sie uns zur Ruhe gehen. Ach, es wäre vielleicht beſſer, zur ewigen Ruhe zu gehen. Ich 699 bin dieſes Lebens ſatt und müde, ich fange an, mich auf der Erde zu langweilen! Laſſen Sie uns alſo verſuchen, zu ſchlafen. Der Schlaf bringt Vergeſſenheit, und ſelig ſind Diejenigen, welche vergeſſen können. Ich begreife jetzt die Mythe der Alten, welche die Seelen, die das Elyſium betraten, erſt aus dem Lethe trinken ließen, damit ſie im Paradieſe glücklich zu ſein vermöchten. Ja, ja, um nach einem inhalts⸗ reichen Leben wieder das Glück des Paradieſes genießen zu können, muß man den Trank des Vergeſſens getrunken haben. Ach, aber wo finde ich ihn, welche mitleidige Hand anders als der Tod kann mir den Lethebecher reichen, und— doch ſtill! Gute Nacht, Graf, morgen wollen wir einen Kriegsrath halten! Heute wollen wir ſchlafen! Schlafen! V. Die Brücke von Zena. Na, ſo haben wir's nun endlich erreicht, ſagte Blücher, ſich be⸗ haglich ausſtreckend auf dem mit goldenen Bienen geſtickten Divan von grünem Sammet. Der Bonaparte iſt nun runter und er ſoll die Welt nicht mehr beunruhigen. Es iſt aus mit ihm, er ſitzt nun in Rochefort, und wird bald nach Helena abſegeln, ich ſitze nun in St. Cloud, und das Cabinet des Herrn Bonaparte, das iſt nun das Wohnzimmer des betrunkenen Huſaren⸗Generals Blücher, wie der Monſieur mich immer genannt hat. Mit dem Bonaparte, da ſind wir nun fertig, aber mit Frankreich noch lange nicht. Was wollen Sie denn noch weiter fordern, Durchlaucht? fragte Gneiſenau, der neben dem Divan des Feldherrn auf dem Fauteuil ſaß, an deſſen Armlehne Napoleon ſo oft während des Miniſter⸗ Conſeils geſchnitzt hatte. Frankreich iſt, wie mich dünkt, hinlänglich gedemüthigt. 700 So, meinen Sie? fragte Blücher ſtrenge. Na, wie ſo iſt es denn gedemüthigt? Was haben wir ihm denn gethan? Vor allen Dingen, Durchlaucht, haben wir es beſiegt, und das iſt für ein kriegeriſches, ruhmſüchtiges Volk ſchon immer ein herbes Un⸗ glück. Dann haben wir ihm alle Beute früherer Siege wieder abge⸗ nommen, haben ſeinen Kaiſer, den die Armee wenigſtens noch immer liebte, abgeſetzt und verjagt, und haben den König Ludwig den Achtzehnten, den weder die Armee, noch das Volk liebte, den Niemand wollte, wieder auf ſeinen legitimen Thron eingeſetzt. Daran iſt mir gar nichts gelegen, rief Blücher unwirſch. Ich wollte vielmehr, der König wäre noch nicht wieder hier, denn ich hatte noch vielerlei Forderungen an die Stadt Paris und ich wollt' ſie noch gehörig abſtrafen. Weiß aber ſchon, daß der König ſich nun in's Mittel legen, und bei unſerm König und dem Kaiſer ſo lange wimmern und jammern wird, bis ſie ihm in Allem nachgeben und ich gar nicht dazu komme, die Stadt Paris gehörig abzuſtrafen. Nun, Feldmarſchall, ſagte Gneiſenau lächelnd, mich dünkt, Sie haben aber die Stadt ſchon gehörig abgeſtraft! Sie haben erſtens befohlen, daß Paris unſere Armee als Einquartierung aufnehme und bewirthe. Na, das war ich meinen Preußen ſchuldig, rief Blücher. Die Franzoſen haben Jahre lang in Berlin recht angenehm logirt, es ſoll alſo kein Preuße, der mir hierher gefolgt iſt, zurückkehren, ohne ſagen zu können, daß die Pariſer ihn auch gut bewirthet haben.*) Dann ferner haben Sie der Stadt Paris eine Kriegsſteuer von einhundert Millionen Francs auferlegt. Und das iſt eigentlich noch viel zu wenig, denn es iſt nur blos 'ne Abſchlagszahlung auf die vielen Millionen Thaler, die Frankreich von Preußen ſich zugeeignet hat und die Preußen durch Frankreich verloren hat. Blos'ne kleine Strafe für all' den Kummer, und die Demüthigung und den Jammer, den die Franzoſen über unſer unglück⸗ 6 — —— *) Blüchers eigene Worte. Siehe: Varnhagen: Biographiſche Denkmale. III. S. 472.„ 701 liches Vaterland gebracht haben und wovon mein altes Herz beinah zerſprungen wäre. Wir nußten die Franzoſen ſtrafen, und es giebt nun einmal für alle Menſchen keine empfindlichere Strafe, als wenn man ſie ihre Sünden und Verbrechen bezahlen läßt. Das Geldgeben, das thut den Menſchen am weheſten und darum müſſen die Pariſer zur Strafe für ihre Sünden zahlen. Aber Sie haben ihnen auch noch andere Strafen auferlegt, Durch⸗ laucht. Sie haben befohlen, daß aus dem Muſeum alle die erbeuteten Kunſtſchätze fortgenommen und wieder nach Deutſchland zurückgeführt werden ſollten. Na, und ich will nicht hoffen, daß Sie das zu hart finden? rief Blücher ungeſtüm. Wenn man einen Dieb gefangen hat, und findet das geſtohlene Gut bei ihm, ſo nimmt man es ihm wieder fort, nicht wahr? Die Franzoſen hatten aber all' die Kunſtſchätze, die ſie hier aufgeſtapelt haben, nicht von Deutſchland geſchenkt bekommen, ſondern ſie haben ſie aus den Muſeen und Schlöſſern geſtohlen und geraubt, und es iſt daher man blos ganz natürlich, daß ſie ſie wieder rausgeben müſſen und daß ſie wieder nach Deutſchland zurück müſſen. Es wäre ja eine ewige Schmach und Schande für uns Deutſche, wenn wir ſo zimperlich wären und nicht wagten, die Hände auszuſtrecken nach un⸗ ſerm Eigenthum, und den Franzoſen den Triumph ließen, ihr geraubtes Gut behalten zu dürfen. Als ſie in Deutſchland waren, da haben ſie, aus Kunſtſinn, wie ſie's nennen, überall die Muſeen beſtohlen und be⸗ raubt und genommen, was ihnen nicht gehört. Nu wir in Frankreich ſind, wollen wir auch zeigen, daß wir Kunſtſinn haben, und wollen aus ihren Muſeen uns wenigſtens nehmen, was uns gehört. Ew. Durchlaucht haben Recht, ſagte Gneiſenau, die Wiederheraus⸗ gabe dieſer deutſchen Kunſtſchätze iſt nur ein Act der Gerechtigkeit, und Deutſchland muß Ihnen dankbar ſein, denn nur Ihrer Feſtigkeit und Energie wird es den Wiederbeſitz ſeiner Schätze danken. Aber, mein theurer, geliebter Feltherr, Sie ſollten nun mit dieſen Strafen zu⸗ frieden ſein und das gedemüthigte Volk nicht noch mehr kränken. Ich dächte, Sie ſtänden davon ab, die eherne Siegesſäule auf dem Ven⸗ dPlat ſprengen zu laſſen. Die Pariſer betrachten ſie als ein 702 Denkmal ihres Ruhms, und man wird doch ihnen dieſen Ruhm nicht ableugnen können. Na, meinetwegen, ſagte Blücher verdrießlich, mögen ſie denn dieſes Ding behalten. Es iſt König Ludwigs Sache, ob er die Ruhmesſäule Bonaparte's vor ſeiner Naſe dulden will, und ob's ihn nicht ver⸗ ſchnupft, den Bonaparte mitten in ſeiner Hauptſtadt ſo gefeiert zu ſehen. Wenn Er's ertragen kann, mir kann's gleichgültig ſein. Aber Eins ſage ich Ihnen, Gneiſenau, die Brücke von Jena, die laſſe ich ihnen nicht, und ich rathe Ihnen, daß Sie nicht für ſie bitten. Die muß runter, eben ſo gut, wie der Bonaparte. Aber es fällt mir auch gar nicht ein, für die Brücke bitten zu wollen, rief Gneiſenau. Ich bin ganz Ihrer Meinung, Durchlaucht, die Brücke von Jena muß zerſtört werden. Wir haben mit unſeren Siegen von Leipzig, Paris und Belle⸗Alliance die Niederlage von Jena wieder ausgelöſcht, und wir dürfen es nicht dulden, daß man dieſes Denkmal jenes Unglückstages hier erhalten wolle, allen Preußen zur Beſchämung und zum Aergerniß. Recht ſo, Freund, rief Blücher freudig, dem General ſeine Hand darreichend. Sie ſind ein prächtiger Menſch, und Sie halten doch noch etwas auf deutſche Ehre, ſind kein ſolcher demüthiger Duckmäuſer, der zufrieden iſt, wenn er's Leben hat, und alle anderen Völker ganz be⸗ ſcheidentlich dafür um Entſchuldigung bitten möcht', daß er man blos 'nDeutſcher iſt. Nein, wir Zwei, wir rühmen uns, Deutſche zu ſein, und wir wollen's den Herren Franzoſen beweiſen, daß wir keinen Reſpect vor ihnen haben, und uns gar nicht geehrt fühlen, wenn wir mit ihnen franzöſiſch parliren können. Nein, Deutſch wo Jen wir mit ihnen ſprechen, und wenn wir ihnen die Brücke von Jena zerſprengen, ſo heißt das,'n gutes deutſches Wort geſprochen haben. Den Bona⸗ parte haben wir runter, nun müſſen wir auch die Brücke noch runter kriegen! Aber ich fürchte, wir werden viel Schwierigkeiten damit haben, und man wird von allen Seiten Alles anwenden, um unſer Vorhaben zu vereiteln. Freilich, wir müſſen uns beeilen, ſagte Blücher. Wir müſſen —— zu Werke gehen, damit die Sache abgethan iſt, wenn der König nach Paris kommt. Der König will am zehnten Juli ſeinen Einzug in Paris halten. Und heute iſt erſt der neunte, rief Blücher. Wir haben alſo noch einen ganzen Tag Zeit, und den müſſen wir benutzen. Denn wenn der König erſt da iſt, dann habe ich nicht mehr freie Hand, dann iſt er der Herr, der zu commandiren hat, und ich muß mich ſeinem Be⸗ fehl fügen. Er würde aber ganz gewiß ſich von dem Gewimmere und dem Bitten des franzöſiſchen Königs'rum kriegen laſſen, denn er hat 'n weiches, großmüthiges Herz, und mag lieber vergeben und vergeſſen, als tüchtig abſtrafen. Ich aber, Gneiſenau, ich denke nicht ſo, ich kann's nicht vergeſſen, wie viel Schmach uns die Franzoſen angethan haben, kann's nicht vergeben, daß ſie uns mit Uebermuth und Hohn ſo in den Staub getreten haben, daß man ſich beinah ſchämen mußte, ein Deutſcher zu ſein. Es iſt eine Ehrenſache, daß wir die Franzoſen ſtrafen, eine Ehrenſache, daß wir die Brücke von Jena zerſtören, da⸗ mit alle Welt ſehen kann, daß wir auch empfindlich ſind für unſeren Ruhm, und daß'n Deutſcher eben ſo viel Gefühl für Ehre hat, eben ſo eiferſüchtig iſt auf ſeinen Ruhm, als jedes andere Volk. Wir haben uns viel gefallen laſſen, darum müſſen wir nun auch viel Revanche nehmen. Leider denken nicht alle Deutſche wie Sie, Durchlaucht, ſeufzte Gneiſenau. Selbſt unſere preußiſchen Waffenbrüder ſind zum Theil anderer Meinung. Der General Zieten war vorher hier, um gegen die Sprengung der Brücke zu proteſtiren. Er meint, die Sache ſei dem Vertrag der Uebergabe von Paris nicht gemäß, und dürfe daher nicht geſchehen. Ich will ihm zeigen, daß ſie geſchehen darf und ſoll, rief Blücher zornerglühend. Gneiſenau, ſchreiben Sie mal gleich auf der Stelle in meinem Namen an den General von Zieten in Paris. Da liegt Feder und Papier. Sie ſind nun doch einmal immer meine Hand und mein Kopf, und verſtehen ſich beſſer auf die Feder als ich. Schreiben Sie alſo, was ich Ihnen dictiren will. Gneiſenau nahm die Feder, und Blücher, mit den Fingern auf 704 den goldenen Bienen des Divans trommelnd, dictirte:„Ew. Excellenz wollen ſich auf keine Weiſe, durch Niemand, wer es auch ſei, von der Sprengung der Brücke von Jena abhalten laſſen, indem ich Ihnen nochmals den beſtimmten Befehl dazu wiederhole. Sind die Anſtalten ſo weit, daß die Brücke geſprengt werden kann, ſo ſoll es ſogleich ge⸗ ſchehen, und der General von Bülow benachrichtigt werden, daß er ſeinen Einzug über die nächſte Brücke nimmt. Ich empfehle Eurer Excellenz nochmals die Beſchleunigung der Sprengung.“*) Na, und nu thun Sie mir den Gefallen, Freund Gneiſenau, und reiten Sie ſelbſt nach Paris, geben Sie dem General Zieten ſelbſt meinen Brief, und ſagen Sie ihm mündlich noch, was zu ſagen nöthig iſt, und daß die Sprengung geſchehen muß, hören Sie, geſchehen muß, um Preußens Ehre wieder rein zu waſchen von dem alten Schmutz⸗ fleck an ſeiner Stirn. Wir haben uns wieder aufgerichtet aus der Erniedrigung, wir können's Haupt wieder muthig erheben, und wir wollen eine reine, fleckenloſe Stirn haben. Das ſagen Sie dem Zieten, mein Freund, und ſagen Sie ihm, er ſoll nicht ſo devot und dienſt⸗ befliſſen gegen die Franzoſen ſein, und nicht ſo bei dem franzöſiſchen König herumſcharwenzeln, und ſich liebes Kind machen. Was wär' denn der Monſieur Louis von Gottes Gnaden, wenn wir Preußen ihn nicht auf der Spitze unſerer Bajonette wieder auf ſeinen Thron'rauf gehoben hätten? Daran ſoll der Herr König von Frankreich noch ein Bischen gedenken, und nicht ſo übermüthig werden, und darum habe ich ihm vor ſeinen Tuilerien recht hübſche große preußiſche Kanonen aufgefahren, die Mündung gerade gegen das Schloß gerichtet, und darum ſtehen bei den Kanonen und als Wache vor dem Schloß preu⸗ ßiſche Artilleriſten, damit der König doch daran denkt, daß wir Preu⸗ ßen eigentlich die Herren von Paris ſind, und der Lilienthron durch das Feuer preußiſcher Kanonen wieder aufgeblüht iſt. Sagen Sie das Alles dem Zieten, General, und ſagen Sie ihm, morgen Mittag muß die Sache abgethan ſein.. Ich werde ihm genau die Worte Eurer Durchlaucht wiederholen, ₰ i — — *) Varnhagen v. Enſe: Leben des Fürſten v. Wahlſtatt. 476. 6 705 ſagte Gneiſenau, und ich werde ſelbſt nachſehen, wie weit die Vorar⸗ beiten zur Sprengung an der Brücke gediehen ſind. Leben Sie wohl, Durchlaucht. 6 General Gneiſenau war kaum hinaus gegangen, als Blüchers Stentorſtimme nach Chriſtian Hennemann rief. Sofort öffnete ſich eine Seitenthür und der Pipenmeiſter trat ein, den Pfeifenkaſten in der Hand und eine lange Thonpfeife im Munde. Mit gravitätiſcher Gleichgültigkeit ſchritt er über den ſchönen türkiſchen Teppich, der den Fußboden bedeckte, dahin, und ſetzte den Pfeifenkaſten mitten auf den mit Landcharten bedeckten Tiſch, an dem Napoleon ſonſt ſeine Schlachten überdacht hatte. Blücher, lang ausgeſtreckt auf dem Divan, und recht mit Behagen ſeine Sporenſtiefel auf die goldenen Bienen legend, ſchaute dem Trei⸗ ben ſeines Pipenmeiſters mit vergnüglichem Geſicht zu, und lachte laut auf, als dieſer jetzt in gemüthlicher Ruhe das Fevermeſſer von dem kaiſerlichen Schreibtiſch nahm, und es als Bohrer für die Thonpfeife ſeines Herrn benutzte, damit der Taback in der Pfeife ein wenig auf⸗ loderte. Ich wollt' man blos, rief er, der Bonaparte könnte einen Augen⸗ blick hier hereinſchauen, und zuſehen, wie's der Blücher ſich in ſeinem Kabinet ſo recht bequem gemacht hat. Na nu ſag mal, Pipenmeiſter, wie gefällt es Dir deun nu hier in der kaiſerlichen Reſidenz in St. Cloud? Biſt Du zufrieden mit dem Quartier, und möchteſt immer ſo hier wohnen? Nein, ſagte Chriſtian verächtlich, möcht' nicht in dem langweiligen Putzſchrank immer drin ſtecken. Es iſt mir zu fein und zu blank hier. N ehrlicher Menſch muß immer fürchten, daß er auf dem ſpiegel⸗ glatten Fußboden hier ausgleitet, und auf die Naſe fällt, und dann würden die Franzoſen ſagen, die dummen Deutſchen könnten nicht auf ihren eigenen Füßen ſtehen. Iſt'n übermüthiges Volk, die Franzoſen, und dabei ſind ſie doch ſo dumm, daß ſie nich mal deutſch verſtehen, und ganz verwundert die Augen aufreißen, wenn'u ehrlicher Kerl ihnen die Ehre anthut, und ſie deutſch anredet. Sollten doch dankbar ſein, daß wir gar hochmüthig und ſtolz thun, obwohl wir Sieger Muhlbach, Napoleon Bd. 45 706 ſind, und daß wir mit ihnen reden wollen in unſerer Sprach'! Aber ſie verſtehen ſie nicht, und wollen ſie auch nicht lernen, und ſind über⸗ haupt noch immer übermüthig und unangenehm. Ich wollt', wir wä⸗ ren erſt hier fort aus dem abſcheulich ſchönen Schloß! Was geht mich die Pracht an, die mir nicht gehört! Ne Bauernhütte, die mir gehört, iſt mir lieber als all' die Herrlichkeit hier, und'ne Biene, die in mei⸗ nem eigenen Bienenkorb ſummt, iſt tauſend Mal mehr werth, als all' die goldenen Bienen da auf Ihrem Sopha. Haſt Recht, Pipenmeiſter, ſagte Blücher, behaglich ſeine Pfeife dampfend, die goldenen Bienen haben dem Bonaparte nicht ſo viel Honig geſammelt, als'ne einzige Biene ſammelt, die der liebe Gott geſchaffen hat. Na, ſei man ruhig, Pipenmeiſter, wenn wir nun wie⸗ der nach Kunzendorf heimkehren, und ſo Gott will, ſoll das bald ge⸗ ſchehen, dann ſollſt Du auch Deinen eigenen Bienenſtock haben, und Dein eigenes Haus. Hab' mir ſchon Alles hübſch ausgedacht, wie's werden ſoll, und was ich aus Dir machen will, und hab' ſchon mei⸗ nen Schlachtplan fertig. Du haſt mir allzeit treu und mit rechter Herzenslieb' gedient, und ich bin Dir dafür, und auch für den Hieb bei Ligny— Du weißt doch noch, wo ich Dein Pferd durchſäbelte, und Du drunter zu liegen kamſt,— bin Dir für Alles das noch Deine Belohnung und Bezahlung ſchuldig. So, Herr Fürſt, rief Chriſtian trotzig, Sie wollen mich bezahlen und ablohnen, Sie denken, das geht man ſo. Ich kann Ihnen aber fagen, daß der Chriſtian Hennemann nicht den ganzen Krieg als tapfe⸗ rer Pipenmeiſter mitgemacht hat, und in Sturm und Kanonendonner und Kartätſchenhagel immer dicht hinter ſeinem tollen Feldherrn ge⸗ blieben iſt, blos um nachher bezahlt zu werden. Um Geld und Lohn hätt' ich nicht meine Arm und Beine zerſchlagen und zerſchießen laſſen, und's Vaterland hab' ich juſt auch nicht damit gerettet, daß ich, wenn die Kugeln ſauſten und die Kartätſchen pfiffen, doch immer'n Stum⸗ mel für den Feldmarſchall bereit hielt. Ich hab's blos gethan, weil ich meinen Feldmarſchall lieb habe, weil er meinem alten Vater ſo'n ſchönes ſorgenloſes Leben bereitet hat, weil er ſich meiner erbarmt, und aus'nem dummen Dorfteufel, der ich war, als ich zu Ihnen kam, F e— — — 707 einen anſehnlichen reſpectabeln Menſchen und vornehmen Pipenmeiſter gemacht hat. Ich hab's blos gethan, nicht weil Sie der Fürſt ſind, ſondern weil Sie der Blücher ſind, und weil Sie ſich, obwohl Sie en vornehmer Herr ſind, doch'n gutes, braves mecklenburgiſches Herz bewahrt haben, und weil Sie's liebe Mecklenburg und Ihr Mutting und Vating nicht vergeſſen haben. Darum bin ich Ihnen treu geweſen, und bin mit Ihnen durch Dick und Dünn geſtampft, darum blos, weil ich Sie lieb habe. Aber ſo was läßt ſich nicht belohnen und bezahlen, und darum laſſen's man gut ſein damit. Ich will bleiben, was ich bin, der Pipenmeiſter, und damit Baſta! Nein, damit nicht Baſta! rief Blücher lachend. Du ſollſt der Pipenmeiſter bleiben, aber Du ſollſt noch was Anderes werden, Chriſtian. Red' mir nicht dagegen, der König hat mich belohnt, und ich muß Dich belohnen. Du ſagſt, das Vaterland hätteſt Du nicht gerettet, daß Du mir mitten in der Schlacht immer'nen Stummel bereit ge⸗ halten hättſt! Aber ich hätt' doch nicht commandiren und Schlachten gewinnen können, wenn meine Pfeife nicht ordentlich gebrannt hätte. Alſo im Grunde genommen haſt Du eigentlich das Vaterland ge⸗ rettet, denn ſie ſagen ja, daß ich es gerettet hab'. Aber der liebe Gott da droben, der hat freilich das Meiſte und Beſte gethan, und alſo wollen wir denn auch nicht übermüthig werden, ſondern fein be⸗ ſcheiden bleiben, und dem lieben Gott die Ehre geben. Aber blos Pipenmeiſter kannſt Du nicht bleiben, Chriſtian, eben ſo wenig, als ich bloßer geblieben bin. Mein Förſter iſt geſtorben, wie Du weißt, na, und Du wirſt nun Förſter in Kunzendorf, Chriſtian. Ha ſt Dein eigen ₰ und Feld, ſiehſt darauf, daß die Diebe mir's Holz nicht fällen, das Wild nicht aus dem Wald mauſen, und ſchießt mir recht viel Wild. Na, biſt Du zufrieden, Chr iſtian? Ja, rief Chriſtian mit Thränen in den Augen, wär' zufrieden und glücklich, wenn's Förſterhaus micht im Wald Rge. Aber es liegt im Wald, und alſo nehme ich vie Stelle nicht ai, und dank' dem Herrn Fürſten viel Mal. Wie? Grauelt Dir vor'm Wald? fragte Blücher erſtaunt. Nein, nicht vor'm Wald grault mir, aber davor, daß ich ſo weit 45 — ————— 708 von Ihnen fort ſoll, und daß ich dann nicht mehr ordentlich für Sie ſorgen kann. Wer ſoll denn Ihre Pfeifen ſtoppen, wenn ich im Wald bin und Haſen ſchieße? Was ſoll denn aus Ihnen werden, wenn der Stummel nicht brennt? Es geht nicht, Herr Fürſt, ich kann nicht Förſter werden, ich muß Pipenmeiſter bleiben. Na, denn bleib's, Chriſtian, rief Blücher fröhlich. Aber das kleine Haus, was am Garten ſteht dicht beim Schloß, das ſchenk' ich Dir, und da drin ſollſt Du wohnen, und Dein Stück Ackerland ſollſt Du haben, und Deine eigene Wirthſchaft auch, und'ne Frau ſollſt Du Dir nehmen, und die Male und ich, wir beſorgen Deiner Braut die Ausſteuer, und geben die Hochzeit. Und Chriſtian, ich weiß auch ſchon'ne Frau für Dich! Der Dorfſchulze hat'ne hübſche Tochter, und er iſt reich. Die Tochter ſollſt Du heirathen. Danke ſchön, ſagte Chriſtian gelaſſen, die iſt mir viel zu hübſch und zu reich. Nun, das ſind Fehler, die man ihr verzeihen kann, lachte Blücher. Wenn Du ſonſt nichts an ihr auszuſetzen haſt— Ich hab' aber ſonſt noch was an ihr auszuſetzen. Sie iſt keine Meklenburgerin, ſie kann nicht Plattdeutſch ſprechen, und's gruſſelt mir, wenn ich denk', ich ſollt' mit meiner Frau immer Hochveutſch ſprechen. Nein, Durchlaucht, ich ſprech' mit meinem Vating, mit'n lieben Gott, und manchmal auch mit meinem lieben Fürſten Blücher Plattdeutſch, und alſo muß ich auch mit meiner Frau Plattdeutſch ſprechen können. Na, denn geh' nach Mecklenburg, und ſuch' Dir'ne Frau. Hab' da ſchon eine gefunden, Herr Fürſt. Die Hanne in Pol⸗ chow auf dem Herrenhof, das iſt ſchon ſeit vier Jahren meine Braut, und die und keine andere foll meine Frau werden. Iſt ſie hübſcho Hat ſie Geld? Hübſch? Ich weiß nich, Durchlaucht, aber ſie iſt'ne dralle Dirn mit'nen Paar luſtigen Augen, uhd zweiunddreißig geſunden Zähnen im Mund, und hat rothe Backen, und ſchöne blonde Haare. Ob ſie Geld hat? Nich ſo viele Thaler als ſie Zähne hat, aber ſie kann ar⸗ beiten, und ihre Hände rühren, iſt flink und geſchickt, ſingt und lacht ne it, u ine elt ſch 709 den ganzen Tag bei der Arbeit, und verſteht'n Mittagbrod zu kochen, wie keine Andere. Na, ſo nimm ſie, Chriſtian, die Ausſteuer und die Hochzeit be⸗ ſorge ich.* Hurrah, rief Chriſtian, ich foll die Hanne friegen! Die Hanne ſoll meine Frau werden! Ach, lieber Herr Fürſt, ich dank' Ihnen, ich vin ſo glücklich, daß ich heulen und weinen könnt', und— ich glaub', ich thu's ſchon. Ich bin's ſonſt gar nicht gewohnt geweſen, glücklich zu ſein, und darum muß ich nu weinen, und, und— Na, na, weine nicht, Chriſtian, ſagte Blücher, ſich ſchnell mit der Hand über die Augen fahrend, Du biſt ein prächtiger, guter Burſche, und der liebe Gott wird geben, daß Du noch recht lange glücklich biſt, und Dich gewöhnſt an das Glück. Und— es klopft! Sieh mal nach, wer da kommt! Chriſtian trocknete raſch ſeine Thränen, und eilte nach der Thür hin. V. Der Blüchertoaſt. Es war der Adjutant des Fürſten, Graf Noſtitz, welcher Einlaß begehrte. Er meldete, daß ſo eben ein reitender Bote von dem Gra⸗ fen von der Golz, dem preußiſchen Geſandten in Paris, hier in St. Cloud eingetroffen fei, und überreichte dem Fürſten einen Brief des Grafen von der Golz, den der Bote für den Feldmarſchall über⸗ bracht hatte. Na, ich kann mir ſchon denken, was der Graf will, brummte Blücher. Hat ſchon einmal an mich geſchrieben, und mich um Scho⸗ nung und ſubtile Behandlung der Herren Franzoſen gebeten. Iſt auch einer von Denen, welche meinen, man mißte die Franzoſen immer 710 mit ſeidenen Handſchuhen anfaſſen, und recht höflich und artig gegen ſie ſein, damit man dadurch beweiſe, daß man ſelber ein feiner und gebildeter Mann ſei und Reſpect habe vor den feinen, klugen Fran⸗ zoſen. Ich hab' aber gar keinen Reſpect vor ihnen, und mir iſt's ganz egal, ob ſie mich für einen Barbaren halten, ich will man blos ſie abſtrafen und Deutſchland rächen, weiter nichts. Na, nun wollen wir mal ſehen, was der Herr Graf ſchreibt. Er ſchlug den Brief auseinander und las. Aber ſeine Züge nahmen während des Leſens einen zornigen Ausdruck an und ſeine dicken weißen Augenbraunen zogen ſich dichter zuſammen. Noſtitz, rief er, wiſſen Sie, was der Graf von mir will? Er ver⸗ langt, daß ich die Brücke von Jena nicht ſprengen ſoll, er meint, man würde das als eine barbariſche Grauſamkeit rügen und auch unſer König würde unzufrieden⸗damit ſein. Und die Hauptſach iſt, daß er hinzufügt, der Herr Fürſt von Talleyrand ſei eben bei ihm geweſen, und in des Herrn Fürſten Namen ſolle er mich dringend um die Er— haltung der Brücke erſuchen. Na, was ſagen Sie dazu, Noſtitz? Graf Noſtitz zuckte die Achſeln und ſchwieg. Ich will Ihnen zeigen, was ich dazu ſage, rief Blücher. Warten Sie mal hier, ich will gleich ſelbſt die Antwort an den Grafen ſchrei⸗ ben und Sie können ſie dem Boten geben. Ih, ſehen Sie mal, der Herr Fürſt von Talleyrand läßt bitten, daß die Brücke von Jena nicht geſprengt werde! Er trat raſch zu dem Schreibtiſch hin, an welchem Napoleon ſo oft ſeine ſtolzen und hochfahrenden Briefe an den König von Preußen geſchrieben, und mit fliegender Hand warf er einige Zeilen von kühner, rieſengroßer Schrift auf das Papier hin. So, ſagte er dann, nun hören Sie mal meine Antwort an den Grafen! Und mit hochfliegendem Athem, das Antlitz noch geröthet von Zorn, las Blücher:„Herr Graf! Ich habe beſchloſſen, daß die Brücke ge⸗ ſprengt werden ſoll, und kann Euer Hochgeboren nicht verhehlen, daß es mich recht lieb ſein würde, wenn Herr Talleyrand ſich vorher druf⸗ ne ⸗ an er 711 ſetzte, welches ich Euer Hochgeboren bitte, ihn wiſſen zu laſſen.“*) Na gefällt Ihnen der Brief, Noſtitz? Er iſt ein Muſter ron militairiſcher Kürze und Entſchiedenheit, ſagte Graf Noſtitz lachend. Aber ich fürchte, daß der Herr Talleyrand Ihren Wunſch leider nicht erfüllen wird. Für Frankreich wär's aber am Beſten, wenn er's thät, ſagte Blücher. Der Talleyrand, das iſt der Vater der Schelme und Diplo⸗ maten und der hat viel Unglück und Noth über Frankreich gebracht! Ich will Ihnen was ſagen, Noſtitz, die Diplomaten, das iſt'ne ſchlimme Sippſchaft, und was die brauen und zuſammenrühren, damit die Völker es austrinken, daran verderben die armen Völker ſich immer den Magen, und werden krank davon, und nachher muß der Soldat doch immer gerufen werden und als tüchtiger Chirurg die Quackſal⸗ bereien der Diplomaten wieder gut machen. Ja, es iſt wahr, ſagte Graf Noſtitz, ſie haben auf dem Congreß in Wien nichts Gutes zu Stande gebracht, und es iſt nichts heraus⸗ gekommen bei all' ihren Berathungen. Der Bonaparte iſt dabei rausgekommen, den haben ſie entwiſchen laſſen. Geredt und geſchrieben haben ſie genug, aber die Augen haben ſie nicht aufgethan, und ſtatt die Inſel gehörig zu bewachen, haben ſie getanzt und ſich amüſirt, und Länder und Völker vertheilt, als wären's Bonbonnièren, vie ſie ſich im Cotillon austheilen. Aber das tapfere Schwert des Feldmarſchalls Blücher, das hat doch Alles wieder gut gemacht, was die Diplomaten verdorben hatten, und hat Europa befreit von dem Unhold, der ſo lange wie ein Alp es bedrückte. Nicht ich allein, Noſtitz. Mein Bruder Wellington, der hat eben ſo viel gethan als ich, und ich hab' ihm blos geholfen, die Schlacht von Belle⸗Alliance zu gewinnen. Mich kränkt's aber noch immer, Noſtitz, daß der Bonaparte mir doch noch einen Sieg abgewonnen und daß er bei Ligny mich zum Rückzug gezwungen hat. Und wenn ich denke, daß es mir noch weit ſchlimmer hätte gehen können, daß ich, *) Varnhagen. Fürſt Blücher von Wahlſtatt. 475. 712 wenn Sie mir nicht zu Hülfe gekommen wären, den Franzoſen in die Hände gefallen, daß ich ihr Gefangener geworden wär' und ſie mich in Triumph nach Paris geſchleppt hätten— Noſtitz, da hätten Sie mir doch wohl eher das Leben genommen, als mich ſolcher Schmach preisgegeben? Sagen Sie ſelbſt, ehe mich die Franzoſen fortgeſchleppt hätten, was hätten Sie gethan? Was ich gethan hätte? Ich weiß es nicht, aber ich weiß es wohl, was ich hätte thun ſollen! Mir'nen Gnadenſtoß geben! Denn eine Gnade wär's geweſen, mir lieber den Tod zu geben als mich den Franzoſen lebendig in die Hände fallen zu laſſen. Na, der liebe Gott hat nicht gewollt, daß es ſo kommen ſollt', er hat es mir gegönnt, daß ich Revauche nehmen ſoll für Alles, was der Bonaparte mir angethan, daß ich auch Re⸗ vanche nehmen ſoll an den Franzoſen. Aber die Revanche muß gründ⸗ lich ſein! Und darum muß die Brücke von Jena geſprengt werden. Siegeln Sie alſo meinen Brief zu und geben Sie ihn an den Courier des Grafen von der Goltz.— Na, nu hoffe ich, wird es zu Ende ſein, murrte Blücher vor ſich hin, als er wieder allein war, nu werden ſie mich in Ruh' laſſen mit dem Flennen und Wimmern, und es wird bald ein tüchtiger Kracher von Paris herübertönen, und wird mir verkünden, daß man meine Befehle reſpectirt hat und daß die Brücke geſprengt iſt!— Aber Blücher ſollte ſich in dieſer Hoffnung doch getäuſcht ſehen. Statt des„Krachers“, den er erwartete, kam abermals ein Courier von Paris daher geſprengt. Dieſer Courier trug die Livrée des Königs von Frankreich und überbrachte von dem Oberhofmarſchall des Königs ein ſehr höfliches, ſehr verbindliches Schreiben, in welchem der Oberhofmarſchall den Fürſten Blücher im Namen des Königs erſuchte, ſofort ſich in die Tuilerien zu begeben, woſelbſt König Ludwig ihn in einer dringenden und unaufſchiebbaren Sache augenblicklich zu ſprechen wünſche. Ich kenne die dringende und unaufſchiebbare Sache ſchon, ſagte Blücher achſelzuckend. Der König will nun ſelber verſuchen, was Talleyrand nicht hat zu Stande bringen können. Ich hätt's nun zwar 713 nicht nöthig, dem König den Willen zu thun, und zu ihm zu kommen, um die„Gnade einer Audienz“, wie ſie das nennen, zu genießen. Aber ich will's thun, um der Sache endlich ein für alle Mal ein Ende zu machen. Ich will zu dem König hingehen, und ich will ihm ſagen, daß er ſich keine Mühe weiter geben ſoll und daß die Brücke voch ge⸗ ſprengt wird.—— Ludwig der Achtzehnte ſaß auf ſeinem breiten hochlehnigen Lehn⸗ ſtuhl, deſſen ungeheuere Weite ganz von der rieſigen Körpermaſſe des alten, ſiechen, gichtlahmen Königs ausgefüllt war. Er blickte mit dü⸗ ſterem traurigen Auge aus dem Fenſter auf die Kanonen hin, die ihre weiten Mündungen gerade ſeinem Fenſter zugewandt hatten. Ach, ſeufzte er leiſe, dieſe preußiſchen Kanonenſchlünde ſagen mir nicht wie meine Hofleute Schmeicheleien, ſondern ſie ſprechen zu mir mit ſehr herben Wahrheiten. Nicht die Liebe und der Enthuſiasmus meiner Unterthanen hat genügt mich auf meinen Thron zurückzuführen, ſondern es bedurfte dazu noch der Hülfe meiner ſogenannten Freunde, welche ſich aber dabei ſehr als meine Feinde darſtellen, und deren in⸗ ſolente Kanonenſchlünde mir ſagen, daß ich kein freier, ſelbſtſtändiger König bin, ſondern ein Gefangener meiner Befreier! Sire, ſagte die ſchöne Gräfin Du Cayla, welche neben dem König auf dem kleinen Tabouret ſaß, und ihre großen brennenden Augen mit einem zärtlichen Ausdruck auf den König heftete, Sire, dieſe Herren Preußen werden ſich ohne Zweifel beeilen, ihre Kanonen hier fortzubringen, da Ew. Majeſtät ſeit geſtern wieder in den Tuilerieen reſidiren. Wahrſcheinlich hat Ew. Majeſtät ſchnelle Ankunft ſie über⸗ raſcht, und ſie haben nur aus Verſehen die Kanonen hier zurückgelaſſen, welche ſie aufgeſtellt, ſo lange Ew. Majeſtät noch nicht da waren, und man von den Bonapartiſten noch Ruheſtörungen und Revolten erwar⸗ ten konnte. Es iſt indeſſen ſehr traurig, daß es unter meinen Unterthanen noch immer Bonapartiſten giebt, ſeufzte Ludwig. Leute, die ihren an⸗ geſtammten, rechtmäßigen König anerkennen wollen, und ihm einen Uſurpator vorziehen. Ach meine Liebe, ich unterzeichne wohl meine Decrete als in dem einundzwanzigſten Jahre meiner Regierung, 714 aber ich weiß ſehr wohl, daß ich noch nicht ein Jahr regiert habe, und daß ich auch in dieſem Jahr mehr von den Umſtänden und der Charte regiert ward, als aus meinem eigenen Willen heraus regierte. Gott weiß, es ſind ſehr viele Dornen in dieſer Krone von Frankreich, und wahrlich, meine lieben Freunde, die Feinde verwunden meine Stirn eben ſo ſehr, wie die Bonapartiſten. Sie wollen mir jetzt eine neue Schmach bereiten, die Brücke von Jena vernichten! Aber Ew. Majeſtät werden das nicht zugeben, rief die Gräfin, Sie werden es dieſen Barbaren verbieten, ein Denkmal des Ruhms von Frankreich zu zerſtören. Wenn ich wirklich König wäre, und verbieten könnte, ſeufzte Ludwig, dann würde ich die Barbaren verjagen, und Frankreichs Denk⸗ mäler hätten nichts von ihrer Brutalität zu fürchten. Sire, ſagte der Oberhofmarſchall, welcher leiſe in das Kabinet eingetreten war, der Fürſt Blücher iſt eben in die Tuilerien gekom⸗ men, und bittet Ew. Majeſtät demüthig um die Gnade einer Audienz. Höflingsphraſen, ſagte Ludwig achſelzuckend, Sie wiſſen wohl, daß ich den Fürſten habe bitten laſſen, zu mir zu kommen, laſſen Sie ihn eintreten. Und Sie, meine Liebe, treten Sie hinter den Schirm dort, und ſeien Sie eine unſichtbare Zeugin meiner Unterredung mit dem Fürſten Blücher.— Die Thür öffnete ſich, und unter Vortritt des Oberhofmarſchalls trat Fürſt Blücher in ſeiner einfachen Huſaren-Uniform, ohne Orden und Stern auf der Bruſt, zu dem König ein. Mit einer leichten, wenig ceremoniellen Verbeugung näherte er ſich dem König, der ihm, in ſeinem Lehnſtuhl ſitzend, einen gnädigen Gruß zunickte. Sire, ſagte Blücher, der Anrede des Königs zuvorkommend, Ew. Majeſtät haben mich hieher befohlen, und ich bin gekommen, aber ich benachrichtige Eure Majeſtät, daß ich durchaus kein Wort franzöſiſch verſtehe. Mein Herr, ſagte der König, meine Mutter war eine Deutſche, ich darf daher Ihre Sprache faſt meine Mutterſprache nennen, und wir wollen uns alſo in derſelben unterhalten. Herr Feldmarſchall, 1 715 die Feinde des Königs, Ihres Herrn, behaupten, daß Sie auf ſeinen Befehl ein Monument meiner Hauptſtadt zerſtören wollen, deſſen Name allein Ihren Verdruß erregen kann,— ich will aber dieſer Behaup⸗ tung keinen Glauben ſchenken. Aber da ich meinen Alliirten gefällig zu ſein wünſche, habe ich Befehl gegeben, daß die Brücke von Jena von jetzt an Brücke der Militairſchule genannt werde, und ich habe Ihnen das ſelbſt ſagen wollen, damit Sie Ihren Souverain davon benachrichtigen. Sire, ſagte Blücher rauh, ich kann nicht ein Monument in Paris beſtehen laſſen, das eine Beleidigung für meine Nation iſt. Die Brücke von Jena muß verſchwinden, und ihre Trümmer ſollen der Nachwelt ein Zeugniß ſein, daß Preußen nicht gezögert hat, ſeine Revanche zu nehmen. Sie ſind ſehr ſtrenge, Herr Feldmarſchall. Genügt es Ihnen nicht, zwei Mal mit bewaffneter Hand in Paris eingezogen zu ſein, und wollen Sie empfindungsloſe Steine für den Namen ſtrafen, den man ihnen gegeben? Bonaparte hat die Victoria vom Thor in Berlin fortgenommen, rief Blücher heftig, wir müſſen Repreſſalien gebrauchen. Dann wäre es eigentlich richtiger, daß Sie die ganze Brücke fort⸗ nähmen, ſtatt das Sie ſie in den Fluß werfen, ſagte der König mit einem ironiſchen Lächeln. Blücher ſchleuderte auf ihn einen wilden, trotzigen Blick. Nichts wird mich abhalten von meinem Vorſatz, rief er. Ich will eine ecla⸗ tante Rache nehmen für alle Beleidigungen, die mein Vaterland erduldet hat. Sie wollen alſo auf mein Haupt die Beleidigungen zurückfallen laſſen, die Sie vielleicht von einem Andern erduldet haben, ſagte der König in lautem, zürnendem Ton. Ich rathe ihnen indeſſen, Feld⸗ marſchall, mich nicht auf's Aeußerſte zu treiben. Ich könnte ſonſt einen verzweifelten Entſchluß faſſen, der auf der Stelle meiner Krone ihre Würde wiedergeben, und die vermeintlichen Sieger in eine miß⸗ liche Lage bringen könnte. Thun Sie das, Sire, ſagte Blücher trotzig, es muß ein Jeder „ — ——— — — 716 nach ſeinen Grundſätzen und ſeinem Gewiſſen handeln, ich werde das auch thun, und habe die Ehre, mich Ew. Majeſtät zu empfehlen.*) Er verneigte ſich flüchtig, und dem König den Rücken zuwendend, verließ er mit lauten, dröhnenden Schritten das Kabinet. Der König ſchauete ihm mit blitzenden Augen nach, und als die Gräfin du Cayla wieder hinter dem Schirm hervortrat, ſah ſie, daß Ludwig ſich ganz allein aus ſeinem Lehnſtuhl erhoben hatte, und ſeiner Gicht und ſeiner Schmerzen nicht achtend, zu ſeinem Schreibtiſch hinging. Sire, rief die Gräfin zu ihm hinſtürzend, um ſeine ſchwerfällige, wankende Geſtalt zu unterſtützen, Sire, was wollen Sie thun? Ich will an den König von Preußen ſchreiben, rief Ludwig mit vor Zorn zitternder Stimme. Ich will meine Ehre nicht ruhig er⸗ würgen laſſen, und ich will Denen, welche es bezweifeln wollen, be⸗ weiſen, daß noch Muth in dieſem von Schmerzen geſchwächten Körper wohnt.— Er nahm haſtig die Feder, und ſchrieb: „Mein Herr Bruder! Der Feldmarſchall Blücher mißbraucht Ihre Befehle, um die Zerſtörung der Brücke von Jena, deren Namen ich verändert habe, und die jetzt Brücke der Militair⸗Schule heißt, an⸗ zuordnen. Dieſe unpaſſende Handlung könnte mich leicht mit meinen Unterthanen in Unfrieden bringen, weil ſie glauben könnten, ſie ſei mit meiner Zuſtimmung geſchehen. Sie würde meine Krone in Miß⸗ kredit bringen, denn ich bin in Paris, und ich ſetze voraus, daß Paris noch immer meine Reſidenz iſt. Ich bitte Ew. Majeſtät, mit Ihrer Autorität einzuſchreiten; es iſt eine Gnade, welche ich von Ihnen er⸗ flehe. Wenn Sie indeſſen mir dieſelbe nicht bewilligen wollen, ſo be⸗ ſchränke ich mich darauf, Sie aufzufordern, mich die Stunde wiſſen zulaſſen, in der man die Brücke zerſtören will, damit ich mich alsdann mitten auf dieſelbe ſetzen kann. Ludwig.“**) *) Dieſe ganze Unterredung iſt hiſtoriſch. Siehe darüber: Mémoires d'une dame de qualits. Vol. I. S. 320. **) Dame de qualité. I. 322. Während ein Courier mit dieſem Handſchreiben Ludwig des Acht⸗ zehnten an den König von Preußen nach dem unweit von Paris be⸗ legenen Hauptquartier des Monarchen hineilte, ſchrieb Blücher, nach St. Cloud zurückgekehrt, an den General von Zieten: „Euer Excellenz wollen die Sprengung der Brücke von Jena mit größter Thätigkeit fortſetzen, damit dieſes zu unſerer Beſchimpfung er⸗ richtete Denkmal ſpäteſtens bis morgen früh um zehn Uhr vernichtet ſei. Ew. Excellenz wollen in dieſer Hinſicht allen Einwendungen, ſelbſt von engliſcher Seite, gar kein Gehör geben, und nur dahin ſtreben, dieſe Arbeit in kürzeſter Zeit zu beendigen. Blücher.“*) Am andern Morgen um zehn Uhr tönte von Paris her lautes Donnern und Krachen, welches das Herz des alten Blücher mit Freude erfüllte. Hurruh, Gneiſenau, rief er frohmüthig. Es iſt geſchehen. Die Jena⸗Brücke iſt zerſtört. Nun können wir Preußen uns ſtolz in Paris zeigen. Das Denkmal unſerer Schmach iſt vernichtet. Aber eine halbe Stunde ſpäter ſprengten zwei Couriere in den Hof des Schloſſes von St. Cloud. Der eine brachte vom General von Zieten die Nachricht, daß die Sprengung der Brücke mißlungen und das Pulver in der Luft zerplatzt ſei, aber die Brücke nur wenig beſchädigt habe.**) Der zweite Courier überbrachte dem Fürſten ein Hanbſchreiben des Königs von Preußen, in welchem derſelbe ſeinem Feldmarſchall vie eruſte und beſtimmte Weiſung gab, von der Sprengung der Brücke abzuſtehn, und keine weitern Verſuche deshalb zu machen. Es iſt vorbei, ſagte Blücher, die Franzoſen haben nun doch wie⸗ der geſiegt, und mir'ne Schlacht abgewonnen. Unſere Schmach von Jena bleibt beſtehen, und alle unſere Siege haben ſie nicht ausgelöſcht. Ach, Gneiſenau, ich fange an zu glauben, daß alle unſere Siege, und alles Große, was die Deutſchen in dieſen letzten Jahren gethan, und alle ihre Heldenkämpfe doch vergeblich geweſen, und daß für das arme *) Varnhagen v. Enſe: Fürſt Blücher von Wahlſtadt. 476. **) Varnhagen. 477. ————————— 1 — 718 deutſche Volk wenig Vortheil und Segen davon übrig bleiben wird. Wir Soldaten, und das tapfere deutſche Volk, wir hatten unſere Sache wohl recht gut gemacht, aber die Diplomaten, die Diplomaten, die haben Alles verdorben. Was wir auf den Schlachtfeldern erworben, das iſt in Wien von den Herren des Congreſſes wieder fortgeworfen worden, und nun wird Alles bleiben, wie es iſt, und das deutſche Volk wird immer der Aſchenbrödel der Nationen bleiben!— Am Abend dieſes Tages fand beim Herzog von Wellington ein großes Souper ſtatt, auf dem alle Generäle, Miniſter und Diplomaten der Alliirten verſammelt waren. Es war eine heitere und frohbewegte Geſellſchaft, und mancher Toaſt ward ausgebracht. Blücher indeß war heute ernſter und ſtiller, wie er ſonſt zu ſein pflegte, und ſchaute oft düſter vor ſich hin. Endlich, nachdem Wellington, neben dem er ſaß, einen langen und wortreichen Toaſt ausgebracht, erhob ſich auch Blücher von ſeinem Sitz. Er nahm ſein Glas, und ein trotziger Ausdruck leuchtete von ſeinem gerötheten Angeſicht. Na, ſagte er, jetzt will ich Euch auch einmal was ausbringen. Nu hört mal! Und mit blitzenden Augen umher ſchauend, rief er, ſein Glas hoch emporhebend: Mögen die Federn der Diplomaten nicht wieder verderben, was durch die Schwerter der Heere mit ſo vieler Anſtrengung gewonnen worden.*) *) Dieſer Toaſt machte damals durch ganz England die Runde, ward überall mit lautem Jubel aufgenommen und man nannte ihn den„Blücher⸗ Toaſt.“ Siehe: Varnhagen. 479. 719 VII. S5 Selernu. Am andern Tage, nachdem Napoleon ſich auf die Inſel Air be⸗ geben, waren alle Ausgänge des Hafens von engliſchen Schiffen blockirt, aber noch einmal ließen die jungen Marine-Officire dem Kaiſer ihre Dienſte anbieten, verſicherten, daß es ihnen mit ihren leichten Fahr⸗ zeugen gelingen werdve, allen engliſchen Kreuzern zum Trotz den Hafen zu verlaſſen und die hohe See zu gewinnen. Noch einmal ließ Capitain Baudin den Kaiſer beſchwören, ſich ihm anzuvertrauen und auf ſeinem däniſchen Schiff in dem ſichern Verſteck nach Amerika zu entfliehen. Der Kaiſer lehnte alle dieſe Vorſchläge ab. Schweigend und un entſchloſſen verweilte er zwei Tage noch auf der Inſel Aix. Dann berief er alle die Herren ſeines Gefolges zu einem Kriegsrath zuſam⸗ men und beſprach ſich mit ihnen über die zu ergreifenden Maßregeln. Vorher aber hatte der Kaiſer den Grafen Las Caſes noch einmal zu dem Capitain Maitland geſchickt, und dieſen fragen laſſen, ob er glaube, daß man dem Kaiſer, wenn er ſich freiwillig auf engliſches Gebiet begebe, dort gaſtliche Aufnahme bewilligen, oder ob man ihn als Gefangenen behandeln werde. Capitain Maitland hatte dieſe letztere Frage mit edlem Unwillen zurückgewieſen und erklärt, daß England ſich niem als ſo erniedrigen würde, Denjenigen, welcher ſich Schutz ſuchend auf Englands gaſt⸗ freien Boden begebe, als Gefangenen zu behandeln. Er hatte feierlich verſichert, daß Napoleon in England ehrenvolle Aufnahme finden werde. Er hatte hinzugefügt, daß er jetzt vom Admiral Hotham ſeine Verhaltungsbefehle erhalten habe und daher ganz bereit ſei den Kaiſer mit ſeinem Gefolge auf dem Bellerophon aufzunehmen, und daß, ſo⸗ bald er den Boden ſeines Schiffes betreten, er ſich auf engliſchem Boden und unter dem Schutz engliſcher Geſetze befinde. —* —— 720 Napoleon berieth ſich lauge und ausführlich mit ſeinem kleinen improviſirten Kriegsrath, und das Ergebniß der Berathung war, daß es das Beſte und Gerathenſte ſei, wenn der Kaiſer ſich mit ſeinem Gefolge auf den Bellerophon begebe, die Gaſtfreundſchaft Englands für ſich und ſeine Begleiter beanſpruche, und den Prinz⸗Regenten von England um ſeine Einwilligung zur Napoleons⸗Niederlaſſung in Eng⸗ land erſuchen ſolle. Ich will eigenhändig an den Prinz⸗Regenten ſchreiben, hi Na⸗ poleon, warten Sie, meine Herren, Sie ſollen meinen Brief leſen. Er ſetzte ſich, nahm die Feder zur Hand und ohne zu überlegen und zu ſinnen, warf er raſch einige Zeilen auf das Papier, das er dann dem Herzog von Rovigo darreichte. Leſen Sie, Herzog, ſagte er, leſen Sie laut, denn nur wenn mein Schreiben Ihrer Aller Billigung findet, will ich es unterzeichnen. Der Herzog las:„Königliche Hoheit! Im Kampf mit den Fac⸗ tionen, die mein Land zerfleiſchen, und mit der Feindſchaft der größten Mächte Europa's, habe ich meine politiſche Laufbahn beendigt. Ich komme, mich, gleich Themiſtokles an dem Heerd des britiſchen Volkes niederzuſetzen. Ich ſtelle mich unter den Schutz ſeiner Geſetze, welche ich von Ew. Königlichen Hoheit, als dem mächtigſten, ſtandhafteſten und großmüthigſten meiner Feinde beanſpruche.“*) Nun, fragte Napoleon, genügt das? Ja, Sire, ſagte General Bertrand traurig, es genügt vollkommen, wenn einmal Ihre Ueberſiedelung nach England feſt beſchloſſen iſt. Es iſt in dieſen wenigen Zeilen Alles geſagt und ausgeſprochen, was ein tapferer evler Beſiegter ſeinem großmüthigen Sieger ſagen und zugeſtehen kann, rikf General Gourgaud. Der Prinz⸗Regent wird dieſen erhabenen rührenden Worten nicht widerſtehen können, ſagte Savary, er wird ſich beeifern, dem edlen Vertrauen, welches Eure Majeſtät in ihn ſetzen, Ehre zu macheu. Der Kaiſer nahm die Feder und unterzeichnete. *) Mémorial de Saint-Hölene par le Comte de Las Oases. Quart⸗ Ansgabe. S. 6. ein en, hen⸗ gen icht len 72¹ General Gourgaud, ſagte er dann, ich ſende Sie als Boten mit dieſem Brief an den Prinz⸗Regenten von England. Sie werden mein Schreiben nur dem Prinz Regenten perſönlich übergeben. Sagen Sie ihm, daß ich nichts mehr begehre, nichts mehr fordere, als ein Aſyl, um darin ſtill und unbemerkt mein Leben zu beſchließen, daß meine Thatkraft erſchöpft, mein Ehrgeiz an Ueberſättigung geſtorben ſei. Sagen Sie ihm, daß ich gar keine Auszeichnungen, keine Ehrenbezeu⸗ gungen beanſpruche, und daß ich, um dieſe zu vermeiden, ſobald ich den Fuß auf den engliſchen Boden ſetze, meinen Namen, meinen Rang ablegen wolle. Nicht Napoleon wird in England eine Zuflucht finden, ſondern nur der Hauptmann Duroc.*)— Ich weiß, daß Duroc, wenn es ihm vergönnt iſt, auf dieſe Erde zu ſchauen, es zufrieden ſein wird, daß ich ihn wieder aufleben laſſe in mir, und mich unter den Schutz ſeines Namens ſtelle, um noch einige ſtille, friedliche Tage zu durchträumen.— Gehen Sie alſo, Gourgand, übergeben Sie dem Prinz⸗Regenten meinen Brief, ſagen Sie ihm, daß ich als Hauptmann Duroc in England landen will. Damit iſt Alles geſagt! Laſſen Sie aber erſt eine Abſchrift meines Briefes nehmen. Dieſe Abſchrift ſoll der Graf Las Caſes auf den Bellerophon zu dem Capitain Maitland tragen, und er ſoll ihm anzeigen, daß ich morgen mit Ihnen Allen an Bord des Bellerophon kommen werde!— Und wie der Kaiſer es beſtimmt hatte, ſo geſchah es. Am andern Tage, am funfzehnten Juli, begab ſich Napoleon mit ſeinem Gefolge an Bord des Bellerophon. Der Capitain Maitland empfing den Kaiſer an der Schiffsleiter ſtehend, alle übrigen Matroſen und Soldaten des Schiffs ſtanden in Parade auf dem Deck. Napoleon grüßte den Capitain mit einem leiſen Kopfneigen, und ſeine Augen feſt auf ihn heftend, ſagte er: ich komme zu Ihnen an Bord, um mich unter den Schutz der engliſchen Geſetze zu ſtellen. Capitain Maitland verneigte ſich ſtumm, und der Kaiſer ſchritt vorwärts durch die Reihen der engliſchen Marineſoldaten dahin, welche ihm die einem gekrönten Haupte ſchuldigen Ehrenbezeugungen erwieſen. *) Las Cases: Mémorial. S. 11. Mihlbach, Napoleon. IV. Bd. 722 Auf der kleinen Erhöhung am Vordertheil des Schiffs blieb der Kaiſer ſtehen, und ſchauete hinüber nach der franzöſiſchen Brigg, welche ihn hergebracht, und die jetzt bereit war, in den Hafen zurückzuſegeln. Die ganze Mannſchaft des franzöſiſchen Schiffes war auf dem Deck aufgeſtellt, alle Geſichter waren dem engliſchen Schiff zugekehrt, Aller Augen waren auf den Kaiſer geheftet, der da, allein, die Arme in einander geſchlagen, das bleiche Antlitz beſchattet von dem kleinen dreieckigen Hut, auf dem engliſchen Schiff ſtand, und ſeine düſter flammenden Blicke auf ſie heftete. Das Zeichen zur Abfahrt ward gegeben, und jetzt ſchwenkten die franzöſiſchen Soldaten und Matroſen ihre Mützen, ihre Arme empor, und mit lautem, donnerndem Brauſen tönte es herüber: Vive l'Empereur! Vive[Empereur! Es war das letzte Mal, daß Napoleon dieſen Ruf vernahm!—— Am andern Tage lichtete der Bellerophon die Anker, um nach England zu ſegeln, und dort, wie der Kaiſer meinte, ihn und ſein Ge⸗ folge an das Land zu ſetzen.— Aber die Tage vergingen, der Bellerophon war ſchon in dem Hafen von Plymouth angelangt, und immer noch war keine Kunde von England gekommen, immer noch wußte Napoleon nicht, ob der Prinz⸗ Regent ſeinen Wunſch genehmigt habe, ob er ihm geſtatten wolle, in England als Hauptmann Durve ſich niederzulaſſen. Endlich, am achtundzwanzigſten Juli, kam Gourgaud,— aber er brachte den Brief Napoleons an den Prinz⸗Regenten wieder mit ſich. Man hatte ihn nicht an der engliſchen Küſte landen laſſen, man hatte ſein Schreiben zurückgewieſen, weil der Prinz⸗Regent feierlich er⸗ klärt hatte, weder eine ſchriftliche noch mündliche Botſchaft empfangen zu wollen. Das Gefolge Napoleons nahm die Nachricht mit Entſetzen auf, aber der Kaiſer ſelbſt blieb ruhig. Er blieb auch dann noch ruhig, als Bertrand und Savary ihm von den Gerüchten Nachricht gaben, welche ſich auf dem Schiff verbreitet hatten, welche vom Lande herüber⸗ geweht waren, und die Einer dem Andern in's Ohr flüſterte, von den Gerüchten, welche ſagten, daß England Napoleon als Gefangenen be⸗ 723 trachten, und nach einer wüſten Inſel im Ocean, nach St. Helena führen werde. Nein, ſagte Napoleon gelaſſen, das ſind Verleumdungen. Ich habe mich freiwillig unter den Schutz Englands geſtellt. Ich habe die Gaſt⸗ freundſchaft Englands beanſprucht, und es wird und kann nicht ſo ehrlos handeln, mich, allem Kriegsrecht, aller Moral zum Trotz, als ſeinen Gefangenen betrachten zu wollen. Aber bald ſollte der Kaiſer aus ſeinem Vertrauen aufgeſchreckt werden. Am dreißigſten Juli kam der Admiral Keith mit dem Unterſtaats⸗ Secretair Banbury an Bord des Bellerophon; ſie begaben ſich in die Cajüte zu Napoleon, der ſie ernſt und würdevoll empfing. Sie theilten ihm mit, daß ſie gekommen, ihm endlich die Entſchei⸗ dung ſeines Schickſals zu bringen, und Lord Keith bat um die Erlaubniß, ihm die Depeſche vorleſen zu dürfen, welche er ſo eben von den Mi⸗ niſtern Englands erhalten habe. Napoleon ertheilte dieſe Erlaubniß mit einem langſamen, ſtolzen Kopfnicken, dann, die Hand auf den Tiſch geſtützt, aufrecht ſtehend, den Admiral mit flammenden Blicken anſtarrend, hörte er der Vorleſung der miniſteriellen Botſchaft zu. Dieſe Botſchaft lautete:„Mittheilung an Lord Keith im Namen der Miniſter Englands. „Da es dem General Bonaparte angenehm ſein mag, ohne längere Verzögerung die Abſichten des britiſchen Gouvernements in Bezug auf ſeine Perſon zu erfahren, ſo ermächtigen wir Ew. Herrlichkeit, ihm folgende Informationen mitzutheilen.“ „Es wäre wenig übereinſtimmend mit unſern Pflichten gegen unſer Land und die Alliirten Sr. Majeſtät, wenn wir dem General Bonaparte die Mittel und die Gelegenheit ließen, den Frieden Europa's auf's Neue zu beunruhigen; deshalb iſt es durchaus nothwendig, daß er in ſeiner perſönlichen Freiheit ſo weit beſchränkt werde, als es dieſes erſte und wichtigſte Augenmerk erheiſcht.“ „Die Inſel St. Helena iſt zu ſeinem tinftigen Aufenthaltsort worden; ihr Klima iſt geſund, und ihre locale Lage erlaubt, 46* 724 daß man ihn dort mit mehr Nachſicht behandeln kann, wie man es anderswo dürfte, in Anbetracht der unvermeidlichen Vorſichtsmaßregeln, zu denen man genöthigt iſt, um ſeiner Perſon gewiß zu ſein.“ „Man erlaubt dem General Bonaparte, unter den Perſonen, die ihn nach England begleitet haben, mit Ausnahme der Generäle Savary und Lallemand, ſich drei Officiere zu wählen, welche, gleich ſeinem Chirurgen, die Erlaubniß erhalten werden, ihn nach St. Helena zu begleiten, aber die Inſel nicht ohne die Einwilligung des britiſchen Gouvernements wieder verlaſſen können.“ „Der Contre⸗Admiral Sir George Cockburne, der zum Comman⸗ danten en Chef des Kaps der guten Hoffnung und der begrenzenden Meere ernannt iſt, wird den General Bonaparte und ſein Gefolge nach Helena bringen, und genaue Inſtructionen, die Ausführung dieſes Dienſtes betreffend, erhalten.“ „Sir George Cockburne wird wahrſcheinlich ſchon in einigen Tagen zur Abfahrt bereit ſein, und deshalb iſt es wünſchenswerth, daß der General Bonaparte ohne Zögern die Wahl derjenigen Perſonen treffe, die ihn begleiten ſollen.“*) Napoleon ſtand noch immer aufrecht, unbewegt da, als die Vor⸗ leſung beendet war, ſein Angeſicht war ruhig, kalt und undurchdringlich wie immer, aber ſeine Augen ſchoſſen Blitze des Zorns, wie ſie in den Tagen ſeiner Größe ſeine Augen geſchleudert hatten. Damals hatten dieſe Blitze diejenigen zerſchmettert, welche ſie trafen,— heute prallten ſie machtlos ab an dem ruhigen, gleichgů tigen Geſicht des engliſchen Admirals. Ich proteſtire gegen dies ehrloſe und unritterliche Verfahren, rief Napoleon mit donnernder Stimme. Ich proteſtire gegen die Gewalt, welche man mir anthun will. Ich bin der Gaſt Englands, nicht ſein Gefangener; ich bin freiwillig gekommen, mich unter den Schutz ſeiner Geſetze zu ſtellen. Man entweiht in meiner Perſon die heiligen Geſetze der Gaſtfreundſchaft. Niemals werde ich mich freiwillig der Schmach fügen, welche man mir anthut. Die Gewalt allein kann mich dazu zwingen. *) Las Cases: Mémorial. S. 8. 725 Admiral Keith erwiederte nichts. Er verneigte ſich kalt und ſtumm, und verließ mit ſeinem Begleiter die Cajüte. Napoleon war allein! Allein mit ſeinem Zorn, ſeinem Schmerz, allein mit ſeiner Verzweiflung. Er rang mit ihr viele Stunden lang, ſeine Diener hörten ihn mit haſtigen Schritten auf⸗ und abgehen, und laut und ſtürmiſch mit ſich ſelber ſprechen. Aber nach und nach ward er ſtiller, und als er nach langen, qualvollen Stunden wieder aus ſeiner Cajüte hervor, und in den Kreis ſeiner Diener trat, war ſein Geſicht wieder ruhig und unbeweglich, nur ſeine Lippeu zuckten zuweilen, und um ſeine Augen lag ein tiefer bläulicher Schatten. Napoleon hatte ſein Geſchick angenommen und keine Klage kam mehr über ſeine Lippen. Er wählte unter ſeinem Gefolge ſich Diejenigen, welche ihn begleiten ſollten, und die Generäle Bertrand, Gourgaud und Montholon weinten Thränen ſtolzer Freude, als die Wahl des Kaiſers ſie traf, und der Graf Las Caſes war glücklich, als man auch ihm und ſeinem Sohn noch geſtattete, Napoleon begleiten zu dürfen. Mit Thränen nahm ſein übriges Gefolge von ihm Abſchied; Na⸗ poleon allein weinte nicht. Ruhig, ſtolz und gelaſſen verließ er den Bellerophon, der zu klein und ſchwach befunden, um die Reiſe nach Helena machen zu können, und begab ſich an Bord des Schiffes Nor⸗ thumberland, das ihn nach ſeinem Exil führen ſollte. Am achten Auguſt lichtete der Northumberland die Anker, und ſegelte ab, ſeinem fernen Ziel entgegen. Napoleon ſtand auf dem Verdeck, und blickte ſinnend hinunter in das Meer, das kräuſelnd das Schiff umrauſchte. Neben ihm ſtand ver Graf Las Caſes, die Thränen zurückdrängend, welche der Abſchied von ſeiner geliebten Gattin in ſeinen Augen zurückgelaſſen. Es iſt alſo unwiderruflich, ſagte der Kaiſer, meine Vergangenheit iſt hinabgeſunken in das Meer und da ruht ſie wie die Perlen und Korallen. Aber kein Taucher wird ſie wieder hervorholen können, ſie iſt ver⸗ loren und begraben für immer. Sie bleibt hier zurück im Meer, vas Frankreichs Küſten beſpült, und ich gehe als ein neuer Menſch, als ein dem Schmerz Wiedergeborner, einer neuen Welt entgegen! Ich gehe nach Helena.— Aber iſt es denn ſo gewiß, daß ich dahin gehe? rief —— 726 er auf einmal laut. Iſt denn ein Menſch abhängig von ſeines Gleichen, wenn er aufhören will, es zu ſein? Er neigte ſich tiefer über das Meer und ſchaute lange ſchweigend hinunter in ſeine ſchäumenden Waſſer. Mein Lieber, ſagte er dann mit leiſer eindringlicher Stimme, ich habe zuweilen Luſt Euch zu verlaſſen und das würde gar nicht ſchwer ſein. Ich darf nur meiner Gemüthsſtimmung etwas Gewalt über meinen Kopf laſſen, und ich werde Euch bald entſchlüpft, und Alles wird beendet ſein, und Ihr werdet Alle ruhig zu Euren Familien zurückkehren können. Meine innere Ueberzeugung legt mir keinen Zwang auf; ich gehöre zu Denen, welche glauben, daß die Strafen der andern Welt nur als ein Anhang zu den ungenügenden Reizen erfunden ſind, welche man uns ſonſt davon verſpricht. Gott kann niemals ein ſolches Gegengewicht ſeiner unenvlichen Güte gewollt haben, vorzüglich wenn es ſich um Fälle, wie dieſer iſt, handelt. Und was iſt es denn auch im Grunde? Nur der Wunſch, recht ſchnell zu ihm zurückzukehren.*) Aber Ew. Majeſtät werden dieſem Wunſch nicht nachgehen, ſagte Las Caſes. Ew. Majeſtät werden das Wort der Dichter und Philo⸗ ſophen beſtätigen, welche ſagen, daß der mit ſeinem Schickſal ringende Menſch ein den Göttern wohlgefälliger Anblick iſt. Das Unglück und die Niederlagen haben auch ihren Ruhm, und ein ſo erhabener, großer Character, wie Ew. Majeſtät, darf nicht gewöhnlich enden; der Mann, dem ganz Europa zu Füßen gelegen, der zwanzig Jahr ſeine Armee zu glänzenden Siegen geführt hat, dem die Beſten ſeiner Zeit gehorcht und ſich ihm gebeugt haben, der darf nicht enden, wie ein Spieler, der Alles verloren hat, oder wie ein verzweifelnder Liebhaber. Was ſollte denn aus Denen werden, welche an Sie glauben, auf Sie hoffen? Und wollen Sie denn, Sire, Denen, welche nichts lieber wünſchten, als auf immer von ihnen befreit zu ſein, wollen Sie denn Denen ſich ſo zuvorkommend gefällig zeigen, ihren Wunſch zu erfüllen? Reizt Sie der Gedanke an Ihre Feinde nicht auf zum Wiverſtand? Sire, der Kampf iſt noch nicht zu Ende, Sie ganz allein, ohne Armee, ohne *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Las Cases: Mémorial. S. 10. 727 Kanonen, Sie führen ihn durch Ihr bloßes Daſein weiter gegen alle Ihre Feinde, und ganz Europa zittert vor Ihnen. Und dann, wer kann ermeſſen, was im Schooß der Zeiten begraben liegt? Wie vieles kann ſich nicht ändern durch den Tod eines Fürſten, den Wechſel eines Miniſte⸗ riums, durch Leidenſchaften, Zwiſtigkeiten oder Freundſchaften. Sire, wer lebt, hat ein Anrecht auf die Zukunft, und er darf es nicht leicht⸗ ſinnig von ſich ſchleudern. Sie haben in manchem Betracht wohl Recht, ſagte Napoleon ſeuſzend. Aber meine Seele ſchaudert bei dem Gedanken an die ein⸗ ſame unwirthbare Inſel im Weltmeer. Was werden wir nur dort be⸗ ginnen, Graf? Sire, wir werden von der Vergangenheit leben, und ſie iſt reich genug, um uns befriedigen zu können. Freuen wir uns nicht an dem Leben Cäſars, Alexanders? Sie werden das Buch Ihrer Vergangenheit aufſchlagen, Sie werden ſich ſelbſt leſen! Ja, ich will meine Memoiren ſchreiben, rief Napoleon lebhaft, man muß arbeiten! Arbeit iſt die Senſe der Zeit. Man muß ſeine Beſtimmung erfüllen, das iſt immer meine große Lehre geweſen. Nun wohl, ſo will ich auch die meine erfüllen, und will leben, ſo lange das Schickſal es verlangt. Sehen Sie, dort in dem blauen Nebel ver⸗ ſchwinden die Küſten von Frankreich! In dieſen blauen Nebeln ver⸗ ſchwindet auch meine Vergangenheit. Meine Zukunft heißt: S lena! Gefangenſchaft!“ Sei es darum. Lebe wohl, Frankreich, Land der Tapfern! Lebe wohl, Europa! panes Solour& Grey Control Ghart T Sreen vellow Red