Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6. Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Keſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgene 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mf.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5 2— 3— und Zurückſendung enen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. 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Auf dem großen Marktplatz, der Ring genannt, waren ſie ſo eben von den Wagen geſtiegen und hatten in dem ſchönen, mitten auf dem Platz belegenen Rathhaus ihre Quartierbillets erhalten. Eben traten zwei dieſer Freiwilligen wieder aus dem Rathhaus hervor und ſchritten Arm in Arm die Stufen der Vortreppe hinunter. Es waren zwei junge Männer von zierlichem, zartem Wuchs, von ſelt⸗ ſam jugendlichem Ausſehen. Nicht der kleinſte Schimmer eines ſproſ⸗ ſenden Bartes war um die friſchen, rothen Lippen ſichtbar, und ſo durchſichtig weiß und zart waren ihre Stirnen, als habe nie ein rauhes Lüftchen oder ein Sonnenſtrahl ſie getroffen. Aber Niemand war ver⸗ wundert geweſen über ihre Zartheit und ihre Jugend, denn man war es jetzt gewohnt, daß die Knaben es den Jünglingen und Männern gleich thaten, und daß der Muth und die Tapferkeit von dem Geburts⸗ jahr nicht mehr abhängig war. Neben den bejahrten Männern ſah man eben erſt confirmirte Knaben in die Reihen der Freimzgigen treten, und mit derſelben Kraft und Energie ihre Gewehre handhaben, wie die kriegsgewohnten Soldaten. Niemand hatte daher auch Anſtoß genommen an der Jugend und Bartloſigkeit der beiden jungen Männer, die eben aus dem Rathhaus kamen und Arm in Arm über den Platz dahin ſchritten. Jetzt alſo iſt unſer Loos geworfen, ſagte der Eine von ihnen mit einem köſtlichen Lächeln. Wir ſind Soldaten! Ja, wir ſind Soldaten, rief der Andere, und wir werden tapfere ſein, Caroline! 1 358 Caroline! rief der Andere entſetzt. Welch' ein Frevel! Haben wir nicht unſere Frauennamen mit unſern Kleidern beim Juden Hirſch in Berlin gelaſſen, Leonore? Ach, und doch nennſt Du mich auch noch bei meinem Frauen⸗ namen, ſagte Leonore mit einem ſanften Lächeln. Immerhin, was ſchadet es, wenn's Niemand hört! Der liebe Gott und wir zwei haben kein Geheimniß vor einander, und wir dürfen uns daher ſchon nennen mit den Namen, die wir in der heiligen Taufe empfangen haben. Aber vor der Welt da heißen wir jetzt anders, da bin ich der tapfere Carl Peterſen, und Du— wie heißeſt Du eigentlich jetzt, Leonore? Carl Renz heiße ich, ſagte Leonore lächelnd. So hieß mein lieber, guter Lehrer, dem ich all mein bischen Wiſſen verdanke, und der die eigentliche Veranlaſſung zu dem Schritt iſt, den ich jetzt gewagt. Er war lange Soldat geweſen, und hing mit glühender Begeiſterung an dem Vaterland und an der Königsfamilie. Die Geſchichte war ſein Lieblingsſtudium, und mit flammender Beredtſamkeit erzählte er mir von den Heldenthaten, welche die um ihre Freiheit ringenden Völker der alten und neuen Geſchichte vollbracht hatten. Dann glänzten ſeine Augen wie in überirdiſcher Freude, und wie ein Strom von Poeſie floſſen ihm die Worte von den Lippen. Er lehrte mich, daß, wenn das Vaterland in Gefahr ſei, auch die Frauen die heilige Pflicht hätten, das Schwert zu nehmen zur Vertheidigung des Vaterlandes, und daß der ſchönſte Tod ſei, zu ſterben auf dem Felde der Ehre. Die Jung⸗ frau von Orleans und die Heldin von Saragoſſa waren ſeine Lieb⸗ lingsgeſtalten, und die Königin Louiſe nannte er nur die heilige Mär⸗ tyrerin für die deutſche Freiheit. Als ſie vor drei Jahren ſtarb, da war mein erſter Gedanke, wie mein alter Lehrer wohl dieſen Kummer ertragen werde, und daß es Fflicht ſei, ihn zu tröſten und aufzurichten. Ich eilte alſo zu ihm hin, und fand ihn traurig und niedergeſchlagen, wie ich ihn nie geſehen. Jetzt hoffe ich nichts mehr für Deutſchland, ſagte er mir, denn der Genius der deutſchen Freiheit hat uns ver⸗ laſſen und ſich zum Himmel gerettet! Die ſchöne und edle Königin Louiſe hätte vielleicht die Deutſchen noch einmal begeiſtern können, daß ſie die Schmach von ſich abſchüttelten, und dem Tyrannen ihre Stirn zeigten. Nun iſt ſie todt, und die Freiheit iſt mit ihr geſtorben!— Nein, rief ich, nein! Aus ihrem Grabe wird die Freiheit erblühen! Deutſchland wird aufſtehen, um den Märtyrertod der Königin Louiſe zu rächen, Deutſchlands Zorn wird entbrennen vor dieſem neuen hei⸗ ligen Opfer, das die Tyrannei Napoleons uns gekoſtet! Ja, gewiß, Deutſchland wird aufſtehen, um Louiſe zu rächen!— Er ſah mich lange an, und ſeine Thränen hörten auf zu fließen, dann nach einer langen Pauſe ſagte er: Wenn es ſo iſt, wie Du ſagſt, wenn Deutſch⸗ land zum Schwert greift, und ſich erhebt aus dem Staube, was wirſt Du alsdann thun, Leonore? Wirſt Du daheim bleiben und Strümpfe ſtricken und Charpie zupfen, oder wirſt Du den Muth haben, dem Vaterland Dein Herz, Dein Blut, Dein Leben zu opfern, und eine Heldin zu ſein?— Ich werde den Muth haben, rief ich freudig, ich werde dem Vaterland mein Blut und mein Leben weihen, und auf dem Schlachtfeld den Sieg erſtreiten helfen oder ſterben!— Die Augen meines alten Lehrers ſtrahlten vor Wonne. Schwöre es mir, Leonore, ſchwöre es mir bei Allem, was Dir heilig iſt, ſchwöre es mir beim Andenken an die Königin Louiſe!— Ich legte meine Hand auf die Bibel, und ſchwur ihm beim Andenken an die Königin Louiſe, für das Vaterland zu kämpfen wie ein Held, wie ein Mann!— Jetzt gehe ich aus, meinen Schwur zu erfüllen, und da mein guter, alter Lehrer ge⸗ ſtorben iſt, habe ich mir ſeinen Namen als Erbtheil genommen, und nenne mich nach ihm Carl Renz. Mir ſcheint, es iſt nun eine doppelt heilige Pflicht für mich tapfer zu ſein, denn ich muß dem Namen meines Lehrers Ehre machen. Und Du wirſt ihm Ehre machen, deſſen bin ich gewiß, rief Caro⸗ line. Aber auch ich will ihm Ehre machen, das ſchwöre ich Dir, Leo⸗ nore! Mich hat kein Lehrer dazu angetrieben, das Vaterland zu lieben. Es iſt mir ſo von ſelbſt gekommen, vielleicht weil ich nichts Anderes zu lieben hatte. Ich ſtehe allein auf der Welt. Meine guten Eltern ſind todt, Geſchwiſter habe ich nicht, einen Liebſten auch nicht, und da ich denn nichts hatte, was ich lieben könnte, ſo habe ich mein Herz dem Haſſe hingegeben. Ich haſſe die Franzoſen, und vor allen Dingen 360 den grimmen Thrannen Napoleon, der all das Unglück über Europa gebracht hat, und ſeit einem Jahrzehent ſo viel Ströme von Menſchen⸗ blut vergoſſen hat. Der Haß iſt es, der mich zur Tapferkeit begeiſtert hat, der Haß drückt mir das Schwert in die Hand, und wenn es in die Schlacht geht, werde ich nicht wie Du blos rufen:„es lebe das Vaterland!“ ſondern ich werde hinzufügen:„Tod dem Tyrannen Napo⸗ leon! dem'Würgengel Deutſchlands!“ Ja, ich haſſe dieſen Bonaparte mehr, viel mehr, als ich mein eigenes Leben liebe, und da ich ihn nicht mit der Nähnadel, mit der ich die Hauben und Hüte für die ſchönen Berlinerinnen anfertigte, erſtechen konnte, ſo habe ich die Nähnadel bei Seite geworfen und das Schwert genommen. Das iſt meine ganze Geſchichte, die Geſchichte der ci devant Putzmacherin Caroline Peters, des künftigen Reitersmannes Carl Peterſen. Wie? rief Leonore erſtaunt, Du willſt unter die Reiter gehen? Wenn ſie mich annehmen, ja. Ich verſtehe gut zu reiten, denn als mein Vater noch lebte, bin ich täglich mit ihm geritten und ge⸗ fahren. Er war ein angeſehener Ackerbürger in Stralſund und beſaß gar viele Pferde. Bei der Belagerung von Stralſund verlor er Alles und wir wurden ganz arm. Das koſtete meinem Vater das Leben, und ſeit jener Zeit habe ich kein Pferd mehr beſtiegen. Aber ich denke, ich werd's noch verſtehen, ein Roß zu tummeln, und ich habe keine Furcht davor. Aber warum willſt Du's denn thun? Warum nicht bei der In⸗ fanterie bleiben, wie es doch einfacher und natürlicher iſt? Warum? Soll ich Dir die Wahrheit ſagen, Leonore? Ganz unter uns geſagt, weil ich einige Hühneraugen habe, und das viele Mar⸗ ſchiren mich daher incommodiren würde. Und Du? Wär's nicht beſſer, Du folgteſt meinem Beiſpiel? Nein, ich habe keine Hühneraugen, ſagte Leonore lächelnd, ich bleibe bei der Infanterie und werde Lützow'ſcher Jäger, laß mich an⸗ werben beim Corps der Rache. Und ſieh, da glaube ich, ſind wir vor dem Hauſe, das man uns bezeichnet hat. Hier wohnt der Major von Lützow, man ſieht es an den vielen Freiwilligen, die da aus⸗ und ein⸗ — ſtrömen. Nun, Caroline, nun lebe wohl, und ſei mir gegrüßt, Freund Carl Peterſen! Nun, Leonore, nun leb' wohl, und ſei mir gegrüßt, Freund Carl Renz! Sie reichten einander die Hände und ſahen ſich mit ſtrahlenden Blicken und mit einem ſchönen Lächeln in die erglühten Geſichter. Nun vorwärts, Kamerad! rief Caroline dann, dem Hauſe zu⸗ ſchreitend. Vorwärts, ja, vorwärts! jubelte Leonore ihr nach. Arm in Arm ſchritten ſie über den düſtern Hausflur zu der nie⸗ drigen braunen Thür hin, Arm in Arm traten ſie in das Gemach ein, das man ihnen als das Werbebureau des Majors von Lützow be⸗ zeichnet hatte. Es war ein großer, niedriger Raum, der ſich vor ihnen aufthat. Braun angeſtrichene, lange Tiſche, wie man ſie in niedrigen Schänken oder Bierſtuben findet, ſtanden zu beiden Seiten der grauen, ſchmutzigen Kalkwände, niedrige Schemel derſelben Art ſtanden daneben, und bil— deten nebſt den Tiſchen das einzige Ameublement dieſes„Saales“, in welchem ſonſt die Bürger und Handwerker ſich dem Genuß des Bieres hingegeben hatten, und in welchem jetzt die„Freiwilligen“ dem Vater⸗ land und dem Major von Lützow den Schwur der Treue leiſten ſollten. Inmitten dieſes düſtern Raumes ſtand eine junge Frau von ſel⸗ tener Schönheit und Anmuth. Ein einfaches ſchwarzes Gewand um⸗ ſchloß ihre ſchöne, zierliche Geſtalt und reichte empor bis zum Halſe, in ſchüchterner Berſchämtheit ihre ſchöne Büſte verhüllend. Ihr Ant⸗ litz war von wunderbarer Weiße und Zartheit, wie es nur den Nord⸗ länderinnen eigen zu ſein pflegt; das blonde Haar fiel in langen, dicken Locken zur Seite ihrer ſanftgerötheten Wangen nieder; aus den großen lichtblauen Augen leuchtete eine ſchwärmeriſche Begeiſterung und Gluth. Das iſt die ſchöne Frau von Lützow, von der man mir im Poſt⸗ wagen erzählte, ſagte Leonore zu ſich ſelber, das iſt das ſchöne Grafen⸗ kind, die ein Glas Waſſer über ihre Hand goß, weil ein Franzoſe ſie geküßt, die aus ihrem Grafenſchloß herniedergeſtiegen iſt, um einen 362 armen preußiſchen Officier zu heirathen, den ſie liebte um der Narben willen, die er an ſeiner Stirn trägt. Die ſchöne junge Frau näherte ſich den beiden jungen Freiwilli⸗ gen mit freundlichem, herzgewinnendem Lächeln. Sie wünſchen den Major von Lützow zu ſprechen, nicht wahr? fragte ſie. Unglücklicherweiſe iſt er nicht anweſend, und iſt durch Geſchäfte abgehalten ſelber die jungen Helden zu begrüßen, die ſich ihm anſchließen wollen. Er hat mir übertragen, es an ſeiner Statt zu thun, und Sie können mir ſchon glauben, daß ich Sie mit eben ſo freudigem Herzen willkommen heiße, wie nur mein Mann es thun könnte. Wir ſind vielmehr glücklich, daß Sie uns empfangen, ſagte Leo⸗ nore lächelnd, denn ſchon in Berlin hat man uns erzählt von der herr⸗ lichen und ſchönen Frau von Lützow, welche das Corps der Rache an⸗ wirbt, und doch ſchön und milde iſt, wie der Genius der Liebe, und in der ſich die eigentliche Bedeutung unſeres Kampfes repräſentirt. Denn unſer Kampf iſt zugleich ein Kampf der Rache und der Liebe. Seitdem haben wir uns geſehnt, gerade von Ihnen, gnädige Frau, angeworben zu werden, und Ihnen den Schwur unſerer Treue dar⸗ zubringen. Ich nehme ihn an im Namen des Majors von Lützow, ſagte die junge Frau milde lächelnd. Hier ſind Ihre Nummern, und nun ſagen Sie Ihre Namen, daß ich ſie in das große Hauptbuch eintrage. Sie näherte ſich dem Tiſch, auf welchem das große aufgeſchlagene Buch lag, und ſchrieb mit raſchen Zügen die Namen, welche die Beiden ihr ſagten, in das Buch ein, den Namen die Nummern hinzufügend, welche ſie ihnen zuvor gegeben. Jetzt alſo, ſagte ſie, ihnen freundlich zunickend, jetzt ſind Sie an⸗ geworben zum großen heiligen Dienſt für das Vaterland, und mögen Sie demſelben Ihr ganzes Weſen hingeben in freudiger Begeiſterung. Mögen Sie— Eben ward die Thür heftig aufgeriſſen, und ein junger Mann ſtürmte herein. Theodor Körner! rief die junge Frau mit herzlichem Gruß. Ja, Frau Majorin, ich bin's, rief der junge Mann, die beiden — 363 Freiwilligen mit leichtem Kopfnicken begrüßend, ich bin's, und ich komme zu Ihnen in wahrer Verzweiflung! Die Majorin eilte zu ihm und blickte mit dem Ausdruck liebevoller Theilnahme in ſein ſchönes, bleiches Angeſicht, und auf die von dunklen, ſchwarzen Locken umwallte Stirn, auf welcher düſtere Falten lagerten. Ja wahrhaftig, ſagte ſie, Ihr Angeſicht iſt anzuſchauen, wie eine düſtere Wetterwolke, die ſich jeden Augenblick mit Donner und Blitz entladen will! Was giebt's denn nur? Was iſt Ihnen widerfahren, mein Dichter und mein Held? Komm, laß uns gehen, flüſterte Caroline ihrer Freundin zu. Nein, laß uns bleiben, ſagte Leonore leiſe. Wenn's ein Geheimniß iſt, wird man uns ſchon gehen heißen; ich möchte wohl wiſſen, was dem jungen, ſchönen Mann fehlt, den die Majorin einen Dichter und einen Helden nennt. Oh, ich habe noch niemals einen Dichter geſehen, und dieſer iſt ſo ſchön! So wollen wir uns hier auf die Bank niederſetzen, flüſterte Ca⸗ roline, und— Still, laß uns zuhören, ſagte Leonore, indem ſie ſich ſetzte. Alſo, das iſt's nicht? rief die Majorin, die indeß ihr Geſpräch mit dem jungen Mann fortgeſetzt hatte. Keine Vorwürfe von dem Vater über des Sohnes raſchen Entſchluß? Nein, nein, ſagte Theodor Körner raſch, mein Vater billigt vielmehr meinen Entſchluß, Soldat zu werden, und ſendet mir ſeinen Segen. Ich erhielt heute Morgen einen gar ſchönen und herzerhebenden Brief von ihm. Alſo iſt's die Braut, welche unſern Dichter in Verzweiflung bringt, weil er ſie mehr liebt als das Vaterland, ſagte die Majorin. Ihr freilich kann ich's nicht verargen, denn für das Weib, welches liebt, giebt es nur Ein Vaterland, das iſt das Herz des Geliebten, und ſie iſt heimathlos, wenn dies ſich von ihr wendet! Aber grade das iſt ja das Schöne und Große Ihrer That, daß Sie um des Vaterlandes willen Alles das hingeben, was wir ſonſt die höchſten und heiligſten Güter des Lebens nennen, daß Sie ihm die Braut, das geſicherte Daſein, eine ſchöne und ehrenvolle Stellung, eine Zukunft voll Dichter⸗ ruhm und Glanz zum Opfer bringen. Denn ein Opfer iſt es, aber —————— 3 364 ein Opfer, welches das Vaterland Ihnen danken, und welches Tauſende begeiſtern wird, Ihnen nachzuſtreben, es Ihnen gleich zu thun! Möchte es ſo ſein, rief Theodor begeiſtert aus, die großen ſchwarzen Augen zum Himmel erhebend, möchte die Begeiſterung für das Vater⸗ land wie ein Blitzſtrahl in alle Herzen einſchlagen, und einen Brand entzünden, deſſen Feuer wie heilige Gotteszeichen durch die ſpäteſten Zeiten hindurch leuchtet, an dem ſich unſere ſpäteſten Enkelkinder noch erwärmen können! Ich leugne es nicht, ich hab's gefühlt, daß ich dem Vaterlande ein großes Opfer bringe, aber grade das hat mich begeiſtert. Alle Sterne meines Glückes leuchteten über mir in ſchöner Milde, aber ich durfte ſie nicht anſchauen, da auf Deutſchland noch die Macht der Trübſal laſtete, und jetzt, da dieſe Nacht ſchwinden will, da für Deutſchland ein neuer Morgen zu dämmern beginnt, da müſſen auch meine Sterne erblaſſen vor der Alles überſtrahlenden Sonne der auf⸗ gehenden deutſchen Freiheit. Das war die heilige Ueberzeugung, die mich forttrieb aus Wien, fort von der geliebten Braut, die mich Alles bei Seite werfen ließ, was ſonſt dem Leben Werth verleiht. Eine große Zeit wikl große Herzen! Ich fühlte die Kraft in mir, eine Klippe ſein zu können in der Völkerbrandung, ich mußte hinaus und dem Wogenſturm die muthige Bruſt entgegendrücken. Sollte ich etwa in feiger Begeiſterung blos meinen ſiegenden Brüdern meinen Jubel nachleiern? Niemand hätte mich dann mehr lieben und achten können, meine Aeltern würden ſich meiner haben ſchämen müſſen, und meine holde Braut würde von dem feigen Dichter ſich verachtend haben ab⸗ wenden müſſen! So warf ich denn mein Alles hin für's Vaterland! Wohl werden die Aeltern und meine Emma um mich weinen! Gott tröſte ſie, ich kann's ihnen nicht erſparen! Daß ich mein Leben wage, das gilt nicht viel, daß aber dies Leben mit allen Blüthenkränzen der Liebe, der Freundſchaft und der Freude geſchmückt iſt, und daß ich es doch wage, daß ich die ſüße Empfindung hinwerfe, die mir in der Ueberzeugung lebte, meinen Geliebteſten keine Unruhe und Angſt mehr zu bereiten, das iſt ein Opfer, dem nur ein ſolcher Preis entgegengeſtellt werden kann! Die Liebe des Vaterlandes muß uns Allen höher ſtehen, wie jede andere Liebe, und ihm müſſen wir freudig unſer Blut und 365 — Leben weihen.*) Das fühlt und erkennt auch mein edler Vater, das weiß meine geliebte Braut! Und dennoch, da Sie im Einklang ſind mit Sich ſelber, mit Ihren Geliebten, dennoch ſtürmende Verzweiflung? fragte die Majorin mit einem feinen Lächeln. Was iſt's denn alſo, was den Dichter betrübt, und weshalb ſind Sie in Verzweiflung? Theodor Körner blickte halb beſchämt vor ſich hin, dann hob er mit einem ſeltſamen Blick die glühenden Augen zu der jungen, ſchönen Frau empor. Ach, gnädige Frau, rief er, ich errathe Ihre Liſt; es iſt die Liſt eines Engels, und darum Ihrer würdig! Was für eine Liſt? fragte ſie mit dem Anſchein der Verwunderung. Die Engelsliſt, mit der Sie mich über meinen Kummer getröſtet haben, ohne ihn zu kennen. Ich ſagte Ihnen im unartigen Herein⸗ ſtürmen, daß ich in Verzweiflung zu Ihnen käme. Und Sie, anſtatt mich ſogleich meinen Kummer ſagen zu laſſen, forſchten erſt nach den großen Angelegenheiten des Lebens, und ob mir von den Aeltern oder der Braut mein Leid komme. Dadurch wollten Sie mich ſelber ge⸗ mahnen, daß, da dieſe großen Dinge und Beziehungen meines Lebens ihre ſchöne Harmonie nicht verloren haben, mein Kummer ſelbſt wohl nur eine vorübergehende Diſſonanz ſei, und daß es eigentlich nicht der Mühe verlohne, darüber in Verzweiflung zu ſein. Nicht wahr, gnädige Frau, ich habe Sie verſtanden, und das wollten Sie bezwecken mit Ihren Fragen? Frau von Lützow nickte leiſe. Sie haben mich verſtanden, ſagte ſie. Ich meine, wir ſollten immer bei allen Widerwärtigkeiten, die uns betreffen, zuerſt, bevor wir uns bekümmern oder ärgern, uns die großen Fragen des Lebens vorlegen, und erforſchen, ob das, was uns bedrückt, dieſe berührt, ob es unſer innerſtes Glück, unſere Seele und unſer Herz berührt. Wenn das aber nicht iſt, dann ſollten wir die Sache *) Theodor Körner's eigene Worte. Siehe: Theodor Körner's ſämmtliche Werke. Herausgegeben von Carl Streckfuß. S. LIV. Theod. Körner's Brief an ſeinen Vater. 366 leicht nehmen und die Widerwärtigkeit nicht als ein Unglück betrachten. Das Große groß, das Kleine klein nehmen, das iſt die wahre Weisheit des Lebens! Sie haben Recht, wie immer, ſagte Theodor Körner, ſich in Ehr⸗ furcht vor der ſchönen Frau verneigend, und ſo bekenne ich reumüthig, daß ich dies Mal das Kleine groß und die Widerwärtigkeit für ein Un⸗ glück genommen habe. Aber nun, da ich mich ſchuldig bekannt, nun muß der holde Schutzengel der Freiwilligen ſich auch meiner erbarmen und mir zu Hülfe kommen. Denn eine Widerwärtigkeit hat mich wirk⸗ lich betroffen, das läßt ſich mit aller Philoſophie und Weisheit nicht hinwegleugnen. Nun bekennen Sie, was iſt es denn? rief die Majorin lächelnd. Sie wiſſen, gnädige Frau, daß unſer Corps der Rache am nächſten Sonntag im Dorfe Rogau am Fuß des Zobtenberges ſeine Weihe er⸗ halten ſoll? Natürlich weiß ich das, und ich werde Lützow und die Freiſchaaren dahin begleiten, um der feierlichen Handlung beizuwohnen! In der Kirche des Dorfes ſollen wir Alle zum erſten Mal in un⸗ ſern ſchwarzen Uniformen erſcheinen, um den Segen des Predigers zu empfangen und geweiht zu werden zu Soldaten des Vaterlandes. Ich ſelbſt habe zu dieſer feierlichen Handlung ein Lied, das auf die Melodie eines Chorals paßt, gedichtet, und alle Kameraden werden es ſingen. Dann, nach der Rede des Predigers, werden alle Freiwilligen in der Kirche auf die Schwerter ihrer Officiere den Kriegseid leiſten. Ich habe mit wahrer Seelenfreude mich dieſem ſchönen Tage entgegenge⸗ ſehnt, und nun werde ich wahrſcheinlich nicht an demſelben Theil nehmen können, denn,— lachen Sie nicht, gnädige Frau, über mein erbärmliches kleines Mißgeſchick,— denn der Schneider will mir keine Uniform mehr fertig machen, und im Civilkleid, als zierlicher Stutzer, kann ich doch nicht unter den tapfern Mannen erſcheinen, die mit der Litefka umherſtolziren. Der Schneider ſchwört aber, daß es unmöglich iſt, noch eine Uniform fertig zu machen, er ſei überhäuft mit Arbeit, und wiſſe nicht, woher er Arbeiter bekommen ſollte. Nun ſind Sie, der helfende, rathende und ſchützende Genius der Freiwilligen, mein u e 367 letzter Troſt und meine letzte Zuflucht. Wenn Sie den grauſamen Schneider rufen laſſen, wenn Sie ihm ſagen, wie wichtig und noth⸗ wendig es für mich iſt, an jener feierlichen Handlung Theil zu neh⸗ men, ſo werden Ihre Worte ihn hinreißen, und er wird das, was er unmöglich nennt, möglich machen. Rufen Sie alſo den Schneider zu ſich, gnädige Frau, er wohnt zum Glück ganz in der Nähe, hier auf dem Hof in dem großen Hintergebäude, gebieten Sie ihm, daß er meine Uniform mache, und er wird es thun müſſen, denn wer könnte Ihren Worten widerſtehen! Nun, ich will es verſuchen, ſagte Frau von Lützow lächelnd. Ich will ſehen, ob meine Worte wirklich ſo viel Kraft haben, eine Schneider⸗ ſeele zu rühren. Und wenn es blos darauf ankommt, daß es dem Schneider an Arbeitern fehlt, ſagte Leonore, haſtig ſich von dem Platz an der Thür erhebend und ſich den Beiden nähernd, wenn es blos das iſt, ſo biete ich mich als Arbeiter an, denn ich bin ſelber ein Schneider. Ich auch, rief Caroline lebhaft. Ich verſtehe mich auch darauf, die Nähnadel zu führen, und ich will gern helfen, einem Kameraden die Uniform zu nähen. Ach, die Freiwilligen, die ich eben angeworben, und die ich um Verzeihung zu bitten habe, daß ich ſie vergaß, rief Frau von Lützow lächelnd. Wir vielmehr haben um Verzeihung zu bitten, daß wir blieben, ſagte Leonore. Aber wir danken Ihnen und dem Dichter Theodor Körner die ſchönſte Erhebung, und mir iſt, als hätten wir jetzt für unſere Zukunft erſt die rechte Weihe und die rechte Freudigkeit des Bewußtſeins empfangen. Jetzt, ſeit ich weiß, welche große Opfer man freudig dem Vaterland darbringen kann, jetzt fühle ich erſt, wie ſehr es für mich eine heilige Pflicht war, auch meinerſeits ein Opfer dar⸗ zubringen, und ich mache mir kein Gewiſſen daraus, daß auch ich meine Aeltern und Geſchwiſter daheim zurückgelaſſen. Es iſt gewiß ſo, wie der Dichter vorher ſagte:„Eine große Zeit will große Herzen!“ Und ſo will ich mich denn recht bemühen, ein großes Herz zu haben, damit ich der großen Zeit würdig ſei. 368 Und ein großes ſchönes Herz leuchtet aus Ihren Augen, mein Freund, ſagte Theodor Körner, Leonoren ſeine Hand darreichend. Ich begrüße Sie Beide als meine lieben Kameraden, und bitte alſo um gute Kameradſchaft. Ja, gute Kameradſchaft wollen wir halten, rief Caroline fröhlich, in des Dichters Hand einſchlagend. Und die Kameradſchaft ſoll gleich jetzt damit beginnen, daß wir Zwei hingehen und uns dem böſen Schneider als Gehülfen anbieten für die Uniform unſeres Herrn Lieutenants. Gemach, mein Freund, lachte Theodor Körner, ſo hoch bin ich noch nicht geſtiegen, bin kein Lieutenant. Aber Sie werden es bald ſein, ſagte Caroline glühend, denn man lieſt es wohl in Ihrem Angeſicht, daß Sie geboren ſind, um zu be⸗ fehlen, nicht aber um zu gehorchen. Wir Freiwillige ſollen uns ja unſere Officiere allein wählen. Nun denn, ich wähle mir den Theo⸗ dor Körner.*) Ich auch! rief Leonore. Aber über unſern Zukunftsträumen vergeſſen wir den grimmen Schneider, ſagte Theodor Körner lächelnd. Gnädige Frau, ich be⸗ ſchwöre Sie, erbarmen Sie ſich meiner Noth, und laſſen Sie den Schneider hierher rufen, damit Ihr holdes Wort ſein Herz erweiche. Aber wenn er nun meinem Ruf nicht folgt und nicht hierher kommt? fragte Frau von Lätzow. Auch wär's Vermeſſenheit, ihm ſeine vielbeſchäftigte Zeit noch mehr verkürzen zu wollen. Der Mann wohnt hier in der Nähe, ſagen Sie? Kaum funfzig Schritte von hier. In dem großen Quergebäude jenſeits des Hofes. Nun denn, kommen Sie, führen Sie mich zu ihm, ſagte Frau von Lützow, wir wollen dem Schneider unſern Beſuch machen, wie einſt Torquato Taſſo zum Herzog Ferrara ging. Sie, meine beiden jungen Freunde, mögen uns begleiten, damit wir ihm gleich zwei dienſt⸗ gefällige und hülfreiche Arbeiter präſentiren können. Kommen Sie! *) Theodor Körner ward ſchon am 24. April durch die Stimmen ſeiner Kameraden zum Lieutenant erwählt. 369 Ja, gnädige Frau, kommen Sie, und möge der Gott der Schlachten Ihrer Beredtſamkeit den Sieg verleihen, rief Theodor Körner, die Thür des Saals aufſtoßend und ſich neben derſelben aufſtellend, um die Dame hindurch ſchreiten zu laſſen. Anmuthig und lächelnd durcheilte die ſchöne Frau den düſtern Saal und näherte ſich der Thür, gefolgt von den beiden Freiwilligen mit den roſigen Geſichtern und den glühenden Augen. Auf einmal, ſchon im Begriff die Schwelle zu überſchreiten, blieb ſie ſtehen und blickte Theodor Körner mit ſchalkhaftem Ausdruck an. Halt, ſagte ſie, ich ſtelle noch eine Bedingung. Wenn wir dem Dichter helfen ſollen, ſo muß er uns dafür auch den Tribut des Dich⸗ ters darbringen. Nicht eher überſchreite ich dieſe Schwelle, als bis Sie uns eins Ihrer neuen Schlachtlieder haben hören laſſen. Ja, ja, ein Lied, ein Lied, riefen die beiden Freiwilligen. * Nun, Sie ſchweigen? fragte Frau von Lützow lächelnd. Greifen 1 Sie in die Leier, mein Dichter, und laſſen Sie uns ein muthiges Schlachtlied ertönen! Nein, kein Schlachtlied, ſagte Theodor Körner, zu den Schlacht⸗ liedern gehört das Accompagnement des Degenklirrens und des Kanonen⸗ donners. Aber dem holden Schutzgeiſt des Corps der Rache will ich mein neueſtes Gedicht mittheilen, obwohl es noch nicht einmal ganz vollendet iſt, mein Gedicht an den Schutzgeiſt deutſcher Freiheit, an die Königin Louiſe! Hören Sie alſo! Und die tiefblauen ſchwärmeriſchen Augen gen Himmel erhebend, declamirte Theodor Körner mit begeiſterter Stimme: „An die Königin Louiſe! . Du Heilige! hör' Deiner Kinder Flehen, 2 Es dringe mächtig auf zu Deinem Licht. Kannſt wieder freundlich auf uns niederſehen, Verklärter Engel! länger weine nicht! Denn Preußens Adler ſoll zum Kampfe wehen. Es drängt Dein Volk ſich jubelnd zu der Fflicht, Und Jeder wählt, und Keinen ſiehſt Du beben, Den freien Tod für ein bezwung'nes Leben! Mühlbach, Napoleon. III. Vd. 370 Wir lagen noch in feige Nacht gebettet; Da rief nach Dir Dein beſſeres Geſchick. An die unwürd'ge Zeit warſt Du gekettet, Zur Rache mahnte Dein gebroch'ner Blick. So haſt Du uns den deutſchen Muth gerettet.— Jetzt ſieh auf uns, ſieh auf Dein Volk zurück, Wie alle Herzen treu und muthig brennen! Nun woll' uns auch die Deinen wieder nennen! Und wie einſt, alle Kräfte zu beleben, Ein Heil' genbild, für den gerechten Krieg Dem Heeresbanner ſchützend zugegeben, Als Oriflamme in die Lüfte ſtieg: So ſoll Dein Bild auf unſern Fahnen ſchweben, Und ſoll uns leuchten durch die Nacht zum Sieg! Louiſe ſei der Schutzgeiſt deutſcher Sache! Louiſe ſei das Loſungswort zur Rache!“*) Louiſe ſei der Schutzgeiſt deutſcher Sache, Louiſe ſei das Loſungs⸗ wort zur Rache! riefen die beiden Freiwilligen mit begeiſtertem Rufen ihm nach. Frau von Lützow ſagte nichts. Sie ſtand, ihre ſchönen, durch⸗ ſichtig weißen Hände gefaltet, wie zum Gebet, das edle, lieblich ſchöne Antlitz himmelwärts gekehrt. In ihren großen blauen Augen glänzten Thränen. Langſam ſenkte ſie jetzt den Blick niederwärts, und dem Dichter ihre Hand darreichend, ſagte ſie leiſe: Sie haben einen Tribut dargebracht, der eines Dichters würdig iſt. Dank Ihnen! Und nun ſoll der ſchöne Moment durch kein Wort weiter entweiht werden! Kommen Sie! Sie ſchritt raſch über die Schwelle und den düſtern Hausflur dahin dem Hofe zu. Theodor Körner ging an ihrer Seite, Leonore und Caro⸗ line, die beiden Freiwilligen, folgten ihr. Da drüben dieſe vier Fenſter im untern Geſchoß, das iſt die Werkſtatt des Schneiders, ſagte Theodor Körner, als ſie jetzt in den Hof traten. *) Theodor Körner's ſämmtliche Werke. Ausgabe in einem Bd. S. 20. en ne 371 Frau von Lützow nickte und ſchritt über den weiten Hofplatz dahin dem Hauſe zu. Die Thür war offen, und auch die Thür der Werkſtatt gab dem erſten Druck ihrer Hand nach und öffnete ſich. II. Der heldenmüthige Schneider. Drinnen in der Werkſtatt des Schneiders war ein geſchäftiges Treiben. Allerlei buntes Tuch und die verſchiedenſten Uniformſtücke lagen umher. Auf der niedrigen Schneiderbank, die den ganzen mittleren Raum einnahm, ſaßen vier Schneider mit gekreuzten Beinen, den Blick unverwandt auf die Arbeit geheftet und mit ungeheurer Schnelligkeit die Nähnadel mit dem langen Seidenfaden hinein in die Arbeit und hoch dann empor in die Luft ſchnellend. Kein Wort, kein Laut hatte bisher dieſe geſchäftige Stille unter⸗ brochen, die jetzt durch das Geräuſch der ſich öffnenden Thür entweiht ward. Bei dieſem Geräuſch blickte Derjenige, der in der Mitte der Andern auf einem etwas erhöhten Sitz ſaß und eben eine präch⸗ tige rothe Huſarenjacke auf ſeinem Knie wiegte, haſtig empor. Seine mit der Nähnadel bewaffnete Hand hatte ſich eben in der Luft erhoben und blieb da erſtarrt ſchweben, ſein Blick, der nur anfangs flüchtig ſich von der Arbeit erhoben, blieb wie gebannt auf der Thür haften, in deren Rahmen ſich jetzt ein ſo überraſchendes und anziehendes Bild darſtellte, eine junge Frau von reizender Schönheit, umgeben von drei jungen Kriegern, die nicht minder ſtattlich und ſchön waren, und deren Aller Blicke mit freundlichem und forſchendem Ausdruck auf ihn ge⸗ heftet waren. Sie ſind der Herr Schneidermeiſter Martin, nicht wahr? fragte die ſchöne Frau, den Meiſter mit einem ſanften Kopfnicken begrüßend. 24* 372 Ja, der bin ich, ſagte Meiſter Martin, indem er unwillkürlich aufſtand. Nun denn, lieber Meiſter, ſagte Frau von Lützow, einige Schritte in die Werkſtatt vortretend, ich möchte gern einige Worte mit Euch reden. Ja, aber ich kann mir denken, was es iſt, rief der Schneider, deſſen Augen jetzt auf Theodor Körner hafteten, und der in ihm ſeinen ungeſtümen Dränger wieder erkannte. Der Herr iſt ſchon zwei Mal hier geweſen und hat verlangt, daß ich ihm eine Uniform zum Sonntag ſchaffen ſollte. Aber ich kann's nicht, und wenn ſelbſt ein Engel vom Himmel herniederkommt, um für ihn zu bitten, ſo muß ich doch dabei bleiben: ich kann's nicht! Nun, ich danke Ihnen für das Compliment in Bezug auf meine Perſon, ſagte Frau von Lützow lächelnd. Aber ſagt doch, lieber Meiſter, weshalb könnt Ihr nicht? Weil ich ſchon übermäßig mit Arbeit überlaſtet bin, weil ich in der Ueberraſchung, ohne zu überlegen, ſchon ſo viel Arbeit angenommen habe, daß ich ſie kaum werde vollenden können, und weil es in der abſcheulichen Unordnung und Aufgeregtheit, die jetzt herrſcht, unmöglich iſt, neue Arbeiter zu bekommen. Nun, wenn das Euer einziger Grund iſt, rief Frau von Lützow, ſo bringen wir Euch neue Arbeiter mit. Da, dieſe beiden jungen Frei⸗ willigen ſind bereit, unter Eurer Oberaufſicht zu arbeiten und zu nähen und die Uniform für ihren Herrn Kameraden fertig zu ſchaffen. Der Schneider ließ einen Blick voll unendlichen Stolzes auf die beiden jungen Freiwilligen fallen. Junge Burſche, kaum ſechszehn Jahre alt, ſagte er achſelzuckend, unmöglich ſchon ausgelernte Kleider⸗ künſtler. Aber ſie betheuern Beide, Schneider zu ſein, ſagte die Majorin, und ihr Handwerk zu verſtehen. Ja, Herr Meiſter, verſuchen Sie es nur mit uns, bat Leonore., Wir ſind gewiß flinke und geſchickte Arbeiter, betheuerte Caroline. Gelernte Schneider? fragte Meiſter Martin. Ja, gelernte Schneider, rief Leonore. So verſucht mir mal den Kragen gegenzuſtoßen, die Nähnadel m e tin, e ine. adel 373 ſteckt drin, ſagte Meiſter Martin, indem er Leonoren die rothe Soldaten⸗ jacke darreichte. Der junge Freiwillige erröthete und ſagte leiſe: Freilich, ich muß Euch bitten, Herr Meiſter, mir zu zeigen, wie Ihr das macht, denn Herrenkleider habe ich noch nicht gearbeitet. Damenſchneider! rief Meiſter Martin mit einem Ausdruck unaus⸗ ſprechlicher Verachtung. Der Andere auch? Ja, ich bin auch nur Damenſchneider, ſagte Caroline lächelnd. Und das will ſich erkühnen, Mir Hülfe anzubieten, rief der Meiſter achſelzuckend. Es kommt ja nur darauf an, daß Ihr ihnen richtige Anleitung gebt, Herr Meiſter, ſagte Frau von Lätzow bittend, denn da ſie die Nadel zu führen verſtehen, werden ſie es leicht begreifen. Und wenn die Arbeit gleich hinterher reißt, und wenn das Stück Zeug nicht ſitzt, ſo kommt es doch auf meine Kappe, rief der Schneider, und der Meiſter Martin wird dafür geſcholten. Es bleibt dabei, ich kann die Arbeit nicht mehr übernehmen, denn es fehlt mir an tüchtigen Gehülfen. Keiner will ja jetzt mehr arbeiten, Alles läuft jetzt unter die Soldaten, alle Köpfe ſind verdreht. Nein, Meiſter, rief die Majorin, alle Köpfe ſind wieder richtig gedreht, ſie ſind wieder dem Einen zugewandt, was Noth thut, dem Vaterlande. Ah, bah, die Arbeitsſtube, das iſt mein Vaterland, ſagte der Schneider leichthin. Das iſt nicht wahr, rief Frau von Lützow, Ihr denkt nicht ſo, und könnt nicht ſo denken, Ihr verläſtert Euch ſelber, indem Ihr ſo ſprecht. Denn wenn Ihr ſo dächtet, ſo wäret Ihr kein Preuße und kein Deutſcher, und Niemand würde Euch mehr lieben und achten können. In den Zeiten des Unglücks und der Schmach, da mag Euch die Arbeits⸗ ſtube ein Troſt und eine Beruhigung geweſen ſein, aber jetzt, da die Sonne der Freiheit aufgeht, jetzt müſſen alle Herzen ſich heben, jetzt muß Jeder hinaus, hinaus um die neue Welt zu ſchauen, jetzt liegt die Arbeit, welche des Mannes würdig iſt, nicht in der Stube, ſondern da draußen auf dem Schlachtfelde, und dieſe Arbeit heißt: die Befreiung des Vaterlandes! 374 Die Dame hat Recht! Ja, ſie hat Recht! riefen die drei Ge⸗ ſellen des Schneiders, welche bis dahin nur verſtohlen von ihrer Arbeit aufgeſchaut hatten, jetzt aber mit ſtürmiſcher Heftigkeit ihre Arbeit bei Seite warfen. Ja, die Dame hat Recht. Es iſt eine Sünde und Schande für ehrliche Kerle, hier in der Stube zu ſitzen und die Näh⸗ nadel zu führen, während unſere Brüder und Freunde das Schwert nehmen und hinaus ziehen in den heiligen Kampf. Wir wollen auch nicht mehr hier ſitzen in der dumpfigen Arbeitsſtube, wir wollen auch hinaus zum Kampf! Schau, rief der Meiſter mit ingrimmiger Verzweiflung, jetzt werden mir auch noch die letzten Arbeiter abſpenſtig gemacht. Ruhig, Ihr Alle! Ihr habt das Handgeld genommen und ich habe Euch als meine Arbeiter bedungen, Ihr müßt alſo als ehrliche Kerle Euer Wort halten! Nehmt Eure Arbeit wieder auf und näht weiter! Ihr wißt wohl, daß wir Eile haben. Die Geſellen griffen mit verdrießlichen Geſichtern zu der Arbeit, indem ſie leiſe unter ſich murrten: Es iſt gut, wenn die Woche um iſt, ziehen wir doch ab und gehen unter die Soldaten! Nun, Madame, was wollen Sie noch? rief der Schneider in⸗ grimmig. Sie ſind hierher gekommen, um bei mir Arbeit zu beſtellen, und gleichzeitig verläſtern Sie mir meine Arbeit und verführen mir die letzten Arbeiter, die mir noch geblieben ſind. Ich werde bald meine Werkſtatt ſchließen müſſen! Aber Ihr werdet es nicht thun, lieber Meiſter, bevor Ihr nicht für dieſen jungen Mann hier die Uniform gemacht habt, ſagte die Majorin mit ſchmeichelnder Stimme und mit einem ſüßen Lächeln. Ich bin gewiß nicht gekommen, lieber Meiſter, um Eure ehrenvolle Arbeit zu läſtern, ich preiſe ſie vielmehr, denn was ſollten wir anfangen, ohne den geſchickten Schneider, der für unſere tapfern Soldaten die Uni⸗ formen anfertigt und ſie gewiſſermaßen ausrüſtet zum Dienſt des Vaterlandes! Oh, ich bin gewiß, daß Ihr mit gar eigenen und großen Gedanken jetzt an dieſen Uniformen gearbeitet habt, daß Eure Nadel viel flinker geht als ſonſt, daß Euch dieſe Arbeit lieber iſt, als die ſchönſte Kammerherrn-Uniform, die Ihr ſonſt wohl gearbeitet habt, 375 und daß es Euer Herz erhebt, zu denken: Ich rühre meine Hände auch für das Vaterland. Ich bin auch in meiner Weiſe ein Soldat des Vaterlandes, denn ich bringe ihm meine Kraft und meine Arbeit dar! Das iſt wahr, ſagte der Meiſter Martin verwirrt, und damit Sie mich nicht ſchlechter halten als ich bin, ſo muß ich Ihnen doch ſagen, daß ich mir dieſe Arbeit hier nicht bezahlen laſſe, ſondern daß ich mich angeboten habe, zwölf Uniformen für unſere Soldaten umſonſt anzu⸗ fertigen. Ich habe nichts anderes, was ich dem Vaterlande darbringen könnte, ich gebe alſo was ich habe, meine Arbeit! Und vas iſt das Schönſte, was man geben kann, rief die Majorin. Ihr ſeid ein braver Mann, und ich bitte Euch, gebt mir Eure Hand und laßt mich Euch danken im Namen des Vaterlandes! Sie reichte dem Meiſter ihre kleine weiße Hand dar, und er legte ſchüchtern und beklommen ſeine breite kalte Hand hinein. Oh nun fürchte ich nichts, ſagte Frau von Lützow freudig, da Ihr ein ſo braver Patriot ſeid, werdet Ihr unſere Bitte erfüllen, und die Uniform für dieſen jungen Mann hier noch zum Sonntag fertig machen! Ich ſagte Ihnen ja aber ſchon, daß ich nicht kann, rief Meiſter Martin faſt weinerlich, daß ich ſie nicht mehr fertig machen kann. Und ich antworte darauf: verſucht es nur, Meiſter! Es wird ſchon gehen! Denn denkt nur, lieber Meiſter, Euer eigener Ruf ſteht auf dem Spiele, und alle die tapfern Freiwilligen würden Euren Namen verwünſchen, wenn Ihr es wäret, der die Schuld trüge, daß ihr be⸗ liebter und gefeierter Dichter nicht bei dem heiligen Feſt am Sonntag erſcheinen könnte. Wie denn das? fragte Meiſter Martin erſtaunt. Von welchem Dichter ſprechen Sie denn, Madame? Ich ſpreche von dem Dichter, der hier vor Euch ſteht, von Theodor Körner. Ach, das iſt Theodor Körner! rief Meiſter Martin. Der Dichter, der das wunderſchöne Stück Toni geſchrieben hat, das ich dieſen Winter hier geſehen habe? Ja, derſelbe, lieber Meiſter, ſagte die Majorin, während Theodor 376 Körner dem Meiſter vergnügt lächelnd zunickte. Und noch viel andere ſchöne Stücke hat'er geſchrieben, und herrliche Lieder obendrein. Des⸗ halb iſt er auch ſchon, obwohl er erſt einundzwanzig Jahre alt iſt, in ganz Deutſchland berühmt, und in Wien haben ſie ihm ſchon eine glänzende Anſtellung beim Theater gegeben, und eine liebe, ſchöne, junge Braut hat er, die er von ganzer Seele liebt und mit der er in vier Wochen ſich verheirathen wollte. Aber da erſchallte der Schlachtruf durch ganz Deutſchland, da rief der König von Preußen die wehrhafte Jugend zu freiwilligem Waffendienſt, um die Schmach Deutſchlands zu rächen, und denkt nur, was die Liebe zum Vaterlande vermag! Der junge Mann wirft Alles hin, giebt Alles auf, ſeinen Ruhm, ſeine Braut, ſeine Anſtellung, und eilt in freudiger Begeiſterung hierher, um dem Vaterland ſeinen Arm und ſeine Dienſte anzubieten, und ſeinen Dichterruhm und ſein Erdenglück in die Schanze zu ſchlagen gegen den Sieg oder einen ehrenvollen Tod auf dem Schlachtfeld. Oh, das iſt ſchön, das iſt wundervoll, riefen die Geſellen entzückt aus, mit der geballten Rechten, in welcher ſie die Nähnadel hielten, auf ihr Knie ſchlagend, als ſei dies die Werbetrommel. Ja, das iſt wirklich ſchön, ſagte Meiſter Martin gedankenvoll vor ſich hin⸗ Gnädige Frau, flüſterte Theodor Körner lächelnd und erröthend, Sie beſchämen mich durch Ihr allzugroßes Lob. 3 Kann ich dafür, wenn die einfache Erzählung der Wahrheit für Sie ein großes Lob iſt? fragte die Majorin mit einem ſtrahlenden Lächeln. Denn ich habe Euch die Wahrheit geſagt, Meiſter, und es verhält ſich Alles genau, wie ich es erzählte. Der junge Dichter Theodor Körner hat Alles bei Seite geworfen, um Soldat zu werden. Vergebens weinen ſeine Aeltern ihm nach, vergebens ſtreckt ſeine ſchöne Braut die Arme nach ihm aus und ruft ihn mit zärtlichen Liebesgrüßen. Er hört nichts, er ſieht nichts, denn das Vaterland hat ihn gerufen, und mit begeiſtertem Entzücken iſt er dieſem Ruf gefolgt. Er will nicht glücklich ſein, bevor das Vaterland nicht frei iſt, und ſüßer als das herrlichſte Leben ſcheint ihm der ruhmvolle Tod für das Vaterlandl So iſt er hierher gekommen, und mit Jauchzen haben die Freiwilligen en, ill s nd en pn* 377 ihn begrüßt, und jetzt meinen ſie, daß das Glück ihre Waffen und ihre Tapferkeit ſegnen wird, da ein gottgeſegneter Dichter mit ihnen zieht, und da er ſie begeiſtern wird zum Kampf durch ſeine begeiſterten Lieder. Aber bevor ſie jetzt ausziehen zum heiligen Kampf, wollen ſie an heiliger Stätte den Segen Gottes erflehen, und am nächſten Sonntag ſollen alle Diejenigen, welche ſchon uniformirt und ausgerüſtet ſind, den Kriegseid ablegen und vom Geiſtlichen eingeſegnet werden. Theodor Körner hat ein frommes Lied dazu gedichtet, das alle Freiwilligen ſingen werden, und Ihr wollt nun ſo grauſam ſein und ihn verhindern, ſein Lied mitzuſingen? Ich? rief der Meiſter ganz entſetzt. Ich ſollte ihn daran ver⸗ hindern wollen? Ja, Ihr! ſagte die Frau von Lätzow. Denn wenn Ihr ihm die Uniform nicht macht, ſo kann er nicht mit dabei ſein, ſo kann er nicht den Kriegseid leiſten, ſo kann er das Feſt der Freiwilligen nicht mit⸗ feiern. Darum, lieber Meiſter, ſeid nicht ſo grauſam, macht ihm die Uniform. Ach ja, lieber Meiſter Martin, bat Theodor Körner, ſeid nicht grauſam, macht mir die Uniform. Thut es, lieber Meiſter Martin, flehten die beiden jungen Frei⸗ willigen. Thut es doch, Meiſter, brummten die drei Geſellen. Meiſter Martin ſeufzte ſchwer und warf einen Blick voll Ver⸗ zweiflung in der Werkſtatt umher. Da liegen noch drei Huſarenjacken, die gemacht werden ſollen, murmelte er. Wenn's noch wenigſtens eine Huſaren⸗Uniform wäre, die der Herr begehrt. Aber der Herr will nicht bei den Huſaren eintreten? Nein, mein Freund, rief Theodor Körner, ich werde Soldat beim Corps der Rache, bei den freiwilligen Jägern des Majors von Lätzow. Ihr habt alſo viel weniger Arbeit bei meiner Uniform. Aber ſie iſt auch viel weniger hübſch, ſagte der Meiſter verdrießlich. Eine ganz ſchwarze Uniform mit rothen— das ſieht zugleich traurig und grauſam aus! Und ſo ſoll's auch ausſehen, lieber Meiſter, rief Lherdor Kör⸗ 378 ner. Das Schwarz bedeutet unſere Trauer, das Roth bedeutet Fran⸗ zoſenblut. Und mit voller mächtiger Stimme begann er auf einmal nach be⸗ kannter Melodie zu ſingen: Noch trauern wir im ſchwarzen Rächerkleide Um den geſtorbnen Muth. Doch fragt man Euch, was dieſes Roth bedeute: Das deutet Frankenblut! Mit Gott!— Einſt geht hoch über Feindesleichen Der Stern des Friedens auf; Dann pflanzen wir ein weißes Siegeszeichen Am freien Rheinſtrom auf. Dann pflanzen wir ein neues Siegeszeichen am freien Rheinſtrom auf! jubelten die Freiwilligen und die Schneidergeſellen. Meiſter, rief Frau von Lützow lachend, Ihr habt Euch vergeſſen, Ihr habt ja mitgeſungen. Jo, es iſt wahr, ſagte er ganz beſchämt, ich habe die paar Worte mitgeſungen, es klang ſo hübſch, und das Herz ward mir ſo groß und voll davon, und— ich weiß ſelber nicht, was mir geſchieht, es ſcheint mir, das Lied und Alles, was Sie mir da geſagt haben, hat einen neuen Menſchen aus mir gemacht, und— und— Und Ihr werdet die Uniform für Theodor Körner noch fertig machen? fragte die Majorin lächelnd. Meiſter Martin ſchwieg und ſtarrte vor ſich hin. Dann hob er raſch ſein Haupt wieder empor und blickte ſeine Geſellen an, die fra⸗ gend und geſpannt ihn anſchauten. Ihr ſeid alſo entſchloſſen, fragte er, Ihr wollt mich, wenn die Woche um und die Arbeit fertig iſt, auch verlaſſen und wollt auch Freiwillige werden? Ja, Meiſter, riefen die Drei wie aus Einem Munde, wir ſind„ feſt entſchloſſen dazu, und nichts kann uns daran hindern! Gut denn, rief Meiſter Martin hochaufathmend, gut, ſo ſchließe ich meine Werkſtatt und höre auf, Schneider zu ſein. be⸗ om ſen, orte und eint nen rtig er fra⸗ die uch ſid ieße 379 Ja, was wollt Ihr aber dann werden, Meiſter? fragte einer der Geſellen ganz verblüfft. Soldat will ich werden! jubelte Meiſter Martin. Ja, Soldat will ich werden! Die ſchöne Dame hat's mir angethan und das Lied hat mich verzaubert. Hurrah, Soldat will ich werden! Aber meine Uniform? fragte Theodor Körner traurig. Oh, ſeid unbeſorgt, rief der Meiſter mit ſtolzem Ton, Eure Uni⸗ form ſoll gemacht werden! Ich werde die Nächte zu Hülfe nehmen, und nicht eher die Nähnadel hinlegen, als bis ſie fertig iſt. Wollt Ihr mir helfen, Geſellen? Ja, Meiſter, das wollen wir! Und Ihr auch, Ihr Freiwilligen? Ihr ſeid zwar nur Damen⸗ ſchneider, aber zum Wattiren und Füttern ſeid Ihr doch zu gebrauchen. Wollt Ihr alſo die Arbeit übernehmen? Ja, Meiſter Martin, wir wollen ſie mit Freuden übernehmen, riefen Leonore und Caroline. Nun, dann bekommen wir bis zum Sonntag noch zwei Uniformen fertig, rief Meiſter Martin freudig. Die erſte Uniform für den Dichter Theodor Körner, die andere Uniform für mich! Meiſter, lieber Meiſter, ich danke Euch, rief Frau von Lützow, und dann ihr ſtrahlendes Angeſicht nach Theodor Körner hinwendend, fragte ſie: ſind Sie nun zufrieden und glücklich, mein Dichter? Ach, ich wußte es ja, daß Niemand Ihnen widerſtehen würde, und daß Sie unſer guter Engel ſind, flüſterte Theodor Körner, die Hand der ſchönen Frau an ſeine Lippen drückend. Aber, hören Sie, Herr Theodor Körner, rief Meiſter Martin jetzt, wenn ich Ihnen Ihre Uniform machen ſoll, ſo ſtelle ich nur Eine Be⸗ dingung, und Sie müſſen mir verſprechen, ſie zu erfüllen. Was für eine Bedingung? Die, daß Sie mir meine Arbeit nicht bezahlen! Aber, lieber Meiſter, rief Theodor Körner erſtaunt, ich kann doch unmöglich— Die Majorin legte leiſe ihre Hand auf ſeine Schulter. Sie werden doch den braven Mann nicht beleidigen wollen? flüſterte ſie. d 380 Sie können unmöglich verlangen, daß ich Bezahlung annehme für einen Liebesdienſt, den ich einem zukünftigen Kameraden bezeige, ſagte Meiſter Martin. Nicht wahr, das wollten Sie eben ſagen, und darin haben Sie Recht. Aber wenn Sie mich doch durchaus dafür belohnen wollen, ſo giebt's ein anderes Mittel dazu. Oh ſagen Sie mir das Mittel! Sie ſangen da vorher zwei Verſe, die ſo muthig und ſo friſch klangen, daß ſie mir das Herz verzaubert haben. War das Ihr ganzes Lied, oder hat es noch mehr Verſe? Nein, Meiſter, das waren nur die letzten zwei Verſe, es kommen noch drei andere vorher. Nun, Kamerad, rief Meiſter Martin fröhlich, wenn Sie denn durchaus wollen, daß ich an Ihnen meine letzte Schneiderarbeit ver⸗ richte, und zum Sonntag Ihnen Ihre Uniform fertig mache, ſo ſingen Sie mir die andern drei Verſe auch, aber gleich auf der Stelle. Theodor Körner blickte fragend und bittend die Majorin an. Ich weiß nicht, ſagte er zögernd, ob es die Frau Majorin erlaubt? Frau von Lützow lächelte. Ich erlaube es nicht, ſagte ſie, ſon⸗ dern ich bitte darum. Aber ich bitte, daß Sie uns das ganze Lied ſingen, und daß Sie uns Allen erlauben, immer den Refrain mitzu⸗ ſingen. Auf, Ihr wackern Soldaten der Zukunft, werft die Arbeit bei Seite, und tretet an, und ſingt mit uns im Chor das Lied der ſchwarzen Jäger! Die drei Geſellen ſprangen von ihren Sitzen empor, und ſtellten ſich kerzengerade neben Meiſter Martin auf, der wie auf einem Thron auf ſeiner Schneiderbank ſtand. Die ſchöne Majorin hatte ſich wieder nach der Thür zurückgezogen, und ſtand unter derſelben, ein ſchönes, lichtes Bild von dunklem Rahmen eingefaßt. Zu beiden Seiten ſtanden die beiden jungen Freiwilligen mit den bartloſen, blühenden Angeſichtern, und zwiſchen dieſen beiden Gruppen ſtand die edle hohe Geſtalt des jungen Dichters, deſſen edles Angeſicht leuchtete von Tapferkeit und Energie, auf deſſen ſchöne Stirn der Genius der Poeſie den Kuß der Weihe gedrückt hatte. Nun merkt wohl auf und wiederholt den Refrain, ſagte Theodor — —— n 381 Körner lächelnd. Mein Lied iſt leicht zu ſingen, denn wer von Euch kennte nicht die Melodie des ſchönen deutſchen Rheinweinliedes, und danach laßt uns ſingen.*) Und durch die vorher ſo friedliche und ſtille Schneiderwerkſtatt brauſte es jetzt mächtig und froh dahin das Lied der ſchwarzen Jäger, das alſo lautet: In's Feld, in's Feld, die Rachegeiſter mahnen. Auf, deutſches Volk, zum Krieg! In's Feld, in's Feld! Hoch flattern unſere Fahnen, Sie führen uns zum Sieg! Klein iſt die Schaar, boch groß iſt das Vertrauen Auf den gerechten Gott! Wo ſeine Engel ihre Veſte bauen, Sind Höllenkünſte Spott. Gebt kein Pardon! Könnt Ihr das Schwert nicht heben, So würgt ſie ohne Scheu! Und hoch verkauft den letzten Tropfen Leben, Der Tod macht Alle frei!**) III. Der Pbergeneral der ſchleſiſchen Armer. Der General Blücher war heute ſo einſylbig und verſtimmt, wie man ihn ſeit langer Zeit nicht geſehen. Seit dem Tage, an welchem er die Ankunft des Königs in Breslau erfahren und ſofort ſein Gut *) Dieſe ganze Scene zwiſchen Theodor Körner, der Majorin von Lützow (Gräfin von Ahlefeldt) und dem Schneider iſt nicht von mir erfunden, ſondern beruht auf wahren Thatſachen. Ich verdanle ſie der perſönlichen Mittheilung der verſtorbenen G äfin Ahlefeldt. D. V. **) Sowohl Theodor Körner als auch Eleonore Prohaska waren vom Schickſal dazu auserſehen, keine andere Freiheit kennen zu lernen als die durch 382 Kunzendorf verlaſſen hatte, um ſich auch nach Breslau zu begeben, ſeit dem Tage ſchien ſonſt ein ewiger Sonnenſchein auf ſeinem Antlitz zu lagern, und ein neuer junger Frühling ſchien in ſeinem Herzen auf⸗ zublühen. Heute aber lagerten die alten Wolken von Kunzendorf wieder auf ſeiner Stirn, und ein eiſiger Froſt ſchien alle die jungen Blüthen ſeines Herzens getödtet zu haben. Er ſaß, eng eingehüllt in ſeinem Schlafrock, auf dem Sopha und trommelte mit der Hand auf dem Tiſch, der vor ihm ſtand, einen Ge⸗ ſchwindmarſch, während er große Rauchwolken aus der langen, weißen Thonpfeife blies. Es ſchienen ſehr trübe Gedanken zu ſein, welche die Seele Blüchers bewegten, denn ſeine buſchichten Augenbrauen zogen ſich immer enger zuſammen, der Geſchwindmarſch, den ſeine Finger trommelten, ward immer raſcher, und die Rauchwolken entſtrömten in immer ſtärkeren Maſſen ſeinen Lippen. Jetzt, in der Heftigkeit ſeines inneren Zorns, ſchüttelte er ingrimmig ſein Haupt, ohne der langen gebrechlichen Freundin zu gedenken, die er im Munde hielt. Sie ſtieß mit ihrer langen zarten Geſtalt an die harte Ecke des Tiſches und zer⸗ brach klirrend in Stücke. den Tod. Theodor Körner fiel bekanntlich ſchon in dem erſten Jahr des Be⸗ freiungskrieges, noch vor der großen Völkerſchlacht bei Leipzig, und nicht einmal den Troſt einer baldigen Befreiung des Vaterlandes nahm der edle Dichter mit in ſein frühes Heldengrab. Er fiel in dem Gefecht der Lützower mit den Franzoſen bei Gadebuſch(im Mecklenburgiſchen) am 26. Anguſt 1813. Eine Stunde vor ſeinem Tode, den Feind im Hinterhalt erwartend, ſchrieb er ſein letztes Gedicht:„Das Schwertlied“ in ſeine Schreibtafel ein.— Eleonora Pro⸗ haska ſtarb, gleich Körner, den Heldentod. Sie fiel, von einer Kugel durch⸗ bohrt, in dem Gefecht der Lützower an der Görde den 16. September 1813. Sterbend erſt verrieth ſie den Waffengefährten, daß ſie ein Mädchen ſei, und nicht Carl Renz, ſondern Eleonora Prohaska heiße.— Glücklicher als ſie war Caroline Peterſen. Sie machte die Feldzüge von 1813 und 1814 mit, ver⸗ diente ſich durch ihre Tapferkeit das eiſerne Kreuz und nahm nach beendetem Kriege ihren Abſchied als tapferer Soldat. Sie verheirathete ſich alsdann mit einem engliſchen Schiffscapitain, dem ſie zur See folgte und mit dem ſie noch im Jahre 1844 ihre Anverwandten in Stettin beſuchte. 383 So, brummte Blücher vor ſich hin, das hat mir man blos noch gefehlt. Die zweite Pfeife, die heut capores geht. Na, na, es muß doch'n Tag kommen, wo der Bonapart mir all die Pfeifen bezahlen ſoll, die er mir gekoſtet hat. Es muß ja ſo'n Tag kommen, oder es wär' keine Gerechtigkeit im Himmel mehr. Chriſtian! He Chriſtian! Die Thür öffnete ſich, Chriſtian Hennemann erſchien auf der Schwelle, und blieb in vollkommener militairiſcher Haltung ſtehen, die Befehle ſeines Generals erwartend. Wieder'ne Bleſſirte, Chriſtian, ſagte Blücher, auf die zerbrochene Pfeife deutend, die vor ihm am Boden lag. Nimm mal auf, Chriſtian, und ſieh mal zu, ob ſie wenigſtens noch einen guten Stummel abgiebt. Nein, Excellenz, ſagte Chriſtian, herbei eilend und die Stücke ſorg⸗ fältig aufhebend, das is kein Bleſſirter mehr, das is'n todtigter Mann. Kann begraben werden! Werd' Excellenz'ne neue holen! Er wollte ſich umwenden und forteilen, aber Blücher hielt ihn an dem Schooß ſeiner Huſarenjacke feſt. So zeig' doch mal her, ſagte er beſorgt, zeig', ob's denn wirklich wahr iſt, daß ſie gar nicht mehr geht. Na, da ſehen Sie's, Excellenz, ſagte der Pipenmeiſter würdevoll, indem er das untere Stück der Pfeife, den Kopf mit dem kleinen End⸗ chen Rohr, ſeinem General entgegenhielt. Es iſt'ne Unmöglichkeit 'nen Stummel draus zu machen. Soll ich in den Kopf Taback bringen und Feuer drauf legen, ſo werden Excellenz, wenn Sie den kurzen Stummel in den Mund nehmen, ſich ganz gewißlich die Naſe dran verbrennen. Es iſt wahr, ſagte Blücher melancholiſch, Du magſt Recht haben. Ich könnte mir die Naſe verbrennen, und das iſt nu gar nicht mehr nöthig. Die habe ich mir alleweil hier in Breslau alle Tage verbrannt. Herr Gott, woran denn? fragte Chriſtian entſetzt. Excellenz haben doch noch gar keine Stummel geraucht! Wie ſo denn haben Sie ſich die Naſe verbrennen können? Weil ich ſelbſt nur noch'n Stummel bin, wie's ſcheint, rief Blücher, mit einem grimmigen Lachen, oder weil das alte kriechrige Hofgeſindel — Na, was geht's Ihn an, Pipenmeiſter? Was ſteht Er da und glotzt mich an? Geh, Chriſtian, und hole mir eine neue Pfeife! 384 Wie denn, eine neue Pfeife? fragte eine Stimme neben ihm. Herr Gott, Blücher, Du biſt noch im Schlafrock? Es war die Generalin, welche eben durch die Seitenthür einge⸗ treten war, und ſich, ohne von ihrem Mann bemerkt zu werden, ihm genähert hatte. Sie war in voller ſtrahlender Toilette, das Haupt geſchmückt mit Federn, die zierliche Geſtalt umhüllt von einem ſchweren dunklen Seidenkleid, über das breite Falblen von koſtbaren Silberſpitzen niederfielen. Hals und Arme waren geziert mit koſtbarem Geſchmeide, in dem große Brillanten funkelten, in der von Ringen blitzenden Hand hielt ſie den coloſſalen Fächer, deſſen Außenſeite mit Perlen und Edel⸗ ſteinen ausgelegt war. Ja, Male, ich bin noch im Schlafrock, ſagte Blücher, indem er ſeine ſchön geſchmückte Gemahlin mit düſteren Blicken betrachtete, Du aber haſt Dich ja gar prächtig herausſtaffirt. Was giebt's denn? Und wo willſt Du denn hin? Wo ich hin will? rief die Generalin erſtaunt. Aber, Mann, haſt Du denn vergeſſen, was heute Abend für eine Feſtlichkeit ſtattfindet? Na was denn für'ne Feſtlichkeit? fragte Blücher, indem er lang⸗ ſam den langen weißen Schnurrbart durch ſeine Finger zog. Aber Blücher, es iſt ja heute Abend der große Ball, den die Stadt Breslau dem ruſſiſchen Kaiſer zu Ehren auf dem Rathhauſe giebt, und auf dem beide Majeſtäten erſcheinen werden! Na, und was geht mich das an? brummte Blücher. Sehr viel geht's Dich an, Blücher, denn Du haſt dem Bürger⸗ meiſter, der in eigener Perſon hierher kam, uns einzuladen, Dein feſtes Verſprechen gegeben, heut Abend auf dem Ball zu erſcheinen. Und nu geh ich doch nicht, Male, rief Blücher, mit der Hand auf den Tiſch ſchlagend. Nein, ich geh' nicht, Male! Ich bin kein Tanzbär, daß ich mich da auf dem Ball ſollt' drehen und mich an der Leine ſollte'rum ziehen laſſen. Aber Blücher, was iſt Dir denn auf einmal geſchehen? fragte die Generalin verwundert. Warſt ſonſt immer ſo heiter und lebensfroh, warſt ſchier anzuſchauen wie ein junger Frühlingsgott, daß die Veilchen lachten, wenn ſie Dich daher ſchreiten ſahen, und die Schneeglöckchen m. 385 aufingen zu läuten Dir zu Ehren, und nun plötzlich iſt's wieder Winter worden, mein Frühlingsgott? So ſage mir doch, was giebt's denn? Was iſt Dir geſchehen? Gar nichts iſt mir geſchehen, das eben iſt das abſcheuliche Unglück! rief Blücher. Ueber einen Monat ſitze ich nu hier in Breslau und gar nichts iſt geſchehen, und ich bin noch immer, was ich war, der zur Dispoſition geſtellte alte General, der kein Kommando hat, und nichts weiter zu thun hat, als nach Kunzendorf zurückzumarſchiren, und da Kohlköpfe zu pflanzen, während die Andern da draußen Franzoſenköpfe abſäbeln! Und es wird das Beſte ſein, daß ich das auch thue und nach Kunzendorf zurückgehe. Hab' hier nichts mehr zu thun, bin'ne alte verlegene Waare, die Niemand will. Hab' von einem Tag zum andern gehofft; jetzt iſt's vorbei mit aller Hoffnung, rein vorbei! Male, zieh' Deinen Plunderſtaat aus, und pack ein! Das Beſte iſt, wir fahren heut Abend noch fort, und kehren heim in unſer abſchenliches, gott⸗ verdammtes, langweiliges Dorf! Puh, wie das donnert und blitzt, und gleich mit dem Kopf in den Himmel hineinfährt! rief die Generalin. Kann ja noch Alles gut werden, mein herzlieber Mann, mußt nicht ſogleich verzagen, es geht nur ein bischen langſamer und bedachtſamer, wie mein Feuerbrand es möchte. Aber zuletzt muß und wird es ja doch Alles ſo kommen, wie Du es wünſcheſt und willſt, denn ohne den Blücher können ſie doch nichts zu Stande bringen, und zu ihm müſſen ſie doch ihre Zu⸗ flucht nehmen! Und ich ſag' Dir, ſie werden's ohne mich verſuchen, ſchrie Blücher, und ich bin ein blamirter und ruinirter Mann, über den die Hühner lachen werden, wenn er jetzt nach Kunzendorf zurückſchleichen muß, ſtatt mit in's Feld zu ziehen. Pack ein, Male, pack ein, wir wollen fort von hier, heut noch, gleich auf der Stelle! Aber das iſt ja unmöglich, Blücher! Das würde ja ausſehen wie feige Flucht, und würd' ein Gaudium ſein für alle Deine Feinde. Nein, nein, Du mußt heute Abend auf dem Ball erſcheinen, Du— Der Herr General von Scharnhorſt! meldete der eben eintretende Bediente, und in der offenen Thür erſchien zu gleicher Zeit die Ge⸗ Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 25 386 ſtalt des Generals, angethan mit der Galla⸗Uniform, die Bruſt mit Orden geziert. Gut, General, daß Sie kommen, rief die Generalin ihm entgegen⸗ eilend, und dem Freund die Hand darreichend. Sehen Sie nur den Starrkopf da, der nicht auf dem Ball erſcheinen will. Sagen Sie aber ſelbſt, General, muß er's nicht thun? Gewiß muß er es, ſagte Scharnhorſt lächelnd, und ich bin eben gekommen, um mir einen Platz in Ihrem Wagen zu erbitten, und die Ehre zu haben, im Gefolge des Herrn und der Frau Generalin von Blücher auf dem Ball zu erſcheinen. Alſo, theurer General, alſo Toi⸗ lette gemacht! Es iſt die höchſte Zeit. Sogar die Majeſtäten ſind ſchon abgefahren. Blücher ſchüttelte leiſe das Haupt, und ſchaute gedankenvoll vor ſich hin, dann hob er langſam den Blick empor zu Scharnhorſt, der lächelnd vor ihm ſtand. Scharnhorſt, ſagte er, es geht Alles ſchief, und ich wollt', ich wär' lieber todt, als daß ich das erleben muß! Was denn, General? fragte Scharnhorſt. Was iſt denn geſchehen? Blücher ſchaute ihn mit feſten, durchdringenden Blicken an, und ſchien auf dem Grund ſeiner Seele leſen zu wollen. Iſt's ſchon ent⸗ ſchieden? fragte er. Ich bitte Sie, Freund, ſagen Sie mir die Wahr⸗ heit rund heraus. Es iſt beſſer, ich erfahr's auf einmal, als daß ich noch länger dieſe Ungewißheit an meinem Herzen ſoll freſſen laſſen. Scharnhorſt, ich beſchwör' Sie, ſagen Sie mir die Wahrheit! Iſt der Ober⸗General für die ſchleſiſche Armee ſchon gewählt? Nein, General, er iſt noch nicht gewählt, ſagte Scharnhorſt ernſt. Und Sie wiſſen auch noch nicht, wen ſie wählen werden? Die Wahrheit, Freund, die Wahrheit! Nun denn, die Wahrheit iſt, daß ich es nicht weiß, und daß die Majeſtäten es ſelber noch nicht wiſſen, obwohl es jedem Patrioten ſcheint, als könnten ſie gar nicht zweifelhaft ſein, wen von den drei Herren, die auf der Liſte ſtehen, man wählen müßte, und obwohl es in jedem Herzen wiedertönt:„der General Blücher iſt der Mann, den wir brauchen, und der uns zum Siege führen wird.“ Aber ſie ſchwan⸗ ken noch immer, der Kaiſer und der König, und über dem Schwanken en ie 387 und Zaudern vergeht die Zeit, und Napoleon ſammelt neue Heere und verſtärkt ſich nach allen Seiten hin. Drei alſo ſtehen auf der Liſte, ſagte Blücher gedankenvoll vor ſich hin, ich habe zwei Mitbewerber. Wer ſind die Beiden, General? Nennt ſie mir. Der Eine iſt der Feldmarſchall Kalkreuth. Blücher fuhr auf, und ſein Auge blitzte im Zorn. Was? rief er. Der alte kindiſche Greis ſollte eine Armee commandiren? Er, deſſen Lippen ſtets Lobpſalmen auf Napoleon und ſeine Franzoſen ſingen, Er, der erſt kürzlich wieder gezeigt hat, daß ein Stirnrunzeln des Bona⸗ parte ihm ſchlimmer däucht, als die Todesgefahr eines edlen deutſchen Mannes? Er ſollte eine Armee commandiren, die gegen den Napoleon uud ſeine Franzoſen kämpfen und ſiegen ſoll? Ihr wißt's doch, was er gethan hat? Dem franzöſiſchen Geſandten, Grafen St. Marſan, der unſerm König hierher nach Breslau gefolgt war, um ihn zu be⸗ lauern und zu beobachten, dem hat er verrathen, daß der Miniſter von Stein, der beſte und tapferſte Deutſche, heimlich hierher gekommen ſei nach Breslau, um im Namen des Kaiſers von Rußland mit dem König zu unterhandeln, daß er in einem Dachſtübchen wohne, und da alle Abend große Conferenzen der Feinde Napoleons ſtattfinden.*) Ja wohl, ſagte Scharnhorſt, das hat der Feldmarſchall von Kalk⸗ reuth gethan, und ſeine Schuld iſt's nicht, wenn der Herr von Stein mitſammt ſeinen Freunden, zu denen ich mich auch zählen darf, nicht heimlich von den Franzoſen aufgehoben und fortgeführt wurden. Der gute Graf St. Marſan glaubte zum Glück diesmal dem Herrn Feld⸗ marſchall nicht, der ſeinen deutſchen Landsmann an ihn verrieth, und er ließ ſich täuſchen von der gänzlichen Einſamkeit und Stille, die in dem Dachſtübchen herrſchte, welches, wie Kalkreuth ihm geſagt hatte, von dem gefährlichen Miniſter von Stein bewohnt werde.**) Na, und dieſen Mann, das Haupt der Franzoſenpartei, den wollen ſie jetzt zum commandirenden General der ſchleſiſchen Armee machen, *) Pertz: Leben Stein's. III. S. 310. **) Beitzke. I. S. 170. 25* 5 388 ſagte Blücher ſchwermüthig. Male, pack ein, wir wollen nach Kunzen⸗ dorf zurückkehren. Aber noch iſt der Feldmarſchall Kalkreuth doch nicht gewählt worden, ſagte Scharnhorſt lächelnd, noch haben, wie ich glaube, ſeine beiden Mitaſpiranten eben ſo viel, wenn nicht mehr Ausſichten, als er. Es iſt wahr, ich vergaß den Zweiten, brummte Blücher. Wer iſt denn das? Das iſt der General⸗Lieutenant Graf von Tauentzien, für den ſich der Kaiſer Alexander ganz beſonders intereſſirt. Natürlich, ſagte Blücher höhniſch, er iſt ein Graf, hat ſo hübſche geleckte Hofmannsmanieren, verſteht es auch, den Fürſten zu ſchmeicheln, und gerade nur das zu ſagen, was ihnen angenehm und recht iſt. Aber nu müſſen Sie's ſelbſt ſagen, Scharnhorſt, daß es am Beſten iſt, wenn ich nur gleich abſegle nach Kunzendorf, und daß ich gar keine Hoffnungen habe, gar keine! Die beiden Herren, der König und der Kaiſer, die haben doch allein zu wählen, nicht wahr? Ja wohl, die haben allein zu wählen. Na, und Jeder von ihnen hat ſeinen Mann, für den er ſpricht, und den er gewählt wünſcht. Der Kaiſer hat den Grafen Tauentzien, der König hat den Feldmarſchall Kalkreuth. Wer alſo ſoll da an mich denken und für mich ſprechen? Für Sie, General, wird Ihr Ruhm ſprechen, ſagte Scharnhorſt innig, für Sie wird die Liebe ſprechen, welche jeder Soldat für Sie hegt, und endlich, General, werden Sie ſelber für ſich ſprechen durch Ihre herrliche und prächtige Erſcheinung, durch Ihr feſtes, zuverſicht⸗ liches Weſen, durch Ihre Energie und Kraft, die nichts zurückhält und nichts verſchweigt. Kommen Sie, General, laſſen Sie uns jetzt eilen, auf den Ball zu kommen, und hören Sie, Freund, legen Sie ſich da keinen Zwang an, laſſen Sie Ihrem Mißmuth freien Lauf, ſagen Sie es frank und frei Jedermann, daß Sie unzufrieden ſind, daß Sie glühend wünſchen, zum commandirenden General gewählt zu werden, und daß es Ihnen als ein großes Unglück erſcheinen würde, wenn man Ihnen einen Andern vorzöge. Aber, lieber General, rief Frau von Blücher erſchrocken, wie können „ n⸗ lt ne ten ine ht, en, ſch ie uch cht⸗ und len, a 0 S G — en, nan men —— 389 Sie dem Blücher nur einen ſolchen Rath geben! Sie wiſſen ja, was für ein Brauſekopf er iſt! Er wird nun ſo laut toben und ſchelten, daß der König und Kaiſer ſelbſt ihn hören können. Nun, ſagte Scharnhorſt lächelnd, es iſt zuweilen recht gut, wenn ein tüchtiger Mann da iſt, der die Könige und Kaiſer ein wenig die Wahrheit unverblümt hören läßt, und ihnen beweiſt, daß die Menſch⸗ heit nicht immer lächelt und voll höflicher Unterthänigkeit iſt. Der Scharnhorſt hat Recht, rief Blücher, ſich plötzlich emporrich⸗ tend, ja, ich will auf den Ball gehen, und will's ihnen wenigſtens da ſagen, was das für Kerls ſind, die ſie wählen wollen, und was wir von ihnen zu hoffen haben. Sollen wenigſtens nicht nachher zu ihrer Entſchuldigung ſagen können, daß ſie nicht gewarnt worden, und daß Niemand ſie auf den Blücher aufmerkſam gemacht hätte. Ich werde ſie auf den Blücher aufmerkſam machen, ja zum Donner, ich werd' ſie aufmerkſam machen, und hören und verſtehen ſollen ſie mich, und wenn ſie ſich auch die Ohren mit Wachs verſtopft haben! Nun, rief die Generalin entſetzt, jetzt bitte ich um Erlaubniß, zu Hauſe bleiben zu dürfen, denn das wird eine Scene werden, bei der ich nicht wünſche, zugegen zu ſein! Nichts da! Gar keine Scene wird's geben! ſagte Blücher. Ich werd' den Majeſtäten meinen Kratzfuß machen, und dann werde ich bei Seite treten, aber natürlich, ganz ſtill werd' ich nicht ſein, und— na nu, Du kennſt ja meine Loſung, immer drauf! Alſo, immer drauf! Laß uns zum Ball gehen! Mußt durchaus mit, Male, es geht nicht anders, denn zu allerletzt, wenn's Noth thut, mußt Du mich doch noch zur Raiſon bringen. Weißt wohl, daß das kein Anderer zu Stande bringt, als Du allein. Nicht wahr, Frau Generalin, Sie verlaſſen uns nicht in dieſer kritiſchen Stunde? bat Scharnhorſt. Sie wollen nicht, daß ſein guter Engel von ihm weicht, und alſo gehen Sie mit uns auf den Ball? kun ja denn, ich gehe mit, ſagte ſie lächelnd, ich gehe mit, um meinen Donnergott zur rechten Zeit am Rockzipfel zu packen. Na, wenn Dir das heut' nur hilft, ſagte Blücher trocken. Ich muß bei Gott im Himmel mein Herz'n bischen erleichtern, ich muß 390 'n bischen die Wahrheit ſagen, die Niemand nicht hier in Breslau hören mag. Na, Male, nu thu mir den Gefallen, und dreh Dich mal nach dem Fenſter hin. Ich will blos den Schlafrock abwerfen und den Uniformrock anziehen. Angezogen bin ich ſchon ganz und gar, und es fehlt man blos noch der Rock; da liegt er über'm Stuhl und wartet man blos, daß ich ihn anziehe und auf den Ball führe. Ich will den Johann rufen, daß er mir anziehen hilft. Rufen Sie Niemand, ſagte Scharnhorſt, ſondern erlauben Sie mir, Ihnen behülflich zu ſein. Hier iſt der Rock! Und hier bin ich, rief Blücher, indem er den Schlafrock abwarf, und raſch in den Rock hineinfuhr, den Scharnhorſt ihm darreichte. Nun aber hören Sie, General, ſagte Scharnhorſt, während er Blücher den Degen und das Wehrgehänge darreichte. Weil Sie gar ſo liebenswürdig und gütig ſind, und doch auf den Ball gehen, will ich Ihnen noch eine gute Neuigkeit mittheilen. Der Gneiſenau wird morgen hier eintreffen. Wie denn? Iſt er nicht mehr in England? fragte Blücher freudig. Nein, er iſt ſchon in Deutſchland, und wird, wie er mir ſchreibt, ſpäteſtens morgen hier ſein. Er iſt ſchon beinahe vor acht Tagen auf einem ſchwediſchen Schiff in Colberg gelandet, und dort hat man ihn mit wahrem Enthuſiasmus empfangen. Die ganze Stadt hat am Abend ſeiner Ankunft freiwillig illuminirt, und die Bürgerſchaft hat ſich in feierlichem Zuge vor ſein Quartier begeben, um ihn zu begrüßen und ihm ihre Vivats darzubringen.*) Sie ſehen wohl, es lebt in dem Volke noch der alte Haß und die alte Liebe, es hat ſeine Bedrücker, aber auch ſeine Helden nicht vergeſſen. Der Gneiſenau iſt alſo auch da, rief Blücher, das iſt die Möwe, die uns den baldigen Sturm verkündet. Es geht los, Herr mein Gott, es geht nun wahr und wahrhaftig los, und wenn ich nun nicht dabei ſein ſollte, ſo wird mein Herz zerplatzen, wie'ne Kanone, die man zu voll geladen hat. Der Gneiſenau kommt nun auch noch, und alle Männer kommen, und wenn der Blücher nun nicht dabei ſein ſoll,— *) Beitzte I. S. 196. au mal den des tet den 391 na, es iſt gut, wenn ſie mich nicht mitſchicken wollen als commandi⸗ renden General, ſo gehe ich als Gemeiner mit. Denn dabei ſein muß ich nun einmal, wenn mit dem Bonaparte der Kehraus getanzt wird, und wenn ich nicht der Vortänzer ſein kann, na ſo werd' ich einer von den aufſpielenden Muſikanten ſein,'s iſt auch ganz gut! Na, nu kommt, ich bin fertig und bereit! Heda, Chriſtian, der Wagen ſoll vorfahren! IV. Der Vall im Rathhausſaal zu Breslau. Der große Rathhausſaal in Breslau bot heute einen außerordent⸗ lich feſtlichen und glänzenden Anblick dar. Die Wände waren geſchmack⸗ voll decorirt mit Blumengewinden und Fahnen, welche bald die ruſſi⸗ ſchen, bald die preußiſchen Farben zeigten, dazwiſchen ſah man den preußiſchen Adler und den ruſſiſchen Doppeladler in reichvergoldeten Medaillons, und umſtrahlt von Kerzen, angebracht. Von der Decke hernieder hingen drei ungeheure Kronleuchter, jeder geſchmückt mit fünfzig großen Wachelichtern, die eine Fülle von Licht durch den ganzen Saal verbreiteten, und ſich hundertfach wiederſpiegelten in den Kugeln und Berlocken von Bergeryſtall. Auf der, an der oberen Hälfte der einen Saalwand angebrachten Gallerie, die herrlich decorirt war mit Laubgewinden und preußiſchen und ruſſiſchen Fahnen, ſaß ein Corps von fünfzig Muſici und ließ ſchmetternde Grüße hinabrollen in den Saal, in welchem im bunteſten Gewühl die glänzende Geſellſchaft, welche der Magiſtrat geladen, auf⸗ und abwogte; die Damen in der prachtvollſten Toilette, im reichen Schmuck der Edel⸗ ſteine und Brillanten, der Blumen und Spitzen, die Herren in der Pracht ihrer goldgeſtickten Uniformen, die Bruſt decorirt mit Ordens⸗ kreuzen; dazwiſchen aber auch ſah man die dunklen Geſtalten der 392 Lützower Jäger, den einfachen Civilrock der Bürger, und ſogar einige Vertreter des Bauernſtandes in ihren kleidſamen bäuerlichen Trachten. Alle Stände waren vertreten auf dieſem großen Feſtball, den der Magiſtrat von Breslau dem Kaiſer von Rußland zu Ehren veran⸗ ſtaltet hatte, denn dieſe Vertreter aller Stände ſollten Alexander die Huldigung des preußiſchen Volkes darbringen, und ihm den Dank entgegenjubeln, zu welchem man dem edlen Bundesgenoſſen des Kö⸗ nigs ſich verpflichtet fühlte für die Hülfe, welche er Preußen dar⸗ bringen wollte. Der Kaiſer und der König waren daher mit unermeßlichem Jubel empfangen worden, als ſie Arm in Arm, Jeder geſchmückt nicht mit ſeinen Orden, ſondern mit denen ſeines Bundesgenoſſen, in den Saal traten. Alexander hatte dafür gedankt mit der ihm eigenen Freund⸗ lichkeit und lächelnden Anmuth, Friedrich Wilhelm mit dem Ernſt und der Ruhe, die ihn niemals verließ. Nach den erſten ceremoniellen Präſentationen und feierlichen Anreden hatte Alexander den erſten Bürgermeiſter indeſſen erſucht, jetzt das läſtige Ceremoniell bei Seite zu ſchieben und Jedem zu geſtatten, ſich unbefangen und harmlos dem Vergnügen zu überlaſſen. Um ſelber damit den Anfang zu machen, hatte der Kaiſer gebeten, den Tanz beginnen zu laſſen, und der Ge⸗ mahlin des Oberbürgermeiſters ſeinen Arm bietend, hatte er mit ihr den Ball und die Polonaiſe eröffnet. Dann nach dem Tanz hatte er ſich mit liebenswürdigſter Ungezwungenheit in der Geſellſchaft umher bewegt, immer bemüht, durch ſeine Freundlichkeit und Zuvorkommenheit Jedermann die Kluft vergeſſen zu machen, welche zwiſchen ihm und dem Kaiſer ſich befände. Der König hatte gleich ihm die Polonaiſe mitgetanzt, dann aber hatte er ſich, ſchweigſam, ernſt und ſtill, wie immer, in das neben dem Saal befindliche Gemach zurückgezogen, das man zum Privat⸗ und Audienzzimmer der beiden Fürſten beſtimmt hatte, und in welches Niemand eintreten durfte, der nicht von dem dienſtthuenden Kammerdiener des Königs oder des Kaiſers dahin⸗ein⸗ geladen worden. So lange Alexander und Friedrich Wilhelm in dem großen Tanzſaal ſich befanden, wollten ſie nur die Gäſte ihrer freund⸗ lichen Wirthe, die ungezwungenen Mitglieder der Geſellſchaft ſein, aber 393 ſobald ſie die Schwelle ihres Audienzzimmers überſchritten, waren ſie wieder der Kaiſer und der König, welche Audienzen ertheilten, und denen ſich Niemand unaufgefordert nahen durfte. Von dieſem Audienzzimmer führte eine andere, mit ſchweren Sammetvorhängen verhüllte Thür in ein anderes Zimmer, in welchem für die beiden Fürſten eine kleine Tafel mit den auserleſenſten kalten Speiſen, den köſtlichſten und ſel⸗ tenſten Weinen ſervirt war, und von dieſem kleinen Zimmer gelangte man in den großen Speiſeſaal, der wiederum durch ein anderes kleines Gemach mit dem großen Tanzſaal zuſammenhing. In dieſem Speiſe⸗ ſaal war die eine lange Wand von einem rieſigen Büffet einge⸗ nommen, auf dem ſich in coloſſalen Schüſſeln von Silber und Porcellan die ſchönſten Speiſen aufthürmten, und neben denen ſich ungeheure Cryſtalltonnen, gefüllt mit dampfendem Punſch oder duftendem Cardi⸗ nal, befanden. Den ganzen übrigen Raum des Saales nahmen eine Menge kleiner runder Tiſche ein, die ſervirt waren, und an denen Diejenigen ſich niederlaſſen konnten, welche bei Speiſe und Trank ſich ein wenig erholen wollten von den anſtrengenden Freuden des Feſtes. Alexander und Friedrich Wilhelm hatten ſich ſeit einiger Zeit in das Audienzzimmer zurückgezogen, und hatten dort diejenigen Perſonen hinberufen laſſen, denen ſie heute die Gnade einer freundlichen Aus⸗ zeichnung wollten zu Theil werden laſſen. Da waren vor allen Dingen die Majore von Lützow und von Petersdorf, welche in das fürſtliche Audienzzimmer beſchieden worden, ſelbſt einige der Freiwilligen, unter ihnen der Baron La Motte Fouqué und Theodor Körner, waren der Ehre einer Audienz theilhaftig geworden, und Alexander hatte zu ihnen mit der liebenswürdigſten Begeiſterung von ſeiner Theilnahme für das heldenmüthige preußiſche Volk, von ſeiner Bewunderung für die Opfer⸗ bereitwilligkeit deſſelben geſprochen; dem Major von Lützow hatte er geſagt, daß, wenn er nicht zufällig Kaiſer von Rußland ſei, er es ſich nicht würde nehmen laſſen, als Freiwilliger in ſein Corps der Rache einzutreten, und Theodor Körner hatte er, zum Beweiſe, wie ſehr er ſeine Poeſien liebe, die beiden erſten Verſe von deſſen Gedicht:„Friſch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen“ declamirt. Friedrich Wilhelm hatte ſich damit begnügt, Jedem ein freundliches 394 Wort, einen kurzen Gruß zuzuwenden, und hatte dann wieder, neben der Portière ſtehend, hineingeſchaut in das bunte Gewühl des Saales. — Plötzlich, während die beiden Fürſten eben in leiſem, vertraulichem Zwiegeſpräch nebeneinander ſtanden und in den Saal hineinblickten, machte in den auf⸗ und abwogenden Maſſen ſich eine ungewöhnliche und auffallende Bewegung ſichtbar. Alles ſtrömte dem Eingang des Saales zu, durch den die beiden Bürgermeiſter eben in den vordern Empfangsſaal hinausgetreten. Unzweifelhaft erwartete man Jemand, und zwar Jemand, den die ganze Geſellſchaft geſpannt war zu ſehen, und den man gern willkommen heißen mochte. Jetzt öffneten ſich die großen Flügelthüren da drüben und in der Mitte der beiden Bürgermeiſter erſchien die ſchlanke markige Geſtalt des Generals von Blücher. Hinter ihm ſah man den General von Scharnhorſt, die Gemahlin Blüchers am Arm führend. Heiter, mit einem unbefangenen Lächeln auf ſeinem ſchönen und zugleich gutmüthigen Geſicht, ſchritt Blücher vorwärts, links und rechts mit freundlichem und vertraulichem Kopfneigen die Geſellſchaft be⸗ grüßend. Anfangs hatte man ſchweigend ſeine Begrüßungen erwiedert, aber allgemach erhob ſich ein Murmeln und Flüſtern, allgemach wurden die Angen, welche ſich auf die Heldengeſtalt Blüchers, auf ſein edles, trotziges Angeſicht hefteten, glühender, das Murmeln und Flüſtern ward zum lauten Rufen, und wie in einem vollen Strom der Begeiſterung tönte es jetzt durch den Saal dahin: es lebe Blücher! Vivat unſer Held, der tapfere General Blücher! Tuſch blaſen! Tuſch blaſen! riefen andere Stimmen zu den Muſici hinauf; der Oberbürgermeiſter nickte lächelnd mit dem Haupte und winkte mit dem weißen Taſchentuch empor. Die Poſaunen ſchmetterten, und die Trompeten jubelten, und lauter noch und voller jubelte und ſchmetterte es: Hoch lebe Blücher! Vivat unſer Held! Blücher verneigte ſich, verwirrt und faſt beſchämt, und mit einem ſo liebenswürdigen Ausdruck von Ueberraſchung und Freude, daß dies einen neuen Sturm von Beifall und Enthuſiasmus erregte. 395 Die beiden Fürſten ſtanden in der offenen Thür des Audienzzimmers und ſchauten dieſer ſeltſamen und unerwarteten Scene zu, Alexander lächelnd, ſichtbar erfreut wie es ſchien, Friedrich Wilhelm ernſt und mit einem kleinen Schatten auf der Stirn. Ach, Sire, ſagte Alexander jetzt leiſe und raſch, mir ſcheint, man will da eine kleine Demonſtration zu Ehren Ihres Generals machen, und uns einen ſanften Fingerzeig geben, wen man ſich zum General der ſchleſiſchen Armee von Ihnen erbitten möchte. In der That, es ſcheint ſo, ſagte Friedrich Wilhelm verſtimmt, aber ich liebe die Demonſtrationen nicht, und ſie wirken nicht auf mich. Indeſſen wollen wir doch den Helden begrüßen, rief Alexander lächelnd, man muß doch ſehen, daß wir die allgemeine Sympathie theilen. Er ſchritt raſch vorwärts hinein in den Saal; der König folgte ihm langſam und zögernd. Willkommen, mein lieber General Blücher, ſagte Alexander, dem General ſeine Hand darreichend, während der König ihn blos mit einem Kopfneigen begrüßte. Sofort verſtummte das Geſchwirre und Ge⸗ räuſch, das ſonſt wie Wogengebrauſe den ganzen Saal erfüllte. Tiefe Stille trat ein, Jeder blieb wie an ſeinen Platz gebannt ſtehen, Aller Blicke waren mit geſpannter Erwartung, mit athemloſer Neugierde der Gruppe zugewandt, die da in der Mitte des Saales ſtand, Jeder war beſtrebt, ein Wort zu erhaſchen, einen Blick zu erlauſchen, um daraus ſeine Folgerungen und Schlüſſe zu ziehen. Und inmitten dieſes allgemeinen Schweigens, dieſer athemloſen Stille, hörte man die ſanfte melodiſche Stimme Alexanders, welcher. zum zweiten Male ſagte: Willkommen, mein lieber General Blücher! Wirklich, ich bin erfreut, Sie zu begrüßen, und Sie nach ſo langer Zeit einmal wieder zu ſehen. Ich wußte in der That gar nicht, daß Sie hier in Breslau waren, ſonſt würde ich Sie ſchon aufgeſucht haben. Das wäre ſehr gnädig und ſehr großmüthig, und daher ganz im Character Eurer Majeſtät geweſen, ſagte Blücher laut und feſt. Denn man weiß ja, daß Ew. Majeſtät niemals Diejenigen vergißt, die des Erinnerns werth ſind. Alle Patrioten haben es mit Dank und Enthu⸗ ſiasmus erfahren, daß Ew. Majeſtät gleich nach Ihrer Ankunft den ————— 396 edlen und tapferen Deutſchen, den großen Miniſter vom Stein beſucht haben, der einſam, krank und verlaſſen auf ſeiner Dachſtube wohnte, und an den ſich bis dahin nur einige getreue Freunde, und einige feige Feinde erinnert hatten.*) Dieſe, mit lauter und kräftiger Stimme geſprochenen Worte brachten eine ſehr verſchiedene Wirkung hervor. Der Kaiſer Alexander lächelte, und nickte mehrmals lebhaft mit dem Kopf, der König Friedrich Wilhelm runzelte leicht die Stirn, und dieſes Stirnrunzeln des Königs ſchien den hinter ihm ſtehenden Herren ſeines Gefolges, dem Feld⸗ marſchall von Kalkreuth und dem General von Kneſebeck, die Erlaubniß zu ertheilen, ihre Stirn in düſtere Falten zu legen, und zornfunkelnde Blicke auf Blücher zu ſchleudern. Die Generalin Blücher, welche ſich beſcheiden einige Schritte zurückgehalten hatte, war leichenblaß gewor⸗ den, und lehnte ſich zitternd auf den Arm des Generals Scharnhorſt, der ſeinerſeits lächelte, und ſich zu ihr neigend, leiſe flüſterte:„er iſt wundervoll, der Blücher! Ein wahrer Feuerkönig zwiſchen den kleinen Irrlichtern!“ Die beiden Bürgermeiſter und der Schwarm der Hof⸗ leute lächelten, je nachdem ſie den Kaiſer anblickten, oder ſchauten ernſt und düſter drein, je nachdem ſie die bewölkte Stirn des Königs ſich zur Richtſchnur genom nen. Blücher indeß ſchien die Wirkung ſeiner Worte gar nicht zu ge⸗ wahren, und llickte ſo unbefangen und ruhig umher, als habe er dem *) Miniſter vom Stein war krank in Breslau angelangt, und wohnte, wie ſchon weiter oben erzählt, in einem kleinen Dachſtübchen, das ihm der Major von Lützow eingeräumt hatte. Nur ſeine nächſten Freunde beſuchten ihn dort, und daher kam es, daß Graf St. Marſan, dem Feldmarſchall Kalkreuth den Aufenthalt Stein's in Breslau gemeldet hatte, nicht an dieſe Nachricht glaubte. Indeſſen erhielt Herr vom Stein in der Stille viele Beweiſe von Liebe und Theilnahme. Nur der König bekümmerte ſich gar nicht um ihn, und auch den Mitgliedern des Hofes war es unterſagt, in irgend eine Verbindung mit Stein zu treten. Indeſſen änderte ſich dies, ſobald der Kaiſer von Rußland ange⸗ kommen, und Stein mit größter Zuvorkommenheit aufgeſucht hatte. Nun beeilte ſich Jedermann, ihn zu beſuchen, und dem Freunde des Kaiſers Verſicherungen der Theilnahme und Hochachtung zu geben, die Stein oft ſehr herbe zurückwies. Pertz: Steins Leben. III. S. 310 folg. 397 Kaiſer nur eine gewöhnliche Höflingsantwort auf ſeine gnädige An⸗ rede gegeben. Ich bin ſo glücklich, mich zu den Freunden Steins zu rechnen, ſagte Alexander lächelnd, aber ich denke nicht, daß beſondere Tapferkeit dazu gehört, ſich zu den Freunden eines hochherzigen, von ganz Deutſch⸗ land geprieſenen und bewunderten Mannes zu bekennen. Doch Majeſtät, ſagte Blücher ruhig, es gehörte noch bis vor gar kurzer Zeit viel Muth dazu, ſich in Deutſchland zu einem Freund des Miniſters vom Stein zu bekennen, denn der Kaiſer Napoleon haßt und fürchtet unſern Stein, und darum haßten und fürchteten ihn Drei⸗ viertel aller Deutſchen aus pflichtſchuldiger Ehrfurcht vor dem Kaiſer der Franzoſen. Nicht wahr, wandte ſich Blücher plötzlich an den dicht hinter dem König ſtehenden Feldmarſchall von Kalkreuth, nicht wahr, es iſt ſo, wie ich ſagte, und Sie müſſen zugeben, daß ich Recht habe, Herr Feldmarſchall von Kalkreuth? Dieſe, mit gänzlicher Nichtachtung der Etiquette und des Ceremo⸗ niells an einen Dritten gerichtete Frage machte die Höflinge erſtarren und den Feldmarſchall Kalkreuth purpurroth vor Zorn. Kaiſer Alexander aber lachte laut auf, und ſich an den König wendend, flüſterte er ihm leiſe und haſtig zu: Sie haben Recht, Sire, er iſt ein Tollkopf, der Blücher, ein ächter Huſar, der immer bereit iſt, drein zu ſchlagen! Der König nickte, und da Alexander lachte, zwang auch er ſich zu einem leiſen Lächeln. Der Feldmarſchall von Kalkreuth antwortete auf die Frage Blüchers nur mit einem raſchen, zornigen Blick und einer leichten Ver⸗ neigung. Nun, ſagte Alexander, ſich wieder an Blücher wendend, ich bin indeſſen überzeugt, daß Sie nicht zu dieſen Dreiviertheilen der Deut⸗ ſchen gehörten, welche haßten und liebten, je nachdem der Kaiſer Na⸗ poleon es wünſchte, General? Nein, Ew. Majeſtät, rief Blücher lebhaft, ich habe allzeit zu den treueſten und unveränderlichſten Feinden des Kaiſers Napoleon gehört, obwohl ich eigentlich ihm ſehr viel, ja beinah das Leben, danke! — Re 398 Wie denn, das Leben? fragte Alexander erſtaunt. Hat der Kaiſer Napoleon Sie jemals aus einer Lebensgefahr befreit? Ja, Majeſtät, das hat er gethan, ſagte Blücher, mit einem ſchnellen Feuerblick den ganzen großen Kreis ſeiner Zuhörer überfliegend, der Kaiſer Napoleon hat mich aus einer großen Lebensgefahr errettet. Denn ich war ſeit den unglücklichen Tagen von Tilſit in Gefahr zu ſterben vor Gram über die Schmach und das Unglück Preußens, und als endlich unſere edle und erhabene Königin Louiſe ſtarb, die eine wahrhafte und treue deutſche Frau war, und welcher der Gram über Preußens Unglück das Herz gebrochen, da meint' ich ſchier, es hätt' mich ein Dolchſtoß gerad' in's Herz getroffen, und ich müßte dran verbluten. Aber da dachte ich zu meinem Troſt daran, daß der Na⸗ poleon noch lebte, und daß auch ich leben müſſe, um den Tag zu ſehen, an welchem das Strafgericht über den hochmüthigen Tyrannen herein⸗ brechen würde, da ſtärkte und tröſtete mich die feſte Ueberzeugung, daß Gott mich auserſehen zu dem Werkzeug, mit dem er den Napoleon ſtrafen und vernichten wolle, daß ich dazu beſtimmt ſei, Deutſchland befreien und die Königin Louiſe rächen zu helfen. Und dieſer Gedanke, Sire, hat mich aufrecht erhalten, an dieſem Gedanken habe ich mich erkräftigt, er hat meine Glieder geſtählt, er hat mich wieder ſo jung und feurig gemacht, daß ich dem Kampf mich entgegen ſehne, wie ein Schlachtroß, das den Ruf der Trompete gehört hat. Ein Gemurmel des Beifalls machte ſich hörbar, und nur die Ehrfurcht vor den anweſenden hohen Fürſten ſchien einen lauten Aus⸗ bruch der allgemeinen Sympathie zurückhalten zu können. Jedermann ſchaute mit ſtolzen und freudeſtrahlenden Blicken auf den greiſen Ge⸗ neral hin, deſſen edles und tapferes Antlitz ſtrahlte von Muth und Entſchloſſenheit, und auf den Kaiſer Alexander, der den muthigen und unerſchrockenen Soldaten mit einer Art ſtaunender Verwunderung zu betrachten ſchien. Eine kleine Pauſe trat ein, dann ſah man plötzlich den König einige Schritte vorwärts thun, und ſich der Generalin Blücher, die neben Scharnhorſt ſtand, nähern. Guten Abend, Frau Generalin, ſagte der König laut und mit A 399 etwas rauher Stimme, ſagen Sie mir doch, wie alt iſt der General Blücher eigentlich? Majeſtät, ſagte die Generalin, ſich tief verneigend, Majeſtät, ſeinem Herzen und ſeiner Kraft nach iſt er ein Jüngling, ſeinem Taufſchein zufolge iſt er ein und ſiebenzig Jahre. Schon ſo alt, ſagte der König, ſchon ein ſolcher Greis iſt der Blücher! Aber es iſt wahr, ſeiner Zunge nach iſt er kaum ein Jüngling. Majeſtät, ſagte Blücher, ſich raſch umwendend, möchte es dem lieben Gott und meinem König gefallen, mir jetzt Gelegenheit zu geben, meinen Taufſchein Lügen zu ſtrafen, und zu beweiſen, daß ich ein friſcher, muthiger Knabe bin, der ſein Schwert ſo gut zu gebrauchen weiß, wie ſeine Zunge. Es iſt aber nicht genug, ſein Schwert und ſeine Zunge gebrauchen zu können, ſondern man muß beide zu rechter Zeit auch zu zügeln wiſſen, ſagte der König, indem er ſich raſch umwandte, und den Feld⸗ marſchall Kalkreuth zu ſich heranwinkend, ſich mit ihm in ein Ge⸗ ſpräch einließ. Kaiſer Alexander legte haſtig ſeine Hand auf Blüchers Schulter, als wolle er den aufbrauſenden Zorn des Generals bändigen und ſänftigen, und mit einem freundlichen Lächeln in ſein erglühtes Ange⸗ ſicht ſchauend, ſagte er: das Zügeln, das iſt nicht Ihre Sache, nicht wahr? Ihre Deviſe heißt: Vorwärts! Immer vorwärts! Und Sie meinen, es ſei jetzt die Zeit gekommen, wo das die Deviſe von ganz Deutſchland und auch von mir und meiner Armee ſein ſollte? Nun, Sie haben vielleicht Recht, mein lieber tapferer General. Jedenfalls wird es ſich bald zeigen, wer Recht hat, die Zaudernden oder die vor⸗ wärts Stürmenden! Er nickte Blücher freundlich zu, und rief dann den General von Scharnhorſt an ſeine Seite, gleich dem König wieder den Weg nach dem Audienzzimmer einſchlagend. Die Geſellſchaft, welche bisher in athemloſem Schweigen in der Mitte des Saals zuſammengedrängt ge⸗ weſen, fluthete wieder auseinander und ſtürmte jetzt wieder in die Nebenſäle. Blücher führte ſeine Gemahlin dem auf einer Tribüne be⸗ findlichen Kreis der Damen zu, und folgte dann den Bürgermeiſtern, 400 die ſich von ihm die Ehre ausgebeten, ihn in den Büffetſaal geleiten zu dürfen. Der Kaiſer und der König waren wieder in das Audienzzimmer zurückgetreten. Friedrich Wilhelms Stirn war düſter und umwölkt, und noch ernſter und einſylbiger als ſonſt zog er ſich in den Hinter⸗ grund des Zimmers zurück, nur dann und wann einige flüchtige, raſche Worte an den Feldmarſchall Kalkreuth richtend, der neben ihm ſtand. Alexanders Antlitz war heiter und freundlich, und ein mildes Lächeln umſpielte ſeine Lippen, während er ſich lebhaft mit dem General von Scharnhorſt unterhielt. Es iſt alſo, wie Sie ſagen, auch Stein's Meinung? fragte Alex⸗ ander jetzt gedankenvoll. Auch Er iſt der Anſicht, daß General Blücher den Vorzug verdient? Ja, Sire, ſagte Scharnhorſt lebhaft, es iſt die Meinung des Mi⸗ niſters vom Stein, und ich darf hinzufügen, die Meinung und Ueber⸗ zeugung jedes Preußen, der es wahrhaft aufrichtig mit der Zukunft Preußens meint, und dem das Glück und die Größe des Vaterlandes am Herzen liegt. Sire, die Zauderer und Zweifler, die Alles aus⸗ gleichen und vermitteln möchten, die jetzt noch von Verſöhnung mit Frankreich träumen, die jetzt noch der Anſicht ſind, daß die Feder aus⸗ gleichen und verſöhnen und den Knoten mit zierlichen Händen löſen ſoll, ſtatt daß das Schwert ihn voneinander haut und vernichtet, dieſe Zauderer und Zweifler, dieſe feigen und verzagten Herzen, das ſind die eigentlichen Feinde unſerer Sache, und bei Gott, ſchlimmere und gefährlichere Feinde, als Napoleon mit allen ſeinen Armeen. Denn ſie drücken unſern Muth nieder, ſie lähmen unſern Arm, und wollen unſere Begeiſterung dämpfen. Ohne ſie wäre der König, der in ſeiner Beſcheidenheit gar nicht weiß, welch eine feurige Seele, welch ein großes Herz in ihm wohnt, und welch ein kühner und kluger Mann er iſt, ohne ſie wäre der König längſt ſchon entſchloſſen vorwärts ge⸗ gangen, und hätte, wie es ſein Herz begehrte, ſchon lange Ew. Majeſtät die Hand zum Bündniß gereicht. Aber der König iſt leider ſo be⸗ ſcheiden, daß er ſich ſelber mißtraut, und ſeine eigene Meinung der ſeiner alten, und wie Er meint, längſt erprobten und treuen Rathgeber 401 unterordnet. Dieſe aber ſind Schuld an dem ganzen Unheil Preußens, ſie haben uns hineingelockt in das Bündniß mit Frankreich, ſie haben uns darin feſtgehalten, und möchten auch jetzt noch uns in daſſelbe zu⸗ rückdrängen. Sie möchten das Feuer der Begeiſterung dämpfen, weil ſie fürchten, daß es ſie und ihre unwürdigen und unpatriotiſchen Be⸗ ſtrebungen vernichten könnte. Darum iſt ihnen Blücher mit ſeiner flammenden Heldenſeele ein eben ſolcher Gräuel, als es ihnen Stein mit ſeinen kühnen Freiheitsplänen und ſeinen energiſchen Reformgelüſten iſt. Der Eine will ihnen ein neues Preußen, der Andere einen neuen Staat ſchaffen, und Beides iſt ihnen ein Gräuel, denn ſie haften am Alten, und das Neue, Ungewohnte erregt ihnen nur Schrecken und Beſorgniß. Alexander hatte den Worten Scharnhorſt's mit lebhafter Aufmerk⸗ ſamkeit zugehört, und 5 ſinnend und ernſt vor ſich hin. Hören Sie, General, ſagte er dann leiſe und raſch, indem er einen flüchtigen Blick umherwarf, als wolle er ſich überzeugen, daß Niemand ihn belauſchen könne, hören Sie, General! Beantworten Sie mir ehrlich und aufrichtig eine Frage: Iſt der König von Preußen hinlänglich ſtark und gerüſtet, um Frankreich auf die Dauer Trotz bieten zu können? Nein, ſagte Scharnhorſt feſt, der König von Preußen iſt nicht ſtark genug dazu, und das Heer, welches der König ausrüſten kann, würde nicht im Stande ſein, auch nur Eine Schlacht gegen Napoleon ſiegreich zu beſtehen. Aber das preußiſche Volk, das iſt ſtark und machtvoll, und das preußiſche Volk rüſtet ſich ſelber aus zu einem Kampf, in dem es ſiegen wird, weil keine Armee dem Willen und der Gewalt eines einigen tapfern Volkes zu widerſtehen vermag, und weil Gott im Bunde iſt mit den Völkern, welche für ihre edelſten Güter, für ihre Freiheit und für ihre Fürſten kämpfen. Aber wer ſich vermeſſen will, das Feuer dieſer Volksbegeiſterung zu dämpfen, ſtatt es als Oriflamme dem Kampf vorauf zu tragen, der würde eine ſchwere Sünde auf ſich laden! Preußen wird ſiegen mit ſeinem ganzen Volk, aber es wird untergehen, wenn es nicht auf das Volk, ſondern nur auf ſeine Armee ſich ſtützen will. Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 26 402 Es iſt wahr, ſagte Alexander gedankenvoll, das preußiſche Volk hat in dieſen Tagen eine wundervolle Begeiſterung bewieſen, und ſich erhoben wie Ein Mann. Es iſt für ſeinen König und für ſeine Ehre aufgeſtanden, und— glauben Sie nicht, daß es für dieſe Beiden gleich kämpfen wird, ob nun Tauentzien, Kalkreuth oder Blücher ſein An⸗ führer iſt? Nein, Sire, das glaube ich nicht, ſagte Scharnhorſt lebhaft, oder vielmehr, ich weiß, daß es nicht ſo iſt! Das Volk mit ſeinem guten und richtigen Inſtinct kennt Diejenigen ſehr genau, denen es vertrauen darf, und ich bitte Ew. Majeſtät gnädigſt zu bedenken, daß es dies Mal das Volk iſt, welches Preußen den Sieg erkämpfen muß. Es iſt wahr, die Regimenter, die ſich jetzt freiwillig zuſammengeſchaart haben, die werden nicht wieder auseinander gehen, wenn auch Kalkreuth oder Tauentzien der Obergeneral der preußiſchen pder ſchleſiſchen Armee wird, aber die Regimenter, welche noch im Volk S welche ſich noch nicht ausgerüſtet haben, die werden zaudern und zurückbleiben, wenn ſie nicht wiſſen, daß ein General ſie anführt, der dem Kaiſer Napoleon glühenden Haß geſchworen, und der tauſend Mal lieber auf dem Schlachtfeld als Näpoleon die Hand zu neuem Friedensbündniß reichen wird. o her General aber iſt Blücher, der Jüngling von ſiebenzig Jahren, eine Heldenſeele erſten Ranges, ein zweiter Ritter ohne Furcht und Tadel! Wenn Er an der Spitze unſerer Armee ſteht, dann wird das preußiſche Volk jauchzend hinſtrömen zu den Fahnen, und die fallenden Regimenter werden durch jubelnde neue Regimenter erſetzt werden, die ſich zum Kampf drängen, weil ſie wiſſen, daß an ihrer Spitze ein Held ſteht, der in ſeiner Bruſt nur Raum für zwei Gefühle hat, für die Liebe zu ſeinem Vaterlande und für den Haß gegen die Franzoſen, und der, ohne irgend eine Menſchenfurcht ſeinem Gott, ſeinem König und ſeinem Vaterlande dient, nur getrieben von ſeinem Haß und ſeiner Lebe, ohne alle Nebenrückſichten, ja vielleicht ſogar ohne perſönlichen Ehrgeiz. Bei Gott, rief Alexander begeiſtert, wenn Blücher wirklich ein ſolcher Held iſt, wie Sie ihn ſchildern, ſo wäre es ein Verbrechen, ihn 403 nicht an die Spitze der ſchleſiſchen Armee zu ſtellen. Wenn Sie dem König Alles das geſagt hätten, was Sie mir geſagt haben, ſo würde er gewiß keinen Augenblick mehr haben ſchwanken können, wen er zu wählen habe. Sire, ich habe ihm Alles geſagt, was mein Herz und mein Kopf mir eingaben, und heute Mittag glaubte ich noch überzeugt ſein zu dürfen, daß der König ſich für den General Blücher entſcheiden würde, wenn er erſt die Ueberzeugung gewonnen hätte, daß er damit dem Willen und Wunſch Eurer Majeſtät nicht zu nahe träte. Aber die kleine Scene von vorhin hat leider meine Ueberzeugung ſchwanken gemacht, denn der König ſchien verletzt von dem rauhen und etwas ungeſtümen Weſen des Huſaren⸗Generals. Und gerade dies hat mich für den Huſaren⸗General, wie Sie den Blücher nennen, ſehr eingenommen, denn wer ſo feſt und freudig auf ſeine eigene Kraft trotzt, der muß ſich ſtark und ſiegesgewiß fühlen. Auch liebe ich es, unter den vielen lächelnden, demüthigen und geſchmei⸗ digen Höflingen, welche uns, wie alle Fürſten, umgeben, Männer her⸗ vorragen zu ſehen, welche ihren Rücken nicht beugen, nicht in den Staub ſinken vor unſerer ſogenannten Gottherrlichkeit, ſondern aufrecht ſtehen, der Mann dem Manne gegenüber, Niemand fürchtend, weil ſie ſich ihrer ſelber gewiß ſind. Wenn das die Anſicht Ihrer Majeſtät iſt, ſo darf ich wohl be⸗ kennen, daß ich ſie theile, ſagte eine Stimme hinter ihm, und als der Kaiſer ſich umwandte, begegnete er dem lächelnden Blick des Königs, welcher während des Geſprächs mit Scharnhorſt hervorgetreten war, und, da er daſſelbe nicht unterbrechen mochte, unbeachtet von Beiden dem Schluß deſſelben zugehört hatte. Wie? fragte Alexander, dem König die Hand darreichend. Ew. Majeſtät ſind alſo meiner Meinung, Sie lieben auch die Männer, welche uns zuweilen ihre Stirn ſehen laſſen, ſtatt des in Ehrfurcht ge⸗ beugten Rückens, und welche uns die Wahrheit ſagen, ſtatt der ewigen parfümirten Schmeichelei? Gewiß, Sire, ſagte der König, leicht mit dem Haupt nickend, die Mahrheit iſt zwar zuweilen eine etwas bittere Arznei, aber ſie macht 26 404 geſund, während die ewig ſüße Schmeichelei den Geſchmack verwöhnt und den Magen verdirbt. Und man muß wahrhaftig einen geſunden Magen haben, um die harte Speiſe dieſer Zeiten vertragen zu können, rief Alexander lächelnd. Scharnhorſt meint, daß der Blücher ein guter Arzt für unſerer Aller Magen ſein würde. Nicht wahr, General, das iſt Ihre Meinung? Sire, er iſt wenigſtens ein Arzt, der nicht mit Palliativmitteln hin⸗ halten wird, ſagte Scharnhorſt, ſondern der gleich durch eine tüchtige Operation das ganze Uebel zu Gene trachten würde. Aber ich habe ſagen hören, daß die Patienten ſehr oft in Folge von Operationen geſtorben ſind, während ſie noch lange gelebt haben möchten, wenn ſie ihr Uebel mit Geduld und Ergebung getragen hätten, ſagte der König, wieder trübe und gedankenvoll werdend. Der Kaiſer bemerkte es und legte ſanft die Hand auf die Schulter ſeines königlichen Freundes. Wer möchte aber ein ſolches Leben auf dem Krankenbett einem ſchnellen und ſchönen Heldentod auf dem Bette der Ehre vorziehen? ſagte er mit innigem Ton. Sie nicht, mein er⸗ habener Freund, das weiß ich, und beſſer noch, als ich, weiß das der Engel, der über Ihnen ſchwebt, und deſſen irdiſche Augen der Kummer geſchloſſen hat. Aber, unterbrach Alexander ſich ſelbſt, dies ſind Ge⸗ danken, die ſich wenig zu der Heiterkeit eines Feſtes eignen, und ich bitte Ew. Majeſtät um Vergebung, daß ich ſie anzuregen gewagt habe! Das ſind indeſſen Gedanken, welche immer mit mir gehen und welche mich niemals verlaſſen, Sire, ſagte der König ſanft. Ich habe den Schmerz wohl überwunden, doch ich werde und will niemals das Vergeſſen lernen! Gerade aber in dieſen Tagen gedenke ich meiner Louiſe mit verdoppelter Sehnſucht. Wie würde ihre Seele ſich erfreut und erhoben haben an der Erneuerung eines Bündniſſes, das ſie ſo innig erſehnte und erflehte, und wie würde ſie der edle und ſchöne Enthuſiasmus des Volkes begeiſtert und entzückt haben. Die edle Königin war auch, wie mich dünkt, eine warme Freundin des Generals Blücher? fragte der Kaiſer nach einer Pauſe. Sie ge⸗ hörte, glaube ich, zu Denen, welche von dem General viel Gutes er⸗ öne din ge⸗ 405 warteten und ihn für einen Helden und einen mächtigen Feind Napo⸗ leons hielten. Iſt es nicht ſo, Sire? Ja, ſagte der König gedankenvoll, die Königin hielt viel auf den Blücher, und ſie hielt ihn für einen ebenſo tapfern als treuen Patrioten. Und wie dachte die Königin über den Feldmarſchall von Kalkreuth? fragte Alexander mit anſcheinender Unbefangenheit. Gehörte der auch zu Denen, welchen die Königin vertraute und von denen ſie die Rettung des Vaterlandes erwartete? Der König blickte raſch empor und begegnete einen Moment dem forſchend auf ihn gerichteten Auge des Kaiſers. Friedrich Wilhelm lächelte und nickte leiſe mit dem Kopf, als wolle er damit beſtätigen, daß er die Frage des Kaiſers wohl verſtanden habe. Nein, ſagte er, die Königin Louiſe billigte die Meinungen des Feldmarſchalls ſelten, und obwohl ſie viel Hochachtung empfand für den General, der ſich ſchon unter dem großen Friedrich als einen tapfern Helden bewährt hatte, ſo konnte ſie nicht mit ihm übereinſtimmen in der großen Vorliebe, welche er für den Kaiſer Napoleon und deſſen unbeſiegbare Heere an den Tag legte. Eine Vorliebe, rief Alexander lächelnd, eine Vorliebe, die, wie ich glaube, den Feldmarſchall noch nicht verlaſſen hat, trotz den Erfahrungen, welche der Kaiſer Napoleon auf den Schlachtfeldern von Rußland ge⸗ ſammelt hat. Auf denſelben Schlachtfeldern, auf welchen Ew. Majeſtät neue Lorbeern ſammelten, ſagte der König ſich leicht verneigend. Und jetzt werden ſich hier in Deutſchland wahre Lorbeerhaine für Ew. Majeſtät aufthun, rief der Kaiſer. Alles kommt nur darauf an, daß wir die rechten Gärtner finden, die es verſtehen, unſere Lorheern zu pflegen! Aber ich wiederhole es, unſere Gedanken paſſen nicht zu dieſem heitern Feſte. Kommen Sie, Sire, erlauben Sie mir, als Ihr Cavalier Ihnen den Arm bieten und Sie ein wenig zum Büffet führen zu dürfen, denn wie ſehr man auch immer König ſein mag, ſo dürfen wir uns nicht verhehlen, daß man doch zuweilen Menſch iſt und daß auch der Magen ſeine Bedürfniſſe hat. Er reichte dem König ſeinen Arm und führte ihn in das kleine, 406 neben dem Audienzzimmer befindliche Büffetzimmer. Die Herren, welche ſich im Audienzzimmer befanden, folgten, und die Kammerherren eilten geſchäftig zum Büffet, um den beiden Fürſten die Speiſen ſerviren zu laſſen. . Die Ernennung. Alexander ließ ſich neben dem König an der kleinen, von Gold⸗ geſchirr ſtrotzenden Tafel nieder, die für Beide allein ſervirt war, und die unfern von der durch eine Portiére verhangenen Thür ſich befand, welche in den großen Büffetſaal führte. Eine Pauſe trat ein; der Kaiſer und der König hatten eben ein Stück von der duftenden Gänſeleberpaſtete, die der Hofmarſchall ſelbſt ihnen ſervirte, auf ihre goldenen Teller gelegt und beſchäftigten ſich, wie andere Erdenſöhne, damit, dieſe mit behaglichem Genuß zu ver⸗ zehren. Die Cavaliere, den glücklichen Moment des Schweigens be⸗ nutzend, ſtanden umher und verzehrten die Speiſen, die ſie ſo glücklich geweſen, von dem Büffet zu erhaſchen. Plötzlich ward dieſe Stille durch eine Stimme unterbrochen, welche nicht in dem Zimmer ſelbſt erſchallte, aber doch wie ein Trompetenſtoß daſſelbe durchſchmetterte. Dieſe Stimme ſagte: Wenn jetzt noch gezaudert und geſchwankt wird, dann iſt Alles verloren, dann thäte man beſſer, ſich dem Bona⸗ parte gleich zu Füßen zu werfen und um Pardon zu bitten, ſtatt noch unnützer Weiſe das edle und koſtbare Blut des treuen Volkes zu ver⸗ gießen, und dann doch zuletzt ſich zu unterwerfen und klein beizugeben⸗ Wer nicht vorwärts gehen will, der geht ganz von ſelbſt, ohne daß er's merkt, rückwärts, und wer nicht den Muth hat anzugreifen, der iſt ſchon beſiegt, ehe noch der Andere ihn zu einer Schlacht ge⸗ zwungen hat. Ei, rief Alexander lächelnd, das ſind Sentenzen, die gar ſehr an den General Blücher erinnern. Ew. Majeſtät haben Recht, es iſt die Stimme Blüchers, ſagte der König, er wird ſeinem Unmuth ein wenig Luft machen, vielleicht auf unſere Koſten! Hören wir nicht auf ihn! Im Gegentheil, ich bitte Ew. Majeſtät um gütige Erlaubniß, doch noch ein wenig zuhören zu dürfen, ſagte Alerander freundlich. Es liegt etwas in der Stimme des Generals, das erfriſchend und geſund iſt, wie ein reiner Wind, der die üblen Dünſte vertreibt. Ach, hören Sie nur, Sire, jetzt tobt die Stimme wie ein wahrer Orkan, der die ganze Welt in Trümmer werfen möchte. In der That, die Stimme da drinnen in dem Nebengemach war noch lauter, noch heftiger geworden, und da der Kaiſer Alexander gerade ſo ſaß, daß ſein geſundes Ohr der Thür zugewandt war, ſo konnte er deutlich jedes Wort vernehmen, das dieſe Stimme ſprach. Was? brüllte ſie jetzt. Ihr haltet es wirklich für möglich, daß ſie den Feldmarſchall Kalkreuth zum Obergeneral machten und ihm die junge prächtige Armee anvertrauten? Herr Gott, weiß man denn nicht, daß der Kalkreuth, ein ſo prächtiger Menſch und ſo tapferer Soldat er auch iſt, doch kein Mann dazu iſt, um dem Napoleon gegen⸗ über zu treten? Weiß man denn nicht, daß der Feldmarſchall den Bonaparte liebt und bewundert, und daß er die Feindſchaft mit Frank⸗ reich als großes Unglück für Preußen betrachtet? Wie könnte denn Der jemals eine Schlacht gewinnen, er, der niemals gerade aus⸗ ſchauen würde auf das Schlachtfeld hin, ſondern immer hinüber ſchielen würd' um zu ſehen, was der Napoleon für'n Geſicht macht und ob er auch nicht die Stirn in Falten legt über die Vermeſſenheit der Preußen, die ſich unterſtehen, dem großen Napoleon'ne Schlacht ab⸗ gewinnen zu wollen. Und wenn dann der Kalkreuth*mit dem einen Auge die preußiſche Armee beſichtigte, würde er mit dem andern immer nur das Stirnrunzeln Bonaparte's beobachten. Wir brauchen aber'n Mann mit einem geraden Blick, der ſeine Augen gerade aus auf das Ziel richtet. Wir können keine Schielwippen gebrauchen! Zum Teufel alle Schielwippen, denn man weiß niemals recht, wie man mit ihnen 408 d'ran iſt! Ich ſag's noch einmal! Ein Mann mit' nem geraden Blick, den brauchen wir, und zum Teufel alle Schielwippen! Was iſt das? Schielwippen? fragte der Kaiſer lächelnd. Ich habe mir wohl eingebildet, das Deutſche von meiner Mutter und von meiner Frau, die Beide die Ehre haben, Deutſche zu ſein, recht gut gelernt zu haben, aber niemals habe ich von ihnen dies Wort ver⸗ nommen. Alſo, ich bitte, Sire, ſagen Sie mir, was heißt das: Schielwippen? I†ch bekenne zu meiner Schande, daß ich dies Wort auch nicht ver⸗ ſtehe, ſagte der König achſelzuckend. Herr General Scharnhorſt! rief der Kaiſer. Ich bitte, können Sie mir ſagen, was das heißt: Schielwippen? Sire, ſagte Scharnhorſt lachend, es iſt eine etwas vulgaire Be⸗ zeichnung für einen Menſchen, welcher ſchielt. General Blücher liebt es, ſich in der derben Sprache des Volks auszudrücken. Nun, das preußiſche Volk hat ſich in dieſer Zeit ſo herrlich und großartig ausgedrückt, ſagte Alexander, daß man wohl mit voller Ueberzeugung ſagen darf: Von populi, vox Dei! Volkes Stimme, Gottes Stimme! und daß es ein großes Lob für den Blücher iſt, wenn er wie das Volk ſpricht. Aber ſtill, was ſagt er jetzt? Die Halben, die Halben, das iſt unſer ganzes Unglück! donnerte Blüchers machtvolle Stimme. Die, welche immer blos flicken und die Löcher ausſchmieren wollen, ſtatt den ganzen Plunder über'n Haufen zu werfen und ein neues Haus zu bauen, die Flickſchneider und Mauer⸗ verkleiſterer, das iſt die ſchlimmſte Sorte, und die haben Preußen all⸗ zeit in's Unglück gebracht. Wenn ich an Die denke, da möchte ich ſie blos mal hier haben, um es ihnen zu machen, wie der Turner Jahn es letzthin in Berlin machte mit einem von ſeinen Turnern. Kennt Ihr die Geſchichte? Nein, nein, riefen mehrere Stimmen. Wir kennen leider dieſe Geſchichte nicht. Nun, ſo will ich ſie Euch erzählen! Der Jahn geht mit ſeinen Schü⸗ lern die Linden hinunter nach dem Brandenburger Thor hin, um draußen Pitem Exercierplatz mit ihnen ſeine gewöhnlichen Turnübungen zu machen. 409 Wie ſie ſo dahin gehen, fällt Jahns Blick hin auf die Stelle oben am Thor, wo ſonſt die Victoria ſtand, die jetzt leer iſt, weil die Herren Franzoſen die Victoria nach Paris geſchleppt und uns geſtohlen haben. Da geht es dem Jahn wie jedem rechtſchaffenen Kerl, wenn er da hinauf ſieht, ſein Herz wird ingrimmig. Er wendet ſich an den Bur⸗ ſchen, der neben ihm geht, und fragt: Was ſtand da früher über den Säulen des Thors?— Die Victoria, ſagt der Bengel.— Wo iſt ſie jetzt? fragt der Jahn.— Sie iſt in Paris, wohin die Franzoſen ſie entführt haben.— Fragt der Jahn wieder: Was denkſt Du jetzt, wenn Du da hinauf ſiehſt nach der leeren Stelle über'm Thor?— Nu, ſagt der Junge ganz gelaſſen, was ſoll ich mir dabei denken? Ich denke, daß es Schade iſt, daß die Victoria nicht mehr auf dem Thor ſteht. — Und wie er das ſagt, hebt der Jahn die Hand und giebt dem Jungen eine fürchterliche Ohrfeige. Du ſollſt Dir denken, daß wir die Victoria wieder holen wollen, Du Eſel! ruft er.— Sehen Sie, das iſt meine ganze Geſchichte, aber ſie fällt mir jedes Mal ein, wenn ich ſo dieſe lieben zahmen Leute ſehe, die blos ſagen:„Es iſt Schade, daß wir ſo viel Unglück erlebt haben,“ und blos ein ſanftes Bedauern im Herzen tragen, ſtatt eines glühenden Rachegefühls. Und dann juckt's mir in der Hand, und ich möcht' auch ſo ausholen können wie der Jahn, und ſo'ne reſpectable Ohrfeige austheilen können. Ein prächtiger Huſar, Ihr Blücher, ſagte Alexander, den König mit herm Lachen anſchauend. Ich glaub', es mag gefährlich ſein, dem Zegenüber zu ſtehen, wenn's ihm in der Hand juckt. Pa, ſeit den Tagen von Jena juckt es ihm beſtändig in der Hand, rief der König lächelnd. Er möcht' immer losſchlagen! Hab' ihm deshalb das Gut Kunzendorf geſchenkt und ihn dahin geſchickt! Dacht', er ſollt' da in der Stille ſeine Hand curiren und zur Ruhe bringen. Aber es ſcheint, es iſt Alles umſonſt geweſen und ſeine Hand iſt incurabel. Ew. Majeſtät ſollten ihn alſo lieber gewähren und ihn losſchlagen laſſen, ſagte Alexander faſt bittend. Es iſt jetzt eine ſo gute Gelegen⸗ heit dazu. Wenn Ew. Majeſtät ihn an die Spitze der ſchleſiſchen Ar⸗ mee ſtellen, ſo wird der Blücher nicht mehr links und rechts ſeinen 5 410 Nebenmännern und Freunden Ohrfeigen austheilen, ſondern er wird vorwärts ſtürmen und ſeine juckende Hand dahin richten, wo es gilt, tüchtige Schläge auszutheilen auf die Franzoſen hin. Fürcht' nur, er möchte mit ſeiner tollen Huſarenart zu wild in's Zeug gehen, ſagte der König, und Alles verderben, indem er alle Schranken gleich auf Einmal niederreißen möchte. Man muß ihm einen Mann an die Seite ſtellen, der ſeine Kühn⸗ heit zu zügeln verſteht, rief Alexander lebhaft, einen Mann, der des Blüchers Feuer nicht dämpft, aber ihm die rechte Richtung gäbe. Wo aber findet man einen ſolchen? Ich glaube, Ew. Majeſtät haben ihn ganz in Ihrer Nähe, ſagte Alexander, auf Scharnhorſt hindeutend, der neben der Portiöre lehnte. Ach Sire, rief der König faſt heiter, ich glaube, Sie ſind ein Zauberer, und Sie verſtehen es, in meinen geheimſten Gedanken zu leſen. Der Scharnhorſt iſt ein großer, mächtiger Geiſt, und ich ver⸗ danke ihm viel. Wenn der die ſchwierige und undankbare Rolle neben Blücher übernehmen wollte, glaube ich, wäre Blüchers Ungeſtüm we⸗ niger zu fürchten. Fragen Ew. Majeſtät ihn doch, ob er es will, ſagte Alexander. Der König nickte leiſe mit dem Kopf und rief Scharnhorſt zu ſich. Haben Einfluß auf den General Blücher, nicht wahr? fragte er haſtig. Wenigſtens, Majeſtät, darf ich ſagen, daß der General Blücher von meiner Liebe und Anhänglichkeit überzeugt iſt, und daß er ein wenig meinem Kopf vertraut! Könnten Sich entſchließen, eine ſecundaire Stellung neben ihm einzunehmen, und, wenn ich den Blücher zum Obergeneral der ſchle⸗ ſiſchen Armee machte, mit ihm zu gehen als Chef ſeines Generalſtabes? Majeſtät, rief Scharnhorſt lebhaft, ich würde es für eine große Ehre erachten, unter dieſem Heldengreiſe zu dienen, und ich würde überzeugt ſein, daß ich im Verein mit ihm einer großen und ruhm⸗ vollen Laufbahn entgegengehen würde, beſonders, wenn Ew. Majeſtät mir dann noch eine Bitte erfüllen wollten. Was für eine? Sprechen Sie! Wenn Ew. Majeſtät geruhen möchten, mir den General von — 411 Gneiſenau, der morgen hier eintrifft, als General⸗Quartiermeiſter an die Seite zu ſtellen. Der König nickte leiſe mit dem Haupt. Ein ſtattlicher Gefährte, den Sie ſich da erwählt haben, ſagte er lächelnd. Und ein prächtiges Trifolium, wie mir ſcheint! rief der Kaiſer. Blücher, Scharnhorſt und Gneiſenau! Das ſind drei Namen von gutem Klang! Aber hören Sie nur, Sire, der Blücher donnert noch immer wie Sturmwind daher. Es gäbe ein wirkſames Mittel, dieſen Sturm⸗ wind ſchweigen und dieſen Donner verſtummen zu machen! Nun, was für ein Mittel? fragte der König lächelnd. Ew. Majeſtät ſollten die Gnade haben, den General von Blücher hierher zu berufen und ihm ſagen, daß Sie ihm das General⸗Com⸗ mando der ſchleſiſchen Armee übertragen wollen. Sie rathen mir dazu, Sire? fragte der König. Ew. Majeſtät opfern mir dabei keinen Wunſch? Doch, ſagte Alexander lächelnd, ich hatte wohl gewünſcht, den General Tauentzien als Obergeneral zu ſehen, wie Ew. Majeſtät eigentlich wohl den Feldmarſchall Kalkreuth gewünſcht hatten. Opfern wir alſo Beide unſere Wünſche dem großen Zwecke auf, für den, wie ich jetzt glaube, der Blücher das geeignete Mittel iſt. Es ſei, wie Ew. Majeſtät ſagen, rief der König. Ich will Blücher rufen laſſen! Er winkte Scharnhorſt wieder zu ſich heran. Ich bitte, gehen Sie doch und holen Sie Ihren Freund, den General Blücher, hierher, ſagte der König, indem er, gleich dem Kaiſer, ſich von der Tafel erhob. Und ich bitte um Erlaubniß, während der General in den Saal geht, einen Blick durch die Portière werfen zu dürfen, um zu ſehen, was der Blücher denn eigentlich da drinnen treibt, ſagte der Kaiſer, indem er ſich der Portiere näherte. Schlagen Sie jetzt die Portière zurück, Herr General Scharnhorſt, und bleiben Sie ein wenig in der⸗ ſelben ſtehen. So! Auf dieſe Weiſe kann ich den ganzen Saal über⸗ ſchauen! Scharnhorſt hatte, wie es der Kaiſer befohlen, die Portière ge⸗ 412 öffnet und ſtand in derſelben; neben ihm, von dem Vorhang beſchattet, ſtand der Kaiſer, zu dem auch der König herangetreten war. Beide ſchauten ſie mit aufmerkſamen Blicken hinein in den Bankett⸗ ſaal, der jetzt einen ſehr heitern und bunten Anblick darbot. An allen dieſen kleinen Tiſchchen ſaßen jetzt in allerliebſten Gruppen die Ball⸗ gäſte, die Damen in ihren reichen Toiletten, die Herren in ihren glän⸗ zenden Uniformen. Alles war heiter und geſprächig, die auserleſenen Speiſen hatten Allen eine behagliche Stimmung gegeben, der glühende Wein hatte alle Zungen gelöſt. Selbſt die Augen der Damen glänzten feuriger und ein friſcheres Roth glühte auf ihren Wangen. Aber alle dieſe glänzenden Augen, dieſe heitern Geſichter richteten ſich wieder und immer wieder nach dem kleinen Tiſch hin, der da an der Seite des Saals, zunächſt der Portière ſtand. An dieſem Tiſch ſaß Blücher neben ſeiner Gemahlin, einige an⸗ dere Herren ihm zur Seite. Auf dem Tiſch ſtand eine der gläſernen Tonnen, die vorher auf dem ſtattlichen Büffet geprangt, und aus dieſer mit einer goldgelben Flüſſigkeit angefüllten Tonne zogen liebliche und angenehme Dämpfe empor, die Luft mit erquicklichen Wohlgerüchen erfüllend. Blücher ſchien dieſe Wohlgerüche mit Vergnügen einzuathmen, denn ein Ausdruck unendlicher Behaglichkeit ſprach aus ſeinen Zügen, und ſo oft er ſein Glas geleert hatte, griff er nach dem ſilbernen Löffel, der in der Bowle lag, und beeilte ſich, es wieder mit dem dampfenden Punſch anzufüllen, um es dann bald wieder zu leeren. Eben ſetzte er wieder das geleerte Glas auf den Tiſch, und zog dann mit einem be⸗ haglichen Lächeln ſeinen weißen Schnurrbart durch ſeine Finger, indem ſeine Augen mit einem leuchtenden Blick die ganze Geſellſchaft muſterten. Dann auf einmal flog ein Schatten über ſeine Stirn hin.„ Wir jubeln nun heut doch blos ſo, weil's endlich los gehen ſoll, ſagte er, wir ſind ſo vergnügt, weil wir unſere Revanche nehmen wollen! Und wenn's nun doch wieder Alles zu Schanden würde, wenn die Halben und die Schielwippen nun doch wieder am Ruder blieben? Herr mein Gott, es wär' zum Raſendwerden! Ich kenn' ſie ja, ich kenn' ſie, und ich weiß, daß ſie Alles verderben werden. Im entſchei⸗ — —* 413 denden Augenblick da ſind ſie unſchlüſſig und verzagt, und um auch Andere verzagt zu machen, vergrößern ſie die Stärke und Kraft des Feindes um das Hundertfache, und verkleinern unſere Kraft eben ſo viel. Wenn doch der liebe Gott ein Machtwort ſpräche:„der Blücher, der ſoll die Preußen commandiren!“ Lieber Gott, ich ſetz' Dir meinen Kopf zum Pfande, daß ich den Bonaparte mit all ſeinen Franzoſen aus Deutſchland herausſchmeißen und jagen wollt', und wenn ich auch nur dreißigtauſend Soldaten hinter mir hätt'!*) Rufen Sie ihn jetzt, Herr General, flüſterte Alexander leiſe. Scharnhorſt trat in den Saal und ließ die Portière hinter ſich zufallen. Der König und der Kaiſer verließen das Büffetzimmer, und kehrten in das Audienzzimmer zurück. Wenige Minuten ſpäter ward die Portière des Büffetzimmers ge⸗ öffnet, und Blücher trat ein, gefolgt von Scharnhorſt, der an der Thür ſtehen blieb, während Blücher, keck und furchtlos vorwärts ſchreitend, bis dicht vor die beiden Fürſten hinging. Ew. Majeſtät haben die Gnade gehabt, mich rufen zu laſſen, ſagte er, ſich vor dem König verneigend. Ja, ſagte der König ernſt. Ich wollte Sie fragen, ob Sie auch zu den Halben gehören, oder ob Sie ein ganzer Mann ſind? Und ich, rief Alexander pathetiſch, ich wollte Sie erſuchen, mir zu geſtehen, ob Sie auch eine Schielwippe ſind? Blücher ſah die beiden Fürſten mit einem düſtern fragenden Blick an. Aber auf einmal erheiterte ſich ſein Geſicht, und ein leiſes Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Ah, rief er, ich begreife! Die Majeſtäten haben mein Geplauder gehört, und Sie haben mich rufen laſſen, um mir Stillſchweigen zu befehlen. Aber es geht nicht, Majeſtäten, es geht nicht! Ich muß meinen Zorn, meinen Aerger und meinen Kummer ausſprechen! Ich muß ſchelten können, denn wenn ich das nicht thät', ſo müßt' ich weinen, und das wär' doch eine Schande, wenn der Blücher weinen wollt' wie ein altes Weib! Laſſen Sie mich alſo immerhin ſchelten, Majeſtät, es *) Blüchers eigene Worte. Siehe: Varnhagen, Leben des Blücher ꝛc. S. 136. 414 erleichtert mir ein bischen das Herz, und der Zorn lehrt mich den Kummer vergeſſen. Sie haben alſo Kummer, General? fragte Friedrich Wilhelm lächelnd. Ja, mein Herr und König, ich habe Kummer, und zwar großen Kummer, rief Blücher heftig, ich möcht' ihn wohl Ew. Majeſtät klagen, und ich will's auch! Ich— Still, unterbrach ihn der König, ſtill, mein Herr Brauſekopf von einundſiebenzig Jahren. Beantworten Sie mir zuerſt eine Frage: Möchten Sie wohl commandirender General der ſchleſiſchen Armee werden? Ob ich das möchte? rief Blücher mit freudeblitzenden Augen. Majeſtät, das iſt eben ſo viel, als wenn Sie mich fragten, ob ich noch länger leben möcht'! Denn ich ſage Ew. Majeſtät, ich will lieber ſo⸗ gleich ſterben, als einen Andern an dieſe Stelle laſſen! Nun denn, ſagte der König ernſt und würdevoll, ich ernenne Sie zum commandirenden General der ſchleſiſchen Armeel! Nehmen Sie es an? Blücher ſtieß einen Schrei aus, und ſein Antlitz leuchtete auf, als habe ein Sonnenſtrahl es getroffen. Ich nehm' es an, rief er, und hier ſchwöre ich Ew. Majeſtät, daß ich mein Commando nicht eher wieder niederlegen will, als bis Preußen wieder das iſt, was es vor der Schlacht von Jena war, daß ich meinen Säbel nicht eher wieder in die Scheide ſtecken will, als bis wir den Napoleon über den Rhein gejagt, und ihn ſo klein und jammervoll gemacht haben, daß er es niemals wagt, wieder'rüber zu kommen. Ich ſchwöre Ew. Majeſtät bei meiner Ehre, daß ich ferner den Bonaparte von ſeinem Thron ſtoßen will, und daß ich nicht ruhen und raſten will, bis die Krone wieder von ſeinem Haupt gefallen iſt. Gott hat mich dazu aufbehalten, daß ich den Napoleon ſtrafe, Gott hat mir's alle Nacht in meinen Träumen geſagt: Verzage nicht und werd' nicht kleinmüthig! Bewahr' dir deinen Muth und dein Vertrauen, denn ich brauch' dich bald! Du ſollſt mir den Napoleon runter ſäbeln von ſeinem Thron und ihn in den Staub werfen, von wannen er gekommen.“ Und dann hab' ich n m n n, 41¹5 jedes Mal dem lieben Gott geantwortet:„Ich bin da und warte man blos, daß es los gehen ſoll!“ Und nun ſage ich Ew. Majeſtät, was ich dem lieben Gott geſagt habe:„Ich bin da, und es ſoll los gehen!“ Und wie ſoll es los gehen! Herr, mein Gott, ich hab's dem Bonaparte jeden Dag geſchworen, daß ich ihn abſtrafen will, und ſo lange ich lebe, werde ich es Ew. Majeſtät danken, daß Sie mir jetzt dazu die Gelegenheit geben! Ich bin alſo jetzt wirklich und wahrhaftig comman⸗ dirender General der ſchleſiſchen Armee! Ja, ich ernenne Sie dazu, und Se. Majeſtät der Kaiſer billigt meine Wahl, ſagte der König. Alle nähern Anweiſungen, Inſtruktionen und Beſtimmungen werden Sie morgen ſchriftlich erhalten. Sie treten ſogleich in Function, und ſtellen ſich an die Spitze der Truppen. Haben Sie noch Wünſche und Bedingungen zu ſtellen? Ja, Majeſtät, Zweierlei muß ich mir ausbedingen. Zum Erſten: daß der General Scharnhorſt Chef meines Generalſtabes werde, denn der Blücher iſt nur ein halber Mann, wenn der Scharnhorſt nicht bei ihm iſt. Ich hab' den Arm, er hat den Kopf, wir müſſen alſo bei⸗ ſammen ſein! Ihr Wunſch iſt gewährt, und Scharnhorſt hat die Stelle ſchon angenommen, ſagte der König lächelnd. Zum Zweiten muß ich mir ausbedingen, daß ich ſchon morgen mit meinen Preußen Breslau verlaſſen und vorwärts marſchiren kann nach Sachſen. Wie 7 Sogleich ſchon wollen Sie aufbrechen? riefen Alexander und Friedrich Wilhelm erſtaunt. Ja, ſogleich, ſagte Blücher mit freudigem Angeſicht. Die Jahre des Wartens ſind vorüber, und jetzt kommt der Tag der Rache. Wie ein Gewitter müſſen wir über die Franzoſen hereinbrechen! Ehe ſie's denken, müſſen wir ihre in Deutſchland zurückgebliebenen Schaaren nach Hauſe jagen, den Rheinbund ſprengen, und durch unſere kühnen Thaten ganz Deutſchland begeiſtern, daß es jubelnd zu unſern Fahnen ſtürzt, und eine ungeheure Armee bildet, bevor noch Napoleon ſein neugeſch affenes Heer geſammelt hat. Das iſt unſere Aufgabe, und ſo Gott will, werden wir ſie löſen! 416 M. Nach der Schlacht bei Bautzen. Seit zwei Tagen donnerte und wüthete die Schlacht, und jett 31 noch, in den Nachmittagsſtunden des zweiundzwanzigſten Mai, jett noch, war ſie nicht entſchieden, jetzt noch hoffte Blücher, der mit ſeinen Preußen die Kreckwitzer Höhen unweit Bautzen beſetzt hielt, den Sieg ertrotzen zu können. Zwei Tage hatten die Preußen und die Ruſſen auf weiter Schlachtlinie wie die Löwen gefochten, zwei Tage waren ſie mit todesverachtendem Muth immer auf's Neue den feindlichen Schaaren entgegengeſtürmt, zwei Tage hatten ſie, der glühenden Sonnen⸗ hitze, des Hungers und Durſtes, der Ermattung nicht achtend, mit freu⸗ diger Begeiſterung gekämpft für ihren Ruhm und ihre Ehre. Aber dieſe ganzen zwei Tage hindurch hatte Blücher ſich inmitten ſeiner preußiſchen Truppen befunden. Wo der Kugelregen am dich⸗ teſten geweſen, da hatte er ſein Roß hingeſprengt, wo die Gefahr am dringendſten, da hatte man Blüchers Stimme vernommen, welche die Soldaten mit frohlockender Begeiſterung anfeuerte zur muthigen Gegen⸗ wehr; wo der Feind in den dichteſten Haufen heranſtürmte, da ſtand Blücher mit ſeinem treuen Gefährten, dem Gneiſenau, an der Spitze ſeiner Preußen, und ſchwang ſeinen Säbel und drang mit lautem jubelnden Hurrah hinein in den Feind, und machte ihn erſchrocken znrückweichen vor ſo verwegenem Angriff. Die Kreckwitzer Höhen mußten gehalten werden, nur ſo lange noch, bis General Barclay de Tolly mit ſeinen Ruſſen herankam, den Preußen zu Hülfe, nur ſo lange, bis die Generale York und Kleiſt mit den Preußen angelangt waren, um die linke, vom Marſchall Ney Flanke Blüchers zu decken. Der Donner der Kanonen brüllte herüber und hinüber, die Preußen ſtanden wie eine Mauer, und wo die Mannen fielen, da traten neue Glieder vor, und über die Sterbenden hin ſchritten die Lebenden, un⸗ etz N etzt ſen 417 verzagt, unbekümmert, nur das Eine bedenkend, daß es gälte, heute Rache zu nehmen für die verlorne Schlacht von Lützen.*) Kinder, rief Blücher ſeinen Schaaren entgegen, wie eben die feind⸗ lichen Kugeln ganze Reihen dahinſtreckten, Kinder, bedenkt, daß wir's uns nun einmal vorgenommen haben, die Franzoſen niederzuſäbeln. Sie haben die Erde von Deutſchland ausgeſogen, wir müſſen ſie wie⸗ der fett machen mit Franzoſenleichen. Und dann, Kinder, denkt an Groß⸗Görſchen, wo ſie uns unſern General Scharnhorſt verwundet haben.**) Dafür müſſen wir ſie heute abſtrafen, und uns auch'n paar Franzoſengenerale langen. Wenigſtens ihrer vier Marſchälle müſſen wir haben für den General Scharnhorſt, denn die Kerls ſind leicht, und ihrer Vier wiegen noch nicht ſo viel, als der einzige Scharn⸗ horſt. Na, nun ſagt, wollen wir uns die vier Marſchälle von den Franzoſen holen? Ja, Vater Blücher, ja das wollen wir, jubelten und ſchrieen die Preußen. Hurrah, es lebe Vater Blücher! Nun noch kurze Zeit, und die Schlacht iſt unſer! rief Gneiſenau mit tönender Stimme. Dort drüben rücken ſie an, die Schaaren des Marſchalls Ney, aber der General Barclay mit ſeinen Ruſſen hat den Windmühlenberg bei Gleime beſetzt, und wird den Feind zurückſchlagen, wie wir hier auf den Kreckwitzer Höhen die Schaaren Napoleons zu⸗ rückſchlagen werden. Die Kreckwitzer Höhen, das ſind die Thermopylen der Preußen, und wir wollen lieber fallen, Mann für Mann, als ſie aufgeben!***) *) Am 2. Mai 1813. Die Franzoſen nennen dieſe Schlacht die von Lützen, die Deutſchen bezeichnen ſie gewöhnlich als die Schlacht von Groß⸗ Görſchen. Beide Theile ſchrieben ſich den Sieg zu. Jedoch die neueren Ge⸗ ſchichtsſchreiber, namentlich Beitzke, nennen die Schlacht von Lützen oder Groß⸗ Görſchen geradezu eine für die Deutſchen verlorene Schlacht. **) General Scharnhorſt ward in der Schlacht von Groß⸗Görſchen neben Blücher verwundet. Er hielt ſeine Wunde zwar für leicht, mußte ſich aber doch zur Heilung derſelben von der Armee fortbegeben. Er ging zuerſt nach Altenburg, dann nach Prag, um dem dortigen Congreß beizuwohnen, ſeine Wunde brach wieder auf und er ſtarb zu Prag am 20. Juni. 1813. *) v. Müffling: Aus meinem Leben. S. 40. Mühlbach, Napoleon. Bd. MI. 27 418 Ja, wir wollen lieber fallen, Mann für Mann, als ſie aufgeben! jauchzten die Officiere, und die Soldaten riefen und jubelten es ihnen nach. In dieſem Augenblick ertönte heftiger Kanonendonner auf der rechten Seite der preußiſchen Truppen. Hurrah, Hurrah, das ſind die Franzoſen! ſchrie Blücher, Jungens, jetzt wollen wir uns unſere Marſchälle holen! Hurrah, jetzt woklen wir uns unſere Marſchälle holen! jubeln die Soldaten, und die Kanonen brüllen, und die Gewehre knattern, und 3 als wolle der Himmel ſelber Theil haben an dieſem Kampf der Völker, . rollt der Donner machtvoll daher, zucken die Blitze aus den Wolken des Himmels in die Wolken des Pulverdampfes hernieder. 33 Aber wer ſprengt da auf einmal heran auf ſchaumbedecktem Roß, ₰ das Haar flatternd im Winde, das Antlitz bleich wie eine Leiche, die Miene ſchreckensvoll, unheilverkündend? 3 Ein preußiſcher Obriſt iſt's, und doch theilt er nicht den Jubel der Preußen? Zum commandirenden General Blücher und ſeinem Gneiſenau ſprengt er heran. Heda, Obriſtlieutenant von Müffling, ruft Blücher frohmüthig ihm entgegen, ſind Sie zurück? Bringen Grüße von Bareclay de Tolly? Iſt er ſchon fertig mit den Franzoſen? Nun, wir wollen hier 3 eben die Arbeit auf's Neue beginnen, die letzte Arbeit heut! General, ruft Müffling ſchreckensvoll, die Franzoſen werden bald 3 fertig ſein mit Barclay de Tolly, die Franzoſen werden bald die letzte . Arbeit gethan und uns beſiegt haben! Denn Barclay de Tolly wird * ſich nicht halten! Er hat nur fünftauſend Mann, und Ney rückt gegen ihn heran mit mehr als fünfzigtauſend Mann. Barclay ſendet mich, um Verſtärkung zu holen, und wenn wir ihm keine Verſtärkung ſenden, kann er den Windmühlenberg nicht halten. In einer Viertelſtunde wird er in den Händen Ney's ſein. Nein, in einer Viertelſtunde wird Ney in unſern Händen ſein, jubelt Blücher. Ney iſt ein Marſchall, und wir müſſen ihn haben! Nicht wahr, Kinder, ruft er, ſich hochaufrichtend im Steigbügel, und N 419 rückwärts ſchauend nach ſeinen Truppen, nicht wahr, wir müſſen uns den Marſchall Ney holen? Ja, ja, Vater Blücher, wir müſſen uns den Marſchall Ney holen! Der Himmel antwortet mit einem lauten Donnerſchlag, die Erde erbebt von den brüllenden Kanonen, die Luft erzittert von dem Hurrah⸗ rufen, dem Jauchzen und Schreien der noch Lebenden, dem Fluchen und Aechzen der Verwundeten und Sterbenden. Noch immer ſtand Blücher mit ſeinen Preußen auf den Kreck⸗ witzer Höhen. Sein Antlitz flammt von Begeiſterung, ſein Auge blitzt voll Muth. Aber der Warner ſteht an ſeiner Seite. General, flüſterte Mü ff⸗ ling, General, wir ſind verloren, wenn wir hier länger bleiben. Wir müſſen uns zurückziehen! Zurückziehen! ſchreit Blücher mit donnernder Stimme, und zürnend rollt vom Himmel eben ein furchtbarer Donnerſchlag daher. Müffling deutet ſtumm hinunter in die Ebene, hinüber auf den Windmühlenberg. Sehen Sie, ſehen Sie! Dort, gerade in unſerer Fronte rückt Na⸗ polevn heran, und der Windmühlenberg iſt leer, General Barclay hat ihn verlaſſen, die Ruſſen ſind auseinandergeſtiebt! Aber wir ſtehen noch, jubelt Blücher, und wir werden ſtehen blei⸗ ben, dem Napoleon und dem Teufel zum Trotz! Und wir haben auch unſere Hülfe und unſere Deckung. Die ruſſiſche Artillerie, die uns zur Hülfe zugegeben, donnert mächtig drein, und York und Kleiſt decken unſern linken Flügel! General, hören Sie doch nur! Die ruſſiſche Artillerie feuert ſchon ſeltener, der General Kleiſt iſt nicht mehr zu unſerer Deckung da, denn die Souveraine haben ihn zu Barclay's Deckung nach Baruth abge⸗ ſendet, und was York anbetrifft, ſo hat der nicht hindern können, daß der Feind ſchon dort drüben bei Baſantwitz eine Batterie aufgeführt hat. Ich ſah ſie auf meinem Ritt hierher. Wir befinden uns alſo hier auf den Kreckwitzer Höhen in einem dreifachen Kreuzfeuer. Und als wollte der Feind die Worte des Warners beſtätigen, 27* 420 donnerten von drei Seiten her jetzt die Kanonenſchüſſe, und ſandten 4 ihre Kugeln herüber in die Reihen der Preußen. Der Siegesglanz auf dem Antlitz Blüchers erbleichte, Gneiſenau ward ernſt und düſter, der Generalſtab Blüchers drängte ſich näher heran zu ſeinem Feldherrn und ſuchte in ſeinen Augen zu leſen; das Jauchzen der Soldaten verſtummt, nur der Himmel donnert noch, und dort in der Ferne ſah man, Rieſenfackeln gleich, brennende Dörfer aufleuchten, und den grauen Himmel mit blutrothem Schein färben. 3 Blücher ſchaute ſchweigend ringsum, ſeine Lippe zuckte, ſeine Augen⸗ wimpern zogen ſich zuſammen, und auf ſeiner Stirn ſtanden große 3 Tropfen kalten Schweißes. Gneiſenau hält an ſeiner Seite, düſter und ſchweigſam, wie ſein Chef. Hinter ihnen hielten die Officiere 6 vom Generalſtab, trübe, düſter, wie ihre Feldherren, denn jetzt hatte 4 Jeder die Gefahr erkannt, jetzt wußte Jeder, daß, wenn man ſtehen blieb auf den„Thermopylen Preußens“, man ſich bis zum letzten Mann vertheidigen, oder das Gewehr ſtrecken müſſe, da, ſobald der Feind auch die vierte Seite dort umſchloſſen hatte, kein Entrinnen mehr möglich war.*) Auf der andern Seite Blüchers hielt der Obriſt Müffling, der von ſeiner Recognoscirung heimgekehrte Unglücksbote. Er deutete ſtumm hinüber auf die franzöſiſchen Schaaren des Marſchalls Ney, die eben anfingen, die Höhen zu erſteigen, dann zog er ſeine Uhr. Wir haben noch eine Viertelſtunde Zeit, ſagte er mit lauter, feier⸗ licher Stimme, noch eine Viertelſtunde Zeit, um uns aus der Schlinge zu ziehen. Später ſind wir umringt. Benutzen wir dieſe Zeit nicht, ſo werden die Poltrons ſich ergeben, und die Tapfern fechtend ſterben, aber leider ohne den geringſten Nutzen für das Vaterland.**) Blücher antwortete nicht, er ſchaute nur mit einem troſtloſen Blick hinunter auf den Feind, der in immer größeren Maſſen heranzog. 3*) v. Müffling. S. 42. **) v. Müffling's eigene Worte. Siehe: v. Müffling. Aus meinem 3 Leben. S. 43. en ten der ehr em 421 Eine Pauſe trat ein, nur die von drei Seiten ertönenden Kanonen⸗ ſchüſſe der Feinde ſprachen,— eine traurige verzweiflungsvolle Sprache. Die ruſſiſchen Batterien hatten aufgehört zu ſchießen, ihr Pulvervorrath war zu Ende. Gneiſenau, fragte endlich Blücher mit dumpfem Ton, ſchwer⸗ athmend, als bedrücke ein Stein ſeine Bruſt, Gneiſenau, was ſagen Sie? Ich muß leider bekennen, daß der Obriſtlieutenant von Müffling Recht hat, ſeufzte Gneiſenau. Bei den jetzigen veränderten Umſtänden wird alles Blutvergießen nicht allein überflüſſig, fondern die Erhaltung der Kräfte für eine beſſere Gelegenheit eine Pflicht. Wir müſſen eilen, uns zurückzuziehen.*) Ein einziger lauter Aufſchrei, ein wilder Fluch tönte von Blüch ers Lippen, aber nur die Nächſten aus ſeiner Umgebung hörten ihn, der Donner des Himmels und der Kanonen überdeckte dieſen Verzweif⸗ lungsſchrei des Generals. Mit einem heftigen Ruck zog er die Mütze tief über ſeine Stirn nieder, daß ſie ſeine Augen beſchattete, dieſe Augen, welche vorher ſo feurig blitzten, und welche jetzt trübe waren, wer konnte wiſſen, ob vom Pulverdampf, ob vom Regen, der jetzt in ſchweren Maſſen vom Himmel niederſtrömte, oder von einem andern Naß. Nun wandte er ſich langſam um nach den Herren ſeines Gene⸗ ralſtabes. Müſſen alſo'runter von der Höhe, ſagte er mit harter Stimme. Vorwärts denn! Wollen die Chauſſée nach Weißenberg hin marſchiren. Wollen unſern Rückzug wenigſtens theuer erkaufen! Die Reiterei vor⸗ wärts! Die Cavallerie hat unſern Rückzug zu beſchützen, und Gott verdamme ſie und mich, wenn auch nur Ein Mann, Eine Fahne oder Standarte in die Hände der Franzoſen fällt! Treten Sie Alle dicht heran, meine Herren, und hören Sie an, was ich Ihnen noch zu ſagen habe.— Die von Müffling bewilligte Viertelſtunde war nicht verfloſſen, *) Gneiſenau's eigene Worte. Siehe: von Müffling. Aus meinem Leben. S. 43. 422 als die Preußen begannen, langſam die Kreckwitzer Berge herabzuſteigen und ſich längs der Chauſſée nach Weißenberg hinzuziehen. Blücher war mit Gneiſenau und ſeinem Generalſtabe in ſchnellem Trab die Höhen herabgeritten, und ſprengte ſchweigend noch eine Strecke auf dem Thalweg dahin. Dann machte er plötzlich Halt, und ſein Pferd umwendend, blickte er zu den Höhen empor, von welchen eben die Preußen in vollkommenſter Ordnung ſtumm und düſter her⸗ niederſtiegen. Das iſt nun das zweite Mal, daß wir retiriren müſſen, ſagte Blücher düſter, das zweite Mal, daß der Bonaparte mehr Glück hat, als wir; die Dummen und die Feigen, die werden nun wieder ſagen, daß der Bonaparte unbeſiegbar iſt, und daß diejenigen Thoren ſind, welche wider ihn kämpfen wollen, da doch Gott mit ihm ſei, und das Glück ihn niemals verläßt. Aber es iſt nicht wahr, ſag' ich, der liebe Gott iſt nicht mit ihm, ſondern man blos der Teufel, und das Glück, das will ihn blos einſchläfern und ſicher machen, um ihn dann deſto gewiſſer dem Unglück zu überliefern. Es iſt bald zu Ende mit ſeinem Glück, ich weiß es und ich fühl's, und ich bin dazu da, daß ich ihm das Unglück bringe. Aber wahr bleibt es immer doch, daß dies die zweite Schlacht iſt, die wir nicht gewinnen, und daß wir zum zweiten Mal nicht vorwärts gehen. Aber hier ſchwöre ich es, und ich bitte Dich, lieber Herr Gott da droben, daß Du ſo gut biſt, und meinen Schwur annimmſt, hier ſchwöre ich, daß dies das letzte Mal iſt, daß ich zurückgehe, hier ſchwöre ich, daß ich von nun an vorwärts, immer nur vorwärts gehen will, und daß ich dem Bonaparte den Kummer und Aerger, den er mir ſeit vier Wochen bereitet hat, noch ganz extra vergelten, und ihm ſo viel Herzeleid und ſo viel Aerger und Fehl⸗ ſchlag bereiten will, als nur möglicherweiſe ein Menſch dem andern anthun kann! Herr Gott, was hat der Bonaparte für'n Conto in meinem Schuldbuch, und was hat er mir viel zu bezahlen! Aber es ſchadet nichts, denn mein Säbel iſt ſcharf, und wird ihm ſchon einen Schuldpoſten nach dem andern ausradiren. Von heute an ſoll's los⸗ gehen! Wollen Sie Alle mir dabei helfen, meine Herren? 423 Ja, riefen die Officiere ſeines Generalſtabes, ja wir wollen da⸗ bei helfen! Na, dann iſt's gut, ſagte Blücher, lebhaft mit dem Kopf nickend, von heute an kann der Herr Napoleon ſich vor mir in Acht nehmen. Bisher habe ich ihn blos gehaßt, jetzt verabſcheue ich ihn, und das Wort Rückwärts, das giebt es nun nicht mehr für mich und meine Preußen! Er ſprengte raſch vorwärts, ſeinen Truppen entgegen. Na nu, Kinder, rief er, die Kreckwitzer Höhen, die ſind zu nichts nutze, und darum iſt es beſſer, daß wir von ihnen'runter gehen, und ſie dem Bonaparte laſſen, der kann ſie ſich in die Taſche ſtecken, wenn's ihm Spaß macht. Aber von nun an wollen wir das Ding umkehren, und ihn in die Taſche ſtecken, und da wollen wir ihn recht warm halten, denn ſonſt möcht' er wieder frieren, wie in Rußland. Nu vorwärts, Rinder, vorwärts! Und da wir vorwärts gehen, ſo ſeht Ihr doch wohl ein, daß wir nicht rückwärts gehen, und daß Derjenige, welcher ſagt, daß wir retiriren, ein rechter Dummkopf iſt! Vorwärts, Kinder, vorwärts! Aber was Blücher auch immer ſagen, und wie er klüglich ſeinen Truppen das Rückwärtsgehen und Vorwärtsmarſchiren überſetzen mochte. es blieb leider doch eine unumſtößliche Wahrheit: die Schlacht bei Bautzen war verloren, und die Preußen und Ruſſen mußten vor den Franzoſen retiriren. Sie thaten's freilich in vollkommen guter Ord⸗ nung, ſie flohen nicht, aber— ſie retirirten, und Napoleon durfte ſich eines neuen Sieges auf deutſcher Erde rühmen. Das ganze verbündete Heer begann ſchon in der Abenddämmerung dieſes Tages den Rückzug und wandte ſich wieder nach Schleſien hin. Trübe und mürriſch zogen die Truppen dahin, und trübe und düſter war auch das Antlitz der beiden Sonveraine, des Kaiſers Alexander und des Königs Friedrich Wilhelm. In freudiger Siegeshoffnung waren ſie ausgezogen mit ihren Truppen, und jetzt waren ihre Hoffnungen entblättert, und ſie mußten wieder den Weg einſchlagen, von wannen ſie gekommen. Während die Truppen auf den großen freien Straßen dahin mar⸗ 424 ſchirten, ſchlugen die beiden Fürſten, ihren Truppen vorauseilend, eine nähere Seitenſtraße nach Reichenbach ein. Sie waren Beide allein, nur zwei Livréediener folgten ihnen in einiger Entfernung; nichts von dem Prunk und der Herrlichkeit ihrer Erdengröße umgab ſie. Sie waren Beide ſtumm; langſam dahin reitend, ſchaute der Kö⸗ nig trübe und ernſt gerade vor ſich hin, während der Kaiſer mit einem Ausdruck wehmüthiger Rührung oft die Augen auf den Freund richtete, oft ſie langſam und mit einem wunderbaren Blick gen Himmel erhob. Tiefe Stille herrſchte ringsum, nur in weiter Ferne vernahm man das dumpfe Geräuſch rollender Wagen, und hier und da am Horizont tauchte noch der Feuerſchein von irgend einem in Brand ge⸗ ſteckten Dorfe empor. Schweigend waren ſie ſo eine Zeitlang neben einander dahin ge⸗ ritten; auf einmal hielt der König ſein Pferd an, und ein langer, ſchmerzvoller Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. Das muß anders werden, rief er mit einem verzweiflungsvollen Schmerzenslaut. Wir bewegen uns nach Oſten, und wir wollen und müſſen nach Weſten! Nach Oſten müſſen wir Alle, ſagte der Kaiſer mit tiefem, in⸗ brünſtigem Ton, aus dem Oſten iſt das Heil gekommen, gen Oſten richtet daher jeder gute Chriſt ſein Antlitz, wenn er Gott und den Heiland um Beiſtand und Erlöſung anfleht! Der König hatte vielleicht ſeine Worte nicht gehört, denn er ant⸗ wortete nicht, ſondern ſtarrte wieder trübe und gedankenvoll vor ſich hin. Beide achteten ſie nicht darauf, daß der Himmel ſich jetzt wieder erhellt hatte, und daß dort hinten am Horizont die Sonne in leuch⸗ tender Pracht ihre flammenden Abendgluthen über Himmel und Erde ausſtrömte. Es war ein wundervoller Abend. Die von dem Gewitterregen erfriſchte Erde hauchte ſüße Wohlgerüche aus, die Luft war friſch und balſamiſch, und die blühenden, großen Kornfelder, an denen ſie vorüber ritten, hoben und ſenkten ſich in rauſchenden Wellen wie ein im Abend⸗ glanz ruhendes Meer. 425 ine Die beiden Fürſten achteten nicht darauf. Ihre Augen ſchauten nicht nach außen, ſondern ſie waren nach innen gekehrt. in Oh, begann der König nach einer langen Pauſe wieder, oh, wel⸗ ter ches wird denn das Ende aller dieſer Dinge ſein, und haben Die⸗ jenigen nicht Recht, welche mich vor dieſem Kampf warnten, und mir ⸗ Napoleons nie wankendes Glück als drohendes Schreckbild entgegen⸗ em hielten? Haben meine Truppen nicht Alles gethan, was man von te, menſchlichen Kräften fordern kann? Haben ſie nicht mit heldenmüthiger b. Tapferkeit allen Mühſalen und Beſchwerden getrotzt, und im Kampf hm geſtanden mit unübertrefflichem Heroismus? Haben nicht ebenſo die am Ruſſen ſich bewährt in edelſter Hingebung und kühnſter Standhaftigkeit? ge⸗ Und dennoch ſind unſere Armeen in zwei Schlachten geſchlagen worden, und dennoch ſind wir auf dem Rückzug? Worauf ſollen wir nun noch e⸗ hoffen? Welche neue Hülfsquellen können wir noch uns eröffnen? er, Dürfen wir denn noch auf Oeſterreich's Beitritt zu unſerm Bunde hoffen? Er hatte das halblaut, gedankenvoll vor ſich hin gefragt, nicht be⸗ len denkend, daß ein Anderer da war, der ihn hören konnte; als daher der ud Kaiſer jetzt ihm Antwort gab, ſchrak Friedrich Wilhelm zuſammen, und hob faſt betroffen ſein Haupt empor. ü⸗ Nein, ſagte der Kaiſer ernſt, nein, auf Oeſterreich können wir en nicht mehr hoffen, oder, wenn Sie wollen, noch nicht hoffen. Das en hat uns wohl die Sendung des Grafen Stadion zur Genüge gezeigt. Sie haben uns ihren Diplomaten geſandt, um mit uns zu unterhandeln, ⸗ damit wir, im Falle eines Sieges, nicht Oeſterreich auch als unſern ſch Feind betrachten ſollten. Jetzt, da wir nicht geſiegt haben, wird ohne det Zweifel der Graf Stadion unſer Hauptquartier verlaſſen, um ſich zu 4⸗ Napoleon zu begeben, und ihn der treueſten und aufrichtigſten Anhäng⸗ de lichkeit Oeſterreichs verſichern. Nein, nein, auf Oeſterreich dürfen wir nicht rechnen, Oeſterreich will nur unterhandeln, nur mit Worten fechten, en aber nicht mit dem Schwert! 6 Aber ohne Oeſterreich, rief der König heftig, ohne Oeſterreich ſind wir zu ſchwach! Oh mein Gott, zuweilen ſcheint es mir, daß keine menſchliche Kraft etwas vermag gegen das große, überlegene Genie Napoleons, und daß nur Gott, der ihn ſo hoch geſchaffen und ber nd⸗ 426 ſo hoch erhoben hat, ihn auch wieder klein machen, und in den Staub treten kann! Wir haben gethan, was in der Menſchen Macht ſtand, aber es iſt Alles vergeblich geweſen! Er hat geſiegt, wir ſind unterlegen! Aber wir haben ihm wenigſtens den Sieg theuer verkauft, ſagte Alerander, und wenn wir unterlegen ſind, ſo iſt es wenigſtens mit Ehren geſchehen! Keins unſerer Bataillone iſt geſprengt worden, und auch die Zahl der Gefangenen wird wohl auf beiden Seiten ziemlich gleich ſein. In der Hauptſache iſt noch nichts verloren, und mit Gottes Hülfe wird es bald beſſer gehen! Ja, aber auch nur mit Gottes Hülfe, rief der König, die haben wir beſonders nöthig, und ohne die ſind wir verloren! Aber Gott iſt mit uns, rief Alexander ſchwärmeriſch, ich weiß das; dieſe Ueberzeugung ſteht klar und unabänderlich feſt in mir ſeit den großen Schreckenstagen von Moskau und der Bereſina. Gott ſandte mir jene Tage der Prüfung und des Schreckens, damit ich zur Er⸗ kenntniß komme, und ich bin zur Erkenntniß gekommen. Bis dahin war ich ein in irdiſchen Zweifeln befangener Menſch geweſen, meiner eigenen Kraft vertrauend, und nicht ohne Eitelkeit meiner irdiſchen Größe mich freuend. Ich dachte an Gott, ich liebte ihn, aber er er⸗ füllte nicht meine ganze Seele, ich ging dahin und zerſtreute mich. Aber der Brand von Moskau hat meine Seele erleuchtet, und das Gericht des Herrn auf den Eisfeldern hat mein Herz mit einer Glaubens⸗ wärme erfüllt, die es bis dahin nie ſo gefühlt. Mit den Flammen⸗ zeichen der heiligen Stadt ſchrieb die Hand Gottes auf den gerötheten Himmel: ich bin der Herr dein Gott! Mit den Blutſtrömen der großen franzöſiſchen Armee zeichnete der Finger des Herrn es in die Schneefelder ein: Du ſollſt keine andern Götter haben neben mir! Und ſeitdem iſt eine wunderſame Freudigkeit, eine un⸗ ausſprechliche Demuth und ein unerſchütterliches Gottvertrauen in mir. Seitdem bin ich ein Anderer geworden. Der Erlöſung Europa's von dem Verderben verdanke ich meine Erlöſung und Freimachung.*) *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Eylert: Friedrich Wilhelm III. Band II, zweite Hälfte. S. 248. 427 Er allein iſt es auch, der uns frei machen kann, ſagte der König tief bewegt, ich beuge mein Haupt in Demuth und bekenne, daß wir nichts ſind ohne ihn. Möge er uns ſeine Hülfe und ſeinen Beiſtand ſenden! Er wird es, rief Alexander glühend, Gott wird mit uns ſein, denn wir kämpfen einen gerechten Kampf! Ja, wir kämpfen einen gerechten Kampf, ſagte Friedrich Wilhelm tiefbewegt, und indem er langſam das Auge zum Himmel erhob, flüſterte er: Bete für uns, Louiſe, daß wir ſiegen in dieſem Kampf! Beide ſchwiegen ſie jetzt, und ſchauten ſtill, voll heiliger Rührung im Herzen, empor zu dem Himmel, deſſen Gluthen jetzt verblaßt waren, und über dem die Schatten der Nacht ſich zu lagern begannen. Auf einmal leuchtete es wie ein freudiger Glanz auf dem Antlitz des Königs auf, und Alexander lebhaft die Hand darreichend, ſagte er laut und mit tiefbewegter Stimme: Wir wollen nicht verzagen, ſondern muthig weiter kämpfen. Aber wenn Gott, wie ich hoffe, unſere ver⸗ einten Bemühungen ſegnet, ſo wollen wir laut vor aller Welt bekennen, daß ihm allein die Ehre gebührt.*) Ja, das wollen wir! rief Alexander lebhaft, ſeine Rechte in die des Freundes legend. Laut vor aller Welt wollen wir bekennen, daß Gott allein die Ehre gebührt! Sie hatten ihre Pferde angehalten, und hielten jetzt ſchweigend, Hand in Hand, nebeneinander, die Augen zum Himmel erhoben, die Mienen tiefbewegt und doch freudig. Allgemach ſenkten ſich ihre Augen und begegneten ſich in einem langen, innigen Blick. Beide lächelten ſie, und nickten einander zu. Und jetzt, mein Freund, ſagte Alexander, jetzt wollen wir uns in unſere Hauptquartiere begeben und mit unſeren Generälen Kriegsrath halten. Ja, mein Freund, das wollen wir, ſagte Friedrich Wilhelm, prüfen wir unſere Streitkräfte, und ſehen wir, was nun weiter zu thun iſt. Die Schlacht bei Bautzen darf nicht das Ende dieſes Krieges ſein. *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Eylert: Friedrich Wilhelm II. Band IM, zweite Hälfte. S. 248. 428 VI. Hiobspoſten. Es war ein Moment der Ruhe eingetreten in dem großen Kampf. Napoleon hatte den Verbündeten ſchon vor der Schlacht von Bautzen einen Waffenſtillſtand angeboten; damals hatten ſie im vollen Ver⸗ trauen auf ihre Kraft ihn abgelehnt. Als aber Napoleon nach der Schlacht von Bautzen ſeinen Antrag wiederholte, nahmen die Verbündeten den Waffenſtillſtand an. Sie bedurften der Zeit, um neue Mannſchaften zu ſammeln, neue Regimenter zu bilden, neue Streitkräfte zu ordnen. Aber Napoleon, getäuſcht von ſeinen Siegen, feſt vertrauend auf ſein Glück, und auf— die Fehler ſeiner Feinde,— Napoleon war feſt überzeugt, daß dieſer Waffenſtillſtand nur die Einleitung zum Frieden ſei, und daß die Verbündeten, gewarnt und erſchreckt von den beiden verlorenen Schlachten, gern bereit ſein würden, einen nur einigermaßen ehrenvollen Frieden anzunehmen. Die Unterhandlungen zum Frieden waren in Prag eröffnet worden. Frankreich, Preußen und Rußland hatten dazu ihre Abgeordneten nach Prag entſandt, und auch Oeſterreich, welches bei dieſem Congreß die Rolle eines Vermittlers übernommen, ließ ſeinen Abgeordneten, den Miniſter Metternich, an dem Congreß von Prag Theil nehmen. Vom vierten Juni bis zum vierundzwanzigſten Juli ſollte der Waffenſtillſtand dauern, Zeit genug, um über einen, für beide Theile gleich vortheil⸗ haften Frieden ſich zu verſtändigen, Zeit genug, um, auf den Fall, daß der Frieden nicht zu Stande kommen ſollte, die Streitkräfte zu ſammeln, neue Millionen und neue Regimenter aus Frankreich her⸗ beizuſchaffen. Napoleon hatte ſich, ſobald der Waffenſtillſtand unterzeichnet worden, wieder nach Dresden begeben, um dort die Entſcheidung abzuwarten. Dort, im Marcoliniſchen Palais, hatte der Kaiſer wieder ſeine Reſidenz aufgeſchlagen; aber diesmal gab es nicht, wie vor ſeinem Kriegszuge nach Rußland, glänzende Feſte in Dresden, diesmal ſammelten ſich pf. zen der ten ten 429 nicht um den mächtigen Kaiſer die Könige und Fürſten Deutſchlands. Der Kaiſer von Oeſterreich hielt ſich ſchweigſam und ſtill in Wien, der König von Preußen befand ſich in Reichenbach, und war jetzt der Feind Napoleons, und all' die Fürſten des deutſchen Rheinbundes, vor einem Jahr noch die dienſtbereiten, unterwürfigen Höflinge des Kaiſers Napoleon, ſie hielten ſich in mürriſchem Schweigen fern, oder be⸗ gannen ſchon, ihrem einſtigen Herrn den Gehorſam zu verweigern, und machten Schwierigkeiten, wenn es galt, neue Truppen zu ſtellen, neue Hülfsquellen für den Kaiſer flüſſig zu machen. Keiner von ihnen war gekommen, Napoleon, den ſie noch vor kurzer Zeit gefürchtet als den mächtigſten Herrn der Welt, jetzt ſeine Huldigung darzubringen. Nur der alte, ſchwache König von Sachſen, der ſich beim Beginn des Krieges mit ſeinen Millionen und den Diamanten des grünen Gewölbes bis an die äußerſten Grenzen ſeines Landes, bis nach Plauen geflüchtet hatte“), nur er war jetzt auf den ziemlich gebieteriſch ausgeſprochenen Wunſch Napoleons wieder nach Dresden zurückgekehrt. Bei ihm dinirte der Kaiſer zuweilen, aber nur im engſten Familienkreiſe, und ohne allen äußern Prunk; Abends begab er ſich alsdann in das franzöſiſche Theater, das während des Waffenſtillſtandes nach Dresden beordert worden. Zuweilen durften alsdann ſeine Lieblinge, die Damen Mars und Georges, und der große Talma nach dem Theater mit dem Kaiſer ſoupiren, und dem Liebreiz der ſchönen Mars, der leidenſchaftlichen Gluth der herviſchen Georges, der feinen Unterhaltung des ebenſo geiſtreichen, als gewandten Talma gelang es zuweilen, die Wolken von der Stirn des Kaiſers zu verſcheuchen. Aber ſobald ſie ihn verlaſſen, ſobald er wieder allein war mit ſeinen Gedanken, ſeinen Arbeiten und ſeinen Plänen, kehrten die Wolken wieder zurück, und das Antlitz des Kaiſers nahm wieder ſeinen düſteren und ehernen Ausdruck an. So vergingen die Tage, die Wochen, und noch immer war der Congreß in Prag beiſammen; das Ende des Waffenſtillſtandes nahte heran, und noch immer hatte man ſich nicht einigen können über die Friedensbedingungen. *) Lebensbilder III. S. 466. 430 Es war am Morgen des achtundzwanzigſten Juni, der Kaiſer hatte ſoeben ſein Dejeuneur beendet, und war in ſein Kartenzimmer eingetreten, um auf dieſen Karten die Pläne möglicher, künftiger Feld⸗ züge zu erſinnen, als die Thür des Empfangszimmers ſich öffnete, und der Miniſter Maret, Herzog von Baſſano, hereintrat. Maret gehörte zu den Wenigen, denen Napoleon unbedingt vertraute, und an deren Treue er niemals zweifelte, zu den Wenigen auch, die zu jeder Zeit freien Zutritt zu dem Kaiſer hatten, und unangemeldet in ſeine Ge⸗ mächer eintreten durften. Dennoch ſchien Napoleon heute überraſcht von ſeinem Kommen, niemals war der Herzog ſo früh zu ihm einge⸗ getreten, denn er wußte ſehr wohl, daß der Kaiſer um dieſe Stunde in ungeſtörter Einſamkeit ſich mit ſeinen Karten und ſeinen Feldzugs⸗ plänen zu beſchäftigen pflege. Es mußte daher etwas Ungewöhnliches ſein, das den Herzog von Baſſano veranlaßt hatte, in ſo früher Morgenſtunde zu ihm zu kommen. Das düſtere Auge Napoleons überflog mit einem ſchnellen Blitz das Antlitz Maret's, und neben dem Kartentiſch ſtehend, die Hand auf dieſen gelehnt, fragte er raſch und heftig: Nun, Maret, was giebt es? Sire, ich bin nur gekommen, Ew. Majeſtät einige Briefe zu über⸗ geben, welche der Courier eben von Paris überbracht hat, ſagte der Herzog, dem Kaiſer einige verſiegelte Briefe überreichend. Iſt ein Brief von der Kaiſerin dabei? fragte Napoleon haſtig. Ja, Sire! Der Kaiſer hatte ihn jetzt ſchon gefunden, und die andern Briefe auf den Tiſch werfend, öffnete er haſtig den Brief ſeiner Gemahlin und las ihn. Sein Antlitz, das bis dahin ſo ſtreng und düſter ge⸗ weſen, nahm jetzt allgemach einen mildern und freundlichern Ausdruck an, die Wolken verſchwanden von ſeiner Stirn, und etwas, wie ein Lächeln, umſpielte ſeine Lippen. Ach, die gute Louiſe, ſagte er, als er zu Ende geleſen, wie zärtlich ſie ſchreibt, wie ſie ſich nach mir ſehnt und wie allerliebſt ſie mir zu erzählen weiß von dem König von Rom, der fortwährend nach ſeinem Vater fragt und jeden Abend, wenn er zu Bette geht, laut ruft:„Guter, lieber Papa Kaiſer, kehre bald zurück!“ Me⸗ lit uf 57 der 431 Ein Ruf, Sire, in welchen, wie ich überzengt bin, ganz Frankreich aus vollem Herzen einſtimmt, ſagte Maret raſch. Ja, rief der Kaiſer mit einem verächtlichen Achſelzucken, ich weiß es wohl, daß Frankreich, daß ſogar meine Marſchälle damit überein⸗ ſtimmen, aber nicht aus Liebe zu mir, ſondern aus Liebe zum Frieden! Der kleine König von Rom aber ſehnt ſich nach mir, und auch die Kaiſerin wünſcht nur meine Heimkehr, ohne ſich viel darum zu kümmern, ob Krieg oder Frieden iſt. Dieſe Beiden lieben mich! Ach, was für eine glückliche Familie würden wir Drei nicht abgeben, wenn es endlich zu einem dauernden Frieden kommen könnte! Mein Gott, ich bin des Krieges ſatt und müde, ich ſehne mich, gleich Euch Allen, darnach, endlich heimkehren und ein wenig der Früchte unſerer langen Kämpfe und unſerer vielen Siege genießen zu können. Sire, ſagte Maret mit leiſer bittender Stimme, Sire es kommt doch nur auf Ew. Majeſtät an, dies zu thun und Europa den Frieden zu geben. Wollen auch Sie einſtimmen in das Geſchwätz der Thoren? fragte Napoleon heftig. Immer daſſelbe Lied, immer dieſelbe Weiſe! Sie wenigſtens, Maret, Sie ſollten es nicht mitſingen, denn Sie, der Sie allein die Verh andlungen und Vorſchläge zwiſchen mir und den Feinden kennen, Sie ſollten wenigſtens wiſſen, daß es nicht von mir abhängt, den Frieden zu geben, ſondern daß ich vielleicht nur noch Derjenige ſein kann, der ihn empfangen muß. Sire, doch würde vielleicht ein wenig Nachgiebigkeit von Ew. Ma⸗ jeſtät ſchon genügen, um den Frieden zu Stande zu bringen, wagte Maret zu ſagen. Was wollen Sie damit ſagen? fragte Napoleon, deſſen Stimme jetzt zu grollen begann. Wollen Sie mit Ihrer Sehnſucht nach Nach⸗ giebigkeit vielleicht andeuten, daß ich die Vorſchläge Oeſterreichs an⸗ nehmen ſollte, daß ich mich den ehrloſen und demüthigenden Bedin⸗ gungen fügen ſollte, unter denen Oeſterreich mir ſeine fernere Freund⸗ ſchaft und Bundesgenoſſenſchaft in Ausſicht ſtellt? Oeſterreich wagt es, von mir die Rückgabe Illyriens und des zum Großherzogthum Warſchau abgetretenen Gebiets zu fordern, es verlangt für Preußen 432 die Räumung ſeiner Feſtungen, die Rückgabe von Danzig und die Verzichtleiſtung auf die Küſtenländer Nord⸗Deutſchlands. Und indem Oeſterreich in ſeiner doppelzüngigen Vermittlerrolle mir dieſe Vorſchläge macht, thut es dies nicht mit der Freundlichkeit eines Bundesgenoſſen, ſondern es wagt mir zu drohen, es wagt mir zu ſagen:„Wenn Frankreich unſere Vorſchläge nicht annimmt, ſo iſt Oeſterreich ge⸗ nöthigt, ſich auf Seiten der Feinde Frankreichs zu ſtellen und gemein⸗ ſchaftliche Sache mit ihnen zu machen.“ Ich bin zum Frieden bereit, aber ich werde lieber mit den Waffen in der Hand ſterben, als Be⸗ dingungen unterzeichnen, die man mir mit vorgehaltenem Degen auf⸗ dringen möchte. Ich will unterhandeln, aber mir nicht Geſetze vor⸗ ſchreiben laſſen.*) Sire, Niemand würde es wagen, Ew. Majeſtät Geſetze vor⸗ ſchreiben zu wollen, Oeſterreich wird vielmehr froh ſein, wenn Ew. Majeſtät ſich nur zu Unterhandlungen bereit erklären, und es wird nicht viel zu fordern haben. Es wird zufrieden ſein, wenn ihm Ew. Majeſtät Illyrien wieder geben, und niemals, davon bin ich überzeugt, niemals wird Kaiſer Franz im Ernſt ſich den Feinden ſeines Schwieger⸗ ſohnes zugeſellen! Aber Kaiſer Franz iſt nicht ſein Kabinet, rief der Kaiſer. Ich könnte vielleicht großes Vertrauen in die perſönliche Anhänglichkeit meines Schwiegervaters ſetzen, aber dies würde mich doch nicht ver⸗ blenden können über die Politik ſeines Kabinets. Dieſe Politik ändert ſich niemals. Die Bundesverträge, die Vermählungen können ihren Gang etwas aufhalten, aber ablenken niemals. Nie verzichtet Oeſter⸗ reich auf Dasjenige, was es abzutreten gezwungen iſt. Als Schwächerer nimmt es freilich ſeine Zuflucht zum Frieden, der ihm aber immer nur ein Waffenſtillſtand iſt und bei deſſen Unterzeichnung es immer gleich wieder an den neuen Krieg denkt. Es hat ſich ſo gezeigt während der ganzen Reihe von Jahren, die ich mit ihm kämpfe und unterhandle. Es hat immer, wenn es im Nachtheil war, den Frieden angenommen und mir die Hand zum Bündniß gereicht, aber nach jedem Fehlſchlag, *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Beitzke I. S. 560. uf⸗ vor⸗ or⸗ Fw. vird Ew. ugt, ger⸗ Ich hkeit ver⸗ dert hren ſter⸗ herer nmer nmer r end ndle. men lag, 433 der mich betroffen, hat es ſeine Hand zurückgezogen und ſein Bündniß gebrochen. Jetzt glaubt es, die Würfel lägen ihm günſtiger als je⸗ mals, und Sie ſehen, wie es ſich gleich wieder als Feind erklärt. Es wird den Verbündeten die Ausgänge Böhmens öffnen, und ihnen dadurch geſtatten, die Stellungen des franzöſiſchen Heeres zu umgehen, es in den Rücken zu nehmen und von Frankreich abzuſchneiden. Mit einem Wort: Oeſterreich kann nichts vergeſſen! Es wird unſer Feind bleiben, nicht nur ſo lange es Verluſte wieder zu erſetzen hat, ſondern auch ſo lange die Macht Frankreichs ihm mit neuen Demüthigungen drohen könnte. Dieſer Inſtinct von Eiferſucht iſt mächtiger als alle Intereſſen, als jede Zuneigung, es wird immer ſtreben, ſich ſelber groß und Frankreich kleiner zu machen, und wenn ich ihm heute Illyrien bewillige, ſo wird es morgen vielleicht ſchon die ganze Lombardei und ſeine frühern holländiſchen Provinzen beanſpruchen.*) Täuſchen Sie ſich darüber nicht, Maret, und denken Sie nicht, daß Oeſterreich Frieden mit uns will, weil Kaiſer Franz mein Schwiegervater iſt! Ich muß ihnen den Frieden mit der Spitze meines Schwertes ſchrei⸗ ben, und dann werden ſie ſich beeilen, mich daran zu erinnern, daß ich der Schwiegerſohn des Kaiſers bin, und werden in Anbetracht dieſer Verwandtſchaft von mir günſtige und milde Friedensbedin⸗ gungen fordern. Aber dies, ſcheint mir, iſt jetzt gerade die Situation Ew. Majeſtät, rief Maret lebhaft. Ew. Majeſtät haben gerade jetzt zwei neue Schlachten gewonnen, zwei neue Siege erkämpft. Aber welche Siege! ſagte Napoleon düſter; ſie haben mir ebenſo viel Soldaten gekoſtet als dem Feind, und ſie haben mir keine Vor⸗ theile gewährt. Ich hatte gehofft, eine gute Zahl Trophäen zu er⸗ halten. Aber in dieſen beiden Schlachten von Lützen und von Bautzen iſt auch nicht Eine Kanone, nicht Eine Fahne, kaum einige unbedeutende Gefangene in unſere Hände gefallen. Nach zwei fürchterlichen Blut⸗ bädern haben wir keine Reſultate, dieſe Leute da haben mir nicht einen *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fenent S. 60. Mühlbach, Napoleon. 1I. Vd. 28 434 einzigen Nagel zum Aufheben liegen laſſen.*) Es ſind nicht mehr die Soldaten von der Schlacht bei Jena, glauben Sie mir das, Maret, ein anderer Geiſt belebt die Soldaten und ihre Heerführer. Die Preußen haben in der Schlacht wie Löwen gekämpft, und ihr Anführer, der General Blücher, iſt wie ein Heerführer in der Iliade. Er iſt zugleich Feldherr und gemeiner Soldat, zugleich ein Tollkopf und ein ſchlauer Odyſſeus. Das Heer liebt ihn und der König vertraut ihm. Er haßt mich und hat ein gutes Gedächtniß für ſeine Niederlagen von Auerſtädt und Lübeck, und er wird ſich Revanche nehmen wollen. Aber Rußland hat nicht nöthig, Revanche zu nehmen, ſagte Maret. Nein, murmelte Napoleon, düſter vor ſich hin blickend, Rußland hat das nicht nöthig. Auf ſeinen Schneefeldern habe ich meine Armee und vielleicht auch mein Glück verloren! Aber gleichviel, ich werde weiter kämpfen bis an's Ende, und ich werde das Glück zwingen, ſich wieder zu meinem Bundesgenoſſen zu machen, damit ich der andern Bundesgenoſſen entbehren kann! Das Glück iſt mir wohl ſeine Zu⸗ neigung und Treue ſchuldig, denn habe ich ihm nicht erſt jetzt wieder ſo große Tribute dargebracht, habe ich es nicht machen müſſen wie Polykrates, um das Unglück von mir fern zu halten? Er opferte in⸗ deſſen den Göttern nur einen Ring, ich aber habe dem Glück zwei meiner Freunde geopfert, und unter den Beiden meinen beſten Freund, meinen Duroc. Der Sieg von Lützen hat mir Beſſiéres gekoſtet, dem Siege von Bautzen habe ich Duroc opfern müſſen. Es iſt ein großes Opfer geweſen, Maret, mein Herz blutet noch davon und wird dieſe Wunde nie verſchmerzen! Maret antwortete nichts, ſondern wandte ſein Haupt zur Seite, und ſein Antlitz zeigte einen ſeltſamen Ausdruck von Unruhe und Be⸗ fangenheit. Napoleon gewahrte es und zuckte leicht mit den Achſeln. Sie finden, daß ich ſentimental werde, Herzog, ſagte er rauh, und Sie meinen, daß die lange Kriegsgewohnheit mich unempfindlich gemacht haben ſollte gegen dergleichen Zufälle. Sie haben Recht, ſprechen wir *) Napoleons eigene Worte. Conſtant V. ret, Die rer, ſſt ein hm. von and mee rde ſich ern der wie in⸗ wei nd, em ßes ieſe ite, Be⸗ Sie Sie cht wit 435 nicht mehr davon. Leſen wir lieber die andern Briefe, welche der Courier gebracht hat. Er griff mit düſterer Miene nach den Briefen, und nahm, ohne hinzublicken, den erſten derſelben empor. Dann, als er die Adreſſe betrachtete, erheiterte ſich ſein Geſicht ein wenig, und einen raſchen vor⸗ wurfsvollen Blick auf Maret heftend, ſagte er: Das Schickſal iſt we⸗ niger ſtrenge als Sie, Maret. Es will mich daran mahnen, daß mir noch immer treue Freunde bleiben, und daß die Gefährten meiner Ju⸗ gend doch nicht Alle geſtorben ſind. Da iſt ein Brief von Junot! Das iſt auch Einer von meinen Getreuen! Er öffnete den Brief und las ihn haſtig, dann verfinſterte ſich ſein Angeſicht und die Bläſſe ſeiner Wangen nahm einen noch fahleren Schein an. Maret, ſagte er mit zorniger Stimme, leſen Sie, ſehen Sie, was Junot mir zu ſchreiben wagti Er reichte Maret den Brief dar. Leſen Sie laut, rief er, ich fürchte ſonſt, meine Augen haben mich getäuſcht und ich habe falſch ge⸗ ſehen. Nicht den Anfang, der iſt gleichgültig, aber leſen Sie den Schluß, die letzte Seite, ich will es hören! Und Maret las mit zitternder Stimme:„Ich, der ich Ew. Majeſtät liebe mit der Anbetung, welche der Wilde für die Sonne hegt, ich, der Ihnen mit Leib und Seele gehört, ich muß Ihnen die Wahrheit ſagen, und dieſe Wahrheit iſt: Wir müſſen für Sie einen ewigen Krieg führen, aber ich will es nicht mehr! Ich will den Frieden! Ich will end⸗ lich mein ermüdetes Haupt, meine ſchmerzenden Glieder ruhen können in meinem Hauſe, inmitten meiner Familie, meiner Kinder, ich will ihrer Pflege genießen, ihnen nicht mehr fremd ſein. Ich will endlich deſſen genießen, was ich erkauft habe mit einem Schatz, der koſtbarer iſt als alle Schätze Indiens,— mit meinem Blut, mit dem Blut eines Ehrenmannes, eines guten Franzoſen, eines wahren Patrioten. Nun denn, ich fordere, ich verlange endlich die Ruhe, die ich mir durch zweiundzwanzig Jahre activen Dienſtes und durch ſiebenzehn Wunden erkauft habe, denen mein Blut entſtrömt iſt, zuerſt für mein Vaterland und dann für Ihren Ruhm. Zetzt iſt es genug, mein Vaterland bedarf 28* 436 der Ruhe, und Ihr Ruhm iſt glänzend wie die Sonne. Ich wiederhole es alſo, ich will keinen Krieg mehr, ich will den Frieden, ich ſpreche es aus im Namen aller Ihrer Marſchälle und Generäle, im Namen Ihrer Armee, im Namen von ganz Frankreich: Wir wollen und ver⸗ langen den Frieden, geben Sie ihn uns alſo! Junot, Herzog von Abrantés.“*) Nun? fragte Napoleon, als Maret zu Ende geleſen, nun, was ſagen Sie zu dieſer Unverſchämtheit? Sire, ſagte Maret mit leiſer, zitternder Stimme, Ew. Majeſtät wiſſen es wohl, daß der Herzog von Abrantes krank und zwar ſehr gefährlich krank iſt, daß er ſehr häufig ſogar an Anfällen von Wahn⸗ ſinn leiden ſoll. Es iſt freilich die Sprache eines Wahnwitzigen, die aus dieſem Briefe ſpricht, rief Napoleon, aber eines Wahnwitzigen, der bei vollkommener Beſinnung iſt, und ſehr genau weiß, was er ſagt. Denn er hat wohl Recht, er wagt es zu ſagen, was alle meine Marſchälle denken; er wagt es, ihren Gedanken Worte zu geben, weil er ſich einbildet, daß meine Freundſchaft für ihn ihm das Recht giebt, unverſchämt zu ſein! Der Thor, ich werde ihm beweiſen, daß ich zuerſt und vor allen Dingen der Kaiſer bin, und daß der Kaiſer ohne Anſehen der Perſon Denjenigen ſtrafen wird, der die Vermeſſenheit hat, ihm zu trotzen und zu drohen. Oh, es iſt mir lieb, daß es gerade Junot iſt, der ſich zum Sprecher für alle meine Generäle und Marſchälle gemacht hat. Ich werde ihn mit unnachſichtlicher Strenge ſtrafen, und das wird die Andern auf immer zum Schweigen bringen. Sie werden nicht wagen, was ſelbſt Junot nicht ungeſtraft wagen durfte, ſie werden gehorchen, wenn mein gerechter Zorn dieſen Hochverräther Junot zerſchmettert hat. Denn er iſt ein Hochverräther, ein— Oh, Sire, ich beſchwöre Sie, ſprechen Sie nicht weiter, unterbrach ihn Maret, üben Sie Gnade an Dem, der jetzt ſchon vor einem höhern Richter ſteht, um ſein Urtheil zu empfangen. Was wollen Sie damit ſagen? fragte Napoleon. *) Mémoires de la Duchesse d'Abrantès. Vol. XVI. S. 323. ole che nen et⸗ von was ſtät ſehr hn⸗ iefe ner vohl vagt eine Der igen igen en. cher ihn auf elbſt nein mer rach ern 437 Ich will damit ſagen, Sire, erwiederte Maret feierlich, daß ich hierher kam, um Ew. Majeſtät eine traurige Botſchaft zu hinterbringen, und daß Ew. Majeſtät mir demgemäß vorher Unrecht thaten. Sire, ich war nicht deshalb ſchweigend und betroffen, als Ew. Majeſtät um den hingegangenen Freund, den Herzog von Friaul, klagten, weil ich ſolche Klage nicht für angemeſſen hielt, ſondern ich war ſchweigend, weil es mich mit maßloſem Kummer erfüllte, denken zu müſſen, daß ich gekommen, um Ew. Majeſtät einen ähnlichen Kummer zu bereiten. Sire, ich empfing mit dem Courier einen Brief von Herrn Albert von Comminges, dem Schwager Junot's. Er hat mich dazu auserſehen, Ew. Majeſtät eine traurige Nachricht zu überbringen. Sire, der Herzog von Abrantes iſt todt! Hier iſt das Schreiben des Herrn von Com⸗ minges an Ew. Majeſtät. Der Kaiſer ſagte kein Wort, nur durch ſein Antlitz, das ſonſt ſo ehern und unbeweglich ſchien, ging ein leiſes Zucken und ſeine Lippen zitterten. Schweigend nahm er den dargereichten Brief, und ihn mit haſtiger Hand erbrechend, begann er zu leſen. Aber auf einmal entſank das Blatt ſeiner Hand, und beide Hände gegen ſeine Stirn drückend, ächzte er laut. Dann beugte er ſich raſch nieder, hob die Depeſche wieder auf und las ſie bis an's Ende. Junot! rief er dann mit einem tiefen Wehelaut, Junot! Oh, mein Gott! Er zerdrückte die Depeſche in ſeinen Händen, und mit einem Aus⸗ druck, der aus der Tiefe ſeines Herzens kam, und einem wahrhaften Schmerz angehörte, wiederholte er: Junot! Oh, mein Gott, auch Junot! In dieſem Moment fiel ſein umherirrendes Auge auf Maret, der bleich und voll tiefen Mitleides zu dem Kaiſer hinblickte. Napoleon bebte leiſe zuſammen und drängte die Thränen, die in ſeine Augen getreten, zurück. Den Blicken eines Beobachters gegenüber wollte er ſich nicht als einen Menſchen zeigen, der dem Schmerz Herr⸗ ſchaft über ſich giebt. Eer lächelte daher, aber mit einem traurigen, unbeſchreiblichen Aus⸗ druck, und ſagte mit lauter, feſter Stimme: Wieder einer meiner Tapfern weniger! Das dritte Opfer, das der Krieg von mir fordert, Maret. 438 Er nimmt gerade Diejenigen, die mir am unentbehrlichſten waren, weil ſie der ganzen Armee ein ſo leuchtendes Beiſpiel von Tapferkeit und Treue gaben. Deshalb auch nur beklage ich mich! Ew. Majeſtät haben auch doppelt Recht, ſich zu beklagen, ſagte Maret mit ſeiner ſanften, ruhigen Stimme, Junot liebte Ew. Majeſtät mit dem Gehorſam eines Dieners, mit der Unterwürfigkeit eines Kindes, mit der Begeiſterung eines Schülers, mit der Innigkeit eines Freundes. Er wäre für Sie durch das Feuer gegangen, und er hatte wohl Recht zu ſagen, daß er Ew. Majeſtät liebe mit der Anbetung, welche der Wilde für die Sonne hegt. Ew. Majeſtät waren ſeine Sonne! Ja, er hat mich geliebt, ſagte Napoleon leiſe, das Haupt auf ſeine Bruſt ſenkend und ſtarr vor ſich hinblickend. Ja, er hat mich geliebt, und auf ſeine Treue und Anhänglichkeit konnte ich zählen. Wir hatten zuſammen unſere Jugend verlebt, hatten zuſammen tauſend Ge⸗ fahren überwunden und den Wechſelfällen des Schickſals muthig getrotzt. Sein Stern war mit dem meinen aufgegangen. Wird jetzt nicht mein Stern mit dem ſeinen erbleichen? Oh, Junot, Junot, wie konnteſt Du mich jetzt verlaſſen, da Du doch wußteſt, daß ich gerade jetzt Deiner ſo ſehr bedurfte! Junot, das iſt zum erſten Mal, daß Du Dich mir entziehſt und die geſchworne Treue vergiſſeſt. Ich ſtehe vor einem großen, gefahrvollen Krieg, ich bin umringt von Feinden und meine Freunde verlaſſen mich und retten ſich in das Grab! Er ſchwieg, und ſein Haupt tiefer noch auf ſeine Bruſt neigend, die Stirn in düſtere Falten gelegt, ſtarrte er lange vor ſich hin. Eine bange Stille trat ein, die Maret nicht durch eine Bewegung, ein Wort zu unterbrechen wagte. Endlich nach einer langen Pauſe hob der Kaiſer ſein Antlitz wieder empor, das jetzt wieder ſeinen ehernen, feſten Ausdruck angenommen und ſeine gewohnte Kälte und Gleichgültigkeit errungen hatte. Maret, ſagte er mit vollkommen feſter Stimme, Maret, ich habe jetzt Niemand in Illyrien, da Junot, der Gouverneur in Illyrien, ge⸗ ſtorben iſt! Ich muß einen andern Gouverneur dahin ſchicken. Aber wen? Sire, wagte Maret mit leiſer ſchüchterner Stimme zu ſagen, Sire, wollen Sie den Vorſchlag Oeſterreichs nicht in Erwägung ziehen? Es veil nd gte ſtät es, es. cht der ng, der nen 439 fordert nur Illyrien allein als Preis ſeiner Bundesgenoſſenſchaft und Freundſchaft. Sire, das Schickſal ſelber ſcheint ein Zeichen geben zu wollen, daß man dieſe Forderung gewähren ſoll, denn das Schickſal iſt es, welches den Gouverneur von Illyrien ſeiner Stelle enthebt. Das Schickſal! rief Napoleon achſelzuckend, das Schickſal! Ihr erkennt ſeine Fingerzeige nur an, wenn es in Eure Pläne paßt, Ihr leugnet ſeine Exiſtenz, wenn es Eurem Willen in den Weg treten möchte. Das Schickſal hat den Gouvernenr von Illyrien ſterben laſſen, weil er, wie Sie ſelbſt vorher ſagten, an Anfällen von Wahnſinn litt, das Schickſal hat mir dadurch Gelegenheit geben wollen, einen vernünftigen und beſonnenen Mann an Junot's Stelle zu ſetzen, einen Mann, der nicht wagen wird, mir ſolche unverſchämten Dinge zu ſagen, wie Sie mir vorher aus Junot's Briefen vorgeleſen haben. Nun wohl, ich will dem Wink des Schickſals gehorchen und einen vernünftigen Gouverneur von Illyrien ernennen. Schreiben Sie ſofort an Fouché! Er iſt in Neapel, ſchreiben Sie ihm, daß er ſich unverzüglich auf den Weg machen und hierher nach Dresden kommen ſoll. Ihn, den Herzog von Otranto, will ich zum Gouverneur von Illyrien ernennen. Schreiben Sie ſofort und laſſen Sie dann ſogleich einen Courier mit der De⸗ peſche nach Neapel abgehen. Aber halt! Warten Sie! Ich habe noch nicht alle Depeſchen des Pariſer Couriers geleſen. Er trat wieder zu dem Tiſch, und nahm einen von den dort noch befindlichen Briefen in die Hand. Ein Schreiben von dem Herzog von Rovigo, ſagte er mit verächt⸗ lichem Ton, von dem Polizeiminiſter von Paris! Er wird wieder viel ſchwatzen, viel böſe Geiſter geſehen haben, und am Ende doch nicht die Hälfte von dem wiſſen, was er wiſſen müßte, und was Fouché gewußt haben würde, wenn er noch Polizeiminiſter wäre. Da! Leſen Sie ein⸗ mal, Maret, und theilen Sie mir das Wichtigſte mit! Er warf ſich in den Lehnſtuhl, der vor ſeinem Schreibtiſch ſtand, und das Federmeſſer ergreifend, begann er damit an dem hölzernen Seitenarm des Fauteuils zu kritzeln und zu ſchneiden, während Maret die Depeſche entfaltete, und ihren Inhalt mit raſchen Blicken prüfte. Sire, ſagte er, dieſe Depeſche enthält eine überraſchende Nachricht. „ 440 Sie meldet von einem neuen Feind, der ſich wider Ew. Majeſtät er⸗ heben möchte. Nun, ſagte Napoleon, der eben einen großen Splitter aus dem Stuhl ausbohrte, nun, was für ein neuer Feind iſt denn das? Sire, ſagte Maret mit einem Achſelzucken, Sire, es iſt Ludwig der Achtzehnte. Napoleon fuhr auf, und ſah ſeinen Miniſter mit einem Blitz des Zornes an. Was wollen Sie damit ſagen? fragte er barſch. Wer iſt Ludwig der Achtzehnte? Wo iſt das Land, das er regiert? Sire, ich wollte damit nur den Bruder des unglücklichen Königs Ludwig des Sechszehnten bezeichnen. Meines Oheims! ſagte Napoleon mit einem ſtolzen Lächeln, indem er wieder ſein Meſſer in die Lehne bohrte. Nun, was giebt's alſo? Wodurch hat der Graf von Lille die Welt mit der Nachricht von ſeiner Exiſtenz überraſcht? Sire, durch eine Proclamation, die er an die Franzoſen gerichtet hat, und in welcher er ſie beſchwört, zu ihm, ihrem rechtmäßigen Herrn und König, zurückzukehren, indem er ihnen zugleich viele Verſprechungen macht, welche übrigens nichts enthalten, was die Franzoſen nicht ſchon durch die Gnade Eurer Majeſtät beſitzen. Napoleon zuckte die Achſeln. Savary hat alſo endlich ein Exem⸗ plar der engliſchen Zeitungen zu Geſicht bekommen, in denen dieſe Proclamation abgedruckt war, ſagte er. Ich habe ſie ſchon vor einigen Wochen geleſen. Nein, Sire, es ſcheint, daß es ſich jetzt nicht mehr um die eng⸗ liſchen Zeitungen handle, ſondern daß dieſe Proclamation jetzt auf einmal in ganz Frankreich verbreitet wird. Geheime Agenten des Grafen von Lille ſind in Frankreich thätig, wie der Herzog von Rovigo berichtet. Dieſe verbreiten täglich gedruckte Copien der Proelamation zu Tauſenden unter das Volk. Sie werden des Nachts auf allen Straßen ausgeſäet, ſie werden heimlich durch die Spalten der Thüren in die Häuſer und Zimmer hineingeſchoben, ſo daß die Polizeiagenten ſie nicht fortnehmen können. Dieſe Copien ſcheinen mir auf Hand⸗ druckereien gedruckt zu werden, denn ihre Zeilen ſind oft ſchief und em ion en 44¹ unregelmäßig und verrathen eine ungeübte Hand, aber Diejenigen, welche ſie empfangen, ſuchen ſie doch zu entziffern, und erſt, wenn ſie ſie geleſen, liefern ſie dieſelben an die Polizei ab.*) Napoleon ſagte nichts, er ſchnitzte immer noch mit ſeinem Feder⸗ meſſer an der Lehne ſeines Stuhls, und ſchaute nicht ein einziges Mal zu ſeinem Miniſter empor, der in ehrerbietigem Schweigen ihm gegen⸗ überſtand. Ich glaubte dieſe Schlange der Legitimität unter meinem Fuß zer⸗ treten zu haben, murmelte Napoleon endlich leiſe vor ſich hin, aber dieſe Schlange lebt noch immer, und ſie will ſich wieder ziſchend gegen mich erheben. Ah bah, ich verachte ſie, und bei Gott, ich habe wohl Grund dazu. Ich allein bin jetzt der legitime Herrſcher von Frank⸗ reich, die funfzig Schlachten, in denen ich für Frankreich gekämpft und geſiegt, das ſind meine Ahnen, der Wille des franzöſiſchen Volkes hat mich zum Kaiſer gemacht, und die Stimme aller ſouverainen Fürſten Europa's hat mich als ſolchen anerkannt. Die Tochter eines Kaiſers iſt meine Gemahlin, und der König von Rom, der künftige Kaiſer von Frankreich, wird mehr als jeder Andere ein legitimer Herrſcher ſein, denn die Schlachten ſeines Vaters und die Ahnen der Habsburger bilden ſeinen Stammbaum. Möge alſo der Graf von Lille immerhin ſeine Proclamation in Frankreich ausſtreuen, ich werde indeß für Frank⸗ reich Schlachten gewinnen, und mit meinen Siegesbulletins werde ich ſeine Legitimitäts⸗Proclamationen aus dem Felde ſchlagen! Ich— In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür, und das ſchwarze Ge⸗ ſicht Rouſtan's ſchaute herein. Sire, der Herzog von Vicenza bittet um Gehör, ſagte er an⸗ meldend. Caulaincourt! rief Napoleon erſtaunt, indem er aufſtand und das Federmeſſer an die Erde warf. Caulaincourt! Er ſoll eintreten! *) Mémoires du Puc de Rovigo. Vol. VI. S. 351. 442 MII. Die Berräther. Rouſtan trat zurück und die edle und ſtattliche Geſtalt des Her⸗ zogs von Vicenza erſchien auf der Schwelle. Der Kaiſer ging ihm haſtig einige Schritte entgegen, und ſah ihn mit einem ſcharfen durchdringenden Blick an. Caulaincourt, rief er, woher kommen Sie, und was wollen Sie hier? Sire, ſagte der Herzog ernſt und feierlich, Sire, ich komme von Prag, wohin der Befehl Eurer Majeſtät mich geſandt hatte, um dort dem Congreß beizuwohnen, und die Unterhandlungen bei demſelben im Namen Eurer Majeſtät zu leiten. Dieſe Unterhandlungen ſind alſo abgebrochen, da Sie hierher kommen, ohne von mir zurückgerufen zu ſein. Nein, ſie ſind nicht abgebrochen, aber ich habe Eurer Majeſtät einige wichtige Nachrichten zu überbringen, und da ich denke, daß man am beſten bedient iſt, wenn man ſich ſelbſt bedient, ſo habe ich mich zu dem Courier meiner eigenen Depeſchen gemacht, damit ich gewiß ſein konnte, daß ſie zu rechter Zeit bis zu Eurer Majeſtät gelangten. Ich bin mit Courierpferden hierher gereiſt, und werde ebenſo nach Prag zurückkehren. Nun denn, Ihre Depeſchen, ſagen Sie mir dieſelben mündlich und raſch! Sire, ich benachrichtige Ew. Majeſtät, daß der Graf von Metter⸗ nich auf dem Wege hierher iſt, um Ew. Majeſtät die letzten Vorſchläge Oeſterreichs zu überbringen. Ein Blitz des Zorns leuchtete in des Kaiſers Augen auf. Der will es wagen, mir zu begegnen, rief er drohend, er fürchtet alſo nicht, daß ich ihn zerſchmettere, indem ich ihm ſeine Zweideutig⸗ keit, ſeine Perfidie, ſeine Verrätherei in's Antlitz ſchleudere. Denn ich et g⸗ 443 weiß es, Oeſterreich ſpielt ein doppeltes Spiel, es unterhandelt mit mir und meinen Feinden zu gleicher Zeit! Aber noch liegt es in den Händen Eurer Majeſtät, Oeſterreich an Frankreich zu feſſeln, und ſich einen Bundesgenoſſen an demſelben zu erhalten, rief der Herzog von Vicenza lebhaft. Deshalb, um Ew. Majeſtät zu beſchwören, nicht in der erſten edlen Aufwallung Ihres Zorns die Anträge Oeſterreichs, wie viel Verletzendes ſie auch dem erſten Anſchein nach haben mögen, ganz und gar zurückzuweiſen, des⸗ halb bin ich hierher geeilt. Ich habe zu gleicher Zeit mit dem Grafen Metternich Wien verlaſſen, aber es iſt mir gelungen, einen kleinen Vorſprung vor ihm zu gewinnen, er wird erſt in einer Stunde hier ſein, und ich habe alſo Zeit genug, um Ew. Majeſtät einige wichtige Nachrichten, die ich geſtern in Prag erfahren, mitzutheilen, und die ernſt genug ſind, um vielleicht auf die Entſchlüſſe Eurer Majeſtät ein⸗ wirken zu können. Sprechen Sie! befahl der Kaiſer, indem er ſich wieder auf den Lehnſtuhl fallen ließ, und in Ermangelung eines Federmeſſers jetzt eine Scheere von ſeinem Schreibtiſch nahm, um damit in der Stuhllehne zu bohren. Sprechen Sie! Zuerſt denn habe ich Ew. Majeſtät zu melden, daß der Kaiſer von Oeſterreich ſich von Wien nach Schloß Gitſchin in Böhmen be⸗ geben, und daß dort am zwanzigſten Juni eine Zuſammenkunft des Kaiſers Franz mit den verbündeten Monarchen ſtattgefunden hat. Ach, alſo der erſte Schritt zur offenen Feindſchaft iſt gethan, rief Napoleon, indem er ſeine Scheere tief in die Stuhllehne einbohrte. Dieſe Zuſammenkunft hat indeß zu keinem Reſultat geführt, fuhr Caulaincourt fort. Der Kaiſer Franz hat vielmehr entſchieden erklärt, er ſei jetzt noch immer nur der Vermittler zwiſchen Frankreich und den Verbündeten, und er werde erſt dann das Bündniß mit Frankreich als aufgehoben betrachten, wenn Ew. Majeſtät die letzten Vorſchläge, welche der Kaiſer durch Metternich überſenden werde, nicht annehmen wolle. Das iſt die zweideutige und hinterliſtige Sprache, welche die öſter⸗ reichiſche Diplomatie von jeher geführt hat, rief der Kaiſer achſelzuckend. Sie wollen es mit Niemand verderben, und ſich dadurch befähigen, 444 ſtets der Freund Deſſen zu ſein, der der Sieger iſt. Mein Schwieger⸗ vater hat die Lection, die ihm Metternich gegeben, gut auswendig ge⸗ lernt und hergeſagt, wie es ſcheint. Weiter, Caulaincourt, weiter. Ferner habe ich Eurer Majeſtät zu melden, daß es indeſſen geſtern zu einem ganz beſtimmten Vertrage zwiſchen Oeſterreich und den Ver⸗ bündeten gekommen iſt. Dieſer Vertrag iſt zu Reichenbach abgeſchloſſen worden. Oeſterreich hat ſich in dieſem Vertrage feierlich verpflichtet, Frankreich den Krieg zu erklären, wenn Frankreich ſeine Friedens⸗ bedingungen, die letzten, welche es ihm ſenden wird, nicht annehmen wolle. Außerdem haben Preußen und Rußland einen Vertrag mit England abgeſchloſſen, das ſich verpflichtet hat, beide Mächte mit Geld und Kriegsmaterial zu unterſtützen, und das dafür das Verſprechen erhalten, daß Hannover, Englands Beſitzung in Deutſchland, nach beendigtem Kriege bedeutend vergrößert, und ihm neue Gebietstheile zugelegt werden ſollen. Und die Kurzſichtigen ſind ſo thöricht geweſen, England dies zu bewilligen! rief Napoleon mit einem verächtlichen Lächeln. In ihrem blinden Haß gegen mich wollen ſie ihrem gefährlichſten Feind noch mehr Terrain in Deutſchland gewähren, damit es das große Netz ſei⸗ nes Egoismus immer weiter ausſpanne, und ganz Deutſchland in dem⸗ ſelben einfange, ganz Deutſchland überſchwemme mit ſeiner Induſtrie, ſeinen Produkten und Fabriken, und Deutſchlands Handel und Verkehr in die Hände Englands hinein zwinge. Ah, dieſe Herren werden ſchon inne werden, welch einen Fehler ſie begangen, ſich mit den engliſchen Krämerſeelen einzulaſſen! Denn wenn England Geld giebt, ſtatt es zu fordern, ſo muß es ſehr viele materielle Vortheile in Ausſicht haben, und dieſe kann es nur erhalten auf Koſten der deutſchen Sou⸗ veraine, denen es jetzt Subſidien gewähren will. Sind Sie zu Ende mit Ihren Nachrichten, Caulaincourt? Nein, Sire, ich habe noch Einiges zu melden, ſagte der Herzog von Vicenza mit trauriger Stimme. Der Kaiſer warf auf ihn einen raſchen durchdringenden Blick, der in dem Innerſten ſeiner Seele zu forſchen ſchien. Sprechen Sie! ſagte er raſch. 445 Ew. Majeſtät wiſſen, daß der Kronprinz von Schweden, Berna⸗ dotte, mit einem Heer am zwanzigſten Mai in Stralſund gelandet iſt? Ja, ich weiß das, ſagte Napoleon achſelzuckend. Mein früherer Marſchall, der ſich in meinem Dienſt einen Namen und ein wenig Ruhm erworben, dem ich erlaubt habe, die ihm angetragene Würde eines Kronprinzen von Schweden anzunehmen, ein Franzoſe, hat den traurigen Muth gehabt, die Waffen gegen ſein Vaterland richten und mit den Feinden Frankreichs ſich verbünden zu wollen. Aber es ſcheint doch, als wenn ihm jetzt der Muth zu der That fehle. Er iſt ſeit einem Monat in Deutſchland gelandet, und liegt mit ſeinem Heer in Mecklenburg in müßigen Cantonirungen. Er hat Hamburg fallen laſſen, hat nichts gethan zur Rettung der Mark, und ſcheint bereit zu ſein, ſich lieber wieder nach Schweden einzuſchiffen. Dem Verbrechen eines Vaterlandsverrathes Auge in Ange ſchauend, hat er den Gedanken deſſelben nicht ertragen können, und will vor ihm bis zu den Stufen ſeines ſchwediſchen Throns ſich zurückziehen. Nein, Sire, ſagte Caulaincourt ernſt, der Kronprinz von Schwe⸗ den iſt jetzt feſt entſchloſſen und er ſchwankt jetzt nicht mehr. Der Kaiſer Alexander hat einen Abgeſandten zu Bernadotte geſchickt, und ihn um eine Zuſammenkunft mit den Monarchen von Preußen und Rußland erſucht, um mit ihm einen gemeinſchaftlichen Schlachtplan zu verabreden. Bernadotte hat dieſen Vorſchlag, Dank der Ueberredungs⸗ kunſt des ruſſiſchen Abgeſandten, beifällig angenommen, und die Zu⸗ ſammenkunft ſoll am neunten Juli zu Trachenberg in Schleſien ſtatt⸗ finden. Der Kronprinz iſt ſchon mit einem wahrhaft königlichen Ge⸗ folge auf dem Wege dahin, und es iſt ihm feierlich zugeſichert, daß er von den Souverainen mit allen ſeinem Range gebührenden Ehren als ſouverainer und legitimer Fürſt in Trachenberg aufgenommen werden ſoll. Der Abgeſandte des Kaiſers von Rußland wird Berna⸗ dotte auf dieſer Reiſe begleiten, um das Gemüth des Kronprinzen immer mehr zu feſtigen und den Verbündeten zu gewinnen. Wer iſt dieſer Abgeſandte, den Alerander an Bernadotte geſchickt hat? fragte Napoleon, ohne aufzublicken. Sire, es iſt der Graf Pozzo di Borgo. 446 Ah, mein corſiſcher Landsmann und einſt mein glühender Freund, rief Napoleon. Er hat es mir niemals verziehen, daß ich ihm, dem begeiſterten Republikaner, nicht geholfen habe, König von Corſika zu werden, ſondern Frankreich im Beſitz meines Heimathslandes gelaſſen habe. Da er nicht König werden konnte, iſt Herr Pozzo di Borgo in den Dienſt des ruſſiſchen Czaren getreten, um gegen mich, ſeinen Landsmann, mit den Waffen ſeiner Zunge zu kämpfen, wie mein an⸗ derer Landsmann es thun will mit den Waffen der Schweden. Nun, ich meine, es kann den Verbündeten wenig Glück bringen, wenn ſie ſich mit Vaterlandsverräthern und Apoſtaten verbünden, und von die⸗ ſen Beiſtand gegen mich erwarten müſſen. Ich gewinne durch dieſen Kampf gegen die Vaterlandsverräther an moraliſchem Gewicht mehr, als meine Feinde an materiellem Gewicht. Bernadotte's Verrath iſt mein Bundesgenoſſe. Sire, es hat ſich dem Verräther noch ein Anderer zugeſellt, ein Franzoſe, der gegen Frankreich, gegen ſeinen Kaiſer und ſeinen einſtigen Waffengefährten und Kriegsgenoſſen kämpfen will. Noch ein Anderer, ein Dritter alſo? Und wer iſt das? Sire, es iſt der General Moreau. Wie, Moreau iſt von Amerika zurückgekehrt? fragte Napoleon, leb⸗ haft aufblickend. Ja, Sire, er iſt zurückgekehrt, er hat die Ufer des Delavare ver⸗ laſſen, um als Feldherr des Kaiſers von Rußland gegen ſein Vater⸗ land zu kämpfen. Der Kaiſer blickte gedankenvoll vor ſich hin, dann auf einmal hob er den Blick empor, und ein wunderbarer, ſtrahlender Ausdruck, ein glänzendes Lächeln verklärte ſein edles Angeſicht. Meine Feinde ſagen, daß ich ein Herz von Eiſen in meiner Bruſt trage, ſagte er mit ſanfter, milder Stimme, ſie beſchuldigen mich, daß ich keine menſchlichen Regungen, kein Mitleid, keine Freundſchaft und keine Liebe kenne. Nun wohl, ich konnte Moreau und Bernadotte tödten laſſen, ſie waren Beide in meiner Gewalt, und ſie hatten Beide den Tod verdient. Moreau hatte ſich in eine Verſchwörung gegen mich, gegen das Staatsoberhaupt Frankreichs, gegen die beſtehenden iſt 447 Geſetze eingelaſſen, eine Verſchwörung, bei welcher es ſich darum han⸗ delte, mich zu ermorden und aus dem Wege zu ſchaffen. Ich hätte alſo wohl ein Recht gehabt, ihn die Strenge meiner Geſetze und mei⸗ ner Gerechtigkeit fühlen, und ihn ſeinen Mordplan mit dem Tode büßen zu laſſen. Bernadotte hat in zwei Schlachten meinen Befehlen nicht Folge geleiſtet; ich wäre berechtigt geweſen, ihn vor ein Kriegs⸗ gericht zu ſtellen, und dies würde ihn ganz gewiß zum Tode verur⸗ theilt haben. Ich erlaubte Moreau, nach Amerika auszuwandern und dort ungeſtört ſeinen republikaniſchen Gelüſten nachzuhängen, ich erlaubte Bernadotte, nach Schweden zu gehen und dort ſeinen eitlen Hoheits⸗ gelüſten Genüge zu thun. Ich ſchenkte Beiden das Leben, weil ich ſie liebte, weil mein Herz nicht von Eiſen iſt. Sie lohnen mir jetzt meine Liebe dadurch, daß ſie mit meinen Feinden gegen mich ſich verbünden. Das iſt ganz in der Ordnung, denn ich habe ſie Beide zu Dank ver⸗ pflichtet, und nichts iſt ſchwerer zu verzeihen, als empfangene Wohlthaten. Sire, da ich einmal von Verräthern ſpreche, muß ich noch einen andern Verräther nennen. Der General Jomini, Adjutant des Mar⸗ ſchalls Ney, hat ſeinen Poſten verlaſſen, und iſt in das Lager der Verbündeten gegangen, um den Souverainen ſeine Dienſte anzubieten. Er iſt in den Generalſtab des Kaiſers Alexander aufgenommen. Nun, rief Napoleon mit dem Anſchein vollkommener Heiterkeit, nun wird die Welt und die Nachwelt es mir ſchon verzeihen müſſen, wenn ich in dieſem Feldzug einige Schlachten verliere, denn Diejenigen, welche gegen mich kämpfen, werden von Generalen commandirt, die unter mir den Krieg gelernt haben, und meine Schüler ſind. Ich muß ſie daher ſchon einige Schlachten gewinnen laſſen, um zu beweiſen, daß ich ein guter Lehrmeiſter bin. Uebrigens iſt Jomini nicht ſo ſchul⸗ dig, wie die andern Beiden. Er iſt Schweizer von Geburt, und ſein Verrath iſt daher nur gegen mich, nicht aber zugleich gegen ſein Vater⸗ land gerichtet. Es ſcheint, daß auch Jomini dies als Entſchuldigung anführt, ſagte Caulaincvurt, denn, wie man mir erzählte, iſt er dem General Moreau mit auffallender Kälte entgegengetreten, und als dieſer ihm die Hand zum Gruß darreichte, hat er ſie nicht angenommen, ſondern 448 ihn kalt begrüßend, hat er ſich zurückgezogen. Dem Kaiſer Alexander, der ihn hierüber zur Rede ſtellte, hat er geantwortet: Er würde den General Moreau überall gern willkommen geheißen haben, nur nicht in dem Lager der Feinde von Moreau's eigenem Vaterlande. Denn wenn er, Jomini, ein geborener Franzoſe wäre, ſo würde er ſich ganz gewiß nicht zu dieſer Stunde in dem Lager des Kaiſers von Rußland befinden. Ach, rief der Kaiſer, ich bin überzeugt, daß der elende Jomini ſich einbildet, daß er da ſehr edel und würdig ſich benommen hat! Ein Verräther, der eines anderen Verräthers ſich ſchämt, und vor ihm er⸗ röthet! Welch ein entſetzliches Schauſpiel! Ach, Caulaincourt, die Ver⸗ räthereien werden mich doch noch zuletzt unglücklich machen!“) Denn will nicht auch Oeſterreich an mir zum Verräther werden? Hat es nicht mit mir ein feſtes Bündniß geſchloſſen, und will es nicht jetzt daſſelbe brechen, blos weil es vermeint, auf Seiten meiner Feinde mehr Vortheile für ſich zu erſehen? Oeſterreich ſchwankt herüber und hinüber, und Metternich vermeint dadurch das Gleichgewicht zu erhalten, wenn er bald in dieſe, bald in jene Schaale öſterreichiſche Verſprechungen als Gewicht hineinlegt. Aber das Kabinet von Wien betrügt ſich. Herr von Metternich will ſeine Intriguen für Politik ausgeben. Der ganze Plan Oeſterreichs iſt doch nur die Begierde, das wieder zu er⸗ halten, was es verloren hat.**) In dieſem Moment hörte man von außen das raſche Heranrollen eines Wagens, der dicht unter den Fenſtern des Kabinets anhielt. Maret, welcher ſich während des Geſprächs zwiſchen Napoleon und Caulaincourt in die Fenſterniſche zurückgezogen hatte, wandte ſich um und ſchaute hinunter auf die Straße. Sire, ſagte er dann raſch, Sire, ſo eben iſt der Graf Metternich angelangt, und ſchon in das Schloß eingetreten. Ah, er kommt alſo wirklich, rief Napoleon mit einem Ausdruc höhniſcher Freude, er will alſo, daß ich ihn entlarve, und ihm die *) Napoleons eigene Worte. Gonstant: Mémoires. Vol. V. S. 245. **) Napoleons eigene Worte. Fain: Manuscrit de 1813. Vol. I. * —— ini in er⸗ enn es etzt nde ind en, gen ich. Der er⸗ Uen eon ſich 449 Maske von ſeinem gleißneriſchen, lächelnden Antlitz reiße! Gut, ich werde ihm den Willen thun, und ich wenigſtens werde nicht heucheln, nicht meine wahren Geſinnungen überſchleiern! Oeſterreich ſoll wiſſen, was ich von ihm denke! Die Thür öffnete ſich, und Rouſtan trat wieder herein. Sire, meldete er, Se. Excellenz der Graf von Metternich, bevoll⸗ mächtigter Miniſter Sr. Majeſtät des Kaiſers von Oeſterreich, bittet Ew. Majeſtät um eine Audienz. Napoleon wandte ſein Haupt langſam den Herzögen von Vicenza und Baſſano zu. Gehen Sie da hinein, meine Herren, ſagte er, in das Kabinet meines Geheimſecretairs Fain. Laſſen Sie die Thür an⸗ gelehnt, ich wünſche, daß Sie Alles hören können, was hier geſprochen wird. Fain mag, wenn er will, ſich einige Notizen über die Unter⸗ redung machen, damit er ſpäter davon Zeugniß ablegen kann. Gehen Sie! Die beiden Herren verneigten ſich ſchweigend, und zogen ſich zurück. Der Kaiſer blickte ihnen nach, bis ſie durch die Thür des Kabinets verſchwunden waren, dann wandte er ſich zu Rouſtan hin. Laß eintreten! ſagte er mit einem raſchen Wink des Hauptes. Einige Minuten ſpäter erſchien auf der Schwelle des kaiſerlichen Kabinets die ſchlanke Geſtalt und das ſchöne, roſige, lächelnde Geſicht des Grafen Clemens von Metternich. IN. Kapoleon und Metternich. Der Kaiſer ging dem öſterreichiſchen Miniſter raſch einige Schritte entgegen, und blieb dann, gleichſam ſich ſelber bezwingend, in der Mitte des Gemachs ſtehen. Metternich näherte ſich ihm, und bis zu ihm heranſchreitend, den Hut in der Hand haltend, machte er dem Kaiſer eine feierliche ceremonielle Verbeugung, dann hob er ſein Haupt Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 29 „ 450 raſch wieder empor, und ſein ſchönes Antlitz, von dem auch nicht einen Moment das ruhige, ſanfte Lächeln wich, dem Kaiſer zuwendend, er⸗ wartete er in reſpectvollem Schweigen deſſen Anrede. Napoleon ſchaute ihn an mit einem glühenden Blick des Haſſes. Seine Augen richteten ſich auf dies ſchöne, lächelnde Antlitz ſeines Feindes wie zwei glänzende Dolchſpitzen, die das Innerſte ſeiner Seele bedrohten. Aber Metternich ſchien weder dieſe Drohung zu gewahren, noch auch das Anblitzen dieſer Augen zu empfinden. Er heftete ſeine großen, blauen Augen mit vollkommener Ruhe auf das eherne Antlitz des Kaiſers, und ſchien ganz gelaſſen den Beginn der Unterredung zu erwarten. Der Kaiſer fühlte, daß es an ihm ſei, dies Schweigen zu brechen, und dieſen Kampf der Augen in einen Kampf der Zungen zu ver⸗ wandeln. Nun, Metternich, rief er mit harter, rauher Stimme, Sie ſind alſo hier! Seien Sie willkommen! Aber ſagen Sie raſch und ohne Umſchweife, was wollen Sie? Sire, Oeſterreich wünſcht durch mich einen möglichen Frieden der Verbündeten mit Ew. Majeſtät zu vermitteln. Ach, Sie wollen alſo den Frieden? rief Napoleon ſpöttiſch. Aber warum kommen Sie alsdann ſo ſpät mit dieſer Forderung? Wir ha⸗ ben ſchon einen Monat verloren, und Ihre Vermittelung wird beinahe ſchon allein dadurch feindſelig, daß ſie mit Gewalt unthätig iſt. Es ſcheint, Sie finden es nicht mehr paſſend, die Integrität des franzöſi⸗ ſchen Reichs zu garantiren? Nun gut! Aber warum haben Sie dies nicht früher erklärt? Warum ließen Sie mir dies nicht ganz aufrichtig ſagen bei meiner Rückkehr aus Rußland? Vielleicht hätte ich dann noch Zeit gehabt, meine Pläne zu modificiren, vielleicht hätte ich ſogar keinen neuen Feldzug mehr begonnen! Ew. Majeſtät wolle indeß gütigſt bemerken, daß zunächſt von Oeſterreich und den Wünſchen Oeſterreichs gar noch nicht die Rede iſt, ſagte Metternich ruhig, ſondern daß Oeſterreich nur den Frieden zwiſchen Ew. Majeſtät und den Sonverainen von Rußland und Preußen zu vermitteln trachtet. 8 en ⸗ 451 Ach, das nennen Sie vermitteln, rief Napoleon mit einem höh⸗ niſchen Lachen. Sie laſſen mich neuerdings die größten Anſtrengungen machen, und rechneten ohne Zweifel auf keine ſo ſchnellen Ereigniſſe. Der Sieg hat indeß meine Anſtrengungen gekrönt. Ich gewinne zwei Schlachten! Meine geſchwächten Feinde ſtehen auf dem Punkt, von ihren Siegestäuſchungen zurück zu kommen; auf einmal ſchlüpfen Sie zwiſchen uns hinein. Sie ſprechen mir von Waffenſtillſtand und von Vermittelung, und ihnen ſprechen Sie von Allianz und Alles geht in Verwickelung über. Ohne Ihre unſelige Vermittelung würde jetzt der Friede zwiſchen Mir und den Verbündeten geſchloſſen ſein! Seit Oeſter⸗ reich den Titel eines Vermittlers angenommen, iſt es nicht mehr auf meiner Seite, iſt es nicht mehr unparteiiſch, iſt es feindlich! Sie waren im Begriff, ſich zu erklären, als Sie plötzlich wegen des Sie⸗ ges von Lützen doch einiges Bedenken trugen. Da Sie mich wieder ſo furchtbar ſahen, ſo fühlten Sie das Bedürfniß, Ihre Macht zu vermehren, und wollten Zeit gewinnen. Sie haben Ihre Zeit benutzt, und jetzt ſtehen Ihnen zweimalhunderttauſend Mann bereit. Schwar⸗ zenberg befehligt ſie; er vereinigt ſie in dieſem Augenblick hier in der Nähe, hinter dem Vorhang der böhmiſchen Gebirge. Und nun, wo Sie glauben, mir befehlen zu können, nun ſuchen Sie mich auf. Sire, befehlen! rief Metternich mit dem Ton des Entſetzens, aber mit einem ſeltſamen Lächeln. Ja, befehlen! wiederholte Napoleon mit lauterer Stimme. Aber warum wollen Sie denn nur mir allein befehlen? Bin ich nicht mehr Derſelbe heute, den Sie noch geſtern vertheidigten? Wenn Sie ein ehrlicher Vermittler ſind, warum halten Sie dann nicht wenigſtens gleiche Waage? Sagen Sie mir nichts, denn ich habe Sie errathen! Ihr Kabinet will Vortheil aus meiner Verlegenheit ziehen, und dieſe ſo viel als möglich vermehren, um das, was es verloren hat, möglichſt ganz wieder zu gewinnen! Die große Frage liegt für Sie nur darin, zu wiſſen, ob Sie das Löſegeld von mir, ohne ſich zu ſchlagen, er⸗ halten können, oder ob Sie ſich entſchieden in die Reihen meiner Feinde ſtellen müſſen? Sie wiſſen nur ſelbſt noch nicht, welche von beiden Parteien Ihnen am meiſten Vortheil bieten würde, und viel⸗ 26 452 leicht kommen Sie blos hierher, um darüber beſſer in's Klare gelangen zu können. Nun gut! Wir wollen ſehen! Wir wollen unterhandeln! Wie viel verlangen Sie denn? Sire, ſagte Metternich, immer noch mit ſeiner freundſeligen, lächeln⸗ den Ruhe, die auch unter dem Sturm der Vorwürfe Napoleons nicht einen Moment ſich vergeſſen hatte, Sire, Oeſterreich kennt in dieſer Sache keine Motive des Eigennutzes. Der einzige Vortheil, nach wel⸗ chem der Kaiſer Franz ſtrebt, iſt blos dieſer: den Kabinetten Europa's jenen Geiſt der Mäßigung und Achtung für die Rechte unabhängiger Staaten einzuflößen, von dem er ſelbſt beſeelt iſt. Oeſterreich will nicht erobern, es will nur erhalten! Sprechen Sie deutlicher, rief Napoleon ungeduldig, aber vergeſſen Sie nicht, daß ich Soldat bin. Ew. Majeſtät haben Europa durch mehr als fünfzig Schlachten wohl gelehrt, dies nie zu vergeſſen, ſagte Metternich mit einer an⸗ muthigen Neigung des Hauptes. Oeſterreich will Ew. Majeſtät weder als Soldat, noch als Kaiſer verletzen. Es trachtet nur nach einer Ordnung der Dinge, die, vermöge einer weiſen Vertheilung der Macht, die Bürgſchaft dauernden Friedens unter die Aegide unabhängiger Staaten ſetze. Worte, Worte! rief Napoleon ungeduldig, Worte, die keinen an⸗ dern Sinn haben, als ausweichen, verhüllen, bemänteln zu wollen! Ich aber will gerade auf das Ziel losgehen. Mit Einem Wort: ich verlange von Oeſterreich nur, daß es neutral bleibe, und ich bin be⸗ reit, ihm dafür einige Opfer zu bringen. Meine Armee reicht voll⸗ kommen hin, die Ruſſen und die Preußen zur Vernunft zurückzuführen. Alles, was ich verlange, iſt daher Ihre Neutralität! Aber, Sire, rief Metternich mit einem Ausdruck ſchmerzlichen Er⸗ ſtaunens, warum wollen Ew. Majeſtät in dieſem Kampf allein ſtehen? Warum wollen Sie Ihre Macht nicht verdoppeln? Sie können dies, Sire! Denn es hängt nur von Ihnen ab, über unſere ganze Macht zu verfügen. Ja, die Verhältniſſe ſtehen jetzt auf ſolchem Punkt, daß wir nicht mehr neutral bleiben können; wir müſſen entweder für oder gegen Frankreich ſein! 453 Der Kaiſer heftete auf ihn einen jener flammenden, durchbohrenden Blicke, welche der Adler auf die Wolken richtet, denen er entgegenfliegt, um hinter ihnen die Sonne zu ſuchen. Und was wäre Ihnen willkommener, fragte er, das Für oder das Gegen? Ach, Sire, Kaiſer Franz wünſcht natürlich nichts ſehnlicher, als daß die Verhältniſſe es ihm möglich machten, für Frankreich zu gehen, deſſen Kaiſer ſein Schwiegerſohn iſt! Aber der Kaiſer, mein Schwiegervater, macht Bedingungen! Nennen Sie mir doch endlich dieſe Bedingungen! rief Napoleon, indem er mit großen, raſchen Schritten in dem Zimmer auf und ab ging. Metternich trat an ſeine Seite, und ging gleich ihm auf und ab, immer freundlich, immer lächelnd, immer den Hut ehrfurchtsvoll in ſeiner Hand haltend. Nennen Sie Ihre Bedingungen! wiederholte Napoleon. Sire, ſie ſind einfach, ſagte Metternich mit einſchmeichelndem Ton. Es ſind in dem letzten Jahrzehent die Verhältniſſe Europa's auf eine etwas gewaltſame Weiſe zerſtört worden. Oeſterreich wünſcht nichts weiter, als das Gleichgewicht Europa's wieder hergeſtellt, und alle Staaten wieder dieſelbe Stelle einnehmen zu ſehen, die ſie vor dieſen gewaltſamen Erſchütterungen eingenommen haben. Wenn Ew. Ma⸗ jeſtät zur Herſtellung dieſes Gleichgewichts das Ihrige beitragen wollen, ſo bietet Oeſterreich dafür Frankreich ſeine dauernde Bundesgenoſſen⸗ ſchaft, und, im Fall die andern Mächte Frankreich feindlich entgegen⸗ treten ſollten, ſeine bewaffnete Hülfe an. Oeſterreich will keine Erobe⸗ rungen machen, keine Provinzen, keine Titel gewinnen, es iſt von dem Geiſt der höchſten Mäßigung beſeelt. Es verlangt nur Ordnung, Gerechtigkeit und Gleichſtellung für Alle! Es verlangt alſo auch nur die Wiederherſtellung derjenigen Staaten, die ſeit Jahrhunderten in dem allgemeinen europäiſchen Staatenbund anerkannt ſind, Wiederauf⸗ richtung derjenigen Throne, die ſeit Jahrhunderten beſtanden, und deren Herrſcher ein legitimes Recht auf ihre Länder und Völker haben. Und Ew. Majeſtät werden nicht leugnen können, daß die Bourbonen wohl ein begründetes Anrecht auf Spanien haben, und daß die Spanier jetzt 454 in heldenmüthigen Kämpfen mit ihrem vergoſſenen Blut ſich wohl das Recht erkämpft haben, ihre legitimen Herrſcher auf den Thron Spa⸗ niens zurückkehren zu ſehen. Ew. Majeſtät werden ferner zugeſtehen müſſen, daß kein chriſtlicher Regent, ſo mächtig er auch immer ſei, das Recht hat, den heiligen Stuhl des St. Peter umzuwerfen, und den Statthalter Gottes von ſeiner ihm von der ganzen Chriſtenheit ſeit Jahrhunderten zuerkannten Reſidenz Rom fern zu halten. Ew. Ma⸗ jeſtät werden auch geſtehen müſſen, daß die Lombardei, eben ſo wie Illyrien, ſeit langer Zeit im Beſitz Oeſterreichs befindliche Provinzen ſind, und daß die Schweiz von allen Mächten Europa's als eine Con⸗ föderation von Republiken anerkannt und reſpectirt worden iſt. Wenn Ew. Majeſtät dies Alles anerkennen, und den Stand der Dinge ſeinen alten Rechten gemäß wieder herſtellen wollen, ſo bleibt nur noch übrig, die drei Mächte, welche ſich jetzt ſchon gegen Ew. Majeſtät verbündet haben, zu entſchädigen. Was Preußen anbelangt, ſo würde ein Theil von Sachſen ſich wohl am Beſten zur Entſchädigung eignen, Rußland würde wohl zufrieden ſein, wenn nach der Auflöſung des Herzogthums Warſchau ihm Polen wieder zufiele, und England verlangt nur den Beſitz einiger feſten Punkte und ſicherer Hafenplätze an den holländi⸗ ſchen Küſten. Der Kaiſer ſtieß einen Schrei des Zornes aus, und ſtehen blei⸗ bend ſchaute er Metternich mit Blicken an, die von dem Blitze das Feuer, von dem Dolch die Schärfe geborgt hatten. Sind Sie zu Ende mit Ihren Vorſchlägen, Herr? fragte er mit drohendem Ton. Metternich verbeugte ſich lächelnd. Ja, Sire, ich bin zu Ende. Nun denn, rief der Kaiſer, ganz dicht an Metternich herantretend, nun denn, mein Herr, auf dieſes Alles antworte ich Ihnen nur mit der Frage: wie viel Geld hat Ihnen England dafür gegeben, gegen mich jetzt dieſe Rolle zu ſpielen? Bei dieſer, mit blitzenden Augen, mit drohender Stimme ausge⸗ ſprochenen Frage erbleichte Metternich, das Lächeln verſchwand von ſeinen Lippen, die klare Stirn verdüſterte ſich und legte ſich in finſtere Falten, und dieſe ſonſt ſo freundlichen Augen bewaffneten ſich mit 455 einem flammenden Blick, und geſtatteten den Gedanken, die ſonſt in dem tiefſten Innern des Diplomaten ſich verbargen, einen Moment hervorzutreten, und ihren Haß und Zorn auf dem entſtellten, bleichen Antlitz Metternichs zu verrathen. Ach, rief Napoleon mit triumphirendem Ton, ach, ich habe Ihnen t alſo endlich die Maske von Ihrem lächelnden Antlitz geriſſen, und ich ſehe, daß unter Ihren gefälligen Mienen wie unter Roſen ſich eine Schlange verbirgt. Dieſe Schlange will ſtechen, mich ſtechen, aber ich werde mich vor ihr zu hüten wiſſen, ich werde Oeſterreich niemals das Recht zugeſtehen, mich zu beleidigen, mir zu befehlen, mich zu demü⸗ thigen. Ich werde Oeſterreich zwingen, wie ich das ſchon oft gethan habe, vor mir ſich in den Staub zu werfen, und zu meinen Füßen um Gnade und Nachſicht zu bitten. Zu meinen Füßen, hören Sie wohl, was ich Ihnen ſage, ich werde Oeſterreich demüthigen und in den Staub treten! Indem der Kaiſer ſo ſprach, hob er mächtig den Arm mit der ge— ballten Fauſt empor, und ſchlenderte ihn dann niederwärts. Bei dieſer heftigen Bewegung traf ſein fallender Arm den Hut Metternichs, wel⸗ chen dieſer noch immer in der Hand gehalten, und ſchleuderte ihn ſo heftig zu Boden, daß er mit dumpfem Geräuſch einige Schritte weit fortrollte. Der Kaiſer verſtummte und warf einen raſchen Blick auf Metternich, als wolle er ihn auffordern, ſeinen Hut wieder emporzuheben. Aber Metternich rührte ſich nicht, er machte nicht die kleinſte Be— wegung nach ſeinem Hut hin. Seine Gedanken, ſein Haß und Zorn waren ſchon wieder in ſeine Bruſt zurückgekrochen, ſeine Stirn war ⁰ wieder klar, ſeine Augen wieder hell, ſein Mund lächelte wieder. Mit dieſen hellen, klaren Augen, dieſem lächelnden Munde, blickte er zuerſt nach ſeinem Hut hin, und dann auf den Kaiſer, der ſeinen Blicken ge⸗ folgt war, und jetzt ſeinem Anſchauen mit einem trotzigen, herausfor⸗ dernden Blick begegnete. Doch ſchien dieſer kleine Zwiſchenfall den Zorn Napoleons zerſtreut, oder mindeſtens die erſten Sturmfluthen der aufbrauſenden See geſänftigt zu haben. Als er jetzt ſprach, war ſein Ton milder, und ſein Blick, deſſen Feuer weniger vernichtend war, 456 fuhr zuweilen gleichſam unwillkürlich nach dem Hut hin, der da wenige Schritte ſeitwärts am Boden lag. Mit raſchen Schritten begann der Kaiſer jetzt wieder auf und ab zu gehen. Metternich folgte ihm, nur mit etwas gemäßigteren Schrit⸗ ten, und nöthigte dadurch den Kaiſer, ſeinerſeits auch ein wenig lang⸗ ſam zu gehen. Jetzt alſo, ſagte der Kaiſer dann mit einer Stimme, die nur noch wie ein fernes Ungewitter grollte, jetzt alſo weiß ich, was Sie wollen! Nichts weiter als Illyrien, die Lombardei, die Rückkehr des Papſtes nach Rom, Polen, die Räumung Spaniens, Holland und die Schweiz! Das alſo nennen Sie den Geiſt der Mäßigung, der Sie beſeelt? Sie denken nur daran, aus allen Wechſelfällen Nutzen zu ziehen. Sie ſind nur beſchäftigt, Ihr Bündniß von einem Lager in das andere zu übertragen, um immer da zu ſein, wo es Etwas zu theilen giebt, und Sie wollen mir von Ihrer Achtung gegen die Rechte unabhängiger Staaten ſprechen? Im Ganzen alſo wollen Sie für Oeſterreich Italien und Illyrien, Rußland will Polen, Preußen will Sachſen, und Eng⸗ land will Holland und die Niederlande.— Mit Einem Wort, der Frieden iſt nur ein Vorwand! Sie wollen Alle nichts Anderes, als eine Zergliederung des franzöſiſchen Reichs! Und zum Triumph einer ſolchen Unternehmung glaubt nun Oeſterreich— ſich blos erklären zu dürfen? Sie verlangen die Wälle von Danzig, Glogau, Küſtrin, Magdeburg, Weſel, Mainz, Antwerpen, Alexandria, Mantua, der ſtärkſten Feſtungen von Europa, deren Schlüſſel ich nur durch Siege erhalten konnte, und die ſollen auf einen Federſtrich von Ihnen fallen? Und ich meinestheils ſollte ganz gehorſam gegen Ihre Politik Europa räumen, das ich zur Hälfte beſetzt halte, meine Legionen mit aufgerich⸗ teten Flintenkolben hinter den Rhein, die Alpen und die Pyrenäen zurückführen, und durch Unterſchreibung eines Vertrages, der nur eine ungeheure Capitulation wäre, mich wie ein Narr meinen Feinden über⸗ liefern, und mich in Rückſicht auf eine zweifelhafte Zukunft auf die Großmuth gerade Derjenigen verlaſſen, deren Beſieger ich heute bin? Und dies geſchieht in einer Zeit, wo meine Fahnen noch an den Mün⸗ dungen der Weichſel und an den Ufern der Oder wehen, wo meine tril mit reic zwi mei ab Se Hu M V zu 457 triumphirende Armee vor den Thoren von Breslau iſt, wo ich hier mit dreimalhunderttauſend Mann ſtehe? Zu dieſer Zeit will Oeſter⸗ reich ohne Schwertſtreich, ohne Schuß mich zu ſolchen Bedingungen zwingen? Das iſt ein offener Schimpf, und der ihn ausſpricht, iſt mein Schwiegervater, und den er dazu ſchickt, ſind Sie!*) Der Kaiſer war, während er ſo ſprach, immer heftig auf und ab geſtürmt, und Metternich war immer ruhig und gelaſſen an ſeiner Seite gegangen. Jedesmal, wenn ſie an dem am Boden liegenden Hut vorüberkamen, hatte Napoleon einen ſchnellen Blick ſeitwärts auf Metternich geworfen. Allein dieſer ſchien dieſen Hut gar nicht zu ge⸗ wahren, und nur ganz zufällig ſchien es zu ſein, daß er jedesmal im Vorübergehen eine kleine Schwenkung machte, und ſo, ohne den Hut zu berühren, glücklich an ihm vorüberkam. Sie, Sie, rief Napoleon mit donnernder Stimme, Sie haben die Miſſion übernommen, mich zu beſchimpfen, und Sie meinen, ich ſolle das ruhig hinnehmen? Sire, ſagte Metternich mit ſeiner unerſchütterlichen Ruhe, Sire, ich glaube, Sie haben mich ſchon dafür beſtraft! Jetzt zum erſten Mal flogen ſeine Augen bedeutungsvoll und langſam nach ſeinem Hut und richteten ſich dann mit feſtem Anblicken auf den Kaiſer. Dieſe Augen wagten nicht zu drohen, aber ſie trotzten. Die Augen ſagten: Sie haben mich beſchimpft, indem Sie mir meinen Hut aus der Hand geſchlagen haben. Ich werde dieſen Hut nicht auf⸗ heben, aber ich werde mir Genugthuung fordern. Vielleicht hatte Napoleon die Sprache dieſer Augen verſtanden, denn ſeine Lippen verzogen ſich zu einem Lächeln voll Spott und Ver⸗ achtung, und er zuckte leicht die Achſeln. Ich bitte überdies zu bedenken, fuhr Metternich ruhig fort, daß ich nur im Auftrag und Befehl meines Souverains hier bin, und da⸗ her nur als getreuer Diener das wiederholt habe, was der Kaiſer mir zu ſagen befohlen hat. *) Dieſe ganze Rede enthält nur Napoleons eigene Worte. Siehe: Fain: Manuscrit de 1813. Vol. I. 458 Ach, rief Napoleon mit einem rauhen Lachen, Sie wollen mich an glauben machen, daß Sie nur das Echo des Kaiſers ſind? Nun, ich ſo will annehmen, daß das wahr iſt. Dann gehen Sie und ſagen Sie 5 dem Kaiſer, daß ich ſeine Vermittelung von jetzt an ablehne, daß nichts an mich mehr empören würde, als wenn Oeſterreich zum Lohn ſeiner n Verbrechen und ſeines Treubruches noch die beſten Früchte und die bi Friedensſtiftung in Europa einernten ſollte! Fragen Sie den Kaiſer ſp Franz, in welche Stellung er mich eigentlich dem König gegenüber 8 ſetzen will? Sagen Sie ihm, er irrte ſich gewaltig, wenn er glaubte, ein verſtümmelter, geſchändeter Thron könne bei den Franzoſen eine 1 Freiſtätte ſein für ſeine Tochter und für ſeinen Enkel.*) Gehen Sie, das iſt meine Antwort für den Kaiſer Franz! Gehen Sie! Metternich verbeugte ſich ehrfurchtsvoll, die Worte des Kaiſers für eine Entlaſſung nehmend, wandte ſich um und ſchritt durch das Gemach dahin. Sein Weg führte ihn an ſeinem Hut vorüber, er be⸗ achtete es nicht, ſondern ging ruhig weiter der Thür zu. Er will den Hut nicht aufheben, dachte Napoleon, deſſen blitzende Augen jeder ſeiner Bewegungen gefolgt waren. Metternich hatte jetzt die Thür erreicht, an derſelben wandte er ſich noch einmal dem Kaiſer zu und machte ihm eine letzte, ehrfurchts⸗ volle Abſchiedsverbeugung. Noch Eins, Herr Graf Metternich! rief Napoleon. Kommen Sie, ich habe Ihnen noch Etwas zu ſagen! Metternich neigte, wie in gefälliger Zuſtimmung, das Haupt und näherte ſich wieder dem Kaiſer. Dieſer begann wieder auf und ab zu gehen, und wie vorher ſchritt Metternich ruhig an ſeiner Seite dahin. Nun hatte Napoleon die Richtung ſeiner Schritte ſo gelenkt, daß nicht Metternich, ſondern er ſelber ſich in der Nähe des Hutes befand. Ich will Ihnen beweiſen, Metternich, ſagte Napoleon heftig, daß ich Sie durchſchaut habe, und daß ich ſehr wohl den eigentlichen Grund Ihres Kommens kenne. Es iſt Ihnen nicht eingefallen, daß ich dieſe Friedensvorſchläge, die mich entehren und vernichten würden, *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fain: Manuscrit de 1813. Vol. I. 5 de 459 annehmen könnte, Sie kennen mich zu gut dazu; aber dieſe Vorſchläge ſollten auch nur dem eigentlichen Wunſch, der Sie hergeführt, als Vorwand und Vorhang dienen. Mit Einem Wort: Sie wollen, um anſcheinend auf eine ganz loyale Weiſe ſich mit meinen Feinden gegen mich verbinden zu können, des Bündniſſes ledig ſein, das Oeſterreich bis jetzt noch mit Frankreich vereint. Sie wollen, im geraden Wider⸗ ſpruch mit Allem, was Oeſterreich mir bis heute geſagt, den Pariſer Vertrag aufheben. Geſtehen Sie, daß es ſo iſt! Und der Kaiſer ging mit heftigen Schritten, die Augen ſtarr auf Metternich geheftet, durch das Gemach hin. Auf einmal ſchien er ein Hinderniß auf ſeinem Weg zu finden. Er richtete ſeinen Blick zur Erde. Es war der Hut Metternichs, der ihm im Wege lag, und den ſein Fuß eben ſchon berührte. Napoleon, als wolle er nur das Hemm⸗ niß beſeitigen, das ihn im Weiterſchreiten hinderte, bückte ſich nieder, nahm den Hut auf und warf ihn mit einer gleichgültigen und nach⸗ läſſigen Bewegung auf einen Stuhl unweit der Thür.*) Dann ging er ruhig weiter und heftete ſeine Augen wieder auf Metternich. Nun, antworten Sie doch, leugnen Sie doch, wenn Sie können! rief er ſtürmiſch. Sire, ſagte Metternich mit ſanfter, einſchmeichelnder Stimme, ich hatte ſchon vorher die Ehre zu ſagen, daß wir auf dem Punkt ange⸗ langt ſind, wo wir nicht mehr neutral bleiben können. Daß wir aber für Ew. Majeſtät nur dann die Waffen ergreifen können, wenn Sie uns Alles das gewähren wollen, was ich Ew. Majeſtät vorhin vor⸗ getragen, und— Laſſen Sie das, unterbrach ihn Napoleon ſtolz, wiederholen Sie die Beſchimpfung nicht! Wir ſind am Ende! Ich weiß, was Sie wollen, und ich will Ihnen nicht hinderlich ſein! Ich will mit meiner Allianz meinen Freunden nicht läſtig werden, und ich mache daher nicht *) Siehe: Mémoires de la Duchesse d Abrantès. Vol. XVI. S. 173 ff. Es exiſtirt noch eine andere Lesart über dieſen Vorgang, und nach dieſer war es nicht der Hut Metternichs, ſondern der Hut des Kaiſers, der zur Erde fiel. Siehe: Hormayr, Lebensbilder. III. 480. 460 die geringſten Schwierigkeiten, auf den Vertrag, der mich an Oeſter⸗ reich knüpft, Verzicht zu leiſten, wenn der Kaiſer Franz dieſen Wunſch hegt. Ich werde Ihnen dies morgen ſchriftlich wiederholen, und in aller Form annonciren laſſen. Jetzt ſind wir zu Ende, leben Sie wohl! Er wandte mit einem raſchen Kopfneigen dem Grafen Metternich den Rücken und ſetzte ſeinen Weg durch das Zimmer fort.“ Metternich warf ihm einen letzten lächelnden Blick nach, ging dann mit raſchen leiſen Schritten nach dem Stuhl, nahm ſeinen, von dem Kaiſer aufgehobenen Hut, eilte durch das Zimmer und ging ohne ein Wort, eine Verbeugung hinaus. Als Napoleon das leiſe Zuſchlagen der Thür hörte, wandte er ſich um. Er iſt fort, murmelte er, das Bündniß iſt zerriſſen. Ich habe jetzt keinen Bundesgenoſſen mehr als mich ſelber! Einen Moment ſtarrte er düſter vor ſich hin, dann zuckte er leiſe zuſammen und blickte hinüber nach der kleinen Thür, die in das Ka⸗ binet ſeines Geheimſecretairs Fain führte. Er erinnerte ſich, daß dort ſeine beiden Herzöge ſich befanden, und daß ſie nicht blos Alles hören, ſondern auch Alles ſehen konnten. Der Kaiſer ließ daher die düſtern Falten von ſeiner Stirn verſchwinden und rief mit faſt heiterer Stimme: He, Caulaincvurt und Maret, kom⸗ men Sie herein! Die Thür öffnete ſich ſofort, die Herzöge von Baſſano und Vicenza erſchienen auf der Schwelle und traten wieder in das Ge⸗ mach ein. Nun, haben Sie Alles gehört? fragte Napolcon. Ja, Sire, wir haben Alles gehört. Und Fain? Hat er ſich einige Notizen gemacht? Sire, er hat, ſo viel er es bei der Schnelle des Peſ ver⸗ mochte, Alles niedergeſchrieben.*) Ach, ich werde das nachher leſen, rief der Kaiſer, es iſt immer *) Fain: Mémoires de 1813. Vol. I. Fain theilt dieſe Unterredung genau mit, und dieſer Mittheilung bin ich in meiner Schilderung dieſer Scene gefolgt. gu me Kr me 461 gut zu wiſſen, in welcher Weiſe man auf die Nachwelt kommt! Nun, meine Herren, da Sie Alles gehört haben, ſo wiſſen Sie auch, daß der Krieg jetzt unvermeidlich iſt, daß Oeſterreich in demſelben auf Seiten meiner Feinde ſtehen wird! Sire, wir haben das gehört, und es hat meine Seele mit Sorge und Unruhe erfüllt, ſagte Maret. Vielleicht läßt ſich indeß noch immer ausgleichen und vermitteln, rief Caulaincourt. Der Waffenſtillſtand iſt ja noch nicht abgelaufen, und ich habe, dem Befehl Ew. Majeſtät gemäß, ſchon die nöthigen Einleitungen gemacht, um darauf anzutragen, daß der Waffenſtillſtand bis zum 15. Auguſt verlängert werde. Er wird verlängert werden, ſeien Sie davon überzeugt, ſagte Napoleon, denn die Verbündeten bedürfen der Zeit, um ſich vollſtändig zu rüſten. Wir werden bis zum 15. Auguſt Waffenſtillſtand haben, dann aber wird der Krieg auf's Neue beginnen, und es wird ein Krieg auf Leben und Tod ſein! Ich werde ihn nicht als Kaiſer, ſondern als General Bonaparte machen.*) Oh, Sire, ſeufzte Maret, die ganze Welt ſehnt ſich dem Frieden entgegen, und auch Frankreich hat keinen ſehnlicheren Wunſch als dieſen. Ich habe darüber viele und beſtimmte Andeutungen erhalten. Paris erhofft nicht allein den Frieden, ſondern erwartet ihn mit Beſtimmtheit nach den zwei Siegen, durch welche Ew. Majeſtät Ihre Feinde gede⸗ müthigt haben. 2 Paris iſt ſehr ſchlecht unterrichtet, wenn es meint, daß der Friede jetzt noch von mir abhängig ſei, rief Napoleon unwillig. Ihr ſeht, wie gierig Oeſterreich die Forderungen meiner Feinde ſteigert, indem es ſich an ihre Spitze ſtellt. Beſtändig mußten wir den Frieden erobern! Wohlan! Wir wollen ihn auch jetzt wieder erobern! Waffen⸗ ſtillſtand bis zum 15. Auguſt! Zeit genug, um auch unſerer Seits alle Rüſtungen zu beenden und eine neue Conſcription auszuſchreiben. Dann aber, nach dem Waffenſtillſtand, Krieg, heftigen, blutigen Krieg, *) Napoleons eigene Worte. 462 aber Krieg, welcher zu einem ehrenvollen Frieden führt. Glaubt mir, Derjenige, welcher den Frieden immer dictirt hat, kann ſich demſelben nicht ungeſtraft unterwerfen! Muth alſo, Muth! Frankreich will den Frieden, und ich will ihn auch, aber die Donner unſerer Kanonen ſollen die Bedingungen dictiren, und die Schärfe unſerer Schwerter ſoll ſie aufzeichnen!*) *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Mémoires de Duc de Rovigo. Vol. VII. echstes Buch. — — Die PBefreiung Deutſchlands. —— 1. An der Ratzbach. Der Krieg hatte wieder ſeinen Anfang genommen. Mit dem fünf⸗ zehnten Auguſt war der Waffenſtillſtund abgelaufen, und man hatte die Waffen wieder zur Hand genommen. Aber die Verhältniſſe waren jetzt weſentlich anders als beim Beginn des Waffenſtillſtan⸗ des. Denn damals hatte Napoleon ſo eben den Verbündeten zwei Siege entriſſen; während der Dauer des Waffenſtillſtandes aber hatten die Verbündeten ihm einen mächtigen Sieg entriſſen, ſie hatten Oeſterreich für ſich gewonnen, und jetzt, nach dem funfzehnten Auguſt, jetzt, beim Beginn des Krieges, ſtand Oeſterreich mit einem Heer von zweimalhunderttauſend Mann an der Seite der Verbündeten Na⸗ poleon gegenüber. Seit vierzehn Jahren faſt war Napoleon immer der ſtärkere, überlegenere Feind geweſen, nicht allein durch ſein Feld⸗ herrngenie, ſondern auch durch die Anzahl ſeiner Streiter und die un⸗ geheure Kraft ſeiner Armee. Jetzt zum erſten Mal war der Feind ihm überlegen an Zahl der Streiter, und dieſe ungeheure Armee kämpfte außerdem mit Begeiſterung für die Befreiung des Vaterlandes, mit der Energie des Haſſes und Zornes, gegen Den, der es ſo lange bedrückt und geknechtet hatte. Aber dem Kaiſer Napoleon blieb immer noch ſein überlegenes Feld⸗ herrngenie! Dank dieſem gewann er bald nach Beendigung des Waffen⸗ ſtillſtandes den Verbündeten eine neue Schlacht ab, die Schlacht bei Dresden“), und dieſe Schlacht war zugleich ein Gottesgericht, denn in *) Die Schlacht bei Dresden dauerte zwei Tage, den 26. und 27. Auguſt. Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 30 466 derſelben ward Moreau, der franzöſiſche General, der hier die Waffen gegen ſeine eigenen Landsleute führte, von einer franzöſiſchen Kugel getroffen, die nach wenigen Tagen ſchon ſeinen Tod zur Folge hatte.*) Aber die Verbündeten nahmen ihre Revanche für den Sieg von Dresden in dem großen Siege bei Culm, wo ſie gleichfalls nach zwei⸗ tägiger Schlacht dem General Vandamme einen glänzenden Sieg ab⸗ gewannen.**) General Blücher hatte mit ſeinem ſchleſiſchen Heer an dieſen beiden Schlachten nicht Theil genommen. Zur ſelben Zeit, während die Ruſſen, die Oeſterreicher und ein Theil der Preußen bei Dresden kämpften und unterlagen, ſollte auch Blücher endlich ſein Ziel erreichen und dem Feinde im offenen Kampf gegenüber ſtehen. Seit dem zwanzigſten Auguſt ſtand er unweit Jauer mit ſeinem aus Ruſſen und Preußen zuſammengeſetzten Heer von neunzigtauſend Mann und erwartete nichts ſehnlicher als das Herannahen des Feindes, um ihm eine Schlacht zu liefern. Das Glück ſchien ſeine Wünſche erfüllen zu wollen, denn Napo⸗ leon ſelber rückte gegen ihn heran. Schon meldeten am einundzwan⸗ zigſten Auguſt die Kundſchafter das Herannahen der feindlichen Co⸗ lonnen, die bei Löwenberg über den Bober gegangen waren, und Blücher's Auge leuchtete auf vor Entzücken, er ſtrich ſich den weißen Schnurrbart durch die Finger und ſagte: Es geht los! Hurrah! Es geht los! Morgen kommen wir mit den Franzoſen zuſammen. Aber der Morgen des zweiundzwanzigſten Auguſt kam und die Augen des Generals konnten noch nichts vom vorrückenden Feind ge⸗ wah en. Doch meldeten die Kundſchafter, daß das feindliche Heer immer noch im Anrücken ſei, daß nur ein Theil deſſelben ſich losgelöſt und nach Dresden abmarſchirt ſei. Dann iſt der Bonaparte mit dieſem Theil abmarſchirt, brummte *) Er fiel bei Röcknitz, wo er, die Schlacht beobachtend, neben dem Kaiſer Alexander hielt. Eine Kanonenkugel zerſchmetterte ihm beide Beine. Sie wur⸗ den beide amputirt, aber der Tod erfolgte ſchon am 2. September. Die Stelle wo er fiel, iſt durch ein kleines Monument bezeichnet.— **) Am 29. und 30. Auguſt. 467 Blücher, denn wenn Der noch dabei wäre, würden die Franzoſen nicht wie die Schnecken daher kriechen. Aber endlich am ſechsundzwanzigſten Auguſt ſchienen die Wünſche des Generals ſich ihrer Erfüllung nähern zu ſollen. Die Franzoſen, wenn ſie auch wie die Schnecken krochen, die Franzoſen kamen doch heran. Sie näherten ſich den Ufern der Katzbach, an deren anderer Seite das ſchleſiſche Heer heranzog. Es geht los! es geht los! jubelte der Blücher; der liebe Gott will nu doch Erbarmen mit mir haben, und mir nun zum guten Früh⸗ ſtück verhelfen! Hab' ſo lange auf die Franzoſen gehungert, daß ich ſchier dacht', ich ſollt' ſterben an der Qual! Aber nun will der liebe Gott meinen Hunger doch ſtillen, und es wird'n prächtiges Frühſtück werden. Den Braten liefere ich, und damit's auch'was zu trinken giebt, gießt's vom Himmel hernieder, als ob alle Englein da droben vor Freuden weinten, weil ſie nun endlich das Plaiſir haben ſollen, den Blücher an der Arbeit zu ſehen! Aber Ihr allerliebſten Heer⸗ ſchaaren da droben, fuhr Blücher fort, indem er einen leuchtenden Blick zum grauen Himmel emporwarf, nun thut mir den einzigen Ge⸗ fallen, und laßt's genug ſein mit Eurem Flennen und thut des Guten nicht zu viel! Bedenkt man blos, daß Ihr nicht den Feind allein unter Waſſer ſetzt, ſondern auch uns, Eure Freunde! Weicht mir den Boden nicht allzu ſehr auf, denn ſonſt bleiben nicht blos die Franzoſen im Schmutz ſtecken, ſondern auch wir, Eure auserkorne Leibgarde! Aber die„Englein da droben“ nahmen keine Raiſon an, ſie ließen ihre„Freudenthränen“ ſeit der Frühe des Morgens in unaufhaltſamen Strömen fließen. Es war einer dieſer troſtloſen, verwüſtenden und tückiſchen Land⸗ regen, der den Himmel in eine gleichmäßige, graue, trübe Maſſe ver⸗ wandelt, und mit ſeiner unveränderlichen Eintönigkeit an eine ewige Dauer, ein Nimmeraufhören glauben läßt. Der Boden weichte auf, die Gebirgsflüſſe begannen zu ſchwellen und führten der Katzbach in brauſenden Wellen ſo ungeheure Waſſer⸗ maſſen zu, daß dieſer ſonſt ſo friedliche kleine Fluß ſich in einen reißen⸗ den Strom ſchien verwandeln zu wollen. Ein wüthender Nordwind 30* 468 brauſte daher und peitſchte den Soldaten den Regen wie Neſſeln in's Angeſicht und durchnäßte ihnen die Kleider und drang in die Gewehre und feuchtete das Pulver und den Kugellauf. Na, wenn's denn heute nun nicht mit dem Schießen geht, ſo geht's mit dem Dreinſchlagen, ſagte Blücher frohmüthig, als er mit ſeinem Gefolge aus Bollwitzhof, ſeinem Hauptquartier, hinausritt, um die Stellung des Feindes zu recognosciren. Aber der ſtrömende dichte Regen, der tiefgraue Himmel, der brauſende und wirbelnde Wind machten jedes Recognosciren unmöglich. Nirgends war der Feind zu ſehen, aber man vernahm doch in der Ferne das dumpfe Geräuſch rollender Kanonen, trabender Pferde, und die ausgeſandten Patrouillen meldeten, daß ſie den Feind geſehen, der in ſtarken Colonnen zu der Katzbach heranrücke, aber nicht auf dem jenſeitigen, ſondern auf dem diesſeitigen Ufer.— In dieſem Moment kam General Gneiſenau mit verhängtem Zügel herangeſprengt. Er war zu den Vortruppen vorgeritten, um nach dem Feind zu ſpähen, und kam jetzt zu melden, daß die Franzoſen ganz in ihrer Nähe auf dem Plateau bei Eichholz ſich aufſtellten, daß ſie alſo das linke Ufer der Katzbach verlaſſen und jetzt ſchon auf dem rechten ſich befänden. Links oder rechts, rief Blücher, iſt mir ganz egal, wenn wir ſie haben. Wenn ſie ſchon rüber ſind, na dann wiſſen ſie ja den Weg und werden leichter ihren Rückweg finden. Laſſen wir ſie'rüber, man immer rrüber über die Katzbach, bis wir genug haben. Sich dann aber mit edler Würde an ſeine Officiere wendend, fuhr er in ganz verändertem ernſten und gemeſſenen Ton fort: Meine Herren, die Schlacht wird in einigen Stunden ihren Anfang nehmen. Alles kommt jetzt auf Pünktlichkeit und Ordnung an. Die Ordonnanzofficiere! Die Ordonnanzen eilten herbei. Sie reiten zum General von York, der auf dem Plateau von Eichholz ſteht, und ſagen ihm, er ſolle ſo viel Franzoſen auf das Plateau herauflaſſen, als er meint ſchlagen zu können, dann aber ſoll er angreifen! rief Blücher der erſten Or⸗ donnanz zu, und während dieſe im raſenden Galopp davon jagte, wandte er ſich an die zweite Ordonnanz: Sie eilen zum General von Sacken und melden ihm, daß es Zeit iſt zum Angriff! Und wir — Kämpfen Mann für Mann entſtand, jetzt Wuthgeheul, Schimpfen und 469 meine Herren, fuhr er fort, ſich an ſeinen Generalſtab wendend, wir ſtellen uns an die Spitze unſerer Truppen. Um zwei Uhr muß abge⸗ kocht ſein, dann ſetzen ſich alle Colonnen in Bewegung. Beim Rück⸗ gang des Feindes erwarte ich, daß vor allen Dingen die Reiterei ihre Schuldigkeit thut und mit Kühnheit verfährt. Der Feind muß erfahren, daß er im Rückzug nicht unbeſchadet aus unſern Händen kommen kann! Und nun vorwärts! Um zwei Uhr beginnt die Schlacht! Er gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte wieder den Truppen zu. Mit heiterm Geſicht, mit freudeblitzenden Augen ſprengte er an den Fronten entlang. Kinder, Kinder, rief er den Soldaten zu, kocht erſt ruhig ab, ver⸗ brennt Euch nicht die Mäuler, und eßt Eure Suppe nicht zu heiß, wenn Ihr ſie aber aufgegeſſen habt, dann iſt es Zeit, den Franzoſen 'ne Prügelſuppe zu kochen. Und das wollen wir, nicht wahr, Kinder, ne recht ordentliche Prügelſuppe wollen wir ihnen kochen? Ja, Vater Blücher, das wollen wir, jubelten die Soldaten. Wenn's ihnen man blos bekommt, den Herren Franzoſen, ſagte Blücher mit einem liſtigen Augenzwinkern. Die blaue Bohnenſuppe iſt ſchwer zu verdauen. Aber freſſen müſſen die Franzoſen ſie, nicht wahr? Ja, ja, freſſen müſſen ſie ſie, brüllten und lachten die Soldaten, und Blücher lachte mit ihnen, und ſprengte dann weiter zu den andern Regimentern hin, um auch ſie anzufeuern durch ſeinen Gruß. Und endlich war abgekocht, und endlich war es zwei Uhr! Kinder, nun geht's los! rief Blüchers machtvolle Stimme. Nun habe ich genug Franzoſen herüber, nun vorwärts! Drauf! Vorwärts ging's im Sturmſchritt, gerad' auf die Franzoſen los. Die Kanonen donnerten, die Gewehre knatterten. Aber bald brachte der ſtrömende Regen dieſe zum Schweigen. Die Gewehre verſagten. Kinder, rief der Major von Othegraven ſeinem Bataillon vom brandenburgiſchen Regiment zu, Kinder, wenn wir ſie nicht todt ſchießen können, ſo können wir ſie doch todt ſchlagen! Die Kolben ſind gut dazu. Und mit lautem Hurrahruf kehrten die Soldaten ihre Gewehre um, und ſchlugen mit den Kolben drein. Ein furchtbares Ringen und 470 Fluchen ſchallte herüber und hinüber, aber endlich verſtummte es hier — ein ganzes franzöſiſches Bataillon war von den Brandenburgiſchen mit den Kolben erſchlagen.*) Weiter wüthete der Kampf, aber der Himmel mit ſeinem Unwetter wüthete nicht minder. Der Sturm heulte und pfiff, in immer dichteren Strömen praſſelte der Regen hernieder, er weichte den Lehmboden auf, und ſchien die vorwärts dringenden Krieger wie mit Gewalt an den Boden feſſeln zu wollen. Ihre Füße ſanken bis über die Knöchel in den klebenden Schmutz ein, aber vorwärts! vorwärts! lautete der Schlachtruf, und man ließ die Schuh im Schmutz ſtecken, und ſtürmte auf Socken, ſtürmte auf bloßen Füßen weiter, immer dem Feind zu, dem Feind, der mit Löwenmuth, mit Ingrimm und Verzweiflung kämpfte, hier zurückwich, dort vorwärts drang, jeden Schritt rückwärts mit Strömen von Blut ſich abringen laſſend, jeden Schritt vorwärts mit Strömen von Blut abringen müſſend. Vater Blücher, heut geht's gut! jubelten die Soldaten ihrem Feldherrn zu, der eben zu der Infanterie heranſprengte. Ja, es geht gut, rief Blücher, aber wartet man, Kinder, es wird noch beſſer kommen! Paßt man auf! Eben donnerten von der andern Seite her neue Kanonenſalven. Zwei Officiere ſprengten zu Blücher heran. Der Eine war die an den General von Sacken abgeſchickte Ordonnanz. Was für Antwort ſchickt General von Sacken? rief Blücher. Excellenz, er hat mir blos geſagt: antworten Sie dem General nur: Hurrah!**) Ein prächtiger Kamerad! rief Blücher fröhlich. General, ſagte der zweite Officier mit gedämpfter Stimme, ich bitte, Ihnen eine geheime Meldung machen zu dürfen. Geheime? Nein, heut giebt's keine geheime Meldungen, rief Blücher kopfſchüttelnd, die Herren von meinem Generalſtab können und dürfen Alles hören. *) Beitzke, II. S. 204. **) Beitzke, II. S. 201. 471 Und er winkte ſeinen Adjutanten und Officieren, näher zu ihm heranzukommen. Ew. Excellenz befehlen alſo, daß ich laut ſagen ſoll, was ich zu ſagen habe? Na, ſprechen Sie ohne Umſchweife, und meinetwegen ſo laut, daß die Franzoſen es auch hören! Nun denn, General, ich habe zu melden, daß keine Zeit zu ver⸗ lieren iſt, daß wir uns eilen müſſen vorwärts zu kommen. Denn der Kaiſer Napoleon ſelber dringt an der Spitze ſeiner Truppen herauf und ſteht Ew. Excellenz bereits ganz im Rücken. So? fragte Blücher mit vollkommener Gelaſſenheit; ſteht er mir im Rücken, der Kaiſer Napoleon? Na, das iſt mir lieb, dann kann er mir was Angenehmes erzeigen. Er wandte den Blick wieder dem Schlachtgetümmel zu mit einem trotzigen Lächeln, mit einem Antlitz, das von Muth und Begeiſterung flammte. Die Schlacht ſtand noch immer. Eine Stunde ſchon dauerte der mörderiſche Kampf und noch war nichts entſchieden. Immer neue Schaaren ſandte Marſchall Macdonald heran, immer neue Schaaren ſchickte Blücher ihnen entgegen. Hier weichen die Preußen, dort weichen die Franzoſen. Von dem rechten Flügel des preußiſchen Heers ſpreng⸗ ten Ordonnanzen heran, welche Blücher meldeten, daß der General York mit ſeinen Truppen den Feind geworfen, und ſiegreich vordringe, von der linken Seite flogen die Boten herbei, und meldeten, daß der General Langeron im Begriff ſei zu weichen, daß die preußiſche Reiterei zurückweiche, daß die franzöſiſche Reiterei in Maſſe heran⸗ dringe, und die preußiſchen Batterien in großer Gefahr wären, ge⸗ nommen zu werden. Blücher ſtieß einen Fluch aus, einen einzigen wilden Fluch, dann wandte er ſein Haupt zur Seite und brüllte: Hennemann! Pipenmeiſter! Und ſofort jagte Chriſtian Hennemann heran. Er war in voller Huſaren⸗Uniform, aber er ſtand nicht in der Reihe der Kämpfenden, er gehörte zum Gefolge ſeines Generals, und mußte ſtets ſeines Winkes gewärtig ſein. Vor ihm auf dem Sattelknopf ſtand ein eiſerner langer 472 Kaſten, und im Munde hielt er eine kurze Thonpfeife, der er mit eifriger Haſt kräftige Rauchwolken zu entlocken ſuchte. Herr General, hier bin ich, ſchrie Hennemann, zu Blücher heran⸗ reitend. Gieb mir'n Stummel, Pipenmeiſter, ich muß eine rauchen, denn nun geht's los! Hennemann nahm die Pfeife aus dem Munde, reichte ſie dem General dar, und ſagte mit voller Seelenruhe: hier is er! Er brennt ſchon'ne Viertelſtunde, und ick dacht' ſchonſt, der Herr General hätten den Stummel und mir ganz vergeſſen! Blücher ſteckte die Pfeife in den Mund. Eben ſprengte ein brandenburgiſches Uhlanenregiment heran, an ihrer Spitze der Major von Katzeler, Blücher's einſtiger Adjutant. Hurrah, den Unſern zu Hülfe! ſchrie Katzeler, den General mit ſeinem Säbel begrüßend. Hurrah, den Unſern zu Hülfe! rief ein Huſaren⸗Rittmeiſter, mit einem Huſaren⸗Regiment heran ſtürmend. Hurrah, den Unſern zu Hülfe! ſchrie das Regiment litthauiſcher Dragoner. Ja, den Unſern zu Hülfe! jubelte Blücher. Gott ſtraf' mich, ich muß mit! Ich halt's nicht länger aus! Mit blitzenden Augen, mit ſtrahlendem Angeſicht zog Blücher den Säbel, und ſprengte mit Jünglingsmuth und Jünglingsluſt an die Spitze der Huſaren, und ſie empfingen ihn mit lautem Hurrah, und weit ſchallendem Jubelgeſchrei. Die Trompeten ſchmetterten, und vorwärts, vorwärts ſprengt der Blücher in feurigem Trab. Da ruft's und ſchreit's an ſeiner Seite: Herr General! Herr General! Und der Pipenmeiſter ſprengt heran, dicht zur Seite Blüchers. Der ſieht ihn mit zornblitzenden kugen an. Marſch fort, hinter die Front. Ih, Gott bewahre, ſagt Hennemann gelaſſen, ich gehör' hierher, hat mir der General nicht die Ordre gegeben, immer in ſeiner Nähe zu bleiben, und immer'nen Stummel in Bereitſchaft zu halten? Na nu bin ich in der Nähe, und der Stummel bereit. — 473 Aber jetzt nicht, Chriſtian, jetzt geht's zum Dreinhauen. Scheer' Dich fort, Pipenmeiſter! Denk nich dran, General, es darf Niemand nich ſeinen Poſten verlaſſen, haben Sie ſelbſt geſagt, rief Hennemann, keuchend hinter ſeinem General daher jagend. Na, ich bin uf meinem Poſten, und ich laß mich nich von meinem Poſten vertreiben. Sie werden mich bald genug gebrauchen. Hurrah! Hurrah! Da ſind wir zur Stelle! Vorwärts! Vorwärts! Und mit Jauchzen und Schreien ſtürzen ſich die Huſaren auf den Feind, Blücher voran, kämpfend und um ſich hauend mit Entzücken und Luſt, den Feind zurückdrängend, ihm die gewonnenen Vortheile wieder abringend. Und wie der Feind weicht, da auf einmal commanvirt Blücher: Halt! Halt! Die Regimenter halten. Kinder, ruft Blücher's Trompetenſtimme, das iſt heut'ne Schlächter⸗ arbeit; wir wollen ſtill halten, einen Hieb nehmen, und friſch ſtoppen! Pipenmeiſter,'nen neuen Stummel! Na, ſagt ich's nicht, daß Sie mich bald brauchen würden? fragte Hennemann mit triumphirender Stimme. Hier iſt der Stummel! Wie ſich Roß und Mann verſchnauft, einen Schluck genommen, die Pfeife in Stand geſetzt, da ſchallt des Feldherrn Stimme wieder daher: Nun drauf in Gottes Namen, bald ſind wir mit den Fran⸗ zoſen fertig! Und in der That! Sie waren bald mit den Franzoſen fertig. Der Abend dunkelte herauf, da war die Schlacht entſchieden. In wilder Unordnung flohen die Franzoſen, verfolgt von dem jauchzenden Feind, aufgehalten von dem erweichten Boden, der am Laufen, von dem ſtrömenden Regen, der am Sehen hinderte, aufge⸗ halten vor allen Dingen von der Katzbach mit ihren ſchäumenden Wogen, von der wüthenden Neiße mit ihren brüllenden und ziſchenden Waſſern, die mit jedem Augenblick höher anſchwollen. Aber hinter ihnen iſt der Feind, er donnert mit ſeinen Geſchützen, er ſchleudert Tod und Verderben in die Reihen der Fliehenden. Jetzt hat er an 474 den Ufern der Katzbach und der wüthenden Neiße ſeine Kanonen auf⸗ gepflanzt, und wie die Franzoſen heran kommen, empfangen ſie die Geſchütze, und wie ſie entſetzt ſich wenden, blinken die Säbel und Bajonette! Haufen von Gefallenen liegen am Ufer der Katzbach, Hunderte und Tauſende von Leichen ſchwimmen dahin auf den brauſenden Waſſern, und die Wellen nehmen ſie auf, und tragen mit brüllendem Sieges⸗ geheul die blutigen Trophäen weiter, um dem Lande Schleſien zu ver⸗ künden, daß der Blücher eine Schlacht gewonnen, daß er ſich endlich Revanche genommen an den Franzoſen! Um ſieben Uhr Abends war der Kanonendonner verſtummt, die Franzoſen waren in wilder Unordnung nach allen Seiten hin entflohen! II. Die Mir's und die Mich's. Tiefe Dunkelheit ſank hernieder, der Regen goß noch immer in Strömen herab. Die lieben Englein da droben, welche, wie Blücher am Morgen geſagt, Freudenthränen über die beginnende Schlacht ge⸗ weint, die weinten vielleicht jetzt Schmerzensthränen über die vielen Tauſende, die mit klaffenden Wunden, mit brechenden Augen da auf dem Schlachtfeld lagen, und deren Todesſeufzer der Nachtwind zum *— dunklen Himmel emportrug. Ueber das Schlachtfeld dahin ritt Blücher ſeinem Hauptquartier zu, Niemand war an ſeiner Seite als ſein Freund, der General von Gneiſenau, und in einiger Entfernung hinter ihnen folgte der Pipen⸗ meiſter, Chriſtian Hennemann, mit der brennenden Pfeife im Munde. Schweigend, in tiefe Gedanken verſunken, ritten die Beiden die ſchauerliche Straße dahin, über Leichen und Verwundete, durch Pfützen und Bäche von Blut. Selbſt Blücher fühlte ſich erſchöpft von dem 1 475 ⸗ ſchweren Tage, ſelbſt ſeine Freudigkeit war verſtummt unter dem ſtrö⸗ i menden Regen, der ſeine Kleider durchweichte, unter dem Geſtöhne der d Sterbenden, das ſeine Ohren zerriß, und ſeine Seele mit ſchmerzlichem 1 Mitleid erfüllte. te Aber bald überwand er wieder die traurige Stimmung und wandte 1 t, ſich mit einein heitern Lächeln zu Gneiſenau hin. ⸗ Na, ſagte er, die Schlacht haben wir gewonnen, das kann uns ⸗ die ganze Welt nicht abſtreiten, aber jetzt woll'n wir mal dran denken, ch was wir kluger Weiſe zuſammenbringen, um den Leuten zu ſagen, wie wir ſie gewonnen haben. Der Bonaparte hat ſeit zehn Jahren ſolche ie hochtrabende Sieges⸗Bülletins ausgegeben, daß mir immer geweſen iſt, n als wär' mein Herz'ne Bombe, die vor Wuth platzen ſollt'. Na nu wollen wir doch auch mal ſo'n Sieges⸗Bülletin aufſchreiben, damit wir doch zeigen, daß wir was gelernt haben. Wollen's auch austrom⸗ peten, daß wir geſiegt haben. Wir müſſen das Schriftſtück aufſetzen, ſo wie wir in Brechtelshof ankommen. Vor allen Dingen, General, müſſen Sie beſtimmen, wie die Schlacht genannt werden ſoll, ſagte Gneiſenau, welchen Namen ſie in der Ge⸗ ſchichte haben ſoll. Ja, das iſt wahr, ſagte Blücher gedankenvoll, einen Namen muß in ſie haben. Schlagen Sie mal was vor, Gneiſenau! et Wir könnten ſie die Schlacht bei Brechtelshof nennen, weil dies e⸗ doch das Hauptquartier unſers tapfern Feldherrn, unſers Vaters Blücher, len iſt, ſagte Gneiſenau mit weichem, innigem Ton. uf Nein, nein, nichts von mir, rief Blücher haſtig, der liebe Gott m hat uns den Sieg verliehen, wir wollen ihm beſcheidentlich dafür danken, und nicht übermüthig werden! Halt, jetzt hab' ich's! Wir wollen das ier Ding, dem General von Sacken zu Ehren, die Schlacht an der Katz⸗ on bach nennen. Denn durch Sackens wirkſames Kanonenfeuer von Eich⸗ holz an der Katzbach her, und durch die Hülfe ſeiner tapferen Reiter⸗ en⸗ v. ſchaaren, die den Feind in die Katzbach jagten, durch Sackens Beihülfe pie haben wir an der Katzbach geſiegt, und alſo ſoll die Schlacht auch nach ihm genannt werden. Schlacht an der Katzbach! Na, und nun 1 ſind wir im Quartier. 476 Und jetzt müſſen Sie vor allen Dingen ſich ruhen, General, ſagte Gneiſenau mit der Zärtlichkeit eines Sohnes. Müſſen die Kleider wechſeln, etwas genießen, und dann auf Ihren Lorbeern ruhen, wenn dieſe auch nur auf einer Strohmatratze liegen. Blücher ſchüttelte lebhaft das Haupt. Die Kleider werden am ſchnellſten trocken, wenn ich ſie auf dem Leibe behalte, ſagte er, und das muß ich, denn wir haben noch allerlei zu thun, müſſen unſern Sieg dem König vermelden, müſſen für die Verwundeten ſorgen, müſſen die Dispoſition zur Verfolgung aufſetzen, und zuletzt das Bülletin, das Siegesbülletin ſchreiben. Ein bischen was genießen, na ja, das können wir, aber nur keine Lorbeern drin, denn die Lorbeern ſchmecken bitter. Vor allen Dingen wollen wir aber eins trinken, und eine dazu rauchen! He, Pipenmeiſter,'nen neuen Stummel! Eine Viertelſtunde ſpäter trat Blücher mit Gneiſenau in das kleine Zimmer ein, das für dieſe Nacht die einzige Reſidenz des Hauptquartiers ausmachte, da ſchon bei der Ankunft des Generals in Brechtelshof alle Räume mit Verwundeten angefüllt waren. Man hatte ſich beeilt, dieſes kleine Zimmer für den Feldherrn möglichſt bequem und wohnlich einzurichten, und als Blücher eintrat, gewahrte er mit einiger Befriedigung eine wohlarrangirte Strohmatratze an der Wand da drüben, und auf dem Tiſch neben dem luſtig flackern⸗ den Talglicht, das aus dem ſchlanken Halſe einer Flaſche ſich erhob, eine Weinflaſche nebſt einigen Gläſern, daneben ein großes Dintenfaß, und einige Bogen Papier. Na, rief Blücher fröhlich, wir wollen brüderlich theilen, Gneiſenau, ich nehm' den Wein, und Sie nehmen die Dinte! Aber ich geb' Ihnen erſt ein Glas Wein, und dafür geben Sie mir nachher'nen Droppen Dinte ab. Er ließ ſich behaglich auf einem der hölzernen Schemel nieder, die neben dem Tiſch ſtanden, und füllte raſch zwei Gläſer bis an den Rand mit Wein. Laſſen Sie uns anſtoßen, Gneiſenau, ſagte er ernſt und feierlich, wir wollen dies Glas trinken auf das Wohl Derer, die auf dem Schlachtfeld liegen und die gefallen ſind als tapfere Männer. Möge all, nen pen die den lich dem ge 477 der liebe Gott ſie willkommen heißen und ihnen ein gnädiger Richter ſein! Wir wollen dies Glas trinken zum Gedächtniß unſerer großen Todten, zum Gedächtniß der Königin Louiſe und Scharnhorſt's, die Beide gewißlich heute vom Himmel auf uns herniedergeſchaut, und uns geholfen haben den Sieg zu erringen. Dieſen Beiden verdanke ich Alles, was ich bin! Wär' das Engelsangeſicht der Königin Louiſe nicht geweſen, ſo wär' ich vor Verzweiflung und Wuth in den Tod gegangen, in dem gottverdammten Jahr 1807, und wär' der Scharnhorſt nicht geweſen, ſo wär' ich niemals jetzt commandirender General ge⸗ worden. Sie hielten mich ja Alle für'nen alten bramarbaſirenden Knaſterbart, für'nen Kerl, der viel große Worte macht, aber nichts mehr leiſten kann. Der Scharnhorſt aber hat mir's Wort geredt bei König und Kaiſer, und was ich jetzt bin, das bin ich durch ihn, und weil er, der beſte und edelſte Mann, an mich geglaubt hat. Und ſein Glaube ſoll nicht zu Schanden werden, ich will noch Großes und Tüchtiges zu Stande bringen, und was wir heute gethan haben, das ſoll man blos m kleiner Anfang davon ſein! Es iſt aber etwas Großes, was Sie heut gethan, und zu Stande gebracht haben, Excellenz, ſagte Gneiſenau. Daß, Dank Ihrem Feld⸗ herrnblick und der Begeiſterung der unter Ihrem Befehl kämpfenden Truppen, wir die Schlacht gewonnen haben, das iſt noch nicht einmal der größte Gewinn dieſes Tages. Der größere und nicht minder wichtige Gewinn iſt, daß jetzt endlich das ſchleſiſche Heer hat beweiſen können, was es iſt, und welch' einen Feldherrn es an ſeiner Spitze hat. Nun endlich werden Diejenigen verſtummen müſſen, welche uns immer mißtraueten und beargwöhnten, welche beſtändig Zwietracht ſäeten zwiſchen dem ſchleſiſchen Heer und dem Hauptquartier der Verbündeten, und Ew. Excellenz am eigenen und ſelbſtſtändigen Handeln hindern wollten. Sie nennen mich freilich nur den tollen Huſaren, ſagte Blücher achſelzuckend, und der Bonaparte, der nennt mich, wie ich neulich irgendwo geleſen habe, ſogar den betrunkenen Huſaren! Na, meinet⸗ wegen, laſſen Sie ſie doch reden. Und obenein haben ſie Alle etwas Recht. Denn ein bischen toll haben mich die Jahre des Wartens, wo ℳ 478 ich meinen Kummer verſchlingen mußte, wirklich gemacht, und mit Nüchternheit will ich dem Bonaparte niemals gegenüber treten; es iſt ja darum doch nicht nöthig, daß man juſtement vom Wein muß trunken ſein! Ich bin weiß Gott noch immer in einem Rauſch von Freude und Glück, daß es nun endlich drauf geht auf die Franzoſen, und der liebe Gott gebe, daß ich niemals aus dieſem Rauſch aufwache, und wieder nüchtern werden muß. Na nu, Gneiſenau, nu wollen wir an die Arbeit gehen! Sie mit der Dinte und ich mit dem Wein. Schrei⸗ ben Sie doch die Dispoſition zur Verfolgung, und ich will während der Zeit mal überlegen, was ich nachher zu ſchreiben habe. Gneiſenau nahm die Feder und ſchrieb, Blücher nahm das Glas und trank. Eine halbe Stunde war ſo in tiefem Schweigen vergangen; da legte Gneiſenau die Feder hin, denn die Dispoſition war fertig, da ſchob Blücher ſein Glas bei Seite, denn die Flaſche war leer. Jetzt bitte ich Ew. Excellenz, die Dispoſition vorleſen zu dürfen, bat Gneiſenau. Nein, ſagte Blücher kopfſchüttelnd, geht nicht! Ich habe mir da ſelbſt'ne Portion Gedanken im Kopf zuſammengeſtapelt, und wenn ich nun warte, bis ich ſie zu Papier bringe, dann fliegen ſie wieder fort, wie junge Schwalben die flügge ſind. Das kommt davon, daß die großen Schreibgedanken nicht recht gewohnt ſind, ihr Neſt in meinem Kopf zu haben, und darum will ich ſie nun nur gleich heraus laſſen. Will an den König ſchreiben, und an die Stadt Breslau; dem König will ich vermelden, daß wir die Schlacht gewonnen haben, und der Stadt Breslau, daß ſie etwas für meine Verwundeten thun ſoll. Geben Sie mal her die Feder, es ſoll nicht lange dauern! Er nahm die Feder, die ihm Gneiſenau lächelnd nebſt dem nöthigen Papier darreichte und begann zu ſchreiben. Mit ungeheurer Schnelle malte er Buchſtaben und Worte von einer Größe, daß ſelbſt ein Kurzſichtiger keine Mühe gehabt haben würde, ſie in einiger Entfer⸗ nung zu leſen, und wenn auch die Worte in gar ſchrägen Linien über das Papier dahin tanzten, ſo verwickelten ſie ſich doch niemals in die Degengehänge ihrer langen Buchſtaben, denn der General war immer mit ude em nig der ben elle ein fer⸗ ber die ner 479 ſorgſam bemüht, breite Zwiſchenräume zwiſchen den Linien zu laſſen, damit ein feindlicher Zuſammenſtoß dieſer Linientruppen ganz un⸗ möglich war. Ein Bogen war daher bald vollgeſchrieben, Blücher ſetzte ſeinen gewichtigen Namen darunter, und betrachtete das Geſchriebene einen Moment mit ſinnenden Blicken. Dann ſchob er den Bogen haſtig unter die andern, noch unbe⸗ ſchriebenen Papiere, und begann, ein anderes Blatt nehmend, auf's Neue ſeine kalligraphiſchen Rieſenſtudien zu machen. In einer halben Stunde lagen zwei andere beſchriebene Bogen vor dem Feldherrn da, und Blücher warf mit einem lauten Seufzer die Feder bei Seite. Abſcheuliche Arbeit, die Dintenkleckſerei, ſagte er, ich begreife nicht, daß Sie, Gneiſenau, der Sie doch ein ſo tüchtiger Soldat ſind, zu⸗ gleich ſo merkwürdig gut mit der Feder umzugehen wiſſen. Es wär' nicht meine Sache, ſo viel mit der Feder zu thun zu haben, obwohl ich auch'mal'nen Anſatz zum Gelehrten hatte, und auch'ne Art Schrift⸗ ſteller bin. In den Unglückstagen nach Anno 1807 da habe ich in der Verzweiflung und Langeweile auch angefangen zu ſchriftſtellern, und ich glaube, ich habe da ein ſehr gutes Buch geſchrieben. Ein Buch? fragte Gneiſenau erſtaunt. Und Sie haben es drucken laſſen, Excellenz? Na, das hätte mir gefehlt, rief Blücher. Damit die Federfuchſer und Recenſentenkerls, die über Alles reden und nichts verſtehen, über mein Buch herfallen, und es durchhecheln könnten. Nein, mein lieber Gneiſenau, man muß ſeine Perlen nicht vor die Säue werfen! Ich hab' mein Buch in meinem Schreibpult behalten, und ich zeig's nur Denen, die ich beſonders hochſchätze. Aber wenn wir aus dem Feld⸗ zug zurückkehren, dann will ich Ihnen das Buch zu leſen geben, und ich weiß, es wird Ihnen gefallen, und Sie werden was draus lernen. Mein Buch heißt:„Bemerkungen über die Inſtruction der einzelnen Ausarbeitung und des Exercirens der Cavallerie betreffend.“ Ein ſchöner Titel, nicht wahr? Na, und Sie können mir glauben, es läßt ſich viel draus lernen, und Mancher würde ſtolz darauf ſein, das ge⸗ 3 — Si Nl.KuK Sc S — 480 macht zu haben.*) Na, reden wir nicht mehr davon. Hier ſind meine zwei Depeſchen. Da iſt der Brief an den König, und hier mein Schreiben an die Stadt Breslau, und— Sie müſſen mir'n Gefallen thun, Gneiſenau. Sie müſſen mein Geſchreibſel'mal durchleſen, und wenn ich irgendwo was verſehen, und einen Fehler begangen habe, was Jedem mal paſſiren kann, beſonders nach einer Schlacht, na, dann ſeien Sie ſo gut und corrigiren Sie meine Fehler. Aber, Excellenz, ſagte Gneiſenau, es verſteht es Niemand, ſich ſo ſchlagfertig ſchön und energiſch auszudrücken, als Sie, und Niemand hat ſo ſehr gleich das richtige Wort bereit, wie Sie. Ja, mit dem Wort, da geht's ſchon, aber die Mir's und die Mich's, die verhaspeln ſich manchmal bei mir. Die Menſchen ſind ja einmal ſolche Narren, daß ſie nicht ſprechen wollen, wie ihnen der Schnabel gewachſen iſt, ſondern ſich das Leben noch ſchwer machen mit allerhand Regeln, welche ihnen verbieten, hier Mir und da Mich zu ſagen. Hab' mich mein Lebtag nicht um ſolche dummen Regeln be— kümmert, ſondern friſch von der Leber weg geſprochen. Aber da die Menſchen nu denken, man iſt ein dummer Kerl, wenn man nicht ſo ſpricht, wie ſie's haben wollen, na, ſo wollen wir ihnen den Willen thun, und Sie verbeſſern meine Mir's und Mich's, aber fein ſäuber⸗ lich, daß es Niemand ſieht. Er reichte Gneiſenau die Feder dar, und ſchob ihm die beiden beſchriebenen Bogen hin. Corrigiren Sie meine Arbeit, ſagte er, während der Zeit leſe ich Ihre Arbeit. Und haben Sie die Güte, auch zu corrigiren, Excellenz, bat Gnei⸗ ſenau, denn vielleicht habe ich Fehler gemacht, die ſchwerer wiegen, als die Verwechſelung der Mir's und Mich's, und es iſt mir nicht ge⸗ lungen, mit ſo präciſen Worten Ihre Inſtructionen wiederzugeben, als Sie mir dieſelben gegeben haben. *) Dieſe ſchriftſtelleriſche Arbeit, die einzige ſeines Lebens, war Blüchers Stolz, und er ſprach von ihr immer mit einer beſonderen Weiſe und Genug⸗ thuung. Siehe: Varnhagen von Enſe: Leben des Fürſten Blücher von Wahlſtatt. S. 530. 481 Nun, wir werden ja ſehen, rief Blücher lächelnd, indem er das Blatt zur Hand nahm. Vortrefflich, ſagte er dann, als er zu Ende geleſen, es iſt Alles ſo geſagt, wie ich es wünſchte, und wenn alle Commandeurs nach dieſer Inſtruction handeln, ſo werden wir dem Feind keine Zeit laſſen, ſich irgendwo wieder feſtzuſetzen, und wir werden ihn aufreiben, ohne noch eine neue Schlacht ſchlagen zu müſſen. Und wenn die Stadt Breslau dieſe edle und gütige Fürbitte für Ihre Verwundeten und Ihre Soldaten überhaupt lieſt, ſagte Gneiſenau, ſo werden unſere Verwundeten die ſorgſamſte Pflege, und unſere Ge⸗ ſunden ganze Wagen voll Speiſe und Trank erhalten. Und wenn der König dieſe mit ſo viel Beſcheidenheit und Einfachheit gegebene Sieges⸗ nachricht lieſt, ſo wird ſein Herz eine ſelige Genugthuung empfinden, und er wird ſich gleich ſehr des Sieges und des Feldherrn freuen, welchem er denſelben dankt. Und die Mir's und Mich's, die ſind Alle in Ordnung? Sind Alle in Ordnung, Excellenz, ich habe ſo vorſichtig radirt, daß Nichts von einer Correctur zu ſehen iſt. Na, dann haben Sie die Güte, einen Courier abzufertigen. Aber Excellenz, ſagte Gneiſenau, ſoll denn der Courier nur dieſe beiden Depeſchen erhalten? Haben Sie vergeſſen, daß Sie der Frau Generalin verſprochen haben, ihr nach jeder Affaire, ſei ſie gut oder ſchlecht abgelaufen, zu ſchreiben, und daß ich ihr feierlich gelobt habe, Ew. Excellenz jedes Mal daran zu mahnen, wenn Sie's vergeſſen ſollten? Na, iſt gar nicht nöthig, mich daran zu mahnen, rief Blücher, indem er das zuerſt geſchriebene Blatt unter den andern Papieren hervorzog. Hier iſt mein Brief an meine Male! Es iſt ein gar präch⸗ tiges und treues Weib, und ich war's ihr wohl ſchuldig, ihr zu aller⸗ erſt zu melden, wie gnädig und gütig der liebe Gott heute geweſen iſt, daß er mich hat die Schlacht gewinnen laſſen. Aber das brauchen Sie nicht zu verbeſſern. Meiner Male iſt's egal, wie meine Mir's und Mich's ſtehen, und vor ihr nehm' ich kein Blatt vor'n Mund. Mühlbach, Napoleon. Bd. MI. 31 482 Haben Sie der Generalin auch gemeldet, daß Sie ſelber den Säbel gezogen und ſich kämpfend in den dichteſten Feind geſtürzt haben? Ich werd' mich wohl hüten, rief Blücher. Inſofern hab' ich doch in Blatt vor'n Mund genommen. Ich hatt' meiner guten Frau allerdings feſt verſprochen, ich wollt', wie ſie das nennt, vernünftig ſein und blos commandiren, und den vornehmen Feldherrn ſpielen, der blos zuſchaut, wie's kommt. Aber es ging nicht, Sie müſſen ſelbſt einſehen, Gneiſenau, es ging nicht, ich konnt' nicht da wie'ne Vogel⸗ ſcheuche halten, während mein alter Adjutant, der Katzler, mit den Huſaren vorwärts ſtürmte, ich mußte mit, und hätt' ich gewußt, daß es mir das Leben koſten ſollt'! Sie werden mir aber den Gefallen thun, Gneiſenau, und werden es der Male nicht verrathen. Wenn ich auch ſchweige, Excellenz, ſo wird die Generalin es ja doch erfahren. Sie glauben, daß der Hennemann es ihr ſagt? fragte Blücher faſt erſchrocken. Ja, freilich, ſie hat dem Pipenmeiſter anbefohlen, mich in der Schlacht nicht aus den Augen zu verlieren, immer dicht bei mir zu bleiben mit der Pfeife. Na, der Kerl hat Wort gehalten, er war immer dicht bei mir mit dem Stummel, aber er wird nun auch Wort halten, was er meiner Frau verſprochen hat, und wird ihr Alles er⸗ zählen. Ja, ja, der Pipenmeiſter wird es ihr erzählen, daß ich mit⸗ gekämpft habe. Ja, rief Gneiſenau lächelnd, der Pipenmeiſter wird's der Gene⸗ ralin und der Weltgeſchichte verrathen, daß der Blücher in der Schlacht an der Katzbach gekämpft und geſtritten hat wie ein junger Burſche von zwanzig Jahren. Wenn der Pipenmeiſter nicht wär', ſo würde die Weltgeſchichte es am Ende gar nicht erfahren! Gneiſenau, Sie ſind ein rechter Weißſchnabel, rief Blücher, ſich den Bart ſtreichend. Na, jetzt beſorgen Sie gefälligſt die Depeſchen, und dann wollen wir'mal verſuchen, ein bischen zu ſchlafen. Wir müſſen uns ein wenig ſtärken, denn morgen geht's wieder los! Immer Thron, denn runter muß er! Ja, ſo wahr es einen Gott im Himmel giebt: runter muß er! drauf, immer vorwärts! Bis der Bonaparte'runter iſt von ſeinem ſche en, wir mer nem mel — III. Die Empörung der Generäle. Napoleon hatte heute, am Morgen des zehnten October, Abſchied genommen von dem König und der Königin von Sachſen, nachdem er in Eilenburg, wohin er ſich mit der königlichen Familie von Sachſen begeben, eine feierliche und begeiſterte Anrede an das ſäch⸗ ſiſche Truppencorps gehalten, das ſein treuer Bundesgenoſſe, der Kö⸗ nig Friedrich Auguſt, ihm zugeführt, und das jetzt, mit den Franzoſen vereint, gegen die Feinde Napoleons kämpfen ſollte. Dann hatte er den Wagen beſtiegen, und war nach Düben gefahren, wohin ſein ganzer Generalſtab, der ganze Artilleriepark und alle Equipagen ihm nachfolgten. Finſter und wortkarg hatte ſich der Kaiſer, im Schloß von Düben angekommen, in ſeine Zimmer zurückgezogen und die Karten vor ſich ausgebreitet, deren bunte Nadeln die verſchiedenen Stellungen der Verbündeten und ſeiner eigenen Armee bezeichneten. Sie ſind mir dreifach überlegen, murmelte er, indem er, über die Karten geneigt, die Nadeln betrachtete. Ständen lauter ſo entſchloſſene und thatenſchnelle Heerführer an ihrer Spitze, wie der General Blücher einer iſt, ſo wäre ich verloren. Sie würden mich dann umzingeln, würden die Entſcheidung auf eine große Schlacht ſetzen, und würden in dieſer Schlacht mich und mein Heer mit ihren Rieſenmaſſen er— drücken. Aber zum guten Glück für mich herrſcht keine Einigkeit unter den Verbündeten; ſie werden ihre Kräfte zerſplittern, ſie werden ſich hier, ſie werden ſich dort aufſtellen, und während deß werde ich in ge⸗ ſchloſſenen Reihen nach Berlin marſchiren, die Stadt nehmen, dort ausruhen, und dann mit neuer Kraft ſie Einen nach dem Andern an⸗ greifen. Ach, es wird mir gelingen, ich werde ſie bezwingen, ich— Es ward leiſe an die Thür geklopft, und ſein Kammerdiener Con⸗ ſtant trat herein. Sire, ſagte er, der Marſchall Marmont und die Herren vom 68 Generalſtab befinden ſich im Empfangsſaal und erſuchen Ew. Majeſtät um die gnädige Bewilligung einer Audienz. Ueber des Kaiſers Antlitz flog ein Ausdruck der Befremdung, und einen Moment ſchien er zu zaudern, dann neigte er leiſe das Haupt und ſagte ruhig: Oeffne! Ich bewillige ihnen die Audienz! Conſtant öffnete die beiden Flügel der Thür, und man ſah da in dem Saal den Marſchall und die Generäle in dichten Gruppen bei⸗ ſammen. Ihre Geſichter waren bleich, ihre Mienen düſter, ihre ganze Haltung hatte etwas zugleich Feierliches und Gezwungenes. Als Na⸗ poleon auf der Schwelle der Thür erſchien, ſchob ſich die Gruppe aus⸗ einander, und ſie ſtellten ſich ſchweigend und geräuſchlos, dem Kaiſer gegenüber, an der Seite des Saals auf, in Verlegenheit, wie es ſchien, ob ſie oder der Kaiſer das erſte Wort zu ſprechen hätten. Napoleon näherte ſich ihnen einige Schritte, ſein flammender Adler⸗ blick flog wie mit einem Blitzſtrahl an allen dieſen Geſichtern vorüber, und zum erſten Mal ſchienen ſeine Generäle, die Gefährten ſo vieler Jahre und ſo vieler Schlachten, den Blick des Kaiſers nicht ertragen zu können, ſondern ſchlugen vor ihm die Augen zu Boden. Der Kaiſer ſah dies, und ein bitteres Lächeln flatterte über ſein Angeſicht hin. Marmont, rief er mit ſeiner tönenden Stimme, Marmont, was wollen Sie Alle? Reden Siel Sire, ſagte der Marſchall feierlich, wir wollen uns erlauben, an Ew. Majeſtät eine Frage und eine Bitte zu richten. Zuerſt die Frage, alſo! Sire, wir erlauben uns zu fragen, ob Ew. Majeſtät wirklich ge⸗ willt ſind, mit dem Heer über rie Elbe zu gehen, und den Kampf dort am rechten Ufer der Elbe wieder zu beginnen? Sie fragen bündig und kurz, ſagte Napoleon ſtolz. Ich hätte nicht nöthig, Sie zu hören, aber ich will es! Ich will Ihre Frage be⸗ antworten, nicht weil ich muß, ſondern weil es mir ſo beliebt. Ja, meine Herren, ich will mit dem ganzen Heer auf das rechte Ufer der Elbe gehen, um die Mark und Berlin zu erobern, dann wieder Front zu machen gegen die Elbe, und Magdeburg zum Stützpunkt meiner 485 weitern Unternehmungen zu wählen.*) Dies iſt mein Plan, und Sie, ſtit meine Herren, werden Ihrer Pflicht gemäß mir helfen, ihn auszuführen. — Ich habe Ihre Frage beantwortet. Jetzt laſſen Sie mich Ihre upt Bitte hören! Sire, ſagte Marmont nach einem kurzen Schweigen, Sire, jetzt, da wir Ihre gnädige Antwort vernommen, jetzt wage ich es, unſere bei⸗ Bitte auszuſprechen, eine Bitte, welche nicht blos die unſere iſt, ſon⸗ dern die Bitte aller Officiere, die Bitte des ganzen Heeres, die Bitte a⸗ von ganz Frankreich. Sire, wir bitten Sie, Sire, wir beſchwören us⸗ Sie, geben Sie dieſen kühnen Kriegsplan auf, wollen Sie nicht ver⸗ iſer geblich das Blut Tauſender vergießen. Die Uebermacht iſt zu groß, nicht blos an Zahl, ſondern auch an Kampfbegierde. Der Feind kämpft gegen uns mit dem Fanatismus des Haſſes, und ſeine drei⸗ 7 ler⸗ fache Ueberlegenheit ſcheint ihm den Sieg zu ſichern. Unſere Armee 6 aber iſt endlich erſchöpft und kampfesmüde, und das Bewußtſein eines. eler Krieges, der aller Wahrſcheinlichkeit nach keinen Erfolg und keinen gen Sieg erwarten läßt, lähmt neben der phyſiſchen auch die moraliſche Kraft. Sire, im Namen unſerer Aller, im Namen Frankreichs, be⸗ ſcn ſchwören wir Sie: machen Sie Frieden! Laſſen Sie uns an den Rhein 3 zurückkehren! Laſſen Sie uns endlich ausruhen von jahrelangen Kriegen! Oh, Sire, geben Sie uns den Frieden!. was. Oh, Sire, geben Sie uns den Frieden! wiederholten in vollem, feierlichem Chor die Generäle. Des Kaiſers flammendes Auge S5 eins nach dem andern, die Geſichter aller dieſer Verwegenen, die es wagten, ihm zu trotzen, und die ihm in dieſer Stunde in einer Art offener Empörung gegen⸗ g. über ſtanden. Ein Ausdruck des Zornes blitzte einen Moment in ſei⸗ nen Mienen auf, verſchwand aber ſofort wieder, und ſeine Züge nah⸗ men wieder ihren undurchvringlichen, ſteinernen Ausdruck an. Sie ſind alſo gekommen, um mit mir Kriegsrath zu halten, ſagte er. Ich habe Sie zwar nicht gerufen, aber meinetwegen, halten wir Kriegsrath! Es iſt alſo Ihre einſtimmige Meinung, daß wir an den der 34 ſunt int *) Beitzke. II. S. 491. 486 Rhein, und von da nach Frankreich zurückkehren, jede Schlacht ver⸗ meiden und Frieden machen ſollen? Sire, wir beſchwören Ew. Majeſtät, diesmal Ihr Feldherrngenie unter dem Mantel Ihres Kaiſerthums zu erſticken, rief der Marſchall. Sobald der Feldherr ſchweigt, wird der Kaiſer erkennen, daß ſein Volk, daß ſein Land der Ruhe und des Friedens bedarf. Sire, Frank⸗ reich hat ſeinen Reichthum, ſeine Kraft, ſeine Jugend und ſein Blut hingegeben für zwanzig Jahre der Siege und der Lorbeern, und es hat dies freudig gethan. Jetzt aber iſt ſein Reichthum erſchöpft, ſeine Kraft und ſeine Jugend ausgeſogen, denn es giebt in Frankreich keine Männer und keine Jünglinge mehr, ſondern nur noch Greiſe, Inva⸗ liden und Kinder; die Männer und Jünglinge liegen auf den Schlacht⸗ feldern, die Knaben, die man in Ermangelung der Jünglinge zu Sol⸗ daten gemacht, bilden das junge Heer Eurer Majeſtät. Sire, es iſt das letzte Blut, welches Frankreich zu opfern hat, ſchonen Sie deſ⸗ ſelben. Der Feind iſt uns dreifach überlegen, und ſelbſt das Feld⸗ herrngenie Eurer Majeſtät wird in dieſem ungleichen Kampfe keine Siege gewinnen können. Geben Sie alſo der Vernunft, der Noth⸗ wendigkeit und unſerer Bitte Gehör: machen Sie Frieden, Sire, laſſen Sie uns heimkehren nach Frankreich! Wieder flog ein Blitz des Zornes über Napoleons hin, aber wieder unterdrückte er ihn. Sie glauben alſo, daß es nur von mir abhängt, Frieden zu machen? fragte er mit ruhiger Stimme. Sie meinen, wir würden keine Hinderniſſe auf unſerem Wege finden, wenn wir jetzt nach Frank⸗ reich zurückkehren wollten? Man würde uns die Wege offen laſſen, und zufrieden ſein, uns Deutſchland verlaſſen zu ſehen? Dies iſt aber ein großer Irrthum, meine Herren! Ich kann keinen Frieden mehr machen, denn die Verbündeten würden ihn nicht annehmen. Die Ver⸗ bündeten kennen ihre Stärke, und ſie wollen den Krieg.— Sie ſagen, ihre Heere ſeien meiner Armee um das Dreifache überlegen, und des⸗ halb könnten wir nicht ſiegen? Ich könnte Ihnen darauf erwiedern, was eines Tages der große Condé ſeinen Generälen antwortete, als es ſich darum handelte, das überlegene ſpaniſche Heer anzugreifen: 487 „Mit den kleinen Heeren gewinnt man die großen Schlachten.“ Und am anderen Tage gewann er die Schlacht von Lons. Ja, meine Herren, der Sieger von Rocroy und von Lons hat echt, mit den kleinen Heeren gewinnt man die großen Schlacht n, nur muß man ſeine Dispoſitionen richtig wählen und die Kräfte r Gegner zer⸗ ſplittern, ſtatt ihnen Gelegenheit zu geben, ſich auf einem Punkt zu concentriren. Es iſt deshalb für mich die Hauptſache, die Elblinie zu halten, denn mit dieſer beſitze ich alle feſten Punkte von Böhmen, und es liegen außerdem die Feſtungen Küſtrin, Stettin und Glogau in ihrer Nähe. Muß ich die Elbe verlaſſen, ſo gebe ich damit ganz Deutſchland bis zum Rhein auf, nebſt allen Feſtungen mit ihrem auf⸗ gehäuften Kriegsmaterial. Das hieße uns ſchwächen und den Feind ſtärken, denn er würde in den Feſtungen unſer Erbe ſein. Der Feind ſteht jetzt auf dem linken Ufer, ich will alſo auf das rechte Elbufer gehen, denn dort kann ich ohne Hinderniſſe mein ganzes Heer entwickeln, auch mit Davouſt in Hamburg, mit St. Cyr in Dresden vereinigen. Wir werden Berlin mit Leichtigkeit in unſere Gewalt be⸗ kommen, Glogau, Stettin und Küſtrin entſetzen, und uns zu Herren der Situation machen. Preußen, der Heerd dieſer Aufregung und Re⸗ volution, wird von mir gebändigt und erdrückt werden. Das wird den Muth der Anderen dämpfen, und ſie werden wieder zurückweichen, wie ſie es ſchon ſo oft gethan, ſie werden uneins werden in ihren Plänen, und dann werde ich gewonnen haben. Denn die Stärke der Verbündeten beruht hauptſächlich darin, daß ſie jetzt in Eintracht und Uebereinſtimmung handeln. Bringen wir ſie alſo in Uneinigkeit, geben wir ihren Sonderintereſſen Nahrung, und wir haben Alles gewonnen. Wenn die Preußen ihr Land bedroht ſehen, werden ſie ihm zu Hülfe eilen wollen, die Ruſſen, die Schweden und die Oeſterreicher werden keine Urſache ſehen wollen, um Preußens willen ihre Kriegspläne um⸗ zuändern und neu zu geſtalten, und der Unfriede wird ſie am Han⸗ deln hindern. Wenn Deutſchland jemals einig geweſen wäre und aus einem Willen gehandelt hätte, ſo würde ich ihm niemals auch nur ein Dorf, eine Feſtung haben abnehmen können. Zum Glück aber handeln die Deutſchen niemals in Uebereinſtimmung, und wo zehn 488 4 Deutice ſich verſammeln, da ſind auch zehn Sonderintereſſen, die ſich in den Haaren liegen, und dies allein hat mir Deutſchland in die Hände gelief enutzen wir alſo dieſe Eigenthümlichkeit der Deut⸗ ſchen, regen w e Sonderintereſſen auf, und damit haben wir ſchon eine Schlacht onnen. Wir gehen alſo auf das rechte Elbufer, machen Berlin zu unſerem Mittelpunkt, lehnen unſeren linken Flügel an Dresden, unſeren rechten an Magdeburg, und nehmen unſere Front gegen Weſten. Auf jeden Fall ſind damit alle Umſtände verändert, das ganze Kriegstheater umgekehrt, und es wird dann meine Auf⸗ gabe ſein, den Verbündeten meine Kriegspläne aufzudrängen.*) Eine Aufgabe, die dem Genie Ew. Majeſtät, das allen Feld⸗ herren der Verbündeten ſo überlegen iſt, ſehr leicht werden würde, ſagte der Marſchall; aber doch iſt dieſer ganze Plan, ſo wundervoll er iſt, von allzu großer Kühnheit. Gehen wir auf das rechte Ufer der Elbe, ſo geben wir damit zuerſt alle Verbindung mit Frankreich auf; es gewinnt den Anſchein, als ob die Verbündeten uns durch künſtliche Manveuvres zurückgedrängt und von Frankreich abgeſchnitten hätten, und als gingen wir dem unvermeivlichen Verderben entgegen. Zudem, Ew. Majeſtät vergeben mir dieſe Bemerkung, zudem iſt auf die Beihülfe unſerer deutſchen Hülfstruppen nicht mehr zu rechnen. Sie werden uns im Stiche laſſen, gerade, wenn wir ihrer am meiſten bedürfen. Selbſt Bayern iſt kein zuverläſſiger Bundesgenoſſe mehr, denn man weiß ja, daß es, trotz aller von Ew. Majeſtät empfangenen Wohl⸗ thaten, ſchon im Begriff iſt, ſich mit Oeſterreich zu verbünden. Sire, Ew. Majeſtät ſagten vorher, daß Sie auf die Uneinigkeit der Deut⸗ ſchen rechneten, aber dieſe Uneinigkeit beſteht in dieſem Augenblick nicht mehr, oder vielmehr, ſie beſteht vielleicht nur noch unter den Fürſten; doch dieſe ſind es nicht allein mehr, die wir zu bekämpfen haben, ſon⸗ dern der Geiſt Deutſchlands. Der Geiſt des ganzen Deutſchlands iſt wider uns aufgeſtanden, und zum erſten Mal iſt das ganze Volk einig, — einig im Haß und im Zorn. Sire, dieſer wider uns aufgeſtandene *) Beitzke. II. S. 492. — — — 489 Geiſt des Volkes iſt mächtiger, als alles Fürſtenwollen und alle Heere, denn er bezwingt die Fürſten, und ruft aus dem Boden des Vater⸗ landes immer neue Heere hervor, zur Vertheidigung ſeiner heiligen Erde. Sire, dieſe Armeen, welche der wider uns aufgeſtandene Geiſt des deutſchen Volkes gegen uns in das Feld führt, die werden wir nicht bezwingen können mit unſerer Armee, die zur Hälfte zuſammen⸗ geſetzt iſt aus Soldaten, die erſchöpft ſind von langjährigen Kriegs⸗ ſtrapazen, die ſich nach Ruhe und Frieden ſehnen, und zur anderen Hälfte aus den jungen Conſcribirten, die den Krieg nicht kennen und den ungewohnten Strapazen erliegen werden. Deshalb alſo, Sire, wage ich, meine Bitte zu erneuern, und Ew. Majeſtät zu beſchwören: Geben Sie Ihren Plan auf Berlin auf! Laſſen Sie uns nicht auf das rechte Elbufer gehen, ſondern dem Rhein zu marſchiren! Iſt dies auch Ihre Meinung, meine Herren? fragte Napoleon, ſich an die Generäle wendend. Bleiben Sie, trotzdem ich mich herbei⸗ gelaſſen, Ihnen ganz genau meinen Plan und die Gründe deſſelben zu detailliren, bleiben Sie dennoch bei Ihrer Anſicht, daß es beſſer wäre, nicht nach Berlin, nicht auf das rechte Elbufer zu gehen, ſondern uns nach dem Rhein hin zu wenden? Ja, riefen die Generäle wie aus einem Munde, ja, wir bleiben bei unſerer Anſicht, daß es beſſer iſt, nicht nach Berlin und auf das rechte Elbufer zu gehen, ſondern daß wir nach dem Rhein und nach Frankreich zurückkehren wollen! Napoleon trat einen Schritt zurück und ſein Geſicht überzog ſich mit einer tödtlichen Bläſſe. Aber ſeine Miene blieb unverändert kalt und ruhig, ſeine Haltung ſtolz und ehrfurchtgebietend. Mein Plan iſt reiflich erwogen, ſagte er nach einer Pauſe, ich habe ſogar unter allen, den franzöſiſchen Intereſſen ungünſtigen Er⸗ lebniſſen uuch den Abfall Bayerns in Rechnung gebracht. Ich habe die Ueberzeugung, daß die Combination, auf Berlin zu marſchiren, gut iſt. Eine rückgängige Bewegung in der Lage, in welche wir uns ver⸗ ſetzt finden, iſt eine unheilvolle Maßregel, und Diejenigen, welche meine Pläne mißbilligen, laden eine ſchwere Verantwortlichkeit auf ſich. . i 490 Ich werde indeß überlegen und Ihnen meinen letzten gefaßten Be⸗ ſchluß mittheilen.*) Er grüßte die Generäle mit einem kurzen Kopfnicken und zog ſich wieder in ſein Kabinet zurück. Mit finſteren Blicken ſchauten die Generäle einander an, als die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen hatte. Was werden wir nun thun? fragten ſie untereinander. Wir werden warten und wir werden nicht nachgeben! murmelten die Entſchloſſenſten von ihnen, und dann wiederholten ſie Alle: Wir werden warten und wir werden nicht nachgeben! Mit finſteren Blicken ſchaute Napoleon, in ſein Kabinet zurück⸗ gekehrt, nach der Thür, hinter welcher ſeine aufrühreriſchen Generäle ſich befanden. Er fühlte, daß jetzt eine neue Macht gegen ihn in das Feld gerückt ſei, eine Macht, die ihm gefährlicher werden konnte, wie alle übrigen Mächte! Dieſe Macht, das war die Empörung und die Unzufriedenheit ſeiner Generäle! Der Kaiſer hatte ſehr wohl den letzten Ruf ſeiner Generäle ver⸗ nommen. Sie hatten nicht geſagt: Wir bleiben bei unſerer Anſicht, daß wir zurückzukehren wünſchen, ſondern ſie hatten geſagt, daß wir nach Frankreich zurückkehren wollen. Seine Generäle wagten es alſo, einen Willen zu haben, und dieſer Wille war dem ihres Feldherrn und ihres Kaiſers entgegen. Sie wuß⸗ ten das, und es ſchreckte ſie nicht! Ach, die Unglücklichen, murmelte er vor ſich hin, ſie ſind alſo blind! Sie wollen nicht ſehen, daß wir in unſer Verderben rennen. Sie zwingen mich zur Rückkehr, wie einſt die Generäle des Alexander auch dieſen zur Rückkehr zwangen. Wehe über uns! Jetzt ſind wir verloren! Er ſank auf den Divan nieder, und jetzt, da Niemand ihn ſehen, ihn beobachten konnte, jetzt ſank die eherne Hülle von ſeinem Ange⸗ ſicht, jetzt fiel der Kaiſermantel von ſeiner zuſammengekauerten Geſtalt, und es war nur ein armer, ſchmerzbeladener, ſchwacher Menſch, der *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fain, Manuscrit de 1813. J. e⸗ 491 da mit bleichem, zuckendem Antlitz in der Ecke des Divans lehnte und mit trüben, verzweiflungsvollen Blicken vor ſich hinſtarrte. Stunde nach Stunde verging. Der Kaiſer ſaß noch immer in der Ecke des Divans, bewegungslos, ſtarr; nur die ſchweren Seufzer, die zuweilen ſeine Bruſt hoben, nur das Zucken ſeiner Augenlider verriethen, daß noch Leben in dieſer ehernen Statue der Verzweiflung wohne. Der Hofmarſchall trat ein und meldete, daß ſervirt ſei. Der Kaiſer winkte ihm mit der Hand, hinaus zu gehen, und ſeine Marſchälle und Generäle erwarteten ihn vergeblich an der Mittagstafel. Sie ſchaueten einander an mit düſteren, fragenden Mienen und murmelten: Er beſinnt ſich! Wir werden warten, aber wir werden nicht nachgeben! 6 Zur täglich feſtgeſetzten Stunde des Nachmittags traten des Kai⸗ ſers beide Geographen, der Obriſt Bacler d'Alba und der Obriſt Du⸗ clay, in das Kabinet des Kaiſers. Sie rollten, wie ſie das gewohnt waren, den mit Landkarten und Plänen bedeckten Tiſch vor den Kaiſer hin und nahmen dann ſelber Platz vor dem anderen Tiſch, der dort drüben in der Ecke und gleichfalls mit Landkarten und Plänen bedeckt war. Sie erwarteten, daß der Kaiſer, wie immer, ihnen ſeine Mitthei⸗ lungen mache, mit ihnen ſeine Pläne beſpreche und discutire. Aber der Kaiſer ſchwieg; doch nahm er einen großen Bogen weißes Papier, ergriff die Feder und begann zu ſchreiben. Was ſchrieb der Kaiſer? Die Geographen vermochten es nicht zu ſehen, ſie ſaßen mit der Feder in der Hand und warteten. Aber der Kaiſer ſchwieg noch immer. Eine Stunde nach der an⸗ deren verging, tiefe Stille herrſchte rings umher; von dem triumphi⸗ renden, freudigen, ſtolzen Leben, das ſonſt den ſiegreichen Kaiſer zu umgeben pflegte, war kein Ton zu hören in dem traurigen Schloß von Düben. Die Vorzimmer waren leer, in dem Audienzſaal blieben die Generäle den ganzen Tag beiſammen und blickten mit trotzigen, düſtern Geſichtern nach der Thür des kaiſerlichen Kabinets hin. Aber dieſe Thür öffnete ſich nicht. Drinnen in dem Kabinet ſaß 492 der Kaiſer noch immer auf ſeinem Divan, zuweilen ſich in die Ecke zurücklehnend und düſter vor ſich hinſtarrend, dann wieder ſich über den Kartentiſch neigend und langſam und bedächtig ſchreibend. Ihm gegenüber ſaßen die beiden Geographen, traurig ſchweigend, immer die Mittheilungen des Kaiſers erwartend.*) Aber dieſe Mittheilungen kamen nicht. Der Kaiſer blieb ſtumm. Er ſchrieb, ſtarrte in die Luft, ſank in den Divan zurück, ächzte, rich⸗ tete ſich wieder empor und ſchrieb weiter. Dieſe Unthätigkeit, dieſes Schweigen hatte etwas Schauerliches, Schreckenerregendes, das ſelbſt die Generäle ängſtigte, als die endlich mit einer raſchen Handbewegung und einem gebieteriſchen:„Gehen Sie!“ entlaſſenen Geographen in den Saal eintraten und ihnen von dieſem ungewohnten Benehmen des Kaiſers erzählten. Aber der Kaiſer hatte doch mindeſtens geſchrieben, es kam Alles darauf an, zu wiſſen, was er geſchrieben hatte. Man mußte dies erfahren, man mußte wiſſen, ob es Briefe oder Pläne waren, die der Kaiſer auf das Papier gew er, und womit er den ganzen Tag beſchäftigt geweſen. Wir wollen mit Conſtant, dem vertrauten merdiener des Kai⸗ ſers, ſprechen, flüſterten die Generäle untereinander. Er allein kommt heute noch in das Kabinet des Kaiſers; er hat ſcharfe Augen, und er wird ſehen können, ob der Kaiſer geſchrieben oder gezeichnet hat. Sprechen wir mit Conſtant! Sie ſprachen mit Conſtant, und dieſer ließ ſich willig finden, zu gelegener Stunde einen flüchtigen Blick auf den Schreibtiſch des Kai⸗ ſers zu werfen. Die Generäle blieben alſo in dem Audienzſaal und warteten. Eine Stunde war vergangen, da trat Conſtant bleich und traurig in den Saal, ein großes, zerknittertes Blatt Papier in der Hand haltend. Der Kaiſer hat ſich zur Ruhe begeben, flüſterte Conſtant. Er rief nach mir, und wie ich in das Kabinet eintrat, ſaß er noch immer . *) Odeleben. Der Feldzug in Sachſen im Jahr 1813. II. p. 263. 493 auf dem Divan vor dem Landkartentiſch und ſchrieb. Auf einmal warf er die Feder hin und ergriff das Papier, ballte es in ſeiner Fauſt zu⸗ ſammen und ſchleuderte es zur Erde nieder. Ich habe es aufgehoben und darf es Ihnen mittheilen, denn es enthält keine Geheimniſſe. Die Hände aller Generäle ſtreckten ſich nach dem Papier hin. Conſtant reichte es dem Marſchall Marmont dar. Sofort umringten ihn die Generäle, die flammenden Blicke auf das Papier gerichtet. Dieſes Papier enthielt nichts, als große Fracturbuchſtaben, in künſtlichen Verſchnörkelungen ineinandergefügt.*) Die Generäle ſchauten einander an mit zweifelnden, erſtaunten Mienen. Dieſe Fracturbuchſtaben, dieſe Arbeit eines Kindes, das war die einzige Tagesarbeit des großen, thatenreichen Kaiſers! Es lag etwas Unheimliches, Grauenvolles in dieſen großen, ſo mühſam und geſchnörkelt hingezeichneten Buchſtaben; eine ganze Ge⸗ ſchichte voll heimlicher Verzweiflung, unterdrückter Schmerzensthränen, verſchwiegener Verwünſchungen ſprach aus dieſen Lettern, aus dieſem zerknitterten Blatt Papier. Die Generäle waren bleich und traurig geworden; ſie hatten ein Gefühl, als ob der Sturmvogel nahenden Unheils über ihnen ſchwebe, als ob das Schickſal eben ihnen ſeine Runenſchrift geſandt in dem von dem Kaiſer beſchriebenen Papier, eine Runenſchrift, die ſie nicht zu entziffern verſtanden. Schweigend verließen ſie den Saal, aber indem ſie es thaten, flüſterten ſie doch: Wir werden warten, aber wir werden nicht nachgeben! Die Nacht war hereingebrochen. Tiefe Stille lagerte über dem traurigen Schloß von Düben. Der Kaiſer lag auf ſeinem Feldbett, aber ex ſchlief nicht, denn Conſtant, der in dem Kabinet neben dem kaiſerlichen Schlafzimmer ſich befand, hörte ihn oft ſeufzen und Worte des Zornes und des Schmerzes ausrufen. Mitten in der Nacht vernahm er einen lauten, durchdringenden Schrei, und er ſtürzte in das Schlafkabinet. Der Kaiſer lag zuckend, in heftigem Krampfanfall auf ſeinem Lager. Die heftige Kolik, die ihn *) Constant, Mémoires. V. 269. 6 494 ſo oft ſchon heimgeſucht, hatte ihn wieder befallen und die Bläſſe des Todes lagerte auf dem Antlitz des Kaiſers. Conſtant beeilte ſich, die gewöhnlichen beruhigenden Mittel herbei⸗ zuholen. Er rief aber nicht nach dem Arzt, denn er wußte, daß der Kaiſer es nicht liebte, wenn man dieſen Krampfanfällen irgend eine Wichtigkeit beilegte und ſie als Krankheit behandelte. Endlich hatten die Schmerzen den krampfſtillenden Mitteln weichen müſſen. Der Kaiſer hatte den Bitten Conſtant's nachgegeben und den beruhigenden Thee getrunken, den er immer in dieſen böſen Stunden zu nehmen pflegte, und deſſen Wirkſamkeit in ſolchen Fällen die Kaiſerin Joſephine entdeckt hatte. Jetzt ſetzte er die Taſſe auf den Nachttiſch hin und blickte ſtarr und mit einem Ausdruck unendlicher Wehmuth vor ſich hin. Vielleicht erinnerte er ſich eben, wie oft in ſolchen Schmerzensſtunden Joſephinen's Nähe ihn getröſtet, wie ihre kleine Hand den kalten Schweiß von ſeiner Stirn getrocknet, wie ſein müdes Haupt in ihrem Schooß geruht, wie ihr zärtliches Wort ihn getröſtet und erquickt hatte. Vielleicht erinnerte er ſich deſſen, denn mit leiſer, ſchmerzbewegter Stimme flüſterte er: Ach, Joſephine, warum biſt Du nicht bei mir? Du warſt mein guter Engel! Mit Dir iſt mein Stern untergegangen. Dann ließ er ſein Haupt in die Kiſſen zurückſinken und ſchloß die Augen. Vielleicht ſchlief er jetzt wirklich, vielleicht war er eingeſchlafen vor Traurigkeit. In der Frühe des nächſten Morgens rollte ein Wagen in den Schloßhof ein, und der Marſchall Augereau ließ ſich dem Kaiſer melden, der ſich ſchon wieder in ſein Landkartenkabinet begeben hatte Augereau, rief der Kaiſer ſeinem Marſchall entgegen, ringen eine Hiobsnachricht! Sire, nur eine, auf welche Ew. Majeſtät indeß ſchon vorbereitet ſind. Bayern iſt abgefallen und hat ſich den Verbündeten zugeſellt! Der Kaiſer ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt und ſagte leiſe: Es muß alſo ſein! Alles verläßt mich! Ich muß mich fügen!— Augereau, ſagte er dann laut, Bayern iſt abgefallen, aber ſchlimmer noch: meine Generäle ſind auch von mir abgefallen. Sie wollen mir nicht mehr 6 3 495 folgen! Sie kündigen mir den Gehorſam auf, und meine Pläne ſcheinen ihnen zu waghalſig. Sie wollen nicht nach Berlin gehen, ſie wollen Frieden haben! Begreifen Sie, Augereau, Frieden jetzt, wo Alles ſich rüſtet, wo Alles nach Krieg ſchreit, wo der Krieg unvermeidlich iſt, und es nur darauf ankommt, mich mit ſo viel Vortheil, als möglich, aus der Schlinge zu ziehen, in der wir gefangen ſind, wenn die Ver⸗ bündeten ihre Vortheile benutzen und das Netz, das uns umſtellt, zu⸗ ſammenziehen. Sire, und ich glaube, ſie haben den Willen, dies zu thun! rief Augereau. Nur das erhabene Feldherrngenie Ew. Majeſtät vermag uns noch Rettung und Sieg zu erobern! Ein ſchmerzliches Lächeln zuckte um die bleichen Lippen des Kaiſers. Ach, Augereau, ſagte er, wir ſind nicht mehr die Soldaten von Auſterlitz und Jena. Ich habe keine Heerführer mehr, auf deren Gehorſam ich zählen darf. Ich werde meinen Plan aufgeben, ich werde nicht auf das rechte Elbufer gehen, aber damit entſage ich allen Siegen und allen Erfolgen, und es kommt nur noch darauf an, mit Ehren unterzugehen und uns mit möglichſtem Vortheil nur durchzuſchlagen durch Deutſchland nach Frankreich hin. Die Marſchälle und Generäle waren wieder im Audienzſaal ver⸗ ſammelt und blickten in ſtummer, trotziger Erwartung hin nach der Thür des kaiſerlichen Kabinets. Da öffnete ſich die Thür, und der Kaiſer, ernſt, bleich und ruhig wie immer, ſchritt herein, gefolgt von dem Marſchall Augereau. Eine athemloſe Stille trat ein, Aller Blicke waren auf dieſes un⸗ ergründliche Cäſarenantlitz geheftet, auf dieſe wie aus Erz gebildeten Lippen, die jetzt die Zukunft verkünden ſollten. Der Kaiſer ſchritt bis in die Mitte des Saales vor; er hob ſein Haupt höher empor und ließ ſeine düſtern Blicke an der Reihe der Generäle dahin gleiten. Meine Herren, ſagte er mit lauter Stimme, ich habe meinen Plan geändert. Wir werden nicht über das rechte Elbufer gehen, ſondern wir werden uns nach Leipzig wenden und morgen dahin ab⸗ 496 marſchiren. Mögen Diejenigen, welche dieſe Bewegung n haben, es nie bereuen!*) Ein allgemeiner Freudenruf erſchallte, als der Kaiſer jetzt ſchwieg. Die Generäle umringten ihn, um jetzt, da ſie ihr Ziel evreicht, ihm zu danken für ſeine Großmuth, und dann ſchauten ſie einander an mit freuveſtrahlenden Blicken, reichten ſie ſich die Hände und nickten einander zu, und riefen mit vor Freude und Rührung zitternder Stimme: Wir werden unſere Aeltern, unſere Frauen, unſere Kinder, unſere Freunde wieder umarmen!**) Ach, Augereau, ſagte der Kaiſer ſchmerzlich, Sie ſehen wohl, ich konnte nicht anders, ſie haben es ſo gewollt. Sie aber, Augereau, Sie, der Sie meiner Meinung ſind, daß dieſe rückgängige Bewegung ein Unglück für uns iſt, Sie werden für mich zeugen können, wenn die Zukunft mir Recht giebt! Sie werden ſagen, daß das Schickſal mich zwang, einen Weg zu gehen, von dem ich wußte, daß er uns in's Verderben führte!— V. Die Schlacht bei Teipzig. Zwei Tage bereits dauerte der Kampf; am funfzehnten und ſechs⸗ zehnten October hatten die Oeſterreicher, Ruſſen, Preußen und Schweden den Franzoſen zwiſchen Halle und Leipzig in vielfachen Gefechten gegen⸗ über geſtanden. Die Oeſterreicher, oder das böhmiſche Heer, unter ihrem Oberfeldherrn Schwarzenberg, waren zwar am funfzehnten October bei Wachau von den Franzoſen geſchlagen worden, aber die Preußen und Ruſſen hatten am ſechszehnten October unter ihrem Oberfeldherrn Blücher *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Conſtant V. 269. **) Conſtant, Mémoires V. 269. en, hm nit ir ide ich au, ng ſal n bei Möckern einen glänzenden Sieg erobert, und wenn die Schweden unter ihrem Oberfeldherrn Bernadotte auch nicht an dem Kampf Theil genommen und wenn ſie es auch heute wie immer verſtanden, von den Gefahren und der Blutarbeit ſich fern zu halten, ſo hatten ſie es doch auch dies Mal wie immer verſtanden, an den Ehren und dem Sieges⸗ ruhm Theil zu nehmen. Die Franzoſen hatten in dieſen zwei Tagen fortwährender er⸗ bitterter Kämpfe nicht einen einzigen entſcheidenden Sieg errungen, und doch ſtand Napoleon ſelber an der Spitze der Franzoſen, doch war er ſelber es, der die Schlachten leitete! Tauſende ſeiner Soldaten lagen bei Wachau auf blutgetränkter Erde, Tauſende von ihnen hatte die Sichel des Todes bei Möckern darnieder gemäht. Sein Heer ſchmolz mit jeder Stunde mehr zuſammen, das ſeiner Feinde aber ſchien mit jeder Stunde mehr anzuſchwellen. Immer neue Maſſen rückten heran, immer gewaltiger und impoſanter zog der Feind, ſeine Kräfte vereinend, daher, und die letzte große Schlacht der Ent⸗ ſcheidung mußte geſchlagen werden. Es war am Abend des zweiten Tages, am Abend des ſechszehnten Octobers. Napoleon, welcher die Tage vorher ſein Hauptquartier in Reudnitz, eine Meile von Leipzig, gehabt, hatte es für dieſe Nacht auf offenem Felde aufgeſchlagen. Von dem Punkt, auf welchem er ſein Zelt aufgeſchlagen, konnte man die Stadt Leipzig ſehen, und hinter dem⸗ ſelben durchleuchteten die Wachtfeuer der Verbündeten die hereinbrechende Nacht. Auch neben dem Zelt des Kaiſers hatte man ein großes Wacht⸗ feuer angezündet, und neben demſelben auf einem kleinen, mit rothem Maroquin bezogenen Feldſtuhl ſaß Napoleon, den grauen Ueberrock eng zugeknöpft, den dreieckigen Hut tief über die Stirn gezogen, die Arme über der Bruſt ineinandergeſchlagen. Seine Garden, die in weiten Kreiſen rings umher auf der Ebene lagerten, konnten ganz deutlich den von dem Wachtfeuer halb beleuchteten Kaiſer ſehen, und dieſe zu⸗ ſammengebeugte dunkle Geſtalt, das war ihr einziger Hoffnungsſtrahl. Sie ſchauten nicht hin zu den Sternen des Himmels, ſie ſchauten nur hin auf ihren Erdenſtern, er allein konnte ſie leiten und beſchützen, er allein konnte ſie jetzt noch vom Tode erretten, wenn er nicht weiter WMiühlbach, Napoleon. II. Vd. 32 498 kämpfte, wenn er den Feinden anbot, den Frieden anzunehmen, ſelbſt um den theuerſten Preis, ſelbſt um alle Beſitzungen außerhalb Frankreichs! Zwei Geſtalten näherten ſich jetzt dem Wachtfeuer, an welchem Napoleon noch immer in ſeiner gebeugten Haltung mit gekreuzten Armen ſaß und in das Feuer ſtarrte. Erſt als ſie ganz dicht neben ihm ſtanden, gewahrte ſie der Kaiſer und ſchaute empor. Er erkannte die ernſten, verſtörten Geſichter des Marſchalls Berthier und des Grafen Daru. Was wollen Sie? fragte er mit dumpfer, tonloſer Stimme. Sire, ſagte Berthier feierlich, wir kommen als Abgeſandte aller höhern Officiere der Armee, um Ew. Majeſtät unſere demüthigen Bitten vorzutragen. Haben Sie noch etwas zu bitten? fragte Napoleon mit einem ironiſchen Lächeln. Ich denke, ich habe in Düben alle Wünſche meiner Generäle erfüllt, ich habe meinen Plan auf Berlin und auf das rechte Elbufer aufgegeben und bin nach Leipzig marſchirt, um die grade Straße nach Frankreich einzuſchlagen. Sind meine Herren Generäle noch nicht zufrieden? Sire, wer konnte ahnen, daß wir auf dieſem Wege ſämmtlichen Heeresabtheilungen der Verbündeten begegnen würden, ſeufzte der Fürſt von Neufchatel. Selbſt Ew. Majeſtät vermutheten und wußten es nicht! Nein, ich wußte das nicht, rief Napoleon, aber mein guter Stern warnte mich und ließ mich den Plan, nach Berlin zu gehen, entwerfen. Ihr habt meinen Willen beſiegt, was wollt Ihr jetzt noch? Sire, ſagte Berthier faſt ſchüchtern, wir wollen Ew. Majeſtät be⸗ ſchwören, den Verbündeten Waffenſtillſtand und Frieden anzubieten. Unſere Truppen ſind von dieſen Tagen unaufhörlichen Kämpfens bis auf's Aeußerſte erſchöpft, ſie ſind von den ſteten Siegen unſerer Feinde außerdem muthlos geworden. Auch die Generäle theilen die Muth⸗ loſigkeit, um ſo mehr, da wir nicht noch zwei fernere Tage ſolchen Kampfes durchführen können, weil unſere Munition anfängt zu man⸗ geln. Wir haben in dieſen Tagen ſo viele Kugeln und Granaten ver⸗ ſchoſſen, daß uns kaum noch genug übrig bleiben, um den Kampf auf allen Punkten noch einen Tag gleich wirkſam fortzuſetzen. Sire, wenn Abſt ch! hem zten iſer des Mer igen inet chte ade räle chen ürſt chtl tern ſen⸗ ten bis nde th⸗ hen a⸗ vet⸗ auf enn 499 wir ihn aber dennoch fortſetzen, wenn wir beſiegt werden, ſo ſteht un⸗ ſern Feinden der Weg nach Frankreich offen, und Ew. Majeſtät wer⸗ den nicht mehr die Macht haben, die Verbündeten zu verhindern, grades Weges nach Paris zu marſchiren, denn Frankreich hat keine Soldaten mehr zu ſeiner Vertheidigung, wenn die Armee hier zu Grunde geht. Sire, möchten Ew. Majeſtät daher ſich Ihres Landes und Ihres Volkes erbarmen, möchten Sie genug ſein laſſen des Kampfes und den Ver⸗ bündeten Friedensvorſchläge machen! Ja, Sire, rief Daru lebhaft, werden Sie auf's Neue der Wohl⸗ thäter Ihres Volkes und Ihres Landes, bezwingen Sie Ihr edles großes Herz zum Wohl Ihres Volkes und Ihrer Armee, deren letzte Colonnen hier um Sie verſammelt ſind und von Ihren Lippen jetzt Tod oder Leben erwarten. Das ungeheure und unvorhergeſehene Er⸗ eigniß hat uns überraſcht, wir ſind nicht genugſam vorbereitet geweſen! Wir haben keine Ambulancen, keine Hoſpitäler hinter uns, es fehlen uns alle Bedingungen des Sieges, denn wenn der Soldat weiß, daß er nach der Schlacht, falls er verwundet oder krank wird, ein gutes Bett, Pflege und Hülfe findet, ſo geht er mit vollkommener ruhiger Sicherheit in die Schlacht. Aber dieſe Bedingungen des Sieges fehlen uns hier. Ew. Majeſtät weiß wohl, daß dies nicht meine Schuld iſt, aber es bleibt doch immer wahr, daß es ſo iſt und daß wir Mangel leiden an Allem. Ew. Majeſtät werden daher die Gnade haben müſſen, einen Entſchluß zu faſſen, der peinlich und beklagenswerth iſt, aber von den Umſtänden zur dringenden Nothwendigkeit gemacht wird. Napoleon hatte den beiden Herren mit vollkommener Ruhe und Aufmerkſamkeit zugehört, jetzt, als Graf Daru ſchwieg, ließ er ſeine Augen mit einem langen ſpöttiſchen Blick erſt auf Darn, dann auf Berthier ruhen. Haben Sie mir noch etwas zu ſagen? fragte er dann. Die beiden Herren verbeugten ſich ſchweigend. Nun denn, ſagte Napoleon, aufſtehend und die Arme ineinander geſchlagen ſich grade und ſtolz aufrichtend, ſo will ich Ihnen Beiden antworten! Berthier, Sie wiſſen, daß Ihre Meinung in dieſen Dingen für mich nicht ſo viel Werth hat als ein Strohhalm, Sie können ſich 326 4 500 alſo die Mühe ſparen, zu reden! Was Sie anbetrifft, Graf Daru, ſo iſt es Ihre Aufgabe, die Feder und nicht das Schwert zu führen, Sie ſind daher untauglich, in dieſer Sache ein Urtheil abzugeben. Was zuletzt Diejenigen anbetrifft, die mit Ihnen Einer Meinung und deren Abgeſandte Sie ſind, ſo ſagen Sie ihnen als Antwort nur dies:„Sie ſollen gehorchen!“ Das iſt meine Antwort.*) Er wandte ihnen den Rücken und begab ſich in ſein Zelt. Conſtant und Rouſtan hatten ſich bemüht, demſelben ein möglichſt behagliches und elegantes Ausſehen zu geben. Ein ſchöner türkiſcher Teppich be deckte den Fußboden. Auf dem Tiſch in der Mitte des Raumes waren auf ſilbernen Tellern und Schüſſeln einige kalte Speiſen zum des Kaiſers aufgeſtellt. Auf einem andern Tiſch ſtand ein Schreibzeug, lagen Papiere, Bücher und Karten, und in einer durch und Draperien gebildeten Niſche befand ſich das Feld⸗ bett des Kaiſers. Napoleon athmete auf, und der Anblick dieſes kleinen behaglichen Raumes, die Stille, die ihn umgab, ſchien ihm wohlzuthun, die Ein⸗ ſamkeit erlaubte ihm, die Maske von ſeinem Antlitz fallen zu laſſen und den traurigen und ſchmerzvollen Gedanken, die ſeine Seele be⸗ wegten, zu geſtatten, ſich in ſeinen Mienen wiederzuſpiegeln. Mit einem Seufzer, der mehr einem tiefen Stöhnen glich, ſank er auf den Lehnſeſſel nieder, der vor dem Schreibtiſch ſtand, und legte ſeinen Armen auf den Tiſch, ſo daß ſeine Hand ſchlaff und kraftlos von demſelben niederhing. Sie wollen mich zu Boden drücken, murmelte er, ſie wollen den Rieſen in einen Pygmäen verwandeln, weil ſie die Kraft des Rieſen allzuſehr fürchten, und weil er ihnen minder gefährlich ſcheint, wenn ſie ihm die Glieder verkürzen. Ihre Furcht hat aus dieſen Verbündeten endlich Tapfere gemacht, und ſie haben ſich entſchloſſen, mich auf das Bett des Prokruſtes zu legen und mich zu einem gewöhnlichen Menſchen, wie ſie ſelber es ſind, zu verkleinern. Werde ich denn ſtill halten müſſen? *) Napoleons eigene Worte. Siebe: Mémoires de la Duchesse d'Abrantès. Vol. XVI. S. 386. aru, ren, Pas eren Sie ſtant iches be⸗ mes zum ſtand einer Feld⸗ ichen Ein⸗ laſſen e be⸗ mk er legte aftlo nden Rieſen wenn ndeten f das ſchen, üſen rantes⸗ 501 Werde ich mir die Glieder müſſen abſchlagen laſſen, um nur mit dem Leben davon zu kommen? Er ſchwieg und ſtarr vor ſich hinblickend verſank er immer tiefer in ſich ſelbſt. Plötzlich ward die Stille um ihn her durch das Geräuſch heran⸗ nahender Schritte unterbrochen. Der Vorhang des Zeltes ward zurück⸗ geſchlagen und einer der Adjutanten des Kaiſers erſchien in dem Eingang. Sire, ſagte er, der öſterreichiſche General Meerfeldt, der von den Truppen Ew. Majeſtät bei Wachau zum Gefangenen gemacht worden, iſt ſo eben unter Bedeckung angelangt und erwartet hier außen vor dem Zelt die Befehle des Kaiſers. Der Kaiſer ſtand auf, raſcher wie er es ſonſt zu thun pflegte. Das Schickſal giebt mir eine Antwort auf meine Fragen und Zweifel, ſagte er zu ſich ſelber, indem er haſtig einige Male in ſeinem Zelt auf und ab ging. Ich ſuchte nach einem Ausweg und das Schickſal ſendet mir einen Vermittler zwiſchen mir und meinen Feinden. Oh, es iſt alſo noch nicht Alles verloren, denn wie es ſcheint, iſt das Schickſal noch mein Bundesgenoſſe! Er wandte ſich mit einer raſchen Kopfbewegung nach dem Adju⸗ tanten hin. Laſſen Sie den General Meerfeldt eintreten, ich will ihn ſprechen! Einige Minuten ſpäter trat der öſterreichiche General in das Zelt ein. Der Kaiſer ging ihm lebhaft einige Schritte entgegen und ſchaute mit einem ſeltſamen triumphirenden Blick in das verlegene und be⸗ klommene Antlitz des Grafen. Ich denke, wir ſind alte Bekannte, ſagte der Kaiſer, denn wenn ich nicht irre, waren Sie es, der im Jahre 1797 den Waffenſtillſtand von Leoben begehrte, und auch beim Frieden von Campo Formio waren Sie thätig und wirkſam. Ja, Sire, ſo iſt es, ich hatte damals das Glück den großen Ge⸗ neral Bonaparte kennen zu lernen, ſagte Graf Meerfeldt ſich tief ver⸗ neigend, er ſtand damals am Anfang einer Laufbahn, die ihn ſeitdem von Sieg zu Sieg, von Triumph zu Triumph geführt und ſein Haupt mit wohlverdienten Kronen und Lorbeern geſchmückt hat! S* „ 502 Ja, ja, Sie waren einer der Mitunterzeichner des Friedens von Campo Formio, rief Napoleon. Aber das war es nicht allein! Waren Sie es nicht, der mir damals im Namen des Kaiſers von Oeſterreich ſo prächtige Geſchenke darbringen wollte? Was war's doch gleich, was Sie mir anzubieten kamen? Sire, ſagte der Graf verlegen, ich hatte Befehl, noch einmal zu wiederholen, was Graf Cobenzl ſchon vergeblich dem General Bona⸗ parte vorgeſchlagen. Ich hatte Befehl, dem General Bonaparte im Namen des Kaiſers ein Fürſtenthum in Deutſchland, einige Millionen baaren Geldes und einen Zug von ſechs Schimmeln anzubieten. Ich ſchlug das Fürſtenthum in Deutſchland aus, weil ich dachte, daß man Fürſtenthümer entweder erben oder erobern, niemals aber ge⸗ ſchenkt nehmen muß, denn wer eine Schenkung annimmt, bleibt immer der moraliſche Vaſall des Geſchenkgebers. Ich ſchlug die Millionen aus, weil ich mich nicht wollte beſtechen laſſen, aber die ſchönen ſechs Schimmel nahm ich an, und mit dieſen ſechs Schimmeln, die mir der Kaiſer von Oeſterreich geſchenkt hatte, der ſich damals noch Kaiſer von Deutſchland nannte, hielt ich meinen Einzug in Deutſchland und kam nach Raſtatt. Es war der erſte Triumphzug Ew. Majeſtät in Deutſchland, und Sie konnten wie Julius Cäſar ſagen: Ich kam, ſah und ſiegte! Seitdem hat ſich Vieles geändert, ſagte der Kaiſer gedankenvoll; aus dem General Bonaparte ward der Kaiſer Napoleon, und dieſer that, was der General Bonaparte ſich geweigert hatte zu thun, er nahm von dem Kaiſer von Oeſterreich ein Geſchenk an, ein Geſchenk, das koſtbarer iſt als alle Fürſtenthümer und alle Millionen, denn es war ein ſchönes junges Weib, die Tochter des Kaiſers von Oeſterreich. Ach, General, Sie ſind mein Gefangener und ich ſollte Ihnen nicht die Freiheit geben, ſondern Sie nach Paris ſchicken, damit Sie dort das Glück genöſſen, der Kaiſerin von Frankreich, der Tochter meines Feindes, die Hand zu küſſen und zu ſehen, ob der kleine blondlockige König von Rom ſeinem Großvater, dem Kaiſer von Oeſterreich, gleicht. Aber nein, ich ſchenke Ihnen die Freiheit, ich mache Sie zu meinem Friedensunterhändler! Sie gehörten zu Denen, mit welchen ich im on ten eich as zu na im nen hte, ner len chs der on am und us at, hm das var ich. icht ort nes lige icht — 503 Namen Frankreichs den erſten Frieden mit Oeſterreich abſchloß; Ihnen trage ich es alſo auch auf, jetzt für mich meinen letzten Frieden mit Oeſterreich zu vermitteln. Meinen letzten, denn ich will keinen Krieg mehr führen, ich bin des ewigen Kämpfens, des ewigen Blutvergießens müde, ich will und verlange nichts weiter, als unter dem Schatten des Friedens zu ruhen. Ich habe lange genug um Lorberrn gekämpft, meine Gedanken haben ſich lange genug nur mit dem Ruhm beſchäftigt, jetzt bin ich damit zu Ende, und mein einziger Gedanke wird nur noch ſein: das Glück und die dauernde Ruhe Frankreichs zu ſichern. Gehen Sie, ſagen Sie das dem Kaiſer, Ihrem Herrn, ſagen Sie ihm, ich will nichts mehr erobern, ſondern ausruhen. Sagen Sie ihm, daß ich nichts mehr wünſche als den Frieden, und daß ich bereit bin, ihn morgen ſchon abzuſchließen, bevor noch unſere Schwerter ſich wieder gekreuzt, unſere Kanonen wieder gedonnert haben. Sire, bemerkte Graf Meerfeldt verlegen, wenn ich das dem Kaiſer ſage, wird er mich fragen, welche Garantieen für einen dauernden Frieden Ew. Majeſtät ihm bieten? Welche Gebietsabtretungen Ew Majeſtät vorſchlagen? Gebietsabtretungen! rief Bonaparte. Ja, ja, das iſt es! Sie wollen mich machtlos machen, darum allein kämpfen ſie, darum ſind die Ruſſen, die Schweden nach Deutſchland gekommen, darum laſſen ſie ſich Subſidien von England zahlen! Alles nur zu dem Einen Zweck: um mir meine Macht zu entreißen, um die Grenzen Frankreichs ein⸗ zuengen! Aber meint man denn, daß die Ruſſen, die Schweden und Engländer nicht auch entſchädigt werden wollen für geleiſtete Dienſte, und daß ſie dieſe Entſchädigungen ſehr bequem in den Ländern finden wollen, die man mir entreißen will? Was wird Deutſchland dabei gewonnen haben? Es wird Frankreich, ſeinen natürlichen Bundesge⸗ noſſen, ſo machtlos gemacht haben, daß es ihm niemals hülfreich ſein kann, und es wird dafür ſeine drei natürlichen Feinde, Rußland, das heißt die Barbarei, England, das heißt die ausländiſche Induſtrie und den Handel mit fremden Produkten, Schweden, das heißt die Schifffahrt der Nordküſten, in Deutſchland anſäßig gemacht haben. Aber ſie wollen dies Alles lieber thun, als Mich in meiner Macht beſtehen laſſen, weum 504 ich ihnen auch ſage, daß ich nicht mehr kämpfen, ſondern ruhen will. Nicht wahr, ſo iſt es Sire, ſagte Graf Meerfeldt leiſe, vielleicht kennen die verbündeten Souveraine das Wort des Julius Cäſar, welcher ſagte, daß Lorbeern, wenn ſie nicht welken ſollten, immer auf's Neue mit Feindesblut ge⸗ tränkt werden und daß ſie alle Jahre mit Erde von neuen Siegesfeldern geſpeiſt werden müſſen. Da Ew. Majeſtät ein zweiter Cäſar ſind, ſo fürchten die Verbündeten wohl, daß Ew. Majeſtät auch dieſe Maxime des Julius Cäſar theilen. Ja, rief Napoleon, ſie fürchten ſelbſt den Schlaf des Löwen, ſie glauben ihm die Krallen ausreißen und die Nägel abſchneiden zu müſſen. Nun wohl, wenn ſie ihn zu dieſem traurigen Zuſtand gebracht haben, was werden dann die Folgen ſein? Haben die verbündeten Souveraine das wohl bedacht? Gequält von dem gierigen Verlangen, durch einen einzigen Schlag das wieder zu erhalten, was ſie in zwanzig Jahren des Unglücks verloren haben, hegen ſie nur dieſen Gedanken und be⸗ merken nicht, daß während dieſer zwanzig Jahre rings um ſie her ſich Alles verändert hat, daß ſelbſt ihre eigenen Intereſſen ſich verändert haben, daß, was Oeſterreich von jetzt an auf Koſten Frankreichs ge⸗ winnt, es auf der andern Seite verliert. Geben Sie dies Ihrem Souverain zu bedenken, Graf Meerfeldt. Es iſt dringend nothwendig für Oeſterreich, für Preußen und für Frankreich, daß man ein halb⸗ nomadiſches und weſentlich kriegeriſches Volk auf das Ufer der Weichſel beſchränke, denn das ungeheure Reich dieſes Volkes erſtreckt ſich ohne⸗ dies von uns bis China hin! Ich ſehe es übrigens ein, daß ich, um den Frieden zu machen, Opfer bringen muß, und ich bin bereit dazu!*) Eben damit Sie dies dem Kaiſer Franz ſagen, entlaſſe ich Sie Ihrer Gefangenſchaft, und gebe Ihnen die Freiheit, vorausgeſetzt, daß Sie mir Ihr Ehrenwort geben, in dieſem Feldzug nicht mehr gegen Frank⸗ reich die Waffen zu führen. Sire, die Waffen gegen Frankreich zu führen, iſt für mich eine ſo ſchmerzliche Pflicht geweſen, daß ich mit Freuden Ew. Majeſtät mein *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fain, Manuscrit de 1813. 505 Ehrenwort gebe, in dieſem Feldzug nicht mehr die Waffen zu führen, es müßte denn ſein, daß ich es für Frankreich, das heißt für Ew. Ma⸗ jeſtät thun dürfte. Sie werden alſo gehen, und dem Kaiſer Franz meine Vorſchläge machen. Sie werden ihm Folgendes ſagen: ich erbiete mich bis zum Rhein alle Feſtungen in Deutſchland zu räumen, ich willige alſo damit auch in eine Auflöſung des Rheinbundes; ich bin bereit Illyrien und Spanien ihren früheren Souverainen zurückzugeben. Ich gewähre ferner Italien und Holland ſeine Unabhängigkeit. Will England den Seefrieden nicht, ſo kann darüber vermittelt werden, Oeſterreich ſoll der Vermittler ſein.*) Sire, dies ſind ſo großartige und ſegensreiche Verſprechungen, rief Graf Meerfeldt, daß ich fürchte, mein bloßes Wort genügt nicht, um den Kaiſer, meinen Herrn zu überzeugen, daß Ew. Majeſtät wirklich die Abſicht haben, ſo Vieles zu bewilligen. Ich werde Ihnen alſo ein Schreiben an Kaiſer Franz geben, in welchem ich ihm dieſe Vorſchläge mache, ſagte Napoleon raſch. Ja, ich will noch einmal an den Kaiſer ſchreiben. Unſer politiſches Bündniß iſt zerriſſen, aber zwiſchen Ihrem Herrn und mir beſteht noch ein anderes Bündniß, und dies iſt unzerveißbar. Dieſes Bündniß iſt es, welches ich anrufe, denn ich werde immer Vertrauen in die Geſinnungen meines Schwiegervaters ſetzen.**) Er ging zu ſeinem Schreibtiſch hin, und warf mit eiliger Hand einige Zeilen auf das Papier. Dann faltete er es ſelber zuſammen, ſchloß den Brief mit einer Oblate, und ſchrieb die Adreſſe. Hier, ſagte er, wieder dem Grafen ſich nähernd, und ihm den Brief darreichend, hier iſt mein Brief an meinen Schwiegervater. Sie werden ſogleich ſich zu ihm begeben, und ihm dies Schreiben über⸗ reichen. Der Kaiſer wird den andern Souverainen daſſelbe mittheilen, und ſie werden danach ihren Beſchluß faſſen. Sagen Sie dem Kaiſer, daß ich morgen nicht angreifen, daß ich Waffenruhe halten werde, bis *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Fain: Manuserit de 1813. Vol. I. *) Beitzke, II. S. 592. 506 ich ſeine Antwort empfangen habe, daß ich dieſe Antwort aber ſpäteſtens morgen erwarte. Leben Sie wohl, General, und wenn Sie in meinem Namen den beiden Kaiſern von Waffenſtillſtand ſprechen werden, ſo zweifle ich nicht, daß die Stimme, welche an ihr Ohr ſchlägt, für ſie ſehr beredtſam in Erinnerungen ſein wird.*) Es iſt mein letzter Verſuch, ſagte der Kaiſer leiſe vor ſich hin, als Graf Meerfeldt ſein Zelt verlaſſen hatte, ſchlägt auch dieſer Ver⸗ ſuch fehl, ſo bleibt mir nur noch der letzte Kampf auf Leben und Tod übrig, und beim Himmel, ich will ihn dann wenigſtens ruhmvoll zu Ende führen! Die Entſcheidung iſt da, und ich kann ihr nicht mehr ausweichen. So will ich ihr denn mit offenem Auge entgegen treten! Noch ſind meine Lorbeern von Marengo und Auſterlitz nicht verwelkt. Morgen iſt Waffenruhe, und übermorgen Friede, oder Krieg auf Leben und Tod! Am ſiebenzehnten October alſo war Waffenruhe!— Napoleon er⸗ wartete die Antwort ſeines„Schwiegervaters“ auf ſeinen Brief und ſeine Friedensbedingungen. Aber dieſe Antwort kam nicht, man fand es jetzt nicht mehr nöthig gegen Denjenigen die Formen der Höflichkeit zu beobachten, vor dem man noch vor einem Jahr ſich ſo tief gebeugt und ſo oft in den Staub geworfen hatte. Am achtzehnten October alſo begann die Slacht auf's Neue. Der brüllende Donner aus tauſend Kanonenſchlünden war die Antwort der Verbündeten. Napoleon konnte ihnen nur mit dreihundert Feuerſchlünden zurufen, daß er ihre Antwort verſtanden habe. Mehr als dreimalhunderttauſend Kämpfer der Verbündeten er⸗ füllten in ungeheuren Maſſen die Ebene rings um Leipzig. Napoleon hatte kaum hundert und zwanzig tauſend Kämpfer ihnen entgegen zu ſtellen, und ſeine Soldaten waren erſchöpft und ent⸗ muthigt. 3 Aber überall an den Linien ſeiner Soldaten erſchien an dieſem *) Napoleons eigene Worte. Siehe Beitzke, II. S. 592. em Ner der en, ſen nt⸗ 507 Tage der Kaiſer, die Truppen anfeuernd mit ſeinen blitzenden Augen, ſeinem leuchtenden Angeſicht, ſeinem kurzen energiſchen Zuruf. Und dies Antlitz ihres Kaiſers ſchien den Franzoſen neuen Muth, neue Begeiſterung zu verleihen. Sie richteten ſich empor mit dem Heldenmuth früherer Tage, ſie ſtürzten ſich hinein in das wüthende Schlachtgetümmel, die Erde bebte von dem Donner der Kanonen, dem Geſchrei der Kämpfenden, dem Jauchzen der Vordringenden, dem Wuth⸗ gebrüll der Zurückgedrängten. Herüber und hinüber wogte der Kampf. Die Franzoſen wichen nicht, ſie ſtanden wie eine Mauer, dieſe Mauer ward hier und da durchbrochen, aber die Lücke füllte ſich wieder, und mit neuem Helden⸗ muth kämpften die neu Eingetretenen, denn ſie kämpften unter dem Auge ihres Kaiſers, denn Napoleon war da! Aber auch Blücher war da! Drüben, dem Feind gegenüber bei ſeinem ſchleſiſchen Heer, von dem er freilich die Hälfte an den Kron⸗ prinzen von Schweden abgegeben, drüben neben ſeinen aus Ruſſen und Preußen zuſammengeſetzten Truppen hielt Blücher. Auch ſein Auge flammte, auch ſein Antlitz glänzte vor Begeiſterung und Kampfes⸗ luſt. Auch er feuerte mit kräftigem Worte die Truppen an, und ſie kämpften mit Heldenmuth, denn ſie kämpften unter dem Auge ihres Feldherrn, denn Vater Blücher war da! Er theilte mit ihnen jede Laſt und jede Gefahr, er trank mit ihnen, wenn ihn dürſtete, aus Einer Flaſche, er zündete an ihren Pfeifen ſich ſeine Pfeife an, und ſprach zu ihnen nicht mit dem vor⸗ nehmen Ton eines Gebieters, ſondern in ihrer eigenen ungezwungenen⸗ gefühlvollen Weiſe. Sie ſtürzten ſich daher mit Begeiſterung, mit freudigem Sieges⸗ ruf in das Schlachtgewühl, ſie griffen an mit unwiderſtehlicher Gewalt, ſie zwangen die Franzoſen zurückzuweichen, zwar nur Schrittweiſe, aber doch zu weichen.* Es geht gut, Gneiſenau! rief Blücher, als er dies ſah. Er kann ſich nicht mehr halten, der Bonaparte, er muß endlich doch an ſeinen Rückzug denken. Aber ſehen Sie nur, er zieht ſeine Truppen immer dichter zuſammen, er läßt ſie cken, nach Leipzig. Ach, ich ver⸗ 508 ſtehe, Herr Bonaparte, Du willſt durch Leipzig marſchiren, und willſt Dir den Uebergang über die Saale offen halten. Aber es geht nicht, Bonaparte, es geht nicht! Denn der Blücher iſt da, und der hat'n ſcharfes Auge. Eine Ordonnanz! So! Hierher! Sie reiten zum Ge⸗ neral York! Er ſoll heute Abend noch aufbrechen und an der Saale ſich aufſtellen. Soll dem Feind, der über die Saale ſeinen Rückzug halten will, denſelben ſo viel als möglich erſchweren. Eine andere Ordonnanz! Zum General Langeron! Soll in dieſer Nacht über das rechte Ufer der Parthe zurückkehren, und den General von Sacken unterſtltzen, und ſobald der Feind den Rückzug angetreten, ihn tüchtig und nachdrücklich verfolgen. Aber, General, ſagte Gneiſenau, als die Ordonnanz fortſprengte, aber General, noch ſcheint Napoleon nicht an den Rückzug zu denken. Noch behauptet er ſeine Stellung und ſteht kampfgerüſtet da. Morgen wird er nicht mehr ſtehen, ſagte Blücher lakoniſch. Wenn wir heute thun, was wir können, ſo iſt's aus mit ihm, ſo machen wir ihm den Garaus. Nun gebe nur der liebe allmächtige Gott, daß dann nachher der Sieg auch gehörig benutzt wird, und daß ſie nicht wieder weichmüthig werden im Hauptquartier. Der Kaiſer von Oeſterreich denkt immer d'ran, daß der Bonaparte ſein Schwiegerſohn iſt, der Kronprinz von Schweden vergißt's nicht, daß er'n geborner Franzoſe iſt, und möcht' gern Franzoſenblut ſchonen, und der Kaiſer von Ruß⸗ land, der erinnert ſich noch, daß er zu Erfurt dem Napoleon cwige Freundſchaft geſchworen, und ihn als ſeinen Bruder geküßt hat. Aber unſer König, der wird doch wohl immer daran denken, daß der Bona⸗ parte uns gedemüthigt und getreten hat, und daß die Königin Louiſe geſtorben iſt vor Gram und Herzeleid. Ja, daran wird er immer denken, und er wird's nicht dulden, daß die Andern zu früh den Frie⸗ den machen, und er wird's nicht zugeben, daß wir unſer Blut und unſere Kraft hier ganz u ſonſt hingeben. Wir müſſen was davon haben, und es iſt noch lange nicht genug, wenn wir ihm blos einen tüch⸗ tigen Sieg abgewinnen. Er muß Alles erſt wieder'raus geben, was er uns entriſſen hat. Deutſchland muß ſeine Genugthuung haben, und ich will auch meine Genugthuung haben, denn ich habe mich 509 Jahrelang zu Schanden geärgert. Nu will ich mich aber zu Ehren geürgert haben, und ich ruh' nicht eher, als bis er'runter iſt, runter von ſeinem Thron. Halloh, was iſt denn da los? Was ſchreien ſie und jubeln ſie denn da drüben? Seht nur, Gneiſenau, ſeht, da rückt eine Colonne vom Feind herüber, nach unſerer Seite heran. Hört Ihr die Muſik! Was bedeutet denn das? Das bedeutet, General, rief eine heranſprengende Ordonnanz, das bedeutet, daß die Sachſen zu uns übergehen. Mit klingendem Spiel mit achtunddreißig Kanonen haben ſie die Reihen der Franzoſen verlaſſen, und als dieſe ſich widerſetzen wollten, da haben ſie die Ba⸗ jonette gegen ihre bisherigen Waffengenoſſen gerichtet, und haben ſich mit Gewalt den Abmarſch erzwungen. Blüchers Augen flammten höher auf, und er ſtrich ſich mit der Rechten den langen weißen Schnurrbart. Na, ſagte er, nun werden ſie doch nicht mehr ſchreien, daß der Napoleon ſo übermäßiges Glück hat. Heute zum wenigſten hat er kein Glück. Die Sachſen haben ſich alſo endlich als Deutſche gefühlt, und ſie wollen die Schmach ab⸗ waſchen und keine Vaterlandsverräther ſein. Ich bleib' dabei, Gnei⸗ ſenau, es iſt aus mit dem Bonaparte, und morgen muß er zum Rück⸗ zug blaſen!— Und was Blücher hier ſeinem Gneiſenau geſagt, das wiederholte dort drüben Napoleon dem General Berthier: Es iſt zu Ende! Wir müſſen den Rückzug antreten. Der Abend des achtzehnten October war hereingebrochen, die Franzoſen hatten das Schlachtfeld zwar behauptet, ſie waren nicht ge⸗ flohen, aber ſie hatten keine Kraft mehr den Kampf fortzuſetzen, die Munition war verſchoſſen, denn mehr als zweimalhunderttauſend Ge⸗ ſchützpatronen waren an dieſem Tage von den Franzoſen verbrauch worden. 3 Der Rückzug war unvermeidlich. Napoleon fühlte es, und fügte ſich der Nothwendigkeit. Da drüben an dem Wachtfener neben der Torfmühle ſaß der Kaiſer, ſeine Generäle ſtanden um ihn her, und horchten in ehrfurchtsvollem Schweigen auf die Worte des Kaiſers, die einzeln, langſam, wie blutige Thränen von ſeinen Lippen fielen. 510 Der Kaiſer befahl den Rückzug, und die Befehle, die er Berthier ertheilte, wiederholte dieſer ſeinen beiden Adjutanten, welche an der andern Seite des Wachtfeuers knieten, und mit eiligen Händen die Befehle niederſchrieben. Auf einmal, mitten in einem angefangenen Satz, verſtummte Na⸗ poleon, und ſein Haupt ſank tiefer auf ſeine Bruſt. Der Kaiſer war eingeſchlafen! In tiefem Schweigen umſtanden ihn ſeine Generäle. Das Feuer warf einen blutrothen Schein über die Gruppe hin, hier und dort zuckte es zuweilen höher empor, und beleuchtete mit hellerer Flamme die Geſtalt des Kaiſers, der, das Haupt tief auf ſeine Bruſt geſenkt, die Arme ſchlaff hernieder hängend zu beiden Seiten des Feldſtuhls, die Geſtalt leiſe hin und her ſchwankend, immer noch in tiefen Schlaf verſunken war. Zuweilen auch, wenn das Feuer ganz hoch aufblitzte, und die Dunkelheit erhellte, ſah man es hier und dort wie Schatten aus der Finſterniß emportauchen, und gewahrte eine lange bewegliche Linie, die ſich da drüben hinzog. Das waren die Truppen des Kai⸗ ſers, die ſchon den Rückzug begannen, und ihren Marſch gen Leipzig antraten! Mit düſteren Blicken ſchauten die ſchweigenden Generäle noch immer auf den ſchlafenden Kaiſer hin. Eine Viertelſtunde war ſo ver⸗ gangen, da zuckte er leiſe zuſammen, und das Haupt emporhebend, warf er einen langen Blick voll ſtaunender Verwunderung im Kreiſe umher. Der Schlaf hatte ihn einen Moment alles Unheils vergeſſen ge⸗ macht, aber der düſtere Blick ſeiner Generäle, das Geräuſch der un⸗ fern vorüberziehenden Truppen erinnerte ihn daran. Sein Blick nahm wieder ſeine kalte Ruhe an, und mit feſter tö⸗ er Stimme begann er wieder ſeine Befehle zu ertheilen. ſauſete es und pfiff es über ihm in der Luft. Eine Granate fiel dicht neben dem Kaiſer zur Erde nieder, wühlte ſich ein in den Boden und warf das Feuer auseinander, hierhin und dorthin die ein⸗ zelnen Feuerbrände ſchleudernd. 511 Es iſt eine kalte Nacht, ſagte der Kaiſer gelaſſen, man bringe das Feuer wieder in Ordnung, und lege neues Holz darauf! Die Adjutanten flogen fort, um die Feuerbrände zuſammenzuleſen, die Generäle ſelbſt beeilten ſich, die herbeigebrachten Holzſcheite und das Stroh auf das verglimmende Feuer zu werfen. Aber wieder ziſchte und pfiff es in der Luft. Eine zweite Gra⸗ nate flog daher, fiel mitten hinein in das eben erſt wieder ſich entzün⸗ dende Feuer, drückte und löſchte es faſt gänzlich aus, und blieb dann ruhig, als habe ſie ſich dieſen Platz ſiegreich gewonnen, in der Mitte der verglimmenden Kohlen liegen. Napoleon ſchaute ſinnend und tief ernſt auf die Kugel hin, und ſeltſame Gedanken mochten ſeine Seele bewegen beim Anblick dieſes Todesboten, der ſich zu ſeinen Füßen eingewühlt hatte.*) Es iſt genug, ſagte er gelaſſen, man ſoll kein Feuer mehr ent⸗ zünden! Mein Pferd! Nach Leipzig! Ich will in Leipzig übernachten! Die Pferde wurden vorgeführt, von Berthier, Caulaincourt und einigen Ordonnanzen begleitet ritt der Kaiſer nach Leipzig, um dort im Hötel de Pruſſe ſein Nachtquartier zu nehmen. Der neunzehnte Prtober. Es war um acht Uhr des anderen Morgens. Ein dicker Nebel lag, einem undurchdringlichen Schleier gleich, über Leipzig, und dehnte ſich weit hin über die Gegend. Niemand konnte ſehen und erkennen, was unter dem noch dunkleren Schleier der Nacht hier und dort bei Freund und Feind gethan worden. Zuweilen hatten die Verbündeten auf der Seite der Franzoſen ein lautes donnerndes Krachen gehört, 3) Beitzte I. 8. 615. 512 ein blitzartiges Aufleuchten geſehen, dann war wieder Alles in Dunkel⸗ heit und Schweigen verſunken geweſen. Plötzlich indeß hatte ſich die Nacht mit hellerem Schein beleuchtet, und brennenden Schildwachen gleich hatten ſich in regelmäßigen Zwiſchenräumen drüben im franzö⸗ ſiſchen Lager große Feuer erhoben, die wie eine züngelnde Feuer⸗ ſchlange ſich weit in die Ebene dahin zogen. Ha, ſagte Blücher, auf dieſe Feuer hindeutend, ſehen Sie, Gnei⸗ ſenau, ich hab' doch Recht, der Bonaparte zieht ab. Wiſſen Sie, was dieſe Feuer bedeuten? Die bedeuten, daß die Franzoſen ihre leeren Pulverwagen zu beiden Seiten des Weges aufgeſtellt und in Brand geſteckt haben, damit ſie den riückmarſchirenden Truppen als Fackeln dienen ſollen. Sehen Sie, dieſe Leuchtfeuer gehen bis dicht an die Stadt Leipzig. Ja, es iſt ſo wie ich ſagte, die Franzoſen wollen durch Leipzig gehen und über die Saale ihren Rückmarſch nehmen. Na, ich denke, der General York wird ſie da erwarten, und der Langeron wird ihnen das Garaus machen. Aber kommen Sie, Gneiſenau, kommen Sie. Der Nebel fällt. Laſſen Sie uns mal auf die kleine Anhöhe reiten, von dort werden wir Alles ſehen können. Leicht wie ein Jüngling ſchwang ſich Blücher zu Roß, und ſeine Ungeduld nicht mehr bemeiſternd, gab er ſeinem Pferde die Sporen, und ſprengte von dannen. Gneiſenau ritt neben ihm, und in einiger Entfernung trabte der Pipenmeiſter mit ſeinem Käſtchen vor ſich auf dem Sattel. Jetzt hatten ſie die kleine Anhöhe erreicht, und hielten die Pferde an. Der Nebel war völlig geſunken, und man konnte jetzt deutlich das Bild des Grauſens und Entſetzens erkennen, das, ſoweit der Blick reichte, dem Auge ſich darbot. Weithin war die ungeheure Ebene bedeckt von Leichen, ganze Bäche von Blut zogen ſich durch die zerfetzte, zertretene Erde dahin, Trümmer von Wagen und Kanonen, Berge von Pferden lagen in wil⸗ dem Gemiſch zwiſchen den tauſend und aber tauſend Leichen zerſtreut, und rings um am Horizont leuchteten die verglimmenden Feuer von mehr als zwanzig brennenden Dörfern. Blücher warf einen traurigen Blick auf dieſes wüſte entſetzliche S— eAn 513 Bild. Gneiſenau, ſagte er, wenn man das ſieht, dann kann man ſich beinahe nicht einmal mehr über den Sieg freuen, denn er koſtet gar zu viel Thränen und Blut. Wie die armen guten Menſchen da liegen in ihrer letzten Noth, und nicht einmal ein Grab haben, an dem ihre Mütter und Frauen weinen können. Der liebe Gott da droben wolle ſich ihrer armen Seelen erbarmen, und Diejenigen tröſten, welche um ſie weinen. Er nahm ſeine Mütze ab, und mit derſelben ſich das Geſicht be⸗ ſchattend, betete er ein kurzes leiſes Gebet für die Ruhe der Geſtor⸗ benen. Dann ſetzte er mit einem raſchen Ruck die Mütze wieder auf. Na, nun iſt das abgemacht, ſagte er, nun haben wir gebetet, und nun wollen wir uns mal umſehen nach dem verfluchten Bonaparte, der an all dem Elend und dem Blutvergießen und Morden Schuld iſt, und— Eben trabte der Pipenmeiſter dicht heran zu ſeinem General. Na, was willſt Du, Chriſtian? fragte Blücher. Die Morgenpfeife, ſagte Chriſtian Hennemann, ſeinem Herrn die brennende kurze Thonpfeife darreichend. Blücher ſtreckte ſchon die Hand darnach aus, aber dann zog er ſie zurück, und warf einen Blick auf das grauſige, leichenbedeckte Schlachtfeld hinüber. Nein, Pipenmeiſter, ſagte er feierlich, es ſchickt ſich nicht, hier zu rauchen. Man muß Ehrfurcht haben vor den Todten, aber halt' den Stummel nur immer bereit, und wenn wir zurückreiten, dann nehm' ich ihn. Aber nun ſcheer' Dich Deiner Wege, Pipenmeiſter, und mach', daß ich den Stummel nicht mehr ſehen kann, ſonſt— na, mach' fort, Chriſtian! Ne, ich bleib', ſagte der Pipenmeiſter gelaſſen, hab's der Gene⸗ ralin verſprochen, immer beim General zu bleiben, und übrigens wer⸗ den Sie mich doch bald brauchen, denn lange halten Sie's ja nu doch nicht aus ohne Stummel. Rufen Sie alſo, Excellenz, wenn's ſo weit iſt! Er lenkte ſein Pferd einige Schritte rückwärts, und war ganz und Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 33 514 gar damit beſchäftigt, die Pfeife des Generals gehörig in Brand zu erhalten. Blücher und Gneiſenau indeß blickten jetzt mit ſpähendem Auge hinüber nach der Seite des franzöſiſchen Lagers. Aber von dieſem Lager war nirgends mehr etwas zu ſehen; jetzt war es keinem Zweifel mehr unterlegen, Napoleon hatte ſeinen Rück⸗ zug angetreten, er hatte die Nacht dazu benutzt, um die Trümmer ſeiner Armee nach Leipzig hinzuziehen, damit ſie die Saale noch ungefährdet paſſiren könnten. Blücher ſtieß einen lauten Freudenſchrei aus. Er retirirt! Hur⸗ rah! Er retirirt! rief er jubelnd. Gneiſenau, hab' ich nun Recht? Ja, General, Sie haben Recht! Sie haben mit Ihrem Feldherrn⸗ genie beſſer als wir Alle den Gedanken Napoleons errathen, und Dank Ihren weiſen Anordnungen wird er Langeron und Sacken vor den Thoren von Leipzig, und York an der Saale finden. Mein Lieber, er wird uns auch noch'n bischen finden, rief Blücher vergnügt. Wir ſind noch lange nicht fertig; den Napoleon, den kenn' ich. Sie denken wohl, der hat Leipzig blos als Etappenſtraße benutzt? Na, dann kennen Sie ihn ſchlecht. Der giebt keinen Schritt breit nach, wenn er nicht muß. Mit dem Kampf um Leipzig will er den Rückzug ſeiner Armee decken, und ich ſag's Euch, Gneiſenau, es wird da noch tüchtig zu thun geben. Vorwärts nun! Vorwärts! Ja, vorwärts! rief Gneiſenau. Wir müſſen Couriere ſchicken an alle Befehlshaber, und ihnen die frohe Botſchaft mittheilen. Alle müſſen heraneilen, um Leipzig dem Feinde zu entreißen! Ja, nun geht's zum Sturm, zum letzten Sturm, jubelte Blücher, und dieſer Sturm ſoll den Bonaparte wie'n Bund Flicken über den Rhein nach Frankreich zurückpuſten! Na nu, vorwärts! He, Pipen⸗ meiſter, jetzt meine Pfeife! Es geht los!— Um zehn Uhr Vormittags begannen rings um Leipzig die Kano⸗ nen auf's Neue zu donnern. Auf allen Seiten ward die Stadt von den Armeen der Verbündeten angegriffen; im Süden ſtand der Ober⸗ feldherr Fürſt Schwarzenberg mit der öſterreichiſchen Armee, im Oſten 515 der ruſſiſche General Bennigſen und der Kronprinz von Schweden, im Norden Blücher mit den Preußen und dem ruſſiſchen Corps unter Sacken. Nun drauf, drauf! ſchrie Blücher ſeinen Truppen zu. Der Ge⸗ neral Bülow hat das Halle'ſche Thor angegriffen, wir müſſen ihm zu Hülfe kommen, denn die Franzoſen ſind eigenſinnig und wollen's Thor nicht aufmachen. Eben krachte wieder ein ganzer Kartätſchenhagel aus den Kanonen, welche die Franzoſen im Innern des Thores hatten aufpflanzen laſſen, und warf Tod und Verderben in die Reihen der Angreifenden. Wir müſſen dem Bülow Verſtärkung bringen, ſchrie Blücher. General Sacken muß mit ſeinen Truppen vorwärts! Mit leichtem Fuß⸗ volk müſſen wir gegen das Thor andringen! Auf! Auf! Vorwärts! Vorwärts! Und mit hochgeſchwungenem Säbel ſprengte Blücher an die Seite des Generals Sacken, der eben mit ſeinen Ruſſen auf das Halle'ſche Thor zuſtürmte. Vorwärts! Vorwärts! donnerte Blüchers Zuruf den Truppen ent⸗ gegen. Die Ruſſen verſtanden ihn nicht, aber ſie ſahen dieſes vor Ungeduld und Kampfeswonne flammende Angeſicht, dieſe blitzenden Augen, dieſe erhobene Hand, die mit dem Säbel nach dem Thor hin⸗ deutete, und ſie verſtanden dieſes: Vorwärts! Vorwärts! das wie Ge⸗ wehrfeuer fort und fort von dieſen zuckenden Lippen flammte. Vorwärts! Perod! jubelten die Ruſſen. Vorwärts! Perod! Die Kartätſchen des Feindes und die knatternden Schüſſe der feind⸗ lichen Plänkler hinter der Mauer übertönten ihr frohes Rufen. Aber wie der Donner der Kanonen ſich verlor, wie der Dampf ſich verzog, da ſah man wieder das flammende Antlitz des alten Ge⸗ nerals mit den jungen blitzenden Augen, und dem langen, weißen Schnurrbart. Hoch zu Roß hielt er, mitten im Kugelregen der Plänk⸗ ler, und wieder und immer wieder tönte es von ſeinen Lippen: Vor⸗ wärts! Vorwärts! Hurrah, Marſchall Perod! Marſchall Vorwärts! riefen die Ruſſen⸗ Das iſt der kleine Souwarow! lachten Andere von ihnen. Es lebe der kleine Souwarow! Es lebe der Marſchall Perod! 516 Und mit dieſem Schlachtruf zu Ehren Blücher's ſtürmten die Ruſſen mit erneuerter Gewalt gegen das Thor an. Während dies vor den Thoren Leipzigs geſchah, weilte Napoleon noch immer im Innern der Stadt. Er hatte die ganze Nacht mit Caulaincourt und Berthier gearbeitet, dann am Morgen hatte er ein wenig geſchlummert, und jetzt um zehn Uhr dictirte er den beiden Ge⸗ nerälen ſeine letzten Befehle. Von außen vernahm man den Donner der Kanonen, das Krachen der zuſammenſtürzenden Gebäude, das Wehklagen, Winſeln und Schreien der geängſteten Einwohner. Die Kanonen raſſelten vorüber, Regi⸗ menter trabten daher, und verſchwanden um die nächſte Straßenecke, es war ein wüſtes Durcheinander, ein Bild des Schreckens und der Zerſtörung. Aber hier im Zimmer des Kaiſers bot Alles ein Bild des Friedens und der Ruhe dar. Caulaincourt und Berthier ſaßen an ihren Tiſchen und ſchrieben. Der Kaiſer ging, die Hände auf dem Rücken gefaltet, langſam auf und ab. Nicht einmal horchte er hin nach dem Lärm da außen, mit ruhiger, feſter Stimme dictirte er ſeine Befehle, und ehern und ruhig wie immer war ſein Angeſicht. Dem Marſchall Maecdonald, ſchloß jetzt der Kaiſer ſeine Inſtruc⸗ tionen, dem Marſchall Macdonald übertrage ich die Vertheidigung der Stadt und der Vorſtädte; er behält dazu ſein eigenes Corps, das von Lauriſton, Poniatowsky und Reynier. Er wird die Stadt ſo lange halten, bis die Corps von Marmont und Ney abgezogen ſind, und auch die Nachhut in ſicherm Abzug begriffen. Sobald dieſe Truppen die Pleißebrücke paſſirt haben, wird dieſe Brücke in die Luft geſprengt! Er nickte den Generälen zu, und das Zimmer durchſchreitend, öffnete er ſodann die Thür des Vorgemachs. 8 Zu Pferde, meine Herren, zu Pferde! rief er den dort verſam⸗ melten Generälen zu. Aufgebrochen! Nach Erfurt! Langſam ſchritt er die Treppe hinunter, und ſchwang ſich auf ſein Pferd. Die Generäle und Adjutanten waren ihm ſchweigend gefolgt, und ritten hinter ihm her. Aber der Kaiſer wandte ſein Pferd nicht nach der Seite hin, wo die Truppeu in dichten Colonnen dahin zogen, er ritt dem Marktplatz zu, und vor dem großen, alterthümlichen Hauſe dort in der Mitte des Platzes hielt er ſein Pferd an. In dieſem Hauſe wohnte der König von Sachſen mit ſeiner Ge⸗ mahlin. Bleiben Sie, rief der Kaiſer ſeinem Gefolge zu, indem er ſich vom Pferde ſchwang, und an den ſalutirenden Schildwachen vorüber in das Haus eintrat.— 5 Droben in dem kleinen Wohnzimmer des Königs herrſchte tiefes Schweigen. Es befanden ſich in demſelben der alte König Friedrich Auguſt, ſeine Gemahlin und die Prinzeſſin Auguſte. Der König ſaß auf ſeinem Lehnſtuhl, die Hände im Schooß ge⸗ falten, die trüben, glanzloſen Augen den Fenſtern zugewandt, die fort und fort klirrten von den Kanonenſchüſſen und dem Knattern des Ge⸗ wehrfeuers. Die Königin ſaß unfern von ihm, und ſo oft ein neuer Kanonen⸗ donner rollte, ächzte ſie laut, und bedeckte ſich das Antlitz mit dem von ihren Thränen ſchon feuchten Taſchentuch. Die Prinzeſſin Auguſte knieete in einer Ecke des Zimmers und murmelte Gebete, während Ströme von Thränen über ihre Wangen dahin floſſen. Oh, oh, murmelte die Königin jetzt, wie von außen eine neue Salve des Gewehrfeuers krachte, oh, warum trifft nicht eine Kugel mein Herz, und tödtet mich! Vater dort droben, und Ihr Heiligen Alle erbarmt Euch unſerer! betete die Prinzeſſin mit lauterer Stimme. Verleihe dem großen, dem edlen Kaiſer Napoleon den Sieg, mein Gott, ſeufzte der König. Ich liebe ihn wie ein Vater, und er hat allzeit mir die Liebe eines Sohnes dargebracht. Ich bin ihm treu geblieben, als Alle von ihm abfielen. Strafe alſo meine Treue nicht, mein Herr und Gott, verleihe Napoleon den Sieg, damit auch ich wieder glücklich werde! Ein Schrei tönte jetzt von den Lippen der Königin, und ſie flog empor von ihrem Sitz. 518 Der Kaiſer! rief ſie, nach der Thür hinſchauend. Ja, dort in der offenen Thür, dieſe Geſtalt in dem grauen, hoch zugeknöpften Ueberrock, mit dem kleinen Hut auf dem Kopf, mit dem bleichen, ſteinernen Angeſicht, ja, das war der Kaiſer Napoleon. Ich komme, um Abſchied zu nehmen, ſagte er, langſam und ruhig vorwärts ſchreitend zu dem Lehnſtuhl des Königs. Abſchied, ächzte Friedrich Auguſt, in den Seſſel zurückſinkend. Es iſt alſo Alles verloren! Nein, nicht Alles, Sire, ſagte Napoleon feierlich. Wir haben eine Schlacht verloren, aber nicht die Ehre. Das Glück der Schlachten iſt wechſelnd. Es hat ſich diesmal, nach zwanzigjährigen Siegen, gegen mich erklärt. Aber die Ehre und der Ruhm iſt mir geblieben. Ich habe vier Tage einer Armee gegenüber geſtanden, die mir dreifach überlegen war an Zahl der Truppen und der Geſchütze, und ſie haben mich nicht bezwungen, ich habe freiwillig das Schlachtfeld geräumt, nicht in wilder Flucht, wie die Preußen bei Jena, die Oeſterreicher bei Auſterlitz thaten. Unſere Ehre iſt uns geblieben! Damit müſſen wir uns für diesmal begnügen! Oh, Sire, rief der König mit Thränen in den Augen, wie groß⸗ müthig Sie ſind! Sie ſprechen von unſerer Ehre! Ich aber habe meine Ehre verloren, denn meine Truppen haben Verrath geübt, haben mitten in der Schlacht meinen edlen, geliebten Bundesgenoſſen verlaſſen! Oh, Sire, Vergebung! Vergebung! Ich bin nicht Schuld an dem Verrath meiner Truppen! Und indem der König ſich aus dem Fauteuil erhob, machte er eine Bewegung, als wolle er vor dem Kaiſer niederknieen. Aber dieſer hielt ihn mit ſeinen Armen aufrecht, und drückte ihn alsdann leiſe wieder in den Lehnſtuhl nieder. Sire, ſagte er, der Verrath iſt eine Krankheit, die jetzt in Deutſch⸗ land zu einer Epidemie geworden. Alle, die jetzt da gegen mich kämpfen, ſind zu Verräthern an mir geworden, denn ſie waren Alle meine Bundes⸗ genoſſen, und während ſie noch mit mir unterhandelten, hatten ſie ſchon ſich wider mich verbündet. Ihre Sachſen ſind von den Baiern, den Würtembergern und den Badenſern angeſteckt worden. —,kͤ,——— 5¹⁰9 Ach, ſeufzte der König, ich dachte beſſer von meinen Sachſen! Sie ſind zu Verräthern geworden, und nie wird ſich mein Herz dar⸗ über tröſten. Aber es iſt jetzt nicht Zeit, ſich irgend einem Kummer hinzugeben, ſagte Napolevn. Ew. Majeſtät müſſen ſogleich Leipzig verlaſſen. Sie dürfen ſich nicht den Gefahren einer Capitulation ausſetzen, die leider unabweislich geworden. Kommen Sie, Sire, vertrauen Sie ſich mir an. An meiner Seite und inmitten meiner Truppen werden Sie un⸗ gefährdet ſein! Nein, ſagte der König entſchloſſen, nein, ich bleibe! Mögen ſie mich tödten, ich bin der Gefahren des Fliehens müde. Ich bleibe! Aber Sie, Sire, Sie müſſen eilen! Verlaſſen Sie uns! Ihr koſtbares Leben darf nicht gefährdet werden! Jede Minute vermehrt die Gefahr! Eilen Sie, Sire, ſich Ihrem Volk, Ihrer Gemahlin, Ihrem Sohn zu erhalten! Meinem Sohn, ſagte Napoleon, und zum erſten Mal zuckte etwas wie ein Schmerzensausdruck über ſein Antlitz hin. Armer kleiner König von Rom, dem ſein eigener Großvater die Krone von den blonden Locken reißen will.— Er ließ ſein Haupt auf ſeine Bruſt ſinken, und ſtarrte düſter vor ſich hin. Sire, eilen Sie! flehte der König. Eilen Sie! wiederholten die Königin und die Prinzeſſin. In dieſem Augenblick rollte ein furchtbarer Kanonendonner daher, und die Fenſter klirrten von dem Gepraſſel der Gewehrſchüſſe. Die Königin bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen und ächzte laut, die Prinzeſſin war wieder auf die Kniee geſunken und betete, der König hatte das Haupt zurückgelehnt an den Fauteuil und lag da todesbleich, mit geſchloſſenen Augen. Napoleon allein ſtand aufrecht; ſein Geſicht war ſchon wieder ruhig und unergründlich, ſeine düſter flammenden Blicke waren den Fenſtern zugewandt, und mit Aug' und Ohr ſchien er dem Geräuſch der Schüſſe zuzuhören. Jetzt aber ward die Thür mit Heftigkeit geöffnet, und der General Caulaincourt erſchien bleich und athemlos auf der Schwelle. 520 Sire, ſagte er, Sie müſſen fort! Bernadotte hat eine der Vor⸗ ſtädte mit Sturm genommen, der General Blücher hat das Halliſche Thor erſtürmt, und Blücher, Bennigſen und Schwarzenberg rücken von allen Seiten in die Stadt ein, ſo daß unſere Truppen ſich von Haus zu Haus vertheidigen müſſen. Sire, Erbarmen! Retten Sie ſich! rief der König, in Thränen ausbrechend. Mein Gott, ich kann Ihnen nicht mehr helfen, Ihnen nicht mehr beiſtehen! Ich habe nichts mehr, das ich Ihnen geben könnte, nichts als mein Leben, und dies iſt werthlos! Retten Sie ſich, Sire, wenn Sie nicht wollen, daß ich zu Ihren Füßen ſterben ſoll. Sire, rief Caulaincourt, jede Minute vergrößert die Gefahr. Noch eine Viertelſtunde, und Ew Majeſtät werden die eingenommene Stadt vielleicht nicht mehr verlaſſen können. Napoleon wandte ſich mit einer ſtolzen Bewegung ſeinem General zu. Bah, ſagte er mit einem wunderbaren Ausdruck, habe ich denn nicht ein Schwert an meiner Seite?— Aber, da Sie es wünſchen, Sire, da Sie ſich um mich ängſtigen, will ich gehen! Leben Sie wohl! Möchten wir uns einſt glücklicher wiederſehen! Sire, dort oben! ſagte der König feierlich, mit der Hand gen Himmel deutend. Dann hob er ſich raſch aus ſeinem Fauteuil em⸗ por, und ſich Napoleon nahend, der eben von der Königin und der Prinzeſſin Abſchied genommen, legte er ſeinen Arm in den des Kaiſers und führte ihn haſtig aus dem Zimmer, über den Flur die Treppe hinunter. Hier am Fuß der Treppe blieb er ſtehen, und den Kaiſer mit Heftigkeit in ſeine Arme ſchließend, flüſterte er: leben Sie wohl, Sire. Ich fühl's, es iſt ein Abſchied auf Leben und Tod! Ich werde Sie dort oben erwarten! Jetzt, Sire, kein Wort weiter. Eilen Sie! Er wandte ſich um, und ging langſam, geſenkten Hauptes, die Treppe wieder hinauf. Der Kaiſer ſchwang ſich auf ſein Pferd und ſchlug jetzt den Weg nach dem Ranſtädter Thor ein. Hinter ihm ritten Berthier, Caulain⸗ cvurt und einige Generäle, eine Reiterescorte folgte ihnen nach. Die Straßen boten ein Bild der Verwüſtung und des Grauens dar, das, je mehr ſie ſich dem Thor näherten, deſto furchtbarer und entſetzlicher ward. Geſchütze, Munitionswagen, Fußgänger, Reiter, ſchreiende Weiber, jammernde Verwundete, ächzende Sterbende, dazwiſchen brüllende Kühe, Schafe und Schweine, Alles in einem wirren Knäuel durcheinander ge⸗ ſchoben, machte hier den Weg undurchdringlich. Napoleon lenkte ſein Pferd um, und ſchlug den Weg nach dem Petersthor ein. Langſam und in vollkommen ruhiger Haltung ritt er die Kloſter⸗ und die Burgſtraße dahin. Nicht Ein Zug in ſeinem Ge⸗ ſicht verrieth Unruhe oder Verlegenheit, es war ernſt, feierlich und un⸗ ergründlich wie immer. Am innern Petersthor angelangt, fand man indeſſen hier daſſelbe Gedränge, wie an dem andern Thor. Diesmal lenkte der Kaiſer ſein Pferd nicht wieder um, er wandte das Haupt nur zur Seite und ſagte mit lauter Stimme: Platz machen! Sofort ſprengten die Generäle und die Reiter-Escorte vor, und ihre Degen entblößend, ihre Pferde in Galopp ſetzend, ſprengten ſie mitten hinein in das wüſte Getümmel, Diejenigen mit dem Degen zu⸗ rücktreibend, welche fliehen konnten, Diejenigen zu Boden tretend, welche nicht raſch genug ſich entfernten, und die Hinderniſſe, die ſich ihnen in den Weg legen wollten, unter den Hufen ihrer Pferde, oder mit der Schärfe ihrer Schwerter beſeitigend. In fünf Minuten war ein Weg für den Kaiſer offen, nur lagen noch mehr Verwundete jetzt zu den Seiten des Weges, nur bezeichneten einige Leichen, die mitten auf der Straße lagen, die gewaltſame Art, mit welcher die Reiter ſich Bahn gebrochen. Der Kaiſer achtete gar nicht darauf, ſtumm und gleichgültig hatte er während des Dreinhauens ſeiner Escorte vor ſich hingeſchaut, ſtumm „ und gleichgültig ritt er jetzt weiter, gefolgt von ſeinen Generälen, die . mit düſter grollenden Mienen ihm folgten. Endlich lag die Stadt hinter ihm, endlich war die Elſterbrücke paſſirt und die Mühle von Lindenau erreicht, in welcher der Kaiſer ſein Quartier nehmen wollte. Conſtant und Rouſtan waren mit den Bagage⸗ und Gepäckwagen 522 des Kaiſers ſchon früher dahin abgegangen, und hatten das Zimmer des Kaiſers bereitet. Napoleon ſchritt raſch in daſſelbe hinein, und Conſtant mit einem Kopfnicken begrüßend, ſagte er: nur noch ein wenig Geduld! In acht Tagen ſind wir in Paris, und da ſollt Ihr Alle Euch erholen! Wir werden uns jetzt für immer nach Paris begeben! Wir werden unſer ſchönes Frankreich nicht wieder verlaſſen! Es ſoll ein ſchönes und fried⸗ liches Leben werden! Ach, wie wird die Kaiſerin ſich freuen, und wie ſchön wird es ſein, den kleinen König von Rom endlich wieder umarmen, und mit ihm ſpielen zu können! Es hatte etwas Erſchütterndes, Wehmüthiges, dieſen ſonſt ſo kalten, verſchloſſenen Mann, dieſen Feldherrn, der eben aus einer verlornen Schlacht heimkehrte, mit ſo innigem und zärtlichem Ton von ſeiner Heimkehr und von ſeinem Kinde ſprechen zu hören, zu ſehen, wie ſeine ſtarren Züge ſich unter dem Zauber ſeiner Erinnerungen belebten, wie der Schimmer eines traurigen Lächelns ſich auf ſeine Lippen ſtahl. Aber dieſer Schimmer verſchwand ſchnell wieder, und mit einem tiefen Seufzer ließ der Kaiſer ſein Haupt auf ſeine Bruſt ſinken. Ew. Majeſtät ſollten verſuchen, ein wenig zu ſchlafen, ſagte Conſtant mit leiſer, flehender Stimme. Ja, ſchlafen! rief Napoleon, ich will ſchlafen! Schlafen heißt vergeſſen! Es war der erſte, der einzige Klagelaut, dem er erlaubte, auf ſeine Lippen zu treten, auch ſchien er denſelben ſchon zu bereuen, denn er warf, während er ſich auf das Feldbett niederwarf, einen finſteren Blick hinüber zu Conſtant, und als wolle er ihm beweiſen, wie leicht ihm das Vergeſſen und das Schlafen werde, war er nach wenigen Mi⸗ nuten ſchon eingeſchlafen. Von dem nahen Leipzig herüber tönte das laute Donnern der Kanonen, welche den letzten Kampf der Franzoſen und der Verbündeten bezeichneten. Der Schlummer des Kaiſers ward nicht dadurch geſtört. Zu oft hatte ihm der rollende Kanonendonner als Wiegenlied gedient, er vermochte auch heute nicht, ſeinen Schlaf zu unterbrechen. Plötzlich jedoch ertönte eine ſo furchtbare Exploſion, daß der Boden 523 wankte und die Fenſter des Zimmers klirrend zerbrachen, daß das Bett, auf welchem der Kaiſer ruhte, wie von unſichtbaren Armen gepackt, von der Wand fortgeſchoben ward. Napoleon ſprang empor und blickte fragend um ſich her. Was war das? fragte er. Es war kein Kanonenſchuß, es war eine Exploſion. Er verließ raſch die Mühle und trat vor die Thür. Dort ſtan⸗ den die Generäle und ſchaueten mit geſpannten Blicken nach Leipzig hinüber. Der Donner der Kanonen war verſtummt, hier und da ſah man helle Flammen aus den Dächern der Häuſer auflodern, die eine Hälfte der Stadt aber war ganz und gar in lichte Dampfwolken ein⸗ gehüllt, ſo daß man nicht vermochte, irgend etwas zu ſehen und zu unterſcheiden. Dort hat eine Exploſion ſtattgefunden, ſagte Napoleon, nach dieſer Seite hindeutend. In dieſem Moment ſah man einige Reiter in ſauſendem Galopp daherſprengen der Mühle zu, ihnen voran, in glänzender Uniform, die Bruſt mit blitzenden Orden geziert, der König von Neapel. Wenige Schritte von dem Kaiſer hielt er ſein Pferd an und ſprang ab. Murat, rief der Kaiſer ihm entgegen, was giebt es denn? Was iſt geſchehen? Der König näherte ſich ihm raſch. Sire, ſagte er, ein fürchter⸗ liches Unglück iſt geſchehen. Die Elſterbrücke, die einzige Uebergangs⸗ paſſage für unſere Truppen, iſt in die Luft geflogen! Und unſere Truppen? rief der Kaiſer. Sire, die Arrieregarde von zwanzigtauſend Mann befindet ſich noch am jenſeitigen Ufer und hat jetzt keinen Weg zu ihrer Ret⸗ tung mehr. Der Kaiſer ſtieß einen Schrei aus, der halb dem Schmerz, halb dem Zorn angehörte. Ach, rief er, auf dieſe Weiſe alſo befolgt man meine Befehle! Oh, mein Gott, zwanzigtauſend meiner Braven ſind verloren, rettungslos verloren! Er ſchlug ſeine beiden Hände gegen ſeine Schläfen und blickte ſtarr, verzweiflungsvoll vor ſich hin. 524 Niemand wagte ihn zu ſtören, ſtumm, mit düſtern Blicken um⸗ ſtanden ihn ſeine Generäle. Wieder nach einiger Zeit ſprengten einige Reiter daher, ihnen voran ein General in triefenden Kleidern und ohne Hut. Sire, dort kommt der Marſchall Macdonald, rief Murat lebhaft. Napoleon ſprang bewegt und raſch einige Schritte vorwärts, dem Marſchall entgegen, der ſich eben vom Pferde geſchwungen hatte. Sie kommen aus dem Waſſer, Marſchall? fragte Napoleon, auf ſeine naſſe Uniform hindeutend. Ja, Sire. Ich habe mich durch Schwimmen an das jenſeitige Ufer gerettet, und ich komme Ew. Majeſtät zu melden, daß die Truppen, welche Ew. Majeſtät mir anvertraut hat, ohne meine Schuld verloren gegangen ſind. Sire, es ſind zwanzigtauſend Mann, und ich komme allein. Ich komme, um mein Leben zu Ew. Majeſtät Füßen niederzulegen. Gott ſei Dank, daß wenigſtens Sie uns erhalten ſind, ſagte der Kaiſer, Macdonald die Hand darreichend. Aber Sie ſagen, die Truppen ſind verloren? Es iſt alſo für die Soldaten nicht möglich, was für Sie doch möglich war? Sie können nicht ſchwimmend das andere Ufer erreichen? Sire, meine Rettung gleicht einem Wunder. Ich verdanke ſie meinem Pferde, das mit der Angſt der Todesverzweiflung mich hin⸗ überbrachte, ich verdanke ſie Gott, der vielleicht Ew. Majeſtät einen getreuen und bis in den Tod ergebenen Diener erhalten wollte. Aber neben mir ſind nicht minder getreue Diener Ew. Majeſtät von den Wellen fortgeriſſen, und am andern Ufer ſtehend, ſah ich ſie als Leichen dahin treiben. Wer? fragte Napoleon kurz, mit faſt barſchem Ton. Sire, der General Dumouſtier gehört zu Denen, welche ertranken; aber er iſt nicht das ſchmerzlichſte Opfer dieſes Tages. Wer iſt es denn, reden Sie! rief der Kaiſer, und einen haſtigen, angſtvotlen Blick umherwerfend, ſchien er die Anweſenden zu zählen, um zu ſehen, wer von ihnen fehle. Sire, ſagte Macdonald mit trauriger, zitternder Stimme, Sire, der Fürſt Joſeph Poniatowsky ſtürzte ſich mit ſeinem Pferde in den Fluß— Und er iſt ertrunken? ſchrie Napoleon. Ja, Sire, er hat das jenſeitige Ufer nicht erreicht! Der Kaiſer ſchlug ſeine beiden Hände vor ſein Angeſicht und ein dumpfes Stöhnen kam aus ſeiner Bruſt hervor. So ſaß er eine Zeit lang da, verhüllten Hauptes, unbeweglich; dann ließ er die Hände wieder von ſeinem Antlitz gleiten, das jetzt wirklich wie Marmor anzuſchauen war, blutleer, unbeweglich. Und meine Soldaten? fragte er; verſuchten ſie es auch, ſich zu retten, wie Poniatowsky es that? Ja, Sire! Tauſende ſtürzten ſich in den Fluß, aber nur Wenigen iſt es gelungen, ſich zu retten, die Anderen ſind ertrunken; und die noch dort drüben am jenſeitigen Ufer ſich befanden, werden die Gefangenen der Verbündeten ſein, denen jetzt die Stadt gehört. Zwanzigtauſend Mann ſind verloren, ſeufzte Napoleon, und er verſank wieder in ſein ſtarres Hinbrüten. Nach einiger Zeit hob er indeſſen ſein Haupt wieder empor und warf einen flammenden Blick auf Maecdonald. Herr Marſchall, ſagte er, Sie werden dieſe Sache auf das Strengſte unterſuchen, Sie werden mir den Schuldigen nennen, der es wagte, meinen Befehlen Hohn zu ſprechen. Er iſt der Mörder von zwanzigtauſend meiner Braven! Er hat den Tod verdient, und ich werde ihn nicht begnadigen. Sire, er ſteht ſchon vor ſeinem höchſten Richter! Es war der Sappeur⸗Corporal, der beauftragt war, die Lunte an die Mienen zu legen, ſobald unſere Truppen die Brücke paſſirt hätten. Er glaubte den Feind auf die Brücke vorrücken zu ſehen und legte Feuer an die Mienen. Dann ſtürzte er ſich in die Elſter und ertrank. Es iſt gut für ihn, daß er todt iſt, ſagte Napoleon. Gott wird milder mit ihm ſein, als ich es geweſen wäre. Zu Pferde, meine Herren, zu Pferde! Er ging langſam, geſenkten Hauptes, zu ſeinem Pferde hin, und leiſe murmelten ſeine Lippen: Eine zweite Bereſina! Sie koſtet mich zwanzigtauſend meiner Soldaten. Die Generäle folgten ihm zu den Pferden, und wie ſie ihn ſo gebeugt dahin ſchreiten ſahen, murmelten ſie leiſe untereinander: Seht ihn jetzt, wie er zerbrochen iſt! Gerade ſo kam er aus Rußland! Er hat keine Kraft, das Unglück zu ertragen!— Während der Kaiſer mit ſeinem Gefolge langſam und traurig die Straße nach Markrannſtädt einſchlug, hielten die Verbündeten ihren Einzug in Leipzig. Voran ritten der Kaiſer von Rußland und der König von Preußen, ihnen folgte der glänzende Generalſtab, und hinter dieſem kamen mit klingendem Spiel die ſiegreichen Truppen. Noch donnerten die Kanonen, aber lauter noch donnerte das Jubelgeſchrei, das Jauchzen des Volkes, das zu Tauſenden durch die Straßen daherſtrömte, um die Fürſten, die ſiegreichen Truppen zu empfangen. Die Fenſter aller Häuſer waren jetzt geöffnet, und an ihnen ſtanden die Bewohner derſelben mit freude⸗ leuchtenden Angeſichtern, weiße Tücher in den Händen haltend, mit denen ſie den Einziehenden ihre Grüße zuwinkten. Vergeſſen war jetzt alle Angſt, alle Todesgefahr, vergeſſen, was man noch vor einigen Stunden von den Feinden zu erdulden gehabt. Jetzt waren die Freunde, die längſt erſehnten Freunde da, und man begrüßte ſie mit Thränen, mit Jauchzen der Luſt, mit Freudenrufen, die in Dankgebeten, mit Dankgebeten, die in Freudenrufen endigten. Von allen Thürmen der Stadt läuteten die Glocken, und verkündeten mit ihren feierlichen, ehernen Zungen die Wiederauferſtehung Deutſchlands! Unter dieſem Glockengeläute, unter dem Donnern der Kanonen, unter dem Zujauchzen von Tauſenden und aber Tauſenden ritten die Monarchen hin auf den großen Marktplatz; gerade vor dem Hauſe des Königs von Sachſen hielten ſie an, aber kein einziger Blick der Mo⸗ narchen wandte ſich hinauf zu den Fenſtern, hinter deren geſchloſſenen Vorhängen die unglückliche Königsfamilie weilte, und deren Anweſenheit man ganz und gar vergeſſen zu haben ſchien. Die beiden Monarchen ſtiegen von ihren Pferden, denn jetzt kam von der anderen Seite daher der Kronprinz von Schweden, Berna⸗ dotte, an der Spitze ſeiner Garden, und dort drüben durch die an⸗ dere Straße nahte ſich der Oberfeldherr der Verbündeten, der Fürſt Schwarzenberg. Bis in die Mitte des Platzes ſchritten jetzt die Monarchen vor, und mit ihnen zugleich langten Bernadotte und Schwarzenberg dort an. Auf einmal tönte unermeßliches Jubelgeſchrei daher, das ſich näher und näher heranwälzte, und unter dieſem Schreien und Jauchzen ritt Blücher an der Spitze ſeines Stabes auf den Marktplatz. Wie er die Monarchen erblickte, hielt er ſein Pferd an und ſchwang ſich mit jugendlicher Leichtigkeit aus dem Sattel, um zu Fuß zu ihnen hinzugehen. Aber ſchon war der Kaiſer Alexander, ihm zuvorkommend, an ſeiner Seite. Gott grüße Sie, Held Blücher! rief der Kaiſer, ihn innig um⸗ armend. Sie haben erfüllt, was Sie uns in Breslau verſprochen. Sie ſind der Befreier Deutſchlands geworden. Ihr tapferes Schwert, Ihr Heldenſinn hat geſiegt. Kommen Sie, ich muß Sie dem König von Preußen zuführen! Er nahm den Arm Blüchers, und indem er mit ihm vorſchritt, rief er: Sire, ich bringe Ihnen hier Ihren Helden, Ihren Blücher! Sie bringen mir den Feldmarſchall Blücher, ſagte der König. Gott grüße Sie, Herr Feldmarſchall! Sire, rief Blücher, Sie geben mir da einen Ehrentitel— Den Sie verdient haben, unterbrach ihn der König. Danken Sie mir nicht, denn wenn Sie mir danken wollen, weil ich Ihnen einen Titel und eine Würde gebe, wie ſoll ich Ihnen alsdann danken, der Sie mir viel Größeres und Heiligeres gegeben? Ich weiß, was ich Ihnen ſchulde, Blücher, Ihre Energie, Ihr Muth, Ihre Entſchloſſen⸗ heit und Ihr Feuer, die haben uns die ſchönſten Siege erkämpft! Ich habe man blos meine Schuldigkeit gethan, Majeſtät! rief Blücher frohmüthig. Aber ich denke, wir haben die Arbeit noch lange nicht fertig, Majeſtät, ſondern wir ſind erſt heute am Anfange unſerer Ar⸗ beit. Es iſt nicht genug, daß wir die Franzoſen aus Leipzig gebracht, wir müſſen ſie auch verfolgen und ganz und gar aus Deutſchland jagen. Dazu müſſen wir eilig ſein. Wir haben nicht Zeit, auf unſeren Lorbeern zu ruhen und Dankeshymnen zu ſingen, ſondern die Haupt⸗ ſache iſt, daß wir den Feind verfolgen, aber kräftig und nachdrücklich verfolgen! 528 Schon wieder der brauſende Hitzkopf, deſſen Feuergeiſte Alles viel zu langſam geht, rief der Kaiſer Alexander lächelnd. Jetzt frage ich Sie auch, wie der König Sie in Breslau fragte: Wie alt ſind Sie denn eigentlich? Sie, der Sie niemals der Ruhe bedürfen, wie andere arme Sterbliche, wie ich zum Beiſpiel? Ich bekenne, daß ich mich nach allen dieſen Aufregungen und Strapazen ein wenig nach Ruhe ſehne, und es gar nicht übel nehmen würde, wenn hente gar nicht mehr an Krieg und Verfolgung gedacht würde. Aber Sie wollen vorwärts, immer vorwärts! Sire, rief der König, der ſich eben mit dem General Sacken unterhalten hatte, ich höre ſoeben, daß Ihre Truppen mir zuvorge⸗ kommen ſind, und Blücher einen Titel gegeben haben, der ſchöner iſt, als mein Feldmarſchallstitel. Sie haben ihm am Halliſchen Thore laute Vivats gebracht und haben ihn den Marſchall Vorwärts genannt! Ach, ich möchte meine Soldaten umarmen für dies ſchöne Wort, rief Alexander. Das iſt ein Ehrentitel, Blücher, den kein Fürſt zu verleihen vermag, den nur das eigene Verdienſt und die Anerkennung des Volkes ſchaffen und geben kann. Ja, Sie ſind der Marſchall Vorwärts, und als Solchen wird die Geſchichte Sie immerdar nennen, und als Solchen wird Deutſchland Sie lieben, preiſen und ſegnen. Sie ſind der Marſchall Vorwärts! Sie haben ſich den Titel verdient durch Ihre Thaten, und die Soldaten haben Ihnen denſelben verliehen als Zeichen ihrer Anerkennung. Die Soldaten aber ſind ein Theil des Volkes, und des Volkes Stimme iſt Gottes Stimme! Gott grüße Sie alſo, Marſchall Vorwärts! Eben nahte ſich von der anderen Seite des Marktplatzes ein feierlicher Zug. Vier und zwanzig weiß gekleidete Mädchen kamen daher. Sie hielten Alle Lorbeerzweige in den Händen, während die erſten drei auf ſeidenen Kiſſen Lorbeerkränze dahertrugen. Mit dieſen Kränzen nahten ſie ſich dem Kaiſer, dem König und dem Kronprinzen von Schweden, mit ſinnigen Worten ſie den Fürſten darbietend.*) *) Der Kaiſer von Oeſterreich war nicht mit den Monarchen zugleich ein gezogen, ſondern kam erſt am Nachmittag nach Leipzig, blieb eine Stunde kaum dort, und kehrte dann wieder nach Rötha zurück. Siebe Beitzke, 1I. 529 Der Kaiſer nahm den dargereichten Lorbeerkranz, und mit einer anmuthigen Bewegung drückte er ihn raſch auf Blüchers Haupt. Ich vertrete dies Mal die Muſe der Geſchichte, ſagte er, und ich kröne den Marſchall Vorwärts, wie es ihm gebührt. Und ich, ſagte der Kronprinz von Schweden, ſeinen Lorbeerkranz dem Fürſten Schwarzenberg darreichend, ich reiche den Lorbeerkranz dem Oberfeldherrn aller unſerer Heere, und ich wünſche ihm Glück, einen Sieg erfochten zu haben, über den ſo viele Völker jauchzen, und der ſeinen Namen in ſpäten Jahrhunderten verherrlichen wird. Ach, rief Schwarzenberg faſt beſchämt, ich habe leider nur Geringes thun können! Ich habe nur die Befehle der Monarchen getreu erfüllt, und den Feldherren und Kriegsherren allein iſt der Sieg zu danken.*) Der König allein ſagte nichts. Er behielt ſeinen Kranz und ſchaute auf ihn nieder mit ſinnenden, tiefernſten Blicken. Die feierlichen Präſentationen waren zu Ende, und die Fürſten ſchickten ſich an, in die für ſie bereiteten Quartiere ſich zu begeben. Ich hoffe, Sire, wir bleiben dieſen Tag Alle beiſammen? fragte Alexander, ſich an den König wendend. Ich bitte, mich zu entſchuldigen, Sire, ſagte Friedrich Wilhelm, ſich verneigend, ich gedenke heute Abend nach Berlin zu reiſen, aber ich werde in einigen Tagen wiederkehren. Aber Sie, nicht wahr, Sie bleiben? fragte Alexander, ſich an Bernadotte wendend. Ich bleibe, ganz Ew. Majeſtät zu Befehl, ſagte der Kronprinz von Schweden mit verbindlichem Lächeln. Meine Truppen bedürfen der Ruhe. Ja, ſeine Truppen bedürfen immer der Ruhe, murmelte Blücher in ſich hinein, ich glaube— Eben wandte ſich der Kaiſer Alexander zu ihm hin. Nun, Herr Feldmarſchall, fragte er, nicht wahr, Sie bleiben auch? Ich bitte Sie, heute mein Gaſt zu ſein. Sire, ich bedauere, daß ich dieſe gnädige Einladung nicht an⸗ nehmen kann, ſagte Blücher. Ich kann nicht bleiben, und meine *) Die eigenen Worte des Fürſten Schwarzenberg. Beitzke II. S. 639. Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 34 530 Truppen bedürfen, Gott ſei Dank, nicht der Ruhe. Ich werde ſogleich aufbrechen, um den Feind zu verfolgen. Es iſt nicht genug, daß man ſiegt, man muß auch ſeine Siege zu benutzen wiſſen. Heute Abend marſchire ich weiter! Mein nächſtes Nachtquartier werde ich in Schkeuditz nehmen. Marſchall Vorwärts! Immer der Marſchall Vorwärts! rief Alexander lächelnd. Kommen Sie, Sire, laſſen Sie uns eilen, zu Tiſche zu kommen, ſonſt erlaubt er uns nicht einmal, zu eſſen, ſondern wir müſſen Alle gleich wieder auf und davon. Er nahm den Arm des Königs und ging mit ihm zu den bereit⸗ ſtehenden Pferden. Eben im Begriff aufzuſteigen, wandte er ſich nach einem ſeiner Adjutanten. Ach, ſagte er lebhaft, noch eine Kleinigkeit, die ich faſt vergeſſen hätte! General Petrowitſch, gehen Sie doch da hinauf— er deutete mit der Hand rückwärts nach dem Hauſe des Königs von Sachſen— gehen Sie da hinauf, und zeigen Sie dem König von Sachſen in meinem Namen an, daß er Gefangener iſt*). Laſſen Sie eine Wache von dreißig Mann vor das Haus ſtellen! Am Abend dieſes Tages ritt Blücher an der Seite Gneiſenau's, gefolgt von ſeinem Generalſtab, aus dem Thor von Leipzig, um ſeinen Truppen zu folgen, die ſchon ſeit dem Mittag ſich auf der Straße nach Schkeuditz befanden. Nao, ſagte Blücher, behaglich ſeine Pfeife rauchend, das muß man ſagen, Orden und Titel hat's heute genug geregnet, und wir haben alle recht tüchtig in der Traufe geſtanden. Na, ich bin alſo nun Feld⸗ marſchall, habe vom Kaiſer von Oeſterreich den Thereſienorden und' vom Kaiſer von Rußland einen ſchönen goldenen Ehrenſäbel, den ich meiner Male zum Andenken mitbringen will. Und Sie, Gneiſenau, Sie haben doch auch unter der Traufe geſtanden? Ei ja, ſagte Gneiſenau gelaſſen, habe Ordensbänder von allen drei Monarchen erhalten. Sie haben Recht, es war heute den ganzen Tag ein Platzregen von Orden, Titeln und Würden, und kein General, kein Würdenträger und Diplomat iſt vergeſſen worden. Der Graf Metternich iſt heute, wie Sie wiſſen, von ſeinem Souverain wegen ) Beitzke, I. S. 652. 531 ſeiner ausgezeichneten diplomatiſchen Geſchicklichkeit in den Fürſtenſtand erhoben worden, und der Fürſt Schwarzenberg hat, da er ſchon die höchſten öſterreichiſchen Orden beſitzt, die Erlaubniß von ſeinem Mo⸗ narchen erhalten, das Zeichen der Habsburger in ſeinem Wappen zu führen. Die beiden haben ſehr unter der Traufe, aber wenig im Kugelregen geſtanden, bemerkte Blücher lakoniſch. Soll mich mal wundern, was der Kronprinz von Schweden alles für Belohnungen und Ehren bekommenwird. Er hat die höchſten preußiſchen, öſterreichiſchen und ruſſiſchen Orden bekommen, rief Gneiſenau mit einem höhniſchen Lachen. Wie geſagt, es iſt Niemand vergeſſen worden, außer Einem! Wer denn? fragte Blücher. Wer iſt vergeſſen? Wer hat keine Belohnungen bekommen? Feldmarſchall, Derjenige, der ſie am meiſten verdient hatte! Der⸗ jenige, der ſein Leben, ſein Gut und Blut freudig und jauchzend hin⸗ gegeben, der keine Verſprechungen, keine Belohnungen und Ehren be⸗ gehrt hat, der Alles that um der Ehre willen, um der Liebe zu ſeinem Vaterlande und zu ſeinem Fürſten. Wie? rief Blücher zürnend. So Einen ſollten die Fürſten ver⸗ geſſen haben zu belohnen? Ja, Feldmarſchall, ſie haben ihn vergeſſen! Dieſer Eine aber, das iſt das Volk, das deutſche Volk! Dieſes edle, begeiſterte Volk, welches freudig und hochherzig ſein Blut dahin gegeben hat für die Befreiung des Vaterlandes, deſſen Mütter und Gattinnen ihre Söhne und ihre Männer jubelnd in den Kampf ziehen ließen und ſich ſelbſt zu barm⸗ herzigen Schweſtern für die Verwundeten und Kranken machten, deſſen Männer und Jünglinge nicht zauderten, ihr Haus, ihre Familie, ihr Hab und Gut, ihre geſicherte Stellung zu verlaſſen, ſondern freudig auszogen zur Befreiung des Vaterlandes, deſſen Greiſe ſich in Männer und deſſen Knaben ſich in Jünglinge verwandelten, um Theil zu nehmen an dem heiligen Kampf,— dieſe Alle, dieſes große, edle deutſche Volk, das ſein Blut und Leben hingegeben, dies hat keine Belohnung, nicht einmal eine Verſprechung erhalten!— Aber Gneiſenau, Sie ſind wunderlich, ſagte Blücher, ſeinen Schnurr⸗ bart durch ſeine Finger ziehend. Die Fürſten haben belohnt, was ſich 34* 532 belohnen ließ. Aber wie ſollten ſie's denn machen, um das Volk zu belohnen? Was konnten ſie denn thun? Sie konnten ihre Völker belohnen, indem ſie ihnen mehr Selbſt⸗ ſtändigkeit, mehr Ehre und Würde verliehen, ſagte Gneiſenau, indem ſie ihnen die Verfaſſung geben, welche der König von Preußen in ſeinem Aufruf vom ſiebenzehnten März doch ſeinem Volk verheißen hat! Ja, das iſt wahr, ſagte Blücher nachdenklich. Na, dafür iſt Stein da, und der wird den König ſchon mahnen an das, was Noth thut. Das iſt ein Patriot und ein ächter Mann! Ja, aber er iſt allein, ſagte Gneiſenau traurig. Seine Stimme wird verhallen, wie die Stimme des Predigers in der Wüſte. Geben Na, rief Blücher, wir werden ja ſehen! Vorläufig wollen wir uns blos freuen, daß wir die große Völkerſchlacht geſchlagen haben, und daß der Bonaparte nun dran glauben muß. Nun kommt Alles darauf an, ihm ſchnell und ohne Erbarmen den Garaus zu machen. Sie kennen ja mein Feldgeſchrei: Runter muß er!— Pipenmeiſter, he, Pipenmeiſter! Nen andern Stummel, der hier brennt nicht mehr!— Und wie Napoleon und Blücher am neunzehnten October Leipzig verließen, ſo verließ es auch am Abend deſſelben Tages der König Friedrich Wilhelm von Preußen, um nach Berlin zu gehen und mit ſeinem Volk ſich des Sieges zu freuen und Gott zu danken für die gewonnene Schlacht. Ganz Berlin jauchzte ſeinem König entgegen, und der zwanzigſte October war ein Tag allgemeiner Luſt und Freude, allgemeiner Er⸗ hebung und Dankbarkeit. Deutſchland war nun frei, das fühlte Jeder, das erfüllte jedes Herz mit Freude und Entzücken, das wollte Jeder mit Thränen des Dankes und der Freude ſeinem König zurufen. Tauſende umſtanden den ganzen Tag das königliche Schloß zu Berlin, um das ſtille heitere Antlitz des König zu ſehen, und ſo oft er ſich an den Fenſtern oder auf dem Balcon zeigte, grüßten ſie ihn mit lautem Jubelgeſchrei und freudigem Schwenken der Hüte und Tücher. Tauſende auch drängten ſich dem Dom zu, um dort vereint mit ihrem König Gott zu danken für den erlangten großen und herrlichen Sieg. Sie Acht, Feldmarſchall, die Verſprechungen werden vergeſſen werden!— ————— — 533 Ganz Berlin jubelte an dieſem Tage; in jedem Haus, in jeder Familie fanden Feſte ſtatt zur würdigen Feier des Tages, überall aß, trank und jubelte man zu Ehren der großen Völkerſchlacht bei Leipzig. Aber während dieſes allgemeinen Jubels verließ der König ganz allein, ohne Gefolge, nur begleitet von ſeinem alten Freunde, dem General von Köckeritz, Berlin und fuhr nach Charlottenburg. Niemand achtete auf dieſe unſcheinbare zweiſpännige Equipage ohne Wappen und Livrée, die da zum Brandenburger Thor hinausfuhr, und ganz unbe⸗ merkt gelangte der König nach Charlottenburg. Aber er trat nicht in das Schloß ein, ſondern befahl Köckeritz, den Kaſtellan zu rufen, damit dieſer das Grabgewölbe der königlichen Gruft öffne; dann ſich tiefer in ſeinen Mantel hüllend, unter dem er etwas zu verbergen ſchien, ſchlug der König den einſamen dunklen Pfad ein, der zu dem Mauſoleum führte. Langſam, erhobenen Hauptes, verloren in tiefe Gedanken ging der König eine Zeit lang in dieſer düſtern Allee von Tarus und Tannen auf und ab. Tiefe Stille, heiliger Friede umgab ihn hier. Kein Ton des Jubels und der Freude fand hier ſeinen Wiederhall, kein Geräuſch unterbrach dieſes tiefe heilige Schweigen, nur zuweilen fuhr ein leiſer Wind durch die Bäume dahin, und ſie rauſchten und murmelten wie mit Geiſterſtimmen, den heimgekehrten König begrüßend. Friedrich Wilhelm ſeufzte ſchwer. Die Erinnerungen der ver⸗ gangenen Jahre voll Herbigkeit und Bitterkeit kamen über ihn, alle ausgelittenen Schmerzen erwachten auf einen Moment wieder in ihm, alle ausgebrannten Qualen wurden wieder lebendig. So Vieles hatte er erlebt, erduldet und ertragen, und immer allein, ganz allein! Und wie er allein geweſen in ſeinen Schmerzen, ſo war er auch jetzt allein in ſeinem Glück. Niemand war bei ihm in dieſer großen Stunde heiliger Freude, Niemand verſtand ſein Herz,— Niemand, als Sie allein. Ihr Geiſt war bei ihm, Ihr Auge leuchtete zu ihm nieder! Der Gram und Kummer um die Schmach ihres Landes hatte Ihr den Tod ge⸗ geben, die Freude und der Stolz um den Sieg ihres wiedererſtandenen Landes mußte Sie erwecken von den Todten. Langſam ſchritt der König jetzt den Weg zu dem Mauſoleum hin. 534 Die Thür war offen, leiſe auf den Zehen trat er ein. Mit einem ſcheuen Blick ſchaute er umher, um ſich zu überzeugen, daß er allein ſei, daß Niemand dieſen Kirchgang ſeines Herzens belauſche. Nun warf er den Mantel ab, denn das, was er unter demſelben getragen, bedurfte jetzt keiner Verhüllung mehr.— Es war der Lorbeerkranz, den er geſtern in Leipzig als Siegeszeichen erhalten. Mit dieſem Lorbeerkranz in der Hand näherte ſich der König leiſe dem ſchwarzen Sarkophag da drüben. In dieſem Sarkophag ruhte ſein ganzes Erdenglück, ſeine Bugend, ſeine Liebe. In dieſem Sarkophag ruhte Sie! Louiſe! Er neigte ſich über ihn und küßte die Stelle, wo im Innern ihr Haupt ruhen nußte, dann legte er auf dieſe Stelle den Lorbeerkranz nieder.*) Nimm ihn hin, Louiſe, flüſterte er leiſe. Dir gebührt der Lorbeer! Dein Geiſt war mit uns, und er hat uns zum Sieg geführt. Oh, Louiſe, warum haſt Du mich verlaſſen? Warum biſt Du nicht bei mir in den Tagen des Glückes, wie Du es in den Tagen des Un⸗ glückes warſt? Ich habe Deine ſchönen Augen ſo viele Thränen ver⸗ gießen ſehen, und jetzt kann ich ſie nicht aufleuchten ſehen im Glanz der Frende, kann ich Deine liebliche Stimme und Dein frohes Lachen nicht wieder hören! Bin allein, ganz allein! Er lehnte ſein Haupt auf den Sarkophag, und ſein Antlitz in den Lorbeerkranz drückend, weinte der König heiße Thränen in dieſe Lorbeern, die ihm geſtern der Sieg verliehen. Dann nach einer langen Pauſe richtete er ſich wieder empor; er hatte den Schmerz wieder in ſeine Bruſt niedergekämpft und ſeine Augen waren thränenleer! Lebe wohl, meine Louiſe! ſagte er, lebe wohl! Ich weiß, daß Du bei mir biſt und daß Deine Liebe mich begleitet! Lebe wohl! Und einen letzten Scheideblick auf den Sarkophag werfend, verließ der König die heilige Zelle und wandelte langſam und ſtill durch den dunklen Cypreſſengang wieder dem Schloſſe *) Eylert, Charakterzüge aus dem Leben Friedrich Wilhelm II. 7 I. Seite 162. Goiour S Srey orro Sfari Cyan Sreen vellow Red Magenta