Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und Seſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von — — jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 0 3. CQuution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ( wird.. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſt beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. * U E„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene over defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmertſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———————,——— — —— NB Von cL. Miühlbach. Vierte und letzte Abtheilung: Die Wiener Conferemzen. Zweiter Band. Zweite Auflage. Berlin, 1859. Napoleon in Deutſchland. Druck und Verlag von Otto Janke. —————————— — Die Wiener Conferenzen. Von c. Mühlbach. Zweiter Band. Zweite Auflage. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. 3 Drittes Buch. Tudwig van Peethoven. —————————— ————————— ————————— ——— l. Der Marquis von Barbaſſon. Und ſo iſt es denn wahr, ſo liebſt Du mich wirklich? fragte Friede⸗ rike Hähnel, ſich mit einem ſeligen Lächeln hernieder neigend zu dem jungen Mann, der vor ihr auf den Knieen lag und mit ſtrahlenden Augen zu ihr empor ſchaute. Jo, ich liebe Dich, ſagte er, ſein Haupt auf ihr Knie lehnend und mit einer anmuthigen Bewegung ihre beiden Arme um ſeinen Nacken ſchlingend. Lege die funkelnden Marmorketten um meinen Hals, Du meine Gebieterin, laß Deinen Sclaven einhergehen unter dem Joch der Liebe. Es iſt wahr, ſagte Friederike ſinnend, die Liebe iſt eine Sclaven⸗ kette, welche unſer ganzes Weſen und Sein umſchlingt, die Liebe iſt eine Tyrannin, welche uns mit unſern Gedanken, unſerm Wollen und Fühlen gefangen nimmt. Seit ich Dich kenne, ſehe, denke und fühle ich nur Dich; weit ab hinter mir liegt meine Vergangenheit, wie ein wüſter, ſchlimmer Traum, aus dem ich zum ſchönſten Erwachen mich aufgeſchwungen habe. Ich will Dir etwas geſtehen, mein Eduard, Du haſt mich nicht blos glücklich gemacht, ſondern Du haſt auch meine Seele errettet. Ohne Dich war ich ein armes, unglückliches Weſen, hin⸗ gegeben und verloren an die Eitelkeit der Welt, meine Seele verkau⸗ fend für Gold und Brillanten, meine Ehre hingebend für den flüch⸗ tigen Ruhm: eine einflußreiche, mächtige, politiſche Intriguantin zu ſein. Ohne Dich, mein Eduard, war ich verdammt, unterzugehen in dieſem wüſten Strudel des Lebens; Du aber, Du haſt mich errettet, — 176 und ich ſteige empor aus dem Strudel, in dem ich meine Seele rein gebadet von allen Laſtern und von allen Sünden, ich ſteige empor, eine fleckenloſe, reine Jungfrau, welche ihre Hände emporhebt zum Himmel und ihn demüthig anfleht, ihr zu vergeben, daß ſie einſt ſo ſchlimme und unheilige Träume gehabt. Die Liebe entſündigt, und ſo bin ich denn entſündigt, denn ich liebe Dich, mein Eduard! Sie neigte ſich zu ihm nieder und drückte einen Kuß auf ſein ſchwarzes, lockiges Haar. Du liebſt mich, ſagte er, mit einem zärt⸗ lichen Lächeln zu ihr aufſchauend. Aber wirſt Du auch treu ſein, Friederike? Wirſt Du nicht eines Tages mich verrathen und vergeſſen und mich in den Tod der Verzweiflung jagen? Sie ſchüttelte lachend das Haupt. Ich bin getreu, ſagte ſie ernſt, getreu im Lieben, wie im Haſſen, Eduard. Nie werde ich aufhören, Dich zu lieben, es müßte denn ſein—— Ach, unterbrach er ſie traurig, es giebt alſo doch eine Möglich⸗ keit, daß Du aufhören könnteſt mich zu lieben? Ja, ſagte ſie, wenn Du mich verrathen und vergeſſen könnteſt, dann würde ich aufhören Dich zu lieben, dann würde ſich meine Liebe in Haß verwandeln, und dann, ach, ich fürchte, dann würde der böſe Dämon wieder in mir erwachen, und dann würde ich mich rächen! Aber nein, nein, ſchwöre mir, Eduard, daß Du mich nie verrathen willſt, ſchwöre mir, daß Du kein Weib liebſt außer mir, daß Du mich liebſt, und mich allein! Schwöre mir das, damit ich ruhig ſein kann! Denn, ſiehſt Du, es martert und quält mich zuweilen ein Zweifel. In der Stille der Nacht kriecht er wie eine giftige Schlange in mein Herz und beängſtigt, plagt mich, daß ich laut aufſchreie vor Qual, daß Ströme von Thränen meinen Augen entſtürzen. Dann frage ich mich zitternd vor Angſt und Weh: wie kommt es, daß er, der ſchöne, der vornehme Marquis von Barbaſſon mich lieben kann, mich, das häßliche, reizloſe Geſchöpf, das ihm nichts zu bieten hat, nicht einmal einen Namen, nur ein glühend Herz, eine begeiſterungsvolle Liebe. Aber indem Du ſo fragſt, Friederike, rief der junge Mann haſtig aufſpringend, indem Du ſo fragſt, läſterſt Du Dich ſelber, läſterſt Du unſere Liebe! Das Schickſal ſelber iſt es geweſen, das uns zuſammen⸗ ——— —— 177 führte, das Schickſal hat gewollt, daß wir uns liebten. Ich kam hier⸗ her als ein armer, heimathloſer Fremdling, und jetzt, jetzt habe ich in Dir meine Heimath, meine Familie, meine Vergangenheit und meine Zukunft gefunden. Gott ſelber ließ Dich damals, an jenem Tage, an dem ich Dich zuerſt ſah, jene Worte ſprechen:„meine Mutter war eine Marquiſe von Barbaſſon!“— Ich ſchrak zuſammen, wie ich da in⸗ mitten dieſer fremden Welt meinen Namen nennen hörte, und blickte nach Dir hin. Ich ſah in Deine von Geiſt, Klugheit und Genialität blitzenden Augen, ich horchte auf den ſanften, lieblichen Ton Deiner Stimme— mein Herz jauchzte auf vor Entzücken und begrüßte Dich als meine Verwandte. Ich folgte Dir, als Du die Tribüne verließeſt, denn ich mußte doch wiſſen, wo diejenige wohnte, welche ſich eine Tochter der Marquiſe Barbaſſon nennen durfte, und welche ich jetzt ſchon liebte wie ein theures, letztes Vermächtniß meiner Familie. Ich erfuhr Deine Wohnung und am andern Morgen kam ich zu Dir, um Dir zu ſagen: Madame, ich bin der Marquis Barbaſſon, der letzte meines Stammes, denn mein Vater und mein Großvater ſind todt und der Bruder meines Großvaters iſt in Deutſchland verſchollen. J hörte Sie geſtern fagen: Ihre Mutter ſei eine Marquiſe eſ geweſen, und ich komme alſo, Sie zü fragen, ob ich das Glück habe, mit Ihnen verwandt zu ſein?— Und ich hatte das Glück! Wir verſtändigten uns und erfuhren, daß unſere Großväter Brüder geweſen. Wir reichten uns die Hand als die letzten Reiſer eines einſt ſo mächtigen, blüthen⸗ reichen Stammes, wir ſchwuren uns einander treue Freundſchaft und Verwandtſchaft, das Alles ging ganz einfach, ganz natürlich zu! Unter dem Sonnenſchein der Freundſchaft reifte uns die köſtliche Blüthe der Liebe, und wir hatten nicht nöthig, ſie uns zu verleugnen, denn wir ſind Beide unabhängig und frei, wir dürfen es froh hinaus jauchzen in die ganze Welt: Ich liebe Dich! Ich liebe Dich!— Und jetzt willſt Du böſe, geliebte Zweiflerin uns unſern Himmel trüben? Jetzt genügt es Dir nicht an dem Glück und Du willſt uns abſichtlich Schlangen unter die Roſen ſchieben? Die Liebe iſt hellſehend, ſagte ſie kopfſchüttelnd. Ich fühle, daß Du nicht ganz wahr mit mir biſt, daß Du mir etwas verbirgſt. Du Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 12 . . 178 ſagſt mir nicht, weshalb Du hierher gekommen biſt? Du ſagſt mir nicht, was Du hier thuſt und treibſt? Du haſt ein Geheimniß vor mir, Eduard, und doch ſagſt Du, daß Du mich liebſt? Der Marquis antwortete ihr nicht ſogleich; ſein ſchönes Antlitz hatte ſich beſchattet und mit düſtern Mienen, die Arme ineinander ge⸗ ſchlagen, ging er einige Male im Zimmer auf und ab. Friederike folgte jeder ſeiner Bewegungen mit flammenden Blicken, mit athemloſer Aufmerkſamkeit. Jetzt blieb der Marquis vor ihr ſtehen und ſchaute ſie lange und forſchend an. Friederike ſchlug das Auge nicht nieder, ſondern ſah ihn mit fragendem Lächeln an. Du haſt die Wahrheit geſagt, Friederike, ſagte er düſter, ich habe ein Geheimniß vor Dir, ich habe Dir etwas verborgen gehalten. Aber jetzt ſollſt Du ſehen, wie ich Dich liebe, denn ich will Dir die Wahr⸗ heit ſagen, ich will Dir mein Geheimniß anvertrauen! Komm hierher, ſagte ſie, ihn ſanft auf den Divan neben ſich niederziehend, ſetze Dich zu mir, mein Geliebter, laß uns Auge in Auge ſchauen, und nun ſage mir Dein Geheimniß. Schwörſt Du mir, es treu zu bewahren, Friederike? Ich ſchwöre es Dir bei unſerer Liebe! Sprich zu mir, mein Ge⸗ liebter, und möge ich verdammt ſein, und möge ich Dein Herz ver⸗ lieren, wenn ich auch nur ein Wort Deines Geheimniſſes verrathe! Nun denn, ſo höre mich! Du haſt meine Liebe angeklagt, Du haſt mir gemißtraut, ich will Dir wenigſtens den Beweis geben, daß ich Dich grenzenlos liebe, daß ich Vertrauen zu Dir habe! Höre alſo mein Geheimniß: Ich bin hierher gekommen nach Wien, um den König von Rom, um die Kaiſerin Marie Louiſe nach Frankreich zu entführen. Frankreich ſehnt ſich nach ſeinem Kaiſer, nach ſeiner Kaiſerin, und bald wird es ſich erheben wie Ein Mann, und in heiligem Zorn wird es den Bourbonen, der es gewagt, ſich auf den lorbeerbekränzten Thron des Kaiſers niederzuſetzen, von dieſem Thron niederſchmettern und mit der Stimme des zürnenden Weltenſturmes wird es ſeinen Kaiſer von Elba herbeirufen. Ich und meine Freunde wir werden Sorge tragen, daß der Kaiſer ein Schiff bereit finde, um ihn hinüber zu führen nach — i50, Frankreich, und meine ſpecielle Aufgabe iſt es, die Kaiſerin und den König von Rom dem Kaiſer zuzubringen. Ich werde dieſe Aufgabe erfüllen, oder ich werde ſterben! Das habe ich mit einem heiligen Eid geſchworen, bevor ich Frankreich verließ, das habe ich auf das Cru⸗ cifir geſchworen in der Verſammlung meiner Freunde. Ich werde Wort halten, und ſelbſt die Liebe darf mich nicht davon zurückbringen! Jetzt, Friederike, weißt Du mein Geheimniß, und jetzt, da Du es weißt, entſcheide über unſere Zukunft. Reiche mir Deine Hand, laß uns ge⸗ meinſam wirken zu dem großen Ziel, und wenn wir es erreicht, wenn der Kaiſer wieder in die Tuilerien eingezogen iſt, wenn die Kaiſerin und der König von Rom wieder durch mich an ſeine Seite geſtellt worden, dann werde mein Weib, meine Gemahlin vor Gott und den Menſchen, dann laß uns heimkehren in die Stille und den Frieden unſeres Ahnenſchloſſes, und laß uns dort unſerer Liebe und unſerem Glücke leben! Oder, wenn Du dies nicht willſt, dann wende Dich von mir, gehe hin, verrathe mich Deinen mächtigen Freunden, ſie werden Dir den Verrath mit Schätzen und Ehren belohnen, und Dich braucht es alsdann nicht zu beunruhigen, daß meine ſterbenden Lippen Dir als meiner Mörderin fluchen. Du wirſt dafür die Segnungen der Bour⸗ bonen, die Lobſprüche von halb Europa haben, und vielleicht wird Dich dereinſt die Geſchichte die Retterin der Welt nennen. Entſcheide Dich alſo! Denn jetzt, da Du mein Geheimniß weißt, jetzt haſt Du auch unſere Liebe herausgehoben aus den Bahnen des ſtillen, ſorgloſen Glückes. Da Du mein Geheimniß weißt, mußt Du entweder meine Mitſchuldige ſein oder meine Verrätherin. Es giebt keinen Mittel⸗ weg mehr! Und ich will auch keinen Mittelweg gehen, rief Friederike mit flanmenden Blicken, ich will Deine Mitſchuldige ſein. Ich lege meine Hand auf Dein Herz, und ſo ſchwöre ich Dir: ich will Theil haben an Deinem Werk! Ich will Deine Gefahren mit Dir theilen, Deine Zwecke verfolgen, für ſie thätig ſein, für ſie wirken, ſo viel in meinen Kräften ſteht. Ich will für Dich ſpioniren, und Alles, was ich erfahre, und erlauſche, das will ich Dir wiederſagen, und wo eine Gefahr droht, da will ich ſie hinwegräumen, und wo es einen Vortheil zu er⸗ 12 180 kämpfen giebt, da will ich ihn für Dich erkämpfen, oder im Kampf ſterben! Von dieſer Stunde an nehme ich Theil an Deiner Verſchwö⸗ rung, und erſt, wenn es unſerm gemeinſamen Wollen gelungen iſt, die Gemahlin und den Sohn des Kaiſers Napoleon wieder nach Frankreich zurück zu führen, erſt dann will ich Deine Gemahlin wer⸗ den, erſt dann ſoll der Marquis von Barbaſſon mich als ſein Weib in das Schloß unſerer Ahnen heimführen. Das ſchwöre ich bei Gott und unſerer Liebe! Ich nehme Deinen Schwur an im Namen unſerer Liebe, und Gott wird ſeinen Segen dazu geben, rief der Marquis, indem er das junge Mädchen in ſeine Arme zog und einen glühenden Kuß auf ihre Lippen preßte. Und jetzt ſage, was ich thun muß, ſagte ſie lebhaft. Weihe mich in Deine Pläne ein. Gieb mir einen recht ſchwierigen, gefährlichen Auftrag, damit ich ihn erfüllen und Dir beweiſen kann, was ich zu thun im Stande bin. Für den Augenblick giebt es noch nichts Entſcheidendes zu thun. Alles kommt darauf an, abzuwarten, hinzuhalten und zu verhindern, daß man den Kaiſer nicht etwa durch einen coup de main und ehe wir es hindern können, von Elba fortführt. Ich werde Eure Spionin ſein, rief Friederike lächelnd, ich werde Alles erfahren und Dir Alles wiederſagen. Du wirſt Alles erfahren? wiederholte der Marquis ſinnend. Durch wen? Durch einen hohen und mächtigen Freund und Gönner, durch einen Mann, der mich ſeines Vertrauens, ſeiner Freundſchaft würdigt, und der mächtig und einflußreich iſt. Das heißt durch einen Nebenbuhler, rief er düſter, durch einen Mann, mit dem ich Deine Liebe und Dein Herz theilen ſöll. Ah, ich rathe Dir, auf ihn eiferſüchtig zu ſein, ſagte ſie lächelnd. Mein Freund iſt ein Greis von mehr als ſechszig Jahren, ein Greis, der mich liebt, wie ein Großvater ſein Enkelkind liebt, mit dem er ſchäkert und ſpielt, um ſich von den ernſten Geſchäften zu erholen. Ich glaube Dir, Friederike, ſagte er, ſeine Hand auf ihre Schulter 181 legend, und ihr tief in die Augen ſchauend. Ja, ich glaube Dir, denn mein Leben würde ſeinen Halt und ſein Licht verlieren, wenn ich Dir mißtrauen müßte. Sprich alſo mit Deinem Freund, ſuche zu erfahren, was der Congreß über den Kaiſer Napoleon, über den Prometheus, den ſie auf Elba angeſchmiedet haben, beſchloſſen hat. Suche einzu⸗ wirken auf die Geſinnungen Deines Freundes. Mache ihn unſern Plänen geneigt, ſage ihm, daß Frankreich die Bourbonen verabſcheut, und den Kaiſer zurückerſehnt. Ich werde ihm das Alles ſagen, ich werde alle meine Beredtſam⸗ keit, meine Geſchicklichkeit aufbieten. Indem ich das thue, arbeite ich ja an meinem Brautkleid und pflücke mir die Myrthen zu meinem Hochzeitskranz. Aber iſt das Alles, kann ich weiter nichts für Dich thun, Eduard? Bedürfen wir zu unſerer Unternehmung nicht vor allen Dingen des Geldes? Nein, Friederike, ſagte er lächelnd. Wenn Du Geld haſt, ſo ſammle es für Dich, meine Braut, für unſer Stammſchloß im Ardennen⸗ wald. Ich bin arm, Friederike, meine Vorfahren haben ihr Vermögen hingegeben im Dienſt der Könige. Ich habe die letzten Trümmer deſ⸗ ſelben hingegeben im Dienſt des gefangenen Kaiſers. Ich werde Reichthümer ſammeln für uns Beide, rief Friederike freudig. Das Schloß unſerer Ahnen ſoll aus dem Schutt hervor⸗ gehen, wie der Phönix aus der Aſche, und alle Quellen des Wohl⸗ ſtandes, des Lebensgenuſſes ſollen ſich uns öffnen! Vertraue nur mir, mein Geliebter. Du giebſt mir Deinen Namen, ich gebe Dir die Mittel, unſerm Namen Glanz zu verleihen. Dazu bedarf es keines Geldes, dazu bedarf es nur Deiner Per⸗ ſon, ſagte er innig. Aber jetzt fällt mir noch etwas ein, um das ich Dich bitten könnte im Namen unſeres Bundes. Ich bedarf einer Unterredung mit Eugene Beauharnais, ich muß ſuchen ihn für uns, für ſeinen Vater zu gewinnen. Aber es giebt kein Mittel ihn zu ſehen, ohne ihn zu verdächtigen, denn überall umgeben ihn Aufpaſſer und Spione, und er wäre verloren, wenn es gelänge, ihn bei dem Kaiſer Alexander zu verdächtigen. Sende mich zu ihm, rief Friederike, mache mich zur Vermittlerin 182 zwiſchen ihm und Euch. Ich werde ihn nicht verdächtigen, mich wird man nicht für eine Verſchworene halten. Es iſt wichtig, daß ich ihn ſelbſt ſpreche, ſagte der Marquis lächelnd, und ſo weiſe und frei von Eiferſucht bin ich nicht, daß ich dem ſchönen Beauharnais ein téte aà téte mit meiner Geliebten erlauben möchte. Ich ſelber muß ihn ſprechen, und Du kannſt mir die Gele⸗ genheit dazu verſchaffen. Der Baron von Arnſtein giebt in acht Ta⸗ gen einen Maskenball, zu dem bereits die Einladungen ergangen ſind. Alle hier anweſenden Monarchen haben ihr Erſcheinen auf dieſem Maskenball zugeſagt, auch Eugene Beauharnais wird dort ſein. Ich bitte Dich alſo, ſuche mir eine Einladungskarte zu dieſem Feſt zu ver⸗ ſchaffen. Sie ſprang auf, und eilte zu ihrem Schreibtiſch hin, aus dem ſie ein Papier hervorzog. Da, rief ſie triumphirend, das Blatt hoch empor haltend, da ſieh, wie mächtig ich bin! Du ſprichſt den Wunſch kaum aus, und ich erfülle ihn ſchon. Hier iſt die Einladungskarte! Ich ſelber wollte zu dieſem Feſt gehen, ich wünſchte auch einmal mir* die Freuden und Herrlichkeiten des Congreſſes anzuſchauen, und mein Freund verſchaffte mir alſo dies Billet. Denn unter der verhüllenden Maske darf ich ihn begleiten, und Niemand von den hohen Ariſto— kraten ahnt das Verbrechen, daß des Uhrmachers bürgerliches Töchter⸗ lein ſich sub rosa in ihre geweiheten Kreiſe eingeſchlichen hat. Aber um Deinetwillen entſage ich dem Feſte. Da, nimm die Karte, Du ſiehſt, der Name iſt noch nicht ausgefüllt, ſchreibe den ſtolzen ſchönen Namen:„Marquis von Barbaſſon“ hinein, und die Pforten des Ban⸗ quier⸗Palaſtes werden ſich vor Dir aufthun, und der Banquierfürſt wird Dich mit Freuden bei ſeinem Feſt willkommen heißen. Aber Du entbehrſt alsdann ein ſchönes Feſt, Friederike? Komm andern Tages zu mir, und ich habe mein Feſt, ſagte ſie, ſich lächelnd an ihn ſchmiegend. Jetzt aber geh, mein Geliebter, geh! Es iſt bald die Stunde, in welcher mein Freund mich zu beſuchen pflegt, und ich will nicht, daß er Dich ſieht, bevor ich ihm geſagt, was Du mir biſt, und wie ich Dich liebe. Ich gehe alſo, ſagte der Marquis traurig, ich weiche einem Glück⸗ 183 licheren. Möge die Zeit bald kommen, wo Mir jeder Andere weichen muß, wo ich frei und ſtolz vor aller Welt ſagen darf: Friederike iſt Mein! Mir gehört ſie an, und Niemand hat ein Recht auf ſie, als ich allein! Dieſe Zeit wird bald kommen, Eduard, wir werden ihren Flug beſchleunigen, daß ſie mit Engelsfittigen zu uns heranſchwebt und uns glücklich macht! Lebe wohl, mein Eduard, lebe wohl, und gedenke mein! Noch eine letzte Umarmung, ein letzter Kuß, dann eilte Eduard von dannen. lI. Die Entdeckung. Friederike ſchaute ihm nach mit ſtrahlenden Augen, mit einem glücklichen Lächeln. Oh, mein Gott, flüſterte ſie leiſe, ich liebe ihn, und ich fühl's, dieſe Liebe wird mein Verderben ſein, denn ſie hat mich herausgeworfen aus meiner Bahn, ſie will verſuchen, den Dämon in einen Engel zu verwandeln. Aber wird ihr denn das gelingen? Wird nicht eines Tages, mitten in den heiligen Tempelhallen der Liebe, der Dämon wieder wach in mir werden, und wird den Engel verjagen, um wieder Beſitz von mir zu nehmen? Ach, ach, ich zittere vor meiner eigenen Schwäche, und mir ſcheint, ich bin nicht dazu gemacht, um gut und glücklich zu ſein.— Aber nein, ich will nicht grübeln, und phan⸗ taſiren von der Zukunft. Die Gegenwart nimmt alle meine Kräfte und Gedanken in Anſpruch. Wie närriſch doch dieſe Welt iſt! Die Liebe ſollte mich erlöſen, hoffte ich, aus allen Intriguen, Heucheleien und Verſtellungen, und jetzt iſt es juſt die Liebe, welche mich wieder mitten hinein wirft in den Strudel der Intriguen, der Heuchelei und Lüge! Denn ich bin jetzt eine Verſchworene, eine Bonapartiſtin! Ah, wie mein theurer Freund ſtaunen und ſich entſetzen würde, wenn er 184 dies wüßte! Ha, und iſt es nicht in der That eine luſtige Geſchichte? Die Freundin des großen Staatskanzlers von Hardenberg iſt die Ge⸗ liebte eines bonapartiſtiſchen Parteigängers, und hat ſich mit ihm ver⸗ ſchworen, die Kaiſerin und den König von Rom nach Paris zu ent⸗ führen, und Napoleon von Elba zu befreien! Oh, ich muß lachen, lachen über dieſen köſtlichen Roman, den ich da ganz für mich allein aufführe. Steh mir bei, Gott der Liebe, daß er ein ſchönes Ende hat, und daß die Liebenden am Schluß ſich heirathen! Doch ſtill, ſtill, höre ich da nicht Schritte auf der Treppe? Ja, ja, ſie kommen näher! Er iſt es! Nun, Schauſpielerin, nun ſpiele deine Rolle! Heuchle, ſchmeichle! Ziehe ſeine Geheimniſſe aus ſeiner Seele, um ſie dem Ge⸗ liebten zu verrathen, und dir ein Lächeln zu verdienen! Sie flog nach der Thür und öffnete ſie. Willkommen, willkommen, rief ſie mit lautem Jubelton, willkommen, meine Sonne und mein Tag! Willkommen, meine Sonne und mein Abend! müſſen Sie ſagen, Friederike, ſagte der Staatskanzler lächelnd, indem er in das Zimmer trat. Denn wenn Sie ſchon die Schmeichelei ſo weit treiben wollen, mich eine Sonne zu nennen, ſo müſſen Sie doch auch dieſer Schmeichelei ein wenig Schein der Wahrheit geben, und mich der untergehenden Sonne vergleichen, oder, wenn Sie wollen, auch dem Mond, denn ſchauen Sie nur mein Haupt an, es iſt vollkommener Mondſchein da. Er neigte ſein von dicken weißen Locken umwalltes Haupt, und ließ ſie die Stelle ſehen, von welcher die Jahre und die Mühen des Lebens die Haare ſchon hinweg genommen hatten. Mein Herr und Meiſter, ſagte Friederike ernſthaft, Sie ſind ein Prieſter der Weltweisheit, und es iſt daher ganz natürlich, daß Sie die Tonſur tragen. Das hindert Sie aber nicht, doch in Ihrem Herzen die ewige Jugend zu tragen, und Ihnen, als dem geweiheten Prieſter, lege ich, die Novize der Weltthorheit, mich zu Füßen. Der Staatskanzler lachte. Gott ſegne Deine tolle Laune, Kind, ſagte er, indem er auf dem Fauteuil Platz nahm, und Friederike zu ſich winkte. Sie eilte zu ihm hin, und kauerte ſich zu ſeinen Füßen nieder, wie ein Hund zu den Füßen ſeines Herrn, und ſchaute, wie dieſer, mit großen, glänzenden Augen zu ihm empor. 185 Hardenberg blickte zu ihr nieder mit einem ſanften ſtillen Lächeln, das ſein ſchönes edles Angeſicht wie mit einem Abendſonnenſtrahl ver⸗ klärte. Erzähle mir ein wenig von Deinen tollen Streichen, Kind, ſagte er. Laß mich ausruhen bei Deiner weiſen Thorheit von der thörichten Weisheit der ſogenannten klugen Leute. Ach Kind, Kind, ich komme zu Dir, um mich ein wenig zu erholen von all dem Jammer dieſer Herrlichkeit und dieſer Feſte, mit denen man uns hier in Wien erdrückt, ich komme zu Dir, um endlich wieder ein wahres Menſchen⸗ angeſicht zu ſehen, nachdem ich heute ſchon ſo viele Larven geſehen habe. Nicht wahr, Friederike, Du betrügſt und heuchelſt nicht, Du trägſt keine Larve? Wenn ich eine Larve trüge, ſo hätte ich mir ſicherlich eine ſchö⸗ nere gewählt, ſagte ſie lachend. Und wozu denn auch für mich eine Larve und eine Lüge? Ich bin noch immer ein armes, vergeſſenes, unbeachtetes Geſchöpf, das Niemand kennt, und von dem Niemand weiß, außer dem Einzig Einen, den ich anbete, und bei dem mein Antlitz und mein Herz immer unverhüllt daliegen vor ſeinen Alles ſchauenden und ergründenden Blicken. Hardenberg neigte ſich lächelnd vorwärts und betrachtete mit einem ſeltſamen Ausdruck die zu ſeinen Füßen hingekauerte Geſtalt. Du haſt Dich ſeit einigen Wochen verändert, Friederike, ſagte er, ſeit wir hier in Wien ſind, iſt ein fremder Ausdruck in Dein Antlitz gekommen. Deine Augen haben ihren wilden dämoniſchen Blitz ver⸗ loren, Dein Lächeln iſt milder und mädchenhafter geworden. Wie, ſollte ſich da vielleicht ein Wunder begeben? Sollte meine holde lieb⸗ reizende Diavolezza ſich am Ende alles Ernſtes in einen ſchmachtenden, unſchuldsvollen Engel verwandeln wollen? Die Götter mögen mich vor ſolcher Verwandlung bewahren, rief ſie lächelnd, denn wenn ich ein Engel wäre, müßte ich zuletzt noch in den Himmel kommen und ſelig werden. Ich geſtehe aber, ich habe eine fürchterliche Angſt vor der Seligkeit, und als Engel im weißen Flügel⸗ gewande am Throne Gottes zu ſtehen, und Hallelujah zu ſingen, das iſt eine Seligkeit vor der mir graut. Nein, nein, in der Hölle geht es luſtiger und intereſſanter zu, da finde ich die beſte Geſellſchaft, und 186 alſo bleibe ich Ihre Diavolezza, und freue mich darauf, mit Ihnen dort unten zuſammen zu ſein. Wie, Du meinſt alſo, daß ich auch ein Sohn der Hölle ſei und einſt in meine Heimath zurückkehren werde? rief Hardenberg lachend. Ich bin davon überzeugt, Excellenz. Sie ſind viel zu geiſtreich, um in den Himmel kommen zu können, und ſeit Sie hier in Wien als Congreßmitglied wirken, haben Sie ſchon ganz den Duft eines echten Teufelsbratens angenommen. Ja, es iſt wahr, ein bischen von der Vorhölle durchleben wir ſchon hier in Wien, ſagte Hardenberg lachend, und wenn wir nicht ſelbſt Deufel ſind, ſo kann man hier in der Ungeduld ſeines Herzens leicht zum Deufel gehen. Das heißt, zu Talleyrand, rief Friederike, ich bilde mir ein, daß Talleyrand wirklich der verkleidete Teufel iſt. Er hat ſich freilich als Menſch angezogen, aber ſeinen hinkenden Pferdefuß hat er doch nicht verleugnen können, und dieſe Mahnung an ſeinen Urſprung ſchleppt er durch Eure Salons dahin! Und Ihr ſeht's mit Euren leibhaftigen Augen, und ahnt doch nicht, daß er der leibhaftige Gottſeibeiuns iſt, dem Ihr Alle ſo hofirt und ſchön thut. Du haſt Recht, Friederike, etwas vom Teufel ſteckt in ihm, ſagte Hardenberg gedankenvoll. Ein ziemliches Feuer hölliſcher Zwietracht hat der Herr Talleyrand uns hier ſchon auf dem Congreß angezündet, und ſchürt es mit geſchickten Händen, auf daß es immer höher auf lodere, und mit ſeinem Rauch und ſeinem Dunſt uns Allen die Köpfe verdrehe. Unter dem Vorgeben, nichts zu wollen, ſondern nur im Namen Frankreichs das Princip der Legitimität aufrecht erhalten zu müſſen, opponirt er dagegen, daß Preußen von Sachſen Beſitz nehme, und erklärt es für einen Raub, für ein revolutionaires Unternehmen. Aus demſelben Princip will Talleyrand den König Ioachim Murat des Throns von Neapel verluſtig erklärt wiſſen, obwohl England und Oeſterreich, zum Dank für Murat's an Napoleon verübten Verrath, ihm feierlich den Beſitz Neapels zugeſichert haben. Eine unbeſchreib⸗ liche Verwirrung, ein ewiges Hadern und Zanken iſt die Folge davon, 187 und Herr Talleyrand ſieht das mit Luſt, und ergötzt ſich an dieſer Zwietracht, unter welcher die eigentlichen Zwecke des Congreſſes ver⸗ nichtet werden, und man zuletzt Alles ſo laſſen wird, wie es iſt. Von den Völkern, ihren Rechten und Anſprüchen, und den Verſprechungen, die man ihnen gemacht hat, iſt ſchon jetzt gar keine Rede mehr, ſon⸗ dern nur noch von den Ländergrenzen, die man erweitern möchte, von den Thronen, die man ſtärken und ſtützen ſoll, von den Titeln und Bevorzugungen, die man ſich aneignen will. Zuletzt wird der Con⸗ greß nur eine große Razzia ſein, in der Jeder ſich bemüht, ſo viel Beute als möglich zu machen, und ſich durch einen kühnen Handgriff anzueignen, was dem Andern gehört. Und an all dieſem Elend iſt der Talleyrand und ſein König Lud⸗ wig der Achtzehnte Schuld, rief Friederike glühend. Wahrlich, es wäre klüger gehandelt, dieſen undankbaren, zankſüchtigen alten König Ludwig, den, gleich dem Sir John Falſtaff,„Kummer und Sorgen aufgebläht haben wie einen alten Schlauch“, es wäre beſſer, ihn wieder vom Thron herunter zu rollen, und den Napoleon von Elba herbei zu rufen, daß er wieder Frieden mache in Europa. Schicken Sie mich hin zu Napoleon nach Elba, Excellenz. Ich will ihm ſagen, daß Preußen ihm helfen wolle, wieder den Thron von Frankreich zu beſteigen, vor⸗ ausgeſetzt, daß er Preußen dafür im Beſitz von Sachſen belaſſe. Was denkt mein angebeteter Herr und Meiſter von dieſem Plan? Wäre er nicht ganz geeignet dem unſeligen Congreß und allen Zwiſtigkeiten ein raſches Ende zu machen? Ja, wahrhaftig, das wäre ein raſches Ende, ſagte Hardenberg, das hieße eine heroiſche Kur machen, und Demjenigen, der an Zahn⸗ weh leidet, die Schmerzen vertreiben, indem man ihn guillotinirt. Aber was kümmert uns die Politik, Holde, ſprechen wir nicht mehr von dieſer Kinderkrankheit der Herren Diplomaten. Sprechen wir von Ihnen, Friederike. Ich habe mich in dieſen Tagen viel mit Ihnen beſchäftigt, mein Kind, und oft an das Verſprechen gedacht, das ich Ihnen in Berlin gegeben. Welches Verſprechen, Excellenz? fragte Friederite mit dem An⸗ ſchein der Befremdung. 188 Ach, die Schlaue, will ſich den Anſchein geben, als habe ſie es vergeſſen! Friederike legte ihr Haupt auf ſeine Kniee, und ſchaute mit ihren großen ſchwarzen Augen tiefernſt zu ihm empor. Ich habe Alles ver⸗ geſſen, außer daß ich Sie anbete, und daß ich ewig ſo zu Ihren Füßen liegen möchte! Oder als angebetete Königin und Herrin, umgeben von Schmeichlern, inmitten eines Salons ſtehen möchte, rief Hardenberg lachend. Ah, jetzt weiß ich, wovon Sie reden, ſagte Friederike gleichgültig, Sie reden von meinem Mann, von dem deus ex machina, der er⸗ ſcheinen, und mir Namen, Rang und Stand geben ſoll. Ja, von Ihrem Manne rede ich, den ich Ihnen damals in Berlin feierlich verſprochen habe. Denken Sie nicht, Theuerſte, daß ich es mit Ihnen mache, wie es die Fürſten mit ihren Völkern gemacht, daß ich in der Stunde, wo ich Ihrer Hülfe bedurfte, Ihnen nur glänzende Verſprechungen gewacht habe, die ich aber nicht zu erfüllen gedenke. Nein, mein Kind, ich bin eingedenk meines Schwurs, und die Stunde der Erfüllung iſt jetzt gekommen. Aber erſt ſagen Sie mir doch, wie ſtehen Sie mit dem jungen Herrn von Sahla, dem enragirten jungen Sachſen? Haben Sie ſeinen Enthuſiasmus richtig geleitet, und die Vaterlandsbegeiſterung glücklich erſtickt unter der Liebesbegeiſterung? Iſt er noch immer der Auserkorene, dem meine Diavolezza ihre Hand reichen will? Ich glaube, Excellenz, ich habe da den furchtbarſten Affront, der einem Weibe geſchehen kann, erdulden müſſen. Ich bin verſchmäht, und Herr von Sahla hat unſern Plan vergeſſen, oder er mißtraut mir, und meint, daß ich als gute Preußin, das heißt als gute Harden⸗ bergerin, auch nicht ſein Sachſen von Preußen erlöſen werde. Die Probezeit der vier Wochen iſt beinahe zu Ende, und ich habe Herrn von Sahla nicht wieder geſehen. Nun denn, le mari est mort, vive le mari! ſagte Hardenberg lächelnd. Ich habe einen andern Gemahl für Sie entdeckt, einen liebenswürdigen Gentilhomme, mit hochtönendem ariſtocratiſchen Namen, 189 ſeines Handwerks ein Spieler, und ſehr gern bereit, für einige tauſend Thaler ſein Herz und ſeine Hand hinzugeben. Ein verführeriſcher Gemahl, rief Friederike, aber er kommt zu ſpät, ich ſelber habe ſchon gewählt, und ich bitte meinen erhabenen Herrn und Meiſter mich gewähren zu laſſen. Mein Herz liegt zu Ihren Füßen, und träumt ſeinen erſten Frühlingstraum, laſſen Sie mich doch träumen, und wecken Sie mich nicht, um mir einen Trau⸗ ring anzuheften. Warten Sie nur, die Jahre werden ſchon kommen, mich zu wecken, und wenn ich dann erwachend in den Spiegel ſchaue, und die erſte Runzel und das erſte weiße Haar entdecke, dann werde ich ſagen: vive le mari! Bis dahin, oh, bis dahin will ich frei ſein, um zu lieben und zu haſſen, frei, um Sie zu lieben, mein Herr und Meiſter. Hardenberg ſchüttelte leiſe ſein Haupt, und legte ſeine Hand auf Friederikens Stirn. Sie ſind aus der Rolle gefallen, Kind, ſagte er freundlich, Sie ſchwören jetzt, daß Sie nur um meinetwillen den Ge⸗ mahl, den äch Ihnen biete, verſchmähen, und doch geſtand Ihr Herz vorher, Sie hätten ſchon ſelbſt gewählt. Kind, halten Sie mich nicht für einen eiferſüchtigen Tyrannen, der Ihrem Glück im Wege ſtehen möchte. Was Sie mir ſind, das bleiben Sie mir, wenn auch ein Gemahl Ihnen zur Seite ſteht. Ich liebe an Ihnen Ihren Geiſt, Ihren Muthwillen, Ihre Bosheit. Mein Gott, ich liebe meine Dia⸗ volezza, und ich frage nichts darnach, ob die Diavolezza Anderen gegenüber ſich vielleicht in ein liebeſchmachtendes, empfindungsvolles Weib verwandelt. Es iſt eine Maske, mit der ſie ſich und Andere beluſtigt, die mich aber niemals täuſchen wird und ſoll. Ich habe meiner Diavolezza bis auf den Grund geſchaut, und ich weiß, daß ſie kein Herz hat. Und wenn Sie ſich nun doch geirrt hätten? fragte Friederike mit zitternder Stimme. Wenn die Diavolezza nun doch ein Herz hätte, und dies wüchſe jetzt auf einmal ſchnell empor, und öffnete, gleich der Königin der Nacht, auf einmal ſeine Wunderblüthe, und erfüllte mein ganzes Sein und Denken mit köſtlichem Entzücken? Was würde mein Herr und Meiſter dann ſagen? 190 Dann würde ich ſagen: mein holdes Kind, die Königin der Nacht blüht wie Ihre Liebe nur vier und zwanzig Stunden, dann iſt's mit ihrem Duft und ihrer Poeſie vorbei, und der verwelkten Blüthe gegen⸗ über erwacht man aus ſeinen Himmelsphantaſieen mit etwas Kopf⸗ ſchmerz und Erſchlaffung, und fragt ſich ganz entnüchtert: wie man jene abgefallenen welken Blätter als Wunderblüthe habe anſtaunen können? Hüten Sie ſich wohl, meine liebe Holde, es giebt auch falſche Wunderblüthen, und falſche Liebe. Bewahren Sie Ihr Herz, da Sie doch ſagen, daß Sie bei ſich ein Herz entdeckt haben. Laſſen Sie ſich nicht anſtecken von Ihrer Sympathie,— Sie haben ſich oft ſelbſt eine Abenteurerin genannt, hüten Sie ſich aber vor den Abenteurern! Es giebt deren in Wien ſehr viele, der Congreß hat alle Vögel dieſer Art aus ihren Neſtern und Schlupfwinkeln aufgetrieben, und wer nur irgend noch von ihnen die Kraft in ſeinen Flügeln ſpürte, der iſt hierher ge⸗ flattert, um ſich wo möglich hier im allgemeinen Trouble unbemerkt mit einigen falſchen Federn aufzuſtutzen, und ſeinen Sperling Kharacter unter einem Pfauencoſtüm zu verbergen. Es giebt hierabiele ſolche Pfauen, die doch nur ausgeputzte Sperlinge ſind! Ein ganzes Heer von Glücksrittern, Aventuriers, Spielern und Beutelſchneidern jeder Art umlagert uns hier, und wahrhaftig, man kann oft kaum noch den Diplomaten und Politiker von dem Glücksritter und Beutelſchneider mehr unterſcheiden. Das erinnert mich daran, daß ich vor Ihrer Thür einem ſolchen Aventurier, und zwar einem von der gefährlichſten Sorte, begegnet bin. Sie kennen ihn doch nicht, und er kam nicht von Ihnen? Ich weiß nicht einmal, von wem Sie ſprechen, Ercellenz, und ich ſoll ſagen, ob ich ihn kenne? Ich ſpreche von einem jungen Mann, der unſeren geheimen Agenten bekannt iſt als ein ſehr gefährliches Individuum, als ein enragirter Bonapartiſt, der hierher gekommen iſt, um hier zu intriguiren, Ver⸗ bindungen anzuknüpfen, und Alles in Bewegung zu ſetzen, um Napo⸗ leon von Elba nach Frankreich zurückzuführen. Er gehört nicht zu der ſchlimmſten Sorte der Abenteurer, denn er meint es in gewiſſem Be⸗ trachte ehrlich. Es iſt ihm wirklich um die Sache Ernſt, die er vertritt, 191 und nicht um perſönlichen Vortheil und Gewinn. Aber um die Sache, der er dient zu fördern, ſcheut er keine Lüge, keine Heuchelei und Verſtellung, und darum nenne ich ihn gefährlich, denn er iſt überdies ein ſchöner Mann, und beſitzt in hohem Grade die Anmuth der Rede und des Betragens. Auch iſt er ſo geſchickt, daß ihm die Polizei nichts anhaben kann. Seine Papiere ſind in Ordnung, er iſt bei der franzöſiſchen Geſandt⸗ ſchaft legitimirt, in vielen Häuſern hier accreditirt, und beſitzt mächtige und einflußreiche Gönner. Ah, wahrhaftig, Sie machen mich neugierig, dieſes Wunder kennen zu lernen, rief Friederike vollkommen unbefangen. Wie heißt denn Ihr intereſſanter Abenteurer? Er heißt, je nachdem es ihm bequem iſt. Beim Grafen Aldini iſt er mir vorgeſtellt als Marquis von Laſtodère, doch weiß ich, daß er ſich anderswo als Marquis von Barbaſſon eingeführt hat. Marquis Barbaſſon, rief Friederike, aus ihrer ruhenden Stellung emporſchnellend, und ſich groß und ſtolz aufrichtend. Marquis Barbaſſon! Ach, ich ſehe, Excellenz, Ihre Spione ſind gut, und Sie haben mich gut überwachen laſſen. Sie wiſſen alſo Alles, Sie wiſſen, daß ich den Marquis kenne, daß er oft zu mir kommt. Ja, ich leugne es nicht, ich kenne den Marquis Barbaſſon, ich leugne es nicht, ich liebe ihn. Er iſt es, der mein Herz erweckt hat. Er iſt es, dem ich meine Hand reichen, von dem ich meinen Namen empfangen will. Oh, Excellenz, zürnen Sie mir nicht, verſtoßen Sie mich nicht von Ihrem Angeſicht, ich verehre Sie als meinen Herrn und Meiſter, ich liebe Sie als Ihre Sclavin, als Ihr Geſchöpf, ich hänge Ihnen in ewiger Treue an als Ihre Schülerin und Ihre Dienerin, aber der Marquis Barbaſſon, den liebe ich als meinen Geliebten, als den Gemahl, dem ich zu ewigem Liebesbunde meine Hand reichen will. Hat er Ihnen geſagt, daß er ſich mit Ihnen vermählen will? Hat er Ihnen ſeine Hand angeboten? Hat er Ihnen geſagt, daß er Sie liebt? Die Luft hier iſt noch durchduftet von den Schwüren ſeiner Liebe,„ und mein Herz bebt noch von der ſüßen Melodie ſeiner Worte, ſeines Liebesantrags. Ja, er hat mir ſeine Hand angeboten, er hat mir ge⸗ 192 ſagt, daß ich ſein Weib, daß ich die Marquiſe von Barbaſſon werden ſoll, er hat mir geſchworen, daß er mich liebt, mich allein. Armes Kind, und Sie haben ihm geglaubt? fragte Hardenberg mitleidsvoll. Hören Sie, Friederike, ich habe dieſen Mann genau beobachten laſſen, und ich weiß mehr von ihm als die wachſame Wiener Polizei. Das kommt daher, daß dieſe jetzt ſehr Viele überwachen muß, während ich mein Augenmerk nur dieſem Einzigen zugewandt hatte, und nur um Ihretwillen, Kind. Ich werde daher auch meine Ent⸗ deckungen nicht der Wiener Polizei mittheilen, denn ich miſche mich nicht gern in fremde Angelegenheiten, und ich bin fremd hier, wie Ihr Marquis Barbaſſon ſelber. Aber ich werde Ihnen meine Entdeckungen mittheilen, Friederike, denn Ihre Angelegenheiten ſind die meinen, und mich trifft der Pfeil der auf Ihr Herz gerichtet iſt. Ich ſage Ihnen alſo, Kind, hüten Sie ſich vor dem Verräther, der ſich bei Ihnen unter einem falſchen Namen eingeſchlichen hat. Unter einem falſchen Namen? rief Friederike empört. Ew. Excellenz verläſtern und klagen an, aber Sie beweiſen nicht. Ich will beweiſen! Es kennt ihn hier Niemand als Marquis Barbaſſon. Er heißt für Jedermann Marquis von Laſtodere Als ſolchen kennt ihn die franzöſiſche Geſandtſchaft, der er als eifriger Le⸗ gitimiſt und geſchickter Agent von Fouché ſelbſt empfohlen worden. Das beweiſt alſo nur, daß er Jenen ſeinen wahren Namen ver⸗ ſchwiegen hat, ſagte Friederike. Nein, Kind, das beweiſt, daß er Ihnen, gleich Jenen, einen falſchen Namen geſagt hat, denn er heißt weder Barbaſſon noch Laſto⸗ dere. Er heißt Graf von Montbrun. Nun, ich finde nicht, daß dieſer Name ſchlechter klingt, als die beiden andern, und ich werde mich eben ſo gern Gräfin Montbrun, als Marquiſe Barbaſſon nennen hören. Ein ganz kleiner Umſtand wird das aber leider unmöglich machen. Was für ein Umſtand? Der Graf Montbrun, oder der Marquis Barbaſſon iſt verheirathet. Das iſt nicht wahr, das iſt eine elende Lüge, rief Friederike mit erglühenden Wangen. —„— — — 193 Das iſt die Wahrheit, Kind, die lautere Wahrheit. Er iſt ver⸗ mählt mit einer reizenden, ſchönen Frau, gleich ihm einer enragirten Bonapartiſtin, einer nahen Anverwandtin der Herzogin von Montebello. Sie iſt gleich ihm hier unter einem falſchen Namen, und Niemand ahnt, daß die liebreizende junge Wittwe Baldorini, die hier in allen Salons gefeiert wird, ganz im Geheimen vermählt, und nichts weiter als eine 1 ſehr geſchickte Agentin des Herrn Bonaparte iſt. Beweiſe! ſagte Friederike hochathmend, ihre Hände krampfhaft in 1 einander ſchlagend, die bebenden Lippen feſt auf einander gepreßt. Laſſen Sie mich ſeine Frau ſehen,— oh, laſſen Sie mich ſie ſehen, damit ich ſie mit meinen Blicken erdolchen kann. Nun, ich denke, eine Gelegenheit, ſie zu ſehen, werde ich Ihnen ſchon verſchaffen können. Die ſchöne Gräfin Baldorini wird überall eingeladen, wo man hier ein Feſt giebt. Um Ihnen gefällig zu ſein, habe ich mich erkundigt, ob ſie eine Einladung zum Maskenfeſt beim Baron von Arnſtein erhalten hat. Und was haben Sie erfahren? Wird ſie dort ſein? Jo, ſie hat eine Einladung erhalten, und ſie hat ſie angenommen. Sie ſehen alſo, wie herrlich ſich das trifft, denn auch Sie haben ja eine Einladungskarte für dieſes Feſt. Friederike ſtieß einen dumpfen Schrei aus, und ſank wie zerbrochen auf einen Seſſel nieder. 1 ⁰ Was iſt's? fragte Hardenberg erſtaunt. Was bewegt Sie auf einmal ſo ſehr? Fühlen Sie nicht die Kraft, Ihrer glücklichen Neben⸗ buhlerin gegenüber zu treten? Wollen Sie nicht zu dem Feſt gehen? Ich kann nicht hingehen! ſagte ſie, ihre geballten Fäuſte hoch 3 emporſtreckend, als wolle ſie dem Himmel drohen, daß er ſie ver⸗ rathen habe. Wie denn, Sie können nicht zu dem Feſt gehen? fragte Harden⸗ berg. Ich habe ja für Sie, für meine Landsmännin, Fräulein von Friedrich, noch eine Einladungskarte erbeten, und man hat ſie mir ge⸗ ſandt. Haben Sie denn dieſe Karte nicht mehr? Nein, ich habe ſie nicht mehr! Er hat ſie von mir erbeten, und ich gab ſie ihm. Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 13 * 194 Hardenberg lachte. Wahrhaftig, ſagte er, das iſt genial. Sie müſſen ihm auf dieſe Weiſe zu einem Rendezvous mit ſeiner Frau ver⸗ helfen. Niemand ſoll ohne Zweifel erfahren, daß zwiſchen Beiden ein Zuſammenhang iſt, deshalb ſieht man ſie nie bei einander. Auch hat der Herr Marquis trotz ſeiner wohlklingenden Namen nur in wenig Häuſern Zutritt gefunden, denn man mißtrauet ihm allgemein. Es hat ihm alſo, wie es ſcheint, an einer Einladungskarte für den Maskenball des Baron Arnſtein gefehlt, und er iſt ſo klug geweſen, ſich von Ihnen eine ſolche zu verſchaffen. Ihr lieber kleiner Couſin, der Marquis von Barbaſſon, fängt an, mir zu gefallen. Es gehört in der That eine geniale Frechheit dazu, ſich von ſeiner Geliebten die Mittel zu einem Rendezvous mit ſeiner Frau zu verſchaffen. Friederike zuckte zuſammen, und ſich von ihrem Seſſel erhebend, ſchritt ſie langſam zu Hardenberg hin. Eine ſeltſame Veränderung war jetzt mit ihrem ganzen Weſen vorgegangen. Der freudige Glanz war aus ihrem Antlitz gewichen, das verklärte Lächeln umſpielte nicht mehr ihre vollen Lippen, das ſchwärmeriſche Feuer glühte nicht mehr in ihren ſchwarzen Augen,— die Verklärung der Liebe, welche dieſes Antlitz wie mit ſtrahlendem Sonnenglanz verſchönt hatte, war jetzt auf ihren Wangen erblaßt, ein unheimliches Feuer blitzte aus ihren Augen⸗ ihre zuckenden Lippen ſchienen eine Verwünſchung zu murmeln, und mit entſetzten Mienen in das Leere ſtarrend, die rechte Hand hoch er⸗ hoben, als faſſe ſie in der leeren Luft nach Etwas, ſchien ſie gleich Macbeth den unſichtbaren Dolch zu zücken, mit dem ſie ihren Feind erlegen wollte. Diavolezza, rief Hardenberg, Diavolezza, willſt Du mich er⸗ morden? Sieh nicht ſo ſtarr, Kind, laß den Dämon in Dir nicht ſeine geheimſten Gedanken verrathen! Sei ruhig, ſtürmiſches Meer, ſei ruhig! Ich bin ruhig, oh ganz ruhig, ſagte ſie mit dumpfer Stimme. Ich werde auch bald wieder lachen und fröhlich ſein. Ich hatte nur eben ein Gefühl, als ob ein Geier mit ſeinen Krallen nach meinem Herzen faßte, und es mit Gewalt aus meiner Bruſt riß. Oh, es that ſehr weh, aber die Wunde wird bald heilen, und dann werde ich 195 wieder ganz glücklich ſein, denn ich werde wieder Ich ſelbſt ſein, Ihre Diavolezza, Ihr luſtiger Kobold, Ihr boshafter Dämon. Aber damit ich ganz geheilt werde, ganz geneſe, dazu bedarf es nur Eins. Was denn, mein armes liebes Kind? fragte Hardenberg. Beim Himmel, ich habe nicht geahnt, daß ich Ihnen einen ſo tiefen Schmerz verurſachen würde. Ich glaubte, Sie ſuchten da nur den vornehmen Namen und nähmen den Mann mit in den Kauf, und nun finde ich zu meinem Bedauern, daß Sie den Mann geliebt, und nur den vor⸗ nehmen Namen mit in den Kauf genommen haben. Sagen Sie alſo, Theure, was kann ich thun, um Ihnen Geneſung zu verſchaffen? Ich muß auf den Maskenball, rief ſie mit einem lauten Schrei. Ja, ich muß dahin. Ein Billet, ſchaffen Sie mir ein Billet zu dieſem Feſt. Oh, Sie wollen ihn in flagranti überraſchen? Aber, Kind, ich fürchte Ihre Leidenſchaftlichkeit. Sie werden eine Scene machen, Sie werden den Strom Ihres leidenſchaftlichen Zorns über den Verbrecher ergießen, Sie— Ich ſchwöre Ihnen ganz ſtill zu ſein, kein Wort mit ihm zu ſprechen, ihn nicht ahnen zu laſſen, daß ich da war. Wollen Sie mir nun eine Einlaßkarte verſchaffen? Und was verſprechen Sie mir, wenn ich's thue? Ich verſpreche Ihnen alsdann, den Mann zu heirathen, den Sie mir ausgewählt, ich verſpreche Ihnen, niemals etwas Anderes mehr zu ſein, und ſein zu wollen, als Ihre Diavolezza. Es ſei, ich nehme Ihre Verſprechungen an. Sie ſollen Ihre Einladungskarte haben. Aber Sie ſchwören mir, keine Scene zu machen? Ich ſchwöre es Ihnen. Aber der Marquis wird im Coſtüm und maskirt dort ſein. Wie wollen Sie ihn erkennen? Oh, ſagte ſie mit einem eigenthümlichen Lächeln, er wird mir ſein Coſtüm ſagen, er hat kein Geheimniß vor mir, denn er weiß, daß er mir vertrauen kann, und daß ich ihn liebe. Ich muß die 13* 196 Wahrheit wiſſen, und wenn es ſo iſt, wie Sie ſagen, wenn er ver⸗ mählt iſt, und mich betrogen hat, dann, beim ewigen Gott, dann werde ich mich rächen! lil. Tudwig van Beethoven. Auf dem Landhaus des Fürſten von Lichnowsky war heute eine glänzende, auserleſene Geſellſchaft verſammelt. Alles, was ſich jetzt in Wien an Rang, Stand und Namen aufhielt, alle Diplomaten des Congreſſes, alle die ſchönen und hochadligen Diplomatinnen, der ganze hohe Adel von Wien, waren zu dieſem Feſte geladen, das der Fürſt zur Abwechſelung der ſich immer wiederholenden Feſte heute nicht in ſeinem Hötel in Wien, ſondern in ſeiner zwei Meilen von Wien ent⸗ fernten Villa veranſtaltet hatte. Man fing bereits an, der immer in gleichem Styl veranſtalteten Diners, Soupers, und Routs von ganzem Herzen überdrüßig zu ſein, und man mußte auf pikante Variationen über das angenommene Thema der Congreßvergnügungen bedacht ſein, um ihnen noch Reiz und Intereſſe zu verleihen. Deshalb hatte der Fürſt heute eine erſte Variation verſucht, und die ſchöne und glänzende Congreßgeſellſchaft hinaus geladen auf ſeine Villa zu einem Feſt ganz neuer Art. Dieſes Feſt ſollte einen ganzen Tag in Anſpruch nehmen, und ſchon in der Frühe des Morgens fuhren daher die Equipagen in einer langen Reihe die chauſſirte, breite Straße dahin. Neben den Wagen ſah man die vornehmen Reiter auf herrlichen Roſſen und ge⸗ folgt von ihren Jockeys dahin ſprengen. Es war ein ſchöner, kalter Novembermorgen, die Nachtkälte hatte die Bäume und Geſträuche, die zu beiden Seiten des Weges ſtanden, mit einem leichten Reif über⸗ zogen, der jetzt in der hellen Morgenſonne wie mit tauſend Diamanten und Sternen funkelte, als habe die Natur ſelbſt ſich ſchmücken wollen, 197 die vorüberfahrenden Gäſte Wiens zu begrüßen. Die Luft war von jener reinen, durchſichtigen Klarheit, wie ſie nur den Herbſttagen eigen iſt, und in den wundervollſten, wechſelndſten Schattirungen lagerte der Wald dort drüben, die Gegend abſchließend, ſich am Horizont hin. Dieſer heitere Sonnenſchein, dieſe reine Luft färbte die Wangen der Damen mit einem höhern, ſchönern Incarnat, und da ſie ſich deſſen gar wohl bewußt waren, ſo glänzten ihre Augen freudiger, und mit köſtlichem Lächeln auf den Purpurlippen wandten ſie ſich aus den Equipagen zu den Cavalieren, die ſich in ihren ſchönen pelzverbrämten Reitercoſtümen gar ſtattlich ausnahmen auf den ſchönen pirouettirenden Pferden. So unter Lachen und fröhlichen Scherzen legte man den Weg nach der Villa zurück, und dort empfing das fürſtliche Paar mit anmuthiger Zuvorkommenheit die glänzende Schaar ſeiner Gäſte. Man erquickte ſich an einem auserleſenen Dejeuner, zu welchem die ſchöne Morgenfahrt den Appetit gegeben, welchen man, ermattet von den ſtets ſich gleich bleibenden Diners und Soupers, lange ſchon verloren gehabt, und nach dem Dejeuner begann die Reihe der verſchiedenartigen Beluſti⸗ gungen und ländlichen Freuden, mit denen man ſich eine Erquickung bereiten wollte nach ſo vielen ſtädtiſchen Freuden und Genüſſen. Eine Hetzjagd in den großartigen, hinter der Villa belegenen Waldungen füllte die Zeit angenehm genug aus, dann beſchäftigte man ſich mit der Fiſcherei und ergötzte ſich damit, die in italieniſcher Tracht ſich darſtellenden Fiſcher ihre Reuſen aus dem See ziehen zu ſehen, in deren Netzen eine Unzahl luſtiger Fiſche zappelte und ſprang. Alsdann kehrte man in die Villa zurück, die Damen, um in den Gaſtzimmern ihre Toiletten zu machen, die Herren, um in dem Billardſaal, in der Bibliothek oder im Muſikſaal ſich bis zum Diner je nach ihren Nei⸗ gungen zu erheitern. Die erſte Hälfte dieſes Tages, die gleichſam wie ein Schluck ſchöner, unſchuldiger Milch die überreizten Gaumen kühlen ſollte, war alſo durchaus den ländlichen Vergnügungen gewidmet. Aber die zweite kleinere Hälfte gehörte faſt wieder dem ariſtokratiſchen Stadtleben an. Gemäß dem Programm des Tages, das der Fürſt ſeinen Gäſten ge⸗ geben, ſollte nach dem Diner eine kurze Erholung ſtattfinden, alsdann 198 eine Soirée folgen, zu der aus Wien noch neue Gäſte eintreffen wür⸗ den, und dann inmitten der Nacht ſollte die ganze Geſellſchaft unter Fackelſchein wieder nach Wien zurückfahren. Man war in dem Programm der Tagesfreuden bis zu der Soirée gelangt, und die Geſellſchaft befand ſich jetzt in den prachtvollen, glän⸗ zend erleuchteten Sälen, die in ihrer koſtbaren und auserleſenen Ein⸗ richtung nichts von dem Charakter des Ländlichen und Einfachen mehr an ſich trugen. Die Damen wetteiferten miteinander in der Pracht der Toiletten, mit Brillanten und Juwelen waren ihr Haupt und ihre Arme geſchmückt, die Herren erſchienen in ihren goldgeſtickten Uniformen, die Bruſt mit funkelnden Orden geziert, und nur ſpärlich wagte ſich der ſchwarze Frack, das bürgerliche Civilkleid unter dieſes goldfun⸗ kelnde, frohe Gewühl. Man war heiter und frohen Muthes, ſelbſt die erhabenen Diplo⸗ maten, welche in Wien ſich täglich damit beſchäftigten, Europa's Län⸗ dern und Fürſten neue Geſetze, neue Grenzen zu geben und Europa's Völker, je nach den Wünſchen der Fürſten, hierhin und dorthin zu ver⸗ theilen, Denen Unterthanen, oder wie man damals zu Wien auf gut Ruſſiſch ſagte:„Seelen“ fortzunehmen, um ſie Jenen zu geben, hier ein Herzogthum in ein Königreich, ein Fürſtenthum in ein Herzogthum zu verwandeln, bald Königreiche zerſtückelnd, um ſie als neuen, glän⸗ zenden Diamant andern Kronen einzufügen, bald Republiken vernichtend, um ſie als Provinzen irgend einem Königreich oder Kaiſerreich einzu⸗ verleiben, dieſe ſo vielfach beſchäftigten Diplomaten ſelbſt hatten heute bei dieſem Feſt ein vollkommen heiteres Geſicht. Ihre Sorgen und Nöthe hatten ſie in Wien zurückgelaſſen und keine der Wolken, die in den vormittäglichen Conferenzen die Stirnen der Staatsmänner zu be⸗ ſchatten pflegten, lagerten jetzt auf ihrer Stirn. Viele von ihnen hatten indeß dem Ernſt des Tages erſt ihren Tribut zahlen müſſen, ſie hatten nicht Theil nehmen können an den ländlichen Vergnügungen und waren erſt zur Soirée auf der fürſtlichen Villa eingetroffen. Dieſe ſpät Gekommenen wurden von ihren Freunden und Be⸗ kannten freudig begrüßt, gleichſam, als habe man ſich lange nicht ge⸗ ſehen und finde ſich nun nach langer Trennung in der Fremde wieder. 199 Auch der Fürſt Metternich war erſt am Abend von Wien her angelangt, und ſein Erſcheinen hatte in allen Salons eine freudige Senſation gemacht. Die Herren empfingen ihn als den vielgefeierten, mächtigen Staatsmann, in deſſen Händen die Geſchicke der Völker, in deſſen Bruſt die Geheimniſſe und Wünſche der Fürſten ruhten, die Damen begrüßten ihn als den ſchönen, anmuthsvollen, geiſtreichen Cavalier, dem jedes Frauenherz entgegenklopfte, und den, wenn auch nur für einen Tag, gewonnen zu haben, auch der ſchönſten Frau ein glänzender Triumph, eine von der Schönheit, der Jugend und Grazie ihr gewährte Prämie dünkte. Der Fürſt hatte ſo eben die Dame des Hauſes, die Fürſtin Lich⸗ nowsky, begrüßt und näherte ſich den Damen, die da wie ein großer funkelnder, duftender Blumenſtrauß in der Mitte des Salons ſich befanden. Willkommen, Durchlaucht, von Herzen willkommen, rief eine der ſchönſten, reichgeſchmückteſten Damen, indem ſie aus dem Kreiſe her⸗ austrat, dem Fürſten ihre von Brillanten funkelnde Hand entgegen⸗ ſtreckte, und ihn mit einem Lächeln begrüßte, das zwiſchen den purpurnen Lippen zwei Reihen blendend weißer Zähne ſehen ließ. Der Fürſt drückte die dargereichte Hand an ſeine Lippen, und wie er ſich dann wieder aufrichtete, traf ein glühender Blick ſeiner Augen das ſchöne Antlitz der Dame. Er trat einige Schritte zurück, und wie von ſeinem Blick angezogen folgte ihm die Dame, ſo daß ſie jetzt Beide, allein und abgeſondert von den Andern, in der Mitte des Salons ſich befanden. Sie nennen mich von Herzen willkommen, ſagte der Fürſt leiſe und mit einem ſeltſamen Lächeln, haben Sie denn noch ein Herz, Frau Fürſtin Bagration? Sie lächelte. Wenn ich keins mehr hätte, ſagte ſie, wer wäre denn anders Schuld daran, als der Fürſt Metternich? Denn geſtehen Sie ſelbſt, Fürſt, als wir uns damals in Dresden kennen lernten, damals, vor ſo und ſo viel Jahren— rechnen Sie mir nicht vor, wie viel Jahre es her iſt— damals hatte ich ein Herz. Wenn man Sie anſieht, Fürſtin, ſagte Metternich lächelnd, ſo — — 200 ſollte man meinen, dieſes„Damals“ ſei geſtern geweſen, denn Sie, Sie ſehen noch ganz genau ſo aus wie damals, als ich zum erſten Mal zu Ihren Füßen kniete, und Ihnen ſchwur, daß ich Sie ewig lieben würde. Die ewige Jugend thront auf Ihrer Stirn, und wenn Ihr Herz ſeitdem geſtorben iſt, ſo muß es doch vorher keine große Leidens⸗ und Paſſionsſtationen durchwandelt haben, denn Ihre Schön⸗ heit hat nicht davon gelitten. Sie ſind noch immer das junge Weib von ſechszehn Jahren, und wenn ich Sie anſehe, ſcheint mir, ich bin auch wieder der junge, ſchüchterne Diplomat von zwanzig Jahren, der in Dresden von Ihnen ſeine erſten Lectionen über den Umgang mit Frauen empfing. Still, ſtill, flüſterte die Fürſtin mit einem zauberhaften Lächeln, ſprechen Sie nicht weiter, ſonſt wird die Herzogin von Sagan eifer⸗ ſüchtig, und mag vermeinen, ich habe ihr ihren glühenden Anbeter und Liebhaber, den Fürſten Metternich, geraubt. Schauen Sie nur, Fürſt, wie ſie hinter dem Fächer nach uns herüber ſchaut; ihre Augen ſind wie zwei Dolchſpitzen, die ſich in mein Angeſicht bohren möchten. Ah, ich fürchte mich, beim Himmel, ich fürchte mich. Und die Fürſtin ſchlug ihren großen Fächer auseinander und hielt ihn gleichſam zum Schutz vor ihr lachendes Angeſicht. Sie ſind bezaubernd, ſagte Metternich lächelnd, ich ſah nie eine talentvollere Schauſpielerin. Selbſt der Bigottini ſind Sie überlegen an Meiſterſchaft der Mimik. Fürſt, wenn die Herzogin Sie hört,— Ah bah, mag die Herzogin mich hören und meine Gemahlin dazu, ſagte der Fürſt faſt unwillig, ich fürchte mich nicht vor ihnen Allen, — ich bete Sie an, Fürſtin, Sie wiſſen es wohl, und es iſt grauſam, daß Sie Sich immer den Anſchein geben, es nicht wiſſen zu wollen. Oh, rief die Fürſtin lachend, es geht alſo Etwas vor? Sie be⸗ dürfen alſo meiner? Ich ſoll Ihnen alſo zu irgend Etwas meine Hand bieten? Bei irgend Jemand Ihnen behülflich ſein? Was iſt's denn, Fürſt? Was giebt's, daß Sie meiner bedürfen, und womit ſoll ich Ihnen dienen? Denn wenn Sie Ihre ſchönen zarten Hände auf die Claviatur meines Herzens legen, und das ſchöne melancholiſche 201 Lied von der erſten Liebe unſerer unſchuldigen Herzen wieder erklingen laſſen, ſo hat das Etwas zu bedeuten. Ich bin überzeugt davon, es hat Etwas zu bedeuten. Es hat weiter nichts zu bedeuten, als daß ich Sie beſchwöre, meine treue Alliirte zu bleiben, wie wir es uns gelobt. Ich ſehe Sie ſeit einigen Tagen immer in Begleitung des Lord Steward, und Se. Lordſchaft iſt ganz entzückt von Ihnen. Machen Sie ihm doch be⸗ greiflich, daß England Unrecht thut, für Preußen in der ſächſiſchen Angelegenheit Partei zu nehmen, denn,— Still, die Sagan ſchreitet auf uns zu, flüſterte die Fürſtin, kom⸗ men Sie morgen zu mir, Fürſt, dann beſprechen wir das Weitere. Ah, Herzogin, rief ſie dann mit einem fröhlichen Lachen, Sie kommen gerade zu rechter Zeit. Der Fürſt fing eben an, inſupportable zu werden mit ſeiner ewigen Politik. Und ſagen Sie ſelbſt: was hat die Politik in unſern Salons zu thun? Es iſt eine langweilige, hohläugige Alte, halb Parze, und halb Lumpenſammlerin, immer bereit, den Le⸗ bensfaden der Völker abzuſchneiden, und immer ſammelnd an den Lumpen vergilbter Pergamente, um daraus neue Beſitz⸗ und Rechts⸗ titel für die Fürſten zuſammen zu flicken. Ich frage Sie, was ſollen wir mit dieſem Unding in den Salons beginnen?“ Ueber daſſelbe lachen, Fürſtin, wie Sie es thun, ſagte die Herzo⸗ gin freundlich. Aber was geht denn da vor, unterbrach ſie ſich auf einmal ſelber, indem ſie hinüberſchaute nach der andern Seite des Saals. Sehen Sie nur, wie Alles dorthin drängt, wie Aller Blicke nach jener Gruppe ſich hinwenden. Irgend eine der höchſten Perſonen muß ſo eben unerwartet angelangt ſein. Doch kann es nicht der Kaiſer Alexander, auch nicht der König von Preußen ſein, denn man würde ihre ſchlanken Geſtalten über den andern hervorragen ſehen. Aber Sie haben Recht, ſagte die Fürſtin, eine der hervorragend⸗ ſten Perſonen muß angelangt ſein. Sehen Sie nur, wie freudeſtrahn lend der Fürſt Lichnowsky da herbeieilt, um den Angekommenen zu begrüßen. Und jetzt durchſchreitet die Fürſtin Lichnowsky den Salon, und geht gerade zu dem Fürſten Radziwill hin, dem ſie einige Worte ſagt. Mein Gott, ſehen Sie nur, er zuckt zuſammen wie in freudigem 202 Schreck, und ſein gutes rundes Anlit leuchtet wie ein verklärter Voll⸗ mond. Er nimmt die Hand der Fürſtin, und folgt ihr zu dem Kreis. Mein Gott, wer kann denn der Angekommene ſein? Und bemerken Sie nur, flüſterte Metternich, wie ſtill es auf ein⸗ mal hier im Salon wird. Jeder ſcheint den Athem anzuhalten und zu horchen. Aber auf was denn, auf wen denn? fragte die Herzogin von Sagan eifrig. Es muß in der That eine der allerhöchſten Perſonen ſein, aber wie kommt es denn, daß man nicht vor allen Dingen Sie heranruft, Fürſt, und daß man uns— Laſſen Sie uns ein wenig näher gehen, meine Damen, ſagte Metternich lächelnd, wohnen wir der Präſentation in der Nähe bei, dann werden wir ja ſehen, welcher Potentat und Fürſt hier die Hul⸗ digungen ſeines Hofes empfängt. Er näherte ſich mit den Damen dieſem glänzenden Kreis von Herren und Damen, der da an der andern Seite des Salons ſich gebildet hatte, und der in wunderbarem, ungewohntem Schweigen ſich verhielt. In der That, alle Unterhaltung ſchien auf einmal in dieſem von Heiterkeit, Lachen und frohen wechſelnden Menſchenſtimmen durch⸗ rauſchten Salon verſtummt zu ſein. Aller Lippen waren geſchloſſen, aber Aller Mienen ſprachen; ſprachen von Bewunderung, Ehrfurcht und Liebe. Hier und da ſtanden einige mit der Schreibtafel in der Hand, haſtig einige Worte aufzeichnend, und dann mit der Schreib⸗ tafel ſich in den Kreis hinein drängend. Auf einmal jetzt ward die tiefe Stille durch eine laute männliche Stimme unterbrochen, die haſtig einige Worte ſprach, dann folgte wieder daſſelbe feierliche Schweigen. Eine merkwürdige Scene in der That, murmelte die Herzogin dyn Sagan, es ſcheint, nur der unbekannte Fürſt hat heute hier das Recht zu ſprechen, und alle Andern müſſen vor ihm verſtummen. Sehen Sie nur, meine Damen, flüſterte Fürſt Metternich, jetzt wird ſich uns das Räthſel löſen. Der Kreis theilt und öffnet ſich, 203 um der Fürſtin Lichnowsky und dem Fürſten Radziwill Platz zu machen. Sehen Sie nur! In der That, der Kreis zog ſich jetzt auseinander, und in der Mitte dieſer Herren in goldgeſtickten Uniformen mit den reichen Ordens⸗ ſternen, dieſer ſchönen vornehmen Frauen in den reizenden Toiletten und dem Schmuck der Brillanten und Juwelen, in der Mitte dieſer hochariſtokratiſchen reichen Geſellſchaft erblickte man jetzt Denjenigen, dem alle Aufmerkſamkeit ſich zugewandt hatte. Es war ein Mann von unterſetzter kräftiger Geſtalt, gekleidet in einen einfachen, ſchwarzen Frack, der mit keinem Band, keinem Ordens⸗ ſtern geziert, ſchmucklos und einfach war, wie die ganze Geſtalt. Und dennoch lag in der Erſcheinung dieſes Fremden etwas Imponirendes, Hoheitsvolles und Außergewöhnliches. Sein Kopf, der für ſeine Ge⸗ ſtalt von breiten, muskelkräftigen Formen etwas zu groß erſchien, war umwallt von einer Fülle dichter brauner Haare, die wenig gepflegt in kunſtloſer genialer Wildheit wie eine Löwenmähne zu beiden Seiten ſeines Antlitzes niederfielen. Auch ſein Angeſicht hatte etwas von der Majeſtät und der wilden Energie des Löwen. Seine Stirn war breit, oberhalb dicht beſchattet von dem dicken braunen Haar, unterhalb be⸗ grenzt von dicken buſchichten Augenbrauen, die in großen Bogen ſich wölbten und in deren Mitte das breite kräftige Naſenbein ſich anſetzte. Seine Augen, beſchattet von ſtarken Brauen und von langen ſchwarzen Wimpern, waren klein und hervortretend, doch zuweilen leuchtete es in ihnen auf wie mit drohenden göttlichen Zornesblitzen, und dieſes Leuchten ſeiner Augen warf dann einen ſeltſamen, durchgeiſtigenden Ausdruck über ſein ganzes Antlitz, und gab ſeinen ausgeprägten harten Zügen einen weicheren, milderen Charakter. Sein Mund war wohl⸗ geformt, die Lippen leicht aufgeworfen, und ſelten umſpielt von einem Lächeln, aber wenn er lächelte, ſo war der Ausdruck dieſes Lächelns ſo traurig wehmuthsvoll und ſpöttiſch zugleich, daß man davon ſein Herz in tiefem Mitleid erregt fühlte, und ahnte, welche große und gewaltige Schmerzen in dieſer breiten Bruſt geſtürmt und ihre Linea⸗ mente durch dieſes düſtere Antlitz gezogen haben mochten. Dieſem Fremden, wie geſagt, waren Aller Blicke, Aller Aufmerk⸗ 204 ſamkeit zugewandt, um ſeinetwillen war die Unterhaltung in den Sa⸗ lons verſtummt, und ihn nur wollte man hören. Mein Gott, wer mag das ſein? fragte die Fürſtin Bagration. Ich habe mich doch geirrt, es iſt kein Fürſt— Nein, Fürſtin, ſagte Metternich, und ſein ſchönes Antlitz hatte einen ernſten, ehrfurchtsvollen Ausdruck angenommen, nein, Fürſtin, Sie haben ſich nicht geirrt, es iſt ein Fürſt, den Sie da vor ſich ſehen, ein großer und mächtiger Fürſt, nur daß ſein Reich nicht von dieſer Welt iſt, und daß der Congreß, ſo mächtig und begehrlich er immer ſein mag, ihm von ſeinen Domainen auch nicht einen Zoll breit ent⸗ wenden kann. Es iſt ein ſouverainer Fürſt der Kunſt, und er heißt Ludwig van Beethoven. Beethoven! rief die Fürſtin freudig. Oh, laſſen Sie mich hin, ich muß ſeine Hand küſſen, muß ihm ſagen, daß ich ihn anbete, daß— Nein, bleiben Sie, holde Schwärmerin, ſagte Metternich, ſie lächelnd zurückhaltend, Sie ſollen Niemand ſagen, daß Sie ihn an⸗ beten, ſelbſt Beethoven nicht! Aber hören Sie nur, welch' eine mäch⸗ tige gewaltige Stimme Fürſt Beethoven hat. Still! Laſſen Sie mich hören, was er ſagt. Er ſchweigt ſchon wieder. Aber warum antwortet ihm denn Niemand? Was ſchreiben denn die Andern? Sie ſchreiben, Fürſtin, weil Beethoven wohl ſehen, aber nicht hören kann. Der große Fürſt der Töne und der Klänge iſt ſelber taub, und nur Wenige giebt es, die er verſteht, deren Stimmen ihm noch im Ohr klingen von langer Gewohnheit her. Deshalb verſteht er auch die Fürſtin Lichnowsky, denn er kennt ſie lange ſchon. In dieſem Moment vernahm man wieder Beethoven's Stimme. Ach, Sie ſind ein Verwandter des Prinzen Louis Ferdinand, Herr Fürſt von Radziwill, ſagte er. Es freut mich, Sie kennen zu lernen, denn Sie erinnern mich an einen der liebenswürdigſten, begabteſten und geiſtvollſten Jünglinge, die ich geſehen. Wahrhaftig, der Prinz Louis Ferdinand hätte es gar nicht nöthig gehabt, ein Fürſt zu ſein, um Etwas in der Welt vorzuſtellen, es war der Stoff in ihm zu einem Künſtler, zu einem Meiſter in der Kunſt! 205 Fürſt Radziwill ſchrieb ſchnell einige Worte auf die Schreibtafel und reichte ſie Beethoven hin. Sie meinen, Fürſt, die Kunſt des Lebens habe er nicht verſtanden, ſagte Beethoven. Das iſt freilich auch die ſchwerſte von allen Künſten, der Stärkſte unterliegt oft unter dieſer Laſt, und läuft dem Meiſter da droben aus der Schule weg. Aber der Prinz Louis Ferdinand iſt ihr nicht entlaufen, ſondern das Schickſal hat die Hand nach ihm aus⸗ geſtreckt. Vielleicht brauchten ſie da droben einen guten Kapellmeiſter zu ihren Engelsconcerten. Aber wenn ſie den Prinzen Louis Ferdi⸗ nand dazu angeſtellt haben, ſo fürchte ich, der geniale Kapellmeiſter wird die ſchönen Engelein in Verwirrung und aus dem Tact bringen. Sie meinen alſo, ſchrieb der Fürſt, daß die Muſik des Himmels und der Engel auch an beſtimmte Rhythmen und Takteintheilungen gebunden iſt? Ich weiß das ganz gewiß, ſagte Beethoven raſch, denn ich habe oft in den Stunden der Begeiſterung dieſe Muſik vernommen, und was ich dann geſchrieben, iſt nur eine Wiederholung deſſen, was ich gehört. Aber Sie, großer Meiſter, ſchrieb der Fürſt, Sie haben nichts von den Engeln gelernt, ſondern Sie haben Alles von ſich ſelber, und ſind ſelber eine Offenbarung der Kunſt. Wer kann ſagen, daß er von ſich ſelber Alles iſt und hat? ſagte Beethoven mit einem milden Lächeln; man empfindet, denkt, kämpft, leidet und überwindet, und das Reſultat aller Schmerzen und aller Kämpfe, das iſt bei mir Muſik, wie es bei den Muſcheln die Perle iſt. Die Menſchen haben ſchon dafür geſorgt, daß ich recht viele Perlen erzeugen mußte. Und ſie werden Ihnen dafür dankbar ſein durch kommende Jahr⸗ hunderte hindurch, ſchrieb Fürſt Radziwill. Ich wollte, ſagte Beethoven mit einem matten Lächeln, ich wollte, daß ſie mir lieber erlaubt hätten, während meines Lebens ein bischen glücklich zu ſein. Und wie er ſo ſprach, fuhren ſeine Augen mit einem raſchen 206 Blitz über die Geſellſchaft fort, und hefteten ſich mit einem wunder⸗ baren Ausdruck auf den ferner ſtehenden Kreis der Damen hin. Die Fürſtin Lichnowsky war ſeinem Blick gefolgt, und als jetzt Beethoven's Augen ſich mit einem fragenden Ausdruck ihr zuwandten, ſchüttelte ſie leiſe das Haupt. Nun, was ſagen Sie, flüſterte Fürſt Metternich der Fürſtin Ba⸗ gration zu, gefällt Ihnen Fürſt Beethoven? Ich ſage, ſeufzte die Fürſtin mit Thränen in den Augen, ich ſage, daß ich vor ihm niederknieen und im Namen des Schickſals ihn um Vergebung bitten möchte, daß es ihn ſo hart geprüft, mit ſo furcht⸗ barem Unglück ihn heimgeſucht hat. Oh, mein Gott, Er, welcher der Welt die erhabenſte, die ſchönſte Muſik gegeben, er hört ſie nicht! Es iſt, wie wenn ein Bildhauer eine wundervolle Statue geſchaffen, die alle Welt entzückt, nur ihn haben die Götter verdammt, daß ſein ge⸗ blendetes Auge immer nur den Marmorblock, nicht die Statue ſieht. Aber Sie haben ja gehört, daß er die Muſik der Engel vernimmt, und zwar ſo deutlich vernimmt, daß er nur niederſchreibt, was er ge⸗ hört hat, ſagte Metternich lächelnd. Nähern Sie ſich ihm alſo Etwas, und er wird die Muſik Ihrer Stimme vernehmen, und die Welt wird bald um eine Symphonie reicher ſein! Schmeichler und Spötter, rief die Fürſtin, mit ihrem brillanten⸗ beſetzten Fächer dem Fürſten einen leiſen Schlag auf die Schulter ge⸗ bend, Schmeichler, wenn ich ein Engel wäre, würde ich dann jemals das Glück gehabt haben, Sie kennen zu lernen, Sie, den Sohn der Hölle! Aber was iſt das? Die Stimme Beethovens wird auf einmal ſo laut und gellend,— hören Sie, mein Gott, hören Sie, und ſehen Sie nur, wie er ausſieht! Wie ein grimmiger Löwe ſchüttelt er ſeine Mähne! Mein Gott, was kann ihm nur geſchehen ſein. In der That, das Antlitz Beethovens hatte jetzt einen wilden, zornigen Ausdruck angenommen, ſeine Augen ſchienen ſich erweitert zu haben und ſchoſſen flammende Blitze, ſeine Stirn war in düſtere Falten gelegt, ſein Mund trotzig aufgeworfen, und wie er wild und unbändig den Kopf ſchüttelte, flatterte ſein Haar um ihn her, wie ringelnde Schlangen. 207 Nein, Fürſtin, ſagte er laut und heftig, nein, ich ſpiele heute nicht! Oh, ich kenne Sie ſchon, mein guter Beethoven, rief die Fürſtin lächelnd, Sie werden ſich doch endlich erweichen laſſen. Sie ſind weich⸗ herziger und milder, als Sie ſich den Anſchein geben möchten. Wenn Sie in den Blicken der hier Anweſenden die flehentliche Bitte geleſen haben, zu ſpielen, uns eine Ihrer wunderherrlichen Phantaſieen hören zu laſſen, dann werden Sie dieſe allgemeine Bitte erfüllen. Glaubt die Frau Fürſtin, daß die Phantaſieen nur ſo aus meinem Kopf herausſprudeln, wie der Wein aus der Champagnerflaſche, wenn man den Kork hat ſpringen laſſen? fragte Beethoven mit barſchem Ton. Ich habe meine Begeiſterung nicht auf Flaſchen gezogen, und kann ſie nicht nach Belieben öffnen. Ah, rief die Fürſtin immer noch lächelnd, und ihm ſchelmiſch mit dem Finger drohend, wie oft habe ich den Meiſter Beethoven ſagen hören: der echte Künſtler müſſe ſich zu jeder Stunde begeiſtern können, oder vielmehr immer im Innerſten ſeiner Seele begeiſtert ſein! Ja, das muß er auch, rief Beethoven heftig, aber die Begeiſte⸗ rung iſt ein heiliges Altarlicht, und er muß ſie nicht als Talglicht verbrennen wollen für ſchwache Dämmerungsſeelen, deren blöde Augen doch nicht ſehen können. Ich vermag mich zu begeiſtern in der Ein⸗ ſamkeit, in der Natur, die mich verſteht, und die ich liebe, aber in der großen glänzenden Geſellſchaft kriecht die Begeiſterung ſcheu zurück unter die Flügel meiner Seele, und wagt ſich nicht unter die geputzte, blöde Menge. Aber Sie werden ſie heute doch unter Ihren Flügeln hervorziehen, ſagte die Fürſtin. Sie werden es aus Gefälligkeit für mich thun, aus Freundlichkeit für den Herrn Fürſten von Radziwill, der zwei Mal in Ihrer Wohnung war, und immer abgewieſen ward, und dem ich verſprochen habe, daß er Sie hier kennen lernen und Sie ſpielen hören ſollte. Dann thut es mir leid, Fürſtin, daß Sie Ihr Verſprechen nicht erfüllen können, ſagte Beethoven rauh. Ich ſpiele heute nicht, und da man, wie es ſcheint, mich nur geladen hat, daß ich als Muſikmaſchine —————— — ———— ———— — —— 208 hier wirke, ſo erlauben Sie, daß die Muſikmaſchine ſich ſelber zuklappt und von dannen geht. Er verneigte ſich raſch, und wollte ſich entfernen, aber die Fürſtin legte ihre Hand auf ſeinen Arm, und hielt ihn zurück. Nein, ſagte ſie lächelnd, wer ein Verbrechen begeht, muß ſeine Strafe erdulden. Sie haben ſich an uns verſündigt, denn Sie wollen uns einen ſchönen und erſehnten Genuß verſagen, Sie werden dafür geſtraft, und müſſen hier bleiben. Sie ſind unſer Gefangener, und Sie dürfen dies Schloß nicht eher verlaſſen, bevor Sie nicht dort am Flügel mit Ihrer Muſik ſich Vergebung erwirkt haben! Das wird nicht geſchehen! rief Beethoven trotzig. Dann werden Sie alſo immer mein Gefangener bleiben, ſagte die Fürſtin, indem ſie, kaum noch im Stande, ihren Unmuth zu ver⸗ bergen, ſich abwandte.*) IV. Die Flucht. Nun, gefällt Ihnen Fürſt Beethoven immer noch? fragte Metter⸗ nich lächelnd. Möchten Sie noch vor ihm niederknieen und im Namen des Schickſals ihn um Vergebung anflehen? Ja, ich möchte es, ſelbſt auf die S hin, von z fortgeſtoßen zu werden, ſagte die Fürſtin lächelnd. r ſah aus wie der Donner⸗ gott, der mit ſeinem Blitz das niedere aller Titanen zerſchmet⸗ tern will. Es iſt ein wundervoller Anblick, einen Mann in der Ma⸗ jeſtät ſeines Zorns zu ſehen. Nun, in dieſer Majeſtät, glaube ich, würden Sie den Beethoven *) Ignaz Ritter von Seyfried: Ludwig van Beethoven's Studien im Ge⸗ neralbaß ꝛc. nebſt biographiſchen Notizen. S. 23 des Anhangs. 209 alle Tage ſehen können, ſagte Metternich lächelnd. Er ſoll oft gar heftig und ungebärdig ſein, der gute Beethoven, und er beſtätigt die Anſicht der Alten, daß das wahre Genie von einem göttlichen Wahn⸗ ſinn befallen ſei, und daß der wahre Künſtler unter den Menſchen ein⸗ hergehe wie ein Geächteter, dem die Andern ängſtlich ausweichen, weil ſie ihn für einen Thoren oder für einen Raſenden halten! Aber helfen wir der Fürſtin Lichnowsky ein wenig, die Störung zu überwinden, welche das Genie in die Geſellſchaft gebracht hat. Er verneigte ſich leicht vor der ſchönen Bagration und wandte ſich der Fürſtin Lichnowsky zu. Sie hätten mich auffordern ſollen, Gnädigſte, Ihnen ein wenig Muſik vorzumachen, ſagte Metternich lächelnd, denn ich bin ganz im Stande, die Stelle des großen Beethoven zu erſetzen. Sie ſehen mich ungläubig an, Fürſtin? Ich rede im vollen Ernſt, Gnädigſte. Ich habe ein Lied aufgebracht, zur Unterhaltung für Sie und Ihre Gäſte. Freilich iſt es kein Lied von meiner Compoſition, aber ich werde es Ihnen wenigſtens mit Begeiſterung vortragen können, und dazu iſt nicht einmal nöthig, daß man es ſingt, die Worte klingen ſchon an ſich ſelber wie Muſik. Ich bitte Ew. Durchlaucht um Gnade, ſagte die Fürſtin lächelnd, erklären Sie ſich deutlicher, wenn ich nicht ſterben ſoll vor Neugierde. Was iſt's für ein Lied? Hat der hochweiſe Congreß es componirt? Hat die heilige Taube der göttlichen Pfingſten ſich über dem Congreß niedergelaſſen, und ihn begeiſtert, daß er in tauſend Zungen ſpricht, dichtet und ſingt? Nein, nein, ich verſichere Sie, rief Metternich lachend, der Con⸗ greß hat nichts gethan, und ich habe keine Taube in unſerm Sitzungs⸗ ſaal bemerkt. Der Congreß ſingt nicht und dichtet nicht, aber er iſt beſungen, er hat ſich einen Dichter begeiſtert, und zwar einen Dichter von fürſtlichem Ruhm und hohem Namen. Und wer iſt dieſer congreßbegeiſterte Dichter? Der Fürſt von Ligne, meine Gnädige. Ach, hören Sie nur, meine Herren und Damen, rief die Fürſtin Mühlbach, Napoleon. IV. Bd. 14 ——— 210 Lichnowsky, ſich der Geſellſchaft zuwendend, hören Sie nur die große Neuigkeit, welche der Fürſt Metternich die Gnade hat, uns mitzu⸗ bringen. Der Fürſt von Ligne hat den Congreß beſungen. Ach, das iſt allerliebſt! Das iſt intereſſant! tönte es von allen Seiten, und die Diplomaten und Generäle, die Fürſtinnen und Grä⸗ finnen, die ganze ariſtokratiſche Geſellſchaft drängte ſich dichter heran, und Alles lachte und freute ſich dieſer herrlichen Idee des Fürſten Ligne, den Congreß zum Gegenſtand eines Liedes zu machen. Aber wird man dies wundervolle Lied auch kennen lernen, Durch⸗ laucht? fragte die Herzogin von Sagan. Wird man es kennen lernen, oder exiſtirt es nur gleich jenem unſichtbaren Gott Wiſchnu, der in dem Kelche der irdiſchen Wunderblüthe ruht, und deſſen Exiſtenz Jeder⸗ mann kennt, aber den noch kein menſchliches Auge jemals erſchaut hat? Nein, das Gedicht des Fürſten Ligne iſt aus dem Wunderkelch ſeiner Poeſie in die Wirklichkeit herniedergeſtiegen und exiſtirt wirklich. Ich habe es mitgebracht und ich biete das Lied den Damen und Herren an als einen Erſatz für die Muſik Beethovens. Ach bitte, laſſen Sie uns das Lied hören, riefen die Damen und Herren von allen Seiten. Das Lied, das den Congreß beſingt! Fürſt Metternich verneigte ſich lächelnd und zog aus ſeinem Buſen ein zierlich zuſammengefaltetes roſa Papier hervor. Es iſt kein Lied im hohen Styl, ſagte er, ſondern es iſt ein Lied in der Art der berühmten Lieder vom Pont neuf, wie man ſie zu den Zeiten Ludwigs des Funfzehnten in Paris auf dem Pont neuf ſang, ein rechtes Volkslied, das Jeder ſich ſelbſt componirt und wozu es keines Beethoven bedarf. Hören Sie alſo! Die Ueberſchrift lautet: Le congrès d'amour.— Sie ſehen alſo, daß unſer Congreß durch⸗ aus nicht damit gemeint und daß wir es ohne Furcht der Beleidigung leſen dürfen. Die erſte Strophe alſo! Après une longue guerre L'enfant ailé de Cythère Voulut, en donnant la paix Tenir à Vienne un congrès. 211 Il convoque en diligence Les dieux, qu'on put réunir, Et par une contredanse On vit le congrés s'ouvrir! Et par une contredanse, on vit le congrès s'ouvrir! wieder⸗ holte man hier und dort in leiſem, ſingendem Ton, und alle Geſichter lächelten und alle Blicke waren ſtrahlend vor Vergnügen auf den Fürſten gerichtet, der jetzt die zweite und dritte Strophe las: Au bureau de Terpsichore Des le soir jusqu'à l'aurore On agitait des débats Sur l'importance des pas. Minerve dit en colère: Cessez au moins un instant, Si vous ne voulez pas faire A Vienne un congrès dansant. Venus et la Jouissance, Qui savaient bien que la danse Ajoutait à leurs appas, Voulaient qu'on ne cessät pas. La Sagesse doit se taire, Dit en riant le plaisir A Vienne l'unique affaire Est de traiter le plaisir.*) A Vienne l'unique affaire, est de traiter le plaisir! rief und lachte die ganze Geſellſchaft. Selbſt die Diplomaten, die ernſten und *) Die anderen Strophen dieſes Chanſon des Fürſten Ligne lanten alſo: A ces mots on recommence Les masques entrent en danse; Mars, Hercules et Jupiter Valsent un nouveau landler. Soudain Minerve en furie Dit sans son courroux: Je crois, Qu'a ce congrès la Folie Présiderait mieux que moi. 14* — ———— —— 212 gewichtvollen Herren des Congreſſes, der in Wien zuſammengekommen, um über das Schickſal der Völker und Länder zu entſcheiden, ſelbſt dieſe lauſchten mit heiterem Lachen der ſanglanten Verſpottung ihrer ernſten Angelegenheiten, und wiederholten mit den Andern: A Vienne l'unique affaire, est de traiter le plaisir! Nur Einer ſtimmte nicht ein in die allgemeine Heiterkeit, nur Einer ſtand düſteren Angeſichts abſeits von den Anderen und betrach⸗ tete mit zürnenden unwilligen Blicken dieſe goldglitzernde, brillanten⸗ funkelnde, lächelnde und heitere Menge. Dieſer Eine, das war Beethoven! Er hatte ſich ſeit jener Scene mit der Fürſtin in eine Fenſter⸗ Paisez vous, mademoiselle, Lui dit l'enfant infidèle, Laissez ces propos oiseux Et livrez vous à nos jeux: Assez longtemps sur la terre Votre soeur nous fit gémir, Laissez nous après la guerre Respirer pour le plaisir. A l'instant à la barrière Pour entrer dans la carrière S'offrent trente chevaliers, Le front couvert de lauriers. On lisait sur leurs bannières Oes mots: loyalet fidel, Ce sont les chargés d'affaires Du congrès au carrousel. Enfin de tout on se lasse: Les bals, les jeux et la chasse Avaient été discutés Et résumés en traités. Que ferons nous d'avantage, Dit['Amour? Donnons la paix Et cessons ce badinage En terminant le congrès. 213 niſche zurückgezogen, und mit in einander geſchlagenen Armen, das Herz voll finſteren Grolls, ſchaute er auf das glänzende Gewühl hin. Wie ſie lachen und froh ſind, murmelte er in ſich hinein. Wie harmlos, glücklich und unbekümmert der Fürſt Metternich dreinſchaut, als wäre Er's nicht, der ganz Oeſterreich auf den Schultern trägt, als wär' er nur ſo ein loſer Schmetterling, der von Blume zu Blume flattert, und Honig ſaugt, den er nachher als Galle auf das Geſindel ausſpritzt, welches keine Orden und keine goldgeſtickten Kleider trägt. Ha, da verzerren ſich die Geſichter ſchon wieder zu einem grinſenden Lachen! Warum lachen ſie denn? Wie? Lachen ſie etwa über mich? Diene ich den faden Geſellſchaftsſeelen zur Zielſcheibe des Spottes und Hohnes! Ah, ich will es ihnen nicht gerathen haben, ich will ihnen beweiſen, daß der Beethoven nicht über ſich lachen läßt! Und mit zornblitzenden Augen that Beethoven einige Schritte vor⸗ wärts. Aber Niemand achtete auf ihn, Niemand blickte zu ihm hin, und ließ ſich erſchrecken von ſeiner drohenden Stellung. Alle ſchauten ſie nur zu Metternich hin, der eben die fünfte Strophe des Chanſon begonnen hatte. Beethoven trat wieder in ſeine Fenſterniſche zurück. Thor, der ich war, zu glauben, daß dieſe vornehmen, geputzten Leute ſich mit mir beſchäftigen, und ſei's auch nur, um mich zu verſpotten, murmelte er. Niemand denkt an mich! Da ich ihnen nicht apportiren und Hunde⸗ künſte vormachen, da ich nicht der Knecht ihrer Laune und Langeweile ſein will, ſo kümmern ſie ſich nicht um mich, und ſcheinen ganz ver⸗ geſſen zu haben, daß der Beethoven noch da iſt. Aber warum bin ich denn da? Was ſtehe ich denn hier als Hampelmann für die kindiſchen Leute, und warte, bis es ihnen gefällig iſt, mich tanzen und Purzel⸗ bäume ſchießen zu laſſen! Die Fürſtin ſagt, ich ſei ihr Gefangener, ich dürfe nicht eher fort, als bis ich geſpielt habe,— ah, wir wollen doch einmal ſehen, ob ſie es wagen will, mich feſtzuhalten, wenn ich fortgehen will! Mit trotzigen Schritten, die Arme über der Bruſt in einander ge⸗ ſchlagen, trat Beethoven wieder aus der Fenſterniſche hervor, und mitten durch die Geſellſchaft dahin ſchreitend, warf er nach allen Seiten 214 hin drohende, herausfordernde Blicke, als wollte er kecken Muthes Die⸗ jenigen zum Kampf fordern, die es wagen möchten, ihn aufzuhalten. Aber ach! Niemand achtete auf ihn, Niemand ſchien ſich noch zu erinnern, daß Beethoven gegenwärtig ſei. Ueber dem ſpöttelnden Chanſon hatte man den großen Meiſter der Symphonieen vergeſſen! Jetzt ſtand er an der Thür, und ſeine Löwenmähne ſchüttelnd warf er einen letzten flammenden Zornesblick rückwärts in den Salon hinein. Laissez nous après la guerre respirer pour le plaisir! wieder⸗ holte man erröthend und einander zunickend hier und dort die End⸗ ſtrophe des fünften Verſes. Beethoven hatte die Worte nicht gehört, aber er ſah, daß Alle lachten, er ſah, daß Alle heiter waren, daß Keiner zu ihm hinblickte, Keiner ſich um ihn kümmerte. Mit einem haſtigen Ruck öffnete er die Thür und ſtürmte hinaus. Im Vorzimmer trat ihm des Fürſten alter Kammerdiener entgegen, den Beethoven von manchem langen Aufenthalt in der Villa des Fürſten ſchon kannte, und der es gelernt hatte, ſich durch Zeichen mit ihm zu verſtändigen. Mein Zimmer, ſchrie Beethoven außer ſich, ich bin krank, ich will zu Bett gehen! Der Kammerdiener machte einige Zeichen mit der Hand, nahm den Leuchter und ſchritt voran. Beethoven folgte ihm mit düſtern Blicken, nicht achtend, daß ſie heute einen andern Weg einſchlugen, als er es ſonſt gewohnt geweſen, daß ſie, ſtatt die große Treppe hinauf zu gehen, die kleine, ſeitwärts belegene Treppe hinauf gingen, und den kleinen niedrigen Corridor einſchlugen, ſtatt den großen vorderen Cor⸗ ridor zu gehen, an welchem die beiden Zimmer lagen, welche Beethoven bei ſeinen früheren Beſuchen der fürſtlichen Villa bewohnt hatte. Endlich öffnete der Kammerdiener eine Thür und ſie traten in ein Gemach ein, das comfortable und ſtattlich genug eingerichtet war, aber nichts von jener fürſtlichen Eleganz, jenem ſtrahlenden Luxus zeigte, der die früheren Logirzimmer des Meiſters geziert hatte. Beethoven, aus ſeinem düſteren Sinnen erwachend, warf einen 215 fragenden, verwunderten Blick umher. Was iſt das? rief er. Dies iſt nicht ja nicht mein gewohntes Zimmer? Warum führen Sie mich hierher? Ich ſagte es Ihnen ja vorher, ſchrie der Kammerdiener, die vor⸗ deren Logirzimmer ſind alle von den Damen, welche hier bleiben, be⸗ ſetzt. Die Frau Fürſtin läßt daher bitten, daß Sie dieſe Eine Nacht mit dieſem Zimmer hier vorlieb nehmen. Recht ſo, recht ſo, rief Beethoven mit jenem lauten, brüllenden Lachen, das ihm in Momenten der Aufwallung eigen war, recht ſo, man ſchickt mich in das Bedientenzimmer, damit die vornehmen Damen es bequemer haben! Dies iſt kein Bedientenzimmer, ſchrie der Kammerdiener, es iſt nur ein Logirzimmer zweiter Ordnung! * Schön, ſchön, und in die zweite Ordnung, unter das Gefolge, da gehöre ich hin, das iſt mein Platz! rief Beethoven. Hier in dieſem Vogelbauer kann ich als Dompfaff mir ein Lied einüben, um es morgen pflichtſchuldigſt den Herrſchaften vorzupfeifen, wenn ſie die Langeweile antritt, und ſie nicht wiſſen, wie ſie ſich zerſtreuen ſollen. Nicht einmal ein Bett iſt hier. Soll ich etwa auf dem Fußboden ſchlafen? Hier iſt das Bett, ſchrie der Kammerdiener, eine Tapetenthür öff⸗ nend, hinter der eine hohe gewölbte Niſche ſichtbar ward. In dieſer Niſche ſtand ein Bett, deſſen dunkelroth ſeidene, mit breiten Spitzen eingefaßte Decke, deſſen Kiſſen von feinſtem Batiſt mit kunſtvoller Stickerei über ſeidenem Unterfutter wenigſtens die Sorgfalt bewies, welche man auf dies Lager verwendet hatte. Darin ſoll ich ſchlafen? ſchrie Beethoven. In dieſe Mauerritze ſoll ich mich legen? Aber, Menſch, das iſt ja ein offenes Grab, und wenn ich darin liege, ſo habt Ihr nichts weiter nöthig, als die Thür zuzumachen, und ich bin verloren, ich bin ein lebendig Begrabener, ein Gefangener auf Lebenszeit. Kein Menſch kann meinen Todesſchrei vernehmen, kein Menſch auf meinen Hülferuf herbeieilen. Und Ihr glaubt, daß ich ſo albern ſein werde, mich freiwillig in's Grab zu legen? Nein, nein, nein! Ich gehe nicht in die Falle, ich bin keine 216 Mauerſchwalbe, die in irgend einer finſtern Ecke ihr Neſt baut. Ich bleibe hier in dem Zimmer, hier auf dem Sopha! Gut, wie's Ihnen gefällig iſt, ſchrie der Kammerdiener. Jetzt will ich hingehen und Ihnen etwas zum Nachtmahl beſorgen. Nicht wahr, Sie eſſen doch Etwas, Herr van Beethoven? Jetzt fragt der Menſch, ob ich Etwas eſſe! rief Beethoven. Aber ſoll ich denn etwa gar verhungern? Iſt's nicht genug, daß Ihr mich in ein Bedientenzimmer ſteckt, mir ein offenes Grab als Nachtlager anbietet, wollt Ihr mich jetzt auch noch Hunger leiden laſſen?* Es iſt heute einmal wieder nichts mit ihm anzufangen, ſagte der Kammerdiener vor ſich hin. Er hat heute einmal wieder ſeinen Rap— tus, wie er das ſelbſt zu nennen pflegt, und da iſt es beſſer, man läßt ihn austoben! Ich werd' ihm ſein Souper beſorgen, und mich ſoll' nicht kümmern, wenn er den Bedienten ein paar Teller an den Kop wirft. 2 Er machte Beethoven eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und verließ das Gemach. Draußen vor der Thür blieb er ſtehen. Halt, ſagte er leiſe vor ſich hin, wenn der Herr van Beethoven ſeinen Raptus hat, iſt ihm nicht recht zu trauen, und man muß vorſichtig ſein! Er wär' im Stande, und rennt hier fort, um ſich ſeine gewohnten Zimmer zu erobern, und brächt' die Damen mit Gewalt da heraus. Nein, das geht nicht! Ich muß ihn hier feſthalten bis der Raptus vorüber, und er wieder ſanft geworden iſt.. Wenn er zu Nacht gegeſſen, wird er ſchon anders werden! Bis dahin, und bis ich ihm ſein Souper ſchicke, bis dahin wollen wir uns ſicher ſtellen. Er ſchloß vorſichtig und leiſe die Thür von Beethoven's Zimmer zu, zog den Schlüſſel heraus und ſteckte ihn in ſeine Taſche. So, ſagte er, jetzt ſind wir ſicher, jetzt kann er wenigſtens nur in ſeinem Zimmer Scandal machen. Beethoven hatte das Zuſchließen der Thür nicht bemerkt. Er war auf den Divan niedergeſunken, und das Haupt an die Polſter zurück⸗ gelehnt, ſchaute S mit ſtarren Blicken zur Decke empor. Allein, ſagte er, immer allein, verlacht, verkannt und geflohen von den Menſchen, gemißbraucht von ihrem Egoismus, verfolgt von — 217 4 ihrem Neid, mißverſtanden und geſchmäht von ihrer Erbärmlichkeit, das iſt mein Loos! So gehe ich durch die Welt, ohne Freund, ohne Ge⸗ liebte,— ja, ohne Geliebte, wiederholte er nach einer langen Pauſe. Ich war gekommen, um ſie zu ſehen, aber ſie? Oh, auch ſie hat mich vergeſſen! Ich weiß, daß ſie in Wien iſt, ich wollte ſie heute Abend ſehen, ich wollte mit einem Blick ihr ſagen, daß ich ihr ver⸗ gbe habe, daß— Nichts wollte ich ihr ſagen, rief er auf einmal gan laut, indem er aufſprang, und mit flammenden Blicken umher * ſch te. Nein, gar nichts wollte ich ihr ſagen,— ein Glück für ſie, daß ſie nicht da war, ich würde ſie mit meinen Blicken, wie mit Blitz⸗ ſtrahlen zetſchmettert haben, ſie, welche mein Herz zerfleiſcht hat, welche — Still, ſtill! Schweigt Ihr Stimmen da innen! Warum muß ich 3! denn Euch immer hören können, da ich doch die Stimmen da draußen icht hören kann, da ewiges, furchtbares Schweigen, ewige Grabes⸗ ſtille mich Armen umgiebt! Oh, ſchweigt alſo auch Ihr, Stimmen meiner Erinnerungen, werdet ſtumm für mich wie die Welt, wie die Menſchen! Ich bin einſam und allein, laßt mich ſo bleiben, flüſtert nicht ewig von der Vergangenheit. Still, ſage ich, ſtill! Er ſtampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden, und rannte auf und ab. Es iſt mir zu einſam hier, ſagte er dann hochaufathmend, ich muß Menſchengeſichter ſehen, denn hier i wie in einem öffenen Grabe. Ich will wieder hinunter gehen, will der Fürſtin meine Hand reichen, denn ich glaube, ich bin zu heftig gegen ſie geweſen, ichshabe ihr weh gethan. Es war vielleicht Unrecht, daß nicht zu Gefallen ſpielen wollte, denn ſie iſt mir allzeit eine liebe, mütterliche Freundin geweſen, ſie hat mich niemals gekränkt, niemals vernachläſſigt. Ja, ja, ich will hinunter gehen, ich will wieder gut machen. Ich will ſpielen, nicht um der andern Maulaffen willen, ſondern für meine gute Fürſtin! Er ſtürzte nach der Thür hin, und wollte ſie öffnen, um hinab zu gehen. Aber dieſe Thür gab dem Druck ſeiner Hand, nich nach, ſie öffnete ſich nicht..„7 Was iſt das? ſchrie Beethoven entſetzt. Warum kann ich nicht hinaus? 1 218 Er rüttelte heftig an der Thür, aber ſie gab nicht nach, ſie war und blieb geſchloſſen! Sie haben mich eingeſchloſſen, ſchrie Beethoven wüthend, ſie haben mich wie ein wildes Thier in einen Käfig geſteckt. Es iſt alſo Ernt geweſen, und nicht blos eine Drohung. Sie behandeln mich als einen Gefangenen! Weil ich nicht ſpielen wollte, haben ſie mich hinterliſtiger Weiſe herauf gelockt, und mich eingeſperrt wie ein unartiges Kind, das man erziehen will. Und ich Dummkopf, ich gutmüthiger Narr wollte mich ſchon wieder überreden, daß ich Unrecht gehabt, wollte ſchon wieder hingehen, und ihnen den Willen thun! Oh Menſchen, Men⸗ ſchen, was für grauſame, herzloſe Geſchöpfe ſeid Ihr doch, wie zer⸗ fleiſcht Ihr mein Herz, und lacht zu meinen Qualen! Aber dies Mal ſoll's ihnen nicht gelingen. Nein, ſie ſollen nicht die Freude haben, mich hier wie ein wildes Thier einſperren zu können, und übe mich, den armen Gefangenen, zu lachen! Ich will frei ſein, ihnen Allen zum Trotz! Er ſprang zu dem Fenſter hin, und öffnete es. Unten, wenigſtens dreißig Fuß unter dem Fenſter lag der Park; deutlich konnte er im hellen Mondſchein die gelben Kieswege der Alleen erkennen. Da unten war die Freiheit, die Rettung! Aber wie ſollte er da hinunter gelangen? Die Entfernung war zu groß, um hinunter zu ſpringen, denn er lief Gefahr, ſich zu zerſchmettern, oder die Glieder zu zerbrechen! Oh, welche Wonne dann für ſeine Feinde, ihn da mit zerbrochenen Füßen am Boden zu finden, ihn wieder in's Haus zu ſchaffen, den Gefangenen wieder in ſein Zelle einzuſperren! Nein, ſie ſollten dieſen Triumph nicht haben! Er wollte ihnen dieſe Freude nicht bereiten! Er ſtürzte zu dem Bett hin, und wühlte unter den Kiſſen, und zog das weiße Bettlaken hervor. Mit gewaltiger Kraftanſtrengung riß er es in drei Streifen auseinander, knotete dieſe Streifen zuſammen, band das Ende dieſer improvifirten Strickleiter an das Fenſterkreuz feſt, und hing ſie hinaus. So, ſagte er, einen letzten, flammenden Blick auf das Zimmer 219 ſchlendernd, jetzt fort! Ein Glück noch, daß ſie mir keinen Hund als Wächter in meinen Käfig gegeben haben! Fort, fort! Er ſprang auf den Fenſterſims empor, faßte mit ſeinen beiden Händen die Strickleiter, und ſich nun mit einem einzigen ſtarken Ruck hinausſchwingend, glitt er raſch an dem weichen weißen Rettungs⸗ ſeil hinab. Die Nachtwanderung. Jetzt berührten ſeine Füße den Boden, jetzt war er unten im Park. Gerettet! ſagte er athemlos, einen Moment unten am Boden zuſammenſinkend und nach Athem, nach Faſſung ringend. Ich bin frei! Ich bin wieder mein eigener Herr! Er ſprang auf und that einige Schritte die Allee hinunter, und wandte ſich wieder zurück, um nach dem Fenſter hinzublicken, aus wel⸗ chem er eben entflohen war. Deutlich konnte er durch das große, offene Fenſter das hell erleuchtete Zimmer überſchauen. Er ſah Schatten ſich an den Wänden abzeichnen, er ſah wie jetzt zwei Lakayen in der ſilbergeſtickten Livrée des Fürſten an's Fenſter ſtürzten, ſeine Strick⸗ leiter entdeckten und ſie wieder emporzogen. Ja, holt ſie nur, holt ſie nur, ſagte Beethoven in ſich hinein⸗ lachend, der Gefangene ſitzt nicht mehr daran, der Gefangene hat ſich befreit. Aber jetzt werden ſie mich am Ende hier im Park ſuchen, rief er aufſpringend, jetzt werden ſie mich wieder einfangen wollen! Vor⸗ wärts alſo, vorwärts! Und in raſender Eile lief er die Allee hinunter zu der kleinen Seitenpforte des Parks, die auf den großen Hof vor der Villa hinaus⸗ führte. Da lag ſie vor ihm, dieſe glänzende, ſchöne Villa, wie ein Feenpalaſt leuchtend im Glanz der Lichter, die in den Sälen flammten und einen goldenen Schein über den Hofraum hinaus warfen. Man 220 hatte, weil es keine Zuſchauer zu meiden gab, die Fenſtervorhänge nicht geſchloſſen, und da die Säle im hohen Parterre der Villa belegen waren, konnte man bequem alle dieſe Säle überſchauen, dieſe ganze glänzende, geputzte, lächelnde, plaudernde, minaudirende, mediſirende und coquettirende Geſellſchaft, wie in wechſelnden, reizenden Bildern einer Laterna magica an ſich vorübergaukeln laſſen. Beethoven, fernab hinter dem Vorſprung der Mauer des Parkes ſtehend, ſchaute eine Zeitlang hinüber zu dem Glanz des frohen Feſtes. Dann hob er drohend mit verächtlichen Mienen die Hände gegen die erleuchteten Fenſter empor. Lacht nur, ja, lacht nur, ſagte er ingrimmig. Ihr ſeid glücklich, hochgeehrt und unabhängig. Ihr habt alles, was das Leben ange⸗ nehm, genußvoll und ſchön macht! Ich habe nichts als meine Kunſt und meine Freiheit, und doch bin ich mehr als Ihr Alle, Alle, und ich möchte meine Schmerzen und Qualen nicht austauſchen gegen Eure Freuden und Genüſſe. Denn meine Schmerzen läutern ſich zu Brillan⸗ ten, die Euren werden trübe und ſchaal, wie geſchmolzenes Eis! Lacht nur, lacht! Wie bald, und Ihr werdet in Staub und Aſche zerfallen, aber der Beethoven, der ſtirbt nicht, der wird ewig leben, und vielleicht erlaubt ihm Gott da droben, was ihm hier unten verſagt iſt, vielleicht kann er im Himmel lachen und glücklich ſein! Lacht alſo hier unten, ich werde da droben lachen! Noch einmal drohte er hinüber zu den glänzenden Fenſtern, dann wandte er ſich ab und ſchritt über den weiten Hofraum hin, zu dem Eiſengitter, das ihn von der Landſtraße abſchloß. Dem Pförtner, der neben dem Gitter ſtand, und Beethoven ſeit manchem Jahr kannte, drückte er ein Geldſtück in die Hand und hieß ihn die kleine Pforte öffnen, und wie er dann hinaustrat, ſtieß er einen lauten Freudenſchrei aus, als wolle er der Freiheit ſeinen Jubelgruß entgegenjauchzen. Dann, wie im erſten Taumel des Entzückens, rannte er vorwärts, die Straße hinunter, gar nicht des Weges achtend, ganz unbekümmert, wohin er ihn führe. Das Haupt rückwärts geworfen, ſchaute er empor zu dem Himmel, zu dem goldenen, ſtrahlenden Mond, zu den Sternen, die hell und köſtlich zu ihm niederfunkelten, und ein ſeliges Lächeln ver⸗ — 221 klärte Beethovens Angeſicht, und Stimmen der Wonne, des Jubels, der Begeiſterung erklangen in ſeiner Bruſt. Beethoven, lauſchend auf dieſe Stimmen, ſtand ſtill, und den Blick zum Himmel empor ge⸗ wandt, horchte er in andächtigem Schweigen dieſer wunderbaren Muſik, die mit heiligen Orgelklängen, mit Poſaunenſchall, mit dem Geflüſter harmoniſcher Saiten, mit rauſchenden und jauchzenden Engelsſtimmen ihn umtönte. Nein, jetzt war er nicht taub, jetzt hörte er Alles, Alles! Dort der große dunkle Baum, deſſen Zweige ſich im Nachtwind be⸗ wegten, er hörte ihn rauſchen, mit wunderbaren, geheimnißvollen Me⸗ lodien, hier der kleine Bach, der zur Seite des Weges dahin floß, er hörte ſeine vom Mondlicht vergoldeten Waſſer plätſchern, und hörte das Lachen und Kichern, mit denen die Welle zur Welle plauderte. Der Mond, der groß und golden ihn begleitete auf ſeiner einſamen Nachtwanderung, der ſprach wie mit machwoller Gottesſtimme zu ihm und kündete ihm die Geheimniſſe des Himmels; die Sterne, die hell zu ihm niederfunkelten, ſie ſangen ihm die Melodien der Engel! Die ganze Natur ſprach zu ihm, umrauſchte ihn mit himmliſchen Melodien, mit erhabener, wunderbarer Muſik, und er fühlte ſich ihr hingegeben in Liebe, Andacht und Entzücken. Lächelnd vor Wonne und Glück ſetzte er ſich nieder auf einem der großen, weißen Steine zur Seite des Weges und zog ſein Notizbuch hervor. Der Mond, der groß und voll über ihm ſtand, ſchien zu lächeln über die Idee, daß er dem Meiſter als Studirlampe zu ſeiner Arbeit leuchten ſolle, aber er that es doch; die Sterne ſchienen heller aufzuflimmern, als wollten auch ſie ſich bemühen, die Nacht für ihn zu erhellen und ein wenig Himmels⸗ glanz über das Papier zu werfen, auf dem Beethoven jetzt mit großen Zügen ſeine Noten hinwarf, daß die großen, ſchwarzen Punkte auf dem weißen Grunde aufleuchteten, wie die Schatten der Sterne da oben am Himmel. Und der Nachtwind rauſchte herbei und kühlte mit ſeinem Fächeln die brennende Stirn des Meiſters, und mahnte ihn daran, daß es Zeit ſei, aufzubrechen und heimzukehren. Beethoven, in ſich zuſammenſchauernd, ſchlug ſein Notizbuch zu, und ſtand auf. Wie aus einer Verzückung erwachend, ſchaute er mit verwunderten ſtaunenden Blicken umher, als werde er jetzt erſt inne, 222 daß er nicht daheim an ſeinem Schreibtiſch geſeſſen, daß nicht die Lampe ihm geleuchtet, ſondern der Mond, daß er nicht auf dem Clavier von Holz und Metall ſich ſeine Symphonie componirt, ſondern auf dem großen Clavier der Natur, das ihm ſeine aus Luft und Mondenſchein, aus Nachtfrieden und Waldesrauſchen, aus Sternen⸗ funkeln und Bachesmurmeln zuſammengefügte Claviatur hatte er⸗ klingen laſſen. Aber ich muß doch wieder hinein in das häusliche Elend, in den Menſchenjammer, und die Lebensnoth, ſeufzte Beethoven leiſe vor ſich hin. Ich muß heimkehren nach Wien, denn ſonſt ſchilt meine gute Haushälterin, die gute Frau Schnaps, und mein Bruder Carl wird böſe werden und vermeinen, ſein lebendiges Capital, das für ihn ar⸗ beiten muß, ſeine lebendige Citrone, die er nach Belieben auspreßt, ſein unglücklicher Bruder ſei davon gegangen. Nein, nein, Bruder Carl, ich komm ſchon wieder und Du kannſt weiter an mir preſſen. Ich komm ſchon wieder, Frau Schnaps, und Sie kann mir wieder Ihre verwünſchten magern Suppen und Ihre angebrannten Braten vorſetzen. Ich komm ſchon wieder und Ihr könnt mich Alle wieder betrügen und verläſtern, und an meinem Herzen zerren und reißen, bis es bricht! Aber wie? fragte er ſich ſelber. Wie komm ich nur heim nach Wien? Ich habe den Weg verloren und die Richtung, und weiß nicht, ob ich zur Rechten, oder zur Linken gehen muß. Sagt mir's doch, Ihr Sterne! Steck' doch einmal Deine Naſe heraus, Du Mann im Monde, und deute mit Deiner Naſenſpitze mir die Richtung an, die ich gehen muß! Er warf ſein Haupt zurück in den Nacken, und blickte empor zum Himmel, lange und forſchend, als erwarte er wirklich, da oben einen Wegweiſer für ſich ausſtrahlen zu ſehen. Aber der Mond ging ruhig ſeine Bahn, die Sterne funkelten und flimmerten an derſelben Stelle— doch nein, da drüben, da löſte ſich ein Stern ab, fuhr vorüber mit Blitzesſchnelle und ſank dort jenſeits hinab in die Dunkelheit. Alſo dorthin muß ich mich wenden, hinter mir geht der Weg nach Wien, ſagte Beethoven, ganz überzeugt, daß für ihn die Sternenſchnuppe „ 223 gefallen ſei. Gut, ich werde meinem himmliſchen Wegweiſer folgen! Ich werde nach links gehen! Er wandte ſich um, und ſchritt rüſtig die Landſtraße dahin. Aber die Zeit verging, mehr wie zwei Stunden mochte er gewandert ſein, und immer noch nicht hatte er ſein Ziel erreicht, immer noch nicht ſah er die Häuſermaſſen Wiens am Horizont ſich abzeichnen. In unendlicher Oede drehte die Straße ſich dahin, und Beethoven fing an ſich er⸗ müdet zu fühlen, und die Kälte der Nacht zu empfinden. Dahin alſo haben die böſen, mißgünſtigen Menſchen mich gebracht, ſagte er grollend, dahin, daß ich jetzt einſam und verlaſſen hier auf der Landſtraße umher irren muß! Das iſt der Lohn für alle meine Werke, daß ich wie ein Ausgeſtoßener, Flüchtiger umher irre in der Wüſte! Weil ich nicht wie ein Dudelſack bei ihrem erſten Händedruck gleich Muſik von mir gab, wollten ſie mich einſperren, mich zum Ge⸗ fangenen machen, und ich mußte fliehen, um meine Ehre und Mannes⸗ würde zu erretten, und ihnen zu zeigen, daß ſie trotz ihrer Fürſtentitel und ihrer Herrlichkeit doch keine Macht haben über mich, und daß ihr Wille keine Gewalt und keine Bedeutung hat für mich. Aber nun muß ich hier herum irren in Nacht und Nebel, als wäre ich es, der Strafe dafür verdient, und nicht ſie, die Uebermüthigen, die in ihren vergoldeten Sälen einherſtolziren, und die ich verwünſche, ja, denen ich fluche mit aller Kraft meines Geiſtes, deren Hochmuth, Kälte und Eigennutz meinem Herzen ſchon ſo viele, ach ſo unſäglich viele Schmer⸗ zen gemacht hat. Ja, immer ſind ſie mir genaht mit Lächeln und ſüßen Blicken, dieſe vornehmen Frauen, dieſe verblendeten Sirenen, immer haben ſie mich zu ſich gezogen mit ihren Verführungskünſten und ihren glänzenden Augen, die einen Himmel verhießen, und ihren roſigen Händen, die bereit ſchienen, den Vorhang des Paradieſes vor mir aufzuthun! Und ich war immer der Thor, der an ſie glaubte, der ſein Herzblut zu ihren Füßen hinſtrömte, der in ſeligen Zukunfts⸗ träumen der Welt vergaß, und nur von ſeiner Liebe ſich begeiſtern ließ. Aber dann kamen ſie, dieſe roſigen Engel, und weckten mich aus meiner Begeiſterung, und ſagten mir, daß ſie nicht Mein ſein könnten, daß eine Kluft zwiſchen uns liege! Was für eine Kluft? Die Kluft der 224 Vorurtheile, der Standesunterſchiede! Beethoven, der Mann der Muſik, des Talents und der Kunſt, Beethoven war ihnen nicht eben⸗ bürtig, ſie hatten nur eine Stunde der Entzückung mit ihm durch⸗ träumen, eine Symphonie der Liebe mit ihm ſpielen wollen, um dann als vernünftige, nüchterne Menſchenkinder weiter zu gehen.*) Und ſie gingen weiter, und ich blieb einſam zurück, einſam, aber mit blutendem Herzen, und allein in meiner Qual. Und ſo bin ich geblieben, einſam und ausgeſtoßen, ſo ſchreite ich einſam und verlaſſen jetzt durch die Nacht dahin! Ach, mein ganzes Leben iſt Nacht, Einſamkeit und Oede! — Doch ſieh, leuchtet da nicht ein Licht? Sehe ich da nicht Häuſer? Ja, ja, Gott ſei Dank, ich bin am Ziel! Und Beethoven ſchritt raſcher vorwärts den Lichtern zu, die als lockende Wegweiſer ihm entgegen leuchteten. Aber es war nicht eine Stadt, nicht das erſehnte Wien, das ihm da ſeine Lichter ent⸗ gegengefunkelt hatte, ſondern es waren nur die Laternen, die vor einem großen, einſam gelegenen, nur von einigen niederen Stallgebäuden und Schuppen umgebenen Hauſe brannten. Dieſes Haus indeß war eine Poſthalterei, und Beethoven gelang es nach vielem Toben und Schelten endlich, die Schlafenden zu wecken, zu erfahren, daß ſein fallender Stern ihn doch irre geleitet, und ihn weit ab von Wien geführt hatte, und daß es wohl eine Stunde Weges bis dahin ſei. Gebt mir alſo eine Extrapoſt, legt mir vier Pferde vor; rief er, aber tummelt Euch! Ich bin müde, ich ſehne mich nach meinem Bett! Eine halbe Stunde ſpäter fuhr die holprichte Poſtchaiſe vor, der verſchlafene Hausknecht öffnete den Schlag, und hielt mürriſch die Hand hin, um ſein Trinkgeld zu empfangen, der Poſtillon ſchwang ſich auf den Bock, und hob die Peitſche, um die Pferde in Trab zu ſetzen. Beethoven lehnte ſich behaglich in die Wagenecke zurück, und *) Beethoven hatte mehrere ſehr glühende Liebesverhältniſſe, die ſich ihm, dem Gefeierten, mehr entgegentrugen, als daß er ſie ſuchte. Aber immer waren ſeine Geliebten hohen und vornehmen Standes, ſo daß an eine ernſthafte und dauernde Verbindung nicht gedacht werden konnte. Siehe: Anton Schindler. Biographie von Ludwig van Beethoven. S. 67. 225 lächelte vergnügt, als der Wagen jetzt mit ihm dahin fuhr. Ach, ſagte er leiſe, ſo möchte ich durch die Welt dahin fahren, ein glückliches, freies, ungebundenes Menſchenkind, von Niemanden abhängend, als von dem ſchmucken Poſtillon da vor mir auf ſeinem Thiere, und lauſchend auf das luſtige Geſchmetter ſeines Horns! In dieſem Augenblick, und als habe der Poſtillon gehört und verſtanden, was Beethoven doch nur zu ſich ſelber geſagt, hob der Poſtillon ſein im Mondſchein blitzendes Poſthorn empor und ſetzte es an ſeine Lippen. Beethoven, mit froh lachendem Angeſicht, neigte ſich vorwärts, um das ſchmetternde Lied zu hören. ⸗ Aber ach, kein Ton deſſelben erreichte ſein Ohr, nichts unterbrach das öde Schweigen, das ihn umgab, und doch ſah er, daß der Poſtillon noch immer das Horn an die Lippen geſetzt hatte, ſah, daß er noch immer ſein ſchmetterndes Lied erſchallen ließ. Mit einem ſchmerzlichen Aechzen ſank Beethoven in die Wagenecke zurück. Nein, murmelte er traurig, ich möchte doch nicht reiſen, denn mein Elend würde mit mir gehen! Nun ſchwieg er und verſank tiefer in ſich ſelbſt. Und allgemach ſenkte ſich der Schlaf auf ſeine müden Augen nieder und ließ ihn ſeiner Schmerzen vergeſſen, und ließ ihn ſeine Träume von Glück weiter träumen. Erſt als nach dreiſtündiger Fahrt der Wagen in Wien vor ſeinem Hauſe in der Mödlingergaſſe anhielt, erwachte Beethoven, und richtete ſich ſtaunend und verwundert umherſchauend empor. Wo bin ich denn? murmelte er leiſe vor ſich hin. Was habe ich denn geträumt von Flucht, Verfolgung und— Ach, jetzt weiß ich Alles, Alles, rief er auf einmal, raſch ſich erhebend und aus dem Wagen ſpringend. Dann reichte er haſtig dem Poſtillon ſein Trink⸗ geld dar und ſtürzte nach der Hausthür, um ſo lange Sturm zu läuten, bis der Portier ſich brummend und ſcheltend entſchloß, die Thür zu öffnen. Nun ſchlüpfte er in's Haus und die zwei Stiegen hinauf zu ſeiner Wohnung. Den Schlüſſel zu ſeiner Thür führte er immer bei ſich, und unbemerkt und leiſe trat er ein. Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 15 226 Da im Vorzimmer, neben der Nachtlampe, ſaß ſeine alte treue Dienerin; das Haupt auf die Bruſt geſenkt, ihren Meiſter und Herrn erwartend, war ſie eingeſchlafen. Beethoven trat leiſe auf, um ſie nicht zu ſtören, und ging in das anſtoßende Gemach, ſein Arbeitszimmer. Hier brannte die große Aſtrallampe, bei der er ſonſt zu arbeiten pflegte, und die ihn die halbe Nacht durch vergeblich an dem Schreibtiſch erwartet hatte. Bei ihrem Schein konnte er Alles im Zimmer ganz deutlich erkennen. Er ſah die beiden Büſten, welche da drüben auf dem Geſims des Schrankes ſtan⸗ den, und welches die Büſten des Fürſten und der Fürſtin Lichnowsky waren. Mit einem wilden zornigen Aufſchrei ſtürzte er zu ihnen hin, und die Büſte der Fürſtin mit beiden Händen packend, rief er: Du i⸗ heute gemißhandelt! Jetzt will ich Dich mißhandeln! Zahn um Zahn! Aug' um Auge! Und die Büſte hoch über ſeinem Haupt erhebend, ſchleuderte er ſie dann mit gewaltiger Kraftanſtrengung zur Erde nieder, daß ſie in tauſend Stücke zerſchellte.*) Auf das polternde, praſſelnde Geräuſch folgte ein Schrei, die Thür des Vorzimmers ward haſtig aufgeriſſen, und die alte Haus⸗ hälterin erſchien in derſelben, bleich vor Angſt und Entſetzen. Was iſt's, Herr? Was iſt geſchehen? ſchrie ſie außer ſich. Nichts iſt geſchehen, ſagte Beethoven. Ich habe nur dem Scharf⸗ richter ein bischen in's Handwerk gepfuſcht und eine Sünderin geſtraft. Jetzt, da ſie ihre Strafe erlitten, iſt ihr aber auch vergeben, und ich liebe ſie wieder. Hör', Alte, morgen in der Frühe gehſt Du zuerſt in einen Gypsladen, kaufſt mir da eine Büſte der guten Fürſtin Lichnowsky und ſtellſt ſie mir auf den Platz der andern. Und nun laß uns zu Bett gehen, gute Frau Schnaps! Gute Nacht! Aber vergiß nicht, mir die Büſte zu kaufen! Aber ich hab' kein Geld, Herr, ſchrie die Alte. Beethoven achtete nicht auf ſie, ſondern nahm die Lampe und be⸗ gab ſich in ſein Schlafzimmer. *) Aus dem Leben Beethovens. Siehe: Ignaz Ritter von Seyfried. S. 13. 7 1 227 M. Beethovens Häuslichkeit. Die lange, nächtliche Wanderung, die vielfachen Aufregungen des vorigen Tages hatten Beethoven ermüdet, und ihn in einen tiefen Schlaf verſenkt. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel und der Meiſter ſchlief noch immer. Sein würdiger Diener, der zugleich ſich verrühmte, ein geſchickter Kleiderkünſtler zu ſein, ſaß ſchon lange auf ſeinem gewohnten Platz im Vorzimmer, und nähete mit emſiger Hand an dem neuen Frack ſeines Herrn. Seine Wirthſchafterin, die gute alte„Frau Schnaps“, hatte ſchon lange das Waſſer zum Kaffee auf⸗ geſetzt, aber wie ſehr es auch ſiedete und kochte, Beethoven ſchlief immer noch. Ich muß ihn wecken, ſagte die Haushälterin zu dem Bedienten; Meiſter Zipferlein, ich muß den Herrn wecken. Und warum müſſen Sie ihn wecken, Frau Streng? fragte Zipfer⸗ lein, indem er langſam und gemächlich den langen Faden aus dem Schwalbenſchwanz des neuen Fracks emporzog. Warum müſſen Sie ihn wecken? Sie ſagen ja, der Herr iſt erſt in der Nacht heim ge⸗ kommen; da iſt er natürlich matt und erſchöpft, und muß ſich ausruhen. Zudem wiſſen Sie wohl, daß er heut einen ſchweren Tag hat. Muß Probe abhalten für die Conzertaufführung, und Sie wiſſen wohl, da giebt's immer viel Aergerniß, und wir Beide müſſen's ausbaden, wenn die Muſici nicht haben Ordre pariren wollen. Laſſen Sie ihn alſo immerhin ſchlafen, denn wenn er ſchläft, dann brummt und zankt er nicht. Es geht nicht, ich muß ihn wecken, ſagte Frau Streng kopf⸗ ſchüttelnd. Ich muß auf den Markt, denn es iſt heut Freitag, und Sie wiſſen ja, er muß jeden Freitag ſeinen Schill aus der Donau haben, ſonſt iſt er nicht zufrieden. Na, ſo gehen Sie und kaufen Sie ihm ſeinen Schill, ſagte Zipferlein gelaſſen. Da Sie wiſſen, daß der Herr dieſen Fiſch gern ißt, ſo brauchen Sie ihn ja nicht erſt zu fragen, ob er will. 15 228 Nein, aber Geld brauch' ich mir erſt von ihm geben zu laſſen, damit ich den Schill auch bezahlen kann, rief Frau Streng. Geld? Von ihm Geld? rief Zipferlein lachend. Liebe Frau, das iſt eine Schwärmerei von Ihnen. Unſer Herr hat wieder einmal gar kein Geld! Ich war geſtern im Vorzimmer, als der Herr Bruder Carl hier reingeraſt kam. Iſt Caſſirer bei der Nationalbank, hat aber niemals nicht Geld, und kommt immer gelaufen und preßt unſerm Herrn den letzten Gulden aus. War geſtern wieder ein Lamento, und eine Wirthſchaft, daß unſerm Herrn Hören und Sehen verging.„Wenn Du mir nicht dreihundert Gulden giebſt, ſchrie Herr Carl immer, ſo bin ich ein ruinirter Mann, ſo muß ich in's Schuldgefängniß wandern, und werde meine Stelle verlieren.“ Na, natürlich gab der Herr die dreihundert Gulden, und der Herr Bruder zog mit ſehr vergnügtem Geſicht ab. Der Herr aber brummte, als ich ihn darauf anzog:„Er hat's Geld, und ich habe nun wieder gar nichts.“ Er hat aber doch noch was, Zipferlein, ſagte Frau Streng ge⸗ heimnißvoll, aber Sie müſſen fein den Mund halten, und ſich nichts merken laſſen, denn wenn die Herrn Brüder es erfahren, ſo fallen ſie wie die Raben über ihn her, und rupfen ihn kahl. Er hat geſtern aus England von einem Muſikalienhändler Herrn Thompſon, für den er die ſchottiſchen Lieder gemacht hat, hundert Ducaten bekommen, und die hat er noch, und davon will ich ihm nach und nach etwas abzwacken, damit wir's ſicher haben, und die Brüder ihm nicht wieder Alles ab⸗ jagen können. Sehen Sie, darum muß er mir Geld geben, darum kann ich nicht nach dem Markt gehen, und den Schill kaufen. Geld habe ich wohl noch, denn ich habe dieſe Woche vier Mal Schmerzens⸗ geld bekommen, aber ich will's doch lieber aufheben für die Zeiten der Noth, und ich will's nicht ausgeben, da noch Geld im Hauſe iſt. Na, Sie haben Recht, ſagte Zipferlein, dann gehen Sie nur hin und wecken Sie ihn. Nu wird der Teufel los gehen, und das Ge⸗ zanke und Gequike und Gedudle und Claviergetrommle, und die ganze Hölle wird nun wieder flott. Frau Streng, ich ſage Ihnen, wenn der Herr mich nicht jammerte, und wenn ich nicht wüßte, wie ver⸗ laſſen und hülflos der Herr ſein würde, wenn ich nicht mehr bei ihm 229 wäre, um ihn anzuziehen, ſeine Röcke zu bürſten, und ihm neue zu machen,— Und wenn der Herr Sie nicht ſo verſchwenderiſch bezahlte, als wenn er'n Prinz wär', unterbrach ihn Frau Streng, wenn er Ihnen nicht monatlich dreißig Gulden gäbe, ſo würden Sie nicht bei ihm bleiben, und ſich nicht das bischen Schelten und Brummen gefallen laſſen. Es hat ihn nicht ein Jeder ſo lieb, wie ich, daß er blos aus Anhänglichkeit bei ihm bleibt, und es iſt nicht Jedermann's Sache, auch für umſonſt'n guter und treuer Dienſtbote zu ſein! Sie warf auf Herrn Zipferlein einen majeſtätiſch verächtlichen Blick und verließ mit ſtolzen Schritten das Vorzimmer, deſſen Thür ſie heftig hinter ſich zuwarf, worauf ſie, das Wohnzimmer durcheilend, in das Schlafgemach ihres Herrn eintrat. Beethoven ſchlief noch immer, und es mußten ſchöne Träume ſein, die ihn im Schlaf umgaukelten, denn ein Lächeln ſtand auf ſeinen Lippen, und ſeine Stirn war ſo heiter und klar, wie es niemals bei dem wachenden Beethoven der Fall war. Frau Streng neigte ſich über ihn und betrachtete das ſanfte lächelnde Antlitz ihres Herrn mit mütterlicher Zärtlichkeit. Er ſchläft ſo ruhig und träumt ſo ſchön, ſagte ſie, und wenn ich ihn nun wecke, iſt's vorbei mit ſeinem Glück. Armer Herr, er hat ſo viel Schmerzen und Herzeleid, und macht ſich noch mehr als nöthig iſt. Ja, wenn nur die Brüder nicht wären, die ſchlimmen Brüder! Na, es hilft nichts, ich muß ihn wecken! Sie faßte ſeine beiden Hände und rüttelte und ſchüttelte ſie ſo lange, bis Beethoven die Augen aufſchlug. Ach, ſagte er ſeufzend, warum weckt Sie mich, Frau Schnaps. Und ſofort war das Lächeln auf ſeinen Lippen erblaßt, und ſeine Stirn umwölkt. Es iſt ſchon ſo ſpät, ſchrie Frau Streng, nach dem Fenſter hin⸗ deutend, durch welches die Sonne luſtig herein ſchien. Sie hat Recht, ſagte Beethoven, es iſt ſchon ſpät, denn wenn die Sonne da auf mein Bett ſcheint, iſt's neun Uhr. Auf alſo, auf zum 230 neuen Gang durch's Jammerthal des Lebens. Geh' Sie hinaus, Frau Schnaps, damit ich aufſtehen kann. Frau Streng zog ſich in die neben dem Schlafzimmer belegene Küche zurück, und Beethoven ſtand auf, warf ſeine Morgenkleider über, und trat in ſchlurfenden Pantoffeln, und in einem hier und da ſtark durchſichtigen Schlafrock in die Küchenthür. Mein Frühſtück, ſagte er gebieteriſch. Mich hungert fürchterlich, Alte, denn ich hab' ſeit geſtern Mittag nichts zu eſſen bekommen. Hol' Sie mir doch ein paar Kipferle zum Frühſtück. Erſt geben Sie mir die Kaffeebohnen heraus, Herr, ſchrie die Alte, damit ich Ihnen den Kaffee kochen kann. Ach! rief Beethoven. Der Kaffee iſt noch nicht einmal fertig? Mich hungert fürchterlich, ich ſtehe zwei Stunden ſpäter auf als ſonſt, und der Kaffee iſt noch nicht einmal fertig. Herr, das Waſſer kocht ſchon eine Stunde, ſchrie Frau Streng, aber Sie haben's ja verboten, daß ich mir ſelber Kaffee nehme! Warum habe ich's verboten? fragte Beethoven kläglich. Weil ich niemals eine ordentliche Taſſe Kaffee bekomme, wenn Sie den Kaffee ſelbſt nimmt, indem Sie bald zu viel, bald zu wenig nimmt, bald damit verſchwendet, da Sie weiß, daß er Ihr nichts koſtet, bald damit ſo knauſert, als ob Sie ihn bezahlen müßt'. Ach Gott, ich bin ein gar unglücklicher Menſch, muß Alles allein beſorgen, an Alles ſelber denken. Komm' Sie denn, Frau Schnaps, ich will Ihr den Kaffee geben! Er ging an den in ſeinem Schlafzimmer befindlichen Wandſchrank, ſchloß ihn auf, und holte die blecherne Kaffeebüchſe hervor. Mit voll⸗ kommenem, tiefem Ernſt zählte er ſechszig Kaffeebohnen ab und reichte ſie der Haushälterin dar. Nun, Frau Schnaps, koche Sie mir einen guten, ſchönen Kaffee, aber hör' Sie, nicht mehr als Eine Taſſe von ſechszig Bohnen. Doch halt, da Sie mir Kipferle ſpendirt, iſt Eine Taſſe zu wenig. Ich muß heute zwei Taſſen haben. Alſo nochmals abgezählt!*) Dies Geſchäft des Kaffeebohnenzählens beſorgte Beethoven immer ſelbſt, und mit einer Pünktlichkeit und Genauigkeit, die ihm ſonſt nicht eigen zu ſein pflegte. Siehe: Schindler, Biographie Beethovens. 231 Er öffnete wieder den Wandſchrank und zählte mit ſorgfältigſter Genauigkeit abermals ſechszig Bohnen ab. Jetzt, alte Spindel, jetzt ſchnurre Sie ab, damit ich meinen Kaffee bald habe, rief Beethoven, indem er die Küchenthür zuſchlug, und den Schlafrock abwerfend, ſich an ſeinen Waſchtiſch begab. Bald floß das Waſſer in Strömen über den Fußboden hin, denn die beiden blechernen Eimer, die mit Waſſer bis zum Rand gefüllt neben dem Waſchtiſch geſtanden, waren jetzt leer; Beethoven hatte ſeinen Kopf und ſeine Arme ſo lange darin getaucht, bis der letzte Tropfen ver⸗ braucht war. So, ſagte er aufathmend, jetzt iſt mir wohl, der Kopf iſt wieder frei und arbeitsfriſch. Nun Kaffee, Kaffee, und ich bin ein ge⸗ machter Mann! Der Kaffee ſtand ſchon in dem Wohnzimmer auf dem Tiſch vor dem Sopha bereit, und daneben lag das erſehnte duftende Backwerk. Beethoven nahm mit innigem Behagen ſein Frühſtück ein, und wie er dabei an die Scene des geſtrigen Abends dachte, an ſeine Flucht aus der fürſtlichen Villa, lachte er ſo laut, daß der Reſonnanz⸗ boden des offenen Flügels tönte und die Saiten in leiſem Echo er⸗ klangen. Frau Streng hatte dieſes Lachen in der Küche gehört. Er ſcheint mir heute gut gelaunt, ſagte ſie, er lacht. Das iſt der richtige Augen⸗ blick, um Geld von ihm zu fordern. Und mit entſchloſſenem Schritt, den großen Marktkorb am Arm, trat ſie in das Zimmer. Na, was giebt's, Frau Schnaps, rief Beethoven ihr fröhlich ent⸗ gegen. Kommt Sie vom Markt? Die Haushälterin ſchüttelte verneinend ihr gewichtiges Haupt. Aber es iſt doch heute Freitag, rief Beethoven unwillig, und Sie weiß doch, daß ich Freitag's vom Fiſchmarkt einen Schill ha⸗ ben muß? Er ließ ſeine zornigen Blicke auf Frau Schnaps ruhen, und wie er ſie abwandte, traf ſein Auge die Stelle, wo die Büſte der Fürſtin Lichnowsky ſtehen ſollte, und nicht ſtand. 232 Was iſt das? ſchrie er aufſpringend. Habe ich Ihr nicht befohlen, mir eine andere Büſte der Fürſtin zu kaufen? Ja, Herr! Nun alſo, hat Sie ſie gekauft? Nein, Herr! Warum nicht? ſchrie Beethoven, wild mit dem Fuß ſtampfend. Warum hat Sie nicht die Büſte gekauft? Warum hat Sie nicht den Fiſch gekauft? Frau Streng trat mit ſtolzen Schritten dicht zu ihm heran, und blickte ihren Herrn mit feierlichem Ernſt an. Weil ich kein Geld habe, rief ſie mit donnernder Stimme. Was, Sie hat kein Geld? ſchrie Beethoven wüthend. Sie will mir vorlügen, daß Sie kein Geld hat? Habe ich Ihr nicht erſt zwanzig Gulden gegeben? Ja, Herr, vor acht Tagen. Aber das iſt aufgebraucht, kein Kreuzer iſt mehr da! Das heißt, ſchrie Beethoven, es iſt aufgebraucht, aber nicht für mich, nicht für die elenden Mittagseſſen, die Sie mir auftiſcht, und die ein Armenhaus⸗Penſionair Ihr in's Geſicht ſchmeißen würde; aber es iſt aufgebraucht für Sie, für Ihre Näſchereien. O Gott, mein Gott, Jeder geht darauf aus, mich zu betrügen, und mir das Leben ſauer zu machen. Keinen Augenblick habe ich Ruhe. Ihr wollt mich zu Tode ärgern, mich umbringen. Alle arbeitet Ihr an meinem Unter⸗ gang. Keinem kann ich trauen! Wenn das ſo fortgeht, bin ich bald ein ruinirter Mann, der betteln gehen kann vor den Thüren Derer, die ſich an mir bereichert haben. Aber nein, nein, ich will das nicht länger mehr dulden! Ich will mich nicht mehr wiſſentlich betrügen laſſen, ich will Herr in meinem Hauſe ſein, und meine Wirthſchaft ſelber führen. Sie hat nichts mehr von den zwanzig Gulden, die ich Ihr vor acht Tagen gab, ſagt Sie? Keinen Kreuzer habe ich mehr davon, Herr, Alles iſt für die Wirthſchaft hingegeben. Das iſt Ihr letztes Wort? Ja, Herr, es iſt mein letztes Wort. 233 Beethoven ſchleuderte einen flammenden Zornesblick auf ſie hin. Gut, Frau Schnaps, ſo bleibt es Ihr letztes Wort. Von nun an gehe ich ſelbſt auf den Markt, und werde ſelber meine Einkäufe machen. Ich will nicht mehr Ihr Narr ſein, ich will mich nicht länger betrügen laſſen! Ich gehe ſelbſt auf den Markt, und Zipferlein ſoll mit dem Korb mit mir gehen. Sag' Sie's ihm, daß er ſich fertig mache! Gebe Sie Ihren Korb, und Ihren Küchenſcepter an Zipferlein ab. Ihr Reich iſt zu Ende! Geh' Sie hinaus! Ich will mich an⸗ kleiden und auf den Markt gehen! Frau Streng verneigte ſich ſchweigend und ging mit ihrem Korb hinaus in das Vorzimmer, wo Zipferlein mit gekreuzten Beinen ſaß und emſig an dem neuen Frack ſeines Herrn arbeitete. Legen Sie die Arbeit bei Seite, Zipferlein, ſagte Frau Streng lächelnd, und nehmen Sie meinen Korb hier. Sie ſollen mit dem Herrn auf den Markt gehen, und einkaufen. Herr Gott, was iſt denn das wieder für ein neuer Unſinn, rief der Schneider erſtaunt. Der Herr will ſelber einkaufen? Warum denn? Er meint, ich übertheuere und betrüge ihn, ſagte Frau Streng, und ihre Stimme zitterte ein wenig, und wider ihren Willen füllten ſich ihre Augen mit Thränen, aber ſie preßte ſie muthig fort, und zwang ſich zu lächeln. Ich nehm's ihm weiter nicht übel, ſagte ſie, er iſt gar ſo unglücklich, und außerdem habe ich mir ſagen laſſen, daß die tauben Leute alle gar ſehr mißtrauiſch ſind, und immer glauben, daß man ſie betrügt. Er wird's ſchon einſehen, und es wird ihm leid thun, ſeine arme Frau Schnaps ſo gekränkt zu haben. Er wird mir ſchon heute noch Schmerzens⸗ gelder zahlen. Ja, unterbrach ſie Zipferlein, und die werden Sie nachher, wenn er mal wieder kein Geld hat, ihm ſchon wieder zuſtecken. Das kümmert Sie nicht, das iſt meine Sach', rief Frau Streng. Aber Sie ſehen, daß ich Recht hatte. Der Herr iſt bei Kaſſe und da wollen wir ſuchen, ihm heute möglichſt viel Geld abzunehmen, damit wir was für ihn haben, wenn die Herren Brüder ihm mal wieder Alles abgenommen haben. Hören Sie alſo, guter Zipferlein, wie N— 6 234 wir's machen wollen. Sie gehen mit ihm auf den Markt, und zu den Frauen, von denen ich immer kaufe. Sie ſagen ihnen, daß Sie von mir geſchickt werden, und daß unſer armer lieber Herr heut' Mal wieder'n bischen ſeinen Raptus hat, und ſelbſt einkaufen will. Sie ſagen den guten Frauen, die lauter liebe und ehrliche Weiber ſind, ſie ſollen ihm von allen Sachen gerade noch zwei Mal ſo viel abfordern, als es koſtet, dann ſollen ſie ſo viel herunterlaſſen, daß es noch Ein Mal ſo viel koſtet als es werth iſt. Und das Geld ſollen ſic mir aufheben, ich werde nachher auf den Markt kommen, und es mir wieder fordern. Aber wenn ſie's nun nachher nicht wieder geben wollen? Sie werden's aber Alle wiedergeben. Sie wiſſen ja, daß es für Herrn van Beethoven iſt. Oder meinen Sie, die Wiener kennen den großen, berühmten Beethoven nicht, und die Fiſchfrauen und die Krautweiber wären nit ſtolz darauf, daß ſie für den Beethoven ihre Sachen liefern, für den Beethoven, der die ſchönſte Muſik in der Welt macht, und der ſo berühmt iſt, daß kein Fremder nach Wien kommt, der nicht glücklich iſt, wenn er den Beethoven nur einmal ſehen kann, den Beethoven, der ſo klug iſt, daß ſelbſt ein Erzherzog noch von ihm lernen kann, und bei ihm in die Schule geht? Und den Mann, der der Stolz iſt von ganz Wien, und den Jedermann kennt, den meinen Sie, werden die Fiſchfrauen und die Krautweiber betrügen, und mir's Geld nit wiedergeben, was er ihnen hat zu viel bezahlen müſſen? Sie ſind auch wohl ſchon angeſteckt von dem Mißtrauen unſers armen Herrn? Meinen auch wohl ſchon, daß jeder Menſch ein Betrüger und ein Dieb iſt? Na, wenn ich vielleicht angeſteckt bin von unſers Herrn Mißtrauen, ſagte Zipferlein, ſo ſind Sie jedenfalls angeſteckt von ſeinem Zorn und ſeiner Wüthigkeit. Schelten da gleich los, blos weil ein ehrlicher Chriſtenmenſch'ne Bemerkung macht. Eine ſchlechte und unwürdige Bemerkung, rief Frau Streng. Aber es iſt nun gut, vergeſſen Sie nur nicht, was ich Ihnen geſagt habe. Denn jetzt geht es los. Da kommt der Herr! Die Thür des Wohnzimmers öffnete ſich haſtig, und Beethoven, 235 vollſtändig gekleidet und zum Ausgehen bereit, trat ein. Er ging gerade auf Frau Streng hin, und mit einem langen zornigen Blick ihre ganze Geſtalt überſchauend, fragte er: Frau Schnaps, wie viel hat Sie am vergangenen Freitag für den Schill gezahlt? Einen Gulden, Herr! Und wie viel wog er? Vier Pfund! Und wie viel hat Sie für das Pfund Butter gegeben? Einen halben Gulden! Gut, rief Beethoven pathetiſch. Jetzt werde ich Ihr beweiſen, wie man einkaufen und handeln muß! Jetzt werde ich Ihr beweiſen, was man zahlen muß, wenn man ſeinen Herrn nicht betrügen und zum Bettler machen will. Komm' Er, Zipferlein, nehme Er den Korb! Wir wollen zur Schande der Frau Streng auf den Markt gehen und unſere Einkäufe machen!*)— Und wir wollen zur Ehre der Frau Streng mit unſern Einkäufen wieder heimkommen! ſagte Frau Streng, ihrem Herrn mit lächelnden Blicken nachſchauend. Ich ſage Ihnen, lieber guter Herr, es wird heute noch Schmerzensgelder koſten! Aber jetzt will ich ſeine Zimmer in Ordnung bringen, denn wenn Beſuch kommt, ſoll man nicht ſagen können, daß die Frau Streng dem großen berühmten Herrn van Beethoven ſeine Zimmer nicht in Ordnung hält! M. Der Generaliſſimus und das Adjutanterl. Eine Stunde war vergangen, da that ſich die Thür des Vor⸗ zimmers wieder auf, und Beethoven trat herein, gefolgt von ſeinem *) Ignaz Ritter von Seyfried. Anhang. S. 16. 236 Diener, der gebeugt unter der Laſt des hoch gefüllten Korbes voll Ge⸗ müſe, Fleiſch und Fiſchen daher keuchte. Frau Streng hatte am Fenſter ihre Wiederkehr erwartet, und war ihnen ſchon bis in's Vorzimmer entgegen gekommen. Nun, fragte ſie den keuchenden Diener, iſt's alles gut abgegangen? Oh ja, das heißt, wir haben mit jeder Verkäuferin Scandal ge⸗ habt, ſagte Zipferlein, den Korb zur Erde ſtellend. Der Herr hat mörderlich gewettert und geſcholten, und hat natürlich Alles noch ein⸗ mal ſo theuer bezahlt. Die Fiſchfrau und die Krautweiber laſſen ſchön grüßen, und Sie ſollen nur nachher auf den Markt kommen, Frau Streng, ſie werden Ihnen Alle mitſammen das zu viel gezahlte Geld wiedergeben. Beethoven war, ohne die Haushälterin auch nur eines Blickes zu würdigen, in ſein Zimmer gegangen, und hatte die Thür heftig hinter ſich zugeworfen. Aber jetzt, wie Frau Streng eben den Korb genommen hatte, um ihn in die Küche zu tragen, öffnete ſich die Thür des Wohnzimmers wieder, Beethoven ſchaute heraus und rief mit ſanfter, freundlicher Stimme: Liebe Frau Schnaps! Jetzt kommt das Schmerzensgeld, paſſen Sie auf, jetzt kommt's! ſagte Frau Streng ganz laut zu Zipferlein, indem ſie an ihm vorüber ging und in das Zimmer ihres Herrn eintrat. Beethoven machte hinter ihr die Thür zu und ſah ſie mit einem freundlichen Lächeln an. Ich habe Ihr etwas zu ſagen, gute Frau Schnaps, ſagte er. Weiß ſchon, was Sie mir zu ſagen haben, Herr, ſchrie Frau Streng, wollen ſagen, daß Sie keine Betrügerin im Hauſe haben wollen. Aber ich habe auch was zu ſagen. Ich bitt' um meine Ent⸗ laſſung! Ich will heut' noch fort; Sie haben mich auf den Tod ge⸗ kränkt. Ich will nicht länger bei einem Herrn bleiben, der mich eine Betrügerin, eine Diebin ſchilt. Das habe ich zu ſagen. Ich habe aber ganz etwas Anderes zu ſagen, ſagte Beethoven mit einer Stimme, die ſo milde und weich war, daß ſie der Frau Streng Thränen in die Augen trieb. Ich habe zu ſagen, daß es mir leid 237 thut, daß ich vorher ſo heftig war, und daß ich Sie von ganzem Herzen um Verzeihung bitte. Sie ſagt, ich habe Sie bis auf den Tod gekränkt, aber vergeſſe Sie nur nicht, liebe Frau Streng, daß ich ein unglücklicher Mann bin, den ein hartes Schickſal zu jeder Zeit und zu jeder Stunde bis auf den Tod kränkt, und daß es daher kommt, daß jede leiſe Berührung mich wüthend macht. Vergeſſe Sie nur nicht, daß ich gewiß viel beſſer und ſanftmüthiger ſein würde, wenn das Schickſal, und ich darf auch ſagen, die Menſchen mit mir beſſer und ſanftmüthiger verfahren wären. Daß ich Ihr gut bin und Ihr ver⸗ traue, das weiß Sie, und wenn ich dann manchmal auffahre und pol⸗ tere, und wenn ich Sie ſogar eine Betrügerin ſchelte, ſo muß Sie denken, ich habe da nur in meiner Taubheit auf meinem Herzensclavier einen falſchen Ton angeſchlagen, aber ich werd' den Fehler doch gleich wieder merken, und werd' dann den richtigen Ton wieder greifen. Und der richtige Ton iſt: Sie iſt eine gute brave Haushälterin, Frau Streng, ich weiß, daß Sie mich nicht betrügt, und ich bitte Sie, ſei Sie wieder gut, und bleibe Sie bei mir. Will Sie's? Will Sie ja ſagen?* Er ſtreckte ihr mit einem unausſprechlichen Blick die Hand ent⸗ gegen und wiederholte noch einmal: Will Sie ja ſagen? Aber Frau Streng vermochte nicht zu antworten,— nur liefen die Thränen wie leuchtende Perlen über ihre Wangen nieder, und wie ſie ſich über Beethovens dargereichte Hand neigte, um ſie an ihre Lippen zu drücken, fielen dieſe heißen, glühenden Thränen auf ſeine Hand nieder. Beethoven zuckte zuſammen, und betrachtete ſinnend die glänzenden Tropfen auf ſeiner Hand. Dann hob er langſam die Augen zum Himmel empor. Verzeihe mir, Gott, ſagte er leiſe, verzeihe mir, daß ich, der ſelber ſo viel leiden muß, und weiß, wie bitter Leiden ſind, daß ich noch Andern Thränen erpreſſe. Ich weine nicht mehr, Herr, rief Frau Streng, mit haſtiger Hand ihre Thränen abtrocknend, ich weine nicht mehr, ich bin ſchon ganz vergnügt, und ich bitte Sie, daß ich bei Ihnen bleiben darf. 238 Gut, Frau Streng, rief Beethoven, Sie darf bleiben, aber unter Einer Bedingung! Was für Eine Bedingung, Herr? Sie hat da vorhin ſieben Thränen auf meine Hand fallen laſſen. Ich habe ſie gezählt. Juſt ſieben Thränen. Nun muß Sie von mir für jede Thräne einen Ducaten Schmerzensgeld annehmen. Herr, rief Frau Streng ſchmerzlich, Herr, Sie wollen mir meine Chlenen bezahlen? Nein, gute Frau Streng, ſagte Beethoven fanft„ich will Sie blos bitten, ſich ein kleines Andenken an dieſe Stunde zu kaufen, ein Amulet, einen Talisman, den Sie um den Hals tragen kann, und den Sie, wenn ich einmal wieder ein bischen böſe werde, anfaßt, und dann bei ſich denkt:„Er meint es nicht ſo arg. Es donnert blos ein bischen, und nachher ſcheint die Sonne wieder.“ Solch' einen Talisman, der Ihr das ſagt, den muß Sie ſich kaufen, dazu muß Sie von mir jetzt ſieben Ducaten annehmen. Er ſprang zu ſeinem Schreibtiſch hin und öffnete ihn. Mit haſtigen Händen nahm er eine Rolle Gold daraus hervor, und brach ſie mitten auseinander, daß die Goldſtücke mit hellem Klang hervor⸗ ſprudelten, über den Tiſch rollten und zur Erde fielen. Sehen Sie, Frau Streng, rief Beethoven fröhlich, die klugen Dinger wiſſen ſchon, wo ſie hingehören, und kommen ſchon von ſelbſt zu Ihr gelaufen. Jetzt wird Sie ſich doch nicht mehr weigern, ſie anzunehmen, Frau Streng? Gut, ſagte die Haushälterin, die Goldſtücke aufſammelnd, ich nehme die ſieben Ducaten an, aber ich mache auch meine Bedingung. Nun, laſſe Sie einmal hören, rief Beethoven lachend, was für eine Bedingung, Frau Streng? Ich nehme die Ducaten nur an, wenn Sie mich nicht mehr Frau Streng, ſondern wieder Frau Schnaps nennen. Ihr Wille geſchehe, rief Beethoven lachend. Hier ſind die ſieben Ducaten, und jetzt ſind Sie wieder meine brave Frau Schnaps. Und jetzt fort mit Ihr, Frau Schnaps, fort mit Ihr und Ihrem Korb, und koch' Sie mir den Fiſch recht ſchön. Uebrigens kann ich Ihr ſagen, K 1 239 daß mich die Weiber auf dem Markt ſchon hinlänglich beſtraft haben für meine böſe Laune. Drei Mal ſo viel habe ich bezahlen müſſen, wie Sie bezahlt. Sie muß ſehr gut handeln können, Frau Schnaps, denn mein Schill wiegt nur drei Pfund und koſtet doch baare zwei Gulden. Und wenn ich feilſchen wollte, ſo wurden die Weiber, dieſe Poiſſarden böſe, und es regnete Grobheiten und Schimpfworte. Ge⸗ hört habe ich ſie freilich nicht, aber geſehen, geſehen habe ich ſie auf den verzerrten Geſichtern, und ich habe laut darüber lachen müſſen. Hinaus, Frau Schnaps, hinaus jetzt mit Ihr! Wir haben wieder Frieden und ich will alſo arbeiten! So, ſagte Beethoven, als er wieder allein war, jetzt an die Ar⸗ beit, an die liebe ſchöne Arbeit, den Troſt des Einſamen, die Geliebte des Verlaſſenen! Will doch zuerſt einmal anſehen, was ich mir dieſe Nacht da aufgeſchrieben habe in Waldeseinſamkeit, beim goldenen Mondenſchein. Mein Notizbuch! He, wo iſt mein Notizbuch! Und indem er jetzt ſein Notizbuch zu ſuchen begann, warf er alle die Bücher, die Papiere, die mancherlei Kleinigkeiten, die da auf dem Schreibtiſch lagen, und welche Frau Streng erſt vorher ſo zierlich ge⸗ ordnet hatte, durcheinander, ſchleuderte, was ihn hinderte, auf den Fußboden, auf den nahen offnenen Flügel, auf die Taſten, welche ſo⸗ fort einzelne unharmoniſche Accorde hören ließen. Beethoven freilich hörte dieſe Accorde nicht, er hatte ſein Notiz⸗ buch glücklich aufgefunden, und war jetzt ganz damit beſchäftigt, die Noten zu entziffern, die er dieſe Nacht geſchrieben. Das iſt ſchön, ſehr ſchön, rief er jetzt begeiſtert, dieſes Motiv iſt gut, es iſt Stoff darin zu einer Symphonie. Und ich will ſie compo⸗ niren, eine Symphonie in A-Pur. Und die Menſchen werden ſie ſpielen, und werden Beifall klatſchen, und recht vergnügt dabei ſein, und nicht ahnen, daß ich ſie gedichtet, als ich, ein Einſamer, Ausge⸗ ſtoßener, in die Nacht und den Wald hinaus geflohen war. Ja, ganz einſam und verlaſſen ſaß ich da auf dem Stein am Wege, und wären die Sterne nicht geweſen und der Mond— Aber die Sterne und der Mond waren doch bei mir, rief er auf einmal mit fröhlicher Stimme, und ſie ſchienen in mein Herz hinein und durchleuchteten meine Seele, 240 und begeiſterten mich zu neuen Melodieen und Rhythmen. Auf, Beethoven, auf! Der Mond hat Dir geleuchtet zu einem neuen Werk. Die Sterne haben ſich für Dich in Noten hingeſtellt, nun ſchreibe ab, was Du geleſen im großen Notenbuch der Welt! An die Arbeit! An die A-Dur Shymphonie! Er ſtürzte mit ſeinem Notizbuch zum Schreibtiſch hin, nahm Feder und Notenpapier und begann in ungeheurer Schnelle ſeine Noten auf das Papier zu werfen. Still war es um ihn her, aber jetzt war Beethoven nicht taub! Er hörte vor ſeinem innern Ohr wunderbare, erhabene, bald jauchzende, bald klagende Stimmen, ſie umrauſchten ihn mit entzückenden Melo⸗ dieen, mit tiefernſten Gedanken, mit himmliſſcher Wonne, und den hei⸗ ligen Offenbarungen ſeines Genius lauſchend, ſtrahlte des Meiſters Antlitz in edelſter Begeiſterung, in himmliſcher Freude. Stunden ver⸗ gingen, er achtete nicht darauf, ſondern ſchrieb immerfort, zuweilen ein⸗ zelne Töne leiſe vor ſich hinſummend, zuweilen das ſtrahlende Auge gen Himmel erhebend, als wolle er da droben die Note ſuchen, die ihm eben fehlen mochte. Auf einmal legte ſich eine Hand ſchwer auf ſeine Schulter; Beethoven zuckte zuſammen und ſchaute ſich um. Ach, rief er dann plötzlich, Herr Tobias Haslinger, mein würdiger Adjutanterl, der meine Noten auf das Schlachtfeld des Lebens hinaus führt.*) Sei mir gegrüßt, Adjutanterl. Er warf die Feder fort, und ſprang auf, um dieſem Herrn ſeine Hände darzureichen, und ihn mit freundlichen Worten zu begrüßen. Aber plötzlich verfinſterte ſich ſein Geſicht, und er warf einen ängſt⸗ lichen Blick umher. Weshalb kommen Sie zu ſo ungewohnter Stunde? fragte er. *) Herr Tobias Haslinger war damals Mitbeſitzer der großen Steiner'⸗ ſchen Muſikalienhandlung in Wien; faſt alle Werke Beethovens aus jener Zeit ſind zuerſt in ſeinem Verlag erſchienen. Beethoven war mit ihm perſönlich be⸗ freundet, und Herr Haslinger gehörte zu den Wenigen, die Beethoven an der Bewegung der Lippen auch dann noch verſtand, als er ſchon ganz taub war. 241 Habt Ihr mir irgend ein Unglück zu verkünden? Irgend eine unan⸗ genehme Nachricht mitzutheilen? Nein, lieber Herr van Beethoven, ſagte Haslinger lächelnd, nichts iſt vorgefallen, keine unangenehme Nachricht bringe ich mit. Ich komme blos, um Sie, wie wir verabredet hatten, zur Probe abzuholen. Oh, das iſt wahr, ſagte Beethoven aufathmend, es iſt heute die zweite Probe von meiner Vittoria⸗Schlacht und von der Cantate. Aber es iſt erſt elf Uhr, rief Herr Haslinger, wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, und wenn Sie wollen, machen wir einen Spa⸗ ziergang. Nein, ich bin dieſe halbe Nacht ſpazieren gelaufen, ſagte Beethoven ſeufzend, ich habe einen Erlkönigsritt auf den ſchwarzen Fittigen der Nacht gemacht. Still, ich erzähl' Euch das ein ander Mal! Aber was die Nacht mir Schönes eingebracht, das ſollen Sie jetzt ſchon erfahren. Herr Tobias Haslinger, geliebtes Adjutanterl des Generallieutenant Steiner, Adjutanterl, ich, Euer Generaliſſimus, bin im Begriff, meine Truppen wieder zu einer neuen Schlacht aufzuſtellen, und Ihr könnt Eure Platten von Stahl herrichten, um meine Truppen in alle Welt marſchiren zu laſſen. Eine neue Symphonie, hurrah, eine neue Sym⸗ phonie! Schaut da, Adjutanterl, da iſt der Schlachtplan! Er reichte Herrn Haslinger die beſchriebenen Notenblätter dar, die dieſer indeſſen lächelnd und kopfſchüttelnd betrachtete. Gratulire zu der neuen Symphonie, ſagte er, gratulire aber nicht dem Abſchreiber, der dieſe Hieroglyphen entziffern ſoll. Es iſt wahr, lachte Beethoven, ich ſchreibe nicht die ſchönſte Hand⸗ ſchrift. Aber das Leben iſt zu kurz, um Buchſtaben oder Noten ſchön zu malen, und ſchönere Noten brächten mich doch auch ſchwerlich aus den Nöthen.*) Aber die Abſchreiber und Stecher aus den Nöthen, ſagte Herr Haslinger. Da haben ſich zum Beiſpiel in's Violin⸗Quartett aus C-moll zwei Fehler eingeſchlichen, die ſicherlich auch nur der Abſchreiber *) Beethovens eigene Worte. Siehe: Seyfried, Anhang. S 21 Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 16 242 verſchuldet hat. Aber jetzt, wo wir das Quartett neu herausgeben wollen, jetzt möchten wir die Fehler gern ausmerzen. Na, was ſind's für Fehler? fragte Beethoven. Es ſind da zwei reine Quinten im erſten Satz⸗ So? Zwei reine Quinten, und warum ſind das Fehler, mein ſuperkluges Adjutanterl? Und wer ſagt Ihnen denn, daß der Ab⸗ ſchreiber die verſchuldet, und daß nicht Ihr Generaliſſimus ſie ſo hin⸗ geſtellt hat? Das kann ich nimmermehr glauben, weil der große Meiſter Beethoven keine Fehler machen und keine verbotenen Quinten ſchrei⸗ ben wird. Und wer hat denn die Quinten verboten? Wer ſie verboten hat? fragte Herr Tobias erſtaunt. Es ſind ja doch die erſten Grundregeln— Ich frage, wer die Quinten verboten hat? unterbrach ihn Beethoven heftig. Heraus damit! Schnell, ſchnell! Wer hat die Quinten ver⸗ boten? Nun, Marpurg, Kirnberger, Fuchs, alle großen Theoretiker haben die Quinten verboten. Beethoven hob ſein Haupt ſtolz empor, und dicht vor Herrn Has⸗ linger hintretend, ſagte er: Und ich erlaube die Quinten! Hören Sie wohl, ich Ludwig van Beethoven, ich erlaube die Quinten, wenn ſie an der rechten Stelle ſtehen, und ſie bleiben in meinem C moll- Quartett!*) Stillgeſchwiegen, nicht raiſonnirt, Adjutanterl, Euer Ge⸗ neraliſſimus will es ſo! Soll mich wohl ſcheeren um Eure Generalbaß⸗ lehren! Was gehen mich die Regeln an, die ſich die kluge Menſchen⸗ dummheit zurecht gemacht hat? Ich brauch' ſie nicht! Werd' Eurer weiſen, muſikaliſchen Dummheit noch manche Nuß zu knacken geben. Werd' den gelehrten Herren Kritikern noch oft Gelegenheit geben, mir nachzuweiſen, daß ich nach ihrer Anſicht grammatikaliſche Fehler ge⸗ macht habe. Ja, ja, ſie werden noch oft ſtaunen, und die Köpfe zu⸗ *) Biographiſche Skizzen über Ludwig van Beethoven. Von Dr. Wegeler und Ferdinand Ries. S. 87. ſammenſtecken, weil ſie's noch in keinem Generalbaßbuch gefunden haben, was der Beethoven ihnen zum Trotz zu ſchreiben wagt.*) Aber halt, da fällt mir noch etwas ein, was ich Euch und dem Steiner vermelden wollt', ein neues Geſetz von Eurem Generaliſſimus, das Ihr in Euer Kriegsgeſetz aufnehmen könnt. Aufgepaßt, Adjutanterl, hier iſt das Geſetz! Er nahm einen großen Bogen Papier von ſeinem Schreibtiſch und las:„An den Wohlgebornen Generallieutenant von Steiner, und ſeinen Adjutanten Herrn Tobias Haslinger.“ Publicandum. „Wir haben nach eigener Prüfung und nach Anhörung unſers Conſeils beſchloſſen und beſchließen, daß hinfüro auf allen unſern Werken, wozu der Titel deutſch, ſtatt Pianoforte:„Hammerclavier“ geſetzt werde, wonach ſich unſer beſter Generallieutenant, ſammt Ad⸗ jutanten, ſo wie alle andern, die es betrifft, ſogleich zu richten, und ſolches in's Werk zu bringen haben. Statt Pianoforte, Hammerelavier— womit es ſein Abkommen einmal für allemal hiermit hat. Gegeben in unſerer Reſidenz zu Wien. gez. Ludwig van Beethoven m. p. Der beſte Generaliſſimus für die Guten, Der Teufel ſelbſt für die Böſen.“**) Hier, Adjutanterl, ſagte Beethoven, Herrn Haslinger das Papier darreichend, thut das Pergament meines Willens in Eure Geſetzſamm⸗ lung, und richtet Euch darnach. Hammerclavier ſoll es fortan heißen! Hammereclavier iſt ſicher deutſch, die Erfindung des Inſtruments iſt auch eine deutſche; alſo gebt Ehre dem Ehre gebührt.***) Aber noch Etwas! Ein Papier! Hab' Euch in's Verhör zu nehmen, Adjutanterl, und wollen das Verhör gleich zu Protocoll bringen. Papier her! *) Beethovens eigene Worte. Siehe: Seyfried. Anhang. S. 5. **) Seyfried, Anhang. S. 33. ***) Beethovens eigene Worte. Siehe: Seyfried. S. 33. 16 244 Er nahm ein Blatt Papier, und ſchrieb: Warum habe ich geſtern die Correctur des Trio nicht bekommen? Sodann reichte er Herrn Haslinger das Blatt dar. Dieſer nahm eine andere Feder und ſchrieb, und ſo im raſchen Schriftwechſel der Fragen und Antworten flog die Converſation der Feder herüber und hinüber. Weil die Correctur noch nicht fertig iſt, ſchrieb Herr Haslinger. Warum iſt ſie nicht fertig? Weil der Stecher an der Vollendung verhindert wurde. Warum wurde er daran verhindert? Weil wir ihm eine andere preſſante Arbeit auftragen mußten. Warum mußtet Ihr ihm etwas Anderes auftragen? Weil— weil— weil wir Geld brauchen. Geld? Geld? Auch ich brauche Geld! Und wenn ich deßwegen zu Euch komme, ſo habt Ihr immer keins für mich. Geld? Verdient Ihr etwa keins bei meinen Arbeiten? O ja! Sonſt würden wir gewiß nicht um den Beſitz derſelben geizen, und das Verlagsrecht mit bedeutenden Aufopferungen erkaufen. Indeſſen, haben Sie nur noch wenige Tage Geduld, dann erhalten Sie den letzten Abzug, und wir laſſen auch ein ſchönes Titelblatt dazu anfertigen. Titelblatt! Schönes Titelblatt! Wenn der Inhalt nichts taugt, gebe ich auch für das allerſchönſte Titelblatt keinen Pfifferling. Aber ſagt mir einmal, wie ging's denn zu, daß, als ich geſtern in Eurer Handlung war, ſich gar keine Käufer im Laden ſehen ließen? Weil die vornehme Welt, die jetzt Abends mit den Congreß⸗ freuden beſchäftigt iſt, den Vormittag lieber ſchläft, als Muſika⸗ lien kauft. Muſikalien kauft? Darin liegt's! Warum verkauft Ihr auch nichts als eitle Muſikalien? Warum befolgt Ihr nicht ſchon längſt meinen wohlgemeinten Rath? Werdet doch einmal klug und kommt zur Raiſon. Verſchreibt Euch ſtatt der Centner von Papierballen, echtes ungewäſ⸗ ſertes Regensburger, laßt dieſen ſehr beliebten Handelsartikel auf der Donau herunterſchwimmen, verabfolgt ihn Maaß⸗, Halbe⸗ und 245 Seidelweis zu billigen Preiſen, credenzt abwechſelnd geſelchte Würſtel, Kipfel, Rettig, Butter und Käſe, ladet die Hungrigen und Durſtigen ein mit den ellenlangen Lettern eines Aushängeſchildes:„Muſika⸗ liſches Bierhaus“, und Ihr werdet zu allen Stunden des Tag es ſo viele Gäſte haben, daß Einer dem Andern die Thür in die Hand giebt, und Euer Bureau nie leer wird. Ha! ha! ha!*) Und mit einem lauten, ſchallenden Gelächter warf Beethoven die Feder bei Seite. Es iſt Zeit, glaube ich, daß wir zur Probe gehen, ſagte er, ſeinen Hut nehmend. Herr Tobias Haslinger machte ein verlegenes Geſicht, und ſeufzte leiſe vor ſich hin: Jetzt wird der Sturm losgehen! Aber es hilft nichts! Es muß ſein! Was ſeht Ihr auf einmal ſo verlegen aus, Adjutanterl? fragte Beethoven. Warum kommt Ihr nicht? Ich,— ich habe Ihnen noch etwas zu ſagen, Herr van Beethoven, rief Haslinger, und ich bitte Sie von ganzer Seele, mir nicht böſe zu werden über das, was ich beauftragt bin, zu ſagen. Beethoven legte ſeinen Hut hin. So, ſagte er, Sie haben mir noch etwas zu ſagen, Herr Haslinger. Sie ſind alſo doch nicht blos gekommen, um mich zur Probe abzuholen? Nun, was giebt es denn? Heraus damit! Sprechen Sie! Ich komme eigentlich im Auftrag der Orcheſtermitglieder, rief Has⸗ linger, und der Sänger, die in der Cantate ſingeſ ſollen. Sie wollen nicht ſingen und nicht ſpielen? ſchrie Beethoven. Nicht wahr, das iſt es? Die Cantate iſt ihnen zu ſchwer, liegt zu hoch, iſt nicht für die Stimmen paſſend geſchrieben, nicht wahr? Ich kenne die Redensarten. Ich ſoll abändern, es recht bequem und mundrecht machen, daß ſie's nur ſo herunterleiern können, wie einen Gaſſenhauer. Und die Schlacht bei Vittoria, die iſt den Herren Orcheſtermitgliedern auch nicht recht. Es iſt zu viel Tempowechſel, zu viel Abweichung *) Dieſe ſchriftliche Converſation iſt mitgetheilt in: Seyfried, Anhang S. 39— 40. 246 darin, man kann ſich auch nicht genug als Virtuos darin zur Geltung bringen, nicht wahr? Nein, nein, ſchrie Haslinger, das iſt es Alles nicht. Das Or⸗ cheſter iſt ganz begeiſtert für Ihr Werk, die Sänger der Cantate wollen jeden Ton ſo ſingen, wie er da ſteht, aber— Nun aber,— was iſt's denn? rief Beethoven. Aber ſie bitten, der große Meiſter Beethoven möchte erlauben, daß ſie heute ihre Probe für ſich allein, unter Leitung des Kapell⸗ meiſters Umlauf abhalten dürfen, und daß Sie heute nicht der Probe beiwohnen, ſondern erſt übermorgen bei der Generalprobe gegenwärtig ſein wollen, um ſich zu überzeugen, daß Alle mit Eifer und Bewun⸗ derung für Ihre herrlichen Tonwerke geübt haben. Beethoven war blaß geworden, ſeine Lippen preßten ſich feſt auf⸗ einander, und mit einem Ausdruck des Entſetzens preßte er ſeine beiden Hände an ſeine Stirn. Das heißt, ſagte er leiſe und beklommen, das heißt, ſie wollen mich nicht zum Dirigenten haben? Sie werden ſich Alle ſehr glücklich und geehrt fühlen, wenn Sie bei der Aufführung und der Generalprobe an der Seite des Kapell⸗ meiſters Umlauf den Cymmandoſtab führen wollen, aber ſie beſchwören Sie, zu erlauben, daß ſie ſich erſt recht ſicher und feſt unter Umlaufs Direction einüben, ehe ſie ſich Ihrer Oberleitung anvertrauen. Das heißt, ſchrie Beethoven mit einem tiefen Seufzer, das heißt, ich bin kein guter Dirigent? Nein, nein, ein vortrefflicher. Aber geſtehen Sie ſelbſt, die geſtrige Probe war fürchterlich. Das Orcheſter kam alle Augenblicke in Ver⸗ wirrung, die Sänger kamen aus dem Tact! Ja, es war eine Höllenmuſik, aber das kam daher, weil Alle eilten, Keiner im Tact blieb. Nein, ſchrie Haslinger, das kam daher, weil Sie, verehrter lieber Herr van Beethoven, weil Sie immerfort retardirten, weil Sie immer⸗ fort auf das Eintreten der Inſtrumente horchten, und anhielten, wenn Sie das Piano der Violinen, das Einſetzen der Stimmen nicht hörten. Dadurch entſtand die ganze heilloſe Verwirrung! 247 Beethoven ſtieß einen lauten, herzzerreißenden Schrei aus. Ich bin taub, rief er, und ſie wollen keinen tauben Dirigenten! Sie bitten nur, daß ſie die erſten Proben unter Umlaufs Diree⸗ tion machen dürfen! Nachher, bei der Aufführung, da rechnen ſie es ſich zur höchſten Ehre, unter Ihrer Leitung zu ſtehen. Nein, nein, ich will ſie nicht leiten, ſchrie Beethoven. Sie haben mich verworfen, mich bei Seite geſtoßen. Oh Gott, Gott, Du ſiehſt meinen Jammer, ſiehſt meine Demüthigung und Schmach, warum er⸗ barmſt Du Dich nicht meiner? Warum ſendeſt Du nicht einen Blitz⸗ ſtrahl, daß er den zuckenden Wurm zermalme, den die Menſchen unter ihre Füße getreten, den ſie im Staub und Schmutz des Lebens umher gehetzt haben? Haſt denn auch Du da droben kein Erbarmen mit mir? Biſt auch Du taub, und hörſt nicht den Jammerlaut Deiner Creatur? Aber, Meiſter, flehte Haslinger, die Hand auf Beethovens Schulter legend, aber Meiſter, Freund, ich beſchwöre Sie, regen Sie ſich nicht ſo auf! Warum wollen Sie eine einfache Sache denn gar ſo tragiſch nehmen? Warum— Still, gebot Beethoven mit machtvoller Stimme, will etwa die Taube den Adler tröſten? Still, ſage ich, ſtill. Gehen Sie zu den Leuten, die Sie geſandt, ſagen Sie den Herren vom Orcheſter, den Sängern und Sängerinnen, ſagen Sie Allen, ich wolle ihre Bitte er⸗ füllen. HerrKapellmeiſter Umlauf ſoll dirigiren, ſoll die Tempi an⸗ geben. Herr Kapellmeiſter Umlauf ſoll Alles, Alles leiten. Aber bei der Aufführung, Beethoven, nicht wahr, bei der Auf⸗ führung, da erzeigen Sie dem Orcheſter, das Sie ſo hoch verehrt, den Sängern, die mit ſo viel Freude Ihre ſchöne Cantate ſingen wollen, da erzeigen Sie ihnen Allen die Ehre, und dirigiren ſelbſt? Ha, ich ſoll apportiren, ich armer Pudel, apportiren, wie's den lieben Menſchenkindern gefällt, ſchrie Beethoven mit einem wilden Lachen. Nein, Herr, nein, ich werde nicht apportiren, nicht dirigiren. Führt Eure Muſiken auf, quikt meine Cantate, was geht es mich an, ich kümmere mich nicht mehr darum. Ich habe die Cantate geſchrieben, weil der hochlöbliche Magiſtrat von Wien mir den Auftrag gegeben 248 hatte, eine Cantate zur Begrüßung der hohen Congreßherren zu machen. ich habe ſie geſchrieben, weil man ſie mir gut bezahlt hat, und weil ich ein ſolcher Lump bin, wie alles andere Menſchengeſindel, weil ich auch Alles für's Geld thue, für's Geld meinen Geiſt apportiren laſſe. Die Cantate iſt geſchrieben und bezahlt. Jetzt dudelt ſie nur Euren hohen Herrſchaften vor. Ich kümmere mich nicht darum, mich geht's nicht an. Aber die höchſten Herrſchaften wünſchen, wie man weiß, daß Sie die öffentliche Aufführung leiten, die höchſten Herrſchaften wünſchen den großen Meiſter zu ſehen, zu bewundern. Was ſind mir die höchſten Herrſchaften! rief Beethoven wüthend. Meine höchſten Herrſchaften das iſt Gott und die Kunſt, ich kenne keine anderen, kümmere mich um keine anderen. Und jetzt iſt's genug, Mann! Gehen Sie! Ich will allein ſein! Gönnt mir wenigſtens mein bischen Ruhe und Einſamkeit! Aber lieber Herr van Beethoven, ich— Hinaus, hinaus! ſchrie Beethoven, zur Thür hinſpringend und ſle öffnend. Hinaus, ſage ich! Hier in meinem Zimmer bin ich wenigſtens der Herr, hier ſoll man mir nicht trotzen! Aber, lieber Herr van Beethoven, flehte Herr Haslinger, zürnen Sie mir nicht, und vergeben Sie auch den Muſikern, die wahrhaftig unſchuldig ſind und nicht anders konnten. Ich beſchwöre Sie, ſeien Sie nicht grauſam, ſagen Sie, daß Sie die Auffülſtung dirigiren wollen, ſonſt— Ich ſage, daß ich allein ſein will, ſchrie Beethoven, und daß ich kein Wort mehr hören will von der Aufführung! Herr Tobias Has⸗ linger, es thut mir leid, mich nicht länger mit Ihnen unterhalten zu können, aber ich bin beſchäftigt. Ich arbeite an einer neuen Sym⸗ phonie, die ich den Herren Gebrüdern Schott in Mainz in Verlag geben will. Haben Sie alſo die Güte, mich nicht länger zu ſtören. Auch das noch, ſeufzte Herr Haslinger, auch die neue Sym⸗ phonie will er uns entziehen. Nun, ich werde wiederkommen, wenn ſein Zorn verraucht iſt, und dann werden wir ja ſehen, ob er uner⸗ bittlich iſt. 249 Er nahm ſeinen Hut, und Beethoven mit einem letzten ſtummen Schmerzensblick begrüßend, verließ er traurig, geſenkten Hauptes das Zimmer. Beethoven ſtand mit flammenden Blicken, mit düſtern gehäſſigen Mienen neben der Thür, auf die er mit gebieteriſcher Handbewegung hindeutete. Jetzt, als Herr Haslinger hinaus gegangen war, ſank ſein Arm nieder, und ein tiefer, qualvoller Seufzer drang aus ſeiner Bruſt hervor. Taub, ſagte er, auf einen Stuhl niederſinkend, taub, ausge⸗ ſtoßen aus der Geſellſchaft, aus der Gemeinſchaft mit den Menſchen. Ein Componiſt, der nicht einmal im Stande iſt, ſeine eigenen Com⸗ poſitionen zu dirigiren, ein Muſiker, der keinen Ton von der Muſik hört, die er macht! Oh, mein Gott, mein Gott, ein Lebender ſtehe ich in einem offenen Grabe, abgeſondert von allen Freuden, allein und einſam! Er ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt, und ſaß lange ſo da, in ſich gekehrt, ſchweigend. Dann auf einmal erhob er ſich und mit großen Schritten durch das Zimmer gehend, trat er zum Schreibtiſch. Dort, inmitten der Bücher und an dieſe gelehnt, ſtand ein in einem leichten Rahmen ein⸗ gefaßtes Papier. Es enthielt nichts, als einige mit großen, flüchtigen Zügen hingeworfene Zeilen von Beethovens eigener Handſchrift. Dieſe Zeilen waren eine Inſchrift, wie man ſie auf einem ägyptiſchen Tempel der Iſis gefunden, und welche Beethoven für den Inbegriff aller Re⸗ ligion und aller Weisheit erklärte. Dieſe Inſchrift, welche immer auf ſeinem Schreibtiſch ſtand, hob er jetzt mit ihrem Rahmen von demſelben empor, und betrachtete ſie lange mit düſterm Schweigen. Dann auf einmal begann er ſie zu leſen mit lauter kräftiger Stimme: „Ich bin, was da iſt, Ich bin Alles, was iſt, was war, und was ſein wird. Kein ſterblicher Menſch hat meinen Schleier auf⸗ gehoben.“ „Es iſt ein Zeugniß von Ihm ſelbſt, und dieſem Einzigen ſind alle Dinge ihr Daſein ſchuldig.“ ———————— 250 Nun hob er den Blick zum Himmel empor, und der Zorn war aus ſeinem Antlitz gewichen, und ſein Auge war wieder mild und klar. Dir Einzigen bin ich mein Daſein ſchuldig, ſagte er mit tiefer, feierlicher Stimme, und da es alſo iſt, Einziger, ſo will ich auch über mein Daſein nicht murren, ſondern will es ertragen, wie Du es mir gegeben haſt. Er legte leiſe und ſtill den Rahmen mit der Inſchrift wieder auf den Tiſch hin, und trat zum Clavier. Mit zitternden Händen ſchlug er einige Accorde an, dann ließ er ſeufzend die Arme ſinken. Kein Ton durchdringt die Stille, ſagte er leiſe, und doch ſingt und klingt Alles in mir, und klagt und weint, und ſchreit nach Luft und Erlöſung. Ich will arbeiten, arbeiten! Das iſt die Erlöſung von meinen Schmerzen, das iſt die Luft für mein armes, engbrüſtiges Herz. Er näherte ſich ſeinem Schreibtiſch und nahm die Feder,— aber in dieſem Moment öffnete ſich da drüben wieder die Thür und ein hochgewachſener, breitſchultriger Mann, mit düſterm, geröthetem Antlitz trat herein. VIII. Die feindlichen Brüder. Bruder Johann, ſagte Beethoven faſt erſchrocken, indem er die Feder wieder bei Seite legte und aufſtand. Guten Morgen, Bruder, biſt ſchon heute ſo früh in die Stadt gekommen? Giebt es nichts zu thun auf Deinem Gut? Das ſoll heißen, Bruder Ludwig, ſchrie Johann mit Stentorſtimme, das ſoll heißen, daß ich beſſer gethan hätte, daheim zu bleiben auf meinem Gut, ſtatt Dich mit meinem Beſuch zu beläſtigen! Aber ich bin doch nur um Deinetwillen gekommen, Bruder Ludwig, bin um Deinetwillen in dem kalten Morgen die drei Stunden gefahren, ver⸗ ſäume daheim meine Wirthſchaft um Deinetwillen. Um meinetwillen, Bruder? fragte Beethoven verwundert. Aber weshalb denn, Bruder? Deshalb, ſchrie Johann, weil ich mich Deiner annehmen muß, weil Du nichts von Geſchäften verſtehſt, und weil Du Dich daher von Jedermann betrügen läßt. Hat man mich ſchon wieder betrogen? fragte Beethoven ſcheu und ängſtlich. Man betrügt Dich fortwährend, ſchrie Johann, Jeder will von Dir profitiren, von Dir Vortheil ziehen, Keiner meint es ehrlich mit Dir, und wenn ich nicht wäre, ſo würdeſt Du zuletzt noch Hungers ſterben können. Oh, Bruder, ſo traurig iſt es nicht, ſagte Beethoven ſtolz. Wenn ich auch kein Vermögen habe, ſo werde ich doch immer genug haben, um zu leben, denn ich werde arbeiten, und man bezahlt mir meine Compoſitionen ſehr gut. Das iſt's eben! Man bezahlt Dich nicht gut, man könnte Dich noch viel beſſer bezahlen! Die Herren Steiner und Haslinger, die Du Deine Freunde nennſt, das ſind Deine ärgſten Feinde, denn ſie ſind nur auf ihren Vortheil bedacht, ſie zahlen Dir ein elendes Honorar, um ſelber deſtomehr zu verdienen. Es ſind eigennützige, geizige Men⸗ ſchen, die Dich verlachen, weil Du ſo gutmüthig einfältig biſt, ihnen für ein Lumpengeld Deine Compoſitionen hinzugeben. Nun, ein Lumpengeld iſt es gerade nicht, ſagte Beethoven lächelnd. Sie zahlen mir für jede Sonate achtzig Ducaten, für jede Symphonie einhundert und funfzig Ducaten,*) das, glaube ich, iſt ziemlich gut bezahlt. Ich weiß aber, daß es ſchlecht bezahlt iſt, ſchrie ſein Bruder. Ich habe mich um Deinetwillen genau darnach erkundigt, habe an andere Deiner neueſten Arbeiten Muſikalienhandlungen wegen des Verlags geſchrieben und Alle haben ſie mir mehr geboten. Dir, mehr geboten, ſagte Beethoven mit einem leiſen Lächeln. Aber mir ſcheint, Dir hätten ſie gar nichts für meine Arbeiten zu *) Schindler. S. 101. 252 bieten, ſondern nur mir allein, und ich bitte Dich, Bruder, daß Du ſo gut biſt, Dich ferner nicht ſo ſehr um meine Geſchäfte zu bekümmern. Du ſagſt, alle Menſchen bemühen ſich aus Eigennutz um mich, und zuletzt müßte ich dann denken, daß Du es auch thäteſt. Das iſt alſo mein Dank für all die Arbeit und Mühe, die ich mit Dir habe, ſchrie ſein Bruder. Das iſt mein Lohn, daß ich mich für Dich quäle, für Dich Briefe ſchreibe, für Dich umherlaufe, für Dich zum Spion und Aufpaſſer werde, um zu lauſchen und zu be⸗ obachten, wer Dich betrügt und Dich mißbraucht. Und ich danke es Dir gar nicht, daß Du das thuſt, rief Beethoven unwillig. Du machſt mich mißtrauiſch, mürriſch gegen alle Menſchen, Du verfeindeſt mich mit Denen, die ich bis dahin meine liebſten und treueſten Freunde nannte, Du gießeſt Galle in mein Blut, und ſtatt mich mit meinem böſen Schickſal zu verſöhnen, erbitterſt Du mich mehr und mehr. So iſt's recht, ſchrie Johann, Vorwürfe, Anſchuldigungen ſtatt des Dankes. Denn ich habe Dank von Dir verdient. Ich habe immer an Dir gehandelt, wie ein guter Bruder; Du verſtehſt nichts von den Dingen dieſer Welt, und bedarfſt daher eines Rathgebers und Führers, und das bin ich Dir allezeit geweſen. Du, mir ein Führer, ein Rathgeber? ſagte Beethoven heftig. Ich bedarf eines Solchen nicht, und Du fönnteſt es mir gewiß nicht ſein. Was warſt Du, ehe Du zu mir nach Wien kamſt? Ein armer Apo⸗ theker, der nichts hatte und nichts war. Ich gab Dir, was ich beſaß, ich kaufte Dir eine Apotheke, ich machte einen Mann aus Dir, denn Jedermann wollte Dir wohl, weil Du mein Bruder warſt. Und was biſt Du denn jetzt weiter mehr, als eben mein Bruder? Oh, rief Johann ſtolz und würdevoll, ich bin Gutsbeſitzer! Nein, nein, ich bin nicht blos des Herrn Ludwig van Beethovens Bruder, ſondern ich ſtehe auf meinen eigenen Füßen, und ſtehe da vielleicht feſter als Du auf den Deinen. Ich bin Gutsbeſitzer. Und ich, mein Herr Bruder, ich bin Hirnbeſitzer,*) rief Beethoven, *) Seyfried. S. 15. 253 ſein Haupt ſtolz zurückwerfend. Glaubſt Du, daß Dein Gut ſchwerer wiegt als mein Kopf? Ich glaube, daß Du ein ſtolzer und hochfahrender Mann biſt, der ſeinen Bruder gar nicht liebt, rief Johann. Ich glaube, daß ich am Beſten thue, Dich zu verlaſſen und niemals mehr hierher zurück⸗ zukehren. Lebe alſo wohl! Mögen Deine Feinde Dein Herz um⸗ ſtricken und ſich zu Deinen Freunden lügen, mögen ſie Dich betrügen und beſtehlen, mögen ſie Dich umherzerren wie ein ſchwaches Kind und Dich zum Spott der Welt machen. Mich ſoll's nichts angehen, ich werde mich niemals mehr um Deine Angelegenheiten kümmern! Lebe wohl, wir ſehen uns niemals wieder! Lebe wohl, Du mein geliebter, angebeteter Bruder, wir werden uns niemals wiederſehen! Und während er mit vor Rührung zitternder Stimme ſo ſprach, ſtürzten ihm die Thränen in hellen Strömen aus den Augen, und er wandte ſich ſchwankenden Schrittes der Thür zu. Aber ſofort war Beethoven an ſeiner Seite, und ihn mit beiden Armen umſchlingend und ihn zärtlich an ſeine Bruſt drückend, rief er: nein, Bruder Johann, Du gehſt nicht fort, Du bleibſt bei mir! Es ſoll nicht geſagt werden, daß die Söhne unſerer Mutter, daß Brüder, die unter einem Herzen gelegen, in einem Hauſe auferwachſen ſind, daß die ſich feindlich von einander losſagen könnten. Nein, nein, Du biſt und bleibſt mein Bruder, und ich liebe Dich und werde Dich ewig lieben. Mögeſt Du Recht haben, mögen alle Menſchen mich betrügen, aber an Dich glaube ich, Dir will ich niemals mißtrauen, Dich will ich ewig lieben, mein Bruder, meiner geliebten Mutter ge⸗ liebter Sohn! Er drückte einen glühenden Kuß auf ſeines Bruders Lippen, und dann ſein Haupt an des Bruders Bruſt legend, hielt er ihn lange und innig umfangen. Und nun, ſagte er dann, ſich lächelnd wieder emporrichtend, nun mußt Du mir auch beweiſen, daß Alles wieder zwiſchen uns gut iſt, mußt Dich nach wie vor um meine Angelegenheiten bekümmern, mußt mir Rath geben, und mich warnen, wenn man mich betrügen will. Willſt Du das auch thun, Bruder? 254 Ja, ich will's thun, ſagte Johann freundlich, und ich will Dir gleich einen Beweis davon geben, wie ſehr ich mich immer mit Deinen Angelegenheiten beſchäftige. Er zog einen Brief aus ſeinem Buſen hervor, und reichte ihn Beethoven dar. Sieh', ſagte er, dieſen Brief will ich eben zur Poſt bringen. Ein Brief an Herrn Thompſon in Edinburg, rief Beethoven. Aber warum ſchreibſt Du an ihn? Warum? Ich will ihn mahnen, Dir die hundert Ducaten zu ſchicken, die er Dir noch für die ſchottiſchen Lieder ſchuldig iſt, und die er Dir lange ſchon hätte ſchicken müſſen, wenn er ein ehrlicher und anſtändiger Mann wäre. Nun, Bruder Johann, er iſt ein ehrlicher und anſtändiger Mann, ſagte Beethoven aufathmend. Er hat mir geſtern das Geld geſchickt. Ah, er hat's geſchickt, rief Johann, nun das freut mich, denn alsdann biſt Du jetzt ein wahrer Cröſus, ein Capitaliſt. Haſt erſt vor acht Tagen von dem Wiener Magiſtrat für die Cantate hundert Ducaten bekommen, und jetzt wieder hundert, das machen nahe an tauſend Gulden, ein Vermögen, Bruder. Jetzt mußt Du daran denken, Dir etwas zu ſparen, und ich mache Dir einen Vorſchlag! Gieb mir achthundert Gulden, damit ich Dir dafür ſichere Staatspapiere kaufe, die ich Dir dann bei mir in meinem eiſernen Schrank verwahre, denn hier bei Dir würde man ſie Dir doch ſtehlen. Baar achthundert Gulden in ſichern Papieren liegen haben, iſt immer eine angenehme Sache, in Zeiten der Noth kann man ſie ſogleich zu Gelde machen, und ſich aus der Verlegenheit erretten. Hörſt Du, Bruder, gieb mir alſo einhundert und funfzig Ducaten, damit ich Dir Papiere kaufe. Dann haſt Du noch funfzig Ducaten, und die reichen für das tägliche Leben hin, bis Du erſt wieder neues Geld verdient haſt. Alſo gieb das Geld. Beethoven hatte, während ſein Bruder ſprach, mit verlegener und ängſtlicher Miene vor ſich hingeſtarrt, jetzt hob er langſam und mit bittendem Ausdruck die Augen zu ſeinem Bruder empor. 255 Lieber Bruder, ſagte er, ſei mir nicht böſe, aber— es muß heraus, — ich habe die andern hundert Ducaten nicht mehr. Was? ſchrie Johann. Du haſt ſie nicht mehr? Hat man ſie Dir geſtohlen? Nein, nein, Bruder, man hat ſie nicht geſtohlen. Ich hatte ſelbſt einige nothwendige Ausgaben und dann— Und dann, nicht wahr, dann kam Bruder Carl und ſtahl Dir das Andere? Nein, Bruder, er ſtahl mir nichts! Freiwillig habe ich ihm drei⸗ hundert Gulden gegeben, und ich hab's gern gethan, denn er war in gar großer Noth und Angſt. Er weinte und jammerte, und hätte ſeine Stelle verlieren müſſen, wenn er das Geld nicht herbeiſchaffte. Es war alſo meine Fflicht, als redlicher Bruder und Freund ihm zu helfen, und ſeine Ehre, welches ja auch die meine iſt, rein zu erhalten. Und ſo hat ſich alſo mein kluger Bruder, das große Genie, wieder betrügen laſſen, ſchrie Johann wüthend. So hat der Mann, der ſich vorher ſo ſtolz Hirnbeſitzer nannte, denn ſo hirnlos gehandelt, daß er ſich von einem paar Crocodilsthränen hat täuſchen laſſen, daß er dem größten Lügner und Heuchler geglaubt hat. Denn ich ſage Dir, unſer Bruder Carl iſt ein Lügner und Heuchler. Es iſt nicht wahr, daß er in Noth war, daß er Geld brauchte. Er wußte nur, daß Du Geld bekommen hatteſt, und er wollte es Dir alſo blos ab⸗ ſchwindeln. Und es iſt ihm gelungen, er hat das Geld erwiſcht, und wird jetzt lachen über Deine Leichtgläubigkeit und Dummheit. Bruder, Bruder, wie oft ſoll ich es Dir denn ſagen, traue Niemand, als mir allein! Traue auch unſerm Bruder Carl nicht, denn auch Er meint es nicht ehrlich, er will Dich nur um Dein Geld betrügen! Traue auch unſerm Bruder Johann nicht, ſchrie hinter den Brü⸗ dern eine laute zornige Stimme, und als ſie Beide ſich umſchaueten, ſtand hinter ihnen eine hohe männliche Geſtalt, bleich vor Zorn, mit drohend emporgehobener Fauſt. Bruder Carl! ſchrie Beethoven, entſetzt zurücktaumelnd. Ja, Bruder Carl, welcher Alles gehört hat, ſchrie dieſer, Bruder 256 Carl, welcher gleich nach dem Herrn Gutsbeſitzer gekommen iſt, und weil er neugierig war zu hören, was für Gift die brüderliche Schlange wieder in das Herz unſers Bruders ausſpritzen wollte, da hinter der Thür geſtanden und Alles mit angehört und die ganze ſaubere Unter⸗ haltung der Herren Brüder vernommen hat. Aber jetzt hatte ich genug gehört, jetzt komme ich, um Theil zu nehmen an der Unterhaltung. Jetzt komme ich, um Dir zu ſagen, Bruder Ludwig, daß Du ein Mann ohne Treu' und Glauben biſt, denn Du haſt Dein feierlich ge⸗ gebenes Wort nicht gehalten. Du hatteſt mir geſchworen, Niemanden von meiner Noth zu ſagen, Niemanden anzuvertrauen, in welcher gräß⸗ lichen Verlegenheit ich mich befunden, Niemanden zu verrathen, daß Du mir Geld geliehen. Jetzt haſt Du Deinen Schwur gebrochen, und das iſt ehrlos. Aber ich konnte ja nicht anders, rief Beethoven. Johann wollte ja das Geld von mir haben, um mir dafür Papiere zu kaufen, und ich mußte ihm alſo doch ſagen, daß ich es nicht mehr habe! Zudem iſt er ja unſer Bruder, der wird alſo gewiß nicht Dein Geheimniß verrathen. Carl lachte laut auf. Er verräth Bruder und Schweſter, Feind und Freund, wenn er Geld damit verdienen kann. Er liebt nichts als Geld, will nichts als Geld; und könnte er aus dem Blut ſeines Bruders Ludwig Geld münzen, ſo würde er Dich ohne Bedauern er⸗ morden.* Carl, ſchrie Johann wüthend, kein Wort mehr, oder— Still, unterbrach ihn Carl gebieteriſch. Still, Du haſt geſprochen und beſchuldigt. Jetzt iſt an mir die Reihe. Jetzt, Bruder Ludwig, höre an, was ich Dir zu ſagen habe! Dein Bruder Johann iſt ein geldgieriger Menſch, der Dich betrügt, der Dich mit allen Menſchen entzweien will, um Dich allein in ſeinem Beſitz zu haben, um Dich allein auszuſaugen, um Dir allein all' Dein Geld abzunehmen. Das iſt ſeine Liebe, ſeine Fürſorge! Er will Dich wie eine Spinne in ſein Netz einſpinnen, damit er Dir das Blut ausſaugen kann. Oh, oh, habe Mitleid, ſchrie Beethoven ganz zerbrochen, ganz b Si — troſtlos auf einen Stuhl niederſinkend. Sei barmherzig, Bruder, habe Mitleid mit mir. Nein, kein Erbarmen, rief Carl, Du haſt angehört, was er über mich geſagt hat, jetzt ſollſt Du auch anhören, was ich über ihn ſage! Und ich ſage Dir, er iſt ein Heuchler und Betrüger. Er hat Dir ge⸗ ſagt, er wolle Dein Geld haben, um Dir Staatspapiere dafür zu kaufen, und ſie Dir in ſeinem eiſernen Kaſten aufzubewahren. Jetzt Faber will ich Dir ſagen, was er mit den tauſend Gulden thun wollte, jetzt— Bruder, ſchrie Johann ganz laut, ſchweige, wenn Du nicht willſt, daß ich Dich ermorden ſoll! Er ſtürzte zu ſeinem Bruder hin und packte ihn heftig bei der Bruſt, aber indem er das that, ſprach er zu ihm in ſanfterem, ge⸗ äßigterem Ton, ſo daß Beethoven ihn nicht verſtehen konnte. Carl lachte laut auf und ſtieß ihn dann mit gewaltiger Fauſt c. Bruder Ludwig, ſchrie er, willſt Du wiſſen, was der gute ehr⸗ liche Johann mir eben geſagt hat? Er hat geſagt: gehe nicht weiter, Carl! Schweige jetzt, und wenn er mir das Geld giebt, will ich Dir die Hälfte abgeben! Schweige, ſonſt entläuft er uns Beiden und wir werden gar nichts mehr von ihm bekommen. Beethoven, einen lauten Schrei ausſtoßend, ſchlug die Hände vor ſein Angeſicht und ächzte laut. Aber Carl faßte ihn an der Schulter und rüttelte ihn aus ſeiner Traurigkeit auf. Ich will Dir ſagen, Ludwig, wozu Bruder Johann die tauſend Gulden haben wollte, von denen er ſagt, daß er Dir Staatspapiere dafür kaufen wollte, ſchrie er. Er wolite das Geld haben, um mit dieſen tauſend Gulden die neue, ſchöne Equipage, die er ſich heute ge⸗ kauft hat, zu bezahlen! Das iſt der eiſerne Kaſten, in dem er Dein Geld aufbewahren will. Eine Staatsequipage. Iſt das wahr, Johann? ſagte Beethoven mit matter, verſagender Stimme. Nein, ſchrie Iöhann, es iſt nicht wahr, es iſt eine elende Lüge! Er ſoll's mir beweiſen, wenn er nicht zugeben will, daß er ein Ver⸗ läumder iſt! Mühlbach, Napoleon. IV. Bd. 17 258 Ich kann's beweiſen, und ich will's, ſchrie Carl. Soll ich Dir ſagen, wer der Mann iſt, der hier unten im Hausflur ſteht und mit dem Du hergekommen biſt? Johann erbebte und eine dunkle Röthe flog einen Moment über ſein Antlitz hin. Beethoven ſah es und ein leiſer Klageton, ein ſchmerzliches Wim⸗ mern kam aus ſeiner Bruſt hervor. Sage es, Bruder Carl, flüſterte er leiſe, wer iſt der Mann?„ Es iſt der Wagenbauer, von dem Johann die Equipage gekauft hat, und der ſie ihm nicht ohne Bezahlung verabfolgen wollte, denn der Herr Gutsbeſitzer hat wenig Credit, wie es ſcheint. Johann wollte aber ſchon heute in ſeiner glänzenden Equipage auf's Gut fahren, und ſo hat er dem Wagenbauer geſagt, er ſolle mit ihm kommen, er habe bei Dir das Geld deponirt, und er wollte es von Dir holen! Und drunten im Hausflur ſteht alſo der Wagenbauer und wartet die tauſend Gulden, die der liebe, ehrliche, treue Johann Dir ſchwindeln wollte. Oh, oh, ſtöhnte Beethoven, wie das ſchmerzt! Oh, warum ſterbe ich nicht! Siehſt Du, ſchrie Johann, Du wirſt noch zum Mörder an unſerm Bruder werden. Das wäre für Dich freilich ein Unglück, rief Carl, denn alsdann könnte er für Dich kein Geld mehr verdienen. Und ziehſt Du nicht auch von ihm? brüllte Johann. Drückſt Du nicht auch an ihm, als wär' er eine Citrone? Carl antwortete in gleicher wüthender Weiſe, und jetzt erhob ſich zwiſchen den beiden Brüdern ein glühender erbitterter Streit. Mit lauter donnernder Stimme ſprachen ſie zu einander, warfen ſie ſich die gröbſten Schmähungen in's Geſicht, beſchuldigten ſie ſich gegenſeitig der Betrügerei, der Habſucht, der Geldgier. Mit drohenden Blicken ſtarrten ſie einander an, und aus ihren Mienen flammte tödtlicher wilder Haß. Beethoven ſaß mit bleichem, entſetztem Antlitz da. Einmal beim Beginn des wüthenden Streits, bei den lauten brüllenden Scheltworten — 259 L Johanns, hatte er haſtig ſeine beiden Hände an ſeinen Kopf gedrückt, und ſchmerzvoll gerufen: Oh weh, weh, meine armen Ohren.*)— Dann hatte er die Hände wieder ſinken laſſen, und mit weit geöffneten ſtieren Augen, wie erſtarrt vor Schreck und Entſetzen, dem wilden Streit der beiden Brüder zugeſchaut. 5 Als er aber jetzt ſah, wie Johann die drohend geballten Fäuſte gegen ſeinen Bruder erhob, als er ſah, wie Carl ſeinen gewaltigen Arm emporſchnellte, wie zu einem zerſchmetternden Schlag, da ſprang t Beethoven empor, und ſich den beiden Zornigen entgegenſtürzend, ſtieß u er ſie mit kräftigem Arm von einander zurück. e Es iſt genug, ſagte er ruhig und hoheitsvoll. Geht nicht weiter, belaſtet Euer Gewiſſen nicht mit noch größerer Schmach. Ihr ſeid ſehr unbrüderliche Brüder,**) aber ich verzeihe Euch um unſerer W Mutter willen. In dieſer Stunde habe ich zum erſten Mal dem f Schickſal gedankt, daß ich taub bin, denn ich habe nichts verſtanden „ von Eurem wüthenden Streit, ich habe nur in Euren verzerrten WMienen Euren Zorn und Eure gegenſeitigen Beleidigungen geleſen. e 3ch will nicht, daß Ihr im Zorn von einander geht. Da Ihr aber Euch nur ſo fürchterlich erzürnt habt um des Geldes willen, ſo wird n Euch alſo auch das Geld wieder verſöhnen, und alſo will ich Euch verſöhnen! n Mit großen ſtolzen Schritten eilte er zu dem Tiſch, und öffnete die Chatoulle, worin die Geldrolle lag, die er vorhin durchbrochen hatte. u Hier, ſagte er, die Rolle und die einzelnen herausgefallenen Stücke auf den Tiſch legend, hier, nehmt Jeder! Du, Carl, die kleinere Hälfte der Rolle, denn Du haſt ja geſtern erſt von mir bekommen, Du, Johann, t e*) Beethoven war um dieſe Zeit noch nicht völlig taub, er hörte noch zu⸗ 9 weilen ziemlich gut, je nach der Stimmung ſeiner Nerven. Zuweilen, nach n großen Gemüthsaufregungen, war er ganz und gar taub und hörte gar nichts, zuweilen aber auch ſchärfte die Aufregung ſeine Gehörnerven, und dann that jeder laute, heftige Ton ſeinen Ohren phyſiſch weh und machte ihn erbeben vor Schmerz. n**) Ein Ausdruck, deſſen ſich Beethoven ſehr oft bediente, wenn er von n ſeinen Brüdern ſprach. Siehe: Schindler. Biographie Beethovens. e * 260 die größere Hälfte, denn Dein Wagenbauer wird Dir ſonſt am Ende Deine ſchöne Equipage nicht laſſen. Nehmt das Geld, aber vorher reicht Euch die Hände. Die Brüder ſtanden ſich trotzig gegenüber, einander anſtarrend mit gehäſſigen Blſcken. Keiner von ihnen mochte ſich entſchließen, dem Bruder die Hand darzureichen. Gebt Euch die Hände, ich will es! ſagte Beethoven gebieteriſch.„ Aber die Brüder gehorchten ihm nicht, ſie ſtarrten einander an mit finſterm Groll, doch ſie bewegten ſich nicht. Gebt Euch die Hände, rief Beethoven, oder ich ſchließe das Geld wieder fort, und Ihr bekommt Beide nichts! Nun zuckten ſie Beide zuſammen, und mit einer raſchen Bewegung reichten ſie einander die Hände dar. Jetzt nehmt das Geld, und dann geht Beide fort, verlaßt mi Beide, befahl Beethoven. Schweigend, mit niedergeſchlagenen Augen traten die beiden Brü zu dem Tiſch und nahmen das Geld. Jetzt, rief Beethoven, gebieteriſch nach der Thür hindeutend, j lebt wohl! Aber die beiden Brüder traten zu ihm hin, ſie reichten ihm die Hände dar, ſie ſprachen zu ihm von ihrer Reue, von ihrer Liebe, ſie ſchwuren, daß niemals ähnliche Scenen ſich wieder ereignen ſollten, ſie baten, daß er ihnen vergeben möchte. Beethoven ſchüttelte traurig ſein Haupt. Meine Brüder, ſagte er, ich weiß und verſtehe nicht, was Ihr zu mir ſagt. Dieſe Stunde hat mir viel gekoſtet, denn jetzt höre ich keinen Ton mehr, jetzt bin ich ganz taub. Als aber Johann nach einem Stück Papier griff, und ſchreiben wollte, wehrte ihn Beethoven zurück. Ich will nichts hören und wiſſen, rief er heftig. Geht! Geht! ich will allein ſein! So komm, Bruder, ſagte Carl, ſich der Thür nähernd. Geh Dyu, rief Johann, ich will noch bleiben.— 3 . Um mich auf's Neue zu verleumden, rief Carl cenb nam ihn 3 Fnde her mit dem iſch. an — 261 wieder zu umgarnen, nicht wahr? Nein, Bruder Johann, wir gehen zuſammen. Er faßte mit kräftiger Hand den Arm ſeines Bruders und zog ihn nach der Thür. IN. Perzweiflung und Tröſtung. Beethoven blickte ihnen nach mit entſetzten ſtarren Blicken, mit halbgeöffnetem Munde, athemlos vor Schmerz und Angſt. Nun endlich waren ſie hinausgegangen, nun ſchloß ſich die Thür hinter den„unbrüderlichen Brüdern!“ Beethoven war allein. Gott! Gott! ſchrie er, ſeine beiden Arme zum Himmel empor⸗ ſtreckend. Biſt Dn auch taub? Haſt Du ſie nicht gehört? Oh, ſie haben die Liebe geläſtert, die göttliche, die menſchliche Liebe! Und ſie ſind meine Brüder! Sollten meine natürlichen Freunde ſein, und ſind doch nur meine Feinde. Und Du duldeſt es, Einziger, Du, dem alle Dinge ihr Daſein ſchuldig ſind? Er ließ ſeine Arme ſinken, und ein ſchweres Aechzen kam aus ſeiner Bruſt hervor. Jetzt bin ich ganz allein, murmelte er, kein Ge⸗ ſchöpf, das ſich meiner erbarmt! Kein Bruder mehr! Allein, immer allein! Zwei Thränen rannen langſam über ſeine Wangen, und tropften nieder auf ſeine Hände, die er an die Bruſt gedrückt hatte, als wolle er die Qual, die da innen brannte, erdrücken. Beethoven blickte auf dieſe glänzenden Thränen nieder und ſeine Stirn verfinſterte ſich. Pfui, ſagte er wild, ein Mann, der weint, wie ein altes Weib! Ich will nicht weinen!— Er ſchüttelte ſein Haupt, und ſeine Löwen⸗ mähne ſlog wild um ſein bleiches, zuckendes Antlitz her. Mit macht⸗ vollen großen Schritten rannte er auf und ab, dann ſtürzte er zum Clavier hin, und warf ſeine beiden Hände auf die Taſten, daß ſie in 262 ſchreienden Mißklängen aufheulten. Und wieder und noch einmal ſchlug er auf die Taſten. Umſonſt, umſonſt! Tonloſe Stille des Grabes rings um ihn her! Kein Laut durchdringt dieſes Schweigen des Todes! Und immer ſtärker ſchlug Beethoven auf die Taſten,— er wollte das Inſtrument zwingen, ſeinem Meiſter zu gehorchen, Antwort zu geben auf ſeine Schmerzen.— Aber ob auch das Zimmer durchrauſcht war von dieſer wilden Muſik der Verzweiflung, ob auch die Saiten klirrten und zitterten, der Reſonanzboden dröhnte,— Beethoven ver⸗ nahm es nicht, für ihn blieb Alles ſchweigend und ſtumm, nicht in ewigem Frieden, ſondern ſtumm und in ewigen Schmerzen. Mit einem letzten grollenden Accord hob er ſeine Hände von den Taſten, und preßte ſie gegen das Inſtrument, daß es ächzend von ihm fortrollte, weiter hinab in das Zimmer. Hinweg! hinweg! ſchrie er. Auch Du haſt mich verrathen! Auch Du bleibſt mir ſtumm! Nichts wie Verrath, Bosheit und Tücke, rings um mich her! Aber warum dulde ich es, warum bleibe ich in dieſer ekelhaften Welt, unter dieſen Menſchen, die— Ich will fort! Hinaus, hinaus, dahin, wo ich keine Menſchen mehr ſehe! Wo ich allein bin, allein mit Gott, oder mit dem Tode! Er faßte ſeinen Hut, und warf ihn ungeſtüm auf den Kopf, dann ſteckte er, ganz unbewußt, ganz mechaniſch ſein Notizbuch ein, und rannte hinaus in das Vorzimmer. Eben kam Zipferlein mit den Tellern, um für ſeinen Herrn den Tiſch zu decken. Wie er Beethoven mit dem Hut auf dem Kopf gewahrte, rief er in die Küche hinein: Frau Streng, der Herr will noch ausgehen! Und ſofort ſtürzte Frau Streng, das Antlitz geröthet vom Feuer, mit geſchäftiger Eile aus der Küche herbei. Herr, ſchrie ſie, das Eſſen iſt fertig! Aber Beethoven achtete nicht auf ſie. Er hatte ſchon die Thür erreicht, und war ſchon im Begriff ſie zu öffnen. Frau Streng eilte zu ihm hin, und faßte haſtig ſeine Hand, be⸗ müht, ihn wieder in das Zimmer hinein zu ziehen. lite zu ſcht ten in den er, ür be⸗ 5 263 Herr, ſchrie ſie, der Schill iſt fertig, und wenn er ſtehen ſoll, verdirbt er! Beethoven ſchleuderte auf ſie einen ſeiner zermalmenden Blitze, ſtieß ſie mit gewaltiger Hand zurück, und ſtürzte fort, die Treppe hin⸗ unter, hinaus auf die Straße. Die kalte Novemberluft that ihm wohl, und kühlte ſeine glühend heiße Stirn, und ſeine pochenden Schläfen. Er athmete hoch auf, wie von einer ſchweren Laſt befreit, und das blitzende Auge emporhebend zu den Wolken, die im ſchnellen Flug am Himmel vorüberrauſchten, ging er die Straße hinab. Die Menſchen, die ihm auf ſeinem Wege begegneten, wichen ehr⸗ furchtsvoll bei Seite. Die ihn kannten, neigten ſich tief vor ihm, und flüſterten zu ein⸗ ander:„das war der große Meiſter Beethoven! Wie ſein Antlitz leuch⸗ tete. Er componirt gewiß wieder an einem neuen ſchönen Werk!“ Die ihn nicht kannten, blieben ſtehen, und ſchauten ihm verwundert nach, als hätten ſie eine Geiſtererſcheinung geſehen, und ſagten kopf⸗ ſchüttelnd:„der Mann muß ſehr unglücklich, oder ſehr närriſch ſein!“ Beethoven ſah weder die Menſchen, noch ihre Grüße, noch ihre verwunderten Geſichter, er rannte weiter, und immer weiter, die Straßen hinunter, dem Thor zu, hinaus aus dem Thor, die Land⸗ ſtraße dahin, und ſeitabwärts von der Straße über die weite kahle Wieſenfläche, an deren Ende da drüben der ſchwarze, nur hin und wieder noch mit röthlichem Laub geſchmückte Wald lag. Hin, hin in raſchem Schritt über die Wieſen und das ge⸗ ackerte Feld! Wohin, wohin? Aus dem Acker ſchwingt ſich ein aufgeſcheuchter Rabe auf, und fliegt mit wildem Gekreiſch empor. Der wilde Wanderer mit dem fliegenden Haar ſchaut ihm nach und ruft mit zorniger Stimme: nimm mich mit, Vogel des Todes! Durch die Wieſe ſchlüpft ein im Schlaf geſtörter Maulwurf dahin, ſeiner unterirdiſchen Höhle zu. Der wilde Wanderer nickt ihm zu und ruft: grabe, Maulwurf, grabe mir mein Grab! 264 Weiter! Weiter eilt er dahin, nicht achtend der Kälte, nicht achtend des Windes. Weiter! Jetzt ſteht er am Rande des Waldes. Dunkel liegt er vor ihm da, im nächtigen Schatten des Schweigens. Hinein, hinein! Er kennt die Wege! Er kennt die Stege! Er iſt ſie oft gewandelt in einſamen Leiden, in einſamen Freuden! Den ſchmalen Waldweg hinunter, wohin! Einſamer Wanderer! Wohin! Stundenlang wandert er! Den Gedanken will er entfliehen, aber ſie gehen mit ihm! Den Schmerzen will er entrinnen, aber ſie wühlen in ſeiner Bruſt. Jetzt ſteht er an einer Lichtung des Waldes. Dort jenſeits neben der Wieſe liegt ein ſchönes ſtattliches Dorf.— Er kennt es wohl! Schöne ſonnige Tage hat er hier verlebt, hier in dem reizenden Hetzendorf. Damals war er glücklich! Damals glaubte er noch an die Menſchen! Liebte ſie Alle! Und vor allen liebte er Sie! Giulietta! Vorüber! Vorüber, ſchöne Erinnerung glücklicher Liebestage! Er wendet das Haupt ab, er will ſeine Erinnerungen nicht ſehen! Er will ihnen entfliehen! Weiter! Weiter lenkt er die Schritte. Da liegt es vor ihm in fürſtlicher Pracht, das kaiſerliche Luſt⸗ ſchloß Schönbrunn. Er ſchaut mit einem trotzigen wilden Blick hin auf das Schloß, das die große Maria Thereſia gebaut hat, und in dem jetzt die Gemahlin des geſtürzten Kaiſers Napoleon wohnt, das jetzt die Zuflucht iſt Marie Louiſens und des kleinen Königs von Rom. Vorüber an dem Schloß geht der einſame düſtere Wanderer, und tritt durch die kleine, nur angelehnte Seitenpforte in den Park ein. Weiter! Weiter! Die Wege hinab, die Alleen hinauf zur Höhe, wo der Pavillon Glorietta ſteht. Nun hinein in das Dickicht des Waldes, hinauf die Anhöhe dicht daneben. Da iſt die Stelle, welche er geſucht, der wunderbare Eichbaum, der einſt in den Zeiten der Liebe ihm ein Bild gedäucht des Menſchenglücks. In Einem dicken feſten Stamm ſteigt dieſe Eiche empor aus der Erde, gebaut für die Ewigkeit, von der Erde geboren, aufſtrebend zu Fu tend ihm iſt ber hlen ben hier ubte 265 zum Himmel. Aber auf einmal hat ſich der Stamm getheilt, und zwei Fuß hoch über der Erde hat er ſich getrennt, zu Zwei Eichen aus Einem Stamm. So zu Zweien, und doch nur Eins, ſind ſie empor⸗ geſtiegen die beiden Eichen, und da droben haben ſich ihre Häupter wieder geküßt, und ihre Zweige ſich zu Einem wieder in einander ge⸗ ſchloſſen. Beethoven kennt dieſen ſeltſamen Baum. Zu ihm kommt er, um Abſchied zu nehmen, zu ihm, der einſt ihm ſein Arbeitszimmer geweſen, oder wenn man will, der Altar, auf welchem der Prieſter ſeinem Gott geopfert hat. Hier auf dieſer Stelle, zwiſchen den beiden Eichen ſitzend, hier hat er auch einſt ſeinen Fidelio gedichtet. Hier in der Einſamkeit des Wal⸗ des, inmitten der Natur, ſeligen Gottesfriedens voll, hier hat Beethoven ſein herrlichſtes Werk geſchrieben. Mit einem lauten Schmerzensſchrei ſinkt er jetzt nieder vor der Eiche, und lehnt ſein Haupt an den Stamm. Hier bin ich! ruft er mit zitterndem Ton. Eiche! Eiche! Ich fordere von Dir Genugthuung und Vergeltung, bei Dir war ich glücklich, und Du rauſchteſt mir zu, daß ich es ferner ſein ſollte! Und Du haſt gelogen! Gelogen! Neun Jahre ſind vergangen, ſeit ich nicht bei Dir war! Eiche! Eiche! Gieb mir meine Hoffnungen, meine Träume wieder, oder ſei barmherzig und zerſchmettere mich! Er klammert ſeine Arme um den Stamm der Eiche, er ſchaut mit ſtarrem Auge zu ihr empor. Die Wipfel rauſchen leiſe im Winde. Er hört es nicht! Aber er hört die Stimmen, die in ſeiner Bruſt flüſtern. Sie ſingen und klagen vergangenes Glück, vergangenes Leid! Und es umrauſcht ihn wie mit Wundermelodieen, und Fidelio, die Heldin der Liebe, tritt vor ihn hin, und grüßt ihn mit ſtrahlenden Augen; ſie kniet vor ihm nieder und das Antlitz von Thränen bethaut, ſingt ſie mit flüſternder Engelsſtimme: „da nimm, da nimm das Brot, Du armer, Du armer Mann! Und Beethoven ſtreckt die Hände aus, und murmelt: gieb es mir, das Brot des Lebens! Gieb es mir, ſonſt ſterbe ich Hungzrs inmitten 266 der Wüſte! Oh, Fidelio, Fidelio, komm' und errette Deinen Floreſtan! Fidelio! Seine flehende Stimme hallt durch den Wald. Aber keine Ant⸗ wort erſchallt. Er ächzt laut und lehnt ſeine Stirn an die Eiche und liegt da unbeweglich, erſtarrt in Schmerzen. Endlich nach langer Zeit ſpringt er empor, und ſchüttelt ſeine Mähnen, und ſein Auge hat wieder ſein trotzig Leuchten. Ich will nicht ſterben, ſagt er laut, die rechte Hand auf den Eichenſtamm legend. Du haſt mich geſehen, Eiche, in den Tagen des Glückes, und damals war es die Liebe, die mich begeiſterte. Heute haſt Du mich geſehen am Tage der Verzweiflung, und jetzt wird es der Schmerz ſein, der mich begeiſtert. Lebe wohl, Eiche! Lebe wohl! Wie Du, will ich feſt ſtehen und nicht wanken; wie Du, will ich die Stürme überdauern. Er wendet ſich ab, und geht weiter. Jetzt nicht mehr in raſender Eile, ſondern langſam, gedankenvoll. Er hat an der Eiche das Brot des Lebens gegeſſen, und er fühlt ſich erkräftigt zum Weiterwandeln durch die rauhen Pfade der Welt. Jetzt trit: er hinaus an den Rand des Waldes. Vor ihm liegt vom Abendroth überſtrahlt die weite Landſchaft da, und drüben am Horizont in glühender Pracht ſenkt ſich die Sonne nieder. Und Beethoven ſchaut ſie an, und ein Lächeln verklärt ſeine Züge. Die Erde iſt ſtumm, ſagt er leiſe, aber der Himmel ſpricht zu mir. Dann breitet er die Arme empor, und er ruft mit lauter, freu⸗ diger Stimme: Ich ſehe Dich, Einziger, und indem ich Dich ſehe, verſtehe ich Dich! Nun wandert er weiter, gedankenvoll, gebeugten Hauptes, nicht achtend des Weges, nicht achtend, daß die Dämmerung herniederſinkt, daß es endlich Nacht wird. Aber der erſchöpfte Körper mahnt ſeine Seele. Seine Füße ſchwanken unter ihm, die Seele hat das Brot des Lebens genoſſen, aber der Körper begehrt noch der Nahrung. Ermattet und ſchwankend geht er einſam durch den tonloſen Abend dahi dunk dem hat bezo der reſtan! Ant⸗ e und ſeine f den n des Heute ird es wohl! ch die ender Brot mdeln liegt n am ſeine prich frel⸗ ſehe, nicht iße oſſen, Abend ¹ 267 dahin. Da glänzt in der Ferne ein Licht ihm entgegen am Rande des dunklen Waldſtreifens. Beethoven folgt dem leuchtenden Wegweiſer. Nun ſteht er vor dem einſamen Förſterhauſe, und klopft leiſe an die Pforte. Ein Greis mit ſilberweißem Haar öffnet ihm. Oh, laßt mich ein, gönnt mir ein Nachtlager, ſagt Beethoven mit matter Stimme. Gebt mir zu eſſen! Ich bin kein Bettler! Ich kann bezahlen, was Ihr Gutes an mir thut! Auch der Bettler würde nicht von unſerer Thür gewieſen, ſagt der Greis würdevoll. Tretet ein und ſeid willkommen! Beethoven tritt ein in das Haus und folgt dem Greiſe zu dem großen, hell erleuchteten Zimmer, das da zu ebener Erde liegt. Ein gedeckter Tiſch ſteht in der Mitte des Zimmers und auf dem⸗ ſelben Butter, Brot und Käſe, und Schüſſeln mit köſtlicher Milch, die ländliche Abendmahlzeit der Familie. Es iſt eine zahlreiche Familie, die um den Tiſch ſteht, denn da iſt der Greis, und neben ihm deſſen Sohn, der ſtattliche Förſter, dann kommt die Frau Förſterin, dann die drei rüſtigen, kräftigen Jünglinge, ihre Söhne, und ihre Tochter. Es iſt eine glückliche Familie, das ſieht man an ihren roſigen Wangen, an ihren hellen, ſtrahlenden Augen, an dem freundlichen, ſanften Lächeln, mit dem ſie einander anſchauen. Ein unendliches Wohlbehagen ſpricht von allen Geſichtern, herrſcht in der ganzen Umgebung, und Beethoven fühlt einen Hauch davon über ſeine kranke Bruſt wehen. Seine Stirn beginnt ſich zu glätten, und er ſchaut mit minder düſterm Blick im Zimmer umher. Er freut ſich des hellen Feuers, das luſtig in dem großen Kamin flackert, und vor dem in ſeliger Ruhe zwei Jagdhunde liegen und in die Flamme ſtarren, er freut ſich noch mehr des Claviers, das da drüben an der Wand ſteht, und neben dem er ſogar einige Inſtrumentenkaſten ſieht. Aber der Greis ſtört ihn in ſeinem Schauen, indem er ihm die Hand hinreicht und ihn an den Tiſch führt. Die Förſtersfrau tritt an ſeine andere Seite und ſpricht zu ihm lächelnd und freundlich. Oh, lieben, guten Leute, verzeiht, ſagt Beethoven milde, ich höre — 268 Euch nicht, ich bin ganz taub. Aber ich ſehe, daß Ihr gut und glück⸗ lich ſeid, und ich freue mich deſſen. Armer Mann, ſeufzt Roſa, die junge Förſtertochter, armer Mann! Taub zu ſein, welch' ein Unglück! Keine Menſchenſtimme zu hören und keine Muſik! Vater, Ihr muſicirt doch heute wieder? Ja wohl, Kind, wir muſiciren. Armer Mann, er wird nichts davon hören, und Eure Muſik iſt doch ſo ſchön! ſeufzt Roſa. Armer Mann! ſagen ſie Alle. Taub zu ſein, welch' ein Unglück. Beethoven hört nichts von ihren mitleidsvollen Worten, er ſitzt ſtill und gelaſſen da, und ißt von der Milch, die die Förſterin ihm aufthut, von den Eiern und dem Butterbrod, das Roſa mit geſchäf⸗ tiger Fürſorge ihm bereitet hat. Jetzt endlich iſt das Mahl vollendet. Roſa räumt eilig und raſch den Tiſch ab, und die Brüder helfen ihr dabei, und Alle ſcheinen ſie voll geſchäftiger Eile, um dieſe Arbeit zu vollenden. Jetzt iſt es gethan, der große Tiſch iſt abgeräumt. Roſa eilt, ſich zwei Lichter darauf zu ſetzen, den Korb mit Handarbeiten daneben zu ſtellen, und die Stühle für ſich und ihre Mutter heranzurücken. Der Greis nimmt auf einem der Lederſtühle nahe am Kamin Platz, und bedeutet den Gaſt, auf den anderen, den beſſeren Lehnſtuhl ſich zu ſetzen. Beethoven thut's, und fragt ſich verwundert, was dies Alles be⸗ deuten mag, weshalb ſie Alle ſo feierlich, und doch ſo freudig aus⸗ ſchauen. Nun ſchreitet der Förſter nach dem Clavier hin, und öffnet es, nun heben die Söhne die Deckel der Kaſten auf, und ziehen die In⸗ ſtrumente hervor, eine Violine, eine Viola und ein Violoncell. Ah, ſie wollen ein Quartett ſpielen, ſagt Beethoven leiſe zu ſich ſelber, und ſchaut hinüber nach den Muſikern. Er ſieht, wie ſie die Inſtrumente ſtimmen, ſieht, wie der Vater ihnen den Accord angiebt, ſieht, wie er dann nickt, als ſtimmten die Saiten jetzt in ſchöner Harmonie. Nun beginnen ſie zu ſpielen. Beethoven hört nichts, aber er ſiel im ſti vi glic⸗ kann! n und ſit iſt nglüc. er ſitzt in ihm eſchäf⸗ raſch ten ſie ſa eilt, meben en. Kamin nſtuhl es be⸗ aus⸗ ſet es, ie In⸗ z ſih ſie die ngiebt, ſcöner ber er 6 269 ſieht! Sieht, mit welchem Eifer, welchem inneren Feuer ſie ſpielen, immer in demſelben feurigen Tact, demſelben gleichmäßigen Bogen⸗ ſtrich. Er ſieht, daß die Muſiker mit inniger Freude ſpielen, ſieht, wie die beiden Frauen die Handarbeit niederlegen und lauſchen, ſieht, wie der Greis ſich erhebt, und leiſe auf den Zehen hinſchleicht zu den Muſikern, um mit gefaltenen Händen ihnen zuzuhören. Beethoven ſieht den Eindruck, den die Muſik macht, aber er hört ſie nicht! Jetzt ſieht er die Muſiker inne halten, jetzt ſieht Beethoven ſie einander zulächeln, ſieht, wie Roſa aufſpringt, und zu ihrem Vater hineilt, ihre vollen Arme um ſeinen Nacken ſchlingt und ihn küßt, und dann, als danke ſie für den bereiteten Genuß, den Brüdern lächelnd zunickt. Aber der Vater wehrt ſie ſanft zurück, und legt die Hände wieder auf die Taſten. Beethoven ſieht, daß die Muſik auf's Neue beginnt, feuriger noch, als zuvor, iſt ſie im Rhythmus. Beethoven ſieht es an dem raſcheren Bogenſtrich der Spielenden. Er ſieht, daß ſie auch feuriger iſt in ihrem Gedanken, denn die Augen der Jünglinge leuch⸗ ten höher auf, Thränen glänzen in Roſa's Augen, vor Begeiſterung ſtrahlt das Angeſicht ihrer Mutter. Beethoven ſieht es, und dieſe Muſik, die er nicht hört, deren machtvolle Wirkung er auf den Angeſichtern der Spieler und der Hörer ſieht, dieſe Muſik begeiſtert auch ihn. Er ſteht auf, er nähert ſich den Spielenden. Eben halten ſie inne, und ſchauen einander an mit glückſtrahlenden Augen, und lächeln ihrer Mutter zu, und Beethoven ſieht das Wort auf ihren Lippen flüſtern: Wunderſchön! Ach, Ihr guten Menſchen, ruft Beethoven mit bebender Stimme, ſeht, wie unglücklich ich bin! Ich kann nicht Theil nehmen an Eurer Freude, ich bin taub, und doch liebe ich die Muſik ſo ſehr. Laßt mich alſo ein wenig Theil nehmen an Eurem Entzücken. Laßt mich die Muſik leſen, die Ihr eben geſpielt habt. Der Förſter reichte ihm die Partitur dar, die vor ihm auf dem Clavier gelegen. 270 Beethoven nimmt das Notenheft und ſchaut es an. Nun ſchreckt er zuſammen, ſeine Augen umdüſtern ſich, ein Zit⸗ tern durchſchleicht ſeine ganze Geſtalt, das Notenheft entſinkt ſeinen Händen, der Athem geht ſchwer und ſchnell aus ſeiner Bruſt, und jetzt ringt er ſich hervor in lautem Schluchzen, jetzt ſtürzen die Thränen in hellen Bächen aus ſeinen Augen hervor. Mein E-dur-Quartett, ſagt er leiſe, ſo leiſe, daß Niemand es hörte. Aber ſie ſahen ſeine Thränen, ſeine Bewegung, und ſie eilen zu ihm hin, und fragen ihn mit Blicken, mit Zeichen um den Grund ſeiner Thränen. Beethoven läßt ſeine Augen mit einem langen Blick an dieſen guten, theilnahmsvollen Geſichtern dahin gleiten, dann ſagte er mit einem wunderbaren, ſanften Lächeln: Lieben Leute, ich habe die Muſik geſchrieben, die Ihr da ſpielt. Ich bin Beethoven! Beethoven! rief der Greis. Beethoven! riefen Alle, wie aus Einem Munde, und der Greis zieht das Sammetkäppel von ſeinem weißen Haar und nähert ſich mit ehrfurchtsvollen Mienen, und der Förſter mit ſeinen Söhnen neigten ſich vor ihm, und Roſa ſtürzte zu ihm hin, und vor ihm niederknieend faßte ſie ſeine Hand und bedeckte ſie mit Küſſen. Beethoven ließ es geſchehen, er hatte die ſtrahlenden Augen gen Himmel gewandt, und laut und freudig rief er jetzt: Er iſt ein Zeug⸗ niß von ihm ſelbſt, und dieſem Einzigen ſind alle Dinge ihr Daſein ſchuldig! Dann ſenkte er das Auge und ließ es mit einem Gruß der Liebe auf den frohen, glücklichen Geſichtern ruhen, die Alle in Ehrfurcht und Liebe ihm zugewandt waren. Ein tiefes, unausſprechliches Glück, eine ſelige Wonne durchleuchtete jetzt ſein armes, vielgequältes Herz, er breitete die Arme aus und rief: Kommt an mein Herz! Laßt mich Euch umarmen, Euch begrüßen! Denn Euch danke ich die ſchönſte Stunde meines Lebens! Und jubelnd umarmten ihn die Männer, jubelnd warf ſich die Förſterin an ſeine Bruſt, und da ſie nicht zu ihm ſprechen konnten Zit⸗ ſeinen „und ränen nd es eilen Hrund dieſen r mit Muſik as ſeinen der te zu deckte gen Zeug⸗ Daſein Liebe t und eine , et mich hönſte die nnten 271 mit Worten, ſprachen ſie zu ihm mit ihren Blicken, ihren Thränen, ihren Händedrücken. Aber jetzt richtete ſich Beethoven empor, und ſchüttelte ſein Haupt, als wollte er die Thränen fortſchleudern. Sein Auge leuchtete höher auf, ſeine Geſtalt richtete ſich ſtolz empor, und hochgehobenen Hauptes, majeſtätiſchen Schrittes ging er zu dem Clavier hin, wie ein Feldherr, der im Begriff iſt, ſeine Truppen in die Schlacht zu führen. Er ſetzte ſich, und legte die Fingern auf die Taſten. Stille ward es in dem großen Gemach. Mit angehaltenem Athem ſtanden der Greis, der Mann und die Jünglinge, das Weib und die Jungfrau da. Mit angehaltenem Athem lauſchten ſie. Und Beethoven ſpielte. Spielte, wie er's nie gethan. Die ganze Leidensgeſchichte, alle Verzweiflung, alle Schmerzen und Qualen, die er heute geduldet, die eryſtalliſirten ſich ihm jetzt zur Muſik, und es ſchrie und wehklagte aus den Saiten, daß die Augen ſeiner Zuhörer überfloſſen von Thränen. Aber allmälig löſte ſich die Verzweiflung, allmälig zerriſſen die Wolken, der Sturm der Diſſonanzen beſänftigte ſich, mildere Töne einigten ſich zu lieblichen Melodieen, und jetzt im vollen Strom der Harmonie rauſchte es daher wie ein Jubellied des Dankes und der Freude!*) Ja, ein Jubellied des Dankes war es auch! Beethoven hatte in dieſem Hauſe, von dieſen fremden Menſchen göttliches Labſal em⸗ pfangen, ſie hatten ihn erfreut und zum Leben getröſtet mit Muſik, die er nur geſehen, aber doch verſtanden, er antwortete ihnen mit Muſik, und ſeine Zuhörer verſtanden ſeinen Dank. *) Dieſe Scene iſt nicht erfunden, ſondern ſie hat ſich wirklich ſo begeben. Siehe darüber: Erinnerung an Ludwig van Beethoven. Bonn 1845. 272 X. Die entfernte Geliebte. Am anderen Morgen war Beethoven, begleitet von den Liebes⸗ grüßen der ganzen Familie, in dem Wagen des Förſters, der es ſich nicht nehmen ließ, ſelber als Kutſcher Beethovens zu fungiren, wieder nach Wien zurückgekehrt. Seine Haushälterin, die gute Frau Streng, welche ihn die ganze Nacht erwartet hatte, empfing ihn mit Freudenthränen, und küßte mit lauten Jubelworten die dargereichte Hand ihres Herrn. Meine gute, treue Frau Schnaps, ſagte Beethoven mit einem wehmüthigen Lächeln, ich habe geſtern alle Leidensſtationen durchgemacht, und meine Füße ſind wund von den Dornen. Sorgt mir heute ein bischen, daß ich Ruhe und Stille habe. Laſſe Sie Niemand zu mir ein. Meine Augen ſind trübe und können den Anblick der Menſchen noch nicht ertragen. Aber Herr, ſchrie Frau Streng— Beethoven ſeufzte ſchmerzlich, und legte ſich die Hände an die Schläfen und die Ohren. Sprecht leiſe, leiſe, Frau Schnaps, ſagte er. Ihre lauten Töne ſchmerzen mich und brauſen wie der Sturm in meinen Ohren. Meine Nerven ſind überreizt. Geſtern hörte ich gar nichts mehr, heute ſchmerzen mich die lauten Stimmen, und ich höre das leiſere Wort. Morgen werde ich vielleicht wieder ganz taub ſein. Sie ſieht wohl, Frau Schnaps, es iſt ſchwer mit mir umzugehen, und ich kann daher den Menſchen eigentlich nicht gram ſein, wenn ſie ſich von mir wenden. Aber, Herr, die Menſchen möchten doch nichts lieber, als mit Ihnen zuſammen ſein, ſagte Frau Streng. Der Herr Erzherzog Ru⸗ dolf hat geſtern zwei Mal hergeſchickt, und das zweite Mal brachte der Kammerdiener gleich die Equipage mit, um Sie abzuholen. Ah, welch' ein Glück, daß ich nicht zu Hauſe war, ſagte Beethoven mit Hof 9 her Ein vier ein Liebes⸗ es ſich „wieder ie ganze üßte nit it einem zemacht, eute ein zu mir Nenſchen an die , ſigte tumn in eich gr ich höre aub ſein. uehen wenn ſie als nit brcht n. — mit erheitertem Geſicht. So bin ich von der Laſt befreit worden, Hofdienſt zu thun. Das Schickſal iſt doch zuweilen recht gütig gegen mich. Ach, Herr, Sie werden aber nicht befreit werden, rief Frau Streng. Heute Morgen war der Kammerdiener ſchon wieder hier, und hat eine Einladung vom Herrn Erzherzog gebracht, ihn heute Nachmittag um vier Uhr zu beſuchen. Einladung! Beſuchen! rief Beethoven zornig. Das heißt, ich ſoll Hofdienſt thun, ſoll dem Bruder des Kaiſers Unterricht geben, ſoll mir dazu den Staatsrock anziehen, mich ſchniegeln und bügeln, und es mir gefallen laſſen, ſo lange im Vorzimmer zu ſtehen, bis der Herr Kammerherr mich gemeldet und der Lakay die Thüren aufgeriſſen hat. Und dann Unterricht geben, ich Unterricht geben! Es iſt ein Gräuel, ein Entſetzen! Wer's nicht in ſich ſelber hat, dem kann man's nicht einblaſen, und wen's der Geiſt nicht lehrt, der lernt's nimmermehr von einem Lehrer, und wär's der Herrgott ſelber, der's ihn lehren ſollte! Ich kann heute nicht den Lehrmeiſter ſpielen. Geh' Sie alſo, gute Frau Schnaps, geh' Sie ſchnell in die Burg, ſag' Sie dem Kammerherrn des Erzherzogs, es wär' heute nicht möglich, ich könnte heute nicht kommen, ich— ich— ach, ſag' Sie meinetwegen, ich ſei geſtorben, und deshalb könnte ich keine Stunden mehr geben. Dann bin ich die Plackerei auf einmal und für immer los. Es glaubt's aber Niemand, wenn ich ſag', daß Sie geſtorben ſind, ſagte Frau Streng lächelnd, denn ſonſt würde die Sonne heute nicht ſcheinen, und der Himmel nicht blau ſein. Sieh, ſieh, Frau Schnaps macht Complimente, ſagte Beethoven, leiſe mit dem Kopf nickend, gratulire, Frau Kammerherrin. Geh' Sie doch hin, und gebe Sie dem Herrn Erzherzog Unterricht, Sie verſteht ſich auf das Complimentirbuch und die höfiſche Sprache, und würde gut mit großen Herren umgehen können. Ja, aber ich habe ſchon meinen großen Herrn, dem ich diene, ſagte Frau Streng, und bin ganz zufrieden mit meinem Hof, mag keinen andern. Sie aber, lieber Herr, Sie müſſen heute zum Erz⸗ Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 18 274 5 herzog. Er erwartet Sie um vier Uhr, und ich hab's verſprochen, daß ws i Sie kommen werden. So n Nun, ſeufzte Beethoven kläglich, wenn Sie's verſprochen hat, ſo zut ſ werde ich freilich gehen müſſen. Aber zum Dank dafür laſſe Sie mir liht auch Niemand anders hier herein. wilde Aber Herrn Haslinger doch? Er war geſtern Nachmittag drei Mal hier, wollt' Sie durchaus ſprechen. War auch heute Morgen m ſchon mit dem Kapellmeiſter Umlauf hier, und war ganz betrübt und niede traurig, daß er Sie nicht fand. Er ſagte, er müſſe Sie heute noch ſprechen, er werde zum Nachmittag wieder kommen. iſt Er ſoll mich aber nicht ſprechen, rief Beethoven mit ſchnell um⸗ nir düſtertem Geſicht. Nein, er ſoll mich nicht ſprechen, ich habe nichts Ales zu thun mit ihm, und auch nichts mit Umlauf. Was gehen mich dieſe Menſchen an, was habe ich mit ihnen zu ſchaffen? Hör' Sie, Frau hört. Schnaps, unterſteh' Sie ſich nicht, und laſſe Sie mir den Haslinger, verj oder den Umlauf hier herein. Wenn Sie's thut, laufe ich fort und nim komme niemals wieder. dert Gut alſo, Herr, ich werde Niemand einlaſſen, ſagte Frau Streng ſeufzend. w Na, warum thut Sie denn deshalb ſo traurig, Frau Schnaps? den Weil ich weiß, daß Herr Haslinger Sie ſo ſehr lieb hat. Ach, lieb hat. Mich hat Niemand lieb, rief Beethoven mür⸗ us riſch. Das Liebhaben iſt nichts als eine bloße Redensart, die Die⸗ jenigen immer im Munde führen, die Einen gebrauchen, und von Einem was profitiren wollen. Es bleibt aber dabei, ich will den Has⸗ Si linger nicht ſehen. lch Gut, Herr, es bleibt dabei, ſagte Frau Streng, indem ſie der Thür zuſchritt. Im Begriff aber, hinaus zu gehen, wandte ſie ſich o haſtig noch einmal um, und kehrte zu Beethoven zurück. ic Lieber Herr, ſagte ſie mit bebender Stimme, ich habe noch eine di Bitte an Sie. ni Nun, was iſt's? rief Beethoven. h Sie ſind immer ſo gütig und verſchwenderiſch gegen mich geweſen, und da habe ich mir einhundert Gulden geſpart, aber weiß nun nicht, hen, daß hat, ſo Sie mir tag drei Morgen übt und ute noch nell um⸗ e nichts ich dieſe Frau linger, ort und Streng chnaps! n mir⸗ die Die⸗ und von en has⸗ ſie der ſi ſich och eine geneſen un nicht, 275 was ich mit dem Gelde anfangen, und wo ich es aufbewahren ſoll. So möchte ich nun meinen lieben gütigen Herrn bitten, ob er nicht ſo gut ſein wollte, mein kleines Capital an ſich zu nehmen, und mir viel⸗ leicht alle Jahr dafür ſechs Gulden Zinſen zu geben, denn anderswo würde ich nur fünf Gulden bekommen. Beethoven ſah ſie mit ſeinen düſtern funkelnden Augen ſtarr an, und Frau Streng ſchlug vor ſeinen durchbohrenden Blicken die Augen nieder. Frau Streng, ſagte er, Sie haben geſtern Alles gehört, was zwiſchen den Brüdern und mir geſchah? Sie haben gehört, daß Sie mir all' mein Geld fortgenommen haben, oder vielmehr, daß ich ihnen Alles gegeben habe? Nein, Herr, ſagte Frau Streng unbefangen, ich habe nichts ge⸗ hört. Ich möchte nur meine hundert Gulden gut anlegen und hoch verzinſt haben, und darum bitte ich meinen guten Herrn, daß er ſie nimmt und mir ſechs Gulden dafür Zins zahlt. Hier ſind meine hun⸗ dert Gulden, lieber Herr. Sie reichte mit niedergeſchlagenen Augen Beethoven eine kleine Rolle Geldes dar. Als er ſie nicht nahm, legte ſie ſie neben ihn auf den Tiſch hin, und eilte raſch wieder der Thür zu. Frau Streng, rief Beethoven, als ſie eben im Begriff war hin⸗ auszugehen. Was giebt's, Herr? fragte ſie ſtehen bleibend. Beethoven ſchritt zu ihr hin, und ſanft ſeine Hand auf ihre Schulter legend, ſchaute er ſie an mit einem Blick voll unausſprech⸗ licher Güte. Frau Streng, ſagte er mit weicher Stimme, ich irrte mich doch vorher; das Liebhaben iſt doch nicht eine bloße Redensart. Das wollte ich Ihr nur ſagen, und daß ich ſehr wohl weiß, daß es Ihr nicht um die ſechs Gulden Zinſen zu thun iſt. Jetzt geh' Sie, und laſſe Sie mir Niemand herein, ausgenommen, fügte er ganz leiſe und ſchüchtern hinzu, ausgenommen, wenn meine Brüder kommen. Und raſch, als ſchäme er ſich ſeiner eigenen Schwäche, wandte er 18* 276 ſich um, und begab ſich in ſein Arbeitszimmer, leiſe vor ſich hinmur⸗ melnd:„es ſind doch immer meine Brüder.“*) Aber es ſind doch unbrüderliche Brüder! ſagte er dann unwillig vor ſich hin. Sie verfeinden mich mit der Welt, mit mir ſelber, und mit Gott ſogar! Still, ſtill, Beethoven! ermahnte er ſich dann ſelber. Denke an die Stunde, welche Dir Gott geſtern Abend geſchenkt hat, und danke ihm, indem Du arbeiteſt und Großes ſchaffſt! Jo, ich will arbeiten, ſagte er, will niederſchreiben, was ich geſtern auf meinen Leidensſtationen empfangen habe. Oh, meine neue Sym⸗ phonie in Adur wird bald fertig ſein, und die Menſchen werden ſie frohmüthig ſpielen, und werden nicht ahnen und wiſſen, daß es neue Perlen meiner Herzenskrankheit ſind! Was thut's! Gott weiß es, und ich fühl' es doch! Er ſetzte ſich, und ſein Notizbuch öffnend, begann er haſtig zu ſchreiben, Das entziffernd, was er in der Nacht im Förſterhauſe auf⸗ gezeichnet hatte. Auf einmal öffnete ſich drüben die Thür, und eine tiefverſchleierte Dame erſchien in derſelben. Beethoven ſah ſie nicht, er hatte das Haupt über ſeine Noten geneigt und ſchrieb weiter. Die Dame blieb einen Moment an der Thür ſtehen, unbeweglich, tief verhüllt. Dann, als ſie ſah, daß Beethoven ſie immer noch nicht bemerkte, riß ſie mit einer heftigen Bewegung den Spitzenſchleier von ihrem Antlitz, den langen ſchwarzen Mantel von ihren Schultern fort und warf ihn achtlos zur Erde. Dann lehnte ſie zaudernd und bebend neben der Thür, erwartend, daß Beethoven den Blick erhebe, zu ihr hinſchaue. Es war eine Frau von kaum dreißig Jahren, von einer ſeltenen, ungewöhnlichen Schönheit. Ihr ſchönes bleiches Antlitz war eingefaßt von einer Fülle ſchwarzer Locken, die in ungekünſtelter Fülle ſich bis auf die Schultern niederringelten, und nur über der Stirn von *) Mit dieſen wenigen Worten pflegte Beethoven ſeinen Brüdern alle ihm angethane Unbill zu vergeben und ſie, Andern gegenüber, zu entſchuldigen. . einem ſchwa von ſchwe ihrer doviſ und unhi einen ſtren ehrft weif zeich vor ſein daß Sti Mö ber dich Sch Be ihn unt tt ſin en ch hinmur⸗ n unwillig ſelber, und Denke an und danke ich geſtern neue Shm⸗ werden ſie ß es neue iß es, und haſtig zu chauſe uf⸗ erſchleierte hatte das nbeweglic, noch nicht ſchleier von ultern ſort und bebend e, ju ih r ſeltenen⸗ eingefußt ʒile ſi Stirn von n alle ihn uldigen⸗ 277 einem ſchmalen Goldreif auseinander gehalten wurden. Ihre großen, ſchwarzen Augen, welche ſie ſtarr auf Beethoven gerichtet hatte, waren von einer tiefen leidenſchaftlichen Gluth, ihre purpurrothen, leicht ge⸗ ſchwellten Lippen umſpielte ein leiſes wehmüthiges Lächeln, und auf ihrer Stirn, die breit, mächtig und gedankenvoll war, wie die der Lu⸗ doviſiſchen Venus, ſchwebte ein Schatten der Trauer. Ihre hohe, volle und majeſtätiſche Figur, die einer Königin anzugehören ſchien, war umhüllt von einem ſchwarzen Atlasgewande, das unter dem Buſen von einem breiten, goldenen Gürtel zuſammengehalten war, und keuſch und ſtreng die ganze edle ſchöne Büſte umhüllte. Sie ſtand und ſchaute noch immer zu ihm hinüber und immer ehrfurchtsvoller ward ihr Lächeln, immer tiefer der Schatten auf ihrer weißen Stirn. Oh, wie viel Gram und Sorge die Jahre auf ſeiner Stirn ver⸗ zeichnet haben, flüſterte ſie, wie leidend er ausſieht. Mein Herz zittert vor Schmierz und Liebe ihm entgegen, und doch fürchte ich mich vor ſeinem Zorn. Aber ich habe es der Kaiſerin Eliſabeth verſprochen, daß ſie ihn ſehen ſoll,— ach, und ich ſelbſt ſehne mich ſo ſehr, ſeine Stimme wieder zu hören, ihn endlich wieder Auge in Auge zu ſchauen. Möge er mir zürnen, möge er mich von ſich ſtoßen, er wird mir doch vergeben, er wird doch fühlen, daß ich ihn ewig liebe! Auf, zu ihm! Und nun ſchwebte ſie durch das Gemach hin, nun trat ſie bis dicht vor ſeinen Schreibtiſch, und beide Arme ausbreitend, mit einem Schrei der Liebe, des Flehens, rief ſie mit lauter, machtvoller Stimme: Beethoven! Er ſchrak zuſammen, blickte empor. Nun, wie er ſie ſah, ſie, die ihn anſchaute mit einem himmliſchen Lächeln, mit Augen, die in Liebe und in Thränen glänzten, nun ſprang er empor, und ſein Antlitz leuch⸗ tete vor Zorn und Entſetzen. Hinweg! Hebe Dich fort von mir! rief er, ſeinen Arm drohend gegen ſie ausſtreckend. Hinweg, Geſpenſt meiner Vergangenheit! Ver⸗ ſinke, oder ich ſchlage Dich in den Boden! Und er ſtürzte zu ihr hin, drohend, außer ſich. Sie lächelte ihm entgegen, und immer noch die Arme ausgebreitet, ſank ſie leiſe auf 278 ihre Kniee nieder, und ſchaute mit Blicken voll unausſprechlicher Liebe zu ihm auf. Er ſchauderte in ſich zuſammen, und ließ den Arm ſinken. Biſt Du es? Biſt Du es wirklich, Du, Giulia? flüſterte er, ſie mit wirren, träumeriſchen Blicken anſehend. Nein, nein, rief er dann laut, hinweg von mir! Ich kenne Dich nicht! Und er wandte ſich von ihr ab, und rannte wild im Zimmer auf und nieder. Dann auf einmal blieb er vor dem Flügel ſtehen, und warf die Hände auf die Taſten, und ließ ſie erklingen in ſeltſamen, ſchreien⸗ den Accorden; aber dann glitten ſeine Finger leiſe, träumeriſch über die Saiten hin, und wunderbare Melodien ertönten leiſe und duftig, als wie von der Aeolsharfe ſeiner Erinnerungen angehaucht. Giulia hatte ſich von ihren Knieen erhoben, und war leiſe ihm ge⸗ folgt. Sie ſtand hinter ihm und lauſchte mit einem ſeligen Lächeln auf die Muſik; ſie kannte dieſe Melodien wohl, ſie hatte ſie oft geſungen in Schmerz und Entzücken. Lauter und voller begann jetzt Beethoven die Melodie zu ſpielen, als wolle er ſie rufen mit ſeinen Tönen, ſie beſchwören mit ſeinem Liede aus vergangener Liebeszeit! Und Giulia trat vor ihn hin an die andere Seite des Flügels, und mit ſtrahlenden Augen, ihr Antlitz durchleuchtet von Begeiſterung, ſang ſie mit voller, mächtiger Stimme: Weit bin ich von Dir geſchieden, Trennend liegen Berg und Thal Zwiſchen uns und unſerm Frieden, Unſerm Glück und unſrer Qual. Beethoven ſchlug mächtiger und voller in die Saiten, als wolle er die ſüße, lockende Stimme übertönen, und wie in einem wilden Strom des Zorns und des Schmerzes rauſchten die Töne durcheinander, und mit flammenden Zornesblicken ſchaute er hinüber zu Güulia. Sie ſchaute ihn an mit einem ſeligen Lächeln, mit flehenden, ſtrah⸗ lenden Augen. Und ſeine Phantaſieen ſänftigten ſich, ſie lenkten wieder ein in ſanfte, ſüße Modulationen, die vorige ſüße Melodie hob ſich wieder empor aus den Stürmen und Disharmonieen, als ob die So en ſan her Liebe en. Biſt it wirren, t, hinweg tauf und und warf ſchreien⸗ rſch über uftig, als e ihm ge⸗ icheln uf geſungen u ſpielen, it ſeinen Flügels⸗ eiſterung⸗ als wole m wilden einander⸗ lia. en, ſnuh⸗ ten niede ehob ſch 5 ob die 279 Sonne aufgegangen ſei über dem wilden Chaos der Welt, und jauch⸗ zend, das Antlitz überſtrömt von Thränen, und unter Thränen lächelnd, ſang Giulia: Will denn nichts mehr zu Dir dringen, Nichts der Liebe Bote ſein? Singen will ich, Lieder ſingen, Die Dir klagen meine Pein. Denn vor Liedesklang entweichet Jeder Raum und jede Zeit, Und ein liebend Herz erreichet, Was ein liebend Herz geweiht.*) Und hingeriſſen von ihrer Stimme, hingeriſſen von ſeinen eigenen Erinnerungen, von ſeinem eigenen Herzen, hob Beethoven die Hände von den Taſten empor, und breitete die Arme aus und rief: Giulia! Sie ſtieß einen Schrei aus, und ſprang vorwärts und warf ſich an ſeine Bruſt, ihn feſt umſchlingend mit ihren ſchönen vollen Armen.— Sie hielten ſich lange und innig umſchlungen, ſie ruhten Herz am Herzen, und der Gegenwart entrückt, träumten ſie noch einmal von ver⸗ gangener Liebe und vergangenem Glück. Giulia's Haupt ruhte an ſeiner Bruſt, er hob es empor, und legte es zwiſchen ſeine beiden Hände, und ſchaute es an mit einem wunder⸗ baren ſtrahlenden Ausdruck. Und ſo habe ich Dich wieder, Stern meines Lebens, ſagte er leiſe und tiefbewegt. Sieben Jahre lang habe ich Dich nicht geſehen, ſieben Jahre lang warſt Du mir von Wolken verhüllt. Ach, Giulia, es waren ſchreckliche Jahre voll Einſamkeit, Enttäuſchung und Qual. Sieh mich an, ſieh, was dieſe ſieben Jahre aus mir gemacht hgben, Giulia! Ich bin ein Greis geworden vor der Zeit! Nein, rief ſie, nein, Du biſt ein Mann, ein Jüngling, denn der Genius altert nicht. Und auch die Schönheit altert nicht, ſagte er, leiſe mit der Hand *) Der Anhang des Liedercyelus:„An die ferne Geliebte“ von Ludwig van Beethoven. 280 über ihr ſchönes Angeſicht hinſtreichend. Du biſt ſchön, wie damals, als ich Dich zuletzt ſah. Du haſt nicht gelitten, Du nicht! Die ſieben Jahre ſind an Dir vorübergerauſcht wie ein goldener Morgentraum! Was kümmert's Dich, daß da ein Menſch war, der um Dich litt und jammerte, ein Menſch, der Dir ſeine Seele gegeben und ſein Herz, ein Menſch, der Dich grenzenlos liebte, und den Du verrathen und verlaſſen hatteſt. Verlaſſen mußt' ich Dich! ſagte ſie laut und feierlich. Verrathen habe ich Dich niemals. Und warum verlaſſen! Warum? rief er zornig. Sie legte ihre beiden Hände auf ſeine Schultern, und blickte ihm tief in die Augen. Du weißt es, Beethoven, Du weißt warum! Weil wir nie einander angehören konnten, weil Gott es der armen kleinen Gräfin Giulia Giuccardi nicht geſtatten wollte, des großen reichen Beethoven Weib zu ſein. 5 Weil der vornehme Graf Giuccardi mimmermehr eingewilligt haben würde, ſeine Tochter eine Mesalliance machen, und ſie den Beethoven heirathen zu laſſen, rief Beethoven mit einem rauhen Lachen. Weil— Sie legte leiſe ihre kleine weiße Hand auf ſeine Lippen, und ſagte flehend: ſtill, oh ſtill! Das Schickſal trennte uns, und Du ſelber fühl⸗ teſt, daß es nicht anders ſein konnte. Weißt Du, was Du mir da⸗ mals geſchrieben, damals, als wir glaubten, uns nur auf Wochen zu trennen, und uns doch ſeitdem nicht wieder geſehen haben? Weißt Du's noch, was Du geſchrieben? Wie ſoll ich's wiſſen! ſagte er rauh. Meine Erinnerungen ſind mit meinem Herzblut ausgelöſcht. Die meinen nicht, ſagte ſie, und wenn ich ſie verloren hätte, würde ich geſtorben ſein Sr Schmerz. Sieh, daß ich meinen Erinnerungen treu geblieben! Sie zog aus der Taſche ihres Kleides ein Portefeuille hervor, und es öffnend nahm ſie aus demſelben ein zuſammengefaltetes Papier, das ſie Beethoven darreichte. Sieh, ſagte ſie, meinen Schatz; der letzte Brief von Dir an mich. Oh lies! Lies! Wenn Du Deine Güulia nicht vergeſſen haſt, ſo laß amals, ſieben traum! itt und Her, n und rrathen hn tief eil wit Grüfin thoven haben ethoven ßeil— d ſagte fühl⸗ ir da⸗ hen zu Weißt en ſind würde wugen 6 und r, da 1 mich ſo luß 281 mich von Deinen Lippen dieſe Worte hören, die ſo lange in meinem Herzen gebrannt. Lies! Er nahm das Papier, und mit ſeinen Blicken ihrem ſchlanken ro⸗ ſigen Finger folgend, der auf das Papier hindeutete, las er:„Leben kann ich entweder nur ganz mit Dir, oder gar nicht; ja, ich habe be⸗ ſchloſſen, in der Ferne ſo lange herum zu irren, bis ich in Deine Arme fliegen, mich ganz heimathlich bei Dir nennen, meine Seele, von Dir umgeben, in's Reich der Geiſter ſchicken kann! Ja, leider muß es ſein! Du wirſt Dich faſſen, um ſo mehr, da Du meine Treue gegen Dich kennſt. Nie kann eine Andere mein Herz beſitzen! Nie! Nie! Oh Gott, warum ſich trennen müſſen, von dem, was man ſo liebt? Und doch iſt mein Leben ſo wie jetzt ein kümmerliches Leben. Deine Liebe macht mich zum Glücklichſten und zum Unglücklichſten zugleich! Welche Sehnſucht mit Thränen nach Dir, mein Leben! Mein Alles!“*) Beethoven ſchwieg, das Blatt entſank ſeiner Hand, er hob die von Thränen umdüſterten Blicke gen Himmel und flüſterte: oh goldener Traum des Glückes, warum mußteſt Du ſo ſchnell verrauſchen? Oh, himmliſche Liebe, warum mußteſt Du mich verrathen! Sie hat Dich nicht verrathen, rief Giulia. Mein Herz iſt Dir treu geblieben. Ich fügte mich der Nothwendigkeit, ich ward die Ge⸗ mahlin des Grafen Gallenberg, weil es mein Vater befahl. Ich lebte mit ihm auf ſeinen Gütern in Rom und Neapel. Aber mein Herz vergaß Dich nie, meine Seele war immer doch bei Dir! Und jetzt, als ich mit meinem Gemahl heimkehrte nach Wien, jetzt galt Dir mein erſter Gedanke, Dir mein erſter Gruß! Und warſt doch nicht bei der Fürſtin Lichnowsky, wo ich hoffte und fürchtete Dich zu ſehen? Unſer erſtes Wiederſehen ſollte nicht entweiht werden von den Blicken der Menſchen, rief ſie glühend. In heiliger Einſamkeit wollte ich mit Dir der himmliſchen Vergangenheit mich erinnern, wollte Dir ſagen: Beethoven! Verzeihe Deiner Giulia! Ihr Körper hat Dich *) Bruchſtück aus einem Brief Beethovens an die Gräfin Giulia Giuccardi. Siehe Schindler: Biographie Beethovens. S. 56. 282 verlaſſen! Ihre Seele war immer bei Dir! Sieh mich an, Ludwig, ſieh, daß ich die Wahrheit ſage!— Er ſchaute lange und tiefbewegt in ihr Angeſicht. Ja, ſagte er, ich weiß, daß Du die Wahrheit ſprichſt. Aber wie Du mich auch ge— liebt haſt, ſtärker liebte ich Dich doch. Ein Himmelsgebäude war meine Liebe, feſt, wie die Veſte des Himmels. Und wo ich auch war, warſt Du bei mir!*) Und ſo ſei mir auch jetzt wieder willkommen, Stern meiner Jugend, willkommen, Giulia! Er nahm ihre beiden Hände und drückte ſie an ſeine Lippen, an ſeine Augen, an ſein ſtürmiſch pochendes Herz. Oh, ſagte er lächelnd, in dieſer Stunde möchte ich die Welt er⸗ obern, und ich fühl's, daß ich es könnte. Du haſt ſie ſchon erobert, rief Giulia, die ganze Welt liegt Dir zu Füßen und betet Dich an, und ich ſehe es, und freue mich Deiner Triumphe, und bin ſtolz auf meine Liebe. Oh, mein Beethoven, jetzt da wir in Stille und Einſamkeit das erſte Wiederſehen gefeiert haben, jetzt können wir uns begegnen im Geräuſch der Welt und der Geſell⸗ ſchaft. Jetzt will ich den himmliſchen Triumph haben, Kaiſer und Kö⸗ nige ſich beugen zu ſehen vor dem Genius, vor meinem Beethoven, vor dem Manne, den ganz Europa feiert, und der mich unſterblich ge⸗ macht, meinem Namen Glanz verliehen hat.**) Oh, welch' Entzücken, meinen Beethoven zu ſehen inmitten der Fürſten, der Könige und Kaiſer. Er, ihr Meiſter, ſie ihm huldigend als ſeine Vaſallen. Beethoven, nicht wahr, Du gönnſt mir dieſen Triumph? Du erfüllſt meine Bitte? Du kommſt heute Abend zum Erzherzog Rudolf? Du erlaubſt der Kaiſerin von Rußland, der Großfürſtin Catharina, Dich dort zu ſehen und zu ſprechen?***) Du nimmſt da die Huldigungen des Kaiſers Alexander, des Kronprinzen von Würtemberg an? *) Beethovens eigene Worte. Siehe: Anton Schindler. S. 65. **) Beethoven hat die Cis-moll-Sonate, die Sonata quasi Phantasia, der Gräfin Giulia Giuccardi, der„fernen Geliebten“ zugeeignet. ***) Beethoven hatte mit dem Erzherzog Rudolf das Uebereinkommen ge⸗ troffen, daß Niemand in das Zimmer des Erzherzogs eintreten durfte, ſo lange 283 drig, Beethovens Stirn hatte ſich verfinſtert, und mit mißtrauiſchen Blicken ſchaute er in Giulia's ſchönes Angeſicht. te er, Iſt es nur deshalb, daß Du gekommen biſt? fragte er düſter. gl⸗ Sie ſchüttelte lächelnd ihr Haupt, und legte ihre Hand ſanft auf neine ſeine Bruſt. Frage Dein Herz, ob ich deshalb gekommen bin? rief ſie. watſt Aber ich gönne der edlen Kaiſerin die Freude, Dich kennen zu lernen, Stern ich gönne mir den Triumph, zu ſehen, wie man Dir huldigt. Oh, Lieber, fliehe nicht die Menſchen, welche Dich verehren, und es on Dir beweiſen möchten. Oh, Lieber, komm' heute Abend zum Erz⸗ herzog Rudolf! Er reichte ihr ſeine beiden Hände dar. Sieh, wie ich Dich liebe, lt er⸗ ſagte er, denn ich bringe Dir das Opfer, das Du forderſt. Ich Dir komme zum Erzherzog, und wenn Du es willſt, werde ich muſiciren, einer phantaſiren, Alles, Alles was Du willſt, aber nur für Dich, für keine jetzt Fürſtin, und für keine Kaiſerin, nur für Dich! aben, Giulia jauchzte laut auf und küßte ſeine Hände. ſeſell⸗ Was thuſt Du, Giulia? rief er erſchrocken. F⸗ Ich neige mich in Demuth vor dem Genius, der höher und größer oven, iſt, als wir armes elendes Menſchengewürm, ſagte ſie lächelnd. Und ge⸗ jetzt, jetzt lebe wohl! Mein Beethoven, lebe wohl! Auf Wiederſehen, icen, heute Abend! und Oh, ich ſehe Dich immer, ſagte er lächelnd; nur in den dunkeln alen. Stunden der Schmerzen, da haben die Wolken mir meinen Stern fülſt verhüllt. Du Mögen die Wolken jetzt für immer verflogen ſein, rief ſie, ihren dich Schleier über ihr Antlitz werfend. nen Sie haben meinen Stern ſchon wieder verhüllt, rief er, auf dieſen Schleier deutend. Ihre glühenden Augen flammten ihm durch den Schleier hin⸗ durch den letzten Liebesgruß entgegen, dann öffnete ſie die Thür und verſchwand. a, der Beethoven bei ihm war, nur für den Erzherzog Carl, den Sieger von Aspern, n atte Beethoven eine Ausnahme gemacht. lange 284 Beethoven ſchaute ihr nach mit träumeriſchen Blicken. Lebe wohl, Stern meines Glückes, lebe wohl, flüſterte er. Dann hob er die Augen zum Himmel empor. Gott, rief er, Gott, wie gütig biſt Du! Ich habe in dieſen Tagen viel gelitten, aber Du haſt mich viel getröſtet! Gelobet ſeiſt Du Einziger, dem alle Dinge ihr Daſein ſchuldig ſind! Oh, jetzt möchte ich mich verſöhnen mit allen Menſchen, mit der ganzen Welt, denn ein Strahl des Glückes hat mein Haupt getroffen, und mein Herz wieder erwärmt. Warum kommen denn meine Brüder nicht, daß ich ſie wieder an mein Herz nehme! Und wo iſt Haslinger, der gute Tobias Haslinger. Ich bin geſtern böſe gegen ihn geweſen, und ich glaube, er hatte es nicht verdient. Ich that ihm und den Andern Un⸗ recht! Ich will wieder gut machen, ich will verſöhnen! Er eilte zu ſeinem Schreibtiſch, nahm die Feder, und ſchrieb mit fliegender Eile:„Gutes Adjutanterl! Es würde mir ſehr lieb und an⸗ genehm ſein, wenn Ihr heute zu mir kommt, da ich ſehr nothwendig mit Euch zu ſprechen habe. Adjutanterl, Ihr ſollt allen Groll, wie ein guter Chriſt, vergeſſen! Wir erkennen Seine Verdienſte, und verkennen nicht das, was Er nicht verdient. Kurz und rundum, wir wünſchen ſehr, Ihn zu ſehen! Ihr zugethanſter Generalliſſimus.*) Eben, wie er die Feder hinwarf, ließ ſich draußen im Vorſaal lautes Geräuſch zankender, ſtreitender Stimmen vernehmen, die indeſſen Beethovens Ohr nicht erreichten. Es waren Frau Streng und Herr Tobias Haslinger, welche im lebhaften Wortwechſel ſich ſtritten, Frau Streng, weil ſie Befehl hatte, Niemand vorzulaſſen, Herr Haslinger, weil er durchaus begehrte, ein⸗ gelaſſen zu werden, und mit ſeinem Begleiter, Herrn Umlauf, Beethoven zu ſprechen. Jetzt hatte er, trotz der guten Frau Schnaps dringender Abmah⸗ nung, die Thür erreicht, und ſie heftig öffnend, winkte er Herrn Um⸗ lauf, ihm zu folgen. Aber da, gleich an der Thür begegneten ſie Beethoven, Beethoven, *) Seyfried. Anhang. S. 32. 285 hl., die der eben im Begriff geweſen, hinaus zu gehen, um der Frau Streng ſeinen Brief zur Beſorgung zu übergeben. ſen Als er die Beiden gewahrte, brach er in ein lautes Lachen aus, eiſt und reichte Herrn Tobias Haslinger ſeinen Brief dar, und während ezt dieſer las, wandte er ſich zu dem Kapellmeiſter hin. t, Herr Umlauf, ſagte er freundlich, wann iſt Generalprobe? bi Morgen, ſchrie Umlauf, morgen, Herr van Beethoven, und ich uß wollte Sie beſchwören— ute Ich werde alſo morgen kommen und dirigiren, ſagte Beethoven ic freundlich, aber ich bitte Sie, daß Sie mir zur Seite bleiben, und mich unterſtützen, denn Sie kennen ja mein Unglück, und müſſen in meinem Namen das Orcheſter und die Sänger bitten, daß ſie Nach⸗ it ſicht haben mit einem armen Mann, der ſeine Muſik ſelber nicht 6 hören kann. dig ein ſen XI. 3 Die Auffüchrung der Schlacht von Bittoria. e Der neun und zwanzigſte November, der Tag, an welchem das i9 große Beethoven⸗Concert ſtattfinden ſollte, war gekommen. Die Stadt — Wien wollte mit dieſem Concert die anweſenden Monarchen und Diplo⸗ in⸗ maten des Congreſſes begrüßen, und ihnen im Namen Oeſterreichs en eine Huldigung darbringen. Deshalb hatte ſie eigens zu dieſem Con⸗ cert von einem öſterreichiſchen Dichter eine Cantate dichten, und dieſe, h⸗ um dem Feſt die höchſte Bedeutung zu geben, von Beethoven compo⸗ m⸗ niren laſſen. So war die Cantate:„der glorreiche Augenblick“ ent⸗ ſtanden, und ſie ſollte heute vor den Monarchen, den Congreßmitglie⸗ n, dern, der höchſten Ariſtokratie, ſo wie den Bürgern Wiens zur Auf⸗ führung gelangen. Der Magiſtrat hatte im Namen der Stadt ſeine Einladung an „ 286 die höchſten und hohen Gäſte ergehen laſſen, und Jedermann hatte ſie angenommen, die Einen, um die beiden neueſten Compoſitionen von Beethoven:„Wellingtons Sieg bei Vittoria“ und die Feſt-Cantate: „der glorreiche Augenblick“ zu hören, die Anderen, um die fremden Monarchen, und die berühmten Diplomaten zu ſehen. Jedermann war geſpannt, Jedermann wollte dieſem Concert beiwohnen, das zugleich eine Verherrlichung der Monarchen und des großen Tondichters war, welchen den Ihren nennen zu können, die Wiener mit Stolz erfüllte. In den weiten glänzenden Räumen der Redoutenſäle ſollte dies Concert ſtattfinden. In dem größten der Säle war eine Eſtrade er⸗ richtet für die Muſiker und Sänger, und dieſer Eſtrade gegenüber be⸗ fand ſich am anderen Ende des Saals eine eigene für dieſen Abend erbaute andere Eſtrade, auf welcher die hohen Gäſte der Stadt Wien ihre Plätze einnehmen ſollten, und über derſelben hatte man eine glän⸗ zende Tribüne errichtet, für den Kaiſerhof und die fremden Monarchen beſtimmt. Zu beiden Seiten dieſer hohen mächtigen Eſtrade, im Par⸗ terre, und in den ringsumherlaufenden Logen befanden ſich die Sitze für die Zuſchauer. Man hatte ſich bemüht, das Ganze der Feier des Tages angemeſſen zu decoriren. Die Treppen, die Galerien ſtrahlten daher im Glanz der Lichter, waren geſchmückt mit bunten Teppichen, mit Blumenguirlanden. Durch eine Art Hain von duftenden Orangen und Lorbeern, welche den Vorſaal einnahmen, gelangte man in den Hauptſaal, der feenhaft erglänzte im Strahl von achttauſend Kerzen, die von den ungeheuren, rings im Saal aufgeſtellten Candelabern er⸗ glänzten oder auf den rieſigen Kronleuchtern von Bergeryſtall ſtrahlten, und in Millionen leuchtender Prismen des Cryſtalls im wundervollen Farbenſpiel vervielfältigten. Die Wände waren mit koſtbaren Seiden⸗ ſtoffen behangen, die an goldenen Säulen und Agraffen befeſtigt wa⸗ ren, und die zur Aufnahme der hohen Gäſte beſtimmte Eſtrade glänzte von Gold und Purpurſammet.*) Die Muſiker hatten ſchon ihre Plätze eingenommen, und begannen mit dem Stimmen ihrer Inſtrumente; in dem ungeheuren Saal, in *) Comte de la Garde: Congreès de Vienne. Vol. I. eſe von 287 den Logen, in den Nebenſälen ſogar drängte ſich das glänzende, ge⸗ putzte Publikum, kein Platz war mehr leer. Ueber viertauſend Per⸗ ſonen waren ſchon verſammelt, und Alles harrte ſchon in ungeduldiger Spannung, in ſehnſuchtsvoller Neugierde, auf das Erſcheinen des Kaiſerhofes und ſeiner hohen Gäſte. Schon war die Eſtrade angefüllt mit den fremden und einheimiſchen Würdenträgern und Diplomaten, mit den Damen der Ariſtokratie, und ſtaunend ſchaute das Publikum zu ihnen hin. Welch' eine unendliche Mannigfaltigkeit der Uniformen, welch' eine funkelnde Menge von Orden und Decorationen, welch' eine Maſſe berühmter Perſönlichkeiten hier in Einem Raume zuſammen⸗ gedrängt! Da war Talleyrand und Metternich, die beiden Männer, welche über das Loos der Völker und Dynaſtieen die Entſcheidung fällten. Da war der Staatskanzler von Hardenberg, und neben ihm die beiden berühmten Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, da waren die ruſſiſchen Diplomaten Neſſelrode und Razumowsky, Pozzo di Borgo, Capo d'Iſtria, und der Freiherr vom Stein, da war der Vertreter Roms, der Cardinal Conſalvi, und die Geſandten Englands, Lord Caſtlereagh und Lord Stuart, da war auch Friedrich von Gentz, der Protocollführer des Congreſſes, geſchmückt ſchon mit faſt allen Orden der europäiſchen Monarchen, da war endlich die Schaar be⸗ rühmter Generäle, die ſich in den Feldzügen der beiden verfloſſenen Jahre Ruhm und Rang auf den ſiegreichen Schlachtfeldern erkämpft hatten. Und neben dieſen Berühmtheiten jeder Art, welch' eine Fülle ſchöner Frauen, im höchſten Schmuck der Toilette. Wenn ganz Europa in dieſem Augenblick nach Wien ſeine Vertreter des Ruhms und der Diplomatie beordert, ſo hatte es nicht minder dahin ſeine Vertreterinnen der Schönheit und Anmuth geſandt, und nie waren wohl in Einer Stadt ſo viel ſchöne Frauen verſammelt, als hier in Wien zur Zeit des Wiener Congreſſes. Jetzt endlich ſchmetterten die Trompeten des Orcheſters eine jubelnde Fanfare, die Thüren der Kaiſertribüne öffneten ſich, das ganze Publikum erhob ſich, um mit lautem Jubelruf die eintretende Kaiſerfamilie und deren erhabene Gäſte zu empfangen. Da ſah man die bleiche ſchöne Kaiſerin Ludovika von Oeſterreich, neben ihr die ſanfte mildlächelnde 288 Kaiſerin Eliſabeth von Rußland, beiden zur Seite die Königin von Baiern und die Großfürſtin Catharina, dann die Großfürſtin von Sachſen⸗Weimar, die Erzherzogin Beatrix, und die Fürſtin von Thurn und Taxis. Hinter den Damen, in ihren glänzenden Uniformen die beiden Kaiſer von Oeſterreich und Rußland, die Könige von Preußen, von Baiern, von Würtemberg und Dänemark, und die Schaar der Großherzoge, Herzoge und Fürſten, Alle geſchmückt mit den erſten Orden ihrer Freunde und Bundesgenoſſen, dem ſtaunenden Publikum ganz Deutſchland repräſentirend in ſeinen Fürſten, die in dem Wiener Congreß allein die Völker Deutſchlands vertraten. Nun endlich trat tiefe Stille ein in dem Saal. Die hohen Fürſten hatten ihre Plätze eingenommen, und es war daher auch dem Publikum erlaubt, ſich zu ſetzen. Von den Zuſchauerräumen richtete jetzt Jedermann die Blicke nach der gegenüberliegenden Eſtrade hin, wo im weiten ungeheuren Halb⸗ kreis die Sänger und das Orcheſter ſich befanden. Vor dieſem ſtanden auf einer kleinen Erhöhung zwei Pulte für die Dirigenten, für den Kapellmeiſter Umlauf und für Ludwig van Beethoven. Aber der Eti⸗ quette zuwider, waren dieſe Pulte ſo geſtellt, daß die Dirigenten dem Publikum den Rücken zuwandten. Beethoven, welcher nicht mit dem Ohr das richtige Einſetzen der Inſtrumente beobachten konnte, Beethoven mußte es mit den Augen thun, er mußte ſeine Truppen überſchauen können, mußte an der Bewegung der Violinbogen, an dem raſchen Fingerſatz der Flötiſten, dem ſchnellen Auf⸗ und Niederſchieben der Poſauniſten ſehen, ob ſie die Tempi richtig gewählt, ob ſie im gleich⸗ mäßigen Takt ſich vorwärts bewegten. Man hatte ſich geſtern in der Generalprobe hinlänglich verſtän⸗ digt über das doppelte Dirigiren der heutigen Aufführung. Beethoven, in ſeiner milden und glücklichen Stimmung, hatte es ſich ſelber erbeten, daß der Kapellmeiſter Umlauf ihm zur Seite bleibe, daß er bei der Cantate die Leitung der Sänger übernähme, während dem Componiſten das Dirigiren des Orcheſters verbleiben ſollte. Die Muſiker und Sänger hatten überdies ihre Verabredungen ge⸗ troffen, ſie waren vollkommen ihrer großen Aufgabe ſicher, und ganz 0 berei heite ſchw ein werd hobe Bee Dir nich Me der dar ſic ſic von von hur die en, der tſten ikum ener rſten ikum nach alb⸗ nden den Eti⸗ dem dem oven auen ſchen der eich⸗ ſtn⸗ ven, eten, der iſten 289 bereit, ſich ihrem berühmten Dirigenten in ſeinen Launen und Eigen⸗ heiten zu fügen, mit ihm zu retardiren, zu allegriren, und nur in den ſchwierigen Momenten vom Capellmeiſter Umlauf durch feſtes Tactiren ein Zeichen erwartend, um vor dem Auseinanderkommen bewahrt zu werden. Jetzt alſo, wie geſagt, trat eine tiefe Stille ein. Die Muſiker hoben ihre Bogen, ihre Inſtrumente empor; durch ihre Reihen ging Beethoven ruhigen, gelaſſenen Schrittes dahin, und trat an ſein Dirigenten-Pult. Das Publikum empfing ihn mit lautem Applaus, er hörte es nicht. Er hatte keinen Blick für das Publikum gehabt, nicht einen Moment war ſein Auge hinübergeflogen nach der Kaiſerloge, nach der Eſtrade. Was kümmerte Ihn dies Alles jetzt, Ihn, den Feldherrn, der nur daran dachte, ſeine Truppen in die Schlacht zu führen, und ihnen und ſich einen Sieg zu erkämpfen! Eine wunderbare Ruhe und Heiterkeit ſtrahlte von ſeinem Ange⸗ ſicht, und ſelbſt Das ſtörte ihn heute nicht in ſeiner hehren Ruhe, ſelbſt Das nicht, daß er heute, erſchöpft und abgeſpannt von ſo vielen und mächtigen Aufregungen der vergangenen Tage, keinen Ton, keinen Laut vernahm. Alles um ihn her war für ihn heute klanglos, ſchwei⸗ gend und öde; er hatte weder das Stimmen der Inſtrumente gehört, noch das Applaudiren des Publikums. Aber in ihm tönte und klang es in tauſend wundervollen Stimmen, und ſeine Muſik, die er von außen nicht vernahm, ſie hallte in ihren wechſelnden Rhythmen, in ihren erhabenen Melodieen, in ihrer tiefen Gedankenfülle vor ſeinem innern Ohre wieder, ſie gab ihm Luſt und Wonne, Verzweiflung und Schmerz, je nach ihren wechſelnden Sätzen. Er dachte und fühlte nur ſeine Muſik, und ſo vor dem Pult ſtehend, auf welcher die Partitur lag, ward Beethoven gewiſſermaßen zum mimiſchen Darſteller ſeiner Muſik, dramatiſirte er ſeine Muſik den Muſikern, wie den Spielern. Was kümmerte ihn daher das regelrechte Tactiren, das herkömmliche Auf- und Nieverſchlagen. Bei jeder ſtark markirten Note ſchlug er nieder, gleichviel ob ſie auch in einem ſchlechten Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd 19 290 Tacttheile war; bei klagenden Stellen ward ſeine Miene düſter, ſein Blick ſchwermuthsvoll; grollte der Zorn in ſeiner Muſik, ſo ward auch ſein Antlitz zornig, ſo blitzten ſeine Augen, und ſchwere Wolken lagerten ſich auf ſeiner Stirn. Löſten ſich dann aber die Stürme der wogenden Töne, ſo ſchwand auch der Zorn aus Beethovens Antlitz, und ſein Auge glänzte wie in ſeligem Schauer. Trat eine Stelle ein, welche nur leiſe hingehaucht werden durfte, welche Piminuendo gegeben wer⸗ den ſollte, ſo ſchien Beethoven kleiner, immer kleiner in ſich zuſammen zn kriechen, und beim Pianiſſimo ſah man ihn nicht mehr, ſchien er unter dem Pult zu verſchwinden. Aber dann allgemach, je mehr die Tonmaſſen ſich wieder hoben, und empor ſchwollen, trat auch Beethovens Geſtalt wieder hervor, ward, je höher die Muſik aufrauſchte, immer größer, ſchien mit den ſchwellenden Tönen anzuwachſen, und bei dem jubelnden Zuſammenrauſchen aller Inſtrumente hob er ſich empor auf den Zehenſpitzen; mit beiden erhobenen Armen durch die Luft wellen⸗ förmige Kreiſe ziehend, ſchien er in ſeiner Verzückung bereit, empor zu ſchweben in den Himmel, den ſeine Muſik ihm offenbart, und geöffnet hatte.*)— Freilich war bei ſolchem Dirigiren es den Muſikern ſchwer, dem entzückten Dirigenten zu folgen, aber Kapellmeiſter Umlauf war da, immer aufmerkſam, immer bereit durch Wink und Zeichen die Mu⸗ ſiker zu orientiren und zuſammenzuhalten, und Beethoven, wie geſagt, aus ſeinen Entzückungen ſich wieder der Wirklichkeit zuwendend, orien⸗ tirte ſich ſchnell wieder, indem er mit ſeinem ſcharfen Auge an dem Strich der Bogeninſtrumente errieth, welche Figur die Muſiker eben vorzutragen hatten.—— Das Concert war zu Ende. Das Publikum hatte ihm in athem⸗ loſem Schweigen, hingeriſſen von der erhabenen, wunderbaren Muſik des großen Meiſters, zugehört, ihm in ſtaunender Bewunderung zuge⸗ ſehen. Jetzt, da die letzten Töne verhallten, jetzt machte ſich das Ent⸗ zücken, die Freude, die Bewunderung in einem allgemeinen, ungeheuren Sturm des Beifalls laut. Beethoven hörte es nicht. Er ſtand, dem Publikum abgewandt, *) Seyfried. Anhang. S. 17. wa rie A un ihr ſei un eit m Ur en dt, 291 vor ſeinem Pult, und lauſchte noch auf die Muſik, die leiſe in ſeinem Innern verhallte. Er dachte nicht an das Publikum, er wußte nichts von ihm. Aber das Publikum wollte ihn ſehen, ihm danken, und ein zweiter ungeheurer Beifallsſturm erſchallte. Selbſt die Kaiſer und Könige, und die hohen Fürſtinnen hatten ihre Plätze noch nicht verlaſſen, denn auch ſie wollten den großen Meiſter ſehen, ihn begrüßen mit ihrem Lächeln, ihren Blicken. Aber Beethoven ſtand noch immer abgewandt da. Das Publikum ward ungeduldig, erzürnt über das lange Zaudern des Meiſters, es rief ſeinen Namen, es applaudirte immer fort. Beethoven ſtand immer noch abgewandt. Er hörte nicht das Applaudiren, hörte auch nicht, daß Umlauf ihm zurief, er müſſe ſich umwenden, müſſe danken. Und endlich jetzt, da der Kapellmeiſter ſich ihm nicht verſtändlich zu machen wußte, umſchlang er ihn haſtig mit ſeinen beiden Armen, wandte ihn um, das Antlitz dem Publikum zu, und deutete mit dem erhobenen Arm in den Saal hin. Das Publikum verſtand dieſe Pantomime, es verſtand das ganze unermeßliche Unglück Beethovens, und den ganzen Saal durchrauſchte ein Schrei des Mitleids, der Klage, des Erbarmens. Bis jetzt hatte man nur den großen Componiſten gefeiert, jetzt wollte man auch ſein Unglück feiern. Wie von einem electriſchen Schlage ergriffen, einmüthig, wie in Einem Herzſchlag der Empfindung, erhob ſich das ganze Publikum, nicht blos das Publikum des Parterre's und der Logen, ſondern auch das der Eſtrade und der Kaiſertribüne. Dort droben auf der Tribüne, hingeriſſen von Begeiſterung, Thränen des Mitgefühls in den Augen, erhob ſich die Kaiſerin Eliſabeth von Rußland, um Beethoven zu be⸗ grüßen mit einem Wink ihrer Hand, mit einem Neigen ihres edlen Hauptes, mit einem ſüßen, mitleidsvollen Lächeln. Und ihrem Beiſpiel folgend erhob ſich auch die Kaiſerin von Oeſterreich und begrüßte den Meiſter, und alle Fürſtinnen richteten ſich empor, und die Kaiſer und Könige, Herzöge und Fürſten, ſelber bewegt von dem großen, rührenden Moment, neigten ihre Häupter, um dem erhabenen Genie, dem er⸗ habenen Unglück ihre Huldigung darzubringen. 1 292 — Und jetzt, da drunten auf der Eſtrade hob die ſchöne Gräfin Giulia Giuccardi Gallenberg ihren weißen, mit goldenen Spangen ge⸗ geſchmückten Arm hoch empor, die von Brillanten funkelnde Hand hielt einen Lorbeerkranz, mit mächtigem Schwung ſchleuderte ſie ihn fort, daß er den Raum durchmaß und niederfiel zu den Füßen des Meiſters. Und von den Logen hernieder flatterten roſa und weiße Papiere, auf denen Gedichte gedruckt waren zu Ehren Beethovens. Und Aller Blicke waren ihm zugewandt. In dieſem Moment hatte man alles vergeſſen, gab es keine Kaiſer und Könige, keine Congreßherrlichkeiten, und keine berühmten Diplomaten mehr in dieſem Saal, ſondern nur Beethoven, und nur ihm wollte man huldigen. Und Beethoven, welcher den Jubel des Publikums nicht gehört hatte, er ſah ihn jetzt, er ſah Giulia, welche, das ſchöne Antlitz von Thränen bethaut, ihn grüßte mit einem ſeligen Lächeln. Er ſah nieder auf den Lorbeerkranz, der zu ſeinen Füßen lag, dann mit einem heißen Dankesblick empor zum Himmel und ein ſel⸗ tenes Lächeln des Glückes verklärte ſeine Züge. Viertes Buch. Le congroès danse, mais il ne marche pas. l. Das Diner beim Fürſten Tigne. Fürſt Ligne gab heute in ſeiner Villa auf dem Kalenberg ein Diner. Es war indeſſen keins dieſer Monſtrediners, wie ſie jetzt alle Tage in Wien in den höchſten ariſtokratiſchen Kreiſen ſtatt fanden, ſondern nur ein kleiner Kreis von Freunden war von dem Fürſten geladen worden, und nicht die reiche Zahl der Schüſſeln und Weinſorten, ſondern die Unterhaltung, die herüber und hinüber fliegenden Geſpräche, ſollten den Hauptgenuß dieſes Diners en gargon ausmachen. Ich ſage Ihnen, meine Freunde, rief der Fürſt, als er im Kreiſe der neun Herren, die er geladen, um den runden Tiſch des Eßſalons Platz genommen, ich ſage Ihnen, Sie werden heute bei meinem Tiſch Gelegenheit finden, ſich von den merveilleuſen Diners zu erholen, de⸗ nen Sie täglich beiwohnen, und welche Ihnen zuletzt doch nur Lange⸗ weile und Indigeſtionen machen werden. Ich hatte mir daher vorge⸗ nommen, an Ihnen zum Wohlthäter zu werden und Sie zu kuriren, wie jener Franzoſe den Holländer kurirte, dem er auf dem Wege nach Paris in der Poſtkutſche begegnete. Der Franzoſe war ein vornehmer, mächtiger Staatsbeamte, den einmal die Laune anwandelte, Incognito in der Diligence zu fahren, und der auf dieſer Fahrt den reichen dicken Holländer traf. Sie wurden bald vertraut mit einander und der Hol⸗ länder geſtand ſeinem neuen Freunde, daß er ſich nach Paris begebe, um ſich von dem Doctor Peyronnet für hundert Ducaten das Geheim⸗ mittel zu kaufen, wie man aus einem Falſtaff ſich in einen Adonis verwandeln könne, was allerdings dem ungeheuren Wanſt des Hollän⸗ 296 ders eine ſehr willkommene Verwandelung geweſen ſein würde.„Mein Herr,“ ſagte der Franzoſe,„der Doctor Peyronnet iſt ein Betrüger, ſein Geheimmittel iſt nur darauf berechnet, Sie um hundert Dukaten, aber nicht um ein einziges Pfund Fleiſch leichter zu machen. Ich weiß indeſſen ein unfehlbares Mittel, Sie Ihres Ueberfluſſes zu entäußern, und Sie in einen ſchlanken Jüngling zu verwandeln. Einen Tag nach unſerer Ankunft in Paris will ich es Ihnen mittheilen, bis dahin ge⸗ nießen Sie Ihres Daſeins und ſeien Sie froh.“— Am Tage nach ihrer gemeinſamen Ankunft in Paris erwartete der Holländer ſeinen franzöſiſchen Freund vergeblich, ſtatt ſeiner erſchienen einige Häſcher, die eine lettre de cachet vorzeigten, und ihn trotz ſeines Sträubens und der Betheuerungen ſeiner Unſchuld in der vor dem Hauſe bereit⸗ ſtehenden, dicht verſchloſſenen Kutſche nach der Baſtille brachten. Dort ſaß der Unglückliche zwei Monate in einem elenden niedrigen Gefäng⸗ niß, und nicht allein die elende Koſt, die in nichts Anderem beſtand, als in Waſſer und Brod, ſondern auch der Zorn, der Gram, die Wuth machten ihn ſo mager, wie nur je das Geheimmittel des Doctors Pey⸗ ronnet es vermocht haben würde. Nach zwei Monaten endlich öffneten ſich die Pforten ſeines Gefängniſſes eben ſo geheimnißvoll, als ſie ſich ihm geſchloſſen hatten. Der Holländer war frei, und ſein erſter Gang war zu ſeinem mächtigen, franzöſiſchen Freund, den er beſchwor, ihm Gerechtigkeit und Genugthuung zu verſchaffen für den Frevel, den die franzöſiſche Regierung an ihm begangen. Der Franzoſe ſah ihn er⸗ ſtaunt und lächelnd an.„Mein Freund,“ ſagt er,„weder die Regie⸗ rung, noch Ihre Feinde haben Sie in die Baſtille gebracht, ſondern ich allein. Verſprach ich Ihnen nicht, Ihnen einen Tag nach unſerer Ankunft in Paris ein Mittel zu geben, das Sie ſchlank machen ſollte, ohne Ihnen hundert Dukaten zu koſten? Nun wohl, mein Herr, ich habe mein Wort gehalten! Dank meinem Mittel, ſind Sie ſchlank ge⸗ worden, wie ein Adonis, das hat Ihnen durchaus nichts gekoſtet.“ Der Holländer warf ſeinem Freunde einen Blick der Verachtung zu, und verließ ihn, ohne ihm für die empfangene Wohlthat zu danken. — In dieſer Weiſe alſo, meine Freunde, will ich Ihr Wohlthäter werden, fuhr der Fürſt von Ligne fort, ich will Sie hungern laſſen, dami u Freu fn ſes ſollt meir Fir dur war Nie erf ſch in hi Rein ger, aten, weiß zern, nach ge⸗ nach einen ſcher, bens ereit⸗ Dort äng⸗ tand, Wuth Peh⸗ neten ſich Hang ihm ndie ner⸗ egie⸗ ndern ſerer ſollte, ich k ge⸗ ſtet“ 9 z nken⸗ häter aſfen, 297 damit Sie ſich erholen von Ihren geſtrigen Diners, ſich vorbereiten zu Ihren morgenden Diners. Sie ſind alſo benachrichtigt, meine Freunde! Wir ſind benachrichtigt, ſtatt irdiſcher Speiſe Götterſpeiſe zu em⸗ pfangen, ſagte Graf Novoſilitzow, der Freund und Vertraute des Kai⸗ ſers Alexander. Wenn es uns wirklich an pikanten Speiſen fehlen ſollte, ſo ſind wir ſicher, von Ihnen pikante Bonmots zu empfangen, mein Fürſt. Ach, ich fürchte, die Zeit meiner Bonmots iſt vorüber, ſeufzte der Fürſt; ich verſtehe mich nicht mehr auf dieſe Zeit, und wenn ich jetzt durch Eure Geſellſchaftsſäle ſpaziere, ſo komme ich mir vor wie ein wandelndes Geſchichtsbuch des vorigen Jahrhunderts, in dem aber Niemand nachſchlagen will, um die Geſchichte der Vergangenheit zu erfahren, weil Jedermann Kopf und Herz angefüllt hat von den Ge⸗ ſchichten der Gegenwart, und ſich einbildet, dieſe Gegenwart ſei viel intereſſanter, als die Vergangenheit, was, unter uns geſagt, indeſſen nicht der Fall iſt. Aber Ew. Durchlaucht thun ſich ſelber Unrecht, und Sie beſchul⸗ digen auch uns ungerechterweiſe, rief Fürſt Ppſilanti lebhaft. Sie, mein Fürſt, gehören keineswegs der Vergangenheit und dem vorigen Jahrhundert an, ſondern Sie ſind ein Glanzpunkt unſerer Gegenwart. Wir aber, die wir die Gegenwart vertreten, wir ſind nicht ſo entartet und verderbt, daß wir den Geiſt, den Witz, die Weisheit und Güte, welche alle Ew. Durchlaucht vertreten, nicht mit Ehrfurcht und Be⸗ wunderung erkennen ſollten. Ich beſchuldige Sie Alle nicht, ſagte Fürſt Ligne lächelnd, ich mache es wie die Engländer, ich ſage bei jeder Beſchuldigung: ex— y Sie müſſen das Ein- für Allemal feſt⸗ als deren Apollo ich mich heute heute cepted the present compan halten, meine würdigen neun Muſen etablire. Sie müſſen dieſes„excepted the present company⸗ in Ihr Gedächtniß einprägen, denn es kann mir geſchehen, daß ich tmüthig und milde von der Gegenwart, und beſonders nicht immer ſanf und da Sie Alle Beiden an⸗ von dem hier tagenden Congreß ſpreche, ——— 3 298 tionir gehören, ſo würden Sie ſich beleidigt fühlen ohne das vermittelnde tiny Wort der Engländer. du 6 Ich lege Proteſt ein, rief Ppſilanti. Ich gehöre nicht zum Con⸗ guln greß, vielmehr bin ich als demüthiger Bittſteller hier, der bei dem Enn hohen Congreß für die Freiheit und Unabhängigkeit des herrlichen Griechenlands, meines Vaterlandes, petitionirt. i Und ich, mein Fürſt, ſagte der Graf de la Garde, ich habe gar in nichts mit dem Congreß zu ſchaffen, ich bin nur hier als einfacher Zu⸗ duf ſchauer, der blos die Gelegenheit benutzt, ſeine Freunde aus Oſt und Weſt hier zu begrüßen. Auch ich habe leider nicht die Ehre, zum Congreß zu gehören, ſeufzte der Graf von Manfredi, denn wenn ich's thäte, würde meine pehn arme ſchöne Venezia nicht in der Lage ſein, beim Congreß um ihre hn Freiheit zu flehen. Und wenn ich zum Congreß gehörte, rief Graf Luccheſini, ſo würde die ſchöne Herzogin von Toscana als anerkannt ſouveraine Fürſtin hier vertreten ſein, und nicht nöthig haben, um Lucca's und Piombino's Beſitz zu kämpfen. hab Was mich betrifft, ſeufzte Graf Czartorisky, ſo bin ich auch nur ten der Bittſteller meines armen Polens, das vom Congreß ſeine Freiheit din und Selbſtſtändigkeit erwartet. ſ Ich bin auch nur hier als Bittſteller, ſagte Graf Serra Ferranti, als Bittſteller meines Herrn, des Königs Joachim Murat, und ich N habe auch nur zu petitioniren, nicht mit zu entſcheiden. W Und ich, rief Graf Steckelbach lachend, ich bin nur hier als Ab⸗ Si geſandter der kleinen deutſchen Fürſten, die vom Congreß die Wieder⸗ Gr herſtellung des Deutſchen Kaiſerthums erflehen wollen, aber denen der ln Congreß bis jetzt kein willig Ohr geliehen. S Und mich hat Sachſens Unglück herbeigeführt, ſagte Baron von ba Seelbach ſeufzend, ich will den Congreß im Namen Sachſens beſchwören, ½ der uns unſern geliebten und unglücklichen König wiederzugeben. 6 Demnach ſcheint es, als ob ich nur zum Congreß gehören ſoll, 6 ſagte Graf Nowoſilitzoff lächelnd, aber ich lehne dieſe Ehre auch für Fi mich ab. Ich bin freilich nicht hier, um für irgend ein Land zu peti⸗ telnde Con⸗ dem lichen egar Zu⸗ tund ören, neine ihre ürde irſtin ino's nur iheit anti, ich der⸗ der von ren, 299 tioniren, aber doch um für irgend ein Land Glück und Frieden zu er⸗ kämpfen, und dieſes Land iſt Polen. Indeſſen, fuhr er fort, ſich an den Grafen Czartorisky wendend, das Glück kann, wie ich glaube, den Polen nur durch meinen Herrn, den Kaiſer Alexander, kommen, der Congreß wird nichts für Polen thun! Ach, ich athme auf, Graf, ſagte Fürſt Ligne, Ihre letzten Worte beruhigen mich, denn Sie beweiſen mir, daß Sie, gleich uns Allen, keine Bewunderung hegen für den Congreß. Habe ich Recht, Herr Graf? Sie haben vollkommen Recht, mein Fürſt. Sie geben uns alſo den Congreß Preis? Wir dürfen damit um⸗ gehen wie abgewieſene Freier, die von der Schönen einen Korb erhalten haben, und ſich nun rächen, indem ſie von ihr die ſchönſten Dinge, nämlich die Wahrheit ſagen? Ich gebe Ihnen den Congreß Preis, und zwar von Herzen. Aber, mein Fürſt, rief Ypſilanti, Sie haben da, verzeihen Sie mir die Rüge, Sie haben da einen falſchen Vergleich gemacht. Sie haben uns als Freier bezeichnet, die von der Schönen, um die ſie ſich bewerben, einen Korb erhalten haben und abgewieſen ſind. Der Himmel möge aber verhüten, daß wir wirklich Körbe erhalten und ab⸗ gewieſen werden!. Der Himmel wird es nicht verhüten, rief Fürſt Ligne achſelzuckend. Ich habe das Alter einer Sybille, und kann daher prophezeihen wie eine Sybille. Ich ſage Ihnen, Sie werden Alle abgewieſen werden. Sie, Fürſt Ypſilanti, Sie werden die Sonne der Freiheit nicht über Griechenland aufleuchten ſehen, denn die eiferſüchtigen Augen von Ruß⸗ land und der Türkei werden immer wieder neue Wolken vor dieſer Sonne aufthürmen. Sie, Graf Manfredi, Sie werden die Republik Venedig nicht wieder herſtellen, denn der Doppeladler liebt das Blut der Republiken, und da er ſchon von dem Euren gekoſtet, wird er Euch ganz verſpeiſen wollen. Sie, Graf Luccheſini, Sie werden der ſchönen Madame Bacchioechi, Herzogin von Toscana, nicht Lucca und Piombino heimbringen, denn wenn Sie heimkommen, iſt ſie vielleicht nicht mehr Herzogin. Sie, Graf Serra Ferranti, Sie werden dem 300 tapfern König Jvachim Murat ſein Königreich nicht erhalten können, denn Frankreich will es nicht, und das Princip der Legitimität ſchreit wider Sie. Ihnen, Baron Seelbach, wird man nicht Sachſen wieder geben, ſondern höchſtens den zerfetzten und beſchnittenen Königsmantel Sachſens. Und was Sie anbetrifft, mein armer Graf von Steckel⸗ bach, ſo ſollten Sie doch wiſſen, daß der deutſche Kaiſer im Kyffhäuſer ſchläft, und daß der Congreß ihn nicht wecken kann. Sie werden Alle, Alle Körbe erhalten, Sie unglücklichen, abgewieſenen Freier des Con⸗ greſſes! Glauben Sie das mir, Ihrer Sybille. Ein ſchlimmes Prognoſtikon, das Sie aufſtellen, Fürſt, ſagte Alexander Ypſilanti düſtex. Sie ſind alſo alles Ernſtes überzeugt, Durchlaucht, fragte der Graf Ferranti, überzeugt, daß der Congreß nichts für uns Alle thun wird? Mein Freund, ſagte der Fürſt ernſt, der Congreß wird überhaupt gar nichts thun, der Congreß redet viel, macht viel von ſich reden, aber er thut nichts. Doch nein, ich irre mich. Der Congreß iſt doch nicht müßig, er thut doch etwas. Der Congreß tanzt, aber er geht nicht vorwärts!*) Ach, das iſt ein Wort, welches ganz genau den Congreß charak⸗ teriſirt, rief Graf Novoſilitzoff lachend. Es iſt wahr, der Congreß tanzt, aber er geht nicht vorwärts. Alle die großen Angelegenheiten, um derenwillen der Congreß ſich hier verſammelt hat, ſie ſind noch alle auf demſelben Punkt, auf dem ſie geweſen, nichts iſt entſchieden, Alles iſt in suspenso geblieben, und da Alle Alles für ſich, und Nichts für die Andern wollen, ſo wird Nichts geſchehen. Der Congreß iſt zuſammengetreten, um den allgemeinen Frieden wieder herzuſtellen, aber er wird auseinandergehen, weil er ſich in den allgemeinen Krieg hin⸗ eingeredet hat. Jeder dieſer Herren iſt auch nicht gekommen, um Frieden zu machen, *) Berühmtes Wort des Fürſten von Ligne. Le congrès danse, mais il ne marche pas. ſonde Czar dere ſpre Vilk Pil Pill ſelb ſon und los erſ hie m önnen, ſchreit wieder nantel teckel⸗ häuſer Alle, Con⸗ ſagte te der chaupt reden, ſt doch geht haral⸗ ongref heiten, d noch hieden, nh reß iſt , aber g hin⸗ achen, mais 301 ſondern um Land zu erobern und Seelen zu gewinnen, ſeufzte Graf Czartorisky. Seelen zu gewinnen! ſagte Fürſt Ligne lächelnd. Ich bewun⸗ dere die Klugheit, mit der man es vermeidet, von den Völkern zu ſprechen. Es iſt wirklich eine echt diplomatiſche Umſchreibung, die Völker jetzt nur als ſo und ſo viel Seelen zu bezeichnen, und allen Völkerverband damit aufzuheben. Man hat ſo ſehr viel durch die Völker gethan, daß es am Ende FPflicht wäre, auch etwas für die⸗ ſelben zu thun. Es iſt deshalb beſſer, gar nicht von ihnen zu reden, ſondern nur von ihnen als von Seelen zu ſprechen, die man herüber und hinüber ſchenkt. Ph bien, der Congreß will dadurch beweiſen, daß er nicht ſeelen⸗ los iſt, ſagte Graf Ferranti achſelzuckend. Und jedenfalls auch nicht herzlos, rief Graf Luccheſini, ich bin erſt ſeit einigen Tagen hier, aber ich ſehe mit Erſtaunen, daß man hier ſehr viel Seelen und ſehr viel Herz hat. Ich kam hierher, um mich voll Ehrfurcht und ſcheuer Demuth dem hohen Areopagus zu nahen, welcher der Welt den Frieden geben, und über die Geſchicke der Länder entſcheiden ſoll, und ſtatt deſſen finde ich hier einen Con⸗ greß, der mehr dem Liebeshof des Königs René gleicht, und an dem man ſich mehr mit ſchönen Feſten, zarten Liebesangelegenheiten, und neuen Tänzen beſchäftigt, als ſich um die ernſten und langweiligen Dinge der Politik und Staatskunſt bekümmert. Der Congreß ſingt, tanzt, courtoiſirt und mediſirt mehr, als daß er ſtudirt und arbeitet. Aber warum verlangen Sie auch, was der Congreß nicht leiſten kann, ſagte Fürſt Ligne achſelzuckend. Ich will Ihnen ein Geheimniß ſagen, meine Freunde, man hat ſich über die Bedeutung des Congreſſes getäuſcht, das iſt der ganze Uebelſtand. Der Congreß iſt nicht zuſam⸗ mengetreten, um über das Glück der Völker zu berathen, ſondern um für das Vergnügen und die Zerſtreuung der Fürſten zu ſorgen. Die Kaiſer und Könige haben ſich einmal, um von ihren vielen Arbeiten auszuruhen, Ferien gegeben, und ſie haben ihre Ferienreiſe nach Wien gemacht, weil dies in der That die Stadt des heitern Lebensgenuſſes —— 302 und der ungezwungenen Freuden iſt.*) Nun, und wer wollte es den armen Königen verdenken, daß ſie ihre Ferien ein bischen genießen möchten? Aber ich weiß nicht ganz genau, ob ſie am Ende dieſer Fe⸗ rienzeit und dieſer Feſte ſo zu ſich ſprechen können, wie mein edler Kaiſer Joſeph der Zweite an jedem Abend zu ſich ſelber ſprach. Wenn er den ganzen Tag an den Reformen gearbeitet hatte, durch die er ſeinen Namen unſterblich gemacht hat, die ihm aber leider in das Grab gefolgt ſind, dann gab er ſich am Abend einen leiſen Schlag auf ſeine eigene Wange und ſagte:„Jetzt kannſt Du ſchlafen gehen, Joſeph, ich bin mit Dir zufrieden! Du haſt genug gearbeitet!“ Nein, Durchlaucht haben Recht, ſagte Graf Ferranti, die Herren des Congreſſes werden es dem großen Joſeph nicht gleich thun, ſie werden ſich weder ſo anreden können, noch auch werden ſie ſich ſelber einen Backenſtreich geben. Der Congreß tanzt, aber er ſchlägt ſich nicht! Doch! Er hat ſich geſchlagen, rief Graf Steckelbach. Wiſſen Sie nicht die große Neuigkeit des Tages? Zwei Herren vom Congreß haben ſich geſchlagen. Der preußiſche Miniſter Wilhelm von Hum⸗ boldt und der preußiſche Kriegsminiſter von Boyen haben ein Duell gehabt. Und weiß man, weshalb? Um eine Frage der Etiquette! Herr von Boyen war zü einer der Congreßſitzungen berufen, um über eine Sache, welche die preußiſchen Etappenſtraßen betrifft, zu ſprechen. Er blieb in der Sitzung, obgleich man nachher zu anderen Verhandlungen überging, und der Herr von Humboldt ſoll ihn alsdann auf nicht ſehr höfliche Weiſe aufgefordert haben, ſich zurückzuziehen. Das war der Grund der Herausforderung, die der Miniſter von Boyen dem Baron von Humboldt zugeſandt. Und das Duell kam wirklich zu Stande? Ja, es kam zu Stande. Herr von Boyen verfehlte ſeinen Gegner, darauf nahm Herr von Humboldt ſein Piſtol und ſchoß in die Luft, indem er ſagte: Ich muß nur gleich ſo hoch als möglich zielen, denn *) Des Fürſten Ligne eigene Worte. Siehe: Comte de la Garde Con- grès de Vienne. II. bei 1 treffe wirj ſo ſo ein 6 uir twa ſpice gut pika Koe Gr ſtan um erj Gr Fin lle die Co Me auc der au es den nießen er Fe⸗ edler Venn die et Grab f ſeine h ich etten n, ſie ſelbet nicht! nSie ngreß Hum⸗ Duell r der iſchen gleich r von ordert rung, gner, Luft, denn Col bei meiner Ungeſchicklichkeit wäre ich im Stande, aus Verſehen zu treffen.*) Ein allerliebſtes Bonmot, ſagte Fürſt Ligne lächelnd. Und da wir jetzt bei dem Capitel von den Neuigkeiten des Congreſſes ſtehen, ſo ſollten wir uns Alle verpflichten, Jeder irgend eine Neuigkeit, irgend ein Capitel aus der chronique scandalense vorzutragen. Sehen Sie, wir ſind ſchon bei unſerm Braten angelangt, machen wir dieſe Faſanen etwas pikant, indem wir ſie ein wenig mit Trüffeln des Congreſſes ſpicken. Sind Sie einverſtanden? Wir ſind einverſtanden! riefen die Herren lachend. Etwas ſcharfer Mixedpickle⸗Salat wird dem verwöhnten Gaumen gut thun, ſagte Graf Novoſilitzoff lächelnv. Reichen Sie uns alſo ein wenig davon, Graf, rief Fürſt Ligne. Ah, Durchlaucht, ich verſtehe mich ſchlecht auf die Zubereitung ſo pikanter Speiſen. Ich bin ein guter Feinſchmecker, aber ein ſchlechter Koch. Doch will ich ſagen, was ich weiß. Unſer hieſiger Geſandte, Graf Razumowsky, iſt geſtern von dem Kaiſer Alexander in den Fürſten⸗ ſtand erhoben worden; er iſt ſehr froh darüber, und beeifert ſich jetzt um ſo mehr, das Feſt recht auserleſen und glänzend zu machen, das er in ſeinem Hötel vorbereitet, und mit dem er den Namenstag der Großfürſtin Katharina feiern will. Er hat ſich vorgenommen, den Fürſten und dem Congreß ein Zauberfeſt zu bereiten, das an Pracht, Ueppigkeit und Abwechſelung Alles übertreffen ſoll, was man hier in dieſen Zeiten glänzender Feſte geſehen hat. Ein neues Feſt! Hurrah, ein neues Feſt! rief Fürſt Ligne. Der Congreß wird ſeine Schuldigkeit thun, er wird tanzen! Wenn er noch lange Zeit dazu haben wird, ſagte Graf Manfredi. Man iſt nicht mehr immer in heiterer Roſenlaune. Man zankt ſich auch bereits auf dem Congreß. In einer der letzten Sitzungen, an der die Fürſten Theil nahmen, kam es zu ſehr heftigen Erörterungen. Man ſprach von Sachſen, deſſen Beſitz der König von Preußen durch⸗ aus beanſprucht. England und Oeſterreich erklärten ſich wider Preußen, *) Memoiren des Freiherrn von Wolzogen. S. 275½ —— 1 3 3 6 11 5 304 und unterſtützten ſeine Anſprüche nicht. Der König von Preußen, ge⸗ reizt von ſo viel Widerſpruch, warf im Unmuth ſeinen Handſchuh auf den Tiſch. Wollen Ew. Majeſtät den Krieg? fragte Lord Caſtlereagh, der engliſche Geſandte.— Vielleicht, mein Herr, rief der König.— Oh, Sire, ſagte Caſtlereagh, ich wußte nicht, daß man die Gewohn⸗ heit hat, den Krieg ohne die engliſchen Guineen zu machen. Eine allerliebſte Antwort, die dem Engländer Ehre macht, rief Fürſt Ligne, und zu unſerm Braten paßt, denn ſie hat wirklich etwas von der Schärfe des mixedpickle an ſich. Erlauben Sie mir, Fürſt, Ihnen dazu ein kleines Gegenſtück zu liefern, ſagte Graf de la Garde. Ein Bonmot des Fürſten Talleyrand Pörigord, das duftig und pikant iſt, wie die Trüffeln von Périgord. Es betrifft auch das arme Sachſen, das der König Friedrich Wilhelm durchaus in Beſitz nehmen will. Er machte neulich in einer Sitzung Talleyrand lebhafte Vorwürfe, daß er ſich zu warm der Sache des Königs von Sachſen annehme. Er verdient das wahrlich nicht, ſagte Friedrich Wilhelm, denn der König von Sachſen iſt der einzige Ver⸗ räther an der Sache Europa's geweſen. Verräther, antwortete Talleyrand, aber von welchem Datum, Sire? Oh, ſchon um dieſer präciſen Antwort willen ſollte man den armen König Friedrich Auguſt erhören, und ihm ſein Land wiedergeben, rief Fürſt Ligne. Meine Herren, ſagte Baron Seelbach mit einem eigenthümlichen Lächeln, es giebt ein arabiſches Sprichwort, das ſagt:„Reden iſt Silber, Schweigen iſt Gold.“ Bielleicht kennt der König von Sachſen dies Sprichwort, und wenn er ſieht, daß Talleyrand's Reden von Silber nichts nützen, ſo wird er es mit dem Golde verſuchen. Wenn man, wie Lord Caſtlereagh ſagt, nicht ohne engliſche Guineen Krieg macht, ſo kann man vielleicht mit ſächſiſchem Golde Frieden machen. Aber kennen Sie die neueſte Aventure des Lord Caſtlereagh? Sie meinen die Ohrfeige, die er vor einigen Tagen von einer jungen Dame erhielt, weil er beim Herausgehen aus dem Theater es wagte, ihr, die er gar nicht kannte, einen Kuß auf die Schulter zu drücken? ſchö Cuſ nich Di n, ge⸗ h auf reagh, ig.— wohn⸗ ief etwas ück zu ehrond tigord ilhehn itzung he des „ſagte e Ver⸗ Sire? armnen n, ni nlichen den it achſen en von Venn Krieg nachen⸗ einet Theale iult 305 Nein, Durchlaucht, es handelt ſich hier nichttum Ohrfeigen von ſchönen Damenhänden, ſondern umFherzhaftere Liebkoſungen. Lord Caſtlereagh, der engliſche Geſandte, nimmt ſeit drei Tagen nicht an den Congreßſitzungen Theil. Wiſſen Sie, weshalb? Er hat ſich auf der Donaubrücke mit zwei Fiacrekutſchern gezankt, die ſeinem Tilbury nicht ausweichen wollten. Der edle Lord, empört von der Dreiſtigkeit der Fiacrekutſcher, ſprang ſofort aus ſeinem Wagen, und die kunſtge⸗ mäße Stellung eines engliſchen Borers annehmend, provveirte er ſeine Gegner, indem er ihnen ſeine geballten Fäuſte unter die Naſe hielt. Die Fiacrekutſcher, welche die engliſche Sprache⸗ Mylords nicht ver⸗ ſtanden, begriffen aber vollkommen dieſe Sprache ſeiner Fäuſte, und antworteten ihm in derſelben auf eine ſo verſtändliche und energiſche Weiſe, daß der edle Lord nicht allein mit zerbläuetem Rücken, ſondern auch mit einem zerbläueten, geſchwollenen Geſicht ohnmächtig auf dem Platz blieb, während die Fiacrekutſcher ſich beeilten, davon zu fahren. Der Lord ward von Vorübergehenden erkannt, und in ſein Hötel ge⸗ bracht, und Dank den Fäuſten der Wiener Fiacrekutſcher, fehlt ſeit vier Tagen die Stimme Englands bei den Congreß⸗Verhandlungen. Sie wird ſich aber bald wieder vernehmen laſſen, ſagte Graf Ferranti. Der Lord iſt wieder hergeſtellt. Lady Caſtlereagh hat ſchon die Ein⸗ ladungen zu einem großen Ball ergehen laſſen, mit dem die zärtliche Gattin die Wiederherſtellung ihres Gemahls feiern will. Der ganze Congreß iſt eingeladen, und wird tanzen. Lord Caſtlereagh iſt bekannt⸗ lich ein eifriger Tänzer. Er hat zu ſeiner Entſchuldigung große Vorbilder, ſagte Fürſt Ligne. Socrates unterrichtete bekanntlich die ſchöne Aspaſia im Tanzen, David tanzte vor der Bundeslade, Ludwig der Vierzehnte vor der La Valliere und ſelbſt der große Cato war ein Tänzer. Aber keiner wird getanzt haben, wie Lord Caſtlereagh tanzt. Es iſt wunderbar anzuſehen, wenn dieſe lange Figur ſich im Contretanz hin und her ſchlenkert, die langen dürren Arme wie Windmühlenflügel ausbreitet, und die langen dürren Beine hebt wie ein Kranich, der Jagd auf einen Froſch macht. Nun, ſeine Gemahlin bildet zu ihm ein würdiges Seitenſtück, rief Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 20 — ——— .—— 306 Fürſt Ligne lachend. Ich ſah ſie geſtern auf dem Ball beim Fürſten Eſterhazy, ſie war gekleidet wie eine von Watteau's Schäferinnen, und trug als Stirnband den Stern des Hoſenbandordens ihres Gemahls. Aber ſagen Sie doch, Graf Luccheſini, Sie, der Sie vorher behaup⸗ teten, der Congreß bekümmere ſich nicht allein um Seelen, ſondern auch um Herzen, können Sie uns nicht die Liebesaventüren des Con⸗ greſſes erzählen? Ah, Durchlaucht, es giebt deren ſo viele, daß es unmöglich ſein würde, ſie alle zu erzählen, ſagte Luccheſini lächelnd. Wenn man alle die Romane ſchreiben ſollte, welche ſich täglich unter unſern Augen in dieſer Epoche der Luſt und des Freudenrauſches begeben, ſo würden Einem die Worte fehlen. Inmitten dieſer auf einem Raum zuſammen⸗ gedrängten Menge, in dieſem Leben des Lurus und Vergnügens, in dieſer Maſſe von Weſen, die von allen Enden Europa's hier zuſammen⸗ geſtrömt ſind, müſſen alle Ideen, alle Empfindungen, alle Inſtincte wenigſtens zuſammentreffen in dem lebhafteſten aller Gefühle und aller Inſtincte, in der Liebe. Alle dieſe ſchönen und jungen Männer, mögen ſie nun über ihrem Wappen eine Grafen⸗, Fürſten⸗ oder Herzogskrone haben, ſie ſprechen doch alle dieſelbe Sprache, die der Leidenſchaft, zu den Füßen der Fürſtin, wie zu denen der einfachen Bürgerstochter. Die Luft von Wien ſcheint von Liebe wie von Ambra durchduftet. Ueberall in jeder Geſellſchaft athmet man von dieſem Duft ein, und er berauſcht die Sinne, und macht die Herzen höher klopfen. Der Congreß tanzt nicht blos, ſondern er liebt auch, und Sie haben ein großes und wahres Wort geſprochen, Fürſt, als Sie von dem Congreß geſungen, den Gott Amor hier in Wien zuſammenberufen. Ach, Sie kennen meine jüngſte Sünde ſchon, rief Fürſt Ligne. Jedermann kennt ſie und abſolvirt den Dichter, ſagte Luccheſini, Jedermann ſingt in Wien: La Sagesse doit se taire, Dit en riant le plaisir. A Vienne lunique affaire Est de traiter le plaisir. ürſten „und 1ahls. haup⸗ ndern Con⸗ malle en in ürden men⸗ 6, in men⸗ tincte aller nögen krone t, u ochter. uftet. und Der n ein ngreß ne. 307 Aber Graf, Sie haben mir auf meine Frage noch nicht geant⸗ wortet, ſagte Fürſt Ligne. Kennen Sie einige der Liebesaventüren des Congreſſes, und wollen Sie uns dieſelben mittheilen? Einige, Durchlaucht, aber— es iſt gefährlich, in ſo zarten Dingen Namen zu nennen. Laſſen Sie mich die Namen verſchweigen und errathen Sie! Eine Herzogin, die hier auf dem Congreß ſehr einflußreich iſt, hat mit Empörung geſehen, daß eine nicht minder einflußreiche Fürſtin ihren Geliebten zum Geſandten gemacht hat, und um es ihr nachzuthun, hat die Herzogin ihren Geliebten zum General erheben laſſen. Der neue General hat freilich niemals einen Krieg mitgemacht, aber die Herzogin findet, daß ihm die Generals⸗Epauletten gut ſtehen, und das genügt, denn die Liebe allein hat zu entſcheiden. Die Liebe verdreht noch ganz andere Köpfe, ſelbſt die der Könige ſind nicht ſicher vor ihr. So weiß ich einen König, der auf einer ſeiner Incognito⸗Partieen, die ihn in eins der untergeordneten Vergnügungs⸗ locale im Prater führte, dort die Bekanntſchaft einer allerliebſten Wiener Griſette machte, in deren liebliches Geſichtchen und feine Taille er ſich verliebte. Es iſt eine wahre und aufrichtige Paſſion, der könig⸗ liche Liebhaber überhäuft ſeine leicht gewonnene Eroberung mit Ge⸗ ſchenken, und ſeiner Rolle als Souverain vergeſſend, hat er ihr ſogar ſein in Diamanten gefaßtes Portrait geſchenkt, mit dem ſeine kleine Griſettenkönigin ganz öffentlich im Prater, auf dem Graben und im Theater einherſtolzirt.*) Und wie aus einem Munde begann die heitere Tafelrunde leiſe und lächelnd zu wiederholen: La Sagesse doit se taire, Dit en riant le plaisir. A Vienne l'unique affaire Est de traiter le plaisir. Ah, ſehen Sie, wir ſind mit unſerm Diner zu Ende, und da kommt ſchon der Käſe als letzter Schlußſtein, ſagte Fürſt Ligne. Herr *) Comte de la Garde. II. 114. 308 Graf Czartoryski, ich erinnere Sie daran, daß Sie uns eine Neuig⸗ keit ſchuldig ſind. Ich will mich beim Käſe dieſer Schuld entledigen, ſagte der Graf lächelnd. Ich habe Ihnen wirklich eine Neuigkeit zu melden. Der Congreß iſt nicht ſo unthätig, wie Sie denken, der Congreß thut doch Mancherlei, und geſtern hat er ſogar einen König proclamirt. Wie denn, einen König? fragten Alle verwundert. Sie wollen vielleicht ſagen, er hat den König von Sachſen wieder hergeſtellt, oder den König von Sicilien wieder an Murat's Statt zum König von Neapel, oder den Kaiſer von Rußland zum König von Polen proclamirt? Nichts von dem Allen, meine Herren, der Congreß hat einen ganz neuen König proclamirt. Alle Herren vom Congreß waren geſtern beim Fürſten Talleyrand zum Diner geladen, und ich hatte auch eine Ein⸗ ladung erhalten. Auf dieſem Diner ward der neue König mit Zuſtim⸗ mung faſt ſämmtlicher Diplomaten vom Fürſten Talleyrand erwählt und anerkannt. Der Prinz Eugène Beauharnais, nicht wahr? rief Fürſt Ligne lebhaft. Man hat endlich für den ehemaligen Vicekönig von Italien ein Königreich entdeckt, das nicht im Monde, ſondern in Italien liegt! Nicht wahr, Eugéne Beauharnais iſt der neue König? Nein, Durchlaucht, er iſt es nicht. Erlauben Sie mir, zu er⸗ zählen. Es war alſo geſtern, wie geſagt, Diner beim Fürſten Talleyrand. Als man beim Deſſert anlangte, waren alle Fragen der Politik erſchöpft, und beim Käſe unterhielt man ſich vom Käſe. Lord Caſtlereagh lobte den engliſchen Stilton Käſe, Aldini den Stracchino, der holländiſche Geſandte Graf Falk den Limburger Käſe, der bekannt⸗ lich die Lieblingsſpeiſe Peters des Großen war, als dieſer in Holland als Zimmermeiſter wanderte, und Zeltner, der Schweizeriſche Geſandte, pries den Schweizer Käſe. Die Stimmen der hohen Diplomaten waren bei dieſer Frage über die Suprematie des Käſes eben ſo getheilt, wie in den großen Fragen über Polen, Sachſen, Italien und die Deutſche Kaiſerkrone. Man hatte ſich noch nicht geeinigt, als ein Kammerdiener eintrat, und die Ankunft eines Couriers aus Frankreich meldete.— Was bringt er? fragte Talleyrand.— Depeſchen vom König und uig⸗ Fraf Der doch ollen oder von irt? ganz beim Ein⸗ ſtim⸗ ählt ligne alien iegt! er⸗ rſten der Lord hino, annt⸗ lland ndte, aren wie tſche iener und 309 Käſe von Brie.— Man trage die Depeſchen in die Kanzlei, ſagte Talleyrand würdevoll, und ſervire uns augenblicklich den Käſe.— Der Befehl ward ausgeführt. Man brachte den Käſe, und Talleyrand, ihn beſchauend, ſagte feierlich: meine Herren, ich habe mich enthalten, Ihnen vorher das Product Frankreichs zu loben. Jetzt mag es ſich ſelber loben. Und mit tiefem Ernſt reichte er den Teller mit Käſe ſeinem Nachbar dar. Der Käſe machte die Runde im Kreiſe der Diplo⸗ maten, man koſtete ihn, man erörterte ſeine Vorzüge, und endlich er⸗ theilten die Diplomaten in ungewohnter Uebereinſtimmung dieſem Käſe die Krone. Meine Herren, Sie ſehen alſo, der Wiener Congreß hat etwas gethan. Der Wiener Congreß tanzt nicht blos, er liebt nicht blos, ſondern er ſchafft auch Könige. Der Wiener Congreß hat geſtern den Fromage de Brie zum König aller Käſe proclamirt!*) li. Das Teſt beim Baron Arnſtein. Alle Vorbereitungen waren beendet, die Säle waren herrlich ge⸗ ſchmückt, und bereit die glänzende Schaar der auserleſenen Gäſte zu empfangen, welche heute zu dem bal masqué des Barons und Ban⸗ quiers von Arnſtein geladen waren. Seit vielen Tagen ſchon waren Handwerker und Künſtler jeder Art mit der Ausſchmückung dieſer glänzenden Räume beſchäftigt ge⸗ weſen, und alle Wunder der Induſtrie hatten ſich vereinigen müſſen, um dieſe Prachtgemächer der hohen Gäſte, welche man erwartete, würdig auszuſtatten. Denn die höchſte Geſellſchaft Wiens, alle her⸗ rorragenden Perſönlichkeiten des Congreſſes, alle ausgezeichnete Fremde, *) Comte de la Garde. II. 118. ———— 310 alle Häupter des hohen Adels und der öſterreichiſchen Fürſtenhäuſer ſollten ſich heute in dieſen Sälen ein Rendezvous geben, und nur die Anweſenheit der gekrönten Häupter mangelte dieſer Geſellſchaft des jüdiſchen Barons, um ſie denen ganz gleich zu machen, welche ſich in den Sälen der kaiſerlichen Burg verſammelten. Aber heute ſollte vielleicht auch dieſer Unterſchied aufhören, denn wenn es freilich die Etiquette den Souverainen verbieten mochte, einem gewöhnlichen Feſte im Hauſe des jüdiſchen Barons beizuwohnen, ſo konnte man ſich vielleicht bei einem Maskenfeſt dieſer läſtigen Etiquette entäußern, und dem Ceremoniel ein Paroli biegen. Der Kaiſer Alexander, welcher es liebte, zuweilen die Laſt ſeines Kaiſermantels ein wenig von ſeinen Schultern zu werfen, und ſich frei und ungebunden als einfacher Ca⸗ valier in der Geſellſchaft zu bewegen, der Kaiſer Alexander hatte geſtern, als er der Baronin von Arnſtein in den kaiſerlichen Redouten⸗ ſälen begegnete, ſich mit einem eigenthümlichen Lächeln erkundigt, ob es wahr ſei, daß heute bei ihr ein Maskenfeſt ſtattfinde, und als die Baronin bejahete, hatte er gefragt, ob ſie ſehr erzürnt ſein würde, wenn zwei ungebetene Gäſte vielleicht bei dem Feſt erſcheinen und die gerühmte Gaſtfreundſchaft ihres Hauſes beanſpruchen würden? Ich bin überzeugt, der Kaiſer Alexander will uns heute Abend mit ſeinem Beſuche überraſchen, ſagte der Baron Arnſtein, als er jetzt an der Seite ſeiner Gemahlin durch die erleuchteten Säle dahin ſchritt, um mit einem letzten Blick alle Arrangements zu prüfen. Er will der edlen und hochgefeierten Baronin von Arnſtein den Triumph bereiten, den edelſten und gefeiertſten Fürſten in ihrem Hauſe em⸗ pfangen zu haben. Nicht mir, ſagte Fanny, leiſe das Haupt ſchüttelnd, nein, nicht mir wird dieſe Aufmerkſamkeit des Kaiſers gelten, ſondern Dir, dem Baron von Arnſtein, dem edelſten, großmüthigſten, geiſtreichſten und wohlthätigſten der Wiener Geldfürſten. Ach, was bin denn ich, ſagte der Baron mit einem ſanften Lächeln, ich thue auf dieſer Welt, ſo viel ich kann, meine Schuldigkeit, bin vielleicht ein gut arrangirter und nicht ganz unerfahrener Geſchäfts⸗ mann, das iſt Alles. In meinem Comtoir, da bin ich vielleicht eine 68 uſer die des h in ollte die Feſte ſich und r es einen hatte uten⸗ s die ürde, die bend ietzt ehin Er mph nicht dem und 311 kleine Puiſſance, aber hier in dieſen glänzenden Sälen, da bin ich ein Fremder, ein unbekanntes, ſchweigendes Nichts, eine Null. Aber eine Null, welche, indem ſie da iſt, aus den Tauſenden eine Million macht, und ein Vermögen in einen Schatz verwandelt, ſagte die Baronin, indem ſie ihre zarte durchſichtige weiße Hand auf die Schulter ihres Gemahls legte, und ihm mit einem innigen langen Blick tief in die Augen ſchauete. Mein Freund, ſagte ſie dann, und ihre Stimme zitterte, mein Freund, wie edel, wie gut und groß Du biſt! Ich habe keine Worte, um es Dir zu ſagen, aber da drinnen in meinem Herzen, da fühle ich es, und demüthig und tief bewegt danke ich Gott an jedem Morgen und jedem Abend, daß er endlich meine Augen geöffnet, damit ſie das Glück ſehen und erkennen konnten, das mir ſo nahe lag, und das ich Arme doch ſo lange vergeblich geſucht hatte. Und demüthig bitte ich Gott an jedem Abend und jedem Morgen, er möge mir verzeihen, daß ich Dich, den edelſten, den beſten Mann, ſo lange verkennen, ſo lange unglücklich machen konnte. Nein, Fanny, Du haſt mich niemals unglücklich gemacht, ſagte Arnſtein ſanft. Inmitten meiner Schmerzen und meiner verborgenen Liebe habe ich es dennoch immer als ein ſchönes Glück betrachtet, Dich an meiner Seite haben, Dich ſehen, Dich lieben, Dich mit allerlei kleinen Aufmerkſamkeiten umgeben zu können. Ich leugne es nicht, es gab Tage, an denen ich verzagt und verzweiflungsvoll war, und in hoffnungsloſem Schmerz vermeinte, es würde meinem armen, ſchmuckloſen und beſcheidenen Weſen nie gelingen, das Herz der ſchö⸗ nen, glänzenden, gefeierten Fanny von Arnſtein, meiner Gemahlin, zu gewinnen. Aber an ſolchen Tagen der Schwermuth flüchtete ich mich in mein Comtoir, zu meiner Arbeit, und ſie gab mir Troſt und Kraft, denn ich ſagte mir: ich arbeite für ſie! Ich will ringen und ſchaffen, um ſie zu umgeben mit dem Luxus einer Fürſtin, um ihr Reichthümer und Millionen, das heißt Macht, das heißt Fürſtenrang zu verſchaffen. Ich will arbeiten, um ſie zu der erſten Frau in Wien zu machen, um ihr die Mittel zu geben, der Großmuth ihres Herzens immer zu folgen, die Armen zu tröſten, den Nothleidenden und Unglücklichen ein hülf⸗ reicher Engel zu ſein. Gott gab meiner Arbeit Gedeihen, und der — 312 reiche Banquier Arnſtein verwandelte ſich allgemach in den Millionair Arnſtein, den Millionair, der im Stande war, Kaiſern und Königen als eine bedeutende zund einflußreiche Macht gegenüber zu ſtehen. Auch der Schmerz meiners Liebe ward mir zum Segen, denn er reifte mich zum Manne, und gab meiner Seele Feſtigkeit und Muth. Oh, mein geliebter Freund, dennoch bangt mein Herz, und Thrä⸗ nen drängen ſich mir in die Augen, daß ich es geweſen, durch die Du ſo viel leiden mußteſt, ſagte Fanny ſanft und zärtlich. Spät erſt und langſam öffneten ſich meine Augen, erkannten ſie Dich, verſtanden ſie Dich und Dein großmüthiges Herz, begriff ich, welch' eine edle, reine und uneigennützige Liebe Du an das Weib verſchwendeteſt, das in ihrem Egoismus und ihrem Stolz nichts davon geahnt hatte. Aber nun auf einmal war es, als ob eine Wolke von meinen Augen nieder⸗ fiel, ich ſah, ich erkannte Dich und Dein großes göttliches Herz, und ich ſank, von Andacht und Schmerz bewältigt, zu Deinen Füßen nieder, und rief: Vergieb mir, vergieb mir! Ich ſehe Dich heute zum erſten Mal, ich ſehe, daß Du der Engel biſt, den Gott an meine Seite ge⸗ ſtellt, und den ich fortan lieben, und dem ich dienen will, ſo lange ich lebe! Ja, das ſagteſt Du, ſagte der Baron ſinnend, und Deine Stimme klang mir wie himmliſche Muſik, und wie mit einem Zauberſchlag waren alle meine Schmerzen vernarbt, und ich fühlte nur, daß ein unermeßliches Glück wie eine leuchtende Sonne in mein Herz hinein ſtrahlte, und mich ganz und gar mit ſeliger Wonne erfüllte. Ich fühlte, daß ich bis dahin nur geträumt hatte von Vermählung und verſchmäheter Liebe, daß jetzt erſt mein Haus ſich ſchmücken ſollte, um die Braut aufzunehmen, daß jetzt erſt eine geliebte, angebetete Ge⸗ mahlin mit dem Segen der Liebe bei mir einziehen wolle. Ich war Jahre lang unglücklich geweſen, aber dieſer Moment des Glückes ent⸗ ſchädigte mich für Alles, was ich gelitten. Ich drückte Dich feſt in meine Arme, und hieß Dich willkommen, als den Stern meines Lebens, als meine ſchöne liebliche Braut! Ach, aber es war leider keine ſchöne Braut mehr, mein armer Freund, ſagte Fanny lächelnd und mit Thränen in den Augen. Sieben Jal dah Va nan ßi heu De hir un ionair znigen Auch mich Thrä⸗ ch die it erſt anden edle, das Aber ieder⸗ „und ieder, erſten te ge⸗ lange imme ſchlag ß ein hinein Ich und e, um Ge⸗ war ent⸗ ſt in bens, met ieben 313 Jahre der Enttäuſchungen, der Schmerzen waren über mein Haupt dahin gegangen, der Sturm des Lebens hatte die Roſen von meinen Wangen, und die Jugend von meiner Stirn verweht. Jacob hatte auch ſieben Jahre um die Rahel geworben, ſagte der Baron lächelnd, und als er ſie dann nach vierzehn Jahren heimführte, nannte er ſich doch einen glückſeligen und beneidenswerthen Mann! Für mich warſt Du immer noch jung und ſchön, für mich biſt Du es heute noch, und wirſt es ewig ſein. Die ewige Jugend ſtrahlt von Deiner reinen fleckenloſen Stirn, der edle tiefe Geiſt leuchtet aus Deinen himmliſchen Augen, meine Fanny, meine Braut der ewigen Jugend und der ewigen Liebe! Du nennſt mich Deine Braut, ſagte ſie mit einem ſüßen Lächeln. Du haſt alſo nicht daran gedacht, daß heute unſer Hochzeitstag iſt, daß wir heute vor zwanzig Jahren unſere Vermählung feierten? Es iſt alſo ganz zufällig, daß der Herr Baron von Arnſtein gerade heute in ſeinem Palais ein ſo glänzendes Zauberfeſt giebt, ganz zufällig, und nicht etwa um den Tag ſeiner Vermählung damit ganz in der Stille zu feiern? Du haſt mich alſo errathen, rief der Baron freudig. Du haſt auch die Bedeutung dieſes Tages begriffen, und das Datum nicht vergeſſen? Ich will Dir zeigen, Freund, ob ich vergeſſen habe, ſagte Fanny mit einem wunderbaren, feierlichen Ernſt. Komm, mein Geliebter, komm, Du ſollſt ſehen, daß ich die Bedeutung dieſes Tages kenne. Gieb mir Deine Hand und folge mir! Der Baron legte ſchweigend ſeine Hand in die dargereichte Hand ſeiner Gemahlin, und folgte ihr ſchweigend und ſtill durch die Säle dahin. Jetzt ſtanden ſie vor einer verſchloſſenen Thür, vor einer Thür, welche ſich ſeit manchem Jahr für Niemand geöffnet hatte, welche Nie⸗ mand hatte überſchreiten dürfen, außer Fanny, außer der trauernden Prieſterin, welche kam, um in dem Tempel der Erinnerungen zu beten und zu weinen. Jetzt ſtand Fanny vor dieſer Thür mit leuchtenden Augen, ihr 314 Antlitz durchſtrahlt von milder Rührung, ihre holden Lippen umſpielt von einem ſanften Lächeln. Oeffne dieſe Thür, mein Freund, bat ſie ſanft. Ihr Gemahl blickte ſie erſtaunt an und zögerte. Du willſt mir geſtatten hier einzutreten? In Dein Cabinet? In das Sterbezimmer Deines Glückes**) Oeffne die Thür, wiederholte ſie lächelnd. Der Baron that es, und jetzt tönte ein Schrei freudiger Ueber⸗ raſchung von ſeinen Lippen. Dieſes Cabinet war nicht mehr ſchwarz decorirt, nicht mehr ein Trauerſaal! Die Wände waren geſchmückt mit hellblauem Seidenzeug, und von derſelben Farbe waren die Vorhänge der Fenſter und die Ueberzüge der Meubles. Einfach, ſinnig und geſchmackvoll war die ganze Einrichtung dieſes Cabinets, einladend zu traulicher Unterhaltung und behaglichem Ruhen auf den weichen, ſchwellenden Polſtern. Der Baron ſagte kein Wort, Thränen glänzten in ſeinen Augen, mit einer ſtürmiſchen Bewegung legte er ſeine beiden Arme um die ſchlanke Taille ſeiner Gemahlin, hob ſie empor, trug die ſchwebende ſchöne Geſtalt durch das Cabinet, ließ ſie ſanft auf den Divan nieder⸗ gleiten, und vor ihr auf die Kniee niederſinkend, das freudeſtrahlende Antlitz zu ihr erhebend, ſagte er: Gott ſegne Dich, mein geliebtes Weib! Gott ſegne Dich für das ſtolze Glück, das Dein edles, zart⸗ ſinniges Herz mir in dieſer Stunde bereitet hat! Sie zog ihn empor, und einen innigen Kuß auf ſeine Lippen drückend, flüſterte ſie unter ſeligen Thränen: Die Vergangenheit iſt verſchmerzt. Sie ſoll keinen Schatten mehr auf den reinen Himmel unſeres Glückes werfen. Sieh, auf dieſen ſchwarzen Wänden ſtrahlt *) Siehe:„Napoleon in Deutſchland. Raſtatt und Jena.“ Th. III. S. 127. Die Baronin Fanny von Arnſtein hatte das Cabinet, in welchem der Fürſt Carl von Lichtenſtein zuletzt bei ihr geweſen und in welchem ſie ſeine Abſchiedsgrüße empfangen, bevor er zu dem für ihn tödtlichen Duell mit dem Domherrn ging, ſchwarz ausſchlagen laſſen, wie ein Sterbezimmer. Dort be⸗ wahrte ſie alle Andenken, Alles was auf den Fürſten Bezug hatte, ſorgfältig anf, und Niemand durfte dieſes ſchwarze Cabinet betreten, als ſie allein. jett 2 Zuku gong lebe ſeine und Glü lieb co S—=—= — — 6 nſpielt ſt mir mmer lleber⸗ hr ein rzeug, d die die ltung Angen, m die ebende tiedet⸗ hlende iebtes ʒart⸗ Lippen eit iſt immel ſtrohl III. velchem ie ſeine it dem ort be rgülig 315 jetzt das Blau des Himmels; das ſoll uns ein Symbol ſein unſerer Zukunft. Nichts ſoll unſern Himmel mehr umdüſtern. Meine Ver⸗ gangenheit iſt ausgelöſcht! Vergiß auch Du das, was geweſen, und lebe mit mir dem ſchönen Glück der Gegenwart! So ſei es, meine Fanny, ſagte er, ihre Hände an ſeine Lippen, ſeine Augen, ſein Herz drückend. Die Vergangenheit iſt begraben, und uns umgiebt nur noch der Himmel unſerer Liebe und unſeres Glückes, nur noch die holde, lichtdurchſtrahlte Gegenwart. Und ſieh, rief Fanny, mit einem ſtrahlenden Lächeln auf das kleine Mädchen hindeutend, das eben im roſigen Gewande auf der Schwelle erſchien, das reizende Geſichtchen umwallt von langen ſchwarzen Locken, die niederringelten auf ihre runden nackten Schultern: Sieh, mein Ge⸗ liebter, da kommt unſere Zukunft! Die rechte und echte Verklärung unſerer Liebe! Da kommt unſer Kind! Komm, meine Roſa, komm, lege Deine Arme feſt, feſt um den Hals Deines Vaters und küſſe ihn, unv gieb ihm den Segensgruß der Engel und der Liebe. Die kleine Roſa flog herbei und mit einem wunderholden Aus⸗ druck in ihrem Angeſicht ſchlang ſie ihre vollen runden Aermchen um den Hals ihres Vaters und küßte ihn zärtlich. Fanny hob ihre ſtrahlenden Augen zum Himmel und ihre Lippen flüſterten ein leiſes Gebet des Dankes zu Gott empor. Dann ſenkte ſie die Augen mit einem Ausvdruck unendlicher Liebe auf Vater und Kind, die ſich noch immer innig umſchlungen hielten, und ihre beiden Arme um ſie legend, und ſie beide feſt an ihr Herz drückend, rief ſie: Ich ſegne und preiſe Gott aus der Fülle meines Herzens, und indem ich Dich an meine Bruſt drücke, Du ſchöne Gegenwart, Du holde Zukunft, iſt die Vergangenheit ausgelöſcht für immerdar. Nur die Liebe iſt geblieben, die heilige, keuſche, tugendhafte Liebe! Sie hielten ſich lange und innig umſchlungen. Aber das don⸗ nernde Geräuſch der Equipagen, die vor ihrem Hauſe anhielten, weckte ſie endlich aus ihrer ſeligen Verzückung. Der Baron ließ das Kind aus ſeinen Armen niedergleiten auf die Erde, und der Baronin die Hand darreichend, ſagte er mit einem ——— k 316 ausdrucksvollen Lächeln: Komm, meine ſchöne Braut! Die Gäſte kommen, die wir zu unſerm Hochzeitsfeſt geladen. Sie nickte ihm zu, und ſagte heiter: Wir wollen ſie begrüßen, aber Niemand ſoll ahnen, welch' ein heiliges Feſt ſie uns feiern helfen. Und Hand in Hand durchſchritten ſie die glänzenden Räume, um ſich in den Empfangsſaal zu begeben, und die Gäſte willkommen zu heißen. Allgemach begannen die Säle ſich zu füllen, und ein zauberhafter Anblick war es, welchen dieſe Säle darboten. Jeder derſelben war verſchieden decorirt, je nach ſeiner verſchiedenen Beſtimmung. Da war zuerſt der große Empfangsſaal, der zur Converſation und Unter⸗ haltung der Gäſte beſtimmt war. Dieſen hatte man drapirt mit tür⸗ kiſchen Seidentapeten, mit türkiſchen Teppichen; rings um an den Wänden, und in der Mitte des Saals ſtanden eckige und runde Di⸗ vans von jener niedrigen und breiten Art, wie ſie die Türken lieben, und die ſo ſehr geeignet zum Ruhen und Plaudern ſind. Aus dieſem Saal gelangte man in den Tanzſaal, der köſtlich anzuſehen war mit ſeiner Ausſchmückung von Spiegeln, Kronleuchtern und Bergeryſtall, mit ſeinen Draperieen von weißem Atlas, an denen goldene Körbe hingen, die gefüllt waren mit den ſeltenſten, auserleſenſten Blumen, prangend im wundervollſten Farbenſpiel, und den Raum erfüllend mit ihren lieblichen Düften. Neben dieſem Saal befanden ſich zwei klei⸗ nere Säle, die man in Gärten mit ſpringenden Cascaden, mit Blumen⸗ beeten, mit ſchattigen Lorbeerbosquets verwandelt hatte, und aus dieſen Sälen trat man alsdann in den Saal der Erfriſchungen. Dort ſtanden auf großen, von Gold- und Silbergeſchirren ſtrahlenden Buffets große goldene Schalen mit den herrlichſten Südfrüchten, ſilberne Kannen mit Sorbets und kühlenden Getränken, und Schüſſeln mit allerlei auserle⸗ ſenen Créme's und Eisarten. Aber für dieſen Saal hatte der Reich⸗ thum und Geſchmack des Barons von Arnſtein eine ganz neue und geſchmackvolle Decoration gefunden. Ringsum an den Wänden in ungeheuren Kübeln, die mit Epheu und blühenden Schlinggewächſen decorirt waren, ſtanden große Obſtbäume, in deren grünem Laub, der winterlichen Jahreszeit zum Trotz, die herrlichſten Früchte prangten, und! konnt wärm Von klein niſe und guß lich geſc zier Ge Coſ zun ommen, grüßen, helfen. ne, um men zu erhaftet en war g. Da Unter⸗ nit tür⸗ an den de Di⸗ lieben, dieſem var mit ryſtall, Körbe umen, ud mit ei klei⸗ lumen⸗ dieſen ſtunden große nen nit userle⸗ Reich⸗ ne und den in wichſen ub, der angten⸗ 317 und von denen man ſich reife Kirſchen, Apricoſen und Birnen pflücken konnte, als befände man ſich da nicht mitten im Winter in einem er⸗ wärmten Salon, ſondern in einem duftenden, ſommerlichen Obſtgarten.*) Von dieſem Saal der Erfriſchungen kam man alsdann wieder in einen kleineren Saal, in dem ſich auf runden Tiſchen die neueſten Erzeug⸗ niſſe der Literatur, Mappen mit Kupferſtichen und Aquarellen befanden, und deſſen Wände geſchmückt waren mit köſtlichen Marmorbüſten von großer Schönheit und ungeheurem Werth. Hinter dieſem Saal end⸗ lich kam man zu dem großen Eßſaal, deſſen Thüren indeß jetzt noch geſchloſſen waren. Und in dieſen vom Glanz der Lichter, der Spiegel, der Goldver⸗ zierungen ſtrahlenden Sälen wogte jetzt eine wunderbare, phantaſtiſche Geſellſchaft auf und ab. Jedermann hatte ſich bemüht, ſich das reichſte Coſtüm, die geſchmackvollſte Tracht irgend eines entfernten Landes aus⸗ zuwählen, oder irgend eine der großen, von den Dichtern geſchaffenen Geſtalten berühmter Werke darzuſtellen. Da ſah man Türken und Türkinnen, Albanerinnen und Circaſſierinnen in ihren glänzenden und kleidſamen Coſtümen, da waren Polen und Ruſſen und Spanier in ſchönen Landestrachten, hier ſchlüpften Zigeunerinnen durch das Ge⸗ dränge, und dort kam majeſtätiſch Chriſtine von Schweden am Arm des Herzogs von Alba daher; drüben ſchritt Egmont einher, und un⸗ fern von ihm ſah man Philipp von Spanien, Maria Stuart und den göttlichen Sir John Falſtaff. Ihm gegenüber begegnete man einem indiſchen Rajah, funkelnd von Brillanten und Goldgeſchmeide, und neben ihm tänzelten reizende Schäferinnen und Gärtnerinnen froh⸗ müthig durch das Gewühl dahin. Und Alles ſchäkerte und lachte und plauderte, und aus den Halbmasken von ſchwarzen Spitzen und Sam⸗ met ſah man überall glühende Augen hervorblitzen, und Jedermann war bemüht, ſeinen Nachbar zu errathen, und das Geheimniß ſeiner Exiſtenz zu entziffern. Auf einmal jetzt entſtand eine Bewegung in dem großen Tanz⸗ ſaal, ein leiſes Geflüſter ging durch die Reihen der Geſellſchaft, alle *) Comte de la Garde. Vol. 0 ————— 318 dieſe blitzenden Augen wandten ſich den beiden Masken zu, die Arm in Arm jetzt durch den Saal dahin ſchritten. Sie trugen die einfache ernſte Tracht der Malteſerritter, ihre Geſichter waren gleich denen der Anderen mit Halbmaslen verhüllt, und doch ſchien Jevermann dieſe beiden hohen ſchlanken Geſtalten zu erkennen, doch wich Jevermann ehrfurchtsvoll vor ihnen zurück, und wenn ſie vorübergegangen waren, flüſterte man leiſe: Sie ſind es! Es iſt kein Zweifel, ſie ſind es! Die beiden Malteſer näherten ſich der Baronin von Arnſtein. Der ſchlanlſte und größte der Beiden grüßte ſie mit einem leichten Kopfneigen, und reichte ihr die Hand dar. Ich hoſſe, Sie erkennen mich nicht, Baronin, ſagte er leiſe und lächelnd. Nicht wahr, ich bin durch— im Incognito? Ja, ſlüſterte die Baronin, in eben dem Incognito, in welchem zum Beiſpiel die Ceder des Libanon ſein würde, wenn es ihr beliebte, ſich unter die Tannen und Buchen unſerer Wälder zu ſtellen, und zu ſagen:„Ich bin ein Baum, wie Ihr Alle, man wird mich alſo nicht herausfinden.“ Aber die Ceder hat das ſtolze Unglück, die anderen Bäume zu überragen, und deshalb erkennt man ſie doch, ſelbſt im Incognitv. Aber wenn man ſie erkannt hat, rief der Malteſerritter lachend, wenn man ſie erkannt hat, die arme Ceder, ſo weiſt man ihr hoffent⸗ lich nicht den Weg, ſondern erlaubt ihr im duftenden Waldesgrün, im Schatten der andern Bäume als ihres Gleichen ein wenig auszuruhen von der Hitze und Einſamkeit des hohen ſtolzen Libanon. Man freut ſich ihrer Herrlichkeit, und da die Ceder incognito ſein will, bewundert man ſie leiſe, und giebt ſich das Anſehen, ſie nicht zu erkennen. Das iſt ſehr dankenswerth und— doch hören Sie, da beginnt das Orcheſter. Der Ball ſoll ſeinen Anfang nehmen. Darf ich um Ihre Hand bitten, Baronin, wollen wir die Pol onaiſe eröffnen? Die Muſik ſchmetterte ihre jubelnden Klänge von den Eſtraden her⸗ nieder, ver Malteſerritter und die Baronin traten in die Mitte des Saals, hinter ihnen ordneten ſich die Paare im wunderbaren Gemiſch der Landestrachten, der Coſtüme, und die Polonaiſe, dieſer vom Kaiſer Ale muſ fang Cle Jun dam hine dam dieß mit ꝙ La jet d In e Am infache en der ndieſe rmann waren, 51 nſtein. leichten ſe und elchem eliebte, und zu o nicht underen bſt in achend, pffent⸗ Un, im uruhen ito ſein nicht 3u beginnt ich um 7 en het⸗ ite des geniſc 1 giſer 3¹9 Alerander in Wien in die Mode gebrachte Tanz, der mehr ein von muſikaliſchen Rhythmen begleiteter Spaziergang iſt, nahm ſeinen An⸗ fang. In ſeltſamen Windungen bewegte ſich der lange, aus allen Elementen der menſchlichen Geſellſchaft zuſammengeſetzte, von Gold, Juwelen und Stickereien funkelnde Zug durch den Saal, ringelte ſich dann, einer ungeheuren Rieſenſchlange gleich, in die anderen Säle hinein, zog ſich in zierlichen Windungen durch ſie hin, und kehrte als⸗ dann in den Tanzſaal zurück. Nur wenige der Masken hatten ſich nicht an dem Tanz betheiligt, dieſe ſtanden in Gruppen umher, plauderten mit einander, oder folgten mit ihren Blicken den wunderbaren Verſchlingungen und Windungen der Tanzenden. Niemand achtete daher auf die reizende junge Gärtnerin, welche jetzt tänzelnd durch den Saal dahin ſchlüpfte, und mit der Hand nach dem Saal der Bosquets hindeutete. Niemand beobachtete es, daß ein reichgekleideter Türke ihr folgte, und gleich ihr ſich dem nächſten Saal zuwandte. Doch, dieſe Zigeunerin, welche da drüben an der Thür dieſes Saales ſtand, die hatte ſie beobachtet und geſehen! Leiſe ſchlüpfte ſie hinein, und glitt unhörbar und raſch hinter das dicht an der Thür befindliche Fliederbosquet. Jetzt trat die Gärtnerin in den Saal, der Türke folgte ihr. Einen ſchnellen, ſpähenden Blick warf er umher. Wir ſind allein, flüſterte er dann. Komm, laß uns in dieſe Laube eintreten. Sie traten in die Fliederlaube, und wieder warf der Türke einen ſpähenden Blick umher; aber er ſah nichts, er ahnte nicht, daß da hinter dem Geſträuch die junge Zigeunerin ſtand mit hochklopfendem Herzen, athemlos lauſchend, und nur leiſe in ſich ſelber flüſternd: Er iſt es! Er iſt es! Ich erkenne ſeine Stimme! Er iſt es! Du ſiehſt, mein Freund, flüſterte jetzt die ſchöne Gärtnerin, ich hatte richtig berichtet. Der Kaiſer iſt hier, und Eugeène Beauharnais mit ihm. Ja, unſer Plan wird gelingen, flüſterte der Türke, es wird uns gelingen, Beiden die Briefe und Papiere in die Hände zu ſpielen, ohne „ k 320 daß irgend Jemand es ahnt oder verhindern kann. Ich habe Dir die Früchte mitgebracht, in welchen ſich die Papiere befinden. Dieſe Birne hier iſt für den Kaiſer beſtimmt, dieſe Apricoſe muß Eugène Beau⸗ harnais erhalten. Lege ſie jetzt in Deinen Korb mit Früchten und Blumen, und wenn der Tanz beendet iſt, reiche ſie ihnen dar. Nein, mein Freund, ich habe mir jetzt einen anderen Plan er⸗ ſonnen. Es iſt gefährlich, dieſe Früchte in den Korb zu legen, denn ein Anderer könnte in den Korb greifen, und die Früchte nehmen, be⸗ vor ich Zeit gehabt, ſie an die richtige Adreſſe zu geben. Es trifft ſich daher gut, daß man hier in dem andern Saal Bäume mit Obſt aufgeſtellt hat. Ich werde, ſobald der Kaiſer ſich mit dem Prinzen in dieſen Saal begiebt, ihnen folgen, und werde dann ihn bitten, mir zu erlauben, daß ich ihnen eine Frucht pflücke, dann bin ich ſicher, daß meine Früchte ſicher in ihre Hände kommen. Eine ſehr ſchöne Idee, flüſterte der Türke, und ganz würdig des ſchönen erfinderiſchen Kopfes meiner Aurelia. Ach, meine Geliebte, möchten unſere Pläne und Bemühungen endlich von Erfolg gekrönt werden, möchte es uns gelingen, dem unglücklichen Frankreich ſeinen Kaiſer wieder zu geben, und dem Kaiſer den geliebten Sohn wieder zuzuführen. Wenn nicht Frankreich ſelber ſich für ihn erhebt, flüſterte die Gärtnerin, wenn nicht das franzöſiſche Volk ihn mit Gewalt zurück⸗ ruft, iſt Alles verloren. Du weißt, mein Geliebter, daß ich alle Mittel verſuche, für den Kaiſer und für unſere Sache zu wirken. Niemand mißtraut mir, Jedermann hält mich für eine begeiſterte Legi⸗ timiſtin, ich habe daher überall Zutritt, werde überall eingeladen, kann überall ſprechen und beobachten, und leiſe und vorſichtig meine Saat ausſtreuen. Nun, ich ſage Dir, mein Freund, kein Einziger dieſer Herren des Congreſſes wird Partei nehmen für den Kaiſer. Der Kaiſer Alexander kann es ihm nie vergeben, daß er ihn einſt geliebt hat, und will ſeinen Untergang. Der Kaiſer Franz haßt ihn, weil er ſein Schwiegerſohn iſt, und ihn einſt ſo tief gedemüthigt hat. Er würde lieber ſeine Tochter und ſeinen Enkel todt zu ſeinen Füßen ſehen, als ſie wieder mit dem Kaiſer Napoleon auf den Thron Frank⸗ reic geſ et! alle der Fre von ihr leo wä als ir die Bime Beau⸗ und an er⸗ denn n, be⸗ trifft t Obſt en in mir zu d, daß ig des eliebte, gekrnt ſeinen wieder te die prüc⸗ ch alle pirken e Legi⸗ kann Saat dieſer Der geliebt veil er t Er Füßen Fn⸗ 321 reichs heben. Der König Friedrich Wilhelm wird es ihm nie ver⸗ geſſen, daß Napoleon ſeiner ſchönen Königin das Herz gebrochen, und er würde ſelbſt eher ſich bequemen, Sachſen fahren zu laſſen, und auf alle Gebietsvergrößerungen zu verzichten, als Napoleon auch nur mit der Spitze ſeines kleinen Fingers hülfreich zu ſein, daß er den Thron Frankreichs wieder empor ſteigen könne. Die Könige von Baiern und von Würtemberg mögen heimlich ihm geneigt ſein, aber ſie zittern für ihre Länder und Kronen, und würden niemals wagen, ſich für Napo⸗ leon zu erklären, wenn er nicht ſchon ohne ſie ſeines Erfolges ſicher wäre. Niemand aber iſt ſo voll glühenden Haſſes gegen den Kaiſer, als die Damen und Diplomatinnen des Congreſſes. Den geſtürzten Kaiſer zu haſſen, ſich mit fanatiſchem Ungeſtüm gegen ihn zu erklären, den Haß der Monarchen und der Diplomaten mit immer neuen Brand⸗ fackeln zu entzünden, das iſt jetzt das Stichwort aller dieſer mächtigen und einflußreichen Damen, welche die Herrſchaft in den Salons üben und mit den Geſchicken der Staaten und Völker ſpielen. Ach, glaube mir, mein Geliebter, es iſt keine Hoffnung, keine! Ich habe überall ein aufmerkſames Ohr, ein offenes Auge gehabt, aber ich höre und ſehe, daß Alles vergeblich iſt, daß wir ſcheitern werden mit allen un⸗ ſern Plänen. Und ich ſage Dir, Aurelia, ſie müſſen und werden gelingen. Es iſt unmöglich, daß der große Kaiſer auf Elba verſchmachte, daß ſeine Gemahlin und ſein Sohn hier in elender Gefangenſchaft und Ernie⸗ drigung vergehen, daß Frankreich ſein Haupt beuge unter das Joch der Bourbonen, und ſeine Tage des Ruhms und der Größe, welche Napoleon ihm gegeben, vergeſſen könnte. Es iſt unmöglich, daß es die Schmach auf ſich nehme, die Eroberungen, welche Napoleon ihm gemacht, und die es getränkt mit dem Blut ſeiner Männer und Söhne, daß es dieſe Eroberungen wieder zurück geben, und ſich wieder in ſeine alten bourboniſchen Grenzen zurück zwängen ſollte. Nein, nein, Frankreich wird ſich erheben, es wird ſeinen Kaiſer mit Jauchzen willkommen heißen, das Volk wird die heimkehrende Kaiſerin und den König von Rom auf ſeinen Armen von den Grenzen Frankreichs nach Paris hintragen. Nur muß der Kaiſer erſt von Elba entkommen, nur Mühlbach, Napoleon. IV. Vd. 21 322 müſſen wir die Kaiſerin und ſeinen Sohn erſt bis zu den Grenzen Frankreichs gebracht haben. Und dies iſt unſere Aufgabe, unſer Streben. Darnach müſſen wir trachten, darauf müſſen wir ſinnen, dies müſſen wir erreichen, und müßten wir ſelbſt unſer Gut und Blut, unſer Leben, unſer Glück in die Schanze ſchlagen. Die Heimkehr des Kaiſers, das iſt meine Religion, meine Hoffnung. Oh, und wie Vieles habe ich ihr nicht geopfert! Um ihretwillen bin ich hier unter einem fremden Namen, weil man dem meinen mißtraut, und mich erkennen würde, als einen treuen Anhänger des Kaiſers. Um ihretwillen habe ich mich zum Verſchwörer, zum Spion, zum Horcher und Lügner ge⸗ macht, um ihretwillen habe ich ſelbſt dem Glück entſagt, mit Dir, meine Aurelia, mit Dir, mein geliebtes Weib, zuſammen zu ſein, ſon⸗ dern ich füge mich darein, Dich im Dienſt des Kaiſers eine Rolle ſpielen zu laſſen, und ſelber eine andere zu ſpielen, ſelber wie Pro⸗ teus in allen Farben zu ſchillern und immer zu ſcheinen, was ich nicht bin. Und ſcheinſt Du auch nur der Liebhaber der ſeltſamen Dame, von der Du mir neulich erzählteſt? Oder iſt der Marquis Bar⸗ baſſon wirklich der glühende Liebende ſeiner Couſine, und denkt alles Ernſtes daran, aus der Uhrmacherstochter bald eine Marquiſe zu machen? Biſt Du eiferſüchtig, Aurelia? Eiferſüchtig? Vielleicht! Ich liebe meinen Gemahl mehr vielleicht als er es verdient, und es kränkt mich, daß ſeine Lippen für eine andere Frau Worte der Liebe, daß ſeine Augen für eine andere Frau Blicke voll Zärtlichkeit haben. Ich fürchte immer, das Spiel könne ſich in Ernſt verwandeln, der Marquis Barbaſſon könne eines Tages vergeſſen, daß er der Graf Montbrun und mein Gemahl iſt, und könne aus ſeiner Amour für die Couſine Uhrmacherin eine ernſte Herzens⸗ neigung machen. Fürchte das niemals, Aurelia. Dieſe Friederike iſt nichts weiter als ein Werkzeug in meinen Händen, und ſie verdient nicht, daß ſie etwas Anderes ſei. Ich würde ſie nicht lieben, ſelbſt wenn Du nicht mein angebetetes Weib wärſt, ich würde ihr nie meine Hand reichen, ſe enzen unſer nnen, Blut, r des ieles einem ennen habe et ge⸗ Dir, ſon⸗ Rolle Pro⸗ 6 ich Dame, Bar⸗ alles ſe zu lleicht reine Frau lönne Tages lönne tzens⸗ weiter aß ſie 1 nicht eichen⸗ 323 ſelbſt wenn ich wirklich das Unglück hätte, ihr Couſin, der Marquis Barbaſſon zu ſein. Dieſes Weib iſt nicht rein in ihrem Herzen, nicht rein in ihrem Ruf, nicht rein in ihrer Geſinnung. Sie iſt eine Intri⸗ guantin, welche ſich einen glänzenden Schleier ſucht, um damit ihre Unehre zu bedecken, ein Weib, welches kein Herz hat, ſondern nur Sinne, eine Ehrgeizige und Geldgierige, welche in jeder Stunde be⸗ reit ſein würde, ihre ſogenannte Liebe für einen glänzenden Namen, für Gold und Brillanten zu verkaufen. Ach, ich fühle mein Gewiſſen nicht dadurch belaſtet, daß ich ſie zum Werkzeug meiner Pläne mache. Will ſie mich doch auch nur zum Werkzeug der ihren machen. Sie will weiter nichts als die Gemahlin eines Mannes werden, der einen glänzenden Namen hat, unter dem ſie ihre Vergangenheit verbergen kann, und der ihr die Pforten der Geſellſchaft öffnet. Ich will weiter nichts, als eine Bundesgenoſſin haben, die mir nützen, durch die ich erfahren kann, was man in gewiſſen Kreiſen denkt und beſchließt, und durch die ich vielleicht auf den mächtigen und edlen Mann wirken kann, deſſen Freundin ſie ſich nennt. Es kommt nur darauf an, wer von uns Beiden ſeinen Zweck erreicht, und wer zuletzt der Betrogene ſein wird! Doch ſtill, Aurelia, ſtill! Man kommt hierher! Die Polonaiſe iſt zu Ende! Laß uns gehen! Du in den Saal, um die Früchte an Alexander und Eugeène zu geben, ich um dieſes Haus zu verlaſſen und heimzukehren. Der Zweck meines Hierſeins iſt erfüllt, ich habe Dich geſehen und ich habe Dir die Früchte gegeben Lebe wohl! Liebe mich und gedenke mein! Sie ſchlüpften wieder hinaus aus der Fliederlaube und kehrten zurück in den Tanzſaal. Einen Moment war Alles ſtill in dem Saal der Bosquets, dann bewegten ſich leiſe die Fliedergebüſche, die Zigeunerin trat hinter den⸗ ſelben hervor, und ſank mit einem ſchmerzvollen Aechzen auf den Sitz in der Laube nieder, welchen die beiden Andern eben verlaſſen hatten. Betrogen! ſagte ſie mit knirſchenden Zähnen, mit keuchendem Athem. Nichts als ein Werkzeug ſeiner Pläne! Oh, oh! Wie das ſchmerzt! Welch' ein furchtbares Feuer da in meiner Bruſt lodert! Mein Gott, mein Gott, ich wünſchte, es wäre der Tod, welcher mit ſeinen Flam⸗ 324 men über mir zuſammenſchlüge!— Verrathen, betrogen! Und ich liebte ihn, ich hatte ihm meine ganze Seele hingegeben! Der Dämon wollte ſich um ſeinetwillen in einen Engel verklären! Haha, wie das luſtig iſt! Welch' ein reizendes, vergängliches Ding iſt doch das Leben! Drinnen, in dem anſtoßenden Saal begannen eben die Muſiker die ſchmetternden Fanfaren eines Walzers ertönen zu laſſen, und dieſe Muſik voll Heiterkeit und Luſt klang Friederiken wie neckender Hohn, ſie fühlte ihr Herz erſtarren, wie in einem Krampf verzweiflungsvollen Schmerzes. Aechzend legte ſie ihr Haupt zurück an den Stamm des blühenden Flieders, und fühlte es nicht, daß leiſe und langſam zwei kalte Thrä⸗ nen über ihre Wangen niederrollten. Die Töne des ſchmetternden Walzers überdeckten ihre Seufzer, die ſchwer aus ihrer Bruſt hervor⸗ kamen, und das Schmerzgeſtöhn ihrer in Qualen ringenden Seele. Ich habe ihn geliebt, rief ſie leiſe, oh Gott, ich habe ihn grenzen⸗ los geliebt, und er,— er verachtet mich! Er verhöhnt und verſpottet mich, und ſein Weib kennt den Betrug, und ſie läßt es geſchehen! Sie erbarmt ſich nicht einer Unglücklichen, welche ihren Gatten liebt, und welche er ſchmachvoll hintergeht. Sie weiß es und ſie duldet es! Sie wand verzweiflungsvoll die Hände, ſie weinte und rang mit ihrer Qual, und fort und fort tönte die Muſik aus dem Tanzſaal, und an den offenen Saalthüren vorüber flogen die tanzenden Paare in ihren glänzenden, reizenden Coſtümen. Auf einmal warf der Kronleuchter zwei lange ſchwarze Schatten durch den Saal der Bosquets, und zwei große dunkle Geſtalten traten in denſelben ein. Es waren die beiden Malteſerritter, welche ſich aus dem Gewühl der Geſellſchaft in dieſe Stille und Einſamkeit flüchteten. Hören Sie, weshalb ich Sie hierher geführt habe, ſagte der Eine, dicht vor der Fliederlaube ſtehend. Ich habe ſo eben ein kleines Aben⸗ teuer erlebt. Sie wiſſen, die Gärtnerin, welche uns da in den Saal zu den Obſtbäumen geführt hatte, pflückte für uns Beide eine Frucht. Sie gab Ihnen auch eine, nicht wahr? Ja, Sire, ſie gab mir eine Apricoſe. n— liebte vollte uſtig ſiker dieſe ohn, ollen enden hri⸗ nden wor⸗ e. nzen⸗ pottet ehen! liebt, es! mit und 325 Und mir eine Birne. Aber wie ich meine Frucht verſpeiſen will, finde ich Widerſtand an der harten Schale, und entdecke, daß man mir nicht eine wirkliche Frucht gegeben, ſondern ein Gebilde von Wachs, in welchem ich ein beſchriebenes Blatt fand. Und Ew. Majeſtät haben es geleſen? Ja, mein Prinz, ich habe es geleſen, und ich will Ihnen den In⸗ halt des Papiers mittheilen, weil ich Ihre Anſicht wiſſen möchte. Man ſchreibt mir in dieſem anonymen Schreiben, daß das franzöſiſche Volk mir flucht, weil ich es geweſen, der es gezwungen⸗ Ludwig von Bour⸗ bon als ihren König anzuerkennen, man droht mir mit der Strafe des Himmels, wenn ich nicht eile, mein Verbrechen wieder gut zu machen, wenn ich nicht den Fluch in Segen verwandle, und dem franzöſiſchen Volk ſeinen angebeteten Kaiſer wiedergebe. Man beſchwört mich, auf den Kaiſer von Oeſterreich einzuwirken, damit er die Kaiſerin Marie Louiſe nach Elba ſende, und endlich droht man mir mit ewiger Ver⸗ dammniß und mit einer neuen Revolution in Frankreich, wenn ich nicht umkehre, und von den Bourbonen mich Napoleon wieder zuwende. Dann folgt eine ergreifende Schilderung des jetzigen Zuſtandes in Frankreich, der Zerriſſenheit aller Verhältniſſe und aller Gemüther, der Schwäche, Blindheit und Unzulänglichkeit der königlichen Regierung, und für dieſes Alles macht man mich verantwortlich, mich, der ſich von einigen fanatiſchen Legitimiſten habe täuſchen laſſen, und über ihrem wüthenden Geſchrei das Klagen und Jammern des Volkes nicht gehört habe.— Oh⸗ ich ſage Ihnen, dieſe Beſchwörung iſt mit einem Feuer und einer Gluth der Empfindung geſchrieben, daß ich mich da⸗ von ganz hingeriſſen, und die alten Zweifel wieder in mir erwachen fühle, ob ich Recht gethan, den Franzoſen ihren legitimen König wieder zu geben, und ob es nicht wirklich ein Anderer iſt, den ſie begehren? Ew. Majeſtät meinen unter dieſem Andern den Kaiſer Napoleon? Nein, ſagte Alexander ernſt, nein, nicht ihn. Nie würde ich meine Hand dazu bieten, Napoleon wieder herzuſtellen, und das war es, was ich Ihnen zu ſagen wünſchte, mein Freund. Hoffen Sie nie von mir etwas für Napoleon. Ich haſſe ihn nicht, ja, vielleicht bewundere ich ihn noch immer, aber ich bewundere ihn nur, wie man etwa den Strom 326 glühender Lava bewundert, der ſich aus dem Krater wie eine rieſige Feuerſchlange herniederſtürzt auf blühende Thäler, lachende Gärten und glückliche Städte. Es iſt ein göttlich ſchönes Schauſpiel, aber es bringt Tod und Verderben in ſeinem Gefolge. Napoleon war die Geißel, welche Gott den ſündigen Völkern geſandt; jetzt hat Gott die Geißel bei Seite geworfen, und es wäre vermeſſen, wenn Menſchen⸗ hände ſie wieder emporheben wollten. Nein, der Kaiſer Napoleon möge es zufrieden ſein, daß wir ihm Elba gelaſſen, er möge da, wie er es ſeinen Garden verſprochen, die große Geſchichte ſeiner Vergangenheit ſchreiben, aber eine Zukunft darf er nicht mehr haben. Es wäre das Verderben Europa's. Und ſo ſoll die Welt das Schauſpiel haben, von welchem die Dichter des Alterthums uns erzählen. Es wird den Prometheus an den Felſen angeſchmiedet ſehen, und die Adler werden kommen, ſich zu nähren von ſeinem Leibe! Ja, aber der ruſſiſche Adler wird nicht dabei ſein! Ich begehre nichts von Frankreich, will nicht der Erbe Napoleons ſein. Ich will nur Polen wieder haben, und Polen auch nur, um es glücklich und frei zu machen. Aber wir ſprachen von Frankreich, und daß es nicht glücklich iſt unter den heimgekehrten Bourbonen. Auch meine dortigen Agenten berichten mir von allerlei Unruhen und Mißſtimmungen; ſie halten es nicht für unmöglich, daß das Volk ſich erhebe, um die Bour⸗ bonen zu verjagen. Wir werden dann von Neuem hingehen müſſen, um Frankreich ſeine Ruhe und einen andern Herrſcher wiederzugeben. Aber wen? Der König von Rom iſt ein armes Kind, das nicht geeignet iſt, den grollenden Löwen zu zähmen. Es bedarf dazu eines ſtarken Mannes Hand. Eugone, wollen Sie die Ihre dazu bereit halten? Haben Sie zuweilen an eine ſolche Zukunft gedacht? Niemals, ſagte Eugone Beauharnais ruhig. Möge Gott Frank⸗ reich beſchützen, und ihm bald den Frieden geben. Aber wenn das Schickſal mir ſelber ſagte, daß ich es ſei, der berufen, Frankreich wie⸗ der frei und glücklich zu machen, daß es mich dazu auserſehen, den Thron Frankreichs einzunehmen, und daß es verloren wäre ohne mich, ſo würde ich fliehen bis in die Wüſte, würde mich lieber in Dunkelheit ſe ieſige ärten er es die t die chen⸗ möge er es enheit e das die 8 an ch zu egehre will und nicht tigen 5 ſie Bout⸗ tüſſen, geben. eignet ſarken en ran⸗ n das wie⸗ den kulhei 327 und Niedrigkeit begraben, würde lieber Frankreich zu Grunde gehen ſehen, als die Krone Frankreichs auf mein Haupt ſetzen. Es mag ſein, daß Napoleon den Völkern eine Geißel, ein verheerender Lava⸗ ſtrom geweſen, mir aber war er ein Vater, ein Wohlthäter, ich ver⸗ danke ihm Alles, was ich bin, und nie würde ich einen Thron ein⸗ nehmen, den Er den ſeinen genannt, eine Krone tragen, die auf Sei⸗ nem Haupt geglänzt hat. Ich glaube Ihnen, ſagte Alexander bewegt, ich glaube Ihnen, denn ich kenne Ihr edles und großes Herz, und Sie wiſſen es, ich nenne mich in Wahrheit Ihren Freund. Aber ich warne Sie, Freund. Laſſen Sie ſich nicht hinreißen von dem Gefühl Ihrer Dankbarkeit für Napoleon, folgen Sie nicht den Stimmen, die Sie vielleicht ver⸗ locken möchten, die Ihnen die Rückkehr des Kaiſers in Ausſicht ſtellen. Wagen Sie ſich nicht auf das Glatteis der Verſchwörungen! Ich danke Ew. Majeſtät für Ihren gnädigen Rath, und ich will Ihnen beweiſen, Sire, daß ich ihn befolge. Sire, auch ich habe eine der Ihren ähnliche Frucht bekommen. Auch die Apricoſe, die man mir gab, war von Wachs, und es befand ſich ein beſchriebenes Pa⸗ pier darin. Und was ſtand in dem Papier? Sire, ſagte Eugène langſam und feierlich, es ſtand darin ge⸗ ſchrieben, daß Napoleon bald heimkehren werde nach Frankreich. Man forderte mich auf, in zwei Monaten nach einem Ort an der Südküſte Frankreichs zu kommen, um dort den Kaiſer zu erwarten. Man be⸗ ſchwor mich, bis dahin alle Vorbereitungen zu treffen, um mit Geld und Waffen den heimkehrenden Kaiſer unterſtützen zu können, und gleich Ihnen, Sire, droht man mir mit dem Fluch Frankreichs, wenn ich dem Ruf meines Kaiſers, meines Stiefvaters nicht folgen wolle. Und was gedenken Sie zu thun, Eugene? Sire, ich gedenke mein Wort, mein Manneswort zu erfüllen. Ich habe Ew. Majeſtät gelobt, Deutſchland nicht zu verlaſſen, mich in keine Verſchwörungen, in keine geheimen Correſpondenzen einzu⸗ laſſen, ſondern von dem Schickſal und von Ihnen allein die Entſchei⸗ ——— —— 328 dung über meine Zukunft zu erwarten. Ich habe das gelobt, und ich werde meinen Schwur erfüllen! Der Kaiſer ſchlang ſtatt der Antwort ſeinen Arm um des Prinzen Nacken und drückte einen Kuß auf ſeine Stirn. Mein Freund, ſagte er, ich ſehe Wolken von allen Seiten ſich aufthürmen, und der Con⸗ greß mit ſeinen ſpieleriſchen Händen und ſeinem ſchwachen Athem wird die kleinen Kartenhäuſer unſerer Diplomaten über den Haufen werfen, und ſelber das Gebäude der Zukunft errichten. Warten wir es in Demuth ab; das aber weiß ich, daß die Wolken Sie nicht zerſchmet⸗ tern ſollen, und daß, wie immer auch die Zukunft ſich geſtalten möge, Sie immerdar einen treuen und ergebenen Freund finden werden! Und nun kein Wort weiter, mein Freund, laſſen Sie uns in die Säle zurückkehren, und verſuchen, ob wir die Gärtnerin nicht wiederfinden, die ſo ſeltſame Früchte von den Bäumen pflückt. Der Kaiſer nahm den Arm Eugene Beauharnais und begab ſich mit ihm wieder in die ſtrahlenden, duftenden, muſikdurchrauſchten Tanz⸗ ſäle zurück. Wieder ward es ſtill in dem Saal der Bosquets. Niemand war mehr darin, als die Zigeunerin, welche, in der Fliederlaube verborgen, das Geſpräch des Kaiſers und des Prinzen gehört hatte. Jetzt trat ſie aus dem Bosquet hervor. Sie hatte die Maske abgenommen, um die Thränen von ihren Wangen fortzutrocknen, und das Licht des Kronleuchters fiel jetzt mit grellem Schein auf Friederike Häh⸗ nels bleiches, ſchmerzdurchzucktes, in düſterm Zorn grollendes Angeſicht. Ich weiß jetzt Alles, ſagte ſie langſam, ich kenne alle ſeine Pläne und ſeine Gedanken, er liegt vor mir da, wie ein offenes Buch. Ich habe für heute genug geleſen, und ich will heimkehren. Er hat ganz Recht, es kommt nur darauf an, wer von uns ſeinen Zweck er⸗ reicht, und wer der Betrogene ſein wird! Sie drückte die Maske wieder vor ihr Angeſicht, und in den Tanzſaal zurückkehrend, glitt ſie raſch durch das glänzende Gewühl dahin, um zu dem Ausgang zu gelangen, und das Feſt zu verlaſſen, bevor noch mit dem Oeffnen des Eßſaals das Zeichen zum Abnehmen der Masken gegeben war. nd ich rinzen ſagte Con⸗ wird erfen, es in chmet⸗ mäge, erden! Sale inden, b ſich Tanz⸗ d war orgen, Maske d das geſiht ſeine Buch⸗ Fr hat ed er nden ewühl laſſen, ehmen II. Der Bchwur der Rache. Nun, mein Kind? fragte der Staatskanzler von Hardenberg, am Morgen nach dem Balle in Friederikens Zimmer eintretend. Nun, mein Kind, Sie waren geſtern Abend auf dem Zauberfeſt des jüdiſchen Barons? Ja, ich war da, ſagte Friederike mit einem ſeltſamen Lächeln. Ich war da, und ich danke Ew. Excellenz, daß Sie mir die Gelegen⸗ heit dazu verſchafft hatten, dieſem Zauberfeſt, wie Sie es nennen, bei⸗ zuwohnen. Aber ich danke es Dir nicht, Kind, daß Du mich Deine Exiſtenz gar nicht ahnen ließeſt, ſagte der Staatskanzler, ihr leicht mit dem Finger drohend. Oh, Sie waren immer umringt von Bewunderern und Höflingen, rief Friederike, ich wagte mich nicht hinein in das vornehme Gedränge, das Ew. Excellenz umgab, denn ich fürchtete— Nun, warum zögerſt Du, Kind? Sprich doch weiter! Komm her zu mir, Friederike, ſetze Dich zu mir, und ſage mir: was fürch⸗ teteſt Du? Friederike eilte zu ihm, und ſich zu ſeinen Füßen niederkauernd, mit den Armen ſeine Füße umſchlingend, und Pas Kinn auf ſeine Knieen aufgeſtützt, blickte ſie mit ihren großen, ſchwarzen Augen fra⸗ gend und forſchend zu ihm empor. Ich fürchtete, ſagte ſie ernſt und langſam, ich fürchtete, Ew. Ex⸗ cellenz möchten mich in dem glänzenden und hochgebornen Kreis, ver Sie umgab, vielleicht nicht erkennen wollen, möchten mich verleugnen. Und da ich Sie liebe, und da ich Sie anbete, wollte ich Ihnen keine Gelegenheit aufdrängen, Ihr edles, ſchönes Selbſt verleugnen zu müſſen.— Und wenn Du mich liebſt, Thörin, mußteſt Du wiſſen, daß ich meine Freunde niemals verleugne. Wir ſprechen nachher weiter und 3 * 330 ausführlicher darüber! Jetzt ſage mir nur, warum Du den Ball ſo früh verlaſſen haſt? Warum, fragte ſie, ſich langſam wieder emporrichtend, warum ich den Ball verlaſſen habe? Weil— Sie verſtummte, und die Arme über der Bruſt ineinander faltend, ging ſie mit großen mächtigen Schritten einige Male im Zimmer auf und ab. Hardenberg folgte ihr mit ſeinen milden, freundlichen Augen; er ſah, wie ihr Antlitz immer farbloſer ward, wie ihre Lippen bebten, wie ihre Augen immer zorniger blitzten, die Falten auf ihrer Stirn immer düſterer wurden. Auf einmal wandte ſich Friederike ihm wieder zu, und vor ihm ſtehen bleibend, ſagte ſie: ich will es Ihnen ſagen, warum ich den Ball verließ! Weil ich eine Thörin war, weil ich ſo albern und ſo dumm war, eine ganz lächerliche und alltägliche Sache als etwas ſehr Ernſthaftes, Ungewöhnliches zu betrachten, und darüber zu weinen, wie ein albernes Kind. Mein Gott, iſt's nicht etwas Alltägliches und Ge⸗ wöhnliches, daß die mächtigen und erhabenen Männer, welche ſich die Herren der Schöpfung nennen, daß die eins dieſer armen, elenden Geſchöpfe zertreten, die da zu ihren Füßen kriechen, und ſich Weiber nennen? Ich bin geſtern Abend ein bischen zertreten worden, und es that mir ſo weh, daß ich das Bedürfniß hatte, mich auszujammern und zu weinen. Darum eilte ich nach Hauſe, und darum habe ich dieſe Nacht benutzt, und meinen Schmerz ausgetobt. Jetzt iſt's vor⸗ über, ich habe alle Thränen, die das Schickſal mir für das ganze Leben mitgegeben hatte, gleich auf Einmal ausgeweint, und ich glaubte, es werden mir für mein ganzes Leben keine mehr übrig geblieben ſein. Dann, als der Morgen kam, und ich bemerkte, daß der harte Fuß, der mich zertreten, mich doch nicht getödtet hatte, da renkte ich mir die verrenkten Glieder wieder ein, beſchloß bonne mine au mauvais jeu zu machen, und— und wieder Ihr luſtiger und übermüthiger Teufel zu werden, da mir ein für alle Mal die Luſt vergangen war, ein ſchwärmeriſcher, gutherziger Engel zu ſein. Und das iſt weiſe, mein Kind, denn die Welt iſt einmal nicht ſo eingerichtet, daß die Engel auf ihr leben und glücklich ſein könnten. und und un de 331 Bol ſ Nein, rief Friederike mit blitzenden Augen, aber für Dämonen und luſtige Teufel ſcheint mir die Welt ein allerliebſter Aufenthaltsort, rm ich und ich gehe deshalb unter die Teufel, Excellenz. Aber hoffentlich, mein kleiner allerliebſter Teufel, hoffentlich wirſt„ faltend, Du Dir keine Hölle und keinen Bratroſt einrichten, auf welchem Du ner auf die Seelen, die ſich Dir ergeben, braten und ſchmoren willſt? Ah⸗ Augen; was ſollte aus mir Armen werden, wenn Du das thäteſt? bebten, Oh, Sie haben das nicht zu fürchten, Excellenz, Sie ſind mein r Stim Herr und Meiſter! Wie? Alſo der Teufel Oberſter? vor ihn Nein, der Gott, dem auch die Teufel wider ihren Willen dienen ich den und ihm gehorchen müſſen! Sind nicht die Teufel früher auch Engel und ſo geweſen? Sie ſind gefallen, aber ſie ſehen mit ſcheuer Ehrfurcht in as ſehr den Himmel hinein, und lieben und verehren wider ihren Willen den en, wie Gott, der hoch über ihnen ſteht, und der ſein Antlitz gnadenvoll und und Ge⸗ milde über ihnen, wie über den Engeln leuchten läßt! So, mein Gott, ſich die mein Herr und Meiſter, rief ſie, ſich mit hervorſtürzenden Thränen vor elenden dem Staatskanzler niederwerfend, ſo ſchaue zu mir nieder, und laß VPeiber Dich in ſcheuer Ehrfurcht lieben und anbeten, und laß gnadenvoll und und es milde Dein Auge leuchten über Der, welche aus allen ihren Himmeln ammer gefallen iſt, und verloren gehen muß ohne Dein Erbarmen, Deine abe ich Gnade. Oh, mein Herr und Meiſter, ſtoße mich nicht von Dir, tritt s vor⸗ nicht auch Du mein Herz unter Deine Füße, laß mich leben, um Dich s gonze anzubeten, Dich zu preiſen ewig und immerdar! glubt⸗ Armes Kind, ſagte Hardenberg bewegt, ich ſehe es, Du haſt viel ben ſein gelitten in dieſer Nacht, die Wunde iſt tiefer, als ich dachte, und ich 3 te Fuß⸗ bereue faſt, daß ich Dir dieſen Schmerz bereitet habe. 3 nir die Ich aber danke Ihnen, daß Sie es thaten, ich danke Ihnen, daß jeu Sie mich warnten vor dem blumengeſchmückten Abgrund, an deſſen Teufel Rand ich lag, und in den ich verſunken wäre, wenn Sie mich nicht t, in erretteten. Sie haben mir das Leben gerettet, und folglich gehört mein Leben Ihnen, und ich will fortan nichts ſein, als Ihr Geſchöpf. iht ſo So laß mich Dein Vater ſein, Kind, und ich ſchwöre es Dir, ich uien will als Vater und als Freund für Dich ſorgen! Vergiß dieſen 332 Schmerz, den ein unwürdiger Betrüger Dir bereitet hat, und wir wollen ſchon Sorge tragen, daß Dein armes Herz geneſen, und ſich dem Glück wieder öffnen ſoll! Mein Herz iſt ſchon geneſen, ſagte ſie, und glücklich bin ich auch ſchon wieder, denn Sie ſind bei mir! Aber befehlen Sie mir nicht, daß ich den Betrüger vergeſſen ſoll, der mich verrathen und verſpottet hat, denn ich würde Ihnen nicht gehorchen können! Oh, Du liebſt ihn alſo noch immer? Sie brach in ein lautes ſpöttiſches Lachen aus. Ich liebe ihn ſo ſehr, ſagte ſie, daß ich ihn mit meinen Händen erwürgen würde, wenn es mir nicht ſchiene, daß der Tod eine viel zu geringe Strafe wäre für das Verbrechen, das er an mir begangen hat! Ich will den Be⸗ trüger nicht vergeſſen, weil ich mich an ihm rächen will! Sie hob die Hand empor zum Himmel, und mit flammenden Augen rief ſie: Rache will ich! Rache für die Schmach, die ich er⸗ litten habe! Oh, Kind, rief Hardenberg, wenn man Dich anſchaut, ſollte man meinen, die Göttin der Rache ſelber vor ſich zu haben. Aber ich bitte Dich, mäßige Dich, mäßige Deinen wilden Zorn, ſo ſchön er Dich auch kleidet! Wir leben im kühlen Norden, Kind, und die Vendetta mit ihrem Dolch und Gift paßt nicht für unſer Klima! Oh, ich will mich auch nicht rächen mit Gift und Dolch, rief ſie glühend, ich will ihn ganz langſam und vorſichtig mit Nadelſtichen tödten, das dauert länger, und thut weher! Ew. Excellenz überlaſſen ihn mir, nicht wahr? Sie laſſen mich ſtill und unbemerkt meine Rache nehmen an dem Verräther? Sie fragen mich niemals nach ihm, Sie laſſen es geſchehen, daß er öfter zu mir kommt, Sie mißtrauen mir nicht, und fragen mich nicht? Nein, ich verſpreche Dir, ich mißtraue Dir nicht, und ich werde ſchweigen, bis Du kommſt, mir auf meine ſtumme Frage Antwort zu geben. Ich werde antworten, ſobald mein Ziel erreicht iſt, ſobald die Wolke von mir genommen iſt, die jetzt noch meinen Himmel beſchattet. Und jetzt, Friederike, ſagte Hardenberg ernſt, jetzt laß uns offen und eine beſtir ſſt d — u ſelb ſein — Gen nit abg Und und wir und ſich ich auch ir nicht, erſpottet e ihn ſo de, wenn afe wäre den Be⸗ menden ich er⸗ llte man ich bitte er Dich ettn mit nie ſi delſtichen berlaſſen ne Rache hn, Sie wen mir werde Antwort bald di eſchaltet n5 offen 333 und ehrlich über Deine Zukunft miteinander ſprechen. Sie muß endlich eine beſtimmte Form und Geſtalt annehmen. Du mußt endlich eine beſtimmte Stellung in der Welt gewinnen. Ich habe ſie ſchon, rief Friederike, ich liege Ihnen zu Füßen, das iſt die einzige Stellung, die ich begehre! Sie genügt wohl meinem Herzen, aber nicht meiner Sorgfalt für Dich. Du mußt auch eine Stellung der Welt gegenüber gewinnen, Du mußt einen Salon haben, einen Namen, einen Rang, und da ich ſelber Dir das nicht geben kann, ſo müſſen wir alſo darauf bedacht ſein, Dir einen Gemahl zu ſuchen. Nein, nein, nein, rief ſie in flammendem Zorn, ich will keinen Gemahl, ich will keinen Rang, keinen Namen, keinen Salon. Ich habe mit meinen Thränen alle dieſe eitlen und thörichten Wünſche von mir abgewaſchen. Ich will nichts mehr, als Sie lieben, Ihnen dienen, und Sie erheitern mit meinen Dummheiten und meinen Katzenſprüngen, wenn die klugen Leute Sie genug gelangweilt haben mit ihrer Weis⸗ heit und ihrem ehrbaren Pfauenſchritt. Und ich bedarf einer ſolchen Erheiterung, ich bedarf Deiner, ſagte der Staatskanzler. Das Leben iſt ein ſo langweiliges Ding, daß man wohl dafür ſorgen muß, es ſich ein wenig zu verſchönern und aufzu⸗ ſchmücken. Du, Friederike, ſollſt fortan der Schmuck meines armen, zerquälten, vielfach in Anſpruch genommenen Lebens ſein! Und ich will dieſen Schmuck nicht verleugnen, ihn nicht vor der Welt mit Schleiern überflüſſiger Schaam verhüllen. Ich werde immer als Mann, als Diener des Staats meine Schuldigkeit thun, und den Pflichten genügen, welche ich beſchworen, und die mir das Schickſal auferlegt hat, aber dafür ſoll es mir auch erlaubt ſein, als Menſch auf meine Weiſe glücklich zu ſein, und meinem Alter einige Freude und Erholung, einigen Genuß zu ſchaffen. Von heute an, Friederike, nehme ich Dich an als meine Tochter, meine Geſellſchafterin, meine Pflegerin und Freundin, und als ſolche ſollſt Du in meinem Hauſe mit mir wohnen, als ſolche will ich Dich den Menſchen zeigen, welche zu mir kommen, und wenn ihre lächerliche Prüderie es nicht ertragen kann, an der Seite eines Greiſes ein junges Mädchen zu ſehen, das ihn als das 334 Abendroth ſeines verlöſchenden Tages umſtrahlt, nun, ſo mögen ſie ihre Augen abwenden, und im Gefühl ihrer ſtolzen Tugend von dannen gehen. Aber es fragt ſich, Friederike, ob Du die Gefährtin des Greiſes ſein willſt, ob es Dir genügt an meiner Seite zu leben als meine Freundin, meine Tochter und Geſellſchafterin? Sie legte ihre beiden Hände auf ſeine Schultern, und ſah ihm tief in die Augen. Ich will Alles das ſein, flüſterte ſie leiſe und lächelnd, Alles das, was Sie wollen, daß ich ſein ſoll! Ich will nur für Sie leben, nur Ihre Wünſche als meine Geſetze betrachten, und wenig ſoll es mich kümmern, ob die heuchelnde Welt mit ihrem tugend⸗ haften Geſicht, und ihrem laſterhaften Herzen hinter mir her lacht, wenn ich vorübergegangen bin. Ich werde ſchon vafür ſorgen, daß Niemand es wagen ſoll, mir in's Geſicht zu lachen. Dies wird meine Sorge ſein, Kind, und ich denke, man wird ſich ſchon bequemen, einige Rückſicht zu nehmen auf die Freundin und Ge⸗ ſellſchafterin des Staatskanzlers von Hardenberg.*) Es iſt alſo ab⸗ *) Der Staatskanzler von Hardenberg nahm wirklich Friederike Hähnel in ſein Haus und ließ ſie, unbelümmert um das Gerede der Welt, beſtändig an ſeiner Seite ſein. Sie war ſeine unzertrennliche Gefährtin, die er niemals verlengnete, und der die allezeit in ſolchen Dingen gefällige Welt überall mit Zuvorkommenheit begegnete, um dem mächtigen Staatslanzler angenehm zu ſein. Ich ſelber hörte Friederike Hähnel einmal, als ſie allein war in einer Geſell ſchaft, in der ich zufällig mit ihr zuſammentraf, erzählen, daß ſie einſt mit dem Staatskanzler eine Reiſe gemacht an einen kleinen deutſchen Hof. Sie logirte mit ihm im Schloß des regierenden Herrn, und als die Einladung erging, zur großherzoglichen Tafel zu kommen, führte der Staatskanzler ganz unbekümmert ſeine Geſellſchafterin mit ſich in den fürſtlichen Eßſaal. Sie ſah ſehr wohl das Entſetzen der fürſtlichen Herrſchaften und Hofleute und noch jetzt, als ſie davon ſprach, leuchtete ein dämoniſches Feuer aus ihren dunkeln Augen und ſchilderte ſie mit beißender Jronie die Verlegenheit und Beſtürzung der Hofgeſellſchaft, und die höhniſche Schadenfreude, die ſie darüber empfunden. Inveſſen, erzählte ſie, hätte der großherzogliche Hof ſich in die Lanne des allmächtigen Staats⸗ kanzlers gefügt, habe ſie an der Taſel Platz nehmen laſſen an der Seite des Staatskanzlers, und da die Großherzogin es nicht umgehen konnte, mit ihr zu ſprechen, habe ſie ſie immer als„Frau Gräfin“ angeredet. Aber ſie lachte laut auf und rief:„Entſchuldigen Ew. Königl. Hoheit, ich bin keine Gräfin, ſondern nichts weiter als des Uhrmachers Hähnel älteſte, eheleibliche Tochter.“ gem den wel teſt beg V hal ögen ſie dannen Greiſes s meine ſah ihm eiſe und will nur en, und gend⸗ er lacht, en, daß wird ſich und Ge⸗ glſo ab⸗ ſe Hihnel heſändig niemals erall mit nzu ſein. Geſell⸗ mit dem ie logirte rging zur elümmert wohl das ſie davol ſchilderte ſlſchaft, eühli 335 gemacht. Du wohnſt fortan bei mir in meinem Hötel. Und ſo wäre venn der Pilgermarſch der wandernden Thörin und Abenteurerin, als welche Du Dich mir am erſten Tage unſerer Bekanntſchaft vorſtell⸗ teſt, beendet, und mein lieblicher Kobold hat endlich ſich zur Ruhe bequemt!—— Jo, ſagte Friederike, als der Staatskanzler ſie verlaſſen hatte, die Wandertage der pilgernden Thörin ſind jetzt vorläufig beendet, und ich habe meinen Hafen erreicht. Aber jetzt kommt es darauf an, mir in dieſem Hafen auch ein mit den Schätzen Indiens beladenes Schiff vor Anker gehen zu laſſen, damit, wenn der Herr, dem dieſer Hafen ge⸗ hört, einſt ſtirbt, man mich nicht mit Schimpf und Schanden als Bettlerin von dannen jagt, und mich zwingt, mein Abenteurerleben von Neuem zu beginnen. Ich will reich werden, ich muß reich werden. Gold, das iſt die Brücke, welche allein fortan mich mit der Geſellſchaft verbindet, Gold wird mir dereinſt einen Namen, einen Rang geben! Der reichen Frau wird man dereinſt ihre Vergangenheit verzeihen, für die reiche Frau wird man Nachſicht, Entſchuldigung und Güte haben. Erbärmliche Welt, deren Gunſt, deren Achtung, deren Lächeln man ſich mit Gold erkaufen kann! Aber es iſt einmal ſo, und da es ſo iſt, muß ich Gold zuſammenraffen, Gold, um zuletzt die wandernde Thörin, vie närriſche Abenteurerin als eine tugendhafte Frau erſcheinen zu laſſen. Mit Gold erkauft man ſich Alles, ſelbſt den Himmel!*) Aber *) Friederike Hähnel hat alle ihre Pläne erreicht. Sie hat nach dem Tode ihres Beſchützers, des Staatskanzlers von Hardenberg, ſich mit ihrem Gelde einen Gemahl gekauft, der ihr wenigſtens einen adligen Namen und den Rang einer Baronin geben konnte. Sie hat, nachdem das Alter mit ſeiner Lange⸗ weile, ſeinen Schreckniſſen, Enttäuſchungen und vielleicht auch Gewiſſensbiſſen kam, ſich auch den Himmel zu erkaufen geſucht. Sie ward in Rom katholiſch, und galt dort für eine ſehr heilige Dame, weil ſie gelobt, nach ihrem Tode ihr ganzes ungeheures Vermögen der Kirche zu vermachen. Die römiſche Geiſtlichkeit, ja ſogar die hohen Cardinäle hielten es daher für angemeſſen, ſich um die Ge⸗ neigtheit der reichen, frommen und geiſtreichen Frau zu bewerben. Durch einen der Cardinäle ward ſie dem Papſt Gregor XVI. vorgeſtellt, und bis zum Tode des Papſtes war ſie alsdann in Rom eine ſehr einflußreiche, ge⸗ ſeierte Frau. 336 wie fange ich es an, Gold, viel Gold zu erwerben? Ich darf meinen edlen und erhabenen Freund nicht ahnen laſſen, daß meine göttliche Liebe und ſchwärmende Bewunderung für ihn nicht ganz ſo rein von irdiſchen und eigennützigen Wünſchen iſt, wie er es vermeint, das Gold muß für mich ihm gegenüber immer nur Nebenſache ſein, die Liebe die Hauptſache! Die Liebe, rief ſie laut auflachend, die Liebe! Als ob Friederike Hähnel noch etwas Anderes lieben könnte, als ſich und das Gold allein, als ob— Ein lautes Klopfen an ihrer Thür unterbrach ſie in ihrem Selbſt⸗ geſpräch, und ſie eilte zur Thür hin, ſie zu öffnen. Herr von Sahla, rief ſie dann überraſcht. Treten Sie ein, und ſeien Sie mir herzlich willkommen! Ich danke Ihnen für dieſen Gruß, ſagte Herr von Sahla, in das Zimmer tretend, und möchten Sie ihn nicht zurücknehmen, wenn Sie erfahren, weshalb ich komme. Weshalb Sie kommen? fragte ſie erſtaunt. Sie kommen alſo nicht blos, um nach ſo langer Zeit endlich Ihre geſprächige Freundin von der Tribüne des Oktoberfeſtes wieder zu ſehen? Wahrhaftig, ich glaube, Sie hätten etwas früher kommen können, um ſich für die Ge⸗ fälligkeit zu bedanken, mit der ich mich damals Ihrer annahm. Sie haben ſehr lange gezögert mit Ihrem Dank, denn wenn ich nicht irre, ſind mehr als vier Wochen— ah, unterbrach ſie ſich plötzlich mit einem lauten Lachen, ah, jetzt weiß ich, weshalb Sie kommen. Sie haben meinen Vorſchlag damals für Ernſt genommen, Sie haben es nicht vergeſſen, daß wir nach vier Wochen der Prüfung unſerer Herzen, uns eine ſehr zarte, ſehr folgenreiche Frage vorlegen wollten. Beim Himmel, Sie haben ein gutes Gedächtniß, ich hatte dieſe ganze An⸗ gelegenheit vergeſſen. Ich aber, ſagte Herr von Sahla mit ſeiner traurigen, düſtern Stimme, ich habe Sie nicht vergeſſen. Ich habe Ihrer täglich gedacht, und wenn ich nicht von Ihrer gütigen Erlaubniß Gebrauch machte, wenn ich nicht zu Ihnen kam, ſo lag das nicht in meinem Willen, ſondern es war nur mein Schickſal, das es verhinderte. Ich war nicht in Wien, und bin erſt ſeit geſtern wieder hierher zurückgekehrt. meinen götlliche ein von 6 Gold iebe die Als ob und das Selbſt⸗ in, und in das nn Sie ten alſo reundin ſtig, ich die Ge⸗ n. Sie ht irre, ich nit n. Sie aben es Herzen, gein nze An⸗ diſtern gedacht, machte, Villen, ar nicht Und jetzt kommen Sie, um mir zu ſagen, daß Sie Calatrava ritter bleiben wollen, nicht wahr? Still, antworten Sie mir nicht! Ich will Sie verhindern, mir einen Korb zu geben, indem ich Ihnen denſelben darreiche. Mein lieber Calatravaritter, wir wollen Beide unſern Gelübden und Orden getreu bleiben! Sie ſind ein weltliche Mönch, der das Gelübde der Keuſchheit abgelegt hat, und ich,— nun ich bin eine weltliche Nonne, die auch das Gelübde abgelegt hat ewig eine Jungfrau zu bleiben und ihrem Herrn zu dienen. Frage Sie mich nicht, wer mein Herr iſt, ſondern laſſen Sie es ſich genügen. daß ich durchaus keine Luſt verſpüre, Sie Ihren Gelübden abwendi, machen zu wollen; überlaſſen Sie mich daher auch den meinen! Unſer« Lebenswege ſind ſehr verſchieden, wie ich denke. Sie wollen nichts als ſich den Himmel erwerben, ich,— nun ich will mir die Erde er werben, und das Recht, auf ihr glücklich zu ſein. Wer weiß, ob unſere Wege ſo verſchieden ſind, als Sie denken ſagte Herr von Sahla mit einem traurigen Lächeln. Haben Sie dem vergeſſen, welche Beſtrebungen, welche Wünſche mich hierher geführ— nach Wien? Habe ich Ihnen nicht damals geſagt, daß das Unglüc Sachſens, das Unglück meines Königs mein Herz bewege, daß ich mein Leben hingeben wolle im Dienſte meines Vaterlandes und meines Königs? Ah, Sie haben noch immer dieſe Schwärmerei? fragte Friederike nachläſſig. Sie wollen noch immer für Sachſens Unabhängigkeit peti tioniren, und bei dem Congreß im Namen Sachſens Ihre K lageſtimme erheben? Ja, das will ich, das muß ich ich, rief Sahla glühend. Die Un rherſtellung meines Vaterlandes, das iſt meines . abhängigkeit, die Wiede Lebens Zweck und Ziel! Armer Freund, dann beklage ich Sie. Sie werden dieſes Ziel nicht erreichen. Der Congreß wird Ihre Stimme nicht hören, denn Preußen hat eine lautere und vollere Stimme, und es wird das Klage⸗ geſchrei Sachſens übertönen. Nun denn, ſagte Herr von Sahla düſter, wenn alle meine Pläne ſcheitern, wenn mein Vaterland wirklich verloren iſt, dann werde ich Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 22 ———————————— 338 wenigſtens der Rächer meines ſterbenden Vaterlandes, meines unglück⸗ lichen Königs ſein, dann wird das Schickſal meinen Arm bewaffnen, um Diejenigen zu ſtrafen, welche ſich an Sachſen verſündigt haben! Wenn Alles verloren iſt, bleibt mir noch die Rache! Rache! rief Friederike. Sie haben da ein Wort geſprochen, das mich zu Ihrer Bundesgenoſſin macht. Auch ich habe dieſes ſüße Wort in mein Herz eingegraben, auch ich gehöre zu ihren Prieſterinnen. Geben Sie mir Ihre Hand, Freund, wir gehören Beide zu demſelben Bunde, zu dem Bunde der Rache, und wir wollen uns förderlich ſein, ſo viel wir können. Wollen Sie das wirklich, Friederike? fragte Sahla, ihre darge⸗ reichte Hand feſt in der ſeinen drückend. Wollen Sie mir wirklich helfen? Sagen Sie nur, ob ich es kann? Sie können es, denn Sie ſind einflußreich bei Dem, in deſſen Händen das Schickſal Sachſens ruht. Oh, Friederike, ſeien Sie groß⸗ müthig, ſeien Sie gerecht, erheben Sie Ihre mächtige, einflußreiche Stimme für das unglückliche Sachſen, für den tiefgebeugten König. Oh, Freundin, wenn Sie ihn geſehen hätten, den armen, beklagens⸗ werthen König, wenn Sie ihn in Thränen, Jammer und Noth ge⸗ ſehen hätten, wie ich ihn geſehen habe, wenn Sie das Wehklagen des ſächſiſchen Volkes gehört hätten, wie ich es gehört habe, ſo würde Ihr großmüthiges Herz ſich erbarmen, ſo würden Sie erkennen, daß es ein Sacrilegium iſt, den rechtmäßigen König von Sachſen ſeiner Krone, ſeiner Ehre und ſeines Eigenthums zu berauben, daß es ein Ver⸗ brechen an den heiligen Völkerrechten iſt, ein Volk willkürlich ſeinem angebornen Herrſcher zu entreißen, und es wider ſeinen Willen an einen Andern zu verſchenken. Oh, Friederike, dulden Sie es nicht! Noch einmal beſchwöre ich Sie im Namen meines Volkes, meines Kö⸗ nigs: erheben Sie Ihre einflußreiche Stimme für Sachſen, wenden Sie mit Ihrem Feuergeiſt, mit Ihrer ſüßen Beredtſamkeit das Unheil ab, welches uns bedroht. In den Händen des Staatskanzlers liegt das Schickſal Sachſens, küſſen Sie dieſe Hände und ſie werden uns wieder geben, was ſie uns nehmen wollten. Ah, Sie wollen mich zu einer politiſchen Agentin machen, rief glüc⸗ ffnen, aben! das Wort nnen. ſelben ſein, arge⸗ lfen? deſſen groß⸗ reiche König. gens⸗ h ge⸗ n des e Ihr es ein Krone, er⸗ ſeinem en an nicht! es Kö⸗ venden liegt n uns n, ti 339 Friederike lächelnd. Aber was geht mich Sachſen an, was habe ich davon, ob Ihr Sachſen ein ſelbſtſtändiges Land bleibt, ob Ihr König ſich zu Tode grämt? Er kümmert ſich nicht um mich, weshalb ſollte ich mich um ihn kümmern? Sie thun ihm Unrecht, ſagte Herr von Sahla raſch und leiſe, der König kümmert ſich um Sie, der König kennt Sie und ſendet Ihnen durch mich ſeine Grüße; und im Namen Sachſens ſoll ich Sie bitten, dies kleine Andenken anzunehmen. Er zog ein großes Maroquin⸗Etui aus ſeinem Buſen, und reichte es ihr dag- Friederike nahm es lächelnd entgegen und öffnete es raſch. Als ſie darin ein wundervolles Collier von Brillanten und Perlen fand, erröthete ſie vor Vergnügen und ihre Augen blitzten höher auf. Ich nehme Ihr Geſchenk an, Herr von Sahla, ſagte ſie, und ich werde es nicht vergeſſen, daß Sachſen es war, von dem ich meine erſten Brillanten erhielt. Ich werde auch verſuchen, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweifen! Ich werde alle meine Beredtſamkeit, meinen Einfluß für Sie verweuden, und vielleicht gelingt es Ihren und meinen vereinten Bemühungen, Sachſen, wenn auch vielleicht in verkleinerter Geſtalt, Ihrem König zu erhalten. Ich will meinen Eifer für Ihre Angelegenheit gleich dadurch bethätigen, daß ich Ihnen einen guten Rath gebe. Werben Sie ſich noch andere einflußreichere Stimmen für Sachſen, werben Sie um die Gunſt Talleyrand's. Er iſt der mäch⸗ tigſte und geſchickteſte, weil er der intriguanteſte und gewiſſenloſeſte aller Diplomaten iſt. Wenden Sie ſich alſo im Namen Ihres Königs an Talleyrand, er iſt es, der allein noch hier auf dem Congreß Sachſen vertritt, richten Sie es ſo ein, daß für ihn die Frage der Politik eine Frage des Intereſſes wird, denn,— unter uns geſagt, Talleyrand liebt die Brillanten und das Gold, er kann wohl ſeine Principien wechſeln, aber— er nimmt ein ziemlich hohes Agio!—— Jetzt weiß ich den Weg, den ich zu wandeln hahe, rief Friederike, als ſie wieder allein war, und mit entzückten Augen das funkelnde Brillantgeſchmeide betrachtete, das ſie ſpielend durch ihre Hände gleiten ließ. Ja, ja, dieſer romantiſche Schwärmer, der Herr von Sahla, iſt für mich der Congreß geweſen, der mir die Richtung meines Lebens⸗ 22 340 weges andeutet. Oh, ich denke, ich werde auf dieſem Wege noch ſehr viele Brillanten und ſehr viel Gold finden! Ich werde ſie finden in dem Vorzimmer meines angebeteten Freundes! Ja, ſein Vorzimmer, das wird der Hafen ſein, in welchem mein Schiff vor Anker geht, und bei Gott, Niemand ſoll mir dieſes Vorzimmer paſſiren, der nicht einen guten Zoll in mein Schiff niederlegt! Oh, ich werde reich werden, das heißt, ich werde eine vornehme, tugendhafte, geachtete Frau wer⸗ den! Ha, ha, welch' eine luſtige Komödie iſt doch das Leben, und wie Unrecht thut man, wenn man es ernſthaft nehmen, und die Poſſe als eine Tragödie herunter ſpielen will! Ich meinestheils werde nicht ſo thöricht ſein! Ich ſpiele fröhlich mit in der Lebenspoſſe und bei Gott, ich will das Publikum ſchon zwingen, mich darin als erſte Liebhaberin auftreten zu laſſen, und mir zu applaudiren! Aber ſtill, höre ich da nicht Schritte über den Corridor daher kommen? Sie flog zu der Thür hin und horchte. Ja, ſagte ſie, und ein dämoniſches Lächeln glitt über ihr Antlitz hin, ja, ich kenne dieſen Schritt. Er iſt es! Er! Gott, rief ſie, von der Thür in die Mitte des Zimmers zurücktretend, Gott, höre meinen Schwur der Rache, gieb mir die Mittel, dieſen Verräther zu ſtrafen, und— Die Thür flog auf, und mit einem Aufſchrei des Glücks, mit ge⸗ öffneten Armen, flog Friederike dem Eintretenden entgegen. Willkommen, mein Geliebter, willkommen! Oh, Du Grauſamer, wie lange Du mich heute Dein geliebtes Angeſicht haſt erwarten laſſen! Und wie lange ich das Deine habe entbehren müſſen, rief er, ſie zärtlich an ſein Herz drückend. Oh, Friederike, wann wird endlich die Zeit kommen, wo wir für immer einander angehören? Du erſehnſt es alſo wirklich? fragte ſie, das Antlitz von ſeiner Bruſt erhebend, und ihre glühenden Augen auf ihn heftend. Du liebſt mich alſo wirklich? Ja, Du holde, liebe Zweiflerin, ſagte er lächelnd, ich liebe Dich wirklich! Ich erſehne die Stunde, wo Du meine Gemahlin ſein wirſt, denn in dieſer Stunde wird Frankreich glücklich, wird der Kaiſer heim⸗ gekehrt ſein. Und wir, ſagte Friederike lächelnd, wir werden unſer Gelübde er, nd en, ge⸗ ine ebſt Dich eim⸗ 341 erfüllt, wir werden ihm Marie Louiſe und den König von Rom wieder zugeführt haben! Oh, mein Geliebter, laß uns alſo alle unſere Ge⸗ danken, alle unſere Beſtrebungen darauf richten, wie wir den Sohn und die Gemahlin Napoleons von hier entfernen und ſie nach Frank⸗ reich entführen können. Dies ſei unſer Ziel und Streben, und erſt, wenn wir es erreicht haben, dann wollen wir von unſerer Liebe und von unſerm Glück ſprechen! IV. Der Geburtstag Marie Aouiſens. Während Wien wiederhallte von dem Jubel der Feſte, während der Congreß ſang, jubelte und tanzte, aber, wie der Fürſt Ligne ge⸗ ſagt, nicht vorwärts ging, lebte Marie Louiſe einſame, trübe Tage zu Schönbrunn. Freilich war auch in dies vereinſamte Schloß zuweilen das laute Geräuſch der Feſte gedrungen, und mehrmals hatte die Kai⸗ ſerin Ludovica, die Veranſtalterin und Ordnerin der kaiſerlichen Feſte, Schloß Schönbrunn mit hineingezogen in ihre Feſt⸗Arrangements. Dann hatte auch Schönbrunn wiedergehallt vom Klange der Muſik, dann hatten die ſtillen düſtern Säle ſich plötzlich mit Glanz und Licht erfüllt, und die Pracht und Herrlichkeit der vergangenen Tage, in denen einſt die Kaiſerin Maria Thereſia in Schönbrunn verweilte, oder in denen der Kaiſer Napoleon auf dieſem Schloß reſidirte, ſchienen ſich für einige Stunden wieder zu erneuern. Aber während dieſer Stunden mußte die Kaiſerin Marie Louiſe ſich in das Innerſte ihrer Gemächer zurückziehen, denn noch widerſtand es ihrem Gefühl, bei dieſen Feſten ſich zu zeigen und in ihrer zweifelhaften Stellung, nicht mehr Kaiſerin, nicht mehr Erzherzogin, und noch nicht anerkannt als Herzogin von Parma, ſich den Souverainen darzuſtellen. Solche Tage der Feſte waren daher für die Kaiſerin Marie Louiſe immer nur Tage der 342 Thränen, der Demüthigungen und des ſchmerzvollen Rückblickens in die Vergangenheit. Aber heute ſollte in Schönbrunn ein Feſt begangen werden, das allein der Kaiſerin Marie Louiſe galt, und deſſen Königin ſie allein ſein durfte. Denn es war heute der zwölfte Dezember, der Geburtstag Marie Louiſens, und ihre Damen und Cavaliere hatten es ſich zur Aufgabe gemacht, dieſen Tag möglichſt feierlich zu begehen, um ſie zu bewahren vor den ſchmerzlichen Rückerinnerungen an ihre glänzende Vergangenheit. Sie hatten daher allerlei kleine Ueberraſchungen arran⸗ girt, hatten die Kaiſerin in der Frühe des Morgens ſchon mit Muſik geweckt, dann hatte der ganze kleine Hof in feſtlicher Toilette ſich zum Lever der Kaiſerin gemeldet, und Jeder hatte um die Erlaubniß ge⸗ beten, ihr ein kleines Geſchenk überreichen zu dürfen. Auch ihr Sohn, den man jetzt nicht mehr den König von Rom, ſondern den Prinzen Napoleon nannte, hatte Marie Louiſen ein kleines franzöſiſches Ge⸗ dichtchen declamirt, und mit demſelben ihr eine Silhouette ſeines Va⸗ ters überreicht, welche der Baron Meneval ihm aufgezeichnet, und die der Prinz dann ſelber zierlich ausgeſchnitten und auf roſa Papier ge⸗ klebt hatte. Marie Louiſe hatte der niedlichen Declamation des kleinen Prinzen mit einem ſanften Lächeln zugehört, als er ihr aber die Silhouette überreichte, hatte eine tiefe Röthe einen Moment ihr Antlitz über⸗ goſſen; faſt verlegen, mit niedergeſchlagenen Augen, hatte ſie das kleine Portrait genommen, und ohne nur einen Blick auf daſſelbe zu werfen, hatte ſie es raſch auf den Tiſch zu den andern Geſchenken gelegt. Liebe Mama Kaiſerin, ſagte der kleine Prinz traurig, warum be⸗ trachteſt Du Dir nicht das ſchöne Bild von meinem Papa? Haſt Du denn den großen Kaiſer gar nicht mehr lieb, daß Du ſein Bild nicht ſehen willſt? Marie Louiſe ſchien dieſe Frage nicht gehört zu haben, ſie hatte ihr Angeſicht ganz verſenkt in den großen Blumenſtrauß, den ihr der tleine Napoleon mit ſeiner Silhouette dargereicht, und deſſen Duft ſie mit Entzücken einzuathmen ſchien. Aber der Prinz zog mit dem Ungeſtüm, der die Kaiſerin ſchon ſo . 8 6 ein zen tte er⸗ ine fen, 343 oft und ſo ſchmerzlich an ſeinen Vater erinnert hatte, ihre Hand mit dem Bougquet von ihrem Antlitz fort, und ſeine großen blauen Augen feſt auf ſie richtend, fragte er mit ernſter, faſt zürnender Stimme: Mama, haſt Du Deinen Papa Kaiſer gar nicht mehr lieb? Ja, gewiß, mein Sohn, ſagte die Kaiſerin raſch und leiſe, ich habe ihn noch lieb, und ich werde niemals die ſchönen Tage vergeſſen, welche ich in Frankreich verlebt habe. Das Kind ſchien nur den erſten Theil der Antwort ſeiner Mutter gehört zu haben, und blickte ſinnend und mit jenem tiefen Ernſt, der ſo oft das Antlitz der Kinder gleichſam verſteinert, vor ſich hin. Mama, rief er auf einmal, wie aus tiefen Gedanken erwachend, Mama, wenn Du meinen Papa Kaiſer lieb haſt, warum biſt Du als⸗ dann nicht bei ihm? Mein Kind, ſagte Marie Louiſe ſeufzend, ich darf nicht zu dem Kaiſer gehen. Mein Vater hat es mir nicht erlaubt, mein Vater be⸗ fiehlt, daß ich hier bei ihm bleibe, und Du weißt wohl, die Kinder müſſen immer ihren Eltern gehorſam ſein. Ja, rief Napoleon, ſo lange ſie noch ſo klein ſind, wie ich es bin, dann müſſen ſie gehorſam ſein, wie ich es auch bin. Denn wenn ich Dir nicht gehorſam wäre, Mama, ſo wäre ich ſchon lange hier fort⸗ gelaufen, wo es mir gar nicht gefällt, und wäre zu meinem Papa Kaiſer gelaufen, wo es mir gewiß ſehr gut gefallen würde. Kleine Kinder müſſen ihren Eltern gehorchen, und darum bleibe ich hier, aber große Damen müſſen ihrem Vater nicht gehorchen, wenn er ihnen etwas befiehlt, was Unrecht iſt. Und wer ſagt denn, daß mir mein Vater etwas befiehlt, was Un⸗ recht iſt? fragte die Kaiſerin in gereiztem Ton. Es ſagt es mir Niemand, ſagte der Knabe ſinnend, aber ich ſelber habe es mir ſo nachgedacht, ſeit ich geſtern den Herrn von Meneval mit meiner lieben Quiou von dem ſchönen Brief ſprechen hörte, den meine Tante Jerome an ihren Vater geſchrieben hat. Siehſt Du, Mama, die Tante Jerome, die hat auch nicht ihrem Vater gehorſam ſein wollen, und als der befohlen hat, ſie ſolle den Oncle Jerome ver⸗ laſſen und wieder zu ihrem Vater kommen, da hat ſie geſagt: nein, ich 344 will nicht zu Dir kommen, nein, ich bleibe bei meinem Mann, ich will meinen lieben Jerome, nicht verlaſſen. Und meine liebe Quion ſagt, das ſei ſehr ſchön von der Tante, und darum denke ich, Du müßteſt es auch ſo machen und müßteſt zu Deinem Papa, meinem Herrn Groß⸗ vater Kaiſer, ſagen: nein, ich will nicht zu Dir kommen, ich will bei meinem lieben Mann bleiben. Dann würde meine liebe Quiou auch von Dir ſagen, daß es ſchön ſei. Das Antlitz Marie Louiſens hatte ſich umdüſtert, und einen ver— drießlichen Blick auf die Gräfin Montesquion werfend, die verlegen und erſchrocken ſich in die Fenſterniſche zurückgezogen hatte, fragte ſie mit ſcharfem Ton: iſt das auch ein Geburtstagsgedicht, welches Sie dem Prinzen eingeübt haben, Gräfin? Gräfin Montesquiou trat aus der Fenſterniſche hervor, und ſich der Kaiſerin nähernd, ſagte ſie mit ernſter Würde: Ich bitte Ew. Ma⸗ eſtät um Verzeihung, aber ich glaube, Ew. Majeſtät werden ſelbſt am eſten ermeſſen, ob das unſchuldige Geplauder des Prinzen Aehnlich⸗ keit hatte mit einem eingelernten Gedicht. Wenigſtens wäre es ein ziemlich ungereimtes, ſagte Marie Luuiſe, ihr Haupt zurückwerfend. Aber ſagen Sie mir doch, Gräfin, was iſt es denn überhaupt für eine ſeltſame Geſchichte von der Madame Jerome Bonaparte, welche Sie da meinem Sohn erzählt haben? Ich bitte Ew. Majeſtät abermals um Verzeihung, ſagte die Gräfin, ich habe dem Prinzen gar keine Geſchichte von Ihro Majeſtät, der Frau Königin von Weſtphalen, erzählt, und ich habe nicht geahnt, daß der Prinz dem Geſpräch zugehört hat, das ich geſtern mit dem Baron von Meneval gehabt, während der Prinz in dem andern Zimmer an ſeinem Spieltiſch ſaß und mit ſeinen Soldaten ſpielte. Ja, ſagte Napoleon mit einem ſchlauen Lächeln, Ihr glaubtet, ich ſpiele mit meinen Soldaten, aber als ich Euch von meinem Oncle Jerome und von ſeiner Frau ſprechen hörte, da ſtand ich leiſe auf, ſchlich bis zur Thür hin und horchte. Und ſo habe ich Alles gehört, was der Baron Meneval erzählte, auch den hübſchen Brief, den die Tante Jerome an ihren Vater geſchrieben. Sie haben indeſſen da ein großes Unrecht begangen, Sire, ſagte iſe, iſt me fin, 345 die Gräfin ernſt, man muß niemals horchen, denn es iſt nicht ehrenvoll, etwas heimlich zu thun, und Jemanden das abzulauſchen, was er nicht freiwillig ſagt. Der Knabe erröthete und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. Ich wollte nur ſo gern hören, was Ihr von meinem Oncle Jerome erzähltet, ſagte er, und ich wußte, daß Sie es mir nicht erzählen wür⸗ den, weil man Ihnen verboten, mir von meinem Papa Kaiſer und von meinen Oncles und vom ſchönen Frankreich zu erzählen. Man ſcheint ſich indeſſen um dies Verbot wenig zu bekümmern, ſagte die Kaiſerin ſpöttiſch. Aber ſagen Sie mir doch, Frau Gräfin, was iſt es mit dieſem Brief der Madame Jerome? Ew. Majeſtät, der Herr Baron von Meneval hatte durch einen ihm befreundeten Cavalier des Königs von Würtemberg die Abſchrift eines Briefes erhalten, den die Königin von Weſtphalen an ihren hier in Wien anweſenden Vater geſchrieben hat. Und dieſer Brief iſt ſo ſehr merkwürdig? Majeſtät, er iſt das Zeugniß einer edlen und erhabenen Frauen⸗ ſeele, ſagte die Gräfin würdevoll. Ah, in der That, Sie machen mich neugierig, dieſes Muſter von Briefſtyl kennen zu lernen, rief Marie Louiſe mit gereizter Stimme. Ich bitte Sie, Gräfin, holen Sie doch Ihren ſchönen Brief und leſen Sie ihn mir vor. Majeſtät, ſagte die Gräfin ernſt, ich habe den Brief bei mir, denn ich wollte Ew. Majeſtät um gnädige Erlaubniß bitten, Ihnen dieſes ſchöne Schreiben, durch welches die Königin von Weſtphalen ſich ein ſo edles und unvergängliches Monument geſetzt hat, vorleſen zu dürfen. Leſen Sie alſo! rief die Kaiſerin, indem ſie ſich nachläſſig in die Kiſſen des Divans zurücklehnte und an dem Blumenſtrauß zupfte, den ſie in der Hand hielt.— Der kleine Napoleon ſtand neben ihr und heftete ſeine großen Augen bald auf ſeine Mutter, bald auf die Gräfin, welche jetzt aus der Taſche ihres Kleides ein Portefeuille hervorzog, aus demſelben ein beſchriebenes Blatt Papier nahm und las: Sire! Ich habe Ihr gnädiges Schreiben erhalten, in welchem Ew. Majeſtät mir den Vorſchlag machen, jetzt, da das Schickſal den 346 Kaiſer Napoleon ſeiner Macht und Würde beraubt hat, und in Folge deſſen auch ſeine Brüder ihrer Throne verluſtig gegangen ſind, meinen Gemahl, den König Jerome, zu verlaſſen, mich von ihm zu ſcheiden und als Prinzeſſin von Würtemberg wieder in die Staaten Eurer Majeſtät zurückzukehren. Indem ich Ew. Majeſtät für Ihre väterliche Fürforge und Ihre mir bezeigte Güte meinen ehrerbietigſten Dank ſage, bitte ich meinen gnädigen Vater, mir nicht zu zürnen, wenn ich nicht im Stande bin, den Befehlen Eurer Majeſtät zu genügen, und das Aſyl, welches mir Eure Majeſtät bieten, anzunehmen. Als ich vor ſechs Jahren mit dem König Jerome vermählt ward, da liebte ich ihn nicht, ſondern ich unterwarf mich nur mit Thränen und Widerſtreben dem Befehl meines königlichen Vaters, der es mir zur Pflicht machte, dem Bruder des Kaiſers Napoleon meine Hand darzureichen. Seitdem habe ich ſechs Jahre an der Seite meines Gemahls gelebt und die Zuvorkommenheit, Liebe und Güte, welche er mir immer bewieſen, hat ihm allgemach mein Herz gewonnen. Zudem iſt er der Vater meiner beiden Kinder, der Mann, dem ich vor dem Altar Gottes mit einem feierlichen Eide gelobt, als ſein treues Weib ihm bis zum Tode anzu⸗ gehören und Glück und Unglück mit ihm zu theilen. In den Tagen des Glückes hat Niemand gewollt, daß ich mich von ihm trenne, und jetzt ſollte ich es thun, jetzt in den Tagen des Unglücks ſollte ich ihm den Arm entziehen, auf den allein er ſich noch ſtützen kann? Jetzt ſollte ich, treulos meinem Schwur, ohne Ehrfurcht vor meiner Ver⸗ gangenheit, ohne Scheu vor dem Urtheil Gottes und der Welt die Bande zerreißen, die mich an ſein Unglück binden? Sollte meinen Ge⸗ mahl, den Vater meines Sohnes, allein, vielleicht flüchtig und ver⸗ bannt in der Fremde umherſchweifen laſſen, während ich am Hofe meines königlichen Vaters ein bequemes und glänzendes Leben führte? Aber das würde heißen, meine Vergangenheit entehren und Schande auf mein Haupt wälzen. Die Welt würde mir dann nicht glauben können, daß ich die angetraute Gemahlin des Königs Jerome geweſen, ſondern ſie würde mich für eins dieſer verlornen, ehrloſen Mädchen halten, welche bei ihrem unlegitimen Liebhaber bleiben, ſo lange er glücklich und reich genug iſt, ihnen ein üppiges und glänzendes Leben i 347 zu verſchaffen, welche aber, ſobald das Unglück über ihn kommt, ihn verlaſſen, wie die Ratten das Schiff verlaſſen, deſſen Untergang ſie wittern. Aber ich bin die angetraute, ehrliche, legitime Frau des Kö⸗ nigs Jerome, und als ſolche muß und will ich bei ihm bleiben, und er ſoll ſich vertrauensvoll auf meinen Arm lehnen, und Niemand, weder vie Welt, noch er ſelber, ſollen glauben, daß ich ihn verlaſſen könnte! Ich bitte Ew. Majeſtät mir nicht zu zürnen wegen eines Entſchluſſes, der Ihren Befehlen widerſpricht. Aber es ſtehet in der Bibel ge⸗ ſchrieben: das Weib ſoll Vater und Mutter verlaſſen und ihrem Gatten nachfolgen. Mein gnädiger Vater wird mir verzeihen, wenn ich dem Wort der Bibel gehorſam bin.*) Nicht wahr, Mama, das iſt ſehr ſchön? rief der kleine Prinz, als die Gräfin geendet hatte. Marie Louiſe hatte während der Vorleſung des Briefes ihr Antlitz ganz und gar hinter dem großen Blumenbouquet werborgen gehabt, jetzt warf ſie es bei Seite und ließ die Gräfin und ihren Sohn ihr von Thränen überfluthetes Angeſicht ſehen. Ja, ſagte ſie ungeſtüm, das iſt ſehr ſchön und die Gräfin hat Recht, die Königin von Weſtphalen iſt eine ſehr edle Frau! Oh, ich beneide ſie, daß ſie ſo ſprechen und ſo handeln durfte, daß ſie die Freiheit hatte, ihrem eigenen Willen zu folgen und ihrem Herzen ie und möchte mein und ihrem Gewiſſen genug zu thun. Ich beneide ſ Herzblut hingeben, um mir das Recht zu erkaufen, ihr gleich zu thun. Ich aber, ich kann es nicht, ich darf es nicht! Ich bin eine elende, beklagenswerthe Gefangene, man hat mich in Feſſeln gelegt, und— Oh, Mama, Mama, unterbrach ſie der kleine Prinz, in Thränen ausbrechend, oh, weine nicht ſo ſehr! Es iſt ſchrecklich, Dich ſo weinen zu ſehen. Marie Louiſe wehrte ihn zurück und ſtand auf. Montesquiou, haſtig im Zimmer auf und abgehend, bringen Sie den führen Sie ihn zur Gräfin Brignole und kehren Sie ſagte ſie, Prinzen hinaus, dann hierher zurück. . Vol. XVIII. 289. *) Mémoires de la Duchesse Abrantès. 348 Die Gräfin nahm den weinenden Knaben in ihre Arme empor, und ihn leiſe und zärtlich tröſtend und beſchwichtigend trug ſie ihn hinaus. Marie Louiſe ging immerfort heftig auf und ab, ihre Wangen waren farblos, ihre Lippen zitterten, und ſchwer und fieberhaft ging der Athem aus ihrer wogenden Bruſt hervor. Ja, ſagte ſie haſtig vor ſich hin, ja, man behandelt mich hier wie eine Sclavin, die nur den Befehlen ihres Herrn folgen darf. Ich bin hier nichts weiter als eine Gefangene, die man auf jedem Schritt be⸗ wacht, deren Mienen, deren Gedanken ſelbſt man belauſcht, weil man immer fürchtet, ſie möchte einen Verſuch machen, ihre Freiheit wieder zu gewinnen und ſich der Gewalt ihrer Tyrannen zu entziehen. Oh, es iſt ein ſchmachvolles und entwürdigendes Leben, das ich hier führe, man zwingt mich dazu, eine ehrloſe Rolle zu ſpielen, und wenn ich gehorche und mich unterwerfe, wird die Welt einſt mit Fingern auf mich zeigen, und wie man von der Königin von Weſtphalen ſagt, daß ſie ſich ein Denkmal ihres Edelmuths und ihrer Hochherzigkeit geſetzt, ſo wird man von mir ſagen, ich hätte mir ein Denkmal niedriger und feiger Geſinnung geſetzt. Aber man ſoll nicht ſo von mir reden dürfen! Nein, nein, ich will es nicht! Auch ich bin keine ehrloſe Perſon, auch ich bin die legitime Gemahlin des Kaiſers und ich will meinen Sohn nicht zum Baſtard ſtempeln. Gräfin, rief ſie der eintretenden Gouver⸗ nante des Prinzen zu, Gräfin, Sie ſollen mir rathen, Sie ſollen mir helfen, daß ich von hier fortkomme. Die Königin von Weſtphalen hat mir den Weg gezeigt, den ich wandeln muß. Ich will zu meinem Gemahl, ich will ſein Unglück mit ihm theilen, wie ich ſein Glück und ſeine Größe mit ihm getheilt habe! Gott ſegne Ew. Majeſtät für dieſes Wort, rief die Gräfin mit Thränen in den Augen. Oh, warum kann der Kaiſer Sie nicht ſehen in dieſer edlen Begeiſterung, welche Ihr Antlitz verklärt! Warum kann er Ihre edlen, ſchönen Worte nicht hören, er würde dann nicht traurig und verzagt ſein, er würde nicht mehr fürchten und klagen, daß ſeine angebetete Gemahlin ihn auf ewig verlaſſen hat, daß ſie zu ſeinen Feinden übergegangen iſt. por, ihn igen ging wie bin be⸗ man iedet Oh, hre, vich auf daß ſetzt, auch ohn wer⸗ mir hat inem und nit ehen ann Urig ſeine inen 349 Glaubt er das? fragte Marie Louiſe haſtig. Haben Sie Nach⸗ richten von ihm? Oh, mein Gott, man hält mich ja immer in ſo engen Banden, man beaufſichtigt mich ſo ſehr, daß kein Wort, kein Brief mehr von ihm zu mir, und von mir zu ihm gelangen kann. Majeſtät, flüſterte die Gräfin leiſe, Sie ſind indeſſen umgeben von treuen Dienern und Anhängern, welche verſchwiegen ſind, und lieber ſterben würden, als die Geheimniſſe Ew. Majeſtät verrathen. Wir haben Verbindungen und Mittel, um Ihre Briefe ſicher zu dem Kaiſer hinzuſchaffen, und Ihnen die Antworten des Kaiſers zu über⸗ geben. Und Ihr ahnt nicht, daß man Euch Ihr von Spähern und Aufpaſſern umgeben bewacht, wie mich, daß auch ſeid, rief Marie Louiſe ungeſtüm, daß man jeden Eurer Schritte belauert, um an Euch irgend eine Unbeſonnenheit zu erſpähen, welche man vielleicht als einen Be weis Eures Einverſtändniſſes mit Napoleon auslegen könnte, und da⸗ durch einen Vorwand hätte, Euch Alle, die letzten Trümmer meiner zu verbannen, damit ich ganz allein ſei, einſtigen Herrlichkeit, von hier Oh, ich beſchwöre ganz von meinen Kerkermeiſtern abhängig werde? Sie, Gräfin, warnen Sie Ihre Freunde, ſich nicht täuſchen zu laſſen, nicht zu glauben, daß reichiſche Polizei zu täuſchen! Majeſtät, ſagte die Gräfin leiſe und haſtig, es iſt uns indeſſen Majeſtät gnädigſt erlauben, können wir es ihnen gelingen könnte, die wachſame öſter⸗ ſchon gelungen, und wenn Ew. Ihnen einen Beweis davon geben— Was für einen Beweis? fragte Marie Louiſe erblaſſend. Wollen Ew. Majeſtät erlauben, daß der Baron von Meneval einen Augenblick hier eintrete? fragte die Gräfin. Er iſt im Stande, Ipy Ew. Majeſtät Beweiſe zu lief e Louiſe, und Gott gebe, daß Laſſen Sie ihn eintreten, ſagte Marie er wirklich nicht ſchon verrathen iſt! Die Gräfin durcheilte raſch das Zimmer, und öffnete die Thür des Vorſaals. Treten Sie ein, Herr Baron, ſagte ſie freudig, Ihre Majeſtät will Ihre Botſchaft empfangen. Geſegnet ſei Ew. Majeſtät für dieſen Entſchluß, rief der Baron, —————.———— 350 in das Cabinet eintretend, und ſich mit freudeſtrahlendem Geſicht Marie Louiſen nähernd. Ich bin ſo glücklich, Ew. Majeſtät die Glück⸗ wünſche des Kaiſers zu überbringen, und ich bin beauftragt, Ew. Ma⸗ jeſtät im Auftrag des Kaiſers dieſes Käſtchen zu überreichen. Marie Louiſe nahm das ihr dargereichte kleine Käſtchen mit zit⸗ ternden Händen entgegen und öffnete es. Es enthielt ein goldenes, in Brillanten eingefaßtes Medaillon, auf deſſen Platte ein Neingegraben war. Die Kaiſerin öffnete das Medaillon, und betrachtete lange und ſinnend die Haarlocke, welche ſich in derſelben befand. Und Sie haben dies wirklich aus Elba erhalten? fragte ſie. Sie täuſchen mich nicht? Das iſt wirklich das Haar des Kaiſers? Und er hat an mich gedacht, und dies Geſchenk zu meinem Geburtstag hierher geſandt? Ew. Majeſtät werden ſich davon am beſten überzeugen können, wenn Sie die Gnade haben wollen, das Begleitſchreiben von des Kai⸗ ſers eigener Handſchrift von mir zu empfangen? Wie? rief Marie Louiſe, Sie bringen mir auch einen Brief des Kaiſers? Wo iſt er? Geben Sie, oh, geben Sie! Sie ſtellte haſtig das Käſtchen mit dem Medaillon auf den Tiſch zu den andern Geſchenken, und ſtreckte die Hand ungeduldig nach dem Brief hin, welchen der Baron Meneval eben aus ſeinem Buſen hervorzog. In dieſem Moment, und ehe die Kaiſerin noch Zeit hatte, den Brief entgegenzunehmen, ward die Thür des Vorſaals geöffnet, und der Lakay meldete: Se. Excellenz der Graf Neipperg. V. Jolgen der Eiferſucht. Marie Louiſe zuckte zuſammen bei dem Namen des Grafen, und trat raſch einige Schritte zurück, der Baron von Meneval ſchob eilig ——— eſicht lück⸗ t zit 6, in taben und nnen, f des Tiſch dem uſen den und 351 den Brief wieder in ſeinen Buſen und flüſterte leiſe: Ich werde ſpäter Ew. Majeſtät den Brief überreichen. Die Kaiſerin winkte mit einer raſchen Handbewegung nach der Thür hin, und forderte mit einem Blick und einer Kopfbewegung auch die Gräfin Montesquiou auf, hinauszugehen. Dann, während die Gräfin und der Baron ſich der in die innern Gemächer der Kaiſerin führenden Thür zuwandten, richtete ſie ihre Blicke dem Grafen Neipperg zu, der eben aus dem Vorſaal in das Cabinet eintrat. Ihr Antlitz hatte einen düſteren ſtrengen Ausdruck angenommen, und nicht der leiſeſte Schimmer eines Lächelns umſpielte ihre Lippen, als ſie mit einem leichten Neigen des Kopfes die ehrer⸗ bietige Begrüßung des Generals erwiederte. Ew. Majeſtät mögen mir verzeihen, wenn ich auch für mich die Huld beanſpruche, welche Sie gnädigſt Ihrem ganzen übrigen Hofſtaat bewilligt haben, ſagte der Graf, einen flüchtigen Blick nach dem mit Blumen und Geſchenken beladenen Tiſch hinüber werfend. Was für eine Huld? fragte Marie Louiſe mit ſtrengem Ton. Die Huld, zu den Füßen Ew. Majeſtät die Glückwünſche nieder⸗ zulegen, welche Ew. Majeſtät treueſter und ergebenſter Diener Ihnen aus vollſter Seele darbringen möchte. Glückwünſche! rief Marie Louiſe mit einem ſpöttiſchen Lachen. Mir Glückwünſche! Oh, ich bin nicht anmaßend, ich mache keine An⸗ ſprüche mehr an das Glück, ich begehre vom Schickſal nichts weiter, als die Freiheit, meinen eigenen Willen haben zu dürfen, und das zu thun, was mir angemeſſen, recht und pflichtgemäß erſcheint. Und wer möchte es wagen, Ew. Majeſtät daran verhindern zu wollen? rief der Graf entſetzt. Sie wollen es wagen, der Fürſt Metternich, der Kaiſer Franz will es wagen! ſagte Marie Louiſe in immer ſteigender Aufregung. Oh, nehmen Sie nicht die Miene des Erſtaunens und der Ueber⸗ raſchung an, Herr Graf, ich laſſe mich nicht täuſchen, denn ich kenne Sie, und ich weiß, welche Rolle Sie hier bei mir ſpielen ſollen. Eine Rolle? fragte der Graf ſchmerzlich. Ew. Majeſtät miß⸗ trauen mir alſo noch immer? 352 Nein, ich mißtraue Ihnen gar nicht, Herr Graf! rief Marie Louiſe mit einem rauhen Lachen. Ich bin gar nicht im Zweifel über Sie. Ich weiß, daß man Ihnen den Auftrag gegeben, mich zu über⸗ wachen, mich den Wünſchen des Kaiſers, meines Vaters, geneigt zu machen, meine Schritte zu lenken, und vor allen Dingen zu verhüten, daß ich keinen einzigen Schritt thue, der über die Grenzen hinausgeht, welche man mir ſo eng als möglich gezogen hat. Sie ſehen, ich bin ganz klar über mein unglückliches Schickſal, und dennoch wagen Sie es, hierher zu kommen, und mir Glückwünſche zu bringen? Glück⸗ wünſche! Sehen Sie da, Herr Graf, dieſe ſchönen und koſtbaren Ge⸗ ſchenke, welche man mir geſendet hat. Der Kaiſer und die Kaiſerin haben mir geſtern ſchon ihre Geſchenke dargebracht, meine Oheime und Brüder auch. Sehen Sie, alle dieſe Koſtbarkeiten, welche hier in der Mitte des Tiſches ſtehen, und hier die Gaben der Liebe meiner Freunde, meiner Diener. Nun, ich ſage Ihnen, alle dieſe Beweiſe der Liebe, der Theilnahme, der Achtung, wie ſehr ſie mein Herz auch gerührt haben, ich würde ſie alle freudig hingeben für das Eine, was allein ich begehre, deſſen Beſitz allein werth wäre, daß man mir Glückwünſche darbrächte. Und was iſt dieſes Eine? fragte der Graf lebhaft. Dieſes Eine iſt ein Reiſepaß, der mir erlaubt, nach Elba zu gehen, ſagte Marie Louiſe mit freudiger, ſtolzer Stimme. Ja, mein Herr, Sie ſollen wiſſen, daß alle Ihre Bemühungen, Ihre Beobach⸗ tungen, alle Ihre Beredtſamkeit vergeblich geweſen; Sie ſollen es wiſſen, und mögen Sie es meinem Vater, mögen Sie es der ganzen Welt wiederholen, daß Marie Louiſe nichts will und erſehnt, als das Recht, welches Gott, die heilige Kirche und mein Gewiſſen mir gegeben, das Recht, als die treue Gefährtin meines Gemahls an ſeiner Seite zu ſein, ihm ſein Unglück ertragen zu helfen, mit ihm zu leiden, und, wenn es ſein muß, mit ihm zu ſterben! Denn ein ehrenvoller Tod, ein Tod in der Ausübung meiner Pflicht, iſt beſſer, als das Leben der Sclaverei, der Demüthigung und Schande, welches ich zu führen ver⸗ urtheilt bin; auf einer wüſten Inſel zu leben, aber in unbeſchränkter Freiheit, aber Herr ſeines Willens und Denkens, iſt ſchöner und ehren⸗ 353 voller, als umgeben von Ueberfluß in kaiſerlichen Palläſten zu leben, die Sclavin eines fremden Willens, das abhängige Werkzeug einer fremden Hand. Ein Paß, ein Reiſepaß für die Inſel Elba, das iſt Alles, was ich mir erflehe, das iſt es, was mir als das einzige würdige Geſchenk zu meinem Geburtstag erſcheinen würde. Der Graf hatte ihr mit ſchmerzlicher Erregung zugehört, ſein Antlitz war immer mehr erblaßt, ſeine Lippen bebten, und ſchwere Seufzer hoben ſeine Bruſt. Jetzt, als Marie Louiſe ſchwieg, ſchaute er ſie an mit einem langen, ſchmerzlichen Blick, dann ſtürzte er zu ihr hin, preßte, ihre Hand ergreifend, einen langen, glühenden Kuß auf dieſelbe, und wandte ſich dann ab, um ſchwankenden, aber haſtigen Schrittes der Thür zuzugehen. Marie Louiſe ſchaute ihm mit verwunderten, fragenden Blicken nach, aber als der Graf ſchon die Hand auf den Griff der Thür ge legt, rief ſie: Graf Neipperg! Er wandte ihr ſein leichenbleiches, ſchmerzzuckendes Antlitz zu, abe er blieb neben der Thür ſtehen. Kommen Sie hierher, rief Marie Louiſe ungeduldig. Der Graf ſchritt vorwärts, aber blaß, ſchwankend, geſenkten Hauptes, wie ein Sterbender. Wohin wollten Sie gehen, Herr Graf? fragte Marie Louiſe, und ihre Stimme war ſchon weicher und milder geworden. Der Graf murmelte leiſe und hochathmend einige Worte, die Marie Louiſe nicht verſtand. Sie wiederholte daher ihre Frage: Wohin wollten Sie gehen, Herr Graf? Ich wollte hingehen, um mich dem Kaiſer zu Füßen zu werfen, von ihm einen Reiſepaß für Ew. Majeſtät zu erflehen, und dann— Und dann? fragte Marie Louiſe, als der Graf ſchwieg, und ſchwankend, nach der Lehne eines Seſſels griff, um ſich darauf zu ſtützen und ſich vor dem Umſinken zu bewahren. Und dann? fragte ſie noch einmal, indem ſie ihm näher trat und ihm die Hand entgegenſtreckte, als ſolle er ſich an derſelben halten, um nicht umzuſinken. Mühlbach, Napolevn. IV. Bd. 23 354 Der Graf ſtürzte zu ihr hin, faßte ihre Hand, und ſank, ſie an ſeine Lippen preſſend, auf ſeine Kniee nieder. Und dann zu ſterben, ſagte er leiſe, indem er ſein Haupt auf ſeine Bruſt ſenkte. Marie Louiſe bebte leiſe zuſammen, Purpurröthe überflog einen Moment ihre Wangen, und ein wunderbares Leuchten war in ihren Augen, welche ſie jetzt auf den, noch immer in ſo demüthiger Stellung vor ihr knieenden General heftete. Warum ſterben? fragte ſie mit bebender Stimme. Oh Gott, murmelte der Graf, ſie fragt mich noch, warum ich ſterben will! Stehen Sie auf, Graf, ſagte Marie Louiſe, ſich gewaltſam zu⸗ ſammenraffend. Es ziemt einem tapferen General nicht, zu knieen. Stehen Sie alſo auf und ſagen Sie mir, weshalb Sie ſterben wollten, wenn Sie mir den Reiſepaß verſchafft hätten? Der General ſtand auf, und die Kaiſerin mit traurigen Blicken anſchauend, fragte er: Ew. Majeſtät befehlen es? Ja, ich befehle es! Nun denn, rief der Graf ungeſtüm, ich wollte ſterben, weil ich das Unglück Ew. Majeſtät nicht überleben wollte. Oh, dann hätten Sie jetzt ſterben müſſen, ſagte Marie Louiſe ſpöttiſch, denn bis jetzt war ich unglücklich, aber von dem Tage an, wo ich nach Elba reiſen dürfte, würde ich nicht mehr unglücklich ſein. Nein, von dem Tage an würde das Unglück Ew. Majeſtät ſeinen Anfang nehmen, rief Graf Neipperg glühend. Denn von dem Tage an würden für Ew. Majeſtät die Enttäuſchungen, die Entnüchterungen beginnen, und Ew. Majeſtät würden in Ihrem edlen und groß⸗ müthigen Herzen alsdann die ſchwerſte aller Wunden erhalten, Sie würden erkennen müſſen, daß Sie getäuſcht worden, daß Ihre ſo edle, ſo großmüthige Liebe, Ihre erhabene, engelgleiche Treue nicht erwidert worden. Oh, ich rede nicht von den Gefahren, welche Ew. Majeſtät bedrohen würden, wenn Sie nach Elba gingen, nicht davon, daß Sie bald gezwungen ſein würden, Elba entweder flüchtig zu verlaſſen, oder mit Ihrem Gemahl auf irgend eine öde, weitabgelegene Inſel im Welt⸗ — ie an auf einen ihren llung m ich nzu⸗ ieen. lten, licken il ich niſe e an, ſein einen Toge ngen gwß⸗ Sie edle, idert jeſtü le S oder Velt⸗ meer verbannt zu werden, denn ich weiß, daß Sie eine heldenmüthige Seele ſind, welche nicht zurückſchreckt vor den Gefahren, denen Sie auf dem Wege Ihrer Fflichterfüllung begegnen könnten. Ich rede auch nicht davon, daß der Congreß, welcher die Umtriebe und Verſchwö⸗ rungspläne kennt und beobachtet, denen man auf Elba nachhängt, mit dem Plan umgeht, Napoleon, indem er ihn nach einer wüſten Inſel im Weltmeer verbannt, auch ſeines Kaiſertitels, ſeines Namens und ſeiner Würde zu berauben, denn ich weiß, daß die hochherzige, über Vorurtheile erhabene Marie Louiſe nicht zu ihrem Glück des Titels einer Kaiſerin bedarf, ſondern, daß ſie eben ſo erhaben, eben ſo ſtrah⸗ lend der Welt entgegen leuchten wird als Madame Bonaparte. Aber ich rede davon, daß Ew. Majeſtät der furchtbarſten aller Enttäuſchungen entgegen gehen werden, einer Enttäuſchung, von der ſich ein liebendes Herz nie wieder erholt. Was meinen Sie? Was wollen Sie ſagen? fragte Marie Louiſe erregt. Was für eine Enttäuſchung erwartet mich auf Elba? Reden Sie! Ich will es wiſſen! Nun denn, Ew. Majeſtät, ſagte der Graf leiſe und ſchüchtern, der Kaiſer Napoleon iſt Ihnen nicht treu! Während Ew. Majeſtät mit unverbrüchlicher Treue ſeinem Andenken allein leben, vergißt der Kaiſer Ihrer Treue, Ihrer Liebe, und giebt andern Frauen das Recht, an ſeiner Seite zu ſein, an ſeinem Herzen zu ruhen, und die Stelle einzunehmen, welche Ew. Majeſtät allein gebührt. Marie Louiſe ſtieß einen Schrei aus, und ihre Augen blitzten auf im Zorn. Das iſt nicht wahr, rief ſie ungeſtüm, das iſt eine jammer⸗ volle Verleumdung, mit welcher man mich hintergehen will! Der Kaiſer liebt mich, er erſehnt meine Ankunft, er richtet alle ſeine Wünſche zu mir hin, und denkt an mich in treuer Liebe. Es iſt möglich, daß er Ew. Majeſtät das geſchrieben hat, und daß ſeine hieſigen Agenten das Ew. Majeſtät verſichert haben, ſagte Graf Neipperg gelaſſen. Aber die Wahrheit lautet anders. Die Wahrheit iſt: daß der Kaiſer Napoleon auf Elba nicht von Einer, ſondern ſchon von drei Damen, welche er ſchon früher ſeiner Aufmerk⸗ ſamkeit und Liebe würdigte, Beſuche empfangen hat. 23* 356 Wer ſind dieſe drei Damen? fragte Marie Louiſe athemlos. Die erſte iſt eine Dame, welche ſich die Frau von St. Elme nennt, eine Abenteurerin, die Napoleon ſcherzweiſe die fama volata zu nennen pflegt. Ich weiß von ihr, ſagte Marie Louiſe haſtig. Der Kaiſer ſelbſt hat mir von ihr und von ſeiner kleinen Aventure mit ihr erzählt. Wenn ſie nach Elba kam, ſo iſt damit nicht geſagt, daß der Kaiſer ſie gerufen hat, oder daß ſie für ihn mehr iſt als nur eine politiſche Agentin. Wer iſt die zweite Dame? Die zweite Dame iſt das Fräulein von Lanto, ein ſchönes Mäd⸗ chen von achtzehn Jahren, welche der Kaiſer von Paris her kannte, und welche ihm mit ihrer Mutter nach Elba gefolgt iſt. Der Kaiſer hat ſie empfangen, ſie hat mit ihrer Mutter einige Monate auf dem Reſidenzſchloß in Porto Ferrajo gewohnt, und iſt dann an einen Of⸗ ficier aus dem Gefolge des Kaiſers verheirathet worden.*) Oh, flüſterte die Kaiſerin leiſe vor ſich hin, ſie iſt es nicht, was kümmert mich die Andere. Nennen Sie mir die dritte Dame! Die dritte Dame, ſagte der Graf langſam, das Auge feſt auf Marie Louiſens Antlitz heftend, die dritte Dame iſt eine Polin, be⸗ rühmt wegen ihrer Schönheit, ihrer Güte und Liebenswürdigkeit, berühmt— Marie von Walewska? fragte Marie Louiſe athemlos, mit glühenden Wangen. Der Graf verneigte ſich. Ew. Majeſtät haben es errathen, ſagte er. Die dritte Dame iſt Marie von Walewska. Sie iſt zu dem Kaiſer nach Elba gegangen, und hat ihren Sohn mit dahin genommen.**) *) Constant, Mémoires. Vol. V. **) Constant, Mémoires. Vol. V. Graf Neipperg hätte hinzufügen müſſen, daß der Kaiſer Napoleon allerdings dieſe Beſuche empfing, aber daß er ſie nicht begehrt hatte, daß er die ſchöne Lanto ſofort verheirathete, um ihrer los zu ſein, daß er Marie von Walewska aber ſchon nach wenigen Tagen veran⸗ laßte, die Inſel Elba zu verlaſſen, weil er nicht wollte, daß eine andere Frau durch ihre Treue, Hingebung und Anhänglichkeit ſeine Gemahlin beſchämen ſer tte, eit, 357 Beweiſen Sie mir das, rief Marie Louiſe ungeſtüm, ich glaube Ihnen nicht, wenn Sie es mir nicht beweiſen. Ich habe die Beweiſe bei mir, wenn anders Ew. Majeſtät die Berichte unſerer politiſchen Agenten, die wir auf Elba haben, als Be⸗ weiſe anerkennen wollen! Ich war ſo eben beim Fürſten Metternich, der vor einer Stunde einen Courier vom Herzog von Toscana erhielt, welcher ihm den Bericht der Agenten überſandte. Geben Sie mir dieſen Bericht, rief Marie Louiſe ungeduldig. Graf Neipperg zog ſein Portefeuille hervor, und nahm aus dem⸗ ſelben ein engbeſchriebenes Papier, das er der Kaiſerin darreichte. Sie nahm es, und indem ſie es entfaltete, zitterten ihre Hände ſo heftig, daß das Papier tniſterte und ächzte unter dem Druck ihrer Fingern. Haſtig, mit weitgeöffneten Augen, mit bebenden Lippen las ſie. Dann warf ſie das Papier mit einer ungeſtümen Bewegung auf den Tiſch. Es iſt wahr, rief ſie heftig, ja, es iſt wahr. Er hat Marie von Walewska nach Porto Ferrajo kommen laſſen. Sie ging heftig, in glühender Bewegung auf und ab, kämpfend mit ihrem Zorn und ihrer innern Empörung. Graf Neipperg, rief ſie dann, vor dem Grafen ſtehen bleibend, Sie haben Recht, es wäre eine Thorheit, wenn ich nach Porto Fer⸗ rajo gehen wollte, denn ich würde mich da in ſchlechter Geſellſchaft befinden. Ich verlange alſo nicht mehr nach Elba zu gehen, ich be⸗ gehre keinen Reiſepaß mehr! Der Graf ſtieß einen Freudenſchrei aus, und drückte die Hand, welche Marie Louiſe ihm darreichte, an ſeine Lippen. Ich hoffe indeſſen, daß Ew. Majeſtät bald Wien verlaſſen, und eine Reiſe antreten werden, ſagte er. Und wohin denken Sie, daß ich reiſen werde? ſollte, und daß die Frau von St. Elme wirklich nur eine politiſche Agentin, eine Brieftaube ſeiner Schweſter Eliſa war. Siehe: Mémoires d'une Con- temporaine. Vol. V. 358 Nach Parma, in Ihre Staaten, Majeſtät. Sie glauben alſo, daß man mir endlich Parma bewilligen werde? Daß der Congreß mir endlich eine Stellung, einen Namen geben werde? Majeſtät, der Congreß iſt ein vielköpfiges Ungeheuer, das viel ſpricht und ſchreit, und das man zähmen muß, indem man ihm allerlei Leckerbiſſen in den Rachen wirft. Ew. Majeſtät haben auf dem Con⸗ greß viele und boshafte Feinde, aber es hängt nur von Ew. Majeſtät ab, Ihre Feinde zum Schweigen zu bringen, und ſich Freunde zu er⸗ werben, welche mächtig genug ſind, Ihnen trotz des allgemeinen Wider⸗ ſpruchs das Herzogthum Parma zu ſichern. Was muß ich thun, um meine Feinde zu beſchwichtigen? fragte Marie Louiſe haſtig. Majeſtät, nur das, was der Fürſt Metternich Ihnen geſtern vor⸗ geſchlagen, und was Ew. Majeſtät geſtern verweigert haben. Ah, geſtern, rief Marie Louiſe mit einem glühenden Blick auf die beſchriebenen Blätter, geſtern hatte ich die Berichte Ihres Agenten nicht geleſen! Was war es doch, das man begehrte? Majeſtät, die ängſtlichen Herren des Congreſſes wagen Sie zu beſchuldigen, daß Sie noch immer im heimlichen Einverſtändniß mit dem Kaiſer Napoleon handelten, und daß Sie von ihm heimlich In⸗ ſtructionen und Briefe empfingen, nach denen Ew. Majeſtät Ihre Schritte richteten. Fürſt Metternich bat Ew. Majeſtät daher, eine ſchriftliche Erklärung abzugeben, in welcher Sie Sr. Majeſtät dem Kaiſer Franz Ihr feierliches Wort geben, daß Ew. Majeſtät keine Briefe mehr von dem Kaiſer annehmen, noch an ihn ſchreiben wollen, es ſei denn, daß Se. Majeſtät der Kaiſer, mit Bewilligung des Con⸗ greſſes, Ihnen die Briefe Napoleons ſelbſt übergebe.*) Gab es nicht noch eine andere Bedingung, fragte Marie Louiſe, ſtand nicht etwas enderes noch in der Erklärung, welche Fürſt Metter⸗ nich für mich aufgezeichnet hatte, und die ich abſchreiben ſollte, damit man ſie in meiner Handſchrift dem Congreß vorlegen könnte? Mensval, Mémoires. III. 105. ſche Be ruh wel jeſt jeſt erb 359 Ja, Majeſtät, es ſtand noch etwas Anderes darin. Die europäi⸗ ſchen Mächte würden weit bereitwilliger ſein, Ew. Majeſtät in den Beſitz Parma's zu ſetzen, wenn die Frage der Erbfolge ſie nicht beun⸗ ruhigte. Sie werden niemals ein neues Regentenhaus anerkennen, in welchem der nächſte Erbe ein Sohn Napoleons ſein könnte. Se. Ma⸗ jeſtät der Kaiſer Franz hat ſich daher erboten, dem Sohn Ew. Ma⸗ jeſtät die in Böhmen belegenen Güter des Erzherzogs Ferdinand als erbliches Lehen zu übergeben, wenn Ew. Majeſtät dafür im Namen und als natürliche Vormünderin Ihres Sohnes auf die Erbfolge deſ⸗ ſelben in Parma verzichten.*) Armer, kleiner Napoleon, ſeufzte Marie Louiſe vor ſich hin, ich ſoll ihn ſeines Erbes und ſeiner Herrſchaft berauben! Nein, Majeſtät, ſagte der Graf, nein, Ew. Majeſtät berauben ihn weder eines Erbes, noch einer Herrſchaft, denn Sie ſelber werden niemals in Beſitz des Herzogthums Parma gelangen, wenn Ew. Ma⸗ jeſtät dieſe Bedingung nicht eingehen. Marie Louiſe hatte ſinnend und geſenkten Hauptes da geſtanden, jetzt richtete ſie ihr Haupt entſchloſſen empor. Hat Ihnen Fürſt Metternich die Schrift übergeben, welche ich ab⸗ ſchreiben ſoll, und welche dann dem Congreß übergeben werden ſoll? fragte ſie. Ja, Majeſtät, er hat ſie mir ſo eben übergeben. Geben Sie ſie mir! befahl die Kaiſerin, ihm ihre Hand entgegen⸗ ſtreckend. Der Graf nahm aus ſeinem Portefeuille ein zweites beſchriebenes Blatt hervor, und reichte es Marie Louiſe dar. Sie nahm es, und indem ſie einen grollenden, flammenden Blick auf das andere beſchriebene Blatt, auf den Bericht des Agenten, hin⸗ überwarf, ſagte ſie: Ich werde dieſes Document heute noch abſchreiben. Ich werde mit feierlichem Schwur mich verpflichten, nicht mehr an den Kaiſer Napoleon zu ſchreiben, noch jemals von ihm wieder Briefe zu empfangen, und ich werde für meinen Sohn auf die Erbfolge in Parma *) Ménéval, Mémoires. 360 verzichten. Er wird mit der Appanage der böhmiſchen Güter entſchä⸗ digt werden. Si haben mir jetzt geſagt, was ich thun muß, um meine Feinde S Aber ſagen Sie mir jetzt auch, auf welche Weiſe ich“mir mächtige Freunde erwerben kann? Majeſtät, der Kaiſer von Rußland wünſcht nichts ſehnlicher, als Ew. Majeſtät gefällig ſein, Ihnen ſeine Dienſte weihen zu können. Geben Ew. Majeſtät ihm ein Recht dazu. Wenden Sie ſich an den Kaiſer Alerander, erſuchen Sie ihn ſchriftlich, ſich der Sache Ew. Ma— jeſtät anzunehmen, und Ihnen ſeinen Beiſtand zu gewähren. Bitiſtellern! rief Marie Louiſe mit bitterm Ton. Ja, bittſtellern, Majeſtät, um freie, um unabhängige Gebieterin des Herzogthums Parma zu werden! Nun wohl, ich will es thun, ſagte Marie Louiſe. Ich will mein Haupt beugen und bittſtellern, und betteln, um endlich frei und ſelbſt⸗ ſtändig zu werden! Gott gebe, daß es mich endlich zum Ziele führt, daß man der Kaiſerin von Frankreich das beſcheidene Glück gönne, ſich in eine kleine Herzogin von Parma verwandeln zu können. Wenn es ſo iſt, dann, Graf, dann fordere ich wieder von Ihnen einen Reiſepaß, aber auf der Reiſe, die ich dann vorhabe, auf der Reiſe nach Parma, werden Sie mich begleiten. Oh, Dank, Majeſtät, Dank, rief der Graf, indem er vor Marie Louiſen auf die Knie ſinkend, die dargereichte Hand der Kaiſerin an ſeine Lippen drückte. — 6 banes p̃ið our& Grey Control Chart Cyan GSreen Nellow Hed Magenta 47 7 „—