Leipbibſinthet von 3 6duard Ottmann in Gießen, 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 1. Otlensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von den angenommen. 2 3.(äution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme onnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für hehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: Bücher: auf 1 Monat: T Nr—f W 2W „ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei olchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. z deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur jedem Tag 5 Pf bezahlt. Deit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ v e Napoleon in Deutſchland. Von cL. Mühlbach. Vierte und letzte Abtheilung: Die Wiener Conferemen. Dritter Band. * Zweite Auflage. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. Die Wiener Conferenzen. Von c. Mühlbach. —— Dritter Band. Zweite Auflage. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. . ⸗————— Fünftes Buch. Diplomaten und Intrignanten. S l. Der Anfang des Jahres 1815. Ein neues Jahr war angebrochen, das Jahr 1815 hatte ſeinen Vor⸗ gänger zu Grabe getragen, und man hatte in Wien dieſe Grablegung des Jahres 1814, dieſe Auferſtehung des Jahres 1815 mit gleich glän⸗ zenden und rauſchenden Feſten gefeiert. Der Congreß hielt noch immer Vormittags ſeine Sitzungen, in denen er— nicht über das Glück der Völker, aber über die Grenzen und Beſitzungen der Fürſten debattirte und ſprach, aber nicht weiter kam, der Congreß feierte noch immer Abends ſeine Bälle, ſeine Routs, ſeine Maskeraden, er führte Theaterſtücke auf, ſtellte lebende Bilder und machte ſeine Bonmots und ſeine kleinen Sinngedichte. Er konnte mit vollkommener Gewiſſensruhe zurückſchauen auf das Jahr 1814, denn er hatte in den drei Monaten der Conferenzen Niemanden un⸗ glücklich gemacht, gar kein Blut, ſondern nur viel Tinte vergoſſen, hatte alle Streitigkeiten, alle Uneinigkeiten mit hinüber genommen in's Jahr 1815, und alle die brennenden und offenen Fragen des verfloſſenen Jahres brennend und offen gelaſſen für das kommende Jahr. Sachſen war noch immer der Zankapfel, um den man ſich ſtritt, das von Preußen, mit Hülfe Rußlands, begehrt ward, das von Frank⸗ reich, von Baiern, Würtemberg und Weimar verweigert ward, während Oeſterreich ſich bald auf die Seite Preußens, bald auf die Seite Sachſens ſtellte. Polen war noch immer nicht dem Kaiſer Alexander zugeſprochen, 364 denn alle Diplomaten des Congreſſes erzitterten über den Plan des großmüthigen und ſchwärmeriſchen Kaiſers von Rußland, der das Königreich Polen glücklich machen, ihm eine freie Verfaſſung geben und Rußlands Macht dadurch bis an die Grenzen Deutſchlands hinan⸗ ſchieben wollte. Ueber die Zukunft Neapels war immer noch nichts entſchieden, und trotz des Widerſpruchs der Bourbonen war Jvachim Murat noch immer König von Neapel. Eines nur hatte der Congreß im Jahr 1814 zu Stande gebracht. Er hatte die alte freie Stadt und Repu⸗ blik Genua dem König von Sardinien geſchenkt und ſie ſeinem König⸗ reich einverleibt. Freilich waren die Genueſen entſetzt und trauervoll über dieſe Schenkung, freilich hallte ein Schrei des Zorns, des Jam⸗ mers und der Empörung durch das ganze genueſiſche Gebiet hin, freilich erhoben ſie ihre Stimme laut und mächtig auf dem Congreß, um ganz Europa zu ſagen, daß dies eine ſchmachvolle Verletzung der Völkerrechte ſei, aber was kümmerte dieſes Wehegeſchrei des Volkes den hohen Congreß, der damit beſchäftigt war, die Ländergebiete der Fürſten zu vergrößern und ihnen zu helfen, ſich möglichſt zu arrondiren. Wohl ſandte Genua ſeine Abgeſandten nach Wien, wohl kamen die erſten und angeſehenſten genueſiſchen Nobili dahin, um beim Congreß Proteſt einzulegen gegen dies willkürliche Verſchenken einer Republik, welche noch ihrer Kraft, ihrer Selbſtſtändigkeit ſich bewußt war. Fürſt Metternich bewilligte freundlich und zuvorkommend, wie immer, den hohen Abgeſandten Genua's eine Audienz, er hörte mit ſeinem verbindlichſten Lächeln der Rede des Grafen Brignole zu, welcher aus der Geſchichte nachwies, daß die Republik Genua ebenſo alt, ebenſo berechtigt ſei wie die meiſten der europäiſchen Königreiche, daß ſie ebenſo gut, wie dieſe, das Recht ihrer Souverainetät bean⸗ ſpruchen dürfe. Aber als Graf Brignole ſeine lange gelehrte Rede beendet hatte, verneigte ſich Metternich und antwortete mit vollkommener Ruhe, es ſei leider nichts mehr zu ändern. Der Entſchluß des Congreſſes ſei einmal gefaßt und er ſei unwiderruflich. Genua ſei dem König von Sardinien zugeſprochen, und es würde der Hoheit und Würde des ——— C ſii 365 Congreſſes nicht angemeſſen ſein, wenn er ſeinen Beſchluß wieder um⸗ ſtieße, blos weil die Genueſen mit demſelben nicht zufrieden ſeien.*) Und halb mit Lächeln, halb mit Gewalt complimentirte Metternich die genueſiſchen Abgeſandten aus ſeinem Salon hinaus, in welchem dieſe dem armen Freiſtaat Genua ſeine Grabrede gehalten hatten, und in welchem am Abend die Diplomaten des Congreſſes und die Fürſten, Ariſtokraten und Diplomaten mit den ſchönen Damen lebende Bilder und Nationaltänze aufführten. Der Congreß jubelte und tanzte immerfort, er tanzte im beginnen⸗ den Jahre 1815 ſo ſorglos und vergnügt, wie er im verfloſſenen Jahre 1814 getanzt hatte. Einmal doch, in den letzten Tagen des Januar, am Todestage des unglücklichen Königs Ludwigs des Sechszehnten von Frankreich, verſtummten die Feſtklänge und man nahm eine ernſthafte, düſtere Maske vor. Der Miniſter Talleyrand, der ſo oft ſchon in ſeinem Hötel dem Congreß, den Fürſten und der hohen Ariſtokratie glänzende Feſte ge⸗ geben, der Miniſter der Republik, der Miniſter des Kaiſerreichs und jetzt des Königreichs Frankreich, hatte auch heute den einundzwanzigſten Januar das ganze vornehme Wien zu einem Feſt geladen. Nur fand dies Feſt nicht in ſeinem Hötel, ſondern in dem Dom von St. Stephau ſtatt, nur kam man zu denſelben nicht im Schmuck der Brillanten, Blumen und köſtlichen leiderſtoffe, ſondern man kam in ſchwarzen Trauergewändern, die Herren mit wallenden Trauerſchleifen an den Hüten, die Damen das Antlitz verhüllt von ſchwarzen Schleiern. Und ſchwarz verhangen war auch der Dom von St. Stephan, Trauerklänge durchhallten die düſtern Kirchenräume und auf allen Geſichtern, beſon⸗ ders auf dem Antlitz Talleyrands, malte ſich eine tiefe, düſtere Trauer. Jedermann wollte ſeiner Pflicht Genüge thun und zu der ernſten Feier des Tages auch ſeinem Geſicht das angemeſſene Coſtüm geben, aber im Innern war Jedermann heimlich empört über die unglückliche Idee des franzöſiſchen Geſandten, den Gang der Bälle, Maskeraden, Ca⸗ rouſſels und Jagden durch ein ſo düſteres Feſt zu unterbrechen, fand *) Comte de la Garde. Vol. II. 114. 366 man es höchſt unangemeſſen, daß Talleyrand, inmitten dieſer Fürſten⸗ herrlichkeit, an den Tod eines Königs erinnerte, deſſen ſchmachvolles und entſetzliches Ende als eine unheilbare Wunde der Fürſtenautorität erſchien. Aber am andern Tage entſchädigte man ſich für das düſtere Feſt des einundzwanzigſten Januar! Am andern Tage gab der Kaiſer von Oeſterreich ſeinen Gäſten, wie den Diplomaten und der hohen Ariſto⸗ kratie ein neues, ein glänzendes Feſt. Zur Erholung von der Trauer⸗ feierlichkeit fand an demſelben Abend ein Ball in den Redoutenſälen ſtatt, bei welchem alle Fürſten erſchienen, und am Tage darauf eine Schlittenfahrt. Mehr denn vierhundert mit Gold, Seide und Sammet drapirter Schlitten führten die auserleſene Geſellſchaft, die Damen in der reichſten, prachtvollſten Wintertoilette, hinaus nach Schönbrunn. Dort, auf dem blitzenden Eis des Teiches, vergnügte man ſich mit Schlittſchuhlaufen, fuhren die Cavaliere auf prächtigen, goldſtarrenden Handſchlitten die Damen, führte man Ballets und Nationaltänze auf. Dann fand im Schloß von Schönbrunn ein glänzendes Diner ſtatt, nach welchem man ſich alsdann in den Schauſpielſaal begab, um der Aufführung der Oper Cendrillon beizuwohnen, nachdem dieſe beendet, bei Fackelbeleuchtung die Rückfahrt nach Wien wieder anzutreten, und der armen vergeſſenen Kaiſerin Marie Louiſe, welche ſich in die beiden einzigen, für ſie reſervirten Zimmer zurückgezogen hatte, zu geſtatten, wieder von ihrer Wohnung Beſitz zu nehmen. Indeſſen einen Todesfall hatte der Congreß in den letzten Mo⸗ naten des Jahres 1814 doch verſchuldet. Der Fürſt von Ligne war geſtorben, und ſehr wider ſeinen Willen hatte er eine glänzende Ab⸗ wechſelung in die Reihe der Feſtlichkeiten gebracht, hatte er dem Congreß, dem von den verſchiedenartigſten Feſten ermatteten Wien ein neues Feſt gegeben: das Leichenbegängniß eines öſterreichiſchen Feldmarſchalls. Es war dies in der That ein ſehr ſeltenes, ſehr prachtvolles Feſt, und man würde es vielleicht nicht ſo raſch vergeſſen haben, wenn nicht am Abend dieſes Tages die„Truppe der Kaiſerin“, das heißt: die jungen Damen und Cavaliere, welche unter Anordnung der Kaiſerin 367 Ludovica lebende Bilder ſtellten und Theatervorſtellungen gaben, einige reizende franzöſiſche Luſtſpiele aufgeführt hätten, wenn nicht am nächſten Tage ein glänzendes Ballfeſt beim Fürſten Razumowsky ſtattgefun⸗ den hätte. Der Congreß hatte den armen achtzigjährigen Fürſten Ligne ge⸗ tödtet mit ſeinen Feſten und ſeinen Bällen, aber das behinderte den Congreß nicht, ohne Gewiſſensbiſſe und ohne Reue weiter zu tanzen über dem Grabe des Fürſten Ligne, mit dem man den letzten Vertreter der Grazie, des Geiſtes, des Esprit und der Hofgeſchichten des acht⸗ zehnten Jahrhunderts begraben hatte. Aber mitten unter all dieſen Feſten, dieſen glänzenden Zerſtreuungen ſchürzten die Hände der Diplomaten immer doch weiter an ihren Netzen, verfolgten ſie heimlich und in der Stille ihre Ziele und Pläne, und unter den Feſtgewändern und Blumen verbarg man geſchickt und bequem die diplomatiſchen Schlangenkünſte, mit welchen man Throne zu ſtürzen, und Throne zu erheben, Republiken zu vernichten, und Völker und Kronen zu verſchenken trachtete. Während Jedermann glaubte, daß der Congreß nur ſich amüſirte, nur Feſte beging, hatten die Conferenzen ungeſtört ihren Fortgang, ſtritt, zankte und veruneinigte man ſich mehr und mehr. Niemand war damit zufriedener, Niemand triumphirte in der Stille mehr über dieſen allgemeinen politiſchen Hader, als der Vater aller Diplomaten, als Talleyrand. Wenn alle dieſe, vorher ſo eng gegen Frankreich verbündeten Mächte ſich jetzt nach und nach zu entzweien begannen, ſo konnte Frankreich nur dabei gewinnen. Wenn man ſich nicht darüber einigen konnte, wem man die früheren Eroberungen Frankreichs jetzt zuerkennen wollte, ſo mußten ſie doch jedenfalls ſo lange bei Frankreich verbleiben, und man konnte ſie vielleicht für daſſelbe erhalten. Der große Diplomat war daher eifrig bemüht, die Zwiſtigkeiten des Congreſſes immer in Bewegung zu erhalten, ihnen immer neue Nahrung zuzuführen, und Dank ſeinen Bemühungen hatten ſich jetzt ſchon alle auf dem Congreß vertretenen Mächte entzweiet. Daran dachte Talleyrand, als er, eben von einer Congreßſitzung 368 heimkehrend, mit langſamen Schritten, die Hände auf dem Rücken ge⸗& faltet, in ſeinem Cabinet auf und ab ging; er überlegte die heutige Sitzung, die vielen Kämpfe und Wirrniſſe, welche ſich an dem diplo⸗ 3 matiſchen Horizont aufthürmten, und ein leiſes, ſarkaſtiſches Lächeln flog 1 über ſein Antlitz hin. Ungeſchickte Diplomaten ſind ſie Alle, ſagte er leiſe vor ſich hin, p denken nur an die nächſte Stunde, haben keinen weitſchauenden Blick, m und meinen, genug gethan zu haben, wenn ſie dem Chaos ein de Fetzchen Land, ein paar Tauſend Seelen entriſſen haben. Sehen nicht, i daß ſie auf einem Vulkan tanzen, und daß dieſer Congreß den Völ⸗ kern eine Warnung ſein wird für künftige Zeiten. Sie werden nicht N wieder mit ſo enthuſiaſtiſcher Bereitwilligkeit hinaus ziehen in den P Krieg für die ſogenannte Freiheit, ſondern vorher ein wenig überlegen, 5 was ſie von dem Krieg haben, und welchen Lohn man ihnen für ihr vergoſſenes Blut und ihre zerſchoſſenen Glieder geben wird. Ach, ach, ni ſie ſind arme Sünder, und wiſſen nicht, was ſie thun, ſie glauben, daß v ſie Alle nur im Princip der Monarchie handeln, und arbeiten wider ſt ihren Willen der Demokratie und den einſtigen Republiken in die Hände. Man muß immer genau wiſſen, was man will, und was man erreichen li kann, und in der Gegenwart muß man immer die Zukunft im Auge ei behalten. Das wiſſen dieſe kleinen, ungeübten Diplomaten nicht, und deshalb— l Ein leiſes Klopfen an der Thür unterbrach ihn in ſeinem Selbſt⸗ d geſpräch. Der eintretende Kammerdiener meldete: der Herr Baron von u Sahla wünſche Se. Durchlaucht zu ſprechen. E Sahla, ſagte Talleyrand ſinnend, ich meine, ich hätte dieſen Namen v ſchon irgendwo ſonſt gehört. Ja,— jetzt entſinne ich mich, rief er* 5 dann lebhaft. Laſſen Sie dieſen Herrn eintreten! 4 Der Kammerdiener öffnete die Thür, und die bleiche, ernſte Ge⸗ ſt ſtalt des Calatravaritters erſchien auf der Schwelle. b Talleyrand winkte ihm näher zu treten, und ſeine kleinen, blitzenden 2 Augen hafteten mit einem tiefen forſchenden Blick auf dem m vollen Angeſicht des Herrn von Sahla. t Ich glaube, mein Herr, ſagte er, ich habe ſchon früher einmal die 3. 5 369 Ehre gehabt, Sie zu ſehen, und wenn meine Erinnerungen mich nicht trügen, auch Sie zu ſprechen, und zwar unter ziemlich ernſten und eigenthümlichen Umſtänden. Ihre Erinnerungen trügen Sie nicht, Herr Fürſt von Benevent, ſagte Sahla ruhig. Wir haben uns ſchon einmal geſehen und ge⸗ ſprochen, und die Umſtände waren ziemlich eigenthümlicher Art, denn man hatte mich beſchuldigt, daß ich einen Mordverſuch auf das Leben des Mannes, den Sie damals Ihren Kaiſer Napoleon nannten, be⸗ abſichtigt habe. Ich habe mich alſo nicht getäuſcht, rief Talleyrand, bei Ihrem Namen tauchten dieſe alten Erinnerungen in mir auf. Es war zu Paris, nicht wahr? Man beſchuldigte Sie, daß Sie den Kaiſer beim Herausgehen aus dem Theater erſchießen wollen, iſt es nicht ſo? Ja, es iſt ſo, man beſchuldigte mich deſſen, man konnte mir aber nichts beweiſen, ſagte Herr von Sahla ruhig. Sie ſelber, Herr Fürſt von Talleyrand, leiteten mein Verhör, und Sie erklärten mich für un⸗ ſchuldig, weil man mich nicht überführen konnte. Und ſicher waren Sie auch unſchuldig, mein Herr, rief Talleyrand lächelnd. Sicher Sie nicht eine ſo grauſenvolle That, einen Mord! Im Gegentheil, ich beabſichtigte ihn, ſagte der Calatravaritter ge⸗ laſſen, ich hatte den feſten Entſchluß gefaßt, Bonaparte, dieſen Dämon der Hölle, von der Erde zu ſchaffen, und Deutſchland, der ganzen Welt, und vor allen Dingen meinem geliebten Vaterland, dem Königreich Sachſen, den Frieden wiederzugeben. Sie nennen das eine grauſen⸗ volle That, wenn ſie aber gelungen, würden Sie dieſelbe vielleicht eine Heldenthat genannt haben! Ich wollte Napoleon allerdings bei der Abfahrt aus dem Theater tödten, ich hielt das geſpannte Taſchenpiſtol ſchon unter meinem Kleide verborgen bereit; der Wagen fuhr unter der beveckten Halle hervor, ich wollte das Piſtol herausziehen, aber neben Bonaparte erblickte ich den Bruder des Königs von Sachſen, meines geliebten Herrn. 2 rettete Bonaparte, denn ich konnte den Prinzen treffen, ſtatt ſeiner! Dieſer Gedanke machte mich ſchaudern, ich ließ die Hand mit dem Piſtol ſinken, verließ haſtig das S und Mühlbach, Napoleon. IV. Bd. 8 S 24„ .—— . . 5 370 warf mein Piſtol in den nahen Fluß. Das hatte man geſehen, des⸗ halb verhaftete und verdächtigte man mich. Mein König, der jetzt durch Bonaparte ſo unglücklich geworden, mein König rettete ihn damals vor dem ſichern Tode. Sie ſcheinen Ihren König ſehr zu lieben? fragte Talleyrand lächelnd. Ja, ich liebe ihn, rief Sahla glühend, und dieſe Liebe iſt es, die mich herführt. Ich komme Sie zu beſchwören, daß Sie ſich meines unglücklichen Vaterlandes erbarmen, daß Sie Ihre mächtige, einfluß⸗ reiche Stimme noch eindringlicher, noch ſtärker, wie es bis jetzt ge⸗ ſchehen, für Sachſen erheben möchten. Ich komme, Ihnen im Namen meines Königs zu danken für das, was Sie bisher gethan, Sie zu beſchwören, ihm zu ſeinem Recht, zu ſeiner Hülfe Ihren Beiſtand zu leihen. Sie kommen wirklich im Auftrag Ihres Königs? fragte Talleyrand zweifelnd. Ja, ich komme von ihm, rief Sahla, ich habe ihn zu Preßburg in ſeinem Elend geſehen, ich habe, vor ihm auf den Knieen liegend, mit ihm geweint über das Unglück Sachſens, welches man wie eine elende Waare verſchenken, verſchleudern will, ich komme jetzt im Namen meines Königs zu Ihnen, um Sie zu beſchwören, dieſen Seelenhandel nicht zu dulden, nicht zuzugeben, daß der Congreß, in⸗ dem er moraliſche Reden über den Sclavenhandel hält, zugleich ſelber mit Völkern handelt, wie mit Sclaven, die ihm zum Verkauf über⸗ geben worden! Es iſt ſehr freundlich, daß Ihr König in ſeinem Unglück an mich gedacht hat, ſagte Talleyrand achſelzuckend, aber ich fürchte, daß meine Stimme nicht ſtark genug iſt, um Diejenigen zu übertönen, welche wider ihn ſchreien. Ich habe Anfangs laut genug für Sachſen ge⸗ ſprochen, aber man hat mich übertönt, und jetzt, da ich geſehen, daß ich mit meinen Proteſtationen nichts erreiche, jetzt, da ich allein ſtehe, da auch England Sachſen fallen läßt, und es den Wünſchen Preußens opfert, jetzt werde auch ich verſtummen müſſen, und geſchehen laſſen, *„ 1 2. was nicht mehr zu ändern iſt. Sachſen wird an Preußen fallen, denn Preußen beanſprucht das eroberte Sachſen als Entſchädigung für ſeine Opfer und ſeine Kriegsthaten. Die übrigen Mächte, welche Preußen keine andere Entſchädigung zu bieten haben, fügen ſich der Nothwen⸗ digkeit, und find jetzt entſchloſſen, dem allgemeinen Weltfrieden Sachſen zum Opfer zu bringen; und um einen neuen Krieg zu vermeiden, auf dem Preußen, Rußland auf der einen, Frankreich, Oeſterreich und England auf der andern Seite ſtehen würden, um Europa neue Qualen, neues Blutvergießen zu erſparen, wird man ſich darein fügen, Sachſen an Preußen und Polen an Rußland zu geben. Aber Sie, und Sie allein können uns retten, rief Herr von Sahla dringend, denn Sie ſind Frankreich, Sie ſind Spanien, Sie ſind der Gedanke der Legitimität. Sprechen Sie im Namen dieſer Legitimität, und Europa wird Ihre Stimme hören, und Oeſterreich wird nicht wagen, dieſen Ruf zu überhören, es wird ſich mit Ihnen verbünden wider Preußen, es wird Preußen und Rußland zwingen, ihre Beute fahren zu laſſen, und Sachſen ſeinem König zurückzugeben. Sie ſind ein liebenswürdiger Schwärmer, ſagte Talleyrand mit einem mitleidigen Lächeln, aber die Wirklichkeit entſpricht ſelten den Schwärmereien. Bringen Sie Ihrem König meine ergebenſten Grüße, ſagen Sie ihm, daß Frankreich ihn bedauert, daß aber— Vollenden Sie nicht, rief Sahla, ſeine Hand feierlich ausſtreckend und dem Fürſten mit einem flammenden Blick in's Antlitz ſtarrend. Sie halten mich für einen Schwärmer, meinen König für einen armen Bettler, den man nur beklagen, aber dem man nicht helfen kann. Aber Sie irren, Herr Fürſt von Benevent, ich bin kein Schwärmer, den ich ſehe mit hellem Auge in die Zukunft, und ich ſehe, daß Sachſen nicht untergeht, daß Frankreich es erhalten wird! Und mein König iſt kein Bettler, denn er wird Denjenigen königlich bezahlen, der ihm ſein Land, ſeinen Thron errettet. Bezahlen mit Verſprechungen, ſagte Talleyrand mit leiſem Spott. Nein, bezahlen mit Millionen, rief Sahla, ſeine düſtern Augen mit einem triumphirenden Ausdruck auf Talleyrand heftend. Er ſah ſehr wohl, wie Talleyrand zuſammenzuckte, wie eine plötzliche Röthe über ſein Antlitz hinfuhr, und ein ſtolzes Lächeln glitt über Sahla's 24* 372 Angeſicht hin. Ich werde ihn gewinnen, ſagte er leiſe zu ſich ſelbſt, ich werde Sachſen erretten. Millionen, rief Talleyrand zweifelnd, wenn man über Millionen zu verfügen hat, braucht man nicht zu zittern für ein Königreich, denn mit Millionen kauft man es ſich. Das will mein König auch, ſagte Sahla mit einem glücklichen Lächeln. Er hält drei Millionen Francs bereit, um ſie Demjenigen zu geben, der ihm ſein Königreich wiederbringt, der hier auf dem Congreß für ihn wirbt und wirkt, der ihm die Stimmen Oeſterreichs, Englands und der kleinen deutſchen Fürſten erobert, der nicht nachläßt in ſeinen Bemühungen, und Sachſen rettet, indem er es unter die Fahne der Legitimität, der bedrohten Fürſtenwürde ſtellt. Wenn Frankreich feſt und unerſchütterlich bei ſeiner Forderung der Erhaltung Sachſens bleibt, ſo iſt Sachſen gerettet! Oh, Heil über den, welcher Sachſen rettet, er wird mehr dadurch erwerben, als nur drei elende Millionen Francs, er wird den Segen und die Liebe von mehr als drei Millionen treuer Sachſenherzen gewinnen. Drei Millionen, ſagte Talleyrand, das faßt ſich ſehr leicht in Worte, in Begriffe, aber ſie ſind ſehr ſchwer in Wirklichkeit zu ſetzen. Nein, ſie ſind ſehr leicht in Wirklichkeit zu ſetzen. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen das zu beweiſen? Ich bitte Sie darum, ſagte Tallehrand, leiſe ſein Haupt neigend. Herr von Sahla zog ſein Portefeuille hervor, und es öffnend, nahm er aus demſelben mehrere zuſammengefaltete Papiere. Erlauben Sie mir dieſelben zu beſſerer Anſicht auseinanderzulegen, ſagte er, und ohne eine Antwort abzuwarten, begann er mit geſchäftiger Eilfertigkeit ſeine Papiere auf einem naheſtehenden Tiſch auszubreiten. Talleyrand hinkte leiſe und geräuſchlos zu dieſem Tiſch hin, und ſchaute dem Calatravaritter zu, der jetzt eines neben dem andern in ſymmetriſcher Ordnung dieſe kleinen, ſchmalen, länglichten Streifen Papier hinlegte, auf denen ſich allerlei Zahlen und Zeichen geſchrieben und gedruckt befanden. Ew. Durchlaucht kennen dieſe Papiere? fragte er, während ſeiner Beſchäftigung zu Talleyrand emporſehend. Ja, ſagte Talleyrand lächelnd, ich kenne ſie ſehr wohl. Es ſind ð 373 Banknoten, und wie ich ſehe, beläuft ſich jede dieſer Banknoten auf funfzigtauſend Franecs. Und ſehen Sie auch Durchlaucht, wie viel ſolcher Banknoten ich hier auf den Tiſch gelegt habe? Wie mir ſcheint, ſind es deren zwanzig. Sehr richtig, Fürſt, und zwanzig Banknoten, jede zu funfzigtauſend Francs, das macht? Ich glaube, das macht eine Million, ſagte Talleyrand lächelnd. Ja, das macht eine Million, ſagte Herr von Sahla, ſich empor⸗ richtend. Ew. Durchlaucht ſehen alſo, daß es nicht ſo gar ſchwer iſt, Millionen in Wirklichkeit zu ſetzen, denn ich habe in weniger als einer Viertelſtunde hier eine Million aufzählen können. Aber wenn ich nicht irre, ſprachen Sie von drei Millionen Francs? Drei Millionen möchten doch ſchwieriger aufzuzählen ſein. Nicht im Mindeſten, ſagte Herr von Sahla, einige andere Pa⸗ piere aus ſeinem Portefeuille nehmend. Erlauben Sie mir nur zuvor, Ihnen den Plan meines edlen und unglücklichen Königs auseinander zu ſetzen. Ich ſagte Ihnen vorher, daß der König Demjenigen, welcher hier auf dem Congreß für ihn wirken und ſprechen wolle, Demjenigen, welcher durch ſeinen Einfluß ihm ſeine Krone und ſein Land erhalten würde, eine Belohnung von drei Millionen Francs geben wolle. Aber es verſteht ſich, daß die Klugheit hierbei einige Vorſichtsmaßregeln er⸗ heiſcht, und daß mein König nicht belohnen kann, ehe das Ziel erreicht iſt, um das es ſich handelt. Ew. Durchlaucht wiſſen vielleicht, wie es der König Ludwig der Sechszehnte in einem ähnlichen Fall mit dem Grafen Mirabeau gehalten hat? Nein, mein Herr, ich geſtehe zu meiner Beſchämung, daß ich das nicht weiß. Graf Mirabeau verſprach auch dem König Ludwig dem Sechs⸗ zehnten durch ſeinen Einfluß und ſeine Beredtſamkeit ſeinen Thron und ſeine Macht zu erhalten. Der König bezahlte dafür Mirabeau's Schul⸗ den, die ſich auf mehr als zweimalhunderttauſend Franes belaufen mochten, gab ihm eine monatliche Revenue von ſechstauſend Francs, und außerdem einige Wechſel, im Geſammtbetrage von einer Million, 374 die der Graf Mirabeau, ſobald das Ziel erreicht und der König wieder in den Beſitz ſeiner Macht geſetzt ſei, bei der königlichen Schatzkammer zu präſentiren hatte, um das Geld zu empfangen.*) Oh, da hat der arme König alſo Frankreich eine Million geſpart, ſagte Talleyrand lächelnd, denn Mirabeau ſtarb, ohne ſeinen Zweck erreicht zu haben. Und dieſes Uebereinkommen zwiſchen Ludwig dem Sechszehnten und Mirabeau will Ihr König nachahmen? Ja. Er giebt ſeinem Vertheidiger jetzt eine Million Franecs, er giebt ihm außerdem Wechſel im Betrage von zwei Millionen Franes, Wechſel, welche indeß erſt in einem Jahr fällig ſind. Denn im Lauf eines Jahres muß doch jedenfalls Sachſen wieder hergeſtellt ſein als eigenes ſelbſtſtändiges Königreich, und iſt es dies, ſo hat der Inhaber dieſer Wechſel ſie nur beim königlichen Schatzamt zu präſentiren, und ſie werden ihm ausgezahlt werden. Iſt es unſern Feinden gelungen, das Königreich Sachſen aus der Reihe der ſelbſtſtändigen Staaten auszuſtreichen, ſo ſind die Wechſel natürlich ungültig, da es alsdann keinen König von Sachſen mehr giebt. Sehen Sie, mein Herr Herzog, hier ſind die Wechſel. Es ſind deren zehn. Jeder Wechſel auf zwei⸗ malhunderttauſend Francs. Sie tragen alle die Unterſchrift:„Der König von Sachſen, für mich und meinen Nachfolger gültig.“ Ich ſehe, ſagte Talleyrand, leiſe mit dem Kopf nickend, Sie haben mich wirklich überzeugt, mein Herr, daß es nicht ſo ſchwer iſt, drei Millionen Franes in Wirklichkeit zu ſetzen. Und werden Sie, Herr Herzog, mir jetzt auch dafür den Beweis liefern, daß es auch nicht ſo ſchwer iſt, für dieſe drei Millionen Franes einen Vertheidiger für Sachſen, und die Rechte des Königs von Sachſen ausfindig zu machen? fragte Herr von Sahla, indem er die Wechſel zu den Banknoten auf den Tiſch legte. Talleyrand bemerkte das ſehr wohl, aber er ſagte kein Wort dazu, ſondern wandte ſich um, und ging langſam einige Male in ſeinem Cabinet auf und ab. Herr von Sahla ſchaute ihm nach mit blitzenden Augen, in athemloſer Erwartung. *) Siehe: Theodor Mundt. Graf Mirabeau. Th. VI. S. 364. I. Wie man Geſchichte macht. Mein Herr, ſagte Talleyrand nach einiger Zeit, indem er vor Sahla ſtehen blieb, Ihr König hat ſich durch Sie vertrauensvoll an mich gewandt und begehrt meinen Rath. Ich werde mit demſelben Vertrauen antworten, denn das ehrwürdige Haupt des Königs Friedrich Auguſt iſt doppelt geheiligt; geheiligt durch das Unglück und durch eine Krone. Ich beuge mich aber in Ehrfurcht vor ihm und weihe ihm meine lebhafteſten Sympathieen, und ich bin ihm vor allen Dingen die Wahrheit ſchuldig. Ich muß ihm daher geſtehen, daß Frankreich ſich lebhaft für das Schickſal des Königs von Sachſen intereſſirt, nicht ſowohl aus perſönlicher und verwandtſchaftlicher Zuneigung des Königs Ludwig von Frankreich zu ſeinem Oheim, dem König von Sachſen, ſondern mehr noch, um einem heiligen, großen und unzerſtörbaren Princip zu genügen. Dies iſt das Princip der Legitimität! Frankreich will für ſich ſelber nichts, es beanſprucht nichts. Ich bin daher nur hier, um die politiſchen Principien aufrecht zu erhalten, und um zu verhindern, daß man kein Attentat auf dieſelben unternehme.*) Preußen aber will ein Attentat auf unſere politiſchen Principien machen. Es will das Princip der Legitimität umſtürzen, es will einen König, der durch göttliches und menſchliches Recht Herr und Herrſcher der Erb— ſtaaten ſeines Hauſes, des Königreichs Sachſen, iſt, ſeines Thrones be— rauben, um ſich durch die ſächſiſchen Lande bezahlt zu machen für ſeine Kriegsunkoſten. Es entſchuldigt ſich damit, daß es den König von Sachſen einen Verräther an Deutſchland nennt, weil er etwas länger und mit minderer Treuloſigkeit der Bundesgenoſſe Frankreichs geblieben, als dies Preußen, Oeſterreich und die anderen deutſchen Staaten ge⸗ than. Aber dafür, daß der König von Sachſen ſeinem Bundesgenoſſen treu geblieben, auch noch dann, als dieſer ſchon im Unglück war, dafür *) Talleyrands eigene Worte. Siehe: Carl von Noſtitz. S. 133. 376 darf man ihn nicht ſtrafen, indem man ihn ganz willkürlich ſeines Eigenthums beraubt. Hat der König von Sachſen Strafe verdient, ſo überlaſſe man dieſe Strafe Gott und dem Volk, deſſen Stimme man die Stimme Gottes nennt. Möge die öffentliche Meinung, möge ſein Volk ihn richten, möge dieſes, wenn es keinen Herrſcher will, welcher die Intereſſen Deutſchlands ſeiner perſönlichen Zuneigung ge⸗ opfert hat, möge es ſich alsdann erheben und dieſen Herrſcher ver⸗ jagen, und möge es jetzt laut und feierlich vor dem hier verſammelten Congreß, das heißt vor Europa, ſeine Stimme erheben und ſich los— ſagen von ſeinem König und ſich freiwillig unter die Krone Preußens ſtellen. Dann hätte, nach dem Sprüchwort: vox populi, vox dei, Gott ſelber entſchieden. Aber das Volk, die Stimme Gottes, hat ſich in Sachſen für den König erklärt, das Volk hat an den hier tagenden Congreß eine Deputation geſandt, welche feierlich erklärt hat, daß Sachſen nicht einer fremden Krone ſich unterordnen, ſondern daß es ſeinen angebornen König wiederhaben will. Demzufolge haben die Menſchen nicht das Recht, einen König zu ſtrafen, den die Stimme Gottes nicht verurtheilt hat. Das Princip der Legitimität muß auf⸗ recht erhalten werden, denn alle Throne Europas würden bald ſchwanken und in Trümmer zerfallen, wenn dies nicht geſchähe. Frankreich, welches keine Eroberungen, keine Gebietsvergrößerungen, keine Vor⸗ theile von dem Congreß beanſprucht, Frankreich beanſprucht aber von dem Congreß, daß er dieſes Princip aufrecht erhalte. Bis heute hat Frankreich verſucht, auf dem Wege der Ueberredung, der Vorſtellungen, ja ſogar der Bitten auf den Congreß für Sachſen einzuwirken, aber da es ſieht, daß alle ſeine friedlichen Bemühungen vergeblich ſind, wird es von heute ab eine andere Sprache führen. Statt zu bitten wird es drohen, ſtatt zu überreden wird es rüſten, und wenn es ihm nicht gelingt, auf dem Wege der Verhandlungen Sachſen ſeinem an⸗ gebornen König zu erhalten, Neapel ſeinem angehornen König wieder zu gewinnen, ſo wird es ſein Ziel auf dem Wege des Krieges zu er⸗ reichen ſuchen, und wir werden dann ſehen, ob Oeſterreich, England und Rußland wirklich ſo unverſtändig ſein wollen, ihre eigene Exiſtenz zu untergraben, indem ſie das Princip der Legitimität untergraben und — —7 377 Preußen und Joachim Murat unterſtützen.— Sagen Sie dies Alles Ihrem König, Herr Baron von Sahla, ſagen Sie, daß ich es für meine heilige Pflicht erachte, ſeine Intereſſen, welche die Intereſſen aller beſtehenden Throne ſind, zu unterſtützen, nicht um Goldes oder Vortheils, ſondern um der Ueberzeugungen willen, die allein während meines vielbewegten Lebens die Richtſchnur meiner Handlungen geweſen. Sagen Sie ihm, daß Frankreich von heute an für Sachſen in die Schranken tritt, daß es akle Mittel in Bewegung ſetzen wird, um Sachſen, wenn auch vielleicht in engeren Grenzen, aber doch als ſelbſt⸗ ſtändiges Königreich zu erhalten, und daß Frankreich entſchloſſen iſt, entweder Sachſen zu erhalten, oder mit ihm unterzugehen. Sagen Sie Ihrem König dies Alles, und fragen Sie ihn dann, ob er glaubt, daß ich des Vertrauens würdig bin, das er in mich geſetzt, und ob er noch immer hofft, daß ich ihm nützlich ſein kann? Er wird dieſe meine Frage mit einem lauten, freudigen Ja be⸗ antworten, rief Herr von Sahla mit ſtrahlendem Angeſicht. Er wird von heute an nicht mehr troſtlos in die Zukunft ſehen, denn er wird wiſſen, daß er einen Vertheidiger gefunden, der die Macht und den Willen hat, für ihn zu kämpfen, und der für ihn ſiegen wird! Segen über Sie, Fürſt, über Sie, den Freund, den Bundesgenoſſen meines Königs, meines Vaterlandes! Ich werde wenigſtens verſuchen, mir Ihren Segen zu verdienen, ſagte Talleyrand, mit einem ſanften Lächeln Sahla ſeine Hand dar⸗ reichend. Herr von Sahla drückte dieſe Hand feſt in der ſeinen und ſchaute mit einem langen, durchdringenden Blick in das ruhige, unbe⸗ wegliche Antlitz Talleyrands. Ich ſchaue in Ihr Herz, ſagte er feierlich, und ich weiß jetzt, daß Ihre Lippen die Wahrheit geſprochen, daß es Ihnen heiliger Ernſt iſt mit der Erhaltung Sachſens. Gehen Sie alſo hin, Durchlaucht, und ſprechen und handeln Sie zum Wohl eines Volkes und eines Königs, die Beide zu Gott für Sie beten werden! Ich will gehen, die Thrä⸗ nen meines unglücklichen Königs zu trocknen, indem ich ihm ſage, daß Gott ihm einen Rächer, jng Vertheidiger geſandt hat. . 378 Er verneigte ſich tief, und ſich dann umwendend, eilte er dem Ausgange zu. Talleyrand ſchaute ihm mit einem ſeltſamen, ſcheuen Ausdruck nach. Jetzt hatte der Calatravaritter die Thür geöffnet, und war ſchon im Begriff hinauszugehen. Herr Baron von Sahla, rief Talleyrand, kommen Sie doch. Sie haben ja hier noch die Papiere und Wechſel Ihres Königs vergeſſen! Sie werden ihm dieſelben nach einem Jahr wiederbringen, Herr Fürſt von Benevent, ſagte Herr von Sahla lächelnd, indem er raſch hinaus trat, und die Thür hinter ſich zudrückte.*) Herr von Talleyrand war jetzt allein. Er heftete noch eine Zeit⸗ lang die Blicke forſchend und horchend nach der Thür hin, dann, als er ſah, daß dieſe Thür ſich nicht wieder öffnete, daß Herr von Sahla nicht zurückkam, die vergeſſenen Papiere zu holen, dann flog ein glän⸗ zender Ausdruck der Freude über ſein Antlitz hin. Er eilte, ſo raſch es ihm ſein hinkender Fuß erlaubte, nach den beiden Thüren ſeines *) Dieſe Beſtechung Talleyvands für und durch Sachſen iſt keine müßige Erfindung, ſondern ein hiſtoriſches Factum. Der Graf de la Garde ſpricht in ſeinen Memoiren über den Wiener Congreß ganz unbefangen darüber, daß Sachſen ſich durch ſeine Millionen auf dem Congreß vertreten ließ. Der gute König von Sachſen, ſagt er, hat jetzt die beſte Partie erwählt. Er hatte, in der Furcht vor unangenehmen Wechſelfällen und Verlegenheiten, Sorge ge⸗ tragen, ſich ein kleines Reſerve⸗Kapital zu ſichern. Jetzt hat er davon einige Millionen losgeriſſen, um ſie an zwei einflußreiche Perſonen des Congreſſes zu geben. Der Schlüſſel von Gold wird ihm die Pforten ſeines Königreiches weit raſcher und ſicherer öffnen als alle Protokolle des Congreſſes. Siehe: Comte de la Garde. II. S. 112. Der Graf de la Garde iſt noch ſo dis eret, den Empfänger der Millionen nicht zu nennen, aber Chateaubriand iſt offenherziger. Er ſagt es geradezu, daß Talleyrand vom König von Sachſen für drei Millionen Francs gewonnen worden, und daß er für dieſe Summe das wahre Beſte Frankreichs, welches lieber Sachſen als den Rhein in Preu ßens Macht zu geben rieth, verkauft und verrathen habe. Siehe: Chateau- priand, Mémoires d'outre tombe. Vol. VI. S. 441. Siehe auch: Pertz, Leben des Miniſters vom Stein. Th. IV. S. 119. — 379 Cabinets hin, verriegelte ſie beide, und trat dann zu dem Tiſch, auf welchem die Banknoten und Wechſel lagen. Drei Millionen Francs, ſagte er, ſeine Hand auf die Papiere legend, drei Millionen Francs, das heißt ein Vermögen, um allen Wechſelfällen des Schickſals Trotz bieten zu können! Drei Millionen! Hm, ich denke, ich habe in den letzten zwei Tagen ein ganz gutes Geſchäft gemacht, und meine Erben werden mit mir zufrieden ſein. Da drinnen in meinem Pult liegt ein Document von dem König von Sicilien, der mir das italieniſche Fürſtenthum Dino als mein Eigen⸗ thum verſchrieben und verbrieft hat, wenn ich ihm Neapel wieder er⸗ 6 ſchaffe. Hier auf dem Tiſch liegen drei Millionen Francs vom König von Sachſen. Ich werde alſo im Laufe eines Jahres Herzog von Dino ſein, und ich werde ein herzogliches Vermögen haben! Ah, wie gut und nützlich iſt es doch, wenn man mehr verſchweigt, als ſagt, wenn man ganz im Geheimen Politik macht. Wenn der König von Sachſen den geheimen Vertrag gekannt, den ich vor einigen Wochen mit Oeſterreich und England abgeſchloſſen habe, ſo würde er vielleicht geglaubt haben, ſein Königreich billiger erhalten zu können, und nur vielleicht eine Million dafür ausgegeben haben.*) Denn da Oeſter⸗ reich und England ſich mit Frankreich zu gegenſeitiger Hülfsleiſtung und Durchführung der von einer der drei Mächte gemachten Vorſchläge verpflichtet haben, ſo werden wir wohl ohne allzugroße Anſtrengungen im Stande ſein, Sachſen und ſeinen König zu erhalten. Zum guten Glück ſind die drei Mächte verſchwiegen geweſen. Ah, wie wunderlich doch die Welt iſt, und welch' eine feine Naſe man haben muß, um *) Am 3. Jannar 1815 ſchloſſen Frankreich, Oeſterreich und England einen geheimen Vertrag ab, durch welchen ſie ſich gegenſeitig verpflichteten, im Einverſtändniß mit einander die Beſtimmungen des Pariſer Friedens aufrecht zu erhalten, das heißt, alle Mächte in ihren Rechten beſtehen zu laſſen, und in keine Macht⸗ und Gebietsvergrößerungen einzelnex Staaten zu willigen. Ferner verpflichteten die drei Mächte ſich, ſich gegenſeitig zu vertheidigen, und mit ihren Armeen und ihrem Golde ſich zu unterſtützen, wenn man ſie aus Haß gegen die von einer der drei Mächte gemachten Vorſchläge angreifen ſollte. Siehe: Pertz. Th. IV. S. 274. 380 ihre Wechſelfälle und Wandelungen wittern zu können, und daher ihren Eventualitäten zuvor zu kommen. Als ich noch Biſchof von Autun war, witterte ich die Revolution und ward Republikaner. Als Re⸗ publikaner witterte ich das Kaiſerreich, und ward daher thätig, aus dem erſten Conſul einen Kaiſer zu machen. Als wir das Kaiſerreich hatten, da roch ich ſchon den Geruch der Fäulniß aller unſerer Zuſtände, und arbeitete und wirkte als Miniſter des Kaiſerreichs für den Thron des Königs, der dem Kaiſer folgen mußte. Und jetzt, da ich Miniſter des Königreichs Frankreich bin, für wen arbeite ich jetzt, und was wittert meine Naſe? Nun, jedenfalls habe ich ein wenig für mich gearbeitet, und was auch die nächſte Aventure Frankreichs ſein mag, ich habe für mich ein Herzogthum und einige Millionen gewonnen. Dafür erhalte ich dem König von Sachſen zum Mindeſten ſeine Krone, ſeine Reſidenz⸗ ſtadt Dresden, und einige Städte und Städtchen dazu! Dafür ſetze ich den König von Sicilien wieder auf den Thron von Neapel, und verjage Joachim Murat, meinen lieben Freund früherer Tage. Und das, ſeufzte Talleyrand, indem er die Millionen zuſammen packte, und ſie in ſeinem Schreibtiſch verſchloß, das nennt man Geſchichte machen, und für das Wohl der Völker thätig ſein! iMl. FJoucht. Fürſt Metternich kehrte eben aus der Conferenz zurück in ſein Cabinet. Sein Antlitz, welches ſonſt immer ſo ruhig und lächelnd er⸗ ſchien, war heute von Wolken beſchattet, und ſeine Augen, welche ſonſt in ſo heiterem Glanz ſtrahlten, ſchauten finſter drein. Es war heute eine ſehr ſtürmiſche Congreßſitzung geweſen, und der politiſche Horizont fing immer mehr an, ſich zu verdunkeln. Eine unerwartete Briſe hatte heute dieſe Wolken noch dichter zuſammen gezogen. Dieſe Briſe war von England herüber geweht. England, das bis jetzt in den ſäch⸗ ſiſchen und polniſchen Fragen im innigſten Einvernehmen mit Frank⸗ reich und Oeſterreich geweſen, England hatte plötzlich ſeine Wi geändert, und Lord Caſtlereagh hatte heute in der Conferenz Metter⸗ nich ganz offen geſtanden, daß die neueſten Depeſchen des Regenten von England es ihm zur Pflicht machten, den Frieden zu erhalten, und ihm, wenn es ſein müßte, Sachſen zu opfern, das heißt, es zuzulaſſen, daß Preußen ſich in den Beſitz Sachſens ſetze. Dieſe unerwartete Nachricht war es, welche die Stirn Metternichs verdüſtert hatte, und welche machte, daß er jetzt in ſeinem Cabinet gedankenvoll und in ernſte Betrachtungen verſenkt auf und ab ging. Ich ſehe da nichts als Verwickelungen, als Zwiſtigkeiten, ſagte er leiſe vor ſich hin. Alles iſt Unfrieden, Neid und Bosheit, und Alles wird auseinander platzen, wie eine überladene Bombe, die Alles in Brand ſteckt. Preußen beginnt ſchon zu drohen, und der Herr von Hardenberg hat mir heute in der Conferenz mit blitzenden Augen ver⸗ ſichert, daß Preußen nöthigenfalls mit den Waffen in der Hand ſeine Anſprüche auf Sachſen vertheidigen werde. Frankreich droht wiederum mit Waffengewalt, wenn Preußen ſeine Anſprüche auf Sachſen nicht aufgeben wolle, und läßt ſchon ſeine Truppen zuſammenziehen. Herr Talleyrand ſagte heute mit ſeinem ruhigen Lächeln zu Hardenberg, Frankreich habe bereits eine Armee von achtundſiebenzigtauſend Mann an ſeinen Grenzen aufgeſtellt, die kampfgerüſtet den Feind erwarte. Rußland wird auch immer ungeſtümer, und Kaiſer Alexanders Augen ſchleudern Blitze auf mich, die jedenfalls geeignet wären, mich zu zer⸗ ſchmettern, wenn er der Gott Zeus, und ich nichts weiter wäre, als ein zu ſeinen Füßen gefeſſelter Titan. Sein Herr Bruder Conſtantin hat ja ſchon einen Aufruf an die Polen erlaſſen, ſich zu erheben, die Waffen zu ergreifen, und bereit zu ſein, auf den Ruf ihres Königs, des Kaiſers Alexander, die Unabhängigkeit und Freiheit ihres Vater⸗ landes zu vertheidigen. Und wir ſelber, wir, Oeſterreich? Sehen wir uns nicht auch genöthigt, zu drohen, zu rüſten, und auf einen neuen Krieg vorzubereiten? In Böhmen haben wir ſchon ein Heer zuſammen⸗ gezogen, um nöthigenfalls Sachſen zu vertheidigen. Jetzt müſſen wir — 382 ein anderes Heer hierher ziehen, um Wien im Fall des Krieges gegen die Ruſſen zu decken. Und ein drittes Heer haben wir in Italien auf⸗ geſtellt, für den guten Jvachim Murat, der den Hochmuth hat, noch länger König von Neapel bleiben zu wollen. Nichts als Rüſtungen! Und das iſt der Erfolg davon, daß die Diplomaten Europa's hier ſeit fünf Monaten verſammelt ſind, um über den Weltfrieden zu berathen! Wahrhaftig, wenn die Sache nicht ſo abſcheuliche Folgen haben könnte, ſo müßte man darüber lachen. Seit fünf Monaten Friedens⸗Confe⸗ renzen, und der Erfolg davon,— Krieg— Krieg auf allen Seiten! Metternich lachte laut auf, und warf ſich auf den Divan, um ein wenig auszuruhen von den Anſtrengungen der Conferenz. Aber immer wieder führten ihn ſeine Gedanken zu derſelben zurück und be⸗ läſtigten ſeine Seele mit ihren Aufregungen und Verdrießlichkeiten. Ah bah, ſagte Metternich, ſein Haupt ſchüttelnd, als wolle er die läſtigen Inſecten verjagen, die ihn beunruhigten, ah bah, vergeſſen wir doch dieſe Langweiligkeiten! Es iſt am beſten, ſich gar nicht mehr mit ihnen zu beſchäftigen, ſondern die Dinge gehen zu laſſen, wie ſie eben gehen! Ich will heute nichts mehr damit zu thun haben, ſondern will mich mit nützlicheren und angenehmeren Dingen beſchäftigen. Ich habe da vor allen Dingen die Arrangements und Einladungen zu dem Ballfeſt zu überlegen, das ich in acht Tagen geben will. Zuerſt alſo die Einladungen! Er ging zu ſeinem Schreibtiſch, ſetzte ſich vor denſelben, und nahm Papier und Feder. Zuerſt alſo: die kaiſerliche Familie! ſagte er, die⸗ ſelbe aufſchreibend. Nun, die wird mir nicht fehlen!— Dann: der Kaiſer und die Kaiſerin von Rußland! Aber wird der Kaiſer kommen wollen? Darf ich ihn direct einladen, ohne eine brusque, abſchlägige Antwort zu riskiren? Ich werde General Hardegg als meinen Abge⸗ ſandten zu ihm ſchicken! Weiter! Der König von— Nun, Jean, was giebt es? fragte er den eintretenden Kammerdiener. Durchlaucht, es iſt im Vorſaal ein fremder Herr, der durchaus Ew. Durchlaucht, wie er ſagt, in dringenden Angelegenheiten, zu ſprechen wünſcht. Hat er ſeinen Namen nicht genannt? nin Nein, Durchlaucht. Er hat mir nur dies Papier gegeben. Und er hielt dem Fürſten einen ſilbernen Teller dar, auf welchem ſich ein Streifchen Papier befand, mit allerlei ſeltſamen Zeichen und Strichen beſchrieben. Metternich nahm das Papier ganz achtlos entgegen, dann, als er die Augen auf die Hieroglyphenſchrift des Papiers geheftet hatte, zuckte er zuſammen und betrachtete ſinnend von allen Seiten die geheimniß⸗ volle Schrift. Laß dieſen Herrn ſogleich eintreten, ſagte er, haſtig nach der Thür deutend, und während Jean hinaus eilte, murmelte der Fürſt, indem er das Papier in kleine Stücke zerriß: Es iſt unmöglich. Er kann es nicht ſein! Er wird mir irgend einen ſeiner Agenten ſenden! Der Kammerdiener öffnete die Thür und ein Fremder trat ein. Metternich heftete auf ihn ſeine großen, forſchenden Augen. Ich hatte Recht, ſagte er zu ſich ſelber, er iſt es nicht! Einer ſeiner Agenten, nichts weiter! Er ſtand auf, und ging mit ernſter, ſtolzer Ruhe und etwas zurück⸗ haltendem Weſen dem Fremden entgegen, der raſch und ungezwungen ſich ihm näherte, und ihn lächelnd anſchaute. Ew. Durchlaucht kennen mich nicht? fragte er, als Metternich ihn noch immer nicht willkommen hieß. Der Fürſt zuckte leiſe die Achſeln. Ich habe leider nicht die Ehre, ſagte er. Nun, ſagte der Fremde lächelnd, das beweiſt wenigſtens, daß An⸗ dere mich nicht erkennen werden, und daß meine Verkleidung gut war. Erlauben Sie, Durchlaucht! Ohne eine Erlaubniß abzuwarten, drehte er ſich um, zog mit einem raſchen Griff die hellblonde Perrücke, welche in einer Fülle köſt⸗ licher Locken ſein Haupt ſchmückte, von demſelben fort, und mit ihr zugleich den vollen Backenbart, der ſein Geſicht wie ein angenehmer winterlicher Fußſack umgab, und den untadelhaften Schnurrbart, der ſich wie ein breites undurchdringliches Schutzdach über ſeinem Munde wölbte. Alsdann richtete er die rechte Schulter, welche bis dahin tief 384 geſenkt geweſen, empor, und wandte ſich in dieſer Metamorphoſe wieder dem Fürſten zu. Fouche! rief dieſer erſchrocken. Sind Sie es wirklich? Ah, Ew. Durchlaucht kennen mich alſo doch! rief Fouché lachend. Und jetzt, nicht wahr, Durchlaucht, jetzt heißen Sie mich willkommen? Ja, von Herzen willkommen, Herr Herzog von Otranto, ſagte der Fürſt, ihm mit ſeinem verbindlichſten Lächeln die Hand darreichend. Aber Sie werden mir verzeihen, wenn ich nichtsdeſtoweniger ſehr ver⸗ wundert bin, den Herrn Polizeiminiſter des einſtigen Kaiſers Napoleon ſo unerwartet hier in Wien bei mir zu ſehen. Sie ſind verwundert, rief Fouché, mein Gott, Fürſt, wie benei⸗ denswerth Sie ſind, ſich noch über irgend etwas wundern zu können. Ich meinestheils habe dieſe glückliche Eigenſchaft ganz und gar ver⸗ loren. Ich wundere mich über nichts mehr. Aber ſagen Sie, Durch⸗ laucht, wollen Sie mir eine Viertelſtunde ſchenken? Nicht mehr, als eine Viertelſtunde! Ich bin mit Courierpferden, als mein eigener Cou⸗ rier, hierher gefahren, und werde als Courier mit den Depeſchen des Fürſten Talleyrand in einer Viertelſtunde wieder Wien verlaſſen, um nach Paris zurückzukehren. Und Fürſt Talleyrand kennt den Courier nicht, er ahnt nicht, daß Sie es ſind, Herr Herzog? Nein, er hat mich ſo wenig erkannt, wie Ew. Durchlaucht. Nie⸗ mand darf ahnen, daß ich hier bin, weder in Wien, noch in Paris. Selbſt den Späheraugen meiner frühern Polizeiſpione hoffe ich dies Geheimniß entziehen zu können. Ich bin blos hierher gekommen, um eine Unterredung mit Ihnen zu haben. Wollen Sie mir dieſe bewil⸗ ligen? Komme ich Ihnen nicht unbequem? Ach, Herr Herzog, welche Frage! Mein ganzer Tag ſteht Ihnen zur Verfügung! Ich ſagte Ew. Durchlaucht ſchon, daß ich nur eine Viertelſtunde beanſpruche! Aber wollen Sie die Gnade haben, Ordre zu geben, daß man uns nicht ſtört, daß Niemand hier eintritt? Meine Maskerade darf nur für Ew. Durchlaucht kenntlich ſein. Sie haben Recht, wir wollen uns vor Störungen ſichern, ſagte Metternich und er eilte in den Vorſaal, um Jean zu benachrichtigen, daß, ſo lange der Fremde bei ihm ſei, Niemand elſetn werde, und keiner in das Cabinet eintreten dürfe. Jetzt, ſagte er, zu Fouché zurückkehrend, jetzt wollen wir uns auch noch außerdem vor jedem böſen Zufall ſichern! Er verſchloß die Thür des Vorſaals und die zweite in ſein Wohn⸗ zimmer führende Thür. 8 Herr Herzog, ſagte er dann, nun ſind wir vor jeder Störung ge ſichert, und wenn es Ew. Durchlaucht gefällig iſt, ſetzen wir uns. Er führte den Herzog zu dem Divan hin und nahm ihm gegen über auf dem Fauteuil Platz. Und jetzt, Herr Herzog, ſagte er lächelnd, jetzt erlauben Sie mir, Ihnen zu geſtehen, daß ich auf Ihre Worte ſo geſpannt bin, wie ein junges Mädchen auf die erſte Liebeserklärung, die man ihr zu machen im Begriff iſt Nur Faß es ſich bei meinen Erklärungen viel weniger um Liebe als um Haß handelt, Durchlaucht, rief Fouché. Ich konme, Ihnen zu geſtehen, daß ich rathlos bin, daß ich nicht mehr weiß, wohin wir gehen, noch was wir wollen. Ah, mein Freund, ſagte Metternich achſelzuckend, dann ſind Sie in Paris genau ſo weit, wie wir hier in Wien auch ſind. Wir be⸗ finden uns hier auch bereits in einem Chaos, aus dem uns ſchwerlich etwas Anderes herausziehen wird, als das Schwert! Wir aber, ſagte Fouché ernſt, wir ſtehen am Vorabend einer volution, und ich komme hierher, Sie zu fragen, was ſoll, wenn dieſe Revolution den König Ludwig den Achtzehnten geſtürzt hat? Ach, Sie nehmen das als eine unumſtößliche Gewißheit an? rief Metternich.» Ja, es iſt eine Gewißheit, ſagte Fouché ernſt. Frankreich ſteht auf einem Vu der in jeder Stunde ſeinen Krater öffnen und ſeine glühende Feuerlava ausſtrömen kann. Der König iſt ein verkorner Mann, denn das Volk liebt ihn nicht, das Militair verabſcheut ihn, und die ſelbſt zürnen ihm wegen der freiſinnigen tionen, die er gegeben, und wegen der Nachſicht, die er den Bonap Mühlbach, Napoleon. IV. Vd. 25 Le⸗ 386 tiſten erzeigt. Frankreich iſt nur noch eine einzige große Verſchwörung. Ueberall gährt es, überall nimmt das Volk eine drohende Miene an, empört es ſich offen und geheim gegen die Regierung, welche nur noch ein reifes Geſchwür iſt, das Frankreich bei der erſten Gelegen⸗ heit abſtoßen wird. Was für ein Pflaſter aber wird es dann auf ſeine offene Wunde legen? fragte Metternich achſelzuckend. Das iſt es eben, weshalb ich Sie um Rath fragen möchte, ſagte Fouché raſch. Ich glaube, Durchlaucht, Sie haben das Fflaſter, welches Frankreich alsdann bedürfen wird. Ach, dieſes arme Frank⸗ reich! Man hätte es retten, man hätte es den Bourbonen erhalten können, aber man hat es nicht gewollt! Dieſe Leute ſind blind mit ſehenden Augen! Sie rennen in ihr Verderben trotz aller Warnungen! Es iſt, als ob eine allgemeine Verblendung die Regierung und alle ihre Anhänger und Beamten befallen habe. Man conſpirirt öffentlich, an jeder Straßenecke, in jedem Hauſe! Selbſt die Frauen ſind von dem allgemeigen Schwindel ergriffen; die Herzogin von Baſſano wirbt ohne Scheu ihre Freundinnen dazu an, ihre Männer zu bekehren, daß ſie ſich den Conſpirationen anſchließen. Sie hat ſich jüngſt erſt der Marſchallin Augereau faſt zu Füßen geworfen und ſie mit Thränen beſchworen, den Marſchall zum Anſchluß an die große Napoleoniſche Verſchwörung zu bewegen. Die Marſchallin Augereau iſt loyal genug geweſen, dem Polizeiminiſter André dieſes Anſinnen der Herzogin von Vaſſano mitzutheilen. Der Polizeiminiſter hat ihr gelaſſen zugehört und hat gelacht über die Klatſcherei ſchöner Frauen.*) Er hat auch gelacht, als der Präfect des Var⸗Departements ihm kürzlich berichtete, daß viele verdächtige Leute, anſcheinend von Elba kommend, an der Küſte der Provence landeten, ſich im Lande umhertrieben und für Na⸗ poleon würben. Herr André hat ihn eben ſo wenig einer Antwort gewürdigt, als mir Herr Talleyrand geantwortet hat auf ein Schrei⸗ ben, das ich vor vier Wochen an ihn richtete, und in welchem ich ihn warnte und ihm mittheilte, wie ich aus genauen Quellen wüßte, daß *) Pertz, Leben Steins. IV. S. 369. Joſ daß Abe gehi den vorſ alsd Die min tiſti Bla des ſob über ihte wer 09 forſ ſum mit hit 3 ier kom ſul hu den Rez ſchſ 387 Joſeph Bonaparte in der Schweiz Mannſchaften ſammle und bewaffne, daß er verdächtige Umtriebe habe mit mehreren Generälen der Armee. Aber dieſe Leute wollen nicht hören! Sie haben auch Barras nicht gehört, als er zu Herrn von Blacas kam, um ihn vor einer gegen den König gerichteten Verſchwörung zu warnen, als er dem Miniſter vorſchlug, Napoleon auf Elba verhaften zu laſſen, als er ſich erbot, alsdann Murat zur freiwilligen Niederlegung ſeiner Krone zu bereden. Dieſe Leute wollen nicht hören. Sie haben auch ihren eigenen Kriegs⸗ miniſter Dupont nicht gehört, als der, erſchrocken über den bonapar⸗ tiſtiſchen aufwiegleriſchen Geiſt des Heeres, dem König und dem Herrn von Blacas vorgeſchlagen hat, das Heer zu verringern und die Vertheidigung des Landes mehr der Nationalgarde anzuvertrauen. Dieſe Leute werden ſo lange taub ſein, bis der Donner der Revolution, das Krachen des über ihren Häuptern zuſammenbrechenden Gebäudes ſie zu ſpät aus ihrer Sorgloſigkeit aufſchreckt. Und denken zu müſſen, daß ſie dies Alles vermeiden konnten, wenn ſie klug genug geweſen, ſich einen Polizeiminiſter, wie der Her⸗ zog von Otranto es war, zu ſichern, ſagte Metternich, einen raſchen, forſchenden Blick auf Fouché werfend. Er ſah ſehr wohl das Aufblitzen ſeiner Augen, das düſtere Zu⸗ ſammenziehen ſeiner Stirn. Sie bedurften Meiner nicht, ſagte Fouché mit einem verächtlichen Lächeln, ſie ließen mich unbeachtet, und in Un⸗ thätigkeit. Nun, mögen Sie jetzt die Früchte Ihrer Thaten ernten. Ich komme nicht hierher, um Sie, Herr Fürſt, zu beſchwören, die Re⸗ gierung Frankreichs zu warnen, und ihren Fall zu verhindern. Ich komme nur, um Ihnen zu ſagen: die Regierung Frankreichs wird fallen! Um Sie ehrlich und offen zu fragen: was wird Oeſterreich thun, wenn ſie gefallen, wenn der König verjagt iſt? Wird es Ludwig den Achtzehnten vertheidigen? Wird es Frankreich verhindern, ſeine Republik zu erneuern? Das Alles ſind ja innere Fragen Frankreichs, ſagte Metternich achſelzuckend, was kümmern die uns? Möge Frankreich ſeinen König abſetzen, möge es die thörichte Comödie ſeiner Republik noch einmal durchſpielen, wir werden es nicht verhindern, vorausgeſetzt, daß Frank⸗ — ——— reich ſich ſelber leitet und nicht von Andern verleitet wird. Was Ihren König Ludwig den Achtzehnten und die franzöſiſchen Bourbonen anbe⸗ trifft, ſo kann Oeſterreich Dem nur beiſtimmen, was vor einigen Tagen der Kaiſer von Rußland ſagte. Und was ſagte der, Durchlaucht? Er ſagte:„Wir haben die Bourbonen wieder auf den Thron ge⸗ ſetzt, mögen ſie ſich darauf halten. Fallen ſie abermals, ſo vin ich es ganz gewiß nicht, der ihnen wieder emporhilft.“*) Ich habe Ihnen jetzt ehrlich und offen Ihre Frage beantwortet. Jetzt, Herr Herzog, beantworten auch Sie mir mit derſelben Ehrlichkeit und Offenheit eine Frage! Fragen Sie, Durchlaucht. Nun denn, Herr Herzog, ſagen Sie mir: glauben Sie, daß Frank⸗ reich in der That nur deshalb conſpirirt und revolutionirt, um ſich das Königthum abzuſtreifen zu Gunſten einer Republik? Nein, Durchlaucht, das glaube ich ganz und gar nicht, ſagte Fouché mit einem feinen Lächeln. Dieſes Lächeln fand einen Wiederſchein auf dem Angeſicht Metter⸗ nichs. Glauben Sie alſo, fragte er leiſe, glauben Sie, daß Frankreich die Bourbonen verjagen will zu Gunſten der Bongpartiſten? Glauben Sie, daß es ſeine Regentin Marie Louiſe und den König von Rom in Frankreich willkommen heißen würde? Ah, rief Fouché lebhaft, Sie ſprechen da das Wort aus, um deſſenwillen ich gekommen bin! Ja, Durchlaucht, ja, niemals iſt der Augenblick für die Wiederherſtellung der Regentſchaft in Frankreich ſo günſtig geweſen, wie eben jetzt. Die königliche Regierung hat alle Geiſter verſtimmt, ſie iſt es am meiſten geweſen, die Propaganda für den Bonapartismus gemacht hat. Ich ſage Ihnen, Durchlaucht, wenn jetzt in dieſer Zeit der Sohn des Kaiſers, von einem Bauer geführt, auf einem Eſel reitend, in Straßburg erſchiene, ſo würde vas erſte beſte Regiment, dem er vorgeſtellt würde, ihn ohne alle Hinderniſſe *) Mn6val, Mémoires. II. 116 nach lan zuri mn kehr Eu und Ver beſt hof der e 389 nach Paris bringen, und Ludwig vom Thron ſtürzen, um ihn darauf zu ſetzen.*) Um ihn als Napoleon den Zweiten auszurufen, oder ihn nur ſo lange auf dem Thron zu halten, bis Napoleon der Erſte von Elba zurückgekommen? Das hängt von den Umſtänden ab, Durchlaucht, und ich glaube, man muß den Umſtänden ein bischen zu Hülfe kommen. Die Rück⸗ kehr Napoleons wäre nicht blos für Frankreich, ſondern für ganz Europa ein Mißgeſchick, denn die Kriege würden ſich wieder erneuern, und neue Umwälzungen wären die Folge davon. Napoleon iſt eine Verlegenheit für Europa, und man müßte daher bemüht ſein, ſie zu beſeitigen. Beſeitigen! Das iſt ein vieldeutiges Wort, ſagte Metternich. Ich hoffe, Sie denken dabei nicht an die Beſeitigungen, wie ſie die Bravi der Republik Venedig früher verſtanden? Ich denke an eine Beſeitigung, wie ſie zum Beiſpiel Oeſterreich früher mit dem König Richard Löwenherz vornahm, den es auf lange Zeit in einem Thurm verſchwinden ließ. Ah, und ich bin ſicher, Herzog, daß Sie alsdann für dieſen zweiten Richard Löwenherz nicht die Rolle eines Blondel übernehmen würden! rief Metternich lachend. Aber das Beſeitigen iſt in dieſem Falle ſchwerer, als damals, denn Richard Löwenherz zog durch Oeſterreich, Napoleon aber horſtet auf Elba. Man müßte ihn heimlich von ſeinem Horſt entführen. Man müßte ihn von Elba aufheben, ihn auf eins der vor Elba kreuzenden eng⸗ liſchen Schiffe bringen, und ihn auf irgend einer wüſten Inſel abſetzen, ihn im Weltall entſchwinden laſſen. Es bedürfte dazu nur einiger we⸗ niger Männer, die muthig, entſchloſſen und treu ſind. Kennen Sie ſolche Männer? fragte Metternich raſch. Ja, Durchlaucht, ich kenne ſolche Männer, und ich ſtelle ſie Ew. Durchlaucht zur Verfügung! Ah, nicht mir, rief Metternich faſt erſchrocken, ich will nichts zu *) Fouché's eigene Worte. Siehe: Ménéval, Mémoires. III. 98. 390 thun haben mit dieſen Dingen! Ich wiederhole und ſage, was Talleyrand ſagte, als ihm Lord Caſtlereagh neulich den Vorſchlag machte, bei dem reich Congreß auf die Verhaftung und weitere Fortführung Napoleons an⸗ poleo zutragen. Frar Was ſagte Talleyrand? Er ſagte achſelzuckend:„Mylord, reden wir nicht mehr von Na⸗ ſule poleon. Er iſt ein todter Menſch.“*) ſom Ah, rief Fouché verächtlich, dieſer ſchlaue Fuchs hat alſo ganz und gar die Witterung verloren, wie es ſcheint! Aber Sie, Durchlaucht, Güt werden ihm nicht nachahmen wollen, Sie werden Napoleon nicht für vir einen todten Mann halten, ſondern Sie wiſſen, daß er lebt, und daß ud er das Triebrad aller dieſer Machinationen iſt, die jetzt Frankreich in n Unruhe und Aufruhr verſetzen. Ich geſtehe, daß ich darin Ihre Anſicht theile, Herr Herzog. N Aber Sie wollen dennoch nicht die Verantwortung für die Ent⸗ führung Bonaparte's übernehmen, Durchlaucht? Doch Sie würden es zufrieden ſein, wenn die Sache geſchähe, und würden keinen Groll hegen gegen Den, der ſie veranlaßt hätte? ſtr Groll gegen Den, der den Frieden Europa's geſichert hätte? Sie würden dem Entführer alſo dankbar ſein? Wenn die Entführung erſt ein fait accompli iſt, ſo würde Oeſter⸗ reich den heimlichen Veranſtalter dieſer Entführung unterſtützen und 3 fördern, ſo viel es in ſeinen Kräften ſtände. Es würde ihm zum Beiſpiel die Stelle eines Regentſchaftsprä⸗ ſidenten des kleinen Kaiſers Napoleon des Zweiten bewilligen, und die 4 Kaiſerin Mutter, Marie Louiſe, veranlaſſen, daß ſie ihn als ihren ſhn erſten Miniſter und Rathgeber betrachte? h Oeſterreich würde dies als die erſte Pflicht ſeiner Dankbarkeit be⸗ trachten, vorzüglich wenn der kühne Mann, der Bonaparte von Elba verſchwinden ließe, der den König von Rom als Kaiſer auf den Thron u 8ſi Frankreichs ſetzte, wenn dieſer kühne Mann der Herzog von Otranto, ſu der große Fouché wäre! Ku — *) Pertz. Leben des Miniſters vom Stein. IV. S. 369. 391 Durchlaucht, rief Fouché lächelnd, dem Fürſten ſeine Hand dar⸗ reichend, Durchlaucht, wir ſind alſo einig. In vier Wochen wird Na⸗ poleon von Elba entführt, und der König von Rom zum Kaiſer von Frankreich erklärt ſein, mit ſeinem Regentſchaftsrath neben ſich. Aber Oeſterreich darf ſich nicht als Partei in dieſer Sache hin⸗ ſtellen, ſagte Metternich, es darf Ihnen nicht freiwillig und zuvor⸗ kommend den König von Rom entgegenführen. Nein, wir werden ihn entführen, und Oeſterreich wird nur die Güte haben, ſeine Flucht und Entführung erſt dann zu bemerken, wenn wir die franzöſiſche Grenze überſchritten haben! Wir entführen Vater und Sohn! Den Erſteren, um ihn verſchwinden zu laſſen, den Letzteren, um ihn auf den Thron zu ſetzen. Aber nur unter der Bedingung, daß Fouché der Präſident ſeines Regentſchaftsrathes ſei. Sie garantiren mir Oeſterreichs Zuſtimmung? Ich garantire ſie! Durchlaucht, die Sache iſt alſo abgemacht, und meine Viertelſtunde iſt um! Leben Sie wohl! Bald werden die Sterbeglocken des Königs, und die Krönungsglocken des Kaiſers von Frankreich läuten! Leben Sie wohl! Sie müſſen mir ſchon zuvor noch erlauben, in Ihrer Gegenwart meine Toilette zu machen! Ah, Herr Herzog, laſſen Sie mich dabei Ihr Kammerdiener ſein! Einige Minuten ſpäter verließ Fouché, wieder vollkommen un⸗ kenntlich und verwandelt, das Cabinet des Fürſten Metternich. Dieſer ſchaute mit einem eigenthümlichen Lächeln dem Enteilenden nach, und horchte auf ſeine verhallenden Schritte. Und dieſer Menſch glaubt, daß wir auf ſeine Straßenräuberpolitik eingehen werden, flüſterte er achſelzuckend. Er hält es für möglich, daß Oeſterreich mit ihm ein Complott mache, und die Aventure des franzöſiſchen Kaiſerthums durch den eigenen Enkel des öſterreichiſchen Kaiſers noch werde fortſpielen laſſen. Ah, man muß eben Jacobiner und Conventsmitglied geweſen ſein, um ſolche Monſtruoſitäten für möglich zu halten! Aber um ſeine Pläne durchſchauen zu können, mußte ich ſchon auf dieſelben eingehen. Jetzt liegt es an mir, ſie entweder zu vernichten, oder ſie je nach den Umſtänden zu fördern und zu be⸗ nutzen. Frankreich, das iſt klar, Frankreich geht einer neuen Revolu⸗ tion entgegen, und das muß man benutzen zur Förderung des Con⸗ greſſes und unſerer Intereſſen! Sobald die Empörung in Frankreich ausgebrochen iſt, müſſen wir ſie zu einem politiſchen Handſtreich be⸗ nutzen, und durch denſelben müſſen die brennenden Fragen des Con⸗ greſſes, an denen er fünf Monate lang brütet, auf Einen Schlag ent⸗ ſchieden werden. Dieſer Coup de main muß Oeſterreich die Lombardei und Venedig bringen, Rußland befriedigen durch den Beſitz Polens, dem König von Sachſen ſein Königreich wiedergeben, und den Erbfeind Oeſterreichs, das ehrgeizige Preußen, iſoliren! Aber um das zu bewirken, fuhr er nach einer Pauſe fort, um den Coup de main vorzubereiten, muß Oeſterreich vor allen Dingen ſich mit Rußland einigen, und eine Trennung Rußlands von Preußen zu Stande bringen. Ah, jetzt iſt es Zeit, von der Denkſchrift Hardenbergs Gebrauch zu machen! Ich werde dieſelbe noch heute dem Kaiſer von Rußland übergeben!— IV. Intriguen. Während Fürſt Metternich ſo in ſeinem Cabinet die Vortheile überlegte, welche die nahende Revolution Frankreichs für Oeſterreich haben ſolle, war Fouché noch immer eifrig damit beſchäftigt, die Dinge, welche ſich in Frankreich begeben ſollten, vorzubereiten. Das Palais des Fürſten Metternich verlaſſend, ſchritt er eilig über die ihm von vielfachem Aufenthalt her wohlbekannten Straßen Wiens dahin. Jetzt trat er in eine kleine Nebengaſſe ein, und blieb vor einem niedrigen, unſcheinbaren Häuschen ſtehen. 7 Mit ſorgſamen, prüfenden Augen betrachtete er das Haus, und er ———— 393 las die über der Thür angebrachte, halb von der Sonne und dem Staub verwiſchte Hausnummer. Ja, es iſt richtig, ſagte er. Hier werde ich mit dem Bonapar⸗ tiſten ein Rendezvous haben. Er klopfte drei Mal haſtig und leiſe an die Thür. Dieſe öffnete ſich und Fouché trat ein. Eine alte Frau ſtand auf dem Flur und fragte ihn mit mißtrauiſchen Blicken nach ſeinem Begehr. Ich bin hierher berufen, um den Maler Leſtocq zu friſiren, ſagte Fouché. Er wohnt doch hier im Hauſe? Ja wohl, er wohnt hier, ſagte die Alte, und er hat mir auch geſagt, daß er einen Friſeur erwartet. Gehen Sie alſo nur die Treppe hinauf, und klopfen Sie da oben an die Thür. Man wird Ihnen aufmachen! Fouché war ſchon beſchäftigt, die düſtere ſchmale Treppe hinauf zu klimmen, und ſtand jetzt vor der einzigen auf dem obern Flur be⸗ findlichen Thür. Wieder klopfte er drei Mal. Jenſeits der Thür vernahm man jetzt annähernde Schritte, und eine Stimme fragte: Sind Sie die Lilie, oder der Adler? Ich bin der Adler, ſagte Fouché. Sofort ward die Thür geöffnet, und auf der Schwelle derſelben erſchien die hohe ſchlanke Geſtalt des Grafen Montbrun. Treten Sie ein, Herr Herzog, ſagte er leiſe, Sie ſehen, ich er⸗ wartete Sie! Sie haben alſo die Botſchaft erhalten, Herr Graf, die ich Ihnen vor drei Tagen ſandte? fragte Fouché, in das kleine, ganz als das Atelier eines Malers eingerichtete Gemach eintretend. Ich habe ſie erhalten, Herr Herzog, ſagte Montbrun, indem er mit einer leichten Handbewegung nach dem Divan hindeutete. Fouché ſetzte ſich und heftete dann ſeine großen, blitzenden Augen mit einem forſchenden Ausdruck auf das bleiche edle Angeſicht des Grafen, der ſeinem Anſchauen mit einem feſten Blick begegnete. Ich bin ſehr glücklich, daß ich endlich den Mann von Angeſicht ſehe, auf deſſen Treue, wie ich weiß, der Kaiſer mit ſo zuverſichtlichem Vertrauen rechnet, ſagte Fouché nach einer Pauſe. 394 Graf Montbrun lächelte. Ich bedauere, Herr Herzog, Ihr Compli⸗ nicht erwiedern zu können, ſagte er, aber ich verſichere, daß ich auch glücklich ſein würde, Sie von Angeſicht zu Angeſicht ſehen zu können. Ah, Sie ſehen alſo, daß ich Incognito hier bin? rief Fouché lächelnd. Ja, und ich warte, daß Sie die Güte haben wollen, dies Incognito aufzuheben, um mir dadurch zu beweiſen, daß Sie mir vertrauen! Fouché ließ einen ſchnellen, forſchenden Blick durch das Zimmer ſchweifen, und erſt, als er ſich überzeugt hatte, daß kein Meuble, kein Vorhang ſei, hinter dem irgend ein Lauſcher ſich verborgen halten könne, legte er die Perrücke und den Bart ab. Jetzt, Herr Herzog, heiße ich Sie von Herzen willkommen, ſagte Montbrun, ſich tief verneigend. Ich heiße Sie um ſo mehr willkommen, da Ihr Hierſein mir beweiſt, daß die Stunde der Entſcheidung naht. Sie freuen ſich deſſen? Sie lieben alſo den Kaiſer ſehr? Er weiß, daß ich ihm mit Leib und Seele ergeben bin! Ja, ja, er konnt Ihre Anhänglichkeit, rief Fouché, und er hat mir oft von Ihnen erzählt. Seltſam, daß wir uns niemals begegnet ſind. Ich war immer im Dienſt des Kaiſers auf Reiſen, ſagte Mont⸗ brun lächelnd, ich war in Italien, in Spanien, in Deutſchland und Rußland, je nach den Befehlen und Inſtructionen, die der Kaiſer mir ſandte. Und ich war im Dienſt des Kaiſers faſt immer in Paris, rief Fouché, ſo iſt es gekommen, daß die beiden ergebenſten und treueſten Anhänger und Diener des Kaiſers ſich niemals begegnet ſind. Graf Montbrun verneigte ſich ſchweigend. Ich hoffe doch, ſagte Fouché, daß Sie an meiner Treue und An⸗ hänglichkeit für den Kaiſer nicht zweifeln? Ich würde es nicht wagen, an Ihren Worten zu zweifeln, ſagte Montbrun ſcharf betonend. Ah, ich verſtehe, Sie wünſchen aber auch meine Thaten in Uebereinſtimmung mit meinen Worten zu ſehen, rief Fouché. Sie werden das ſehen, Herr Graf. Setzen Sie ſich zu mir, und laſſen Sie uns offen mit einander reden. gegen verſch in ei turie adlie ſeine unſe Vel gege einig ſand Zuſt liebe mal zeu reit reic Fra auf doch den neh ver ſche M L me vor 395 Graf Montbrun nahm einen Stuhl und ſetzte ſich dem Herzog gegenüber. Sie wiſſen wohl, Herr Herzog, ſagte er, daß ich Ihnen nichts zu verſchweigen beabſichtige. Ich bin freilich hier in Wien, gleich Ihnen, in einer Verkleidung, und man hält mich für einen unſchädlichen Aven⸗ turier, für einen heruntergekommenen Marquis, der, Dank ſeinem alt⸗ adligen Namen, von der Gnade der Bourbonen die Wiederherſtellung ſeines Reichthums erhofft, und bis dahin ſich in den Antichambres unſerer Geſandten, und den Spielſälen der hier aus allen Ländern der Welt zuſammengeſtrömten Spieler von Fach umhertreibt. Aber Ihnen gegenüber, Herr Herzog, verberge ich mich nicht. Sie haben mir vor einigen Tagen durch eine vertraute Mittelsperſon ein Memorial ge⸗ ſandt, in welchem Sie die Güte hatten, mir ausführlich und genau die Zuſtände unſeres gemeinſamen Vaterlandes, das wir Beide gleich ſehr lieben, auseinander zu ſetzen. Ich habe dies Memorial mehr als Ein⸗ mal mit der größten Aufmerkſamkeit geleſen, und es hat mich über⸗ zeugt, daß jetzt die Stunde gekommen iſt, welche wir ſo lange vorhe⸗ reitet und erſehnt haben, die Stunde, in welcher der Kaiſer nach Frank⸗ reich, das ihm ſeine Arme entgegenbreitet, zurückkehren muß. Sie haben Recht, rief Fouché lebhaft, der Kaiſer muß zurückkehren. Frankreich bedarf Seiner, und ihm ſelber droht Gefahr, wenn er länger auf Elba bleibt. Sie ſind alſo der Meinung, daß die Herren vom Congreß endlich doch ihre Worte und Drohungen in Thaten umſetzen, daß ſie endlich den Antrag des Lord Caſtlereagh und des Grafen Pezzo di Borgo an⸗ nehmen werden? Daß ſie es wagen werden, den Kaiſer auf Elba zu verhaften, und ihn heimlich von dort zu entführen? Ja, ſie werden es wagen, ſagte Fouché. Meine hieſigen Kund⸗ ſchafter und Freunde haben mir die beſtimmteſten und unzweifelhafteſten Nachrichten gegeben: der Congreß hat Furcht vor dem gefeſſelten Löwen, und er will daher ſeinen Kerker noch weiter ab in das Welt⸗ meer entrücken. Es iſt daher nothwendig, den Herren Diplomaten zu⸗ vorzukommen, und den Löwen zu befreien. 4 ₰ 396 Und Sie ſind überzeugt, Herr Herzog, daß Frankreich bereit iſt, ihn wieder auf den Thron zu ſetzen? Ich bin davon überzeugt. Ich habe meine Verbindungen in allen Regimentern der Armee. Ich unterhandle und verkehre mit allen na⸗ poleoniſchen Generälen, welche der Unverſtand Ludwigs des Achtzehnten bei der Armee belaſſen hat. Sie ſind alle bereit, den Kaiſer mit ihren Regimentern willkommen zu heißen. Aber ſind ſie auch bereit, zuvor mit ihren Regimentern den König zu ſtürzen und zu verjagen? Das wird nicht vorher, ſondern zur ſelben Zeit geſchehen, ſagte Fouché. Wenn das Gewitter gerade über uns ſteht, folgt Blitz und Donner unmittelbar auf einander. Der einſchlagende Blitz, das wird der Kaiſer ſein, und der rollende Donner wird von dem fortbrauſenden Wagen des entfliehenden Königs herrühren. Jetzt kommt es nur darauf an, daß Jeder von uns ſeine Rolle bei dem großen Drama, das Frankreich dem ſtaunenden Europa vorſpielen will, richtig durchführt, und ſein Stichwort nicht verfehlt. Wir müſſen uns alſo darüber ver⸗ ſtändigen, was wir gethan haben, und was uns noch zu thun übrig bleibt. Was wir gethan haben, ſagte Montbrun, das iſt in kurzen Worten zuſammen zu faſſen: wir haben conſpirirt. Was uns zu thun übrig bleibt, iſt: den Kaiſer wiſſen zu laſſen, daß Frankreich ihn er⸗ wartet, und ihm die Gemahlin und den Sohn wieder zuzuführen. Ah, wenn der Kaiſer erſt wieder in Frankreich iſt, rief Fouche ſorglos, wenn er erſt ſeinen Thron wieder eingenommen hat, dann wird Oeſterreich ſich beeilen, ihm Beide wieder zuzuführen, und ſich zu ver⸗ rühmen, daß es dem Kaiſer dieſe Pfänder von Oeſterreichs Liebe ge⸗ treulich bewahrt hat. Nein, Herr Herzog, ſagte Montbrun ernſt, Oeſterreich wird nie⸗ mals einwilligen, die Kaiſerin, welche man hier nur noch die Erz⸗ herzogin Marie Louiſe nennt, den König von Rom, welcher hier keinen andern Rang hat, als den, daß er der Sohn ſeiner Mutter iſt, wieder nach Frankreich gehen zu laſſen. Oeſterreich wird Beide als Geißeln hier behalten, und als Beweis vor ganz Europa, daß der Kaiſer Franz nicht geſonnen iſt, Napoleon jemals wieder als ſeinen Schwiegerſohn anzue Cong genug und wir ſ ſchi das hab le ful ur 397 anzuerkennen. Ich habe auch meine Freunde und Agenten auf dem Congreß, und in den Hofkreiſen, und ſie ſind einflußreich und mächtig genug, um die Wahrheit erforſchen zu können. Wenn wir die Kaiſerin und den Sohn des Kaiſers nach Frankreich zurückführen wollen, müſſen wir ſie Beide mit Gewalt entführen. Wollen Sie dieſe ſchwierige Aufgabe übernehmen, Herr Graf? fragte Fouché haſtig. Wollen Sie, der Sie hier mit den Localitäten, den Perſönlichkeiten bekannt und vertraut 5 die Rolle des Entführers der Gemahlin und des Sohnes unſers Kaiſers übernehmen? Ja, Herr Herzog, ſagte Montbrun, ich will dieſe Rolle übernehmen. Ich will die Kaiſerin und den König von Rom dem Kaiſer zuführen, ich ſchwöre das bei dem Allen, was mir heilig und theuer iſt. Sie werden Ihr Ziel erreichen, davon bin ich überzeugt, ſagte Fouché. Sie ſind beſonnen, tapfer, klug und verſchwiegen, und Sie haben die Begeiſterung Ihrer politiſchen Ueberzeugung und Ihrer Liebe zu dem Kaiſer. Ich werde mein Ziel erreichen, oder ich werde ſterben, ſagte Mont⸗ brun feierlich. Aber wann, fragte Fouché, auſſtehengu und ſich zum Gehen an⸗ ſchickend, indem er ſeine Verkleidung wieder anlegte, wann werden Sie das Werk beginnen, und die Entführung S Wenn ich durch unſern Agenten von Elba die Nachricht erhalten habe, daß der Kaiſer Elba verlaſſer Noch Eins, ſagte gekommen, um Sie zu ſprech aber meine Reiſe hatte auch einen kleinen Neb— Es iſt nicht genug, daß wir für den Kaiſer arbeiten und wirken, ſondern wir müſſen auch darauf be⸗ get c 2 8 — — 5 = B. hauptſächlich hierher dacht ſein, den Kaiſer zu warnen. Ich weiß, daß der Congreß ſchon ſeine geheimen Agenten ausgeſandt hat, die den Kaiſer beobachten, den Moment erſpähen ſollen, um ihn zu überfallen, und auf ein bereit liegendes engliſches Schiff zu bringen. Ich habe das hier in Wien er⸗ fahren, und es iſt daher nöthig, daß wir ſogleich ſichere Agenten nach Elba ſenden, welche den Kaiſer beſchwören, auf ſeiner Huth zu ſein, und nicht, wie er das zu thun pflegt, einſame Spazierritte am Ufer 398 des Meers zu unternehmen. Haben Sie irgend einen ſichern, zuver⸗ läſſigen Mann, den Sie entſenden können? Ich werde wenigſtens noch heute einen ſolchen ermitteln, und er wird in dieſer Nacht noch abreiſen, ſagte Montbrun. Und Gott gebe, daß er zu rechter Zeit auf Elba anlangt, um den Kaiſer zu warnen. Leben Sie wohl, Herr Graf, der Zweck meiner Hierherreiſe iſt erreicht. Ich habe Sie kennen gelernt, ich weiß, daß Sie mit tapferem Arm und offenem Auge bereit ſind, zur rechten Stunde die Kaiſerin und den König von Rom nach Frankreich zurück⸗ zuführen, und daß Sie dem Kaiſer einen warnenden Boten zuſenden werden. Jetzt kehre ich nach Paris zurück, um den Tag der Heimkehr vorzubereiten, und dem Kaiſer die Wege zu bahnen. Haben damals bei der Heimkehr der Bourbonen die Legitimiſten die Lilien und weißen Cocarden bereit gehalten, und dem König einen würdigen Empfang bereitet, ſo iſt es jetzt die Pflicht der Bonapartiſten, die Veilchen und die Tricoloren bereit zu halten, und dem Kaiſer auch einen würdigen Empfang zu bereiten. Ich übernehme es, dem heimkehrenden Kaiſer Paris im Feſtſchmuck und Jubel zu zeigen! Noch einmal Lebewohl, und Gott ſei mit uns Allen! Er eilte der Thür zu, aber ſchon im Begriff hinaus zu gehen, wandte er ſich noch einmal um. Sagen Sie gefälligſt, Herr Graf, ſagte er, kennen Sie hier einen gewiſſen Baron Brandon? Er hat ſich durch einen unſerer Vertrauten an mich gewandt, und mir ſeine Dienſte augeboten. Er nennt ſich einen treuen und ergebenen Anhänger des Kaiſers. Darf man ihm vertauen? MNein, Herr Herzog, ſagte Graf Montbrun eifrig, man darf ihm nicht vertrauen, ſondern man muß ſich ſorgſam vor ihin hüten. Dieſer Baron Brandon iſt ein treuloſer Verräther, ein Spion im Solde von Jedermann, der ihn bezahlt, ein verwegener Spadaſſin und Abenteurer, der ſich bei mir und meinen Freunden einzuſchleichen verſuchte, um unſere Geheimniſſe zu erlauſchen, und ſie an die Wiener Polizei, an das franzöſiſche Geſandtſchaftshötel und Gott weiß an wen ſonſt noch zu verrathen. Wie waren auf unſerer Huth; um ihn zu erproben, theilten wir ihm einige falſche Nachrichten mit, und wir hatten nachher die 2 Herr Feint und Der mac Fen zerlu und ſeine bur weld die vir uf und Bet riet oba gin nac lich me hie Ab dor 399 die Beweiſe, daß er ſie verkauft hatte. Trauen Sie ihm alſo nicht, Herr Herzog, denn das würde heißen, Ihre Geheimniſſe an einen Feind, an einen enragirten Legitimiſten zu verrathen. Ich danke Ihnen für die Warnung, Herr Graf, ſagte Fouché, und ich werde mich vor dem Spion zu hüten wiſſen! Er reichte Montbrun zum Abſchied die Hand dar und ging hinaus. Der Graf begleitete ihn bis zur Treppe und kehrte dann in ſein Ge⸗ mach zurück. Mit haſtigem Schritt durcheilte er daſſelbe, ſtieß das Fenſter auf, und ſchaute vorſichtig ſpähend hinaus. Er ſah Fouché, welcher eben das Haus verließ, und er ſah den zerlumpten Bettler, der drüben an dem gegenüberliegenden Hauſe lehnte, und in halber Trunkenheit ſich ein Liedchen zu ſummen ſchien. Aber ſeine Trunkenheit verhinderte ihn doch nicht, zu ſehen, daß Graf Mont⸗ brun ihm mit der Hand einen Wink gab, und hindeutete auf Fouché, welcher nachdenklich und langſam die Straße hinunter ſchritt. Der Bettler nickte leiſe mit dem Kopf, und ging ſingend gleichfalls die Straße hinunter. Jetzt, ſagte Montbrun, ſein Fenſter wieder ſchließend, jetzt werden wir ja ſehen, ob der ſchlaue Fuchs in die Falle geht, die wir ihm aufgeſtellt!— Fouché wanderte indeſſen immer weiter durch die Straßen dahin, und immer weiter auf der andern Seite der Straße ging auch der Bettler dahin. Nun hatte er aufgehört zu ſingen und ſeine Augen ver⸗ riethen nichts mehr von Trunkenheit. Sie waren mit ſcharfen, be⸗ obachtenden Blicken immer wieder hinüber gerichtet auf Fouché. So ging es dahin über Straßen und Plätze, aus der innern Stadt hinaus nach der Landſtraßen Vorſtadt. Jetzt blieb Fouché vor einem ſtatt⸗ lichen Hauſe ſtehen und zog an der Hausklingel. In dieſem Mo⸗ ment ſchlüpfte der Bettler quer über die Straße zu ihm heran und hielt Fouché ſeine Hand entgegen, ihn um eine Gabe anſprechend. Aber ehe Fouché noch Zeit hatte, ſeine Börſe zu ziehen, ward die Hausthür geöffnet, und das fragende Geſicht des Portiers erſchien in derſelben. Herr Baron Brandon zu Hauſe? fragte Fouché. 400 Ja, mein Herr, er iſt zu Hauſe. Fouché trat in das Haus ein, deſſen Thür ſich hinter⸗ihm ſchloß. Er iſt in die Falle gegangen, murmelte der Bettler lächelnd vor, ſich hin. Heute Abend beim Grafen Aldini in der General⸗Verſamm— lung wird Brandon uns berichten, was für ſaubere Aufträge man ihm gegeben hat. Fouché ſchritt indeſſen die Treppen hinauf, und blieb vor der, von dem Portier ihm bezeichneten Thür ſtehen, um die an derſelben befeſtigte Viſitenkarte zu leſen. „Baron de Brandon“ ſtand mit großen Lettern auf derſelben. Mit dieſem werde ich nicht viele Umſtände machen, ſagte Fouché, der Graf Montbrun hat ihn mir zu warm empfohlen, als daß ich Grund hätte, ihm zu mißtrauen. Ich werde ihn bezahlen, das iſt Alles!— Er klopfte, und auf das laute von Innen erſchallende Herein öffnete Fouché die Thür.— Das Gemach, in welches er eintrat, war glänzend ausgeſtattet, und in ſeiner prachtvollen Einrichtung ganz ſeines Bewohners würdig, dieſes ſchlanken ſchönen Herrn, der da in einem loſtbaren türkiſchen Schlafrock auf dem Divan lag, und ſich damit amüſirte, die Brillantringe, mit welchen er alle Finger geſchmückt hatte, in der Sonne ſpielen zu laſſen. Von dieſer Beſchäftigung warf er einen gleichgültigen Blick hinüber nach dem Eintretenden, den er für irgend einen Bittſteller, oder ſonſtigen untergeordneten Menſchen halten mochte, denn er erhob ſich nicht aus ſeiner ruhenden Stellung, ſondern fragte nur mit vornehmer Nachläſſig⸗ keit: was wünſchen Sie, mein Freund? Ich wünſche nichts weiter, ſagte Fouchs mit dem Hut auf dem Kopf gerade auf ihn zuſchreitend, nichts weiter, als den Herrn Baron Brandon zu benachrichtigen, daß ich ſeine demüthigen Bittgeſuche em⸗ pfangen habe, und daß ich Willens bin, ihn zu beſchäftigen.„ Und mit vollkommener Gelaſſenheit ſich auf einen Fauteuil hin⸗ ſtreckend, nahm er ſeine Verkleidungsſtücke ab, und warf ſie nachläſſig auf den Tiſch hin. Der Herzog von Otranto! rief der junge Mann, entſetzt von dem Divan emporſchnellend. Jema und beſch mir auch Vie Her ange inß einer und Und Emn la höre Ant zu und wol Ch 401 Still, nicht ſo laut! ſagte Fouché. Es iſt nicht nöthig, daß irgend Jemand außer Ihnen erfahre wer ich bin. Schließen Sie die Thür, und dann kommen Sie hierher, und laſſen Sie uns plaudern. Der Baron gehorchte, und kehrte dann mit einem verlegenen und beſchämten Geſicht zu Fouché zurück. Gnädiger Herr, bat er mit flehender Stimme, ich beſchwöre Sie, mir zu verzeihen, daß ich Sie nicht ſofort erkannte. Aber wer hätte auch ahnen können, daß Sie ſelbſt in eigener hoher Perſon hier in Wien anweſend ſind, und daß Sie mir die Ehre eines Beſuches wür⸗ den gönnen wollen. Machen wir keine Redensarten, ſondern kommen wir zur Sache, Herr Baron, ſagte Fouché ungeduldig. Sie haben mir Ihre Hülfe angeboten im Dienſt Bonaparte's und der Umſturzpartei, welche jetzt in Frankreich ihr wühleriſches Weſen treibt. Sie haben ſich mir als einen eifrigen Bonapartiſten angeprieſen, und meinen hieſigen Freunden und Agenten ſich auch ſo vorgeſtellt. Indeſſen, ich kenne Sie beſſer, und ich weiß, daß Sie ein eifriger Legitimiſt ſind. Herr Herzog, ich verſichere Sie— Still! Wollen Sie es etwa leugnen? Wollen Sie etwa alles Ernſtes, und verſtehen Sie mich wohl, auf Ihre Gefahr hin, mich glauben machen, daß Sie zu dieſen Revolutionnairen und Wühlern ge⸗ hören, die jetzt, indem ſie die Maske des Bonapartismus vor ihr Antlitz legen, und ſich den Anſchein geben, nur im Dienſte Anderer zu handeln, doch nur ihre eigenen und eigenſüchtigen Zwecke verfolgen, und Frankreich nur in neue Unruhen, in ein neues Chaos ſtürzen wollen, weil ſie meinen, dann am ſicherſten aus dieſem Chaos für ſich Ehrenſtellen, Titel, Würden, und vor allen Dingen Gold und Schätze zu vgtten? Ich, mein Herr, gehöre nicht zu dieſen Leuten, und wenn mich zu denſelben zählten, ſo ſage ich Ihnen ehrlich und offen, daß Sie ſich in mir geirrt haben. Ich bin ein treuer und er⸗ gebener Anhänger des Königthums, und wünſche nichts ſehnlicher, als dem Kö i dienen zu können zur Erhaltung der Ruhe, zur Sicherung des Thrones und der Monarchie. Jetzt, mein Herr, kennen Sie meine Mühlbach, Napoleon. IV. Bd. 26 402 Anſichten, und ich bin begierig zu erfahren, ob Sie noch ferner Luſt haben, mir Ihre Dienſte anzubieten? Ja, Herr Herzog, ſagte der Baron eifrig und ehrerbietig, ja, jetzt erſt biete ich Ihnen in Wahrheit und Freudigkeit meine Dienſte an, jetzt erſt kann ich Ew. Durchlaucht in voller hingebender Wahrheit ſagen, daß ich bereit bin, Alles zu thun, was Ew. Durchlaucht mir befehlen werden, bereit für den König, für die heilige Sache der Bour⸗ bonen mein Leben zu wagen. Denn auch ich liebe meinen König, auch ich wünſche nichts ſehnlicher, als zur Erhaltung ſeines Thrones bei⸗ tragen zu können. Ich bekenne demüthigſt und reuevoll, daß ich vor Ihnen eine Rolle geſpielt habe, und zum Beweiſe, daß ich es jetzt ehrlich meine, ſage ich Ew. Durchlaucht, daß man Ihnen in Paris höheren Ortes mißtrauet, daß man alle Ihre Schritte überwacht, und daß ich den Befehl erhielt, mich in Ihr Vertrauen zu drängen, um Ihre Pläne zu erforſchen, und davon Anzeige zu machen. Daß ich ferner den Befehl erhielt, hierher nach Wien zu gehen, um hier die Bona⸗ partiſten, welche, da ſie hoffen, hier weniger ſcharf überwacht zu wer⸗ den, wie in Frankreich, als der Troß des Congreſſes ſich hier nieder⸗ gelaſſen haben. Und die hieſigen Bonapartiſten vertrauen Ihnen? Ich glaube, ſagte der Baron mit einem feinen Lächeln, ich glaube, daß ſie mir eben ſo ſehr vertrauen, als dem Herrn Herzog von Otranto. Nun, deſto beſſer können wir Beide uns trauen, Herr Baron, rief Fouché, und ich will Ihnen geſtehen, daß mich der Polizeiminiſter des Königs, Herr Baron André, an Sie gewieſen hat. Es gilt, dem König, der Sache der Ordnung. Frankreichs und des Friedens einen wichtigen Dienſt zu leiſten. Sind Sie bereit dazu? Ich ſagte ſchon, daß ich dem König mit Leib und Lebel er⸗ geben bin. Beide können bei dem, was ich Ihnen vorzuſchlagen habe, ge⸗ fährdet werden. Fürchten Sie ſich? 5 Nein, aber im Fall des Gelingens— Wünſchen Sie für die überſtandenen Gefahren ſich belohnt zu ſehe ſpre Si tre nac nel Fr ert h 403 ſehen, unterbrach ihn Fouché. Ich finde das ſehr natürlich, und wir ſprechen nachher darüber. Zuerſt ſagen Sie mir, haben Sie vier bis fünf tapfere Männer, die bereit ſind, einen kühnen Handſtreich zu wagen? Ich habe deren mehr als fünf. Vier genügen ſchon. Nun hören Sie! Mit dieſen vier Gefährten werden Sie, unter dem Schein, eifrige Anhänger des Kaiſers zu ſein, ſich nach Elba begeben. Um Bonaparte zu beobachten? Nein, um ihn gefangen zu nehmen, um ihn zu entführen. Ah, Sie entſetzen ſich! Der Plan ſcheint Ihnen zu gefährlich? Sie treten zurück? Der Plan iſt gefährlich, aber ich trete nicht zurück, ſagte Brandon nach kurzem Beſinnen. Wenn der Plan gelingt, ſo harrt Ihrer nicht blos eine Belohnung von hunderttauſend Francs, ſondern man wird auch gar leicht den Baron in einen Grafen, den Grafen mit der Zeit in einen Herzog verwandeln können. Der Baron verneigte ſich. Vorläufig indeſſen, ſagte er, muß ich Reiſegeld für mich und meine vier Gefährten haben. Hier iſt es, ſagte Fouché, einige Banknoten aus ſeinem Portefeuille nehmend, und ſie dem Baron darreichend. Es ſind zwanzigtauſend Francs in Banknoten. Genügt das? Es genügt, Herr Herzog. Wollen Sie mir jetzt Ihre Inſtructionen ertheilen? Ich habe ſie hier aufgezeichnet, damit Sie genau nach denſelben handeln können, ſagte Fouché, ihm einige beſchriebene Blätter über⸗ gebend. Es iſt ein detaillirter Plan, der Ihnen genau angiebt, wie Sie Napoleon verhaften, ihn unter einer Verkleidung auf eins der engliſchen Schiffe bringen, das dann mit ihm die Anker lichtet. Sie laſſen ſich von dem Schiff an der Südküſte Frankreichs an's Land ſetzen, kommen mit Courierpferden nach Paris, um mir das glückliche Gelingen zu melden, und Ihre weiteren achtzigtauſend Francs zu empfangen. 26* 404 Ich werde kommen, Ew. Durchlaucht das glückliche Gelingen un⸗ ſeres Plans zu melden, oder ich werde bei der Ausführung deſſelben umgekommen ſein! Aber Eine Bedingung noch! Sie werden in vier Stunden mit Ihren Gefährten von hier abreiſen. Alles was Sie bedürfen zu Ihrem Unternehmen, finden Sie in Livorno bereit, von wo Sie ſich nach Porto Ferrajo einſchiffen. Ich werde in vier Stunden abreiſen, ſagte der Baron ruhig. Alsdann ſind wir zu Ende, ſagte Fouché, indem er ſich zum Gehen vorbereitete. Eilen Sie an's Werk! Seien Sie vorſichtig, beſonnen, tapfer, und vor allen Dingen, ſeien Sie treu! Vergeſſen Sie nicht, daß man Sie beobachtet, daß man den muthigen Getreuen belohnen, den Verräther aber beſtrafen wird!— Und jetzt, ſagte Fouché, als er den Baron verlaſſen hatte, und wieder dem beſcheidenen, kleinen Gaſthof zuwanderte, in welchem er abgeſtiegen war, jetzt glaube ich gegen alle Wechſelfälle geſichert zu ſein und ruhig den Dingen, welche da kommen, zuſchauen zu können. Ich habe die Zuſtimmung des Fürſten Metternich, daß Oeſterreich die Entführung des Königs von Rom nicht hindern, die Regentſchaft aber anerkennen wird. Ich habe einen eifrigen bonapartiſtiſchen Parteigänger zu der Entführung der Kaiſerin und des Königs von Rom gewonnen. Dieſer ſelbe Parteigänger, dem Bonaparte vollſtändig vertraut, hat von mir den Auftrag, einen ſichern Mann nach Elba zu ſchicken, um den Kaiſer zu warnen vor den Umtrieben und Plänen ſeiner Feinde, die damit umgehen, ihn von Elba nach einer weitentlegenen wüſten Inſel zu entführen. Dieſer Warner wird aber erſt morgen früh ab⸗ reiſen, während Derjenige, der Bonaparte entführen ſoll, mit ſeinen Leuten ſchon heute abreiſt, und alſo zehn Stunden vor dem Andern voraus hat. Gelingt die Entführung und Verhaftung Bonaparte's, ſo bedarf es keiner Entſchuldigung und die Thatſachen werden für mich bei König Ludwig ſprechen. Mißlingt das Unternehmen, ſo wird der Warner einige Stunden ſpäter in Elba anlangen, und er wird Bona⸗ parte ſagen, daß ich es bin, der ihn warnen läßt. Kehrt der Kaiſer alsdann zurück, ſo wird er mich als einen Getreuen willkommen heißen, und alle bew ſcho Un alle au gel ſich hel 405 und Meiner nicht entbehren wollen. Kehrt er nicht zurück, mißlingen alle Pläne, und Ludwig bleibt König von Frankreich, ſo werde ich ihm beweiſen können, daß ich es war, der Bonaparte verhaften ließ, der ſchon vorher Talleyrand warnte, der ſelber nach Wien reiſte, um den Umtrieben der Bonapartiſten überall nachzuſpüren. Kurz, das Reſultat aller meiner Pläne wird ſein, daß ich wieder aus meinem Dunkel und aus meiner Unthätigkeit hervorgehen werde, und daß die Zukunft mir gehört!— Als der Abend dunkelte, beſtieg Fouché ſeinen Reiſewagen und verließ Wien, um nach Paris zurückzukehren. In derſelben Stunde verließ auch der Baron Brandon Wien, um ſich nach Elba zu begeben. Aber nicht als der Diener und Helfers⸗ helfer Fouché's, nicht um den Kaiſer zu entführen, ſondern als der Abgeſandte Montbrun's, um den Kaiſer zu warnen.*) Die Anklage. König Friedrich Wilhelm ging in heftiger Erregung in ſeinem Gemach auf und ab. Sein ſonſt ſo ſtilles und ernſtes Antlitz war jetzt flammend in düſterm Zorn. Zuweilen warf er einen raſchen, finſtern Blick hinüber nach dem Staatskanzler von Hardenberg, der drüben in der Fenſterniſche neben dem dort befindlichen, mit Papieren und Acten⸗ ſtücken beladenen Tiſch ſtand, dann ſetzte er ſein heftiges Auf⸗ und Ab⸗ gehen wieder fort, ſchweigend, in ſich zuſammen genommen, als wolle er ſeine Aufregung erſt niederkämpfen, bevor er das Geſpräch mit dem Staatskanzler wieder anknüpfe. *) Ueber dieſe Intriguen Fouchés's und ſeine zweideutigen Pläne ſiehe Rovigo Mémoires VII. S. 338. 406 Hardenberg ſchien dieſen Moment mit vollkommener Ruhe und Gelaſſenheit zu erwarten. Sein edles Angeſicht zeigte keine Spur von Aufregung oder Furcht, ſeine Stirn war klar und heiter, wie immer) und ſeinen feingeſchnittenen ſchönen Mund umſpielte das gewohnte anmuthige und feine Lächeln. Es iſt alſo richtig doch Alles ſo gekommen, wie ich geſagt habe, rief der König endlich, nicht länger im Stande, ſeinen Unmuth zu be⸗ kämpfen. Warum warteten wir nicht die Entſcheidung ab? Wozu iſt der Congreß anders zuſammengekommen, als um zu entſcheiden über die Länder und Völker, welche entſchädigt oder beſtraft werden ſollten? Warum hatten wir alſo nicht Beſonnenheit genug, in ruhiger Würde den Congreß über unſere Rechtsanſprüche auf Sachſen entſcheiden zu laſſen? Aber da wollte man wie immer ſelbſt handeln und entſcheiden und wollte ſich gleich im Voraus ſichern. Ließ die ruſſiſche Beſatzung Sachſens abziehen, und nahm feierlich in meinem Namen von Sachſen Beſitz. Hab's gleich von Anfang her geſagt, daß es ein unüberlegter Schritt geweſen, aber Sie wollten ja Alle klüger ſein, meine Herren Diplomaten! Nun iſt die Proſtitution fertig, nun werden wir wieder mit Schimpf und Schande abziehen müſſen. Es geſchieht gar nichts Kluges und Verſtändiges mehr, aber es ſoll immer Alles ſo aus⸗ ſehen.*) Jetzt iſt das Ridicule fertig, und es bleibt uns nichts weiter übrig, als Ordre zu geben, daß unſere Truppen und Beamte Sachſen verlaſſen. Da ſei Gott vor, daß wir dies thun ſollen, ſagte Hardenberg lebhaft. 3 Rein, Majeſtät, Preußen muß ſeine Anſprüche aufrecht er⸗ halten, es muß ſie vertheidigen auf jede Weiſe. . heißt, wir müſſen einen Krieg mit Sachſen anfangen, rief er König heftig. Wir wollen Europa das Schauſpiel geben, zu ſehen, daß wir nicht minder ländergierig und eroberungsſüchtig ſind, als der Mann, den wir eben mit der Hülfe Gottes und unſerer Heere von ſeinem angemaßten Thron verjagt haben, weil er ſich nicht genügen ließ an dem Thron von Frankreich, ſondern ſeine ehrgeizigen Hände S. 165. *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Carl von Noſtiz. ausſr keine geſagt ſeine neſen ſage neuen blos Ihre Volt die dori ehen die( kann und von hier doch allei Nein müſ beſi Kie Fra und 407 ausſtreckte nach fremden Thronen und nach fremden Kronen. Will keine Aehnlichkeit haben mit dem Bonaparte. Es ſoll nicht von mir geſagt werden, daß ich mein unglückliches Volk abermals, da es kaum ſeine Todten begraben, und noch nicht einmal von den Wunden ge⸗ neſen, wieder zu unſeligem Blutvergießen hinausjage. Nein, nein, ſage ich! Ich bin kein eroberungsſüchtiger Mann, und ich will keinen neuen Krieg! Ich will nicht den Fluch meines Volkes auf mich laden, blos um meine Grenzen zu erweitern. Und doch, Majeſtät, würde in dieſer Erweiterung der Grenzen Ihres Landes Ihrem Volk Glück und Wohlſtand erblühen, und Ihr Volk würde Sie dafür ſegnen, ſagte Hardenberg innig. Es iſt wahr, die Dinge haben ſich verwirrt, und für den Augenblick iſt der politiſche Horizont bewölkt. Aber dieſe Wolken werden und müſſen vorüber⸗ gehen, und Preußens gerechte Sache wird den Sieg davon tragen über die Eiferſucht Oeſterreichs und die Händelſucht Frankreichs. Preußen kann und darf nicht aus dieſem ſchrecklichen Kampfe, worin es ſo große und edle Anſtrengungen gemacht hat, in einem beſchämenden Zuſtand von Schwäche hervorgehen. Preußen kann nicht zuſehen, wie ſie ſich hier Alle, Alle vergrößern, abrunden, Sicherheit gewinnen und zwar größtentheils doch nur durch ſeine Anſtrengungen. Man kann Preußen doch nicht mit irgend einem Schatten von Recht zumuthen, daß es ganz allein ſo ſchmerzliche Opfer bringe, blos zur Satisfaction der Andern. Nein, dies können, dies dürfen Ew. Majeſtät nicht zugeben, und lieber müſſen Sie Alles Andere auf's Spiel ſetzen.*) Das heißt, lieber muß ich mein eigenes Land, das, was ich jetzt beſitze, auf's Spiel ſetzen, ſagte der König heftig. Denn in dieſem Krieg, den ich unternehmen ſoll, würde nicht allein Oeſterreich und Frankreich mir gegenüber ſtehen, ſondern auch Baiern, Würtemberg und die Herzogthümer Sachſen. Aber Rußland wird zu Ihnen halten, Majeſtät, und es wäre überdies nicht das erſte Mal, daß Preußen dem ganzen Deutſchland *) Hardenbergs eigene Worte. Siehe: Pertz, Leben Steins. IV. 229. „ 408 und Frankreich gegenüber ſtände. Friedrich der Große hatte ganz Europa gegen ſich, und er ſiegte über alle ſeine Feinde. Aber ich habe durchaus nicht die Vermeſſenheit, mich mit Friedrich dem Großen vergleichen zu wollen, rief der König. Ueberdies, als Friedrich ſeinen Krieg um Schleſien begann, waren ſeine Heere nicht erſchöpft von jahrelangen Kriegen, ſeine Kaſſen nicht erſchöpft von jahrelangen, ſeinen Unterdrückern gezahlten Steuern, der Enthuſiasmus ſeines Volkes nicht erſchöpft durch jahrelange Schlachten und Groß⸗ thaten. Auch hatte Friedrich auf Schleſien begründete Rechtsanſprüche, er konnte aus alten Erbverträgen unſeres Hauſes beweiſen, daß Schle⸗ ſien der Krone Preußens zugefallen, und wenn er auch Deutſchlands Heere gegen ſich hatte, ſo hatte er doch Deutſchlands öffentliche Mei⸗ nung faſt ganz und gar für ſich. Die öffentliche Meinung iſt ein ſehr mächtiger Bundesgenoſſe, und er fehlt uns bei unſern Anſprüchen auf Sachſen. Nein, Majeſtät, er fehlt uns nicht, der Bundesgenoſſe der öffent⸗ lichen Meinung ſteht viel mehr auf unſerer Seite, als auf der des Königs von Sachſen. Der ſächſiſche Staat iſt von Preußen und ſei⸗ nen Bundesgenoſſen ganz und gar erobert worden, der König Friedrich Auguſt ſelbſt iſt zum Gefangenen gemacht. Die Eroberung Sachſens durch das Eroberungsrecht iſt daher unbeſtreitbar. Ganz Deutſchland hat das politiſche Betragen des Königs von Sachſen während des Jahres 1813 gemißbilligt, denn es war die Quelle der größten Unglücks⸗ fälle und aller der Gefahren, denen die große Sache Europa's damals ausgeſetzt war. Er lehnte alle Aufforderungen Eurer Majeſtät, ſich mit Preußen zur Vertheidigung des gemeinſamen Vaterlandes zu ver⸗ einigen, nicht allein ab, ſondern blieb der Bundesgenoſſe des Bedrückers des Vaterlandes, und ſtand im Kriege als Feind Preußen gegenüber, und als Feind eroberte Preußen das Land ſeines Feindes, des Königs von Sachſen. Das von dem Völkerrechte zugelaſſene Recht der Erobe⸗ rung ſpricht Preußen das eroberte Königreich Sachſen zu, und kraft des Rechts des Eroberers hat ſich Preußen das Königreich Sachſen gewonnen.— Es iſt ihm überdies in dem Bündniß von 1814 von Oeſterreich, Rußland und England feierlichſt zugeſagt worden, daß es wiede von 1 loren, fetner Anſpe Niede tauſe diſtri muß genü ur Sach und gäni auch goy Sp bele vir ſein dad wur Al B 6 409 wiederhergeſtellt werden ſolle nach ſeiner Größe und ſeinen Grenzen von 1805. Preußen hat aber ſeitdem ſeine Beſitzungen in Polen ver⸗ loren, und dieſe werden jetzt von dem Kaiſer von Rußland beanſprucht, ferner ſeine Beſitzungen in Franken, denn es hat die Markgrafthümer Anſpach und Baireuth an Baiern abtreten müſſen, es hat ferner in Niederſachſen und Weſtphalen einen Länderdiſtrict von dreimalhundert⸗ tauſend Seelen verloren. Zuſammengenommen hat es ſeit 1805 Länder⸗ diſtricte mit zwei und einer halben Million Seelen verloren, und es muß dafür laut den beſtehenden Verträgen entſchädigt werden. Dazu genügt Sachſen noch nicht einmal, denn das Königreich Sachſen faßt nur zwei Millionen Seelen, und deshalb beanſprucht Preußen außer Sachſen noch eine weitere Entſchädigung durch das linke Rheinufer und das Herzogthum Berg.*) Nun ja, das klingt Alles recht hübſch und verſtändig, ſagte der König milder geſtimmt, wäre auch vortheilhaft für Preußen, ſcheint auch gerecht. Aber man muß über ſeinen Vortheil nicht der Mäßi⸗ gung vergeſſen. Können uns ja genügen laſſen an einem Stück von Sachſen, können dem Herrn Friedrich Auguſt eine Ecke von Sachſen belaſſen, wo er ſeinen Thron hinſtellen und König ſpielen kann. Wenn wir uns damit zufrieden erklären, würde die Sache ſchnell abgethan ſein, denn unſere Verbündeten und alle Schreier des Congreſſes würden dadurch zum Schweigen gebracht, und man könnte uns nicht den Vor⸗ wurf machen, daß wir das Princip der Legitimität, das ſie hier jetzt Alle auf ihre Fahnen gehoben, verletzt haben, und eigenſinnig auf unſern Wünſchen beſtehen. Aber es wäre ein eben ſo großer politiſcher Fehler, Majeſtät, als ihn Oeſterreich beging, indem es Baiern beſtehen ließ. Dies kleine zerſtückelte Sachſen würde immer eine Preußen feindliche Macht ſein, ein unzufriedener, grollender Nachbar, der immer den Moment zu er⸗ ſpähen ſuchen würde, um ſeine verlornen Provinzen wieder zu erobern, der immer bereit ſein würde, ſich mit Preußens Feinden zu verbünden, *) Pertz, Leben des Freiherrn vom Stein. IWV. S. 234. 410 und ihm ſo viel Schaden als möglich zuzufügen.*) Außerdem würde Ma ein kleines, unbedeutendes, geſchwächtes Königreich Sachſen, welches 9 zu man dem König Friedrich Auguſt zur Erhaltung des Princips der unſerer Legitimität belaſſen wollte, dem Lande ſelbſt nur Unheil und Verderben Es bringen, denn dem in ſeiner Macht und ſeinen Einkünften geſchwächten ein wih König von Sachſen würden die Mittel fehlen, für die Verbeſſerung denenr ſeines Landes, für die Unterſtützung ſeiner Unterthanen Genügendes betubt zu thun, und allgemach würde alſo das kleine Königreich Sachſen in Trümmer zerfallen und zu Grunde gehen. Wenn das Alles ſo klar und unumſtößlich wäre, wie Sie es da hinſtellen, rief der König, ſo würde Jedermann mit uns übereinſtimmen zmen. müſſen, und Niemanden könnte es in den Sinn kommen, unſere Beſitz⸗ d nahme Sachſens zu tadeln, und unſer Recht auf daſſelbe anzweifeln u lu zu wollen. Es geſchieht dies aber, wie Sie wiſſen, ſehr viel, nicht blos mit geſprochenen Worten, ſondern auch mit gedruckten, und ich habe da auf meinem Tiſch wenigſtens zehn Broſchüren, welche im heftigſten und beleidigendſten Ton wider Preußens Anmaßung und Eroberungsſucht eifern, und die Rache des Himmels und der Völker wider uns anrufen. Aber, ſagte Hardenberg, indem er ſich über den Tiſch neigte, und die Druckſchriften muſterte, ich ſehe da zu meiner Freude auch drei bis vier Broſchüren, welche die Berechtigung Preußens zu der Ein⸗ nahme Sachſens beweiſen, und dieſe Broſchüren haben den Vorzug, daß ſie in ſehr klarer und ruhiger Sprache geſchrieben ſind. Da ſind die vortrefflichen Schriften von Niebuhr und Eichhorn, die eben ſo klar als würdevoll die Anſprüche auf Sachſen vertheidigen, und da ſind noch einige andere, von ungenannten Autoren, aber durchaus ge⸗ rüſtet, unſeren Angreifern gegenüber zu treten. Und wollen Sie mir nicht etwa noch als zur Vertheidigung un⸗ ſerer Anſprüche dienlich jenes Gedicht da vorrechnen, das ich geſtern zugeſandt erhielt, und das, wie ich weiß, auch die beiden Kaiſer und alle Diplomaten des Congreſſes erhalten haben? itgend hat, ur Pruuße — 3¹ *) Aus der Denkſchrift Steins über die Theilung von Sachſen. „ — 1 411 Majeſtät verzeihen, ſagte Hardenberg, nicht alle Diplomaten. Ich zum Beiſpiel kann mich nicht rühmen, eine poetiſche Anerkennung unſerer Anſprüche auf Sachſen erhalten zu haben. Es iſt auch das nicht, rief der König achſelzuckend, es iſt blos ein wilder Kriegsruf, eine dieſer hochtrabenden Versklingeleien, mit denen man in den letzten Jahren meine Ohren bis zum Uebermaaß betäubt hat! Leſen Sie einmal dieſe kühne Herausforderung, welche irgend ein zahmer Dichter an ſeinem Schreibtiſch zuſammengereimt hat, und die ganz dazu geeignet iſt, alle Welt glauben zu machen, daß Preußen nichts ſehnlicher begehrt, als den Krieg auf's Neue zu be⸗ ginnen. Da, nehmen Sie jenes Papier dort und leſen Sie laut. Der Staatskanzler nahm das vom König ihm bezeichnete Papier und las: Die Fahne Brandenburgs, mein Lied, Die ſchwinge noch einmal, Und noch einmal, erzürnt Gemüth, Ergreif' den tapfern Stahl. Denn dort ein feiger Mameluk Und hier ein Jeſuit, Das grinſt uns an, weil uns ein Schmuck Von Ehren reich umglüht. Das hängt an unſer Hochgeſims Pechkranzes brennend Reis, Und hetzt' die Hund' auf uns voll Grimms, Und mehr noch voll Geſchrei's. Die Hunde Frankreichs, noch nicht heil Von Wunden unſ'rer Jagd, Auf Kugelnblitz, auf Lanzenpfeil, Die Hunde wollen Schlacht. Sie haben ſie! Geſchoß Apoll's, Verkünd' es durch die Gau'n! Was ſie geſchürzt, das Eiſen ſoll's Auf ihrem Kopf zerhau'n.*) *) Dies Gedicht, das man dem Herrn von Stägemann zuſchrieb, eircu⸗ lirte in hunderten von Abſchriften auf dem Wiener Congreß, und machte wegen 412 Ich bitte um Gnade, Sire, rief hinter dem König eine ſanfte Stimme, und wie Friedrich Wilhelm entſetzt ſich umſchaute, gewahrte er da in der offenen Thür den Kaiſer Alexander, der ihn mit einem ſanften Lächeln begrüßte. Ich wiederhole, Sire, ich bitte um Gnade, ſagte der Kaiſer, weiter vorſchreitend und dem König ſeine beiden Hände darreichend. Einmal um Gnade für mieinen armen Kopf, der das Zerſchlagen des geſchürzten Eiſens durchaus nicht zu ertragen ver⸗ möchte, und dann um Gnade, weil ich es gewagt habe, hier ohne alle Anmeldung und Erlaubniß einzutreten. Aber wir haben uns einmal während unſeres hieſigen Aufenthaltes das ſchöne Verſprechen gegeben, nicht wie fürſtliche, von der Etiquette bewachte, ſondern wie bürger⸗ liche Freunde und Brüder miteinander zu verkehren, und jedes Mal ganz unangemeldet und ohne Ceremoniell zu einander einzutreten. Ich machte alſo ganz einfach nur von meinem Recht Gebrauch, indem ich hier unangemeldet eintrat. Und Ew. Majeſtät iſt, wie immer, hoch willkommen, ſagte Fried⸗ rich Wilhelm, die dargereichte Hand des Kaiſers in der ſeinen drückend. Gerade dieſes herzliche und zwangloſe Hierherkommen Ew. Majeſtät beweiſt mir ja, daß Sie noch in unveränderter, gütiger und freund⸗ ſchaftlicher Geſinnung mir zugethan ſind, und daß Ew. Majeſtät nicht einſtimmen in das allgemeine Geſchrei, das ſich gegen Preußen hier erhebt. Während die Monarchen freunvlich und lächelnd ſich begrüßten, hatte der Staatskanzler geräuſchlos und ſtill einige der auf dem Ar⸗ beitstiſch befindlichen Papiere zuſammengepackt, und dieſelben unter den Arm nehmend ging er leiſe nach der Thür hin. Das Auge Alexanders war ihm indeſſen gefolgt, und jetzt, da der Staatskanzler eben im Begriff war, die Thür zu öffnen und hinaus⸗ zugehen, rief der Kaiſer haſtig: Bleiben Sie, Herr Staatskanzler von Hardenberg, bleiben Sie, denn es iſt um Ihretwillen, daß ich hierher gekommen bin. ſeines kriegeriſchen Tons und ſeiner Begeiſterung ungeheures Aufſehen bei den Herren des Congreſſes. lm Licheln. N der Kaiſ gekomm und um jeſtüt h Je und an Weranl ll Beiſein N ſich ge N feierli wir1 ich I den 2 ſchaff Erohe daß Freun digen Hard ſcht noch Ihne Sac en 413 Um meinetwillen, Sire? fragte Hardenberg mit einem ungläubigen Lächeln. Ja, um Ihretwillen, Herr Staatskanzler von Hardenberg, ſagte der Kaiſer ernſt, und ſich an den König wendend, fuhr er fort: ich bin gekommen, Sire, um bei Ihnen den Herrn Staatskanzler zu verklagen, und um ihn in Ihrem Beiſein zur Rechenſchaft zu ziehen. Ew. Ma⸗ jeſtät haben die Güte meine Klage anzunehmen? Ich nehme ſie an, Sire, obwohl es mir leid thut, daß mein erſter und angeſehenſter Staatsminiſter Ew. Majeſtät zu einer Klage ſollte Veranlaſſung gegeben haben. Und Sie werden dem Staatskanzler erlauben, hier in Ihrem Beiſein den Verſuch ſeiner Rechtfertigung zu machen? Ich erlaube es ihm und werde froh ſein, wenn ihm dieſer Ver⸗ ſuch gelingen möchte. Nun denn, Herr Staatskanzler von Hardenberg, ſagte der Kaiſer feierlich und ernſt, ich klage Sie an, daß Sie beſtrebt geweſen, zwiſchen mir und dem König von Preußen Haß und Unfrieden ſtiften zu wollen, ich klage Sie an, daß Sie es ſind, welcher heimlich meinen Plan auf den Beſitz von Polen untergräbt, ſich eifrig bemüht, mir Feinde zu ſchaffen, und die Mitglieder des Congreſſes gegen das, was Sie meine Eroberungspläne nennen, mißtrauiſch zu machen. Ich klage Sie an, daß Sie gegen mich intriguiren, und unter dem Deckmantel der Freundſchaft heimlich bemüht ſind, Preußen zu rüſten zu einem bal⸗ digen Krieg gegen Rußland. Das iſt eine ſehr ſtarke und ſehr energiſche Anklage, Sire, ſagte Hardenberg gelaſſen, aber es genügt zu der Begründung derſelben nicht blos die Beſchuldigung, ſondern es bedarf der Beweiſe,— um dieſe bitte ich jetzt Ew. Majeſtät. Beweiſe! rief Alexander lebhaft. Sire, wollen Sie mir erlauben, noch einmal in kurzen Umriſſen die Begebenheiten der letzten Tage Ihnen vorzuführen? Ich bitte Ew. Majeſtät darum, wenn das zum Verſtändniß dieſer Sache nöthig iſt, ſagte Friedrich Wilhelm, denn ich geſtehe Ew. Ma⸗ 1 414 jeſtät, ich bin ſo verwirrt und betäubt von Ihren Worten, daß ich mich kaum aller Details erinnern würde. Nun denn, ſagte Alexander ernſt, ich erinnere alſo Ew. Majeſtät daran, daß ich während der ganzen Dauer des Congreſſes immer Ihnen als Freund zur Seite geſtanden bin, immer mit Aufrichtigkeit und Treue Preußens Anſprüche auf Sachſen unterſtützt habe, obwohl ich mich nicht verrühmen kann, daß Preußen in gleich freundlicher Geſin⸗ nung meine Anſprüche auf Polen unterſtützt hätte. Ich blieb meiner Zuneigung getreu, und wie ſehr auch Oeſterreich mich zu verlocken ſuchte, wie ſehr es auch bemüht war mir die Geſinnungen Preußens zu verdächtigen, ſo glaubte ich ihm nicht, und hielt treu zu meinem Bundesgenoſſen. Preußen verlangte zu ſeiner Entſchädigung das Königreich Sachſen, und ganz Europa, alle Diplomaten des Congreſſes ſchrieen Zeter über dieſes Verlangen. Ich allein unterſtützte Preußens Anforderungen, obwohl der Fürſt Metternich mich mehr als Ein Mal beſchwor, mit Preußen zu brechen, obwohl er mir zwei Mal mit feier⸗ lichen Worten gelobte, daß Oeſterreich in meine Beſitznahme Polens willigen werde, wenn ich ihm dafür Preußen opfern, und mich mit Oeſterreich, Frankreich und England verbünden würde, um Sachſen zu erhalten. Ich opferte meinem Lieblingsplan indeſſen den Freund, den Bundesgenoſſen nicht auf, ich entſagte der öſterreichiſchen Zuſtim⸗ mung zu meiner Beſitznahme Polens, und blieb an Preußens Seite. Indeſſen ward die Aufregung auf dem Congreß immer lauter, alle Stimmen erhoben ſich gegen Preußen, und vor einigen Tagen mußte Preußen zu ſeiner Ueberraſchung inne werden, daß auch Oeſterreich, auf deſſen Zuſtimmung es im Geheimen immer gerechnet hatte, ſich gegen ſeine Anſprüche erhöbe. Fürſt Metternich erklärte in einer Note, die er an alle Vertreter der Mächte fandte, daß er nicht in die preu⸗ ßiſche Beſitznahme Sachſens willigen könne, daß man wenigſtens Preußen nur einen ſehr geringen Theil deſſelben bewilligen könne, und bedacht ſein müſſe, Preußen anderweitig zu entſchädigen.*) Alle Welt freute ſich dieſer offenen, mannhaften Erklärung Metternichs, ich allein * Pertz, Leben des Freiherrn vom Stein. IV. S. 245. bekämt glaubt einen deſſen und a irte, Papie von nit i ſucht, ſende her ſe es in aus Uod ich und Aut eing und das ſih, meh inn hi 415 bekämpfte ſie, und wandte mich dem Bundesgenoſſen nicht ab. Ich glaubte an die Treue und Aufrichtigkeit Preußens, ich glaubte an ihm einen ehrlichen Bundesgenoſſen zu haben. Heute Morgen bin ich in⸗ deſſen eines Anderen belehrt. Fürſt Metternich iſt zu mir gekommen, und er hat mir, um mir zu beweiſen, wie ſehr ich mich in Preußen irrte, wie wenig Veranlaſſung ich hätte, demſelben zu vertrauen⸗ dieſe Papiere übergeben. Eine Denkſchrift des preußiſchen Staatskanzlers von Hardenberg, in welcher derſelbe den Fürſten Metternich auffordert, mit ihm zuſammen gegen Rußland zu ſtehen; in welcher er zu beweiſen ſucht, welche unermeßliche Gefahren für Deutſchland aus der wach⸗ ſenden Macht Rußlands entſtehen würden, und wie nothwendig es da⸗ her ſei, Rußland nicht weiter in Polen vordringen zu laſſen, ſondern es in ſeine Grenzen zurückzudrängen. Hier iſt dieſe Denkſchrift, fuhr der Kaiſer fort, einige Papiere aus ſeinem Buſen ziehend, ſehen Sie dieſelben an, Herr Staatskanzler, und ſagen Sie mir, ob Sie dieſelbe wirklich geſchrieben, oder ob, wie ich hoffe und glaube, der Fürſt Metternich, in der Abſicht, Preußen und Rußland zu trennen und zu entzweien, Sie nur fälſchlich der Autorſchaft beſchuldigt hat? Hardenberg nahm die dargereichten Papiere, und ſchlug ſie aus⸗ einander. Die Blicke Alexanders und Friedrich Wilhelms waren feſt und ſcharf auf ihn gerichtet, in lebhafter Spannung beobachteten Beide das Antlitz des Staatskanzlers. Aber keine Miene deſſelben veränderte ſich, kein Zug verrieth, daß er Furcht oder Schrecken empfinde, viel⸗ mehr war der Ausdruck ſeines Geſichts ruhig, heiter und edel, wie immer. Eine Pauſe trat ein, dann reichte Hardenberg die Papiere dem Kaiſer dar. 8 Sire, ſagte er mit feſter, klarer Stimme, Sire, der Fürſt Metter⸗ nich hat Ew. Majeſtät die Wahrheit geſagt. Ich habe dieſe Denk⸗ ſchrift geſchrieben. Der König zuckte leiſe zuſammen, und ſich abwendend, trat er in die nahe Fenſterniſche, als wolle er Niemand die lebhafte Unruhe und Bewegung ſeines Angeſichts ſehen laſſen. 416 VI. Diplomatiſche Boppelzüngigkeit. Sie geſtehen es alſo? rief Alexander. Sie verleugnen dieſe Schrift nicht, in welcher Sie Rußland als den gefährlichſten Feind Deutſch⸗ lands bezeichnen? Ich verleugne ſie nicht, ſagte Hardenberg, denn ich habe niemals meine Ueberzeugungen verleugnet, und es iſt auch ſelten, daß ich meine Ueberzeugungen geändert habe. Ja, es iſt meine Ueberzengung, die ich nie verleugnen werde: Rußlands wachſende Macht iſt eine Gefahr für Deutſchland, und ein Tag wird kommen, wo der ruſſiſche Adler mit ſchwerem Flügelſchlag über Deutſchland daher rauſchen und die deutſche Unabhängigkeit in ſeinen Fängen ertödten wird, wenn Deutſchland nicht zu rechter Zeit dem ruſſiſchen Eroberungsgeiſt Grenzen zieht, wenn es nicht eine Mauer aufrichtet gegen die hereinbrechenden Sturmes⸗ wogen Rußlands. Dieſe Mauer hat aber die Geſchichte und der Welt⸗ geiſt ſelber zwiſchen Rußland und Deutſchland aufgerichtet. Dieſe Mauer, das iſt Polen!— Dies war es, was ich dem Fürſten Metter⸗ nich in jener Denkſchrift geſagt habe, und dies darf ich auch jetzt nimmermehr verleugnen. Sire, wäre ich ein Ruſſe, ſo würde ich mit Begeiſterung den vorwärts ſtrebenden Plänen Ew. Majeſtät folgen, ſo würde ich ſagen:„Rußland hat die himmliſche Kraft der Jugend, und es muß ſeine Jugend gebrauchen, es muß lernen, ſtudiren, ſich bilden, und wenn es ein Mann geworden, ſo muß es erobern, denn Europa und Aſien ſind da, um von ihm erobert zu werden. Ich will Ew. Majeſtät helfen, Ihr junges Rußland zum Manne zu erziehen, und es würdig zu machen, daß es einſt die Welt ſich erobern könne!“— Aber ich bin ein Deutſcher, und als Deutſcher rufe ich es laut allen deutſchen Fürſten zu:„Rußland iſt das Meer, welches ſich aufbäumt, um in Deutſchland herein zu fluthen. Rußland iſt das Damokles⸗ Schwert, welches über Deutſchland ſchwebt, und bereit iſt, hernieder zu fallen auf unſere Freiheiten, unſere Selbſtſtändigkeit, unſere Unab⸗ 4 hingig Cuch, dem T feſſelt, es an U ein D — E S 2 indem zuſchri J, j Mann Manr Cung Man Sie ſind men, Um heimt einer wollt Sch dern ſin jeſi ſürc wün Dal ber Re u 1 417 * hängigkeit. Dieſes Schwert hängt nur noch an einem Faden! Beeilt Euch, aus dieſem Faden eine Schnur, aus der Schnur ein Tau, aus dem Tau eine Kette zu machen, damit Ihr das Schwert bändigt und feſſelt, auf daß es nicht herunterfallen kann auf Deutſchland, auf daß es an ſeinen eigenen Ketten gehalten wird! Und wäre ich ein Deutſcher, rief Alexander glühend, ja, wäre ich ein Deutſcher, wie Sie, ſo würde ich ſprechen und handeln wie Sie! Sire, rief Hardenberg erſtaunt, Sie vergeben mir alſo, Sie— Ich vergebe Ihnen nicht, ſondern ich danke Ihnen, rief der Kaiſer, indem er mit der ganzen Lebhaftigkeit ſeines Naturells auf Hardenberg zuſchritt, ihn innig umarmte, und einen Kuß auf ſeine Stirn drückte. Ja, ich danke Ihnen, daß Sie mich die Stirn eines echten deutſchen Mannes haben küſſen laſſen. Ach, es iſt ſo ſelten, daß man einem Mann begegnet, und ich muß leider geſtehen, daß das hier auf dem Congreß auch eine Seltenheit iſt. Sie, Hardenberg, Sie ſind ein Mann, und ich bin glücklich, daß Sie ſich mir ſo gezeigt haben, daß Sie immer noch der trotzige, unverzazte, begeiſterte deutſche Mann ſind, als welcher Sie ſich Ihrem König bewährt haben in den ſchlim⸗ men, wie in den guten Tagen! Ich kam hierher, um Sie zu prüfen, um zu ſehen, ob Sie auch nur ein Diplomat ſind wie alle Anderen, heimtückiſch, intriguant, händelſüchtig und doch feigherzig, wenn ſie von einer Gefahr bedroht werden. Deshalb klagte ich Sie an, deshalb wollte ich ſehen, ob Sie den Muth hätten, Ihre gegen mich gerichtete Schrift anzuerkennen. Sire, meine Schrift war nicht gegen Ew. Majeſtät gerichtet, ſon⸗ dern nur gegen Rußland, ſagte Hardenberg. Ach, wenn wir gewiß ſein könnten, in Rußland immer Herrſcher zu haben, welche Ew. Ma⸗ jeſtät gleichen und nacheifern, ſo würden wir von Rußland nichts zu fürchten haben, denn der edle, loyale, hochherzige Sinn Ew. Majeſtät würde niemals einen Angriff auf die Freiheit und Unabhängigkeit Deutſchlands unternehmen wollen. Aber Ihre Nachfolger können er⸗ oberungsſüchtiger, eigennütziger ſein, ſie können in ihrer Ländergier die Rechte Anderer überſehen, und da ſie die Macht haben, Deutſchland zu ſchaden, ſo könnten ſie auch den Willen dazu haben. Das war es, Mühlbach, Napoleon. IV. Bd. 27 418 was ich in jener Denkſchrift auseinandergeſetzt habe. Uebrigens ſchrieb ich dieſelbe beim Beginn des Congreſſes, und damals ſchon übergab ich ſie dem Fürſten Metternich, der ſie jetzt als eine Waffe gegen mich benutzen will. Aber es ſoll ihm nicht gelingen, ſagte Alexander. Ich durch⸗ ſchaue ſehr wohl das Betragen Metternichs, der immer nur beſtrebt iſt, mich von Preußen zu trennen und Unfrieden zwiſchen uns auszu⸗ ſtreuen. Jetzt, da ſein räuberiſcher Falkenblick in der Luft irgend eine nahende Gefahr für Oeſterreich erkannt haben mag, jetzt wollte er ver⸗ ſuchen, an Rußland einen Bundesgenoſſen zu gewinnen, und deshalb ſpielte er ſeinen letzten großen Trumpf aus und brachte mir Ihre Denkſchrift, indem er hinzufügte, er habe noch mehrere derartige Schreiben von Ihnen, von denen er aber keinen Gebrauch machen könne, da ſie die Geheimniſſe eines Dritten ſeien.*) Aber dieſe Per⸗ fidie Metternichs gegen Sie hat bei mir gerade das Gegentheil be⸗ wirkt von dem, was er beabſichtigte, ſie hat mich erkennen laſſen, daß Metternich ein gefährlicher und treuloſer Mann iſt, der ſeine Freunde von geſtern heute preisgiebt und hinopfert, wenn das ſeinem Vortheil und ſeinen Intereſſen bequem iſt. Ich will daher nichts mit ihm zu thun haben, und ich bin gekommen, um Sie, Herr Staatskanzler, vor Ihrem treuloſen Freund zu warnen, indem ich Ihnen Ihre Denkſchrift wiederbringe, und um mit Ihnen, Majeſtät, zu überlegen, was wir zu thun haben, um uns dieſes zweideutigen Vermittlers zwiſchen uns und dem Kaiſer Franz zu entledigen, und ſelber und unmittelbar mit dem Kaiſer zu verhandeln. Sire, Sie ſprechen da einen Wunſch aus, den ich ſchon lange im Stillen gehegt habe, ſagte der König raſch. Kaiſer Franz iſt ein bie⸗ derer, ehrlicher Mann, der, wie ich glaube, die Zweideutigkeiten ſeines Staatskanzlers nicht kennt, ſonſt würde er ſie nicht dulden. Wollen die Majeſtäten mir erlauben, daß ich, bevor ich mich ehr⸗ erbietigſt zurückziehe, noch einige Worte in Bezug auf die vorher gegen mich gerichtete Anklage erwidern darf? fragte Hardenberg. *) Pertz. IV. S. 243. in jen richte Cw. geſich wenn Sach ich b itren Mett Sat zur i heu ange Beſi ſt ims Mrſ mei Me Ein her 419 Ich bitte, ſprechen Sie, rief Alexander, das heißt, wenn mein königlicher Freund nichts dagegen hat! Der König gab durch einen Wink mit der Hand und ein haſtiges Kopfnicken ſeine Zuſtimmung zu erkennen. Sire, ſagte Hardenberg, ſich an den Kaiſer wendend, es waren in jener drohenden Anklage, welche Ew. Majeſtät vorher gegen mich richteten, zwei Punkte, auf welche ich mir erlaube, zurückzukommen. Ew. Majeſtät ſagten, daß der Fürſt Metternich Ihnen mehrmals zu⸗ geſichert habe, Oeſterreich werde Ihnen ſeine Stimme für Polen geben, wenn Ew Majeſtät dafür Preußen nicht in ſeinen Anforderungen auf Sachſen unterſtützten. Ich habe dies wenigſtens ſo verſtanden, und ich bitte Ew. Majeſtät mich gnädigſt zu berichtigen, wenn ich darin irren ſollte. Nein, nein, es iſt ſo, rief Alexander, mehr als Ein Mal hat mir Metternich Polen angeboten, wenn ich dafür Preußen hindern wollte, Sachſen zu erwerben. Ich werde mir erlauben, ſpäter auf dieſe Worte Ew. Majeſtät zurückzukommen, ſagte Hardenberg, ſich verneigend. Zuvor aber wollte ich nur ſagen, daß Fürſt Metternich mir mehrmals mit feierlichen Be⸗ theuerungen ſeiner Freundſchaft für Preußen das Königreich Sachſen angeboten hat, wenn Preußen dafür Rußland hindern wolle, Polen in Beſitz zu nehmen. Alerander lachte laut auf. Ah, rief er, immer noch lachend, das iſt wie der Fuchs in der Fabel, der dem Marder und dem Iltis jedem in's Geheim daſſelbe Huhn verſpricht, und es nachher für ſich allein verſpeiſt. Haben Sie aber auch Beweiſe für Ihre Behauptung, Herr Staats⸗ kanzler? fragte der König ernſt. Geruhen Ew. Majeſtät ſich zu erinnern, daß ich, um mich über mein politiſches Verhalten zu rechtfertigen, und zu beweiſen, daß Fürſt Metternich bis zu dieſem Augenblick wegen Sachſen mit uns im vollen Einverſtändniß geweſen, hierherkam, um Ew. Majeſtät einige zu mei⸗ ner Rechtfertigung beſtimmte Papiere zu überbringen. Dieſe Papiere habe ich dort auf dem Schreibtiſch niedergelegt. Wollen Ew. Ma⸗ 420 jeſtät mir erlauben, zwei derſelben Sr. Majeſtät dem Kaiſer vorzu⸗ legen? Thun Sie das, ſagte der König. Fürſt Metternich hat Sie an⸗ geklagt, es iſt daher ſehr natürlich, daß Sie ſich zu rechtfertigen ſuchen. Hardenberg eilte zu dem Tiſch hin, und unter den Papieren ſuchend wählte er unter denſelben zwei Briefe aus, mit denen er zu den Monarchen zurückkehrte. Sire, ſagte er, dem Kaiſer einen der Briefe darreichend, hier iſt ein vertrauliches Handbillet des Fürſten Metternich, in welchem er Preußen unumwunden Sachſen verſpricht, wenn Preußen ſich mit ihm gegen Rußland verbinde. Alerander überflog das Papier mit raſchen Blicken und reichte es dann dem König dar. Es iſt Metternichs eigene Handſchrift, ſagte er, und ſeine Worte ſind unzweideutig. Er verſpricht Ihnen Sachſen. Ah, wir wollen ihn beim Wort halten! Und was, fuhr der Kaiſer fort, ſich wieder an Hardenberg wendend, was enthält jenes Papier, das Sie da noch in der Hand halten? Sire, für dieſes Papier muß ich um Verzeihung bitten, daß ich wage, es Ew. Majeſtät vorzulegen. Aber, wie mein königlicher Herr die Gnade hatte, zu ſagen, Fürſt Metternich hat mich angegriffen, ich muß mich alſo zu vertheidigen ſuchen. Ew. Majeſtät haben mir vor⸗ her feierlich verſichert, daß Fürſt Metternich Ew. Majeſtät Polen an⸗ geboten hätte, wenn dafür Ew. Majeſtät ſich verpflichteten, Preußens Anſprüche auf Sachſen nicht zu unterſtützen. Dieſe Worte Ew. Ma⸗ jeſtät überraſchten mich nicht, denn Ew. Majeſtät hatten ſchon vor einigen Wochen Daſſelbe dem Herrn von Stein erzählt, und dieſer, um mich zu warnen, hatte die Güte gehabt, mir die Erzählung Ew. Majeſtät zu wiederholen. Ich fand mich dadurch veranlaßt, an den Fürſten Metternich zu ſchreiben, ihn von den mir zugekommenen Er⸗ zählungen zu benachrichtigen, und bei ihm förmlich anzufragen, ob er wirklich Ew. Majeſtät ſolche Verſprechungen gemacht habe? Und Metternich hat Ihnen auf Ihre Anfrage geantwortet? fragte Alexander raſch. Sire dann in d Ma hier Ane daß ligt cher in bo E Gl in die kön che we Mer we 421 Ja, Sire, ſagte Hardenberg feierlich, ja, er hat mir geantwortet. Sire, hier iſt die Antwort des Fürſten Metternich. Der Kaiſer riß das Papier ungeſtüm an ſich, und wie er es dann überlas, erblaßte er, und ſeine ſonſt ſo heitere Stirn legte ſich in düſtere Falten. Er leugnet es ab, rief er mit zorniger Stimme. Hören Sie, Majeſtät, Metternich wagt es, mich der Lüge zu zeihen. Er ſchreibt hier mit klaren, einfachen Worten, es ſei nicht wahr, daß er mir ſolche Anerbietungen gemacht habe. Er giebt die beſtimmte Verſicherung, daß Kaiſer Franz in die Abtretung Sachſens an Preußen eingewil⸗ ligt habe.*) Und jetzt, rief der König empört, jetzt erläßt der Fürſt Metternich im Widerſpruch mit jener ſchriftlichen Verſicherung eine Note, in wel⸗ cher er erklärt, Oeſterreich könne nicht in die Einverleibung Sachſens in Preußen willigen,„weil die Grundſätze des Kaiſers, die Familien⸗ bande, und die Grenz⸗ und Nachbarverhältniſſe ſich entgegenſtellten.“**) Er iſt ein zweideutiger und unzuverläſſiger Mann! rief der Kaiſer. Er hat es überdies gewagt, mich der Lüge zu zeihen. Hätte ich das Glück, ein Privatmann zu ſein, würde ich ihn dafür mit der Piſtole in der Hand zur Rechenſchaft ziehen. Aber da meine Verhältniſſe mir dies verbieten, ſo will ich ihn wenigſtens nicht mehr ſehen.***) Aber Ew. Majeſtät werden dies eben ſo wenig als ich vermeiden können, ſagte der König achſelzuckend. Er iſt das Organ, durch wel⸗ ches Kaiſer Franz mit den andern Mächten unterhandelt, die Stimme, welche die Gedanken des Kaiſers in Worte überſetzt. Der Kaiſer wird hinfort die Güte haben müſſen, mit ſeiner eige⸗ nen Stimme zu uns zu ſprechen, rief Alexander heftig. Ich werde wenigſtens keine andere Stimme mehr hören. Vereinigen wir uns, *) Dieſe Erklärung Metternichs iſt vom 7. November, und findet ſich in Pertz: Leben des Freiherrn vom Stein. IV. S. 201. **) Worte aus jener Note Metternichs. Siehe: Pertz, Leben des Freiherrn von Stein. IV. S. 245. ***) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Pertz, Leben des Freiherrn vom Stein. IV. S. 278. 422 Sire, zu einem feſten und entſchiedenen Kampf gegen Metternich, ent⸗ hüllen wir dem Kaiſer Franz alle die Intriguen, Zweideutigkeiten und Hinterliſte ſeines Miniſters, und fordern wir von ihm feſt und unab⸗ weislich, daß er unmittelbar und perſönlich mit uns unterhandele. Wollen Sie das? Ja, ich will es, ſagte der König. Ich bin bereit, mich allen Ihren Schritten in dieſer Sache anzuſchließen. So kommen Sie, Sire, rief der Kaiſer haſtig. Laſſen Sie uns ſogleich aufbrechen! Wohin, Sire? Zum Kaiſer Franz von Oeſterreich, um bei ihm ſeinen Miniſter anzuklagen, um ihm zu erklären, daß wir Beide nur unmittelbar mit dem Kaiſer ſelbſt unterhandeln wollen, und uns die Einmiſchung des Fürſten Metternich entſchieden verbitten.*) Wohlan, laſſen Sie uns gehen, ſagte der König, und um unſern Worten gleich die Beweiſe hinzuzufügen, wollen wir die Papiere, welche mir der Staatskanzler gebracht hat, zur Einſicht des Kaiſers Franz mitnehmen. Thun wir das! Auch ich habe Papiere, welche den Kaiſer von der Zweideutigkeit ſeines Miniſters überzeugen, und unſeren Antrag rechtfertigen werden. Fahren wir alſo, wenn es Ew. Majeſtät ge⸗ fällig iſt, bei mir vor, und dann zum Kaiſer Franz. Ah, wir wollen doch einmal ſehen, ob die diplomatiſche Falſchheit und Hinterliſt über unſer gerades und offenes Handeln den Sieg davon tragen wird. *) Hiſtoriſch. Siehe: Pertz, Leben des Freiherrn vom Stein. Bd. IV. S. 248. Mett Mor din volſſt ihn zurüc um aus ſche dur haſt zij Va Arr Sie wan Un daß ſnd he ſch wa A 423 VII. Der Ballabend des Türſten Metternich. Der ſeit acht Tagen ſchon angekündigte Ball im Hötel des Fürſten Metternich ſollte heute ſtattfinden. Alle Räume waren ſchon in den Morgenſtunden dieſes feſtlichen Tages glänzend geſchmückt und von din Decorateuren und Gärtnern auf das Herrlichſte und Geſchmack⸗ vollſte hergeſtellt worden. Fürſt Metternich war ſo eben von einer Conferenz, zu welcher ihn ſein Kaiſer plötzlich und ganz unerwartet hatte einladen laſſen, zurückgekehrt, und durchwanderte jetzt die Reihe der glänzenden Säle, um ſich durch eigenes Anſchauen zu überzeugen, daß alle ſeine Befehle ausgeführt worden, daß nirgends etwas an den Ausſchmückungen ver⸗ ſehen und vernachläſſigt worden ſei. Wie er eben, ganz vertieft in dieſe Prüfung der Feſtanordnungen, durch den Empfangsſaal dahin ging, ward die Thür des Vorſaals haſtig geöffnet und Hofrath von Gentz trat ein. Der Fürſt ſchritt ihm lächelnd entgegen, und reichte ihm zur Be⸗ grüßung ſeine Hand dar. Gut, daß Sie kommen, ſagte er. Sie können mich auf meiner Wanderung durch die Säle begleiten. Sie verſtehen ſich ja auf Feſt⸗ Arrangements und haben einen feinen geläuterten Geſchmack. Kommen Sie, geben Sie mir alſo Ihren Arm, laſſen Sie uns die Säle durch⸗ wandern, und gewinnen Sie es über ſich, mir ohne alle diplomatiſche Umſchreibungen Ihre wahrhaftige Meinung zu ſagen: ob Sie finden, daß die Arrangements gut, ob ſie der hohen fürſtlichen Gäſte würdig ſind, die ich heute hier empfangen werde. Ich geſtehe Ew. Durchlaucht, daß mir zu dieſen Betrachtungen heute ganz und gar die Stimmung fehlt, ſagte Gentz, und ich be⸗ ſchwöre Ew. Durchlaucht, daß Sie die Güte haben, ſtatt Ihre Auf⸗ merkſamkeit dem Zimmerſchmuck zu ſchenken, ſie lieber mir zuzuwenden. Ich habe durchaus und ganz nothwendig mit Ihnen zu ſprechen, und 424 ich bin deshalb ganz eilig, kaum dem Bett entſtiegen, und ohne erſt meine Taſſe Bouillon getrunken zu haben, hierher gekommen. Ah, Ihre berühmte, aus ſechs Pfund Rindfleiſch bereitete Taſſe Bouillon, ſagte Metternich lächelnd. Nun freilich, wenn Sie dieſe merkwürdige Taſſe Bouillon dem Wunſch einer Unterredung mit mir geopfert haben, ſo müſſen Sie mir etwas ſehr Ernſtes vorzutragen haben. Es iſt auch in der That etwas ſehr Ernſtes und Wichtiges, rief Gentz eifrig. Um ſo mehr iſt es nothwendig, daß ich vorher mit der Beſichti⸗ gung der Feſt⸗Arrangements zu Ende bin, ſagte Metternich gelaſſen, denn wenn ich erſt Ihre ernſten und wichtigen Nachrichten erfahren habe, möchte mir der Sinn und Geſchmack dazu fehlen. Kommen Sie alſo, laſſen Sie uns Alles mit prüfenden Kennermienen betrachten. Ich beſchwöre Ew. Durchlaucht, laſſen Sie uns in Ihr Cabinet gehen; ich habe— Sie haben durchaus eine unbezwingliche Luſt, Ihre großmächtigen Neuigkeiten aus Ihrer Bruſt zu entlaſſen, unterbrach ihn Metternich. Mein Gott, immer noch der heißblütige Feuerkopf, der immer ſtürmt, immer exaltirt iſt, nichts mit Ruhe erwarten, nichts mit Beſonnenheit vertagen kann! Der Himmel wird nicht zuſammenfallen, die Sonne wird ſich nicht verfinſtern, wenn ich auch Ihre Nachrichten erſt in einer Viertelſtunde erhalte! Aber Ihre Feſt⸗Arrangements werden vielleicht zuſammenfallen, die Kerzen Ihrer Kronleuchter werden vielleicht heute Abend gar nicht zum Leuchten und Brennen kommen, wenn Sie erfahren haben, was ich Ihnen ſagen will! Ah, welch ein großes Kind Sie ſind, und was für Mährchen Sie ſich aufbinden laſſen. Mein Haus ſteht auf feſtem Grunde, und wird nicht zuſammenſtürzen bei dem erſten beſten Sturmwind; die Kerzen meiner Kronleuchter ſind von ſolidem Wachs und werden nicht gleich erlöſchen vor dem Athem Ihres Mundes. Kommen Sie! Wenn Sie wollen, daß ich Sie nachher in mein Cabinet begleiten ſoll, ſo ſträuben Sie ſich nicht länger, ſondern kommen Sie.. Gut, ſeufzte Gentz, ich komme. Aber verſprechen mir Ew. Durch⸗ laucht dieſer derte Säle alle mach eine fried ürſt mnge Bier Tor he M ltz Sti laul ich dav auf hin erf In R 425 laucht wenigſtens, daß wir uns beeilen wollen mit der Beſichtigung dieſer Feſt⸗Arrangements. Ich verſpreche es Ihnen! Er nahm den Arm, den Gentz ihm ſeufzend darbot, und wan⸗ derte plaudernd, lächelnd, Alles beſichtigend, Alles prüfend durch die Säle dahin. Zum guten Glück für den ungeduldigen Hofrath Gentz waren alle Anordnungen genau den Befehlen des Fürſten entſprechend, ge⸗ macht worden, und es fand daher in keinem der Säle ein Aufenthalt, eine Verzögerung ſtatt. Es genügte, ſie zu durchwandern, um ſich be⸗ friedigt und erfreut zu fühlen von ihrer Einrichtung voll wahrhaft fürſtlicher Pracht. Jetzt, ſagte der Fürſt, als ſie eben vor der Thür ſeines Cabinets angelangt waren, jetzt müßte ich eigentlich nothwendiger Weiſe erſt eine Viertelſtunde hinüber gehen zu meiner Tochter, bei welcher ſich eben ihr Tanzmeiſter befindet, um ihr einen ruſſiſchen Tanz einzuüben, den ſie heute Abend mit dem jungen Grafen Nariſchkin vor den ruſſiſchen Majeſtäten tanzen ſoll. Ich habe meiner Tochter verſprochen, heute der letzten Tanzprobe beizuwohnen, und— Ich beſchwöre Ew. Durchlaucht, rief Gentz mit faſt weinerlicher Stimme, wollen Sie mich nicht länger martern, wollen Sie mir er⸗ lauben, Ihnen jetzt ſogleich meinen Vortrag zu halten. Nun denn, es ſei, ſagte Metternich lächelnd, ich ſehe ſchon, daß ich Sie Ihrer Neuigkeiten entladen muß, wenn ich nicht will, daß Sie davon wie eine Bombe auseinander platzen! Er öffnete die Thür ſeines Cabinets, und trat, gefolgt von Gentz, in daſſelbe ein. Vor allen Dingen ſetzen wir uns! ſagte der Fürſt, indem er ſich auf den Divan niedergleiten ließ, und für Gentz auf einen Fauteuil hindeutete. Und nun laſſen Sie mich Ihre ungeheuerlichen Nachrichten erfahren, mein armer Freund, der Sie mir faſt an dieſer Neuigkeits⸗ Indigeſtion erſtickt wären. Was giebt es denn? Durchlaucht, ſagte Gentz feierlich, es giebt eine Verſchwörung gegen Sie, gegen Oeſterreich, gegen uns Alle. Wenn Sie Ihren 426 Feinden nicht zuvorkommen, wenn Sie nicht ſogleich, heute noch, ener⸗ giſche Maßregeln ergreifen, ſo ſind Sie verloren, und mit Ihnen iſt es Oeſterreich, mit Ihnen iſt es Deutſchland! Denn Sie vertreten Oeſterreich, und Oeſterreich vertritt auf dieſem Congreß die Ordnung, die Geſetzlichkeit, die Rechte der Fürſten, der Reichsunmittelbaren, der Bevorzugten gegen die Wühlereien, gegen die neumodiſchen Umſturz⸗ fürſten, die, um ſich populär zu machen, mit freiſinnigen Redensarten, wie mit Spielbällen umher werfen, und um die Völker anzuziehen, mit liberalen Ideen allerlei Jongleurkünſte treiben. Deutſchland geht, wenn dieſe Umſturzfürſten die Oberhand gewinnen, nicht blos einem neuen Kriege, ſondern ſeinem völligen Untergang entgegen, denn mit frei⸗ ſinnigen Redensarten werden die Völker nicht in Banden gehalten, und mit liberalen Ideen läßt ſich nicht regieren. Ew. Durchlaucht haben alſo die Verpflichtung, ſich Oeſterreich, ſich Deutſchland zu erhalten, und Alles zu thun, um die Intriguen und Pläne, die Ihre Feinde gegen Sie ſchmieden, zu vernichten. Wer ſind denn aber vor allen Dingen dieſe Feinde? fragte Metternich mit ſeinem ruhigen Lächeln. Es ſind der Kaiſer von Rußland und der König von Preußen. Seit geſtern courſiren die wunderbarſten Gerüchte in allen Salons. Jeder raunt es verſtohlen dem Andern in's Ohr:„Fürſt Metternich iſt in Ungnade gefallen. Die Monarchen von Rußland und Preußen haben ſich geſtern Mittag zu Kaiſer Franz begeben, und von ihm be⸗ gehrt, daß er den Fürſten entlaſſe, und haben erklärt, daß ſie Beide mit dem Fürſten keinen weitern Verkehr haben, ihn niemals wieder ſehen wollten.“— Geſtern gegen Abend, als ich zur Herzogin von Sagan kam, um ſie, wie wir das verabredet hatten, zur Soiréd bei der Kaiſerin Ludovica zu begleiten, kam die Herzogin mir ganz bleich und aufgeregt entgegen, und ſagte mir: Kaiſer Alexander ſei eben bei ihr geweſen, habe ſich in den bitterſten und heftigſten Ausdrücken über Ew. Durch⸗ laucht beſchwert, habe geſagt, Sie hätten mit ihm und dem König von Preußen ein unwürdiges Spiel getrieben, hätten Sie gegenſeitig ver⸗ feinden und entzweien wollen, und ſeien ſogar ſo weit gegangen, den Kaiſer einer Unwahrheit zu zeihen. li türlich des fr chſelz amn dem die pre heilige Küde in ent durch Uerun Gentz ſo cb Beid von weſe jihe ſugt zerſti doch, tie zuve trau ging Se H 427 Und dieſe Unwahrheit, deren ich ihn geziehen haben ſoll, wäre na⸗ türlich die erſte und einzige Unwahrheit, die jemals über die Lippen des frommen und tugendhaften Kaiſers gekommen, ſagte Metternich achſelzuckend. Die Freundſchaftsbetheuerungen gegen Napoleon, die Um⸗ armungen und Küſſe in Erfurt, das Doppelſpiel in Tilſit, wo Alexander dem König von Preußen ewige Freundſchaft ſchwur und von Napoleon die preußiſchen Provinzen als Geſchenk annahm, das Alles waren große, heilige Wahrheiten, welche vor den Augen der gottſeligen Frau von Krüdener als Altarkerzen leuchten, und ihr Gelegenheit geben werden, in entzückte Krämpfe und Zuckungen zu verfallen, aus denen ſie nur durch das Gebet des ſogenannten Erzengels, des frommen Kaiſers Alexander, wird errettet werden können. Ich beſchwöre Ew. Duchlaucht, bleiben wir bei der Sache, flehte Gentz. Der Kaiſer hat ferner der Herzogin von Sagan erzählt, er ſei ſo eben mit dem König von Preußen bei Kaiſer Franz geweſen, und Beide hätten ſie Ew. Durchlaucht angeklagt. Der Kaiſer ſei auch ganz von Ihrer Schuld überzeugt worden, höchſt aufgebracht auf Sie ge⸗ weſen, und habe den Monarchen verſprochen, Sie zur Rechenſchaft zu ziehen, ja, Sie Ihres Amtes zu entlaſſen. Und was ſagte die Herzogin von Sagan zu dieſen Neuigkeiten? fragte Metternich. Sie war tief erſchüttert, Thränen glänzten in ihren Augen— Aber ſie rollten hoffentlich nicht über ihre Wangen nieder und zerſtörten nicht die ſchöne Roſenmalerei ihrer Schminke? Sagen Sie doch, Freund, Sie halfen doch der Herzogin, ihre Thränen abtrocknen, ehe ſie ihren Augen entſtrömten? Ich verſichere Ew. Durchlaucht, daß die Herzogin im vollen Ernſt tief bewegt und betrübt war, daß Sie wirklich an ihr eine treue und zuverläſſige Freundin haben, rief Gentz heftig. Sie war noch ganz traurig und kummervoll, als wir uns zur Soirée begaben, und ſie ging nur dorthin, weil ſie hoffte, Ew. Durchlaucht dort zu ſehen und Sie zu warnen. Ach, hätte ich ahnen können, daß die liebenswürdige und ſchöne Herzogin von Sagan mich erwartete, ſo würde ich gewiß zur kaiſer⸗ 428 lichen Soirée gekommen ſein, rief Metternich. Ich war aber bei Iſabey, der mich, wie Sie wiſſen, zu ſeinem großen Congreßbilde malt, dann wohnte ich einer Probe der lebenden Bilder bei, in denen meine Tochter morgen eine Rolle ſpielt, und da man ihr ein ſchlechtes Coſtüm gewählt hatte, mußte ich ſchon ſelber ihr ein beſſeres ausſuchen. So verging die Zeit, und es ward zu ſpät, um noch die Soirée be⸗ ſuchen zu können. Und doch wäre es ein Glück geweſen, wenn Ew. Durchlaucht, ob auch noch ſo ſpät, und ob auch nur auf Einen Moment gekommen wären. Denn Ihre Abweſenheit erſchien nun Allen als eine Beſtätigung der umlaufenden Gerüchte. Jedermann war überzeugt, daß Ew. Durch⸗ laucht wirklich in Ungnade gefallen, und daß Sie nur deshalb nicht die Soirée der Kaiſerin beſuchen könnten. Man ſprach, nicht mehr leiſe, ſondern ziemlich laut und vernehmlich, von Ihrem Sturz, man wieder⸗ holte ſich mit hämiſcher Freude die heftigen Scheltworte, mit denen Kaiſer Franz Ew. Durchlaucht entlaſſen habe. Man erzählte ſich, daß der Graf Neſſetrode von dem Kaiſer Alexander gleichfalls entlaſſen ſei, und nur aus dem einzigen Grunde, weil er mit Ihnen in nächſter Verbindung geſtanden. Nur die Herzogin von Sagan hatte den Muth, nicht in das allgemeine Anathem einzuſtimmen, und als der Kaiſer Alexander ſich ihr näherte, und wieder ganz laut und heftig gegen Ew. Durchlaucht ſprach, war ſie kühn genug, Sie zu vertheidigen. Der Kaiſer ward dunkelroth vor Zorn, und— Und rief, unterbrach ihn Metternich, und rief heftig:„Wie können Sie ſich nur mit ſo einem Schreiber einlaſſen, Herzogin?“*) Und er wandte ihr den Rücken und ſprach zu andern Perſonen laut und heftig gegen das, was er meine Ränkeſucht nennt. Später unterhielt er ſich mit der alten Fürſtin Metternich, meiner Mutter, und ganz laut ſagte er zu ihr: er könne Niemand achten, der nicht die Uniform trüge.**) Ew. Durchlaucht wiſſen das ſchon? rief Gentz erſtaunt. Ja, ſagte Metternich lächelnd, ich weiß das ſchon, denn wie es *) Pertz: Leben des Freiherrn vom Stein. Bd. IV. **) Ebendaſelbſt. ſcheint, das we than h E und u S mich z Aber Abſch ſihren S Gebot hitten reden Güt ſtuc fuſſch liche Sie der der dern Meni nfi inu Vn weil Ruß ifn Gel 6 429 ſcheint, ſteht meine Mutter früher auf, als Sie. Ich weiß Alles, nur das weiß ich nicht, was Sie zu meiner Vertheidigung geſagt und ge⸗ than haben. Ew. Durchlaucht, was hätte ich anders thun können, als ſchweigen und unglücklich ſein? Sie hätten zum Beiſpiel alle Diejenigen, welche ſich erlaubten, mich zu verläumden, zum Duell fordern können. Ich? Zum Duell fordern? rief Gentz entſetzt und tief erblaſſend. Aber Ew. Durchlaucht, ich,— mein Gott, Sie wiſſen, daß ich einen Abſcheu habe vor Waffen, und daß die einzige Waffe, welche ich zu führen verſtehe, die Feder iſt. Sie vergeſſen die zweite Waffe, welche Ihnen wenigſtens noch zu Gebote ſteht, Ihre Zunge! Da Sie nicht für mich handeln konnten, hätten Sie mindeſtens für mich Ihre Zunge gebrauchen, für mich reden können. Und was hätte ich ſagen können, da Ew. Durchlaucht nicht die Güte gehabt, mich in Ihr Vertrauen zu ziehen, und mir einige In⸗ ſtructionen über mein Verhalten zu geben? Sie hätten ſagen können, daß man ſich in Bezug auf mich ganz falſcher Ausdrücke bediene, ſagte der Fürſt, deſſen Antlitz jetzt ſeinen lächelnden Ausdruck verloren, und ernſt und feierlich geworden war. Sie hätten ſagen können, daß ich nicht ein Günſtling und Favorit ſei, der je nach der Laune ſeines Herrn und gleich den Mignons weiland der Kaiſerin Katharina von Rußland, in Ungnade fallen könne, ſon⸗ dern daß ich der erſte Miniſter des Kaiſers Franz ſei, und daß man wenigſtens dem Kaiſer Franz ſo viel Achtung ſchuldig ſei, um ihn für unfühig zu halten, einem Mann, dem er ſeit vielen Jahren ſein Ver⸗ trauen geſchenkt, daſſelbe zu entziehen, bloß weil ſein Miniſter ſich dem Wunſch und Willen eines fremden Souverains nicht beugen wolle, und weil der Schreiber ohne Uniform nicht die Wünſche des Kaiſers von Rußland als Befehle hinnähme, ſondern weil er den Muth habe, ihn öffentlich zu bekämpfen, und des Kaiſers ehrgeizige und romantiſche Gelüſte auf Polen zu hintertreiben! 430 Das Alles habe ich auch geſagt, aber man hatte mich nicht hören wollen, rief Gentz. Vielleicht weil Sie ſo leiſe und in ſich hinein ſprachen, daß Niemand Sie hören konnte, ſagte Metternich. Aber ich bin Ihnen deshalb nicht gram, denn ich weiß, daß Ihr Naturell Ihnen nicht erlaubte lauter zu ſprechen, daß Sie aber tief in Ihrem Herzen über mich trauerten, und an Ihrem Schreibtiſch alle Mal den Muth finden würden, mich zu vertheidigen. Ew. Durchlaucht laſſen mir nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn Sie anerkennen, daß ich Sie liebe und verehre, rief Gentz. Ich halte Sie für den einzigen nothwendigen Mann, der jetzt lebt, für den Ein⸗ zigen, der im Stande iſt, die Prinzipien der Ordnung und der Fürſten⸗ gewalt aufrecht zu halten gegen das wüſte Freiheitsgeſchrei des un⸗ ſinnigen Volkes. Ich liebe und verehre Sie um Ihres edlen Herzens, Ihrer großen Seele und Ihres reichen Geiſtes willen, und wenn Sie untergingen, ſo würde ich es machen, wie es einem treuen Hunde ge⸗ bührt, ich würde mich auf Ihr Grab legen und da Hungers ſterben. Ah, ſo weit wollen wir es indeß nicht kommen laſſen, daß Sie um meinetwillen dem höchſten aller Ihrer Genüſſe, dem Eſſen, entſagen ſollen, ſagte Metternich lächelnd. Ich will verſuchen, Sie ein wenig zu tröſten, aber ich kann doch nicht verhehlen, daß die Sachen für mich in dieſem Augenblick ziemlich mißlich und bedenklich ſtehen. Alſo doch, ſeufzte Gentz erſchauernd, es iſt alſo doch wahr, daß— Daß Kaiſer Alexander wüthend auf mich iſt? Ja, das iſt wahr! Und es iſt auch wahr, daß er den König von Preußen auch gegen mich aufgehetzt hat, und daß Beide ſich zum Kaiſer Franz begeben haben, um mich bei ihm der Zweideutigkeit, Hinterliſt, Falſchheit, und was weiß ich ſonſt noch Alles, anzuklagen. Aber der Kaiſer Franz hat ihnen nicht geglaubt, und ſie haben nichts beweiſen können? fragte Gentz in athemloſer Angſt. Doch, ſagte Metternich ruhig, ſie haben einige ihrer Anklagen be⸗ weiſen können, denn,— ich will es Ihnen nur geſtehen, ich hatte einen, für einen Diplomaten ganz unverzeihlichen Fehler begangen! Ich hatte mich nicht begnügt mit mündlichen Zuſicherungen und Ver⸗ ſprechn mß, Nachbe liche abzule began 6 niſſe ſhr e zeſthie beſchn ( Strei von ſtrat itter Ball ſher rie tnne und Luch Gr No Pl in 1 431 ſprechungen, ſondern ich hatte das gethan, was man niemals thun muß, wenn man eine Geliebte hat, die man verrathen, oder einen Nachbar, den man zum, Bundesgenoſſen machen will, ich hatte ſchrift⸗ liche Verſprechungen gemacht, und dieſe Schriftzüge mit ihrer nicht abzuleugnenden Wahrheit ſprachen gegen mich. Ich habe einen Fehler begangen, und es iſt daher ganz natürlich, daß ich ihn büßen muß. Ew. Durchlaucht glauben alſo doch, daß Sie ihn werden büßen müſſen? fragte Gentz kleinlaut. Ja, ich werde ihn büßen müſſen, ſagte Metternich, und zwar in ſehr empfindlicher Art, denn ich befürchte faſt, daß heute das Aergſte geſchieht, daß— Daß? fragte Gentz athemlos, als Metternich ſchwieg. Oh, ich beſchwöre Ew. Durchlaucht, ſagen Sie mir, was kann geſchehen? Es kann geſchehen, daß in Folge dieſer großen diplomatiſchen Streitigkeiten ein offenes Zerwürfniß ausbricht, und daß der Kaiſer von Rußland und der König von Preußen eine fürchterliche Demon⸗ ſtration gegen Oeſterreich und gegen mich machen. Und worin könnte dieſe Demonſtration beſtehen? fragte Gentz mit zitternder Stimme und aſchfarbenem Geſicht. Darin, daß die beiden Monarchen heute Abend nicht auf meinem Balle erſcheinen, ſagte Metternich vollkommen ernſthaft. Ah, mein Gott, rief Gentz unwillig, Sie vermögen es noch zu ſcherzen. Ich ſcherze gar nicht, ſagte Metternich, dies iſt wirklich die einzige Kriegserklärung, die Rußland und Preußen noch gegen mich machen können, nachdem ſie die andere beim Kaiſer Franz ſchon gemacht haben, und ich geſtehe, ſie iſt mir unangenehm genug, denn meine ſchöne Tochter Clementine käme dann um die Freude, heute Abend mit dem Grafen Nariſchkin ihren ruſſiſchen Tanz auszuführen. Alſo die andere Kriegserklärung, die beim Kaiſer Franz, iſt den Monarchen doch mißlungen? Ja, ſie iſt ihnen mißlungen. Die Herren Alerander und Friedrich Wilhelm haben ſich bitter über mich beſchwert, Kaiſer Franz hat mich ein wenig verleugnet, hat ſich zur Großfürſtin Catharina begeben, um 432 ſich auch vor den Damen zu vertheidigen, und auch dort mein Betragen zu mißbilligen und zu desavouiren.*) Aber das iſt Alles, was die Monarchen erlangen konnten! Kaiſer Franz hat mich getadelt, aber er denkt nicht daran, mich entlaſſen zu wollen, und ich will Ihnen auch ſagen, warum er das nicht thut! Weil er Cw. Durchlaucht liebt, rief Gentz begeiſtert, weil er Ihre großen Eigenſchaften, Ihren evlen Geiſt kennt, weil— Nein, ganz einfach, weil er nicht ſogleich Jemand weiß, der mich erſetzen könnte, und weil er fürchtet, daß er ſelber mehr arbeiten, ſchreiben, unterhandeln und conferiren müßte, alſo weniger Siegellack fabriciren, Schächtelchen ſchnitzeln und Cello ſpielen könnte, wenn ich nicht mehr an ſeiner Seite wäre. Ich weiß nicht, ob er mich liebt, aber er weiß, daß ich ein guter Arbeiter bin. Cw. Durchlaucht glauben nie an eine uneigennützige und wahre Liebe, ſeufzte Gentz. Das wäre auch eine ſchwer zu verzeihende Thorheit für Jemand, der, wie ich, die Welt und die Menſchen kennt, ſagte Metternich lachend. Ich werde alſo, trotz der Anfechtungen Alexanders und Friedrich Wilhelms, an meiner Stelle bleiben, denn ich bin dem Kaiſer noth⸗ wendig, und wenn die Monarchen dies ſehen, ſo werden ſie vielleicht daran denken, mir einige Zugeſtändniſſe zu machen, ſo wie ich auch bemüht ſein werde, ihnen einige zu machen, und mir wenigſtens Preußen zu verſöhnen. Ich werde alſo heute noch einen Vertrauten an Hardenberg ſchicken, und ihm neue Vorſchläge in Betreff Sachſens machen. Wollen mich Ew. Durchlaucht mit dieſem Auftrag beehren? Ja, gehen Sie zu Hardenberg, machen Sie ihm folgende Vor⸗ ſchläge. Sagen Sie ihm, ein für alle Mal wolle Kaiſer Franz nicht einwilligen, den König von Sachſen ganz und gar ſeines Landes zu berauben, ſondern er beſtehe darauf, daß ihm ein Theil deſſelben ver⸗ bleibe. Dadurch würden alle Parteien befriedigt, Frankreich und Eng⸗ land könnten ſich alsdann nicht beſchweren, daß das Princip der *) Pertz: Leben des Freiherrn vom Stein. Bd. IV. S. 248. Legit Thro daß Oeſt Preu eine einge echů gehe ſeine Hau lfer ande Pre doc die unl Pre De erke diet ſeir red vie un N 433 Legitimität verletzt werde, denn der König von Sachſen ſolle ja ſeinen Thron behalten; Preußen und Rußland könnten ſich nicht beſchweren, daß man dem Rechte der Eroberung nicht Gehör gegeben, und daß Oeſterreich ſich eiferſüchtig und feindlich gegen die Vergrößerung Preußens auflehne. Machen Sie alſo den Vorſchlag, daß Preußen in eine angemeſſene Theilung Sachſens willige. Dieſe Theilung ſoll ſo eingerichtet werden, daß Preußen die ganze Vertheidigungslinie der Elbe erhält; Kaiſer Franz erklärt ſich bereit, auch Torgau an Preußen gehen zu laſſen, wenn dies dafür einwilligt, dem König von Sachſen ſeine Reſidenzſtadt Dresden, und die Stadt Leipzig als ſeine beiden Hauptſtädte zu laſſen, und ihm außerdem einen Landſtrich am rechten Ufer der Saale bis zur Oberlauſitz und der Böhmiſchen Grenze mit anderthalb Millionen Seelen zurück zu geben.*) Dafür ſolle aber Preußen eine größere Entſchädigung am Rhein und in Weſtphalen erhalten. Nun, ich denke, Preußen wird, ſo ländergierig es immer ſein mag, doch ſich mit dieſen Anerbietungen zufrieden erklären, rief Gentz. Wenn es das iſt, ſo wollen wir gleich in der nächſten Conferenz dieſe neuen Anträge den andern Mächten vorlegen, damit endlich dieſe unleidlich ſächſiſche Frage zur Entſcheidung komme, ſagte Metternich. Preußen wird wenigſtens in den ihm von Ihnen gemachten Vorſchlägen Oeſterreichs guten Willen, den Frieden und die Eintracht zu erhalten, erkennen müſſen. Sagen Sie dem Miniſter von Hardenberg, daß ich dies ſehnlichſt wünſche, und daß, wenn er mir auch einen Beweis ſeines guten Willens geben wolle, er den König von Preußen über⸗ reden möge, mir die Ehre zu erzeigen, heute Abend auf meinem Feſt zu erſcheinen. Wahrhaftig, ich dächte doch, für Dreiviertel des ſchönen reichen Sachſenlandes könnte er mir dieſen Wunſch ſchon erfüllen! In dieſem Angenblick ward die Thür der Antichambre geöffnet, und der Kammerdiener meldete den General von Hardegg. Fürſt Metternich ging ihm lebhaft entgegen. Nun, mein lieber General, ſagte er, haben Sie die Güte gehabt, meine diplomatiſche Miſſion zu übernehmen? Waren Sie beim Kaiſer Alexander? *) Pertz: Leben des Freiherrn vom Stein. Bd. IV. S. 287. Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 28 434 Ja, Durchlaucht, ich war dort, ſagte Hardegg ernſt, ich fragte den Kaiſer in Ihrem Namen, ob Sie auf die Erfüllung ſeines gnädig gegebenen Verſprechens noch immer hoffen dürften, ob der Kaiſer die Gnade haben würde, heute Abend auf Ihrem Ball zu erſcheinen. Und was antwortete Ihnen der Kaiſer? Er antwortete mir wörtlich: Hören Sie, Sie ſind Soldat. Metter⸗ nich hat mich der Unwahrheit geziehen; wenn meine Verhältniſſe es er⸗ laubten, wüßte ich, was ich zu thun hätte, aber jetzt muß ich mich damit begnügen, Metternich nicht mehr zu ſehen. Ich und meine ganze Familie werden daher heute Abend nicht auf ſeinem Ballfeſte erſcheinen.*) Das heißt, es werden überhaupt auch alle Ruſſen nicht erſcheinen dürfen, murmelte Metternich leiſe vor ſich hin. Ich werde zum Ge⸗ ſpött dieſer Menſchen werden, und— ah bah, wir werden ſehen, den Dingen eine möglichſt günſtige Seite abzugewinnen, rief er laut. Ich danke Ihnen, General, daß Sie die Mühe dieſer Sendung für mich übernommen haben. Ich bitte Sie, Herr Hofrath von Gentz, daß Sie ſich ſogleich mit Ihrer Sendung zum Herrn Staatskanzler von Harden⸗ berg begeben, und was mich anbetrifft, ſo habe ich mir ſelbſt auch noch eine Sendung gegeben, zu deren Ausführung ich ſogleich ſchreiten werde. Leben Sie alſo wohl, meine Herren, heute Abend auf dem Ball ſehen wir uns wieder! Der Fürſt begrüßte die beiden Herren zum Abſchied und be⸗ gleitete ſie mit lächelnder Miene bis zur Thür. Aber kaum hatte ſich dieſe hinter ihnen geſchloſſen, als ſeine Züge einen düſtern Ausdruck annahmen. Der Kaiſer Alerander will ſich auf eine kleinliche Weiſe an mir rächen, ſagte er, aber ich werde verſuchen, ſeiner Rache die Spitze ab⸗ zubrechen. Möge er ſelbſt mit ſeiner Familie immerhin heute Abend fehlen, aber er ſoll mir meine Geſellſchaft nicht zerſtören, er ſoll die Ruſſen nicht durch ſein böſes Beiſpiel verführen. Wenn heute alle Ruſſen in meinem Salon fehlen, ſo würde das ſo ausſehen, als ob Oeſterreich *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: La Garde III. und Pertz IV. und) Zeter wie haben meine Kam War Geg Kleil Sti Etui ihr ſchö Syi der ſcha auf ih um 435 und Rußland in offenem Kriegszuſtande lebten, und ganz Europa würde Zeter ſchreien. Es iſt aber noch zu früh dazu! Wir müſſen erſt ſehen, wie ſich die Dinge in Frankreich entwickeln. Ich will meine Ruſſen haben! Die Fürſtin Bagration muß ſie mir locken! Auf alſo, zu meiner Freundin Bagration! Der Fürſt befahl ſeinen Wagen vorfahren zu laſſen, und rief ſeinen Kammerdiener, um ihm bei ſeiner Toilette behülflich zu ſein. Ml. Die Jürſtin Bagration. Die Fürſtin Bagration befand ſich in ihrem Toilettenzimmer; ſie war in einem reizenden Negligée, und mit dem ernſthafteſten aller Gegenſtände, mit der Wahl ihrer Toilette beſchäftigt. Die glänzendſten Kleider, die herrlichſten Coiffüren, Spitzen und Blumen lagen auf den Stühlen und Tiſchen um ſie her, und daneben ſtanden die geöffneten Etuis mit den koſtbarſten und glänzendſten Schmuckſachen. Indeß die Fürſtin hatte für alle dieſe Dinge, welche ſonſt ſo oft ihr Herz erfreuten, heute gar keinen Sinn. Sie ging langſam, die ſchönen Arme über der Bruſt gefalten, zwiſchen den Blumen, den Spitzen und Roben auf und ab, und blieb nachdenklich zuweilen vor der großen Pſyche ſtehen, die zwiſchen den Fenſterpfeilern ſtand. Dann ſchauete ſie mit einem ſeltſam ängſtlichen und befangenen Ausdruck auf ihr Spiegelbild hin, ſchüttelte heftig ihr Haupt, flüſterte leiſe:„nein, ich unternehme es nicht,“ und entfernte ſich haſtig von dem Spiegel, um ihr Auf⸗ und Abwandeln wieder von Neuem zu beginnen. Noch einmal jetzt trat ſie zum Spiegel, und prüfte ihr Angeſicht, prüfte es mit einem Ausdruck von Angſt, Entſetzen und Kummer. Dann trat ſie ſeufzend zurück, und wieder ſagte ſie:„nein, ich unter⸗ nehme es nicht.“ 436 Nun verließ ſie mit haſtigen Schritten, gleichſam, als habe ſie einen feſten Entſchluß gefaßt, das Toilettenzimmer, trat in ihr daneben belegenes Wohnzimmer, durchſchritt es raſch, und ſich vor ihrem Schreibtiſch niederlaſſend, begann ſie mit fliegender eiliger Hand zu ſchreiben. Dann faltete ſie das Billet zuſammen, ſiegelte und adreſſirte es, und klingelte heftig. Sofort öffnete ſich die Thür des Vorzimmers und der Kammer⸗ diener trat ein. Hier, tragen Sie dies Billet ſogleich zu dem Maler Iſabey, befahl die Fürſtin. Sagen Sie, daß meine Kammerfrau während Ihrer Abweſenheit im Vorzimmer bleiben und jeden Beſuch abweiſen ſoll. Ich bin leidend, ſehr leidend, das ſoll ſie Jedermann ſagen. Ich könne Niemand empfangen und— hören Sie, wenn Sie vom Baron von Iſabey zurückkommen, ſo gehen Sie ſogleich in das Hötel Metternich, und beſtellen Sie dort, ich ließe mich dem Fürſten und der Frau Fürſtin gehorſamſt empfehlen, und bedauere, heute Abend nicht erſcheinen zu können, da ich krank ſei und das Bett hüten müſſe! Gott ſei Dank, daß ich mich mit meinen eigenen Augen vom Gegentheil überzeugen kann, rief eine Stimme hinter ihr, und wie die Fürſtin ſich umſchauete, gewahrte ſie da drüben in der geöffneten Thür des Vorzimmers Denjenigen, den ſie heute zu vermeiden beſchloſſen. Metternich! rief die Fürſtin erſchrocken. Unangemeldet? Verzeihen Sie, Fürſtin, es war Niemand im Vorzimmer, der mich melden konnte, ſagte Metternich, indem er lächelnd vorwärts ſchritt. Ich ſtand und wartete auf irgend einen dienſtbaren Geiſt, da hörte ich hier durch die nur angelehnte Thür meinen Namen von Ihren ſchönen Lippen nennen. Ich glaubte, Sie riefen mich, und trat ein. So bin ich da, und erſpare dadurch Ihrem Kammerdiener einen Weg in mein Hötel. Oder hatten Sie ihm noch ſchriftliche Botſchaft aufgetragen? Soll ich der glückliche Empfänger des Billets ſein, das er da in der Hand hat? Nein, ſagte die Fürſtin, es iſt für Iſabey. Gehen Sie, Jean, tragen Sie das Billet zu dem Baron und kehren Sie dann ſchnell zurück, damit mein Vorzimmer nicht wieder ohne Aufſicht iſt. als Je wiſſen mir h nicht und aus Faut fuſt einm mirt ſame Sie Sie mic Zin ſum ſiß Ge mit 437 Ach, das war ein grauſamer Ausfall auf mich, ſeufzte Metternich, als Jean das Zimmer verlaſſen hatte. Sie wollten ſogar Ihren Diener wiſſen laſſen, daß ich in Ungnade gefallen ſei, und nur ein Verſehen mir heute hier Einlaß gegönnt hat? Die Fürſtin antwortete ihm nicht, ſie ſchien ſeine Anweſenheit gar nicht zu bemerken, ſondern ſtreckte ſich gemächlich auf dem Divan aus und lehnte das ſchöne Haupt langſam und ermattet zurück in die Kiſſen. Metternich folgte ihr, und nicht einen Moment wich das Lächeln aus ſeinem Angeſicht. Mit vollkommener Gelaſſenheit rollte er einen Fauteuil dicht neben den Divan hin, und ſetzte ſich ſo, daß ſein Arm faſt das ruhende Haupt der Fürſtin berührte. Ach, welch ein Glück, ſagte er aufathmend, welch ein Glück, endlich einmal wieder mit Ihnen allein zu ſein, Katharina. Und Sie wollten mir dieſen Genuß rauben, Sie wollten ſich mir heute entziehen! Grau⸗ ſame, was that ich denn, um Ihren Zorn zu verdienen? Oh, ſprechen Sie wenigſtens, klagen Sie mich an, zerſchmettern Sie mich, indem Sie das Verdammungsurtheil über mich ausſprechen, nur laſſen Sie mich den ſüßen Laut Ihrer Stimme hören! Die Fürſtin ſchwieg immer noch, ſie ſtarrte zu der Decke des Zimmers empor, und leiſe mit den Fingern auf den Polſtern ſpielend, ſummte ſie halblaut die Melodie eines Liedes vor ſich hin. Oh, welch einen göttlichen Humor meine ſchöne Katharina beſitzt, flüſterte Metternich. Sie iſt ſo leidend und krank, daß ſie ſogar den Getreueſten ihrer Getreuen nicht empfangen wollte, und dennoch, in⸗ mitten ihrer Schmerzen, lebt und klingt die ſüße Muſik der Engel in ihr weiter, und tönt leiſe, ihr ſelber unbewußt, von ihren Lippen. Die Fürſtin ſang nicht mehr, ſie ſchloß die Augen, als ſei ſie im Begriff einzuſchlummern. Schlafe, ſchlafe, meine ſchöne Katharina, Du letzter Traum meines Herzens, ſchlafe, flüſterte Metternich. Gönne mir das Glück, Deinen Schlummer zu bewachen. Ja, ich werde bei Dir bleiben, und wär's auch nur, damit die Vorübergehenden meine Equipage vor Deiner Thür ſtehen ſehen, und alſo wiſſen und erkennen, daß Du nicht biſt, wie die Andern, daß Du mich nicht verleugneſt und verſtößt, weil der Kaiſer 438 Alexander für einen Tag die Laune hat, ſich als meinen Feind zu be⸗ trachten. Nein, die edle, hochherzige Fürſtin Bagration, die iſt nicht feig und engherzig, wie es die Andern ſind, die wird es nicht machen, wie die Herzogin von Sagan, ſie wird den Freund nicht verleugnen in der Stunde der Verlegenheit. Die Fürſtin Bagration ſchlief nicht mehr. Sie hatte ihre ſchönen Augen groß und weit geöffnet, und das Haupt ein wenig dem Fürſten zuwendend, ſchaute ſie ihn an mit fragenden, forſchenden Blicken. Oh, ſagte Metternich gedankenvoll, und gleichſam nur zu ſich ſelber ſprechend, wie wird ſie ſich ärgern, wie wird ſie ſich beſchämt fühlen, dieſe ſtolze Herzogin, wenn ſie hört, daß Katharina Bagration den Muth hat, ihr zu trotzen, daß Katharina, größer, edler, ſelbſt⸗ ſtändiger, wie die Herzogin, nicht achtet auf den Bannſpruch, den jene gegen mich geſchleudert. Ach, es wird der Herzogin, welche vermeint, daß ſie es iſt, die hier die tonangebende Puiſſance der Geſellſchaft iſt, es wird ihr ſeltſam imponiren, daß die Fürſtin Bagration den kühnen Muth hat, ihr zu trotzen, daß ſie den armen Fürſten Metternich em⸗ pfängt, von dem die Herzogin geſtern Abend geſagt hat:„er iſt ein todter Mann, und ſelbſt die Bagration wird ihn nicht mehr aufer⸗ wecken dürfen. Selbſt die Bagration wird dies Mal meinem Beiſpiel folgen, und ſich mir unterordnen müſſen.“ Das hat ſie geſagt? rief die Fürſtin, ſich raſch aufrichtend, und den Fürſten mit flammenden Blicken auſchauend. Wie? Sie hat be⸗ hauptet, ich würde ihrem Beiſpiel folgen, ihr mich unterordnen müſſen? Was will ſie denn? Was iſt es denn, das ſie beabſichtigt? Sie waren alſo geſtern nicht auf der Soirée? fragte Metternich, der es gar nicht zu beachten ſchien, daß er die Fürſtin beſiegt, daß er ſie doch endlich gezwungen hatte, ihm Antwort zu geben. Sie fehlten alſo gleich mir auf dieſer Soirée bei der Kaiſerin? Nein, ich war dort, ſagte die Fürſtin haſtig, ich bekam auch meinen Theil von dem Ingrimm, den der Kaiſer Alexander auf Sie geworfen. Er beſchuldigte mich, daß ich eine heimliche Bonapartiſtin ſei, da ich mit Ihnen verkehre, und Sie ohne alle Frage mit Bonaparte auf Elba conſpirirten. Ich lachte dazu und vertheidigte Sie, und der Kaiſer wandte ſch dieſe Rück frihe drück Herz Ihre und gewo um mir 439 ſich achſelzuckend von mir ab. Aber was hat die Sagan mit allen dieſen Dingen zu thun? Was hat ſie von mir geſagt? Hinter meinem Rücken geſagt, wie ſie das zu thun pflegt? Ich verließ die Soirée früher, als ſie, denn ich fühlte mich unwohl. Nein, ſagte Metternich, ihre Hand nehmend und ſie an ſeine Lippen drückend, nein, Sie fühlten ſich nicht unwohl, ſondern Ihr großmüthiges Herz wollte es nur nicht ertragen, daß man Denjenigen, welchen Sie Ihren Freund nannten, verläſterte und verhöhnte. Aber was hat die Sagan geſagt? rief die Fürſtin ungeduldig. Sie hat, nachdem der Kaiſer Alexander ſich eine Zeitlang leiſe und angelegentlich mit ihr unterhalten, ſich dem Kreiſe der Damen zu⸗ gewandt, und zu allen ruſſiſchen Damen hingehend, hat ſie, laut genug, um auch von allen Andern verſtanden zu werden, geſagt:„der Kaiſer hat mir eben geſagt, daß weder er, noch die Kaiſerin, noch irgend Jemand von der kaiſerlichen Familie morgen auf dem Ball des Fürſten Metter⸗ nich erſcheinen werde. Es iſt daher für uns Alle eine Ehrenpflicht, der kaiſerlichen Familie nachzuahmen. Ich ſelber, ich, welche man die Freundin des Fürſten Metternich nennt, ich werde nicht auf dem Ball des Fürſten erſcheinen, und ich denke, ſelbſt die Fürſtin Bagration wird nicht die Verwegenheit haben, dem Unwillen des Kaiſers trotzen zu wollen. Sie wird meinem Beiſpiel folgen ünd ſich dem allgemeinen Anathem unterordnen müſſen.“ Unterordnen? Ich mich unterordnen! rief die Fürſtin. Ah, dieſe Frau Herzogin von Sagan, welche immer ihre Meinung abhängig macht von dem Wind, der von dem Kaiſerhof herüberweht, dieſe kluge Frau Herzogin, die vor lauter Klugheit immer feig und unſelbſtſtändig iſt, ſie ſoll ſich doch in mir geirrt haben! Sie ſoll zu ihrer Beſchä⸗ mung erkennen müſſen, daß Katharina Bagration wirklich die Ver⸗ wegenheit hat, dem Unwillen des Kaiſers zu trotzen, daß ihre Freund⸗ ſchaft und Zuneigung nicht wechſelt, wie der Wind, ſondern, daß ſie dauernd und beſtändig iſt, wie ein Fels im Meer!— Es war meine Abſicht, heute nicht zu Ihrem Balle zu kommen, aber nicht weil der Kaiſer Alexander Ihnen grollt, ſondern weil ich der Kaiſerin Ludovica beweiſen wollte, daß ich wirklich krank ſei, und daher morgen nicht 440 Theil nehmen könne an der Darſtellung der lebenden Bilder. Aber jetzt komme ich, mein Freund. Ja, ich komme! Katharina Bagration wird die Verwegenheit haben, auf Ihrem Ball zu erſcheinen, und ſie wird mit Ihnen den erſten Tanz tanzen. Ach, wie himmliſch Katharina Bagration da vor mir ſteht, rief Metternich begeiſtert, wie eine Heldin iſt ſie anzuſchauen mit den kühnen, flammenden Augen und dem ſtolz wogenden Buſen. Aber ich unglück⸗ licher, nüchterner Erdenmenſch muß meine heldenmüthige Jeanne d'Are doch aus ihrer Begeiſterung wecken. Sie darf nicht für mich ſich in den Kampf ſtürzen, denn meine Feinde ſind ſtark und mächtig, und wie die Jeanne d'Arc des unglücklichen Königs von Frankreich von den Engländern verbrannt ward, ſo wird die Jeanne d'Arc des unglück⸗ lichen Fürſten Metternich von den Ruſſen auf den Scheiterhaufen ge⸗ bracht werden. Immerhin, rief die Fürſtin mit einem ſtolzen Lächeln, ich werde den Scheiterhaufen als meinen Thron betrachten, und wenn man Feuer an denſelben anlegt, nun ſo werde ich wie ein Phönix aus der Aſche emporſteigen. Ich komme heute Abend auf Ihren Ball. Aber bedenken Sie, meine Heldin, daß Sie die einzige Ruſſin ſein werden! Die Herzogin von Sagan, voll glühenden Eifers dem Kaiſer Alexander zu dienen, damit er ihr wieder diene, und ihr ihre Beſitzungen in Kurland garantire, die Herzogin fährt heute Morgen bei allen ruſſiſchen Damen vor, und ermahnt ſie, dem Beiſpiel des Kaiſers und der Kaiſerin zu folgen, und heute nicht auf meinem Ball zu erſcheinen. Ah, ich werde ſogleich Toilette machen, ich werde auch umher⸗ fahren, rief die Fürſtin. Ich werde meinen Landsmänninnen ſagen: „der Kaiſer erſcheint nicht auf dem Ball des Fürſten Metternich, weil er ſich perſönlich von ihm beleidigt fühlt; aber wir dürfen daraus nicht eine politiſche Demonſtration machen. Wir dürfen eine perſönliche Mißſtimmung des Kaiſers nicht zu einer Kriegserklärung Rußlands gegen Oeſterreich erheben, wir dürfen Europa nicht das Schauſpiel bereiten, daß die Mächte, welche ſich hier zum Friedens⸗Congreß ver⸗ ſammelt haben, nicht einmal im Stande ſind unter einander in Frieden wil 441 zu leben. In einigen Tagen wird die Mißſtimmung des Kaiſers ver⸗ flogen ſein, denn Metternich wird ſich vor ihm zu rechtfertigen wiſſen, und dann wird Alexander es uns Dank wiſſen, daß wir uns nicht haben fortreißen laſſen von ſeinem Zorn, daß wir ihm die Verſöhnung und das Einlenken nicht durch unſere Demonſtration noch erſchwert haben.“ Oh, wenn Sie ſo ſprechen, Katharina, mit dieſer edlen Ruhe, dieſem erhabenen Ausdruck, dann werden Alle ſich von Ihnen hinge⸗ riſſen fühlen, dann werden Alle die ſchlauen Worte der Herzogin ver⸗ geſſen, und Ihnen, nur Ihnen folgen! Ah, ich will doch ſehen, wer hier mächtiger iſt, ſie oder ich, ſagte die Fürſtin, indem ſie mit blitzenden Augen, mit glühenden Wangen⸗ ganz Aufregung und Bewegung, mit großen Schritten im Zimmer auf⸗ und abging. Ich will doch ſehen, wer von uns Beiden endlich den Sieg davon tragen wird. Sie, welche niemals den Muth einer eigenen Meinung hat, oder ich, welche immer den Muth derſelben hat. Es iſt ewiger Kampf zwiſchen uns, nur daß ſie gegen mich mit tauſend Steck⸗ nadeln kämpft, und ich nur das einzige Schwert der Wahrheit in meinen Händen halte. Ueberall, ja überall iſt ſie meine Rivalin ge⸗ weſen, in meinem Haß ſowohl, wie in meiner Liebe, und doch haßt ſie nichts, und doch liebt ſie nichts! Sie konnte lächeln und heiter ſein in den Tagen unſeres Unglücks, ſie konnte Bonaparte einen großen Mann nennen, und ihn bewundern, weil ſie ſah, daß alle Welt ihm zu Füßen lag. Ich aber, ich haßte ihn auch damals, und als alle Welt ihn pries, da habe ich ihn immer noch laut und mit Thränen des Zorns verwünſcht! Jetzt freilich prahlt ſie mit ihrem Haß, jetzt giebt ſie ſich den Anſchein zu Bonapartes glühenden Feindinnen zu gehören, aber ſie thut es doch nur, weil ſie dem Kaiſer Alexander damit ſchmeicheln will, nicht, wie ich, aus dem tiefſten Inſtinct der Seele. Katharina, ſagte Metternich, vor ihr, die immer noch heftig auf⸗ und abging, ſich hinſtellend, und ſie ſo zwingend, einen Moment ſtill zu ſtehen, Katharina, Sie ſprachen von Ihrem gemeinſamen Haß. Wollen Sie nicht auch von Ihrer gemeinſamen Liebe ſprechen? Nein, rief die Fürſtin glühend, nein, wir haben keine gemeinſame 442 Liebe. Denn die Liebe geht bei ihr nicht tiefer wie der Haß. Sie tanzt bei ihr nur auf den Lippen, bei mir ruht ſie tief im Herzen. In der Stunde der Gefahr verläßt ſie Den, welchen ſie liebt, ich, ich ſuche ihn auf in der Stunde der Gefahr, um an ſeiner Seite zu bleiben.— Ich komme heute Abend zu Ihrem Ball, Clemens, und ich komme mit allen Freundinnen und Freunden. Fürſt Metternich ſank vor ihr auf die Kniee nieder und blickte mit einem Ausdruck ſtrahlenden Entzückens zu ihr empor. Venus, meine Venus, ich danke Dir, flüſterte er. Die Fürſtin brach in ein lautes, fröhliches Lachen aus. Nein, ſagte ſie, ich bin nicht Venus, will nicht Venus ſein. Das iſt es ja eben, um was ich ſeit drei Tagen zanke und ſtreite, was die ganze Truppe der Kaiſerin in Verzweiflung bringt. Niemand will Venus ſein. Aber ſtill, was iſt das für ein Geräuſch im Vorzimmer? Hören Sie nur! Der Fürſt eilte nach der Thür hin und lauſchte. Es ſcheint ein Beſuch zu ſein, der ſich durchaus nicht will abweiſen laſſen, flüſterte er. Er ſagt, er müſſe die Fürſtin Bagration ſprechen. Die Kaiſerin Ludovica ſende ihn her. Ach, ich erkenne die Stimme, rief die Fürſtin, es iſt Iſabey, der arme Iſabey, dem ich eben ein Abſagebillet geſandt habe. Nun, wenn er von der Kaiſerin kommt, muß ich ihn wohl annehmen, um ſo mehr, da er auch wahrſcheinlich vor meiner Thür Ihre verrätheriſche Equi⸗ page geſehen hat. Oeffnen Sie ihm alſo die Thür, wenn ich bitten darf. Der Fürſt ſtieß raſch die Thür auf. Herr Baron Iſabey, ſagte er, die Frau Fürſtin erſucht Sie, einzutreten. Gott ſei Dank, rief Iſabey, mit erhitztem Geſicht durch das Vor⸗ zimmer herbeiſtürzend. Ich habe alſo durch mein unanſtändiges Pol⸗ tern und Schreien doch mein Ziel erreicht, die Frau Fürſtin hat mich gehört, und ihr Herz iſt gerührt worden. Er näherte ſich der Fürſtin, und mit halb wehmüthigem, halb zürnendem Geſicht in ihr roſiges, lächelndes Antlitz ſchauend, rief er: Und Sie wollen behaupten, daß Sie nicht ſchön genug ſind? Sie 3 vage ſei e Sie ſh will eine nichs Lch Sie iſch feier lege nich wa Er dou und 443 wagen es, dieſes Antlitz ſo zu beleidigen, daß Sie ihm nachſagen, es ſei einer Venus nicht würdig? Ich bitte Sie, Fürſt Metternich, ſtehen Sie mir bei, helfen Sie mir die Frau Fürſtin zu überzeugen, daß ſie ſich ſelber verläſtert. Denken Sie nur, Durchlaucht, die Frau Fürſtin will keine Venus ſein! Was ſagen Sie dazu? Sie ſchlägt es aus, eine Venus zu ſein? Die Fürſtin blickte mit einem ſchalkhaften Lächeln in Metter⸗ nichs erſtauntes Angeſicht, und brach dann in ein lautes, fröhliches Lachen aus. Nein, rief ſie, ich will keine Venus ſein. Oh, dieſer Olymp tödtet mich noch, ſeufzte Iſabey. Herr Fürſt, Sie ſehen in mir den unglückſeligſten aller Götterboten. Dieſe olym⸗ piſchen Götter bringen mich in Verzweiflung, und hiermit ſchwöre ich feierlich, daß, wenn die Fürſtin durchaus nicht Venus ſein will, ſo lege ich mein Amt nieder, und kümmere mich um den ganzen Olymp nicht mehr. Aber ich bitte Sie, haben Sie Erbarmen mit mir, rief der Fürſt, was bedeutet denn dies Alles? Wo hat ſich denn der Olymp auf die Erde niedergelaſſen, und ſeit wann hat er den Baron Iſabey, den Maler des Congreſſes, zu ſeinem Götterboten ernannt? Ach, ſeit die Kaiſerin Ludovica ſich die Geſellſchaft der Trouba⸗ doure geſchaffen, welche lebende Bilder aufführt, ächzte Iſabey, und ſeit ich Unglücklicher die Kühnheit hatte, dem Wunſch der Kaiſerin gemäß das Arrangement des Olymps zu übernehmen. Ach, rief Metternich lächelnd, jetzt begreife ich. Es ſollen morgen bei dem Hoffeſt lebende Bilder aufgeführt werden, nicht wahr? Und wir werden das Glück haben, den ganzen Olymp ſich den Augen der Sterblichen enthüllen zu ſehen? Ja, Sie werden das Glück haben, ſeufzte Iſabey, wenn nämlich die Göttin Eris nicht wieder einen neuen Zankapfel auf die Götter⸗ tafel rollt. Geſtern war dieſer Zankapfel ein Schnurrbart, heute iſt es eine römiſche Naſe. Geſtern war es ein Schnurrbart? fragte Metternich mit einem 144 ſo erſtaunten Geſicht, daß die Fürſtin wieder ein lautes, fröhliches Lachen anſtimmte. Ja, ſagte ſie, geſtern und auch vorgeſtern ſchon war der olym⸗ piſche Zankapfel wirklich ein Schnurrbart, und nur das Machtwort einer Kaiſerin konnte ihn verſchwinden machen. Denken Sie nur, Fürſt, Graf Wrbna, der den Apollo darſtellen ſoll, hatte die Ver⸗ meſſenheit, ſeinen Apollo mit dem ſchönen und ſtattlichen Schnurrbart, der ſeine Oberlippe beſchattet, repräſentiren zu wollen. Denken Sie doch nur, Apollo mit einem Schnurrbart! Selbſt der Herzog von Co⸗ burg, der den Jupiter darſtellt, hat ſich ſeinen Bart abnehmen laſſen, obwohl es dem Gott der Götter doch am erſten erlaubt ſein könnte, einen Bart zu tragen. Auch Graf Zichy, der den Kriegsgott Mars repräſentirt, hat ſeinen Bart auf den Altar der Götter niedergelegt. Und Apollo, der Gott der Künſte, der Jugend und der Schönheit, der machte die Prätenſion, ſeinen Schnurrbart conſerviren zu wollen. Und mit einem Eigenſinn, der durch nichts, weder durch vernünf⸗ tigen Vorſtellungen, noch durch Schelten und Zürnen beſiegt werden konnte, ſeufzte Iſabey. Wahrhaftig, man hätte glauben ſollen, Graf Wrbna habe einen Schwur geleiſtet, ſich nur mit dem Leben von ſei⸗ nem Schnurrbart zu trennen. Apollo mit einem Schnurrbart! Sagen Sie, Durchlaucht, iſt das nicht ein Gedanke, ganz dazu geeignet, einen Künſtler in Verzweiflung zu bringen? Ja wohl, ein fürchterlicher Gedanke, ſagte Metternich lächelnd. Und wie iſt es Ihnen denn gelungen, das Entſetzliche abzuwenden? Wir haben uns endlich in unſerer höchſten Noth an die Kaiſerin Ludovica gewandt, rief die Fürſtin. Wir mußten wohl zu dieſem großen Mittel unſere Zuflucht nehmen. Und es half. Die Kaiſerin ließ ſich herab, die Vermittlerin zu machen, ſie wußte den eigenſinnigen Grafen Wrbna mit ſo liebenswürdigem Humor zu verſpotten und zu verhöhnen, daß er, verführt von ihrem Lächeln und ihrem Spott, ſich für überwunden erklären mußte. Er verließ den Salon und kehrte in einer halben Stunde mit einer Oberlippe, ſo weiß und zart, wie die eines jungen Mädchens, zurück. Die ganze Truppe der Troubadours, ja die Kaiſerin ſelbſt, empfing ihn mit lautem Beifallsjubel, und nie hat Lye keit hir hal daf 3 6„ 445— hat der Apollo der Alten einen ſchöneren Sieg gefeiert, als dieſe Apollo des Wiener Congreſſes.*) Und jetzt, da wir endlich hofften am Ziel zu ſein, alle Schwierig⸗ keiten überwunden zu haben, jetzt will die Fürſtin Bagration uns neue Hinderniſſe bereiten, klagte Iſabey. Denken Sie, Durchlaucht, ich er⸗ halte ſo eben ein Billet von der Fürſtin, in welchem ſie mir meldet, daß ſie die Venus nicht übernehmen könne. Ihr Geſicht ſei nicht ge⸗ eignet dazu, ſie habe eine römiſche Naſe, und das gezieme ſich nicht für eine Venus. Ja, rief die Fürſtin, eine Venus mit einer römiſchen Naſe iſt eine eben ſo große Unmöglichkeit, wie Apollo mit einem Schnurrbart. Da ich mir aber meine Naſe nicht, gleich dem Schnurrbart des Apoll, abraſiren laſſen kann, ſo bleibt es dabei, ich entſage der Venus. Das heißt, ſagte Metternich mit einem feinen Lächeln, Sie wollen ſie nur nicht darſtellen? Nein, ich will ſie nicht darſtellen, rief die Fürſtin. Ich will nicht die Mediſance, die Bosheit meiner lieben Freundinnen hervorrufen. Ich bebe zurück vor der Vermeſſenheit, die Göttin der Schönheit dar⸗ ſtellen zu wollen. Die Herzogin von Sagan würde mir das nie ver⸗ geſſen; um ſich zu rächen, würde ſie ſagen, ich ſei ſo alt wie Methu⸗ ſalem, und ſtatt der Mutter des Amor könne ich lieber die Mutter aller Götter darſtellen! Nein, nein, es bleibt dabei, ich übernehme die Venus nicht! Gut, dann lege ich auch mein Amt als Ceremonienmeiſter der Götter nieder, ſagte Iſabey. Mag die Kaiſerin ſich einen anderen Ceremonienmeiſter für ihren Olymp ſuchen. Ich bin es müde, den Göttern zu dienen, und werde mich darauf beſchränken, den Congreß zu malen. Ich kann nicht, nein, ich kann die Venus nicht übernehmen, ſagte die Fürſtin. Ich zittere vor der Kühnheit dieſes Unternehmens, und dann, ich geſtehe, es widerſtrebt meinem Stolz, ſo wie auf offenem Sclavenmarkt mein Antlitz Preis zu geben, Jedermann zu erlauben, *) Comte de la Garde. II. 18. 6 ₰ 446 d. ſeine Gloſſen zu machen, und mein Geſicht, wie eine Waare zu prüfen. Und dazu fordert die unglückliche Rolle der Venus heraus, es iſt eine provocirende Rolle,— ich übernehme ſie nicht. . Ich glaube, es gäbe ein Mittel, die Parteien zu verſöhnen, ſagte Metternich lächelnd. Ein Mittel, rief Iſabey, oh, ich beſchwöre Sie, Durchlaucht, nennen Sie dies Mittel! Ja, nennen Sie es, ſagte die Fürſtin, und ich gebe Ihnen mein Wort, wenn ich es vermag, will ich es annehmen. Herr Baron Iſabey, ſagte Metternich, Sie haben Recht, Niemand iſt ſo berufen und ſo geeignet, die Venus darzuſtellen, als die Frau Fürſtin Bagration, und ſelbſt der wirkliche Olymp würde ſie mit freu⸗ digem Stolz als ſolche anerkannt haben. Frau Fürſtin Bagration, Sie haben Recht, es iſt provocirend, und einer wahren, hoheitsvollen, reinen Schönheit nicht ganz würdig, gleichſam ihre Schönheit auszu⸗ bieten, und ihr Geſicht, wie Sie ſagten, gleich einer Waare prüfen zu laſſen. Die Schönheit der Venus iſt über allen Vergleich erhaben, und man hat nicht nöthig, ihr Antlitz zu ſchauen, um ſie zu erkennen. Und Venus hat nicht nöthig, ihr Antlitz zu zeigen, um zu ſiegen. Zudem iſt ein ſchönes Geſicht nicht eine gar ſo große Seltenheit. Auch Juno, auch Minerva glänzten durch die Schönheit ihres Ange⸗ 5 ſichts. Aber was die Venus über alle Göttinnen erhebt, das iſt die Schönheit der Geſtalt, das ſind die Götterformen. Ich habe alle die Statuen der Venus geſehen, welche das ſchöne Hellas uns überliefert hat, wollen Sie mir erlauben, Ihnen zu ſagen, welche von Allen mir am Schönſten erſchienen iſt? Die Venus von Milos, die Statue, deren größte Schönheit in ihrer herrlichen Geſtalt, in ihrem wundervollen Rücken ſich darſtellt. Ein ſchöner Rücken iſt aber die größte Selten⸗ heit, viel ſeltener als ein ſchönes Geſicht, und die Frau Fürſtin Ba⸗ gration, glaube ich, beſitzt dieſe ſeltene Schönheit. Ah, rief Iſabey, jetzt begreife ich. Sie meinen, wir ſollten etwas ganz Neues, wundervoll Pikantes unternehmen? Wir ſollten die Venus von der Rückſeite darſtellen? Ja, das meine ich, ſagte Metternich. Sie wollen die Götter des Oly jur darz der! ſchür Ben Arra Sie ſicht Sie Gö den ime In Gö eile Me mir wie Fü 447 Olymps bei ihren Tafelfreuden darſtellen. Sie werden es alſo nicht zu vermeiden haben, einige der an der Tafel Sitzenden von hinten darzuſtellen. Laſſen Sie alſo die Venus ſich darſtellen in der Attitude der Venus von Milos, mit entblößtem Rücken, die Hüften leicht um⸗ ſchürzt von ſilberfunkelnden Gewändern, die nur im leichten Spiel der Bewegung von den Schultern niedergeſunken ſind. Machen Sie Ihre Arrangements ſo künſtleriſch und decent, wie Sie wollen, nur ſtellen Sie die Venus dar, die Göttin der Schönheit, welche nicht ihres Ge⸗ ſichts bedarf, um zu ſiegen. Nun, Fürſtin, was ſagen Sie, nehmen Sie meinen Vorſchlag an? Ich ſage, daß Sie der größte, der bewunderungswürdigſte, geſchick⸗ teſte aller Diplomaten ſind, rief die Fürſtin lachend. Ich ſage, daß ich nun nicht mehr zweifle, Sie werden auch die Streitigkeiten der Congreßherren ſchlichten, da es Ihnen ſchon gelungen, die Streitig⸗ keiten der Götter zu verſöhnen. Ja, ich nehme Ihren Vorſchlag an. Ich bin bereit, die Rolle der Venus zu übernehmen, aber ich werde ſie von hinten darſtellen und der neugierigen Menſchenwelt nur ihren Rücken zeigen.*) Aber ich, flüſterte Metternich lächelnd, ich werde mich hinter die Göttertafel ſchleichen, um das Antlitz der Venus zu ſehen.. Gott ſei Dank, ſagte Iſabey aufathmend, Ew. Durchlaucht hat den Olymp gerettet. Aber nun, Fürſtin, wage ich, Sie daran zu er⸗ innern, daß heute Morgen in den Gemächern der Kaiſerin Probe iſt. In einer halben Stunde erwartet die Kaiſerin die Götter und die Göttinnen. Und die Venus ſoll ihr nicht fehlen, rief die Fürſtin. Ich werde eilen, meine Toilette zu machen. Nach der Probe, ſagte ſie leiſe zu Metternich, nach der Probe aber mache ich meine Beſuche, und es wird mir ſchon gelingen, diejenigen, welche die Herzogin ſich angeworben, wieder in unſer Lager herüber zu ziehen. Ich zweifle nicht daran, denn der Venus gelingt Alles, ſagte der Fürſt. Und heute Abend, Fürſtin? *) Ménéval, Mémoires. III. 123. —— ů—— 448 Heute Abend erſcheine ich mit allen meinen Truppen bei Ihrem Feſt.—— Am Abend ſtrahlten die Säle des Metternich'ſchen Hötels im vollen Glanz der Kerzen und des reichen Schmucks der Verzierungen. Und in dieſen Sälen bewegte ſich eine glänzende Geſellſchaft, an deren Spitze der Kaiſer und die Kaiſerin von Oeſterreich mit allen Erzher⸗ zogen und Erzherzoginnen ſich befanden. Auch der König von Baiern war da und alle die kleinen Herzoge und Fürſten, und alle die be⸗ rühmten und unberühmten Diplomaten des Congreſſes, und ſtrahlend von Schönheit, Hoheit und freudigem Stolz ſtellte ſich die Fürſtin Bagration dar. Aber das Gefolge ihrer Freunde und Freundinnen war nur gering. Selbſt der Ueberredungskunſt der Fürſtin hatte es nur bei wenigen ihrer ruſſiſchen Landsleute gelingen wollen, ſie zu ermuthigen, daß ſie dem Unwillen ihres Kaiſers Trotz zu bieten, und in einer Geſellſchaft zu erſcheinen wagten, welche das Stirnrunzeln und Mißfallen Alexanders erregt hatte. Fürſt Metternich, ſtrahlend von Heiterkeit, allen ſeinen Gäſten der aufmerkſamſte, liebenswürdigſte Wirth, wanderte mit dem Ausdruck un⸗ endlicher Befriedigung und Freude durch die Reihen ſeiner Gäſte da⸗ hin, und ſchien es gar nicht zu bemerken, daß faſt alle die vor⸗ nehmen ruſſiſchen Familien, gleich dem Kaiſer und der kaiſerlichen Fa⸗ milie, auf ſeinem Feſte fehlten. Nicht einen Moment wich das Lächeln von ſeinen Lippen, und nur ganz leiſe ſagte er zu ſich ſelber: Es iſt Alles gut ſo wie es iſt. Freilich fehlt mir hier Rußland, aber Ruß⸗ land wird mir ſchon wiederkehren, und dann ſoll es mir den heutigen Abend theuer bezahlen!— Und während er das leiſe zu ſich ſelber ſagte, näherte er ſich der Fürſtin Bagration. Venus, flüſterte er leiſe, ich danke Ihnen, daß Sie hier ſind. Was kümmert mich Jupiter mit ſeinem ganzen Olymp, wenn ich die Venus an meiner Seite habe? Auch Jupiter wird Ihnen wiederkehren, ſagte die Fürſtin, Venus wird das Herz des Gottes der Götter zu wenden ſuchen. Ach, Venus iſt Ihnen ſo viel Dank ſchuldig! Der ganze Olymp war heute entzückt von der neuen pikanten Idee, die Venus von der Rückſeite darzuſtellen, und wie Gött Tu mir, kann ſtllt Ven Dy eine hun g Tha ſin hrr ſich ſii die wn die u n, 11 449 und ich feierte mit meinem Nacken und Rücken einen größern Triumph, wie ihn nur je das ſchönſte Antlitz feiern kann. Aber um des ſchönen Nackens willen dürfen wir doch Ihr ſchönes Götterantlitz nicht vergeſſen, flüſterte Metternich. Die kaiſerliche Truppe der Troubadours iſt nicht immer gut geſchminkt. Es ſcheint mir, Ihr Garderobenmeiſter legt zu wenig Werth darauf, und doch kann das ſchönſte Geſicht durch das falſche Auflegen der Schminke ent⸗ ſtellt werden. Wann iſt morgen die Generalprobe Ihres Olymps? Um zwölf Uhr. Darf ich vorher zu Ihnen kommen, und Sie ſchminken? Kommen Sie, Freund! Gut, Theuerſte, ich komme, und ich werde das Glück haben, meine Venus erröthen zu machen. Niemand verſteht es beſſer als ich, den Damen die Schminke aufzutragen, und wahrhaftig, ich denke, das iſt eine Arbeit, ganz würdig eines Diplomaten.*) IN. Der Mordverſuch. Endlich jetzt, zu Ende des Monats Februar, begannen die Unter⸗ handlungen des Congreſſes ſich ihrem Ziel zu nähern und eine Eini⸗ *) Fürſt Metternich beſchäftigte ſich zur Zeit des Wiener Congreſſes in der That ſehr viel mit den Arrangements der Hoffeſte, und hielt es nicht unter ſeiner Würde, die Damen mit eigener hoher Hand zu ſchminken. Der Frei herr vom Stein ſchreibt darüber an ſeine Frau:„Metternichs Frivolität zeigt ſich ungeachtet der Kriſis der großen Angelegenheiten unvermindert. Er be⸗ ſchäftigt ſich mit Anordnung der Hoffeſte, lebenden Gemälden u. ſ. w. bis in die größten Kleinigkeiten, ſieht dem Tanz ſeiner Tochter zu, während Caſtle⸗ reagh und Humboldt zu einer Conferenz auf ihn warteten, legt den Damen, die bei den lebenden Bildern erſchienen, Roth auf u. ſ. w.“ Siehe: Pertz, Leben des Freiherrn vom Stein. IV. S. 258. Mühlbach, Napoleon. 1V. Vd. 29 450 gung unter den ſtreitenden Parteien ſchien endlich zu Stande kommen zu können. Fürſt Metternich hatte, um die Aufregung Preußens über ſeine letzte widerſpruchsvolle Note zu beſchwichtigen, und um ſich durch Preußen vielleicht mit Rußland zu verföhnen, es für nöthig erachtet, einige Zugeſtändniſſe zu machen und dem Staatskanzler von Harden⸗ berg einen neuen Plan, behufs einer Theilung Sachſens, überſandt. Preußen war im Weſentlichen mit dieſem Plan einverſtanden ge⸗ weſen, und nachdem man in mehreren Conferenzen der vereinigten Diplomaten über denſelben unterhandelt hatte, war man endlich zu einer Art Einigung gelangt. Preußen hatte ſich nachgiebig und bereit gezeigt, den Wünſchen und dem Begehr der übrigen Monarchen Gehör zu geben und den König von Sachſen nicht ganz und gar ſeines Thrones zu berauben. Es hatte ſogar eingewilligt, dem König Friedrich Auguſt ſeine Reſidenz⸗ ſtadt Dresden nicht allein, ſondern auch ſeine Handelsſtadt Leipzig zu laſſen. Aber für dieſe Nachgiebigkeit war Preußen entſchädigt worden durch die Großmuth des Kaiſers Alexander, der dem König von Preußen die Stadt Thorn, welche Alerander bis dahin für ſein Königreich Polen beſtimmt hatte, abzutreten verſprach, wenn Friedrich Wilhelm dafür Leipzig aufgeben wolle. Preußen nahm dieſes Erbieten an, und er⸗ klärte ſich mit der ihm zugeſtandenen Hälfte des Königreichs Sachſen, mit 855,000 Seelen, zufriedengeſtellt, da es ſeine anderen Entſchädi⸗ gungen an beiden Ufern des Rheins und durch Lauenburg erhalten ſollte, und ihm dieſelbe von allen Mitgliedern des Congreſſes feierlich zugeſagt worden war. Auch die andern Streitigkeiten des Congreſſes begannen allgemach ſich zu ſchlichten, oder vielmehr die Monarchen, des langen Haderns und Streitens müde, waren bereit, den gordiſchen Knoten, den die gewandten Hände ihrer Diplomaten nicht zu entwirren vermochten, zu zerſchneiden, das heißt, allen Zwiſtigkeiten und Hemmniſſen dadurch ein Ende zu machen, daß ſie, unbekümmert über das Zuſtimmen oder Ab⸗ lehnen des Congreſſes, unbekümmert um das Wollen und Begehren der Völker, aus eigener Machtvollkommenheit ſich in Beſitz der Län⸗ N . 451 der, Provinzen, Titel und Gerechtſame ſetzten, die ſie bis dahin ver⸗ geblich vom Congreß beanſprucht hatten. Der Kaiſer von Rußland hatte alſo bereits mit feſter Entſchieden⸗ heit erklärt, er werde, nicht achtend des allgemeinen Widerſpruchs, ein ſelbſtſtändiges, conſtitutionelles Königreich Polen errichten, und ſich zu dem König deſſelben erklären. Der Kaiſer von Oeſterreich hatte eben ſo entſchieden und feierlich erklärt, er werde nicht allein die lombardiſchen Provinzen, welche ſchon früher dem Hauſe Oeſterxeich unterthan geweſen, wieder in Beſitz nehmen, ſondern ſich auch Venedig zu Eigen geben. Baiern hatte erklärt, daß es von Baden die Abtretung der Pfalz durchaus verlange, weil es doch einer Entſchädigung für die Provinzen bedürfe, welche Oeſterreich ihm zur Abrundung ſeiner militairiſchen Grenzen fortgenommen. Hannover hatte bereits vom Congreß eine wichtige Schenkung empfangen, es hatte die Städte Hildesheim und Goslar erhalten, dazu Oftfriesland, die Grafſchaft Lingen und einen Theil des Eichsfeldes. Auch ein neues Königreich hatte der Congreß ſchon geſchaffen; das Königreich der Niederlande erhob ſich aus dem Chaos der Con⸗ ferenzen, und ward bei ſeiner Geburt beſchenkt mit einem Theil von Weſtphalen, dem Bisthum Lüttich, den wichtigen Maasfeſtungen und einem Theil der gefürſteten Abteien Stablo und Malmedy, und der Fürſt von Oranien durfte ſich als König der Niederlande die von dem Congreß geſchaffene Krone auf ſein Haupt ſetzen. Freilich hatte man bei dieſem Zerreißen von Ländern und Pro⸗ vinzen, bei dieſem Vertheilen der Seelen, Diejenigen, welche in dieſen Ländern und Provinzen wohnten, die Völker, welche man als Seelen verſchenkte, gar nicht um ihre Einwilligung gefragt; genug, daß man die Fürſten befriedigte, mochten dieſe es nachher verſuchen, ſich mit ihren neuerworbenen Unterthanen zu verſtändigen und zu einigen. Auch den König von Sachſen hatte man bis jetzt noch nicht ge⸗ fragt, ob er die Hälfte ſeines Königreichs aufgeben, mit der anderen Hälfte deſſelben ſich zufrieden erklären wolle? Aber wo hätte der arme, gebeugte, unglückliche König von Sachſen, 29 8 452 der zu Preßburg einſam klagte und weinte, wohl die Mittel und die Kraft hernehmen ſollen, dem Willen des Congreſſes zu widerſtehen? Wo hätte das unglückliche, gebeugte, ſächſiſche Volk, das um ſeinen König klagte, Gehör finden können, da der Congreß der deutſchen Fürſten es nicht hören wollte? Das war es, was der Calatravaritter von Sahla ſich immer wieder fragte, das war es, was ihn mit Verzweiflung und finſterem Zorn erfüllte: Sachſen war verloren, denn Niemand war da, der es erretten wollte! Sachſen ſollte zerſtückelt, zerriſſen werden, die Hälfte des Volles ſollte gezwungen werden, die beſchworne Treue gegen ſeinen angeſtammten König zu brechen, ſollte aufhören, ſich Sachſen nennen zu dürfen! Dieſer Gedanke erfüllte ihn mit Wuth und Todespein. Er liebte ſein Vaterland, ſein Sachſen grenzenlos, er wäre freudig bereit ge⸗ weſen, ſein Leben, ſein Blut für daſſelbe hinzugeben, und er konnte es doch nicht von ſeinem Unglück erretten, er konnte ſeinem König ſein Land nicht erhalten! Aber, ſagte Sahla mit dumpfem Groll zu ſich ſelber, wenn ich Sachſen nicht erretten kann, ſo kann ich es doch rächen! Wenn ich für meinen König nicht mein Blut hingeben kann, ſo kann ich ihm das Blut ſeines Feindes wenigſtens opfern! Und nun ſchien er zu grübeln und zu brüten über finſtern Ent⸗ ſchlüſſen, und wilde Gedanken und Pläne ſchienen ſein Inneres zu durchtoben. Tage lang verbrachte er einſam, düſter vor ſich hinſtar⸗ rend, in ſeinem Gemach. Seine verſchloſſene Thür öffnete ſich für Niemand, ſelbſt den einzigen Freund, den er in Wien gefunden, den jungen Grafen Roß, ließ er vergeblich vor ſeiner Thür um Einlaß flehen. Er hörte ſeine liebevollen Worte, aber er antwortete nicht auf dieſelben, und wie lange derſelbe auch vor ſeiner Thür ſtand, wie viel er auch bat und drohte, wie lange und heftig er auch an dem Schloß rüttelte, die Thür öffnete ſich nicht, und Sahla antwortete mit keinem 1 Liebeswort auf die Beſchwörungen ſeines Freundes. Aber nach drei Tagen finſtern Sinnens, gedankenvoller Schweig⸗ 4. ſam endl in i ſie unt ſch Va iſt ir ſei 453 ſamkeit ſchien Sahla endlich einen feſten Entſchluß gefaßt zu haben, endlich mit ſich einig geworden zu ſein, über das, was er zu thun habe! Hatte er die finſtern Gedanken beſiegt, welche dieſe drei Tage lang in ihm gekämpft? Oder hatte er von denſelben ſich beſiegen laſſen, ſie zu ſeinem Herrn angenommen, und ſich ihren unheilsvollen Befehlen unterworfen?— Es ſei ſo! rief er mit lauter, machtvoller Stimme, gleichſam be⸗ ſchwörend die Rechte gen Himmel erhebend, ich habe geſchworen, mein Vaterland und meinen König zu retten, oder wenn mir dies verſagt iſt, ſie zu rächen! Nun ſchien wieder Leben und Bewegung ihn zu durchglühen, nun ging er wieder geſchäftig in ſeinen Zimmern hin und her, verließ, in ſeinen Mantel dicht gehüllt, das Haus, welches er bewohnte, und wanderte raſch und eilig durch die Straßen Wiens, hier und dort in einen Laden eintretend, und allerlei Einkäufe machend, die er dann eilig wieder in ſeine Wohnung trug und in ſeinen Koffern verſchloß. Aber nicht blos in die Kaufläden ging er, ſondern auch in den Dom zu St. Stephan. Da knieete er nieder an den Stufen des Altars und betete lange und inbrünſtig, dann erhob er ſich, und ging in einen der Beichtſtühle, in welchem ein ehrwürdiger Prieſter bereit ſaß, die Beichte Derer, welche ihr Herz belaſtet fühlten, zu empfangen. Sahla knieete nieder, und das Haupt verhüllt mit der Kapuze ſeines langen ſchwarzen Mantels, flüſterte er durch das Gitter die tiefverbor⸗ genen Geheimniſſe ſeiner Seele in das Ohr des Prieſters. Es war eine lange Beichte, ein langes athemlos hingehauchtes Bekenntniß, das die bleichen Lippen des Verhüllten flüſterten, und je länger er ſprach, deſto bleicher ward das Antlitz des Prieſters, deſto kummervoller und ängſtlicher ſeine Miene. Die Abenddämmerung warf ſchon ihre langen Schatten durch den Dom, die hohen Hallen, deren Säulen wie ſchwarze Rieſen empor⸗ ragten, wurden leer von Andächtigen, und noch immer lag Sahla mit verhülltem Haupt auf ſeinen Knieen an dem Gitter des Beichtſtuhls, und immer bleicher, ſchreckensvoller war das Antlitz des Prieſters ge⸗ worden, der, während der Andere ſprach, den von ſeinem Gürtel herab⸗ 454 hängenden Roſenkranz ergriff, und die Perlen deſſelben durch ſeine zitternden Finger gleiten ließ. Jetzt endlich erhob ſich Sahla von ſeinen Knieen, und durch die öde Stille des Doms hallte ſeine Stimme wie Geiſtergeflüſter wieder in den Kreuzgängen und Kapellen. Frommer Vater, ſagte er, frommer Vater, gebt mir Eure Ab⸗ ſolution. Nein, rief der Prieſter, nein, die kann ich Dir nicht geben. So gehe ich ohne dieſelbe, rief Sahla, und er ſprang aus dem Beichtſtuhl hervor. Aber eben ſo ſchnell trat auch der Prieſter aus demſelben heraus, und mit beiden Armen Sahla umklammernd, flüſterte er: Bleibe, mein Sohn, hleibe! Ich darf Dich nicht laſſen, denn das, was Du beabſichtigſt, iſt ein Verbrechen! Bleibe, bleibe, ich kann Dir die Abſolution nicht geben, denn das hieße Gott läſtern und ſeiner Gebote ſpotten! So läſtere ich Gott, und ſo ſpotte ich ſeiner Gebote! rief Sahla; mit ungeſtümer Hand den greiſen Prieſter zurückſtoßend, machte er ſich von ſeinen Armen frei und eilte den weiten Kreuzgang hinunter. Halt, halt! rief der Prieſter mit angſtvoller Stimme. Aber ſchon hatte Sahla die Ausgangsthür erreicht, ſchon war er jetzt draußen auf der Straße, und ſtürzte mit unaufhaltſamer Eile vorwärts, ſprang dann in einen daherkommenden Fiacre und ließ ſich nach dem Hauſe fahren, in welchem er wohnte. Keine Abſolution! ſagte er leiſe vor ſich hin, indem er in ſein Zimmer trat. Nun wohl, ſo mögen mein Vaterland und mein König mich abſolviren, wenn es der Prieſter nicht thun will. Er warf Hut und Mantel von ſich und begann in ſeinen Zim⸗ mern zu ordnen und aufzuräumen. Eröffnete alle Kaſten und Schränke, und that die Dinge, welche ſie enthielten, in ſeine beiden großen Reiſe⸗ koffer; es ſchien als bereite er ſich vor, eine Reiſe zu machen, und Wien zu verlaſſen, denn faſt nichts ließ er in den Käſten und Schränke zurück, Alles packte er ſorgfältig in die Koffer, dann verſchloß er dieſe, wickelte die Schlüſſel in ein Papier, und legte ſie auf den Tiſch. Und jetzt zu meinem letzten Geſchäft, ſagte er. Jetzt bleibt mir — nur ſchr ſich lich Sch eine den die ten Aet wie Au R al me en 455 nur noch übrig, mein Teſtament zu machen, und an meine Mutter zu ſchreiben! Er ſetzte die ſechs Leuchter mit den dicken Wachskerzen, welche ſich in ſeinen beiden Zimmern befanden, alle zuſammen auf ſeinen Schreibtiſch, drei zu beiden Seiten, und zündete ſie an. Dieſe feier⸗ liche Beleuchtung des öden, ſtillen Zimmers hatte etwas Unheimliches, Schreckenerregendes, und Sahla ſelber mochte das finden, denn mit einem ſeltſamen Lächeln flüſterte er: Ich zünde die Kerzen an für mich, denn ich bin ja nur noch die Leiche meiner ſelber! Zwiſchen den Lichtern ſetzte er ſich jetzt nieder und ſchrieb, ſchrieb die ganze Nacht hindurch, und zuweilen während des Schreibens roll⸗ ten zwei Thränen langſam aus ſeinen Augen nieder, und ein leiſes Aechzen und Stöhnen kam aus ſeiner Bruſt hervor. Aber immer wieder bezwang er ſeine Schwäche, ſchüttelte die Thränen aus ſeinen Augen und ſchrieb weiter. Als der Morgen dämmerte, hatte er ſein Werk beendet, lagen zwei große geſiegelte und adreſſirte Briefe und ein kleines Billet vor ihm auf dem Tiſch. Jetzt bin ich zu Ende, ſagte er leiſe vor ſich hin, jetzt will ich meinen letzten Schlaf thun! Er ging in ſein Schlafzimmer, warf ſich, ohne indeſſen ſich zu entkleiden, auf ſein Bett, und bald verkündeten ſeine lauten, gleich⸗ mäßigen Athemzüge, daß er in einen tiefen, ruhigen Schlaf ge⸗ fallen ſei. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, als Sahla erwachte. Raſch richtete er ſich vom Bett empor und ſah nach der Uhr. Zehn Uhr! ſagte er erſchrocken. Es iſt die höchſte Zeit! Mit haſtigen Schritten eilte er in ſein Wohnzimmer, und ordnete vor dem Spiegel ſeinen Anzug und ſein langes Haar. Jetzt bin ich fertig, und jetzt iſt es Zeit, ſagte er dann, indem er, mit vielleicht vor Eile zitternden Händen, die unter dem Spiegel ſtehende Commode aufzog, und die einzigen Dinge, welche er in der⸗ ſelben gelaſſen, und nicht in die Koffer gepackt, aus derſelben hervor⸗ nahm. 456 Dieſe Dinge, das waren zwei Piſtolen und ein Dolch. Sahla unterſuchte mit ruhigem, feſtem Blick die Piſtolen, die er ſchon am Tage zuvor geladen hatte, zog den Dolch aus der Scheide und prüfte an den Fingern ſeine Schärfe und Spitze. Dann nahm er aus der Commode einen breiten, ledernen, zierlich geſtickten Leibgurt hervor, ſchnallte ihn um ſeine Taille, und ſchob die Piſtolen und den Dolch hinein. Jetzt auf zum letzten Gange, ſagte er, den langen, ſchwarzen Mantel überwerfend und den Hut aufſetzend. Ich habe geſchworen, mein Vaterland zu retten, oder es zu rächen! Auf alſo, auf! Er ſtürzte zur Thür hin, ſchob den Riegel zurück und eilte mit haſtigem Schritt die Treppe hinunter, über den Hausflur dahin. Plötzlich blieb er ſtehen. Die Briefe! Er hatte die Briefe vergeſſen, die er, bevor er ſeinen letzten Gang antrat, in der Wohnung ſeines Freundes, des Grafen Roß, abgeben und dieſem zur Beſorgung anvertrauen wollte. Haſtig kehrte er wieder um, eilte die Stiegen hinauf, und trat wieder in ſein Zimmer, das er dies Mal nicht hinter ſich verſchloß. Da auf dem Tiſch lagen ſie noch, die Briefe, die letzten Zeugniſſe ſeines Lebens, die letzten Grüße ſeiner Liebe. Er nahm ſie empor, und ganz zufällig fiel ſein Auge auf die Adreſſe des einen der Briefe. An meine Mutter! flüſterte er. Oh, meine arme, geliebte Mutter! Trübſal wird mit dieſem Brief in Dein Haus einziehen, und Deine lieben Augen werden Bäche von Thränen vergießen! Oh, meine Mutter, meine Mutter, verzeihe mir den Kum⸗ mer, den ich Dir bereiten muß, und nimm von dieſem Papier den letzten Kuß der Liebe, den ich jetzt auf daſſelbe preſſe Er drückte den Brief lange und inbrünſtig an ſeine Lippen, dann ſchob er ihn mit den beiden andern Briefen in ſeinen Buſen. Und jetzt fort, fort, flüſterte er, ſorgfältig ſeinen Mantel wieder über der Bruſt zuſammen ziehend und ſich dann der Thür zuwendend⸗ Aber nun ſchreckte er zuſammen und ſtarrte nach der Thür hin, und eine dunkle Purpurgluth ſchoß einen Moment über ſeine fahlen Wangen hin. 6 v gewar Ausd ( ſtand ſih n wollte ihm und nir zum Geſ daß du der ant vor auc fiel das Bi an da be S 457 In dieſer Thür ſtand eine männliche Geſtalt, das Antlitz ihm zu⸗ gewandt, die forſchenden, großen Augen mit einem ernſten, faſt trotzigen Ausdruck auf Sahla gerichtet. Graf Roß! murmelte Sahla in ſich hinein, und einen Moment ſtand er unſchlüſſig und geſenkten Hauptes da. Aber dann richtete er ſich wieder entſchloſſen empor, und gerade auf die Thür zuſchreitend, wollte er, als habe er den Freund, der da ſtand, gar nicht bemerkt, an ihm vorüber und zur Thür hinausgehen. Aber Graf Roß legte ſeine Hand feſt und ſchwer auf ſeine Schulter und blickte ihn entſchloſſen an. Herr von Sahla, fragte er, ſehen Sie mich nicht? Wollen Sie mir nicht zum Gruß die Hand reichen? Sahla ſchüttelte unwillig das Haupt. Ich habe jetzt nicht Zeit zum Plaudern und zum Händedrücken, ſagte er haſtig. Ein wichtiges Geſchäft ruft mich von hinnen, und Tod und Leben hängt davon ab, daß ich zur rechten Zeit zur Stelle bin. Ich wollte aber an Ihrem Hauſe vorübergehen, einige Briefe bei Ihnen abgeben und Sie um deren Beſorgung bitten. Hier ſind ſie, der eine an meine Mutter, der andere an meinen Rechtsbeiſtand. Er zog die beiden Briefe, bemüht den Mantel nicht zu öffnen, vorſichtig aus ſeinem Buſen hervor. Aber mit dieſen Briefen kam auch das kleinere, in Billetform zuſammengelegte Papier hervor, und fiel zur Erde nieder. Da iſt noch ein dritter Brief, ſagte Graf Roß, ſich bückend und das Papier aufhebend, ſoll ich dieſen nicht auch beſorgen? Ah, dies Billet iſt an mich adreſſirt und— Ja, dies Billet war an Sie, ſagte Sahla verwirrt, ich wollte es an Ihren Diener mit den anderen Briefen abgeben, und ich bat Sie darin, dieſe Briefe zu beſorgen. Jetzt, da ich Sie ſelbſt geſprochen, bedarf es keiner ſchriftlichen Worte mehr, und ich bitte alſo, geben Sie mir das Billet zurück. Ich bitte aber, es behalten zu dürfen, ſagte Graf Roß, den Freund mit prüfenden Blicken anſchauend. Dies Billet iſt an mich adreſſirt, 458 und da ich es nun einmal in Händen halte, iſt es mein Eigenthum geworden. Nun wohl, behalten Sie es denn, rief Sahla, aber jetzt bitte ich, geben Sie die Thür frei und laſſen Sie mich gehen, ich habe die höchſte Eile! Er näherte ſich wieder der Thür, aber Graf Roß wehrte ihm den Ausgang. Sagen Sie mir zuvor, wohin Sie gehen wollen? bat er mit ein⸗ dringlicher, ernſter Stimme. Ich bin Niemand Rechenſchaft ſchuldig über meine Wege, rief Sahla unwillig. Doch, ſagte der Graf ernſt und feierlich, Sie ſind Gott über Ihre Wege Rechenſchaft ſchuldig. Glauben Sie, daß Sie vor ihm ſich zu rechtfertigen vermögen? Ah, rief Sahla mit einem rauhen Lachen, Sie wollen die Rolle eines Beichtvaters übernehmen. Unnöthig, mein Freund, ich habe geſtern ſchon gebeichtet! Treten Sie zurück von der Thür, laſſen Sie mich hinaus! Nein, ich laſſe Sie nicht! rief der Graf, und mit einer raſchen Bewegung ſchob er den Riegel vor die Thür, und ſtellte ſich mit ge⸗ kreuzten Armen vor dieſelbe hin. Sahla ſtieß einen Schrei der Wuth aus, und ſtürzte auf den Grafen hin. Ihn mit beiden Armen unſchlingend, verſuchte er, ihn von der Thür fortzuziehen. Aber dieſer, ihm überlegen an Stärke, Kraft und Gewandtheit, wehrte ihn zurück. Schweigend, Beide bleich vor Aufregung und Zorn, ächzend und keuchend vor Anſtrengung rangen ſie mit einander, Sahla, immer bemüht den Grafen von der Thür fortzuziehen, dieſer, den Rücken an die Thür gelehnt, mit feſtem Fuß ſich da behauptend. Nun im heftigen Ringkampf ſank der Mantel von Sahla's Schul⸗ tern nieder. Sahla, rief der Graf, ihn mit einer Geberde des Entſetzens zurück⸗ ſtoßend, Sahla, jetzt weiß ich, wohin Sie gehen wollten. Sie wollten einen Mord verüben! Dolch zurick j zi ſchloß Sie; u, ich ſ mit e heit, Vor Sie Au Sie habe nt Ihr dun Eie Ma die ſunſ trat ſo gra St — * 459 Und mit aufgehobenem Arm deutete er auf die Piſtolen und den Dolch hin, die Herr von Sahla in ſeinem Gürtel trug. Dieſer ſagte kein Wort, bleich, mit bebenden Lippen, wich er zurück und griff nach ſeinem Mantel, um ihn wieder um die Schultern zu ziehen. Während er das that, wandte Graf Roß ſich der Thür zu, ver⸗ ſchloß ſie, zog den Schlüſſel aus, und ſteckte ihn in ſeinen Buſen. Jetzt, ſagte er, von der Thür zurücktretend, jetzt wiſſen Sie, was Sie zu thun haben! Nehmen Sie eine Ihrer Piſtolen, ermorden Sie mich, und dann ziehen Sie den Schlüſſel aus meiner Bruſttaſche, denn ich ſchwöre es Ihnen, ſo lange ich lebe, werden Sie ihn nicht von mir erhalten, werden Sie dies Zimmer nicht ohne mich verlaſſen! Und aus ſeinem Antlitz ſprach ſo viel Feſtigkeit und Entſchloſſen⸗ heit, daß Sahla wohl fühlte, es ſei ihm vollkommen Ernſt mit ſeinen Worten. Oh, Sie wiſſen nicht, was Sie thun, murmelte er, nicht, daß Sie mir den letzten Troſt meines elenden Daſeins rauben! Ihre Rache, nicht wahr? fragte der Graf, ihn mit funkelnden Augen betrachtend. Ah, Sie erröthen, Sie ſchlagen die Augen nieder! Sie ſehen, ich habe Sie errathen! Ja, ich ahnte Ihr furchtbares Vor⸗ haben. Deshalb habe ich in dieſen letzten drei Tagen Sie immer be⸗ wacht, bin Ihnen immer gefolgt, deshalb ſtand ich Stunden lang vor Ihrer Thür und flehte um Einlaß, deshalb lauerte ich heute wieder drunten auf dem Hausflur, hinter der Hausthür verborgen. Ich ſah Sie die Stiegen herunter kommen, ſah bei einer Bewegung Ihres Mantels die Piſtolen in Ihrem Gürtel, und errieth Alles. Als Sie die Stiegen wieder hinauf gingen, folgte ich Ihnen, als Sie, Ihrer ſonſtigen Vorſicht vergeſſend, die Thür nicht hinter ſich verſchloſſen, trat ich hinter Ihnen in Ihr Zimmer ein, und hier bin ich jetzt, und ſo wahr ein Gott über uns iſt, ſchwöre ich Ihnen, Sie werden Ihr grauenvolles Vorhaben nicht ausführen, ich werde es nicht dulden, daß Sie Ihr Gewiſſen mit einem Mord beladen! Wer ſagt Ihnen, daß ich das will? fragte Sahla mit unſicherer Stimme. 460 Sie ſelber haben es mir verrathen, ſagte der Graf ernſt. Haben Sie vergeſſen, was Alles Sie mir ſagten, als wir uns das letzte Mal ſprachen? Sie hatten ſo eben erfahren, daß der König von Preußen jetzt mit den übrigen Mitgliedern des Congreſſes ſich geeinigt habe, und entſchloſſen ſei, die Hälfte des Königreichs Sachſen als Kriegs⸗ beute für ſich zu nehmen. In Ihrem zornigen Schmerz verriethen Sie Ihre innerſten Gedanken, und mit flammenden Augen riefen Sie: „Jetzt bleibt nur noch Ein Weg der Rettung! Geſegnet ſei Der, der ihn wandeln will, der den kühnen Muth hat, dem König von Preußen die Pforten des Elyſiums zu öffnen! Denn wenn Er todt iſt, wird Sachſen nicht das Unglück haben, Preußiſch werden zu müſſen.“*) Dieſer Worte erinnerte ich mich, ſie tönten immer wieder vor meinen Ohren, ſie zwangen mich, Ihnen zu folgen, Sie zu bewachen! Ich habe Sie in dieſen drei Tagen niemals aus den Augen verloren. Als Sie ausgingen, bin ich Ihnen von fern gefolgt, überall hin, end⸗ lich auch in den Dom von St. Stephan. Während Ihrer langen Beichte wartete ich, hinter einer Säule verborgen, auf Ihr Hinaus⸗ gehen. Ich war Zeuge Ihres Streites mit dem Prieſter, der Sie zurückzuhalten ſuchte. Als Sie von dannen ſtürzten, eilte ich zu dem Prieſter hin, und beſchwor ihn mir zu ſagen, was Sie ihm gebeichtet, welche Frevelthat Sie ihm bekannt hätten. Er rief weinend: Die Kirche verbietet es mir, das Geheimniß des Beichtſtuhls zu verrathen. Aber wenn Sie den Unglücklichen kennen, ſo folgen Sie ihm, ſo laſſen Sie ihn nicht aus den Augen, ſo bewachen Sie ihn, denn es gilt ein Verbrechen zu verhüten.— Ich ſtürzte Ihnen nach, ich ſaß hinten auf dem Fiacre, in welchem Sie nach Hauſe fuhren, ich war die ganze Nacht hier im Hauſe und jetzt bin ich hier, und jetzt ſage ich Ihnen: Fallen Sie auf Ihre Kniee nieder, und danken Sie Gott, daß er mich zu ſeinem Werkzeug erwählt, um Sie von einem Verbrechen zurückzu⸗ halten. Sahla, unglücklicher Mann, was wollten Sie beginnen! Sich ſelber, Ihr Haus, Ihre Familie wollten Sie ſchänden. Sie wollten *) v. Sahla's eigene Worte. Siehe: Erlebtes aus den Jahren 1813— 1820. Von Dr. Wilhelm Dorow. II. 62. Ihre Preu bewe reiß Es eche und 461 Ihre Seele belaſten mit einer Greuelthat! Sie wollten den König von Preußen ermorden! Das iſt nicht wahr, rief Sahla, nein, nein! Wer kann es mir beweiſen? Wer kann mich überführen? Ich kann es! Warum wollten Sie mir vorher das Billet ent⸗ reißen? Warum erzitterten Sie, als Sie es in meinen Händen ſahen? Es war doch an mich gerichtet? Aber Sie meinten, ich ſolle es erſt erhalten, wenn es zu ſpät ſei, Sie an Ihrem Vorhaben zu verhindern. Ich habe das Billet noch nicht geleſen, aber ich ahne ſeinen Inhalt, und jetzt in Ihrer Gegenwart, jetzt will ich es leſen! Nein, nein, Sie ſollen es nicht leſen, rief Sahla, auf den Grafen zuſtürzend, und bemüht, ihm das Papier zu entreißen. Aber dieſer, ihn an Größe weit überragend, hielt die Hand, in welcher er das Papier hatte, hoch empor, daß Sahla es nicht erreichen konnte. Ermorden Sie mich erſt, und dann nehmen Sie es, ſagte er. Ach, Sie wiſſen wohl, daß ich Sie nicht ermorden werde, ſeufzte Sahla. Sie wiſſen, daß ich Sie liebe, und kein Haar Ihres Hauptes verletzen möchte. Aber ich bitte Sie um Erbarmen. Geben Sie mir das Billet zurück, leſen Sie es nicht! Graf Roß ſchüttelte ſein Haupt. Ich muß den Inhalt des Billets kennen, ich muß Sie überführen können, ſagte er. Rückwärts gehend, immer Sahla mit den Augen bewachend, näherte er ſich der Thür, lehnte ſich gegen dieſelbe, und ſicher jetzt in dem Gefühl, den Rücken gedeckt zu haben, öffnete er das Papier und las. Oh Gott, mein Gott, murmelte Sahla, Du willſt alſo nicht, daß ich dieſe That vollbringe! Du hältſt den ſchon erhobenen Rächerarm auf, und ſtatt ihn zu ſtrafen, zerſchmetterſt Du mich! Und ganz zerbrochen, und zerknirſcht, ſank er auf einen Stuhl nieder, und ſtarrte mit vorwurfsvollen Blicken zum Himmel empor. Graf Roß hatte jetzt geleſen, und mit dem offenen Papier in der Hand ſchritt er zu Sahla hin. Unglücklicher, ſagte er, da ſteht es geſchrieben, von Ihrer eigenen Hand geſchrieben:„Ich bin hingegangen, um das Werk der Rache zu 462 vollführen. Wenn Sie dieſe Zeilen leſen, iſt die That vielleicht ſchon gethan, habe ich den König von Preußen ermordet.“ Sehen Sie, das ſind die Worte, mit denen Ihr Brief an mich beginnt. Wollen Sie nun noch leugnen? Nein, ich leugne nicht, rief Sahla, ſich gewaltſam emporraffend. Ich wollte den König von Preußen ermorden, ich wollte mein Vater⸗ land, meinen König rächen. Sie wollten ſich erniedrigen zu einem elenden gemeinen Meuchelmord! Ich wollte thun, was Brutus auch gethan hat, rief Sahla. Ich wollte mein Vaterland befreien von dem Tyrannen, der es unterjochen wollte. Hochprahleriſche Redensarten, mit denen Sie vergeblich verſuchen, Ihr Verbrechen aufzuputzen, und aus einer nicht blos ganz gemeinen, ſondern auch ganz unſinnigen That eine edle patriotiſche Heldenthat zu machen. Es iſt aber gemein, als Meuchelmörder zu handeln, es iſt unſinnig, daß Sie glaubten, ſich Ihr Sachſen zu erretten, wenn Sie den König von Preußen mordeten. Sie konnten den König ermorden, aber Preußen blieb, und der König hatte ſeinen Nachfolger, und dieſer Nachfolger, dieſer neue König würde gleich ſeinem Vater, kraft des Eroberungsrechtes, kraft des hiſtoriſchen Vergeltungsrechtes, Sachſen, das eroberte Sachſen, beanſprucht und ſich zu Eigen gemacht haben. Ihre That wäre alſo nicht blos verbrecheriſch, ſondern auch nutzlos geweſen. Oder glaubten Sie vielleicht, man würde Ihnen geſtatten, immer hinter dem König von Preußen, hinter jedem ſeiner Nachfolger zu ſtehen, und jeden neuen König zu ermorden, der die Hand nach Ihrem geliebten Sachſen ausſtreckte? Ah, ich denke doch, man würde ſich gleich nach ſeiner erſten fluchwürdigen That des blutigen Meuchel⸗ mörders verſichert, und ihn auf dem Schaffot ſein Verbrechen haben büßen laſſen. Nein, man würde mich nicht auf das Schaffot geführt haben, rief Sahla triumphirend. Für den König waren dieſe geladenen Piſtolen, für mich war dieſer Dolch! Aber jetzt, ſagte Graf Roß, ihn mit drohenden Blicken anſtarrend, jetzt iſt für Sie das Schaffot, und der Meuchelmörder wird es beſteigen. c N richte werde nicht als e ſteige ſuche abwe ihrl Die die Val ewi ver min der ſei un eh zuſ Ve mi 463 Was wollen Sie damit ſagen? fragte Sahla entſetzt. Ich will damit ſagen, daß ich es ſein werde, der Sie den Ge⸗ richten überliefert, daß ich dieſen Brief hier den Gerichten übergeben werde, und daß man Sie, kraft Ihrer eigenen Handſchrift, die Sie nicht ableugnen können, einer beabſichtigten Mordthat anklagen, Sie als einen Mörder verurtheilen wird. Sie werden das Schaffot be⸗ ſteigen, und Ihre unglückliche Mutter wird des verbrecheriſchen Sohnes fluchen, und Ihre Landsleute, und Ihr König werden ſich ſchaudernd abwenden und keine Gemeinſchaft haben wollen mit dem Mörder, der ihr Unglück entweihete, und deſſen Mitſchuldige ſie nicht ſein wollen. Die ganze Welt wird Sie verlachen um Ihre Narrheit und Thorheit, die ſich Größe dünkte, und doch nichts war, als die Eitelkeit eines Wahnſinnigen, der ſich vermaß, Gott habe ihn zu ſeinem Werkzeug erwählt, und der jetzt inne wird, daß Gott ihn, gleich den Menſchen, verwirft! Ah, ich werde das Schaffot nicht beſteigen, meine Mutter wird mir nicht fluchen, rief Sahla, und mit einer raſchen Bewegung zog er den Dolch aus ſeinem Gürtel. Aber raſcher noch, als er, ſtürzte Graf Roß ſich auf ihn, entwand ſeinen zitternden Händen den Dolch, riß die Piſtolen aus ſeinem Gürtel, und ſtand jetzt drohend mit aufgehobenen, bewaffneten Armen ihm gegenüber. Oh, meine Mutter, meine arme Mutter, murmelte Sahla, in ſich zuſammenbrechend. Sie wird es erleben müſſen, daß ihr Sohn als Verbrecher das Schaffot beſteigt. Jetzt kann ich es nicht mehr verhindern. Sie können es verhindern, ſagte Graf Roß, immer noch drohend, mit erhobenem Arm vor ihm ſtehend. Wie kann ich es verhindern? fragte Sahla, erſtaunt zu ihm auf⸗ blickend. Hören Sie! Wir ſind allein, Niemand weiß bis jetzt von Ihrem verbrecheriſchen Vorhaben, Niemand als Gott, ein Prieſter, der das Beichtgeheimniß, und ich, der die Geſetze der Freundſchaft ehren wird. Schwören Sie mir alſo bei dem Andenken an das Grab Ihres Va⸗ ters, der ein ehrenwerther Mann war, bei dem Andenken an Ihre 464 Mutter, die eine tugendhafte Frau iſt, ſchwören Sie mir bei Allem, was Ihnen auf Erden und im Himmel theuer iſt, daß Sie Ihr frevel⸗ haftes Vorhaben aufgeben wollen, daß Sie für ewig und immer davon nar abſtehen wollen, dem König von Preußen nach dem Leben zu trachten, gel oder ſonſt irgend einem Menſchen mörderiſch nachſtellen zu wollen, ſchwören Sie das, und keines Menſchen Ohr ſoll jemals hören, was Bu hier zwiſchen uns vorgefallen, keines Menſchen Auge ſoll dieſe von Ihrer Hand geſchriebenen Zeilen leſen, die Sie verurtheilen. Schwören Sie alſo, Ihre Hand nicht zu einer Mordthat zu erheben, in dieſer um Stunde noch Wien zu verlaſſen, und Sie ſind frei, und ich ſelbſt werde beſ Ihnen dieſe Thür öffnen. Sahla ſchwieg, und blickte, kämpfend vielleicht und ringend mit ber ſeinem eigenen Herzen, vor ſich nieder. Weigern' Sie den Schwur, rief Graf Roß mit mächtiger Stimme, nel verharren Sie bei Ihrer verbrecheriſchen Abſicht, ſo öffne ich das da Fenſter, rufe Menſchen herbei, rufe, daß man Wache und Polizei holen ge ſoll, um einen Mörder zu ergreifen, und ſo übergebe ich Sie den Ge⸗ ſi richten, der Schande, dem Schaffot! So ſprechend trat der Graf zu dem Fenſter hin, und da Sahla immer noch ſchwieg, öffnete er es. Halten Sie ein, rief Sahla aufſpringend, rufen Sie Niemand! Ich ſchwöre! Was ſchwören Sie? fragte der Graf, immer noch die Hand an da den Fenſterriegel gelegt. Ich ſchwöre, mein Vorhaben aufzugeben, ſagte Sahla düſter, ich an ſchwöre, daß ich dem König von Preußen nicht mehr nach dem Leben ſe trachten will, denn Gott hat meinen Arm verworfen, und er will nicht, d daß ich meines Vaterlandes Rächer ſei! 1 Schwören Sie auch, daß Sie in dieſer Stunde Wien verlaſſen n wollen, um nicht wieder dahin zurückzukehren, ſo lange der König von Preußen noch hier iſt? Schwören Sie das bei Allem, was Ihnen heilig iſt? Ich ſchwöre es bei Allem, was mir heilig iſt, ſagte Sahla mit zitternder Stimme. 465 Graf Roß trat vom Fenſter zurück. Ich glaube Ihrem Schwur, ſagte er, denn Sie ſind ein Edel⸗ mann, und ich habe Sie bis heute immer auch als einen Ehrenmann gekannt. Kommen Sie alſo! Laſſen Sie uns gehen! Er näherte ſich der Thür, zog den Schlüſſel wieder aus ſeinem Buſen und ſchob ihn in das Schloß. Wohin wollen wir gehen? fragte Sahla verwundert und mißtrauiſch. Zur Poſt wollen wir gehen, ſagte der Graf ruhig. Zur Poſt, um Extrapoſt zu beſtellen. Ich bleibe bei Ihnen, bis Sie den Wagen beſtiegen haben und abgereiſt ſind. Aber eine ſo ſchnelle Reiſe, ſtammelte Sahla, ich bin nicht vor⸗ bereitet, ich— Waren Sie nicht vorbereitet, eine viel größere Reiſe zu unter⸗ nehmen? unterbrach ihn Graf Roß. Wollten Sie nicht die Reiſe in das Jenſeits machen? Und haben Sie nicht für dieſe große Reiſe Alles geordnet? Was bedarf es alſo jetzt anderer Vorbereitungen? Ihre Koffer ſind gepackt, ich ſende ſie Ihnen nach. Kommen Sie! Aber wohin ſoll ich reiſen? fragte Sahla. Reiſen Sie zu Ihrer Mutter, ſagte der Graf feierlich. Retten Sie ſich an das Herz Ihrer Mutter, flüchten Sie zu ihr, ſtürzen Sie vor ihr nieder auf die Kniee, und ſagen Sie:„Mutter, erbarme Dich mein! Klammere Dich an mich mit Deiner Liebe, bete für mich, auf daß die böſe Verſuchung von mir weiche!“ Ja, rief Sahla, ich will zu meiner Mutter. Ich will mich retten an ihr treues, edles Herz! Aber jetzt, fuhr er fort, während Thränen ſeinen Augen entſtürzten, jetzt haben Sie Dank! Ich bringe Ihnen denſelben dar aus zerknirſchtem, verzweifeltem Herzen! Sie haben mich vor der Schande, vor dem Verbrechen bewahrt! Möge Gott Sie ſegnen, möge Gott Sie belohnen! Leben Sie wohl! Oh, ewig, ewig wohl! Er ſtürzte ſich in des Freundes Arme, ihn mit beiden Armen feſt umſchließend, lehnte er ſein Haupt an des Grafen Bruſt und weinte laut. Und jetzt fort, fort von hier, ſagte er dann, ſich wieder empor⸗ richtend. Mir iſt, als würden die Häuſer über mir zuſammenbrechen, Mühlbach, Napoleon. IV. Bd. 730 6. 466 als würde die Luft mein Geheimniß verrathen, und es ausſchreien in alle Welt:„Er iſt ein Mörder! Ein Königsmörder! Wehe über ihn!“ Ich muß fort, oder ich ſterbe! Er faßte heftig des Freundes Arm und zog ihn fort aus dem Zimmer hinaus und hinunter auf die Straße.— Eine halbe Stunde ſpäter fuhr von dem kaiſerlichen Poſthauſe zu Wien eine Extrapoſt ab, in welcher Niemand weiter ſaß, als ein junger Mann mit todesbleichem Angeſicht, mit traurigen, ſchmerzvollen Mienen. Dieſer junge Mann, das war der Calatravaritter von Sahla, der vor den Mordgedanken ſeiner Seele ſich flüchtete.*) *) Siehe: Erlebtes aus den Jahren 1813— 1830 von Dr. Wilhelm Dorow. Thl. II. S. 60 ff. und: Eylert, Leben des Königs Friedrich Wilhelm III. Thl. II.(Der Erſtere, Dorow, theilt dieſe ganze Begebenheit mit den eigenen Worten, und nach der eigenhändig niedergeſchriebenen Erzählung des Grafen Roß mit.)— Herr von Sahla ſelbſt fand ein unglückliches und ſchreckliches Ende. Er ging, als der Krieg mit dem heimgekehrten Kaiſer Napoleon be⸗ gonnen, nach Paris. Die deutſchen Schriftſteller und Hiſtoriker ſagen, er habe die Abſicht gehabt, einen abermaligen Mordverſuch auf das Leben Napoleons zu machen. Die franzöſiſchen behaupten, er ſei nach Paris gekommen, um Napoleons Hülfe für Sachſen anzuflehen und ihn zu unterſtützen, indem er ihm die Stellungen und Streitkräfte der Verbündeten verrieth. Gewiß iſt, daß er ſich mit Knallſilber, das er bei ſich trug, furchtbar verwundete und ver⸗ ſtümmelte, und mit zerriſſenen, zerſchmetterten Gliedern in Paris in das große Lazareth gebracht ward, wo er eines qualvollen Todes ſtarb. Die deutſchen Autoren ſagen, er habe einen Verſuch gemacht, Napoleon mit dieſem Knall⸗ ſilber zu tödten und habe dabei durch Unvorſichtigkeit nur ſich ſelber getroffen. Die franzöſiſchen Autoren behaupten, er habe dies Knallſilber nur zufällig bei ſich getragen, ſei auf der Straße ausgeglitten und gerade auf dies Knallſilber gefallen, das explodirte und ihn zerſchmetterte. Siehe: Bourrienne, Mémoires. Vol VIII. S. 364 ff.— Der Staatskanzler von Hardenberg, der von dem jammervollen Zuſtand Sahla's bei ſeiner Anweſenheit in Paris Kunde erhielt, ſandte den Hofrath Dorow zu ihm und ſorgte großmüthig für ſeine Pflege bis zum Tode des Unglücklichen. Siehe: Dorow, Erlebtes. Thl. I. S. 161. und Thl. II. S. 60. 4 Sechstes Buch. Uapoleons Rückkehr von Elba. l. Die Biobspoſt. Der Monat März des Jahres 1815 hatte hatte ſchon begonnen, und noch immer war der Congreß zu Wien nicht beendet, noch immer feierte er Tag um Tag ſeine glänzenden Feſte, ergötzte ſich an Redouten, Schau⸗ ſpielen, lebenden Bildern, hielt ſeine Conferenzen, berieth über die Schenkungen, Grenzen der Länder, und vertheilte„Seelen“ und Pro⸗ vinzen hierhin und dorthin an die begehrlichen Fürſten. Aber noch immer waren die großen Fragen des Congreſſes nicht zur Entſcheidung gelangt. Preußen hatte freilich den Entſchluß gefaßt, mit der Hälfte von Soachſen ſich zu begnügen, aber der König von Sachſen, welcher in Preßburg ſeine traurigen, einſamen Tage durchweinte, der König von Sachſen weigerte ſich, dieſe Acte zu unterſchreiben, welche ihn der Hälfte ſeines Königreichs beraubte. Der Kaiſer von Rußland hatte, immer noch zurückgehalten von dem Widerſtreben aller Congreßmächte, ſein Vorhaben noch nicht aus⸗ geführt, ſich laut und feierlich zum König des conſtitutionnellen Polens zu erklären. Oeſterreich hatte ſich immer noch nicht zum Herrn von Venedig machen können, denn Englands eiferſüchtiges Auge erkannte ſehr wohl die Vortheile, welche für Oeſterreich aus dem Beſitz dieſer, das adria⸗ tiſche Meer beherrſchenden Handelsſtadt erwachſen müßten und Eng⸗ land weigerte ſich daher, für Oeſterreich in die Beſitznahme Venedigs zu willigen. 470 Auch die deutſche Kaiſerfrage ſchwebte noch immer als dunkle Wolke an dem diplomatiſchen Himmel des Congreſſes. Die kleineren deutſchen Fürſten und die Mediatiſirten begehrten die Wiederherſtellung des deutſchen Kaiſers, weil ſie dadurch zugleich die Wiederherſtellung ihrer Reichsunmittelbarkeit, ihrer Standesherrlichkeit, Reichsgrafenſchaft und Souverainetät erwarteten; aber die großen deutſchen Fürſten konnten ſich nicht einigen über die Frage, wem von ihnen die deutſche Kaiſerwürde zufallen ſolle. Freilich hatte Oeſterreich ein hiſtoriſches Recht auf dieſelbe, und dies um ſo mehr, da Kaiſer Franz von allen deutſchen Fürſten als deutſcher Kaiſer anerkannt geweſen, und nur frei⸗ willig dieſer Würde entſagt hatte. Aber weder Preußen noch Baiern und Würtemberg waren geneigt, Oeſterreich die Oberherrſchaft, wenn auch nur die nominale, über ſie zuzugeſtehen und ſich unter den Scepter des deutſchen Kaiſers zu beugen. Aber alle dieſe Wolken, welche noch immer an dem politiſchen Horizont des Wiener Congreſſes aufgethürmt ſtanden, ſie unterbrachen doch nicht die Feſte und Vergnügungen, denen man nach wie vor mit ungeſchwächter Freudigkeit, mit immer regem Frohſinn ſich hingab. Auch war ein neuer Anſtoß zu erhöhetem Eifer, neue Feſte zu er⸗ ſinnen, dem Congreß und der hohen Geſellſchaft von Wien gegeben worden. Eine neue Perſönlichkeit war als glänzender Stern an dem Congreßhimmel aufgegangen. Der Herzog Wellington war als Erſatz für den heimberufenen Lord Caſtlereagh nach Wien gekommen, um England bei dem Congreß als Geſandter zu vertreten. Man mußte alſo die Anweſenheit dieſes berühmten Feldherrn durch glänzende Feſte feiern, um vor ihm und vor ganz Europa Zeugniß abzulegen, wie ſehr man den Herzog ehre und bewundere, wie freudig man bereit ſei, ihn zu feiern und ihm zu huldigen. Feſte alſo, immer neue Feſte bei Hof, bei den Diplomaten und der hohen Ariſtokratie! Der Strudel der Vergnügungen rauſchte und brauſte immer fort, Jedermann fühlte ſich davon fortgeriſſen, berauſcht, und ſann immer auf neue Feſte, um ja nicht aus dieſer icn zu erwachen, und zum nüchternen Nachdenken zu gelangen. Geſtern hatte der Kaiſerhof eine ſogenannte Prachtfahrt veranſtaltet, das ſimm Coro lnif ine lufj von unte jung woll die wn n de 471 das heißt, das glückliche, neugierige Wien hatte die Freude gehabt, ſämmtliche in Wien anweſende Monarchen und Fürſten in glänzenden Caroſſen, die Damen in prachtvoller Toilette, die Herren in den reichſten Uniformen, geſchmückt mit allen ihren Orden ſpazieren fahren zu ſehen. Heute, am ſiebenten März, ſollte bei der Kaiſerin Ludovica wieder eine von ihrer„Truppe der Troubadours“ veranſtaltete theatraliſche Aufführung ſtattfinden. Man wollte zuerſt eine Oper„Der Barbier von Sevilla“ aufführen, und dieſer ſollte das reizende Vaudeville:„der unterbrochene Tanz“ folgen. In dieſem letztern Stück wollte eine neue junge Schauſpielerin der ariſtokratiſchen Truppe ihr erſtes Debüt feiern, wollte die Frau von Périgord, die Nichte Talleyrands zum erſten Male die Bretter des kaiſerkichen Liebhaber-Theaters betreten. Jedermann war geſpannt auf dies Ereigniß, und ſchon am Tage zuvor ſprach man im Abendeirkel der Kaiſerin Ludovica mit der lebhafteſten Theilnahme nur von der morgenden Theater⸗Vorſtellung und dem ſeltenen Talent der jungen Debütantin, der Frau von Périgord. Dieſer Abendeirkel der Kaiſerin hatte bis ſpät in die Nacht ge⸗ dauert, und nach demſelben hatte der Fürſt Metternich, damit die Ge⸗ ſchäfte nicht ganz und gar von dem Vergnügen verdrängt würden, in ſeinem Hötel mit den Diplomaten Frankreichs, Preußens und Eng⸗ lands eine Conferenz gehalten. Erſt beim Beginn des Tages war dieſelbe beendet geweſen, und Fürſt Metternich hatte ſich in ſein Schlafzimmer begeben, dem Kammer⸗ diener den Befehl ertheilend, ihn nicht zu wecken, wenn auch am frühen Morgen vielleicht ſchon Couriere mit Depeſchen eintreffen ſollten. Die Häupter aller Cabinette waren ja in Wien verſammelt, es konnten alſo von keinem Lande her ſo wichtige Depeſchen kommen, daß man um derentwillen nöthig gehabt hätte, ſich in dem ſo wichtigen Schlaf zu unterbrechen. Fürſt Metternich ſchlief alſo, und nach ſo vielen Anſtrengungen, Zerſtreuungen, Freuden und Geſchäften des vergangenen Tages war ſein Schlaf ein tiefer, erquicklicher und genußvoller. Auf einmal ward er aus ſeinen ſüßen Träumen durch die Stimme —— 472 ſeines Kammerdieners geweckt, der vor dem Bett des Fürſten ſtand, und mit ehrfurchtsvoller, flehender Stimme um Gehör bat. Was giebt es? rief der Fürſt, erſchrocken emporfahrend. Was iſt geſchehen? Durchlaucht, nichts iſt geſchehen, ſagte der Kammerdiener, aber es iſt ſo eben ein Courier eingetroffen mit Depeſchen für Ew. Durchlaucht. Ein Courier, rief Mettetüich unwillig Abet hbe ich Ihnen nicht geſagt, daß man wegen eines Couriers mich nicht wecken ſoll? Zu Befehl, Durchlaucht, aber dieſe Depeſche trägt auf dem Um⸗ ſchlag die Bezeichnung„ſehr dringlich“, und deshalb glaubte ich— Woher kommt die Depeſche? unterbrach ihn der Fürſt. Geben Sie her, und laſſen Sie mich ſehen. Der Kammerdiener reichte dem Fürſten die Depeſche dar, und beeilte ſich dann, das auf dem Tiſch neben dem Bett ſtehende Nachtlicht zu nehmen, um ſeinem Gebieter beim Leſen zu leuchten. Aber Fürſt Metternich las nur die Adreſſe der Depeſche. Ah, vom kaiſerlich⸗königlichen General⸗Conſulat in Genua, ſagte er gering⸗ ſchätzend, indem er die Depeſche auf den Nachttiſch warf. Es wäre nicht nöthig geweſen mich um deretwillen im Schlaf zu ſtören. Es wird Zeit ſein, ſie ſpäter zu leſen. Gehen Sie, und ſtören Sie mich nicht mehr um ſolcher Bagatelle willen! Was iſt die Uhr? Durchlaucht, es iſt ſechs Uhr!. Gut, dann wird es mir vergönnt ſein, noch drei Stunden zu ſchlafen. Wecken Sie mich um neun Uhr, dann will ich dieſe De⸗ peſche leſen. Der Kammerdiener ſchlüpfte leiſe auf den Zehen hinaus, und Fürſt Metternich ſenkte ſein Haupt wieder in die Kiſſen, um weiter zu ſchlafen. Wieder war Alles ſtill in dem Schlafzimmer des Fürſten. Nur das Nachtlicht kniſterte zuweilen und warf aufflackernd einen hellern Schein auf das große weiße Briefcouvert mit dem feierlichen Amtsſiegel, das da auf dem Nachttiſch in gemüthlicher Ruhe lag und ſich gleich dem Fürſten erholte von den Strapazen des verfloſſenen Tages. Aber Fürſt Metternich, einmal in ſeinem Schlafe geſtört, konnte ſeine Ruhe nicht wiederfinden. Vergebens ſchloß er die Augen, ſie jnet inme Genu der liche ſch wunt ſpielt und wan zürn Dan ſan die hiel u ein ſein W En und die dae 473 öffneten ſich immer wieder und fielen wie von einem Zauber beſtrickt immer wieder auf die unglückſelige Depeſche vom General⸗Conſulat in Genua hin. Wie thöricht, mich um ſolche Kaufmannsdepeſche zu wecken, murmelte der Fürſt, ſein Haupt nach der andern Seite wendend, um das unleid⸗ liche Couvert nicht mehr zu ſehen. Nun fielen ſeine Augen wieder müde zu, ſeine Gedanken begannen ſich zu verwirren und ſich in Träume aufzulöſen. Aber ſeltſame, wunderliche Träume, in denen immer die Depeſche eine Hauptrolle ſpielte! Bald ſchien es dem Fürſten, als erhebe ſie ſich von dem Tiſch und lege ſich wie eine kalte Marmorhand auf ſeine Stirn. Bald ver⸗ wandelte ſie ſich in eine große Rieſengeſtalt, die ihn anſchauete mit zürnendem Geiſterangeſicht und drohend die Hand gegen ihn erhob. Dann wieder träumte er, daß die Buchſtaben, welche auf der Adreſſe ſtanden, ſich plötzlich ablöſeten und ſich in kleine Soldaten verwandelten, die mit wunderbaren Grimaſſen um das Nachtlicht einen Rundtanz hielten und ſich dann zappelnd und ermüdet wieder auf das Papier hinſtreckten, um wieder als Buchſtaben da feſt zu kleben. Fürſt Metternich ſchlief wohl wieder und träumte, aber es war ein unruhiger Schlaf; die Depeſche, die unglückſelige Depeſche hatte ſeine Ruhe geſtört, und machte ſeine Träume wüſt und unerquicklich. Ach, ſagte er nach anderthalb Stunden des Kämpfens zwiſchen Wachen und Schlafen, ach, ich werde dieſe abſcheuliche Depeſche am Ende nur leſen müſſen, um endlich Ruhe vor ihr zu haben. Er ſetzte ſich im Bett aufrecht, ſchob das Licht näher zu ſich heran und nahm das Papier von dem Tiſch empor. Eben ſchlug die Pendule die achte Stunde. Zwei Stunden hatte die Depeſche auf dem Nachttiſch des Fürſten ſich ausgeruht. Mit vollkommener Gelaſſenheit erbrach der Fürſt das Siegel, ſchlug das Papier auseinander und ſchickte ſich an zu leſen. Aber kaum hatte er die erſten Zeilen geleſen, als der Fürſt, wie von einem elektriſchen Schlage zuſammenzuckte und einen Schrei des Entſetzens ausſtieß. Noch einmal heftete er die Augen auf das Papier, noch einmal 474 las er die ſechs Zeilen, die es enthielt. Dann griff er nach der ſil⸗ bernen Handklingel, die auf dem Nachttiſch ſtand, und ſchellte ſo heftig und unaufhörlich, daß der Kammerdiener ganz entſetzt hereinſtürzte. Anſpannen, man ſoll ſogleich anſpannen, rief der Fürſt, eilen Sie ſich! In zehn Minuten muß der Wagen bereit ſein. Der Kammerdiener ſtürzte hinaus, und als er nach einigen Se⸗ cunden wieder in das Schlafzimmer eintrat, hatte der Fürſt ſchon das Bett verlaſſen, und war eifrig damit beſchäftigt, ſeine Toilette zu machen. Genau nach zehn Minuten war die Equipage des Fürſten vor⸗ gefahren, und Metternich, ſorgſam und elegant wie immer gekleidet, begab ſich hinunter an den Wagen. „ Es iſt jetzt ein Viertel nach acht Uhr, ſagte er zu dem neben dem Schlag ſtehenden Kammerdiener. Um zehn Uhr werde ich wieder hier ſein. Eilen Sie alſo zu dem Staatskanzler von Hardenberg, dem Herzog von Wellington, dem Fürſten Talleyrand und dem Grafen von Neſſelrode, ſagen Sie den Herren, ich ließe ſie dringend erſuchen, die Güte zu haben, um zehn Uhr zu einer ſehr wichtigen Conferenz zu mir zu kommen, und mit unvorhergeſehenen Ereigniſſen meine plötzliche Ein⸗ ladung zu entſchuldigen. Dann ſtieg er in den Wagen, und ſich in die Polſter lehnend be⸗ fahl er dem Lakayen, der die Wagenthür ſchloß: In die Kaiſerburg! So raſch die Pferde jagen können! Die Pferde brauſten von dannen und bald war das Ziel erreicht, der Wagen hielt in dem Hof der Burg, Fürſt Metternich eilte die breiten Stiegen hinauf und begab ſich in den vom Kaiſer bewohnten Flügel des Schloſſes. Mit raſchem Schritt durchwandelte er die Corridore und Säle. Niemand wagte es, ihn aufzuhalten, denn Jedermann wußte, daß der Fürſt zu jeder Stunde freien Zutritt zu dem Kaiſer hatte, und daß er ſogar unangemeldet in das Kabinet des Kaiſers eintreten dürfe. Schläft Se. Majeſtät noch? fragte der Fürſt den Kammerhuſaren, den er im Vorzimmer des kaiſerlichen Schlafgemaches traf. Nein, Durchlaucht, aber Se. Majeſtät ſind noch im Schlafrock, und ſind beim Dejeuner. N Geſchi 3 Kaiſers find, n N nir n Hat's viedet ſchaue als di halten ju beſ und! und das jett. liſte En En deiſ leet ſur u Se vo , Melden Sie mich Sr. Majeſtät, ſagen Sie, ich käme in wichtigen Geſchäften.— Zwei Minuten ſpäter trat der Fürſt in das Wohnzimmer des Kaiſers, der ihn, auf dem Divan ſitzend, und ſeine Chocolade ſchlür⸗ fend, mit ziemlich verdrießlichem Geſicht empfing. Nun, Herr Fürſt, ſagte er, was iſt denn paſſirt, daß Sie halt mir nit einmal mehr meine Frühſtücksſtund' ungeſtört laſſen können? Hat's geſtern Abend wieder Zank in der Conferenz gegeben? Giebt's wieder Streit mit Kaiſer Alexander, daß Sie gar ſo bedenklich drein ſchauen? Nein, Majeſtät, ſagte Metternich, es giebt jetzt viel ernſtere Dinge, als die Conferenzen. Ich habe ſo eben eine Depeſche aus Genua er⸗ halten. Hier iſt ſie, wenn Eure Majeſtät die Gnade haben wollen, ſie zu leſen! 5 Nein, ſagte der Kaiſer leſen Sie mir die Depeſche immerhin vor, und laſſen's mich dabei mein Chocolad' austrinken. Er ſetzle die Taſſe mit der dampfenden Chocolade an die Lippen, und während er ſie behaglich hinunter ſchlürfte, entfaltete der Fürſt das Papier. „Kaiſerlich königliches General⸗Conſulat in Genna“, las der Fürſt jetzt.„Ew. Durchlaucht haben wir zu melden, daß ſo eben ein eng⸗ liſches Schiff in den Hafen von Genua eingelaufen iſt, mit Sir Colin Campbell an Bord. Derſelbe kam ſofort auf das k. k. General⸗ Conſulat, um zu melden, daß der Kaiſer Napoleon von der Inſel Elba verſchwunden ſei.“ Ah, rief der Kaiſer, mit einem heftigen Ruck die noch nicht ge⸗ leerte Taſſe wieder hinſetzend, und den Fürſten mit großen Augen an⸗ ſtarrend. Der Bonaparte iſt von der Inſel Elba verſchwunden? Fürſt Metternich verbeugte ſich und las weiter:„Sir Colin Campbell fragte an, ob Napoleon ſich vielleicht in Genua habe blicken laſſen? Er habe ſich mit ſeiner Kriegsmannſchaft auf ſechs Schiffen in Elba eingeſchifft, und ſei nordwärts ſteuernd von dem engliſchen Schiff geſehen worden. Als das General⸗Conſulat erklärte, nichts von Napoleon zu wiſſen, nichts gehört zu haben, entfernte ſich 476 Sir Colin Campbell, und die engliſche Fregatte ging ſofort wieder in See.“ Geben Sie her, ich muß das ſelbſt leſen, rief der Kaiſer, und heftig die dargereichte Depeſche ergreifend las er ſie langſam, jedes Wort genau betrachtend. Immer ernſter und feſter ward ſein Ange⸗ ſicht, immer mehr ſchwand der Ausdruck gleichgültiger Gelaſſenheit aus ſeinen Zügen, die einen geſpannten, energiſchen Ausdruck annahmen, und als er dann ſprach, war ſeine Stimme feſt und entſchieden, und nichts von dem Wieneriſchen Jargon, deſſen ſich der Kaiſer im gewöhn⸗ lichen Leben ſo gern bediente, miſchte ſich, da es ſich um ſo ernſte Dinge handelte, mehr in ſeine Rede. Es ſcheint, Napoleon beabſichtigt jetzt noch ein wenig den Aben⸗ teurer zu ſpielen, ſagte der Kaiſer ernſt. Nun, das iſt ſeine Sache, und er mag zuſehen, wie weit er damit kommt. Unſere Sache iſt es, die Ruhe, welche Napoleon Jahrelang geſtört hat, der Welt zu ſichern. Gehen Sie ohne Verzug zu dem Kaiſer von Rußland und dem König von Preußen, und ſagen Sie ihnen, daß ich bereit bin, meiner Armee ſofort den Rückmarſch nach Frankreich zu befehlen. Ich zweifle nicht, daß die beiden Monarchen mit mir einverſtanden ſein werden.*) Und Sie, Metternich, Sie ſind auch einverſtanden? Ich wiederhole nur die edlen Worte Ew. Majeſtät; Napoleon hat Jahre lang den Frieden Europa's geſtört, und es iſt unſere Sache, dieſen Frieden endlich der Welt zu ſichern. Es iſt möglich, daß Na⸗ poleon noch einige Tage des Sieges feiert, aber Oeſterreich, Rußland und Preußen vereint, werden ihn doch überwinden, und dann wird ſeine Rolle für immer ausgeſpielt ſein, denn jetzt wird man ihm auch nicht den Schatten ſeiner vergangenen Größe mehr erhalten können, jetzt iſt 6 er wirklich ein todter Mann. Aber es wird wieder viel Blut und Geld koſten, ehe wir ihn wieder beſiegt haben, ſagte der Kaiſer gedankenvoll. Doch Eins erfüllt mich bei der Sache faſt mit Freude: der Congreß wird nun wohl zu *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Varnhagen v. Enſe. Denkwürdig⸗ keiten des eigenen Lebens. Th. III. S. 335. Erde Tag u Es iſt abet b dem 5 und de den w bringe und P auch nach 2 wollen thatkt Kiſer ( Peif Nach fohr Wiiſ Nh die tin ſhn wür 477 Ende gehen und die unaufhörlichen Feſte und Vergnügungen, die Einem Tag und Nacht keine Ruhe laſſen, werden nun wohl ausgetobt haben. Es iſt nichts Geſcheidtes herausgekommen bei dem Congreß, hat uns aber beinah eben ſo viel Geld gekoſtet, als wenn wir eine Armee auf dem Kriegsfuß halten mußten. Jetzt laſſen wir die Armee marſchiren, und der Frieden, an dem der Congreß fünf Monate vergeblich arbeitet, den werden wir nun weit leichter auf dem Schlachtfeld zu Stande bringen. Gehen Sie alſo! Fragen Sie die Monarchen von Rußland und Preußen, ob ſie meiner Meinung ſind, ob ſie ihre Armeen, die auch ſchon auf dem Heimweg waren, wieder umkehren laſſen wollen nach Frankreich. Majeſtät, ich gehe, und ich bin überzeugt, daß die Monarchen es wollen, ſagte Metternich. Alles kommt darauf an, daß wir raſch und thatkräftig gewaffnet daſtehen und nicht zaudern und überlegen, bis dem Kaiſer Napoleon vielleicht irgend ein Coup de main gelingt. Gehen Sie alſo, rief der Kaiſer. Aber hören's! Noch Eins! Weiß meine Tochter, die Marie Louiſe, ſchon etwas von der Geſchicht'? Nein, Majeſtät, es müßte denn ſein, daß ſie auf geheimen Wegen Nachricht erhalten hätte. Das glaub' ich halt nit, denn ſie wird gut bewacht. Aber er⸗ fahren muß ſie's. Wer ſoll's ihr auf eine kluge und vorſichtige Weiſe ſagen? Wenn Ew. Majeſtät erlauben, werde ich dem General Grafen Neipperg den Auftrag ertheilen. Thun Sie's. Aber der Neipperg ſoll ſeine Sach' ſo machen, daß die Marie Louiſe keine Hoffnungen ſchöpft, und nicht etwa meint, ich könnt' mich nochmals entſchließen, den Bonaparte als meinen Schwieger⸗ ſohn anzuerkennen. Majeſtät, ſagte Metternich mit einem feinen Lächeln, Graf Neipperg würde gewiß der Letzte ſein, welcher der Frau Erzherzogin ſolche thörigte Hoffnungen einzuflößen wagte. Ich werde ihm außerdem noch meine beſondern Inſtructionen ertheilen. Thun's das, rief der Kaiſer, und jetzt eilen Sie zu den beiden Monarchen! 478 Der Fürſt verabſchiedete ſich und eilte von dannen. Es war kaum neun Uhr, als Fürſt Metternich ſchon wieder in ſein Hotel zurückkehrte. Er hatte dem Kaiſer Alexander und dem König Friedrich Wilhelm die unheilsvolle Depeſche mitgetheilt, und beide Monarchen hatten, ganz im Einvernehmen mit Kaiſer Franz, er⸗ klärt, daß der Krieg auf's Neue beginnen, daß man nicht eher ruhen müſſe, als bis man nun Napoleon für immer beſiegt und unwirkſam gemacht habe. Neun Uhr, ſagte Metternich, als er in ſein Cabinet eintrat und nach der großen Pendule über dem Kamin hinblickte. Ich habe alſo bis zum Beginn der Conferenzen noch eine Stunde Zeit. Dieſe Stunde werde ich benutzen, um Neipperg rufen zu laſſen, und ihn zu inſtruiren, und um mit dem Feldmarſchall Fürſten Schwarzenberg mich zu beſprechen. 5 Er klingelte und befahl dem eintretenden Kammerdiener, ſofort zwei Boten, den einen an den Grafen Neipperg, und den andern an den Fürſten Schwarzenberg zu ſenden und ſie zu einer ſofortigen Con⸗ ferenz einzuladen. Sie waren auch bei den anderen Herren, welche ich hierher ein⸗ laden ließ? fragte der Fürſt. Zu Befehl, Durchlaucht. Sie werden Alle kommen, bis auf den Herrn Fürſten Talleyrand. Sein Kammerdiener ſagte mir, der Fürſt ſei erſt gegen Morgen zu Bette gegangen und habe Befehl ertheilt, ihn nicht zu wecken. Wenn eine Conferenz angeſagt würde, ſo ſolle beſtellt werden: der Herr Fürſt ließe ſich entſchuldigen, er könne wegen Un⸗ wohlſeins heute nicht an der Conferenz Theil nehmen. Senden Sie erſt Ihre Boten ab und dann kommen Sie wieder, ſagte Metternich, ich habe Ihnen noch einen Auftrag zu ertheilen. Oh, der Herr Fürſt von Benevent iſt unwohl und kann heute nicht an der Conferenz Theil nehmen, ſagte Metternich, als er allein war. Nun ich werde ſein Arzt ſein und ihm ein Recept verſchreiben, das ihn ſofort geſund und conferenzfähig machen wird. Er trat zu ſeinem Schreibtiſch, warf haſtig einige Zeilen auf das * 6 Papie Kamm 1 Irnge Sie d weiſe Sie ſ dule liiden einge Mfe Hau Ohei rend gen leun auf nig llein laiſ Rwi ch ich wir Go un t in dem und er⸗ uhen kſam und alſo Rieſe nzu mich fort an on⸗ ein⸗ den ürſt ihn telt Un⸗ der, icht wal⸗ dab dab —— 479 Papier, ſiegelte und adreſſirte ſie und reichte es dem eintretenden Kammerdiener dar. Dieſes Billet ſofort an den Fürſten von Benevent, befahl er. Tragen Sie es ſelbſt hin, und laſſen Sie ſich nicht abweiſen. Sagen Sie dem Kammerdiener, der Fürſt müſſe das Billet nothwendiger⸗ weiſe leſen und Sie dürften nicht ohne Beſcheid heimkehren. Nehmen Sie ſich einen Fiacre, um raſcher fortzukommen.— Talleyrand hatte ſein Lager noch nicht verlaſſen, obwohl die Pen⸗ dule ſchon die neunte Stunde geſchlagen hatte. Er fühlte ſich wirklich leidend und abgeſpannt, und hatte daher auch im Bett ſein Dejeuner eingenommen. Die Gräfin Edmonde von Peérigord, die junge Gemahlin ſeines Neffen, welche zugleich in Wien im Hötel des Fürſten als Dame des Hauſes die Honneurs machte, hatte mit eigenen ſchönen Händen ihrem Oheim die Chocolade eingeſchenkt und präſentirt, und hatte dann, wäh⸗ rend Talleyrand frühſtückte, auf dem Fauteuil neben dem Bett Platz genommen, um mit ihrem heiteren und geiſtvollen Geplauder dem De⸗ jeuner ſeine wahre Würze und Pvoeſie zu geben. Sie hatte dem Fürſten alle die kleinen Begebenheiten, welche ſich auf der geſtrigen Generalprobe des Vaudevilles ereignet hatten, mitgetheilt, und Talleyrand hatte herzlich mit ihr gelacht über die kleinen Zwiſtigkeiten und ehrgeizigen Zänkereien, welche die Truppe der kaiſerlichen Troubadours eben ſo gut beunruhigten, als die Truppen gewöhnlicher engagirter Schauſpieler. Lieber Oheim und Fürſt, ſagte die Gräfin jetzt, indem ihr ſchönes lachendes Geſicht auf einmal einen ernſten Ausdruck annahm, nun habe ich noch eine ſchwere und ernſte Frage an Sie zu richten. Wollen Sie mir gnädigſt verſprechen, dieſelbe der Wahrheit gemäß und nach beſtem Gewiſſen zu beantworten? Bezieht ſich dieſe Frage auf Ihr heutiges Theaterſpiel in der kaiſerlichen Soirée, meine ſchöne Nichte? Ja, mein Oheim! Dann verſpreche ich Ihnen, Ihre Frage nach beſtem itz und der Wahrheit gemäß zu beantworten. 480 Nun denn, mein Oheim, Sie wiſſen, ich werde heute in dem Vaudeville:„der unterbrochene Ball“ als neu engagirtes Mitglied der kaiſerlichen Truppe der Troubadours mein erſtes Debut haben. Sie haben mich in der Probe ſpielen ſehen. Nun ſagen Sie mir, lieber gütiger Fürſt, iſt es Ihre Anſicht, daß ich mit meinem Spiel Ehre einlegen kann? Wird man mich nicht verſpotten, wird man nicht ſagen, daß ich eine Rolle übernommen, die zu ſpielen ich nicht fähig ſei? Oh, ich bitte, laſſen Sie ſich nicht von Ihrer gütigen Nachſicht für mich zu einer wohlmeinenden Antwort hinreißen, ſondern überlegen Sie erſt und antworten Sie dann als ſtrenger, unparteiiſcher Richter. Denn noch iſt es Zeit, ein Wort, ein Kopfſchütteln von Ihnen, und ich trete zurück, ich ſetze mich nicht der Gefahr aus, heute Abend Fiasco zu machen, ſondern ich bleibe daheim, laſſe mich krank melden, und ent⸗ ſage ein für alle Mal dem ehrgeizigen Wunſch, noch andere Triumphe zu feiern, als diejenigen, welche mir dadurch zu Theil werden, daß ich mich die Nichte des edlen, weltberühmten und gefeierten Fürſten von Benevent nennen darf. Entſcheiden Sie alſo jetzt, theuerſter Fürſt! Sagen Sie, habe ich Talent? Darf ich es wagen, heute Abend in dem Vaudeville als Schauſpielerin zu debütiren? Werden Sie nicht nöthig haben, ſich meiner zu ſchämen? Sie blickte den Fürſten mit ſo erregtem, angſtzuckenden Geſicht an, als handle es ſich hier in der That um die Entſcheidung einer gewichtigen Lebensfrage. Talleyrand ſah es und lächelte. Ah, wie glücklich Sie doch ſind, Edmonde, ſagte er ſeufzend, Ihr Himmel iſt ſo hell und klar, daß ſelbſt der kleinſte Nebelhauch von Ihnen bemerkt werden kann. Mein Gott, ich habe in ſo vielen und ſchweren Gewittern geſtanden, daß ich die Zahl der aufgethürmten Wolken gar nicht zu ermeſſen vermochte! Ich glaube aber, das erſte Miniſter-Portefeuille, das ich erwartete, hat mein Herz nicht halb ſo ſehr beunruhigt, wie Sie Ihre erſte theatraliſche Vorſtellung. Sie beantworten meine Frage nicht? rief die Gräfin hände⸗ ringend. Das heißt alſo, Sie verurtheilen mich? Ich ſoll heute Abend nicht ſpielen? die ſt welche und d inner Euro ( leine habe den übera und trete Bill dien fete nah und noch nal erſ Tul dem der Sie iger gen ich zu eiſt enn rete 481 Nein, Theuerſte, Sie ſollen ſpielen! Sie ſollen Ihrem Oheim die ſtolze Freude gönnen, dem Triumph einer Debütantin beizuwohnen, welche die reizendſte, bezauberndſte Schauſpielerin iſt, die ich je geſehen, und das will viel ſagen, denn ich glaube, ich habe alle Schauſpiele rinnen geſehen, welche in den letzten zwanzig Jahren auf den Bühnen Europa's geglänzt haben. Sie meinen alſo, rief die Gräfin, wie ein glückliches Kind ihre kleinen weißen Hände aneinander ſchlagend, Sie meinen, daß ich Talent habe? Daß ich heute Abend ſpielen ſoll? Ja, meine theure Edmonde, Sie ſollen ſpielen, und Sie ſollen den Herren und Damen des Congreſſes beweiſen, daß Frankreich überall die erſte Rolle ſpielt, ſowohl im Leben als auf der Bühne, und daß— Die Thür des Vorzimmers ward haſtig geöffnet, und der ein— tretende Kammerdiener brachte auf einem goldenen Teller ein verſiegeltes Billet, das er dem Fürſten präſentirte. Von Sr. Durchlaucht, dem Fürſten Metternich, ſagte der Kammer—⸗ diener. Der Bote iſt beauftragt, auf Antwort zu warten. Ah, er wird mich auffordern, eine andere Stunde zu einer Con— ferenz zu beſtimmen, ſagte Talleyrand gleichgültig, indem er das Billet nahm und es der Gräfin darreichte. Leſen Sie doch, meine Theure, und ſagen Sie mir den Inhalt; meine Augen ſind ſo müde, daß ſie noch ein wenig der Erholung bedürfen. Die Gräfin nahm das Billet und erbrach es lächelnd. Auf ein mal ſtieß ſie einen lauten, durchdringenden Schrei aus, und ließ wie zerſchmettert die Hand niederſinken, welche das Billet hielt. Was giebt es, was erſchreckt Sie auf einmal ſo ſehr? fragte Talleyrand erſtaunt, und als er ſah, wie der Gräfin entſetztes Auge nach dem Diener hinüber flog, ſagte er: Hippolyte, gehen Sie hinaus. Warten Sie im Vorzimmer, bis ich klingeln werde. Und jetzt, rief Talleyrand, als der Kammerdiener ſich entfernt hatte, jetzt ſagen Sie mir, was für eine ſchreckensvolle Nachricht ent hält denn dieſer Brief? Oh, mein Oncle, rief die Gräfin mit kläglicher Stimme, Fürſt Mithlbach, Napoleon. 1V. Bd. 31 482 Metternich ſchreibt Ihnen, daß Bonaparte die Inſel Elba verlaſſen hat, ohne daß Jemand weiß, wohin er gegangen iſt. Was ſoll nun heute Abend aus meinem Debüt werden? Talleyrand nahm das Billet, das die Gräfin in ihrer kleinen Hand zerknittert hatte, und las es aufmerkſam, aber mit vollkommener Gelaſſenheit. Muß dieſer Bonaparte auch gerade jetzt von Elba fortlaufen, klagte die Gräfin, und gerade heute muß die Nachricht hierher kommen, und mich an meinem Debüt verhindern, denn natürlich wird heute Abend keine Theater⸗Vorſtellung bei Hofe ſtattfinden. Im Gegentheil, ſagte Talleyrand, die Theater⸗Vorſtellung bei Hofe wird ſtattfinden, und Sie, meine theure Nichte, werden heute Abend Ihr Debüt feiern. Warum ſollten wir um ſolcher Kleinigkeit willen uns auch in unſern Vergnügungen ſtören laſſen?“) Aber jetzt haben Sie die Gnade, mich zu verlaſſen, denn ich muß ſogleich auf⸗ ſtehen, und zur Conferenz beim Fürſten Metternich fahren!— Es ſchlug eben zehn Uhr, als der Fürſt von Benevent in dem Hötel Metternich anlangte, und den Salon betrat, in welchem er die Diplomaten ſchon verſammelt fand. Fürſt Metternich ſelber nur war noch nicht anweſend, er hatte ſich noch für einige Minuten wegen einer wichtigen Conferenz mit dem Fürſten Schwarzenberg entſchuldigen laſſen. Niemand von den Diplomaten, außer Talleyrand, wußte die Veranlaſſung dieſer unerwarteten Conferenz, zu welcher Fürſt Metter⸗ nich ſie entboten hatte, und leiſe flüſternd theilten ſie einander ihre Vermuthungen mit, als die Thür ſich haſtig öffnete, und Metternich ruhigen, lächelnden und heiteren Angeſichts, wie immer, eintrat. Eine wichtige Nachricht, meine Herren, ſagte er, eine Depeſche, welche das kaiſerliche General-Conſulat aus Genua uns geſandt hat. Und er reichte mit einer leichten Verbeugung dem Staatskanzler von Hardenberg ſeine Depeſche dar. Dieſer las ſie, und gab ſie dann, *) Talleyrands eigene Worte. Siehe: Comte de la Garde. Vol. IV, ohne gend, die D 6 1 Mett vird die G S Hand Rech wied zu land der pfli Mem In wird ſeig — ſſen nun nen ner fen, en, ute em die ſich em 483 ohne ein Wort zu ſagen, an ſeinen Nachbar, und Alle laſen ſie ſchwei⸗ gend, mit echt diplomatiſcher Ruhe, dieſe inhaltsvollen Zeilen, welche die Depeſche enthielt. Talleyrand war der Letzte, welcher das Papier empfing. Er las deſſen Inhalt, und blickte dann mit ruhiger Gelaſſenheit auf Metternich hin. Wiſſen Sie, wohin Napoleon ſich wenden wird? fragte er. Der Rapport ſagt nichts davon, erwiederte Metternich. Er wird ſich nach Italien wenden, ſagte Talleyrand ruhig, er wird an irgend einer Stelle Italiens an's Land ſteigen, und ſich in die Schweiz werfen. Nein, rief Metternich, nein, er wird gerade nach Paris gehen!*) Nun, dann hoffe ich, daß wir ihm da begegnen werden, rief Hardenberg lebhaft. Ich dächte, die Verbündeten hätten wohl ein Recht, Bonaparte die Honneurs von Paris zu machen, und wenn er wieder dorthin kommt, werden auch wir uns beeilen müſſen nach Paris zu gehen. Das iſt auch die Anſicht der Monarchen von Oeſterreich, Ruß⸗ land und Preußen, ſagte Metternich. Es fragt ſich nur, ob der edle Herzog von Wellington im Namen Englands dieſer Anſicht bei⸗ pflichten wird? Ich pflichte ihr bei, ſagte der Herzog feierlich, ich habe von mei⸗ nem Regenten genügende Vollmacht, in ſeinem Namen zu entſcheiden. Im Namen Englands erkläre ich alſo, daß England Theil nehmen wird an dem erneuerten Krieg gegen Napoleon, und nicht dulden wird, daß er auf's Neue die Welt beunruhige. Die Monarchen haben mich bevollmächtigt, ihren Miniſtern anzu⸗ zeigen, daß ſie den Krieg beſchloſſen haben, ſagte Metternich. Es iſt alſo jetzt nur noch nöthig, über die Maßregeln der Ausführung zu verhandeln. Einig im Hauptprincip werden wir uns bald verſtändigen, *) Siehe: Varnhagen von Enſe, Denkwürdigkeiten des eigenen Lebens. S. 235 3* 484 und wohin Napoleon ſich auch wenden möge, überall wird er die euro⸗ päiſchen Mächte bereit finden, mit den Waffen in der Hand ihn zurück zu drängen. ll. Marie Touiße. Auf dem innern Schloßhof von Schönbrunn ſtand die Equipage bereit, und erwartete die Kaiſerin, welche heute nach Wien fahren wollte, um dort in der kaiſerlichen Familie den ganzen Tag zuzubringen. Heute zum erſten Mal wollte ſie, den dringenden Bitten des Grafen Neipperg nachgebend, auch an einem der kaiſerlichen Feſte Theil nehmen, und der Theater⸗Vorſtellung in den Gemächern der Kaiſerin Ludovica beiwohnen. Auch ihr Sohn, der kleine Prinz Napoleon, ſollte bei dieſem Feſt erſcheinen, und in feierlicher Repräſentation zum erſten Mal öffentlich als Mitglied der kaiſerlichen Familie vorgeſtellt werden. Marie Louiſe hatte ſo eben ihre Toilette beendet, und ließ ſich von der Gräfin Montesquiou den Shawl über die Schultern werfen. Dabei traf ihr Blick ganz von ungefähr das Antlitz der Gräfin, und der trübe, ſchwermuthsvolle Ausdruck deſſelben überraſchte Marie Louiſe. Sie ſehen traurig aus, Gräfin? fragte ſie theilnahmsvoll. Fehlt Ihnen etwas? Haben Sie Kummer? Nein, Majeſtät, ſagte die Gräfin, ich habe nur den Kummer, den ich alle Tage empfinde. Nur iſt er etwas geſchärfter, denn ich ſehe meine Kaiſerin bereit, als Erzherzogin wieder an den Hof zu gehen, und ihre Vergangenheit zu verleugnen. Es iſt wahr, ſeufzte Marie Louiſe, es iſt ein ſchwerer Schritt, und er hat mich viel Ueberwindung gekoſtet. Aber mein Vater wünſcht, ich möchte den Souverainen, in deren Händen die Entſcheidung meines Schickſals liegt, beweiſen, daß ich nicht mehr traure über die Ver⸗ hang ſond lſo beng Fre eme Pfo und ig mic wel ic n, 485 gangenheit, und daß meine Wünſche ſich nicht mehr rückwärts wenden, ſondern nur noch auf das Herzogthum Parma gerichtet ſind. Ich habe alſo mein widerſtrebendes Herz überwunden, ich habe mein Haupt ge⸗ beugt, und ich gehe zu dieſem Feſt, um mir mit dieſem Opfer meine Freiheit zu erkaufen. Denn einmal erſt zur Herzogin von Parma ernannt, werde ich das Recht haben, dort zu reſidiren, werden die Pforten meines Gefängniſſes von Schönbrunn ſich vor mir aufthun, und die Welt, das Leben, die Gedanken, der Wille wird wieder mein Eigen ſein. Oh, ſagen Sie nicht, daß ich aus eitler Zerſtreuungsſucht mich heute zu dieſem Feſt begebe, ich kenne alle die Demüthigungen, welche mir heute bevorſtehen, ich weiß, daß meine erhabene Stief⸗ mutter, die Kaiſerin Ludovica, ſich nicht bemühen wird, die Dornen aus dem Roſenkranz zu ziehen, den man mich heute zwingt in mein Haar zu flechten. Aber ich werde meine Schmerzen unter einem Lächeln verbergen, meine Thränen in mich hinein weinen, und es über mich gewinnen, heiter zu erſcheinen. Ich werde mir immer wieder⸗ holen: Nimm das Joch auf Dich, damit Du frei werdeſt. Beuge Dein Haupt, damit man wenigſtens eine Herzogskrone darauf befeſtige. Und weshalb, Majeſtät, geht der König von Rom mit zu dem Feſt? fragte die Gräfin. Ich bitte Sie, liebe Gräfin, rief Marie Louiſe, einen ängſtlichen Blick umher werfend, ich bitte Sie, wollen Sie meinen Sohn nicht mehr mit einem Titel nennen, den er für immer verloren hat. Wir müſſen es vermeiden, hier Aergerniß zu erregen, und ich weiß, daß es meinem Vater ſehr unangenehm iſt, daß man noch ſo oft meinem Sohn einen Titel giebt, der ihm nicht gebührt. Aber es iſt die höchſte Zeit, unſere Fahrt anzutreten. Holen Sie gefälligſt meinen Sohn, und Se. Excellenz der General Graf Neipperg, meldete der eintretende Lakay, und ehe Marie Louiſe noch Zeit fand zu einer Erwiederung, erſchien der Graf auf der Schwelle der offenen Thür. Ah, Sie kommen ohne Zweifel, um ſich zu überzeugen, daß ich Wort halte, rief Marie Louiſe, daß ich wirklich mein Gefängniß verlaſſe und nach Wien gehe7 486 Nein, Majeſtät, ſagte der Graf mit feierlichem Ernſt, nein, ich komme, Ew. Majeſtät um eine Audienz zu bitten. Eine Audienz? fragte Marie Louiſe erſchrocken. Das heißt, Sie haben mir etwas Wichtiges zu ſagen? Es iſt irgend Etwas vor⸗ gefallen? Ich bitte Ew. Majeſtät um eine geheime Audienz, ſagte der Graf, ſich tief verneigend. Marie Louiſe, ganz verwirrt und beklommen, blickte die Gräfin an, und winkte dann nach der Thür hin. Gräfin Montesquiou verneigte ſich tief, und verließ das Gemach. Jetzt, Herr Graf, ſagte Marie Louiſe, jetzt ſind wir allein, jetzt haben Sie Ihre geheime Audienz. Was giebt es? Weshalb ſehen Sie mich ſo traurig an? Ah, ich errathe! Alle meine Demüthigungen, mein Bitten und Flehen ſind vergeblich geweſen, und jetzt in der letzten Stunde noch nehmen Alle ihr Wort zurück! Ich werde nicht Herzogin von Parma werden, ich werde zu ewiger Abhängigkeit von meinem Vater, zu ewiger Gefangenſchaft in Schönbrunn verurtheilt. Nicht wahr, das iſt es, was Sie mir zu ſagen haben? Oh, fürchten Sie ſich nicht, es zu geſtehen, denn Sie ſehen, ich bin vorbereitet, und auf Alles gefaßt. Ich habe ſo viel erduldet, daß nichts mich mehr über⸗ raſcht. Sprechen Sie alſo! Iſt es das? Nein, Majeſtät, das iſt es nicht, ſeufzte Graf Neipperg. Ich hoffe noch immer, daß die edle und erhabene Stirn Ew. Majeſtät, welche ſo würdig iſt einer Kaiſerkrone, mindeſtens mit einer Herzogs⸗ krone ſich ſchmücken wird, und mehr als jemals hängt dies jetzt von dem Willen und den Entſchlüſſen meiner erhabenen Herrin ab. Be⸗ weiſen Sie es, daß Sie mit der Vergangenheit gebrochen haben, geben Sie jetzt vor aller Welt ein Zeugniß, daß die Bande, welche Sie einſt, den Befehlen des Kaiſers, Ihres Vaters, gehorſam, ſchließen mußten, jetzt für immer zerriſſen ſind, und daß Sie dieſelben niemals wieder anknüpfen wollen, und man wird der Tochter des Kaiſers von DOeſterreich, der heimgekehrten deutſchen Fürſtin, jetzt freudig und bereitwillig die Krone von Parma, die allein ihr beſcheidener Sinn erſtrebt, darreichen. Oh, Fürſtin, ich beſchwöre Sie, haben Sie den Muth und Friede ( tegn Ih v undd liche er b rütht Uug Kai N ne we ich ißt, ⸗ der . etzt hen ten in em cht ie uf er⸗ 487 Muth, feierlich vor ganz Europa mit Ihrer Vergangenheit zu brechen, und Alles wird gut werden, und der geſegnete Hafen der Ruhe, des Friedens wird ſich endlich Ihnen öffnen. Graf, fragte Marie Louiſe, bleich und zitternd vor innerer Auf⸗ regung, was iſt geſchehen? Sagen Sie es mir ſchnell, ohne Umſchweife! Ich will es wiſſen! Wohlan, Majeſtät, Sie ſollen es erfahren, ſagte Graf Neipperg, und dicht zu der Kaiſerin herantretend, und ihr mit einem unausſprech⸗ lichen Ausdruck tief und lange in das erregte Antlitz ſchauend, ſagte er leiſe: Napoleon iſt von Elba entflohen! Marie Louiſe ſtieß einen lauten Schrei aus, eine dunkle Purpur⸗ röthe flog über ihr Antlitz hin, ein freudiger Glanz ſtrahlte in ihren Augen auf, ein glückliches Lächeln umſpielte ihre Lippen.*) Er iſt entflohen, rief ſie, er iſt wieder frei, er iſt wieder der Kaiſer! Wohin iſt er gegangen? Oh, ſagen Sie mir, wo iſt Napoleon? Niemand weiß das bis jetzt, ſagte Neipperg mit trauriger Stimme. Niemand weiß, wohin der Kaiſer ſich gewandt hat und was er unter⸗ nehmen wird. Oh, ich weiß es, rief Marie Louiſe mit blitzenden Augen und einem ſeligen Lächeln. Ich weiß, wohin Napoleon ſich wenden, und was er unternehmen wird! Nach Frankreich wendet ſich ſein helden⸗ tühnes Herz, nach Paris wird er gehen und den König wieder ver⸗ jagen, und wird wieder Kaiſer von Frankreich werden. Oh, und dann wird er mich wieder zu ſich rufen, und ich werde wieder Kaiſerin von Frankreich ſein, und die Fürſten, die jetzt in ihrem Hochmuth ſo ſtolz mir gegenüber ſtehen, die werden ſich wieder vor mir beugen! Oh, mein Gott, mein Gott, ich danke Dir, Du haſt meine Gebete erhört, Du haſt mir endlich Erlöſung geſandt! Napoleon iſt wieder da, er wird mich wieder zur Kaiſerin machen, und mein Sohn, mein armer, geliebter, kleiner Napoleon, dem man ſeinen Rang, ſeinen Titel, ja *) Ueber die aufrichtige Freude, die Marie Louiſe bei der erſten Nachricht von der Flucht Napoleons äußerte, berichtet Gneiſenau an die Prinzeſſin Louiſe Radziwill. Siehe: Pertz. IV. 488 ſogar ſeinen Namen rauben wollte, er wird jetzt wieder der König von Rom werden, und freudig und ſtolz kann ich es aller Welt ſagen: er heißt wie ſein Vater, er heißt Napoleon!— Oh, Graf, freuen Sie ſich doch mit mir, Sie, der Sie ſo oft mir geſchworen haben, daß Sie Antheil nähmen an meinem Mißgeſchick, freuen Sie ſich jetzt mit mir meines Glückes, und— Aber wie, unterbrach ſie ſich auf einmal ſelbſt, Sie ſehen bleich aus, Sie,— mein Gott, ich glaube, Sie weinen ſogar? Ja, rief der Graf, in heftiger Bewegung ſeine Hände an ſeine Bruſt drückend, ja ich weine, und da drinnen in meiner Bruſt wühlen unſägliche Schmerzen. Oh Thor, erbarmungswürdiger Thor, der ich war, von einem Glück, einem Paradieſe zu träumen, für mich zu träumen! Das Schickſal ſtraft mich für meine Vermeſſenheit, und weil mein ſündiges Herz gewagt hat zu hoffen, wird es zerſchmettert. Ich habe Strafe verdient, und ich habe ſie empfangen, denn ich bin Zeuge geweſen von der Freude Ew. Majeſtät. Jetzt habe ich nichts mehr zu ſagen, darf ich nichts mehr ſagen; von dieſer Stunde an habe ich nicht mehr das Recht, vor Ew. Majeſtät zu erſcheinen, denn Sie werden mich wieder haſſen, wieder Ihren Feind nennen. Leben Sie alſo wohl, Majeſtät, leben Sie ewig wohl! Oh, könnte ich mein Herz⸗ blut zu Ihren Füßen hinſtrömen, um Ihnen zu beweiſen, daß Sie nie einen treuern, ergebeneren Diener gehabt haben, als ich es bin, oh könnte ich für Sie in den Tod gehen! Aber das Schickſal hat mir dieſe letzte Gnade verſagt, ich darf nicht einmal zu Ihren Füßen ſterben. Leben Sie alſo wohl, und möge Gott mir gnädig ſein, möge er mir eine mitleidige Kugel ſenden, die mich erlöſt! Er ſtürzte zu der Kaiſerin hin, und in gewaltiger Bewegung vor ihr niederſinkend, umklammerte er ihre Füße, lehnte er ſein Haupt an ihre Kniee und küßte mit glühender Inbrunſt ihr Gewand. Dann ſprang er empor, und ohne ein weiteres Wort, einen weiteren Blick eilte er nach der Thür hin. Aber Marie Louiſe eilte ihm nach, ſie legte ihre Hand auf ſeinen Arm, und zog ihn von der Thür zurück. ſag tto von er Sie daß mit mal Sle eine hlen 489 Wo wollen Sie hingehen? fragte ſie mit bebenden Lippen. Warum ſagen Sie mir Lebewohl? Weil ich Wien verlaſſe, und zur Armee abgehe, ſagte er faſt trotzig. Zur Armee? fragte Marie Louiſe athemlos. Soll denn der Krieg auf's Neue beginnen? Ja, rief Neipperg mit wilder Freude, ja der Krieg ſoll auf's Neue beginnen! Die Monarchen haben geſchworen, nicht eher das Schwert wieder in die Scheide zu ſtecken, bis die Welt für immer von Bonaparte befreit iſt. Schon ſprengen die Couriere und Stafetten nach allen Seiten hin, um den Armeen der Verbündeten, welche Alle ſchon auf dem Rückmarſch von Frankreich waren, den Befehl zu bringen, umzukehren und wieder vorwärts zu rücken an die Grenzen Frankreichs. Ja, Gott ſei gelobt und geprieſen, die Monarchen ſind einig, ſie haben den Krieg beſchloſſen, ſie haben geſchworen, die Waffen nicht eher wieder niederzulegen, als bis ſie die Welt für immer von dem Ungeheuer be⸗ freit haben, welches, nachdem es ſchon das Blut von Millionen Män⸗ nern vergoſſen hat, noch nicht zufrieden iſt, den erſchöpften Nationen noch nicht den Frieden gönnen will. Und das wagen Sie mir zu ſagen? rief Marie Louiſe mit blitzenden Augen. In meiner Gegenwart wagen Sie es, meinen Ge⸗ mahl, den heimgekehrten Kaiſer, zu ſchmähen? Ja, das wage ich, ſagte Neipperg, ſie mit ſtolzem, trotzigem Blick anſchauend. Für mich iſt Bonaparte nicht der heimgekehrte Kaiſer, ſondern ich ſage von ihm, was heute Morgen der Kaiſer Franz ſagte, als Fürſt Metternich ihm die Nachricht von der Flucht Napoleons brachte:„Er iſt ein Abenteurer, der jetzt ſeine letzte Rolle ſpielt.“ Oh, mein Gott, murmelte Marie Louiſe, ſchweigen Sie doch! Gönnen Sie mir doch die Hoffnung auf die Zukunft. Nein, rief Neipperg mit einem grauſamen Lächeln, nein, ich will nicht ſchweigen! Sie haben vorher kein Erbarmen mit mir gehabt, jetzt will ich auch keins haben. Sie haben vor mir gejubelt über die Rück⸗ kehr Napoleons, jetzt ſollen Sie auch von mir den Jubel über das Ende dieſes Abenteurers hören müſſen. Und ich ſage Ihnen, Madame, 490 dieſes Ende wird anders ſein, wie Bonaparte in ſeinem ſtolzen Hoch⸗ muth es vermeint, es wird den ſchmachvollſten Fluch an ſeiner Stirn tragen, den Fluch der Lächerlichkeit! Statt daß man bisher den ge⸗ ſtürzten Kaiſer bewunderte und faſt beklagte, wird man von jetzt an den flüchtigen Abenteurer, welcher mit ſeinen tollen Theatercoups Fiasco macht, verlachen und verhöhnen, und er wird für ganz Europa die Zielſcheibe des Spottes, der Bosheit und des Witzes werden. Ew. Majeſtät ſagen, Napoleon werde ſich nach Paris wenden, nach Frank⸗ reich gehen. Nun wohl, möge er es thun! Das franzöſiſche Volk wird ihn mit Verwünſchungen empfangen, die Armee, welche mit enthu⸗ ſiaſtiſcher Liebe an dem guten König hängt, dem ſie Treue geſchworen, die Armee wird ihm ihre Waffen entgegenſtrecken, und ſich nicht noch einmal von den leeren Verſprechungen des Mannes verlocken laſſen, der ſeit zwanzig Jahren ſie von Krieg zu Krieg geſchleppt hat, indem er immer verſicherte, daß er nur den Frieden begehre und erkämpfe. Frankreich war gefaßt auf ſolchen Handſtreich des Abenteurers Napo⸗ leon, und es iſt bereit, ihn mit Gewalt zurückzuweiſen. Schon ſeit Wochen iſt die ganze Küſte Frankreichs mit einem ſtarken Militair⸗ Cordon beſetzt, und mächtige Kriegsſchiffe kreuzen unfern der Ufer. Kein Schiff, kein Boot kann unbemerkt ſtch Frankreich nähern, und wenn Napoleon mit ſeinen hundert Garden und drei Schiffen daher tommt, wird das Hohngelächter, welches ihn von den franzöſiſchen Schiffen und von dem Ufer her empfängt, ihm beſſer als rollende Kanonenkugeln das Scheitern ſeines abenteuerlichen Kaiſerunternehmens anzeigen. Aber nehmen wir an, daß es ihm gelingt zu landen, daß er unter einer Verkleidung den Boden Frankreichs betritt, daß er einige Abenteurer findet, welche ſich ihm anſchließen, ſo wird doch die ganze Nation ſich wider ihn erheben, und auf ihre Wittwen und Waiſen zeigend, wird ſie rufen: Wir wollen Dich nicht, Dich, den Mörder unſerer Söhne und Männer, wir verwünſchen Dich, den Menſchen⸗ ſchlächter! Wir wollen Frieden, Frieden, und den giebt und erhält uns unſer König. Hebe Dich weg von uns! Frankreich verwirft den Tyrannen, der es ſo lange unterjocht, ſo lange ſeine Freiheit unter⸗ drüc desy Fra iſ ieb es 1 kom — 491 drückt hat. Frankreich will frei ſein, und es ſchaudert zurück vor Deiner despotiſchen Hand! Nein, rief Marie Louiſe trotzig, nein, Sie irren ſich, mein Herr! Frankreich wird des Ruhmes gedenken und der Siege, mit welchen der Kaiſer es wie mit einer Glorie umſtrahlt hat, Frankreich wird der Liebe gedenken, welche ſein großer Kaiſer ihm ſtets bewieſen hat, und es wird ihm ſeine Arme entgegenſtrecken, und wird ihn jubelnd will⸗ kommen heißen, und ihn anerkennen als ſeinen Kaiſer! Nun wohl, nehmen wir an, daß es ſo ſei, ſagte General Neipperg, glauben wir, daß die Hoffnungen Eurer Majeſtät ſich verwirklichen, daß Napoleons abenteuerliches Unternehmen von Erfolg gekrönt wird, und er ſich wieder zum Kaiſer von Frankreich erhebt. Sein erſter Schritt auf den Thron iſt für ganz Europa eine Kriegserklärung und alle Mächte ſind entſchloſſen, dieſe Kriegserklärung anzunehmen und den Friedensſtörer zu bekämpfen auf Leben und Tod. Schon haben die Regenten von Oeſterreich, Rußland, England und Preußen ſich hier zum neuen Kampf verbündet, ſchon rufen ſie ihre Heere, und jubelnd werden ihre Soldaten zu den Fahnen eilen und wieder hinziehen nach Frankreich. Und inmitten dieſer Heere, die voll Siegesmuth von allen Seiten herbeiſtrömen, ſteht Napoleon allein, ohne Bundesgenoſſen, ganz Europa gegen ſich gewaffnet. Wird er die Kraft haben, er mit ſeinem geſchwächten Heer, das den Glauben an ſeine Unüberwindlichkeit und das Glück des Kaiſers ſchon auf den Schneefeldern von Rußland ein⸗ gebüßt hat, wird er die Kraft haben, den Armeen aller europäiſchen Mächte die Stirn zu bieten? Marie Louiſe ſenkte traurig ihr Haupt. Ich ſehe wohl, ſeufzte ſie, er iſt verloren. Ja, rief General Neipperg triumphirend, ja, er iſt verloren. Zum zweiten Mal werden wir ihn vernichten, zum zweiten Mal werden wir ihn ſeines Theaterputzes, ſeiner Kaiſerkrone und ſeines Kaiſermantels entkleiden. Aber dies Mal wird man weniger großmüthig, weniger reſpectvoll ſein. Vor einem Jahr war Napoleon noch der Kaiſer, welchen man beſiegt hatte und dem man Rückſicht ſchuldig zu ſein 492 glaubte, jetzt wird er der gefangene Abenteurer ſein, den man verurtheilt und richtet. Sie wollen ihn hinrichten? rief Marie Louiſe entſetzt. Nein, ſagte Neipperg ruhig, mag er leben, ein Leben der Demü⸗ thigung, der Erniedrigung, des Hohns und der Schande. Verbannt auf irgend eine wüſte Inſel im Ocean, oder in einem Käfig umher⸗ geführt, um den Völkern gezeigt zu werden als die Geißel Gottes, die einſt geſandt worden, um die Völker zu ſtrafen, die Gott aber jetzt bei Seite geworfen hat. Er wird bei Gott und Menſchen kein Erbarmen finden, er wird allein ſein, ganz allein. Doch nein, ich irrte mich, ſeine Gemahlin wird bei ihm ſein und auch ſein Sohn. Sie werden ſeine Schmach, ſeine Demüthigung mit ihm theilen, ſie werden mit ihm in der Wüſte des Weltmeers oder im Gefängniß leben. Oh, Marie Louiſe wird ſich unſterblich machen, und wenn man auch dereinſt von ihr ſagen wird:„ſie war eine ſchlechte Patriotin, denn ſie verrieth ihr deutſches Vaterland, ſie war eine undankbare Tochter, denn ſie ver⸗ ließ ihren Vater“, ſo wird man doch bewundernd hinzuſetzen:„aber ſie war eine treue Gattin, denn ſie folgte dem Feind ihres Vaterlandes, ihres Hauſes, in das Elend und die Schande, ſie bewunderte ihn, ob⸗ gleich ganz Frankreich ihn verhöhnte, ſie liebte ihn, obgleich Er ſie ſelber niemals geliebt, ihr immer die Treue gebrochen und es ihr nie vergeben hat, daß ſie ihm nicht nach Elba gefolgt war, ſondern dieſe Ehre ſeinen Geliebten überlaſſen hatte.“— Oh, zu denken, daß Marie Louiſe, meine Herrin, die geliebte Tochter ihres Vaters, die von Oeſter⸗ reich angebetete deutſche Fürſtin, daß dieſe edle, ſtolze, tugendhafte Frau dazu verurtheilt iſt, an der Seite eines corſiſchen Abenteurers durch die Welt zu ziehen ohne Heimath, ohne Vaterland, ohne Namen und ohne Ehre! Denn täuſchen Sie ſich nicht, Fürſtin, an dieſer Stunde hängt Ihre ganze Zukunft, in dieſer Stunde entſcheiden Sie über den Rang, den Sie künftig in der Welt einnehmen, den Sie Ihrem Sohne geben wollen! Was ſagen Sie? fragte Marie Louiſe entſetzt. Wie kann ich jetzt entſcheiden über meine Zukunft, ich, eine arme, willenloſe Frau? Sie ſollen in dieſer Stunde einen Willen haben, ſagte Neipperg ſeierb ich k Han hanz ſch üſe nit iſt, fiht die Au vor wo De ſei nſt ſie en 493 feierlich. Ihr Herr Vater, der Kaiſer, ermächtigt Sie dazu. Fürſtin, ich komme im Auftrag des Kaiſers. Er legt Ihre Zukunft in Ihre Hand, und gleich den Monarchen von Rußland und Preußen, gleich ganz Europa, wartet er auf Ihre Entſcheidung. Die Mächte haben ſich vereint zum Kriege gegen Napoleon, und in dieſem großen euro⸗ päiſchen Kriege wollen und dürfen ſie keine Neutralität dulden. Wer mit Napoleon geht, der iſt ihr Feind, den ſie angreifen, wer wider ihn iſt, der iſt ihr Bundesgenoſſe, den ſie beſchützen und für deſſen Wohl⸗ fahrt ſie ſorgen. Sie fragen jetzt die einſtige Kaiſerin von Frankreich, die einſtige Gemahlin Napoleons, auf welche Seite ſie ſich ſtellen will, — auf die Seite Napoleons, oder auf die Seite der Verbündeten? Auch für Sie iſt die Zeit der Neutralität vorüber, und auch Sie müſſen vor ganz Europa ſich offen erklären. Wollen Sie zu Napoleon ſtehen, wohlan, der Kaiſer Franz geſtattet es Ihnen, er will die Feindin Deutſchlands nicht mehr zwingen, ſich ſeine Tochter zu nennen und in ſeinem Hauſe zu wohnen. Das heißt, er will mich verſtoßen? rief Marie Louiſe entſetzt. Das heißt, er geſtattet Ihnen, mit Ihrem Sohne zu Ihrem Ge⸗ mahl zurückzukehren, und er wird vergeſſen, daß die Gemahlin des Abenteurers Napoleon einſt ſeine Tochter war und daß er ihren Sohn als ſeinen Enkel geliebt hat. Die Monarchen, welche ſich einſt für die Tochter des Kaiſers Franz, für die deutſche Erzherzogin, die entthronte Kaiſerin verwandten, und ihre Zukunft ſichern, und ſie zur Souverainin eines ſchönen und reichen Herzogthums machen wollten, die Monarchen geben es auf, für Diejenige zu ſorgen, welche ſich laut zu ihrer Feindin bekennt, und einem Mann anhängt, welcher der Feind Deutſch⸗ lands, der Feind ganz Europa's iſt; ſie ziehen ihre Hand zurück von der Gemahlin Napoleons, und ſie mag ſein Loos mit ihm theilen, aber nimmer wird ſie Herzogin von Parma werden, nimmer wird ſie als Erzherzogin von Oeſterreich in die Staaten ihres Vaters zurück⸗ kehren dürfen. Oh Gott, Gott, ſchrie Marie Louiſe in Todesangſt, was ſoll ich denn thun, um dies Unheil von mir abzuwenden? Was kann ich be⸗ 494 ginnen, um meinem Vater, um den Monarchen zu beweiſen, daß ich nicht eine Feindin meines Vaterlandes und meines Kaiſers bin? Madame, ich ſagte Ihnen erſt, was der Kaiſer von Oeſterreich, was die Verbündeten thun werden, wenn Sie ſich auf Napoleons Seite ſtellen wollten. Es bleibt mir noch übrig zu ſagen, was ſie thun werden, wenn Sie ſich als deutſche Prinzeſſin, als Erzherzogin von Oeſterreich, als die Tochter Ihres kaiſerlichen Vaters offen und frei zu den Alliirten, zu den Geſinnungen Ihres Vaters, Deutſchlands und ganz Europa's bekennen wollen. Geben Sie ein Zeugniß, daß Sie dies thun, ſagen Sie ſich feierlich los von Napoleon, und der Kaiſer, Ihr Vater, wird Sie mit Thränen des Entzückens in ſeine Arme ſchließen und er wird Ihren Sohn als ſeinen Enkel ſegnen und be⸗ hüten, und Sie Beide lieben und heilig halten. Sagen Sie ſich heute, in dieſer Stunde los von Napoleon, und die Monarchen und alle Mit⸗ glieder des Congreſſes werden morgen ſchon in feierlicher Sitzung es für ihre erſte, ihre heiligſte Pflicht erachten, die Zukunft der Erz⸗ herzogin Marie Louiſe zu ſichern; ſie werden Sie einſtimmig und un⸗ abänderlich zur Herzogin von Parma erklären, und morgen ſchon wird Marie Louiſe die freie, ſelbſtſtändige und unabhängige Souverainin eines Herzogthums, geſichert gegen alle Wechſelfälle des Schickſals, ſein. Und mein Sohn? fragte Marie Louiſe lebhaft. Der Kaiſer von Oeſterreich wird ſeinem Enkel, dem er die Erb⸗ folge in Parma nicht zugeſtehen darf, eine glänzende Dotation in Böhmen geben, und ihm den Titel eines Herzogs von Reichſtadt ver⸗ Heihen, wie er das ſchon früher beſchloſſen hat. Aber wie ſoll ich mich feierlich losſagen von Napoleon, fragte Marie Louiſe, wie muß ich es anfangen, damit man mir glaubt, daß ich keine ehrgeizigen Wünſche mehr hege und kein Gelüſte mehr trage nach der franzöſiſchen Kaiſerkrone? Setzen Sie ſich dort an Ihren Schreibtiſch, Madame. Schreiben Sie ein kurzes, zärtliches Billet an den Kaiſer, Ihren Vater. Schreiben Sie Sr. Majeſtät, daß Sie ihn bitten, was auch Napoleon fordern möge, Sie und Ihren Sohn unter keiner Bedingung wieder an ihn auszuliefern. Verſichern Sie ihn mit heiligem Schwur, daß Sie dem Unte von Sch und einr m 495 Unternehmen Napoleons ganz fremd ſind, daß Sie nichts gewußt haben von ſeinen Plänen und ſtellen Sie ſich und Ihren Sohn unter den Schutz des Kaiſers und ſeiner Alliirten. Warten Sie, rief Marie Louiſe, zu ihrem Schreibtiſch ſtürzend und ſich vor demſelben niederlaſſend, wiederholen Sie mir doch noch einmal, ſagen Sie mir, was ich ſchreiben muß. Dictiren Sie mir! Nun wohl denn, haben Ew. Majeſtät die Güte zu ſchreiben: „Mein gnädigſter Vater! Noch ganz bewegt und erſchüttert von der furchtbaren Nachricht, die ich ſo eben erhalten, eile ich, Ew. Majeſtät zu beſchwören, mir Ihre Gnade nicht zu entziehen und Ihre unglück⸗ liche und gehorſame Tochter nicht von Ihrem Herzen zu verſtoßen. Ich ſchwöre Ew. Majeſtät, daß ich dem Unternehmen Napoleons ganz fremd bin, nichts gewußt habe von ſeinen Plänen, und nichts wünſche und begehre, als aus den Händen meines kaiſerlichen Vaters allein meine Zukunft zu empfangen. Ich beſchwöre Ew. Majeſtät, mich und meinen Sohn unter Ihre Obhut zu nehmen, und ich ſtelle mich hier⸗ mit feierlich unter den Schutz Ew. Majeſtät und der alliirten Souve⸗ raine. Zugleich erſuche ich Ew. Majeſtät, meinem mütterlichen Herzen einen Wunſch zu erfüllen, und mir gnädigſt zu geſtatten, daß ich meinem Sohn das herrlichſte und ehrenvollſte Geſchenk mache, daß ich ihm den Namen ſeines Großvaters gebe, und ihn von heute an Franz benenne, auch meine Dienerſchaft anweiſe, ihn von jetzt an nicht an⸗ ders zu benennen. Mögen Ew. Majeſtät dies als einen kleinen Be⸗ weis der treuen und kindlich ergebenen Geſinnung betrachten, mit der ich bin Ew. Majeſtät ganz gehorſame Tochter Marie Louiſe.*) Ach, rief Marie Louiſe, nachdem ſie zu Ende geſchrieben, die Feder bei Seite werfend, jetzt bin ich Herzogin von Parma. Mit haſtigen Händen faltete ſie das Papier zuſammen und adreſſirte es. Dann ſtand ſie auf, und mit dem Papier in der Hand näherte ſie ſich dem Grafen, der mit ſtrahlendem Angeſicht ihr ent⸗ gegen ſchauete. Hier, General, ſagte ſie, mit einem ſanften Lächeln ihm das Billet *) Ménéval: Mémoires. III. 142. . 496 darreichend, tragen Sie dies Billet zu meinem Vater. Ich ſelber werde ihm ſagen, daß Sie heute den ſchwerſten und größten Ihrer Siege gefeiert haben, den Sieg über ein menſchliches Herz. Sie haben meinem rebelliſchen Herzen eine tüchtige Schlacht geliefert, und zwar mit ſcharfen zweiſchneidigen Waffen, aber Sie haben damit die übermüthige, ehrgeizige Kaiſerin beſiegt, und ſie in eine gehorſame Erzherzogin verwandelt. Sie haben mich beſiegt, General, und dennoch, ja dennoch danke ich Ihnen, und werde dieſer Stunde nie vergeſſen! Graf Neipperg erwiederte nichts, er knieete vor Marie Louiſe nieder und preßte die Hand, welche ihm das Billet darreichte, an ſeine glühen⸗ den Lippen und ſchaute dann zu ihr auf mit einem ſeligen entzückten Ausdruck. Auch ich werde dieſer Stunde nie vergeſſen, flüſterte er, ſie wird das ſchönſte Beſitzthum meines Lebens bleiben! Stehen Sie auf, Graf, ſagte Marie Louiſe beklommen, der Kaiſer wird Sie erwarten. Bringen Sie ihm mein Billet. Graf Neipperg erhob ſich, verneigte ſich tief und wandte ſich der Thür zu. Graf, rief Marie Louiſe, noch ein Wort! Sofort wandte der Graf ſich um, und kehrte zu ihr zurück. Ich bemerke, daß Sie einen ſchwarzen Flor um Ihren Arm tragen, ſagte Marie Louiſe haſtig. Sie haben alſo Trauer? Wer iſt Ihnen denn geſtorben, und wen haben Sie zu beweinen? Ew. Majeſtät, ſagte der Graf mit ſeltſam bewegtem Ton, ich er⸗ hielt heute Morgen eine ganz unerwartete Nachricht. Ich bin Wittwer, meine Gemahlin iſt nach zweitägiger Krankheit plötzlich geſtorben.*) Marie Louiſe zuckte zuſammen, eine tiefe Purpurgluth flog über ihre Wangen hin, und vor dem glühend auf ſie gehefteten Blicke des Grafen ſchlug ſie Lefangen die Augen nieder. Graf Neipperg trat noch dichter zu ihr hin, und mit zitternder bewegter Stimme flüſterte er: Ew. Majeſtät fragten mich, wer mir *) Ménéval: Mémoires. III. 221. geſto ich l nein darf nei mer er ein „) c—— er 497 geſtorben, und wen ich beweinte. Geſtorben iſt mir die Gemahlin, aber ich beweine ſie nicht, und als ich die Trauerbotſchaft erhielt, jauchzte mein ſündiges Herz, und ich rief freudig: ich bin frei. Mein Herz darf ſein Idol lieben und anbeten, und Niemand darf ſagen, daß meine Liebe ein Verbrechen iſt! Ich bin frei! Er neigte ſich auf die Hand Marie Louiſens, drückte einen flam⸗ menden Kuß auf dieſelbe, und eilte hinaus. Marie Louiſe ſchaute lange noch nach der Thür hin, durch welche er verſchwunden war. Dann hob ſie die großen blauen Augen mit einem vorwurfsvollen Ausdruck zum Himmel empor. Er iſt frei, flüſterte ſie. Er darf lieben ohne Sünde,— aber ich? Oh mein Gott, ich? III. Das unterbrochene Feſt. Fünf Tage der Ruhe und des Schweigens waren dieſem erſten Donnerſchlag des über Europa hereinbrechenden Gewitters gefolgt, und keine weitern Nachrichten von dem Unternehmen Napoleons waren bis jetzt nach Wien gelangt. Dennoch konnte man an der Kunde von der Flucht Napoleons nicht mehr zweifeln, denn an jenem erſten Tage waren noch zwei weitere Couriere von Genua angelangt, und ſie hatten die Nachricht beſtätigt. Napoleon hatte wirklich Gelegenheit gefunden, der Wachſamkeit der engliſchen Schiffe zu entgehen und die Inſel Elba zu verlaſſen. Freilich war der Commodore Sir Colin Campbell in der letzten Zeit mit ganz andern Dingen beſchäftigt geweſen, als mit der Be⸗ wachung Napoleons, und ſtatt den Blick auf Elba geheftet zu haben, hatte er ihn nach Livorno hingewandt, nach Livorno, wo die Frau jetzt weilte, welche er liebte, nach Livorno, wo die ſchöne Gräfin Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 5 32 498 Ildefonſe wohnte, und Sir Colin Campbell zu ſich lockte mit ihrem bezaubernden Angeſicht. Der Commodore hatte nicht die Kraft ge⸗ funden, den Liebesblicken der Zauberin zu widerſtehen, und ſtatt mit ſeinem Schiff die Inſel Elba zu bewachen, hatte er es immer wieder nach Livorno gelenkt, um dort in den Zaubergärten ſeiner Armida alles Andere zu vergeſſen, außer ſeine Liebe.*) Dieſe häufige Abweſenheit von den Küſten Elba's hatte die Flucht des Kaiſers außerordentlich begünſtigt, und es ihm möglich gemacht, die hohe See zu erreichen, ohne von irgend einem Unfall aufgehalten zu werden. Das waren die Nachrichten, welche die beiden andern Couriere von Genua nach Wien gebracht, und welche wie ein Blitz in allen Ge⸗ müthern gezündet hatten. Jedermann kannte jetzt die große, welter⸗ ſchütternde Neuigkeit, Jedermann war in lebhafter Spannung, die weitere Entwickelung dieſes großen Drama's, das Napoleon der Welt darſtellen wollte, zu ſchauen, und mit glühender Neugierde wandten ſich Aller Blicke dem Kaiſerhofe zu, ſuchten ſie in den Angeſichtern der Monarchen und der Diplomaten den Eindruck zu leſen, den das große Ereigniß auf ſie gemacht. Aber der Kaiſerhof bot immer noch das Bild des ſorgloſen Glüces, der ungetrübten Feſtlichkeit dar, und immer noch ſchienen die Mo⸗ narchen und Diplomaten nur darauf bedacht, ihre„Ferien in Wien“ möglichſt heiter und in glänzender Feſtlichkeit zu durchjubeln. Nichts hatte ſich daher geändert in der Phyſiognomie des Congreſſes und der Geſellſchaft. Am Abend des Tages, an welchem die Nachricht von der Flucht Napoleons in Wien eingetroffen, hatte wirklich das von der Kaiſerin veranſtaltete Feſt ſtattgefunden, und die Gräfin Edmonde von Perigord hatte wirklich, wie ihr Talleyrand das am Morgen prophezeihte, als junge Debütantin in dem Vaudeville,„der unterbrochene Tanz“ einen glänzenden Triumph gefeiert. Der Theater⸗ Aufführung war ein Ball gefolgt, und man hatte ſich dem Tanz und den Vergnügungen des *) Mémoires du Puc de Rovigo. VII. S. 350. Aber hier Nier konn riich und ſter An alle Bl keir ſcht rin ord als nen zall des 499 Abends mit derſelben ſorgloſen Heiterkeit hingegeben, mit der man bis hierher jeden Tag hatte ſcheiden, jeden neuen Tag hatte kommen ſehen. Das Publikum ſah nur die Oberfläche, nur den heitern Schein, Niemand konnte das Geheimniß der Conferenzen durchdringen, Niemand konnte Nachricht geben von dem, was Talleyrand, der Miniſter Frank⸗ reichs, täglich mit den Miniſtern von Oeſterreich, Preußen, Rußland und England beſprach und verabredete. Die Diplomaten beobachteten ein tiefes Schweigen, ſie legten den ſternfunkelnden Schleier der Feſte und Zerſtreuungen über ihre ernſten Angeſichter, ſie beriethen ſich in der Stille, und vergnügten ſich vor aller Welt. Fünf Tage alſo, wie geſagt, waren vergangen ſeit jenem erſten Blitzſtrahl, der von Elba herübergeflammt war, und noch immer waren keine weitern Nachrichten angelangt. Man ſchien alſo in Wien ganz heiter und unbeſorgt zu ſein und vielleicht um der Welt zu beweiſen, daß man es ſei, hatte Fürſt Metternich für heute, den zwölften März, ein großes glänzendes Ballfeſt arrangirt. Alle dieſe glänzenden Säle waren heute wieder feſtlich decorirt und leuchteten wieder im Glanz der Lichter, der Spiegel und der Gold⸗ verzierungen, und lächelnd, ruhig und heiter wie immer, durchſchritt Fürſt Metternich in ſeiner goldgeſtickten Staatsuniform, die Bruſt be⸗ deckt mit funkelnden Orden, die Säle, mit liebenswürdiger Befliſſenheit ſeine Gäſte empfangend. Er hatte wieder die ganze hochariſtokratiſche Geſellſchaft eingeladen, welche ſich täglich hier und dort in den Salons, oder in den Kaiſerſälen zuſammentraf. Alle Diplomaten des Con⸗ greſſes, der ganze hohe Adel, alle in Wien anweſenden Fürſten hatten von Metternich zu dem heutigen Ballfeſt eine Einladung erhalten, und ſie angenommen Kaiſer Franz mit ſeiner Gemahlin und ſeinem ganzen Hof hatte ſein Erſcheinen zugeſagt, der König von Preußen hatte durch ſeinen General⸗Adjutanten dem Fürſten ſeinen Beſuch anmelden laſſen und der König von Baiern war ſeinem Beiſpiel gefolgt. Jedermann wollte der Welt Zeugniß geben von dem guten Einvernehmen, welches unter den Mächten herrſcht, von dem freudigen Zuſammengehen und 32* . 500 Zuſammentanzen mit dem öſterreichiſchen Miniſter, dem Präſidenten des Congreſſes. Fürſt Metternich aber ſollte heute noch eine andere Genugthuung empfangen. Er hatte ſich wohl gehütet, den Kaiſer von Rußland oder irgend ein Mitglied der kaiſerlichen Familie einzuladen, er hatte es ſogar vermieden, an die ruſſiſchen Großen ſeine Inritationen zu ſenden. Sie waren bei ſeinem letzten Ballfeſte trotz der angenommenen Einla⸗ dung nicht erſchienen, weil Kaiſer Alexander ſein Kommen verweigert hatte. Fürſt Metternich wollte alſo ihnen und ſich einen abermaligen Refus erſparen, und da er den Kaiſer Alexander nicht einzuladen wagte, hatte er den Ruſſen überhaupt keine Einladungen geſandt. Aber auf einmal öffneten ſich die Thüren des erſten Salons, und man ſah da die Kaiſerin Eliſabeth, die Großfürſtin Katharina in reicher, glänzender Toilette, ſtrahlend von Brillanten, neben ihnen den Kaiſer Alexander in der Uniform ſeines öſterreichiſchen Regiments und hinter ihm das glänzende Gefolge der Hofdamen, Generäle und Adju⸗ tanten des Kaiſers. Fürſt Metternich war eben, in der Mitte des zweiten Salons ſtehend, mit dem König von Preußen und dem Herzog von Wellington in einem lebhaften Geſpräch begriffen, und zufällig richtete ſich ſein Blick nach dem erſten Salon hin, da ſah er durch denſelben einher⸗ ſchreiten die hohe glänzende Geſtalt des Kaiſers Alexander, neben ihm die beiden Damen, welche ihm entgegenſchauten mit einem holden, gü⸗ tigen Lächeln. Fürſt Metternich unterbrach ſich mitten in einem angefangenen Satze; ſich vor dem König Friedrich Wilhelm verneigend und um Ent⸗ ſchuldigung bittend, eilte er dem Kaiſer entgegen. Alexander trat raſcher, den Damen vorauseilend, auf ihn zu und reichte ihn mit einem freundlichen Kopfneigen die Hand dar. Fürſt Metternich, ſagte er laut genug, um von der lauſchenden, athemloſen Geſellſchaft verſtanden zu werden, Fürſt Metternich, ich komme mit meinen Damen, um mir mit ihnen Entſchädigung zu ſuchen für das vorige Ballfeſt, bei dem wir nicht gegenwärtig waren. Aber werden Ihnen auch die ungebetenen Gäſte willkommen ſein? ert gen gte, und den und ju⸗ ons ton ſein er⸗ hm nen nt⸗ und ürſt ſen mit das den 501 Sire, rief Metternich mit ſtrahlendem Angeſicht, ich finde keine Worte, um Ew. Majeſtät zu danken für die gnädige Auszeichnung, die Ew. Majeſtät mir wiederfahren laſſen, und ich bin noch ſo berauſcht davon, daß ich kaum weiß, ob ich wache oder ob dies nur ein goldener Feentraum iſt. Oh, ich dächte, der Herr Bonaparte hat uns ſchon einmal wieder aus allen Feenträumen aufgeſchreckt, rief Alexander, und wir, Metter⸗ nich, wir wollen jetzt zuſammen wachen und handeln. Alles ſei ver⸗ geſſen, und ſo lange wir leben, ſoll von dieſem Gegenſtand, der uns veruneinte, niemals wieder die Rede ſein. Wir haben jetzt wichtigere Dinge zu thun, Napoleon iſt zurückgekehrt, und unſere Allianz muß feſter ſein, denn je.*) Nicht wahr, wandte er ſich dann mit einem ſanften Lächeln an den Kaiſer von Oeſterreich, der eben zu ihnen trat, jetzt ſind Sie mit mir zufrieden, und es freut Sie, mich mit dem Fürſten Metternich wieder ausgeſöhnt zu ſehen? Sire, ſagte der Kaiſer Franz, indem er ſeine Hand auf die Hand des Kaiſers legte, laſſen Sie mich, wie der Schiller in ſeinem Gedicht ſagt, laſſen Sie mich in Ihrem Bunde der Dritte ſein! Und ich? fragte der König von Preußen, zu ihnen tretend; ſoll ich nicht auch meinen Theil haben an dieſem Bunde und dieſem Handſchlag? Ach, Sire, rief Alexander, Sie haben Theil an allem Guten, Edlen und Großen, und wenn Sie zu uns ſtehen, wird uns auch Segen und Erfolg nicht fehlen, denn über Ihnen wacht der Genius, der unſere Schwerdter ſegnet, der Genius Louiſe!— Aber wir ver⸗ geſſen, daß wir zu einem Feſte und nicht zur Conferenz verſammelt ſind, und daß wir das Wort des Fürſten Ligne immer noch bewahr⸗ heiten müſſen:„A Vienne Tunique affaire est de traiter le plaisir.“ Und jetzt ſchien ſich die ganze glänzende und auserleſene Geſell⸗ ſchaft ganz und gar nur noch dieſer einzigen Angelegenheit, dem Ver⸗ gnügen, hinzugeben. Ueberall begegnete man nur heitern, frohen Ge⸗ *) Alexanders eigene Worte. Siehe: Memoiren des Freiherrn von Wol⸗ zogen. S. 280. 502 ſichtern, überall lachte und ſcherzte man, und als endlich in dem großen glänzenden Tanzſaal die Muſik begann und ihre berauſchenden, jubeln⸗ den Klänge ertönen ließ, ſah man bald die Fürſten und Diplomaten mit den reizenden Damen im Tanz dahin ſchweben. Freilich bildeten ſich auch hier und da einzelne Gruppen, in denen man nicht blos ſchäkerte und lachte, freilich begegnete man unter dieſer glänzenden frohlockenden Menge auch zuweilen bedenklichen Geſichtern, und manches ernſte Geſpräch durfte ſich, begleitet von den ſchmettern⸗ den Tönen der Muſik, in den Tanzſaal wagen. Hier und da in den Fenſterniſchen ſtanden die Diplomaten und Staatsmänner bei einander, die Zukunft mit einander berathend und immer wieder zurückkommend auf die große Frage, auf welche man noch immer keine Antwort wußte, die große Frage: wohin iſt Napoleon ge⸗ gangen? Wo wird er landen? Er wird nicht nach Frankreich gehen, ſagte Talleyrand, welcher da drüben mit dem König von Baiern und dem Staatskanzler von Harden⸗ berg in der Fenſterniſche ſtand. Wohin er auch gehen möge, rief der König von Baiern, wo er auch den Herentanz wieder beginnen möge, ich werde zu den Muſikern gehören, welche ihm aufſpielen.*) Und ich denke, wir werden mit dem Herrn Bonaparte den Kehr⸗ aus tanzen, ſagte Hardenberg lächelnd. Aber was iſt das? Sehen Ew. Majeſtät nur, mit welcher Lebhaftigkeit der Kaiſer Franz ſich da dem Kaiſer Alexander nähert, während Fürſt Metternich zu dem Kö⸗ nig von Preußen hineilt. Es muß Etwas geſchehen ſein, irgend eine Nachricht— In dieſem Augenblick näherte General Hardegg ſich den Herren. Sire, ſagte er, ſich dem König von Baiern zuwendend, Sire, ſo eben ſind zwei Couriere aus Frankreich angelangt, der eine an den Fürſten Metternich, der andere an den Kaiſer Alexander. Sie bringen Beide dieſelbe Nachricht: Napoleon iſt in Frankreich gelandet! In Frankreich? rief der König; und weiß man, wo er gelandet iſt? *) Ménéval, Mémoires. III. 131. Le ge ſei en ln⸗ ten 503 Ja, Sire, ungefähr auf derſelben Stelle, an welcher er, aus Aegypten heimkehrend, landete. Bei Cannes iſt Napoleon an das Land geſtiegen und als er den Fuß auf den Boden Frankreichs ſetzte, war ſein erſtes Wort: der Wiener Congreß iſt aufgehoben.*) Und wie hat die Bevölkerung ihn empfangen? Sire, wie man ſagt, mit wahrem Enthuſiasmus! Ach, ich muß die Herren ſprechen, rief der König, raſch aus der Fenſterniſche hervortretend und zu den Monarchen hineilend, welche in der Mitte des Saals ſtanden und lebhaft mit einander ſprachen. Die luſtige Tanzmuſik rauſchte noch immer, die Paare hatten ſich bis jetzt in wirbelnden Kreiſen gedreht. Aber jetzt auf einmal war es, als ob ein Zauberwort ſie Alle bannte, jetzt auf einmal verſtummte das heitere Geplauder, verblich das Lächeln auf allen Geſichtern. Mit erſchrockenen Blicken ſchaute man einander an, und die zitternden Lippen flüſterten; er iſt in Frankreich! Die Muſik jauchzte und klang immerfort und rief mit ihren jubeln⸗ den Tönen die Ballgäſte zum Tanz. Aber die Paare ſtanden wie ge⸗ feſſelt da und der Raum für die Tanzenden blieb leer. Alle Geſichter waren bleich und entſetzt, es ſchien, als ſei ein Geſpenſt durch den glänzenden Ballſaal dahingegangen und habe Alles angehaucht mit ſeinem eiſigen Todesathem; ſelbſt die Lichter auf den Kronleuchtern ſchienen trüber zu brennen, die Diamanten der Damen matter zu funkeln, und die Muſik ſchien Allen nur noch entgegenzukreiſchen: „Napoleon iſt in Frankreich!“ Niemand mochte mehr tanzen nach dieſer fürchterlichen Muſik. Sie ſchmetterte an Aller Ohren wie die Drommete des jüngſten Gerichtes. Endlich, da die Muſici ſahen, daß ihre Klänge vergeblich die Tänzer lockten und riefen, endlich verſtummten auch ſie, und bei dieſem unerwarteten, überraſchenden Schweigen hörte man die Stimme des Kaiſers Alexander, welcher, Talleyrand gegenüber ſtehend, ſoeben zu dieſem ſagte: ich hatte es Ihnen vorher geſagt, daß die Dinge nicht *) Comte de la Garde: Mémoires. IV. 124. 504 lange ſo fortgehen könnten, und daß Napoleon nicht, wie ſie meinten, ein todter Mann ſei.*) Talleyrand, bleich und ſichtbar erſchüttert, verneigte ſich, und fand kein Wort der Erwiderung. Alexander wandte ſich von ihm und zu dem Kaiſer Franz hin⸗ tretend, flüſterte er: jetzt iſt es Zeit, daß wir uns öffentlich gegen Na⸗ poleon ausſprechen. Ein Glück, daß Ihre Frau Tochter ſich feierlich für uns erklärt, und Bonaparte entſagt hat. Wir haben alſo keine Rückſicht zu nehmen. Die Herzogin von Parma wird uns nicht zürnen, wenn⸗wir den Bannſtrahl gegen Bonaparte ſchleudern. Sind Ew. Ma⸗ jeſtät nicht auch der Meinung, daß wir jetzt ſprechen müſſen? Ja, ſagte Kaiſer Franz gelaſſen, das Gewitter muß losbrechen. Der Bonaparte hat geblitzt, jetzt wollen wir donnern, und ganz Europa ſoll uns vernehmen. Kommen Sie, Sire. Er nahm den Arm Alexanders, und verließ, gefolgt vom Fürſten Metternich, den Saal. In dieſem Moment ſah man den König Friedrich Wilhelm dem Herzog von Wellington und dem Staatskanzler von Hardenberg mit der Hand einen Wink geben, und ſich dann auch der Thür zuwenden. Die beiden Herren folgten ihm und entfernten ſich mit ihm, und jetzt ſchlich auch Talleyrand mit ſeinen franzöſiſchen Be⸗ gleitern leiſe und ſchnell von dannen; hier und dort ſah man jetzt auch andere Diplomaten durch die Säle dahin ſchlüpfen und dem Aus⸗ gang zueilen. Immer ſtiller, immer leerer ward es in den Sälen, ohne Wort und ohne Gruß eilte man fort, und das Vaudeville, das man an jenem Abend, als die Nachricht von Napoleons Flucht anlangte, zum erſten Mal im Scherz aufgeführt hatte, das Vaudeville„Der unterbrochene Tanz,“ es fand jetzt bei der Nachricht von Napoleons Heimkehr nach Frankreich ſeine zweite Wiederholung, aber ſehr im Ernſt, und die Ge⸗ ſichter aller der unfreiwilligen Mitſpieler waren bleich und verſtört. Der Congreß in Wien, er war von dieſer Stunde an wirklich ein *) Comte de la Garde. IV. 123. unt lun Ve dem hatt den nten, fand 505 „unterbrochener Tanz“, und jetzt konnte man nicht mehr ſagen: A Vienne, l'unique affaire est de traiter le plaisir! Napoleon hatte wohl dafür geſorgt, daß man endlich auf dem Wiener Congreß ſich auch mit ernſten Dingen beſchäftigen mußte, und dem„tanzenden Congreß“ hatte er ein Ende gemacht. Das Gewitter war wieder über Europa heraufgezogen. Napoleon hatte, wie Kaiſer Franz ſagte, geblitzt, und jetzt mußten die Alliirten den Donner vernehmen laſſen. Dieſer Donner erdröhnte am Morgen des dreizehnten März, und in der Nacht des unterbrochenen Ballfeſtes beim Fürſten Metternich hatten die Alliirten ihn vorbereitet. Am dreizehnten März erſchien die feierliche Proclamation der ver⸗ bündeten Monarchen, in welcher ſie vor ganz Europa Napoleon in die Acht erklärten. Dieſe Proklamation lautete: „Die Mächte, welche den Tractat von Paris unterzeichnet haben, jetzt n Congreſſe in Wien vereinigt, und unterrichtet ſind von der Entweichung Napoleons, wie auch von ſeinem Einbruch in Frankreich mit bewaffneter Hand, die Mächte erachten es ihrer Würde und des Intereſſes der öffentlichen Ordnung wegen für ihre Pflicht, eine feier⸗ liche Erklärung abzulegen über die Gefühle, welche dies Ereigniß in ihnen hervorgerufen hat.“ „Bonaparte hat durch den Bruch der Convention, welche ihn auf der Inſel Elba einſetzte, den einzigen geſetzlichen Anſpruch vernichtet, an welchen ſeine Exiſtenz geknüpft war. Durch ſein Wiedererſcheinen in Frankreich, das verbunden iſt mit Plänen der Verwirrung und des Umſturzes alles Beſtehenden, hat er ſich ſelbſt des Schutzes der Geſetze beraubt und der ganzen Welt gegenüber an den Tag gelegt, daß man nicht im Stande iſt, Ruhe und Frieden mit ihm zu haben.“ „Demgemäß erklären die Mächte, daß Napoleon Bonaparte ſich außerhalb aller bürgerlichen und geſellſchaftlichen Beziehungen geſetzt hat, und daß ſie ihn als Feind und Störer des Weltfriedens der öffentlichen Acht überliefern. Sie erklären zu gleicher Zeit, daß, feſt entſchloſſen, den Tractat von Paris vom dreißigſten März 1814 auf⸗ ——— SS— 506 recht zu halten, ſie alle ihnen zu Gebote ſtehenden Mittel anwenden wollen, damit der allgemeine Frieden, dieſer Gegenſtand der Wünſche von ganz Europa, dieſes beſtändige Ziel aller ihrer Arbeiten, nicht auf's Neue geſtört werde, und damit er geſichert ſei gegen jedes Attentat, das droht, die Völker wieder in die Unordnungen und das Unglück der Revolutionen zurückzuſtoßen.“ „Obwohl innig überzeugt, daß ganz Frankreich, ſich um ſeinen legitimen Herrſcher ſchaarend, dieſen letzten Verſuch eines verbreche⸗ riſchen und ohnmächtigen Deliriums unverzüglich in das Nichts ſchleu⸗ dern werde, erklären doch alle Souveraine Europa's, daß ſie, belebt von denſelben Gefühlen, und geleitet von denſelben Principien, auf den Fall, daß gegen alle Berechnung aus dieſem Ereigniß eine wirk⸗ liche Gefahr irgend einer Art entſtehen könnte, bereit ſein werden, dem König von Frankreich und der franzöſiſchen Nation, oder jeder andern angegriffenen Regierung, ſobald es gefordert wird, den nöthigen Bei⸗ ſtand zu leihen, um die öffentliche Ruhe wieder herzuſtellen, und ge⸗ meinſchaftliche Sache zu machen gegen alle Diejenigen, die es verſuchen wollen, ſie zu compromittiren.“*) IV. Die Biegesbotſchaft. Tiefe Stille, ununterbrochene Ruhe herrſchte nach wie vor in den Räumen des Schloſſes von Schönbrunn. Einen Moment nur war dieſe Stille von der Nachricht, welche aus Elba und Frankreich her⸗ über tönte, unterbrochen worden, dann war wieder Alles ſchweigend und lautlos geworden und keine weiteren Nachrichten waren bis zum Ohr der Kaiſerin gelangt.„ *) Fleury de Chaboulon, Mémoires etc. Vol. II. 182. ein geſo ſtrer wel ——9— nden nſche nicht edes inen eche⸗ leu⸗ elebt auf virk⸗ dem dern Bei⸗ ge⸗ chen den war her⸗ gend zum 507 Keine einzige franzöſiſche Zeitung durfte mehr die Schwelle des Schloſſes überſchreiten, und die öſterreichiſchen Zeitungen beobachteten ein ſtrenges unverbrüchliches Schweigen über Alles, was in Frankreich geſchah. Der Umgebung Marie Louiſens war es vom Kaiſer Franz ſtreng unterſagt, ihre Gebieterin von den Gerüchten zu unterhalten, welche in Wien courſirten, oder auch nur vor ihr den Namen des Kaiſers Napoleon zu nennen, und da man wußte, daß es überall auch in Schönbrunn Späher und Aufpaſſer gab, und da man vor allen Dingen fürchtete, Marie Louiſe würde das, was man ihr ſagen möchte, dem Grafen Neipperg verrathen, hütete man ſich wohl, dem Befehl des Kaiſers Franz zuwider zu handeln. Marie Louiſe wußte daher nichts von all' den Dingen, die man ſich in Wien erzählte, ſie wußte nur, daß ſie jetzt als Herzogin von Parma, Piacenza und Guaſtalla von den Monarchen anerkannt worden, daß der Kaiſer Franz im Namen Marie Louiſens vorläufig ihr neues Herzogthum adminiſtriren laſſe, und daß ſie nach wiederhergeſtelltem Frieden in Begleitung ihres erſten Miniſters, des Generals Grafen Neipperg, nach Parma ſich begeben würde. Keine Kunde, wie geſagt, von den Ereigniſſen, welche ſich in Frankreich begeben, war an ihr Ohr gedrungen; nur die Achtserklärung, welche die Alliirten gegen Napoleon geſchleudert, war Marie Louiſe von dem General Neipperg mitgetheilt worden, und nur aus dieſer hatte ſie erfahren, daß Napoleon in Frankreich gelandet war. Seit dieſem Tage indeß war Marie Louiſe ſchweigſam und trau⸗ rig geworden, das Lächeln war von ihren purpurnen Lippen gewichen, ihre Wangen waren erblaßt, oft ſaß ſie zu ganzen Stunden, gedanken⸗ voll vor ſich hinſtarrend, da, und achtete nicht auf das liebevolle Zu⸗ reden ihrer Damen, und hörte nichts von dem heitern Geplauder ihres Sohnes. Was war es, das Marie Louiſe ſo befangen und traurig machte? War es dieſe furchtbare Achtserklärung, welche ihren Gemahl, den Vater ihres Sohnes, außerhalb des Geſetzes und der Menſchen⸗ rechte erklärte? 508 War es die Sorge um das Schickſal Napoleons, die ihre Augen oft wie mit trüben Schleiern verhüllte? Niemand wußte das zu ſagen. Marie Louiſe ſprach zu Niemand, ſie ſchien angſtvoll jede Aeußerung zu vermeiden über das, was ihre Seele beſchäftigte, und verbrachte viele Stunden des Tages einſam und allein in ihren Gemächern. Nur wenn Graf Neipperg kam, ſchien ſie ſich gewaltſam aus ihrem dumpfen Hinbrüten aufzuraffen, und bemühte ſich, ihre traurige, ſchwermuthsvolle Stimmung zu überwinden, nur dann kehrte ein Lä⸗ cheln auf ihre Lippen zurück, ward ſie geſprächig und heiter. Mit dem Grafen machte ſie täglich weite Spazierritte, mit ihm muſicirte ſie und lauſchte mit einem ſanften Lächeln ſeinem herrlichen Clavierſpiel. Aber ſobald er ſie wieder verlaſſen, legten ſich die Schatten wieder über ihr Antlitz, wich das Lächeln von ihren Lippen, überließ ſie ſich wieder ihrem ſchweigenden Trübſinn. So waren vierzehn Tage vergangen und Marie Louiſe war immer ſtiller, immer ſchweigſamer geworden, und ihre Augen, welche ſonſt ſo heiter glänzten, waren jetzt geröthet, doch hatte Niemand ihre Thränen geſehen, und Niemand wußte, ob Marie Louiſe weine. Es war noch früh am Morgen und die Gräfin Montesquion hatte ſo eben, wie ſie das jeden Morgen zu thun pflegte, den jungen Prinzen zu ſeiner Mutter geführt, um ihr ſeinen Morgengruß darzu⸗ bringen. Marie Louiſe empfing den Sohn mit einem trüben Lächeln, und ihn dicht zu ſich heranziehend, legte ſie ihm leiſe die Hand auf die goldenen Locken und ſchaute ihm lange und tief in die Augen. Haſt Du mich lieb, Napoleon? fragte ſie mit leiſer, zitternder Stimme. Der kleine Prinz ſtieß einen Freudenſchrei aus und warf mit glühendem Ungeſtüm ſeine beiden Arme um den Hals ſeiner Mutter. Ach, rief er dann, ſich lebhaft wieder emporrichtend, haben Sie gehört, liebe Quiou? Meine liebe Mama Kaiſerin hat mich doch Napoleon genannt, und der kleine böſe Erzherzog hat doch gelogen. eine rief mic Ka den gen and, ihre ſam aus ige, dem und lber eder mer iſe inen atte igen rzu⸗ und die nder mit ttel⸗ ört, 509 Oh, Sire, rief die Gräfin von Montesquiou, man darf Niemand einer Lüge beſchuldigen, beſonders in ſeiner Abweſenheit. Ich will's ihm aber auch in's Geſicht ſagen, daß er gelogen hat, rief der Prinz trotzig. Ja, er hat geloger, meine Mama Kaiſerin hat mich ſo eben Napoleon genannt, und es iſt alſo nicht wahr, daß ſie den Kaiſer von Oeſterreich gebeten hat, er ſolle ihr erlauben, daß ſie mir den häßlichen Namen Franz geben darf. Aber Sire, das iſt kein häßlicher Name, ſagte die Gräfin, es iſt ja der Name Ihres Herrn Großvaters. Aber ich will nicht heißen, wie Er, rief der Prinz. Ich will heißen, wie mein Papa Kaiſer, ich will Napoleon heißen, Napoleon! Marie Louiſe zuckte zuſammen, und eine dunkle Röthe überflog ihre Wangen. Sprich nicht ſo laut, mein Sohn, ſagte ſie, angſtvoll um ſich blickend. Du weißt, Dein Großvater hört den Namen Napoleon nicht gern. Aber Du, nicht wahr, meine liebe Mama Kaiſerin, Du hörſt ihn gern? Nenne mich nicht mehr Mama Kaiſerin, ſagte Marie Louiſe aus⸗ weichend, ich bin keine Kaiſerin, ſondern nur eine Herzogin. Das Kind ſah ſie mit großen ſtaunenden Blicken an, und allge⸗ mach flammten ſeine Augen auf. Du eine Herzogin? rief er. Nein, das iſt nicht wahr! Die Marſchälle, welche meinen Papa Kaiſer ver⸗ riethen, das waren Herzöge, aber Du kannſt nicht ſein, was die Ver⸗ räther waren! Du biſt die Kaiſerin, denn mein Papa, das iſt der Kaiſer, und ich weiß recht wohl, warum der Herr Großvater von Oeſterreich den Namen Napoleon nicht gern hat. Das kommt daher, daß ihm der Kaiſer Napoleon ſo viele Schlachten abgewonnen hat. Schweig, rief Marie Louiſe heftig, und ſich an die Gräfin Montes⸗ quiou wendend, fuhr ſie in ſtrengem Ton fort: Sie ſollten um Ihrer Selbſt willen dafür Sorge tragen, daß der Prinz nicht von Dingen hört, die ſeiner Jugend und ſeiner Stellung wenig angemeſſen ſind, und welche den Kaiſer, meinen Vater, in dem Verdacht beſtärken, daß 510 Sie auf das Gemüth meines Sohnes in einer Weiſe influiren, die ſeiner Zukunft ſchädlich ſein könnte. Maman, rief der Prinz mit Thränen in den Augen, und ſich angſtvoll an die Gräfin anklammernd, oh, Maman, ſchilt meine liebe Quiou nicht. Sie hat mir nichts erzählt, ſie iſt gar nicht Schuld daran, daß ich meinen Papa Kaiſer noch immer lieb habe, und ihn gar nicht vergeſſen kann. Oh, ſieh mich nur nicht ſo böſe an, liebe Mama! Ich will ſtill ſein, ganz ſtill. Laß mich nur noch ein wenig bei Dir. Nur ſo lange, bis der Herr Graf Neipperg kommt, und Dich zum Spazierenreiten abholt. Ah, er kommt recht oft, der Herr Graf, und ſeit er ſo viel im Schloß iſt, ſehe ich meine liebe Maman ſo ſehr ſelten, und darf niemals wie ſonſt mehr in ihrem Zimmer ſpielen. Sieh doch, liebe Maman, da drüben in der Fenſterniſche, da ſteht mein Spieltiſch mit den ſchönen Soldaten. Es iſt ſo lange her, daß ich hier nicht mit ihnen ſpielen durfte, denn immer kam der Graf Neipperg, und ich durfte nicht ſtören. Aber heute iſt er nicht hier, und nicht wahr, Maman, heute erlauben Sie Ihrem kleinen Napoleon, daß er hier bleibt und noch ein wenig ſpielen darf? Bleibe, mein Sohn, ſagte Marie Louiſe ſeufzend, und Sie, Frau Gräfin, wollen Sie, wenn Sie den Prinzen an ſeinem Tiſch inſtallirt haben, ſo gütig ſein, zu mir zurückzukehren! Gräfin Montesquiou verbeugte ſich ſchweigend, und dann die Hand des Prinzen nehmend, führte ſie ihn zu dem letzten Fenſter des Sa⸗ lons, in deſſen tiefer Niſche ein kleiner Tiſch mit allerlei Spielgeräth und ein Stuhl ſich befanden. Die Gräfin half dem Prinzen ſeine Regimenter aus den Schachteln hervorzuheben, und bald war der kleine Napoleon ſo ganz vertieft in ſein Soldatenſpiel, daß er es kaum be⸗ merkte, als die Gräfin ihn verließ, um zu der Kaiſerin zurückzukehren. Marie Louiſe ſaß in ihren Lehnſtuhl zurückgeſunken, und ſtarrte düſter vor ſich hin. Die Gräfin näherte ſich ihr, und ſchaute ſie lange mit theilnahmsvollen Blicken an. Ew. Majeſtät leiden? fragte ſie dann mit leiſer, zitternder Stimme. Marie Louiſe zuckte erſchrocken in ſich zuſammen und hob ihr Antli Ja, gör Mit was gelt En jiſt geſ die ſic iebe uld ihn iebe nig und err nan mer her, raf ier, eon, rau lirt und z ith ine ine ren. rte nge me ihr 511 Antlitz mit einem trüben Schmerzensausdruck zu der Gräfin empor. Ja, ſagte ſie ſeufzend, ich leide, oh, ich leide ſehr! Ew. Majeſtät ſollten den Arzt rufen laſſen, ſagte die Gräfin. Ach, meine liebe Gräfin, ſeufzte Marie Louiſe, es iſt nicht mein Körper, welcher leidet, ſondern meine Seele, und kein Arzt weiß ein Mittel dafür. Vielleicht doch, flüſterte die Gräfin leiſe und ſchnell. Ich errathe, was die Seele meiner Kaiſerin bewegt, ich begreife, wem Ihre Seufzer gelten, wohin Ihre von Thränen gerötheten Augen gerichtet ſind. Ew. Majeſtät ſehnen ſich, gleich uns Allen, nach Frankreich, Ew. Ma⸗ jeſtät möchten Kunde erhalten von den großen Dingen, welche dort geſchehen. Still, oh, mein Gott, wenn uns Jemand hörte, ſagte Marie Louiſe, angſtvoll umher ſchauend und ihre ſcheuen Blicke mit einem forſchenden Ausdruck auf die Pendule heftend. Majeſtät, flüſterte die Gräfin, es iſt noch früh, und erſt in einer Stunde wird der Graf Neipperg kommen, um Ew. Majeſtät zu dem gewöhnlichen Spazierritt abzuholen. Ach, ich beſchwöre Ew. Majeſtät, wollen Sie in dieſer Stunde Ihren Getreuen Gehör ſchenken? Wollen Sie dem Grafen Montbrun eine Audienz gewähren? Dem Grafen Montbrun? fragte Marie Louiſe überraſcht. Iſt der hier in Wien? Majeſtät, er iſt ſeit Monaten hier, aber unter falſchem Namen, und er hat es nicht gewagt, ſich Ew. Majeſtät darzuſtellen, um nicht die Augen der Polizei auf ſich zu lenken, und nicht in ſeiner ange⸗ nommenen Rolle als glühender Legitimiſt ſich ein Dementi zu geben. Aber heute iſt er hierher gekommen, und fleht um eine Audienz. Er ſagt, er bringe Ew. Majeſtät Nachrichten von der größten Wichtigkeit. Wollen Sie die Gnade haben, ihn zu empfangen 7 Marie Louiſe ſchwieg und blickte gedankenvoll vor ſich hin. Ja, ſagte ſie endlich, entſchloſſen ihr Haupt emporrichtend, ja, ich will ihn annehmen. Ich habe mich, gedrängt von den Umſtänden und Verhält⸗ niſſen, zu einem grauſamen Schritt gegen meinen Gemahl bewegen laſſen. Ach, ſagen Sie kein Wort, Gräfin, ich weiß ſehr wohl, daß ich Sie Alle betrübt habe, S ach, ich ſelber bin ſeitdem auch betrübt, ich bereue und möchte wieder gut machen! Vielleicht kann ich meinem Gemahl nützlich ſein, vielleicht iſt er in Noth, flüchtig, verfolgt und ich kann ihm von meinem Vater ein Aſyl erflehen. Ja, führen Sie den Grafen herein, aber geben Sie wohl auf die Uhr Achtung, damit er geht, bevor der Graf Neipperg kommt. Der Graf iſt in meinem Zimmer, und ich werde ihn, ſobald es Zeit iſt, auch dahin wieder zurückführen, ſagte die Gräfin haſtig. Er⸗ lauben Ew. Majeſtät jetzt, daß ich den Grafen hierher führe. Sie verließ eilig das Gemach und kehrte nach einigen Minuten ſchon zurück, gefolgt von dem Grafen Montbrun. Marie Louiſe ging ihm lebhaft einige Schritte entgegen. Sie haben mich ſprechen wollen, ſagte ſie, Sie haben mir wichtige Nach⸗ richten zu bringen, ſagt mir die Gräfin? Von wem ſind dieſe Nach⸗ richten? Majeſtät, ſie ſind von dem Kaiſer Napoleon, ſagte Graf Mont⸗ brun feierlich. Er lebt alſo noch? rief Marie Louiſe bebend. Man hat ihn noch nicht eingefangen? Ach, ſagen Sie ſchnell, er iſt noch frei? Graf Montbrun ſchaute die Kaiſerin mit erſtaunten Blicken an. Ew. Majeſtät wiſſen alſo nichts? fragte er. Sie haben keine Botſchaft aus Frankreich erhalten? Ich weiß gar nichts, rief Marie Louiſe, man hält jede Nachricht von mir fern. Ich weiß nur, daß der Kaiſer Napoleon von Elba geflüchtet, in Frankreich eingebrochen, von den Monarchen geächtet iſt, und daß er ſich, um der Wuth des franzöſiſchen Volkes, der Rache der Alliirten zu entgehen, mit den wenigen Getreuen, die ihn nicht verlaſſen haben, in die Pyrenäen geflüchtet hat. Ach, das hat man gewagt, Ew. Majeſtät zu erzählen, rief Mont⸗ brun, zu ſolchen Mitteln der Lüge hat man ſeine Zuflucht genommen, um die Gemahlin des Kaiſers zu hintergehen! Ach, ich beſchwöre Ew. Majeſtät, wollen Sie mir erlauben, Ihnen zu erzählen, was ſich in Frankreich begeben? Darf ich Ihnen der reinen lautern Wahrheit ge⸗ mäß von den Ereigniſſen Bericht erſtatten? für Ab ihr ße da etrübt, teinem ſt und ie den nit er ald es Er⸗ inuten Sie Nach⸗ Nach⸗ Nont⸗ noch n ah. ſchoft hricht Elba et iſt, Rache nicht Nont⸗ umen, Ew⸗ ich in it ge⸗ 1 513 Marie Louiſe warf einen ſpähenden Blick durch das Zimmer, als fürchte ſie, es möchte ſich irgendwo ein Lauſcher verborgen halten. Aber Niemand war da, als die Gräfin Montesquiou, welche neben ihrem Lehnſtuhl ſtand; den kleinen Napoleon, der da drüben in der Fenſterniſche ſaß, den hatte Marie Louiſe ganz vergeſſen, an den dachte ſie gar nicht mehr, nur auf die Uhr heftete ſie die Augen. Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, ſagte ſie. Eilen Sie ſich, erzählen Sie ſchnell. Was iſt geſchehen, ſeit der Kaiſer in Frank⸗ reich gelandet iſt? Majeſtät, es ſind Dinge geſchehen, welche mehr einem erhabenen Heldenepos, als der Wirklichkeit anzugehören ſcheinen, und doch haben ſie ſich wirklich begeben, und doch ſchwöre ich, daß ich es nicht wagen werde, auch nur mit einem einzigen Wort zu übertreiben oder auszu⸗ ſchmücken. Die Weltgeſchichte hat hier ein Epos geſchrieben, das größer iſt, als alle Heldengedichte Homers.— Man hat Ihnen alſo nur geſagt, Majeſtät, daß der Kaiſer mit ſeinen achthundert Soldaten im Hafen Juan bei Cannes gelandet iſt, und vielleicht hat man noch hinzugefügt, daß ein Theil der Garden nach Antibes marſchirte, und dort von dem Gouverneur gefangen genommen ward? Ja, man hat mir dies geſagt, und daß, erſchreckt von dieſem Fehlſchlag, die anderen Soldaten den Kaiſer verließen, und er ſich in das Gebirge flüchtete. Graf Montbrun zuckte die Achſeln. Man hat alſo geglaubt, daß die hell glänzende Wahrheit die Augen Eurer Majeſtät ver⸗ blenden würde, und darum hat man zu der finſteren farbloſen Lüge ſeine Zuflucht genommen! Nein, Majeſtät, Napoleon floh nicht in's Gebirge, ſeine Getreuen verließen ihn nicht! Sie zogen muthig mit ihrem Kaiſer durch die Nacht dahin, und der Mond leuchtete ihm auf ſeinem Pfad, und behütete den heimkehrenden Kaiſer, als er durch die ſchneegefüllten Gebirgsſchluchten dahin zog. Bei Graſſe machte er am Morgen Halt, und die Einwohner der kleinen Stadt ſtrömten herzu, um ihn zu begrüßen, und ihm zu klagen, wie viel Unrecht ſie erduldet während ſeiner Abweſenheit. Der Kaiſer hörte ſie gütig an, und verſprach ihnen baldige Abhülfe. Dann zog er weiter, vorüber Mühlvach, Napoleon IV. Vd.. 33 — * 514 an Antibes, das ihm ſeine Thore geſchloſſen hatte, den Weg nach Gre⸗ noble dahin. Die Straße war verödet, der Regen goß in Strömen nieder, tiefe Einſamkeit umgab den Kaiſer und ſeine kleine Armee. So zogen ſie dahin, fünf Tage lang, ohne Menſchen auf ihrem Wege zu finden, ohne irgend Soldaten zu begegnen. Aber jetzt, unfern von Grenoble bei dem Dorf La Fréte, kommt ihnen ein Detaſchement Soldaten entgegen; ſie machen Halt, ihre Blicke richten ſich drohend auf den anmarſchirenden Feind. Der Hauptmann tritt vor die Front ſeiner Soldaten und commandirt: Anlegen!— Die Soldaten, gehor⸗ ſam dem Befehl ihres Obern, heben die Gewehre,— da tritt Napo⸗ leon vor, Er ganz allein, mit dem kühnen Feldherrnauge ſchaut er zu ſeinen Soldaten hin.„Meine Freunde,“ ſagt er,„erkennt Ihr mich nicht mehr? Ich bin Euer Kaiſer. Wenn in Euren Reihen ſich ein Soldat befindet, der ſeinen General tödten will, ſo mag er es thun! Hier bin ich!“— Die Soldaten, bezaubert von dem Blick, der Stimme ihres Feldherrn, die Soldaten ſetzten ihre Gewehre ab, und riefen, während Thränen der Wonne ihren Augen entſtrömten:„Es lebe der Kaiſer!“ Und Napoleon grüßte ſie mit einem freundlichen Lächeln, und commandirte mit lauter Stimme:„Rechts um!“— Und rechts um ſchwenkte das Bataillon, und ſtellte ſich als Avantgarde vor den Kaiſer hin. Oh, welch' ein Glück! murmelte Marie Louiſe hochaufathmend, und in ihrer eigenen Aufregung ſah ſie nicht, daß dicht neben ihr, von dem Rücken des Fauteuils verſteckt, der kleine König von Rom ſtand, das Köpfchen vorwärts geneigt, das roſige Antlitz ſtrahlend von Entzücken, und die großen, blauen Augen, denen helle Thränen ent⸗ ſtürzten, mit dem Ausdruck glänzender Freude auf den Erzähler ge⸗ richtet. Sie ſah auch nicht auf die Gräfin Montesquiou, die auf der andern Seite ihres Fauteuils ſtand, die Hände gefalten, bleich vor Erregung, die von Thränen umdunkelten Augen gen Himmel erhoben, mit bebenden Lippen ein Gebet des Dankes zu Gott emporflüſternd. Marie Louiſe ſah, wußte, dachte nichts, ihre ganze Seele lag in den Blicken, welche ſie auf den Grafen heftete, in dem Ton, mit welchem ſie jetzt flüſterte: Weiter! Oh, erzählen Sie weiter! Vot ſm Ab Un lo da we der 3 re⸗ nen So nd, ihr, iom von ent⸗ der vor en, end⸗ den hen Montbrun verneigte ſich, und hoch aufathmend fuhr er fort: Der Kaiſer mit ſeiner neu gewonnenen Avantgarde zog weiter. Vor Grenoble ſtellte ſich ihm das ſiebente Regiment entgegen, ausge⸗ ſandt, den Kaiſer mit ſeinen Truppen zu bekämpfen, zu vernichten. Aber der Kaiſer reitet ihm entgegen, ſein Auge heftet ſich auf den Anführer des Regiments, auf ſeinen früheren Adjutanten Carl von Labédoyére, und dieſer, hingeriſſen von der Freude des Wiederſehens, ſchwenkt ſeinen Degen, und ruft: vive'Empereur! Und jubelnd brüllt das ganze Regiment ihm nach: vive'Empereur! und die Soldaten werfen ihre Gewehre hin und knieen nieder und Thränen entſtrömen den Augen ergrauter Krieger, ſie heben ihre Arme empor, als wollten ſie Alle, Alle den Kaiſer an ihr Herz drücken, ſie rufen ihn mit zärt⸗ lichen Liebesworten, ſie grüßen ihn als ihren geliebten heimgekehrten Herrn. Dann ſpringen ſie auf, um mit einer Bewegung des Zorns die weiße Cokarde von ihren Czakos zu reißen, die geliebte Tricolore, die ſie bis dahin ſorgfältig in ihrem Torniſter verborgen gehalten, wieder anzuheften, und dann die Luft zu erfüllen mit dem erneuerten Jubelgeſchrei: vive'Empereur! Bei La Fréte hatte er ein Bataillon erobert, jetzt, bei Grenoble, eroberte er ein Regiment!— So zog der Kaiſer weiter gen Grenoble hin. Die Thore der Feſtung waren ge⸗ ſchloſſen, und General Marchand wollte die Stadt vertheidigen. Aber die Soldaten auf den Wällen riefen, gleich den Soldaten außen vor den Mauern, vive'Empereur! Sie nahmen ihre Aexte und Hämmer, und hämmerten und ſchlugen, gleich denen da draußen, gegen die Thore und Palliſaden, um ſie zu zerſtören, und dem Kaiſer die Feſtung zu öffnen, und Tauſende von Menſchen ſtanden auf den Wällen, und jubelten Napoleon ihr vive'Empereur entgegen. Endlich fiel das Thor krachend zuſammen, der Kaiſer ritt in die Stadt ein, und aus dem andern Thor floh der General Marchand hinaus. Grenoble war gewonnen ohne Schwertſtreich. Unter dem Jubel der Bevölkerung zog der Kaiſer nach dem Gaſthof hin, um kurze Raſt zu halten. Als er in der Frühe des Morgens weiter zog, folgte ihm ſchon ein Heer von zwölftauſend Mann, und überall, wohin er kam, zog ihm das Militair mit klingendem Spiel, mit freudigem Jauchzen entgegen, rief ihm die —— 516 herbeiſtrömende Landbevölkerung ihr Willkommen zu und grüßte ihn als den Erretter und Befreier. Und dies Alles iſt wahr, wirklich wahr? fragte Marie Louiſe mit leuchtenden Augen. Es iſt kein Mährchen, was Sie mir da erzählen? Mein Gott, man hat mir doch die franzöſiſchen Zeitungen gezeigt, in welchen der Kriegsminiſter Marſchall Soult den Pariſern meldet, daß das„Ungeheuer“, wie er den Kaiſer nennt, eine völlige Niederlage erlitten, daß überall die Landleute ſich bewaffneten, um den„elenden Abenteurer“ einzufangen, den„corſiſchen Wehrwolf“ zu erſchießen. Man hat Ew. Majeſtät alſo mit denſelben Mitteln täuſchen wollen, mit denen man die Bevölkerung von Paris täuſchen wollte, ſagte Graf Montbrun mit einem verächtlichen Lächeln. Ja, der Miniſter Soult gab im Moniteur ſolche Schimpf⸗ und Kriegsberichte, und ſuchte die Pariſer über das Schickſal des Kaiſers zu täuſchen. Aber die Pariſer konnten doch an dem Ton der Moniteurberichte ſelbſt zwiſchen den Zeilen die Wahrheit herausleſen, und ſie ergötzten ſich an dem immer milder werdenden Ton der Zeitungsberichte. Die erſte Nachricht, welche der Moniteur enthielt, bezeichnete Napoleon als den„von der Inſel Elba entwiſchten Unhold“. Die zweite Nachricht berichtete, daß„der corſiſche Wehrwolf“ bei Cap Juan gelandet ſei. Dann kam die Kunde, der„Tiger“ habe ſich zu Gay gezeigt, und am andern Tage berichtete der Moniteur, der„elende Abenteurer“ zöge in den Gebirgen umher und könne nicht„entwiſchen“. Doch mußte man nachher zugeben, daß „das Ungeheuer“ dennoch entwiſcht ſei, und ſich zu Grenoble gezeigt habe.— Von nun an jedoch wurden die Ausdrücke milder; der Mo⸗ niteur meldete,„der Tyrann“ habe in Lyon ſeinen Einzug gehalten, und„der Uſurpator“ wage es, ſich der Hauptſtadt zu nähern. Aber nach einigen Tagen berichtete der Moniteur,„Bonaparte“ nähere ſich mit ſtarken Schritten der Hauptſtadt, dann meldete er,„Napoleon“ werde morgen in Paris erwartet, und am nächſten Tage ſtand mit großer Schrift im Moniteur zu leſen:„Se. Majeſtät der Kaiſer und König Napo⸗ leon habe am zwanzigſten März ſeinen Einzug in die Tuilerieen gehalten.*) *) Geſchichte Napoleons. Von*Xr. II. 467. ihn mit en? daß lage den llen, raf oult die iſer den mer elche nſel „der nde, tete daß eigt Mo⸗ lten, ber ſich eon“ apo⸗ n. 517 Wie? rief Marie Louiſe, von ihrem Fauteuil aufſpringend, wie, der Kaiſer iſt in die Tuilerieen eingezogen? Ja, Majeſtät, ſagte Montbrun, der Kaiſer iſt in die Tuilerieen heimgekehrt. Der König iſt entflohen. Frankreich hat Napoleon wieder als ſeinen Herrn anerkannt, und jetzt ruft der Kaiſer mit ſehnſuchts⸗ voller Liebe nach ſeiner Gemahlin, und nach ſeinem Sohn, dem König von Rom. Oh, mein Papa Kaiſer ruft mich, rief der Prinz mit einem glück⸗ ſeligen Lächeln. Mein Papa Kaiſer ruft mich. Ach, mein lieber, lieber Papa, ich will zu Dir! Ich will wieder nach meinem ſchönen Paris, nach den lieben Tuilerieen. Mein Papa Kaiſer iſt da, und er ruft ſeinen kleinen König von Rom! Ach, er wird mich wieder auf ſeinen Arm nehmen, und mit mir ſpielen, und mir ſeinen Hut aufſetzen, und mich exerciren laſſen, und ich werde wieder das ſchöne Lied ſingen, das Niemand ſingen durfte, als ſein kleiner König von Rom. Oh, lieber, lieber Papa, ich kann's noch ſingen, ich kann noch exerciren. Sie haben's mir hier wohl verboten, und ich habe nicht von meinem Papa ſprechen dürfen, aber ich habe immer an ihn gedacht, und ihn immer lieb gehabt, und immer Abends zum lieben Gott gebetet:„Lieber Gott, gieb, daß mein Papa wieder kommt und ſeinen kleinen König von Rom wieder an ſein Herz nimmt, und ihn aus dieſem häßlichen Schloß erlöſt, und nach Paris abholt.“ Und nun iſt mein Gebet erhört, und mein Papa iſt in den Tuilerieen, und er ruft mich! Mama, wann reiſen wir ab? Wann fahren wir nach Paris? Der Papa hat Dich gerufen, und Du mußt gehorſam ſein, denn er iſt Dein Kaiſer! Wann reiſen wir ab? Still, Napoleon, ſtill, bat die Gräfin Montesquiou, ſich die Thrä⸗ nen trocknend, Ihro Majeſtät hat mit dem Herrn Grafen zu reden, und Sie dürfen ſie nicht ſtören. Sie zog den Prinzen von der Kaiſerin fort, und wollte ihn wieder zu dem Tiſch mit dem Spielzeug hinführen, aber er riß ſich los, und ſprang vorwärts in die Mitte des Zimmers hinein. Ich will exerciren, damit ich Alles kann, wenn ich zu meinem Papa komme, rief der Prinz. Und jetzt nahm er eine ernſte militai⸗ 518 rſche Haltung an, und hob die beiden Finger der rechten Hand ſalu⸗ tirend gegen ſeine Stirn, als ſäße da auf dem in goldigen Locken her⸗ niederringelnden Haar der militairiſche Czakv. Vive'Empereur! rief er, und im militairiſchen Schritt vorwärts marſchirend, ſang er mit lauter, jubelnder Stimme: AMlons, enfants de la patrie Le jour de gloire est arrivé. Majeſtät, flüſterte währenddeß der Graf Montbrun, der Kaiſer ruft nach ſeiner Gemahlin und nach ſeinem Sohn. Wird der Ruf ſeiner Liebe vergeblich ertönen? Wird die Kaiſerin Marie Louiſe nicht zu ihrem Gemahl, zu ihrem Volk zurückkehren? Ich weiß nicht, was mein Vater, der Kaiſer, über mich beſchließen wird, ſagte Marie Louiſe beklommen. Ihm bin ich Gehorſam ſchuldig, er allein hat über meine Zukunft zu entſcheiden. Graf Montbrun trat dicht zu ihr heran. Majeſtät, flüſterte er, der Kaiſer ſendet mich. Er hat mir und einigen Getreuen den Auf⸗ trag gegeben, ihm die Gemahlin, ſei's mit Güte oder mit Gewalt, zuzuführen. Majeſtät, ein Wort aus Ihrem Munde, ach, ich beſchwöre Sie im Namen des Kaiſers, der in ſehnſuchtsvoller Angſt dieſem Worte entgegen harrt, ſagen Sie dies eine Wort: ich will nach Frank⸗ reich zu meinem Gemahl zurückkehren! Ach, was hülfe es mir, wenn ich es ſagte, rief Marie Louiſe bebend. Ich habe nicht die Kraft, meinen Willen durchzuführen. Ich bin eine Gefangene, deren Willen man gebrochen hat, die abhängig iſt von dem Willen ihres Vaters. Ich kann nicht thun, was ich zu thun wünſchte, ich habe keinen Willen, ich kann nur gehorchen, der Nothwendigkeit mich fügen, dem Zwange mich unterwerfen! Ein leiſes Lächeln glitt über die Züge des Grafen hin. Ew. Majeſtät werden alſo der Nothwendigkeit ſich fügen, ſagte er leiſe. Es iſt eine Nothwendigkeit, daß Sie nach Paris zurückkehren. Sie wollen dem Zwange ſich unterwerfen! Der Kaiſer Napoleon wird ſeine Gemahlin alſo zwingen, zu ihm zurückzukehren, und der Kaiſer Franz kann alsdann ſeiner Tochter, der Erzherzogin Marie Louiſe, keine Vorwürfe machen; da ſie nur gewaltſam gezwungen worden, dem Ruf ſalu⸗ her värts walt, wöre eſem ank⸗ 519 des Kaiſers zu folgen, wird er nicht ſagen können, daß ſie eine unge⸗ horſame Tochter iſt! Ew. Majeſtät ſehen, daß ich den Sinn Ihrer Worte verſtanden habe, und ich ſchwöre, daß ich darnach handeln werde! Der Kaiſer hat befohlen, daß ſeine Gemahlin und ſein Sohn zu ihm nach Paris kommen! Wohlan, ſeine Getreuen ſind bereit, ſie ihm zuzuführen, und— Der Graf Neipperg reitet ſo eben in den Hof ein, rief die Gräfin Montesquiou, von dem Fenſter herbeiſtürzend. Um Gotteswillen, Graf, kommen Sie! Sie faßte die Hand des Grafen Montbrun und zog ihn haſtig zu der Thür hin. Kehren Sie in mein Zimmer zurück und erwarten Sie mich dort! flüſterte ſie, dann ſchloß ſie die Thür hinter dem ent⸗ eilenden Grafen und kehrte zu der Kaiſerin zurück, die ganz erſchöpft und zerbrochen wieder auf den Fauteuil zurückgeſunken war. Um Gotteswillen, Majeſtät, Faſſung, flüſterte ſie, laſſen Sie den Grafen nicht ahnen, was hier vorgefallen iſt, oder wir ſind verloren. Faſſung, Faſſung! murmelte Marie Louiſe. Ich habe keine. Meine ganze Seele iſt in Aufruhr! Aber es iſt wahr, er darf nichts ahnen, ich muß mich zuſammenraffen! Und ich will es! ſagte ſie, ſich erhebend und haſtig auf⸗ und abgehend. Gräfin, führen Sie den Prinzen dort an den Spieltiſch zurück, ſagen Sie ihm, daß er ſich ſtill verhalten, daß er nichts verrathen ſoll. Gräfin Montesquiou zog den kleinen Prinzen nach der Fenſter⸗ niſche hin. Sire, flüſterte ſie leiſe, wenn Sie ein Wort von dem ver⸗ rathen, was der Graf Montbrun erzählt hat, ſo wird man mich von Ihnen fortjagen und Ihnen eine andere Gouvernante geben. Der Knabe ſah ſie mit einem raſchen, verſtändnißvollen Blick an. Ich werde nichts verrathen, flüſterte er, ſei ruhig, liebe Quiou, ich werde ganz ſtill ſein und ſpielen. 520 V. Berzog Franz. Die Thür des Vorſaals öffnete ſich, und der Lakay meldete den General Grafen Neipperg. Marie Louiſe trat ihm lächelnd entgegen, und reichte ihm ihre Hand dar, die er an ſeine Lippen drückte. Sie kommen ſpät, General, ſagte ſie, ich erwartete Sie ſchon lange zu unſerm Spazierritt. Graf Neipperg dankte ihr mit einem flammenden Blick für dies ſchmeichelhafte Wort, und Marie Louiſe, erröthend und verwirrt, ließ ganz unwillkürlich den Blick zu der Fenſterniſche hinſchweifen, in welcher die Gräfin mit dem Prinzen ſich befand. Ach, rief Graf Neipperg, da iſt ja unſer kleiner Herzog Franz! Und mit lebhaften Schritten eilte er zu dem Prinzen hin. Ich habe die Ehre, den Herzog Franz von Reichſtadt zu begrüßen, ſagte er, ſich tief verneigend. Der Knabe hob ſein Haupt langſam von dem Spielzeug empor, ſchüttelte die Locken, welche über ſeine Wangen gefallen waren, zurück und blickte mit ſeinen großen blauen Augen erſtaunt zu dem Grafen empor. Wer iſt der Herzog Franz von Reichſtadt? fragte er. Nun, ſagte Graf Neipperg lächelnd, wiſſen Ew. Hoheit noch nicht Ihren eigenen Namen? Sie ſind der Herzog Franz! Nein, das iſt nicht mein Name! rief der Prinz lebhaft. Ich heiße Napoleon und bin der König von Rom! Ach, Sie reden da von den ſchönen Mährchen, mit denen Ihre Amme Sie früher in den Schlaf geſungen hat, mein Prinz, ſagte Graf Neipperg lächelnd.„Es war einmal ein kleiner König von Rom, und der wohnte mit einem großen Kaiſer in einem wundervollen Pa⸗ laſt, der von lauter Menſchenſchädeln erbaut war.“ Nicht wahr, Herzog Franz, ſo fing Ihr Mährchen an? Aber jetzt wollen Sie keine Mähr⸗ chen mehr hören, denn Sie ſind jetzt ein gar vornehmer Herr geworden, ſch den gen, hon ies ließ cher mz en, por, ric fen icht eiße hre gte om, b⸗ 309 hr⸗ den, 521 ein Herzog, und zu den Ammenmährchen lachen Sie, denn Sie ſind ſchon ſo alt und verſtändig, daß Sie an keine Mährchen mehr glauben. Im Traum und im Mährchen nannte man Sie Napoleon, jetzt ſind Sie aufgewacht, und Sie wiſſen, daß Sie, gleich Ihrem Herrn Groß⸗ vater, Franz heißen, nicht wahr, mein kleiner Herzog? Nein, mein Herr, ſagte der Prinz, und ſeine weichen, kindlichen Züge nahmen einen trotzigen, ernſten Ausdruck an, und in ſeinen großen blauen Augen brannte ein Strahl von dem Feuergeiſt ſeines Vaters. Nein, mein Herr, wiederholte er noch einmal, ich heiße nicht Franz, ſondern Napoleon, wie mein Vater, der Kaiſer von Frankreich! Graf Neipperg zuckte zuſammen und wandte den verwunderten, fragenden Blick auf Marie Louiſe hin. Sie ſchlug vor dieſem Blick die Augen nieder und erröthete. Wie, gnädigſte Frau, fragte er, Sie haben noch nicht die Gnade gehabt, dem Prinzen zu ſagen, daß Se. Majeſtät der Kaiſer Ihren Wunſch erfüllt und ſeinem Enkel ſeinen eigenen Namen gegeben hat? Nein, flüſterte Marie Louiſe, es iſt wahr, ich habe das vergeſſen, ich glaubte nicht, daß es damit ſolche Eile hätte. Der Graf ſeufzte tief auf.— Marie Louiſe hörte dieſen Seufzer, und raſch emporſchauend begegnete ihr Auge dem traurigen, flehenden Blick des Grafen. Frau Gräfin Montes quiou, ſagte ſie heftig und raſch, ich habe Ihnen mitzutheilen, daß Se. Majeſtät, mein Vater, mir auf meine Bitte die Erlaubniß ertheilt hat, meinem Sohn, ſtatt des Namens Napoleon, einen andern zu wählen, und daß er mir gnädigſt geſtattet, ihm ſeinen eigenen Namen zu geben. Mein Sohn, der Herzog von Reichſtadt, heißt alſo von heute an Franz, und— Nein, nein, rief der Prinz, von ſeinem Stuhl aufſpringend und heftig mit. den Füßen ſtampfend, ich heiße nicht Franz, ich will mich nicht ſo nennen laſſen! Ich heiße Napoleon! Du heißt Franz, ſagte Marie Louiſe, welche fühlte, daß der Blick des Grafen Neipperg auf ihr ruhte. Frau Gräfin, es iſt mein ernſter Wille, daß der Prinz fortan nur mit dem Namen Franz bezeichnet 522 werde. Sie haben davon in meinem Namen die ſämmtliche Diener⸗ ſchaft zu benachrichtigen, und Sorge zu tragen, daß vor allen Dingen der Prinz ſelber ſich meinem Befehl und Willen unterwerfe und es ſeinem Gedächtniß einpräge, daß er Franz heißt! Und jetzt, Gräfin, führen Sie den Herzog in ſein Zimmer! Kommen Sie, flüſterte die Gräfin mit von Thränen erſtickter Stimme, kommen Sie! Sie nahm die Hand des Prinzen und führte ihn, der ganz be⸗ täubt, ganz überwältigt ſchien von dem Schlag, der ſein armes, kleines Herz getroffen, nach der Thür hin. Aber auf einmal riß der Prinz ſich ungeſtüm von ihr los, und ſich umwendend, ſchritt er gerade zu ſeiner Mutter hin. Sein lieb⸗ liches Antlitz war bleich und hatte in ſeinem tiefen, ſtrengen Ernſt einen Ausdruck weit über ſeine Jahre hinaus; ſeine Augen, welche von keiner Thräne mehr befeuchtet waren, ſchoſſen flammende Blitze. Ew. Majeſtät, ſagte er trotzig, ſeine Arme über der Bruſt zu⸗ ſammenſchlagend, und das Haupt ſtolz zurückwerfend, Ew. Majeſtät melde ich, daß ich nicht gehorchen werde, es mir nicht einprägen werde, daß man mir jetzt einen andern Namen geben will, und daß ich nie⸗ mals auf dieſen andern Namen hören werde. Ich heiße nicht Franz, wie der Herr Kaiſer von Oeſterreich, ſondern ich heiße Napoleon, wie mein lieber Vater, der Kaiſer von Frankreich. Um Gotteswillen, Sire, was thun Sie, rief die Gräfin, Sie wagen es— Madame, ſagte Marie Louiſe kalt, man muß geſtehen, daß Sie Ihrem Zögling wunderbare Begriffe von Gehorſam und Beſcheiden⸗ heit beigebracht haben, und daß es vielleicht rathſam wäre, dafür zu ſorgen, ihm andere Begriffe zu geben! Führen Sie jetzt den Herzog Franz fort!— Sire, oh Sire, was haben Sie gethan, flüſterte die Gräfin, als ſie mit dem Prinzen in ihr Gemach eintrat. Sie haben die Kaiſerin erzürnt, Sie haben Ihrer Frau Mutter getrotzt. Ich will aber nicht Franz heißen, rief der Prinz heftig. Wagen Sie es nicht, mich ſo zu nennen, Madame. Ah, da iſt der Herr Gr ße Po K Sie iden⸗ ir zu 523 Graf Montbrun, rief er, den Grafen gewahrend, der eben aus der Fenſterniſche hervortrat. Herr Graf, Sie haben uns erzählt, daß mein Papa wieder in Paris iſt. Ach, ich bitte Sie, ſchreiben Sie meinem lieben Papa, er ſoll mir ſchnell ſeine Lanciers herſchicken und mich ab⸗ holen laſſen. Und er ſoll mir meinen Wagen mitſchicken und meine Pagen. Ich will hier nicht mehr bleiben! Ich will nach Paris! Ich will wieder in den Tuilerieen bei meinem lieben Papa Kaiſer wohnen. Möchten Sie das wirklich, Sire? fragte Montbrun, ſich zu dem Knaben niederneigend. Ja, das möchte ich, rief der Prinz freudig. Ich möchte es ſo gern, daß ich Denjenigen, der mich wieder zu meinem Vater brächte, ſo lieb, ach ſo lieb haben und ihm Alles ſchenken wollte, was ich habe. Montbrun wandte ſeinen forſchenden Blick auf die Gräfin hin. Darf ich ihn vorbereiten? fragte er. Thun Sie es, ſagte ſie. Die Dinge ſind jetzt ſo weit gekommen, daß wir Alles wagen müſſen, und keine Zeit mehr zu verlieren haben. Ich fürchte, man wird mir den Prinzen entreißen; die drohenden Worte, welche die Kaiſerin ſo eben an mich richtete, haben mir die Abſicht ihrer Zwingherren verrathen. Was geſchehen ſoll, muß heute oder morgen geſchehen, denn über⸗ morgen möchte es zu ſpät ſein, möchte man den Prinzen ſtrengern Wächtern übergeben haben.— Sie würden mich alſo lieb haben, wenn ich Sie zu Ihrem Vater, dem Kaiſer Napoleon, zurückführte? fragte Graf Montbrun. Der Prinz warf ſtatt aller Antwort ſeine beiden Arme um den Hals des Grafen, und das Geſicht an ſeiner Schulter verbergend, brach er in lautes Weinen aus. Oh, ich bitte, bitte, bringen Sie mich zu meinem Papa Kaiſer, ſchluchzte er. Nun wohl, ich will es. Der Kaiſer hat mir befohlen, daß ich ihm ſeinen kleinen König von Rom zurückführe, und jetzt, Sire, mer⸗ ken Sie wohl auf, was Sie thun müſſen, damit wir von hier ent⸗ fliehen können. Oh, ſprechen Sie, ich will mir Alles wohl merken, ſagte der 5 524 Prinz, mit ſeinen langen Locken die Thränen aus ſeinen Augen fort⸗ trocknend. Morgen Nacht entführe ich Sie von hier, mein Prinz. Morgen ſchon! flüſterte der Prinz und ein Lächeln verklärte ſein Antlitz. Sie müſſen nur heute und morgen recht artig, ſanft und vergnügt ſein. Sie müſſen lachen, wenn man Sie Franz nennt, und niemals müſſen Sie von Ihrem Vater ſprechen. Ich werde es nicht thun, ſagte der Knabe, ich werde nur an ihn denken! Was habe ich weiter zu thun? Weiter nichts, als morgen Nacht nicht erſchrecken, was auch ge⸗ ſchehen möge, und wenn ſelbſt Feuer in dem Schloß entſtände, ſon⸗ dern ruhig und ohne zu ſchreien den Männern folgen, welche kommen werden, Sie zu retten und von hier fortzuführen, keinen Laut von ſich zu geben, ſondern Alles das zu thun, was man von Ihnen er⸗ bitten wird. Sie werden alſo nicht ſelbſt kommen, mich von hier fortzuholen? Nein, Sire, aber ich werde Ihnen einen treuen Freund ſenden, und der wird Sie zuerſt zu einer Dame führen, welche Sie ſehr liebt, und bei der Sie einen Tag verborgen bleiben. Am andern Abend komme ich dann, Sie abzuholen, und mit Ihnen nach Frankreich ab⸗ zureiſen. Nach Frankreich! Zu meinem Papa? flüſterte der Knabe, in die Hände klatſchend. Und meine Mama? Wir werden an der franzöſiſchen Grenze wieder mit ihr zuſammen⸗ treffen, und mit der Kaiſerin werden Sie in Paris anlangen! Aber jetzt, Sire, bitte ich Sie, wollen Sie mir geſtatten, einige Worte mit der Frau Gräfin im Geheimen zu ſprechen. Oh, ich werde gar nichts hören, ich werde mit meinen Soldaten ſpielen, und meine Regimenter marſchiren laſſen, rief der Prinz, von dannen hüpfend. Graf Montbrun trat mit der Gräfin Montesquion in die Fen⸗ ſterniſche. fort⸗ ſein nügt mals ihn . die men⸗ Aber mit aten von n Morgen Nacht alſo, Gräfin, morgen muß es geſchehen, flüſterte er. Sie ſagten ſelbſt, wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Und ſind Sie überzeugt, daß Ihr Plan gelingen wird? fragte die Gräfin. Ja, ich bin davon überzeugt, ſagte Montbrun. Es iſt Alles wohl überlegt und vorbereitet. Wir haben Monate lang mit dieſem Plan uns beſchäftigt, und Sie wiſſen wohl, daß wir von Paris her die mächtigſte Hülfe haben. Der Herzog von Otranto, dem es gelungen, ſich wirklich wieder zum Polizeiminiſter Napoleons emporzuſchwingen, ſetzt alle Hebel in Bewegung, um uns hülfreich zu ſein, denn er denkt an ſeine eigene Zukunft. Iſt der König von Rom wieder in Paris, ſo iſt, ſelbſt auf den Fall, daß der Kaiſer ſtirbt, oder beſiegt wird, die Regentſchaftsfrage geſichert, und Fouché hofft ſich dann die Zügel der Regierung zu ſichern. Fouché hat im Geheim mit dem Fürſten Metternich über die Flucht des Prinzen verhandelt, und er verſichert, daß man uns keine allzugroße Schwierigkeiten in den Weg legen wird. Man wird nicht helfen, aber man wird geſchehen laſſen. Trauen Sie um's Himmels willen weder den Worten Fouché's, noch den Worten Metternich's. Das ſind zweiſchneidige Schwerter, welche immer verletzen und verwunden können, wenn man es am wenigſten vermuthet! Verlaſſen Sie ſich auf Niemand anders, als auf ſich ſelber, und handeln Sie immer ſo, als ob Sie hier nur die größte Feindſchaft, das glühendſte und wachſamſte Beſtreben, Ihren Fluchtverſuch zu hin⸗ dern, vermuthen müßten! Ich habe das auch gethan. Ich und meine Freunde haben es daher ſorgſam vermieden, Fouché oder ſeinen Creaturen genau den Tag der Flucht zu ſagen, oder ihre unmittelbare Beihülfe zu bean⸗ ſpruchen. Niemand als die getreueſten Bundesgenoſſen werden bei der Flucht thätig ſein. Herr von Narbonne wird den Prinzen von hier entführen, und er wird ihn, um alle Verfolgungen der Polizei zu ver⸗ eiteln, zuerſt nach Wien bringen. Dort wird er im Hauſe einer Dame, auf deren Treue und Verſchwiegenheit wir zählen können, und die vor jeder Nachſtellung der Polizei durch ihre Verhältniſſe geſichert iſt, die Nacht zubringen, und am andern Morgen wird ſie mit dem, in ein . 526 Mädchen verkleideten Prinzen, mit guten und unverdächtigen Päſſen verſehen, Wien verlaſſen, um mit dem Prinzen bis nach Straßburg zu fahren, wo wir ſie erwarten. Und Sie ſind ſicher, daß Sie dieſer Dame trauen können? fragte die Gräfin. Bedenken Sie wohl, daß ich einſt in die Hände des Kai⸗ ſers geſchworen habe, den König von Rom zu behüten und zu bewachen, und ihn keinen fremden Händen zu überlaſſen. Wenn ich dieſem Schwur alſo jetzt zuwider haudele, ſo muß ich ſicher ſein, daß der Prinz ſolchen Händen übergeben wird, die ihn ſicher behüten werden. Ich frage Sie alſo, kraft meines Amtes als Gouvernante des Königs von Rom, wie heißt und wer iſt die Dame, welcher Sie den Prinzen anvertrauen wollen? Nun, ich will Ihnen eine offene und rückhaltsloſe Antwort geben, Gräfin. Dieſe Dame heißt Friederike Hähnel, und ſie iſt die Freundin des Staatskanzlers von Hardenberg. Bei ihr wird man daher nicht den Sohn des Kaiſers ſuchen, ſie allein iſt im Stande, ihn ſicher und ungefährdet von hier fortzuführen, und ſie allein konnte durch den mächtigen Gönner, der ihr zur Seite ſteht, und der freilich nichts ahnt von den Plänen der Freundin, zu einer Reiſe nach Frankreich Päſſe erhalten, die man ſonſt Jedermann verweigern würde. Aber wie kommt es, daß dieſe Dame, die Freundin eines dem Kaiſer Napoleon feindlichen Staatsmannes, ſich ſo ſehr für das Schick⸗ ſal des Königs von Rom intereſſirt, daß ſie ſogar ihre eigene Exiſtenz und Stellung für ihn in Gefahr bringt? Das, Gräfin, ſollte eigentlich mein Geheimniß ſein, aber ich halte mich in meinem Gewiſſen verpflichtet, Ihnen die volle Wahrheit zu ſagen, um Sie ganz zufrieden zu ſtellen. Dieſe Dame alſo, Friederike Hähnel, liebt mich, und aus Liebe zu mir fördert ſie meine Pläne, iſt ſie mir hülfreich und nimmt Theil an meinen Complotten. Gräfin, wäre der Zweck nicht ein heiliger und großer, ſo wären Sie berechtigt, mich einen Verbrecher zu nennen, denn ich habe wiſſentlich und mit kalter Ueberlegenheit ein Herz verführt, ich hintergehe und betrüge eine große und ſtarke Liebe, die bereit iſt, mir Alles zu opfern, und die ich doch nur zu meinen Speculationen mißbraucht habe. Rli dere in wä dem ſtenz halte t zu erike ifin, tigt, mit eine ei 527 Und ſie, dieſe Friederike Hähnel, ſie mißtrauet Ihnen nicht? Sie glaubt an Ihre Liebe? Ja, ſie glaußt an meine Liebe, und deshalb geht ſie auf alle meine Pläne ein. Sie hat mit wunderbarer Energie und Klugheit alle Vor⸗ bereitungen geleitet, für Alles geſorgt, Alles bedacht. Sie hat Alles eingeleitet und erſonnen, ihr Kopf iſt unerſchöpflich in Hülfsquellen und Vorſchlägen geweſen, und ohne ſie, die ſo unverdächtig erſcheint, wären wir ſicher nicht zum Ziel gelangt. Sie iſt daher wohl geeignet, den Prinzen bei ſich aufzunehmen, und ihn nach Frankreich zu geleiten! Ah, ſie hofft dort meine Gemahlin zu werden, und ſtatt deſſen werde ich ihr dort mein Verbrechen bekennen, und ihr geſtehen müſſen, daß ich ihre große und ſtarke Liebe nur als das Werkzeug benutzt habe für meine Pläne, daß ſie mir nur helfen ſollte, den Prinzen und die Kaiſerin zu befreien. Sie weiß alſo auch um die Entführung der Kaiſerin? Ja, ſie weiß darum, und ſie hat auch hierzu Alles vorbereitet. Sie hat, als bedürfe ſie das für ſich zu einem Maskenball, einen ele⸗ ganten Herrenanzug anfertigen laſſen, ſie hat Alles für die Toilette Nothwendige beſchafft, ſelbſt den Reiſekoffer für die Kaiſerin gepackt, und in ihrer Equipage wird der König von Rom von hier nach Wien fahren. Aber ich begreife noch immer nicht, wie Sie es anfangen wollen, die Kaiſerin zu dieſer Flucht zu bewegen. Ich werde ſie dazu zwingen, rief Graf Montbrun lächelnd, denn ſie will ja den Anſchein haben, gezwungen worden zu ſein, um ihre Rolle als gehorſame Tochter nicht zu gefährden. Sie ſagt ja, daß ſie keinen eigenen Willen hat; wir werden alſo für ſie einen Willen haben, und ihre Worte verriethen mir, daß ſie es alſo wünſcht.— Sie wiſſen jetzt Alles, Gräfin. Bereiten Sie alſo Alles vor, und wenn Sie dort drüben die Feuerzeichen aus den Fenſtern der Kaiſerin her⸗ vorleuchten ſehen, ſo öffnen Sie das Fenſter von dem Schlafzimmer des Prinzen, und laſſen die Strickleiter herunter. Das iſt Alles, was nöthig iſt. 528 Nein, ſeufzte die Gräfin, was nöthig iſt, das iſt der Schutz Gottes! Oh, möge er Ihrem gefährlichen und gewagten Unternehmen zur Seite ſtehen, und die Kaiſerin und den König von Rom behüten! M. Zie Flucht. Die Nacht des dreißigſten März war hereingebrochen, eine finſtere, dunkle Regennacht. Kein Stern ſtand am Himmel, und nicht mit einem einzigen Lichtſtrahl vermochte der Mond die Wolken zu durchdringen, die ſchwer und grollend den ganzen Horizont überhingen, und die Erde wie mit ſchwarzen Schleiern überſchatteten. Die Lichter im Schloſſe zu Schönbrunn waren längſt ſchon er⸗ loſchen, die Bewohner des Schloſſes waren längſt ſchon zur Ruhe ge⸗ gangen. Der Regen, der gegen die Fenſter plätſcherte, ſtörte die Schlafenden nicht, der Sturm, der durch die großen beſchnittenen Alleen des Parks pfiff, und zuweilen, wie mit machtvollem Finger, gegen die Pforten und die Fenſter klirrte, weckte doch Niemand aus dem erſten, erquicklichen Schlummer. Aber er überdeckte das Geräuſch zweier heranrollender Wagen, und der Regen, welcher den Boden aufgeweicht hatte, machte das Ge⸗ räuſch der Räder noch unhörbarer. Der eine der Wagen hielt dieſſeits des Schloſſes neben der kleinen Pforte, die in den Park führte, und der zweite Wagen fuhr hinüber, nach der anderen Seite des Schloſſes, fuhr vorſichtig und langſam dort um den Flügel des Schloſſes herum, und hielt neben der kleinen Seiten⸗ pforte an, die ſeit lange unbenutzt und ungeöffnet, von den Bewohnern des Schloſſes faſt ganz vergeſſen war. Ein Mann ſtieg aus dieſem zweiten Wagen hervor, und vorſichtig und geräuſchlos die Wagenthür ſchließend, trat er zu dem Kutſcher hin. ſchutz hmen iten! ſtere, inem ngen, Erde n el⸗ e ge e die ttenen inger, aus agen⸗ leinen über, don eiten⸗ hnern ieſem nhür 529 In einer Viertelſtunde, hoffe ich, wird Alles gethan ſein, flüſterte er. Leben Sie wohl bis dahin. Leben Sie wohl, Graf, und der Hinmmel ſei mit Ihnen, flüſterte der Kutſcher. Der Graf ſchlich leiſe zu der Pforte hin, tappte vorſichtig mit den Händen nach dem Griff der Thür, und öffnete ſie. Oh, flüſterte er leiſe, die Gräfin hat Alles gut vorbereitet. Sie hat die Thür aufgeſchloſſen, und ich habe nicht einmal nöthig, von meinem Nachſchlüſſel Gebrauch zu machen. Aber wenn ich wiederkomme, werde ich die Thür verſchließen. Er drückte leiſe die Thür hinter ſich zu, und ſtand jetzt innerhalb des Schloſſes auf einem kleinen mit Backſteinen ausgelegten Flur. Nur noch einmal die Lection überlegt, damit kein Irrthum vorfällt, flüſterte der Graf in ſich hinein. Das Programm lautet ſo:„Einmal auf dem Flur ſtehend, wendet man ſich links, geht zwanzig Schritte ſeitwärts und befindet ſich dann vor einer kleinen Treppe. Dieſe Treppe, welche funfzig Stufen hoch iſt, geht man hinauf und befindet ſich auf einem Seitencorridor des obern Stockwerks. Zwei Schritte links machend, ſteht man vor einer Thür, welche ſo künſtlich in die Bretterwand eingelaſſen iſt, daß ſie dem Auge des Uneingeweihten nicht zu erkennen iſt, und daß Niemand der jetzt im Schloſſe Anweſenden von ihrer Exiſtenz weiß. Selbſt die Kaiſerin Marie Louiſe kennt nicht das Geheimniß dieſer Thür, und ſie ahnt nicht, daß ihr eigener Ge⸗ mahl, als er in Schönbrunn reſidirte, dieſe Thür heimlich hier an⸗ bringen ließ, um unbemerkt das Schloß betreten und verlaſſen zu können. Auch Diejenigen, welche Marie Louiſe in Schönbrunn be⸗ wachen, kennen dieſe Thür nicht. Es iſt ein Geheimniß, das der Kaiſer von Elba aus dem Baron von Meénéval hat melden laſſen, und das uns jetzt ſehr nützlich iſt. Denn dieſe Thür führt gerade in das Toilettenzimmer der Kaiſerin. Die Thür alſo befindet ſich zwölf Schritte links von der Treppe. Mit der Hand über die Wand fahrend, wird man da einen kleinen Nagel, der wie von ungefähr dort einge⸗ ſchlagen iſt, entdecken. An dieſen Nagel drückt man, und die Thür geht auf. Man iſt jetzt im Toilettenzimmer der Kaiſerin, geht gerade aus, Mühlbach, Napolevn. IV. Bd 34 530 zwanzig Schritt, und befindet ſich dann vor der Thür, welche in das Schlafgemach der Kaiſerin führt. Die Kaiſerin ſchläft allein, aber die Thür nach dem nächſten Zimmer iſt geöffnet und dort ſchlafen ihre beiden Kammerfrauen. Sie gehören zu den Unſrigen, und ſie ſind an⸗ gewieſen, ſich nicht auszukleiden. Sie werden das Zeichen des Feuers erwarten, und dann in das Zimmer der Kaiſerin ſtürzen. Alles An⸗ dere, fuhr der Graf aufathmend fort, alles Andere wird ſich finden. Hätte die Kaiſerin nicht durchaus gezwungen, und wider ihren Willen fortgeführt ſein wollen, ſo hätten wir die läſtige Geſchichte mit dem Feuer gar nicht nöthig gehabt. Es wäre nur erforderlich geweſen, die geheime Thür zu öffnen und Marie Louiſe hinunter zu geleiten. Aber ſie hat nicht den Muth, ihrem Vater zu trotzen, und will ſich ſichern für die Möglichkeit des Mißlingens. Nun wohl denn, ſei es ſo! Auf, an's Werk! Und der Graf ſchlich mit zwanzig wohlgezählten Schritten nach der kleinen Treppe hin.— Während dies auf dem rechten Flügel des Schloſſes ſich begab, hielt der Wagen, welcher an dem linken Flügel vorgefahren war, noch immer neben der kleinen Gartenpforte. Ein Mann war ausgeſtiegen, und vorſichtig und leiſe hatte er die Pforte aufgeſchloſſen. Das Heulen des Sturmes hatte das Knarren der eiſernen Thür übertönt, und der aufgeweichte Boden machte ſeine Schritte unhörbar. Haſtig ſchlüpfte er an der Mauer entlang bis zu dem vierten Fenſter des Parterre's. Hier blieb er ſtehen, und ſchaute empor zu dem Fenſter da oben, welches, das einzige an der dunklen Reihe, von einem matten Lichtſchimmer erhellt war. Das Schlafzimmer des Prinzen, murmelte der Mann. Die Gräfin wacht, und wartet auf das Zeichen. Er blieb ſtehen, und lauſchte, mmer die Augen nach dem obern Fenſter gewandt. Plötzlich hörte man in der Ferne lautes Geſchrei, ein heller Licht⸗ ſchein, von der andern Seite des Schloſſes ausſtrömend, blitzte durch die Nacht, und Feuer! Feuer! hörte man erſtickte Stimmen rufen. Jetzt iſt das Zeichen gegeben, murmelte der Fremde, und— ha, da öffnet ſich das Fenſter und die Strickleiter kommt! ließ unt iſe Je ge das r die ihre d an⸗ euers An⸗ inden. Pillen t dem n die Aber ichern s ſo! nach begab, wh er die tarren ſeine is zu chaute unklen rifin ſchte, vt durch n — ho, 531 Er ſtreckte der luftigen ſeidenen Leiter, die ſich zu ihm hernieder ließ, ſeine beiden Arme entgegen, faßte ſie jetzt, und befeſtigte die unteren Enden an einem in der Mauer wie zufällig angebrachten eiſernen Haken. Nun kletterte er raſch und gewandt wie eine Katze die Leiter hinauf. Jetzt ſtand er am offenen Fenſter. Erreicht! ſagte er leiſe. Wo iſt der Prinz? Hier bin ich! flüſterte der Knabe, der von den Händen der Gräfin gehalten auf dem Fenſterbrett ſtand. Hier bin ich, mein Herr! Wollen Sie mit mir kommen, Prinz? Ja, mein Herr! Aber noch einen Kuß meiner lieben Quiou! Adieu, adien! Er küßte ſie innig, und die Gräfin, ihn unter Thränen an ihr Herz drückend, flüſterte: Gott ſegne Sie, Sire, Gott behüte Sie! Sie reichte den Knaben hinaus. Halten Sie ihn ſicher, Herr von Narbonne, flüſterte ſie, gehen Sie vorſichtig, oh, um des Himmels willen—* Herr von Narbonne hörte ſie nicht mehr. Er ſchlüpfte behend, mit der einen Hand den Knaben feſt an ſeine Bruſt drückend, mit der andern an der Strickleiter ſich anklammernd, die luftigen Stufen hinunter. Fürchten Sie ſich, Sire? flüſterte er, während er hinabſtieg. Nein, mein Herr, ich fürchte mich nicht, ſagte der Knabe. Ich weiß, daß ich zu meinem Papa gehe! Jetzt hatten ſie den Boden erreicht; nun mit haſtigen Schritten ſprang Herr von Narbonne, den Knaben im Arm haltend, vorwärts nach der Pforte hin, hinein in den Wagen. Vorwärts, jetzt vorwärts! So raſch die Pferde jagen können! Der Wagen rollte von dannen; Niemand hörte es, Niemand war auf dieſem Flügel des Schloſſes, Jedermann war hinüber geeilt nach dem anderen Flügel, Jedermann wollte dort helfen, retten, denn der Ruf: Feuer! Feuer! hatte das ganze Haus erweckt, und nur nach den brennenden Zimmern war die Aufmerkſamkeit hingelenkt. Der Wagen rollte von dannen nach Wien hin und darin ſaß der 34* 532 kleine Känig von Rom, und je ſchneller der Wagen fuhr, deſto ſtrahlen⸗ der ward ſein Lächeln. Ach, wie raſch das geht, jubelte er, in die Hände klatſchend. Nicht wahr, nun werde ich bald bei meinem lieben Papa ſein? Ach, Sire, ſo bald noch nicht. Es iſt ſehr weit von Wien nach Paris. Aber ich werde hinkommen, rief der Prinz. Ich werde meinen Papa Kaiſer wiederſehen, er wird wieder mit mir ſpielen und mit mir lachen und ſingen. Ich liebe ihn ſo ſehr, meinen guten Papa. Oh, ſagen Sie, ich werde doch gewiß zu ihm fahren? Sie bringen mich nicht anderswo hin? Sie halten Wort, Sie führen mich zu mei⸗ nem Papa? Ja, ich halte Wort! Sehen Sie nur, Prinz, da fahren wir in das Außenthor von Wien ein. Jetzt nur noch einige Straßen und wir ſind vor dem Hauſe der Dame angelangt, bei welcher Sie dieſe Nacht ſchlafen und mit der Sie morgen nach Paris abreiſen werden. Ach, morgen reiſe ich nach Paris, jubelte der Prinz. Und in Paris erwartet mich mein Papa, und in Paris werde ich in den Tuilerien wohnen, und da werde ich wieder der König von Rom ſein, und ich werde meine Pagen wieder haben, und alle Menſchen werden mich wieder lieb haben, und Alle werden freundlich zu mir ſein, und Niemand, oh Niemand, wird mich wieder Franz nennen. Oh, ſagen Sie, mein Herr, iſt das nicht ein ſehr häßlicher Name, Franz? Es iſt wahr, der Name Napoleon iſt ſchöner, ſagte Herr von Narbonne lächelnd, und Sie ſind ſicher, daß man Sie in Paris nie⸗ mals anders nennen wird, beſonders— Aber halt, was iſt das, wir fahren in eine falſche Straße ein— Kutſcher, wir müſſen rechts fahren, rechts— Herr von Narbonne ſprang empor und riß das vordere Wagen⸗ fenſter auf und legte ſeine Hand auf die Schulter des Wagenführers. Sie haben einen falſchen Weg eingeſchlagen, hören Sie doch! Aber der Kutſcher hörte nicht, er hieb auf die Pferde ein, und fuhr in ſchnellerem Trabe vorwärts durch die von den flackernden La⸗ ternen matt erleuchteten Straßen. ahlen⸗ Nicht Wien neinen it mir Oh, mich mei⸗ vir in d wir Nacht d in in den nſein, verden und ſagen r on s nie⸗ wir rechts zagen⸗ hrets⸗ h! „ und en Lo⸗ 533 Ich ſage Ihnen, Kutſcher, Sie haben einen falſchen Weg einge⸗ ſchlagen, rief Narbonne, dem Kutſcher die Hand auf die Schulter legend und ihn heftig rüttelnd, Sie fahren in die Straße nach dem Burgthor hinauf, und Sie müſſen rechts einbiegen, um nach dem Kärthnerthor zu kommen.„ Der Kutſcher, ohne ſich umzuwenden, ohne ein Wort zu erwiedern, hieb wieder auf die Pferde ein, und donnernd rollte der Wagen üher das Pflaſter dahin. Mein Gott, mein Gott, was bedeutet dies? murmelte Narbonne, einen Moment wie betäubt in den Wagen zurückſinkend. Herr von Narbonne, fragte der Prinz leiſe weinend, ach, ſagen Sie, werden wir nun doch nicht zu meinem Papa kommen? Will der böſe Kutſcher uns nicht dahin fahren? Er ſoll uns dahin fahren, ſagte Narbonne entſchloſſen, wieder von dem Sitz emporſpringend und wieder dem Kutſcher ſich zuwendend. Hören Sie, ſagte er leiſe und raſch, Sie ſchlagen jetzt den Weg ein, den ich Ihnen angegeben, oder ich ſchieße Sie nieder. Und indem er ſo ſprach, hörte man ganz deutlich, wie er den Hahn ſeiner Piſtole aufzog. In demſelben Moment hielt der Kutſcher mit energiſcher Kraft ſeine Pferde mitten im Lauf an und ſprang von ſeinem Sitz nieder auf den Boden. Erſtaunt blickte Herr von Narbonne aus dem Seitenfenſter des Wagens. Sie befanden ſich jetzt mitten in der großen, durch den Volks⸗ garten dahin führenden Straße. Tiefe Oede und Stille herrſchte rings umher, nur hier und da warf eine Laterne einen trüben Schein auf die aufgeweichte, ſchmutzglitzernde Straße und hüllte dicht daneben wieder Alles in tiefere Dunkelheit ein. Kutſcher! rief Herr von Narbonne, Kutſcher, wo ſind Sie? Keine Antwort erfolgte. Herr von Narbonne riß den Schlag des Wagens auf und ſprang hinaus. In demſelben Moment packten ihn von beiden Seiten vier mächtige Arme und riſſen ihn von dem Wagen fort. Herr von Narbonne! ſchrie der Prinz angſtvoll, von dem Sitz aufſpringend und im Begriff, aus dem Wagen zu ſtürzen. 534 Eine kräftige Hand ſchob ihn zurück, und ein Mann ſtieg zu ihm in den Wagen. Sind Sie es, Herr von Narbonne? fragte Napoleon angſtvoll, und als der Mann nicht antwortete, ſchrie er laut und angſtvoll: Herr von Narbogne! Kommen Sie her zu mir, Herr von Narbonne! Seine laute jammernde Stimme ſchallte weithin über den Platz und erreichte das Ohr Narbonne's, der eben, von den vier Männern an beiden Armen gehalten, in einen an der andern Seite des Weges ſtehenden Wagen geſchoben ward. Herr von Narbonne! rief Napoleon mit lauterer, flehenderer Stimme. Hier!— Ich— Eine ſchwere Hand legte ſich auf Narbonne's geöffnete Lippen. Kein Wort, oder Sie ſind des Todes, ſagte eine drohende Stimme dicht neben ſeinem Ohr. Verhalten Sie ſich ruhig und Ihnen wird nichts geſchehen. Eben ward die Thür des Wagens, in welchem ſich der Prinz be⸗ fand, heftig zugeſchlagen und der Wagen rollte von dannen. Sie ſehen, ſagte die Stimme neben dem Herrn von Narbonne, Ihr Plan iſt vereitelt, der Prinzenraub iſt mißlungen. Die Polizei war von Allem unterrichtet, aber ſie ließ die Flucht geſchehen, um Be⸗ weiſe gegen die Hauptſchuldigen zu haben. Aber wir wollen dieſes Abenteuer verborgen halten, und deshalb, mein Herr, wird man, anſtatt Sie zu ſtrafen und Ihnen den Prozeß zu machen, Sie nur ohne Auf⸗ enthalt aus den Kaiſerſtaaten entfernen und an der franzöſiſchen Grenze abſetzen. Vorwärts, Kutſcher! Der Wagen rollte wieder dem Burgthor zu und führte den vor Zorn und Verzweiflung weinenden Herrn von Narbonne von dannen. Während Jener die Stadt verließ, fuhr der Wagen, in welchem ſich der der kleine Napoleon befand, immer raſcher vorwärts. Mein Herr, ſagte der Prinz mit tonloſer, bebender Stimme, warum ſprechen Sie nicht mit mir? Warum ſagen Sie mir nicht, ob Sie der Herr von Narbonne ſind? Ach, ich bitte Sie, ſagen Sie es mir doch! Ich ängſtige mich ſo ſehr, ich— Der Wagen hielt, goldbetreßte Lakayen öffneten den Schlag, eine Dar Arm fren ſral gan mat war bre und trat Fu ſan V zei 535 Dame ſtand neben dem Wagen und ſtreckte dem Prinzen ihre beiden Arme entgegen. Er ließ es geſchehen, daß man ihn aus dem Wagen hob, daß die fremde Dame ihn in ihre Arme nahm und durch das hohe, licht⸗ ſtrahlende Portal über den Flur und die Stiegen hinauftrug. Er war ganz betäubt, ganz ermattet von Angſt und Entſetzen. Sein Kopf hing matt und kraftlos über den Arm der Dame hin, ſeine kleine Geſtalt war ſchwer und bewegungslos, wie die einer Leiche. Lakayen mit brennenden Armleuchtern ſchritten voran über den Corridor, Lakayen und Diener folgten. Jetzt ward eine hohe Flügelthür geöffnet und man trat in eine Reihe glänzend erleuchteter Zimmer ein. Die Dame ließ den Prinzen ſorgfältig aus ihren Armen auf einen Fauteuil niedergleiten und kniete dann vor ihm nieder, um mit ſorg⸗ ſamem Blick ihn zu betrachten. Der kleine Napoleon ſchaute ſie an mit weitoffenen Augen, ſeine Wangen waren kalt und bleich, ſeine Lippen bebten. Oh, fürchten Sie ſich nicht, ſagte die Dame zärtlich, ſehen Sie nicht ſo traurig aus, Herzog, Niemand zürnt mit Ihnen, Jedermann liebt Sie, und gleich wird Se. Majeſtät, Ihr Herr Großvater, kom⸗ men, um— Ein Zittern flog durch die Glieder des Knaben hin und er richtete ſich haſtig empor. Mein Großvater wird kommen? ſagte er angſtvoll. Aber wo bin ich denn? Sind Sie denn nicht die liebe freundliche Dame, bei der ich die Nacht bleiben ſoll und die morgen mit mir nach Paris zu meinem Vater fahren wird? Nein, mein lieber kleiner Herzog, ſagte die Dame, das Alles war nur ein böſer Traum. Sie ſind hier,— aber da kommt Se. Majeſtät der Kaiſer. Sie erhob ſich raſch von ihren Knieen und verneigte ſich dann tief vor dem Kaiſer, der ſoeben in der Thür des nächſten Zimmers erſchien. Der Prinz blieb ruhig auf ſeinem Lehnſtuhl ſitzen und ſtarrte mit entſetzten Blicken ſeinem Großvater entgegen. Kaiſer Franz näherte ſich dem Kinde mit lächelndem, unbefangenem Geſicht und reichte ihm ſeine Hand dar. 536 Guten Abend, mein kleiner Herzog, ſagte er heiter. Haſt durchaus eine Reiſe machen wollen, kleiner Franz? Und noch dazu zur Nachtzeit? Nun ſchau, haſt jetzt Deinen Spaß gehabt und biſt gereiſt von Schön⸗ brunn nach Wien. Und hier in Wien ſollſt Du halt bleiben, mein Kind, hier in der Burg bei mir, bei Deinem Großvater wohnen. Da wird's Dir ſchon beſſer gefallen, als da draußen in Schönbrunn, nicht wahr, mein kleiner Franz? Der Knabe ſchaute mit traurigen, thränenſchweren Blicken zu ihm empor und ſchüttelte leiſe ſein Haupt. Wir wollen Dich hier Alle recht lieb haben, fuhr der Kaiſer gut⸗ müthig fort, aber Du mußt uns dafür auch halt wieder lieb haben. Beſonders mußt Du recht freundlich, artig und gehorſam ſein gegen Deine neue Gouvernante. Sieh da, mein kleiner Franz, dieſe Dame hier, die Frau Generalin von Mitrowska, das iſt Deine neue Gouver⸗ nante, und die wird von jetzt an immer bei Dir bleiben und wird Dich unterrichten und für Dich ſorgen. Heiß die Frau Generalin willkommen, kleiner Franz, gieb ihr die Hand und ſag' ihr, daß Du ihr immer recht gehorſam ſein willſt. Der Prinz regte ſich nicht— er ſtarrte zu dem Kaiſer empor und zwei einzelne, glänzende Thränen rollten langſam über ſeine Wangen nieder. M. Die Rache. Feuer! Feuer! Das war der Ruf geweſen, der auf einmal die Bewohner des Schloſſes von Schönbrunn aus dem erſten Schlummer erweckt hatte. Feuer in den Gemächern der Kaiſerin. In dem Schlafzimmer der Kammerfrauen war es ausgebrochen; die beiden Frauen waren von dem hellen Lichtſchein erwacht, ſie hatten ——— die ner en, tten 537 vor allen Dingen die Kaiſerin geweckt, waren ihr behülflich geweſen, ſich raſch und eilig anzukleiden und waren dann von dannen geſtürzt, um die Schlafenden zu wecken und Hülfe herbei zu rufen. Marie Louiſe war alſo einen Moment allein geblieben. Entſetzt hatte ſie dem Zimmer der Kammerfrauen ſich genähert, um zu ent⸗ fliehen, aber die hellen Flammen, die ihr von den brennenden Vor⸗ hängen entgegenſchlugen, ſchreckten ſie zurück. Außer ſich, bleich und zitternd, flog ſie jetzt durch ihr Schlafzimmer hin, der andern Thür zu, und trat durch dieſelbe in ihr Toilettenzimmer ein. Dieſes Zimmer war dunkel, nur das Feuer aus dem nahen Gemach warf einen röthlichen Schein durch daſſelbe, und Marie Louiſe, geblendet und geängſtigt von dieſem Schein, ſchlug mit einem lauten Aechzen ihre Hände vor ihr Angeſicht. Fürchten Ew. Majeſtät nichts, ſagte neben ihr eine leiſe, männliche Stimme, ich errette Ew. Majeſtät aus den Flammen. Zur ſelben Zeit fühlte ſie ſich von zwei kräftigen Armen empor⸗ gehoben, und ehe ſie noch Kraft gefunden zu einem Schrei, einem Hülferuf, ſtürzte der, welcher ſie trug, mit ihr vorwärts; die Wand ſchien ſich vor ihm aufzuthun, und er ſprang hindurch, und er rannte, die entſetzte, halb ohnmächtige Kaiſerin im Arm, vorwärts, eine Treppe hinunter. Marie Louiſe fühlte ihre Sinne ſchwinden, ein ſeltſames Klingen und Sauſen war vor ihren Ohren, wie ſchillernde Sterne blitzte es vor ihren Augen, ſie wollte ſich ſträuben, aber ihre Glieder verſagten ihr den Dienſt, ſie wollte um Hülfe ſchreien, aber das Entſetzen hatte ihre Zunge gelähmt, ſie ſank regungslos zuſammen. Sie iſt ohnmächtig, und das war in ihrer Situation das Beſte, was ſie thun konnte, ſagte Graf Montbrun zu ſich ſelber, indem er mit ſeiner ſchönen Laſt durch das Seitenthor des Schloſſes hinaustrat und ſich dem Wagen näherte. Sind Sie es, Graf? flüſterte der Kutſcher, der von ſeinem vordern Sitz niedergeſtiegen war, und neben den offenen Wagenſchlag ſtand. Ja, ich bin es, Baron, ſagte der Graf, helfen Sie mir, die Kaiſerin in den Wagen zu heben. 538 Vorſichtig ward die Kaiſerin auf dem Vorderſitz des Wagens ge⸗ bettet, Graf Montbrun nahm auf dem Rückſitz Platz, der Kutſcher ſchwang ſich wieder auf den Bock und vorwärts ging es jetzt in raſt⸗ loſer Eile, vorwärts die Straße hinunter, hinein in das Dickicht des Waldes.. Die Kaiſerin lag noch immer bewußtlos da. Allmälig ſchien die ſchaukelnde Bewegung des Wagens und die Nachtluft, die aus den ge⸗ öffneten Wagenfenſtern herein ſtrömte, ſie aus ihrer Betäubung zu er⸗ wecken. Ein leiſes Zucken ging durch ihre Geſtalt hin, dann ſchlug ſie die Augen auf und richtete ſich empor. Alles dunkel, murmelte ſie, und doch meinte ich Feuer geſehen zu haben, Feuer in meinem Zimmer, in— Mein Gott, wo bin ich? rief ſie erſchreckt, jetzt erſt zum vollen Bewußtſein zurückkehrend, wohin fährt man mich? Wer iſt da vor mir? Wer ſind Sie? Majeſtät, Ihr treueſter und ergebenſter Diener, der Graf Montbrun. Montbrun! rief Marie Louiſe entſetzt, und wie kommen Sie hierher in meinen Wagen? Mein Gott, was geſchieht denn mit mir? Wie kam ich in den Wagen? Was bedeutet es, daß Sie neben mir ſind? Oh, mir iſt Alles wie ein wüſter Traum, mein Kopf ſchwindelt, mein Herz klopft zum Erſticken! Ich frage Sie, was bedeutet dies Alles? Wohin führt man mich? Majeſtät, dahin, wo allein der Platz meiner erhabenen Kaiſerin ſein kann, nach Frankreich! Nach Paris! Nach Paris! ſchrie Marie Louiſe entſetzt. Und mein Vater hat ſeine Einwilligung gegeben? Nein, Majeſtät. Aber der Kaiſer Napoleon hatte mir befohlen, ihm die Gemahlin und den Sohn zuzuführen, und ich hatte geſchworen, dem Befehl meines erhabenen Herrn zu genügen, um jeden Preis, ſei's mit Liſt oder mit Gewalt. Sie haben mich entführt, rief Marie Louiſe, von ihrem Sitz auf⸗ ſpringend, und eine Bewegung machend, als wolle ſie die Wagenthür öffnen, um hinaus zu ſpringen. Aber die Thür gab dem Druck ihrer Hand nicht nach, und mit einem tiefen Seufzer ſank Marie Louiſe wieder in die Kiſſen zurück. de — in at n, 9 5 1˙5 539 Ja, ſagte Graf Montbrun, ich habe es gewagt, Ew. Majeſtät zu entführen, und ich hoffe, daß Ew. Majeſtät mit mir zufrieden ſind, und daß ich Ihre Worte richtig gedeutet habe. Welche Worte? fragte Marie Louiſe verwundert. Was habe ich denn geſagt? Sie haben geruht, mir zu verſtehen zu geben, daß Ew. Majeſtät nicht zu handeln, keinen Willen zu haben wagten, daß Sie Sr. Majeſtät, Ihrem Herrn Vater, nicht trotzen, ſondern nur dem Zwang nachgeben dürften. Ich habe alſo Zwang angewandt, um Ew. Majeſtät aus den Banden zu befreien, mit welchen man Sie zurückhielt. Ich habe Alles ſo vorbereitet, daß wenn mein Plan mißlang, wenn er jetzt noch ſchei⸗ tern ſollte, Ew. Majeſtät, indem Sie zu dem Kaiſer von Oeſterreich zurückkehrten, ihm feierlich ſchwören könnten, nichts von dieſem Unter⸗ nehmen gewußt zu haben, ſondern mit Gewalt entführt worden zu ſein. Ew. Majeſtät würden dann erzählen, daß eine frevelnde Hand Feuer in dem Zimmer ihrer Kammerfrauen angelegt, daß Diejenigen, welche Sie entführt, die Verwirrung, die ſie ſelber hervorgerufen, benutzend, durch eine geheime Thür in Ihr Toilettenzimmer gedrungen⸗ Sie mit Ge⸗ walt fortgeführt hätten, daß Niemand auf Ihren Hülferuf geachtet, daß Niemand das Fortrollen des Wagens gehört habe, weil Jedermann nur mit dem Feuer beſchäftigt geweſen wäre. Das könnten Ew. Ma⸗ jeſtät ſagen, wenn der Fluchtverſuch mißlungen wäre, und es würde Ihnen in den Augen des Kaiſers Franz als Entſchuldigung dienen. Aber Gott wird nicht ſo grauſam ſein, die Wünſche des Kaiſers Napoleon, des ganzen franzöſiſchen Volkes, und wie ich hoffe, auch die Wünſche Eurer Majeſtät zu vereiteln, Gott wird es zulaſſen, daß Ew. Majeſtät wieder zu Ihrem Gemahl zurückkehren, um mit dem Kaiſer wieder den Thron von Frankreich zu theilen, und dem franzöſiſchen Volk, das Ihnen mit aller Sehnſucht der Liebe entgegenjauchzt, wieder den Segen der Liebe und des Friedens zu bringen, und Frankreich mit Oeſterreich, mit Deutſchland zu verſöhnen. Aber es iſt unmöglich, daß Ihr verwegener Plan gelingt, rief Marie Louiſe, die Hände ringend. Es iſt unmöglich, daß Sie mich aus den öſterreichiſchen Staaten fortführen, ohne entdeckt zu werden. 540 Mein Gott, in dem nächſten Ort ſchon kann man uns anhalten, mich erkennen, oder mich mit Gewalt zur Rückkehr zwingen. Oh, welche Schmach, welche Demüthigung dann, als eine flüchtige Verbrecherin zurückkehren zu müſſen! Der Himmel wird nicht wollen, daß Ew. Majeſtät von ſolchem Unglück bedroht werde, ſagte Montbrun feierlich. Alle Vorkehrungen ſind getroffen, Alles iſt wohl durchdacht und wohl überlegt. Ueberall auf dem ganzen Wege liegen Relais bereit, unſere Päſſe ſind in voll⸗ kommener Ordnung, und es hängt nur von Ew. Majeſtät ab, jedes Erkennen unmöglich zu machen und ſich vor jeder Entdeckung zu ſichern. Wie? Das hängt von mir ab? fragte Marie Louiſe. Ja, von Ew. Majeſtät. Der Paß, den ich bei mir führe, lautet auf zwei Perſonen, auf zwei Männer. Ew. Majeſtät müſſen die Gnade haben, eine Verkleidung anzulegen, ſich in Männerkleidung zu hüllen. Ach, als ob es ſo leicht ſein würde, die zu erhalten, rief Marie Louiſe. Majeſtät, es iſt Alles vorbereitet, hier in dem Kaſten des Wagens ſteht ein Koffer, der Alles enthält, was zur Toilette Ew. Majeſtät er⸗ forderlich iſt, und bemerken Sie nur, wir fahren jetzt in einen kleinen Seitenweg ein. Ew. Majeſtät erinnern ſich des kleinen Pavillons im Walde von⸗Schönbrunn? Er iſt jetzt einſam und unbemerkt, und daher ganz geeignet, Ew. Majeſtät als Toilettenzimmer zu dienen. Oh, mein Gott, murmelte Marie Louiſe in ſich hinein, es iſt alſo kein Entrinnen mehr, ich muß— Der Wagen hielt vor dem einſamen Häuschen an, der Graf öffnete den Schlag und ſprang hinaus, um der Kaiſerin beim Ausſteigen be⸗ hülflich zu ſein. Seufzend und zitternd verließ Marie Louiſe den Wagen und trat in das Haus ein. Niemand kam ihr entgegen, Niemand hieß ſie will⸗ kommen, aber das Zimmer, welches der Graf jetzt öffnete, war er⸗ leuchtet und wohnlich eingerichtet, als hätten unſichtbare Geiſter, die Ankunft der Prinzeſſin vorherſchauend, Alles zu ihrem Empfange be⸗ reitet. In der Mitte des kleinen runden Gemachs befand ſich ein 541 Tiſch, auf welchem auf hohen Armleuchtern dicke Wachskerzen brannten, daneben ſtand eine Schale mit Früchten und Backwerk, und unfern davon hing an der Wand ein hoher Spiegel, zu deſſen beiden Seiten auf Wandleuchtern Kerzen brannten. Geruhen Ew. Majeſtät hier einzutreten, ſagte Graf Montbrun, wir werden ſogleich den Koffer bringen. Er ging hinaus und ſchloß die Thür. Marie Louiſe war allein. Mit ſcheuer Angſt blickte ſie im Zimmer umher. Ja, ſie war allein, ganz allein! Niemand da, der ſich ihrer erbarmen, der ſie erretten konnte! Sie war der Gewalt dieſes Mannes hingegeben, der ſie ent⸗ führte, um ſie zu ihrem Gemahl zurückzubringen. Wie ſie das dachte, ſchauerte ſie in ſich zuſammen, und ihre Wangen erbleichten. Die Thür öffnete ſich wieder, der Graf trug den Koffer herein, und ſich tief vor der Kaiſerin verneigend, ſagte er: Ew. Maieſtät bitte ich nur um die Gnade, Ihre Toilette zu beeilen, damit wir weiter fahren können. Aber, mein Herr, rief Marie Louiſe, nach Kraft, nach einem feſten Entſchluſſe ringend, wer ſagt Ihnen denn, daß ich weiter fahren will, daß ich dieſe abenteuerliche Flucht, zu der Sie mich wider meinen Willen zwingen wollen, auch unternehmen will? Ew. Majeſtät werden ſich gnädigſt erinnern, daß der Kaiſer, Ihr Gemahl, mir befohlen hat, ihm die Gemahlin zurückzuführen, ſagte der Graf mit ruhiger Entſchloſſenheit, und daß ich geſchworen habe, ſeinem B S3 zu genügen. Der Kaiſer von Frankreich ruft ſeine Ge⸗ mahlin, er fordert von ihr die Treue, die ſie ihm vor dem Altar Gottes hat, er fordert, daß ſie zu ihm zurückkehre Aber ich kann nicht, rief Marie Louiſe außer ſich, bebend vor Angſt. Ich habe me einem Vater geſchworen, ihm— orſam zu ſein, nicht ohne ſeine Einwilligung irgend eine Botſchaft des Kaiſers anzu⸗ nehmen, und jetzt will man mich mit Gewalt zu ihm zurückführen, jetzt will man mich zwingen— Niemand wird es wagen, Ew. Majeſtät zwingen zu wollen, rief eine machtvolle Stimme hinter ihnen. Marie Louiſe ſtieß einen Freudenſchrei aus und wandte ſich um. 542 Dort, in der geöffneten Thür, dort ſtand eine hohe männliche Geſtalt. Ein langer Mantel umhüllte ſie, ein großer breitkrämpiger Hut bedeckte ſein Haupt und beſchattete ſein Geſicht. Aber Marie Louiſe erkannte ihn doch. Neipperg! Graf Neipperg! rief ſie mit einem lauten Jubelton, und außer ſich, aller Ueberlegung, aller Rückſicht vergeſſend, nur fühlend, daß Er da ſei, daß Er ſie erretten und beſchützen werde, ſprang ſie vorwärts und warf ſich in die geöffneten Arme des Grafen. Retten Sie mich, flüſterte ſie, oh dulden Sie es nicht, daß man mich von hier fortführt. Nein, ich werde das nicht dulden, ſagte der Graf, ſie innig an ſich drückend, man hat es gewagt, ein unwürdiges Spiel mit Ew. Majeſtät zu treiben, aber es iſt zu Ende, und Niemand ſoll Ew. Ma⸗ jeſtät zwingen zu einem Schritt, den Sie nicht freiwillig thun wollen. Das heißt, ſagte Montbrun, ſich bleich und mit düſterer Stirn nähernd, das heißt, Sie, Herr Graf Neipperg, wollen es verhindern, daß die Kaiſerin einen freiwilligen Schritt thue? Sie wollen ſie zwingen, umzukehren! Nein, ſagte Graf Neipperg würdevoll, ich will, daß die Kaiſerin freie Wahl habe. Hätte ich das nicht gewollt, ſo wäre es mir ein Leichtes geweſen, den Fluchtverſuch zu hindern, denn ich kannte ihn ſeit acht Tagen ſchon, ich wußte um Alles. Aber ich ließ Sie Ihren Plan ruhig ausführen, und— verzeihen Sie es mir, Sie ſo überliſtet zu haben, Herr Graf Montbrun,— ich war der Kutſcher, der Sie hierher fuhr. Während Sie in das Schloß von Schönbrunn gingen, um Feuer anzulegen, und die erſchreckte Fürſtin zu entführen, nahm ich die Stelle Ihres von mir längſt beſtochenen Kutſchers, nahm er meine Stelle hinter dem Mauerpfeiler ein, hinter dem ich Ihr Kommen erwartet hatte. Sie ſehen alſo, es wäre mir ein Leichtes geweſen, Ihre Pläne zu durchkreuzen. Ich hätte nur nöthig gehabt, die Polizei zu benachrichtigen. Indeß, ich wollte der Kaiſerin die Wahl über⸗ laſſen, ſie ſelber ſollte über ihre Zukunft entſcheiden, ſie allein! Des⸗ halb ließ ich Alles geſchehen, deshalb begleitete ich Sie hierher. Es muß endlich Alles klar und entſchieden werden. Der Kaiſer Napoleon — 543 ſoll nicht ſagen, daß man ſeine Gemahlin mit Gewalt zurückhält. Sie, Herr Graf Montbrun, werden ihm entweder die Gemahlin zuführen, oder Sie werden zu ihm gehen, und ihm ſagen, daß es ihr freier Wille war, nicht zu ihm zurückzukehren. Und jetzt, fuhr er fort, von der Kaiſerin zurücktretend, und ſich tief vor ihr verneigend, jetzt lege ich die Entſcheidung in die Hände Ew. Majeſtät. Wir ſind hier allein, zwei Ehrenmänner, Beide bereit dem Willen und Befehl Ew. Majeſtät zu gehorchen, Beide, ſo ver⸗ ſchieden auch unſere Wege ſind, einig in dem Gefühl des Gehorſams und der Ehrfurcht, die wir Ew. Majeſtät, der Dame ſchulden, die ich die Tochter meines Kaiſers, die Graf Montbrun die Gemahlin ſeines Kaiſers nennt. Ich ſchwöre alſo hier, und Gott hört meinen Schwur, daß ich mich dem Willen Ew. Majeſtät unterwerfe, daß ich, wie auch Ihre Entſcheidung ausfallen möge, ſchweigend und gehorſam mich den Befehlen der Kaiſerin unterordnen will. Herr Graf Montbrun, wollen auch Sie das ſchwören? Ja, ſagte Montbrun feierlich, ich ſchwöre, gleich dem Grafen Neipperg, mich ſchweigend und gehorſam den Befehlen der Kaiſerin unterzuordnen, ihrem Willen mich zu unterwerfen, wie auch die Ent⸗ ſcheidung ausfallen möge! Nun wohlan denn, jetzt mögen Ew. Majeſtät Ihren Willen kund thun, rief Graf Neipperg. Wollen Sie dem Ruf des Kaiſers Napo⸗ leon folgen, wollen Sie nach Frankreich, zu Ihrem Gemahl zurück⸗ kehren? Sagen Sie es, und ich trete ehrfurchtsvoll bei Seite. Ew. Majeſtät legen Ihre Verkleidung an, und fahren mit dem Grafen Montbrun weiter, und Niemand wird Ihre Flucht aufhalten, denn Grof Montbrun hat alle Vorbereitungen gut getroffen, auf allen Stationen ſtehen die Relais bereit, und ich ſelbſt werde bemüht ſein, Diejenigen, welche Sie verfolgen möchten, auf falſche Wege zu leiten, bis Sie die franzöſiſche Grenze überſchritten haben. Wollen aber Ew. Majeſtät nicht nach Frankreich gehen, wollen Sie freiwillig der Kaiſer⸗ krone, welche Ihrer in Frankreich wartet, entſagen, wollen Sie ſtatt Kaiſerin von Frankreich nur die Herzogin von Parma ſein, dann ſagen Sie es, und Graf Montbrun wird allein nach Paris gehen, und er 544 wird dem Kaiſer Napoleon melden, daß Marie Louiſe die Bande zer⸗ riſſen hat, welche ſie an ihn knüpfen, daß ſie ſich weigert, ihn als ihren Gemahl anzuerkennen, daß ſie ſich weigert, die Kaiſerin von Frankreich zu heißen, und nur noch die Herzogin von Parma, die Tochter des Kaiſers Franz, die deutſche Prinzeſſin ſein will. Sagen Sie es, und der Graf Montbrun wird es nicht hindern, daß Ew. Ma⸗ jeſtät mit mir dieſes Haus verlaſſen, ich werde Sie wieder zurückfahren nach Schönbrunn, und unbemerkt, von der Nacht geſchützt, werden Sie auf demſelben Wege, auf dem Sie das Schloß verlaſſen, wieder in daſſelbe zurückkehren.— Ew. Majeſtät, wir warten auf Ihre Ent⸗ ſcheidung! Eine Pauſe trat ein. Athemlos, mit hochklopfendem Herzen, bleich vor innerer Aufregung ſtanden die beiden Männer der Kaiſerin gegenüber, ſie beide anſchauend mit flammenden Blicken voll Unruhe und Pein. Jetzt hob Marie Louiſe langſam ihr Haupt empor, jetzt ſchritt ſie vorwärts, und mit lauter, faſt freudiger Stimme ſagte ſie: Herr Graf Neipperg, führen Sie mich nach Schönbrunn zurück. Ich ent⸗ ſage der Kaiſerkrone von Frankreich, ich will nur noch die Herzogin von Parma ſein. Graf Neipperg ſtieß einen Freudenſchrei aus, und auf ſeine Kniee niederſinkend, preßte er die dargereichte Hand der Kaiſerin an ſeine Lippen. Graf Montbrun, ſagte Marie Loniſe, ihr erröthendes Antlitz dem Graſen zuwendend, der todesbleich, mit ſchmerzbewegten Zügen an der Wand lehnte, Graf Montbrun, kehren Sie nach Paris zurück, bringen Sie dem Kaiſer meine Grüße, ſagen Sie ihm, daß ich niemals den Vater meines Sohnes vergeſſen, daß ich niemals aufhören werde fur ihn zu beten, daß mein Herz und meine Fflicht mir aber verbieten, zu ihm zurück zu kehren. Leben Sie wohl, Herr Graf Montbrun. Sie aber, General Neipperg, geben Sie mir Ihren Arm und führen Sie mich zu meinem Wagen, um mit mir nach Schönbrunn zurück zu kehren. Erlauben mir Ew. Majeſtät nur, dem Grafen Montbrun noch „ 1 — 1 —— — 545 ein Wort zu ſagen, bat Graf Neipperg. Er näherte ſich dem Grafen, zog aus ſeinem Buſen einen Brief hervor, und reichte ihn dem Grafen dar. Herr Graf Montbrun, ſagte er, ich bin Ihnen noch ſchuldig, Ihnen eine Erklärung zu geben, Ihnen zu ſagen, durch Wen mir Ihr Entführungsplan verrathen ward, und Wer mir die Mittel in die Hand gab, ihn zu vereiteln. Dieſe Aufklärung finden Sie in dieſem Brief. Er kommt von einer Dame, die Ihnen wohl bekannt iſt, er kommt von Friederike Hähnel!— Jetzt möge Ew. Majeſtät die Gnade haben, meinen Arm anzunehmen und mir zu geſtatten, Sie nach Schön⸗ brunn zurückzufahren. Das Abenteuer dieſer Nacht wird in Schweigen und Geheimniß begraben werden, denn Niemand, außer uns, kennt die geheime Thür des Toilettenzimmers, und durch dieſe werden Ew. Majeſtät in Ihre Gemächer zurückkehren, noch ehe der Morgen dämmert! Marie Louiſe, mit einem zärtlichen Blick zu ihm aufſchauend, nahm ſeinen Arm und verließ mit dem Grafen das Gemach. Montbrun ſchaute ihnen mit düſteren Blicken nach, in ſich ver⸗ ſunken, verloren in die finſtern Gedanken, welche ſeine Seele bewegten und ihn mit Verzweiflung und Zorn erfüllten. Jetzt, als er das Rollen des ſich entfernenden Wagens vernahm, ſtampfte er wild mit dem Fuß auf den Boden, und ſchleuderte einen flammenden Zornesblick zum Himmel empor. Alles verloren! Alles umſonſt! ſagte er zähneknirſchend. Die Ar⸗ beit und Mühe eines halben Jahres vernichtet in Einem Moment, und mit leeren Händen muß ich zu dem Kaiſer zurückkehren, kann ihm kein Zeugniß geben meiner Ergebenheit, meiner Thätigkeit, kann von ihm keinen Lohn, keinen Dank fordern, ſondern werde nur mit finſterm Zornesblick, mit einem Lächeln der Verachtung empfangen werden. Oh, mein Gott, habe ich denn für all' meine Treue) meine Mühe eine ſolche Strafe verdient?— Aber der Brief! Der Brief ſoll mir Aufklärung geben, ſagte mir der Graf Neipperg. Er ſoll mir ſagen⸗ wer mich verrieth. Wehe, wehe über ihn! Mühlbach, Napoleon. IV. Bd. 35 546 Er griff nach dem Brief, den er vorher mit einer verächtlichen Bewegung auf den Tiſch geſchleudert hatte, und riß ihn auseinander. Ja, ſagte er, ihn anſchauend, es iſt ihre Handſchrift. Dieſer Brief iſt wirklich von Friederike Hähnel. Und ſie, ſie ſollte mich ver⸗ rathen haben? Nein, nein, das iſt unmöglich, das— ach, leſen wir doch den Brief! Er warf ſich auf einen Stuhl neben dem Tiſch nieder, zog den Armleuchter näher zu ſich heran und las den Brief, welcher alſo lautete: „Sie haben mich getäuſcht und hintergangen! Sie haben mit meinem Herzen ein elendes und unwürdiges Spiel getrieben, und meine Liebe zu einem Werkzeug Ihrer Pläne gemacht. Ich habe Sie geliebt, grenzenlos, unausſprechlich; doch das iſt lange her, und klingt nur noch in mir nach wie die Ammenmährchen meiner Kindheit, die ich jetzt belächele, weil ich ſo klug geworden bin, zu wiſſen, daß ſie niemals eine Wahrheit werden können. Sie haben mich klug gemacht, und ich will Ihnen jetzt einen Beweis meiner Klugheit geben.— Auf jenem Feſt beim Baron Arnſtein, wo Sie mit Ihrer Gemahlin zu⸗ ſammen trafen, belauſchte ich Ihr Geſpräch. Ich ſtand hinter dem Bosquet, als Sie Ihrer zärtlichen Ehehälfte die Verſicherung gaben, daß Sie Friederike Hähnel durchaus nicht liebten, daß ſie nur ein Werkzeug in Ihren Händen ſei, als Sie ihr mit lachendem Munde erzählten, daß Sie mich betrögen, und zu Ihrer Rechtfertigung hinzu⸗ ſetzten, auch ich betröge Sie, denn ich liebte nicht Sie, ſondern Ihren glänzenden Namen allein. Sie ſagten damals:„es kommt nur darauf an, wer ſeinen Zweck erreicht, und wer von uns Beiden zuletzt der Betrogene ſein wird.“ Dieſe Worte habe ich mir ſeitdem täglich wiederholt, mir täglich geſchworen, daß Sie zuletzt der Betrogene ſein ſollten! Jetzt habe ich mein Ziel erreicht, und— Sie ſind der Be⸗ trogene! Sie hatten mich verrathen in dem, was einer Frau das Höchſte iſt, in meiner Liebe,— ich habe Sie dafür verrathen in dem, was Ihnen das Höchſte dünkte,— in Ihrem Ehrgeiz! Sie wollten dem Kaiſer Napoleon wichtige Dienſte leiſten, damit er Sie dafür mit Ehrenſtellen, Orden und Aemtern belohne. Sie wollten ihm die Ge⸗ 4 —.—— ichen nder. ieſer vet⸗ wir 547 mahlin und den Sohn zuführen, und Sie machten mich zu der Ver⸗ trauten Ihrer Pläne! Ich unterſtützte und förderte ſie, ich half Ihnen mit thätigſter Zuvorkommenheit, und als die Zeit gekommen, da ver⸗ rieth ich Sie und Ihre Pläne an den Grafen Neipperg. Ja, mein Herr Marquis Barbaſſon, mein lieber, zärtlicher Couſin, ja, mein Herr Graf Montbrun, ich habe Sie verrathen! In der Stunde, in welcher Sie dies leſen, ſind alle Ihre ſo klug berechneten, mit ſo viel Mühe, Geld und Zeitverſchwendung angelegten Pläne vereitelt. Der kleine König von Rom, ſtatt bei mir zu ſein, iſt jetzt in der Kaiſer⸗ burg bei ſeinem Großvater, dem Kaiſer Franz, und der wird ihn wohl vor jedem erneuerten Fluchtverſuch zu ſichern wiſſen. Die Her⸗ zogin von Parma, die Sie als Kaiſerin nach Frankreich zurückführen wollten, hat ohne Zweifel die romantiſche Reiſekleidung verſchmäht, die wir ihr mit ſo viel Zuvorkommenheit hatten bereiten laſſen, und iſt nach Schönbrunn zurückgekehrt, begleitet von einem Mann, der ihr den Kaiſer Napoleon erſetzen wird. Sie ſind allein in der Waldhütte, Sie leſen meinen Brief. Iſt es Ihnen nicht, als ſähen Sie das vor Bosheit ſtrahlende Antlitz, die vor Verachtung und Zorn blitzenden Augen Ihrer lieben Couſine neben ſich, hören Sie nicht durch die öde Stille, die Sie, den überliſteten Verräther, umgiebt, das laute höh⸗ niſche Lachen, mit dem ich Sie anſchaue? Sehen Sie nicht, wie ich mit wilden Sprüngen in meinem Zimmer umherfliege, und mit raſen⸗ der Luſt, gleich den Feuergeiſtern in Gluck's Armide, den Tanz der Rache tanze? Ja, mein lieber Couſin, ich tanze, ich lache und ſinge, denn ich bin gerächt. Sie wollten mein Herz zertreten, aber es war eine Natter, die ſich aufrichtete und Sie in die Ferſe ſtach. Ich hoffe, daß es ſchmerzt, und daß Sie ewig davon hinken werden. Leben Sie wohl, theurer Couſin, und gedenken Sie zuweilen Ihrer ſchönen Couſine 6 Friederike Hähnel.“ Sie hat recht gethan, ſagte Graf Montbrun, den Brief langſam zuſammenfaltend und in ſeinen Buſen ſteckend. Ja, ſie hat recht ge⸗ than, und mir iſt mein Recht geworden. Ich war an ihr zum Ver⸗ räther geworden, und Gott hat deshalb meinen Arm verworfen; da 548 ich mit unreinen Waffen kämpfte, durfte ich nicht ſiegen. Und ſo will ich denn meine Strafe erdulden, und will hingehen zu Napoleon und ihm ſagen, daß ich ein Meineidiger bin, der ſeinen Schwur nicht ge⸗ halten hat. Möge Er mich ſtrafen, oder mich entſündigen und mir verzeihen! Fort jetzt, hinaus in die Nacht! Er blies die Lichter aus, und ſchritt durch die Dunkelheit hinaus in den öden, ſchweigenden und finſtern Wald. v. Her Abſchied. Der Congreß, welcher trotz der drohenden Gewitterſtürme, die ſich rings am Horizont erhoben, noch immer in Wien tagte, der Con⸗ greß beſchäftigte ſich indeß jetzt nicht mehr mit dem allgemeinen Frie⸗ den, ſondern mit dem allgemeinen Krieg, und da man jetzt zu dieſem Krieg wieder der Hülfe der Völker, der tapfern Arme und der offenen Kaſſen bedurfte, ſo beſchäftigte man ſich auch ein wenig mit dem Glück und der Befriedigung der Völker. Statt wie bisher nur die Schen⸗ kungen an„Seelen“ und Ländern zu berathen, welche man den Fürſten zuerkennen wollte, überlegte und berieth man nunmehr die Verſprechungen an Freiheit und Selbſtſtändigkeit, die man jetzt den Völkern machen mußte, um ihren Enthuſiasmus aufzuſtacheln, und ihren Kriegsmuth anzufeuern, machten alle Diplomaten jetzt Entwürfe zu Verfaſſungs⸗ Urkunden, welche die deutſchen Fürſten ihren Völkern als freie Liebes⸗ gabe darbringen wollten. Aber vor allen Dingen kam es doch darauf an, ſich feierlich und einſtimmig gegen Napoleon zu erklären und Frankreich, dem neuerſtan⸗ denen Kaiſerreich, einen Kampf auf Tod und Leben anzukündigen. Alle europäiſchen Mächte gaben in ſeltener Uebereinſtimmung dieſe feierliche und einſtimmige Erklärung ab. Alle ihre Stimmen zu Einer die on⸗ ſem nen en⸗ ſten igen chen uth ng⸗ hes⸗ und ſtan⸗ dieſe Finer — 549 vereinend thaten ſie Napoleon in die Acht, erklärten ſie Frankreich den Krieg, wenn es den geächteten Napoleon als ſeinen Kaiſer anerkenne. Dieſe Kriegserklärung vom 12. Mai 1815, das war das Donner⸗ wort, welches Frankreich aus ſeinem Freudentaumel, aus ſeiner Wieder⸗ ſehensluſt aufſchreckte, welches alle Völker Europa's wieder zu den Waffen rief. Ganz Europa rüſtete ſich, ganz Europa erhob das Schwert gegen Einen Mann, aber dieſer Eine Mann hatte früher ganz Europa unter ſeine Füße getreten, und vor ihm hatten alle dieſe Fürſten einſt ſich gebeugt, die jetzt wider ihn rüſteten. Sie rüſteten mit Verträgen, mit dem Schwert und mit dem Wort. Oeſterreich, Rußland und Preußen erneuerten ihre Allianz mit England, das ihnen Subſidien zu zahlen ſich verpflichtete. Alle deutſchen kleineren Fürſten verpflichteten ſich, ihre Contingente an Linientruppen und Landwehr zur großen Haupt⸗ armee zu ſenden. Rußland bot drei große Armeecorps auf, die in Eilmärſchen durch Ungarn und Schleſien vorrücken ſollten, Preußen organiſirte mit energiſcher Thatkraft zwei Armeen, die eine in den Niederlanden, die andere am Rhein, Oeſterreich formirte ein Heer am Rhein, ein anderes in Italien. England ſchiffte ſeine Truppen nach den Niederlanden über, Spanien zog ſeine Regimenter zu einer Armee zuſammen, und mehr als eine halbe Million Soldaten ſetzte ſich in Bereitſchaft, um von allen Seiten Frankreich anzugreifen. Die erſte Folge dieſer Kriegserklärung war, daß alle Franzoſen, welche ſich in Wien befanden, ſich zur ſchleunigen Abreiſe anſchicken mußten. Herr von Talleyrand hatte längſt ſchon ſein Haus geſchloſſen, und verließ jetzt mit ſeinem ganzen Geſandtſchaftsperſonal die Haupt⸗ ſtadt Oeſterreichs, in welcher er ſo lange als mächtiges Congreßmitglied eine ſo bedeutende Rolle geſpielt. Aber auch alle die Franzoſen, welche bisher den kleinen Hofſtaat Marie Louiſens gebildet und zu ihrer nächſten Umgebung gehört hatten, bekamen jetzt den Befehl, die öſter⸗ reichiſchen Kaiſerſtaaten ſofort zu verlaſſen und in dem Dienſt der Herzogin von Parma ihren deutſchen Nachfolgern zu weichen. Die Gräfin Montesquiou hatte gleich an dem nächſten Tage nach den vereitelten Fluchtverſuchen ihre Stelle niederlegen und ſich von der 550 Kaiſerin Marie Louiſe beurlauben müſſen. Die Kaiſerin hatte ſie mit kalter Ruhe empfangen, ohne auch nur mit einem Wort der Begeben⸗ heiten jener ſchreckensvollen Nacht zu gedenken. Marie Louiſe war unbemerkt, noch bevor der Tag graute, wieder nach Schönbrunn zurück⸗ gekehrt, und von Graf Neipperg geleitet, war ſie durch die geheime von Niemand gekannte Thür in ihre Gemächer gelangt. Sie ſchien auch von Niemanden vermißt zu ſein, denn Niemand war erſtaunt, die Kaiſerin am Morgen in ihrem Toilettenzimmer auf dem Divan ruhend zu finden, und als Marie Louiſe ihren Kammerfrauen erzählte, daß ſie ſich vor dem Feuer in dies Zimmer gerettet, um vor Störungen ge⸗ ſichert zu ſein, die Thür deſſelben verſchloſſen und dann die ganze Nacht hindurch auf dem Divan ruhig geſchlafen habe, ſchienen ſie da⸗ von durchaus nicht überraſcht, ſondern äußerten nur ihre glühende Freude, daß ihre Herrin nicht auf lange in ihrer Nachtruhe geſtört worden. Auch von der Flucht des Prinzen Napoleon, den jetzt Niemand mehr König von Rom zu nennen wagte, verbreiteten ſich nur einige dunkle unbeſtimmte Gerüchte, aber Niemand wußte mit Beſtimmtheit etwas darüber zu ſagen. Nur das wußte man, daß der Prinz jetzt für immer in Wien in der Kaiſerburg wohne, daß er eine deutſche Gouvernante habe, und daß die Gräfin Montesquiou trotz ihres inni⸗ gen Flehens nicht die Erlaubniß erhalten habe, vor ihrer Abreiſe den Prinzen noch einmal zu ſehen und ihm Lebewohl zu ſagen. Auch die anderen Franzoſen aus dem Hofſtaat Marie Louiſens, wie geſagt, mußten Wien verlaſſen, ſelbſt der Privat⸗Secretair der Kaiſerin, der Baron von Meneval, war von dieſer ſtrengen Maßregel nicht ausgeſchloſſen. Aber ihm hatte man die Gunſt gewährt, die man der Gräfin Montesquiou verſagt hatte, ihm ſollte es verſtattet werden, von dem Herzog von Reichſtadt Abſchied zu nehmen. Am Tage ſeiner Abreiſe, am ſechsundzwanzigſten Mai ſollte Ba⸗ ron von Meneval alſo in der Kaiſerburg den jungen Prinzen zum letzten Mal ſehen, und dort auch, in den Gemächern ihres Sohnes, wollte Marie Louiſe ihrem frühern Geheimſecretair ihr letztes Lebewohl ſagen. —. 551 Aber dieſes letzte Lebewohl der einſtigen Kaiſerin war eben ſo kalt und ruhig, wie das, welches ſie von der Gräfin Montesquiou genommen. Sie dankte dem Baron für ſeine treuen Dienſte, ſie gab ihm ein koſt⸗ bares Geſchenk als Andenken, aber ſie that das ohne ein Zeichen innerer Aufregung und Theilnahme. Sie fragte gar nicht, wohin der Baron gehen wolle, ſie erwähnte gar nicht des Kaiſers Napoleon, und als Meneval es dennoch wagte, ihr zu erzählen, daß er nach Paris gegangen, als er von dem Kaiſer ſprach, und von dem Schmerz, den er empfinden würde, nicht einmal einen Brief von ſeiner Gemahlin zu erhalten, ſchien Marie Louiſe kaum auf ſeine Worte zu hören, ſondern lauſchte mit halb abgewandtem Haupt auf die Töne der Muſik, die aus dem anſtoßenden Gemach zu ihr herrauſchten. Und dieſe Töne ſchienen einen wunderbaren Zauber auf ſie zu üben, denn Marie Louiſe ſchrak in ſich zuſammen bei dem Beginn der Muſik, eine tiefe Röthe überflog ihre Wangen, und ihre Augen leuchteten in feurigem, zärt⸗ lichem Glanz. Oh, Majeſtät, ſagte Meneval jetzt leiſe und haſtig, oh, Majeſtät, ich beſchwöre Sie, laſſen Sie mich nicht ganz ohne Botſchaft zu dem Kaiſer zurückkehren. Geben Sie mir zum Mindeſten einen Gruß, ein Wort der Hoffnung für ihn mit. Beauftragen Sie mich— Herr von Meneval, unterbrach ihn Marie Louiſe, es thut mir leid, Ihnen jetzt Lebewohl ſagen zu müſſen. Aber ich habe dem Grafen Neipperg verſprochen, mir von ihm eine neue Symphonie Beethovens vorſpielen zu laſſen, und Sie hören wohl, der Graf erwartet mich ſchon am Clavier, das er ſo meiſterhaft ſchön zu ſpielen verſteht. Leben Sie alſo wohl, Herr von Meneval. Dort in jenem Zimmer finden. Sie meinen Sohn, den Herzog Franz! Sie deutete mit der Hand nach der geöffneten Thür des Nebem⸗ zimmers, nickte leicht mit dem Kopf und wandte ſich dann ab, um mit raſchen Schritten nach der verſchloſſenen Thür jenſeits des Salons hin⸗ zugehen. Der Baron ſchaute ihr mit traurigen Blicken nach, bis die ſchöne jugendliche Geſtalt hinter der Thür des Muſikzimme rs verſchwunden war; ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt, und als er ſich 552 dann dem Zimmer des Prinzen zuwandte, flüſterte er leiſe: Armer Kaiſer! Seine Gemahlin betrachtet ſich ſchon als ſeine Wittwe, die ihm einen Nachfolger geben darf! Der Prinz ſaß, als Herr von Meneval zu ihm eintrat, vor ſeinem Spieltiſch. Aber nicht wie ſonſt ordnete er mit Jubel und lachendem Frohſinn ſeine Soldaten, nicht wie ſonſt glänzte ſein Auge, glühten ſeine Wangen wie holde Maienroſen. Still und ſchweigend ſaß er da, das Köpfchen vornüber geneigt, blickte er gleichgültig auf ſeine zerſtreut umherliegenden Regimenter hin, und nur wie in Zerſtreuung wühlten ſeine kleinen weißen Hände zwiſchen dem Spielzeug umher. Hoheit, ſagte Frau von Mitrowska, welche mit der neuen Kammer⸗ frau neben dem Spieltiſch ſtand, Hoheit, da iſt der Baron von Mene⸗ val, welcher Ihnen Lebewohl ſagen möchte. Wollen Sie ihn nicht willkommen heißen? Das Kind hob ſeine Augen langſam empor, und blickte den Baron an, ohne ihn zu grüßen, ohne ihn, wie es ſchien, zu kennen. Sonſt war er ihm ſtets jauchzend entgegen gehüpft, und hatte ihn mit lieb⸗ licher Geſchwätzigkeit willkommen geheißen, heute ſtand er nur, als die Gouvernante ihn dazu aufforderte, von ſeinem Stuhl auf, und dem Baron zwei Schritte entgegentretend, reichte er ihm zögernd, und einen mißtrauiſchen ängſtlichen Blick auf Frau von Mitrowska werfend, die Hand dar. Sie wollen abreiſen, mein Herr? fragte er mit leiſer bebender Stimme. Ja, Sire, ich will abreiſen, ſagte der Baron, die kleine Hand an ſeine Lippen drückend, und ſie dann zwiſchen ſeinen beiden Händen feſt⸗ haltend, ja, Sire, ich will abreiſen, und ich bitte Sie, mir zu ſagen, ob Sie nichts zu beſtellen haben? Ich kehre jetzt nach Paris zu Ihrem Herrn Vater, dem Kaiſer Napoleon zurück. Sire, haben Sie mir gar keine Aufträge für Ihren Herrn Vater zu geben? Der kleine Knabe hob ſeine Augen mit einem langen traurigen Blick zu ihm empor, aber er ſagte kein Wort; langſam und unmerklich das Haupt ſchüttelnd, machte er ſeine Hand aus der des Barons los, ——— —— 553 und zog ſich, ſchweigend und ſtill dahin ſchleichend, in eine entfernte Fenſterniſche zurück. Der Herzog iſt heute nicht ganz wohl, glaube ich, ſagte Frau von Mitrowska unbefangen, er iſt ſonſt immer außerordentlich heiter und vergnügt, und ſcherzt und lacht den ganzen Tag. Ja, Madame, das war ſonſt ſeine liebliche Art, ſagte Baron Meneval ſeufzend. Ich muß mich jetzt beurlauben. Geſtatten Sie mir, daß ich zu dem Prinzen hingehe, und ihm einen Kuß zum letzten Lebe⸗ wohl gebe? Oh, Herr Baron, welche Frage, rief Frau von Mitrowska lächelnd, nehmen Sie Ihren Abſchied ganz wie es Ihrem Herzen und dem Be⸗ lieben des Prinzen angemeſſen iſt. Der Baron eilte nach der Fenſterniſche hin, in welcher der Prinz ſtand, der aus der Ferne mit mißtrauiſchen Blicken zu den Sprechenden hinüber geſchaut hatte. Sire, ſagte Meneval, und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen, wie er auf das kleine, ernſte, bleiche Antlitz des Knaben hinblickte, Sire, ich reiſe wirklich zu Ihrem Vater, zu Ihrem Papa Kaiſer. Wollen Sie mir gar keine Grüße für ihn mitgeben? Der Prinz zog mit beiden Händen den Baron zu ſich heran, tief in die Fenſterniſche hinein, und mit einem rührenden, flehenden Aus⸗ druck zu ihm aufſchauend, flüſterte er leiſe: Lieber Herr von Meneval, ſagen Sie ihm, daß ich ihn immer noch ſehr lieb habe.*) Sire, ſagte der Baron mit vor Rührung erſtickter Stimme, man hat mir erlaubt, Sie zum Abſchied umarmen zu dürfen. Wollen Sie es mir geſtatten? Der kleine Knabe breitete ſeine beiden Arme aus, und flog mit einem ſüßen, ſchmerzlichen Lächeln an die Bruſt des Barons. Mit einer glühenden Innigkeit küßte er ihm die Augen, die Lippen, die Stirn, und bei jedem Kuß flüſterte er: Grüßen Sie meinen Papa, ſagen Sie ihm, daß ich ihn ſo lieb, ach, ſo lieb habe, und daß ich ihn nie vergeſſen werde. *) Des Prinzen eigene Worte. Siehe: Ménéval, Mémoires. IV. 230. 554 Franz! Franz! rief aus dem Nebengemache die Stimme der Kaiſerin. Der Knabe zuckte zuſammen, das Lächeln erblaßte auf ſeinen Lippen. Sie hören wohl, Herr von Meneval, flüſterte er traurig, ich heiße nun doch Franz! Leben Sie wohl! Er grüßte ihn mit einem trüben Blick, und trat einige Schritte aus der Fenſterniſche vorwärts. Plötzlich wandte er ſich um, kehrte haſtig zu dem Baron zurück, und ihn mit einem flehenden Blick an⸗ ſehend, flüſterte er: ſagen Sie es meinem Papa nicht, daß ſie mich hier Franz nennen. Es würde ihm weh thun! Franz! rief die Stimme ſeiner Mutter abermals. Ich komme ſchon, ſagte das Kind traurig, indem es haſtig nach dem andern Zimmer eilte. Herr von Meneval blickte ihm nach, bis die kleine zierliche Geſtalt verſchwunden war, dann ſchlug er ſeine Hände vor ſein Angeſicht und weinte laut.— An demſelben Tage, und um dieſelbe Stunde fand in einem an⸗ dern Gemach der Kaiſerburg noch ein zweiter Abſchied ſtatt. Es war in dem Cabinet des Kaiſers Franz, und der Kaiſer Alexander und der König Friedrich Wilhelm waren es, welche ihrem Bundesgenoſſen, dem Kaiſer Franz, ihr letztes Lebewohl ſagten. Hand in Hand ſtanden die drei Monarchen in der Mitte des Zimmers, und ſchauten einander an mit Blicken feſter, ernſter Ent⸗ ſchloſſenheit. So ziehen wir denn wieder aus zu erneuertem Blutvergießen, ſagte Alexander mit leiſer, bebender Stimme. Die glücklichen Tage unſers ſchönen Beiſammenſeins ſind vorüber, und auf's Neue wird Krieg und Verderben das arme noch von ſo vielen Wunden blutende Europa durchheulen, auf's Neue werden Tauſende blühender kräftiger Männer hingeopfert werden durch die Schuld dieſes Würgeengels, den Gott zum zweiten Mal zur Strafe unſerer Sünden auf uns gehetzt hat. Aber dies Mal dürfen wir nicht eher ruhen, als bis wir ihn ganz und für immer vernichtet haben. Ich wenigſtens habe auf das Evangelium geſchworen, die Waffen nicht niederzulegen, ſo lange Napo⸗ ——— —— e te h h 555 leon Herr von Frankreich iſt, ſondern zu kämpfen bis zu ſeinem völligen und unwiderbringlichen Untergang.*) Und ich ſchwöre hier in die Hände der Majeſtäten, daß auch ich mit aller meiner Macht dieſen Mann bekämpfen will, der ſo lange Europa beunruhigt, ſagte Kaiſer Franz. Auch ich ſchwöre, daß ich den Krieg nur dann als beendet betrachten will, wenn Bonaparte entweder gefangen oder todt iſt. Ich ſchwöre, wie Sie Beide geſchworen haben, ſagte der König Friedrich Wilhelm. Krieg, unverſöhnlicher Krieg dem ehrgeizigen Ty⸗ rannen, durch deſſen Schuld auf's Neue das Blut unſerer braven Sol⸗ daten wird vergoſſen werden. Auf ſein Haupt komme die Schuld alles Unglücks, das Er allein jetzt wieder über Europa gebracht hat. Gott hat uns auserſehen, ihn zu ſtrafen, und unſere unglücklichen Völker endlich von ihm zu befreien. Ja, unſere unglücklichen Völker wollen wir endlich befreien von dieſem Schreckniß, rief Alexander begeiſtert, wir wollen ihnen endlich die Ruhe und den Frieden wiedergeben, und heimkehrend mit unſern Siegesfahnen wollen wir den Völkern, die wir die unſern nennen, zum Dank für ihre edle Treue und ihre tapfern Thaten, das Glück, die Freiheit und die Gerechtigkeit bringen. Die Tyrannei ſei verjagt mit dem Tyrannen Bonaparte, und unſer Stolz ſoll es ſein, als freie Fürſten über freie Völker zu regieren. Sie haben, gleich allen deutſchen Fürſten, Ihren Völkern eine Verfaſſung verheißen. Sie werden Ihr Wort erfüllen, wie ich es meinem neu erworbenen Königreich Polen erfüllen werde. Möge mich Gott den Tag ſehen laſſen, wo auch mein eigenes geliebtes Vaterland, mein Rußland, ſo weit heran gereift iſt, daß, ich auch ihm die Wohlthat einer Verfaſſung gewähren, daß ich auch meinen angeſtammten Völkern, wie Sie den Ihren, ſagen kann: „Ihr habt auf dem Schlachtfeld Euch die Manneswürde und die Freiheit der Selbſtbeſtimmung erkämpft, und ich gebe Euch dafür eine Verfaſſung, wie ſie freien Männern geziemt.“ Aber das ſteht noch in weiter Ferne, und das Nächſte nur wollen wir jetzt bedenken. Das *) Ménéval. IV. S. 166. 556 Nächſte iſt: Krieg gegen Napoleon! Unverſöhnliche Feindſchaft dem Störer des Weltfriedens! Krieg bis zur Vernichtung! Ja, ſo ſei es, riefen die beiden Monarchen. Bonaparte hat es ſo gewollt, ihm werde ſein Wille! Und nun, meine Freunde, meine Bundesgenoſſen, rief Alexander mit Thränen in den Augen, eine letzte Umarmung, ein letzter Kuß! Unſere Armeen erwarten uns! Leben Sie wohl! Auf dem Schlachtfeld oder in Paris ſehen wir uns wieder! Sie hielten ſich lange umſchlungen, dann nickten ſie einander den letzten Gruß zu. In Paris ſehen wir uns wieder, ſagten ſie Alle drei, und Hand in Hand durchſchritten ſie die Gemächer, gingen ſie hinunter bis zu den bereit ſtehenden Equipagen der beiden Monarchen Alexander und Friedrich Wilhelm, die jetzt Wien verließen, um ſich zu ihren Armeen zu begeben. 3 olour S SGrey Control Ghart c Cyan Greer vellow eq Magenta e Grey 2 Grey 3 Grey 4 —