S— S— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines iehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennah me eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet = wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— . 1 Monat:——f 1 Mt. 50 2 Mk.— Pf. „„——— Auswärtige Aponnenten haben für Hin- und Zurückſendung der ur auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Zwei Monate waren vergangen ſeit der großen Völkerſchlacht bei Leipzig, zwei Monate, in denen zu Blüchers unausſprechlicher Ver⸗ zweiflung viel geſprochen, viel diplomatiſirt, viel Pläne gemacht, aber Nichts gethan worden. Der Langſamkeit der Verbündeten hatte Napo⸗ leon es zu danken gehabt, daß er, einige nachtheilige Rückzugsgefechte abgerechnet, doch glücklich mit den Reſten ſeines Heeres nach Frank⸗ reich hatte zurückkehren können, und dieſes Zauderſyſtem der Verbün⸗ deten ſchien auch jetzt noch die Oberhand gewinnen zu ſollen. Die Heere rückten langſam oder gar nicht vor. Seit Wochen befand ſich das Hauptquartier in Frankfurt am Main. Dort waren der Kaiſer von Rußland, der König von Preußen, der Kronprinz von Schweden, und als Vertreter des Kaiſers von Oeſterreich der Fürſt Schwarzen⸗ berg. Dort auch verweilten Metternich und Hardenberg, und das ganze Heer der Diplomaten, welche es für ihre Aufgabe erachteten, mit ihren Federn den Krieg zu beenden, den die Schwerter der Feld⸗ herren bis zum glücklichen entſcheidenden Sieg geführt. Die Friedens⸗ partei war unabläſſig bemüht, im großen Hauptquartier der Verbün⸗ deten den Sieg für ſich zu erringen, und an ihrer Spitze ſtanden der Kronprinz von Schweden und Fürſt Metternich. Bernadotte warnte vor dem gefährlichen Wagniß, in Frankreich eindringen zu wollen, Metternich fand es rathſamer, daß man verſuche, mit dem grollenden Löwen Napoleon einen vortheilhaften Frieden abzuſchließen. Blücher hielt ſich murrend fern vom großen Hauptquartier in 538 Frankfurt, und verweilte mit ſeinem Stabe in Höchſt, nahe bei ſeinen Truppen. Es war am ſechszehnten December, der Feldmarſchall befand ſich allein in ſeinem Zimmer, und ſaß, ſeine Morgenpfeife rauchend, im bequemen Soldatenmantel auf dem Sopha. Vor ihm lag eine Karte von Deutſchland, auf welche die Blicke des alten Feldherrn unab⸗ läſſig gerichtet waren, und über die er zuweilen eifrig mit den Fingern dahin fuhr, hier und dort Linien beſchreibend, und Schlachtreihen, wie es ſchien, im Geiſte formirend. Die Thür ward geöffnet, und der Pipenmeiſter Hennemann trat ein. In voller Staatsuniform, die beiden Hände auf dem Rücken hal⸗ tend, ſtellte er ſich neben der Thür auf, immer hoffend, daß ſein Feld⸗ marſchall ihn erblicken und nach ſeinem Begehr fragen werde. Aber Blücher ſchaute nicht auf. Er war ganz und gar in das Studium ſeiner Karte vertieft. Chriſtian Hennemann mußte es daher wohl wagen, ihn zu unterbrechen. Herr Feldmarſchall, ſagte er mit leiſer ſchüchterner Stimme, Herr Feldmarſchall, ich— Na, was willſt Du, Chriſtian? fragte Blücher, den Blick von ſeiner Karte erhebend, und den Pipenmeiſter anſehend. Na, was iſt denn aber los? fragte er dann ganz verwundert. Warum biſt Du denn im Staatsanzug, und ſiehſt aus, als wenn Du eben auf die Parade gehen wollteſt? Biſt Du denn katholiſch geworden hier im katholiſchen Land, Chriſtian, und feierſt heute den Feſttag eines Heiligen? Ja, Herr Feldmarſchall, ſagte Chriſtian, entſchloſſen vortretend, ja, ich feiere heute den Feſttag meines Heiligen, und mein Heiliger, der heißt Blücher! Iſt'n wunderlicher Heiliger, rief Blücher lachend. Aber was hat's zu bedeuten, Chriſtian? Es hat zu bedeuten, Herr Feldmarſchall, daß heute Ihr Geburts⸗ tag iſt, daß Sie heute einundſiebenzig Jahre alt werden! S iſt wahr, ſagte Blücher vor ſich hin. Mein Geburtstag! Ich hatte ſtreng verboten, daß er gefeiert würde, und nun habe ich ihn darüber ſelbſt vergeſſen. rauchen geben. Aber etliche doch noch, und deshalb wollt' ich Ew. 5 39 Aber ich laß es mir nicht nehmen, ihn zu feiern, Excellenz! rief Chriſtian. Das wäre noch ſchöner, wenn ich meinem Marſchall Vor⸗ wärts nicht ſollte zu ſeinem Geburtstag gratuliren. Hurrah! Es lebe mein Feldmarſchall! Und der liebe Gott laß ihn uns noch lange leben, damit wir den Bonaparte in Paris einfangen, denn wenn der Mar⸗ ſchall Vorwärts das nicht thut, dann ſo thut es Keiner! Ja, wenn ſie mich nur dazu kommen ließen! rief Blücher, mit der Hand auf den Tiſch ſchlagend; aber ſie thun's nicht, nein, ſie thun's nicht! Hier ſitz' ich nu wie'n Mops in'n Tiſchkaſten, und bell und bell, und draußen ſteht der Bonaparte, und ich kann blos kleffen und ihm nichts anhaben, denn ſie laſſen mich nicht raus aus dem Tiſchkaſten! Werden Ew. Excellenz ſchon noch'raus laſſen müſſen, ſagte Hennemann gelaſſen, und bis dahin wird's nicht mehr viel Pfeifen zu Ercellenz bitten, daß Sie ſo gut wären, und bis dahin aus dieſer Pfeife rauchten. Er zog ſeine rechte Hand, die er bisher immer noch auf dem Rücken gehalten hatte, hervor, und mit derſelben eine kurze Pfeife, zierlich umwunden mit roſa Bändern, von denen eine Schleife mit langen Enden herniederhing. Herr Feldmarſchall, ſagte Chriſtian feierlich, ich erlaube mir Ew. Excellenz zum Dank für alles Gute, was Sie an mir armen Bengel gethan, und dafür, daß Sie aus mir dummen Bauernjungen'n Pipen⸗ meiſter von'n berühmten Blücher gemacht haben, dieſen Stummel zu überreichen. Und mit einem zierlichen Kratzfuß überreichte er dem Feldmarſchall die Pfeife. Dieſer nahm ſie lächelnd an, und war im Begriff etwas zu erwiedern, aber Chriſtian fuhr mit erhöheter Stimme fort: Aber Ercellenz müſſen nicht denken, daß dies'n Stummel iſt wie alle Stummel. Zuerſt iſt es kein Stummel von'ner Thonpfeife. Nein, ſagte Blücher, die Pfeife betrachtend, das kleine Rohr iſt von Holz, und ich glaub' wahrhaftig, mit Silber beſchlagen, und der 540 Kopf, ja der iſt ja auch von Holz geſchnitzt, und inwendig ſteckt ein Kopf von'ner Thonpfeife drin. Aber das iſt kein gewöhnliches Holz, Ercellenz, ſagte Chriſtian feierlich. Sie wiſſen doch, daß ich gleich nach der Schlacht bei Leip⸗ zig um Urlaub bat und ſagte, ich wollt' mal nach Hauſe reiſen, und das liebe Mecklenburg grüßen, und meine Schweſtern und Brüder wiederſehen. Na, das war aber doch nicht die Hauptſache, ich hatt' noch'n andern Grund. Hab' immer dran gedacht, was mein General Blilcher ſagte, als ich's erſte Mal zu ihm kam, und was er da erzählt hat von ſeinem Mutting, und daß er ſie niemals vergeſſen hat, und ſie immer noch lieb hat. Und da dacht' ich,'s könnt' den Feldmar⸗ ſchall freuen, wenn er'n kleines Andenken an ſeine Mutter hätt'. Und ſo bin ich denn hingewandert nach Raſtow, wo die Frau Mutter von meinem lieben Feldmarſchall begraben liegt, und bin an's Grab gegangen, hab' da eins gebetet, und mir dann von der Linde, die auf dem Grabe ſteht,'nen tüchtigen Zweig abgeſchnitten. Und das war der eigentliche Grund, Excellenz, warum ich nach Mecklenburg wollt' und Urlaub nahm. Sie mußten doch eben ſo gut wie jedes andere Mecklenburger Kind ein Andenken an Ihr Mutting haben. Hier alſo iſt das Andenken. Das Pfeifenrohr und den Kopf, den hab' ich ge⸗ ſchnitzt aus dem Zweig, den ich mir von der Linde abgepflückt habe, und damit Sie's auch gewißlich wiſſen, ſo hab's drauf geſchnitzt, was es bedeutet. Leſen Sie mal, Herr Feldmarſchall. Die Schnitzerei, ſehen Sie, das ſind Buchſtaben. Leſen Sie mal! Jao, wahrhaftig, das ſind Buchſtaben! rief Blücher. Warte mal, ich will's ſelbſt leſen. Es heißt:„Andenken an Mutting!“ Na ja, ſo iſt's, fagte Chriſtian, Sie wiſſen doch, wenn man ſeine Mutter lieb hat, ſo nennt man ſie bei uns Mutting, und Sie haben Ihr Mutting lieb gehabt, und darum geb' ich Ihnen das Andenken an Ihr Mutting. Chriſtian, ſagte Blücher mit faſt zitternder Stimme, Chriſtian, das war ſchön von Dir, und ich kann Dir ſagen, daß Du mir eine große Freude gemacht haſt, und daß ich Dir das niemals vergeſſen werde! Das ſoll meine Ehrenpfeife werden, und ich will ſie blos rauchen, 541 wenn wir in die Schlacht gehen, zum rechten Ehrentanz. Ich danke Dir vielmal, Chriſtian, mein Junge, und wenn mein liebes Mutting mich alten Kerl nicht ganz vergeſſen hat, ſo wird ſie heute, wo ihr Junge einundſiebenzig Jahre alt wird, zu ihm niederſchauen, und es wird ſie freuen, daß er nun ein Andenken von ihr hat. Ein An⸗ denken von ihrem Grabe! Du warſt alſo auf ihrem Grabe, Chriſtian? Wie ſieht's denn da aus? Es blühte voll ſchöner Blumen, Excellenz, und in der großen Linde, die darauf ſtand, zwitſcherten die Finken und die Lerchen. Der alte Todtengräber erzählte mir, die Linde ſei gepflanzt an dem Tage, wo die Frau von Blücher begraben worden, und es ſei damals ein ganz kleines Reis geweſen. Ja, ſo geht's, ſagte Blücher traurig, als ich meine Mutter zuletzt ſah, da war ſie eine hübſche Frau und ich ein Burſche von ſechszehn Jahren, und nun ich endlich etwas wieder von ihr ſeh', nun iſt's ein Baumzweig von ihrem Grabe. Und ich hab's gar nicht gemerkt, daß ſo viele Jahre vergangen ſind, fühle mich noch immer in meinem Herzen wie'n flügger junger Burſche. Aber ſie ſagen ja doch, daß ich ein alter Kerl bin, und daß ich nur noch einen Schritt bis zum Grabe hätt'! Na, den Rieſen möcht' ich ſehen, der den großen Schritt machen könnt', rief Chriſtian energiſch, das iſt'n Schritt von hier bis zu Ihrem Grabe, wö noch hunderttauſend Franzoſenleichen und'n umge⸗ fallener Thron von dem Bonaparte dazwiſchen liegen. Blücher lachte. Biſt'n prächtiger Junge, Pipenmeiſter, ſagte er, und Dir zu Ehren will ich heute die neue Pfeife rauchen. Stopf' ſie, mein Junge, und ſteck' ſie an, ich will ſie einrauchen, und— Na, wer klopft denn da? Mach' auf, Chriſtian. Ich bin's, Excellenz, ſagte General Gneiſenau itrtiſto Mich dürfen Sie nicht abweiſen, Herr Feldmarſchall. Sie haben ſich zwar jede Feier, jedes Ständchen, jede Gratulation verbeten, aber mich dürfen Sie nicht von Ihrer Thür weiſen, denn Sie wiſſen wohl, daß n ich Sie liebe, wie Ihr Sohn, und wie Ihr Schüler, und darum 1 müſſen Sie mir geſtatten, daß ich komme, uns zu gratuliren, daß der 6 3. ſeinen lieben Schwieg 542 Feldmarſchall Blücher da iſt, daß er lebt, zum Heil und zum Wohl Deutſchlands. Blücher reichte ihm freundlich die Hand dar. Wollt', Sie hätten Recht, Gneiſenau, und ich wär' wirklich zum Heil Deutſchlands da. Aber ſie brauchen mich ja nicht mehr, die Herren im großen Haupt⸗ quartier. Bin ihnen ſchon wieder ein Aergerniß und ein Stein des Anſtoßes, bin ſchon wieder der alte Tollkopf, der verwegene Huſar ge⸗ worden, blos weil ich ſchrei':„Wir müſſen vorwärts, vorwärts nach Frankreich, nach Paris!“ während die Trübſalsſpritzen*) immer grei⸗ nen:„Wir müſſen Frieden machen! Wenn wir nach Frankreich gehen, ſind wir verloren!“ Gneiſenau, wenn das ſo fort geht, ſo iſt das heute mein letzter Geburtstag, denn ich werd' ſterben vor Wuth und vor Zorn. Denn ich weiß es, wenn wir Frieden machen, ſo iſt alles Blut umſonſt gefloſſen, und aller Sieg umſonſt erkämpft, und in ein paar Jahren, wenn er ſich wieder erholt hat, wird der Bonaparte auf's Neue anfangen, und die ganze Jammergeſchichte wird von Neuem los⸗ gehen. Aber ſie haben keine Courage. Der Bernadotte will nicht, daß den Franzoſen Leids geſchieht, und der Kaiſer von Oeſterreich will erſohn ſchonen, und die reden nun drein auf un⸗ ſern König und auf den Kaiſer Alexander, daß die nicht wiſſen, was ſie anfangen ſollen, alſo wird Alles verloren gehen! Und wozu wären wir denn da? fragte Gneiſenau lächelnd. Wozu gäb' es denn einen Feldmarſchall Blücher, wenn es nicht doch zuletzt vorwärts gehen ſollte, und vorwärts gehen müßte? Nein, nein, die Herren, welche ſo ſehr den Frieden wünſchen, irren ſich, wenn ſie glauben, daß ſie Alles wieder umſtoßen und rückgängig machen können, und daß es nur von ihrem Willen abhängt, Krieg oder Frieden zu machen. Das Rad iſt nun einmal in Bewegung, das den Napoleon zerſchmet⸗ tern ſoll, und keine Menſchenhand wird es mehr aufzuhalten vermögen. Mögen die Trübſalsſpritzen, wie Ew. Excellenz ſagen, immerhin jam⸗ mern und ſchreien, die öffentliche Meinung in Deutſchland, in ganz *) Blüchers Lieblingswort, wenn er von Denen ſprach, die immer Unheil witterten, und den Frieden mit Napoleon begehrten. — 543 Europa ſchreit noch lauter, und die will und gebietet den Krieg, und wir werden ihn haben, allen Trübſalsſpritzen zum Trotz. Deshalb ſollten Ew. Excellenz auch nicht verzagen, und uns nicht verbieten, heute Ihren Geburtstag würdig zu feiern. Ihr ganzes Heer ſehnt ſich danach, Ihnen ſeine Glückwünſche entgegen jubeln zu können, und die Herren Officiere vom York'ſchen Corps, die Ew. Excellenz heute einen Ball geben wollten, und auf Ihre Einwilligung ſo feſt gerechnet hatten, daß ſie ſchon alle Arrangements getroffen hatten, die ſind nun in Ver⸗ zweiflung, weil Sie ihre Einladung nicht angenommen haben, und nicht auf dem Ball erſcheinen wollen. Der General von York ſelbſt iſt ganz empfindlich über Ihre Weigerung, und meint, Sie wollten nicht kommen, um nicht mit ihm zuſammen zu ſein. Mag er meinetwegen empfindlich ſein, der alte Knaſterbart! rief Blücher. Er muß ja immer was haben, worauf er ſchimpfen kann, und hat ja auch ſchon oft genug auf mich geſchimpft. Nu mag er's noch mal thun, das iſt mir ganz einerlei. Ich gehe deswegen doch nicht auf den Ball. Was ſollt' ich da anfangen? Luſtig ſein kann ich nicht, denn der Aerger drückt mir beinahe das Herz ab, und ſtatt den Leuten freundlich zu ſein, möcht' ich ihnen lieber Allen die Fauſt unter die Naſe ſchieben. Ach, Gneiſenau, die Menſchen ſind doch gar zu erbärmlich, und die im großen Hauptquartier, das ſind doch die aller⸗ erbärmlichſten! Wollen Frieden machen! Begreifen Sie das, Gneiſenau, Frieden jetzt, wo wir ſchon unterwegs ſind nach Paris, wo wir man blos nöthig haben,'n feſten Entſchluß zu faſſen, um den Bonaparte ganz ſicher vom Thron zu ſtoßen! Es iſt zum Schreien, zum Erbarmen und zum Fluchen. An den Galgen mit all den Trübſalsſpritzen, an den Galgen mit den alten Weibern, die'ne Uniform tragen, und lieber ſtatt'n Federhut'ne Nachtmütze auf den Kopf ſetzen ſollten! Ach, rief Gneiſenau lächelnd, wenn ſie's thäten, würden Ew. Ex⸗ cellenz ihnen ja doch die Nachtmützen abreißen, und ihnen den Feder⸗ hut mit Gewalt wieder aufſetzen. Und was die alten Weiber betrifft, ſo wird der junge Held Blücher ſie doch zuletzt Alle in die Flucht jagen, und ſie werden ihm das Feld räumen müſſen. Ach, Gneiſenau, wenn das wäre, dann würd' ich noch mal wieder — 544 jung, und könnt' noch manchen Geburtstag erleben, ſeufzte Blücher. Ich hatt' mir Alles ſo ſchön und prächtig ausgedacht, der ganze Feld⸗ zugsplan war ſchon fertig in meinem Kopf. Kommen Sie mal her, Gneiſenau, ich will's Ihnen mal auf der Karte zeigen, und dann wer⸗ den Sie ſelbſt ſagen, daß der Bonaparte rettungslos verloren wär', wenn wir den Plan verfolgten. Kommen Sie mal blos her! Gneiſenau trat zu ihm, und zur Seite des ſitzenden Feldmarſchalls ſtehend, neigte er ſich über die auf dem Tiſch liegende Karte. Sehen Sie, ſagte Blücher eifrig, ſehen Sie, hier iſt Paris, hier iſt der Rhein, und da hinter ſtehen wir; weiter unten— Aber Excellenz, unterbrach ihn Gneiſenau erſtaunt, Sie haben ja da eine ganz alte, ganz ſchlechte Karte, nach der es nicht möglich iſt, einen ſtrategiſchen Plan zu entwerfen. Na, warum denn nicht? fragte Blücher erſtaunt. Weil dieſe Karte gewiß nicht richtig iſt, Excellenz, weil wir ganz neue und ſehr genaue Karten beſitzen, die nach den neueſten Meſſungen der Ingenieure gezeichnet ſind. Ach was gehen mich Eure Meſſungen an! rief Blücher ungeduldig. Mit Euren Meſſungen werdet Ihr die Länder, die Städte und Flüſſe doch nicht verrücken können, nicht wahr? Paris bleibt doch liegen, wo es liegt, und der Rhein fließt, wo er gefloſſen hat, und hinterm Rhein liegt Deutſchland, wo es gelegen hat? Ja, aber hier finden Sie nicht die Ortſchaften, die Wälder, die Flüſſe, Bäche und Berge angegeben, denen Sie auf Ihrem Zuge be⸗ gegnen, und die leicht, wenn ſie nicht berechnet ſind, ein Fn ab⸗ geben können. Was gehen mich die Ortſchaften, die Wälder, Flüſſe, Bäche und Berge an, rief Blücher, ich gehe immer vorwärts, damit iſt Alles ge⸗ ſagt. In den Ortſchaften laß ich meine Truppen Quartier nehmen, durch die Wälder hauen wir uns'n Weg, wenn keiner da iſt; über die Bäche und Flüſſe ſchlagen wir Brücken, und über die Berge laufen wir rüber, und wenn die Kanonen nicht'rüber können, ſo gehen ſie drum'rum! Die Hauptſache iſt und bleibt doch immer, daß wir vor⸗ wärts kommen, und das kann ich hier auf meiner Karte ſehr gut be⸗ —— 545 rechnen und überlegen. Alſo nochmal! Hier liegt Paris! Halten Sie mal den Finger auf Paris, Gneiſenau! Der General gehorchte, und drückte die Spitze ſeines Vorder⸗ fingers auf die bezeichnete Stelle. Und hier, rief Blücher, ſeinen eigenen Finger aufdrückend, hier ſtehen wir, das ſchleſiſche Heer. Zwiſchen uns liegt der Rhein. Halten Sie mal den andern Finger auf den Rhein, Gneiſenau! Gneiſenau legte lächelnd den Mittelfinger auf die ſchwarze Linie, die den Rhein markirte. Nun legen Sie den kleinen Finger hier unten hin bei Mannheim und Kehl, da ſteht das böhmiſche Heer unter Fürſt Schwarzenberg, und hier oben, wo ich den Daumen halte, in Holland, da ſteht der Bülow mit ſeinem Corps. Sehen Sie, von dieſer Seite haben wir alſo ganz Frankreich eingeſchloſſen, und von der andern Seite, da wo der Atlantiſche Ocean fließt— oder fließt er auf Euren neumodiſchen gelehrten Karten nicht mehr da? Ja, Excellenz, rief Gneiſenau lachend, er fließt noch immer da! Na alſo, da ſtellt England ſeine Schiffe auf, und hier unten im Süden an den Pyrenäen, da ſtehen die Spanier, die dem Bonaparte Rache geſchworen. Nun rücken wir von allen Seiten zu gleicher Zeit auf Einen Schlag vorwärts nach Frankreich hinein. Fürſt Schwarzen⸗ berg dringt mit ſeinem Heer durch die Schweiz in Frankreich vor, der Bülow rückt durch die Niederlande, die er vorher erobert, heran, um ſich mit mir zu vereinigen, und ich geh' mit dem ſchleſiſchen Heer in drei großen Colonnen hier über den Rhein. Die erſte Colonne hier bei Mannheim, die zweite hier bei Kaub, und die dritte— ja nu hab' ich keinen Finger mehr übrig— Hier iſt mein Finger, Ercellenz, ſagte Gneiſenau, im Begriff den Finger, welcher die Rheinlinie bezeichnete, aufzuheben. Aber Blücher drückte den Finger Gneiſenau's haſtig wieder nieder. Will er wohl ſtill halten, Finger, rief er, was ſoll denn aus meiner ganzen Poſition werden, wenn er mir mitten drin fortläuft! Still ge⸗ halten alſo! Na, hier wo ich meinen linken Daumen hinlege, hier bei Koblenz, da geht die dritte Colonne über den Rhein. Jenſeits ver⸗ Mühlbach, Napolevn. Bd. II. 35 —————— 546 einigen wir uns, nehmen Saarbrücken fort, marſchiren im Sturmſchritt weiter nach Metz und— Ew. Excellenz, rief der Pipenmeiſter, die Thür weit aufreißend, ein Ordonnanz⸗Officier vom König von Preußen aus Frankfurt am Main! Laß eintreten! rief Blücher, indem er haſtig den Militairmantel abwarf, und den Uniformrock anzog. Er war noch nicht mit dieſem Geſchäft fertig, als der Ordonnanz⸗Officier eintrat. Was für Befehle bringen Sie mir von meinem Herrn und König? rief Blücher, dem Officier entgegengehend. Excellenz, Se. Majeſtät der König Friedrich Wilhelm, und Se. Majeſtät der Kaiſer Alexander laſſen den Herrn Feldmarſchall von Blücher ſogleich zu ſich entbieten nach Frankfurt, woſelbſt die Mo⸗ narchen dem Herrn Feldmarſchall eine wichtige Eröffnung zu machen haben. Excellenz möchten aber ſofort aufbrechen, um baldmöglichſt in Frankfurt zu ſein. Melden Sie den Majeſtäten, daß ich ſofort in den Wagen ſteige, und daß ich in zwei Stunden dort ſein werde. Na, Gneiſenau, was ſagen Sie nun? fragte Blücher, als die Ordonnanz das Zimmer verlaſſen hatte. Ich ſage, daß die Monarchen endlich erkannt haben, von wem allein ihnen jetzt der richtige Beiſtand und der wirkſamſte Rath kommen kann, und daß ſie ſich deshalb an den Feldmarſchall von Blücher ge⸗ wandt haben. Und ich ſag' Ihnen, rief Blücher mit donnernder Stimme, daß die Herren mich rufen laſſen, um mir anzuzeigen, daß wir Kehrt machen, und wieder nach Hauſe gehen ſollen. Wenn's was Anderes wär', dann würden ſie mir's ſagen laſſen, aber ſo fürchten ſie, daß ich wüthend werde, und alſo wollen ſie mir's fein glimpflich beibringen, und wollen mir dabei zärtlich die Backen ſtreicheln, wenn ſie mir's ſagen. Aber ſie ſollen mir kommen, ich werde ihnen die Wahrheit ſagen ſo gut wie jedem Andern, und ſie ſollen ſehen, daß es mir ganz egal iſt, ob ſie Kronen auf dem Kopf tragen, und ich man blos eine Militairmütze, die Wahrheit muß doch'raus, und ſie ſollen ſie ſi ½ 11 547 hören, ſo wahr ich der Blücher bin! Aber putzen will ich mich dazu, und'ne ordentliche Feierlichkeit ſoll's werden. Alle meine Orden auf der Bruſt, den goldenen Ehrendegen vom Kaiſer an der Seite, ſo will ich vor die Monarchen hintreten, und ihnen die Wahrheit ſagen! II. Der Uebergang über den Rhein. Der Kaiſer Alexander und der König Friedrich Wilhelm befanden ſich Beide zuſammen im Kabinet des Königs. Sie erwarteten den Feldmarſchall Blücher, denn die Ordonnanz war eben zurückgekehrt, und hatte gemeldet, daß der Feldmarſchall in zwei Stunden habe in Frankfurt ſein wollen. Die zwei Stunden ſind eben vorüber, ſagte Alexander, nach der Pendule hinüberblickend, und ich denke, der Blücher wird bei ſeiner Pünktlichkeit gewiß bald hier ſein. Ach, da fährt ein Wagen vor, ohne Zweifel iſt er es ſchon! Ja, er iſt es, ſagte der König, der an das Fenſter getreten war und hinausſchaute. Leicht wie ein Jüngling ſchwingt er ſich aus dem Wagen, trotz ſeiner einundſiebenzig Jahre. Es iſt wirklich ein wacke⸗ rer Held! Und Ew. Majeſtät wollen die Güte haben, auf meinen Scherz einzugehen? Sie wollen mich dabei unterſtützen und meine Worte beſtätigen? Gewiß, Sire, aber ich ſage Ihnen im Voraus, unſer Scherz kann den alten Hitzkopf ſehr ernſthaft machen, und es kann kommen, daß wir eine tüchtige Portion Schelte davon tragen. Das iſt es ja eben, wonach ich mich ſehne, rief der Kaiſer lächelnd. Das Schelten des alten Blücher hat etwas ungemein Herzſtärkendes, Geſundes und Kräftiges, es iſt ſo eine ganz neue, friſche Luft, die 35* 548 mich aus ſeinen Worten anweht. Mein Gott, Sire, es iſt doch ſo ſehr ſchmeichelhaft, einmal wie ein ordentlicher Menſch ausgeſcholten zu werden! Nun, wenn's Ihnen darnach gelüſtet, Sire, ſagte der König lächelnd, dies Vergnügen wird Ihnen der Blücher heute ganz gewiß bereiten! Die Thür ward geöffnet, und der eintretende Kammerdiener mel⸗ dete den Feldmarſchall von Blücher. Die beiden Monarchen gingen dem Eintretenden entgegen. Beide reichten ſie ihm die Hände dar, und hießen ihn freundlich willkommen. Indeß dieſe große Zuvorkommenheit, ſtatt Blücher zu erfreuen, machte ihn mißtrauiſch. Sie ſtreicheln mich ſo ſehr, weil ſie mich kratzen wollen, ſagte Blücher zu ſich ſelber, aber ſie ſollen ihren Mann kennen lernen. Seine Züge nahmen einen trotzigen Ausdruck an, und eine finſtere Wolke lagerte ſich auf ſeiner Stirn. Ihr Geburtstag iſt heute, Feldmarſchall, ſagte der König, wir haben Sie deshalb herbeſchieden; wollten Ihnen gern perſönlich unſere Glückwünſche ſagen. Sie haben ein Jahr des Ruhms und der Tapfer⸗ keit hinter ſich, und das neue Jahr kann Ihnen keine ſchöneren Lor⸗ beern bringen, als Sie ſchon haben. Ach, Majeſtät, ich glaube doch, ſagte Blücher raſch. Die Lor⸗ beern, die in Frankreich wachſen, ſind die ſchönſten von Allen, und darum möcht' ich gern hin, und mir welche pflücken. Ach, das wird der Kaiſer Napoleon nicht leiden, ſagte Alerander. Er hält ſehr auf ſeine Lorbeern in Frankreich, und wir thun daher gut, nicht die Hand darnach auszuſtrecken, denn der Kaiſer Napoleon iſt nicht der Mann dazu, ſich etwas nehmen zu laſſen, was ihm gehört. Aber er war ſehr der Mann dazu, Viel zu nehmen, was ihm nicht gehört, rief Blücher heftig. Das, was ihm nicht gehört, das haben wir ihm ja wieder ab⸗ genommen, und damit iſt Gerechtigkeit geübt worden, ſagte der König ernſt. Nein, damit iſt nicht Gerechtigkeit geübt worden, rief Blücher. Gerechtigkeit iſt, wenn wir nach Paris ziehen, Gerechtigkeit iſt, wenn re 549 wir den Bonaparte, den die Majeſtäten freilich noch immer den Kaiſer Napoleon nennen, der aber in meinen Augen nichts iſt, als ein ſchänd⸗ licher Tyrann, der ſich unterſtanden hat, ſich'ne Krone aufzuſetzen, die ihm nicht gehört, und ſich auf einem Thron niederzulaſſen, auf den er kein Recht hat, der uns Deutſche außerdem behandelt hat, als wären wir ſeine Knechte und Sclaven, Gerechtigkeit iſt's, wenn wir dem Thronenräuber, dem Schlachtengewinner und Prahlhans Alles wieder abnähmen, was er ſich zugeeignet hat, und ihn wieder nach Corſika ſchicken, damit er da, wie ſein Vater, Advokat werde. Das wär' Gerechtigkeit, Majeſtät, und wenn das nicht geſchieht, ſo iſt das eine Weichherzigkeit, die bei dem Bonaparte ſehr übel angebracht iſt! Der Kaiſer warf einen lächelnden Blick voll unendlicher Befrie⸗ digung auf den König, den dieſer mit einem leichten Kopfnicken erwiederte. Lieber Blücher, ſagte Alexander freundlich, Sie haben mich noch nicht dazu kommen laſſen, Ihnen auch meinen Glückwunſch zu Ihrem Geburtstag zu ſagen. Möge es Ihnen wohl gehen, mein theurer Feldmarſchall, und möge dieſes Jahr uns den Frieden und die Ruhe bringen, deren man ſo ſehr bedarf, wenn man, wie Sie, einundſiebenzig Jahre alt iſt. Ich weiß nicht, ob ich ſo alt bin, ſagte Blücher unwirſch, ich weiß blos, daß ich mich durchaus nicht nach Ruhe und Frieden ſehne, ſondern daß ich es für ein großes Unglück halte, wenn wir ſie bald bekämen. Der Kaiſer ſchien ihn nicht gehört zu haben, ſondern fuhr ruhig fort: Ja gewiß, mein lieber Feldmarſchall, Sie bedürfen endlich der Ruhe; in Ihrem ehrwürdigen Greiſenalter darf man nicht ſo andauernde Kriegsſtrapazen aushalten. Auch ſehnen Sie ſich, wie wir Alle, gewiß nach dem Frieden, ſagte der König, der ſah, wie die Stirnader Blüchers anſchwoll, und der einer allzuheftigen Antwort zuvorkommen wollte. Wir haben lange darüber nachgedacht, was für eine Ueberraſchung und Frende wir Ihnen zu Ihrem Geburtstag bereiten könnten, aber es war ſchwer, etwas zu finden. Alle unſere Orden und Ehrenzeichen beſitzen Sie ſchon, an Reichthümern und Gütern haben Sie auch keinen Mangel, und alſo 550 ſchien es unmöglich, irgend Etwas zu finden, das man Ihnen als Ehrengeſchenk darbringen könnte. Und ſo haben Se. Majeſtät der König denn beſchloſſen, Ihnen ein Geſchenk zu machen, das Ihr edles Herz gewiß erfreuen wird, ſagte Alexander. Feldmarſchall, wir ſchenken Ihnen den Frieden zum Geburtstag! Ja, es iſt beſchloſſen und feſtgeſetzt, wir machen Frieden mit dem Kaiſer Napoleon, und heute, an Ihrem Geburtstag, ſollen die Friedensbedingungen, über die, wie Sie wiſſen, längſt ſchon im Stillen unterhandelt worden, unterzeichnet werden. Der Kaiſer Napoleon hat ſich bereit erklärt, die Bedingungen zu erfüllen, die wir ihm geſtellt haben, und ſo ſteht dem Abſchluß des Friedens nichts mehr im Wege. Vom morgenden Tage an werden unſere Truppen den Rückmarſch antreten, ſagte der König. Der Ehre und der Fflicht iſt genug ge⸗ than; das Wohl und der Wohlſtand unſerer Völker erheiſcht den Frie⸗ den. Sie, mein lieber Feldmarſchall, ſind von uns dazu auserſehen, den Rückzug der Truppen zu leiten. In Uebereinſtimmung mit Sr. Majeſtät dem Kaiſer Alexander und Sr. königlichen Hoheit dem Kron⸗ prinzen von Schweden ernenne ich Sie zum Oberfeldherrn der ſämmt⸗ lichen rückmarſchirenden Truppen. Alle Feldherren und Generäle haben genau Ihren Befehlen und Anordnungen Folge zu leiſten, und ſowie der Fürſt Schwarzenberg bis jetzt der Oberfeldherr der vorrückenden Armeecorps war, ſo ſind Sie, Feldmarſchall, jetzt der Oberfeldherr der rückmarſchirenden Truppen. Ihrer Energie, Ihrem Kriegsblick und Eifer vertrauend, hoffen wir, daß Sie unſere Armeen ſo gut und ſicher führen werden, daß ſie überall gute Verpflegung finden und bald mög⸗ lichſt die Heimath erreichen. Sie ſind alſo jetzt Oberfeldherr, das iſt das Geburtstagsgeſchenk, das wir Ihnen machen wolz und wir hoffen, daß Sie damit zufrieden ſind. Nein, rief Blücher hochathmend, nicht länger im Stande, ſeinen Zorn zurückzuhalten, nein, nicht im Mindeſten bin ich damit zufrieden, und ich dank' den Majeſtäten für einen Ehrentitel, der mir wie'ne Schande vorkommt. Oberfeldherr der rückmarſchirenden Armeen! Ich frage Se. Majeſtät den Kaiſer von Rußland, weshalb mir denn ſeine Soldaten den Ehrentitel„Marſchall Vorwärts“ gegeben haben, wenn 551 ich jetzt blos Oberfeldherr für's Rückwärts ſein ſoll? Wenn mir Ew. Majeſtät blos dazu den goldenen Degen gegeben haben, daß ich ihn als Paradedegen gebrauche und Invalide werde, ſo muß ich dafür danken. Sire, hier iſt der ſchöne Degen, ich lege ihn ehrerbietig zu Ihren Füßen nieder; Ew. Majeſtät haben Sich geirrt, Sie wollten ihn dem Oberfeldherrn der rückmarſchirenden Truppen geben, und der bin ich nicht und kann ich nicht ſein! Er ſchnallte haſtig den Degen aus dem Wehrgehänge und legte ihn auf den Tiſch neben dem Kaiſer hin. Und weshalb können Sie es nicht ſein? fragte Alexander gelaſſen. Weil ich nicht meinen ehrlichen Namen dazu hergeben kann, un⸗ ehrliche Dinge zu thun, rief Blücher heftig. Blücher, Sie vergeſſen ſich, ſagte der König faſt ſtreng, Ihre Worte ſind zu ſtark. Ja, Majeſtät, ich weiß, daß ſie ſtark ſind, rief Blücher, aber die Wahrheit iſt auch ein ſtarkes Ding, und die will jetzt raus aus meiner Bruſt, und ich kann ſie nicht mehr zurückhalten. Die Wahrheit aber iſt, daß es eine ewige Schande und Dummheit wäre, wenn wir jetzt umkehrten, ohne uns auf dem linken Rheinufer wieder zu erobern, was wir an Frankreich abgetreten. Die Majeſtäten meinten vorher, der Ehre ſei genug gethan, und Gerechtigkeit ſei geübt worden. Aber das iſt, mit Verlaub zu melden, nicht wahr. Der Ehre iſt nicht genug ge⸗ than, wenn wir zurückweichen, ſtatt vorwärts zu gehen, denn wir zeigen dadurch, daß wir uns immer noch mißtrauen, und uns trotz unſerer überlegenen Heere nicht ſtark genug halten, den Mann anzugreifen, der uns ſeit beinahe zwanzig Jahren angegriffen hat, und dem nichts heilig geweſen, keine Verträge, kein Eigenthumsrecht und keine Nationalität! Nein, der Gerechtigkeit iſt nicht genug gethan, wenn wir jetzt Kehrt machen, und uns Frankreichs Grenzen heiliger dünken, als ihnen all⸗ zeit Deutſchlands Grenzen gedünkt. Der Bonaparte hat ſich Holland, ein Stück von Deutſchland und Italien behalten, und er ſagt, er will kein Dorf wieder herausgeben von dem, was er erobert hat, und wenn der Feind auf den Höhen von Paris ſtände. Nun wär's Gerechtigkeit, wenn wir bis Paris marſchirten, und ihn zwängen, nicht blos ein Dorf, 552 ſondern Alles wieder herauszugeben. Und wenn das nicht geſchieht, und wenn die Friedensleichenbitter Recht bekommen, und wir jetzt um⸗ kehren, ſo wird ein Wehegeſchrei durch ganz Europa gehen, und alle Völker werden in Träuer und Trübſal ihre Hände zu Gott erheben, und werden ſchreien über den Kleinmuth und die blöde Gutherzigkeit ihrer Fürſten. Und ſie werden ein Recht dazu haben! Denn dazu haben die Männer und Jünglinge nicht auf den erſten Ruf ihres Kö⸗ nigs ihre Familie, ihr Haus und Hof verlaſſen, dazu haben ſie nicht auf dem Altar des Vaterlandes ihr Hab und Gut geopfert, dazu ha⸗ ben ihre Frauen ſich nicht zu Krankenpflegerinnen und barmherzigen Schweſtern gemacht, dazu haben ihre Männer und Söhne nicht ihr Blut auf dem Schlachtfelde vergoſſen, dazu nicht, daß man dem Bona⸗ parte blos'ne Schlacht abgewinnt, und ihn fein glimpflich aus Deutſch⸗ land rausmarſchiren läßt. Nicht'mal ordentlich verfolgt haben wir ihn, immer im Paradeſchritt und auf Umwegen ſind wir hinter ihm her geweſen, während er ganz bequem und unangefochten ſeine Straße dahin zog. Und nun gar ſoll er ruhig und unangefochten in Frank⸗ reich bleiben! Die Völker ſollten keine Genugthuung, der Thrann keine Strafe haben! Wenn das Recht und Gerechtigkeit iſt, na, ſo iſt's gut! Ich bin ein alter Soldat, und verſteh' mich nicht auf die Finten und Kniffe der Federfuchſer und Diplomaten! Mag mich auch nicht darauf verſtehen! Sie verſtehen's ſo ſubtil anzufangen, daß ſie aus dem Un⸗ recht zuletzt Recht, aus der Lüge zuletzt Wahrheit machen, und ihrer Feigheit ſo'n Mäntelchen umhängen, daß ſie ausſieht, als wär' ſie Weisheit und Klugheit! Ich verſteh' blos, daß ich hier nichts mehr nütze bin, und ich bitte Ew. Majeſtät, mir heute zum Geburtstag mei⸗ nen Abſchied zu ſchenken, und ihn mir auf der Stelle in Gnaden zu bewilligen. Um der Obergeneral Rückwärts zu werden, dazu bin ich noch viel zu jung, und darum iſt's beſſer, ich trete bei Seite, und laſſe Andere das Rückwärts⸗Commando übernehmen! Und ſomit mögen die Majeſtäten mir jetzt auch in Gnaden verzeihen, wenn ich mich ſogleich zurückziehe. Er verneigte ſich, und wandte ſich raſch der Thür zu. 553 Aber warum gehen Sie denn ſo eilig? fragte der König. Bleiben Sie doch noch, ich habe Ihnen ja Ihren Abſchied noch nicht bewilligt. Majeſtät werden ihn mir aber bewilligen, das weiß ich, und nehm's ſo an, als hätte ich ihn ſchon, und empfehle mich zu Gnaden. Bleiben Sie doch, bleiben Sie! rief Alerander. Verzeihung, Majeſtät, ich muß fort! Warum denn? Sagen Sie's ganz ehrlich, warum müſſen Sie fort? Die Wahrheit, Feldmarſchall, die Wahrheit! Nun, ſagte Blücher, neben der Thür ſtehen bleibend, wenn Ew. Majeſtät befehlen, ſo werde ich die Wahrheit ſagen! Ich muß fort, weil ich's hier nicht mehr aushalte, weil ich mir durchaus irgend einen ſtillen Winkel ſuchen muß, wo ich gehörig Eins fluchen und wettern kann, damit mir das Herz leicht und frei wird. Wie? rief Alexander lachend, Sie fühlen Ihr Herz noch nicht frei? Das, was wir hier anzuhören bekamen, das war noch nicht Alles? Majeſtät, das war noch gar nichts, ſagte Blücher melancholiſch, das waren erſt blos ein paar Regentropfen, das ganze Gewitter mit Donner und Blitz und Sturm und Hagel ſitzt noch in mir, und Gnade Gott Dem, über den es losbricht! Die Majeſtäten ſehen wohl, daß es die höchſte Zeit iſt, daß ich mich zurückziehe. Sonſt, meinen Sie, möchte das Gewitter am Ende hier losbrechen? fragte Alexander lächelnd. Ich fürchte es, Sire, rief Blücher ernſt. Vielleicht läßt es ſich indeſſen beſchwichtigen, ſagte Friedrich Wil⸗ helm, ſich Blücher auf einige Schritte nähernd. Sie ſind alſo feſt entſchloſſen, die Stelle, welche wir Ihnen angeboten, nicht anzunehmen? Ich begehre meinen Abſchied, Majeſtät, meinen Abſchied, ſogleich! Sie wollen nicht Obergeneral der rückmarſchirenden Truppen werden? fragte Alexander. Ich heiße Marſchall Vorwärts! ſagte Blücher ſtolz. Und es iſt Ihre ernſte, unumſtößliche Meinung, Feldmarſchall, fragte der König, daß es weder gerecht, noch ehrenvoll für die Ver⸗ bündeten wäre, wenn wir jetzt Frieden machten und umkehrten? 554 Majeſtät, es iſt meine unumſtößliche Meinung, und ich werde ſie niemals ändern können. Nun denn, ſagte Alexander, ſich an den König wendend, ſind Ew. Majeſtät nicht auch der Meinung, daß wir wohl thun, uns von den Anſchauungen und Ueberzeugungen eines ſo tapfern, kriegskundigen Generals leiten zu laſſen? Glauben Sie nicht auch, daß wir es dem Feldmarſchall für ſo große und edle Dienſte, die er geleiſtet, wohl ſchuldig ſind, ihm, dem tapfern Krieger, mehr zu glauben, als den feinen Diplomaten, oder, wie der Herr Feldmarſchall ſagt, den Feder⸗ fuchſern? 3 Ich bin davon durchdrungen, daß wir es ihm ſchuldig ſind, ſagte der König lächelnd, und ich geſtehe, das Alles, was der Feldmarſchall vorher geſagt, meine Anſicht bedeutend geändert, und mich durchaus andern Sinnes gemacht hat. Wenn der Feldmarſchall Blücher ſagt, . 5 und darauf beharrt, daß wir, um der Ehre und Gerechtigkeit genug zu thun, jetzt nicht Frieden machen dürfen, ſo glaube ich ihm, und glaube ihm auch, daß wir vorwärts marſchiren wollen.— Und wenn er denn durchaus nicht Marſchall Rückwärts heißen will, rief der Kaiſer fröhlich, nun, ſo muß es denn dabei bleiben, wie ihn meine Soldaten getauft haben, und er muß nach wie vor der Mar⸗ ſchall Vorwärts heißen. Aber, Majeſtät, rief Blücher, der dem Fürſten mit ſteigender Ver⸗ wunderung zugehört hatte, Majeſtät, was bedeutet denn das Alles? Das bedeutet, ſagte der König, indem er ſeine Hand auf Blü⸗ chers Schulter legte, das bedeutet, daß ich Ihnen die nachgeſuchte Entlaſſung nicht bewilligen kann, weil ich Ihrer Dienſte mehr als jemals bedarf. . Das bedeutet, ſagte der Kaiſer, ſeine Hand auf Blüchers andere Schulter legend, daß der Marſchall Vorwärts durchaus der Mann iſt, 3 deſſen wir bedürfen. Denn allen Diplomaten, Federfuchſern, Friedens⸗ . leichenbittern— ich danke Ihnen für das Wort, Blücher,— allen 1 Friedensleichenbittern zum Trotz, wollen wir den Krieg mit allen uns zu Gebote ſtehenden Mitteln fortſetzen. Blücher ſtieß einen lauten Freudenſchrei aus, und ſeine großen e —— 555 Augen zum Himmel emporhebend, rief er: lieber Gott, ich danke Dir! Dank Dir von ganzem Herzen, denn nun wird's Tag, und nun werden wir bald ſehen, wie die Sonne in Paris ſcheint! Sie wollten nicht Oberfeldherr der rückmarſchirenden Armee ſein, ſagte der König gütevoll, ſo machen wir Sie denn zum zweiten Ober⸗ feldherrn der vorwärts marſchirenden Armee. Wie denn, ich verſtehe das nicht, ſagte Blücher verwirrt. Das heißt, ich bleibe Obergeneral meines ſchleſiſchen Armeecorps? Ja, aber mit ausgedehnterer Vollmacht und Selbſtſtändigkeit, und mit einer größeren Anzahl Truppen unter Ihrem Commando. Ihr Armeecorps hat gelitten, Sie haben auf Ihren Siegesfeldern von Möckern und Leipzig viele Ihrer Tapfern verloren. Sie bedürfen, um kräftig und nachdrücklich handeln zu können, des Erſatzes. Sie ſollen alſo noch drei neue Heertheile zugewieſen erhalten*), einen preußiſchen unter General von Kleiſt, einen heſſiſchen unter dem Kurprinzen von Heſſen, und einen gemiſchten Heertheil unter dem Herzog von Sachſen⸗ Coburg, zuſammen gegen fünfzigtauſend neuer Mannſchaft. Dieſe zu⸗ gerechnet zu Ihrem neu verſtärkten Heer von fünfundachtzigtauſend Mann, ſo ſtehen Sie an der Spitze einer Armee, mit der ſich wohl etwas unternehmen läßt, und mit der man am Ende doch einige Lor⸗ beern in Frankreich pflücken kann. Außerdem aber, ſagte Alexander freundlich, außerdem aber t Sie von jetzt an unter keines andern Feldherrn Oberbefehl. Wir we den mit Ihnen gemeinſam alle Kriegsoperationen und den ganzen Feld⸗ zugsplan berathen, und Ihnen die allgemeinen Entwürfe des Feldzugs mittheilen. Der Fürſt Schwarzenberg aber wird Sie allezeit von den für das große Herr beſtimmten Bewegungen in Kenntniß ſetzen, und Sie nur immer erſuchen, ihn zu benachrichtigen, welche Bewegungen Sie ſelbſt, in Uebereinſtimmung mit jenen, für das ſchleſiſche Heer be⸗ ſchließen.**) Sie werden alſo vollkommene Freiheit haben, Ihre eigenen„ 8** 3 *) Varnhagen v. Enſe: Biographie des Fürſten Blücher von Wahl⸗ ſtatt. S. 205. **) Ebendaſelbſt. 556 Pläne auszuführen und nur mit Schwarzenberg und uns ſich in Ueber⸗ einſtimmung ſetzen. Sind Sie nun zufrieden, Blücher? Verlangen Sie noch Ihren Abſchied als Geburtstagsgeſchenk? fragte der König. Ob ich zufrieden bin? rief Blücher freudeſtrahlend. Ob ich meinen Abſchied verlange? Jetzt, da's vorwärts geht, jetzt nähm' ich ihn nicht, den Abſchied, und wenn ihn mir Ew. Majeſtät zur Strafe für mein ungebührliches Betragen doch gäben, ſo ging' ich heimlich mit und kämpft' und ſchlüg drein als gemeiner Soldat. Denn es iſt mir ja nicht um die perſönliche Ehre und um den Ehrgeiz zu thun, ſon⸗ dern um die Ehre und das Recht von ganz Deutſchland, und darum bin ich nicht blos zufrieden, daß es nun Vorwärts geht, ſondern ich dank' dem lieben Gott im Himmel, und meinem König und Herrn, und dem Kaiſer Alexander von ganzer Seele dafür, und dank' Ihnen be⸗ ſonders für das große und gnädige Vertrauen, das Sie in mich ſetzen. Dies Vertrauen, das iſt von allen Auszeichnungen und Ehren, mit denen die beiden Majeſtäten mich überhäuften, mir die ſchönſte und herrlichſte, und ich werd' mit meinem Kopf und meinem Arm mich deſſen würdig zu machen ſuchen. Werd' immer eingevenk ſein, daß ich von meinem König die heilige Miſſion erhalten habe, ihm zu helfen, die Tage von Jena wieder auszulöſchen, und zu machen, daß unſer Engel, die Königin Louiſe, welche auf Erden um uns ſo viele Thränen vergoſſen hat, ſich im Himmel über uns freuen kann, und daß— ſeine Stimme ſtockte und verſagte ihm den Dienſt, ſeine Augen, die ſonſt immer ſo blitzend und heiter drein ſchauten, wurden trübe und um⸗ ſchleiert,— mit einer zuckenden Bewegung ſeine Hand vor ſeine Augen drückend, ſagte Blücher mit erſtickter Stimme: ich glaub', Gott ver⸗ zeih's mir, ich glaub', ich weine! Es ſind Freudenthränen, und die thun meinem Herzen wohl, und die Majeſtäten werden ſie mir ver⸗ geben!— Und nun iſt's auch wieder gut, fuhr er nach einer Pauſe fort. Nun bitte ich, mir Verhaltungsbefehle zu geben, und mir zu ſagen, was geſchehen ſoll, und wann wir über den Rhein gehen?— Gegen Abend langte Blücher von ſeiner Reiſe nach Frankfurt wieder in Höchſt an. Vor ſeiner Thür fand er den General Gneiſe⸗ m 2 ⸗ 557 nau, den Oberſt von Müffling und einige andere Herren ſeines Ge⸗ neralſtabs. Blücher machte ein gar grimmiges Geſicht und empfing ſie mit lautem Brummen. Nu iſt's richtig, ſagte er, aus dem Wagen ſteigend. Nun kann ich Ihnen eine Neuigkeit mittheilen. Wir bleiben den Winter auf der Bärenhaut liegen und marſchiren nicht rückwärts oder vorwärts. Die Federfuchſer haben's ſo ausgeheckt und werden uns nun wohl einen delicaten Frieden zuſammenbrauen. Na, meinetwegen, ich will's mir aus dem Sinn ſchlagen, und von nun an recht fidel leben. Muß man denn auf der Bärenhaut liegen, ſo wollen wir ver⸗ ſuchen, wenigſtens vergnügt darauf zu liegen. Ich fang' heute damit an, und den Herren Friedensapoſteln zum Trotz will ich ihnen zeigen, daß ich mich gar nicht geärgert habe. Die Herren Officiere vom York'ſchen Corps geben heute in Wiesbaden einen Ball. Ich will hin! Der Wagen bleibt halten, ich fahr' gleich ab nach Wiesbaden. Will dem alten York ſelbſt die verfluchte Freudenbotſchaft bringen. Na, nun, meine Herren, nun machen Sie ſich fertig, auch auf dem Ball zu er⸗ ſcheinen, und Sie, General Gneiſenau, Sie ſind wohl ſo gut, und kommen einen Augenblick mit mir auf mein Zimmer. Möcht' Ihnen noch etwas ſagen. Er grüßte die Officiere und ſchritt dann raſch in's Haus. Von Gneiſenau gefolgt, trat er in ſein Zimmer und verſchloß es ſorgfältig hinter ſich. Die Falten waren jetzt von ſeiner Stirn verſchwunden und ein Ausdruck unausſprechlichen Glückes ſtrahlte von ſeinem Angeſicht. Gneiſenau, ſagte er, mit ſeinen beiden Armen die hohe Geſtalt des Freundes umſchlingend, Gneiſenau, nu hören Sie, was ich Ihnen zu ſagen hab'! Es iſt nichts mit der Bärenhaut und dem Frieden. Gneiſenau, es geht wahr und wahrhaftig vorwärts, und mich dünkt, ich hör's bis hieher, wie dem Bonaparte ſein Thron wackelt und knickert und knackt. Wie, Excellenz, rief Gneiſenau freudig, es geht vorwärts, wir marſchiren nach Frankreich? Blücher drückte ihm haſtig die Hand auf den Mund. Still, 558 General, ſtill, flüſterte er. Es darf's vorläufig noch Niemand wiſſen, es iſt ein Geheimniß unter uns, und ganz geheim wollen wir Alles machen. Wir müſſen den Feind täuſchen und hinter's Licht führen, das iſt meine Idee. Wir müſſen ihn glauben machen, daß die ganze Angriffsmacht der Verbündeten ſich nach der Schweiz wende, und daß die ſchleſiſche Armee blos als Beobachtungslinie am Rhein ſtehen bleibe. Darnach wird dann der Napoleon ſeine Truppen marſchiren und auf⸗ ſtellen laſſen, wird das Rheinufer hier uns gegenüber ſchwach beſetzen, und ſo werden wir beim Uebergang wenig Widerſtand finden. Das iſt wieder ein Plan, ganz meines ſchlauen Odyſſeus würdig, ſagte Gneiſenau lächelnd. Es kommt nun darauf an, daß alle Welt, und daß beſonders Napoleon es bald erfahre, daß wir hier bleiben und uns nicht von der Stelle rühren. Ich werd' ſo laut jammern, fluchen und wettern, daß er's ſchon in Paris hören ſoll, ſagte Blücher. Laut fluchen wir über's Hier⸗ bleiben und im Geheimen treffen wir alle nöthigen Vorkehrungen, be⸗ nachrichtigen die Kommandirenden und theilen die Ordres aus, damit wir in der Neujahrsnacht Alle mit Einem Mal über den Rhein gehen! Wie? Schon in der Neujahrsnacht ſoll der Uebergang geſchehen? fragte Gneiſenau. Ja, General, in der Neujahrsnacht! Wollen das Jahr feierlich mit'ner großen That beginnen, damit wir's feierlich und mit einem großen Sieg beenden können. Aber wird das möglich ſein, Feldmarſchall? Werden alle Truppen⸗ theile in ſo kurzer Zeit bereit und gerüſtet ſein? Das iſt Ihre Sache, Gneiſenau, rief Blücher, Ihnen gehören die Gedanken, mir die Ausführung. Sie ſind mein Kopf, ich bin Ihr Arm, und die zwei zuſammen müſſen's doch zurecht bringen, daß wir juſt in der Neujahrsnacht über den Rhein gehen als die heilige Armee der Rache, welche Gott ſelber als Neujahrsgeſchenk dem Bonaparte daher ſchickt! Aber nun kommen Sie, Gneiſenau, nun wollen wir zum Ball fahren! Ich muß tanzen! Das Vergnügen zappelt mir in den Beinen, und ich muß es ausſtrampeln laſſen! Ich werd' mir den alten York auffordern, und während wir zwei hopſen und tanzen, werd' „ g, t, nd 559 ich ihm ſagen, was geſchehen wird! Hurrah! Es geht los! Runter muß er!— Und wie Blücher es beſchloſſen, ſo geſchah es. Geräuſchlos und ganz in der Stille wurden alle Vorbereitungen getroffen, und während der Feldmarſchall fortfuhr laut zu ſchelten und zu brummen über die Winterruhe und über das Unglück, den ganzen Winter„auf der Bären⸗ haut“ liegen zu ſollen, handelte General Gneiſenau in ſeines Feldherrn Namen in der Stille. Die in Frankfurt und am Rhein überall ver⸗ breiteten Spione Napoleons hörten nur das laute Schelten Blüchers, aber ſahen nicht das leiſe Wirken Gneiſenau's. Am ſechsundzwanzigſten December wurden die Anführer der ver⸗ ſchiedenen Heertheile des großen ſchleſiſchen Heeres ganz im Geheimen benachrichtigt und mit den nöthigen Ordres verſehen. Am einunddreißigſten December ſtand das ganze ſchleſiſche Heer am Ufer des Rheins bereit zum Uebergang. An drei verſchiedenen Orten, bei Mannheim, bei Caub und bei Coblenz ſollte dieſer Ueber⸗ gang bewirkt werden. Und endlich war dieſe heilige, bedeutungsreiche Stunde gekommen, endlich jetzt war die Sylveſterſtunde da! Es war eine wundervolle klare Winternacht, der tiefdunkle Himmel mit Sternen überſäet, die Luft kalt und rein. Auf der Erde ruhte Dunkel und Schweigen. Niemand ſah die ſchwarzen Colonnen, die dem Rhein ſich zuwälzten. Die Sterne allein ſahen es, die Franzoſen da drüben ſchliefen in ſorgloſer Ruhe, ſie ſahen nicht den Feldmarſchall Blücher, der da bei Caub am Ufer des Rheines hoch zu Roß hielt, ſeinem Gneiſenau zur Seite, und mit angehaltenem Athem auf Etwas zu lauſchen ſchien. Auf einmal ward die tiefe, feierliche Stille durch das Anſchlagen einer Thurmuhr unterbrochen, dann begann wieder eine Uhr zu ſchlagen, und wieder eine, und wie ein verhallendes Echo klang es den ganzen Rhein hinunter in allen Städten und in allen Dörfern, das Tönen der Thurmuhren, welche der Welt verkündeten, daß ein altes Jahr zu Ende gegangen, daß eben ein neues begann! 560 Blücher nahm ſeine graue Feldmütze ab, und ſie ſich vor ſein Angeſicht haltend, betete er ein leiſes andächtiges Gebet. Und jetzt vorwärts! ſagte er dann entſchloſſen. Das Neujahr iſt angebrochen, und wir wollen den Franzoſen unſer„Proſit Neujahr“ rüber bringen. Und Du, lieber, großer Gott, nun ſieh Deine deutſchen Kinder, die endlich die Schmach und Knechtſchaft langer Jahre ab⸗ ſchütteln nund wieder Deine tapfern Männer und Soldaten geworden ſind! Nun, Du lieber, himmliſcher Vater, gieb unſerm Werk Segen und Gedeihen. Segne uns und ſegne den Rhein, daß er wieder frei dahin ſtrömt, wie ein freier deutſcher Fluß für freie deutſche Männer! Und jetzt vorwärts, Jungens, vorwärts, ſchlagt Eure Brücken, denn der liebe Gott ſchickt uns nach Frankreich, daß wir den Bonaparte zur Rechenſchaft ziehen und ihm'n Lied vorſingen vom freien deutſchen Rhein! Vorwärts! He! Vorwärts! MI. Uapoleons Ueujahrstag. Es war in der frühen Morgenſtunde des erſten Januar. Napoleon ging mit heftigen Schritten in ſeinem Kabinet auf und ab, während der Polizeiminiſter Herzog von Rovigo neben dem Schreibtiſch des Kaiſers ſtand und mit niedergeſchlagenen Augen, als fürchte er des Kaiſers Zorn zu ſehen, wartete, bis derſelbe ſich in einigen Donnern über ſeinem Haupte entladen würde. Warum ſagten Sie mir das geſtern nicht gleich, Savary? fragte Napoleon jetzt, ſeine flammenden Blicke auf den Polizeiminiſter heftend. Warum theilten Sie mir nicht gleich nach geſchloſſener Sitzung des Corps legislatif mit, welche aufrühreriſche und empörende Reden man ſich da erlaubt hatte? Sire, ich hatte keine beſtimmten Beweiſe, kein Document ihrer 8 gte nd. des nan ret 561 Schuld. Man hatte Reden gehalten, aber Reden verfliegen in der Luft und bieten zur Ueberführung einer Schuld keine ſicheren Anhalts⸗ punkte dar. Da ich nicht die Ehre habe, zu der Commiſſion des Corps legislatif zu gehören, welche von Ew. Majeſtät ernannt worden, um den Zuſtand Frankreichs zu berathen, ſo konnte ich alſo auch nicht Ohrenzeuge ihrer Reden ſein. Ich mußte ſichtbare Zeugniſſe haben. Ich wußte, daß die Commiſſion des Corps legislatif beſchloſſen, nicht blos ihre Beſchlüſſe als eine, an Ew. Majeſtät gerichtete Adreſſe drucken zu laſſen, ſondern auch, daß der Oppoſitionsredner der Commiſſion, Herr Raynouard, ſeine Rede drucken und in viel tauſend Exemplaren verbreiten laſſen wollte, um Frankreich zu beweiſen, daß die Com⸗ miſſion des Corps legislatif Alles gethan, um Frankreich den Frieden zu geben. Als ob das die Aufgabe dieſer Herren wäre, als ob ſie mir Rath zu ertheilen hätten oder auf meine Entſchließungen influiren könnten, rief Napoleon heftig. Sie haben es niemals gewagt, ihre Stimme gegen mich zu erheben, jetzt, da wir umringt ſind von Feinden, jetzt, wo Alles darauf ankommt, daß Frankreich der Welt imponire durch die Einheit ſeines Willens und durch die Energie dieſes einheitlichen Willens, jetzt wagen dieſe Menſchen zu opponiren!— Sie ließen alſo die Reden und Adreſſen ruhig in die Druckerei wandern, Savary? Ja, Sire. Aber ich ließ die Druckerei von meinen Polizei⸗Agenten umſtellen und ließ abwarten, bis der Satz vollendet und der Druck be⸗ gonnen hatte. Dann drangen meine Agenten in den Saal der Preſſen vor, ergriffen die ſchon gemachten Abdrücke, zerſtörten den Satz und verbrannten die Manuſcripte*) ſowie alle Abdrücke, bis auf dieſen Einen, welchen ich die Ehre hatte, Ew. Majeſtät zu überbringen. Der Kaiſer nahm mit einer heftigen Handbewegung den großen bedruckten Bogen, der neben dem Herzog auf dem Tiſch lag, und ließ den Blitz ſeiner Augen darüber hinflattern. Savary, ſagte er dann, mit dem Finger heftig auf eine Stelle des Papiers hindeutend, Savarh, leſen Sie einmal das hier. Den *) Mémoires d'un homme d'état. Vol. XII. S. 294. Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 562 Schluß von der Rede dieſes Raynouard! Da! Nehmen Sie! Leſen Sie laut! Er reichte dem Herzog das Papier und bezeichnete mit dem Finger die Stelle, welche er leſen ſollte. Savary las:„Wenn der Feind uns beleidigende Friedensbedin⸗ gungen machte, wären wir es der Ehre Frankreichs ſchuldig, ſie nur mit dem Schwert zurückzuweiſen, dann würde dieſer Krieg ein National⸗ krieg werden. Ganz Frankreich würde ſich erheben, und wer ein Schwert halten könnte, der würde rufen:„Sire, zwiſchen den Gräbern unſerer Väter und den Wiegen unſerer Kinder kämpfen wir bis zu unſerm letzten Blutstropfen für unſer theures Vaterland!“ Aber bis es zu dieſem Aeußerſten kommt, müſſen wir den Kaiſer beſchwören, nichts unverſucht zu laſſen, um uns einen ehrenvollen Frieden zu er⸗ halten. Was verlangen nur Diejenigen, welche als unſere Feinde die Grenzen Frankreichs überſchritten haben? Sie ſchwören, daß ſie nichts gegen Frankreich unternehmen wollen, daß unſere Erde ihnen heilig ſein ſoll. Sie wollen uns nur in unſere alten Grenzen zurückweiſen und die Ausbrüche eines thatkräftigen Ehrgeizes hemmen, der ſeit zwanzig Jahren allen Völkern Europa's ſo unheilbringend geworden. Solches Verlangen ſcheint mir ehrenvoll für die Nation, weil es be⸗ weiſt, daß das Ausland uns fürchtet und uns achtet. Die geſchreckte Welt ruft gegen uns das allgemeine Recht der Nationen an, aber ſie will nicht die Grenzen unſerer Macht einſchränken. Die Pyrenäen, die Alpen und der Rhein begrenzen noch ein ungeheures Territorium, von dem einzelne Provinzen früher ſogar nicht zu dem Reich der Lilien ge⸗ hörten, und dennoch war die königliche Krone von Frankreich ſchon damals unter allen Diademen das ruhmgekrönteſte und glänzendſte. Als der Fürſt, dem die Geſchichte den Beinamen des Großen gegeben, als Ludwig der Vierzehnte ſeinem Volk energiſchen Muth einflößen wollte, da legte er ihm dar, was Alles er für den Frieden gethan, und dieſe offenherzigen Mittheilungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Um die Alliirten zu verhindern, daß ſie dem Kaiſer den Vorwurf des Ehrgeizes machen, wäre es da nicht das Beſte, ihnen und Frankreich laut und offen zu ſagen, was man verſucht und gethan, um den Frieden . zu n, ge⸗ hon ſte. en, ßen han, icht. des reich eden zu erhalten? Wäre es nicht nothwendig und unerläßlich, der ganzen Welt zu beweiſen, daß wir nur das Schwert erhoben für die Unver⸗ letzlichkeit unſeres Gebietes? Ganz Frankreich wird alsdann mit Freuden zu den Waffen greifen zur Vertheidigung des Vaterlandes und ſeiner beſchützenden Geſetze. Aber die Namen Friede und Vaterland werden immer nur ein leerer Klang ſein, wenn nicht die conſtitutionellen Grenzen beſtimmt werden, von denen die Wohlthaten Beider abhängen. Unſere Commiſſion erachtet es demnach als eine heilige Pflicht, den Kaiſer zu beſchwören, daß er die volle und ganze Ausübung der Ge⸗ ſetze zuläßt und den Franzoſen ihre politiſchen Rechte unverkürzt erhält.“*) Nun, rief der Kaiſer ungeſtüm, was ſagen Sie dazu? Klingt das nicht wie der erſte Klang der Sturmglocke, mit der man das Volk zum Aufruhr und zur Empörung aufrufen will? Sire, es iſt die Sprache eines Verräthers! rief Savary. Dieſe ganze Commiſion verdiente, daß Ew. Majeſtät ſie als Hochverräther erſchießen ließe.**) Der Kaiſer antwortete nicht, ſondern ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt und ging, die Hände auf dem Rücken gefaltet, einige Male lang⸗ ſam auf und ab. Savary, ſagte er dann, vor dem Herzog ſtehen bleibend, es iſt genug, daß wir den Krieg mit unſern äußern Feinden haben, wir wollen ihn nicht auch noch mit unſern innern Feinden auskämpfen müſſen. Es iſt jetzt nicht die Zeit und die Stunde dazu. Wenn wir unſere äußern Feinde beſiegen, ſo werden die innern ſchon von ſelbſt verſtummen, wenn wir aber unterliegen, dann wird alles Andere gleich⸗ gültig ſein. Dieſe Herren vom Corps legislatif haben zugleich unge⸗ ſchickt, unklug und ungroßmüthig gehandelt, denn es iſt ungeſchickt und unklug, in dem Augenblick, wo Alles darauf ankommt, daß Frankreich handle und denke wie Ein Mann, die politiſchen Parteimeinungen auf⸗ zureizen, und es iſt ungroßmüthig, mir zu opponiren in einer Zeit, wo *) Abrantes: Mémoires XVII. 99 und: Mémoires d'un homme d'état. KII. 293. **) Memoires d'un homme d'état. Vol. XII. 294. ———————— 564 ich, überlaſtet von Sorgen und Arbeiten, aller meiner Kraft und Energie bedarf, um mich aufrecht zu erhalten. Ueberlaſſen wir es dem Schickſal, die Treuloſen und Verräther zu ſtrafen! Dieſe Strafe wird nicht lange auf ſich warten laſſen! Und dieſe hochmüthigen Herren vom Corps legislatif fühlen nicht einmal, daß ſie ſtrafwürdig ſind, rief der Herzog empört. Die ganze Commiſſion, und Herr Raynouard mit ihnen, kamen vorher mit mir in die Tuilerien und haben ſich in den Thronſaal begeben, um Ew. Majeſtät ihre Glückwünſche zum neuen Jahr darzubringen. Ach, es iſt wahr, wir feiern heute das Neujahrsfeſt, ſagte Na⸗ polevn, ich hatte das faſt vergeſſen, denn die Sorgen und Bedrängniſſe des alten Jahres ſind als mein allergetreueſtes Gefolge mit mir in das neue Jahr gegangen. Aber es iſt gut, daß Sie mich erinnerten! Ich will in den Thronſaal gehen, um die Glückwünſche meiner Ge⸗ treuen, oder Derer, die ſich ſo nennen, zu empfangen! Folgen Sie mir!— In dem Thronſaale waren heute, wie an jedem Neujahrstage, alle Würdenträger Frankreichs, alle Autoritäten des Kaiſerreichs vertreten, aber zum erſten Male ſeit der Aufrichtung des Kaiſerreichs fehlten heute bei dieſer feierlichen Neujahrscour die Würdenträger des Aus⸗ landes, die Geſandten der fremden Fürſten. Sonſt hatten ſich die Geſandten aller Länder Europa's beeifert, bei der großen Neujahrscvur dem allmächtigen Cäſaren die Glückwünſche ihrer Souveraine zu Füßen zu legen,— heute war nicht ein einziger dieſer Geſandten anweſend, — nicht einmal der Geſandte des Kaiſers von Oeſterreich, der doch der Schwiegervater Napoleons war, nicht einmal der Geſandte des Königs von Neapel, der doch der Schwager Napoleons war! Die Truppen des Kaiſers Franz waren als Feinde in Frankreich eingezogen, die Truppen des Königs Murat waren nach Neapel zurück⸗ gekehrt und Murat hatte ſeinem Schwager gemeldet, daß er ſich zum Wohle ſeines eigenen Landes von Frankreich losſagen müſſe. Auch die Fürſten des Rheinbundes, ſonſt die triechenden Schmeichler des Kaiſers, auch ſie hatten ſich von ihm losgeſagt; alle die Bundesgenoſſen, Schmeichler und Freunde der Tage ſeines Glückes hatten ſich, den Ratten gleich, welche das dem Untergang nahe Schiff verlaſſen, zurückgezogen. 4 Niemand war in dem Thronſaal als die Würdenträger und Be⸗ amten Frankreichs, und die Hälfte von dieſen kam vielleicht auch nur, weil die Pflicht ihrer Stellung es ihnen auferlegte,— weil man die Zukunft doch noch nicht mit Gewißheit berechnen konnte, weil der Kaiſer zuletzt doch noch, Dank ſeinem unvergänglichen Stern, der Sieger bleiben konnte! Ruhig und mit ſeiner gewohnten nachläſſigen und ſtolzen Gleich⸗ gültigkeit trat der Kaiſer in den Thronſaal ein. Sein raſcher Adler⸗ blick flog an den Reihen der Anweſenden hin und haftete einen Mo⸗ ment auf der Stelle, wo neben dem Thron ſonſt die Geſandten der fremden Mächte ſich aufzuſtellen pflegten, und die jetzt leer war. Aber kein Zug ſeines Antlitzes wechſelte, er war immer noch ruhig, ernſt und gelaſſen. Mit einem leiſen Kopfneigen wandte er ſich den Miniſtern zu, welche zur Linken des Thrones ſtanden, und richtete an Jeden derſelben einige freundliche Worte, dann ſtieg er raſch die Stufe zu dem Thronſeſſel hinauf. Unter dem Baldachin deſſelben ſtehend, richtete er ſich höher auf und wandte ſein Angeſicht nach der Seite hin, auf welcher die Herren vom Senat und dem Corps legislatif ſich aufgeſtellt hatten. Jetzt flogen über ſeine Stirn einzelne Schatten, wie vorüber⸗ flatternde Wolken, die das nahe Unwetter verkünden. Jetzt belebte ſich ſein Auge und flog mit einem Ausdruck ſchrecklicher und tiefer Beredt⸗ ſamkeit an der ſtummen, athemloſen Verſammlung hinunter, jetzt öff⸗ nete er die Lippen, und wie er dann ſprach, röllte ſeine Stimme wie grollender Donner durch den Saal dahin, und fand ein erſchreckendes Echo in den Herzen Derer, die ſich ſchuldig fühlen und ſchweigend ihr Haupt beugen mußten unter die Gewalt des kaiſerlichen Un⸗ wetters. Ihr Herren vom Corps legislatif, donnerte Napoleons machtvolle Stimme, Ihr kommt mich zu begrüßen. Nun gut, ich nehme Ihren Gruß an, und will Ihnen ſagen, was Ihnen zu hören Noth thut! Ich habe den Druck Ihrer Adreſſe und Ihrer Reden verhindern laſſen, weil ſie aufrühreriſch waren. Elf Zwölftheile des Corps legislatif beſtehen aus guten Bürgern; ich kenne ſie und werde ſtets Rückſicht für ſie 566 haben; aber das letzte Zwölftheil enthält politiſche Fractionnärs, und aus dieſen gerade beſteht Ihre Commiſſion. Der Bericht] Ihrer Com⸗ miſſion hat mir ſehr wehe gethan, ich würde lieber ſtatt deſſen zwei Schlachten verloren haben. Was bezweckte er? Die Prätenſionen des Feindes zu vermehren etwa? Um mir zu opponiren, hatten Sie den Moment ſehr ſchlecht gewählt. Denn nicht in dem Moment, wo wir den Feind von unſern Grenzen zurückjagen müſſen, darf man von mir verlangen, daß ich die Verfaſſung abändere. Sie ſind überdies nicht die Repräſentanten der Nation, ſondern nur die Deputirten Ihrer De⸗ partements. Das Corps legislatif iſt nur ein Theil des Staates, und ſteht nicht einmal auf gleicher Linie mit dem Staatsrath und dem Senat. Ich habe als der Erwählte von vier Millionen Franzoſen den Thron beſtiegen: ich allein bin der Repräſentant des Volkes. Wer von Euch hätte den Muth und die Kraft, eine ſolche Laſt auf ſich zu nehmen? Ich bin nicht als König geboren, und ich gebe daher wenig auf einen Thron. Was iſt auch ein Thron? Vier Stücken ver⸗ goldetes, mit Sammet überzogenes Holz, weiter nichts! Der eigentliche Thron, das bin ich! Was wollen Sie alſo? Mich demüthigen, das allein iſt Ihr Zweck! Wenn ich Ihnen glaubte, ſo müßte ich dem Feind noch mehr abtreten, als er ſelber verlangt, um die Grenzen des alten königlichen Frankreichs wieder herzuſtellen. Gegen mich und gegen meine Perſon ſind die Feinde noch mehr erbittert, als gegen Frank⸗ reich, aber giebt mir dies ein Recht, das Reich zu we 3 ich nicht mein Selbſtgefühl, meinen Stolz geopfert, um den Frieden zu erlangen? Ja, ich bin ſtolz, denn ich beſitze Muth, ich bin ſtolz, 5 denn ich habe große Dinge für Frankreich gethan, und Frankreich be⸗ f meiner mehr, als ich Frankreichs. Ich bin das Hanpt der Na⸗ tion, weil ſeine Verfaſſung mir zuſagt. Wenn Frankreich eine andere Verfaſſung begehrte, ſo würde ich ihm ſagen: Geht hin und ſucht Euch einen anderen König! Jetzt aber kommt Alles darauf an, Kraft und Energie zu zeigen! Ich hatte Sie verſammelt, um Troſt bei Ihnen zu finden, nicht als ob es mir an Muth fehle, ſondern weil ich hoffte, das Corps legislatif würde den meinigen noch vermehren. Sie haben mich bitkär enttäuſcht. Kehren Sie in Ihre Provinzen zurück, und ſagen. d 567 Sie es Jedermann: Wir werden in drei Monaten Frieden haben, oder ich werde untergegangen ſein. Wir werden den Feind aufſuchen und ihn hinter unſere Grenzen zurückwerfen. Ich wiederhole es, elf Zwölf⸗ theile des Corps legislatif ſind von dem beſten Geiſte beſeelt; aber wenn ſich unter den Anderen, wenn ſich unter Ihnen Einer befindet, der es wagen wollte, Ihre Adreſſe und Ihre Reden drucken zu laſſen, ſo würde ich ſelbſt die Adreſſe im Moniteur abdrucken laſſen, und ich ſelbſt würde ſie mit Noten und Randbemerkungen begleiten. Angenommen ſelbſt, daß ich Unrecht hätte, ſo dürftet Ihr mir doch nicht öffentlich Vorwürfe machen. Man muß ſeine ſchmutzige Wäſche nur in der Fa⸗ milie waſchen. Gehen Sie! Kehren Sie heim! Die nächſte Zukunft wird entſcheiden über Frankreich und über mich! Ich werde meinen Platz bis zum letzten Blutstropfen vertheidigen, denn Frankreich bedarf meiner, nicht aber Eurer! Geht!*) Die letzten Donner ſeiner Rede hallten noch durch den Saal, als die Deputirten, mit bleichen, düſteren Geſichtern, ſich ſtumm und ſcheu vor dem Thron verneigend, ſich umwandten und der Thür zuſchritten. Aller Augen richteten ſich auf ſie hin, Jeder fühlte, daß dieſe Männer, welche der Kaiſer mit ſo heftigen Scheltworten entließ, daß dies zwanzig neue und mächtige Feinde ſeien, welche Napoleon in die Provinzen entſandte, um eine neue feindliche Armee, die öffentliche Meinung, gegen ſich zu ſammeln. Jeder hoffte, daß der Kaiſer, ſeinen Mißgriff erkennend, die Abgeſandten mit einem gütigen Wort, einem Wink ſeiner Hand zurück rufen werde, um ſich zu verſöhnen mit De⸗ nen, welche, was der Kaiſer auch immer ſagen mochte, hier in dem Thronſaal doch die Stimme des Volkes und der öffentlichen Meinung zu vertreten hatten. Aber der Kaiſer rief ſie nicht; ſtolz und hoch auf ſeinem wen da ſtehend, ſchaute er den Abgehenden nach mit finſteren Zornesblicken und erſt als der Letzte von ihnen in der Thür des Vorſaals verſchwundenz *) Dieſe Rede iſt mitgetheilt in: Thiers, Histoire du Consulat ete. Vol. XVII.; in: Mémoires d'un homme d'état. Vol. XII.; und Abrantés, Mémoires. Vol. XVII. 4 568 war, wandte Napoleon den Blick von dieſer Thür ab und ſeiner Um⸗ gebung zu. Wie durch einen Zauberſchlag verſchwanden die Wolken von ſeiner Stirn, und ſein Antlitz nahm wieder den Ausdruck ernſter, hoheits⸗ voller Ruhe an. Langſam ſtieg er vom Thron hernieder, und hier und dort einige freundliche und herablaſſende Worte ſpendend, durchſchritt der Kaiſer den Saal. Plötzlich haftete ſein Auge auf dem Baron Fon⸗ taine, dem Baumeiſter der kaiſerlichen Schlöſſer. Ach, rief Napoleon, raſch auf ihn zuſchreitend, ſind Sie da, Fon⸗ taine? Ich wollte Sie heute ſchon rufen laſſen. Haben Sie Ihre Pläne mitgebracht? Ja, Sire, ich habe ſie mitgebracht. Nun, dann kommen Sie; und Sie, meine Herren Miniſter, Herr Herzog von Rovigo, Herr Herzog von Vicenza, Herr Herzog von Baſ⸗ ſano, folgen Sie mir in mein Kabinet! Die im Saal zurückgebliebenen Beamten und Cavaliere ſchauten dem Kaiſer mit düſteren, angſtvollen Blicken nach. Eine Miniſterſitzung, heute am Feſttage? Eine Geheimrathsſitzung, welcher der kaiſerliche Baumeiſter beiwohnen muß? flüſterten ſie mit⸗ einander. Was bedeutet dies? Will etwa der Kaiſer Herrn von Fon⸗ taine beauftragen, die Tuilerien in eine Feſtung umzubauen, ſie mit Wällen, Gräben und Schießſcharten zu verſehen, und ſollen wir, wenn Alles verloren geht, uns in dieſer improviſirten Feſtung vertheidigen bis auf unſeren letzten Blutstropfen? Oder will der Kaiſer etwa Paris in eine Feſtung umſchaffen? Soll Herr von Fontaine Außenwerke, Feſtungswerke und Forts bauen? Oder will der Kaiſer vielleicht eine neue Baſtille in aller Schnelligkeit bauen laſſen, um darin das hoch⸗ . errätheriſche Corps legislatif und einige Hundert Andere dieſer neu⸗ modiſchen Royaliſten, die jetzt wie Pilze aus dem Boden wachſen, ein⸗ zuſperren? Aber an alles dies dachte der Kaiſer nicht, als er, gefolgt von den drei Miniſtern und dem Baron Fontaine, in ſein Kabinet eintrat. Die Stirn Napoleons war jetzt wieder klar und wolkenlos, ein Ausdruck freundlicher Milde war über ſeine Züge ausgebreitet, und 569 . lm⸗ um ſeine Lippen ſpielte ein Schimmer jenes ſonnigen Lächelns, das Allen, die es jemals geſehen, ſo unwiderſtehlich däuchte. ner Kommen Sie hierher, meine Herren, ſagte der Kaiſer heiter, wir its⸗ wollen hier als Preisrichter fungiren. Fontaine bringt uns Baupläne und zu einem Palaſt für den König von Rom. Es iſt endlich wohl Zeit, hritt daß wir daran denken, dem Thronfolger einen Palaſt zu bauen, und on⸗ ſchon lange beſchäftigte ich mich in meinen Gedanken damit. Wären die Zeitumſtände nicht ſo ungünſtig geweſen, ſo müßte das Palais ſchon on⸗ vollendet ſein. Gerade jetzt aber will ich es anfangen laſſen, um dem hre Auslande zu beweiſen, wie ſicher Frankreich und ſein Kaiſer ſich fühlen, da ſie mit ihren Heeren den Feind bekämpfen, und zugleich für ihren künftigen Kaiſer einen Palaſt bauen. Nun laſſen Sie ſehen, Fontaine, en rollen Sie Ihre Pläne auf! zaſ⸗ Fontaine breitete die Papierrolle, die er aus dem Vorſaal mit⸗ gebracht, auf dem Tiſche aus. Der Kaiſer neigte ſich über dieſelbe, nen und ließ ſich von dem Baumeiſter die einzelnen Linien und Figuren erklären. ng, Die drei Miniſter ſtanden ernſt und ſchweigend daneben, und die nit⸗ verſtohlenen und erſtaunten Blicke, mit denen ſie einander anſchauten, on⸗ ſchienen zu fragen: ob dies wirklich keine, von dem Kaiſer abſichtlich nit veranſtaltete Scene ſei? Ob der Kaiſer allen Ernſtes daran denken en könne, für den König von Rom einen Palaſt zu bauen in demſelben gen Augenblick, in welchem Frankreich von allen Seiten umringt und be⸗ nris droht von Feinden ſei, welche die Zukunft und das Beſtehen des Kaiſer⸗ e, thrones ſehr gefährdeten?. ine Aber der Kaiſer ſchien in der That ganz harmlos, ganz unbe⸗ h⸗. fangen. Mit der zauberhaften Energie ſeines Geiſtes ſchien er alle S trüben Gedanken, alle finſteren Regungen aus ſeiner Seele verbannt it⸗ zu haben, und nur mit einer heiteren und frohen Zukunft ſich zu be⸗ ſchäftigen. un Sehen Sie einmal, Caulaincourt, rief der Kaiſer, auf einen der Pläne deutend, was ſagen Sie zu dieſem Plan hier? Es iſt eine Art Burg, oder Feſtung, und ſieht hübſch aus, nicht wahr? In der That, ſehr ſchön, ſagte Caulaincourt, die Zeichnung be⸗ — ————— ————— 570 trachtend. Dieſer Plan erinnert mich an das Luſtſchloß enbaum, welches Paul der Erſte ſich hatte bauen laſſen. Da waren auch ſolche Eckthürme, ſolche kleine Baſtionen und Laufgräben, und im Innern war das Schloß nicht blos reich an Sälen, ſondern reicher noch an geheimen Treppen und Thüren und übermauerten Gängen. Und dennoch iſt Paul der Erſte in dieſem Schloß ermordet wor⸗ den, rief der Kaiſer mit ſchnell verdüſtertem Angeſicht. Die geheimen Thüren, die übermauerten Gänge ſchützten ihn nicht vor den Dolchen ſeiner Mörder. Nun, Maret und Savary, was ſagen Sie zu dieſem Plan? Scheint es Ihnen angemeſſen, daß wir den Palaſt des Königs von Rom im Styl einer Feſtung bauen? Sire, rief Savary eifrig, ein ſo theures Haupt kann gar nicht genug geſchützt werden. Man muß bei einem Palaſt für den König von Rom weniger auf die gefällige Form, als auf die Zweckmäßig⸗ keit ſehen. Nun, iſt das auch Ihre Meinung, Maret? Der Herzog von Baſſano ſchwieg einen Augenblick, und ſchaute prüfend auf den Plan hin. Nein, Sire, ſagte er dann, mit ſeinem feinen und vielſagenden Lächeln zu dem Kaiſer aufblickend, nein, Sire, das iſt nicht meine Meinung. Ich glaube, daß man ſich nicht das Anſehen geben muß, als wolle man dem Thronfolger eine Feſtung bauen, und als bedürfe er, inmitten der Hauptſtadt, jemals einer ſol⸗ chen Zuflucht gegen die eigenen Unterthanen. Man würde ſagen, daß Ew. Majeſtät die Baſtille, welche mit dem alten Königthum zerſtört worden, für Ihren Nachfolger wieder aufbauen wollten. Maret hat Recht, rief der Kaiſer lebhaft. Keine Feſtung! Das Vertrauen, die Liebe und die Anhänglichkeit ſeines Volkes, das muß die einzige Sicherheitswache für einen Fürſten ſein. Die Laufgräben und Baſtionen haben Paul den Erſten nicht gerettet, die größte Vor⸗ ſicht, die verſchloſſenen und bewachten Thüren haben den Sultan nicht vor den Mörderdolchen ſeiner Janitſcharen geſichert; Jeder fällt, wenn ſeine Stunde geſchlagen hat,— ſie wird ſchlagen,— auch für mich wird ſie ſchlagen, und mein Leben wird Demjenigen gehören, der ſein Leben für meines hingeben will. Aber ich werde meinem Sohn lehren, m, che an or⸗ nen hen em icht we nem ire, das ing ſol⸗ daß ſört — Das nuß iben bor⸗ nicht venn mich ſein hren, 571 die Pariſer ohne Feſtungen und Kanonen zu regieren, und zu machen, daß er von ihnen geliebt wird.*) Aber freilich, es werden immer Böswillige genng da ſein, welche all unſer Bemühen vergeblich machen und Unfrieden ſäen werden zwiſchen mir und meinem Volk. Sire, ſagte Fontaine, bemüht, den Gedanken des Kaiſers eine andere Richtung zu geben, Sire, hier iſt ein anderer Plan. Jener war im Burgenſtyl, dieſer hier iſt mehr im Styl einer Villa. Das iſt, wie ich es wünſche, rief der Kaiſer lebhaft. Eine Villa im großartigſten Styl, ein Palaſt, groß und prächtig genug, um gleich nach dem Louvre genannt zu werden, aber immer der Styl einer Villa feſtgehalten. Denn das Palais des Königs von Rom wird doch nur eine Art Landhaus für Paris ſein, man wird es doch immer vorziehen, den Winter in den Tuilerien oder im Louvre zu wohnen. Aber es darf, bei allem Luxus und aller Pracht, es darf Alles in Allem die Summe von zehn Millionen Franes nicht überſteigen. Ich will nicht eine Chimäre, ſondern ich will etwas Reelles, Ausführbares für mich und den König von Rom, und nicht blos ein Vergnügen für den Ar⸗ chitecten. Die Vollendung des Louvre wird dem Baumeiſter hinläng⸗ lichen Ruhm verſchaffen. Beim Palais des Königs von Rom darf man den Baumeiſter vergeſſen über den Annehmlichkeiten des Luſt⸗ ſchloſſes. Es ſoll eine Art„Sansſouci“ werden, wo man heiter iſt, alle Sorgen vergißt, Sonnenſchein in den Zimmern, Schatten im Gar⸗ ten hat, und mit allem Comfort alle Einfachheit des Landlebens ver⸗ binden kann. Denken Sie, Sie wollten ein bequemes Wohnhaus für einen reichen Particulier bauen, für einen Reconvalescenten, welcher der Behaglichkeit, der Ruhe, des Vergnügens und der Zerſtreuung be⸗ darf. Es muß alſo ein kleines Theater, eine kleine Kapelle, ein Con⸗ certſaal, ein Ballſaal, ein Billardſaal und ein Bibliothekſaal vorhanden ſein. Schöne Fiſchteiche und ſchattige Bosquets im Garten, kurz, ein ächtes Luſthaus.**) *) Napoleons eigene Worte. Mémoires de la Duchesse d'Abrantès. Vol. XVI. p. 238. **) Napoleons eigene Worte. Siehe: Conſtant: Mémoires. Vol. V. pag. 184. 572 Ich glaube, Ew. Majeſtät finden Alles, was Sie wünſchen, hier vereinigt, ſagte der Herzog von Baſſano, welcher den zweiten Plan aufmerkſam betrachtet hatte. Es iſt ein Landhaus im großartigen Styl und durchaus eines mächtigen Fürſten würdig. Ach, ſagte der Kaiſer mit einem tiefen Seufzer, ich wollte, es wäre erſt vollendet, und ich könnte mit dem König von Rom darin wohnen. Ich— In dieſem Augenblick wurden die Flügelthüren des Kabinets ge⸗ öffnet und die Stimme des Thürſtehers rief: Se. Majeſtät der König von Rom! IV. Der Bönig von Rom. Der Kaiſer wandte ſich mit einem Ausruf der Freude nach der Thür hin. Auf der Schwelle derſelben ſtand ein kleiner Knabe von wunderbarer Schönheit und Lieblichkeit, eins dieſer holden Kinder⸗ oder Engelgeſtalten, wie Correggio und Murillo ſie mit ſo unvergleichlicher Meiſterſchaft darzuſtellen verſtanden. Die kleine, zierliche und zugleich kräftige Geſtalt, ganz in himmelblauen Sammet mit Silberſtickerei ge⸗ kleidet, Stiefelchen von demſelben Stoff und derſelben Farbe an den feenhaft kleinen Füßen, die runden, mit allerliebſten Grübchen ge⸗ ſchmückten Arme vollkommen frei und unbedeckt, eben ſo der weiße Hals und die vollen, runden Schultern, nur daß über dieſe, einem goldenen Schleier gleich, die goldblonden Locken des Kindes von dem runden Köpfchen niederringelten. Das Angeſicht des kleinen Königs von Rom zeigte die reizendſte Unſchuld, Natürlichkeit und Unbefangen⸗ heit eines unverdorbenen, geſunden Kindes. Nichts Erkünſteltes und Geziertes war in dieſem lieblichen Kinderangeſicht mit den runden, glühenden Wangen und den purpurnen Lippen, die immer bereit waren 573 zu einem jubelnden Lachen, und zwiſchen denen alsdann zwei Reihen der glänzendſten Perlenzähne hervorleuchteten. Die großen, blauen Augen des Kindes waren von einem wunderbaren Feuer und erinnerten in ihrem Blick und ihrer Gluth an die Augen des Kaiſers, und von dem Kaiſer auch hatte das Kind dieſe hohe gedankenvolle Stirn geerbt, deren Ernſt indeſſen von den goldenen Kinderlocken gemildert wurde, welche zu beiden Seiten der Schläfen an den roſigen Wangen her⸗ niederrollten. Hinter dem Knaben erſchien die ernſte, würdevolle Geſtalt der Frau von Montesquiou, der Gouvernante des kleinen Königs von Rom, welche, wie es ſchien, den Knaben zurückzuhalten ſich bemühte, und ihm haſtig und leiſe einige Worte ſagte, indem ſie ſeine Hand ergriff. Aber das Kind riß ſich mit Gewalt los, und ohne etwas Anderes zu ſehen, jemand Anderes zu beachten, als den Kaiſer, flog es mit ausgebreiteten Armen gerade auf ihn zu. Papa, rief er mit ängſtlichem, bittendem Ton, Papa, haben Sie mir nicht erlaubt, zu jeder Zeit zu Ihnen kommen zu dürfen? Ja, Sire, ich habe Ihnen das erlaubt, ſagte der Kaiſer zärtlich, indem er das Kind in ſeine Arme emporhob, und der Beweis davon iſt, daß Sie hier ſind. Nun, liebe Quiou? fragte der Knabe, mit triumphirendem Ton ſich an Frau von Montesquion wendend. Sagte ich es Ihnen nicht? Der Huiſſier wollte mich nicht einlaſſen, Papa, obwohl ich ihm ſagte: Ich will es, ich bin der König von Rom! Er war mir fortgelaufen, ergänzte die Gouvernante; ſchon im erſten Vorſaal hat er ſich von mir losgeriſſen, und lief ſo raſch, daß ich ihm nicht folgen konnte. Das macht, ich wollte zu meinem lieben Papa Kaiſer, rief das Kind, ſeine großen, blauen Augen mit einem Ausdruck unausſprech⸗ licher Liebe auf den Kaiſer heftend. Aber daher kam es, Sire, ſagte die Gouvernante, daß der Huiſ⸗ ſier Ihnen nicht gleich die Thür öffnete. Er wußte nicht, ob er es durfte, und wartete daher, bis ich kam. Aber warum wußte er nicht, daß er durfte? rief der kleine König — 574 ungeſtüm. Hatte ich ihm nicht geſagt: Ich will es, ich bin der König von Rom? Sagen Sie doch, Papa Kaiſer, gehorchen die Huiſſiers Ihnen auch nicht, wenn Sie ſagen: Ich will es? Der Kaiſer lachte ſo laut und fröhlich, wie in den Tagen ſeines ungetrübten Glückes, und die Miniſter und der Baron von Fontaine ſtimmten fröhlich ein; ſelbſt Frau von Montesquiou konnte ein leiſes Lächeln nicht unterdrücken. Der Knabe ſah es und fragte haſtig: Warum lachen Sie, Quiou? Habe ich denn etwas Lächerliches geſagt? Nein, vielmehr etwas ſeyr Anmuthiges, ſagte der Kaiſer lächelnd, indem er ſeine Hand auf das blonde Köpfchen ſeines Kindes legte und dieſes feſter an ſeine Bruſt drückte. Dann ließ er ſich mit dem Knaben im Arme auf einen Fauteuil niedergleiten, und ſeinen Sohn auf ſein Knie ſetzend, ſchaute er ihn mit von Freude ſtrahlenden Blicken an. Sein ganzes Geſicht, jede ſeiner Mienen ſchien jetzt verändert und umgewandelt, von ſtrahlender Milde, durchleuchtet von einem ſanften Glück, einer unendlichen Be⸗ friedigung; ſelbſt ſeine Stimme hatte einen anderen Ton angenommen, ſie war weich und ſchmiegſam und ſchien des Gebietens und Drohens gar nicht fähig zu ſein. Sire, ſagte der Kaiſer, wir ſprachen ſo eben von Ihnen. Ach, rief das Kind mit einem ſchelmiſchen Lächeln, ich weiß ſchon! Mein Papa Kaiſer überlegte, was er mir zum Neujahr ſchenken wollte! Aber, Sire, rief die Gouvernante verweiſend, es iſt nicht ſchicklich, an Geſchenke zu mahnen. Das Kind erröthete, und dieſes Erröthen fand einen Widerſchein auf den bleichen Wangen des Kaiſers, der es faſt wie einen Schmerz empfand, den Knaben ſo beſchämt zu ſehen. Madame, ſagte er, ſich haſtig an die Gouvernante wendend, ich habe eine Bitte an Sie: Laſſen Sie mir den König von Rom, ich werde Ihnen denſelben nachher ſelbſt wieder zuführen, und ich verſpreche Ihnen, daß ich Se. Majeſtät gut bewachen will. Frau von Montesquiou machte eine ceremonielle Verbeugung, grüßte den kleinen König, welcher ihr mit der Spitze ſeiner Finger nig ers nes ine iſes um en, ich 575 Küſſe zuwarf, mit einem weniger ceremoniellen Kopfneigen, und verließ dann das Kabinet. Die Thür hatte ſich kaum hinter ihr geſchloſſen, als der Knabe mit einem glückſeligen Lächeln ſeine beiden Arme um des Kaiſers Nacken ſchlang und mit jubelnder Stimme rief: Jetzt, Papa Kaiſer, jetzt ſind wir allein! Nicht doch, Sire, ſagte der Kaiſer lächelnd, haben Sie denn dieſe Herren noch nicht geſehen? Nein, ſagte das Kind, ganz erſtaunt umherſehend, ich habe nur Sie geſehen, Papa! Der Kaiſer erröthete vor Vergnügen, niemals hatten die Lippen der ſchönſten Frauen Worte geſprochen, die ſein Herz ſo ſehr erfreut hatten, wie dieſe Worte von den Lippen ſeines Kindes. Aber ſeinen Miniſtern gegenüber ſchämte er ſich faſt ſeiner Weichheit, und nahm daher mit Gewalt eine ernſtere Miene an. Sire, ſagte er, Sie müſſen alſo vor allen Dingen dieſe Herren begrüßen, es ſind meine Miniſter und meine ſehr lieben Freunde. Ah, dann ſind Sie auch meine Freunde, rief der Knabe mit dem Takt der Höflichkeit, welche aus dem Herzen entſpringt. Leicht von dem Knie ſeines Vaters auf den Teppich des Fußbodens ſich nieder⸗ laſſend, trat der kleine König von Rom einige Schritte auf die Herren zu und machte ihnen eine ſo tiefe Verbeugung, daß ſeine blonden Locken über ſein Antlitz niederrollten, und es wie mit einem goldenen Netz übergitterten. Verzeihung, meine Herren, ſagte der Knabe, dann das Haupt wieder erhebend und mit einer haſtigen Bewegung ſeine Locken von ſeinem Geſicht fortſchüttelnd, Verzeihung, daß ich Sie nicht geſehen und begrüßt habe. Ich kam zu meinem Papa Kaiſer, weil heute ein Feſttag iſt, weil ich meinem Papa Kaiſer zum neuen Jahr meine Glück⸗ wünſche darbringen wollte. Jetzt ſehe ich Sie, meine Herren, und wenn Sie erlauben, wünſche ich auch Ihnen Allen viel Glück zum neuen Jahr. Die vier Herren verneigten ſich, und ihre Augen, welche ſich mit dem Ausdruck ſanfter Theilnahme und Rührung auf das liebliche Kind —— 576 richteten, ſchienen den Segen des Himmels für den kleinen König von Rom zu erflehen. Der Kaiſer mochte das in ihren Blicken leſen, denn er grüßte die Herren mit einem freundlichen Lächeln, und nickte ihnen zu mit dem triumphirenden Ausdruck eines glücklichen Vaters. Papa Kaiſer, rief das Kind, ſich wieder ſeinem Vater zuwendend, meine gute Madame Quiou ſagt, daß wir in Frankreich jetzt das Glück ſehr nöthig haben, und daß ich deshalb recht inbrünſtig und ſehr den lieben Gott bitten möchte, daß er uns Glück ſchenke. Nun, und haben Sie es denn auch gethan? fragte der Kaiſer. Ja, rief das Kind freudig, ich habe es gethan und recht von Herzen. Wie haben Sie denn gebetet? Laſſen Sie einmal hören, Sire, es ſchadet immer nichts, wenn Sie noch einmal zu Gott um das Glück beten. Was haben Sie denn geſagt? Der kleine König von Rom nahm eine ernſthafte und feierliche Miene an, und ließ ſich langſam auf ſeine beiden Kniee niedergleiten. Dann hob er ſeine gefalteten Hände empor, und das Haupt zurück⸗ lehnend, richtete er ſeine großen blauen Augen mit einem glänzenden Blick zum Himmel. Lieber Gott, ſagte er laut, lieber Gott, ich bitte zu Dir für Frank⸗ reich und für meinen Vater! Dieſe von einer ſo hellen, melodiſchen Kinderſtimme geſprochenen Worte, welche einem Engelsgruß gleich das feierliche, ſtets den ernſten Beſchäftigungen geweihte Kabinet des Kaiſers durchhallten, machten einen wunderbaren Eindruck. Die vier Herren erblaßten und wandten ſich ab, um den Kaiſer ihre Rührung nicht ſehen zu laſſen. Aber der Kaiſer achtete gar nicht auf ſie, ſeine Augen ruhten auf ſeinem Kinde mit einem Ausdruck unausſprechlicher Zärtlichkeit, in⸗ brünſtiger Rührung. Allmälig ward der Feuerblick dieſer Augen mil⸗ der, ein Schleier ſchien ſich über dieſelben hinzubreiten, und da dieſer Schleier den Kaiſer vielleicht verhinderte, vas liebliche Bild ſeines knieenden Kindes in ſeiner ganzen Klarheit zu ſehen, fuhr er ſich mit der Hand raſch über beide Augen hin. 577 Der Schleier war jetzt von den Augen des Kaiſers verſchwunden, aber die Hand, welche ihn fortgezogen, war feucht. Der Knabe ſprang empor und flog wieder zu ſeinem Vater hin, der ihn zärtlich in ſeine Arme drückte, und dann, gleichſam entſchul⸗ digend, ſich ſeinen Miniſtern zuwendete. 63 Nun, meine Herren, ſagte er heiter, glauben Sie, daß die Stimme lic des Königs von Rom ſtark genug iſt, um durch die Wolken zu dringen und für Frankreich und für mich das Glück zu erflehen?. Sire, ich glaube es, ſagte der Herzog von Baſſano mit vor Rüh⸗ rung zitternder Stimme. Und ich bin davon überzeugt, ſagte der Herzog von Rovigo leb⸗ den haft. Wenn irgend ein Gebet zu Gott dringen kann, ſo muß es dies Gebet des Königs von Rom. Es wird Frankreich und ſeinem erhabenen Kaiſer das Glück er⸗ e flehen, ſagte der derzog pon Vicenza mit liebevoller Stimme. Sire, erlauben Sie mir, Ihnen im Namen Frankreichs eine Bitte 3 vorzutragen, rief Fontaine. Schenken Sie Frankreich, als Neujahrs⸗ nic⸗ geſchenk Ihrer Liebe, das Bild des Königs von Rom, der für Frank⸗ reich und ſeinen Vater betet. Laſſen Ew. Majeſtät Iſabey kommen, daß er den König in dieſer lieblichen Stellung male. Iſabey wird ein u⸗ ſolches Bild mit ſeiner Hand und mit ſeinem Herzen zugleich zeichnen, und in vier Wochen muß es als Kupferſtich durch ganz Frankreich verbreitet ſein. Sire, ich wette, dieſes Bild wird überall die Herzen ſten gewinnen, und die Herren vom Corps legislatif können in ihren Pro⸗ cten vinzen nicht halb ſo viel Haß ſäen, als das Bild des betenden Königs von Rom Liebe ernten wird. iſer 5 Sie haben Recht, ſagte der Kaiſer, das iſt eine ſehr gute Idee. Frankreich ſoll erfahren, daß mein Sohn zuerſt für Frankreich, und auſ dann für mich betet. Maret, ſorgen Sie dafür, daß Iſabey morgen in⸗ ſchon kommt. In vier Wochen muß der Kupferſtich fertig ſein.*) mil⸗ ieſer*) Dieſer Kupferſtich iſt wirklich, nach einer Zeichnung von Iſabey, er⸗ eines ſchienen, und giebt ein gar liebliches und anmuthiges Bild von dem kleinen König von Rom. Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 37 nit 578 Und jetzt, fuhr der Kaiſer fort, das Kind wieder auf ſein Knie ſetzend, jetzt ſagen Sie mir einmal, Sire, was wünſchen Sie denn, daß ich Ihnen zum Neujahrsfeſt ſchenken ſoll? Oh, rief der kleine König lächelnd, ich habe wohl einen Wunſch, lieber Papa Kaiſer, aber ich wage nicht, ihn zu ſagen. Wagen Sie es immerhin, Sire, ſagte der Kaiſer lächelnd. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Ihren Wunſch erfüllen will, wenn es angeht. Sprechen Sie alſo! Sire, fragte der kleine Napoleon, mit ſeinem Köpfchen hinüber⸗ nickend zu den Miniſtern, Sire, werden dieſe Herren mich auch nicht an Frau von Montesquiou verrathen? Ich bürge für ſie, ſagte der Kaiſer ernſt. Laſſen Sie alſo hören, Sire, was wünſchen Sie ſich? Nun denn, Papa Kaiſer, ſagte das Kind, ſein blondes Haupt an die Bruſt des Kaiſers lehnend und mit leuchtenden Augen zu ihm emporblickend, nun denn, Papa Kaiſer, ich habe einen großen, mäch⸗ tigen Wunſch: Ich möchte ein einziges, ach, nur ein kleines einziges Mal ganz allein auf die Straße laufen und im Schmutz und im Rinn⸗ ſtein ſpielen, wie es die anderen Kinder thun.*) Der Kaiſer brach in ein lautes, ſchallendes Gelächter aus, zu welchem die vier Herren den angemeſſenen Chorus bildeten. Ach, ſehen Sie, meine Herren, rief der Kcüſer lachend, Sie haben da eine neue Umſchreibung von Lafontaine's berühmtem Wort: Tou- jours perdrix! Da der König von Rom alles Schöne und Angenehme in Fülle haben kann, ſehnt er ſich nach dem Rinnſtein und dem Straßen⸗ ſchmutz. Nur Geduld, Sire, ich kann Ihnen Ihren Wunſch nicht ſo⸗ gleich erfüllen, aber ich will Ihnen ein Palais bauen laſſen, und auf dem Hofe deſſelben werden Sie auch einen Rinnſtein haben. Sire, ſehen Sie da, dieſe ſchönen Zeichnungen, welche der Baron Fontaine für Sie gemacht hat zu einem ſchönen Palais für Sie ganz allein. Wie? Für mich allein? fragte das Kind erſchrocken. Sie werden nicht mit mir in dem Palais wohnen? *) Bausset: Mémoires sur Iinterieur du palais imperial. Vol. II. tzend, ich unſch, 36 un es über⸗ nicht ören, pt an ihm mch⸗ njiges Rinn⸗ , zu haben PTou⸗ nehne raßen⸗ ht ſ⸗ duf Sire, ntaine ein. werden 579 Nein, Sire! Der König von Rom muß ein Palais für ſich ganz allein haben, in welchem er mit ſeinem Hofe reſidirt. Papa Kaiſer, ich danke Ihnen für Ihr Neujahrsgeſchenk, ſagte der Knabe trotzig, ich danke Ihnen, aber ich nehme es nicht an! Ich will kein Palais für mich allein. Ich danke Ew. Majeſtät, ich will lieber hier in den Tuilerien bleiben! Aber, Sire, bedenken Sie doch, ein recht ſchönes Palais, das Ihnen allein gehört. Ich will es nicht! Ich will nicht allein wohnen! Nun, Sire, dann werden Sie Ihre ſchöne Mutter, die Kaiſerin bitten, mit Ihnen dort zu wohnen. Genügt das? Das Kind blickte raſch und ſcheu im Zimmer umher, als wolle es ſich überzeugen, daß weder die Kaiſerin, noch Frau von Montes⸗ quiou zugegen ſeien, dann warf es ſeine beiden Arme um den Hals des Kaiſers und rief: Ich will ſein, wo Sie ſind, Papa! Ich will wohnen, wo Sie wohnen! Napoleon preßte ſeine Lippen mit einer leidenſchaftlichen Zärtlich⸗ keit auf das Haupt ſeines Sohnes. Nun, Sire, ſagte er mit vor Liebe und Rührung zitternder Stimme, man wird Ihnen alſo wohl den Willen thun müſſen. Ich werde, ſobald Ihr Palais vollendet iſt, mit Ihnen in demſelben wohnen. Nehmen Sie Ihr Palais unter dieſer Bedingung an? Ja, mein lieber Papa Kaiſer, rief der Prinz freudig, nun nehme ich es an, und ich danke Ihnen! Sie hören es alſo, Fontaine, ſagte der Kaiſer, ſich lächelnd ſeinem Architecten zuwendend. Sie dürfen den Bau des Palaſtes beginnen, der König von Rom nimmt ihn an. Gehen Sie alſo an's Werk! Ich genehmige dieſen zweiten Plan hier. Wir wollen dem König von Rom ein großartiges und prachtvolles ſtädtiſches Landhaus bauen, und in zwei Jahren muß es vollendet ſein! In zwei Jahren— Plötzlich ſchwieg der Kaiſer; eine Wolke flog über ſeine Stirn hin und ſein Antlitz verfinſterte ſich. Ach, ſagte er düſter, die Hand auf das Haupt des Prinzen legend, ach, wir wollen Dir ein Palais 580 beſitzen!*) Und der Kaiſer ließ ſein Haupt auf ſeine Bruſt ſinken und ſtarrte trübe vor ſich hin. Eine Pauſe trat ein, welche das ſonſt ſo lebhafte Kind nicht durch eine Bewegung, ein lautes Athmen zu unterbrechen wagte. Endlich richtete der Kaiſer ſein Haupt wieder empor. Gehen Sie, Fontaine, und nehmen Sie Ihre Pläne mit, ſagte er, wir werden noch weiter varüber ſprechen. Und Sie, meine Herren Miniſter, kommen Sie! Wir haben noch Einiges von Wichtigkeit zu berathen. Aber erſt will ich den König von Rom wieder zu ſeiner Gouvernante führen. Der kleine König klammerte ſich mit faſt ängſtlicher Zärtlichkeit an den Kaiſer feſt. Ach lieber, lieber Papa Kaiſer, flehte er, laſſen Sie mich hier. Ich will ganz ſtill ſein, gewiß ganz ſtill! Ich will nur auf Ihrem Schooß ſitzen, und meinen Kopf an Ihre Bruſt legen und gar nicht ſtören! Nun, ſo bleiben Sie, Sire, ſagte Napoleon lächelnd. Wir werden ja ſehen, ob Sie wirklich ganz ſtill ſein können und gar nicht ſtören. Der kleine König von Rom hielt Wort. Er ſaß ganz ruhig auf des Kaiſers Knie und lehnte ſein Köpfchen an des Vaters Bruſt, er unterbrach mit keinem Laut die ernſte und wichtige Berathung des Kaiſers und ſeiner Miniſter. Endlich nach einer Stunde war die Berathung beendet, und Na⸗ poleon verabſchiedete die Herzöge. Nun, Sire, nun kommen Sie, ſagte Napoleon, ſich zu ſeinem Kinde wendend, nun wollen wir ſpielen. Aber der kleine König, welcher ſonſt dieſe Worte ſeines Vaters mit lautem Jubel aufzunehmen pflegte, blieb jetzt ſtill, und wie der Kaiſer ſich zu ihm niederneigte, ſah er, daß das Kind eingeſchlafen war. Glücklicher König, murmelte Napoleon, glücklicher König, welcher einſchlafen darf, wenn man von Krieg und Staatsangelegenheiten ſpricht. Leiſe und vorſichtig zog er das Kind dichter an ſeine Bruſt, und *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Abrantès, Mémoires. Vol. XVI. 239. bauen, und wenn ſie mich beſiegen, wirſt Du nicht einmal eine Hütte ütte arrte hafte echen Sie, noch men Aber hren. chleit laſſen vill legen erden tören⸗ 9 auf 1, er des Na⸗ einem zaters ie der war elchet piicht „md 1. 581 ſorgſam bemüht, ſeinen Schlaf nicht zu ſtören, ſaß der Kaiſer ſtill und unbeweglich da, nicht wagend den Arm zu rühren, obwohl er ihm von der Laſt des Kindes ſchmerzte, kaum athmend, obwohl ſeine Bruſt be⸗ engt war von ſchweren Seufzern. Ein wunderbares und ſchönes Bild war es, dieſes liebliche Kind zu ſehen, das in ſüßen, lächelnden Träu⸗ men ſein lockiges Haupt an die Bruſt des Kaiſers lehnte, der mit ernſten zärtlichen Blicken zu dem Knaben niederſchaute, und deſſen bleiches Cäſarenangeſicht von der Zärtlichkeit für ſein Kind wie von einem milden Sonnenſtrahl übergoſſen ward. Lange ſaß der Kaiſer ſo da, ſchweigend, regungslos, das ſchlafende Kind an ſeine Bruſt gedrückt. Gar ſeltſame und wunderbare Gedanken kamen über ihn, Gedanken von vergangenem Glück, von vergangener Liebe. Er dachte daran, wie lange er ſich geſehnt, einen Sohn zu be⸗ ſitzen, und wie viel Thränen es ſeiner erſten Gemahlin gekoſtet, ihm denſelben nicht geben zu können. Er dachte daran, wie ſehr ſie ihn geliebt dieſe edle, ſchöne Kaiſerin Joſephine, welche er in die Einſam⸗ keit verſtoßen mit dem Egoismus ſeines Stolzes, der einen Thronerben begehrte. Das Schickſal hatte ihm, dem Kaiſer, Alles gegeben, was ſein Herz und ſein Stolz begehrte, ein junges, ſchönes Weib, welches ihn liebte, und welches die Tochter eines Kaiſers war— ein liebliches holdes Kind, welches der Erbe ſeines Kaiſerthrones ſein ſollte. Aber indem das Schickſal ihm Alles gab, hatte es Joſephinen Alles ge⸗ nommen— das Herz und den Beſitz ihres Gemahls,— ihre Würde und ihr Anſehen als Kaiſerin und Herrſcherin. Sie war nichts mehr als eine alternde, verlaſſene und unglückliche Frau, welche nur Thränen für ihre Vergangenheit, keine Freude in der Gegenwart, keine Hoffnung für die Zukunft hatte! Dieſes Alles hatte dieſes Kind, dieſes von ſeinem Vater angebetete, von ganz Frankreich mit Jubel begrüßte Kind verſchuldet, und dennoch, trotz alles Unheils, das es ihr gegeben, trotzdem es das Kind einer anderen Frau war, dennoch liebte Joſephine dieſes Kind und hatte oft den Kaiſer angefleht, ſie den kleinen König von Rom ſehen und um⸗ armen zu laſſen. Er hatte es ihr ſtets verweigert, um die Eiferſucht ſeiner jungen 582 Gemahlin nicht zu erwecken, aber heute, in dieſer ſtillen Stunde des Alleinſeins mit ſeinem ſchlafenden Kinde, heute gedachte Napoleon Jo⸗ ſephinens mit einer wehmüthigen Zärtlichkeit. In dieſem tiefen Schwei⸗ gen, das ihn umgab, ſprachen ſeine Erinnerungen zu ihm. Sie zeigten ihm Joſephine in dem unvergänglichen Glanz ihrer Liebe, ihrer An⸗ muth und Güte, er glaubte ihr holdes Antlitz zu ſehen, das ſtets für ihn ein Lächeln gehabt, ihre wunderbaren, glänzenden Augen, die ihn niemals anders als zärtlich angeblickt, und die es verſtanden, ſeine ge⸗ heimſten Gedanken auf der Tiefe ſeines Herzens zu leſen. Arme Joſephine, murmelte er leiſe, arme Joſephine! Sie hat mich ſehr geliebt, Vieles möchte anders ſein, wenn ſie noch an meiner Seite wäre. Sie war mein guter Engel und mit ihr iſt mein Glück unter⸗ gegangen. Sie hat mir und meinem Stolz das Glück ihres Lebens geopfert, und während ſonſt an dieſem Tage ſich Alles drängte, um der Kaiſerin Huldigungen und Glückwünſche darzubringen, ſitzt ſie jetzt einſam und verlaſſen in Malmaiſon. Nein, ſagte er ganz laut, nein, ſie ſoll nicht verlaſſen ſein! Ich bin es ihr wohl ſchuldig, ihr einen Moment der Freude zu bereiten! Sie ſoll meinen Sohn ſehen, ich ſelbſt will ihn ihr zuführen! Er hob den Knaben ſorgſam in ſeinen Armen empor und ſtand auf. Das Kind erwachte und ſchaute mit ſeinen großen blauen Augen lächelnd zu ſeinem Vater empor, der es zum Divan hintrug und es mit zärtlicher Sorgfalt auf die Polſter niederlegte. Aber der kleine Napoleon ſprang haſtig empor und ſagte lachend: Ich bin nicht mehr müde. Die Herren Herzöge ſind fort, jetzt wollen wir ſpielen, Papa! Nein, Sire, ſagte der Kaiſer, jetzt nicht, jetzt habe ich Geſchäfte. Aber heute Mittag will ich mit Ihnen, hören Sie, mit Ihnen ganz allein eine Spazierfahrt machen. Das ſoll mein Neujahrsgeſchenk ſein. Der Knabe jauchzte laut auf und nickte ſeinem Vater mit einem köſtlichen Lachen zu. Ganz allein, Papa Kaiſer, ganz allein mit Ihnen? O, wie wird das prächtig ſein! Aber nun gehen Sie zu Frau von Montesquiou, Sire, ſagte der Kaiſer. Conſtant, halloh Conſtant! e des no⸗ hwei⸗ eigten n⸗ s für e ihn e ge⸗ nich Seite unter⸗ ebens „um jett nein, einen ſelbſt ſtand ugen nd es hend vollen häfte. ganj ſein. einem nen te der 583 Conſtant, ſagte der Kaiſer, als der Gerufene eintrat, führen Sie doch Se. Majeſtät den König von Rom zur Frau von Montesquiou, und ſagen Sie ihr, ich würde Se. Majeſtät in einigen Stunden zu einer Spazierfahrt abholen, die ich ganz allein mit ihm machen wolle, ohne alle Begleitung! Adieu, Sire, in einigen Stunden ſehen wir uns wieder. Aber der Knabe blieb ſtehen und ſah mit ernſten und trotzigen Blicken zu dem Kaiſer empor. Sire, ſagte er, meine liebe Madame Quiou ſagt mir oft, ein König müſſe ſein Wort halten, und erfüllen, was er verſpricht. Nun frage ich Sie, muß ein Kaiſer nicht auch Wort halten? Gewiß muß er das, Sire! Nun denn, Majeſtät, ſo bringen Sie mich zu meiner Quiou, rief der Knabe freudig, Sie haben zu ihr geſagt, daß Sie es thun wollten. Kommen Sie, Papa! Ach, rief der Kaiſer lächelnd, Sie haben Recht, ein Kaiſer muß ſein Wort erfüllen, und hätte er es auch nur einem König verpfändet. Kommen Sie, Sire, ich führe Sie zur Frau von Quiou! Conſtant, erwarten Sie mich hier!— Nach einigen Minuten kehrte der Kaiſer in ſein Kabinet zurück. Conſtant, ſagte er leiſe und haſtig, ich weiß, Sie liebten die Kaiſerin Joſephine, und Sie haben ſie nicht vergeſſen, nicht wahr? Sire, die Kaiſerin war meine Wohlthäterin, ihr verdanke ich Alles, was ich bin und ſie war ſtets herablaſſend und gütig gegen mich. Mehr als die jetzige Kaiſerin, wollen Sie ſagen? fragte der Kaiſer, einen raſchen, forſchenden Blick auf ſeinen vertrauten Kammerdiener werfend, und als dieſer ſchwieg, fuhr Napoleon fort: Es iſt wahr, die junge Kaiſerin iſt weniger freundlich und herablaſſend als meine erſte Gemahlin. Aber das kommt daher, Conſtant, daß man ſie als die Tochter eines Kaiſers erzogen, und ihre Gefühle in die Etiquette ein⸗ gezwängt hat. Joſephine vergaß es zuweilen zu ſehr, daß ſie Kaiſerin war, Marie Louiſe vergißt es zu wenig. Aber ihr Herz iſt gut und ſanft, und niemals würde ſie mich betrüben wollen. Alſo, Conſtant, Du haſt die Kaiſerin Joſephine noch nicht vergeſſen? 584 Sire, Niemand, der die Kaiſerin Joſephine gekannt hat, wird ſie vergeſſen können. Ach, man ſehe den Fripon, welch' eine ſtachlichte Antwort er mir da giebt! Nun, ich will Ihnen beweiſen, Herr Fripon, daß ich die Kaiſerin Joſephine auch nicht vergeſſen habe. Es iſt heute das Neu⸗ jahrsfeſt. Hätten Sie nicht Luſt, der Kaiſerin Joſephine in Malmaiſon Ihre Gratulation darzubringen? Sire, wenn ein ſo unbedeutender, niedriger Diener, wie ich, es wagen darf, das zu thun, ſo würde ich allerdings ſehr beſeligt ſein, meine Glückwünſche zu den Füßen der Kaiſerin Joſephine niederlegen zu können. Gehen Sie, ich erlaube es Ihnen, und die Kaiſerin wird Sie gewiß ſehr gut aufnehmen. Vorzüglich, Sire, wenn ich Ihrer Majeſtät irgend eine Botſchaft von Sr. Majeſtät dem Kaiſer zu überbringen hätte. Fripon, doppelter Fripon, ich glaube Sie unterſtehen ſich, meine Gedanken zu errathen! Nun denn, ja, ich will Ihnen eine Botſchaft an die Kaiſerin mitgeben. Eilen Sie ſofort zur Kaiſerin Joſephine, bringen Sie ihr meine Grüße, aber ſehen Sie zu, daß die Kaiſerin Sie ganz allein und ohne Zeugen empfängt. Hören Sie, Conſtant, ohne Zeugen! Und alsdann ſagen Sie der Kaiſerin, ſie ſolle ſofort ihren Wagen vorfahren laſſen, und unter dem Vorwand, ſich unbe⸗ achtet ihren traurigen Neujahrsgedanken überlaſſen zu wollen, ganz allein, ohne alle Begleitung eine Spazierfahrt machen. Erſt wenn ſie eine gute Strecke von Malmaiſon entfernt iſt, ſoll ſie Befehl geben, nach dem kleinen Schlößchen La Bagatelle zu fahren. Genau um vier Uhr ſoll ſie dort ſein. Ich werde mich auch dorthin begeben, und ſa⸗ gen Sie Ihrer Majeſtät, ich würde vielleicht nicht allein zu ihr kommen. Nun eilen Sie, Conſtant. Empfehlen Sie der Kaiſerin un⸗ bedingte Verſchwiegenheit an. Sie aber, Conſtant, bedenken Sie wohl, daß wenn irgend Jemand etwas von dieſer Sache erfährt, ich Sie darüber zur ſtrengen Rechenſchaft ziehen werde. Gehen Sie! aft ne aft ne, in t be⸗ n en, V. Joſephinr. Genau mit dem Glockenſchlag vier Uhr fuhr der Wagen der Kaiſerin Joſephine in den Hof des Schlößchens Bagatelle ein. Die Kaiſerin fragte den herbeieilenden Schloßcaſtellan mit zitternder Stimme, ob ſchon vor ihr Jemand hier angelangt ſei und athmete erleichtert auf, als der Caſtellan verneinte. Mit jugendlicher Lebendigkeit verließ ſie den Wagen und trat in das Schloß ein, gefolgt von dem Caſtellan, der mit erſtaunten Blicken dieſe Kaiſerin ohne Hofſtaat und Gefolge betrachtete, dieſe Kaiſerin, welche verſtohlen und zitternd daher kam, wie ein junges Mädchen, das zu ſeinem erſten Rendezvous geht. Mit raſchen Schritten durcheilte Joſephine die wohlbekannten Räume des Schloſſes und trat jetzt in den Saal, in welchem ſie ſohſt in den Tagen ihres Glückes ſo oft die fremden Fürſten und Geſandten, oder die Würdenträger Frankreichs empfangen hatte. Dieſer Saal war jetzt leer, Niemand war da, die vereinſamte Kaiſerin willkommen zu heißen. Aber in den Kaminen brannten helle, luſtige Feuer und Alles war wie zum Empfang hoher Gäſte bereit. Sie wußten alſo, daß ich kommen würde? fragte die Kaiſerin den Caſtellan. Majeſtät, ſagte dieſer leiſe und ehrfuchtsvoll, Herr Conſtant war hier und gab Ordre, die Zimmer in Bereitſchaft zu halten. Wenn es Ew. Majeſtät beliebt, einige Erfriſchungen anzunehmen, ſo werden Ew. Majeſtät im Speiſeſaal Alles bereit finden. Nein, nein, ich danke, rief die Kaiſerin haſtig. Aber ſagen Sie, iſt auch mein Toilettenzimmer— mein früheres Toilettenzimmer, ver⸗ beſſerte ſie ſich ſtotternd— iſt auch das erwärmt und brauchbar? Ew. Majeſtät finden alle Ihre Zimmer brauchbar, als wenn Sie noch die Gnade hätten, hier, wie früher, zuweilen zu reſidiren. Nun denn, ſo will ich mich in mein Toilettenzimmer begeben, ſagte 586 die Kaiſerin. Wenn Jemand kommen ſollte, werde ich es durch die ge⸗ öffneten Thüren hier gewahren, es iſt alſo nicht nöthig mich zu be⸗ nachrichtigen, ich werde in den Salon kommen. Der Caſtellan zog ſich zurück und Joſephine eilte durch das nächſte Gemach in ihr Toilettenzimmer. Mit einem langen, ſchmerzlichen Seufzer ſchaute ſie umher in dieſem Gemach, welches ſo oft Zeuge ihres Glückes und ihrer Triumphe geweſen. Hier vor dieſem Spiegel hatte ſie, umgeben von ihren Damen, ſich ihr Haar friſiren laſſen, und faſt jedesmal um dieſe Stunde war alsdann der Kaiſer gekommen, um mit ihr zu plaudern, um ihrer Toilette zuzuſchauen, um ihr Herz zu entzücken durch ein Lächeln, einen Blick, der für ſie ſchmeichelhafter und beglückender geweſen, als alle Huldigungen und Schmeicheleien ihrer entzückten Bewunderer. Jetzt war ſie wieder hier, aber ſie war allein, und mit einem trau⸗ rigen Seufzer trat ſie zu dem Spiegel hin, der ihr ſonſt ſo oft ihr reizendes, glückſtrahlendes, von Brillanten funkelndes Bild gezeigt. Was aber ſah ſie jetzt in dieſem Spiegel? Eine Frau mit bleichem, verweintem Angeſicht, eine Frau mit alternden Zügen und mit jenem Ausdrucke treſtloſer Ermattung, welche nur das Glück und der heitere Lebensgenuß zu überglänzen vermag, wenn der Glanz der Jugend ver⸗ blichen iſt. Oh, ich bin alt geworden, ſeufzte Joſephine, die Jahre der Thränen und der Einſamkeit zählen doppelt, denn man verbraucht in Tagen die Kraft vieler Jahre. Ich bin alt geworden, weil ich um ihn geweint habe und weil ich ſein Unglück wie ebenſo viele Dolchſtöße in meinem Herzen empfunden habe. Oh, wie wird er ausſehen? Werden ſeine Wangen noch bleicher, ſein Blick noch trüber ſein als ſonſt? Mein Gott, mein Gott, ich habe ihn ja nicht geſehen, ſeit er von ſeinem un⸗ glücklichen Feldzug heimgekehrt iſt; wenn ich die Geſchichte ſeiner Leiden auf ſeinem Antlitz leſe, werde ich ſterben vor Jammer. Aber nein, nein, ermuthigte ſie ſich ſelbſt, ich will nicht weinen, ihn nicht mit meinen Thränen beläſtigen. Ich will heiter ſein, ich will meine Rolle würdig bis an's Ende führen. Er kommt nicht allein. Mein Gott, wen bringt er mit? Doch nicht ſie,— nicht dieſe Frau, welche meine Neben⸗ hſte chen euge egel und zu und hrer ral⸗ ihr hem, nem itere vel⸗ änen die weint inem ſeine Rein un⸗ eiden nein, einen irdij ringt ke 587 buhlerin iſt, welcher ich habe weichen müſſen?— Nein, nein, ich kenne Bonaparte's Herz, ich weiß, daß er ſolcher Grauſamkeit nicht fähig wäre. Sie, jung, ſchön, ſie die regierende Kaiſerin,— ich alternd, vergrämt, die verſtoßene Kaiſerin! Ich— ach, da rollt ein Wagen in den Hof! Er kommt! Ihre ganze Geſtalt erbebte, ihre Kniee verſagten ihr den Dienſt, und athemlos, das Antlitz übergoſſen von fliegender Purpurgluth, ſank ſie auf einen Seſſel nieder. Mein Gott, mein Gott, murmelte ſie, ich liebe ihn noch immer, mein Herz vergißt nicht! Ein leiſes Klopfen an der kleinen Seitenthür, die auf den inneren Corridor führte, ließ ſich vernehmen, dann ward dieſe Thür geöffnet und Conſtant trat ein. Joſephine erhob ſich haſtig, ihre Wangen waren jetzt leichenbleich, ihre Lippen bebten. Conſtant, er iſt da? fragte ſie. Ja, Majeſtät. Der Kaiſer läßt Ew. Majeſtät erſuchen, ſich in den Salon zu begeben. Er wird ſogleich dort eintreten. Und wer, fragte Joſephine, wer kommt mit ihm? Se. Majeſtät hat mich beauftragt, Ihnen zu ſagen, daß es ihm zur Genugthuung gereichte, Ew. Majeſtät zum Neujahrsfeſt eine kleine Freude zu bereiten und er deshalb einen längſt gehegten Wunſch Ew. Majeſtät erfüllt hat. Conſtant, rief Joſephine freudig, der Kaiſer bringt mir den König von Rom? Ja, Majeſtät, ſo iſt es! Ah, ihr Kind! rief Joſephine mit einer erſten Regung der Eifer⸗ ſucht, indem ſie ihre beiden Hände vor ihr Antlitz drückte. Der Kaiſer läßt bitten, daß Ew. Majeſtät die Gnade haben, den kleinen König nicht ahnen zu laſſen, wem er die Ehre hat zu nahen, flüſterte Conſtant. Ach, ſie ſoll nicht ahnen, daß ihr Kind zu mir gekommen, mur⸗ melte Joſephine, während die Thränen zwiſchen ihren Fingern her⸗ vorquollen. Der Kaiſer läßt ferner Ew. Majeſtät beſchwören, den Prinzen 1 ————————————— 588 nicht zu erſchrecken durch eine Traurigkeit, welche Ew. Majeſtät in der Großmuth und Güte Ihres Herzens ſo oft überwunden haben. Ja, ja, ſagte die Kaiſerin, die Hände von ihrem Antlitz ziehend und haſtig mit dem Taſchentuch ſich die Augen trocknend, ja, ich will nicht weinen. Es iſt wahr, ich habe ja ſo oft gebeten, den König von Rom, das Kind, dem ich geopfert bin, zu ſehen und in ſeinem Antlitz zu leſen, ob es meines Opfers werth iſt. Der Kaiſer iſt gütig, daß er meinen Wunſch erfüllt, ſagen Sie ihm, daß ich es ihm innigſt danke, daß ich mein Herz beherrſchen und den Prinzen nicht ahnen laſſen will, wer ich bin. Sagen Sie ihm, daß ich nicht weinen will, wenn ich das Kind meiner Nachfolgerin ſehe. Nein, nein, ſagen Sie ihm dies nicht, Conſtant, es würde ihm wehe thun, ſagen Sie ihm nur, daß ich ihm danke und daß er mit mir zufrieden ſein ſoll. Gehen Sie, Conſtant, ich bin bereit und freue mich auf den König von Rom. Es iſt nicht ihr Kind, ſondern es iſt ſein Kind, das ich umarmen werde. Und Conſtant mit jenem unnachahmlichen Lächeln voll Anmuth und Güte, das nur Joſephinen eigen war, begrüßend, ſchritt die Kaiſerin nach dem Salon hin. Wie mein Herz klopft, flüſterte ſie leiſe, es iſt, als ob meine Füße unter mir zuſammenbrächen, als ob ich ſterben müßte. Langſam, faſt einer Ohnmacht nahe, ſchlich ſie durch das Neben⸗ gemach und trat in den Salon ein. Muth, mein Herz, Muth, murmelte ſie, es iſt ſein Kind, das ich begrüßen will. Sie ließ ſich auf einen Fauteuil nahe am Fenſter nieder und ihre weit geöffneten Augen richteten ſich mit Blicken voll zugleich ängſt⸗ licher und ſehnſuchtsvoller Spannung nach der großen Flügelthür da drüben hin. Endlich öffnete ſich die Thür und in derſelben erſchien der Kaiſer. Joſephine hatte ihn faſt ſeit einem Jahre nicht geſehen, und zuerſt hatte ſie daher jetzt nur Auge und Blick für ihn. Sie las in dieſem bleichen, durchfurchten Angeſicht, in der von Wolken beſchatteten Stirn die geheime Geſchichte ſeiner Leiden, die der ſtolze Cäſar vielleicht Nie⸗ manden verrathen hatte, welche ſich aber dem Auge der Liebe nicht der hend vill von ntlitz daß nigſt nen will, Sie ihm önig ich ben⸗ melte ihre ngſt⸗ rda iſer. nerſt eſem Stim 589 verhüllen konnte. Ein unausſprechliches Mitgefühl, eine zärtliche Theil⸗ nahme für ihn erfüllte ihre Seele und ſprach aus den Blicken, die ſie auf ihn richtete. Und jetzt ließ ſie langſam und ſchüchtern faſt den Blick von ihm herniedergleiten zu dem holden Kinde, das Napoleon an der Hand führte und das mit ſeinen großen blauen Augen freundlich zu ihr hinſchauete. Wie ſchön, wie anmuthig und reizend war dies Kind! Wie glück⸗ lich mußte Napoleon ſein als Vater dieſes Knaben! Das fühlte, das dachte Joſephine, und ſie ſagte faſt jubelnd zu ſich ſelber: ich bin nicht umſonſt geopfert worden! Dies Kind iſt reichlicher Erſatz für alle meine Thränen. Ich bin es, welche es Napoleon gegeben hat, ich bin ſeine eigentliche Mutter, denn ich habe für ihn gelitten, geduldet und für ihn gebetet! Joſephine, ganz durchglüht von dieſem Gefühl, das ein ſtrahlendes Lächeln über ihr Antlitz ausbreitete und ihr die Schönheit früherer Tage wiedergab, Joſephine ſtreckte ihre beiden Arme dem Kinde entgegen. Gehe hin, mein Sohn, und umarme dieſe Dame, ſagte Napoleon mit ſeiner vollen, ſonoren Stimme, indem er die Hand des Prinzen losließ. Der Knabe ſchritt vorwärts, Napoleon blieb neben dem Tiſch ſtehen, der in der Mitte des Salons ſich befand, und die rechte Hand auf die Marmorplatte deſſelben aufſtützend, ſchaute er ernſt, aber mit gütigen Blicken zu der Kaiſerin hinüber, von welcher er durch die Gegenwart ſeines Kindes ſich wie durch eine unüberwindliche Kluft ge⸗ trennt fühlte. Er ſah, wie der kleine Prinz mit einem reizenden Lächeln der Kaiſerin ſeine Hand darreichte, wie Joſephine ihn in ihre Arm zog und, ſein blondes Köpfchen an ihre Bruſt drückend, einen glühenden Kuß auf ſeine Locken preßte. Er hörte den Seufzer, der wider ihren Willen ihrer Bruſt entquoll und wie das letzte Aufathmen eines ſter⸗ benden Herzens ertönte. Er ſah, wie Joſephine dann langſam das Haupt des Knaben zurückbog und ihn mit einem wehmüthigen Lächeln lange anſchauete. Dann flog ihr Blick hinüber zu dem Kaiſer, und mit 590 einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Liebe, Zärtlichkeit und Güte ſagte 1 ſie: Sire, er gleicht Ihnen, möge Gott ihn dafür ſegnen! i Es lag etwas ſo Rührendes, Zartes und Inniges in dieſen Worten, in dem Ton ihrer Stimme, in dem Blick ihrer Augen, daß der Kaiſer 63 ſich davon tief bewegt fühlte und ihr nur mit einem ſtummen Neigen 3 des Hauptes antwortete, nicht wagend zu ſprechen, damit das Beben ſeiner Stimme ihr nicht ſeine tiefe Rührung verrathe. Selbſt der kleine König von Rom ſchien die Güte und Hoheit dieſer Frau zu verſtehen, welche ihren Schmerz unter dem Lächeln ihrer Liebe zu verhüllen wußte. Er ſchmiegte ſich innig an ſie und ſagte mit weicher, ſchmeichelnder Stimme: ich habe Sie lieb, Madame, und ich möchte, daß Sie mir auch gut ſind. Ich bin Ihnen gut, Sire, rief Joſephine, mehr als gut, ich liebe Sie und ich werde alle Tage zu Gott beten, daß der Himmel Sie Ihrem Vater erhalte— Ihren Aeltern erhalte, verbeſſerte ſie ſich mit der Großmuth echt weiblicher Selbſtverleugnung. Sie werden eines Tages Frankreich und Ihr Volk ſehr glücklich machen, denn Sie werden ſo gut, groß und weiſe werden wollen, wie Ihr Vater es iſt. Oh ja, der Papa Kaiſer iſt ſehr gut und ich liebe ihn ſehr! rief ——————— das Kind, mit einem zärtlichen Blick zu ſeinem Vater hinüberſchauend. Aber Papa, warum kommen Sie nicht zu uns, warum geben Sie nicht dieſer lieben Dame die Hand, da ſie ſo gut iſt und mich ſo lieb hat? Der Kaiſer iſt großmüthig, ſagte Joſephine ſanft, er will Sie mir einen Augenblick allein gönnen, Sire, er hat Sie alle Tage, ich aber habe Sie ja noch niemals gehabt. Warum ſind Sie nicht gekommen und haben mich beſucht? fragte das Kind lebhaft. Sie wohnen ja ſo nahe bei Paris, und wenn Sie mir gut wären, müßten Sie mich recht oft beſuchen, um zu ſehen, wie es dem kleinen König von Rom ergeht. Der Kaiſer hat mir erzählt, daß Sie eine ſo gute, freundliche Dame ſind und daß Jedermann Sie lieb hat. Hat er Ihnen das geſagt, Sire? rief die Kaiſerin, den Knaben in ihre Arme drückend. Oh, ſagen Sie dem Kaiſer, daß ich ihm ewig ſagte rien, iſer eigen geben oheit ihrer ſagte und liebe Sie mit eines erden rief lend. Sie h ſo e mir aber ragte Sie wie zhlt, man 591 dafür danken werde und daß dies Wort alle meine Schmerzen und meinen Kummer auf ewig verſtummen macht. Ihre leuchtenden Blicke flogen mit einem Ausdruck zärtlicher Dank⸗ barkeit hinüber zu dem Kaiſer, der leiſe den Finger auf ſeinen Mund legte, um ſie zum Schweigen und zur Ruhe zu mahnen. Der kleine Prinz hatte jetzt mit der Leichtigkeit, mit welcher die Kinder von einem Gegenſtand zum andern übergehen, ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf die große blitzende Brillantnadel geheftet, welche an dem goldenen Gürtel Joſephinens befeſtigt war. Wie ſchön das iſt, rief er freudig, wie das blitzt, als wäre ein Stern vom Himmel niedergefallen und hätte ſich an Ihre Bruſt ge⸗ drückt, gewiß, weil er Sie ſo lieb hat, Madame, und weil Sie ſo gut ſind. Und welche allerliebſte kleine Berloque Sie da an der Uhr haben. Ach, ſehen Sie, Papa Kaiſer, was für niedliches Spielzeug das iſt. Kommen Sie doch her, Papa, ſehen Sie einmal die herrlichen Sachen da! Kommen Sie doch, Papa! Nein, Sire, ſagte der Kaiſer mit einem ſeltſamen, ſchwermüthigen Lächeln, laſſen Sie mich Ihnen fern bleiben. Ich gehöre nicht dahin. Auch kann ich alle die ſchönen Sachen ſehr genau von hier ſehen. Nicht wahr, ſie ſind ſchön? rief das Kind, und wenn man— Nun, Sire, fragte Joſephine, warum verſtummen Sie? Sprechen Sie doch! Der Knabe hatte plötzlich eine ernſthafte Miene angenommen und blickte gedankenvoll auf den Schmuck der Kaiſerin hin. Ich dachte nur ſo, ich meinte,— aber Sie werden böſe werden, wenn ich es Ihnen ſage, Madame. Nein, gewiß nicht, Sire, ſprechen Sie alſo! Sagen Sie mir, was Sie dachten. Mir fiel ein, daß uns vorhin im Walde ein armer Mann begegnet iſt, der ſo bleich und ſo unglücklich ausſah und ſo ſehr um eine Gabe bat. Aber Papa und ich wir konnten ihm nichts mehr geben, denn wir hatten ſchon all' unſer Geld an die Armen und Unglücklichen, die uns vor ihm begegnet waren, fortgegeben. Warum giebt es denn ſo viele 592 arme Leute, Madame, warum befiehlt der Papa Kaiſer nicht, daß alle Leute glücklich und reich ſein ſollen? i Weil ſich das Glück nicht befehlen läßt, Sire, ſagte Joſephine. Und weil man, um Andere reich machen zu können, ſelber reich 1 6 ſein muß! rief der Kaiſer lächelnd. Sie ſagten es aber ſelbſt, Sire, wir konnten dem armen Mann im Walde Nichts geben, denn wir hatten 3 ſelbſt Nichts mehr. . 1 Nein, wir hatten Nichts mehr, und das that mir recht leid, ſagte ſi das Kind. Und nun dachte ich, wenn wir den armen Mann hierher 3 riefen und Sie, Madame, ſchenkten ihm Ihre ſchöne Uhr, die Berloque und die Brillanten, und er verkaufte das, dann würde er viel Geld haben und ſehr reich und ſehr glücklich ſein. Joſephine drückte den Knaben, der ſie mit ſeinen großen Augen ſo flehend anſchauete, zärtlich an ihr Herz. Sire, ſagte ſie, ich verſpreche Ihnen, daß ich Ihren Armen rufen laſſen und ihm ſo viel Geld geben will, daß er niemals mehr Noth leiden ſoll! Oh, rief der Prinz, ſeine beiden Arme um Joſephinens Nacken ſchlingend, oh wie gut Sie ſind, Madame, und wie ich Sie liebe! Joſephine drückte ſein Haupt an ihren Buſen. Lieben Sie mich immerhin ein wenig, ſagte ſie mit einem rührenden Lächeln, ich habe es wohl um Sie verdient. Sire, ſagte der Kaiſer, einige Schritte näher tretend, Sire, ſagen Sie der Dame jetzt Lebewohl. Wir müſſen fort. Papa! rief das Kind freudig, Papa, wir wollen die liebe Dame mit uns nehmen. Ja, ja, ſie ſoll mit uns kommen, ſie iſt ſo gut und ſchön und ich liebe ſie. Sie ſoll mit uns in den Tuilerien wohnen und immer bei uns bleiben. Ich will es, und nicht wahr, Papa, Du willſt es auch? Joſephinens Augen füllten ſich mit Thränen, ihre Blicke hefteten ſich mit einem Ausdruck tiefer, unausſprechlicher Seelenpein auf den Kaiſer, ein langverhaltener Seufzer drang von ihren zitternden Lippen, und die Thränen, welche ſie ſo mühſam zurückgedrängt, rollten jetzt langſam über ihre Wangen nieder. Der Kaiſer vermochte dieſen Anblick nicht zu ertragen. Er wandte n ſo reche eben gcen nich habe agen ame und hnen Du teten den ppen, * jett udte 6 593 ſein Antlitz ſeitwärts, vielleicht um Joſephine nicht die Rührung ſehen zu laſſen, die ſein eigenes Geſicht durchzuckte. Kommen Sie, Sire, ſagte er gebieteriſch. Es iſt die höchſte Zeit! Es wird ſchon Abend. Sagen Sie Madame Lebewohl! Oh nein, ich ſage nicht Lebewohl! rief der Knabe heftig, ich ſage: Kommen Sie! Kommen Sie mit uns in die Tuilerien! Das geht nicht, Sire, das darf ich nicht, ſagte Joſephine unter Thränen lächelnd. Warum dürfen Sie nicht? rief der Knabe ungeduldig und trotzig zugleich, indem er das Haupt emporwarf. Kommen Sie doch, Sie dürfen es, denn der Kaiſer und ich, wir wollen es! Napoleon, tief bewegt, und zugleich peinlich gerührt von dieſer Scene, trat jetzt mit raſchen Schritten dicht zu dem Prinzen hin, und faßte lebhaft ſeine Hand. Kommen Sie, Sire, kommen Sie, ſagte er mit einem Ernſt, dem der Knabe nicht zu widerſtreben wagte. Still und ſchweigend ſich ihm fügend, trat er zurück und grüßte die Kaiſerin zum Abſchied mit einem letzten freundlichen Kopfnicken. Wir werden uns wiederſehen, ſagte Joſephine, und ihre von Thränen umdüſterten Blicke flehend auf Napoleon heftend, fragte ſie: Nicht wahr, Sire, wir werden uns wiederſehen? Sie verſprechen es mir? Ja, ſagte Napoleon ernſt, ich verſpreche es Ihnen, wir werden uns wiederſ ehen! Er grüßte ſie mit einem langen, tiefen Blick, der wie ein Sonnen⸗ ſtrahl in Joſephinens Herz drang, und wandte ſich dann raſch, mit dem Knaben an der Hand, der Thür zu. Joſephine wagte es nicht, ihn zurückzuhalten. Schweigend, mit gefalteten Händen ſchaute ſie den Enteilenden nach. Jetzt ſtieß der Kaiſer die Thür auf, jetzt ließ er den König von Rom hinausgehen, nun wandte er ſich noch einmal um und ſeine Augen grüßten ſie mit einem traurigen, unausſprechlichen Ausdruck und Blick. Nun ſchloß ſich die Thür hinter ihm. Joſephine war wieder wieder die verlaſſene, einſame Frau! Mit einem tiefen, ſchmerzlichen Wehelaut ſank ſie auf ihre gniee nieder, und die Arme und das von Thränen überfluthete Angeſicht Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 38 594 zum Himmel emporhebend, rief ſie: Mein Gott, ſchütze ihn und er⸗ halte ihn, und wenn es ſein kann, nimm mein Leben für das ſeine hin! Ich will gern leiden und unglücklich ſein, ihn nur, oh ihn laß glücklich ſein! M. Hannibal ante portas. Seit acht Tagen hatte der Kaiſer ſein Kabinet kaum verlaſſen; über ſeine Landkarten geneigt, prüfte er mit düſteren, ſorgenvollen Blicken die Stellung ſeines Heeres und die der immer weiter vor⸗ dringenden Verbündeten. Täglich waren Couriere mit neuen Hiobspoſten in Paris angelangt, täglich hatten neue Nachrichten von den vordringen⸗ den Heeren die Pariſer in Schrecken geſetzt, und die Stirn des Kaiſers ſorgenvoller und düſterer gemacht. Man hatte die Unglücksfälle, welche ſeit dem Beginn des. neuen Jahres über Frankreich hereingebrochen, nicht mehr als Geheimniß ver⸗ hüllen können. Ganz Paris wußte, daß Blücher mit ſeinem Heer über den Rhein gegangen, ſiegreich bis in das Innere von Frankreich vor⸗ gedrungen war, und ſchon am ſechszehnten Januar ſein Quartier in Nancy genommen hatte. Ganz Paris wußte, daß eine zweite, noch größere Armee der Verbündeten, unter dem Fürſten Schwarzenberg, durch die Schweiz, Lothringen und den Elſaß vorgerückt, alle feſten Plätze erobert, allen Widerſtand beſeitigt habe, und daß beide Feldherren geſchworen, noch im Februar vor Paris zu ſtehen, um es zu erobern. Ganz Paris wußte das und ſehnte ſich nach dem Fri als dem einzigen Rettungsmittel, um allen Leiden ein Ende zu chen. Man kannte die Stärke und Utberlegenheit der verbündeten Armee, und da man alſo überzeugt war, daß es unmöglich ſei, dieſe zu beſiegen, und die ſo machtvoll Vordringenden zu verjagen, ſo forderte man den Frieden, als die einzig übrig gebliebene Rettung. ſeine laß ſſen; ollen vor⸗ oſten gen⸗ iſers euen ver⸗ über vor⸗ er in noch berg, feſten erren bern⸗ dem Man d da und den 595 Napoleon ſelbſt fühlte jetzt endlich die Nothwendigkeit deſſelben, und ſein ſtolzes Herz bezwingend, hatte er den Herzog von Vicenza, ſeinen vielgetrenen Caulaincvurt, in das Hauptquartier der Verbündeten ge⸗ ſandt, um ihnen Friedensvorſchläge zu machen und ſie zu einem Friedens⸗ congreß aufzufordern. Die Verbündeten hatten dieſen letzten Vorſchlag angenommen, aber ſie hatten erklärt, daß, trotz des Friedenscongreſſes, und wenn er auch zu Stande käme, der Gang des Krieges dadurch nicht im Mindeſten unterbrochen werden könnte, ſondern mit Eifer fortgeſetzt werden ſolle. Napoleon hatte auf dieſe Erklärung der Alliirten damit geantwortet, daß er eine neue Conſeription ausſchrieb, und durch ganz Frankreich den Befehl ergehen ließ, es ſollten ſich alle waffenfähigen Mannſchaften zu den Fahnen ſtellen. Der Krieg war alſo da, er war nicht mehr zurückzudrängen, und dennoch hoffte Paris noch immer auf den Frieden, dennoch war Cau⸗ laincourt noch immer in der Nähe des Hauptheeres der Verbündeten und wollte mit ihnen um einen Friedenscongreß unterhandeln. Heute, am dreiundzwanzigſten Januar, war in der Frühe des Morgens eine neue Depeſche von Caulaincourt an Maret angelangt, und der Miniſter hatte ſich damit ſogleich zu dem Kaiſer begeben, um ſie ihm mitzutheilen. Dieſe Depeſche beſtätigte alle die böſen und unglücksſchweren Nach⸗ richten, welche täglich eingelaufen waren, ſie gaben Napoleon und ſeinem Miniſter die traurige Gewißheit, daß gegen die Ueberlegenheit ſeiner Feinde ein Sieg unmöglich ſei. Maret, ſagte Napoleon düſter, kommen Sie einmal hierher, ſehen Sie einmal auf dieſe Karte. Was ſehen Sie hier? Sire, ich ſehe da eine Anzahl von bunten Nadeln, die nach allen Richtungen ſich verbreiten. Und eine ſehr kleine Anzahl ungefärbter Nadeln, ſagte Napoleon düſter. Nun, die ungefärbten Nadeln, das ſind meine Truppen, die gefärbten Nadeln bezeichnen die Armeen meiner Feinde, der Verbün⸗ deten. Sie ſind verbündet, ich aber, ich habe zu dieſer Stunde nicht n einzigen Bundesgenoſſen mehr, ich ſtehe ganz allein, und ich habe 38* 596 acht verſchiedene Heere gegen mich. Sehen Sie, Maret: Hier iſt zuerſt die große Armee der Ruſſen, Oeſterreicher, Bayern und Württemberger, die Fürſt Schwarzenberg commandirt, und bei der die verbündeten Monarchen ſich befinden; da iſt zweitens die große preußiſche Armee, vereint mit den Ruſſen und Sachſen, unter dem Oberbefehl des Hu⸗ ſaren Blücher; hier ſtehen die Schweden unter Bernadotte, verſtärkt durch Ruſſen, Engländer und die Deutſchen des Rheinbundes; dort kommt die anglobataviſche Armee; weiter hier im Süden iſt Wellington mit ſeinem engliſchen Corps, vereint mit den Spaniern und Portu⸗ gieſen; dort in Italien ſteht ein öſterreichiſches Corps unter Bellegarde; unfern von ihm das neapolitaniſche Corps unter dem König von Neapel, und hier zuletzt bei Lyon ſteht ein anderes öſterreichiſches Corps unter Bubna. Die erſten drei Armeen, die von Schwarzenberg, Blücher und Bernadotte, ſind allein gegen ſechsmal hunderttauſend Mann ſtark. Und nun ſehen Sie hier meine Streitmacht, denn von Armeen wage ich nicht mehr zu ſprechen. Ich habe ein Corps unter Augereau bei Lyon, hier zwiſchen der Maas und Seine ſtehen Ney, Marmont und Mortier mit anderen Armeecorps, dort kommen Sebaſtiani und Macdo⸗ nald mit den Trümmern ihrer Armeecorps aus den Niederlanden her. Maret, ich habe kaum einmal hunderttauſend Mann; die Verbündeten ſind mir alſo um das Sechsfache überlegen. Sire, ſagte Maret traurig, ſolcher Uebermacht wird auch ein Feld⸗ herrngenie, wie das Ew. Majeſtät, nicht widerſtehen können, und auch dem Kühnſten bringt es keine Unehre, ſich zu beugen unter den Arm des Schickſals. Es iſt wahr, murmelte Napoleon, indem er ſich auf ſeinen Lehn⸗ ſtuhl warf, und den Arm auf den Schreibtiſch aufgelegt, das Haupt vornübergeſenkt, trübe vor ſich hinſtarrte, es iſt wahr, ich habe keine genügende Macht ihnen gegenüberzuſtellen, ſie ſind mir ſechsfach über⸗ legen an phyſiſchen Mitteln, und wenn das Glück mich nicht wunderbar begünſtigt, muß ich unterliegen! Aber das Glück hat uns verrathen, Sire, rief Maret, und wir haben keine Kräfte mehr, um dem Unglück die Stirn zu bieten. Geben Sie alſo nach, Sire, fügen Sie ſich der Nothwendigkeit, die man nicht 1 597 erſt mehr ableugnen kann. Sire, erhören Sie den Angſtſchrei Frankreichs: et, Geben Sie Ihrem Volk, geben Sie der Welt den Frieden! Gefährden eten Sie nicht ohne Ausſicht auf Erfolg Ihr koſtbares Leben, welches Frank⸗ ne,% reich nothwendig iſt, Ihren Thron, welcher von äußeren und inneren hr Feinden bedroht wird. Sire, Alles ſteht für Sie, ſteht für Frankreich irt auf dem Spiel. Retten Sie Frankreich, retten Sie den Thron! Machen ort Sie Frieden! Frieden um jeden Preis! on Napoleon hatte, während Maret ſprach, langſam das Haupt er⸗ 6 hoben, und ſeinen Miniſter mit einem flammigen, zornigen Blick an⸗ geſehen. Jetzt, als Maret ſchwieg, nahm der Kaiſer lebhaft ein Buch, das aufgeſchlagen auf ſeinem Schreibtiſch gelegen, und reichte np es Maret dar. ſer Ich will Ihnen nicht antworten, Herzog, ſagte Napoleon, aber zatl. Marmontel ſoll es für mich thun. Leſen Sie einmal! Nehmen Sie nge das Buch und leſen Sie laut. Maret las„Ich kenne nichts Erhabeneres, als den Entſchluß, ſ welchen ein in unſeren Tagen lebender Monarch faßte, indem er ſich 3 lieber unter den Trümmern ſeines Thrones begraben laſſen, als Be⸗ — dingungen annehmen wollte, die ein König nicht anhören darf; er beſaß . eine zu ſtolze Seele, um noch tiefer hinabzuſteigen, als wohin ihn ſein — Unglück gebracht hatte; er wußte ſehr wohl, daß der Muth eine Krone wieder befeſtigen und ſtärken kann, und daß die Ehrloſigkeit und Feig⸗ . heit dies niemals vermag.“*) Da haben Sie meine Antwort, Maret, rief Napoleon. Das Bei⸗ ſpiel Ludwigs des Vierzehnten ſoll mich lehren, lieber unterzugehen, als mich zu demüthigen. Lehr⸗ Sire, ſagte Maret feierlich, Marmontel hat Unrecht, es giebt noch nt etwas Erhabeneres, als ſich unter den Trümmern eines Thrones zu begraben! Noch erhabener und größer als dies iſt es, wenn ein König iber⸗ ſeine eigene Größe, ſelbſt ſeinen eigenen Ruhm dem Wohle eines erbat Staates opfert, der mit ihm zu Grunde gehen müßte. Nie, nie! rief der Kaiſer ungeſtüm. Ich kann mich unter den d wll ⸗ Geb*) Marmontel: Grandeur et decadence des Romains. Chap. V. nit 598 Trümmern meines Thrones begraben, aber ich kann meine eigene Schande und Demüthigung nicht unterzeichnen! Maret, es iſt entſchieden, ich will dieſen Kampf zu Ende führen, ich will ſiegen oder untergehen! Morgen ſchon gehe ich zur Armee ab. Ach, ich will doch ſehen, ob dieſer be⸗ trunkene Huſarengeneral Blücher an mir nicht zu Schanden werden wird mit ſeinen tollen Reiterkünſten, ob Schwarzenberg, mein treuloſer Schüler, der von mir die Kriegskunſt erlernt hat, ſich mir in einer Schlacht gegenüberſtellen wird, ob Bernadotte, mein treuloſer Unterthan, es wagen wird, mir Aug' in Auge zu ſchauen. Maret, es geht zum Kampf, zum letzten, großen Entſcheidungskampf. Ich will hinaus, ich will verſuchen, Paris zu retten und den Feind zu beſiegen. Ich rufe alle Männer und Jünglinge Frankreichs auf zur Vertheidigung des geheiligten Bodens unſeres Vaterlandes, ich mache aus jedem Hauſe eine Burg, aus jedem Dorf eine Feſtung, und jeden Schritt breit Landes ſoll uns der Feind mit Strömen Blutes abringen müſſen. Nichts mehr von Frieden! Alles iſt bereit. Alles iſt angeordnet. Schon eilen auf Wagen neue Truppen aus Spanien heran, um meine Armee⸗ corps zu vervollſtändigen, nur noch wenige Tage, und ſie werden hier ſein. Hier zwiſchen der Seine und Marne werden ſich alle meine Truppen vereinigen, ſie werden den gegen Paris wogenden Strom der Feinde dämmen und eine Waffenſtätte bilden, von der aus wir den Feind zertheilen, zerſprengen und erdrücken. Hier zwiſchen der Seine und Marne, hier in der Ebene werde ich längs der Aube hinziehen, die verbündete Armee ſprengen, mit der Mehrzahl meiner Truppen mich gegen den einen Flügel derſelben werfen, und den anderen durch Manövriren zum Rückzug zwingen. Der Feind wird zurückweichen, ich werde ſein Zurückweichen benutzen, und dann, wenn ich ihm eine große, ſiegreiche Schlacht abgewonnen, dann werde ich ihm meine Friedens⸗ bedingungen machen, dann werde ich Frankreich einen ehrenvollen Frieden erkämpft haben, einen Frieden, den wir, ohne zu erröthen, mit aufrechtem Haupt unterzeichnen können! Ach, ich ſehe eine ruhmvolle und glänzende Zukunft vor mir! Es iſt Zeit zum Kampf! Meine Adler heben ihre Schwingen, ſie wollen wieder zur Sonne emporfliegen, ſtatt wie die Unglücksraben im Staube zu kriechen! nde will gen den oſer iner an, um rufe des uſe reit ſen. chon mee⸗ hier eine der den eine ehen, ppen urch i6 oße, ens⸗ llen nit wolle Reine 599 Und wie der Kaiſer ſo ſprach, war ſein Antlitz durchſtrahlt von den energiſchen und kühnen Entſchlüſſen ſeiner Seele; ſeine Augen flammten in einer tiefen, begeiſterten Gluth, ſeine Stirn war wieder klar und wolkenlos; er war wieder der ſtolze, ſiegesgewiſſe Imperator, der ſeinem Schickſal vertraut und kein Zweifeln und kein Zagen kennt. Maret ſchaute mit Bewunderung und Schmerz auf dies von großen Entſchlüſſen leuchtende Antlitz des Kaiſers hin, und er las in ſeinen Mienen, daß nichts dieſe Entſchlüſſe mehr zu ändern vermochte. Es iſt alſo entſchieden, Sire, ſeufzte er, der Krieg ſoll weitergehen, und der Friedenscongreß ſoll nicht tagen! Im Gegentheil, rief Napoleon lächelnd, laſſen Sie ihn immerhin tagen, wenn die Verbündeten es wollen. Während Caulaincourt, Metternich und Hardenberg mit den Federn Friedensbedingungen ſchrei⸗ ben, werden wir es mit den Schwertern thun, und wir werden ja ſehen, wer am weiteſten kommt, die Schwerter oder die Federn! Aber wir wollen jetzt den Krieg mit einigen Werken des Friedens beginnen. Wir wollen Frieden machen mit Spanien und mit Rom! Ich werde Ferdinand von Spanien aus ſeiner Gefangenſchaft entlaſſen; er mag als König nach Spanien zurückkehren und als ſolcher mein Bundes⸗ genoſſe ſein. Ich werde Pius aus ſeiner Gefangenſchaft in Fontaine⸗ bleau entlaſſen; er mag als Papſt zurückkehren nach Rom, und als Statthalter Gottes mein Bundesgenoſſe ſein. Maret, da haben wir alſo ſchon zwei Bundesgenoſſen! Nun fehlt mir nur, um zu ſiegen, noch ein letzter großer Bundesgenoſſe, und den, Maret, den müſſen Sie mir anſchaffen! Sire, wie heißt dieſer Bundesgenoſſe? fragte der Herzog von Baſſano erſtaunt. Maret, er heißt Geld, Geld, und zum dritten Mal Geld! rief Napoleon ungeſtüm. Schaffen Sie mir fünf Millionen baaren Geldes, und dieſe fünf Millionen werden genügen, um mir neue hunderttauſend Mann zuzuführen. Ach, Sire, unſere Hülfsquellen ſind erſchöpft, unſere Kaſſen ſind leer, ſeufzte Maret. Aber ich muß Geld haben, rief Napoleon heftig. Ohne Geld giebt 600 es keinen Krieg und keinen Sieg. Fünf Millionen, Maret, ich bedarf ſie, ich muß ſie haben! Maret hatte trübe, mit nachdenklichen Mienen vor ſich hingeblickt, ſ jetzt auf einmal leuchtete es wie ein Blitz in ſeinem Antlitz auf, und ſeine Geſtalt erbebte, wie in freudigem Schreck. Sire, ſagte er lebhaft, Ew. Majeſtät begehren fünf Millionen? Ja, fünf Millionen, für den Anfang. Nun wohl denn, Sire, ich kann Ihnen ſagen, wo ſie zu finden ſind, und mehr noch vielleicht als fünf Millionen. Wo denn, wo? fragte Napoleon. Sire, wollen Sie mir Ihr kaiſerliches Wort geben, keiner menſch⸗ lichen Seele zu verrathen, daß ich es bin, der Ihnen geſagt hat, wo Sie dieſe nothwendigen fünf Millionen finden können? Ich gebe Ihnen mein kaiſerliches Wort, Maret. So hören Sie denn, Sire. Aber erlauben Sie mir, dicht zu Ihnen heranzutreten und Ihnen in's Ohr zu flüſtern, was ich ſelbſt die Wände nicht hören laſſen will. Er neigte ſich dicht an des Kaiſers Ohr und ſprach lange und teiſe flüſternd zu ihm. Napoleon hörte ihm mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu und nickte mehrmals mit dem Kopf. Sie glauben wirklich, daß dem ſo iſt, Maret? fragte er dann lebhaft. Sire, ich weiß es ganz beſtimmt. Es iſt ein Geheimniß, welches nur drei Perſonen kennen; eine von dieſen dreien hat es mir verrathen, um mich durch dieſen Verrath zu gewinnen. Doch das gehört nicht hierher, die Thatſache genügt. Und dieſe Thatſache iſt, daß ich bei meiner Mutter die Millionen finde, die mir fehlen? ſagte der Kaiſer. Maret, wenn dem ſo iſt, werde ich dieſe Millionen noch heute haben. Ew. Majeſtät glauben das? Madame Lätitia— Meine Mutter iſt geizig, wollen Sie ſagen? Es iſt wahr, ihre übertriebene Sparſamkeit hat mich oft geärgert, heute erfreut ſie mich, denn Dank ihrer Sparſamkeit werde ich bei ihr fünf Millionen finden, fünf Millionen für meine Armee. Sie wird mir dieſe Millionen ver⸗ darf ickt, en? den ſch⸗ wo zu elbſt leiſe ickte ret? lches then, nicht onen erde ihre nden, vel⸗ 601 läugnen, das iſt gewiß. Aber Sie haben mir geſagt, wo ich ſie zu ſuchen habe, und ſeien Sie überzeugt, ich werde ſie zu finden und zu nehmen wiſſen! Still, ſtill, kein Wort weiter! In einer Stunde werde ich meine Millionen haben. Gehen Sie jetzt, Maret. Sie werden im Vorzimmer den Fürſten von Benevent finden. Schicken Sie ihn mir herein! Ich habe dem Herrn Talleyrand einige Abſchied sworte zu ſagen. Gehen Sie, Maret! Der Kaiſer befand ſich in der Mitte des großen, glänzenden Ca⸗ binets, als der Fürſt von Benevent langſam die Thür öffnete und zu ihm eintrat. Auf der Stirn Napoleons ſtand eine düſtere Wolke, und ſeine unter den zuſammengezogenen Augenbrauen hervorblitzenden Augen waren mit einem flammenden, durchbohrenden Ausdruck auf Talleyrand gerichtet. Der Fürſt ertrug dies Anſchauen des Kaiſers mit vollkommen ruhiger und gelaſſener Miene. Nicht ein Zug ſeines glatten, feinen Angeſichts drückte Unruhe oder Beſorgniß aus, nicht einen Moment wich das Lächeln von ſeinen ſchmalen, feingezeichneten Lippen. Langſam, und mit einer Art nachläſſiger Haltung ſchritt er zu dem Kaiſer heran, weniger als ſonſt bemüht, den hinkenden Fuß in richtigen Einklang mit dem Schritt ſeines anderen Fußes zu ſetzen. Der Kaiſer ließ ihn dicht zu ſich herankommen, immer den durch⸗ bohrenden Blick auf ihn heftend, jeden Zug ſeines Angeſichts beobachtend. Ich habe Sie ſehen wollen, um Ihnen zu ſagen, daß ich über⸗ morgen zur Armee abgehe, ſagte der Kaiſer endlich mit rauhem Ton. Talleyrand verneigte ſich, aber er antwortete nicht. Haben Sie vielleicht Luſt, mich dahin zu begleiten? fragte der Kaifer heftig. Sire, was ſollte ich bei einer Armee? ſagte Talleyrand achſel⸗ zuckend. Ew. Majeſtät wiſſen ja, ich verſtehe mich nur darauf, die Feder zu führen. Und die Zunge! rief Napoleon. Aber ich will Ihnen vor meiner Abreiſe einen guten Rath geben, halten Sie Ihre Zunge, wie Ihre Feder beſſer im Zaum. Ich weiß, daß Sie zu jeder Bosheit, zu jedem Verrath geneigt ſind, daß Sie die erſte Ratte ſind, die ſich von dem 602 untergehenden Schiff retten wird. Aber bedenken Sie wohl, was Sie thun. Noch iſt das Schiff nicht gefährdet, es wird ſeine Segel auf⸗ ſpannen, und wenn es wieder ſtolz und ſiegreich daher zieht, wird es alle Ratten in den Grund bohren. Ich wünſche dem ſtolzen Schiff einen günſtigen Wind und gutes zitt Fahrwaſſer, ſagte Talleyrand, ſich leicht verneigend. . Napoleon ſchleuderte auf ihn einen flammenden Blick voll Haß und Zorn. Dieſe zweideutigen, vielſagenden Worte, der ruhige, kalte Ton, mit welchem ſie geſprochen worden, empörten den Kaiſer und brachten ſein Blut in Wallung. Ich glaube an die Aufrichtigkeit Ihres Wunſches, ſagte er, obwohl es Viele giebt, die Sie einen Verräther nennen. Ich habe Sie ge⸗ warnt, beweiſen Sie jetzt Denen, welche Sie anklagen, daß man Ihnen Unrecht gethan. Keine Umtriebe, keine Intriguen! Man wird Sie genau beobachten! Hüten Sie ſich alſo! Tallehrand verneigte ſich abermals und ſein Geſicht behielt immer 6. noch ſeinen gleichgültigen, lächelnden Ausdruck. Hören Sie jetzt, was ich Ihnen zu ſagen habe, fuhr Napoleon heftiger fort. Ich will vor meiner Abreiſe die Zwiſtigkeiten mit Rom und Spanien enden. Der Papſt verläßt morgen ſchon Fontainebleau, um nach Rom zurückzukehren. Auch der Infant von Spanien kann in ſein Land zurückkehren und den Thron ſeiner Väter beſteigen. Verfügen Sie ſich morgen nach Valency. Sie waren es, welcher Ferdinand dahin⸗ gebracht, Sie ſollen ihm daher auch die Thüren des Gefängniſſes, die Sie hinter ihm geſchloſſen, wieder öffnen. Sire, ich danke Ew. Majeſtät für dieſe Gnade, die Sie mir er⸗ zeigen wollen, ſagte Talleyrand ernſt. Aber ich war es nicht, welcher die geheiligte Perſon des rechtmäßigen Königs von Spanien antaſtete, ich war es nicht, der es gewagt, ihn ſeines Rechtes, ja ſogar ſeiner Freiheit zu berauben. Ich handelte nur als der gehorſame Diener meines Herrn, denn der Befehl Eurer Majeſtät machte mich zum Kerkermeiſter des Infanten von Spanien. 4 Napoleon trat dicht zu Talleyrand heran und ſeine flammenden 5 Augen ſchienen ihn durchbohren zu wollen. ler eon ner den 603 Wie? rief er mit donnernder Stimme, Sie wollen ſich jetzt das Anſehen geben, als wären Sie ganz unbetheiligt bei dieſer Sache? Wie? Sie haben nur auf meinen Befehl gehandelt und ich habe Sie zum Kerkermeiſter des Infanten gemacht? Wer war es denn, der mir zu dieſem äußerſten Schritt rieth? Wer ſtellte es mir als eine drin⸗ gende Nothwendigkeit vor, das Haupt dieſer ſpaniſchen Hydra zu ver⸗ nichten? Wer wünſchte ſogar mich zu überreden, noch zu anderen, energiſcheren Mitteln, als zur Gefangenſchaft zu greifen, um dieſer ſpaniſchen Königsfamilie ledig zu werden? Wer ſagte mir damals, daß es weiſer und dem Wohl Europa's angemeſſener ſei, den gordiſchen Knoten zu zerhauen, ſtatt ihn langſam aufzulöſen? Ha, entſinnen Sie ſich doch, wer that dies Alles? Talleyrand antwortete nicht. Sein Geſicht zeigte noch immer die⸗ ſelbe gleichgültige Ruhe; er ſchien die heftigen Worte des Kaiſers kaum gehört zu haben. Das Haupt ein wenig vornüber geneigt, die Augen halb geſchloſſen, die Lippen feſt aufeinander gepreßt, ſtand er vollkommen ruhig da, mit der einen Hand ſich auf die Lehne eines Stuhls ſtützend, die andere nachläſſig an ſeinem Spitzenjabot ſpielend. Dieſes Phlegma des Fürſten machte den Zorn des Kaiſers nur noch höher entflammen. Werven Sie mir antworten? donnerte der Kaiſer, heftig mit dem Fuß ſtampfend und zwar ſo nahe neben dem Fuß Talleyrands, daß dieſer leiſe ſeinen Fuß weiter hinſchob. Wollen Sie mir antworten? donnerte der Kaiſer zum zweiten Mal. Talleyrand blickte mit unerſchütterlicher Ruhe zu dem flammenden Antlitz des Kaiſers auf. Sire, ſagte er langſam, ich weiß nicht, was Ew. Majeſtät ſagen wollen! Sie wiſſen nicht, was ich ſagen will? rief Napoleon mit der Stimme eines zürnenden Löwen. Sie wiſſen nicht, was ich ſagen will? Hören Sie alſo! Hören Sie! Er ſtürzte, ſeines Zornes nicht mehr Meiſter, auf Talleyrand hin, ſo dicht, ſo unwiderſtehlich, daß dieſer, ſeine Stellung aufgebend, zurück⸗ weichen mußte, um nicht„von dem ſtolz daher ſegelnden Schiff wie 604 eine Ratte in den Grund gebohrt zu werden.“ Der Kaiſer, außer ſich, die beiden erhobenen Hände zur Fauſt geballt und dieſe Fäuſte dicht vor dem Antlitz des Fürſten haltend, ſchritt immer vorwärts durch das weite Zimmer hin, Talleyrand, immer gerade den Kaiſer anſehend, wich immer weiter zurück, nur war er im Zurückweichen be⸗ müht, eine ſolche Richtung zu nehmen, daß er ſich immer mehr der Ausgangsthür des Kabinets näherte. Ich will Ihnen ſagen, daß Sie ein Verräther ſind, rief Napo⸗ leon im Vorwärtsſtürmen, ein Verräther, der heute ſeine Thaten von geſtern ableugnen möchte, weil ihm ſcheint, daß ein neuer anderer Tag beginnt, und daß er ſeinen Herrn verrathen muß, noch ehe der Hahn zum erſten Mal gekräht hat. Sie wollen es läugnen, daß Sie es ſind, der die Gefangennahme der ſpaniſchen Prinzen gerathen und be⸗ fürwortet hat? Sie haben die Frechheit, mir das in's Geſicht zu ſagen? Und indem der Kaiſer ſo ſprach, berührte ſeine geballte Fauſt bei⸗ nahe die Wange des Fürſten, der immerfort zurückwich, und jetzt mit einem unendlichen Gefühl von Wohlbehagen gewahrte, daß er das Ende ſeiner gefährlichen Promenade erreicht habe, und ſich dicht vor der Thür befinde. Unterſtehen Sie ſich wirklich, ſogar Mir gegenüber, mit dieſer Frechheit Ihre Vergangenheit zu verleugnen? Mir das in's Geſicht zu ſagen? ſchrie Napoleon, die Fauſt noch immer dicht an Talleyrands Wange haltend, ſo dicht, daß der Fürſt ſehr wohl den Druck derſelben empfand. Er faßte leiſe mit der Hand hinter ſich und war glücklich genug, gerade den Griff der Thür zu erlangen. Mit einem haſtigen Ruck öffnete er die Thür und ſtieß ſie auf, ſo daß die im Vorſaal befind⸗ lichen Herren plötzlich das wunderbare Schauſpiel genoſſen, den Fürſten zu ſehen und dicht vor ihm das bleiche zornblitzende Antlitz des Kai⸗ ſers, deſſen erhobene Fäuſte ein wenig die Etiquette vergeſſen zu haben ſchienen. Sire, ſagte Talleyrand jetzt mit vollkommen ruhiger Stimme, ich werde nicht wagen, Eurer Majeſtät etwas in's Geſicht zu ſagen, denn ußer uſte ärts aiſer be⸗ der o⸗ von Tag ahn es be⸗ en bei⸗ mit nde der 605 ich kenne keine Antwort auf das, was Ew. Majeſtät mir in's Geſicht geſagt haben. Und indem er ſo ſprach, deutete der Fürſt mit einem ironiſchen Lächeln auf die geballten Fäuſte des Kaiſers hin, dann wandte er ſich ohne weitere Beobachtung des Ceremoniels um, und raſcher, als es ſonſt ihm ſein hinkender Fuß zu geſtatten pflegte, eilte er durch den Vorſaal dahin, die Herren, an denen er vorüberging, mit einer Bewe⸗ gung ſeiner Hand und einem Lächeln begrüßend. Als er in die zweite Antichambre hinaustrat, beeilte er ſeine Schritte noch mehr, glitt leiſe und geräuſchlos wie eine Katze die Treppe hinunter und eilte über den Vorplatz zu ſeinem Wagen. Der Lakai öffnete den Schlag und der Fürſt ſtieg ein. Nach Hauſe, ſagte er laut, im Galopp!— Dann, als die Pferde im raſenden Lauf dahin brauſten, lehnte Talleyrand ſich in die Polſter zurück und ſagte langſam und mit ſchneidender Kälte: Dies war unſer letzter Abſchied! Ich werde Sorge tragen, Napoleon nicht wieder zu ſehen, vorausgeſetzt, daß er dumm genug iſt, mir Zeit zu laſſen, um meine Vorkehrungen zu treffen.— Der Kaiſer war indeß, halb beſchämt über ſeinen eigenen Zorn, in ſein Kabinet zurückgetreten, und hatte die Thür hinter ſich in's Schloß geworfen. Grollend wie ein in einem Käfig eingeſchloſſener Löwe, ging er einige Male mit raſchen, heftigen Schritten im Zimmer auf und ab, als plötzlich eine ſanfte, flehende Stimme hinter ihm ſagte: Sire, ich bitte, daß Sie die Gnade haben, mich anzuhören! Der Kaiſer wandte ſich mit einer unwilligen Geberde zurück, und ſah da, dicht neben der geöffneten Thür des Vorſaals, den Herzog von Rovigo ſtehen. Nun, Savary, was giebt's? fragte er mit matter gedämpfter Stimme. Schließen Sie die Thür und kommen Sie näher!— Sprechen Sie jetzt! Was wollen Sie? Sire, ich will Ew. Majeſtät beſchwören, auf Ihrer Huth zu ſein, ſagte der Herzog flehend. Ew. Majeſtät haben ſo eben eine heftige Scene mit dem Fürſten von Benevent gehabt. Wer ſagt Ihnen das? fragte Napoleon düſter. 606 Sire, man konnte leider im Vorzimmer ſehr deutlich die zürnende Stimme Eurer Majeſtät vernehmen, und als der Fürſt die Thür öff⸗ nete, haben alle die übrigen Herren im Vorſaale, gleich mir, die drohende Stellung des Kaiſers dem Fürſten gegenüber geſehen. In einer Stunde wird ganz Paris wiſſen, daß Ew. Majeſtät mit Talleyrand eine heftige Scene gehabt haben. Nun, und weiter? Sire, der Fürſt von Benevent iſt nicht der Mann, eine Beleidi⸗ gung zu vergeſſen, und es wird ihn doppelt kränken, daß alle Welt dieſe Beleidigung erfährt. Mag es ihn kränken, rief Napoleon. Ihr Alle habt mir immer in die Ohren geblaſen, daß der Talleyrand ein Verräther ſei, ver eine Züchtigung verdiene. Nun wohl, er hat eine Züchtigung erhalten, das iſt Alles! Sire, die Züchtigung war entweder zu ſtark, oder nicht ſtark genug, ſagte Savary ernſt. Wenn ſie zu ſtark geweſen, ſo würde das groß⸗ müthige Herz Eurer Majeſtät ſchon jetzt daran denken, ihm eine Genug⸗ thuung zu gewähren. Aber ich kenne Talleyrand, und ich ſage aus voller Ueberzeugung: er iſt ein Verräther, der Intriguen ſinnt, welche ſehr gefährlich werden können. Ew. Majeſtät können ihn daher nicht ſtark genug züchtigen, und da Sie einmal ſo weit gegangen ſind, müſſen Sie auch weiter gehen. Wie denn? Was meinen Sie? fragte Napoleon düſter. Sire, ich meine, daß Ew. Majeſtät, ſtatt den Fürſten von Bene⸗ vent ruhig nach Hauſe zurückkehren zu laſſen, ihn nach Vincennes ſchicken und ihn der beſonderen Sorgfalt des Generals Daumenil em⸗ pfehlen ſollten! Ach, ihn verhaften laſſen! rief Napoleon achſelzuckend. Aus einem Verräther einen Märtyrer machen! Nein, Sire, einen Verräther beſtrafen, weiter nichts! Ich weiß es, Talleyrand iſt ein Verräther! Er ſteht in geheimer Verbindung mit den Legitimiſten, er correſpondirt durch die dritte, vierte Hand mit den Bourbonen, ſogar in ſeinem Hauſe finden täglich Zuſammenkünfte aller Unzufriedenen und heimlichen Royaliſten ſtatt, in ſeinem Hauſe wird S ſ 607 das Feuer geſchürt, das vielleicht bald in hellen Flammen aufſchlagen wird, wenn Ew. Majeſtät es nicht noch rechtzeitig dämpfen. Ew. Ma⸗ jeſtät haben es verſchmäht, Talleyrand durch Verſprechungen, durch Ehrenbezeigungen, durch irgend welche Mittel wieder zu ſich heranzu⸗ ziehen. Ew. Majeſtät haben ihn beleidigt; er wird ſich dafür rächen, wenn man ihm die Macht dazu läßt. Sire, ich wage es, Ew. Majeſtät an ein Wort Macchiavelli's zu erinnern:„Man muß ſich niemals einen halben Feind machen.“ Es iſt wahr, murmelte Napoleon gedankenvoll vor ſich hin, nichts iſt gefährlicher, als die halben Feindſchaften! Sie legen die Maske der Freundſchaft vor ihr Geſicht, und hinter dieſer Maske verrathen ſie uns um ſo ſicherer! Deshalb alſo, Sire, reißen Sie Talleyrand dieſe Maske von ſei⸗ nem verrätheriſchen Antlitz fort. Stellen Sie ſich ihm dar als ſein offener Feind. Dann wird ſeine Feindſchaft entweder ſcheu ver⸗ ſtummen, oder er wird ſie ſprechen laſſen und dann ſeine Abſichten verrathen. Um ihn zu verurtheilen, fehlt es mir an genügenden Beweiſen, ſagte Napoleon zweifelnd und unſicher. Nun ja, rief Savary, Sie haben keine Beweiſe, aber man kann ſich nicht mehr täuſchen über die Pläne, die er zu hegen wagt. Die Gelegenheit iſt ihm zu günſtig, als daß er nicht ſuchen ſollte, ſie zu benutzen. Sire, ich möchte für mich das Beiſpiel des großen Polizei⸗ miniſters Ludwigs des Funfzehnten anführen. Wenn Herr von Sar⸗ tines ſich am Vorabend eines Feſtes, einer Ceremonie befand, welche die Menge herbeiziehen mußte, ließ er alle verdächtige Perſonen, auf welche ſein Augenmerk gerichtet war, zu ſich kommen und ſagte ihnen: „Ich habe Ihnen keine Vorwürfe zu machen, aber morgen würden Sie mich vielleicht dazu zwingen. Die Gewohnheit könnte Gewalt über Sie gewinnen und Sie könnten der Verſuchung nicht widerſtehen, ich wäre dann zur größten Strenge verpflichtet, kommen Sie alſo um Ihrer ſelbſt⸗ und um meinetwillen jedem Aergerniß zuvor und verfügen Sie ſich willig auf einige Tage in ein Gefängniß, deſſen Wahl ich 608 Ihnen überlaſſe.“ Die Verdächtigen fügten ſich bereitwillig ſeinen An⸗ ordnungen, Alles lief ruhig ab und Niemand war compromittirt. Sie mögen Recht haben, und Herr von Sartines war ohne Zweifel ein kluger und vorſichtiger Polizeimann, ſagte der Kaiſer ſinnend. Seine Vorſichtsmaßregel iſt gut für Diejenigen, welche ſich fürchten. Ich aber habe keine Furcht! Beſiege ich meine Feinde, ſo trete ich damit auch dieſe Schlange in den Staub, welche mich in den Fuß ſtechen möchte, und welche alsdann wie ein Wurm zu meinen Füßen kriechen wird. Unterliege ich meinen Feinden, ſo möge die Welt, welche ich geſchaffen, über mir zuſammenſtürzen. Es wird dann gleichgültig ſein, ob Talleyrands Hand auch ein Stückchen von dem Mauerwerk abgebröckelt hat, es wäre auch ohne ihn gefallen! Kein Wort mehr davon, Savary! Den Wagen, ich will zu meiner Mutter fahren!— Am Abend dieſes Tages verließ der Fürſt von Benevent ſein Pa⸗ lais, beſtieg einen Fiacre und ließ ſich in eine der abgelegenen Straßen des Faubourg St. Germain fahren. Vor einem kleinen, unanſehnlichen Hauſe mußte der Wagen ſtill halten, und erſt als er wieder von dannen gefahren, klopfte der Fürſt drei Mal und auf eigenthümliche Weiſe an die Pforte des Hauſes. Sie öffnete ſich und er trat ein, vorſichtig die Thür wieder hinter ſich zudrückend. Niemand war auf dem erleuch⸗ teten Vorplatz des Hauſes ſichtbar, aber Talleyrand ſchien ſehr wohl vertraut mit der HOertlichkeit, und ſchritt ohne zu zaudern über einen langen Flur und über die mit dicken Teppichen belegte Treppe hinauf. An dem oberen Abſatz derſelben zeigte ſich wieder eine verſchloſſene Thür, neben der ſich eine Klingel befand. Der Fürſt klingelte drei Mal in derſelben Weiſe, wie er vorher geklopft hatte. Die Thür flog auf und er ſchritt über einen langen Corridor hin. Am Ende deſſelben öffneten und erhöhten ſich die Räume und der Fürſt befand ſich nun in einer glänzenden, erleuchteten Halle mit ſchönen Wandgemälden und blitzenden Vergoldungen. Offenbar war der Eingang durch das un⸗ ſcheinbare Haus nur ein Seitenweg zu einem dieſer glänzenden Palais des Faubourg St. Germain, in welchen die vornehme Welt hinter ver⸗ ſchwiegenen Mauern ihre verſchwiegenen Intriguen ſpann. Am Ende dieſer Halle befand ſich eine Portisre, vor welcher ein bi ra ein 6h n⸗ fel nd. en. en che tig en un nd un⸗ ais el⸗ ein 609 reich gallonirter Livréebedienter auf und ab ging. Talleyrand flüſterte ihm einige Worte in's Ohr, der Lakai verneigte ſich und öffnete ihm die Thür. Der Fürſt trat nun in einen eben ſo glänzend als geſchmackvoll eingerichteten Salon ein, in welchem ſich ein anderer Livréebedienter befand. Frau Gräfin Du Cayla? fragte der Fürſt von Benevent. Sie iſt dort in ihrem Kabinet. Soll ich Ew. Gnaden melden? Nicht nöthig! Ich darf ungemeldet eintreten. Er ſchritt raſch vorwärts und klopfte leiſe an die Thür des Ka⸗ binets. Eine liebliche Stimme hieß ihn eintreten; der Fürſt öffnete raſch die Thür und befand ſich ſodann, in das Kabinet eintretend, einer jungen Dame gegenüber, die ihn mit einem liebreizenden Lächeln, aber mit einem Ausdruck nicht ganz verhehlten Erſtaunens anblickte. Mein Herr Fürſt von Benevent, rief ſie fröhlich. Sie kommen heute zu mir und geſtern, als ich zu Ihnen kam, um Ihnen die Grüße unſers hohen Herrn, des Königs Ludwigs des Achtzehnten, zu bringen, gaben Sie ſich das Anſehen, nicht zu wiſſen, von wem ich reden wollte, und hießen mich ſchweigen! Heute komme ich, um wieder gut zu machen, Frau Gräfin, ſagte Talleyrand mit ſeiner gelaſſenen Freundlichkeit. Haben Sie die Güte, Sr. Majeſtät, dem König Ludwig dem Achtzehnten, zu melden, daß er von heute an auf meinen Eifer und meine Dienſte zählen kann. Ich werde ihm den Weg nach Paris bahnen helfen und Alles dazu thun, damit Seine Majeſtät bald in ſeine Hauptſtadt Paris ſeinen Einzug halten kann. Sie haben alſo offen und rückhaltlos mit Napoleon gebrochen? rief Gräfin Du Cayla, die eifrige Agentin des Grafen von Lille, den damals nur die Royaliſten in's Geheim den König Ludwig den Acht⸗ zehnten nannten. Sie ſind alſo ganz und für immer der Unfrige? Ja, ich rechne mich ganz zu den Ihrigen, ſagte Talleyrand freund⸗ lich, und ich war im Herzen immer einer der getreueſten und eifrigſten Diener des Königs. Ich kann das beweiſen, denn ich bin es geweſen, der Napoleon Schritt für Schritt, ſogar oft ſeinem Widerſtreben zum Mühlbach, Napoleon. Bd. II. 39 610 Trotz, an den Abgrund geführt hat, vor welchem er jetzt ſteht, und ich bin bereit, ihm mit der Hand den letzten Stoß zu geben, damit er hinunter ſtürzt. Der Kaiſer hat heute eine unermeßliche Dummheit begangen. Er hätte mich verhaften laſſen müſſen, und er hat es nicht gethan. Für dieſen Fehler werde ich ihn ſtrafen, indem ich meine Frei⸗ heit im Dienſt Sr. Majeſtät des Königs benutze. Laſſen Sie uns alſo überlegen, Frau Gräfin, welche Mittel wir ergreifen müſſen, um den König Ludwig den Achtzehnten bald nach Paris zurückzuführen. Ja, wir wollen das überlegen, rief die Gräfin freudig, und wenn es Ihnen genehm iſt, Fürſt, ſo laſſen wir die getreuen Freunde des Königs an der Berathung Theil nehmen. Es ſind ſchon mehr denn hundert Freunde im großen Salon verſammelt, und man iſt ohne Zweifel ſchon erſtaunt über meine lange Abweſenheit. Kommen Sie, Fürſt! Sie werden unter Ihren neuen Freunden auch einen alten Freund finden. Wen denn, ſchöne Gräfin? Den Herzog von Otranto! Wie, Fouché? Er iſt hier? Er hat es gewagt? Er iſt mit der Schweſter des Kaiſers, mit der Fürſtin Eliſa Bac⸗ ciochi, nach Frankreich zurückgekehrt und befindet ſich angeblich mit der⸗ ſelben im ſüdlichen Frankreich, um dort den Lauf der Begebenheiten abzuwarten. Er iſt heimlich und verkleidet nach Paris gekommen, um gleich Ihnen dem König Ludwig ſeine Dienſte anzubieten. Es ſcheint, die Verhältniſſe haben den Herzog zu einem ſehr eifrigen Royaliſten umgewandelt, und er macht kein Geheimniß mehr daraus. Er rühmt ſich, zu der Prinzeſſin Eliſa geſagt zu haben:„Madame, es giebt nur Ein Mittel, uns Alle zu erretten: man muß den Kaiſer auf der Stelle tödten.“*) Wahrhaftig, er hat Recht, ſagte Talleyrand lächelnd, das würde allen Verlegenheiten raſch ein Ende machen. Nun, der Kaiſer will ja zur Armee abgehen; vielleicht macht ſich irgend eine feindliche Kugel *) Mémoires du Duc de Rovigo. Vol. VI. 352 611 zu unſerem Bundesgenoſſen und erſpart uns alle weitere Mühe. Wenn nicht, ſo werden wir ſpäter darüber reden. Erlauben Sie mir, Frau Gräfin, Sie in den Salon zu führen. MI. Madame Tätitia. Tiefe Stille und Ruhe herrſchte in dem Palais der Madame Mutter. Es war um die Mittagsſtunde, und die Diener und Diene⸗ rinnen, ſo wie die Ehrendamen der Mutter des Kaiſers hatten das Palais verlaſſen, um auswärts das Mittagsmahl einzunehmen, das Madame Lätitia ihnen zu geben verweigerte, indem ſie ihnen für daſ⸗ ſelbe eine ſo niedrig als möglich berechnete Geldſumme monatlich aus⸗ zahlte; nur die beiden Köche, die Madame, trotz ihres Widerſpruchs, auf ausdrücklichen Befehl des Kaiſers hatte annehmen müſſen, nur dieſe befanden ſich in der Küche, aber unter genauer Aufſicht der alten Cor⸗ delia, der getreuen Dienerin, welche Madame ſchon aus Corſika nach Frankreich begleitet hatte, und welche ſeitdem, trotz aller Wechſelfälle ihres Schickſals, die treue Gefährtin der„Madame Mutter“ geblieben war. Cordelia aber überwachte nicht blos die Köche und gab ihnen die Ingredienzien, die ſie zu den Speiſen brauchten, ſondern ſie eilte auch, ſobald die Köche mit den Speiſen fertig waren und ſie dem Diener zum Auftragen übergeben hatten, hinter dieſem Diener her, um ihn zum Speiſeſaal zu begleiten, und dadurch zu verhindern, daß er auf dem Wege dahin etwa Einiges davon bei Seite ſchaffen könnte. Alsdann, wenn ſie den Diener glücklich bis dahin begleitet, öffnete Cordelia mit gewichtiger Miene einen auf dem Corridor dicht neben der Thür des Speiſeſaals angebrachten Wandſchrank, zu dem nur ſie einen Schlüſſel beſaß, um, ſobald der Lakai mit den Ueberreſten des Diners wieder aus dem Saal heraustrat, dieſe ſofort in den Schrank 39½ ——— 612 zu verſchließen. Auch der Verſchluß des Weins und des Brodes war ein wichtiges Geſchäft für Madame Cordelia, und nur an den Sonn⸗ tagen wurden die Ueberreſte davon, welche ſich auf der Tafel der Ma⸗ dame Mutter vorfanden, den Dienern preisgegeben. Heute aber war kein Sonntag, und Madame Cordelia hatte da⸗ her eine halbgefüllte Flaſche Wein, den Reſt des geſtrigen Tages, ſelbſt auf die Tafel geſetzt, an welcher heute nur Madame Lätitia allein Platz nehmen ſollte, da die eine der Ehrendamen, welche immer an dem Diner Theil nehmen mußte, heute wegen Unwohlſeins beurlaubt worden war. Madame Lätitia befand ſich daher heute ganz allein; ſie hatte nicht nöthig, ſich dem Zwang der Etiquette zu unterwerfen, und ſie überließ ſich dieſer Freiheit mit unendlichem Behagen. Sie befand ſich in ihrem Wohnzimmer und war eifrig damit beſchäftigt, aus einem großen Korb, deſſen höchſt plebejiſches Ausſehen wunderbar contraſtirte zu dem glänzenden türkiſchen Teppich, auf welchem er ſtand, die zuſammen⸗ gelegte Wäſche zu nehmen, welche von der Plätterin ſoeben eingeliefert worden war. Auch das Ausſehen der„Madame Mutter“ ſelbſt ſtand in einigem Widerſpruch zu der prachtvollen Umgebung, in welcher ſie ſich befand. Das Zimmer war mit fürſtlichem Luxus ausgeſtattet; die Wände waren bedeckt mit ſchweren Seidenſtoffen, Vorhänge eben der Art, nur noch geziert mit prächtigen Goldſtickereien, hingen zur Seite der hohen Fenſter nieder. Die vergoldeten, reichgeſchnitzten Meubles waren über⸗ zogen mit purpurrothem Sammek, die Tiſche beſtanden aus ſchönen vergoldeten Unterſätzen, auf denen Marmorplatten von florentiniſcher Arheit ruhten. Ein herrlicher Kronleuchter von Bergeryſtall ſchwebte an goldenen Ketten von der Decke nieder, an den ſeidenen Wänden hingen ſchöne Gemälde in breiten Goldrahmen, auf goldenen Conſolen ſtanden ſchöne Vaſen japaniſchen Urſprungs und die Tiſche waren außerdem bedeckt mit jenen reichen und koſtbaren Kleinigkeiten und Nippes, welche eine Liebhaberei der vornehmen Welt zu ſein pflegen. Zu dieſem Allen nun bildete Madame Lätitia, welche neben dem großen Waſchkorb ſtand, den ſeltſamſten Gegenſatz. Ihre hohe, über⸗ ert nd en 613 volle Geſtalt war umhüllt von einem leichten, weißen Mouſſelinekleide, das unterhalb mit kleinen Falbles geziert war und unter dem ein derber, von baumwollenem Strumpf bedeckter Fuß hervorſchaute, der in einem Pantoffel ſehr ungenirter Art, das heißt in einem niedergetretenen Schuh, ruhte. Um die dicht unter dem Buſen angebrachte Taille ihres enganſchließenden weißen Gewandes war ein Gürtel gelegt von roſa Seidenſtoff mit etwas angelaufener und abgetragener Silberſtickerei, um den Hals und die vollen Schultern, welche das Mouſſelinegewand vollkommen unbedeckt ließ, ſchlang ſich ein weißer Spitzenſhawl, der, über der Bruſt gekreuzt, auf dem Rücken in einem nachläſſigen Knoten zuſammengeſchürzt war. Ihr Haar, das in dicken, grauen Locken zu beiden Seiten des Geſichts niederfiel, war oberhalb des Hauptes unter einer Art Turban von weißem Mouſſeline zuſammengenommen, und auf dieſem Turban war oberhalb der Stirn ein großes Bouquet künſt⸗ licher Roſen als einzige Verzierung angebracht. Es war, wie man ſieht, nichts Erhabenes und Fürſtliches in dieſer Erſcheinung der Mutter des Kaiſers,— aber etwas Fürſtliches und Erhabenes trug ſie doch an ſich,— dies war ihr Angeſicht. Dieſes Angeſicht der Madame Mutter war von einer edlen, un⸗ vergänglichen Schönheit; ihr Antlitz von wahrhaft antiker Form zeigte einen wunderbaren, imponirenden Ausdruck von Hoheit und Würde, ihre Augen, von der tiefen, unergründlichen Farbe, welche ſie ihrem Sohne, dem Kaiſer, vererbt hatte, beſaßen noch allen Glanz und alles Feuer der Jugend, ihre purpurrothen Lippen von edlem und feſtem Schnitt zeigten, wenn ſie ſich öffneten, zwei Reihen untadelhafter, blen⸗ dend weißer Zähne, ihre breite energiſche Stirn war noch von keiner Runzel und Falte entſtellt, und ihre römiſche, feingeſchwungene Naſe gab ihrem Antlitz etwas Stolzes und Gebietendes. Ein edler, ſinniger Ernſt prägte ſich in ihren Zügen, in ihrem ganzen Weſen aus, jede ihrer Bewegungen war langſam, maßvoll und anmuthig zugleich. Wenn man dieſe Geſtalt mit dem wunderbaren Anzug gewahrte, ohne das Antlitz zu beachten, ſo mußte man unwillkürlich zu einem Lächeln ſich geneigt fühlen, aber bei dem erſten Blick auf dieſes ſchöne, milde und würdevolle Matronengeſicht mußte jedes Lächeln verſchwinden 614 und man konnte nur noch Gefühle der Ehrfurcht und der Bewunde⸗ rung hegen. Madame Lätitia, wie geſagt, war mit dem Auskramen des friſch gewaſchenen Leinenzeuges beſchäftigt, das von der Plätterin ſo eben war abgeliefert worden. Es war dies eine Beſchäftigung, welche ſie niemals einer Andern überließ, aber der ſie ſich ſonſt nur verſtohlener Weiſe und in den Abendſtunden, wenn ihre Ehrendamen waren ent⸗ laſſen worden, hingeben konnte. Denn der Kaiſer hatte es den Ehren⸗ damen der Madame Mutter zur ſtrengen Pflicht gemacht, darauf zu achten, daß die Etiquette genau beobachtet werde, und daß ſeine Mutter ſich niemals ſolchen Arbeiten und Beſchäftigungen überlaſſe, welche der Mutter des Kaiſers nicht angemeſſen ſeien. Madame Lätitia ſah ſich daher genöthigt, ſo lange ihre Ehrendamen bei ihr waren, die Alluren einer vornehmen Dame anzunehmen, ein wenig zu ſticken, ſpazieren zu fahren, ſich vorleſen zu laſſen, Beſuche zu empfangen und in müßiger Langeweile den Tag hinzubringen. Erſt am Abend, wenn die Ehren⸗ dame vom Dienſt das Palais verlaſſen hatte, erſt dann, wenn die Etiquette es geſtattete, daß die Madame Mutter ſich mit ihrer Kammer⸗ frau Cordelia in ihr Schlafzimmer zurückzog, erſt dann begann für ſie das rührige, geſchäftige Leben einer Frau. Dann beſprach Madame mit ihrer Vertrauten die wichtigen Angelegenheiten ihrer Wirthſchaft, beſtimmte, was am nächſten Tage gegeſſen werden ſollte, und begab ſich, wenn Alles ſchlief und man ſicher ſein konnte, von Niemand be⸗ lauſcht zu werden, mit ihrer getreuen Cordelia nach dem Wandſchrank 11 des Corridors, um die geretteten Speiſen des heutigen Diners zu prüfen, ob einige davon ſich vielleicht dazu paſſen würden, am nächſten Tage neu erwärmt und als gültige Speiſe aufgetragen zu werden. Aber heute war Madame Mutter von jedem Zwang und jeder Etiquette befreit. Die Ehrendame vom Dienſt war unwohl geworden und die zweite Ehrendame, ein ſolches Begegniß nicht vorausſehend, hatte ſich an dieſem ihrem freien Tage nach Verſailles begeben. Madame Lätitia war alſo vollkommen Herrin ihrer Zeit, ſie durfte ſich ohne Furcht ihren etiquettewidrigen Beſchäftigungen überlaſſen, und ſie benutzte daher ihre ſeltene Freiheit, um ſchon im Laufe des Vor⸗ me ank en, age der den nd, 615 mittags die Wäſche auszuſuchen, welche ſonſt erſt beim Anbruch der Nacht zu dieſer Ehre gelangt ſein würde. Aber die Folge dieſer Beſchäftigung war, daß ſich auf der ſonſt ſo reinen und klaren Stirn der Madame Mutter eine Wolke gebildet hatte, und das kam daher, daß ſie mit dem Zuſtand dieſer Wäſche durchaus nicht zufrieden war. Wie ſie eben mit eifrigen Händen ein neues Packet aus dem Korb emporhob und es auseinander legte, öff⸗ nete ſich hinter ihr die Thür. Madame Lätitia hörte es, aber ſie ſah ſich nicht um, ſie wußte ſehr wohl, daß es Cordelia ſei, die da zu ihr eintrat, denn Niemand außer ihr hatte ja das Recht, unangemeldet bei ihr einzutreten. Cordelia, rief ſie daher laut, immer den Blick ihrer Wäſche zuge⸗ wandt, Cordelia, komm einmal hierher und ſieh dieſe Handtücher des Kochs, ſie ſind ſchon alle wieder mürbe und fadenſcheinig und ich habe ſie doch erſt vor einem Jahr gekauft! Man muß dem Koch durchaus einſchärfen, ſich mehr in Acht zu nehmen und mir die Handtücher nicht zu ruiniren. Hörſt Du, Cordelia? Cordelia iſt nicht hier, ſagte eine ernſte, zürnende Stimme hinter ihr. Madame Lätitia zuckte zuſammen, und, die Wangen übergoſſen von dunkler Purpurgluth, wandte ſie ſich um. Dicht hinter ihr ſtand der Kaiſer, die ſtrengen, düſtern Augen mit einem zürnenden Ausdruck auf ſeine Mutter geheftet. Mein Gott, der Kaiſer, murmelte Madame Lätitia, indem ſie, einer erſten Regung des Schreckens nachgebend, auf ihren Stuhl zurückſank. Ja, der Kaiſer, ſagte Napoleon ſtreng, indem er näher trat und ſeine flammenden Zornesblicke über die auf dem Tiſch ausgebreitete Wäſche hingleiten ließ. Der Kaiſer kommt hierher, um ſeine Mutter zu beſuchen, und er findet zu ſeinem Erſtaunen, daß man hier wenig Ehrfurcht hat vor ſeinen Befehlen, und daß man wenig daran denkt, ſeine Wünſche zu berückſichtigen. Ach, Madame, wie kann man ver⸗ langen, daß dem Kaiſer unbedingt und überall gehorcht werde, wenn ſeine eigene Familie den Ungehorſamen mit dem Beiſpiel des Unge⸗ horſams vorangeht und offen an den Tag legt, daß ihr die Befehle des Kaiſers gleichgültig ſind! 616 Wann hätte ich dies gethan? fragte Madame Lätitia mit einem troſtloſen Blick auf den unglückſeligen Korb voll Wäſche. Sie beweiſen es mir in dieſer Stunde, ſagte der Kaiſer ſtreng, und Alles in dieſem Hauſe beweiſt mir, daß Sie auch ſonſt immer meinen Wünſchen widerſtreben. Ich finde im Vorzimmer keine Lakaien und im Vorſaal nicht den Kammerherrn Ew. Kaiſerlichen Hoheit. Es iſt die Mittagszeit und ſie ſind zum Eſſen gegangen, ſagte Madame Lätitia. Ach, es iſt wahr, Ew. Kaiſerliche Hoheit laſſen Ihren Hof außer dem Hauſe ſpeiſen, rief der Kaiſer mit einem ironiſchen Lächeln. Sie zahlen dem Kammerherrn, dem Kammerdiener und den Lakaien Speiſe⸗ geld, damit Sie dieſelben nicht zu ernähren haben. Aber wo iſt die dienſtthuende Ehrendame, Madame? Habe ich nicht ſtreng befohlen, daß im Palais meiner Mutter die Etiquette beobachtet werde, und daß daher Ew. Kaiſerliche Hoheit ſtets die dienſtthuende Ehrendame bei Sich habe? Die dienſtthnende Ehrendame, die Herzogin von Abrantés, iſt heute Morgen plötzlich erkrankt und hat ſich in ihr Hötel verfügen müſſen, um zu Bette zu gehen. Dann hätte die zweite Ehrendame für ſie eintreten müſſen. Ich hatte der Gräfin de Caſtries geſtern erlaubt, heute nach Ver⸗ ſailles zu einem Familienfeſte zu fahren, und ſie iſt ſchon heute in der Frühe des Morgens dahin abgereiſt. Demgemäß iſt Alles ganz in der Ordnung, ſo wie es iſt! rief der Kaiſer, unwillig mit dem Fuß gegen den Waſchkorb ſtoßend. Ganz in der Ordnung, daß Ihr Haus leer iſt, daß Sie ſelbſt ſich mit dem Ausſuchen der Wäſche beſchäftigen, daß Sie ganz allein ſind und daß Niemand da war, um Ihnen meinen Beſuch zu melden. Gewiß war Cordelia da und ganz bereit, dies Geſchäft zu über⸗ nehmen. 6. Ja, ſie war da, rief der Kaiſer, und ſie wollte mir allerdings die Ehre erzeigen, mich anzumelden. Aber ich verbot es ihr und wollte lieber ungemeldet hierher kommen. Wahrhaftig, es wäre allzu komiſch, wenn⸗die alte Sibylle dem Kaiſer als Hofmarſchallin gedient hätte. 5 em bei ute en, die te 617 Sie hat ihm früher größere und ſchwerere Dienſte erzeigt, ſagte Madame Lätitia jetzt mit feſter und ſicherer Stimme, und indem ſie ſich, ihrer ſelbſt vollkommen wieder Herrin, aus ihrem Lehnſtuhl erhob, richtete ſie ſich ſtolz empor und wandte dem Kaiſer ihr Antlitz zu, das jetzt wieder den Ausdruck edler Ruhe und Würde angenommen hatte. Als ich Ihr ernſtes und ſtrenges Angeſicht vorher ſah, ſagte ſie ruhig und würdevoll, da erſchrak ich und begrüßte Sie erſchreckt als den Kaiſer. Verzeihen Sie mir dies! Ich hätte bedenken ſollen, daß, wenn der Kaiſer den Fuß über die Schwelle dieſes Hauſes ſetzt, er aufhört der Kaiſer zu ſein und ſich verwandelt in Napoleon Bonaparte, der, wie es einem Sohn gebührt, hierher kommt, um ſeiner Mutter ſeine Ehrfurcht zu bezeigen. Ich hätte Dich alſo auch ſogleich als meinen Sohn begrüßen müſſen, und daß ich es nicht that, daran war der Schrecken Schuld, denn ich erſchrak wirklich, weil ich es nicht ge⸗ wohnt bin, daß man unangemeldet zu mir eintritt. Jetzt iſt der Schrecken überwunden, und ich heiße Dich von Herzen willkommen, mein lieber Sohn! Sie reichte Napoleon mit einer ſo ſtolzen Ruhe und Hoheit ihre Hand dar, daß der Kaiſer ſelbſt ſich davon imponirt fühlte und, kaum wiſſend was er that, die kleine weiße Hand ſeiner Mutter an ſeine Lippen drückte. Ein ſanftes Lächeln flog über das ſchöne Antlitz der Madame Lätitia hin. Ich vergebe Dir auch von Herzen Deine heftigen Worte, mein Sohn, ſagte ſie, und wie könnte ich Dir zürnen, weil Du einen Augenblick vergeſſen hatteſt, daß Du hier nur der Sohn biſt, da ſelbſt ich mich nur erinnerte, daß Du der Kaiſer biſt. Wir wollen alſo wieder Frieden machen. Napoleon, mein Sohn, ich heiße Dich noch⸗ mals herzlich willkommen. Auch dann noch, meine Mutter, wenn ich komme, um mir von Ihnen mein Mittagseſſen zu erbitten? fragte der Kaiſer lächelnd. Madame Lätitia ſchwieg einen Augenblick. Auch dann noch! ſagte ſie nach einer Pauſe. Mein Sohn wird mit Dem vorlieb nehmen, was ich ihm vorſetzen kann, und er wird es einer alten Frau, welche 618 ſehr wenig Werth auf die Genüſſe der Tafel legt, verzeihen, wenn ſie, um ihrer Geſundheit willen, ein ſehr einfaches Diner hat. Das heißt, wir werden heute das corſiſche Nationalgericht, Reis⸗ 3 klöße in Oel gebacken, haben? rief der Kaiſer lachend. So iſt es, ſagte Madame vergnügt. Ach, ich ſehe, mein Sohn findet ſeine corſiſchen Erinnerungen wieder; dann wird er auch einen freundlichen Blick für die arme alte Cordelia haben, die in guten wie in ſchlimmen Tagen mit unverbrüchlicher Treue die redliche Dienerin unſeres Hauſes war, meinen Sohn Napoleon Bonaparte oft als Kind Tage lang auf ihren Armen getragen, und wenn er krank war, an ſeinem Bett gewacht und ihn gepflegt hat mit der Sorgfalt einer Mutter, mit der Treue eines Hundes. Ich will Cordelia rufen, daß ſie dieſen Korb hier bei Seite ſetzt, und dann dem Koch ſagt, daß wir einen Gaſt haben. Sie klingelte; ſofort öffnete ſich die Thür des Nebengemaches und die alte Cordelia trat ein. Sie blieb an der Thür ſtehen und ſchaute mit finſteren und traurigen Blicken bald auf Madame Lätitia, bald auf den Kaiſer hin. Nun, Cordelia, Du begrüßeſt meinen Sohn nicht? fragte Madame. Er iſt heute nicht der Kaiſer, ſondern er kommt incognito als mein Sohn, um ſich von mir ein Mittagseſſen zu erbitten. Und höre, Delia, liebe Delia, ſagte der Kaiſer, ſeine Stimme verſtellend und wie ein Kind ſprechend, höre, liebe alte dicke Delia, nachher ſpielen wir Mora und ſuchen Muſcheln am Strand. He, thun wir das, Lia? Ein Ausdruck unausſprechlichen Glückes verklärte das Antlitz der alten Cordelia, als Napoleon mit der Stimme ſeiner Kindheit ihr die Worte wiederholte, welche er damals ſo oft an ſie gerichtet. Sie ſtürzte zu ihm hin und vor ihm niederſinkend, faßte ſie ungeſtüm ſeine beiden Hände und preßte ſie an ihre Lippen. Jetzt mache mit mir, was Du willſt, Napoleon, rief ſie in der Sprache ihrer Heimath, während die Thränen über ihre Wangen nieder⸗ floſſen, ich gehöre Dir nun wieder an mit jedem Tropfen meines Herz⸗ bluts. Tritt mich unter Deine Füße, ſchlage mich, ſtoße mich, wie me. me lia, un der die rzte den der e en⸗ 619 Du es als Kind ſo oft gethan, ich werde niemals wieder murren. Ich bin Dein getreuer Hund, der ſich treten und ſchlagen läßt, und doch ſeinen Herrn liebt bis in alle Ewigkeit! Ja, ſie iſt getreu und unwandelbar wie das Meer, das unſer Heimathsland umſpült, ſagte Madame, eine Thräne in ihrem Auge zerdrückend. Auf uns Beide kannſt Du rechnen, Napoleon, und wenn unſere Gebete Kraft haben, ſo wirſt Du immer ſiegreich und glücklich ſein. Des Kaiſers Antlitz verdüſterte ſich. Er hatte einen Augenblick vergeſſen, jetzt erinnerte er ſich wieder. Um glücklich und ſiegreich zu ſein, bedurfte er nicht blos der Soldaten, ſondern auch des Geldes, und er war gekommen, ſich dies von ſeiner Mutter zu verſchaffen. Er entzog der alten Cordelia ſeine Hände und winkte ihr aufzuſtehen. Sie gehorchte ſchweigend, raffte ſtill die Wäſche zuſammen und trug ſie in dem großen Korb von dannen. Sorge, daß wir ſogleich zu Tiſch gehen können, rief Madame ihr nach. Cordelia wandte ſich um und warf einen langen, fragenden Blick auf ihre Herrin hin. Dieſe nickte ihr zu, Cordelia nickte auch und ging lächelnd hinaus. Eine Viertelſtunde ſpäter führte der Kaiſer ſeine Mutter in den Speiſeſaal und zu der Tafel, an welcher Niemand weiter als ſie Beide Platz zu nehmen hatten. Als ſie eintraten, flogen die Augen des Kaiſers mit einem ſelt⸗ ſamen, forſchenden Blick an den Gemälden vorüber, die an den Wän⸗ den hingen, und weilten einen Moment auf jener Landſchaft da drüben, die in breitem Goldrahmen gerade dem Tiſche gegenüber ſich befand, dann flog ein mattes Lächeln über ſeine Züge hin und er wandte ſich ſeiner Mutter zu, um ihr einige freundliche Worte zu ſagen. Das Diner begann, wie der Kaiſer es vorher geſagt, mit den corſiſchen, in Oel gebackenen Reisklößen. Der Kaiſer aß davon mit vielem Appetit, und dieſe Lieblingsſpeiſe ſeiner Kindheit ſchien ihm ſeine frohe Laune wiedergegeben zu haben. Ich glaube, ſagte er heiter, ich glaube, ich kann noch ſo gut und richtig in Ihrem Antlitz leſen, meine Mutter, wie damals, als ich noch ein Knabe war und mich bemühte, in Ihrem Geſicht zu leſen, ob ich 620 für irgend eine Unart Strafe verdiente oder nicht. Ich bilde mir ein, ich habe vorher Ihr ſtummes Zwiegeſpräch mit Cordelia, als dieſe hinausging, richtig verſtanden. Wollen Sie mir die Wahrheit geſtehen, wenn ich Ihnen ſage, was Cordeliens Blicke und Ihr Kopfnicken be⸗ deuteten? Ja, ich will Dir die Wahrheit geſtehen, wenn Du richtig er⸗ rathen haſt. Nun denn, meine Mutter, fragte nicht Cordelia mit ihrem Blick, ob ſie vom Bäcker ein Weißbrot für mich holen laſſen ſollte und ob die vom geſtrigen Diner erübrigte Schüſſel nicht heute zu Ehren meiner Anweſenheit ſollte aufgewärmt werden? Und ſagte nicht Ihr Kopfnicken: ja, ſo ſoll es ſein! Laß Weißbrot vom Bäcker holen und das Gericht wärmen. Habe ich nicht recht geleſen? Ja, mein Sohn, Du haſt recht geleſen, ſagte Madame lächelnd, ich ſehe, daß meine übermüthigen Töchter, die Pauline und Eliſa, Dich mit den Gewohnheiten meines Haushaltes bekannt gemacht haben. Ja, ſie haben das gethan, rief Napoleon. Sie haben mir erzählt, daß die Madame Mutter täglich nur drei Weißbrode vom Bäcker für ſich und Cordelia kommen läßt. Sie haben die Wahrheit geſagt, alle meine Leute bekommen ihr Koſtgeld, und wir Zwei haben genug an drei Broden. Ach, mein Sohn, wie glücklich wäreſt Du oft als Lieutenant geweſen, wenn Du täglich nur eins von dieſen drei Weißbroden gehabt hätteſt! Eliſa hat mir noch mehr erzählt, ſagte Napoleon, einen flüchtigen Blick zu dem großen Oelgemälde hinüberwerfend. Sie hat mir geſagt, daß Sie, gleich allen ehrlichen Bürgerfrauen, Ihren Waſſerlieferanten haben, der Ihnen täglich ſechs Eimer liefern muß.* Eliſa hat die Wahrheit geſagt. Es iſt noch derſelbe Waſſerträger, den wir ſchon hatten, als wir auf dem Faubourg St. Honoré wohnten; er iſt ein treuer und redlicher Mann, warum ſollte ich ihm alſo den kleinen Verdienſt entziehen? Aber ich wette, Madame, Sie geben ihm nicht mehr für ſein Waſſer jetzt, wo ſie die Mutter des Kaiſers ſind, als damals, wo Sie eine arme Wittwe mit neun Kindern waren. en gt, en er, 621 Gott läßt das Waſſer fließen, und es iſt ſeitdem daſſelbe geblieben. Warum ſollte ich es alſo jetzt theurer bezahlen, als damals? Eliſa hat mir auch erzählt, fuhr der Kaiſer, mit einer ſeltſamen Beharrlichkeit bei ſeinem Thema bleibend, fort, Eliſa hat mir auch er⸗ zählt, daß Sie, ſtatt ſich eine Bibliothek zu ſchaffen und die Bücher, welche Sie leſen, zu kaufen, ſich bei dem Buchhändler Renard abonnirt haben und Ihre Bücher leihen. Es giebt ſehr wenig gute und nützliche Bücher, welche die Ehre verdienen, daß man ſie kauft, ſagte Madame würdevoll. Und es iſt auch wahr, fragte der Kaiſer, daß Sie ſich das ganze Jahr hindurch Ihre Bücher jede Woche von dem Commis des Buch⸗ händlers abholen und und bringen laſſen, und nur in der Neujahrs⸗ woche Ihren Diener hinſchicken, die Bücher zu wechſeln, um dadurch zu vermeiden, dem Commis ein Neujahrsgeſchenk machen zu müſſen? Es iſt wahr, ſagte Madame ruhig. Dieſer Commis iſt weder arm, noch Familienvater, ich vermeide es daher, ihm Geld zu geben, das ich beſſer an arme Familienväter gebe. Aber Madame, rief Napoleon zürnend, Sie übertreffen in der That ſelbſt Harpagon, und Molière hat ſich beim Schickſal zu beklagen, daß er Sie nicht gekannt hat.*) Gewiß hat Molière ſich zu beklagen, daß er nicht in dieſer Zeit lebt, ſagte Madame ruhig, denn er würde, wenn er jetzt lebte, auf dem Thron Frankreichs einen Fürſten geſehen haben, der noch größer und ruhmgekrönter iſt, als ſein Ludwig der Vierzehnte. Und ſicher würde er ſich gefreut haben, auch mich kennen zu lernen, da ich die Mutter dieſes großen Mannes bin. Die Mutter eines Kaiſers, welche ſo ſparſam lebt, daß man meinen ſollte, ihr Sohn ließe ſie darben, rief der Kaiſer. Und doch empfangen Sie, wenn ich nicht irre, alljährlich eine Million Francs zur Beſtreitung Ihres Hofſtaats. Irre ich mich darin, meine Mutter? Nein, Sie irren ſich nicht, mein Sohn, ich empfange jährlich eine Million Francs. *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Le Normand. II. 451. 622 „ Ach, Madame, rief der Kaiſer, alsdann müſſen Sie bei Ihrer Sparſamkeit alljährlich Schätze ſammeln und zurücklegen. Das Antlitz Madame Lätitia's verfinſterte ſich; der Kaiſer hatte eine Saite berührt, welche ihrem Ohr unangenehm ertönte. S Nein, ſagte ſie kurz und raſch, nein, ich ſammle keine Schätze, 9 denn ich habe ſehr viele Ausgaben. Aber Sie haben noch größere Einnahmen, rief Napoleon. Ich bin n überzeugt, daß Sie ſehr viel weniger gebrauchen, als Sie bekommen. i Für wen alſo ſparen Sie, Madame? Für wen? fragte Madame mit zürnender Stimme. Ich könnte n ſagen, für mich, für meine Zukunft, denn die Zukunft iſt ungewiß, und d man kann niemals wiſſen, was geſchieht. Aber ich habe außer mir d noch für meinen Sohn Lucian zu ſorgen, denn Ew. Majeſtät wiſſen wohl, daß Lucian arm iſt. in Weil er die Königreiche, die ich ihm geboten, nicht annehmen wollte, ſi Madame. b Weil er als König nicht ein abhängiger Vaſall, nicht blos der Statthalter ſeines Bruders ſein wollte. Wie, Sire? Würden Sie ein Königreich annehmen, das man Ihnen anböte unter der Bedingung, niemals einen eigenen Willen zu haben, ſondern ſtets nur einem fremden Willen zu gehorchen? Nein, ich würde das nicht annehmen, ſagte der Kaiſer lächelnd, aber ich bin der Kaiſer. Du biſt der Bruder Lucians, und er iſt nicht minder ſtolz, als es 1 der Kaiſer iſt. Sprechen wir nicht mehr davon. Lucian iſt arm, das wollte ich nur ſagen. Er kann ſeinen Töchtern keine Mitgift geben, und ich habe daher dieſe Sorge übernommen. Sie wiſſen jetzt, mein Sohn, wozu ich meine Erſparniſſe verwende. Aber ich bin ſo gut Ihr Sohn, wie Lucian, ſagte der Kaiſer mit ſanfter, faſt ſchmeichelnder Stimme, Sie können ſehr wohl für beide Söhne geſpart haben. Es geht mir, wie meinem Bruder, Madame, ich bin arm und ich brauche Geld. Ich komme alſo zu Ihnen, zu meiner Mutter, Madame, und ich bitte Sie: Geben Sie mir v Ihren Erſparniſſen. Ich weiß, Sie haben Geld, ich bedarf deſſen, un 3 ——— 623 Sie würden mich unendlich verpflichten, wenn Sie mir eine bedeutende Summe leihen könnten. Madame Lätitia ſchüttelte ernſt ihr Haupt. Sie ſind im Irrthum, Sire, ſagte ſie, ich habe durchaus nur ſo viel, als ich zu meinen Aus⸗ gaben bedarf. Des Kaiſers Stirn umdüſterte ſich mehr und mehr. Madame, rief er mit gereiztem Ton, ich wiederhole Ihnen, es iſt eine große Ge⸗ fälligkeit, die ich von Ihnen erbitte. Und ich wiederhole Ihnen, daß ich durchaus kein überflüſſiges Geld mehr habe, ſagte Madame ernſt und hoheitsvoll, ich hatte eine be⸗ deutende Summe, aber ich habe ſie vor Kurzem an Lucian geſandt, der ſie bedurfte. Nun gut denn, ſprechen wir nicht weiter davon, ſagte der Kaiſer, indem er aufſtand und, gleichſam um ſeinen Aerger zu überwinden, ſich den Bildern zuwandte und eins nach dem anderen aufmerkſam betrachtete. Sie haben da ſehr ſchöne Gemälde, Madame, ſagte Napoleon nach einer Pauſe mit vollkommen ruhiger Stimme. Ja, Sire, es ſind Gemälde von ausgezeichneten Meiſtern, er⸗ wiederte Madame gelaſſen. Sie werfen mir vor, daß ich ſehr ſparſam bin, Sire, ich habe indeſſen den Meiſtern dieſer Bilder ſehr hohe Summen für dieſelben bezahlt. Beſonders dieſe Landſchaft hier gefällt mir ſehr, ſagte der Kaiſer, indem er vor der Schweizerlandſchaft ſtehen blieb, die er ſchon vorher mehrmals verſtohlen betrachtet hatte. Es iſt auch ein ſehr ſchönes und ſehr theures Gemälde, ſagte Madame lächelnd. Der Kaiſer ſchwieg und blickte wieder aufmerkſam zu dem Gemälde empor. Dann wandte er ſich zu ſeiner Mutter hin, die dicht zu ihm herangetreten war. Meine Mutter, rief er, ich bat Sie vorhin um Geld, und Sie haben es mir abgeſchlagen. Werden Sie es mir auch abſchlagen, wenn ich Sie bitte, mir dieſe ſchöne Landſchaft zu ſchenken? Im Gegentheil, ſagte Madame, ich bin froh, Ew. Majeſtät einen 624 kleinen Wunſch befriedigen zu können. Ich werde dies Gemälde noch heute nach den Tuilerien bringen laſſen. Nein, nein, rief der Kaiſer lächelnd, es iſt beſſer, ich nehme das Bild gleich in meinem Wagen mit. Sie ſind ſo ſparſam, meine Mutter, Sie könnten es daher bereuen, mir ein ſo koſtbares Geſchenk gegeben zu haben, und Sie könnten es zurückbehalten. Sire, ſagte Madame feierlich, die Mutter des Kaiſers giebt Ihnen ihr Wort, daß Sie dies Gemälde noch heute erhalten ſollen. Madame, ſagte der Kaiſer ebenſo feierlich, die Mutter des Kaiſers hat mir auch vorher ihr Wort gegeben, daß ſie gar keine Geldſumme beſitzt, die ſie mir leihen könnte, und dennoch wage ich zu glauben, daß ſie viel Geld ſich erſpart hat. Verzeihen Sie alſo, daß ich dabei bleibe und das Gemälde gleich mitzunehmen wünſche. He, Delia, Delia! Die Thür des Corridors öffnete ſich und die alte Cordelia ſchaute herein. Laufe, Delia, und hole meine beiden Kammerdiener Conſtant und Rouſtan ſogleich hierher, befahl der Kaiſer. Cordelia verſchwand, und der Kaiſer wandte jetzt das Haupt langſam nach ſeiner Mutter hin. Madame Lätitia war bleich geworden, große Schweißtropfen ſtan⸗ den auf ihrer Stirn, ihre Augen flammten in zorniger Aufregung und ihre Lippen zitterten. Aber mit einer übermäßigen Anſtrengung ihre Aufregung überwindend, zwang ſie ſich zu einem Lächeln und reichte dem Kaiſer ihre Hand dar. Kommen Sie, mein Sohn, laſſen Sie uns in mein Kabinet gehen und dort den Kaffee einnehmen. Es iſt ja nicht nöthig, daß wir bei dem Abnehmen des Bildes gegenwärtig ſind. Kommen Sie alſo, Sirel Der Kaiſer nahm ihre Hand nicht an, ſondern trat, ſich leicht ver⸗ neigend, einen Schritt rückwärts. Erlauben Sie mir zu bleiben, Madame, bis meine Diener das Gemälde von der Wand abgenommen haben. WMadame konnte den ſchweren Seufzer nicht unterdrücken, der von ihren Lippen flatterte, und faßte mit der Hand nach einem Stuhl, als bedürfe ſie der Stütze, um nicht umzuſinken. di 6 ter, ben ers me en, bei ia! lia und upt n⸗ nd hre chte hen bei rel er⸗ das von als 1 625 Die Thür ward jetzt geöffnet und die beiden kaiſerlichen Kammer⸗ diener Conſtant und Rouſtan traten ein. Kommt hierher, rief der Kaiſer, nehmt dies Bild ab und tragt es in meinen Wagen. Die Kammerdiener eilten zu dem Gemälde hin und hoben es ſorg⸗ fältig von der Wand ab. Des Kaiſers Blick flog mit blitzartiger Schnelle über den Platz hin, auf welchem das Bild gehangen. Er ſah da eine Stelle, wo die Seidentapete von etwas friſcherer und dunklerer Färbung war, als die übrige Tapete. Man ſollte meinen, die Wände ſeien hier feucht und hätten die Tapete genäßt, ſagte er, die Hand auf die dunkle Stelle legend. Nein, rief er dann lebhaft, die Wand iſt hier ausgehöhlt, die Tapete vertieft ſich unter meiner Hand. Sehen wir doch, was dies bedeutet. Er drückte ſeine Hand ſo heftig gegen dies aufgeklebte Stück Ta⸗ pete, daß es begann, ſich an den Seiten abzulöſen. Madame ſtieß einen Schrei aus, und auf den Stuhl niederſinkend, ſchloß ſie die Augen, um nichts zu ſehen. Der Kaiſer hatte die Tapete jetzt haſtig abgeriſſen, und hinter der⸗ ſelben ward eine tiefe viereckige Aushöhlung ſichtbar. In dieſer Höh⸗ lung aber ſtand ein ziemlich großer eiſerner Kaſten. Ach, ſehen Sie da, Madame, rief der Kaiſer heiter lächelnd, ich entdecke da ein Geheimniß, was Sie ſelber nicht gekannt haben. Offenbar ein Kaſten, den die früheren Beſitzer dieſes Palais in der Revolutionszeit hier vor den räuberiſchen Händen der Jakobiner ver⸗ borgen haben. Madame antwortete nicht, ſie hatte die Augen noch immer ge⸗ ſchloſſen und ſaß da, bleich und bewegungslos, wie ein Marmorbild. Der Kaſten iſt ſchwer, fuhr der Kaiſer fort, indem er verſuchte, ihn empor zu heben. He, Conſtant, rufe die Lakaien, daß ſie Euch helfen, den Kaſten in meinen Wagen zu tragen. Ich will ihn mit⸗ nehmen, Madame, wandte ſich der Kaiſer an ſeine Mutter, ich will perſönlich ſeinen Inhalt unterſuchen. Eben kehrte Conſtant mit vier Lakaien zurück, und den vereinten Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 40 626 Anſtrengungen der ſechs Männer gelang es, den eiſernen Kaſten aus der Mauervertiefung zu heben. Jetzt tragt den Kaſten ſogleich in meinen Wagen, befahl der Kaiſer. Mühſam und unter der ſchweren Laſt keuchend, trugen die ſechs Männer den Kaſten hinaus. Der Kaiſer ſchaute ihnen mit glühenden Blicken nach, bis die Thür ſich hinter ihnen ſchloß. Dann wandte er ſich wieder ſeiner Mutter zu. Sie ſaß noch immer bewegungslos und mit geſchloſſenen Augen da. Leben Sie wohl, meine Mutter, ſagte er, ich bin neugierig und es verlangt mich, den Inhalt des ſo glücklich von mir aufgefundenen Kaſtens zu prüfen. Aber ich darf es jetzt nicht wagen, Sie Ihres ſchönen Gemäldes zu berauben. Dies Loch da in der Wand muß be⸗ deckt werden, und Ew. kaiſerliche Hoheit möchten nicht auf der Stelle ein anderes Gemälde haben, das würdig wäre dies hier zu erſetzen. Ich danke Ihnen alſo für Ihr ſchönes Geſchenk, Madame, und nehme den Willen für die That. Leben Sie wohl, Madame! Er verneigte ſich und ſchritt dann langſam der Thür zu.*) Madame Lätitia ſagte kein Wort, machte keine Bewegung, den Gruß des Kaiſers zu erwiedern. Sie ſaß da mit geſchloſſenen Augen, und ſie öffnete ſie auch dann noch nicht, als das Zuſchlagen der Thür ihr bewies, daß der Kaiſer ſie verlaſſen habe. Nun drang aus ihrer Bruſt ein qualvolles Stöhnen hervor, und zwei große Thränen quollen langſam aus ihren geſchloſſenen Augen und rollten über die todes⸗ bleichen Wangen nieder. Fünf Millionen, murmelte ſie nach langer Pauſe mit einem tiefen Wehelaut, fünf Millionen, die Erſparniſſe langer Jahre hat mir mein Sohn genommen. Fünf Millionen, die Ausſteuer, welche ich für Lucian's Töchter geſammelt hatte, den Nothpfennig für meinen Sohn Lucian und für mich, wenn dieſe Tage des Glückes und des Glanzes vorüber ſind. Sie ſchlug die Hände vor ihr Angeſicht und weinte laut. Endlich ₰ *) Le Normand: Memotres. Vol. II. 448. Wo wo in u de m ſn aus iſer. ſechs die einer enen und enen hres be⸗ ötelle tzen. ehme den gen, Thür ihrer tollen odes⸗ iefen mein für Sohn anzes 627 ward ihr Schmerz ruhiger, und ihr Schluchzen verſtummte. Lange noch ſaß ſie da, die Ellenbogen auf die Kniee aufgeſtützt, das Antlitz in ihren Händen vergraben, eine Statue ſchmerzlicher und tiefer Trauer. Endlich ließ ſie ihre Hände niedergleiten und richtete ihr Haupt wieder empor. Ihr Antlitz war jetzt wieder ruhig und würdevoll, wie ſonſt. Nun, ſagte ſie laut, ich habe früher meine Familie von neun Kin⸗ dern mit weniger als hundert Louisd'or jährlich erhalten; wenn es ſein muß, werde ich es wieder thun, und ſo viel wird mir immer noch bleiben, daß Lucian und ſeine Töchter nicht verhungern ſollen. Ich werde mich noch mehr einſchränken und noch ſparſamer ſein. 3) Zwei Tage ſpäter, am fünfundzwanzigſten Januar, verließ der Kaiſer Paris, um ſich zu ſeiner Armee zu begeben und den letzten Verzweiflungskampf zu wagen. Er war ſich aber ſehr wohl der Ge⸗ fahren bewußt, die ihn und ſeine Armee bedrohten. Bevor er alſo Paris verließ, beſtellte er ſein Haus. Er ernannte ſeine Gemahlin Marie Louiſe während ſeiner Abweſenheit und im Fall ſeines Todes zur Regentin über Frankreich und zur Vormünderin des minderjährigen Kaiſers Napoleon II. Er gab ihr einen Regentſchaftsrath an die Seite, an deſſen Spitze ſein Bruder Joſeph und der Erzkanzler Cambaceères ſtehen ſollten. Dann berief er die Officiere der Nationalgarde von Paris in die Tuilerien und ließ ſie in dem Thronſaal ſich verſammeln. An der Seite der Kaiſerin, welche den König von Rom auf ihrem Arm hielt, trat er dann in ihre Mitte, und die Officiere mit einem langen, *) Lucian, der edelſte und bedeeutndſte von den Brüdern Napoleons, lebte in beſtändigem Zwiſt mit ſeinem Bruder, dem Kaiſer, weil er ſich dem Willen und den Befehlen Napoleons nicht unterwerfen wollte. Er ſchlug den Thron von Neapel aus, weil der Kaiſer die Bedingung machte, daß er Neapel nach den Befehlen Napoleons regieren ſollte. Er vermählte ſich mit mit einer edlen und ſchönen Römerin, und als ihm ſpäter Napoleon den Thron von Toscana anbot, unter der Bedingung, daß er ſich von ſeiner Frau ſcheiden ſolle, lehnte Lucian es ab, und zog es vor, mit ſeiner Frau und ſeinen Kindern in Zurück⸗ gezogenheit und Stille außerhalb Frankreichs zu leben und des Glanzes zu ent⸗ behren, der ſeine ganze Familie umgab. 40* 628 flammenden Blick begrüßend, ſagte er: Meine Herren Offiziere der Nationalgarde von Paris, es freut mich, Sie um mich verſammelt zu ſehen. Ich reiſe dieſe Nacht ab, um mich an die Spitze der Armee zu ſtellen. Ihrer Obhut überlaſſe ich, indem ich mich von Paris entferne, meine Gemahlin und meinen Sohn, auf welchen Beiden ſo viele Hoff⸗ nungen ruhen. Ich war Ihnen dieſen Beweis meines Vertrauens ſchuldig zum Dank für die vielen Beweiſe des Vertrauens, die Sie mir in allen Hauptepochen meines Lebens gegeben haben. Ich werde frei von aller Sorge abreiſen, wenn die Meinigen ſich unter Ihrer treuen Obhut befinden. Ich übergebe Ihnen das, was mir nach Frank⸗ reich das Liebſte auf der Welt iſt, und überantworte es Ihrer Sorge. Es kann geſchehen, daß in Folge der Manveuvres, die ich machen werde, der Feind ſich Euern Mauern mehr annähert. Wenn dies ſein ſollte, erinnert Euch, daß dies höchſtens einige Tage geſchehen kann, und daß ich bald zu Eurer Hülfe herbeieilen werde. Ich empfehle Euch, einig zu ſein und allen Einflüſterungen zu widerſtehen, mit denen man Euch untereinander entzweien möchte. Man wird nicht ermangeln, zu verſuchen, Euch in Eurer Treue und Eurer Pflicht⸗ erfüllung zu erſchüttern; aber ich rechne darauf, daß Ihr ſolchen perfiden Verſuchungen widerſtehen werdet. Lebet wohl, und Gott ſei mit uns Allen!*) Dann nahm er den Sohn in ſeine Arme empor, und ihn den Offizieren zeigend, rief er mit vor Rührung zitternder Stimme: Ich vertraue ihn Euch an; ich vertraue ihn der Liebe meiner getreuen Stadt Paris! Die Nationalgarde antwortete mit lauten, jubelnden Schwüren der Treue und Ergebenheit, mit Thränen der Rührung: Es lebe der Kaiſer! Es lebe die Kaiſerin! Marie Louiſe, bleich vor innerer Bewegung, das Antlitz überfluthet von Thränen, neigte ihr Haupt an die Schulter des Kaiſers, und Na⸗ poleon, noch den Sohn auf ſeinem linken Arm haltend, legte den rechten Arm um die zitternde Geſtalt ſeiner Gemahlin. *) Constant: Mémoires. VI. 7. der lt zu e zu ferne, Hof⸗ mens Sie verde hrer rank⸗ orge. achen ſein kann, fehle 629 Bei dem Anblick dieſer ſo lieblichen und rührenden Gruppe kannte der Enthuſiasmus der Nationalgarde keine Grenzen mehr. Man weinte, man ſchrie, man jauchzte, man ſchwur, lieber Mann für Mann zu ſter⸗ ben, als dem Kaiſer untreu zu werden, lieber von den Kanonen der Feinde die Stadt Paris zerſchmettern zu laſſen, als ihnen die Kaiſerin und den König von Rom zu übergeben. Aber dieſer Enthuſiasmus der Nationalgarde fand keinen Widerhall mehr außerhalb der Tuilerien. Paris verhielt ſich in dumpfem, düſterem Schweigen, und als der Kaiſer in der Nacht durch die Straßen fuhr, war Alles öde und leer; Niemand war wach geblieben, um dem ſchei⸗ denden Kaiſer ein letztes Lebewohl zuzurufen, ihm eine letzte Huldigung darzubringen. Paris ſchlief den Schlaf der Ermattung, und es träumte vielleicht, daß das Unglück einem Unheil krächzenden Sturmvogel gleich heran⸗ brauſe, um ſeine Flügel über die unglückliche Hauptſtadt auszubreiten. Achtes Buch. Die Einnahme von Paris. . Die Schlacht bei Ta Vothiere. Der Morgen des erſten Februar dämmerte herauf. Es war ein kalter, trüber Morgen, der Himmel hing voll ſchwerer Wolken, die jeden Mo⸗ ment bereit ſchienen, ſich zu entladen; die Gegend ringsum zeigte ein ödes, melancholiſches Ausſehen. Noch war es hüben und drüben in den feindlichen Heeren ſtill. In dem Lager Napoleons bei der Stadt Brienne und weiter thal⸗ wärts im Dorfe La Rothiere diesſeits der Aube herrſchte noch voll⸗ kommene Ruhe, die Wachtfeuer der Nacht durchleuchteten noch im Ver⸗ glimmen die graue Morgendämmerung, und hinten am Horizont ſah man die Thürme und Zinnen des Schloſſes von Brienne in ſchwarzen Linien ſich abzeichnen. Auf dieſem Schloſſe hatte der Kaiſer Napoleon dieſe letzte Nacht des Januar geſchlafen, und in der Stadt Brienne und im Dorfe La Rothiere lagerte ſeine Armee,— eine Armee von kaum dreißigtauſend Mann, die letzten Trümmer der großen Armeen, welche der Kaiſer ſo oft zu unſterblichen Siegen geführt. Auch in dem Lager des ſchleſiſchen Heeres war es noch ſtill und ruhig. Dieſes Heer ſtand jenſeits der Aube auf den Höhen von Tran⸗ nes und Eclance, und in den Weingärten und dem Walde von Beau⸗ lieu gelagert, genoß es nach mannigfaltigen und anhaltenden Strapazen einer erquicklichen Ruhe. Aber ſein Heerführer, der Feldmarſchall Blücher, ſchien dieſer Ruhe nicht zu bedürfen. Der Tag brach kaum an, da ſaß er ſchon zu Pferde und ritt, ſeinen getreuen Rathgeber und Freund, den Ge⸗ 634 neral von Gneiſenau, zur Seite und gefolgt von ſeinem Pipenmeiſter, weiter vorwärts zu dem höchſten Punkt des Bergrückens hin. Von hier aus hatte man einen weiten Blick in das Thal von La Rothière und hinüber auf Brienne, das kaum eine Meile entfernt lag. Blücher deutete mit der erhobenen Rechten hinüber nach Brienne und ſeufzte tief auf. Gneiſenau, ſagte er, es wurmt mich noch immer fürchterlich, daß der Bonaparte uns vorgeſtern da drüben bei Brienne die Schlappe beigebracht hat. Kann's niemals verwinden, und kann mir denken, was für'n Geſchrei unſere Herren im großen Hauptquartier wieder er⸗ hoben haben, und wie die Trübſalsſpritzen wieder blaſen: der Blücher iſt ein toller Huſar, der immer mit dem Kopf durch die Wand rennen will, und doch nicht durch kann und blos macht, daß wir uns Alle die Köpfe blutig ſchlagen. Kann mir ſchon denken, wie die Friedensnpoſtel nun wieder ihre Stimme erſchallen laſſen und wie ſie ſchreien, daß man Frieden machen und nach Hauſe laufen ſoll, blos weil wir die Schlacht bei Brienne nicht gewonnen haben. Es iſt alſo durchaus nothwendig, Gneiſenau, daß wir was Entſcheidendes thun, und daß wir uns Revanche holen. Da ſteht nun der Kerl, der Bonaparte, mit ſeinen paar tauſend Mann und fletſcht uns die Zähne, als wäre er noch immer der Löwe, der blos die Mähne zu ſchütteln braucht, da⸗ mit wir Alle wie die Fliegen hinpurzeln müſſen. Ich will ihm zeigen, daß ich keine Fliege bin, ſondern ein Kerl, der es mit ihm und Seines⸗ gleichen noch alle Mal aufnimmt. Gneiſenau, es geht nicht anders, wir müſſen ihm heute noch zu Leibe gehen! Wir müſſen die Trübſals⸗ ſpritzen zum Schweigen bringen, damit es raſcher vorwärts geht auf Paris zu. Sie haben Recht, Feldmarſchall, ſagte Gneiſenau, wir müſſen einen entſcheidenden Schritt vorwärts thun und die Herren vom großen Hauptquartier zwingen, ihr Zaudern aufzugeben. Wir müſſen Napo⸗ leon zeigen, daß wir auch unſere Kriegsſchule durchgemacht haben, wenn wir auch nicht in Brienne waren. Gneiſenau, es wurmt mich aber, daß wir ihm das nicht juſt in Brienne zeigen konnten, ſeufzte Blücher. Hatte es mir ſo hübſch ge⸗ ſte, dacht, ihm gerade in Brienne, wo er ſein Lieutenantsexamen gemacht, zu beweiſen, daß ich auch mein Examen beſtanden und was geleent La habe. Na, das hilft nun Alles nichts, wir müſſen's verſchmerzen und bg. blos daran denken, daß wir's ihm bezahlen. Der General Wrede muß enne noch heute zur Mittagszeit mit ſeinen Truppen zu uns ſtoßen, und dann ſind wir ſtärker wie Bonaparte und Marmont und alle ſeine daß Marſchälle zuſammengenommen. ppe Sehen Sie, ſehen Sie, rief Gneiſenau, deſſen Blick unverwandt ken, hinüber gerichtet geweſen war nach den Lagern des Feindes, ſehen Sie, er⸗ Feldmarſchall, die Truppen dort drüben haben ſich in Bewegung ge⸗ 6 cher ſetzt, ich erkenne es jetzt, da der Himmel etwas lichter geworden iſt, men ganz deutlich. Sie marſchiren aber nicht vorwärts. die Nein, ſchrie Blücher, ſie ziehen ſich rückwärts, ſie wollen uns ent⸗ oſtel wiſchen, der Bonaparte will einer Schlacht ausweichen. Aber das geht daß nicht, ſo wahr ein Gott im Himmel iſt, das geht nicht, ich muß hier die meine Schlacht haben! Wie ſoll ich denn zuletzt nach Paris kommen, aus wenn ich ihn nicht vorher klein kriege, wie ſoll ich ihn denn'runter daß bringen, wenn das ſo fortgeht? Heute muß es geſchehen, heute müſſen mit wir unſere Revanche haben für Brienne! er Um Mittag iſt Wrede mit ſeinen Truppen hier, ſagte Gneiſenau da⸗ bedächtig, ſetzen wir alſo den Angriff auf zwölf Uhr feſt, und treffen gen, wir dazu alle Vorkehrungen. Vor aklen Dingen müſſen wir Couriere nes⸗ in das große Hauptquartier ſenden. ers, Ja, thun Sie das, Gneiſenau, ſagte Blücher. Das Alles zu be⸗ uls⸗ denken, das iſt Ihre Sorge, denn Sie wiſſen wohl, Sie ſind der Kopf, auf ich bin der Arm. Thun und überlegen Sie Alles, was nöthig iſt; ich weiß blos, daß der Bonaparte ſich zurückziehen will, und daß ich ihn inen hier zwingen muß, eine Schlacht anzunehmen. Hab' mich dieſe drei oen Tage her genug über ihn geärgert, denn ſagen Sie ſelbſt, Gneiſenau, ap⸗ iſt's nicht reiner Uebermuth, daß der Bonaparte drei Tage lang ganz em ruhig und müßig uns gegenüber ſteht, als wollte er uns recht mit Ab⸗ ſicht Zeit laſſen, alle unſere Streitkräfte zu vereinen, und als dächte ſtin er, wir wären doch zu feige und könnten ihm nichts anhaben. Es iſt vielleicht nicht Uebermuth, ſondern Ueberdruß, ſagte Gnei⸗ 636* ſenau gedankenvoll. Der große Schlachtenfürſt ſcheint ermattet zu ſein und den Glauben an ſein Glück verloren zu haben. Das iſt auch'n rechter Kerl, der im Unglück gleich ermattet, brummte Blücher, und der blos Courage hat, wenn er glücklich iſt. Aber mir iſt's lieb, daß der Bonaparte ſo denkt, denn nun macht ſich Alles recht günſtig für uns. Die Oeſterreicher, die Württemberger und Baiern ſtehen nun bei uns und können mit uns vereint wirken. Gneiſenau, ſenden Sie nur immer Ihre Couriere in's Hauptquartier, daß die Monarchen hierher kommen. Und nun nehmen Sie mal Ihre Schreibtafel, ich will Ihnen diktiren, was mir ſo einfällt und wie ich mir die Schlacht denke, die wir heute dem Bonaparte abgewinnen wollen. He, Chriſtian, Pipenmeiſter! Gieb mir'nen Stummel her! Es denkt ſich viel beſſer, wenn man'n bischen Rauch dazu thut! Chriſtian ſprengte heran und reichte ſeinem Herrn mit gravitä⸗ tiſcher Miene den duftenden und dampfenden Stummel dar. Pipen⸗ meiſter, ſagte Blücher, heute halte nur recht viele Stummel parat, denn es geht heute los, und Du weißt wohl, die Kanonen treffen beſſer, wenn meine Pfeife recht gut brennt. Na, nu ſchreiben Sie mal, Gnei⸗ ſenau! Punkt um zwölf Uhr ſetzen ſich die Truppen in Bewegung und ſteigen von den Höhen von Trannes in die Ebene hinab. Im Cen⸗ trum geht das Fußvolk vom General Sacken in zwei großen Angriffs⸗ colonnen gegen La Rothière vor. Links kommen die Oeſterreicher und rücken gegen die Stadt Dienville. Rechts von Sacken geht das würt⸗ tembergiſche Corps durch den Wald von Beaulieu und bemächtigt ſich des Dorfes La Gibrin. Als Reſervecorps für Sacken folgt das In⸗ fanteriecorps von Olſuwief und die Reiterei von Waſſiltſchikof. Als letzter Heerrückhalt bleiben auf den Höhen von Trannes zwei ruſſiſche Küraſſier⸗Diviſionen und das Grenadiercorps von Rajewski. Auf dem äußerſten rechten Flügel kommt das baieriſche Corps unter Wrede zu ſtehen.*)— Na, das iſt genug, nu machen Sie Ihre Schreibtafel wieder zu, ſagte Blücher, eine große Rauchwolke aus ſeinem Munde blaſend. Alles Andere findet ſich von ſelbſt, wenn's losgeht! Ich hab' *) Beitzke. III. S. 118. ſein ttet, ſi tger ken. ier, hre ich men her! itä⸗ en⸗ enn ſſer, nei⸗ und Len⸗ und ürt⸗ ſich Als ſche dem z de heb 637 geſagt, was ich ſagen mußte, und nun geht Ihre Arbeit an, Gneiſenau. Nun ſenden Sie raſch Stafetten in's große Hauptquartier, und dann gebe nur der liebe Gott, daß ſie Alle zu rechter Zeit hier ſind, und daß ſie nicht wieder mit ihrem Zaudern und Zweifeln uns die Partie verderben, und aus übergroßer Angſt, zu früh zu kommen, nicht zu ſpät kommen. Ich will Ihnen was ſagen, den Feind da drüben, den Bonaparte mit ſeiner jungen Garde und ſeiner kleinen Armee von Conſcribirten, den fürchte ich nicht. Wir ſind doppelt ſo ſtark wie er, denn wir haben achtzigtauſend Mann, und er, denke ich, nicht vierzig. Außerdem ſind wir auch darum noch viel ſtärker, weil wir'nen Bundes⸗ genoſſen haben, den der Bonaparte nicht hat und nicht haben kann, der Bundesgenoſſe, das iſt der liebe Gott und ſein Engel, die Königin Louiſe. Der liebe Gott hat uns aber hierher geſchickt, daß wir dem Uebermuth und der Tyrannei des Kronenräubers Bonaparte ein Ende machen ſollen, und die Königin Louiſe ſchaut zu uns nieder und betet für uns und für Preußens Ehre. Aber der Feind, den ich fürchte, der ſitzt in unſerem eigenen Fleiſch und Blut, der kriecht da drüben im großen Hauptquartier umher und bläſt Friedenspſalmen und ſchreit Zetermordio über die Unüberwindlichkeit des großen Helden Napoleon und macht ihn groß wie'nen Rieſen und uns klein wie Zwerge. Und dadurch werden alle Herzen verzagt und alle Arme gelähmt! Gnei⸗ ſenau, wenn ſie heute wieder zurückhalten und nichts Ordentliches thun wollen und ſich nicht Mühe geben, zu rechter Zeit auf ihrem Platz zu ſein, Gneiſenau, das wäre ſchrecklich, und ich denk' immer, ich werde dann ſterben vor Wuth. Aber diesmal ſollten ſich Blüchers ſchlimme Ahnungen nicht be⸗ währen. Alle Armeecorps, auf die er bei ſeinem Schlachtplan gerechnet, kamen zur beſtimmten Stunde, und mit dem Schlage zwölf Uhr langten der Kaiſer von Rußland, der König von Preußen und der Fürſt Schwar⸗ zenberg mit ihrem zahlreichen und glänzenden Gefolge an. Von den Höhen von Trannes beſichtigten die Monarchen die Stellung der beiden Heere und ließen ſich von Blücher in ſeiner kurzen energiſchen Weiſe ſeinen Schlachtplan erklären. Dann wandte ſich der Kaiſer Alexander mit einem ſanften Lächeln 638 zu dem Oberfeldherrn Fürſten Schwarzenberg. Und was ſagen Sie zu dieſem Plan des tapferen Feldmarſchalls? fragte er. Der Plan iſt eben ſo wohl überlegt, als gut und kühn erdacht, ſagte Schwarzenberg, und ich bitte daher, daß dem Feldmarſchall allein die Ehre der Ausführung ſeines Planes zu Theil werde. Ich entſage dem Vorrecht, heute als Oberfeldherr zu commandiren und lege für heute den Oberbefehl ganz und gar in die Hände des Feldmarſchalls Blücher. Blüchers Augen leuchteten vor Wonne und eine dunkle Purpur⸗ röthe fuhr über ſeine Wangen hin. Herr Fürſt, rief er, Schwarzen⸗ berg ſeine Hand darreichend, das iſt eine Ehre, für die ich Ihnen ewig dankbar ſein werde. Sie haben ein gutes und großmüthiges Herz, und Sie wiſſen, daß ich mir durchaus heute Revanche holen will und muß für die unglückliche Affaire von Brienne. Ich danke Ihnen, mein Fürſt, daß Sie mir dazu die Gelegenheit geben wollen. Nun werde ich den Majeſtäten beweiſen, daß der Bonaparte nicht unüber⸗ windlich iſt, oder wenn ich es ihnen nicht beweiſen kann, ſo werde ich ſterben! Hurrah! hurrah! Auf jetzt zur Schlacht! Er ſprengte mit der Ungeduld und dem Feuer eines Jünglings vor die Front der Truppen hin, die nun in raſchem Marſch ſich in Bewegung ſetzten und wie ein ungeheurer reißender Strom die Höhen von Trannes hinunterwogten. Bald donnerten jetzt die Kanonen und trugen den Schlachtengruß Blüchers zu Napoleon hinüber. Der Kaiſer, welcher ſich mit ſeiner kleinen Armee, um der Schlacht auszuweichen, hatte zurückziehen wollen, ließ jetzt ſeine Truppen Halt machen und ſich in Schlachtordnung auf⸗ ſtellen. Jetzt, da der Feind in ungeſtümer Eile vorwärts drang, wäre ein weiterer Rückzug einer Flucht gleich geweſen. Napoleon nahm da⸗ her die Schlacht an und bald ſandten ſeine Kanonen Blücher den Schlachtengruß zurück. Nun tobte die Schlacht mit mörderiſcher Gewalt; herüber und hinüber flogen die Kugeln, in ungeheueren Colonnen ſtürmten die Ver⸗ bündeten vorwärts, aber die Franzoſen wichen vor ihrem Anſtürmen nicht zurück. Sie ſtanden im verheerenden Kampfe wie Helden, ſie Sie ht, ge für ls en uß ſer n, 639 drängten hier und dort mit begeiſterter Kraft den überlegenen Feind zurück, und wenn ſie ihm auch an anderen Punkten weichen mußten, immer wieder rafften ſie ſich auf und drangen vor, das verlaſſene Ter⸗ rain wieder zu erobern. Man fühlte wohl, daß es die Gegenwart Napoleons war, welche die franzöſiſchen Truppen begeiſterten und ſie mit unwiderſtehlichem Helden⸗ muth durchglühte. Aber auch die Truppen der Verbündeten hatten ihren begeiſternden Helden, und die Gegenwart Blüchers feuerte die Soldaten an zu muth⸗ vollem Vordringen, zum unwiderſtehlichen Angriffskampf. Stunde nach Stunde verging, Ströme von Blut floſſen hüben und drüben, die Erde erbebte von dem Donner der Kanonen und vom Himmel hernieder fiel unaufhörlich der Schnee in dichten Flocken, um die Gefallenen und Sterbenden mit dem weißen Leichentuch der Natur zu bedecken. Um das Dorf La Rothiere wüthete der Kampf mit der erbittertſten Heftigkeit. Hier in dieſem Dorf hatten die Franzoſen ſich feſtgeſetzt, und vergebens ſtürmte das Sacken'ſche Corps, immer zurückgeworfen, immer wieder auf's Neue heran, die Franzoſen ſtanden wie eine Mauer und ihre donnernden Geſchütze ſandten Tod und Verderben in die Reihen der Feinde. Blücher hatte eine Zeit lang dem unentſchiedenen Kampfe mit ſteigender Ungeduld zugeſchaut, ſein ſchallendes, mahnendes Vorwärts! Vorwärts! hatte die Truppen zu immer neuem Vordringen ermuthigt, aber immer wieder hatten ſie zurückweichen müſſen. Gneiſenau, ſchrie Blücher, Gneiſenau, das Dorf müſſen wir haben, denn hier in La Rothisre, hier liegt die Entſcheidung der Schlacht. He, Pipenmeiſter, komm mal her! Chriſtian Hennemann hielt ſchon an der Seite ſeines Herrn. Da, ſagte Blücher, ſeine Pfeife aus dem Munde nehmend und ſie Chriſtian darreichend, da, Pipenmeiſter, nimm mal den Stummel, und bleib' hier halten, hörſt Du, hier auf der Stelle bleib' halten. Ich komm bald wieder, und dann ſorg' dafür, daß ich'n brennenden Stummel hab'. Ich hab' man blos den Franzoſen ein Wort zu ſagen. 640 Sie können ſich darauf verlaſſen, Feldmarſchall, ich bleibe hier halten, ſagte Chriſtian ernſt, Sie ſollen mich und den Stummel hier wiederfinden. Na, dann iſt's gut, und jetzt kommen Sie, Gneiſenau, ſagte Blücher, vorwärts ſprengend an die Spitze der Angriffscolonnen. Sein vor Kampfesluſt glühendes Antlitz ſeinen Soldaten zuwendend und ſie anſchauend mit ſeinen feuerblitzenden Augen, rief Blücher mit macht⸗ voller Stimme: Marſchall Vorwärts nennt Ihr mich! Nun werde ich Euch zeigen, was„Vorwärts“ heißt! Er warf ſein Pferd herum und den Säbel hoch emporſchwingend, ſtürmte er gerade vorwärts auf das Dorf hin. Mit lautem Jubel⸗ geſchrei ſtürmten die Soldaten ihm nach. Chriſtian Hennemann blickte ihnen gelaſſen nach, und die Pfeife des Feldmarſchalls in den Mund ſteckend, brummte er: Na, nu ſoll mich blos wundern, ob der Stummel noch brennt, wenn der Feldmar⸗ ſchall zurückkommt, oder ob ich'n neuen werd' anſtecken müſſen! Eben pfiff eine Kugel daher und riß dem Pipenmeiſter gerade die Pfeife vom Munde fort und ſtreifte ſeinen Kopf, daß ein heller Blut⸗ ſtrom ſofort über ſeine Wange niederrieſelte. Na, murrte Chriſtian gelaſſen, die erſte Pfeife iſt nu hin und'n Stück von meinem Kopf dazu. Na, erſt wollen wir den Menſchenkopf verbinden und dann'n Pfeifenkopf in Brand ſtecken, denn wenn er zu⸗ rückkäm' und die Pfeife brennte nicht— Donnerwetter! Nach dieſem kräftigen und lakoniſchen Ausdruck ſeines Gefühls zog der Pipenmeiſter ſeine kleine Bandagentaſche hervor, brachte das Blut ſeiner Wunde zum Stillſtehen, legte ein angenehmes Heftpflaſter um die von dem Streifſchuß erhaltene Wunde und wickelte ſich ein leinenes Tuch um den Kopf. So, nun geht's wieder, und nun wollen wir die Pfeife ſtopfen, ſagte Chriſtian, indem er die Bandagentaſche ſchloß und den 3 kaſten, der vor ihm auf dem Sattel ſtand, öffnete. Stunde nach Stunde verging, und noch immer wüthete der vn Der Abend brach herein, ein heftiger Sturm hatte ſich erhoben und der unaufhörlich niederfallende Schnee machte die Gewehre unbrauch⸗ hier hier agte ein ſie cht⸗ nd, bel⸗ eife ſter ein en, p 641 bar. Wie damals an der Katzbach mußten Blüchers Soldaten mit dem Degen und dem Bayonnet angreifen. Aber endlich, endlich war's entſchieden, die Franzoſen wichen zurück vor dem überlegenen Angriff des Feindes. Jauchzend ſtürzten die Sol⸗ daten ſich hinein in La Rothière, ihnen voran Blücher. Vorwärts! Vorwärts! tönte ſein mächtiger Ruf. Vorwärts! Vor⸗ wärts! jubelten die Soldaten ihm nach. In der Mitte des Dorfes machte Blücher Halt; hüben und drüben in den Häuſern der großen Hauptſtraße deſſelben hatten die Franzoſen Poſto gefaßt, und jedes Haus in eine Feſtung verwandelnd, kämpften ſie wie die Löwen gegen den hereinbrechenden Feind. Die Kugeln pfiffen um Blücher her, was kümmerte es ihn, er achtete nicht darauf. Das Dorf mußte genommen werden, und er wußte, daß ſeine Gegenwart ſeine Soldaten zu helden⸗ müthigem Angriff begeiſterte. Die Nacht ſenkte ſich hernieder, aber den Kämpfenden leuchtete der weiße Schnee des Fußbodens, und heller noch als dieſer leuchtete das Feuer, das jetzt in ungeheuren Flammen aus einigen Häuſern des Dorfes aufloderte. Der Wind trug die feurigen Flocken weiter, bald ſtand das ganze Dorf in Flammen und beleuchtete die Gegend rings⸗ um mit brennender Tageshelle. Nun ſtürzten die Franzoſen hervor aus den Häuſern, in eiliger Flucht rannten ſie von dannen, jauchzend ſtürmten die Blücher'ſchen Schaaren ihnen nach.— Die Schlacht war gewonnen! La Rothiere war vom Feinde ver⸗ laſſen, der ſich in wilter Unordnung nach Brienne und hinter Brienne über die Aube zurückzog. Die Schlacht war gewonnen und Blücher konnte wieder in ſein Hauptquartier zurückkehren und den Monarchen den glücklichen Sieg verkünden laſſen. Langſam und gedankenvoll ritt Blücher dahin, und auch Gneiſenau, der an ſeiner Seite ritt, war ernſt und ſtille. Gneiſenau, rief Blücher endlich, ich glaube, wir haben unſere Sache heute gut gemacht! Ew. Excellenz müſſen nicht ſagen wir, ſondern ich habe die Sache Mühlbach, Napoleon. III. Vd. 41 642 gut gemacht, ſagte Gneiſenau lächelnd. Sie allein haben den Plan zur Schlacht entworfen, Sie allein haben die Schlacht geleitet, Sie allein haben den Sieg erſtritten, denn in La Rothière lag die Ent⸗ ſcheidung des Tages, und der Marſchall Vorwärts war es, der uns La Rothière erobert hat. Diesmal müſſen Sie die Schlacht daher auch nach Ihren Heldenthaten benennen und ſie ſoll und muß die Schlacht von La Rothiére heißen. Na, meinetwegen, ſagte Blücher. Wir haben alſo heute die Schlacht von La Rothière gewonnen, und was mehr iſt, wir haben in Frank⸗ reich ſelbſt den Franzoſen gezeigt, daß es nichts iſt mit Bonaparte's Unüberwindlichkeit, und daß er beſiegt werden kann wie jeder andere Feldherr. Aber was iſt denn das? Sehen Sie mal, Gneiſenau, was hält denn da für'ne Schildwacht am Wege? In der That, da am Wege hielt eine dunkle Geſtalt hoch zu Roß; das von dem Dorf herüberflammende Feuer ſchlug eben höher auf und beleuchtete mit grellem Schein den ſeltſamen Reiter. Es war ein Menſch in Huſaren-Uniform, den Kopf und das halbe Geſicht verhüllt von einem weißen, blutdurchzogenen Tuch, den rechten Arm in einer weißen, ebenfalls blutigen Binde tragend, im Munde eine lange weiße Thonpfeife haltend, aus der er gemüthvolle Rauch⸗ wolken empordampfte. Herr Jeſus, das iſt der Pipenmeiſter! rief Blücher, raſch zu dem Reiter heranſprengend. Na ja, ich bin es, wer ſollt's denn ſonſt wohl ſein? brummte Chriſtian. Aber Chriſtian, rief Blücher, wie ſiehſt Du denn aus? Und was machſt Du denn hier? Was ich mache? Na, ich warte auf den Herrn Feldmarſchall Blücher. Haben Sie mir nicht geſagt, daß ich hier, juſt auf dieſer Stelle, auf Sie warten und die Pfeife immer in Brand halten ſoll? Na, ich habe Sie alſo hier erwartet, Herr Feldmarſchall. Und wie ich ausſehe, fragen Sie? Na, juſt wie Einer, um den die blauen Bohnen man immer ſo herum gepfiffen ſind und haben ihm'n Stück Fleiſch vom Kopf und den Arm entzwei geſchlagen. Sie haben mich hölliſch lan Sie nt⸗ uns uch acht acht nk⸗ te's dere was was hall eſer oll? nen iſch lſch 643 lange hier warten laſſen, Herr Feldmarſchall, über vier Stunden! Einen Stummel nach dem andern haben mir die heilloſen Franzoſen vom Maul weggeſchoſſen, und dieſe Pfeife hier, das war die letzte. Wenn Sie nun nicht bald gekommen wären, dann würden die blauen Bohnen die auch noch geholt haben, und dann könnten Sie jetzt mit trockenem Munde daſtehen. Nein, ſagte Blücher lächelnd, die Franzoſen, die holen mir heute keine Pfeife mehr weg, Chriſtian, denn die laufen, was ihnen der Kopf brennt, und ſo werden ſie meine Pfeife wohl brennen laſſen. Aber wahr iſt es, Chriſtian, ich habe Dich'n bischen lange warten laſſen. Aber dadran ſind die Franzoſen allein ſchuld, ſie wollten abſchlut nicht gleich laufen. Uebrigens, Chriſtian, haſt Du doch immer'ne Pfeife Tabak gehabt, und da iſt es Dir noch gar nicht ſo ſchlecht gegangen, und was Deine Bleſſuren anbetrifft, ſo ſollſt Du tüchtig auscurirt werden, mein Junge. Haſt Dich wahrhaftig tapfer gehalten, haſt mitten im Feuer Stand gehalten, wie's ein ordentlicher Soldat thun muß. Wenn wir zurückkommen, Chriſtian, ſo werd' ich das ſelbſt Deinem alten Vater erzählen, und er wird ſeine Freude d'ran haben. Na nu gieb mir die Pfeife, Chriſtian, es wird die letzte ſein, die Du mir für's Erſte ſtopfſt, denn Du biſt Bleſſirter, Dein rechter Arm iſt zer⸗ ſchoſſen und Du mußt curirt werden. Na, dann curiren wir den rechten Arm, rief Chriſtian, und mit der linken Hand da ſtoppe ich die Pfeifen. Bin und bleibe des Feld⸗ marſchall Blüchers Pipenmeiſter, und wenn ſie mir nicht geradezu den Kopf wegſchießen, denn ſo laß ich mich nicht von meiner Stelle ver⸗ drängen.— Auf dem Schloſſe von Brienne empfing Blücher am andern Tage die Glückwünſche und Dankſagungen der Monarchen. Der Kaiſer Alexander umarmte ihn und in ſeinen Augen ſtanden Thränen freudiger Rührung. Feldmarſchall, ſagte er, Sie haben geſtern allen Ihren früheren Siegen die Krone aufgeſetzt. Ich weiß nicht, wie man Sie belohnen kann für Ihre neue Heldenthat. Aber das weiß ich, daß man Sie bewundern und lieben muß, und das thue ich von ganzem Herzen. 41* 644 Der König Friedrich Wilhelm reichte Blücher die Hand dar und ein mildes, freundliches Lächeln erhellte ſeine Züge. Blücher, ſagte er ſanft und weich, Sie haben Wort gehalten, Sie haben Alles erfüllt, was Sie uns damals in Frankfurt verſprachen, als ich Ihnen Ihre Ernennung zum Oberfeldherrn ankündigte. Sie haben den Tag von Jena heute wieder ausgelöſcht. Haben Sie irgend einen Wunſch, den ich erfüllen kann, ſo ſagen Sie ihn mir, denn ich möchte Ihnen ſo gern meine Dankbarkeit und meine Liebe beweiſen. Freilich habe ich einen Wunſch, einen großen, einen ungeheuren Wunſch, rief Blücher, und ehe der nicht erfüllt iſt, werde ich in der Nacht nicht ruhig ſchlafen und auch am Tage nicht zufrieden und ruhig ſein können. Es liegt aber ganz und gar in der Hand Eurer Ma⸗ jeſtäten, mir dieſen Wunſch zu erfüllen, und ich bitte Sie Beide daher inſtändigſt, daß Sie's thun wollen! Sprechen Sie Ihren Wunſch raſch aus! rief der Kaiſer lebhaft; mich drängt es, was an mir iſt, ihn zu erfüllen, denn ein Heldenhaupt, wie das Ihre, muß ruhig ſchlafen können, und ein Kinderherz, wie das Ihre, muß heiter und zufrieden ſein können. Sprechen Sie alſo, ſprechen Sie? Ach, Sire, ſagte der König lächelnd, den prüfenden Blick auf Blüchers kühnes Antlitz geheftet, Sire, hüten Sie ſich wohl, ihm die ſchnelle Erfüllung ſeines Wunſches zu verſprechen, denn dann wird er uns Allen keine Ruhe mehr gönnen und wird uns auch die Nächte nicht mehr ſchlafen laſſen, bis er uns nach Paris gehetzt hat. Nicht wahr, Blücher, das iſt Ihr Wunſch? Ja, mein Herr und mein König, rief Blücher glühend. Das iſt mein Wunſch, und da Ew. Majeſtät mich aufgefordert haben, Ihnen einen Wunſch zu ſagen, den Sie erfüllen können, und da Seine Ma⸗ jeſtät der Kaiſer mir auch ſagt, daß er mir gern eine Freude bereiten möchte, ſo ſage ich meinen Wunſch, und der lautet: Laſſen Sie uns jetzt in Eilmärſchen nach Paris aufbrechen. Laſſen Sie uns mit un⸗ ſerer ganzen Macht dahin vordringen, denn alsdann wird der Krieg in wenigen Märſchen beendet ſein. Ich beſchwöre die Majeſtäten, machen wir's kurz und energiſch. Gönnen wir dem Bonaparte keine un⸗ rieg äten, feine 645 Zeit, uns zuvor zu kommen, ſondern kommen wir ihm zuvor, ſtürzen wir uns auf Paris, nehmen wir, wenn es ſein muß, die Stadt mit Sturm ein. Wenn wir Paris unſer nennen, dann iſt ganz Frankreich unſer und der Krieg zu Ende! Nun, was ſagen Ew. Majeſtät? fragte Alexander, ſich freundlich lächelnd dem König zuwendend. Wollen wir dem jungen Brauſekopf den Willen thun und ſeinen Wunſch erfüllen? Sire, ich meinestheils habe ihm mein Wort gegeben, ihm ſeinen Wunſch zu erfüllen, ſagte Friedrich Wilhelm, ich muß alſo mein Wort halten. Und ich ſtimme Ihnen mit Freuden bei, Sire, rief Alexander, marſchiren wir alſo auf Paris. Aber über das Wie? und Wo? müſſen wir uns doch verſtändigen. Wir haben ja ohnedies die Heerführer zu einem Kriegsrath be⸗ rufen, und ſie werden uns ſchon erwarten, ſagte der König. Kommen Sie alſo, Sire, und Sie, Blücher, begleiten uns. Das Eine ſteht feſt: wir wenden uns, Ihrem Wunſche gemäß, nach Paris. Nur müſſen wir den verſchiedenen Heerestheilen die Wege beſtimmen, denn die Maſſen ſind zu groß, als daß ſie alle auf einer Straße und in derſelben Ge⸗ gend dahin ziehen und ihre Verpflegung finden könnten. Wir müſſen ſie alſo theilen, und darüber wollen wir uns jetzt mit den Heerführern berathen. Berathen Sie nur immerhin, rief Blücher vergnügt, wenn das Eine, Nothwendige nur feſtſteht, ſo iſt mir das Andere Alles gleich, und ich werde gehorſam die Befehle meines Königs erfüllen, und werde ſchon ſehen, wie ich mich durchſchlage auf der Straße, die für mich und mein Armeecorps beſtimmt wird. Das Eine aber, was nothwendig iſt und was ſein muß, das haben die Majeſtäten mir ja ſchon verſprochen. Dies Eine aber iſt und bleibt: wir müſſen unſern Sieg benutzen und dem Bonaparte zuvorkommen! Wir müſſen nach Paris! 646 Il. Die kranken Augen. Mehr als ein Monat war ſeit dem Siege von La Rothiére ver⸗ gangen und Blüchers glühender Wunſch war noch immer nicht erfüllt, die Verbündeten waren noch immer nicht in Paris. Das Zauderſyſtem hatte wieder die Oberhand gewonnen im großen Hauptquartier der Verbündeten. Oeſterreich zögerte noch immer, ſeine ganze Macht entſcheidend gegen Napoleon, den Schwiegerſohn des Kaiſers, zu entfalten, der Kronprinz von Schweden wünſchte immer noch, Frankreich zu ſchonen, und hoffte immer noch, daß der ſeit dem vierten Februar zu Chatillon tagende Congreß den Frieden zu Stande bringen würde. Auch in der Umgebung des Kaiſers von Rußland und des Königs von Preußen hatte dieſe Friedenspolitik ihre eifrigen Ver⸗ treter, die vom allzuraſchen Handeln abmahnten und dem Congreß zu Chatillon, ſtatt den Waffen, die Entſcheidung zu übertragen wünſchten. Einmal hatte Blücher es gewagt, dieſen„Friedensapoſteln“ ener⸗ giſch gegenüber zu treten und dem aus dem großen Hauptquartier der Monarchen an ihn ergangenen Befehl zu trotzen, der ihm gebot, ſich wieder weiter von Paris zurückzuziehen und ſtatt über die Seine zu gehen, ſeine Truppen nach Chaumont und Langres rückwärts zu führen. Dieſer Befehl hatte den Feldmarſchall in wüthenden Zorn verſetzt und ſeine Generäle und Stabsoffiziere hatten dieſen Zorn getheilt. Groß und energiſch in ſeinem Thun und Handeln faßte Blücher daher den kühnen Entſchluß, dieſen erhaltenen Befehl nicht auszuführen, ſich nicht daran zu kehren, ob Schwarzenberg zurückgehe, oder ob der Kronprinz von Schweden ihm folge, ſondern ſeinen Weg fortzuſetzen, ſei's auch allein, ſei's auch auf die Gefahr hin, ganz allein mit ſeinen Truppen vor Paris anzulangen und keine Hülfstruppen und Reſervecorps hinter ſich zu haben. Aber nicht als Rebell hatte er ſo Gewagtes unternehmen wollen, ſondern zuvor hatte er an den König Friedrich Wilhelm geſchrieben ver⸗ füt oßen ſeine des nmer dem tande und Ver⸗ ß zu hten. ner⸗ der ſich re zu hren. und Hrf den nicht rinz auch ppen inter llen, ieben —— 647 und ihn angefleht, ſeinen Wunſch zu erfüllen und ihn gen Paris vor⸗ rücken zu laſſen. Doch die Antwort auf dieſes Schreiben an den König, die Ge⸗ währung ſeiner Bitte hatte er nicht abgewartet, ſondern war, obwohl er wußte, daß der erſte Oberfeldherr, Fürſt Schwarzenberg, ſchon den Rückzug mit ſeiner Armee angetreten, dennoch muthvoll vorwärts ge⸗ gangen, feſt gewillt, mit ſeinem ſchleſiſchen Heer allein geradezu bis Paris vorzurücken. Indeß waren die Monarchen ſelbſt ſeiner Meinung geweſen, und ſeinen Vorwärtsmarſch genehmigend, hatten ſie ihm volle Befugniß ge⸗ geben, vorwärts zu rücken und die Heertheile von Bülow und Win⸗ zingerode zu ſeiner Verſtärkung an ſich zu ziehen. Mit dieſer gedoppelten Truppenzahl konnte es Blücher jetzt ſchon wagen, Napoleon auch ohne Beihülfe Schwarzenbergs eine Schlacht zu liefern und Paris anzugreifen. Aber das Glück der Schlachten iſt wechſelnd, und nicht ohne dies erfahren zu haben, konnte Blücher ſeinen Marſch gen Paris fortſetzen. Am ſiebenten März traf er zwiſchen Soiſſons und Craonne mit Na⸗ poleon und ſeinen Marſchällen zu blutigem Gefecht zuſammen, und Blücher hatte den tiefen Kummer, in dieſem Gefecht von Craonne zu⸗ rückweichen und Napoleon den Boden überlaſſen zu müſſen. Doch er nahm ſich dafür zwei Tage ſpäter ſeine Revanche und lieferte Napoleon am neunten März die Schlacht von Laon, in welcher Blücher mit ſeinem tapfern ſchleſiſchen Heere Sieger blieb. Dieſer Sieg von Laon aber ſchaffte Blücher noch einen zweiten Sieg. Er brachte damit endlich auch die„Trübſalsſpritzen“ zum Schweigen und machte die„Friedensapoſtel“ verſtummen, die im großen Hauptquartier der Monarchen noch immer ihre mächtigen und ein⸗ flußreichen Stimmen erhoben hatten. Jevermann fühlte, daß nach dieſem großen Sieg ein Rückwärts nicht mehr möglich ſei, und ſelbſt Schwarzenberg und Bernadotte ſtimmten jetzt in das Vorwärts! Vor⸗ wärts! Blüchers ein und ließen ihre Armeen den Weg nach Paris einſchlagen. Aber der tapfere Feldmarſchall ſelbſt konnte zu dieſer Zeit nicht 648 mit einſtimmen in das Vorwärts! Vorwärts! Seit der Schlacht von Laon lag er darnieder an einer heftigen Augenentzündung, der ſich ein tägliches Fieber zugeſellte. In ſein dunkles, verhangenes Zimmer gebannt, hatte er zehn Tage in Laon zubringen müſſen, leidend an phyſiſchen Schmerzen nicht allein, ſondern noch mehr an Seelenqualen. Denn wie ſollte er ſein gegebenes Wort einlöſen, wie den endlichen glorreichen Sieg über Na⸗ poleon erkämpfen, Paris erobern und Napoleon vom Throne ſtürzen, wenn er krank, halb blind, zur Gefangenſchaft des Krankenzimmers verdammt, nicht mit ſeinen Truppen marſchiren, nicht die Oberleitung ſelber fortführen konnte! Er hatte alſo, der Warnungen ſeiner Aerzte nicht achtend, ſich endlich aufgerafft, und ſich wieder an die Spitze ſeiner Truppen ſtellend, war er mit ihnen vorwärts gerückt und endlich am vierundzwanzigſten März über Rheims nach Chalons gelangt. Aber die Krankheit ſeiner Augen hatte ſich auf dem Wege noch geſteigert und bereitete ihm unerträgliche Schmerzen, das Fieber trieb ſein Blut wie Feuer durch die Adern, und was weder das Alter, noch Niederlagen und getäuſchte Hoffnungen vermocht, das brachte die Krank⸗ heit zu Stande:— Blücher ermattete, der glühende Enthuſiasmus ſeiner Seele ſenkte lahm die Flügel, die Schmerzen der Krankheit hatten ſeine Begeiſterung getödtet. Er ſehnte ſich nach Ruhe, nach Stille, nach Pflege. Er erinnerte ſich auf einmal, wie ſchön und friedlich es in ſeinem lieben Kunzendorf ſei und wie ſanft und gut das liebe Geſicht ſeiner Male, und mit wie leiſen Händen Die wohl es verſtehen würde, ſeine armen kranken Augen zu pinſeln und zu waſchen, und die Blutegeln zu ſetzen und die ſpa⸗ niſchen Fliegen zu legen. Er hatte unterwegs auf dem letzten Zuge von Rheims nach Cha⸗ lons inmitten ſeiner Schmerzen immerfort darüber nachgedacht, jetzt war er endlich zu einem feſten Entſchluß gekommen, und kaum in Chalons angelangt, rief er ſeinen getreuen Pipenmeiſter Chriſtian Hennemann zu ſich und ſchloß ſich mit ihm ein. Chriſtian, ſagte Blücher mit gedämpfter Stimme, Chriſtian, nun von ein zehn nicht ſein Na⸗ 649 will ich mal ſehen, ob Du wirklich ein getreuer Kerl biſt und ob man Dir was anvertrauen kann. Na, man zu, ſagte Chriſtian, ſtellen Sie mich mal auf die Probe, Herr Feldmarſchall. Stille, nicht ſo laut! rief Blücher ängſtlich. Wollen erſt mal ſehen, ob hier kein Menſch uns hören kann. Er öffnete noch einmal die Thür und ſchaute in das Vorzimmer. Niemand war da. Dann unterſuchte er den neben dem Wohnzimmer befindlichen dunklen Alkoven. Auch dieſer war leer und ſchien gar keine weitere Ausgangsthür zu haben. Wir ſind ganz allein, Niemand kann uns belauſchen, ſagte Blücher, von ſeiner Recognoscirung wieder in das Wohnzimmer zurückkehrend. Jetzt, Pipenmeiſter, jetzt höre. Zuerſt ſieh Dir mal meine Angen an, hörſt Du, ſieh ſie mal recht genau an. Na, wie ſehen ſie aus? Sehr ſchlimm und ſehr krank, ſagte Chriſtian traurig. Und ſie ſind nicht beſſer geworden, obwohl der Generalarzt Voelzke alle Tage d'ran rum quackſalbert und mir mit ſeinen Salben, Mixturen, Blutegeln und ſpaniſchen Fliegen beinahe eben ſo viele Schmerzen macht, als die Augen ſelbſt es thun. Im Gegentheil, alle Tage ſchlimmer ſind meine Augen geworden, und wenn ich hier noch länger bleibe und die Doctors noch lange an mir rum curiren laſſe, ſo werde ich zuletzt noch ſtockblind werden, und wenn ich blind bin, dann bin ich zu nichts mehr nütze, kann keinen Säbel mehr führen und dem Bonaparte keine Schlacht mehr liefern. Und ich glaub', der liebe Gott will mir's nicht gönnen, daß ich den Bonaparte ganz und gar runter bringe. Er denkt vielleicht, ich würd' dann zu glücklich ſein, und alſo ſagte er: Gotthold Leberecht Blücher, ich hab' Dir erlaubt, daß Du den Bonaparte haſt zum Sturz gebracht, nun ſind die Armeen dicht vor Paris, und nun werden ſie auch ohne Dich rein kommen. Nun gehe, alter Junge, und laß Dir Deine Augen curiren.— Na, ſo will ich denn Gottes Willen thun, und will gehen und meine Augen anderswo curiren laſſen, wo ſie's beſſer verſtehen, als hier. Hab' mir ſagen laſſen, daß es in Brüſſel ſehr geſchickte Augenärzte giebt, und 650 Brüſſel iſt gar nicht weit von hier. Will alſo nach Brüſſel gehen und mich curiren laſſen. Der Feldmarſchall will alſo retiriren, ſagte Chriſtian lakoniſch. Retiriren? rief Blücher zornig. Wer unterſteht ſich zu ſagen, daß der Feldmarſchall Blücher retiriren will? Ich unterſteh's mich zu ſagen, ſagte Chriſtian. Der Feldmarſchall will retiriren vor der Augenkrankheit. Na ja, das iſt ein Feind, vor dem es keine Schande macht zu retiriren. Netiriren bleibt immer retiriren, ſagte Chriſtian achſelzuckend, und wenn Sie das thun, na, dann werden Sie doch nicht mehr der Mar⸗ ſchall Vorwärts heißen! Liegt mir auch'n Quark d'ran, ob ich nun noch ſo heiße! rief Blücher. Die Augenkrankheit hat mich desperat gemacht; ich werd' blind werden, wenn ich hier bleib', und dann werden ſie mich wie'n blinden Tanzbären umherführen. Es hilft kein Reden mehr, Pipen⸗ meiſter, fort will ich und fort muß ich. Wenn Du nicht mit willſt, dann ſag's, dann kannſt Du hier bleiben. Wenn Sie fort wollen und fort müſſen, na, dann muß und will ich auch fort, ſagte Chriſtian mit ſeiner unerſchütterlichen Ruhe, denn wo der Feldmarſchall iſt, da muß auch ſein Pipenmeiſter ſein, das ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Hab's meinem Vater, hab's der Generalin, hab's auch dem lieben Gott zugeſchworen, daß ich meinen General niemals verlaſſen will, und daß er nu ſeitdem Feldmarſch all geworden iſt, das machtdarin keinen Unterſchied. Wenn ſie mich nicht todtſchießen, bleibe ich bei meinem General⸗Feldmarſchall. Chriſtian, ſagte Blücher, ihm die Hand darreichend, Du biſt'n prächtiger Junge, haſt das Herz auf'm rechten Fleck, und das iſt allzeit das Beſte am Menſchen. Sollſt auch, wenn wir in Kunzendorf wieder ſind, recht gute Tage haben, und will's Dir niemals vergeſſen, was Du für ein treuer, braver Menſch geweſen biſt. Du willſt alſo nun auch mit mir gehen, Chriſtian? Ja, bis an's Ende der Welt, General. Na, ſo weit wollen wir nicht mal, man blos nach Brüſſel, Chriſtian, und daß hall und lar⸗ rief erd ie'n wo die guten Augenärzte ſind, und wenn die uns curirt haben, na, dann werden wir ja ſehen, ob ſie mich hier noch brauchen, oder ob Alles hier fertig und abgethan iſt. Wird wohl noch Alles ſo ſtehen, wie's jetzt ſteht, ſagte Chriſtian mit verächtlichem Ton. Wenn der Marſchall Vorwärts nicht mehr da iſt, na, dann wird's rückwärts gehen. Aber das kann uns egal ſein, wir gehen nun doch vorwärts nach Brüſſel. Ja, nach Brüſſel, ſagte Blücher, und heut Abend noch wollen wir abreiſen. Aber es ſoll's Niemand wiſſen, ganz heimlich und in der Stille will ich fort. Kann's Abſchiednehmen und das Redensartenmachen nicht leiden, will alſo fort, ohne daß irgend Jemand es merkt, ganz leiſe und geräuſchlos. Heimliche Flucht, ſagte Chriſtian in ſeiner lakoniſchen Kürze. Dummheit, heimliche Flucht, brummte Blücher. Was der Bengel immer für curioſe Worte gebraucht, das iſt merkwürdig! Wie ſo denn, Flucht? Bin doch wohl hier kein Gefangener, der nicht hingehen kann, wohin er will? Nein, aber Feldmarſchall, bemerkte Chriſtian gelaſſen. Blücher warf aus ſeinen rothen, entzündeten Augen einen zornigen Blick auf ſeinen kühnen Pipenmeiſter hin. Du redeſt, wie Du's ver⸗ ſtehſt, rief er; wenn man ein armer, blinder Kerl iſt, der den ganzen Tag Latwergen ſchluckt und Salben einreibt, dann iſt man kein Feld⸗ marſchall mehr, und thut beſſer, ſich ſtill bei Seit' zu trollen, und es nicht abzuwarten, bis Einen die Anderen mit'n paar höflichen Redens⸗ arten bei Seite ſchieben. Ich bin nun ſo'n alter, blinder Kerl, und alſo troll' ich mich. Und ich troll' mich mit, ſagte Chriſtian, und das verſteht ſich, daß ich keinem Menſchen ein Wort davon ſag', da's der Herr Feldmarſchall nicht haben will. Aber wie kommen wir denn fort, wenn wir's Keinem nicht ſagen? Na, nu höre, Chriſtian, nun will ich Dir meinen Plan ſagen, rief Blücher; ich hab' mir ſchon Alles ausgedacht, wie's kommen ſoll, der ganze Feldzugsplan iſt ſchon fertig und— aber horch, war's nicht, als ob da im Alkoven etwas raſchelte, und als ob'ne Thür aufging? 652 Ih, Gott bewahre, im Alkoven iſt gar keine Thür, ſagte Chriſtian, kann höchſtens'ne Maus geweſen ſein, und die plaudert nichts aus. Laſſen Sie alſo hören, Herr Feldmarſchall, was ich zu thun habe. Na höre, Chriſtian! Und der Feldmarſchall begann, ihm in ſeiner lebhaften Weiſe den ganzen Feldzugsplan ſeiner Abreiſe auseinanderzuſetzen. Chriſtian be⸗ griff ihn ſehr wohl, und übernahm mit vollem Ernſt die Würde eines General⸗Quartiermeiſters bei ſeinem Feldmarſchall. Haſt Du nun Alles behalten, Chriſtian? fragte Blücher am Ende ihrer Berathung. Weißt Du genau Alles, was Du zu thun haſt? Ich weiß Alles, ſagte Chriſtian. Zuerſt gehe ich jetzt zum General Gneiſenau und melde ihm, daß der Feldmarſchall heute krank iſt, im Bett liegt und Niemanden ſehen will. Der meldet es natürlich dem Generalarzt Doctor Voelzke, und dann wird der kommen und den Feldmarſchall beſuchen wollen. Dann ſage ich, der Feldmarſchall wäre ſo wüthend, weil ſeine Augen ihm ſo ſehr wehe thäten, daß er mir be⸗ fohlen hätte, heute keinen Menſchen zu ihm rein zu laſſen, er wollt' den ganzen Tag die Augen zumachen und ſchlafen. Dann komme ich zu Ihnen und Ew. Excellenz geben mir die Abſchiedsbriefe an den General Gneiſenau, und ich packe die Sachen zuſammen und ſchnalle die Mantelſäcke zu. Dann, wenn's dunkel wird, trag' ich ſie ganz heimlich in unſeren Wagen. Dann kriegen Ew. Excellenz plötzlich den Einfall, Sie wollten, da die Sonne untergegangen iſt und den Augen nicht mehr weh thun kann, ein bischen ſpazieren fahren. Na, dann fahren Sie ſpazieren, ich fahr' mit und wir kommen nicht wieder. Nein, wir kommen nicht wieder, ſagte Blücher gedankenvoll. Na, nun iſt Alles abgemacht, nun lauf, Chriſtian, und bring' Alles in Ordnung. Punkt um ſieben Uhr heute Abend reiſen wir ab. Chriſtian eilte von dannen. Blücher ſchauete ihm nach mit einem traurigen Blick und einem ſchweren Seufzer. Nun iſt's entſchieden, ſagte er leiſe vor ſich hin, nun bin ich'n alter, abgedankter Invalide, der zu nichts mehr nutze iſt. Der liebe Gott hat mir meinen Lieblings⸗ wunſch nicht erfüllen wollen, hab' nicht ſo weit kommen ſollen, daß ich den Bonaparte runter ſtieß von ſeinem geſtohlenen Thron, muß vor 3 ian, us. den ines ann 653 den Thoren von Paris umkehren und mich in's Dunkel verkriechen. Na, wie Gott will, hab' gearbeitet, ſo lange es noch Tag war, nun kommt für mich die Nacht, wo ich nicht mehr arbeiten kann. Ach, meine Augen, meine armen, kranken Augen! Ich— aber da iſt doch Jemand in dem Alkoven, rief Blücher aufſpringend. Wieder hatte er ein Geräuſch wie von Schritten dort vernommen, wieder war es ge⸗ weſen, als wenn eine Thür knarrte. Mit zwei Sprüngen war er im Alkoven, aber Alles war dort ein⸗ ſam und ſtill, kein Menſch war da, keine Thür war zu ſehen. Hab' mich geirrt, ſagte Blücher. Iſt doch ein merkwürdiges Ding um ein ſchlechtes Gewiſſen. Weil ich was Heimliches thun will, denk' ich immer, ich werde behorcht und ſie wollen mir mein Ge⸗ heimniß ſtehlen. Der Abend dämmerte endlich hernieder, es war ſieben Uhr, die Sonne war untergegangen. Der Feldmarſchall Blücher, welcher den ganzen Tag ſehr leidend geweſen, wollte jetzt in dem lauen Frühlings⸗ abend eine Spazierfahrt machen. Der Pipenmeiſter hatte dem Kutſcher daher befohlen, anzuſpannen, und die von vier Rappen beſpannte Kutſche des Feldmarſchalls war ſoeben vorgefahren. Blücher war noch in ſeinem Zimmer, aber alle Vorbereitungen waren ſchon beendet. Auf dem Tiſch lagen die beiden Briefe, der eine an den König, der andere an den General Gneiſenau; die Mantelſäcke waren ſchon in den Wagen transportirt, und auch der Pfeifenkaſten war ſchon bereit. Blücher hatte nichts mehr zu thun, als den Militär⸗ mantel überzuwerfen, das Zimmer zu verlaſſen und in den Wagen zu ſteigen. Aber er zögerte noch immer. Ein nie gefühltes Bangen war in ihm, und ihm geſchah, was ihm noch nie geſchehen: ſein Herz klopfte vor Angſt. Das fehlte mir blos noch, brummte er, bin nun auch noch'ne feige Memme geworden, der die Beine zittern und das Herz klopft. Wofür ängſtige ich mich denn? Iſt's denn was Unrechts, was ich thun will? Hat mir doch mitten im Kugelregen der Schlacht das Herz nicht geklopft, was bedeutet denn das jetzt? Ah bah, Dummheiten ſind es, an die man ſich nicht kehren muß! Aber wenn mir nur Niemand 654 begegnet, wenn ich die Treppe heruntergehe, wenn nur Keiner am Wagen ſteht, wenn ich runter komme! Ich will mal ſehen, ob Keiner auf der Straße iſt. Er trat raſch an's Fenſter und ſchaute hinunter; nein, Niemand war da, Niemand ſtand neben ſeiner Kutſche, die vor der Haus⸗ thür hielt. Dann will ich nun gehen, ſagte Blücher, ſich wieder dem Zimmer zuwendend, dann— Er verſtummte und eine dunkle Röthe überzog plötzlich ſein Ge⸗ ſicht. Da, mitten im Zimmer, da ſtand der General Gneiſenau, und ſchaute ihn an mit ſo ſeltſamen, traurigen Blicken. Gneiſenau, Sie ſind's? fragte Blücher mit faſt zitternder, un⸗ ſicherer Stimme. Wie ſind Sie denn herein gekommen? Ganz einfach durch die Thür, Excellenz, ſagte Gneiſenau lächelnd. Ihr Cerberus, der Pipenmeiſter, hielt dieſe Thür den ganzen Tag be⸗ lagert, und ſchreckte mich immer wieder zurück mit der Nachricht, daß der Feldmarſchall befohlen, Niemanden zu ihm einzulaſſen, weil er den ganzen Tag ſchlafen wolle. Aber meine Sehnſucht trieb mich immer wieder her, und ſo kam ich denn jetzt zur glücklichen Stunde, wo der Cerberus die Thür freigegeben hat, weil er unten am Wagen ſteht und den Feldmarſchall erwartet, der ſpazieren fahren will. Ja, ich will ſpazieren fahren, ſagte Blücher mit einem ängſtlichen Blick auf die beiden auf dem Tiſch liegenden Briefe. Ich will ſpazieren fahren. Auf Wiederſehen alſo, Gneiſenau!— Er wollte ſich der Thür nähern, aber Gneiſenau hielt ihn zurück. Ew. Excellenz dürfen heute Abend nicht ſpazieren fahren, ſagte er; ich bitte, ich beſchwöre Sie, Excellenz, es nicht zu thun. Es weht heute Abend ein ſcharfer und kalter Wind, dem Ew. Excellenz Ihre kranken Augen nicht ausſetzen dürfen. Ew. Excellenz ſchonen ſich nicht genug, der Generalarzt Voelzke klagt, daß Sie ſeine Vorſchriften nicht befolgen, und daß deshalb Ihre Augen ſtatt beſſer, immer ſchlimmer werden. Ja, das iſt wahr, brummte Blücher, ſchlimmer werden ſie alle Tage, und brennen wie das hölliſche Feuer. Ich will alſo hinaus, der Nachtwind ſoll ſie kühlen. ner and ner e⸗ und un⸗ ner hen ren deſperat gemacht, daß— 655 Er wollte ſich wieder der Thür nähern, aber eben ward dieſe wieder geöffnet und der Generalarzt Voelzke trat ein. Ew. Excellenz wollen ſpazieren fahren, höre ich? ſagte der Arzt faſt entrüſtet. Aber ich erkläre, daß ich das nicht leiden kann und werde. Ew. Excellenz haben ſich meiner Kur übergeben, ich bin Gott, dem König, der ganzen Welt, ja der Weltgeſchichte dafür verantwortlich, wenn ich Ew. Excellenz ſo gutwillig in's Verderben rennen laſſe, ich werde es alſo nicht leiden. Ew. Excellenz dürfen nicht ſpazieren fahren! Ich möcht' mal ſehen, wer's mir wehren will, rief Blücher, auf die Thür zuſchreitend. Ich, der Arzt, ich will's Ihnen wehren, ſagte Voelzke, ſeine große, breite Figur vor der Thür aufpflanzend. Der Arzt hat das Recht, den Kaiſern und Königen zu befehlen, und auch der Marſchall Vorwärts muß ſich ſeinen Befehlen fügen. Ich denk' aber gar nicht daran, ſagte Blücher, ich laſſe mir nicht befehlen.* Auch nicht von der Krankheit, auch nicht von den Schmerzen? fragte der Arzt feierlich. Mußten Sie nicht gehorchen, als Ihre Krankheit, Ihr Fieber und Ihr Augenleiden Ihnen befahl, zehn Tage müßig in Laon zu bleiben, obwohl ſie fluchten und zürnten und durch⸗ aus vorwärts wollten? Nun, Excellenz, ich ſage Ihnen, wenn Sie mir, dem Arzt, jetzt nicht gehorchen, und nicht heute Ihre Spazierfahrt aufgeben, wenn Sie heute in die kalte Nachtluft hinaus fahren, ſo wird ein Mächtigerer als ich kommen und Sie zum Gehorſam zwingen. Dieſer Mächtigere, das wird die Krankheit, das wird der Schmerz ſein! Fahren Sie heute, aber morgen wird die Krankheit Ihnen befehlen, ſich in's Bett zu legen, morgen wird der Schmerz Sie zum Gefangenen machen, und Sie werden ihm nicht entfliehen können, ſelbſt nicht mit Ihrem Feldherrnwillen, ſelbſt nicht in Ihrer, mit vier Pferden be⸗ ſpannten Kaleſche. Na, na, ſagte Blücher, Sie machen's auch gleich ſo feierlich, daß Einem angſt und bange wird. Es iſt wahr, die Krankheit iſt'ne ſehr mächtige Perſon, und mich haben die infamen Augenſchmerzen ſchon ſo 656 Daß Ew. Excellenz ſelbſt und eigenhändig Briefe geſchrieben haben, unterbrach ihn Gneiſenau, auf die beiden Briefe hindeutend. Aber wie? Was ſehe ich? Da iſt ja ein Brief an mich dabei! Nein, geben Sie her, rief Blücher verlegen, geben Sie her den Brief, jetzt, da Sie hier ſind, kann ich Ihnen Alles mündlich ſagen, und es iſt nicht nöthig, daß Sie den Brief leſen. Er wollte haſtig nach dem Briefe greifen, aber Gneiſenau trat einen Schritt zurück, und ſich tief verneigend, ſagte er: Ew. Excellenz haben mir die Ehre erzeigt, an mich zu ſchreiben. Erlauben Sie alſo, daß ich meinen Brief leſe. Er trat raſch in die Fenſterniſche und entfaltete den Brieſ. Na, gehen Sie jetzt fort da, Doctor, rief Blücher, laſſen Sie mich raus. Machen Sie mich nicht wüthend, geben Sie die Thür frei! Werden Sie immer wüthend, Excellenz, ſagte der Generalarzt, ſeine Arme ineinanderſchlagend, aber um hier aus der Thür heraus zu kommen, müſſen Sie mich erſt todt ſchlagen. In dieſem Moment ſtieß Gneiſenau einen Ausruf des Schreckens aus und eilte lebhaft zu Blücher hin. Wie, Excellenz, rief er, Sie wollten uns verlaſſen? Sie wollten ſich heimlich von hier entfernen? Was reden Sie da? donnerte der Arzt. Was wollte mein Pa⸗ tient thun? Er wollte uns aufgeben, er wollte ſeine Armee, die ihn anbetet, ſeine treuen Freunde, die ihn vergöttern, ſeinen König, der auf ihn hofft, er wollte uns Alle verlaſſen, ſagte Gneiſenau ſchmerzlich. Hier ſteht's geſchrieben, Doctor, Ihnen darf ich's bekennen, denn Sie ge⸗ hören zu unſeren Getreueſten, Sie dürfen's wiſſen, der Feldmarſchall will uns verlaſſen. Und er will auch ſeinen Arzt verlaſſen, und will hingehen, und blind werden, rief Voelzke traurig. Na, eben weil ich nicht blind werden will, eben darum muß ich fort, ſagte Blücher, der jetzt ſeine ganze Feſtigkeit wieder gefunden hatte, und ſich ganz erleichtert fühlte, daß ſein unglückſeliges Geheimniß endlich entdeckt war. Was ſoll ich alter, blinder Mann hier im Felde? ben, wie? den agen, trat llenz alſo, Sie freil larzt, raus 657 Ich bin ja zu nichts nutz mehr. Am Ende geht es mir, wie dem alten Kutuſoff, daß ſie mich als Blinden mit dem Heer fortſchleppen, als wenn ich's noch wäre, und doch nichts mehr bin.*) Ich ſchwöre aber Ew. Excellenz, daß Sie nicht blind, ſondern daß Sie in vierzehn Tagen geſund werden, wenn Sie ſich nur entſchließen, ſich meinen Anordnungen zu fügen, die Mittel zu gebrauchen, die ich Ihnen gebe, und meinen Vorſchriften pünktlich Folge zu leiſten, ſagte der Arzt. Sie wollen nach Brüſſel gehen, und gewiß fänden Sie dort große und berühmte Aerzte. Aber dieſe Aerzte kennen Sie nicht, ſie werden blos einfach Ihre Augen curiren, nicht ahnend, daß Ihr Hauptübel in Ihren Nerven liegt, daß die Augen krank ſind, weil die Seele leidet. Und Ihre Seele wird noch mehr leiden, wenn Sie Ihre Armee, Ihre Freunde, ja ich darf ſagen, auch Ihre Pflicht aufgegeben haben. Die fremden Umgebungen, der Mangel an Fflege, die frem⸗ den Aerzte, die Unruhe, nicht zu wiſſen, was bei Ihrer Armee ge⸗ ſchieht, Alles das wird Ihre Seele martern, und dieſe Schmerzen der Seele werden auch die Krankheit und die Schmerzen der Augen ver⸗ mehren. Es iſt wahr, ich werd' ſehr verlaſſen und einſam in der fremden Stadt ſein, ſagte Blücher gedankenvoll, aber das iſt doch immer noch beſſer, als daß ich hier als'n alter, überflüſſiger, blinder Mann bleibe. Kann doch nimmermehr ein Heer commandiren und eine Schlacht leiten. Wenn Sie ein Heer nicht commandiren mit Ihrer Perſon, ſo thun Sie's mit Ihrem Wort, rief Gneiſenau, und wenn Sie die Schlacht nicht leiten mit Ihrem Arm, ſo thun Sie's mit Ihrem Geiſt. Denn Ihr Geiſt, Ihr edler, tapferer Geiſt, der ruht auf uns, ſo lange Sie bei uns ſind, der befeuert Ihre Armee, der trotzt den Widerſachern und Zauderern. Wenn Sie uns aber mit Ihrer Perſon verlaſſen, dann verläßt uns auch Ihr Geiſt, und mit dem Marſchall Vorwärts geht uns auch das Vorwärts verloren. Bedenken Sie dies, Excellenz, bedenken Sie, daß Sie das Wohl Ihrer Armee nicht allein, ſondern *) Blüchers eigene Worte. Siehe: Varnhagen. Fürſt Blücher von Wahlſtatt. S. 373. Mühlbach, Napoleon III. Bd. 42 658 daß Sie auch den Ausgang des Krieges gefährden, denn wenn der Marſchall Vorwärts nicht da iſt, wird Alles rückwärts gehen. Na, Sie ſind ja noch da, Gneiſenau, ſagte Blücher, Sie ſind mein halbes Ich, Sie kennen meine Gedanken eben ſo gut, als ich, Sie kennen ſie ſogar manchmal beſſer, als ich ſelber. Sie werden alſo Alles ſo weiterführen, als wär' ich ſelber noch hier. Aber werd' ich denn die Macht dazu haben? fragte Gneiſenau. Ew. Excellenz haben nicht bedacht, daß, wenn Sie die Armee verlaſſen und Ihre Stellung als Oberfeldherr aufgeben, daß dann ein Anderer an Ihrer Stelle ernannt werden muß. Wer aber ſollte das ſein? Der älteſte General nach Ihnen iſt Langeron, und halten Sie den geeignet, Ihre Stelle zu erſetzen? Na, das wäre eine ſchöne Geſchichte, wenn Der kommandirender General werden ſollte, rief Blücher. Na, ſchöne Unordnung und Katz⸗ balgerei würd's dann hier geben, denn dem Manne, dem Langeron, würde der York und der Bülow noch viel weniger gehorchen, als mir. Aber er würde doch ſo lange das Commando flhren müſſen, bis vom Hauptquartier der Monarchen eine andere Entſcheidung getroffen würde. Dieſe Entſcheidung aber könnte ſehr lange auf ſich warten laſſen, denn wir ſind jetzt ſehr weit vom großen Hauptquartier entfernt, und die Monarchen werden ſich außerdem mit der Wahl nicht über⸗ eilen. So lange, bis dieſe aber erfolgt iſt, wird Langeron hier das Commando führen, und dadurch werden ſowohl ich, der General⸗ quartiermeiſter, als auch die beiden Obriſten Müffling und Grolman in unſerer Thätigkeit vollkommen gelähmt und verlieren unſern Wir⸗ kungskreis, von dem doch Ew. Excellenz bisher immer gemeint, daß wir ihn zu Ihrer Zufriedenheit und zum Wohl des Ganzen genügend ausgefüllt haben. Wenn Sie aber jetzt uns verlaſſen, ſo geben Sie damit auch uns drei Männern den Abſchied, die wir doch noch die Kraft in uns fühlen, dem Wohle des Vaterlandes zu dienen und nützlich zu ſein. Dadran habe ich freilich nicht gedacht, ſagte Blücher verlegen. Das iſt mir nicht eingefallen, daß ich auch'nen Nachfolger hier haben muß, und daß der Nachfolger ſo'n dummer Eſel ſein könnte, daß er 659 meinen Gneiſenau und die braven Obriſten Müffling und Grolman 4. nicht zu ſchätzen wüßte. Nein, nein, das geht nicht, der Langeron darf ſud alſo das Commando nicht haben. 35 Sie uns verlaſſen, wird er's aber doch haben, ſagte Gneiſenau, iſ und unſer gutes, tapferes ſchleſiſches Heer wird dann unter ruſſiſchem Oberbefehl ſtehen. Nein, Feldmarſchall, Sie dürfen uns nicht verlaſſen. Sie haben nicht einmal das Recht dazu, ſo eigenmächtig und ohne Er⸗ ſü laubniß des Königs von der Armee fortzugehen! t Na, ich will doch ſehen, wer mich verhindern will fortzugehen⸗ rief pl Blücher trotzig.. Ihre edle Seele, Ihr Fflichtgefühl und Ihre Liebe zum Vaterland werden Sie daran verhindern, ſagte Gneiſenau. Sie werden Ihr Werk nicht verlaſſen wollen, bevor es vollendet iſt. Sie werden nicht die Beſchämung haben wollen, aller Welt zu bekennen, daß Sie Ihr at⸗ feierlich gegebenes Wort, nicht eher zu ruhen, als bis Sie Napoleon geſtürzt und in Paris eingezogen ſind, nicht erfüllen können. Sie 4 werden Ihren Ruhm, der bisher ſo hell leuchtete, nicht auf einmal mit 4 dem Schirm, der Ihre Augen bedeckt, verdunkeln wollen! Sie werden ofen nicht an Ihren Soldaten, die Sie ſo oft als Ihre Kinder begrüßt, und die Ihnen immer vertraut haben als ihrem Vater, zu einem treu⸗ eint, loſen Vater und Freunde werden, Sie werden uns Allen nicht den iber⸗ Muth brechen und die Seele lähmen wollen, indem Sie uns verlaſſen. 3 Es iſt wahr, ich hatte mir die Sache doch nicht gehörig überlegt. unl ſagte Blücher leiſe vor ſich hin. Voelzke, rief er dann laut, Sie geben lun mir Ihr Ehrenwort, daß ich nicht blind werde und daß Sie mich Pir curiren können? duß Ich ſchwöre Ew. Excellenz bei Allem, was mir heilig iſt, daß gend Sie nicht blind werden, daß nicht einmal eine derartige Gefahr vor⸗ Sie handen iſt, und daß, wenn Sie ſich pflegen und meinen Anordnungen die Folge leiſten, Sie in vierzehn Tagen ganz und gar wiederhergeſtellt und ſein ſollen. Na, ſagte Blücher nach kurzem Bedenken, na, dann mag's ſein, leger dann will ich hier bleiben. habi Gott ſei Dank, Exrcellenz, rief Gneiſenau, den Feldmarſchall af er 42*— 3 1 660 zärtlich umarmend, Sie ſind noch immer mein großer, mein edler Feldmarſchall, der ſein Heer, ſein Vaterland und ſeine Freunde nicht um ſeiner eigenen Bequemlichkeit willen aufgiebt und verläßt. Ja, ich will bleiben, ſagte Blücher, aber da ich mich dem grim⸗ migen Doctor da wohl fügen und ſeine Cur gründlich befolgen muß, ſo kann ich natürlich nicht arbeiten und anordnen, ſondern muß das meinem Kopfe, dem Gneiſenau, allein überlaſſen. Ich leihe Ihnen auf vierzehn Tage meinen Namen und ich weiß, daß Sie ihn gut gebrauchen werden. Aber wenn ich nach dieſen vierzehn Tagen, wo ich alle Ihre Quackſalbereien gebrauchen will, Doctor, wenn ich dann doch nicht geſund bin, na, dann nehmen Sie ſich in Acht, Doctor, dann mag Ihnen Gott gnädig ſein, dann haben Sie's mit mir zu thun! Excellenz, rief eben von außen eine laute Stimme, Excellenz, kommen Sie denn gar nicht mehr? Die Thür des Vorzimmers ward heftig aufgeriſſen und der Pipen⸗ meiſter erſchien auf der Schwelle. Es iſt über acht Uhr, rief er, und— Er verſtummte, als er die beiden Herren gewahrte und wollte ſich ſchnell wieder zurückziehen. Komm mal hierher, Pipenmeiſter, rief Blücher, ſtell Dich mal dicht hier vor mir hin und ſieh mich an. So! Und nun ſag' mir mal, Pipenmeiſter, biſt Du doch'ne Plaudertaſche geweſen und haſt den beiden Herren geſagt, wo unſere Spazierfahrt hingehen ſollte und daß wir nicht wiederkommen wollten? Nein, ſo wahr mir Gott helfe, ich habe keinem Menſchen was ge⸗ ſagt, rief der Pipenmeiſter feierlich. Ich bin ſtumm geweſen, wie ein Fiſch; blos dem lieben Gott, dem habe ich ganz leiſe meine Noth ge⸗ klagt, und als das noch nicht half und mir's immer noch ſo war, als wollt's mir das Herz abdrücken, da hab' ich's ſo gemacht, wie ich's vom Herrn Feldmarſchall gelernt habe. Da bin ich auf meine Stube gegangen, habe die Thür hinter mir zugemacht und hab' mörderlich geflucht und gewettert. Darnach iſt mir dann das Herz leichter ge⸗ worden und ich hab' ruhig und ohne'n Menſchen irgend etwas zu ſagen, Alles gethan, was Excellenz mir aufgetragen hatte. edler nicht grin⸗ e ſich dicht mal, den daß ge⸗ eein ge⸗ als ich' tube erlic 661 Alſo fluchen mußteſt Du erſt? fragte Blücher, ſeinen langen Schnurrbart durch die Finger ſtreichend. Warſt alſo wohl ſehr unzu⸗ frieden mit meiner Abreiſe? Ew. Excellenz ja kein Hehl daraus gemacht, ſagte der Pipenmeiſter ruhig. Hab's Ihnen ehrlich geſagt, daß Sie nicht mehr der Marſchall Vorwärts heißen könnten, wenn Sie retiriren thäten. Ja, retiriren, richtig, das hat er geſagt, rief Blücher lachend, ſich den beiden Herren wieder zuwendend, und als ich ihm ſagte, daß ich ganz geräuſchlos und ſtill die Armee verlaſſen und nach Brüſſel ab⸗ reiſen wollte, da hat er gemeint, das wäre heimliche Flucht. Der Pipenmeiſter iſt ein braver Mann, der ſeinen Feldmarſchall liebt, ſagte Gneiſenau, ihm freundlich zulächelnd. Hab' ihn heut oft und inſtändig gebeten, er ſollte mich dem Feldmarſchall melden, aber immer blieb er dabei, daß er's nicht dürfe und daß der Feldmarſchall ihm befohlen hätte, Niemand einzulaſſen. Und hätt' doch meinen kleinen Finger— das heißt meinen kleinen Finger von der linken Hand, den ich nicht zum Stoppen brauche, darum gegeben, wenn ich den General Gneiſenau hätt' einlaſſen können und den Doctor Voelzke dazu, denn ich wußt' ſchon, wenn die Beiden erſt beim Feldmarſchall ſind, dann geht die Abreiſe nicht ſo geſchwind. Und da die beiden Herren nun da ſind, obwohl ich nicht weiß, wie ſie ſo unerwartet hierher gekommen, da ſie aber mal da ſind, nicht wahr, Herr Feldmarſchall, ſo reiſen wir nicht, und ich kann ausſpannen laſſen? Kannſt ausſpannen laſſen, ſagte Blücher. Aber wart, Chriſtian, lauf noch nicht, hab' erſt noch den Herren'n paar Worte zu ſagen, und Du kannſt zuhören, Pipenmeiſter. Ich will alſo hier bleiben, meine Herren, aber unter einer Bedingung. Wollen Sie mir die erfüllen? Ja, Excellenz, wir wollen ſie Ihnen erfüllen, riefen Gneiſenau und Voelzke wie aus einem Munde. Na, ſo ſagen Sie mir alſo, wovon Sie's wußten, daß ich heut abreiſen wollt', da's Ihnen doch der Pipenmeiſter nicht geſagt. Denn das laſſe ich mir nimmermehr einreden, daß Sie alle Beide zu ſo un⸗ gewohnter Stunde und ohne weitere Veranlaſſung zu gleicher Zeit — . S 2— 662 hierher kommen ſollten. Antworten Sie alſo, wer hat Ihnen geſagt, daß ich abreiſen wollte? Sie ſelbſt haben es mir geſagt, Excellenz, ſagte der Gengrglarzt Vvelzke. Was, ich? Was iſt das für'n Unſinn! rief Blücher lachend. Ja, ich hörte es aus Ihrem eigenen Munde, Excellenz. Entſinnen Sie ſich nicht, daß Sie in Ihrem Alkoven eine Maus raſcheln hörten? Ja freilich, zwei Mal hörte ich ſie. Nun denn, die Maus war ich! Ich entdeckte in meinem Zimmer eine kleine Tapetenthür und wollte ſehen, wohin ſie führte. Ich ſtieß ſie alſo auf und befand mich in Ihrem Alkoven und eben, wie ich ein⸗ trat, da hörte ich Ihre Stimme, welche ſagte: es bleibt dabei, Chriſtian, ich reiſe heute nach Brüſſel ab, aber Niemand darf ein Wort davon erfahren!— Excellenz, ich bekenne mein Verbrechen, ich blieb ſtehen und horchte, und erſt als der Pipenmeiſter Ihr Zimmer verlaſſen hatte, ſchlich auch ich mich wieder leicht von dannen, und eilte zum General von Gneiſenau, um ihm mitzutheilen, was ich erfahren hatte. In's Künftige wollen wir aber doch die Alkoven beſſer unterſuchen, Pipenmeiſter, ſagte Blücher, und wollen nachſehen, ob nicht irgendwo doch'ne heimliche Thür ſitzt. Na nu kannſt Du gehen, Chriſtian Hennemann, und kannſt ausſpannen laſſen. Und dem lieben Gott ſei's gedankt, daß ich das kann, rief Chriſtian fröhlich, indem er hinaus eilte. Aber er hatte kaum die Thür hinter ſich geſchloſſen, als er ſie auch wieder aufriß. Herr Feldmarſchall, rief er laut, General von Pietrowitſch, Ad⸗ jutant des Kaiſers von Rußland, wünſcht ſogleich Se. Excellenz zu ſprechen. Kommen Sie, Herr General, rief Blücher, und dem Eintretenden ſeine Hand darreichend, fragte er haſtig und athemlos: Sagen Sie zu allererſt, General, bringen Sie gute oder ſchlechte Nachrichten? Ich denke, im Sinne des Feldmarſchalls Vorwärts bringe ich gute Nachrichten, ſagte der General lächelnd. Ich komme als Bote des Kaiſers, meines Herrn, und des Königs, Ihres Herrn, und bin beauftragt, Ihnen über die Beſchlüſſe des großen Hauptquartiers Aus⸗ 663 kunft zu geben und Ihre Theilnahme und Zuſtimmung für dieſelben zu erlangen. Iſt es eine geheime Sendung? fragte Gneiſenau. Nur für die O es Feldmarſchalls beſtimmt? 6 Gegentheil, ſie wird noch heute in der ganzen Armee gehört werden müſſen, ſagte der General. Meine erſte Nachricht alſo iſt, daß der Congreß von Chatillon am neunzehnten März auseinandergegangen und aufgehoben iſt. Ohne zu einem Reſultate zu führen? fragte Blücher athemlos. Ohne den Frieden zu Stande zu bringen oder irgend einen Waffen⸗ ſtillſtand? Nein, Excellenz, nichts von alledem! Im Gegentheil, der Congreß von Chatillon hat ein Reſultat anderer Art, die ſchleunige und ener⸗ giſche Fortführung des Krieges nämlich. Alle Diplomaten und mit ihnen der Kaiſer Franz haben ſich nach der Auflöſung des Congreſſes weiter nach Süden hin, nach Dijon zurückgezogen. Und Schwarzenberg? rief Blücher. Der Fürſt Schwarzenberg iſt geblieben und er hat geſtern unweit Vitry mit den Monarchen einen Kriegsrath gehalten. Das Ergebniß deſſelben bin ich beauftragt Ew. Excellenz mitzutheilen und Ihre Zu⸗ ſtimmung einzuholen. Der Marſch auf Paris iſt beſchloſſen. Der Fürſt Schwarzenberg ſtimmt vollkommen darin mit den Herrſchern überein, daß jetzt in Paris allein noch die Entſcheidung liegt, daß Paris Frankreich iſt, und daß Alles darauf ankommt, dem Kaiſer Na⸗ poleon zuvorzukommen, ihn von Paris abzuſchneiden und die Stadt erobert zu haben, ehe er mit ſeinem Heer dort ſein kann. Fürſt Schwarzenberg läßt alſo Ew. Excellenz vermelden, daß er von dem heutigen Tage an alle Fahnen und Standarten vorwärts auf Paris richte, und daß das böhmiſche Heer in drei großen Säulen dahin ab⸗ marſchire. Heute Abend ſoll das böhmiſche Heer bei Fére⸗Campenviſe ein Lager beziehen und dorthin ſoll das große Hauptquartier verlegt werden. Der Fürſt Schwarzenberg ladet nun Eure Excellenz ein, mit dem ſchleſiſchen Heer an dem Vorwärtsmarſch Theil zu nehmen, un⸗ mittelbar nach Empfang dieſer Nachricht aufzubrechen, auf der Straße . 1 664 über Montmirail und La Ferte ſous Jouarre vorzudringen und ſo ein⸗ zuſchwenken, daß das ſchleſiſche Heer mit dem böhmiſchen in Eine Linie komme und ſich an daſſelbe anſchließe.*) Ja, das will ich, das werde ich, rief Blücher freudig ah! Das iſt doch mal'ne Nachricht, nun heißt's nicht mehr blos bei uns, ſondern überall: Vorwärts! Sagen Sie den Majeſtäten, ſagen Sie vor allen Dingen dem Fürſten Schwarzenberg, daß ſie mich ganz glücklich und zufrieden gemacht, daß ſie an mir eine Wundercur voll⸗ bracht haben. Ich war krank und verzweifelt, jetzt, ſeit Sie gekommen, bin ich wieder geſund und lebensfroh! Jetzt habe ich keine Schmerzen mehr, und meine Augen, die werden nun auch wieder geſund werden, da ſie wiſſen, daß ſie die Stadt Paris ſehen ſollen. Aber ich wußt's doch, daß es zuletzt noch ſo kommen würde und daß mein tapferer Bruder Schwarzenberg doch noch zuletzt Eines Sinnes mit mir werden würde. Nun wollen wir auch bald ein Ende machen! Runter muß der Bonaparte doch nun mal, und das ſoll nun bald geſchehen! Ja, ja, runter muß er! Hurrah! Jetzt geht's nach Paris!**) III. Rach Paris. Immer noch war Napoleons Muth nicht gelähmt, immer noch hatte er den Kampf nicht aufgegeben. Seine kühne Feldherrnſeele rang mit dem Unglück und hoffte immer noch es beſiegen zu können. Freilich hatte die unglückliche Schlacht bei Bar⸗ſur-Aube, in welcher das böhmiſche Heer am zwanzigſten März Sieger geblieben, ihn tief gebeugt, aber einige Tage hatten genügt, um ihm ſeine Entſchloſſenheit e **) Blüchers eigene Worte. Siehe: Varnhagen: Blücher. S. 375. 665 und Energie wieder zu geben. Jetzt am ſechsundzwauzigſten März, wo er mit einem Heer bei St. Dizier eintraf, jetzt hatte er ſchon wieder neue Pläne entworfen und war ſchon wieder gerüſtet und entſchloſſen, den Vethündeten eine Schlacht zu liefern. Wir ſind noch immer ſtark, ſagte er zu Caulaincourt, der eben zu St. Dizier bei ihm eingetroffen war, wir haben noch über fünfzigtauſend Mann hier bei uns. An die Marſchälle Marmont und Victor, ſowie an alle Verſtärkungen, die von Paris unterwegs ſind, habe ich Befehl ergehen laſſen zu uns zu ſtoßen. Wenn ſie zu uns gelangt ſind, dann iſt meine Macht auf achtzigtauſend Mann angeſchwollen, und dann werden die Verbündeten es nicht mehr wagen, auf Paris zu marſchiren, wo ſie mich finden werden. Wenn ich nun den Verbündeten nur ein augenblickliches Stutzen, einen kurzen Waffenſtillſtand ihrer Unterneh⸗ mungen abgewinnen kann, ſo werde ich mich aus den nahen Feſtungen der Maas und Moſel auf mehr als hunderttauſend Mann verſtärken, und dann wird es mir ein Leichtes ſein, die Verbündeten durch immer erneuerte Angriffe aufzuhalten und den Krieg in die Länge zu ziehen. Aber ich fürchte, Sire, Sie täuſchen ſich nur in dem Einen, daß die Verbündeten noch aufzuhalten ſind, ſeufzte Caulaincourt. Ich habe auf meinem Wege hierher zu Ew. Majeſtät Alles geprüft, jeden Ge⸗ fangenen, der in die Hände unſerer Truppen gefallen, ſelbſt vernommen und ich glaube es nicht, daß Ew. Majeſtät das böhmiſche Heer hinter ſich haben, ſondern ich fürchte, daß es Ihnen zuvorgekommen und be⸗ reits auf dem Wege nach Paris iſt. Der Kaiſer zuckte die Achſeln und trat zu der Thür, die er öff⸗ nete, indem er mit lauter Stimme hinausrief: Der Maire von St. Dizier! Sofort erſchien in der Thür die breite Geſtalt des Maire, der mit linkiſchen Kratzfüßen den Kaiſer begrüßte. Wiederholen Sie mir Ihre Ausſagen noch einmal, befahl der Kaiſer. Sie hatten geſtern Einquartierung vom Feinde, nicht wahr? Ja, Sire, ganz St. Dizier war vom Feinde beſetzt, ſagte der Maire. Es war der General Winzingerode mit den Soldaten der Verbündeten. Aber die Soldaten ſagten alle aus, daß ſie nur die 666 Avantgarde wären, und daß das eigentliche Heer ihnen noch nachfolge. Der General Winzingerode hat darauf in Perſon alle Quartiere im ganzen Ort beſichtigt, und die beſten derſelben hat er beſtellt und hat geſagt, der Kaiſer von Rußland und der König von Preuß den morgen hier eintreffen und dieſe Quartiere beziehen.*) er als man das Anrücken Ew. Majeſtät meldete, iſt der Feind raſch ab⸗ gezogen. Es iſt gut, gehen Sie, ſagte Napoleon, dem Maire winkend hin⸗ aus zu gehen. Nun, Caulaincourt, haben Sie ſich jetzt überzeugt? Sehen Sie jetzt ein, daß wir die Verbündeten nicht vor, ſondern noch immer hinter uns haben? Sire, und wenn es dennoch eine Täuſchung wäre? ſeufzte Cau⸗ laincourt. Wenn die Verbündeten dieſe Liſt erſonnen hätten, um Ew. Majeſtät zu täuſchen und irre zu führen? Wenn Niemand als Winzin⸗ gerode mit einem Corps uns folgte, während das eigentliche Heer auf anderen Wegen gen Paris eilte? Oh, ich beſchwöre Ew. Majeſtät, laſſen Sie Ihren erhabenen Blick nicht von trügeriſchen Hoffnungen verblendet werden! Schauen Sie umher und prüfen Sie alle Anzeichen, die für mich ſprechen. Alle Gefangenen, die eingebracht worden, ſprechen von der Vereinigung des böhmiſchen und ſchleſiſchen Heeres, und daß die beiden Heere gen Paris marſchiren. Auch ſind wir auf dem Weg von Bar⸗ſur⸗Aube bis hierher nirgends auf große Truppenſäulen ge⸗ ſtoßen und nichts läßt auf das raſche Anrücken derſelben ſchließen. Nun, rief Napoleon heftig, wenn wir ihnen nirgends begegnet ſind, ſo kann das auch daher kommen, daß die Verbündeten im vollen Rückzug auf Lothringen ſich befinden und daß ſie es endlich müde ſind, den vergeblichen Kampf mit mir fortzuſetzen.**) Ach, Ew. Majeſtät denken immer noch, die verzagten und furcht⸗ ſamen Feinde früherer Tage vor ſich zu haben, ſagte Caulaincourt *) Es war dies eine Kriegsliſt Winzingerode's, um Napoleon über den Marſch der Verbündeten zu täuſchen. **) Fain: Manuserit de 1814. S. 142. 667 ſeufzend. Aber dies iſt ein Irrthum, der Ew. Majeſtät unheilbringend ſein wird. a, rief Napoleon heftig, Sie wagen es, das zu ſagen, zu mir, Ih aiſer, ſo zu ſprechen? Sire, ſagte Caulaincourt ruhig, es iſt meine Pflicht, Ihnen die Wahrheit zu ſagen, und Ihre Pflicht, ſie zu hören.*) Die Wahr⸗ heit aber iſt, daß die Verbündeten feſt entſchloſſen ſind, den Kampf bis auf's Aeußerſte fortzuſetzen, und daß ſie im beſten Fall Ew. Ma⸗ jeſtät nur die Grenzen des alten Frankreichs der Bourbonen laſſen wollen. Ich wage es daher noch einmal, Ew. Majeſtät zu beſchwören, machen Sie Frieden, Sire, Frieden um jeden Preis! Noch iſt es viel⸗ leicht Zeit. Senden Ew. Majeſtät mich noch einmal zu den verbün⸗ deten Monarchen! Sagen Sie, daß Sie die letzten Bedingungen, welche man uns in dem Congreß von Chatillon angeboten, jetzt an⸗ nehmen, daß Sie mit den Grenzen des alten Frankreichs, wie es vor dem Kaiſerthum geweſen, zufrieden ſein wollen. Senden Sie mich mit dieſer Erklärung zum Kaiſer Alexander von Rußland, der im Grund ſeines Herzens immer noch Ihr Freund iſt! Und deſſen dienſtergebener Freund Sie ſind! rief Napoleon heftig. Ja, Sie ſind Alexanders Diener, nicht der meine! Sie ſind mit Leib und Seele Ruſſe! Nein, Sire, ich bin Franzoſe, ſagte Caulaincourt, dem Kaiſer ſtolz und feſt in's Antlitz ſchauend. Ich bin mit Leib und Seele Franzoſe, und ich glaube das zu beweiſen, indem ich Ew. Majeſtät beſchwöre, Frankreich den Frieden zu geben und Ihre Krone zu retten. Ha, meine Krone zu retten! rief Napoleon. Wer wagt es denn, meine Krone zu bedrohen? Sire, die Verbündeten und die Bourbonen wagen es. Die Ver⸗ bündeten haben eine Proclamation erlaſſen, in welcher ſie ſagen, ſie ſeien nicht gekommen, um Frankreich, ſondern nur um den Kaiſer Na⸗ poleon zu bekämpfen; und die Bourbonen, welche jetzt ſchon in Frank⸗ ²) Caulaincourts eigene Worte. Siehe: Mémoires d'un homme d'état. Vol. XI S. 392. 668 reich, welche ſich im Lager der Verbündeten befinden, die Bourbonen haben eine Proclamation erlaſſen, in welcher ſie das franzöſiſche Volk aufrufen zu ſeiner Pflicht, und es auffordern, zu ſeinem rechtmäßigen König zurückzukehren. ₰ Ich fürchte weder die Verbündeten, noch die Bourbonen, ſagte Napoleon. Das franzöſiſche Volk kennt keine Bourbonen, es kennt nur mich, ſeinen Kaiſer, und wir Beide werden einander die Treue nicht brechen! Wir werden miteinander ſiegen! Wagen Sie es nicht noch einmal von mir zu fordern, daß ich die ſchmachvollen Bedingungen des Congreſſes von Chatillon annehme. Beſſer unter den Trümmern mei⸗ nes großen Thrones begraben werden, als nur noch einen Thron zu beſitzen, der von der Gnade meiner Feinde zuſammengeleimt und nur noch der Fußſchemel meiner früheren Herrlichkeit iſt. Ich habe die Verbündeten hinter mir, ich werde durch die erhaltenen Verſtärkungen bald im Stande ſein, ihnen eine Schlacht zu liefern; ich werde dieſe Schlacht gewinnen, und dann wird es an mir ſein, Bedingungen zu ſtellen. Unter den Mauern von Paris wird das Grab der Ruſſen ge⸗ graben ſein. Meine Maaßregeln ſind getroffen, und der Sieg kann mir nicht fehlen.*) Caulaincourt ſeufzte und ſchaute mit Blicken voll ſchmerzlichen Staunens auf das ruhige, klare Geſicht des Kaiſers hin. Sire, ſagte er feierlich, ich nehme Gott zum Zeugen, daß ich Alles verſucht habe, was in meiner Macht war, um Ew. Majeſtät meinen Bitten geneigt zu machen. Ew. Majeſtät haben mich nicht hören wollen! Weil ich Sie nicht hören darf, Caulaincourt, und dann auch, weil ich an Ihre ſchlimmen Befürchtungen nicht glaube. Nehmen wir ſelbſt an, daß Alexander und Friedrich Wilhelm in der vollen Erbitterung der Feindſchaft gegen mich auftreten möchten, ſo iſt da noch ein Dritter, der zu entſcheiden hat. Dieſer Dritte aber, das iſt der Kaiſer Franz, mein Schwiegervater, der Großvater des Königs von Rom. Sie ſehen *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Conſtant: Mémoires. Vol. VI. pag. 48. 669 alſo, daß ich, ſelbſt wenn die Entſcheidung des Krieges mir ungünſtig wäre, doch wenigſtens von den Bourbonen nichts zu fürchten habe. Denn der Kaiſer wird es nicht wollen, daß man ſeiner Tochter die Krone entreiße, daß man ſeinen Enkel ſeines Erbes beraube. Sire, ſagte Caulaincourt leiſe, trauen Sie nicht zu ſehr auf die Zuneigung des Kaiſers Franz. Ich weiß, daß er, obwohl er jetzt Ihr Schwiegervater iſt, Ihnen niemals jenen Tag vergeſſen hat, wo er als ⸗ demüthig Bittender nach der Schlacht von Auſterlitz zu Ihnen an das Wachtfeuer kam und um Schonung und Frieden bat. Ich weiß, daß dieſe Erinnerung mächtiger in ihm iſt, als alle Verwandtſchaftsbande. Ich weiß, daß Metternich, der noch immer Ew. Majeſtät ergeben iſt, es vor einigen Tagen vergeblich verſucht hat, den Kaiſer Franz zu be⸗ wegen, bei den anderen Monarchen energiſch für ſeinen Schwiegerſohn und für ſeine Tochter aufzutreten, daß er ihn vergeblich gemahnt hat, die Zukunft ſeines Enkelkindes, des Königs von Rom, zu bedenken. Und was hat der Kaiſer geantwortet? fragte Napoleon raſch. Sire, der Kaiſer hat in ſeinem derben öſterreichiſchen Dialect ge⸗ antwortet:„Redet mir nicht immer von dem Kinde! Bei mir zu Hauſe habe ich gar viele Kinder, an die ich zuerſt denken muß.*) Das iſt nicht wahr, er hat das nicht geſagt! rief Napoleon ungeſtüm. Sire, er hat es geſagt, der Fürſt Metternich hat es mir erzählt. Napoleon ſchwieg einen Moment und blickte nachdenklich vor ſich hin. Ein leiſes Klopfen an der Thür unterbrach ihn in ſeinem Sinnen. Einer der Adjutanten trat ein und meldete, daß der Stallmeiſter des Kaiſers, der Graf Saint⸗Aignan, den der Kaiſer in Aufträgen ent⸗ ſendet hatte, wieder angelangt ſei und den Kaiſer um eine Audienz bitte. Der Kaiſer eilte ſelbſt zu der Thür hin und winkte dem Grafen lebhaft, näher zu kommen. Nun, Saint⸗Aignan, fragte er haſtig, was haben Sie gefunden? Wie iſt die Stimmung im Süden von Frankreich? *) Kaiſer Franz ſagte: Rödt's mier nit alleweil von dem Kind; bei mier z Haus hab' ich gar vielle Kinder, an die ich z'erſt denken mueß. Siehe: Hormayr, Lebensbilder. I. 98. w — 670 Sire, ſagte Graf Saint⸗Aignan traurig, ich bringe keine erfreu⸗ lichen Nachrichten. Das ſüdliche Frankreich iſt unzufrieden, man klagt dort über den langen Krieg, man wünſcht den Frieden um jeden Preis, und man iſt geneigt, die äußerſten Mittel zu ergreifen, zu erlangen. Was heißt das? fragte der Kaiſer. Ich verſtehe Sie nicht, drücken Sie ſich deutlicher aus. Nun denn, Sire, man hat dort überall die Proclamation der Bour⸗ bonen geleſen, und man denkt daran, die Bourbonen wieder in ihre Rechte einzuſetzen, um den Krieg zu beenden. Man wird es nicht wagen! rief Napoleon, einen zornigen Blick auf Saint⸗Aignan ſchleudernd. Man hat es ſchon gewagt, Sire, ſagte der Graf. Die Stadt Bordeaux hat ſich für die Bourbonen erklärt, und der Graf von Ar⸗ tois, wie der Herzog und die Herzogin von Angouléme, ſind in die Stadt eingezogen und— Und ſie ſind mit Enthuſiasmus von der Bevölkerung aufgenommen, rief Napoleon zornig. Wagen Sie es doch, Ihren Satz zu vollenden und mir dies zu ſagen. Wagen Sie es doch, hinzuzufügen, daß die Leute in Bordeaux zu ihrer Pflicht zurückgekehrt ſind, und ſagen Sie, daß auch Sie Ihre Fflicht erkannt haben und zu den rechtmäßigen Herren von Frankreich zurückkehren wollen! Gehen Sie, ich gebe Ihnen die Erlaubniß dazu, ich entbinde Sie Ihres Amtes! Gehen Sie zu den Bourbonen! Graf Saint⸗Aignan rührte ſich nicht; eine tödtliche Bläſſe bedeckte ſeine Wangen, in ſeinen Augen, die mit einem unausſprechlichen Aus⸗ druck von Jammer und Schmerz auf den Kaiſer gerichtet waren, ſtanden große Thränen, ſeine zitternden Lippen vermochten kein Wort hervor⸗ zubringen. Sire, ſagte der Herzog von Vicenza, Ew. Majeſtät verkennen das Herz des Grafen Saint⸗Aignan. Ew. Majeſtät hatten ihm befohlen, Ihnen treuen Bericht abzuſtatten, er durfte alſo nicht umſchleiern und verhüllen, er mußte die Wahrheit ſagen. Die Wahrheit, die Wahrheit, rief Napoleon, heftig mit dem Fuße . 3 671¹ ſtampfend, das was Ihr fürchtet oder wünſcht, das nennt Ihr die Wahrheit! Ihr ſeht Alles durch die gefärbte Brille Eurer Angſt, und Ihr wollt mich zwingen, daß auch ich das thue! Aber ich will es nicht, meine Augen ſind offen und ſie ſehen die Dinge, wie ſie ſind! Gehen Sie, Graf Saint⸗Aignan, Ihr Bericht iſt zu Ende, gehen Sie! Der Graf ſagte kein Wort; mit einem Seufzer, der mehr einem Schluchzen glich, näherte er ſich der Thür und ging, langſam rückwärts ſchreitend, hinaus. Die Bourbonen, murmelte Napoleon düſter vor ſich hin, man ſoll mir nicht drohen wollen mit dieſem Geſpenſt! Es giebt keine Bour⸗ bonen mehr! Ich bin der Kaiſer von Frankreich, und mir allein iſt das franzöſiſche Volk Liebe und Treue ſchuldig! Er ſtarrte eine Zeit lang, die Stirn in düſtere Falten gelegt, vor ſich hin; dann hob er das Haupt raſch empor. He, Caulaincourt, rief er, ich will mich ſelbſt überzeugen, ob wir wirklich das Heer der Ver⸗ bündeten hinter uns haben, oder ob Ihre Befürchtungen begründet ſind. Wir wollen nach Vitry aufbrechen! Der Himmel ſei gelobt! rief der Herzog von Vicenza freudig. Nun iſt noch nicht Alles verloren, denn Vitry iſt der Weg nach Paris. Am Morgen des nächſten Tages brach der Kaiſer in der That mit allen ſeinen Truppen nach Vitry auf und nahm ſein Quartier, kurz vor der kleinen Feſtung, in Marolles. Hier endlich ſollte er die Wahrheit erkennen lernen. Hierher kamen zu ihm geflüchtete Bewohner von Fore Champenviſe, und meldeten ihm, daß in ihrer Umgegend die Marſchälle Marmont und Mortier von den Verbündeten entſchiedene Niederlagen erlitten, daß die Generäle Pacthod und Anrey vernichtet, und daß die vereinten ſchleſiſchen und böhmiſchen Heere im vollen Marſch auf Paris begriffen ſeien. Ueber Napoleons ehernes, unbewegliches Angeſicht zuckte einen Moment der Ausdruck tiefen Erſchreckens, und die Gleichmüthigkeit ſeines Weſens ſchien einen kurzen Augenblick erſchüttert. Aber er über⸗ wand ſeine Bewegung und zwang ſeine Beſorgniß in das Schweigen ſeiner Seele zurück. 672 Nun, ſagte er, wenn die Verbündeten nach Paris ziehen, ſo müſſen wir auch dahin. T 2 Ja, nach Paris, nach Paris! riefen die Marſchälle. In Paris liegt die Entſcheidung, und Paris kann ſich nur vertheidigen, wenn der Kaiſer mit ſeinem Heer zu ſeiner Hülfe herbeieilt. Auf denn nach Paris! rief Napoleon. Aber in Eilmärſchen, mit der Schnelle eines Sturmwindes müſſen wir dort ſein! Nun ſchien der Kaiſer alle ſeine Energie, ſeine Thatkraft wieder gefunden zu haben. Sein Auge leuchtete und glänzte wieder, ſein Antlitz hatte wieder den Ausdruck ſtolzer Energie, er ertheilte wieder mit klarer, feſter, ja faſt freudiger Stimme ſeine Befehle. Vorwärts alſo geht es jetzt nach Paris. Es gilt in Paris den Thron des Imperators zu vertheidigen, in Paris das Erbe des Königs von Rom vor den Händen der Verbündeten und der Bourbonen zu ſchützen. Vorwärts alſo im Sturmmarſch, vorwärts nach Paris! Schon an dieſem Tage iſt des Kaiſers Hauptquartier in Montier⸗en⸗Der. Näher alſo ſchon iſt man an Paris. Am achtundzwanzigſten März geht es raſtlos weiter, ſchon hat man Doulerant auf der Straße von Paris erreicht, da ſprengt auf dem Wege von der Hauptſtadt ein Reiter daher, ſtaubbedeckt, athemlos und bleich. Der Kaiſer? Wo iſt der Kaiſer? ruft er aus keuchender Bruſt. Man führt ihn zum Kaiſer. Sire, flüſtert er, mich ſendet der General⸗Poſtdirector, Ihr getreuer Graf La Valette. Dies Papier ſoll ich dem Kaiſer übergeben. Er reicht dem Kaiſer ein kleines, zuſammengefaltetes Papier dar und ſinkt, von der übermäßigen Anſtrengung erſchöpft, ohnmächtig zuſammen. Der Kaiſer entfaltet das Papier und lieſt. Ein leiſes Beben geht durch ſeine ganze Geſtalt, eine tiefe Bläſſe bedeckt ſeine Wangen und die Falte zwiſchen ſeinen Augen wird finſterer. Noch einmal wirft er den flammenden Blick auf das Papier, noch einmal bohren ſich ſeine Augen, wie Dolchſpitzen, auf dies Blatt, dann 673 faßt er es mit ſeinen Zähnen und zerreißt es in kleine Stückchen, und ſtreut dieſe Stücke in den Wind. Niemand außer ihm ſoll den Inhalt dieſes Papieres erfahren. Dieſer Inhalt aber lautete:„Die Anhänger der Fremden, aufgemun⸗ tert durch den Abfall von Bordeaux, heben das Haupt empor; geheime Kunſtgriffe unterſtützen ſie. Des Kaiſers Gegenwart iſt nothwendig, wenn er verhindern will, daß die Hauptſtadt dem Feinde übergeben werde. Es iſt kein Augenblick zu verlieren.“*) Vorwärts, vorwärts! donnert jetzt die Stimme des Kaiſers. Wir müſſen eilen, nach Paris zu kommen, und ſchon morgen müſſen wir dort ſein! Vorwärts geht es im Sturmſchritt. Voran der Kaiſer mit der Reiterei ſeiner Garde. Sein Antlitz iſt immer noch ruhig, kalt und undurchdringlich. Aber zuweilen zuckt es, wie ein Blitz, über daſſelbe hin, zuweilen leuchtet es unheimlich auf in ſeinen düſter beſchatteten Augen, die immerfort geradeaus gerichtet ſind, geradeaus nach Paris hin, nach der Stadt, wohin der Kaiſer fliegen möchte auf den Schwingen des Adlers, und zu der er jetzt dahin zieht im ſtrömenden Regen, unter zuckenden Blitzen, unter dem Rollen des Donners. Wieder fliegt ein Eilbote daher, und mit athemloſer Haſt fragt er nach dem Kaiſer. Meldet mich ihm, meldet mich! Der Lieutenant von Paris, König Joſeph, der Bruder des Kaiſers, ſendet mich. Man führt den Athemloſen zum Kaiſer hin, der ihn mit ſeinem kalten Blick, ſeinem ruhigen Angeſicht empfängt. Nachrichten von mei⸗ nem Bruder aus Paris? fragt der Kaiſer. Geben Sie Ihre Depeſche. Sire, ich habe keine; es war keine Zeit zu verlieren. Depeſchen lönnen verloren gehen, können gefunden werden, wenn man verhaftet wird; das Gedächtniß verräth nichts. In bin in vierzehn Stunden von Paris hierher geritten. Hier iſt meine Beglaubigung, der Siegel⸗ ring des Königs Joſeph. Ich erkenne ihn. Sprechen Sie jetzt! *) Fain, Manuscrit de 1814. 101. Mühlbach, Napoleon. Bd. III. 674 Mit einem Wink ſeiner Hand heißt der Kaiſer die Marſchälle zurücktreten, und ſein Haupt dem Boten ſeines Bruders hinneigend, wiederholt er ruhig: Sprechen Sie jetzt! Sire, flüſtert der Bote, der König läßt Ew. Majeſtät melden, daß die Verbündeten ſchon unweit Paris ſtehen, daß die Marſchälle Mar⸗ mont und Mortier zwar zur Vertheidigung der Hauptſtadt entſchloſſen ſind, aber nicht hoffen dürfen, mit ihren geringen Streitkräften die Stellung vor Paris lange zu behaupten. Der König läßt Ew. Ma⸗ jeſtät beſchwören, Alles anzuwenden, um zur Rettung Ihrer Haupt⸗ ſtadt herbeizueilen.*) Jetzt, nachdem er dieſe Botſchaft vernommen, jetzt zum erſten Mal ſinkt der Schleier von dem Angeſicht des Kaiſers, und man ſieht es unverhüllt, dieſes bleiche, zerquälte Angeſicht, das zuckt vor Qual, dieſe tiefdunklen Augen, die einen verzweiflungsvollen Schmerzensblick zum Himmel emporſchleudern. Hätt' ich Flügel, oh mein Gott, hätt' ich Flügel! ruft er mit einem Aufſchrei des Schmerzes. Könnte ich zu dieſer Stunde in Paris ſein! Hätt' ich Flügel! Dann wird er ſtill und läßt das Haupt auf ſeine Bruſt ſinken, und ein tiefes Aechzen ſteigt aus ſeinem Innerſten hervor. Schweigend ſtehen die Generäle um ihn her und ſchauen ihn an mit düſtern Blicken. Jetzt hebt er das Haupt wieder empor; große Schweißtropfen ſtehen auf ſeiner Stirn, aber ſein Antlitz iſt wieder ruhig. General Dejean, ruft er mit machtvoller Stimme, hierher zu mir! Der General eilt herbei. Reiten Sie, ſo raſch Sie können, nach Paris. Melden Sie mei⸗ nem Bruder, daß ich in Eilmärſchen heranrücke. Eilen Sie alsdann zu Marmont und Mortier, ſagen Sie ihnen, ſie ſollen kämpfen bis auf's Aeußerſte, ſie ſollen alle Mittel anwenden, um ſich nur zwei Tage noch zu halten. In zwei Tagen werde ich vor Paris ſein, nur noch zwei Tage, und Paris iſt gerettet! Zwei Tage des Ausharrens, des *) Fain, Manuscrit de 1814. 101. n 675 Kampfes, und ich bin da. Marmont ſoll einen Boten an den Fürſten Schwarzenberg ſenden und ihm mittheilen, daß ich einen Abgeſandten an den Kaiſer Franz geſchickt mit Vorſchlägeu, die den Frieden zur Folge haben werden. Schwarzenberg wird alsdann zögern, abwarten wollen, und wir werden Zeit gewinnen. Eilen Sie, Dejean, eilen Sie, bedenken Sie, daß das Schickſal meiner Hauptſtadt auf Ihren Schul⸗ tern liegt! Der General Dejean eilt von dannen. Napoleon wendet ſich nach ſeinem Gefolge um, und ſein raſcher, flammender Blick ſucht ſeinen getreuen Freund, den Herzog von Vicenza. Der eilt ſchon an ſeine Seite, noch bevor der Kaiſer ſeinen Namen ausgeſprochen hat. Caulaincourt, ſagte er leiſe und ſanft, Sie hatten Recht. Ich habe zwei Tage verloren! Ich könnte jetzt ſchon in Paris ſein. Das Verderben iſt hinter mir, es will mich zu Boden treten, und der Tod ſelbſt will mich nicht erretten! In der Schlacht bei Arcis⸗ſur⸗Aube habe ich Alles gethan, was ich thun konnte, um einen ruhmvollen Tod zu finden, indem ich den Boden des Vaterlandes Schritt für Schritt ver⸗ theidigte. Ich ſtürzte mich in den wüthenden Kampf, die Kugeln reg⸗ neten um mich her, meine Kleider wurden davon zerriſſen, und doch hat keine mich getroffen. Ich bin ein Menſch, der verurtheilt iſt, zu leben*), ein Menſch, der verurtheilt iſt, zum Wohl ſeines Volkes in ſeine eigene Schmach und Demüthigung zu willigen. Caulaincourt, eilen Sie zum Kaiſer Franz von Oeſterreich. Sagen Sie ihm, ich nähme die letzten Bedingungen an, welche die Verbündeten in Chatillon gemacht. Ich unterſchreibe das Todesurtheil meines Ruhmes! Eilen Sie!— Und nun vorwärts, vorwärts! In zwei Tagen müſſen wir in Paris ſein! *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Bausset: Mémoires. II. 246. 676 1V. Abreiſe Marie Touiſens. An demſelben Tage, und faſt zur ſelben Stunde des neunund⸗ zwanzigſten März, während der Kaiſer alle ſeine Truppen zum eiligen 4 Marſch nach Paris aufbot, fand bei der Kaiſerin, ſeiner Gemahlin, in den Tuilerien zu Paris eine Scene ganz anderer Art ſtatt. Der Kaiſer wünſchte in verzweiflungsvollem Seelenſchmerz ſich Flügel, um nach Paris zu kommen, die Kaiſerin wünſchte in tödtlicher Angſt ſich Flügel, um von Paris fort zu kommen. Denn vor den Thoren von Paris ſtand der Feind, und ſchon ſprach man davon, daß die Stadt ſich ihm übergeben oder mit Sturm genommen werden ſolle. Noch nannte Marie Louiſe dieſe Verbündeten, welche den Thron ihres Gemahls, das Erbe ihres Sohnes bedrohten, noch nannte ſie dieſelben ihre Feinde, obwohl ihr eigener Vater zu den Verbündeten gehörte. Noch dachte die Gemahlin Napoleons, daß es ihre Pflicht ſei, bei ihrem Gemahl auszuharren, den Wechſelfällen des Schickſals mit ihm vereint zu trotzen und ſeinem Willen allein ſich zu fügen. Der Kaiſer aber hatte gewollt, daß ſeine Gemahlin und ſein Sohn nicht in Paris bleiben ſollten, wenn ihnen daſelbſt Gefahr drohe. Als man in den Tuilerien die Nachricht erhalten, daß die Verbündeten vor den Mauern von Paris ſtänden und die Stadt bedrohten, als man einſah, daß die Corps von Marmont und Mortier nicht ſtark genug wären, um den großen Armeen der Feinde einen langen Widerſtand entgegenzuſetzen, da hatte der König Joſeph, der„Lieutenant des Kai⸗ ſers“, die Negentin Marie Louiſe und den Regentſchaftsrath zu einer gemeinſchaftlichen Berathung aufgefordert, um über die Frage zu ent⸗ ſcheiden, ob die Regentin mit ihrem Sohn in Paris bleiben oder die Stadt verlaſſen ſolle. Man hatte die Wahl in Marie Louiſens Hände gelegt. Aber die Regentin hatte erklärt, nicht ihr ſtände die Entſcheidung zu, denn dazu . 677 gerade habe der Kaiſer ihr den Regentſchaftsrath beigeſellt, daß er ihr Rathgeber ſei und ihre Schritte beſtimme. Nun hatte König Joſeph einen Brief des Kaiſers vorgelegt, der wohl geeignet war, den Willen des Kaiſers zu erkennen und das Thun ſeiner Gemahlin zu beſtimmen. Dieſer Brief war datirt aus Rheims, vom fünfzehnten März, und lautete alſo„Nach meinen mündlichen Inſtructionen, die ich gegeben halh 5 pen aller meiner e darfſt Du in kin 5 n. Ich werde ſo manveuvriren, daß Du vielleicht mehrere Tage lang keine Nachricht von mir erhältſt. Wenn der Feind mit ſolcher Macht gegen Paris rückt, daß jeder Widerſtand unmöglich wäre, ſo laß die Regentin, meinen Sohn, die Großwürdenträger, die Miniſter, die Großbeamten der Krone, den Baron La Byuillerie und den Schatz in der Richtung nach der Loire abgehen. Verlaß meinen Sohn nicht und bedenke, daß ich ihn lieber in der Seine, als in den Händen der Feinde Frankreichs ſehen würde. Das Schickſal des Aſtha⸗ nax, des Gefangenen der Griechen, habe ich immer für das unglück⸗ lichſte Geſchick in der Geſchichte gehalten. Dein wohlgeneigter Bruder Napoleon.“*) Dieſer Brief hatte alſo natürlich über die Frage des Bleibens oder Abreiſens entſchieden. Dem ſo deutlich ausgeſprochenen Willen des Kaiſers konnte man keinen Widerſtand entgegenſetzen. Marie Louiſe hatte ſich alſo entſchloſſen, mit ihrem Sohn und ihrem Gefolge Paris zu verlaſſen und vorläufig nach Rambuuillet zu gehen. Heute, am Morgen des neunundzwanzigſten März, ſollte die Ab⸗ reiſe geſchehen. Die hochbepackten Reiſewagen ſtanden ſchon im Hof der Tuilerien. Alles war zur Abreiſe bereit. Doch Marie Louiſe zögerte noch immer. Ihre Reiſetvilette war vollendet, ihre Damen befanden ſich neben ihr im großen Empfangs⸗ ſaal, der ſich immer mehr mit Perſonen füllte, welche das große Reiſe⸗ gefolge der Kaiſerin bilden ſollten. *) Baron de Meneval: Marie Louise et Napoléon. Vol. II. 230. —— ————————— 678 Traurig und ſchweigend trat Jeder in den Saal ein, und auf die ehrerbietigen Verbeugungen antwortete die Kaiſerin nur mit einem ſtummen Kopfnicken. Ihre Augen, die vom Weinen geröthet waren, richteten ſich immer wieder auf die Thür; ſie erwartete in fieberhafter Spannung die Wieder⸗ kehr des Königs Joſeph, der mit Anbruch des Tages die Tuilerien verlaſſen und ſich nach den Thoren von Paris begeben hatte, um die Stellung des Feindes zu recognosciren. Aber die Zeit verging und Joſeph kam nicht. Man hatte um acht Uhr Morgens abreiſen wollen, jetzt war es ſchon mehr als neun Uhr und der König Joſeph war immer noch nicht zurickgekehrt. Dieſe unerwartete Zögerung erhöhte noch vie angſtvolle Span⸗ nung, in welcher man ſich befand. Niemand wagte die athemloſe Stille, die in dem großen Saal herrſchte, durch irgend ein lautes Wort zu unterbrechen, man flüſterte nur hier und da leiſe miteinander, und wenn irgend eine Thür ſich öffnete, ſo ſchrak man zuſammen und blickte angſtvoll hin, als erwarte man, den Boten einer unheilsvollen Nachricht eintreten zu ſehen. Das Antlitz der Kaiſerin ward immer bleicher, immer angſtvoller, ihre Geſtalt bebte; zuweilen wandte ſie ſich ihren hinter ihr ſtehenden Damen zu und richtete an ſie irgend eine haſtige, unverſtändliche Frage, deren Beantwortung ſie gar nicht ab⸗ wartete, indem ſie ihr Antlitz wieder nach der Thür hinwandte, oder das Haupt auf ihre Bruſt ſenkte und trübe vor ſich hinſtarrte. Auf einmal ward dieſe Thür haſtig geöffnet und auf der Schwelle derſelben erſchien der kleine König von Rom, dem ſeine Gouvernante, die Baronin von Montesquiou, folgte. Das Antlitz des Knaben zeigte heute nicht den gewohnten Aus⸗ druck kindlicher Heiterkeit, der ſonſt wie Sonnenſchein von ſeinen ſchönen Zügen ſtrahlte. Auf ſeinen purpurrothen Lippen ſchwebte kein Lächeln und ſeine ſonſt ſo glänzenden blauen Augen waren umſchleiert. Mit trotzigem Angeſicht, ohne irgend Jemanden anzuſehen oder zu begrüßen, ſchritt der kleine König von vier Jahren durch den weiten Saal gerade zu ſeiner Mutter hin. Mama Kaiſerin, ſagte er mit lauter, ſilberheller Stimme, meine 679 Quiou ſagt, daß wir von Paris fortreiſen wollen und daß wir nicht mehr in den Tuilerien wohnen werden. Iſt das wahr, Mama? Ja, mein Sohn, wir müſſen abreiſen, ſagte die Kaiſerin leiſe, aber wir werden wiederkehren nach Paris, und dann werden wir wieder hier in den Tuilerien wohnen. Wir müſſen abreiſen? fragte der kleine König betonend. Mein Papa hat mir aber einmal geſagt:„das Wort Müſſen giebt es nicht für mich.“ Nun alſo will ich auch nicht müſſen, und ich bitte meine liebe Mama, daß wir nicht von Paris abreiſen. Aber der Kaiſer ſelber will es ſo, Napoleon, ſagte die Kaiſerin ſeufzend und mit einem leiſen Ton des Mißbehagens. Der Kaiſer hat uns befohlen abzureiſen, wenn der Feind hierherkommt. Der Feind, rief der Knabe mit flammenden Augen, ich fürchte den Feind nicht. Wenn der Feind hierher kommt, ſo machen wir es, wie es mein Papa Kaiſer immer macht, wir ſchlagen den Feind und dann läuft er fort. Dieſe Worte des kleinen Königs, welche das Herz des Kaiſers ent⸗ zückt haben würden, ſchienen aber auf die Kaiſerin einen unangenehmen Eindruck zu machen. Sie murmelte einige leiſe unverſtändliche Worte und zuckte leicht die Achſeln. Frau von Montesquiou faßte die Hand des Kindes. Kommen Sie, Sire, ſagte ſie leiſe, ſtören Sie Ihro Majeſtät nicht. Kommen Sie! Nein, nein, rief der Knabe, ſich heftig losmachend, Du willſt mich gewiß in den Wagen bringen, Quiou, und ich ſage Dir, ich will nicht fort, laß mich bei meiner Mutter, liebe Quiou, ich ſtöre ſie nicht, denn Du ſiehſt ja, ſie arbeitet nicht und ſie will auch nicht allein ſein, denn es ſind ſehr viele Leute hier bei ihr. Alſo kann ich auch hier bleiben, nicht wahr, liebe Mama Kaiſerin? Ja wohl, mein Sohn, bleibe, ſagte die Kaiſerin zerſtreut und wieder nach der Thür hinblickend, durch welche der König Joſeph immer noch nicht eintreten wollte. Ich bleibe, und ich fürchte mich gar nicht vor dem Feind, rief der kleine König, ſtolz ſein Haupt zurückwerfend, daß ſeine langen, goldenen Locken tief über ſeinen Nacken niederrollten. Mein Papa wird ſchon 680 kommen und den Feind verjagen. Aber ſage doch, Mama, wie heißt denn der Feind, der hierher gekommen iſt nach Paris und uns unſer ſchönes Schloß ſtehlen will? Wie heißt denn der Feind? Still, Napoleon, ſagte die Kaiſerin unwillig, was hülfe es, Dir Dinge zu ſagen, die Du nicht verſtehſt. Oh, liebe Mama, rief das Kind mit einem triumphirenden Aus⸗ druck, ich verſtehe dieſe Dinge ſehr gut, denn mein Papa hat oft mit mir Krieg geſpielt, und ſehr oft hat er mit mir am Boden gelegen und wir haben Feſtungen gebaut. Und ehe er neulich abreiſte, hat mir der Papa Kaiſer auch geſagt, daß er in den Krieg zöge, und er hat mir auch geſagt, wer unſere Feinde wären. Ich weiß es noch ſehr gut. Höre nur, Mama: unſere Feinde ſind der Kaiſer von Rußland, der einſt meinem Papa die Hand geküßt und Gott gedankt hat, daß der Papa Kaiſer ſein Freund ſein wollte; der König von Preußen, dem mein Papa ſein ganzes Land nehmen konnte und es ihm in Gnaden ließ; der Kronprinz von Schweden, der von meinem Papa den Krieg gelernt hat und ein treuloſer Diener des Kaiſers iſt, und zuletzt der Kaiſer von Oeſterreich. Aber ſage, Mama, iſt der Kaiſer von Oeſter⸗ reich nicht Dein Vater? Und haſt Du mir nicht geſagt, daß ich alle Abend für meinen Großvater, den Kaiſer von Oeſterreich, beten ſoll? Ja, Napoleon, ich habe Dir das geſagt, flüſterte die Kaiſerin, deren Lippen zitterten und deren Augen ſich mit Thränen füllten. Der Knabe blickte einen Moment ſinnend zur Erde nieder, dann hob er langſam ſeine großen, blauen Augen zu ſeiner Mutter empor. Mama, ſagte er, ich werde von jetzt an niemals mehr für den Kaiſer von Oeſterreich beten, denn er iſt jetzt der Feind von meinem Papa, alſo iſt er auch mein Großvater nicht mehr. Nein, nein, ich bete nicht mehr für den Herrn Kaiſer von Oeſterreich, ich bete nur noch ſo, wie es mein Papa gern hat und wie er mich hat malen laſſen. Und das Kind ließ ſich auf ſeine Kniee niedergleiten, und ſeine Hände emporhebend, rief es mit lauter, inbrünſtiger Stimme:„Lieber Gott, ich bitte zu Dir für Frankreich und für meinen Vater!“ Ein leiſes Gemurmel, ein leiſes Schluchzen der Rührung ging durch den Saal. Die Kaiſerin hatte ihr Taſchentuch vor ihr Antlitz *. 681 gelegt und weinte bitterlich. Der kleine König lag noch immer auf den Knieen und hatte den Blick zum Himmel erhoben. Plötzlich ward die Thür, nach welcher die Kaiſerin ſo lange und ſehnſuchtsvoll hinübergeſchaut, haſtig geöffnet. Marie Louiſe zuckte zu⸗ ſammen und ließ ihre Hände von ihrem Antlitz gleiten, und alle die thränengefüllten, trüben Augen der Anweſenden hefteten ſich gleich denen der Kaiſerin auf den Eintretenden hin. Es war nicht der König Joſeph, welcher kam, ſondern der Adjutant des Generals Clarke, des Kriegsminiſters der Regentin. Er näherte ſich ehrfurchtsvoll der Kaiſerin und bat um die Erlaubniß, ihr eine Botſchaft des Miniſters mittheilen zu dürfen. Sprechen Sie, ſagte Marie Louiſe haſtig, und ſprechen Sie laut, damit Jedermann gleich erfahre, welche Nachrichten wir erhalten. Ich bin von Sr. Excellenz dem Kriegsminiſter beauftragt, Ew. Majeſtät in ſeinem Namen zu beſchwören, daß Sie ſofort und unge⸗ ſäumt abreiſen. Se. Excellenz iſt der Meinung, daß jede Minute die Gefahr vergrößert, und daß vielleicht nach einer Stunde ſchon Ihre Abreiſe nicht mehr möglich ſein dürfte, weil Ew. Majeſtät ſich der Gefahr ausſetzten, Koſacken⸗Streifcorps in die Hände zu fallen. Die ruſſiſchen Corps rücken immer näher heran, und bald werden die Donner der Schlacht vor den Thoren von Paris erſchallen.*) Nun denn, ſagte Marie Louiſe mit bebenden Lippen, ſo ſei es! Laſſen Sie uns abreiſen! Eine allgemeine Bewegung durchlief den großen Saal. Jeder⸗ mann fühlte, daß die Stunde der Entſcheidung gekommen ſei, Jeder⸗ mann fühlte ſich feierlich bewegt und überwältigt von der Größe des Moments. Die Kaiſerin trat raſch einige Schritte vorwärts. Kommen Sie! rief ſie in fieberhafter Aufregung. Laſſen Sie uns abreiſen nach Rambouillet! Plötzlich faßte der König von Rom heftig ihre Hand und wollte *) Meneval: Marie Louise II. p. 266. — ———* ——— —— ————— ſie zurückziehen; ſein ungſi auch leichenblaß und ein wunder⸗ bares Leuchten war in ſeinen Augen. Mama, liebe Mama, rief er angſtvoll, reiſen Sie nicht ab! Rambouillet iſt ein altes, häßliches Schloß., Wir wollen nicht dahin gehen, wir wollen hier bleiben.*) Es geht nicht, mein Sohn, wir müſſen fott, ſagte die Kaiſerin, komm alſo, mein Sohn! Aber der kleine Napoleon ſtieß mit einer heftigen Bewegung des Unwillens ihre Hand fort. Nun denn, Mama, ſagte er, ſo reiſen Sie ab. Ich bleibe hier, ich reiſe nicht fort. Ich will mein Haus nicht verlaſſen, ich will nicht fort gehen! Da Papa nicht da iſt, ſo bin ich Herr! Und ich ſage: ich will nicht fort gehen!**) Die Kaiſerin winkte dem dienſtthuenden Stallmeiſter. Herr von Comiſy, befahl ſie, nehmen Sie den Prinzen auf den Arm und tragen Sie ihn in den Wagen. Der Prinz, ich bin nicht der Prinz, ich bin der König von Rom, rief das Kind in heftigem Zorn. Ich will nicht fort von hier! Ich will mein Haus nicht verlaſſen, ich will nicht, daß Ihr meinen lieben Papa verrathen ſollt!***)— Die Kaiſerin achtete nicht mehr auf ihn, ſie ſchritt raſcher vorwärts. Herr von Comiſy hob den ſchreienden, ſich ſträubenden Knaben in ſeine Arme empor. Quiou, liebe Quiou, rief das Kind, komm mir doch zu Hülfe! Ich will mein Haus nicht verlaſſen! Sire, ſagte Frau von Montesquiou weinend, wir müſſen abreiſen, der Kaiſer hat es befohlen! Das iſt nicht wahr! das iſt nicht wahr! rief der Prinz, indem die Thränen in hellen Strömen aus ſeinen Augen ſtürzten und er ſich *) Die eigenen Worte des kleinen Königs von Rom. Siehe: Meneval. Vol. II. p. 266. **) Ebendaſelbſt. ***) Die eigenen Worte des Königs von Rom. Siehe: Mémoires du Duc de Rovigo. Vol. VII. p. 5 , . 10 683 immer noch loszumachen ſuchte. Das hat mein Papa nicht befohlen, er ſagt, daß man niemals vor dem Feind fliehen muß. Ich will nicht fort, ich will nicht fliehen! Kommen Sie, Sire, kommen Sie! rief Herr von Comiſy und eilte raſch der Thür zu. Ich will nicht! ich will nicht! ſchrie der Knabe, und in tödtlicher Angſt klammerte er ſich an die Thür feſt. Aber Frau von Montes⸗ quivu machte, weinend und vergeblich bemüht, den Prinzen mit ſanften, flehenden Worten zu tröſten, ſeine kleinen eiskalten Hände von der Thür los und Herr von Comiſy eilte weiter. Der ganze Hof, die ganze Reiſebegleitung drängte vorwärts, der Kaiſerin und dem König von Rom nach. Bald war der große, glänzende Saal leer, Niemand befand ſich mehr darin, aber die ſchweigenden öden Räume durchhallte noch das in der Ferne ſich verlierende Jammergeſchrei des kleinen Königs von Rom. Doch all ſein Jammern und Sträuben war umſonſt. Vergebens flehte er, daß man ihn frei laſſen ſolle, vergebens rief er, daß er ſein Haus nicht verlaſſen wolle, vergebens hielt er ſich an den Draperieen, am Treppengeländer feſt,— Herr von Comiſy durfte kein Mitleid mit ihm haben, der Wille der Kaiſerin mußte erfüllt werden!— Endlich war Alles zur Abreiſe geordnet und Jedermann hatte ſeinen Platz eingenommen. Eben ſchlug die große Glocke vom Uhr⸗ thurm der Tuilerien elf Uhr, als der Wagen der Kaiſerin ſich in Be⸗ wegung ſetzte und langſam über den großen Hof hinfuhr. Aus dem Innern des Wagens hörte man noch immer das Weinen des Königs von Rom, der neben der Kaiſerin ſaß, und in welchem außerdem noch die Oberhofmeiſterin der Kaiſerin, die Herzogin von Montebello, und die Gouvernante des Königs ſich befanden. Hinter dieſem Wagen der Kaiſerin folgten neun andere Kutſchen, alle mit dem kaiſerlichen Wappen, dann folgten eine Menge Bagagewagen und der ganze Train eines glänzenden Hofes. Der Wagenzug, der ſich langſam fortbewegte, nahm die ganze ungeheure Länge des großen Tuilerienhofes ein. Jetzt fuhr der Wagen der Kaiſerin durch das große Eiſengitter. Ein kleiner Trupp Neugieriger, etwa hundert Perſonen, ſtanden neben 684 dieſem Gitter und blickten in ſcheuem, düſterem Schweigen, als ſchauten ſie da auf einen Leichenzug hin, auf die rollenden Wagen. Keine Hand erhob ſich, die Kaiſerin zu begrüßen, keine Stimme rief ihr ein Lebe⸗ wohl zu. Langſam, wie ein Leichenzug, bewegten die Wagen ſich vorwärts, den elyſäiſchen Feldern zu. Mit düſteren Blicken ſchauten die Leute ihm nach,— dem Leichenzug des Kaiſerreichs, der ſich jetzt in den Bäumen der elyſäiſchen Felder verlor und durch das„Thor des Sieges“ Paris verließ. — V. Die Einnahme von Paris. Der Donner der Kanonen, welcher am dreißigſten März nicht einen Moment verſtummt war, fing jetzt an ſchwächer zu werden. Die große Schlacht, welche die Verbündeten unter den Mauern von Paris mit ihren vereinten Streitkräften gegen die Corps von Marmont und Mortier geſchlagen, war nicht beendet, aber ſie war abgebrochen. Be⸗ vor man ſich entſchloß, die Stadt mit Bomben zu beſchießen und ſie im Sturm zu nehmen, wollte man noch einmal den Weg der Güte und Verſöhnung verſuchen. Abgeordnete der Monarchen hatten ſich daher zu den Marſchällen Marmont und Mortier begeben, um ſie zu einer ehrenvollen Capitulation aufzufordern. Das iſt nun wieder ſo'ne Weichherzigkeit! brummte Blücher, ſich in ſeine Kutſche zurücklehnend. In den Grund ſchießen ſollt' man das ganze Rattenneſt, dann müßte der Bonaparte mit ſammt den Franzoſen doch endlich zu Kreuz kriechen. Aber ich ſeh' ſchon Alles kommen! Es wird wieder ſo'n angenehmen Frieden„Mach mich nicht naß“ geben, und wir werden uns ſo klein und ſo beſcheiden als möglich machen, um nur ja den Herren Franzoſen kein Aergerniß zu geben! He, Pipen⸗ 685 meiſter, lang' mir mal'nen neuen Stummel in den Wagen! Ich muß eine rauchen, um den Aerger fortzudampfen. Excellenz, ſagte Chriſtian Hennemann, an die Kutſche heranreitend, Excellenz haben aber dem Generalarzt verſprochen, Sie wollten nicht viel rauchen, und beſonders keinen Stummel nicht, weil der warme Dampf und der brennende Tabak den Augen ſchädlich iſt. Excellenz haben aber heute ſchon ſechs Stück Stummel geraucht. Und das iſt ſehr wenig, dünkt mich, ſagte Blücher verächtlich. Was ſind denn ſechs Stummel für'n commandirenden General, der immerfort denken und überlegen muß, wie ich's heute hab' thun müſſen. Gieb mir'nen Stummel, Chriſtian,'s iſt ſchon ſo eine elende und jämmerliche Geſchichte, daß ich hier in dem Affenkaſten von'ner Kutſche ſitzen muß, ſtatt, wie ſich's geziemt, zu Pferde meinen Truppen vor⸗ anzureiten. Iſt aber doch Alles recht gut gegangen, ſagte Chriſtian ruhig, Sie haben Ihre Befehle aus dem Kutſchenkaſten raus wie'n Beſeſſener gebrüllt, die Generäle und Adjutanten haben Alles gut gehört und be⸗ zu ſchreien brauchen, denn wär's auch eben ſo gut geweſen, denn Ihre Huſaren die wollten doch nichts weiter als vorwärts, und wollten eben ſo gut wie ihr Feldmarſchall nach Paris. Und nun müſſen wir hier doch warten und dürfen nicht mal'ne Kanone abfeuern, brummte Blücher. Und dazu thun mir die Augen ſo weh, daß ich ſchier meine, das hölliſche Fieber ſitze in ihnen. Den ganzen Tag hat die Sonne gebrannt, als brennte ſie vor Neugierde zu ſehen, ob wir heut' noch Paris eroberten, immer hat ſie mir auf den Augen geſtanden, und ich hatt' keinen Schirm, mir die alten Augen zu ſchützen. Hab' meinen Augenſchirm heute Morgen beim Ausgucken aus dem Wagen verloren, und der Wind nahm ihn weg und trug ihn in die Luft, als wenn's ein Papierdrache wär'. Nu hab' ich keinen Schirm mehr, und kann nicht mal in Paris rein, denn na⸗ 3 türlich wir capituliren. Hier iſt der Stummel, Excellenz, ſagte Chriſtian, dem Feldmar⸗ . 3— 1 folgt. Uebrigens hätten Sie man blos immerfort Vorwärts! Vorwärts! f —————— 686 ſchall eine Pfeife in die Kutſche reichend. Und nun adje, Herr Feld⸗ marſchall, ich hab' blos'ne Kleinigkeit zu beſorgen! Er ſprengte rüſtig auf ſeinem Klepper von dannen und Blücher ſchaute ihm mit ſehnſuchtsvollen Blicken nach. Glücklicher Kerl, ſagte er ſeufzend, kann ſo leicht und friſch wie'n Vogel dahin brauſen, während ich hier wie'n armer alter Gefangener ſitzen und Alles über mich ergehen laſſen muß. Eben ſprengte ſein Adjutant, der Major von Noſtiz, zu der Kutſche des Feldmarſchalls heran. Nun, Noſtiz, erzählen Sie mal, wie ſieht's aus da draußen in der Welt? ſagte Blücher. Was giebt's für Neuigkeiten? Schlimme und gute, Execellenz, ſagte Noſtiz. Es iſt heute eine mörderiſche Schlacht geweſen und wir haben große Verluſte zu be⸗ klagen. Gegen achttauſend Mann der Verbündeten ſind gefallen, aber wir haben doch eine ungeheure Menge Trophäen aufzuweiſen, viele Geſchütze, Pulverwagen und auch einige Fahnen. Alle Fahnen müßten wir haben! rief Blücher eifrig. Was ſagen denn nun die Monarchen, Noſtiz? Wollen ſie noch immer den gott⸗ loſen Pariſern die Wahl laſſen, ob ſie bombardirt ſein wollen oder nicht? Es wird noch immer unterhandelt, ſagte Noſtiz achſelzuckend. Sind die Monarchen ſelbſt dabei? fragte Blücher. Laſſen ſie ſich herab, in Perſon mit den Marſchällen zu unterhandeln? Nein, Excellenz. Die Monarchen ſind in ihre Quartiere zurück⸗ gekehrt, der König von Preußen iſt nach dem Dorf Pantin, der Kaiſer von Rußland nach Bondy gegangen und ihre Stellvertreter haben ſich nach der Vorſtadt La Chapelle begeben, wo ſie mit den Marſchällen Mortier und Marmont und deren zwei Adjutanten über die Uebergabe von Paris verhandeln. Ich wollt' man blos, daß die Unterhandlungen nicht zu Stande kämen und daß wir doch noch das Vergnügen hätten, dieſe abſcheuliche Stadt Paris, die ganz Europa ſeit zwanzig Jahren ſo viel Kummer und Noth bereitet hat, in den Grund zu ſchießen. Etwas Ausſicht dazu iſt vorhanden, ſagte Noſtiz lächelnd. Die Verbündeten haben verlangt, daß ſich die franzöſiſchen Corps als 687 Kriegsgefangene ergeben ſollen. Das haben die Marſchälle als ſchimpf⸗ lich und entehrend abgelehnt, und man hat ihnen nachgegeben. Darauf aber haben die Verbündeten den Antrag geſtellt, daß die Corps von Marmont und Mortier ſich die Richtung ihres Abzugs müßten vor⸗ ſchreiben laſſen, damit ſie ſich nicht mit dem herbeieilenden Kaiſer ver⸗ einigen könnten. Aber auch dies wollen die Marſchälle nicht zugeben. Wollen ſie's nicht? rief Blücher mit zorniger Stimme; na, das iſt mir lieb, daß ſie's nicht wollen, denn nun merk' ich ſchon, daß es doch zu'ner Beſchießung, zu'nem anſtändigen Bombardement kommt. Dazu wollen wir nun auch gleich alle Anordnungen treffen, damit, wenn's endlich losgehen ſoll, wir Alles bereit haben. Gebt mir's Pferd her! 's Pferd, ſag' ich! Mit der Lebhaftigkeit eines Jünglings öffnete Blücher ſeinen Wagen und ſchwang ſich auf das Pferd, das ſein Reitknecht eben bis dicht an die Kutſche heranführte. Einen Augenblick ſchwankte er im Sattel, einen Augenblick empfand er es wie glühende Dolchſtiche in ſeinen Augen, aber er überwand die Schwäche und den Schmerz. Wo ſind die Herren meines Generalſtabs, Noſtiz? fragte Blüchereifrig. Sie ſind unweit von hier in La Villette, Excellenz. Nach La Villette alſo und von da den Montmartre hinauf. Noſtiz, Sie häben in meinem Namen und auf meinen Befehl dafür zu ſorgen, daß ohne Säumen ſo'n Stück achtzig bis neunzig Kanonen auf dem Montmartre aufgepflanzt werden, damit, wenn's morgen früh losgehen ſoll mit dem Bombardement, Alles dazu in Bereitſchaft iſt.*) Hören Sie, Noſtiz, machen Sie raſch! Es müſſen wenigſtens achtzig Kanonen ſein!— Wollen die Herren Franzoſen ſchon mit unſern Kanonen aus dem Schlaf aufſchrecken, brummte Blücher, indem er, begleitet von ſeinen Ordonnanzofficieren, den Weg nach La Villette dahin ritt; ſollen ſchon ſehen, daß jetzt ein anderes Regiment beginnt und daß ſie nicht mehr *) Varnhagen v. Enſe: Biographie des Fürſten Blücher von Wahl⸗ ſtatt. S. 380. 688 die Herren der Welt ſind, die uns Andere alle in den Staub treten können! In La Villette fand Blücher die Herren ſeines Generalſtabes und ritt, Gneiſenau und Müffling neben ſich und gefolgt von den übrigen Officieren, zu der Höhe des Montmartre hinauf. Es war ein ſchöner, heiterer Frühlingsabend. Die Sonne war untergegangen und das verglimmende Abendroth vergoldete die flat⸗ ternden Wolken, die langſam an dem blauen Himmel dahin zogen, mit einem glänzenden Schein. Tiefe Stille herrſchte ringsum, und dieſe Stille machte nach dem Donner, mit welchem die krachenden Geſchütze den ganzen Tag die Luft erfüllt hatten, einen wunderbar feierlichen Eindruck. Anfangs waren die Herren, lebhaft ſich mit einander be⸗ ſprechend und über die Begebenheiten des heutigen Schlachttages ſich unterhaltend, dahin geritten, aber nach und nach verſtummte das Ge⸗ ſpräch, die feierliche Stille des Abends, das große Ereigniß, das man heute durchlebt hatte, machte einen überwältigenden Eindruck auf alle Gemüther, und auch Blücher fühlte ſich davon hingeriſſen. Jetzt hatte man die Höhe des Montmartre erreicht. Dort unten im Thal, da leg ſie, die große Weltſtadt, die gewaltige Stadt, welche ſeit vielen Jahrhunderten keinen erobernden Feind vor ihren Mauern geſehen— da lag Paris, das ſo lange gefürchtete, das jetzt endlich beſiegte Paris. Stolz und machtvoll ſah man die Thürme von Notre⸗ dame, von Geneviéve, die große Kuppel vom Invalidendome und alle die ſchönen unzähligen Thürme der andern Kirchen emporſteigen, deutlich konnte man die ungeheure Steinmaſſe der Tuilerien, des Louvre und des Palais Royal erkennen, und alle die Paläſte und Häuſer der mächtigen Stadt, aus der ſeit zwanzig Jahren der Imperator dem zitternden Europa ſeine Geſetze gegeben. Und jetzt war dieſe Stadt beſiegt, und von der Höhe des Mont⸗ martre ſchauten die Generäle, welche ſie beſiegen halfen, zu ihr nieder. Es waren preußiſche Generäle, welche ſieben Jahre lang das Elend und die Demüthigung ihres Landes mit zornigem Herzen, aber muth⸗ voll und männlich ertragen, welche ihren Schmerz in ſich hinein gefreſſen und ihren Gram verſchluckt hatten,— dieſer Augenblick, dieſes erſte e — — —— n 689 Hinſchauen auf Paris, das war eine Entſchädigung für Alles, was ſie gelitten, das tilgte ſieben Jahre des Elends aus. Schweigend blickten ſie hinunter auf die große Stadt, ſchweigend auch hatte Blücher eine Zeit lang hinab geſehen, und ſein Antlitz war immer weicher darüber geworden. Das iſt alſo Paris, ſagte er endlich nach einer langen Pauſe, und ſeine Stimme war weich und zitterte faſt. Das iſt Paris, die Stadt, nach der ich mich ſieben Jahre lang geſehnt habe, die Stadt, von der ich wußte, daß meine Augen ſie ſehen müßten, damit ich ruhig ſterben könnte. Lieber Gott, rief er auf einmal, die blauen Augen zum Himmel erhebend und die Mütze abnehmend, lieber Gott, ich danke Dir von Herzen, daß Du uns geholfen haſt, hierher zu kommen, und uns Deinen Beiſtand verliehen haſt, unſer Ziel zu erreichen, und den Mann, der ſo lange der Menſchheit ein Schrecken und den Völkern ein Tyrann geweſen, vom Thron zu ſtürzen. Ich danke Dir auch, daß Du uns, die Männer, welche den Unglückstag von Jena geſehen haben, berufen haſt, den Tag der Befreiung mit zu erkämpfen! Ich danke auch Dir, meine liebe, ſchöne Königin Louiſe, daß Du für uns beim lieben Gott für den Sieg Deiner Preußen gebetet haſt. Ohne des lieben Gottes Hülfe und ohne Dein Gebet, Louiſe, hätten wir doch Nichts zu Stande gebracht. Seliger, verklärter Geiſt unſerer Königin, wenn Du jetzt mit Deinen himmliſchen Augen, die auf Erden ſo viel geweint haben, zu uns niederſchaueſt, oh ſo blicke auch in unſere Herzen und ſiehe, daß ſie voll Dank und Demuth ſind gegen Gott, und daß ſie Dich noch immer ſo lieben und verehren, wie wir Dich geliebt und verehrt haben, als Du noch unter uns wandelteſt. Du haſt uns zum Siege geholfen, Louiſe, hilf uns nun auch, den Sieg würdig und zum Wohl unſeres Vaterlandes zu benutzen. Er ſchwieg, und das Antlitz mit ſeiner Mütze beſchattend, betete er leiſe. Tiefe Stille herrſchte ringsum, die Generäle und Officiere waren ſeinem Beiſpiel gefolgt, ſie hatten ihre Hüte abgenommen und beteten ein ſtilles Gebet des Dankes. Na, und nun iſt's gut, rief Blücher, ſeine Mütze wieder aufſetzend, Mühlig⸗ Napoleon. Bd. III. ————— 3 690 nun haben wir Gott die Ehre gegeben, und unn wollen wir auch'n bischen an uns denken! Ich hoff' noch immer, daß es zum Bombarde⸗ ment kommt und daß wir morgen den Pariſern zum Frühſtück unſere Kanonenkugeln ſenden. Ich will alſo hier auf dem Montmartre bleiben und hier mein Nachtquartier nehmen. Herr Feldmarſchall, Herr Feldmarſchall! rief in der Ferne eine Stimme. Herr Feldmarſchall Blücher, he, wo ſind Sie denn? Hier bin ich! donnerte Blüchers mächtige Stimme. Hier, hier! Und hier bin ich! rief Chriſtian Hennemann, indem er auf ſeinem ſchweißbedeckten Pferde heranſprengte. Pipenmeiſter, Du biſt's? ſagte Blücher erſtaunt. Na, was willſt Du denn und wo warſt Du denn ſo lange? Ich hab' Ihnen man blos'nen Augenſchirm geholt, und hier iſt er, ſagte Chriſtian, indem er ſeinem Feldmarſchall mit tiefſtem Ernſt einen zierlichen Damenhut von grüner Seide mit breitem grünem Rand darreichte. Einen Damenhut! rief Blücher lachend. Na, was ſoll ich denn damit? Aufſetzen, ſagte Chriſtian gelaſſen. Den Kopf hinten ſchneiden wir ab, denn ſo iſt's ein hübſcher Schirm, den ſetzen Excellenz auf, und den Generalshut darüber. Das kann gehen, ſagte Blücher. Aber ſag' mal, Kerl, wo haſt Du denn den Hut her? Hatte heute Nachmittag in einem Landhauſe, das nicht weit ablag und wo wir vorüberkamen, eine Dame mit'nem grünen Hute geſehen, und als der Feldmarſchall nu vorher ſagten, daß Sie'n Augenſchirm haben müßten, da dacht' ich gleich an den grünen Hut, und bin nach dem Hauſe hingeritten und hab' ſo lange geflucht und geklopft an der Hausthür, bis ſie mir aufmachten. Es wohnte Niemand in dem Hauſe drin als Frauensleut, und die flennten und jammerten mörder⸗ lich, als ſie mich ſahen. Na, ich ſagt' ihnen gleich, daß ich ihnen gar nichts thun wollt', man blos den grünen Hut wollt' ich haben. Und weil die Frauensleut' ſo viel ſchrieen, ſo öffnet ſich noch'ne Thür, und die Madame, der's Haus gehört, kam rein, und ſie hatt' noch e ——— 691 immer ihren grünen Hut auf. Nu ging ich grad auf ſie zu und macht' ihr einen Kratzfuß und ſagt: Madame, ſagt' ich, Madame, ſeien Sie ſo gut und geben Sie mir Ihren grünen Hut für meinen Feld⸗ marſchall, der ſchlimme Augen hat. Na, und ſie verſtand Dein gutes mecklenburgiſches Deutſch? fragte Blücher, indem er lächelnd ſeinen Schnurrbart durch die Finger gleiten ließ. Nein, es ſchien, ſie verſtand mich nicht, aber ich machte mich ihr verſtändlich, Excellenz. Na, wie machteſt Du denn das? Ganz einfach, Excellenz, ich ging grade uf ihr zu, faßte an die große Schleefe, die ſie unter'm Kinn an ihren Hut hatte, zupft da dran, daß die Schleefe ufging, faßte dann den Hut an den Schirm und riß'n klein bisken dran, und der Hut ging nu ganz bequem von ihrem Kopf ab. Sie ſchrie ein bischen und fiel in Ohnmacht, aber das ſchadet ſo'n Frauenzimmer nichts, ſie wird auch wohl wieder aufwachen. Ich kehrt' mich nicht weiter d'ran, nahm meinen Hut, ſtieg wieder auf's Pferd und hier bin ich und hier iſt der Augenſchirm, Excellenz. Und ein prächtiger Augenſchirm iſt es, rief Blücher, den Hut auf ſeiner Hand tanzen laſſend. Ich dank' Dir, mein Junge, daß Du'n mir angeſchafft haſt, und ich will ihn tragen Dir zu Ehren, denn es iſt wahr, die Augen thun mir abſcheulich weh und ich gebrauch' einen Schirm für ſie. Will die Frauenzimmer-Standarte auch aufſetzen, wenn wir unſern Einzug in Paris halten, und ich denke wohl, Pipen⸗ meiſter, daß die Pariſerinnen ſich freuen werden, mich ſo recht nach der Pariſer Mode gekleidet zu ſehen. Aber nun, Putzmacherin, nun ſchneid' mir erſt den Kopf hinten raus, denn ſonſt paßt der Schirm nicht über die Augen. Das ſoll bald gethan ſein, ſagte Chriſtian, indem er aus ſeinem Beſteck eine Scheere hervorzog und mit haſtigen Händen die Operation begann, aus einem Damenhut einen Augenſchirm für den Feldmarſchall zu machen. Einige Stunden ſpäter herrſchte vollkommene Stille auf dem 44* 3 692 Montmartre, wie auf allen vom Feinde beſetzten Höhen um Paris. Nach dem Schlachtopfer bedurften die Armeen der Ruhe, und Niemand wehrte ſie ihnen, denn es war kein Feind mehr da, der ihnen Paris ſtreitig machen konnte. V. nacht und Morgen vor Paris. Die verbündeten Armeen ruhten daher und lagerten ſich um die angezündeten Wachtfeuer, in einem Hauſe der Vorſtadt La Chapelle aber unterhandelten die Bevollmächtigten der Souveräne noch immer mit den franzöſiſchen Marſchällen um die Uebergabe von Paris. Tiefe Stille herrſchte jetzt überall, die Nacht war herabgeſunken und hatte den Müden, Traurigen und Erſchöpften nach einem ſturm⸗ vollen Tage ein wenig Frieden und Ruhe gebracht. Aber Der, welcher jetzt in ſauſendem Galopp im offenen Wagen daher gefahren kommt auf der Straße nach Paris, der kennt keinen Frieden und keine Ruhe. Bleich, wie Marmor, iſt ſein Angeſicht, tödtliche Unruhe ſpricht aus ſeinen zuckenden Mienen, feſt geſchloſſen ſind ſeine Lippen und auf ſeiner, von kaltem Schweiß bedeckten Stirn wohnt das Unheil. Ihm zur Seite ſitzt Caulaincourt, auf dem Rückſitz Berthier und Flahault. Starr nach Paris ſind ſeine Augen gerichtet, Paris nur denkt er, Paris nur erſehnt er. Wie die Windsbraut brauſt und donnert der Wagen dahin, näher, immer näher dem erſehnten Ziel. Jetzt ſchon iſt man in Juriffy, nur noch zwei Meilen von Paris. Vor dem Poſthaus wird angehalten und man wechſelt die Pferde. Dann geht's weiter in raſender Eile nach Paris, nach Paris! Caulaincourt, ich werd' doch noch zu rechter Zeit kommen, murmelt 693 der Kaiſer, ſehen Sie nur, ſehen Sie, da ſind wir ſchon bei Fromenteau, in einer Stunde ſind wir in Paris. Man kann ſchon dort drüben, jenſeits der Seine, die Wachtfeuer des Feindes ſehen. Ha, ich werde dieſe Wachtfeuer auslöſchen, ſie werden ſich morgen Abend nicht mehr entzünden, denn morgen Abend wird ſich der Feind nicht mehr vor Paris befinden. Ich werde ihn zurückgedrängt haben! Aber was iſt das? Hören Sie Nichts? Laſſen Sie den Wagen halten! Berthier ruft dem Kutſcher zu, der Wagen hält. Deutlich hören ſie jetzt Alle ein dumpfes Geräuſch. Mit angehaltenem Athem horchen der Kaiſer und ſeine drei Begleiter. Es iſt Reiterei, welche die Straße daher kommt, flüſtert Caulaincourt. Es ſind Geſchützt, murmelt Napolevn. Vorwärts! Vorwärts! ie Es können nur welche von den Unſrigen ſein. Aber warum bewegen le ſie ſich rückwärts von Paris? Vorwärts! Der Wagen rollt weiter. Und ihm entgegen jetzt von der andern Seite der Straße bewegt ſich eine dunkle Maſſe mit dumpfem Rollen daher. 3. Napoleon hat ſich nicht getäuſcht, es ſind Geſchütze!— Caulain⸗ court hat ſich nicht getäuſcht, es iſt Reiterei! . Heda, angehalten, wer da! ruft der Kaiſer den Reitern eigegen, n die dem Zuge voran daher kommen. Angehalten, wer da! n Es iſt der Kaiſer! ruft eine erſtaunte Stimme und ein Reiter ſchwingt ſich vom Pferde und nähert ſich dem Wagen. bt Es iſt der General Belliard, ruft Napoleon und haſtig ſteigt er aus dem Wagen. General, wohin wollen Sie? Wie ſteht es um Paris? uf n* Eine angſtvolle Pauſe trat ein, dann ſagt Belliard mit trauriger — Stimme: Sire, es Alles verloren! 8 Wie denn, Alles verloren? ruft Napoleon heftig. Sie ſehen ja, ich komme! Ich werde in einer Stunde in Paris ſein! Ich werde die Nationalgarde aufrufen, ich werde ſelbſt das Commando der Truppen 5 übernehmen. d Sire, wir ſind zu ſchwach, der Feind iſt uns fünffach überlegen. 6 Aber ich bin da und mein Name wird die Zahl meiner Armee fünffach verſtärken. S murmelt General Belliard, es iſt zu ſpät. 694 — Zu ſpät? Was heißt das? Die Marſchälle Marmont und Mortier haben capitulirt, wir be— nutzen die Nacht, um Paris zu räumen, während die Marſchälle noch über die Capitulation unterhandeln. Ein einziger dumpfer Schrei des Zorns tönte von Napoleons Lippen, dann ſenkte er einen Moment wie zerſchmettert ſein Haupt auf ſeine Brhſt nieder. Aber bald richtete er ſich wieder empor. General Belliard, rief er gebieteriſch. Kehren Sie mit Ihren Truppen nach Paris zurück. Ich werde vor Ihnen da ſein! Ich werde den Kampf wieder aufnehmen. Ich werde ganz Paris zu den Waffen rufen, das Volk von Paris liebt mich, es wird mir treu bleiben, der größte Theil der Arbeiter beſteht aus früheren Soldaten. Sie ver⸗ ſtehen zu kämpfen, ich werde ſie anführen. Wir werden kämpfen, wie man in Saragoſſa gegen uns gekämpft hat, wir werden jeden Fußbreit unſeres Vaterlandes, jeden Schritt in den Straßen unſerer Hauptſtadt mit unſerem Blut vertheidigen, wir werden den Feind wenigſtens einen ganzen Tag lang beſchäftigen, und dann wird meine Armee ankommen und wir werden ſtark genug ſein, den Verbündeten eine Schlacht zu liefern. Ich nmuß nach Paris, überall, wo ich nicht bin, macht man nur dumme Streiche! Mein Bruder Joſeph iſt ein kleinmüthiger, leichtverzagter Menſch und der Miniſter Clarke ein dummer Schwach⸗ kopf, der keinen eigenen Gedanken hat. Marmont und Mortier ſind Verräther, welche den Tod verdient haben, denn ſie handelten wider meine Befehle und meinen ausdrücklich ihnen kund gegebenen Willen. Ich hatte ihnen befohlen, ſich zwei Tage lang zu halten und die Ver⸗ räther haben capitulirt, bevor die zwei Tage verfloſſen ſind. Oh, ich werde ſie zur Rechenſchaft ziehen, ich werde die Verräther und die Feiglinge zu ſtrafen wiſſen!*) Er war mit raſchen Schritten immer vorwärts gegangen, den General Belliard an ſeiner Seite und gefolgt von Caulaincourt, Berthier und Flauhault. *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fain, Manuserit de 1814. S. 208. 6 l e 1 t t 5 S .— 695 3 Ich muß nach Paris, rief der Kaiſer jetzt nach augenblicklichem Schweigen. Laßt meinen Wagen heranfahren! Ich will vorwärts! Sire, ſagte Belliard feierlich, es iſt für Ew. Majeſtät nicht mehr möglich, nach Paris zu gelangen. Ew. Majeſtät laufen Gefahr, auf dem Wege nach Paris und in Paris den verbündeten Vortruppen in die Hände zu fallen. Und wäre Ew. Majeſtät ſelbſt in Paris, ſo würde auch das vergeblich ſein. Die Feinde haben alle Höhen um Paris beſetzt, und ſie können die Stadt mit Bomben und Granaten anzünden, ohne daß Mortier und Marmont mit ihren geſchwächten und erſchöpften Truppen es verhindern können. Sire, es iſt Alles verloren, es iſt keine Ausſicht mehr, die auf eins günſtige Wendung der Dinge hoffen läßt. Nach Paris! Ich will nach Paris! rief der Kaiſer. Sie ſagen, ich kann nicht mehr nach Paris hinein. Nun wohl, ſo werde ich die Truppen der Marſchälle Marmont und Mortier zuſammennehmen, ſie nach Paris führen, und während die Verbündeten ihren Einzug halten, über ihre längs der Boulevards aufgeſtellten Reihen herfallen, und den Kampf auf's Neue beginnen. Sire, ſagte Belliard ſchmerzlich, es iſt zu ſpät, die Marſchälle haben eingewilligt, Paris zu übergeben; nur unter dieſer Bedingung haben ſie für unſere Truppen freien Abzug erhalten. Der Vertrag darf nicht gebrochen werden! Was kümmern mich die Verträge der verrätheriſchen Marſchälle, rief der Kaiſer, mit dem Fuß ſtampfend, mein Wille allein iſt hier Geſetz und Befehl, und mein Wille iſt, daß die Truppen umkehren und mir nach Paris hin folgen. Sagen Sie, Hulin, wandte der Kaiſer ſich an den General und Commandanten von Paris, der eben zu ihm getreten war, ſind Sie nicht meiner Meinung? Die Truppen müſſen nach Paris umkehren? Nein, Sire, ſagte General Hulin ſeufzend, der Vertrag iſt bereits abgeſchloſſen, und er erlaubt den Truppen nicht, unter irgend einem Vorwand nach Paris zurückzukehren. Sind auch Sie der Meinung? fragte Napoleon, ſich an den General 696 „ Curial wendend, der eben mit einem Corps Infanterie daher gekommen war und den Kaiſer begrüßte. Ja, Sire, ich bin der Meinung, ſagte Curial. Die Capitulation iſt abgeſchloſſen, wir ſind glücklich, für unſere erſchöpften und todes⸗ matten Truppen freien Abzug erhalten zu haben. Wir befinden uns Alle ſchon auf dem Marſch in der Richtung nach Fontainebleau. Wir haben keine Hoffnung mehr zu ſiegen, und wir können nur noch machen, daß in Paris ſelbſt ein letztes blutiges Gemetzel, ein letztes fürchter⸗ liches aber nutzloſes Blutbad ſtatt finde. Das können Ew. Majeſtät nicht wollen. Sie werden Mitleid haben mit dem armen, aus tauſend Wunden blutenden Frankreich, Sie werden nicht wollen, daß der Feind das Herz des Landes, daß er Paris mit ſeinen Bomben in Trümmer ſchieße. Und Ihr? fragte Napoleon, mit Todesangſt den Blick ſeinen Begleitern zuwendend. Caulaincourt, theilen auch Sie die Anſicht dieſer Herren? Ja, Sire, ſagte Caulaincourt mit Thränen in den Augen, ich theile Ihre Anſicht. Es iſt zu ſpät um zu ſiegen, jetzt kommt es nur noch darauf au, zu retten, was zu retten iſt. Und Sie, Berthier und Flahault? Sire, es iſt auch unſere Anſicht! Es iſt zu ſpät, Alles iſt verloren! Napoleon ſtieß einen Seufzer aus, der wie das letzte Röcheln eines Sterbenden klang. Nun denn, ſagte er mit matter, tonloſer Stimme, meinen Wagen! Ich will nach Fontainebleau zurückkehren! Caulaincort rief den Wagen herbei, Napoleon ſtieg ein und hieß den Wagen umwenden. Dann, nachdem ſeine drei Begleiter den Wagen beſtiegen hatten, erhob ſich der Kaiſer von ſeinem Sitz und rief mit lauter befehlender Stimme: General Belliard! Hierher! Der General näherte ſich zögernd dem Wagen, immer noch fürch⸗ tend, der Kaiſer möchte ſeinen Entſchluß wieder ändern und doch nach Paris wollen. Belliard, ſagte Napoleon gebieteriſch, ſenden Sie ſogleich eine Ordonnanz an die Marſchälle Marmont und Mortier, laſſen Sie ihnen meinen Befehl überbringen, ihre Truppen vier Meilen ſüdlich e e —— — 697 von Paris hinter den Eſſonne⸗Bach zu führen; dort ſollen ſie ſich auf⸗ ſtellen und meine weiteren Befehle abwarten! Vorwärts jetzt! Nach Fontainebleau!— Der Wagen rollte wieder mit raſtloſer Eile dahin auf dem Wege, den er vorher gekommen. Das marmorne, bleiche Antlitz des Kaiſers durchleuchtete wieder die Nacht— aber es war nicht mehr nach Paris hingewandt, es war nicht mehr voll kühnen Muthes, voll Hoffnung und Energie, ſondern todesmatt, verzweiflungsvoll, hoffnungslos! Zwölf Uhr ſchlug's vom Kirchthurm des Dorfes Juriſſy, als der Kaiſer vor dem dortigen Poſthaus, Cour de France, anhielt und die Pferde wechſeln ließ. Caulaincourt, ſagte er raſch und haſtig, ſteigen Sie aus, nehmen Sie Courierpferde und eilen Sie nach Paris in's Hauptquartier des Kaiſers Alexander! Hindern Sie die Capitulation, treten Sie in meinem Namen dazwiſchen! Ich gebe Ihnen unbeſchränkte Vollmacht! Unterhandeln Sie, ſchließen Sie jeden Vergleich ab, der mich als Oberhaupt von Frankreich gelten läßt! Eilen Sie!*) Die Uhr hatte aufgehört zu ſchlagen, die Mitternachtsſtunde war vorüber und ein neuer Tag begann, eine neue Zeit ſtieg aus dem Schooße der Nacht hervor!— Hell und glänzend ſtrahlte die Sonne am nächſten Morgen empor. Sie ſollte den Verbündeten zu ihrem Triumphzug ſtrahlen. In der Nacht um' zwei Uhr war die Capitulation mit den Marſchällen Mar⸗ mont und Mortier abgeſchloſſen. Die Marſchälle hatten bis Morgens ſieben Uhr des einunddreißigſten März freien Abzug der Truppen er⸗ halten, und die Zuſicherung, daß die Zeughäuſer, Werkſtätten, Maga⸗ zine, Fabriken, Muſeen u. ſ. w. in statu quo ſollten erhalten bleiben. Dagegen ſollte die Nationalgarde und Gensdarmerie entwaffnet werden, und die nach ſieben Uhr zurückbleibenden Verwundeten und Nachzügler Kriegsgefangene werden. Die Stadt Paris war der Großmuth des Siegers empfohlen.**) *) Beitzke. III. S. 496. **) Mémoires du Duc de Rovigo. Vol. IMII. 698 Jetzt war es acht Uhr Morgens und die zur Ehre des Einmarſches auserleſenen Truppencorps der Verbündeten ſtanden bereit. Ein glän⸗ zender Generalſtab aus hunderten von ruſſiſchen, öſterreichiſchen, preu⸗ ßiſchen, württembergiſchen, baieriſchen und ſchwediſchen Generälen be⸗ ſtehend, erwartete die Ankunft des Kaiſers von Rußland und des Königs von Preußen. Sobald dieſe erfolgt war, ſollte die Feierlichkeit des Einzugs in Paris beginnen. Auch der Feldmarſchall Blücher wollte, trotz ſeiner ſchmerzenden Augen, trotz des Fiebers, das ſeine Adern durchraſte, mit den Monarchen ſeinen Einzug in Paris halten. Er hatte ſich, mühſam ſeine Schmerzen unterdrückend, mit Gewalt ſich in ſeinem Fieber aufrecht erhaltend, von ſeinen Dienern ankleiden laſſen. Jetzt war die Toilette vollendet und in der Galla⸗Uniform des Feldmarſchalls, die Bruſt bedeckt mit funkelnden Orden, trat Blücher aus ſeinem Schlafzimmer hervor und befahl, ihm ſofort den Pipen⸗ meiſter Chriſtian Hennemann zu rufen. Chriſtian, rief er dem Eintretenden entgegen, ich bin nun fertig, und ich denk', ich ſeh' recht ſtattlich aus. Aber den letzten Schmuck an meiner Toilette, den mußt Du noch beſorgen. Du haſt ihn er⸗ beutet, und alſo mußt Du'n mir auch anleßen. Was für'n Schmuck denn, Excellenz? fragte Chriſtian erſtaunt. Na, den Augenſchirm, Chriſtian! Komm her und putze mich. Er hielt Chriſtian den ſeines Kopfes beraubten Damenhuͤt dar und ließ ſich auf einem Stuhl nieder. Der Pipenmeiſter nahm den Hut und ließ ihn zierlich über den Kopf des Feldmarſchalls niedergleiten, ſo daß aus dem hohlen Raum des Schirms ſein kahler Schädel wie ein bon einem grünen Hof umgebener Vollmond recht anmuthig hervor⸗ glänzte. Dann ſtülpte er bedachtſam und vorſichtig den mit der wal⸗ lenden Feder und den goldenen Treſſen geſchmückten Feldmarſchallshut darüber.*) So, nun bin ich fertig, ſagte Blücher aufſtehend, nun kann es losgehen! *) Varnhagen: Fürſt Blücher. S. 382. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür, und der General Gneiſenau, begleitet von dem Generalarzt Doktor Voelzke, trat ein. Wie? rief Gneiſenau erſtaunt, vor einer Stunde finde ich Sie im Bett, im furchtbaren Fieber, klagend über Ihre ſchmerzenden Augen, und jetzt ſind Sie nicht allein aufgeſtanden, ſondern in vokler Toilette und, wie's ſcheint, zum Einzug bereit? Na ja, natürlich, ſagte Blücher trotzig. Den Einzug muß ich doch mithalten, und muß doch mein Wort erfüllen, muß'rein nach Paris, nachdem ich geholfen, Ihn'raus zu bringen. Das heißt, rief Doktor Voelzke, Sie wollen Ihr Wort brechen und Ihrem Schwur untreu werden? Was denn für'n Schwur? fragte Blücher erſtaunt. Haben Sie mir nicht vor vier Tagen Ihr feierliches Wort gegeben, Excellenz, daß Sie ſich vierzehn Tage lang meiner Cur unterwerfen und alle meine Vorſchriften getreulich erfüllen wollen? Ja, das habe ich gethan, brummte Blücher, und ich denk', ich hab' auch mein Wort erfüllt. Hab' Ihre Latwergen, Kräuterthee's und Medicinen verſchluckt und einreiben laſſen und Fflaſter gelegt, Alles wie Sie wollten, obwohl ich ſagen muß, daß es noch nichts ge⸗ holfen hat. Aber die Augen ſind doch nicht ſchlimmer geworden, und ſie wer⸗ den bald beſſer werden, wenn Sie auch ferner meinen Anordnungen folgen. Na ja, was wollen Sie denn, daß ich thun ſoll? Hier ſollen und müſſen Sie bleiben. Dürfen nicht ſechs oder acht Stunden zu Pferde ſein und ſich ſtrapaziren, dürfen nicht viele Stunden ſich dem Staub und der Sonnenhitze ausſetzen. Was? Ich ſollte den feierlichen Einzug in Paris mit den Monarchen nicht mitmachen? rief Blücher empört. Ich beſchwöre Ew. Excellenz es nicht zu thun, ſagte der Arzt mit eindringlichem Ton. Gönnen Sie ſich einige Tage der Ruhe und Er⸗ holung und Ihre Augen werden geneſen; ſetzen Sie ſich aber heute dieſen Strapazen, dem Staub und der Hitze aus, ſo komme ich nie wieder über Ihre Schwelle, denn ich will dann nicht die Schande erleben, daß — 700 es heißt, unter meiner ärztlichen Behandlung und Pflege ſei der Feld⸗ marſchall Blücher erblindet. Denn ich ſage Ihnen, Sie werden blind werden, ich werde Ihre Augen alsdann nicht mehr erretten können. Bleiben Sie hier, Excellenz, bat Gneiſenau, ſchonen Sie Ihre lieben, guten Augen, die beſtimmt ſind, noch viel Schönes zu ſehen, und mit ihren Heldenblicken die Welt zu erfreuen. Was kann Ihnen der Triumph einiger Stunden bedeuten, Ihnen, für den jeder Tag ein Triumph ſein wird, und den das ganze befreite Deutſchland erwartet, um ihm ſeinen Dank und ſeine Liebe entgegen zu jubeln? Ach, es iſt mir nicht um des Triumphes willen, rief Blücher un⸗ wirſch. Aber ich hab' mir's ſieben Jahre lang als meinen einzigen Troſt und meine einzige Hoffnung zugeſchworen, daß ich, dem Bona⸗ parte zum Trotz, im Triumph in Paris einziehen wollt', wie der Bona⸗ parte in Berlin eingezogen iſt, und nun wollt Ihr, daß nichts daraus werden ſoll! Sie halten doch Ihren Triumpheinzug in Paris, rief Gneiſenau, und wenn Ihre Perſon auch nicht dabei iſt, Ihr Name fliegt doch, wie unſere ſchönſte Siegesfahne, über den einziehenden Monarchen da⸗ hin, und Jedermann weiß und ſieht es doch, daß Blücher der Held und der Sieger iſt. Bleiben Sie alſo hier, bat Voelzke, denken Sie an die Schmerzen, die Sie ſchon erlitten haben, an die furchtbaren Schmerzen, die Sie dann erleiden werden, und von denen ich Ihnen dann nicht mehr verſprechen könnte, daß ſie aufhören werden! Bleiben Sie alſo hier! Ja, Herr Feldmarſchall, bat Chriſtian Hennemann mit Thränen in den Augen, thun Sie doch, was der Doctor ſagt, bleiben Sie doch hier, damit Sie nicht blind werden. Denn ſehen Sie mal, Herr Feld⸗ marſchall,'n blinder Menſch, das iſt gerade man ſo viel, als'ne ver⸗ ſtoppte Pfeife, die keine Luft hat, ſie gehen Beide aus. Na meinetwegen, rief Blücher, ich bleib' hier. Es ſchadet auch nichts! Mein Tagewerk iſt vollbracht und es liegt mir nichts daran, ob ich im Triumph in Paris einziehe, oder in der Stille. Meinen Theil am Siege, den hab' ich doch und den kann mir Niemand nehmen. Runter iſt er nun, und das wird mir doch Niemand abſtreiten, 701 daß ich'n bischen dazu geholfen hab', daß er'runter mußt von ſei⸗ nem Thron. Na, ich denk', ich hab' auch'n bischen geholfen, ſagte Chriſtian Hennemann feierlich, denn hätt' ich nicht immer die Pfeifen ſo gut im Stand gehalten, ſo hätt' der Herr Feldmarſchall nicht immer ſo präch⸗ tige Gedanken gehabt und hätt' ſo gut Vorwärts commandiren können. Man kann nur ordentlich ſiegen, wenn die Pfeife ordentlich brennt. Haſt recht, Pipenmeiſter, ſo iſt es, ſagte Blücher lächelnd. Die Pfeife,— aber was iſt das? Ging da nicht'n Kanonenſchuß los, und da noch einer. Wär's am Ende nun doch nichts mit der Capitulation und ging's Bombardement los? Nein, Excellenz, ſagte Gneiſenau lächelnd, die Hoffnung müſſen Sie aufgeben! Es ſind die Kanonenſchüſſe, welche den Truppen das Zeichen geben, daß die Monarchen angelangt ſind, und daß man ſich ordnen ſoll zum feierlichen Einzug. Na, dann leben Sie wohl, dann machen Sie, daß Sie fortkommen, rief Blücher eifrig, indem er Gneiſenau und Voelzke nach der Thür hindrängte. Sie gingen, und der Feldmarſchall war jetzt wieder allein mit Chriſtian Hennemann. Na, Pipenmeiſter, ſagte er, nun gieb mir mal'nen Stummel her, während die Anderen in Paris einziehen, da ſollſt Du mir auch ein Vergnügen machen! Komm mal her, Pipenmeiſter, und ſinge mir mal das plattdeutſche Lied, das Du ſangſt den Tag, als Du bei mir in Kunzendorf ankamſt! Die Kanonen donnerten fort und fort; die Monarchen hielten ihren feierlichen Einzug in Paris und während deß ſaß der Feldmar⸗ ſchall mit ſeinem grünen Damenhut auf dem Kopf in ſeinem einſamen Stübchen und ließ behagliche Rauchwolken aus ſeinem Stummel in die Luft wirbeln. Niemand war bei ihm, als der Pipenmeiſter Chriſtian Hennemann, der mit ſchallender Stimme ſang:„Spinn doch, ſpinn doch, mihn lütt lewes Döchting!“ 702 VII. Uapoleon in Fontainebleau. Sieben Tage der Qual, der verſchwiegenen Verzweiflung waren überwunden, ſieben Tage der entſetzlichſten Seelenpein hatte Napoleon in Fontainebleau durchlebt. Alle Bitterniſſe, alle Enttäuſchungen des Unglücks waren über ihn gekommen, aber er hatte Alles ertragen mit dem Anſchein unerſchütterlicher Ruhe, ohne äußerliche Klage, ohne Er⸗ mattung und ohne Zorn. Es war immer noch das kalte, undurchdring⸗ liche, eherne Antlitz des Imperators, wie es geweſen bei ſeinem Triumph⸗ zug in Madrid und Berlin, nach den Siegen von Jena und Auſterlitz, in den Ruhmestagen von Erfurt und Jena, in dem brennenden Moskau, vor den Leichenbergen an der Bereſina und am Rückzugstage von Leipzig. Dieſes Antlitz des Imperators verrieth nichts von den Qualen, die Napoleons Seele erduldete. Nur in der Stille der Nacht hörten ſeine treuen Diener ihn zuweilen klagen und ſeufzen, und raſtlos, un⸗ aufhaltſam, wie einen gefangenen Löwen, in ſeinem Zimmer auf⸗ und abgehen. Aber noch immer fühlte er ſich nicht ganz entmuthigt, immer noch hoffte er. Die treueſten und tapferſten ſeiner Marſchälle waren ja noch bei ihm in Fontainebleau, ſeine alte Garde hatte ihn noch nicht verlaſſen, in Paris hatte er ſo viele Getreue, welche für ihn wirken mußten, weil ſie ihm Alles dankten, weil er ihnen Alles gegeben, Na⸗ men, Ruhm, Ehre und Reichthum. Er hoffte noch immer auf den Tag, wo der Marſchall Marmont mit ſeinen Truppen in Fontainebleau ankommen würde, und wo dann, alle ſeine Truppencorps vereinigend, der Kaiſer mit ihnen nach Paris ziehen und ſeine Hauptſtadt wieder erobern werde. Dieſen Plan überdenkend, war er heute in ſeinem Kabinet allein; über die Landkarte geneigt, prüfte er mit ernſten Blicken die verſchie⸗ denen Stellungen ſeiner Truppen und überlegte, wann endlich ſie alle bei ihm eintreffen könnten. ren e mit Fr⸗ ng⸗ h it, u, len Na⸗ ont nn, ris in hie⸗ alle ——— 703 Aber während der Kaiſer den Kampf überdachte, überlegten ſeine Marſchälle den Frieden. Sie hatten ſich zu einer geheimen Berathung in einem der abge⸗ legenen Säle von Fontainebleau zurückgezogen. Da war ſein alter, treuer Waffengefährte Michel Ney⸗ der Fürſt von der Moskwa, da war Macdonald, der Herzog von Tarent, Lefebre, der Herzog von Danzig, Oudinot, der Herzog von Roggio. Sie Alle dankten Napo⸗ leon ihre Größe, ihren Namen und ihren Ruhm, und es war daher verzeihlich, wenn er jetzt auf ihre Dankbarkeit hoffte. Aber Dankbarkeit gegen Diejenigen, welche gefallen ſind, welche nichts mehr zu geben haben, deren Unglück wie eine Krankheit iſt, die man fliehen muß, um nicht von ihr angeſteckt zu werden! Napoleon war allein in ſeinem Zimmer,— die Marſchälle aber waren beiſammen in dem abgelegenen Saal, und mit düſteren Geſich⸗ tern und mit leiſen, flüſternden Stimmen ſprachen ſie zu einander. Er iſt ein verlorner Mann, ſagte Oudinot leiſe. Er rollt den Abgrund hinunter, und Diejenigen, welche ſich an ihm halten wollen, werden mit ihm fallen. Man muß ihn daher los laſſen, flüſterte Lefebre. Er iſt ſo ſchwer und gewichtig, daß wir ihn nicht aufzuhalten vermögen; die Klugheit gebietet alſo, daß wir uns fern halten von der Lawine, die uns ver⸗ ſchütten könnte. Wir haben für ihn gelitten und geblutet Jahre lang, ſagte Mac⸗ donald, jetzt wäre es an der Zeit, daß er für uns litte und für uns blutete. Sein Tod würde alle Abgründe ſchließen, alle Schwierigkeiten ebnen und alle Wirrniſſe ausgleichen. Ja, es iſt wahr, murmelte Ney, ſein Tod würde uns neues Leben geben. Aber er wird nicht ſterben, ſein Herz iſt von Bronce, das bricht nicht. Nein, er wird nicht freiwillig ſterben, ſagte Oudinot. Die Marſchälle ſchwiegen und ſchaueten einander an mit finſteren, ſeltſamen Blicken. Jeder ſchien in der Seele des Anderen leſen und die düſteren Gedanken errathen zu wollen, die auf dem Grunde der⸗ ſelben zu flüſtern begannen. . 704 Nein, er wird nicht freiwillig ſterben, wiederholte Macdonald. Aber die Millionen Soldaten, die auf den Schlachtfeldern gefallen, ſind auch nicht freiwillig geſtorben, Napoleon hat ſie in den Tod ge⸗ jagt. Jetzt iſt er auch nicht mehr als ein bloßer Soldat; wären wir zu tadeln, wenn wir, um Frankreich zu retten, ihn in den Tod jagten? Aber wie wollen wir das fragte Lefebre. Er hat hier Caulaincourt, Berthier und Maret, die drei Seiden des neuen Cä⸗ ſars, die wohl im Stande wären, gleich dem Antonius den blutigen Mantel Cäſars dem Volke zu zeigen, und uns ein Loos zu bereiten, wie es Caſſius und Brutus geworden. Ich habe nicht Luſt, mein Haus brennen zu ſehen und flüchten zu müſſen. Man muß es alſo nicht machen, wie die Generäle des erſten Brutus es gemacht haben, ſagte Ney düſter. Wie ein Halbgott hat er gelebt, wie ein Halbgott muß er ſterben. Keine Spur von ihm muß bleiben, zum Himmel und zu den Göttern muß er emporſteigen, wie Romulus. Ja, keine Spur muß bleiben, ſagte Macdonald düſter. Ueber⸗ legen wir, was zu thun iſt. Sie neigten ihre Köpfe dichter aneinander und flüſterten leiſe, ſo leiſe und dumpf, daß ſie kaum ſelbſt einander verſtanden. Dann, nach einer langen geheimen Berathung, nickten ſie einander zu, als wären ſie einig über das, was zu thun ſei, und als gäbe es jetzt keine Zweifel und keine Bedenken mehr. Caulaincourt, Bertrand und Maret allein ſind zu fürchten, ſagte Oudinot laut. Wenn ſie nicht ſchweigen wollen, muß man ſie zum Schweigen zwingen. Und Berthier? Was machen wir mit Berthier? Wir ſagen es ihm, wenn Alles vorüber iſt, ſagte Macdonald achſelzuckend. Berthier iſt nicht zu fürchten, er hat ein Herz von Baum⸗ wolle und einen Kopf von Wind. Alle lachten; dann ſagte Oudinot mit ernſter, grollender Stimme: Es iſt Zeit, daß wir zum Abſchluß kommen. Wir ſind ſchon im Mo⸗ nat April, und noch immer iſt nichts entſchieden; der Kaiſer von Ruß⸗ land wird ungeduldig, und der zukünftige König von Frankreich wird es uns nie vergeben, wenn wir ſeine Heimkehr nach Paris verzögern. ld. en, Re wir n iet en en, ein ſen hat hu en, er⸗ 705 Wir müſſen alſo einen feſten Beſchluß faſſen, und das muß heute noch, in dieſer Stunde noch geſchehen. Kommen Sie, meine Herren, laſſen Sie uns zum letzten Mal den Weg der Güte und der Ueberredung verſuchen. Wir müſſen ihm offen und ehrlich von ſeiner Abdankung ſprechen, er muß ſie definitiv ausſprechen, oder— Oder wir werden ihn dazu zwingen, ſagte Macdonald. Er hat uns oft genug gezwungen zu thun, was wir nicht wollten. Kommen Sie, meine Herren, gehen wir zum Kaiſer.*) Der Kaiſer ſaß noch, über ſeine Karte geneigt, in ſeinem Kabinet, als die vier Marſchälle zu ihm eintraten. Ein raſcher Blitz ſeiner Augen traf die Eintretenden, und in ihren bleichen, trotzigen Geſichtern las er, daß ſie nicht zu ihm kamen als ſeine Freunde, ſeine Diener, ſondern als ſeine Gegner. Es freut mich, ſagte der Kaiſer ruhig, daß Sie meiner Aufforde⸗ rung zuvorkommen und mich aufſuchen, während ich Sie alle gerade zu mir beſcheiden wollte. Wir müſſen einen Kriegsrath halten, meine Herren Marſchälle. Ich habe den morgenden Tag zu einem allge⸗ meinen Angriff auf die Verbündeten feſtgeſetzt, und ich wollte Sie hier verſammeln, um Ihnen meinen Plan zu detailliren. Gehe Einer von Ihnen und rufe Berthier, der Theil haben muß an unſeren Be⸗ rathungen. Sire, ſagte Ney mit rauher Stimme, bevor wir die Berathungen über den Krieg beginnen, müßten wir doch zuerſt überlegen, ob der Krieg noch möglich, ob er an der Zeit, und ob er wünſchenswerth iſt. Napoleon ſchleuderte auf ihn einen Blick, vor dem der Marſchall ſonſt ſein Herz in Schrecken würde erzittern gefühlt haben, der heute aber keinen Eindruck auf ihn machte. Ich glaube, fuhr Ney fort, daß Frankreich jetzt nicht mehr in der Lage iſt, einen erneuerten Krieg ertragen zu können. Frankreich iſt erſchöpft, todesmatt, es blutet aus tauſend Wunden, es geht ſeinem ſicheren Ruin entgegen, wenn es einen nutzloſen Kampf noch länger *) Dieſe Unterredung findet ſich in den Mémoires de la Puchesse d'Abrantès. Vol. XVIII. p. 20. Mühlbach, Napoleon III. Bd. 45 706 fortſetzen ſoll. Die Finanzen ſind erſchöpft, und ſie werden ſich nicht wieder herſtellen, denn das Volk hat keine Hülfsquellen mehr, um ſich zu ernähren und die Steuern zu zahlen. Unſere Aecker ſind unbeſtellt, unſere Fabriken ſtehen ſtill. Unſere Magazine und Kaufhallen ſind geſchloſſen, unſer Handel und Verkehr liegt darnieder, denn Frankreich hat kein Geld, keinen Credit und keine Arbeitskraft mehr. Welche Mittel haben Ew. Majeſtät, um Frankreich ſeinem großen Unglück zu entreißen? Ich habe nur das eine Mittel: den Feind morgen anzugreifen, ihn, der das ganze Elend Frankreichs veranlaßt hat, aus Frankreich zu vertreiben, und Frankreich alſo den Frieden zu geben, ſagte Napo⸗ leon würdevoll. Sire, Frankreich iſt des Kampfes müde, rief Ney, es will den Frieden auch ohne Kampf! Iſt das auch Ihre Meinung, meine Herren Marſchälle? fragte der Kaiſer haſtig. Ja, Sire, das iſt auch unſere Meinung, riefen die Marſchälle wie aus einem Munde. Nun denu, ſagte Napoleon nach kurzem Beſinnen, wiſſen Sie ein Mittel, Frankreich den Frieden auch ohne Kampf zu geben? Die Marſchälle ſchwiegen; es ſchien, ihre Lippen ſcheuten ſich, die Gedanken ihrer Seele auszuſprechen. Aber der Fürſt von der Moskwa, Marſchall Ney, überwand dieſe Scheu. Sire, ſagte er, die Allirrten haben in ihrer Proclamation geſagt, daß es nicht Frankreich ſei, gegen welches ſie Krieg führten. Nicht Frankreich, ſondern ich, rief Napoleon. Ach, Ihr kommt, mir eine Abdankung vorzuſchlagen? Wir kommen, Ew. Majeſtät zu beſchwören, daß Sie Frankreich ein letztes großes Opfer bringen möchten, ſagte Marſchall Ney. Sire, rief Oudinot, möge Ihre Heldenſeele zum Wohle Frank⸗ reichs ſich ſelbſt beſiegen und ihm den Frieden geben. Sire, nehmen Sie den Fluch von dem armen, darniedergebeugten Frankreich, und es wird Sie ewig ſegnen, ſagte Lefebre. ⸗ en 707 Geben Sie Frankreich den Frieden, nach welchem es ſeit fünfund⸗ zwanzig Jahren vergeblich ſchmachtet, rief Macdonald. Der Kaiſer hatte ſeine flammenden Blicke jedem der Marſchälle, welcher ſprach, zugewandt, und vor dieſen Blicken hatte Jeder von ihnen die Augen niedergeſchlagen. Jetzt, nachdem ſie Alle geſprochen, trat eine bange, athemloſe Stille ein. Plötzlich durchſchritt Napoleon haſtig das Zimmer und trat zu ſeinem Schreibtiſch hin. Noch einen letzten Blick voll Stolz, Verachtung und Zorn warf er hinüber auf ſeine vier Marſchälle, dann ſetzte er ſich, nahm mit feſter Hand eine Feder und ſchrieb. Die Marſchälle ſtanden ſchweigend da und blickten mit düſteren, verlegenen Mienen hinüber zum Kaiſer. Jetzt warf Napoleon die Feder hin, und indem er aufſtand, nahm er das Papier, auf welchem er geſchrieben, und rief mit einem Wink ſeiner Augen den Marſchall Ney zu ſich heran. Hier, Herr Fürſt von der Moskwa, ſagte Napoleon. Leſen Sie den Marſchällen vor, was ich geſchrieben. Ney nahm das Papier, und mit zitternder Stimme las er:„Da die verbündeten Mächte verkündet haben, daß der Kaiſer Napoleon das einzige Hinderniß des Friedens in Europa iſt, ſo erklärt der Kaiſer Napoleon, treu ſeinem Eid, daß er bereit iſt, vom Throne zu ſteigen und Frankreich zu verlaſſen, ja ſogar das Leben zum Wohl des Vater⸗ landes hinzugeben, vorausgeſetzt, daß man die Rechte ſeines Sohnes und der Regentin Marie Louiſe, ſowie die Geſetze des Landes aufrecht und unverletzt erhält.“*) Ihr habt es gewollt, Euer Wille iſt geſchehen, ſagte Napoleon, nachdem Ney geleſen. Die Herren Marſchälle Macdonald und Ney werden in Begleitung Caulaincourts ſich mit dieſem Schreiben nach Paris begeben. Sie werden unterwegs den Marſchall Mortier auf⸗ ſuchen und ihn auffordern, Sie nach Paris zu begleiten. Die vier Herzöge werden ſich zum Kaiſer Alerander begeben, ihm meine Erklä⸗ *) Fain, Manuscrit“ de 1814. 45* 708 rung übergeben und mit ihm über die Zukunft meines Sohnes und die Regentſchaft meiner Gemahlin unterhandeln! Wieder durchlebte Napoleon jetzt einen Tag der Qual, der peini⸗ genden Ungeduld. Er hatte die Marſchälle und den Herzog von Vi⸗ cenza nach Paris abgeſchickt, um ſeine Thronentſagung zu verkünden, und er erwartete die Entſcheidung. Aber dieſes Mal ſollte die Entſcheidung nicht lange auf ſich warten laſſen. Am ſiebenten April trat der Herzog von Vicenza bleich, mit trau⸗ rigen Mienen in das Kabinet des Kaiſers ein. Caulaincourt, rief Napoleon, Sie waren bei Alexander? Sie haben ihm meine Thronentſagung übergeben? Ja, Sire, wir waren bei dem Kaiſer Alexander, ſagte Caulain⸗ court traurig. Ach, Sire, ich bin der Bote ſchlimmer Nachrichten, und meine Lippen ſträuben ſich, ſie auszuſprechen. Reden Sie, Caulaincourt, rief Napoleon. Ich habe den Muth, Alles zu hören, haben Sie alſo den Muth, Alles zu ſagen. Ich will die ganze, volle Wahrheit wiſſen. Nun denn. Sire. Es iſt Alles verloren. Der Kaiſer Alerander hat heute eine öffentliche Erklärung ergehen laſſen, die in Paris an allen Ecken angeſchlagen iſt, daß er weder mit„Bonaparte, noch mit einem Mitglied ſeiner Familie,“ irgend in weitere Unterhandlungen treten will. Ach, der Treuloſe, murmelte Napoleon, er hat mir einſt ewige Freundſchaft und Treue geſchworen. Weiter, Caulaincourt, weiter! Was ſagt die ſogenannte proviſoriſche Regierung, deren Vorſitzender Herr Talleyrand iſt, der verrätheriſche Prieſter, den ich groß gemacht, den ich zum Fürſten erhoben, den ich mit Ehrentiteln und Würden überhäuft habe, und der jetzt der Führer der Royaliſten geworden iſt? Was ſagt Herr Talleyrand, und die proviſoriſche Regierung, und der Senat, den ich ernannt habe, und der mir den Eid der Treue ge⸗ ſchworen hat? Sire, der Senat hat gerade geſtern, am ſechſten April, feierlich erklärt, daß der Kaiſer Napoleon des Thrones verluſtig ſei, weil er e 709 durch Mißbrauch der ihm übertragenen Gewalt, durch Despotismus, durch Aufhebung der Preßfreiheit, durch willkührlich n Kriege, durch die offen zur Schau getragene Verachtung der Menſchen und ihrer Geſetze ſich der heiligen Würde, der Vater eines Volkes zu ſein, unwerth gemacht habe. Der Senat ſagt ferner, daß er die Bour⸗ bonen auf den Thron Frankreichs zurückrufe. In Folge dieſer Erklä⸗ rung hat die proviſoriſche Regierung heute proclamirt, daß bis zu der Ankunft des Königs Ludwig des Achtzehnten die Regierung des Landes allein in ihren Händen ruhe. Ach, die Verräther! rief Napoleon mit flammenden Zornesblicken. Sie haben das gewagt, ſie haben die Unverſchämtheit ſo weit getrieben! Sehen Sie, welche feile Creaturen dieſe Menſchen ſind! So lange das Glück mir treu blieb, waren dieſe Leute, welche ſich jetzt proviſo⸗ riſche Regierung und Senat im Namen Ludwigs nennen, meine gehor⸗ ſamſten, ſchmeichleriſchſten Diener. Sie thaten Alles, was ich forderte, ſie waren die gehorſamen Werkzeuge meines Willens, und nie haben ſie mich eine Klage über den Mißbrauch meiner Gewalt vernehmen laſſen. Ach, ſie beſchuldigen mich der Menſchenverachtung; nun ſagen Sie, Caulaincourt, ob die Welt nicht jetzt erkennen wird, daß ich einigen Grund dazu gehabt habe?*) Sire, es iſt wahr, Ew. Majeſtät haben auf Ihrem Wege viele Undankbare gefunden, und werden deren noch täglich finden, ſagte Cau⸗ laincourt ſeufzend. Die Treuloſigkeit ſcheint jetzt zu einer epivemiſchen Krankheit geworden zu ſein. Ach, ich ſehe, Sie haben mir noch nicht Alles geſagt, rief Napo⸗ leon heftig. Sprechen Sie. Zuerſt, was war das Ergebniß Ihrer Unterhandlungen mit dem Kaiſer Alexander? Sire, wenn Ew. Majeſtät ſich entſchließen, für Sich und Ihre Erben dem Thron Frankreichs für immer zu entſagen, ſo bieten die verbündeten Souveraine Ew. Majeſtät Corſica oder Elba als ſouve⸗ raines Eigenthum an, und Frankreich wird Ew. Majeſtät dort eine Penſion von zwei Millionen Francs jährlich zahlen. *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fain, Manuscrit de 1814. 710 Ich ſoll abdanken auch für meinen Sohn, für meinen lieben klei⸗ nen König von Rom? rief Napoleon ſchmerzlich. Nein, nein, nimmer⸗ mehr! Ich kann meinen Sohn ſeines Erbes nicht berauben. Lieber will ich den letzten Kampf der Verzweiflung kämpfen, mich an die Spitze meiner Armee ſtellen und, die Rechte meines Sohnes verthei⸗ digend, entweder ſiegen oder ſterben. Sire, ſagte Caulaincourt ſeufzend, Ew. Majeſtät hat keine Armee mehr. Der Verrath iſt auch unter Ihre Marſchälle eingedrungen. Was heißt das? rief Napoleon haſtig. Was wollen Sie damit ſagen? Es iſt wahr, Sie kommen allein! Wo ſind die Marſchälle? Wo ſind Ney und Macdonald? Sire, ſie ſind in Paris zurückgeblieben. Ach, ich verſtehe, rief Napoleon mit einem bittern Lächeln, ſie er⸗ warten dort den König Ludwig den Achtzehnten, um ihm ihre Dienſte anzubieten. Aber wo iſt Marmont? Sie wiſſen wohl, ich liebe Marmont, und ich ſehne mich, ihn zu ſehen. Warum kommt er denn nicht? Sire, ſagte Caulaincourt nach einer langen Pauſe, der Marſchall Marmont iſt mit dem ihm von Ew. Majeſtät anvertrauten Truppen⸗ corps von zehntauſend Mann zu den Verbündeten übergegangen. Marmont, rief Napoleon faſt mit einem Schrei, Marmont ein Verräther? Das iſt nicht wahr, das iſt nicht möglich! Marmont kann mich nicht verrathen haben! Sire, er hat es dennoch gethan. Er hat die Truppen, trotz ihres offenen Widerſtrebens, nach Verſailles geführt, um dort ſich mit den Verbündeten zu vereinen, nachdem dieſe ihm feierlich zugeſagt, daß ſie die franzöſiſchen Truppen als befreundete betrachten wollen. Marmont hat mich verrathen! murmelte Napoleon. Marmont, den ich geliebt habe, wie einen Sohn, der mir Alles verdankt, was er iſt, der— Seine Stimme ſtockte, das Herz von Bronce hatte einen Riß bekommen, und das weiche, blutende Menſchenherz ward darunter ſichtbar. Er ſank auf einen Stuhl nieder und legte langſam ſeine beiden Hände über ſein zuckendes Angeſicht. * MII. Eine Seele im Tegefeuer. Es war am elften April. Napoleon befand ſich in ſeinem Kabinet zu Fontainebleau. Er ſaß vor ſeinem Schreibtiſch und ſtarrte auf das Papier hin, das vor ihm auf dem Tiſch lag. Dieſes Papier, das war die Acte ſeiner unbedingten Entſagung für ſich und ſeine Familie auf den Thron Frankreichs. Einmal dieſes Papier unterzeichnet, war Napoleon nicht mehr der Kaiſer von Frank⸗ reich, ſein Sohn nicht mehr der König von Rom, ſeine Gemahlin nicht mehr die Kaiſerin, vielleicht nicht einmal mehr ſeine Gemahlin. Einmal dieſes Papier unterzeichnet, nahm er alle Bedingungen — der Verbündeten an. Das heißt: er ſtieg von dem ſtolzen Thron aller ſeiner Reiche nieder und ging auf die kleine Inſel Elba, um dort als penſionirter Kaiſer ein kleines Schattenreich zu regieren; das heißt: ſeine Gemahlin führte nicht mehr, gleich ihm, den Titel einer Kaiſerin,„ ſondern ſie ward die Herzogin von Parma, und der König von Rom . ward nicht der Erbe ſeines Vaters, des Kaiſers von Elba, ſondern der Erbe ſeiner Mutter, der Herzogin von Parma, und man wollte 1 ihm den Titel:„der Herzog von Reichſtadt“ geben. Einmal alſo dieſes Papier unterzeichnet, hatte er nicht blos Frank⸗ reich entſagt, ſondern auch ſeiner Gemahlin und ſeinem Sohne! Und Napoleon liebte dieſe Beiden, er war Marie Louiſen mit 6 aufrichtiger Neigung zugethan, er liebte den König von Rom mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit. Ehe er alſo einwilligte, die Entſagungs⸗ acte zu unterzeichnen, wollte er wiſſen, ob Marie Louiſe damit einver⸗ ſtanden ſei, ob ſie nicht von den Verbündeten, zu denen ihr eigener Vater gehörte, wenigſtens fordern wolle, daß man ihr geſtatte, mit ihrem Sohne bei ihrem Gemahl auf der Inſel Elba zu wohnen, mit ihm ſein Exil zu theilen. Napoleon hatte lange keine Nachricht von ſeiner Gemahlin er⸗ halten; er ſchrieb ihr täglich, aber ſeit ſechs Tagen waren die Ant⸗ worten auf ſeine Briefe ausgeblieben. Doch der Kaiſer mißtraute ihr nicht, er wußte, daß Marie Louiſe ihn liebe. Sein Herz verlangte nur nach ihr, und es hatte nur unausſprechliche Sehnſucht nach dem blondgelockten Haupte ſeines Kindes. Er hatte geſtern Berthier mit einem Briefe nach Orleans zu Marie Louiſen geſandt. Berthier ſollte ihm ſagen, was ſeine Gemahlin denke und wünſche, Berthier ſollte, wenn ſie den Muth hätte, es zu wollen und ihr Recht in Anſpruch zu nehmen, Berthier ſollte ſie zum Kaiſer nach Fontainebleau begleiten, und von dort aus ſollte Marie Louiſe ihrem Vater erklären, daß ſie es als ihr heiliges Recht fordere, mit ihrem Kinde bei ihrem Gemahl zu bleiben. Das hoffte Napoleon, das erwartete er von ſeiner Gemahlin, und darum war er jetzt ſo voll Unruhe und Seelenangſt, denn er ſah der Rückkehr Berthiers entgegen, und er hoffte, Marie Louiſe werde ihn begleiten. Nicht früher wollte er die Entſagungsacte unterzeichnen, Marie Louiſens Liebe, der Anblick ſeines Sohnes ſollte ihm Kraft dazu geben. Er ſtarrte auf die Schrift hin, und indem er dieſe Worte der Schmerzen las, dachte er an die Tage, welche geweſen, an die Tage, wo Europa zu ſeinen Füßen gelegen, und wo auch er kein Erbarmen und kein Mitleid gehabt hatte. Die Thür des Kabinets ward jetzt leiſe geöffnet und der Herzog von Baſſano trat ein. Napoleon fuhr haſtig aus ſeinem Sinnen empor und ſprang auf. Maret, rief er, Sie kommen mir zu ſagen, daß Ber⸗ thier wieder da iſt, nicht wahr? Ja, Sire, er iſt da. Und er— er iſt allein? Ja, Sire, er iſt allein. Napoleon ſeufzte. Laſſen Sie Berthier eintreten, ſagte er, aber bleiben Sie hier. Maret trat zur Thür und öffnete ſie. Der Prinz von Neufchatel trat ein, aber nicht mit heiterem, offenem Geſicht, ſondern geſenkten Hauptes, traurig und ſchweigend. Mit einem einzigen Blick auf dieſes gebeugte Haupt, auf dieſes 13 bleiche, finſtere Angeſicht wußte Napoleon, daß Berthier mit ſeiner Sendung geſcheitert ſei, und wieder ſeufzte er tief auf. Nun, Berthier, ſagte er dann, ſich gewaltſam aufraffend. Sprechen Sie, ſagen Sie mir Alles. Sie haben die Kaiſerin geſehen? Ja, Sire, ich habe ſie geſehen. Ich traf Ihro Majeſtät im Be⸗ griff, von Orleans abzureiſen. Ach, ſie kommt alſo hierher, rief Napoleon freudig. Nein, Sire. Sie hatte am Tage zuvor den Beſuch des Fürſten Metternich empfangen, und dieſer hatte ihr eigenhändige Briefe ihres Vaters, des Kaiſers von Oeſterrcich, überbracht. In dieſen Briefen hatte der Kaiſer von ſeiner Tochter gefordert, daß ſie ſich nach Ram⸗ bouillet begebe, wo der Kaiſer mit ihr zuſammentreffen wolle. Und Louiſe hat es angenommen? Ja, Sire. Ihro Majeſtät ſagte mir mit Thränen, daß ihr keine andere Wahl geblieben, als ſich dem Willen ihres Vaters zu unter⸗ werfen, weil ſie nur durch ſeine Vermittelung hoffen könne, das Schickſal ihres Sohnes und ihr eigenes zu ſichern. Sie beklagte es, daß ihr nicht geſtattet ſei, nach Fontainebleau zu kommen, aber ſie habe es dem Fürſten Metternich, der im Namen des Kaiſers ſie darum erſucht, feierlich verſprochen, vor der Entſcheidung über ihre Zukunft Ew. Ma⸗ jeſtät weder zu ſehen, noch in directem Briefwechſel mit Ew. Majeſtät zu bleiben. Und ſie hat dieſe unwürdige Zumuthung nicht mit Entrüſtung ab⸗ gelehnt? rief der Kaiſer. Sie hat ſich nicht erinnert, daß ſie mein Weib iſt, und daß ſie mir Treue geſchworen hat? Sire, die Kaiſerin ſagte, ſie dürfe ſich jetzt, um ihres Sohnes willen, nut als Prinzeſſin von Oeſterreich fühlen, und die Prinzeſſinnen von Oeſterreich würden alle erzogen im unbedingten und widerſtand⸗ loſen Gehorſam gegen die Befehle des Kaiſers, ihres Vaters.*) Sie gehorche alſo jetzt ihrem Vater, um dafür ſpäter das Glück haben zu können, Ew. Majeſtät wieder ganz anzugehören. Denn ſobald nur ihre Zukunft geſichert, ſobald man ihr das Herzogthum Parma und *) Meneval: Mémoires ete. IH. 80. 714 ihrem Sohn die Erbfolge deſſelben geſichert, ſolle nichts ſie abhalten von ihrer Wiedervereinigung mit ihrem geliebten Gemahl, und wenn Ew. Majeſtät ſich entſchließen wollten, die Inſel Elba anzunehmen, ſo würde die Kaiſerin ſicherlich ſich auch bald dorthin begeben. Die Kaiſerin ſchlug vor, daß, da ihr der unmittelbare Briefwechſel mit Ew. Majeſtät unterſagt ſei, ſie Beide durch ihre Kabinetsſecretaire mit einander verkehren möchten, daß Ew. Majeſtät durch den Baron Fain Alles, was Sie wünſchten, das Ihro Majeſtät erfahren ſollten, an den Herrn von Meneval ſchreiben ließen, und daß die Kaiſerin es ebenſo mit Herrn von Meneval machen werde. Eine ächt frauenhafte Liſt, ſagte Napoleon düſter vor ſich hin. Sie hat keinen Muth, und ſie liebt mich nicht genug, um ihrem Vater Trotz zu bieten. Berthier, fragte er dann laut, Berthier, ſahen Sie den König von Rom? Sahen Sie meinen Sohn? Nein, Sire, man verweigerte es mir den Prinzen zu ſehen, man fürchtete, es werde ihn zu ſehr aufregen, und ihn zu ſehr an die Ver⸗ gangenheit erinnern. Denn der König von Rom verlangt immer nach ſeinem Vater! Er verlangt nach ſeinem Vater, rief der Kaiſer ſchmerzvoll, und ſein Vater kann ihn nicht ſehen, kann ihn nicht zu ſich rufen! Oh, Berthier, das thut weh, ſehr weh! Aber Ew. Majeſtät werden bald mit ihm vereinigt werden, ſagte Maret innig. Unterzeichnen Sie die Entſagungsacte, gehen Sie nach Elba, Sire, und Niemand kann die Kaiſerin verhindern, mit ihrem Sohn zu Ihnen zu kommen. Sie will es und ſie hat ein heiliges Recht, ihren Willen auszuführen. Nun denn, es ſei, ſagte der Kaiſer hochathmend. Ich will Alles unterzeichnen. Ich will entſagen, ich will auch dieſen zweiten Tractat hier unterzeichnen, der mich zum Kaiſer von Elba macht! Ich will meine Gemahlin und meinen Sohn wieder haben! Er trat raſch zu dem Tiſch hin und, die Feder nehmend, unter⸗ zeichnete er mit feſter und ſicherer Hand die beiden Aktenſtücke. Gut, ſagte er, die Feder weit hinein ſchleudernd in das Zimmer, ich bin jetzt nicht Kaiſer von Frankreich mehr, aber auch nicht mehr 715 Gefangener in Fontainebleau. Ich werde in Elba wenigſtens frei ſein, ich werde meine Tapfern der alten Garde um mich haben, ich werde meine Gemahlin und meinen Sohn wieder ſehen. Das heißt, mur⸗ melte er düſter vor ſich hin, das heißt, wenn ihr Vater es ihnen er⸗ laubt. Denn ohne ſeine Erlaubniß wird ſie es nicht thun. Louiſe iſt ja Prinzeſſin von Oeſterreich und ſie iſt alſo im Gehorſam erzogen. Oh Gott, Gott, ich hatte mich ſo ſehr nach dem Troſt ihrer Gegen⸗ wart geſehnt. Sie hätte mich nicht allein laſſen ſollen in dieſen Tagen! — Er neigte ſein Haupt und ſtarrte vor ſich hin und ganz leiſe mur⸗ melten ſeine Lippen: Joſephine hätte es nicht gethan! Joſephine wäre mit mir in die Verbannung gegangen! Lange ſaß er ſo da, in ſich gekehrt, ſchweigend, den Stimmen der Erinnerung lauſchend, welche zu ihm flüſterten von der Vergangenheit und von Joſephinen. Aber er wollte, er durfte dieſe Stimmen nicht mehr hören, er fühlte, daß ſie ihn weich machten, daß ſie ſein ſo mühſam aufrechtgehaltenes Herz brächen. Nach einer ungeſtümen Bewegung ſprang er auf und rief, das Haupt ſtolz zurückwerfend: nun denn, ich habe mein Geſchick ange⸗ nommen und ich will es ertragen. Wir werden alſo nach Elba gehen! Ihr werdet mich begleiten, meine Freunde, ich werde alſo nicht allein ſein? Nicht wahr, Maret und Berthier, Ihr verlaßt mich nicht? Sire, ich folge Ew. Majeſtät bis an's Ende der Welt, ſagte Maret innig. Ich kenne kein ſchöneres Loos, als der treue Diener Ew. Majeſtät zu ſein und zu bleiben, rief Berthier emphatiſch. Ich danke Ew. Majeſtät, daß Sie mir erlauben wollen, Sie nach Elba zu begleiten, und ich nehme mit Freuden Ihre Erlaubniſt an. Nur habe ich dazu noch einige nothwendige Vorbereitungen zu treffen, noch einige Familien⸗ angelegenheiten zu ordnen. Ich bitte Ew. Majeſtät daher, daß Sie mir gnädigſt auf zwei Tage Urlaub geben, damit ich meine Vorkehrungen treffe und die nöthigen Geſchäfte beſorge. Der Kaiſer hatte, während Berthier ſprach, ihn mit erſtaunten, ſchmerzvollen Blicken betrachtet, jetzt ſchritt er raſch zu ihm hin und ihm die Hand auf die Schulter legend, heftete er ſeine ſcharfen, — 716 blitzenden Angen auf ihn, als wolle er aus ſeinem bleichen, verlegenen Angeſicht die geheimſten Gedanken ſeiner Seele leſen. Berthier, ſagte er mit weicher, bittender Stimme, Sie ſehen, wie ſehr ich des Troſtes bedarf, wie nothwendig es für mich iſt, wahre und treue Freunde um mich zu haben! Sie werden alſo morgen zurück⸗ kehren, nicht wahr, ſchon morgen? Sire, gewiſ ſchon morgen, ſtammelte Berthier. Napoleons Blick haftete noch immer auf dem bleichen, verwirrten Angeſicht des Fürſten. Berthier, ſagte er nach einer Pauſe, wenn Sie mich verlaſſen wollen, ſo ſagen Sie es offen und frei heraus. Sire, ich Sie verlaſſen? rief Berthier heftig. Ew. Majeſtät wiſſen wohl, daß ich mit unverbrüchlicher Treue an Ihnen hänge, daß mein Herz Ew. Majeſtät niemals vergeſſen wird, daß ich ewig Ihr ergebener und gehorſamer Diener ſein werde. Worte, Worte, ſagte Napoleon kopfſchüttelnd. Nun denn, Sie wollen es, gehen Sie alſo nach Paris. Beſorgen Sie dort die An⸗ gelegenheiten, die Ihnen mehr am Herzen liegen, als meine Wünſche und meine Bitten. Gehen Sie, und— wenn Sie können, ſo kommen Sie bald zurück. Berthier wollte des Kaiſers Hand faſſen und ſie an ſeine Lippen drücken, aber der Kaiſer entzog ſie ihm haſtig, und ſie emporhebend deutete er mit einem gebieteriſchen Blick auf die Thür hin. Berthier verneigte ſich, und rückwärts gehend, geſenkten Hauptes näherte er ſich der Thür und ging hinaus. Der Kaiſer ſchaute ihm nach mit einem langen düſtern Blick, dann wandte er ſein Haupt langſam nach dem Herzog von Baſſano um. Maret, ſagte er langſam, Berthier kommt nicht zurück! Wie, Sire, rief Maret entſetzt, Ew. Majeſtät glauben— Ich weiß es, ſagte Napoleon langſam, Berthier kommt nicht zurück!*) ³) Berthier kam wirklich nicht nach Fontainebleau zurück, ſondern blieb in Paris und trat in die Dienſte Ludwigs des Achtzehnten. — 717 Er warf ſich in den Lehnſeſſel und ſtarrte vor ſich hin, nur zu⸗ weilen ſchmerzlich aufſeufzend, aber ſchweigend, ohne Klage.—— und ſo ſchweigend, ohne Klage, aber düſter, in ſich verloren, blieb der Kaiſer den ganzen Tag. Zuweilen hatten es die wenigen Ge⸗ treuen, die ihm noch geblieben, gewagt, ihn anzureden, aber der Kaiſer, aus ſeinem Sinnen emporſchreckend, hatte nur ſie angeſtarrt, und dann langſam wieder ſein Haupt auf ſeine Bruſt geſenkt. Zur Zeit des Diners hatte Maret es verſucht, den Kaiſer zu bewegen, zur Tafel zu gehen. Aber Napoleon hatte ihm nur mit einem unwilligen Kopf⸗ ſchütteln geantwortet und hatte mit einem gebieteriſchen Wink nach der Thür ihn bedeutet, daß er allein ſein wolle. Jetzt ſenkte ſich ſchon der Abend nieder und noch immer ſaß der Kaiſer allein in ſeinem Kabinet, bewegungslos, ſtarr vor ſich hin⸗ ſchauend. Er hörte es nicht, wie ſich hinter ihm leiſe die Thür öffnete, er ſah nicht dieſe dunkle, verſchleierte Frauengeſtalt, welche leiſe einge⸗ treten war und jetzt, wie überwältigt von Schmerz, neben der Thür an der Wand lehnte. Der ſchwarze Schleier hinderte ſie vielleicht, 2 Napoleon zu ſehen, ſie ſchlug ihn alſo zurück, und jetzt ward unter demſelben Joſephinens bleiches, zuckendes Angeſicht ſichtbar. Ihre Augen hefteten ſich voll unausſprechlicher Zärtlichkeit auf den zu⸗ ſammengeſunkenen, bleichen Kaiſer hin, und wandten ſich dann zum Himmel empor mit einem Ausdruck inbrünſtigen Flehens; leiſe hob ſie die Arme empor und ihre Lippen bewegten ſich in leiſem, unhör⸗ barem Gebet. Der Kaiſer bemerkte ſie noch immer nicht,— Joſephine ging ge⸗ räuſchlos über den Teppich hin und legte jetzt ſanft ihre Hand auf ſein geſenktes Haupt!* Napoleon, flüſterte ſie leiſe, Napoleon! Der Kaiſer ſtieß einen Schrei aus und ſprang auf. Joſephine, rief er, meine Joſephine! Oh, nun bin ich nicht mehr allein, meine Joſephine iſt wieder bei mir! Er zog ſie mit leidenſchaftlicher Innigkeit in ſeine Arme, er küßte ihre Augen, ihre Lippen, ihre Stirn, er nahm ihr von Thränen über⸗ 718 fluthetes Angeſicht zwiſchen ſeine beiden Hände und ſchaute es an mit den zärtlichen, ſeligen Blicken eines Liebenden und küßte wieder ihre zuckenden Lippen. Dann preßte er ſie wieder in ſeine Arme, und nun nicht mehr im Stande ſein Herz zu bezwingen, ſenkte der Kaiſer ſein Haupt an Joſephinens Schulter und weinte, weinte laut und bitterlich! Lange hielten ſie ſich umarmt, und nichts als ihre Seufzer, ihr leiſes Schluchzen unterbrach die Stille. Dann auf einmal richtete Na⸗ poleon ſich wieder empor und ſein Antlitz nahm wieder ſeinen ehernen, undurchdringlichen Ausdruck an. Joſephine, ſagte er, Du haſt viel um mich weinen müſſen, aber Du ſiehſt es, das Schickſal hat Dich gerächt, Du ſiehſt, ich habe auch geweint, und ſchlimmer noch als Thränen iſt das, was in mir wühlt und keine Thränen hat.— Ich danke Dir, Joſephine, daß Du ge⸗ kommen biſt. Sie haben mich Alle verlaſſen, Alle! Ich weiß es, Napoleon, flüſterte Joſephine, unter Thränen lächelnd. Ich weiß Alles, und deshalb bin ich hier. Du wirſt nicht einſam und allein nach Elba gehen, ich werde mit Dir gehen. Nein, nein, ſchüttle nicht Dein liebes, bleiches Haupt, verſtoße mich nicht. Ich habe ein Recht, Dich zu begleiten, denn was auch die Prieſter und die Menſchen ſagen, ich war Dein Weib und bin Dein Weib, denn 4 was Gott zuſammengefügt hat, das kann der Menſch nicht ſcheiden. Und meine Seele iſt mit der Deinen zuſammengefügt! Ich liebe Dich heute noch ſo innig als an dem Tage, wo ich mit Dir zum Altar trat und Dir ewige Treue ſchwur, ich liebe Dich heute noch inniger, denn heute biſt Du unglücklich, heute bedarfſt Du meiner Liebe. Heiße mich alſo nicht wieder fortgehen. Sie iſt nicht hier, ſie hat den Platz an Deiner Seite leer gelaſſen und alſo gebührt er mir! Nein, ſagte Napoleon ernſt, die Leere an meiner Seite möge ſie an ihre Pflicht mahnen. Ich will der Mutter meines Sohnes nicht einen Vorwand geben, daß ſie ſich von mir fern halten kann, ſie ſoll nicht ſagen, daß ſie nicht zu mir kommen kann, weil ich einer anderen Frau die Stelle überlaſſen habe, die ihr allein gebührt. Nein, Joſe⸗ phine, ſie ſoll mir keinen Vorwurf machen dürfen. Ich danke Dir, — ——= — 719 daß Du gekommen biſt, aber Du biſt gekommen, um Abſchied von mir zu nehmen. Ich habe Dich geſehen, Deine treue Liebe hat ſich wie Balſam auf mein Herz gelegt. Nun iſt es gut, nun Lebewohl! Du willſt mich ſchon wieder gehen heißen? rief Joſephine ſchmerz⸗ voll. Oh, Bonaparte, laß mich wenigſtens ſo lange hier bis zu Deiner Abreiſe. Ach, ich will ja nur ganz heimlich, ganz in der Stille bei Dir ſein, Niemand ſoll mich ſehen, Niemand ſoll ihr verrathen, daß ich hier bin. Es würde doch kein Geheimniß bleiben, Joſephine, und ſie würden es benutzen, um ſie zu entſchuldigen und mich anzuklagen. Geh' alſo, Joſephine, geh' und nimm das Bewußtſein mit Dir, daß Du mir die letzte Freude meines Lebens bereitet haſt. Oh, Bonaparte, Du brichſt mir das Herz, murmelte Joſephine, ihr Haupt an ſeine Schulter lehnend. Ich kann Dich nicht verlaſſen, ich kann es nicht ertragen, Dich allein in die Verbannung gehen zu ſehn. Das Schickſal will es ſo und der böſe Stern, der über meinem Wege ſteht, ſeit ich meinen guten Stern, ſeit ich Dich verlaſſen habe, Joſephine. Dies ſei mein Lebewohl! Nun geh'! Nein, Bonaparte, rief ſie leidenſchaftlich, nein, Bonaparte, ich gehe nicht! Sag' nicht, daß ich es ſoll, wenn Du nicht willſt, daß ich ſterbe. Denn Dein Unglück, mein Geliebter, hat ſich wie ein Dolch in mein Herz gebohrt, und es wird daran verbluten, wenn Du mich nicht retteſt, wenn Du mich nicht heilſt, indem Du mich bei Dir ſein läſſeſt. Ich ſchwöre Dir, Bonaparte, ich werde ſterben, bald ſterben, der Schmerz wird mich tödten.*) Ein leiſes, ſeltſames Lächeln umſpielte die Lippen des Kaiſers. Ich beklage Diejenigen nicht, welche ſterben, ſagte er, der Tod iſt ein wohlthätiger Freund. Geh', Joſephine, geh' und ſei der gute Engel, welcher Gott bittet, daß er mir bald dieſen Freund ſende! *) Joſephinens eigene Worte. Siehe: Madame Abrantès, Salons de Paris, 1II. Joſephinens Ahnung erfüllte ſich in der That; ſie ſtarb bald nach Napoleons Abreiſe nach Elba, während die Verbündeten noch in Paris waren, am 30. Mai 1814. 720 Er küßte ſie leiſe auf die Stirn und führte ſie ſanft der Thür zu. Geh', meine Joſephine, geh', ſagte er, es iſt das letzte Opfer, welches ich von Dir fordere! Ich gehe, ſeufzte ſie. Lebewohl, Bonaparte, lebewohl! Sie ſah ihn an mit einem Blick voll Liebe und Schmerz zugleich. Wir werden uns niemals wiederſehen, Bonaparte. Ja, ſagte er langſam und feierlich, die Hand zum Himmel er⸗ hebend, dort oben werden wir uns wiederſehen. Ich werde Dich dort erwarten, ſagte Joſephine mit einem wunder⸗ baren Ausdruck ſeliger Verklärung. Jetzt ſchloß ſich die Thür hinter ihr, jetzt war Napoleon wieder allein; er ſtand in der Mitte des Zimmers und ſtarrte nach der Thür hin, er ſah immer noch ihr bleiches, lächelndes Antlitz und hörte immer noch ihre holde Stimme. Sie wird mich dort erwarten, murmelte er. Aber warum ſie mich? Warum will ſie ſterben, da ich leben muß? Und warum muß ich leben! fragte er auf einmal mit lautem, faſt freudigem Ton. Warum will ich's dulden, daß dieſe feigen Creaturen, die ſich ſonſt vor mir in den Staub gebengt, jetzt den Triumph haben ſollen, mich durch das Joch dahin zu ſchleppen? Warum muß ich leben? Er ſank auf den Fauteuil nieder und die beiden Arme matt auf die Seitenlehnen auflegend, das Haupt tief geneigt auf ſeine Bruſt, ſtarrte er vor ſich hin. Er dachte an die Schmach, welche die nächſten Tage über ihn bringen ſollten, er dachte daran, daß jeder von den verbündeten Sou⸗ verainen ihm hierher nach Fontainebleau einen Abgeſandten ſchicken wollte, und daß er unter dem Geleit dieſer ruſſiſchen, preußiſchen und öſterreichiſchen Commiſſaire wie ein gefangener Löwe nach Elba trans⸗ portirt werden ſollte! Sein Herz bäumte ſich auf in Schmerz und Wuth! Er ſprang auf und ſtürzte zu ſeinem Schreibtiſch hin, riß die Chatoullen heraus und öffnete das geheime Fach, welches dahinter ſichtbar ward. In dieſem Fach befand ſich ein kleines Beutelchen von ſchwarzer 6 1 1 1 g us zer —— 72¹ Seide. Napoleon zog es hervor, griff nach dem Federmeſſer, ſchlitzte das Zeug auf und nahm das Päckchen, das darin lag, hervor. Ha, rief er freudig, nun hab' ich den ſegenbringenden Freund, der mich erlöſen wird! Sie wollen mich als Gefangenen umherſchleppen! Du aber, du geſegnetes Gift, du wirſt mich frei machen!——— In der Nacht vom zwölften auf den dreizehnten April erwachte Conſtant, der Kammerdiener Napoleons, von einem ſeltſamen Geräuſch, das die Stille der Nacht unterbrach. Es klang wie leiſes Wimmern und Stöhnen, wie unterdrücktes Klagen und Schreien. Dieſes Geräuſch ſchien aus dem Schlafzimmer des Kaiſers zu kommen, und dahin eilte jetzt Conſtant. Ja, es war der Kaiſer, welcher klagte und ächzte. Er ſaß in der Mitte des Zimmers auf dem Lehnſtuhl, ſein Antlitz bedeckte Todesbläſſe, ſeine Glieder bebten, vor ihm am Boden lag ein Papier, neben ihm auf dem Tiſch ſtand ein Glas, auf deſſen Grunde ſich noch einige Tropfen einer weißlichen Flüſſigkeit befanden. Conſtant ſtürzte zu dem Kaiſer hin, aber Napoleon erkannte ihn nicht, er ſah ihn mit ſtieren Blicken an und murmelte leiſe: ich leide fürchterlich. Es wühlt ein Feuer in meinen Eingeweiden! Aber es tödtet mich nicht! Conſtant ſtieß einen Schrei aus und ſtürzte von dannen, um den Arzt Doctor IJwan, und Maret und Caulaincourt zu holen, um ihnen zu ſagen, daß der Kaiſer krank ſei, daß er das Ausſehen eines Ster⸗ benden habe. Sie eilten voll Entſetzen herbei, ſie umringten weinend den Lehn⸗ ſtuhl, auf welchem der Kaiſer noch immer wimmernd und ächzend ſaß. Doctor Jwan fühlte die Stirn des Kaiſers, ſie war von einem kalten, klebrigen Schweiß bedeckt, er fühlte ſeinen Puls, er ging matt und langſam, aber er ging! Der Kaiſer ſchaute jetzt zu ihm auf, er erkannte den Arzt, und ſeine bläulichen Lippen murmelten leiſe: Jwan, ich habe Gift genommen, das Gift, das Ihr mir einſt in Rußland geben mußtet. Aber die Doſis iſt nicht mehr ſtark genug geweſen! Das Gift tödtet mich nicht, aber es bereitet mir fürchterliche Qualen. Mühlbach, Napoleon. Bd. MI. 46 Iwan ſtürzte weinend hinaus, um für den Kaiſer einen lindernden Trank zu bereiten. Napoleon wandte ſeine düſteren Blicke voll unendlicher Qual auf Maret und Caulaincourt hin, die weinend vor ihm knieten. Meine Freunde, ſagte er, ich ſuchte den Tod. Aber Ihr ſeht wohl, Gott will nicht, daß ich ſterbe. Er befiehlt mir zu leben und zu leiden.*) Am andern Morgen nach dieſer Nacht des Schreckens erhob ſich der Kaiſer von ſeinem Lager, und ſein Antlitz, das in den letzten Tagen ſo düſter und traurig geweſen, hatte jetzt einen ruhigen, faſt heiteren Ausdruck angenommen. Die Vorſehung hat noch andere Pläne mit mir, ſagte er leiſe vor ſich hin, ſie will nicht, daß ich ſterbe. Nun wohl denn, ſo werde ich leben. Dem Lebenden gehört die Zukunft!**) Acht Tage ſpäter, am zwanzigſten April, verließ Napoleon Fon⸗ tainebleau, um in Begleitung der Commiſſaire der Verbündeten ſeine Abreiſe nach Elba anzutreten. Auf dem Hofe des Palaſtes ſtanden ſeine Garden unter dem Schmuck der Waffen in voller Parade, mit den Standarten ihrer Adler und den wehenden Fahnen. Seitwärts von den Reihen der Krieger vor dem großen Portal ſtand der Reiſewagen des Kaiſers, daneben die fremden Commiſſaire, die ihn geleiten ſollten. Aber bevor der Kaiſer abreiſte, wollte er noch Abſchied nehmen von ſeinen Getreuen. Er trat mitten unter ſie, und mit lauter, feſter Stimme ſprach er: „Soldaten meiner alten Garde, ich ſage Euch Lebewohl! Seit zwanzig Jahren habe ich Euch immer auf dem Wege der Ehre und des Ruhmes gefunden. In den letzten Tagen, wie in den Tagen unſeres Glückes, niemals habt Ihr aufgehört, ein Muſter von Tapferkeit und Treue zu ſein. Mit Männern, wie Ihr ſeid, wäre unſere Sache nicht verloren ——— 6 Abrantès, Mémoires. XVIII. 33.— Due de Rovigoß Méwoires. VII.— Meneval, Mémoires. II. 308.— Fain: Manuscrit d *) Napoleons eigene Worte. Siehe; Bausset, Mémvires. 11 244 *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Gonstant, 2 ro. VI. p. 88.— 723 gegangen, aber der Krieg wäre unabſehbar geweſen; es wäre der Volkskrieg geworden, und Frankreich würde dadurch nur noch unglück— licher gemacht. Ich habe alle meine perſönlichen Intereſſen denen des Vaterlandes geopfert. Ich reiſe ab; Ihr, meine Freunde, fahret fort, Frankreich zu dienen. Frankreichs Glück war mein einziger Gedanke, er wird ſtets der Gegenſtand meiner heißen Wünſche bleiben. Beklagt mein Schickſal nicht; ich habe eingewilligt, mich zu überleben, denn ich will noch Eurem Ruhme dienen: ich will die großen Thaten nieder— ſchreiben, die wir zuſammen vollbracht haben. Lebt wohl, meine Kinder, ich wollte, ich könnte Euch Alle an mein Herz drücken!“ Er ließ die Adler herbeibringen, küßte ſie und fuhr fort:„Ich kann Euch nicht Alle umarmen, aber ich thue es in der Perſon Eures Generals! Lebt wohl, Soldaten, ſeid immer brav und gut!“ Die alten Krieger hatten keine andere Antwort, als Thränen und Schluchzen, ſie ſtreckten Napoleon ihre Hände entgegen, ſie baten ihn ſchluchzend, bei ihnen zu bleiben. Auch des Kaiſers Augen ſtanden voll Thränen, er eilte zu ſeinem Wagen hin und ſprang hinein. Der Wagen rollte donnernd über den Schloßhof hin, einem Ge⸗ witter gleich, das den Thron des ſtolzen Kaiſerreichs zerſchmetterte. SOlour& Srey Gontrol Ghart Magenta CGyan Sreen NVellow Red