Cdmard Ottmunn in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Ceſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 6. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe, 5 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und eträgt: für Wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Mont 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Diplomatiſche Intriguen... Zweites Buch. Marie Louiſe. III. Der Sohn des IV. Der Fürſt von Ligne.. v. Das Wappen und die Livrée VI. Das Entlaſſungsgeſuch. V Sei Drittes Buch. Audwig van Beethoven. Wai Barbaſſon Si Beeten 196 Si VI. Beethovens Häuslichkeit... 227 VII. Der Generaliſſimus und das Adjntanterl 235 ſ 250 eſ Vie etſernte Geliebte 272 XI. Die Aufführung der Schlacht von Vittoria Viertes Buch. le congrès danse, mais il ne marche pas. ſe ie 295 ſei ieſt 350 Fünftes Buch. Diplomaten und Intriguanten. Wie man Geſchichte macht S 392 VI. Diplomatiſche Doppelzungigkeit Der Ballabend des Fürſten Metternich Fürſti rti Mo Sechstes Buch. Kapoleons von Elba. ibt Wrie e Sieebotſcht e ———.— VII Seite Siebentes Buch. Die bei Belle-Alliance. i II. Die Kammern.. III. Die Intriguen Fpuchos Napolepns Abreiſe zur Urmee S W Si —— Achtes Buch. Walmaiſon und Zelena. ſ ri ſ „ Erſtes Buch. Congreßgeſtalten. Mühlbach, Napoleon. 1w. Bd. l. Das Jeſt im Prater. Es war heute der erſte Jahrestag der großen Völkerſchlacht bei Leipzig, der 18. Oktober 1814. Heute vor einem Jahr war die Macht des Imperators gebrochen, heute vor einem Jahr hatte Deutſchland aus langer Ermattung und Schmach ſich emporgerichtet und das Joch ab⸗ geſchüttelt, unter dem es zwölf Jahre lang geſeufzt und geblutet hatte. Die Erinnerung an dieſen großen Tag wollte man heute in Wien beſonders feſtlich begehen; der Congreß von Wien, der ſeit dem Ende des September dort zuſammengetreten war, wollte mit dieſer öffent⸗ lichen großen Demonſtration Deutſchland beweiſen, daß er wirkliche patriotiſche Gefühle hege, und daß er ein Herz habe für das Ereigniß der Befreiung Deutſchlands. Die Welt, deren Augen jetzt auf Wien gerichtet waren, ſollte erkennen, daß die deutſchen Fürſten und Diplo⸗ maten ſehr wohl die Größe jenes Tages zu würdigen verſtänden, und daß ſie freudig bereit wären heute zu jubeln, zu eſſen und zu trinken in Erinnerung des Tages, an welchem vor einem Jahr das deutſche Volk ſein Blut hingegeben für die Befreiung des Vaterlandes. Ein großes militairiſches Feſt aber ſollte heute im Prater gefeiert werden. Ganz Wien freute ſich darauf, ganz Wien ſtrömte hinaus in den Prater, um die Arrangements des Feſtes anzuſtaunen, um die langen rieſenhaften Tafeln zu bewundern, an denen heute eine Geſell⸗ ſchaft von ſechszehntauſend Perſonen ſpeiſen ſollte. Sechszehntauſend Perſonen, welche der Kaiſer Franz heute zur Tafel geladen, um das Jahresfeſt der Niederlage ſeines Schwiegerſohnes zu feiern. Aber dieſe ſechszehntauſend Perſonen hatten indeſſen wohl ein 3 5 4 Recht Theil zu nehmen an den Erinnerungsfreuden jenes Tages, denn ſie waren gewählt aus den Regimentern, welche heute vor einem Jahr mit in der Schlacht geſtanden und ſich ausgezeichnet hatten durch ruhm⸗ volle Tapferkeit. Die Soldaten hatten Napoleon beſiegt, deshalb alſo mußte das heutige Feſt ein militairiſches ſein, und die Diplomaten, die Herren des Wiener Congreſſes, mußten es ſich wohl heute gefallen laſſen, in den Hintergrund zu treten und den Soldaten den Vorrang zu laſſen, denn dieſe hatten ihre Siege ſchon mit ihrem Blut beſiegelt, während jene ihre Siege erſt noch mit ihrer Tinte zu bezeichnen hatten. In den langen ſchattigen Laubgängen des Praters alſo ſollte heute das militairiſche Feſt ſtatthaben. Selbſt der Himmel ſchien Antheil zu nehmen an dieſem Feſt, denn er hatte in den letzten Tagen fort⸗ während eine reine, heitere Bläue gezeigt, als wollte er mit ſeiner Helle und mit ſeinem Glanz den Arbeitern leuchten, welche vom Auf⸗ gang der Sonne bis zum Einbruch der Nacht damit beſchäftigt waren, im Prater die Vorbereitungen zu dem Feſt zu machen, er hatte trotz der herbſtlichen Jahreszeit durch die warmen Lüfte, die er hernieder ſandte, durch die erquickenden Strahlen der Sonne das Laub der Bäume grün und friſch erhalten und den Blumen einen letzten Tag der Blüthe und der Schönheit aufbehalten; denn dieſes Laub der Bäume wollte man benutzen zu den rieſenlangen Guirlanden, welche rings um die Feſttafeln von Baum zu Baum ſich winden ſollten, und dieſe letzten Herbſtblumen waren dazu beſtimmt in duftenden Sträußen die Tafeln zu zieren, an denen die Krieger ſich niederlaſſen ſollten zum frohen Erinnerungsmahl. Alle Vorbereitungen waren jetzt beendet; auf den funfzig langen Tafeln inmitten des ungeheuren Platzes, den man nur dadurch ge⸗ wonnen, daß man tauſende von rieſengroßen Bäumen abgehauen und ſchattige Alleen verſchwinden gemacht hatte, um daraus einen Bankett⸗ ſaal der Natur zu machen, auf dieſen funfzig Tafeln waren alle Cou⸗ verts geordnet, alle Embleme und Verzierungen angebracht. Die ab⸗ gehuuenen Blume hatte man benutzt, um aus ihren dicken Stämmen Sitze zu bereiten, die oberhalb mit grünem Tuch beſchlagen, unterhalb mit Laubgewinden geſchmückt, gleichſam aus der Erde emporgewachſen . 5 ſchienen, um zu beweiſen, daß nicht blos die Menſchen, der Himmel und die Sonne, ſondern auch die Erde zu dieſem Feſte ihre Liebesgabe darbringen wolle. Es war ein ſchöner und imponirender Anblick, den dieſer unge⸗ heure Rieſenplatz darbot. In der Mitte dieſe langen Tafeln mit ihren Couverts, ihren Blumen, ihren in der Sonne funkelnden Gläſern und Flaſchen, ihren maſſenhaften Kuchen, ihren Bergen von Brod und Früchten, ringsum die hohen Tribünen, deren erhöhete lange Sitze mit purpurrothem Tuch bedeckt waren, deren Bedachungen von grünen Guir⸗ landen und Blumenkränzen geſchmückt waren, mit tauſend und aber tauſend Wimpeln, Flaggen und Fahnen, die in buntem Farbenſpiel die Nationalflaggen aller der Völker und Länder trugen, welche im vergangenen Jahre Theil genommen an dem großen Kampf der Völker⸗ ſchlacht bei Leipzig. Dort, von der großen Tribüne, auf welcher die beiden Kaiſerinnen von Rußland und Oeſterreich und alle die übrigen in Wien jetzt anweſenden ſouverainen Fürſtinnen Platz nehmen ſollten, dort ſtiegen an den vergoldeten Stangen die rieſengroßen Fahnen von Oeſterreich, Rußland und Preußen empor, die Fahnen der Hauptmächte, welche den Kampf gegen Napoleon geführt hatten; hier an der dicht neben der Damentribüne ſich erhebenden großen Tribüne, auf der die kleineren Fürſten und Fürſtinnen, die Diplomaten und Geſandten mit ihren Damen und ihrem Gefolge Platz nehmen ſollten, wehten mehr denn funfzig Fahnen, Zeugniß ablegend von der deutſchen Zerriſſenheit und Zerſtückelung, von den vielen deutſchen Souverainetäten, die ihre Geſandten zu dem großen Congreß entbotèn, auf welchem Deutſchland ſich endlich Heilung ſuchen wollte für ſeine langen Leiden und Schmerzen, und ſich ſeine Zukunft ſelber beſtimmen, ſein Glück ſich gründen wollte. Unfern davon erhoben ſich zwei andere Tribünen, auf denen der hohe Adel und das Gefolge der Kaiſer, Könige und Fürſten und die hohen Staatsbeamten Oeſterreichs ihre Plätze hatten, dann kamen wieder köſtlich geſchmückte Tribünen, welche die reichen Wiener Banquiers und Kaufleute für ſich und ihre Damen hatten errichten laſſen, und weiter⸗ hin dehnte ſich die lange Reihe der Tribünen, welche die Speculation auf die öffentliche Neugiede errichtet hatte, und zu denen die einzelnen 6 Plätze zu enormen Preiſen waren verkauft worden. Außerdem waren da noch die an den beiden Enden jeder der Tafeln angebrachten Tri⸗ bünen für die Muſici, hundert kleine Tribünen, zu deren Bemannung das ganze muſikaliſche Böhmerland, das ganze melodiedurchrauſchte Italien ſeine Bläſer und Violinſpieler, ſeine Paukenſchläger, Flötiſten, Celliſten, Trompeter ꝛc. entſandt hatte. Alle jene anderen Tribünen waren jetzt ſchon geſchmückt mit den Glücklichen, welche entweder durch ihren Rang und ihre Stellung oder durch ihr Geld Plätze erhalten hatten. Aber es gab da nicht minder Glückliche, welche weder durch Rang und Stellung, noch durch Geld, ſondern nur durch ihre eigene Geſchicklichkeit ſich Plätze verſchafft hatten, das waren die Leute, welche in der Frühe des Morgens ſchon in den Prater gegangen wa⸗ ren, welche mit Katzenbehendigkeit die hohen Bäume, die als die Rieſen⸗ ſchildwachen der Natur rings den Platz einfaßten, erklettert hatten. Wie reife Früchte in den Zweigen hängend ließen ſie ihre glühenden Pfirſichwangen, ihre lachenden Kirſchenlippen, ihre gerötheten Aepfel⸗ geſichter zwiſchen dem grünen Laub hervorſchimmern, und hoch über dem kleinen Getriebe der Welt erhaben, ſchienen ſie ganz überzeugt, daß das, was ſich da zu ihren Füßen begab, nur ihnen allein zur Augenweide, nur ihnen zum unausſprechlichen Vergnügen bereitet ſei. Tauſende ſolcher glücklichen Zuſchauer ſchwebten ſo über der Menge in den Lüften, das Feſt aus der Vogelperſpective genießend, und die Tauſende und aber Tauſende, die zu ſpät gekommen, die nicht mehr in den Prater zur rechten Zeit hatten gelangen können, um einen Platz auf den Bäumen oder zwiſchen den Tribünen zu finden, wogten in den weiter entfernten Alleen auf und ab, oder ſtanden in undurchdringlichen Maſſen vor den Eingangspforten des Praters, des großen Moments harrend, wo die Herrſcher mit ihren glänzenden Suiten, die fürſtlichen Damen in ihren glänzenden Equipagen anlangen würden. Auch auf den Tribünen herrſchte jetzt ſchon eine lebhafte Span⸗ nung und Ungeduld, denn die Stunde des Feſtes war jetzt herangerückt. Schon waren die Soldaten, die Theilhaber des Feſtes, mit klingendem Spiel, mit den Fahnen, welche bei Leipzig die Lüfte durchflattert hatten, geführt von ihren Regiments⸗Commandeuren, auf den Platz gerückt, und hatten die Plätze eingenommen, welche die Feſtmarſchälle, deren an jeder Tafel ſich vier befanden, mit den goldenen Stäben ihnen be⸗ zeichnet hatten. Hinter den Sitzen ſtehend harrten ſie der Ankunft der Souveraine, der Kaiſer, Könige, Fürſten, Feldmarſchälle und Generäle, die heute in innigſter Gemeinſchaft mit ihnen das Feſtmahl einnehmen wollten, und von denen an jeder dieſer funfzig Tafeln Einer präſidiren ſollte. Die drei Mitteltafeln, an deren oberſten Enden koſtbar vergol⸗ dete, mit Purpurſammet überzogene Fauteuils ſtanden, ſchienen indeß den Mittelpunkt des Ganzen zu bilden; an ihnen ſollten die beiden Kaiſer und der König von Preußen präſidiren. An der Mitteltafel Kaiſer Alexander, an der Tafel ihm zur Rechten König Friedrich Wil⸗ helm, und ihm zur Linken der Kaiſer Franz. Weiterhin folgten dann die Tafeln der Könige von Baiern und Württemberg, der Herzöge von Baden, von Weimar, Koburg und Braunſchweig, des Fürſten von Schwarzenberg, der Erzherzöge von Oeſterreich, der übrigen deutſchen Fürſten, und der ruſſiſchen und deutſchen Feldmarſchälle. Jetzt ließ ſich in der Ferne ein unermeßliches Jubelgeſchrei ver⸗ nehmen, das wie das Gebrauſe des ſtürmenden Meeres näher und näher heran rauſchte, und in ungeheuren Accorden jetzt ſich an den Tafeln der Soldaten, von den Tribünen und hoch oben von den Bäu⸗ men wiederholte. Wie goldfunkelnde Sterne leuchtete es in der Ferne auf, dieſe Sterne wurden größer und ſtrahlender, die Wolke von Staub, welche als durch die große Allee daher flog, öffnete ſich jetzt und ſchien einen ganzen Himmel von Sternen, voll Purpurgluth und Sonnenglanz auszuſtrömen. Es waren die Monarchen, welche in ihren glänzenden Uniformen, die Bruſt bedeckt mit brillantnen Sternen und breiten Ordensbändern daher kamen, begleitet von einem unermeßlichen Gefolge von Fürſten und hohen Militairs in ihren goldgeſtickten Ge⸗ wändern. Voran ritten die drei Monarchen von Rußland, Oeſterreich und Preußen; Alexander, ſtrahlend von Schönheit, Jugend und An⸗ muth, Franz mit ſeinem kalten, gleichgültigen und gelangweilten Ge⸗ ſicht, Friedrich Wilhelm mit ernſten, faſt traurigen Mienen. Wee ſie jetzt an der Tribüne vorüberkamen, auf welcher die Kaiſerinnen ſo eben ihre Plätze eingenommen hatten, verneigte ſich der Kaiſer Alexander mit 8 anmuthiger Courtviſie vor ſeiner Gemahlin, der Kaiſerin Eliſabeth; der Kaiſer Franz grüßte ſeine Gemahlin, die Kaiſerin Ludovica, mit einem freundlichen Kopfnicken; der König Friedrich Wilhelm ließ ſeine Augen langſam an der Tribüne dahin gleiten, und wandte dann den traurigen, ſich verdüſternden Blick ernſt und ſeufzend zum Himmel empor. In dieſem Moment traf das flammende Auge Alexanders das Antlitz ſeines Freundes, und mit einer raſchen Bewegung reichte er dem König, neben welchem er ritt, ſeine Hand dar. Armer, theurer Freund, ſagte er innig, ich verſtehe den Schmerz Ihres edlen Herzens. Sie ſind traurig, und haben ein Recht dazu, denn Sie ſuchen vergehlich da drüben auf der Tribüne Ihre herrliche edle Gemahlin, und Sie ſind betrübt, weil Sie ſie nicht begrüßen können. Sire, ſagte der König mit einem wehmüthigen Lächeln, ich habe meine Louiſe dennoch ſo eben begrüßt, nur ſuchte ich ſie nicht da drüben auf der Tribüne, ſondern da oben im Himmel. Sie haben Recht, rief Alerander bewegt, die Königin Louiſe war ein Engel, welche wieder zum Himmel emporgeſtiegen iſt, und jetzt in ſeliger Verklärung auf uns niederſchaut, ſie— Ein ſchmetternder Tuſch, von den hundert Tribünen der Muſici zu gleicher Zeit erſchallend, übertönte jedes Wort, und ward wiederum faſt übertönt von dem Jubelgebrüll der ſechszehntauſend Soldaten, an deren Tafeln die Monarchen jetzt eben langſam, freundlich grüßend nach beiden Seiten, dahin ritten. Unter dieſem Geſchmetter der Fanfaren, dieſem Jubelgeſchrei der Soldaten und der Zuſchauer ſchwangen ſich die Fürſten von den Pferden und ſchritten jeder mit ihrem Gefolge zu den Tafeln hin, an denen ſie zu präſidiren hatten. Und jetzt ſchmetterten hier an der Tafel des Kaiſers Alexander die Muſici die ruſſiſche Nationalhymne, dort an der Tafel des Kaiſers Franz ertönte Haydu's:„Gott erhalte Franz den Kaiſer“, hier an der Tafel des Königs Friedrich Wilhelm ſchallte das:„Heil Dir im Sieger⸗ tranz“, und weiterhin tönten die Volkshymnen von Baiern und Baden, von Württemberg und Braunſchweig, von Heſſen und Sachſen in einem rohwilden zerreißenden Chaos durcheinander. Da haben Sie ein wundervolles Beiſpiel von der deutſchen Ein⸗ heit, flüſterte auf der Fremden⸗Tribüne eine junge Dame mit funkeln⸗ den Augen und lachendem Munde dem jungen, bleichen Mann in's Ohr, der neben ihr ſaß. Hören Sie nur, welche Diſſonanzen das ſind, und mit welchen Jammertönen ſie unſer Ohr zerreißen. Und doch ſind es nur die deutſchen Nationalhymnen, welche man uns da zum Beſten giebt. Der Congreß ſollte ſeine Thätigkeit damit beginnen, daß er den großen Beethoven, der ja auch hier in Wien anweſend iſt, ver⸗ anlaßte, eine deutſche Nationalhymne zu componiren, und daß er dann allen deutſchen Stämmen beföhle, dieſe Nationalhymne allein zur Ver⸗ herrlichung ihres kleinen Sonderpatriotismus abzuſingen. Das wäre doch der Anfang der deutſchen Einheit, die ſonſt von Congreßwegen nimmer und nimmer zu Stande kommen wird. Was meinen Sie zu meiner Idee, Herr von Sahla? Ich meine, daß ſie gut iſt, gnädige Frau, ſagte der junge Mann mit einem ſanften Lächeln. Die junge Dame runzelte die Stirn und ein zorniger Blick ihrer Augen traf den jungen Mann. Warum nennen Sie mich gnädige Frau? fragte ſie heftig, warum nennen Sie mich ſo, da Sie doch wiſſen, daß ich das nicht bin. Oder vermeint der edle, tugendreiche Calatravaritter, es ſei nöthig mir einen kleinen beſchönigenden Schleier überzuwerfen, damit die tugendhafte Welt nicht vor meinem wahren Antlitz zu erröthen habe? Fort, fort mit dem Schleier; ich erröthe nicht vor mir ſelber, und es iſt mir ganz gleichgültig, ob die tugendhafte Welt glaubt, es ſtatt meiner thun zu müſſen. Ein für alle Mal alſo, mein Herr, ich bin keine Frau, und am allerwenigſten eine gnädige Frau. Ich bin einfach und ohne Umſchweife die Demoiſelle Friederike Hänel, eines armen Uhrmachers älteſte, eheleibliche Tochter, zur Zeit noch unvermählt. Ich bin hierher gekommen, weil ich mir die tolle, närriſche Welt, die ſich die kluge und vernünftige dünkt, ein wenig an⸗ ſchauen und beobachten wollte, und weil der edle und erhabene Freund, der einen Sonnenſtrahl ſeines Herzens auf mich armes, zappelndes Menſchengewürm niederfallen läßt, meine Anweſenheit hier wünſcht, um nach den gelehrten, diplomatiſchen Conferenzen ſich ein wenig an —— ————— 10 meinem höchſt ungelehrten und undiplomatiſch em Geplauder zu zer⸗ ſtreuen. Bei dieſem meinem erhabenen Freund hatte ich das Vergnügen, Sie heute Morgen zu treffen. Sie kamen, ihn um ein Billet für dies heutige Feſt zu erſuchen. Er hatte nur noch ein Billet zur Fremden⸗ Tribüne hier dicht neben mir. Ich bot mich an, Sie in meinem Wa⸗ gen mit hierher zu nehmen; wir ſind alſo als gute Freunde hierher gekommen, und damit wir es auch ferner bleiben, iſt es nöthig, daß wir einander über unſere Poſitionen aufklären, und uns ſagen, wer und was wir ſind. Ich habe das meinige gethan. Jetzt iſt an Ihnen die Reihe, und ich bitte Sie, mein Herr, machen Sie mir recht aller⸗ liebſte und offenherzige Geſtändniſſe, denn wir werden uns ſonſt von ganzem Herzen hier langweilen können. Wie denn, langweilen? fragte Herr von Sahla erſtaunt. Sie theilen alſo nicht den allgemeinen Enthuſiasmus? Sie ſind nicht ent⸗ zückt, alle dieſe ſiegreichen Soldaten der Schlacht bei Leipzig, die Kaiſer, Könige und Fürſten zu ſehen, welche Deutſchland von dem Joch des Tyrannen befreiten? Ach, die haben das gethan? fragte Friederike. Ich bildete mir ein, das deutſche Volk hätte das zu Stande gebracht, und die Leichen, welche auf den deutſchen Schlachtfeldern liegen, gehörten dem deutſchen Volk an, und die Ströme von Blut, welche vergoſſen worden, ſeien aus den Adern des lieben leichtgläubigen deutſchen Volkes gefloſſen. Aber Sie werden ſchon Recht haben, mein junger Freund, es wird bald heißen, daß dieſe paar Soldaten und dieſe Monarchen hier allein das große Werk der Befreiung zu Stande gebracht haben. Man wird die Soldaten mit erhöhtem Sold, mit Ordensbändern und Titeln be⸗ lohnen, man wird ſie Fürſten mit erbeutetem Land und neuen Unter⸗ thanen beſchenken,— das wird die Arbeit des ſchönen Wiener Con⸗ greſſes werden, und vom lieben deutſchen Volk wird weiter gar keine Rede ſein.„Der Mohr hat ſeine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen.“ Ja, ja, man wird die Fürſten mit erbeutetem Land belohüen, murmelte Herr von Sahla leiſe vor ſich hin. Wehe ihnen aber, wehe, wenn ſie es annehmen! — 17 Sie werden es annehmen, mein Herr, rief Friederike lachend, ſie werden es annehmen, zweifeln Sie nicht. Die Monarchen werden nicht ſo leichtgläubig und gutmüthig ſein, wie das deutſche Volk, ſie werden ſich nicht mit Verſprechungen abſpeiſen laſſen! Schauen Sie einmal dorthin, mein Herr! Was ſehen Sie da an den Tafeln, denen wir das Glück haben, ganz nahe zu ſitzen? Ich ſehe da den Kaiſer von Rußland und den König von Preußen, ſagte Herr von Sahla, einen düſtern Blick nach den Tafeln hinüber werfend. Und was thun die beiden erlauchten Souveraine? Sie eſſen von dem Braten, den man eben ihnen präſentirt hat! Ja, ſie eſſen von dem Lammbraten, mit dem Deutſchland heute das Oſterfeſt ſeiner Auferſtehung feiert. Glauben Sie mir nur, dieſer Lammbraten iſt ziemlich hart und zähe, aber die Monarchen haben ſcharfe Zähne und ſie eſſen den Braten, den Deutſchland ihnen vor⸗ ſetzt. Sie werden auch noch mehr Lämmer verſpeiſen, denn ihre Zähne ſind ſcharf! Und wo werden ſie dieſe Lämmer finden? fragte Herr von Sahla ganz leiſe und kaum hörbar. Friederike Hänel neigte ſich dichter an ſein Ohr. Der Kaiſer von Rußland wird ſeine Lämmer in Polen finden, flüſterte ſie. Und der König von Preußen? Nun, der wird ſie in Sachſen ſuchen! Aber er wird ſie dort nicht finden, murmelte Herr von Sahla, zuſammen zuckend, mit erbleichendem Antlitz. Er wird ſie dort finden, wenn der weiſe und erhabene Wiener Congreß ihm dazu die Berechtigung giebt. Er wird es nicht thun! rief Herr von Sahla faſt laut. Wer wird ihn daran hindern? Diejenigen eben, welche Sie genannt haben, die Herren des Wiener Congreſſes! Sie werden es nicht dulden, daß Preußen ſich widerrechtlich bereichere auf Koſten des armen, unſchuldigen Sachſens, das ſchon ſo viel gelitten, ſo viel geblutet hat. Sie werden unſern König Friedrich Anguſt nicht ſtrafen wollen, weil er nicht blos, wie 12 die Andern, in den Tagen ſeiner Größe dem Kaiſer Napoleon gehul⸗ digt und ihm Treue und Ergebenheit gelobt hat, ſondern weil er dem Bundesgenoſſen dieſe Treue auch bewahrt hat in den Zeiten ſeines Unglücks und ſeiner Erniedrigung. Sie werden ein ſelbſtſtändiges, edles Volk nicht verſchenken wollen, wie eine Waare, die man heute Dieſem, morgen Jenem verkauft, ſie werden deutſche Herzen nicht zwingen wollen, ſeiner Liebe zu ſeinem angeſtammten alten Königs⸗ hauſe zu entſagen, und einem neuen Herrſcher ſich zu geloben, während ihr König und ihr Herr, dem ſie Liebe und Treue geſchworen, noch lebt, und ſie zu ſich ruft mit ſeinen Thränen und ſeinen Seufzern! Oeſterreich wird es nicht zugeben, daß ſich Preußen auf ſo widerrecht⸗ liche Art bereichere, Baiern und Würtemberg werden dagegen proteſtiren, daß ſich Preußen auf Koſten eines deutſchen Volkes ſo ſtark machen wolle; England wird in ſeiner Loyalität einen ſolchen Raub nicht billigen und ſanctioniren, und endlich Frankreich, das neue Frankreich, das durch die nächſten Bande der Verwandtſchaft mit Sachſen verknüpft iſt, Frankreich wird es nicht dulden, daß dieſes Sachſen, deſſen unglück⸗ licher König der Oheim des Königs von Frankreich iſt, jetzt dem länder⸗ gierigen Preußen als Siegespreis hingeſchleudert werde! Ah, Sie berühren da mit keckem Finger die Wunde, an welcher der Congreß blutet, bevor er noch zu wirken begonnen hat, rief Friederike lachend, bevor die Herren Diplomaten noch ihre Zungen und ihre Federn in Bewegung geſetzt haben! Aber Sie werden ſehen, daß die Herren Diplomaten ſchon ein Pflaſter erfinden werden, um dieſe Wunde zu ſchließen, und daß ſie Preußen als Wundarzt und Pflaſterſchmierer dabei engagiren werden. Ja, ja, glauben Sie mir, Preußen hält ſich ſchon ein Pflaſter für das unglückliche, blutende Sachſen bereit, und es wird es auf Eure Wunden drücken, daß ſie nicht mehr bluten, und auf Eure Lippen, daß ſie nicht mehr ſchreien können. Hoffen ſie nicht zu viel auf die Redlichkeit und die Treue der Diplomaten. Sachſen iſt für ſie nur eine offene Frage, und der König von Sachſen iſt ein armer, ſchwacher Greis, der weder Orden, noch Brillanten, noch Titel und Ehren zu bieten hat, ein armer Bittſteller, der mit ſeinem guten Recht vor den Thüren der Mächtigen betteln 13 geht. Die Mächtigen werden ihm alſo ihre Thüren verſchließen und ſich des unbequemen Bittſtellers entledigen, damit er ſie nicht unter⸗ einander in Unfrieden und Krieg verwickele. Man wird Sachſen opfern, um dafür ſich ſelber den Frieden zu ſichern! Nun, wenn dem ſo iſt, rief Herr von Sahla, ſeine düſtern Blicke zum Himmel erhebend, wenn die Menſchen das unglückliche Sachſen und ſeinen trauernden König verlaſſen, dann wird Gott da ſein, ſich unſerer zu erbarmen, dann wird Gott ſprechen, und wenn er das Un⸗ recht nicht hindert, ſo wird er es wenigſtens ſtrafen, ſo wird er den Arm eines Rächers bewaffnen, daß er das an dem heiligen Völkerrecht begangene Verbrechen züchtige, daß er— Still, junger Mann, ſtill, flüſterte Friederike, ihm haſtig die Hand auf die Schulter legend, Sie ſprechen ſo laut, daß nicht ich allein, ſondern auch Andere Sie verſtehen, und Ihre Worte deuten können. Nein, Niemand verſteht mich außer Ihnen, ſagte Herr von Sahla, einen raſchen Blick rings um ſich werfend, hören Sie und ſehen Sie nur! Wir ſind ja auf der Tribüne der Fremden, es ſind keine deutſchen Phyſiognomien, welche uns hier umgeben, vor uns und uns zur Seite ſpricht man italieniſch, hinter uns franzöſiſch. Die Fran⸗ zoſen und die Italiener aber halten es nicht der Mühe werth, unſere deutſche Sprache zu erlernen, denn ſie wiſſen ſehr wohl, daß die Deutſchen mit ihrer Vorliebe für alles Fremde und Ausländiſche gern alle fremden Sprachen lernen, um mit jedem Fremden, der ihnen die Ehre erzeigt, ſie zu beſuchen, in ſeiner Sprache zu reden. Sie haben Recht, es ſind gar gutmüthige, gelehrte Leute, die lieben Deutſchen, lachte Friederike, jeder von ihnen iſt ein gebornes Sprachgenie. Selbſt mein guter Vater, der ſonſt wenig Anderes ver⸗ ſteht, als die Räder ſeiner Uhren in Bewegung zu ſetzen, hat es doch für nöthig befunden, die Sprache meiner Mutter zu erlernen, damit ſie nicht die Mühe haben ſollte, die Sprache ihres Herrn und Gatten zu erlernen. Ihre Mutter alſo iſt keine Deutſche? fragte Herr von Sahla. Nein, mein Herr, ich habe die Ehre eine halbe Franzöſin zu ſein. Meine Mutter iſt eine Franzöſin von uraltem Adelsgeſchlecht, eine ge⸗ 14 borne Marquiſe von Barbaſſon. Aber ihr Name iſt das Einzige, was uns von den alten Ahnenſchlöſſern unſers Hauſes geblieben iſt, und die Noth hatte die hochgeborne franzöſiſche Marquiſe zu der Mesalliance mit dem niedrig gebornen deutſchen Uhrmacher gezwungen. Ich bin nur eine halbe Deutſche! So wie ich nur ein halber Deutſcher bin, ſagte Herr von Sahla. Meine Mutter iſt eine geborne Polin, deren Familie reiche Güter be⸗ ſaß, die aber mit dem letzten Sturz Polens verloren gegangen und an Rußland gekommen ſind. Man zog die Güter der Familie meiner Mutter ein, weil man die polniſchen Patrioten, welche die Zerſtückelung ihres Landes nicht gutwillig dulden wollten, für Verräther erklärte, und ſie aus ihrem Vaterlande verjagte, wenn man ſie nicht nach Sibirien ſchickte. Ach, mein armer junger Freund, in der That, Sie haben Unglück, rief Friedrike, Sie gehören von Vater und von Mutter her zu den brennenden Fragen unſeres lieben Congreſſes. Ihr Vater iſt ein Sohn dieſes unglücklichen Sachſens, das Preußen erbeuten will, Ihre Mutter eine Tochter des noch unglücklicheren Polens, das Rußland ſchon halb verſpeiſt, und welches ihm ſo vortrefflich geſchmeckt hat, daß es jetzt auch die andere Hälfte ſich noch pour la bonne bouche aneignen möchte! Jetzt begreife ich vollkommen Ihren Grimm, und ich darf ſagen, ich bedaure Sie! Herr von Sahla neigte ſich dichter zu ihr. Werden Sie, ſtatt mich zu bedauern, mir nicht auch helfen wollen? fragte er. Werden Sie, welche mächtig und einflußreich ſind, Sie, welche ein edles, groß⸗ müthiges Herz haben, werden Sie meinem unglücklichen Vaterland, das durch mich ſeine Hände flehend zu Ihnen erhebt, meinem unglück⸗ lichen König, der durch mich zu Ihnen ſpricht, nicht Ihre hülfreiche Hand reichen?. Still, oh ſtill, flüſterte Friederike leiſe und raſch, Sie betreten da ein Gebiet, das zu gefährlich und zu verfänglich iſt, um anders als in der Stille und mit vier unbewachten Augen betrachtet zu werden. Wir wollen über dieſe Dinge plaudern, wenn wir wieder allein in meinem Wagen ſitzen. Dort ſollen Sie meine Antwort empfangen. 15 Jetzt ſprechen wir von etwas Anderem! Aber horch, was bedeutet dieſes ungeheure Jubelgeſchrei? Es bedeutet, daß der Kaiſer Alexander ſich von ſeinem Sitz er⸗ hoben hat, und wie es ſcheint, einen Toaſt ausbringt. Hören Sie nur, er ſpricht jetzt, und Alles hört ihm zu in athemloſer Andacht. In der That, weithin über den unermeßlichen Platz hörte man jetzt die klare und volltönende Stimme des Kaiſers Alexander, der das Glas mit purpurrothem Wein hoch emporhaltend, mit ſtrahlendem An⸗ geſicht und lebhaftem Redefluß zu der Verſammlung ſprach. Als er geendet, erhob ſich auf's Neue weitſchallender unermeßlicher Jubel, der nicht blos von den Tiſchen der Soldaten, ſondern auch von den Tribünen ertönte. Ueberall hatte man ſich, ſobald der Kaiſer zu ſprechen begonnen, von ſeinen Sitzen erhoben, die Herren Diplomaten in der Fremdenloge hatten ihre Häupter entblößt und ſchauten mit ehr⸗ erbietiger und unterwürfiger Miene zu dem jungen Kaiſer hin, den ſeine Schmeichler den„Agamemnon“, ſeine Freundinnen den„Engel“ nannten. Die Damen, welche hinter den beiden Kaiſerinnen auf der Tribüne ſaßen, hatten ſich erhoben, und ſchauten mit glühenden Wangen und blitzenden Augen zu dem ſchönen Kaiſer hin, der jetzt ſeit ſeiner Anweſenheit in Wien alle Herzen beſchäftigte, alle Sehnſucht und alle Wünſche in ſich vereinigte, und neben dem alle deutſchen Fürſten im Schatten ſtanden. Die Kaiſerin Eliſabeth auch blickte mit entzücktem ſchwärmeriſchem Ausdruck hinüber zu dem Gemahl, und ſeine Stimme traf ihr Ohr, wie ſüße Muſik. Aber dieſe Muſik ſchien ihrem Herzen nur wehmüthige Gefühle zu erregen, denn ſie ſeufzte tief auf, und ein ſchmerzliches Zucken flog durch ihre Züge hin. Dann wandte ſie mit einer haſtigen Bewegung das Haupt um, nach jener Seite, wo die Ehrendamen der öſterreichiſchen Kaiſerin ſaßen. Mit einem ſcharfen ſchnellen Blick richteten ſich die Augen der Kaiſerin Eliſabeth auf eine junge Dame, deren zarte, liebliche Erſcheinung, deren reine, erhabene Schönheit, deren anmuthsvolle Geſtalt allerdings im Stande war, die Blicke zu feſſeln, und Aller Augen auf ſich zu ziehen. Die junge Dame aber gewahrte nicht das Anſchauen Eliſabeth's, ihre großen ſchwarzen Augen, aus denen eine tiefe innere Gluth ſtrahlte, waren 16 hinüber gewandt nach dem Kaiſer, ein wundervolles Lächeln um⸗ ſpielte ihre purpurrothen Lippen, eine leiſe zarte Röthe überhauchte, je länger Alexander ſprach, ihre Wangen von durchſichtiger Bläſſe. Auf einmal, vielleicht von den ſo forſchend auf ſie gehefteten Blicken der Kaiſerin angezogen, wandte die junge Dame das Auge von dem Kaiſer ab, und warf einen raſchen verſtohlenen Blick auf die Gemahlin Alexanders. Ihre Augen begegneten jetzt den forſchenden, durch⸗ bohrenden Blicken der Kaiſerin, und ſofort übergoß eine tiefe Purpur⸗ gluth die Wangen, das ganze Angeſicht, den Hals der jungen Dame, ſie ſenkte die Augenlider, und ließ ſich, wie in innerem Schrecken er⸗ bebend, raſch auf ihren Sitz niedergleiten. Die Kaiſerin ſeufzte tief auf, und ſo bang und ſchmerzlich war dieſer Seufzer, daß die Großfürſtin Catharina, welche neben der Kaiſerin ſaß, ſich ganz beängſtigt ihrer Schwägerin zuwandte. Weshalb ſeufzen Sie, meine Schweſter? fragte ſie theilnahmsvoll. Sind Sie leidend?* Ja, ich leide, ſagte Eliſabeth leiſe, blicken Sie ſeitwärts, Catha⸗ rina, ſehen Sie, wie ſchön und lieblich die Gräfin Auersperg iſt. Die Großfürſtin lächelte. Arme Schweſter, ſagte ſie, ich verſtehe Sie. Gabriele Auersperg iſt ſehr ſchön, und mein Bruder Alexander hat Augen für die Schönheit. Er hat bei ſeiner Claſſification der Wiener Schönheiten, welche Claſſification jetzt in allen Salons circulirt, die Gräfin Auersperg bezeichnet, als„la beauté qui inspire seule du vrai sentiment.“*) Ja, murmelte die Kaiſerin leiſe vor ſich hin, es iſt eine öffentliche Liebeserklärung, und ich,— ich liebe ihn! Ach, Katharina, ich liebe ihn, und er ſieht es nicht und weiß es nicht! Sagen Sie es ihm, Eliſabeth, und er wird es wiſſen, und ſein edles und großes Herz wird ſich Ihnen in dankbarer Gegenliebe zu⸗ neigen, flüſterte Katharina. Ich ſoll um ſeine Gegenliebe betteln? fragte Eliſabeth. Nie, nie⸗ mals! Der Wille der Kaiſerin Katharina hat uns vermählt, als wir *) Aus„Karl von Noſtiz Leben und Briefwechſel“. S. 144. 17 Beide noch zu jung waren, unſere eigenen Herzen zu verſtehen. Was kann Alexander dafür, daß ſein Herz mich auch ſpäter nie verſtehen wollte, während das meine in Liebe zu ihm bald ſich ſelber verſtand? Die Großfürſtin Katharina ſchaute ihre ſanfte Schwägerin mit flammenden Augen an. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Eliſabeth, ſo würde ich wohl wiſſen, was ich zu thun hätte! Und was würden Sie thun, meine Schweſter? Ich würde nicht ſchmachten und ſeufzen und dulden, ſondern ich würde kämpfen und ringen um den Beſitz meines Gemahls, ich würde ihn zu dem Geſtändniß zwingen, daß ich auch eine beauté wäre, qui inspire du vrai sentiment. „Und wenn Ihr Bemühen vergeblich wäre? Wenn Sie ſein Herz nicht zu zwingen vermöchten? Dann würde ich mich rächen, dann— Die dritte Salve des donnernden Vivats, welches der Rede des Haiſers gefolgt war, erſchallte eben und übertönte die Worte der Großfürſtin. II. Die Diplomaten des Congreſſes.. Ein wahrer Freudentaumel, ein Rauſch des Entzückens hatte ſich Aller bemächtigt, immer auf's Neue jubelte man dem Kaiſer entgegen, immer auf's Neue tönten die Fanfaren und Vivats. Haben Sie etwas verſtanden von der Rede des Kaiſers? fragte Friederike Hänel, als endlich wieder Stille eingetreten war. Haben Sie begriffen, was ſo unermeßlichen Jubel erregt hat? Ja, ſagte Herr von Sahla mit einem leiſen Lächeln, ich habe ver⸗ ſtanden, was der ruſſiſche Kaiſer ſprach. Er trank auf das Wohl und die Einheit Deutſchlands und der deutſchen Fürſten. Mühlbach, Napoleon. 1w. Bd. 18 Ach, er trank auf die Einheit Deutſchlands, der edle ruſſiſche Kaiſer, rief Friederike lachend. Nun, er weiß beſſer, als irgend ein Anderer, was das heißt, Einheit Deutſchlands. Er hat davon in den Feldzügen der vergangenen Jahre manch angenehmes Beiſpiel erlebt, und er hat geſehen, daß die lieben Deutſchen, wenn ſie ſich bei einander finden, ſich ungefähr eben ſo einig und verträglich miteinander fühlen, als die Katzen und die Hunde, die Habichte und Tauben, die Adler und Kaninchen, die Wölfe und Lämmer es nur irgend vermögen, wenn ſie in Einem Raum zuſanmengepfercht werden⸗ Aber was geht uns die Politik an; wir ſind ja nicht hierher gekommen, um uns zu lang⸗ weilen, ſondern um uns zu amüſiren. Amüſiren wir uns alſo! Er⸗ zählen wir uns ein wenig von der chronique scandaleuse, von den kleinen Frauencongreſſen und den allerliebſten Intriguen der Salons. Ich weiß nichts davon zu erzählen, ſagte Herr von Sahla ſeuf⸗ zend. Ich bin, wie Sie wiſſen, aus dem unglücklichen Sachſen hierher gekommen, und man weiß, daß meine Familie dem armen König von Sachſen in treuer Ergebenheit angehört. Ich habe daher alle Thüren verſchloſſen, alle Salons unerreichbar gefunden, und ich weiß nichts von Allem, was ſich unter der Diplomatie in den Salons begiebt. Aber ich weiß deſto mehr davon, obwohl ich auch nicht ſagen kann, daß ſich mir die Salons gerade bereitwillig eröffnen, aber ich habe meinen eigenen Salon, und wenn dahin auch keine Damen der höhern Geſellſchaft kommen, ſo kommen doch deſto mehr Herren, und dieſe Herren Diplomgten ſind jetzt ſchwatzhaft wie die Elſtern. Ich glaube, ſie ſchwatzen ſo viel, weil ſie ſo wenig zu ſagen wiſſen. Ob der Congreß der Diplomaten ſich auf die Politik verſteht, das werden wir erſt ſpäter erfahren, aber daß er ſich auf die On dit des Tages und auf die chronique scandaleuse und auf Bälle und Feſtlichkeiten ver⸗ ſteht, das wird Niemand leugnen können. Seit mehr denn einem halben Monat iſt der ganze Congreß mit allen ſeinen Fürſtenhäuptern bereits in Wien verſammelt, und noch iſt der diplomatiſche Congreß nicht eröffnet, noch hat keine einzige Sitzung ſtattgefunden. Mein Gott, die Herren Diplomaten haben keine Zeit dazu gehabt, ſie hatten viel ernſthaftere Dinge zu thun, ſie mußten Diners und Bälle be⸗ 19 ſuchen, ſich Coſtüme zu Maskenbällen und kleinen allerliebſten Theater⸗ Aufführungen beſorgen, mußten ihre Rollen, ich meine nicht die, welche ſie auf dem Congreß ſpielen wollten, ſondern die, welche ſie in den Theaterſtücken ſpielten, auswendig lernen, Proben halten; genug, ſie hatten durchaus keine Zeit übrig, um ſich mit politiſchen Angelegen⸗ heiten zu beſchäftigen. Ich hoffe, Sie ſehen das ein, mein Herr, und ſind nicht ſo vermeſſen, die Herren Congreßmitglieder der Saumſelig⸗ keit anzuklagen. Nein, gewiß nicht, höchſtens zu großer Seligkeit möchte ich ſie anklagen, und ſie bitten, dem deutſchen Volk, das noch immer in Un⸗ gewißheit, in Trauer und Angſt bei Seite ſteht, ein wenig von der Seligkeit, die ſie empfinden, abzugeben. Aber erlauben Sie mir doch eine Frage? In welcher Sprache unterhält man ſich denn eigentlich in den hieſigen Salons und bei den Feſtlichkeiten? Werden die Theater⸗ ſtücke, welche man aufführt, in deutſcher Sprache geſpielt? In deutſcher Sprache? Wo denken Sie hin. Dann würde es ja Niemand verſtehen, und wie wenig Bildung und Feinheit das be⸗ weiſen würde, wenn man Deutſch ſpräche, und deutſche Komödien ſpielte! Wie ſollten ſich denn die Deutſchen mitſammen verſtehen, wenn ſie nicht Franzöſiſch miteinander ſprächen? Glauben Sie etwa, daß der König von Preußen es verſtehen würde, wenn man ihm hier auf gut Wieneriſch etwas vorſpielte, oder daß der Kaiſer von Oeſter⸗ reich eine Sylbe verſtände, wenn man ihm den norddeutſchen Dialekt zum Beſten gäbe? Nein, nein, die guten Deutſchen aus Nord und Süd, und Oſt und Weſt verſtehen ſich nur unter einander, wenn ſie Franzöſiſch ſprechen, und es iſt daher ganz natürlich, daß man jetzt hier in Wien nur Franzöſiſch ſpricht. Mein Gott, auf Franzöſiſch kann man ſo viele hübſche Worte machen, ohne ein einziges Wort zu ſagen, und das iſt den Diplomaten gerade angenehm. Wenn ſie hier erſt Deutſch miteinander reden, dann wird bald ein neuer Krieg vor der Thür ſein. Oh Deutſchland, armes betrogenes Deutſchland, murmelte Herr von Sahla leiſe vor ſich hin, mit ſchmerzlichem Ausdruck zum Himmel empor ſchauend. Wie viel haſt Du gelitten, und wie viel wirſt Du 2* 20 noch leiden müſſen. Zehn Jahre haſt Du geduldet unter dem Druck der Tyrannei, und jetzt,— Jetzt wirſt Du das alte Joch wieder auf Deine Schultern nehmen, und fein ſtill und geduldig ſein, unterbrach ihn Friederike lachend. Sprechen wir nicht von Deutſchland, mein Herr. Was ſoll der Ritter von der traurigen Geſtalt bei unſerm heitern Volksfeſt, bei unſerm impoſanten Erinnerungsjubel? Schauen wir lieber ein wenig hinüber nach der Tribüne der Fürſtinnen und Damen dort. Welch ein reicher Kranz herrlicher Blumen da die beiden Kaiſerinnen umgiebt. Mein Herr, ich bitte, wenn Sie den Wiener Congreß ſtudiren wollen, ſo ſehen Sie nicht auf die Diplomatentribüne, ſondern auf die Damen⸗ tribüne, da finden Sie die eigentlichen Lenkerinnen des Congreſſes und der Politik. Da iſt zuerſt die Großfürſtin Katharina, die Dame, um welche Napoleon warb, bevor er ſich der Kaiſerstochter von Oeſter⸗ reich vermählte. Katharina, in ihrem energiſchen Haß gegen Napoleon, und fürchtend, daß ihr Bruder, der Kaiſer, ihr am Ende die Vermäh⸗ lung mit Alexanders Herzensfreund, Napoleon, befehlen werde, Katha⸗ rina bewog ihre Mutter, ſie lieber dem erſten beſten kleinen Fürſten zu vermählen, als ſie noch länger der Gefahr dieſes verhaßten Bünd⸗ niſſes auszuſetzen. So ward ſie denn in aller Eile die Gemahlin des Herzogs von Oldenburg, und ſchützte ſich durch dieſe Ehe vor dem Unglück, Kaiſerin von Frankreich zu werden. Jetzt iſt Katharina Wittwe, doch wie man ſagt, wirbt der Kronprinz von Würtemberg um die ſtolze, ſchöne Kaiſerstochter. Aber es werben auch ſonſt noch um ſie alle Diplomaten und Politiker, denn Katharina iſt einflußreich, und ihr Bruder, der Kaiſer Alexander, läßt ſie Theil nehmen an ſeiner Politik und ſich von ihren Anſichten beſtimmen. Außerdem iſt Katha⸗ rina die Freundin des Herrn vom Stein, der hier als ruſſiſcher Be⸗ vollmächtigter auf dem Congreß fungirt, und mit ſeiner Grobheit, ſeiner Rückſichtsloſigkeit und Aufgeblaſenheit alle Welt in Schrecken ſetzt. Gleich ihm, haßt ſie Alles, was franzöſiſch iſt, gleich ihm ſieht ſie für Deutſchland nur das Heil in der engen Verknüpfung mit Rußland, und dieſe zu erſtreben, das iſt die Aufgabe, die ſie ſich ſelber geſtellt hat. c 21 Und die Kaiſerin? Beſitzt dieſe edle ſchöne Frau keinen Einfluß auf ihren Gemahl? Man ſagt doch, daß ſie ihn ſehr innig lieben ſoll. Vielleicht wär's beſſer, ſie liebte ihn weniger, das würde den Kaiſer reizen, um ihre Liebe zu werben. Die Männer ſind ja ſo ſeltſam närriſch, daß nur das ſie reizt, was ſich ihnen zu entziehen ſcheint. Die ſanfte ſchöne Kaiſerin ſollte von den beiden Damen, welche da auf der Bank hinter ihr ſitzen, vor allen Dingen lernen, wie man die Männer boudiren und ſekkiren muß, um ſie zu beherrſchen. Sehen Sie dieſe beiden Damen, welche ich meine? Zuerſt dieſe Dame da mit dem überaus zarten Teint von durchſichtiger Weiße, die Wangen ſanft überhaucht von einem zarten Roth, dieſe Dame mit den regel— mäßigen und doch leicht beweglichen Zügen, mit den großen ausdrucks⸗ vollen Augen und den ſanft geſchwellten purpurnen Lippen, das iſt die Fürſtin Bagration. Oh, ich rathe Ihnen, ſehen Sie ſie recht genau an, und wenn Ihnen Ihre Ruhe und Ihr Leben werth iſt, ſo hüten Sie ſich vor dieſer Frau, die glühend und ſtolz iſt, wie eine Andalu⸗ ſierin, rachſüchtig wie eine Römerin, üppig und verſchwenderiſch wie eine Creolin, grauſam und herzlos wie eine Ruſſin, liſtig und intri⸗ guant wie eine Franzöſin. Ich wiederhole Ihnen, ſehen Sie ſich dieſe Frau genau an, denn ſie iſt eine der mächtigſten Erſcheinungen des Congreſſes, und was ſie erreichen will, das wird ſie erreichen, ſei's mit Liſt oder mit Gewalt, mit Haß oder mit Liebe, ſei's mit Gift und Dolch, oder mit Hingebung und Erniedrigung. Sie iſt die langjährige Freundin und Vertraute des Fürſten Metternich, den ſie einſt leiden⸗ ſchaftlich geliebt, und den ſie vielleicht noch liebt, ſo viel als ihr er⸗ mattetes Herz es vermag, und es ihrem Vortheil angemeſſen iſt. Metternich freilich hat ſie nie geliebt, aber er hat ſich doch den An⸗ ſchein gegeben, und er thut es auch jetzt noch, denn die Fürſtin Bagration iſt für ihn eine ſehr wichtige Perſon, da ſie von großem Einfluß auf den Kaiſer Alexander iſt, und zugleich mit den Diplo⸗ maten England's in ſehr gutem Vernehmen ſteht. England bedarf einer Vermittlerin zwiſchen ſich und Rußland, und die Fürſtin Bagration bedarf ſehr vielen Geldes; ihre Börſe iſt wie ein Danaidenfaß, durch das ruſſiſches, öſterreichiſches und engliſches Gold in gleichmäßiger 22 Schnelle und in unaufhörlichem Strom hindurch fließt. Sehen Sie nur, da läßt die Fürſtin den zobelbeſetzten Sammetüberwurf von ihren Schultern gleiten. Nicht wahr, dieſe Schultern ſind ſchön, ſo durch⸗ ſichtig weiß, ſo edel geformt? Ja, ja, die Fürſtin Bagration hat eine wundervolle Büſte, und ſie iſt ſo großmüthig, dieſe ſo viel als möglich alle Welt ſehen zu laſſen. Man hat ihr daher in der Salonwelt ſeit langer Zeit den Zunamen:„belle ange nue“ gegeben, und alle Welt verſichert, daß ſie dieſem Namen Ehre macht.*) Und ihr Gemahl, der Fürſt Bagration? Er iſt nicht eiferſüchtig, wie es ſcheint? Er iſt klug genug geweſen, zu rechter Zeit zu ſterben, und ſeiner Gemahlin, der er unbequem war, aus dem Wege zu gehen. Er fiel 1812 in der Schlacht von Moſaisk, und die Fürſtin ſchwört jetzt, daß dieſer Tod ihres Gemahls die Haupttriebfeder ihres Haſſes gegen Na⸗ poleon iſt. Denn ich ſage Ihnen, die Fürſtin Bagration iſt eine der glühendſten Feindinnen Bonaparte's, und ſie und ihr großer Freund, der Graf Pozzo di Borgo, können es nie verwinden, daß man dem gefallenen Cäſaren erlaubt hat, auf Elba ſeine frühere Herrlichkeit als Schattenſpiel an der Wand zu repetiren. Uebrigens, was fällt mir da ein,— Sie müßten ſich eigentlich an die Fürſtin Bagration wenden, denn die Dame iſt eine halbe Landsmännin von Ihnen, eine geborne Polin, die Tochter des polniſchen Generals Grafen Paul Skrawnesky. Vielleicht, wenn Sie das Glück haben, ihr zu gefallen, ſchafft ſie Ihnen einige von den eingezogenen Gütern Ihrer Mutter wieder. Ich bin nicht hier, um für mich ſelber zu feilſchen und zu betteln, ſagte Herr von Sahla düſter. Mein Leben, meine Intereſſen und Ge⸗ danken gehören allein meinem Vaterland und meinem König. Für Sachſen allein will ich handeln, ſprechen und wirken, und wenn es ſein muß, mich demüthigen und betteln! Die Fürſtin Bagration wird ſich nicht für Sachſen intereſſiren, denn unſer König iſt arm, er hat ihr keine Schätze und keine Brillanten zu bieten, und ſie wird daher für ſein Unglück keine Theilnahme haben. *) Hormayr: Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. S. 87. 23 Wer weiß, ſagte Friederike lächelnd, ſie iſt ſo eigenſinnig und e capriciös, wie nur je ihr Oheim es war, und man kann daher gar nicht berechnen, was ſie thun wird. Sie iſt die Großnichte des all⸗ . mächtigen Günſtlings Katharinens, des großen Potemkin, der Katharina vor ſich zittern machte, dem alle Fürſten Europa's, ſelbſt Friedrich der Große, ſchmeichelten und huldigten, der die ganze Welt unter ſeine Füße trat, mit ſeinem fabelhaften Laxus in jedem Jahr Millionen ver⸗ ſchwendete, und der doch zuletzt auf offener Landſtraße, am Rande eines Grabens liegend, ſein Leben aushauchte. Aber wir haben uns zu lange bei der ſchönen Bagration verweilt. Wenden Sie jetzt Ihre Augen von ihr ab, auf ihre Nachbarin, auf die zweite Puiſſance des Congreſſes. Sehen Sie da dieſe ſchöne Frau in dem veilchenblauen Sammetanzug, und dem weißen mit Roſen verzierten Spitzenhütchen über dem gekräuſelten Haar? Ich ſehe ſie, ſagte Herr von Sahla. Sie ſpricht ſo eben mit der Fürſtin Bagration, und ſehen Sie nur, jetzt neigt ſie ſich und drückt einen Kuß auf die Schultern der belle ange nue. Ich ſehe, und ich weiß, daß ſie nicht blos die Hälfte ihres Landes, ſondern ſogar zwei Jahre ihres Lebens darum geben würde, wenn ſie die ſchöne Fürſtin Bagration, ihre Freundin, welche ſie haßt und ver⸗ abſcheut, mit dieſem Kuß vergiften könnte. Oh, wie heißt ſie denn, dieſe reizende Frau, die küßt, wenn ſie haßt, und zärtlich iſt, wenn ſie verwünſcht? 5 Sie heißt: Herzogin Wilhelmine von Sagan, oder, wenn Sie wollen, Prinzeſſin Rohan, denn ſie war fünf Jahre mit dem Prinzen Rohan vermählt; oder, wenn es Ihnen ſchöner klingt, Fürſtin Tru⸗ betzkoi, denn nachdem ſie ſich von Rohan hatte ſcheiden laſſen, war ſie mit dem Fürſten Trubetzkoi vermählt, von dem ſie ſich aber ſchon nach einem Jahr wieder ſcheiden ließ. Darauf hat ſie, wie die ſchönen Schlangen, welche alljährlich ihre glänzende Haut abwerfen, um ſich mit einer andern zu ſchmücken, die beiden Schlangenhäute ihrer Ehen und den Namen ihrer Männer abgeworfen, und nennt ſich bis auf Weiteres jetzt nach ihren ererbten Beſitzungen Herzogin zu Sagan, bis auf Weiteres! Denn wenn die Fürſtin Metternich heute oder morgen 24 ſterben ſollte, ſo würde die Herzogin von Sagan ſich vielleicht n ſchließen, Metternichs Hand anzunehmen, ſei's auch nur, um endlich ſich darüber zu entſcheiden, ob ſie ihn liebt oder haßt, ob ſie ſeine Freundin oder ſeine Feindin iſt, ob ſie ihn nur deshalb verabſcheut, weil er neben ihr noch funfzig anderen Frauen den Hof macht, oder ob ſie ihn nur deshalb liebt, weil noch funfzig andere Frauen ihn lieben und ihr ſeine Perſon ſtreitig machen. Aber die Fürſtin Metternich lebt, und ſie iſt viel zu boshaft, um ihren Nebenbuhlerinnen den Gefallen zu thun, die Hand ihres ſchönen Gemahls frei zu geben, und ihn zum Wittwer zu machen. Die Herzogin von Sagan aber iſt Metternichs politiſche Nymphe Egeria, und an dem Born ihrer Weisheit und Welterfahren⸗ heit trinkt er ſich dieſelbe Erkenntniß, welche ſich einſt Eva aus dem von der Schlange ihr dargereichten Apfel aß. Die Herzogin iſt aber außerdem bei dem Kaiſer von Rußland noch einflußreicher als die Fürſtin Bagration, denn ſie iſt geiſtreicher, und ſie verſteht Etwas, was der leichtfertigen Bagration ganz unmöglich iſt, ſie verſteht es, auf die frommen Schwärmereien des Kaiſers einzugehen, und wenn ſie die Stimmung dazu anwandelt, oder wenn der Schatten ſeines ermordeten Vaters, des Kaiſers Paul, mit drohendem Auge an ihm vorüberſchweift, mit dem Kaiſer zu beten, und von Gott und den göttlichen Dingen zu ſchwärmen. Es kommt nun darauf an, ob Fürſt Metternich es ver⸗ ſtehen wird, die Herzogin auch jetzt noch als ſeine Freundin zu bewahren, und ſie ſeinen Intereſſen geneigt zu erhalten, wenn nicht, wird ſie ſeine mächtige Feindin werden, und ſie wird ihn ſtürzen, deſſen ſeien Sie gewiß! Man ſagt, daß der Kaiſer Alexander ihm überdies nicht ſehr geneigt ſei, und die Herzogin von Sagan iſt eine viel zu geiſtreiche und welterfahrene Frau, um, wenn ſie die Wahl hat zwiſchen der zweifel⸗ haften Freundſchaft eines öſterreichiſchen Miniſters, und der mächtigen Gunſt eines ruſſiſchen Kaiſers, nicht lieber den Letztern zu bewahren, und den Erſteren fallen zu laſſen. Oh, es wird allerliebſte Salon⸗ kämpfe auf dieſem Congreß geben, und die Abſichten und Zwecke des Congreſſes werden nicht in den Sitzungen der Diplomaten, ſondern in den Salons und den Boudoirs der Damen entſchieden werden. 25 Und ich werde aus dieſen Salons und dieſen Boudoirs ausge⸗ ſchloſſen ſein, ſeufzte Herr von Sahla leiſe. Nein, ſagte Friederike ebenſo leiſe, Sie werden mein Boudvir ge⸗ öffnet finden, und es kommt nur auf Sie an, ob Sie mir helfen wollen, auch einen Salon zu eröffnen. Wenn wir allein ſind, werden wir weiter davon reden. Laſſen Sie uns jetzt noch ein Bischen nach den Damen hinüber ſchauen. Aber was iſt das? Die Kaiſerinnen erheben ſich, und alle Damen folgen ihrem Beiſpiel? Auch die Kaiſer und Könige haben ſich von ihren Sitzen erhoben, das Gaſtmahl iſt beendet, ſagte Herr von Sahla. Die Soldaten er⸗ heben ſich. Nun wird man mit ungeheurer Geſchwindigkeit die Tafeln forträumen, und dann werden die Spiele und Volksbeluſtigungen be⸗ ginnen, denen nach dem Programm der Kaiſer Franz mit ſeinen erha⸗ benen Gäſten vom Balcon des Luſthauſes im Prater zuſchauen wird. Aber da wir leider nicht zu den erhabenen Gäſten des Kaiſers Franz gehören, ſagte Friederike lachend, ſo werden wir nicht in das Luſthaus gelangen können und müſſen uns entweder in das frohe Volks⸗ getümmel ſtürzen, oder unſere Beobachtungen von hier aus fortſetzen. Thun wir das, oh thun wir das, rief Herr von Sahla lebhaft. Was kümmert mich das Volk mit ſeiner furchtbaren Luſtigkeit, was kümmert mich dieſe zur Schau getragene Cordialität und Herrlichkeit zwiſchen den Fürſten, was kümmert mich dieſes ganze Feſt der Ver⸗ gangenheit, mich, für den nur die Gegenwart und die Zukunft Inter⸗ eſſe hat. Sehen Sie alle dieſe lächelnden Geſichter, dieſe Herzlichkeit und Freundlichkeit, hören Sie dieſes laute Freudengeſchrei, das die Fürſten auf jedem Schritt begleitet! Das iſt Alles doch nur Schein, nur aufgeputzte Lüge, hinter der das Volk ſeine Befürchtungen und Be⸗ drängniſſe verbirgt, mit der es ſeine Wünſche und Hoffnungen ſchmückt, nur Schein, hinter welchem die Fürſten ihre Pläne und Abſichten ver⸗ bergen, und mit dem ſie ſich loskaufen wollen von den Verſprechungen, welche ſie ihren Völkern gegeben in der Stunde der Gefahr. Ich aber will nicht den Schein, ich will Wahrheit, und dieſe finde ich nur auf Ihren Lippen. Aber Sie werden ſehen, daß meine Wahrheit ein etwas pikantes — 26 Getränk iſt, ein Gemiſch von Honig und Galle, von Nießwurz und Rhabarber, bei welchem Einem die Augen übergehen können, man weiß nicht, ob vor Weinen, oder vor Lachen. Indeß, wenn es Ihnen mundet, ſo bleiben wir noch ein wenig, und ſchauen dem göttlichen Volk zu, das ſo dumm iſt wie ein Kind, welches mit dem Feuer ſpielt, und ſo gutmüthig wie ein Elephant, der ſich ganz demüthig und unterwürfig den Palakin, in welchem der Fürſt ſpazieren reiten will, auf den Rücken ſchnallen läßt, ſtatt mit einem einzigen Ruck ſeiner Glieder alle Riemen, mit denen man ihn eingeſchnallt, zu zerreißen, ſich in himmliſcher Frei⸗ heit ſeiner eigenen Luſt dahin zu geben, und Alles in ſeinen Rüſſel zu ſtecken, was ihm eben wohlgefällt. Sehen Sie, fuhr ſie fort, da wogt es heran wie ein ſchwarzes Meer, das liebe luſtige Volk, das jetzt das Verbrüderungsfeſt mit den Soldaten feiern will zur heiligen Erinnerung an den achtzehnten Oktober des vorigen Jahres. Wie das jauchzt und lacht und fröhlich iſt, als gäbe es gar keinen Napoleon mehr auf Elba, und keinen Diplomaten⸗ Congreß mehr in Wien. Ja, ja, ſeufzte Herr von Sahla, mit Blut hat der Völkerkampf begonnen, mit Dinte wird er endigen. Die Dinte aber iſt ſchwarz, und ſie wird ſich wie ein Trauerſchleier über das ganze unglückliche deutſche Volk ergießen. Sagen Sie mir, oh ſeien Sie barmherzig und ſagen Sie mir, wo ſind die Männer, auf welche Deutſchland hoffen darf, denen das Wohl, die Ehre, die Freiheit Deutſchlands am Herzen liegt, die ſich nicht beſtechen laſſen von ihrem eigenen Egoismus, ihrem Ehrgeiz, von den Schmeicheleien Frankreichs, dem Gelde Rußlands, den Verſprechungen Englands, den Titeln Preußens und den Orden Oeſterreichs! Zeigen Sie mir die Männer, welche nicht um Vortheil und Gewinn, ſondern in ehrlicher Geſinnung, in treuſter Liebe und Hingabe für Deutſchland ihre Stimme erheben, für Deutſchland wirken und kämpfen wollen? Schauen Sie doch hinüber nach der Diplomatenloge, da finden Sie die Bevollmächtigten und Diplomaten von allen deutſchen Ländern und Gebieten; es ſind ihrer mehr denn hundert Diplomaten, und jeder von ihnen wird Ihnen ſagen, daß Er einer von den Männern iſt, die 27 Sie ſuchen, daß Er es ehrlich meine mit dem Wohle Deutſchlands. Nur wird es Jedem von ihnen paſſiren, daß ſie die Intereſſen des Landes, das ſie vertreten, mit den Intereſſen Deutſchlands verwechſeln, und vermeinen, für Deutſchland einzutreten, wenn ſie einfach nur für ein kleines Theilchen von Deutſchland wirken. Der Geſandte von Heſſen wird ſehr mit ſich zufrieden ſein, wenn er für das heſſiſche Gebiet einen Zuwachs von Land und Unterthanen erwerben kann, der Geſandte von Baiern hat keinen anderen Zweck, als für ſeinen König Anspach und Baireuth zu gewinnen, der Geſandte von Weimar möchte ſeinen Herzog durch Fulda arrondiren, Jeder will Etwas, und dieſes Etwas will er ſich aus dieſem lieben unglücklichen Deutſchland erwerben, deſſen Größe, Stärke und Einheit der angebliche Zweck ſeines Hierſeins iſt. Selbſt die mediatiſirten Fürſten haben ihre Geſandten hierhergeſchickt, um von dem Congreß zu verlangen, daß er die Mediatiſirung wieder rückgängig mache, und daß ihre Souverainetäten wieder hergeſtellt werden. Ja, ja, alle Souverainetäten wollen ſie wieder herſtellen, alle Throne wollen ſie verfeſtigen, ſagte Herr von Sahla, nur den Thron meines armen Königs, den wollen ſie umſtürzen, nur Sachſen wollen ſie vernichten. Ah, mein Freund, Sie vergeſſen Polen, Sie vergeſſen Italien! Oder meinen Sie, daß man den Stiefſohn Bonaparte's, den unglück⸗ lichen Eugène von Beauharnais, als Vicekönig von Italien belaſſen wird, daß man dem Schwager Bonaparte's, Joachim Murat, den Thron von Neapel nicht wieder entreißen will, um ihn den Bourbonen zurück zu geben? Aber ſtill, ſtill, wir verlieren uns da in zu gefährliche Ge⸗ ſchichten, und es iſt wirklich beſſer, wir brechen ganz davon ab. Was ſoll ich Ihnen auch von den Diplomaten erzählen, es iſt genug, daß ich Ihnen die Diplomatinnen ein wenig geſchildert habe. Ueberdies wird Ihnen und uns Allen jeder Tag neue Geſchichten von den Di⸗ plomaten erzählen, wir werden alle die Herren kennen lernen, die öffent⸗ lich zu wirken, und die deutſchen Länder zu vertreten beſtimmt ſind. Aber die geheimen Agenten, die Leute, die im Trüben arbeiten, und im Dunkeln fiſchen, die geheimen Agenten, welche hierher gekommen — * 28 ſind, und die Fäden des großen Netzes in Händen halten, das hier gewebt werden ſoll, um es Deutſchland über die Ohren zu ziehen, und dieſe eigentlichen und mächtigen Congreßmitglieder, welche durch die Hinterthüren in die Conferenzſäle ſchleichen, und durch die Kammer⸗ diener und Kammerkätzchen die Maſchinerie in Bewegung ſetzen, die wird man nicht kennen lernen, und das ſind doch die wichtigſten Ge⸗ ſtalten hier. Sind Sie nicht auch ein heimliches Congreßmitglied? Nur daß Ihr armer König nicht in der Lage war, Ihnen ein Beglau⸗ bigungsſchreiben auszuſtellen, und daß das arme Sachſen Ihnen keine Diäten zahlt? Kommen Sie jetzt, mein Herr, kommen Sie, ich will nach Hauſe. Dieſes wüſte Freudengetümmel fängt an mich zu lang⸗ weilen, der Bratengeruch iſt mir in die Naſe gefahren und hat mich hungrig gemacht. Ich will nach Hauſe und eſſen und ſchlafen, denn ich habe genug von dem Erinnerungsfeſt und dem Wiener Congreß, genug für heute. Sie ſtand auf und drängte ſich, gefolgt von dem jungen Mann, mühſam durch die Reihen der Sitzenden dahin, dem Ausgang zu. Aber bevor ſie dieſen noch erreicht hatten, erhoben ſich von den Bänken, die vor und hinter dem Sitz der Beiden ſich befanden, zwei Herren, und eilten gleich ihnen dem Ausgang der Tribüne zu. Kurz vor demſelben traten ſie zuſammen und grüßten ſich verſtohlen mit einem ſchnellen Wink ihrer Augenlider, dann ſtiegen ſie raſch die zu der Tribüne führende Treppe hinunter. Eine wundervolle Entdeckung, flüſterte der Eine von ihnen in ita⸗ lieniſcher Sprache. Ja, ſagte der Andere franzöſiſch, ja, vraiment, wundervoll. Welch ein Glück, daß wir Beide die barbariſche Sprache dieſes Landes verſtehen. Aber verlieren wir das ſchöne Paar nicht aus den Augen. Nein, da ſind ſie. Sie winden ſich mühſam durch das Volks⸗ gedränge, um zu ihrem Wagen zu gelangen. Folgen wir ihnen. Ja, folgen wir ihnen. Ich muß ſehen, wo ſie wohnt und wer der mächtige Herr Fürſt iſt, der ſie protegirt. Und ich habe mit dem Herrn von Sahla zu reden. Es iſt der — 29 Stoff zu einem Franz Ravaillac in ihm, denn er iſt ein Fanatiker, und die können wir gebrauchen. Und ich, ich habe mit der Dame zu reden; ſie iſt klug wie eine Schlange und durchaus nicht unſchuldig wie eine Taube. Uebrigens benachrichtige ich Sie, daß ich von heute an mich Marquis von Bar⸗ baſſon nenne. Ach, wie ſich das wundervoll trifft. Sagte dieſe Dame, dieſe ehe⸗ leibliche Tochter des Uhrmachers, nicht, daß ihre Mutter eine geborne Marquiſe von Barbaſſon ſei? Ja, ſie ſagte das, erwiederte der Andere mit einem feinen Lächeln. Sie ſehen alſo, daß ich demzufolge der Verwandte der Mademoiſelle Friederike Hänel bin, und das giebt mir wohl ein Recht ſie aufzuſuchen. Nur muß ich wiſſen, wo ſie wohnt. Schnell, ſchnell, hier iſt ein Fiacre, laſſen Sie uns hineinſteigen. Sehen Sie, da ſteigen die Beiden in ihren Wagen. Vorwärts, Kut⸗ ſcher, vorwärts! Es geht nicht, meine Herren, es geht nicht! rief der Fiacre⸗ kutſcher. Ich bin beſtellt, und meine Herrſchaft kann jeden Augen⸗ blick kommen. Der Franzoſe neigte ſich zu ihm, und indem er ihn eine Hand voll Goldſtücke ſehen ließ, ſagte er in gebrochenem Deutſch: Ein Louis⸗ d'or, wenn Du uns zur Stadt fährſt, noch ein Louisd'or, wenn Du geſchickt genug biſt, der Equipage, welche der Herr und die Dame da beſteigen, und die eben abfährt, zu folgen und immer zehn Schritte hinter ihr zu bleiben. Der Kutſcher hieb auf die Pferde ein. Ich werde meine zwei Louisd'nr verdienen, ſagte er. Die andere Herrſchaft muß warten, bis ich wieder hier bin. 30 Ii. Der Beirathsantrag. So, hier im Wagen iſt es bequem und angenehm, ſagte Friede⸗ rike Hänel, indem ſie ſich mit einem Ausdruck des Behagens in die Polſter zurücklehnte, und dann ihre blitzenden, ſchwarzen Augen mit einem forſchenden Ausdruck auf den jungen Mann heftete, der mit düſterem, gedankenvollem Geſicht ſich an ihre Seite geſetzt hatte. Hier tönnen wir ungenirt plaudern, fuhr ſie fort, Niemand kann uns hier belauſchen und unſere Pläne verrathen. Nun denn, rief der junge Mann lebhaft, ſo laſſen Sie mich Ihnen hier die Frage wiederholen, die ich ſchon vorher an Sie richtete, und deren Beantwortung Sie mir hier im Wagen verſprachen. Was fragten Sie doch? fragte Friederike gleichgültig, indem ſie ihren großen Fächer von grünem Taffet langſam auf und zu klappte. Ich fragte Sie im Namen meines unglücklichen Vaterlandes, das durch mich ſeine Hände flehend zu Ihnen erhebt, im Namen meines unglücklichen Königs, der durch mich zu Ihnen ſpricht, ich fragte Sie, ob Sie dieſen Beiden nicht Ihre hülfreiche Hand darreichen wollten? Ich wandte mich an die Großmuth Ihres Herzens und forderte Ihre Unterſtützung für das von fremden Soldaten beſetzte, von fremden Be⸗ hörden verwaltete Sachſen, für den König Friedrich Auguſt, der aus ſeinem Lande verjagt, unglücklich und verlaſſen umherirrt. Wollen Sie uns dieſe Unterſtützung gewähren? Wahrhaftig, rief Friederike lachend, Sie geben Sich den Anſchein als glaubten Sie, in meiner Hand allein ruhe die Krone Sachſens, und ich ſei es, die ſie Ihrem König entzogen habe. Gott bewahre mich aber davor, dieſe unglückliche Krone in meinem Beſitz zu haben, denn ſie wird der Eris⸗Apfel ſein, den die Götter der Zwietracht auf die grüne Tafel des Congreſſes geworfen haben, und an dem die ganze Herrlichkeit der deutſchen Einheit und Größe zerſchellen wird. Glauben Sie mir, ich, die ich bis zu dieſer Stunde noch gar nichts bin, die ich — 2 31 weder Titel, noch Rang, noch Vermögen habe, ich tauſche doch nicht mit dem König Friedrich Auguſt, obwohl er Titel, Rang, und wahr⸗ ſcheinlich auch noch, trotz ſeiner angeblichen Armuth, ein recht hübſches Vermögen beſitzt. Aber mir gehört die Zukunft, ich werde mir alles das erwerben, was mir jetzt noch fehlt, während der König von Sachſen gar keine Zukunft mehr hat, und im beſten Fall, und wenn er Glück hat, nur noch einige Fetzen von ſeinem Purpurmantel, einige Zipfelchen von dem Lande erretten kann, das ihm einſt ganz gehörte. Aber es iſt doch unmöglich, daß Europa dieſen Raub zugebe und dulde, rief Herr von Sahla verzweiflungsvoll. Was that denn Fried⸗ rich Auguſt, um eine ſolche Schmach zu verdienen, und wer von den deutſchen Fürſten hat das Recht, ihn zu richten, zu ſtrafen und ab⸗ zuſetzen? Sie fragen, was Ihr König that? fragte Friederike achſelzuckend. Er liebte den Feind Deutſchlands auch dann noch, als er keine Kronen, keine Reiche und Länder mehr zu vertheilen hatte, er liebte ihn nicht blos mit den Lippen, wie die anderen deutſchen Fürſten, ſondern auch mit dem Herzen, und er wollte ſeiner Liebe auch dann noch treu bleiben, als die anderen Herren ſchon längſt begriffen hatten, daß Bonaparte jetzt hinlänglich ſchwach und gebeugt ſei, um von ihnen mit Glück an⸗ gegriffen werden zu können. Ihr König liebte jedenfalls ſeine Treue mehr als ſein Land, und darum meinen die Fürſten jetzt, er ſolle ſich ſeine Treue immerhin bewahren, aber ſein Land fahren laſſen. Aber Sachſen will ſeinen König nicht aufgeben, Sachſen will nicht Preußiſch werden, rief Sahla glühend. Mein Lieber, um Gotteswillen verſchonen Sie mich mit der Po⸗ litik, ſagte Friederike lachend. Was geht es mich an, ob Sachſen Preußiſch werden will? Preußen will jedenfalls, daß es Sachſen be⸗ halten kann, und ich glaube, es wird alle Mittel in Bewegung ſetzen, um ſeinen Willen durchzuführen. Das heißt mit anderen Worten, Sie weiſen mich ab? fragte Herr von Sahla düſter. Sie wollen uns nicht Ihren Beiſtand leiſten? Nein, das heißt, ich will, daß Sie Sich ganz und deutlich aus⸗ ſprechen. Sie haben mir geſagt, was Sie von mir wollen, aber Sie 32 haben mir noch nicht geſagt, was Sie mir für Gegendienſte bieten können? Wir wollen offen und ehrlich mit einander ſprechen und dadurch beweiſen, daß wir nicht zu den officiellen Diplomaten des Congreſſes gehören. Alſo offen und ehrlich: Ja, ich kann Ihnen nütz⸗ lich werden, wenn ich will, denn mein hoher Gönner und Freund iſt ſchwach genug, meinen Wünſchen und Bitten zuweilen ſein Ohr zu leihen, und er iſt es, der die Politik Preußens lenkt. Ich kann Ihnen alſo nützlich ſein, wenn ich will, aber es fragt ſich nur, ob ich will? Es fragt ſich vor allen Dingen, was Sie mir bieten können, um auf meinen Willen einzuwirken? Ach, Sie ſehen mich erſtaunt an? Sie finden, daß ich ſehr wenig dem Ideal von Weiblichkeit, Großmuth und Uneigennützigkeit gleiche, das Sie in Ihrem Herzen tragen? Nein, ſagte Herr von Sahla ſchüchtern, ich frage mich nur, was ein armer König ohne Land und Krone, was ein verarmtes, ausgeſo⸗ genes Land einer ſchönen jungen Dame, die von einem reichen, mäch⸗ tigen und freigebigen Herrn beſchützt wird, von einem Herrn, der, ob⸗ wohl er keine Krone trägt, doch die Macht eines Herrſchers beſitzt und Ehren und Würden zu vergeben hat, ich frage mich nur, was Sachſen der Freundin des mächtigen Staatskanzlers bieten kann? Und ich will Ihnen die Antwort nicht ſchuldig bleiben, ſagte Frie⸗ derike. Sie haben mich in Ihr Herz ſchauen und mich die Motive Ihres Hierſeins ſehen laſſen. Ich will Ihnen auch mein Herz zeigen, und Sie ſollen erfahren, weshalb ich hierher gekommen bin. Sie nannten mich die Freundin des Staatskanzlers? Nun ja, ich bin es, aber im Schatten, in der Stille und im Verborgenen. Ich blühe wie das beſcheidene Veilchen, das man nicht ſieht, das man nur entdeckt, wenn man ſich zur Erde niederbückt und es unter ſeinem Verſteck von Blättern hervorſucht. Ich geſtehe aber, daß ich dieſer Veilchenrolle herzlich ſatt und überdrüſſig bin, und daß ich lieber als volle Purpur⸗ roſe im hellen Glanz der Sonne blühen, daß ich mich hoch erheben möchte, damit Niemand ſich zu mir herab, ſondern, daß Jeder ſich vor mir bücken müßte. Dazu bedarf ich der Titel, der Stellung, der An⸗ erkennung in der Geſellſchaft. Ich bin alſo hierher nach Wien ge⸗ kommen, hierher, wo jetzt neben den Diplomaten ein ganzes Heer von Abenteuerern, Glücksrittern und Romanheldinnen ſich eingefunden hat, um hier auch meinerſeits meine Netze aufzuſtellen, meine kleinen Aven⸗ turen zu haben und meine Romane aufzuführen. Wiſſen Sie, was ich in meinem Netz einfangen will? Zuerſt und vor allen Dingen Geld und Brillanten. Sind Sie beauftragt, mir dergleichen anzubieten? Wenn man gewußt hätte, daß man wagen dürfte, Ihnen der⸗ gleichen anzubieten, ſo würde man mich ganz gewiß damit beauftragt⸗ haben, ſagte Herr von Sahla leiſe. Der König iſt zwar arm, aber er beſitzt noch ſeine Brillanten, und er wird glücklich ſein, wenn er Ihnen einige davon als Angedenken geben darf. Gut! Aber Sie wiſſen noch nicht Alles, was ich in meinem Netz einfangen will. Ich ſagte Ihnen ſchon vorher, daß es in Ihrer Hand liegt, mir neben meinem Boudvir noch einen Salon zu öffnen. Haben Sie verſtanden, was ich damit ſagen wollte? Nein, ich geſtehe, daß ich das nicht verſtanden habe Nun denn, ich will alſo deutlicher ſprechen. Was Pineit mich, Salon zu eröffnen, gleich den Damen der haute volée, gleich en reichen Banquiersfrauen Geymüller, Fries und Arnſtein, in deren Stin zu erſcheinen ſogar Kaiſer. Könige nicht verſchmähen? Mich hindert der Mangel an Reichthümern, der Mangel an Geburt. Reichthümer laſſen ſich erwerben, aber wenn ich ſie ſelbſt hätte, glau⸗ ben Sie, daß Mademoiſelle Friederike Hähnel im Stande wäre, einen Salon zu eröffnen, daß die Könige und Kaiſer ihr die Ehre erzeigen würden, zu ihr zu kommen, und daß die Damen der haute volée meine Einladungen annehmen würden? Nein, Sie glauben das nicht, Sie wiſſen ſo gut, wie ich es weiß, daß ſich Alles verbergen läßt unter anſtändigen Namen und Titeln, daß aber die Tugend ſelbſt nicht nack gehen darf, wenn ſie nicht für ſündhaft gehalten werden will. Sehen Sie, im Grunde meines Herzens finde ich mich ziemlich tugendhaft und unſchuldig, wenn ich mich zum Beiſpiel mit der Fürſtin Bagra⸗ tion oder Herzogin von Sagan vergleiche. Ich habe bisher Niemanden geſchadet, keine Herzen gebrochen, keine Männer verrathen, keine Liai⸗ ſons bald hier, bald dort gehabt. Die Welt kann mir weiter nichts vorwerfen, als daß ich einen edlen, erhabenen, großſinnigen und groß⸗ Mühlbach, Napoleon Iv. Bd 3 5 3 34 herzigen Mann anbete, der mein Großvater ſein könnte, und der mich liebt als ſeine Tochter, ſeine Freundin, als das lachende Spielzeug ſeiner heiteren Stunden, als eine kleine Zerſtreuung nach angeſtrengter Arbeit, und daß ich es angenommen habe, in der Nähe dieſes ange⸗ beteten Greiſes zu wohnen, ohne dazu durch irgend ein ſanctionirtes Band berechtigt zu ſein. Aber ich meine doch gehört zu haben, daß der Staatskanzler von Hardenberg verheirathet ſei, ſagte Herr von Sahla mit dem Ausdruck des Erſtaunens. Mein Lieber, ſagte Friederike lachend, Sie ſagen mir da eine Impertinenz, die ſich ganz ungeſchickt unter dem Anſchein der Unſchuld verbirgt. Sie wollen ſich den Anſchein geben, als glaubten Sie, der Staatskanzler ſei mit mir verheirathet, aber im Grunde wollten Sie mir einen Vorwurf machen. Geſtehen Sie es nur, Ihre erſtaunte Frage war ein cachirter Vorwurf! Nun denn ja, Herr von Hardenberg iſt verheirathet, aber ich habe nicht die Ehre ſeine Gemahlin zu ſein. Herr von Hardenberg iſt verheirathet, und es geht ihm wie dem Kaiſer von Oeſterreich, er hat ſchon ſeine dritte Gemahlin. Der Unglückliche, er iſt ſchon zweimal Wittwer geworden? fragte Sahla theilnahmsvoll. Wenn Sie wollen, Wittwer, nur daß nicht der Tod, ſondern das Leben ſeine beiden erſten Ehen getrennt hat, und daß er um ſeine beiden jungen ſchönen Gemahlinnen nicht den Trauerflor zu tragen hatte, wie der Kaiſer Franz um ſeine beiden geſtorbenen Kaiſerinnen. Die zweite Gemahlin des Staatskanzlers Hardenberg lebt noch, das hat aber keinen Prieſter verhindert, ſeine Ehe*mit der Schauſpielerin Schönemann einzuſegnen, und aus der Schauſpielerin eine legitime Frau Staatskanzlerin zu machen. Mich indeſſen, mich hat das Schick⸗ ſal auserkoren, um die dritte Frau von Hardenberg für die Thränen zu ſtrafen, welche die zweite Frau um ihretwillen vergießen mußte, und vielleicht noch vergießt. Haben Sie alſo Reſpect vor mir, denn ich habe von dem Schickfal die Miſſion erhalten, der Racheengel der Tugend und der verlaſſenen Liebe zu ſein, und ich glaube, daß ich mich meiner Miſſion mit vielem Erfolg unterziehe. Die dritte Frau von 35 Hardenberg verwünſcht mich von ganzer Seele, und lernt durch mich ein wenig von den Qualen kennen, welche ſie der zweiten bereitet hat. Gerechtigkeit muß geübt werden, und die verfolgte Tugend muß ihre Rache haben! Sie wollen alſo die dritte Frau von Hardenberg zu der zweiten in's Exil ſchicken, und als rächender Tugendengel ihre Stelle und ihren Namen ihr rauben? Nicht doch, das hieße daſſelbe Verbrechen begehen, das ich ſtrafen will. Nein, nein, möge die gute Schönemann ihre Rolle als Staats⸗ kanzlerin weiter ſchauſpielern, und tüchtig beklatſcht werden von dem Parterre der Welt. Ich beneide ſie nicht, ich will und mag ewig nur als die Tochter, die Freundin zu den Füßen meines angebeteten Freun⸗ des ſitzen. Aber Sie wiſſen, die Welt iſt ſo jammervoll und klein, ſie ſucht Alles zu verdächtigen, über Alles die ätzende Lauge ihrer Bos⸗ heit zu ergießen. Davor möchte ich meine reine uneigennützige Liebe bewahren, deshalb möchte ich mir einen Schleier anſchaffen, der ſo undurchſichtig iſt, daß ich mich ganz unter demſelben verbergen kann, und gar nicht zu befürchten brauche, von den boshaften Augen der Neider beobachtet, von den Giftzungen der Verleumder bekrittelt zu werden. Und jetzt, mein Herr, ſind wir auf dem Gipfelpunkt unſerer Unterredung ange⸗ langt, Sie ſollen jetzt mit freiem Blick die Ausſicht genießen, und ent⸗ ſcheiden, ob Sie mit mir hinabſteigen wollen in das Thal meiner Zu⸗ kunft. Wir ſtehen hier vor dem entſcheidenden Punkt unſeres Geſprächs; die weitſchweifige Einleitung iſt zu Ende, jetzt kommen wir zu dem Kern der Sache. Und ich geſtehe Ihnen, daß ich auf dieſen Kern außerordentlich geſpannt bin, ſagte Herr von Sahla lächelnd, und daß ich meinen Ver⸗ ſtand vergeblich abmühe, mir zu ſagen, inwiefern ich Ihnen behülflich ſein könnte, einen Salon neben Ihrem Boudoir zu eröffnen. Sie haben indeſſen gerade das, was mir fehlt, Sie haben einen ſchönen vornehmen Namen, und Sie ſind ein Mann. Herr von Sahla, ich frage Sie alſo ganz kurz und offen, wie es großen und genialen Seelen ziemt: Wollen Sie mir das geben, was mir fehlt, 36 und was Sie beſitzen? Wollen Sie mir einen Namen und einen Mann geben? Ihre ſchwarzen Augen waren mit funkelnden, durchbohrenden Blicken auf ihn gerichtet, und ſchienen auf dem Grunde ſeiner Seele leſen zu wollen. Herr von Sahla ſchlug vor dieſen Blicken die Augen nieder und ſeufzte tief auf. Sie ſind grauſam, ſagte er leiſe und ſchwermuths⸗ voll, Sie laſſen mich da den offenen Himmel ſehen, und wiſſen, daß ich ihn nie betreten kann, daß ein heiliges Gelübde mich auf ewig von ihm fern hält. Es iſt wahr, Sie ſind Calatrava⸗Ritter, ſagte Friederike lächelnd. Aber die Zeit der Romantik und des Ritterthums iſt vorbei; es giebt keine Kreuzzüge mehr zu unternehmen, keine Drachen mehr zu bekämpfen, und von Ihrem ganzen Ritterthum iſt Ihnen nichts mehr übrig ge⸗ blieben als die leere Schaale. Werfen Sie dieſe Schaale von ſich, bitten Sie den Papſt, daß er Sie von derſelben befreie, hören Sie auf, ein Ritter zu ſein und werden Sie wieder ein freier Mann, der ſich nach eigenem Wunſch und Willen ſein Leben und ſeine Zukunft beſtimmen kann! Wenn ich das thäte, und wenn der Papſt mich frei gäbe, was würde meine Zukunft ſein? fragte Sahla traurig. Ich bin arm, ich lebe von dem Gehalt, das mir als Calatrava⸗Ritter zukommt, ich be⸗ ſitze nichts als einen altadlichen Namen, und ein altes Wappenſchild.⸗ Und das iſt ein ſehr koſtbares Beſitzthum, mein Freund, ein Be⸗ ſitzthum, das mehr werth iſt, als Ihr ganzes Calatrava⸗Ritterthum. Werfen Sie das Todte zu den Todten, fort mit dem Ordenskreuz und dem Rittermantel. Werden Sie ein freier Mann, und reichen Sie mir Ihre Hand. Ich verſpreche Ihnen Orden und Titel, Geld und Güter, und ich verlange nichts dafür als Ihren Namen, das Recht, mich Ihre Gemahlin zu nennen, mit Ihnen in Einem Hauſe, verſtehen Sie wohl, in unſerm Hauſe zu wohnen, und in dieſem Hauſe als die Frau Baronin von Sahla meinen Salon eröffnen zu können. Ich werde Ihnen außervdem vollkommene Freiheit laſſen, werde Sie in keiner Hinſicht geniren, werde Sie Ihren Weg wandeln laſſen, und 37 Sie bitten, mich auf dem meinen ungehindert dahin gehen zu laſſen. Wir werden nur den Namen, das Haus, unſer Vermögen und unſere Geſellſchaften mit einander gemein haben, ſonſt aber vollkommene Freiheit haben, unſeren Neigungen und Gewohnheiten gemäß weiter zu leben. Gefällt Ihnen mein Vorſchlag? Nehmen Sie ihn an? Still, ſtill, antworten Sie mir noch nicht! Ich ſehe da den Schatten einer Wolke auf Ihrer Stirn, und es funkelt wie ein Blitz in Ihrem Auge! Das iſt der letzte Blitz des erſterbenden Calatrava⸗Ritterthums, dem mein Vorſchlag vielleicht nicht romantiſch, nicht nobel genug erſcheint! Er⸗ tödten Sie dieſes alte romantiſche Ritterthum in ſich, und werden Sie ein praktiſcher Mann, ein Mann der Gegenwart, der ſeinem Vortheil nachgeht, und Carrière machen will. Antworten Sie mir alſo noch nicht, ſondern überlegen Sie, bedenken Sie! Ich gebe Ihnen vier Wochen Zeit dazu! Nach dieſen vier Wochen ſollen Sie mir ſagen, ob Sie meinen Vorſchlag annehmen, das heißt, ob Sie der Gemahl einer jungen, nicht ganz geiſtloſen, nicht ganz einflußloſen Perſon ſein wollen, die im Stande iſt, Ihrem Vaterland, Ihrem König und Ihnen ſelbſt allerlei Vortheil S Nutzen zu gewähren, oder ob Sie meinen Vor⸗ ſchlag ablehnen, das heißt, ſich eine Feindin erwerben wollen, die durch⸗ aus im Stande und alsdann ſehr gewillt iſt, Ihrem Vaterland, Ihrem König und Ihnen ſelbſt ſo viel Schaden zuzufügen, als irgend in ihrer Macht ſteht. Wählen Sie, mein Herr, wählen Sie! Aber bedächtig, in der Stille! Ich gebe Ihnen, wie geſagt, vier Wochen Zeit. Bis dahin wollen wir uns öfter ſehen, aber ohne auch nur mit Einem Wort unſeres Planes zu gedenken, nur der Gegenwart und unſerem Vergnügen lebend. Aber heute über einen Monat, alſo am achtzehnten November, dann erwarte ich Sie bei mir zu einer ernſten diplomatiſchen Conferenz, und an dem Tage ſoll es ſich entſcheiden, ob Sie es vor⸗ ziehen, Calatrava⸗Ritter zu bleiben, oder ob Sie Ihr Glück annehmen und mein Gemahl werden wollen, ob Sie ſich eine einflußreiche Freun⸗ din, oder eine gefährliche Feindin für Ihren König und Ihr Sachſen⸗ land erwerben wollen. Nun kein Wort weiter! Da ſind wir eben vor meiner Wohnung angelangt, und der Wagen hält, ſteigen wir alſo aus! Addio, mein Herr Calatrava⸗ Ritter von Sahla! Addio! 38 Beherzigen und überlegen Sie meine Vorſchläge wohl! Beſuchen Sie mich bald und oft, denn es iſt nöthig, daß wir einander beſſer kennen lernen wegen unſerer Conferenz am achtzehnten November! Addio! Sie nickte Herrn von Sahla lachend einen Abſchiedsgruß, und ſchlüpfte in das Haus, deſſen hohes, ſchweres Eingangsthor ein reich gallonnirter Livréebedienter, der vor der Thür geſtanden, ihr mit ehr⸗ furchtsvollem Gruß weit geöffnet hatte. Herr von Sahla ſtand, wie gelähmt vor Staunen und Ueber⸗ raſchung, noch immer vor dem Hauſe und ſtarrte zu dem Thor hin, durch welches die ſeltſame Erſcheinung verſchwunden war. Er achtete gar nicht darauf, daß gleich hinter ihm ein junger Mann mit eiligem, haſtigem Schritt auch in das Haus eingetreten war, er hatte auch nicht bemerkt, daß wenige Schritte von ihm ein Fiacre angehalten, aus dem dieſer Herr, der jener ſeltſamen Schönen gefolgt, nebſt einem andern Herrn ausgeſtiegen war. Seine Seele war noch wie betäubt von dem überraſchenden Geſpräch, das er ſo eben gehabt, und er fragte ſich noch immer, ob dies Alles nicht ein Traum geweſen, ob dieſes über⸗ müthige Mädchen vielleicht mit ihm nur einen kecken Scherz getrieben, ob es möglich ſei, daß ſie im Ernſt ſo zu ihm geſprochen? Ich werde wieder zu ihr gehen, ich werde ſie zu erforſchen ſuchen, murmelte er leiſe vor ſich hin. Ich muß auf den Grund ihres Herzens ſchauen, und die Wahrheit in ihr erkennen! Ich— Plötzlich legte ſich eine Hand auf ſeine Schulter, und wie er ſich erſchrocken umwandte, ſah er da einen jungen Mann, deſſen Antlitz ihm. vollkommen fremd war, der ihn aber mit einem freundlichen Lächeln begrüßte, wie einen alten Freund und Bekannten. Herr von Sahla, flüſterte der junge Mann, ich weiß, Sie lieben Ihr Vaterland und Ihren König, ich weiß, Sie ſind hierher ge⸗ kommen, um der edlen Sache Ihres unglücklichen Landes und Ihres vertriebenen Königs zu dienen. Wollen Sie ſich Denen anſchließen, die hier zu demſelben Zweck in der Stille und im Geheimen arbeiten und wirken? 6 Ich will es, ſagte Herr von Sahla. Sagen Sie mir, wo ich die Edlen finde, damit ich mich mit Ihnen verbinden kann? — —Y 39 Wollen Sie mir ſchwören, Niemanden zu verrathen, was wir jetzt eben mit einander ſprechen? Ich ſchwöre es Ihnen, mein Herr! Gott, der in die Herzen ſchaut, weiß, daß es mir Ernſt iſt mit meinem Schwur, und daß ich freudig bereit bin, alle meine Kräfte, ja mein Blut und mein Leben dem Dienſte meines Vaterlandes und meines Königs hinzugeben. Und Sie wollen in dieſem Dienſte keine Gefahr ſcheuen, vor keinem Schreckniß zurückbeben? Ich ſagte Ihnen ſchon, daß ich ihm mein Leben und mein Blut weihen will! Aber auch Ihre Ehre, Ihre Gewiſſensſcrupel, wenn es ſein muß? Sie wiſſen, wer ich bin? Ja, der Calatrava⸗Ritter von Sahla. Und Sie, Sie ſind ein Franzoſe, und Sie kennen nicht die Ge⸗ ſchichte Ihres Kaiſers? Doch, ich kenne ſie, Ich weiß, daß einſt in Dresden ein Mord⸗ verſuch auf Napoleon gemacht ward, der fehlſchlug, und den man da⸗ mals ſorgfältig zu unterdrücken ſuchte. Und wiſſen Sie auch, wie Derjenige hieß, der jenen Mord⸗ verſuch machte? Nein, mein Herr, ich weiß es nicht. Nun, mein Herr, er hieß von Sahla, und war Calatrava⸗Ritter. Sie waren es? Ich war es! Jetzt wiſſen Sie, ob ich Gewiſſensſcrupel habe, wenn es ſich um das Wohl meines Vaterlandes, um die Zukunft meines Königs handelt. Jetzt wiſſen Sie, daß Sie mir vertrauen können. Und ich vertraue Ihnen, ich fordere Sie auf, Theil zu nehmen an dem geheimen Brüderbunde, der ſich hier zu Wien verſammelt, und deſſen Aufgabe es iſt, die Unterdrückten und Leidenden, die vom Schickſal und den undankbaren Fürſten Verfolgten zu beſchützen und zu unterſtützen. Kommei Sie morgen Abend um zehn Uhr auf den Joſephplatz, ſtellen Sie ſich bei der Statue des Kaiſers hin, ich werde Sie dort aufſuchen, um Sie zu Freunden und Gleichgeſinnten zu führen. — 40 Ich werde kommen. Morgen um zehn Uhr bin ich bei der Statue des Kaiſers Joſeph! Auch ich bin dort! Leben Sie wohl bis dahin! Leben Sie wohl! 1V. Die Congreßtage in Wien. Ganz Wien glich in dieſen Tagen ſeit dem Beginn des Congreſſes nur einem einzigen Ballfeſte, an welchem Jeder ſein Theil haben wollte, der Geringſte ſowohl wie der Vornehniſte, der Aermſte ſowohl wie der Reichſte. Denn dem Armen auch gehörten die Feſte, welche der Reiche gab, er hatte ſeinen Antheil daran durch ſeine Augen, welche ihm den Anblick der glänzenden Caroſſen, der geputzten Ballgäſte, die den Caroſſen entſtiegen, gewährten, durch ſeine Ohren, welche mit freudiger Genugthuung den Schall der ſchmetternden Muſik vernahmen, die aus den leuchtenden Sälen zu ihm niedertönte auf die Straße. Der Arme auch fühlte ſich in dieſen Tagen ſtolz auf„ſein Wien“, und er nannte im frohen Selbſtbewußtſein alle die Kaiſer, Könige, Fürſten, Grafen und Herren„unſere Gäſte“, und fühlte ſich erhoben durch den Ge⸗ danken, daß alle dieſe vornehmen Leute, welche aus ganz Europa ſich in der Kaiſerſtadt zuſammengefunden, Oeſterreich's Gaſtfreundſchaft ge⸗ noſſen und von der Freigebigkeit des Kaiſers bewirthet wurden. Freilich war dieſe Freigebigkeit ſehr großartiger Natur, und den vernünftigen und beſonnenen Leuten hätte ſie ein ſorgenvolles Kopfſchütteln erregen können, aber es gab eben in dieſen Tagen der Wiener Congreßherr⸗ lichkeit keine beſonnenen und vernünftigen Leukk. Jeder fühlte ſich fort⸗ geriſſen von dem allgemeinen Taumel der Luſt. Jeder wollte ſeinen Antheil haben an den Herrlichkeiten und Feſten, und das Nachdenken und die Ueberlegung, das waren langweilige und unbequeme Geſellen, 41 denen man ſcheu aus dem Wege ging, vor deren ſtirnrunzelndem An⸗ ſchauen man ſich eiligſt zu irgend einer Redoute, zu einem Ball, Diner oder Souper rettete, oder denen man ſich entzog, indem man in den Vormittagsſtunden in den Prater, oder auf die Baſtei ging, um da in raſchen Bildern, gleich der Laterna magica, alle die Geſtalten des Wiener Congreſſes an ſich vorüberrauſchen zu ſehen.— Und alle dieſe Geſtalten, wie geſagt, alle dieſe Fürſten waren die Gäſte Wiens, die Gäſte des Kaiſers. Sie wohnten bei ihm in der Kaiſerburg, oder man hatte für ſie in den Paläſten der öſterreichiſchen Großen und in den erſten Hötels bequeme und glänzende Quartiere ausgewählt. Die Kaiſerburg war jetzt die Reſidenz von zwei Kaiſern, zwei Kaiſerinnen, vier Königen, einer Königin, einem kaiſerlichen und einem königlichen Kronprinzen, zwei Großfürſtinnen und drei Fürſten, und das zahlreiche und glänzende Gefolge, der Sternenſchweif dieſer Sonnen, durchleuchtete ganz Wien auf Koſten des öſterreichiſchen Kaiſers. Wien durfte ſich dem Genuſſe und den Freuden des Tages hingeben ohne Sorgen und Kümmerniſſe, der Kaiſer ſorgte für Alles, und hatte vielleicht auch ſeine Kümmerniſſe für Alle. Dieſe Könige und Fürſten ſpeiſeten an den kaiſerlichen Tafeln, dieſe Grafen, Kammerherren, Kammerdiener und Lakaien auch ſpeiſeten auf kaiſerliche Koſten, und die Wiener erzählten ſich mit ſtolzem Selbſtgefühl, daß die kaiſerliche Tafel allein täglich funfzigtauſend Gulden koſte.*) Aber nicht blos Wohnung und Koſt gab Wien ſeinen fürſtlichen Gäſten und deſſen Gefolge, ſondern es ſorgte auch für ihre Behaglichkeit, und war bemüht ihnen den Genuß aller Freuden ſo bequem als möglich einzurichten. Jeder der kaiſer⸗ lichen Gäſte mußte ſeine Pferde und Equipagen für ſich und ſein Haus haben; der Kaiſer Franz hatte daher dreihundert neue Equipagen aufertigen laſſen. Alle von derſelben Bauart, derſelben Farbe, alle geziert mit dem öſterreichiſchen Kaiſerwappen; er hatte aus allen Mar⸗ ſtällen Europa's Pferde ankaufen, und nach Wien bringen laſſen, n ſeinen erhabenen Gäſten nicht blos für ihre Equipagen ein glänzendes *) Fetes et Sonvenirs de Congrès de Vienne. Par le Comte de la Garde. I. 44. 42 Geſpann, ſondern ihnen auch zum Spazierenreiten Pferde zu geben, die der erhabenen Perſonen, welche ſie tragen ſollten, würdig ſeien. Außerdem hatte man aus Paris die Tänzer und Tänzerinnen der großen Oper verſchrieben, und die Reize der ſchönen Bigottini, die Kunſtfertigkeit der reizenden Aimé waren wohl im Stande die Auf⸗ merkſamkeit der hohen kaiſerlichen Gäſte zu feſſeln. Aber das Theater, die Oper, das Ballet boten nur die Zerſtreuungen gewöhnlicher Art dar; man erſchöpfte ſeine Phantaſie, um neue fremdartige, überraſchende Feſte zu erſinnen, man gab Maskenbälle, Jagden, man bereitete Carouſſels, lebende Bilder, Privat⸗Aufführungen vor; Jedermann hatte ſeine Gedanken nur erfüllt mit dem Einen Beſtreben: ſich zu amüſiren, und zu dem Amüſement der Andern nach Kräften beizutragen. Nichts durfte über dieſe heitern Gedanken den Schatten einer Wolke hinwerfen, ſelbſt die Majeſtät des Todes ignorirte man der Majeſtät des Ver⸗ gnügens zu Gefallen. Die Königin Caroline von Neapel, die Tochter Maria Thereſia's, die Tante des Kaiſers Franz, war in den erſten Tagen des Wiener Congreſſes geſtorben, aber man hätete ſich wohl ihren Tod officiell bekannt zu machen, man ließ die buntglitzernde Woge des Vergaügens über ihren Sarg dahin rauſchen, man übertönte das Grabgeläute der heimgegangenen Königin mit den Fanfaren der Feſtesklänge, und kein Trauerflor, kein düſteres Geſicht ſollte die heitere Harmonie dieſer, nur den Feſten und den Vergnügungen geweiheten Tage ſtören. Die Fürſten hatten die Etiquette abgeſtreift, auch die Etiquette der Trauer, ſie wollten in Wien nur dem Vergnügen, der Freund⸗ ſchaft und dem Genuß leben, und vielleicht auch nebenher ein wenig für die Beglückung ihrer Völker, für die Vergrößerung ihrer Länder arbeiten. Aber dies war doch nur die Nebenſache; an die Völker und die Politik dachte man nur in denjenigen Stunden, wo man ſich zu den ernſthaften Sitzungen des Congreſſes vereinte, wo man ſich bemühte, das lachende Geſicht in ernſte Falten zu legen, die profanen Gedanken mit der Würde der politiſchen Weisheit zu verbrämen, und des Zweckes eingedenk zu werden, um deſſentwillen man eigentlich hier in Wien ſich 43 zuſammengefunden hatte. Einmal indeß aus dem Saale der Con⸗ ferenzen herausgetreten, legte man auch die Maske der Ehrbarkeit und Weisheit wieder ab, und der Diplomat ward wieder Lebemann, der gekrönte Fürſt ward wieder Particulier, und legte ſeine Krone bei Seite, um ſich am liebſten ſo unbemerkt als möglich in das frohe Ge⸗ wühl des Tages zu miſchen, und ſich ſeinen Antheil an den Freuden, Zerſtreuungen und Genüſſen deſſelben zu erobern. Das Incognito war daher das erſte und liebſte Bedürfniß all dieſer gekrönten Häupter, dieſer vornehmen Herren, und um als Menſchen ſich frei, leicht und glücklich zu fühlen, mußte man vor allen Dingen des Ceremoniells ſich entledigen. Die Fürſten waren daher gleich am erſten Tage überein⸗ gekommen, daß nicht ihr äußerer Rang über den Eintritt und Austritt aus den Zimmern, über die Plätze bei Tafel entſcheiden, ſondern daß nur der Rang des Alters dafür die Norm angeben ſollte, und ſo prä⸗ ſidirte der ſechzigiährige König von Würtemberg, und ſo war der ſieben⸗ unddreißigjährige Kaiſer von Rußland der Letzte in der Reihenfolge der gekrönten Häupter. Und in welcher Friedlichkeit, Brüderlichkeit und Eintracht dieſe gekrönten Häupter mit einander lebten, wie ſie ſtets nur bemüht waren, ſich einander zu lieben, zu erfreuen, ſich ihre brüderliche Zuneigung zu beweiſen! Mochten die Diplomaten in ihren Conferenzen ſich ſtreiten und überwerfen, mochten ſie das diplomatiſche Würfelſpiel über den Beſitz von Ländern und Völkern je nach ihrer Geſchicklichkeit, ihrer Zungen⸗ und Fingerfertigkeit an jedem Morgen auf's Neue beginnen, die Fürſten nahmen keinen Antheil daran; die Verbrüderung der Völker konnte einer ſpäteren Zeit aufbehalten bleiben, viel wichtiger und un⸗ aufſchiebbarer war die Verbrüderung der Fürſten— Die Fürſten fingen dieſe damit an, daß ſie ſich gegenſeitig mit ihren Orden ſchmückten, und ſich ſo lange ihre Decorationen ſchenkten, bis der diplomatiſche Congreß ſo weit vorgeſchritten wäre, daß man ſich gegenſeitig Provinzen, Länder, Königreiche und Völker ſchenken könne. Alle möglichen Ungeheuer und wilden Thiere breiteten ihre ver⸗ goldeten und diamantenſtrahlenden Tatzen und Fänge nach den fürſt⸗ lichen Häuptern aus, und ſchmiegten ſich ſanft und geduldig an die 44 Bruſt der Könige und Fürſten; da flatterten die ſchwarzen, die rothen, die weißen Adler durch die Luft, da fielen die glänzenden Meteore des Phönix, des Großkreuzes, aus den Wolken, da ſchmückte man ſich mit Elephanten, Löwen und goldenen Vließen, und ließ um das kaiſerliche Knie das blitzende Strumpfband des engliſchen Hoſenband⸗ ordens legen. Und nach dieſem Amüſement der gegenſeitigen Ordensverleihung kam das Amüſement der gegenſeitigen Regimentsverleihung. Die Fürſten ſchenkten ſich Regimenter in ihren Armeen, und man beeilte ſich dann, ſich ſo raſch als möglich eine vollſtändige Uniform des ge— ſchenkten Regiments zu verſchaffen, um in derſelben vor den Geſchenk⸗ gebern zu erſcheinen, und den Paraden und Revüen beizuwohnen, die an jedem Tage ſtattfanden. Aber nach den Paraden, den Spazier⸗ gängen, den Jagden und Unterhandlungen des Vormittags verſammelten ſich, einer gleich Anfangs getroffenen Verabredung gemäß, alle die ge⸗ krönten Häupter in einem Saale der Kaiſerburg, um doch eine Stunde dieſer roſenbekränzten, faſt funkelnden Tage den ernſten Geſchäften und dem Glücke ihrer Völker zu weihen. In dieſer Stunde der völker⸗ beglückenden Fürſtenpolitik überlegte man mit einander, was die fürſt⸗ lichen Diplomaten und Bevollmächtigten in den Sitzungen des Vor⸗ mittags beſprochen, vorgeſchlagen und berathen hatten. Aber die gemüthlichen Wiener, welche Theil nahmen an Allem, was die Gäſte des Kaiſers und der Stadt Wien betrafen, die gemüthlichen Wiener flüſterten einander lachend in's Ohr, daß dieſe Stunde der fürſtlichen Berathungen nicht immer blos der Politik gewidmet ſei, und daß zu⸗ weilen die ernſten Fragen der Diplomatie durch die heitere und lachende Frage nach einer neuen Feſtlichkeit, einem neuen Amüſement verdrängt werde.*) e An jedem Morgen aber zeigten ſich die Fürſten, die Diplo⸗ maten und alle die vornehmen Fremden, ſowohl die Damen als die Herren, den Wienern im Prater und auf der Baſtei. Den Fremden ſchien es eine Pflicht der Höflichkeit, ſich den Schauluſtigen hier nach *) Comte de la Garde. I. 53. . 45 Herzensluſt zu zeigen, und den Wienern eine Pflicht der Gaſtlichkeit, durch lächelndes Anſchauen und Anſtarren die lieben, theuren Gäſte zu ehren. Im Prater zu erſcheinen gehörte für Jedermann zum guten Ton und zur Mode, und dahin alſo drängte ſich Alles, was ſehen und geſehen ſein wollte. Dort im Prater konnte der Fremde in einem bunten Panorama das ganze heitere, lachende, geputzte lebensfrohe Wien an ſich vorüber⸗ rauſchen ſehen, dort konnte der Wiener alle die berühmten Männer, die ſchönen Frauen, alle Abenteurer, Glücksritter und Narren des Con⸗ greſſes im bunten, glitzernden Durcheinander bewundern. Hier ſieht man im eleganten leichten Cabriolet den Kaiſer Alexander daher kommen, an ſeiner Seite ſeine ſchöne und geliebte Schweſter, die Großfürſtin Katharina, neben der auf herrlichem Pferde der ver⸗ liebte Kronprinz von Würtemberg pirouettirt, während auf der andern Seite des Cabriolets Eugène Beauharnais, einſt der Vicekönig von Italien, reitet, und ſein ſchönes melancholiſches Angeſicht ſeinem edlen Freunde, dem Kaiſer Alexander, zuwendet. Unfern von dieſen folgt in offener Kaleſche die zweite Schweſter des Kaiſers, die Großfürſtin Marie von Weimar, und neben ihr die Fürſtin von Thurn und Taxis, die Schweſter der Königin Louiſe von Preußen, und deshalb, wie wegen ihrer eigenen Schönheit und Liebenswürdigkeit, von ihrem Schwa⸗ ger, dem König Friedrich Wilhelm, beſonders ausgezeichnet und gefeiert. Hinter ihnen erſcheint im einfachen unſcheinbaren Phaeton der Kaiſer Franz neben ſeiner ſchönen bleichen Gemahlin, der Kaiſerin Ludovica, mit lächelnder heiterer Ruhe hinblickend auf das bunte Ge⸗ wühl um ihn her. Nun bleibt die Maſſe der Spaziergänger mit einem Gefühl von Ehrfurcht und Stolz ſtehen, denn ſo eben fährt der Erzherzog Karl, der Sieger von Aspern, vorüber. Ihm folgt in vollem Galopp auf einem ſchäumenden ukrainiſchen Pferde der ruſſiſche Huſarengeneral Zibin; ſeine goldblitzende Uniform leuchtet in der Sonne, an ſeinem Hut wallt ein Pamache, das von Weitem wie der Schweif eines Kometen die Luft durchfliegt. In der großen Berline, die jetzt daher rollt, ſieht man den 46 Admiral Sir Sidney Smidt neben ſeiner Gemahlin und ſeinen zwei ſchönen Töchtern, Sir Sidney Smidt, den Vertheidiger von St. Jean d'Acre, auf deſſen Bruſt eine Medaille glänzt, die glorwürdiger ihn ziert, als alle ſeine andern Ordensſterne. Dieſe Medaille hat ihm nach der Vertheidigung der Feſtung der Biſchof von St. Jean d'Acre gegeben, indem er zu ihm ſagte:„Dieſe Medaille ſtammt von Richard Löwenherz her; wir haben ſie von ihm erhalten; ich gebe ſie ſeinem Landsmanne zur Erinnerung ſeiner ruhmwürdigen Anweſenheit in einer Stadt, in welche vor Jahrhunderten ſein König gleich ihm den Ruhm ſeines Namens hingetragen hat.*) Jetzt kommt der König von Preußen daher galoppirt auf einem ſchönen engliſchen Pferde, nur von einem einzigen Adjutanten begleitet. Dicht hinter ihm ſieht man die ſtolzen Reitergeſtalten des Generals von Tettenborn und des Prinzen von Heſſen⸗Homburg. Dann kommen in offener, reich aufgeſchirrter Equipage die beiden ſchönſten Männer des Wiener Congreſſes, der Fürſt Metternich und der Prinz Leopold von Coburg; Beide in heiterm Geſpräch, lächelnd, unbefangen und froh, Beide zuweilen raſch das Haupt zurück wendend, um hinter ſich zu ſchauen nach der eleganten Equipage, die ihnen folgt, und in welcher man die drei Prinzeſſinnen von Kurland, die Herzogin von Sagan, die Fürſtinnen von Accerenza und von Hohenzollern gewahrt, lächelnd umher blickend in vollem, ſiegreichen Bewußtſein ihrer Schön⸗ heit. Auf der Seite des Wagens, wo die Fürſtin von Accerenza ſiczt, reitet der reiche junge Holländer Borel, ein Diplomat, der ſich nur des Einen Verdienſtes rühmen kann, daß er die Erfindung der in das Auge eingekniffenen Lorgnette gemacht hat. Jetzt kommt in eleganter Caleſche der engliſche Geſandte, Lord Caſtlereagh mit ſeiner Gemahlin daher, Beide in ſeltſamer, auffallender und lächerlicher Toilette, Beide voll ernſter Würde, nicht ahnend, daß ſie der Gegenſtand der allgemeinen Heiterkeit, des boshaften Geflüſters ſind. Unfern von ihnen verſperrt eben ein Fiacre der eleganten Caroſſe des Paſcha's von Widdin den Weg, und gleich hinter dieſem kommen 5 *) v. Noſtiz: Tagebuch ꝛc. S. 148. 2 47 die Erzherzoge in einfachen Caleſchen. Ihnen folgt in einer Chaiſe von ſeltſamer Bauart, die ſo niedrig iſt, daß man von der Erde nicht nöthig hat, hineinzuſteigen, ſondern nur hineingeht, der König von Würtem⸗ berg, deſſen ungeheure Corpulenz ihn nöthigt, an jedem Tiſch für ſeinen Bauch einen Ausſchnitt machen zu laſſen. Hinter ihm galoppirt auf blendend weißem Roß der ſchöne junge Prinz Yypſilanti daher, der Sohn des vertriebenen Hospodar's der Moldau und Walachei, der in Rußland Schutz geſucht und gefunden hat, und von Alexanders groß⸗ müthiger Freundſchaft hoch erhoben iſt zu fürſtlichen Ehren und Würden. Ein ganzer Schwarm ruſſiſcher Generäle und Fürſten folgt ihm, und pirouettirt an den luſtwandelnden ſchönen Wienerinnen vorüber, die ſich der ſtattlichen Cavaliere freuen, und ihren flammenden Blicken mit einen verſtohlenen und ermuthigenden Lächeln antworten. Und wenn nach dieſen Vergnügungen des heitern, ſonnenhellen Tages der Abend, die Dunkelheit ſich über das freudevolle, ſingende und jauchzende Wien niederſenkte, dann wogte das Vergnügen von dem Prater, von der Baſtei, von der Straße hinein in die Häuſer, und da tanzte es die Tänze, da ſang es die Lieder weiter, die es am Tage begonnen. Von hundert und hundert Kerzen ſtrahlten dann die Häuſer, überall hörte man Muſik, heiteres Lachen. Durch alle Straßen flogen die Caroſſen daher, um ihre geſchmückten Beſitzer zu Bällen, Concerten, Redouten und Feſtlichkeiten zu tragen. Wien lebte bei Tag und bei Nacht in einem Taumel der Luſt und Freude, und dieſe Luſt, dieſe Freude,— das nannte man den Wiener Congreß! V. Die Verſchworenen. Die Dunkelheit der Nacht ruhte über Wien; die Häuſer und Paläſte ſtrahlten im Glanz der Kerzen, in den vergoldeten Sälen ſang und tanzte man und feierte ſeine Feſte, aber hier unten auf dem 48 Joſephsplatz war Alles dunkel und ſtill, und zu der erhabenen Statue des großen Kaiſers Joſeph ſteigt kein Ton der lauten Congreßfreude, des profanen Congreßjubels empor. Schweigend und düſter lag der weite Platz da, ſchweigend und düſter hob ſich das Monument empor, den Männern der Gegenwart und der Dunkelheit eine unangenehme Erinnerung an die vergangene Größe und ihr ſtrahlendes Licht. Jetzt kam mit haſtigen Schritten eine männliche Geſtalt über den Platz daher, und ſchritt gerade auf das Denkmal hin. Sind Sie da? fragte eine leiſe gedämpfte Stimme. Ja, ich bin da, und erwartete Sie, erwiederte eine andere Stimme, und aus dem Schatten der Statue hervor trat eine zweite männliche Geſtalt. Herr von Sahla? fragte der eben Gekommene. Ich bin es, erwiederte der Andere. Und Sie? Ich kenne noch nicht den Namen des Freundes, der mir die Hand bieten will, damit ich meinem Vaterland und meinem König helfen und dienen kann. Ich heiße Montbrun, Graf Montbrun, ſagte der Andere haſtig. Sie ſehen, ich vertraue Ihnen, denn ich ſage Ihnen da meinen wirk⸗ lichen Namen, den nur meine Freunde kennen. Hier in Wien, vor der Polizei, den Spionen und Häſchern bin ich der Graf von Longlemene, der letzte Sproſſe einer altadligen Familie aus der Picardie. Sie fürchten alſo die Polizei, die Spione und Häſcher? fragte Herr von Sahla düſter. Ich fürchte ſie nicht, ſagte der Andere ſtolz, aber ſie ſollen mich nicht hindern an dem Werk, an dem wir Alle zu arbeiten haben; ich bin freudig bereit, für die gerechte Sache auf dem Schlachtfeld zu fallen, aber ich will nicht in einem Kerker meine Tage durchſeufzen. Kommen Sie, mein Herr! Vom Stephansthurme ſchlägt es halb elf Uhr, laſſen Sie uns eilen, denn die Geſellſchaft erwartet uns. Sie ſind doch ſalonmäßig angezogen? Ich trage wie immer mein Ordenskleid, und ich denke, ich kann mit demſelben bei Königen und Kaiſern erſcheinen. Sie können es! Reichen Sie mir Ihren Arm, mein Herr! Nur wenige Schritte und wir ſind am Ziel.— 49 e Arm in Arm ſchritten ſie über den Joſephsplatz dahin, Beide ſchweigend und in ſich gekehrt. Vor einem großen, glänzend erleuch⸗ teten Hauſe in einer der nahegelegenen Straßen machte der Graf Montbrun Halt. Wir ſind am Ziel, ſagte er, aber bevor wir eintreten, mein Herr, muß ich Ihnen doch ſagen, zu Wem wir gehen, und weſſen Gaſt Sie heute ſein werden. In dieſem Hötel wohnt der Graf Aldini, einer der einflußreichſten und edelſten Männer Italiens. Oeſterreich, das ſeinen Einfluß in der Lombardei fürchtet, und ihm mißtraut, hat ihn eingeladen, nach Wien zu kommen, unter dem Vor—⸗ wand, über die Angelegenheiten und Bedürfniſſe Italiens und der Lom⸗ bardei ſeinen Rath hören zu wollen, in Wahrheit aber, um ihn hier beſſer bewachen und ihn unſchädlich machen zu können. Aber Graf Aldini ſieht alle Fallſtricke und weiß ihnen allen zu entgehen. Er giebt heute ein Feſt, und wir werden einen Augenblick bei demſelben er⸗ ſcheinen, um unſere Anweſenheit zu bekunden. Aber haben Sie wohl Acht auf mich, bleiben Sie immer neben mir, und folgen Sie mir, wohin ich gehe. Ich werde Sie nicht verlaſſen, ſagte Herr von Sahla, nur bin ich begierig zu wiſſen, wie die Feſte des Grafen Aldini Intereſſe für mich und die Angelegenheiten, die ich verfechten will, haben könnten. Sie werden das ſchon ſehen, kommen Sie nur!— Die Säle des Grafen Aldini ſtrahlten im reichſten Schmuck, und in denſelben wogte eine glänzende Geſellſchaft auf und ab. Die Di⸗ plomaten aller Länder waren gekommen, um dem einſtigen Miniſter, Staatsſecretair des Königreiches Italien, als welcher Aldini in Paris gewohnt hatte, ihre Achtung zu bezeigen, und Aldini empfing ſie mit der lächelnden Feinheit und Ruhe eines gewandten Weltmannes. Aber der Schatten einer Wolke ruhte doch auf ſeiner Stirn, und ſeine Augen flogen zuweilen mit einem raſchen, trüben Vlick durch die Säle dahin. Als jetzt der Graf Montbrun mit Herrn von Sahla in den Salon trat, ging er dem Erſteren raſch einige Schritte entgegen und zog ihn in eine Fenſterniſche. Graf, ſagte er leiſe und haſtig, ſeien Sie auf Ihrer Hut, ſagen Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 4 50 7 Sie den Freunden, daß ſie es auch ſein ſollen. Ich fürchte, man miß⸗ traut uns, und überwacht mein Haus. Sehen Sie ſich um in den Sälen. Kein Einziger der Fürſten iſt erſchienen, ſie haben Alle heute Nachmittag wegen eines improviſirten Feſtes bei der Kaiſerin von Rußland abſagen laſſen. Aber der Vicekönig wird doch kommen? fragte Montbrun haſtig. Nein, auch Er, auch Eugène kommt nicht, ſagte Aldini traurig. Er hat mir geſchrieben, und ſich entſchuldigt. Ah, mein Freund, welch' einen ſchmerzlichen, wehmuthsvollen Brief! Er darf es nicht wagen, hierher zu kommen, weil man ihn alsdann verdächtigen würde. Glauben Sie mir, er iſt ein armer Gefangener, den man mit Roſenketten ge⸗ feſſelt hat, aber die Dornen bohren ſich doch heimlich in ſein Fleiſch ein. Eugene iſt es, der mich warnt.„Seien Sie auf Ihrer Hut,“ ſchreibt er mir,„verbergen Sie Ihre Gedanken unter doppelten Schleiern, fürchten Sie vor allen Dingen die Verräther, die ſich unter dem Schein der Gleichgeſinntheit in Ihr Haus einſchleichen möchten. Glauben Sie nur, daß man Sie, gleich mir, immer beobachtet, immer beargwöhnt. Verbrennen Sie auch Ihre Briefe, wenn Sie deren aus Frankreich oder Italien erhalten.“ Der Vicekönig hat Recht, Graf, ſagte Montbrun ernſt, ſeien Sie auf Ihrer Hut. Ihr Haus iſt die einzige Zuflucht des politiſchen Unglücks, der zertretenen Freiheit, erhalten Sie uns dieſe. Sie ſind der Mittelpunkt, um den ſich die Freunde ſammeln; wenn wir dieſen verlieren ſollten, würden wir vom Sturm der Ereigniſſe hierhin und dorthin getrieben werden, und allen Zuſammenhang untereinander verlieren. Ich bleibe Ihnen, ſagte Aldini, und ich werde vorſichtig ſein. Aber Sie ſelber, Graf, ſind Sie auch vorſichtig? Wer iſt zum Beiſpiel dieſer bleiche junge Mann, mit dem Sie vorhin eintraten, und der, ſo viel ich weiß, nicht zu den eingeladenen Gäſten gehört? Ich habe mir erlaubt, ihn einzuführen, Excellenz, und ich bitte um die Gunſt, Ihnen den jungen Mann vorſtellen zu dürfen. Es iſt der Calatrava⸗Ritter Herr von Sahla. Und Sie glauben, ihm trauen zu dürfen? 51 Ich bin davon überzeugt. Ich habe Gelegenheit gehabt, ihn zu beobachten, und ich ſage Ew. Excellenz, er iſt ein Mann, der uns ſehr nützen kann. Zudem ſind wir wohl verpflichtet uns ſeiner anzunehmen, denn er iſt ein fanatiſcher Anhänger des Königs Auguſt von Sachſen, des getreueſten der deutſchen Fürſten. Um für ſeinen König zu wirken, iſt er hier. Ah, der Arme, ich fürchte, er wird da wenig erwirken können, ſagte Aldini, Sachſen iſt verloren. Aber kommen Sie, Graf, ſtellen Sie mir Ihren Schützling vor. Noch Eins. Gehen Sie nicht eher in das Berathungszimmer, als bis der Tanz begonnen hat, und haben Sie die Güte, ſogleich wieder in die Säle zu kommen, wenn ich Ihnen das Zeichen geben laſſe, daß das Souper beginnt. Nun laſſen Sie mich Ihren Freund kennen lernen! Die beiden Herren traten wieder aus der Fenſterniſche hervor, und näherten ſich dem Calatrava⸗Ritter, der einſam und unbeachtet dageſtanden, und mit düſtern Mienen das bunte Getreibe um ſich her beobachtet hatte. Die Säle indeſſen hatten ſich immer mehr gefüllt, und wenn auch die gekrönten Häupter ſelber nicht erſchienen, ſo waren ſie mindeſtens doch vertreten durch ihre Geſandten und ihre Würdenträger; und außerdem hatte die Ariſtocratie der Ahnen ſowohl wie des Geldes ſich beeifert, der Einladung des Grafen Aldini Folge zu leiſten, und in dem bunten Gewühl dieſer glänzenden Geſellſchaft begegnete man den ſchönſten Frauen, den hochgeſtellteſten Perſönlichkeiten aller Länder Europa's. Und Alles lachte und war heiter, und gab ſich in harm⸗ loſem Frohſinn dem Genuß des Momentes hin. Jetzt riefen die ſchmetternden Töne der Muſik die jugendlichen Gäſte in den großen Tanzſaal, die Cavaliere näherten ſich den jungen, blumengeſchmückten, roſigen, lächelnden Damen, um ſie zum Tanz auf⸗ zufordern, die alten Diplomaten ſogar wagten es dem Beiſpiel der Jugend zu folgen, und in den Tanzſaal zu gehen, um wenigſtens an dem neuen, vom Kaiſer von Rußland eingeführten Tanz Theil zu nehmen, und die gracieuſe bequeme Polonaiſe mit durch die Säle zu gehen. Alles ſchien Heiterkeit, Vergnügen und Zufriedenheit, und 4* 52 nur hier und da begegnete man in dem geputzten Gewühl einem düſtern Geſicht, einer ernſten Geſtalt, die aber, fortgeriſſen von dem allge⸗ meinen Strom, ſich mit fortbewegte in den bunten Schlangenwindungen der Polonaiſe. Jetzt iſt es an der Zeit, flüſterte Herr von Montbrun ſeinem Begleiter in's Ohr. Der Tanz hat begonnen, die rauſchende Muſik iſt der Schleier, der unſere Worte verhüllen wird. Kommen Sie! Er nahm den Arm des jungen Mannes, und ging mit ihm aus dem Tanzſaal durch die anſtoßenden Säle in das kleine düſtere Boudoir, das am Ende der langen Galerie der glänzenden Zimmer lag. Hier blieb er einen Augenblick ſtehen und lauſchte. Die Polonaiſe, welche ihre glitzernde Schlangenlinie eben durch den letzten Salon hinge⸗ wunden hatte, war jetzt wieder in die vordern Säle zurückgekehrt, nur fern und leiſe rauſchte die Muſik in das Cabinet, und die Stimmen der plaudernden, lachenden, ſich hin und wieder bewegenden Menſchen einten ſich nur zu einem verworrenen Geräuſch, wie von brauſendem Winde, oder grollenden Meereswogen. Graf Montbrun nickte leiſe mit dem Kopf. Sie tanzen und freuen ſich, ſagte er, Niemand achtet auf uns! Weiter alſo! Er trat raſch zu dem großen Gemälde, das den Grafen Aldini in ganzer, lebensgroßer Figur darſtellte, und deſſen breiter vergoldeter Rahmen faſt bis zum Fußboden niederreichte. An eine der in dem Rahmen befindlichen Roſen legte Graf Montbrun ſeinen Finger und drückte die Roſe nieder. Das Bild ſprang zurück und öffnete ſich zu einer Thür, die nach einem ſchmalen, matterleuchteten Corridor führte. Haſtig überſchritten die beiden Männer dieſe Thür, dann zog der Graf das Bild wieder an ſich, und drückte es wieder feſt in die Wand⸗ vertiefung ein. Nun zwei Schritte und wir treten in das Allerheiligſte ein, ſagte Montbrun. Sie haben mir geſchworen, nichts zu verrathen. Entſinnen Sie ſich Ihres Schwurs? Ich entſinne mich deſſelben, und ich werde ihn erfüllen. Und es wird zu Ihrem Glück ſein, mein Herr! Haben Sie ge⸗ hört, daß man jüngſt in Paris den General Quesnel todt in der 53 Seine gefunden hat, und daß man nicht begreift, weshalb dieſer ſo lebensfrohe, ſo glückliche General zum Selbſtmörder geworden? Ja, ich habe davon gehört, und ich habe auch gehört, daß man es bezweifelt, daß General Quesnel ein Selbſtmörder ſei. Man hat Recht. General Quesnel ward verurtheilt und er erlitt die Strafe des Verbrechens. Er gehörte zu uns, und um ſich bei dem König von Frankreich beliebt zu machen, verrieth er einen Theil unſeres Bundes. An demſelben Abend noch führten vier der Unſrigen den aus den Tuilerien heimkehrenden General zu der Seine. Man ließ ihm Zeit zu einem Gebet, dann ſchlugen die Wellen über dem Grab des Verräthers zuſammen.*) Ich erzähle Ihnen dies, um Sie zu warnen, mein Herr! Und ich erwiedere Ihnen darauf nur, daß ich Ihre Strafe gerecht finde. Dem Verräther gebührt der Tod! Laſſen Sie uns weiter gehen, Herr Graf. Nun denn, es ſei, ſagte Graf Montbrun. Kommen Sie! Er eilte haſtig den Corridor hinunter, an deſſen Ende eine kleine Thür ſich befand. Der Graf klopfte drei Mal in eigenthümlicher Weiſe; bei dem dritten Klopfen ward innen ein Riegel zurückgeſchoben und die Thür öffnete ſich ein wenig. Die Parole? fragte eine Stimme innerhalb. Frankreich, Polen, Sachſen, Italien, ſagte Graf Montbrun leiſe. Jetzt flog die Thür auf, und an dem Arm des Grafen trat Sahla ein. Einen Moment blieben ſie Beide an der Thür ſtehen, geblendet von dem Glanz der Kerzen, die von zwei großen Kronleuchtern und von vier Candelabern ſtrahlten, und den Salon wie mit Tages⸗ helle erfüllten. Sie ſehen, wir ſcheuen das Licht nicht, ſagte der Graf lächelnd, aber wenn man uns hier überraſchen ſollte, ſo würde unſer einziges Vergehen doch nur darin beſtehen, daß wir, den öſterreichiſchen Ge⸗ ſetzen zum Trotz, hier hohes Hazardſpiel getrieben, und Herr von Aldini, der ſich den Anſchein giebt, ſelber ein leidenſchaftlicher Pharaoſpieler *) Abrantès: Mémoires XVIII. 279. 54 zu ſein, hätte doch weiter kein Unrecht begangen, als daß er für ſich und ſeine Freunde einen Pharaotiſch und ein Roulette hält. Man würde ihm kaum dafür einen Verweis ausſprechen dürfen. Sehen Sie die beiden Tiſche da in der Mitte des Saals, um den ſich die Geſell⸗ ſchaft drängt? Das ſind die Glückstiſche; noch ſpielt man wirklich, und man hat uns daher noch nicht bemerkt. Aber man wird gleich aufhören zu ſpielen. Laſſen Sie uns näher treten! Nur noch Eine Frage, Herr Graf, flüſterte Sahla haſtig. Ich ſehe dort an den Tiſchen viele ſchöne und junge Damen. Sind dieſe nur hier um zu ſpielen, oder wagt man es, auch Frauen in Ihren Bund aufzunehmen? Mein Herr, die Frauen ſind die thätigſten und verſchwiegenſten Mitglieder unſeres Bundes, ſagte Graf Montbrun, und ohne die Frauen würden wir wenig Einfluß und Bedeutung haben. Sie werden das ſelbſt erkennen, wenn Sie unſerer heutigen Sitzung beigewohnt haben. Er ſchritt jetzt raſch vorwärts, und ſich dem Croupier nähernd, der eben das Roulette drehte, legte er ihm leiſe die Hand auf die Schulter. Gott zum Gruß, Herr Margquis, ſagte er. Der Angeredete ſprang empor und verneigte ſich grüßend. Graf Montbrun, rief er laut. Graf Montbrun, wiederholten die Spieler an den Tiſchen, und die Herren erhoben ſich von ihren Sitzen, ihn zu begrüßen, und die Damen winkten ihm mit ihren Fächern und ihren von Brillanten blitzenden weißen Händen, und hießen ihn willkommen mit ihren glän⸗ zenden Blicken und ihren lächelnden Lippen. Enden Sie das Spiel, ſagte der Graf ernſt, laſſen Sie uns die Sitzung beginnen. Sofort wurden die Karten bei Seite geſchoben, das Geld einge⸗ zogen und das Roulette verhüllt. Eine augenblickliche Stille trat ein, dann ſagte der Graf, auf Herrn von Sahla deutend, der neben ihm ſtand: ich führe Ihnen heute ein neues Bundesmitglied zu, und ich bitte die Herren und Damen von der Abtheilung für Sachſen, den neugewonnenen Freund in Ihre Mitte aufnehmen zu wollen. 55 Fünf Herren und zwei Damen erhoben ſich von ihren Plätzen und näherten ſich Herrn von Sahla, die Herren, indem ſie ihm ihre Hände darreichten und ihn freundlich willkommen hießen, die Damen, indem ſie ihn mit einem Lächeln und einem freundlichen Neigen des Kopfes begrüßten. Herr von Sahla folgte ihnen und nahm in ihrer Mitte Platz. Und jetzt, ſagte Graf von Montbrun, jetzt bitte ich die Verſamm⸗ lung, den neuen Bundesgenoſſen ein wenig mit den Zwecken und den Pflichten unſeres Bundes bekannt machen zu wollen, damit er weiß, was wir ihm gewähren, und was wir von ihm erwarten. Es iſt über⸗ dies immer gut, wenn wir uns Alle, inmitten dieſes bewegten und rauſchenden Lebens, das uns in ſeine Strudel hineinzieht, recht oft der ernſten Zwecke, die uns hier zuſammengeführt, erinnern, und uns im⸗ mer wieder die großen Ziele vergegenwärtigen, denen wir nachſtreben. Ich will Ihnen alſo ſagen, Herr von Sahla, was unſer Bund iſt und was er bezweckt. Er iſt ein freies Uebereinkommen hochherziger und uneigennütziger Seelen, denen die Freiheit, die Ehre und das Glück der Völker wichtiger iſt als Fürſtengunſt und Ehrenſtellen, und die ihr Leben, ihr Vermögen, ihre Sicherheit und ihre Ruhe daran wagen, den Völkern zu dienen, denen, welchen ſie einmal ihre Treue gelobt, ſie auch zu bewahren, die Untreue zu verfolgen, die aufgedrungenen Herrſcher zu bekämpfen, und Alles daran zu ſetzen, die rechtmäßigen Herrſcher, welche die Liebe ihrer Völker begehrt, welche zum Wohl des Vaterlandes nützlich ſind, zurück zu führen. Sie ſehen daher hier alle diejenigen Völker vertreten, welche leiden, welche bluten, und von dem Congreß keine Rettung und Heilung, ſondern nur ihren völligen Unter⸗ gang zu erwarten haben. Wir ſind hier alſo nicht blos Franzoſen, ſondern wir ſind hier auch Italiener, Polen und Sachſen, nur haben wir die franzöſiſche Sprache als die Converſationsſprache angenommen, weil ſie die bekannteſte iſt, und deshalb werden die Verhandlungen in dieſer Sprache geführt. Wir haben uns hier verſammelt als die un⸗ berufenen Mitglieder des Congreſſes, als die geheimen Arbeiter, welche in der Stille der Nacht, und unter dem Schweigen des Geheimniſſes das Gewebe wieder zerſtören, das während des Tages die berufenen 56 Diplomaten, welche hier fremde Güter verſchenken wollen, gewebt haben. Sie wollen Polen, Frankreich, Italien und Sachſen vernichten, zer⸗ treten, und den fürſtlichen Raubvögeln als Beute hinwerfen, wir wollen ihnen dieſe Beute entreißen, wir wollen es verhindern, daß man Völker gleich Selaven verhandele und verſchenke, daß man Länder, gleich überreifen Früchten, zerſchneide und vertheile, um deren beliebig Dieſem und Jenem ein Stückchen zum Verſpeiſen zu geben. Dies iſt es, was unſer Bund bezweckt, worauf alle unſere Beſtrebungen ge⸗ richtet ſind: wir wollen Gerechtigkeit für die Völker. Wir wollen, daß man ihre Sympathieen ehre, und ihnen die Herrſcher wiedergebe, welche ihr Herz erſehnt und ihre Vernunft begehrt. Um dieſes Ziel zu er⸗ reichen, nehmen wir zu allen Mitteln unſere Zuflucht, um dieſes Ziel zu erreichen, lernen wir zu heucheln und uns zu verſtellen, legen wir eine Maske vor unſer Angeſicht, und ſcheinen, was wir nicht ſind, und ſprechen, was wir nicht denken, forſchen wir die Menſchen aus, um ihre Geſinnung kennen zu lernen, und ihre Geheimniſſe zu erlauſchen. Wir ſchleichen uns als Spione in die Kabinette, wir machen uns zu Verräthern und zu Betrügern, wir heucheln Liebe, die wir nicht em⸗ pfinden, und Haß, der uns fremd iſt, wir machen es gleich dem Bru⸗ tus, und gleich ihm dienen wir den Thyrannen, bis der Moment ge⸗ kommen iſt, wo wir ſie ſtürzen werden. Nun frage ich Sie noch ein⸗ al, Herr Ritter von Sahla, wollen Sie ſich den Nachkommen des Brutus verbünden, wollen Sie Ihre Liebe, Ihre Ehre, Ihr Ge⸗ wiſſen dem Dienſte des Vaterlandes, dem Dienſte der Unterdrückten weihen? Ich will es, ſagte Sahla laut und feſt. Man will Sachſen zer⸗ reißen, Sachſens König in Armuth und Verbannung ſtürzen, ich liebe mein Vaterland, ich liebe meinen König, ich weihe mich alſo ſeinem Dienſt. Ich will um ſeinetwillen die Rolle des Brutus ſpielen, ich will, um ihm zu dienen, zum Spion, zum Verräther, ja, wenn es ſein muß, zum Mörder werden. Dem Vaterland gehört meine Ehre und mein Gewiſſen, dem König mein Blut und meine Treue! Eine düſtere fanatiſche Gluth flammte aus ſeinen Augen, wäh⸗ rend er ſo ſprach, und man ſah es dieſem bleichen Angeſicht wohl an, 57 daß es ihm Ernſt ſei mit ſeinem Gelöbniß, und daß er in ſeinem Fanatismus ſelbſt vor einer Mordthat nicht zurückbeben werde. Mit einer ſcheuen Ehrfurcht ruhten daher die Blicke aller Anweſenden auf ihm und Niemand wagte zu lächeln über den ſächſiſchen Accent, mit dem Herr von Sahla ſein Franzöſiſch geſprochen. Sie wollen alſo dem Bunde angehören? fragte Graf Montbrun. Ich will ihm angehören! Sie wollen gehorſam ſein den Oberen, wollen thun, was zu thun man Sie heißt, und was von den Oberen als zum Wohl des Ganzen nothwendig erachtet wird? Ich will es thun. Wenn man mir einen Dolch in die Hand drückt und mir ſagt:„tödte dieſen Mann, denn Er iſt es, der Dein Vaterland zertreten, Deinen König verjagen will,“ nun wohl, ſo werde ich ihn tödten. Wenn man mir befiehlt:„mache Dich zum gehorſamen Sclaven dieſes Mannes, laß ihn ohne Murren ſeinen Fuß auf Deinen Nacken ſtellen, denn dies iſt nothwendig zum Wohl Deines Vaterlandes,“ nun wohl, ſo werde ich mich zur Erde niederwerfen, meine Stirn in den Staub drücken und Sclave werden. Wenn man Ihnen aber befiehlt: gehen Sie hin, ſuchen Sie die Liebe dieſer Frau zu erwerben, ſchwören Sie ihr ewige Liebe, ewige Treue, ſie iſt im Beſitz von Geheimniſſen, die uns wichtig ſind, deren Enthüllung Ihrem Vaterlande nützen kann, ſuchen Sie alſo der Frau, welche Sie liebt, dieſelben zu entreißen, ſchwören Sie ihr, daß Sie Niemanden etwas ſagen wollen. Was würden Sie thun, wenn Sie im Vertrauen auf Ihre Liebe Ihnen wirklich ihre Geheimniſſe enthüllt? Ich würde freudig den ſchwärzeſten und ehrloſeſten Verrath be⸗ gehen, ich würde die Geheimniſſe der Frau, welche mich liebt, ver⸗ rathen, obwohl ich ihr geſchworen, ſie Niemanden auf der Welt an⸗ zuvertrauen. Sie haben ſeine Antworten vernommen, meine Brüder und Schweſtern, ſagte Montbrun, ſeine Blicke über die Geſellſchaft hin⸗ gleiten laſſend, iſt er es würdig, in unſeren Bund aufgenommen zu werden? Er iſt es würdig! riefen Alle, wie aus Einem Munde. 58 V. Der geheime Congreß. Herr von Sahla iſt alſo aufgenommen, rief Graf Montbrun. Willkommen dem Getreuen, Tod dem Verräther. Jetzt, meine Brüder und Schweſtern, raſch zum Werk. Was haben wir gethan, was haben wir erreicht? Die Commiſſion für Italien ſpreche zuerſt. Was ſagen die heimgekehrten Emiſſaire? Drei der Herren, die auf der unteren Seite des Tiſches ſaßen, erhoben ſich von ihren Sitzen. Ich war in der Lombardei, ſagte der Erſte. Alles iſt dort in Aufregung und Gährung, alle Gemüther ſind entflammt. Venedig und Mailand ſind bereit zu offenem Widerſtande, wenn man ſie ihrer Selbſtſtändigkeit und ihrer Freiheit berauben, und ſie wieder in öſter⸗ reichiſches Joch ſchmieden will. Alle Herzen ſind in Sehnſucht und Liebe erglüht für den Völkerbefreier, der als Gefangener auf Elba ſchmachtet, und der allein die zertretene Lombardei wieder aufrichten wird. Ich komme aus Genua, ſagte der Zweite. Genua zittert für ſeine Zukunft, es ſieht ſeine Selbſtſtändigkeit bedroht, es fürchtet an Sar⸗ dinien als Beute hingegeben zu werden. Alle Geſichter ſind gen Elba gekehrt, heimlich ſchmiedet man Waffen, rüſtet man Schiffe aus, betet man zu Gott, daß er dem Befreier Kraft verleihe, ſeine Ketten zu brechen, Flügel, ſeinem Gefängniß zu entfliehen. Ich komme aus Neapel, ſagte der Dritte. König Joachim Murat bereut den Verrath, den er einſt an dem großen Kaiſer begangen, er will wieder gut machen, er fühlt, daß er verloren iſt, wenn nicht bald eine Aenderung der Dinge eintritt, er ſieht den Thron unter ſich ſchwanken, und ſieht die Bourbonen ihre habgierige Hand nach ſeiner Krone ausſtrecken. Sein Volk liebt ihn und zittert mit ihm, aber es weiß, daß es nicht im Stande iſt, den Thron Joachims zu ſtützen, wenn nicht von dem Befreier der Welt ihnen Hülfe kommt. Und was berichten unſere anweſenden Emiſſaire für Italien? 3 d — 59 Drei Damen von ſeltener Schönheit erhoben ſich von ihren Sitzen und grüßten den Grafen Montbrun mit einem bezaubernden Lächeln. Die Lombardei iſt verloren, wenn der Befreier nicht bald kommt, ſagte die Erſte. Man hat den Plan entworfen, Baiern mit Oeſter⸗ reich zu verbinden, und will den König von Baiern dafür zum König der Lombardei machen. Schon iſt der König dieſem Plan geneigt, und bereit den Tauſch einzugehen. Man trifft im Geheimen alle Vorkeh⸗ rungen, und wird die Welt erſt mit dieſem Plan überraſchen, wenn der Traktat abgeſchloſſen iſt und nicht wieder rückgängig gemacht werden kann. Nur der Kaiſer Franz, der König von Baiern und der Fürſt Metternich allein wiſſen um dies Project, und Einer von dieſen Dreien vertraute es mir unter dem Beichtgeheimniß der Liebe. Was ſoll ich thun? Suchen Sie die Unterhandlungen in die Länge zu ziehen, und in der Stunde der Gefahr benachrichtigen Sie ſolche Perſonen, von denen Sie wiſſen und ermeſſen können, daß ſie Einfluß genug haben, den Plan zu zerſtören. Genua iſt verloren, ſagte die zweite Dame mit zürnender, ſchmerz⸗ bewegter Stimme, ich ſehe meine Vaterſtadt in Gefahr, man ſchmiedet ſchon die Ketten, mit denen man es an Sardinien heften will. Vergebens haben die Gräfin Brignolle und ich Alles in Bewegung geſetzt, um die Gemüther Derjenigen, welche Genua retten können, für die große Sache unſeres Vaterlandes zu gewinnen. Aber unſer Flehen, unſere Thränen, unſer Lächeln ſelbſt iſt vergeblich. Es giebt nur noch Ein Mittel, Genua zu retten,— der Prometheus, welcher auf dem Felſen von Elba ſchmachtet, muß befreit werden! Der König von Neapel iſt verloren, wenn man ihn nicht warnt, ſagte die dritte Dame. Die Geſandten des Königs von Sicilien haben im Verein mit den Geſandten des Königs von Portugal und Spanien bei dem Congreß den Antrag geſtellt, daß man Neapel ſeinem recht⸗ mäßigen König zurück gebe, daß man Murat von dem uſurpirten Thron ſtürze, ihn deshalb in Händel mit Oeſterreich zu verwickeln ſuche, ihn dann herausfordere zum Kampf und mit vereinter Macht ihn ſtürze. Alle Mächte ſind bereit, den Wunſch der ſüdlichen Bourbonen zu er⸗ 60 füllen, nur Oeſterreich zögert noch und ich hoffe, es wird mir gelingen, dieſes Zögern noch eine Zeit lang zu erhalten. Man eile ſich, Murat zu warnen, man eile ſich, den Prometheus zu befreien! Die Commiſſion für Polen ſpreche jetzt! befahl der Graf Montbrun. Wieder erhoben ſich drei Herren und mit trauriger Geberde und düſterer Stimme erzählten ſie von den Leiden des unglücklichen Polens, das auf's Neue von einer Theilung bedroht ſei, und daß Oeſterreich, Preußen und Rußland wieder die Fänge ihrer Adler ausſtreckten, um es zu zerreißen und zu zerſtören. Nach ihnen erhoben ſich drei Damen, um zu berichten, was ſie auf dem Congreß erfahren, was ihnen anvertraut aus gewichtigem Munde, und die Gefahren und die Hülfsquellen zu bezeichnen, welche noch für Polen geblieben. Der einzige Freund, den Polen noch auf dem Congreß beſitzt, ſagte die dritte der Damen, das iſt der Kaiſer Alexander von Ruß⸗ land, die einzige Frau, die den Muth haben wird, bei Alexander für Polen zu ſprechen, das iſt die ſchöne und kluge Fürſtin Bagration, aber um ihren Mund zu gewinnen, muß man ihren Eigennutz gewinnen, um ſie reden zu machen, muß man mit Gold und Diamanten zu ihr reden. Man wird ſo zu ihr reden, ſagte Graf Montbrun. Was ſagen die Emiſſaire für Sachſen? Wieder erhoben ſich drei Herren von ihren Sitzen. Sie erzählten von dem Schmerz, der Verzweiflung der Sachſen, welche ſeufzten unter fremdem Joch, und vergeblich ihren König zurückerſehnten. Sie er⸗ zählten von den Bedrückungen, die Sachſen erduldet unter der ruſſiſchen Occupation des Fürſten Repnin, und daß es jetzt nicht weniger dulde, ſeit Rußland die Herrſchaft Sachſens an Preußen abgetreten, Preußen feierlich von Sachſen Beſitz genommen, die ſächſiſchen Regimenter in preußiſche Städte verlegt habe, und von dem Militair und den Be⸗ hörden Treue und Gehorſam für den König von Preußen begehre. Sie ſagten, daß der König von Preußen und ſein Miniſter, der Staats⸗ kanzler von Hardenberg, den Beſitz Sachſens als eine Ehrenſchuld be⸗ trachte, die Europa Preußen bezahlen müſſe, ſie erzählten, daß der 61 4 König Ludwig der Achtzehnte von Frankreich ſeinem Miniſter Talley⸗ rand befohlen habe, beim Congreß darauf zu beharren, daß das treu⸗ loſe, verrätheriſche Sachſen geſtraft werde und auf ewig aus der Reihe 6 der Staaten verſchwinde.. u Herr von Sahla hatte ihnen zugehört mit bleichem Angeſicht, mit düſtern Blicken, ſeine Hände hatten ſich krampfhaft in einander ge⸗ , ſchloſſen, ſeine Lippen bebten, der Athem ging keuchend aus ſeiner 5 Bruſt hervor. Ja, ja, murmelte er leiſe vor ſich hin, der König von Preußen ſe iſt Sachſens geführlichſter Feind, wehe ihm alſo! 6 Und giebt es kein Mittel, den unglücklichen Sachſen zu helfen? e fragte Graf Montbrun. Doch, es giebt ein Mittel, ſagten die beiden Damen, welche un⸗ , fern von Sahla ſich befanden, und ihn mit theilnehmenden Blicken be⸗ ß⸗ trachtet hatten. Man muß die Feinde Sachſens unſchädlich machen, ür und den Freund Sachſens befreien. Sachſens größter Feind iſt der er König von Preußen, Sachſens größter Freund iſt der Kaiſer Napoleon. n, Auf den König von Preußen wirkt ſein Staatskanzler von Hardenberg, zu auf den Staatskanzler wirkt ſeine Freundin Friederike Hähnel. Ich kenne ſie, murmelte Herr von Sahla. en Ich kenne ſie, ſagte der Graf Montbrun mit einem unmerklichen Lächeln. Ich kenne ſie, und ich werde ſie für Frankreich gewinnen, es en iſt die Sache des Königs von Sachſen, ſie für ſeine Sache zu gewinnen. er Sie iſt ehrgeizig und geldgierig. Man muß ſie beſtechen, indem man r⸗ ihrem Ehrgeiz fröhnt, indem man ihrer Vorliebe für Brillanten ge⸗ en nügt. Der König von Sachſen, ſagt man, beſitzt ſehr ſchöne Brillanten. e, Herr von Sahla, wollen Sie gehen, von dem König von Sachſen en einige Brillanten für Ihre Freundin zu fordern? in Ich werde heute Abend noch abreiſen, ſagte Herr von Sahla. Ich werde Brillanten anſchaffen für die Freundin des Staatskanzlers, und wenn dieſe funkelnde Bitte bei Hardenberg nichts hilft, werde ich mich an den König von Preußen ſelber wenden, werde ich ihn zwingen, Sachſen zu entſagen, und meinem König ſeine Krone wieder zu geben. 3 62 Und jetzt, was ſagen die Emiſſaire aus Frankreich? rief Graf Montbrun. Sie ſagen, Frankreich iſt der Laſt müde, die auf ſeinen Schultern ruht, riefen die Männer, die ſich jetzt erhoben. Frankreich kennt nur Eine Sehnſucht, nur Einen Wunſch, nur Ein Begehr: es will ſeinen Kaiſer wieder haben, und ſeine Kaiſerin und ſeinen König von Rom. Frankreich ruft nach ſeinem Napoleon; das Volk bereut, daß es ſich einen Moment von ihm gewandt, die Armee hängt an ihm mit enthu⸗ ſiaſtiſcher Liebe, und wenn die Soldaten laut rufen:„es lebe der Kö⸗ nig!“ ſo ſetzen ſie leiſe hinzu:„von Rom, und ſein Vater, der kleine Corporal!“*) Ganz Frankreich iſt aus dem kurzen Rauſch der Bour⸗ bonenliebe erwacht, es ſieht, daß es unter dem neuen Regiment nichts gewonnen hat an Freiheit und Wohlſtand, daß es aber Alles einge⸗ büßt hat an Ehre und Ruhm. Frankreich ruft ſeinen Kaiſer. Möge er ihm wiederkehren! Wir haben jetzt Alle angehört, rief Graf Montbrun begeiſtert, wir haben die Stimmen des unglücklichen Italiens, des unglücklichen Sachſens und Polens gehört, ſie rufen nach dem Kaiſer, als nach ihrem Erlöſer. Wir haben die Stimmen Frankreichs gehört, ſie rufen nach dem Kaiſer, als nach ihrem Ruhm, ihrer Ehre und ihrer Liebe. Die unglücklichen Völker alle ſtrecken ihre Hände nach Elba hin, nach dem gefangenen Kaiſer! Geben wir ihm alſo ſeinen Kaiſer wieder, erlöſen wir Napoleon, auf daß er die Völker erlöſe. 6 Erlöſen wir Napoleon, auf daß er die Völker erlöſe, riefen Alle mit jauchzender Begeiſterung. Still, ſtill, ſagte Montbrun. Laßt unſer Entzücken leiſe ſprechen, dämpft die Begeiſterung Eurer Sehnſucht. Noch ſchmachtet der Kaiſer auf Elba, noch iſt die Kaiſerin und der König von Rom in Schön⸗ brunn. Wir müſſen alſo vorſichtig und beſonnen ſein, um unſer Ziel zu erreichen. Aber die Zeit des Handelns und der Thaten iſt jetzt ge⸗ kommen. Wohlan, ſo ſei es! Der Congreß bedroht uns, jetzt wollen wir ihn bedrohen. Zuerſt ein Wort zu den Emiſſairen für Italien, *) Mémoires d'une femme de qualité. Vol. II. 63 Sachſen und Polen. Wendet alle Mittel der Ueberredung, der Liſt, des Goldes, der Liebe an, um die Entſcheidungen hinzuhalten, die Diplomaten unter einander zu verwirren, ſucht Zwietracht zu erwecken unter den Congreßmitgliedern, ſucht den Neid, die Eiferſucht, den Stolz der Fürſten untereinander zu erregen. Macht den Freund dem Freunde, den Bundesgenoſſen dem Bundesgenoſſen verdächtig, ſäet Unfrieden, ſtreut Zwietracht aus, ſchafft Euch mächtige Verbindungen, werft Geld mit vollen Händen aus. Wir haben über Millionen zu gebieten, ſagt wohin wir ſie geben ſollen, und es wird geſchehen. Ein ſchriftlich Wort an den Grafen Aldini oder an mich genügt, und die Summen liegen bereit.— Jetzt zu den Emiſſairen und Bundesbrüdern, welche den König von Rom und die Kaiſerin umgeben. Bereitet Alles vor ür unſern Plan zu gewinnen, zur Flucht, ſucht die Kaiſerin vorſichtig f weiht vorſichtig den König von Rom in denſelben ein, ſeid jeden Abend bereit die Botſchaft zu vernehmen, welche Euch mit der Kaiſerin, mit dem König von Rom nach Frankreich ruft. Herr Baron von Meneval, Frau Gräfin von Montesquiou, Herr Abbé Letti, Ihnen zunächſt liegt dieſe Sorge ob, Frankreich hat Ihnen ſeine heiligen Güter, ſeine Kai⸗ ſerin und ſeinen Thronerben anvertraut, Frankreich erwartet, daß Sie Ihre Schuldigkeit thun, und ſeinen Ruf nicht überhören, wenn es von Ihnen die Gemahlin und den Sohn ſeines Kaiſers zurückverlangt. Horchen Sie auf den Ruf, und ſeien Sie bereit, ihm nachzukommen. Die Stunde der Rettung naht, machen Sie ſich bereit. Wir machen uns bereit, riefen der Baron Meneval und der Abbé Letti. Ich bin bereit, ſagte die Gräfin Montesquiou, und ich weiß, auch der kleine König von Rom iſt bereit. Aber ich fürchte für die Kaiſerin. Man bemüht ſich, ihr Herz dem Kaiſer abwendig zu machen, die Kaiſerin von Frankreich wieder in eine Erzherzogin von Oeſterreich zu verwandeln! und es wird gelingen, wenn die Rückkehr nach Frank⸗ reich noch lange verſchoben wird. Sie wird bald erfolgen, nur noch einige Monate der Vorbereitung, und es wird geſchehen. Wer iſt bereit nach Elba abzureiſen, und dem Kaiſer die Grüße ſeiner Getreuen zu bringen, ihm die Pläne mitzu⸗ theilen, die wir keinem Papier anvertrauen dürfen, und von ihm ſeine Befehle einzuholen? Vier Herren erhoben ſich zu gleicher Zeit. Ich bin bereit, rief Jeder von ihnen mit leuchtenden Augen und freudeſtrahlendem Angeſicht. Wohlan, Sie werden alle Vier auf verſchiedenen Wegen und unter verſchiedenen Verkleidungen abreiſen, ſagte Montbrun; wenn Einer von Ihnen Schiffbruch leidet, wenn der Andere gefangen, der Dritte getödtet wird, ſo kann doch der Vierte nach Elba gelangen, dem Kaiſer zu ſagen, daß Frankreich ihn ruft, daß Italien, Polen und Sachſen auf ihn hoffen, daß er die Liebe Frankreichs, die Hoffnung der un⸗ glücklichen Völker iſt, daß wir ihm die Wege bahnen, die ihn zurück⸗ führen ſollen auf den Thron. Dieſer Eine, welcher, ſo Gott will, bis nach Elba gelangt, wird auch Mittel und Wege erfinden müſſen, ſich dem Commodore Campbell zu nähern, dem Wächter, den England dem Kaiſer nach Elba nachgeſandt, und der mit ſeinem Schiffe immer die Inſel umkreuzt. Ich weiß ein Mittel, Sir Campbell von Elba fortzulocken, ſagte eine Dame von wunderbarer, ſtolzer Schönheit, indem ſie ſich rhob, und mit langſamen, majeſtätiſchen Schritten ſich dem Grafen 5 brun näherte. Die Gräfin Ildefonſo, die ſchöne Genueſerin, flüſterte man, und Aller Augen richteten ſich neugierig und bewundernd zugleich auf dieſe junge Frau, deren Schönheit eben ſo berühmt war, als ihre Tugend und Sittſamkeit, und um deren Gunſt bisher Könige und Fürſten ver⸗ geblich geworben. Die Gräfin Ildefonſo hatte ſie Alle mit ſtolzem Lächeln zurückgewieſen, aber dieſes Lächeln war immer doch ſo bezau⸗ bernd geweſen, daß es ihre Verehrer zu größerer Liebe entzündete, und ſtatt ſie abzuſchrecken, ſie auf's Neue entflammte. Denen, welche um ihre Hand geworben, hatte ſie geſagt:„Ich habe die Schmerzen der Ehe empfunden; jetzt bin ich Wittwe und will es bleiben, weil ich nicht wieder unglücklich ſein will.“ Denen, welche um ihre Liebe gefleht, hatte ſie geſagt:„Ich liebe nichts als mein Vaterland. Meinem Genua gehört mein Herz, meine Seele, mein Reichthum und meine Freiheit. Nont⸗ 64 8 65 Ich liebe Genua, und Genua's Bürgerkrone iſt mir lieber als alle Fürſtenkronen.“ Hier in Wien, wie in Paris und Genua, war die Gräfin Ilde⸗ fonſo der Stern aller Geſellſchaften, das bewunderte Idol aller Männer geweſen, und ſelbſt die Frauen hatten ſie geliebt, weil ſie wußten, daß die ſtolze keuſche Gräfin ihnen weder ihre Männer noch ihre Liebhaber entreißen wolle, weil ſie zur Coquetterie zu ſtolz, zur Liebe zu kalt ſei. Ich weiß ein Mittel, Sir Campbell von Elba fortzulocken, wieder⸗ holte die Gräfin Ildefonſo noch einmal, ihre großen ſchwarzen Augen auf den Grafen Montbrun heftend. Und wollen Sie uns dieſes Mittel angeben, Frau Gräfin? fragte * Montbrun. Die Gräfin hob ihr edles Haupt empor, und ein wunderbares Lächeln durchleuchtete ihr Angeſicht. Ich werde nach Livorno gehen, ſagte ſie ſtolz und ruhig. Die vier Herren, welche nach Elba gehen, haben nur nöthig, dort zu er⸗ zählen, daß ich mich in Lvorno niedergelaſſen, daß ich den Winter dort zuzubringen gedenke. Sir Colin Campbell wird es hören, und ſein Schiff wird nicht mehr die Inſel Elba umkreuzen, denn es wird als⸗ dann mehr vor Livorno, als vor Elba liegen. Es lag ſo viel ſtolze Würde, ſo viel keuſche Ruhe in den Worten, der Erſcheinung der ſchönen Frau, daß Niemand einen unedlen Ge⸗ danken, einen entwürdigenden Verdacht in ſich aufkeimen ließ. Jedermann ſagte ſich:„Sir Campbell kennt die ſchöne Gräfin Ildefonſo, und er liebt ſie!“— Niemand ſagte:„Die Gräfin Ilde⸗ fonſo kennt Sir Campbell, und ſie iſt ſeine Geliebte.“ Graf Montbrun neigte ſich tief vor der Gräfin, die ihn mit einem ſtrahlenden Lächeln anſchaute. Gott, der Kaiſer und das ſchöne Genua möge Ihnen das Opfer lohnen, ſagte er, das Sie, Frau Gräfin, Ihrem Vaterlande darbringen wollen, indem Sie allen Triumphen, allen Huldigungen, allen Feſten und Genüſſen entſagen, welche das glänzende, freudedurchrauſchte Wien Ihnen zu Füßen legt, und ſich in die Einſamkeit und Stille Livorno's zurückziehen. Mühlbach, Napoleon. V. Bd. 5 66 Die Gräfin neigte leiſe ihr Haupt. Ich werde in einigen Tagen ſchon abreiſen, ſagte ſie. Vorher werde ich Sorge tragen, daß man in allen Salons erfährt, die Aerzte hätten meiner ſchwachen Bruſt das ſüdliche Klima und den Aufenthalt in Livorno verordnet. So wird meine Abreiſe hier nicht auffallen, und Sir Campbell wird, wenn un⸗ ſere Abgeſandten nicht zu ihm gelangen ſollten, durch die Zeitungen erfahren, wo er mich finden kann. Nun habe ich nur noch die Bitte, daß man mir einige Adreſſen angebe, durch welche ich ſicher hierher meine Briefe gelangen laſſe, und von Ihnen Briefe empfange, damit ich Ihnen melden kann, wann Sir Campbell in Livorno iſt, und von Ihnen erfahren kann, wann Sie oder der Kaiſer ſeine Abweſenheit von Elba wünſchen.*) Ich werde die Ehre haben, der Frau Gräfin einige ſichere Adreſſen zu geben, ſagte Baron von Meneval, der Privatſecretair der Kaiſerin Marie Louiſe. Ich kenne hier in Wien einige treue und verſchwiegene Handelsherren, durch die ich meine Correſpondenz mit dem Kaiſer be⸗ fördere, und welche die Frau Gräfin zu gleichem Dienſt verwenden kann. Auch— In dieſem Moment ließ ſich das leiſe Anſchlagen einer Glocke vernehmen. Dieſer Ton erneuerte ſich drei Mal. Graf Montbrun erhob ſich. Wir müſſen uns trennen, um in die Salons zurückzukehren, ſagte er. Graf Aldini giebt das Zeichen, daß der Tanz beendet iſt. Beeilen wir uns alſo, damit wir keinen Ver⸗ dacht erregen, und nicht das Aſyl gefährden, das uns der Graf ge⸗ währt, indem er unſere Zuſammenkünfte mit dem Lichterglanz und der Tanzmuſik ſeiner Feſte verhüllt. Kehren wir zur Geſellſchaft zurück, und flüſtern wir den Bekannten freundlich in's Ohr, daß wir geſpielt, und wie viel wir gewonnen oder verloren haben. *) Mémoires du Duc de Rovigo. Vol. VII. S. 350. 67 MI. Fürſt Metternich und Bofrath Gentz. Es war noch früh am Morgen, der Staatskanzler Fürſt Metter⸗ nich hatte ſo eben erſt ſein Schlafzimmer verlaſſen, und war in das neben demſelben befindliche Cabinet eingetreten. Nachläſſig auf dem Divan lehnend, die feine ſchlanke Geſtalt umhüllt von einem aus koſt⸗ baren perſiſchen Shawls angefertigten Schlafrock ſchlürfte der Fürſt ſeine Chocolade aus der goldenen Mundtaſſe, einem perſönlichen Ge⸗ ſchenk des Kaiſers. Nebenher beſchäftigte er ſich damit, die Briefe zu erbrechen und zu leſen, die auf einem großen goldenen Teller neben ſeinem Dejeuner ſtanden. Es befanden ſich unter dieſe Maſſe viele ſehr ernſt und würdig ausſehende Briefe, deren großes Format, ſteifes Couvert und mächtiges ſcharf ausgedrücktes Siegel ihnen ein ſehr würdiges amtliches Ausſehen verlieh. Aber dieſe ernſten und würdigen Schreiben ſchienen durchaus nicht die Neugierde des Herrn Staats⸗ kauzlers zu reizen, denn er ſchob ſie jedes Mal bei Seite, ohne ſie nur eines Blickes zu würdigen, und griff immer wieder nach dieſen kleinen zierlich gefalteten, duftigen Briefen, die er mit lächelndem Munde und mit einem leiſen ſpöttiſchen Ausdruck einen nach dem andern ſorgfältig las. Zuweilen, während des Leſens, hob er ſeine blauen glänzenden Augen empor, und richtete ſie auf den großen Stehſpiegel, der dicht neben ſeinem Divan ſtand, und der dem Fürſten ſeine eigene Geſtalt, und ſein ſchönes feines Angeſicht wiederſpiegelte. Dann, mit einem helleren und ſpöttiſcheren Lächeln, ſenkte er die Blicke wieder nieder auf die Briefe, warf die geleſenen in eine geöffnete Chatoulle des Tiſches, der vor dem Divan ſtand, und erbrach haſtig einen der noch ungeleſenen. Er war mit dieſer Lectüre noch nicht zu Ende, als ein leiſes Klopfen an der Thür, die in das Geſellſchaftszimmer führte, ſich ver⸗ nehmen ließ, und dieſe ſich öffnete. Der Herr Hofrath von Gentz, annoncirte der hereinſchauende 5* 68 Kammerdiener, und dann wieder haſtig zurücktretend, machte er der„ breiten übervollen Geſtalt Platz, die ſich jetzt in das Cabinet bewegte, und noch keuchte von der Anſtrengung des Treppenſteigens. Wahrhaftig, mein lieber Gentz, rief der Fürſt ihm lachend ent⸗ gegen, wahrhaftig, ich bewundere Sie! Schon aufgeſtanden, ſchon in voller Toilette, und hierher kommend, um mich zu beſchämen, mich, der ich, wie Sie ſehen, noch kaum mich dem Bette entwunden habe, und noch gar nicht gewillt bin, die Maske des Staatsmannes wieder über mein vergnügliches Antlitz zu legen. Ew. Excellenz haben alſo ein beneidenswerthes Glück gehabt, ſagte Gentz, indem er ſich ſeufzend auf den Lehnſtuhl niedergleiten ließ, auf welchen der Fürſt mit einem ſtummen Wink hingedeutet hatte. Ja, wahrlich ein beneivenswerthes Glück haben Ew. Ercellenz gehabt, denn Sie haben die Zeit verſchlafen, und in Ihren ſeligen Träumen ver⸗ geſſen, daß Sie mich auf heute Morgen neun Uhr zu einer vorbe⸗ rathenden Conferenz herbeſchieden hatten. Der Fürſt ließ ſeine Blicke langſam nach der großen Pendule hinübergleiten, die auf dem Marmorkamin ſtand. Es iſt wahrhaftig ſchon faſt halb zehn Uhr, ſagte er, und ich darf es alſo nicht beſtreiten, ich habe wirklich die Zeit verſchlafen. Aber das geſtrige Feſt beim Grafen Razumowsky trägt die Schuld davon. Ich kehrte erſt um drei Uhr von dort zurück. Ja, in der That, man tödtet uns jetzt mit Feſten, ſeufzte Gentz. Man macht es wie Heliogabal mit den römiſchen Senatoren, man er⸗ ſtickt uns in Blumen. Sagen Sie lieber, wir erſticken die Andern mit unſern Blumen und Feſten, rief der Fürſt lächelnd. Denn ich denke alles Ernſtes, wir werden alle die hohen, ehrgeizigen Gelüſte, mit denen man von allen Weltgegenden hierher gekommen iſt, nach und nach in unſeren großartigen Feſten, und in der verſchwenderiſchen Herrlichkeit, die wir vor unſeren Gäſten entfalten, erſticken und ertödten. Die Herren, die mit ſo ſtolzen Ideen von ſich ſelber, und ſo geringſchätzenden Ideen von der Größe und Bedeutſamkeit Oeſterreichs hierher kamen, werden ſich jetzt zu ihrem Schrecken überzeugen, daß Oeſterreich von ſeinen . 69 langen Kriegen durchaus nicht erſchöpft iſt, ſondern daß es ein Heer Pvon zweimalhunderttauſend Mann ſchon morgen in das Feld ſtellen kann, daß ſeine Finanzen außerdem in ſo vortrefflichem Zuſtande ſich befinden, um uns gar nicht zu geniren, wenn es uns beliebt, für Deſterreichs Gäſte die kleine Summe von zehn bis zwanzig Millionen zu verausgaben.*) Auch ſehen es unſere Gäſte bereits mit Staunen und Unbehagen, ſagte Gentz lächelnd. Das große militairiſche Feſt vom achtzehnten Oktober hat dem Kaiſer Alexander viel zu denken gegeben, und er hat die Unzufriedenheit, die es ihm erregt, nicht ſo ganz verbergen können, daß der Kronprinz von Würtemberg, der ſich in ſeiner Nähe befand, ſie nicht auf ſeiner Stirn hätte leſen können. Der Kronprinz ſelber erzählte mir davon. Er hat den Kaiſer genau beobachtet, und er meint, Alexander habe ſich unangenehm überraſcht gefunden. Er ſei hierher gekommen in der vollen Ueberzeugung von Oeſterreichs Schwäche und von Rußlands Macht und Unwiderſtehlichkeit, und nun habe er hier bei dieſem glänzenden Feſt, an der Haltung der Truppen, an dem Beifallsjauchzen der Zuſchauer, an dem Ueberfluß bei der Ausſtattung des Feſtes erkennen müſſen, daß er in einem Irrthum befangen ge⸗ weſen, und daß Oeſterreich wider ſein Vermuthen durchaus befähigt ſei, ihm die Spitze zu bieten.**) Ja, ja, ſagte der Fürſt, indem er mechaniſch wieder nach einem der kleinen duftigen Briefchen griff, die noch unentſiegelt vor ihm lagen, der Herr Kaiſer Alexander hat freilich geglaubt, daß er wie Cäſar ſagen könnte: veni, vidi, vici“, und er iſt jetzt höchlich überraſcht, daß wir es wagen, ihm noch einige Siege ſtreitig zu machen. Er iſt indeſſen ein ſehr ſchöner Mann, und ich wundere mich gar nicht, daß die Weiber ihn par excellence als ihren Abgott und Engel anbeten. *) Die Ausgaben, welche der öſterreichiſche Kaiſerhof während der Dauer des Congreſſes zur Bewirthung ſeiner Gäſte und zu den Feſtlichkeiten veraus⸗ ausgabte, betrug über zehn Millionen Gulden. Siehe: Comte de la Garde: Congrès de Vienne. I. 44. 3 **) Pertz: Leben Steins. III. S. 174. — 70 Nun, ſagte Gentz lächelnd, indem er auf die Briefe hindeutete, er hat aber an Ew. Excellenz in der Politik wie in der Liebe einen ſehr gefährlichen Nebenbuhler. Die Fürſtin Bagration hat mich erſt geſtern verſichert, daß man den Kaiſer Alexander nur ſo lange ſchön finden könne, als man den Fürſten Metternich nicht neben ihm geſehen. Ach, mein Lieber, rief der Fürſt lächelnd, das macht, ich habe der guten charmanten Fürſtin geſtern eine kleine Gefälligkeit erwieſen, ich habe ihr eine allerliebſte Aventure der Prinzeſſin Nariſchkin erzählt, die ſich, während ihr edler Geliebter, der Kaiſer Alexander, hier in Wien nach ihr ſeufzt, und die Rückſichten verwünſcht, die ihn veraulaßten, ſeine Geliebte in Petersburg zurückzulaſſen, dort in Petersburg auf eine recht angenehme Art zu zerſtreuen ſucht. Die liebe Fürſtin wäre ſehr gern geneigt, die Stelle der ſchönen Nariſchkin beim Kaiſer zu erſetzen, und ſie meint, ich habe ihr da einen kleinen Dolch in die Hand gedrückt, mit dem ſie ihre Nebenbuhlerin vielleicht ſpielend und ganz unbemerkt tödten könnte. Und Ew. Excellenz ſind gar nicht eiferſüchtig? fragte Gentz erſtaunt. Mein Freund, ſagte der Fürſt achſelzuckend, was ſollte denn aus mir werden, wenn ich eiferſüchtig wäre? Sehen Sie, da ſind etwa zwanzig Briefe, die ich heute wie jeden Morgen erhalten, zwanzig Briefe, in denen man mir ſchwört, daß man mich grenzenlos liebt, zwanzig Briefe von Damen, denen ich geſchworen, daß ich ſie grenzen⸗ los liebe. Ich habe alſo bei jedem Schwur neunzehn andere Schwüre gebrochen, wie ſollte ich alſo verlangen, daß dieſe zwanzig Weiber Schwüre leiſteten, die nicht ein wenig von Untreue und gebrochenen Gelübden getrübt wären? Ew. Excellenz beſitzen in der That eine beneidenswerthe Philo⸗ ſophie, ſeufzte Gentz. Ich geſtehe, daß ich mich immer noch nicht bis zu dieſer Höhe empor zu ſchwingen vermag, und daß jede entdeckte Untreue der Frau, welche ich liebe, mich für den Augenblick in eine wahre Verzweiflung und Berſerkerwuth verſetzen kann. Das machk Sie haben noch ſehr veraltete Ideen, es ſpukt noch immer etwas von der Romantik der himmelſtürmenden Liebe in Ihnen. 5. Sie begehen den Fehler, noch immer mit dem Herzen, und nicht blos mit dem Kopf und den Sinnen zu lieben. Deshalb auch vermögen Sie nicht zwei oder drei Amouren nebeneinander in Ihrem Herzen zu placiren. Sie öffnen der Einen, die Sie anbeten, die beiden Thorflügel Ihres Herzens, laſſen den angebeteten Engel im Triumph einziehen, errichten ihm Altäre, nähren ihn mit Ihrem Herzblut und mit Ihrer Begeiſterung und fühlen ſich dann entnüchtert und unglücklich, wenn der Engel nach einiger Zeit als flügellahmes nacktes Menſchenkind wieder aus Ihrem Herzen herausſchlüpft, um ſich in ſehr menſchlicher und irdiſcher Geſellſchaft für die Langeweile zu entſchädigen, die Sie ihm mit Ihrer himmliſchen Anbetung auferlegten. Um von den Frauen angebetet zu werden, muß man ſie immer fürchten laſſen, daß man ſich ihnen entzieht und anderswo anbetet. Die Frau, welche keine Nebenbuhlerin zu fürchten hat, wird bald aufhören zu lieben, und ſo meine ich, ſollte auch der Mann es zufrieden ſein, wenn ſeine Ange⸗ betete durch einige Nebenbuhler dem Feuer ſeiner Liebe Nahrungs⸗ ſtoff giebt. Um ſich zu dieſer Weisheit aufzuſchwingen, muß man keine Ader der Eiferſucht in ſich fühlen, ſeufzte Gentz. Ew. Excellenz haben wohl niemals die Qnalen der Eiferſucht kennen gelernt? Der Fürſt lächelte, und warf einen raſchen, verſtohlenen Blick auf ſein ſchönes Spiegelbild hin. Ich habe mich immer damit begnügt, meine Nebenbuhler aus dem Felde zu jagen, und ihnen den Sieg ab⸗ zuzwingen, ſagte er. Es iſt übrigens ein häßliches und böſes Wort, das Wort Eiferſucht. Man muß niemals Eifer haben, weder in der verdirbt vielmehr Alles, die Geſchäfte wie die„ Politit, noch in der Liebe. Der Eifer iſt nirgends etwas nütze, er erzensangelegenheiten. giebt es nur ein einziges Unglück:„nicht reuſſiren“, In Negociationen — in Liebesangelegenheiten wieder nur eines:„den Eclat“. Diſſimu⸗ liren, Temporiſiren, Laviren, Capituliren, das ſind die großen Künſte, die man im Leben erlernen muß! Die aber haben Sie immer noch nicht erlernen können, mein Lieber. Ihr ganzes Weſen iſt Leidenſchaft. Leidenſchaftslos ſind Sie nichts mehr als ein ſchlafender Gelehrter, der unglaublich viel weiß, aber in der Gluth der Leidenſchaft ſind Sie 72 im Stande, wahre Wunder zu erwirken, und Niemand kommt Ihnen alsdann gleich in Liebenswürdigkeit und Anmuth.*) Aber die Leidenſchaft zehrt die Kräfte auf, und ertödtet die Ruhe, ſagte Gentz ſeufzend. Ich meinestheils habe viel von ihr gelitten, und ſie hat mich alt gemacht vor der Zeit. Sie hat mich um den Schlaf und die beſten und angenehmſten Lebensgenüſſe gebracht. Mein Appetit zum Eſſen iſt leider auch jetzt dahin, und das glänzendſte Diner bietet mir keinen Genuß mehr. Aber Sie vergeſſen die Dejeuners, mein Freund, ſagte der Fürſt lächelnd. Haben Sie mir nicht neulich geſtanden, daß die Taſſe Bouillon Ihres Dejeuners für Sie ein unentbehrlicher Lebensgenuß ſei? Ja wohl, Excellenz, ſeufzte Gentz, aber ich muß, um dieſe Eine Taſſe Bouillon ſtark und wirkſam genug zu bekommen, ſie mir von funfzehn Pfund Rindfleiſch kochen laſſen, das heißt, ich verzehre in einer Woche die Kraft eines ganzen Ochſen, um mein bischen Menſchen⸗ thum damit aufrecht zu erhalten. Und ich fürchte, wenn dieſer un⸗ glückſelige Congreß mit ſeinen Conferenzen, Aufregungen und Aerger⸗ niſſen noch lange andauert, ſo wird ein Ochſe für die Woche nicht mehr genügen, mir die nöthige Kraft zu verleihen. Ach, ich hatte wohl Recht, gegen dieſe Idee eines allgemeinen Völkercongreſſes mich aus⸗ zuſprechen. Jetzt haben wir ihn, und er bringt uns nur täglich neue Aergerniſſe, neue Verwickelungen, neue Unruhe, und Sie werden ſehen, er wird damit endigen, daß er uns in tauſend Feindſeligkeiten, tauſend Intriguen und Ränke verwickelt, daß er uns ſtatt des allgemeinen europäiſchen Friedens einen allgemeinen europäiſchen Krieg bringt. Das war es, was ich fürchtete, und deshalb beſchwor ich Ew. Excellenz, die Idee dieſes Congreſſes aufzugeben, weil ich die Verwickelungen voraus ſah, die uns die Habgier und der Neid der Menſchen hier be— reiten würden. Es iſt wahr, ſagte der Fürſt lächelnd, der Verwickelungen giebt es in der That genug, und der Egoismus der Menſchen zeigt ſich hier *) Metternichs eigene Worte. Siehe: Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. S. 91. — 73 trotz aller Hermelinmäntel, Sammetkleider, Sterne und Ordensbänder in ſeiner nackten Blöße. Jedermann glaubt, daß der Congreß nur um Seinetwillen ſich hier verſammelt habe, und daß es ſich einfach nur darum handle, ihm Vergrößerungen, Quadratmeilen und Unter⸗ thanen zu erwerben. Es iſt wie auf einem afrikaniſchen Sclavenmarkt, Jeder will kaufen, aber Niemand will gekauft ſein. Die Länder und Völker werden auf den Markt geführt, wie in einer Auction ausgeboten, und Jeder nimmt es übel, wenn ſein Nebenmann ſein Angebot über⸗ bietet, und ihm die Waare im Preiſe ſteigert. Mir ſcheint aber, das iſt ein ſehr lehrreiches und beluſtigendes Schauſpiel, und Sie ſollten ſich daran ergötzen, ſtatt ſich darüber zu ärgern. Ich ſage Ew. Excellenz aber, daß es bei dieſer Beluſtigung wie bei den ſpaniſchen Stiergefechten gehen wird, es wird Blut dabei fließen, und was erſt ein angenehmes Ergötzen war, wird zuletzt ein widerliches Maſſacre werden. Ich ſehe ſchon das Gemetzel auf allen Seiten be⸗ ginnen, ich rieche ſchon das Blut, das bald wieder in Strömen fließen wird. Jever will hier ein Taureador ſein, und betrachtet den Andern als den Stier, den er bezwingen will. Nun ja, einige Stiere ſind allerdings vorhanden, die man dem allgemeinen Vergnügen wird opfern müſſen, ſagte Metternich lächelnd. Da iſt zuerſt Genua, das ſeine republikaniſche Selbſtſtändigkeit wieder⸗ fordert, dann iſt da Sachſen, das ſeinen alten König und die Brillanten des grünen Gewölbes, die er mitgenommen hat, durchaus nicht ent⸗ behren will, ferner iſt da die Lombardei und die bella Venezia, welche ſich durchaus nicht möchte in die Feſſeln unſerer Liebe ſchlagen laſſen, und endlich, ach endlich, iſt da noch Polen, welches noch einmal die Prätenſion macht, ein freies ſelbſtſtändiges Königreich ſein zu wollen. Und Ew. Excellenz vergeſſen das Wichtigſte, rief Gentz, Sie ver⸗ geſſen Deutſchland, das mit einem ganzen Bienenſchwarm von An⸗ trägen, Wünſchen und Begehren den Congreß umflattert und uns mit ſeinem Geſumme die Ohren wahrhaft betäubt. Jeder der deutſchen Fürſten will erbeuten und erwerben, die Kleinen wollen groß werden, und ſehen mit Neid, daß die Großen noch größer, ihnen daher noch überlegener werden wollen. Da haben ſich nun die Kleinen zuſammen⸗ 74 geſchaart, und begehren das deutſche Kaiſerreich und die alte Reichs⸗ verfaſſung wiederhergeſtellt. Aber nicht etwa aus Patriotismus, ſon⸗ dern nur aus Egoismus, denn das deutſche Kaiſerreich wieder her⸗ ſtellen, hieße alle die kleinen ſouverainen Ritterburgen und Raubneſter der Reichsgrafen und Reichsbarone wieder herſtellen, und wieder ein Heer neuer kleiner Dynaſtien ſchaffen, die den Scandal und die In⸗ triguen der vorigen Jahrhunderte 8 Neue wieder beginnen und Deutſchland ganz und gar zerfleiſchen würden. Deutſchland, ſagte Metternich achſelzuckend, was iſt Deutſchkand? Sie ſich doch frei von dieſer—— Phraſe, es giebt kein Deutſchland, und es kann auch keins geben. Es giebt nur ein Beieinander von Staaten, deren Bewohner zufälligerweiſe dieſelbe Sprache reden, nur daß ſie ſich untereinander nicht recht verſtehen. 5 eutſchland! Will der Preuße, der Bayer, der Würtemberger, der Badenſer etwa ſeinen Par el⸗ us aufgeben, um in Deutſchland 8 aufzugehen? Sehen Sie doch, wie die Sachſen ſich geberden, weil ſie ihren Privatkönig verlieren und zu Preußens Krone kommen ſollen. Wenn ſie ſich als Deutſche fühlten, könnte ihnen das nur willkommen ſein, denn ſie ſtärkten dadurch nur das Anſehen der nordiſchen Groß⸗ acht, die vielleicht eines Tages den hochmüthigen Eufau haben Dynaſtien zu könnte, wirklich ein Deutſchland zu ſchaffen, die kleinen beſeitigen, und ſich zum Kaiſer von Dentſchland empor zu wirbeln. es will keinen —— es muß daher alle die kleinen 8 5 2 * B. 8 — — — 5 Oeſterreich kann und will Rival haben, der ſn S Throne und Thrönchen beſtehen laſſen, die wie die Raubvögel auf den Bergen des grünen Deutſchlands niſten, und ihm das Mark aus den Knochen ausſaugen; ſie ſind die Blutegel, welche Preußen darnieder⸗ halten, daß es nicht zu vollblütig und kräftig werde. Könnten wir verwenden, das von dieſe Blutegel alsdann einmal ſpäter für uns ihnen ausgeſogene Blut in unſere öſterreichiſchen Adern ergießen, und zuletzt ein Oeſterreich ſchaffen, in welchem Deutſchland aufginge, ſo wollt' ich mich nicht länger ſträuben, ein einiges Deutſchland anzuer⸗ tennen. Bis dahin aber müſſen wir uns begnügen, ein uneiniges Deutſchland zu haben, und alle Kronen zu erhalten und niederzuhalten. — . Das heißt alſo, Ew. Durchlaucht werden es nicht zugeben, daß Preußen Sachſen erwerbe? Sie werden ſich da auf die Seite Sachſens, Bayerns, der ſächſiſchen Herzogthümer und Frankreichs ſtellen, und Preußen dieſe Vergrößerung nicht zugeſtehen? Sie fragen aber auch ſo energiſch und beſtimmt, als wäre es möglich, gleich eine energiſche und beſtimmte Antwort zu geben! Das iſt aber, wie mir ſcheint, ganz unmöglich. Vorläufig kommt Alles darauf an, jede beſtimmte Aeußerung in dieſer Sache zu vermeiden, zu laviren, zu verſprechen, unter der Hand die verſchiedenen Mei— nungen zu ſondiren, und vor allen Dingen erſt zu erfahren, was der Congreß der Frauen für Abſichten und Wünſche hegt. Denn, verhehlen wir es uns nur nicht, mein Freund, die Frauen ſind die eigentliche Hauptmacht unſers Congreſſes, ſie ſchürzen mit geſchäftigen und zierlichen Händen an dem Gewebe unſerer Staatenpolitik, und halten alle Fäden deſſelben in ihren ſchlanken roſigen Fingern. Wenn man ſie aber darin beirrt, und ihnen ein Fädchen fortreißen will, ſo verwandeln ſich dieſe ſanften reizenden Engel in glühende Furien, welche Rache wüthen und über Verrath und Ungerechtigkeit ſchreien. Oh ich kenne das, ich habe es oftmals erfahren, und dieſer Frauencongreß hier mitten auf dem Wiener Congreß macht mir wahrhafte Angſt und Sorge. Beſonders die Polinnen, dieſe enragirten Patriotinnen, die mit ihrer Schönheit, ihrer Leidenſchaft und ihren Verführungskünſten überall Propaganda machen für ihr unglückliches Polen. Von allen Fragen des Congreſſes ſchaudert mir daher am meiſten vor der polniſchen Frage, welche der Kaiſer Alexander uns als den Erisapfel hingeworfen hat. Es wird entſetzliches Geſchrei geben, denn wir haben hier ein ganzes Heer reizender polniſcher Amazonen. Auch die Fürſtin Bagration iſt eine geborne Polin, ſagte Gentz lächelnd, und ſobald es ſich um Polen handelt, verwandelt ſie ſich in einen Veſuv, aus dem ſich ein Lavaſtrom von flammendem Patriotis mus über den Unglücklichen ergießt, der nicht ihrer Meinung iſt. Dh, ich kenne das, ſeufzte Metternich, ich habe das ſchon vor Jahren in Dresden erfahren, in Dresden, wo ich die Fürſtin Bagra⸗ tion und andere ſchöne polniſche Patriotinnen kennen lernte. Ja, in 76 — Dresden begann ich meine Carrière in der Diplomatie ſowohl, als auch meine Laufbahn mit den Weibern. Sie hat mich oft entzückt, oft zum Sterben ennuyirt, und in Verzweiflung gebracht. Aber wiſſen Sie, was mir ſeit jener Zeit das Allerunverſtändigſte in der ganzen Weltgeſchichte geblieben iſt? Das iſt Kosciusko's Schmerzensruf bei Macejowice:„Finis Poloniae!“ Denn wie mit und in den Polinnen ein Ende zu finden, iſt mir heute noch unbegreiflicher als die Räthſel der Sphinx. Viele ſchöne Närrinnen haben mich aufrichtig geliebt, obwohl ich es mir bewußt bin, es mit gar keiner von ihnen ehrlich gemeint zu haben, was ſie nämlich in ihrem Dünkel ehrlich nennen. Was ich namentlich in Dresden von alten Königinnen, Kurfürſtinnen, Großherzoginnen und Herzoginnen ausgeſtanden habe, davon ließe ſich ein ganzer Roman für ſchwergeplagte ſchlafloſe chroniſche Kranke ſchrei⸗ ben. Aus Verzweiflung griff ich nach Allem, nach Karten⸗ und Hazard⸗ ſpielen, Taſchenſpieler- und Bauchrednerkünſten, aber die Weiber ließen mir keine Ruhe dazu, ſie riſſen mich immer wieder in ihre Arme und prieſen mich als unbegreiflich liebenswürdig.*) Und Sie ſind es auch, Durchlaucht, ſagte Gentz emphatiſch. Ich erkenne Sie als meinen Meiſter an in allen Dingen, in der Politik ſowohl als in der Weisheit des Lebensgenuſſes. Nur auf dem ſchlüpfrigen roſenbeſtreuten Parquet der Liebe, da vermag ich Ihnen nicht mehr zu folgen, denn das ſind für mich tempi passati, und nicht blos den Jahren, ſondern den Erfahrungen nach bin ich ein Greis, mein Herz hat ſo gut ſeine Runzeln, wie mein Geſicht. Indeſſen, was thut's, es bleiben mir doch noch allerlei Freuden und vielfache Genüſſe, und die einzige Klippe, an welcher der vollkommenſte Lebensgenuß ſcheitern würde, die Langeweile, kenne ich nicht. So habe ich dieſe Nacht, welche ich leider ſchlaflos verbrachte, und in der ich alſo vielleicht einige Langeweile hätte empfinden können, mich damit unterhalten, mir die künftige Geſtaltung Deutſchlands auszumalen, und mir im Kopf einen vollſtändigen Plan auszuarbeiten, wie man am Beſten und Zweck⸗ *) Metternichs eigene Worte. Siehe: Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. 91. 77 — mäßigſten wenigſtens eine äußerliche Einigung der deutſchen Staaten erzielen könnte, ohne die deutſche Kaiſerwürde wieder herzuſtellen, und ohne Oeſterreich des Vorrechtes zu berauben, den es von jeher in dem deutſchen Staatenbunde eingenommen. Nun, ich bitte, laſſen Sie mich Ihren Plan wiſſen, ſagte Metter⸗ nich, indem er lächelnd mit dem letzten der kleinen Briefchen ſpielte, das er noch nicht eröffnet hatte, und das ihn daher mit einiger Neugierde erfüllte. Ich bitte, theilen Sie mir Ihren Plan mit, denn Sie wiſſen, daß ich heute Morgen eine Conferenz mit dem Staatskanzler von Hardenberg haben werde, und daß es ſich dabei nicht nur um Sachſen, ſondern auch um die deutſchen Angelegenheiten handeln wird. Hier iſt mein Plan, Durchlaucht! Er iſt einfach und kurz, und wird Ihnen nicht viel von Ihrer koſtbaren Zeit rauben. Wir laſſen Deutſchland beſtehen mit allen ſeinen Ländern und Länderchen, wir ſchmälern keinem der bisher anerkannten Souveraine das Recht, inner⸗ halb der Grenzen ſeines Landes ſeinen ſouverarainen Willen auszu⸗ führen, Steuern aufzuerlegen, Todesurtheile zu unterſchreiben und alle Prärogative der Krone auszuüben. Aber wir legen doch Jedem dieſer Fürſten einen Zwang auf, und hindern ihn, in ſeinem Willen allzu ſouverain zu ſein. Wir ſchaffen alſo eine Macht, die in allen deutſchen Fürſten ruht, und zugleich über allen deutſchen Fürſten ſteht, und die wir den deutſchen Bundestag nennen wollen. Auf dem deutſchen Bundestag, der ſich etwa in Frankfurt oder Regensburg verſammelt, ſind, wie einſt beim deutſchen Reichstag, alle deutſchen Souveraine durch ihre Geſandten vertreten. Dieſer deutſche Bundestag beginnt alsdann ſeine Arbeiten damit: für Deutſchland eine Verfaſſung aus⸗ zuarbeiten, welche in allen deutſchen Bundesländern als gültige Landes⸗ verfaſſung anerkannt wird. Sollte indeß einer der deutſchen Bundes⸗ fürſten für ſein Land eine andere Verfaſſung belieben, oder dieſelbe aufheben wollen, oder vielleicht von ſeinem aufrühreriſchen Volk zu den liberalen Ideen, die jetzt in der Luft herum ſpuken, gezwungen werden,„ ſo kann ſolche Aenderung der Landesverfaſſung nur mit ausdrücklicher Bewilligung des Bundestags geſchehen, und bei allen Zwiſtigkeiten zwiſchen den deutſchen Fürſten und ihren Unterthanen hat der Bundestag 78 — zu entſcheiden und Recht zu ſprechen. Wollen die Völker oder die Fürſten ſich dem Richterſpruch nicht gutwillig fügen, ſo ſchickt der Bundestag eine Executions-Armee hin, zu der alle Mitglieder des deutſchen Bundes ihr Contingent ſtellen müſſen. Denn der deutſche Bundestag vereinigt auch in ſich alle militairiſchen Kräfte der deutſchen Fürſten; er hindert dieſe nicht, auf ihre eigene Hand Kriege mit aus⸗ wärtigen Mächten zu führen, aber er verhindert Kriege innerhalb der deutſchen Grenzen, und wenn Zwiſtigkeiten zwiſchen den deutſchen Fürſten eentſtehen, welche dieſe mit Waffengewalt entſcheiden wollen, ſo hat er Bund zu entſcheiden, wer von den beiden Streitenden Recht hat. Sobald er dies entſchieden, ruft er die militairiſche Hülfe aller übrigen iſchen Bundesfürſten zuſammen, um durch dieſe vereinten Streit⸗ kräfte den Widerſacher des allgemeinen deutſchen Friedens zur Ruhe zu zwingen. Denn der Bundestag iſt ein Schutz Aller gegen den Einen, und des Einen gegen Alle. Der Bundestag giebt ferner ein allgemeines deutſches Preßgeſetz, eine allgemeine deutſche Cenſur, deren Zweck und Ziel iſt, die Wucherpflanzen des Liberalismus zu unter⸗ drücken, die Prätenſionen nach ſogenannter Preßſreiheit als verbreche⸗ riſche Triebe auszuſchneiden, und die widerlichen zänkiſchen Stimmen der Zeitungsſchreiber und Pamphletiſten zu unterdrücken. Das deutſche Preßgeſetz muß aber von allen deutſchen Bundesfürſten zum gültigen Landesgeſetz erhoben werden, und jedes Darüberhinausgehen, jede Be⸗ willigung von Preßfreiheit wird von Bundeswegen verboten. Dies iſt eine kurze Ueberſicht meines Planes, deſſen detaillirte Auseinanderſetzung ich mir vorbehalte, bis Ew. Durchlaucht ſie von mir fordern. Ich glaube, ich kann Ihnen die Detaillirung erſparen, mein lieber Freund, ſagte Metternich, indem er die Chatoulle ſeines Schreibtiſches ein wenig weiter öffnete, und zwiſchen den geöffneteten Liebesbriefen ein großes Actenſtück hervorzog. Leſen Sie einmal die Ueberſchrift, ſagte er, es Gentz darreichend. Dieſer warf einen flüchtigen Blick auf das Papier und ein Schrei der Ueberraſchung tönte von ſeinen Lippen. Iſt es möglich, rief er, Ew. Durchlaucht haben da denſelben Gedanken gehabt?„Plan zu 79 einem deutſchen Bunde oder Bundestag“ iſt die Ueberſchrift dieſes von Ihrer eigenen Hand geſchriebenen Entwurfs. Leſen Sie nur weiter, und Sie werden finden, daß ich ganz Ihre eigenen Ideen da wiederholt habe, daß ich auch gleich Ihnen ein Schutz⸗ und Trutz⸗Bündniß des Einen gegen Alle, und Aller gegen den Einen beabſichtige, kurz, daß ich ganz dieſelben Anſichten von der Neugeſtaltung und Organiſation Deutſchlands habe, wie Sie mir ſolche vorher entwickelt haben. Ja, rief Gentz lebhaft, indem er raſch das Munnuſcript durch⸗ blätterte, ja, es iſt wahr, es ſind dieſelben Ideen, dieſelben Vorſchläge zur Organiſation eines allgemeinen Preßgeſetzes, einer allgemeinen Militairvertretung. Ah, theuerſter Fürſt, ich bin ſtolz darauf, ohne Verabredung und Beſprechung mit Ihnen ganz dieſelben Pläne für Deutſchland gehegt zu haben.*) Nun, ich denke wenigſtens, es ſpricht für die Zuläſſigkeit eines Planes, der zu gleicher Zeit in zwei Köpfen gewachſen iſt, von denen man nicht ſagen kann, daß ſie arm ſind an Ideen, ſagte der Fürſt lächelnd. Ich würde vielleicht meinem eigenen Plan gemißtraut haben, aber da Sie mir die Ehre erzeigen, dieſelben Gedanken wie ich gehabt, und denſelben Plan entworfen zu haben, ſo zweifle ich gar nicht mehr, daß wir Beide das Richtige getroffen, und daß wir an unſerm Plan werden feſthalten und ihn vertheidigen müſſen, allen anderweitigen An⸗ ſprüchen und Prätenſionen gegenüber. Aber Eines haben Sie ver geſſen mir zu ſagen, und doch iſt das von großer Wichtigkeit und Be⸗ deutung. Sie wollen, daß ſich die Geſandten aller deutſchen Souve⸗ raine auf neutralem Boden, alſo meinetwegen in Frankfurt verſammeln, *) Dieſes Factum bernht auf Wahrheit und wird durch einen Brief in dem Buch„Rahel und ihre Freunde“ beſtätigt. Rahel erinnert da in einer Zuſchrift an Gentz dieſen daran, wie er ihr erzählt, er habe dem Fürſten von Metternich eines Tages den Plan zum deutſchen Bundestag entwickelt, da habe der Fürſt lächelnd aus ſeinem Schreibtiſch ein Actenſtück hervorgeholt, und auf demſelben ſei, von des Fürſten Hand geſchrieben, ganz derſelbe Plan einer deutſchen Bundesverfaſſung entwickelt geweſen, genau ſo, wie Gentz ihn eben dem Fürſten angegeben, und als hätten Beide ſich über denſelben beſprochen und verſtändigt. 80 und gemeinſame Sitzungen halten, aber Sie haben mir noch nicht geſagt, wer, nach Ihrer Anſicht, bei dieſen Sitzungen präſidiren ſoll? Nun, ich bin der Meinung, daß man das Präſidium der Bundes⸗ Verſammlung zwiſchen Preußen und Oeſterreich abwechſeln laſſe. Da bin ich nun nicht Ihrer Meinung, ſagte Metternich mit einem feinen Lächeln. Ich meine, das Präſidium in der deutſchen Bundes⸗ Verſammlung müſſe einzig und ausſchließlich Oeſterreich zuerkannt werden, Oeſterreich, deſſen Kaiſer noch vor zehn Jahren das Haupt Deutſchlands, der Kaiſer des deutſchen Reichs war. Ah, Durchlaucht, ſeufzte Gentz, wenn Sie auf dieſer Idee be⸗ harren wollen, ſo ſehe ich daran unſer ganzes ſchönes Bundesproject ſcheitern. Preußen iſt viel zu eitel und ehrgeizig, um auf das Präſi⸗ dium ganz und gar zu verzichten, und ſich ſo in die zweite Linie und auf dieſelbe Stufe mit allen übrigen kleinen deutſchen Fürſten geſtellt zu ſehen. Es wird einer ſolchen Demüthigung ſogar einen Krieg mit Oeſterreich vorziehen, fürchte ich. Ich fürchte gar nichts, ſagte Metternich ruhig, aber ich bin über⸗ zeugt, daß der König von Preußen durchaus nicht der Mann iſt, leicht⸗ fertige Kriege anzufangen, und daß er beſcheiden genug iſt, um nicht mit Oeſterreich rivaliſiren zu wollen. Ich—— Das Eintreten des Kammerdieners unterbrach den Fürſten. Ew. Durchlaucht, meldete er, Se. Excellenz der Herr Staats⸗ kanzler von Hardenberg iſt ſo eben vorgefahren. Ich bitte Se. Excellenz, mich im Salon zu erwarten, ſagte der Fürſt, ſich von ſeinem Divan erhebend. Sie ſehen wohl, mein Freund, ſeufzte er, ſich an Gentz wendend, nachdem der Kammerdiener hinaus gegangen war, Sie ſehen wohl, wir müſſen die Siſyphus⸗Arbeit des heutigen Tages wieder beginnen, und den Stein des Anſtoßes wieder aufwärts tragen, damit er die Nacht wieder herunterrolle und wir morgen das Spiel wieder von Neuem anfangen können. Ich bleibe dabei, murmelte Gentz, wir hätten dieſen Congreß nicht an's Tageslicht rufen ſollen. Er wird ein unglückliches Ende nehmen, Durchlaucht. So ſchweigen Sie doch, meine liebenswürdige Kaſſandra, rief der ht 81 Fürſt lächelnd, indem er raſch den Schlafrock bei Seite warf und den goldgeſtickten, mit Ordensſternen geſchmückten Rock anzog, der neben dem Spiegel auf dem Divan gelegen. Nicht einmal ſo viel Zeit läßt uns dieſes Deutſchland, um eine würdige Toilette machen zu können, rief er, während er ſeine ſchöne, elegante Geſtalt mit einem raſchen, zufriedenen Blick im Spiegel muſterte. Dieſes Deutſchland macht ſelber fortwährend neue Toilette und verlangt, daß wir ihm Kammer⸗ diener und Friſeure ſein ſollen. Die alte Coquette möchte immer noch gern ſich als jeune flle gebärden und ihre grauen Haare unter er⸗ borgten Locken verbergen, und ihre eingefallenen Wangen ſchminken, damit ſie hübſch friſch und jung erſcheinen. Ew. Durchlaucht haben Recht, ſagte Gentz lachend, Deutſchland iſt wirklich eine alte Coquette, welche ſich einbildet, die Schlachten, die es jetzt geſchlagen, hätten es wieder verjüngt, und das Blutbad der letzten Jahre ſei gewiſſermaßen der Jungbrunnen geweſen, in dem es ſeine alten Glieder zu neuer Schönheit und Jugendkraft geſtärkt habe. Solche tollen, alten Coquetten aber ſind die allerſchlimmſten und eitelſten, und wir müſſen uns daher Mühe geben, ſie zu rechter Zeit anzubän⸗ digen und ihr die letzten Zähne auszureißen, damit ſie inne wird, daß ſie nicht mehr beißen kann. Eine deliciöſe Idee, ſagte Metternich, und wenn wir ihr die Zähne ausgezogen haben, dann wollen wir ſie friſiren mit einem recht langen, ſtattlichen Zopf. Aber ich glaube, Oeſterreich darf Preußen nicht län⸗ ger in ſeinem Vorzimmer warten laſſen, und der Staatskanzler des Kaiſers Franz muß dem Staatskanzler des Königs Friedrich Wilhelm wohl endlich Audienz geben. Der Vorhang wird wieder aufgezogen, und das politiſche Drama des Tages nimmt wieder ſeinen Anfang. Addio, mein lieber Hofrath und Protocollführer des Congreſſes! Auf Wiederſehen heute Abend, denn Sie kommen doch zum großen Re⸗ doutefeſt des Kaiſers? Ja, ich komme, und zwar werde ich mir die Maske der Kaſſandra wählen, und wehe, wehe über den Congreß ſchreien, und alle Welt wird über mich lachen, bis man ſehen wird, daß unſere trojaniſche Sis⸗ keit doch eines Tages in Flammen aufgeht. Mühlbach, Napoleon 1V. Bd. 6 82 Eh bien, mon ami, dann ſpielen wir den Askan, nehmen unſern alten Vater Priamus auf den Rücken, und retten aus den Flammen, was zu retten iſt. Addio, Hofrath, addio! 8 Er nickte Gentz freundlich zu, und während dieſer ſich durch eine Seitenthür entfernte, ging der Fürſt mit leichtem, tändelndem Schritt durch das Cabinet, und eilte nach dem Empfangsſaal, wo Hardenberg ihn erwartete. MII. Diplomatiſche Intriguen. Der Staatskanzler von Hardenberg hatte ſich in die letzte der Fenſterniſchen des fürſtlich ausgeſtatteten Salons zurückgezogen, und ſchien das Eintreten des Fürſten Metternich gar nicht gehört zu haben, denn er wandte ſich gar nicht um, ſondern ſchaute ruhig hinunter auf die Straße, und trommelte dabei mit ſeinen ſchlanken weißen Fingern auf den klirrenden Scheiben. Fürſt Metternich blickte lächelnd zu ihm hin, und ſchritt raſch über den koſtbaren türkiſchen Teppich, der den ganzen Fußboden bedeckte, und die Schritte des Fürſten unhörbar machte. Dieſer Staatskanzler iſt ein ganz guter Diplomat, ſagte der Fürſt leiſe zu ſich ſelber, er hat ſich in das äußerſte Fenſter geſtellt, damit er nicht nöthig hat, mein Eintreten zu hören, und er ſcheint mich nicht zu ſehen, damit ich zu ihm komme, und er nicht nöthig hat, mich zuerſt zu begrüßen. Seien wir alſo auf unſerer Huth! Und mit dem freundlichſten Lächeln trat der Fürſt jetzt dicht zu dem Staatskanzler hin, und legte ſanft ſeine Hand auf deſſen Schulter. Ich bitte Ew. Excellenz um eine Audienz, ſagte er, ſich anmuthig verneigend. Ich bedarf der Fürſprache meines Freundes des Barons Hardenberg. en, ine ritt erg der ind en, uf en Der Fürſprache, Ew. Durchlaucht, und bei wem? fragte Harden⸗ berg, indem er ſich heiter dem Fürſten zuwandte. Der Fürſprache bei dem Staatskanzler Preußens, damit er dem Staatskanzler Oeſterreichs verzeihe, wenn er unter dem Wuſt von Acten und Geſchäften ſich nicht ſchnell genug hervorarbeiten konnte, um den preußiſchen Staatskanzler gleich an der Schwelle ſeines Gemaches zu empfangen. Es bedarf indeß keiner Fürſprache, Durchlaucht. Ich weiß, daß Sie die Laſt des Atlas, den ganzen Himmel Oeſterreichs mit allen ſeinen Göttern und Göttinnen auf den Schultern tragen, und ich habe Ihnen ſchon dankbar zu ſein, wenn Sie einen Augenblick für einen armen Sterblichen ſich Ihrer himmliſchen Laſt entäußern. Ah, Ew. Excellenz nennen ſich einen armen Sterblichen, rief der Fürſt lächelnd, und doch ſehe ich alle Göttinnen unſeres S ſich um Ihre Gunſt mit ſeltenem Eifer bewerben. Es wirbt hier Jeder um die Gunſt des Andern, ſol ertenberg ernſt, und um uns Alle wirbt die ſchöne Frau Germani Ach, Sie finden, daß die noch immet ein öne Frau iſt? rief der Fürſt nachläſſig. 3. Durchlaucht, ſie iſt unſere Mutter, ſagte Hardeüberg, leiſe ſein Haupt neigend, und die Liebe der Kinder verkkärt das Antlitz der Mutter immer mit unvergänglicher Schönheit. Nun, wenn Germania unſere Mutter iſt, wie Sie ſagen, ſo folgere ich daraus, daß ich Ew. Excellenz Bruder nennen darf. Und ich biete Ew. Durchlaucht von Herzen meine Bruderhand, ſagte Hardenberg, dem Fürſten mit einep offenen herzlichen Ausdruck ſeine Rechte darreichend. ⸗ Metternich beeilte ſich, ſeine Hand in die des Fürſten zu legen, und heftete dabei ſeine großen Augen mit einem forſchenden Ausdruck auf das ernſte würdevolle Angeſicht Hardenbergs. Sie finden alſo, daß die Frau Germania unſerer Bruderhülfe bedarf? fragte er. Ja, Durchlaucht, und ich komme zu Ihnen mit offenem, rückhalt⸗ loſem Vertrauen, ſagte Hardenberg mit evler Würde. Ich komme zu 6* 84 Ihnen, um zu ſagen: laſſen Sie uns zu einander ſtehen in der Sache Deutſchlands. Laſſen Sie uns gemeinſchaftlich handeln, gemeinſchaft⸗ lich überlegen, wie wir Deutſchland glücklich, groß, ſelbſtſtändig und frei machen können. Ah, Excellenz, das wird eine ſchwierige und gefährliche Arbeit ſein, rief Metternich, und ich fürchte, daß die deutſchen Fürſten uns wenig Dank dafür wiſſen werden. Durchlaucht, ich dachte dabei auch weniger an die deutſchen Fürſten, als an das deutſche Volk, ſagte Hardenberg raſch. Es iſt bisher hier immer nur von den Rechten, den Wünſchen und Forderungen der deutſchen Fürſten geſprochen worden, aber mir ſcheint, daß es jetzt wohl an der Zeit wäre, auch einmal von den Rechten, Wünſchen und Forderungen der deutſchen Völker zu ſprechen. Sie haben ihr Blut, ihr Leben, ihr Hab und Gut für die Befreiung Deutſchlands hinge⸗ geben, ſie dürfen alſo wohl erwarten, daß man nicht Alles blos durch die Völker, ſondern auch Etwas für die Völker Deutſchlands thut. Als die Völker für ihre Fürſten das Schwert erhoben, verſprachen dieſe ihnen nach dem ℳ Dankbarkeit und Belohnung. Ich glaube, man hat aber noch nirgends dieſes Verſprechen erfüllt. Es iſt ſagte Metternich achſelzuckend, die Völker haben von unſeren Siegen noch keinen weiteren Vortheil gehabt, als daß ſie ſich ungeſtört ihre Wunden können verbinden laſſen, und man müßte in dieſe offenen Wunden wohl etwas Balſam gießen. Auch haben die deutſchen Völker jetzt eine ſehr empfindliche Haut, und wenn ſich ihre Fürſten ein wenig ſtark auf ſie ſtützen wollen, ſchreien ſie gleich über Druck und Ueberlaſt. Ja, ich glaube auch, daß der Sultanismus ſeine Endſchaft erreicht hat, ſagte Hardenberg ernſt. Die deutſchen Völker ſind ſich ihrer Würde bewußt geworden, und wollen nicht mehr blos gedankenloſe, von der Laune despotiſcher Gebieter abhängige Unterthanen ſein; ſie be⸗ gehren eine Sicherung ihrer Rechte, eine Verfaſſung. Geben wir ihnen alſo eine Verfaſſung, geben wir ihnen Einigkeit, Kraft und Würde, indem wir Deutſchland zu Einem großen Ganzen verbinden. Deutſchland war bis zu dem unglücklichen Jahr 1806 ein 85 Kaiſerreich, erheben wir es wieder zu ſeiner alten Würde, nur daß wir ihm ſtatt der Kaiſerkrone eine gemeinſchaftliche Bundeskrone auf das vielköpfige Haupt ſetzen. Wir haben uns ja ſchon einmal in Ba⸗ den über dieſen Plan beſprochen, Excellenz, ich habe ſeitdem viel dar⸗ über nachgedacht, und bin ganz Ihrer Meinung: wir wollen Deutſch⸗ land zu einem Bunde vereinigen, und ihm eine Bundesverfaſſung geben. Die vier großen deutſchen Mächte müſſen ſich das Recht vorbehalten, in beſonderen Berathungen dieſe Verfaſſung feſtzuſtellen. Ich habe meine Gedanken über dieſe projectirte Verfaſſung zu Papier gebracht, und ich erlaube mir, ſie Ew. Durchlaucht mitzutheilen. Sie iſt indeß lediglich und im engſten Vertrauen für Ew. Durchlaucht beſtimmt, und ich wünſche nicht, daß ſie jemand Anders zu Geſicht bekomme. Er zog aus ſeinem Buſen ein zuſammengefaltetes Papier hervor, das er Metternich darreichte. Ich gebe Ew. Excellenz mein Wort, daß Niemand außer mir dieſe Schrift ſehen ſoll, ſagte der Fürſt feierlich, und ich danke Ihnen, daß Sie mir dieſelbe mittheilen wollen. Ich habe darin einen Punkt berührt, der für Deutſchland von der höchſten Wichtigkeit iſt, ſagte Hardenberg. Das iſt der Einfluß der auswärtigen Mächte auf die Geſchicke Deutſchlands. Namenloſes Elend hat dieſe Einmiſchung von jeher über Deutſchland hereingeführt, und wir ſollten von unſerm Unglück gelernt haben, daß wir dieſe Ein⸗ miſchung zu vermeiden und zurückzuweiſen haben! Sonſt war es Frank⸗ reich, welches ſich ein Recht anmaßte, in den deutſchen Verfaſſungs⸗ angelegenheiten mitſprechen zu dürfen, jetzt ſehe ich noch einen viel gefährlicheren und mächtigeren Feind ſeine Hand über Deutſchland ausſtrecken. Sie ſehen Rußland, ſagte Metternich leiſe. Ja, ich ſehe Rußland, rief Hardenberg, und ich ſehe, daß es be⸗ reit iſt, über Deutſchland hinweg Frankreich ſeine Hand darzureichen, um mit vereinten Anſtrengungen Deutſchland zuſammenzupreſſen und außer Athem zu ſetzen. Frankreich wagt es daher ſchon wieder, ſein Haupt und ſeine Stimme gegen Deutſchland zu erheben, und Rußland * 86 ſucht ſich unſeren Grenzen immer mehr zu nähern, um bei der erſten günſtigen Gelegenheit ſie zu überſchreiten. Rußland iſt für Deutſch⸗ land eine wachſende Gefahr, wir ſollten alſo zu rechter Zeit bedacht ſein, dieſe Gefahr von uns abzuwenden und uns eine Mauer gegen Rußland aufzurichten. Eine ſolche Mauer wäre es zum Beiſpiel, wenn man Sachſen an Preußen gäbe, nicht wahr, Excellenz? fragte Metternich mit einem feinen Lächeln. Ja, Durchlaucht, das wäre es, ſagte Hardenberg ernſt. Preußen muß geſtärkt werden, damit es Deutſchland gegen Rußland als ſchützender Damm behüten kann. Preußen hat es außerdem wohl zu beanſpruchen, daß ihm eine Entſchädigung für ſeine Opfer, ſeine Anſtrengungen und ſeine Siege werde. Man wird es nicht ableugnen können, daß Preußen ſich den Dank ganz Deutſchlands erworben hat, und daß ſeine ruhm⸗ vollen Thaten wohl eines glänzenden Lohns gewärtig ſein ſollten. Preußen hat beim Beginn des Krieges Sachſen, das verrätheriſche, undeutſche Sachſen, kraft des Eroberungsrechtes in Beſitz genommen und wünſcht es als Entſchädigung ſeinen Grenzen einzuverleiben. Ruß⸗ land iſt damit einverſtanden, auch England hat durch Lord Caſtlereagh uns geſtern ſeine Zuſtimmung verſichert, und ich komme jetzt, Ew. Durchlaucht zu erſuchen, daß Oeſterreich in dieſer Sache ſich nicht den Willen Preußens entgegenſetzen, ſondern darin uns kräftig bei⸗ ſtimmen wolle. Ich darf indeſſen Ew. Excellenz nicht verhehlen, daß die Herzog⸗ thümer Sachſen, daß die Königreiche Baiern und Würtemberg, das Großherzogthum Baden und das Königreich Frankreich Erklärungen im entgegengeſetzten Sinne an Oeſterreich abgegeben haben, und daß ſelbſt mein erhabener Kaiſer und Herr es als gefährlich für das Princip der Legitimität betrachtet, wenn man einen legitimen Fürſten ſeines Thrones und ſeines Landes berauben will, gerade zu einer Zeit, wo man be⸗ müht iſt, das Princip der Legitimität an die Spitze aller unſerer hie⸗ ſigen Verhandlungen zu ſetzen. Nur dieſem Princip der Legitimität ver⸗ danken es die Bourbonen, daß ſie wieder auf den Thron Frankreichs gelangt ſind, dies Princip allein macht es fraglich, ob man Murat im 9 1 4 — 87 Beſitz des Königreichs Neapel belaſſen wird. Und in demſelben Mo⸗ ment, wo wir den Wünſchen der Völker die Legitimität der Fürſten entgegenhalten, ſollen wir einen legitimen Fürſten abſetzen und vom Thron ſtoßen? Aber der König von Sachſen hat ſich durch ſein unredliches, un⸗ deutſches und unpolitiſches Benehmen des Thrones unwürdig gemacht, ſein Thron iſt vacant, und Preußen iſt wohl berechtigt, ihn einzunehmen. Der Kaliſcher Vertrag hat Preußen die Wiederherſtellung ſeiner Größe auf dem Fuß von 1805 verſprochen. Aber wie ſoll Preußen dazu gelangen? Rußland will Polen haben, England beanſprucht Hannover, Baiern will Baireuth und Anspach, Baden und Würtemberg begehren Vergrößerungen am Rhein. Sachſen iſt alſo das einzige Land, das eine hinlängliche Entſchädigung für Preußen darbietet. Ich ſage alſo noch einmal, Durchlaucht, erkennen Sie Preußens gerechte und unab⸗ weisliche Anſprüche auf Sachſen an, und wollen Sie Ihre gewichtige und bedeutſäme Stimme mit der meinigen vereinen, um von dem Con⸗ greß die Anerkennung und Bewilligung der preußiſchen Beſitznahme Sachſens zu erringen! Ich bleibe dabei, es wird Schwierigretten haben, ſagte Metternich gedankenvoll. Aber ich werde mich bemühen, dieſe Schwierigkeiten zu beſeitigen, und den Kaiſer, meinen Herrn, von der Nothwendigkeit der preußiſchen Occupation Sachſens zu überzeugen; ich werde endlich in den Congreß⸗Sitzungen ganz offen und unumwunden für Preußen meine Stimme erheben! Aber ich knüpfe an dieſes Verſprechen Eine Bedingung! Haben Ew. Durchlaucht die Güte mir dieſelbe mitzutheilen! Nun denn, ſagte Metternich leiſe, indem er ſein Haupt dichter an das Ohr Hardenbergs neigte, nun denn, dieſe Bedingung iſt: daß Sie mir Ihre Stimme geben und mir helfen, es zu verhindern, daß der Kaiſer Alexander Polen in Beſitz nehme. Ich verſpreche Ihnen, daß ich alle meine Kraft aufbieten werde, um Ihnen in dieſer Sache zu dienen, ſagte Hardenberg ernſt. Ich kann Ihnen das um ſo mehr verſprechen, als es mit meiner innerſten Ueberzeugung übereinſtimmt, daß wir verpflichtet ſind, Alles zu thun 88 und anzuwenden, um zu verhindern, daß Rußland ſich mit Polen be⸗ reichere und ſeine Grenzen noch weiter vorſchiebe nach Preußen. Auch der Freiherr von Stein iſt hierin ganz meiner Meinung, und hat mir in einem eigenen Schreiben die Nachtheile und Gefahren auseinander⸗ geſetzt, die daraus entſtehen werden, wenn Rußland das Königreich Polen mit den von Alexander vorgeſchlagenen Grenzen erhielte, und ihm, wie es der Kaiſer beabſichtigt, eine freiſinnige Verfaſſung gäbe.*) Und Ew. Excellenz ſagen nichts von den Gefahren, die Oeſterreich bedrohen, wenn der Kaiſer Alexander ſein Ziel erreicht? Doch ſind dieſe Gefahren zwiefacher Art, denn ſie ſind materieller und politiſcher Natur. Materiell bedroht uns Rußland durch die Beſitznahme Polens damit, daß Galizien ſich erinnern wird, auch einſt zum Königreich Polen gehört zu haben, und daß es, angelockt von dem Namen und der frei⸗ ſinnigen Verfaſſung, die Alexander für Polen beabſichtigt, ſich wieder mit dem Königreich Polen zu vereinigen ſtrebt. Politiſch aber bedroht uns dieſe freie Verfaſſung damit, daß ſie unſern andern Völkerſtämmen ein böſes und verführeriſches Beiſpiel iſt, und ſie verlocken wird, von der öſterreichiſchen Regierung für die eigenen Unterthanen eben ſo viele Freiheiten zu fordern, als der Autokrat des Nordens einem von ihm unterjochtem Volke aus freiem Antrieb gewährt. Sie ſehen alſo, daß Oeſterreich niemals es zulaſſen kann, den Kaiſer Alexander ſich zum König von Polen machen zu ſehen. Seien wir uns alſo gegenſeitig hülfreich, Excellenz, beweiſen wir es uns, daß wir erkannt haben, es müßten Oeſterreich und Preußen, ſtatt einander zu befehden, ſich als treue Bundesgenoſſen zur Seite ſtehen. Ich werde Ihnen beiſtehen, für Preußen das Königreich Sachſen zu erwerben, dafür werden Sie mir beiſtehen, daß Rußland das Königreich Polen ſich nicht an⸗ eignen darf. Es ſei ſo, ich nehme den Vergleich an, ſagte Hardenberg, indem er aufſtand und Metternich ſeine Hand darreichte. Wir haben alſo heute ein geheimes Schutz⸗ und Trutz-Bündniß geſchloſſen, und wir *) Dieſes Schreiben Steins iſt zu finden: Pertz, Leben Steins. Th. IV. S. 166. 89 werden uns gegenſeitig beiſtehen. Aber laſſen Sie uns über Sachſen und Polen doch des armen Deutſchlands nicht vergeſſen und auch ihm unſere Hülfe und unſern Beiſtand weihen. Ja, ja, rief Metternich lächelnd, machen wir es wie vi klugen und gelehrten Aerzte, ſuchen wir den Scheintodten zu galvaniſiren und durch die Lebenskräfte, die wir auf ihn wirken laſſen, ihn wieder aus ſeiner Lethargie zu erwecken. Wir werden dann ja ſehen, ob unſere Kur geholfen hat, ob ihm noch wirkliches Leben inne wohnt, oder ob er wieder in ſeine Lethargie zurückſinkt. Hardenberg lächelte und verabſchiedete ſich von dem Fürſten, der ihn unter Verſicherungen ſeiner innigſten Anhänglichkeit und Freund⸗ ſchaft bis zur Thür geleitete. Als aber dieſe Thür ſich hinter dem Staatskanzler geſchloſſen hatte, verſchwand das Lächeln von des Fürſten Lippen und ſein ſchönes Geſicht nahm einen ungewöhnlich finſtern und gehäſſigen A lusdruck an. Ach, er denkt uns zu ködern, ſagte er leiſe vor ſich hin; indem er uns mit Rußlands wachſender Macht droht, meint er, wir ſollten, dem dummen Fiſch gleich, anbeißen und vergnüglich zuſehen, wie Preußen das Königreich Sachſen als hors d'oeuvres auf ſeine Tafel ſetzt und verſpeiſt. Der Herr Staatskanzler liebt es, empfindſame Gefühls⸗ politik zu machen, und immer einige Tropfen Gemüthlichkeit in den ſauren Wein der Staatspolitik zu miſchen. Nun, wir werden auf un⸗ ſerer Huth ſein, er hat uns ja ſelbſt ein wirkſames Antidotum gegen ſeine empfindſamen Tränke gegeben. Er ſchlug mit ſeinen Fingern auf das von Hardenberg ihm über⸗ gebene Actenſtück, und blätterte dann haſtig darin, hier und dort eine Stelle leſend, dann wieder ganze Seiten nur mit den Augen überfliegend. Wahrhaftig, murmelte er, das iſt ein ſehr wichtiges Actenſtück, und es kann ein Tag kommen, wo wir es als eine ſehr ſcharfe Waffe gegen den Herrn Staatskanzler ſelbſt gebrauchen können. Warten wir es ab, ob dieſer Tag erſcheint, oder ob wir keiner Waffen bedürfen. Bewahren wir alſo dieſes Document ſorgfältig auf! Er nahm die Papiere, kehrte damit in ſein Cabinet zurück, und legte ſie zu den Liebesbriefen in ſeinen Schreibtiſch. 90 Und jetzt, ſagte dann der Fürſt, indem ſein Antlitz wieder ſeinen klaren, freundlichen Ausdruck annahm, jetzt will ich einmal verſuchen, ob die leidige Politik mir ſo viel Zeit gönnen wird, um das Gedicht zu vollenden, das ich meiner reizenden Herzogin Sagan morgen zu ihrem Geburtstag mit meinem Cadeau überreichen will. Sie liebt die Verſe, wie alle Frauen, und eine gereimte Liebeserklärung iſt ihr lieber als eine ungereimte. Alſo begeiſtere mich ein wenig, Gott der Liebe, und flüſtere mir einige angenehme Reime auf Herz, Gluth und Leiden⸗ ſchaft in's Ohr! Er nahm den Crayon und ging mit der geöffneten Schreibtafel in ſeinem Cabinet auf und ab. Aber die„leidige Politik“ ſollte ihn doch bald wieder in ſeiner poetiſchen Begeiſterung ſtören. Die Thür ſeines Cabinets ward haſtig aufgeriſſen, und der Kammerdiener ſtürzte herein. Se. Majeſtät der Kaiſer von Rußland, ſagte er athemlos. Der Fürſt warf ſeine Schreibtafel auf den Tiſch, und machte raſch einige Schritte, um in den Salon zu gehen, aber ſchon erſchien auf der Schwelle der Thür die ſchlanke ſtolze Geſtalt des Kaiſers Alexander, der mit einem anmuthigen Neigen des Kopfes dem Fürſten ſeine Hand darreichte. Ich komme Ihnen ungelegen, nicht wahr? fragte der Kaiſer, und wäre ich nicht zum Unglück Ihnen bekannt, ſo würden Sie es machen, wie es geſtern der Herr vom Stein mit einem ihm unbekannten Beſuch gemacht hat, nicht wahr? Ich geſtehe Ew. Majeſtät, daß ich nicht weiß, was der Herr vom Stein gethan hat. Nun hören Sie, es iſt eine tragikomiſche Geſchichte. Herr vom Stein war gleich Ihnen in ſeinem Arbeitszimmer, da öffnet ſich, wie hier, die Thür, und der Kammerdiener meldet einen Beſuch. Herr vom Stein indeſſen, ganz abſorbirt von ſeiner Arbeit, überhört die Annonce des Kammerdieners und erwacht erſt aus ſeinen Meditätionen zur Wirklichkeit, als der Annoncirte ſchon mitten im Cabinet ſteht, und Stein mit Höflichkeitphraſen becomplimentirt. Stein ſpringt wüthend auf, und als einzige Antwort auf alle Complimente faßt er mit ſeinen beid dreh und jm Zei ſetz Cul hin ſich M beiden kräftigen Armen die ſchlanke, zierliche Geſtalt des fremden Herrn, dreht ſie um, daß ſie mit dem Antlitz ſich nach der Thür hinwendet, und wirbelt ſie ohne Aufenthalt aus dem Cabinet hinaus in das zimmer, immerfort ſchreiend:„Ich habe keine Zeit! Ich habe keine Zeit! Ich will nicht geſtört ſein!“ Erſt im Vorzimmer kam der ent⸗ ſetzte Fremde zu Athem, während Stein ſchon längſt wieder in ſein Cabinet zurückgekehrt war, und die Thür mit dröhnendem Geräuſch hinter ſich zugeworfen hatte. Der hinausgewirbelte Fremde wandte ſich zornbebend mit bleichen Lippen an den nicht minder entſetzten Kammerdiener.„Sagen Sie Ihrem Herrn, rief er, daß er in mir nicht blos mich, ſondern auch das Land, das in meiner Perſon ver⸗ treten wird, gröblich beleidigt hat, und daß Beide Genugthuung for⸗ dern werden.“ Ah, der Gewirbelte war alſo ein Geſandter? fragte Metternich lachend. Ja wohl, der Herr Geſandte von Reuß, Schleiz, Greitz und Lobenſtein, und noch einiger anderer kleiner Länder, glaube ich. Der Kammerdiener brachte Herrn vom Stein dieſe Botſchaft, und dieſer er⸗ fuhr jetzt erſt, wen er mit ſo beflügelter Eile aus ſeinem Cabinet be⸗ fördert hatte, und er fing an ſeine Heftigkeit zu bereuen. Sie können aber denken, daß dieſe Beleidigung unter den Gefandten, beſonders unter den kleinen, Furore machte, und daß ſie Alle, von der Furcht getrieben, es könnte ihnen ſonſt leicht etwas Aehnliches begegnen, von Herrn vom Stein Genugthuung begehren. Eine Deputation begab ſich alſo geſtern Nachmittag zu Stein, und verlangte, daß er dem Be⸗ leidigten ſeinen Beſuch mache, ihn um Entſchuldigung bitte, oder ſich mit ihm ſchlage. Herr vom Stein hat erklärt, daß er ſeine Heftigkeit ſehr bedauere, und es ihm wirklich Leid thue, den kleinen Herrn Ge⸗ ſandten beleidigt zu haben. Aber um Beſuche zu machen, dazu fehle es ihm an Zeit, und der Beleidigte möge ſich an dieſer Entſchuldi⸗ gung genügen laſſen. Wenn nicht, ſo bedauere er ihn, denn eine andere Genugthuung zu geben, fiele ihm nicht ein. Er habe zu wichtige Dinge zu thun, als daß er den Studenten ſpielen und mit Fechthandſchuhen auf den Fechtboden treten könne.— Sie können 92 denken, daß dieſe Antwort die kleinen Diplomaten mit Entſetzen erfüllt hat. In ihrer Noth wandten ſie ſich an mich und baten um meine Ve ung. Nun, ich habe die Sache in Ordnung gebracht. Herr vom Stein war heute Morgen bei mir, und traf da wie zufällig den beleidigten Diplomaten. Er reichte ihm die Hand und murmelte einige Worte, die eine Entſchuldigung ſein mochten, die aber Niemand ver⸗ ſtand. Damit war die Sache abgethan und der Friede geſchloſſen.*) Ich erlaube mir Ew. Majeſtät ein kleines Gegenſtück zu dieſer Geſchichte zu geben, ſagte Metternich lächelnd. Es ſcheint, der Herr vom Stein hat geſtern, wie Manna in der Wüſte, Grobheiten regnen laſſen, denn meine Geſchichte hat auch geſtern ſtattgefunden. Der zweite Geſandte Frankreichs, der Herzog von Dalberg, hat geſtern dem Freiherrn vom Stein ſeinen Beſuch machen wollen, und ließ ſich bei ihm melden. Herr vom Stein ließ ihm durch ſeinen Kammerdiener in's Vorzimmer ſagen: wenn der Herr Herzog als Geſandter von Frankreich ihm ſeinen Beſuch machen wolle, ſo würde er ihn annehmen, wenn er aber als deutſcher Edelmann, und als Neffe des Fürſten Primas komme, ſo würde er ihn die Treppe hinunter werfen.**) Der Kaiſer lachte. Und was hat der Herzog gethan? fragte er. Iſt er als Franzoſe hingegangen oder als Deutſcher fortgeblieben? Er iſt als Franzoſe hingegangen, Sire, und hat eine Viertelſtunde lang das Vergnügen gehabt, von Herrn vom Stein allerlei piquante Reden über Renegaten und franzöſirte deutſche Edelknaben anhören zu müſſen. Er kam zu mir, um mir ſeine Noth zu klagen, und mich um Rath zu fragen, wie er ſich dabei benehmen ſollte. Ich habe ihm ge⸗ rathen, das Stein'ſche Pflaſter ganz behutſam auf ſeinen Wunden und auf ſeinen Lippen liegen zu laſſen, und es Niemanden zu verrathen, weil er ſonſt nur riskire von der Welt ausgelacht zu werden, und von Herrn vom Stein doch keine Genugthuung zu erhalten. Vraiment, das war ein ſehr ſchöner und kluger Rath, rief Alerander. Sie ſind überhaupt ein ſehr kluger Rathgeber, und ich 8 *) Pertz: Leben Steins. III. **) Ebendaſelbſt. ige 93 komme daher auch zu Ihnen, um Ihren Rath und Ihren Beiſtand zu beanſpruchen. Sire, Ew. Majeſtät wiſſen wohl, daß ich glücklich ſein würde, Ew. Majeſtät in irgend einer Weiſe meine Ergebenheit beweiſen zu können, aber worin könnte ich einen ſo mächtigen, weiſen und erleuch⸗ teten Monarchen wohl nützlich ſein? Mächtig! rief Alerander ſchmerzvoll, Sie nennen mich mächtig, und doch habe ich nicht einmal die Macht, meinen Willen durchzu⸗ ſetzen, und das zu thun, was ich für gerecht, nothwendig und nützlich erachte. Deshalb komme ich zu Ihnen! Ich will mir an Ihnen einen Bundesgenoſſen werben! Sie ſollen mir helfen, meinen Willen durchzuſetzen! Sire, Sie ſehen mich mit Freuden bereit dazu, und ich bitte Sie nur, mir zu ſagen, worin ich Ew. Majeſtät dienſtbar ſein darf. Darin, rief Alexander lebhaft, darin, daß Sie mir helfen, meine Pläne auf Polen durchzuſetzen, und meinem Willen Genüge zu thun! Ich will Polen zu einem Königreich erheben, ich will den edlen hoch⸗ herzigen Polen, welche ſeit einem halben Jahrhundert ſo ritterlich ge⸗ kämpft haben für ihre Unabhängigkeit und ihr Vaterland, endlich ihren Wunſch erfüllen, ich will ihr Land wieder herſtellen, und ihnen eine freiſinnige Verfaſſung geben! Unter dieſer Bedingung, hoffe ich, wer⸗ den die Polen es mir wohl verzeihen, wenn ich die Krone des König⸗ reichs Polen auf mein Haupt ſetze, und mich zum König von Polen in Warſchau krönen laſſe. Ich werde ihnen, denke ich, ein beſſerer König ſein, wie es ihnen Stanislaus geweſen, und ich will wieder gut machen, was meine Großmutter, die Kaiſerin Katharina, an Polen verſchuldet hat, indem ſie ihm den ſchwachen Stanislaus Poniatowsky zum König gab. Das iſt ein eben ſo edles als großmüthiges Vorhaben von Ew. Majeſtät, bemerkte Metternich, ſein Haupt voll Verehrung neigend. Der Kaiſer fuhr, ohne ihn zu beachten, aufgeregt von ſeinen eigenen Gedanken, fort: Es iſt überhaupt ſehr Vieles an Polen wieder gut zu machen und die ſchwere Schuld der polniſchen Theilungen laſtet uuf meinem Gewiſſen. Ich mag aber ſolche Laſt nicht tragen, ich will 3 94 mein Auge frei zu Gott erheben und es vor keinem Volk beſchämt zu Boden ſchlagen müſſen. Die Theilung Polens iſt eine moraliſche Schuld, die ich von meinen Vorgängern ererbt habe, und die ich be⸗ zahlen will! Sire, es iſt dies indeſſen eine Schuld, welche Ew. Majeſtät mit Oeſterreich und Preußen theilen, und wenn Ew. Majeſtät jetzt daran denken, Das den Polen wieder zu erſtatten, was, der Politik gemäß, Ihre Vorgänger ihnen genommen, ſo werden die Polen beinahe ein Recht haben, zu verlangen, daß auch Oeſterreich und Preußen ihren Antheil wieder abtreten an das Königreich Polen. Ich werde dies zu verhindern wiſſen! Sie vergeſſen, daß ich der König des Königreichs Polen bin! Ich werde, kraft meiner Würde als König von Polen, eine feierliche Erklärung abgeben, daß die Grenzen des Königreichs Polen geſchloſſen ſind, daß es an ſeine Nach⸗ barn keine Anſprüche mehr hat, und daß es nach keiner Vergrößerung ſtrebt. Ich werde dies als conſtitutioneller König beeidigen, und dieſer Eid wird bindend ſein auch für meine Nachfolger. Sind Sie damit zufrieden? Sire, es wäre dies allerdings eine Beruhigung für die andern betheiligten Mächte. Und wie mir ſcheint, rief Alexander lebhaft, müßte mein ganzer Plan überhaupt eine Beruhigung für die betheiligten Mächte ſein. Ihr Alle fürchtet die wachſende Macht Rußlands, Eure Schriftſteller und Journaliſten ſchreien in Broſchüren und Journalen Zeter über den nordiſchen Coloß, der ſich mit vernichtender Gewalt nach Europa herein wälzt, und Ihr Herren Diplomaten ſeid immer befliſſen, Ruß⸗ lands Einfluß zu contrepariren, gegen uns Front zu machen. Ihr ſolltet alſo Alle zufrieden ſein, daß ich freiwillig eine Vormauer zwiſchen Rußland und dem übrigen Europa aufrichte, daß ich zwiſchen dem barbariſchen Rußland und der civiliſirten Welt das conſtitutionelle Polen ſchaffe. Denn ich will dieſes Königreich Polen ganz unabhängig und frei machen, ich will aus demſelben die ruſſiſchen Truppen zurü ziehen, ich will ihm aus ſeinem Volke eine Militairmacht neten will es von ſeinen Beamten regieren laſſen. Ich will der Herr ſein it zu liſche be⸗ nit aran mäß, ein hren der ürde die ach⸗ ung ieſer amit dern nzer ſein. eller oy uß⸗ Ir chen dem elle gig ic⸗ ſein 95 über Polen, aber ich will ihm ein gütiger und verſöhnender Herr ſein*) Weshalb hindert man mich nun? Weshalb legt man mir von allen Seiten Hemmniſſe in den Weg? Ich habe den Polen einmal mein Wort gegeben, ihnen ein liberaler König zu ſein, warum will man mich daran hindern? Warum will man überhaupt es verſuchen, mir Polen ſtreitig zu machen? Habe ich nicht ein Recht auf Ent⸗ ſchädigung? Sire, wer könnte es wohl wagen zu beſtreiten, daß Rußland ſich nicht blos den Dank Deutſchlands durch ſeine großmüthige Hülfe ver⸗ dient hat, ſondern daß es gegen ſich ſelber faſt verpflichtet iſt, zum Erſatz für ſeine Opfer eine Entſchädigung zu beanſpruchen? Und wo könnte ich die alsdann anders finden als in Polen? fragte Alexander. Jedermann ſucht ſich hier zu vergrößern, und ich hindere Keinen. Warum will man mich denn hindern? Warum ſetzt man ſich meinen billigen Forderungen ſo hartnäckig entgegen? Ich habe dieſen Krieg nicht aus Eigennutz unternommen, nicht ich war bedroht von dem Uſurpator, ich hätte alſo zufrieden ſein können, als meine tapfern Heere den Feind beſiegt und ſeine letzten Trümmer über die Grenzen meines Landes hinausgeworfen hatten. Aber Deutſchland forderte meine Hülfe, und ich gab ſie. Ich ließ, um meiner Bundesgenoſſen willen, das edle Blut meiner Landeskinder vergießen, ich ließ, um die Kriegskoſten zu beſtreiten, in dieſen letzten drei Jahren einhundert und achtundſechszig Millionen Rubel Papiergeld anfertigen. Ichhat dies Alles für Euch, und jetzt will man nichts für mich thun. Jetzt intriguirt man gegen mich von allen Seiten, vereinigt ſich förmlich gegen mich, und ſucht mich zu iſoliren. Ich ſehe wohl, wer dahinter ſteckt, es iſt Herr Talleyrand, der alle dieſe Intriguen anſpinnt, der Alles zu verwirren, Alles in Unfrieden zu bringen ſucht, weil er hofft, dann für Frankreich in der allgemeinen Verwirrung die beſte Beute machen zu können. Aber man muß dieſem alten Fuchs dies Mal be⸗ weiſen, daß er auf falſcher Fährte geweſen, und daß er keine Beute *) Pertz: Leben Steins. III. S. 164. **) Hiſtoriſch. Siehe: Pertz, Leben Steins. III. 180. 96 davon tragen wird. Ich komme daher zu Ihnen, Metternich, ich for⸗ dere von Ihnen Wahrheit und Offenheit, wie ich Ihnen wahr und offen entgegenkomme. Sagen Sie mir alſo ehrlich und offen, wollen Sie ſich auch meinen Feinden und Widerſachern anſchließen? Wollen Sie auch mich hindern, meine Pläne auf Polen auszuführen? Und ich will Ihnen eine wahre und offene Antwort geben, Sire. Oeſterreich ſieht die Gefahr, von der es eines Tages bedroht werden könnte, wenn Rußland für ſich Polen erwirbt, und ſeine Grenzen daher bis an die Grenze Oeſterreichs hinanſchiebt. Aber Oeſterreich iſt ſtark und mächtig genug, um keine Gefahr zu fürchten, und ſtatt Rußland als einen gefährlichen Nachbar zu fürchten, wird es lieber ſuchen, es zu einem benachbarten Bundesgenoſſen und Freund zu haben. Oeſterreich iſt daher gern bereit, den Wünſchen Rußlands entgegen zu kommen, und es wird ſich auch, wenn gleich mit einigem Widerſtreben, darein ergeben, daß Ew. Majeſtät Polen und beſonders Warſchau nehmen, es zu einem Königreich machen, und dieſem König⸗ reich eine freifinnige Verfaſſung geben. Es ſteht einem Souverain wohl frei, in Innern ſeines Landes eine Verwaltung nach ſeinem Be⸗ lieben einzurichten, und wenn einmal entſchieden iſt, daß Ew. Majeſtät Polen in Beſitz nehmen können, ſo darf Niemand es hindern, daß Sie Polen eine freie Verfaſſung geben. Oeſterreich wird, um Ew. Majeſtät Freundſchaft zu erwerben, alſo bereit ſein, Ihnen ein Opfer zu bringen, es wird einwilligen, daß Ew. Majeſtät Polen in Beſitz nehmen, ich ſelbſt werde beim Congreß für Ew. Majeſtät gerechte und billige An⸗ ſprüche auf Polen meine Stimme erheben, ich werde Ihre Sache zu der meinen machen,— aber ich muß mir erlauben, dafür von Ew. Majeſtät einen Gegendienſt zu fordern, und eine Bedingung zu ſtellen. Nennen Sie mir Ihre Beringung! Nun denn: Oeſterreich giebt Rußland ſeine Stimme zur Erwer⸗ bung Polens, wenn Rußland dagegen ſich mit Oeſterreich verbünden will, um Preußen zu verhindern, daß es ſich Sachſen aneigne. Ah, rief Alexander ſchmerzvoll, ich habe indeſſen dem König von Preußen meine Unterſtützung zugeſagt! Dann ſind Ew. Majeſtät ſehr großmüthig geweſen, ſagte Metternich on ich 97 lächelnd, denn Preußen iſt weniger gefällig gegen Sie, und billigt Ew. Majeſtät Anſprüche auf Polen ganz und gar nicht. Ich weiß das, ja wohl, ich weiß das! ſeufzte der Kaiſer. Der König, Hardenberg, Humbold, Alle ſind gegen mich, und ſelbſt Stein hält ſich in dieſer Sache auf der Seite meiner Gegner. Dennoch werden Ew. Majeſtät Ihr Ziel erreichen, Oeſterreich wird Ihnen helfen, Polen zu erwerben, wenn Sie Oeſterreich beiſtehen wollen, Preußen zu verhindern, daß es Sachſen erwerbe. Der Kaiſer, mein Herr, ſieht die Einverleibung Sachſens ſehr ungern; Sachſen iſt nicht, wie zur Zeit Polen es iſt, ein vacantes Land, Sachſen hat einen König und zwar einen legitimen König, über den zu Gericht zu ſitzen, die andern Fürſten nicht berechtigt ſind, und dies um ſo weniger ſind, als das ſächſiſche Volk keine Neigung zeigt, mit Preußen verbunden zu werden, ſondern ſeinen König zurück begehrt. Wenn dem ſo iſt, ſo möge das ſächſiſche Volk ſich laut genug aus⸗ ſprechen, damit man ſeine Stimme hier ſo gut vernehme, wie wir in Paris die Stimme des Volks vernahmen, das die Bourbonen begehrte. Ich werde dann mich eben ſo entſchieden für den Wunſch des ſächſiſchen Volks erklären, wie in Paris für die Wünſche der Franzoſen. Ich werde darauf dringen, daß man Friedrich Auguſt wieder auf den Thron ſeiner Väter ſetze, nur muß er nicht verlangen, daß ſein Land gar nicht einige Verkleinerungen und Verſtümmelungen erfahre. Man muß Preußen befriedigen, indem man ihm ein Stück von Sachſen giebt, man muß Sachſen und dem Princip der Legitimität genug thun, indem man den König wieder auf den Thron zurückführt. Sind Sie damit einverſtanden? Ja, Sire, ich bin vollkommen damit einverſtanden. Der Handel iſt alſo abgeſchloſſen? Sie ſtehen mir bei, Polen zu erwerben, und ich ſtehe Ihnen bei, Sachſen ſelbſtſtändig zu erhalten? Der Handel iſt abgeſchloſſen, Sire. Ich freue mich deſſen, ſagte der Kaiſer heiter, und ich wünſche mir Glück dazu, daß ich zu Ihnen gekommen bin. Sie können hinfort auf meine Dankbarkeit rechnen, Durchlaucht. Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd 7 — 98 Auch auf Ihre Verſchwiegenheit, Sire? Auf Ihre völlige Ver⸗ ſchwiegenheit? Ja, auch auf meine völlige Verſchwiegenheit, ſagte Alexander lächelnd. Ich werde Niemanden etwas von dem Uebereinkommen ver⸗ rathen, das wir Beide hier untereinander getroffen haben. Hier haben Sie meine Hand darauf! Metternich nahm die dargereichte Hand des Kaiſers und ſchloß ſie in die ſeine, indem er ſich ehrfurchtsvoll verneigte. Aber Sie, Metternich, rief Alexander heiter, werden Sie auch nichts verrathen? Denn ich geſtehe Ihnen, wenn der König Friedrich Wilhelm von unſerm Uebereinkommen erführe, ſo würde ich etwas Furcht haben, dem ernſten, kalten Geſicht und den ſtrafenden Blicken des Königs gegenüber zu ſtehen! Ich bitte alſo, ſchweigen auch Sie, und laſſen Sie von keiner Sirene, ſo verlockend ſie auch immer ſein mag, ſich verführen. Ah, Sire, rief Metternich lächelnd, ich fürchte keine Sirene, denn die Sirenen geben ſich gar nicht die Mühe, mich verlocken zu wollen. Sie wenden ihre Lieder und ihre Bezauberungen nur dem Einen zu, der uns Alle in den Schatten gedrängt hat. Für die andern Sterb⸗ lichen haben die Sirenen keine Lieder und keine Blicke mehr. Ah, rief der Kaiſer lachend, dieſem unglücklichen Einen ſollten Sie rathen, ſich gleich dem Odyſſeus Wachs in die Ohren zu ſtopfen, damit er den Sirenengeſang nicht höre und ſich nicht von ihm verlocken laſſe. Doch freilich, er wäre dann zu beklagen, denn er würde gar viele ſchöne Melodien entbehren müſſen! Ihre Kaiſerſtadt iſt überreich an ſchönen Frauen, ich ſah niemals einen ſolchen Flor von Schönheiten, wie hier bei Ihnen. Und Ew. Majeſtät haben unſere Schönheiten noch ſchöner gemacht, denn Sie haben ſie untereinander zu einem Wettſtreit angeregt. Jede möchte zu der Ehre gelangen, von Ew. Majeſtät mit einem Epitheton ornans geſchmückt zu werden, und vor allen Dingen möchte Jede, daß Ew. Majeſtät von ihr ſagten, was Ew. Majeſtät von der Gräfin Auersperg geſagt:„ſie iſt die Schönheit, die allein wahre Gefühle einflößt!“ Es iſt wahr, ſie thut das, ſagte Alexander ſinnend, ſie iſt ſehr ſchön, n, „ 99 und ebenſo geiſtreich als ſchön, und ebenſo ſittſam als geiſtreich. Sie kennen ſie wahrſcheinlich ſchon lange, und nicht wahr, Sie geben mir Recht? Ich kenne die Gräfin Auersperg ſeit ihrer Kindheit, ſagte Metternich lächelnd, ſie heißt Gabriele und ſie iſt eines Heinrich des Vierten werth. Der Kaiſer erröthete, und vielleicht um ſeine Verwirrung zu ver⸗ bergen, ſtand er auf und ſchickte ſich an, zu gehen. Es bleibt bei unſerer Verabredung, ſagte er, Metternich zum Ab⸗ ſchiede ſeine Hand darreichend. Ja, Sire, es bleibt bei unſerer Verabredung. Der Kaiſer grüßte ihn noch einmal mit einem freundlichen Kopf⸗ nicken, und wandte ſich der Thür zu. Metternich wollte ihn bis über dieſelbe hinausbegleiten, aber der Kaiſer ſchob ihn ſanft zurück. Ich bin nicht hierher gekommen als Kaiſer, ſagte er, ſondern als Bittſteller, ich verlaſſe Sie als Freund. Der Bittſteller hat kein Recht auf Ceremonien, der Freund hat das Recht, ſie zurückzuweiſen, und zu bitten, daß man sans cérémonie mit ihm verkehre. Bleiben Sie alſo und laſſen Sie mich allein meinen Weg gehen! Er drückte raſch die Thür hinter ſich zu, und ließ den Fürſten allein in ſeinem Kabinet zurück. Metternich blieb neben der Thür ſtehen, und horchte, bis die Schritte des Kaiſers in der Ferne verhallten. Dann flog ein helles ſpöttiſches Lächeln über ſein Antlitz hin. Er will ſeinen Weg allein gehen, ſagte er achſelzuckend, er weiß alſo nicht einmal, daß er gelenkt wird, und daß er keinen Schritt thut, den nicht der Wille Anderer beſtimmt hat. Man geht nicht ſeinen Weg allein, wenn man in ſeinem Herzen und ſeinem Gewiſſen eine Erinnerung hat, welche immerfort mit uns geht, wenn man immer über ſeinem Haupte die Fußtritte der Mörder ſeines Vaters hört.*) Solche Er⸗ *) Alexander befand ſich in einem Zimmer unterhalb des Schlafzimmers ſeines Vaters, des Kaiſers Paul, als dieſer durch eine Pallaſtrevolution geſtürzt und ermordet ward. Alexander hörte das Hülfeſchreien des Kaiſers, das heftige Fußſtampfen der mit ihm ringenden Mörder, aber er konnte ſeinem Vater nicht zu Hülfe eilen, da man, des Großfürſten Dazwiſchenkunft fürchtend, ihn in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen hatte. 7* —— 100 innerungen ſind gar treue Begleiter auf dem Lebenswege, und man betet, um ſie zu beſchwichtigen, man wirft ſich in die Arme der Frauen, um ſie zu übertäuben, und man macht eine Art von Politik, die gar ſehr den Ablaßzetteln Tetzel's gleicht, man will ſich mit romantiſcher Gefühlspolitik loskaufen von begangenen Sünden! Polen wieder her⸗ ſtellen, Polen eine freie Verfaſſung geben! Das heißt für den Mörder den Dolch ſchleifen, den er uns in's Herz ſtoßen will, das heißt die Schwärmer lostrennen, mit denen das politiſche Feuerwerk beginnen ſoll! Nun, wir werden ja ſehen, wie weit dieſe Herren kommen werden mit ihrer habſüchtigen Ländergier, die ſich unter philanthropiſchen Völker⸗ beglückungstheorieen verbirgt! Der Congreß wird ein ziemlich be⸗ luſtigendes Schauſpiel darbieten. Er iſt reich an brennenden Fragen, und ich denke, ich habe die Sache ſo vorbereitet und eingerichtet, daß Oeſterreichs Kopf und Hand allein kalt genug bleiben werden, um aus den brennenden Fragen für ſich einige vortheilhafte und nutzbringende Antworten zu gewinnen. Ich will zu Talleyrand gehen! Er muß mir helfen, das Feuer dieſer brennenden Fragen zu ſchüren, er muß im Namen Frankreichs gegen die Einverleibung Sachſens in Preußen pro⸗ teſtiren, und erklären, daß Frankreich die Beſitznahme Polens von Seiten Rußlands nur dann billigen könne, wenn der Kaiſer von Rußland ſolche Garantieen gebe, welche die europäiſchen Mächte nicht neue Unruhen und Verwickelungen befürchten ließen. Dieſe, von Talleyrand abgegebene Erklärung wird die Souveraine von Preußen und Rußland noch mehr gegen Frankreich erbittern und einen unheilbaren Riß in ihre Beziehungen bringen. Die Verwickelung wird immer größer werden, und je mehr der Congreß in Verwirrung und Zank auseinander geht, deſto mehr werden wir für Oeſterreich erobern können. Der Erisapfel dieſes Congreſſes iſt nun einmal auf die Tafel Europa's geworfen, und wir müßten gar ſehr ungeſchickt ſein, wenn wir von dieſem Apfel uns nicht das beſte und wohlſchmeckendſte Stück für Oeſterreich aneigneten. Möge alſo die Sache ihren Lauf gehen, der Congreß iſt eröffnet, ſpitzen wir alſo öffentlich unſere Federn, aber ſchleifen wir im Stillen unſere Schwerter und ſchürzen wir im Geheimen unſere Intriguen! „ Zweites Buch. WMarir Touißſr. Qc 53 . Graf Keipperg. Willkommen in Wien, mein lieber Herr Graf, ſagte Fürſt Metternich, dem Herrn, welcher ihm⸗ eben gemeldet worden, mit einer überaus freundlichen Zuvorkommenheit bis an die Thür entgegen gehend und ihm ſeine beiden Hände darreichend. Der ſo Angeredete war ein ſchlankgewachſener, hoher Mann; ein Krieger, das bewies die glänzende, ungariſche Generalsuniform, die ſeine Geſtalt umhüllte, ein Tapferer, das bewies die breite, tiefe Narbe, die quer über ſein Geſicht hinlief und hinter der ſchwarzen Binde endete, die ſein linkes von einem Säbelhieb zerſtörtes Auge bedeckte. Aber dieſe Wunde und dieſe Binde entſtellte ſein Geſicht nicht, ſon⸗ dern ſie gab demſelben einen eigenthümlichen Reiz durch den Contraſt, der zwiſchen dieſen Zeichen heroiſcher Tapferkeit und ſeinen ſonſt ſo ſanften und milden Zügen herrſchte. In der That, das Antlitz des Generals war von ungewöhnlicher Feinheit und Zartheit, der Blick ſeines Auges feurig und ſchüchtern zugleich, die von dichten blonden Locken umkräuſelte hohe Stirn weiß wie die eines Mädchens, und doch mit jenen hohen Buckeln geſchmückt, welche den Denker und den Ge⸗ lehrten verriethen, die Wangen von einer reinen Bläſſe, die von der ſchwarzen Augenbinde noch erhöht ward, der feine Mund mit den purpurnen, leicht aufgeworfenen Lippen von einem ſanften und gütigen Lächeln umſpielt, und von einem zierlichen, blonden Schnurrbart be⸗ ſchattet, welcher mehr zu dem Schmuck eines Cavaliers, als zu der Uniform eines Soldaten zu paſſen ſchien. Zu dieſem feinen Geſicht 104 ſtimmte die zierliche, ſchlanke Geſtalt, deren Ebenmaaß von der eng⸗ anſchließenden, glänzend geſtickten ungariſchen Uniform noch mehr her⸗ vorgehoben ward. Seine Bruſt war geziert mit brillantenen Ordens⸗ ſternen, welche die hohe Gunſt und das hohe Anſehen bewieſen, deren er ſich von den Fürſten zu rühmen hatte, denn kaum vierzig Jahre alt, beſaß er doch ſchon die höchſten Orden Oeſterreichs, und hohe Orden Rußlands und Preußens. Dieſer alſo Decorirte, der zugleich den Krieger und den Cavalier darſtellte, das war der General Graf Neipperg, jetzt der Ehrencavalier der Kaiſerin Marie Louiſe. Fürſt Metternich, wie geſagt, empfing den Eintretenden mit freund⸗ licher Bewillkommnung und reichte ihm beide Hände dar. Der Graf erwiderte dieſe faſt zärtliche Begrüßung mit unnach⸗ ahmlicher Grazie und mit Worten, die von der Freude zeugten, welche der Graf empfand, den verehrten und angebeteten Fürſten wieder⸗ zuſehen. Setzen wir uns, mein lieber General, und plaudern wir, ſagte der Fürſt, den Grafen Neipperg zu dem Divan hinführend, in den er ihn ſanft niederdrückte, worauf er ihm gegenüber auf einem Fauteuil Platz nahm. Es iſt mir, als hätten wir uns eine Ewigkeit lang nicht geſehen, und als hätten wir uns vielerlei zu ſagen und zu fragen. Wollen Ew. Durchlaucht mir alſo einige Fragen erlauben? fragte Graf Neipperg. Denn ich geſtehe Ihnen, ich komme mir vor wie ein Wilder, der durch einen Zauberſchlag plötzlich in die Mitte der civili⸗ ſirten Welt verſetzt worden; ich war nur zwei Monate von Wien ab⸗ weſend, und doch ſcheint mir, daß Wien ſich in dieſer Zeit vollkommen verändert und umgeſtaltet hat. Das macht, wir haben jetzt hier in Wien den europäiſchen Con⸗ greß, ſagte Fürſt Metternich lächelnd, es wimmelt bei uns von Fürſten, Generälen und Diplomaten, und man kann keinen Schritt thun, ohne nicht irgend einem kleinen Souverain oder einem Reichsgrafen auf den Fuß zu treten. Sie begreifen alſo, Durchlaucht, daß es mir ſchwer fällt, mich in dieſer fremden Welt zu orientiren, rief der Graf, und ich bitte Sie deshalb mir einige Fragen erlauben zu wollen. „ 105 Fragen Sie, lieber Graf, fragen Sie, aber vergeſſen Sie nicht, daß nachher auch an mich die Reihe kommt. Ich werde es nicht vergeſſen, Durchlaucht! Ich erlaube mir alſo vor allen Dingen zu fragen: wie ſteht es mit dem Congreß? Was thut er eigentlich, was will er eigentlich, und welches iſt ſein Ziel eigentlich? Mein Freund, rief Metternich lachend und mit dem Anſchein des Schreckens, Sie thun da wahrlich Fragen, auf die, wie ich glaube, nur Gott im Himmel genügende Antwort geben kann. Was der Congreß thut? Mein Gott, er ſpricht viel, projectirt viel und amüſirt ſich viel. Was der Congreß will? Nun, er will die Verhältniſſe der Fürſten unter einander und der Fürſten zu ihren Völkern ordnen. Was das Ziel des Congreſſes iſt? Ich glaube, der allgemeine Frieden, es iſt indeſſen auch ſehr möglich, daß es der allgemeine Krieg ſein wird. Mein Fürſt, ſagte Graf Neipperg, ſich lächelnd verneigend, Sie haben mir da geantwortet in Worten, deren Myſtik dem Orakel zu Delphi Ehre machen würde. Oh, und ich verſichere Sie, rief Metternich lachend, daß die Py⸗ thia auf ihrem heißen Dreifuß nicht mehr gelitten hat, als ich auf meinem Fauteuil in den Congreßſitzungen! Sind Sie jetzt zu Ende mit Ihren Fragen, lieber Graf, und iſt an mir die Reihe? Ich bitte, mir noch einige Ihrer Orakelſprüche zu gönnen. Nun denn, Prieſter des Apollo und der neun Muſen, ſo fragen Sie! Hat der Congreß ſich ſchon mit dem weitern Schickſal des Kaiſers Napoleon beſchäftigt? Wie denn, mit dem weitern Schickſal Napoleons? Er iſt Gefan⸗ gener auf Elba. Und man will ihn dort laſſen? Europa fürchtet nicht die Gefahr, dieſen Mann, der eine ewige⸗ Brandfackel iſt, innerhalb ſeiner Grenzen zu dulden? Es iſt nicht entſchloſſen, ihn ſo weit fortzubringen, daß Frankreichs Soldaten nicht mehr das Tönen ſeiner Stimme ver⸗ nehmen, nicht mehr die Seufzer hören können, die der Sturmwind von Elba zu ihnen herüberträgt, und die ihre Augen feucht machen von den Thränen der Sehnſucht und der Liebe? 106 Europa iſt gewaffnet und fürchtet nichts. Es hat den gefangenen Prometheus auf der Felſeninſel feſtgeſchmiedet, und ſo lange er ſich dort ſtill und ruhig verhält, haben wir nicht das Recht, ihn von dort zu entführen. Nichtsdeſtoweniger iſt doch ſchon davon die Rede ge⸗ weſen, beſonders ſeit der Herzog von Lucca feierlich Proteſt eingelegt hat gegen Napoleons Beſitznahme Elba's, und ſie als ſein ſeit Jahr⸗ hunderten dem Hauſe Lucca zuſtehendes Eigenthum beanſprucht hat.*) Außerdem iſt der Graf Pozzo di Borgo da, deſſen unverſöhnlicher Haß mit unerſchütterlicher Ausdauer ſeinen corſiſchen Landsmann verfolgt, und ſich nicht dabei beruhigen kann, daß man ſeinem einſtigen Freunde noch den Schatten jener Größe gelaſſen hat, die der ehrgeizige Graf ihm früher ſo ſchmerzlich beneidet hat. Sie wiſſen ja, es giebt keine grauſameren Feinde, als ſolche, die früher unſere zärtlichen Freunde waren, und Pozzo di Borgo möchte daher gern neue Torturen und Martern erfinden, um ſeine corſiſche Blutrache an ſeinem Rivalen zu nehmen. Indeß bis jetzt iſt es ihm noch nicht gelungen, das Ohr des Kaiſers Alexander zu gewinnen, obwohl die Fürſtin Bagration und die Herzogin von Sagan, welche Beide den Haß Pozzo's theilen, ihn beim ruſſiſchen Kaiſer in ſeinen Bemühungen unterſtützen. Aber Sie wiſſen ja, der gute Kaiſer Alexander iſt eine romantiſche Seele; er hat jetzt die Freundſchaft, die er einſt dem Kaiſer Napoleon feierlich zuge⸗ ſchworen und nicht gehalten hat, auf Napoleons Stiefſohn Eugene Beauharnais übertragen, und deshalb hört er nicht auf die grauſamen Einflüſterungen Pozzo's. Da aber der Kaiſer von Rußland auf un⸗ ſerm Congreß die erſte Puiſſance iſt, ſo iſt ſein Benehmen maaßgebend für die Anderen, und die kleineren Souveraine wagen es nicht noch ferner, mit ihren Krallen nach dem Adler zu hacken, da der große ruſſiſche Doppeladler ihn nicht weiter anfällt.— Nun, mein lieber Graf, dies Mal ſind Sie hoffentlich mit meiner Antwort zufrieden, denn Sie werden geſtehen müſſen, daß ſie ausführlich und bündig war, und nichts von der Myſtik des Dreifußes an ſich trug. ²) Comte de la Garde: Congrès de Vienne. J.. 107 Ich danke Ew. Durchlaucht, denn ich fange in der That ſchon an, mich zu orientiren. Jetzt erlaube ich mir nur noch Eine Frage! Ihre letzte, lieber Graf? Ja, Durchlaucht, meine letzte. Wie ſteht es mit dem Herzogthum Parma? Wird die Kaiſerin Marie Louiſe es erhalten? Wird ſie als Souverainin dieſes Herzogthums bald von den hier verſammelten Fürſten anerkannt werden? Beſchäftigt ſich der Congreß nicht vorzugs⸗ weiſe mit dieſer Frage, und denkt er daran, die Zukunft der entthronten Kaiſerin zu ſichern, ihrem Sohn, der jetzt keinen Namen, kein Erbe, keinen Titel hat, endlich wenigſtens die Anerkennung zu geben, die ihm als dem legitimen Sohn einer Erzherzogin von Oeſterreich zuſteht? Beſchäftigt ſich der Kaiſer, Marie Louiſens Vater, nicht vorzugsweiſe mit dieſen Verhältniſſen ſeiner edlen und unglücklichen Tochter, und iſt bemüht ihr eine weniger demüthigende, abhängige und kränkende Stel⸗ lung zu geben, wie die Kaiſerin ſie jetzt leider erdulden muß? Ah, mein lieber Graf, Sie verſtehen es in der That, Fragen zu ſtellen, die gleich den Kern der Sache ergründen wollen, und dieſe Fragen mit einem Feuer und einer Beredtſamkeit vorzutragen, die Ihrem Herzen und Ihrem Geiſt Ehre machen. Ich will verſuchen, Ihnen auf alle Ihre Fragen ſo entſcheidend und prägnant als mög⸗ lich, jedenfalls aber aufrichtig zu antworten. Sie fragten zuerſt, ob die Kaiſerin das Herzogthum Parma erhalten und als Souverainin bald von den hier verſammelten Fürſten werde anerkannt werden. Dieſes„Bald“ ſetzt mich einigermaßen in Verlegenheit; ich hoffe zwar, daß wir eines Tages unſer Ziel erreichen, und die Erzherzogin zur ſouverainen Herzogin von Parma erheben werden, aber ob das bald ſein kann, hängt von den Umſtänden ab, und— von der Kaiſerin Marie Louiſe ſelber. Wir werden nachher darauf zurückkommen. Zu⸗ erſt will ich Ihnen nur alle Ihre Fragen beantworten. Sie fragten alſo ferner: ob der Congreß ſich nicht vorzugsweiſe damit beſchäftige, der entthronten Kaiſerin einen Erſatz, ihrem kleinen Johann ohne Land und ohne Namen endlich Land und Namen zuzuführen. Darauf er⸗ widere ich Ihnen: der Congreß beſchäftigt ſich mit Allem, er denkt an Alles, er ſpricht über Alles, aber daher kommt es auch, daß über dem. 108 Allen das Einzelne nicht vorwärts kommt, und daß wir Viel zu thun ſcheinen, aber im Grunde bis jetzt gar nichts Poſitives gethan haben. Zuletzt fragten Sie noch, ob der Kaiſer Franz ſich nicht vorzugsweiſe mit den Verhältniſſen ſeiner Tochter beſchäftige, und bemüht ſei, die Erzherzogin Marie Louiſe anſtändig zu dotiren, und ſie zu einer Sou⸗ verainin zu machen? Sie können aber leicht ermeſſen, mein Freund, wie vorſichtig und zurückhaltend der Kaiſer ſich in dieſer Sache be⸗ nehmen muß, und wie jeder Schritt, den er für ſeine Tochter bei den andern Souverainen thun muß, ſeinen Stolz verletzt und ſeine Deli⸗ cateſſe verwundet. Der Kaiſer hat daher den feſten Entſchluß gefaßt, ſich gar nicht perſönlich für dieſe Angelegenheit zu verwenden, ſondern den Congreß allein über die nothwendige Entſchädigung der entthronten Kaiſerin von Frankreich entſcheiden zu laſſen. Oeſterreich, welches ja doch eine erſte Stimme in dem Congreß hat, wird alſo nichtsdeſto⸗ weniger in dieſer Angelegenheit mitwirken und mithandeln, aber nicht, weil Marie Louiſe die Tochter des öſterreichiſchen Kaiſerhauſes iſt, ſondern weil die Placirung der Gemahlin des Gefangenen von Elba eine Pflicht des Congreſſes, und von den verbündeten Mächten in Paris feierlich verſprochen iſt. Der Kaiſer Franz hat übrigens den Souve⸗ rainen erklärt, daß er bei dieſer Frage gar kein perſönliches Intereſſe habe, und jedenfalls im Stande ſei, ſeiner Tochter eine ihren Verhält⸗ niſſen angemeſſene Dotation aus den Krongütern ſeines Hauſes zu machen. Indeſſen hoffe ich, daß es unſern geheimen Bemühungen und Verwendungen gelingen werde, der Kaiſerin das Herzogthum Parma zu ſichern, aber dies hängt von dem Benehmen der Erzherzogin ſelber ab, und in der Art, wie ſie ſich zu dem Gefangenen auf Elba ſtellt. Ich werde Ihnen darüber nachher Ausführliches ſagen. Jetzt aber, mein lieber Graf, jetzt, da ich Ihnen alle Ihre Fragen beantwortet habe, jetzt, nicht wahr, werden Sie auch mir gütigſt erlauben, einige Fragen an Sie zu richten, und die Güte haben, mir dieſelben auf⸗ richtig zu beantworten? Ich verſpreche es Ihnen, Durchlaucht. Haben Sie alſo die Gnade zu fragen. — un en. eiſe el, rtet ige ade 109 Nun alſo, ich frage! Wie ſtehen Sie zu der Erzherzogin Marie Louiſe? Ach, Durchlaucht, das iſt eine Frage, die ich Ihnen leider ohne Umſchweife ganz kurz und bündig beantworten kann. Die Erzherzogin Marie Louiſe haßt mich und verabſcheut mich! Ach, Sie haßt und verabſcheut Sie, rief Metternich, indem er nachläſſig mit den Spitzenmanſchetten ſpielte, die unter dem Aermel ſeines geſtickten Gewandes hervorſchauten, und über ſeine feine weiße Hand niederfielen. Erzählen Sie mir doch ein wenig, wie dieſer Haß ſich äußert, und wie dieſer Abſcheu ſich darlegt. Durchlaucht, das iſt ſchwer zu ſagen, denn es iſt eine Sache, die nur mit dem Inſtinct errathen, nur mit dem Tact des Herzens ge⸗ meſſen wird. Die Kaiſerin iſt viel zu milde, viel zu großmüthig und zart, um mich abſichtlich kränken und beleidigen zu wollen, aber ihr Haß verräth ſich in tauſend kleinen Dingen, die vielleicht nur Ich ſehe, aber die ich doch ſehe. So oft ich ihr nahe, geht ein leiſes Zucken durch ihre Geſtalt, ihre Lippen preſſen ſich trotzig aufeinander, über ihre Stirn fliegt ein Schatten hin, und ihre blitzenden Angen fordern von mir eine Erklärung, wie ich es wagen darf, unaufgefordert in ihre Nähe zu kommen. Wenn ich ſie dann demüthig über mein unaufgefordertes Erſcheinen um Verzeihung bitte, ſo ſcheint ſie meine Worte gar nicht zu hören, wenigſtens ſie gar keiner Beachtung werth zu halten, und ſicher wird ſie nach kurzer Zeit ſchon irgend einen Vor⸗ wand ſuchen, um ſich zu entfernen und in das Innere ihrer Gemächer zurückzuziehen. Aber Sie waren jetzt ſechs Wochen lang mit der Kaiſerin auf der Reiſe. Sie haben mit ihr die Schweiz beſucht, die Alpen beſtiegen, da gab es doch keine Gelegenheit ſich in ihre Gemächer zurückzuziehen, und da konnte Marie Louiſe Sie doch nicht verhindern, neben ihr zu gehen? Sie hat es indeſſen ſehr wohl gehindert, Durchlaucht. Wir fuhren in mehreren Wagen, die Kaiſerin mit der Gräfin Brignole in dem erſten Wagen, die Herren von Meneval, Bauſſet und ich in dem zweiten Wagen, und in dem dritten und vierten folgte die Dienerſchaft. 110 Es war vom erſten Tage der Reiſe an eingeführt, daß die Kaiſerin einen von den Herren des zweiten Wagens einlud, ſich in ihren Wagen auf dem Rückſitz zu placiren, und einige Stationen ihr Geſellſchaft zu leiſten. Nun, die Kaiſerin hat mich am ſeltenſten und ſpärlichſten zu dieſer Ehre gelangen laſſen, ſie hat die beiden anderen Herren wohl drei, vier Mal eingeladen, ehe ſie mir Ein Mal dieſe Gunſt erzeigte, und wenn ich dann und wann wirklich eine Einladung empfing, in den Wagen der Kaiſerin zu kommen, ſo geſchah das jedes Mal auf der letzten Station vor dem Reiſeziel des Tages, ſo daß ich dann nur die Hälfte der Zeit mit der Kaiſerin zubrachte, welche ſie den beiden an⸗ dern Herren vergönnte, in ihrer Geſellſchaft zu ſein. Und nahmen Sie das gelaſſen hin, Herr General? Beſchwerten Sie ſich nicht? Einmal wagte ich mich zu beſchweren, und der Kaiſerin zu ſagen, wie wehe es mir thue, von ihr ſo zurückgeſetzt zu werden. Da ſah die Kaiſerin mich mit einem ſchnellen und trotzigen Blick an.„Herr Graf,“ ſagte ſie,„mein Vater, der Kaiſer, hat mir befohlen, daß Sie als mein Ehrencavalier an meiner Reiſe Theil nehmen, aber er hat mir nicht befohlen, daß ich Sie die Reiſe in meinem Wagen machen laſſe, und ich darf folglich über den Rückſitz meines Wagens nach meinem Gutdünken verfügen.“ Ah, das war allerdings eine ziemlich herbe Antwort, ſagte Metter⸗ nich achſelzuckend. Aber Sie machten doch auch oftmals Wanderungen, Bergpartieen zu Fuß? Dabei konnte es doch die Kaiſerin nicht ver⸗ meiden, Sie in ihrer Nähe zu dulden? Aber ſie verſtand es, mich doch ſo fern als möglich zu halten, ſeufzte Graf Neipperg. Sie machte die Gebirgspartieen entweder zu Pferde, und dann ritt ſie auf der einen Seite dicht neben der Gräfin Brignole, auf der andern Seite mußten die beiden Führer einhergehen. Ging ſie zu Fuß, ſo konnte ſie es freilich nicht immer vermeiden, daß ich mich ein wenig an ihre Seite drängte und mit ihr wanderte, aber ſie begann dann jedes Mal von dem Kaiſer, ihrem Gemahl, zu ſprechen, und zwar mit einer Begeiſterung und einem Feuer der Empfindung, die mich wahrhaft erſchreckten, und mir bewieſen, daß das Herz der iſerin ft zu en z1 wohl eigte, in den f der die nan⸗ erten agen, h die raß,“ e als mir laſſe, inem tter⸗ gen, ver⸗ lten, zu üfin hen. daß bet en, n9, der 111 Kaiſerin noch immer mit aller Gluth der erſten Liebe an ihrem Ge⸗ mahl hängt. Da es mir aber unangenehm und ſchmerzlich war, immer dieſen Dithyramben ihrer Liebe zuhören zu ſollen, ſo zog ich mich freiwillig mehr zurück, und hielt mich ferner von der Kaiſerin, ſo daß ich in den letzten Tagen unſerer Reiſe ſehr wenig mit ihr geſprochen habe. Gerade dieſe letzten Tage aber war die Kaiſerin ſo heiter und froh, wie ich ſie nie zuvor geſehen habe, ſie lachte und ſchäkerte in der anmuthigſten Weiſe, ſie war von einer hinreißenden Naivetät, einer bezaubernden Grazie; es ſchien, als wolle ſie mir beweiſen, daß ihre Seele aufathme in Freudigkeit, ſeit ich ſie nicht ſo oft mit meiner Nähe beläſtigte. Als wir endlich heute in Schönbrunn anlangten, dankte ſie Jedem ihrer Reiſegefährten für die geleiſteten Dienſte, Jedem ſagte ſie einige freundliche Worte, zu mir aber ſagte ſie, ſich verneigend:„Mein Herr, ich habe Sie und mich während dieſer Reiſe beklagt. Sie wa⸗ ren von meinem Vater zu dieſer Reiſe befohlen, es war ein Zwang für Sie, mich zu begleiten, ein Zwang für mich, Ihre Begleitung an⸗ nehmen zu müſſen. Sie waren der Beobachter, ich die Beobachtete, es konnte alſo keine Harmonie zwiſchen uns ſein. Ich danke Ihnen indeſſen, daß Sie das Amt eines Aufſehers mit ſo viel Anſtand und Nachſicht geübt haben, und ich hoffe, daß Sie in Ihrem Bericht über mich an den Kaiſer, meinen Vater, milde ſein werden.“ Vraiment, die Frauen ſind doch ein gar grauſames und ſchonungs⸗ loſes Geſchlecht, ſagte Metternich lächelnd. Sie ſagte Ihnen das in Gegenwart der Andern, und ſo, daß dieſe ihre Worte hören konnten? Ja, Durchlaucht, ſo daß der Graf Bauſſet und der Baron Me⸗ neval jedes Wort hören mußten und es für nothwendig hielten, nach⸗ dem die Kaiſerin uns verlaſſen hatte, das harte Benehmen Marie Louiſens zu entſchuldigen und mir ihr inniges Bedauern und Mitge⸗ fühl auszudrücken. Wahrhaftig, das thaten ſie? ſagte Metternich achſelzuckend. Dann wußten ſie nicht, was ſie thaten.— Sie glauben alſo, Herr Graf, daß die Kaiſerin noch an ihren Erinnerungen hängt, daß ſie Napoleon noch liebt, und bereit wäre, zu ihm nach Elba zu gehen? Ich glaube, daß die Kaiſerin ihren Gemahl zärtlich und leiden⸗ ſchaftlich liebt, und daß ſie nicht blos bereit iſt, zu ihm nach Elba zu gehen, ſondern daß ſie ſich heimlich zu ihm flüchten wird, wenn man ihr verwehren will, ſich öffentlich mit ihrem Gemahl zu vereinigen. Die Kaiſerin hängt mit ganzer Seele an ihren Erinnerungen, ſie fühlt ſich ganz und gar als Franzöſin, ſie ſpricht nur Franzöſiſch, ſcheint das Deutſche ganz vergeſſen zu haben, und es nicht wieder lernen zu wollen, denn ſie verkehrt nur mit ihrer franzöſiſchen Umgebung, und hat ihr Haus ganz auf franzöſiſchem Fuß und nach franzöſiſcher Eti⸗ quette eingerichtet. Alles erinnert ſie daher nur an ihre Vergangenheit, Alles ſpricht ihr von dem Kaiſer, ſogar die Livréen ihrer Diener, das Wappen ihrer Equipage, denn ihre Diener tragen die Livrée Napoleons, auf den Köpfen die Kaiſerkrone mit dem großen ominöſen N, und auf den Equipagen prangt das Napoleoniſche Kaiſerwappen. Man wird ſie bitten müſſen, ihre Livréen zu ändern, und ihren Equipagen das Habsburgiſche Kaiſerwappen wiederzugeben, ſagte Metter⸗ nich lächelnd. Sie wird die Erfüllung dieſer Bitte verweigern, Durchlaucht, rief der Graf ſeufzend. Man wird ſie alſo nicht bitten, ſagte Metternich gelaſſen, ſondern man wird ſolche Mittel anwenden, daß Marie Louiſe aus freiem An⸗ trieb ihre Livréen und ihr Wappen ändert! Dies iſt meine Aufgabe, und ich verſichere Sie, lieber Graf, daß ich ſie in einigen Tagen gelöſt haben werde.— Jetzt aber, nachdem Sie mir ſo gütig und mit ſo vankenswerther Genauigkeit auf meine Fragen geantwortet haben, jetzt wollen wir uns recht vertraulich und aufrichtig mit einander beſprechen. Sind Sie geneigt dazu, mein lieber Graf? Ach, Sie ſehen wohl, Durchlaucht, daß ich Ihnen gegenüber mein Herz auf der Zunge trage, und daß ich durchaus vertraulich und auf⸗ richtig geweſen bin. Wollen wir alſo, wenn's Ihnen beliebt, in dieſer Vertraulichkeit fortfahren. Sie wiſſen, mein theuerſter General, wie ſehr ich Sie immer geliebt und hochgeachtet habe und welch' unbegrenztes Vertrauen ich in Ihre Fähigkeiten und Ihren Geiſt ſetze. Ein Beweis davon iſt, daß ich dem Kaiſer vorſchlug, Sie der Kaiſerin Marie Louiſe als 113 Reiſebegleiter mitzugeben und Ihnen die Stelle eines Oberſtallmeiſters und Ehren⸗Cavaliers der Kaiſerin zu geben. Durchlaucht, ich finde, daß das ſehr gütig von Ihnen war, ſagte Neipperg mit einem tiefen Seufzer, die Kaiſerin wird indeß nicht meiner Meinung ſein und es Ihnen wenig Dank wiſſen. Metternich zuckte die Achſeln und ein ſpöttiſches Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Da wir alſo übereingekommen ſind, uns vertraulich zu unterhalten, ſagte er, wollen Sie mir da noch zwei vertrauliche Fragen erlauben? Durchlaucht, fragen Sie, ich werde Sie in meiner Antwort auf den Grund meines Herzens ſchauen laſſen. Nun denn, verzeihen Sie,— lieben Sie Ihre Gemahlin, die Gräfin Neipperg? Der Graf ſtutzte und ſchlug vor den zugleich lchelnden und forſchenden Blicken Metternich's die Augen nieder. Durchlaucht, ſagte er leiſe und verwirrt, die Gräfin iſt die Mutter meiner vier Söhne. Ah, bah, lieber Graf, rief Metternich lachend, ich frage nicht nach den Söhnen, ſondern nach der Mutter! Lieben Sie dieſe? Sie ant⸗ worten mir nicht? Nun, wir ſind hier unter vier Augen und unſere Frauen hören uns nicht, ſeien wir alſo aufrichtig mit einander, und um Ihnen Muth zu machen, will ich Ihnen mit gutem Beiſpiel voran gehen. Hören Sie alſo: meine Gemahlin, die Fürſtin Metternich, i auch die Mutter meiner Kinder, aber,— ich liebe ſie dennoch Die Fürſtin entbehrt jedes Liebreizes, jeder äußern Annehmlichkeit, ich habe das immer gewußt, und ſie nicht aus Liebe, ſondern aus Politik — denn die Fürſtin gehörte einer Familie und einer Partei die hier am Kaiſerhofe ſehr mächtig und mir ſehr nützlich war, die Sni war indeß außerdem ſehr ehrgeizig und beſitzt einen ſcharfen Verſtand. Wie wir uns verheiratheten, gelobten wir uns feſtes Zu⸗ ſammenhalten in allen politiſchen Dingen, aber zugleich für ſie und für mich die Freiheit, Jeder ſeinen Weg ungenirt zu gehen. Und wir haben Beide dies Gelöbniß treulich erfüllt. In politiſchen Dingen haben wir immer feſt zu einander gehalten, und ich verſchmähe es Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 8 114 keineswegs, politiſche Chancen, die der Mühe werth ſind, mit ihr zu überlegen,— in andern Dingen, namentlich aber in den Herzensange⸗ legenheiten, ſind wir Jeder unſern eigenen Weg gegangen und gehen ihn noch. Alle Welt weiß das und ſieht das ja, und hat manches Aergerniß daran genommen, denn wir haben uns Beide niemals genirt. Dennoch aber, wie geſagt, achte ich die Fürſtin von ganzem Herzen, aber— ich liebe ſie nicht.*)— Da haben Sie mein aufrichtiges Be⸗ kenntniß, theuerſter Graf, und jetzt wiederhole ich meine Frage: lieben Sie Ihre Gemahlin, die Frau Gräfin Neipperg? Nun, mein Fürſt, rief der Graf lachend, die Geſchichte meiner Ehe iſt eine vollkommene Wiederholung der Ihrigen, und damit iſt Alles geſagt! Ich liebe meine Gemahlin nicht, und habe ſie niemals geliebt. Der Wille und Wunſch unſerer Familien hat uns vermählt, wir haben unſere Ehe mit Anſtand, wie ein bequem ſitzendes Staatskleid getragen, in dem wir uns aber niemals häuslich fühlten. In den letzten Jahren indeß haben wir uns weniger von dem Genre dieſer Ehe bedrückt ge⸗ fühlt, denn wir waren immerfort getrennt. Mich hielt der Krieg fern, meine Gemahlin war mit der Erziehung unſerer Söhne und der Ver⸗ waltung unſeres Gutes, das in Würtemberg liegt, beſchäftigt, und ſo glaube ich, haben wir gegenſeitig faſt vergeſſen, daß wir vermählt ſind, und erinnern uns nur daran, wenn wir uns alle Quartal über den Stand unſerer Angelegenheiten und das Wohlergehen unſerer Söhne Nachricht geben. Ihr Hetz iſt alſo vollkommen frei, Herr Graf? Ich glaube, ja, ſagte der Graf zögernd. Ach, Sie glauben, rief Metternich lächelnd. Nun, mein lieber Graf, ich glaube das nicht!— Ich will Ihnen die Wahrheit ſagen: Sie lieben die Kaiſerin Marie Louiſe! Der Graf zuckte zuſammen und eine tiefe Röthe flammte einen Moment über ſein Antlitz hin, um dann einer tödtlichen Bläſſe Platz zu machen. Wiſſen Sie, Durchlaucht, ſagte er beklommen und verwirrt, *) Metternich's eigene Worte. Siehe: Kaiſer Franz und Metternich.(Von Hormayr.) S. 90. ind, hne wiſſen Sie, daß Sie mich da zugleich eines Hochverraths und eines Unglücks zeihen? Wie ſo denn, Graf? Es wäre ein Hochverrath, wenn ich die Tochter meines Kaiſers, die Erzherzogin und Kaiſerin, zu lieben wagte, es wäre für mich ein Unglück, denn die Erzherzogin haßt mich! Reden wir zuerſt von Ihrem Hochverrath, Graf! Wiſſen Sie, warum ich Sie, und gerade Sie zum Begleiter und Ehren-Cavalier der Kaiſerin Marie Louiſe auserkor? Weil Sie ein ſehr tapferer Soldat und Ehrenmann, ein ſehr vornehmer Edelmann, ein ſehr ele⸗ ganter Cavalier, ein ſehr intereſſanter Geſellſchafter und ein ſehr ſchöner Mann ſind. Ach, Durchlaucht, rief Neipperg lachend, indem er auf die ſchwarze Binde ſeines Auges hindeutete, man iſt nicht ſchön, wenn man einäugig iſt, und das Geſicht von Narben zerfetzt hat. Die Narben ſind die Wappenſchilder Ihres Ruhms, und was die Einäugigkeit anbetrifft, ſo hat das den Damen nur Gelegenheit ge⸗ geben, Ihnen ein neues Epitheton daraus zu verleihen, denn ſie nennen Sie ſeitdem„den blinden Amor.“ Ich wußte, daß man Sie ſo nennt, und meine Gemahlin, ſowie die Fürſtin Bagration verſicherten mich, vaß, wenn es Ihnen Ernſt iſt, eine Frau zu gewinnen und ihre Libe zu erobern, es keine Frau giebt, die Ihnen zu widerſtehen vermöchte. Ich weiß nicht, ob dieſe beiden Damen aus Erfahrung ſprechen, aber ich weiß, daß ich gern die Erfahrung machen wollte, ob ſie Recht hatten, und daß ich Sie deshalb zum Ehren⸗Cavalier der Erzherzogin Marie Louiſe und zu ihrem Reiſebegleiter ernannte. Und jetzt, Durchlaucht, haben Sie die Erfahrung gemacht, daß man Ihnen falſch berichtete. Die Erzherzogin Marie Louiſe haßt mich. Vielleicht haben Sie ſich nicht mit Ernſt und Eifer um ihre Gunſt bemühen wollen? Vielleicht finden Sie die Kaiſerin nicht intereſſant, nicht ſchön, nicht liebenswürdig und anmuthig? Ach, Durchlaucht, ſie iſt das reizendſte, bezauberndſte, liebens⸗ würdigſte, geiſtreichſte Weſen, das ich je geſehen! Der Hochverrath iſt alſo erklärt, Sie lieben Marie Louiſe. Still, 8* 116 ſtill, vertheidigen Sie ſich nicht, ſondern gönnen Sie einem Rechen⸗ meiſter, der ſich eine ſchwierige Aufgabe geſtellt hatte, den kleinen Triumph, zu ſehen, daß ſein Erxempel richtig gerechnet iſt und die Probe aushält. Aufrichtig alſo: ich wünſchte und hoffte, daß Sie die Erzherzogin lieben ſollten, ich rechnete dabei auf Ihr Herz und— auf Ihren Ehrgeiz. Denn man mag noch ſo ſehr Philoſoph ſein, es iſt immerhin ſchmeichelhaft für einen tapferen General, wenn er eine Feſtung erobert, welche dem Kaiſer und Feldherrn Napoleon gehört und von ihm vertheidigt wird; es iſt immerhin ſchmeichelhaft für einen noch ſo hochgeborenen Grafen, der bevorzugte Freund, und,— ſagen wir das Wort,— der Geliebte einer Kaiſerstochter, einer Erzherzogin zu ſein! Ich rechnete alſo auf Ihr Herz und Ihren Ehrgeiz! Und jetzt, mein Freund, jetzt, da wir uns ſo lange von Herzensangelegen⸗ heiten unterhalten haben, jetzt dürfen wir uns wohl erlauben, uns auch einige Momente mit der Politik zu beſchäftigen. Sie fragten vorhin, ob die Erzherzogin Marie Louiſe Ausſichten habe, bald in den Beſitz des Herzogthums Parma zu gelangen, und ich gab Ihnen vorher eine ausweichende Antwort, jetzt will ich Ihnen beſſer antworten: es hängt von Ihnen ab, lieber theurer Graf, ob die entthronte Kaiſerin, die heimgekehrte Erzherzogin bald die ſouveraine Herzogin von Parma werden kann. Von mir? rief der Graf erſchrocken. Was kann ich dazu thun, Durchlaucht? Sie können Alles dazu thun, Graf, und Sie müſſen den Willen und die Abſicht haben, Alles zu thun! Sie müſſen Marie Louiſe ver⸗ geſſen machen, daß ſie Kaiſerin und Franzöſin war, und ſie fanft dahin bringen, daß ſie ſich wieder als Erzherzogin und als Deutſche fühlt. Sie müſſen als tapferer General Breſche ſchlagen in die Feſtung ihres Herzens, und müſſen die Liebe, das Bild und die Erinnerung Napo⸗ leons daraus verjagen. Sie müſſen die Erzherzogin gelehrig und füg⸗ ſam machen, auf vaß ſie einſieht, daß ihge Eriſtenz und die ihres Sohnes nur wieder eine feſte und geſicherte werden kann, wenn ſie ſich ganz und gar von Napoleon losfagt, wenn ſie ihren Vater ermächtigt, bei dem Papſt zu Nom auf eine Trennung ihrer Ehe mit dem Exkaiſer 117 Napoleon anzutragen, und wenn ſie öffentlich und in's Geheim jeden Verkehr mit dem Gefangenen von Elba aufgiebt. Sobald ſie dieſe Entſchlüſſe faßt, und durch ihre Handlungen die Aufrichtigkeit derſelben bewährt, iſt ihr das Herzogthum Parma geſichert, und ſie kann dort reſidiren, vorausgeſetzt, daß ſie neben ſich einen vertrauten und klugen Rathgeber hat, der ihre politiſche Unerfahrenheit leitet, und ihr das Geſchäft der Staatsregierung nach Kräften erleichtert. Ein ſolcher Rathgeber müßte alſo Marie Louiſens Staatsminiſter ſein, ein Mann voll Einſicht, Mäßigung, Verſtand und Klugheit, mit einem Wort, Sie, Graf Neipperg, müßten es ſein! Der Graf erröthete vor Vergnügen und ein Blitz flammte in ſeinen Angen auf, aber er unterdrückte ihn ſchnell und ſchlug die Augen nieder. Ich ſagte Ihnen ja, Durchlaucht, daß die Kaiſerin mich verabſcheut und haßt, bemerkte er traurig. Mein Freund, die Liebe fängt ſehr oft mit dem Haß an, und die Herren von Bauſſet und von Meneval, welche Sie beklagten, weil Marie Louiſe hart und grauſam gegen ſie war, die müſſen ſehr wenig die Politit der Liebe und die Herzen der Frauen tennen. Wenn die Frauen fühlen, daß ſie angegriffen werden und daß ſie zu ſchwach ſind, um dem Angriff widerſtehen zu tönnen, ſo machen ſie es, wie die Schnecke es in ihrem Hauſe macht. Sie kriechen hervor aus der Feſtung ihres Herzens, ſtrecken ihre Hörner vor und greifen an, um ſich zu vertheidigen und zu retten. Es kommt dann Alles darauf an, daß man die kleinen zierlichen Schueckchen bei den Hörnern ergreift und ſie verhindert, wieder in ihre Feſtung zurückzukriechen, ſondern ſie zwingt, ihr wahres und wirkliches Antlitz zu zeigen. Marie Louiſe vertheidigt ſich mit dem Haß gegen die Liebe, glauben Sie das einem Manne, der von ſich ſagen darf, daß er die Frauen kennt, und ſich dieſe Kenntniß mit hundert ſüßen und bittern Erfahrungen erkauft hat. Oh, was Sie da ſagen, macht meinen Kopf wirre, und mein Herz beben vor Entzücken, murmelte der Graf. Sie zeigen mir da ein Glück, welches ſo blendend iſt, daß ich fürchte, es ſich in einen Blitz verwandeln zu ſehen, der mich zerſchmettert und vernichtet. Dieſe 3 118 ſchöne liebreizende Frau, welche ich anbete, welcher jeder Pulsſchlag meines Herzens, jeder Gedanke meines Kopfes gehört, die ſollte eines Tages mich lieben können! Sie wird es, wenn Sie als tapferer General um ſie werben. Sie haben Ihre Narben, Ihre Schönheit, Ihren Geiſt für ſich, und endlich haben Sie noch die Kunſt als Ihren Schildknappen. Sie ſind Virtuos, ein Meiſter des Clavierſpiels! Die Muſik iſt aber die beſte Bundes⸗ genoſſin der Liebe, ſie umſtrickt die Sinne mit allerlei träumeriſchen und nebelhaften Gefühlen, ſie hüllt die Gedanken in duftige Schleier von Träumereien, Phantaſterei und Poeſie, und lullt die Vernunft ein zum Beſten des Gefühls. Es iſt eine recht ſinnliche Kunſt, die Muſik, und deshalb haben die Bildhauer und Maler Recht, welche dem Amor eine Leier in den Arm legen. Wenn der Amor ſingt und muſicirt, widerſteht ihm kein Frauenherz. Muſiciren Sie alſo, mein ſchöner blinder Amor, muſiciren Sie Marie Louiſens Herz wach, ſingen Sie ihre Erinnerungen in ewigen Schlaf, und lullen Sie ihre Kaiſerliebe mit den Wiegenliedern einer neugebornen zweiten Liebe ein. Das iſt Ihre Aufgabe, und bei Gott, mich dünkt, es iſt eine ſchöne und ſtolze Aufgabe. Der Nebenbuhler eines Napoleon zu ſein, iſt immer ſchon Etwas, ihn beſiegt zu haben, iſt ſehr Viel! Nur daß, ſelbſt wenn ich das Glück hätte zu ſiegen, dieſer Sieg ſich in Schweigen und Geheimniß zurückziehen müßte, ſeufzte der Graf, nur daß die Welt niemals erfahren dürfte, daß ich gewagt, auch nur der Nebenbuhler Napoleons bei der Tochter des Kaiſers von Oeſter⸗ reich zu ſein! Und warum nicht, mein Freund? Was war denn Napoleon, der erſte Gemahl dieſer Tochter des Kaiſers? Er war der Sohn eines Advokaten, war ſelbſt ein armer Artillerie-Offizier. Nun, Sie ſind Graf und General; die Kaiſerin wird ſich in eine Herzogin verwandeln, und dadurch einige Stufen zu Ihnen herabſteigen; Sie werden ſich vielleicht in einen Fürſten, einen Feldmarſchall verwandeln, und dadurch einige Stufen zu ihr heraufſteigen, ſo werden Sie ſich begegnen und ſich die Hand reichen können,— iſt es dabei nicht gleichgültig, ob Sie ſich die rechte oder die linke Hand reichen? Aber ich verliere mich da in 119 in Träumereien über die Zukunft, und wir wollten zunächſt doch von der Gegenwart ſprechen. Ich wiederhole Ihnen alſo, theuerſter Graf, machen Sie vus der franzöſiſchen Kaiſerin wieder eine deutſche Erz⸗ herzogin und ſeien Sie der Zufriedenheit des Kaiſers und Ihres eigenen Glückes gewiß. Man ſieht wohl, Durchlaucht, daß Sie die Kaiſewn wenig be⸗ obachtet haben, ſagte Graf Neipperg ſeufzend, ſie iſt treu in ihrem Lieben und in ihrem Haſſen. Sie liebt Napoleon und haßt mich! Ich glaube und fürchte daher, Durchlaucht, daß es zur Erreichung Ihres Planes nothwendig ſein wird, daß Sie einem anderen, der Kaiſerin weniger verhaßten Ehren-Cavalier dieſe Miſſion anvertrauen: die Kaiſerin ihre Liebe vergeſſen zu machen. Es iſt für mich ein tiefer Schmerz, eingeſtehen zu müſſen, daß ich nicht im Stande bin, dieſe herrliche und glanzvolle Miſſion auszuführen, aber ich hatte Ihnen die Wahrheit verſprochen und ich mußte ſie alſo ſagen. Blinder Amor, wirklich, die Frauen haben Recht, Sie den blinden Amor zu nennen. Sie ſehen nicht, mein Freund! Nun, ich will Sie ſehend machen! Ich gehe alſo auf Ihren Vorſchlag ein: zeigen Sie ſich heute nicht bei der Kaiſerin, gehen Sie morgen früh zu ihr und bieten Sie ihr an, daß Sie, um ihrem Wunſche zu genügen, bei dem Kaiſer um Ihre Entlaſſung nachſuchen und bitten würden, für Marie Louiſe einen andern Ehren⸗Cavalier zu beſtimmen. Sie wird mein Anerbieten annehmen, ſie wird mich entlaſſen, rief der Graf mit zitternder Stimme und mit erbleichenden Wangen. Wir werden ja ſehen, ob ſie es thut, ſagte Metternich lächelnd. Es iſt die Probe meines Erempels; wenn Marie Louiſe Sie wirklich entläßt, ſo habe ich falſch gerechnet; wenn ſie es nicht thut, ſo werden Sie ſich Ihrer Miſſion erinnern, und der Ehren⸗Cavalier der Kaiſerin wird all ſeinen Geiſt und ſeinen Witz anwenden, die Kaiſerin in eine Herzogin, Sie ſelber in einen Staatsminiſter zu verwandeln. Ich werde Ihnen bei dieſem Bemühen nach beſten Kräften beiſtehen, und mich mit Ihnen verbinden, um das Glück, die Zukunft und Ruhe Marie Louiſens zu ſichern. Ich werde damit anfangen, die Kai⸗ ſerin zu veranlaſſen, daß ſie ihre Livréen und ihre Wappen ändert, 120 und Sie werden damit anfangen, daß Sie Ihre Entlaſſung anbieten! An's Werk alſo, mein theuerſter Grafl Ja, an's Werk, ſeufzte Graf Neipperg, indem er ſich erhob und zum Gehen anſchickte, aber ich verſichere Ew. Durchlaucht, daß mir ſehr bange iſt, und daß ich vor dem morgenden Tage mehr Sorge und Furcht empfinde, als ich jemals an dem Vorabend einer Schlacht ge⸗ habt habe. Morgen erwartet mich auch eine Schlacht, nur werde ich meine Wunden nicht außen an meiner Stirn, ſondern innen an meinem Herzen empfangen! Nun, dieſe Angelegenheit wird, denke ich, ihren normalen Lauf gehen, ſagte Metternich, als der Graf ihn verlaſſen hatte und er wieder allein war. Der ſchöne und liebenswürdige Graf Neipperg wird ſeine Schuldigkeit thun und die Feſtung erobern. Ich werde ihm dabei helfen und einige Hülfstruppen für ihn in's Feld rücken laſſen. Die Kaiſerin Marie Louiſe hat in Paris gelernt, daß die öffentliche Meinung eine wichtige Sache iſt, und daß man das Murren des Volkes nicht unbeachtet laſſen darf. Wir wollen ihr beweiſen, daß es auch in Wien eine öffentliche Meinung giebt, daß das Volk auch hier zu murren ver⸗ ſteht, wenn ihm eine Sache nicht gefällt. Sie ſoll erkennen müſſen, daß unſerm lieben Wiener Volk ihre Kaiſerlivréen und ihre Kaiſer⸗ wappen durchaus nicht gefallen! II. Marie Touiſe. Marie Loniſe ging mit haſtigen, unruhigen Schritten in ihrem Kabinet auf und ab, zuweilen forſchende Blicke nach dem Fenſter hin⸗ werfend, dann bei dem geringſten Laut ſtehen bleibend und horchend. Sie werden ſehen, meine liebe Gräfin, ſagte ſie dann nach einer langen Pauſe, indem ſie ſich an die Dame wandte, die neben dem Tiſch 121 in der Mitte des Cabinets ſtand, und mit ehrerbietiger Aufmerkſamkeit jeder Beſdegung der Kaiſerin gefolgt war, Sie werden ſehen, daß der Kaiſer nicht kommt, daß man mich ganz und gar vergißt und ver⸗ nachläſſigt. Ich bin ſeit geſtern von meiner Reiſe zurückgekehrt, ich habe ſogleich einen Courier an meinen Vater geſandt und ihn gebeten, mir zu erlauben, daß ich ihm und meiner Familie ganz in der Stille und ganz incognito meinen Beſuch mache, aber er hat es mir abge⸗ ſchlagen, er hat mir ſagen laſſen, er würde heute mit der Kaiſerin zu mir nach Schönbrunn kommen, um mich zu beſuchen. Und er kommt nicht, oh, Sie werden ſehen, die Kaiſerin, meine Stiefmutter, wird es bei ihm durchgeſetzt haben, daß mein Vater nicht kommt, daß meine Schweſtern und Brüder ſich fern von mir halten. Oh, meine Stief⸗ mutter haßt mich ſo ſehr, ſie hat es mir nie vergeben, daß ich damals in Dresden vor ihr den Vortritt gehabt, daß ich ſie in den Schatten geſtellt habe. Die Kaiſerin Ludovica haßt mich, und ſie will jetzt ihre Rache nehmen für Dresden. Oh, mein Gott, Gräfin, welch ein un⸗ glückſeliges, beklagenswerthes Geſchöpf bin ich doch! Alles verläßt mich, Alles giebt mich auf! Was habe ich denn gethan, was habe ich denn verſchuldet, daß ich ſo viel Unglück und Strafe verdient? Ew. Majeſtät ſind die Gemahlin des großen Kaiſers geweſen, deſſen Name genügt, um alle die hier in Wien verſammelten Fürſten mit Scham und daher mit Zorn zu erfüllen, ſagte die Gräfin Brignole ernſt. Das iſt Ihre Schuld, Majeſtät; Sie ſind ein lebendes, unab⸗ weisbares Denkmal von der Macht und Größe Napoleons, deſſen Exiſtenz jetzt Alle ſo gern vergeſſen und verleugnen möchten,— des⸗ halb wird man vielleicht jetzt Ew. Majeſtät auch zu vergeſſen trachten. Oh, es iſt grauſam, höchſt grauſam, rief Marie Louiſe, während ihre großen blauen Augen ſich mit Thränen füllten, die dann langſam über ihre roſigen Wangen niederrollten Sagen Sie ſelbſt, iſt es nicht grauſam, wie man mit mir verfährt? Vor vier Jahren gebietet mir der Kaiſer, mein Vater, ich ſolle den Kaiſer Napoleon heirathen, das heißt, einen Mann, den ich niemals geſehen, und den man mich bis dahin gelehrt hatte, zu verabſcheuen und zu haſſen. Jetzt aber war die Politik eines Opfers bedürftig, und ich ſollte das Opfer ſein! Man „ 122 achtete nicht meines Flehens, meiner Angſt, meiner Thränen, man ſagte mir, die Prinzeſſinnen hätten die Pflicht, als ſtumme und gehor⸗ ſame Werkzeuge der Politik ſich dahin ſtellen zu laſſen, wohin man ſie ſtellen wolle, um dem Wohl des Staats, dem ſie angehörten, zu dienen. Der Kaiſer befahl mir, die Gemahlin Napoleons zu werden, er befahl mir, meinen Gemahl zu lieben, und ihm in allen Dingen Ge⸗ horſam, Treue und Anhänglichkeit zu beweiſen.*) Nun wohl, ich unterwarf mich, ich gehorchte, und ward die Gemahlin Napoleons. Anfangs fürchtete ich ihn, aber er,— er liebte mich, und die Liebe trieb die Furcht aus, ich liebte und bewunderte ihn, und dankte meinem Vater von ganzer Seele, daß er mich zu meinem Glück gezwungen. Ich war eine glückliche Kaiſerin, ein glückliches Weib, eine glückliche Mutter. Und nun, ſehen Sie mich an, Brignole, was bin ich jetzt? Eine verlaſſene, einſame Frau ohne Namen, ohne Gemahl, ohne Titel! Eine Frau, die durch die Armee ihres eigenen Vaters ihrer Krone, ihres Reiches und ihres Gemahls beraubt worden iſt, und die bei ihrem Beſieger jetzt Hülfe und Schutz ſuchen muß, weil dieſer Beſieger ihr Vater iſt! Sie ſtieß einen lauten Wehelaut aus, und ſchlug ihre Hände vor ihr Angeſicht, um ihre Thränen und ihr Schluchzen zu erſticken. Ihre Oberhofmeiſterin, die Gräfin Brignole, betrachtete ſie mit kalten, ſtrengen Blicken. Ew. Majeſtät haben indeſſen Unrecht, ſich zu beklagen, ſagte ſie. Es hängt nur von Ihnen ab, frei, geehrt, glücklich und von der Welt beneidet zu ſein. Marie Louiſe richtete ihr Haupt haſtig empor und blickte mit ihren, noch von Thränen umdüſterten Augen erſtaunt in das düſtere, ſtrenge Antlit ihrer Oberhofmeiſterin. Sie wollen mich alſo verſpotten, Brignole? fragte ſie. Nein, Majeſtät, es würde mir ſchlecht anſtehen, das Unglück zu verſpotten. *) Ménval. II. p. 5. ——— 123 Wie denn könnte es von mir abhängen, frei, glücklich und von aller Welt beneidet zu werden? Kaiſerin, der Mann, dem Sie angehören, dem Sie Treue und Liebe geſchworen, der der Vater Ihres Sohnes iſt, dieſer Mann lebt! Gehen Sie zu ihm, gehen Sie nach Elba, und Sie werden frei, Sie werden wieder Kaiſerin, Sie werden wieder glücklich ſein, denn Sie werden Ihre Pflicht gethan haben, und alle Frauen werden Sie be⸗ neiden, daß es Ihnen vergönnt iſt, den Heros in ſeinem Unglück zu tröſten! Ach, Gräfin, rief Marie Louiſe ſchmerzlich, Sie wiſſen wohl, daß ich keinen Willen haben darf, daß der Befehl meines Vaters mich heute ſo gut zwingt, hier zu bleiben, wie er mich vor vier Jahren gezwungen hat, von hier fortzugehen. Wer kann eine Frau zwingen, ſich von ihrem Gemahl zu trennen, wenn ſie es nicht will? fragte die Gräfin mit ſtrengem Ton. Ich wiederhole Ihnen, Majeſtät, was Ihnen Ihre Großmutter, die Königin Caroline von Neapel ſagte, als Sie vor Ihrer Reiſe von ihr Abſchied nahmen.„Wenn man Sie hindern will, zu ihrem Gemahl zu gehen, ſo müſſen Sie Nachts Ihre Betttücher an das Fenſter binden, und ver⸗ kleidet entfliehen, um zu Napoleon zu gehen. Er iſt Ihr Gemahl, und wenn man ſich verheirathet hat, ſo iſt das für's ganze Leben. Ent⸗ fliehen Sie alſo, eilen Sie zu Ihrem Gemahl, und alle Welt wird Ihnen Beifall ſpenden.“*) Entfliehen, um von den Spionen, die mich ewig umſchleichen und umlauern, wieder eingeholt, und wie eine Verbrecherin zurück gebracht zu werden! rief Marie Louiſe entſetzt. Oh nie, nie würde ich den Muth dazu haben, denn ich weiß, daß eine Flucht unmöglich iſt, daß ſie nicht gelingen kann! Ein raſcher Blitz leuchtete in den dunklen Augen der Gräfin auf, und ſie ſchritt haſtig zu der Kaiſerin hin. Aber wenn man Ew. Ma⸗ jeſtät einen ganz ſichern Weg zur Flucht angeben könnte, ſagte ſie ge⸗ heimnißvoll, wenn man eine Verkleidung anſchaffte, welche Ew. Majeſtät *) Méneval: Mémoires. Vol. III. p. 9. „ 124 unkenntlich machte, wenn man ſichere Führer bereit hielte, Begleiter, die 4 lieber ſterben, als ihre Kaiſerin verlaſſen, wenn man für raſche Pferde,* für ein ſchnell ſegelndes Schiff geſorgt hätte, wenn Alles zur Flucht mit Vorſicht und Verſchwiegenheit bereitet wäre, würden Ew. Majeſtät. dann thun, was Ihre Großmutter, die Königin Caroline, ſagte, daß. Sie thun müßten, würden Sie dann nach Elba gehen, um ſich mit Ihrem Gemahl zu vereinigen? Gräfin, ſtammelte die Kaiſerin erſchrocken, und mit erbleichenden Wangen, Sie wollen doch nicht ſagen, daß— Das donnernde Geräuſch heranrollender Wagen machte Marie Louiſe verſtummen. Sie eilte an's Fenſter und ſchaute hinaus. Es iſt der Kaiſer und die Kaiſerin, rief ſie beklommen. Gräfin, ſehen Sie mich an. Sieht man, daß ich geweint habe? Man ſieht es, ſagte die Gräfin ernſt, aber die Thränen, die man um das Unglück des Gemahls weint, ehren jede Frau. Die Kaiſerin ſoll aber nicht ſehen, daß ich geweint habe, rief Marie Louiſe, und ſie eilte zum Spiegel hin, beſchaute prüfend ihr eigenes Bild, und ordnete mit haſtigen Händen ihren Kopfputz und die Spitzen und Schleifen, die ihre vollen weißen Schultern an dem Aus⸗ ſchnitt des blauen Atlaskleides einfaßten. Erlauben Ew. Majeſtät, daß ich mich auf mein Zimmer zurück⸗ ziehe, ſagte die Gräfin Brignole, ſich tief verneigend. Da die Ma⸗ jeſtäten ſich nicht melden laſſen, ſcheinen ſie sans cérémonie kommen zu wollen, und alſo wäre es nicht ſchicklich, daß ich bei dieſer Familien⸗ ſcene anweſend wäre. Marie Louiſe antwortete ihr nicht. Sie war noch immer damit beſchäftigt, vor dem Spiegel ihre Toilette zu ordnen, und jede Spur von Trauer aus ihren Mienen zu verbannen. Gräfin Brignole wandte ſich um, und indem ſie mit eiligen Schritten das Cabinet der Kaiſerin verließ, murmelte ſie: ſie hat ein eitles, kaltes Herz. Es wird nicht gelingen, ſie zur Flucht zu bereden, denn ihr fehlt die Liebe und der Muth! Die Oberhofmeiſterin hatte kaum das Cabinet der Kaiſerin verlaſſen, als da drüben die beiden Flügelthüren des Salons geöffnet wurden, mit fin, nan ien⸗ mit pur tten ltes ihr ſen, 125 und der Kammerherr der Kaiſerin mit lauter Stimme rief: Ihre Ma⸗ jeſtäten der Kaiſer und die Kaiſerin. Marie Louiſe eilte raſch durch das Gemach hin, um mit lachendem, heiterm Geſicht ihren kaiſerlichen Aeltern entgegen zu gehen. Sie hatte noch nicht die Thür erreicht, als auf der Schwelle derſelben die hohe, ſtattliche Geſtalt des Kaiſers Franz erſchien, hinter dem man das bleiche ernſte Antlitz der Kaiſerin Ludovica gewahrte. Ah, mein Vater, rief Marie Louiſe mit dem Ausdruck freudiger Verwirrung, wie Sie mich überraſchen! Ich habe Ihr Kommen gar nicht gehört! Wir wollten Dich auch überraſchen, meine Tochter, ſagte Kaiſer Franz, mit ſeinem heitern gutmüthigen Geſicht ſeine Tochter anſchauend und ihr freundlich zunickend. Jetzt komm her, mein Kind, komm in die Arme Deines Vaters! Willkommen ſei Deine Heimkehr! Ja, willkommen ſei Deine Heimkehr, wiederholte die Kaiſerin Ludovica, ſich Marie Louiſe nähernd, und ihr freundlich zunickend. Marie Louiſe, welche ſich eben mit Thränen der Rührung ihrem Vater in die Arme geworfen, zuckte leiſe zuſammen bei den Worten der Kaiſerin.— Seit ihrer Vermählung hatte ihre Stiefmutter ſie ſo⸗ wohl in jenem berühmten Beiſammenſein in Dresden und in Prag, wie auch in den Briefen, die ſie an die Kaiſerin nach Paris geſandt, immer mit dem ceremoniellen und feierlichen„Sie“ angeredet.— Jetzt nannte die Kaiſerin Ludovica ſie wieder„Du“, und Marie Louiſe em⸗ pfand das nicht als einen Beweis ihrer Liebe und Herzlichkeit, ſondern als eine Zurückſetzung und Vernachläſſigung. Ew. Majeſtät ſind zu gütig, mich willkommen zu heißen, ſagte ſie, ſich aus den Armen des Kaiſers aufrichtend, und ſich tief vor der Kaiſerin verneigend. Nicht ſo, nicht ſo, mein Kind, rief der Kaiſer in ſeinem ungenirten Wiener Dialekt, ſind halt nit gekommen zum feierlichen Ceremoniell, ſondern es iſt der Vater und die Mutter, welche Dich willkommen heißen, meine Tochter. Da gieb alſo Deiner Mutter einen herzlichen Kußerl, und laß uns vertraulich mit einander plaudern. Die Kaiſerin Ludovica ſchloß Marie Louiſe mit herzlicher Zuvor⸗ 126 kommenheit in die Arme, und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Sei nochmals willkommen, meine Tochter, ſagte ſie. Ich verſpreche Dir hiermit feierlich meinen Schutz, meine Protektion und meine Liebe, und werde thun, was in meinen Kräften ſteht, um die beklagenswerthe und demüthigende Stellung, in der Du Dich befindeſt, zu erleichtern. Marie Louiſe empfand jedes dieſer anſcheinend ſo herzlichen und zärtlichen Worte wie einen Dolchſtoß, und ihr verwundetes Herz ſtrömte ſein Blut in ihre Wangen. Ich bin gewiß, ſagte ſie, ſich dem Kaiſer zuwendend, ich bin ge⸗ wiß, daß mein theurer Vater Alles thun wird, um mein Glück und meine Zukunft zu ſichern, und um mir eine Stellung zu geben, wie ſie einer Kaiſerin gebührt, deren Majeſtät von allen Fürſten Europa's anerkannt worden. Kaiſer Franz huſtete leicht, wie er es zu thun pflegte, wenn irgend eine Sache oder Situation ihn genirte und ihm unbequem war. Mein Kind, ſagte er, ſeine lange dürre Hand auf Marie Louiſens Schulter legend, ſprechen wir halt ganz aufrichtig miteinander, und ſehen wir die Sachen klar und deutlich, ſo wie ſie ſind. Du nennſt Dich eine Kaiſerin, und ſagſt, ganz Europa habe Deine Majeſtät anerkannt. Das kann möglich ſein, aber es iſt halt ſchon ſo lange her, und iſt ſeitdem ſo Vieles paſſirt, daß ich die Dinge, die ſo lange her ſind, darüber vergeſſen habe. Ich weiß nur, daß meine Tochter Marie Louiſe, die wegen einer Badekur nach Aix gegangen war, zu uns zu⸗ rückgekehrt iſt, und daß wir gekommen ſind, die heimgekehrte Erzher⸗ zogin von ganzem Herzen willkommen zu heißen. Als meine Tochter kannſt Du über Alles, was ich habe, verfügen, und jedes meiner Schlöſſer, welches Du wählen magſt, gebe ich Dir, jeden Wunſch, den ich Dir erfüllen kann, erfülle ich Dir mit Freuden. Aber als Sou⸗ verainin und als Kaiſerin kenne ich Dich nicht.*) Marie Louiſe ſenkte traurig ihr Haupt auf ihre Bruſt, und ein ſchwerer Seufzer entwand ſich ihrem Herzen. Aber Sie ſollten doch der Verlaſſenheit und Hülfloſigkeit unſerer *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Méueval, Mémoires. III. 5. Sei Dir und und und römte 127 armen geliebten Marie Louiſe ſich erbarmen, ſagte die Kaiſerin freund⸗ lich. Sie müſſen bedenken, daß unſere arme Tochter jetzt gewiſſermaßen ohne Namen, ohne Rang, ohne Stand iſt, und daß man kaum weiß, wie man ſie nennen ſoll. Hier in Schönbrunn hört man ſie noch immer als Kaiſerin und Majeſtät tituliren, aber außerhalb dieſes Schloſſes weiß Niemand etwas mehr von ihrer Majeſtät und ihrem Kaiſerthum. Man will ſie nicht als Kaiſerin betrachten, und wagt nicht, ſie wieder als Erzherzogin zu behandeln. Die fremden Souve⸗ raine machen daher der armen Marie Louiſe nicht, wie ſie es doch ihren Brüdern und Schweſtern gethan, ihren Beſuch, und noch geſtern ſagte die Kaiſerin Eliſabeth von Rußland zu mir: Ich würde gern nach Schönbrunn gehen, und die unglückliche verlaſſene Frau, die dort wohnt, beſuchen. Aber ſagen Sie mir nur, wie ich ſie nennen, welchen Titel ich ihr geben ſoll? Ich mußte leider ſchweigen, und konnte der Kaiſerin keine genügende Auskunft geben. Marie Louiſe hob ihr Antlitz haſtig empor und blickte nach ihrer Stiefmutter hin. Ihre Augen kreuzten ſich, wie zwei flammende Degen⸗ klingen im Duell. Sie hätten, glaube ich, der Kaiſerin von Rußland ſagen können, daß ich noch immer die Kaiſerin bin, rief Marie Louiſe heftig, Sie hätten ihr ſagen können, daß ich vor kaum zwei Jahren in Dresden alle ſouverainen Fürſten und Fürſtinnen Deutſchlands ſich vor mir neigen ſah; Sie hätten ihr ſagen können, daß die Kaiſerin von Oeſter⸗ reich mir damals nachſtehen, und mir dey Vortritt laſſen mußte; Sie hätten ihr ſagen können, daß die Krone noch nicht von meinem Haupt gefallen iſt, denn mein Gemahl lebt und er iſt Kaiſer! Ich bin daher eine Kaiſerin, ich habe einen Namen, denn ich heiße Marie Louiſe, wie Sie Ludovica heißen, ich habe einen Titel, denn man nennt mich Majeſtät, wie man Sie und wie man die Kaiſerin Eliſabeth nennt. Ich bin ferner keine verlaſſene Frau, denn mein Gemahl, der Kaiſer Napoleon, liebt mich, und begehrt meine Nähe, und ich bin auch keine arme Frau, denn mein Gemahl iſt der Herr über die Inſel Elba, und ich denke, dieſe Inſel wird wohl eben ſo groß ſein, wie das Herzog⸗ thum Modena, das Vaterland meiner erhabenen Stiefmutter. Aber 128 da es doch ſcheint, als wenn man mich hier nur beklagen und nicht anerkennen will, ſo beſchwöre ich Sie, mein Herr und Kaiſer, Sie, mein Vater, laſſen Sie mich zu meinem Gemahl nach Elba gehen! Dort wird Jedermann wiſſen, wie er mich zu nennen hat, dort werde ich die Gemahlin des Kaiſers, die Mutter des Kronprinzen ſein. Oh, mein geliebter Vater, haben Sie Erbarmen, entlaſſen Sie mich nach Elba! Der Kaiſer ſchüttelte haſtig und unwillig ſein Haupt. Red' mir nit ſolches Zeug, ſagte er unwillig. Haſt nichts zu ſchaffen mit dem Mann, den wir da auf Elba eingeſperrt haben, und ſollſt nimmer wieder mit ihm zuſammen kommen. Er iſt kein Kaiſer mehr, ſondern ein abgeſetzter Uſurpator, und Du biſt alſo auch keine Kaiſerin mehr, ſondern biſt halt wieder die Erzherzogin Marie Louiſe. Meine Ge⸗ mahlin, Deine Mutter, hat aber doch Recht, daß man im Augenblick nit weiß, wie man Dich nennen ſoll, denn ich kann doch Dich nicht wieder zur unverheiratheten Erzherzogin machen, da Du leider einen Sohn mit heimgebracht haſt, der immer wieder erinnern wird an das, was geweſen, wenn der heilige Vater zu Rom mir auch den Gefallen thut, Deine Ehe zu löſen und Dich von dem böſen Feind zu trennen. Dies Kind bleibt immer als ein trauriger Beweis unſerer Schande und Demüthigung übrig. Ja, ſeufzte die Kaiſerin Ludovica, dieſes Kind iſt eine traurige Laſt, ein ſchlimmes memento mori. Madame, rief Marie Louiſe, wenn Gott Sie jemals begnadigt hätte, Mutter zu werden, ſo würden Sie nicht ſo grauſam ſein, in Gegenwart einer Mutter ſo von ihrem Kinde zu ſprechen. Still, ſtill, mein Kind, ſagte der Kaiſer, ereifere Dich nicht ohne Noth und beleidige nicht Deine Mutter, die es gut mit Dir meint. Oh, mein Gemahl, ſagte Ludovica mit einem ſtolzen Lächeln, Marie Louiſe kann mich nicht kränken. Sie iſt unglücklich und den Unglücklichen verzeiht man es, wenn ſie ein wenig die Haltung verlieren! Marie Louiſe zuckte in ſich zuſammen, ihre Lippen zitterten, und ein leiſes Aechzen drang aus ihrer Bruſt hervor, welche von dieſem neuen Dolchſtoß ihrer kaiſerlichen Mutter ſich tief verwundet fühlte. nicht Sie, hen! verde ſein. mich mir dem nmer dern nehr, Ge⸗ blick nicht einen das, allen men⸗ ande 129 Der Kaiſer achtete nicht darauf und ſagte freundlich und gelaſſen: Wir ſind Beide hierher gekommen, liebes Kind, um Dich zu begrüßen und Dir zu ſagen, daß Deine Angelegenheit ſich hoffentlich günſtig ge⸗ ſtalten, und daß man Dich hoffentlich bald zur ſouverainen Herzogin von Parma und Piacenza ernennen wird. Freilich mußt Du auch Deinerſeits noch einige Schritte thun, um dies Ziel zu erreichen, aber meine Tochter wird klug und geſcheidt genug ſein, um vor dieſer Noth⸗ wendigkeit nicht zurückzuſchrecken. Der Metternich wird kommen, das Nöthige mit Dir darüber zu beſprechen, und Dir meinen Willen kund zu thun. Ich werde ihn mit Gehorſam empfangen, ſagte Marie Louiſe traurig, ich werde gewiß Alles, was man verlangt, thun, um mir das Herzogthum Parma, meinem Sohn einen Namen und ein Erbe zu ſichern. Der Kaiſer bekam wieder ſeinen Huſten. Das würd' halt doch nimmer angehen, ſagte er zögernd, ich kann halt nit in Italien eine neue Dynaſtie gründen, das Parma und Pia⸗ cenza gehört mir nicht, und es haben ſich ſchon die eigentlichen Eigen⸗ thümer gemeldet. Die vormalige Königin von Hetrurien verlangt als Vormünderin ihres Sohnes, des Prinzen von Toscana, die Herzog⸗ thümer Parma und Piacenza, und die ſpaniſchen Geſandten haben ſchon auf dem Congreß Klage geführt, daß wir die Herzogthümer eigen⸗ mächtig verſchenken wollen. Wenn wir's alſo zuletzt doch dahin bringen, daß wir Dich zur Herzogin von Parma machen, ſo wird's doch nur unter der Bedingung geſchehen, daß die Beſitznahme nur für die Zeit Deines Lebens gemeint iſt, und keine Nachfolge beanſprucht wird. Das heißt alſo, man will meinen Sohn enterben, ſagte Marie Louiſe, und die Thränen, die ſie nicht mehr zurück zu halten vermochte, floſſen in hellen Perlen über ihre Wangen nieder. Armes, unglückliches Kind, ſagte Ludovica mitleidsvoll, auch er hat keinen Namen und keinen Titel, und wenn man ihn jetzt nennen wollte mit dem Titel, den der Uebermuth ſeines Vaters ihm gegeben, ſo würde man nur verlacht und verhöhnt werden. Denn es giebt ſo wenig einen König von Rom, wie es einen Kaiſer von Frankreich giebt. Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 9 ₰ * 130 Oh, wie danke ich Gott, daß ich keine Kinder habe, da ich ſehe, wel⸗ chen Kummer und welche Schmerzen man für ſeine Kinder erleiden muß! Aber, mein Gemahl, Sie dürfen die arme Marie Louiſe nicht ſo in Trauer und Schmerzen über den kleinen Knaben laſſen, Sie müſſen in Ihrer Güte und Liebe auch ſeine Zukunft ſichern und ihm eine Exiſtenz begründen. Mag ſein Vater ſein, wer er will, ſo iſt doch ſeine Mutter jedenfalls Ihre Tochter und eine Erzherzogin von Oeſterreich, es iſt alſo eine heilige Pflicht, die Exiſtenz des Knaben zu ſichern. Ich werd' ihm eine ausreichende Appanage geben, ihm aus eini⸗ gen Gütern ein kleines Fürſtenthum zuſammenſtellen, ſagte Kaiſer Franz gelaſſen, und er kann ſich dann halt nach dem Fürſtenthum nennen, ſo lange er lebt; nach ſeinem Tode fällt es aber an mein Haus zurück. Aber wenn er ſich vermählt? fragte Marie Louiſe ſchüchtern. Wenn er Erben hat? Ja, das iſt freilich ein ſchlimmer Punkt, ſagte der Kaiſer ge⸗ dankenvoll. Hab' halt nit dran gedacht, daß der kleine Teufelsbraten ſich am Ende auch vermählen und eine neue Dynaſtie gründen könnt', — als ob wir noch nicht genug hätten an den Königen, Herzögen und Fürſten, die der Bonaparte, ſein Vater, hat vom Mond herunterfallen laſſen, und die jetzt alle Welt erfüllen mit ihrem Geſchrei, weil ſie halt nit runter wollen vom Thron, und weil man ſie doch halt runter ſchmeißen muß von den Thronen, die ihnen nit zukommen. Man müßte ein ſolches Embarras zu vermeiden ſuchen, mein theurer Gemahl, ſagte Ludovica mit einem ſanften Lächeln. Man müßte den unglücklichen Knaben von ſeiner Jugend an ſchon mit dem Gedanken vertraut machen, daß er ſich niemals vermählen darf. Man müßte ihn alſo für die Kirche beſtimmen, vielleicht einen Biſchof aus ihm machen.*) Einen Biſchof? rief Marie Louiſe empört. Mein Sohn, der Enkel des Kaiſers Franz, ſollte zu einem Biſchof gemacht werden? Und warum nicht? fragte Ludovica gelaſſen. Warum ſollte der 3 Mémoires. III. p. 58. wel⸗ iden nicht Sie ihm iſt von aben eini⸗ ranz men, rüc. ſern. r ge⸗ raten nnt⸗ und ollen il ſie unter mein Man tdem Mal f aus der 4 n* te der 131 Enkel des Kaiſers ſich nicht der Kirche weihen können, da es doch der Bruder des Kaiſers thut? Iſt nicht der Erzherzog Rudolf dem geiſt⸗ lichen Stande beſtimmt, und wird vielleicht bald ein geiſtliches Amt antreten? Der Erzherzog Rudolf indeſſen, mein theurer, geliebter Oheim, leidet an der ſchlimmen und gefährlichen Krankheit, welche die Spanier und Italiener in unſer Haus gebracht haben, rief Marie Louiſe er⸗ bittert. Der Erzherzog leidet gleich Ihren ſpaniſchen und italieniſchen Verwandten, Madame, an der Epilepſie. Und wer ſagt Dir, daß Dein Sohn nicht auch daran leiden wird? fragte die Kaiſerin. Ich habe ihn ſchon mehrmals gar ſeltſam zucken und Geſichter ſchneiden ſehen, aber freilich, das kann auch ein Erbtheil ſein von ſeinem Vater, der das Zucken und Geſichterſchneiden als ein Andenken an die ſchmutzige und ekelhafte Krankheit behalten hatte, die er als Artillerie⸗Officier ſich in den Kaſernen geholt.*) Wahrlich, meine arme Marie Louiſe, ich bewundere, daß Du die Annäherung eines Mannes ertragen konnteſt, deſſen bloße Berührung Dich der Ge⸗ fahr der Anſteckung ausſetzte. *) Napoleon litt viele Jahre an einem ſchlimmen und widrigen Hautaus⸗ ſchlag, der ihm indeſſen nicht zur Schande, ſondern zur Ehre gereichte. Als General bei der Belagerung von Toulon war er ſelber bei den Belagerungs⸗ geſchützen thätig, und gab den Kanonieren die Richtung an, in welcher ſie feuern ſollten. Eben hatte er einem Kanonier einen ſehr wichtigen Punkt be⸗ zeichnet, auf welchen er ſein Geſchütz abbrennen ſollte, als eine feindliche Kugel heranſauſte und den Kanonier todt zu Boden warf. Napoleon nahm mit Ge⸗ laſſenheit aus den Händen des Sterbenden die noch von ſeinem langen Halten warme Lunte, feuerte ſelbſt das Geſchütz ab, und behielt die Lunte in der Hand, um noch mehrere Schüſſe zu thun. Der Kanonier aber hatte die Krätze gehabt. Napoleon ward durch das lange Halten und Anfaſſen der Lunte ge⸗ rade an den für dieſe Hautkrankheit empfänglichſten Theilen angeſteckt, und da er ſich niemals Zeit und Muße gönnte, ſich einer gründlichen Kur zu unter⸗ werfen, ſo litt er Jahre lang an dieſem Uebel. Erſt als er ſchon Kaiſer war, ge⸗ lang es Corviſart, ihn zu überreden, daß er ſich einer ſtrengen Kur unterzog, die ihn dann auch heilte. Aber von dem peinlichen Jucken ſeines ganzen Kör⸗ pers hatte er für immer die Gewohnheit beibehalten, zu zucken und mit den Schultern zu ziehen. Constant. M. 9* 132 Madame, ſagte Marie Louiſe mit blitzenden Augen, ich habe in⸗ deſſen in Dresden geſehen, daß Sie dem Kaiſer Napoleon immer ſehr bereitwillig Ihre Hand darreichten, und daß Sie ſich ſehr geſchmeichelt fühlten und ſehr glücklich lächelten, wenn er ſich herabließ, Ihnen die Hand zu küſſen. Hör' Du, meine Tochter, ſagte der Kaiſer raſch, um einer Ant⸗ wort der Kaiſerin zuvorzukommen, hör' Du, es wär' halt beſſer, Du ſchwiegſt von der Vergangenheit und beſchäftigteſt Dich ein wenig mit der Zukunft, mit Deiner eigenen und der Deines Sohnes. Es iſt aber halt gar keine üble Idee, einen Geiſtlichen aus ihm zu machen, dann haben wir wenigſtens keine legitimen Erben zu befürchten. Und ich glaube in der That, der Knabe würde ſehr zufrieden ſein können, wenn man ihm eine recht einträgliche Pfründe, einen recht guten Biſchofſitz verſchaffte, ſagte die Kaiſerin freundlich. Ah, mein Sohn ſoll alſo Biſchof werden! rief Marie Louiſe heftig. Sagten Sie nicht vorhin, Madame, er ſolle werden, was mein Oheim, der Erzherzog Rudolf, wird? Gewiß, meine theure Louiſe, ich ſchlug Deinem Vater vor, den kleinen namenloſen Knaben dieſelbe Bahn einſchlagen zu laſſen, die Dein Oheim, mein theurer Schwager, wandeln wird. Nun, mein Oheim wird indeſſen Cardinal werden! Auch Dein Sohn kann es ja zu dieſer Höhe bringen! Wenn er erſt Biſchof iſt, kann er nachher Cardinal werden. Und wenn er erſt Cardinal iſt, kann er dran denken, Papſt zu werden, rief der Kaiſer faſt erſchrocken. Und wenn er Papſt iſt, kann das ehrgeizige Blut ſeines Vaters ſich in ihm regen, und er kann auch anfangen, Alles drunter und drüber zu kehren, und die ganze Welt in Verwirrung zu bringen! Nein, nein, es iſt halt nix mit Deinem Plan, Ludovica, der Burſch' darf mir nit Geiſtlicher werden, denn es iſt ſchon richtig, wenn er Biſchof iſt, kann er Cardinal werden, und wenn er Cardinal iſt, kann er Papſt werden, und ganz Europa in Brand ſtecken. Ich werd' ihm ſchon ſo viel geben, daß er nit hungern und darben braucht, und ich mich ſeiner nit als meines Enkels zu ſchämen hab'. Werd' ihm auch einen guten Titel und eine gute Erziehung in⸗ ſehr 133 geben, und ſchon dafür ſorgen, daß die Bäum' nit in den Himmel wachſen, und mir der Bub' fein gehorſam und beſcheiden bleibt. Aber wir müſſen jetzt fort, meine Tochter, wir ſind blos gekommen, Dich zu begrüßen, und Dir zu ſagen, daß wir Dich lieben, und allzeit nur Dein Beſtes im Aug' haben. Ich werd' für Dich thun, was ich kann, und ich hoff', auch die Herren vom Congreß werden ihre Einwilligung geben, daß Du ſouveraine Herzogin von Parma wirſt, beſonders wenn Du klug und gehorſam biſt, und Alles das thuſt, was Dir der Metter⸗ nich ſagen wird. Und jetzt lebe wohl, mein Kind, und nochmals ſei herzlich willkommen bei uns in Wien,— das heißt in Schönbrunn wollt' ich ſagen. Denn ich denke mir, es kann Dir halt nit angenehm ſein, jetzt nach Wien zu kommen, wo ſo viel Menſchen zuſammen ſind, die Du vielleicht nit gern ſehen, und ſo viel Feſte gefeiert werden, denen Du vielleicht nit beiwohnen magſt. Und bei denen man gewiß auch meine Anweſenheit nicht gern ſehen würde, ſagte Marie Louiſe mit einem traurigen Lächeln, und mit Thränen in den Augen. Ich werde alſo Schönbrunn nicht verlaſſen, und während man in Wien überall Feſte giebt, und ſingt und tanzt, werde ich hier einſam und allein ſein, und weinen. Nun, ich denk', Du wirſt auch noch einige Zerſtreuung bekommen, ſagte der Kaiſer gutmüthig. Hab' ſo etwas gehört, als wollten die Fürſten Dir ihren Beſuch machen, und meiner Tochter ihre Ehrfurcht bezeugen. Ich weiß, der König von Baiern hat gemeint, er würd' Dir ſehr gern einen Beſuch machen, wenn nur ein Anderer den An⸗ fang machte, er möcht' nit gern der Erſte ſein. Und da hat der Kaiſer Alexander gelächelt und geſagt:„Ich nenne mich Alexander der Erſte, und ich werde ſehr gern den Anfang machen.“ Ich glaub' alſo, mein Kind, daß Du Dich halt immer darauf vorbereiten kannſt, die Monarchen hiet bei Dir zu empfangen. Ah, wirklich, die Monarchen wollen kommen? rief Ludovica freu⸗ dig. Welch ein Glück und eine Ehre für unſere arme Louiſe. Bereite Dich alſo vor, meine Theure, die Monarchen auf eine würdige Weiſe, ihrem Range gemäß, zu empfangen. Es bedarf dazu keiner weitern Vorbereitungen, ſagte Marie Louiſe ſtolz, ich bin es ſehr gewohnt, Königen und Fürſten Audienzen zu geben. Aber jetzt ſollſt Du nicht blos Audienzen geben, ſagte Ludovica lächelnd, ſondern ich habe Dir noch eine andere Freude zu verkünden, Du ſollſt auch zu einer Audienz zugelaſſen werden. Ich wollte Dich morgen mit dieſer Nachricht überraſchen, aber ich ſag's Dir lieber gleich heute: die Kaiſerin von Rußland will Dir eine Audienz geben. Ich habe indeſſen keine Audienz verlangt, ſagte Marie Louiſe, ihr Haupt ſtolz zurückwerfend. Ich bin keine Bittſtellerin! Ach, meine Tochter, rief Ludovica zärtlich, doch bleibt Dir ſo Vieles zu bitten, und Du bedarfſt ſo ſehr der Fürſprache! Die Kai⸗ ſerin Eliſabeth iſt ſehr bereit, allen ihren Einfluß anzuwenden, damit der Congreß die Sorge für Deine Exiſtenz übernimmt und Dich als Herzogin von Parma feierlich anerkenne. Es iſt daher wohl nöthig, daß Du der Kaiſerin einen Beſuch machſt. Iſt das auch Ihre Anſicht, mein Vater? fragte Marie Louiſe, ſchüchtern zu dem Kaiſer empor ſehend. Bedarf es wirklich für mich noch anderer Protectionen, da ich doch unter der Protection meines edlen und großmüthigen Vaters ſtehe? Der Kaiſer zuckte die Achſeln. Mein Kind, ſagte er, ich bemerkte Dir ſchon vorher, daß in Deiner Sache ich mich ganz neutral ver⸗ halten muß, und daß das Zartgefühl und meine Stellung als Vater es mir zur Pflicht machen, in Betreff Deiner Angelegenheiten auf den Congreß gar keinen Einfluß auszuüben.*) Es wär' alſo halt ſehr gut, wenn die Kaiſerin Eliſabeth und die Großfürſtin Katharina, die Beide viel Einfluß auf die Herren des Congreſſes haben, Deine Für⸗ ſprecherinnen ſein wollten. Und ich rath' Dir deshalb den Vorſchlag der Kaiſerin anzunehmen und mit ihr zur Kaiſerin Eliſabeth zu fahren. Ich habe auch ſchon Alles mit der Kaiſerin verabredet, ſagte Lu⸗ dovica freundlich, die Etiquettefrage iſt erledigt. Da Du mit mir und in meiner Begleitung kommſt, ſo wird die Etiquette geübt werden, wie man ſie einer Kaiſerin ſchuldig iſt, und die Kaiſerin Eliſabeth wird *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Méneval, Msmoires. III. 5. ſo ai⸗ mit ig, iſe, nich ines rkte ver⸗ ater den ſehr hlag wie mir, das heißt uns bis in den Vorſaal entgegenkommen. 135 Ich werde Dich dann ihr präſentiren als meine geliebte Tochter Marie Louiſe, und ſie wird Dich im Lauf des Geſpräches als Majeſtät anreden. Ich hoffe, meine liebe Louiſe erkennt in meinen Bemühungen, aus dem Schiffbruch ihrer Verhältniſſe ihr einige glänzende Trümmer wenigſtens zu retten, die zärtliche und fürſorgliche Liebe einer Mutter, die ich ihr von ganzem Herzen darbringe. Marie Louiſe antwortete nur mit Seufzern und halb unterdrücktem Schluchzen, und nur mühſam noch ihre Thränen zurückhaltend, begleitete ſie den Kaiſer und die Kaiſerin bis zur Thür des Vorſaals. Als ſich aber dieſe Thür hinter dem Kaiſerpaar ſchloß, als Marie Louiſe allein war, ſtürzten ihre Thränen in glühenden Strömen hervor, und ihre beiden Arme gen Himmel erhebend, rief ſie: oh mein Gott, mein Gott, wie unglücklich bin ich doch! Welche Marter habe ich er⸗ vulden müſſen! Warum denn, mein Gott? Was that ich denn, um ſolche Strafe zu verdienen? Man will mir Alles nehmen, Alles, meine Treue, meinen Namen und Titel, meinen Gemahl und ſelbſt meinen Sohn! Und ich, ich kann nichts thun, als dulden, ſchweigen und mich unterwerfen! Der Kaiſer und die Kaiſerin indeſſen waren ſchw Wagen zurückgekehrt. Der Kaiſer war gedankenvoll und trübe, und eine Wolke lag auf ſeiner ſchmalen hohen Stirn. Weißt Du, Ludovica, ſagte er nach einer langen Pauſe, als der Wagen auf der Straße nach Wien dahin rollte, weißt Du, daß es mir halt geſchienen hat, als wollte meine ſchöne und edle Gemahlin vie neue Mode mitmachen, die wir mit unſern Congreßfreuden ange⸗ nommen haben, und in Schönbrunn bei meiner Tochter ein kleines Luſtſpiel aufführen? Und was für ein Luſtſp lächelnd. Nun ich meine, Dein Imperatrice“, und ich meine, ſpielt, und warſt eine ſchöne Katze, zu ſtreicheln ſchien. eigend zu ihrem iel, mein Gemahl? fragte die Kaiſerin Luſtſpiel hieß:„Le chat métamorphosé en Du haſt Deine Rolle ausgezeichnet ge⸗ welche wundervoll kratzte, indem ſie 136 Die dunklen Augen der Kaiſerin flammten höher auf, und ein ſtolzes Lächeln umſpielte ihre purpurrothen Lippen. Ach, mein Ge⸗ mahl, rief ſie, ich bin aber eine Katze, welche von Marie Louiſe in Dresden immerfort rückwärts geſtrichen iſt. Kein Wunder alſo, daß ich Funken ſprühe! lI. Der Sohn des Berbannten. Tiefe Stille herrſchte auf der Seite des Schloſſes von Schönbrunn, in welchem der Sohn Napoleons, der einſtige kleine König von Rom wohnte. Keine Schildwachen, kein Durcheinander von Bedienten, Wagen und Pferden, Kommenden und Gehenden, wie man das ſonſt vor den Wohnungen der Fürſten zu ſehen gewohnt iſt, kein Geräuſch des bewegten wechſelnden Lebens war hier zu ſehen. Auch im Innern des Schloſſes ſelbſt war hier Alles düſter, trübe und einförmig. Nur ſelten kam durch die langen, ſchweigenden Corri⸗ dore eine menſchliche Geſtalt, die langſam und träge vorüberrauſchte, nur ſelten unterbrach das Geräuſch irgend einer in die Bedienten⸗ zimmer ausmündenden Klingel dieſes Schweigen der Oede, das den Sohn des Kaiſers Napoleon umgab. Kein freudiges Lachen ertönte aus dem Innern der Gemächer, und die jubelnde Stimme des kleinen Königs von Rom, die ſonſt in Verſailles und in den Tuilerieen ſo oft die großen Säle durchklungen hatte, ſie ſchien jetzt für immer verſtummt. Traurig, ſtill und bleich ſaß der Knabe vor ſeinem mit Spielzeug aller Art bedeckten Tiſch, und die Hände in ſeinem Schooß gefalten, das noch immer von langen blonden Locken umwallte Haupt an die Lehne ſeines Stuhls zurückgebeugt, ſtarrte er mit ſeinen großen blauen Augen in das Leere. 137 d ein Warum ſpielen Sie nicht, Sire? fragte die Gräfin Montesquiou, Ge⸗ welche neben dem Tiſch ſaß und mit einer Tapiſſerie⸗Arbeit beſchäftigt ſe in war, von der ſie indeß ſehr häufig die Augen emporhob, um ſie mit daß einem Blick unendlicher Liebe und Theilnahme auf den Prinzen zu heften. Warum ſpielen Sie nicht, Sire? fragte ſie noch einmal, als der Knabe ihr nicht antwortete. Er ſchüttelte haſtig das Haupt und blickte die Gräfin düſter und faſt zürnend an. Warum nennen Sie mich, Sire? fragte er. Wiſſen Sie nicht, daß ich nicht mehr ſo genannt werde? Hat man Ihnen nicht geſagt, liebe Quiou, daß mein Herr Großvater, der Kaiſer Franz, es nicie hat, wenn man mich„Sire“ nennt, weil er auch ſo ge⸗ nannt wird? Aber der Kaiſer Franz iſt jetzt nicht hier, ſagte die Gräfin, und inn, ich darf Sie wohl„Sire“ nennen, denn Niemand hört uns, wir Rom ſind allein! Ja, ſeufzte der Prinz, wir ſind allein! Wir ſind immer allein! ſont Als ich noch in unſerm ſchönen Tuilerieenſchloß wohnte, als ich noch inſch bei meinem lieben Papa Kaiſer war, da durfte ich niemals allein ſein! Da hatte ich immer kleine Knaben bei mir, die mit mir ſpielten, mit mir lachten und ſangen. Ach, wir ſangen ſo ſchöne Lieder zuſammen, ſti⸗ und einmal da kam der Papa Kaiſer herein, wie wir gerade ſein Lieb⸗ te lingslied ſangen, und ſang mit uns, bis wir Beide ſo ſehr lachen mußten, daß wir nicht mehr ſingen konnten. Wie hieß doch das Lied? rübe ſi Oh, ſage mir doch, liebe Quiou, Du warſt ja doch dabei, ſage mir, zut wie hieß das Lied? Ich habe es ganz vergeſſen, und das kommt u daher, daß ich hier Niemand habe, mit dem ich ſingen kann. ſe Sire, ich weiß es wirklich nicht, was Sie damals geſungen haben, ſagte die Gräfin lächelnd. . Es war ein Lied, das mich mein Papa ſelber gelehrt, ſagte der Knabe ſinnend, und er ſagte mir auch dabei, daß ich, der kleine König zg von Rom, der Einzige ſei, der dies Lied jetzt in Frankreich ſingen und le⸗ 3 darnach marſchiren dürfe. Oh, liebe Quiou, ſage mir nur die erſten 4 zwei Worte, dann fällt es mir Alles wieder ein! uen Sire, Ew. Majeſtät haben alſo vergeſſen, daß Ihre Frau Mutter 1 138 verboten hat, daß Sie dies Lied ſingen? Als wir damals von Paris nach Rambouillet fuhren, da ſtimmten Sie auch einmal im Wagen dieſen Geſang an, aber Ihre Majeſtät die Kaiſerin ward ſehr böſe, und ſie ſagte, das ſei ein ſchlechtes und unwürdiges Lied, und Sie ſollten es niemals wieder ſingen. Und mein Papa hatte mir doch erlaubt, daß ich es ſingen dürfe, und mein Papa iſt doch der Kaiſer, der allein in Frankreich und in der ganzen Welt zu befehlen und zu verbieten hat. Er war der Einzige, er war der Kaiſer, ſeufzte die Gräfin. Aber ſeine Feinde haben ihn aus Frankreich vertrieben und haben ihn nach der einſamen kleinen Inſel Elba gebracht, und ſie wollen, daß er da bleiben, und niemals wieder Kaiſer von Frankreich werden ſoll. Oh, liebe Quiou, rief der Knabe aufſpringend, ich will nach Elba, ich will zu meinem Papa. Er wird ſonſt denken, daß ich ihn vergeſſen habe, und ich denke doch alle Tage an ihn, und ich habe ihn doch ſo ſehr, ſehr lieb! Quiou, laß meinen Wagen vorfahren, ich will zu meinem Papa Kaiſer nach Elba fahren! Sire, das iſt unmöglich! Ich ſagte Ihnen ja, Elba iſt eine Inſel, die ſehr weit von hier iſt; um dahin zu gelangen, müßten Sie erſt bis an's Meeresufer fahren, und dort ein Schiff beſteigen, um über das Meer bis zur Inſel Elba hinzugelangen. So ſoll man mir ein Schiff geben, und mich zu meinem Vater fahren! rief der Knabe mit blitzenden Augen. Sire, ſagte die Gräfin leiſe, nicht ſo laut, nicht ſo laut. Sie dürfen das zu keinem Menſchen hier ſagen, denn Ihr Herr Großvater, der Kaiſer, würde ſehr böſe ſein wenn er das hörte. Der Prinz runzelte die Stirn, und ſein ſchönes, ſonſt ſo ſanftes Geſicht nahm einen trotzigen Ausdruck an. Ich liebe meinen Großvater, den Kaiſer Franz, gar nicht ſehr, ſagte er. Sire, ermahnte ihn die Gräfin, er iſt aber der Vater Ihrer Frau Mutter. Aber er iſt der Feind meines Herrn Vaters, rief der Knabe pefig, und er iſt daran Schuld, daß mein Papa nicht mehr Kaiſer von Frant⸗ reich iſt, und daß Er jetzt auf der alten ſchlechten Inſel Elba, und ich aris agen böſe, Sie ürfe, d in ihn er l. lba, eſſen h ſo l zu ſel ſt bis das ater Sie ater, vatel, Fral fig⸗ un⸗ 139 in dem alten ſchlechten Schloß von Schönbrunn ſitze. Ach, liebe Quiou, wenn ich doch nur ein einziges Mal erſt wieder mit meinem lieben Papa Kaiſer in Paris und in den Tuilerieen wäre, und mit ihm das ſchöne ich vergeſſen habe, und das— Nein, halt, Lied ſingen könnte, das i unterbrach er ſich lebhaft, ich weiß es jetzt, ich weiß es! Höre nur, liebe Quiou, höre nur. Er nahm haſtig von dem großen Tiſch mit Spielſachen ein kleines zierliches Gewehr, und es in ſeinen Arm legend und eine ſtrenge mi⸗ litairiſche Haltung annehmend, begann er mit klarer, heller Stimme zu ſingen: N Allons, enfants de la patrie, Le jour de gloire est arrivé, Marchons— Die Stimme verſagte ihm, und ſeine vorher ſo glänzenden Augen umdüſterten ſich. Ich will lieber nicht ſingen, Quiou, ſagte er, denn mir iſt immer, als hörte ich meinen Papa mit mir ſingen, und dann thut mir das Herz ſo weh, weil ich ihn nicht ſehen kann. Nein, rief er dann, ich will doch ſingen, denn alsdann höre ich doch die Stimme meines lieben Papa Kaiſers. Und zum zweiten Mal, jetzt noch er von Neuem: lauter, noch jauchzender, begann Allons, enfants de la patrie— Le jour de gloire est arrivé, ſang hinter ihm eine laute mächtige Stimme. Der Knabe ſah ſich erſchrocken um, eilte zu dem Herrn hin, der auf der Schwelle der geöffneten Thür ſtand, und fröhlich lachend den kleinen Prinzen begrüßte. Ah, mein lieber Freund Iſabey, rief der kleine Prinz, ihm beide Hände darreichend. Ja, mein theurer Sire, Ihr Freund Iſabey, rief der Eintretende, rneigte, fuhr er fort: ich bitte er ſich tief vor der Gräfin ve die Frau Gräfin um Verzeihung, daß ich es gewagt habe, auf ſo wenig ceremonielle Weiſe hier einzutreteu. Allein der Maler hat, gleich dem Arzt, das Vorrecht, unangemeldet zu ſei dann lachte er laut auf, und inen Patienten eintreten zu ——— 140 dürfen. Denn Diejenigen, welche dem Maler ſitzen, betrachten ſich gar ſehr als Patienten, und es geht ihnen, wie den andern Patienten, ihr Arzt, der Maler, iſt es, der ſie krank macht. So bin ich denn heute gekommen, um unſern lieben Prinzen wieder krank zu machen. Sire, ich bitte Sie um eine Sitzung für Ihr Portrait. Heute ſchon? fragte die Gräfin. Ich meinte, Sie hätten die nächſte Sitzung erſt auf morgen beſtimmt gehabt? Iſabey zuckte die Achſeln. Meine Gnädige, ſagte er, hier in Wien kann man vorher nichts beſtimmen, und nicht wiſſen, ob das Heute dem Morgen entſprechen wird. Es iſt wahr, ich wollte morgen hierher kommen, und heute ſollte ich das Glück haben, die Herren Congreßmitglieder in ihrer Sitzung zu ſehen, um ihnen auf meinem Bilde die richtige Stellung und die Wahrheit der Natur zu geben.*) Aber die Herren Diplomaten wiſſen immer nicht, ob ihnen auch Zeit übrig bleibt, um ſie mit Geſchäften und Conferenzen zu vergeuden, oder ob nicht irgend ein wichtiges Feſt ſie daran verhindern wird. So *) Iſabey, der berühmte Hofmaler Napoleons, war, einer Aufforderung Talleyrands folgend, nach Wien gekommen, um ſein Glück, das mit dem Kaiſer in Trümmer gefallen zu ſein ſchien, in Wien beim Congreß wieder aufzurichten. Es gelang ihm dies auch in der That. Er erhielt von dem Kaiſer Alexander den Auftrag, die Herren Congreßmitglieder, auf einem Bilde und in einer Sitzung vereinigt, zu malen, und zugleich die Erlaubniß, dieſes Bild alsdann durch den Kupferſtich zu vervielfältigen. Jeder von den Herren der Congreß⸗ ſitzungen rechnete es ſich zur Ehre an, dem Maler zu ſeinem eigenen Portrait zu ſitzen, und kaufte dann ſein eigenes Portrait für einen hohen Preis dem Maler ab. Nur Wilhelm von Humboldt weigerte ſich zu ſitzen, indem er ſagte: die Natur habe ihm ein ſo ſehr häßliches Geſicht gegeben, daß er ſich wohl hüten würde, für ſein Conterfey noch Geld auszugeben.— Iſabey bat aber nur um Erlaubniß, das Portrait des zweiten preußiſchen Diplomaten des Con⸗ greſſes für ſein Bild malen zu dürfen, und Herr von Humboldt bewilligte ihm alsdann mehrere Sitzungen. Das Portrait Wilhelm von Humboldt's gehört zu den wohlgelungenſten des großen Iſabey'ſchen Bildes, das damal den Kupferſtich in viel tauſend Exemplaren verbreitet ward. Wilheln Humboldt aber ſagte lachend: ich habe dem Maler Iſabey nichts für mein Portrait bezahlt. Er hat ſich dafür gerächt, indem er mich ſprechend ähnlich gemalt hat. nſich enten, denn achen. üchſte er in das orgen erren einem en.*) Zeit uden, So erung Kaiſer chten. ander einet 6dann greß⸗ rtrait dem ſagte: wohl aber Con⸗ ihm hirt mein 141 iſt aber heute wirklich eine Verhinderung eingetreten. Die Congreß⸗ mitglieder ſind zu einem déjeuner dansant zur Kaiſerin von Oeſter⸗ reich eingeladen, und es iſt daher natürlich, daß die Conferenz ausfällt. Ich werde alſo erſt morgen an meinem Bilde weiter arbeiten können, und ich wollte deshalb bitten, daß ich heute das Portrait des Prinzen weiter fortführen dürfte, das heißt, wenn die Frau Gräfin und der Prinz nicht anderweit verhindert ſind. Oh, wir ſind niemals verhindert, ſagte die Gräfin mit einem trüben Lächeln. Es bekümmert ſich Niemand um uns, und vielleicht iſt das noch ein Glück, denn wir ſind dadurch vollkommen Herr un⸗ ſerer Zeit. Laſſen Sie uns alſo in das Malzimmer gehen. Kommen Sie, Sire! Aber ich mag nicht gemalt werden, rief der Knabe unwillig. Es iſt unangenehm, immer ſo ſtill auf dem Stuhl zu ſitzen und ſich gar nicht zu bewegen. Nein, nein, ich will nicht gemalt werden. Sire, bedenken Sie aber, daß Ihr Portrait von Ihrer Frau Mutter gewünſcht wird, und daß ſie es in ihrem Salon zu haben begehrt. Der Knabe ſeufzte. Ach, ſagte er leiſe vor ſich hin, ich wollte, das Portrait wäre für meinen lieben Papa beſtimmt, dann würde ich mich ſehr gern malen laſſen. Wer weiß, Sire, ſagte Iſabey, welcher die leiſen Worte des Knaben dennoch verſtanden hatte, wer weiß, ob es Ihr Herr Vater, der Kaiſer, nicht doch noch einmal erhält, und ob es alſo nicht für Ihn iſt, daß Sie mir heute eine Sitzung bewilligen. Wenn das ſo iſt, ſo will ich ſitzen, rief der Prinz lebhaft,— das heißt, ſetzte er zögernd hinzu, ich mache eine Bedingung! Was für eine Bedingung, mein Prinz? Der Knabe ſchaute den Maler mit zärtlichen, flehenden Blicken an. Ich mache die Bedingung, ſagte er, daß Sie mir wieder eine ſo hübſche Geſchichte von meinem lieben Papa erzählen, wie Sie es geſtern thaten. Ich nehme die Bedingung an, ſagte Iſabey lächelnd. Ihr Vater, der große Kaiſer Napoleon, hat ſo viel Großes und Herrliches gethan, 142 daß es niemals ſchwer fällt, von ihm Neues zu erzählen. Kommen Sie alſo in das Malzimmer und erlauben Sie, daß ich Ihnen als Ober⸗ Ceremonienmeiſter vorauf gehe und Ihnen die Pforten öffne. Er verneigte ſich tief vor dem kleinen Napoleon und der Gräfin, und durchſchritt dann mit gravitätiſchen Schritten das Gemach, um die großen Flügelthüren da drüben zu öffnen. Der Prinz reichte ſeiner„Quiou“ die Hand und folgte lächelnd dem Maler in das anſtoßende Gemach. Hier, in dem Malzimmer, ſtand auf einer großen Staffelei das angefangene Portrait des kleinen Napoleon, daneben der geöffnete Malkaſten und die Palette, auf welche der kunſtgeübte Diener Iſabey's ſchon die Farben in ihrer Reihenfolge aufgeſetzt hatte. Fangen wir ſogleich an, rief der Knabe, indem er ſich auf den mit Goldbrocat überzogenen Lehnſtuhl ſetzte, welcher der Palette gegen⸗ über ſtand. Die Gräfin ordnete ſeine reichen, bis auf die Schultern nieder⸗ ringelnden Locken, und gab ihm die Stellung, in welcher er gemalt ward. Iſabey nahm ſeine Palette in die linke Hand, und den Pinſel in die Farben eintauchend, wollte er eben zu malen beginnen. Halte la, rief Napoleon lebhaft, Sie dürfen erſt anfangen zu malen, wenn Sie auch anfangen zu erzählen! Nun, ich fange an zu erzählen, ſagte Iſabey lächelnd. Hören Sie alſo, Sire! Und indem Iſabey jetzt eifrig malte, bald die Augen feſt auf ſeine Arbeit gerichtet, bald hinüberſchauend auf das Kind, das mit lächelndem Angeſicht, mit freudeſtrahlenden Augen ihm zuhörte, begann er zu erzählen: Sire, ich will Ihnen heute einige kleine Züge aus der Kindheit Ihres Vaters, des Kaiſers Napoleon erzählen. Denn Sie müſſen wiſſen, der Kaiſer, ein ſo großer und erhabener Mann er jetzt iſt, war doch auch einmal ein kleiner Knabe, und was noch mehr ſagen will, er war zuweilen ein unartiger Knabe. Das heißt, wenn man das unartig nennen will, daß er durchaus immer beſchäftigt, immer thätig ſein wollte, und ſogar des Nachts keine Ruhe fand, um zu ſchlafen. Sie Ober⸗ räfin, um chelnd nmer, leinen welche ufolge f den egen⸗ nieder⸗ ward. in die en z 143 Vielleicht aber kam das daher, weil er mit ſeinen vier Brüdern in Eipem und demſelben Zimmer ſchlief, und das Geräuſch der ſchlafenden und ſchnarchenden Brüder ihn, den lebhaften Knaben, in ſeinem leichten Schlummer ſtörte. Warum ſagte er da nicht ſeinen Kammerdienern, und ſeinem Gouverneur, daß er in einem andern Zimmer ſchlafen wolle, wo er die ſchnarchenden Brüder nicht hören konnte? fragte der kleine Prinz lebhaft. Sire, damals hatte Ihr Vater noch keine Kammerdiener und keinen Gouverneur; denn damals war er noch kein reicher und mächtiger Kaiſer, ſondern der Sohn eines Advokaten Bonaparte, der auf der Inſel Corſika wohnte. Ihr Vater, mein Prinz, hat es nicht ſo ge⸗ macht, wie die andern Kaiſer und Könige, er hat ſich nicht blos die Mühe genommen, geboren zu werden, um ſich dann eines Tages auf den Thron zu ſetzen, ſondern er hat ſich die Mühe gegeben, große Thaten zu thun, und ſich ſelber einen Kaiſerthron aufzurichten. Damals aber war Ihr Vater nur noch der kleine Sohn des Advocaten Bonaparte und Niemand ahnte, welch' ein großer Mann er eines Tages werden würde. Er hatte keine Kammerdiener und keinen Gouverneur, er hatte nur ſeine Amme Cordelia; die aber liebte ihn grenzenlos, und wenn der kleine Napoleon Abends nicht einſchlafen konnte, ſo ſetzte ſich Cor⸗ delia vor ſein Bett, und ſang ihm vor, und erzählte ihm Geſchichten und Mährchen, bis er ruhig ward und ihre Feenmährchen übergingen in ſeine Träume.* Aber eines Tages vermochten alle ſchönen Mährchen der treuen Amme Cordelia den kleinen Napoleon nicht einzuſchläfern, er lag immer noch da mit offenen Augen, und weinte leiſe vor ſich hin aus Aerger über ſeinen Bruder Louis, der ſein Bett mit ihm theilte, und ſo laut ſchnarchte, als habe er ein ganzes Regiſter von Orgelpfeifen in ſeiner Naſe. Die Amme Cordelia neigte ſich über den kleinen Napoleon und küßte ihn. Sei ruhig, Napoleon, ſagte ſie bitend, ſchlafe jetzt ein, dafür gebe ich Dir auch, wenn Du groß biſt, die ganze Inſel Corſika!— 144 Und giebſt Du mir nicht auch Frankreich? fragte der kleine Na⸗ poleon, ſie trotzig anſtarrend. Nun ja, ich gebe Dir Corſika und ganz Frankreich dazu, wenn Du jetzt einſchläfſt. Ich will einſchlafen, wenn Du mir die ganze Wilt giebſt, te Napoleon heftig. Ach, mein Kind, ſeufzte Cordelia, nimm ſie denn hin, die ganze Welt. Aber hüte Dich, mehr zu fordern, denn ſonſt müßten wir ja Gott im Himmel entthronen um Deinetwillen. Es iſt gut, Delia, ſagte Napoleon, ich will jetzt ſchlafen, denn Du haſt mir Corſica, Frankreich und die ganze Welt geſchenkt, und wenn ich groß bin, werde ich mir das Alles nehmen, was Mein iſt. Ich bin alſo König von Corſika, von Frankreich und der ganzen Welt.— Er legte ſich ruhig nieder, und ſchlief wirklich ein.— Von dieſem Tage an nannte der kleine fünfjährige Knabe ſich immer nur„König von Corſika und Frankreich“, und er beeilte ſich vor allen Dingen ſich eine Armee zu bilden. Alle Knaben ſeiner Nachbarſchaft, ſelbſt Die⸗ jenigen, welche älter und größer waren, als Er, gehorchten ihm dennoch, und ließen ſich von ihm täglich in Schlachtordnung aufſtellen und ein⸗ exerciren,— nur war das militairiſche Exercitium ganz und gar von des kleinen Napoleon Erfindung. Oft rückte er auch mit ſeinen Truppen aus der Stadt hinaus, um Schlachten zu liefern, und Er⸗ oberungen zu machen. Aber da kein Feind da war, ſo lieferte er mit ſeinen Soldaten den Blumen und Bäumen in den Gärten ſeine Schlachten, und Blumen und Früchte waren dann die einzigen Er⸗ oberungen der tapfern Armee.— Doch den Leuten, welchen die Gärten gehörten, gefielen dieſe Schlachten ganz und gar nicht, und ſie gingen zu dem Vater Napoleons, zu dem Advocaten Bonaparte, und beklagten ſich über ſeinen Sohn, und verlangten, daß er den kleinen Napoleon tüchtig beſtrafe, weil er ein Räuber ſei. Der kleine Napoleon war bei der Anklage gegenwärtig geweſen, und er trat jetzt mit blitzenden Augen, die Arme über der Bruſt in ein⸗ ander geſchlagen, vor ſeine Ankläger hin. enn rief anze t ja enn und ein zen ſen nig ſich ie⸗ och, ein⸗ von inen Er⸗ mit ine Er⸗ rten gen ten eon ſen, in⸗ 145 Ich bin kein Räuber, ſagte er ſtolz, ich bin ein Feldherr, und meine Soldaten mußten das Fouragiren lernen.— Die Leute lachten, und verziehen ihm das Fouragiren, wenn er verſprechen wollte, ſeine Schlachten künftig nicht wieder in ihren Gärten zu liefern. Napoleon verſprach es, und verſprach auch ſeiner guten Amme Cordelia, daß er ſich jetzt wie ein Mann und ein Feldherr betragen, und niemals mehr Abends im Bett weinen wolle, wenn ſein Schlafgefährte, der Bruder« Louis, ſo laut ſchnarchte.— Er hielt auch Wort, und als Abends Louis wieder ſo heftig ſchnarchte, da weinte Napoleon nicht, ſondern er lag ganz ſtill, und ſah mit ſeinen großen feurigen Augen ſeine Amme Cordelia ſpöttiſch an, indem er flüſterte:„Er wird doch wohl einmal aufhören, wie ein Eſel zu ſchreien.“ Als aber Louis immerfort ſchnarchte, da ward der kleine Napoleon zornig, und ſchüttelte und rüttelte ſeinen Bruder ſo heftig, bis dieſer die Augen aufſchlug und erwachte. Warum weckſt Du mich, Napoleon? fragte er ſeufzend. Weil Du ſchnarchteſt, wie ein Eſel, und weil ſich das nicht ge⸗ ziemt für den Bruder des Königs von Corſika und Frankreich, ſagte Napoleon trotzig. Ach, ſeufzte Louis, ich träumte eben ſo ſchön und prächtig. Und was träumteſt Du denn? Ich träumte, daß ich König wäre, und eine goldene Krone auf meinem Haupte trüge! Wie, rief Napoleon heftig, was bin denn ich, wenn Du König biſt? Dann muß ich doch zum Allerwenigſten Kaiſer ſein! Zum Allerwenigſten? fragte Louis ſchüchtern. Kann man denn noch mehr ſein? Ja, man kann noch mehr ſein, rief Napoleon, man kann ein be⸗ rühmter Feldherr ſein, ein berühmter Mann, und das iſt mehr als König und Kaiſer und Papſt, das iſt ſo viel als der liebe Gott ſelber iſt! Die gute Cordelia drückte mit einem Ausruf des Schreckens ihre Hand auf Napoleons Lippen, und neben dem Bett auf ihre Kniee ſin⸗ kend, rief ſie:„Bete, Napoleon, bete, daß der liebe Gott Dich nicht ſtrafe für Deinen Uebermuth, und nicht in's Gericht mit Dir gehe, Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. M —— 146 wenn Du es eines Tages verſuchen willſt, ihm gleich zu ſein!“— Sie begann Gebete zu murmeln; Napoleon lag ganz ſtill und hörte auf dieſe Gebete, die wie das leiſe Geplätſcher einer Quelle an ſein Ohr ſchlugen, und unter dieſem Geplätſcher ſchlief er ein. Aber noch im Schlaf murmelte er leiſe:„ich will Kaiſer werden! Ich will ein be⸗ rühmter Mann werden!“ Und er hat Wort gehalten, jubelte der kleine König von Rom, vergnügt ſeine kleinen Hände in einanderſchlagend, und ganz ver⸗ geſſend, daß er ſtill ſitzen müſſe, damit ſein Portrait gemalt werden könne. Ja, mein lieber Papa hat Wort gehalten, er iſt Kaiſer ge⸗ worden, ein berühmter Feldherr! Oh, mein lieber Herr Iſabey, ich danke Ihnen! Welch' eine ſchöne Geſchichte haben Sie mir erzählt. Wenn Sie mir noch mehr von meinem Papa erzählen wollen, werde ich den ganzen Tag, die ganze Nacht, und immerfort ſtill ſitzen, bis mein Portrait vollendet iſt. Iſabey lachte und war eben im Begriff eine Antwort zu geben, als ein Bedienter in der Thür des Malzimmers erſchien, und ſich der Gräfin nähernd, leiſe ſagte: der Herr Marſchall von Ligne iſt da, und wünſcht Sr. Majeſtät dem König von Rom ſeine Aufwartung zu machen! Der Knabe ſprang auf, und heftig ſeine Arme vor ſich ausſtreckend, als wolle er ein nahendes Schreckniß von ſich abwehren, rief er: ein Marſchall will mich beſuchen? Nein, nein, ich will keinen Marſchall empfangen. Die Marſchälle haben meinen Vater verrathen! Keiner von ihnen ſoll zu mir kommen!*) Aber Sire, ſagte die Gräfin begütigend, dies iſt keiner von den franzöſiſchen Marſchällen. Es giebt auch außerhalb Frankreichs Mar⸗ ſchälle, und dieſer Marſchall iſt nicht von Ihrem Herrn Vater, ſondern vom Kaiſer von Oeſterreich ernannt worden. Ich will ihn dennoch nicht ſehen, murmelte der Knabe, ich will niemals wieder einen Marſchall ſehen. *) Des Königs von Rom eigene Worte. Siehe: Comte de la Garde⸗ Mémoires. 147 Wiſſen Sie aber, wer dieſer Marſchall iſt, Sire? Es iſt ein i guter Freund von Ihnen, und Sie haben ohne Zweifel ſeinen Namen Lhr mißverſtanden? hin Ich habe nur gehört, daß es ein Marſchall iſt, der mich beſuchen will, und ich will ihn nicht empfangen, ſagte der Knabe trotzig. Aber Sire, es iſt ja der Marſchall Fürſt von Ligne— on, Wie, es iſt mein lieber Fürſt Ligne? rief der Knabe fröhlich Er ſoll kommen, der gute liebe Fürſt. Laufe, Jacques, laufe, damit er nicht länger warten muß! Oh, ich will ſelber gehen, und ihn will⸗ 1 kommen heißen! „it Und leicht und anmuthig wie ein Vogel flatterte der Knabe durch ihl. das Zimmer in das anſtoßende Gemach, um dieſes durcheilend in den be Vorſaal zu gehen. bis eben, der dn, IV. tung 2 Der Fürſt von Ligne. kend, ein Indeß war der Lakay dem Prinzen ſchon zuvorgekommen, und ſchll hatte den Fürſten benachrichtigt. Jetzt öffnete er die Thür, und auf einer der Schwelle erſchien die lange hagere Geſtalt des alten Fürſten von Ligne, des einſtigen Freundes der Kaiſerin Katharina, des Kaiſers de Joſephs des Zweiten, und des Königs Friedrich des Großen. Achtzig M⸗ Jahre waren über ſein Haupt dahin gegangen, ohne ſeinen graden den ſtolzen Rücken zu beugen, ohne das Feuer ſeiner Augen zu trüben, und ohne den Ausdruck der Heiterkeit und des Lebensgenuſſes aus pil ſeinem edlen und geiſtvollen Antlitz zu verwiſchen. Das Alter hatte wohl die Jahrzehnte mit hartem Griffel auf ſeiner Stirn verzeichnet, es hatte wohl ſeine Haare gebleicht, die wie die ungeheure Mähne eines Löwen bis auf ſeine Schultern niederhingen, aber es hatte keine 6. Furchen durch ſein Herz gezogen, es hatte den Geiſt und die Phantaſie 103 † ———— 148 des Fürſten nicht abgemattet. Der Fürſt von Ligne war mit achtzig Jahren noch immer ein heiterer, feiner, lebensfroher Geſellſchafter, ein geiſtvoller Mann, ein feiner Satyriker, der mit heiterm Spott jede Lächerlichkeit geißelte, und deſſen piquante Witzworte noch jetzt, wie ſchon vor funfzig Jahren, von ganz Wien, ja von ganz Europa wieder⸗ holt wurden. Ah, mein lieber Fürſt Ligne iſt da! rief der kleine Napoleon, zu dem Greiſe hineilend, und ihm ſeine beiden Hände darreichend. Ja, der Fürſt Ligne iſt da, die Signalſtange der alten Zeit iſt da, ſagte der Fürſt heiter lachend, indem er den Knaben in ſeinen Armen emporhob, und ihn herzlich küßte. Mein Herz ſehnte ſich zu ſehen, wie es meinem kleinen König hier ergeht; während die großen Kö⸗ nige in Wien ſo viel tanzen und lachen und ſchwatzen, wollte ich mich bei Ihrer kindlichen Weisheit ausruhen von all' den altklugen Thor⸗ heiten, die ich in Wien mit anſchauen muß. Sagen Sie, Sire, bin ich willkommen?* Von Herzen willkommen, ſagte der Knabe, indem er ſeine beiden kleinen Arme um des Fürſten Nacken legte, einen Kuß auf des Fürſten Stirn drückte. Aber ich will Sie um Etwas bitten, Herr Fürſt, und Sie müſſen mir einen Gefallen thun! Alles, Sire, nur müſſen Sie nicht verlangen, daß ich, weil ich ſo hübſch groß bin, Ihnen einige Sterne vom Himmel herunterholen ſoll. Ich verlange das auch nicht, denn ich weiß wohl, daß die eigent⸗ lichen Sterne viel zu hoch ſind für die Menſchen, und daß ſie ſich darum Sterne von Gold und Brillanten machen, die ſie auf ihre Bruſt ſtecken, und„Orden“ nennen. Sie ſollen mir blos den Gefallen thun, ſich bei mir niemals als Marſchall anmelden zu laſſen. Ich liebe die Marſchälle nicht, aber ich liebe Sie, und nicht wahr, Sie werden es nicht mit mir ſo machen, wie es die Marſchälle mit meinem Vater ge⸗ macht haben, Sie werden mich nicht verrathen? Der Fürſt hatte den Prinzen ſanft aus ſeinen Armen auf den Boden niedergleiten laſſen, und ſchaute jetzt mit einem wehmüthigen Lächeln zu ihm nieder. Nein, ſagte er, ich werde Sie nicht verrathen, obwohl ich ein 149 Marſchall bin, und niemals werde ich bei Ihnen mich andets melden, e als indem ich Ihnen ſagen laſſe:„der alte Freund iſt da, um mit ni ſeinem jungen Freund zu ſ Aber kommen Sie, Sire, wir 6 wollen erſt die Frau Gräfin begrüßen! Ja, kommen Sie, rief der Prinz, den Fürſten mit ſich fort⸗ ziehend, und betrachten Sie dann auch mein Bild, das der gute Iſa⸗ z bey malt. Der Fürſt betrat mit dem kleinen Prinzen das Malzimmer, an deſſen Thür die Gräfin ihn mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung em⸗ W pfing, während Iſabey vor ſeiner Palette ſaß und malte. Fürſt Ligne begrüßte die Fürſtin mit jener chevaleresken Höflich⸗ keit und Grazie, wie er ſie an dem Hof der großen Katharina geübt, ii und mit der er ſelbſt die Marquiſe Pompadour für ſich gewonnen 6 hatte. Dann wandte er ſich dem Maler zu, und betrachtete ſchwei⸗ in gend und mit forſchenden Blicken das faſt vollendete, lebensgroße Bild des kleinen Prinzen. „Welch' eine frappante Aehnlichkeit, rief er, mit wie viel Grazie, en Feinheit und Genialität das aufgefaßt iſt! Wahrlich, mein Herr, Sie nd haben da ein Meiſterwerk geſchaffen, das nicht blos Ihrem Talent, ſondern auch Ihrem Geiſt und Ihrem Herzen Ehre macht. Sie haben ſo nicht blos mit dem Pinſel, ſondern auch mit dem Herzen und dem ll Geiſt gemalt. Es iſt eine reizende und hochpoetiſche Elegie, welche n⸗ Sie da auf die Leinwand gezaubert haben. Sie haben nicht ein Kind ich gemalt, ſondern eine Sternenblume, die in reizender Unſchuld und Schönheit auf den Trümmern von Rom blüht; dieſe großen blauen n, Augen ſcheinen wehmüthig zu fragen:„wollt Ihr mich blühen laſſen auf meinen eigenen Trümmern?“ Dieſes Lächeln, das die purpurnen die es Lippen wie der Traum eines Engels umſchwebt, ſcheint zu bitten: ⸗„gönnt mir ein wenig Sonnenſchein und Glück, denn ich muß ver⸗ welken, wenn ich im Schatten ſtehen ſoll.“ Mein Meiſter, Sie haben en da nicht ein Bild geſchaffen, ſondern ein Gedicht! en Durchlaucht, rief Iſabey freudig, Sie ſchufen das Gedicht, aber ich bin ſchon zufrieden, daß mein Bild Sie dazu begeiſtern konnte. n Ich bin nach Wien gekommen mit dem Wunſch, daß ich die Portraits 150 aller der berühmten und erlauchten Perſonen, die ſich jetzt hier befinden, malen dürfte, und ich hätte eigentlich bei Ihnen den Anfang machen müſſen. Ah gewiß, lachte der Fürſt, in meiner Eigenſchaft als Großmeiſter des Alters! Nein, Durchlaucht, in Ihrer Eigenſchaft als Vorbild alles Deſſen, was es Großes und Ruhmvolles in dieſem Jahrhundert giebt, ſagte Iſabey ſich tief verneigend. Der Fürſt wandte ſeine Augen wieder dem Portrait zu. Dies Bild hat eine wunderbare Aehnlichkeit mit einem andern Portrait, das ich beſitze, ſagte er, mit einem Portrait, das Joſeph den Zweiten als Kind darſtellt, und das mir Maria Thereſia zum Geſchenk gemacht hat. Nun, Sire, ich gratulire Ihnen, dieſe Aehnlichkeit mit einem großen Mann iſt eine glückliche Vorbereitung für die Zukunft! Sagen Sie, Fürſt, fragte der Knabe haſtig, war dieſer Joſeph der Zweite, von dem Sie ſagen, daß ich ihm ähnlich ſehe, war er ein Oeſterreicher? Ja, Sire, ein Kaiſer von Oeſterreich. Dann thut es mir leid, daß ich ihm ähnlich ſehe! Und weshalb, Sire? Der Prinz hob ſeine großen blauen Augen langſam zu dem Fürſten empor, und ließ ſie dann mit einem forſchenden Ausdruck in dem Zimmer umher gleiten. Ich will es Ihnen erzählen, ſagte er, denn Sie, und die liebe Quiou und Freund Iſabey werden mir nicht böſe darüber ſein, und Sie werden es alle Drei keinem Menſchen wieder ſagen,— auch nicht, fügte er leiſe hinzu, auch nicht meiner Mutter, der Kai⸗ ſerin! Ich will Ihnen alſo erzählen, weshalb ich mich nicht freue, daß ich einem Oeſterreicher ähnlich ſehe. An dem Tage, an welchem ich meinen Papa Kaiſer zum letzten Mal ſah, war mein lieber Papa ſehr ernſt und traurig. Er ſpielte und lachte nicht mit mir, wie er ſonſt gethan, er ließ mich nicht exerciren und commandiren, ſondern er ſah mich immer ſo traurig an, ach, ſo traurig, daß ich auch gar nicht mehr ſpielen und lachen mochte, ſondern ganz ſtill zu ihm hinſchlich, mich zu ſeinen Füßen niederſetzte, und meinen Kopf auf ſein Knie legte. , n r „ 151 Er nickte mir zu und ſagte: ich müſſe aber ganz ſtill ſein, er habe heute noch viel zu arbeiten, denn er wolle die Nacht zur Armee ab⸗ reiſen. Ich lag auch ganz ſtill, ſo ſtill, als ob ich ſchliefe. Da kam Herr Miniſter Maret herein, und kaum hatte er die Thür geſchloſſen, ſo rief er: Sire, die Oeſterreicher ſind ſchon in Frankreich! Die Oeſter⸗ reicher auch? rief mein Papa; oh, Maret, Maret, dieſe Oeſterreicher ſind mein Unglück. Sie haben mich immer betrogen, immer getäuſcht, die Oeſterreicher haben es nie ehrlich gemeint! Sie ſehen jetzt, daß ich ſchwach bin, und deshalb hoffen ſie, daß ſie mich zertreten können.— Herr Maret ſagte: Sire, iſt nicht Ihr eigener Sohn ein halber Oeſter⸗ reicher?— Nein, nein, rief mein Papa, er ſoll immer nur ein ganzer Franzoſe ſein, denn das öſterreichiſche Blut hat Frankreich immer nur Unglück gebracht. Gott verhüte alſo, daß mein Sohn ein halber Oeſter⸗ reicher wäre, und Gott verhüte, daß er jemals ein ganzer Oeſterreicher werden ſollte. Schwören Sie mir, Maret, daß Sie das nicht leiden wollen, ſchwören Sie mir, daß Sie meinen Sohn lieber tödten, als leiden wollen, daß man ihn nach Oeſterreich bringt, und ihn zu einem Deſterreicher mache.— Herr Maret wollte eben antworten, da kam ein anderer Herr herein, und ſie ſprachen von anderen Dingen. Ich lag noch immer da zu den Füßen meines Papa's, und während ſie dachten, daß ich ſchliefe, hatte ich Alles gehört, und ich that leiſe den Schwur, den Herr Maret nicht hatte leiſten wollen, ich ſchwur: nie⸗ mals ein Oeſterreicher zu werden, und lieber zu ſterben, als nach Oeſterreich zu gehen!— Ach, aber ich habe doch nicht Wort halten können, und ſie haben mich doch nach Oeſterreich gebracht; ich konnt's nicht hindern, und ich wäre freilich gern geſtorben, aber ich wußte nicht, wie man's anfangen muß, um zu ſterben, und ſo hab' ich's denn leiden müſſen, daß ich nach Oeſterreich gebracht wurde. Aber ein Oeſterreicher will ich doch niemals werden, denn ſonſt würde mein Papa mich nicht mehr lieb haben. Nein, nein, ein Oeſterreicher will ich niemals werden; wenn ich erſt größer bin, ſo werde ich auch lernen, wie man's machen muß, um zu ſterben, und wenn ſie dann verlangen, daß ich ein Oeſterreicher werde, ſo ſterbe ich, ganz gewiß, dann ſterbe ich, damit mein Papa mich lieb behält! Und darum, Herr Fürſt, darum . 152 iſt es mir nicht lieb, daß ich einem Oeſterreicher gleiche, denn die zuj Oeſterreicher haben meinem Papa Kaiſer Unglück gebracht! un Der Knabe ſchwieg, aber Niemand antwortete ihm, alle Geſichter ſt waren düſter und wehmuthsvoll, und allen Herzen ſchien die ſanfte hi melodiſche Stimme des Prinzen wie ein Lied der Klage, der Trauer ha und der ſchmerzlichen Erinnerungen erklungen zu ſein, denn Thränen ic rollten über die bleichen Wangen der Gräfin nieder, Thränen um⸗ düſterten die Augen Iſabey's, daß er nicht malen konnte, und ſelbſt die Augen des achtzigjährigen Fürſten fanden dieſes ſalzige Naß wieder, das ſeit manchem langen Jahr ſeine Wimpern nicht be⸗ feuchtet hatte. Aber er wollte dieſer Stimmung nicht nachgeben, er wollte ſich ihr mit Gewalt entreißen. Er neigte ſich nieder und drückte einen Kuß auf Napoleons goldene Locken. Mein Kind, ſagte er leiſe, er⸗ zählen Sie dieſe Geſchichte Niemanden anders, als uns, und ſagen Sie es Niemand, daß Sie kein Oeſterreicher ſein wollen. Und jetzt, Sire, jetzt erlauben Sie mir, Ihnen das kleine Geſchenk zu zeigen, das ich Ihnen mitgebracht habe. Er zog ein kleines Käſtchen von rothem Maroquin aus ſeinem Buſen hervor und reichte es geöffnet dem Prinzen dar. Es enthielt einige große Medaillen von ſeltener Schönheit, Medaillen, die einſt bei Gelegenheit und zur Feier der Geburt des Königs von Rom ge⸗ ſchlagen worden. Es iſt ein Andenken an Frankreich, ſagte der Fürſt lächelnd, er⸗ kennen Sie wohl dieſe Medaillen? Der kleine Prinz betrachtete ſie aufmerkſam. Ja, ſagte er mit einem ſanften Lächeln, ich erkenne ſie, dieſe Medaillen ſind gemacht, als ich noch König war?*) Und wer hat Ihnen denn geſagt, daß Sie jetzt nicht mehr König ſind? fragte der Fürſt. d*„.„„* Der Kaiſer von Oeſterreich und die Kaiſerin, ſagte Napoleon traurig, und die kleinen Erzherzöge ſagen es mir, ſo oft ich mit ihnen *) Des Prinzen eigene Worte. Siehe: Comte de la Garde. 105 e 153 zuſammenkomme, und ſie lachen und weiſen mit Fingern nach mir hin und ſingen dazu:„Seht, ſeht, in der Wiege war er König, und jetzt iſt er gar nichts mehr!“ Aber wenn man mir es auch nicht geſagt hätte, ſo wüßte ich es doch, daß ich kein König mehr bin, denn ich habe keine Pagen mehr, und wenn die liebe Quiou nicht wäre, ſo müßt' ich immer allein ſein, un Auf einmal erhellte ſich das Antlitz des Knaben und ein glühendes Roth übergoß ſeine Wangen. Von draußen ertönten die ſchmetternden Klänge militairiſcher Muſik, mit welchen einige Regimenter ungariſcher Huſaren, vom Exerciren heimkehrend, an dem Schloſſe vorüberzogen. Der kleine Napoleon flog zum Fenſter hin und ſchaute hinaus, bis der letzte Huſar um die Biegung des Weges verſchwunden war. Dann wandte er ſich wieder den Freunden zu und ein glückliches ſtolzes Lächeln verklärte jetzt ſein Angeſicht. Es waren die Lanciers meines Papa Kaiſers, ſagte er, in kind⸗ licher Unſchuld die Gegenwart mit der Vergangenheit verwechſelnd. Jetzt, Herr Fürſt, jetzt fällt mir ein, daß ich Ihnen auch noch etwas Schönes zu zeigen habe, rief er heiter. Kommen Sie und ſehen Sie einmal, welche ſchöne Soldaten mir der Herr Erzherzog Carl geſtern gebracht hat. Und er zog den Fürſten in das andere Zimmer und zu ſeinem Spieltiſch hin. Sehen Sie einmal, rief er eifrig, es ſind Soldaten, die ihre Arme und Beine bewegen, ererciren und manövriren können, als wenn ſie wirkliche Menſchen wären. In der That, der kleine Prinz hatte Recht, dieſe Soldaten von Holz benahmen ſich, als ob ſie wirkliche Menſchen wären. Es war ein Trupp Cavalleriſten, die auf beweglichen und zuſammenhängenden Klötzen ſtehend, durch einen künſtlichen Mechanismus ſo eingerichtet waren, daß ſie alle militairiſchen Evolutionen ausführen, ſich ausein⸗ ander bewegen, ſich entwickeln und in Colonnen aufſtellen konnten. Ach, das iſt eine allerliebſte Armee, rief der Fürſt lächelnd, ganz würdig des Feldherrn, der ſie zur Schlacht führen ſoll. Denn nicht wahr, Sie verſtehen ſchon mit Ihrer Armee da zu manövriren? . 154 Ich kann ſie das ganze Manöver machen laſſen, ſagte Napo⸗ leon ſtolz. Nun denn, Sire, zum Manöver! rief Fürſt Ligne mit lauter Com⸗ mandoſtimme. Und mit einem Ernſt, als ginge es zu einer wirklichen Schlacht, zog er ſeinen Degen, ſalutirte vor dem Prinzen und ſtellte ſich dann in militairiſcher Haltung neben dem Tiſch auf. Und mit eben ſolchem Ernſt, ganz Aufmerkſamkeit und Span⸗ nung, legte Napoleon die Hand an die Schraube, welche ſeine Armee bewegte. Aufgepaßt! rief der Fürſt mit ſchallender Stimme. Aufgepaßt! Und mit unerſchütterlichem Ernſt ertheilte er jetzt das erſte Com⸗ mando. Und mit unerſchütterlichem Ernſt führte der Prinz es aus. Dann folgte ein zweites, ein drittes Commando, ebenſo ernſt gegeben, ebenſo prompt und ernſt ausgeführt. Das Antlitz des Kindes glühte vor Begeiſterung und Kriegsluſt, und ein Abglanz dieſer Gluth röthete die Wangen des Greiſes. Eben ſollte das letzte große Manöver beginnen, als ſie durch das Eintreten des Lakaien unterbrochen wurden. Er meldete der Gräfin Montes⸗ quiou, daß der Commodore Sir Neil Campbell mit Erlaubniß der Kaiſerin dem Prinzen einen Beſuch zu machen komme. Die Gräfin winkte ihn einzulaſſen, Fürſt Ligne ſteckte ſeinen De⸗ gen wieder in die Scheide, der kleine Prinz ſchob ſeine Armee wieder in ihren Kaſten, und der Maler Iſabey kehrte wieder in das andere Zimmer und zu ſeiner Palette zurück. Die Thür öffnete ſich jetzt, und Sir Neil Campbell trat herein. Mit aller Feierlichkeit, Steifheit und Würde eines Sohns Albions durchſchritt er das Gemach und machte den Anweſenden ſeine militai⸗ riſchen Verbeugungen. Sire, ſagte die Gräfin, ſich dem Prinzen zuwendend, der Herr Commodore Neil Campbell iſt einer von den vier Herren, die Se. Majeſtät den Kaiſer, Ihren Herrn Vater, von Soizineblean Elba begleitet haben. Das Antlitz des kleinen Prinzen verfinſterte ſich. Der Herr war alſo einer von den vier Gefangenwärtern meines Vaters? fragte er —— Kaiſer Napoleon nach Elba zu begleiten, als Gef 155 chlagend, und den Eng⸗ mit faſt drohendem Ton, die Arme in einander ſ länder trotzig anblickend. Aber Sire, ſagte die Gräfin faſt verlegen, dieſer Herr will Sie beſuchen. Ihre Frau Mutter hat es ihm erlaubt, Sie müſſen den Herrn Commodore alſo willkommen heißen. Nein, rief der Knabe, heftig mit dem Fuß ſtampfend, nein, ich heiße ihn nicht willkommen, denn er hat meinen Papa in's Gefängniß geführt! Sie werden ihn doch willkommen heißen, Sire, ſagte der Fürſt Ligne lächelnd. Sie werden ihn willkommen heißen, wenn ich Ihnen eine kleine reizende Geſchichte von dem Herrn Commodore erzählt habe. Sie erlauben es mir doch, Herr Commodore. Ach, mein Fürſt, rief Sir Neil, Jeder wird unſterblich, dem Fürſt Ligne die Ehre erzeigt von ihm zu ſprechen. Der Fürſt dankte mit einem Lächeln, und wandte ſich wieder dem Prinzen zu. Es iſt wahr, Sire, ſagte er, Sir Neil Campbell war Einer von leau geſchickt waren, um den den vier Herren, welche nach Fontaineb angenwärter, wie Sie vorhin ſagten. Aber Sir Neil Campbell war, wie Sie gleich ſehen werden, ein ſehr milder Gefangenwärter. Er war zugegen, als der Kaiſer auf dem Hof des Schloſſes Fontainebleau von ſeiner Garde Abſchied nahm. Er hörte jene erhabene, rührend ſchöne Rede, mit welcher Napoleon, Ihr Vater, Sire, ſeinen Kriegern das letzte Lebe⸗ wohl ſagte, und als der Kaiſer die Adler küßte, und als nun der all⸗ gemeine Jubel losbrach, als alle die Krieger ihre Schwerter hoben, ihre Fahnen ſchwenkten, und alle ihre Stimmen ſich vereinigten zu dem Einen weithallenden, begeiſterten Ruf: vive'Empereur! da vergaß Sir Campbell, daß Er einer von den vier Commiſſairen war, welche den Kaiſer eben fortführen ſollten, und hingeriſſen von Begeiſterung und Rührung ſchwenkte auch Er ſeinen Hut hoch in die Luft, und während ihm die Thränen über die Wangen rollten, rief er wie die Andern: vive hmpereur!*) *) Comte de la Garde. I. 102. 156 Iſt das wahr, mein Herr? fragte der kleine Napoleon, mit ſtrah⸗ lenden Augen den Engländer anſchauend. Es iſt wahr, ſagte Sir Campbell langſam und feierlich. Ich habe gerufen: vire l'Empereur! und wenn ich jene erhabene Scene noch einmal erlebte, würde ich noch einmal rufen: vive IEmpereur! Der Knabe trat raſch auf ihn zu, und reichte ihm beide Hände dar. Ich danke Ihnen, mein Herr, ſagte er, und ich heiße Sie will⸗ kommen! Nicht wahr, fragte Frau von Montesquion lächelnd, jetzt freuen Sie ſich, Sire, dieſen Herrn zu ſehen, der Ihren Herrn Vater nach Elba begleitet hat, und der ihn erſt vor kurzer Zeit verlaſſen? Ja, ich freue mich, ſagte das Kind leiſe, aber wir dürfen das hier Niemand ſagen, hört Ihr, Niemand! Ich habe Ihren Vater nicht blos erſt kürzlich geſehen, ſagte der Commodore, ſondern ich werde ihn auch bald wieder ſehen, denn ich reiſe noch heute wieder ab, und werde mit meinem Schiff ganz nahe bei Elba ſein. Oh, wenn Sie meinen Papa Kaiſer ſehen, rief der Prinz mit zitternder Stimme, wenn Sie ihn ſehen, ſo grüßen Sie ihn, und ſagen Sie ihm, daß ſein armer kleiner König von Rom ſo gern bei ihm ſein möchte, wenn man es ihm nur erlauben wollte. Sire, ſagte Sir Campbell ernſt, Ihr Herr Vater hat mir einen Auftrag an Sie gegeben. Wollen Sie mir erlauben, daß ich ihn ausführe? Thun Sie es, mein Herr, thun Sie es! Ihr Herr Vater hat mir aufgetragen, Sie zu umarmen und Ihnen in ſeinem Namen einen Kuß zu geben! Der Prinz ſchrie laut auf; zu Sir Campbell hinſtürzend, ſprang er in ſeine Arme und drückte einen langen glühenden Kuß auf ſeine Lippen. Dann auf einmal in lautes Weinen ausbrechend, und ſeine kleinen Arme und das von Thränen überfluthete Antlitz zum Himmel erhebend, rief er mit herzzerreißendem Wehelaut: Oh, mein Vater, warum bin ich nicht bei Dir! Warum biſt Du nicht bei mir! Mein Vater, mein lieber, lieber Papa Kaiſer! Das Wappen und die Livrte Uapoleons. In Thränen aufgelöſt, an allen Gliedern bebend, verließ Marie Louiſe ihre Equipage, und kehrte ſchwankenden Ganges, leiſe Klagen und Seufzer ausſtoßend, in ihre Gemächer zurück. Die Gräfin von Brignole ſoll ſogleich zu mir kommen, befahl ſie dem ihr die Thüren öffnenden Kammerdiener. Dann trat ſie in ihr Cabinet ein, und den Hut, den Mantel abreißend und ihn weit von ſich in das Gemach hinein ſchleudernd, ſank ſie auf einen Lehnſtuhl nieder, bedeckte ſich das Antlitz mit beiden Händen und weinte laut und bitterlich. Gräfin Brignole hatte ſchon lange das Cabinet betreten, ohne daß Marie Louiſe ſie beachtet hatte. Sie ſtand unfern der Thür, und ſchaute mit aufmerkſamen und theilnahmsvollen Blicken zu der Kaiſerin hin, welche noch immer mit verhülltem Antlitz daſaß, und deren Seufzen und Schluchzen allein die Stille unterbrach. Endlich, als ſie ſah, daß Marie Louiſe immer noch nicht ihr Haupt emporrichtete, und gar nicht zu wiſſen ſchien, daß ſie gegenwärtig ſei, näherte ſich die Gräfin leiſe der Kaiſerin. Ew. Majeſtät haben mich rufen laſſen, ſagte ſie mit ſanftem Ton. Marie Louiſe zuckte zuſammen, ließ ihre Hände von ihrem Antlitz gleiten, und ſich von ihrem Fauteuil erhebend, ſchlang ſie mit leiden⸗ ſchaftlicher Gewalt ihre Arme um den Hals der Oberhofmeiſterin. Gräfin, rief ſie ſchluchzend, Gräfin, retten Sie mich! Laſſen Sie uns fliehen! Laſſen Sie uns in irgend einer Verkleidung dieſes Schloß verlaſſen, und zu meinem Gemahl flüchten! Oh, bei Napoleon allein iſt mein Platz, bei ihm allein iſt für mich Ehre, Ruhe und Glück! Gelobt ſei Gott, daß Ew. Majeſtät das endlich anerkennen, ſagte die Gräfin freudig, gelobt ſei Gott, daß Sie dahin gehen wollen, wo⸗ hin die Pflicht und die Ehre Eure Majeſtät allein rufen! Ja, es iſt wahr, Sie müſſen nach Elba, Sie müſſen zu Ihrem Gemahl hineilen. 158 Ihre Gegenwart wird für ihn nicht allein eine Freude, ſondern auch eine Stütze ſein. Man wird nicht wagen, die ſchlimmen Dinge aus⸗ zuführen, welche man hier gegen den Kaiſer im Schilde führt, wenn Ew. Majeſtät an Napoleons Seite iſt, und daher Oeſterreich die Pf auferlegt, um Ihretwillen Schonung zu üben. Gehen Sie alſo zu Kaiſer, Majeſtät, er breitet Ihnen lange ſchon ſeine Arme entgegen, eilen Sie, ſich an ſeine Bruſt zu werfen! Ja, rief Marie Louiſe entſchloſſen, ich will zu ihm hin. Ich ſehe es klar, daß dies die einzige Rettung iſt, die mir noch geblieben. Wir wollen uns ernſthaft damit beſchäftigen, Brignole, wir wollen ganz im Geheimen alle Vorbereitungen treffen. Ich muß fort, ich muß zu meinem Gemahl! Hier wagt man es, mich zu beleidigen, mich zu be⸗ ſchimpfen, und Niemand iſt da, der mich ſchützt, Niemand, der ſich meiner erbarmt. Wiſſen Sie, Brignole, was man mir gethan, wie furchtbar man mich ſo eben in Wien beleidigt hat? Ich hatte nicht die Ehre, Ew. Majeſtät nach Wien zu begleiten, ich weiß daher nichts. Hören Sie alſo, wie man in dieſem gemüthlichen Oeſterreich die Tochter des Kaiſers von Oeſterreich zu beſchimpfen wagt! Sie wiſſen, ich begab mich nach Wien, um mit der Kaiſerin Ludovica einige Be⸗ ſuche zu machen, und mich der Kaiſerin von Rußland vorſtellen zu laſſen. Ja, ich weiß, ſeufzte die Gräfin, daß die Gemahlin des Kaiſers Napoleon dieſe Demüthigung hat erfahren müſſen, daß ſie, nicht In⸗ cognito, ſondern in ihrer Staatscaroſſe, öffentlich vor aller Welt der Kaiſerin von Rußland den erſten Beſuch machte, ehe dieſe ihr den ſchuldigen erſten Beſuch gemacht. Oh, Majeſtät, ich konnte nur wei⸗ nen vor unausſprechlichem Weh, als ich die Staatscaroſſe mit dem „großen kaiſerlichen Wappen dahin rollen ſah, und dachte, daß dieſe und die Livréen des Kaiſers es den Straßen von Wien verrathen würden, daß Ew. Majeſtät ſich zu den Feinden Ihres erhabenen Ge⸗ mahls begaben. Oh, wären Ew. Majeſtät mindeſtens in einfacher Equipage, ohne die große Livrée dahin gefahren, ſo— Ja, Sie haben Recht, unterbrach ſie die Kaiſerin ungeſtüm, wäre n, 159 ich incognito dahin gefahren, ſo würde ich die Schmach und Be⸗ ſchimpfung vermieden haben, die ich jetzt erdulden mußte. Denn man hat mich beſchimpft, Brignole, man hat mit Fingern auf mich ge⸗ wieſen, und hat mich verſpottet und verlacht. Und weshalb? Weil ich das kaiſerliche Wappen Frankreichs an meiner Kutſche führe, weil mein Kutſcher und meine Lakaien die kaiſerliche Livrée und das mit der Kaiſerkrone gezierte N auf ihren Knöpfen tragen. Ich war zuerſt an der Burg vorgefahren, um die Kaiſerin Ludovica abzuholen. Mein Vater und meine Geſchwiſter kamen mich zu begrüßen, und es dauerte daher einige Zeit, ehe wir zu den Equipagen hinab ſtiegen. Der Wagen der Kaiſerin Ludovica fuhr zuerſt vor, und das Volk, das ſich in großer Menge um die Wagen gruppirt hatte, empfing die Kaiſerin mit lautem Vivatrufen. Alsdann aber, als mein Wagen vorfuhr, als ich einſtieg, brach dieſe rohe, elende Menſchenmenge in lautes Geſchrei, in Ziſchen und Pfeifen aus, und lachte und ſchrie, und zeigte mit Fingern auf mich, die ich halbohnmächtig in den Wagen zurückſank, und mich vergeblich fragte: was ich denn gethan, um dieſe Verhöh⸗ nung des Volkes zu verdienen? Endlich hielt der Wagen vor dem Hötel der Kaiſerin von Rußland, und zitternd, mit angſtklopfendem Herzen ſtieg ich aus. Gott ſei Dank, die Straße war leer, unangefochten trat ich in das Hötel, und begab mich mit der Kaiſerin unangemeldet in die Gemächer der Kaiſerin Eliſabeth. Sie empfing mich mit einer Zärtlichkeit, Zuvorkommenheit und Güte, wie ich ſie hier in Wien noch von Niemanden erfahren habe. Für ſie mindeſtens war ich noch immer die Kaiſerin, und ſie nannte mich ſo, und beobachtete alle Egards, die meinem Range gebühren. Das machte mich heiter und geſprächig, ich vergaß in der Unterhaltung mit Eliſabeth die unangenehme Scene, welche ich zuvor erlebt hatte, und verließ ganz ruhig die kaiſerlichen Gemächer, um zu meinem Wagen zurückzukehren. Aber unſere vor dem Hötel wartendens Equipagen hatten eine ungeheure Menſchen⸗ maſſe herangelockt, die doppelt ſo groß war, wie die, welche ich vorhin vor der Burg geſehen. Wieder beſtieg die Kaiſerin unter dem Zu⸗ jauchzen der Menge ihre Equipage, und wieder, ſobald meine Equi⸗ page vorfuhr, begann das Schreien und Toben, das Pfeifen und 160 Ziſchen. Ich fühlte, wie meine Augen ſich mit üllten, und ich ließ den Schleier über mein Antlitz fallen, d iemand die Todesbläſſe ſehen ſolle, welche meine Wangen bedeckte. Man ließ mir kaum einen Weg offen, um in den Wagen zu gelangen, und als der Lakai dann die Wagenthür zuſchlug, ward das Schreien und Toben nur noch lauter. Der Kutſcher wollte abfahren, aber das Volk, das jetzt in dichten brauſenden Maſſen die ganze Straße erfüllte, das Volk litt es nicht. Es fiel den Pferden in die Zügel, und zwang ſie zum Stehen, es faßte den Vorreiter, und warf ihn unter Lachen und Ge⸗ ſchrei von ſeinem Pferde, es drohte mit geballten Fäuſten nach dem Kutſcher empor, und rief:„Still gehalten, ſtill gehalten! Wir haben der Madame, die im Wagen ſitzt, Etwas zu ſagen!“— Ja, wir haben der Madame Etwas zu ſagen, lachte und brüllte die Menge, und jetzt wälzte ſich die tobende Maſſe bis dicht zu meinem Wagenfenſter hin. Ein rieſengroßer Menſch, der die Menge anzuleiten ſchien, klopfte mit der Hand an mein Wagenfenſter, und begehrte, daß ich es öffnete, weil er mir im Namen des Wiener Volkes Etwas zu ſagen habe. Ich raffte all' meinen Muth zuſammen, damit dieſer elende Pöbel nicht ſehen ſollte, wie ſehr ich mich ängſtigte, und ließ das Fenſter herunter. Hören Sie, Madame, ſagte der Menſch, den die Menge zu ihrem Redner ernannt, hören Sie, Madame, wir kennen Sie nicht, und wir wollen Sie auch nicht kennen. Aber wir haben gehört, daß Sie von Schönbrunn kommen, und ſicherlich fahren Sie dahin zurück. In Schönbrunn aber wohnt jetzt die Tochter unſers Kaiſers, die Erzher⸗ zogin Marie Louiſe, und wir glauben, daß ihr dieſer Wagen gehört, und daß ſie dieſe Livrée noch aus Frankreich mitgebracht hat. Sagen Sie aber der Erzherzogin, daß wir hofften, ſie ſei zu uns zurückgekehrt mit einem deutſchen Herzen und mit deutſcher Geſinnung, und daß wir überzeugt wären, es ſei nur aus Verſehen und Vergeſſenheit ge⸗ ſchehen, daß ſie noch das alte verhaßte franzöſiſche Kaiſerwappen und die häßliche kaiſerliche Livrée beibehalten habe. Sagen Sie ihr, der Maler und der Schneider müßten ſich ſehr beeilen, um ein anderes Wappen zu malen, und andere Livréen zu machen, denn dieſe Kutſche und dieſe Livréen wollten und könnten wir nicht mehr dulden. Wenn 8 nd en mit ete, icht 161 ſie ſich noch einmal hier auf den Straßen zeigten, ſo würde das Volk ſie zerſtören. Sagen Sie das der Erzherzogin Marie Louiſe, ſagen Sie ihr, ſie ſoll uns in Wien, als die Tochter unſers Kaiſers, immer willkommen ſein, aber das abgedankte kaiſerliche Wappen und das gott⸗ verdammte N mit der Kaiſerkrone wollen wir nicht mehr ſehen!“— Nein, das wollen wir nicht mehr ſehen, rief und heulte der Pöbel ihm nach, fort mit dem Wappen, fort mit der Livrée!— Dem Kutſcher war es endlich gelungen, vorwärts zu fahren, aber das Volk lief ſchreiend und brüllend zu beiden Seiten meines Wagens her, es pfiff und heulte und tobte und drohte mir mit den Fäuſten, und zeigte mit Fingern nach mir hin. Ich ließ die Vorhänge nieder, um wenigſtens unbemerkt weinen zu können, und Gott mein Elend zu klagen, da doch auf Erden Niemand ſich meines Jammers erbarmen wollte.*) Entſetzlich, rief die Gräfin, ja, Ew. Majeſtät haben Recht, man hat es gewagt Sie zu beſchimpfen, und die Polizei, welche ſonſt in Wien ihre Argusaugen überall offen hat, und Jedermann bewacht, die Polizei hat nicht für gut befunden, dieſen Scandal zu verhüten, ja, ſie hat ihn vielleicht ſogar hervorgerufen, um Ew. Majeſtät zu zwingen, die verhaßten Farben und Wappen des Kaiſers abzulegen. Ew. Ma⸗ jeſtät haben Recht, Sie dürfen nicht länger hier in Oeſterreich bleiben, denn Ew. Majeſtät ſind hier nicht ſicher vor Schmach und Beleidi⸗ gung. Sie müſſen nach Elba zu Ihrem Gemahl, er wird Sie ſchützen, an ſeiner Seite allein werden Sie ſicher ſein. Bereiten wir alſo heim⸗ lich und in aller Stille Alles zur Flucht vor, ſuchen wir uns Ver⸗ traute, auf deren Verſchwiegenheit wir rechnen können, und die uns bei der Ausführung Ihrer Flucht hülfreiche Hand leiſten können. Ja, thun wir das, ſagte Marie Louiſe zerſtreut, ich überlaſſe Ihnen das ganze Arrangement, ſorgen Sie für Alles. Aber iſt es Ihr Ernſt, Gräfin, meinen Sie wirklich, daß dieſer Scandal, den man mir da bereitet hat, nicht von dem Volk ausgegangen, ſondern von Anderen veranlaßt worden iſt? *) Méneval: Mémoires. Vol. III. p. 85. Mühlbach, Napoleon. 1V. Bd. 162 Ich bin davon überzeugt, ſagte die Gräfin raſch. Es iſt ein An⸗ griff der Polizei— Nein, rief Marie Louiſe heftig, nein, es iſt eine neue Bosheit des Grafen Neipperg! Oh, jetzt verſtehe ich Alles, jetzt weiß ich Alles! Meine Livréen, meine Wappen waren ihm lange ein Gegenſtand des Aergerniſſes, und er hat mich ſchon oft gebeten, dieſelben aufzugeben. Da ich es ihm abgeſchlagen, will er mich mit Gewalt dazu zwingen. Ja, ſo iſt es, Er iſt der Anſtifter dieſes Straßentumults! Deshalb auch iſt er ſeit geſtern nicht hier geweſen, deshalb hat er es nicht ge⸗ wagt, vor mir zu erſcheinen. Oh, von dieſem Manne kommt mir alles Unglück und alles Wehe! Er ſchwebt über mir, wie der böſe Dämon, und ſo oft ich ihn ſehe, fühle ich es daher wie einen Dolchſtich in meinem Herzen, habe ich ein Gefühl, als ob ich fliehen müßte, um mich vor dem aufgehobenen Arm des Unheils zu erretten. Oh, ich haſſe, ich verabſcheue dieſen Mann, den mein Vater mir als Spion, als Aufſeher an meine Seite geſtellt; ich will ihn nicht da dulden, und müßte ich mich dem Zorn meines Vaters deshalb ausſetzen! Beſſer ſelbſt zu Grunde gehen, als ſolche Schmach und Demüthigung länger ertragen. Gleich, jetzt in dieſer Stunde ſoll es zur Entſchei⸗ dung kommen! Sie ſprang zu dem Tiſch hin, und die Klingel ergreifend, ſchellte ſie heftig. Iſt der Graf Neipperg hier? fragte ſie den eintretenden Lakaien. Zu Befehl, Majeſtät, der Graf iſt ſo eben angelangt. Sagen Sie dem Grafen Neipperg, er ſolle ſich ſogleich hier in mein Cabinet begeben, ich wolle ihn ſprechen! Was wollen Ew. Majeſtät thun? fragte die Gräfin Brignole, als der Lakai hinaus gegangen war. Ich will den Verräther zur Verantwortung ziehen, rief Marie Louiſe, indem ſie mit haſtigen Schritten, die Arme über der Bruſt ge⸗ faltet, auf und nieder ging. Ich will ihm ſeine Hinterliſt und Bosheit in's Antlitz werfen, ich will ihm ſagen, daß Er es iſt, der mir dieſe empörende Scene in Wien bereitet hat, daß Er es iſt— Die Thür des Vorſaals ward geöffnet, und der Lakai erſchien . wieder in derſelben. Se. Excellenz der General Graf Neipperg, meldete er. Gut, er ſoll eintreten, rief Marie Louiſe, und ſich an die Gräfin wendend, ſagte ſie: gehen Sie, Brignole, laſſen Sie mich allein mit ihm! Wenn er mich beim Kaiſer verklagen will, ſoll er wenigſtens keine Zeugen wider mich anrufen können! Die Gräfin verneigte ſich, und verließ durch eine Seitenthür das Cabinet. In demſelben Augenblick erſchien in der Thür des Vorſaals die ſchlanke und edle Geſtalt des Grafen Neipperg. M. Das Entlaſſungsgeſuch. Marie Louiſe ging noch immer mit raſchen Schritten auf und ab, den Grafen gar nicht beachtend, der in demüthiger Haltung neben der Thür ſtand und von der Kaiſerin erſt die Erlaubniß zu erwarten ſchien, um ſich ihr nähern zu dürfen. Auf einmal blieb Marie Louiſe vor ihm ſtehen und ſah ihn mit flammenden Zornesblicken an. Weshalb waren Sie geſtern nicht hier, Herr Graf? fragte ſie ſtrenge. Ich glaubte, Ew. Majeſtät bedürften meiner nicht, ſagte der Graf demüthig. Marie Louiſe lachte höhniſch. Wirklich, Sie glaubten das, rief ſie. Nun, wenn Sie aber erſt kommen wollen, wenn ich Ihrer bedarf, Herr Graf, ſo hätten Sie niemals nöthig gehabt, mich mit Ihrer Nähe zu beläſtigen, denn in der That, ich habe Ihrer noch nie⸗ mals bedurft! Ich weiß das wohl, und Ew. Majeſtät haben ſchon oft die Gnade gehabt, es mir zu wiederholen, ſagte Graf Neipperg traurig. Aber Se. Majeſtät, mein Herr und Kaiſer, hatte mich zu der hohen Stelle 164 eines Ehrencavaliers Eurer Majeſtät ernannt, und dieſe Stelle legte mir die Pflicht auf, mich immer wieder in die Nähe Ew. Majeſtät zu drängen, ſo wenig willkommen ich auch ſein mochte. Das iſt's, rief Marie Louiſe, es war Ihre befohlene Pflicht, hier in Schönbrunn und zu meinen Dienſten zu ſein! Ich wiederhole alſo meine Frage, mein Herr: warum waren Sie geſtern nicht hier in Schönbrunn? Warum vernachläſſigen Sie Ihre Pflicht? Sagen Sie mir die Wahrheit, mein Herr! Ew. Majeſtät wollen die Wahrheit wiſſen? Nun wohl, da Sie es befehlen, werde ich ſie Ihnen ſagen: ich kam nicht nach Schönbrunn, weil ich weiß, daß Ew. Majeſtät meine Gegenwart verabſcheuen, und weil ich Sie wenigſtens für einen Tag von einem ſo verhaßten Anblick befreien wollte. Ah, in der That, Sie ſind ſehr barmherzig, rief Marie Louiſe hohnlachend, Sie wollten mir alſo aus Erbarmen einen Tag der Ruhe gönnen, nachdem Sie mich ſechs Wochen lang nicht einen Tag dieſer Erholung würdig gehalten. Majeſtät, wir waren auf der Reiſe, und es war daher unmöglich, mich fern zu halten und zu verbergen. Und man muß geſtehen, daß Sie auch nicht den mindeſten Ver⸗ ſuch dazu machten, rief die Kaiſerin ſpöttiſch. Immer fand ich Sie an meiner Seite, immer beobachteten Sie mein Geſicht, um auf dem⸗ ſelben meine innerſten Gedanken zu errathen. Die Wünſche, die ich noch nicht ausgeſprochen, Sie hatten ſie ſchon auf dem Grunde meines Herzens geleſen, und ehe ich ihnen Worte geben konnte, waren ſie ſchon erfüllt. Sahen Sie, daß etwas mir unbequem und läſtig war, ſo räumten Sie es hinweg, noch ehe ich meine Lippen geöffnet, um es zu verlangen; laſen Sie in meinen Zügen, daß mir irgend Etwas an⸗ genehm war, ſo boten Sie es mir dar, ehe ich Zeit gehabt, es zu for⸗ dern. Gefiel mir eine Gegend, ſo fand ich am andern Tage ein Bild derſelben auf meinem Frühſtücktiſch— kurz, Sie verfolgten mich mit Ihrer Spionage in jedem Moment, auf jedem Schritte, und ich hätte mich in das Grab retten müſſen, um Ihrem fürchterlichen Spionir⸗ ſyſtem zu entgehen. it e 165 Jetzt haben aber Ew. Majeſtät glücklicherweiſe ein anderes Mittel erſonnen, um ſich zu befreien von meinem Spionirſyſtem, wie Sie meine gehorſame Aufmerkſamkeit auf alle Ihre Wünſche zu nennen belieben. Und welch' ein Mittel, wenn ich fragen darf? Ew. Majeſtät werden mich in das Grab ſchicken, ſagte Graf Neipperg leiſe und traurig. Ew. Majeſtät wollten die Wahrheit wiſſen, weshalb ich geſtern nicht hierher gekommen? Nun, ich geſtehe, daß ich Ew. Majeſtät noch nicht ganz die Wahrheit geſagt habe, jetzt aber will ich ſie ſagen: ich war geſtern feig und ſchwach. Ich fühlte, daß ich nicht die Kraft hatte, wieder den Zorn und Spott Ew. Majeſtät zu ertragen. Mein Herz ſchmerzte von tauſend Wunden, die ich auf dieſer Reiſe empfangen⸗ Ich wollte ſie wenigſtens einen Tag ausbluten laſſen, ehe ich neue Wunden empfing. Deshalb, Majeſtät, kam ich geſtern nicht nach Schönbrunn! Das iſt nicht wahr, rief Marie Louiſe, zum zweiten Mal haben Sie mir die Wahrheit verhehlt. Ich aber will ſie Ihnen ſagen: Sie kamen nicht nach Schönbrunn, weil Sie in Wien beſchäftigt waren. Weil Sie die Leute anzuwerben hatten, welche ich heute auf den Straßen Wiens finden ſollte, weil Sie die Rede aufzuſchreiben hatten, welche der Anführer der Straßen⸗Emeute heute an meinem Wagen halten ſollte. Sie kamen nicht nach Schönbrunn, weil Sie mit der Polizei Ihre Verabredungen zu treffen hatten, damit ſie Ihnen kein Hinderniß in den Weg legte, und weil Sie Alles vorbereiten mußten zu der ekelhaften und verächtlichen Scene, mit welcher der Pöbel Wiens ſich heute auf meine Koſten beluſtigen ſollte. Ach, mein Herr Graf, ich mache Ihnen mein Compliment, Sie ſind in der That ein ſehr ge⸗ ſchickter Theater⸗Regiſſeur, und Sie haben Ihr Volksdrama mit be⸗ wunderungswürdiger Geſchicklichkeit in Scene geſetzt. Mein Gott, mein Gott, wovon reden Ew. Majeſtät? fragte Graf Neipperg verwirrt und erſtaunt. Was iſt geſchehen? Wer hat es ge⸗ wagt, Ew. Majeſtät zu beleidigen? Oh, ich beſchwöre Ew. Majeſtät, ſagen Sie mir, worüber Sie ſich zu beklagen haben? Sie ſprachen vom Pöbel, von einer Emeute? Was iſt denn geſchehen? 166 Ach, in der That, es ſteht Ihnen wohl an, den Erſtaunten, den Unwiſſenden zu ſpielen, rief Marie Louiſe. Nicht wahr, Sie wiſſen es nicht, daß heute in Wien der Pöbel ſich um meinen Wagen zuſammen⸗ gerottet hat? Sie ſo wenig, wie die Polizei, wiſſen es, daß dieſer Pöbel mit Fingern nach mir gezeigt, mit Fäuſten mir gedroht hat? Sie haben nichts davon gehört, daß man mit unverſchämten Drohungen von mir verlangt hat, ich ſolle das Kaiſerliche Wappen von meinen Equipagen nehmen, meinen Lakaien die Kaiſerliche Livrée ausziehen laſſen und ihnen andere Livrée und andere Knöpfe geben? So ſagen Sie doch, daß dies Alles nicht von Ihnen veranſtaltet iſt? Schwören Sie doch, daß Sie gar nichts davon gewußt haben und ganz unſchuldig ſind an dem Inſult, den man mir angethan. Ja, ich bin unſchuldig daran, ich ſchwöre es, ſagte der Graf ernſt und würdevoll. Es ſteht Ew. Majeſtät frei, mich zu haſſen, aber Sie dürfen mich nicht verachten, Sie dürfen mich nicht einer ſchmachvollen und erbärmlichen Hinterliſt fähig halten. Ich habe Ew. Majeſtät de⸗ müthigſt gebeten, lieber jetzt aus Klugheit, wenigſtens für einige Zeit, die Kaiſerliche Livrée aufzugeben, nur ſo lange, bis der Congreß über Ihre Zukunft entſchieden, bis man Ihnen geſtattet hätte, nach Parma zu gehen, und dort als Souverainin Sich Selber zu leben. Ich wollte, indem ich an Ew. Majeſtät dieſe Bitte wagte, Sie bewahren vor dem Uebelwollen und der Mißſtimmung der öffentlichen Meinung. Aber als Ew. Majeſtät mir meine Bitte abſchlugen, habe ich mich demüthig gefügt, und niemals würde ich mich ſo weit vergangen haben, dem Willen Ew. Majeſtät auf ſo unwürdige Weiſe Trotz bieten zu wollen. Ach, das ſind Worte, leere Worte, rief Marie Louiſe, die Thaten ſprechen gegen Sie. Wie? rief der Graf, Ew. Majeſtät wagen es, zu bezweifeln und mich zu beſchuldigen? Ja, ich wage es, ſagte Marie Louiſe, ihre herausfordernden Blicke auf das bleiche, wehmüthige Antlitz des Grafen heftend. Ich wage es, Sie zu beſchuldigen! e Ew. Majeſtät haben alſo habe, ich ſei an dieſer Infamie unſchuldig? nicht gehört, daß ich Ihnen geſchworen Ich habe das wohl gehört, mein Herr, aber ich habe Ihnen nicht geglaubt, ſagte den Fürſten zu Marie Louiſe mit jenem ſtolzen, kalten Ton, der nur Gebote ſteht, und der mehr kränkt und demüthigt, als es Worte und Beſchuldigungen vermögen. Der Graf zuckte zuſammen und eine flammende Röthe überflog einen Moment ſein Antlitz. Majeſtät, rief er außer ſich, aber indem Sie meinem Schwur nicht glaubten, haben beleidigt! Nun denn, ich habe Sie beleidigt, habe Sie beleidigt, was weiter? Der Graf war im Begriff eine heftige Antwort zu geben, ſeine Lippen hatten ſich ſchon geöf Kraftanſtrengung zwang er ſeine Sie mich in meiner Ehre ſagte Marie Louiſe ruhig, ich fnet— aber mit einer letzten, gewaltigen Worte wieder hinein in ſein Herz, und trat haſtig, als fürchte er die Nähe der Kaiſerin, einige Schritte zurück. Ich ſehe mich wirklich. Ja, ich meinem Haß dafür, daß ma es wohl, ſagte er tiefaufſ haßte Sie, rief ſie faſt an mir Ihr Meiſterſtück machen ſollten, würdiges und chevalereskes Benehmen mich darüber täuſchen ſollten, daß Sie mein Aufſeher ſind, damit Sie durch Ihre geiſtvolle und an⸗ regende Unterhaltung mi Sie durch Ihre Demuth, ſollten, daß Fürſtin ſei, Haupte trage ich noch immer eine hoh wenn ich auch nicht meh verſuchen ſollen, meine Vergangenheit Gegenwart zu verſöhnen. Aber ich ſage Ihnen, ich will die Vergangen⸗ heit nicht vergeſſen, ich werde ſie ewig denn ich liebe meinen Gemahl, hören eufzend, Ew. Majeſtät haßten freudig. Sch räche mich mit n Sie an meine Seite geſtellt, damit Sie vamit Sie durch Ihr liebens⸗ ch über mein Unglück zerſtreuen ſollten, damit Unterwürfigkeit und Verehrung mich belehren e und der Verehrung würdige r eine Kaiſerkrone auf meinem Ich räche mich mit meinem Haß dafür, daß Sie es auszulöſchen und mich mit der beklagen, ewig zurück erſehnen, Sie es wohl, mein Herr General Graf Neipperg, ich liebe den Kaiſer Napoleon und ich werde ihn ewig lieben, ihn, und ihn allein. — 168 Ich habe es gehört, Majeſtät, ſagte der Graf ſich tief verneigend, ich habe Alles gehört und Ihre Worte haben mein Herz wie Dolch⸗ ſtiche getroffen. Ich fühle, daß ich nicht mehr die Kraft habe, die Qualen, die ich erdulden muß, länger zu ertragen, die Laſt dieſes Haſſes auf mich zu nehmen, mit dem Ew. Majeſtät mein Haupt und mein Herz zerſchmettern. Ich fühle mich zu ſchwach, um die Folter dieſer kalten, verächtlichen Blicke, mit denen Ew. Majeſtät mich zer⸗ malmen, auch nur einen Tag noch zu ertragen, und ich werde es nicht länger mehr wagen, Ihrem Zorn und Ihrem Abſcheu Trotz zu bieten. Ich bitte Ew. Majeſtät mich zu entlaſſen, denn ich will ſogleich nach Wien zum Kaiſer gehen, um Se. Majeſtät zu beſchwören, daß er mir meinen Abſchied bewilligt. Ich will heute noch dieſes Land verlaſſen, in dem ich ſo unglücklich war, nur Haß und Abſcheu zu erndten für eine Anbetung und Verehrung, die ſo tief, ſo heilig und rein war, daß ihre Seufzer, ihre Wünſche zu Gebeten wurden für die erhabene Frau, der ich mit Freuden mein Leben geopfert, für die mein Blut tropfenweiſe hinzugeben, für welche Folterqualen zu leiden mir eine Wonne und ein Entzücken geweſen wäre! Ich bitte Ew. Majeſtät mich zu entlaſſen! Die Kaiſerin erbebte, ein Ausdruck des Schreckens malte ſich auf ihren Zügen, aber er verſchwand ſchnell wieder, und ſie nahm wieder ihre gleichgültige, ſtolze Miene an. Gehen Sie, mein Herr, gehen Sie, ſagte ſie, ich gebe Ihnen mit Freuden meine Entlaſſung, und zum erſten Male fühle ich mich Ihnen dankbar, denn Sie wollen mich befreien von der Wachſamkeit eines befohlenen Aufſehers. Gehen Sie! 3 Der Graf erblaßte und ſchwankte rückwärts. Ew. Majeſtät er⸗ mächtigen mich alſo, zu dem Kaiſer zu gehen und mit Ihrer gnädigen Erlaubniß um meine Entlaſſung, um meinen Abſchied nachzuſuchen? Ja, ich ermächtige Sie dazu, Herr Graf! Graf Neipperg ſeufzte tief auf, und einen letzten Blick voll Schmerz und Verzweiflung auf die Kaiſerin heftend, ſagte er mit zitternder Stimme: ſo leben Ew. Majeſtät denn wohl! Ich gehe hin um zu ſterben! 169 Er wandte ſich ab und durchſchritt langſam, gebeugten Hauptes, das Gemach. Marie Louiſe ſchaute ihm nach mit bewegten, angſtvollen Mienen, ihr Buſen wogte, ihre Geſtalt bebte, ihre Augen waren unverwandt und mit einem wunderbar leuchtenden Ausdruck auf die gebeugte Geſtalt hingerichtet, die da langſam der Thür zuſchritt. Jetzt legte der Graf die Hand auf den Griff der Thür, jetzt öffnete er ſie— Herr Graf Neipperg, rief die Kaiſerin mit einem Ton, der faſt einem Schrei glich. Der Graf wandte ſich um. Ew. Majeſtät haben mich gerufen? fragte er. Ja, ich habe Sie gerufen, ſagte ſie athemlos. Kommen Sie hierher, Herr Graf. Beantworten Sie mir noch eine Frage! Sagten Sie nicht, Sie wollten den Kaiſer um Ihren Abſchied bitten, weil Sie die tägliche Qual des Zuſammenſeins mit mir nicht länger zu ertragen vermöchten? Ich ſagte, daß ich mich zu ſchwach fühlte, noch länger die Folter Ihrer verächtlichen Blicke zu ertragen, rief der Graf heftig, ich ſagte, daß ich nicht länger die Kraft hätte, die Laſt Ihres Haſſes, mit dem Sie mich zerſchmettern, zu ertragen, daß ich deshalb mich flüchten wollte vor den Qualen, die ich hier täglich erdulden muß. Nun wohl, mein Herr Graf, ſagte Marie Louiſe freudig, Sie werden dieſe Qualen noch länger erdulden müſſen. Ich nehme mein Wort zurück. Ich entlaſſe Sie nicht, nein, ich entlaſſe Sie nicht! Sie haben mich viele Wochen lang leiden gemacht, jetzt ſollen Sie leiden! Ihre Nähe iſt mir eine ſtete Qual, eine ſtete Mahnung an meine Ab⸗ hängigkeit geweſen, jetzt will ich Ihnen vergelten! Jetzt ſollen Sie Ihre Abhängigkeit fühlen! Ich entlaſſe Sie nicht, ich erlaube Ihnen nicht, bei meinem Vater um Ihren Abſchied nachzuſuchen. Sie ſind mein Ehrencavalier und Sie ſollen es bleiben. Sie ſollen täglich die Qual erdulden, neben mir zu ſein, Sie ſollen Theil nehmen an meinen Diners, Sie ſollen gezwungen ſein, Ihren Dienſt zu erfüllen, mit mir ſpazieren zu gehen, mich zu unterhalten, mir auf dem Pianoforte 170 vorzuſpielen, obwohl Sie wiſſen, daß mir Ihre Gegenwart läſtig und bedrückend iſt, daß mich Ihre Unterhaltung langweilt, daß ich das Clavierſpiel haſſe! Aber Sie ſind mein Ehrencavalier und Sie ſollen es bleiben, und es giebt für Sie kein Entrinnen! Ich banne Sie in meine Nähe, Ihnen zur Strafe, mir zur Befriedigung meines Haſſes und meiner Rache! Sie werden bleiben, mein Herr, ich gebe Ihnen nicht Ihre Entlaſſung! Der Graf ſtieß einen Freudenſchrei aus, auf ſeine Kniee nieder⸗ ſtürzend, neigte er ſein Haupt bis zur Erde nieder vor der Kaiſerin und küßte den Saum ihres Kleides. Ich danke Ew. Majeſtät, daß Sie mir das Leben gerettet haben, ſagte er mit tiefbewegter zitternder Stimme, denn ich wäre geſtorben, wenn Ew. Majeſtät mich aus Ihrer Nähe verbannt hätten, ich hätte das Leben von mir geworfen, dem die Sonne auf ewig untergegangen, und das für mich nur eine ewige qualvolle Nacht der Dunkelheit und des Schweigens geweſen! Jetzt iſt es Tag um mich, und hoch über mir ſtrahlt und leuchtet meine Sonne! Geſegnet ſei ihr Licht, geſegnet jeder ihrer Strahlen, der, wenn auch wider ihren Willen, mein Haupt trifft! Marie Louiſe ſtand da mit niedergeſchlagenen Augen, befangen und erröthend, wie ein junges Mädchen. Ich weiß, ſagte ſie verwirrt und mit leiſer ſtockender Stimme, ich weiß, daß ich zuweilen ſehr hart gegen Sie geweſen, und vielleicht waren Sie weniger ſchuldig, als ich glaubte, vielleicht war es nicht Ihre Abſicht, mich zu kränken, und mich meine unglückliche und demü⸗ thigende Lage fühlen zu laſſen. Aber mein Unglück hat mich ängſtlich und mißtrauiſch gemacht, und da ich weiß, daß ich immer umgeben bin von Feinden und Spähern, glaubte ich nicht mehr an irgend einen Freund! Mein Gott, ich bin ja ſo allein, ſo verlaſſen auf der Welt! Ich habe Niemand, der ſich Meiner erbarmt! Ew. Majeſtät haben wenigſtens Einen treuen Diener, wenigſtens Einen Mann, der in jeder Minute freudig bereit iſt, ſein Leben für Sie hinzugeben, rief der Graf leidenſchaftlich. Dieſer Mann, das bin ich, ich, der den Platz hier zu Ihren Füßen nicht mit einem Thron ich ens für 06 71 vertauſchen möchte, ich, der hinfort nur leben wird, um Ew. Majeſtät zu dienen und an der Erfüllung Ihrer Wünſche zu arbeiten! Ich bin freilich kein mächtiger Fürſt, ich habe keine Länder und keine Kronen zu ver⸗ geben, aber ich habe einen tapfern Arm, und ein kühnes Schwert, und Beide ſind Ihnen geweiht. Ich habe eine Stimme, die laut genug iſt, um das Feſtgetöſe und die Muſik des Congreſſes zu durchſchallen, und inmitten ihrer Conferenzen, ihrer Bälle und Maskeraden ſollen die Herren, die da in Wien die Welt unter ſich theilen und verſchenken wollen, immer dieſe meine Stimme hören, welche ruft: Gerechtigkeit für die Kaiſerin Marie Louiſe! Man hat ihr das Herzogthum Parma verſprochen, man muß das Verſprechen erfüllen! Marie Louiſe ſoll und muß Herzogin von Parma werden! Geſegnet ſei der Tag, an dem ich abreiſen kann in mein neues Herzogthum, ſeufzte Marie Louiſe, geſegnet ſei der Tag, wo ich dieſes Wien verlaſſen darf, in welchem man mich heute ſo tief beleidigt und gekränkt hat! Aber Ew. Majeſtät glauben nicht mehr, daß ich Theil gehabt habe an dieſer verabſcheuungswürdigen That? Nein, ich glaube es nicht mehr, und ich will Ihnen einen Beweis davon geben, ſagte Marie Louiſe ſanft. Ich beauftrage Sie als meinen Ehrencavalier und Ober⸗Stallmeiſter, mir ſogleich andere Lvréen für meine Dienerſchaft zu beſtellen, auch Sorge zu tragen, daß man das Kaiſerwappen an meiner Kutſche übermale, und es durch das Wappen Oeſterreichs erſetze. Wieder ſchwindet eine Erinnerung an meine ſtolze und ſchöne Vergangenheit dahin, und indem ich meine Livréen und meine Wappen ändere, bekenne ich es demüthig aller Welt: ich bin nicht mehr die Kaiſerin Marie Louiſe! Ich bin jetzt nur eine Frau ohne Namen, Rang und Stand, und ich werde ſchon glücklich ſein, wenn man mir bald erlaubt, mich die Herzogin von Parma zu nenten! Während Marie Louiſe mit ihrem Ehrencavalier, dem Grafen Neipperg, in ihrem Cabinet verweilte, ſaß die Gräfin Brignole vor ihrem Schreibtiſch, und mit raſcher, flüchtiger Hand ſchrieb ſie:„Man bereite Alles vor zur Flucht, man beſorge einen Männeranzug, halte 172 Pferde bereit und beſchaffe ein Schiff. M. L. iſt endlich entſchloſſen, ſich zu ihrem Gemahl zu begeben. In höchſtens vier Wochen müſſen alle Vorbereitungen beendet ſein! In vier Wochen muß M. L. ent⸗ fliehen!“ Am Abend dieſes Tages war geheime Sitzung im Hötel Aldini, und als Graf Montbrun dieſes vom Baron von Meneval ihm über⸗ gebene Briefchen der Gräfin Brignole geleſen, ſagte er mit freude⸗ ſtrahlendem Geſicht: Bald werden wir am Ziel ſtehen! Bald wird der Adler nicht mehr einſam ſein auf unwirthlichem Felſenhorſt! Er wird die Geliebte, das Weib an ſeiner Seite haben! Laßt uns ein Schiff ausrüſten, ein Schiff, auf dem wir die Matroſendienſte üben! Gott ſende uns einen günſtigen Wind, damit das Schiff alsdann ſicher den Hafen von Porto Ferrajo erreiche! — Solour& Grey Eortro Efart c Cyan Sreen Vellow Red Magenta